Leihbibliothe deutſcher, eugliſcher und franzöſiſcher Literatur 8 von.. Eduard Ottmann in Gießen, 6 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahm e eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt;... für wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ k„„ 3„ 2„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zexriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 5 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — 2 ——-⸗—-——— Schillers ſfämmtliche Werke in zwoͤlf Baͤnden. Siebenter Band. Stuttgart und Tübingen. Verlag der J. G. Cotta'ſchen Buchhandlung. . Inhalt. Phädra. Trauerſpiel von Raeine.... Der Paraſit oder die Kunſt, ſein Glück zu machen. Ein Luſtſpiel. Nach dem Franzoͤſiſchen...... Der Neffe als Onkel. Luſtſpiel in drei Außzuͤgen: Aus dem Franzoͤſiſchen des Piccaadrd... Nachlaß. 1. Demetrius.......... II. Warbeet........ III. Die Maltheſer....... IV. Die Kinder des Hauſes„. Seite 24à 7 515 34A1 5⁵9 b Phädra. Trauerſpiel von Racine. Schillers ſaͤmmtl. Werke. VII. perſonen. Theſeus, König von Athen. Phaͤdra, ſeine Gemahlin, Tochter des Minos und der Paſiphar, Hippolyt, Sohn des Theſeus und der Antiope, Koͤnigin des Amazonen. 3 Axricia, aus dem koͤniglichen Geſchlechte der Pallantiden zu Athen⸗ Theramen, Erzieher des Hippolyt. Oenone, Amme und Vertraute der Phaͤdra, Ismene, Vertraute der Aricig. Panope, vom Gefolge der Phaͤdra. Erſter Aufzug. Erſter Auftritt. Hippolyt. Theramen. Häppolyt. Beſchloſſen iſt's, ich gehe, Theramen! Ich ſcheide von dem lieblichen Trözene; Nicht länger trag' ich's mußig hier zu weilen, In dieſen Zweifeln, die mich ängſtigen. Sechs Monde weilt mein Vater ſchon entfernt; Nichts will von ſeinem theuren Haupt verlauten, Nichts von dem Orte ſelbſt, der ihn verbirgt. Theramen. Wohin, o Herr, willſt du ihn ſuchen gehn? Dich zu beruhigen, durchkreuzt' ich ſchon Die beiden Meere, die der Iſthmus trennt! Nach Theſeus fragt' ich an den Uſern, wo Der A eron im Todtenreiche ſchwindet; Elis hab' ich durchſucht, den Tänarus Ließ ich im Rucken, ja ans Meer ſogar Bin ich gedrungen, welchem Ikarus ————— 4 Den Namen gab.— Was hoffſt du ferner noch? In welchen glucklicheren Himmelsſtrichen Gedenkſt du ſeine Spuren aufzufinden? Ja, wiſſen wir, ob uns der König nicht Vorſätzlich ſeinen Aufenthalt verbirgt, und, während daß wir fur ſein Leben zittern, Sich ſtill vergnuͤgt in neuen Liebesbanden? Hippolyt. Halt, Freund, und ſprich mit Ehrfurcht von dem König! Unwürd'ge Urſach' hält ihn nicht zurück; Entſagt hat er dem wilden Recht der Jugend; Phädra hat ſeinen flucht'gen Sinn gefeſſelt, und furchtet keine Nebenbuhl'rin mehr. Genug, ich ſuch' ihn, folge meiner Pflicht, Und fliehe dieſen Ort, der mich beängſtigt. Theramen. Wie, Herr, ſeit wann denn fuͤrchteſt du Gefahr In dieſem ſtillen Land, das deiner Kindheit So theuer war, wohin du dich ſo gern Gefluͤchtet aus dem rauſchenden Athen? Was kann dich hier bedrohen oder kränken? . Hi polyt. Freund, jene ſelgen Tage ſind dahin; Ein ganz verändert Anſehn hat jetzt Alles, Seitdem die Götter uns des Minos Tochter Und der Paſiphasé hieher geſandt. Theramen. Herr, ich verſteh', ich fͤhle, was dich drückt. Dein Kummer iſt es, Phädra hier zu ſehen— Stiefmuͤtterlich geſinnt, ſah ſie dich kaum, Gleich übte ſie verderblich ihre Macht; 5 Dich zu verbannen war ihr erſtes Werk. Doch dieſer Haß, den ſie dir ſonſt geſchworen, Iſt ſehr geſchwaͤcht, wenn er nicht ganz verſchwand. Und welches Unheil kann ein Weib dir bringen, Das ſtirbt und das entſchloſſen iſt zu ſterben? Die Ungluckſelige wird einem Schmerz Zum Raub, den ſie mit Eigenſinn verbirgt; Sie iſt der Sonne mud' und ihres Lebens; Wie kann ſie gegen dich Verderben ſpinnen? 3 5 Hippolyt. Nicht ihr ohnmächt'ger Haß iſt's, was ich fürchte, Ganz eine andre Feindin will ich fliehn: Es iſt Aricia, ich will's geſtehn, Die letzte jenes ungluckſel'gen Stamms, Der gegen uns feindſelig ſich verſcworen. Theramen. Auch du verfolgſt ſie, Herr? Die holde Schweſter Der wilden Pallantiden, hat ſie je Der Bruder ſchwarze Meuterei getheilt? Und könnteſt du die ſchöne Unſchuld haſſen? Hippolyt. Wenn ich ſie haßte, würd' ich ſie nicht fliehn. CTherumen. Herr, wag' ich's, deine Fluat mir zu erklären? Waͤrſt du vielleicht der ſtrenge Hippolyt Nicht mehr, der ſtolze Feind der ſchönen Liebe, Der muthige Verächter eines Jochs, Dem Theſeus ſich ſo oft, ſo gern gebeugt? So lang' von dir verachter, hätte Venus Des Vaters Ehre nun an dir gerächet? Sie hätt' in eine Reihe dich geſtellt 6 Mit Andern, dich gezwungen, ihr zu opfern? ¹ — Du liebteſt, Herr? Hippolyt. Freund, welche Rede wagſt du? Du, der mein Innres kennt, ſeitdem ich athme, Verlangſt, daß ich den edlen Stolz verläͤugne, Den dieſes freie Herz von je bekannt? Nicht an der Bruſt der Amazone nur, Die mich geboren, ſchöpft' ich dieſen Stolz. Ich ſelbſt, ſobald ich meiner mir bewußt, Beſtaͤrkte mich in dieſem edeln Triebe. Du warſt der Freund, der Führer meiner Jugend; Oft ſprachſt du mir von meines Vaters Thaten; Du weißt, wie ich dir lauſchte, wie mein Herz Bei ſeinen edlen Waffenthaten ſchlug— Wenn du den kühnen Helden mir beſchriebſt, Wie er der Welt den Hereules erſetzte, Mit Ungeheuern kaͤmpfte, Räuber ſtrafte, Wie er den Sinnis, den Prokruſtes ſchlug, Dem Periphetes ſeine Keul' entrang, Den Kerkyon beſiegte, mit dem Blut Des Minotaurus Kreta's Boden färbte. Doch wenn du auf das minder Ruhmliche Zu reden kamſt, die leichten Liebesſchwure, Die oft gelobte und gebrochne Treu— Wenn du die ſpart'ſche Helena mir nannteſt, Den Ihrigen entriſſen— Periböa In ihrem Schmerz zu Salamin verlaſſen— Und alle die Betrognen ohne Zahl, Die ſeinen Schwuͤren allzu leicht geglaubt, Bis auf den Namen ſelbſt von ihm vergeſſen— 7 Ariadne, die dem tauben Felſenufer Sein Unrecht klagt, und Phaͤdra, ihre Schweſter, Wie ſie, geraubt, doch gluͤcklicher als ſie— Du weißt, wie peinlich mir bei der Erzaͤhlung Zu Muthe war, wie gern ich ſie verkuͤrzte! Wie haͤtt' ich nicht gewünſcht, ſo ſchönem Leben Die minder würd'ge Haͤlſte zu erſparen! Und ſollte ſelbſt mich jetzt gebunden ſehn? So tief herunter ließ ein Gott mich ſinken! Mich, den noch kein erlegter Feind verherrlicht, Der ſich durch keine Heldentugend noch Das Recht erkaufte, ſchwach zu ſeyn, wie Theſeus! Und ſollte dieſes ſtolze Herz empfinden, Mußt' es Aricia ſeyn, die mich beſiegte? Vergaß ich ganz in meinem trunknen Wahn Das Hinderniß, das uns auf ewig trennt? Verwirft ſie nicht mein Vater? Wehrt mir nicht Ein ſtreng Geſetz, das feindlich denkende Geſchlecht der Pallantiden ſortzupflanzen? Auf ewig ſoll's mit ihr vernichtet ſeyn; In Aufſicht ſoll ſie bleiben bis zum Grab, Und nie ſoll ihr die Fackel Hymens lodern! Und böt' ich meinem Vater ſolchen Trotz, Mit ihrer Hand ihr Recht mir anzufreiengs Zu ſolcher Raſerei riß mich die Jugend— Cheramen(ihm ins Wort fallend). Ach Herr, wenn deine Stunde kam, ſo fragt Kein Gott nach unſern Gruͤnden! Theſeus ſelbſt Schaͤrſt deinen Blick, da er ihn ſchließen will; Das Herz empört ſich gegen Zwang, und ſelbſt Sein Haß gießt neuen Reiz um die Geliebte. 8 Warum auch ſchreckt dich eine keuſche Liebe, Und wenn ſie gluͤcklich macht, mißgönnſt du dir's? Beſiege doch die ſcheue Furcht! Kann man. Sich auf der Bahn des Hercnles verirren! Wie ſtolze Herzen hat nicht Venus ſchon Bezaͤhmt! Du ſelbſt, der ihre Macht beſtreitet, Wo waͤrſt du, haͤtt' Antiope dem Trieb Der Göltin immer ſiegend widerſtanden, Der Liebe keuſche Flamme nie gefuͤhlt? Doch, Herr, wozu mit großen Worten prunken? Geſteh's, du biſt der Vorige nicht mehr! Schon lang' ſieht man dich ſeltener als ſonſt Stolz und unbaͤndig deinen Wagen lenken, Und, in der edeln Kunſt Neptuns geubt, Das wilde Jagdroß an den Zaum gewoͤhnen. Viel ſeltener erklingen Forſt und Wald Von unſerm Jagdruf— ein verborgner Gram Senkt deiner Blicke feur'ge Kraft zur Erde. Ja, ja, du liebſt, du gluhſt von Liebe! Dich Verzehrt ein Feuer, Herr, das du verheimlichſt! Geſteh's, du liebſt Aricien! Hippolyt. Ich— reiſe Und ſuche meinen Vater, Theramen! CTheramen. Herr, ſiehſt du Phaͤdra nicht, bevor du gehſt? Hippolyt. Das iſt mein Vorſatz. Bring' ihr dieſe Nachricht! Gehn wir zu ihr, weil es die Pflicht ſo will. — Doch ſieh, was fur ein neues Mißgeſchickh Bekummert ihre zaͤrtliche Oenone? 9 Zweiter Auftritt. Hippolyt. Theramen. Oenone. Oenone. Ach, welcher Jammer iſt dem meinen gleich! Herr, meine Koͤnigin iſt dem Tode nah! Vergebens laſſ' ich ſie ſo Nacht als Tag Nicht aus den Augen— ſie ſtirbt mir in den Armen An einem Uebel, das ſie mir verhehlt. In ewiger Zerruttung iſt ihr Geiſt; Die Unruh' treibt ſie auf von ihrem Lager; Sie will ins Freie, will die Sonne ſchauen; Doch keinem Zeugen will ihr Schmerz begegnen. — Sie kommt! Hippolyt. Ich geh', ich laſſ' ihr ihren freien Raum, Und ſpar' ihr einen Anblick, den ſie haßt. (Hippolyt und Tyeramen gehen ab.) 4 Dritter Auftritt. Phädra. Oenone. Phädra. Gehn wir nicht weiter, ruhn wir hier, Oenone! Ich halte mich nicht mehr, die Kraͤfte ſchwinden, Mich ſchmerzt des Tages ungewohnter Glanz, Und meine Kniee zittern unter mir.. Ach!(Sie ſetzt ſich.) 10 Oenone. Große Goͤtter, ſchaut auf unſre Thraͤnen! Phädra. Wie dieſe ſchweren Huͤllen auf mir laſten, Der eitle Prunk! Welch ungebetne Hand Hat dieſe Zoͤpfe kuͤnſtlich mir geflochten, Mit undankbarer Muͤhe mir das Haar Um meine Stirn geordnet? Muß ſich Alles Verſchwoͤren, mich zu kraͤnken, mich zu quaͤlen? Oenone.* So iſt ſie ewig mit ſich ſelbſt im Streit! — Du ſelbſt, o Königin, beſinn' dich doch, Dein trauriges Beginnen widerrufend, Haſt unſern Fleiß ermuntert, dich zu ſchmuͤcken. Du fuͤhlteſt dir noch Kraͤfte, dich hervor Zu wagen und der Sonne Licht zu ſehn. Du ſiehſt es jetzt und haſſeſt ſeinen Strahl! Phädra. Glanzvoller Stifter meines traurigen Geſchlechts! Du, deſſen Enkeltochter ich mich ruͤhme! Der uͤber meine ſchmaͤhliche Verirrung Vielleicht erroͤthet— hoher Sonnengott! Zum Letztenmale ſeh' ich deine Strahlen. Oenone. Weh mir, noch immer naͤhrſt du, Königin, Den traur'gen Vorſatz und entſagſt dem Leben? Phädra(ſchwaͤrmeriſch). O ſaͤß' ich draußen in der Waͤlder Gruͤn!— Wann wird mein Aug' auf der beſtaͤubten Bahn Des raſchen Wagens fluͤcht'gen Lauf verfolgen? Oenone. Wie, Koͤnigin? Was iſt das? 11 Phädra. Ach, ich bin Von Sinnen— Was hab' ich geſagt?— Oenone— Ich weiß nicht, was ich wuͤnſche, was ich ſage; Ein Gott hat die Beſinnung mir geraubt— Fühl' her, wie meine Wange gluͤht, Oenone! Zu ſehr verrieth ich meine Schwaͤche dir, Und wider Willen ſtuͤrzen mir die Thraͤnen. Oenone. Mußt du erroͤthen, uͤber dieſes Schweigen Erroͤthe, uͤber dieſen ſtrafbar'n Widerſtand, Der nur die Stacheln deiner Schmerzen ſchaͤrft! Willſt du, von unſerm Flehen ungeruͤhrt, Hartnaͤckig alle Huͤlfe von dir ſtoßen, Und rettungslos dein Leben ſchwinden ſehn? Was für ein Wahnſinn ſetzt ihm vor der Zeit Ein fruͤhes Ziel? Was fuͤr ein Zauber, welch Ein heimlich Gift macht ſeine Quellen ſtocken? Dreimal umzog den Himmel ſchon die Nacht, Seitdem kein Schlummer auf dein Auge ſank, Und dreimal wich die Finſterniß dem Tag, Seitdem dein Koͤrper ohne Nahrung ſchmachtet. Welch graͤßlichem Entſchluſſe gibſt du Raum? Darfſt du mit Frevelmuth dich ſelbſt zerſtören? Das heißt den Gottern trotzen, iſt Verrath Am Gatten, dem du Treue ſchwurſt, Verrath An deinen Kindern, den unſchuld'gen Seelen, Die du zu hartem Sklavenjoch verdammſt. Der Tag, der ihre Mutter ihnen raubt, Bedenk' es, Koͤnigin, er gibt dem Sohn Der Amazone ſeine Hoffnung wieder, 1² Dem ſtolzen Feinde deines Blutes, ihm, Dem Fremdling, dieſem Hippolyt— Phädra. Ihr Goͤtter! Oenone. Ergreift die Wahrheit dieſes Vorwurfs dich? Phädpra. Unglückliche! Wen haſt du jetzt genannt? Oenone. Mit Recht empoͤrt ſich dein Gemuͤth. Mich freut's, Daß dieſer Ungluͤcksname dich entruͤſtet! Drum lebe! Laſſ' die Liebe, laſſ' die Pflicht 2 Es dir gebieten! Lebe! Dulde nicht, Daß dieſer Scythe das verhaßte Joch Auf deine Kinder lege! der Barbar Dem ſchönſten Blute Griechenlands gebiete! Jetzt aber eile— jeder Augenblick, Den du verſaͤumſt, bringt näher dich dem Tode— Verſchieb's nicht laͤnger, die erliegende Natur zu ſtärken, weil die Lebensflamme Noch brennt, und noch aufs neu' ſich läßt entzuͤnden. Phädra. Schon allzu lang' naͤhrt' ich ein ſchuldvoll Daſeyn. Oenone. So klagt dein Herz geheimer Schuld dich an? Iſt's ein Verbrechen, das dich ſo beaͤngſtigt? Du haſt doch nicht unſchuldig Blut verſpritzt? Phädra. Die Hand iſt rein. Waͤr' es mein Herz, wie ſie! 13 Oenone. und welches Ungeheure ſann dein Herz Sich aus, das ſolchen Schauder dir erregt? Phädra. Genug ſagt' ich. Verſchone mich! Ich ſterbe, Um das unſelige nicht zu geſtehen! Oenone. So ſtirb! Beharr' auf deinem trotz'gen Schweigen! Doch dir das Aug' im Tode zu verſchließen, Such' eine andre Hand! Obgleich dein Leben Auf deiner Lippe ſchon entfliehend ſchwebt⸗ Draͤng' ich mich doch im Tode dir voran, Es führen tauſend Steige dort hinab; Mein Jammer wählt den kuͤrzeſten ſich aus. Grauſame, wann betrog ich deine Treu'? Vergaßeſt du, wer deine Kindheit pflegte? Um deinetwillen Freunde, Vaterland Und Kind verließ? So lohnſt du meiner Liebe? Phädra. Was hoffſt du durch dein Flehn mir abzuſtuͤrmen? Entſetzen wirſt du dich, brech' ich mein Schweigen. Oenone. Was kannſt du mir Entſetzlicheres nennen, Als dich vor meinen Augen ſterben ſehn! Phädra. Weißt du mein Ungluͤck, weißt du meine Schuld, Nicht minder ſterb' ich drum— nur ſchuldyger ſterb' ich. Oenone(vor ihr niederfallend). Bei allen Thraͤnen, die ich um dich weinte, Bei deinem zitternden Knie, das ich umfaſſe, Mach' meinem Zweifel, meiner Angſt ein Ende! 14 Phädra. Du willſt es ſo. Steh' auf. Oenone. Oeſprich, ich höre. hädra. Gott! was will ich ihr ſagen! und wie will ich's? Oenone. Mit deinen Zweiſeln kraͤnkſt du mich. Vollende! Pyädra. O ſchwerer Zorn der Venus! Strenge Rache! Zu welchem Wahnſinn triebſt du meine Mutter! Oenone. Sprich nicht davon! Ein ewiges Vergeſſen Bedecke das unſelige Vergehn! Phädra. O Ariadne, Schweſter, welch Geſchick Hat Liebe dir am öden Strand bereitet! Oenone. Was iſt dir? Welcher Wahnſinn treibt dich an, In allen Wunden deines Stamms zu wuͤhlen? Phädra. So will es Venus! Von den Meinen allen Soll ich, die Letzte, ſoll am tiefſten fallen! Oenone. Du liebſt? Phädrn. Der ganze Wahnſinn rast in mir. Oenone. Wen liebſt du? Phädra. Sey auf Graͤßliches geſaßt. 15 Ich liebe— das Herz erzittert mir, mir ſchaudert, Es heraus zu ſagen— Ich liebe— Oenone. Wen! Phävra. — Du kennſt ihn, Den Juͤngling, ihn, den ich ſo lang' verfolgte, Den Sohn der Amazone— GOenone. Hippolyt? Gerechte Götter! Phyädra. Du nannteſt ihn, nicht ich. Oenone. Gott! All mein Blut erſtarrt in meinen Adern. O Jammer! O verbrechenvolles Haus Des Minos! Ungluͤckſeliges Geſchlecht! O dreimal unglückſel'ge Fahrt! Daß wir An dieſem Unglucksufer mußten landen! Phädra. Schon fruͤher fing mein Unglück an. Kaum war Dem Sohn des Aegeus meine Treu' verpfaͤndet, Mein Friede ſchien ſo ſicher mir gegruͤndet, Mein Gluck mir ſo gewiß, da zeigte mir Zuerſt Athenaͤ meinen ſtolzen Feind. Ich ſah ihn, ich erroͤthete, verblaßte Bei ſeinem Anblick, meinen Geiſt ergriff Unendliche Verwirrung, finſter ward's Vor meinen Augen, mir verſagte die Stimme, Ich fuͤhlte mich durchſchauert und durchflammt, Der Venus furchtbare Gewalt erkannt' ich, 16 Und alle Qualen, die ſie zürnend ſendet. Durch fromme Opfer hofft' ich ſie zu wenden, Ich baut' ihr einen Tempel, ſchmuͤckt' ihn reich, Ich ließ der Göttin Hekatomben fallen, Im Blut der Thiere ſucht' ich die Vernunft, Die mir ein Gott geraubt— Ohnmächtige Schutzwehren gegen Venus Macht! Umſonſt Verbrannt' ich köſtlich Rauchwerk auf Altaͤren; In meinem Herzen herrſchte Hippolyt, Wenn meine Lippe zu der Göottin flehte. Ihn ſah ich uͤberall und ihn allein; Am Fuße ſelbſt der rauchenden Altaͤre War er der Gott, dem ich die Opfer brachte. Was frommte mir's, daß ich ihn uͤberall Vermied— O ungluckſeliges Verhängniß! In des Vaters Zuͤgen fand ich ihn ja wieder. Mit Ernſt bekaͤmpft' ich endlich mein Gefuͤhl; Ich that Gewalt mir an, ihn zu verfolgen. Stiefmuͤtterliche Launen gab ich mir, Den auzutheuren Feind von mir zu bannen. Ich ruhte nicht, bis er verwieſen ward; In den Vater ſtuͤrmt' ich ein mit ew'gem Dringen, Bis ich den Sohn aus ſeinem Arm geriſſen— Ich athmete nun wieder frei, Oenone, In uUnſchuld floſſen meine ſtillen Tage, Verſchloſſen blieb in tiefſter Bruſt mein Gram, Und unterwuͤrfig meiner Gattinpflicht Pflegt' ich die Pfänder unſrer Unglücksehe! Verlorne Muͤh'! O Tücke des Geſchicks! Mein Gatte bringt ihn ſelbſt mir nach Trözene; Ich muß ihn wiederſehn, den ich verbannt, 17 Und neu entbrennt die nie erſtickte Gluth. Kein heimlich ſchleichend Feuer iſt es mehr; Mit voller Wuth treibt mich der Venus Zorn. Ich ſchaudre ſelbſt vor meiner Schuld zuruͤck, Mein Leben haſſ' ich und verdamme mich, Ich wollte ſchweigend zu den Todten gehn, Im tiefen Grabe meine Schuld verhehlen— Dein Flehn bezwang mich, ich geſtand dir Alles, Und nicht bereuen will ich, daß ich's that, Wenn du fortan mit ungerechtem Tadel Die Sterbende verſchonſt, mit eitler Müh' Mich nicht dem Leben wieder geben willſt. Bierter Auftritt. Phädra. Oenone. Panope. Panope. Gern, Koͤnigin, erſpart' ich dir den Schmerz; Dooch noͤthig iſt's, daß du das Aergſte wiſſeſt. Den Gatten raubte dir der Tod. Dieß Ungluͤck Iſt kein Geheimniß mehr, als dir allein. Oenone. Panope, was ſagſt du? Panspe. Die Koͤnigin Erfleht des Gatten Wiederkehr vergebens. Ein Schiff, das eben einlief, uͤberbringt Dem Hippolyt die Kunde ſeines Todes. Schillers ſaämmtl. Werke. VII. 2 18 Phäpra. OHimmel! Panspe. — Die neue Koͤnigswahl theilt ſchon Athen; Der Eine ſtimmt fuͤr deinen Sohn; ein Andrer Wagt es, den Landesordnungen zum Hohn, Sich fuͤr den Sohn der Fremden zu erklaͤren. Aricia ſelbſt, der Pallantiden Blut, Hat einen Anhang— dieß wollt' ich dir melden. Schon ruͤſtet Hippolyt ſich, abzureiſen, und Alles furchtet, wenn er plötzlich ſich In dieſer Gaͤhrung zeigt, er möchte leicht Die wankelmuͤth'gen Herzen an ſich reißen. Oenone. Genug, Panope! Die Königin hat es Gehoͤrt, und wird die große Botſchaft nutzen. (Panope geht ab.) Fünfter Auftritt. Phädra. Oenone. Oenone. Gebieterin, iv drang nicht mehr in dich, Zu leben— Selbſt entſch loſſen, dir zu folgen, Beſtritt ich deinen toͤdtlichen Entſchluß Nicht laͤnger— Dieſer neue Schlag des Ungluͤcks Gebietet anders und veraͤndert Alles. — Der Känig iſt tedt, an ſeinen Platz trittſt du. Dem Sohn, den er dir laͤßt, biſt du dich ſchuldig. 19 Dein Sehn iſt König oder Sklav, wie du Lebſt oder ſtirbſt. Verliert er auch noch dich, Wer ſoll den ganz Verlaſſenen beſchuͤtzen? Drum lebe!— Aller Sculd biſt du jetzt ledig! Gemeine Schwaͤche nur iſt's, was du fuͤhlſt. Zerriſſen ſind mit Theſeus' Tod die Bande, Die deine Liebe zum Verbrechen machten. Nicht mehr ſo furchtbar iſt dir Hippolyt; Du kannſt fortan ihn ohne Vorwurf ſehn. Er glaubt ſich jetzt von dir gehaßt, und ſtellt Vielleicht ſich an die Soitze der Empoͤrer. Reiß' ihn aus ſeinem Wahn, ſuch' ihn zu rühren! Sein Erbtheil iſt das gluͤckliche Trözen; Hier iſt er König; deinem Sehn gehören Die ſtolzen Mauern der Minervenſtadt, Euch beiden droht derſelbe Feind Gefahr; Verbindet euch, Aric.a zu bekaͤmpfen! Phädra. Wohlan, ich gebe deinen Gruͤnden nach; Wenn Leben miglio iſt, ſo wll ich leben, Wenn Liebe zu dem huͤ fberaubten Sohn Mir die verlorne Kaaft kann wieder geben. Zweiter Anfzug. — Erſter Auftritt. Aricia. Ismene. Ariria. Er will mich ſehen? Hippolyt? Und hier? Er ſucht mich und will Abſchied von mir nehmen? Iſt's wahr, Ismene? taͤuſcheſt du dich nicht? Ismene. Das iſt die erſte Frucht von Theſeus Tod. Bald ſiehſt du alle Herzen, die die Scheu Vor ihm entfernt hielt, dir entgegen fliegen. Aricia hat endlich ihr Geſchick In ihrer Hand, und Alles wird ihr huld'gen. Aricia. So waͤr' es keine unverbürgte Sage? Ich waͤre frei und meines Feinds entledigt? Ismene. So iſt's. Dir käͤmpft das Gluͤck nicht mehr entgegen; Theſeus iſt deinen Bruͤdern nachgefolgt. 21 Aricia. Weiß man, durch welch Geſchick er umgekommen? Ismene. Man ſpricht Unglaubliches von ſeinem Tod. Das Meer, ſagt man, verſchlang den Ungetreuen, Da er aufs neue Weiberraub veruͤbt; Ja, ein Geruͤcht verbreitet ſich durchs Land, Er ſey hinabgeſtiegen zu den Todten Mit ſeinem Freund Pirithous, er habe Die ſchwarzen Ufer und den Styr geſehen, Und ſich den Schatten lebend dargeſtellt; Doch keine Wiederkehr ſey ihm geworden Vom traur'gen Strand, den man nur Einmal ſieht. Aricia. Iſt's glaublich, daß ein Menſch, ein Sterblicher, Ins tiefe Haus der Todten lebend dringe? Was fuͤr ein Zauber denn zog ihn hinab An dieſes allgefuͤrchtete Geſtade? Ismene. Theſeus iſt todt, Gebieterin! Du biſt's Allein, die daran zweifelt. Den Verluſt Beſeufzt Athen. Trözene hat bereits Den Hippolyt als Herrſcher ſchon erkannt. Phädra, voll Angſt fuͤr ihren Sohn, hält Rath Hier im Palaſt mit den beſtuͤrzten Freunden. Aricia. Und glaubſt du wohl, daß Hippolyt an mir Großmuth'ger werde handeln, als ſein Vater? Daß er die Knecktſchaft mir erleichtern werde, Von meinem Loes geruͤhrt? 2⁸ Ismene. Ich glaub' es, Fuͤrſtin. Aricia. Den ſtolzen Juͤngling, kennſt du ihn auch wohl? Und ſchmeiche ſt dir, er werde mich bellagen, Und ein Geſchlecht, das er verachtet, ehren In mir allein? Du ſiehſt, wie er mich meidet. Ismene. Man ſpricht von ſeinem Stolze viel; doch hab' ich Den Stolzen gegenuͤber dir geſehn. Sein Ruf, geſteh' ich, ſchärfte meine Neugier. Doch ſchien er mir, als ich ihn wirklich ſah, Dem Ruf nicht zuzuſagen. Sichtbar war's, Wie er bei deinem Anblick ſich verwirrte, Wie er umſonſt die Augen niederſchlug, Die zartlich ſchmachtend an den deinen hingen. Geſteht ſein Stolz nicht ein, daß er dich liebe, Sein Auge ſpricht's, wenn es ſein Mund nicht ſagt. Aricia. 9 Freundin, wie begierig lauſcht mein Herz Der holden Rede, die vielleicht mich täuſcht! Dieß Herz, du kennſt es, ſtets von Gram genährt Und Thränen, einem grauſamen Geſchick Zum Raub dahingegeben, ſollt' es ſich Der Liebe eitle Schmerzen unoch erträumen? Die Letzte bin ich uͤbrig von dem Blut Des hohen Koͤnigs, den die Erde zeugte, Und ich allein entrann der Kriegeswuth. Sechs Bruͤder ſah ich in der Bluͤthe fallen, Die Hoffnung meines fuͤrſtlichen Geſchlechts. Das Schwert vertilgte alle, und die Erde 23 Trank ungern ihrer Enkelſoͤhne Blut. Du weißt, welch ſtreng Geſez der Griechen Söhnen Seit jener Zeit verwehrt um mich zu werben. Man fürchtet, daß der Schweſter Rachegeiſt Der Bruder Aſche neu beleben möchte. Doch weißt du auch, wie dieſes freie Herz Die feige Vorſicht der Tyrannenfurcht Verachtete. Der Liebe Feindin ſtets, Wußt' ich dem König Dank fur eine Strenge, Die meinem eignen Stolz zu Hulfe kam. — Da hatt' ich ſeinen Sohn noch nicht geſehn! Nein, denke nicht, daß ſeine Wohlgeſtalt Mein leicht betrognes Aug' verfuhrt, der Reiz, Der ihn umgibt, den Jeder an ihm preiſet, Die Gaben einer gütigen Natur, Die er verſchmäht und nicht zu kennen ſcheint. Ganz andre herrlichere Gaben lieb' ich, Schaͤtz' ich in ihm!— Die hohen Tugenden Des Vaters, aber frei von ſeinen Schwächen, Den edeln Stolz der großen Seele lieb' ich, Der unter Amors Macht ſich nie gebeugt. Sey Phädra ſtolz auf ihres Theſeus Liebe; Mir g'nuͤgt die leichte Ehre nicht, ein Herz Zu feſſeln, welches Tauſende gewannen. Den Muth zu brechen, welchen nichts gebeugt, Ein Herz zu ruhren, welches nie gefuhlt, Den ſtolzen Mann als Siegerin zu feſſeln, Der nicht begreift, wie ihm geſchieht, umſonſt Sich einem Joch entwindet, das er liebt, Das lockt mich an und reizt mich. Mindern Ruhm Braucht' es, den großen Hercules zu ruͤhren 24 Als Hippolyt— Viel öͤfter war der Held Beſiegt und leichtern Kampfes überwunden. Doch ach! wie heg' ich ſolchen eiteln Sinn! Zu ſehr nur, fürcht' ich, widerſteht man mir, Und bald vielleicht ſiehſt du mich, tiefgebeugt, Den Stolz beweinen, den ich jetzt bewundre. Er ſollte lieben! Hippolyt! Ich hätte Sein Herz zu rühren—— Ismene. Hör' ihn ſelbſt! Er kommt! Zweiter Auftritt. Aricig. Ismene. Hippolyt. Hippolyt. Eh' ich von dannen gehe, Königin, Kuͤnd' ich das Loos dir an, das dich erwarket. Mein Vater ſtarb. Ach, nur zu wahr erklärte ſich Mein ahnend Herz ſein langes Außenbleiben. Den edeln Kaͤmpfer konnte nur der Tod So lange Zeit dem Aug' der Welt verbergen. Die Götter endlich haben uber ihn Entſchieden, den Gefaͤhrten und den Freund, Den Waffenfreund des herrlichen Alcid. Dein Haß, ich darf es hoffen, Königin, Auch gegen Feindes Tugenden gerecht, Gönnt ihm den Nachruhm gern, den er verdient. Eins tröſtet mich in meinem tiefen Leid, Ich kann dich einem harten Joch entreißen; 25 Den ſchweren Bann, der auf dir lag, vernicht' ich; Du kannſt fortan frei ſchalten mit dir ſelbſt, Und in Troͤzen, das mir zum Loos gefallen, Auf mich ererbt von Pittheus, meinem Ahn, Das mich bereits als König anerkannt, Laſſ' ich dich frei— und freier noch als mich. Aricia. Herr, maͤß'ge dieſen Edelmuth, der mich Beſchaͤmt! Mehr, als du denkſt, erſchwerſt du mir Die Feſſeln, die du von mir nimmſt, wenn du So große Gunſt an der Gefangnen übſt. Hippokyt. Athen iſt noch im Streit, wer herrſchen ſoll; Es ſpricht von dir, nennt mich, und Phädra's Sohn. Arieia. Von mir? Hippslyt. Ich weiß und mill mir's nicht verbergen, Daß mir ein ſtelz Geſetz entgegenſteht. Die fremde Mutter wird mir vorgeworfen; Doch hätt' ich meinen Bruder nur zum Gegner, Nicht wehren ſollte mir's ein grillenhaft Geſetz, mein gutes Anrecht zu behaupten. Ein höheres Recht erkenn' ich uͤber mir: Dir tret' ich ab, vielmehr ich geb' dir wieder Den Thron, den deine Vaͤter von Erechtheus, Der Erde Sohn, dem maͤchtigen, ererbt. Er kam auf Aegeus durch der Kindſchaft Recht; Athen, durch meinen Vater groß gemacht, Erkannte frendig dieſen Held zum König, Und in Vergeſſenheit ſank dein Geſchlecht. 26 Athen ruft dich in ſeine Mauern wieder; Genug erlitt es von dem langen Streit; Genug hinabgetrunken hat die Erde Des edeln Blutes, das aus ihr entſprang. Mein Antheil iſt Trözene; Kreta bietet Dem Sohn der Phaͤdra reichlichen Erſatz; Dir bleibt Athen! Ich geh' jetzt, um fur dich Die noch getheilten Stimmen zu vereinen. Aricia. Erſtaunt, beſchaͤmt von Allem, was ich höre, Befurcht' ich faſt, ich furchte, daß ich traͤume. Wach' ich und iſt dieß alles Wirk ichkeit? Herr, welche Gottheit gab dir's in die Seele? Wie wahr rühmt dich der Ruf durch alle Welt! Wie weit noch uͤberfluͤgelt ihn die Wahrheit! Zu meiner Gunſt willſt du dich ſelbſt berauben? War es nicht ſchon genug, mich nicht zu haſſen? Hippolyt. Ich, Königin, dich haſſen? Was man auch Von meinem Stolz verbreitet, glaubt man denn, Daß eine Tigermutter mich geboren? Und welche Wildheit waͤr's, welch eingewurzelt Verſtockter Haß, den nicht dein Anblick zaͤhmte! Konnt' ich dem holden Zauber widerſtehn? Aricia(unterbricht ihn). Was ſagſt du, Herr? Hippolyt. Ich bin zu weit gegangen. Zu maͤchtig wird es mir— Und weil ich denn Mein langes Schweigen brach, ſo will ich enden— So magſt du ein Geheimniß denn vernehmen, 27 Das dieſe Bruſt nicht mehr verſchließen kann. — Ja, Königin, du ſiehſt mich vor dir ſtehen, Ein warnend Beiſpiel tief gefallnen Stolzes. Ich, der der Liebe trotzig widerſtand, Der ihren Opfern grauſam Hohn geſprochen, Und wenn die Andern kämpften mit dem Sturm, Steis von dem Ufer heffte zuzuſehn, Durch eine ſtaͤrk're Macht mir ſelbſt entriſſen, Erfahr' auch ich nun das gemeine Loos. Ein Augenblick bezwang mein kuhnes Herz; Die freie ſtolze Seele, ſie empfindet. Sechs Monde trag' ich ſchon, gequaͤlt, zerriſſen Von Scham und Schmerz, den Pfeil in meinem Herzen. Umſonſt bekaͤmpf' ich dich, bekaͤmpf ich mich; Dich flieh' ich, wo du biſt, dich find' ich, wo du fehlſt; Dein Bild folgt mir ins Innerſte der Wälder; Das Licht des Tages und die ſtille Nacht Muß mir die Reize deines Bildes malen. Ach, Alles unterwirft mich dir, wie auch Das ſtolze Herz dir widerſtand— Ich ſuche Mich ſelbſt, und finde mich nicht mehr. Zur Laſt Iſt mir mein Pfeil, mein Wurfſpieß und mein Wagen; Vergeſſen ganz hab' ich die Kunſt Neptuns; Mit meinen Seufzern nur erfull' ich jetzt Der Waͤlder Suülle; meine muͤß'gen Roſſe Vergeſſen ihres Fuhrers Ruf. (Nach einer Pauſe.) Vielleicht Schaͤmſt du dich deines Werks, da du mich hörſt, Und dich beleidigt meine wilde Liebe? In welcher rauhen Sprache biet' ich auch 28 Mein Herz dir an! Wie wenig wuͤrdig iſt Der rohe Sklave ſolcher ſchoönen Bande! Doch eben darum nimm ihn gütig auf! Ein neu Gefuhl, ein fremdes, ſprech' ich aus, Und ſprech' ich's übel, denke, Königin, Daß du die Erſte biſt, die mich's gelehrt. Dritter Auftritt. Aricia. Jomene, Hippolyt. Theramen. Theramen. Die Königin naht ſich, Herr! Ich eilt' ihr vor; Sie ſucht dich. Hippolyt. Mich? Theramen. 4 Ich weiß nicht, was ſie will. Doch eben jetzt hat ſie nach dir geſendet; Phaͤdra will mit dir ſprechen, eh' du gehſt. Hippolyt. Phäͤdra? Was ſoll ich ihr? was kann ſie wollen? Aricia. Herr, nicht verſagen kannſt du ihr die Gunſt; Wie ſehr ſie deine Feindin auch, du biſt Ein wenig Mitleid ihren Thraͤnen ſchuldig. Hippolyt. Du aber gehſt! Du gehſt— und ich ſoll gehen! Und ohne daß ich weiß, ob du dieß Herz— 2 Ob meine kuhne Liebe dich beleidigt?— 29 Aricia. Geh', deinen edeln Vorſatz auszuführen! Erringe mir den Thron Athens! Ich nehme Aus deinen Händen jegliches Geſchenk; Doch dieſer Thron, wie herrlich auch, er iſt Mir nicht die theuerſte von deinen Gaben! „(Geht ab mit Ismenen⸗) Vierter Auftritt. Hippolyt. Theramen. Hippolyt. Freund, iſt nun Alles— doch die Königin naht! (Phaͤdra zeigt ſich im Hintergrunde mit Oenonen.) Laſſ' Alles ſich zur Abfahrt fertig halten! Gib die Signale! Eile! Komm zurück So ſchnell als möglich und erlöſe mich Von einem widerwärtigen Geſpraͤch! (Theramen geht ab.) 30 Fünfter Auftritt. Hippalyt. Phädra. Oenone. Phädra (noch in der Tiefe des Theaters). Er iſt's, Oenone— All' mein Blut tritt mir Ans Herz zuruck— Vergeſſen hab' ich Alles, Was ich ihm ſagen will, da ich ihn ſehe. Oenone. Bedenke deinen Sohn, der auf dich hofft. Phädra ortretend, zu Hippolyt). Man ſagt, o Herr, du willſt uns ſchnell verlaſſen. Ich komme, meine Thränen mit den deinen Zu miſchen; ich komme, meines Sohnes wegen Dir meine bangen Sorgen zu geſtehn. Mein Sohn hat keinen Vater mehr, und nah“ Ruckt ſchon der Tag, der ihm die Mutter raubt. Von tauſend Feinden ſeh' ich ihn bedroht. Herr, du allein kannſt ſeine Kindheit ſchützen; Doch ein geheimer Vorwurf quält mein Herz. Ich furchte, daß ich ſelbſt dein Herz verhärtet; Ich zittre, Herr, daß dein gerechter Zorn An ihm die Schuld der Mutter müchte ſtraſen. Hippolyt. Ich denke nicht ſo niedrig, Konigin. Phädra. Wenn du mich haßteſt, Herr, ich müßt' es dulden. Du ſaheſt mich entbrannt auf dein Verderben; In meinem Herzen konnteſt du nicht leſen, 31 Geſchäftig war ich, deinen Haß zu reizen; Dich konnt' ich nirgends dulden, wo ich war; Geheim und offen wirkt' ich dir entgegen; Nicht ruht' ich, bis uns Meere ſelbſt geſchieden. Selbſt deinen Namen vor mir auszuſprechen, Verbot' ich durch ein eigenes Geſetz. Und dennoch— wenn an der Beleidigung Sich Rache mißt, wenn Haß nur Haß erwirbt, War nie ein Weib noch deines Mitleids werther, Und keines minder deines Haſſes werth. Hippolyt. Es eifert jede Mutter für ihr Kind; Dem Sohn der Fremden kann ſie ſchwer vergeben. Ich weiß das Alles, Königin. War doch Der Argwohn ſtets der zweiten Ehe Frucht! Von jeder Andern hätt' ich gleichen Haß, Vielleicht noch mehr Mißhandlungen erfahren. Phädra. Ach, Herr! wie ſehr nahm mich der Himmel aus Von dieſer allgemeinen Sinnesart! Wie ein ganz Andres iſt's, was in mir tobet! Hippolyt. Laſſ', Königin, dich keine Sorge quälen! Noch lebt vielleicht dein Gatte, und der Himmel Schenkt unſern Thränen ſeine Wiederkehr. Beſchutzt ihn doch der mächtige Neptun; Zu ſolchem Helfer fleht man nicht vergebens. Phädra. Herr, zweimal ſieht kein Menſch die Todesufer. Theſeus hat ſie geſehn; drum hoffe nicht, Daß ihn ein Gott uns wieder ſchenken werde; 32 Der karge Styr gibt ſeinen Raub nickt her. — Todt waͤr' er? Nein, er iſt nicht tedt! Er lebt In dir! Noch immer glaub' ich ihn vor Augen Zu ſehn! Ich ſpreche ja mit ihm! Mein Herz— — Ach, ich vergeſſe mich! Herr, wider Willen Reißt mich der Wahnſinn fort— Hippslyt. Ich ſeh' erſtaunt Die wunderbare Wirkung deiner Liebe. Theſeus, obgleich im tiefen Grabe, lebt Vor deinen Augen! Von der Leidenſchaft Zu ihm iſt deine Seele ganz entzuͤndet. Phädra. Ja, Herr, ich ſchmachte, brenne für den Theſeus, Ich liebe Theſeus, aber jenen nicht, Wie ihn der ſchwarze Acheron geſehn, Den flatterhaften Buhler aller Weiber, Den Frauenrauber, der hinunterſtieg, Des Schattenkönigs Bette zu entehren, Ich ſeh' ihn treu, ich ſeh' ihn ſtolz, ja ſelbſt Ein wenig ſcheu— Ich ſeh' ihn jung und ſchön Und reizend alle Herzen ſich gewinnen. Wie man die Götter bildet, ſo wie ich — Dich ſehe! Deinen ganzen Anſtand hatt' er, Dein Auge, deine Sprache ſelbſt! So faͤrbte Die edle Röthe ſeine Heldenwangen, Als er nach Kreta kam, die Töchter Minos' Mit Lieb' entzündete— Wo warſt du da? Wie konnt' er ohne Hippolyt die beſten, Die erſten Helden Griechenlands verſammeln? O daß du, damals noch zu zarten Alters, 33 Nicht in dem Schiff mit warſt, das ihn gebracht! Den Minotaurus hätteſt du getoͤdtet, Trotz allen Krümmen ſeines Labyrinths. Dir hätte meine Schweſter jenen Faden Gereicht, um aus dem Irrgang dich zu führen. O nein, nein, ich kam ihr darin zuvor! Mir hätt's zuerſt die Liebe eingegeben, Ich, Herr, und keine Andre zeigte dir Den Pfad des Labyrinths. Wie hätt' ich nicht Für dieſes liebe Haupt gewacht! Ein Faden War der beſorgten Liebe nicht genug; Gefahr und Noth hätt' ich mit dir getheilt; Ich ſelbſt, ich wäre vor dir hergezogen; Ins Labyrinth ſtieg ich hinab mit dir, Mir dir war ich gerettet oder verloren. Hippolyt.. Was hör' ich, Götter! Wie? Vergiſſeſt du, Daß Theſeus dein Gemahl, daß er mein Vater— Phäpra. Wie kannſt du ſagen, daß ich das vergaß? Bewahrt' ich meine Ehre denn ſo wenig? Hippolyt. Verzeihung, Königin. Schamroth geſteh' ich, Daß ich unſchuld'ge Worte falſch gedeutet. Nicht laͤnger halt' ich deinen Anblick aus. (Will gehen.) Phädra. Grauſamer, du verſtandſt mich nur zu gut. Genug ſagt' ich, die Augen dir zu öͤffnen. So ſey es denn! So lerne Phädra kennen Und ihre ganze Raſerei! Ich liebe. Schillers ſaämmtl. Werke. VII. 3 34 Und denke ja nicht, daß ich dieß Gefuͤhl! Vor mir entſchuld'ge und mir ſelbſt vergebe, Daß ich mit feiger Schonung gegen mich Das Gift genährt, das mich wahnſinnig macht. Dem ganzen Zorn der Himmliſchen ein Ziel, Haſſ' ich mich ſelbſt noch mehr, als du mich, haſſeſt. Zu Zeugen deß ruf' ich die Götter an, Sie, die das Feuer in meiner Bruſt entzündet, Das all den Meinen ſo verderblich war, Die ſich ein grauſam Spiel damit gemacht, Das ſchwache Herz der Sterblichen zu verführen. Ruß' das Vergangne dir zurück! Dich fliehen War mir zu wenig. Ich verbannte dich! Gehäſſig, grauſam wollt' ich dir erſcheinen; Dir deſto mehr zu widerſtehn, warb ich Um deinen Haß— Was frommte mir's! Du haßteſt Mich deſto mehr, ich— liebte dich nicht minder, Und neue Reize nur gab dir dein Ungluͤck. In Gluth, in Thraͤnen hab' ich mich verzehrt; Dieß zeigte dir ein ein'ger Blick auf mich, Wenn du den ein'gen Blick nur wollteſt wagen. — Was ſoll ich ſagen? Dieß Geſtaͤndniß ſelbſt, Das ſchimpfliche, denkſt du, ich that's mit Willen? Die Sorge trieb mich her fuͤr meinen Sohn; Fur ihn wollt' ich dein Herz erflehn— Umſonſt! In meiner Liebe einzigem Gefuhl Konnt' ich von nichts dir reden als dir ſelbſt. Auf, räche dich und ſtrafe dieſe Flamme, Die dir ein Gräu'l iſt! Reinige, befreie, Des Helden werth, der dir das Leben gab, Von einem ſchwarzen Ungeheu'r die Erde! Des Theſeus Wittwe glüht für Hippolyt! Nein, laſſ' ſie deiner Rache nicht entrinnen. Hier treffe deine Hand, hier iſt mein Herz! Voll Ungeduld, den Frevel abzubüßen, Schlägt es, ich fühl' es, deinem Arm entgegen. Triff! Oder bin ich deines Streichs nicht werth, Mißgönnt dein Haß mir dieſen ſüßen Tod, Entehret deine Hand ſo ſchmählich Blut, Leih mir dein Schwert, wenn du den Arm nicht willſt. Gib! 3(Entreißt ihm das Schwert.) Oenone. Königin, was machſt du? Große Götter! Man kommt. O flieh den Blick verhaßter Zeugen! Komm, folge mir und rette dich vor Schmach! (Sie fuͤhrt Phaͤdra ab.) Sechster Auftritt. Hippolyt. Theramen. Theramen. Flieht dort nicht Phädra oder wird vielmehr Gewaltſam fortgezogen?— Herr, was ſetzt Dich ſo in Wallung?— Ich ſeh' dich ohne Schwert, Bleich, voll Entſetzen— Hippolyt. - Fliehn wir, Theramen! Du ſiehſt mich in dem äußerſten Erſtaunen, Ich kann mich ſelbſt nicht ohne Grauen ſehn. 36 Phädra— Doch, große Götter! Nein! Das Graͤßliche bedeck' ein ewig Schweigen! Theramen. Willſt du von dannen, das Schiff iſt ſegelfertig; Doch, Herr, Athen hat ſich bereits erklärt. Man hat das Volk nach Zunften ſtimmen laſſen; Dein Bruder hat die Stimmen; Phaͤdra ſiegt! (Hippolyt macht eine Bewegung des Erſtaunens.) Ein Herold kommt ſo eben von Athen, Der ihr den Schluß des Volkes uberbringt. Ihr Sohn iſt König. Hippolyt. Phädra! Große Götter! Ihr kennt ſie! Iſt's der Lohn für ihre Tugend? . Theramen. Indeß ſchleicht ein Gerücht umher, der König Sey noch am Leben. Man will ihn in Epirus Geſehen haben— Aber hab' ich ihn nicht dort Erfragt, und weiß ich nicht zu gut— Hippolyt. Thut nichts. Man muß auf Alles hören, nichts verſäumen, Und forſchen nach der Quelle des Geruchts. Verdient es nicht, daß wir die Fahrt einſtellen, So gehen wir, was es auch koſten mag, Der Wuͤrdigſten das Scepter zuzuwenden! Dritter Außug. Erſter Auftritt. Phädra. Oenone. Phädra. Hinweg, hinweg! Zu Andern wendet euch Mit dieſen Ehren, die man auf mich häuft! Ungluͤckliche, wie kannſt du in mich dringen, Daß ich mich zeige? O verbirg mich vielmehr! Ach, nur zu offen hab' ich mich gezeigt, Mein raſend Wünſchen wagt' ich kund zu geben, Ich hab' geſagt, was man nie hören ſollte! — Wie horcht' er auf! Wie lange wußt' er nicht Ausweichend meiner Rede zu entſchlupfen! Wie ſann er nur auf ſchnelle Flucht, und wie Vermehrte ſein Erröthen meine Scham! O warum hieltſt du meinen Arm zurück! Als ich ſein Schwert auf meinen Buſen zückte, Erblaßt' er nur für mich? Entriß er mir's? Genug, daß meine Hand daran geruhrt; Ein Graͤuel war's in ſeinem Aug', es war Geſchändet, und entehrte ſeine Hände! 4 Oensne. So deinem eiteln Jammer ewig nur Dahingegeben, nährſt du deine Gluth, Die du erſticken ſollteſt. Wär's nicht beſſer, Nicht wuͤrdiger des Bluts, das in dir fließt, Dein Herz in edlern Sorgen zu zerſtreuen, Den Undankbaren, der dich haßt, zu fliehn, Zu herrſchen und das Scepter zu ergreifen! Phädra. Ich herrſchen, ich ein Reich mir unterwerfen, Und bin nicht Meiſter meiner ſelbſt, und bin Nicht mächtig meiner Sinne mehr! Ich herrſchen, Die einer ſchimpflichen Gewalt erliegt, Die ſtirbt! Oenone. So flieh! Phädra. Ich kann ihn nicht verlaſſen. Oenone. Ihn nicht verlaſſen und verbannteſt ihn! Pyädra. Es iſt zu ſpät; er weiß nun meine Liebe. Die Gränze keufcher Scham iſt überſchritten, Das ſchimpfliche Geſtändniß iſt gethan, Hoffnung ſchlich wider Willen in mein Herz. Und riefſt du ſelbſt nicht meine fliehende Seele Mit ſchmeichelhaftem Troſteswort zuruck? Du zeigteſt mir verdeckt, ich könnt' ihn lieben. Oenone. Dich zu erhalten, ach! was hätt' ich nicht, Unſchuldig oder ſträflich, mir erlaubt! 39 Doch wenn du je Beleidigung empfandſt, Kannſt du vergeſſen, wie der Stolze dich Verachtete! Wie grauſam höhnend er Dich nur nicht gar ihm ließ zu Füßen fallen! Wie machte dieſer Stolz ihn mir verhaßt! O daß du ihn nicht ſahſt mit meinen Augen! Phädra. Oenone, dieſen Stolz kann er verlieren; Wild iſt er wie der Wald, der ihn erzog; Er hört, ans rauhe Jagdwerk nur gewohnt, Zum Erſtenmale jetzt von Liebe reden; Er ſchwieg wohl gar aus Ueberraſchung nur, Und unrecht thun wir ihm mit unſern Klagen. Oenone. Bedenk', daß eine Scythin ihn gebar. Phädra. Opbgleich ſie Scythin war, ſie liebte doch. Oenone. Er haßt, du weißt es, unſer ganz Geſchlecht. Phädra. So werd' ich keiner Andern aufgeopfert. — Zur Unzeit kommen alle deine Gründe, Hilf meiner Leidenſchaft, nicht meiner Tugend! Der Liebe widerſteht ſein Herz. Laſſ' ſehn, Ob wir's bei einer andern Schwäche faſſen! Die Herrſchaft lockt ihn, wie mir ſchien; es zog Ihn nach Athen; er konnt' es nicht verbergen. Die Schnäbel ſeiner Schiffe waren ſchon Herumgekehrt, und alle Segel flogen. Geh, ſchmeichle ſeiner Ehrbegier, Oenone, Mit einer Krone Glanz— Er winde ſich 40 Das Diadem um ſeine Stirne! Mein Sey nur der Ruhm, daß ich's ihm umgebunden! Behaupten kann ich meine Macht doch nicht; Nehm' er ſie hin! Er lehre meinen Sohn Die Herrſcherkunſt und ſey ihm ſtatt des Vaters! Mutter und Sohn geb' ich in ſeine Macht. Geh, laſſ' nichts unverſucht, ihn zu bewegen! Dich wird er hören, wenn er mich nicht hört. Dring' in ihn, ſeufze, weine, ſchildre mich Als eine Sterbende, o ſchaͤme dich Auch ſelbſt der Flehensworte nicht! Was du Gut findeſt, ich bekenne mich zu Allem. Auf dir ruht meine letzte Hoffnung. Geh! Bis du zuruckgekehrt, beſchließ' ich nichts. (Oenone geht ab.) Zweiter Auftritt. Phädra gallein). Du ſiehſt, in welche Tiefen ich gefallen, Furchtbare Venus, unverſöhnliche! Bin ich genug geſunken? Weiter kann Dein Grimm nicht gehn; vollkommen iſt dein Sieg; Getroffen haben alle deine Pfeile. Grauſame, willſt du deinen Ruhm vermehren, Such' einen Feind, der mehr dir widerſtrebt. Dich fliehet Hippolyt, er ſpricht dir Hohn, Und nie hat er ein Knie vor dir gebeugt; Dein Name ſchon entweiht ſein ſtolzes Ohr. 41 Räͤche dich, Göttin! räche mich! Er liebe! — Doch was iſt das? Du ſchon zuruͤck, Oenone? Man verabſcheut mich, man will dich gar nicht hören. Dritter Auftritt. Phädra. Oenone. 3 Oenone. Erſticken mußt du jeglichen Gedanken An deine Liebe jetzt, Gebieterin! Sey wieder ganz du ſelbſt! Ruf' deine Tugend Zuruck! Der König, den man todt geglaubt, Er wird ſogleich vor deinen Augen ſtehn. Theſeus iſt angelangt! Theſeus iſt hier! Entgegen ſtürzt ihm alles Volk— Ich ging, Wie du befahlſt, den Hippolyt zu ſuchen, Als tauſend Stimmen ploͤtzlich himmelan— Phädra. Mein Gatte lebt, Oenone! Mir genug! Ich habe eine Leidenſchaft geſtanden, Die ihn beſchimpft. Er lebt. Es braucht nichts weiter. Oenone. Wie, Königin? Phädra. Ich ſagte dir's vorher, Du aber höorteſt nicht; mit deinen Thraͤnen Beſiegteſt du mein richtiges Gefuͤhl. Noch heute früh ſtarb ich der Thränen werth; Ich folgte deinem Rath, und ehrlos ſterb' ich. 42 Oenone. Du ſtirbſt? Phädra. Ihr Götter! Was hab' ich gethan! Mein Gemahl wird kommen und ſein Sohn mit ihm. Ich werd' ihn ſehn, wie er ins Aug' mich faßt, Der furchtbare Vertraute meiner Schuld, Wie er drauf Achtung gibt, mit welcher Stirn Ich ſeinen Vater zu empfangen wage! Das Herz von Seufzern ſchwer, die er verachtet, Das Aug' von Thränen feucht, die er verſchmäht! Und glaubſt du wohl, er, ſo voll Zartgefühl, So eiſerſuchtig auf des Vaters Ehre— Er werde meiner ſchonen? den Verrath An ſeinem Vater, ſeinem König, dulden? Wird er auch ſeinem Abſcheu gegen mich Gebieten können? Ja, und ſchwieg' er auch! Oenone, ich weiß meine Schuld, und nicht Die Kecke bin ich, die, ſich im Verbrechen In ſanfte Ruh' einwiegend, aller Scham Mit eh'rner Stirne, nie erröthend, trotzte. Mein Unrecht kenn' ich, es ſteht ganz vor mir. Schon ſeh' ich dieſe Mauern, dieſe Bogen Sprache bekommen, und, mich anzuklagen Bereit, des Gatten Ankunft nur erwarten, Furchtbares Zeugniß gegen mich zu geben! — Nein, laſſ' mich ſterben! Dieſen Schreckniſſen Entziehe mich der Tod— er ſchreckt mich nicht! Mich ſchreckt der Name nur, den ich verlaſſe, Ein gräßlich Erbtheil meinen armen Kindern! Die Abkunft von dem Zeus erhebt ihr Herz; 43 Der Mutter Schuld wird ſchwer auf ihnen laſten. Oenone, mit Entſetzen denk' ich es: Erröthen werden ſie, wenn man mich nennt, Und wagen's nicht, die Augen aufzuſchlagen. Oenone. Das wird gewiß geſchehen; zweifle nicht! O wayhrlich, nie war eine Furcht gerechter. Doch warum willſt du ſie der Schmach bloßſtellen? Warum dich ſelbſt anklagen?— Ach, es iſt Um uns geſchehen! Phädra, hör' ich ſagen, Bekennt ſich ſchuldig! Phädra trägt ihn nicht Den furchtbar'n Anblick des verrathnen Gatten. Wie glücklich iſt dein Feind, daß du ihm ſelbſt Gewonnen gibſt auf Koſten deines Lebens! Was werd' ich ihm antworten, wenn er nun Als Kläger auftritt? Ach, ich muß verſtummen! Er aber wird ſich ſeines gräßlichen Triumphs mit Uebermuth erfreu'n, und Jedem, Der's hören will, von deiner Schmach erzählen. Eh' dieß geſchieht, zerſchmettre mich der Blitz! — Sag' mir die Wahrheit! Iſt er dir noch theuer? Mit welchem Auge ſiehſt du jetzt den Stolzen? Phädra. Ein Ungeheu'r iſt er in meinen Augen. Oenone. Warum den leichten Sieg ihm alſo laſſen? Du fuͤrchteſt ihn— So wag' es, ihn zuerſt Der Schuld, die er dir vorwirft, anzuklagen. Wer kann dich Lügen ſtrafen? Alles verdammt ihn. Sein Schwert, zum Glück in deiner Hand gelaſſen, Dein jetz'ger Schrecken, dein bisher'ger Gram, 44 Die vorgefaßte Meinung ſeines Vaters, und deine frühern Klagen über ihn, Auch dieß, daß du ſchon einmal ihn verbannt— . Phäpra. Ich ſoll die unſchuld unterdrücken, läſtern? Oenone. Mir iſt an deinem Schweigen ſchon genug. Ich zittre, ſo wie du; auch mein Gewiſſen Regt ſich, und tauſend Tode ſtürb' ich lieber! Doch ohne dieſes Mittel der Verzweiflung Verlier' ich dich! Es gilt zu hohen Preis! So weiche jedes Andre deinem Leben! — Ich werde reden— Theſeus, glaube mir, Wenn mein Bericht ihn aufgereizt, wird ſich Mit der Verbannung ſeines Sohns begnügen; Ein Vater bleibt auch Vater noch im Strafen! Doch müßt' auch ſelbſt das Blut der Unſchuld fließen; Dein Ruf ſteht auf dem Spiel, es gilt die Ehre: Der muß man Alles opfern, auch die Tugend. Man kommt. Ich ſehe Theſeus. Phädra. Wehe mir! Ich ſehe Hippolyt. Ich leſe ſchon In ſeinen ſtolzen Blicken mein Verderben. — Thu', was du willſt! Dir überlaſſ' ich mich; In meiner Angſt kann ich mir ſelbſt nicht rathen. —— 45 Vierter Anftritt. Phädra. Oenone. Theſeus. Hippolyt. Theramen. Theſeus. Das Glück iſt mit mir ausgeſöhnt, Gemahlin! Es führt in deine Arme— Phädra. Theſeus, halt! Entweihe nicht die zärtlichen Gefühle! Nicht mehr verdien' ich dieſe Liebeszeichen. Du biſt beſchimpft. Das neidiſche Gluck verſchonte, Seitdem du fern warſt, deine Gattin nicht, Ich bin nicht werth, dir fernerhin zu nahn, Und gehe, mich auf ewig zu verbergen. (Geht ab mit Oenonen.) Fünfter Auftritt. Theſeus. Hippolyt. Theramen. Theſeus. Wie? Welch ein ſeltſamer Empfang?— Mein Sohn? Hippolyt. Phäͤdra mag das Geheimniß dir erklären. Doch wenn mein Flehn was über dich vermag, Erlaub' o Herr, daß ich ſie nicht mehr ſehe. Laſſ den erſchrocknen Hippolyt den Ort, Wo deine Gattin lebt, auf ewig meiden. 46 Theſeus. Verlaſſen willſt du mich, mein Sohn? Hippolyt. Ich ſuchte Sie nicht! Du brachteſt ſie an dieſe Kuſte! Du warſt es ſelbſt, o Herr, der mir beim Scheiden Aricien und die Königin anvertraut, Ja mich zum Huͤter uͤber ſie beſtellt. Was aber könnte nun mich hier noch halten? Zu lange ſchon hat meine müß'ge Jugend Sich an dem ſcheuen Wilde nur verſucht. Wär's nun nicht Zeit, unwurd'ge Ruhe fliehend, Mit edlerm Blute mein Geſchoß zu färben? Noch hatteſt du mein Alter nicht erreicht, Und manches Ungeheuer fuhlte ſchon Und mancher Räuber deines Armes Schwere. Des Uebermuthes Rächer hatteſt du Das ufer zweier Meere ſchon geſichert; Der Wanderer zog ſeine Straße frei, Und Hercules, als er von dir vernahm, Fing an, von ſeiner Arbeit auszuruhn. Doch ich, des Helden unberühmter Sohn, That es noch nicht einmal der Mutter gleich! O gönne, daß mein Muth ſich endlich zeige, Und wenn ein Ungeheuer dir entging, Daß ich's beſiegt zu deinen Fuͤßen lege; Wo nicht, durch einen ehrenvollen Tod Mich aller Welt als deinen Sohn bewähre. Theſeus. Was muß ich ſehen? Welch ein Schreckniß iſt's, 47 Das ringsum ſich verbreitend all die Meinen Zurück aus meiner Nähe ſchreckt? Kehr' ich So ungewünſcht und ſo gefürchtet wieder, Warum, ihr Götter, erbracht ihr mein Gefaͤngniß? — Ich hatte einen einz'gen Freund. Die Gattin Wollt' er dem Herrſcher von Epirus rauben, Von blinder Liebeswuth bethört. Ungern Bot ich zum kühnen Frevel meinen Arm; Doch zürnend nahm ein Gott uns die Beſinnung. Mich überraſchte wehrles der Tyrann; Den Waffenbruder aber, meinen Freund, Pirithous— o jammervoller Anblick!— Mußt' ich den Tigern vorgeworfen ſehn, Die der Tyrann mit Menſchenblute nährte. Mich ſelbſt ſchloß er in eine finſtre Gruft, Die, ſchwarz und tief, ans Reich der Schatten gränzte. Sechs Monde hatt' ich hülflos hier geſchmachtet; Da ſahen mich die Götter gnädig an; Das Aug' der Huͤter wußt' ich zu betrügen; Ich reinigte die Welt von einem Feind, Den eignen Tigern gab ich ihn zur Speiſe. Und jetzo, da ich fröhlich heimgekehrt, Und, was die Götter Theures mir gelaſſen, Mit Herzensfreude zu umfaſſen denke— Jetzt, da die Seele ſich nach langem Durſt An dem erwunſchten Anblick laben will— Iſt mein Empfang Entſetzen, Alles flieht mich, Entzieht ſich meiner liebenden Umarmung, Ja, und ich ſelbſt, von dieſem Schrecken an⸗ Geſteckt, der von mir ausgeht, wuͤnſche mich Zurück in meinen Kerker zu Epirus. 48 — Sprich! Phädra klagt, daß ich beleidigt ſey. Wer verrieth mich? Warum bin ich nicht geräͤchet? Hat Griechenland, dem dieſer Arm ſo oft Gedient, Zuflucht gegeben dem Verbrecher? Du gibſt mir nichts zur Antwort. Sollteſt du's, Mein eigner Sohn, mit meinen Feinden halten? — Ich geh' hinein. Zu lang' bewahr' ich ſchon Den Zweiſel, der mich niederdrückt. Auf einmal Will ich den Frevel und den Frevler kennen. Von dieſem Schrecken, den ſie blicken läßt, Soll Phaͤdra endlich Rechenſchaft mir geben. (Geht ab.) Sechster Auftritt. Hippolyt. Theramen. Hippolyt. Was wollte ſie mit dieſen Worten ſagen, Die mich durchſchauerten? Will ſie vielleicht, Ein Raub jedwedes äußerſten Gefuhls, Sich ſelbſt anklagen und ſich ſelbſt verderben? Was wird der König ſagen, große Götter! Wie ſchwer verfolgt die Liebe dieſes Haus! Ich ſelbſt, ganz einer Leidenſchaft zum Raube, Die er verdammt; wie hat mich Theſeus einſt Geſehen und wie findet er mich wieder? Mir trüben ſchwarze Ahnungen den Geiſt; Doch Unſchuld hat ja Böſes nicht zu fürchten. 49 — Gehn wir, ein glücklich Mittel auszuſinnen, Wie wir des Vaters Liebe wieder wecken, Ihm eine Leidenſchaft geſtehn, die er Verfolgen kann, doch nimmermehr erſchüttern. Schillers ſammtl. Werke. VII. Vierter Aufzug. Erſter Auftritt. Theſeus. Oenone. Cheſeus. Was höoͤr' ich! Götter! Solchen Angriff wagte Ein Raſender auf ſeines Vaters Ehre! Wie hart verfolgſt du mich, ergrimmtes Schickſal! Ich weiß nicht, was ich ſoll, nicht, was ich bin! O wird mir ſolcher Dank fuͤr meine Liebe? Fluchwerthe That! Verdammliches Erkühnen! Und ſeiner wilden Luſt genug zu thun, Erlaubte ſich der Freche gar Gewalt! Erkannt hab' ich's, das Werkzeug ſeiner Wuth, Dieß Schwert, zu edlerm Dienſt ihm umgehangen; Nicht hielt ihn ſelbſt die heibge Scheu des Bluts! Und Phädra ſaͤumte noch, ihn anzuklagen, Und Phädra ſchwieg und ſchonte des Verräthers. Oenone. Des unglückſel'gen Vaters ſchonte Phädra. Vom Angriff dieſes Wuͤthenden beſchämt 51 Und dieſer frevelhaften Gluth, die ſie Schuldlos entzuͤndet, wollte Phaͤdra ſterben. Schon zuckte ſie die mörderiſche Hand, Das ſchöne Licht der Augen auszulöſchen; Da fiel ich ihr in den erhobnen Arm, Ja, ich allein erhielt ſie deiner Liebe. Und jetzt, o Herr, von ihrem großen Leiden, Von deiner Furcht geruͤhrt, entdeckt' ich dir, Ich that's nicht gern, die Urſach' ihrer Thränen. Cheſeus. Wie er vor mir erblaßte, der Verräther! Er konnte mir nicht ohne Zittern nahn; Ich war erſtaunt, wie wenig er ſich freute! Sein froſtiger Empfang erſtickte ſchnell Die frohe Wallung meiner Zärtlichkeit. — Doch dieſer Liebe frevelhafte Gluth, O ſprich, verrieth ſie ſich ſchon in Athen? Oenone. Denk' an die Klagen meiner Königin, O Herr! Aus einer frevelhaften Liebe Entſprang ihr ganzer Haß. Theſeus. Und dieſe Liebe Entflammte ſich von neuem in Trözene? Oenone. Herr, Alles, was geſchehen, ſagt' ich dir!— Zu lang' ließ ich die Königin allein In ihrem Schmerz; erlaube, daß ich dich Verlaſſe, Herr, und meiner Pflicht gehorch. (Denone geht ab.) 5² Zweiter Auftritt. Theſeus. Hippolyt. Theſeus. Da iſt er! Götter! Dieſer edle Anſtand! Welch Auge würde nicht davon getäuſcht! Darf auf der frechen Stirn des Ehebruchs Die heilige Majeſtät der Tugend leuchten? Wär' es nicht billig, daß der Schalk im Herzen Durch außre Zeichen ſich verkündete? Hippolyt. Herr, darf ich fragen, welche duſtre Wolke Dein königliches Angeſicht umſchattet? Darfſt du es deinem Sohne nicht vertrau'n? Theſeus. Darfſt du, Verräther, mir vors Auge treten? Ungeheuer, das der Blitz zu lang verſchont! Unreiner Ueberreſt des Raubgezüchts, Von dem mein tapfrer Arm die Welt befreite! Nachdem ſich deine frevelhafte Gluth Bis zu des Vaters Bette ſelbſt verwogen, Zeigſt du mir frech noch dein verhaßtes Haupt? Hier an dem Ort, der deine Schande ſah, Darfſt du dich zeigen, und du wendeſt dich Nicht fremden fernen Himmelsſtrichen zu, Wo meines Namens Schall nie hingedrungen? Entflieh, Verräther! Reize nicht den Grimm, Den ich mit Müh' bezwinge— Schwer genug Buß' ich dafür mit ew'ger Schmach, daß ich So frevelhaftem Sohn das Leben gab; 53 Nicht auch dein Tod ſoll mein Gedächtniß ſchänden Und ſchwaͤrzen meiner Thaten Glanz— Entflieh! Und willſt du nicht, daß eine ſchnelle Rache Dich den Frevlern, die ich ſtrafte, beigeſelle, Gib Acht, daß dich das himmliſche Geſtirn, Das uns erleuchtet, den verwegnen Fuß Nie mehr in dieſe Gegend ſetzen ſehe! Entfliehe, ſag' ich, ohne Wiederkehr! Reiß' dich von dannen! Fort und reinige Vom Gränel deines Anblicks meine Staaten! — Und du, Neptun, wenn je mein Arm dein Ufer Von Raubgaeſindel ſäuberte, gedenk', Wie du mir einſt zu meiner Thaten Lohn Gelobt, mein erſtes Wünſchen zu erhören! Nicht in dem Drang der langen Kerkernoth Erfleht' ich dein unſterbliches Vermögen; Ich geizte mit dem Wort, das du mir gabſt; Der dringenderen Noth ſpart' ich dich auf. Jetzt fleh' ich dich, Erſchutterer der Erde, Näch' einen Vater, der verrathen iſt! Hin geb' ich dieſen Freyler deinem Zorn. Erſtick' in ſeinem Blut ſein frech Gelüſten! An deinem Grimm laſſ' deine Hand mich kennen! Hippolyt. Phaͤdra verklagt mich einer ſtrafbar'n Liebe! Dieß Uebermaß des Gräu'ls ſchlägt mich zu Boden. So viele Schläge, unvorgeſehn, auf Einmal, Zerſchmettern mich und rauben mir die Sprache! Theſeus. Verräther, dachteſt du, es werde Phaͤdra In ſeiges Schweigen deine Schuld begraben, 54 So mußteſt du beim Fliehen nicht das Schwert, Das dich verdammt, in ihren Händen laſſen. Du mußteſt, deinen Frevel ganz vollendend, Mit einem Streich ihr Stimm' und Leben rauben. Hippolyt. Mit Recht entrüſtet von ſo ſchwarzer Lüge, Sollt' ich die Wahrheit hier vernehmen laſſen; Doch, Herr, ich unterdrucke ein Geheimniß, Das dich betrifft, aus Ehrfurcht unterdrück' ich's. Du, billige das Gefühl, das mir den Mund Verſchließt, und, ſtatt dein Leiden ſelbſt zu mehren, Pruüfe mein Leben! Denke, wer ich bin! Vor großen Freveln gehen andre ſtets Vorher; wer Einmal aus den Schranken trat, Der kann zuletzt das Heiligſte verletzen. Wie die Tugend, hat das Laſter ſeine Grade; Nie ſah man noch unſchuld'ge Schüchternheit Zu wilder Frechheit plotzlich ubergehn. Ein Tag macht keinen Mörder, keinen Schänder Des Bluts aus einem tugendhaften Mann. An einer Heldin keuſcher Bruſt genährt, Hab' ich den reinen Urſprung nicht verläugnet; Aus ihrem Arm hat Pittheus mich empfangen, Der fromm vor allen Menſchen ward geachtet; Ich möchte mich nicht ſelbſt zu ruͤhmlich ſchildern; Doch, iſt mir ein'ge Tugend zugefallen, So denk' ich, Herr, der Abſcheu eben war's Vor dieſen Gräueln, deren man mich zeiht, Was ich von je am lauteſten bekannt. Den Ruf hat Hippolyt bei allen Griechen! Selbſt bis zur Rohheit trieb ich dieſe Tugend; à Man kennt die Härte meines ſtrengen Sinns; Nicht reiner iſt das Licht als meine Seele, Und ein ſtrafbares Feuer ſollt' ich nähren? Theſeus. Ja, eben dieſer Stolz, o Schändlicher, Spricht dir das Urtheil. Deines Weiberhaſſes Verhaßte Quelle liegt nunmehr am Tag. Nur Phädra rührte dein verkehrtes Herz, Und fuhllos war es für erlaubte Liebe. Hippslyt. Nein, nein, mein Vater, dieſes Herz— nicht laͤnger Verberg' ich dir's— nicht fuͤhllos war dieß Herz Für keuſche Liebe! Hier zu deinen Fußen Bekenn' ich meine wahre Schuld— Ich liebe, Mein Vater, liebe gegen dein Verbot! Aricia hat meinen Schwur;— ſie iſt's, Pallantes Tochter, die mein Herz beſiegte; Sie bet' ich an, nur ſie, wie ſehr ich auch, Herr, dein Gebot verletze, kann ich lieben. Theſeus. Du liebſt ſie!— Nein, der Kunſtgriff taͤuſcht mich nicht. Du gibſt dich ſtrafbar, um dich rein zu waſchen. Hippolyt. Herr, ſeit ſechs Monden meid' ich— lieb⸗ ich ſie! Ich kam mit Zittern, dieß Geſtaͤndniß dir Zu thun— (Da Theſeus ſich mit Unwillen abwendet.) Weh mir! Kann nichts dich üͤberzeugen? Durch welche gräßliche Betheurungen Soll ich dein Herz beruhigen— So möge Der Himmel mich, ſo mögen mich die Götter— 56 Theſeus. Mit Meineid hilft ſich jeder Böſewicht. Hör' auf! Hör' auf, mit eitlem Wortgepraͤng' Mir deine Heucheltugend vorzurühmen! Hippolyt. Erheuchelt ſcheint ſie dir. Phaͤdra erzeigte mir In ihrem Herzen mehr Gerechtigkeit. Theſeus. Schamloſer, deine Frechheit geht zu weit! Hippolyt. Wie lang' ſoll ich verbannt ſeyn und wohin? Theſeus. Und gingſt du weiter als bis Herculs Säulen, Noch glaubt' ich dem Verräther mich zu nah. Hippslyt. Beladen mit ſo gräßlichem Verdacht, Wo find' ich Freunde, die mir Mitleid ſchenken, Wenn mich ein Vater von ſich ſtößt? 3 Theſeus. Geh hin! Geh, ſuche dir Freunde, die den Ehbruch ehren, Blutſchande loben, ſchändliche, pflichtloſe Verräther ohne Schamgefühl und Ehre, Werth, einen Schaͤndlichen, wie du, zu ſchützen! Hippolyt. Du ſprichſt mir immerfort von Ehebruch, Von— doch ich ſchweige. Aber Phaͤdra ſtammt Von einer Mutter— Phaͤdra iſt erzeugt Aus einem Blut, du weißt es, das vertrauter Mit ſolchen Gräueln iſt, als meines! 57 Theſeus. Ha! So weit darf deine Frechheit ſich vergeſſen Mir in das Angeſicht? Zum Letztenmal! Aus meinen Augen! Geh hinaus, Verräther! Erwarte nicht, daß ich in Zorneswuth Dich mit Gewalt von hinnen reißen laſſe! (Hippolyt geht ab.) Dritter Auftritt. Theſeus allein). Geh, Elender! Du gehſt in dein Verderben! Denn bei dem Fluß, den ſelbſt die Götter ſcheuen, Gab mir Neptun ſein Wort und hält's. Dir folgt Ein Rachedaͤmon, dem du nicht entrinnſt. — Ich liebte dich, und fühle zum voraus Mein Herz bewegt, wie ſchwer du mich auch kränkteſt. Doch zu gerechte Urſach' gabſt du mir, Dich zu verdammen— Nein gewiß, nie ward Ein Vater mehr beleidigt— Große Götter, Ihr ſeht den Schmerz, der mich zu Boden drückt! Konnt' ich ein Kind ſo ſchlimmer Art erzeugen? 58 Vierter Auftritt. Phädra. Theſeus. Phädra. Ich komm', o Herr, von Schrecken hergetrieben, Die Stimme deines Zorns drang in mein Ohr; Der Drohung, fürcht' ich, folgte raſch die That. O wenn's noch Zeit iſt, ſchone deines Bluts! Ich fleh' dich drum— Erſpare mir den Gräuel, Daß es um Rache ſchreie wider mich. O gib mich nicht dem ew'gen Schmerz zum Raub, Daß ich den Sohn durch Vaters Hand gemordet! Theſeus. Nein, Phaͤdra, meine Hand befleckte ſich Mit meinem Blute nicht! Dennoch iſt mir Der Frevler nicht entwiſcht. Mit ſeiner Rache Wird eine Götterhand beſchaͤftigt ſeyn. Neptun iſt mir ſie ſchuldig. Sey gewiß: Du wirſt gerächt! Phädra. Neptun iſt ſie dir ſchuldig! Was? Hätteſt du den Gott in deinem Zorn— Theſeus. Wie? Fürchteſt du, daß mich der Gott erhöre? O theile vielmehr mein gerechtes Flehn! In aller Schwärze zeig' mir ſeine Schuld! Erhitze meinen allzu trägen Zorn! Du kenneſt ſeine Frevel noch nicht alle. Der Wüthende, er wagt's noch, dich zu ſchmähn; Dein Mund ſey voll Betrugs. Aricia habe Sein Herz und ſeine Treu'. Er liebe ſie. Phäpra. Was? Theſeus. Er behauptet's mir ins Angeſicht! Doch ſolchen Kunſtgriff weiß ich zu verachten. Schaff’ uns, Neptun, nur ſchnell Gerechtigkeit! Ich gehe ſelbſt, in ſeinem Tempel ihn An ſein unſterblich Götterwort zu mahnen. (Er geht ab.) Fünfter Auftritt. Phädra gallein). Er geht— Welch eine Rede traf mein Ohr! Welch kaum erſticktes Feuer zundet ſich Aufs neu' in meinem Herzen an! O Schlag Des Donners, der mich trifft! Unſebge Nachricht! Ich flog hieher, ganz Eifer, ſeinen Sohn Zu retten; mit Gewalt entriß ich mich Den Armen der erſchrockenen Oenone; Die Stimme des Gewiſſens wollte ſiegen; Wer weiß, wohin die Reue mich gefuͤhrt! Vielleicht ging ich ſo weit, mich anzuklagen. Vielleicht, wenn man ins Wort mir nicht gefallen, Entwiſchte mir die fürchterliche Wahrheit. — Gefühl hat Hippolvt und keins für mich! Aricia hat ſein Herz und ſeine Schwüre! 60 Ihr Götter, da der Undankbare ſich Mir gegenüber mit dem ſtolzen Blick, Mit dieſer ſtrengen Stirn bewaffnete, Da glaubt' ich ihn der Liebe ganz verſchloſſen,“ Gleich unempfindlich für mein ganz Geſchlecht, AUnd eine Andre doch wußt' ihn zu rühren! Vor ſeinem Stolz fand eine Andre Gnade! Vielleicht hat er ein leicht zu rührend Herz; Nur ich bin ſeinen Augen unerträglich! Und ich bemühe mich, ihn zu vertheidigen! [Sechster Auftritt. Phädra. Oenone. Phädra. O weißt du, was ich jetzt vernahm, Oenone? Oenone. Nein, aber zitternd komm' ich her; ich will's Nicht läugnen. Mich erſchreckte der Entſchluß, Der dich heraus geführt. Ich fürchtete, Du möchteſt dich im blinden Eifer ſelbſt Verrathen. . Phädra. Ach, wer hätt's geglaubt, Oenone! Man liebte eine Andre!* Oenone. Wie? Was ſagſt du? 61 Phäpra, Hippolyt liebt! Ich kann nicht daran zweifeln. Ja, dieſer ſcheue Wilde, den die Ehrfurcht Beleidigte, der Liebe zaͤrtlich Flehn Verſcheuchte, dem ich niemals ohne Furcht Genaht, der wilde Tiger iſt gebändigt: Aricia fand den Weg zu ſeinem Herzen. Oenone. Aricia! Phädra. O nie gefuͤhlter Schmerz! Zu welcher neuen Qual ſpart' ich mich auf! Was ich erlitten bis auf dieſen Tag, Die Furcht, die Angſt, die Raſereien alle Der Leidenſchaft, der Wahnſinn meiner Liebe, Des innern Vorwurfs grauenvolle Pein, Die Kränkung ſelbſt, die unerträgliche, Verſchmäht zu ſeyn, es war ein Anfang nur Der Folterqualen, die mich jetzt zerreißen. Sie lieben ſich! Durch welches Zaubers Macht Vermochten ſie's, mein Auge ſo zu täuſchen? Wie ſahn ſie ſich? Seit wann? An welchem Ort? Du wußteſt drum; wie ließeſt du's geſchehn, Und gabſt mir keinen Wink von ihrer Liebe? Sah man ſie oft ſich ſprechen, und ſich ſuchen? Der dunkle Wald verbarg ſie?— Wehe mir! Sie konnten ſich in voller Freiheit ſehn; Der Himmel billigte ihr ſchuldlos Lieben; Sie folgten ohne Vorwurf, ohne Furcht Dem ſanften Zug der Herzen. Hell und heiter Ging jedes Tages Sonne für ſie auf! 6² Und ich, der traur'ge Auswurf der Natur, Verbarg mich vor dem Licht; der einz'ge Gott, Den ich zu rufen wagte, war der Tod. Ihn ſah ich ſchon mit ſchnellen Schritten nahn; Mit Thränen nährt' ich mich, mit bitterm Gram, Und ſelbſt in meinen Thränen durft' ich nicht Nach Herzenswunſche mich erſättigen! Vom Blick der Neugier allzu ſcharf bewacht, Genoß ich zitternd dieſe traur'ge Luſt; Ja, oft mußt' ich ſie gänzlich mir verſagen, Und unter heitrer Stirn den Gram verbergen. Oenone. Was hoffen ſie für Frucht von ihrer Liebe? Sie werden nie ſich wiederſehn! Phäpra. Sie werden Sich ewig lieben! Jetzt, indem ich rede, Verlachen ſie, o tödtender Gedanke! Den ganzen Wahnſinn meiner Liebeswuth! Umſonſt verbannt man ihn; ſie ſchwören ſich's Mit tauſend Schwüren, nie ſich zu verlaſſen. Nein, ich ertrag's nicht, dieſes Glück zu ſehn, Oenone, das mir Hohn ſpricht— Habe Mitleid Mit meiner eiferſucht'gen Wuth! Aricia Muß fallen! Man muß den alten Haß des Königs Erregen wider dieß verhaßte Blut! Nicht leicht ſoll ihre Strafe ſeyn; die Schweſter Hat ſchwerer ſich vergangen als die Brüder. In meiner Eiferſucht, in meiner Wuth Erfleh' ich's von dem König! (Wie ſie gehen will, haͤlt ſie ploͤtzlich an und beſinnt ſich.) 63 Was will ich thun? Wo reißt die Wuth mich hin? Ich eiferſüchtig! Und Theſeus iſt's, den ich erflehen will! Mein Gatte lebt und mich durchrast noch Liebe! Fuͤr wen? Um welches Herz wag' ich zu buhlen? Es ſträubt mir grauſend jedes Haar empor; Das Maß des Graͤßlichen hab⸗ ich vollendet. Blutſchande athm' ich und Betrug zugleich; Ins Blut der Unſchuld will ich, rachegluhend, Die Mörderhände tauchen— Und ich lebe! Ich Elende! Und ich ertrag' es noch, Zu dieſer heil'gen Sonne aufzublicken, Von der ich meinen reinen Urſprung zog. Den Vater und den Oberherrn der Götter Hab' ich zum Ahnherrn; der Olympus iſt, Der ganze Weltkreis voll von meinen Ahnen. Wo mich verbergen? Flieh' ich in die Nacht Des Todtenreichs hinunter? Wehe mir! Dort haͤlt mein Vater des Geſchickes Urne; Das Ldos gab ſie in ſeine ſtrenge Hand; Der Todten bleiche Schaaren richtet Minos. Wie wird ſein ernſter Schatten ſich entſetzen, Wenn ſeine Tochter vor ihn tritt, gezwungen, Zu Freveln ſich, zu Graͤueln zu bekennen, Davon man ſelbſt im Abgrund nie vernahm! Was wirſt du, Vater, zu der graͤßlichen Begegnung ſagen? Ach, ich ſehe ſchon Die Schreckensurne deiner Hand entfallen; Ich ſehe dich, auf neue Qualen ſinnend, Ein Henker werden deines eignen Bluts. Vergib mir! Ein erzürnter Gott verderbte 64 Dein ganzes Haus; der Wahnſinn deiner Tochter Iſt ſeiner Rache fuͤrchterliches Werk! Ach, von der ſchweren Schuld, die mich befleckt, Hat dieſes traur'ge Herz nie Frucht geerntet! Ein Raub des Ungluͤcks bis zum letzten Hauch, End' ich in Martern ein gequältes Leben. Oensne. 8 Verbanne endlich doch den leeren Schrecken, Gebieterin! Sieh ein verzeihliches Vergehn mit andern Augen an! Du liebſt! Nun ja! Man kann nicht wider ſein Geſchick. G Du warſt durch eines Zaubers Macht verfuhrt; Iſt dieß denn ein ſo nie erhörtes Wunder? Biſt du die Erſte, die der Liebe Macht Empfindet? Schwache Menſchen ſind wir alle; Sterblich geboren, darfſt du ſterblich fehlen. Ein altes Joch iſt's, unter dem du leideſt! Die Götter ſelbſt, die himmliſchen dort oben, Die auf die Frevler ihren Donner ſchleudern, Sie brannten manchmal von verbotner Gluth. Phädra. Was hör' ich? Welchen Rath darfſt du mir geben? So willſt du mich denn ganz im Grund vergiften, Unſel'ge! Sieh, ſo haſt du mich verderbt! Dem Leben, das ich floh, gabſt du mich wieder; Dein Flehn ließ mich meine Pflicht vergeſſen: Ich flohe Hippolyt; du triebſt mich, ihn zu ſehn. Wer trug dir auf, die Unſchuld ſeines Lebens Mit ſchändlicher Beſchuldigung zu ſchwärzen? Sie wird vielleicht ſein Tod, und in Erfullung Geht ſeines Vaters mörderiſcher Fluch. 65 — Ich will dich nicht mehr hören. Fahre hin, Fluchwurdige Verführerin! Mich ſelbſt Laſſ' ſorgen für mein jammervolles Loos! Möy' dir's der Himmel lohnen nach Verdienſt, Und deine Strafe ein Entſetzen ſeyn Fuͤr Alle, die, mit ſchändlicher Geſchäftig eit Wie du, den Schwächen ihrer Fuͤrſten dienen, Uns noch hinſtoßen, wo das Herz ſchon treibt, Und uns den Weg des Freyels eben machen! Verworfne Schmeichler, die der Himmel uns In ſeinem Zorn zu Freunden hat gegeben! (Sie geht ab.) Oenone aallein). Geopfert hab' ich Alles, Alles hab' ich Gethan, um ihr zu dienen! Große Götter! Das iſt mein Lohn! Mir wird, was ich verdiene. Schillers ſammtl. Werke. VII. 1 Fünfter Anfzug. Erſter Auftritt. Hippolyt. Aricia. Ismene. Arieia. Du ſchweigſt in dieſer aͤußerſten Gefahr? Du laͤſſeſt einen Vater, der dich liebt, In ſeinem Wahn! O wenn dich meine Thranen Nicht rühren, Grauſamer! wenn du ſo leicht Dich drein ergibſt, mich ewig zu verlieren, Geh hin, verlaſſ' mich, trenne dich von mir, Doch ſichre wenigſtens zuvor dein Leben! Vertheidige deine Ehre! Reinige dich Von einem ſchaͤndlichen Verdacht! Erzwing's Von deinem Vater, ſeinen blut'gen Wunſch Zu widerrufen! Noch iſt's Zeit. Warum Das Feld frei laſſen deiner blut'gen Feindin? Verſtaͤndige den Theſeus! Hippalyt. Hab' ich's nicht Gethan? Sollt' ich die Schande ſeines Bettes Enthullen ohne Schonung, und die Stirn' 67 Des Vaters mit unwuͤrd'ger Röthe faͤrben? Du allein durchdrangſt das graͤßliche Geheimniß; Dir und den Göttern nur ann ich mich öffnen. Dir konnt' ich nicht verbergen, was ich gern Mir ſelbſt verbarg— Urtheil, ob ich dich liebe! Jedoch bedenke, unter welchem Siegel Ich dir's vertraut! Vergiß, wenn's moͤglich iſt, Was ich geſagt, und deine reinen Lippen Beflecke nie die g ßliche Geſchichte! Laſſ' uns der Götter Billigkeit vertrauen; Ihr eigner Vortheil iſt's, mir Recht zu ſchaffen, Und fruͤher oder ſp'ter, ſey gewiß⸗ Wird Phaͤdra ſchmachvoll ihr Verbrechen büßen. Hierin allein leg' ich dir Schonung auf; Frei folg' ich meinem Zorn in allem Andern. Verlaſſ' die Knechtſchaft, unter der du ſeußzeſt! Wag's, mir zu folgen! theile meine Flucht! Entreiß' dich dieſem unglückſebgen Ort, Wo Unſchuld eine ſchwere Giftluft athmet! Jetzt, da mein Unfall allgemeinen Schrecken Verbreitet, kannſt du unbemerkt entkommen. Die Mittel geb' ich dir zur Flucht; du haſt Bis jetzt noch keine Wäͤchter als die meinen. Uns ſtehen mächtige Beſchutzer bei; Argos und Sparta reichen uns den Arm; Komm'! Bieten wir fur unſre gute Sache Die Hulfe deiner, meiner Freunde auf! Ertragen wir es nicht, daß Phäͤdra ſich Bereichre mit den Truͤmmern unſers Glücks, Aus unſerm Erb' uns treibe, dich und mich, Und ihren Sohn mit unſerm Naube ſchmucke! 68 Komm, eilen wir! Der Augenblick iſt günſtig. — Was furchteſt du? Du ſcheinſt dich zu bedenken. Dein Vortheil ja macht einzig mich ſo kühn, Und lauter Eis biſt du, da ich voll Gluth? 4 Du fuͤrchteſt, dich dem Flüchtling zu geſellen? Ariia. O ſchönes Loos, mich ſo verbannt zu ſehn! Geknüpft an dein Geſchick, wie ſelig froh Wollt' ich von aller Welt vergeſſen leben! Doch, da ſo ſchönes Band uns nicht vereint, Erlaubt's die Ehre mir, mit dir zu fliehn? Aus deines Vaters Macht kann ich mich wohr Befrei'n, der ſtrengſten Ehre unbeſchadet: Das heißt ſich lieben Freunden nicht entreißen; Flucht iſt erlaubt, wenn man Tyrannen flieht. Doch, Herr— du liebſt mich— Furcht fuͤr meine Ehre— Hippolyt. Nein, nein, zu heilig iſt mir deine Ehre! Mit edlerem Entſchluſſe kam ich her. Flieh deinen Feind und folge deinem Gatten! Frei macht uns unſer Unglück. Wir ſind Niemands. Frei können wir jetzt Herz und Hand verſchenken, Die Fackeln ſind's nicht, die den Hymen weihen. Unfern dem Thor Trözens, bei jenen Graͤbern, Wo meiner Anherrn alte Male ſind, Stellt ſich ein Tempel dar, furchtbar dem Meineid. Hier wagt man keinen falſchen Schwur zu thun: Denn ſchnell auf das Verbrechen folgt die Rache; Das Graun des unvermeidlichen Geſchicks Hält unter fuͤrchterlichem Zaum die Lüge. Dort laſſ' uns hingehn und den heil'gen Bund 69 Der ew'gen Liebe feierlich geloben! Den Gott, der dort verehrt wird, nehmen wir Zum Zeugen; beide flehen wir ihn an, Daß er an Vaters Statt uns möge ſeyn! Die heiligſten Gottheiten ruf' ich an, Die keuſche Diane, die erhabne Juno, Sie alle, die mein liebend Herz erkannt, Sie ruf' ich an zu meines Schwures Burgen! Ariecia. 3 Der Koͤnig kommt. O fliehe eilends, fliehe! Um meine Flucht zu bergen, weil' ich noch. Geh, geh, und laſſ' mir einen treuen Freund, Der meinen bangen Schritt zu dir geleite. Gippolyt geht ab.) Zweiter Auftritt. Theſeus. Aricia. Ismene. Theſeus (im Eintreten fuͤr ſich). Ihr Götter, ſchafft mir Licht in meinem Zweifel! Deckt mir die Wahrheit auf, die ich hier ſuche! Aricia(zu Ismenen). Halt' Alles zu der Flucht bereit, Ismene! (Jomene geht ab.) 70 Dritter Auftritt. Theſeus. Aricia. Theſeus. Du entfärbſt dich, Könisin? Du ſcheinſt erſchrocken! Was wollte Hippolyt an dieſem Ort? Aricia. Er ſagte mir ein ewig Lebewohl. Cheſeus. Du wußteſt dieſes ſtolze Herz zu ruͤhren, Und deine Schönheit lehrte ihn die Liebe. Aricia. Wahr iſt's, o Herr! den ungerechten Haß Hat er von ſeinem Vater nicht geerbt, Hat mich nicht als Verbrecherin behandelt. Theſeus. Ja, ja, ich weiß. Er ſchwur dir ewege Liebe; Doch baue nicht auf dieſes falſche Herz! Au undern ſchwur er eben das. Aricia. Er that es? Cheſeus. Du hätteſt ihn beſtänd'ger machen ſollen! Wie ertrugſt du dieſe gräßliche Gemeinſchaft? Aricia. und wie erträgſt du, daß die graͤßliche Beſchuldigung das ſchonſte Leben ſchmäht? Kennſt du ſein Herz ſo wenig? Kannſt du Schuld Von Unſchuld denn ſo gar nicht unterſcheiden? 71 Muß ein verhaßter Nebel deinem Aug' Allein die hohe Reinigkeit verbergen, Die hell in Aller Augen ſtrahlt? Du haſt Zu lang ihn falſchen Zungen preisgegeben. Geh' in dich, Herr! Bereue, widerrufe Die blut'gen Wünſche! Furchte, daß der Himmel So ſehr dich haſſe, um ſie zu gewähren! Oft nimmt er unſer Opſer an im Zorn, Und ſtraft durch ſeine Gaben unſre Frevel. Theſeus. Nein, nein, umſonſt bedeckſt du ſein Vergehn! Dich blendet Liebe zu dem Undankbaren. Ich halte mich an zuverläſſ'ge Zeugen; Ich habe wahre Thraͤnen fließen ſehn. Aricia. Gib Acht, o Herr! Unzähl’e Ungeheuer Vertilgte deine tapfre Hand, doch Alles Iſt nicht vertilgt, und leben ließeſt du Noch ein— Dein Sohn verwehrt mir fortzufahren: Des Vaters Ehre, weiß ich, iſt ihm heilig; Ich würd' ihm weh' thun, wenn ich endete. Nacheifr' ich ſeiner edeln Scham und flieh' Aus deinen Augen, um nicht mehr zu ſagen. (Sie geht ab.) 7² Vierter Auftritt. Theſeus alein. Was kann ſie meinen? Was verhüllen mir Die halben Worte, die man nie vollendet? Will man mich hintergehn? Verſtehn ſich Beide Zuſammen, mich zu ängſtigen?— Doch ich ſelbſt? Trotz meines ſchweren Zornes, welche Stimme Des Jammers ruft in meiner tiefſten Seele? Ein heimlich Mitleid rührt mich wunderbar. Zum Zweitenmal laßt uns Oenonen fragen; Den ganzen Frevel will ich hell durchſchauen. (Zu der Wache.) Oenone komme vor mich und allein! Fünfter Auftritt. Theſeus. Panope. Panope. Ich weiß nicht, Herr, worauf die Fürſtin ſinnt, Doch ihre Schwermuth laͤßt mich Alles furchten. In ihren Zügen malt ſich die Verzweiflung, Und Todesblaͤſſe deckt ihr Angeſicht. Schon hat Oenone ſich, die ſie mit Schmach Verſtieß, ins tiefe Meer hinabgeſtürzt. Man weiß den Grund nicht der Verzweiflungsthat; Vor unſerm Aug' verſchlangen ſie die Wellen. 73 Theſeus. Was hör' ich! Panope. Doch ihr Tod hat Phädra nicht beruhigt, Ja, ſteigend immer mehrt ſich ihre Angſt. Bald ſtürzt ſie ſich im heſtigen Gefuhl Auf ihre Kinder, badet ſie in Thränen, Als brächt' es Lindrung ihrem großen Schmerz, Und plötzlich ſtößt ſie ſie mit Grauen weit. Von ſich, das Herz der Mutter ganz verläugnend. Sie ſchweiſt umher mit ungewiſſem Schritt, Ihr irrer Blick ſcheint uns nicht mehr zu kennen; Dreimal hat ſie geſchrieben, dreimal wieder Den Brief zerriſſen, ihre Meinung andernd. O elle, ſie zu ſehen! ſie zu retten! Theſeus. Oenone todt und Phädra ſtirbt! Ihr Götter! — Ruft meinen Sohn zuruck! Er komme, ſpreche, Vertheidige ſich! Ich will ihn hören! Eilt! Panope geht ab.) O nicht zu raſch, Neptun, erzeige mir Den blut'gen Dienſt! Magſt du mich lieber nie erhören! Zu viel vielleicht vertraut' ich falſchen Zeugen; Zu raſch hab' ich die Hand zu dir erhoben! Weh mir! Verzweiflung haͤtt' ich mir erfleht! 74 Sechster Auſtritt. Theſeus. Theramen. Theſeus. Biſt du es, Theramen? Wo bleibt mein Sohn? Dir hab' ich ihn als zartes Kind vertraut! Doch was bedeuten dieſe Thränen, ſprich, Die ich dich weinen ſeh'?— Was macht mein Sohn? CTheramen. O allzu ſpäte, überfluſſ'ge Sorgfalt! Fruchtloſe Vaterliebe! Hippolyt — Iſt nicht mehr! Cheſeus. Goͤtter! Theramen. Sterben ſah ich ihn, Den holdeſten der Sterblichen und auch Den minder Schuldigſten, ich darf es ſagen. Cheſeus. Mein Sohn iſt todt! Weh mir! Jetzt, da ich ihm Die Arme öffnen will, beſchleunigen Die Götter ungeduldig ſein Verderben! Welch Ungluck hat ihn, welcher Blitz entrafft? Theramen. Kaum ſahen wir Trözene hinter uns, Er war auf ſeinem Wagen, um ihn her Still, wie er ſelbſt, die trauernden Begleiter, Tief in ſich ſelbſt gekehrt folgt' er der Straße, Die nach Mycena fuhrt, die ſchlaffen Zügel Nachlaͤſſig ſeinen Pferden uberlaſſend. 7⁵ Die ſtolzen Thiere, die man ſeinem Rufe Mit edler Hitze ſonſt gehorchen ſah, Sie ſchienen jetzt, ſtarr blickend und das Haupt Geſenkt, in ſeine Schwermuth einzuſtimmen. Plötzlich zerriß ein ſchreckenvoller Schrei, Der aus dem Meer aufſtieg, der Lüfte Stille, Und ſchwer aufſeufzend aus der Erde Schoß Antwort eine furchterliche Stimme Dem grauſenvollen Schrei. Es trat uns allen Eiskalt bis an das Herz hinan; aufhorchten Die Roſſe, und es ſträubt' ſich ihre Maͤhne. Indem erhebt ſich aus der flüſſ'gen Ebne Mit großem Wallen hoch ein Waſſerberg, Die Woge naht ſich, öffnet ſich, und ſpeit Vor unſern Augen, unter Fluthen Schaums, Ein wuͤthend Unthier aus. Furchtbare Hörner Bewaffnen ſeine breite Stirne; ganz Bedeckt mit geben Schuppen iſt ſein Leib; Ein grimm'ger Stier, ein wilder Drache iſt's; In Schlangenwindungen krümmt ſich ſein Rücken. Sein hohles Brüllen macht das Ufer zittern, Das Scheuſal ſieht der Himmel mit Entſetzen, Auf bebt die rde, weit verpeſtet iſt Von ſeinem Hauch die Luft, die Woge ſelbſt, Die es heran trug, ſpringt zurück mit Grauſen. Alles entflieht, und ſucht, weil Gegenwehr Umſonſt, im naͤchſten Tempel ſich zu retten. Nur Hippolyt, ein wurd'ger Heldenſohn, Haͤtt ſeine Pferde an, faßt ſein Geſchoß, Zielt auf das Unthier, und, aus ſichrer Hand Den maͤcht'gen Wurſſpieß ſchleudernd, ſchlägt er ihm 76 Tief in den Weichen eine weite Wunde. Auf ſpringt das Ungethüm vor Wuth und Schmerz, Stürzt vor den Pferden brüllend hin, wälzt ſich, und gaͤhnt ſie an mit weitem flammendem Rachen, Der Rauch und Blut und Feuer auf ſie ſpeit. Sie rennen ſcheu davon, nicht mehr dem Ruf Der Stimme, nicht dem Zugel mehr gehorchend. Umſonſt ſtrengt ſich der Fuhrer an; ſie röthen Mit blut'gem Geifer das Gebiß; man will Sogar in dieſer ſchrecklichen Verwirrung Einen Gott geſehen haben, der den Stachel In ihre ſtaubbedeckten Lenden ſchlug. Quer durch die Felſen reißt die Furcht ſie hin, Die Achſe kracht, ſie bricht; dein kuͤhner Sohn Sieht ſeinen Wagen morſch in Stucke fliegen, Er ſelbſt ſtürzt und verwirrt ſich in den Zugeln. — O Herr, verzeihe meinen Schmerz! Was ich Jetzt ſah, wird ew'ge Thränen mir entlocken. Ich ſahe deinen heldenmuͤth'gen Sohn, Sah ihn geſchleift, o Herr, von dieſen Roſſen, Die er gefuͤttert mit der eignen Hand. Er will ſie ſtehen machen; ſeine Stimme Erſchreckt ſie nur; ſie rennen um ſo mehr. Bald iſt ſein ganzer Leib nur Eine Wunde. Die Ebne hallt von unſerm Klaggeſchrei; Ihr wuthend Ungeſtum läßt endlich nach; Sie halten ſtill, unfern den alten Gräbern, Wo ſeine königlichen Ahnen ruhn. Ich eile ſeufzend hin, die Andern folgen, Der Spur nachgehend ſeines edeln Bluts; Die Felſen ſind davon gefärbt; es tragen 77 Die Dornen ſeiner Haare blut'gen Raub. Ich lange bei ihm an, ruf' ihn mit Namen; Er ſtreckt mir ſeine Hand entgegen, öffnet Ein ſterbend Aug', und ſchließt es alsbald wieder: „Der Himmel,“ ſpricht er,„entreißt mir mit Gewalt „Ein ſchuldlos Leben. O, wenn ich dahin, „Nimm, theurer Freund, der ganz verlaſſenen „Aricia dich an!— Und kommt der⸗inſt „Mein Vater zur Erkenntniß, jammerr er „Um ſeinen fälſchlich angeklagten Sohn, „Sag' ihm, um meinen Schatten zu verſöhnen, „Mög' er an der Gefangnen guͤtig handeln, „Ihr wiedergeben, was—“ Hier hauchte er Die Heldenſeele aus; in meinen Armen Blieb ein entſtellter Leichnam nur zurück, Ein traurig Denkmal von der Götter Zorn, Unkenntlich ſelbſt fuͤr eines Vaters Auge! Theſeus. O ſüße Hoffnung, die ich ſelbſt mir raubte! Mein Sohn! mein Sohn! Ihr unerweichten Götter, Mir habt ihr nur zu gut gedient!— Mein Leben Hab' ich dem ew'gen Jammer aufgeſpart! Theramen. Aricia kam jetzt, entſchloſſen kam ſie, Vor deinem Zorn zu fliehn, im Angeſicht Der Göͤtter ihn zum Gatten zu empfangen. Sie naͤhert ſich, ſie ſieht das Gras geroͤthet Und rauchend noch, ſie ſieht— ſieht Hippolyt— O welch ein Anblick für die Liebende!— Dahingeſtreckt, geſtaltlos, ohne Leben! Sie will noch jetzt an ihrem Ungluck zweiſeln; 78 Ihr Aug' erkennt nicht mehr die theuren Züge; Sie ſieht ihn vor ſich, und ſie ſucht ihn noch. Doch als es endlich ſchrecklich ſich erklärt, Da klagt ihr Schmerzensblick die Goͤtter an, Und mit gebrochnem Seufzer, halb entſeelt, Entſinkt ſie bleich zu des Geliebten Füßen. Ismene iſt bei ihr und ruft ſie weinend Zum Leben, ach! zum Schmerz vielmehr, zurück. Und ich, das Lich der Sonne haſſend, kam, Den letzten Willen dieſer Heldenſeele Dir kund zu thun, o Herr, und mich des Amts, Das er mir ſterbend auftrug, zu entladen. — Doch hier erbliak' ich ſeine blut ge Feindin. Siebenter und letzter Auftritt. CTheſeus. Phädra. Theramen. Panope. Theſeus. Nun wohl, du haſt geſiegt, mein Sohn iſt todt. Ach, wie gerechten Grund hab' ich, zu fürchten! Welch grauſamer Verdacht erhebt ſich furchtbar In mir, und ſpricht ihn frei in meinem Herzen! Doch— er iſt todt! Unſchuldig oder ſchuldig! Nimm hin dein Opfer! Freu' dich ſeines Falls! Ich will'ge drein, mich ewig zu betrügen! Du klagſt ihn an, ſo ſey er ein Verbrecher! Schon g'nug der Thränen koſtet mir ſein Tod; Nicht brauch' ich's, ein verhaßtes Licht zu ſuchen, Das meinem Schmerz ihn doch nicht wieder gibt, Vielleicht das Maß nur meines Ungluͤcks fuͤllt. 79 Laſſ' mich, weit, weit von dir und dieſem Ufer Das Schreckbild fliehen des zerriſſ'nen Sohns! Herausfliehn möcht' ich aus der ganzen Welt, Um dieſer Qual⸗Erinn'rung zu entweichen. Was mich um it, rückt mir mein Unrecht vor; Zur Strafe wird mir jetzt mein großer Name; Minder bekannt, verbärg' ich mich ſo mehr; Die Huld ſogar der Götter muß ich haſſen; Beweinen will ich ihre blut'ge Gunſt; Mein eit» lehn ſoll ſie nicht mehr beſtürmen. Was ſie auch fuͤr mich thun, ihr tr ur'ger Eifer Erſetzt mir nie mehr, was er mir geraubt! Phädra. Es ſey genug des ungerechten Schweigens, Theſeus! Recht widerfahre deinem Sohn! Er war nicht ſchuldig. Theſeus. O ich unglückſel'ger Vater! Weh mir, und auf dein Wort verdamwt⸗ ich ihn! Grauſame, damit glaubſt du dich entſchuldigt? Phädra. Die Zeit iſt koſtbar. Theſeus, höre mich! Ich ſelbſt war's, die ein laſterhaftes Auge Auf deinen keuſchen Sohn zu richten wagte. Der Himmel zundete die Unglucksflamme In meinem Buſen an— Was nun geſchah, Vollführte die verdammliche Oenone. Sie furchtete, daß Hippolyt, empört Von meiner Schuld, ſie dir entdecken moͤchte, Und eilte, die Verrätherin! weil ich Nur ſchwach ihr widerſtand, ihn anzuklagen. 8⁰ Sie hat ſich ſelbſt gerichtet, und, verbannt Aus meinem Angeſicht, im Schoß des Meers Allzu gelinden Untergang gefunden. Mein Schickſal würde längſt ein ſchneller Stahl Geendigt haben; doch dann ſchmachtete Nur unter ſchimpflichem Verdacht die Tugend. Um meine Schuld dir reuend zu geſtehn, Wählt' ich den langſameren Weg zum Grabe. Ein Gift flößt' ich in meine gluͤhenden Adern, Das einſt Medea nach Athen gebracht; Schon fuͤhl' ich es zu meinem Herzen ſteigen; Mich faßt ein fremder, nie gefuͤhlter Froſt. Schon ſeh' ich nur durch einer Wolke Flor Den Himmel und das Angeſicht des Gatten, Den meine Gegenwart entehrt. Der Tod Raubt meinem Aug' das Licht und gibt dem Tag, Den ich befleckte, ſeinen Glanz zurüuck. anspe. Ach Herr, ſie ſtirbt! Theſeus. O ſtürbe doch mit ihr Auch die Erinnerung ſo ſchwarzer That! Kommt, laßt uns nunmehr, da wir unſer Unrecht, Ach, nur zu hell erkennen, mit dem Blut Des lieben Sohnes unſre Thränen miſchen! Kommt, ſeine theuren Reſte zu umfaſſen, Und unſers Wunſches Wahnſinn abzubüßen! Wie er's verdiente, ſoll ihm Ehre werden, Und kann es ſeine aufgebrachten Manen Beſänftigen, ſie, die er liebte, nehm' ich Zur Tochter an, was auch ihr Stamm verſchuldet. —-ò—õ:5⁹ę;— Der Paraſit oder die Kunſt, ſein Glück zu machen. Ein Luſtſpiel nach dem Franzöſiſchen. Schillers ſaͤmmtl. Werke. VII. Perſonuen. Narbonne, Miniſier. Madame Belmont, ſeine Mutter. Charlotte, ſeine Tochter⸗ Selicour, 2 La Roche, Subalternen des Miniſters. 1 Firmin, 1 Karl Firmin, des Letztern Sohn, Lieutenant. Michel, Kammerdiener des Miniſters. Robineau, ein junger Bauer, Selicours Vetter. Die Scene iſt zu Paris in einem Vorgemach des Miniſters. Erſter Aufzug. — Erſter Auftritt. Firmin der Vater und Karl Firmiu. Karl. Welch glücklicher Zufall!— Denken Sie doch, Vater!— Firmin. Was iſt's? Karl. Ich habe ſie wieder gefunden. Firmin. Wen? Karl. Charlotten. Seitdem ich in Paris bin, ſuchte ich ſie an allen öͤffentlichen Plaͤtzen vergebens— und das Erſtemal, daß ich zu Ihnen aufs Bureau komme, fuͤhrt mein Gluͤcksſtern ſie mir entgegen. Firmin. Aber wie denn?— Karl. Denken Sie doch nur! Dieſes herrliche Mäͤdchen, das ich zu Colmar im Haus ihrer Tante beſuchte— dieſ e Charlotte, die ich liebe und ewig lieben wecde— ſie iſt die Tochter— Firmin. Weſſen? Karl. Ihres Principals, des neuen Miniſters.— Ich kannte ſie immer nur unter dem Namen Charlotte.— Firmin. Sie iſt die Tochter? 84 Karl. Des Herrn von Narbonne. Firmin. Und du liebſt ſie noch? Karl. Mehr als jemals, mein Vater!— Sie hat mich nicht erkannt, glaub' ich; ich wollte ihr eben meine Verbeugung machen, als Sie hereintraten.— Und gut, daß Sie mich ſtörten! Denn was hüätte ich ihr ſagen koͤnnen! Meine Ver⸗ wirrung mußte ihr ſichtbar werden und meine Gefuhle ver⸗ rathen!— Ich beherrſche mich nicht mehr. Seit den ſechs Monaten, daß ich von ihr getrennt bin, iſt ſie mein einziger Gedanke— ſie iſt der Inhalt, die Seele meiner Gedichte— der Beifall, den man mir gezollt, ihr allein gebührt er; denn meine Liebe iſt der Gott, der mich begeiſtert. Firmin. Ein Poet und ein Verliebter überredet ſich Vie⸗ les, wenn er zwanzig Jahre alt iſt.— Auch ich habe in dei⸗ nen Jahren meine Verſe und meine Zeit verloren.— Schade, daß über dem ſchönen Wahn des Lebens beſte Hälfte dahin geht.— Und wenn doch nur wenigſtens einige Hoffnung bei dieſer Liebe wäre!— Aber nach etwas zu ſtreben, was man niemals erreichen kann!— Charlotte Narbonne iſt eines reichen und vornehmen Mannes Tochter— Unſer ganzer Reichthum iſt meine Stelle und deine Lieutenantsgage. Karl. Aber iſt das nicht ein wenig Ihre eigene Schuld, mein Vater? Verzeihen Sie! Mit Ihren Fäͤhigkeiten, wor⸗ nach könnten Sie nicht ſtreben! Wollten Sie Ihren Werth geltend machen, Sie wären vielleicht ſelbſt Miniſter, anſtatt ſein Commis zu ſeyn, und Ihr Sohn duürfte ungeſcheut ſeine Eaſpruͤche zu Charlotten erheben. Firmin. Dein Pater iſt das größte Genie, wenn man dich hört! Laſſ' gut ſeyn, mein Sohn! ich weiß beſſer, was ich werth bin! Ich habe einige Uebung, und bin zu brauchen — Aber wie viele ganz andere Maͤnner, als ich bin, bleiben 8⁵ im Dunkeln, und ſehen ſich von unverſchaͤmten Glückspilzen verdrängt— Nein, mein Sohn! Laſſ' uns doch nicht zu hoch hinaus wollen!.. Karl. Aber auch nicht zu wenig auf uns halten! Wie? Sollten Sie nicht unendlich mehr werth ſeyn, als dieſer Seli⸗ cour, Ihr Vorgeſetzter— dieſer aufgeblaſene Hohlkopf, der un⸗ ter dem vorigen Miniſter Alles machte, der ſich durch Nieder⸗ trächtigkeiten in ſeine Gunſt einſchmeichelte, Stellen vergab⸗ Penſionen erſchlich, und der jetzt auch ſchon bei dem neuen Miniſter Alles gilt, wie ich höre? Firmin. Was haſt du gegen dieſen Selicour? Wird ſein Geſchäft nicht gethan, wie es ſeyn ſoll? Karl. Ja, weil Sie ihm helfen.— Sie koͤnnen nicht läugnen, daß Sie drei Viertheile ſeiner Arbeit verrichten. Firmin. Man muß einander wechſelſeitig zu Gefallen ſeyn. Verſeh' ich ſeine Stelle, ſo verſieht er auch oft die meinige. Karl. Ganz recht! Darum ſollten Sie an ſeinem Platze ſtehen, und er an dem Ihren. Firmin. Ich will keinen Andern aus ſeinem Platze ver⸗ drängen, und bin gern da, wo ich ſtehe, in der Dunkelheit. Karl. Sie ſollten ſo hoch ſtreben, als Sie reichen können. — Daß Sie unter dem vorigen Miniſter ſich in der Entfer⸗ nung hielten, machte Ihrer Denkungsart Ehre, und ich be⸗ wunderte Sie darum nur deſto mehr.— Sie fühlten ſich zu edel, um durch die Gunſt erlangen zu wollen, was Ihrem Verdienſt gebuhrte. Aber Narbonne, ſagt man, iſt ein vor⸗ trefflicher Mann, der das Verdienſt aufſucht, der das Gute will. Warum wollen Sie aus übertriebener Beſcheidenheit auch jetzt noch der Unfähigkeit und Intrigue das Feld über⸗ laſſen? 86 Firmin. Deine Leidenſchaft verführt dich, Selicours Feh⸗ ler und mein Verdienſt zu übertreiben.— Sey es auch, daß Selicvur für ſein mittelmaͤßiges Talent zu hoch hinaus will, er iſt redlich und meint es gut. Mag er ſeine Ar⸗ beit thun oder durch einen Andern thun laſſen— wenn ſie nur gethan wird!— Und geſetzt, er tauge weniger, tauge ich um deſſentwillen mehr? Waͤchst mir ein Verdienſt zu aus ſeinem Unwerth? Ich habe mir bisher in meiner Verborgen⸗ heit ganz wohl gefallen, und nach keinem höhern Ziel geſtrebt. Sell ich in meinem Alter meine Geſinnung ändern? Mein Platz ſey zu ſchlecht fur mich! Immerhin! Weit beſſer, als wenn ich zu ſchlecht fur meine Stelle wäre. Karl. Und ich müßte alſo Charlotten entſagen? Zweiter Auftritt. La Voche. Beide Firmin. Firmin. Kommt da nicht La Roche? La Koche niedergeſchlagen). Er ſelbſt. Firmin. So ſchwermuthig? Was iſt Ihnen begegnet? LTa Noche. Sie gehen aufs Bureau! Wie gluklich ſind Sie!— Ich— ich will den angenehmen Morgen genießen, und auf dem Wall promeniren. Firmin. La Roche! Was iſt das? Sollten Sie nicht mehr— La Roche(uckt die Achſeln). Nicht[mehr.— Mein Platz iſt vergeben. Seit geſtern Abend hab' ich meinen Laufpaß erhalten. 87 Karl. Um Gotteswillen! La Roche. Meine Frau weiß noch nichts davon. Laſſen Sie ſich ja nichts gegen ſie merken. Sie iſt krank; ſie würde den Tod davon haben. Karl. Sorgen Sie nicht. Von uns ſoll ſie nichts er⸗ fahren. Firmin. Aber ſagen Sie mir, La Roche, wie— La Roche. Hat man mir das Geringſte vorzuwerfen? Ich will mich nicht ſelbſt loben; aber ich kann ein Regiſter halten, meine Correſpondenz führen, denk' ich, ſo gut als ein An⸗ derer. Ich habe keine Schulden, gegen meine Sitten iſt nichts zu ſagen.— Auf dem Bureau bin ich der Erſte, der kommt, und der Letzte, der abgeht, und doch verabſchiedet! Firmin. Wer Sie kennt, muß Ihnen das Zeugniß geben. Karl. Aber wer kann Ihnen dieſen ſchlimmen Dienſt ge⸗ leiſtet haben? LTa Roche. Wer? Es iſt ein Freundſchaftsdienſt von dem Selicour. Karl. Iſt's möglich? La Koche. Ich hab' es von guter Hand. Firmin. Aber wie? gLa Roche. Der Selicour iſt aus meinem Ort, wie Sie wiſſen. Wir haben Beide gleiches Alter. Sein bißchen Schrei⸗ ben hat er von mir gelernt, denn mein Vater war Cantor in unſerm Dorf. Ich hab' ihn in die Geſchäfte eingeführt. Zum Dank dafür ſchickt er mich jetzt fort, um, ich weiß nicht wel⸗ chen Vetter von dem Kammerdiener unſers neuen Miniſters in meinen Platz einzuſchieben. Karl. Ein ſaubres Plänchen! Firmin. Aber wäre da nicht noch Rath zu ſchaffen? La Koche. Den erwart' ich von Ihnen, Herr Firmin! 88 — Zu Ihnen wollt' ich mich eben wenden.— Sie denken rechtſchaffen.— Hören Sie! Um meine Stelle iſt mir's nicht zu thun; aber rächen will ich mich. Dieſer unverſchämte Bube, der gegen ſeine Obern ſo geſchmeidig, ſo kriechend iſt, glaubt einem armen Schlucker, wie ich bin, ungeſtraft ein Bein un⸗ terſchlagen zu koͤnnen.— Aber nimm dich in Acht, Freund Selicour!— Der verachtete Gegner ſoll dir ſehr ernſthafte Haͤndel anrichten!— Und ſollt' es mir meine Stelle, meine Verſorgung auf immer koſten— ich muß Rache haben! Für meine Freunde gehe ich ins Feuer; aber meine Feinde mögen an mich denken! Firmin. Nicht doch, lieber La Roche!— Vergeben und vergeſſen iſt die Rache des braven Mannes. La Voche. Keine Barmherzigkeit, Herr, mit den Schel⸗ men! Schlechte Burſche zu entlarven, iſt ein gutes, ein ver⸗ dienſtliches Werk.— Seine Stelle, das wiſſen Sie recht gut, gebuhrt von Gott und Rechts wegen Ihnen— und das aus mehr als einem Grund. Aber arbeitet, zerſchwitzt euch, laßt's eu ſ auer werden, ihr habt doch nur Zeit und Mühe umſonſt ver⸗ geudet! Wer fragt nach eurem Verdienſte? wer bekümmert ſich darum?— Kriecht, ſchmeichelt, macht den Krummbuckel, ſtreicht den Katzenſchwanz, das empfiehlt ſeinen Mann! Das iſt der Weg zum Glück und zur Chre!— So hat's dieſer Selicour gemacht, und ihr ſeht, wie wohl er ſich dabei befindet! Firmin. Aber thun Sie dem guten Manne nicht Unrecht, lieber La Roche?. La Roche. Ich ihm Unrecht! Nun, nun— ich will mich eben fur keinen tiefen Menſchenkenner geben; aber dieſen Seli⸗ cour, den ſeh' ich durch! den hab' ich— ich kenne mich ſelbſt nicht ſo gut, als ich den kenne.— Schon in der Schule ſah man, welch Früchtchen das geben mürde! Das ſchwänzelte um 89 den Lehrmeiſter herum und horchte und ſchmeichelte, und wußte ſich fremdes Verdienſt zuzueignen, und ſeine Eier in fremde Neſter zu legen. Das erſchrack vor keiner Niedertraͤchtigkeit, um ſich einzuſchmeicheln, einzuniſten. Als er älter ward, ging das Alles ins Große. Bald ſpielte er den Heuchler, bald den Spaßmacher, wie's die Zeit heiſchte; mit jedem Winde wußt' er zu ſegeln. Denken Sie nicht, daß ich ihn verleumde! Man weiß, wie es unter dem vorigen Miniſter zuging.— Nun, er iſt todt— ich will ihm nichts Böſes nachreden.— Aber wie wußte dieſer Selicour ſeinen Schwaͤchen, ſeinen Laſtern durch die ſchaͤndlichſten Kupplerdienſte zu ſchmeicheln!— Und kaum fällt der Miniſter, ſo iſt er der Erſte, der ihn verläßt, der ihn verläugnet! Karl. Aber wie kann er ſich bei dem neuen Herrn be⸗ haupten, der ein ſo würdiger Mann iſt? La Roche. Wie? Mit Heucheln. Der weiß ſich nach ſei⸗ nen Leuten zu richten, und ſeinen Charakter nach den Umſtaͤn⸗ den zu veraͤndern.— Auch auf eine gute Handlung kommt's ihm nicht an, wenn dabei etwas zu gewinnen iſt, ſo wenig, als auf ein Bubenſtuüͤck, wenn es zum Zwecke führt. Karl. Aber Herr Narbonne hat einen durchdringenden Geiſt, und wird ſeinen Mann bald ausgefunden haben. LCa Voche. Das iſt's eben, was er fürchtet.— Aber ſo leer ſein Kopf an allen nützlichen Kenntniſſen iſt, ſo reich iſt er an Kniffen.— So, zum Beiſpiel, ſpielt er den Ueber⸗ häuften, den Geſchäftvollen, und weiß dadurch jeder gründ⸗ lichen Unterredung zu entſchlüpfen, wo ſeine Unmiſſenheit aus Licht kommen könnte.— Uebrigens trägt er ſich mit keinen kleinen Projecten; ich kenne ſie recht gut, ob er ſie gleich tief zu verbergen glaubt. Firmin. Wie ſo? Was ſind das für Projecte? 90⁰ La Roche. Narbonne, der bei dem Gouvernement jetzt ſehr viel zu ſagen hat, ſucht eine faͤhige Perſon zu einem gro⸗ ßen Geſandtſchaftspoſten. Er hat die Praͤſentation; wen er dazu empfiehlt, der iſt's. Nun hat dieſer Narbonne auch eine einzige Tochter, ſiebzehn Jahre alt, ſchön und liebenswürdig und von unermeßlichem Vermoͤgen.— Gelingt's nun dem Selicour, in einem ſo hohen Poſten aus dem Land und dem hellſehenden Miniſter aus den Augen zu kommen, ſo kann er mit Hulfe eines geſchickten und discreten Secretärs ſeine Hohl⸗ köpfigkeit lange verbergen.— Kommt ſie aber auch endlich an den Tag, wie es nicht fehlen kann, was thut das alsdann dem Schwiegerſohn des Miniſters? Der Miniſter muß alſo zuerſt gewonnen werden, und da gibt man ſich nun die Miene eines geubten Diplomatikers.— Die Mutter des Miniſters iſt eine gute ſchwatzhafte Alte, die eine Kennerin ſeyn will, und ſich viel mit der Muſik weiß.— Bei dieſer Alten hat er ſich ein⸗ geniſtet, hat ihr Charaden und Sonnette vorgeſagt, ja, und der Stümper hat die Dreiſtigkeit, ihr des Abends Arien und Lieder auf der Guitarre vorzuklimpern.— Das Fräulein hat Romane geleſen; bei ihr macht er den Empfindſamen, den Verliebten, und ſo iſt er der Liebling des ganzen Hauſes, von der Mutter gehaͤtſchelt, von der Tochter geſchätzt. Die Ge⸗ ſandtſchaft iſt ihm ſo gut als ſchon gewiß, und nächſtens wird er um die Hand der Tochter anhalten. 4 Karl. Was hör' ich? Er ſollte die Kühnheit haben, ſich um Charlotten zu bewerben? La Roche. Die hat er, das können Sie mir glauben. Karl. Charlotten, die ich liebe! die ich anbete! La Roche. Sie lieben ſie? Sie? Firmin. Er iſt ein Narr! Er iſt nicht bei Sinnen! Hören Sie ihn nicht an! 91 La Roche. Was hör' ich? iſt's möglich?— Nein, nein, Herr Firmin! dieſe Liebe iſt ganz und gar keine Narrheit— Wart— wart, die kann uns zu etwas fuͤhren.— Dieſe Liebe kommt mir erwünſcht— die paßt ganz in meine Projecte! Karl. Was träumt er? La Roche. Deſer Selicour iſt in die Luft geſprenat! In die Luft, ſag' ich.— Rein verloren!— In ſeinem Ehrgeiz ſoll ihn der Vater, in ſeiner Liebe ſoll ihn der Sohn aus dem Sattel heben. Firmin. Aber ich bitte Sie— La Koche. Laßt nur mich machen! Laßt mich machen, ſag' ich! Und über kurz oder lang ſind Sie Ambaſſadeur, und Karl heirathet Fräulein Charlotten. Karl. Ich Charlotten heirathen? Firmin. Ich Ambaſſadeur? La Uoche. Nun! nun! warum nicht? Sie verdienten es beſſer, ſolls ich meinen, als dieſer Selicour. Firmin. Lieber La Roche! eh' Sie uns Andern ſo große Stellen verſchaffen, dächte ich, Sie ſorgten, Ihre eigene wieder zu erhalten. Karl. Das gleicht unſerm Freund! So iſt er! Immer unternehmend, immer Plane ſchmiedend! Aber damit langt man nicht aus! Es braucht Gewandtheit und Klugheit zur Ausfuͤhrung— und daß der Freund es ſo leicht nimmt, das hat ihm ſchon ſchwere Händel angerichtet! LCa Noche. Es mag ſeyn, ich verſpreche vielleicht mehr, als ich halten kann. Aber Alles, was ich ſehe, belebt meine Hoffnung, und der Verſuch kann nichts ſchaden.— Fur mich ſelbſt moͤchte ich um keinen Preis eine Intrigue ſpielen— Aber dieſen Selicour in die Luft zu ſprengen, meinen Freunden einen Dienſt zu leiſten— das iſt löblich, das iſt köſtlich, das * 92 macht mir ein himmliſches Vergnügen— Und an dem Erſolg — an dem iſt gar nicht zu zweifeln. Firmin. Nicht zu zweifeln? So haben Sie Ihren Plan ſchon in Ordnung.— La Roche. In Ordnung— wie? Ich habe noch gar nicht daran gedacht; aber das wird ſich finden, wird ſich finden. Firmin. Ei!— Ei! Dieſer gefahrliche Plan iſt noch nicht weit gediehen, wie ich ſehe. La Roche. Sorgen Sie nicht— Ich werde mich mit Ehren herausziehen; dieſer Selicour ſoll es mir nicht abgewinnen, das ſoll er nicht, dafür ſteh' ich.— Was braucht's der Umwege? Ich gehe gerade zu, ich melde mich bei dem Miniſter, es iſt nicht ſchwer, bei ihm vorzukommen; er liebt Gerechtigkeit, er kann die Wahrheit vertragen.— Firmin. Wie? Was? Sie hätten die Kühnheit— La Roche. Ei was! Ich bin nicht furchtſam.— Ich fürchte Niemand.— Kurz und gut— ich— ſpreche den Mi⸗ niſter— ich öffne ihm die Augen— Er ſieht, wie ſchändlich er betrogen iſt— Das iſt das Werk einer halben Stunde— Der Selicour muß fort, fort— mit Schimpf und Schande fort, und ich genieße den vollkommenſten Triumph.— Ja, ich ſtehe nicht dafur, daß mich der arme Teufel nicht dauert, wenn er ſo mit Schande aus dem Hauſe muß.— Karl. Was Sie thun, lieber La Roche!— mich und meine Liebe laſſen Sie auf jeden Fall aus dem Spiel!— Ich hoffe nichts— ich darf meine Wünſche nicht ſo hoch erheben! — Aber für meinen Vater können Sie nie zu viel thun. Firmin. Laſſ'du mich für mich ſelbſt antworten, mein Freund! — Sie meinen es gut, lieber La Roche, aber der gute Wille geht mit der Ueberlegung durch. Was fur ein luftiges Project 9³3 iſt's, das Sie ſich ausgeſonnen haben? Ein leeres Hirngeſpinnſt! — und wäre der Erfolg eben ſo ſicher, als er es nicht iſt, ſo würde ich doch nie meine Stimme dazu geben. Dieſe glänzen⸗ den Stellen ſind nicht für mich, und ich bin nicht für ſie; Neigung und Schickſal haben mir eine beſcheidenere Sphaͤre angewieſen. Warum ſoll ich mich verändern, wenn ich mich wohl befinde? Ich hoffe, der Staat wird mich nicht ſuchen, und ich bin zu ſtolz, um ein Amt zu betteln— noch viel mehr aber, um einen Andern fuͤr mich betteln zu laſſen.— Sorgen Sie alſo nur für ſich ſelbſt! Sie haben Freunde genug; es wird ſich Jeder gern für Sie verwenden. La Uoche. Ihr wollt alſo Beide meine Dienſte nicht?— Liegt nichts dran! Ich mache euer Gluͤck, ihr mögt es wollen oder nicht! Er geht ab.) Firmin. Er iſt ein Narr; aber ein guter, und ſein Un⸗ fall geht mir zu Herzen. Karl. Auch mich bedauern Sie, mein Vater! Ich bin ungluͤcklicher, als er! Ich werde meine Charlotte verlieren! Firmin. Ich höre kommen— Es iſt der Miniſter mit ſeiner Mutter— Laſſ' uns gehen! Ich will auch den Schein vermeiden, als ob ich mich ihm in den Weg geſtellt hätte. (Gehen ab.) 6 Dritter Auftritt. NMarbanne. Mlad. Belmont. Mav. Belmont. War Herr Selicour ſchon bei dir? Narbonne. Ich hab' ihn heute noch nicht geſehen! 94 Mad. Belmont. Das mußt du doch geſtehen, mein Sohn, daß du einen wahren Schatz in dieſem Manne beſitzeſt. Narbonne. Er ſcheint ſehr brav in ſeinem Fach! Und da ich mich einmal von meinem ländlichen Aufenthalt in dieſe große Stadt und in einen ſo ſchwierigen Poſten verſetzt ſehe, wo es mit der Bucherweisheit keineswegs gethan iſt, ſo muß ich's fuͤr ein großes Gluck achten, daß ich einem Manne, wie Selicour begegnete. Mar. Belmont. Der Alles verſteht— dem nichts fremd iſt! Geſchmack und Kenntniß— die geiſtreichſte Unterhaltung, die angenehmſten Talente.— Muſik, Malerei, Verſe; man frage, wonach man will, er iſt in Allem zu Hauſe. Narbonne. Nun, und meine Tochter? Mad. Belmont. Gut, daß du mich darauf bringſt. Sie hat ihre ſiebzehn Jahre; ſie hat Augen; dieſer Selicour hat ſo viele Vorzuge.— Und er iſt galant! Sein Ausdruck belebt ſich in ihrer Gegenwart.— O es iſt mir nicht entgangen! Dieſe Delicateſſe, dieſe zarten Aufmerkſamkeiten, die er ihr beweist, ſind nur einen kleinen Schritt weit von der Liebe! Narbonne. Nun, es wäre keine üble Partie für unſer Kind! Ich ſehe nicht auf die zufälligen Vorzüge der Geburt; hab' ich nicht ſelbſt meinen Weg von unten auf gemacht? Und dieſer Selichur kann es mit ſeinem Geiſt, ſeinen Kenntniſſen, ſeiner Rechtſchaffenheit noch weit bringen. Ich habe ſelbſt ſchon bei einem ehrenvollen Poſten, wozu man einen tuͤchtigen und wuͤrdigen Mann ſucht, an ihn gedacht.— Nun!l ich will ſeine Fähigkeiten prüfen— zeigt er ſich, wie ich nicht zweifle, eines ſolchen Poſtens wurdig, und weiß er meiner Tochter zu gefallen, ſo werde ich ihn mit Freuden zu meinem Sohn an⸗ nehmen. 95 Mad. Belmont. Das iſt mein einziger Wunſch! Er iſt ein gar zu artiger, gefälliger, allerliebſter Mann! Vierter Auftreitt. Porige. Charlotte. Charlatte. Guten Morgen, lieber Vater Narbonne. Sieh da, mein Maͤdchen!— Nun, wie ge⸗ fällt dir die große Stadt? Charlotte. Ach, ich wünſche mich doch wieder aufs Land hinaus— denn hier muß ich die Zeit abpaſſen, um meinen Vater zu ſehen. Narbonne. Ja, ich ſelbſt vermiſſe meine redlichen Land⸗ leute. Mit ihnen ſcherzte ich und war fröhlich— doch das hoffe ich auch hier zu bleiben.— Mein Poſten ſoll meine Ge⸗ muthsart nicht verändern; man kann ein Geſchäftsmann ſeyn, und doch ſeine gute Laune behalten. Mad. Belmont. Mich entzückt dieſer Aufenthalt. Ich — ich bin hier wie im Himmel. Mit aller Welt ſchon bin ich bekannt— Alles kommt mir entgegen— und Herr Selicour wollte mich bei dem Lycée abonniren. Charlstte. Denken Sie, Großmama, wen ich heute ge⸗ glaubt habe zu ſehen!— Mad. Belmont. Wen denn? Charlotte. Den jungen Officier— Mad. Belmont. Welchen Officier? Charlotte. Den jungen Karl Firmin— Mad. Velmont. Der zu Colmar alle Abende zu deiner Tante kam— 96 Charlotte. Der ſich immer mit Ihnen unterhielt— Mad. Belmont. Ein artiger junger Menſch! Charlotte. Nicht wahr, Großmama? Mav. Belmont. Der auch ſo hübſche Verſe machte? Charlotte. Ja, ja, der! Marv. Belmont. Nun, da er hier iſt, wird er ſich auch wohl bei uns melden. Marbonne. Wo doch der Selicour bleibt? Er läßt dieß⸗ mal auf ſich*½ 7 Mad. Belmont. Da kommt er eben! Fünfter Auftritt. Selicour zu den Vorigen. Selicour(Alles becomplimentirend). Ganz zum Entzücken find' ich Sie alle hier beiſammen! Narbonne. Guten Morgen, lieber Selicour! Selicpur u Narbonne, Papiere uͤbergebend). Hier überbringe ich den bewußten Aufſatz— ich hielt's für dienlich, ein paar Zeilen zur Erläuterung beizufügen. Narbonne. Vortrefflich! Selicour(der Madame ein Billet uͤbergebend). Der gnaͤdigen Frau habe ich für das neue Stuück eine Loge beſprochen. Mad. Velmont. Allerliebſt! Selicour. Dem gnaädigen Fräulein bring' ich dieſen mo⸗ raliſchen Roman. Charlotte. Sie haben ihn doch geleſen, Herr Selicour? Selicsur. Das erſte Baͤndchen, ja, hab' ich flüchtig durch⸗ geblättert. 97 Charlotte. Nun, und— Selicour. Sie werden eine rührende Scene darin finden. — Ein ungluͤcklicher Vater— eine ausgeartete Tochter!— Eltern hülflos, im Stich gelaſſen von undankbaren Kindern!— Graͤuel, die ich nicht faſſe— davon ich mir keinen Begriff machen kann!— Denn wiegt wohl die ganze Dankbarkeit un⸗ ſeres Lebens die Sorgen auf, die ſie unſerer hülfloſen Kindheit beweiſen? Mav. Belmont. In Alles, was er ſagt, weiß der wurdige Mann doch etwas Delicates zu legen!* Selicour du Narbonne). In unſern Bureaur iſt eben jetzt ein Chef nöthig.— Der Platz iſt von Bedeutung, und Viele bewerben ſich darum. Narbonne. Auf Sie verlaſſ’ ich mich, Sie werden die Anſpruͤche eines Jeden zu prüfen wiſſen— die Dienſtjahre, der Eifer, die Faͤhigkeit und vor allen die Rechtſchaffenheit ſind in Betrachtung zu ziehen.— Aber ich vergeſſe, daß ich zu un⸗ terzeichnen habe. Ich gehe! Selicsur. Und ich will auch gleich an meine Geſchaͤfte!— Narbonne. Ich bitte Sie recht ſehr, erwarten Sie mich hier, wir haben mit einander zu reden!— Selicour. Aber ich hätte vor Tiſche noch ſo mancherlei auszufertigen. Narbonne. Bleiben Sie, oder kommen Sie ſchleunigſt wieder! Ich habe Ihre Gegenwart nöthig! Ein Mann von Ihren Kenntniſſen, von Ihrer Rechtſchaffenheit iſt's, was ich gerade brauche! Kommen Sie ja bald zurück!— Ich hab' es gut mit Ihnen vor. (Er geht ab.) Schillers ſaͤmmtl. Werke. VII. 7 98 Sechster Auftritt. Vorige ohne Narbonne. Mar. Belmont. Sie können es ſich gar nicht vorſtellen, Herr Selicour, wie große Stucke mein Sohn auf Sie hält!— Aber ich hätte zu thun, dächt' ich.— Unſere Verwandten, unſere Freunde ſpeiſen dieſen Abend hier.— Wird man Si⸗ auch ſehen, Herr Selicour? Selicsur. Wenn anders meine vielen Geſchäfte— Mav. Belmont. Daß Sie nur ja nicht ausbleiben, ſonſt würde unſerm Feſt ſeine Krone fehlen. Sie ſind die Seele un⸗ ſerer Geſellſchaft!— Und Charlotte, wollte ich wohl wetten, würde es recht ſehr übel nehmen, wenn Sie nicht kaͤmen. Charlotte. Ich, Mama? Nun jal Ihre und Papa's Freunde ſind mir immer herzlich willkommen. Mav. Belmont. Schon gut! ſchon gut! Jetzt zieh' dich an! Es iſt die hochſte Zeit!— Sie muͤſſen wiſſen, Herr Selicour, daß ich bei dem Putz praͤſidire. Selicour. So kommt die ſchoͤne Kunſt noch der ſchönen Natur zu Hülfe— wer könnte da widerſtehn? Mav. Belmont. Er iſt ſcharmant! Scharmant iſt er! Nicht den Mund öffnet er, ohne etwas Geiſtreichts und Ga⸗ lantes zu ſagen. (Geht mit Charlotten.) 99 Siebenter Auftritt. Selicour. Michel. Klichel(im Hereintreten). Endlich iſt ſie fort!— Nun kann ich mein Wort anbringen!— Hab' ich die Ehre, mit Herrn Selicour— Selicour(grob und verdrießlich). Das iſt mein Name! Michel. Vergönnen Sie, mein Herr!— Selicour. Muß ich auch hier beläſtigt werden? Was will man von mir?— Michel. Mein Herr!— Selicour. Gewiß eine Bettelei— ein Anliegen.— Ich⸗ kann nicht dienen.— Michel. Erlauben Sie, mein Herr! Selicour. Nichts! Hier iſt der Ort nicht— In meinem Cabinet mag man einmal wieder anfragen!— Michel. Einen ſo ubeln Empfang glaubte ich nicht— Selicsur. Was beliebt? Michel. Ich komme ja gar nicht, um etwas zu bitten— ich komme, dem Herrn Selicour meine gehorſame Dankſagung abzuſtatten. Selicour. Dankſagung? Wofur? Michel. Daß Sie meinem Neffen die Stelle verſchafft haben. Selicour. Was? Wie?. Michel. Ich bin erſt ſeit geſtern hier im Hauſe, weil mich mein Herr auf dem Lande zuruckließ. Als ich Ihnen ſchrieb, hatte ich nicht die Ehre, Sie von Perſon zu kennen. Selicour. Was Sie ſagen, mein Wertheſter! Sie waͤren im Dienſt des Miniſters? Michel. Sein Kammerdiener, Ihnen zu dienen! 100 Selicour. Mein Gott, welcher Irrthum! Monſteur Michel, Kammerdiener, Leibdiener, Vertrauter des Herrn Miniſters!— Bitte tauſendmal um Verzeihung, Monſieur Michel!— Wahr⸗ haftig, ich ſchaͤme mich— ich bin untröſtlich, daß ich Sie ſo barſch angelaſſen. Auf Ehre, Monſteur Michel!— Ich hielt Sie für einen Commis. Michel. Und wenn ich es auch waͤre!— Selicour. Man wird von ſo vielen Zudringlichen belagert! Man kann es nicht allen Leuten am Rock anſehen.— Michel. Aber gegen Alle kann man höflich ſeyn, dächt' ich! Selicour. Freilich! freilich! Es war eine unglückliche Zerſtreuung!— Michel. Eine ſehr unangenehme fuͤr mich, Herr Se⸗ licour! Selicsur. Es thut mir leid, ſehr leid— ich kann mir's in Ewigkeit nicht vergeben— Michel. Laſſen wir's gut ſeyn! Selicsur. Nun! nun!— Ich habe Ihnen meinen Eifer bewieſen— der liebe, liebe Neffe, der wäre denn nun ver⸗ ſorgt! Richel. Eben komm' ich von ihm her; er iſt nicht auf den Kopf gefallen, der Burſch! Selicour. Der junge Mann wird ſeinen Weg machen. Zäͤhlen Sie auf mich! Kichel. Schreibt er nicht ſeine ſaubere Hand? Selicsur. Er ſchreibt gar nicht übel! Michel. Und die Orthographie— Selieour. Jal das iſt das Weſen! Michel. Hören Sie, Herr Selicour! Von meinem Briefe an Sie laſſen Sie ſich gegen den gnädigen Herrn nichts mer⸗ ken. Er hat uns, da er zur Stadt reiste, ſtreng anbefohlen, 101 um nichts zu ſollicitiren.— Er iſt ſo etwas wunderlich, der Herr! Selicour. Iſt er das? So! ſo!— Sie kennen ihn wohl ſehrg ut, den Herrn Miniſter? Michel. Da er auf einem vertrauten Fuß mit ſeiner Dienerſchaft umgeht, ſo weiß ich ihn auswendig,— und kann Ihnen, wenn Sie wollen, völlige Auskunft uber ihn geben. Selicour. Ich glaub's! Ich glaub's! Aber ich bin eben nicht neugierig, ganz und gar nicht! Sehen Sie, Monſieur Michel! mein Grundſatz iſt: Handle recht! ſcheue Niemand! Wichel. Schön geſagt! Selicour. Nun alſo weiter! Fahren Sie nur fort, Monſteur Michel!— Der gute Herr iſt alſo ein wenig eigen, ſagen Sie? Michel. Er iſt wunderlich, aber gut. Sein Herz iſt lau⸗ ter, wie Gold! Selicour. Er iſt reich, er iſt ein Wittwer, ein ange⸗ nehmer Mann und noch in ſeinen beſten Jahren.— Geſtehen Sie's nur— er haßt die Weiber nicht, der liebe, würdige Mann. Michel. Er hat ein gefuhlvolles Herz. Selicour(lͤchelt fein. He! he! So einige kleine Lieb⸗ ſchaften, nicht wahr? Michel. Mag wohl ſeyn; aber er iſt über dieſen Punkt— Felicour. Verſtehe, verſtehe, Monſieur Michel! Sie ſind beſcheiden und wiſſen zu ſchweigen.— Ich frage in der beſten Abſicht von der Welt; denn ich bin gewiß, man kann nichts erfahren, als was ihm Ehre bringt. Michel. Ja! Hören Sie! In einer von den Vorſtädten ſucht er ein Quartier. Selicour. Ein Quartier, und für wen? Michel. Das will ich ſchon noch herausbringen.— Aber laſſen Sie ſich ja nichts verlauten, hören Sie?— 10²2 Selicsur. Bewahre Gott! KMichel. Galant war er in der Jugend.— Seliesur. Und da glauben Sie, daß er jetzt noch ſein Liebchen— Michel. Das eben nicht! Aber— Felicour. Sey's, was es will! Ass ein treuer Diener des wurdigen Herrn muſſen Sie einen chriſtlichen Mantel auf ſeine Schwachheit werrſen. Und warum könnte es nicht eine heimliche Wohlthat ſeyn? Warum das nicht, Herr Michel?— Ich haſſe die ſchlechten Auslegungen.— In den Tod haſſe ich, was einer übeln Nachrede gleicht.— Man muß immer das Beſte von ſeinen Wohlthätern denken.— Nun! nun! Nun, wir ſehen uns wieder, Monſieur Michel!— Sie haben mir doch meinen trockenen Empfang verziehen? Haben Sie?— Auf Ehre! ich bin noch ganz ſchamroth darüber!(Gibt ihm die Hand.) Michel eweigert ſich). O nickt doch, nicht doch, Herr Seli⸗ cour! Ich kenne meinen Patz, und weiß mich zu beſcheiden. Selicour. Ohne Umſtaͤnde! Zählen Sie mich unter Ihre Freunde!— Ich bitte mir das aus, Monſieur Michel!— michel. Das werd' ich mich nimmer unterſtehen— ich bin nur ein Bedienter. Selicour. Mein Freund! mein Freund! Kein Unterſchied zwiſchen uns. Ich bitte mir's recht aus, Monſieur Michel!— (Indem ſich beide becomplimentiren, faͤllt der Vorhang.) Zweiter Aufzug. Erſter Auftritt. Marbonne und Selicour ſitzen. Narbonne. Sind wir endlich allein? Selicour(unbehaglich).— Ja! Narbonne. Es liegt mir ſehr viel an dieſer Unterredung. — Ich habe ſchon eine ſehr gute Meinung von Ihnen, Herr Selicour, und bin gewiß, ſie wird ſich um ein Großes vermeh⸗ ren, ehe wir auseinander gehen. Zur Sache alſo, und die falſche Beſcheidenheit bei Seite. Sie ſollen in der Diplomatik und im Staatsrecht ſehr bewandert ſeyn, ſagt man? Selicour. Ich habe viel darin gearbeitet, und vielleicht nicht ganz ohne Frucht. Aber fur ſehr kundig möchte ich mich denn darum dech nicht— Narbonne. Gut! gut! Fuür's Erſte alſo laſſen Sie hö⸗ ren— Welches halten Sie für die erſten Erforderniſſe zu einem guten Geſandten? Selicour(ſiockend). Vor allen Dingen habe er eine Ge⸗ wandtheit in Geſchaͤften. Narbonne. Eine Gewandtheit, ja, aber die immer mit der ſtrengſten Redlichkeit beſtehe. 104 Selicour. So mein’ ich's. Narbonne. Weiter. Zelicour. An dem fremden Hoſe, wo er ſich auſhäͤlt, ſuche er ſich beliebt zu machen. Narbonne. Ja! Aber ohne ſeiner Würde etwas zu ver⸗ geben. Er behaupte die Ehre des Staats, den er vorſtellt, und erwerbe ihm Achtung durch ſein Betragen. Selicour. Das iſt's, was ich ſagen wollte. Er laſſe ſich nichts bieten, und wiſſe ſich ein Anſehen zu geben.— Narbonne. Ein Anſehen, ja, aber ohne Anmaßung. Selicour. So mein'’ ich's. Narbonne. Er habe ein wachſames Auge auf Alles, was— Felicsur cunterbricht ihn). Ueberall habe er die Augen; er wiſſe das Verborgenſte auszuſpüren— Narbonne. Ohne den Aufpaſſer zu machen. Felicour. So mein' ich's. Ohne eine angſtliche Neu⸗ gierde zu verrathen. Narbonne. Ohne ſie zu haben.— Er wiſſe zu ſchwei⸗ gen, und eine beſcheidene Zuruckhaltung— Selicour(raſch). Sein Geſicht ſey ein verſiegelter Brief⸗ Narbonne. Ohne den Geheimnißkrämer zu machen. Selicsur. So mein' ich's. Narbonne. Er beſitze einen Geiſt des Friedens, und ſuche jeder gefaͤhrlichen Mißhelligkeit— 1 Selicour. Möglichſt vorzubeugen. Narbonne. Ganz recht. Er habe eine genaue Kenntniß von der Volksmenge der verſchiedenen Länder— Felicour. Von ihrer Lage— ihren Erzeugniſſen— ihrer Ein⸗ und Ausfuhr— ihrer Handelsbilance.— Narbonne. Ganz recht. — ——4 —— 105 Felicour eim Fluß der Rede). Ihren Verfaſſungen— ihren Bündniſſen— ihren Hulfsquellen— ihrer bewaffneten Macht.— Narbonne. Zum Beiſpiel; angenommen alſo, es waͤre Schweden oder Rußland, wohin man Sie verſchickte— ſo würden Sie wohl von dieſen Staaten vorläufig die noͤthige Kunde haben. Selicour(verlegen). Ich— muß geſtehen, daß— Ich habe mich mehr mit Italien beſchaͤftigt. Den Norden kenn' ich weniger. 4 Marbonne. So! Hm! Selicour. Aber ich bin jetzt eben daran, ihn zu ſtudiren. Narbonne. Von Italien alſo! Selicour. Das Land der Cäſaren feſeelte billig meine Aufmerkſamkeit zuerſt. Hier war die Wiege der Künſte, das Vaterland der Helden, der Schauplatz der erhabenſten Tugend! Welche ruhrende Erinnerungen fur ein Herz, das empfindet! Narbonne. Wohll wohl! Aber auf unſer Thema zuruͤck zu kommen! Selicour. Wie Sie befehlen! Ach, die ſchoͤnen Kuͤnſte haben ſo viel Anziehendes! Es läßt ſich ſo Vieles dabei denken! Narbonne. Venedig iſt's, was mir zunächſt einfällt. Selicour. Venedig!— Recht! Gerade über Venedig habe ich einen Aufſatz angefangen, worin ich mich uber Alles aus⸗ führlich verbreite.— Ich eile, ihn herzuholen.—(Steht auf.) Narbonne. Nicct doch! nicht doch! Eine kleine Geduld. 106 Zweiter Auftritt. Vorige. Michel. Michel. Es iſt Jemand draußen, der in einer dringenden Angelegenheit ein geheimes Gehör verlangt.— Selieour(ſehr eilig). Ich will nicht ſtören. Narbonne. Nein! Bleiben Sie, Selicour! Dieſer Jemand wird ſich ja wohl einen Augenblick gedulden. Felicour. Aber— wenn es dringend— Narbonne. Das Dringendſte iſt mir jetzt unſere Unter⸗ redung. Selicsur. Erlauben Sie, aber— Michel. Es ſey in ein paar Minuten geſchehen, ſagt der Herr, und habe gar große Eile. (Selieour eilt ab.) Narbonne. Kommen ESie ja gleich wieder, ich bitte Sie, wenn der Beſuch fort iſt. Selicour. Ich werde ganz zu Ihren Beſehlen ſeyn. Narbonne Gu Micheh. Laßt ihn eintreten! Dritter Auftritt. Narbonne. Ka Noche. La Noche dnit vielen Bücklingen). Ich bin wohl— ich ver⸗ muthe— es iſt des Herrn Miniſters Excellenz, vor dem ich— Narbonne. Ich bin der Miniſter. Treten Sie immer näͤher! 107 La Noche. Bitte ſehr um Verzeihung— ich— ich komme — es iſt— ich ſollte— ich bin wirklich in einiger Verwir⸗ rung— der große Reſpect— Narbonne. Ei, ſo laſſen Sie den Reſpect, und kommen zur Sache! Was fuͤhrt Sie her? La Roche. Meine Pflicht, mein Gewiſſen, die Liebe für mein Land!— Ich komme, Ihnen einen bedeutenden Wink zu geben. 3 Narbonne. Reden Sie! La Noche. Sie haben Ihr Vertrauen einem Manne ge⸗ ſchenkt, der weder Fähigkeit noch Gewiſſen hat. Narbonne. Und wer iſt dieſer Mann? La Koche. Selicour heißt er. Narbonne. Was? Sel— La Voche. Gerade heraus. Dieſer Selicour iſt eben ſo unwiſſend, als er niederträchtig iſt. Erlauben Sie, daß ich Ihnen eine kleine Schilderung von ihm mache. Narbonne. Eine kleine Geduld!(Klingelt.— Michel kommt.) Ruft Herrn Selicour! La Noche. Mit Nichten, Ihr Excellenz!— Er iſt uns bei dieſem Geſpräche keineswegs nöthig. Narbonne. Niccht füͤr Sie, das glaub' ich, aber das iſt nun einmal meine Weiſe. Ich nehme keine Anklage wider Leute an, die ſich nicht vertheidigen koͤnnen.— Wenn er Ihnen gegenuͤber ſteht, mögen Sie Ihre Schilderung anfangen. 1 La Voche. Es iſt aber doch mißlich, Jemand ins Ange⸗ icht— Narbonne. Wenn man keine Beweiſe hat, allerdings— Iſt das Ihr Fall— gLa Voche. Ich hatte nicht darauf gerechnet, es ihm gerade unter die Augen zu ſagen.— Er iſt ein feiner Schelm, ein 108 beſonnener Spitzbube.— Ei nun! Meinetwegen auch ins An⸗ geſicht!— Zum Henker, ich furchte mich nicht vor ihm.— Er mag kommen! Sie ſollen ſehen, daß ich mich ganz und gar nicht vor ihm fürchte. Narbonne. Wohl! wohl! das wird ſich gleich zeigen. Da kommt er! Vierter Auftritt. Vorige. Selicour. Narbonne. Kennen Sie dieſen Herrn? Selicour(ſehr verlegen). Es iſt Herr La Roche. Narbonne. Ich habe Sie rufen laſſen, ſich gegen ihn zu vertheidigen. Er kommt, Sie anzuklagen. Nun, reden Sie! LCa Roche anachdem er gehuſtet). Ich muß Ihnen alſo ſagen, daß wir Schulcameraden zuſammen waren, daß er mir vielleicht einige Dankbarkeit ſchuldig iſt. Wir fingen beide unſern Weg zugleich an— es ſind jetzt funfzehn Jahre— und traten beide in dem nämlichen Bureau als Schreiber ein. Herr Selicour aber machte einen glänzenden Weg, ich— ſitze noch da, wo ich ausgelaufen bin. Daß er den armen Teufel, der ſein Jugend⸗ freund war, ſeit vielen Jahren vergeſſen, dag mag ſeyn! Ich habe nichts dagegen. Aber nach einer ſo langen Vergeſſenheit an ſeinen alten Jugendfreund nur darum zu denken, um ihn unverdienter Weiſe aus ſeinem Brod zu treiben, wie er gethan hat, das iſt hart, das muß mich aufbringen! Er kann nicht das geringſte Böſe wider mich ſagen; ich aber ſage von ihm und behaupte dreiſt, daß dieſer Herr Selicour, der jetzt gegen Euer Excellenz den redlichen Mann ſpielt, einen rechten Spitz⸗ 109 buben machte, da die Zeit dazu war. Jetzt hilft er Ihnen das Gute ausführen; Ihrem Vorgänger, weiß ich gewiß, hat er bei ſeinen ſchlechten Stückchen redlich beigeſtanden. Wie ein ſpitzbubiſcher Lakai weiß der Heuchler mit der Livree auch jedesmal den Ton ſeines Herrn anzunehmen. Ein Schmeichler iſt er, ein Lügner, ein Großprahler, ein ubermüthiger Geſell! Niedertraͤchtig, wenn er etwas ſucht, und hochmuüthig, unver⸗ ſchämt gegen Alle, die das Ungluck haben, ihn zu brauchen. Als Knabe hatte er noch etwas Gutmuthiges; aber über dieſe menſchliche Schwachheit iſt er jetzt weit hinaus.— Nun hat er ſich in eine prächtige Stelle eingeſchlichen, und ich bin überzeugt, daß er ihr nicht gewachſen iſt. Auf ſich allein zieht er die Augen ſeines Chefs, und Leute von Faͤhigkeiten, von Genie, Maͤnner, wie Herrn Firmin, laͤßt er nicht aufkommen. Narbonne. Firmin! Wie?— Iſt Herr Firmin in unſern Bureaux? La Uoche. Ein trefflicher Kopf, das koͤnnen Sie mir glauben. Narhonne. Ich weiß von ihm.— Ein ganz vorzüglicher Geſchäftsmann! Zga Voche. Und Vater einer Familie! Sein Sohn machte in Colmar die Bekanntſchaft Ihrer Tochter. Narbonne. Karl Firmin! Ja, ja, ganz richtig! Ta Noche. Ein talentvoller junger Mann! Narbonne. Fahren Sie fort! La Koche. Nun, das waͤr’ es! Ich habe genug geſagt, denk' ich! Narbonne duu Selicour). Berantworten Sie ſich! Selicour. Des Undanks zeiht man mich.— Mich des Undanks! Ich hätte gedacht, mein Freund La Roche ſollte mich beſſer kennen!— An meinem Einfluß und nicht an 110 meinem guten Willen fehlte es, wenn er ſo lange in der Dunkel⸗ heit geblieben.— Welche harte Beſchuldigungen gegen einen Mann, den er ſeit zwanzig Jahren treu gefunden hat! Mit ſeinem Verdacht ſo raſch zuzufahren, meine Handlungen aufs ſchlimmſte auszulegen, und mich mit dieſer Hitze, dieſer Galle zu verfolgen!— Zum Beweis, wie ſehr ich ſein Freund bin— La Koche. Er mein Freund! Hält er mich für einen Dummkopf?— Und welche Proben hat er mir davon gegeben! Narbonne. Er hat Sie ausreden laſſen! La Roche. So werde ich Unrecht behalten! Selicour. Man hat einem Andern ſeine Stelle gegeben, das iſt wahr, und Keiner verdiente dieſe Zuruckſetzung weniger, als er. Aber ich häͤtte gehofft, mein Freund La Roche, anſtatt mich wie ein Feind anzuklagen, würde als Freund zu mir aufs Zimmer kommen, und eine Erklärung von mir fordern. Darauf, ich geſteh' es, hatte ich gewartet, und mich ſchon im voraus der angenehmen Ueberraſchung gefreut, die ich ihm bereitete. Welche ſuße Freude fur mich, ihn über alle Er⸗ wartung glücklich zu machen! Eben zu jenem Chef, wovon ich Euer Excellenz heute ſagte, hatte ich meinen alten Freund La Roche vorzuſchlagen. La Roche. Mich zum Chef! Großen Dank, Herr Selicour! — Ein Schreiber bin ich und kein Geſchäftsmann! Meine Feder und nicht mein Kopf muß mich empfehlen, und ich bin keiner von denen, die eine Laſt auf ſich nehmen, der ſie nicht gewachſen ſind, um ſie einem Andern heimlich aufzuladen, und ſich ſelbſt das Verdienſt zuzueignen. Felicour. Die Stelle ſchickt ſich fuͤr dich, Camerad! Glaub' mir, der dich beſſer kennt, als du ſelbſt.(Zu Narbonne.) — Er iſt ein trefflicher Arbeiter, genau, unermuͤdlich, voll 111 geſunden Verſtandes; er verdient den Vorzug vor allen ſeinen Mitbewerbern.— Ich laſſe Maͤnner von Genie nicht aufkommen, gibt er mir Schuld, und Herr Firmin iſt's, den er anfuhrt. — Das Beiſpiel iſt nicht gut gewaͤhlt, ſo trefflich auch der Mann iſt.— Erſtlich iſt ſeine jetzige Stelle nicht ſchlecht— aber ihm gebuͤhrt allerdings eine beſſere, und ſie iſt auch ſchon gefunden— denn eben Herrn Firmin wollte ich Euer Excellenz zu meinem Nachfolger empfehlen, wenn ich in jenen Poſten verſetzt werden ſollte, den mir mein gütiger Gönner beſtimmt. — Ich ſey meinem jetzigen Amte nicht gewachſen, behauptet man.— Ich weiß wohl, daß ich nur mittelmäßige Gaben beſitze. — Aber man ſollte bedenken, daß dieſe Anklage mehr meinen Gönner trifft, als mich ſelbſt!— Bin ich meinem Amte in der That nicht gewachſen, ſo iſt der Chef zu tadeln, der es mir anvertraut, und mit meinem ſchwachen Talent ſo oft ſeine Zufriedenheit bezeugt.— Ich ſoll endlich der Mitſchuldige des vorigen Miniſters geweſen ſeyn!— Die Stimme der Wahrheit habe ich ihn hören laſſen; die Sprache des redlichen Mannes habe ich kuhnlich zu einer Zeit geredet, wo ſich meine Ankläger vielleicht im Staube vor ihm krummten.— Zwanzigmal wollte ich dieſem unfähigen Miniſter den Dienſt aufkundigen; nichts hielt mich zurück, als die Hoffnung, meinem Vaterlande nützlich zu ſeyn. Welche ſüße Belohnung fur mein Herz, wenn ich hier etwas Böſes verhindern, dort etwas Gutes wirlen konnte!— Seiner Macht habe ich getrotzt; die gute Sache habe ich gegen ihn verfochten, da er noch im Anſehen war! Er fiel, und ich zollte ſeinem Unglück das herzlichſte Mitleid. Iſt das ein Verbrechen, ich bin ſtolz darauf und rühme mich desſelben.— Es iſt hart, ſehr hart fuͤr mich, lieber La Roche, daß ich dich unter meinen Feinden ſehe— daß ich genöthigt bin, mich gegen einen Mann zu vertheidigen, den ich ſchaͤtze 11² und liebe!— Aber komm! laſſ' uns Frieden machen, ſchenke mir deine Freundſchaft wieder und Alles ſey vergeſſen! La Noche. Der Spitzbube!— Rührt er mich doch faſt ſelbſt! Narbonne. Nun, was haben Sie darauf zu antworten? La Uoche. Ich?— Nichts! Der verwuͤnſchte Schelm bringt mich ganz aus dem Concepte. Narboanne. Herr La Roche! es iſt brav und loͤblich, einen Boͤſewicht, wo er auch ſtehe, furchtlos anzugreifen und ohne Schonung zu verfolgen— aber auf einem ungerechten Haß eigenſinnig beſtehen, zeigt ein verderbtes Herz. Selicour. Er haßt mich nicht! ganz und gar nicht! Mein Freund La Roche hat das beſte Herz von der Welt! Ich kenne ihn— aber er iſt hitzig vor der Stirn— er lebt von ſeiner Stelle— das entſchuldigt ihn! Er glaubte ſein Brod zu verlieren! Ich habe auch gefehlt— ich geſteh' es— Komm! komm! Laſſ' dich umarmen, Alles ſey vergeſſen! La Koche. Ich ihn umarmen? In Ewigkeit nicht!— Zwar, wie er's anſtellt, weiß ich nicht, um mich ſelbſt— um Euer Excellenz zu betrügen— aber kurz! ich bleibe bei meiner Anklage.— Kein Friede zwiſchen uns, bis ich ihn entlarvt, ihn in ſeiner ganzen Blöße dargeſtellt habe! Uarbonne. Ich bin von ſeiner Unſchuld uͤberzeugt— wenn nicht Thatſachen, vollwichtige Beweiſe mich eines Andern überführen. La Koche. Thatſachen? Beweiſe? Tauſend für einen! Narbonne. Heraus damit! La Noche. Beweiſe genug— die Menge— aber das iſt's eben— ich kann nichts damit beweiſen!— Solchen abgefeimten Schelmen läͤßt ſich nichts beweiſen.— Vormals war er ſo arm, wie ich; jetzt ſitzt er im Ueberfluß! Sagt’ ich Ihnen, daß er 8 8 113 ſeinen vorigen Einfluß zu Geld gemacht, daß ſich ſein ganzer Reichthum davon herſchreibt— ſo kann ich das zwar nicht, wie man ſagt, mit Brief und Siegel belegen— aber Gott weiß es, die Wahrheit iſt's, ich will darauf leben und ſterben. Selicour. Dieſe Anklage iſt von zu niedriger Art, um mich zu treffen— übrigens unterwerf' ich mich der ſtrengſten Unterſuchung!— Was ich beſitze, iſt die Frucht eines fünf⸗ zehnjährigen Fleißes; ich habe es mit ſaurem Schweiß und Nachtwachen erworben, und ich glaub' es nicht unedel zu ver⸗ wenden. Es ernaͤhrt meine armen Verwandten; es friſtet das Leben meiner dürftigen Mutter! La Roche. Erlogen! erlogen! Ich kann es freilich nicht beweiſen! Aber gelogen, unverſchämt gelogen! Narbonne. Maͤßigen Sie ſich! Selicour. Mein Gott! was erleb' ich? Mein Freund La Roche iſt's, der ſo hart mit mir umgeht!— Was für ein Wahnſinn hat dich ergriffen? Ich weiß nicht, ſoll ich über dieſe Wuth lachen oder boͤſe werden.— Aber lachen auf Koſten eines Freundes, der ſich für beleidigt hält— nein, das kann ich nicht! das iſt zu ernſthaft!— Deinen alten Freund ſo zu verkennen!— Komm doch zu dir ſelbſt, lieber La Roche und bringe dich wenigſtens nicht aus übel angebrachtem Trotz um eine ſo treffliche Stelle, als ich dir zugedacht habe. Narbonne. Die Wahrheit zu ſagen, Herr La Roche, dieſe Halsſtarrigkeit gibt mir keine gute Meinung von Ihnen.— Muß auch ich Sie bitten, gegen Ihren Freund gerecht zu ſeyn?— Auf Ehre! der arme Herr Selicour dauert mich von Herzen! La Noche. Ich will das wohl glauben, gnädiger Herr! Hat er mich doch faſt ſelbſt, trotz meines gerechten Unwillens, auf einen Augenblick irre gemacht— aber nein, nein! ich kenne ihn Schillers ſaͤmmtl. Werke. VII. 8 114 zu gut— zu gewiß bin ich meiner Sache.— Krieg, Krieg zwiſchen uns und keine Verſöhnung! Hier, ſehe ich, wuͤrde alles weitere Reden vergeblich ſeyn; aber wiewohl der Spitzbube mich aufs Aeußerſte treibt, lieber tauſendmal Hungers ſterben, als ihm mein Brod verdanken. Ich empfehle mich zu Gnaden! (Ab.) 4 Fünfter Auftritt. MNarbanne. Selicour. Narbonne. Begreiſen Sie dieſe hartnäckige Verſtocktheit— Selicour. Hat nichts zu ſagen! Er iſt ein guter Narr! Ich will ihn bald wieder beſaͤnftigen. Narbonne. Er iſt raſch und unbeſonnen, aber im Grunde mag er ein guter Mann ſeyn. 1 Selicour. Ein ſeelenguter Mann, dafür ſteh' ich— dem aber der Kopf ein wenig verſchoben iſt.— Es kann auch ſeyn, daß ihn ſonſt Jemand gegen mich aufhetzt. Narbonne. Meinen Sie? Selicour. Es mag ſo etwas dahinter ſtecken.— Wer weiß? irgend ein heimlicher Feind und Neider— denn dieſer arme Teufel iſt nur eine Maſchine. Narbonne. Wer ſollte aber— Selicour. Es gibt ſo Viele, die meinen Untergang wün⸗ ſchen! Narbonne. Haben Sie vielleicht einen Verdacht? Selicour. Ich unterdrücke ihn! Denn daß ich ſo etwas von Herrn Firmin denken ſollte— Pfui! pfui! das waͤre ſchändlich! das iſt nicht möglich! 115 Narbonne. So denk' ich auch! Der Mann ſcheint mir dazu viel zu rechtlich und zu beſcheiden. Selicsur. Beſcheiden, ja, das iſt er! Narbonne, Sie kennen ihn alſo? Selicsur. Wir ſind Freunde. Narbonne. uu⸗ was halten Sie von dem Manne? Selicour. Firmin, muß ich ſagen, iſt ein Mann, wie man ſich n⸗ 5 Bureau eigentlich wünſcht— wenn auch eben kein Kopf, doch ein geſchickter Arbeiter. Nicht zwar, als ob es ihm an Bagand und Kenntniſſen fehlte— Keines⸗ wegs! Er mag viel wiſſen, aber man ſieht's ihm nicht an. Narbonne. Sie machen mich neugierig, ihn zu kennen. Selicour. Ich hab' ihm ſchon längſt darum angelegen, ſich zu zeigen— aber vielleicht fühlt er ſich fur eine ſubalterne Rolle und für die Dunkelheit geboren. Ich will ihn in⸗ deſſen— Narbonne. Bemühen Sie ſich nicht!— Gegen einen Mann von Verdienſten kann unſer einer unbeſchadet ſeines Rangs die erſten Schritte thun.— Ich ſelbſt will Herrn Firmin aufſuchen.— Aber jetzt wieder auf unſer voriges Thema zurück zu kommen, das dieſer La Roche unterbrochen hat.— Seliconr(verlegen). Es iſt ſchon etwas ſpat.— Narbonne. Hat nichts zu ſagen. Selicour. Es wird auch jetzt die Zeit zur Audienz ſeyn. Narbonne(ſieht nach der Uhr). Ja, wahrhaftig. Selicour. Wir können es ja auf morgen— Narbonne. Gut! Auch das! Selicour. Ich will alſo— Narbonne. Noch ein Wort— Selieour. Was beliebt? 116 Narbonne. Ein Geſchaͤft kann ich Ihnen wenigſtens noch auftragen, das zugleich Fähigkeit und Muth erfordert. Selicour. Befehlen Sie! Narbonne. Mein Vorgaͤnger hat durch ſeine üble Ver⸗ waltung ein Heer von Mißbraͤuchen einreißen laſſen, die trotz aller unſerer Bemühungen noch nicht abgeſtellt ſind. Es waͤre daher ein Memoire aufzuſetzen, worin man alle Gebrechen aufdeckte, und der Regierung ſelbſt ohne Schonung die Wahr⸗ heit ſagte. Selicour. Erlauben aber Euer Excellenz— eine ſolche Schrift könnte für ihren Verfaſſer, könnte für Sie ſelbſt be⸗ denkliche Folgen haben. Narbonne. Das kümmert uns nicht— Keine Gefahr, keine perſönliche Rückſicht darf in Anſchlag kommen, wo die Pflicht gebietet. Selicour. Das iſt würdig gedacht! Narbonne. Sie ſind der Mann zu dieſem Werk— Ich brauche Ihnen weiter nichts darüber zu ſagen. Sie kennen das Uebel ſo gut und beſſer noch, als ich ſelbſt. Feliesur. Und ich bin, hoff' ich, mit Ihnen daruͤber einerlei Meinung. Narbonne. Ohne Zweifel. Dieß Geſchäft hat Eile. Ich verlaſſe Sie; verlieren Sie keine Zeit; es iſt gerade jetzt der günſtige Augenblick— ich möchte es wo möglich noch heute an die Behörde abſenden.— Kurz und bündig— es kann mit Wenigem viel geſagt werden! Leben Sie wohl! Gehen Sie ja gleich an die Arbeit!(Er geht ab.) 117 Sechster Auftritt. Selicour. Madame Velmont. Mad. Belmont. ESind Sie allein, Herr Selicour? Ich wollte abwarten, bis er weggegangen waͤre— er darf nichts dapon wiſſen. SFelicour. Wovon iſt die Rede, Madame? Mad. Belmont. Wir wollen heute Abend ein kleines Concert geben, und meine Charlotte ſoll ſich dabei hören laſſen. Selicsur. Sie ſingt ſo ſchön! Marv. Belmont. Sie geben ſich auch zuweilen mit Ver⸗ ſen ab? Nicht wahr? Selieour. Wer macht nicht einmal in ſeinem Leben Verſe! Mad. Belmont. Nun, ſo machen Sie uns ein Lied oder ſo etwas füͤr heut' Abend! Selicour. Eine Romanze meinen Sie? Mad. Belmont. Gut, die Romanzen lieben wir be⸗ ſonders! Selicour. Wenn der Eifer den Mangel des Genie's er⸗ ſetzen könnte— Mad. Belmont. Schon gut! ſchon gut! Ich verſtehe. Selicour. Und ich brauchte allerdings ſo ein leichtes Spielwerk zu meiner Erholung!— Ich bin die ganze Nacht aufgeweſen, um Acten durchzugehen und Rechnungen zu cor⸗ rigiren! Mad. Belmont. Eine niederträchtige Beſchäftigung! Selicour. Daß ich mich wirklich ein wenig angegriffen 118 fuͤhle.— Wer weiß! die Blume der Dichtkunſt erquickt mich vielleicht mit ihrem lieblichen Hauch, und du, Balſam der Her⸗ zen, heilige Freundſchaft! Siebenter Auftritt. Vorige. Kobineau. Robineau(öinter der Scene). Nu! nul wenn er drinn iſt, wird mir's wohl auch erlaubt ſeyn, denk' ich— Mad. Belmont. Was gibt's da? Nobineau(im Eintreten). Dieſes Bedientenpack bildet ſich mehr ein, als ſeine Herrſchaft.— Ich will den Herrn Selicour ſprechen. Seliconr. Ich bin's.— Nobineau. Das will ich bald ſehen.— Ja, mein Seel', das iſt er!— Leibhaftig— Ich ſeh' ihn noch, wie er ſich im Dorf mit den Jungens herum jagte.— Nun ſeh' er jetzt auch „mal mich an— betracht' er mich wohl. Ich bin wohl ein bißchen veraͤndert— Kennt er mich? Selicosur. Nein! Nobineau. Ei, ei, ich bin ja des Robineau's Chriſtoph, des Winzers, der die dicke Madelon heirathete, ſeines Groß⸗ vaters Muhme, Herr Selicour! Selicour. Ach ſo! Robineau. Nun— Vetter pflegen ſich ſonſt zu umar⸗ men, denk ich. Selicour. Mit Vergnuͤgen.— Seyd mir willkommen, Vetter! Nobineau. Großen Dank, Vetter! 119 Selicour. Aber laßt uns auf mein Zimmer gehen— ich bin hier nicht zu Hauſe. Mad. Belmont. Laſſen Sie ſich nicht ſtören, Herr Se⸗ licour! Thun Sie, als wenn ich gar nicht da waͤre. Selicsur. Mit Ihrer Erlaubniß, Madame, Sie ſind gar zu guͤtig! Man muß ihm ſein ſchlichtes Weſen zu gute hal⸗ halten; er iſt ein guter ehrlicher Landmann, und ein Vetter, den ich ſehr lieb habe. Mad. Belmont. Das ſieht Ihnen aͤhnlich, Herr Selicour! Nobineau. Ich kommeV ſo eben an, Herr Vetter! Seliconur. So? und woher denn? Robineau. Ei, woher ſonſt als von unſerm Dorf.— Dieſes Paris iſt aber auch wie zwanzig Dörfer.— Schon uber zwei Stunden, daß ich aus dem Poſtwagen geſtiegen, treib' ich mich herum, um ihn und den La Roche aufzuſuchen, er weiß ja, ſeinen Nachbar und Schulcameraden.— Nun, da find' ich ihn ja endlich, und nun mag's gut ſeyn! Selicsur. Er kommt in Geſchaͤften nach Paris, Vetter? Robineau. In Geſchaͤften! Hat ſich wohl! Ein Ge⸗ ſchaͤft hab' ich freilich— Selicour. Und welches denn? Robineau. J nun— mein Glück hier zu machen, Vetter! Selicour. Hal ha! obineau. Nun, das Geſchaͤft iſt wichtig genug, denk' ich. Selicour dzu Madame Belmont). Excuſiren Sie. Mav. Belmont. Er beluſtigt mich. Selicour. Er iſt ſehr kurzweilig. Robineau. Peter, der Kaͤrrner, meinte, der Vetter habe ſich in Paris ſeine Pfeifen gut geſchnitten.— Als er noch klein war, der Vetter, da ſey er ein loſer Schelm geweſen; da 120 hätt's geheißen: der verdirbt nicht— der wird ſeinen Weg ſchon machen!— Wir hatten auch ſchon von ihm gehört; aber die Nachrichten lauteten gar zu ſchön, als daß wir ſie haͤtten glauben koͤnnen. Wie wir aber nicht laͤnger daran zweifeln konnten, ſagte mein Vater zu mir: Geh' hin, Chriſtoph, ſuche den Vetter Selicour in Paris auf! Die Reiſe wird dich nicht reuen— Vielleicht machſt du dein Gluͤck mit einer guten Hei⸗ rath.— Ich gleich auf den Weg, und da bin ich nun!— Nehmen Sie mir's nicht uͤbel. Madame! die Robineaus gehen gerade aus; was das Herz denkt, muß die Zunge ſagen— und wie ich den lieben Herrn Vetter da ſo vor mir ſah, ſehen Sie, ſo ging mir das Herz auf. Mad. Belmont. Ei, das iſt ganz natuͤrlich. Robineau. Hör' er, Vetter, ich moͤchte herzlich gern auch mein Gluͤck machen! Er weiß das Geheimniß, wie man's an⸗ faͤngt; theil' er mir's doch mit. Selicour. Sey immer rechtſchaffen, wahr und beſcheiden! Das iſt mein ganzes Geheimniß, Vetter! weiter hab' ich keins. — Es iſt doch Alles wohl zu Hauſe? Robineau. Zum Preis Gottes, ja! Die Famllie ge⸗ deiht. Der Bertrand hat ſeine Suſanne gebeirather; ſie wird bald niederkommen, und hafft, der Herr Vetter wird zu Ge⸗ vatter ſtehen. Es iſt Alles in guten Umſiaͤnden, bis auf ſein arme Mutter.— Die mennt, es waͤre doch hart, daß ſie Noth leiden muſſe und einen ſo ſteinreichen Sohn in der Stadt habe. Selicsur deiſe). Halt's Maul, Dummkopf! Mad Belmont. Was ſagt er von der Mutter! Selicsur(laut). Iſt's möglich? Die tauſend Thaler, die ich ihr geſchickt, ſind alſo nicht angekommen?— Das thut mir in der Seele weh!— Was das doch fur ſchlechte Anſtalten 121 ſind auf dieſen Poſten— Die arme, gutez Mutter! Was mag ſie ausgeſtanden haben! Mar. BZelmont. Ja wohl! Man muß ihr helfen. Selicsur. Das verſteht ſich! Sogleich bitte ich den Mi⸗ niſter um Urlaub— es iſt eine gerechte Forderung. Ich kann darauf beſtehen— Die Pflicht der Natur geht allen andern vor— Ich eile nach meinem Ort— in acht Tagen iſt Alles abgethan!— Sie hat ſich nicht in Paris niederlaſſen wollen, wie ſehr ich ſie auch darum bat! Die liebe alte Mutter haͤngt gar zu ſehr an ihrem Geburtsort. Nobineau. So kann ich gar nicht aus ihr klug werden; denn zu uns ſagte ſie, ſie waͤre gern nach Paris gekommen, aber der Vetter habe es durchaus nicht haben wollen! Selicour. Die gute Frau weiß ſelbſt nicht immer, was ſie will!— Aber ſie nothleidend zu wiſſen— ach Gott! das jammert mich und ſchneidet mir ins Herz. Mad. Belmont. Ich glaub's Ihnen wohl, Herr Seli⸗ cour! Aber ſie werden bald Rath geſchafft haben. Ich gehe jetzt und laſſe Sie mit Ihrem Vetter allein.— Gluͤcklich iſt die Gattin, die Sie einſt beſitzen wird! Ein ſo pflchtvoller Sohn wird gewiß auch ein zärtlicher Gatte werden!(Ab). Alchter Auftritt. Seliconr. RKobineau. Nobineau. Meiner Treu, Herr Vetter, ich bin ganz ver⸗ wundert uͤber ihn— eine ſo herzliche Aufnahme haͤtt ich mir 122 gar nicht von ihm erwartet. Der iſt gar ſtolz und hochmuͤthig, hieß es, der wird dich gar nicht mehr erkennen! Selicour(nachdem er wohl nachgeſehen, ob Madame Belmont auch fort iſy. Sage mir, du Eſel! was faͤllt dir ein, daß du mir hier ſo zur Unzeit uͤber den Hals kommſt? Robineau. Nun, nun! wie ich ihm ſchon ſagte, ich komme, mein Glück zu machen! Selicour. Dein Glück zu machen? Der Schafskopf! Nobineau. Ei, ei, Vetter! wie er mit mir umgeht; ich laſſe mir nicht ſo begegnen. Selicour. Du thuſt wohl gar empfindlich— ſchade um deinen Zorn— Von ſeinem Dorf weg nach Paris zu laufen! der Tagdieb! Nobineau. Aber was das auf einmal für ein Betragen iſt, Herr Vetter!— Erſt der freundliche Empfang und jetzt dieſen barſchen Ton mit mir!— Das iſt nicht ehrlich und gerade gehandelt, nehm' er mir's nicht uͤbel, das iſt falſch— und wenn ich das weiter erzählte, wie er mit mir umgeht— ¹s wuͤrde ihm ſchlechte Ehre bringen! ja, das wuͤrd' es! Selicour cerſchrocken). Weiter erzaͤhlen! was? Robineau. Ja, ja, Vetter! Selicour. Unterſteh' dich, Bube!— Ich will dich unter⸗ bringen— ich will für die Mutter ſorgen. Sey ruhig, ich ſchaffe dir einen Platz! Verlaſſ' dich darauf! Robineau. Nun, wenn er das— Selicour. Aber hier koͤnnen wir nicht davon reden! Fort! auf mein Zimmer! Nobineau. Ja, hör' er, Vetter! ich möchte ſo gern ein 4 123 S recht ruhiges und bequemes Brod. Wenn er mich ſo bei der Acciſe unterbringen könnte. Selicour. Verlaſſ' dich drauf; ich ſchaffe dich an den rechten Platz.— Ins Dorf mit dem dummen Dorfteufel uͤber Hals und Kopf!—(Ab.) Dritter Aufzug. — Erſter Auftritt. La Noche und Karl Firmin begegnen einander. La Koche. Ich ſuchte Sie ſchon laͤngſt.— Hoͤren Sie!— Nun, ich habe Wort gehalten— ich habe ihn dem Miniſter abgeſchildert, dieſen Selicour. Karl. Wirklich? Und es iſt alſo vorbei mit ihm? ganz vorbei? La Roche. Das nun eben nicht!— Noch nicht ganz— denn ich muß Ihnen ſagen, er hat ſich herausgelogen, daß ich da ſtand, wie ein rechter Dummkopf— Der Heuchler ſtellte ſich geruhrt, er ſpielte den zärtlichen Freund, den Großmuͤthi⸗ gen mit mir, er uͤberhaͤufte mich mit Freundſchaftsverſicherun⸗ gen, und will mich bei dem Bureau als Chef anſtellen. Karl. Wie? was? Das iſt ja ganz vortrefflich! Da wünſche ich Gluck. La Roche. Für einen Glücksjaͤger hielt ich ihn; ich hatte geglaubt, daß es ihm nur um Stellen und um Geld zu thun waͤre; fur ſo falſch und verraͤtheriſch haͤtte ich ihn nie gehalten. 125 Der Heuchler mit ſeinem ſuͤßen Geſchwaͤtz! Ich war aber ſein Narr nicht und hab' es rundweg ausgeſchlagen! Karl. Und ſo ſind wir noch, wo wir waren? Und mein Vater iſt nicht beſſer daran, als vorher? La Roche. Wohl wahr— aber laſſen Sie mich nur ma⸗ chen! Laſſen Sie mich machen! Karl. Ich bin auch nicht weiter. In den Garten hab' ich mich geſchlichen, ob ich dort vielleicht meiner Geliebten be⸗ gegnen möchte.— Aber vergebens! Einige Strophen, die ich mir in der Einſamkeit ausdachte, ſind die ganze Ausbeute, die ich zurückbringe. La Roche. Vortrefflich! brav! Machen Sie Verſe an Ihre Geliebte! Unterdeſſen will ich die Spur meines Wildes verfolgen. Der Schelm betrügt ſich ſehr, wenn er glaubt, ich habe meinen Plan aufgegeben! Karl. Lieber La Roche! das iſt unter unſerer Wurde. Laſſen wir dieſen Elenden ſein ſchmutziges Handwerk treiben, und das durch unſer Verdienſt erzwingen, was er durch Nie⸗ derträchtigkeit erſchleicht. La Roche. Weg mit dieſem Stolz! es iſt Schwachheit, es iſt Vorurtheil!— Wie? wollen wir warten, bis die Redlich⸗ keit die Welt regiert— da würden wir lange warten muͤſſen. Alles ſchmiedet Ränke! Wohl, ſo wollen wir einmal für die gute Sache ein Gleiches verſuchen.— Das geht übrigens Sie nichts an.— Machen Sie Ihre Verſe, bilden Sie Ihr Talent aus; ich will es geltend machen, ich— das iſt meine Sache! Karl. Ja, aber die Klugheit nicht vergeſſen.— Sie haben ſich heute uͤbel ertappen laſſen. La Roche. Und es wird nicht das Letztemal ſeyn.— Aber thut nichts! Ich ſchreite vorwaͤrts, ich laſſe mich nicht ab⸗ ſchrecken; ich werde ihm ſo lange und ſo oft zuſetzen, daß ich 126 ihm endlich doch Eins beibringe. Ich bin lange ſein Narr ge⸗ weſen; jetzt will ich auch ihm einen Poſſen ſpielen. Laſſen wir's den Buben ſo forttreiben, wie er's angefangen, ſo werde ich bald der Schelm und Ihr Vater der Dummkopf ſeynmuſſen! Karl. Man kommt! a Koche. Er iſt es ſelbſt! Karl. Ich kann ſeinen Anblick nicht ertragen. In den Garten will ich zuruͤckgehen und mein Gedicht vollenden. (Ab.) La Roche. Ich will auch fort! Auf der Stelle will ich Hand ans Werk legen. Doch nein— es iſt beſſer, ich bleibe. Der Geck glaubte ſonſt, ich fürchte mich vor ihm! Zweiter Auftritt. Selicaur und La RKoche. Selicour. Ach, ſieh da! Finde ich den Herrn La Roche hier? 4 La Voche. Ihn ſelbſt, Herr Selicour! Selicour. Sehr beſchämt, wie ich ſehe. Sa KNoche. Nicht ſonderlich. Selicsur. Ihr wuthender Ausfall gegen mich hatnichts gefruchtet— Der Freund hat ſeine Bolzend umſonſt ver⸗ ſchoſſen. La Koche. Hat nichts zu ſagen. Selicour. Wahrlich, Freund La Roche! ſo hart Sie mir auch zuſetzten— Sie haben mir leid gethan mit Ihren naͤrri⸗ ſchen Grillen. 127 La Roche. Herr Narbonne iſt jetzt nicht zugegen.— Zwingt Euch nicht! Selicsur. Was beliebt? La Roche. Seyd unverſchäͤmt nach Herzensgelüſten. Selicgur. Sieh doch! La Roche. Brüſtet Euch mit Eurem Triumph. Ihr habt mir's abgewonnen! Selicour. Freilich, es kann Einen ſtolz machen, über einen ſo fürchterlichen Gegner geſiegt zu haben. La Koche. Wenn ich's heute nicht recht machte, in Eurer Schule will ich's bald beſſer lernen. Selicour. Wie, Herr La Roche? Sie haben es noch nicht aufgegeben, mir zu ſchaden? La Voche. Um eines unglücklichen Zugs willen verlaͤßt man das Spiel nicht! Felicour. Ein treuer Schildknappe alſo des ehrlichen Fir⸗ mins!— Sieh, ſieh! La Roche. Er muß dir oft aus der Noth helfen, dieſer ehrliche Firmin. Selicsur. Was gibt er dir fuͤr deine Ritterſchaft? La Roche. Was bezahlſt du ihm fur die Exercitien, die er dir ausarbeitet? Selicour. Nimm dich in Acht, Freund Roche!— Ich könnte dir ſchlimme Haͤndel anrichten. La Roche. Werde nicht böſe, Freund Selicour!— Der Zorn verräth ein böſes Gewiſſen. Selicour. Freilich ſollte ich uͤber deine Thorheit nur achen. La Voche. Du verachteſt einen Feind, der dir zu ſchwach ſcheint, Ich will darauf denken, deine Achtung zu verdienen! (Geht ab.) —⏑—— 128 Dritter Auftritt. Selicour alein. Sie wollen den Firmin zum Geſandten haben.— Gemach Camerad!— So weit ſind wir noch nicht.— Aber Firmin betrug ſich immer ſo gut gegen mich.— Es iſt der Sohn vermuth⸗ lich— der junge Menſch, der ſich mit Verſen abgibt, ganz ge⸗ wiß— und dieſer La Roche iſt's, der ſie hetzt!— Dieſer Fir⸗ min hat Verdienſte, ich muß es geſtehen, und wenn ſie je ſei⸗ nen Ehrgeiz aufwecken, ſo kenne ich keinen, der mir gefaͤhrlicher waͤre.— Das muß verhütet werden!— Aber in welcher Klemme ſehe ich mich!— Eben dieſe beiden Firmins waͤren mir jetzt gerade hoͤchſt nöthig, der Vater mit ſeinen Einſichten und der Sohn mit ſeinen Verſen.— Laſſ' uns fuüͤrs erſte Nutzen von ihnen ziehen und dann ſchafft man ſie ſich ſchon gelegentlich vom Halſe. Vierter Auftritt. Firmin der Vater und Selicour. Selieaus. Sind Sie's, Herr Firmin? Eben wollte ich zu Ihnen. Firmin. Zu mir? Selicour. Mich mit Ihnen zu erklaͤren— Firmin. Worüber? Selicour. Ueber eine Armſeligkeit— Lieber Firmin! es 129 iſt mitrein rechter Troſt, Sie zu ſehen.— Man hat uns ver⸗ uneinigen wollen! Firmin. Uns veruneinigen? Selicgur. Ganz gewiß. Aber es ſoll ihnen nicht gelin⸗ gen, hoff' ich. Ich bin Ihr wahrer und aufrichtiger Freund, und ich hab' es heute bewieſen, denk' ich, da dieſer tollköpfige La Roche mich beim Miniſter anſchwärzen wollte. Firmin. Wie? Hätte der La Roche— Selicour. Er hat mich auf das abſcheulichſte preis⸗ gegeben. Firmin. Er hat ſeine Stelle verloren.— Setzen Sie ſich an ſeinen Platz! Selicour. Er iſt ein Undankbarer! Nach Allem, was ich fur ihn gethan habe— Und es geſchehe, ſagte er, um Ihnen dadurch einen Dienſt zu leiſten.— Er diente Ihnen aber ſchlecht, da er mir zu ſchaden ſuchte.— Was will ich denn anders, als Ihr Glück?— Aber ich weiß beſſer, als dieſer Brauskopf, was Ihnen dient. Darum habe ich mir ſchon ein Plänchen mit Ihnen ausgedacht.— Das laͤrmende Treiben der Bureaur iſt Ihnen verhaßt, das weiß ich; Sie lieben nicht, in der geräuſch⸗ vollen Stadt zu leben.— Es ſoll für Sie geſorgt werden, Herr Firmin!— Sie ſuchen ſich irgend ein einſames ſtilles Plätzchen aus, ziehen einen guten Gehalt, ich ſchicke Ihnen Arbeit hinaus, Sie mögen gern arbeiten, es ſoll Ihnen nicht daran fehlen. Firmin. Aber wie— Selicour. Das ſind aber bloß noch Ideen, es hat noch Zeit bis dahin.— Glücklich, der auf der ländlichen Flur ſeine Tage lebt! Ach, Herr Firmin! ſo wohl wird es mir nicht! Ich bin in die Stadt gebannt, ein Laſtthier der Verhältniſſe, den Pfeilen der Bosheit preisgegeben. Auch hielt chn für die Schillers ſaͤmmtl. Werke. VII. 130 Pflicht eines guten Verwandten, einen Vetter, der ſich hier niederlaſſen wollte, über Hals und Kopf wieder aufs Land zu⸗ rück zu ſchicken.— Der gute Vetter! Ich bezahlte ihm gern die Reiſekoſten— denn, ſagen Sie ſelbſt, iſt's nicht unendlich beſſer, auf dem Land in der Dunkelheit frei zu leben, als hier in der Stadt ſich zu placken und zu quälen?— Firmin. Das iſt meine Meinung auch.— Aber was wollten Sie eigentlich bei mir? Selicour. Nun, wie ich ſagte, vor allen Dingen mich von der Freundſchaft meines lieben Mitbruders überzeugen— und alsdann— Sie haben mir ſo oft ſchon aus der Verlegen⸗ heit geholfen; ich verhehle es nicht, ich bin Ihnen ſo viel— ſo Vieles ſchuldig!— Mein Poſten bringt mich um— mir liegt ſo Vieles auf dem Halſe— wahrhaftig, es braucht mei⸗ nen ganzen Kopf, um herum zu kommen— Sie ſind zufrieden mit unſerm Miniſter? Firmin. Ich bewundre ihn. Selicour. Ja, das nenn' ich einmal einen fähigen Chef! Und wahrlich, es war auch die höchſte Noth, daß ein ſolcher an den Platz kam, wenn nicht Alles zu Grunde gehen ſollte.— Es iſt noch nicht Alles, wie es ſoll, ſagte ich ihm heute— wollen Sie, daß Alles ſeinen rechten Gang gehe, ſo müſſen Sie ein Memoire einreichen, worin Alles, was noch zu ver⸗ beſſern iſt, mit der ſtrengſten Wahrheit angezeigt wäre.— Dieſe meine Idee hat er mit Eifer ergriffen und will eine ſolche Schrift unverzüglich aufgeſetzt haben.— Er trug ſie mir auf— aber die unendlichen Geſchäfte, die auf mir liegen— in der That, ich zittre, wenn ich an einen Zuwachs denke.— Firmin. Und da rechnen Sie denn auf mich— nicht wahr? Selieour. Nun ja, ich will's geſtehen! ¹ 131 Firmin. Sie konnten ſich dießmal an keinen Beſſern wenden! 4 Lelicsur. O das weiß ich! das weiß ich! Firmin. Denn da ich ſo lange Zeit von den Mißbräuchen unter der vorigen Verwaltung Augenzenge war— ſo habe ich, um nicht bloß als mußiger Zuſchauer daruͤber zu ſeufzen, meine Beſchwerden und Verbeſſerungsplane dem Papiere anvertraut — und ſo findet ſich, daß die Arbeit, die man von Ihnen verlangt, von mir wirklich ſchon gethan iſt!— Ich hatte mir keinen beſtimmten Gebrauch dabei gedacht— ich ſchrieb bloß nieder, um mein Herz zu erleichtern. Selicour. Iſt's möglich? Sie hätten— Firmin. Es liegt Alles bereit, wenn Sie davon Gebrauch machen wollen. Selicour. Ob ich das will! O mit Freuden!— Das iſt ja ein ganz erwünſchter Zufall! Firmin. Aber die Papiere ſind nicht in der beſten Ord⸗ nung! Selicour. O dieſe kleine Muͤhe übernehm' ich gern— Noch heute Abend ſoll der Miniſter das Memoire haben— Ich nenne Sie als Verfaſſer; Sie ſollen den Ruhm davon haben. Firmin. Sie wiſſen, daß mir's darauf eben nicht an⸗ kommt! Wenn ich nur Gutes ſtifte, gleichviel, unter welchem Namen. Selicour. Würdiger, ſcharmanter Mann! Niemand läßt Ihrem beſcheidnen Verdienſt mehr Gerechtigkeit widerfahren, als ich.— Sie wollen mir alſo die Papiere— Firmin. Ich kann ſie gleich holen, wenn Sie ſo lange verziehen wollen. Selievur. Ja, gehen Sie! Ich will hier warten. 13² Firmin. Da kommt mein Sohn— Er kann Ihnen unter⸗ deſſen Geſellſchaft leiſten— Aber ſagen Sie ihm nichts davon — hören Sie!l ich bitte mir's aus! Selicour. So! Warum denn nicht! Firmin. Aus Urſachen. Selicour. Nun, wenn Sie wollen!— Es wird mir zwar ſauer werden, Ihre Gefälligkeit zu verſchweigen.—(Wenn Firmin fort iſt.) Der arme Schelm! Er fürchtet wohl gar, ſein Sohn werde ihn auszanken. Fünfter Auftritt. Karl. Selicour. Karl(kommt, in einem Papier leſend, das er beim Anblick Seli⸗ cours ſchnell verbirgt.) Schon wieder dieſer Seliccour—(Will gehen.) Selicour. Bleiben Sie doch, mein junger Freund!— Warum fliehen Sie ſo die Geſellſchaft? Karl. Verzeihung, Herr Selicour!—(Fur ſich) Daß ich dem Schwätzer in den Weg laufen mußte! Selicour. Ich habe mich ſchon laͤngſt darnach geſehnt, Sie zu ſehen, mein Beſter!— Was machen die Muſen? wie fließen uns die Verſe?— Der gute Herr Firmin hat allerlei dagegen, ich weiß, aber er hat Unrecht.— Sie haben ein ſo entſchiedenes Talent!— Wenn die Welt Sie nur erſt kennte— aber das wird kommen! Neoch heute fruh ſprach ich von Ihnen— Karl. Von mir? Selicour. Mit der Mutter unſers Herrn Munlſers— 133 und man hat ſchon ein gutes Vorurtheil für Sie, nach der Art, wie ich Ihrer erwaͤhnte. Karl. So! Bei welchem Anlaß war das? Selicour. Sie macht die Kennerin— ich weiß nicht, wie ſie dazu kommt— man ſchmeichelt ihr, ihres Sohnes wegen. — Wie? wenn Sie ihr auf eine geſchickte feine Art den Hof machten— deßwegen wollte ich Sie eben aufſuchen.— Sie verlangte ein paar Couplets von mir für dieſen Abend.— Nun habe ich zwar zu meiner Zeit auch meinen Vers gemacht, wie ein Andrer, aber der Witz iſt eingeroſtet in den leidigen Ge⸗ ſchäften! Wie wär's nun, wenn Sie ſtatt meiner die Vers⸗ chen machten.— Sie vertrauten ſie mir an— ich leſe ſie vor — man iſt davon bezaubert— man will von mir wiſſen— Ich— ich nenne Sie! Ich ergreife dieſe Gelegenheit, Ihnen eine Lobrede zu halten.— Alles iſt voll von Ihrem Ruhm, und nicht lange, ſo iſt der neue Poet fertig, eben ſo berühmt durch ſeinen Witz, als ſeinen Degen! Karl. Sie eröffnen mir eine glänzende Ausſicht! Selicsur. Es ſteht ganz in Ihrer Gewalt, ſie wirklich zu machen! Karl(fuͤr ſich). Er will mich beſchwatzen! Es iſt lauter Falſchheit; ich weiß es recht gut, daß er falſch iſt— aber, wie ſchwach bin ich gegen das Lob!— Wider meinen Willen könnte er mich beſchwatzen.— Gu Selicour) Man verlangt alſo für dieſen Abend— Selicour. Eine Kleinigkeit! ein Nichts! ein Liedchen— wo ſich auf eine ungezwungene Art ſo ein feiner Zug zum Lobe des Miniſters anbringen ließe.— Karl. Den Lobredner zu machen, iſt meine Sache nicht! Die Würde der Dichtkunſt ſoll durch mich nicht ſo erniedrigt 134 werden. Jedes Lob, auch wenn es noch ſo verdient iſt, iſt Schmeichelei, wenn man es an die Großen richtet. Seliesur. Der ganze Stolz eines ächten Muſenſohns! Nichts von Lobſprüchen alſo— aber ſo etwas von Liebe— Zärtlichkeit— Empfindung— Harl(ſieht ſein Papier an). Konnte ich denken, da ich ſie niederſchrieb, daß ich ſo bald Gelegenheit haben würde? Selicsur. Was? wie? Das ſind doch nicht gar Verſe— Kaxl. O verzeihen Sie! Eine ſehr ſchwache Arbeit— Selicour. Ei was! Mein Gott! da hätten wir ja ge⸗ rade, was wir brauchen!— Her damit, geſchwind!— Sie ſol⸗ len bald die Wirkung davon erfahren— Es braucht auch ge⸗ rade keine Romanze zu ſeyn— dieſe Kleinigkeiten— dieſe artigen Spielereien thun oft mehr, als man glaubt— dadurch gewinnt man die Frauen, und die Frauen machen Alles.— Geben Sie! geben Sie!— Wie! Sie ſtehen an? Nun, wie Sie wollen! Ich wollte Ihnen nützlich ſeyn— Sie bekannt machen— Sie wollen nicht bekannt ſeyn— Behalten Sie Ihre Verſe! Es iſt Ihr Vortheil, nicht der meine, den ich dabei beabſichtete. Karl. Wenn nur— Seliconur. Wenn Sie ſich zieren— Karl. Ich weiß aber nicht— Selicour(reißt ihm das Papier aus der Hand). Sie ſind ein Kind! Geben Sie! Ich will Ihnen wider Ihren Willen dienen— Ihr Vater ſelbſt ſoll Ihrem Talente bald Gerechtig⸗ keit erzeigen. Da kommt er!(Er ſieckt das Papier in die rechte Taſche.) 135 Sechster Auftritt. Beide Firmins. Selicour. Firmin. Hier, mein Freund!— aber reinen Mund ge⸗ halten!(Gibt ihm das Papier heimlich.) Selicour. Ich weiß zu ſchweigen.(Steckt das Papier in die linke Rocktaſche.) Karl(fuͤr ſich). That ich Unrecht, ſie ihm zu geben— Was kann er aber auch am Ende mit meinen Verſen machen? Selicour. Meine werthen Freunde! Sie haben mir eine köſtliche Viertelſtunde geſchenkt— aber man vergißt ſich in Ihrem Umgang.— Der Miniſter wird auf mich warten— ich reiße mich ungern von Ihnen los, denn man gewinnt im⸗ mer etwas bei ſo wuͤrdigen Perſonen.(Geht ab, mit beiden Haͤn⸗ den an ſeine Rocktaſchen greifend.) *2 Siebenter Auftritt. Beide Firmins. Firmin. Das iſt nun der Mann, den du einen Ränke⸗ ſchmied und Cabalenmacher nennſt— und kein Menſch nimmt hier mehr Antheil an mir, als er! Karl. Sie mögen mich nun für einen Träumer halten— aber je mehr er Ihnen ſchoͤn thut, deſto weniger trau' ich ihm — Dieſer ſüße Ton, den er bei Ihnen annimmt— Entweder er braucht Sie, oder er will Sie zu Grunde richten. Firmin. Pfui über das Mißtrauen!— Nein, mein Sohn! und wenn ich auch das Opfer der Bosheit werden ſollte— ſo will ich doch ſo ſpaͤt als möglich das Schlechte von Andern glauben. 136 Achter Auftritt. Vorige. La Voche. La Roche. Sind Sie da, Herr Firmin!— Es macht mir herzliche Freude— der Miniſter will Sie beſuchen. Karl. Meinen Vater?— Firmin. Mich? La Boche. Ja, Sie!— Ich hab' es wohl bemerkt, wie ich ein Wort von Ihnen fallen ließ, daß Sie ſchon ſeine Auf⸗ merkſamkeit erregt hatten.— Dieſem Selicour iſt auch gar nicht wohl dabei zu Muthe— So iſt mein heutiger Schritt doch zu etwas gut geweſen. Karl. O ſo ſehen Sie ſich doch wider Ihren eigenen Willen ans Licht hervorgezogen!— Welche glückliche Be⸗ gebenheit! Firmin. Ja, ja! Du ſiehſt mich in deinen Gedanken ſchon als Ambaſſadeur und Miniſter— Herr von Narbonne wird mir einen kleinen Auftrag zu geben haben, das wird Alles ſeyn! La Koche. Nein, nein, ſag' ich Ihnen— er will Ihre naͤhere Bekanntſchaft machen— Und das iſt's nicht allein! Nein, nein! die Augen ſind ihm endlich aufgegangen! Dieſer Selicour, ich weiß es, iſt ſeinem Falle nahe! Noch heute— es iſt ſchaͤndlich und abſcheulich— doch ich ſage nichts.— Der Miniſter ließ in Ihrem Hauſe nach Ihnen fragen; man ſagte ihm, Sie ſeyen auf dem Bureau— Ganz gewiß ſucht er Sie hier auf! Sagt' ich's nicht? Sieh, da iſt er ſchon!(Er tritt nach dem Hintergrunde zuruͤck.) 137 Neunter Auftritt. Narbonne zu den Vorigen. Narbonne. Ich habe Arbeiten von Ihnen geſehen, Herr Firmin, die mir eine hohe Idee von Ihren Einſichten geben, und von allen Seiten hör' ich Ihre Rechtſchaffenheit, Ihre Beſcheidenheit ruhmen. Männer Ihrer Art brauche ich hoͤchſt nöthig— Ich komme deßwegen mir Ihren Beiſtand, Ihren Rath, Ihre Mitwirkung in dem ſchweren Amte auszubitten, das mir anvertraut iſt.— Wollen Sie mir Ihre Freundſchaft ſchenken, Herr Firmin? Firmin. So viel Zutrauen beſchämt mich und macht mich ſtolz.— Mit Freude und Dankbarkeit nehme ich dieſes gütige Anerbieten an— aber ich fürchte, man hat Ihnen eine zu hohe Meinung von mir gegeben.. Karl. Man hat Ihnen nicht mehr geſagt, als wahr iſt, Herr von Narbonne!— Ich bitte Sie, meinem Vater in dieſem Punkte nicht zu glauben. Firmin. Mache nicht zu viel Rühmens, mein Sohn, von einem ganz gemeinen Verdienſt. Narbonne. Das iſt alſo Ihr Sohn, Herr Firmin? Firmin. Ja. Narbonne. Der Karl Firmin, deſſen meine Mutter und Tochter noch heute Morgen gedacht haben? Karl. Ihre Mutter und die liebenswürdige Charlotte haben ſich noch an Karl Firmin erinnert? Narbonne. Sie haben mir ſehr viel Schmeichelhaftes von Ihnen geſagt. Karl. Möchte ich ſo viele Gute verdienen! Narbonne. Es ſoll mich freuen, mit Ihnen, braver jun⸗ 138 ger Mann, und mit Ihrem würdigen Vater mich näher zu verbinden.— Herr Firmin! wenn es meine Pflicht iſt, Sie auf⸗ zuſuchen, ſo iſt es die Ihre nicht weniger, ſich finden zu laſſen. Mag ſich der Unfähige einer ſchimpflichen Trägheit ergeben!— Der Mann von Talent, der ſein Vaterland liebt, ſucht ſelbſt das Auge ſeines Chefs, und bewirbt ſich um die Stelle, die er zu verdienen ſich bewußt iſt.— Der Dummkopf und der Nichtswürdige ſind immer bei der Hand, um ſich mit ihrem anmaßlichen Verdienſte zu brüſten— Wie ſoll man das wahre Verdienſt unterſcheiden, wenn es ſich mit ſeinen ver⸗ ächtlichen Nebenbuhlern nicht einmal in die Schranken ſtellt? — Bedenken Sie, Herr Firmin, daß man für das Gute, wel⸗ ches man nicht thut, ſo wie für das Böſe, welches man zu⸗ läßt, verantwortlich iſt. Karl. Hören Sie's nun, mein Vater? Firmin. Geben Sie mir Gelegenheit, meinem Vaterlande zu dienen, ich werde ſie mit Frenden ergreifen! Narbonne. Und mehr verlang' ich nicht— Damit wir beſſer mit einander bekannt werden, ſo ſpeiſen Sie Beide dieſen Abend bei mir. Sie finden eine angenehme Geſellſchaft— ein paar gute Freunde, einige Verwandte— Aller Zwang wird entfernt ſeyn, und meine Mutter, die durch meinen neuen Stand nicht ſtolzer geworden iſt, wird Sie aufs freundlichſte empfangen, das verſprech' ich Ihnen. Firmin. Wir nehmen Ihre gütige Einladung an. Karl ffuͤr ſich). Ich werde Charlotten ſehn! La Roche(ei Seite). Die Sachen ſind auf gutem Weg— der Augenblick iſt günſtig— friſch, noch einen Ausfall auf die⸗ ſen Selicour!(Kommt vorwaͤrts.) So laſſen Sie endlich dem Verdienſt Gerechtigkeit widerfahren, gut! Nun iſt noch uübrig, auch 139 bas Laſter zu entlarven— Gluücklicherweiſe finde ich Sie hier, und kann da fortfahren, wo ich es dieſen Morgen gelaſſen.— Dieſer Selicour brachte mich heute zum Stillſchweigen— ich machte es ungeſchickt, ich geſteh' es, daß ich ſo mit der Thur ins Haus fiel; aber wahr bleibt wahr! Ich habe doch recht! Sie verlangten Thatſachen— Ich bin damit verſehen. Narbonne. Was? wie? La Roche. Dieſer Menſch, der ſich das Anſehn gibt, als ob er ſeiner Mutter und ſeiner ganzen Familie zur Stütze diente, er hat einen armen Teufel von Vetter ſchön empfangen, der heute in ſeiner Einfalt, in gutem Vertrauen zu ihm in die Stadt kam, um eine kleine Verſorgung durch ihn zu erhalten. Fortgejagt wie einen Taugenichts hat ihn der Heuchler! So geht er mit ſeinen Verwandten um— und wie ſchlecht ſein Herz iſt, davon kann ſeine nothleidende Mutter— Firmin. Sie thun ihm ſehr Unrecht, lieber La Roche! Eben dieſer Vetter, den er ſoll fortgejagt haben, kehrt mit ſei⸗ nen Wohlthaten uͤberhäuft und von falſchen Hoffnungen geheilt in ſein Dorf zuruͤck! Narbonne. Eben mit dieſem Vetter hat er ſich recht gut betragen. La Roche. Wie? was? Narbonne. Meine Mutter war bei dem Geſpräͤch zu⸗ gegen. Firmin. Lieber La Roche! folgen Sie doch nicht ſo der Eingebung einer blinden Rache. La Koche. Schön, Herr Firmin! reden Sie ihm noch das Wort! Firmin. Er iſt abweſend, es iſt meine Pflicht, ihn zu vertheidigen.— Narbonne. Dieſe Geſinnung macht Ihnen Chre, Herr 140 Firmin; auch hat ſich Herr Selitour in Anſehung Ihrer noch heute eben ſo betragen.— Wie erfreut es mich, mich von ſo würdigen Perſonen umgeben zu ſehen—(Zu La Roche.) Sie aber, der den armen Selicour ſo unverſöhnlich verfolgt, Sie ſcheinen mir der gute Mann nicht zu ſeyn, für den man Sie hält!— Was ich bis jetzt noch von Ihnen ſah, bringt Ihnen wahrlich ſchlechte Ehre! Ca Roche cuͤr ſich). Ich möchte berſten— aber nur Geduld! Narbonne. Ich bin geneigt, von dem guten Selicour immer beſſer zu denken, je mehr Schlimmes man mir von ihm ſagt, und ich gehe damit um, ihn mir näher zu verbinden. Karl(betroffen). Wie ſo? Narbonne. Meine Mutter hat gewiſſe Plane, die ich vollkommen gutheiße— Auch mit Ihnen habe ich es gut vor, Herr Firmin!— Dieſen Abend ein Mehreres.— Bleiben Sie ja nicht lange aus.(Zu Karl.) Sie, mein junger Freund, legen ſich auf die Dichtkunſt, hoͤr' ich; meine Mutter hat mir heute Ihr Talent gerühmt.— Laſſen Sie uns bald etwas von Ihrer Arbeit hören!— Auch ich liebe die Muſen, ob ich gleich ihrem Dienſt nicht leben kann.— Ihr Diener, meine Herren!— Ich verbitte mir alle Umſtände. (Er geht ab.) Zehnter Auftritt. Vorige ohne Narbonne. Varl. Ich werde ſie ſehen! ich werde ſie ſprechen!— Aber dieſe gewiſſen Plane der Großmutter— Gott! ich zittre.— 141 Es iſt gar nicht mehr zu zweifeln, daß ſie dieſem Selicour be⸗ ſtimmt iſt. Firmin. Nun, mein Sohn! das iſt ja heute ein gluͤck⸗ licher Tag. La Noche. Für Sie wohl, Herr Firmin— aber fur mich? Firmin. Sey'n Sie außer Sorgen! Ich hoffe, Alles wie⸗ der ins Gleiche zu bringen.—(Zu Karl.) Betrage dich klug, mein Sohn! Wenigſtens unter den Augen des Miniſters vergiß dich nicht! Karl. Sorgen Sie nicht! Aber auch Sie, mein Vater, rühren Sie ſich einmal! Firmin. Schön! Ich erhalte auch meine Lection. Karl. Und habe ich nicht recht, Herr La Roche? Firmin. Laſſ' dir ſein Beiſpiel wenigſtens zu einer War⸗ nung dienen.— Muth gefaßt, La Roche! Wenn meine Fuͤr⸗ ſprache etwas gilt, ſo iſt Ihre Sache noch nicht verloren. (Er geht ab.) Eilfter Auftritt. Karl Firmin und La Voche. La Noche. Nun, was ſagen Sie? Iſt das erlaubt, daß Ihr Vater ſelbſt mich Lügen ſtraft, und den Schelmen in Schutz nimmt? Karl. Beſter Freund, ich habe heute fruh Ihre Dienſte verſchmäht, jetzt flehe ich um Ihre Huͤlfe. Es iſt nicht mehr zu zweifeln, daß man ihr den Selicour zum Gemahl beſtimmt. Ich bin nicht werth, ſie zu beſitzen, aber noch weniger verdient es dieſer Nichtswürdige! 142 La Uoche. Braucht's noch eines Sporns, mich zu hetzen? Sie ſind Zeuge geweſen, wie man mich um ſeinetwillen miß⸗ handelt hat! Hören Sie mich an! Ich habe in Erfahrung gebracht, daß der Miniſter ihm noch heute eine ſehr wichtige und kitzliche Arbeit aufgetragen, die noch vor Abend fertig ſeyn ſoll. Er wird ſie entweder gar nicht leiſten, oder doch etwas höchſt Elendes zu Markte bringen. So kommt ſeine Unfähig⸗ keit ans Licht. Trotz ſeiner ſußlichen Manieren haſſen ihn Alle und wünſchen ſeinen Fall. Keiner wird ihm helſen, dafur ſteh' ich, ſo verhaßt iſt er!— Karl. Meinen Vater will ich ſchon davon abhalten.— Ich ſehe jetzt wohl, zu welchem Zweck er mir mein Gedicht ab⸗ ſchwatzte. Sollte er wohl die Stirn haben, ſich in meiner Ge⸗ genwart für den Verfaſſer auszugeben? La Roche. Kommen Sie mit mir in den Garten! Er darf uns nicht beiſammen antreffen.— Du nennſt dich mei⸗ nen Meiſter, Freund Selicour! Nimm dich in Acht—— dein Lehrling formirt ſich, und noch vor Abend ſoellſt du bei ihm in die Schule gehen! (Gehen ab.) Vierter Aufzug. — Erſter Auftritt. Madame Velmont. Charlotte. Mav. Belmont. Bleib' da, Charlotte! wir haben ein Wörtchen mit einander zu reden, eh' die Geſellſchaft kommt. — Sage mir, mein Kind! was hältſt du von dem Herrn Selicour? Charlotte. Ich, Mama? Mad. Belmont. Ja, du! Charlotte. Nun, ein ganz angenehmer, verdienſtvoller, würdiger Mann ſcheint er mir zu ſeyn. Mad. Belmont. Das hör' ich gern! Ich freue mich, liebes Kind, daß du eine ſo gute Meinung von ihm haſt— denn, wenn dein Vater und ich etwas über dich vermögen, ſo wird Herr Selicour bald dein Gemahl ſeyn. Charlotte(betroffen). Mein Gemahl!— Mar. Belmont. Fällt dir das auf? Charlotte. Herr Selicour? Mad. Belmont. Wir glauben, nicht beſſer für dein Glück ſorgen zu können. Charlstte. Von Ihren und meines Vaters Händen will ich gern einen Gatten annehmen— Aber, Sie werden mich 144 für grillenhaſt halten, liebe Großmama!— Ich weiß nicht— dieſer Herr Selicour, den ich ubrigens hochſchaͤtze— gegen den ich nichts einzuwenden habe— ich weiß nicht, wie es kommt — wenn ich mir ihn als meinen Gemahl denke, ſo— ſo em⸗ pfinde ich in der Tiefe meines Herzens eine Art von— Mad. Belmont. Doch nicht von Abneigung? Charlotte. Von Grauen moöcht' ich's ſogar nennen! Ich weiß, daß ich ihm Unrecht thue; aber ich kann es nun ein⸗ mal nicht überwinden.— Ich fühle weit mehr Furcht vor ihm, als Liebe. Mad. Belmont. Schon gut! Dieſe Furcht kennen wir, meine Tochter! Charlotte. Nein! Hören Sie! Mad. Belmont. Eine angenehme mädchenhafte Schüch⸗ ternheit! Das muß ich wiſſen, glaube mir.— Bin ich nicht auch einmal jung geweſen?— Uebrigens ſteht dieſe Partie dei⸗ ner Familie an.— Ein Mann, der Alles weiß— ein Mann von Geſchmack— ein feiner Kenner— und ein ſo gefälliger, bewährter Freund.— Auch reißt man ſich in allen Häuſern um ihn.— Wäre er nicht eben jetzt ſeiner Mutter wegen be⸗ kümmert, ſo haͤtte er mir dieſen Abend eine Romanze fur dich verſprochen— denn er kann Alles, und dir möchte er gern in jeder Kleinigkeit zu Gefallen ſeyn.— Aber ich hör' ihn kommen! Er laͤßt doch niemals auf ſich warten! Wahrlich, es gibt ſeines Gleichen nicht! 145 Zweiter Auftritt. Selicour zu den Vorigen. Selicsur. Sie verlangten heute ein gefühlvolles zärtliches Lied von mir! Ich habe mein Möglichſtes gethan, Madame! — und lege es Ihnen hier zu Fuüßen. Mad. Belmont. Wie, Herr Selicour? Sie haben es wirklich ſchon fertig?— In der That, ich fürchtete, daß die ubeln Nachrichten— Selicour. Welche Nachrichten? Mad. Belmont. Von Ihrer Mutter— Selicour. Von meiner Mutter!— Ja— ich— ich habe eben einen Brief von ihr erhalten— einen Brief, worin ſie mir meldet, daß ſie endlich— Mad. Belmont. Daß ſie die tauſend Thaler erhalten— nun, das freut mich— Selicour. Hätte ich ſonſt die Faſſung haben können?— Aber, dem Himmel ſey Dank!— jetzt iſt mir dieſer Stein vom Herzen, und in der erſten Frende ſetzte ich dieſe Strophen auf, die ich die Ehre gehabt, Ihnen zu uberreichen. Mad. Velmont(u Charlotten). Er haͤtte dich gejammert, wenn du ihn geſehen hätteſt— Da war's, wo ich ſein ganzes treffliches Herz kennen lernte.— Herr Selicour! ich liebe Ihre Romanze, noch eh' ich ſie geleſen. Schillers ſaͤmmtl. Werke. VII. 146 Dritter Auftritt. Vorige. Narbonne. * Narbonne. Selicour hier bei Ihnen! Ei, ei, liebe Mut⸗ ter! Sie ziehen mir ihn von noͤthigern Dingen ab.— Er hat ſo dringend zu thun, und Sie beladen ihn noch mit unnützen Auftraͤgen. Mad. Belmont. Sieh, ſieh, mein Sohn! Will er nicht gar boͤſe werden! Narbonne. Was ſoll aus dem Aufſatz werden, der doch ſo wichtig und ſo dringend iſt? Selicour. Der Aufſatz iſt fertig. Hier iſt er! Narbonne. Was, ſchon fertig? Selicnur. Und ich bitte Sie, zu glauben, daß ich weder Zeit noch Muͤhe dabei geſpart habe.. Narbonne. Aber wie iſt das möglich? Selicsur. Die Mißbräuche der vorigen Verwaltung haben mir nur zu oft das Herz ſchwer gemacht— Ich konnte es nicht dabei bewenden laſſen, ſie bloß müßig zu beklagen— dem Papier vertraute ich meinen Unwillen, meinen Tadel, meine Verbeſſerungsplane an, und ſo trifft es ſich, daß die Arbeit, die Sie mir auftrugen, ſchon ſeit lange im Stillen von mir gemacht iſt— Es ſollte mir wahrlich auch nicht an Muth ge⸗ fehlt haben, öffentlich damit hervorzutreten, wenn die Regierung nicht endlich von ſelbſt zur Einſicht gekommen wäre, und in Ihrer Perſon einen Mann aufgeſtellt haͤtte, der Alles wieder in Ordnung bringt.— Jetzt iſt der Zeitpunkt da, von dieſen Papieren öffentlichen Gebrauch zu machen— Es fehlte nichts, als die Blätter zurecht zu legen, und das war in wenig Augen⸗ blicken geſchehen. 147 Mad. Belmont. Nun, mein Sohn! du kannſt zufrieden ſeyn, denk' ich— Herr Selicour hat deinen Wunſch erfüllt, eh' er ihn wußte; hat dir in die Hand gearbeitet, und ihr kommt einander durch den glücklichſten Zufall entgegen— Narbonne. Mit Freuden ſeh' ich, daß wir einverſtanden ſind.— Geben Sie, Herr Selicour! noch heute Abend ſende ich den Aufſatz an die Behörde. Selicour(ur ſich). Alles geht gut— Jetzt dieſen Firmin weggeſchafft, der mir im Wege iſt. Caut.) Werden Sie mir verzeihen, Herr von Narbonne?— Es thut mir leid, es zu ſagen— aber ich muß fürchten, daß die Anklage des Herrn La Roche dieſen Morgen doch einigen Eindruck gemacht haben könnte.— Narbonne. Nicht den mindeſten. Selicour. Ich habe es befürchtet.— Nach Allem, was ich ſehe, hat dieſer La Roche meine Stelle ſchon an Jemanden vergeben.— Narbonne. Wie? Selicour. Ich habe immer ſehr gut gedacht von Herrn Firmin, aber, ich geſteh' es— ich fange doch endlich an, an ihm irre zu werden. NUarbonne. Wie? Sie haben mir ja noch heute ſeine Gutmüuthigkeit geruͤhmt. Selicour. Iſt auch dem Gutmüthigſten bis auf einen gewiſſen Punkt zu trauen?— Ich ſehe mich von Feinden um⸗ geben. Man legt mir Fallſtricke.— Uarbonne. Sie thun Herrn Firmin Unrecht. Ich kenne ihn beſſer, und ich ſtehe für ihn. Selicour. Ich wünſchte, daß ich eben ſo von ihm denken könnte. Narbonne. Der ſchändliche Undank dieſes La Roche muß 148 Sie natürlicherweiſe mißtrauiſch machen. Aber wenn Sie auch nur den Schatten eines Zweifels gegen Herrn Firmin haben, ſo werden Sie ſogleich Gelegenheit haben, von Ihrem Irrthum zurück zu kommen. Selirour. Wie das? Narbonne. Er wird im Augenblick ſelbſt hier ſeyn. Selicsur. Herr Firmin— hier? Narbonne. Hier— Ich konnte mir's nicht verſagen. Ich hab' ihn geſehen! Selicour. Geſehen! Vortrefflich! Narbonne. Er und ſein Sohn ſpeiſen dieſen Abend mit uns. Selicour. Speiſen— Sein Sohn! Vortrefflich! Mad. Belmont und Charlotte. Karl Firmin? Narbonne. Der junge Officier, deſſen Verdienſte Sie mir ſo oft gerühmt haben.— Ich habe Vater und Sohn zum Nachteſſen eingeladen. Mad. Velmont. Ich werde ſie mit Vergnügen will⸗ kommen heißen. Narbonne(u Selicour). Sie haben doch nichts dawider? Selicour. Ich bitte ſehr— ganz im Gegentheil! Mad. Belmont. Ich bin dem Vater ſchon im voraus gut um des Sohnes willen. Und was ſagt unſere Charlotte dazu? Charlotte. Ich, Mama— ich bin ganz Ihrer Meinung! Narbonne. Sie können ſich alſo ganz offenherzig gegen einander erklaͤren. Selicsur. O das bedarf's nicht— im Geringſten nicht — Wenn ich's geſtehen ſoll, ich habe Herrn Firmin immer für den redlichſten Mann gehalten— und that ich ihm einen Augenblick Unrecht, ſo bekenne ich mit Freuden meinen Irr⸗ 149 thum— Ich für meinen Theil bin überzeugt, daß er mein Freund iſt. Narbonne. Er hat es bewieſen! Er ſpricht mit großer Achtung von Ihnen— Zwar kenn' ich ihn nur erſt von heute, aber gewiß verdient er— Selicour ceinfallend). Alle die Lobſprüche, die ich ihm, wie Sie wiſſen, noch vor kurzem ertheilt habe— So bin ich ein⸗ mal! Mein Herz weiß nichts von Mißgunſt. Narbonne. Er verbindet einen geſunden Kopf mit einem vortrefflichen Herzen, und kein Menſch kann von Ruhmſucht freier ſeyn, als er. Was gilt's, er wäre im Stande, einem Andern das ganze Verdienſt von dem zu laſſen, was er ge⸗ leiſtet hat! Selicour. Meinen Sie? Narbonne. Er wäre der Mann dazu! Mad. Belmont. Sein Sohn möchte in dieſem Stück nicht ganz ſo denken. Charlotte. Ja wohl, der iſt ein junger feuriger Dichter⸗ kopf, der keinen Scherz verſteht. Selicour. Würde der wohl einem Andern den Ruhm ſeines Werks abtreten? Charlotte. O daran zweifle ich ſehr. Uarbonne. Ich liebe dieſes Feuer an einem jungen Kriegsmann. Selicour. O allerdings, das verſpricht! Narbonne. Jeder an ſeinen rechten Platz geſtellt, werden ſie Beide vortrefflich zu brauchen ſeyn. Selicour. Es iſt doch gar ſchön, wie Sie die fähigen Leute ſo aufſuchen! Narbonne. Das iſt meine Pflicht. Er ſpricht mit ſeiner Tochter.) 15⁰ Felicour. Das war's!(Zu Madame Belmont, bei Seite.) Ein Wort, Madame!— Man könnte doch glauben, Sie zer⸗ ſtreuten mich von meinen Berufsgeſchäften— Wenn alſo dieſen Abend mein Gedicht ſollte geſungen werden, ſo— nennen Sie mich nicht! Mar. Belmont. Wenn Sie nicht wollen, nein. Selicour. Ja— mir fällt ein.— Wie? wenn ich, größerer Sicherheit wegen, Jemanden aus der Geſellſchaft dar⸗ um anſpräche, ſich als Verfaſſer zu bekennen.— Mar. Belmont. Wie? Sie könnten einem Andern den Ruhm davon abtreten? Selicour. Pah! das iſt eine Kleinigkeit!(Beide Firmin treten ein.) Charlotte eerblickt ſie, lebhafy). Da kommen ſie! BVierter Auftritt. Porige. Beide Firmin. Narbonne ühnen entgegen). Ich habe Sie längſt erwartet, meine Herren!— Nur herein! nur näͤher! Sey'n Sie herzlich willkommen! Hier, Herr Firmin, meine Mutter und hier meine Tochter— Sie ſind kein Fremdling in meiner Familie. Mad. Belmont dzu Karl Firmin). Ich hatte mir's nicht erwartet, Sie hier in Paris zu ſehen; es iſt ſehr angenehm, ſich mit lieben Freunden ſo unvermuthet zuſammen zu finden. Karl. Dieſer Name hat einen hohen Werth für mich. (Bu Charlotten.) Sie haben Ihre Tante doch wohl verlaſſen? Charlotte. Ja, Herr Firmin! 151 Aarl. Es waren unvergeßliche Tage, die ich in Ihrem Hauſe verlebte. Dort war's, mein Fräulein— Narbonne dzu Firmin dem Vater). Laſſen wir die jungen Leute ihre Bekanntſchaft erneuern.— Nun, Herr Firmin, da iſt Selicour! Selicsur Gu Firmin). In der That— ich bin— ich kann nicht genug ſagen, wie erfreut ich bin— Sie bei dem Herrn von Narbonne eingeführt zu ſehen. 3 Narbonne. Sie ſind beide die Männer dazu, einander Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen.(Zu Firmin.) Er hat etwas auf dem Herzen, ich wuͤnſchte, daß Sie ſich gegen einander er⸗ klärten, meine Herren! Selicour. O nicht doch! nicht doch! Herr Firmin kennt mich als ſeinen Freund. Narbonne. Und ſey'n Sie verſichert, er iſt auch der Ihrige. Ich wünſchte, Sie hätten es gehört, mit welcher Wärme er noch heute Ihre Partei nahm. Ganz gewiß hat dieſer La Roche wieder— Selicour. Aber was in aller Welt mag doch den La Roche ſo gegen mich aufhetzen? Narbonne. Dieſer La Roche iſt mein Mann nicht— wenigſtens hab' ich eine ſchlechte Meinung von ſeinem Charakter. Firmin. Sie thun ihm Unrecht. Ich habe heute gegen ihn geſprochen, aber dießmal muß ich ihn vertheidigen. Seliesur. Es iſt ganz und gar nicht nöthig. Ich ſchaͤtze ihn, ich kenne ſein gutes Herz, und kenne auch ſeine Sparren — Und mag er mich am Ende bei der ganzen Welt anſchwaͤr⸗ zen, wenn er nur bei Ihnen keinen Glauben fand!— Sie ſehen, wir ſind fertig— unſer Streit iſt beigelegt; es braucht keiner weitern Erklärung. 152 Mav. Belmont. Nun, wollen Sie nicht Platz nehmen, meine Herren? Selicour dzu Karl Firmin). Es iſt ſchon übergeben, das Gedicht. Karl. Wirklich? Selirour. Die alte Mama hat es, und den Verfaſſer habe ich ihr nicht verſchwiegen.(Madame Belmont bei Seite fuͤh⸗ rend.) Wiſſen Sie, was ich gemacht habe? Mad. Belmont. Nun! Selicour. Der junge Firmin— Sie wiſſen, er gibt ſich mit Verſemachen ab. 1 AKad. Belmont. Ja!— Nun? Selicour. Ich hab' ihn erſucht, ſich für den Verfaſſer des Liedchens zu bekennen— Er läßt ſich's gefallen! Mad. Belmont. Läßt ſich's gefallen? Das glaub' ich! Selieour. Daß Sie mich ja nicht Lügen ſtrafen! Narbonne. Aber bis unſre andern Gäſte kommen, liebe Mutter, laſſen Sie uns eine kleine Unterhaltung ausdenken— Zum Spiel lade ich Sie nicht ein— wir können uns beſſer beſchäftigen. Firmin. Sie haben zu befehlen. Karl. Es wird von Madame abhängen. Charlotte. Lieben Sie noch immer die Muſik, Herr Firmin? Narbonne. Es iſt ja wahr, du ſingſt nicht uͤbel— Laſſ' hören!— Haſt du uns nicht irgend etwas Neues vorzutragen? Karl. Wenn es Fraͤulein Charlotten nicht zu viel Mühe macht.— Charlotte. Hier hat man mir ſo eben einige Strophen zugeſtellt. 153 Narbonne. Gut! Ich werde, mit Ihrer Erlaubniß, unter⸗ deſſen das Memoire unſers Freundes durchleſen. Selicour. Aber wir werden Sie ſtören, Herr von Nar⸗ bonne! Marbonne. Nicht doch! Ich bin gewohnt, im ärgſten Geräuſch zu arbeiten— und hier iſt nur vom Leſen die Rede! (Er geht auf die entgegengeſetzte Seite, wo er ſich niederſetzt.) Selicour. Wenn Sie aber doch lieber— Uarbonne. Verzeihen Sie! Aber es leidet keinen Auf⸗ ſchub. Die Pflicht geht Allem vor! Mad. Belmont. Laſſen wir ihn denn, wenn er es ſo will, und nehmen unſer Lied vor.(Alle ſetzen ſich. Charlotte ans Ende, Madame Belmont neben Charlotten, Selicour zwiſchen Madame Belmont und Karln, neben Letztern Firmin der Vater.) Charlotte. Die Melodie iſt gleich gut gewäͤhlt, wie ich ſehe. Mad. Belmont. Der Verfaſſer iſt nicht weit,— ich kann ihn ohne Brille ſehen. Selievur(zu Madame Belmont leiſe). Verrathen Sie mich nicht.— Su Karl Firmin.) Das gilt Ihnen, mein Lieber! Churlotte. Ihm! Wie? Firmin. Iſt das wahr, Karl? Waͤreſt du— Selicour. Er iſt der Verfaſſer. Charlotte Gu ihrer Großmuttery. Wie? Herr Firmin waͤre der Verfaſſer! Mad. Belmont claut). Ja!—(Geimlich.) Nenne den wahren Verfaſſer ja nicht— Charlotte. Warum nicht? Mad. Belmont. Aus Urſachen.(Zu Selicour.) Wollen Sie Charlotten nicht accompagniren? Selicour. Mit Vergnügen. 154 Firmin ärgerlich zu ſeinem Sohne). Gewiß,wieder eine über⸗ eilte Arbeit— aber das muß einmal gedichtet ſeyn— Karl. Aber, lieber Vater, hören Sie doch erſt, eh' Sie richten! Charlotte(iingt). An der Quelle ſaß der Knabe, Blumen band er ſich zum Kranz, Und er ſah ſie, fortgeriſſen, Treiben in der Wellen Tanz;— „Und ſo fliehen meine Tage, „Wie die Quelle, raſtlos hin, „Und ſo ſchwindet meine Jugend, „Wie die Kraͤnze ſchnell verbluͤhn!“ Mad. Belmont(Selicour anſehend). Dieſer Anfang ver⸗ ſpricht ſchon viel! Selicour(auf Karl Firmin zeigend). Dieſem Herrn da ge⸗ hört das Compliment. Mad. Belmont. Gut! gut! Ich verſtehe! Firmin. Der Gedanke iſt alltäͤglich, gemein. Karl. Aber er iſt doch wahr. Narbonne auf der entgegengeſetzten Seite mit dem Aufſatz be⸗ ſchaͤftigt). Die Einleitung iſt ſehr gut und erveckt ſogleich die Aufmerkſamkeit. Charlotte(iingt wieder). „Fraget nicht, warum ich traure „In des Lebens Bluͤthenzeit; „Alles freuet ſich und hoffet, „Wenn der Fruͤhling ſich erneut! „Aber dieſe tauſend Stimmen „Der erwachenden Natur 153 „Wecken in dem tiefen Buſen „Mir den ſchweren Kummer nur!“ Mad. Belmont. Zum Entzuücken! Firmin. Nicht übel. Selicour Gu Karl Firmin). Sie ſehen, wie Alles Sie be⸗ wundert. Narbonne(eeſend). Trefflich entwickelt und nachdrücklich vorgetragen— Leſen Sie doch mit mir, Herr Firmin! Eirmin tritt zum Miniſter und liest uͤber ſeine linke Schulter.) Mad. Belmont. Ganz göttlich! Selicsur(Gzu Narbonne tretend). Ich habe aber freilich dem Herrn Firmin viel, ſehr, ſehr viel dabei zu danken. Eritt wieder auf die andere Seite zwiſchen Karl Firmin und Madame Belmont, doch ohne die andere Gruppe aus den Augen zu verlieren.) Charlotte(ſiinngt wieder). „Was kann mir die Freude frommen, „Die der ſchoͤne Lenz mir beut? „Eine nur iſt's, die ich ſuche, „Sie iſt nah und ewig weit. „Sehnend breit' ich meine Arme— „Nach dem theuren Schattenbild; „Ach, ich kann es nicht erreichen, „Und das Herz bleibt ungeſtillt! „Komm herab, du ſchoͤne Holde, „Und verlaſſ' dein ſtolzes Schloß! „Blumen, die der Lenz geboren, „Streu' ich dir in deinen Schoß. „Horch, der Hain erſchallt von Liedern, „Und die Quelle rieſelt klar! „Raum iſt in der kleinſten Huͤtte „Fuͤr ein gluͤcklich liebend Paar.“ Mad. Belmant. Wie rührend der Schluß iſt!— Das liebe Kind iſt ganz davon bewegt worden. Charlotte. Ja, es mag es gemacht haben, wer will, es iſt aus einem Herzen gefloſſen, das die Liebe kennt! Selicour(verneigt ſich gegen Charlotten. Dieß iſt ein ſchmeichelhaftes Lob. Karl. Was? Er bedankt ſich—— Selicour(ſchnell zu Karl Firmin ſich umwendend). Nicht wahr, lieber Freund! Mad. Belmont. Ich bin ganz davon hingeriſſen— Selicour(buͤckt ſich gegen Madame Belmont). Gar zu gütig, Madame! Karl. Wie verſteh' ich das? Selicour ceben ſo ſchnell wieder zu Karl Firmin). Nun! ſagt' ich's Ihnen nicht? Sie haben den vollkommenſten Sieg da⸗ von getragen. Karl. Hält er mich zum Narren? Narbonne. Das Werk iſt vortrefflich! ganz vortrefflich! Selicour Gu Firmin dem Vater). Sie ſehen, ich habe mich ganz an Ihre Ideen gehalten. Firmin ͤchelt). Ich muß geſtehen, ich merke ſo etwas. Charlotte. Ich weiß nicht, welchem von beiden Herren— Kelicour(zu Charlotten, indem er auf Kar Firmin deutet). Ein ſuͤßer Triumph fuͤr den Verfaſſer. Uarbonne dden Aufſatz zuſammenlegend). Ein wahres Meiſter⸗ werk, in der That! Selicour(buͤckt ſich gegen Narbonne). Gar zu viel Ehre! 157 Mad. Belmont(wiederholt die letzte Strophe). Horch, der Hain erſchallt von Liedern, Und die Quelle rieſelt klar! Naum iſt in der kleinſten Kuͤtte Fuͤr ein gluͤcklich liebend Paar. Schön! himmliſch! Dem widerſtehe, wer kann!— Selicour, es bleibt dabei, Sie heirathen meine Charlotte! Karl. O Himmel! Charlotte. Was hör' ich! Narbonne(ſteht auf). Ich kenne wenig Arbeiten, die ſo vortrefflich waͤren— Selicour, Sie ſind Geſandter! Karl. Mein Gott! Narbonne. Sie ſind's! Ich ſtehe Ihnen für Ihre Er⸗ nennung! Wer das ſchreiben konnte, muß ein rechtſchaffener Mann, muß ein Mann von hohem Genie ſeyn! Selicour. Aber erlauben Sie— ich weiß nicht, ob ich es annehmen darf— Zufrieden mit meinem jetzigen Looſe— Narbonne. Sie müſſen ſich von Allem losreißen, wenn der Staat Sie wo anders nöthig hat. Selicour. Dürfte ich mir nicht wenigſtens Herrn Firmin zu meinem Secretaͤr ausbitten? Firmin. Wo denken Sie hin? Mich? mich zu Ihrem Secretaͤr? Selicour. Ja, Herr Firmin! Ich habe Sie ſehr nöthig. Karl. Das will ich glauben. Narbonne. Das wird ſich finden! Nun! wie iſt die Muſik abgelaufen Selicour. Fraͤulein Charlotte hat ganz himmliſch ge⸗ ſungen 3 158 Fünfter Auftritt. Mlichel zu den Vorigen. Michel. Die Geſellſchaft iſt im Saal verſammelt— Narbonne. Sie ſind ſo guͤtig, liebe Mutter, ſie zu em⸗ pfangen— Ich will dieſes jetzt auf der Stelle abſenden— (Leiſe zu Selicour.) Gewinnen Sie die Einwilligung meiner Tochter, und mit Freuden erwähle ich Sie zum Sohn— Noch einmal! das Werk iſt vortrefflich, und ich gaͤbe viel darum, es gemacht zu haben.(Ab.) Selicour(zu Karh. Nun, genießen Sie Ihres Triumphs, Herr Firmin!—(Zu Charlotten.) Unſer junger Freund weiß die Complimente ganz gut aufzunehmen. Charlotte. Nach den hübſchen Sachen, die ich von ihm geſehen, haͤtte ich nicht geglaubt, daß er nöthig haben würde, ſich mit fremden Federn zu ſchmuͤcken. Selicour. Bloße Gefälligkeit, mein Fräulein!— Aber die Geſellſchaft wartet— Firmin(zu ſeinem Sohn). Nun, du haſt ja ganz gewaltiges Lob eingeerntet!(Selicour gibt Charlotten ſeinen Arm.) Karl. Ja, ich hab' Urſache, mich zu rühmen. Mad. Belmont zu Selicour). Recht, recht! Führen Sie Charlotten— Es kleidet ihn doch Alles. Er iſt ein ſcharman⸗ ter Mann!(Sie nimmt Firmins Arm.) 3 Selicour lauf Firmin zeigend). Dieſem Herrn, nicht mir, gebührt das Lob— ich weiß in der That nicht, wie ich mir's zueignen darf— Alles, was ich bin, was ich gelte, iſt ja ſein Verdienſt.(Gehen ab.) Sechster Auftritt. Karl(allein zuruͤckbleibend). Meine Unruhe würde mich verrathen.— Ich muß mich erſt faſſen, eh' ich ihnen folgen kann. Habe ich wirklich die Geduld gehabt, dieß Alles zu ertragen!— Ein ſchöner Triumph, den ich davon trug.— Aus Spott machten ſie mir das Compliment.— Es iſt offenbar, daß ſie ihn, und nicht mich für den Verfaſſer halten. Ich bin ihr Narr, und der Schelm hat allein die Ehre. 8 Siebenter Auftritt. Karl. La Koche. La Roche. Sieh da, Herr Firmin!— So ganz allein— Es geht Alles nach Wunſch vermuthlich. Karl. O ganz vortrefflich! La Koche. Ich habe auch gute Hoffnung. Karl. Selicour ſteht in größerm Anſehn, als jemals. La Rsche. Sieh doch! Was Sie ſagen! Karl. Es gibt keinen fähigern Kopf, keinen bravern Biedermann. La Roche. Iſt's möglich? Aber dieſer wichtige Aufſatz, den der Miniſter ihm aufgetragen, und dem er ſo ganz und gar nicht gewachſen iſt. Karl. Der Aufaatz iſt fertig. La Koche. Gehen Sie doch! Karl. Er iſt fertig, ſag' ich Ihnen,. 160 La Noche. Sie ſpotten meiner. Es iſt nicht möglich. Karl. Ein Meiſterſtück an Styl und Inhalt! La Koche. Es iſt nicht möglich, ſag' ich Ihnen. Karl. Ich ſage Ihnen, es iſt!— Der Aufaatz iſt geleſen, bewundert und wird jetzt eben abgeſchickt. La Roche. So muß er einen Teufel in ſeinem Solde haben, der fuͤr ihn arbeitet. 1 Karl. Und dieſe Geſandtſchaftsſtelle! La Roche. Nun, die Geſandtſchaft— 3 Karl. Er erhält ſie, er erhält die Hand des Fräuleins! La Roche. Sie kann ihn nicht leiden. Karl. Sie wird nachgeben. La Roche. Die Geſandtſchaft mit ſammt dem Maͤdchen? Nein, beim Teufel! das kann nicht ſeyn! das darf nicht ſeyn! — Wie? was? Dieſer Heuchler, dieſer niederträchtige Bube follte einen Preis hinwegſchnappen, der nur der Lohn des Ver⸗ dienſtes iſt.— Nein, ſo wahr ich lebe! das dürfen wir nicht zugeben, wir, die wir ihn kennen. Das iſt gegen unſer Ge⸗ wiſſen; wir waͤren ſeine Mitſchuldigen, wenn wir das dul⸗ deten! Karl. Gleich, auf der Stelle will ich die Großmutter auf⸗ ſuchen.— Ich will ihr die Augen öffnen wegen des Gedichts— La Roche. Wegen des Gedichts— Von dem Gedicht iſt hier auch die Rede— Bei der alten Mama mag er ſich damit in Gunſt ſetzen; aber meinen Sie, daß der Miniſter ſich nach ſo einer Kleinigkeit beſtimmen laſſe— Nein, Herr! dieſes Memoire iſi's, das ſo vortrefflich ſeyn ſoll, und das er irgendwo muß herbeigehert haben— denn gemacht hat er's nicht, nun und nimmer, darauf ſchwör' ich— aber ſeineganze Hexerei ſind ſeine Kniffe! Und mit ſeinen eigenen Waffen muſſen wir ihn ſchlagen. Auf dem geraden Wege ging's nicht— ſo 161 müſſen wir einen krummen verſuchen. Halt, da fällt mir ein — Ja, das wird gehen— Nur fort— fort, daß man uns nicht beiſammen findet. Karl. Aber keine Unbeſonnenheit, Herr La Roche! Be⸗ denken Sie, was auf dem Spiele ſteht! La Noche. Meine Ehre ſteht auf dem Spiele, junger Herr! und die liegt mir nicht weniger am Herzen, als Euch die Liebe— Fort! hinein! Sie ſollen weiter von mir hören. Achter Auftritt. La Noche allein. 8 Laſſ' ſehen— Er ſuchte von jeher die ſchwachen Seiten ſei⸗ ner Obern auszuſpuͤren, um ſich ihnen nothwendig; zu machen. Noch dieſen Morgen hatte er's mit dem Kammerdiener— Der Kerl iſt ein Plauderer— Es wollte etwas von einem galanten Abenteuer des Miniſters verlauten— Er habe Zimmer be⸗ ſprochen in der Vorſtadt.— Ich glaube kein Wort davon; aber man könnte verſuchen— Doch ſtill! da kömmt er! Neunter Auftritt. La Roche und Selicour. Selicour cohne ihn zu bemerken). Alles geht nach Wunſch, und doch bin ich nicht ganz ohne Sorgen— Noch hab' ich we⸗ der die Stelle noch die Braut, und da iſt Sohn und Vater, Schillers ſaͤmmtl. Werke. VII. 11 162 die mir auf den Dienſt lauern und mir jeden Augenblick Beides wegfiſchen können— Wenn ich ſie entfernen könnte— Aber wie? Dem Miniſter iſt nicht beizukommen— Dieſe Leute, die ihren geraden Weg gehen, brauchen Niemand— man kann ſie nicht in ſeine Gewalt bekommen— Ja, wenn er etwas zu vertuſchen hätte— wenn ich ihm eine Schwäche ablauern könnte, die mich ihm unentbehrlich machte! La Koche(fur ſich). Recht ſo! Der laͤuft mir in die Hände! Selicour. Ach, ſieh da! Herr La Roche! La Rache. Ich bin's, und ich komme, Herr Selicour!— Selicour. Was wollen Sie? La Koche. Mein Unrecht einzugeſtehen. Selicour. Aha! La Roche. Das mir nicht einmal etwas geholfen hat. Selicour. Das iſt das Beſte! Denn es lag wahrlich nicht an Ihrer hoshaften Zunge, wenn ich nicht ganz zu Grunde gerichtet bin. La Roche. Das iſt leider wahr, und ich darf daher kaum hoffen, daß Sie mir vergeben können. Felicour. Ahal ſteht es ſo? Fangen wir an, geſchmei⸗ diger zu werden? La Roche. Zu der ſchönen Stelle, die Sie mir zugedacht haben, kann ich mir nun wohl keine Hoffnung mehr machen — Aber um unſrker alten Freundſchaft willen, ſchaden Sie mir wenigſtens nicht! Selicour. Ich Ihnen ſchaden? La Roche. Thun Sie's nicht.! Haben Sie Mitleid mit einem armen Teufel! Selicsur. Aber— La Roche. Und da ſich Jemand gefunden, der ſich bei dem Miniſter meiner annehmen will— 163 Selicour. So! Hat ſich Jemand? Und wer iſt das? La Roche. Eine Dame, an die der Kammerdiener Michel mich gewieſen hat. Selicsur. Kammerdiener Michel? So! Kennen Sie die⸗ ſen Michel? La Roche. Nicht viel! Aber, weil es ſein Neffe iſt, der mich aus meiner Stelle vertreibt, ſo will er mir gern einen Gefallen erzeigen— Selicour. Die Dame iſt wohl eine Anverwandte vom Miniſter? La Koche. Sie ſoll ein ſchönes Frauenzimmer ſeyn— er ſoll in der Vorſtadt ein Quartier für ſie ſuchen— Selicour. Gut, gut! ich will ja das Alles nicht wiſſen. — Und wie heißt die Dame? La Roche. Das weiß ich nicht. Selicour. Gut, gut! La Roche. Michel wird Ihnen wohl Auskunft darüber ge⸗ ben können. Selicour. Mir? Meinen Sie, daß mir ſo viel daran liege? La Koche. Ich ſage das nicht. Selicour. Ich frage nichts darnach— Ich bekümmere mich ganz und gar nicht um dieſe Sachen— Morgen wollen Sie dieſe Dame ſprechen? La Roche. Morgen.. Selicour. Es ſcheint da ein großes Geheimniß— La Roche(ſchnell). Freilich! freilich! Darum bitte ich Sie, ſich ja nichts davon merken zu laſſen— Feliconr. Gut, gut! nichts mehr davon— Ich werde Ihnen nicht ſchaden, Herr La Roche!— Es iſt einmal mein Schickſal, Undankbare zu verpflichten— Trotz der ſchlimmen 164 Dienſte, die Sie mir haben leiſten wollen, liebe ich⸗Sie noch— und daß Sie ſehen, wie weit meine Gefaͤlligkeit geht, ſo will ich mit Ihrer Beſchuͤtzerin gemeine Sache machen— Ja, das will ich— zaͤhlen Sie darauf! ga Roche. Ach, Sie ſind gar großmüthig! Felicsur. Aber laſſen Sie ſich das kunftig zur Lehre dienen— La Noche. O gewiß, Sie ſollen ſehen— Selicsur. Genug. Laſſen wir's gut ſeyn. La Noche. Er hat angebiſſen. Er iſt ſo gut, als ſchon gefangen! Wie viel ſchneller kommt man doch mit der Spitz⸗ huberei, als mit der Ehrlichkeit! (Ab.) Felicour. Jetzt gleich zu dieſem Kammerdiener Michel!— Es iſt hier ein Liebeshandel. Ganz gewiß.— Vortrefflich! Ich halte dich feſt, Narbonne!— Du biſt alſo auch ein Menſch — du haſt Schwachheiten— und ich bin dein Gebieter. (Geht ab.) Fünfter Aufzug. Erſter Auftritt. La Roche kommt. Sie ſitzen noch an der Tafel— Er wird gleich heraus kom⸗ men, der Miniſter— Hab' ich mich doch ganz außer Athem gelaufen— Aber, dem Himmel ſey Dank! ich bin auf der Spur, ich weiß Alles.— Hab' ich dich endlich, Freund Se⸗ liccour!— Mit dem Miniſter war nichts fur dich zu machen, ſo lang' er tugendhaft war— aber Gott ſegne mir ſeine Laſter! Da gibt's Geheimniſſe zu verſchweigen, da gibt's Dienſte zu erzeigen! Und der Vertraute, der Kuppler hat gewonnen Spiel— Er glaubt, dem Miniſter eine Schwachheit abgemerkt zu haben— Welch herrlicher Spielraum fur ſeine Niedertraͤch⸗ tigkeit!— Nur zu! nur zu! Wir ſind beſſer unterrichtet, Freund Selicour!— Und dir ahnet nicht, daß wir dir eine böſe, böſe Schlinge legen— Der Miniſter kommt— Muth gefaßt! Jetzt gilt es, den entſcheidenden Streich zu thun. 166 Zweiter Auftritt. Narbonne. Ja Roche. Narbonne. Was ſeh' ich? Sind Sie es ſchon wieder, der mich hat herausrufen laſſen? La Roche. Möge dieß die letzte Unterredung ſeyn, die Sie mir bewilligen, Herr von Narbonne, wenn ich Sie auch dieß⸗ mal nicht überzeugen kann— Ihre eisene Ehre aber und die meine erfordern es, daß ich darauf beſtebe— Alles, was ich bis jetzt verſucht habe, dieſen Herrn Selicour in Ihrer guten Meinung zu ſturzen, iſt zu ſeiner Ehre und zu meiner Be⸗ ſchämung ausgeſchlagen— dennoch gebe ich die Hoffnung nicht auf, ihn endlich zu entlarven. Narbonne. Das geht zu weit! meine Geduld iſt am Ende! La Roche. Ein einziges Wort, Herr Miniſter!— Sie ſuchen eben jetzt ein Quartier in der Vorſtadt? Iſt's nicht ſo? Narbonne. Wie? Was iſt das? La Roche. Es iſt für ein Frauenzimmer beſtimmt, die ſich mit Ihrer ganzen Familie im größten Elende befindet. Hab' ich nicht Recht? Narbonne. Wie? was? Sie erdreiſten ſich, meinen Schritten nachzuſpüren? La Koche. Zürnen Sie nicht— ich hab' es bloß Ihrem Freund Selicour nachgethan. Er war es, der dieſen Morgen zuerſt dieſe Nachricht von Ihrem Kammerdiener heraus zu locken wußte— Er gab der Sache ſogleich die beleidigendſte Auslegung— Ich hingegen habe Urſache, ganz anders davon 167 zu denken. Denn daß ich's nur geſtehe, ich ſtellte genauere Nachforſchung an— ich war dort— ich ſah das Frauenzim⸗ mer, von dem die Rede iſt—(Er lacht.) Sie hat ein ganz anſehnliches Alter— Selicour haͤlt ſie für eine junge Schön⸗ heit—— O entrüſten Sie ſich nicht— Ich bitte, laſſen Sie ihn ankommen! Hören Sie ihn zu Ende, und wenn Sie ihn nicht als einen ganzen Schurken kennen lernen, ſo will ich mein ganzes Leben lang ein Schelm ſeyn.— Da kommt er— ich will ihm nur Platz machen, damit Sie's auf der Stelle ergründen.(Ab.) Narbonne. Der raſendes Menſch! wie weit ihn ſeine Lei⸗ denſchaft verblendet! Wie? Selicour könnte— Nein, nein, nein, nein, es iſt nicht möglich! nicht möglich! Dritter Auftritt. Narbonne. Selicour. Selicour(ei Seite). Er iſt allein! Jetzt kann ich's an⸗ bringen!— Wenn ich jetzt nicht eile, mich ihm nothwendig zu machen, ſo ſetzt dieſer Firmin ſich in ſeine Gunſt.— Hab' ich einmal ſein Geheimniß, ſo iſt er ganz in meinen Haͤnden. Narbonne. Ich denke eben daran, lieber Selicour, was man im Miniſterium zu Ihrem Aufſatz ſagen wird— Ich hab' ihn ſogleich abgehen laſſen; er wird dieſen Augenblick ge⸗ leſen, und ich zweifle nicht, er wird den vollkommenſten Beifall haben.— Selicsur. Wenn er den Ihrigen hat, ſo ſind alle meine Wünſche befriedigt. EFuͤr ſich) Wie leit' ich's nur ein?— 168 Wagen kann ich dabei nichts, denn die Sache iſt richtig. Ich will nur gerade zugehen— Narbonne. Sie ſcheinen in Gedanken, lieber Selicour! Selicour. Ja— ich— ich denke nach, welche boshafte Auslegungen doch die Verleumdung den unſchuldigſten Dingen zu geben im Stande iſt! Narbonne. Was meinen Sie damit? Selicour. Es muß heraus— ich darf es nicht länger bei mir behalten— Böſe Zungen haben ſich Angriffe gegen Sie erlaubt— Es hat verlauten wollen— Ich bitte— beantwor⸗ ten Sie mir ein paar Fragen, und verzeihen Sie der beſorgten Freundſchaft, wenn ich unbeſcheiden ſcheine. Narbonne. Fragen Sie! ich will Alles beantworten. Selicaur. Wenn ich Ihrem Kammerdiener glauben darf, ſo ſuchen Sie ein Quartier in der Vorſtadt? NMarbonne. Weil Sie es denn wiſſen— ja. Selicour. Und ganz ingeheim, hör' ich. Narbonne. Ich habe bis jetzt wenigſtens ein Geheimniß daraus gemacht. Selicour. Für ein unverheirathetes Frauenzimmer? Narbonne. Ja. Selicour. Die Ihnen ſehr—(toockt) ſehr werth iſt? Narbonne. Ich geſtehe es, ich nehme großen Antheil an ihr. Selirgur(fur ſich). Er hat es gar keinen Hehl— die Sache iſt richtig.— Und Sie möchten gern das Aufſehen ver⸗ meiden, nicht wahr? Narbonne. Wenn es möglich wäre, ja! Selicour. Ach, gut! gut, ich verſtehe! Die Sache iſt von zärtlicher Natur, und die Welt urtheilt ſo boshaft.— Aber ich kann Ihnen dienen. 8 169 Narbonne. Sie? Selicsur. Kann Ihnen dienen! Verlaſſen Sie ſich auf mich! Narbonne. Aber wie denn? Selicour. Ich ſchaffe Ihnen, was Sie brauchen. Narbonne. Wie denn? was denn? Selicour. Ich hab's! Ich ſchaff's Ihnen— Ein ſtilles Häuschen, abgelegen— einfach von außen und unverdächtig! — Aber innen aufs zärtlichſte eingerichtet— die Meubles, die Tapeten nach dem neueſten Geſchmack— ein Cabinet— himm⸗ liſch und reizend— kurz— das ſchönſte Boudoir, das weit und breit zu finden. Narbonne cfuͤr ſich). Sollte La Roche Recht behalten— (Laut) Und welche geheime Urſache hätte ich, ein ſolches Quar⸗ tier zu ſuchen? Selicour claͤchelnd. In Sachen, die man vor mir geheim halten will, weiß ich mich einer vorlauten Nengier zu enthalten — Erkennen Sie ubrigens einen dienſtfertigen Freund in mir — Es iſt nichts, wozu ich nicht bereit waͤre, um Ihnen gefällig zu ſeyn. Beſehlen Sie, was Sie wollen, ich werde gehorchen, ohne zu unterſuchen— Sie verſtehen mich. Narbonne. Vollkommen. 4 Selicour. Man muß Nachſicht haben.— Ich— ich halte zwar auf gute Sitten— Aber, was dieſen Punkt betrifft— wenn man nur den öffentlichen Anſtoß vermeidet— Ich gehe vielleicht darin zu weit— aber das gute Herz reißt mich hin — und mein höchſter Wunſch iſt, Sie glucklich zu ſehen— 170 BVierter Auftritt. Vorige. Michel. Michel. So eben gibt man dieſe Briefe ab. Narbonne(u Selicour). Die ſind für Sie. Selicour. Mit Ihrer Erlaubniß! Es ſind Geſchäftsbriefe, die gleich erpedirt ſeyn wollen— Friſch zur Arbeit und friſch ans Vergnügen. So bin ich einmal!(Geht ab.) Fünfter Auftritt. MNarbanne allein. Kaum kann ich mich von meinem Erſtaunen erholen— Dieſer Selicour— ja, nun zweifle ich nicht mehr, dieſer Se⸗ licour war der ſchändliche Helfershelfer meines Vorgängers— Ich gebe mich nicht fuͤr beſſer, als Andere; Jeder hat ſeine Fehler— aber ſich mit dieſer Schamloſigkeit anzubieten!— Und dieſem Nichtswürdigen wollte ich mein Kind hinopfern— mit dieſem Verraͤther wollte ich den Staat betrugen?— Aus Freundſchaft will er Alles für mich thun, ſagt er. Sind das unſere Freunde, die unſern Laſtern dienen? — 171 Sechster Auftritt. Narbonne und La Koche. La Koche. Nun, er ging ſo eben von Ihnen hinweg— darf ich fragen? Narbonne. Ich habe Sie und ihn unrecht beurtheilt— Sie haben mir einen weſentlichen Dienſt erzeigt, Herr La Roche, und ich laſſe Ihnen endlich Gerechtigkeit widerfahren. La Uoche amit freudiger Ruͤhrung). Bin ich endlich fur einen redlichen Mann erkannt? Darf ich das Haupt wieder frei erheben? Narbonne. Sie haben es erreicht— Sie haben den Betrü⸗ ger entlarvt— aber wie ſoll ich eine ſo lang bewaͤhrte Ueberzeugung aufgeben, daß Geiſt und Talent bei keinem verderbten Herzen wohnen?— Dieſer Menſch, den ich jetzt als einen Nieder⸗ trächtigen kennen lerne, er hat mir noch heute eine Schrift zu⸗ geſtellt, die dem größten Staatsmann und Schriftſteller Ehre machte— Iſt es möglich? Ich begreife es nicht— So ge⸗ ſunde Begriffe, ſo viel Geiſt bei einem ſo weggeworſenen Cha⸗ rakter! Ich habe das Memoire auf der Stelle ans Gouverne⸗ ment geſendet, und ich will wetten, daß die Briefe, die ich ſo eben erhalte, von dem Lob desſelben voll ſind. EEr erbricht einen der Briefe und liest.) Ganz richtig! Es iſt, wie ich ſagte! La Koche. Ich kann nicht daraus klug werden.— Das Werk iſt alſo wirklich gut? Narbonne. Vortrefflich! 3 ga Roche. So wollte ich wetten, daß er nicht der Ver⸗ faſſer iſt. Narbonne. Wer ſollte es denn ſeyn? LCa Noche. Er iſt's nicht, ich will meine Seele zum Pfand 172 ſetzen— denn am Ende will ich ihm doch noch eher Herz als Kopf zugeſtehen.— Wenn man verſuchte— Ja!— richtig— ich hab' es!— Das muß gelingen— Herr von Narbonne! wenn Sie mir beiſtehen wollen, ſo ſoll er ſich ſelbſt verrathen. Narbonne. Wie denn? La Koche. Laſſen Sie mich machen— Er kömmt! Unter⸗ ſtützen Sie mich! Siebenter Auftritt. Vorige. Selirour. La Koche(mit Leidenſchaft). Mein Gott! welches entſetzliche Ungluck! Selicour. Was gibt's, Herr La Roche? La Koche. Welche Veränderung in einem einzigen Au⸗ genblick! Selicour. Was haben Sie? Was bedeutet dieſes Jam⸗ mern, dieſer Ausruf des Schreckens? La Koche. Ich bin wie vom Donner getroffen! Selicour. Aber was denn? La Voche. Dieſer Unglucksbrief— So eben erhält ihn der Miniſter—(Zu Narbonne.) Darf ich? Soll ich? Narbonne. Sagen Sie Alles! La Koche. Er iſt geſturzt! Selicour Um Gotteswillen! La Koche. Seines Amtes entlaſſen! Selicour. Es iſt nicht möglich! La Roche. Nur zu wahr! Es wollte ſchon vorhin etwas — 173 davon verlauten; ich wollt' es nicht glauben, ich eilte hieher, mich ſelbſt zu unterrichten— und nun beſtätigt es der Mi⸗ niſter ſelbſt! Selieour. So iſt ſie wahr, dieſe ſchreckliche Neuigkeit? (Narbonne beſtaͤtigt es mit einem ſtummen Zeichen.) Letzter Auftritt. Yorige. Madame Velmont. Charlotte. Beide Firmins. ga Noche. Kommen Sie, Madame! Kommen Sie, Herr Firmin!— Mad. Belmont. Was gibt's? La Voche. Tröſten Sie unſern Herrn— Sprechen Sie ihm Muth zu in ſeinem Unglücke! Mad. Belmont. Seinem Unglücke! Charlotte. Mein Gott! was iſt das? La Noche. Er hat ſeine Stelle verloren. Charlotte. Großer Gott! Selicour. Ich bin erſtaunt, wie Sie! Mav. Belmont. Wer konnte ein ſolches Unglück vorher⸗ ſehen! Karl Firmin ceeidenſchaftlich'. So iſt das Talent geaͤchtet, ſo iſt die Redlichkeit ein Verbrechen in dieſem verderbten Lande! Der rechtſchaffene Mann behauptet ſich kaum einen Tag lang, und das Gluck bleibt nur dem Nichtswuürdigen getreu. Narbonne(ſehr ernſy. Nichts ubereilt, junger Mann!— Der Himmel iſt gerecht, und früher oder ſpaͤter erreicht den Schuldigen die Strafe. 174 Selicour. Aber ſagen Sie mir, kennt man denn nicht wenigſtens die Veranlaſſung dieſes unglücklichen Vorfalls? La Koche. Leider, nur zu gut kennt man ſie. Ein ge⸗ wiſſes Memoire iſt ſchuld an dem ganzen Ungluͤck. Firmin(ebhaft). Ein Memoire?(Zum Miniſter.) Das⸗ ſelbe vielleicht, das ich Sie heute leſen ſah? Selicour. Wo die Regierung ſelbſt mit einer Freiheit, einer Kühnheit behandelt wurde— La Roche. Ganz recht! das nämliche. Selicour. Nun, da haben wir's! Hatte ich nun Unrecht, zu ſagen, daß es nicht immer räthlich iſt, die Wahrheit zu ſagen? Narbonne. Wo die Pflicht ſpricht, da bedenke ich nichts. Und was auch der Erfolg ſey, nie werde ich's bereuen, meine Pflicht gethan zu haben. Selicour. Schön gedacht! allerdings! Aber es koſtet Ihnen auch einen ſchönen Platz!. La Koche. Und damit iſt's noch nicht alle! Es könnten wohl auch noch Andre um den ihrigen kommen.— Man weiß, daß ein Miniſter ſelten Verfaſſer der Schriften iſt, die aus ſeinen Bureaux heraus kommen. Selicour. Wie ſo? wie das? La Koche(uͤr ſich). Bei dem fällt kein Streich auf die Erde! Firmin. Erklären Sie ſich deutlicher! La Roche. Man will ſchlechterdings herausbringen, wer dieſe heftige Schrift geſchmiedet hat. Selicour. Will man? Und da würde er wohl in den Sturz des Miniſters mit verwickelt werden? Lu Roche. Freilich! das iſt ſehr zu beſorgen. Selicour. Nun, ich bin's nicht! Firmin. Ich bin der Verfaſſer! Narbonne. Was hör' ich? Mad. Belmont. Was? Sie, Herr Firmin? Firmin. Ich bin's, und ich rühme mich deſſen. LCa Roche Gu Narbonne). Nun, was ſagt' ich Ihnen? Firmin. Den Ruhm dieſer Arbeit konnte ich dem Herrn Selicour gern überlaſſen, aber nicht ſo die Gefahr und die Ver⸗ antwortung— Ich habe geſchwiegen bis jetzt, aber nun muß ich mich nennen. Karl. Recht ſo, mein Vater! das heißt als ein Mann von Ehre geſprochen— Seyen Sie auf Ihr Ungluck ſtolz, Herr von Narbonne!— Mein Vater kann nichts Strafbares ge⸗ ſchrieben haben— O mein Herz ſagt mir, dieſer Unfall kann eine Quelle des Glücks werden— Charlottens Hand wird kein Opfer der Verhaͤltniſſe mehr ſeyn— die Größe verſchwindet, und Muth gewinnt die furchtſame Liebe. Mad. Belmont. Was hör' ich! Herr Firmin! Firmin. Verzeihen Sie der Wärme ſeines Antheils; ſein volles Herz vergreift ſich im Ausdruck ſeiner Gefuͤhle! Narbonne. So hat denn jeder von Ihnen ſein Geheim⸗ niß verrathen— Herr Firmin! Sie ſind der Verfaſſer dieſes Memoire, ſo iſt es billig, daß Sie auch den Ruhm und die Belohnung davon ernten.— Das Gouvernement ernennt Sie zum Geſandten—(Da alle ihr Erſtaunen bezeugen.) Ja, ich bin noch Miniſter, und ich freue mich, es zu ſeyn, da ich es in der Gewalt habe, das wahre Verdienſt zu belohnen. Mad. Belmont. Was iſt das? Selicour(in der heftigſten Beſtuͤrzung). Was hab' ich ge⸗ macht! Narbonne(u Selieour). Sie ſehen Ihr Spiel verrathen — Wir kennen Sie nun, Heuchler an Talent und an Tugend! — Niedriger Menſch! konnten Sie mich für Ihresgleichen halten? La Roche. Wie ſchaͤndlich er eine edle That auslegte! Ich weiß Alles aus dem Mund der Dame ſelbſt. Dieſes Frauenzimmer, für das er Ihnen eine ſtrafbare Neigung an⸗ dichtete— es iſt eine kranke, eine bejahrte Matrone, die Wittwe eines verdienſtvollen Officiers, der im Dienſt des Vaterlandes ſein Leben ließ und gegen den Sie die Schuld des Staates be⸗ zahlten. Narbonne. Nichts mehr davon, ich bitte Sie!(Zu Se⸗ licour.) Sie ſehen, daß Sie hier überflüſſig ſind.(Selicour entfernt ſich ſtill.) La Koche. Es thut mir leid um den armen Schelm— Wohl wußt' ich's vorher, mein Haß würde ſich legen, ſobald es mit ſeiner Herrlichkeit aus ſeyn würde. Firmin(druͤckt ihm leiſe die Hand). Laſſen Sie's gut ſeyn! Wir wollen ihn zu tröſten ſuchen. La Voche. Baſta, ich bin dabei! Narbonne(zu Karh. Unſer lebhafter junger Freund iſt auf einmal ganz ſtumm geworden— Ich habe in Ihrem Her⸗ zen geleſen, lieber Firmin!— Der Ueberraſchung danke ich Ihr Geheimniß, und werde es nie vergeſſen, daß Ihre Nei⸗ gung bei unſerm Glück beſcheiden ſchwieg und nur laut wurde bei unſerm Unglück.— Charlotte!(Sie wirft ſich ſchweigend in ihres Vaters Arme.) Gut, wir verſtehen uns! Erwarte Alles von deines Vaters Liebe! La Koche. Und ich will darauf ſchwören, Karl Firmin iſt der wahre Verfaſſer des Gedichts. Mad. Belmont. Wär's möglich? Charlotte(mit einem zaͤrtlichen Blick auf Karln). Ich habe nie daran gezweifelt!(Karl kuͤßt ihre Hand mit Feuer⸗) 177 Mar. Belmont. O der beſcheidene junge Mann! Gewiß, er wird unſer Kind glücklich machen! Narbonme. Bilden Sie ſich nach Ihrem Vater, und mit Freuden werde ich Sie zum Sohn annehmen.—(Salb zu den Mitſpielenden, halb zu den Zuſchauern.) Dießmal hat das Ver⸗ dienſt den Sieg behalten.— Nicht immer iſt es ſo. Das Ge⸗ ſpinnſt der Lüge umſtrickt den Beſten; der Redliche kann nicht durchdringen; die kriechende Mittelmäßigkeit komint weiter, als das gefluͤgelte Talent; der Schein kegiert die Welt, und die Gerechtigkeit iſt nur auf der Bühne. Schillers ſaͤmmtl. Werke. VII. Der Neffe als Hnkel. Luſtſpiel in drei Aufzuͤgen. Aus dem Franzöſiſchen des Picard. PNerjſonen. Obriſt von Dorſigny. Frau von Dorſigny. Sophie, ihre Tochter. Franz von Dorſigny, ihr Neffe. Frau von Mirville, ihre Nichte. Lormeuil, Sophiens Braͤutigam. Valcour, Freund des jungen Dorſigny. Champagne, Bedienter des jungen Dorſigny. 4 Ein Notar. Zwei Unterofficiere. Ein Poſtillon. Drei Lakgien. Die Scene iſt ein Saal mit einer Thuͤr im Fond, die zu einem Garten fuͤhrt. Jasmin, Diener in Dorſigny's Hauſe. b Auf beiden Seiten ſind Cabinetsthuͤren. — Erſter Aufzug. Erſter Auftritt. Palcsur tritt eilfertig herein, und nachdem er ſich uͤberall umgeſehen, ob Niemand zugegen, tritt er zu einem von den Wachslichtern, die vorn auf einem Schreibtiſch brennen, und liest ein Billet. „Herr von Valcour wird erſucht, dieſen Abend um ſechs „Uhr ſich im Gartenſaal des Herrn von Dorſigny einzufinden. „Er kann zu dem kleinen Pförtchen herein kommen, das den „ganzen Tag offen iſt.“— Keine Unterſchrift!— Hm! hm! Ein ſeltſames Abenteuer— Iſt's vielleicht eine hübſche Frau, die mir hier ein Rendezvous geben will?— Das waͤre aller⸗ liebſt.— Aber ſtill! Wer ſind die beiden Figuren, die eben da eintreten, wo ich hereingekommen bin? 182 Zweiter Auftritt. Franz Dorſigny und Champagne beide in Maͤntel eingewickelt. Palcour. Dorſigny(ſeinen Mantel an Champagne gebend). Ei, guten Abend, lieber Valcour! valcsur. Was? Biſt du's, Dorſigny? Wie kommſt du hieher? und wozu dieſe ſonderbare Ausſtaffirung— dieſe Per⸗ rucke und dieſe Uniform, die nicht von deinem Regiment iſt? Dorſigny. Meiner Sicherheit wegen.— Ich habe mich mit meinem Oberſtlieutenant geſchlagen; er iſt ſchwer verwundet, und ich komme, mich in Paris zu verbergen. Weil man mich aber in meiner eigenen Uniform gar zu leicht erkennt, ſo habe ich's fürs ſicherſte gehalten, das Coſtume meines Onkels anzunehmen. Wir ſind ſo ziemlich von einem Alter, wie du weißt, und einander an Geſtalt, an Größe, an Farbe bis zum Verwechſeln ähnlich, und führen überdieß noch einerlei Namen. Der einzige Unterſchied iſt, daß der Obriſt eine Perrucke traͤgt und ich meine eignen Haare— Jetzt aber, ſeitdem ich mir ſeine Perrücke und die Uniform ſeines Regiments zulegte, erſtaune ich ſelbſt über die große Aehnlichkeit mit ihm. In dieſem Augenblick komme ich an, und bin erfreut, dich ſo puͤnktlich bei dem Rendezvous zu finden. Valcour. Bei dem Rendezvous? Wie? hat ſie dir auch was davon vertraut? Dorſigny. Sie? Welche ſie? Valcour. Nun, die hübſche Dame, die mich in einem Billet hieher beſchieden! Du biſt mein Freund, Dorſigny, und ich habe nichts Geheimes vor dir. Dorſigny. Die allerliebſte Dame! —— — 183 Valesur. Worüber lachſt du? Dorſigny. Ich bin die ſchöne Dame, Valcour. Valcsur. Du? Dorſigny. Das Billet iſt von mir. Valcour. Ein ſchönes QOuiproquo, zum Teufell— Was faͤllt dir aber ein, deine Briefe nicht zu unterzeichnen?— Leute von meinem Schlag können ſich bei ſolchen Billets auf etwas ganz Anderes Rechnung machen— Aber da es ſo ſteht, gut! Wir nehmen einander nichts uͤbel, Dorſigny— Alſo ich bin dein gehorſamer Diener. Dorſigny. Warte doch! Warum eilſt du ſo hinweg? Es lag mir viel daran, dich zu ſprechen, ehe ich mich vor jemand Anderm ſehen ließ. Ich brauche deines Beiſtands; wir muſſen Abrede miteinander nehmen. Valcour. Gut— Du kannſt auf mich zählen; aber jetzt laſſ' mich, ich habe dringende Geſchäfte— Dorſigny. So? jetzt, da du mir einen Dienſt erzeigen ſollſt?— Aber zu einem galanten Abenteuer hatteſt du Zeit übrig. Valcour. Das nicht, lieber Dorſigny! Aber ich muß fort; man erwartet mich. Dorſigny. Wo? Valsour. Beim!'Hombre. Dorſigny. Die große Angelegenheit! Valcour. Scherz bei Seite! Ich habe dort Gelegenheit, die Schweſter des Oberſtlieutenants zu ſehen— Sie hält was auf mich; ich will dir bei ihr das Wort reden. Dorſigny. Nun, meinetwegen. Aber thu“ mir den Gefallen, meiner Schweſter, der Frau von Mirville, im Vorbeigehen wiſſen zu laſſen, daß man ſie hier im Gartenſaal erwarte— Nenne mich aber nicht, hörſt du? 184 Valcsur. Da ſey außer Sorgen! Ich habe keine Zeit dazu, und will es ihr hinauf ſagen laſſen, ohne ſie nur einmal zu ſehen. Uebrigens behalte ich mir's vor, bei einer andern Gelegenheit ihre nähere Bekanntſchaft zu machen. Ich ſchätze den Bruder zu ſehr, um die Schweſter nicht zu lieben, wenn ſie huͤbſch iſt, verſteht ſich.(Ab.) Dritter Auftritt. Dorſigny. Champagne. Dorſigny. Zum Glück brauche ich ſeinen Beiſtand ſo gar nöthig nicht— Es iſt mir weniger um das Verbergen zu thun (denn vielleicht faͤllt es Niemand ein, mich zu verfolgen), als um meine liebe Couſine Sophie wieder zu ſehen. Champagne. Was Sie für ein gluͤcklicher Mann ſind, gnädiger Herr!— Sie ſehen ihre Geliebte wieder, und ich ſſeufzt) meine Frau! Wann geht's wieder zurück ins Elſaß— Wir lebten wie die Engel, da wir fünfzig Meilen weit von einander waren. Dorſigny. Still! da kommt meine Schweſter! Vierter Auftritt. Vorige. Frau von Miryille. Fr. v. Mirville. Ah! ſind Sie es? Sey'n Sie von Herzen willkommen! Dorſigny. Nun, das iſt doch ein herzlicher Empfang! Fr. v. Mirville. Das iſt ja recht ſchön, daß Sie uns ſo überraſchen, Sie ſchreiben, daß Sie eine lange Reiſe vorhätten, von der Sie früheſtens in einem Monat zurück ſeyn könnten, und vier Tage darauf ſind Sie hier. Dorſigny. Geſchrieben hätt' ich und an wen? Fr. v. Mirville. An meine Tante!(Sieht den Champagne der ſeinen Mantel ablegt.) Wo iſt denn aber Herr von Lormeuil? Dorſigny. Wer iſt der Herr von Lormeuil? Fr. v. Mirville. Ihr kuͤnftiger Schwiegerſohn. Dorſigny. Sage mir, für wen hältſt du mich? Fr. v. Mirville. Nun, doch wohl für meinen Onkel! Dorſigny. Iſu's möglich! Meine Schweſter erkennt mich nicht? Fr. v. Mirville. Schweſter? Sie— mein Bruder? Dorſigny. Ich— dein Bruder. Fr. v. Mirville. Das kann nicht ſeyn. Das iſt nicht möglich. Mein Bruder iſt bei ſeinem Regiment zu Straßburg, mein Bruder traͤgt ſein eigenes Haar, und das iſt auch ſeine Uniform nicht— und ſo groß auch ſonſt die Aehnlichkeit— Dorſigny. Eine Chrenſache, die aber ſonſt nicht viel zu bedeuten haben wird, hat mich genöthigt, meine Garniſon in aller Geſchwindigkeit zu verlaſſen; um nicht erkannt zu werden, ſteckte ich mich in dieſen Rock und dieſe Perrücke. Fr. v. Miroille. Iſt's möglich?— O ſo laſſ' dich herzlich umarmen, lieber Bruder— Ja, nun fange ich an, dich zu erkennen! Aber die Aehnlichkeit iſt doch ganz erſtaunlich. Dorſigny. Mein Onkel iſt alſo abweſend? Fr. v. Mirvil.le Freilich, der Heirath wegen. Dorſigny. Der Heirath?— Welcher Heirath? Fr. v. Mirville. Sophiens, meiner Couſine. 186 Dorſigny. Was hör' ich? Sophie ſoll heirathen? Fr. v. Mirville. Ei freilich! Weißt du es denn nicht? Dorſigny. Mein Gott! nein! Champagne nnaͤhert ſich). Nicht ein Wort wiſſen wir. Fr. v. Mirville. Herr von Lormeuil, ein alter Kriegs⸗ camerad des Onkels, der zu Toulon wohnt, hat fur ſeinen Sohn um Sophien angehalten— Der junge Lormeuil ſoll ein ſehr liebenswurdiger Mann ſeyn, ſagt man; wir haben ihn noch nicht geſehen. Der Onkel holt ihn zu Toulon ab; dann wollen ſie eine weite Reiſe zuſammen machen, um, ich weiß nicht welche Erbſchaft in Beſitz zu nehmen. In einem Monat denken ſie zurück zu ſeyn, und wenn du alsdann noch da biſt, ſo kannſt du zur Hochzeit mit tanzen. Dorſigny Ach, liebe Schweſter!— Redlicher Champagne! Rathet, helfet mir! Wenn ihr mir nicht beiſteht, ſo iſt es aus mit mir, ſo bin ich verloren! Fr. v. Mirville. Was haſt du denn, Bruder? Was iſt dir? Champagne. Mein Herr iſt verliebt in ſeine Couſine. Fr. v. Mirville. Ah, iſt es das! Dorſigny. Dieſe ungluͤckſelige Heirath darf nun und nimmermehr zu Stande kommen. Fr. v. Mirville. Es wird ſchwer halten, ſie rücgingig zu machen. Beide Väter ſind einig, das Wort iſt gegeben, die Artikel ſind aufgeſetzt, und man erwartet bloß noch den Bräutigam, ſie zu unterzeichnen und abzuſchließen. Champagne. Geduld!— Hoͤren Sie—(Eritt zwiſchen Veide.) Ich habe einen ſolchen ſublimen Einfall! Dorſigny. Rede! Champagne. Sie haben einmal den Anfang gemacht, —— —— 187 Ihren Onkel vorzuſtellen! Bleiben Sie dabei! Führen Sie die Rolle durch. Fr. v. Mirville. Ein ſchönes Mittel, um dee Nichte zu heirathen! Champagne. Nur gemach! Laſſen Sie mich meinen Plan entwickeln.— Sie ſpielen alſo Ihren Onkel! Sie ſind nun Herr hier im Hauſe, und Ihr erſtes Geſchäft iſt, die bewußte Heirath wieder aufzuheben— Sie haben den jungen Lormeuil nicht mitbringen können, weil er— weil er geſtorben iſt— Unterdeſſen erhaͤlt Frau von Dorſigny einen Brief von Ihnen, als dem Neffen, worin Sie um die Couſine anhalten — Das iſt mein Amt! Ich bin der Courier, der den Brief von Straßburg bringt— Frau von Dorſigny iſt verliebt in ihren Neffen; ſie nimmt dieſen Vorſchlag mit der beſten Art von der Welt auf; ſie theilt ihn Ihnen, als ihrem Eheherrn mit, und Sie laſſen ſich's, wie billig, gefallen. Nun ſtellen Sie ſich, als wenn Sie aufs eiligſte verreiſen mußten; Sie geben der Tante unbedingte Vollmacht, dieſe Sache zu Ende zu bringen. Sie reiſen ab, und den andern Tag erſcheinen Sie in Ihren natuͤrlichen Haaren und in der Uniform Ihres Regiments wieder, als wenn Sie eben ſpornſtreichs von Ihrer Garniſon herkaͤmen. Die Heirath geht vor ſich; der Onkel kommt ſtattlich angezogen mit ſeinem Bräutigam, der den Platz glucklich beſetzt findet, und nicht Beſſeres zu thun hat, als umzukehren und ſich entweder zu Toulon oder in Oſtindien eine Frau zu holen. Dorſigny. Glaubſt du, mein Onkel werde das ſo ge⸗ duldig— Champagne. O er wird aufbrauſen, das verſteht ſich! Es wird heiß werden am Anfang— Aber er liebt Siel er liebt ſeine Tochter! Sie geben ihm die beſten Worte, verſprechen 188 ihm eine Stube voll artiger Enkelchen, die ihm alle ſo ähnlich ſehen ſollen, wie Sie ſelbſt. Er lacht, er beſänftigt ſich und Alles iſt vergeſſen. Fr. v. Mirville. Ich weiß nicht, iſt es das Tolle dieſes Einfalls, aber er faͤngt an, mich zu reizen. Champagne. DO er iſt himmliſch, der Einfall! Dorſigny. Luſtig genug iſt er, aber nur nicht ausführ⸗ bar— Meine Tante wird mich wohl für den Onkel an⸗ ſehen!— 1 Fr. v. Mirville. Habe ich's doch! Dorſigny. Ja, im erſten Augenblicke. Fr. v. Mirville. Wir müſſen ihr keine Zeit laſſen, aus der Täuſchung zu kommen. Wenn wir die Zeit benutzen, ſo brauchen wir auch nur einen Augenblick— Es iſt jetzt Abend, die Dunkelheit kommt uns zu ſtatten; dieſe Lichter leuchten nicht hell genug, um den Unterſchied bemerklich zu machen. Den Tag brauchſt du gar nicht zu erwarten— du erklärſt zu⸗ gleich, daß du noch in der Nacht wieder fortreiſen müſſeſt, und morgen erſcheinſt du in deiner wahren Perſon. Geſchwind ans Werk! wir haben keine Zeit zu verlieren— Schreibe den Brief an unſere Tante, den dein Champagne als Courier überbrin⸗ gen ſoll, und worin du um Sophien anhältſt. Dorſigny aan den Schreibtiſch gehend). Schweſter! Schweſter! du machſt mit mir, was du willſt. Champagne(ſich die Hand reibend). Wie freue ich mich über meinen klugen Einfall! Schade, daß ich ſchon eine Frau habe; ich könnte hier eine Hauptrolle ſpielen, anſtatt jetzt bloß den Vertrauten zu machen. Fr. v. Mirville. Wie das, Champagne? Champagne. Ei nun, das iſt ganz natürlich. Mein Herr gilt fur ſeinen Onkel, ich würde den Herrn von Lormeuil —-——— 189 vorſtellen, und wer weiß, was mir am Ende nicht noch blühen könnte, wenn meine verdammte Heirath— Fr. v. Mirville. Wahrhaftig, meine Couſine hat Urſache, ſich darüber zu betrüben! Dorſigny(ſeegelt den Brief und gibt ihn an Champagne). Hier iſt der Brief. Richt' es nun ein, wie du willſt! Dir über⸗ laſſ' ich mich. Champagne. Sie ſollen mit mir zufrieden ſeyn— In wenig Augenblicken werde ich damit als Courier von Straß⸗ burg ankommen, geſpornt und geſtiefelt, triefend von Schweiß. — Sio, gnaͤdiger Herr, halten ſich wacker.— Muth, Dreiſtig⸗ keit, Unverſchämtheit, wenn's nöthig iſt.— Den Onkel geſpielt die Tante angeführt, die Nichte geheirathet, und, wenn Alles vorbei iſt, den Beutel gezogen und den redlichen Diener gut bezahlt, der Ihnen zu allen dieſen Herrlichkeiten verholfen hat. (Av.) Fr. v. Mirville. Da kommt die Tante. Sie wird dich für den Onkel anſehen. Thu', als wenn du nothwendig mit ihr zu reden hätteſt, und ſchick' mich weg. Dorſigny. Aber was werd' ich ihr denn ſagen? Fr. v. Mirville. Alles, was ein galanter Mann ſeiner Frau nur Artiges ſagen kann. Fünfter Anftritt. Frau von Mirville. Frau von Dorſigny. Franz von Darſigny. Fr. v. Mirville. Kommen Sie doch, liebe Tante! Ge⸗ ſchwind! der Onkel iſt angekommen. Fr. v. Dorſigny. Wie? was? mein Mann?— Ja wahrhaftig, da iſt er!— Herzlich willkommen, lieber Dorſigny — So bald erwartete ich Sie nicht— Nun! Sie haben doch eine glückliche Reiſe gehabt?— Aber wie ſo allein? wo ſind Ihre Leute? Ich hörte doch ihre Kutſche nicht— Nun wahr⸗ haftig— ich beſinne mich kaum— ich zittre vor Ueberraſchung und Freude— Fr. v. Mirville Geimlich zu ihrem Bruder). Nun, ſo rede doch! Antworte friſch weg! Dorſigny. Weil ich nur auf einen kurzen Beſuch hier bin, ſo komm' ich allein und in einer Miethkutſche— Was aber die Reiſe betrifft, liebe Frau— die Reiſe— ach! die iſt nicht die gluͤcklichſte geweſen. Fr. v. Dorſigny. Sie erſchrecken mich!— Es iſt Ihnen doch kein Ungluck zugeſtoßen? Dorſigny. Nicht eben mir! mir nicht!— Aber dieſe Heirath—(Zu Frau v. Mirville.) Liebe Nichte! ich habe mit der Tante— Fr. v. Mirville. Ich will nicht ſtören, mein Onkel. (Ab.) 191 Sechster Auftritt. Frau von Dorſigny. Franz von Dorſigny. Fr. v. Dorſigny. Nun, lieber Mann! dieſe Heirath— Dorſigny. Aus dieſer Heirath wird— nichts. Fr. v. Dorſigny. Wie? Haben wir nicht das Wort des Vaters? Dorſigny. Freilich wohl! Aber der Sohn kann unſere Tochter nicht heirathen. Fr. v. Dorſigny. So? Und warum denn nicht? Dorſigny gnit ſtarkem Ton). Weil— weil er— todt iſt. Fr. v. Dorſigny. Mein Gott! welcher Zufall! Dorſigny. Es iſt ein rechter Jammer. Dieſer junge Mann war, was die meiſten jungen Leute ſind, ſo ein kleiner Wuſtling. Einen Abend bei einem Balle fiel's ihm ein, einem artigen hubſchen Mädchen den Hof zu machen; ein Neben⸗ buhler miſchte ſich drein und erlaubte ſich beleidigende Scherze. Der junge Lormeuil, lebhaft, aufbrauſend, wie man es mit zwanzig Jahren iſt, nahm das uübel; zum Ungluck war er an einen Raufer von Prefeſſion gerathen, der ſich nie ſchlagt, ohne ſeinen Mann— zu tödten. Und dieſe böſe Gewohnheit behielt auch jetzt die Oberhand uber die Geſchicklichkeit ſeines Gegners; der Sohn meines armen Freundes blieb auf dem Platz, mit drei tödtlichen— Stichen im Leibe. Fr. v. Dorſigny. Barmherziger Himmel! was muß der Vater dabei gelitten haben! Dorſigny. Das können Sie denken! Und die Mutter! Fr. v. Dorſigny. Wie? die Mutter! Die iſt ja im letz⸗ ten Winter geſtorben, ſo viel ich weiß. 192 Dorſigny. Dieſen Winter— ganz recht! Mein armer Freund Lormeuil! Den Winter ſtirbt ihm ſeine Frau, und jetzt im Sommer muß er den Sohn in einem Duell ver⸗ lieren!— Es iſt mir auch ſchwer angekommen, ihn in ſeinem Schmerz zu verlaſſen! Aber der Dienſt iſt jetzt ſo ſcharf! Auf den zwanzigſten müſſen alle Officiere— beim Regiment ſeyn! Heute iſt der neunzehnte, und ich habe nur einen Sprung nach Paris gethan, und muß ſchon heute Abend wieder— nach meiner Garniſon zurückreiſen. Fr. v. Dorſigny. Wie? ſo bald? Dorſigny. Das iſt einmal der Dienſt! Was iſt zu machen? Jetzt auf unſere Tochter zu kommen— Fr. v. Dorſigny. Das liebe Kind iſt ſehr niedergeſchlagen und ſchwermüthig, ſeitdem Sie weg waren. Dorſigny. Wiſſen Sie, was ich denke? Dieſe Partie, die wir ihr ausgeſucht, war nicht nach ihrem Geſchmack. Fr. v. Jorſigny. So! Wiſſen Sie? Dorſigny. Ich weiß nichts— Aber ſie iſt fünfzehn Jahre alt— Kann ſie nicht für ſich ſelbſt ſchon gewaͤhlt haben, eh⸗ wir es für ſie thaten? Fr. v. Dorſigny. Ach Gott ja! Das begegnet alle Tage. 5 Dorſigny. Zwingen möchte ich ihre Neigung nicht gern. Fr. v. Dorſigny. Bewahre uns Gott davor! 193 Siebenter Auftritt. Die Vorigen. Sophie. Sophie(beim Anblick Dorſigny's ſtutzend.) Ah! mein Vater— Fr. v. Dorſigny. Nun, was iſt dir? Fürchteſt du dich, deinen Vater zu umarmen? Dorſigny anachdem er ſie umarmt, fuͤr ſich). Sie haben's doch gar gut, dieſe Väter! Alles umarmt ſie! Fr. v. Dorſigny. Du weißt wohl noch nicht, Sophie, daß ein unglucklicher Zufall deine Heirath getrennt hat? Sophie. Welcher Zufall? Fr. v. Dorſigny. Herr von Lormeuil iſt todt. Sophie. Mein Gott! Dorſigny(hat ſie mit den Augen fixirt). Ja, nun— las ſagſt du dazu, meine Sophie? Sophie. Ich, mein Vater?— Ich bellagendieſen un⸗ glücklichen Mann von Herzen— aber ich kann es nicht anders als für ein Glück anſehen, daß— daß ſich der Tag verzögert, der mich von Ihnen trennt. Dorſigny. Aber, liebes Kind! wenn du gegen dieſe Hei⸗ rath— etwas einzuwenden hatteſt, warum ſagteſt du uns nichts davon? Wir denken ja nicht daran, deine Neigung zwin⸗ gen zu wollen. Sophie. Das weiß ich, lieber Vater— aber die Schuͤch⸗ ternheit— Dorſigny. Weg mit der Schüchternheit! Rede offen! Entdecke mir dein Herz. Fr. v. Dorſigny. Ja, mein Kind! höre deinen Vater! Er meint es gut! Er wird dir gewiß das Beſte rathen. Schillers ſaͤmmtl. Werke. VII. 13³ 194 Dorſigny. Du haßteſt alſo dieſen Lormeuil zum voraus — recht herzlich? Sophie. Das nicht— aber ich liebte ihn nicht. Dorſigny. Und du möchteſt Keinen heirathen, als den du wirklich liebſt? Sophie. Das iſt wohl natürlich. Dorſigny. Du liebſt alſo einen Andern? Sophie. Das habe ich nicht geſagt. Dorſigny. Nun, nun, beinahe doch— Heraus mit der Sprache! Laſſ' mich Alles wiſſen. Fr. v. Dorſigny. Faſſe Muth, mein Kind! Vergiß, daß es dein Vater iſt, mit dem du redeſt. Dorſigny. Bilde dir ein, daß du mit deinem beſten, dei⸗ nem zärtlichſten Freunde ſpräͤcheſt— und der, den du liebſt, weiß er, daß er— geliebt wird? Sophie. Behüte der Himmel! Nein. Dorſigny. Iſt's noch ein junger Menſch? Sophie. Ein ſehr liebenswürdiger junger Mann, und der mir darum doppelt werth iſt, weil Jedermann findet, daß er Ihnen gleicht— ein Verwandter on uns, der unſern Namen fuührt— Ach! Sie müſſen ihn errathen. Dorſigny. Noch nicht ganz, liebes Kind! Fr. v. Dorſigny. Aber ich errath' ihn! Ich wette, es iſt ihr Vetter, Franz Dorſigny. Dorſigny. Nun, Sophie! du antworteſt nichts? Sophie. Billigen Sie meine Wahl? Dorſigny(ſeine Freude unterdruͤckend, fuͤr ſich). Wir muſſen den Vater ſpielen.— Aber mein Kind— das müſſen wir denn doch bedenken. Sophie, Warum bedenken? Mein Vetter iſt der beſte, verſtaͤndigſte— — 195 Dorſigny. Der? Ein Schwindelkopf iſt er, ein Wildfang, der in den zwei Jahren, daß er weg iſt, nicht zweimal an ſei⸗ nen Onkel geſchrieben hat. Sophie. Aber mir hat er deſto fleißiger geſchrieben, mein Vater! Dorſigny. So? hat er das? Und du haſt ihm wohl— friſchweg geantwortet? Haſt du? Nicht? Sophie. Nein, ob ich gleich große Luſt dazu hatte.— Nun, Sie verſprachen mir ja dieſen Augenblick, daß Sie mei⸗ ner Neigung nicht entgegen ſeyn wollten— Liebe Mutter, reden Sie doch für mich! Fr. v. Dorſigny. Nun, nun, gib nach, lieber Dorſigny— Es iſt da weiter nichts zu machen— und geſteh' nur, ſie hätte nicht beſſer wählen können. Dorſigny. Es iſt wahr, es laͤßt ſich Manches dafür ſa⸗ gen— Das Vermögen iſt von beiden Seiten gleich, und geſetzt, der Vetter hätte auch ein bißchen leichtſinnig gewirthſchaftet, ſo weiß man ja, die Heirath bringt einen jungen Menſchen— ſchon in Ordnung— Wenn ſie ihn nun uͤberdieß lieb hat— Sophie. O recht ſehr, lieber Vater!— Erſt in dem Augenblicke, da man mir den Herrn von Lormeuil zum Gemahl vorſchlug, merkte ich, daß ich dem Vetter gut ſey— ſo was man gut ſeyn nennt— Und wenn mir der Vetter nun auch wieder gut wäre— Dorſigny(feurig). Und warum ſollte er das nicht, meine Theuerſte—(ſich beſinnend) meine gute Tochter!— Nun wohl! Ich bin ein guter Vater und ergebe mich. Sophie. Ich darf alſo jetzt an den Vetter ſchreiben? Dorſigny. Was du willſt— Gur ſich.) Wie hubſch ſpielt ſich's den Valer, wenn man ſo allerliebſte Geſtändniſſe zu horen bekommt. 196 Achter Auftritt. Vorige. Frau von Mirville. Champagne als Poſiillon, mit der Peitſche klatſchend. Champagne. He, holla! Fr. v. Mirvillte. Platz! da kommt ein Courier. Fr. v. Dorſigny. Es iſt Champagne. Sophie. Meines Vetters Bedienter! Champagne. Gnädiger Herr— gnädige Frau! reißen Sie mich aus meiner Unruhe!— Das Fraͤllein iſt doch nicht ſchon Frau von Lormeuil? Fr. v. Dorſigny. Nein, guter Freund, noch nicht. Champagne. Noch nicht? Dem Himmel ſey Dank, ich bin doch noch zeitig genug gekommen, meinem armen Herrn das Leben zu retten. Sophie. Wie! Dem Vetter iſt doch kein Ungluck be⸗ gegnet? Fr. v. Dorſigny. Mein Neffe iſt doch nicht krank? Fr. v. Mirville. Du machſt mir Angſt, was iſt meinem Bruder? Champagne. Beruhigen Sie ſich, gnädige Frau! Mein Herr befindet ſich ganz wohl; aber wir ſind in einer grau⸗ ſamen Lage— Wenn Sie wüßten— doch Sie werden Alles erfahren. Mein Herr hat ſich zuſammen genommen, der gnaͤ⸗ digen Frau, die er ſeine gute Tante nennt, ſein Herz auszu⸗ ſchütten; Ihnen verdankt er Alles, was er iſt; zu Ihnen hat er das groͤßte Vertrauen— Hier ſchreibt er Ihnen, leſen Sie und beklagen Sie ihn! Dorſigny. Mein Gott, was iſt das? Fr. v. Dorſigny Giest).„Beſte Tante! Ich erfahre ſo —— 197 „eben, daß Sie im Begriff ſind, meine Couſine zu verheirathen. „Es iſt nicht mehr Zeit, zurückzuhalten: ich liebe Sophien.— „Ich flehe Sie an, beſte Tante, wenn ſie nicht eine heftige „Neigung zu ihrem beſtimmten Bränutigam hat, ſo ſchenken Sie „ſie mir! Ich liebe ſie ſo innig, daß ich gewiß noch ihre Liebe „gewinne. Ich folge dem Champagne auf dem Fuße nach; er „wird Ihnen dieſen Brief uͤberbringen, Ihnen erzählen, was „ich ſeit jener ſchrecklichen Nachricht ausgeſtanden habe.“ Sophie. Der gute Vetter! Fr. v. Mirville. Armer Dorſigny! Champagne. Nein, es läßt ſich gar nicht beſchreiben, was mein armer Herr gelitten hat! Aber lieber Herr, ſagte ich zu ihm, vielleicht iſt noch nicht Alles verloren— Geh, Schurke, ſagte er zu mir, ich ſchneide dir die Kehle abp, wenn du zu ſpät kommſt— Er kann zuweilen derb ſeyn, Ihr lieber Neffe. Dorſigny. Unverſchaͤmter! Champagne. Nun, nun, Sie werden ja ordentlich böſe, als wenn ich von Ihnen ſpräche; was ich ſage, geſchieht aus lauter Freundſchaft fur ihn, damit Sie ihn beſſern, weil Sie ſein Onkel ſind. Fr. v. Mirville. Der gute, redliche Diener! Er will nichts als das Beſte ſeines Herrn! Fr. v. Dorſigny. Geh, guter Freund, ruhe dich aus! Du wirſt es nöthig haben. Champagne. Ja, Ihr Gnaden, ich will mich ausruhen in der Kuͤche.(Ab.) 198 Neunter Auftritt. Vorige ohne Champagne. Dorſigny. Nun, Sophie! was ſagſt du dazu? Fophie. Ich erwarte Ihre Befehle, mein Vater! Fr. v. Dorſigny. Es iſt da weiter nichts zu thun; wir müſſen ſie ihm ohne Zeitverluſt zur Frau geben. Fr. v. Mirville. Aber der Vetter iſt ja noch nicht hier. Fr. v. Dorſigny. Seinem Briefe nach kann er nicht lang ausbleiben. Dorſigny. Nun— wenn es denn nicht anders iſt— und wenn Sie ſo meinen, meine Liebe— ſo ſey's! Ich bin's zufrieden, und will mich ſo einrichten, daß der Lärm der Hochzeit— vorbei iſt, wenn ich zuruͤckkomme— He da! Be⸗ diente! Zehnter Auftritt. Zwei Bediente treten ein und warten im Hintergrunde. Vorige. Fr. v. Dorſigny. Noch eins! Ihr Pächter hat mir wäh⸗ rend Ihrer Abweſenheit zweitauſend Thaler in Wechſeln ausbe⸗ zahlt— ich habe ihm eine Quittung darüber gegeben— Es iſt Ihnen doch recht? Dorſigny. Mir iſt Alles recht, was Sie thun, meine Liebe! GWaͤhrend ſie die Wechſel aus einer Schreibtafel hervorholt, zu Frau von Mirville) Darf ich das Geld wohl nehmen? Fr. v. Mirville. Nimm es ja, ſonſt machſt du dich ver⸗ dächtig. 199 Dorſigny Geimlich zu ihry. In Gottes Namen! Ich will meine Schulden damit bezahlen!(aut, indem er die Wechſel der Frau von Dorſigny in Empfang nimmt.) Das Geld erinnert mich, daß ein verwünſchter Schelm von Wucherer mich ſchon ſeit lange um hundert Piſtolen plagt, die— mein Neffe von ihm geborgt hat— Wie iſt's? Soll ich den Poſten bezahlen? Fr. v. Mirvülle. Ei, das verſteht ſich! Sie werden doch meine Baſe keinem Bruder Liederlich zur Frau geben wollen, der bis an die Ohren in Schulden ſteckt? Fr. v. Dorſigny. Meine Nichte hat Recht, und was übrig bleibt, kann man zu Hochzeitgeſchenken anwenden. Fr. v. Mirville. Ja, ja, zu Hochzeitgeſchenken! Ein dritter Bedienter(kommt). Die Modehändlerin der Frau von Mivville. Fr. v. Mirville. Sie kommt wee gerufen. Ich will gleich den Brautanzug bei ihr beſtellen.(Ab.) Eilfter Auftritt. Vorige ohne Frau von Mirville. Dorſigny Gu den Bedienten. Kommt her!— Zur Frau von Dorſigny.) Man wird nach dem Herrn Gaſpar, unſerm Notar, ſchicken muſſen— Fr. n. Dorſigny. Laſſen Sie ihn lieber gleich zum Nacht⸗ eſſen einladen; dann können wir Alles nach Bequemlichkeit ab⸗ machen. Dorſigny. Das iſt wahr! u einem von den Bedienten) Du, geh zum Juwelier und laſſ' ihn das Neueſte herbringen, 200 was er hat—(Gu einem andern Du gehſt zum Herrn Gaſpar, unſerm Notar, ich laſſ' ihn bitten, heute mit mir zu Nacht zu eſſen— Dann beſtelleſt du vier Poſtpferde; Punkt eilf Uhr müſſen ſie vor dem Hauſe ſeyn, denn ich muß in der Nacht noch fort—(Zu einem dritten) Für dich, Jasmin, hab' ich einen kitzlichen Auftrag— du haſt Kopf; dir kann man was anvertrauen. Jasmin. Gunaͤdiger Herr, das beliebt Ihnen ſo zu ſagen. Dorſigny. Du weißt, wo Herr Simon wohnt, der Geld⸗ mäkler, der ſonſt meine Geſchäfte machte— der meinem Neffen immer mein eigenes Geld borgte. Jasmin. Ei ja wohl! warum ſollt' ich ihn nicht kennen! Ich war ja immer der Poſtillon des gnädigen Herrn, Ihres Neffen. Dorſigny. Geh' zu ihm, bring' ihm dieſe hundert Piſto⸗ len, die mein Neffe ihm ſchuldig iſt, und die ich ihm hiermit bezahle! Vergiß aber nicht, dir einen Empfangſchein geben zu laſſen. Jasmin. Warum nicht gar— Ich werde doch kein ſolcher Eſel ſeyn! (Die Bedienten gehen ab.) Fr. v. Dorſigny. Wie er ſich verwundern wird, der gute Junge, wenn er morgen ankommt und die Hochzeitgeſchenke eingekauft, die Schulden bezahlt findet. Dorſigny. Das glaub' ich! Es thut mir nur leid, daß ich nicht Zeuge davon ſeyn kann. 201 Zwölfter Auftritt. Vorige. Frau von Mirrillle. Fr. v. Mirville(eilt herein, heimlich zu ihrem Vruder). Mach', daß du fortkommſt, Bruder! Eben kommt der Onkel mit einem Herrn an, der mir ganz ſo ausſieht, wie der Herr von Lormeuil. Dorſigny(in ein Cabinet fliehend). Das wäre der Teufel! Fr. v. Dorſigny. Nun, warum eilen Sie denn ſo ſchnell fort, Dorſigny? Dorſigny. Ich muß— ich habe— Gleich werd' ich wie⸗ der da ſeyn. Fr. v. Mirville(preſſirt). Kommen Sie, Tante! Sehen Sie doch den ſchönen Kopfputz an, den man mir gebracht hat. Fr. v. Dorſigny. Du thuſt recht, mich zu Rath zu ziehen— Ich verſtehe mich darauf. Ich will dir ausſuchen helfen. Dreizehnter Auftritt. Oberſt Dorſigny. Lormeuil. Frau von Darſigny. Sophie. Frau von Mirrville. Oberſt. Ich komme früher zurück, Madame, als ich ge⸗ dacht habe, aber deſto beſſer!— Erlauben Sie, daß ich Ihnen hier dieſen Herrn— Fr. v. Dorſigny. Bitte tauſendmal um Vergebung, meine Herren— die Putzhändlerin wartet auf uns, wir ſind gleich wieder da— Komm, meine Tochter!(Ab.) 20²2 Oberſt. Nun, nun! Dieſe Putzhändlerin koͤnnte wohl auch einen Augenblick warten, daͤcht' ich. Sophie. Eben darum, weil ſie nicht warten kann— Entſchuldigen Sie, meine Herren.(Ab.) Oberſt. Das mag ſeyn— aber ich ſollte doch denken— Fr. v. Mirville. Die Herren, wiſſen wir wohl, fragen nach Putzhändlerinnen nichts; aber für uns ſind das ſehr wich⸗ tige Perſonen.(Geht ab, ſich tief gegen Lormeuil verneigend.) Oberſt. Zum Teufel, das ſeh' ich, daß man uns ihrent⸗ wegen ſtehen laͤßt. Vierzehnter Auftritt. Oberſt Dorſigny und Formeuil. Oberſt. Ein ſchöner Empfang, das muß ich ſagen! Lormeuil. Iſt das ſo der Brauch bei den Pariſer Damen, daß ſie den Putzhändlerinnen nachlaufen, wenn ihre Männer ankommen? Oberſt. Ich weiß gar nicht, was ich daraus machen ſoll. Ich ſchrieb, daß ich erſt in ſechs Wochen zurück ſeyn könnte; ich bin unverſehens da, und man iſt nicht im Geringſten mehr darüber erſtaunt, als wenn ich nie aus der Stadt gekommen wäre. Lormeuil. Wer ſind die beiden jungen Damen, die mich ſo höflich grüßten? Oberſt. Die eine iſt meine Nichte, und die andere meine Tochter, Ihre beſtimmte Braut. Formeuil. Sie ſind beide ſehr huͤbſch. 203 Oberſt. Der Henker auch! Die Frauen ſind alle hübſch in meiner Familie. Aber es iſt nicht genug an dem Hübſch⸗ ſeyn— man muß ſich auch artig betragen. Fünfzehnter Auftritt. Vorige. Die drei Bedienten, die nach und nach hereinkommen. Zweiter Bedienter Gur Linken des Oberſten). Der Notar läͤßt ſehr bedauern, daß er mit Euer Gnaden nicht zu Nacht ſpeiſen kann— er wird ſich aber nach Tiſch einfinden. Oberſt. Was ſchwatzt der da fuͤr närriſches Zeug? Zweiter Bedienter. Die Poſtpeerde werden Schlag eilf Uhr vor dem Hauſe ſeyn.(Ab.) Oberſt. Die Poſtpferde, jetzt, da ich eben ankomme? Erſter Bedienter Gu ſeiner rechten Seite). Der Inwelier, Euer Gnaden, hat Bankerott gemacht, und iſt dieſe Nacht auf und davon gegangen.(Ab.) Oberſt. Was geht das mich an? Er war mir nichts ſchuldig. Jasmin gan ſeiner linken Seite). Ich war bei dem Herrn Simon, wie Euer Gnaden befohlen. Er war krank und lag im Bette. Hier ſchickt er Ihnen die Quittung. Oberſt. Was für eine Quittung, Schurke? Jasmin. Nun ja, die Quittung, die Sie in der Hand haben. Belieben Sie ſie zu leſen. Oberſt Cliest).„Ich Endesunterzeichneter bekenne, von „dem Herrn Oberſt von Dorſigny zweitauſend Livres, welche „ich ſeinem Herrn Neffen vorgeſchoſſen, richtig erhalten zu „haben.“ 204 Jasmin. Euer Gnaden ſehen, daß die Quittung richtig iſt.(Ab.) Oberſt. O vollkommen richtig! Das begreife, wer's kann; mein Verſtand ſteht ſtill— Der ärgſte Gauner in ganz Paris iſt krank, und ſchickt mir die Quittung üͤber das, was mein Neffe ihm ſchuldig iſt. Lormeuil. Vielleicht ſchlaͤgt ihm das Gewiſſen. Oberſt. Kommen Sie! Kommen Sie, Lormeuil! Suchen wir herauszubringen, was uns dieſen angenehmen Empfang verſchafft— und hole der Teufel alle Notare, Juweliere, Poſt⸗ pferde, Geldmäkler und Putzmacherinnen! (Beide ab.) Zweiter Aufzug. Erſter Auftritt. Frau von Mirville. Franz Darſigny kommt aus einem Zimmer linker Hand und ſieht ſich ſorgfaͤltig um. Fr. v. Mirville(oon der entgegengeſetzten Seite). Wie un⸗ beſonnen! Der Onkkel wird den Augenblick da ſeyn. Dorſigny. Akber ſage mir doch, was mit mir werden ſoll? Iſt Alles entdeckt, und weiß meine Tante, daß ihr vorgeblicher Mann nur ihr Neffe war? Fr. v. Mirville. Nichts weiß man! Nichts iſt entdeckt! Die Tante iſt noch mit der Modehändlerin eingeſchloſſen; der Onkel flucht auf ſeine Frau— Herr von Lormeuil iſt ganz ver⸗ bluͤfft über die ſonderbare Aufnahme, und ich will ſuchen, die Entwickelung, die nicht mehr lange anſtehen kann, ſo lang als möglich zu verzögern, daß ich Zeit gewinne, den Onkel zu dei⸗ nem Vortheil zu ſtimmen, oder, wenn's nicht anders iſt, den Lormeuil in mich verliebt zu machen— denn eh' ich zugebe, daß er die Couſine heirathet, nehm' ich ihn lieber ſelbſt. 206 Zweiter Auftritt. Vorige. Valcour. Valcour(kommt ſchnelh. Ah ſchön, ſchön, daß ich dich hier finde, Dorſigny. Ich habe dir tauſend Sachen zu ſagen und in der größten Eile. Dorſigny. Hol' ihn der Teufel! Der kommt mir jetzt gelegen. Valcour. Die gnädige Frau darf doch— Dorſigny. Vor meiner Schweſter hab' ich kein Geheimniß. Valcsur Gzur Frau von Mirville ſich wendend). Wie freue ich mich, meine Gnädige, Ihre Bekanntſchaft gerade in dieſem Augenblicke zu machen, wo ich ſo glücklich war, Ihrem Herrn Bruder einen weſentlichen Dienſt zu erzeigen. Dorſigny. Was hör' ich? Seine Stimme! Elieht in das Cabinet, wo er heraus gekommen.) Nalcsur(ohne Dorſigny's Flucht zu bemerken, faͤhrt fort). Sollte ich jemals in den Fall kommen, meine Gnadige, Ihnen nützlich ſeyn zu können, ſo betrachten Sie mich als Ihren er⸗ gebenſten Diener.(Er bemerkt nicht, daß indeß der Oberſt Dorſigny hereingekommen und ſich an den Platz des andern geſtellt hat.) Dritter Auftritt. Vorige. Oberſt Dorſigny. Lormenil. Oberſt. Ja— dieſe Weiber ſind eine wahre Geduldprobe fuͤr ihre Männer, 207 Valcour(kehrt ſich um und glaubt mit dem jungen Dorſigny zu redem. Ich wollte dir alſo ſagen, lieber Dorſigny, daß dein Oberſtlieutenant nicht todt iſt. Oberſt. Mein Oberſtlieutenant? Nalcsur. Mit dem du die Schlägerei gehabt haſt. Er hat an meinen Freund Liancour ſchreiben laſſen; er läßt dir vollkommene Gerechtigkeit widerfahren, und bekennt, daß er der Angreifer geweſen ſey. Die Familie hat zwar ſchon angefangen, dich gerichtlich zu verfolgen; aber wir wollen Alles anwenden, die Sache bei Zeiten zu unterdrücken. Ich habe mich losge⸗ macht, dir dieſe gute Nachricht zu überbringen, und muß gleich wieder zu meiner Geſellſchaft. Oberſt. Sehr obligirt— aber— Valcour. Du kannſt alſo ganz ruhig ſchlafen. Ich wache fuͤr dich.(Ab.) Vierter Auftritt. Fr. von Mirville. Oberſt Dorſigny. Lormeuil. Oberſt. Sage mir doch, was der Menſch will? Fr. v. Mirville. Der Menſch iſt verrückt, das ſehen Sie ja. Oberſt. Dieß ſcheint alſo eine Epidemie zu ſeyn, die alle Welt ergriffen hat, ſeitdem ich weg bin; denn das iſt der erſte Narr nicht, dem ich ſeit einer halben Stunde hier begegne. Fr. v. Mirville. Sie müſſen den trocknen Empfang meiner Tante nicht ſo hoch aufnehmen. Wenn von Putzſachen die Rede iſt, da darf man ihr mit nichts Anderm kommen. Oberſt. Nun, Gott ſey Dank! da hör' ich doch endlich 208 einmal ein vernünftiges Wort!— So magſt du denn die Erſte ſeyn, die ich mit dem Herrn von Lormeuil bekannt mache. Lormeuil. Ich bin ſehr glücklich, mein Fräͤulein, daß ich mich der Einwilligung Ihres Herrn Vaters erfreuen darf— Aber dieſe Einwilligung kann mir zu nichts helfen, wenn nicht die Ihrige— Oberſt. Nun fängt der auch an! Hat die allgemeine Raſerei auch dich angeſteckt, armer Freund? Dein Compliment iſt ganz artig, aber bei meiner Tochter, und nicht bei meiner Nichte haͤtteſt du das anbringen ſollen. 4 Lormeuil. Vergeben Sie, gnaͤdige Frau! Sie ſagen der Beſchreibung ſo vollkommen zu, die mir Herr von Dorſigny von meiner Braut gemacht hat, daß mein Irrthum verzeihlich iſt. Fr. v. Mirville. Hier kommt meine Couſine, Herr von Lormeuil! Betrachten Sie ſie recht, und überzeugen Sie ſich mit Ihren eignen Augen, daß ſie alle die ſchönen Sachen ver⸗ dient, die Sie mir zugedacht haben. Fünfter Auftritt. Porige. Sophie. Sophie. Bitte tauſendmal um Verzeihung, beſter Vater, daß ich Sie vorhin ſo habe ſtehen laſſen; die Mama rief mir, und ich mußte ihrem Befehl gehorchen. Oberſt. Nun, wenn man nur ſeinen Fehler einſieht und ſich entſchuldigt Fophie. Ach, mein Vater! wo finde ich Worte, Ihnen 209 meine Freude, meine Dankbarkeit auszudrücken, daß Sie in dieſe Heirath willigen. Oberſt. So, ſo! Gefaͤllt ſie dir, dieſe Heirath? Sophie. O gar ſehr! Oberſt(leiſe zu Lormeuih. Du ſiehſt, wie ſie dich ſchon liebt⸗ ohne dich zu kennen! Das kommt von der ſchönen Beſchreibung, die ich ihr von dir gemacht habe, eh' ich abreiste. Lormeuil. Ich bin Ihnen ſehr verbunden. Oberſt. Ja, aber nun, mein Kind, wird es doch wohl Zeit ſeyn, daß ich mich nach deiner Mutter ein wenig umſehe; denn endlich werden mir doch die Putzhändlerinnen Platz machen, hoffe ich— Leiſte du indeß dieſem Herrn Geſellſchaft. Er iſt mein Freund, und mich ſoll's freuen, wenn er auch bald der deinige wird— verſtehſt du?(Zu Lormeuil.) Jetzt friſch daran— das iſt der Augenblick! Suche noch heute ihre Neigung zu gewinnen, ſo iſt ſie morgen deine Frau—(Zu Frau von Mirville.) Kommt, Nichte! Sie mögen es mit einander allein ausmachen. Ab.) Sechster Auftritt, Sophie. Lormeuil. Sophie. Sie werden alſo auch bei der Hochzeit ſeyn? Lormeuil. Ja, mein Fräulein— Sie ſcheint Ihnen nicht zu mißfallen, dieſe Heirath? Fophie. Sie hat den Beifall meines Vaters. Lormeuil. Wohl! Aber was die Väter veranſtalten, hat darum nicht immer den Beifall der Töchter. Jophie. O was dieſe Heirath betrifft— die iſt auch ein wenig meine Anſtalt. Schillers ſaͤmmtl. Werke. VII. 14 210 LCormeuil. Wie das! mein Fräulein? Sophie. Mein Vater war ſo gütig, meine Neigung um Rath zu fragen. Lormeuil. Sie lieben alſo den Mann, der Ihnen zum Gemahl beſtimmt iſt? Sophie. Ich verberg' es nicht. Lormeuil. Wie? und kennen ihn nicht einmal? Sophie. Ich bin mit ihm erzogen worden. LCormeuil. Sie wären mit dem jungen Lormeuil erzogen worden? Sophie. Mit dem Herrn von Lormeuil— nein! Lormeuil. Das iſt aber Ihr beſtimmter Bräutigam. Sophie. Ja, das war anfangs. LCormeuil. Wie, anfangs? Sophie. Ich ſehe, daß Sie noch nicht wiſſen, mein Herr— Lormeuil. Nichts weiß ich! Nicht das Geringſte weiß ich. Sophie. Er iſt todt. Lormeuil. Wer iſt todt? Sophie. Der junge Herr von Lormeuil. gLormeuil. Wirklich? Sophie. Ganz gewiß. Lormeuil. Wer hat Ihnen geſagt, daß er todt ſey? Sophie. Mein Vater! Lormenuil. Nicht doch, Fräulein! Das kann ja nicht ſeyn, das iſt nicht möglich. Sophie. Mit Ihrer Erlaubniß, es iſt! Mein Vater, der von Toulon kommt, muß es doch beſſer wiſſen, als Sie. Dieſer junge Edelmann bekam auf einem Balle Haͤndel, er ſchlug ſich und erhielt drei Degenſtiche durch den Leib. Lormeuil. Das iſt gefährlich. Sophie. Ja wohl! er iſt auch daran geſtorben. 211 Lormeuil. Es beliebt Ihnen, mit mir zu ſcherzen, gnaͤdiges Fräulein! Niemand kann Ihnen vom Herrn von Lormeuil beſſer Auskunft geben, als ich. Sophie. Als Sie! Das wäre doch luſtig. gCormeuil. Ja, mein Fräulein, als ich! Denn, um es auf Einmal herauszuſagen— ich ſelbſt bin dieſer Lormeuil, und bin nicht todt, ſo viel ich weiß. Sophie. Sie wären Herr von Lormeuil? Lormeuil. Nun, für wen hielten Sie mich denn ſonſt? Sophie. Für einen Freund meines Vaters, den er zu meiner Hochzeit eingeladen. LCormeuil. Sie halten alſo immer noch Hochzeit, ob ich gleich todt bin? Sophie. Ja freilich! Lormeuil. Und mit wem denn, wenn ich fragen darf? Sophie. Mit meinem Couſin Dorſigny. Lormenil. Aber Ihr Herr Vater wird doch auch ein Wert dabei mit zu ſprechen haben. Sophie. Das hat er, das verſteht ſich! Er hat ja ſeine Einwilligung gegeben. LCormeuil. Wanin hätt' er ſie gegeben? Sophie. Eben jetzt— ein paar Augenblicke vor Ihrer Ankunft. Lormeuil. Ich bin ja aber mit ihm zugleich gekommen. Sophie. Nicht doch, mein Herr! Mein Vater iſt vor Ihnen hier geweſen. Lormeuil(an den Kopf greifend). Mir ſchwindelt— es wird mir drehend vor den Augen— Jedes Wort, das Sie ſagen, ſetzt mich in Erſtaunen— Ihre Worte in Ehren, mein Fraͤulein, aber hierunter muß ein Geheimniß ſtecken, das ich nicht ergruͤnde, 7 212 Sophie. Wie, mein Herr— ſollten Sie wirklich im Ernſt geſprochen haben? Lormeuil. Im vollen höchſten Ernſt, mein Fräulein— Sophie. Sie wären wirklich der Herr von Lormeuil?— Mein Gott, was hab' ich da gemacht— Wie werde ich meine Unbeſonnenheit— LTormeuil. Laſſen Sie ſich's nicht leid ſeyn, Fraͤulein— Ihre Neigung zu Ihrem Vetter iſt ein Umſtand, den man lieber vor als nach der Heirath erfährt.— Sophie. Aber ich begreife nicht— Lormeuil. Ich will den Herrn von Dorſigny aufſuchen— vielleicht löst er mir das Räthſel.— Wie es ſich aber auch immer löſen mag, Fräulein, ſo ſollen Sie mit mir zufrieden ſeyn, hoff' ich.(Ab.) Sophie. Er ſcheint ein ſehr artiger Menſch— und wenn man mich nicht zwingt, ihn zu heirathen, ſo ſoll es mich recht ſehr freuen, daß er nicht erſtochen iſt. Siebenter Auftritt. Sophie. Oberſt. Frau von Yorſigny. Fr. v. Dorſigny. Laſſ' uns allein, Sophie.(Sophie geht ab.) Wie, Dorſigny, Sie können mir ins Angeſicht behaupten, daß Sie nicht kurz vorhin mit mir geſprochen haben? Nun, wahrhaftig! welcher Andere als Sie, als der Herr dieſes Hauſes, als der Vater meiner Tochter, als mein Gemahl endlich, hätte das thun können, was Sie thaten! Oberſt. Was Teufel hätte ich denn gethan? Fr. v, Dorſigny. Muß ich Sie daran erinnern? Wie? 213 Sie wiſſen nicht mehr, daß Sie erſt vor kurzem mit unſerer Tochter geſprochen, daß Sie ihre Neigung zu unſerm Neffen entdeckt haben, und daß wir eins worden ſind, ſie ihm zur Frau zu geben, ſobald er wird angekommen ſeyn. Oberſt. Ich weiß nicht— Madame, ob das Alles nur ein Traum Ihrer Einbildungskraft iſt, oder ob wirklich ein Anderer in meiner Abweſenheit meinen Platz eingenommen hat. Iſt das Letztere, ſo war's hohe Zeit, daß ich kam— Dieſer Jemand ſchlaͤgt meinen Schwiegerſohn todt, verheirathet meine Tochter und ſticht mich aus bei meiner Frau, und meine Frau und meine Tochter laſſen ſich's beide ganz vortrefflich gefallen. Fr. v. Dorſigny. Welche Verſtockung!— In Wahrheit, Herr von Dorſigny, ich weiß mich in Ihr Betragen nicht zu finden. Oberſt. Ich werde nicht klug aus dem Ihrigen. Achter Auftritt. Porige. Frau von Mlrville. Fr. v. Mirville. Dacht’ ich's doch, daß ich Sie beide würde beiſammen finden!— Warum gleichen dech nicht alle Haus⸗ haltungen der Ihrigen? Nie Zank und Streit! Immer ein Herz und eine Seele! Das iſt erbaulich! Das iſt doch ein Beiſpiel! Die Tante iſt gefällig wie ein Engel, und der Onkel geduldig wie Hiob. Oberſt. Wahr geſprochen, Nichte!— Man muß Hiobs Geduld haben, wie ich, um ſie bei ſolchem Geſchwaͤtz nicht zu verlieren.. Fr. v. Dorſigny. Die Nichte hat Recht, man muß ſo ge⸗ fällig ſeyn wie ich, um ſolche Albernheiten zu ertragen. 214 Oberſt. Nun, Madame! unſre Nichte hat mich ſeit mei⸗ nem Hierſeyn faſt nie verlaſſen. Wollen wir ſie zum Schieds⸗ richter nehmen? Fr. v. Dorſigny. Ich bin's vollkommen zufrieden, und unterwerfe mich ihrem Ausſpruch. Fr. v. Mirville. Wovon iſt die Rede? Fr. v. Dorſigny. Stelle dir vor, mein Mann unterſteht ſich, mir ins Geſicht zu behaupten, daß er's nicht geweſen ſey, den ich vorhin für meinen Mann hielt. Fr. v. Mirville. Iſt's möglich? Oberſt. Stelle dir vor, Nichte, meine Frau will mich glauben machen, daß ich hier, hier in dieſem Zimmer, mit ihr geſprochen haben ſoll, in demſelben Augenblicke, wo ich mich auf der Touloner Poſtſtraße ſchüͤtteln ließ. Fr. v. Mirville. Das iſt ja ganz unbegreiflich, Onkel— Hier muß ein Mißverſtändniß ſeyn— Laſſen Sie mich ein paar Worte mit der Tante reden. Oberſt. Sieh, wie du ihr den Kopf zurecht ſetzeſt, wenn's möglich iſt; aber es wird ſchwer halten. Fr. v. Mirville(leiſe zur Frau von Dorſigny). Liebe Tante, das Alles iſt wohl nur ein Scherz von dem Onkel? Fr. v. Dorſigny(eben ſo). Freilich wohl, er müßte ja ra⸗ ſend ſeyn, ſolches Zeug im Ernſt zu behaupten. Fr. v. Mirville. Wiſſen Sie was? Bezahlen Sie ihn mit gleicher Münze— geben Sie's ihm heim! Laſſen Sie ihn fuhlen, daß Sie ſich nicht zum Beſten haben laſſen. Fr. v. Dorſigny. Du haſt Recht. Laſſ' mich nur machen! Oberſt. Wird's bald? Jetzt, denk' ich, wär's genug. Fr. v. Dorſigny(ſpottweiſe). Ja wohl iſt's genug, mein Herr— und da es die Schuldigkeit der Frau iſt, nur durch 215 ihres Mannes Augen zu ſehen, ſo erkenn' ich meinen Irrthum, und will mir Alles einbilden, was Sie wollen. Oberſt. Mit dem ſpöttiſchen Ton kommen wir nicht weiter. Fr. v. Dorſigny. Ohne Groll, Herr von Dorſigny! Sie haben auf meine Unkoſten gelacht, ich lache jetzt auf die Ihri⸗ gen, und ſo heben wir gegen einander auf.— Ich habe jetzt einige Beſuche zu geben. Wenn ich zurückkomme und Ihnen der ſpaßhafte Humor vergangen iſt, ſo können wir ernſthaft miteinander reden.(Ab.) Oberſt dzur Frau v. Mirville). Verſtehſt du ein Wort von Allem, was ſie da ſagt? Fr. v. Mirville. Ich werde nicht klug daraus. Aber ich will ihr folgen und der Sache auf den Grund zu kommen ſuchen.(Ab.) Oberſt. Thu' das, wenn du willſt. Ich geb' es rein auf — ſo ganz toll und naͤrriſch hab' ich ſie noch nie geſehen. Der Teufel muß in meiner Abweſenheit meine Geſtalt angenommen haben, um mein Haus unterſt zu oberſt zu kehren, anders begreif' ich's nicht.— Neunter Auftritt. Oberſt Dorſigny. Champagne, ein wenig betrunken. Champagne. Nun, das muß wahr ſeyn!— Hier lebt ſich's, wie im Wirthshaus— Aber wo Teufel ſtecken ſie denn Alle?— Keine lebendige Seele hab' ich mehr geſehen, ſeitdem ich als Courier den Lärm angerichtet habe— Doch, ſieh da, 216 mein gnaͤdiger Herr, der Hauptmann— Ich muß doch horen, wie unſere Sachen ſtehen. Macht gegen den Oberſt Zeichen des Berſtaͤndniſſes und lacht ſelbſtgefaͤllig.) Oberſt. Was Teufel! Iſt das nicht der Schelm, der Champagne?— Wie kommt der hieher, und was will der Eſel mit ſeinen einfaͤltigen Grimaſſen? Champagne(wie obemw. Nun, nun, gnädiger Herr? Oberſt. Ich glaube, der Kerl iſt beſoffen. Champagne. Nun, was ſagen Sie? Hab' ich meine Rolle gut geſpielt? Oberſt Cfuͤr ſich). Seine Rolle? Ich merke etwas— Ja, Freund Champagne, nicht übel. Champagne. Nicht uͤbel! Was? Zum Entzücken hab' ich ſie geſpielt. Mit einer Peitſche und den Courierſtiefeln, ſah ich nicht einem ganzen Poſtillon gleich? Wie? Oberſt. Jal ja! GFur ſich.) Weiß der Teufel, was ich ihm antworten ſoll. Champagne. Nun, wie ſteht's drinnen? Wie weit ſind Sie jetzt? Oberſt. Wie weit ich bin— wie's ſteht?— nun, du kannſt dir leicht vorſtellen, wie's ſteht. Champagne. Die Heirath iſt richtig, nicht wahr?— Sie haben als Vater die Einwilligung gegeben? Oberſt. Ja. Champagne. Und morgen treten Sie in Ihrer wahren Perſon als Liebhaber auf. Oberſt(für ſich). Es iſt ein Streich von meinem Neffen! Champagne. Und heirathen die Wittwe des Herrn von Lormeuil— Wittwe! Hahaha!— Die Wittwe von meiner Er⸗ findung. Oberſt. Worüber lachſt du? 217 Champagne. Das fragen Sie? Ich lache über die Ge⸗ ſichter, die der ehrliche Onkel ſchneiden wird, wenn er in vier Wochen zurückkommt und Sie mit ſeiner Tochter verheirathet findet. Oberſt(fuͤr ſich). Ich möchte raſend werden! Chumpagne. Und der Bräutigam von Toulon, der mit ihm angezogen kommt, und einen Andern in ſeinem Neſte finder — das iſt himmliſch! Oberſt. Zum Entzücken! Champagne. Und wem haben Sie alles das zu danken? Ihrem treuen Champagne!. Oberſt. Dir? Wie ſo? Champagne. Nun, wer ſonſt hat Ihnen denn den Rath gegeben, die Perſon Ihres Onkels zu ſpielen? Oberſt(fuͤr ſich.) Ha, der Schurke! Champagne. Aber das iſt zum Erſtaunen, wie Sie Ih⸗ rem Onkel doch ſo ähnlich ſehen! Ich würde drauf ſchwören, er ſey es ſelbſt, wenn ich ihn nicht hundert Meilen weit von uns wüßte. Oberſt ffuͤr ſich'. Mein Schelm von Neffe macht einen ſchönen Gebrauch von meiner Geſtalt. Champagne. Nur ein wenig zu ältlich ſehen Sie aus— Ihr Onkel iſt ja ſo ziemlich von Ihren Jahren; Sie häͤtten nicht nöthig gehabt, ſich ſo gar alt zu machen. Oberſt. Meinſt du? Champagne. Doch was thut's! Iſt er doch nicht da, daß man eine Vergleichung anſtellen könnte— Und ein Glück für uns, daß der Alte nicht da iſt! Es würde uns ſchlecht be⸗ kommen, wenn er zurück kaͤme. Oberſt. Er iſt zurückgekommen. Champagne, Wie? was? 218 Oberſt. Er iſt zurückgekommen, ſag' ich. Champagne. Um Gotteswillen, und Sie ſtehen hier? Sie bleiben ruhig? Thun Sie, was Sie wollen— helfen Sie ſich, wie Sie können— ich ſuche das Weite. Will fort.) Oberſt. Bleib', Schurke! zweiſacher Halunke, bleib'! Das alſo ſind deine ſchönen Erfindungen, Herr Schurke? Champagne. Wie, gnädiger Herr, iſt das mein Dank? Oberſt. Bleib, Halunke!— Wahrlich, meine Frau(hier macht Champagne eine Bewegung des Schreckens) iſt die Närrin nicht, für die ich ſie hielt— und einen ſolchen Schelmſtreich ſollte ich ſo hingehen laſſen?— Nein, Gott verdamm' mich, wenn ich nicht auf der Stelle meine volle Rache dafür nehme.— Es iſt noch nicht ſo ſpät. Ich eile zu meinem Notar. Ich bring' ihn mit. Noch heute Nacht heirathet Lormeuil meine Tochter— Ich uͤberraſche meinen Neffen— er muß mir den Heiraths⸗ contract ſeiner Baſe noch ſelbſt mit unterzeichnen— Und was dich betrifft, Halunke—. Champagne. Ich, gnädiger Herr, ich will mit unter⸗ zeichnen— ich will auf der Hochzeit mit tanzen, wenn Sie's befehlen. Oberſt. Ja, Schurke, ich will dich tanzen machen!— Und die Quittung über die hundert Piſtolen, merk' ich jetzt wohl, habe ich auch nicht der Ehrlichkeit des Wucherers zu ver⸗ danken.— Zu meinem Glück hat der Juwelier Bankerott ge⸗ macht— Mein Taugenichts von Neffe begnügte ſich nicht, ſeine Schulden mit meinem Gelde zu bezahlen; er macht auch noch neue auf meinen Credit.— Schon gut! Er ſoll mir dafur be⸗ zahlen!— Und du, ehrlicher Geſell, rechne auf eine tuͤchtige Belohnung.— Es thut mir leid, daß ich meinen Stock nicht bei mir habe; aber aufgeſchoben iſt nicht aufgehoben.(Ab.) 219 Champagne. Ich falle aus den Wolken! Muß dieſer ver⸗ wuͤnſchte Onkel auch gerade jetzt zurückkommen, und mir in den Weg laufen, recht ausdrucklich, um mich plaudern zu ma⸗ chen— Ich Eſel, daß ich ihm auch erzaͤhlen mußte— Ja, wenn ich noch wenigſtens ein Glas zu viel getrunken hätte— Aber ſo! Zehnter Auftritt. Champagne. Franz Dorſigny. Frau von Mirville. Fr. v. Mirville ckommt ſachte hervor und ſpricht in die Scene zuruͤch). Das Feld iſt rein— du kannſt heraus kommen— es iſt Niemand hier als Champagne. Dorſigny(tritt ein). Champagne(eehrt ſich um, und faͤbrt zuruͤck, da er ihn erblickt). Mein Gott, da kommt er ſchon wieder zuruck! Jetzt wird's losgehen!(Sich Dorſigny zu Fuͤßen werfend.) Barmherzigkeit, gnä⸗ diger Herr! Gnade— Gnade einem armen Schelm, der ja un⸗ ſchuldig— der es freilich verdient hätte— Dorſigny. Was ſoll denn das vorſtellen? Steh' auf! Ich will dir ja nichts zu Leide thun. Champagne. Sie wollen mir nichts thun, gnaͤdiger Herr— 3 Dorſigny. Mein Gott, nein! Ganz im Gegentheil, ich bin recht wohl mit dir zufrieden, da du deine Rolle ſo gut geſpielt haſt. Champagne eerkennt ihn). Wie, Herr, ſind Sie's? Dorſigny. Freilich bin ich's. Champagne. Ach Gott! Wiſſen Sie, daß Ihr Onkel hier iſt? 220 Dorſigny. Ich weiß es. Was denn weiter? Chmpagne. Ich hab' ihn geſehen, gnaͤdiger Herr. Ich hab' ihn angeredet— ich dachte, Sie wären's; ich hab' ihm Alles geſagt; er weiß Alles. Fr. v. Mirville. Unſinniger! was haſt du gethan? Champagne. Kann ich dafür? Sie ſehen, daß ich eben jetzt den Neffen für den Onkel genommen— iſt's zu verwun⸗ dern, daß ich den Onkel für den Neffen nahm? Dorſigny. Was iſt zu machen? Fr. v. Mirville. Da iſt jetzt kein andrer Rath, als auf der Stelle das Haus zu verlaſſen. Dorſigny. Aber wenn er meine Couſine zwingt, den Lor⸗ meuil zu heirathen— Fr. v. Mirville. Davon wollen wir morgen reden! Jetzt fort, geſchwind, da der Weg noch frei iſt!(Sie fuͤhrt ihn bis an die hintere Thuͤr; eben da er hinaus will, tritt Lormeuil aus derſelben yerein, ihm entgegen, der ihn zuruͤckhaͤlt und wieder vorwaͤrts fuͤhrt.) Eilfter Auftritt. Die Vorigen. Lormeuil. Lormeuil. Sind Sie's? Ich ſuchte Sie eben. Fr. v. Kirville(heimlich zu Dorſigny). Es iſt der Herr von Lormeuil. Er hält dich für den Onkel. Gib ihm ſo bald als möglich ſeinen Abſchied! LCormeuil Gur Frau v. Mirville). Sie verlaſſen uns, gnädige Frau? Fr. v. Mirville. Verzeihen Sie, Herr von Lormeuil. Ich bin ſogleich wieder hier.(Geht ab, Champagne folgt.) 221 Zwölfter Auftritt. Pormeuil. Franz Darſigny. Lormeuil. Sie werden ſich erinnern, daß Sie mich mit Ihrer Fräulein Tochter vorhin allein gelaſſen haben? Dorſigny. Ich erinnere mich's. Lormeuil. Sie iſt ſehr liebenswürdig; ihr Beſitz würde mich zum gluͤcklichſten Manne machen. Dorſigny. Ich glaub' es. Lormeuil. Aber ich muß Sie bitten, ihrer Neigung keinen Zwang anzuthun. Dorſigny. Wie iſt das? Lormeuil. Sie iſt das liebenswürdigſte Kind von der Welt, das iſt gewiß! Aber Sie haben mir ſo oft von Ihrem Neffen Franz Dorſigny geſprochen— er liebt Ihre Tochter! Dorſigny. Iſt das wahr? Lormeuil. Wie ich Ihnen ſage, und er wird wieder geliebt! Dorſigny. Wer hat Ihnen das geſagt? Lormeuil. Ihre Tochter ſelbſt. Dorſigny. Was iſt aber da zu thun?— Was rathen Sie mir, Herr von Lormeuil? Lormeuil. Ein guter Vater zu ſeyn. Dorſigny. Wie? Lormeuil. Sie haben mir hundertmal geſagt, daß Sie Ihren Neffen wie einen Sohn liebten— Nun denn, ſo geben Sie ihm Ihre Tochter! Machen Sie Ihre beiden Kinder glücklich. Dorſigny. Aber was ſoll denn aus Ihnen werden? Lormeuil. Aus mir?— Man will mich nicht haben, 222 2 das iſt freilich ein Unglück! Aber beklagen kann ich mich nicht daruͤber, da Ihr Neffe mir zuvorgekommen iſt. Dorſigny. Wie? Sie wären fähig zu entſagen? Lormeuil. Ich halte es fuͤr meine Pflicht. Dorſigny debhaft). Ach, Herr von Lormeuil! wie viel Dank bin ich Ihnen ſchuldig! Lormeuil. Ich verſtehe Sie nicht. Dorſigny. Nein, nein, Sie wiſſen nicht, welch großen, großen Dienſt Sie mir erzeigen— Ach, meine Sophie! wir werden glücklich werden! LCormeuil. Was iſt das? Wie?— Das iſt Herr von Dorſigny nicht— Waͤr's möglich— Dorſigny. Ich habe mich verrathen. gormeuil. Sie ſind Dorſigny, der Neffe? Ja, Sie ſind's — Nun, Sie habe ich zwar nicht hier geſucht, aber ich freue mich, Sie zu ſehen.— Zwar ſollte ich billig auf Sie boͤſe ſeyn wegen der drei Degenſtiche, die Sie mir ſo großmüthig in den Leib geſchickt haben— Dorſigny. Herr von Lormeuil! Lormenil. Zum Glück ſind ſie nicht tödtlich; alſo mag's gut ſeyn! Ihr Herr Onkel hat mir ſehr viel Gutes von Ihnen geſagt, Herr von Dorſigny, und, weit entfernt, mit Ihnen Haͤndel anfangen zu wollen, biete ich Ihnen von Herzen meine Freundſchaft an, und bitte um die Ihrige. Dorſigny. Herr von Lormeuil! Lormeuil. Alſo zur Sache, Herr von Dorſigny— Sie lieben Ihre Couſine und haben vollkommen Urſache dazu. Ich verſpreche Ihnen, allen meinen Einfluß bei dem Oberſten anzuwenden, daß ſie Ihnen zu Theil wird— Dagegen verlange ich aber, daß Sie auch Ihrerſeits mir einen wichtigen Dienſt erzeigen. 223 Dorfigny. Reden Sie! fordern Sie! Sie haben ſich ein heiliges Recht auf meine Dankbarkeit erworben. Lormenil. Sie haben eine Schweſter, Herr von Dorſigny. Da Sie aber für Niemand Augen haben, als für Ihre Baſe, ſo bemerkten Sie vielleicht nicht, wie ſehr Ihre Schweſter liebens⸗ würdig iſt— Ich aber— ich habe es recht gut bemerkt— und daß ich's kurz mache— Frau von Mirville verdient die Huldigung eines Jeden! Ich habe ſie geſehen und ich— Dorſigny. Sie lieben ſie? Sie iſt die Ihre! zählen Sie auf mich!— Sie ſoll Ihnen bald gut ſeyn, wenn ſie es nicht ſchon jetzt iſt— dafür ſteh' ich. Wie ſich doch Alles ſo glücklich fügen muß!— Ich gewinne einen Freund, der mir behülflich ſeyn will, meine Geliebte zu beſitzen, und ich bin im Stand, ihn wieder glücklich zu machen. Tormeuil. Das ſteht zu hoffen; aber ſo ganz ausgemacht iſt es doch nicht— Hier kommt Ihre Schweſter! Friſch, Herr von Dorſigny— ſprechen Sie für mich! Führen Sie meine Sache! Ich will bei dem Onkel die Ihrige führen.(Ab.) Dorſigny. Das iſt ein herrlicher Menſch, dieſer Lormeuil! Welche glückliche Frau wird meine Schweſter! Dreizehnter Auftritt. Frau von Mirville. Franz Darſigny. Fr. v. Mirville. Nun, wie ſteht's, Bruder? Dorſigny. Du haſt eine Eroberung gemacht, Schweſter! Der Lormeuil iſt Knall und Fall ſterblich in dich verliebt worden. Eben hat er mir das Geſtaͤndniß gethan, weil er glaubte mit 224 dem Onkel zu reden! Ich ſagte ihm aber, dieſe Gedanken ſollte er ſich nur vergehen laſſen— du haͤtteſt das Heirathen auf immer verſchworen— Ich habe recht gethan, nicht? Fr. v. Mirville. Allerdings— aber— du hätteſt eben nicht gebraucht, ihn auf eine ſo rauhe Art abzuweiſen. Der arme Junge iſt ſchon übel genug daran, daß er bei Sophien durchfaͤllt. Bierzehnter Auftritt. Porige. Champagne. Champagne. Nun, gnädiger Herr! machen Sie, daß Sie fort kommen. Die Tante darf Sie nicht mehr hier antreffen, wenn ſie zurückkommt— Dorſig ny. Nun, ich gehe! Bin ich doch nun gewiß, daß mir Lormeuil die Couſine nicht wegnimmt. (Ab mit Frau von Miroille.) Fünfzehter Auftritt. Champagne allein. Da bin ich nun allein!— Freund Champagne, du biſt ein Dummkopf, wenn du deine Unbeſonnenheit von vorhin nicht gut machſt— Dem Onkel die ganze Karte zu verrathen! Aber laſſ' ſehen! was iſt da zu machen? Entweder den Onkel oder den Bräutigam müſſen wir uns auf die nächſten zwei 225 Tage vom Halſe ſchaffen, ſonſt geht's nicht— Aber wie Teufel iſt's da anzufangen?— Wart'— laſſ' ſehen— Nachſinnend.) Mein Herr und dieſer Herr von Lormeuil ſind zwar als ganz gute Freunde aus einander gegangen, aber es hätte doch Händel zwiſchen ihnen ſetzen können! Können, das iſt mir genug! davon laßt uns ausgehen— Ich muß als ein guter Diener Ungluͤck verhüten! Nichts als redliche Beſorgniß für meinen Herrn— Alſo gleich zur Polizei! Man nimmt ſeine Maßregeln, und iſt's dann meine Schuld, wenn ſie den Onkel für den Neffen nehmen?— Wer kann für die Aehnlichkeit— Das Wageſtück iſt groß, groß, aber ich wag's. Mißlingen kann's nicht, und wenn auch— Es kann nicht mißlingen— Im äußerſten Fall bin ich gedeckt! Ich habe nur meine Pflicht beobachtet! Und mag dann der Onkel gegen mich toben, ſo viel er will— ich verſtecke mich hinter den Neffen, ich verhelf' ihm zu ſeiner Braut, er muß erkenntlich ſeyn— Friſch, Champagne, ans Werk— Hier iſt Ehre einzulegen. Saht ab.) Schillers ſaͤmmtl. Werke. VII. 1 Dritter Aufzug. Erſter Auftritt. Oberſt Dorſigny kommt. Gleich darauf Lormenil. Oberſt. Muß der Teufel auch dieſen Notar gerade heute zu einem Nachteſſen führen! Ich hab' ihm ein Blllet dort gelaſſen, und mein Herr Neffe haite ſchon vorher die Mühe auf ſich genommen. Lormeuil ckommt). Für dießmal denke ich doch wohl den Onkel vor mir zu haben und nicht den Neffen. Oberſt. Wohl bin ich's ſelbſt! Sie durfen nicht zweifeln. Lormeuil. Ich habe Ihnen viel zu ſagen, Herr von Dorſigny. Oberſt. Ich glaub' es wohl, guter Junge! Du wirſt raſend ſeyn vor Zorn— Aber keine Gewaltthaͤtigkeit, lieber Freund, ich bitte darum!— Denken Sie daran, daß der, der Sie beleidigt hat, mein Neffe iſt— Ihr Ehrenwort verlang' ich, daß Sie es mir uͤberlaſſen wollen, ihn dafür zu ſtrafen. Lormeuil. Aber ſo erlauben Sie mir— 227 Oberſt. Nichts erlaub' ich! Es wird nichts daraus! So ſeyd ihr jungen Leute! Ihr wißt keine andere Art, Unrecht gut zu machen, als daß ihr einander die Hälſe brecht. LCormeuil. Das iſt aber ja nicht mein Fall. Hören Sie doch nur. Oberſt. Mein Gott! ich weiß ja! Bin ich doch auch jung geweſen!— Aber laſſ' dich das Alles nicht anfechten, guter Junge! du wirſt doch mein Schwiegerſohn! Du wirſt's— dabei bleibt's! Lormeuil. Ihre Gute— Ihre Freundſchaft erkenn' ich mit dem größten Dank— Aber, ſo wie die Sachen ſtehen— Oberſt(lauter). Nichts! kein Wort mehr! Zweiter Auftritt. Champagne mit zwei Anterofſicieren. Vorige. 3 Champagne u dieſen). Sehen Sie's, meine Herren? ſehen Sie's? Eben woltten ſie an einander gerathen. LCormeuil. Was ſuchen dieſe Leute bei uns? Erſter Unterofficier. Ihre ganz gehorſamen Diener, meine Herren! Habe ich nicht die Ehre, mit Herrn von Dorſigny zu ſprechen? Oberſt. Dorſigny heiß' ich. Champagne. Und dieſer hier iſt Herr von Lormeuil. Lormeuil. Der bin ich, ja. Aber was wollen die Herren von mir? Zweiter Unterofficier. Ich werde die Ehre haben, Euer Gnaden zu begleiten. 228 LCormeuil. Mich zu begleiten? Wohin? Es fällt mir gar nicht ein, ausgehen zu wollen. Erſter Unterofficier dzum Oberſy. Und ich, gnädiger Herr, bin beordert, Ihnen zur Escorte zu dienen. Oberſt. Aber wohin will mich der Herr escortiren? Erſter Unterofficier. Das will ich Ihnen ſagen, gnaͤ⸗ diger Herr. Man hat in Erfahrung gebracht, daß Sie auf dem Sprung ſtünden, ſich mit dieſem Herrn zu ſchlagen, und damit nun— Oberſt. Mich zu ſchlagen? Und weßwegen denn? Erſter Unterofficier. Weil Sie Nebenbuhler ſind— weil Sie beide das Fräulein von Dorſigny lieben. Dieſer Herr hier iſt der Bräutigam des Fräuleins, den ihr der Vater beſtimmt hat— und Sie, gnaͤdiger Herr, ſind ihr Couſin und ihr Liebhaber— O wir wiſſen Alles! Lormeuil. Sie ſind im Irrthum, meine Herren. Oberſt. Wahrlich, Sie ſind an den Unrechten gekommen. Champagne(zu den Wachen). Friſch zu! Laſſen Sie ſich nichts weiß machen, meine Herren!(Zu Herrn v. Dorſigny.) Lieber, gnädiger Herr! werfen Sie endlich Ihre Maske weg! Geſtehen Sie, wer Sie ſind! Geben Sie ein Spiel auf, wobei Sie nicht die beſte Rolle ſpielen! Oberſt. Wie, Schurke, das iſt wieder ein Streich von dir— Champagne. Ja, gnüädiger Herr, ich hab' es ſo ver⸗ anſtaltet, ich läugn' es gar nicht— ich rühme mich deſſen!— Die Pflicht eines rechtſchaffenen Dieners habe ich erfüllt, da ich Unglück verhütete. Oberſt. Sie können mir's glauben, meine Herren! der, den Sie ſuchen, bin ich nicht; ich bin ſein Onkel. Erſter Unterofficier. Sein Onkel? Gehn Sie doch! 229 Sie gleichen dem Herrn Onkel außerordentlich, ſagt man, aber uns ſoll dieſe Aehnlichkeit nicht betrügen. Oberſt. Aber ſehen Sie mich doch nur recht an! Ich habe ja eine Perrücke, und mein Neffe trägt ſein eignes Haar. Erſter Untersfficier. Ja, ja, wir wiſſen recht gut, warum Sie die Tracht Ihres Herrn Onkels angenommen— Das Stückchen war ſinnreich; es thut uns leid, daß es nicht beſſer geglückt iſt. Oberſt. Aber, mein Herr, ſo hören Sie doch nur an— Erſter Unterofficier. Ja, wenn wir Jeden anhören wollten, den wir feſtzunehmen beordert ſind— wir würden nie von der Stelle kommen— Belieben Sie uns zu folgen, Herr von Dorſigny! Die Poſtchaiſe hält vor der Thür und erwartet uns. Oberſt. Wie? was? die Poſtchaiſe? Erſter Anterofficier. Ja, Herr! Sie haben Ihre Gar⸗ niſon heimlich verlaſſen! Wir ſind beordert, Sie ſtehenden Fußes in den Wagen zu packen, und nach Straßburg zurück⸗ zubringen. Oberſt. Und das iſt wieder ein Streich von dieſem ver⸗ wünſchten Taugenichts! Ha, Lotterbube! Champagne. Ja, gnaͤdiger Herr, esviſt meine Veranſtal⸗ tung— Sie wiſſen, wie ſehr ich dawider war, daß Sie Straß⸗ burg ohne Urlaub verließen. Oberſt chebt den Stock au. Nein, ich halte mich nicht mehr— Beide Unterofficiere. Maͤßigen Sie ſich, Herr von Dorſigny! Champagne. Halten Sie ihn, meine Herren! ich bitte — Das hat man davon, wenn man Undankhare verpflichtet. Ich rette vielleicht Ihr Leben, da ich dieſem unſeligen Duell vorbeuge, und zum Dank haͤtten Sie mich todt gemacht, wenn dieſe Herren nicht ſo gut geweſen waͤren, es zu verhindern, 230 Oberſt. Was iſt hier zu thun, Lormeuil? LCormenil. Warum berufen Sie ſich nicht auf die Per⸗ ſonen, die Sie kennen müſſen? Oberſt. An wen, zum Teufel! ſoll ich mich wenden? Meine Frau, meine Tochter ſind ausgegansen— meine Nichte iſt vom Complot— die ganze Welt iſt behext. Cormeuil. So bleibt nichts übrig, als in Gottes Namen nach Straßburg zu reiſen, wenn dieſe Leute nicht mit ſich reden laſſen. Oberſt. Das ware aber ganz verwünſcht— Erſter Unterofficier u Champasne). Sind Sie aber auch ganz gewiß, daß es der Neffe iſt? Champagne. Freilich! freilich! Der Onkel iſt weit weg— Nur Stand gehalten! nicht gewankt! Dritter Auftritt. Ein Poſtillon. Vorige. Poſtillon Getrunken). He! Holla! wird's bald, ihr Her⸗ ren? Meine Pferde ſtehen ſchon eine Stunde vor dem Hauſe, und ich bin nicht des Wartens wegen da. Oberſt. Was will der Burſche? Erſter Unterofficier. Es iſt der Poſtillon, der Sie fahren ſoll. Poſtillon. Sieh doch! Sind Sie's, Herr Hauptmann, der abreist?— Sie haben kurze Geſchäfte hier gemacht— Hente Abend kommen Sie an, und in der Nacht geht's wieder fort. 2 231 Oberſt. Woher weißt denn du? ꝙ poſtillon. Eil ei! War ich's denn nicht, der Sie vor etlichen Stunden an der Hinterthür dieſes Hauſes abſetzte? Sie ſehen, mein Capitän, daß ich ihr Geld wohl angewendet— ja, ja, wenn mir Einer was zu vertrinken gibt, ſo erfull' ich gewiſſenhaft und redlich die Abſicht. Oberſt. Was ſagſt du, Kerl? Mich hätteſt du gefahren? Mich? 3 Poſtillon. Sie, Herr!— Ja doch, beim Teufel! und da ſteht ja Ihr Bedienter, der den Vorreiter machte— Gott gruß' dich, Gandieb! Eben der hat mir's ja im Vertrauen geſteckt, daß Sie ein Herr Hauptmann ſeyen, und von Straß⸗ burg heimlich nach Paris gingen.— Oberſt. Wie, Schurke? Ich wäre das geweſen? Poſtillon. Ja, Sie! Und der auf dem ganzen Wege laut mit ſich ſelbſt ſprach und an Einem fort rief: Meine Sophie! Mein liebes Bäschen! Mein engliſches Couſinchen!— Wie? haben Sie das ſchon vergeſſen? Champagne Gum Oberſy. Ich bin's nicht, gnädiger Herr, der ihm dieſe Worte in den Mund legt— Wer wird aber auch auf öffentlicher Poſtſtraße ſo laut von ſeiner Gebieterin reden? Oberſt. Es iſt beſchloſſen, ich ſeh's, ich ſoll nach Straß⸗ burg, um der Sunden meines Neffen willen— Erſter Anterofficier. Alſo, mein Herr Hauptmann— Oberſt. Alſo, mein Herr Geleitsmann, alſo muß ich freilich mit Ihnen fort; aber ich kann Sie verſichern, ſehr wider meinen Willen. Erſter Unteroffieier. Das ſind wir gewohnt, mein Capitän, die Leute wider ihren Willen zu bedienen. Oberſt. Du biſt alſo mein Bedienter? Ehampagne. Ja, gnädiger Herr. 23²2 Oberſt. Folglich bin ich dein Gebieter. Champagne. Das verſteht ſich. Oberſt. Ein Bedienter muß ſeinem Herrn folgen— du gehſt mit mir nach Straßburg. Champagne Cfür ſich). Verflucht! Poſtillon. Das verſteht ſich— Marſch! Champagne. Es thut mir leid, Sie zu betruͤben, gnaͤdi⸗ ger Herr— Sie wiſſen, wie groß meine Anhänglichkeit an Sie iſt— ich gebe Ihnen eine ſtarke Probe davon in dieſem Augen⸗ blick— aber Sie wiſſen auch, wie ſehr ich mein Weib liebe. Ich habe ſie heute nach einer langen Trennung wieder geſehen! Die arme Frau bezeugte eine ſo herzliche Freude uͤber meine Zuruckkunft, daß ich beſchloſſen habe, ſie nie wieder zu verlaſſen, und meinen Abſchied von Ihnen zu begehren. Sie werden ſich erinnern, daß Sie mir noch von drei Monaten Gage ſchul⸗ dig ſind. Oberſt. Dreihundert Stockprügel bin ich dir ſchuldig, Bube! Erſter Unterofficier. Herr Capitän, Sie haben kein Recht, dieſen ehrlichen Diener wider ſeinen Willen nach Straß⸗ burg mitzunehmen— und wenn Sie ihm noch Rückſtand ſchul⸗ dig ſind— Oberſt. Nichts, keinen Heller bin ich ihm ſchuldig. Erſter Unterofficier. So iſt das kein Grund, ihn mit Prügeln abzulohnen. Lormeuil. Ich muß ſehen, wie ich ihm heraus helfe— Wenn es nicht anders iſt— in Gottes Namen, reiſen Sie ab, Herr von Dorſigny. Zum Gluck bin ich frei; ich habe Freunde; ich eile, ſie in Bewegung zu ſetzen, und bringe Sie zurück, eh' es Tag wird. Oberſt. Und ich will den Poſtillon dafür bezahlen, daß er 233 ſo langſam fährt als möglich, damit Sie mich noch einholen können—(Zum Poſtillon) Hier, Schwager! Vertrink das auf meine Geſundheit— aber du mußt mich fahren— Poſtillon(treuherzig). Daß die Pferde dampfen. Oberſt. Nicht doch! nein! ſo mein' ich's nicht— Poſtillon. Ich will Sie fahren, wie auf dem Herweg! Als ob der Teufel Sie davon führte. Oberſt. Hole der Teufel dich ſelbſt, du verdammter Trunkenbold! Ich ſage dir ja— poſtillon. Sie haben's eilig! Ich auch! Sey'n Sie ganz ruhig! Fort ſoll's gehen, daß die Funken hinaus fliegen.(Ab.) Oberſt ehm nach). Der Kerl macht mich raſend! Warte doch, höre! 4 Lormeuil. Beruhigen Sie ſich! Ihre Reiſe ſoll nicht lange dauern. Oberſt. Ich glaube, die ganze Hölle iſt heute losgelaſſen. (Geht ab. Der erſte Unterofficier folgt.) Lormeuil Gum zweiten). Kommen Sie, mein Herr, folgen Sie mir, weil es Ihnen ſo befohlen iſt— aber ich ſage Ihnen vorher, ich werde Ihre Beine nicht ſchonen! Und wenn Sie ſich Rechnung gemacht haben, dieſe Nacht zu ſchlafen, ſo ſind Sie garſtig betrogen, denn wir werden immer auf den Straßen ſeyn. Zweiter Unterofficier. Nach Ihrem Gefallen, gnädiger Herr— Zwingen Sie ſich ganz und gar nicht— Ihr Diener, Herr Champagne! (Lormeuil und der zweite Unterofficier ab.) 234 Bierter Auftritt. Champagne. Dann Frau von Mirrville. Champagne(allein.. Sie ſind fort— Glück zu, Cham⸗ pagne! der Sieg iſt unſer! Jetzt friſch ans Werk, daß wir die Heirath noch in dieſer Nacht zu Stande bringen— Da kommt die Schweſter meines Herrn; ihr kann ich Alles ſagen. Fr. v. Mirville. Ah, biſt du da, Champagne? Weißt du nicht wo der Onkel iſt? Champagne. Auf dem Weg nach Straßburg. Fr. v. Mirville. Wie? was? Erklaͤre dich! Champagne. Recht gern, Ihr Gnaden. Sie wiſſen vielleicht nicht, daß mein Herr und dieſer Lormeuil einen heftigen Zank zuſammen gehabt haben. Fr. v. Mirville. Ganz im Gegentheil. Sie ſind als die beſten Freunde geſchieden, das weiß ich. Champagne. Nun, ſo habe ich's aber nicht gewußt. Und in der Hitze meines Eifers ging ich hin, mir bei der Po⸗ lizei Hülfe zu ſuchen. Ich komme her mit zwei Sergenten, davon der eine Befehl hat, dem Herrn von Lormeuil an der Seite zu bleiben, der andere, meinen Herrn nach Straßburg zurück zu bringen.— Nun reitet der Teufel dieſen verwunſch⸗ ten Sergenten, daß er den Onkel für den Neffen nimmt, ihn beinahe mit Gewalt in die Kutſche packt, und fort mit ihm, jagſt du nicht, ſo gilt's nicht, nach Straßburg! Fr. v. Mirville. Wie Champagne! du ſchickſt meinen Onkel anſtatt meines Bruders auf die Reiſe? Nein, das kann nicht dein Ernſt ſeyn. Champagne. Um Vergebung, es iſt mein voller Ernſt — Das Elſaß iſt ein ſcharmantes Land; der Herr Oberſt ha⸗ «· 23⁵ ben ſich noch nicht darin umgeſehen, und ich verſchaffe Ihnen d eſe kleine Ergötzlichkeit. Fr. v. Mirville. Du kannſt noch ſcherzen? Was macht aber der Herr von Lormeuil? Champagne. Er fuhrt ſeinen Sergenten in der Stadt ſpazieren. Fr. v. Mirville. Der arme Junge! Er verdient wohl, daß ich Antheil an ihm nehme. Champagne. Nun, gnaͤdige Frau! ans Werk! Keine Zeit verloren! Wenn mein Herr ſeine Couſine nur erſt ge⸗ heirathet hat, ſo wollen wir den Onkel zurückholen. Ich ſuche meinen Herrn auf; ich bringe ihn her, und wenn nur Sie uns beiſtehen, ſo muß dieſe Nacht Alles richtig werden. (Ab.) Fünfter Auftritt. Frau von Mirville. Dann Frau von Dorſigny. Sophie. Fr. v. Mirville. Das iſt ein verzweifelter Bube; aber er hat ſeine Sache ſo gut gemacht, daß ich mich mit ihm ver⸗ ſtehen muß— Hier kommt meine Tante; ich muß ihr die Wahrheit verbergen. Fr. v. Dorſigny. Ach, liebe Nichte! haſt du deinen Onkel nicht geſehen? Fr. v. Mirville. Wie? Hat er denn nicht Abſchied von Ihnen genommen? Fr. v. Dorſigny. Abſchied! Wie? Fr. v. Nirville. Ja, er iſt fort. Fr. v. Dorſigny. Er iſt fort? Seit wann? 236 Fr. v. Mirville. Dieſen Augenblick. Fr. v. Dorſigny. Das begreif' ich nicht. Er wollte ja erſt gegen eilf Uhr abfahren. Und wo iſt er denn hin, ſo eilig? Fr. v. Mirville. Das weiß ich nicht. Ich ſah ihn nicht abreiſen— Champagne erzaͤhlte mir's. Sechster Auftritt. Die Vorigen. Franz Jorſigny in ſeiner eigenen Uniform und ohne Perruͤcke. Champagne. Champagne. Da iſt er, Ihr Gnaden, da iſt er! Fr. v. Dorſigny. Wer? Mein Mann? Champagne. Nein, nicht doch! Mein Herr, der Herr Hauptmann. Sophie(ihm entgegen). Lieber Vetter! Champagne. Ja, er hatte wohl recht, zu ſagen, daß er mit ſeinem Brief zugleich eintreffen werde. Fr. v. Dorſigny. Mein Mann reist ab, mein Neffe kommt an! Wie ſchnell ſich die Begebenheiten drängen! Dorſigny. Seh' ich Sie endlich wieder, beſte Tante! Ich komme voll Unruhe und Erwartung— Fr. v. Dorſigny. Guten Abend, lieber Neſſe! Dorſigny. Welcher froſtige Empfang? Fr. v. Dorſigny. Ich bin herzlich erfreut, dich zu ſehen. Aber mein Mann— Dorſigny. Iſt dem Onkel etwas zugeſtoßen? Fr. v. Mirville. Der Onkel iſt heute Abend von einer großen Reiſe zurückgekommen, und in dieſem Augenblick ver⸗ ſchwindet er wieder, ohne daß wir wiſſen, wo er hin iſt. 4. 237 Borſigny. Das iſt ja ſonderbar! Champagne. Es iſt ganz zum Erſtaunen! Fr. v. Dorſigny. Da iſt ja Champagne! Der kann uns Allen aus dem Traume helfen. Champagne. Ich, gnaͤdige Frau? Fr. v. Mirville. Ja, du! Mit dir allein hat der Onkel ja geſprochen, wie er abreiste. Champagne. Das iſt wahr! mit mir allein hat er ge⸗ ſprochen. Dorſigny. Nun, ſo ſage nur, warum verreiste er ſo plötzlich? Champagne. Warum? Ei, er mußte wohl! Er hatte ja Befehl dazu von der Regierung. Fr. v. Dorſigny. Was? Champagne. Er hat einen wichtigen geheimen Auftrag, der die größte Eilfertigkeit erfordert— der einen Mann er⸗ fordert— einen Mann— Ich ſage nichts mehr! Aber Sie können ſich etwas darauf einbilden, gnädige Frau, daß die Wahl auf den Herrn gefallen iſt. Fr. v. Mirville. Allerdings! Eine ſolche Auszeichnung ehrt die ganze Familie! Champagne. Euer Gnaden begreifen wohl, daß er ſich da nicht lange mit Abſchiednehmen aufhalten konnte. Cham⸗ pagne, ſagte er zu mir, ich gehe in wichtigen Staatsangelegen⸗ heiten nach— nach Sanct Petersburg. Der Staat befiehlt, ich muß gehorchen— beim erſten Poſtwechſel ſchreib' ich meiner Frau— was uͤbrigens die Heirath zwiſchen meinem Neffen und meiner Tochter betrifft— ſo weiß ſie, daß ich vollkommen damit zufrieden bin. Dorſigny. Was höͤr' ich! mein lieber Onkel ſollte— 238 Champagne. Ja, gnädiger Herr! er willigt ein.— Ich gebe meiner Frau unumſchraͤnkte Vollmacht, ſagte er, Alles zu beendigen, und ich hoffe, bei meiner Zurückkunft unſere Tochter als eine glückliche Frau zu finden. Fr. v. Dorſigny. Und ſo reiste er allein ab? Champagne. Allein? Nicht doch! Er hatte noch einen Herrn bei ſich, der nach etwas recht Vornehmem ausſah— Fr. v. Darſigny. Ich kann mich gar nicht drein finden. Fr. v. Mirville. Wir wiſſen ſeinen Wunſch. Man muß dahin ſehen, daß er ſie als Mann und Frau findet bei ſeiner Zurückkunft. Sophie. Seine Einwilligung ſcheint mir nicht im geringſten zweifelhaft, und ich trage gar kein Bedenken, den Vetter auf der Stelle zu heirathen. Fr. v. Dorſigny. Aber ich trage Bedenken— und will ſeinen erſten Brief noch abwarten. Champagne bbeiſeite). Da ſind wir nun ſchön gefördert, daß wir den Onkel nach Petersburg ſchickten. Dorſigny. Aber, beſte Tante! Siebenter Auftritt. Die Vorigen. Der Uotarius. Notar(tritt zwiſchen Dorſigny und ſeine Tante). Ich empfehle mich der ganzen hochgeneigten Geſellſchaft zu Gnaden. Fr. v. Darſigny. Sieh da, Herr Gaſpar, der Notar unſers Hanſes. V V V 239 Notar. Zu Dero Befehl, gnäaͤdige Frau! Es beliebte Dero Herrn Gemahl, ſich in mein Haus zu verfügen. Fr. v. Dorſigny. Wie? Mein Mann wäre vor ſeiner Abreiſe noch bei Ihnen geweſen? Notar. Vor Dero Abreiſe? Was Sie mir ſagen! Sieh, ſieh doch! Darum hatten es der gnaͤdige Herr ſo eilig und wollten mich gar nicht in meinem Hauſe erwarten. Dieſes Billet ließen mir Hochdieſelben zurück— Belieben Ihro Gnaden es zu durchleſen.(Reicht der Frau von Dorſigny das Billet.) Champagne Geiſe zu Dorſigny). Da iſt der Notar, den Ihr Onkel beſtellt hat. Dorſigny. Ja, wegen Lormeuils Heirath. Champagne(leiſe). Wenn wir ihn zu der Ihrigen brauchen koͤnnten? Dorſigny. Stille! Hören wir, was er ſchreibt! Fr. v. Dorſigny(liest)'.„Haben Sie die Güte, mein „Herr, ſich noch dieſen Abend in mein Haus zu bemühen, „und den Ehecontract mit zu bringen, den Sie für meine „Tochter aufgeſetzt haben. Ich habe meine Urſachen, dieſe „Heirath noch in dieſer Nacht abzuſchließen— Dorſigny.“ Champagne. Da haben wir's ſchwarz auf weiß! Nun wird die gnadige Frau doch nicht mehr an der Einwilligung des Herrn Onkels zweifeln? Sophie. Es iſt alſo gar nicht nöthig, daß der Papa Ihnen ſchreibt, liebe Mutter, da er dieſem Herrn geſchrieben hat. Fr. v. Dorſigny. Was denken Sie von der Sache, Herr Gaſpar? Notar. Nun, dieſer Brief waͤre deutlich genug, däͤcht' ich. Fr. v. Dorſigny. In Gottes Namen, meine Kinder! Seyd glücklich! Gebt euch die Hände, weil mein Mann ſelbſt den Notar herſchickt, 240 Dorſigny. Friſch, Champagne! einen Tiſch, Feder und Tinte; wir wollen gleich unterzeichnen. Achter Auftritt. Oberſt Darſigny. Valcour. Porige. Fr. v. Mirville. Himmel! der Onkel! Sophie. Mein Vater! Champagne. Führt ihn der Teufel zurück? Dorſigny. Ja wohl, der Teufel! Dieſer Valcour iſt mein böſer Genius. Fr. v. Dorſigny. Was ſeh' ich? Mein Mann! Valcour(den aͤltern Dorſigny praͤſentirend). Wie ſchaͤtz' ich mich glücklich, einen geliebten Neffen in den Schooß ſeiner Familie zurückführen zu koͤnnen!(Wie er den zuͤngern Dorſignh gewahr wird) Wie Teufel, da biſt du ja—(Sich zum aͤltern Dorſigny wendend) Und wer ſind Sie denn, mein Herr? Oberſt. Sein Onkel, mein Herr. Dorſigny. Aber erkläre mir, Valcour— VYalcour. Erkläre du mir ſelbſt! ich bringe in Erfahrung, daß eine Ordre ausgefertigt ſey, dich nach deiner Garniſon zurück zu ſchicken— Nach unſäglicher Muhe erlange ich, daß ſie widerrufen wird— Ich werfe mich aufs Pferd, ich erreiche noch bald genug die Poſtchaiſe, wo ich dich zu finden glaubte, und finde auch wirklich— Oberſt. Ihren gehorſamen Diener, fluchend und tobend über einen verwünſchten Poſtknecht, dem ich Geld gegeben hatte, um mich langſam zu fahren, und der mich wie ein Sturmwind davon führte. 241 Valcour. Dein Herr Onkel findet es nicht für gut, mich aus meinem Irrthum zu reißen; die Poſtchaiſe lenkt wieder um, nach Paris zuruck, und da bin ich nun— Ich hoffe, Dorſigny, du kannſt dich nicht über meinen Eifer beklagen. Dorſigny. Sehr verbunden, mein Freund, fur die mächtigen Dienſte, die du mir geleiſtet haſt! Es thut mir nur leid um die unendliche Muhe, die du dir gegeben haſt. Oberſt. Herr von Valcour! mein Neffe erkennt Ihre große Gute vielleicht nicht mit der gehörigen Dankbarkeit; aber rechnen Sie dafur auf die meinige. Fr. v. Dorſigny. Sie waren alſo nicht unterwegs nach Rußland? Oberſt. Was Teufel ſollte ich in Rußland? Fr. v. Dorſigny. Nun, wegen der wichtigen Commiſſion, die das Miniſterium Ihnen auftrug, wie Sie dem Champagne ſagten. Oberſt. Alſo wieder der Champagne, der mich zu dieſem hohen Poſten befördert. Ich bin ihm unendlichen Dank ſchuldig, daß er ſo hoch mit mir hinaus will.— Herr Gaſpar, Sie werden zu Hauſe mein Billet gefunden haben; es wurde mir lieb ſeyn, wenn der Ehecontract noch dieſe Nacht unterzeichnet würde. Notar. Nichts iſt leichter, gnädiger Herr! Wir waren eben im Begriff, dieſes Geſchäft auch in Ihrer Abweſenheit vorzunehmen. Oberſt. Sehr wohl! Man verheirathet ſich zuweilen ohne den Vater; aber wie ohne den Bräutigam, das iſt mir doch nie vorgekommen. Fr. v. Dorſigny. Hier iſt der Bräutigam! Unſer lieber Neffe. Schillers ſaͤmmtl. Werke. VII. 16 242 Dorſigny. Ja, beſter Onkell ich bin's. Oberſt. Mein Neffe iſt ein ganz huͤbſcher Junge; aber meine Tochter bekommt er nicht. Fr. v. Dorſigny. Nun, wer ſoll ſie denn ſonſt bekommen? Oberſt. Wer, fragen Sie? Zum Henker! der Herr von Lormeuil ſoll ſie bekommen. Fr. v. Dorſigny. Er iſt alſo nicht todt, der Herr von Lormeuil? Oberſt. Nicht doch, Madame! er lebt, er iſt hier. Sehen Sie ſich nur um, dort kommt er. Fr. v. Dorſigny. Und wer iſt denn der Herr, der mit ihm iſt? Oberſt. Das iſt ein Kammerdiener, den Herr Champagne beliebt hat, ihm an die Seite zu geben. Neunter Auftritt. Die Vorigen. Karmeuil mit ſeinem Unteroffiier, der ſich im Hintergrunde des Zimmers niederſetzt. Lormeuil Gum Oberſtew. Sie ſchicken alſo Ihren Onkel an Ihrer Statt nach Straßburg? Das wird Ihnen nicht ſo hingehen, mein Herr. Oberſt. Sieh, ſieh doch! Wenn du dich ja mit Gewalt ſchlagen willſt, Lormeuil, ſo ſchlage dich mit meinem Neffen und nicht mit mir. gormeuil cerkennt ihn. Wie? ſind Sie's? Und wie haben Sie's gemacht, daß Sie ſo ſchnell zurückkommen? 243 Oberſt. Hier, bei dieſem Herrn von Valcour bedanken Sie ſich, der mich aus Freundſchaft für meinen Neffen ſporn⸗ ſtreichs zurückholte. Dorſigny. Ich begreife Sie nicht, Herr von Lormeuil! Wir waren ja als die beſten Freunde von einander geſchieden — Haben Sie mir nicht ſelbſt, noch ganz kürzlich, alle Ihre Anſprüche auf die Hand meiner Couſine abgetreten? Oberſt. Nichts, nichts! Daraus wird nichts! Meine Frau, meine Tochter, meine Nichte, mein Neffe, Alle zuſammen ſollen mich nicht hindern, meinen Willen durchzuſetzen. Lormeuil. Herr von Dorſigny! mich freut's von Herzen, daß Sie von einer Reiſe zurück ſind, die Sie wider Ihren Willen angetreten— Aber wir haben gut reden und Heiraths⸗ plaͤne ſchmieden, Fraͤulein Sophie wird darum doch Ihren Neffen lieben. Oberſt. Ich verſtehe nichts von dieſem Allem! Aber ich werde den Lormeuil nicht von Toulon nach Paris geſprengt haben, daß er als ein Junggeſell zuruͤckkehren ſoll. Dorſigny. Was das betrifft, mein Onkel— ſo ließe ſich vielleicht eine Auskunft treffen, daß Herr von Lormeuil keinen vergeblichen Weg gemacht haͤtte.— Fragen Sie meine Schweſter. Fr. v. Mirville. Mich? Ich habe nichts zu ſagen. Lormeuil. Nun, ſo will ich denn reden— Herr von Dorſigny, Ihre Nichte iſt frei; bei der Freundſchaft, davon Sie mir noch heute einen ſo großen Beweis geben wollten, bitte ich Sie, verwenden Sie allen Ihren Einfluß bei Ihrer Nichte, daß ſie es uͤbernehmen möge, Ihre Wortbrücchigkeit gegen mich gut zu machen. Oberſt. Was? wie?— Ihr ſollt ein Paar werden— Und dieſer Schelm, der Champagne, ſoll mir für Alle zuſammen bezahlen. 244 Champagne. Gott ſoll mich verdammen, gnaͤdiger Herr, wenn ich nicht ſelbſt zuerſt von der Aehnlichkeit betrogen wurde — Verzeihen Sie mir die kleine Spazierfahrt, die ich Sie machen ließ! Es geſchah meinem Herrn zum Beſten. Oberſt Gu beiden Paaren). Nun, ſo unterzeichnet! I. A 0 + ₰ 5 ₰ 8 Erſter Aufzug. Der Reichstag zu Krakau. Wenn der Vorhang aufgeht, ſieht man die polniſche Reichs⸗Ver⸗ ſammlung in dem großen Senat⸗Saale ſitzen. Auf einer drei Stufen hohen Eſtrade, mit rothem Teppich belegt, iſt der koͤnigliche Thron, mit einem Himmel bedeckt; zu beiden Seiten haͤngen die Wappen von Polen und Litthauen.— Der König ſitzt auf dem Thron: zu ſeiner Rechten und Linken auf der Eſtrade ſtehen die zehn Kron- beamten. Unter der Eſtrade zu beiden Seiten des Theaters ſitzen die Biſchäfe, Pulatinen und Caſtellane. Dieſen gegenuͤber ſtehen mit unbedecktem Haupt die Landboten in zwei Reihen. Alle be⸗ waffnet. Der Erzbiſchof von Gneſen, als der Primas des Reichs, ſitzt dem Proſcenium am naͤchſten; hinter ihm haͤlt ſein Caplan ein goldenes Kreuz. Erzbiſchof von Gneſen. So iſt denn dieſer ſtürmevolle Reichstag Zum guten Ende gluͤcklich eingeleitet; König und Staͤnde ſcheiden wohlgeſinnt. Der Adel willigt ein, ſich zu entwaffnen, Der widerſpänſt'ge Rokoſz,*) ſich zu löſen, *) Aufſtand des Adels. 250 Der König aber gibt ſein heilig Wort, Abhülf' zu leiſten den gerechten Klagen. Und nun im Innern Fried' iſt, können wir Die Augen richten auf das Ausland. Iſt es der Wille der erlauchten Stände, Daß Prinz Demetrius, der Rußlands Krone In Anſpruch nimmt, als Iwans ächter Sohn, Sich in den Schranken ſtelle, um ſein Recht Vor dieſem Seym Walny*) zu erweiſen? Caſtellan von Krakau. Die Ehre fordert's und die Billigkeit; Unziemlich wär's, ihm dieß Geſuch zu weigern. Biſchof von Wermeland. Die Documente ſeines Rechtsanſpruches Sind eingeſehen und bewaͤhrt gefunden. Man kann ihn höͤren. Mehrere Landboten. Hoͤren muß man ihn. Leo Sapieha. Ihn hören, heißt, ihn anerkennen. Odowalsky. Ihn Nicht horen, heißt, ihn ungehoͤrt verwerfen. Erzbiſchof von Gneſen. Iſt's euch genehm, daß er vernommen werde? Ich frag' zum zweiten— und zum dritten Mal. *p) Reichstag. 251 Krongroßkanzler. Er ſtelle ſich vor unſerm Thron. Senatoren. Er rede! Landboten. Wir wollen ihn hören. (Krongroßmarſchall gibt dem Thuͤrhuͤter ein Zeichen mit ſeinem Stabe, dieſer geht hinaus, um zu oͤffnen.) geo Sapieha. Schreibet nieder, Kanzler! Ich mache Einſpruch gegen dieß Verfahren, Und gegen Alles, was draus folgt, zuwider Dem Frieden Polens mit der Kron' zu Moskau. Demetrius tritt ein, geht einige Schritte auf den Thron zu, und macht mit bedecktem Haupt drei Verbeugungen, eine gegen den Koͤnig, darauf gegen die Senatoren, endlich gegen die Land⸗ boten; ihm wird von jedem Theile, dem es gilt, mit einer Nei⸗ gung des Hauptes geantwortet. Alsdann ſtellt er ſich ſo, daß er einen großen Theil der Verſammlung und des Publicums, von welchem angenommen wird, daß es im Reichstag mit ſitze, im Auge behaͤlt, und dem koͤniglichen Thron nur nicht den Nuͤcken wendet. Erzbiſchof von Gneſen. Prinz Dmitri, Iwans Sohn! wenn dich der Glanz Der königlichen Reichs⸗Verſammlung ſchreckt, Des Anblicks Majeſtät die Zung' dir bindet, So magſt du, dir vergönnt es der Senat, Dir nach Gefallen einen Anwalt waͤhlen, Und eines fremden Mundes dich bedienen. Demetrius. Herr Erzbiſchof, ich ſtehe hier, ein Reich Zu fordern und ein königliches Scepter. Schlecht ſtünde mir's, vor einem edlen Volk 25²2 Und ſeinem König und Senat zu zittern. Ich ſah noch nie ſolch einen hehren Kreis; Doch dieſer Anblick macht das Herz mir groß, Und ſchreckt mich nicht. Je würdigere Zeugen, Um ſo willkommner ſind ſie mir; ich kann Vor keiner glaͤnzendern Verſammlung reden. Erzbiſchof von Gneſen. —-—-— Die erlauchte Republik, Iſt wohl geneigt,—8————— Demetrius. Großmächt'’ger König! Wuͤrd'ge, mächtige Biſchöf' und Palatinen, gnaͤd'ge Herren Landboten der erlauchten Republik! Verwundert, mit nachdenklichem Erſtaunen, Erblick' ich mich, des Czaaren Iwans Sohn, Auf dieſem Reichstag vor dem Volk der Polen. Der Haß entzweite blutig beide Reiche, Und Friede wurde nicht, ſo lang er lebte. Doch hat es jetzt der Himmel ſo gewendet, Daß ich, ſein Blut, der mit der Milch der Amme Den alten Erbhaß in ſich ſog, als Flehender Vor euch erſcheinen, und in Polens Mitte Mein Recht mir ſuchen muß. Drum eh' ich rede, Vergeſſet edelmüthig, was geſchehn, Und daß der Czaar, deß Sohn ich mich bekenne, Den Krieg in eure Gränzen hat gewälzt. Ich ſtehe vor euch, ein beraubter Fürſt; Ich ſuche Schutz; der Unterdrückte hat Ein heilig Recht an jede edle Bruſt. Wer aber ſoll gerecht ſeyn auf der Erde, Wenn es ein großes, tapfres Volk nicht iſt, 253 Das frei in höchſter Machtvollkommenheit Nur ſich allein braucht Rechenſchaft zu geben, Und unbeſchränkt————— Der ſchönen Menſchlichkeit gehorchen kann. Erzbiſchof von Gneſen. Ihr gebt Euch fuͤr des Czaaren Iwans Sohn. Nicht wahrlich Euer Anſtand widerſpricht Noch Eure Rede dieſem ſtolzen Anſpruch, Doch überzeuget uns, daß Ihr der ſeyd, Dann hoffet Alles von dem Edelmuth Der Republik.— Sie hat den Ruſſen nie Im Feld gefürchtet! Beides liebt ſie gleich, Ein edler Feind, und ein gefäll'ger Freund zu ſeyn. Demetrius. Iwan Waſilowitſch, der große Czaar Von Moskau, hatte fünf Gemahlinnen Gefreit in ſeines Reiches langer Dauer. Die erſte aus dem heldenreichen Stamm Der Romanow gab ihm den Feodor, Der nach ihm herrſchte. Einen einz'gen Sohn Dimitri, die ſpäte Bluͤthe ſeiner Kraft, Gebar ihm Marfa aus dem Stamm Nagori, Ein zartes Kind noch, da der Vater ſtarb. Czaar Feodor, ein Jüngling ſchwacher Kraft Und blöden Geiſts, ließ ſeinen oberſten Stallmeiſter walten, Boris Godunow, Der mit verſchlagner Hofkunſt ihn beherrſchte. Feodor war kinderlos, und keinen Erben Verſprach der Czaarin unfruchtbarer Schooß. Als nun der liſtige Bojar die Gunſt Des Volks mit Schmeichelkuͤnſten ſich erſchlichen, Nicht mehr erwartet, an das Licht der Welt? 254 Erhub er ſeine Wünſche bis zum Thron; Ein junger Prinz nur ſtand noch zwiſchen ihm und ſeiner ſtolzen Hoffnung, Prinz Dimitri Iwanowitſch, der unterm Aug' der Mutter Zu Uglitſch, ihrem Wittwenſitz, heranwuchs. Als nun ſein ſchwarzer Anſchlag zur Vollziehung Gereift, ſandt' er nach Uglitſch Mörder aus, Den Czaarowitſch zu tödten.—— Ein Feu'r ergriff in tiefer Mitternacht Des Schloſſes Flügel, wo der junge Fürſt Mit ſeinem Waͤrter abgeſondert wohnte. Ein Raub gewalt'ger Flammen war das Haus, Der Prinz verſchwunden aus dem Aug' der Menſchen und blieb's; als todt beweint' ihn alle Welt. Bekannte Dinge meld' ich, die ganz Moskau kennt. Erzbiſchof von Gneſen. Was Ihr berichtet, iſt uns Allen kund. Erſchollen iſt der Ruf durch alle Reiche, Daß Prinz Dimitri bei der Feuersbrunſt Zu Uglitſch ſeinen Untergang gefunden. Und weil ſein Tod dem Czaar, der jetzo herrſcht, Zum Gluck ausſchlug, ſo trug man kein Bedenken, Ihn anzuklagen dieſes ſchweren Mords. Doch nicht von ſeinem Tod iſt jetzt die Rede! Es lebt ja dieſer Prinz! Er leb' in Euch, Behauptet Ihr. Davon gebt uns Beweiſe. Wodurch beglaubigt Ihr, daß Ihr der ſeyd? An welchen Zeichen ſoll man Euch erkennen? Wie bliebt Ihr unentdeckt von dem Verſolger, Und tretet jetzt, nach ſechzehnjähr'ger Stille, 2⁵⁵ Demetrius. Kein Jahr iſt's noch, daß ich mich ſelbſt gefunden; Denn bis dahin lebt' ich mir ſelbſt verborgen, Nicht ahnend meine fürſtliche Geburt. Mönch unter Moͤnchen fand ich mich, als ich Anfing zum Selbſtbewußtſeyn zu erwachen, Und mich umgab der ſtrenge Kloſter⸗Zwang. Der engen Pfaffenweiſe widerſtand Der muth'ge Geiſt, und dunkel mächtig in den Adern Empöͤrte ſich das ritterliche Blut. Das Mönchgewand warf ich entſchloſſen ab, Und floh nach Polen, wo der edle Fürſt Von Sendomir, der holde Freund der Menſchen, Mich gaſtlich aufnahm in ſein Fürſtenhaus, und zu der Waffen edlem Dienſt erzog. Erzbiſchof von Gneſen. ———— Wie? Ihr kanntet Euch noch nicht, Und doch erfüllte damals ſchon der Ruf Die Welt, daß Prinz Demetrius noch lebe? Czaar Boris zitterte auf ſeinem Thron, und ſtellte ſeine Saſſafs an die Gränzen, Um ſcharf auf jeden Wanderer zu achten. Wie? Dieſe Sage ging nicht aus von Euch? Ihr haͤttet Euch nicht für Demetrius Gegeben? Demetrius. Ich erzähle, was ich weiß. Ging ein Geruͤcht umher von meinem Daſeyn, So hat geſchäftig es ein Gott verbreitet. Ich kannt' mich nicht. Im Haus des Palatins und unter ſeiner Dienerſchaar verloren, 2⁵⁶ Lebt' ich der Jugend fröhlich dunkle Zeit. ———— Miiſ ſtiller Huldigung Verehrt' ich ſeine reizgeſchmückte Tochter, Doch damals von der Kuhnheit weit entfernt, Den Wunſch zu ſolchem Glück empor zu wagen. Den Caſtellan von Lemberg, ihren Freier, Beleidigt meine Leidenſchaft. Er ſetzt Mich ſtolz zur Rede, und in blinder Wuth Vergißt er ſich ſo weit, nach mir zu ſchlagen. So ſchwer gereizet, greif' ich zum Gewehr; Er ſinnlos, wüthend, ſtürzt in meinen Degen, Und fällt durch meine willenloſe Hand. Mniſchek. Ja, ſo verhält ſich-———— Demetrius. Mein Unglück war das höchſte! Ohne Namen, Ein Ruſſ' und Fremdling, hatt' ich einen Großen Des Reichs getödtet, hatte Mord verübt Im Hauſe meines gaſtlichen Beſchützers, Ihm ſeinen Eidam, ſeinen Freund getodtet. Nichts half mir meine Unſchuld; nichts das Mitleid Des ganzen Hoſgeſindes, nicht die Gunſt Des edeln Palatinus kann mich retten; Denn das Geſetz, das nur den Polen gnaͤdig, Doch ſtreng iſt allen Fremdlingen, verdammt mich. Mein Urtheil ward gefällt: ich ſollte ſterben; Schon kniet' ich nieder an dem Block des Todes, Entblößte meinen Hals dem Schwert.— — In dieſem Augenblicke ward ein Kreuz Von Gold mit koſtbar'n Edelſteinen ſichtbar, Das in der Tauf' mir umgehangen ward. 257 Ich hatte, wie es Sitte iſt bei uns, Das heil'ge Pfand der chriſtlichen Erlöſung Verborgen ſtets an meinem Hals getragen Von Kindesbeinen an, und eben jetzt, Wo ich vom ſußen Leben ſcheiden ſollte, Ergriff ich es als meinen letzten Troſt Und drückt' es an den Mund mit frommer Andacht. (Die Polen geben durch ſtummes Spiel ihre Theilnehmung zu erkennen.) Das Kleinod wird bemerkt; ſein Glanz und Werth Erregt Erſtaunen, weckt die Neugier auf. Ich werde losgebunden und befragt, Doch weiß ich keiner Zeit mich zu beſinnen, Wo ich das Kleinod nicht an mir getragen. Nun fügte ſich's, daß drei Bojarenkinder, Die der Verfolgung ihres Czaars entflohn, Bei meinem Herrn zu Sambor eingeſprochen; Sie ſahn das Kleinod und erkannten es An neun Smaragden, die mit Amethyſten Durchſchlungen waren, fur dasſelbige, Was Knäs Weſtislowskoy dem jüngſten Sohn Des Czaaren bei der Taufe umgehangen. Sie ſehn mich naͤher an, und ſehn erſtaunt Ein ſeltſam Spielwerk der Natur, daß ich Am rechten Arme kuͤrzer bin geboren. Als ſie mich nun mit Fragen ängſtigten, Beſann ich mich auf einen kleinen Pſalter, Den ich auf meiner Flucht mit mir geführt. In dieſem Pſalter ſtanden griech'ſche Worte, Vom Jgumen) mit eigner Hand hinein *) Abt des Kloſters. Schillers ſaͤmmtl. Werke. VII. 258 ₰ Geſchrieben. Selbſt hatt' ich ſie nie geleſen, Weil ich der Sprach' nicht kundig bin. Der Pſalter Wird jetzt herbeigeholt, die Schrift geleſen; Ihr Inhalt iſt: Daß Bruder Waſili Philaret (Dieß war mein Kloſternam'), des Buchs Beſitzer, Prinz Dmitri ſey, des Iwans jungſter Sohn, Den Andrei, ein redlicher Diak, In jener Mordnacht heimlich weggeflüchtet; Urkunden deſſen lägen aufbewahrt In zweien Klöſtern, die bezeichnet waren. Hier ſtürzten die Bojaren mir zu Füßen, Beſiegt von dieſer Zeugniſſe Gewalt, Und grüßten mich als ihres Czaaren Sohn, und alſo jählings aus des Unglücks Tiefen Riß mich das Schickſal auf des Gluückes Höhn. Erzbiſchof von Gneſen. Demetrius. uUnd jetzt fie's auch wie Schuppen mir vom Auge! Erinnrungen belebten ſich auf einmal— Im fernſten Hintergrund vergangner Zeit; Und wie die letzten Thürme aus der Ferne Erglänzen in der Sonne Gold, ſo wurden Mir in der Seele zwei Geſtalten hell, Die höchſten Sonnengipfel des Bewußtſeyns. Ich ſah mich fliehn in einer dunkeln Nacht, Und eine lohe Flamme ſah ich ſteigen In ſchwarzem Nachtgraun, als ich rückwärts ſah. Ein uralt frühes Denken mußt' es ſeyn; Denn was vorherging, was darauf gefolgt, War ausgelöſcht in langer Zeitenferne; — 2⁵9 Nur abgeriſſen, einſam leuchtend, ſtand Dieß Schreckensbild mir im Gedächtniß da; Doch wohl beſann ich mich aus ſpätern Jahren, Wie der Gefaͤhrten einer mich im Zorn Den Sohn des Czaars genannt. Ich hielt's für Spott, und rächte mich dafür mit einem Schlage. Dieß Alles traf jetzt blitzſchnell meinen Geiſt, und vor mir ſtand's mit leuchtender Gewißheit, Ich ſey des Czaaren todtgeglaubter Sohn. Es lösten ſich mit dieſem einzigen Wort Die Räthſel alle meines dunkeln Weſens. Nicht bloß an Zeichen, die betrüglich ſind, In tiefſter Bruſt, an meines Herzens Schlägen Fühlt' ich in mir das königliche Blut; Und eher will ich's tropfenweis verſpritzen, Als meinem Recht entſagen und der Krone. Erzbiſchof von Gneſen. Und ſollen wir auf eine Schrift vertrauen, Die ſich durch Zufall bei Euch finden mochte? Dem Zeugniß ein'ger Flüchtlinge vertraun? Verzeihet, edler Jüngling! Euer Ton uUnd Anſtand iſt gewiß nicht eines Lügners; Doch könntet Ihr ſelbſt der Betrogne ſeyn; Es iſt dem Menſchenherzen zu verzeihen, In ſolchem großen Spiel ſich zu betrügen. Was ſtellt Ihr uns fur Bürgen Eures Worts? Demetrius. Ich ſtelle fünfzig Eideshelfer auf, Piaſten alle, freigeborne Polen Untadeligen Ruſs, die Jegliches Erhärten ſollen, was ich hier behauptet. 260 Dort ſitzt der edle Fürſt von Sendomir, Der Caſtellan von Lublin ihm zur Seite, Die zeugen mir's, ob ich Wahrheit geredet. Erzbiſchof von Gneſen. Was nun bedünket den erlauchten Staͤnden? So vieler Zeugniſſe vereinter Kraft Muß ſich der Zweiſel uberwunden geben. Ein ſchleichendes Gerücht durchläuft ſchon längſt Die Welt, daß Dmitri, Jwans Sohn, noch lebe; Czaar Boris ſelbſt beſtaͤrkt's durch ſeine Furcht. — Ein Jüngling zeigt ſich hier, an Alter, Bildung, Bis auf die Zufalls⸗Spiele der Natur, Ganz dem Verſchwundnen aͤhnlich, den man ſucht, Durch edeln Geiſt des großen Anſpruchs werth. Aus Kloſtermauern ging er wunderbar, Geheimnißvoll hervor, mit Rittertugend Begabt, der nur der Moͤnche Zögling war; Ein Kleinod zeigt er, das der Czaarowitſch Einſt an ſich trug, von dem er nie ſich trennte; Ein ſchriftlich Zeugniß noch von frommen Händen Beglaubigt ſeine fürſtliche Geburt, Und kräft'ger noch aus ſeiner ſchlichten Rede Und reinen Stirn ſpricht uns die Wahrheit an. Nicht ſolche Züge borgt ſich der Betrug; Der hüllt ſich täuſchend ein in große Worte Und in der Sprache redneriſchen Schmuck. Nicht länger denn verſag' ich ihm den Namen, Den er mit Fug und Recht in Anſpruch nimmt, Und, meines alten Vorrechts mich bedienend, Geb' ich als Primas ihm die erſte Stimme. —— Auch ich! 261 Erzbiſchof von Lemberg. Ich ſtimme wie der Primas. Mehrere Biſchöfe. Wie der Primas. Mehrere Palatinen. . Odowalsky. Auch ich! Landboten ceaſch aufeinander). Wir Alle! Sapieha. Gnäd'ge Herren! Bedenkt es wohl! Man übereile nichts! Ein edler Reichstag laſſe ſich nicht raſch Hinreißen zu——— Odowalsky. Hier iſt Nichts zu bedenken; Alles iſt bedacht. Unwiderleglich ſprechen die Beweiſe. Hier iſt nicht Moskau; nicht Deſpotenfurcht Schnürt hier die freie Seele zu. Hier darf Die Wahrheit wandeln mit erhabnem Haupt. Ich will's nicht hoffen, edle Herrn, daß hier Zu Krakau auf dem Reichstag ſelbſt der Polen Der Czaar von Moskau ſeile Sklaven habe. Demetrius. Ol habet Dank, erlauchte Senatoren! Daß ihr der Wahrheit Zeichen anerkannt. Und wenn ich euch nun der wahrhaftig bin, Den ich mich nenne, o! ſo duldet nicht, Daß ſich ein frecher Raͤuber meines Erbs Und ihr, erhabne Manner des Senats, 26²2 Anmaße, und den Scepter länger ſchände, Der mir, dem ächten Czaarowitſch gebuͤhrt. Die Gerechtigkeit hab' ich, ihr habt die Macht. Es iſt die große Sache aller Staaten Und Thronen, daß geſcheh', was Rechtens iſt, und Jedem auf der Welt das Seine werde; Denn da, wo die Gerechtigkeit regiert, Da freut ſich Jeder, ſicher ſeines Erbs, Und über jedem Hauſe, jedem Thron Schwebt der Vertrag wie eine Cherubswache. Gerechtigkeit Heißt der kunſtreiche Bau des Weltgewölbes, Wo Alles Eines, Eines Alles hält, Wo mit dem Einen Alles ſtürzt und fällt. (Antworten der Senatoren, die dem Demetrius beiſtimmen.) Demetrius. Ol ſieh mich an, ruhmreicher Sigismund! Großmächt'ger König! Greif' in deine Bruſt, Und ſieh dein eignes Schickſal in dem meinen! Auch du erfuhrſt die Schläge des Geſchicks; In einem Kerker kameſt du zur Welt; Dein erſter Blick fiel auf Gefängnißmauern. Du brauchteſt einen Retter und Befreier, Der aus dem Kerker auf den Thron dich hob. Du fandeſt ihn. Großmuth haſt du erfahren; 9! übe Großmuth auch an mir!—— 26³ Ehrwuͤrdige Biſchoͤfe, der Kirche Säulen, Ruhmreiche Palatin' und Caſtellane, Hier iſt der Augenblick, durch edle That Zwei lang entzweite Voͤlker zu verſöhnen. Erwerbet euch den Ruhm, daß Polens Kraft Den Moskowitern ihren Czaar gegeben, Und in dem Nachbar, der euch feindlich drängte, Erwerbt euch einen dankbar'n Freund. Und ihr, Landboten der erlauchten Republik, Zaͤumt eure ſchnellen Roſſe! Sitzet auf! Euch oͤffnen ſich des Gluͤckes goldne Thore; Mit euch will ich den Raub des Feindes theilen. Moskau iſt reich an Gütern; unermeßlich An Gold und Edelſteinen iſt der Schatz Des Czaars; ich kann die Freunde königlich Belohnen, und ich will's. Wenn ich als Czaar Einziehe auf dem Kremel, dann, ich ſchwör's, Soll ſich der Aermſte unter euch, der mir Dahin gefolgt, in Sammt und Zobel kleiden, Mit reichen Perlen ſein Geſchirr bedecken, Und Silber ſey das ſchlechteſte Metall, Um ſeiner Pferde Hufe zu beſchlagen. (Es entſteht eine große Bewegung unter den Landboten.) Komla(Koſaken⸗Hetman). (Erklaͤrt ſich bereit, ihm ein Heer zuzufuͤhren.) Ovowalsky. Soll der Koſak uns Ruhm und Beute rauben? Wir haben Friede mit dem Tartarfürſt Und Tuͤrken, nichts zu fürchten von dem Schweden. 264 Schon lang verzehrt ſich unſer tapfrer Muth Im trägen Frieden; unſre Schwerter roſten. Auf! Laßt uns fallen in das Land des Czaars Und einen dankbar'n Bundes⸗Freund gewinnen, Indem wir Polens Macht und Größe mehren. Viele Landboten. Krieg! Krieg mit Moskau! Andere. Man beſchließe es! Gleich ſammle man die Stimmen! Sapieha(ſteht auf). Krongroßmarſchall! Gebietet Stille! Ich verlang' das Wort. Eine Menge von Stimmen. Krieg! Krieg mit Moskau! Sapieha. Ich verlang' das Wort. Marſchall! thut Euer Amt! (Großes Getoͤſe in dem Saale und außerhalb desſelben.) Krongroßmarſchall. Ihr ſeht, es iſt Vergebens. Sapieha. Was? der Marſchall auch beſtochen? Iſt keine Freiheit auf dem Reichstag mehr? Werſt Euren Stab hin, und gebietet Schweigen! Ich fordr' es, ich begehr's und wil''s. (Krongroßmarſchall wirft ſeinen Stab in die Mitte des Saals; der Tumult legt ſich.) Was denkt ihr? Was beſchließt ihr? Stehn wir nicht In tiefem Frieden mit dem Czaar zu Moskau? 265 Ich ſelbſt, als euer königlicher Bote, Errichtete den zwanzigjähr'gen Bund; Ich habe meine rechte Hand erhoben Zum feierlichen Eidſchwur auf dem Kremel, Und redlich hat der Czaar uns Wort gehalten. Was iſt beſchworne Treu'? Was ſind Vertraͤge, Wenn ein ſolenner Neichstag ſie zerbrechen darf? Demetrius. Furſt Leo Sapieha! Ihr habt Frieden Geſchloſſen, ſagt Ihr, mit dem Czaar zu Moskau? Das habt Ihr nicht; denn ich bin dieſer Czaar. In mir iſt Moskau's Majeſtät; ich bin. Der Sohn des Iwan und ſein rechter Erbe. Wenn Polen Frieden ſchließen will mit Rußland, Mit mir muß es geſchehen! Eu'r Vertrag Iſt nichtig, mit dem Nichtigen errichtet. Odowalsky. Was kümmert eu'r Vertrag uns! Damals haben Wir ſo gewollt, und heute woll'n wir anders. Sapieha. Iſt es dahin gekommen? Will ſich Niemand Erheben fuͤr das Recht, nun ſo will ich's. Zerreißen will ich das Geweb' der Argliſt; Aufdecken will ich Alles, was ich weiß. — Ehrmwürd'ger Primas! Wie? biſt du im Ernſt So gutmuthig, oder kannſt dich ſo verſtellen? Seyd ihr ſo gläubig, Senatoren? König, Biſt du ſo ſchwach? Ihr wißt nicht, wollt nicht wiſſen, Daß ihr ein Spielwerk ſeyd des liſt'gen Woywoda Von Sendomir, der dieſen Czaar aufſtellte, Deß ungemeſſ'ner Ehrgeiz in Gedanken 266 Das güterreiche Moskau ſchon verſchlingt? Muß ich's euch ſagen, daß bereits der Bund Geknüpft iſt und beſchworen zwiſchen Beiden? Daß er die jüngſte Tochter ihm verlobte? Und ſoll die edle Republik ſich blind In die Gefahren eines Krieges ſtürzen, Um den Woywoden groß, um ſeine Tochter Zur Czaarin und zur Königin zu machen? Beſtochen hat er Alles und erkauft. Den Reichstag, weiß ich wohl, will er beherrſchen; Ich ſehe ſeine Faction gewaltig In dieſem Saal, und nicht genug, daß er Den Seym Walny durch die Mehrheit leitet, Bezogen hat er mit dreitauſend Pferden Den Reichstag, und ganz Krakau überſchwemmt Mit ſeinen Lehens⸗Leuten. Eben jetzt Erfullen ſie die Hallen dieſes Hauſes. Man will die Freiheit unſrer Stimmen zwingen. Doch keine Furcht bewegt mein tapfres Herz; So lang noch Blut in meinen Adern rinnt, Will ich die Freiheit meines Worts behaupten. Wer wohl geſinnt iſt, tritt zu mir herüber. So lang' ich Leben habe, ſoll kein Schluß Durchgehn, der wider Recht iſt und Vernunft. Ich hab' mit Moskau Frieden abgeſchloſſen, Und ich bin Mann dafur, daß man ihn halte. Odowalsky. Man höre nicht auf ihn! Sammelt die Stimmen! (Biſchoͤfe von Krakau und Wilna ſtehen auf und gehen jeder an ſeiner Seite hinab, um die Stimmen zu ſammeln.) 267 Viele. Krieg! Krieg mit Moskau! Erzbiſchof von Gneſen u Sapieha). Gebt Euch, edler Herr! Ihr ſeht, daß Euch die Mehrheit widerſtrebt. Treibt's nicht zu einer unglückſel'gen Spaltung! Krongroßkanzler (kommt von dem Thron herab, zu Sapieha). Der König läßt Euch bitten, nachzugeben, Herr Woywod, und den Reichstag nicht zu ſpalten. Thürhüter Hheimlich zu Odowalsky). Ihr ſollt Euch tapfer halten, melden Euch Die vor der Thür. Ganz Krakau ſteht zu Euch. Krongroßmarſchall Gu Sapieha). Es ſind ſo gute Schlüſſe durchgegangen; O, gebt Euch! Um des andern Guten willen, Was man beſchloſſen, fügt Euch in die Mehrheit! Biſchof von Krakau chat auf ſeiner Seite die Stimmen geſammelt). Auf dieſer rechten Bank iſt Alles einig. Sapieha. Laßt Alles einig ſeyn.— Ich ſage Nein. Ich ſage Veto, ich zerreiße den Reichstag. Man ſchreite nicht weiter! Aufgehoben, null Iſt Alles, was beſchloſſen ward! (Allgemeiner Aufſtand; der Koͤnig ſteigt vom Thron, die Schranken werden eingeſtuͤrzt; es entſteht ein tumultuariſches Getoͤſe. Land⸗ boten greifen zu den Saͤbeln und zucken ſie links und rechts auf Sapleha. Biſchoͤfe treten auf beiden Seiten dazwiſchen und ver⸗ theidigen ihn mit ihren Stolen.) 268 Die Mehrheit? Was iſt die Mehrheit? Mehrheit iſt der Unſinn; Verſtand iſt ſtets bei Wen'gen nur geweſen. Bekümmert ſich ums Ganze, wer nichts hat? Hat der Bettler eine Freiheit, eine Wahl? Er muß dem Mächtigen, der ihn bezahlt, Um Brod und Stiefel ſeine Stimm' verkaufen. Man ſoll die Stimmen waͤgen, und nicht zählen; Der Staat muß untergehn, früh oder ſpät, Wo Mehrheit ſiegt und Unverſtand entſcheidet. Odswalsky. 3 Hört den Verraͤther!— LCandboten. Nieder mit ihm! Haut ihn in Stücken! Erzbiſchof von Gneſen (reißt ſeinem Caplan das Kreuz aus der Hand und tritt dazwiſchen). Friede! Soll Blut der Bürger auf dem Reichstag fließen? Fürſt Sapieha! mäßigt Euch! (Zu den Biſchoͤfen.) Bringt ihn Hinweg! Macht eure Bruſt zu ſeinem Schilde! Durch jene Seitenthür entfernt ihn ſtill, Daß ihn die Menge nicht in Stuͤcken reiße! (Sapieha, noch immer mit den Blicken drohend, wird von den Biſchoͤfen mit Gewalt fortgezogen, indem der Erzbiſchof von Gneſen und von Lemberg die andringenden Landboten von ihm ab⸗ wehren. Unter heftigem Tumult und Saͤbelgeklirr leert ſich der Saal aus, daß nur Demetrius, Mniſchek, Odowalsky und der Koſaken⸗Hetman zuruͤck bleiben.) 269 Odowalsky. Das ſchlug uns fehl————— Doch darum ſoll Euch Huͤlfe nicht entſtehen; Hält auch die Republik mit Moskau Frieden, Wir führen's aus mit unſern eignen Kräften. Kamla. Wer hätt' auch das gedacht, daß er allein Dem ganzen Reichstag wurde Spitze bieten! Muiſchek. Der König kommt. König Sigismund, begleitet von dem Arongroßkanzler, Krongroßmarſchall und einigen Viſchöfen. König. Mein Prinz, laßt Euch umarmen! Die hohe Republik erzeigt Euch endlich Gerechtigkeit; mein Herz hat es ſchon längſt. Tief rührt mich Euer Schickſal. Wohl muß es Die Herzen aller Könige bewegen. Demetrius. Vergeſſen hab' ich Alles, was ich litt; An Eurer Bruſt fühl' ich mich neugeboren. König. Viel Worte lieb' ich nicht; doch was ein König Vermag, der über reichere Vaſallen Gebietet, als er ſelbſt, biet' ich Euch an. Ihr habt ein böſes Schauſpiel angeſehn. Denkt drum nicht ſchlimmer von der Polen Reich, Weil wilder Sturm das Schiff des Staats bewegt. 270 Mniſche. In Sturmes Brauſen lenkt der Steuermann Das Fahrzeug ſchnell und führt's zum ſichern Hafen. König. Der Reichstag iſt zerriſſen. Wollt' ich auch, Ich darf den Frieden mit dem Czaar nicht brechen. Doch habt Ihr mächt'ge Freunde. Will der Pole Auf eigene Gefahr ſich für Euch waffnen, Will der Koſak des Krieges Glücksſpiel wagen, Er iſt ein freier Mann, ich kann's nicht wehren. Mniſchek. Der ganze Rokoſz ſteht noch unter Waffen. Gefällt dir's, Herr, ſo kann der wilde Strom, Der gegen deine Hoheit ſich empörte, Unſchaͤdlich uͤber Moskau ſich ergießen. König. Die beſten Waffen wird dir Rußland geben; Dein beſter Schirm iſt deines Volkes Herz. Rußland wird nur durch Rußland uberwunden. So wie du heute vor dem Reichstag ſprachſt, So rede dort in Moskau zu den Bürgern; Ihr Herz erobre dir, und du wirſt herrſchen. In Schweden hab' ich, als geborner König, Einſt friedlich den ererbten Thron beſtiegen, Und doch mein väterliches Reich verloren, Weil mir die Volksgeſinnung widerſtrebte. Marina(tritt auf). Mniſchek. Erhabne Majeſtät, zu deinen Füßen Wirft ſich Marina, meine jüngſte Tochter; 271 Der Prinz von Moskau bietet ihr ſein Herz; Du biſt der hohe Schirmvogt unſers Hauſes; Von deiner königlichen Hand allein Geziemt es ihr, den Gatten zu empfangen. (Marina kniet vor dem Koͤnig.) König. Wohl, Vetter! Iſt es Euch genehm, will ich Des Vaters Stelle bei dem Czaar vertreten. (Zu Demetrius, dem er die Hand der Marina uͤbergibt. So führ' ich Euch in dieſem ſchönen Pfande Des Glückes heitre Göttin zu.— Und mög' es Mein Aug' erleben, dieſes holde Paar Sitzen zu ſehen auf dem Thron zu Moskau! arina. Herr! demuthvoll verehr' ich deine Gnade, Und deine Sklavin bleib' ich, wo ich bin. König. Steht auf, Czaaritza! Dieſer Platz iſt nicht Für Euch, nicht fuͤr die czaariſche Verlobte, Nicht für die Tochter meines erſten Woywods. Ihr ſeyd die Jüngſte unter Euren Schweſtern; Doch Euer Geiſt fliegt ihrem Glücke vor, Und nach dem Höchſten ſtrebt Ihr hochgeſinnt. Demetrius. Sey Zeuge, großer König, meines Schwurs; Ich leg' als Fürſt ihn in des Fürſten Hand! Die Hand des edlen Fräuleins nehm' ich an, Ass ein koſtbares Pfand des Glücks. Ich ſchwöre, Sobald ich meiner Väter Thron beſtiegen, Als meine Braut ſie feſtlich heimzufuͤhren, Wie's einer großen Königin geziemt. 27² Zur Morgengabe ſchenk ich meiner Braut Die Fürſtenthumer Pleskow und Groß⸗Neugart, Mit allen Städten, Dörfern und Bewohnern, Mit allen Hoheitsrechten und Gewalten, Zum freien Eigenthum auf ew'ge Zeit, Und dieſe Schenkung will ich ihr als Czaar Beſtätigen in meiner Hauptſtadt Moskau. Dem edeln Woywod zahl' ich zum Erſatz Für ſeine Ruſtung eine Million Ducaten polniſchen Gepraͤgs.—— So helf' mir Gott und ſeine Heiligen, Als ich dieß treulich ſchwur und halten werde. König. Ihr werdet es; Ihr werdet nie vergeſſen, Was Ihr dem edeln Woywod ſchuldig ſeyd, Der ſein gewiſſes Gluͤck an Eure Wünſche, Ein theures Kind an Eure Hoffnung wagt. So ſeltner Freund iſt köſtlich zu bewahren! Drum, wenn Ihr glücklich ſeyd, vergeſſet nie, Auf welchen Sproſſen Ihr zum Thron geſtiegen, und mit dem Kleide wechſelt nicht das Herz! Denkt, daß Ihr Euch in Polen ſelbſt gefunden, Daß Euch dieß Land zum Zweitenmal geboren. Demetrius. Ich bin erwachſen in der Niedrigkeit; Das ſchöne Band hab' ich verehren lernen, Das Menſch an Menſch mit Wechſelneigung bindet. König. Ihr tretet aber in ein Reich jetzt ein, Wo andre Sitten und Gebräuche gelten. 273 Hier in der Polen Land regiert die Freiheit; Der König ſelbſt, wiewohl am Glanz der Höchſte, Muß oft des mächt'gen Adels Diener ſeyn; Dort herrſcht des Vaters heilige Gewalt; Der Sklave dient mit leidendem Gehorſam. Demetrius. Die ſchöne Freiheit, die ich hier gefunden, Will ich verpflanzen in mein Vaterland; Ich will aus Sklaven frohe Menſchen machen; Ich will nicht herrſchen über Sklaven⸗Seelen. König. Thut's nicht zu raſch, und lernt der Zeit gehorchen! Hört, Prinz, zum Abſchied noch von mir drei Lehren! Befolgt ſie treu, wenn Ihr zum Reich gelangt. Ein König gibt ſie Euch, ein Greis, der viel Erfuhr, und Eure Jugend kann ſie nutzen. Demetrius. O, lehrt mich Eure Weisheit, großer König! Ihr ſeyd geehrt von einem freien Volke,— Wie mach’ ich's, um dasſelbe zu erreichen? König. ————— Ihr kommt vom Ausland; Euch führen fremde Feindeswaffen ein; Dieß erſte Unrecht habt Ihr gut zu machen. Drum zeiget Euch als Moskau’s wahren Sohn, Indem Ihr Achtung tragt vor ſeinen Sitten. Dem Polen haltet Wort und ehret ihn; Denn Freunde braucht Ihr auf dem neuen Thron. Der Arm, der Euch einführte, kann Euch ſtuͤrzen. Hoch haltet ihn, doch ahmet ihm nicht nach. Schillers ſaͤmmtl. Werke. VII. 18 274 Nicht fremder Brauch gedeiht in einem Lande Doch, was Ihr auch beginnt,— ehrt Eure Mutter— Ihr findet eine Mutte Demetrius. O, mein König! König. Wohl habt Ihr Urſach', kindlich ſie zu ehren. Verehrt ſie— Zwiſchen Euch und Eurem Volk Steht ſie, ein heilig theures Band.— Frei iſt Die Czaargewalt von menſchlichen Geſetzen: Dort iſt nichts Furchtbares, als die Natur; Kein beſſ'res Pfand für Eure Menſchlichkeit Hat Euer Volk, als Eure Kindesliebe.— Ich ſage nichts mehr. Manches iſt noch übrig, Eh’ Ihr das goldne Widderfell erobert. Erwartet keinen leichten Sieg!——— Czaar Boris herrſcht mit Anſehn und mit Kraft; Mit keinem Weichling geht Ihr in den Streit. Wer durch Verdienſt ſich auf den Thron geſchwungen, Den ſtürzt der Wind der Meinung nicht ſo ſchnell, und ſeine Thaten ſind ihm ſtatt der Ahnen.— Ich überlaſſ“ Euch Eurem guten Glück. Es hat zu zweien Malen durch ein Wunder Euch aus der Hand des Todes ſchon gerettet; Es wird ſein Werk vollenden und Euch krönen. 275 Mlarina. Odomalsky. Odowalsky. Nun, Fräulein, hab' ich meinen Auftrag wohl Erfullt, und wirſt du meinen Eifer loben? Marina. Recht gut, daß wir allein ſind, Odowalsky, Wir haben wicht'ge Dinge zu beſprechen, Davon der Prinz nichts wiſſen ſoll. Mag er Der Götterſtimme folgen, die ihn treibt! Er glaub' an ſich, ſo glaubt ihm auch die Welt. Laſſ' ihn nur jene Dunkelheit bewahren, Die eine Mutter großer Thaten iſt.— Wir aber müſſen hell ſehn, müſſen handeln. Er gibt den Namen, die Begeiſterung; Wir müſſen die Veſinnung fur ihn haben, und haben wir uns des Erfolgs verſichert Mit kluger Kunſt, ſo waͤhn er immerhin, Daß es aus Himmels Höhn ihm zugefallen. Odowalsky. Gebiete, Fräulein! deinem Dienſte leb' ich. Bekuͤmmert mich des Moskowiters Sache? Du biſt es, deine Größ' und Herrlichkeit, An die ich Blut und Leben ſetzen will. Mir blüht kein Glück; abhängig, guterlos, Darf ich die Wünſche nicht zu dir erheben. Verdienen aber will ich deine Gunſt. Dich groß zu machen, ſey mein einzig Trachten. Mag immer dann ein Andrer dich beſitzen; Mein biſt du doch, wenn du mein Werk nur biſt. 276 Marina. Drum leg' ich auch mein ganzes Herz auf dich. Du biſt der Mann, dem ich die That vertraue; Der König meint es falſch. Ich ſchau' ihn durch.— Ein abgeredet Spiel mit Sapieha War Alles nur. Zwar iſt's ihm wohl gelegen, Daß ſich mein Vater, deſſen Macht er fürchtet, In dieſer Unternehmung ſchwächt, daß ſich Der Bund des Adels, der ihm furchtbar war, In dieſem fremden Kriegeszug entladet; Doch will er ſelbſt neutral im Kampfe bleiben. Des Kampfes Glück denkt er mit uns zu theilen. Sind wir beſiegt, ſo leichter hofft er uns Sein Herrſcherjoch in Polen aufzulegen. Wir ſtehn allein. Geworfen iſt das Loos. Sorgt er für ſich, wir ſorgen für das Unſre. Du führſt die Truppen nach Kiow. Sie ſchwoͤren Dem Prinzen Treue dort, und ſchwören mir, Mir, höorſt du? Es iſt eine nöth'ge Vorſicht. Odowalsky. Marina. Nicht deinen Arm bloß will ich, auch dein Auge. Odowalsky. Gebiete, ſprich————— Marina. Du führſt den Czaarowitſch. Bewach' ihn gut! Weich' nie von ſeiner Seite, Von jedem Schritt gibſt du mir Rechenſchaft. 277 Odowalsky. Vertrau’ auf mich, er ſoll uns nie entbehren. Marina.— Kein Menſch iſt dankbar. Fühlt er ſich als Czaar, Schnell wird er unſre Feſſel von ſich werfen. Der Ruſſe haßt den Polen, muß ihn haſſen; Da iſt kein feſtes Herzensband zu knuͤpfen. Marina. Odowalsky. Opalinsky. Vielsky und mehrere polniſche Edelleute. Opalinsky. Schaff“ Geld, Patronin, und wir ziehen mit. Der lange Reichstag hat uns aufgezehrt; Wir machen dich zu Rußlands Königin. Marina. Der Biſchof von Kaminiec und von Kulm Schießt Geld auf Pfandſchaft vor von Land und Leuten. Verkauft, verpfändet eure Bauernhöfe, Verſilbert Alles, ſteckt's in Pferd und Rüſtung! Der beſte Kaufmann iſt der Krieg. Er macht Aus Eiſen Gold.— Was jetzt ihr auch verliert, In Moskau wird ſich's zehnfach wiederfinden. Bielsk. Es ſitzen noch Zweihundert in der Trinkſtub'; Wenn du dich zeigſt und einen Becher leerſt Mit ihnen, ſind ſie dein,— ich kenne ſie. 278 Marina. Erwarte mich! Du ſollſt mich hingeleiten. Opulinsky. Gewiß, du biſt zur Königin geboren. Marina. So iſt's. Drum mußt' ich's werden.— Bielsky. Ja, beſteige Du ſelbſt den weißen Zelter, waffne dich, und, eine zweite Vanda, führe du Zum ſichern Siege deine muth'gen Schaaren. Marina. Mein Geiſt führt euch. Der Krieg iſt nicht für Weiber. In Kiow iſt der Sammelplatz. Dort wird Mein Vater aufziehn mit dreitauſend Pferden. Mein Schwager gibt zweitauſend. Von dem Don Erwarten wir ein Hulfsheer von Koſaken. Schwört ihr mir Treue? Alle. Ja, wir ſchwören! (Ziehn die Saͤbel.) Einige. Andere. Vivat Marina! Russiae regina! (Marina zerreißt ihren Schleier und vertheilt ihn unter die Edelleute. Alle gehen ab, außer Marina.) 279 Mniſchek. Marina. Marina. Warum ſo ernſt mein Vater, da das Glück Uns lacht, da jeder Schritt nach Wunſch gelingt, Und alle Arme ſich für uns bewaffnen? Mniſchek. Das eben, meine Tochter! Alles, Alles Steht auf dem Spiel. In dieſer Kriegsrüſtung Erſchöpft ſich dein 8 Vaters ganze Kraft. Wohl hab' ich Grund, es ernſtlich zu bedenken; Das Glück iſt falſch, unſicher der Erſoig ———— Marina. Mniſchek. Gefährlich Mädchen, wozu haſt du mich Gebracht! Was bin ich für ein ſchwacher Vater, Daß ich nicht deinem Dringen widerſtand. Ich bin der reichſte Woywoda des Reichs, Der erſte nach dem König.— Hätten wir Uns damit nicht beſcheiden, unſres Glücks Genießen können mit vergnügter Seele? Du ſtrebteſt höher— nicht das mäß'ge Loos Genügte dir, das deinen Schweſtern ward. Erreichen wollteſt du das höchſte Ziel Der Sterblichen, und eine Krone tragen. Ich allzu ſchwacher Vater möchte gern Auf dich, mein Liebſtes, alles Höchſte häufen; Ich laſſe mich bethören durch dein Flehen, und an den Zufall wag' ich das Gewiſſe! 280 Karina. Wie?— theurer Vater, reut dich deine Güte? Wer kann mit dem Geringern ſich beſcheiden, Wenn ihm das Hoͤchſte überm Haupte ſchwebt? Mniſchek. Doch tragen deine Schweſtern keine Kronen, Und ſind begluͤckt———— Marina. Was fuͤr ein Gluͤck iſt das, wenn ich vom Hauſe Des Woywods, meines Vaters, in das Haus Des Palatinus, meines Gatten, ziehe? Was wäͤchst mir Neues zu aus dieſem Tauſch? Und kann ich mich des naͤchſten Tages freu'n, Wenn er mir mehr nicht, als der heut'ge bringt? O, unſchmackhafte Wiederkehr des Alten! Langweilige Dasſelbigkeit des Daſeyns! Lohnt ſich's der Müh', zu hoffen und zu ſtreben? Die Liebe oder Größe muß es ſeyn, Sonſt alles Andre iſt mir gleich gemein. Mniſchek. Marina. Erheitre deine Stirn, mein theurer Vater! Laſſ' uns der Fluth vertrauen, die uns trägt! Nicht an die Opfer denke, die du bringeſt, Denk' an den Preis, an das erreichte Ziel— Wenn du dein Maäͤdchen ſitzen ſehen wirſt, Im Schmuck der Czaarin auf dem Thron zu Moskau, Wenn deine Enkel dieſe Welt beherrſchen! 281 Mniſchek. Ich denke nichts, ich ſehe nichts als dich, Mein Maͤdchen, dich im Glanz der Königskrone. Du forderſt es; ich kann dir nichts verſagen. Marina. Noch eine Bitte, lieber, beſter Vater, Gewaͤhre mir! Mniſchet. Was wünſcheſt du, mein Kind? Marina. Soll ich zu Sambor eingeſchloſſen bleiben Mit der unbänd'gen Sehnſucht in der Bruſt? Jenſeits des Dniepers wird mein Loos geworfen— Endloſe Raͤume trennen mich davon.— Kann ich das tragen? O! der ungeduld'ge Geiſt Wird auf der Folter der Erwartung liegen, Und dieſes Raumes ungeheure Länge Mit Angſt ausmeſſen und mit Herzensſchlaͤgen. Mniſchek. Was willſt du? Was verlangſt du?—— Marina. Laſſ' mich in Kiow des Erfolges harren! Dort ſchöpf' ich jedes Neue an der Quelle. Dort an der Gränzmark beider Reiche,—— Mniſchek. Dein Geiſt ſtrebt furchtbar. Maͤß'ge dich, mein Kind. Marina. Ja, du vergönnſt mir's, ja, du führſt mich hin. Mniſchek. Du führſt mich hin. Muß ich nicht, was du willſt? 282 Marina. Herzvater, wenn ich Czaarin bin zu Moskau, Sieh, dann muß Kiow unſre Graͤnze ſeyn. Kiow muß mein ſeyn, und du ſollſt's regieren. Mniſchek. Mädchen, du traͤumſt! Schon iſt das große Moskau Zu eng fuͤr deinen Geiſt; du willſt ſchon Land Auf Koſten deines Vaterlandes—— Marina. Kiow Gehörte nicht zu unſerm Vaterlande. Dort herrſchten der Waräger alte Fürſten; Ich hab' die alten Chroniken wohl inne,— Vom Reich der Ruſeen iſt es abgeriſſen; Zur alten Krone bring' ich es zurück. Mniſchek. Still! ſtilll das darf der Woywoda nicht hören! (Man hoͤrt Trompeten.) Sie brechen auf——— Zweiter Aufzug. . Erſte Scene. Anſicht eines griechiſchen Kloſters in einer öden Wintergegend am See Beloſero. Ein Zug von Nonnen in ſchwarzen Kleidern und Schleiern geht hinten uͤber die Buͤhne. Marfa in einem weißen Schleier ſteht von den uͤbrigen abgeſondert an einen Grabſtein gelehnt. Olga tritt aus dem Zuge heraus, bleibt einen Augenblick ſtehen, ſie zu betrachten, und tritt alsdann naͤher. Olga. Treibt dich das Herz nicht auch heraus mit uns Ins Freie der erwachenden Natur? Die Sonne kommt, es weicht die lange Nacht, Das Eis der Ströme bricht, der Schlitten wird Zum Nachen, und die Wandervögel ziehn. Geöffnet iſt die Welt, uns Alle lockt Die neue Luſt aus enger Kloſterszelle Ins offne Heitre der verjüngten Flur. Und du nur willſt, verſenkt in ew'gen Schmerz, Die allgemeine Fröhlichkeit nicht theilen? Marfa. Laſſ' mich allein, und folge deinen Schweſtern! 284 Ergehe ſich in Luſt, wer hoffen kann. Mir kann das Jahr, das alle Welt verjüngt, Nichts bringen; mir iſt Alles ein Vergangnes, Liegt Alles als geweſen hinter mir. Olga. Beweinſt du ewig deinen Sohn und trauerſt Um die verlorne Herrlichkeit? Die Zeit, Die Balſam gießt in jede Herzenswunde, Verliert ſie ihre Macht an dir allein? Du warſt die Czaarin dieſes großen Reichs, Warſt Mutter eines blühnden Sohns; er wurde Durch ein entſetzlich Schickſal dir geraubt; Ins öde Kloſter ſahſt du dich verſtoßen, Hier an den Gränzen der belebten Welt. Doch ſechzehnmal ſeit jenem Schreckenstage Hat ſich das Angeſicht der Welt verjüngt; Nur deines ſeh' ich ewig unverändert, Ein Bild des Grabs, wenn Alles um dich lebt. Du gleichſt der unbeweglichen Geſtalt, Wie ſie der Künſtler in den Stein geprägt, Um ewig fort dasſelbe zu bedeuten. Marfa. Ja, hingeſtellt hat mich die Zeit Zum Denkmal meines ſchrecklichen Geſchicks! Ich will mich nicht beruhigen, will nicht Vergeſſen. Das iſt eine feige Seele, Die eine Heilung annimmt von der Zeit, Erſatz fürs Unerſetzliche! Mir ſoll Nichts meinen Gram abkaufen. Wie des Himmels Gewölbe ewig mit dem Wandrer geht, Ihn immer, unermeßlich, ganz umfaͤngt, 28⁵ Wohin er fliehend auch die Schritte wende: So geht mein Schmerz mit mir, wohin ich wandle; Er ſchließt mich ein, wie ein unendlich Meer; Nie ausgeſchöpft hat ihn mein ewig Weinen. Olga. Ol ſieh doch, was der Fiſcherknabe bringt, Um den die Schweſtern ſich begierig draͤngen! Er kommt von fern her, von bewohnten Graͤnzen, Er bringt uns Botſchaft aus der Menſchen Land. Der See iſt auf, die Straßen wieder frei; Reizt keine Neugier dich, ihn zu vernehmen? Denn ſind wir gleich geſtorben für die Welt, So hoͤren wir doch gern von ihrem Wechſel, Und an dem Ufer ruhig mögen wir Den Brand der Wellen mit Verwundrung ſchauen. Nonnen kommen zuruͤck mit einem Fiſcherknaben. Tenia. Helena. Sag' an, erzähle, was du Neues bringſt. Alerxia. Was draußen lebt im Seculum, erzähle. fiſcher. Laßt mich zum Worte kommen, heil'ge Frauen! Tenia. Iſt's Krieg?— Iſt's Friede? Alxria. Wer regiert die Welt? Fiſcher. Ein Schiff iſt zu Archangel angekommen, Herab vom Eispol, wo die Welt erſtarrt. 286 Olga. Wie kam ein Fahrzeug in das wilde Meer? Fiſcher. Es iſt ein engelländiſch Handelsſchiff. Den neuen Weg hat es zu uns gefunden. — Aleria. Was doch der Menſch nicht wagt fuͤr den Gewinn! Tenia. 3 So iſt die Welt doch nirgends zu verſchließen! Fiſcher. Das iſt noch die geringſte Neuigkeit. Ganz anderes Geſchick bewegt die Erde. Aleria. O ſprich, erzähle! Olga. Sage, was geſchehn. Fiſcher. Erſtaunliches erlebt man in der Welt: Die Todten ſtehen auf, Verſtorbne leben. Olga. Erklär' dich, ſprich! Fiſcher. Prinz Dmitri, Iwans Sohn, Den wir als todt beweinen, ſechzehn Jahr', Er lebt und iſt in Polen aufgeſtanden. Olga. Prinz Dmitri lebt? Marfa(auffahrend). Mein Sohn! 287 Olga. O faſſe dich! O halte, Halte dein Herz, bis wir ihn ganz vernommen! Aleria. Wie kann er leben, der ermordet ward Zu Uglitſch und im Feuer umgekommen? Fiſcher. Er iſt entkommen aus der Feuersnoth; In einem Kloſter hat er Schutz gefunden; Dort wuchs er auf in der Verborgenheit, Bis ſeine Zeit kam, ſich zu offenbaren. Olga dzur Marfa). Du zitterſt, Fürſtin, du verbleichſt? Marfa. Ich weiß, Daß es ein Wahn iſt,— doch ſo wenig noch Bin ich verhärtet gegen Furcht und Hoffnung, Daß mir das Herz in meinem Buſen wankt. Olga. Warum wär' es ein Wahn? O, hör' ihn! hör' ihn! Wie könnte ſolch Gerücht ſich ohne Grund Verbreiten? gif cher. Ohne Grund? Zur Waffe greift Das ganze Volk der Litthauer, der Polen. Der große Furſt erbebt in ſeiner Hauptſtadt! (Marfa, an allen Gliedern zitternd, muß ſich an Olga und Alexia lehnen.) Tenia. O rede! Sage Alles! Sage, was du weißt. 288 Aleria. Sag' an, wo du das Neue aufgerafft? 3 Fiſcher. Ich, aufseraßf Ein Brief iſt ausgegangen Vom Czaar in alle Lande ſeiner Herrſchaft; Den hat uns der Poſadmik*) unſrer Stadt Verleſen in verſammelter Gemeinde. Darinnen ſteht, daß man uns täuſchen will, Und daß wir den Betrug nicht ſollten glauben! Drum eben glauben wir's; denn wär's nicht wahr, Der große Fuürſt verachtete die Lüge. Marfa. Iſt dieß die Faſſung, die ich mir errang? Gehört mein Herz ſo ſehr der Zeit noch an, Daß mich ein leeres Wort im Innerſten erſchüttert? Schon ſechzehn Jahr' bewein' ich meinen Sohn, Und glaubte nun auf Einmal, daß er lebe? Olga. Du haſt ihn ſechzehn Jahr' als todt beweint, Doch ſeine Aſche haſt du nie geſehn! Nichts widerlegt die Wahrheit des Gerüchts. Wacht doch die Vorſicht über dem Geſchick Der Völker und der Fürſten Haupt.— O öffne Dein Herz der Hoffnung.— Mehr, als du begreifſt, Geſchieht— wer kann der Allmacht Gränzen ſetzen? Marfa. Soll ich den Blick zurück ins Leben wenden, Von dem ich endlich abgeſchieden war? 48 *) Richter, Schultheiß. 289 Nicht bei den Todten wohnte meine Hoffnung. O, ſagt mir nichts mehr! Laßt mein Herz ſich nicht An dieſes Trugbild hängen! Laßt mich nicht Den theuren Sohn zum Zweitenmal verlieren! O, meine Ruh' iſt hin, hin iſt mein Frieden! Ich kann dieß Wort nicht glauben, ach! und kann's Nun ewig nicht mehr aus der Seele löſchen! Weh mir! erſt jetzt verlier' ich meinen Sohn; Jetzt weiß ich nicht mehr, ob ich bei den Todten, Ob bei den Lebenden ihn ſuchen ſoll. Endloſem Zweifel bin ich hingegeben! (Man hoͤrt eine Glocke, Schweſter Pfürtnerin kommt.) Olga. Was ruft die Glocke, Schweſter Pfortnerin? Pförtnerin. Der Erzbiſchof ſteht draußen vor den Pforten; Er kommt vom großen Czaar, und will Gehör. Olga. Es ſteht der Erzbiſchof vor unſern Pforten! Was führt ihn Außerordentliches her?— enia. Kommt Alle, ihn nach Würden zu empfangen! (Sie gehen nach der Pforte; indem tritt der Erzbiſchof ein; ſie laſſen ſich Alle vor ihm auf ein Knie nieder, er macht das griechiſche Kreuz uͤber ſie.) Hiob. Den Kuß des Friedens bring' ich euch im Namen Des Vaters und des Sohnes und des Geiſts, Der ausgeht von dem Vater! Olga. . Herr! wir küſſen Schillers ſaͤmmtl. Werke. VII. 19 290 3n Demuth deine vaͤterl che Hand! ——— Gcebiete deinen Toͤchtern! Hiob. An Schweſter Marfa lautet meine Sendung. Olga. Hier ſteht ſie und erwartet dein Gebot. (Alle Nonnen entfernen ſich.) Hiob und Marfa. Hiob. Der große Fürſt iſt's, der mich an dich ſendet, Auf ſeinem fernen Throne denkt er dein, Denn wie die Sonn' mit ihrem Flammenaug' Licht durch die Welt und Fülle rings verbreitet, So iſt das Aug' des Herrſchers überall; Bis an die fernſten Enden ſeines Reichs Wacht ſeine Sorge, ſpaͤht ſein Blick umher. Marfa. Wie weit ſein Arm trifft, hab' ich wohl erfahren⸗ Hiob. Er kennt den hohen Geiſt, der dich beſeelt; Drum theilt er zürnend die Beleidigung, Die ein Verwegner dir zu bieten wagt. Marfa. Hiob. Vernimm, ein Frevler in der Polen Land, Ein Renegat, der, ſein Gelubd' als Mönch 291 Ruchlos abſchwörend, ſeinen Gott verlaͤugnet, Mißbraucht den edeln Namen deines Sohnes, Den dir der Tod geraubt im Kindesalter. Der dreiſte Gaukler rühmt ſich deines Bluts, und gibt ſich für des Czaaren Iwans Sohn Ein Woywod bricht den Frieden, führt aus Polen Den Afterkönig, den er ſelbſt erſchaffen, Mit Heereskraft in unſre Gränzen ein; Das treue Herz der Reußen fuͤhrt er irre, Und reizt ſie auf zu Abfall und Verrath. ————— Mich ſchickt Der Czaar zu dir in vaͤterlicher Meinung. — Du ehrſt die Manen deines Sohns; du wirſt Nicht dulden, daß ein frecher Abenteurer Ihm aus dem Grabe ſeinen Namen ſtiehlt, Und ſich verwegen drängt in ſeine Rechte. Erklaͤren wirſt du laut vor aller Welt, Daß du ihn nicht fur deinen Sohn erkennſt. Du wirſt nicht fremdes Baſtardblut ernähren An deinem Herzen, das ſo edel ſchlägt; Du wirſt, der Czaar erwartet es von dir, Der ſchändlichen Erfindung widerſprechen, Mit dem gerechten Zorn, den ſie verdient. Marfa chat waͤhrend dieſer Rede die heftigſten Bewegungen bekaͤmpft). Was hör' ich, Erzbiſchof! Iſt's möglich?— O, ſagt an! Durch welcher Zeichen und Beweiſe Kraft Beglaubigt ſich der kecke Abenteurer Als Iwans Sohn, den wir als todt beweinen? Hiob. Durch eine flucht'ge Aehnlichkeit mit Iwan, 29²2 Durch Schriften, die der Zufall ihm verſchaffte, Und durch ein köſtlich Kleinrd, das er zeigt, Täuſcht er die Menge, die ſich gern betrügt. Marfa. Was fuͤr ein Kleinod? O, das ſagt mir an! Hiob. Ein goldnes Kreuz, belegt mit neun Smaragden. Das ihm der Knäs Jwan Weſtislowskoy, So ſagt er, in der Taufe umgehangen. Marfa. Was ſagt Ihr?— Dieſes Kleinod weist er auf? (Mit gezwungener Faſſung.) — Und wie behauptet er, daß er entkommen? Hiob. Ein treuer Diener und Diak hab' ihn Dem Mord entriſſen und dem Feuerbrand, Und nach Smolenskow heimlich weggeführt. Marfa. Wo aber hielt er ſich— wo gibt er vor, Daß er bis dieſe Stunde ſich verborgen? Hiob. Im Kloſter Tſchudow ſey er aufgewachſen, Sich ſelber unbekannt; von dort hab' er Nach Litthauen und Polen ſich geflüchtet, Wo er dem Fürſt von Sendomir gedient, Bis ihm ein Zufall ſeinen Stand entdeckt. Marfa. Mit ſolcher Fabel kann er Freunde finden, Die Gut und Blut an ſeine Sache wagen? Hiob. O, Czaarin! falſches Herzens iſt der Pole, 293 Und neidiſch ſiteht er unſres Landes Flor. Ihm iſt ein jeder Vorwand ſehr willkommen, Den Krieg in unſern Gränzen anzuzünden! Marfa. Doch gäb' es ſelbſt in Moskau gläub'ge Seelen, Die dieſes Werk des Trugs ſo leicht berückt? Hiob. Der Völker Herz iſt wankelmuthig, Fürſtin! Sie lieben die Veraͤnderung; ſie glauben Durch eine neue Herrſchaft zu gewinnen. Der Luͤge kecke Zuverſicht reißt hin, Das Wunderbare findet Gunſt und Glauben. Drum wünſcht der Czaar, daß du den Wahn des Volks Zerſtreuſt, wie du allein vermagſt. Ein Wort Von dir, und der Betrüger iſt vernichtet, Der ſich verwegen lügt zu deinem Sohn. Mich freut's, dich ſo bewegt zu ſehen. Dich Empört, ich ſeh's, das freche Gaukelſpiel, Und deine Wangen färbt der edle Zorn. Marfa. Und wo,— das ſagt mir,— wo verweilt er jetzt, Der ſich fur Unſern Sohn zu geben wagt? Hiob. Schon rückt er gegen Tſchernikow heran; Von Kiow, hört man, ſey er aufgebrochen; Ihm folgt der Polen leicht berittne Schaar, Sammt einem Heerzug doniſcher Koſaken. Marfa. O, höchſte Allmacht, habe Dank! Dank! Dank! Daß du mir endlich Rettung, Rache ſendeſt! 294 Hisb. Was iſt dir, Marfa?— Wie verſteh' ich das? Marfa. O, Himmelsmächte, fuͤhrt ihn gluͤcklich her! Ihr Engel alle, ſchwebt um ſeine Fahnen! Hiob. Iſt's möglich?— Wie? Dich konnte der Betrüger— Marfa. Er iſt mein Sohn. An dieſen Zeichen allen Erkenn' ich ihn. An deines Czaaren Furcht Erkenn' ich ihn. Er iſt's! Er lebt! Er naht! Herab von deinem Thron, Tyrann! Erzittre! Es lebt ein Sprößling noch von Ruriks Stamm; Der wahre Czaar, der rechte Erbe kommt, Er kommt und fordert Rechnung von dem Seinen. Hiob. Wahnſinnige, bedenkſt du, was du ſagſt? Marfa. Erſchienen endlich iſt der Tag der Rache, Der Wiederherſtellung. Der Himmel zieht Aus Grabes Nacht die Unſchuld an das Licht. Der ſtolze Godunow, mein Todfeind, muß Zu meinen Füßen kriechend Gnade flehn; O, meine heißen Wünſche ſind erfüllt! Hiob. Kann dich der Haß zu ſolchem Grad verblenden? Marfa. Kann deinen Czaar der Schrecken ſo verblenden, Daß er Errettung hofft von mir— von mir— Der unermeßlich ſchwer Beleidigten? 295 Ich ſoll den Sohn verlaͤugnen, den der Himmel Mir durch ein Wunder aus dem Grabe ruft? Ihm, meines Hauſes Mörder, zu gefallen, Der über mich unſäglich Weh gehäuft? Die Rettung von mir ſtoßen, die mir Gott In meinem tiefen Jammer endlich ſendet? Hiob. Marfa. Nein, du entrinnſt mir nicht. Du ſollſt mich hören. Ich habe dich, ich laſſe dich nicht los. O, endlich kann ich meine Bruſt entladen! Ausſchäumen endlich gegen meinen Feind Der tieſſten Seele lang verhaltnen Groll! ———— Wer war', der mich In dieſe Gruft der Lebenden verſtieß, Mit allen friſchen Kräften meiner Jugend, Mit allen warmen Trieben meiner Bruſt? Wer riß den theuern Sohn mir von der Seite, Und ſandte Moͤrder aus, ihn zu durchbohren? Ol keine Sprache nennt, was ich gelitten, Wenn ich die langen hellgeſtirnten Nächte Mit ungeſtillter Sehnſucht durchgewacht, Der Stunden Lauf an meinen Thränen zählte! Der Tag der Rettung und der Nache kommt; Ich ſeh' den Mäͤchtigen in meiner Macht. Hiob. Du glaubſt, es fürchte dich der Czaar— Marfa. Er iſt In meiner Macht— Ein Wort aus meinem Munde, 296 Ein einziges, kann ſein Geſchick entſcheiden!— Das iſt's, warum dein Herrſcher mich beſchickte! Das ganze Volk der Reußen und der Polen Sieht jetzt auf mich. Wenn ich den Czaarowitſch Für meinen Sohn und Iwans anerkenne, So huldigt Alles ihm; das Reich iſt ſein. Verläugn' ich ihn, ſo iſt er ganz verloren; Denn wer wird glauben, daß die wahre Mutter, Die Mutter, die, wie ich, beleidigt war, Verläugnen könnte ihres Herzens Sohn, Mit ihres Hauſes Mörder einverſtanden? Ein Wort nur koſtet's mich, und alle Welt Verläßt ihn als Betrüger.— Iſt's nicht ſo? Dieß Wort will man von mir.— Den großen Dienſt, Geſteh's, kann ich dem Godunow erzeigen! Hiob. Dem ganzen Vaterland erzeigſt du ihn; Aus ſchwerer Kriegsnoth retteſt du das Reich, Wenn du der Wahrheit Ehre gibſt. Du ſelbſt, Du zweifelſt nicht an deines Sohnes Tod, Und könnteſt zeugen wider dein Gewiſſen? Marfa. Ich hab' um ihn getrauert ſechzehn Jahr', Doch ſeine Aſche ſah ich nie. Ich glaubte Der allgemeinen Stimme ſeinen Tod Und meinem Schmerz. Der allgemeinen Stimme Und meiner Hoffnung glaub' ich jetzt ſein Leben. Es wäre ruchlos, mit verwegnem Zweifel Der höchſten Allmacht Graͤnzen ſetzen wollen. Doch wär' er auch nicht meines Herzens Sohn, Er ſoll der Sohn doch meiner Rache ſeyn. 297 Ich nehm' ihn an und auf an Kindes Statt, Den mir der Himmel rächend hat geboren. Hiob. Ungluckliche! dem Starken trotzeſt du? Vor ſeinem Arme biſt du nicht geborgen Auch in des Kloſters Abgeſchiedenheit. Marfa. Er kann mich tödten; meine Stimme kann Im Grab erſticken oder Kerkers Nacht, Daß ſie nicht mächtig durch die Welt erſchalle; Das kann er; doch mich reden laſſen, was Ich nicht will, das vermag er nicht;— auch nicht Durch deine Liſt,— den Zweck hat er verloren! Hiob. Iſt dieß dein letztes Wort? Beſinn' dich wohl! Bring' ich dem Czaar nicht beſſeren Beſcheid? Marfa. Er hoffe auf den Himmel, wenn er darf, Auf ſeines Volkes Liebe, wenn er kann. Hiob. Genug!— Du willſt entſchloſſen dein Verderben, Du haltſt dich an ein ſchwaches Rohr, das bricht; Du wirſt mit ihm zu Grunde gehen.— Marfa qalllein). Es iſt mein Sohn, ich kann nicht daran zweifeln, Die wilden Stämme ſelbſt der freien Wüſte Bewaffnen ſich für ihn; der ſtolze Pole, Der Palatinus, wagt die edle Tochter 298 An ſeiner guten Sache reines Gold, Und ich allein verwaͤrf' ihn, ſeine Mutter? Und mich allein durchſchauerte der Sturm Der Freude nicht, der ſchwindelnd alle Herzen Ergreift und in Erſchüttrung bringt die Erde? Er iſt mein Sohn; ich glaub' an ihn, ich will's. Ich faſſe mit lebendigem Vertrauen Die Rettung an, die mir der Himmel ſendet! Er iſt's, er zieht mit Heereskraft heran, Mich zu befreien, meine Schmach zu rächen! Hört ſeine Trommeln! ſeine Kriegsdrommeten! Ihr Völker, kommt vom Morgen und Mittag Aus euren Steppen, euren ew'gen Waͤldern! In allen Zungen, allen Trachten kommt! Zaͤumet das Roß, das Rennthier, das Kamel! Wie Meereswogen ſtrömet zahllos her, Und draͤnget euch zu eures Königs Fahnen!— O, warum bin ich hier geengt, gebunden, Beſchraͤnkt mit dem unendlichen Gefuhl! Du, ew'ge Sonne, die den Erdenball Umkreist, ſey du die Botin meiner Wünſche! Du, allverbreitet ungehemmte Luft, Die ſchnell die weitſte Wanderung vollendet, O, trag' ihm meine glühnde Sehnſucht zu! Ich habe nichts, als mein Gebet und Flehn; Das ſchöpf' ich flammend aus der tiefſten Seele, Beflügelt ſend' ich's zu des Himmels Höhn, Wie eine Heerſchaar ſend' ich dir's entgegen. 299 Zweite Seene. Eine An hoͤhe mit Baͤumen umgeben. Eine weite und lachende Ferne oͤffnet ſich; man ſieht einen ſchoͤnen Strom durch die Landſchaft ausgegoſſen, die von dem jungen Gruͤn der Saaten belebt iſt. Naͤher und ferner ſieht man die Thurm⸗ ſpitzen einiger Staͤdte leuchten. Trommeln und Kriegsmuſik hinter der Scene. Odowalsky und andere Offſtciere treten auf; gleich darauf Demetrius. Odowalsky. Laßt die Armee am Wald hinunter ziehn, Indeß wir uns hier umſchaun auf der Höhe. (Einige gehen. Demetrins tritt auf.) Demetrius Guruͤckfahrend). Ha! welch ein Anblick! Odowalsky. Herr! du ſiehſt dein Reich Vor dir geöffnet.— Das iſt ruſſiſch Land. Razin. Hier dieſe Säule trägt ſchon Moskau's Wappen; Hier hört der Polen Herrſchgebiete auf. Demetrius. Iſt das der Dnieper, der den ſtillen Strom Durch dieſe Auen gießt? Odowalsky. Das iſt die Desna, Dort heben ſich die Thürme Tſchernigows. Nazin. Was dort am fernen Himmel glänzt, das ſind Die Kuppeln von Seweriſch Novogrod. 300 Demetrius. Welch heitrer Anblick! Welche ſchönen Auen! Odowalsky. Der Lenz hat ſie mit ſeinem Schmuck bedeckt; Denn Fuülle Korns erzeugt der üpp'ge Boden. Demetrius. Der Blick ſchweift hin im Unermeßlichen. Kazin. Doch iſt's ein kleiner Anfang nur, o Herr! Des großen Ruſſenreichs. Denn unabſehbar Streckt es der Morgenſenne ſich entgegen, Und keine Gränzen hat es nach dem Nord, Als die lebend'ge Zeugungskraft der Erde. Razin. Sieh, unſer Czaar iſt ganz nachdenkend worden. Demetrius. Auf dieſen ſchönen Au'n wohnt noch der Friede, Und mit des Krieges furchtbarem Geräth Erſchein' ich jetzt, ſie feindlich zu verheeren! Odowalsky. Dergleichen, Herr! bedenkt man hintendrein. Demetrius. Du fuhlſt als Pole, ich bin Moskau's Sohn, Es iſt das Land, das mir das Leben gab. Vergib mir, theurer Boden, heim'ſche Erde, Du heiliger Gränzpfeiler, den ich faſſe, Auf den mein Vater ſeinen Adler grub, Daß ich, dein Sohn, mit fremden Feindes Waffen In deines Friedens ruhigen Tempel falle. Mein Erb' zurückzufordern, komm' ich her, 301 Und den geraubten edeln Vaternamen. Hier herrſchten die Waräger, meine Ahnherrn, In langer Reil', ſeit dreißig Menſchen⸗Altern; Ich bin der Letzte ihres Stamms, dem Mord Entriſſen durch ein göttliches Verhaͤngniß. Dritte Scene. Ein ruſſiſches Dorf. Freier Platz vor der Kirche. Man hoͤrt die Sturmglocke. Gleb, Ilia und Timoska eilen, mit Aexten bewaffnet, auf die Scene. Gleb(aus dem Hauſe kommend). Was rennt das Volk? Ilia(aus einem andern Hauſe kommend). Wer zog die Feuerglocke?— Timoska. Nachbarn, heraus! Kommt Alle, kommt zu Rath! Oleg und Igor mit vielen andern Landleuten, Weibern und Kin⸗ dern, welche Gepaͤcke tragen. Gleb. Wo kommt ihr her mit Weibern und mit Kindern? Igor. Flieht, flieht! Der Pole iſt ins Land gefallen Bei Moromeſk, und mordet, was er findet. Oleg. Flieht, flieht ins innre Land, in feſte Staͤdte! Wir haben unſre Hütten angezündet, 302 Uns aufgemacht, ein ganzes Dorf, und fliehn Landeinwärts zu dem Heer des Czaaren. Timoska. Da kommt ein neuer Trupp von Fluchtigen. Jwanska und Petruſchka mit bewaffneten Landleuten treten an der entgegengeſetzten Seite auf. Iwanska. Es leb' der Czaar! der große Furſt Dimitri! Gleb. Wie? was iſt das? Ilia. Wo wollt ihr hin? Timoska. Wer ſeyd ihr? Petruſchka. Wer treu iſt unſerm Fürſtenſtamm, kommt mit! Timoska. Was iſt denn das? Da flieht ein ganzes Dorf Landeinwärts, vor den Polen ſich zu retten, Und ihr wollt hin, wo dieſe hergeflohn? Wollt uͤbergehen zu dem Feind des Landes? Petruſchka. Was Feind? Es iſt kein Feind, der kommt; es iſt Ein Freund des Volks, der rechte Erb' es Landes. —— Es tritt der Poſadmik(Dorfrichter) auf, um ein Manifeſt des Demetrius abzuleſen. Schwanken der Einwohner des Dorfs zwiſchen beiden Parteien. Die Bäuerinnen werden zuerſt für Demetrius gewonnen, und geben den Ausſchlag. 303 Lager des Demetrius. Er iſt in der erſten Action geſchla⸗ gen, aber die Armee des Czaaren Boris ſiegt gewiſſermaßen wider ihren Willen, und verfolgt ihre Vortheile nicht. Deme⸗ trius, in Verzweiflung, will ſich tödten, und wird mit Mühe von Komla und Odowalsky daran verhindert. Uebermuth der Koſaken ſelbſt gegen Demetrius. Lager der Armee des Czaaren Boris. Er ſelbſt iſt ab⸗ weſend, und dieß ſchadet ſeiner Sache, weil er gefurchtet, aber nicht geliebt wird. Die Armee iſt ſtark, aber unzuverläſſig. Die Anfuhrer ſind uneinig, und neigen ſich zum Theil auf die Seite des Demetrius aus verſchiedenen Bewegungsgründen. Einer von ihnen, Soltikow, erklärt ſich aus Ueberzeugung für ihn. Sein Uebergang iſt von den wichtigſten Folgen; ein großer Theil der Armee fällt dem Demetrius zu. Boris in Moskau. Noch zeigt er ſich als abſoluter Herr⸗ ſcher und hat treue Diener um ſich; aber er iſt ſchon erbittert durch ſchlimme Nachrichten. Furcht vor einem Aufſtand in Moskau hält ihn ab, zur Armee zu gehen. Auch ſchämt er ſich, als Czaar in Perſon gegen den Betrüger zu fechten. Scene zwiſchen ihm und dem Erzbiſchof. Unglücksboten kommen von allen Seiten, und die Gefahr wird immer dringender für Boris. Er hört vom Abfall des Landvolks und der Provincial⸗Städte, von der Unthaͤtigkeit und Meuterei der Armee, von den Bewegungen in Moskau, von Demetrius' Vordringen. Romanow, den er ſchwer beleidigt 304 hat, kommt in Moskau an. Dieß erregt neue Beſorgniſſe. Jetzt kommt die Nachricht, daß die Bojaren in das Lager des Demetrius fliehen, und daß die ganze Armee zu ihm uͤbergeht. Boris und Axinia. Der Czaar erſcheint rührend als Vater, und im Geſpräch mit der Tochter ſchließt ſich ſein Innerſtes auf. Boris hat ſich durch Verbrechen zum Herrſcher gemacht, aber alle Pflichten des Herrſchers übernommen und geleiſtet; dem Lande gegenüber iſt er ein ſchätzbarer Fuͤrſt, und ein wah⸗ rer Vater des Volks. Nur in Angelegenheiten ſeiner Perſon gegen Einzelne iſt er argwöhniſch, rachſüchtig und grauſam. Sein Geiſt erhebt ihn, wie ſein Rang, über Alles, was ihn umgibt. Der lange Beſitz der höchſten Gewalt, die gewohnte Beherrſchung der Menſchen und die deſpotiſche Form der Re⸗ gierung haben ſeinen Stolz ſo genährt, daß es ihm unmöglich iſt, ſeine Größe zu überleben. Er ſieht klar, was ihm bevor⸗ ſteht; aber noch iſt er Czaar, und nicht erniedrigt, wenn er zu ſterben beſchließt. Er glaubt an Vorherverkündigungen, und in ſeiner jetzigen Stimmung erſcheinen ihm Dinge als bedeutend, die er ſonſt verachtet hatte. Ein beſonderer Umſtand, worin er eine Stimme des Schickſals findet, wird für ihn entſcheidend. 3⁰0⁵ Kurz vor ſeinem Tode andert er ſeine Natur, wird ſanfter auch gegen die Unglücksboten, und ſchämt ſich der Auſwallungen des Zorns, womit er die früheren empfing. Er läßt ſich das Schlimmſte erzählen, und beſchenkt ſogar den Erzähler. Sobald er das für ihn entſcheidende Unglück vernimmt, geht er ab ohne weitere Erklärung, mit Gelaſſenheit und Reſigna⸗ tion. Kurz nachher tritt er in Mönchskleidern wieder auf, und entfernt ſeine Tochter von ſeinem letzten Augenblicke. In einem Kloſter ſoll ſie Schutz vor Beleidigungen ſuchen; ſein Sohn Feodor wird als ein Kind vielleicht weniger zu fürchten haben. Er nimmt das Gift und geht auf ein einſames Zimmer, um in der Stille zu ſterben. Allgemeine Verwirrung bei der Nachricht vom Tode des Czaaren. Die Bojaren bilden einen Reichsrath und herrſchen im Kremel. Romanow(nachheriger Czaar und Stammvater des jetzt regierenden Hauſes) tritt auf an der Spitze einer be⸗ waffneten Macht, ſchwört an der Bruſt des Gzaaren ſeinem Sohn Feodor den Eid der Treue, und nöthigt die Bojaren, ſei⸗ nem Beiſpiel zu folgen. Nache und Ehrſucht ſind fern von ſeiner Seele; er folgt bloß dem Rechte. Arinien liebt er ohne Hoffnung, und wird, ohne es zu wiſſen, wieder geliebt. Romanow eilt zur Armee, um dieſe für den jungen Czaar zu gewinnen. Aufruhr in Moskau, von den Anhängern des Demetrius bewirkt. Das Volk reißt die Bojaren aus ihren Schillers ſaͤmmti. Werke. VII. 20 “ 306 Hauſern, bemächtigt ſich des Feodor und der Arinia, ſetzt ſie gefangen, und ſchickt Abgeordnete an Demetrius. Demetrius in Tula auf dem Gipſel des Glücks. Die Ar⸗ mee iſt ſein; man bringt ihm die Schlüſſel vieler Staͤdte. Moskau allein ſcheint noch zu widerſtehen. Er iſt mild und liebens⸗ wuͤrdig, zeigt eine edle Rührung bei der Nachricht vom Tode des Boris, begnadigt einen entdeckten Anſchlag gegen ſein Leben, verſchmaͤht die knechtiſchen Ehrenbezeugungen der Ruſſen, und will ſie abſchaffen. Die Polen dagegen, von denen er umgeben iſt, ſind rauh, und behandeln die Ruſſen mit Verachtung. De⸗ metrius verlangt nach einer Zuſammenkunft mit ſeiner Mut⸗ ter, und ſendet Boten an Marina. Unter der Menge von Ruſſen, die ſich in Tula zum Deme⸗ trius dräͤngen, erſcheint ein Mann, den Demetrius ſogleich er⸗ kennt; er freut ſich höchlich, ihn wieder zu ſehen. Er entfernt alle Andern, und ſobald er mit dieſem Manne allein iſt, dankt er ihm mit vollem Herzen, als ſeinem Retter und Wohlthäter. Jener gibt zu verſtehen, daß Demetrius allerdings eine große Ver⸗ bindlichkeit gegen ihn habe, und eine größere, als er ſelbſt wiſſe. Demetrius dringt in ihn, ſich deutlicher zu erklären, und der Moͤrder des aͤchten Demetrius entdeckt nun den wahren Her⸗ gang der Sache. Für dieſen Mord wurde er nicht belohnt, hatte vielmehr von Boris nichts als den Tod zu erwarten. Dürſtend nach Rache, traf er auf einen Knaben, deſſen Aehn⸗ lichkeit mit dem Czaar Iwan ihm auffiel. Dieſer Umſtand mußte benutzt werden. Er nahm ſich des Knaben an, floh mit ihm aus Uglitſch, brachte ihn zu einem Geiſtlichen, den er fur 307 ſeinen Plan zu gewinnen wußte, und übergab dieſem das Kleinod, das er ſelbſt dem ermordeten Demetrius abgenommen hatte. Durch dieſen Knaben, den er nachher nie aus den Augen verloren, und deſſen Schritte er jederzeit unvermerkt ge⸗ leitet hat, iſt er nunmehr geraͤcht. Sein Werkzeug, der falſche Demetrius, herrſcht über Rußland an Boris' Stelle. Während dieſer Erzaͤhlung geht im Demetrius eine unge⸗ heure Veränderung vor. Sein Stillſchweigen iſt furchtbar. In dem Momente der höchſten Wuth und Verzweiflung bringt ihn der Mörder aufs Aeußerſte, da er mit Trotz und Uebermuth ſeinen Lohn fordert. Er ſtößt ihn nieder. Monolog des Demetrius. Innerer Kampf, aber über⸗ wiegendes Gefuhl der Nothwendigkeit, ſich als Czaar zu be⸗ haupten. Die Abgeordneten der Stadt Moskau kommen an, und unterwerfen ſich dem Demetrius. Sie werden finſter und mit drohenden Anſtalten empfangen. Unter ihnen iſt der Patriarch. Demetrius entſetzt ihn ſeiner Würde, und verurtheilt kurz dar⸗ auf einen vornehmen Ruſſen, der an ſeiner Aechtheit gezweifelt hatte. Marfa und Olga erwarten den Demetrius unter einem prächtigen Zelt. Marfa ſpricht von der bevorſtehenden Zu⸗ ſammenkunft mit mehr Zweifel und Furcht, als Hoffnung, und zittert dieſem Moment entgegen, der ihre höchſte Glück⸗ ſeligkeit ſeyn ſollte. Olga redet ihr zu, ſelbſt ohne Glauben. Auf der langen Reiſe hatten Beide Zeit gehabt, ſich an alle 308 umſtände zu erinnern; die erſte Exaltation hatte dem Nach⸗ denken Raum gemacht. Das düſtre Schweigen und die zurück⸗ ſchreckenden Blicke der Wachen, die das Zelt umgeben, ver⸗ mehren noch ihre Zweifel. Die Trompeten erſchallen. Marfa iſt unſchlüſſig, ob ſie dem Demetrius entgegen gehen ſoll. Jetzt ſteht er vor ihr allein. Der kleine Reſt von Hoffnung in ihrem Herzen ſchwin⸗ det ganz bei ſeinem Anblick. Ein unbekanntes Etwas tritt zwiſchen Beide, die Natur ſpricht nicht, ſie ſind ewig ge⸗ ſchieden. Der erſte Moment war ein Verſuch, ſich zu nähern; Marfa iſt die erſte, die eine zuruͤckweichende Bewegung macht. Demetrius bemerkt es, und bleibt einen Augenblick betroffehen ſtehen. Bedeutendes Schweigen.— Demetrius. Sagt dir das Herz nichts? Erkennſt du dein Blut nicht in mir? Marfa(ſchweigt). Demetrius. Die Stimme der Natur iſt heilig und frei; ich will ſie weder zwingen noch erlügen. Haͤtte dein Herz bei me⸗ nem Anblicke geſprochen, ſo haͤtte das meinige geantwortet; du V würdeſt einen frommen, einen liebende Sohn in mir gefunden haben. Das Nothwendige wäre mit Neigung, mit Liebe, mit In⸗ nigkeit geſchehen. Doch wenn du nicht als Mutter fuͤr mich füͤhlſt, ſo denk' als Fürſtin, faſſe dich als Königin! Das Schickſal gab mich dir ungehofft zum Sohn; nimm du mich an als ein Geſchenk des Himmels. Wär' ich dein Sohn auch nicht, der ich jetzt ſcheine, ſo raub' ich deinem Sohne nichts. Ich raubte es deinem Feinde. Dich und dein Blut hab' ich geraͤcht, habe dich aus der Gruft, in der du lebendig begraben warſt, gezogen, und auf den Fürſtenſtuhl zuruͤckgeführt.— Daß dein Schick⸗ 309 ſal an meines befeſtigt iſt, begreifft du. Du ſtehſt mit mir, und mit mir gehſt du unter. Die Völker alle ſehn auf uns.— Ich haſſe die Gaukelei, und, was ich nicht empfinde, mag ich nicht zeigen; aber ich fühle wirklich eine Ehrfurcht gegen dich, und dieß Gefühl, das meine Kniee vor dir beugt, es iſt mein Ernſt. (Stummes Spiel der Marfa, das die innere Bewegung in ihr zu er⸗ kennen gibt.) Demetrius. Entſchließe dich! Laſſ' deines Willens freie Handlung ſeyn, was die Natur dir verſagt. Ich fordere keine Heuchelei, keine Lüge von dir; ich fordere wahre Gefühle. Scheine du nicht meine Mutter, ſey es— Wirf das Vergangene von dir, ergreife das Gegenwärtige mit ganzem Herzen! Bin ich dein Sohn nicht, ſo bin ich der Czaar; ich habe die Macht, ich habe das Glück.— Der, welcher im Grabe liegt, iſt Staub; er hat kein Herz, dich zu lieben, kein Auge, dir zu lächeln— Wende dich zu dem Lebenden— (Marfa bricht in Thraͤnen aus.) Demetrius. O dieſe goldnen Tropfen ſind mir willkom⸗ men. Laſſ' ſie fließen! Zeige dich ſo dem Volk! (Auf einen Wink des Demetrius oͤffnet ſich das Zelt, und die verſam⸗ melten Ruſſen werden Zeugen dieſer Scene.) Einzug des Demetrius in Moskau. Große Pracht, aber kriegeriſche Anſtalten. Polen und Koſaken ſind es, die den Zug anführen. Das Düſtre und Schreckliche miſcht ſich in die öffentliche Freude. Mißtrauen und Ungluͤck umſchweben das Ganze. 310 Romanow, der zu ſpät zur Armee kam, iſt nach Moskau zuruckgekehrt, um Feodor und Arinien zu ſchützen. Alles iſt vergebens; er ſelbſt wird gefangen geſetzt. Arinia flüchtet zur Czaarin Marfa und fleht zu ihren Füßen um Schutz vor den Polen. Hier ſieht ſie Demetrius, und ihr Anblick entzündet bei ihm eine heftige unwiderſtehliche Leidenſchaft. Arinia ver⸗ gbſcheut ihn. Demetrius als Czaar— Ein furchtbares Element trägt ihn, aber er beherrſcht es nicht; er wird von der Gewalt fremder Leidenſchaften geführt.— Sein inneres Bewußtſeyn erzeugt ein allgemeines Mißtrauen; er hat keinen Freund, keine treue Seele. Polen und Koſaken ſchaden ihm durch ihre Frechheit in der Meinung des Volks. Selbſt was ihm zur Ehre gereicht, ſeine Popularität, Einfachheit und Verſchmaͤhung des ſteifen Ceremoniells erregt Unzufriedenheit. Zuweilen verletzt er aus unbedacht die Gebräuche des Landes. Er verfolgt die Moͤnche, weil er viel unter ihnen gelitten hat. Auch iſt er nicht frei von deſpotiſchen Launen in den Momenten des beleidigten Stolzes.— Odowalsky weiß ſich ihm ſtets nothwendig zu ma⸗ chen, entfernt die Ruſſen aus ſeiner Nähe, und behauptet ſei⸗ nen überwiegenden Einfluß. Demetrius ſinnt auf Untreue gegen Marina. Er ſßpricht darüber mit dem Erzbiſchof Hiob, der, um die Polen zu ent⸗ fernen, ſeinem Wunſche entgegen kommt, und ihm von der czaariſchen Gewalt eine hohe Vorſtellung gibt. 311 Marina erſcheint in Moskau mit einem großen Gefolge. Zuſammenkunft mit Demetrius. Falſcher und kalter Empfang von beiden Seiten; jedoch weiß ſie ſich beſſer zu verſtellen. Sie dringt auf baldige Vermählung. Es werden Anſtalten zu einem rauſchenden Feſte gemacht. Auf Geheiß der Marina wird Arinien ein Giſtbecher ge⸗ bracht. Der Tod iſt ihr willkommen. Sie fürchtete, dem Czaaren zum Altare folgen zu muͤſſen. Heftiger Schmerz des Demetrius. Mit zerriſſenem Herzen geht er zur Trauung mit Marina. Nach der Trauung entdeckt ihm Marina, daß ſie ihn nicht fuͤr den ächten Demetrius haͤlt, und nie dafur gehalten hat. Kalt uberläßt ſie ihn ſich ſelbſt in einem füͤrchterlichen Zuſtande. unterdeſſen benutzt Schinskoj, einer der ehemaligen Feldherren des Czaaren Boris, das wachſende Mißvergnügen des Volks und wird das Haupt einer Verſchwörung gegen Demetrius. Romanow im Gefaͤngniß wird durch eine uͤberirdiſche Er⸗ ſcheinung getroͤſtet. Ariniens Geiſt ſteht vor ihm, öͤffnet ihm einen Blick in küͤnftige ſchönere Zeiten, und befiehlt ihm, 312 ruhig das Schickſal reifen zu laſſen, und ſich nicht mit Blut zu beflecken. Romanow erhaͤlt einen Wink, daß er ſelbſt zum Thron berufen ſey. Kurz nachher wird er zur Theilnehmung an der Verſchwörung aufgefordert; er lehnt es ab. Soltikow macht ſich bittre Vorwürfe, daß er ſein Vater⸗ land an den Demetrius verrathen hat. Aber er will nicht zum Zweitenmal ein Verraͤther ſeyn, und aus Rechtlichkeit behauptet er, wider ſein Gefühl, die einmal ergriffene Partei. Da das Unglück einmal geſchehen iſt, ſo ſucht er es wenigſtens zu vermindern, und die Macht der Polen zu ſchwaͤchen. Er bezahlt dieſen Verſuch mit ſeinem Leben; aber er nimmt ſeinen Tod als verdiente Strafe an, und bekennt dieß ſterbend dem Demetrius ſelbſt. Caſimir, ein Bruder der Lodoiska, einer jungen Polin, die den Demetrius im Hauſe des Woywoden von Sendomir heim⸗ lich und ohne Hoffnung liebte, hat ihn auf Bitten ſeiner Schweſter auf dem Heerzuge begleitet, und in jedem Gefecht tapfer vertheidigt. In dem Momente der höchſten Gefahr, da alle übrigen Anhänger des Demetrius auf ihre Rettung den⸗ ken, bleibt Caſimir allein ihm getreu, und opfert ſich für ihn auf. Die Verſchwörung kommt zum Ausbruch. Demetrius iſt bei der Czaarin Marfa und die Aufrührer dringen in das Zimmer. Die Würde und Kühnheit des Demetrius wirkt einige Augenblicke auf die Rebellen. Es gelingt ihm beinahe, 313 ſie zu entwaffnen, da er ihnen die Polen preisgeben will. Aber jetzt ſtuͤrzt Schinskoj mit einer andern wuthenden Schaar herein. Von der Czaarin wird eine beſtimmte Erklärung gefor⸗ dert: ſie ſoll das Kreuz darauf kuͤſſen, daß Demetrius ihr Sohn ſey. Auf eine ſo feierliche Art gegen ihr Gewiſſen zu zeugen, iſt ihr unmöglich. Stumm wendet ſie ſich ab von Demetrius, und will ſich entfernen.„Sie ſchweigt?“ ruft die tobende Menge,„ſie verläugnet ihn? So ſtirb denn, Betrüger!—“ Und durchbohrt liegt er zu den Füßen der Marfa. 8 ere en 8 8 5 Perſonen. Margaretha von York, Herzogin von Burgund. Adelaide, Prinzeſſin von Bretagne. Erich, Prinz von Gothland. 3 Warbeck, vorgeblicher Herzog Richard von York. Simnel, vorgeblicher Prinz Eduard von Clarence. Eduard Plantagenet, der wirkliche Prinz von Clarence. Graf Hereford, ausgewanderter engliſcher Lord. Seine fuͤnf Soͤhne. Sir William Stanley, Botſchafter Heinrichs VII von England. Graf Kildare. Belmont, Biſchof von Ypern. Sir Richard Blunt, Abgeſandter des falſchen Eduards. Buͤrger von Bruͤſſel. Hofdiener der Margaretha. Erſter Akt. Lord Hereford, ein Anhaͤnger Yorks, hat mit ſeinen fünf Söhnen England verlaſſen, auf die Nachricht, daß ſich Richard von York, zweiter Sohn Eduards IV, den man ſchon als Knabe ermordet glaubte, lebend in Brüſſel befinde, und ſein Erbrecht zurückfordere. Die Anerkennung des Prätendenten durch ſeine Tan⸗ te, die Herzogin Margaretha von Burgund, durch Frankreich und Portugal, und die öffentliche Stimme waren ihm hinreichende Gründe, von Heinrich VII abzufallen, und ſeine Beſitzungen an ſeine Hoffnungen zu wagen. Er tritt in den Palaſt der Mar⸗ garetha, wo er die Bildniſſe der Yorks aufgeſtellt findet; er freut ſich nun, auf einem Boden zu ſeyn, wo er ſeine Neigung zu dem Hauſe York frei bekennen dürfe. Lord Stanley, Botſchafter Heinrichs VII am Hofe der Margaretha, tritt ihm hier entgegen, und ſucht umſonſt ihm die Augen uͤber den geſpielten Betrug zu öffnen. Beide ge⸗ rathen in Hitze, und der Streit der zwei Roſen erneuert ſich in der Vorhalle der Margaretha. 318 Der Biſchof von Ypern, vertrauter Rath der Herzogin, kommt dazu, und bringt ſie auseinander. Er ruhmt die Pie⸗ tät der Herzogin gegen ihre unterdrückte Partei und ihre ſchutz⸗ loſen Verwandten, und ſpricht dasjenige aus, wofür Marga⸗ retha gern gehalten ſeyn moͤchte. Bürger und Bürgerfrauen von Bruͤſſel erfüllen die Vor⸗ halle, um die Herzogin mit dem Prinzen von York zu erwar⸗ ten. Stanley ſchilt ihre Verblendung; ſie gerathen aber durch die Schmähungen, die er gegen ihren angebeteten Prinzen aus⸗ ſtößt, in eine ſolche Wuth, daß ſie ihn zu zerreißen drohen. Man hört Trompeten, welche die Ankunft des York verkünden. Richard tritt zwiſchen ſie, rettet den Abgeſandten, haran⸗ guirt das Volk und bringt es zur Ruhe. Während er ſpricht, tritt Margaretha mit dem Prinzen von Gothland, der Prin⸗ zeſſin von Bretagne und andern Großen ein.— Hereford wird von dem Anblick Richards hingeriſſen, überzeugt und überwältigt. Er wirft ſich vor ihm nieder und huldigt ihm, als dem Sohn ſeines Koͤnigs. Margaretha nimmt nun das Wort und er⸗ klärt ſich über ihren Neffen mit der Zärtlichkeit der mütter⸗ ichen Verwandtin.— Sie fordert den Prinzen auf, den Lord wohl aufzunehmen. Richard umarmt ihn, und äußert ſich mit Gefühl und zu⸗ gleich mit fürſtlicher Würde. Hereford wird zunehmend von ihm eingenommen, und fragt jetzt nach ſeiner Geſchichte.— Richard will ausweichen. Die Herzogin üͤbernimmt es, ſie vorzutragen, indem ſie den Richard entſchuldigt.— 319 Nun folgt die Erzahlung von Richards fabelhafter Geſchichte, welche großen Eindruck macht, und öfters von dem Affect der Zuhörer unterbrochen wird.— Stanley proteſtirt noch einmal dagegen, und geht ab, ohne Glauben zu finden. Richards edle Erklärung loͤſcht den Ein⸗ druck ſeiner Worte aus. Hereford verſtaͤrkt ſeine Verſicherungen und verſpricht dem Herzog Richard einen zuſtrömenden Anhang in England. Richard erinnert ſich mit Rührung an ſeine vorige Unbekannt⸗ heit mit ſich ſelbſt, und vergleicht jenen ſorgloſen Zuſtand mit ſeiner jetzigen Lage.— Es iſt eine ſchwere Pflicht und kein Glück, daß er ſeine Rechte behaupten muß. Er ſcheint ſich noch einmal zu bedenken, und es der Herzogin zu bedenken zu geben, ob er das blutige Kampfſpiel unternehmen ſoll, welches den Frieden zweier Länder zerſtört. Sie ermuntert ihn dazu, wie ſchwer ihr auch die Trennung von ihm werde und der Gedanke, ihn den Zufällen des Krieges auszuſetzen.— Lebhafte Bezeugungen ihrer Zärtlichkeit.— Jetzt ſpricht ſie von dem zweifachen Anliegen ihres Herzens, der Reſtitution ihres Neffen und der Vermaͤhlung Adelaidens, welche nächſtens mit dem Prinzen von Gothland ſoll gefeiert werden. Prinz Erich von Gothland bleibt allein mit der Prinzeſſin von Bretagne zurück, und ſpottet über die vorhergegangene Farce. Adelaide iſt noch in einer großen Gemuͤthsbewegung und zeigt ihre Empfindlichkeit uͤber Erichs fühlloſe Kälte. Er verſpottet ſie und ſpricht von dem Prinzen von York mit Ver⸗ achtung. Sie nimmt mit Lebhaftigkeit Warbecks Partei, an deſſen Wahrhaftigkeit ſie nicht zweifelt, und ſtellt zwiſchen ihm 320 und Erich eine dem Letztern nachtheilige Vergleichung an. Ihre Zaͤrtlichkeit für den vorgeblichen York verräth ſich. Erich de⸗ monſtrirt ihr aus Warbecks Benehmen, daß jener kein Fürſt ſeyn könne, und führt ſolche Beweiſe an, welche ſeine eigenen gemeinen Begriffe von einem Fürſten verrathen. Adelaide ver⸗ birgt ihre Verachtung gegen ihn nicht, und ſetzt ihn aufs tiefſte neben dem York'ſchen Prinzen herab. Erich hat wohl bemerkt, daß Adelaide für dieſen Zärtlichkeit empfinde, aber ſeine Schadenfreude iſt größer als ſeine Eifer⸗ ſucht; er findet ein Vergnügen daran, daß jene Beiden ſich hoffnungslos lieben, er ſelbſt aber die Prinzeſſin beſitzen werde. Der Beſitz, meint er, mache es aus, und es gibt ihm einen ſüßen Genuß, dem Warbeck, den er haßt, die Geliebte zu ent⸗ reißen. Adelaide ſpricht in einem Monolog ihre Liebe, ihr Mitleid mit Warbeck, und ihren Schmerz über ihre eigene Lage am Hofe der Margaretha aus. Sie findet eine Aehnlichkeit in Richards und ihrem eigenen Schickſale; Beide leben von der Gnade einer ſtolzen, gebieteriſchen Verwandtin und ſind hülf⸗ loſe Opfer der Gewalt. Zweiter Akt. Der erſte Akt zeigte Warbeck in ſeinem öffentlichen Ver⸗ hältniß; jetzt erblickt man ihn in ſeinem innern. Die glän⸗ zende Hülle faͤllt; man ſieht ihn von den eigenen Dienern, welche Margaretha ihm zugegeben hatte, vernachlaͤ ſigt und un⸗ wurdig behandelt. Einige zweifeln an ſeiner Perſon und ver⸗ 321 achten ihn deßwegen; Andere, die an ſeine Perſon glauben, be⸗ gegnen ihm mit Geringſchätzung, weil er arm iſt, und von der Gnade ſeiner Anverwandtin lebt. Das doppelte Elend eines Betrügers, der die Rolle des Fürſten ſpielt, und eines wirklichen Prinzen, der ohne Mittel iſt, haͤuft ſich auf ſeinem Haupt zu⸗ ſammen. Er leidet Mangel an dem Nothwendigen und ver⸗ mißt in ſeinem fürſtlichen Stande ſogar das Gluͤck und den Ueberfluß ſeines vorigen Privatſtandes. Warbeck ſpielt ſeine Rolle mit einem geſetzten Ernſt, mit einer gewiſſen Gravität und mit eigenem Glauben. So lange er den Richard vorſtellt, iſt er Richard; er iſt es auch ge⸗ wiſſermaßen fuͤr ſich ſelbſt, ja ſogar zum Theil für die Mitan⸗ ſteller des Betrugs. Dieſer Schein darf ſchlechterdings nichts Komödiantiſches haben; es muß mehr ein Amt ſeyn, das er bekleidet und mit dem er ſich identificirte, als eine Maske, die er vornimmt. Nachdem der erſte Schritt gethan iſt, hat er ſeine vorige Perſon ganz weggeworfen. Alle Schritte, die aus dem erſten fließen, hat er mit ſeinem erſten Entſchluſſe adoptirt, und er ſtutzt über das Einzelne nicht mehr, nachdem er das Ganze einmal auf ſich genommen hat. Eine gewiſſe poetiſche Dunkelheit, die er über ſich ſelbſt und ſeine Rolle hat, ein Aberglaube, eine Art von Wahnwitz, hilft ſeine Moralität retten. Eben das, was ihn in den Augen der Herzogin zu einem Raſenden macht, dient ihm zur Entſchuldigung. Er darf nie klagen, als zuletzt, wenn die Liebe ihn aufge⸗ löst hat. Kränkungen erleidet er mit verbiſſenem Unmuth, und Gutes thut er mit ſtolzer Größe und einer gewiſſen Trocken⸗ Schillers ſaͤmmtl. Werke. VII. 21 322 heit, nicht ſentimentaliſch, ſondern realiſtiſch, aus einer gewiſſen Grandezza, aus Natur und ohne Reflexion. Es muß fuhlbar gemacht werden, wie natürlich es iſt, daß in dem Herzen der Prinzeſſin ſich ein liebender Antheil an dem vorgeblichen Richard einfindet, und dort zur vollen Liebe waͤchst — eine Wirkung des Betrugs, an die man nicht dachte und die doch ſo nahe lag. Es iſt tragiſch, wie ein ſchönes Gemuth durch die menſchlichſte Empfindung in ein ungluͤckliches Ver⸗ hältniß verwickelt wird, wie ſich da, wo man nur Verderbliches ſäete, ein ſchönes Leben bildet. Die Prinzeſſin iſt ein einfaches Mädchen ohne alles Fürſt⸗ liche— ihre Geburt und ihr Stand erſcheinen ihr nur als hindernde Schranken, die ihrer ſchönen Natur widerſtreben. Die Groͤße hat für ſie keinen Reiz; ſie hat allein Sinn fuͤr das Glück des Herzens, und nur dadurch erinnert ſie an ihre Geburt, daß ſie mit einer gewiſſen Exaltation von dem einfachen Stande ſpricht, der ihr darum eben, weil er außer ihr iſt weil ſie ihn aus der Ferne anſchaut, poetiſcher vorkommt. Adelaide beſchäftigt ſich mehr mit ihrer Liebe zu Warbeck, als mit der ſeinigen zu ihr. Sie iſt von einer reſignirten Natur, zum Schlachtopfer erzogen. Ihre Hoffnung zu dem Geliebten zu erheben, wagt ſie nicht; ſie beneidet nur die Gluck⸗ liche, die ihn einmal beſitzen ſoll. Er muß eine reiche oder 323 mächtige Königstochter heirathen; aber ſie iſt eine arme Waiſe, die nur von der Gnade ihrer Verwandtin lebt. Warbeck, eine nach Selbſtſtaͤndigkeit ſtrebende Natur, iſt in der Gewalt eines falſchen, gebieteriſchen, mächtigen, unverſöhn⸗ lichen Weibes, wie eines böſen Geiſtes. Er hat ſich ihr ver⸗ kauft; ſein Verhältniß zu ihr iſt erniedrigend und tödtend für ihn, und umſonſt wendet er Alles an, es zu veredeln. Sie ſieht in ihm ewig nur ihr Werkzeug, den falſchen York, den Betrüger, und ihre Forderungen an ihn ſind durchaus ohne Delicateſſe, ohne alle Rückſicht auf ſein eigenes Ehrgefühl. Umſonſt will er empor ſtreben; immer wird er von ihr an das ſchaͤndliche Verhältniß erinnert, das er ſo gern vergeſſen möchte, ja das er vergeſſen haben muß, um ſeine Rolle gut zu ſpielen. Oeffentlich ehrt, liebkost ſie ihn, insgeheim macht ſie ſeine Tyrannin. Sie befiehlt ihm und verbietet ihm, was er öffent⸗ lich wollen und nicht wollen ſoll; öffentlich thut ſie, als ob ſeine Wünſche Befehle für ſie waͤren, und redet ihm zu, das zu thun, was ſie ihm ſtreng verboten hat. Wehe ihm, wenn er ſich eigenmächtig etwas herausnehmen wollte! Dennoch thut er es zuweilen; daher ihre Ungnade und Abneigung. Adelaide kennt Warbecks eingeſchränkte Lage und ſucht ſie zu verbeſſern. Ob er gleich das Geſchenk ihrer Großmuth nicht annimmt, ſo macht ihn doch der Beweis ihrer Liebe gluͤcklich. Erich ſucht einen boshaften Anſchlag gegen Warbeck auszu⸗ führen, um ihn zu beſchimpfen. Er braucht einen verworfenen 324 Menſchen, deſſen Ausſagen für Warbeck äußerſt demüthigend ſind. Warbeck benimmt ſich feſt und edel. Der Betrug wird entdeckt und Erich beſchamt. Die Herzogin iſt von dieſem Vorfall durch Belmont auf der Stelle unterrichtet worden, und kommt ſelbſt, die beiden Prin⸗ zen mit einand er auszuſöhnen. Sie will, daß Warbeck dem Feind ſeine Hand biete, und da jener ſich weigert, ſo gibt ſie ihm zu verſtehen, daß ſie es ſo haben wolle. Sie legt einen Nachdruck darauf, daß Erich ein Prinz ſey, und läßt den War⸗ beck, wiewohl auf eine nur ihm allein bemerkliche Art, ſeine Abhängigkeit von ihr, ſeine Nichtigkeit fuͤhlen. Ein abenteuerlicher Abgeſandter kommt im Namen Eduards von Clarence, um ſich eine Sauvegarde nach Bruſſel zu er⸗ bitten, damit er ſich der Herzogin, ſeiner Tante, vorſtellen und die Beweiſe ſeiner Geburt beibringen dürfe. Er ſey aus dem Tower zu London entflohen und komme, ſeine Anſpruche an den engliſchen Thron geltend zu machen. Margaretha zweifelt keinen Augenblick an der Betrügerei; aber es trifft mit ihren Zwecken zuſammen, ſie zu begünſtigen. Sie zeigt ſich daher geneigt, die Hand zu bieten; aber Warbeck redet mit Heſtigkeit dagegen. Margaretha weist ihn, auf die ihr eigene gebieteriſche Art, in ſeine Schranken zurück, und läßt ihn fuͤhlen, daß er hier keine Stimme habe. Warbeck muß ſchweigen; aber er geht ab mit der Erklaͤrung, daß er es mit dem Prinzen von Clarence durch das Schwert ausmachen werde. 325 Margaretha iſt nun mit Belmont allein, und bemerkt mit ſtolzem Unwillen, daß Warbeck anfange, ſich gegen ſie etwas herauszunehmen. Sie hat ſchon längſt eine Abneigung gegen ihn gehabt; nun fangen ſeine Anmaßungen an, ihren Haß zu erregen. Sie findet ihn nicht nur nicht unterwürfig genug, der Betrug ſelbſt, den ſie durch ihn ſpielt, iſt ihr läſtig, und ſeine Eriſtenz als York, als ihr Neffe, beſchämt ihren Fürſten⸗ ſtolz. In dieſer ungünſtigen Stimmung findet ſie Adelaide, welche in großer Bewegung kommt, ſie zu bitten, daß ſie von den Be⸗ werbungen des Prinzen von G. befreit werden möchte. Ade⸗ laide verraͤth zugleich ihr zärtliches Intereſſe für Warbeck und bringt dadurch die ſchon erzürnte Herzogin noch mehr gegen dieſen auf. Sie wird mit Härte von ihr entlaſſen und erhält den Befehl, an den Letztern nicht mehr zu denken, und Jenen als ihren Gemahl anzuſehen. Die Hochzeit wird aufs ſchnellſte be⸗ ſchloſſen, und Adelaide ſieht ſich in der heftigſten Bedraͤngniß. —--— Dritter Akt. Ein offener Platz, Thron füͤr die Herzogin, Schranken ſind errichtet, Anſtalten zu einem gerichtlichen Zweikampfe. Zu⸗ ſchauer erfüllen den Hintergrund der Scene.— Eduard Plantagenet läßt ſich von einem der Anweſenden erzählen, was dieſe Anſtalten bedeuten.— Exxoſition von Sim⸗ b 326 nels und Warbecks Rechtshandel, der durch einen gerichtlichen Zweikampf entſchieden werden ſoll. Eduard vernimmt dieſen Bericht mit dem höchſten Erſtaunen, und ſeine Fragen, die zu⸗ gleich eine tiefe Unwiſſenheit des Neueſten und das gröͤßte Intereſſe für dieſe Angelegenheit verrathen, erregen die Ver⸗ wunderung des Andern. Der engliſche Botſchafter iſt auch zugegen, und der ſeltſame Jungling hat ſchnell ſeine ganze Aufmerkſamkeit erregt. Er ſcheint ihn zu kennen und zu erſchrecken. Simnel zeigt ſich mit ſeinem Anhang und haranguirt das Volk. Er ſpricht von ſeinem Geſchlecht, ſeiner Flucht aus dem Tower, und die Menge theilt ſich uͤber ihn in zwei Parteien. Der engliſche Botſchafter macht ſich an Eduard und ſucht ihn auszuforſchen; aber er findet ihn höchſt ſchüchtern und miß⸗ trauiſch und beſtärkt ſich eben dadurch in ſeinem Verdachte. Die Herzogin kommt mit ihrem Hofe; Erich, Adelaide und Warbeck begleiten ſie; Trompeten ertönen, und Margaretha ſetzt ſich auf den Thron.— Unterdeſſen hat Warbeck ein kurze Scene mit Adelaide, wor⸗ in dieſe ihren Unwillen und Schmerz uber die bevorſtehende, un⸗ würdige Scene, Warbeck aber ſeinen leichten Muth über den Kampf zu erkennen gibt.— Ein Herold tritt auf und nachdem er die Veranlaſſung dieſer Feierlichkeit verkündiget hat, ruft er die beiden Kämpfer in die Schranken. Zuerſt den Simnel, der ſich oͤffentlich fur Eduard Plantagenet bekennt, und ſeine Anſprüche vorlegt; dar⸗ auf den Herzog von York, welcher Simnels Vorgeben fuͤr falſch 327 und frevelhaft erklaͤrt, und bereit iſt, dieſes mit ſeinem Schwerte zu beweiſen. Beide Kämpfer berufen ſich auf das Urtheil Got⸗ tes; man ſchreitet zu den gewöhnlichen Formalitaͤten, worauf ſich beide entfernen, um in den Schranken zu kämpfen. Während die üblichen Vorbereitungen gemacht werden, hat der junge Plantagenet durch ſeine große Gemuthsbewegung und durch ſeine rührende Geſtalt die Aufmerkſamkeit der Herzogin und der Prinzeſſin erregt.— Jene fragt nach ihm; er gibt einige ſinnvolle Antworten und zeigt etwas Leidenſchaftliches in ſeinem Benehmen gegen die Herzogin. Ehe ſie Zeit hat, ihre Neugierde wegen des in⸗ tereſſanten Jünglings zu befriedigen, ertönen die Trompeten, welche das Signal zum Kampfe geben. Der Kampf.— Simnel wird überwunden und fällt.— Alles ſteht auf; die Schranken werden eingebrochen; das Volk dringt ſchreiend hinzu. Simnel bekennt ſterbend ſeinen Betrug und die Anſtifter; er erkennt den Warbeck für den ächten York und bittet ihn um Verzeihung. Freude des Volks. Warbeck, als Sieger und anerkannter Herzog, ergreift die⸗ ſen Augenblick, der Prinzeſſin öffentlich ſeine Liebe zu erklaͤren, und die Herzogin um ihre Einwilligung zu bitten. 328 Die engliſchen Lords legen ſich darein und unterſtützen ſeine Bitte. Erich wüthet, die Herzogin knirſcht vor Zorn, ruft die Prinzeſſin hinweg und geht ab mit wüthenden Blicken. Jetzt ſammeln ſich die Lords um ihren Herzog, ſchwören ihm Treue und Beiſtand, und begleiten ihn im Triumph nach Hauſe. Plantagenet allein fuͤhlt ſich verlaſſen, ſeine Perſönlichkeit verloren, ohne Stütze, hat nichts fuͤr ſich, als ſein Recht. Er entſchließt ſich dennoch, ſich der Herzogin zu nähern. Stanley tritt zu ihm, und verſucht, ihn hinweg zu aͤngſtigen. Vierter Akt. Die Herzogin kommt voll Zorn und Gift nach Hauſe. Ihr Haß gegen Warbeck iſt durch ſein Glück und ſeine Kühnheit geſtie⸗ gen; dieſe erhaltene Nachricht von der Entſpringung des aͤchten Plantagenet aus dem Tower macht ihr den Betrüger entbehr⸗ lich; ſie iſt entſchloſſen, ihn fallen zu laſſen, und fängt gleich damit an, daß ſie der Prinzeſſin, welche ihr nachgefolgt iſt, mit Härte verbietet, an ihn zu denken, und ſogar einen Zweifel über ſeine Perſon erregt. Warbeck läßt ſich melden; ſie ſchickt die Prinzeſſin, welche zu bleiben bittet, in Thränen von ſich. Warbeck und die Herzogin. Warbeck, kuͤhn gemacht durch ſein Glück und auf ſeinen Anhang bauend, zugleich durch ſeine Liebe erhoben, und entſchloſſen, ſeine bisherige unerträgliche Lage zu endigen, nimmt gegen die Herzogin einen muthigen Ton an, und wazt es, ſie wegen ihres widerſprechenden Be⸗ 329 tragens gegen ihn zur Rede zu ſetzen. Sie erſtaunt über ſeine Dreiſtigkeit, und begegnet ihm mit der tiefſten Verachtung. Je mehr ſie ihn zu erniedrigen ſucht, deſto mehr Selbſtſtändigkeit ſetzt er ihr entgegen.— Er beruft ſich darauf, daß ſie es ge⸗ weſen, die ihn aus ſeinem Privatſtand, wo er glücklich war, auf dieſen Platz geſtellt, daß ſie verpflichtet ſey, ihn zu halten, daß ſie kein Recht habe, mit ſeinem Glück zu ſpielen. Ihre Antworten zeigen ihren fühlloſen Fürſtenſtolz, ihre kalte egoiſtiſche Seele; ſie hat ſich nie um ſein Gluͤck beküm⸗ mert, er iſt ihr bloß das Werkzeug ihrer Plane geweſen, das ſie wegwirft, ſobald es unnütz wird. Aber dieſes Werkzeug iſt ſelbſtſtaͤndig, und eben das, was ihn fähig machte, den Fürſten zu ſpielen, gibt ihm die Kraft, ſich einer ſchimpflichen Abhaͤngigkeit zu entziehen. Endlich ſieht ſich die Herzogin ge⸗ nöthigt, ihre innere Wuth zu verbergen, und verläßt ihn, ſcheinbar verſöhnt, aber Rache und Grimm in ihrem Herzen. Die Prinzeſſin wird durch die Furcht vor einer verhaßten Verbindung, und weil ſie alle Hoffnung aufgibt, etwas von der Güte der Herzogin zu erhalten, dem Betruͤger gewaltſam in die Arme getrieben. Im vollen Vertrauen auf ſeine Perſon kommt ſie und ſchlaͤgt ihm ſelbſt die Entführung vor. Sie zeigt ihm ihre ganze Zäͤrtlichkeit und uberläßt ſich verdachtlos ſeiner Ehre und Liebe. Sie nennt ihm den Grafen Kildare, einen ehrwürdigen Ereis und alten Freund des York'ſchen Hauſes, zu dem wollten ſie miteinander fliehen. Sie uübergibt ihm Alles, was ſie von Koſtbarkeiten beſitzt. Je mehr Vertrauen ſie ihm zeigt, deſto qualvoller ſuͤhlt er ſeine Betrügerei; er darf ihre dargebotene Hand nicht annehmen, und noch weniger 330 das Geſtaͤndniß der Wahrheit wagen; ſein Kampf iſt fürchter⸗ lich; er verläßt ſie in Verzweiflung. Sie bleibt verwundert über ſein Betragen zurück, und macht ſich Vorwürfe, daß ſie vielleicht zu weit gegangen ſey, ent⸗ ſchuldigt ſich mit der Gefahr, mit ihrer Liebe. Plantagenet tritt auf, ſchüchtern und erſchrocken ſich um⸗ ſehend, und den theuren Familienboden mit ſchmerzlicher Ruͤh⸗ rung begrüßend. Er erblickt die York'ſchen Familienbilder, kniet davor nieder und weint uber ſein Geſchlecht und ſein ei⸗ genes Schickſal. Warbeck kommt zurück, entſchloſſen, der Prinzeſſin Alles zu ſagen. Er erblickt den knieenden Plantagenet, erſtaunt, firirt ihn, läßt ſich mit ihm ins Geſpräch ein; was er höͤrt, was er ſieht, vermehrt ſeinen Schrecken und ſein Er⸗ ſtaunen. Endlich zweifelt er nicht mehr, daß er den wahren York vor ſich habe. Plantagenet entfernt ſich mit einer edeln und bedeutenden Aeußerung und läßt ihn ſchreckenvoll zurück. Er hat kaum angefangen, ſeine Ahnung und ſeine Furcht auszuſprechen, als der engliſche Botſchafter eintritt und ein Geſpräch mit ihm verlangt. Dieſer beſtätigt ihm augenblicklich ſeine Ahnung und traͤgt ihm einen Vergleich mit dem engli⸗ ſchen König an, wenn er den rechten York aus dem Wege 331 ſchaffen helfe. Beide haben ein gemeinſchaftliches Intereſſe, den wahren York zu verderben. Warbeck fuͤhlt die ganze Ge⸗ fahr ſeiner Situation; doch ſein Haß gegen Lancaſter und ſeine beſſere Natur ſiegen, und er ſchickt den Verſucher fort. Aber gehandelt muß werden. Der rechtmäßige York iſt da, er kann zurückfordern, was ſein iſt; die Herzogin wird eilen, ihn anzuerkennen und dem falſchen York ſein Theaterkleid ab⸗ zuziehen; Alles iſt auf dem Spiel; die Prinzeſſin iſt verloren, wenn der rechte York nicht entfernt wird. Jetzt fühlt der Un⸗ glückliche, daß ein Betrug nur durch eine Reihe von Ver⸗ brechen behauptet werden kann; er verwünſcht ſeinen erſten Schritt; er wunſcht, daß er nie geboren wäre. Die Herzogin kommt mit ihrem Rath. Man erfährt, daß der Graf Kildare auf dem Wege nach Bruͤſſel ſey, daß er dort den jungen Plantagenet zu finden hoffe, der ihm Nachricht ge⸗ geben, er eile dorthin. Die Herzogin iſt zugleich erfreut und verlegen über ſeine Ankunft; verlegen wegen Warbeck, doch ſie iſt feſt entſchloſſen, dieſen aufzuopfern, ſobald der rechte Plan⸗ tagenet ſich gefunden. Aber wo iſt er denn, dieſer theure Neffe? Kildare ſchreibt, er ſey geraden Wegs nach Brüſſel, ſo könnte er ſchon da ſeyn.— Sie erinnert ſich des Jünglings — ein Tuch wird auf dem Boden bemerkt— Sie erkennt es fur dasſelbe, welches ſie dem Eduard vor neun Jahren ge⸗ ſchenkt— Sie fragt voll Erſtaunen, wer in das Zimmer ge kommen. Man antwortet ihr: Niemand als Warbeck. Es 33² durchfährt ſie wie ein Blitz. Sie ſendet nach dem unbekannten Jungling, nach Warbeck. Fünfter Akt. Herzogin. Ihr Rath. Prinzeſſin. Lords. Vergeblich ſind alle Nachſorſchungen nach Eduard, er iſt nirgends zu finden. Die Herzogin hat einen gräßlichen Argwohn. Sie ſchickt nach Warbeck. Erich und der Botſchafter erzählen von einem Mord, der geſchehen ſeyn muͤßte; ſie haͤtten um Hulfe ſchreien hören; wie ſie herbeigeeilt, ſey Blut auf dem Boden geweſen. Die Her⸗ zogin und Prinzeſſin in der größten Bewegung. Warbeck kommt. Herzogin empfängt ihn mit den Wor⸗ ten: Wo iſt mein Neffe? Wo habt ihr ihn hingeſchafft? Wie er ſtutzt, nennt ſie ihn gerade heraus einen Moͤrder. Auf dieſes Wort gerathen alle Lords in Bewegung. Sie wied erholt es heftiger. Jene machen ihr Vorwürfe, daß ſie den Herzog, ihren Neffen, einer ſo ſchrecklichen That beſchuldige. Jetzt ent⸗ reißt der Zorn ihr Geheimniß. Herzog, ſagt ſie, ein York! Er mein Neffe!— und erzählt den ganzen Betrug mit weni⸗ gen Worten. Die Prinzeſſin wankt, will ſinken; Warbeck will zu ihr treten. Die Prinzeſſin ſturzt der Herzogin in die Arme. Warbeck will ſich an die Lords wenden; ſie treten mit 333 Abſcheu zurück. In dieſem Augenblick wird der gefürchtete Graf Kildare angemeldet. Die Herzogin ſagt:„Er kommt „zur rechten Zeit. Ich habe ſeine Ankunft nie gewünſcht. „Jetzt iſt ſie mir willkommen. Er kennt meine Neffen, er hat „ihre Kindheit erzogen“— Sie wendet ſich zu Warbeck:„Ver⸗ „birg dich, wenn du kannſt! Sieh zu, ob du dich auch gegen „dieſen Zeugen behaupten wirſt.“ Kildare tritt ein, Warbeck ſteht am meiſten von ihm ent⸗ fernt und hat das Geſicht zu Boden geſchlagen.— Die Her⸗ zogin geht ihm entgegen.„Ihr kommt, einen York zu um⸗ „armen; ungluͤcklicher Mann! Ihr findet keinen,“ u. ſ. w. Ehe Kildare noch antwortet, ſieht er ſich im Kreis um, und be⸗ merkt den Warbeck. Er tritt näher, ſtutzt, ſtaunt, ruft: Was ſeh' ich! Warbeck richtet ſich bei dieſen Worten auf, ſieht dem Grafen ins Geſicht und ruft: Mein Vater!— Kildare ruft ebenfalls: Mein Sohn!— Sein Sohn?— wiederholen Alle. Warbeck eilt an die Bruſt ſeines Vaters. Kildare ſteht voll Erſtaunen, weiß nicht, was er dazu ſagen ſoll. Er bittet die Umſtehenden ihn einen Augenblick mit Warbeck allein zu laſ⸗ ſen. Man thut es aus Achtung gegen ihn; zugleich wird ge⸗ meldet, daß man zwei Moͤrder eingebracht habe; die Herzogin eilt ab, ſie zu vernehmen. Warbeck bleibt mit Kildare, der noch voll Erſtaunen iſt, in dem vermeinten York ſeinen Sohn zu finden. Warbeck erzählt ihm in kurzen Worten Alles; Kildare apoſtrophirt die Vorſicht und preist ihre Wege. Er erklaͤrt dem Warbeck, daß er nicht ſein Sohn ſey— daß er den Namen geraubt, der ihm wirklich 334 gebühre. Er ſey ein natürlicher Sohn Eduards IV, ein ge⸗ borner York. Das Raͤthſel ſeiner dunkeln Gefuhle löst ſich ihm; das Knäuel ſeines Schickſals entwirrt ſich auf einmal. In einer unendlichen Freudigkeit wirft er die ganze Laſt ſeiner bisherigen Qualen ab; er bittet den Kildare, ihn einen Augen⸗ blick weggehen zu laſſen. Kildare und die Lords. Sie ſind in Verzweiflung über den geſpielten Betrug und beklagen ihre verlorne Eriſtenz, ihre zer⸗ ſtoͤrte Hoffnung. Indem erſcheint Warbeck, den Plantagenet an der Hand fuhrend. Alle erſtaunen; Kildare erkennt den jungen Prinzen; dieſer weiß nicht, wie ihm geſchieht, bis Warbeck das ganze Geheimniß löst und damit endigt, dem Plantagenet als ſeinem Herrn zu huldigen, und ihn, als ſeinen Vetter, zu umarmen. Warbeck hat den Plantagenet vor dem York'ſchen Monumente ſchlafend gefunden und ihn von zwei Moͤrdern gerettet, die im Begriff waren, ihn zu toͤdten. Freude der Lords, Edelmuth des Plantagenet. Herzogin kommt zu dieſer Scene, ſie umarmt ihren Neffen und ſchließt ihn an ihr Herz. Die Lords verlangen, daß ſie gegen Warbeck ein Gleiches thue— Edle Erklärung Warbecks, der als ihr Neffe zu ihren Fußen fällt— Sie iſt gerührt, ſie iſt gutig und zeigt es dadurch, daß ſie geht, um die Prinzeſſin abzuholen. 33⁵ Zwiſchen⸗Handlung, ſo lang ſie weg iſt. Erichs und des Botſchafters Mordanſchlag kommt ans Licht; ihnen wird ver⸗ ziehen und ſie ſtehen beſchämt da, Warbeck zeigt ſich dem Bot⸗ ſchafter in der Stellung, wie er den Plantagenet umarmt, und ſchickt ihn zu ſeinem König mit der Erklaͤrung, daß ſie beide gemeinſchaftlich ihre Rechte an den Thron geltend machen wollten. — Die Herzogin kommt mit der Prinzeſſin zuruͤck. Schluß. Fragmente aus den erſten Seenen des erſten Akts. 6H Hof der Herzogin Margaretha zu Bruͤſſel. Eine große Halle. Erſter Auftritt. Graf Herefart mit ſeinen fünf Söhnen tritt auf. Sir William Stanley ſteht ſeitwaͤrts an dem Proſcenium und beobachtet ihn. Hereford. Dieß iſt der heil'ge Herd, zu dem wir fliehn, Ihr Söhne! Dieß der wirthliche Palaſt, WozMargaretha, die Beherrſcherin Des reichen Niederlands, ein hohes Weib, Der theuren Ahnen denkt, die Freunde ſchützt Des unterdrückten alten Königsſtamms, Und den Verfolgten eine Zuflucht beut. Seht um euch her! Gleich ſtemnälichen Penaten Empfangen euch—— Der edlen Yorks erhabene Geſtalten. Erkennt ihr ſe———— 337 Die weiße Roſe glänzt in ihrer Hand, Mit dieſem Zeichen, das wir freudig jetzt Auf unſre Hüte ſtecken——— —————— Zweiter Auftritt. Belmont. Hereford. Hinweg mit dieſem Sklaven Lancaſters! Ich floh hieher——— Lancaſtrier die freche Stirn mir zeigen. Stanley. Verraͤther nenn' ich ſo, wo ich ſie finde. Velmont. Nicht weiter, edle Lords——— Die hohe Frau, die hier gebietend waltet, Geöffnet hat ſie ihren Fürſtenhof Zu Brüſſel allen kämpfenden Parteien, Und zu vermitteln iſt ihr ſchönſter Ruhm. Stanley. (Streit zwiſchen Stanley und Herefort.) Velmont. Die Vorigen. Haltet Ruhe, Mylords! Dem Frieden heilig iſt dieß Haus. Und an der Schwelle gleich muß ein verhaßter Wohl! ein willkommener Gaſt iſt Jeder hier, Der gegen England böſe Raͤnke ſpinnt. Schillers ſaͤmmtl. Werke. VII. 338 Belmont. Sie iſt die Schweſter zweier Könige Von York——— Und hulfreich, wie's den Anverwandten ziemt, Gedenkt ſie ihres(fürſtlichen) Geſchlechts, Das unterm Mißgeſchick der Zeiten fiel. Wo fänd' es Schutz auf der feindſel'gen Erde, Wo ſonſt, als hier an ihrem frommen Herd? Doch auch dem Feind erweist ſie ſich gerecht, Und in dem Haupte dieſes edlen Lords Ehrt ſie den Abgeſandten—— VBierter Auftritt. Hereſorv. Kommt, meine Söhne! Kommet alle! Kommt! Mir ſpricht es laut im innern Eingeweide, Er iſt es! Das ſind König Eduards Züge, Das iſt das edle Antlitz meines Herrn, Auch ſeiner Stimme Klang erkenn' ich wieder— (Sich zu ſeinen Fuͤßen werfend.) O Richard! Richard, meines Königs Sohn! Warbeck. Steht auf, Mylord! Nicht hier iſt euer Platz— Hereford. ——— Wie entkamet ihr Den Mörderhänden? Redet! Wo verbarg euch Des Himmels Rettungshand—— Um jetzt auf einmal in der rechten Stunde Uns vielwillkommen zu erſcheinen? Warbeck. —— Jetzt nicht— Laßt mich Den Schleier ziehen über das Vergangne. Es iſt vorüber— ich bin unter euch— Ich ſehe von den Meinen mich umgeben. Das Schickſal hat mich wunderbar gefuͤhrt. Margarethe. Richard von Gloſter ſtieg auf Englands Thron; Des Bruders Söhne ſchleß der Tower ein. Das iſt die Wahrheit, und die Welt will wiſſen, Daß Tirrel ſich mit ihrem Blut befleckt. Ja, ſelbſt den Ort bezeichnet das Geruͤcht, Der ihr Gebein verwahren ſoll—— Doch Nacht und undurchdringliches Geheimniß Bedeckte jenes furchtbare Ereigniß Im Tower— nur die ſpaͤte Folgezeit Hat jetzt den Schleier davon weggezogen. Wahr iſys, der Mörder Tirrel ward geſchickt, 340 Die Prinzen zu ermorden; einen Macht⸗ Befehl vom König Richard zeigt' er auf; Der Prinz von Wallis fiel durch ſeinen Dolch. Den Bruder ſollte gleiches Schickſal treffen; Doch ſey's, daß das Gewiſſen des Barbaren Erwachte, daß des Kindes rührend Flehn Sein eiſern Herz im Buſen wankend machte— Er füͤhrte einen ungewiſſen Streich und grauend vor der fuüͤrchterlichen That Entfloh ee————— 2 3 5 2 . ☛ 8 Maltha iſt von der ganzen Macht Solimans belagert, der dem Orden den Untergang ſchwur. Mit den türkiſchen Befehls⸗ habern Muſtapha und Pialy ſind die Corſaren Uluzzialy und Dragut und die Algierer Haſcem und Candeliſſa vereinigt. Die Flotte der Türken liegt vor den beiden Seehäfen, und ohne eine Schlacht mit ihr zu wagen, kann kein Entſatz auf die In⸗ ſel gebracht werden. Zu Lande haben die Feinde das Fort St. Elmo angegriffen und ſchon große Vortheile darüber gewonnen. Der Beſitz dieſes Forts macht ſie zu Herren der zwei Seehäfen und ſetzt ſie in Stand, St. Ange, St. Michel und Il Borgo mit Succeß anzugreifen, in welchen Plätzen die ganze Staͤrke des Ordens enthalten iſt. La Valette iſt Großmeiſter zu Maltha. Er hat den Angriff der Türken erwartet und ſich darauf bereitet. Die Ritter ſind nach der Inſel berufen worden, und in großer Anzahl darauf erſchienen. Außer ihnen ſind noch gegen zehntauſend Soldaten vorhanden; es fehlt nicht an Kriegs⸗ und Mundvorrath und die Feſtungswerke ſind in gutem Stande. Aber gleichwohl iſt auf einen Entſatz von Sicilien aus gerechnet, weil die Feinde durch ihre Menge und Beharrlichkeit die Werke zu Grunde richten und die Mannſchaft aufreiben müſſen. La Valette hatte alle Urſache, von Sicilien Hülfe zu hoffen, da der Untergang von Maltha die Staaten des Königs von Spanien in die größte Gefahr ſetzen würde. Philipp der Zweite hat ihm daher auch alle Unterſtützung zugeſagt und ſeinem Vicekoͤnig in Sicilien deßhalb Befehle gegeben. Eine Flotte liegt 344 ausgerüſtet in den Häfen dieſer Inſel; viele Ritter und andere Krieger ſind herbeigeſtrömt, ſich nach Maltha einſchiffen zu laſ⸗ ſen; die Geſchaͤftsträger des Großmeiſters ſind bei dem ſpani⸗ ſchen Vicekönig unermüdet, um das Auslaufen dieſer Flotte zu beſchleunigen. Aber die ſpaniſche Politik iſt viel zu eigennützig, um an dieſe große Sache etwas Großes zu wagen. Die Macht der Türken ſchreckt die Spanier, und ſie ſuchen Zeit zu gewinnen, bis dieſe Feinde geſchwacht ſind. Dieß hoffen ſie von dem Wi⸗ derſtand des Ordens bei der Tapferkeit ſeiner Ritter, und er⸗ warten alsdann entweder die Aufhebung der Belagerung, oder einen leichtern Sieg. Ob der Orden dabei ſeine Kräfte zuſetzt, iſt ihnen gleichgültig; nur ganz untergehen ſoll er nicht. Der Vicekönig von Sicilien verſpricht alſo von Zeit zu Zeit Hülfe, aber er leiſtet nichts. Unterdeſſen wird das Fort St. Elmo von dem Feinde im⸗ mer heftiger bedrängt. Es iſt an ſich ſelbſt, wegen des engen Raumes, auf welchem nicht Werke genug angebracht werden konnten, kein ſehr haltbarer Platz, und faßt wenige Mannſchaft. Die Türken haben ſchon einige Außenwerke im Beſitz; ihr Ge⸗ ſchütz beherrſcht die Wälle, und es ſind ſchon bedeutende Bre⸗ ſchen geſchofſen. Die Beſatzung wird durch die Werke nicht beſchützt, und iſt bei aller ihrer Tapferkeit ein leichter Raub des feindlichen Geſchützes. Unter dieſen Umſtänden ſuchen die Ritter, denen dieſer Po⸗ ſten anvertraut iſt, bei dem Großmeiſter an, ſich an einen halt⸗ barern Ort zuruͤckziehen zu dürfen, weil keine Hoffnung ſey, Elmo zu behaupten. Auch die übrigen Ritter ſtellen dem Groß⸗ meiſter vor, daß er die Elmo'ſchen Ritter ohne Nutzen auf⸗ opfere, daß es nicht gut ſey, die Kraft des Ordens durch fort⸗ geſetzte Vertheidigung eines unhaltbaren Platzes nach und nach zu ſchwaͤchen, daß es beſſer ſeyn würde, die ganze Stärke an dem Hauptorte zu concentriren. Dieſe Gründe ſind ſehr ſcheinbar, aber der Großmeiſter denkt ganz anders. Ob er ſelbſt gleich überzeugt iſt, daß St. Elmo nicht behauptet werden kann, und die Ritter ſchmerzlich beklagt, die dabei aufgeopfert werden, ſo halten ihn doch zwei Gründe ab, den Platz preiszugeben. Erſtlich liegt Alles daran, daß ſich St. Elmo ſo lange als möglich halte, um der ſiciliſchen Hülfs⸗ flotte Zeit zu verſchaffen, heranzukommen. Denn iſt jenes Fort in den Händen des Feindes, ſo kann dieſer beide Seehaͤfen verſchließen, und der Entſatz iſt ſchwerer. Auch würden die Spanier alsdann, wie ſie gedroht haben, zurückſegeln. Zweitens muß die Macht der Türken phyſiſch und moraliſch geſchwächt werden, wenn ſie St. Elmo im Sturm zu erobern genöthigt ſind. Ihr Verluſt bei dieſer Unternehmung erſchwert ihnen die ferneren Angriffe des Hauptorts, und ein ſolches Beiſpiel verzweifelter Gegenwehr gibt ihnen einen ſo hohen Begriff von der chriſtlichen Tapferkeit, daß ſie an der Gewißheit des Sieges zu zweifeln anfangen, und zu neuen Kämpfen weniger bereit ſind. Der Großmeiſter hat alſo überwiegende Gründe, einen Theil ſeiner Ritter, die Vertheidiger des Forts St. Elmo, der Wohl⸗ fahrt des Ganzen aufzuopfern. Ein ſolches Verfahren ſtrei⸗ tet nicht mit den Geſetzen des Ordens, da jeder Ritter ſich bei der Aufnahme anheiſchig gemacht hat, ſein Leben mit blindem Gehorſam für die Religion hinzugeben. Aber zur Unterwerfung unter ein ſo ſtrenges Geſetz gehört der reine Geiſt des Or⸗ dens, weil eine ſolche That von innen heraus geſchehen muß, und nicht durch äußere Gewalt kann erzwungen werden. Aber dieſer reine Ordensgeiſt, der in dieſem Augenblick ſo nothwendig iſt, fehlt. Kühn und tapfer ſind die Ritter, aber 346 ſie wollen es auf ihre eigene Weiſe ſeyn, und ſich nicht mit blinder Reſignation dem Geſetz unterwerfen. Der Augen⸗ blick fordert einen geiſtlichen Sinn, und ihr Sinn iſt welt⸗ lich. Sie ſind von ihrem urſprünglichen Stiftungsgeiſt aus⸗ geartet; ſie lieben noch andere Dinge als ihre Pflicht; ſie ſind Helden, aber nicht chriſtliche Helden. Die Liebe, der Reich⸗ thum, der Ehrgeiz, der Nationalſtolz und ähnliche Triebfedern bewegen ihre Herzen. Die Unordnungen im Orden haben im Moment der Bela⸗ gerung ihren höchſten Gipfel erreicht. Viele Ritter uberlaſſen ſich offenbar ihren Ausſchweifungen, und trotzen darauf, daß Krieg und Gefahr die Freiheit begünſtigen. La Valette war ſeither nachſichtig, theils aus liberaler Denkart, theils weil er ſich ſelbſt von gewiſſen Menſchlichkeiten nicht frei wußte; aber jetzt ſieht er ſich genöthigt, den Orden in ſeiner erſten Reinheit herzuſtellen, und gleichſam neu zu erſchaffen. Fragment der erſten Seene. Eine offene Halle, die den Proſpect nach dem Hafen eroͤffnet. Nomegas und Biron ſtreiten um eine griechiſche Gefangene; dieſer hat ſie gefaßt, jener will ſich ihrer bemaͤchtigen. Romegas. Verwegner, halt! Die Sklavin raubſt du mir, Die ich erobert und fuͤr mein erklärt? Biron. Die Freiheit geb' ich ihr. Sie wäͤhle ſelbſt Den Mann, dem ſie am liebſten folgen mag. Romegas. Mein iſt ſie durch des Krieges Recht und Brauch; Auf dem Corſarenſchiff gewann ich ſie. Biron. Den rohcorſariſchen Gebrauch verſchmäht, Wer freien Herzen zu gefallen weiß. Vomegas. Der Frauen Schönheit iſt der Preis des Muths. Biron. Der Frauen Ehre ſchützt des Ritters Degen. KRomegas. Sanct Elm' vertheidige! Dort iſt dein Platz. 348 Biron. Dort iſt der Kampf und hier des Kampfes Lohn. Vomegas. Wohl ſichrer iſt es, Weiber hier zu ſtehlen, Als männlich dort dem Türken widerſtehn. Biron. 4 Vom heißen Kampf, der auf der Breſche glüht, Läßt ſich's gemaͤchlich hier im Kloſter reden. Romegas. Gehorche dem Gebietenden! Zurück! Biron. Auf deiner Flotte herrſche du, nicht hier! NRomegas. Das große Kreuz auf dieſer Bruſt verehre! Biron. Das kleine hier bedeckt ein großes Herz. Romegas. Ruhmredig iſt die Zunge von Provence. Biron. Noch ſchaͤrfer iſt das Schwert. Romegas. Ritter(kommen herzu). Recht hat der Spanier— der Uebermuth Des Provengalen muß gezüchtigt werden. Andere Ritter(kommen von der andern Seite). Drei Klingen gegen Eine!—— Zu Huͤlf'! zu Huͤlf'! Drei Klingen gegen Eine! Auf den Caſtilier! Friſch wackrer Bruder! Wir ſtehn zu dir. Dir hilft die ganze Zunge. 349 Nitter. Zu Boden mit den Provengalen! Andere Ritter. Nieder Mit den Hiſpaniern! Es kommen noch mehrere Ritter von beiden Seiten hinzu. Der Chor tritt auf und trennt die Fechtenden. Er beſteht aus ſechzehn geiſtlichen Ritern in ihrer langen Ordenstracht, die in zwei Reihen die üͤbrigen umgeben. Der Chor ſchilt die Ritter, daß ſie ſich ſelbſt in dieſem Augenblick befehden. Schilderung der drohenden Gefahr und Beſorgniß, die auf die äußere Lage des Ordens und ſeinen inneren Zuſtand ſich gründen. Uebermuth der Ritter, die auf Hulfe aus Sicilien rechnen. La Valette erſcheint mit Miranda, einem Abgeſandten aus Sicilien. Der Großmeiſter fordert die Ritter auf, nichts von irdiſchem Beiſtande zu erwarten, ſondern dem Himmel und ihrem eignen Muthe zu vertrauen. Miranda erklärt, daß von Spanien vorjetzt noch nichts zu hoffen ſey, daß St. Elmo be⸗ hauptet werden müſſe, wenn die ſieiliſche Flotte erſcheinen ſolle, und daß ſie zurückſegeln wurde, wenn bei ihrer Ankunft jenes Fort ſchon in den Händen der Türken wäre. Murren der Ritter über die ſpaniſche Politik. Miranda entſchließt ſich frei⸗ willig, auf der Inſel zu bleiben und das Schickſal des Ordens zu theilen. Ein alter Chriſtenſklave wird vom Ritter Montalto zum Großmeiſter gebracht. Er iſt vom türkiſchen Befehlshaber unter dem Vorwand abgeſendet, eine Unterhandlung wegen 350 des Forts St. Elmo anzuknüpfen, aber eigentlich, um mit einem Verräther einen Briefwechſel zu eröffnen. Der Groß⸗ meiſter will von keinem Vertrage zwiſchen den Rittern und den Ungläubigen hören, und droht, jeden kunftigen Herold töd⸗ ten zu laſſen. Dem Chriſtenſklaven, der ſein hartes Schickſal beklagt, wird freigeſtellt, in Maltha zu bleiben. Er zieht vor, in ſeine Gefangenſchaft zurückzugehen, weil er überzeugt iſt, daß Maltha ſich nicht halten könne. Ehe er abgeht, läßt er ein Wort von Verrätherei fallen. 5 Es erſcheinen zwei Abgeordnete von der Beſatzung in St. Elmo. Dieſe Beſatzung iſt nicht von dem Großmeiſter ausge⸗ wählt, ſondern ohne ſeine Zuthun durch eine geſetzliche Ord⸗ nung beſtimmt worden. Ein zwanzigjähriger Ritter, St Prieſt, der von Allen geliebt und vom Großmeiſter beſonders ausge⸗ zeichnet wird, gehört zu den Vertheidigern von St. Elmo. Er gleicht an Geſtalt und Tapferkeit einem jugendlichen Rinaldo. Er iſt eine Geißel der Türken, und, ſo ſehr man ihn zu ſchonen ſucht, bei jedem Kampfe der Erſte. Aber mitten in Tod und Gefahr bleibt er unverletzt; ſein Anblick ſcheint den Feind zu entwaffnen, oder eine Wache von Engeln ihn zu um⸗ geben. Crequi, ein anderer junger Ritter von heftiger Ge⸗ muthsart, wird durch ein leidenſchaftliches, aber edles Gefühl an ihn gefeſſelt. Die Abgeordneten ſchildern die Lage von St. Elmo, die Forlſchritte des Feindes, die Unhaltbarkeit der Fe⸗ ſtung, und bitten, der Beſatzung zu geſtatten, ſich auf einen andern Poſten zurückzuziehen. Die juͤngern Ritter, beſonders Crequi, unterſtützen dieß Geſuch mit Nachdruck; aber der Groß⸗ meiſter ſchlaͤgt es ab. Er gibt ſeine Theilnehmung an dem Schickſal der Beſatzung deutlich zu erkennen; aber mit Ernſt 351 und Feſtigkeit erklärt er, St. Elmo müſſe behauptet werden, und entſernt ſich mit den aͤltern Rittern. Murren der juͤngern Ritter uͤber den Großmeiſter. Crequi fragt ängſtlich nach St. Prieſt, und hört von den Abgeordne⸗ ten, wie ſehr er vorzüglich der Gefahr ausgeſetzt iſt. Montalto kommt von der Begleitung des Chriſtenſtlaven zurück, und nährt die Erbitterung gegen den Großmeiſter durch boshafte Winka uber ſeine Haͤrte und Willkür. Die Mißvergnügten entſernen ſich; der Chor bleibt zuruck. Er klagt uüber den Verfall des Ordens, und über Ungerechtig⸗ keit gegen den Großmeiſter, deſſen Verdienſte er anerkennt. Erinnerungen aus der Geſchichte des Ordens. La Valette, der Chor. Der Großmeiſter zeigt ſich als Menſch. Er fürchtet, nicht Stärke genug zu haben, auf der Nothwendigkeit zu beharren. Die Aufopferung der tapfern Vertheidiger von St. Elmo ſchmerzt ihn tief. Auch iſt er be⸗ kümmert uber die im Orden eingeriſſenen Mißbräuche. Der Chor macht ihm die Folgen ſeiner Nachſicht bemerklich, und erinnert ihn an den Streit über die Griechin. La Valette ge⸗ ſteht ſeinen Fehler, und will Alles verſuchen, um eine gaͤnz⸗ liche Reform des Ordens zu bewirken. Jene Griechin hat er ſchon wegbringen laſſen. 3⁵² Romegas, Biron und die Vorigen. Die beiden Ritter beklagen ſich über die Wegführung der Griechin. La Valette erinnert die Ritter an ihr Geluͤbde. Sie behaupten, der jetzige Zeitpunkt gebe ihnen ein Recht auf Nachſicht. Es zeigt ſich ihre wilde Natur, die bei der höchſten Gefahr alle Schranken durchbricht. Den Augenblick wollen ſie genießen, da ihnen die näͤchſte Stunde vielleicht nicht mehr gehört. Der Tapfere, deſ⸗ ſen man bedarf, glaubt dem Geſetze trotzen zu können. Der Großmeiſter ſpricht zu ihnen mit Ernſt als Gebieter und ent⸗ fernt ſich. Romegas und Biron, aufs hoͤchſte erbittert, vereinigen ſich gegen den Großmeiſter. Romegas hält ihn ohnehin ſchon fur ſeinen Feind. Crequi kommt herzu, und ſpricht ohne Schonung über die Haͤrte des Großmeiſters. Das Geſpraͤch wird durch Montalto unterbrochen, der neue Abgeordnete von St. Elmo ankündigt. Der Zuſtand des Forts hat ſich ſehr verſchlimmert; die Türken ſind im Beſitz eines bedeutenden Außenwerks. Die Beſatzung dringt nochmals auf Erlaubniß zum Abzuge, oder will dem gewiſſen Tode in einem Ausfall entgegengehen. Unter den Abgeordneten iſt St. Prieſt, durch den man den Großmeiſter zu gewinnen hofft. La Valette weigert ſich, ſie zu ſprechen. Dieſe ſcheinbare Härte empört die Ritter noch mehr, obwohl ſie eine Wirkung ſeiner Weichheit iſt, da er ſich nicht Feſtigkeit genug zutraut, um einen Jüngling, der ihn naͤher angeht, in ſolchen Verhaͤltniſſen zu ſehen. St. Prieſt iſt ſein natuͤrlicher Sohn, aber Niemand weiß davon, als La Valette ſelbſt. * 353 Die Abgeordneten treten auf, begleitet von mehreren Rit⸗ tern, die uber den Großmeiſter ihren Unwillen laut werden laſſen. St. Prieſt ſelbſt iſt ſtill, aber Crequi uberläßt ſich dem heftigſten Ausbruche der Leidenſchaft. Romegas und Biron ſtimmen ihm bei. Montalto benutzt dieſen Moment, die Ritter gegen den Großmeiſter aufzuwiegeln. Vergebens erin⸗ nert ſie der Chor mit Nachdruck an ihre Pflicht. Es entſteht ein furchtbarer Bund gegen den Großmeiſter. La Valette gibt dem Ingenieur Caſtriotto den Auftrag, den Zuſtand von St. Elmo zu unterſuchen. Der Großmeiſter hat Verdacht auf Montalto und läßt ihn genau beobachten. Er ſpricht ihn allein, um ihn mit Sanft⸗ muth zu warnen, aber ohne Erfolg. Montalto läugnet beharr⸗ lich und dreiſt, und trotzt auf ſeine Wuͤrde als Commandeur. Nach ſeinem Abgange erſcheint St. Prieſt vor La Valette. Der Jüngling denkt ganz anders, als die übrigen Abgeordneten von St. Elmo. Er wünſcht nicht zuruckberufen zu werden, und kommt jetzt, dem Großmeiſter mit kindlich offenem Ver⸗ trauen die Empörung der Ritter zu entdecken. La Valette verbirgt ſein Gefuhl mit Muhe. Er ſpricht noch mit St. Prieſt als Großmeiſter, und entläßt ihn mit Auftraͤgen. Begeiſterung des Jünglings für ſeine Pflicht und für das Perſönliche des Großmeiſters. Schillers ſaoͤmmtl. Werke. VII. 3⁵⁴4 Romegas, Biron, Crequi und mehrere ihrer Anhaͤnger treten auf. Sie beginnen mit nachdrücklichen Vorſtellungen wegen der Beſatzung von St. Elmo, und auf des Großmei⸗ ſters Weigerung ſprechen ſie als Empörer. Crequi vergeht ſich am meiſten. Auf den Vorwurf, daß La Valette durch ſeine Harnäckigkeit den Orden zum Untergang führe, antwortet er, der Orden ſey ſchon untergegangen, ſey in dieſem Augenblicke nicht mehr, und nicht durch die Macht des Feindes, ſondern durch innern Verfall. Er entfernt ſich mit Würde und ge⸗ bietet den Rittern, ſeine Beſehle zu erwarten. Die Ritter ſind durch die letzte Rede des Großmeiſters er⸗ ſchüttert, und einige unter ihnen fangen an, ihr Unrecht ein⸗ zuſehen. Ein Ritter bringt die Nachricht, ein Renegat habe ſich mit Aufträgen vom türkiſchen Befehlshaber gezeigt, unge⸗ achtet La Valette jeden feindlichen Unterhändler mit dem Tode bedroht habe. Bei dem Renegaten habe man Briefe mit gro⸗ ßen Verſprechungen an Montalto gefunden. Montalto ſey zu dem Feinde entflohen. Die Ritter beſinnen ſich, daß er es war, der am meiſten die Erbitterung gegen den Großmeiſter nährte. Miranda, der ſpaniſche Geſandte, nach ihm die jüngſten Ritter, ſodann einige der aͤlteſten Ritter und zuletzt der Chor, treten bewaffnet auf. Ihnen folgt der Großmeiſter mit Ca⸗ ſtriotto. Der Ingenieur erhaͤlt Befehl, vor der ganzen Ver⸗ ſammlung uber den Zuſtand von St. Elmo ſeinen Bericht zu erſtatten. Er behauptet, daß es noch möglich ſey, die Werke von St. Elmo eine Zeitlang zu vertheidigen. Jetzt fragt der Großmeiſter die jüngſten und älteſten Ritter, dann den Chor 3 ——— ———; 355 und Miranda, ob ſie unter ſeiner Anfuhrung dieſe Verthei⸗ digung üͤbernehmen wollen. Alle ſind bereit, und nun bewilligt der Großmeiſter der Beſatzung von St. Elmo den Bbzug, ent⸗ läßt die aufruhriſchen Ritter und befiehlt nur dem Romegas, zu bleiben. La Valette ſpricht mit ihm als ein Sterbender, der ſeinen letzten Willen eröffnet. Nur Romegas, der den Orden ins Verderben geſturzt habe, ſey im Stande, ihn zu retten. Ihn habe er zu ſeinem Nachfolger gewaͤhlt, und die wichtigſten Stimmen fuͤr ihn gewonnen. Romegas wird nun auf den Standpunkt eines Furſten geſtellt, wo er fähig iſt zu ſtehen, und erkennt das Verwerfliche ſeines zeitherigen Betragens. Aeußerſt beſchämt durch die Großmuth eines Mannes, den er ſo ſehr verkannte, entfernt er ſich in der Abſicht, durch die That zu zeigen, daß er eines ſolchen Vertrauens nicht un⸗ werth ſey. St. Prieſt erſcheint, um vom Großmeiſter Abſchied zu nehmen. La Valette iſt aufs aͤußerſte bewegt. Er entdeckt ſich als Vater, ſegnet ſeinen Sohn, und ſagt ihm, daß er dem Tode mit ihm auf St. Elmo entgegen gehen werde. Der Chor iſt hierbei gegenwaͤrtig. Romegas tritt auf mit den aufruhriſchen Rittern und den Abgeordneten von St. Elmo. Alle bereuen ihr Vergehen, und Jeder iſt bereit, ſich auf St. Elmo für die Erhaltung des Or⸗ dens aufzuopfern. Der Chor beſchämt die Ritter noch tiefer, b 5 8 22, 3 356 indem er ihnen entdeckt, daß St. Prieſt der Sohn des Groß⸗ meiſters iſt, und daß er ihn eben jetzt dem Tode geweiht hat. La Valette weigert ſich anfaͤnglich, von ſeinem erſten Entſchluß abzugehen, bis er von einer gänzlichen Sinnesaͤnderung der Ritter uberzeugt iſt. Endlich willigt er ein, daß die Vertheidiger von St. Elmo dieſen Poſten noch ferner behaupten duürfen, und ergibt ſich aus Pflicht in die Nothwendigkeit, ſich ſelbſt als Großmeiſter in dem jetzigen Zeitpunkte dem Orden zu erhalten. Alle dringen in ihn, ſich nicht von ſeinem Sohne zu trennen. Jeder iſt bereit, die Stelle des trefflichen Junglings zu ver⸗ treten. St. Prieſt widerſetzt ſich und bleibt unbeweglich. Die höchſte Begeiſterung ſpricht aus ihm. Auch La Valette will von keiner Ausnahme, von keiner perſönlichen Rückſicht etwas hören. St. Prieſt nimmt Abſchied vom Großmeiſter und von Crequi. Der Chor allein, in der hoͤchſten Würde, begeiſtert durch lles, was den Menſchen erhebt, pflichtgefuhl, Rittergeiſt, Religion. Nachrichten von St. Elmo.— Das Fort wird geſtürmt. Crequi iſt nach St. Elmo entflohen, um mit dem Freunde zu ſterben.— La Valette tritt auf, außerſt bekümmert, aber mit männlichem Ernſt. Er fuhlt tief, was er auſopfert. St. Elmo iſt erobert. Ein Grieche, Laſkaris, aus einem Geſchlecht, das auf dem griechiſchen Kaiſerthron regiert hat, entflieht mit äußerſter Lebensgefahr aus dem türkiſchen Heer, wo er einen hohen Poſten bekleidete, zu den Maltheſern, deren Heroismus er bewundert, und an deren Religion ihn die erſten 3⁵7 Eindrücke der Jugend feſſeln. Er gibt ausführlichen Bericht von den unglaublichen Thaten der Vertheidiger von St. Elmo, von dem ungeheuren Verluſt der Türken, von ihrem Entſetzen, als ſie den Zuſtand der Feſtung und die geringe Anzahl ihrer Vertheidiger gewahr wurden, von einer beſonders wichtigen Ein⸗ buße der Feinde in der Perſon eines ihrer erſten und erfahren⸗ ſten Befehlshaber, des Beherrſchers von Tripoli, Dragut, der bei dieſer Belagerung fiel.— Von Montalto's Verrätherei iſt nichts weiter zu furchten. Er iſt bei dem Sturme auf St. Prieſt getroffen und hat ſeinen Lohn gefunden. Der Leichnam des St. Prieſt iſt aus den Wellen aufge⸗ fangen worden. Er wird gebracht, und die Ritter begleiten ihn in ſtummer Trauer. La Valette erhebt ſich uber ſich ſelbſt. Er preist die hohe Beſtimmung ſeines verklärten Sohns, ſieht in allen Rittern ſeine Söhne, und vertraut feſt auf die Kraft des Ordens, die jetzt als unbedingt und unendlich daſteht. Durch ein großes Opfer iſt der Sieg ſo gut als entſchieden, ſo wie in dem perſiſchen Kriege durch den Tod des Leonidas.— Der Erfolg hat dieſen Glauben bewährt. o A — 2 3, ‿ 8 8 8 8 △ 2 2 — 2 Vorerinnerung. Die Idee eines dramatiſchen Gemäldes von der Polizei in Paris unter Ludwig XIV hat Schillern einige Zeit beſchäftigt. Ueber dem bunten Gewuhl der mannichfaltigen Geſtalten einer Pariſer Welt ſollte die Polizei gleich einem Weſen höherer Art emporſchweben, deſſen Blick ein unermeßliches Feld überſchaut und in die geheimſten Tiefen dringt, ſo wie fur deſſen Arm nichts unerreichbar iſt. „Paris erſcheint in ſeiner Allheit. Die äußerſten Extreme von Zuſtaͤnden und ſittlichen Fällen in ihren höchſten Spitzen und charakteriſtiſchen Punkten kommen zur Darſtellung, die einfachſte Unſchuld, wie die naturwidrigſte Verderbniß, die idyl⸗ iſche Ruhe, wie die duͤſtere Verzweiflung.“ „Ein höchſt verwickeltes, durch viele Familien verſchlungenes Verbrechen, welches bei fortgehender Nachforſchung immer zu⸗ ſammengeſetzter wird und immer andere Entdeckungen mit ſich bringt, iſt der Hauptgegenſtand. Es gleicht einem ungeheuren Baum, der ſeine Aeſte weit herum mit andern verſchlungen hat, und welchen auszugraben man eine ganze Gegend durch⸗ wühlen muß. So wird ganz Paris durchwühlt, und alle Arten von Exiſtenz werden bei dieſer Gelegenheit nach und nach an das Licht gezogen.“ „Der Fall iſt ſcheinbar unauflöslich, aber Argenſon— an der Spitze der Polizei— nachdem er ſich gewiſſe Datg hat 36²2 geben laſſen, verſpricht, im Vertrauen auf ſeine Macht, einen glücklichen Erfolg, und gibt ſogleich ſeine Aufträge.“ „Nach langem Forſchen verliert er die Spur des Wildes, und ſieht ſich in Gefahr, ſein dreiſt gegebenes Wort doch nicht halten zu können. Aber nun tritt gleichſam das Verhängniß ſelbſt ins Spiel und treibt den Mörder in die Hände des Gerichts.“ „Argenſon hat die Menſchen zu oft von ihrer ſchändlichen Seite geſehen, als daß er einen edlen Begriff von der menſch⸗ lichen Natur haben könnte. Er iſt unglaubiger gegen das Gute, und gegen das Schlechte toleranter geworden; aber er hat das Gefuͤhl für das Schöne nicht verloren, und da, wo er es unzweideutig antrifft, wird er deſto lebhafter davon gerührt. Er kommt in dieſen Fall und huldigt der bewährten Tugend.“ „Er erſcheint im Laufe des Stücks als Privatmann, wo er einen ganz andern, jovialiſchen und gefälligen Charakter zeigt, und als feiner Geſellſchafter, als Mann von Herz und Geiſt, Wohlwollen und Achtung verdient. Er findet wirklich ein Herz, das ihn liebt, und ſein ſchönes Betragen erwirbt ihm eine liebenswürdige Gemahlin.“ „Der Polizeiminiſter kennt, wie der Beichtvater, die Schwaͤ⸗ chen und Blöͤßen vieler Familien, und hat eben ſo, wie dieſer, die höchſte Discretion noͤthig. Es kommt ein Fall vor, wo Jemand durch die Allwiſſenheit desſelben in Erſtaunen und Schrecken geſetzt wird, aber einen ſchonenden Freund an ihm findet.“ „Scene Argenſons mit einem Philoſophen und Schriftſteller. Sie enthaͤlt eine Gegeneinanderſtellung des Idealen mit dem Realen, und es zeigt ſich die Ueberlegenheit des Nealiſten über den Theoretiker.“ „Argenſon warnt auch zuweilen die Unſchuld ſowohl als die 363 Schuld. Er läßt nicht nur den Verbrechern, ſondern auch ſol⸗ chen Ungluücklichen, die es durch Verzweiflung werden können, Kundſchafter folgen. Ein ſolcher Verzweifelnder kommt vor, gegen den ſich die Polizei als eine rettende Vorſicht zeigt.“ „Auch die Nachtheile der Polizeiverfaſſung ſind darzuſtellen. Die Bosheit kann ſie zu ihren Abſichten brauchen, der Unſchul⸗ dige kann durch ſie leiden; ſie iſt oft genöthigt, ſchlimmer Werkzeuge ſich zu bedienen, ſchlimme Mittel anzuwenden. Selbſt die Verbrechen ihrer eignen Officianten haben eine gewiſſe Strafloſigkeit.“— Von einer weitern Ausführung dieſer Ideen in ihrem gan⸗ zen Umfange findet ſich nichts in Schillers Papieren, aber da⸗ gegen der Plan eines Drama, wobei nur ein ſehr kleiner Theil jenes Stoffs zum Grunde liegt. Es war in Schillers Charakter, daß ſich der erſte Gedanke nicht beſchräͤnkte, ſondern erweiterte, wenn es zur Ausfüuͤhrung kam. Man ſollte daher glauben, ſol⸗ gender Plan ſey früher— etwa bei Leſung der Causes célèbres des Pitaval— entſtanden, und vielleicht eben deßwegen auf⸗ gegeben worden, weil er auf jene Ideen fuͤhrte, die einen ſo großen Reichthum von Charakteren und Situationen darboten. —— Narbonne iſt ein reicher angeſehener Particulier, in einer franzöſiſchen Provincialſtadt— Bordeaux, Lyon oder Nantes— ein Mann in ſeinen beſten Jahren zwiſchen vierzig und fünßzig. Er ſteht in allgemeiner öffentlicher Achtung, und die Neigung, die man zu ſeinem verſtorbenen Bruder Pierre Narbonne gehabt hatte, hat ſich ſchon auf ſeinen Namen fortgeerbt. Er iſt der einzige Uebriggebliebene dieſes Hauſes, weil ſein Bruder keinen Erben hinterließ; denn zwei Kinder desſelben verunglückten bei einer Feuersbrunſt durch Sorgloſigkeit der Bedienten. 364 Nach dem Tode Pierre's war Louis der einzige Erbe. Er war damals abweſend und kam zurück, um ſeinen beſtändigen Aufenthalt in dieſer Stadt zu nehmen. Seit dieſer Zeit ſind zehn Jahre verfloſſen, und Narbonne iſt nun im Begriff, eine Heirath zu thun und ſein Geſchlecht fortzu⸗ pflanzen. Er hat eine Neigung zu einem ſchönen, edeln und reichen Fräulein, Victoire von Pontis, deren Eltern ſich durch ſeine Anträge geehrt finden, und ihm mit Freude ihre Tochter zuſagen. 3 Nun war vor ungefähr ſechs Jahren ein junger Mann, Namens Saint⸗Foix, in Narbonne's Haus als eine hulfloſe Waiſe aufgenommen worden, und hatte viele Wohlthaten, be⸗ ſonders eine gute Erziehung, von ihm erhalten. Er lebte bei ihm nicht auf dem Fuß eines Hausbedienten, ſondern eines armen Verwandten, und die ganze Stadt bewunderte die Groß⸗ muth Narbonne's gegen dieſen jungen Menſchen, den man ſchon zu beneiden anfing. Saint⸗Foix machte ſchnelle Fortſchritte in der Bildung, die ihm Narbonne geben ließ. Er zeigte treffliche Anlagen des Kopfs und Herzens, zugleich aber auch einen gewiſſen Adel und Stolz, der dem armen aufgegriffenen Waiſen nicht recht zuzu⸗ kommen ſchien. Er war voll dankbarer Ehrfurcht gegen ſeinen Wohlthäter, aber ſonſt zeigte er nichts Gedrucktes noch Ernie⸗ drigtes; er ſchien, indem er Narbonne's Wohlthaten empfing, ſich nur ſeines Rechts zu bedienen. Sein Muth ſchien oft an nebermuth, eine gewiſſe Naivetät und Fröhlichkeit an Leichtſinn zu gränzen. Er war verſchwenderiſch, frei und eiferſuchtig auf ſeine Ehre. Victoire hatte öfters Gelegenheit gehabt, dieſen Saint⸗Foir zu ſehen, und empfand bald eine Neigung fuür ihn, welche aber hoffnungslos ſchien. Die Bewerbungen Narbonne's um ihre 365 Hand, vor denen ſie ein beſonderes Grauen hatte, verſtaͤrkten ihre Gefuͤhle fuͤr Saint⸗Foix um ſo mehr, da dieſer von Nar⸗ bonne ſelbſt bei dieſer Gelegenheit oͤfter an ſie geſchickt wurde. Saint⸗Foix betete Victoire von dem erſten Augenblick an, als er ſie kennen lernte, aber ſeine Wuͤnſche wagten ſich nicht zu ihr hinauf. Er hatte ein anderes Maͤdchen kennen lernen, welches ſo wie er elternlos war, und dem er einen großen Dienſt geleiſtet hatte. Fuͤr dieſe hatte er eine zaͤrtliche Freundſchaft, zwiſchen ihr und Victoiren war ſein Herz getheilt; aber er unterſchied ſehr wohl ſeine Gefuͤhle. Von den zahlreichen Hausgenoſſen Narbonne's, worunter ein einziger alter Diener Pierre Narbonne's, Namens Thierry, ſich noch erhalten hatte, wurde Saint⸗Foix zum Theil gehaßt und beneidet; nur eine weibliche Perſon unter denſelben hatte fuͤr ihn eine Neigung, und Plane auf ſeine Hand. Sie war viel aͤlter und ohne einen andern Anſpruch auf ihn als das kleine Gluͤck, was ſie mit ihm theilen konnte, und das nicht aufs beſte erworben war. Ihr Name war Madelon. So verhielten ſich die Sachen, als die Handlung des Stuͤcks eroͤffnet wurde. Madelon kommt von einer kleinen Wallfahrt zuruͤck, wo ſie fur ihre Unruhe Troſt geſucht hatte. Ein begangenes Unrecht quaͤlt ſie; ſie bringt keinen Troſt zuruͤck. Sie findet Narbonne zufrieden, ruhig und ſicher; Alles ſcheint ihm nach Wunſch zu gehen. Nur iſt er aͤrgerlich uͤber einen weggekommenen Schmuck, den er ſeiner Braut hatte ver⸗ ehren wollen, und er will die Gerichte deßwegen in Bewegung ſetzen. Schillers ſaͤmmtl. Werke. VII. 24 Madelon erſchrickt. Laßt die Gerichte ruhen! ſagt ſie. Nehmt das kleine Ungluͤck willig hin!—„Es iſt kein kleines Ungluͤck.“— Nehmt's an als eine Buße! Schon lange hat mich die ununterbrochene Dauer Eures Wohlſtandes bekuͤmmert. —„Ich will aber mein Recht verfolgen.“— Euer Recht! ſeufzt Madelon. Noch groͤßere Unruhe zeigt Madelon, wie ſie hoͤrt, daß eine Zigeunerin im Hauſe geweſen ſey, welche man des Schmucks wegen im Verdacht habe. Sie beklagt ſehr, daß ſie nicht hier geweſen.„Ach, indem ich eine fruchtloſe Wallfahrt anſtellte, um mein Herz zu beruhigen, habe ich die einzige Gelegenheit verfehlt, meines langen Grams los zu werden.“ Herr von Pontis, Bailif des Orts und kuͤnftiger Schwieger⸗ vater Narbonne's, kommt, wegen des entwendeten Schmucks die noͤthigen Erkundigungen einzuziehen. Dieß geſchieht mit einiger Foͤrmlichkeit und mit Zuziehung eines Gerichtsſchreibers. Der Schmuck wird beſchrieben, die Hausgenoſſen werden auf⸗ gezaͤhlt, und bei dieſer Gelegenheit exponirt ſich ein Theil der Geſchichte. Beſonders iſt die Rede von Saint⸗Foir. Seine Geſchichte wird erzaͤhlt, und zeigt den Narbonne im Licht eines Wohlthaͤters. Er ſcheint keinem Verdacht gegen Saint⸗Foix Raum zu geben. Nach dieſen officiellen Dingen wird von der Heirath ge⸗ ſprochen. Pontis zeigt, wie ſehr er und die ganze Stadt den Narbonne verehre, und iſt gluͤcklich in dem Gedanken einer Verbindung mit ihm. Saint⸗Foix im Geſpraͤch mit dem alten Thierry. Der junge Menſch zeigt die leidenſchaftlichſte Unruhe; es iſt ihm zu 367 enge in dem Hauſe, er ſtrebt ins Weite fort; dabei hat er etwas Geheimnißvolles, Unſicheres, Scheues, Gewaltſames, was ausſieht, wie Gewiſſensangſt. Beſonders ſcheint er ſich eines großen Undanks gegen Narbonne anzuklagen. Wie von der Heirath desſelben die Rede iſt, ſteigt ſeine Unruhe aufs hoͤchſte. Seine Scene mit Thierry gleicht einem ewigen Abſchiede. Er nimmt auch Abſchied von den lebloſen Gegenſtänden, und ſo reißt er ſich los in der gewaltſamſten Stimmung. Thierry ſchuͤttelt das Haupt, und ſcheint ſich mit Macht gegen einen aufſteigenden Verdacht zu wehren. In ſeinem Monolog ſpricht ſich's aus, wie es in alten Zeiten hier war und wie es jetzt iſt. Saint⸗Foir mit Adelaiden. Spuren einer unſchuldigen Neigung, Dankbarkeit des Maͤdchens, Mitleiden des Juͤng⸗ lings. Sie erzaͤhlt ihre Schickſale, er die ſeinigen. Adelaide iſt einer gefaͤhrlichen Zigeunerin entſprungen, die ſie tyranniſirte und zum Boͤſen verleiten wollte. Saint⸗Foix hat ſie in einer hülfloſen Lage gefunden, und zu guten Leuten gebracht, bei denen ſie ſich noch heimlich aufhaͤlt. Adelaide hat aus Armuth ihren einzigen Reichthum, eine Koſtbarkeit, verkaufen wollen; der Goldſchmied, dem ſie ge⸗ bracht wird, erkennt ſie fuͤr eine Arbeit, die er ſelbſt fuͤr die Frau von Narbonne gefertigt hat, gibt es an, und dieß ver⸗ anlaßt die Einziehung Adelaidens. ——/ 368 Die Pölzeidiener erſcheinen, und fordern von Adelaiden, daß ſie ihnen zum Baillif folgen ſoll. Saint⸗Foix widerſetzt ſich vergebens. Victoire und ihre Mutter. Jene zeigt ihren Abſcheu vor der Bewerbung Narbonne's, um welche die ganze Welt ſie benei⸗ det. Man bemerkt an ihr außer dieſem Widerwillen vor Nar⸗ bonne's Perſon auch eine geheime und hoffnungsloſe Neigung. Pontis kommt und berichtet, daß man dem geſtohlenen Schmuck auf der Spur ſey. Adelaide wird gebracht, und wie Pontis fortgeht, um ſie zu verhoͤren, kommt Saint⸗Foix in großer Bewegung zur Victoire, um ihren Beiſtand und ihre Verwendung fuͤr Ade⸗ laiden aufzurufen. Eine affectvolle Scene zwiſchen beiden, die zur gegenſeitigen Entdeckung ihrer Liebe führt.— Narbonne kommt zu dieſer Scene und findet in Saint⸗ Foix ſeinen Nebenbuhler. Pontis tritt wieder herein nach geendigtem Verhoͤr, und erklaͤrt Saint⸗Foix fuͤr mitſchuldig. Narbonne hoͤrt, daß ein Theil des Schmucks ſich gefunden habe; aber wie er dieſen Schmuck ſieht, geraͤth er in große Beſtuͤrzung. Scene zwiſchen Pontis und Narbonne. Dieſer macht den Großmuͤthigen, will die Unterſuchung fallen laſſen, und beide —— 369 verdächtige Perſonen nach den Inſeln ſchicken. Pontis beſteht auf der ſtrengſten Unterſuchung. Wie ſie noch beiſammen ſind, wird dem Baillif gemeldet, daß man die Zigeunerin aufgebracht habe, und, daß Adelaide bei⸗ ihrem Anblick in Schrecken ge⸗ rathen ſey.* 24 — Madelon und Narbonne. Jene hat die Zigeunerin erkannt als diejenige, der ſie die beiden Kinder Pierre Narbonne's uͤbergeben hatte, als ſie ausſprengte, daß ſie bei einem Brande umgekommen waͤren. Es entdeckt ſich, daß Adelaide die Tochter ſey, aber wo der Knabe hingekommen, bleibt noch unbekannt. Pontis kommt, und meldet, daß ſich Adelaide und Saint⸗ Foix als Geſchwiſter erkannt haͤtten, und daß die Zigeunerin beide vor ſechzehn Jahren erhalten habe. Saint⸗Foix hatte nur fuͤnf Jahre bei ihr zugebracht, und war ihr ſchon in ſeinem zehnten Jahre entlaufen. Narbonne will nun dazwiſchen treten, und die weitere Er⸗ oͤrterung hemmen; Pontis aber will die Eltern der Kinder entdeckt haben, und erinnert ſich an den Schmuck. Narbonne ſchlaͤgt dem Saint⸗Foir und Adelaiden eine heim⸗ liche Flucht vor, aber beide weigern ſich. Narbonne und Madelon. Madelon hat die Kinder erkannt, und dringt in Narbonne, ſie an Kindesſtatt anzunehmen und 370 zu ſeinen Erben einzuſetzen. Narbonne iſt in groͤßter Verlegen⸗ heit; er weiß keinen Ausweg, als durch den Tod der Madelon, und ermordet ſie... . — X. Die Kinder des Hauſes ſind eaine und werden von einer ubelnden Menge zu Narbonne gebracht. Der Mörder Pierre Narbonne's kennt eine geheime Thuͤr zu Louis Narbonne's Zimmer; er iſt auf dieſem Wege heimlich hereingekommen, hat den Schmuck liegen geſehen und iſt mit dieſem davon gegangen. Dem Narbonne ließ er ein paar Zeilen zuruͤck, worin er ihm anzeigte, daß er nun in die weite Welt gehe, weil er einer Mordthat wegen fliehen muͤſſe. Auf dieſer Flucht wird er angehalten, welches eine Folge der Polizeiver⸗ anſtaltung iſt. Narbonne findet auf ſeinem Zimmer die Spuren des Moͤrders. Pontis meldet triumphirend den gefundenen Schmuck. Narbonne verſucht umſonſt zu entfliehen. Er und der Moͤrder werden confrontirt. Sein Verſuch, ſich zu tödten, wird vereitelt; er wird ganz entlarvt und den Gerichten uͤber⸗ geben. Saint⸗Foix erhaͤlt die Hand der Victoire. —.-— “„ 3— 8 7 19 A* 24—— — 4 8—* E 8 IwwrRE 9 10 11 TMaannnnnn ffſfffffff 12 13 14 15 16 17 18 19 20 4— 3 J “ 7 ——