Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und JCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen... .3.(aution. kiubekanit Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. — be 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für Ischentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 4 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ 3 lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———— Schillers / ſämmtliche Werke in zwölf Bänden. Sechster Band. Stuttgart und Tübingen. Verlag der J. G. Cotta'ſchen Buchhandlung. 1838. ——— Inhalt. Wilhelm Tell. Schauſpiel....... . Die Hunldigung der Künſte. Ein(yriſches Spiel. Macbeth. Ein Trauerſpiel von Shakeſpeare... Turandot, Prinzeſſin von China. Ein tragikomiſches Maͤhrchen nach Gozzie... f . «* . . * . ·* ·* Wilhelm Tell. Schaußpiel. . Schillers ſaͤmmtl. Werke. VI. 3 3 1 ———— Perſonen. Herrmann Geßler, Reichsvogt in Schwytz und Uri. Werner, Freiherr von Attinghauſen, Bannerherr. Ulrich von Rudenz, ſein Neffe. Werner Stauffacher, Konrad Hunn, Itel Reding, Hans auf der Mauer, Landleute aus Schwytz. Joͤrg im Hofe, Ulrich der Schmid, Joſt von Weiler, Walther Fuͤrſt, Wilhelm Tell, Roͤſſelmann, der Pfarrer, Petermann, der Sigriſt, aus Uri. Kuoni, der Hirt, Werni, der Jaͤger, Ruodi, der Fiſcher, Arnold vom Melchthal, Konrad Baumgarten, Meier von Sarnen, 3 Struth von Winkelried, Klaus von der Fluͤe⸗ Burkhart am Buhel, Arnold von Sewa, aus Unterwalden. Pfeifer von Luzern. Kunz von Gerſau. Fenni, Fiſcherknabe. Seppi, Hirtenknabe. Gertrud, Stauffachers Gattin.. Hedwig, Tells Gattin, Fuͤrſts Tochter. f Bertha von Bruneck, eine reiche Erbin. Armgart, Mechthild, Elsbeth, Hildegard, Walther, Wilhelm, Seusſhar, e Soͤldner. ů6 Leuthold, Rudolph der Harras, Geßlers Stallmeiſter. Johannes Parricida, Herzog von Schwaben. Stuͤſſi, der Flurſchuͤtz. Der Stier von Uri. Ein Reichsbote. Frohnvogt. Meiſter Steinmetz, Geſellen und Handlanger. Oeffentliche Ausrufer. Barmherzige Bruͤder. Geßleriſche und Landenbergiſche Reiter, Viele Landleute⸗ Maͤnner und Weibers Baͤuerinnen. Tells Knaben. Waldſtaͤdten. Erſter Auftzug. Erſte Scene. „ Hohes Felſenufer des Vierwaldſtaͤdterſees, Schwytz gegenuͤber. Der See macht eine Bucht ins Land, eine Huͤtte iſt unweit dem Uſer, Fiſcherknabe faͤhrt ſich in einem Kahn. Ueber den See hinweg ſieht man die gruͤnen Matten, Doͤrfer und Hoͤſe von Schwytz im hellen Sonnen⸗ ſchein liegen. Zur Linken des Zuſchauers zeigen ſich die Spitzen des Haken, mit Wolken umgeben; zur Rechten im fernen Hintergrunde ſieht man die Eisgebirge. Noch ehe der Vorhang aufgeht, hoͤrt man den Kuhreihen und das harmoniſche Gelaͤute der Heerdenglocken, welches ſich auch bei eroͤffnster Scene noch eine Zeit lang fortſetzt. Fiſcherknabe(ſingt im Kahn). Melodie des Kuhreihens. Es laͤchelt der See, er ladet zum Bade, Der Knabe ſchlief ein am grünen Geſtade, Da hört er ein Klingen, Wie Flöten ſo ſüß, Wie Stimmen der Engel Im Paradies. Und, wie er erwachet in ſeliger wuſbe 5 Da ſpülen die Waſher ihm um die * 6 4* Und es ruft aus den Tiefen: Lieb Knabe, biſt mein! Ich locke den Schläfer, Ich zieh' ihn herein. 3 Hirt(ſingt auf dem Berge).. Variation des Kuhreihens. 4 Ihr Matten, lebt wohl! Ihr ſonnige Weiden! Der Senne muß ſcheiden, Der Sommer iſt hin. Wir fahren zu Berg, wir kommen wieder, Wenn der Kukuk ruft, wenn erwachen die Lieder, Wenn mit Blumen die Erde ſich kleidet neu, Wenn die Bruünnlein fließen im lieblichen Mai.„ Ihr Matten, lebt wohl! Ihr ſonnige Weiden! Der Senne muß ſcheiden, Der Sommer iſt hin. Alpenjäger (erſcheint gegenuͤber auf der Hoͤhe des Felſens). Zweite Variation. Es donnern die Höhen, es zittert der Steg, Nicht grauet dem Schützen auf ſchwindligem Weg; Er ſchreitet verwegen Auf Feldern von Eis; Da pranget kein Frühling, Da gruͤnet kein Reis; und, unter den Füßen ein nebliges Meer, Erkennt er die Städte der Menſchen nicht mehr; Durch den Riß nur der Wolken Erblickt er die Welt, 7 Tief unter den Waſſern Das grünende Feld. (Die Landſchaft veraͤndert ſich, man hoͤrt ein dumpfes Krachen von den Bergen, Schatten von Wolken laufen uͤber die Gegend.) Nuodi, der Fiſcher, kommt aus der Suͤtte. Werni, der Jaͤger, ſteigt vom Felſen. Kuoni, der Hirt, kommt mit dem Melknapf auf der Schulter; Seppi, ſein Handbube, ſolgt ihm. Ruodi. Mach' hurtig, Jenni. Zieh' die Naue ein. Der graue Thalvogt kommt, dumpf brüllt der Firn, Der Mythenſtein zieht ſeine Haube an, Und kalt her bläst es gus dem Wetterloch: Der Sturm, ich mein', wird da ſeyn, eh' wir's denken. Kuoni. 's kommt Regen, Faͤhrmann. Meine Schafe freſſen Mit Begierde Gras, und Wachter ſcharrt die Erde. Werni. Die Fiſche ſpringen, und das Waſſerhuhn Taucht unter. Ein Gewitter iſt im Anzug. Kuoni(zum Buben). Lug', Seppi, ob das Vieh ſich nicht verlaufen? 4 Seppi. Die braune Leſeh en i am Gelaut'. Kuoni. So fehlt uns keine mehr, die geht am Weitſten. nuodi. ute, Meiſter Hirt. Werni. 3 1 Und ſchmuckes Vieh— Iſt's Euer eignes, Lundomann⸗ Ihr habt ein ſchoͤn Ge 3 3 44 8 Auoni. Bin nit ſo reich— ˙s iſt meines gnädigen Herrn, Des Attinghaͤnuſers, und mir zugezaͤhlt. — Ruodi. Wie ſchön der Kuh das Band zu Halſe ſteht. Kuoni. Das weiß ſie auch, daß ſie den Reihen führt, Und, näahm' ich ihr's, ſie hörte auf zu freſſen. Ruodi. Ihr ſeyd nicht klug, ein unvernünft'ges Vieh— Werni. Iſt bald geſagt. Das Thier hat auch Vernunft:⸗ Das wiſſen wir, die wir die Gemſen jagen. Die ſtellen klug, wo ſie zur Weide gehn, 'ne Vorhut aus, die ſpitzt das Ohr und warnet Mit heäler Pfeife, wenn der Jaͤger naht. Ruodi(zum Hirten). Treibt Ihr jetzt heim? Kuoni. 6 Die Alp iſt abgeweidet. ‚Werni. Glückſel'ge Heimkehr, Senn⸗! KAuoni. Die wünſch' ich Euch. Von Eurer Fahrt kehrt ſich's nicht immer wieder. Ruodi. Dort kommt ein n Mann in voller Haſt gelaufen. werni. Iäokenn. ihn, iſt der aumumet von Alzellen. ——¾4—— Gott ſey Euch gnadig! Was habt Ihr gethan? 9 Konrad Paumgarten(athemlos hereinſturzend). Baumgarten. Um Gotteswillen, Fährmann, Euren Kahn! Ruodi. Nun, nun, was gibt's ſo eilig? VBaumgarten. Bindet los! Ihr rettet nich vom Tode! Setzt mich uͤber! Kuoni. Landsmann, was habt Ihr? Werni. Wer verfolgt Euch denn? Baumgarten(zum Fiſcher). Eilt, eilt, ſie ſind mir dicht ſchon an den Ferſen! Des Landvogts Reiter kommen hinter mir; Ich bin ein Mann des Tods, wenn ſie mich greifen. Ruodi. Warum verfolgen Euch die Reiſigen? Baumgarten. Erſt rettet mich, und dann ſteh' ich Euch Rede. Werni. Ihr ſeyd mit Blut befleckt, was hat's gegeben? Vaumgarten. Des Kaiſers Burgvogt, der auf Roßberg ſaß— Kuoni. Der Wolfenſchießen! Läßt Euch der verfolgen? Baumgarten. 1 3 Der ſchadet nicht mehr: ich hab' ihn erſchlagen. Alle(fahren zurück). — 10 ZBaumgarten. Was jeder freie Mann an meinem Platz! Mein gutes Hausrecht hab' ich ausgeübt 7 Am Schander meiner Ehr' und meines Weibes. . Kuoni.. Hat Euch der Burgvogt an der Ehr' geſchäͤdigt? Baumgarten. Daß er ſein boͤs Gelüſten nicht vollbracht, Hat Gott und meine gute Art verhütet. Werni. Ihr habt ihm mit der Art den Kopf zerſpalten? Kuoni.. O, laßt uns Alles hoͤren, Ihr habt Zeit, Bis er den Kahn vom Ufer losgebunden. Zaumgarten. Ich hatte Holz gefällt im Wald, da kommt Mein Weib gelaufen in der Angſt des Todes: „Der Burgvogt lieg' in meinem Haus, er hab' Ihr anbefohlen, ihm ein Bad zu rüſten. Drauf hab' er Ungebührliches von ihr Verlangt, ſie ſey entſprungen, mich zu ſuchen.“ Da lief ich friſch hinzu, ſo wie ich war, und mit der Art hab' ich ihm's Bad geſegnet. werni. Ihr thatet wohl, kein Menſch kann Euch drum ſchelten. 3 3 4 4 3 4 Kuo ni Der Wütherich! Der hat nun ſeinen Lohyynyn Hat's lans verdient um's Volk von Unterwalden. 4 ——— 11 Baumgarten. Die That ward ruchbar; mir wird nachgeſetzt— Indem wir ſprechen— Gott— verrinnt die Zeit— (Es faͤngt an zu donnern.) Kuoni. Friſch, Fährmann— ſchaff' den Biedermann hinüber! Uuodi. Geht nicht. Ein ſchweres Ungewitter iſt Im Anzug. Ihr müßt warten. ZBaumgarten. Heil'ger Gott! Ich kann nicht warten. Jeder Aufſchub tödtet— Kuoni(zum Fiſcher). Greif' an mit Gott! Dem Naͤchſten muß man helfen: Es kann uns Allen Gleiches ja begegnen. (Brauſen und Donnern.) Ruodi. Der Föhn iſt los; ihr ſeht, wie hoch der See geht: Ich kann nicht ſteuern gegen Sturm und Wellen. Baumgarten(umſaßt ſeine Knie). So helf' Euch Gott, wie Ihr Euch mein erbarmet— Werni. Es geht ums Leben. Sey barmherzig, Faͤhrmann! Kuoni. 's iſt ein Hausvater und hat Weib und Kinder! (Wiederholte Donnerſchlaͤge.) Ruodi. Was? Ich hab' auch ein Leben zu verlieren, Hab' Weib und Kind daheim, wie er— Seht hin, Wie's brandet, wie es wogt und Wirbel zieht Und alle Waſſer aufrührt in der Tiefe. — 1 5½ * 1 12 — Ich wollte gern den Biedermann erretten; Doch es iſt rein unmöglich, ihr ſeht ſelbſt. Baumgarten(noch auf den Knien). So muß ich fallen in des Feindes Hand, Das nahe Rettungsufer im Geſichte! 8 8— Dort liegt's! Ich kann's erreichen mit den Augen, Hinuberdringen kann der Stimme Schall, Da iſt der Kahn, der mich hinübertrüge, Und muß hier liegen, huͤlflos, und verzagen! Kuoni. Seht, wer da kommt! „ Werni. Es iſt der Tell aus Bürglen. Tell(mit der Armbruſt). Tell. Wer iſt der Mann, der hier um Hülfe fleht? Kuoni. ¹s iſt ein Alzeller Mann: er hat ſein' Ehr' Vertheidigt und den Wolfenſchieß erſchlagen, Des Königs Burgvogt, der auf Roßberg ſaß— Des Landvogts Reiter ſind ihm auf den Ferſen. 8 Er fleht den Schiffer um die Ueberfahrt; Der fürcht't ſich vor dem Sturm und will nicht fahren. Ruodi. Da iſt der Tell, er führt das Ruder auch: Er ſoll mir's zeugen, ob die Fahrt zu wagen. (Heſtige Donnerſchlaͤge, der See rauſcht auf.) Ich ſoll mich in den Höllenrachen ſtür Das thate Keiner, der bei Sinnen Tell. Der brave Mann denkt an ſich ſelbſt zuletzt. Vertrau' auf Gott und rette den Bedrängten! Ruodi. Vom ſichern Port laͤßt ſich's gemächlich rathen! Da iſt der Kahn, und dort der See. Verſucht's! Tell. Der See kann ſich, der Landvogt nicht erbarmen. Verſuch' es, Fährmann! Hirten und Jäger. Rett' ihn! Rett' ihn! Rett' ihn! Ruodi. Und waͤr's mein Bruder und mein leiblich Kind, Es kann nicht ſeyn;'s iſt heut Simon und Inda, Da rast der See und will ſein Opter haben. Tell. Mit eitler Rede wird hier nichts geſchafft; Die Stunde dringt, dem Mann muß Hülce werden! Sprich, Faͤhrmann, willſt du fahren? Ruodi. Nein, nicht ich! Tell. In Gottes Namen denn! Gib her den Kahn! Ich will's mit meiner ſchwachen Kraft verſuchen. Augni. Ha, wackrer Tell! Werni. Das gleicht dem Waidgeſellen! BVaumgarten. G Mein Retter ſeyd Ihr und mein Engel, Tell! * 14 3 Tell.. Wohl aus des Vogts Gewalt errett' ich Euch! Aus Sturmes Nöthen muß ein Andrer helfen. Doch beſſer iſt's, Ihr fallt in Gottes Hand Als in der Menſchen! (Zu dem Hirten.) Landsmann, tröſtet Ihr Mein Weib, wenn mir was Menſchliches begegnet. Ich hab' gethan, was ich nicht laſſen konnte. (Er ſpringt in den Kahn.) Kuoni(zum Fiſcher). Ihr ſeyd ein Meiſter, Steuermann. Was ſich Der Tell getraut, Das konntet Ihr nicht wagen? 4 Ruodi. Wohl beſſ're Maͤnner thun's dem Tell nicht nach: Es gibt nicht Zwei, wie der iſt, im Gebirge. Werni iiſt auf den Fels geſtiegen). Er ſtößt ſchon ab. Gott helf' dir, braver Schwimmer! Sieh, wie das Schifflein auf den Wellen ſchwankt! Kuoni(am Ufer). Die Flut geht drüber weg— Ich ſeb's nicht mehr. Doch, halt', da iſt es wieder! Kräftiglich 3 Arbeitet ſich der Wackre durch die Brandung. Seppi. Des Landvogts Reiter kommen angeſprengt. 3 Kuoni.. Weiß Gott, ſie ſind's! Das war Hulf' in der Noth. Ein Trupp landenbergiſcher Reiter. Erſter Reiter. Den Mörder gebt heraus, den ihr verborgen! 15 Zweiter. Des Wegs kam er: umſonſt verhehlt ihr ihn. Kuoni und Ruodi. Wen meint ihr, Reiter? Erſter Reiter(aentdeckt den Nachen). Ha, was ſeh' ich! Teufel! Werni(oben). Iſt's Der im Nachen, den ihr ſucht?— Reit zu! Wenn ihr friſch beilegt, holt ihr ihn noch ein. Zweiter. Verwünſcht! Er iſt entwiſcht. Erſter Gum Hirten und Fiſcher). Ihr habt ihm fortgeholfen. Ihr ſollt uns büßen— Fallt in ihre Heerde! Die Hütte reißet ein, brennt und ſchlagt nieder! (Eilen fort.) Seppi(ſtuͤrzt nach). O meine Lämmer! Kuoni(ſolgty. Weh' mir, meine Heerde! Werni. Die Wüthriche! Uuodi(ringt die Haͤnde). Gerechtigkeit des Himmels! Wann wird der Retter kommen dieſem Lande? (Folgt ihnen.) 16 Zweite Seene. Zu Steinen in Schwytz, eine Linde vor des Stauffachers Hauſe an der Landſtraße, naͤchſt der Brücke. Werner Stauffacher, Pfeifer von Juzern winmen im Geſpraͤche. Pfeifer. Ja, ja, Herr Stauffacher, wie ich euch ſagte, Schwört nicht zu Oeſtreich, wenn ihr's könnt vermeiden. Haltet feſt am Reich und wacker, wie bisher! Gott ſchirme euch bei eurer alten Freiheit! (Druͤckt ihm herzlich die Hand und will gehen.) 3 5 2 Stauffacher. Bleibt doch, bis meine Wirthin kommt— Ihr ſeyd Mein Gaſt zu Schwytz, ich in Luzern der Eure. Pfeifer. Viel Dank! Muß heute Gerſau noch erreichen. — Was Ihr auch Schweres moͤgt zu leiden haben Von eurer Vögte Geiz und Uebermuth, Tragt's in Geduld! Es kann ſich andern ſchnell: Ein andrer Kaiſer kann ans Reich gelangen. Seyd ihr erſt Oeſterreichs, ſeyd ihr's auf immer. (Er geht ab. Stauffacher ſetzt ſich kummervoll auf eine Bank untet der Linde. So findet ihn Gertrud, ſeine Frau, die ſich neben ihn ſtellt und ihn eine Zeit lang ſchweigend betrachtet) 1 Gertrud. So ernſt, mein Freund? Ich kenne dich nicht mehr. Schon viele Tage ſeh' ich's ſchwbeigend an, Wie finſtrer Truͤbſinn deine Stirne furcht. Auf deinem Herzen druct ein ſiin Gebreſten. 17 Vertrau' es mir: ich bin dein treues Weib, Und meine Haͤlfte fordr' ich deines Grams. (Stauffacher reicht ihr die Hand und ſchweigt.) 8 Was kann dein Herz beklemmen, ſag' es mir. Geſegnet iſt dein Fleiß, dein Glücksſtand bluͤht, Voll ſind die Scheunen, und der Rinder Schaaren, Der glatten Pferde wohlgenäahrte Zucht Iſt von den Bergen glücklich heimgebracht Zur Winterung in den bequemen Stallen. — Da ſteht dein Haus, reich, wie ein Edelſitz; Von ſchönem Stammholz iſt es neu gezimmert Und nach dem Richtmaß ordentlich gefügt; Von vielen Fenſtern gläanzt es wohnlich, hell; Mit bunten Wappenſchildern iſt's bemalt Und weiſen Sprüchen, die der Wandersmann Verweilend liest und ihren Sinn bewundert. Stauffacher. Wohl ſteht das Haus gezimmert und gefügt, Doch, ach— es wankt der Grund, auf dem wir banten. Gertrud. Mein Werner, ſage, wie verſtehſt du Das? Stauffacher. Vor dieſer Linde ſaß ich jüngſt, wie heut', Das ſchön Vollbrachte freudig überdenkend: Da kam daher von Küßnacht, ſeiner Burg, Der Vogt mit ſeinen Reiſigen geritten. Vor dieſem Hauſe hielt er wundernd an; Doch ich erhob mich ſchnell, und unterwurfig, Wie ſich's gebührt, trat ich dem Herrn entgegen, Der uns des Kaiſers richterliche Macht Vorſtellt im Lande. Weſſen iſt das Haus? Schillers ſämmtl. Wexke. VI. 2 — 3 3 1 8* 1 18 Fragt' er bösmeinend, denn er wußt' es wohl. Doch ſchnell beſonnen ich entgegn' ihm ſo.: Dies Haus, Herr Vogt, iſt meines Herrn des Kaiſers und Eures und mein Lehen— Da verſetzt er: „Ich bin Regent im Land an Kaiſers Statt Und will nicht, daß der Bauer Häuſer baue Auf ſeine eigne Hand und alſo frei Hinleb', als ob er Herr war' in dem Lande: Ich werd' mich unterſtehn, Euch Das zu wehren.“ Dies ſagend, ritt er trutziglich von dannen; Ich aber blieb mit kummervoller Seele, Das Wort bedenkend, das der Böͤſe ſprach. Gertrud. Mein lieber Herr und Ehewirth! Magſt du Ein redlich Wort von deinem Weib vernehmen? Des edeln Ibergs Tochter rühm' ich mich, Des vielerfahrnen Manns. Wir Schweſtern ſaßen, Die Wolle ſpinnend, in den langen Nächten, Wenn bei dem Vater ſich des Volkes Haͤupter Verſammelten, die Pergamente laſen Der alten Kaiſer, und des Landes Wohl Bedachten in vernünftigem Geſpräch. Aufmerkend hört' ich da manch kluges Wort, Was der Verſtänd'ge denkt, der Gute wünſcht, Und ſtill im Herzen hab' ich mir's bewahrt. So höre denn und acht' auf meine Rede! Denn, was dich preßte, ſieh', Das wußt' ich läͤngſt. — Dir grollt der Landvogt, möchte gern dir ſchaden, Denn du biſt ihm ein Hinderniß, daß ſich Der Schwytzer nicht dem neuen Fürſtenhaus Will unterwerfen, ſondern treu und feſt 19. Beim Reich beharren, wie die wuͤrdigen Altvordern es gehalten und gethan.— Iſt's nicht ſo, Werner? Sag' es, wenn ich lüge! Stauffacher. So iſt's, Das iſt des Geßlers Groll auf mich. Gertrud. Er iſt dir neidiſch, weil du glücklich wohnſt, Ein freier Mann auf deinem eignen Erbe, — Denn er hat keins. Vom Kaiſer ſelbſt und Reich Trägſt du dies Haus zu Lehn; du darfſt es zeigen, So gut der Neichsfürſt ſeine Länder zeigt: Denn uber dir erkennſt du keinen Herrn, Als nur den Höchſten in der Chriſtenheit— Er iſt ein jüngrer Sohn nur ſeines Hauſes; Nichts nennt er ſein als ſeinen Rittermantel: Drum ſieht er jedes Biedermannes Gluck Mit ſcheelen Augen gift'ger Mißgunſt an. Dir hat er längſt den Untergang geſchworen— Noch ſtehſt du unverſehrt— Willſt du erwarten, Bis er die böſe Luſt an dir gebußt? Der kluge Mann baut vor. Stauffacher. Was iſt zu thun? Gertrud ttritt naͤher). So hoͤre meinen Rath! Du weißt, wie hier Zu Schwytz ſich alle Redlichen beklagen Ob dieſes Landvogts Geiz und Wutherei. So zweifle nicht, daß ſie dort druͤben auch In Unterwalden und im Urner Land Des Dranges mud' ſind und des harten Jochs— Denn, wie der Geßler hier, ſo ſchafft es frech 20 Der Landenberger drüben uberm See— Es kommt kein Fiſcherkahn zu uns herüber, Der nicht ein neues Unheil und Gewalt⸗ Beginnen von den Vögten uns verkündet. Drum thät es gut, wenn euer Etliche, Die's redlich meinen, ſtill zu Rathe gingen, Wie man des Drucks ſich moͤcht' erledigen: So acht' ich wohl, Gott würd' euch nicht verlaſſen Und der gerechten Sache gnädig ſeyn— Haſt du in Uri keinen Gaſtfreund, ſprich, Dem du dein Herz magſt redlich offenbaren? Stauffacher. Der wackern Männer kenn' ich viele dort und angeſehen große Herrenleute, Die mir geheim ſind und gar wohl vertraut. (Er ſteht auf.) Frau, welchen Sturm gefaͤhrlicher Gedanken Weckſt du mir in der ſtillen Bruſt! Mein Innerſtes Kehrſt du ans Licht des Tages mir entgegen, und, was ich mir zu denken ſtill verbot, Du ſprichſt's mit leichter Zunge kecklich aus. — Haſt du auch wohl bedacht, was du mir räthſt? Die wilde Zwietracht und den Klang der Waffen Rufſt du in dieſes friedgewohnte Thal— Wir wagten es, ein ſchwaches Volk der Hirten, In Kampf zu gehen mit dem Herrn der Welt? Der gute Schein nur iſt's, worauf ſie warten, Um loszulaſſen auf dies arme Land Die wilden Horden ihrer Kriegesmacht, Darin zu ſchalten mit des Siegers Rechten * 21 Und unterm Schein gerechter Züchtigung Die alten Freiheitsbriefe zu vertilgen. Gertrud. Ihr ſeyd auch Maͤnner, wiſſet eure Art Zu fuͤhren, und dem Muthigen hilft Gott! Stauffacher. O Weib! Ein furchtbar wüthend Schreckniß iſt Der Krieg: die Heerde ſchlaͤgt er und den Hirten. 1 Gertrud. Ertragen muß man, was der Himmel ſendet; Unbilliges erträgt kein edles Herz. Stauffacher. Dies Haus erfreut dich, was wir neu erbauten; Der Krieg, der ungeheure, brennt es nieder. Gertrud. Wüßt' ich mein Herz an zeitlich Gut gefeſſelt, Den Brand waͤrf ich hinein mit eigner Hand. Stauffacher. Du glaubſt an Menſchlichkeit! Es ſchont der Krieg Auch nicht das zarte Kindlein in der Wiege. Gertrud. Die Unſchuld hat im Himmel einen Freund! — Sieh' vorwaͤrts, Werner, und nicht hinter dich! Stauffacher. Wir Maͤnner können tapfer fechtend ſterben: Welch Schickſal aber wird das eure ſeyn 2 Gertrud. Die letzte Wahl ſteht auch dem Schwächſten offen: Ein Sprung von dieſer Bruͤcke macht mich frei. Stauffacher(ſuͤrzt in ihre Arme). Wer ſolch ein Herz an ſeinen Buſen drückt, 22 Der kann für Herd und Hof mit Freuden fechten, 3 Und keines Königs Heermacht fuͤrchtet er— Nach Uri fahr' ich ſtehndes Fußes gleich. Dort lebt ein Gaſtfreund mir, Herr Walther Fürſt, Der über dieſe Zeiten denkt, wie ich. Auch find' ich dort den edeln Bannerherrn Von Attinghaus— obgleich von hohem Stamm, Liebt er das Volk und ehrt die alten Sitten. Mit ihnen Beiden pfleg' ich Raths, wie man Der Landesfeinde muthig ſich erwehrt— Leb' wohl— und, weil ich fern bin, fuͤhre du Mit klugem Sinn das Regiment des Hauſes— Dem Pilger, der zum Gotteshauſe wallt, Dem frommen Mönch, der für ſein Kloſter ſammelt, Gib reichlich und entlaß ihn wohlgepflegt. Stauffachers Haus verbirgt ſich nicht. Zu außerſt Am offnen Heerweg ſteht's, ein wirthlich Dach Fuͤr alle Wandrer, die des Weges fahren. (Indem ſie nach dem Hintergrund abgehen, tritt Milhelm Tell mit Baumgarten vorn auf die Scene).— 5 4 1 1 4 Tell(zu Baumgarten). Ihr habt jetzt meiner weiter nicht vonnoͤthen. Zu jenem Hauſe gehet ein: dort wohnt Der Stauffacher, ein Vater der Bedraͤngten. — Doch ſieh', da iſt er ſelber— Folgt mir, kommt! (Gehen auf ihn zu; die Scene verwandelt ſich). 23 Dritte Seene. Oeffentlicher Platz bei Altdorf. Auf elner Anhoͤhe im Hintergrunde ſieht man eine Veſte bauen, welche ſchon ſo weit gediehen, daß ſich die Form des Ganzen darſtellt. Die hintere Seite iſt fertig, an der vordern wird eben gebaut, das Geruͤſte ſteht noch, an welchem die Werkleute auf und nieder ſieigen; auf dem hoͤchſten Dach haͤngt der Schieferdecker— Alles iſt in Bewegung und Arbelt. Frohnnogt. Mieiſter Steinmetz. Geſellen und Handlanger. Frohnvogt (mit dem Stabe, treibt die Arbeiter). Nicht lang gefeiert, friſch! Die Mauerſteine Herbei! den Kalk, den Mörtel zugefahren, Wenn der Herr Landvogt kommt, daß er das Werk Gewachſen ſieht!— Das ſchlendert, wie die Schnecken! (Zu zwei Handlangern, welche tragen), Heißt Das geladen? Gleich das Doppelte! Wie die Tagdiebe ihre Pflicht beſtehlen! Erſter Geſell. Das iſt doch hart, daß wir die Steine ſelbſt Zu unſerm Twing und Kerker ſollen fahren! Frohnvogt. Was murret ihr? Das iſt ein ſchlechtes Volk, Zu nichts anſtellig als das Vieh zu melken Und faul herum zu ſchlendern auf den Bergen. Alter Mann(ruht aus). Ich kann nicht mehr. Frohnvogt(ſchuͤttelt ihn).. Friſch, Alter, an die Arbeit! Erſter Geſell. Habt Ihr denn gaur kein Eingeweid', daß Ihr „ 6 5 ¹ 4 24 Den Greis, der kaum ſich ſelber ſchleppen kann, Zum harten Frohndienſt treibt? Meiſter Steinmetz und Geſellen. 's iſt himmelſchreiend! Frohnpogt. Sorgt ihr für euch; ich thu', was meines Amts. Zweiter Geſell. Frohnvogt, wie wird die Feſte ſich denn nennen, Die wir da baun? Frohnpogt. Zwing Uri ſoll ſie heißen! Denn unter dieſes Joch wird man euch beugen. Geſellen. Zwing Uri!. 3 Frohnvogt. Nun, was gibt's dabei zu lachen? Zweiter Geſell. Mit dieſem Häuslein wollt ihr Uri zwingen? Erſter Geſell. Laß ſehn, wie viel man ſolcher Maulwurfshaufen Muß über'nander ſetzen, bis ein Berg Draus wird, wie der geringſte nur in Uri! (Frohnvogt geht nach dem Hintergrund.) Meiſter Steinmet. Den Hammer werf ich in den tiefſten See, Der mir gedient bei dieſem Fluchgebäude! Sel und Stauffacher kommen. Stauffacher. O, hart' ich nie gelebt, um Das. zu ſchauen! 25 Tell Hier iſt nicht gut ſeyn. Laßt uns weiter gehn. Stauffacher. Bin ich zu Uri, in der Freiheit Land? Meiſter Steinmet. O Herr, wenn Ihr die Keller erſt geſehn Unter den Thuͤrmen! Ja, wer die bewohnt, Der wird den Hahn nicht fürder krähen hören. Stauffacher. O Gott! SFteinmeh. Seht dieſe Flanken, dieſe Strebepfeiler, Die ſtehn, wie für die Ewigkeit gebaut! Tell. Was Haͤnde bauten, können Hande ſtuͤrzen. .(Nach den Bergen zeigend.) Das Haus der Freiheit hat uns Gott gegründet. (Man hoͤrt eine Trommel, es kommen Leute, die einen Hut auf einer Stange tragen, ein Ausrufer folgt ihnen, Weiber und Kinder dringen tumultuariſch nach.) Erſter Geſell. Was will die Trommel? Gebet Acht! Meiſter Steinmetz. Was fuͤr Ein Faſtnachtsaufzug, und was foll der Hut? Ausrufer. In des Kaiſers Namen! Höret! Geſellen. Still doch! Höret! Ausrufer. Ihr ſehet dieſen Hut, Manner von Uril 26 Aufrichten wird man ihn auf hoher Saͤule, Mitten in Altdorf, an dem hoͤchſten Ort, und Dieſes iſt des Landvogts Will' und Meinnng: Dem Hut ſoll gleiche Ehre, wie ihm ſelbſt, geſchehn. Man ſoll ihn mit gebognem Knie und mit Entblößtem Haupt verehren— Daran will Der König die Gehorſamen erkennen. Verfallen iſt mit ſeinem Leib und Gut Dem Koͤnige, wer das Gebot verachtet. (Das Volk lacht laut auf, die Trommel wird geruͤhrt, ſie gehen voruͤber.) Erſter Geſell. Welch neues Unerhörtes hat der Vogt Sich ausgeſonnen! Wir'nen Hnt verehren! Sagt! Hat man je vernommen von Dergleichen? Meiſter Steinmetz. Wir unſre Knie beugen einem Hut! Treibt er ſein Spiel mit ernſthaft würd'gen Leuten? Erſter Geſell. Waͤr's noch die kaiſerliche Kron'! So iſt's Der Hut von Oeſterreich; ich ſah ihn hangen Ueber dem Thron, wo man die Lehen gibt! Meiſter Steinmetz. Der Hut von Oeſterreich! Gebt Acht, es iſt Ein Fallſtrick, uns an Oeſtreich zu verrathen! Geſellen. Kein Ehrenmann wird ſich der Schmach bequemen. Meiſter Steinmetz. Kommt, laßt uns mit den Andern Abred' nehmen. 4(Sie gehen nach der Tiefe.) Tell(zum Stauffacher). Ihr wiſſet nun Beſcheid. Lebt wohl, Herr Werner! 27 Stauffacher. Wo wollt Ihr hin? O, eilt nicht ſo von dannen. Tell. Mein Haus entbehrt des Vaters. Lebet wohl! Stauffacher. Mir iſt das Herz ſo voll, mit Euch zu reden. — Tell. 3 Das ſchwere Herz wird nicht durch Worte leicht. Stauffacher. Doch konnen Worte uns zu Thaten fuͤhren. Tell. Die einz'ge That iſt jetzt Geduld und Schweigen. Stauffacher. Soll man ertragen, was unleidlich iſt? Tell. Die ſchnellen Herrſcher ſind's, die kurz regieren. — Wenn ſich der Föhn erhebt aus ſeinen Schlünden, Löſcht man die Feuer aus, die Schiffe ſuchen Eilends den Hafen, und der maͤcht'ge Geiſt Geht ohne Schaden ſpurlos über die Erde. Ein Jeder lebe ſtill bei ſich daheim: Dem Friedlichen gewaͤhrt man gern den Frieden. 8 Stauffacher. Meint Ihr? Tell. Die Schlange ſticht nicht ungereizt. Sie werden endlich doch von ſelbſt ermüden, Wenn ſie die Lande ruhig bleiben ſehn. Stauffacher. Wir koͤnnten viel, wenn wir zuſammen ſtanden. 4 — 28 Tell.. 2 Beim Schiffbruch hilft der Einzelne ſich leichter. Staufſacher. So kalt verlaßt Ihr die gemeine Sache? Tell. Ein Jeder zählt nur ſicher auf ſich ſelbſt. Stauffacher. Verbunden werden auch die Schwachen machtig. 3 Tell. Der Starke iſt am maͤchtigſten allein. Stauffacher. So kann das Vaterland auf Euch nicht zahlen, Wenn es verzweiflungsvoll zur Nothwehr greift? Tell(ibt ihm die Hand). Der Tell holt ein verlornes Lamm vom Abgrund Und ſollte ſeinen Freunden ſich entziehen? Doch, was ihr thut, laßt mich aus eurem Rath! Ich kann nicht lange prufen oder wahlen; Bedürft ihr meiner zur beſtimmten That, Dann ruft den Tell! Es ſoll an ihm nicht fehlen. (Gehen ab zu verſchiedenen Seiten. Ein ploͤtzlicher Auflauf entſteht um das Geruͤſte.) Meiſter Steinmetz(eeilt hin). Was gibt's? Erſter Geſell(kommt vor, rufend). Der Schieferdecker iſt vom Dach geſtürzt. Vertha ſurzt berein. Gefolge. Bertha. Iſt er zerſchmetrert? Rennet, rettet, helft— Wenn Hülfe möglich, rettet, hier iſt Gold— (Wirſt ihr Geſchmeide unter das Volk.) 29 Meiſter. Mit Euerm Gold— Alles iſt euch feil Um Gold: wenn ihr den Vater von den Kindern Geriſſen und den Mann von ſeinem Weibe Und Jammer habt gebracht über die Welt, Denkt ihr's mit Golde zu vergüten— Geht! Wir waren frohe Menſchen, eh' ihr kamt; Mit euch iſt die Verzweiflung eingezogen. Berth a(zu dem Frohnvogt, der zuruͤckkommt). Lebt er? (Frohnvogt gibt ein Zeichen des Gegentheils.) O unglückſel'ges Schloß, mit Flüchen Erbaut, und Flüche werden dich bewohnen! (Geht ab.) Vierte Scene. Walther Fuͤrſts Wohnung. Walther Fürſt und Arnold von Melchthal treten zugleich ein von verſchiedenen Seiten. Melchthal. Herr Walther Fürſt— Walther Fürſt. Wenn man uns überraſchte! Bleibt, wo Ihr ſeyd. Wir ſind umringt von Spahern. Melchthal. Bringt Ihr mir nichts von Unterwalden? nichts Von meinem Vater? Nicht ertrag' ich's länger, Als ein Gefangner mußig hier zu liegen. 8 30 Was hab' ich denn ſo Straͤfliches gethan, Um mich gleich einem Mörder zu verbergen? Dem frechen Buben, der die Ochſen mir, Das treffliche Geſpann, vor meinen Augen Weg wollte treiben auf des Vogts Geheiß, Hab' ich den Finger mit dem Stab gebrochen. Walther fürſt. Ihr ſeyd zu raſch. Der Bube war des Vogts; Von Eurer Obrigkeit war er geſendet. Ihr wart in Straf' gefallen, mußtet Euch, Wie ſchwer ſie war, der Buße ſchweigend fügen. Melchthal. Ertragen ſollt' ich die leichtfert'ge Rede Des Unverſchämten:„Wenn der Bauer Brod Wollt' eſſen, moͤg' er ſelbſt am Pfluge ziehn!“ In die Seele ſchnitt mir's, als der Bub die Ochſen, Die ſchönen Thiere, von dem Pfluge ſpannte; Dumpf bruͤllten ſie, als hätten ſie Gefühl Der Ungebühr, und ſtießen mit den Hoͤrnern: Da übernahm mich der gerechte Zorn, und, meiner ſelbſt nicht Herr, ſchlug ich den Boten. Walther Fürſt. O, kaum bezwingen wir das eigne Herz: Wie ſoll die raſche Jugend ſich bezähmen! Kelchthal, Mich jammert nur der Vater— Er bedarf So ſehr der Pflege, und ſein Sohn iſt fern. Der Vogt iſt ihm gehaſſig, weil er ſtets Fur Recht und Freiheit redlich hat geſtritten. Drum werden ſie den alten Mann bedrängen, 31 Und Niemand iſt, der ihn vor Unglimpf ſchuͤtze. — Werde mit mir, was will, ich muß hinuber. Walther Fürſt. Erwartet nur und faßt Euch in Geduld, Bis Nachricht uns herüͤber kommt vom Walde. — Ich höre klopfen, geht— Vielleicht ein Bote Vom Landvogt— Geht hinein— Ihr ſeyd in Uri Nicht ſicher vor des Landenbergers Arm: Denn die Tyrannen reichen ſich die Haͤnde. Melchthal. Sie lehren uns, was wir thun ſollten. Walther Fürſt. Geht! Ich ruf' Euch wieder, wenn's hier ſicher iſt. (Melchthal geht hinein). Der Unglüͤckſelige, ich darf ihm nicht Geſtehen, was mir Boͤſes ſchwant— Wer klopft? So oöft die Thüre rauſcht, erwart' ich Unglück. Verrath und Argwohn lauſcht in allen Ecken; Bis in das Innerſte der Haͤuſer dringen Die Boten der Gewalt; bald thät' es Noth, Wir haͤtten Schloß und Riegel an den Thüren. (Er oͤffnet und tritt erſtaunt zuruͤck, da Werner Stauffacher hereintritt). Was ſeh' ich? Ihr, Herr Werner! Nun, bei Gott! Ein werther, theurer Gaſt— kein beſſrer Mann Iſt über dieſe Schwelle noch gegangen. Seyd hoch willkommen unter meinem Dach! Was führt Euch her? Was ſucht Ihr hier in Uri? Stauffachrr(iym die Hand reichend). Die alten Zeiten und die alte Schweiz. 32 Walther Fürſt. Die bringt Ihr mit Euch— Sieh', mir wird ſo wohl, Warm geht das Herz mir auf bei Euerm Anblick. — Setzt Euch, Herr Werner— Wie verließet Ihr Frau Gertrud, Eure angenehme Wirthin, Des weiſen Ibergs hochverſtänd'ge Tochter? Von allen Wandrern aus dem deutſchen Land, Die uͤber Meinrads Zell nach Waͤlſchland fahren, Rühmt jeder Euer gaſtlich Haus— Doch, ſagt, Kommt Ihr ſo eben friſch von Fluelen her Und habt Euch nirgend ſonſt noch umgeſehen, Eh' Ihr den Fuß geſetzt auf dieſe Schwelle? Stauffacher(ſeßt ſich). Wohl ein erſtaunlich neues Werk hab' ich Bereiten ſehen, das mich nicht erfreute. Walther Fürſt. O Freund, da habt Ihr's gleich mit einem Blicke! Stauffacher. Ein ſolches iſt in Uri nie geweſen— Seit Menſchendenken war kein Twinghof hier, Und feſt war keine Wohnung, als das Grab. 4* Walther Fürſt. Ein Grab der Freiheit iſt's! Ihr nennt's mit Namen. 3 Stauffacher. Herr Walther Fuͤrſt, ich will Euch nicht verhalten: Nicht eine muß'ge Neugier führt mich her; Mich drücken ſchwere Sorgen— Drangſal hab' ich „Zu Haus verlaſſen, Drangſal find' ich hier. Denn ganz unleidlich iſt's, was wir erdulden, Und dieſes Dranges iſt kein Ziel zu ſehn. Frei war der Schweizer von Uralters her; 33 Wir ſind's gewohnt, daß man uns gut begegnet. Ein Solches war im Lande nie erlebt, So lang ein Hirte trieb auf dieſen Bergen. Walther Fürſt. Ja, es iſt ohne Beiſpiel, wie ſie's treiben! Auch unſer edler Herr von Attinghauſen, Der noch die alten Zeiten hat geſehn, Meint ſelber, es ſey nicht mehr zu ertragen. Stauffacher. Auch drüben unterm Wald geht Schweres vor, Und blutig wird's gebüßt— Der Wolfenſchießen, Des Kaiſers Vogt, der auf dem Roßberg hauste, Gelüſten trug er nach verbotner Frucht: Baumgartens Weib, der haushaͤlt zu Alzellen, Wollt' er zu frecher Ungebuͤhr mißbrauchen, Und mit der Art hat ihn der Mann erſchlagen. Waltyer Fürſt. 3 O, die Gerichte Gottes ſind gerecht! — Baumaarten, ſagt Ihr? ein beſcheidner Mann! Er iſt gerettet doch und wohl geborgen? Stauffacher. Euer Eidam hat ihn übern See geflüchtet; Bei mir zu Steinen halt' ich ihn verborgen— — Noch Graͤulichers hat mir derſelbe Mann Berichtet, was zu Sarnen iſt geſchehn. Das Herz muß jedem Biedermanne bluten. Walther Fürſt(aufmerkſam). Sagt an, was iſt's? Stauffacher. . Im Melchthal, da, wo man Eintritt bei Kerns, wohnt ein gerechter Mann, Schillers ſämmtl. Werke. VI. 3 34 Sie nennen ihn den Heinrich von der Halden, und ſeine Stimm' gilt was in der Gemeinde. Walther Fürft. Wer kennt ihn nicht? Was iſt's mit ihm? Vollendet! Stauffacher. Der Landenberger büßte ſeinen Sohn Um kleinen Fehlers willen, ließ die Ochſen, Das beſte Paar, ihm aus dem Pfluge ſpannen: Da ſchlug der Knab' den Knecht und wurde flüchtig. Walther Fürſt(in hoͤchſter Spannung). Der Vater aber— ſagt, wie ſteht's um den? Stauffacher. Den Vater läßt der Landenberger fordern, Zur Stelle ſchaffen ſoll er ihm den Sohn, Und, da der alte Mann mit Wahrheit ſchwört, Er habe von dem Fluͤchtling keine Kunde, Da läßt der Vogt die Folterknechte kommen— Walther Fürſt (ſpringt auf und will ihn auf die andere Seite fuhren). O, ſtill, nichts mehr! Stauffacher(mit ſieigendem Ton). „Iſt mir der Sohn entgangen, So hab' ich dich!“— läßt ihn zu Boden werfen, Den ſpitz'gen Stahl ihm in die Augen bohren— . Walther Fürſt. Barmherz'ger Himmel! Melchthal(ſuͤrzt heraus). In die Augen, ſagt Ihr? Stauffacher(erſtaunt zu Walther jür). Wer iſt der Jüngling? K 35 Melchthal (faßt ihn mit krampfhafter Heftigkeit). In die Augen? Redet! Walther Fürſt. O der Bejammernswuͤrdige! Stauffacher. Wer iſt's? (Da Walther Fuͤrſt ihm ein Zeichen gibt.) Der Sohn iſt's? Allgerechter Gott! Melchthal. Und ich Muß ferne ſeyn!— In ſeine beiden Augen? Walther Fürft. Bezwinget Euch! Ertragt es, wie ein Mann! Melchthal. Um meiner Schuld, um meines Frevels willen! — Blind alſo! Wirklich blind und ganz geblendet? Stauffacher. Ich ſagt's. Der Quell des Sehns iſt ausgefloſſen: Das Licht der Sonne ſchaut er niemals wieder. Walther Fürſt. Schont ſeines Schmerzens! Melchthat. 8 Niemals! niemals wieder! (Er druͤckt die Hand vor die Augen und ſchweigt einige Momente; dann wendet er ſich von dem Einen zu dem Andern und ſpricht mit ſanſter, von Thraͤnen erſtickter Stimme.) O, eine edle Himmelsgabe iſt Das Licht des Auges— Alle Weſen leben Vom Lichte, jedes glückliche Geſchöpf— Die Pflanze ſelbſt kehrt freudig ſich zum Lichte. 1* 36 und er muß ſitzen, fuͤhlend, in der Nacht, Im ewig Finſtern— ihn erguickt nicht mehr Der Matten warmes Grün, der Blumen Schmelz, Die rothen Firnen kann er nicht mehr ſchauen— Sterben iſt nichts— doch leben und nicht ſehen, Das iſt ein Unglück— Warum ſeht ihr mich So jammernd an? Ich hab' zwei friſche Augen Und kann dem blinden Vater keines geben, Nicht einen Schimmer von dem Meer des Lichts, Das glanzvoll, blendend mir ins Auge dringt. Stauffacher. Ach, ich muß Euren Jammer noch vergroͤßern, Statt ihn zu heilen— Er bedarf noch mehr! Denn Alles hat der Landvogt ihm geraubt; Nichts hat er ihm gelaſſen, als den Stab, Um nackt und blind von Thür' zu Thür' zu wandern. Melchthal. 3 Nichts als den Stab dem augenloſen Greis! Alles geraubt und auch das Licht der Sonne, Des Aermſten allgemeines Gut— Jetzt rede Mir Keiner mehr von Bleiben, von Verbergen! Was für ein feiger Elender bin ich, 3 Daß ich auf meine Sicherheit gedacht Und nicht auf deine!— dein geliebtes Haupt Als Pfand gelaſſen in des Wüthrichs Händen! Feigherz'ge Vorſicht, fahre hin— Auf nichts Als blutige Vergeltung will ich denken. Hinüber will ich— Keiner ſoll mich halten— Des Vaters Auge von dem Landvogt fordern— Aus allen ſeinen Reiſigen heraus Will ich ihn finden— Nichts liegt mir am Leben, 37 Wenn ich den heißen, ungeheuren Schmerz In ſeinem Lebensblute kühle.(Er will gehen.) Walther Fürſt. Bleibt! Was koͤnnt Ihr gegen ihn? Er ſitzt zu Sarnen Auf ſeiner hohen Herrenburg und ſpottet Unmacht'gen Zorns in ſeiner ſichern Veſte. 4 Melchthal. Und, wohnt' er droben auf dem Eispalaſt Des Schreckhorns oder höher, wo die Jun gfrau Seit Ewigkeit verſchleiert ſitzt— ich mache Mir Bahn zu ihm; mit zwanzig Junglingen, Geſinnt, wie ich, zerbrech' ich ſeine Veſte. Und, wenn mir Niemand folgt, und wenn ihr Alle, Für eure Hütten bang und eure Heerden, Euch dem Tyrannenjoche beugt— die Hirten Will ich zuſammenrufen im Gebirg, Dort, unterm freien Himmelsdache, wo Der Sinn noch friſch iſt, und das Herz geſund, Das ungeheuer Graͤßliche erzählen. Stauffacher(Gzu Walther Fuͤrſt). Es iſt auf ſeinem Gipfel— Wollen wir Erwarten, bis das Aeußerſte— Melchthal. Welch Aeußerſtes Iſt noch zu fürchten, wenn der Stern des Auges In ſeiner Höhle nicht mehr ſicher iſt? — Sind wir denn wehrlos? Wozu lernten wir Die Armbruſt ſpannen und die ſchwere Wucht Der Streitart ſchwingen? Jedem Weſen ward Ein Nothgewehr in der Verzweiflung Angſt: —— 38. Es ſtellt ſich der erſchöpfte Hirſch und zeigt Der Meute ſein gefuͤrchtetes Geweih, Die Gemſe reißt den Jäger in den Abgrund— Der Pllugſtier ſelbſt, der ſanfte Hausgenoß Des Menſchen, der die ungeheure Kraft Des Halſes duldſam unters Joch gebogen, Springt auf, gereizt, wetzt ſein gewaltig Horn und ſchleudert ſeinen Feind den Wolken zu. Walther Fürſt. Wenn die drei Lande dachten, wie wir Drei, So moͤchten wir vielleicht etwas vermögen. Staufſucher. Wenn Uri ruft, wenn uUnterwalden hilft, Der Schwytzer wird die alten Bünde ehren. Melchthal. Groß iſt in Unterwalden meine Freundſchaft, und Jeder wagt mit Freuden Leib und Blut, Wenn er am Andern einen Rucken hat Und Schirm— O fromme Väter dieſes Landes! Ich ſtehe, nur ein Jüngling, zwiſchen euch, Den Vielerfahrnen— meine Stimme muß Beſcheiden ſchweigen in der Landsgemeinde. Nicht, weil ich jung bin und nicht viel erlebte, Verachtet meinen Rath und meine Rede; Nicht lüſtern jugendliches Blut, mich treibt Des höchſten Jammers ſchmerzliche Gewalt, Was auch den Stein des Felſen muß erbarmen. Ihr ſelbſt ſeyd Vater, Häupter eines Hauſes Und wünſcht euch einen tugendhaften Sohn, Der eures Hauptes heil'ge Locken ehre und euch den Stern des Auges fromm bewache. O, weil ihr ſelbſt an eurem Leib und Gut Noch richts erlitten, eure Angen ſich Noch friſch und hell in ihren Kreiſen regen, So ſey euch darum unſre Noth nicht fremd. Auch uͤber euch hängt des Tyrannen Schwert: Ihr habt das Land von Oeſtreich abgewendet; Kein Anderes war meines Vaters Unrecht; Ihr ſeyd in gleicher Mitſchuld und Verdammniß. Stuuffacher(zu Walther Fuͤrſt). Beſchließet Ihr! Ich bin bereit zu folgen. Walther Fürſt. Wir wollen hören, was die edeln Herra Von Sillinen, von Attinghauſen rathen— Ihr Name, denk' ich, wird uns Freunde werben. 8 Melchthal. Wo iſt ein Name in dem Waldgebirg' Ehrwuͤrdiger, als Eurer und der Eure? An ſolcher Namen echte Wahrung glaubt Das Volk, ſie haben guten Klang im Lande. Ihr habt ein reiches Erb' von Vaͤtertugend Und habt es ſelber reich vermehrt— Was braucht's Des Edelmanns? Laßt's uns allein vollenden! Waͤren wir doch allein im Land! Ich meine, „Wir wollten uns ſchon ſelbſt zu ſchirmen wiſſen. Stauffucher. Die Edeln draͤngt nicht gleiche Noth mit uns: Der Strem, der in den Niederungen wüthet, Bis jetzt hat er die Höhn noch nicht erreicht— Doch ihre Huͤlfe wird uns nicht entſtehn, Wenn ſie das Land in Waffen erſt erblicken. 40 Walther Fürſt. Waͤre ein Obmann zwiſchen uns und Oeſtreich, So möchte Recht entſcheiden und Geſetz. Doch, der uns unterdrückt, iſt unſer Kaiſer Und höchſter Richter— ſo muß Gott uns helfen Durch unſern Arm— Erforſchet Ihr die Maͤnner Von Schwytz, ich will in Uri Freunde werben. Wen aber ſenden wir nach Unterwalden?— Melchthal. Mich ſendet hin— Wem läg' es näher an— Walther Fürſt. Ich geb's nicht zu: Ihr ſeyd mein Gaſt, ich muß Für Eure Sicherheit gewähren! Melchthal. Laßt mich! Die Schliche kenn' ich und die Felſenſteige; Auch Freunde find' ich gnug, die mich dem Feind Verhehlen und ein Obdach gern gewaͤhren. Stauffacher. Laßt ihn mit Gott hinüber gehn. Dort druͤben Iſt kein Verrather— So verabſcheut iſt Die Tyrannei, daß ſie kein Werkzeug findet. Auch der Alzeller ſoll uns nid dem Wald Genoſſen werben und das Land erregen. Alelchthal. Wie bringen wir uns ſichre Kunde zu, Daß wir den Argwohn der Tyrannen täuſchen? . Stauffacher. 3 Wir könnten uns zu Brunnen oder Treib Perſammeln, wo die Kaufmannsſchiffe landen. 41 Walther Fürſt. So offen duͤrfen wir das Werk nicht treiben. — Hoͤrt meine Meinung.— Links am See, wenn man Nach Brunnen fäͤhrt, dem Mythenſtein grad' uͤber, Liegt eine Matte heimlich im Gehölz, Das Ruͤtli heißt ſie bei dem Volk der Hirten, Weil dort die Waldung ausgereutet ward. Dort iſt's, wo unſre Landmark und die Eure (Zu Melchthal.) Zuſammen graͤnzen, und in kurzer Fahrt (Zu Stauffacher.) Traͤgt Euch der leichte Kahn von Schwytz herüber. Auf öden Pfaden können wir dahin Bei Nachtzeit wandern und uns ſtill berathen. Dahin mag Jeder zehn vertraute Manner Mitbringen, die herzeinig ſind mit uns, So koͤnnen wir gemeinſam das Gemeine Beſprechen und mit Gott es friſch beſchließen. Stauffacher. So ſey's. Jetzt reicht mir Eure biedre Rechte, Reicht Ihr die Eure her, und ſo, wie wir Drei Maͤnner jetzo, unter uns die Haͤnde Zuſammen flechten, redlich ohne Falſch, So wollen wir drei Laͤnder auch, zu Schutz Und Trutz, zuſammen ſtehn auf Tod und Leben. Walther Fürſt und Melchthal. Auf Tod und Leben! (Sie halten die Haͤnde noch einige Pauſen lang zuſammengeflochten und ſchweigen.) Melchthal. Blinder, alter Vater, 42 Du kannſt den Tag der Freiheit nicht mehr ſchauen; Du ſollſt ihn hoͤren— Wenn von Alp zu Alp Die Feuerzeichen flammend ſich erheben, Die feſten Schlöſſer der Tyrannen fallen: In deine Hütte ſoll der Schweizer wallen, Zu deinem Ohr die Freudenkunde tragen, Und hell in deiner Nacht ſel es dir tagen! (Sie gehen auseinander.) “.“ 43 5 ̈ Erſte Seeue. Edelhof des Freiherrn von Attinghauſen. Ein gothiſcher Saal, mit Wappenſchildern und Helmen verziert. Der Freiherr, ein Greis von fuͤnf und achtzig Jahren, von hoher edler Sta⸗ tur, an einem Stabe, worauf ein Gemſenhorn, und in ein Pelzwams getleidet. Auoni und noch ſechs Knechte ſiehen um ihn her mit Nechen und Senſen— Alrich von Audenz tritt ein in Ritterkleidung. Uudenz. Hier bin ich, Oheim— Was iſt Euer Wille? Attinghaufen. Erlanbt, daß ich nach altem Hausgebrauch Den Fruͤhtrunk erſt mit meinen Knechten theile. (Er trinkt aus einem Vecher, der dann in der Reihe herumgeht.) Sonſt war ich ſelber mit in Feld und Wald, Mit meinem Auge ihren Fleiß regierend, Wie ſie mein Banner führte in der Schlacht; Jetzt kann ich nichts mehr als den Schaffner machen, Und, kommt die warme Sonne nicht zu mir, Ich kann ſie nicht mehr ſuchen auf den Bergen. Und ſo, in engem ſtets und engerm Kreis, 44 Beweg' ich mich dem engeſten und letzten, Wo alles Leben ſtill ſteht, langſam zu. Mein Schatten bin ich nur, bald nur mein Name. Kuoni(zu Rudenz mit dem Becher). Ich bring's Euch, Junker. (Da Rudenz zaudert, den Becher zu nehmen.) Trinket friſch! Es geht Aus einem Becher und aus einem Herzen. Attinghauſen. Geht, Kinder, und, wenn's Feierabend iſt, Dann reden wir auch von des Lands Geſchaͤften. (Knechte gehen ab.) Attinghauſen und Audenz. Attinghauſen. Ich ſehe dich geguͤrtet und gerüſtet: Du willſt nach Altdorf in die Herrenburg? Rudenz. Ja, Oheim, und ich darf nicht länger ſäumen— Attinghauſen(eeßt ſich). Haſt du's ſo eilig? Wie? Iſt deiner Jugend Die Zeit ſo karg gemeſſen, daß du ſie An deinem alten Oheim mußt erſparen? Uudenz. Ich ſehe, daß Ihr meiner nicht bedürft, Ich bin ein Fremdling nur in dieſem Hauſe. Attinghauſen (hat ihn lange mit den Augen gemuſtert). Ja, leider biſt du's! Leider iſt die Heimat Zur Fremde dir geworden! Uly! Uly! Ich kenne dich nicht mehr. In Seide prangſt du, — * Die Pfauenfeder traͤgſt du ſtolz zur Schau Und ſchlägſt den Purpurmantel um die Schultern; Den Landmann blickſt du mit Verachtung an Und ſchämſt dich ſeiner traulichen Begruͤßung. Uudenz. Die Ehr', die ihm gebuͤhrt, geb' ich ihm gern; Das Recht, das er ſich nimmt, verweigr' ich ihm. Attinghauſen. Das ganze Land liegt unterm ſchweren Zorn Des Königs— jedes Biedermannes Herz Iſt kummervoll ob der tyranniſchen Gewalt, Die wir erdulden— dich allein ruͤhrt nicht Der allgemeine Schmerz— dich ſiehet man, Abtrünnig von den Deinen, auf der Seite Des Landesfeindes ſtehen, unſrer Noth Hohnſprechend, nach der leichten Freude jagen Und buhlen um die Fürſtengunſt, indeß Dein Vaterland von ſchwerer Geißel blutet. Kudenz. Das Land iſt ſchwer bedraängt— Warum, mein Wer iſt's, der es geſtürzt in dieſe Noth? Es koſtete ein einzig leichtes Wort, 8 Um augenblicks des Dranges los zu ſeyn Und einen gnäd'gen Kaiſer zu gewinnen. Weh' ihnen, die dem Volk die Augen halten, Daß es dem wahren Beſten widerſtrebt. Uim eignen Vortheils willen hindern ſie, Daß die Waldſtadte nicht zu Oeſtreich ſchwören Wie ringsum alle Lande doch gethan. Wohl thut es ihnen, auf der Herrenbank Oheim? — 465 Zu ſitzen mit dem Edelmann— den Kaiſer — Will man zum Herrn, um keinen Herrn zu haben. Attinghauſen. Muß ich Das hoͤren und aus deinem Munde! Audenz. Ihr habt mich aufgefordert, laßt mich enden. — Welche Perſon iſt's, Oheim, die Ihr ſelbſt Hier ſpielt? Habt Ihr nicht höhern Stolz, als hier Landammann oder Bannerherr zu ſeyn Und neben dieſen Hirten zu regieren? Wie? Iſt's nicht eine rüͤhmlichere Wahl, Zu huldigen dem koͤniglichen Herrn, Sich an ſein glänzend Lager anzuſchließen, Als Eurer eignen Knechte Pair zu ſeyn Und zu Gericht zu ſiten mit dem Bauer? Attinghauſen. Ach, Uly! Uly! Ich erkenne ſie,. Die Stimme der Verführung! Sie ergriff Dein offnes Ohr, ſie hat dein Herz vergiftet! Uudenz. Ja, ich verberg' es nicht— in tiefer Seele Schmerzt mich der Spott der Fremdlinge, die uns Den Bauerz ſchelten— Nicht ertrag' ich's, Indeß die eble Jugend rings umher „Sich Ehre ſammelt unter Habsburgs Fahnen, Auf meinem Erb' hier müßig ſlill zu liegen Und bei gemeinem Tagewerk den Lenz Des Lebens zu verlieren— Anderswo Geſchehen Thaten, eine Welt des Ruhms Bewegt ſich glanzend jenſeits dieſer Berge— Mir roſten in der Halle Helm und Schild; Der Kriegstrommete muthiges Getoͤn', Der Heroldsruf, der zum Turniere ladet, Er dringt in dieſe Thaler nicht herein; Nichts als den Kuhreihn und der Heerdeglocken Einförmiges Gelaͤut' vernehm' ich hier. Attinghauſen. Verblendeter, vom eiteln Glanz verführt, Verachte dein Geburtsland! Schaͤme dich Der uralt frommen Sitte deiner Vater! Mit heißen Thraͤnen wirſt du dich dereinſt Heim ſehnen nach den vaͤterlichen Bergen, Und dieſes Heerdenreihens Melodie, Die du in ſtolzem Ueberdruß verſchmähſt, Mit Schmerzensſehnſucht wird ſie dich ergreifen, Wenn ſie dir anklingt auf der fremden Erde. O, maͤchtig iſt der Trieb des Vaterlands! Die fremde, falſche Welt iſt nicht für dich: Dort an dem ſtolzen Kaiſerhof bleibſt du Dir ewig fremd mit deinem treuen Herzen! Die Welt, ſie fordert andre Tugenden, Als du in dieſen Thälern dir erworben. — Geh' hin, verkaufe deine freie Seele, Nimm Land zu Lehen, werd' ein Fürſtenknecht, Da du ein Selbſtherr ſeyn kannſt und ein Fuͤrſt Auf deinem eignen Erb' und freien Boden. Ach, Uly! Uly! Bleibe bei den Deinen! Geh' nicht nach Altdorf— O, verlaſſ' ſie nicht, Die heil'ge Sache deines Vaterlands! — Ich bin der Letzte meines Stamms— Mein Endet mit mir. Da haͤngen Helm und Schild: Die werden ſie mir in das Grab mitgeben. 5 48 Und muß ich denken bei dem letzten Hauch, Daß du mein brechend Auge nur erwarteſt, Um hinzugehn vor dieſen neuen Lehenhof 3 Und meine edeln Güter, die ich frei Von Gott empfing, von Oeſtreich zu empfangen! 8 „ Rudenz. Vergebens widerſtreben wir dem König. Die Welt gehört ihm: wollen wir allein Uns eigenſinnig ſteifen und verſtocken, Die Länderkette ihm zu unterbrechen, Die er gewatlig rings um uns gezogen? Sein ſind die Märkte, die Gerichte, ſein Die Kaufmannsſtraßen, und das Saumroß ſelbſt, Das auf den Gotthardt ziehet, muß ihm zollen. Von ſeinen Ländern wie mit einem Netz Sind wir umgarnet rings und eingeſchloſſen. — Wird uns das Reich beſchützen? Kann es ſelbſt Sich ſchützen gegen Oeſtreichs wachſende Gewalt? Hilft Gott uns nicht, kein Kaiſer kann uns helfen. Was iſt zu geben auf der Kaiſer Wort, Wenn ſie in Geld- und Kriegesnoth die Staͤdte, Die untern Schirm des Adlers ſich geflüchtet, Verpfänden durfen und dem Reich veräußern? — Nein, Oheim! Wohlthat iſt's und weiſe Vorſicht In dieſen ſchweren Zeiten der Parteiung, Sich anzuſchließen an ein mächtig Haupt. Die Kaiſerkrone geht von Stamm zu Stamm: Die hat für treue Dienſte kein Gedachtniß. Doch, um den macht'’gen Erbherrn wohl verdienen, Heißt Sagten in die 5 Zukunft ſtreun. 49 ttinghauſen. . Biſt du ſo weiſe? Willſt heller ſehn, als deine edeln Väter, Die um der Freiheit koſtbarn Edelſtein Mit Gut und Blut und Heldenkraft geſtritten? — Schiſſ' nach Luzern hinunter, frage dort, Wie Oeſtreichs Herrſchaft laſtet auf den Laͤndern. Sie werden kommen, unſre Schaf' und Rinder Zu zählen, unſre Alpen abzumeſſen, Den Hochflug und das Hochgewilde bannen In unſern freien Waͤldern, ihren Schlagbaum An unſre Brücken, unſre Thore ſetzen, Mit unſrer Armuth ihre Landerkaufe, Mit unſerm Blute ihre Kriege zahlen— — Nein, wenn wir unſer Blut dran ſetzen ſollen, So ſey's für uns— wohlfeiler kaufen wir Die Freiheit als die Knechtſchaft ein! Rudenz. 3 Was köͤnnen wir, Ein Volk der Hirten, gegen Albrechts Heere? Attinghauſen. Lern' dieſes Volk der Hirten kennen, Knabe! Ich kenn's: ich hab' es angeführt in Schlachten, Ich hab' es fechten ſehen bei Favenz. Sie ſollen kommen, uns ein Joch aufzwingen, Das wir entſchloſſen ſind nicht zu ertragen! — O, lerne fühlen, welches Stamms du biſt! Wirf nicht für eiteln Glanz und Flitterſchein Die echte Perle deines Werthes hin— Das Haupt zu heißen eines freien Volks, Schillers ſämmtt. Werke. vI. 59 Das dir aus Liebe nur ſich herzlich weiht, Das treulich zu dir ſteht in Kampf und Tod— Das ſey dein Stolz, deß Adels rühme dic— Die angebornen Bande knüpfe feſt, Ans Vaterland, ans theure, ſchließ' dich an, Das halte feſt mit deinem ganzen Herzen! Hier ſind die ſtarken Wurzeln deiner Kraft; Dort in der fremden Welt ſtehſt du allein, Ein ſchwankes Rohr, das jeder Sturm zerknickt. O, komm, du haſt uns lang nicht mehr geſehn, Verſuch's mit uns nur einen Tag— nur heute Geh' nicht nach Altdorf— hörſt du? heute nicht; Den einen Tag nur ſchenke dich den Deinen! (Er faßt ſeine Hand.) Rudenz. Ich gab mein Wort— Laßt mich— Ich bin gebunden. Attinghauſen 4(laͤßt ſeine Hand los, mit Ernſt). Du biſt gebunden— Ja, Unglücklicher, 8 Du biſt's, doch nicht durch Wort und Schwur, Gebunden biſt du durch der Liebe Seile!* (Rudenz wendet ſich weg.) — Verbirg dich, wie du willſt. Das Fräulein iſt's, Bertha von Bruneck, die zur Herrenburg Dich zieht, dich feſſelt an des Kaiſers Dienſt. Das Ritterfraulein willſt du dir erwerben Mit deinem Abfall von dem Land— Betrüg' dich nicht! Dich anzulocken, zeigt man dir die Braut; Doch deiner Unſchuld iſt ſie nicht beſchieden. 8 6 .— 51 Uudenz. Genug hab' ich gehört. Gehabt Euch wohl. (Er geht ab.) Attinghauſen. Wahnſinn'ger Juͤngling, bleib'! Er geht dahin! Ich kann ihn nicht erhalten, nicht erretten— So iſt der Wolfenſchießen abgefallen Von ſeinem Land— ſo werden Andre folgen: Der fremde Zauber reißt die Jugend fort, Gewaltſam ſtrebend über unſre Berge. — O unglückſel'ge Stunde, da das Fremde In dieſe ſtill beglückten Thaͤler kam, Der Sitten fromme Unſchuld zu zerſtoͤren! Das Nene dringt herein mit Macht, das Alte, Das Würd'ge ſcheidet, andre Zeiten kommen, Es lebt ein andersdenkendes Geſchlecht! Was thu' ich hier? Sie ſind begraben Alle, Mit denen ich gewaltet und gelebt. Unter der Erde ſchon liegt meine Zeit; 4 Wohl Dem, der mit der neuen nicht mehr braucht zu leben! (Geht ab.) ₰ 5² Zweite Seene. Sine Wieſe, von hohen Felſen und Wald umgeben. Auf den Felſen ſind Steige mit Gelaͤndern, auch Leitern, von denen man nachher die Landleute herabſteigen ſieht. Im Hintergrunde zeigt ſich der See, uͤber welchem anfangs ein Mondregenbogen zu ſehen iſt. Den Proſpect ſchließen hohe Berge, hinter welchen noch hoͤhere Eisgebirge ragen. Es iſt vollig Nacht auf der Scene, nur der See und die weißen Gletſcher leuchten im Mondlicht. AMelchthal, Baumgarten, Winkelried, Meier von Sarnen, Burkhart am Bühel, Arnold von Sewa, Klaus von der Flüe und noch vier andere Landleute, Alte bewaffnet. Melchthal(noch binter der Scene). Der Bergweg offnet ſich, nur friſch mir nach! Den Fels erkenn' ich und das Kreuzlein drauf; Wir ſind am Ziel, hier iſt das Ruͤtli. 3 4(Treten auf mit Windlichtern.) Winkelried. Horch!.. Sewa. Ganz leer. Meier. zs iſt noch kein Landmann da. Wir ſind Die Erſten auf dem Platz, wir Unterwaldner. 3 Melchthal. Wie weit iſt's in der Nacht? Baumgarten. Der Feuerwaͤchter Vom Selisberg hat eben Zwei gerufen. (Man hoͤrt in der Ferne länten). ö 53 Meier. Still! Horch! Am Bühel. Das Mettenglöcklein in der Waldkapelle Klingt hell herüber aus dem Scht degerne and. Uan der Flüc. Die Luft iſt r rein und trägt den Schall ſo weit. Melchthal. Gehn Einige und zünden Reisholz an, Daß es loh brenne, wenn die Manner kommen. (Swei Landleute gehen.) Sewa. 's iſt eine ſchoͤne Mondennac cht. Der See Liegt ruhig da, als wie ein ebner Spiegel. Am Zühel. Sie haben eine leichte Fahrt. Winkelried(zeigt nach dem See). Ha, ſeht! Seht dorthin! Seht ihr nichts? Meier. Was denn?— Ja, Ein Regenbogen mitten in der Nacht! Melchthal. Es iſt das Licht des Mondes, das ihn bildet. UVon der Flüc. Das iſt ein ſeltſam wunderbares Zeichen! Es leben Viele, die Das nicht geſehn. Sewa. Er iſt doppelt; ſeht, ein bl laſſerer ſteht drüber. Baumgarten. Ein nuden fäͤhrt ſo eben drunrer meg. „ wahrlich! —— 54 Melchthal.— Das iſt der Stauffacher mit ſeinem Kahn! Der Biedermann läßt ſich nicht lang erwarten. (Geht mit Baumgarten nach dem Ufer.) Meier. Die Urner ſind es, die am längſten ſäumen, Am Zühel. Sie müſſen weit umgehen durchs Gebirg', Daß ſie des Landvogts Kundſchaft hintergehen. (Unterdeſſen haben die zwei Landleute in der Mitte des Platzes ein Feuer angezuͤndet.) Melchthal(am Ufer). Wer iſt da? Gebt das Wort! Stauffacher(von Untend. Freunde des Landes. (Alle gehen nach der Tieſe, den Kommenden entgegen. Aus dem Kahn ſteigen Stauffacher, Itel Reding, Hans auf der Mauer, Jörg im Hoſe, Kanrad Hunn, Allrich der Schmid, Joſt von Weiler und noch drei andere Landleute, gleichſalls bewaffnet.) Alle(rufen). Willkommen! (Indem die Uebrigen in der Tiefe verweilen und ſich begruͤßen, kommt Melchthal mit Stauffacher vorwaͤrts.) Melchthal. O Herr Stauffacher! Ich hab' ihn Geſehn, der mich nicht wiederſehen konnte! Die Hand hab' ich gelegt auf ſeine Augen, Und gluͤhend Rachgefühl hab' ich geſogen Aus der erloſchnen Sonne ſeines Blicks. 5⁵ Stauffacher. Sprecht nicht von Rache. Nicht Geſchehnes rächen, Gedrohtem Uebel wollen wir begegnen. — Jetzt ſagt, was Ihr im Unterwaldner Land Geſchafft und fuͤr gemeine Sach' geworben, Wie die Landleute denken, wie Ihr ſelbſt Den Stricken des Verraths entgangen ſeyd. . Melchthal. Durch der Surennen furchtbares Gebirg', Auf weit verbreitet oͤden Eiſesfeldern, Wo nur der heiſre Lämmergeier krächzt, Gelangt' ich zu der Alpentrift, wo ſich Aus Uri und vom Engelberg die Hirten Anrufend grüßen und gemeinſam weiden, Den Durſt mir ſtillend mit der Gletſcher Milch, Die in den Runſen ſchaumend niederquillt. In den einſamen Sennhütten kehrt' ich ein, Mein eigner Wirth und Gaſt, bis daß ich kam Zu Wohnungen geſellig lebender Menſchen. — Erſchollen war in dieſen Thalern ſchon Der Ruf des neuen Graͤuels, der geſchehn, Und fromme Ehrfurcht ſchaffte mir mein Unglück Vor jeder Pforte, wo ich wandernd klopfte. Entrüſtet fand ich dieſe graden Seelen Ob dem gewaltſam neuen Regiment: Denn, ſo wie ihre Alpen fort und fort Dieſelben Kräuter nahren, ihre Brunnen Gleichförmig fließen, Wolken ſelbſt und Winde Den gleichen Strich unwandelbar befolgen, So hat die alte Sitte hier vom Ahn Zum Enkel unverandert fort beſtanden. 56 Nicht tragen ſie verwegne Neuerung Im altgewohnten gleichen Gang des Lebens. — Die harten Hände reichten ſie mir dar, Von den Waͤnden langten ſie die roſt'gen Schwerter, Und aus den Augen blitzte freudiges Gefühl des Muths, als ich die Namen nannte, Die im Gebirg' dem Landmann heilig ſind, Den Eurigen und Walther Fürſt's— Was cuch Recht würde duͤnken, ſchworen ſie zu thun: Euch ſchworen ſie bis in den Tod zu folgen. — So eilt' ich ſicher unterm heil'gen Schirm Des Gaſtrechts von Gehöfte zu Gehöfte— und, als ich kam ins heimatliche Thal, Wo mir die Vettern viel verbreitet wohnen— Als ich den Vater fand, beraubt und blind, Auf fremdem Stroh, von der Barmherzigkeit Mildthät'ger Menſchen lebend— — Stauffucher. Herr im Himmel! Melchthal. Da weint' ich nicht! Nicht in unmächt'gen Thraͤuen Goß ich die Kraft des heißen Schmerzens aus; In tiefer Bruſt, wie einen theuren Schatz, Verſchloß ich ihn und dachte nur auf Thaten. Ich kroch durch alle Krümmen des Gebirgs; Kein Thal war ſo verſteckt, ich ſpäht' es aus; Bis an der Gletſcher eisbedeckten Fuß Erwartet' ich und fand bewohnte Hütten, Und überall, wohin mein Fuß mich trug, Fand ich den gleichen Haß der Tyrannei: Denn bis an dieſe letzte Granze ſelbſt 57 Belebter Schoͤpfung, wo der ſtarre Boden Aufhört zu geben, raubt der Vögte Geiz— Die Herzen alle dieſes biedern Volks Erregt' ich mit dem Stachel meiner Worte, Und unſer ſind ſie All' mit Herz und Mund. Stauffacher. Großes habt Ihr in kurzer Friſt geleiſtet. 3 Melchthal. Ich that noch mehr. Die beiden Veſten ſind's, Roßberg und Sarnen, die der Landmann fürchtet: Denn hinter ihren Felſenwällen ſchirmt Der Feind ſich leicht und ſchadiget das Land. Mit eignen Augen wollt' ich es erkunden: Ich war zu Sarnen und beſah die Burg. Stauffacher. Ihr wagtet Euch bis in des Tigers Höhle? Melchthal. Ich war verkleidet dort in Pilgerstracht: Ich ſah den Landvogt an der Tafel ſchwelgen— Urtheilr, ob ich mein Herz bezwingen kann: Ich ſah den Feind, und ich erſchlug ihn nicht. Stauffacher. Fürwahr, das Glück war Eurer Kühnheit hold. (Unterdeſſen ſind die andern Landleute vorwaͤrts gekommen und naͤbern ſich den Beiden.) Doch jetzo ſagt mir, wer die Freunde ſind Und die gerechten Maͤnner, die Euch folgten? Macht mich bekannt mit ihnen, daß wir uns Zutraulich nahen und die Herzen öffnen. Meier. Wer kennte Euch nicht, Herr, in den drei Landen? 58 Ich bin der Meier von Sarnen; Dies hier iſt Mein Schweſterſohn, der Struth von Winkelried. Stauffacher. Ihr nennt mir keinen unbekannten Namen. Ein Winkelried war's, der den Drachen ſchlug Im Sumpf bei Weiler und ſein Leben ließ In dieſem Strauß. Winkelried. Das war mein Ahn, Herr Werner. . Melchthal Geigt auf zwei Landleute). Die wohnen hinterm Wald, ſind Kloſterleute Vom Engelberg— Ihr werdet ſie drum nicht Verachten, weil ſie eigne Leute ſind Und nicht, wie wir, frei ſitzen auf dem Erbe— Sie lieben's Land, ſind ſonſt auch wohl berufen. Stauffacher(zu den Beiden). Gebt mir die Hand! Es preiſe ſich, wer Keinem Mit ſeinem Leibe pflichtig iſt auf Erden; Doch Redlichkeit gedeiht in jedem Stande. Konrad Hunn. Das iſt Herr Reding, unſer Altlandammann. 4 Meier. Ich kenn' ihn wohl. Er iſt mein Widerpart, Der um ein altes Erbſtück mit mir rechtet. — Herr Reding, wir ſind Feinde vor Gericht; Hier ſind wir einig. (Schuͤttelt ihm die Hand.) Stauffacheer. Das iſt brav geſprochen. 59 Winkelried. Hört ihr? Sie kommen. Hört das Horn von Uri! (Rechts und links ſieht man bewaffnete Maͤnner mit Windlichtern die Felſen herabſteigen.) Auf der Mauer. Seht! Steigt nicht ſelbſt der fromme Diener Gottes, Der würd'ge Pfarrer mit herab? Nicht ſcheut er Des Weges Mühen und das Graun der Nacht, Ein treuer Hirte für das Volk zu ſorgen. ZBaumgarten. Der Sigriſt folgt ihm und Herr Walther Fuͤrſt; Doch nicht den Tell erblick' ich in der Menge. Walther Fürſt, Röſſelmann, der Pfarrer, Petermann, der Sigriſt, Kuoni, der Hirt, Werni, der Faͤger, Ruodi, der Fiſcher, und noch fünf andre Landleute. Alle zu⸗ ſammen, drei und dreißig an der Zahl, treten vorwaͤrts und ſiellen ſich um das Feuer. Walther Fürſt. So müͤſſen wir auf unſerm eignen Erb' Und vaterlichen Boden uns verſtohlen Zuſammen ſchleichen, wie die Mörder thun, Und bei der Nacht, die ihren ſchwarzen Mantel Nur dem Verbrecher und der ſonnenſcheuen. Verſchwörung leihet, unſer gutes Recht Uns holen, das doch lauter iſt und klar, Gleichwie der glanzvoll offne Schoß des Tages. Melchthal. Laßt's gut ſeyn. Was die dunkle Nacht geſponnen, Soll frei und fröhlich an das Licht der Sonnen. 4 60 Uöſſelmann. Hoͤrt, was mir Gott ins Herz gibt, Eidgensſſen! Wir ſtehen hier ſtatt einer Landsgemeine Und koͤnnen gelten fuͤr ein ganzes Volk. So laßt uns tagen nach den alten Bräuchen Des Lands, wie wir's in ruhigen Zeiten pflegen; Was ungeſetzlich iſt in der Verſammlung, Entſchuldige die Noth der Zeit. Doch Gott Iſt uͤberall, wo man das Recht verwaltet, Und unter ſeinem Himmel ſtehen wir. Stauffacher. Wohl, laßt uns tagen nach der alten Sitte: Iſt es gleich Nacht, ſo leuchtet unſer Recht. Melchthal. Iſt gleich die Zahl nicht voll, das Herz iſt hier 4 Des ganzen Volks: die Beſten ſind zugegen. Konrad Hunn. 3 Sind auch die alten Bücher nicht zur Hand, 5 Sie ſind in unſre Herzen eingeſchrieben.* Köſſelmann. Wohlan, ſo ſey der Ring ſogleich gebildet. Man pflanze auf die Schwerter der Gewalt! 3 Auf der Mauer. 3 Der Landesammann nehme ſeinen Platz, 4 Und ſeine Waibel ſtehen ihm zur Seite! Sigrriſt. Es ſind der Völker dreie. Welchem nun Gebührt's, das Haupt zu geben der Gemeine? Meier. Um dieſe Ehr' mag Schwytz mit Uri ſtreiten: Wir Unterwaldner ſtehen frei zurück. 8 8 61 Melchthal. Wir ſtehn zurück: wir ſind die Flehenden, Die Hülfe heiſchen von den mächt'gen Freunden. . Stauffacher. So nehme Uri denn das Schwert: ſein Banner Zieht bei den Römerzügen uns voran. Walther Fürſt. Des Schwertes Ehre werde Schwytz zu Theil: Denn ſeines Stammes rühmen wir uns Alle. Räſſelmann. Den edeln Wettſtreit laßt mich freundlich ſchlichten: Schwytz ſoll im Rath, Uri im Felde fuühren. Walther fürſt(reicht dem Stauffacher die Hand). 4 So nehmt! 3 Stauffacher. Nicht mir, dem Alter ſey die Ehre! Im Hofe. . Die meiſten Jahre zählt Ulrich der Schmid. 2 Auf der Maucr. 4 Der Mann iſt wacker, doch nicht freien Stands: Kein eigner Mann kann Richter ſeyn in Schwytz. Stauffacher. 4 Steht nicht Herr Reding hier, der Altlandammann? 3 Was ſuchen wir noch einen Würdigern? Walther fürſt. Er ſey der Ammann und des Tages Haupt! Wer dazu ſtimmt, erhebe ſeine Hande. (Alle heben die rechte Hand auf.) .* Ueding ttritt in die Mitte). 7 Ich kann die Hand nicht auf die Buͤcher legen: 62* So ſchwoͤr' ich droben bei den ew'gen Sternen, Daß ich mich nimmer will vom Recht entfernen. (Man richtet die zwei Schwerter vor ihm auf, der Ring bildet ſich um ihn her, Schwytz haͤlt die Mitte, rechts ſiellt ſich Uri und links Un⸗ terwalden. Er ſteht auf ſein Schlachtſchwert geſtuͤtzt.) Was iſt's, das die drei Völker des Gebirgs Hier an des Sees unwirthlichem Geſtade Zuſammenführte in der Geiſterſtunde? Was ſoll der Inhalt ſeyn des neuen Bunds, Den wir hier unterm Sternenhimmel ſtiften? Stauffacher(tritt in den Ring). Wir ſtiften keinen neuen Bund; es iſt Ein uralt Bündniß nur von Vaͤter Zeit, Das wir erneuern! Wiſſet, Eidgenoſſen! F Ob uns der See, ob uns die Berge ſcheiden, Und jedes Volk ſich für ſich ſelbſt regiert, So ſind wir eines Stammes doch und Bluts, Und eine Heimat iſt's, aus der wir zogen. Winkelried. So iſt es wahr, wie's in den Liedern lautet, Daß wir von Fern' her in das Land gewallt? O, theilt's uns mit, was Euch davon bekannt, Daß ſich der neue Bund am alten ſtaͤrke. . Stauffacher. Hoͤrt, was die alten Hirten ſich erzahlen. — Es war ein großes Volk, hinten im Lande Nach Mitternacht, das litt von ſchwerer Theurung. In dieſer Noth beſchloß die Landsgemeine, Daß je der zehnte Bürger nach dem Los Der Vaͤter Land verlaſſe— Das geſchah! Und zogen aus, wehklagend, Maͤnner und Weiber, n⸗ 63 Ein großer Heerzug, nach der Mittagsſonne, Mit dem Schwert ſich ſchlagend durch das deutſche Land, Bis an das Hochland dieſer Waldgebirge; Und eher nicht ermüdete der Zug, Bis daß ſie kamen in das wilde Thal, Wo jetzt die Muotta zwiſchen Wieſen rinnt— Nicht Menſchenſpuren waren hier zu ſehen, Nur eine Hütte ſtand am Ufer einſam. Da ſaß ein Mann und wartete der Fähre— Doch heftig wogete der See und war Nicht fahrbar; da beſahen ſie das Land Sich naher und gewahrten ſchöne Fülle Des Holzes und entdeckten gute Brunnen Und meinten, ſich im lieben Vaterland Zu finden— Da beſchloſſen ſie zu bleiben, Erbaueten den alten Flecken Schwytz Und hatten manchen ſauren Tag, den Wald Mit weit verſchlungnen Wurzeln auszuroden— Drauf, als der Boden nicht mehr Gnügen that Der Zahl des Volks, da zogen ſie hinüber Zum ſchwarzen Berg, ja, bis ans Weißland hin, Wo, hinter ew'gem Eiſeswall verborgen, Ein andres Volk in andern Zungen ſpricht. 1 Den Flecken Stanz erbauten ſie am Kernwald, Den Flecken Altdorf in dem Thal der Reuß— 1 Doch blieben ſie des Urſprungs ſtets gedenk; Aus all' den fremden Stämmen, die ſeitdem 1 In Mitte ihres Lands ſich angeſiedelt, 4 Finden die Schwytzer Männer ſich heraus: 4 Es gibt das Herz, das Blut ſich zu erkennen. (Reicht rechts und links die Hand hin.) 64 Auf der Mauer. Ja, wir ſind eines Herzens, eines Bluts! Alle(ſich die Haͤnde reichend). Wir ſind ein Volk, und einig wollen wir handeln. Stauffacher. Die andern Völker tragen fremdes Joch; Sie haben ſich dem Sieger unterworfen. Es leben ſelbſt in unſern Landesmarken Der Saſſen viel, die fremde Pflichten tragen, Und ihre Knechtſchaft erbt auf ihre Kinder. Doch wir, der alten Schweizer echter Stamm, Wir haben ſtets die Freiheit uns bewahrt. Nicht unter Furſten bogen wir das Knie; Freiwillig wahlten wir den Schirm der Kaiſer. Uäſſelmann. Frei waͤhlten wir des Reiches Schutz und Schirm: So ſteht's bemerkt in Kaiſer Friedrichs Brief. Stauffacher. Denn herrenlos iſt auch der Freiſte nicht. Ein Oberhaupt muß ſeyn, ein hoͤchſter Richter, Wo man das Recht mag ſchöpfen in dem Streit. Drum haben unſre Vaͤter für den Boden, Den ſie der alten Wildniß abgewonnen, Die Ehr' gegönnt dem Kaiſer, der den Herrn Sich nennt der deutſchen und der waͤlſchen Erde, Und, wie die andern Freien ſeines Reichs, Sich ihm zu edelm Waffendienſt gelobt: Denn Dieſes iſt der Freien einz'ge Pflicht, Das Reich zu ſchirmen, das ſie ſelbſt beſchirmt. Melchthal. Was drüber iſt, iſi Merkmal eines Knechts. — Stauffacher. Sie folgten, wenn der Heribann erging, Dem Reichspanier und ſchlugen ſeine Schlachten. Nach Welſchland zogen ſie gewappnet mit, Die Römerkron' ihm auf das Haupt zu ſetzen. Daheim regierten ſie ſich fröhlich ſelbſt Nach altem Brauch und eigenem Geſetz; Der höchſte Blutbann war allein des Kaiſers; Und dazu war beſtellt ein großer Graf, Der hatte ſeinen Sitz nicht in dem Lande. Wenn Blutſchuld kam, ſo rief man ihn herein, Und unter offnem Himmel, ſchlicht und klar, Sprach er das Recht und ohne Furcht der Menſchen. Wo ſind hier Spuren, daß wir Knechte ſind? Iſt einer, der es anders weiß, Der rede! Im Hofe. Nein, ſo verhält ſich Alles, wie Ihr ſprecht: Gewaltherrſchaft ward nie bei uns geduldet. Stauffacher. Dem Kaiſer ſelbſt verſagten wir Gehorſam, Da er das Recht zu Gunſt der Pfaffen bog. Denn, als die Leute von dem Gotteshaus Einſiedeln uns die Alp in Anſpruch nahmen, Die wir beweidet ſeit der Vaͤter Zeit, Der Abt herfürzog einen alten Brief, Der ihm die herrenloſe Wüſte ſchenkte— Denn unſer Daſeyn hatte man verhehlt— Da ſprachen wir:„Erſchlichen iſt der Brief! Kein Kaiſer kann, was unſer iſt, verſchenken; Und, wird uns Recht verſagt vom Reich, wir können In unſern Bergen auch des Reichs entbehren.“ Schillers faͤmmtl. Werke VI. 5 66 — So ſprachen unſre Vaͤter! Sollen wir Des neuen Joches Schaͤndlichkeit erdulden, Erleiden von dem fremden Knecht, was uns In ſeiner Macht kein Kaiſer durfte bieten? — Wir haben dieſen Boden uns erſchaffen Durch unſrer Hände Fleiß, den alten Wald, Der ſonſt der Bäaren wilde Wohnung war, Zu einem Sitz für Menſchen umgewandelt; Die Brut des Drachen haben wir getödtet, Der aus den Sümpfen giftgeſchwollen ſtieg; Die Nebeldecke haben wir zerriſſen, Die ewig grau um dieſe Wildniß hing, Den harten Fels geſprengt, über den Abgrund Dem Wandersmann den ſichern Steg geleitet; Unſer iſt durch tauſendjahrigen Beſitz Der Boden— und der fremde Herrenknecht Soll kommen dürfen und uns Ketten ſchmieden und Schmach anthun auf unſrer eignen Erde? Iſt keine Hülfe gegen ſolchen Drang? (Eine große Bewegung unter den Landleuten.) Nein, eine Gränze hat Tyrannenmacht. Wenn der Gedruckte nirgends Recht kann finden, Wenn unerträͤglich wird die Laſt— greift er Hinauf getroſten Muthes in den Himmel Und holt herunter ſeine ew'gen Rechte, Die droben hangen unveraußerlich Und unzerbrechlich, wie die Sterne ſelbſt— Der alte Urſtand der Natur kehrt wieder, Wo Menſch dem Menſchen gegenüber ſteht— Zum letzten Mittel, wenn kein andres mehr Verfangen will, iſt ihm das Schwert gegeben—. —— 67 Der Güter höchſtes dürfen wir vertheid'gen Gegen Gewalt— Wir ſtehn für unſer Land, Wir ſtehn für unſre Weiber, unſre Kinder! Alle(an ihre Schwerter ſchlagend). Wir ſtehn für unſre Weiber, unſre Kinder! Röſſelmann(tritt in den Ring). CEh' ihr zum Schwerte greift, bedenkt es wohl! Ihr könnt es friedlich mit dem Kaiſer ſchlichten. Es koſtet euch ein Wort, und die Tyrannen, Die euch jetzt ſchwer bedrangen, ſchmeicheln euch. — Ergreift, was man euch oft geboten hat: Trennt euch vom Reich, erkennet Oeſtreichs Hoheit— Auf der Mauer. Wa5 ſagt der Pfarrer? Wir zu Oeſtreich ſchwören! Am Zühel. pört ihn nicht an! Winkelried. Das räth uns ein Verraͤther, Ein Feind des Landes! 3 Ueding. Ruhig, Eidgenoſſen! Sewa. Wir Oeſtreich huldigen, nach ſolcher Schmach? Non der Flüe. Wir uns abtrotzen laſſen durch Gewalt, Was wir der Güte weigerten? Meier. 1 Dann waren Wir Sklaven und verdienten, es zu ſeyn! Auf der Mauer. Der ſey geſtoßen aus dem Recht der Schweizer, 8 —— Wer von Ergebung ſpricht an Oeſterreich! — Landammann, ich beſtehe drauf: Dies ſey Das erſte Landsgeſetz, das wir hier geben. Melchthal. So ſey's. Wer von Ergebung ſpricht an Oeſtreich, Soll rechtlos ſeyn und aller Ehren baar, Kein Landmann nehm' ihn auf an ſeinem Fener. Alle(heben die rechte Hand auf). Wir wollen es, Das ſey Geſetz! Reding(nach einer Pauſe). Es iſt's. Röſſelmann. Jetzt ſeyd ihr frei, ihr ſeyd's durch dies Geſetz. Nicht durch Gewalt ſoll Oeſterreich ertrotzen, Was es durch freundlich Werben nicht erhielt— Joſt von Weiler. Zur Tagesordnung, weiter! 6 Reding. Eidgenoſſen! Sind alle ſanfte Mittel auch verſucht? Vielleicht weiß es der König nicht; es iſt Wohl gar ſein Wille nicht, was wir erdulden. Auch dieſes Letzte wollen wir verſuchen, Erſt unſre Klage bringen vor ſein Ohr, Eh' wir zum Schwerte greifen. Schrecklich immer, Auch in gerechter Sache, iſt Gewalt. 5 Gott hilft nur dann, wenn Menſchen nicht mehr helfen. Stauffacher(zu Konrad Hunn). Nun iſt's an Euch, Bericht zu geben. Redet! Konrad Hunn. Ich war zu Rheinfeld an des Kaiſers Pfalz, 4* 69 Wider der Vögte harten Druck zu klagen, Den Brief zu holen unſrer alten Freiheit, Den jeder neue König ſonſt beſtatigt. Die Boten vieler Stadte fand ich dort, Vom ſchwaͤb'ſchen Lande und vom Lauf des Rheins, Die all' erhielten ihre Pergamente Und kehrten freudig wieder in ihr Land. . Mich, euren Boten, wies man an die Räthe, Und die entließen mich mit leerem Troſt: „Der Kaiſer habe diesmal keine Zeit; „Er würde ſonſt einmal wohl an uns denken.“ — Und, als ich traurig durch die Saͤle ging Der Koͤnigsburg, da ſah ich Herzog Hanſen In einem Erker weinend ſtehn, um ihn Die edeln Herrn von Wart und Tegerfeld, Die riefen mir und ſagten:„Helft Euch ſelbſt! 4„Gerechtigkeit erwartet nicht vom König. „Beraubt er nicht des eignen Bruders Kind „Und hinterhält ihm ſein gerechtes Erbe? „Der Herzog fleht ihn um ſein Mütterliches: „Er habe ſeine Jahre voll, es ware „Nun Zeit, auch Land und Leute zu regieren. „Was ward ihm zum Beſcheid? Ein Kranzlein ſetzt' ihm „Der Kaiſer auf: Das ſey die Zier der Jugend.“ Auf der Mauer. Ihr habt's gehört. Recht und Gerechtigkeit Erwartet nicht vom Kaiſer! Helft euch ſelbſt! Reding. Nichts Andres bleibt uns übrig. Nun gebt Rath, Wie wir es klug zum frohen Ende leiten. 4 r 70 A Walther Fürſt(tritt in den Ring). Abtreiben wollen wir verhaßten Zwang; Die alten Rechte, wie wir ſie ererbt Von unſern Vaͤtern, wollen wir bewahren,* Nicht ungezügelt nach dem Neuen greifen. Dem Kaiſer bleibe, was des Kaiſers iſt: Wer einen Herrn hat, dien' ihm pflichtgemaͤß. Meier. Ich trage Gut von Oeſterreich zu Lehen. Walther fürſt. Ihr fahret fort, Oeſtreich die Pflicht zu leiſten. Joſt von Weiler. Ich ſteure an die Herrn von Rappersweil. Walther Fürſt. Ihr fahret fort, zu zinſen und zu ſteuern. Röſſelmann. Der großen Frau zu Zürich bin ich vereidet. Walther Fürſt. Ihr gebt dem Kloſter, was des Kloſters iſt. Stauffacher. Ich trage keine Lehen, als des Reichs. Walther Fürſt. Was ſeyn muß, Das geſchehe, doch nicht drüber. Die Vögte wollen wir mit ihren Knechten Verjagen und die feſten Schlöſſer brechen; Doch, wenn es ſeyn mag, ohne Blut. Es ſehe Der Kaiſer, daß wir nothgedrungen nur Der Ehrfurcht fromme Pflichten abgeworfen. Und, ſieht er uns in unſern Schranken bleiben, Vielleicht beſiegt er ſtaatsklug ſeinen Zorn: 71 Denn böill'ge Furcht erwecket ſich ein Volk, Das mit dem Schwerte in der Fauſt ſich maͤßigt. Reding. „ Doch laſſet hören, wie vollenden wir's? Es hat der Feind die Waffen in der Hand, Und nicht fürwahr in Frieden wird er weichen. Stauffacher. Er wird's, wenn er in Waffen uns erblickt: Wir uͤberraſchen ihn, eh' er ſich rüſtet. — Meier. Iſt bald geſprochen, aber ſchwer gethan. Uns ragen in dem Land zwei feſte Schlöſſer, Die geben Schirm dem Feind und werden furchtbar, Wenn uns der König in das Land ſollt' fallen. Roßberg und Sarnen muß bezwungen ſeyn, Eh' man ein Schwert erhebt in den drei Landen. Stauffacher. Saͤumt man ſo lang, ſo wird der Feind gewarnt; Zu Viele ſind's, die das Geheimniß theilen. Meier. In den Waldſtaͤbten find't ſich kein Verraͤther. Röſſelmann. Der Eifer auch, der gute, kann verrathen. . Walther Fürſt. Schiebt man es auf, ſo wird der Twing vollendet In Altdorf, und der Vogt befeſtigt ſich. Meier. Ihr denkt an euch. 3 Sigriſt. Und ihr ſeyd ungerecht. 72 Meier(auffahrend). Wir ungerecht! Das darf uns Uri bieten! * Keding. Bei eurem Eide, Ruh'! Meier. Ja, wenn ſich Schwytz Verſteht zu Uri, müſſen wir wohl ſchweigen. Reding. Ich muß euch weiſen vor der Landsgemeine, Daß ihr mit heft'gem Sinn den Frieden ſtoͤrt! Stehn wir nicht Alle für dieſelbe Sache? Winkelried. Wenn wir's verſchieben bis zum Feſt des Herrn, Dann bringt's die Sitte mit, daß alle Saſſen Dem Vogt Geſchenke bringen auf das Schloß: So können zehen Manner oder zwölf Sich unverdächtig in der Burg verſammeln, Die führen heimlich ſpitz'ge Eiſen mit, Die man geſchwind kann an die Staͤbe ſtecken, Denn Niemand kommt mit Waffen in die Burg. Zunächſt im Wald hält dann der große Haufe, Und, wenn die Andern glücklich ſich des Thors Ermächtiget, ſo wird ein Horn geblaſen, Und Jene brechen aus dem Hinterhalt: So wird das Schloß mit leichter Arbeit unſer. Melchthal. Den Roßberg übernehm' ich zu erſteigen, Denn eine Dirn' des Schloſſes iſt mir hold, Und leicht bethör' ich ſie, zum nachtlichen Beſuch die ſchwanke Leiter mir zu reichen; Bin ich droben erſt, zieh' ich die Freunde nach. 73 Reding. Iſt's Aller Wille, daß verſchoben werde? (Die Mehrheit erhebt die Haͤnde.) Stauffacher(zaͤhlt die Stimmen). Es iſt ein Mehr von Zwanzig gegen Zwölf! Walther Fürſt. Wenn am beſtimmten Tag die Burgen fallen, So geben wir von einem Berg zum andern Das Zeichen mit dem Rauch; der Landſturm wird Aufgeboten, ſchnell, im Hauptort jedes Landes; Wenn dann die Vögte ſehn der Waffen Ernſt, Glaubt mir, ſie werden ſich des Streits begeben Und gern ergreifen friedliches Geleit, Aus unſern Landesmarken zu entweichen. Stauffacher. Nur mit dem Geßler fuͤrcht' ich ſchweren Stand: Furchtbar iſt er mit Reiſigen umgeben; Nicht ohne Blut raͤumt er das Feld, ja, ſelbſt Vertrieben bleibt er furchtbar noch dem Land. Schwer iſt's und faſt gefahrlich, ihn zu ſchonen. Baumgarten. Wo's halsgefaͤhrlich iſt, da ſtellt mich hin! Dem Tell verdank' ich mein gerettet Leben: Gern ſchlag' ich's in die Schanze für das Land, Mein' Ehr' hab' ich beſchützt, mein Herz befriedigt. 4 Reding. Die Zeit bringt Rath. Erwartet's in Geduld! Man muß dem Augenblick auch was vertrauen. — Doch ſeht, indeß wir nachtlich hier noch tagen, Stellt auf den höchſten Bergen ſchon der Morgen 74 Die gkuͤh'nde Hochwacht aus— Kommt, laßt uns ſcheiden, Eh' uns des Tages Leuchten uberraſcht.⸗ Walther Fürſt. Sorgt nicht, die Nacht weicht langſam aus den Thalern. (Alle haben unwillkuͤrlich die Huͤte abgenommen und betrachten mit ſtiller Sammlung die Morgenroͤthe.) Röäſſelmann. Bei dieſem Licht, das uns zuerſt begrüßt Von allen Völkern, die tief unter uns Schwer athmend wohnen in dem Qualm der Städte, Laßt uns den Eid des neuen Bundes ſchwören. — Wir wollen ſeyn ein einzig Volk von Brüdern, In keiner Noth uns trennen und Gefahr. (Alle ſprechen es nach mit erhobenen drei Fingern.) — Wir wollen frei ſeyn, wie die Väͤter waren: Eher den Tod, als in der Knechtſchaft leben. (Wie oben.) — Wir wollen trauen auf den höchſten Gott Und uns nicht fuͤrchten vor der Macht der Menſchen. (Wie oben. Die Landleute umarmen einander.) Stauffacher. Jetzt gehe Jeder ſeines Weges ſtill Zu ſeiner Freundſchaft und Gendſſame! Wer Hirt iſt, wintre ruhig ſeine Heerde Und werb' im Stillen Freunde für den Bund! — Was noch bis dahin muß erduldet werden, Erduldet's! Laßt die Rechnung der Tyrannen Anwachſen, bis ein Tag die allgemeine Und die beſondre Schuld auf Einmal zahlt. Bezahme Ieher die gerechte Tuth) 8 Und ſpare für das Ganze ſeine Rache: Denn Raub begeht am allgemeinen Gut, Wer ſelbſt ſich hilft in ſeiner eignen Sache. (Indem ſie zu drei verſchiedenen Seiten in groͤßter Ruhe abgehen, faͤllt das Orcheſter mit einem prachtvollen Schwung ein; die leere Scene bleibt noch eine Zeit lang offen und zeigt das Schauſpiel der aufgehen⸗ den Sonne uͤber den Eisgebirgen.) Dri.tter Aurzug. Erſte Seene. Hof vor Tells Hauſe. Tell iſt mit der Zimmeraxt, Hedwig mit einer haͤuslichen Arbeit beſchaͤftigt. Malther und Wilhelm in der Tiefe ſpielen mit einer Armbruſi. kleinen Walther Cingt). Mit dem Pfeil, dem Bogen, Durch Gebirg' und Thal Kommt der Schütz gezogen 3 Früh am Morgenſtrahl. Wie im Reich der Lüfte König iſt der Weih— Durch Gebirg' und Klüfte Herrſcht der Schütze frei. Ihm gehört das Weite: Was ſein Pfeil erreicht, Das iſt ſeine Beute, Was da kreucht und fleugt. (Kommt geſprungen.) entzwei. Mach' mir ihn, Vater. Der Strang iſt mir 77 Tell. Ich nicht. Ein rechter Schütze hilft ſich ſelbſt. (Knaben entfernen ſich.) Hedwig. Die Knaben fangen zeitig an zu ſchießen. Tell. Früh übt ſich, wer ein Meiſter werden will. Hedwig. Ach, wollte Gott, ſie lernten's nie! Tell. Sie ſollen Alles lernen. Wer durch's Leben Sich friſch will ſchlagen, muß zu Schutz und Trutz Gerüſtet ſeyn. 3 Hedwig. Ach, es wird keiner ſeine Ruh' Zu Hauſe finden. Tell. Mutter, ich kann's auch nicht Zum Hirten hat Natur mich nicht gebildet; Raſtlos muß ich ein fluͤchtig Ziel verfolgen. Dann erſt genieß' ich meines Lebens recht, Wenn ich mir's jeden Tag aufs Neu' erbeute. Hedwig. Und an die Angſt der Hausfrau denkſt du nicht, Die ſich indeſſen, deiner wartend, harmt. Denn mich erfüllt's mit Grauſen, was die Knechte Von euren Wagefahrten ſich erzählen. Bei jedem Abſchied zittert mir das Herz, Daß du mir nimmer werdeſt wiederkehren. Ich ſehe dich, im wilden Eisgebirg' Verirrt, von einer Klippe zu der andern 78 Den Fehlſprung thun, ſeh', wie die Gemſe dich Rückſpringend mit ſich in den Abgrund reißt, Wie eine Windlawine dich verſchüttet, Wie unter dir der trügeriſche Firn Einbricht, und du herabſinkſt, ein lebendig Begrabner, in die ſchauerliche Gruft— Ach, den verwegnen Alpenjäger haſcht Der Tod in hundert wechſelnden Geſtalten! Das iſt ein unglückſeliges Gewerb', Das halsgefäͤhrlich fuͤhrt am Abgrund hin! Tell. Wer friſch umherſpäht mit geſunden Sinnen, Auf Gott vertraut und die gelenke Kraft, Der ringt ſich leicht aus jeder Fahr und Noth: Den ſchreckt der Berg nicht, wer darauf geboren. (Er hat ſeine Arbeit vollendet, legt das Geraͤth hinweg.) Jetzt, mein' ich, hält das Thor auf Jahr und Tag. Die Art im Haus erſpart den Zimmermann. (Nimmt den Hut.) Hedwig. Wo gehſt du hin? Tell. Nach Altdorf zu dem Vater. Hedwig. Sinnſt du auch nichts Gefahrliches? Geſteh' mir's! Tell. G Wie kommſt du darauf, Frau? 3 Hedwig. Es ſpinnt ſich Etwas Gegen die Vögte— Auf dem Rütli ward 3 Getagt, ich weiß, und du biſt auch im Bunde. 79 Tell. Ich war nicht mit dabei— doch werd' ich mich Dem Lande nicht entziehen, wenn es ruft. Hedwig. Sie werden dich hinſtellen, wo Gefahr iſt; Das Schwerſte wird dein Antheil ſeyn, wie immer. Tell. Ein Jeder wird beſteuert nach Vermögen. Hedwig. Den Unterwaldner haſt du auch im Sturme Ueber den See geſchafft— Ein Wunder war's, Daß ihr entkommen— Dachteſt du denn gar nicht An Kind und Weib? Tell. Lieb Weib, ich dacht' an euch: Drum rettet' ich den Vater ſeinen Kindern. Hedwig. Zu ſchiffen in dem wüth'gen See! Das heißt Nicht Gott vertrauen; Das heißt Gott verſuchen! 3 Tell. Wer gar zu viel bedenkt, wird wenig leiſten. Hedwig. Ka, du biſt gut und hülfreich, dieneſt Allen, Und, wenn du ſelbſt in Noth kommſt, hilfr dir Keiner. Tell. Verhüt' es Gott, daß ich nicht Hülfe brauche! (Er nimmt die Armbruſt und Pfeile.) 3 4 Hedmig. Was willſt du mit der Armbruſt? Laß ſie hier! 80 Tell. Mir fehlt der Arm, wenn mir die Waffe fehlt. (Die Knaben kommen zuruͤck.) Walther. Vater, wo gehſt du hin? Tell. Nach Altdorf, Knabe, Zum Ehni— Willſt du mit? Walther. Ja, freilich will ich. Hedwig. Der Landvogt iſt jetzt dort. Bleib' weg von Altdorf. Tell. Er geht, noch heute. — Hedwig. 6 Drum laß ihn erſt fort ſeyn. Gemahn' ihn nicht an dich, du weißt, er grollt uns. Tell. Mir ſoll ſein boͤſer Wille nicht viel ſchaden. Ich thue recht und ſcheue keinen Feind. Hevwig. Die recht thun, eben Die haßt er am Meiſten. — Tell. Weil er nicht an ſie kommen kann— Mich wird Der Ritter wohl in Frieden laſſen, mein' ich. 4 Hedwig. So, weißt du Das? Tell. Es iſt nicht lange her, Da ging ich jagen durch die wilden Gründe Des Schächenthals auf menſchenleerer Spur, — 81 Und, da ich einſam einen Felſenſteig Verfolgte, wo nicht auszuweichen war, Denn über mir hing ſchroff die Felswand her, Und unten rauſchte fuͤrchterlich der Schächen, Die Knaben draͤngen ſich rechts und links an ihn und ſehen mit geſpannter Neugier an ihm hinauf. Da kam der Landvogt gegen mich daher, Er ganz allein mit mir, der auch allein war, Bloß Menſch zu Menſch, und neben uns der Abgrund. Und, als der Herre mein anſichtig ward Und mich erkannte, den er kurz zuvor Um kleiner Urſach' willen ſchwer gebüßt, Und ſah mich mit dem ſtattlichen Gewehr Daher geſchritten kommen, da verblaßt' er, Die Knie verſagten ihm, ich ſah es kommen, Daß er jetzt an die Felswand wuürde ſinken. 3 — Da jammerte mich ſein, ich trat zu ihm Beſcheidentlich und ſprach: Ich bin's, Herr Landvogt. Er aber konnte keinen andern Laut Aus ſeinem Munde geben— Mit der Hand nur Winkt' er mir ſchweigend, meines Wegs zu gehn: Da ging ich fort, und ſandt' ihm ſein Gefolge. Hedwig. Er hat vor dir gezittert— Wehe dir! Daß du ihn ſchwach geſehn, vergibt er nie. Tell. Drum meid' ich ihn, und er wird mich nicht ſuchen. Hedmig. Bleib' heute nur dort weg! Geh' lieber jagen! Tell. Was fallt dir ein? Schillers ſämmtl. Werke. Vr. 6 82 Hedmwig. Mich angſtigt's. Bleibe weg! Tell. Wie kannſt du dich ſo ohne Urſach' qualen? 4 Hedwig. Weil's keine Urſach' hat— Tell, bleibe hier! Tell. Ich hab's verſprochen, liebes Weib, zu kommen. 1 Hedwig. Mußt du, ſo geh'— nur laſſe mir den Knaben! Walther. Nein, Mütterchen. Ich gehe mit dem Vater. 4 Hedmig. Wälty, verlaſſen willſt du deine Mutter? Walther. Ich bring' dir auch was Hübſches mit vom Ehni. 3(Geht mit dem Vater.). Wilhelm. 1 Mutter, ich bleibe bei dir! 3 Hedwig(umarmt ihn.) Ja, du biſt Mein liebes Kind: du bleibſt mir noch allein! (Sie geht an das Hofthor und ſolgt den Abgehenden lange mit den Augen.) Zweite Seene. Eine eingeſchloſſene wilde Waldgegend, Staubbaͤche ſtuͤrzen von den Felſen. Vertha im Jagdkleid. Gleich darauf Mudenz. Bertha. 3 Er folgt mir. Endlich kann ich mich erklären. 8 83 Rudenz(tritt raſch ein). Fräulein, jetzt endlich find' ich Euch allein. Abgründe ſchließen rings umher uns ein; In dieſer Wildniß fürcht' ich keinen Zeugen: Vom Herzen walz' ich dieſes lange Schweigen— Vertha. Seyd Ihr gewiß, daß uns die Jagd nicht folgt? Rudenz.. Die Jagd iſt dort hinaus— Jetzt oder nie! Ich muß den theuren Augenblick ergreifen— Entſchieden ſehen muß ich mein Geſchick, Und ſollt' es mich auf Ewig von Euch ſcheiden. — O, waffnet Eure güt'gen Blicke nicht Mit dieſer finſtern Strenge— Wer bin ich, Daß ich den kuͤhnen Wunſch zu Euch erhebe? Mich hat der Ruhm noch nicht genannt; ich darf Mich in die Reih' nicht ſtellen mit den Rittern, . Die ſiegberuͤhmt und glänzend Euch umwerben. Nichts hab' ich, als mein Herz voll Treu' und Liebe Vertha(ernſt und ſtreng). Dürft Ihr von Liebe reden und von Treue, Der treulos wird an ſeinen nächſten Pflichten? (Rudenz tritt zuruͤck.) Der Sklave Oeſterreichs, der ſich dem Fremdling . Verkauft, dem Unterdruͤcker ſeines Volks? Uudenz. Von Euch, mein Fraulein, hör' ich dieſen Vorwurf? Wen ſuch' ich denn, als Euch, auf jener Seite? * Vertha. Mich denkt Ihr auf der Seite des Verraths Zu finden? Eher wollt' ich meine Hand — * 84 Dem Geßler ſelbſt, dem Unterdrücker, ſchenken, Als dem naturvergeſſ'nen Sohn der Schweiz, Der ſich zu ſeinem Werkzeug machen kann! Rudenz. O Gott, was muß ich hoͤren? Bertha. Wie? Was liegt Dem guten Menſchen naͤher, als die Seinen? Gibt's ſchönre Pflichten für ein edles Herz, Als ein Vertheidiger der Unſchuld ſeyn, Das Recht der Unterdrückten zu beſchirmen? — Die Seele blutet mir um Euer Volk; Ich leide mit ihm, denn ich muß es lieben, Das ſo beſcheiden iſt und doch voll Kraft; Es zieht mein ganzes Herz mich zu ihm hin; Mit jedem Tage lern' ich's mehr verehren. — Ihr aber, den Natur und Ritterpflicht Ihm zum geborenen Beſchützer gaben, Und der's verläßt, der treulos übertritt Zum Feind und Ketten ſchmiedet ſeinem Land, Ihr ſeyd's, der mich verletzt und kränkt: ich muß Mein Herz bezwingen, daß ich Euch nicht haſſe. Uudenz. Will ich denn nicht das Beſte meines Volks? Ihm unter Oeſtreichs mächt'gem Scepter nicht Den Frieden— Bertha. Knechtſchaft wollt Ihr ihm bereiten! Die Freiheit wollt Ihr aus dem letzten Schloß, Das ihr noch auf der Erde blieb, verjagen. Das Volk verſteht ſich beſſer auf ſein Glück; 8⁵ Kein Schein verführt ſein ſicheres Gefühl. Euch haben ſie das Netz ums Haupt geworfen— Rudenz. Bertha! Ihr haßt mich, Ihr verachtet mich! Vertha. Thät' ich's, mir wäre beſſer— Aber Den Verachtet ſehen und verachtungswerth, Den man gern lieben möchte— Rudenz. Bertha! Bertha! Ihr zeiget mir das höchſte Himmelsgluͤck Und ſtuͤrzt mich tief in einem Augenblick. Bertha. Nein, nein! das Edle iſt nicht ganz erſtickt In Euch! Es ſchlummert nur, ich will es wecken; Ihr müßt Gewalt ausüben an Euch ſelbſt, Die angeſtammte Tugend zu ertoͤdten; Doch, wohl Euch! ſie iſt mächtiger, als Ihr, Und trotz Euch ſelber ſeyd Ihr gut und edel! Ruden 34 Ihr glaubt an mich? O Bertha, Alles laͤßt Mich Eure Liebe ſeyn und werden! Vertha. Seyd, Wozu die herrliche Natur Euch machte! Erfüllt den Platz, wohin ſie Euch geſtellt! Zu Eurem Volke ſteht und Eurem Lande Und kampft für Euer heilig Recht! Nudenz. 8 Weh' mir! Wie kann ich Euch erringen, Euch beſitzen, 86 Wenn ich der Macht des Kaiſers widerſtrebe? Iſt's der Verwandten macht'ger Wille nicht, Der über Eure Hand tyranniſch waltet? Vertha. In den Waldſtädten liegen meine Güter, und, iſt der Schweizer frei, ſo bin auch ich's. Rudenz. Bertha, welch einen Blick thut Ihr mir auf! Bertha. Hofft nicht durch Oeſtreichs Gunſt mich zu erringen: Nach meinem Erbe ſtrecken ſie die Hand, Das will man mit dem großen Erb' vereinen. Dieſelbe Landergier, die Eure Freiheit Verſchlingen will, ſie drohet auch der meinen! — 9 Freund, zum Opfer bin ich auserſehn, Vielleicht, um einen Günſtling zu belohnen— Dort, wo die Falſchheit und die Ränke wohnen; Hin an den Kaiſerhof will man mich ziehn: Dort harren mein verhaßter Ehe Ketten; Die Liebe nur— die Eure kann mich retten! Rudenz. Ihr könntet euch entſchließen, hier zu leben, In meinem Vaterlande mein zu ſeyn? O Bertha, all' mein Sehnen in die Weite, Was war es, als ein Streben nur nach Euch? Euch ſucht' ich einzig auf dem Weg des Ruhms, Und all' mein Ehrgeiz war nur meine Liebe. Könne Ihr mit mir Euch in das ſtille Thal Einſchließen und der Erde Glanz entſagen— O, dann iſt meines Strebens Ziel gefunden; Dann mag der Strom der wildbewegten Welt — 87 Aus ſichre Ufer dieſer Berge ſchlagen— Kein flüchtiges Verlangen hab' ich mehr Hinaus zu ſenden in des Lebens Weiten— Dann mögen dieſe Felſen um uns her Die undurchdringlich feſte Mauer breiten, Und dies verſchloß'ne ſel'ge Thal allein Zum Himmel offen und gelichtet ſeyn! Vertha. Jetzt biſt du ganz, wie dich mein ahnend Herz Getraͤumt: mich hat mein Glaube nicht betrogen! Uudenz. Fahr' hin, du eitler Wahn, der mich bethört! Ich ſoll das Glück in meiner Heimat finden. Hier, wo der Knabe fröͤhlich aufgeblüht, Wo tauſend Freudeſpuren mich umgeben, Wo alle Quellen mir und Baume leben, Im Vaterland willſt du die Meine werden! Ach, wohl hab' ich es ſtets geliebt! Ich fühl's, Es fehlte mir zu jedem Gluck auf Erden. Bertha. Wo war' die ſel'ge Inſel aufzufinden, Wenn ſie nicht hier iſt, in der Unſchuld Land, Hier, wo die alte Treue heimiſch wohnt, Wo ſich die Falſchheit noch nicht hingefunden? Da trübt kein Neid die Quelle unſers Glücks, und ewig hell entfliehen uns die Stunden. — Da ſeh' ich dich im echten Maͤnnerwerth, Den Erſten von den Freien und den Gleichen, Mit reiner, freier Huldigung verehrt, Groß, wie ein Koͤnig wirkt in ſeinen Reichen. 88 Rudenz. Da ſeh' ich dich, die Krone aller Frauen, In weiblich reizender Geſchäftigkeit, In meinem Haus den Himmel mir erbauen und, wie der Fruͤhling ſeine Blumen ſtreut, Mit ſchöner Anmuth mir das Leben ſchmücken und Alles rings beleben und beglücken! BVertha. Sieh', theurer Freund, warum ich trauerte, Als ich dies höchſte Lebensglück dich ſelbſt Zerſtören ſah— Weh' mir! Wie ſtand's um mich, Wenn ich dem ſtolzen Ritter mußte folgen, Dem Landbedrücker, auf ſein finſtres Schloß! — Hier iſt kein Schloß. Mich ſcheiden keine Mauern Von einem Volk, das ich beglücken kann! Rudenz. Doch wie mich retten— wie die Schlinge loͤſen, Die ich mir thöricht ſelbſt ums Haupt gelegt? Vertha. Zerreiße ſie mit maͤnnlichem Entſchluß! Was auch draus werde— ſteh' zu deinem Volk! Es iſt dein angeborner Platz. (Jagdhoͤrner in der Ferne.) Bertha. Die Jagd Kommt näher— fort, wir müſſen ſcheiden— Kampfe Furs Vaterland! Du kämpfſt für deine Liebe! Es iſt ein Feind, vor dem wir alle zittern, und eine Freiheit macht uns Alle frei! (Gehen ab.) — 89 Dritte Seene. Wieſe bei Altdorf. Im Vordergrund Baͤume, in der Tiefe der Hut auf einer Stange Der Proſpect wird begraͤnzt durch den Bannberg, uͤber welchem ein Schneegebirg emporragt. Frießhardt und Leuthold halten Wache. Frießhardt. Wir paſſen auf umſonſt. Es will ſich Niemand Heran begeben und dem Hut ſein' Reverenz Erzeigen.'s war doch ſonſt wie Jahrmarkt hier; Jetzt iſt der ganze Anger wie verodet, . Seitdem der Popanz auf der Stange hängt. Leuthold. Nur ſchlecht Geſindel laͤßt ſich ſehn und ſchwingt Uns zum Verdrieße die zerlumpten Mützen. Was rechte Leute ſind, die machen lieber Den langen Umweg um den halben Flecken, Eh' ſie den Rücken beugten vor dem Hut. . Frießhardt. Sie müſſen über dieſen Platz, wenn ſie Vom Rathhaus kommen um die Mittagſtunde. Da meint' ich ſchon,'nen guten Fang zu thun, Denn Keiner dachte dran, den Hut zu grüßen. Da ſieht's der Pfaff, der Röſſelmann— kam juſt Von einem Kranken her— und ſtellt ſich hin Mit dem Hochwürdigen, grad' vor die Stange— Der Sigriſt mußte mit dem Glöcklein ſchellen: Da fielen All' aufs Knie, ich ſelber mit, Und grußten die Monſtranz, doch nicht den Hut.— .— ℳ☛ —— 90 Leuthold. Hoͤre, Geſell, es faͤngt mir an zu däuchten, Wir ſtehen hier am Pranger vor dem Hut; ¹s iſt doch ein Schimpf für einen Reitersmann, Schildwach' zu ſtehn vor einem leeren Hut— Und jeder rechte Kerl muß uns verachten. — Die Reverenz zu machen einem Hut, Es iſt doch, traun, ein närriſcher Befehl! Frießhardt. Warum nicht einem leeren, hohlen Hut? Buͤckſt du dich doch vor manchem hohlen Schädel. Hildegard, Mechthild und Elsbeth treten auf mit Kindern und ſtellen ſich um die Stange. Leuthold. Und du biſt auch ſo ein dienſtfert'ger Schurke Und brächteſt wackre Leute gern ins Unglück. 8 4 Mag, wer da will, am Hut vorübergehn; Ich drück' die Augen zu und ſeh' nicht hin. 1 Mechthild. Da haͤngt der Landvogt— habt Reſpect, ihr Buben! Elsbety. Wollt's Gott, er ging' und ließ' uns ſeinen Hut: Es ſollte drum nicht ſchlechter ſtehn ums Land! Frießhardt(verſcheucht ſie). Wollt ihr vom Platz! Verwünſchtes Volk der Weiber! Wer fragt nach euch! Schickt eure Männer her, Wenn ſie der Muth ſticht, dem Befehl zu trotzen. 3(Weiber gehen.„ Tell mit der Armbruſi tritt auf, den Knaben an der Fand ſuh rend; ſie gehen an dem Hut vorbei gegen die vordere Scene, ohne darauf zu. achten. * 91 Walther(Feigt nach dem Bannberg). Vater, iſt's wahr, daß auf dem Berge dort Die Baͤume bluten, wenn man einen Streich Drauf fuͤhrte mit der Art— Tell. Wer ſagt Das, Knabe? Walther. Der Meiſter Hirt erzaͤhlt's— Die Baͤume ſeyen Gebannt, ſagt er, und, wer ſie ſchaͤdige, Dem wachſe ſeine Hand heraus zum Grabe. Tell. Die Baͤume ſind gebannt, Das iſt die Wahrheit. — Siehſt du die Firnen dort, die weißen Hoͤrner, Die hoch bis in den Himmel ſich verlieren? Walther. Das ſind die Gletſcher, die des Nachts ſo donnern und uns die Schlaglawinen niederſenden. Tell. So iſt's, und die Lawinen haͤtten längſt Den Flecken Altdorf unter ihrer Laſt Verſchüttet, wenn der Wald dort oben nicht Als eine Landwehr ſich dagegen ſtellte. Walther(nach einigem Beſinnen). Gibt's Länder, Vater, wo nicht Berge ſind? Tell. Wenn man hinunter ſteigt von unſern Höhen Und immer tiefer ſteigt, den Stroͤmen nach, Gelangt man in ein großes, ebnes Land, Wo die Waldwaſſer nicht mehr brauſend ſchaumen, Die Fluſſe ruhig und gemächlich ziehn; Da ſieht man frei nach allen Himmelsraumen. * 9² Das Korn wächst dort in langen, ſchönen Auen, Und wie ein Garten iſt das Land zu ſchauen. Walther. Ei, Vater, warum ſteigen wir denn nicht Geſchwind hinab in dieſes ſchöne Land, Statt daß wir hier uns ängſtigen und plagen? Tell. Das Land iſt ſchön und gütig, wie der Himmel; Doch, die's bebauen, ſie genießen nicht Den Segen, den ſie pflanzen. Walther. Wohnen ſie Nicht frei, wie du, auf ihrem eignen Erbe? Tell. Das Feld gehört dem Biſchof und dem König. 8 3 Walther. So durfen ſie doch frei in Waͤldern jagen? t Tell. Dem Herrn gehört das Wild und das Gefieder. Walther.— 3 Sie dürfen doch frei fiſchen in dem Strom? Tell.* Der Strom, das Meer, das Salz gehört dem Koͤnig. 8 Walther. Wer iſt der König denn, den Alle fürchten? 1 . 6 Tell. Es iſt der Eine, der ſie ſchützt und nahrt. 3 Walther. 8 Sie können ſich nicht muthig ſelbſt beſchutzen? Tell. Dort darf der Nachbar nicht dem Nachbar trauen. 93 Walther. Vater, es wird mir eng im weiten Land: Da wohn' ich lieber unter den Lawinen. Tell. Ja, wohl iſt's beſſer, Kind, die Gletſcherberge Im Rucken haben, als die böſen Menſchen. (Sie wollen voruͤber gehen.) Walther. 3 Ei, Vater, ſieh' den Hut dort auf der Stange! Tell. Was kümmert uns der Hut! Komm, laß uns gehen! (Indem er abgehen will, tritt ihm Frießhardt mit vorgehaltener Pike entgegen.) Frießhardt. In des Kaiſers Namen! Haltet an und ſteht! Tell(greift in die Pike, Was wollt Ihr? Warum haltet Ihr mich auf? Frießhardt. Ihr habt's Mandat verletzt: Ihr müßt uns folgen. Leuthold. Ihr habt dem Hut nicht Reverenz bewieſen. Tell. Freund, laßt mich gehen! Frießhardt. Fort, fort ins Gefangniß! Walther. Den Vater ins Gefaͤngniß! Hülfe! Hülfe! (In die Scene rufend.) Herbei, ihr Manner, gute Leute, helft! Gewalt! Gewalt! Sie führen ihn gefangen. Röſſelmann, der Pſarrer, und Petermann, der Sigriſt⸗ kommen herbei, mit drei andern Maͤnnern. Sigriſt. Was gibt's? Uöſſelmann. Was legſt du Hand an dieſen Mann? Frießhardt. Er iſt ein Feind des Kaiſers, ein Verräther! Tell(faßt ihn heftig). Ein Verraͤther, ich! Röſſelmann. Du irrſt dich, Freund. Das iſt Der Tell, ein Ehrenmann und guter Bürger. Walther 8 (erblickt Walther Fuͤrſten und eilt ihm entgegen). Großvater, hilf! Gewalt geſchieht dem Vater. Frießhardt. Ins Gefängniß, fort! 8* Walther Fürſt(berbeieilend). 1 Ich leiſte Bürgſchaft, haltet! 4 — uUm Gottes willen, Tell, was iſt geſchehen? 4 Melchthal und Stauffacher kommen. Frießhardt. Des Landvogts oberherrliche Gewalt Verachtet er und will ſie nicht erkennen. Stauffacher. Das hatt' der Tell gethan? Melchthal. Das lügſt du, Bube! Leuthold. Er hat dem Hut nicht Reverenz bewieſen. Walther Fürſt. Und darum ſoll er ins Gefangniß? Freund, Nimm meine Bürgſchaft an und laß ihn ledig. Frießhardt. Burg' du für dich und deinen eignen Leib! Wir thun, was unſers Amtes— Fort mit ihm! Melchthal(zu den Landleuten). Nein, das iſt ſchreiende Gewalt! Ertragen wir's, Daß man ihn wegführt, frech, vor unſern Augen? Sigrißt. Wir ſind die Staͤrkern. Freunde, duldet's nicht! Wir haben einen Rucken an den Andern! Frießhardt. Wer widerſetzt ſich dem Befehl des Vogts? Noch drei Landleute(herbeieilend). Wir helfen euch. Was gibt's? Schlagt ſie zu Boden! (Hildegard, Mechthild und Elsbeth kommen zuruͤck.) Tell. Ich helfe mir ſchon ſelbſt. Geht, gute Leute! Meint ihr, wenn ich die Kraft gebrauchen wollte, Ich würde mich vor ihren Spießen fürchten? Melchthal(zu Frießhardt). Wag's, ihn aus unſrer Mitte wegzufüͤhren! Walther Fürſt und Stauffacher. Gelaſſen! ruhig!— Frießhardt(cchreit). Aufruhr und Empörung! (Man hoͤrt Jagdhoͤrner.) Weiber. Da kommt der Landvogt!. Frießhardt(erhebt die Stimme). Meuterei! Empörung! Stauffacher. Schrei', daß du berſteſt, Schurke! Räſſelmann und Melchthal. Willſt du ſchweigen? Frießhardt(uuft noch lauter). Zu Hülf, zu Hülf' den Dienern des Geſetzes! Walther Fürſt. Da iſt der Vogt! Weh' uns, was wird das werden! * Geßlex zu Pferd, den Falken auf der Fauſt, Audalph der Harras, Vertha und Nudenz, ein großes Gefolge von bewaffneten Knechten, welche einen Kreis von Piken um die ganze Scene ſchließen. Rndolph der Harras. Platz, Platz dem Landvogt! Geßler.— Treibt ſie auseinander! Was läuft das Volk zuſammen? Wer ruft Hülfe? (Allgemeine Stille.) Wer war's? Ich will es wiſſen. (Zu Frießhardt). Du trittſt vor! Wer biſt du, und was hältſt du dieſen Mann? (Er gibt den Falken einem Diener.) 4. Frießhardt.. Geſtrenger Herr, ich bin dein Waffenknecht N und wohlbeſtellter Wächter bei dem Hut. Dieſen Mann ergriff ich über friſcher That, 97 Wie er dem Hut den Ehrengruß verſagte. Verhaften wollt' ich ihn, wie du befahlſt, Und mit Gewalt will ihn das Volk entreißen. Geßler(nach einer Pauſe). Verachteſt du ſo deinen Kaiſer, Tell, Und mich, der hier an ſeiner Statt gebietet, Daß du die Ehr' verſagſt dem Hut, den ich Zur Prüfung des Gehorſams aufgehangen?. Dein boͤſes Trachten haſt du mir verrathen. Tell. Verzeiht mir, lieber Herr! Aus Unbedacht, Nicht aus Verachtung Euer iſt's geſchehn. Waͤr' ich beſonnen, hieß ich nicht der Tell. Ich bitt' um Gnad', es ſoll nicht mehr begegnen. Geßler(nach einigem Stillſchweigen). Du biſt ein Meiſter auf der Armbruſt, Tell: Man ſagt, du nehmſt es auf mit jedem Schützen? Walther. Und Das muß wahr ſeyn, Herr,'nen Apfel ſchießt Der Vater dir vom Baum auf hundert Schritte. Geßler. Iſt Das dein Knabe, Tell? Tell. Ja, lieber Herr. Geßler. Haſt du der Kinder mehr? 4 Tell. Zwei Knaben, Herr. Geßler. Und welcher iſt's, den du am Meiſten liebſt? Schillers ſammtl. Werke. VI. ₰ 98 Tell. Herr, beide ſind ſie mir gleich liebe Kinder. Geßler. 3 Nun, Tell! weil du den Apfel triffſt vom Baume Auf hundert Schritt, ſo wirſt du deine Kunſt Vor mir bewahren müſſen— Nimm die Armbruſt— Du haſt ſie gleich zur Hand— und mach' dich fertig, Einen Apfel von des Knaben Kopf zu ſchießen— Doch, will ich rathen, ziele gut, daß du Den Apfel treffeſt auf den erſten Schuß: Denn, fehlſt du ihn, ſo iſt dein Kopf verloren. (Alle geben Zeichen des Schreckens.) Tell. Herr— welches Ungeheure ſinnet Ihr Mir an?— Ich ſoll vom Haupte meines Kindes— — Nein, nein doch, lieber Herr, Das kommt Euch nicht Zu Sinn— Verhut's der gnäd'ge Gott— Das könnt Ihr Im Ernſt von einem Vater nicht begehren! Geßler. Du wirſt den Apfel ſchießen von dem Kopf Des Knaben— ich begehr's und will's. Tell. Des eignen Kindes zielen?— Eher ſterb' ich! 8 Geßler. Du ſchießeſt oder ſtirbſt mit deinem Knaben. Tell. Ich ſoll der Mörder werden meines Kinds! Herr, Ihr habt keine Kinder— wiſſet nicht, Was ſich bewegt in eines Vaters Herzen. 4 5 Ich ſoll. Mit meiner Armbruſt auf das liebe Haupt— 99 Geßler. Ei, Tell, du biſt ja plötzlich ſo beſonnen! Man ſagte mir, daß du ein Traͤumer ſeyſt Und dich entfernſt von andrer Melſchen Weiſe. Du liebſt das Seltſame— drum hab' ich jetzt Ein eigen Wagſtück für dich ausgeſucht. Ein Andrer wohl bedächte ſich— du drückſt Die Augen zu und greifſt es herzhaft an. Vertha. Scherzt nicht, o Herr, mit dieſen armen Leuten! Ihr ſeht ſie bleich und zitternd ſtehn— So wenig Sind ſie Kurzweils gewohnt aus Eurem Munde. Geßler. Wer ſagt Euch, daß ich ſcherze? (Greift nach einem Baumzweige, der uͤber ihn herhaͤngt.) Hier iſt der Apfel. Man mache Raum— er nehme ſeine Weite, Wie's Brauch iſt— achtzig Schritte geb' ich ihm— Nicht weniger, noch mehr— Er rühmte ſich, Auf ihrer hundert ſeinen Mann zu treffen— Jetzt, Schütze, triff und fehle nicht das Ziel! Undolph der Harras. Gott, Das wird ernſthaft— Falle nieder, Knabe, Es gilt, und fleh' den Landvogt um dein Leben! Walther Furſt (bei Seite zu Melchthal, der kaum ſeine Ungeduld bezwingt). Haltet an Euch! ich fleh' Euch drum, bleibt ruhig! Bertha Gzum Landvogt). Laßt es genug ſeyn, Herr! Unmenſchlich iſt's, Mit eines Vaters Angſt alſo zu ſpielen. Wenn dieſer arme Mann auch Leih und Leben 100 Verwirkt durch ſeine leichte Schuld, bei Gott! Er hätte jetzt zehnfachen Tod empfunden. Entlaßt ihn ungekränkt in ſeine Hütte: Er hat Euch kennen lernen; dieſer Stunde Wird er und ſeine Kindeskinder denken. Geßler. Oeffnet die Gaſſe— Friſch! was zauderſt du? Dein Leben iſt verwirkt: ich kann dich tödten, und, ſieh', ich lege gnädig dein Geſchick In deine eigne kunſtgeuͤbte Hand. Der kann nicht klagen über harten Spruch, Den man zum Meiſter ſeines Schickſals macht. Du rühmſt dich daines ſichern Blicks. Wohlan! Hier gilt es, Schütze, deine Kunſt zu zeigen: Das Ziel iſt würdig, und der Preis iſt groß! Das Schwarze treffen in der Scheibe, Das Kann auch ein Andrer; Der iſt mir der Meiſter, Der ſeiner Kunſt gewiß iſt überall, Dem's Herz nicht in die Hand tritt, noch ins Auge. Walther Fürſt(wirft ſich vor ihm nieder). Herr Landvogt, wir erkennen Eure Hoheit; Doch laſſet Gnad' für Recht ergehen, nehmt Die Hälfte meiner Habe, nehmt ſie ganz! Nur dieſes Graͤßliche erlaſſet einem Vater! Walther Tell. Großvater, knie nicht vor dem falſchen Mann! Sagt, wo ich hinſtehn ſoll. Ich fürcht' mich nicht. Der Vater trifft den Vogel ja im Flug: Er wird nicht fehlen auf das Herz des Kindes. Stauffacher. Herr Landvogt, rührt Euch nicht des Kindes Unſchuld? 191 Röſſelmann. O, denket, daß ein Gott im Himmel iſt, Dem Ihr müßt Rede ſtehn für Eure Thaten. Geßler Geigt auf den Knaben). Man bind' ihn an die Linde dort! Walther Dell. . Mich binden! Nein, ich will nicht gebunden ſeyn. Ich will Still halten, wie ein Lamm, und auch nicht athmen. Wenn ihr mich bindet, nein, ſo kann ich's nicht, So werd' ich toben gegen meine Bande. Uudolph der Harras. G Die Augen nur laß dir verbinden, Knabe! Walther Tell. Warum die Augen! Denket Ihr, ich fürchte Den Pfeil von Vaters Hand? Ich will ihn feſt Erwarten und nicht zucken mit den Wimpern. — Friſch, Vater, zeig's, daß du ein Schütze biſt! Er glaubt dir's nicht, er denkt uns zu verderben— Dem Wüthrich zum Verdruſſe ſchieß' und triff! (Er geht an die Linde, man legt ihm den Apfel auf.) Melchthal(zu den Landleuten). Was? Soll der Frevel ſich vor unſern Augen Vollenden? Wozu haben wir geſchworen? Stauffacher. Es iſt umſonſt. Wir haben keine Waffen; Ihr ſeht den Wald von Lanzen um uns her. Melchthal. O, hätten wir's mit friſcher That vollendet! Verzeih's Gott Denen, die zum Aufſchub riethen! 102 * Geßler Gu Tell). Ans Werk! Man führt die Waffen nicht vergebens. Gefäahrlich iſt's, ein Mordgewehr zu tragen, Und auf den Schützen ſpringt der Pfeil zuruͤck. Dies ſtolze Recht, das ſich der Bauer nimmt, Beleidiget den höchſten Herrn des Landes. Gewaffnet ſey Niemand, als wer gebietet. Freut's Euch, den Pfeil zu führen und den Bogen, Wohl, ſo will ich das Ziel Euch dazu geben. Tell (ſpannt die Armbruſt und legt den Pfeil auf). Oeffnet die Gaſſe! Platz! Stauffacher. Was, Tell? Ihr wolltet— Nimmermehr— Ihr zittert, Die Hand erbebt Euch, Eure Knie wanken— Tell tlaͤßt die Armbruſt ſinken). Mir ſchwimmt es vor den Augen! Weiber. Gott im Himmel! Tell(zum Landvogt). Erlaſſet mir den Schuß. Hier iſt mein Herz! (Er reißt die Bruſt auf.) Ruft Eure Reiſigen und ſtoßt mich nieder! Geßler. Ich will dein Leben nicht, ich will den Schuß. — Du kannſt ja Alles, Tell! An nichts verzagſt du; Das Steuerruder führſt du wie den Bogen; Dich ſchreckt kein Sturm, wenn es zu retten gilt: Jetzt, Retter, hilf dir ſelbſt— du retteſt Alle! (Tell ſteht in fuͤrchterlichem Kampf, mit den Haͤnden zuckend und die rollenden Angen bald auf den Landvogt, bald zum Himmel gerichter.. 103 — Ploͤtlich greift er in ſeinen Koͤcher, nimmt einen zweiten Pfeil heraus und ſteckt ihn in ſeinen Koller. Der Landvogt bemerkt alle dieſe Bewegungen.) Walther Tell(unter der Linde). Vater, ſchieß' zu! Ich fuͤrcht' mich nicht. Tell. Es muß! (Er rafft ſich zuſammen und legt an.) Vudenz (der die ganze Zeit uͤber in der heftigſten Spannung geſtanden und mit Gewalt an ſich gehalten, tritt hervor). Herr Landvogt, weiter werdet Ihr's nicht treiben, Ihr werdet nicht— Es war nur eine Prüfung— Den Zweck habt Ihr erreicht— Zu weit getrieben Verfehlt die Strenge ihres weiſen Zwecks, Und, allzuſtraff geſpannt, zerſpringt der Bogen. Ge ßler. Ihr ſchweigt, bis man Euch aufruft. Undenz. Ich will reden! Ich darf's! Des Koͤnigs Chre iſt mir heilig; Doch ſolches Regiment muß Haß erwerben. Das iſt des Königs Wille nicht— ich darf's Behaupten— Solche Grauſamkeit verdient Mein Volk nicht; dazu habt Ihr keine Vollmacht. Geßler. Ha, Ihr erkühnt Euch! Rudenz. Ich hab' ſtill geſchwiegen Zu allen ſchweren Thaten, die ich ſah; Mein ſehend Auge hab' ich zugeſchloſſen, 104 Mein üͤberſchwellend und empörtes Herz Hab' ich hinabgedrückt in meinen Buſen. Doch laͤnger ſchweigen wär' Verrath zugleich An meinem Vaterland und an dem Kaiſer. Vertha (wirft ſich zwiſchen ihn und den Landvogt). O Gott, Ihr reizt den Wuͤthenden noch mehr. Rudenz. Mein Volk verließ ich, meinen Blutsverwandten Entſagt' ich, alle Bande der Natur Zerriß ich, um an Euch mich anzuſchließen— Das Beſte Aller glaubt' ich zu befoͤrdern, Da ich des Kaiſers Macht befeſtigte— Die Binde faͤllt von meinen Augen— Schandernd Seh' ich an einen Abgrund mich geführt— Mein freies Urtheil habt Ihr irr' geleitet, Mein redlich Herz verführt— Ich war daran, —— Mein Volk in beſter Meinung zu verderben. Geßler. Verwegner, dieſe Sprache deinem Herrn? Rudenz. Der Kaiſer iſt mein Herr, nicht Ihr— Frei bin ich Wie Ihr geboren, und ich meſſe mich Mit Euch in jeder ritterlichen Tugend. Und, ſtaͤndet Ihr nicht hier in Kaiſers Namen, Den ich verehre, ſelbſt, wo man ihn ſchändet, Den Handſchuh wärf' ich vor Euch hin, Ihr ſolltet Nach ritterlichem Brauch mir Antwort geben. — Ja, winkt nur Euren Reiſigen— Ich ſtehe Nicht wehrlos da, wie Die— (Auf das Volk zeigend.) 105 Ich hab' ein Schwert, Und, wer mir naht— Stauffacher(ruſt). Der Apfel iſt gefallen! (Indem ſich Alle nach dieſer Seite gewendet, und Bertha zwiſchen Rudenz und den Landvogt ſich geworfen, hat Tell den Pfeil abgedruͤckt.) Uöſſelmann. Der Knabe lebt! Diele Stimmen. Der Apfel iſt getroffen! (Walther Fuͤrſt ſchwankt und droht zu ſinken, Bertha haͤlt ihn.) Geßler eerſtaunt). Er hat geſchoſſen? Wie? Der Raſende! Vertha. Der Knabe lebt! Kommt zu Euch, guter Vater! Walther Tell (kommt mit dem Apfel geſprungen). Vater, hier iſt der Apfel— Wußt' ich's ja, Du würdeſt deinen Knaben nicht verletzen. Tell (ſtand mit vorgebogenem Leib, als wollt⸗ er dem Pfeile ſolgen— die Armbruſt entſinkt ſeiner Hand— wie er den Knaben kommen ſieht, eilt er ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen und hebt ihn mit heftiger Inbrunſt zu ſeinem Herzen hinauf; in dieſer Stellung ſinkt er kraftlos zuſammen. Alle ſtehen geruͤhrt). Bertha. O+ güt'ger Himmel! Walther Fü rſt(zu Vater und Sohn) Kinder! meine Kinder! Stauffacher. Gott ſey gelobt! 106 Leutholv. Das war ein Schuß! Davon Wird man noch reden in den ſpaͤtſten Zeiten. Rudolph der Harras. Erzahlen wird man von dem Schützen Tell, Solang die Berge ſtehn auf ihrem Grunde. (Reicht dem Landvogt den Apfel.) Geßler. Bei Gott, der Apfel mitten durch geſchoſſen! Es war ein Meiſterſchuß, ich muß ihn loben. Röſſelmann. Der Schuß war gut; doch wehe Dem, der ihn Dazu getrieben, daß er Gott verſuchte. Stauffacher. Kommt zu Euch, Tell, ſteht auf, Ihr habt Euch maͤnnlich Gelöst, und frei könnt Ihr nach Hauſe gehen. Röſſelmann. Kommt, kommt und bringt der Mutter ihren Sohn! (Sie wollen ihn wegführen.) Geßler. Tell, höre! 3 Tell(kommt zuruͤckh). Was befehlt Ihr, Herr? Geßler. Du ſteckteſt Noch einen zweiten Pfeil zu dir— Ja, ja, Ich ſah es wohl— Was meinteſt du damit? Tell(verlegen). Herr, Das iſt alſo brauchlich bei den Schützen. Geßler. Nein, Tell, die Antwort laſſ' ich dir nicht gelten:: △☛ —,.— 107 Es wird was Andres wohl bedeutet haben. Sag' mir die Wahrheit friſch und fröhlich, Tell! Was es auch ſey, dein Leben ſichr' ich dir. Wozu der zweite Pfeil? Tell. Wohlan, o Herr, Weil Ihr mich meines Lebens habt geſichert— So will ich Euch die Wahrheit gründlich ſagen. (Er zieht den Pfeil aus dem Koller und ſieht den Landvogt mit furchtbaren Blick an.) Mit dieſem zweiten Pfeil durchſchoß ich— Euch, Wenn ich mein liebes Kind getroffen hätte, Und Euer— wahrlich, hart' ich nicht gefehlt. Geßler. Wohl, Tell! Des Lebens hab⸗ ich dich geſichert; Ich gab mein Ritterwort, das will ich halten— Doch, weil ich deinen böſen Sinn erkannt, Will ich dich führen laſſen und verwahren, Wo weder Mond noch Sonne dich beſcheint, Damit ich ſicher ſey vor deinen Pfeilen. Ergreift ihn, Knechte! Bindet ihn! Tell wird gebunden.) Stauffacher. Wie, Herr! So koͤnntet Ihr an einem Manne handeln, An dem ſich Gottes Hand ſichtbar verkündigt? Geßler. Laß ſehn, ob ſie ihn zweimal retten wird. — Man bring' ihn auf mein Schiff! Ich folge nach Sogleich, ich ſelbſt will ihn nach Küßnacht führen. einem K 108 Röſſelmann. Das duͤrft Ihr nicht, Das darf der Kaiſer nicht, Das widerſtreitet unſern Freiheitsbriefen! Geßler. Wo ſind ſie? Hat der Kaiſer ſie beſtaͤtigt? Er hat ſie nicht beſtätigt— Dieſe Gunſt Muß erſt erworben werden durch Gehorſam. Rebellen ſeyd ihr Alle gegen Kaiſers Gericht und naͤhrt verwegene Empörung. Ich kenn' euch Alle— ich durchſchau' euch ganz— Den nehm' ich jetzt heraus aus eurer Mitte; Doch Alle ſeyd ihr theilhaft ſeiner Schuld. Wer klug iſt, lerne ſchweigen und gehorchen! (Er entfernt ſich, Bertha, Rudenz, Harras und Knechte folgen, Frießhardt und Leuthold bleiben zuruͤck.) Walther Fürſt(in heftigem Schmerz). Es iſt vorbei: er hat's beſchloſſen, mich Mit meinem ganzen Hauſe zu verderben! Stauffacher(u Tell). O, warum mußtet Ihr den Wüthrich reizen! Tell. Bezwinge ſich, wer meinen Schmerz gefühlt! Stauffacher. O, nun iſt Alles, Alles hin! Mit Euch Sind wir gefeſſelt Alle und gebunden! Landleute(umringen den Tell). Mit Euch geht unſer letzter Troſt dahin! Leuthold(naͤhert ſich). Tell, es erbarmt mich— Doch ich muß gehorchen. Tell. Lebt wohl! 109 Walther Cell (ſich mit heftigem Schmerz an ihn ſchmiegend). O Vater! Vater! lieber Vater! Tell (hebt die Arme zum Himmel.) Dort droben iſt dein Vater! Den ruf' an! Stauffacher. Tell, ſag' ich Eurem Weibe nichts von Euch? Tell (hebt den Knaben mit Inbrunſt an ſeine Bruſt). iſt unverletzt; mir wird Gott helfen. (Reißt ſich ſchnell los und folgt den Waffenknechten.) Der Knab' 8 110 Vierter Aukzug. Erſte Scene. Oeſtliches Ufer des Vierwaldſtaͤdterſees. Die ſeltſam geſtalteten ſchroffen Felſen im Weſten ſchließen den Proſpect. Der See iſt bewegt, heftiges Rauſchen und Toſen, dazwiſchen Blitze und Donnerſchlaͤge. Kunz von Gerſau. Fiſcher und Fiſcherknabe. Kunz. Ich ſah's mit Augen an, Ihr könnt mir's glauben; 's iſt Alles ſo geſchehn, wie ich Euch ſagte. Fiſcher. Der Tell gefangen abgefüͤhrt nach Küßnacht, Der beſte Mann im Land, der bravſte Arm, Wenn's einmal gelten ſollte für die Freiheit. Kunz. 3 Der Landvogt führt ihn ſelbſt den See herauf; Sie waren eben dran, ſich einzuſchiffen, Als ich von Fluelen abfuhr; doch der Sturm, Der eben jetzt im Anzug iſt, und der 4 Auch mich gezwungen, eilends hier zu landen, Mag ihre Abfahrt wohl verhindert haben. 8“ 111 Fiſcher. Der Tell in Feſſeln, in des Vogts Gewalt; O, glaubt, er wird ihn tief genug vergraben, Daß er des Tages Licht nicht wieder ſieht! Denn furchten muß er die gerechte Rache Des freien Mannes, den er ſchwer gereizt! Kunz. Der Altlandammann auch, der edle Herr Von Attinghauſen, ſagt man, lieg' am Tode. Fiſcher. So bricht der letzte Anker unſrer Hoffnung! Der war es noch allein, der ſeine Stimme Erheben durfte für des Volkes Rechte! Kunz. Der Sturm nimmt überhand. Gehabt Euch wohl! Ich nehme Herberg' in dem Dorf; denn heut' Iſt doch an keine Abfahrt mehr zu denken. (Geht ab.) Fiſcher. Der Tell gefangen, und der Freiherr todt! Erheb' die freche Stirne, Tyrannet, Wirf alle Scham hinweg! Der Mund der Wahrheit Iſt ſtumm, das ſehnde Auge iſt geblendet, Der Arm, der retten ſollte, iſt gefeſſelt! Knabe. Es hagelt ſchwer: kommt in die Hütte, Vater, Es iſt nicht kommlich, hier im Freien hauſen. Fiſcher. Raſet, ihr Winde! Flammt herab, ihr Blitze! Ihr Wolken berſtet! Gießt herunter, Ströme Des Himmels, und erſäuft das Land! Zerſtört 112 Im Keim die ungeborenen Geſchlechter! Ihr wilde Elemente, werdet Herr!. Ihr Bären, kommt, ihr alte Wölfe wieder Der großen Wüſte! euch gehört das Land. Wer wird hier leben wollen ohne Freiheit! Knabe. Hört, wie der Abgrund tost, der Wirbel brüllt, So hat's noch nie gerast in dieſem Schlunde! Fiſcher. Zu zielen auf des eignen Kindes Haupt, Solches ward keinem Vater noch geboten! Und die Natur ſoll nicht in wildem Grimm Sich drob empören— O, mich ſoll's nicht wundern, Wenn ſich die Felſen bücken in den See, Wenn jene Zacken, jene Eiſesthürme, Die nie aufthauten ſeit dem Schöpfungstag, Von ihren hohen Kulmen niederſchmelzen, Wenn die Berge brechen, wenn die alten Klüfte Einſtürzen, eine zweite Suündflut alle Wohnſtätten der Lebendigen verſchlingt! (Man yhxt laͤuten.) Knabe. Höort Ihr, ſie lauten droben auf dem Berg. Gewiß hat man ein Schiff in Noth geſehn Und zieht die Glocke, daß gebetet werde. (Steigt auf eine Anhoͤhe.) fiſcher. Wehe dem Fahrzeug, das, jetzt unterwegs, In dieſer furchtbarn Wiege wird gewiegt! Hier iſt das Steuer unnuͤtz und der Steurer, Der Sturm iſt Meiſter, Wind und Welle ſpielen. 1 — — 113 Ball mit dem Menſchen— Da iſt nah und fern Kein Buſen, der ihm freundlich Schutz gewäͤhrte! Handlos und ſchroff anſteigend ſtarren ihm Die Felſen, die unwirthlichen, entgegen Und weiſen ihm nur ihre ſteinern ſchroffe Bruſt. Knabe(deutet links). Vater, ein Schiff! es kommt von Fluͤelen her. Fiſcher. Gott helf' den armen Leuten! Wenn der Sturm In dieſer Waſſerkluft ſich erſt verfangen, Dann rast er um ſich mit des Raubthiers Angſt, Das an des Gitters Eiſenſtäbe ſchlägt! Die Pforte ſucht er heulend ſich vergebens: Denn ringsum ſchränken ihn die Felſen ein, Die himmelhoch den engen Paß vermauern. (Er ſteigt auf die Anhoͤhe.) Anabe. Es iſt das Herrenſchiff von Uri, Vater, Ich kenn's am rothen Dach und an der Fahne. . Fiſcher. Gerichte Gottes! Ja, er iſt es ſelbſt, Der Landvogt, der da fährt— Dort ſchifft er hin Und fuͤhrt im Schiffe ſein Verbrechen mit! Schnell hat der Arm des Raͤchers ihn gefunden; Jetzt kennt er über ſich den ſtärkern Herrn. Dieſe Wellen geben nicht auf ſeine Stimme; Dieſe Felſen bücken ihre Haupter nicht Vor ſeinem Hute— Knabe, bete nicht! Greiſunicht dem Richter in den Arm! Schillers ſaͤmmtl. Werke. VI. 8 114 Anabe. Ich bete für den Landvogt nicht— Ich bete Für den Tell, der auf dem Schiff ſich mit befindet. Fiſcher. O Unvernunft des blinden Elements! Mußt du, um einen Schuldigen zu treffen, Das Schiff mit ſammt dem Steuermann verderben! Knabe. Sieh', ſieh', ſie waren glücklich ſchon vorbei Am Buggisgrat; doch die Gewalt des Sturms, Der von dem Teufelsmünſter widerprallt, Wirft ſie zum großen Axenberg zurück. — Ich ſeh' ſie nicht mehr. Fiſcher. Dort iſt das Hackmeſſer, Wo ſchon der Schiffe mehrere gebrochen. Wenn ſie nicht weislich dort vorüberlenken, So wird das Schiff zerſchmettert an der Fluh, Die ſich gähſtrotzig abſenkt in die Tiefe. — Sie haben einen guten Steuermann Am Bord: könnt' Einer retten, wer's der Tell; Doch dem ſind Arm' und Haͤnde ja gefeſſelt. Wilhelm Tell mit der Armbruſt. (Er kommt mit raſchen Schritten, blickt erſtaunt umher und zeigt die. heftigſte Bewegung. Wenn er mitten auf der Scene iſt, wirſt er ſich nieder, die Haͤnde zu der Erde und dann zum Himmel ausbreitend.) 1 Knabe(bemerkt ihn). Sieh', Vater, wer der Mann iſt, der dort kniet? Fiſcher. Er faßt die Erde an mit ſeinen Haͤnden Und ſcheint wie außer ſich zu ſeyn. ——,. 115 Knabe(kommt vorwaͤrts). Was ſeh' ich! Vater! Vater, kommt und ſeht! Fiſcher(naͤhert ſich). Wer iſt es?— Gott im Himmel! Was? der Tell? Wie kommt Ihr hieher? Redet! Knabe. Wart Ihr nicht Dort auf dem Schiff gefangen und gebunden? 8 Fiſcher. Ihr wurdet nicht nach Kuͤßnacht abgefuhrt? Cell(ſteht auf). Ich bin befreit.— Fiſcher und Knabe. Befreit! O Wunder Gottes! Knube. Wo kommt Ihr her? Tell. Dort aus dem Schiffe. fiſcher. Was? Knabe(zugleich). Wo iſt der Landvogt? Tell.. Auf den Wellen treibt er. Fiſcher. Iſt's möglich? Aber Ihr? wie ſeyd Ihr hier? Seyd Euren Banden und dem Sturm entkommen? Tell. Durch Gottes gnäd'ge Furſehung— Hoͤrt an! 3 Fiſcher und Knabe. O, redet, redet! 8 116 Tell.. Was in Altdorf ſich Begeben, wißt ihr's? Fiſcher. Alles weiß ich, redet! Tell. Daß mich der Landvogt fahen ließ und binden, Nach ſeiner Burg zu Kuͤßnacht wollte führen. Fiſcher. Und ſich mit Ench zu Flüͤelen eingeſchifft, Wir wiſſen Alles. Sprecht, wie Ihr entkommen? Tell. Ich lag im Schiff, mit Stricken feſt gebunden, Wehrlos, ein aufgegebner Mann— Nicht hofft' ich, Das frohe Licht der Sonne mehr zu ſehn, Der Gattin und der Kinder liebes Antlitz, Und rroſtlos blickt' ich in die Waſſerwüſte— Fiſcher. O armer Mann! Tell. So fuhren wir dahin, Der Vogt, Rudolph der Harras und die Knechte. Mein Köcher aber mit der Armbruſt lag Am hintern Granſen bei dem Steuerruder. Und, als wir an die Ecke jetzt gelangt Beim kleinen Aren, da verhängt' es Gott, Daß ſolch ein grauſam mördriſch Ungewitter Gaählings herfürbrach aus des Gotthardts Schlünden, Daß allen Ruderern das Herz entſank, Und meinten Alle, elend zu ertrinken. Da hoͤrt' ich's, wie der Diener einer ſich — 117 Zum Landvogt wendet' und die Worte ſprach: Ihr ſehet Eure Noth und unſre, Herr, Und daß wir All' am Rand des Todes ſchweben— Die Steuerleute aber wiſſen ſich Vor großer Furcht nicht Rath und ſind des Fahrens Nicht wohl berichtet— Nun aber iſt der Tell Ein ſtarker Mann und weiß ein Schiff zu ſteuern. Wie, wenn wir ſein jetzt brauchten in der Noth? Da ſprach der Vogt zu mir: Tell, wenn du dir's Getrauteſt, uns zu helfen aus dem Sturm, So möcht' ich dich der Bande wohl entled'gen. Ich aber ſprach: Ja, Herr, mit Gottes Hülfe Getrau' ich mir's und helf' uns wohl hiedannen. So ward ich meiner Bande los und ſtand Am Steuerruder und fuhr redlich hin; Doch ſchielt' ich ſeitwarts, wo mein Schießzeug lag, Und an dem ufer merkt' ich ſcharf umher, Wo ſich ein Vortheil aufthat' zum Entſpringen. Und, wie ich eines Felſenriffs gewahre, Daßs abgeplattet vorſprang in den See— Fiſcher. Ich kenn's, es iſt am Fuß des großen Axen, Doch nicht für möglich acht' ich's— ſo gar ſteil Geht's an— vom Schiff es ſpringend abzureichen— Tell. Schrie ich den Knechten, handlich zuzugehn, Bis daß wir vor die Felſenplatte kämen, Dort, rief ich, ſey das Aergſte überſtanden— und, als wir ſie friſchrudernd bald erreicht, Fieh' ich die Gnade Gottes an und drücke, Mit allen Leibeskraften angeſtemmt, 118 Den hintern Granſen an die Felswand hin. Jetzt, ſchnell mein Schießzeug faſſend, ſchwing' ich ſelbſt Hochſpringend auf die Platte mich hinauf, Und mit gewalt'gem Fußſtoß hinter mich Schleudr' ich das Schifflein in den Schlund der Waſſer— 3 1 Dort mag's, wie Gott will, auf den Wellen treiben! So bin ich hier, gerettet aus des Sturms Gewalt und aus der ſchlimmeren der Menſchen. Fiſcher. 3 Tell, Tell! ein ſichtbar Wunder hat der Herr An Euch gethan; kaum glaub' ich's meinen Sinnen— Doch, ſaget, wo gedenket Ihr jetzt hin? Denn Sicherheit iſt nicht für Euch, wofern Der Landvogt lebend dieſem Sturm entkommt. Tell. Ich hört' ihn ſagen, da ich noch im Schiff Gebunden lag, er wollt' bei Brunnen landen Und über Schwytz nach ſeiner Burg mich führen. Fiſcher. Will er den Weg dahin zu Lande nehmen? Tell. Er denkt's. Fiſcher. O, ſo verbergt Euch ohne Säumen! Nicht zweimal hilft Euch Gott aus ſeiner Hand. Tell. Nennt mir den nächſten Weg nach Arth und Küßnacht. fiſcher. Die offne Straße zieht ſich über Steinen; Doch einen kürzern Weg und heimlichern Kann Euch mein Knabe über Lowerz führen. —— 119 Cell(gibt ihm die Hand). Gott lohn' Euch Eure Gutthat. Lebet wohl. (Geht und kehrt wieder um.) — Habt Ihr nicht auch im Rutli mitgeſchworen? Mir daͤucht, man nannt' Euch mir— Fiſcher. Ich war dabei Und hab' den Eid des Bundes mit beſchworen. 3 Tell. So eilt nach Bürglen, thut die Lieb' mir an! Mein Weib verzagt um mich: verkündet ihr, Daß ich gerettet ſey und wohl geborgen. Fiſcher. Doch wohin ſag' ich ihr daß Ihr geflohn? Tell. Ihr werdet meinen Schwaͤher bei ihr finden Und Andre, die im Rütli mit geſchworen— Sie ſollen wacker ſeyn und gutes Muths: Der Tell ſey frei und ſeines Armes mächtig; Bald werden ſie ein Weitres von mir hoͤren. Fiſcher. Was habt Ihr im Gemüth? Entdeckt mir's frei! Tell. Iſt es gethan, wird's auch zur Rede kommen. (Geht ab). Fiſcher. Zeig' ihm den Weg, Jenni— Gott ſteh' ihm bei! Er führt's zum Ziel, was er auch unternommen. (Geht ab). 120 Zweite Scene. 3 Edelhof zu Attinghauſenn. Ver Freiherr, in einem Armfeſſel, ſterbend. Walther Fürſt, Stauffacher, Melchthal und Paumgarten um ihn beſchaͤftigt. Walther Tell, eniend vor dem Sterbenden. Walther Fürſt. Es iſt vorbei mit ihm, er iſt hinüber. Stauffacher. Er liegt nicht, wie ein Todter— Seht, die Feder Auf ſeinen Lippen regt ſich! Ruhig iſt Sein Schlaf, und friedlich lächeln ſeine Züge. (Baumgarten geht an die Thuͤr' und ſpricht mit Jemand.) Walther Fürſt(zu Baumgarten),. Wer iſt's? Zaumgarten(kommt zurück). Es iſt Frau Hedwig, Eure Tochter; Sie will Euch ſprechen, will den Knaben ſehn. (Walther Tell richtet ſich auf.) Walther Fürſt. Kann ich ſie tröſten? Hab' ich ſelber Troſt? Haͤuft alles Leiden ſich auf meinem Haupt? Hedwig(bereindringend). Woiſt mein Kind? Laßt mich, ich muß es ſehn— Stauffacher. Faßt Euch! Bedenkt, daß Ihr im Haus des Todes— Hedwig(ſuͤrzt auf den Knaben). Mein Waͤlty! O, er lebt mir! Walther Tell(haͤngt an ibr). Arme Mutter! 5 Hedwig. Iſt's auch gewiß? Biſt du mir unverletzt? (Betrachtet ihn mit aͤngſtlicher Sorgfalt.) Und es iſt möglich? Konnt' er auf dich zielen? Wie konnt' er's? O, er hat kein Herz— Er konnte Den Pfeil abdrücken auf ſein eignes Kind! Walther fürſt. Er that's mit Angſt, mit ſchmerzzerriſſ'ner Seele; Gezwungen that er's, denn es galt das Leben. Hedwig. O, hätt' er eines Vaters Herz, eh' er's Gethan, er waͤre tauſendmal geſtorben! Stauffacher. Ihr ſolltet Gottes gnäd'ge Schickung preiſen, Die es ſo gut gelenkt— Hedwig. Kann ich vergeſſen, Wie's hatte kommen können?— Gott des Himmels! Und, lebt' ich achtzig Jahr— ich ſeh' den Knaben ewig Gebunden ſtehn, den Vater auf ihn zielen, Und ewig fliegt der Pfeil mir in das Herz. Melchthal. Frau, wüßtet Ihr, wie ihn der Vogt gereizt! Hedwig. O rohes Herz der Manner! Wenn ihr Stolz Beleidigt wird, dann achten ſie nichts mehr; Sie ſetzen in der blinden Wuth des Spiels Das Haupt des Kindes und das Herz der Mutter! ZBaumgarten. Iſt Eures Mannes Los nicht hart genug, 122 Daß Ihr mit ſchwerem Tadel ihn noch kränkt? Für ſeine Leiden habt Ihr kein Gefühl? Hedwig. (kehrt ſich nach ihm um und ſieht ihn mit einem großen Blick an). Haſt du nur Thraͤnen für des Freundes Ungluck? — Wo waret ihr, da man den Trefflichen In Bande ſchlug? Wo war da eure Hülfe? Ihr ſahet zu, ihr ließt das Gräßliche geſchehn; Geduldig littet ihr's, daß man den Freund Aus eurer Mitte führte— Hat der Tell Auch ſo an euch gehandelt? Stand er auch Bedauernd da, als hinter dir die Reiter Des Landvogts drangen, als der wüth'ge See Vor dir erbrauste? Nicht mit müß'gen Thraͤnen Beklagt' er dich, in den Nachen ſprang er, Weib Und Kind vergaß er und befreite dich— 3 Walther Fürſt. Was konnten wir zu ſeiner Rettung wagen, Die kleine Zahl, die unbewaffnet war!. Hedwig(wirft ſich an ſeine Bruſt). O Vater! Und auch du haſt ihn verloren! Das Land, wir Alle haben ihn verloren! Uns Allen fehlt er, ach, wir fehlen ihm! Gott rette ſeine Seele vor Verzweiflung. Zu ihm hinab ins öde Burgverließ Dringt keines Freundes Troſt— Wenn er erkrankte! Ach, in des Kerkers feuchter inſterniß Muß er erkranken— Wie die Alpenroſe Bleicht und verkümmert in der Sumpfesluft: So iſt fuͤr ihn kein Leben als im Licht Der Sonne, in dem Balſamſtrom der Lüfte. 123 Gefangen! Er! Sein Athem iſt die Freiheit: Er kann nicht leben in dem Hauch der Grüfte. Stuuffacher. Beruhigt Euch! Wir Alle wollen handeln, Um ſeinen Kerker aufzuthun. Hedwig. Was koͤnnt ihr ſchaffen ohne ihn?— Solang Der Tell noch frei war, ja, da war noch Hoffnung, Da hatte noch die Unſchuld einen Freund, Da hatte einen Helfer der Verfolgte, Ench Alle rettete der Tell— Ihr Alle Zuſammen köͤnnt nicht ſeine Feſſeln loͤſen? (Der Freiherr erwacht.) ZBaumgarten Er regt ſich, ſtill! Attinghauſen(ſich aufrichtend). Wo iſt er? Stauffacher. Wer? Attinghauſen. Er fehlt mir, Verläßt mich in dem letzten Augenblick! Stauffucher. Er meint den Junker— Schickte man nach ihm? Walther Fürſt. Es iſt nach ihm geſendet— iſte Euch! Er hat ſein Herz gefunden, er iſt unſer. Attinghauſen. Hat er geſprochen für ſein Vaterland? Stauffacher. Mit Heldenkühnheit. * 124 Attinghauſen. Warum kommt er nicht, Um meinen letzten Segen zu empfangen? Ich fühle, daß es ſchleunig mit mir endet. Stauffacher. Nicht alſo, edler Herr! Der kurze Schlaf Hat Euch erquickt, und hell iſt Euer Blick. Attinghaufen. Der Schmerz iſt Leben, er verließ mich auch. Das Leiden iſt, ſo wie die Hoffnung, aus. (Er bemerkt den Knaben.) Wer iſt der Knabe? Walther Fürſt. 1 Segnet ihn, o Herr! Er iſt mein Enkel und iſt vaterlos. (Hedwig ſinkt mit dem Knaben vor dem Sterbenden nieder.) Attinghauſen. Und vaterlos laſſ' ich euch Alle, Alle Zuruck— Weh' mir, daß meine letzten Blicke Den Untergang des Vaterlands geſehn! Mußt' ich des Lebens höchſtes Maß erreichen Um ganz mit allen Hoffnungen zu ſterben! Stauffacher(zu Walther Fürſt). Soll er in dieſem finſtern Kummer ſcheiden? Erhellen wir ihm nicht die letzte Stunde Mit ſchönem Strahl der Hoffnung?— Sdbler Freiherr! Erhebet Euren Geiſt! Wir ſind nicht ganz Verlaſſen, ſind nicht rettungslos verloren. Attinabauſen. Wer ſoll euch retten? Walther Fürſt. Wir uns ſelbſt. Vernehmt! Es haben die drei Lande ſich das Wort Gegeben, die Tyrannen zu verjagen. Geſchloſſen iſt der Bund; ein heil'ger Schwur Verbindet uns. Es wird gehandelt werden, Eh' noch das Jahr den neuen Kreis beginnt. Euer Staub wird ruhn ineinem freien Lande. Attinghauſen. O, ſaget mir! Geſchloſſen iſt der Bund? Melchthal. Am gleichen Tage werden alle drei Waldſtadte ſich erheben. Alles iſt Bereit, und das Geheimniß wohlbewahrt Bis jetzt, obgleich viel Hunderte es theilen. Hohl iſt der Boden unter den Tyrannen; Die Tage ihrer Herrſchaft ſind gezahlt, Und bald iſt ihre Spur nicht mehr zu finden. Attinghauſen. Die feſten Burgen aber in den Landen? Mlelchthul Sie fallen alle an dem gleichen Tag. . Attinghauſen. Und ſind die Edeln dieſes Bunds theilhaftig? 3 Stauffacher. Wir harren ihres Beiſtands, wenn es gilt; Jetzt aber hat der Landmann nur geſchworen. Attinghaufen (richtet ſich langſam in die Hoͤhe, mit großem Erſtaunen). Hat ſich der Landmann ſolcher That verwogen, Aus eignem Mittel ohne Hülf' der Edeln, 126 Hat er der eignen Kraft ſo viel vertraut— Ja, dann bedarf es unſerer nicht mehr: Getröſtet koͤnnen wir zu Grabe ſteigen, Es lebt nach uns— durch andre Kräfte will Das Herrliche der Menſchheit ſich erhalten. (Er legt ſeine Hand auf das Haupt des Kindes, das vor ihm auf den Knien liegt.) Aus dieſem Haupte, wo der Apfel lag, Vird euch die neue, beſſ're Freiheit gruͤnen; Das Alte ſtürzt, es aͤndert ſh die Zeit, Und neues Leben blüht aus den Ruinen. . Stauffacher(zu Walther Fuͤrſt'. Seht, welcher Glanz ſich um ſein Aug' ergießt! Das iſt nicht das Erlöſchen der Natur, Das iſt der Strahl ſchon eines neuen Lebens. Attinghauſen. Der Adel ſteigt von ſeinen alten Burgen Und ſchwört den Städten ſeinen Bürgereid; Im Uechtland ſchon, im Thurgau hat's begonnen; Die edle Bern erhebt ihr herrſchend Haupt; Freiburg iſt eine ſichre Burg der Freien; Die rege Zürich waffnet ihre Zünfte Zum kriegeriſchen Heer— es bricht die Macht Der Könige ſich an ihren ew'gen Wällen— (Er ſpricht das Folgende mit dem Ton eines Sehers— ſeine Rede ſteigt bis zur Begeiſterung.) Die Fürſten ſeh' ich und die edeln Herrn In Harniſchen herangezogen kommen, Ein harmlos Volk von Hirten zu bekriegen.— Auf Tod und Leben wird gekämpft, und herrlh Wird mancher Paß durch blutige Entſcheidung. 127 Der Landͤmann ſtuͤrzt ſich mit der nackten Bruſt, Ein freies Opfer, in die Schaar der Lanzen! Er bricht ſie, und des Adels Blüthe fällt, Es hebt die Freiheit ſiegend ihre Fahne. (Walther Fuͤrſts und Stauffachers Haͤnde faſſend.) Drum haltet feſt zuſammen— feſt und ewig— Kein Ort der Freiheit ſey dem andern fremd— Hochwachten ſtellet aus auf euren Bergen, Daß ſich der Bund zum Bunde raſch verſammle— Seyd einig— einig— einig— (Er faͤllt in das Kiſſen zurück— ſeine BSaͤnde halten entſeelt noch die Andern gefaßt. Fürſt und Stauffacher betrachten ihn noch eine Zeis lang ſchweigend; dann treten ſie hinweg, Jeder ſeinem Schmerz uͤberlaſſen. Unterdeſſen ſind die Knechte ſtill hereingedrungen, ſie naͤhern ſich mit Zeichen eines ſtillern oder heftigern Schmerzens, einige knien bei ihm nieder und weinen auf ſeine Hand; waͤhrend dieſer ſtummen Scene wird die Burgglocke gelaͤutet.) Rudenz zu den Vorigen. Rudenz craſch eintretend). Lebt er? O, ſaget, kann er mich noch hören? Walther Fürſt (deutet hin mit weggewandtem Geſicht). Ihr ſeyd jetzt unſer Lehensherr und Schirmer, und dieſes Schloß hat einen andern Namen. 4 Rudenz (erblickt den Leichnam und ſteht von heſtigem Schmerz ergriffen). O güt'ger Gott!— Kommt meine Reu' zu ſpät? Konnt' er nicht wen'ge Pulſe langer leben, Um mein geandert Herz zu ſehn? Verachtet hab' ich ſeine treue Stimme, Da er noch wandelte im Licht— er iſt Dahin, iſt fort auf immerdar und läßt mir Die ſchwere, unbezahlte Schuld!— O, ſaget⸗ Schied er dahin in Unmuth gegen mich? Stauffacher. Er höoͤrte ſterbend noch, was Ihr gethan,„ Und ſegnete den Muth, mit dem Ihr ſpracht! Rudenz(kniet an dem Todten nieder). Ja, heil'ge Reſte eines theuren Mannes! Entſeelter Leichnam! hier gelob' ich dir's In deine kalte Todtenhand— zerriſſen Hab' ich auf ewig alle fremde Bande; Zurückgegeben bin ich meinem Volk; Ein Schweizer bin ich, und ich will es ſeyn Von ganzer Seele— 5 (Alufſteherd.) Trauert um den Freund, Den Vater Aller, doch verzaget nicht! Nicht bloß ſein Erbe iſt mir zugefallen: Es ſteigt ſein Herz, ſein Geiſt auf mich herab, Und leiſten ſoll euch meine friſche Ingend, Was euch ſein greiſes Alter ſchuldig blieb. — Ehrwürd'ger Vater, gebt mir eure Hand! Gebt mir die Eurige! Melchthal, auch Ihr! Bedenkt Euch nicht! O, wendet Euch nicht weg! Empfanget meinen Schwur und mein Gelübde! Walther Fürſt. Gebt ihm die Hand! Sein wiederkehrend Herz Verdient Vertraun. Melchthal. Ihr habt den Landmann nichts geachtet. Sprecht, weſſen ſoll man ſich zu Euch verſehn? —— 129 Rudenz. O, denket nicht des Irrthums meiner Jugend! Stauffacher Gu Melchthal). Seyd einig, war das letzte Wort des Vaters. Gedenket deſſen! Melchthal. Hier iſt meine Hand! Des Bauern Handſchlag, edler Herr, iſt auch Ein Manneswort! Was iſt der Ritter ohne uns? Und unſer Stand iſt älter, als der eure. Rudenz. Ich ehr' ihn, und mein Schwert ſoll ihn beſchützen. Melchthal. Der Arm, Herr Freiherr, der die harte Erde Sich unterwirft und ihren Schoß befruchtet, Kann auch des Mannes Bruſt beſchützen. Rudenz. Ihr Sollt meine Bruſt, ich will die eure ſchützen, So ſind wir Einer durch den Andern ſtark. — Doch wozu reden, da das Vaterland Ein Raub noch iſt der fremden Tyrannei? Wenn erſt der Boden rein iſt von dem Feind, Dann wollen wir's in Frieden ſchon vergleichen. (Nachdem er einen Augenblick inne gehalten.) Ihr ſchweigt? Ihr habt mir nichts zu ſagen? Wie? Verdien' ich's noch nicht, daß ihr mir vertraut? So muß ich wider euren Willen mich In das Geheimniß eures Bundes drängen. — Ihr habt getagt— geſchworen auf dem Rütli— Ich weiß— weiß Alles, was thr dort verhandelt, Schillers ſämmtl. Werke. VI. 9 . 130 Und, was mir nicht von euch vertrauet ward, Ich hab's bewahrt gleichwie ein heilig Pfand. Nie war ich meines Landes Feind, glaubt mir, Und niemals hätt' ich gegen euch gehandelt. — Doch übel thatet ihr, es zu verſchieben, Die Stunde dringt, und raſcher That bedarf's— Der Tell ward ſchon das Opfer eures Säumens— Stauffacher. Das Chriſtfeſt abzuwarten ſchworen wir. Rudenz. Ich war nicht dort, ich hab' nicht mitgeſchworen. Wartet ihr ab, ich handle. Melchthal. Was? Ihr wolltet— kudenz. Des Landes Vaͤtern zaͤhl' ich mich jetzt bei, Und meine erſte Pflicht iſt, euch zu ſchuͤtzen. walther fürſt. Der Erde dieſen theuren Staub zu geben, Iſt Eure nächſte Pflicht und heiligſte. Rudenz. Wenn wir das Land befreit, dann legen wir Den friſchen Kranz des Siegs ihm auf die Bahre. O Freunde! eure Sache nicht allein, Ich habe meine eigne auszufechten Mit dem Tyrannen— Hört und wißt! Verſchwunden Iſt meine Bertha, heimlich weggeraubt, Mit kecker Frevelthat, aus unſrer Mitte! Stauffacher. Solcher Gewaltthat hätte der Tyrann Wider die freie Edle ſich verwogen? „ 5 2 — ͤͤͤ—„ . — 2 „„— 131 Uudenz. O meine Freunde!l euch verſprach ich Hülfe, Und ich zuerſt muß ſie von euch erflehn. Geraubt, entriſſen iſt mir die Geliebte. Wer weiß, wo ſie der Wüthende verbirgt, Welcher Gewalt ſie frevelnd ſich erkuüͤhnen, Ihr Herz zu zwingen zum verhaßten Band! Verlaßt mich nicht, o, helft mir ſie erretten— Sie liebt euch! o, ſie hat's verdient ums Land, Daß alle Arme ſich für ſie bewaffnen— Walther Fürſt. Was wollt Ihr unternehmen? Rudenz. Weiß ich's? Ach In dieſer Nacht, die ihr Geſchick umhüllt, In dieſes Zweifels ungeheurer Angſt, Wo ich nichts Feſtes zu erfaſſen weiß, Iſt mir nur dieſes in der Seele klar: Unter den Trümmern der Tyrannenmacht Allein kann ſie hervorgegraben werden! Die Veſten alle müſſen wir bezwingen, Ob wir vielleicht in ihren Kerker dringen. Melchthal. Kommt, führt uns an! Wir folgen Euch. Warum Bis Morgen ſparen, was wir heut' vermoͤgen? Frei war der Tell, als wir im Rütli ſchworen, Das Ungeheure war noch nicht geſchehen. Es bringt die Zeit ein anderes Geſetz: Wer iſt ſo feig, der jetzt noch konnte zagen! Uudenz(zu Staufſacher und Walther Fürſt). Indeß bewaffnet und zum Werk bereit, Erwartet ihr der Berge Feuerzeichen: Denn, ſchneller als ein Botenſegel fliegt, Soll euch die Botſchaft unſers Siegs erreichen, Und, ſeht ihr leuchten die willkommnen Flammen, Dann auf die Feinde ſtürzt, wie Wetters Strahl, Und brecht den Bau der Tyrannei zuſammen. (Geht ab.) Dritte Seene. Die hohle Gaſſe bei Küßnacht. Man ſteigt von Hinten zwiſchen Felſen herunter, und die Wandrer werden, ehe ſie auf der Scene erſcheinen, ſchon von der BSoͤhe geſehen. Felſen um⸗ ſchließen die ganze Scene; auf einem der vorderſten iſt ein Vorſprung mie Geſtraͤuch bewachſen. Tell tritt auf mit der Armbruſt. Durch dieſe hohle Gaſſe muß er kommen: Es führt kein andrer Weg nach Küßnacht— Hier Vollend' ich's— Die Gelegenheit iſt günſtig. Dort der Hollunderſtrauch verbirgt mich ihm; Von dort herab kann ihn mein Pfeil erlangen; Des Weges Enge wehret den Verfolgern. Mach' deine Rechnung mit dem Himmel, Vogt! Fort mußt du, deine Uhr iſt abgelaufen. Ich lebte ſtill und harmlos— das Geſchoß War auf des Waldes Thiere nur gerichtet, Meine Gedanken waren rein von Mord— 4 Du haſt aus meinem Frieden mich heraus Geſchreckt; in gahrend Drachengift haſt du 133 Die Milch der frommen Denkart mir verwandelt; Zum Ungeheuren haſt du mich gewöhnt— Wer ſich des Kindes Haupt zum Ziele ſetzte, Der kann auch treffen in das Herz des Feinds. Die armen Kindlein, die unſchuldigen, Das treue Weib muß ich vor deiner Wuth Beſchützen, Landvogt!— Da, als ich den Bogenſtrang Anzog— als mir die Hand erzitterte— Als du mit grauſam teufeliſcher Luſt Mich zwangſt, aufs Haupt des Kindes anzulegen— Als ich unmaͤchtig flehend rang vor dir: Damals gelobt' ich mir in meinem Innern Mit furchtbarm Eidſchwur, den nur Gott gehört, Daß meines nächſten Schuſſes erſtes Ziel Dein Herz ſeyn ſollte— Was ich mir gelobt In jenes Augenblickes Höllenqualen, Iſt eine heil'ge Schuld: ich will ſie zahlen. Du biſt mein Herr und meines Kaiſers Vogt; Doch nicht der Kaiſer hätte ſich erlaubt, Was du— Er ſandte dich in dieſe Lande, Um Recht zu ſprechen— ſtrenges, denn er zürnet— Doch nicht, um mit der mörderiſchen Luſt Dich jedes Grauels ſtraflos zu erfrechen: Es lebt ein Gott, zu ſtrafen und zu rachen. Komm du hervor, du Bringer bittrer Schmerzen, Mein theures Kleinod jetzt, mein hoͤchſter Schatz— Ein Ziel will ich dir geben, das bis jetzt Der frommen Bitte undurchdringlich war— 134 Doch dir ſoll es nicht widerſtehn— Und du, Vertraute Bogenſehne, die ſo oft 5 Mir treu gedient hat in der Freude Spielen, Verlaſſ' mich nicht im fürchterlichen Ernſt! Nur jetzt noch halte feſt, du treuer Strang, Der mir ſo oft den herben Pfeil beflügelt— Entränn' er jetzo kraſtlos meinen Haͤnden, Ich habe keinen zweiten zu verſenden. (Wanderer gehen uͤber die Scene.) Auf dieſe Bank von Stein will ich mich ſetzen, Dem Wanderer zur kurzen Ruh' bereitet— Denn hier iſt keine Heimat— Jeder treibt Sich an dem Andern raſch und fremd vorüber Und fraget nicht nach ſeinem Schmerz— Hier geht Der ſorgenvolle Kaufmann und der leicht Geſchürzte Pilger— der andächt'ge Mönch, Der düſtre Räauber und der heitre Spielmann, Der Saumer mit dem ſchwer beladnen Roß, Der ferne herkommt von der Menſchen Ländern, Denn jede Straße führt ans End' der Welt. Sie Alle ziehen ihres Weges fort An ihr Geſchäft— und meines iſt der Mord! 6G(Setzt ſich.) Sonſt, wenn der Vater auszog, liebe Kinder, Da war ein Freuen, wenn er wieder kam: Denn niemals kehrt' er heim, er bracht' euch etwas, War's eine ſchöne Alpenblume, war's Ein ſeltner Vogel oder Ammonshorn, Wie es der Wandrer findet auf den Bergen— Jetzt geht er einem andern Waidwerk nach: Am wilden Weg ſitzt er mit Mordgedanken; 135 Des Feindes Leben iſt's, worauf er lauert. — Und doch an euch nur denkt er, liebe Kinder, Auch jetzt— Euch zu vertheid'gen, eure holde Unſchuld Zu ſchützen vor der Rache des Tyrannen, Will er zum Morde jetzt den Bogen ſpannen. (Steht auf.) Ich laure auf ein edles Wild— Läßt ſich's Der Jaͤger nicht verdrießen, Tage lang Umher zu ſtreifen in des Winters Strenge, Von Fels zu Fels den Wageſprung zu thun, Hinan zu klimmen an den glatten Waͤnden, Wo er ſich anleimt mit dem eignen Blut, — Um ein armſelig Gratthier zu erjagen. Hier gilt es einen köſtlicheren Preis, Das Herz des Todfeinds, der mich will verderben. (Man hoͤrt von Ferne eine heitere Muſik, welche ſich naͤhert.) Mein ganzes Leben lang hab' ich den Bogen Gehandhabt, mich geubt nach Schützenregel; Ich habe oft geſchoſſen in das Schwarze Und manchen ſchönen Preis mir heimgebracht Vom Freudenſchießen— Aber heute will ich Den Meiſterſchuß thun und das Beſte mir Im ganzen Umkreis des Gebirgs gewinnen. (Eine Hochzeit zieht uͤber die Scene und durch den Hohlweg hinauf. Tell betrachtet ſie, auf ſeinen Vogen gelehnt; Stüſſt, der Flurſchuͤt geſellt ſich zu ihm.) Stüſſi. Das iſt der Kloſtermeir von Mörliſchachen, Der hier den Brautlauf hält— ein reicher Mann Er hat wohl zehen Senten auf den Alpen. Die Braut holt er jetzt ab zu Imiſee, 136 Und dieſe Nacht wird hoch geſchwelgt zu Küßnacht. Kommt mit!'s iſt jeder Biedermann geladen.. Tell. Ein ernſter Gaſt ſtimmt nicht zum Hochzeithaus. Stüſfi. Drückt Euch ein Kummer, werft ihn friſch vom Herzen! Nehmt mit, was kommt; die Zeiten ſind jetzt ſchwer: Drum muß der Menſch die Freude leicht ergreifen. Hier wird gefreit und anderswo begraben. Tell. Und oft kommt gar das Eine zu dem Andern. Stüſſi. So geht die Welt nun. Es gibt allerwegen Unglücks genug— Ein Ruffi iſt gegangen Im Glarner Land, und eine ganze Seite Vom Gläͤrniſch eingeſunken. Tell. Wanken auch Die Berge ſelbſt? Es ſteht nichts feſt auf Erden. Stüſſi. Auch anderswo vernimmt man Wunderdinge. Da ſprach ich Einen, der von Baden kam. Ein Ritter wollte zu dem König reiten, Und unterwegs begegnet ihm ein Schwarm Von Horniſſen: die fallen auf ſein Roß, Daß es vor Marter todt zu Boden ſinkt, Und er zu Fuße ankommt bei dem König. Tell. Dem Schwachen iſt ſein Stachel auch gegeben. — —-— 137 Armgart kommt mit mehreren Kindern und ſiellt ſich an den Eingang des Hohlwegs. Stüſſi. Man deutet's auf ein großes Landesungluck, Auf ſchwere Thaten wider die Natur. Tell. Dergleichen Thaten bringet jeder Tag; Kein Wunderzeichen braucht ſie zu verkünden. Stüſſi. Ja, wohl Dem, der ſein Feld beſtellt in Ruh' Und ungekränkt daheim ſitzt bei den Seinen. Tell. Es kann der Frömmſte nicht im Frieden bleiben. Wenn es dem böſen Nachbar nicht gefällt. (Tell ſieht oft mit unruhiger Erwartung nach der Hoͤhe des Weges.) Stüſſi. Gehabt Euch wohl— Ihr wartet hier auf Jemand? Tell. Das thu' ich.— Stüfſi. Frohe Heimkehr zu den Euren! — Ihr ſeyd aus Uri? unſer gnaͤd'ger Herr, Der Landvogt, wird noch heut' von dort erwartet. Wandrer(tommt) Den Vogt erwarret heut' nicht mehr. Die Waſſer Sind ausgetreten von dem großen Regen, Und alle Brücken hat der Strom zerriſſen. (Tell ſteht auf.) . Armgart(kommt verwäarts). Der Landvogt kommt nicht? 8 ₰ 138 Stüfſi. Sucht Ihr was an ihn? Armgart. Ach freilich! Stüfſi. Warum ſtellet Ihr Euch denn In dieſer hohlen Gaſſ' ihm in den Weg? Armgart. Hier weicht er mir nicht aus, er muß mich hoͤren. 3 Frießhart (kommt eilfertig den Hohlweg herab und ruft in die Scene). Man fahre aus dem Weg— Mein gnad'ger Herr, Der Landvogt, kommt dicht hinter mir geritten. (Tell geht ab.) Armgart(lebhaft). Der Landvogt kommt!— (Sie geht mit ihren Kindern nach der vordern Scene. Geßler und Rudelph der Harras zeigen ſich zu Pferd auf der Hoͤhe des Wegs.) 3 w Stüt 9 Shardt). 8* Wie kamt ihr durch das Waſſer, Da doch der Strom die Brücken fortgeführt? Frießhardt. Wir haben mit dem See gefochten, Freund, knd füͤrchten uns vor keinem Alpenwaſſer. Stüſſi. Ihr wart zu Schiff in dem gewalt'gen Sturm? Frießhardt. Das waren wir. Mein' Lebtag' denk' ich dran— Stüfſi. O, bleibt, erzahlt! 139 Frießhardt. Laß mich, ich muß voraus, Den Landvogt muß ich in der Burg verkünden. (Ab.) Stüſſi. Waͤrn gute Lente auf dem Schiff geweſen, In Grund geſunken wär's mit Mann und Maus; Dem Volk kann weder Waſſer bei noch Feuer. (Er ſieht ſich um.) Wo kam der Waidmann hin, mit dem ich ſprach? —(Geht ab.) Geßler und Rudolph der Harras zu Pferd. Geßler. Sagt, was Ihr wollt, ich bin des Kaiſers Diener Und muß drauf denken, wie ich ihm gefalle. Er hat mich nicht ins Land geſchickt, dem Volk Zu ſchmeicheln und ihm ſunft zu e Gehorſam Erwartet er: der Streit iſt, er Bauer Soll Herr ſeyn in dem Lande oder der Kaiſer. Armgart. Jetzt iſt der Augenblick! Jetzt bring' ich's an! (Naͤhert ſich furchtſam.) Geßler. 9 Ich hab' den Hut nicht aufgeſteckt zu Altdorf Des Scherzes wegen oder um die Herzen Des Volks zu prüfen: dieſe kenn' ich längſt. Ich hab' ihn aufgeſteckt, daß ſie den Nacken Mir lernen beugen, den ſie aufrecht tragen— Das Unbequeme hab' ich hingepflanzt Aunf lhren Weg, wo ſie vorbeigehn muͤſſen, 140 Daß ſie drauf ſtoßen mit dem Aug' und ſich Erinnern ihres Herrn, den ſie vergeſſen. Rudolph. Das Volk hat aber doch gewiſſe Rechte— Geßler. Die abzuwagen, iſt jetzt keine Zeit! — Weitſchicht'ge Dinge ſind im Werk und Werden; Das Kaiſerhaus will wachſen; was der Vater Glorreich begonnen, will der Sohn vollenden. Dies kleine Volk iſt uns ein Stein im Weg— So oder ſo— es muß ſich unterwerfen. (Sie wollen voruͤber. Die Frau wirft ſich vor dem Landvogt nieder.) Armgart. Barmherzigkeit, Herr Landvogt! Gnade! Gnade! Geßler. Was dringt Ihr Euch auf offner Straße mir In Weg— Zurück Armgart. Mein Mann liegt im Gefäangniß; Die armen Waiſen ſchrein nach Brod— Habt Mitleid, Geſtrenger Herr, mit unſerm großen Elend! Rudolph. Wer ſeyd Ihr? Wer iſt Euer Mann? Armgart. Ein armer Wildheuer, guter Herr, vom Rigiberge, Der überm Abgrund weg das freie Gras Abmaͤhet von den ſchroffen Felſenwanden, Wohin das Vieh ſich nicht getraut zu ſteigen— Uudolpy Gum Landvegt). Bei Gott, ein elend und erbaͤrmlich Leben! 141 Ich bitt' Euch, gebt ihn los, den armen Mann! Was er auch Schweres mag verſchuldet haben, Strafe genug iſt ſein entſetzlich Handwerk. (Zu der Frau.) Euch ſoll Recht werden— Drinnen auf der Burg Nennt Eure Bitte— Hier iſt nicht der Ort. Armgart. Nein, nein, ich weiche nicht von dieſem Platz, Bis mir der Vogt den Mann zurückgegeben! Schon in den ſechsten Mond liegt er im Thurm Und harret auf den Richterſpruch vergebens. Geßler. Weib, wollt Ihr mir Gewalt anthun? Hinweg! Armgart. Gerechtigkeit, Landvogt! Du biſt der Richter Im Lande an des Kaiſers Statt und Gottes. Thu' deine Pflicht! So du Gerechtigkeit Vom Himmel hoffeſt, ſo erzeig' ſie uns! Geßler. Fort! Schafft das freche Volk mir aus den Augen! Armgart(greift in die Zuͤgel des Pferdes). Nein, nein, ich habe nichts mehr zu verlieren. — Du kommſt nicht von der Stelle, Vogt, bis du Mir Recht geſprochen— Falte deine Stirne, Rolle die Augen, wie du willſt— Wir ſind So graͤnzenlos unglücklich, daß wir nichts Nach deinem Zorn mehr fragen— Geßler. 4 Weib, mach' Platz, Oder mein Roß geht uͤber dich hinweg. 142 Armgart. Laß es uͤber mich dahin gehn— Da— (Sie reißt ihre Kinder zu Voden und wirft ſich mit ihnen ihm in den Weg.) Hier lieg' ich Mit meinen Kindern— Laß die armen Waiſen Von deines Pferdes Huf zertreten werden! Es iſt das Aergſte nicht, was du gethan— Rudolph. Weib, ſeyd Ihr raſend? Armggurt theſitzer fortfabrendh.— Trateſt du doch längſt Das Land des Kaiſers unter deine Füße! — O, ich bin nur ein Weib. Wäar' ich ein Mann Ich wüßte wohl was Beſſeres, als hier Im Staub zu liegen— (Man hoͤrt die vorige Muſik wieder auf der Hoͤhe des Wegs, aber gedaͤmpft.) Geßler. Wo ſind meine Knechte? Man reiße ſie von hinnen oder ich Vergeſſe mich und thue, was mich reuet. Rudolph. 4 Die Knechte können nicht hindurch, o Herr! Der Hohlweg iſt geſperrt durch eine Hochzeit. Geßler. Ein allzu milder Herrſcher bin ich noch Gegen dies Volk— die Zungen ſind noch frei, Es iſt noch nicht ganz, wie es ſoll, gebändigt— Doch es ſoll anders werden, ich gelob' es: Ich will ihn brechen, dieſen ſtarren Sinn, Den kecken Geiſt der Freiheit will ich beugen, — 143 Ein neu Geſetz will ich in dieſen Landen Verkündigen— Ich will— (Ein Pfeil durchbohrt ihn; er faͤhrt mit der Hand ans Herz und will ſinken. Mit matter Stimme.) Gott ſey mir gnaͤdig! Rudolph. Herr Landvogt— Gott! Was iſt Das? Woher kam Das? Armgart(auffabrend) Mord! Mord! Er taumelt, ſinkt! Er iſt getroffen! Rudolph(ſpringt vom Pferdev. Welch gräßliches Ereigniß— Gott— Herr Ritter— Ruft die Erbarmung Gottes an! Ihr ſeyd Ein Mann des Todes! Geßler. Das iſt Tells Geſchoß. (Iſt vom Pferd herab dem Rudelph Harras in den Arm gegleitet und wird auf der Bank niedergelaſſen.) Tell (erſcheint oben auf der Hoͤhe des Felſens). Du kennſt den Schützen, ſuche keinen andern! Frei ſind die Huͤtten, ſicher iſt die Unſchuld Vor dir, du wirſt dem Lande nicht mehr ſchaden. (Verſchwindet von der Hoͤhe. Volk ſtuͤrzt herein.) Stüſſi(voran). Was gibt es hier? Was hat ſich zugetragen? Armgart. Der Landvogt iſt von einem Pfeil durchſchoſſen. Uoik(im Hereinſtuͤrzen). Wer iſt erſchoſſen? (Indem dle Vorderſten von dem Brautzug auf die Scene kemmen, ſind die öinterſten noch auf der Höhe, und die Muſit zehdf ort.) 144 Rudolph der Harras. Er verblutet ſich. 3 Fort, ſchaffet Hülfe! Setzt dem Moͤrder nach! — Verlorner Mann, ſo muß es mit dir enden; Doch meine Warnung wollteſt du nicht hören! Stüſſi. Bei Gott, da liegt er bleich und ohne Leben! Diele Stimmen. Wer hat die That gethan? Rudolph der Harras. Rast dieſes Volk, Daß es dem Mord Muſik macht? Laßt ſie ſchweigen? (Muſik bricht ploͤtzlich ab, es kommt noch mehr Volk nach.) Herr Landvogt, redet, wenn Ihr könnt— Habt Ihr Mir nichts mehr zu vertrauen? (Geßler gibt Zeichen mit der Sand, die er mit Geftigkeit wiederholt, da ſie nicht gleich verſtanden werden.) 4 Wo ſoll ich hin? — Nach Küßnacht? Ich verſteh' Euch nicht— O, werdet Nicht ungeduldig— Laßt das Irdiſche! 3 1 Denkt jetzt, Euch mit dem Himmel zu verſoͤhnen. 8 (Die ganze Hochzeitgeſellſchaft umſieht den Sterbenden mit einem fuͤhlloſen. Grauſen.)* Stüfſi. Sieh', wie er bleich wird— Jetzt, jetzt tritt der Tod 4 Ihm an das Herz— die Augen ſind gebrochen. 1 Armgart(hebt ein Kind empor). Seht, Kinder, wie ein Wütherich verſcheidet! Rudolph der Harras. Wahnſinnige Weiber, habt ihr kein Gefühl, Daß ihr den Blick an dieſem Schreckniß weidet? 4 — Helft— leget Hand an— Steht mir Niemand bei. Den Schmerzenspfeil ihm aus der Bruſt zu ziehn? 3 Weiber(treten zurück). Wir ihn beruͤhren, welchen Gott geſchlagen! Rudolph der Harras. Fluch treff' euch und Verdammniß! Zieht das Schwert.) Stüſſi(fäͤllt ihm in den Arm). Wagt es, Herr! Eu'r Walten hat ein Ende. Der Tyrann Des Landes iſt gefallen. Wir erdulden Keine Gewalt mehr. Wir ſind freie Menſchen. Alle(tumultuariſch). Das Land iſt frei! Rudolph der Harras. Iſt es dahin gekommen? Endet die Furcht ſo ſchnell und der Gehorſam? (Zu den Waſſenknechten, die hereindringen., Ihr ſeht die grauſenvolle That des Mords, Die hier geſchehen— Hülfe iſt umſonſt— Vergeblich iſt's, dem Mörder nachzuſetzen. Uns drängen andre Sorgen— Auf, nach Küßnacht, Daß wir dem Kaiſer ſeine Veſte retten! Denn aufgelöst in dieſem Augenblick Sind aller Ordnung, aller Pflichten Bande, Und keines Mannes Treu' iſt zu vertrauen. (Indem er mit den Waffentnechten abgeht, erſcheinen ſechs barm- herzige Zrüder.) Armgart. Platz! Platz! Da kommen die barmherz'gen Brüder. Schillers ſänmtl. Werke. VI. 10 146 Stüſſi. Das Opfer liegt— die Raben ſteigen nieder. Barmherzige Brüder (ſchließen einen Halbkreis um den Todten und ſingen in tiefem Ton). Raſch tritt der Tod den Menſchen an; Es iſt ihm keine Friſt gegeben; Es ſtürzt ihn mitten in der Bahn, Es reißt ihn fort vom vollen Leben. Bereitet oder nicht, zu gehen, Er muß vor ſeinen Richter ſtehen! (Indem die letzten Zeilen wiederholt werden, faͤllt der Vorhang.) 147 Fünkter Ankzug. Erſte Seene. Oeffentlicher Platz bei Altdorf. Im Hintergrunde rechts die Veſte Zwing Uri mit dem noch ſtehenden Bau⸗ geruͤſte, wie in der dritten Scene des erſten Aufzugs; links eine Ausſicht in viele Berge hinein, auf welchen allen Signalfeuer brennen. Es iſt eben Tagesanbruch, Glocken ertoͤnen aus verſchiedenen Fernen. Unodi, Kuoni, Werni, Meiſter Steinmetz und viele andere Landleute, auch Weiber und Kinder. Ruodi. Seht ihr die Feu'rſignale auf den Bergen? Steinmetz. Höort ihr die Glocken drüben überm Wald? Ruodi. Die Feinde ſind verjagt. Steinmetz. Die Burgen ſind erobert. Ruodi. Und wir im Lande Uri dulden noch Auf unſerm Boden das Tyrannenſchloß? Sind wir die Letzten, die ſich frei erklaren? 148 Strinmetz. Das Joch ſoll ſtehen, das uns zwängsm wollte? Auf, reißt es nieder! 3 Alle. Nieder! nieden? nieder! Ruodi. Wo iſt der Stier von Uri? Stier von KWri. Hier. Was ſoll ich? Ruodi. Steigt auf die Hochwacht, blast in Euer Horn, Daß es weitſchmetternd in die Berge ſchalle Und, jedes Echo in den Felſenkluͤften Aufweckend, ſchnell die Maͤnner des Gebirgs Zuſammenrufe! (Stier von Uri geht ab. Malther Fürſt kommt.) Walther Fürſt. Haltet, Freunde! Haltet! Noch fehlt uns Kunde, was in Unterwalden Und Schwytz geſchehen. Laßt uns Boten erſt Erwarten. Ruodi. Was erwarten? Der Tyrann Iſt todt, der Tag der Freiheit iſt erſchienen. Steinmceh.. Iſt's nicht genug an dieſen flammenden Boten, Die rings herum auf allen Bergen leuchten? Uuodi. Kommt Alle, kommt, legt Hand an, Manner und Weiber! Brecht das Gerüſte! Sprengt die Bogen! Reißt Die Mauern ein! Kein Stein bleib' auf dem andern. . 149 Steinmetz. Geſellen, kommt! Wir haben's aufgebaut: Wir wiſſen's zu zerſtören. Alle. Kommt, reißt nieder! (Sie ſtuͤrzen ſich von allen Seiten auf den Bau.) Walther Fürſt. Es iſt im Lauf. Ich kann ſie nicht mehr halten. Melchthal und Paumgarten kommen. Melchthal. Was? Steht die Burg noch, und Schloß Sarnen liegt In Aſche, und der Roßberg iſt gebrochen? Walther Fürſt. Seyd Ihr es, Melchthal? Bringt ihr uns die Freiheit? Sagt, ſind die Lande alle rein vom Feind? Melchthal(umarmt ihn). Rein iſt der Boden. Freut Euch, alter Vater! In dieſem Augenblicke, da wir reden, Iſt kein Tyrann mehr in der Schweizer Land. Walther Fürſt. O, ſprecht, wie wurdet ihr der Burgen mäͤchtig? Melchthal. Der Rudenz war es, der das Sarner Schloß Mit maͤnnlich kühner Wagethat gewann. Den Roßberg hatt' ich Nachts zuvor erſtiegen. — Doch hoͤret, was geſchah. Als wir das Schloß Vom Feind geleert, nun freundig angezundet, Die iamne praſſelnd ſchon zum Himmel ſchlug, Da ſtürzt der Diethelm, Geßlers Bub', hervor Und ruft, daß die Bruneckerin verbrenne. 150 Walther Fürſt. Gerechter Gott! „(Man hoͤrt die Balken des Geruͤſtes ſtuͤrzen.) Melchthal. Sie war es ſelbſt, war heimlich Hier eingeſchloſſen auf des Vogts Geheiß. Raſend erhob ſich Rudenz— denn wir hörten Die Balken ſchon, die feſten Pfoſten ſtürzen Und aus dem Rauch hervor den Jammerruf Der Ungluͤckſeligen. Walther Fürſt. Sie iſt gerettet? Melchthal. Da galt Geſchwindſeyn und Entſchloſſenheit! — Wär er nur unſer Edelmann geweſen, Wir hätten unſer Leben wohl geliebt; Doch er war unſer Eidgenoß, und Bertha Ehrte das Volk— ſo ſetzten wir getroſt Das Leben dran und ſtürzten in das Feuer. . Walther Fürſt. Sie iſt gerettet? Melchthal. 3 Sie iſt's. Nudenz und ich, Wir trugen ſie ſelbander aus den Flammen, Und hinter uns fiel krachend das Gebäͤlk. — Und jetzt, als ſie gerettet ſich erkannte, Die Augen aufſchlug zu dem Himmelslicht, Jetzt ſtürzte mir der Freiherr an das Herz, Und ſchweigend ward ein Buͤndniß jetzt beſchworen, Das feſt gehartet in des Feuers Glut Beſtehen wird in allen Schickſalsproben— 8 151 Walther Fürſt. Wo iſt der Landenberg? Melchthal. Ueber den Brünig. Nicht lag's an mir, daß er das Licht der Augen Davontrug, der den Vater mir geblendet. Nach jagt' ich ihm, erreicht' ihn auf der Flucht Und riß ihn zu den Fuͤßen meines Vaters. Geſchwungen uͤber ihn war ſchon das Schwert; Von der Barmherzigkeit des blinden Greiſes Erhielt er flehend das Geſchenk des Lebens. Urphede ſchwor er, nie zuruͤck zu kehren; Er wird ſie halten: unſern Arm hat er Gefuͤhlt. Walther Fürſt. Wohl Euch, daß Ihr den reinen Sieg Mit Blute nicht geſchändet! Kinder (eilen mit Truͤmmern des Geruͤſtes uͤber die Scene). Freiheit! Freiheit! (Das Horn von Uri wird mit Macht geblaſen.) Walther Fürſt. Seht, welch ein Feſt! Des Tages werden ſich Die Kinder ſpät als Greiſe noch erinnern. (Maͤdchen bringen den Hut auf einer Stange getragen; die ganze Scene fullt ſich mit Volk an.) Ruodi. Hier iſt der Hut, dem wir uns beugen mußten. Baumgarten. Gebt uns Beſcheid, was damit werden ſoll. 152 Walther Fürſt. Gott! Unter dieſem Hute ſtand mein Enkel Mehrere Stimmen. Zerſtoͤrt das Denkmal der Tyrannenmacht! Ins Feuer mit ihm! Walther Fürſt. Nein, laßt ihn aufbewahren! Der Tyrannei mußt' er zum Werkzeug dienen; Er ſoll der Freiheit ewig Zeichen ſeyn! (Die Landleute, Maͤnner, Weiber und Kinder ſtehen und ſitzen auf den Balken des zerbrochenen Gerüſies maleriſch gruppirt in einem großen Galbkreis umher.) Melchthal. So ſtehen wir nun fröhlich auf den Trümmern Der Tyrannei, und herrlich iſt's erfüllt, Was wir im Rütli ſchworen, Eidgenoſſen! Walther Fürſt. Das Werk iſt angefangen, nicht vollendet. Jetzt iſt uns Muth und feſte Eintracht noth: Denn, ſeyd gewiß, nicht ſaäumen wird der König, Den Tod zu raͤchen ſeines Vogts und den Vertriebnen mit Gewalt zurück zu führen. Melchthal. Er zieh' heran mit ſeiner Heeresmacht! Iſt aus dem Innern doch der Feind verjagt; Dem Feind von Außen wollen wir begegnen. Ruodi. Nur wen'ge Päſſe öffnen ihm das Land: Die wollen wir mit unſern Leibern decken. 153 Baumgarten. Wir ſind vereinigt durch ein ewig Band, Und ſeine Heere ſollen uns nicht ſchrecken! Rüſſelmann und Stauffacher kommen. Röſſelmann(im Eintreten). Das ſind des Himmels furchtbare Gerichte. Landleute. Was gibt's? RKöſſelmann. In welchen Zeiten leben wir! Walther Fürſt. Sagt an, was iſt es? Ha, ſeyd Ihr's, Herr Werner? Was bringt Ihr uns? Landleute. Was gibt's? Röſſelmann. Hört und erſtaunt! Stauffacher. Von einer großen Furcht ſind wir befreit— Röſſelmann. Der Kaiſer iſt ermordet. Walther Fürſt. Gnad'ger Gott! (Landleute machen einen Auſſiand und umdraͤngen den Staufſacher.) Alke. Ermordet! Was? Der Kaiſer! Hört! Der Kaiſer! Melchthal. Nicht möglich! Woher kam Euch dieſe Kunde? Stauffacher. Es iſt gewiß. Bei Bruck fiel König Albrecht 154 Durch Mörders Hand— ein glaubenswerther Mann. Johannes Müller, bracht' es von Schaffhauſen. Walther Fürſt. Wer wagte ſolche grauenvpolle That? Stauffacher. Sie wird noch grauenvoller durch den Thäter. Es war ſein Neffe, ſeines Bruders Kind, Herzog Johann von Schwaben, der's vollbrachte. Melchthal. Was trieb ihn zu der That des Vatermords? Stauffacher. Der Kaiſer hielt das vaͤterliche Erbe Dem ungeduldig Mahnenden zurück; Es hieß, er denk' ihn ganz darum zu kürzen, Mit einem Biſchofshut ihn abzufinden. Wie Dem auch ſey— der Jüngling öffnete Der Waffenfreunde böſem Rath ſein Ohr, Und mit den edeln Herrn von Eſchenbach, Von Tegerfelden, von der Wart und Palm Beſchloß er, da er Recht nicht konnte finden, Sich Rach' zu holen mit der eignen Hand. 4 Walther Fürſt. O, ſprecht, wie ward das Gräßliche vollendet? Stauffacher. Der König ritt herab vom Stein zu Baden, Gen Rheinfeld, wo die Hofſtatt war, zu ziehn, Mit ihm die Fürſten Hans und Leopold Und ein Gefolge hochgeborner Herren. Und, als ſie kamen an die Reuß, wo man Auf einer Fahre ſich läͤßt überſetzen, Da draͤngten ſich die Mörder in das Schiff, 155 Daß ſie den Kaiſer vom Gefolge trennten. Drauf, als der Fuͤrſt durch ein geackert Feld Hinreitet— eine alte große Stadt Soll drunter liegen aus der Heidenzeit— Die alte Veſte Habsburg im Geſicht, Wo ſeines Stammes Hoheit ausgegangen— Stoͤßt Herzog Hans den Dolch ihm in die Kehle, Rudolph von Palm durchrennt ihn mit dem Speer, Und Eſchenbach zerſpaltet ihm das Haupt, Daß er herunterſinkt in ſeinem Blut, Gemordet von den Seinen auf dem Seinen. Am andern ufer ſahen ſie die That; Doch, durch den Strom geſchieden, konnten ſie Nur ein unmächtig Wehgeſchrei erheben; Am Wege aber ſaß ein armes Weib: In ihrem Schoß verblutete der Kaiſer. Melchthal. So hat er nur ſein frühes Grab gegraben, Der unerſättlich Alles wollte haben! Stauffacher. Ein ungeheurer Schrecken iſt im Land umher: Geſperrt ſind alle Paſſe des Gebirgs; Jedweder Stand verwahret ſeine Gränzen; Die alte Zürich ſelbſt ſchloß ihre Thore, Die dreißig Jahr' lang offen ſtanden, zu, Die Mörder fürchtend und noch mehr— die Rächer. Denn, mit des Bannes Fluch bewaffnet, kommt Der Ungarn Königin, die ſtrenge Agnes, Die nicht die Milde kennet ihres zarten Geſchlechts, des Vaters königliches Blut Zu raͤchen an der Mörder ganzem Stamm, 156 An ihren Knechten, Kindern, Kindeskindern, Ja, an den Steinen ihrer Schlöſſek ſelbſt.⸗ Geſchworen hat ſie, ganze Zeugungen ⸗ Hinabzuſenden in des Vaters Grab, In Blut ſich, wie in Maienthau, zu baden. Melchthnl.. 8— Weiß man, wo ſich die Mörder hingeflüchtet? Stauffacher. Sie flohen alsbald nach vollbrachter That Auf fünf verſchiednen Straßen auseinander Und trennten ſich, um nie ſich mehr zu ſehn— Herzog Johann ſoll irren im Gebirge. Walther Ffürſt. So trägt die Unthat ihnen keine Frucht! Rache trägt keine Frucht! Sich ſelbſt iſt ſie Die fürchterliche Nahrung, ihr Genuß Iſt Mord, und ihre Sättigung das Grauſen. Stauffacher. Den Möoͤrdern bringt die Unthat nicht Gewinn; Wir aber brechen mit der reinen Hand Des blut'gen Frevels ſegenvolle Frucht. Denn einer großen Furcht ſind wir entledigt: Gefallen iſt der Freiheit größter Feind, Und, wie verlautet, wird das Scepter gehn Aus Habsburgs Haus zu einem andern Stamm: Das Reich will ſeine Wahlfreiheit behaupten. Walther fürſt und Mehrere. Vernahmt Ihr was? Stauffacher. Der Graf von Luremburg Iſt von den mehrſten Stimmen ſchon bezeichnet. 157 Walther Fürſt. Wohl uns, daß wir am Reiche treu gehalten: Jetzt iſt zu hoffen auf Gerechtigkeit! Stauffacher. Dem neuen Herrn thun tapfre Freunde noth:— Er wird uns ſchirmen gegen Oeſtreichs Rache. „(Die Landleute umarmen einander.) Sigriſt mit einem Veichsboten. Sigriſt. Hier ſind des Landes würd'ge Oberhäupter. 4 Röſſelmann und Mehrere. Sigriſt, was gibt's? Sigriſt. Ein Reichsbot' bringt dies Schreiben. Alle Gu Walther Fuͤrſt). Erbrecht und leſet. Walther Fürſt(liest). „Den beſcheidnen Männern „Von Uri, Schwytz und Unterwalden bietet „Die Königin Elsbeth Gnad' und alles Gute.“ Niele Stimmen. Was will die Königin? Ihr Reich iſt aus. Walther fürſt liest). „In ihrem großen Schmerz und Wittwenleid, „Worein der blut'ge Hinſcheid ihres Herrn „Die Koͤnigin verſetzt, gedenkt ſie noch „Der alten Treu' und Lieb' der Schwytzerlande.“ Melchthal. In ihrem Glück hat ſie Das nie gethan. Nöſſelmann, Still! Laſſet hören! Walther Fürſt eliest). „Und ſie verſieht ſich zu dem treuen Volk, „Daß es gerechten Abſcheu werde tragen „Vor den verfluchten Thätern dieſer That: „Darum erwartet ſie von den drei⸗Landen, „Daß ſie den Mördern nimmer Vorſchub thun,„ „Vielmehr getreulich dazu halfen werden, „Sie auszuliefern in des Rächers Hand, „Der Lieb' gedenkend und der alten Gunſt, „Die ſie von Rudolphs Fürſtenhaus empfangen.“ (Zeichen des Unwillens unter den Landleuten.) Diele Stimmen. Der Lieb' und Gunſt! Stauffacher. Wir haben Gunſt empfangen von dem Vater; Doch weſſen rühmen wir uns von dem Sohn? Hat er den Brief der Freiheit uns beſtätigt, Wie vor ihm alle Kaiſer doch gethan? Hat er gerichtet nach gerechtem Spruch Und der bedrängten Unſchuld Schutz verliehn? Hat er auch nur die Boten wollen hören, Die wir in unſrer Angſt zu ihm geſendet? Nicht Eins von Dieſem allem hat der König An uns gethan, und, haͤtten wir nicht ſelbſt Uns Recht verſchafft mit eigner muth'ger Hand, Ihn rührte unſre Noth nicht an— Ihm Dank? Nicht Dank hat er geſaͤt in dieſen Thaͤlern. 3 Er ſtand auf einem hohen Platz, er konnte Ein Vater ſeiner Völker ſeyn; doch ihm 159 Gefiel es, nur zu ſorgen für die Seinen: Die er gemehrt hat, mögen um ihn weinen! Walther Fürſt. Wir wollen nicht frohlocken ſeines Falls, Nicht des empfangnen Böſen jetzt gedenken, Fern ſey's von uns! Boch, daß wir rächen ſollten Des Königs Tod, der nie uns Gutes that, Und Die verfolgen, die uns nie betrübten, Das ziemt uns nicht und will uns nicht gebühren. Die Liebe will ein freies Opfer ſeyn; Der Tod entbindet von erzwungüͤen Pflichten! — Ihm haben wir nichts weiter zu entrichten. Melchthal. Und, weint die Königin in ihrer Kammer, Und klagt ihr wilder Schmerz den Himmel an, So ſeht ihr hier ein angſtbefreites Volk Zu eben dieſem Himmel dankend flehen— Wer Thränen ernten will, muß Liebe ſäen. (Reichsbote geht ab.) Stauffacher qzu dem Volk). Wo iſt der Tell? Soll er allein uns fehlen, Der unſrer Freiheit Stifter iſt? Das Größte Hat er gethan, das Härteſte erduldet. Kommt Alle, kommt, nach ſeinem Haus zu wallen, Und rufet Heil dem Retter von uns Allen. (Alle gehen ab.) 160 Zweite Scene. Tells Hausflur. Ein Feuer brenut auf dem Herd. Die offenſtehende Thuͤre zeigt ins Frele⸗ Hedwig. Walther und Wilhelm. Hedwig. Heut' kommt der Vater. Kinder, liebe Kinder! Er lebt, iſt frei, und wir ſind frei und Alles! Und euer Vater iſt's, der's Land gerettet. Walther. Und ich bin auch dabei geweſen, Mutter! Mich muß man auch mit nennen. Vaters Pfeil Ging mir am Leben hart vorbei, und ich Hab' nicht gezittert. Hedwig(umarmt ihn) Ja, du biſt mir wieder Gegeben! Zweimal hab' ich dich geboren! Zweimal litt ich den Mutterſchmerz um dich! Es iſt vorbei— Ich hab' euch Beide, Beide! Und heute kommt der liecbe Vater wieder! (Ein Mönch erſcheint an der Eausthüre.) Wilhelm. Sieh', Mutter, ſieh'— dort ſteht ein frommer Bruder: Gewiß wird er um eine Gabe flehn. Hedwig. Fuͤhr' ihn herein, damit wir ihn erduicken: Er fuͤhl's, daß er ins Freudenhaus gekommen. 4(Geht hinein und kommt bald mit einem Becher wleder.) . Wilhelm(zum Moͤnch). Kommt, guter Mann! die Mutter will Euch laben. 161 Walther. Kommt, ruht Euch aus und geht geſtaͤrkt von dannen. Mönch (ſcheu umherblickend mit verſtörten Zuͤgen). Wo bin ich? Saget an, in welchem Lande? Walther. Seyd Ihr verirret, daß Ihr Das nicht wißt? Ihr ſeyd zu Bürglen, Herr, im Lande Uri, Wo man hineingeht in das Schächenthal. Mönch(zu Hedwig, welche zuruͤckkommt). Seyd Ihr allein? Iſt Euer Herr zu Hauſe? Hedwig. Ich erwart' ihn eben— doch was iſt Euch, Mann? Ihr ſeht nicht aus, als ob Ihr Gutes brächtet. — Wer Ihr auch feyd, Ihr ſeyd bedürftig, nehmt! (Reicht ihm den Becher.) Mönch. Wie auch mein lechzend Herz nach Labung ſchmachtet, Nichts rühr' ich an, bis Ihr mir zugeſagt— Hedwig. Berührt mein Kleid nicht, tretet mir nicht nah', Bleibt ferne ſtehn, wenn ich Euch hören ſoll. Mönch. Bei dieſem Feuer, das hier gaſtlich lodert, Bei Eurer Kinder theurem Haupt, das ich Umfaſſe— (Exgreift die Knaben.) Hedwig. Mann, was ſinnet Ihr? Zurück Von meinen Kindern!— Ihr ſeyd kein Mönch! Ihr ſeyd Schillers ſämmtl. Werke. VI. 11 162 Es nicht! Der Friede wohnt in dieſem Kleide; In Euren Zügen wohnt der Friede nicht. Mönch. 3 Ich bin der unglückſeligſte der Menſchen. Hedwig. Das Unglück ſpricht gewaltig zu dem Herzen; Doch Euer Blick ſchnürt mir das Innre zu. Walther(auſſpringend). Mutter, der Vater! (Eilt hinaus.) Hedwig. O mein Gott! (Will nach, zittert und haͤlt ſich an.) Wilhelm(eilt nach). 4 Der Vater! Walther(draußen). Da biſt du wieder Wilhelm(draußen). Vater, lieber Vater! Tell(draußen). Da bin ich wieder— Wo iſt eure Mutter? (Treten herein.) Walther. Da ſteht ſie an der Thuͤr' und kann nicht weiter: So zittert ſie vor Schrecken und vor Freude. Tell. O Hedwig! Hedwig! Mutter meiner Kinder! Gott hat geholfen— uns trennt kein Tyrann mehr. Hedwig(an ſeinem Halſe). O Tell! Tell! welche Angſt litt ich um dich! (Moͤnch wird aufmerkſam.) 163 Tell. Vergiß ſie jetzt und lebe nur der Freude! Da bin ich wieder! Das iſt meine Hütte! Ich ſtehe wieder auf dem Meinigen! Wilhelm. Wo aber haſt du deine Armbruſt, Vater? Ich ſeh' ſie nicht. Tell. Du wirſt ſie nie mehr ſehn. An heil'ger Stätte iſt ſie aufbewahrt: Sie wird hinfort zu keiner Jagd mehr dienen. Hedwig. O Tell! Tell! (Tritt zuruͤck, laͤßt ſeine Hand los.) Tell. Was erſchreckt dich, liebes Weib? Hedwig. Wie— wie kommſt du mir wieder?— Dieſe Hand — Darf ich ſie faſſen?— Dieſe Hand— o Gott! Tell(herzlich und muthig). Hat euch vertheidigt und das Land gerettet: Ich darf ſie frei hinauf zum Himmel heben. (Moͤnch macht eine raſche Bewegung, er erblickt ihn.) Wer iſt der Bruder hier? Hedmig. 4 Ach, ich vergaß ihn! Sprich du mit ihm: mir graut in ſeiner Nahe. Mönch(tritt naͤber). Seyd Ihr der Tell, durch den der Landvogt fiel? Tell. Der bin ich, ich verberg' es keinem Menſchen. 164 Mönch. Ihr ſeyd der Tell! Ach, es iſt Gottes Hand, Die unter Euer Dach mich hat geführt. Tell(mißt ihn mit den Augen). Ihr ſeyd kein Moͤnch! Wer ſeyd Ihr? Mönch. Ihr erſchlugt Den Landvogt, der Euch Böſes that— Auch ich Hab' einen Feind erſchlagen, der met Necht Verſagte— Er war Euer Feind, wie meiner— Ich hab' das Land von ihm befreit. Tell Guruͤckfahrend). Ihr ſeyd Entſetzen!— Kinder! Kinder, geht hinein! Geh', liebes Weib! Geh', geh'!— Unglücklicher! Ihr waret— Hedmig. Goöͤtt, wer iſt es? Cell. — Frage nicht! Fort, fort! Die Kinder dürfen es nicht hören. Geh' aus dem Hauſe— weit hinweg— Du darfſt Nicht unter einem Dach mit Dieſem wohnen. Hedwig. Weh' mir, was iſt Das? Kommt! (Geht mit den Kindern.) Tell Gu dem Moͤnch). Ihr ſeyd der Herzog Von Oeſterreich— Ihr ſeyd's! Ihr habt den Kaiſer Erſchlagen, Euren Ohm und Herrn. 165 Johannes Parricida. Er war Der Räuber meines Erbes. Tell. Euren Ohm Erſchlagen, Euren Kaiſer! Und Euch trägt Die Erde noch! Euch leuchtet noch die Sonne! Da rricida. Tell, hört mich, eh' Ihr— Tell. Von dem Blute triefend Des Vatermordes und des Kaiſermords, Wagſt du zu treten in mein reines Haus? Du wagſt's, dein Antlitz einem guten Menſchen Zu zeigen und das Gaſtrecht zu begehren? Parricida. Bei Euch hofft' ich Barmherzigkeit zu finden! Auch Ihr nahmt Rach' an Eurem Feind. Tell. Unglücklicher! Darfſt du der Ehrſucht blut'ge Schuld vermengen Mit der gerechten Nothwehr eines Vaters? Haſt du der Kinder liebes Haupt vertheidigt? Des Herdes Heiligthum beſchützt? das Schrecklichſte, Das Letzte von den Deinen abgewehrt? — Zum Himmel heb' ich meine reinen Hände, Verfluche dich und deine That— Geraͤcht Hab' ich die heilige Natur, die du Geſchaͤndet— Nichts theil' ich mit dir— Gemordet Haſt du, ich hab' mein Theuerſtes vertheidigt. 166 Darrieida. Ihr ſtoßt mich von Euch, troſtlos, in Verzweiflung? Tell. Mich faßt ein Grauſen, da ich mit dir rede. Fort! Wandle deine frchterliche Straße! Laß rein die Hütte, wo die Unſchuld wohnt! Varricida(wendet ſich zu gehen). So kann ich, und ſo will ich nicht mehr leben! Tell. Und doch erbarmt mich deiner— Gott des Himmels! So jung, von ſolchem adeligen Stamm,. Der Enkel Rudolphs, meines Herrn und Kaiſers, Als Mörder flüchtig, hier an meiner Schwelle, Des armen Mannes— flehend und verzweifelnd— (Verhuͤllt ſich das Geſicht.) Varricidn. O, wenn Ihr weinen könnt, laßt mein Geſchick Euch jammern: es iſt fürchterlich— Ich bin Ein Fürſt— ich war's— ich konnte glücklich werden, Wenn ich der Wünſche Ungeduld bezwang. Der Neid zernagte mir das Herz— Ich ſah Die Jugend meines Vetters Leopold Gekroͤnt mit Ehre und mit Land belohnt Und mich, der gleiches Alters mit ihm war, In ſklaviſcher Unmüͤndigkeit gehalten— Tell. Unglücklicher, wohl kannte dich dein Ohm, Da er dir Land und Leute weigerte! Du ſelbſt mit raſcher, wilder Wahnſinnsthat Rechtfertigſt furchtbar ſeinen weiſen Schluß. — Wo ſind die blut'gen Helfer deines Merds? 167 Parrieidu. Wohin die Rachegeiſter ſie geführt; Ich ſah ſie ſeit der Unglücksthat nicht wieder. Tell. Weißt du, daß dich die Acht verfolgt, daß du Dem Freund verboten und dem Feind erlaubt? Parriecida. Darum vermeid' ich alle offne Straßen; An keine Hütte wag' ich anzupochen— Der Wüſte kehr' ich meine Schritte zu; Mein eignes Schreckniß irr' ich durch die Berge Und fahre ſchaudernd vor mir ſelbſt zurück, Zeigt mir ein Bach mein unglückſelig Bild. O, wenn Ihr Mitleid fühlt und Menſchlichkeit— (Faͤllt vor ihm nieder.) Tell(abgewendet). Steht auf! Steht auf! Parricida. Nicht, bis Ihr mir die Hand gereicht zur Huͤlfe. Tell. Kann ich Euch helfen? Kann's ein Menſch der Sünde? Doch ſtehet auf— Was Ihr auch Graͤßliches Veruͤbt— Ihr ſeyd ein Menſch— Ich bin es auch Vom Tell ſoll Keiner ungetröſtet ſcheiden— Was ich vermag, Das will ich thun. Parricida (aufſpringend und ſeine Hand mit Heſtigkeit ergreiſend). O Tell! Ihr rettet meine Seele von Verzweiflung. Tell. Laßt meine Hand los— Ihr müßt fort. Hier könnt 168 Ihr unentdeckt nicht bleiben, könnt entdeckt Auf Schutz nicht rechnen— Wo gedenkt Ihr hin? Wo hofft Ihr Ruh' zu finden? 5 Parricida. Weiß ich's? Ach! Tell. 3 Hört, was mir Gott ins Herz gibt— Ihr müßt fort Ins Land Italien, nach Sanct Peters Stadt! Dort werft Ihr Euch dem Papſt zu Füßen, beichtet Ihm Eure Schuld und löſet Eure Seele! Varricida. Wird er mich nicht dem Racher überliefern? Tell. Was er Euch thut, Das nehmet an von Gott. Varricida. Wie komm' ich in das unbekannte Land? Ich bin des Wegs nicht kundig, wage nicht Zu Wanderern die Schritte zu geſellen. Tell. Den Weg will ich Euch nennen, merket wohl! Ihr ſteigt hinauf, dem Strom der Reuß entgegen, Die wildes Laufes von dem Berge ſtürzt— Parricida eerſchrickt). Seh' ich die Reuß? Sie floß bei meiner That. Tell. f Am Abgrund geht der Weg, und viele Kreuze Bezeichnen ihn, errichtet zum Gedächtniß 1 Der Wanderer, die die Lawine begraben. 3 Parricida. Ich fürchte nicht die Schrecken der Natur, Wenn ich des Herzeus wilde Quaglen zahme. 169 Tell. Vor jedem Kreuze fallet hin und büßet Mit heißen Reuethränen Eure Schuld— und, ſeyd Ihr glücklich durch die Schreckensſtraße, Sendet der Berg nicht ſeine Windeswehen Auf Euch herab von dem beeisten Joch, So kommt Ihr auf die Brücke, welche ſtäubet. Wenn ſie nicht einbricht unter Eurer Schuld, Wenn Ihr ſie glücklich hinter Euch gelaſſen, So reißt ein ſchwarzes Felſenthor ſich auf— Kein Tag hat's noch erhellt— da geht Ihr durch, Es führt Euch in ein heitres Thal der Freude— Doch ſchnellen Schritts mußt Ihr voruͤber eilen: Ihr dürft nicht weilen, wo die Ruhe wohnt. Parricida. O Rudolph! Rudolph! Königlicher Ahn! So zieht dein Enkel ein auf deines Reiches Boden! Tell. So immer ſteigend kommt Ihr auf die Höhen Des Gotthardts, wo die ew'gen Seen ſind, Die von des Himmels Strömen ſelbſt ſich füllen. Dort nehmt Ihr Abſchied von der deutſchen Erde, Und muntern Laufs führt Euch ein andrer Strom Ins Land Italien hinab, Euch das gelobte— (Man hoͤrt den Kuhreihen von vielen Alpenhoͤrnern geblaſen.) Ich hoͤre Stimmen. Fort! Hedwig ceilt herein). Wo biſt du, Tell? Der Vater kommt! Es nahn in frohem Zug Die Eidgenoſſen alle— 170 Parririda(verhuͤllt ſich). Wehe mir! Ich darf nicht weilen bei den Glücklichen. Tell. Geh', liebes Weib. Erfriſche dieſen Mann! Belad' ihn reich mit Gaben: denn ſein Weg Iſt weit, und keine Herberg' findet er. Eile! Sie nahn. 3 Hedwig. Wer iſt er? Tell. Forſche nicht! Und, wenn er geht, ſo wende deine Augen, Daß ſie nicht ſehen, welchen Weg er wandelt! (Parricida geht auf den Tell zu mit einer raſchen Bewegung; dieſer aber bedeutet ihn mit der Hand und geht. Wenn Veide zu verſchie⸗ denen Seiten abgegangen, veraͤndert ſich der Schauplatz, und man 424 ſieht in der. Letzten Seene 4„. den ganzen Thalgrund vor Tells Wohnung, nebſt den Anhoͤhen, welche ihn einſchließen, mit Landleuten beſetzt, welche ſich zu einem Ganzen gruppiren. Andre kommen uͤber einen hohen Steg, der über den Schaͤchen fuͤhrt, gezogen. Walther Fuͤrſt mit den beiden Knaben, Melchthal und Stauffacher kommen vorwaͤrts, Andre draͤngen nach; wie Tell heraustritt, empfangen ihn Alle mit lautem 8 Frohlocken.) 3 Alle. 2 4 Es lebe Tell! der Schütz' und der Erretter! (Indem ſich die Vorderſten um den Tell draͤngen und ihn umarmen, erſcheinen noch Rudenz und Bertha, jener die Landleute, dieſe die Hedwig umarmend. Die Muſik vom Berge begleitet dieſe ſiumme Scene. Wenn ſie geendigt, tritt Vertha in die Mitte des Volks.) e 171 Bertha. Landleute! Eidgenoſſen! Nehmt mich auf In euren Bund, die erſte Glückliche, Die Schutz gefunden in der Freiheit Land. In eure tapfre Hand leg' ich mein Recht. Wollt ihr als eure Bürgerin mich ſchützen? Landleute. Das wollen wir mit Gut und Blut. 4 Vertha. Wohlan! So reich' ich dieſem Jüngling meine Rechte, Die freie Schweizerin dem freien Mann! Audenz. Und frei erklär' ich alle meine Knechte. (Indem die Muſik von Neuem raſch einfällt, faͤllt der Vorhang.) Die Huldigung der Künſte. Ein lyriſches Spiel. Ihrer Kaiſerlichen Hoheit der Frau Erbprinzeſſin von Weimar, Maria Paulowna, Großfürſtin von Rußland, in Ehrfurcht gewidmet und vorgeſtellt auf dem Hoſtheater zu Weimar am 12. November 1804. perſonen. Vater. Mutter. Juͤngling. Maͤdchen. Chor von Landleuten. Genius. Die ſieben Kuͤnſte. Die Huldigung der Künſte. Die Scene iſt eine freie laͤndliche Gegend; in der Mitte ein Orangenbaum, mit Fruͤchten beladen und mit Vaͤndern geſchmuͤckt. Landleute ſind eben beſchaͤftigt, ihn in die Erde zu pflanzen, indem die Mädchen und Hinder ihn zu beiden Seiten an Blumen⸗ tetten halten. Nater. Wachſe, wachſe, blühender Baum Mit der goldnen Früchtekrone, Den wir aus der fremden Zone Pflanzen in den heimiſchen Raum! Fülle ſüßer Früchte beuge Deine immer grünen Zweige! Alle Landleute. Wachſe, wachſe, blühender Baum, Strebend in den Himmelsraum! Jüngling. Mit der duft'gen Blüthe paare Prangend ſich die goldne Frucht! Stehe in dem Sturm der Jahre, Daure in der Zeiten Flucht! 176 Alle. Stehe in dem Sturm der Jahre, Daure in der Zeiten Flucht! . Mutter. Nimm ihn auf, o heil'ge Erde, Nimm den zarten Fremdling ein! Führer der gefleckten Heerde, Hoher Flurgott, pflege ſein! Mädchen. Pflegt ihn, zärtliche Dryaden! Schütz' ihn, ſchütz' ihn, Vater Pan! Und ihr, freie Oreaden, Daß ihm keine Wetter ſchaden, Feſſelt alle Sturme an! Alle. Pflegt ihn, zartliche Dryaden! Schütz' ihn, ſchütz' ihn, Vater Pan! JZüngling. Lächle dir der warme Aether Ewig klar und ewig blau! Senne, gib ihm deine Strahlen! Erde, gib ihm deinen Thau! Alle. Sonne, gib ihm deine Strahlen! Erde, gib ihm deinen Thau! Dater. Freude, Freude, neues Leben Mögſt du jedem Wandrer geben: Denn die Freude pflanzte dich. Mögen deine Wundergaben 4 Noch den ſpätſten Enkel laben, Und erquickend ſegn' er dich! Alle. Freude, Freude, neues Leben Mögſt du jedem Wandrer geben: Denn die Freude pflanzte dich. v (Sie tanzen in einem bunten Reihen um den Baum. Die Muſik des Drcheſters begleitet ſie und geht allmaͤhlig in einen edlern Styl uͤber, waͤhrend man im Hintergrunde den Genins mit den ſieben Göt- tinnen herabſteigen ſieht. Die Landleute ziehen ſich nach beiden Seiten der Vuͤhne, indem der Genius in die Mitte tritt und die drei bildenden Künſte ſich zu ſeiner Rechten, die vier redenden und muſika⸗ liſchen ſich zu ſeiner Linken ſtellen.) Chor der Künſte. Wir kommen von Fern' her, Wir wandern und ſchreiten Von Völkern zu Völkern, Von Zeiten zu Zeiten: Wir ſuchen auf Erden ein bleibendes Haus, Um ewig zu wohnen Auf ruhigen Thronen, In ſchaffender Stille, In wirkender Fülle, Wir wandern und ſuchen und finden's nicht aus. Jüngling. Sieh', wer ſind ſie, die hier nahen, Eine göttergleiche Schaar! Bilder, wie wir nie ſie ſahen: Es ergreift mich wunderbar. Schillers ſaͤmmtl. Werke. VI. 1² 178 Genius. Wo die Waffen erklirren Mit eiſernem Klang, 3 Wo der Haß und der Wahn die Herzen verwirren, Wo die Menſchen wandeln im ewigen Irren, Da wenden wir flüchtig den eilenden Gang. Chor der Künſte. Wir haſſen die Falſchen, Die Götterverächter; Wir ſuchen der Menſchen Aufricht'ge Geſchlechter; Wo kindliche Sitten Uns freundlich empfahn, Da bauen wir Hütten Und ſiedeln uns an! Mädchen. Wie wird mir auf Einmal! Wie iſt mir geſchehn! Es zieht mich zu ihnen mit dunkeln Gewalten; Es ſind mir bekannte, geliebte Geſtalten, Und weiß doch, ich habe ſie niemals geſehn! Alle Landleute. Wie wird mir auf Einmal! Wie iſt mir geſchehn! Genius. Aber, ſtill! da ſeh' ich Menſchen, Und ſie ſcheinen doch begluͤckt; Neich mit Baͤndern und mit Kränzen, Feſtlich iſt der Baum geſchmuͤckt. — Sind Dies nicht der Freude Spuren? Redet, was begibt ſich hier? Nater. Hirten ſind wir dieſer Fluren, Und ein Feſt begehen wir. Genius. Welches Feſt? O, laſſet hoͤren! Mutter. Unſrer Königin zu Ehren, Der erhabnen, gütigen, Die in unſer ſtilles Thal Niederſtieg, uns zu beglücken, Aus dem hohen Kaiſerſaal. Jüngling. Sie, die alle Reize ſchmücken, Gütig, wie der Sonne Strahl. Genius. Warum pflanzt ihr dieſen Baum? Züngling. Ach, ſie kommt aus fernem Land, Und ihr Herz blickt in die Ferne! Feſſeln moͤchten wir ſie gerne An das neue Vaterland. Genius. Darum grabt ihr dieſen Baum Mit den Wurzeln in die Erde, Daß die Hohe heimiſch werde In dem neuen Vaterland? Mädchen. Ach, ſo viele zarte Bande Ziehen ſie zum Jugendlande! Alles, was ſie dort verließ, Ihrer Kindheit Paradies 180 Und den heil'gen Schoß der Mutter Und das große Herz der Brüder Und der Schweſtern zarte Bruſt— Können wir es ihr erſetzen? Iſt ein Preis in der Natur Solchen Freuden, ſolchen Schätzen? Genius. Liebe greift auch in die Ferne, Liebe feſſelt ja kein Ort. Wie die Flamme nicht verarmet, Zündet ſich an ihrem Feuer Eine andre wachſend fort— Was ſie Theures dort beſeſſen, Unverloren bleibt es ihr; Hat ſie Liebe dort verlaſſen, Findet ſie die Liebe hier. Mutter. Ach, ſie tritt aus Marmorhallen, Aus dem goldnen Saal der Pracht. Wird die Hohe ſich gefallen Hier, wo über freien Auen Nur die goldne Sonne lacht? Genius. Hirten, euch iſt nicht gegeben, In ein ſchönes Herz zu ſchauen! Wiſſet, ein erhabner Sinn Legt das Große in das Leben, Und er ſucht es nicht darin. JZüngling. O ſchöne Fremdlinge! lehrt uns ſie binden, O, lehret uns, ihr wohlgefällig ſeyn! 181 Gern wollten wir ihr duft'ge Kränze winden Und fuhrten ſie in unſre Hütten ein! Genius. Ein ſchoͤnes Herz hat bald ſich heim gefunden; Es ſchafft ſich ſelbſt, ſtill wirkend, ſeine Welt. Und, wie der Baum ſich in die Erde ſchlingt Mit ſeiner Wurzeln Kraft und feſt ſich kettet, So rankt das Edle ſich, das Treffliche, Mit ſeinen Thaten an das Leben an. Schnell knüpfen ſich der Liebe zarte Bande, Wo man beglückt, iſt man im Vaterlande. Alle Landleute. O ſchöner Fremdling! ſag', wie wir ſie binden, Die Herrliche, in unſern ſtillen Gründen? Genius. Es iſt gefunden ſchon, das zarte Band; Nicht Alles iſt ihr fremd in dieſem Land: Mich wird ſie wohl und mein Gefolge kennen, Wenn wir uns ihr verkündigen und nennen. (Hier tritt der Genius bis ans Proſcenium, die ſieben Goͤttinnen thnu das Gleiche, ſo daß ſie ganz vorn einen Halbkreis bilden. In dem Augenblick, wo ſie vortreten, enthuͤllen ſie ihre Attribute, die ſie bis jetzt unter den Gewaͤndern verborgen gehalten.) Genius(gegen die Fuͤrſtin). Ich bin der ſchaffende Genius des Schönen, Und, die mir folget, iſt der Künſte Schaar. Wir ſind's, die alle Menſchenwerke krönen, Wir ſchmücken den Palaſt und den Altar. Läͤngſt wohnten wir bei deinem Kaiſerſtamme, Und ſie, die Herrliche, die dich gebar, Sie nahrt uns ſelbſt die heil'ge Opferflamme 18² Mit reiner Hand auf ihrem Hausaltar. Wir ſind dir nachgefolgt, von ihr geſendet: Denn alles Glück wird nur durch uns vollendet. Architektur (mit einer Mauerkrone auf dem Haupt, ein goldnes Schiff in der Rechten). Mich ſahſt du thronen an der Newa Strom! Dein großer Ahnherr rief mich nach dem Norden, Und dort erbaut' ich ihm ein zweites Rom; Durch mich iſt es ein Kaiſerſitz geworden. Ein Paradies der Herrlichkeit und Größe Stieg unter meiner Zauberruthe Schlag. Jetzt rauſcht des Lebens luſtiges Getöſe, Wo vormals nur ein düſtrer Nebel lag; Die ſtolze Flottenruſtung ſeiner Maſte Erſchreckt den alten Belt in ſeinem Meerpalaſte. Sculptur (mit einer Victoria in der Hand). Auch mich haſt du mit Staunen oft geſehen, Die ernſte Bildnerin der alten Götterwelt. Auf einen Felſen— er wird ewig ſtehen— Hab' ich ſein großes Heldenbild geſtellt; Und dieſes Siegesbild, das ich erſchaffen, (Die Victoria zeigend.) Dein hoher Bruder ſchwingt's in maͤcht'ger Hand; Es fliegt einher vor Alexanders Waffen, Er hat's auf ewig an ſein Heer gebannt. Ich kann aus Thon nur Lebenloſes bilden; Er ſchafft ſich ein geſittet Volk aus Wilden. Malerei. Auch mich, Erhabne! wirſt du nicht verkennen, Die heitre Schöpferin der täuſchenden Geſtalt. 183 Von Leben blitzt es, und die Farben brennen Auf meinem Tuch mit glühender Gewalt. Die Sinne weiß ich lieblich zu betrügen, Ja, durch die Augen täuſch' ich ſelbſt das Herz; Mit des Geliebten nachgeahmten Zügen Verſüß' ich oft der Sehnſucht bittern Schmerz. Die ſich getrennt nach Norden und nach Suüden, Sie haben mich— und ſind nicht ganz geſchieden. 4 Poeſie. Mich haͤlt kein Band, mich feſſelt keine Schranke, Frei ſchwing' ich mich durch alle Räume fort. Mein unermeßlich Reich iſt der Gedanke, Und mein gefluͤgelt Werkzeug iſt das Wort. Was ſich bewegt im Himmel und auf Erden, Was die Natur tief im Verborgnen ſchafft, Muß mir entſchleiert und entſiegelt werden, Denn nichts beſchränkt die freie Dichterkraft; Doch Schönres find' ich nichts, wie lang ich wähle, Als in der ſchönen Form— die ſchoͤne Seele. Muſik(mit der Leyer). Der Töne Macht, die aus den Saiten quillet, Du kennſt ſie wohl, du uͤbſt ſie machtig aus. Was ahnungsvoll den tiefen Buſen füllet, Es ſpricht ſich nur in meinen Tönen aus; Ein holder Zauber ſpielt um deine Sinnen, Ergieß' ich meinen Strom von Harmonien; In ſüßer Wehmuth will das Herz zerrinnen, Und von den Lippen will die Seele fliehn; und, ſetz' ich meine Leiter an von Tönen, Ich trage dich hinauf zum hoͤchſten Schönen. 184 Tunz(mit der Chymbale). Das hohe Göttliche, es ruht in ernſter Stille; Mit ſtillem Geiſt will es empfunden ſeyn. Das Leben regt ſich gern in üpp'ger Fülle; Die Jugend will ſich äußern, will ſich freun. Die Freude führ' ich an der Schönheit Zügel, Die gern die zarten Graͤnzen übertritt; Dem ſchweren Körper geb' ich Zephyrs Flügel, Das Gleichmaß leg' ich in des Tanzes Schritt. Was ſich bewegt, lenk' ich mit meinem Stabe: Die Grazie iſt meine ſchöne Gabe. Schauſpielkun ſt(mit einer Doppelmaske). Ein Janusbild laſſ' ich vor dir erſcheinen: Die Freude zeigt es hier und hier den Schmerz. Die Menſchheit wechſelt zwiſchen Luſt und Weinen, Und mit dem Ernſte gattet ſich der Scherz. Mit allen ſeinen Tiefen, ſeinen Höhen, Roll' ich das Leben ab vor deinem Blick. Wenn du das große Spiel der Welt geſehen, So kehrſt du reicher in dich ſelbſt zurück: Denn, wer den Sinn aufs Ganze hält gerichtet, Dem iſt der Streit in ſeiner Bruſt geſchlichtet. Genius. Und Alle, die wir hier vor dir erſchienen, Der hohen Künſte heil'ger Götterkreis, Sind wir bereit, o Fürſtin, dir zu dienen. Gebiete du, und ſchnell, auf dein Geheiß, Wie Thebens Mauer bei der Leyer Tönen, Belebt ſich der empfindungsloſe Stein,. Entfaltet ſich dir eine Welt des Schönen. 185 Architektur. Die Säule ſoll ſich an die Säule reihn. Sculptur. Der Marmor ſchmelzen unter Hammers Schlägen. Malerei. Das Leben friſch ſich auf der Leinwand regen. Muſik. Der Strom der Harmonien dir erklingen. Tanz. Der leichte Tanz den muntern Reigen ſchlingen. Schauſpielkunſt. Die Welt ſich dir auf dieſer Bühne ſpiegeln. 4 Poeſie. Die Fantaſie auf ihren mächt'gen Flügeln Dich zaubern in das himmliſche Gefild! Malerei. Und, wie der Iris ſchönes Farbenbild Sich glanzend aufbaut aus der Sonne Strahlen, So wollen wir mit ſchön vereintem Streben, Der hohen Schönheit ſieben heil'ge Zahlen, Dir, Herrliche, den Lebensteppich weben! 1 Alle Künſte(iich umfaſſend). Denn aus der Kräfte ſchön vereintem Streben Erhebt ſich, wirkend, erſt das wahre Leben. Mae b e t h. Ein Trauerſpiel. von Syakeſpeure. Zur Vorſtellung auf dem Hoftheater zu Weimar eingerichtet. Perſonen. Duncan, Koͤnig von Schottland. Malcolm, Donalbain, Macbeth, Banquo, Macduff, Roſſe, Angus, Lenox, Fleance, Banquos Sohn. Seiward, Feldherr der Englaͤnder. Sein Sohn. Seyton, Macbeths Diener. Ein Arzt. Ein Pfoͤrtner. Ein alter Mann. Drei Moͤrder. Lady Macbeth. Ihre Kammerfrau. Hekate und drei Hexen. Lords. Officiere. Soldaten. Banquos Geiſt und andere Erſcheinungen. ſeine Soͤhne. 3 ſeine Feldherren. ſchottiſche Edelleute. Erſter Aukzug. Ein offener Platz. Erſter Auftritt. Es donnert und blitzt. Die drei Heren ſiehen da. Erſte Here. Wann kommen wir Drei uns wieder entgegen? In Donner, in Blitzen oder in Regen? Zweite Herc. Wann das Kriegsgetümmel ſchweigt, Wann die Schlacht den Sieger zeigt. Dritte Here. Alſo eh' der Tag ſich neigt. . Erſte Here. Wo der Ort? Zweite Here. Die Heide dort. Dritte Here. Dort führt Macbeth ſein Heer zurück. Zweite Here. Dort verkuͤnden wir ihm ſein Glück! Erſte Here. Aber die Meiſterin wird uns ſchelten 190 Wenn wir mit trüglichem Schickſalswort Ins Verderben führen den edeln Helden, Ihn verlocken zu Sünd' und Mord. Dritte Here. Er kann es vollbringen, er kann es laſſen; Doch er iſt glücklich; wir müſſen ihn haſſen. Zweite Here. Wenn er ſein Herz nicht kann bewahren, Mag er des Teufels Macht erfahren. Dritte Here. Wir ſtreuen in die Bruſt die böſe Saat, Aber dem Menſchen gehört die That. Erſte Here. Er iſt tapfer, gerecht und gut: Warum verſuchen wir ſein Blut? Zweite und dritte Here. Strauchelt der Gute, und fällt der Gerechte, Dann jubiliren die hölliſchen Mächte. (Donner und Blitz.) Erſte Here. Ich höre die Geiſter! Zweite Here. Es ruft der Meiſter. Alle drei Heren. Padok ruft. Wir kommen! Wir kommen! Regen wechsle mit Sonnenſchein! Häßlich ſoll ſchön, Schön häßlich ſeyn! Auf! Durch die Luft den Weg genommen! (Sie verſchwinden unter Donner und Blitz⸗) 191 Zweiter Auftritt. Der König. Malcolm. Yonalbain. Gefolge. (Sie begegnen einem verwundeten Mitter, der von zwei Soldaten gefuͤhrt wird.) König. Hier bringt man einen Ritter aus der Schlacht: Jetzt werden wir des Treffens Ausſchlag hören. Malcolm. Es iſt derſelbe Ritter, ich erkenn' ihn, Der mich unlängſt aus Feindes Hand befreit. Willkommen, Kriegsgefährte! Sag' dem König, Wie ſtand das Treffen, als du es verließeſt? Ritter. Es wogte lange zweifelnd hin und her, Wie zweier Schwimmer Kampf, die, aneinander Geklammert, Kunſt und Staärke ringend meſſen. Der wüth'ge Macdonal, werth', ein Rebell Zu ſeyn, ſührt' aus dem Weſten wider dich Die Kernen und die Galloglaſſen au, Und, wie ein reißender Gewitterſtrom, Durchbrach er würgend unſre Reihen, Alles Unwiderſtehlich vor ſich nieder mähend. Verloren war die Schlacht, als Macbeth kam, Dein heldenmüth'ger Feldherr. Mit dem Schwert Durch das gedrängteſte Gewuhl der Schlacht Macht' er ſich Bahn bis zum Rebellen, faßt' ihn, Mann gegen Mann, und wich nicht, bis er ihn Vom Wirbel bis zum Kinn entzweigeſpaltet 192 Und des Verfluchten Haupt zum Siegeszeichen Vor unſer Aller Augen aufgeſteckt. König. O tapfrer Vetter! Heldenmuth'ger Than! Ritter. Doch, gleichwie von demfelben Oſten, wo Die Sonne ihre Strahlenbahn beginnt, Schiffbrechende Gewitter ſich erheben, So brach ein neues Schreckniß aus dem Schoße Des Siegs hervor. Vernimm es, großer König! Kaum wendeten die Kernen ſich zur Flucht, Wir zur Verſolgung, als mit neuem Volk Und hellgeſchliffnen Waffen König Sueno, Norwegens Herrſcher, auf den Kampfplatz trat, Den Zweifel des Gefechtes zu ernenern! König. Erſchreckte Das nicht unſre Oberſten, Macbeth und Banquo? Ritter. Wohl!— wie Sperlinge Den Adler ſchrecken, und das Reh den Löwen! Noch, ehe ſie den Schweiß der erſten Schlacht Von ihrer Stirn' gewiſcht, verſuchten ſie Das Glück in einem neuen Kampf, und, hart Zuſammentreffend, ließ ich beide Heere. Mehr weiß ich nicht zu ſagen: ich bin ganz Erſchöpft, und meine Wunden fordern Hülfe. König. Sie ſind dir rühmlich, Freund, wie deine Worte. Geht, holt den Wundarzt! Sieh'! wer naht ſich hier? 193 Dritter Auftritt. Vorige. Koſſe und Kenor. Donalbain. Der wuͤrd'ge Than von Roß! Malcolm. Und welche Haſt Aus ſeinen Augen blitzt! So blickt nur Der, Der etwas Großes meldet. Voſſe. Gott erhalte den Koͤnig! König. Von wannen kommt Ihr, ehrenvoller Than? Roſſe. Von Fife, mein Koͤnig, wo Norwegens Fahnen, Vor wenig Tagen ſtolz noch ausgebreitet, Vor deiner Macht darnieder liegen. Koͤnig Sueno, Dem jener treuvergeſſ'ne Than von Cawdor, Der Reichsverräther, heimlich Vorſchub that, Ergriff den Augenblick, wo dieſes Reich Von bürgerlichem Krieg zerruttet war, Und uͤberraſchte dein geſchwächtes Heer! Hartnäckig, grimmig war der Kampf, bis endlich Macbeth mit unbezwinglich tapferm Arm Des Normanns Stolz gedaämpft— Mit einem Wort: Der Sieg iſt unſer. 1 König. Nun, gelobt ſey Gott! Roſſe. Nun bittet König Sueno dich um Frieden; Doch wir geſtatteten ihm nicht einmal Schillers ſaͤmmtl. Werke. VI. 13 194 Die Freiheit, ſeine Todten zu begraben, Bis er zehntauſend Pfund in deinen Schatz Bezahlt hat auf der Inſel Sanct Columbus. 3 König. Nicht länger ſpotte dieſer eidvergeſſ'ne Than Von Cawdor unſers fuͤrſtlichen Vertrauens!— Geht, Sprecht ihm das Todesurtheil und begrüßt Macbeth mit ſeinem Titel! Koſſe. Ich gehorche. 8 König. Was er verlor, gewann der edle Macbeth. (Sie gehen ab.) Eine Haide. Vierter Auftritt. Die drei Heren begegnen einander. Erſte Here. Schweſter, was haſt du geſchafft? Laß hören! Zweite Here. Schiffe trieb ich um auf den Meeren. Dritte Hede(zur erſten). Schweſter! was du? 4 Erſte Here. Einen Fiſcher fand ich, zerlumpt und arm, Der flickte ſingend die Netze Und trieb ſein Handwerk ohne Harm, Als beſaͤß' er köſtliche Schaͤtze, 195 Und den Morgen und Abend, nimmer muͤd', Begrüßt' er mit ſeinem luſtigen Lied. Mich verdroß des Bettlers froher Geſang, Und hatt's ihm geſchworen ſchon lang und lang— Und, als er wieder zu fiſchen war, Da ließ einen Schatz ich ihn finden: Im Netze, da lag es blank und baar, Daß faſt ihm die Augen erblinden. Er nahm den hölliſchen Feind ins Haus: Mit ſeinem Geſange, da war es aus. Die zwei andern Heren. Er nahm den hölliſchen Feind ins Haus; Mit ſeinem Geſange, da war es aus! Erſte Hexe. Und lebte wie der verlorne Sohn, Ließ allen Gelüſten den Zügel, Und der falſche Mammon, er floh davon, Als hätt' er Gebeine und Flügel. Er vertraute, der Thor! auf Hexengold Und weiß nicht, daß es der Hölle zollt! Die zwei andern Heren. Er vertraute, der Thor! auf Hexengold nn weiß nicht, daß es der Hölle zollt! Erſte Hexe. und, als nun der birtre Mangel kam, Und verſchwanden die Schmeichelfreunde, Da verließ ihn die Gnade, da wich die Scham: Er ergab ſich dem hölliſchen Feinde.— Freiwillig bot er ihm Herz und Hand Und zog als Rauber durch das Land. Und, als ich heut' will voruber gehn, 196 Wo der Schatz ihm ins Netz gegangen, Da ſah ich ihn heulend am Ufer ſtehn, Mit bleich gehärmten Wangen, Und hörte, wie er verzweifelnd ſprach: Falſche Nixe, du haſt mich betrogen! Du gabſt mir das Gold, du ziehſt mich nach! Und ſtürzt ſich hinab in die Wogen. Die zwei andern Heren. Du gabſt mir das Gold, du ziehſt mich nach! Und ſtürzt ſich hinab in den wogenden Bach! Erſte Here. Trommeln! Trommeln! Macbeth kommt. Alle Drei(einen Ring ſchließend). Die Schickſalsſchweſtern, Hand in Hand, Schwärmen über See und Land, Drehen ſo im Kreiſe ſich, Dreimal fuͤr dich Und dreimal für mich, Noch dreimal, daß es Neune macht. Halt'! der Zauber iſt vollbracht! Fünfter Auftritt.— Macbeth und Panquo. Yie drei Heren. f; Macbeth. Solch einen Tag, ſo ſchön zugleich und haͤßlich, Sah ich noch nie. Banguo. Wie weit iſt's noch nach Foris? 197 — Sieh', wer ſind Dieſe da, ſo grau von Haaren, So rieſenhaft und ſchrecklich anzuſehn! Sie ſehen keinen Erdbewohnern gleich Und ſtehn doch hier. Sprecht! lebt ihr, oder ſeyd Ihr etwas, dem ein Sohn der Erde Fragen Vorlegen darf? Ihr ſcheint mich zu verſtehen. Denn Jede ſeh' ich den verkürzten Finger Bedeutend an die welken Lippen legen. Ihr ſolltet Weiber ſeyn, und doch verbietet Mir euer maͤnniſch Anſehn, euch dafür zu halten. Macbeth. Sprecht, wenn ihr eine Sprache habt, wer ſeyd ihr? Erſte Here. Heil dir, Macbeth! Heil dir, Than von Glamis! Zweite Here. Heil dir, Macbeth! Heil dir, Than von Cawdor! Dritte Hexe. Heil dir, Macbeth! der einſt Koͤnig ſeyn wird! Banquo(zu Macbeth). Wie? Warum bebt Ihr ſo zurück und ſchaudert Vor einem Gruße, der ſo lieblich klingt? (Zu den Hexen.) Im Namen des Wahrhaftigen, Sprecht, ſeyd ihr Geiſter, oder ſeyd ihr wirklich, Was ihr von Außen ſcheint? Ihr grüßet meinen edeln Kriegsgefahrten& Mit gegenwärt'gem Glück und glänzender Verheißung künft'ger koͤniglicher Größe. Mir ſagt ihr nichts. Vermögt ihr in die Saat Der Zeit zu ſchauen und vorher zu ſagen, Welch Samenkorn wird aufgehn, welches nicht, 198 So ſprecht zu mir, der eure Gunſt nicht ſuht, Noch eure Abgunſt fürchtet. Erſte Here. Heil! Zweite Here. Heik! Dritte Hexe. Heil! Erſte Here. So groß nicht, aber größer doch, als Macbeth! Zweite Herxe. So gluͤcklich nicht, und doch glückſeliger! Dritte Hexe. Du wirſt kein König ſeyn, doch Könige zeugen. Drum Heil euch Beiden, Macbeth, Banquo, Heil euch! Erſte Here. Banquo und Macbeth, Heil euch! Macbeth. Bleibt, ihr geheimnißvolle Sprecherinnen, Und ſagt mir mehr! Ich weiß, durch Sinels, meines Vaters, Tod, Der dieſe Nacht verſchieden, bin ich Than Von Glamis! Aber wie von Cawdor? Der Than von Candor lebt und lebt im Schoße Des Glücks, und, daß ich König einſt ſeyn werde, Iſt eben ſo unglaublich, da dem Duncan Zwei Söhne leben! Sagt, von wannen kam euch Die wunderbare Wiſſenſchaft? Warum Verweilet ihr auf dieſer dürren Haide 199 Durch ſolch prophetiſch Gruͤßen unſern Zug? Sprecht, ich beſchwoͤr' euch! (Die Hexen verſchwinden.) ZBanquo. Die Erde bildet Blaſen, wie das Waſſer, Und Dieſe möͤgen davon ſeyn! Wo ſind ſie hingekommen? Macbeth. In die Luft, Und, was uns Körper ſchien, zerfloß wie Athem In alle Winde.— Daß ſie noch da waren! Banquo. Wie? Waren dieſe Dinge wirklich hier, Wovon wir reden, oder aßen wir Von jener tollen Wurzel, die die Sinne Bethoͤret? Macbeth. Eure Kinder ſollen Könige werden! Vunquo. Ihr ſelbſt ſollt König ſeyn! Macbeth. Und Than von Cawdor Dazu: war's nicht ſo? Banqug. Wörtlich und buchſtäblich. Doch, ſeht, wer kommt da?. 200 Sechster Auftritt. Vorige. Roſſe. Angus. Roſſe. Ruhmgekroͤnter Macbeth. Dem Koͤnig kam die Freudenbotſchaft zu Von deinen Siegen, wie du die Rebellen Verjagt, den furchtbarn Macdonal beſiegt: Das ſchien ihm ſchon das Maß des ird'ſchen Ruhms. Doch ſeine Zunge uͤberſtrömte noch Von deinem Lob, als er das Groͤßre ſchon vernahm, Was du im Kampfe mit dem furchtbaren Norweger ausgefuͤhrt, wie du der Retter Des Reichs geworden; dicht wie Hagelſchlaͤge Kam Poſt auf Poſt, jedwede ſchwer beladen Mit deiner Thaten Ruhm, und ſchüttete Dein Lob in ſein erſtauntes Ohr. Angus. Wir ſind Geſandt, dir ſeinen Dank zu uͤberbringen, Als Herolde dich bei ihm aufzuführen, Dich zu belohnen nicht. Roſſe. Zum Pfande nur Der groͤßern Ehren, die er dir beſtimmt, Befahl uns der Monarch, dich Than von Cawdor Zu gruͤßen, und in dieſem neuen Titel Heil dir, ruhmwürd'ger Cawdor, denn du biſt's! Banquo(fuͤr ſich). Wie? Sagt der Teufel wahr? —-— 201 Macbeth. Der Than von Cawdor lebt: Wie kleidet ihr mich in geborgten Schmuck? Roſſe. Der einſtens Than geweſen, lebt, doch nur So lange, bis das Bluturtheil an ihm Vollſtreckt iſt. Ob er mit dem Normann, ob Mit den Rebellen einverſtanden war, Ob er mit Beiden ſich zum Untergang Des Neichs verſchworen, weiß ich nicht zu ſagen. Das iſt gewiß, daß Hochverrath, erwieſen Und von ihm ſelber eingeſtanden, ihn Geſtuͤrzt. Macbeth. Glamis und Than von Cawdor! Das Groͤßte ſteht noch aus!— Habt Dank, ihr Herren. (Zu Banquo.) Hofft Ihr nun nicht, daß Eure Kinder Könige Seyn werden, da derſelbe Mund, der mir Den Than von Cawdor gab, es Euch verhieß? Banqun. Hum! Ständ' es ſo, moͤcht' es Euch leicht verleiten, Den Caydor zu vergeſſen und die Krone Zu ſuchen.— Es iſt wunderbar! Und oft Lockt uns der Hölle ſchadenfrohe Macht Durch Wahrheit ſelbſt an des Verderbens Rand. Unſchuld'ge Kleinigkeiten dienen ihr, Uns zu Verbrechen fürchterlicher Art Und grauſenhafter Folgen hinzureißen! —.(Zu Roſſe und Angus.) Wo iſt der Koͤnig? A 20²2 Angus. Auf dem Weg hieher. (Banquo ſpricht ſeitwaͤrts amnit Beiden.) Macbeth(ſuͤr ſich). Zwei Theile des Orakels ſind erfüllt, Ein hoffnungsvolles Pfand des höchſten Dritten! — Habt Dank, ihr Herren— Dieſe wunderbare Eroͤffnung kann nicht böſe ſeyn— ſie kann Nicht gut ſeyn. Wäͤr' ſie böſe, warum fing Sie an mit einer Wahrheit? Ich bin Than Von Cawdor! Waͤr' ſie gut, warum Beſchleicht mich die entſetzliche Verſuchung, Die mir das Haar aufſtraubt, mir in der Bruſt Das eiſenfeſte Mannerherz erſchüuttert? Die Handlung ſelbſt iſt minder grauſenvoll, Als der Gedanke der geſchreckten Seele. Dies Bild, die bloße Mordthat des Gehirns, Regt meine innre Welt ſo heftig auf, Daß jede andre Lebensarbeit ruht, Und mir nichts da iſt, als das Weſenloſe. Banguo(zu den Andern). Bemerket doch, wie unſer Freund verzuckt iſt. . Macheth. Will es das Schickſal, daß ich König ſey, So kröne mich's, und ohne daß ich's ſuche! VBanguo. Die neuen Ehren, die ihn ſchmucken, ſind Wie fremde Kleider, die uns nicht recht paſſen, Bis wir durch öftres Tragen ſie gewohnen. — 203 Macbeth(fuͤr ſich). Komme, was kommen mag! Die Stunde rennt auch durch den rauhſten Tag! Banqus(zu Macbeth). Mein edler Than, wir warten nur auf Euch. Macbeth. Vergebt, ihr Herren! Mein verſtörter Kopf War in vergangne Zeiten weggeruͤckt. — Glaubt, edle Freunde, eure Dienſte ſind In meinem dankbarn Herzen eingeſchrieben, und jeden Tag durchblättr' ich meine Schuld. Jetzt zu dem König! 4 (Zu Banquo.) Denkt des Vorgefallnen! und, wenn wir's reiflich bei uns ſelbſt bedacht, Dann laßt uns frei und offen davon reden. Banqus. Sehr gern. Macbeth. Bis dahin gnug davon! Kommt Freunde! (Sie gehen ab.) Koͤniglicher Palaſt. Siebenter Auftritt. König. Malcolm. Donalbain. Marduff. Gefolge. König. Iſt die Sentenz an Cawdor ſchon vollſtreckt? Sind, die wir abgeſandt, noch nicht zurück? 204 Donalbain. Sie ſind noch nicht zuruͤckgekehrt, mein Koͤnig, Doch ſprach ich Einen, der ihn ſterben ſah. Er habe ſeinen Hochverrath aufrichtig Bekannt und tiefe Reue blicken laſſen. Das Würdigſte in ſeinem ganzen Leben War der ergebne Sinn, womit er es Verließ! Er ſtarb wie Einer, der aufs Sterben Studirte, und das koſtbarſte der Guͤter Warf er gleichgültig hin, als wär' es Staub. König. Es gibt noch keine Kunſt, die innerſte Geſtalt des Herzens im Geſicht zu leſen! Er war ein Mann, auf den ich Alles baute! Achter Auftritt. Vorige. Macbeth. Banqus. Noſſe. Lenor. Känig. O theurer Vetter, Stuͤtze meines Reichs! Die Sunde meines Undanks laſtete So eben ſchwer auf mir! Du biſt ſo weit Voraus geeilt, daß dich der ſchnellſte Flug Der Dankbarkeit nicht mehr erreichen kann! Faſt moͤcht' ich wuͤnſchen, daß du weniger Verdient, damit mir's möglich wäre, dich Nach Wuͤrden zu belohnen! Jetzo bleibt mir nichts, Als zu bekennen, daß ich dir als Schuldner Verfallen bin mit meiner ganzen Habe. ——— —— Macrbeth. Was ich geleiſtet, Sire, belohnt ſich ſelbſt: Es iſt nicht mehr, als was ich ſchuldig war. Euch kommt es zu, mein königlicher Herr, Die Dienſte Eurer Knechte zu empfangen. Sie ſind des Thrones Kinder und des Staats und Euch durch heil'ge Lehenspflicht verpfändet. König. Sey mir willkommen, edler, theurer Held! Ich habe angefangen, dich zu pflanzen, Und füͤr dein Wachsthum ſorg' ich— edler Banquo! Du haſt nicht weniger verdient: es ſoll Vergolten werden. Laß mich dich umarmen Und an mein Herz dich drücken.(Umarmt ihn.) Banqus. Wachſ' ich da, So iſt die Ernte Euer. König. Meine Freude iſt So groß, daß ſie vom Kummer Thraͤnen borgt, Sich zu entladen. Soͤhne! Vettern! Thans! und die zunächſt an meinem Throne ſtehen! Wißt, daß wir Malcolm, unſern Aelteſten, Zum künft'gen Erben unſers Reichs beſtimmt Und ihn zum Prinzen Cumberlands ernennen. Der einz'ge Vorzug ſoll ihn kennbar machen Aus unſrer trefflichen Baronen Zahl, Die gleich Geſtirnen unſern Thron umſchimmern! 4(Zu Macbetb.) Jetzt, Vetter, nach Inverneß! Denn wir ſind Entſchloſſen, Euer Gaſt zu ſeyn heut' Abend. 2 206 Macbeth. Ich ſelbſt will Eurer Ankunft Bote ſeyn Und meinem Weib den hohen Gaſt verkuͤnden! Und ſo, mein König, nehm' ich meinen Urlaub! König.(ihn umarmend). Mein wuͤrd'ger Cawdor! (Er geht ab mit dem Gefolge.) Macbeth(allein). Prinz von Cumberland! Das iſt ein Stein, der mir im Wege liegt, Den muß ich uüberſpringen, oder ich ſtuͤrze! Verhuͤllet, Sterne, euer himmliſch Licht, Damit kein Tag in meinen Buſen falle! Das Auge ſe Aber ſoll die Hand nicht ſehen, Damit das Ungeheure kann geſchehen! Vorhalle in Macbeths Schloß. Neunter Auftritt. Lady Macbeth allein, in einem Briefe leſend. „Ich traf ſie grade an dem Tag des Siegs, „Und die Erfüllung ihres erſten Grußes „Verbürgte mir, ſie wiſſen mehr als Menſchen. „Da ich nach neuen Dingen forſchen wollte, „Verſchwanden ſie. Ich ſtand noch voll Erſtaunen, „Als Abgeordnete vom König kamen, —„Die mich als Than von Cawdor grüßten, mit „Demſelben Titel, den mir kurz zuvor (Ab.) 4 Was bringt Ihr? 207 „Die Zauberſchweſtern gaben, und worauf „Der dritte koͤnigliche Gruß gefolgt! „Dies eil' ich dir zu melden, theuerſte „Genoſſin meiner Groͤße, daß du länger nicht „Unwiſſend ſeyeſt, welche Hoheit uns „Erwartet. Leg' es an dein Herz! Leb' wohl!“ Glamis und Cawdor biſt du und ſollſt ſeyn, Was dir verheißen iſt— Und dennoch fürcht' ich Dein weichliches Gemüth— Du biſt zu ſanft Geartet, um den naͤchſten Weg zu gehn. Du biſt nicht ohne Ehrgeiz, möchteſt gerne Groß ſeyn, doch dein Gewiſſen auch bewahren. Nicht abgeneigt biſt du vor ungerechtem Gewinn; doch widerſteht dir's, falſch zu ſpielen. Du moͤchteſt gern Das haben, was dir zuruft: Das muß geſchehn, wenn man mich haben will! und haſt doch nicht die Keckheit, es zu thun! O, eile! eile her! Damit ich meinen Geiſt in deinen gieße, Durch meine tapfre Zunge dieſe Zweifel und Furchtgeſpenſter aus dem Felde ſchlage, Die dich wegſchrecken von dem goldnen Reif, Womiit das Glück dich gern bekrönen moͤchte. Zehnter Auftritt. Lady Marbeth. Pſörtner. Lady. 208 Pförtner. Der Köͤnig kommt auf dieſe Nacht hieher. 3 Lady. Du biſt nicht klug, wenn du Das ſagſt— Iſt nicht Dein Herr bei ihm? Und, wär' es, wie du ſprichſt, Wuͤrd' er den Gaſt mir nicht verkündigt haben? Dfärtner. Gebieterin, es iſt ſo, wie ich ſage! Der Than iſt unterwegs; ein Eilbot' ſprengte In vollem Lauf voraus: der hatte kaum Noch ſo viel Athem übrig, ſeines Auftrags Sich zu entled'gen. 1 Lady. Pflegt ihn wohl! Er bringt Uns eine große Poſt. 4(Pfoͤrtner geht.) Der Rab' iſt heiſer, Der Duncans toͤdtlichen Einzug in mein Haus Ankrachzen ſoll— Kommt jetzt, ihr Geiſter alle, Die in die Seele Mordgedanken ſä'n! Kommt und entweibt mich hier! Vom Wirbel bis Zur Zehe füllt mich an mit Tigers Grimm! Verdickt mein Blut, ſperrt jeden Weg der Reue, Damit kein Stich der wiederkehrenden Natur Erſchüttre meinen graͤßlichen Entſchluß Und ihn verhindere, zur That zu werden. An meine Weiberbrüſte leget euch, Ihr Unglücksgeiſter, wo ihr auch, in welcher Geſtalt unſichtbar auf Verderben lauert, Und ſauget meine Milch anſtatt der Galle! Komm, dicke Nacht, in ſchwarzen Höollendampf 209 Gehuͤllt, damit mein blinder Dolch nicht ſehe, Wohin er trifft, der Himmel nicht, den Vorhang Der Finſterniß zerreißend, rufe: Halt'! Halt' inne! Eilfter Auftritt. Lady Macbeth. Macbeth. Lady. Großer Glamis! Würd'ger Cawdor, Und groͤßer noch durch das prophetiſche „Heil dir, der einſt!“— dein Brief hat mich heraus Gerückt aus dieſer engen Gegenwart, Und trunken ſeh' ich ſchon das Künftige Verwirklicht! Macbeth. Theuerſte Liebe! Duncan kommt Heut' Abend. Lady. Und wann geht er wieder? Macbeth. Morgen, denkt er? Lady. O, nimmer ſieht die Sonne dieſen Morgen! Dein Angeſicht, mein Than, iſt, wie ein Buch, Worin Gefährliches geſchrieben ſteht. Laß deine Mienen ausſehn, wie die Zeit Es heiſchet: trage freundlichen Willkommen Auf deinen Lippen, deiner Hand! Sieh' aus, Schillers ſämmtl. Werke. VI. 14 210 Wie die unſchuld'ge Blume, aber ſey Die Schlange unter ihr!— Geh', denke jetzt Auf nichts, als deinen Gaſt wohl zu empfangen. Mein ſey die große Arbeit dieſer Nacht, Die allen unſern künft'gen Tag' und Nachten Die königliche Freiheit ſoll erfechten! Macbeth. Wir ſprechen mehr davon. Lapy. Nur heiter, Sir! Denn, wo die Züge ſchnell veraͤndert wanken, Verräth ſich ſtets der Zweifel der Gedanken, In allem Andern uͤberlaß dich mir! (Sie gehen ab. Man hoͤrt blaſen.) Zwölfter Auftritt. König. Malcolm. Donalbain. Banqun. Marduff, Roſſe, Angus, Kenor mit Fackeln. König. Dies Schloß hat eine angenehme Lage. Leicht und erquicklich athmet ſich die Luft, Und ihre Milde ſchmeichelt unſern Sinnen. Banqus. Und dieſer Sommergaſt, die Mauerſchwalbe, Die gern der Kirchen heil'ges Dach bewohnt, Beweist durch ihre Liebe zu dem Ort, Daß hier des Himmels Athem lieblich ſchmeckt. Ich ſehe keine Frieſen, ſehe keine 211 Verzahnung, kein vorſpringendes Gebälk', Wo dieſer Vogel nicht ſein hangend Bette Zur Wiege für die Jungen angebaut, Und immer fand ich eine mildre Luft, Wo dieſes fromme Thier zu niſten pflegt. Dreizehnter Auftritt. Vorige. Lady Macbeth. König. Ah, ſieh' da unſre angenehme Wirthin! — Die Liebe, die uns folgt, beläſtigt oft; Doch danken wir ihr, weil es Liebe iſt. So wirſt auch du fuͤr dieſe Laſt und Müh', Die wir ins Haus dir bringen, Dank uns wiſſfen. Lady. Sire! Alle unſre Dienſte, zwei- und dreifach In jedem Stück geleiſtet, blieben noch Zu arm, die große Ehre zu erkennen, Womit Ihr unſer Haus begnadiget. Nichts bleibt uns übrig, köͤniglicher Herr, Als für die alten Gunſtbezeugungen, Wie für die neuen, die Ihr drauf gehauft, Gleich armen Klausnern, nur an Wuͤnſchen reich, Mit brünſtigen Gebeten Euch zu dienen. König. Wo iſt der Than von Cawdor? Wir ſind ihm auf den Ferſen nachgefolgt Und wollten ſeinen Haushofmeiſter machen; Doch er iſt raſch zu Pferd, und ſeine Liebe, 212 Scharf wie ſein Sporn, gab ihm ſo ſchnelle Fluͤgel, Daß er uns lang zuvorkam— Schoͤne Lady, Wir werden Euer Gaſt ſeyn dieſe Nacht. „ Lady. B Ihr ſeyd in Eurem Eigenthum, mein Koͤnig! Wir geben nur, was wir von Euch empfingen. Köünig. Kommt, Eure Hand, und führet mich hinein Zu meinem Wirth! Wir lieben ihn von Herzen, Und, was wir ihm erzeigt, iſt nur ein Vorſpiel Der größern Gunſt, die wir ihm vorbehalten. — Erlaubt mir, meine angenehme Wirthin! (Er fuͤhrt ſie hinein. Die Andern folgen. Eine Tafelmuſik wird gehoͤrt. Bediente gehen im Hintergrunde mit Speiſen uͤber die Buͤhne. Nach einer Weile erfcheint Macbeth.) Vierzehnter Auftritt. Macbeth allein, gedankenvoll. Waͤr' es auch abgethan, wenn es gethan iſt, Dann wär' es gut, es wuürde raſch gethan! Wenn uns der Meuchelmord auch aller Folgen Entledigte, wenn mit dem Todten Alles ruhte, Wenn dieſer Mordſtreich auch das Ende wäre, Das Ende nur fuͤr dieſe Zeitlichkeit— Wegſpringen wollt' ich über künft'ge Leben! Doch ſolche Thaten richten ſich ſchon hier: Die blut'ge Lehre, die wir Andern geben, Fäͤllt gern zurück auf des Erfinders Haupt, Und die gleichmeſſende Gerechtigkeit Zwingt uns, den eignen Giftkelch auszutrinken. 213 — Er ſollte zweifach ſicher ſeyn. Einmal, Weil ich ſein Blutsfreund bin und ſein Vaſall: Zwei ſtarke Feſſeln, meinen Arm zu binden! Dann bin ich auch ſein Wirth, der ſeinem Moͤrder Die Thur verſchließen, nicht den Todesſtreich Selbſt fuͤhren ſollte. Ueber Dieſes alles Hat dieſer Duncan ſo gelind regiert, Sein großes Amt ſo tadellos verwaltet, Daß wider dieſe ſchauderhafte That Sich ſeine Tugenden wie Cherubim Erheben werden, mit Poſaunenzungen, und Mitleid, wie ein neugebornes Kind, Hülflos und nackt, vom Himmel niederfahren, In jedes Auge heiße Thraͤnen locken und jedes Herz zur Wuth entflammen wird— Ich habe keinen Antrieb, als den Ehrgeiz, Die blinde Wuth, die ſich in tollem Anlauf Selbſt überſtürzt und jenſeits ihres Ziels Hintaumelt— Nun! Wie ſteht es drin? Fünfzehnter Auftritt. Macbeth. Lady Macbeih kommt. Lady. . Er hat Gleich abgeſpeist. Warum verließet Ihr Das Zimmer? 8 Macbeth. Fragte er nach mir? Lady. 3 Ich dachte, Man hätt' es Euch geſagt. 214. Macbeth(nach einer Pauſe). Laß uns nicht weiter In dieſer Sache gehen, liebes Weib! Er hat mich kürzlich erſt mit neuen Ehren Gekrönt; ich habe goldne Meinungen Von Leuten aller Art mir eingekauft, Die erſt in ihrem vollen Glanz getragen, Nicht gleich beiſeit' gelegt ſeyn wollen. Lady. 4 Wie? War denn die Hoffnung trunken, die dich erſt So tapfer machte? Hat ſie ausgeſchlafen Und iſt nun wach geworden, um auf Einmal Beim Anblick Deſſen, was ſie muthig wollte, So bleich und ſchlaff und nüchtern auszuſehn? Von nun an weiß ich auch, wie Macbeth liebt. Du fürchteſt dich, in Kraft und That Derſelbe Zu ſeyn, der du in deinen Wuͤnſchen biſt! Du wagſt es, nach dem Höchſten aufzuſtreben, Und du erträgſt es, ſchwach und feig zu ſeyn? „Ich möcht' es gerne, doch ich wag' es nicht“— Kleinmüthiger! Macbeth. Ich bitte dich, halt' ein! Das wag' ich alles, was dem Manne ziemt; Wer mehr wagt, Der iſt keiner! Lady. War's denn etwa Ein Thier, das dich vorhin dazu getrieben? Als du Das thateſt— da warſt du ein Mann! Und, wenn du mehr wärſt, als du warſt, du wuͤrdeſt 21⁵ Um ſo viel mehr ein Mann ſeyn! Da du mir's Entdeckt, bot weder Ort noch Zeit ſich an; Du wollteſt Beide machen— Beide haben ſich Von ſelbſt gemacht; dich haben ſie vernichtet. Ich habe Kinder aufgeſäͤugt und weiß, Wie allgewaltig Mutterliebe zwingt, Und dennoch— ja, bei Gott! den Saͤugling ſelbſt An meinen eignen Bruüſten wollt' ich morden, Haͤtt' ich's geſchworen, wie du Jenes ſchwurſt. Macbeth. Wird uns der blut'ge Mord zum Ziele führen? Steht dieſer Cumberland nicht zwiſchen mir und Schottlands Thron? Und lebt nicht Donalbein? Fuͤr Duncans Söhne nur und nicht für uns Arbeiten wir, wenn wir den Koͤnig toͤdten. Lady. Ich kenne dieſe Thans. Nie wird ihr Stolz Sich einem ſchwachen Knaben unterwerfen. Ein bürgerlicher Krieg entflammt ſich: Dann trittſt du auf, der Tapferſte, der Beſte, Der Nächſte an dem königlichen Stamm, Die Rechte deiner Mundel zu behaupten. In ihrem Namen gründeſt du den Thron, und, ſteht er feſt, wer ſtürzte dich herab? Nicht in die ferne Zeit verliere dich! Den Augenblick ergreife! der iſt dein. Macbeth. Wenn wir's verfehlten— wenn der Streich mißlaͤnge. Lady. Mißlingen! Führ' es aus mit Männermuth und feſter Hand, ſo kann es nicht mißlingen. 216 — Wenn Duncan ſchlaͤft— und dieſe ſtarke Reiſe Wird ſeinen Schlaf befördern— übernehm' ich's, Die beiden Kämmrer mit berauſchendem Getränk' ſo anzufüͤllen, zu betäuben, Daß ihr Gedächtniß, des Gehirnes Waͤchter, Ein bloßer Dunſt ſeyn ſoll! Und, wenn ſie nun In vieh'ſchem Schlafe wie im Tode liegen, Was können dann wir Beide mit dem un⸗ Bewachten Duncan nicht beginnen, nicht Mit ſeinen uͤberfüllten Kämmerern, Die unſers Mordes Sunde tragen ſollen? Macbeth. Gebier mir keine Töchter! Männer nur Soll mir dein unbezwinglich Herz erzeugen! Wird man nicht glauben, wenn wir jene Beiden, Die in des Königs eignem Zimmer ſchlafen, Mit Blut beſtrichen, ihrer Dolche uns Zum Mord bedient, daß ſie die That gethan? Lady. Wer wird bei dem Gejammer, dem Geſchrei, Das wir erheben wollen, etwas Andres Zu denken wagen? Macbeth. Weib! ich bin entſchloſſen, Und alle meine Sehnen ſpannen ſich Zu dieſer That des Schreckens an. Komm, laß uns Den blut'gen Vorſatz mit der ſchoͤnſten Larve Bedecken! Falſche Freundlichkeit verhehle Das ſchwarze Werk der heuchleriſchen Seele! (Veide gehen ab.) Bweiter Aufzug. Zimmer. Erſter Auftritt. Banqus. Kleance, der ihm eine Fackel vortraͤgt. Banqus. Wie ſpät iſt's, Burſche? Fleance. Herr, der Mond iſt unter. Die Glocke hab' ich nicht gehört! Vanqus. Er geht Um zwoͤlf Uhr unter. Fleanrc. os iſt wohl ſpaͤter, Herr. . Bangquo. Da, nimm mein Schwert! Man iſt haushaͤlteriſch im Himmel. Die Lichter ſind ſchon alle aus. Hier, nimm Auch Das noch! Eine ſchwere Schlafluſt liegt Wie Blei auf mir, doch möcht' ich nicht gern ſchlafen. Ihr gute Machte, wehrt die ſträͤflichen Gedanken von mir, die dem Schlummernden So leicht ſich nahn!— Gib mir mein Schwert! Wer da? 218 Zweiter Auftritt. Vorige. Macbeth, dem ein Bedienter leuchtet. Macbeth. Ein Freund. Banquo. Wie, edler Sir, noch nicht zur Ruh'? Der Köoͤnig ſchläft ſchon. Er war außerſt fröhlich, Und Eure Diener hat er reich beſchenkt. Hier dieſen Demant ſchickt er Eurer Lady Und grüßt ſie, feine angenehme Wirthin. Er ging recht glücklich in ſein Schlafgemach. Macbeth. Da wir nicht vorbereitet waren, mußte Der gute Wille wohl dem Mangel dienen. ZBanquo. Es mangelte an nichts. Nun, Sir, mir traͤumte Verwichne Nacht von den drei Zauberſchweſtern. Euch haben ſie doch etwas Wahres Geſagt. Macbeth. Ich denke gar nicht mehr an ſie. Indeß, wenn's Euch bequem iſt, moͤcht' ich gern Ein Wort mit Euch von dieſer Sache ſprechen. Nennt nur die Zeit. Zangus. Wie's Euch gelegen iſt. Macbeth. Wenn Banaquo mein Beginnen unterſtützt, Und es gelingt, ſo ſoll er Ehre davon haben. e 219 Banquo. Sofern ich ſie nicht in die Schanze ſchlage, Indem ich ſie zu mehren meine, noch Mein gut Gewiſſen und mein Herz dabei Gefährdet ſind, bin ich zu Euren Dienſten. Macbeth. Gut' Nacht indeß. Bangquo. Ich dank' Euch. Schlafet wohl! (Banqguo und Fleance gehen ab.) Macbeth Gum Bedienten). Sag' deiner Lady, wenn mein Trank bereit, Soll ſie die Glocke ziehn.— Du geh' zu Bette! (Bedienter geht ab.) Dritter Auftritt. Macbeth allein. Iſt Dies ein Dolch, was ich da vor mir ſehe, Den Griff mir zugewendet? Komm! Laß mich dich faſſen. Ich hab' dich nicht und ſehe dich doch immer. Furchtbares Bild! biſt du ſo fühlbar nicht der Hand⸗ Als du dem Auge ſichtbar biſt? Biſt du Kur ein Gedankendolch, ein Wahngebilde Des fieberhaft entzuͤndeten Gehirns? Ich ſeh' dich immer, ſo leibhaftig wie Den Dolch, den ich in meiner Hand hier zücke. Du weiſeſt mir den Weg, den ich will gehn: Solch ein Geräth', wie du biſt, wollt' ich brauchen. Entweder iſt mein Auge nur der Narr.. Der andern Sinne oder mehr werth, als ſie alle. — Noch immer ſeh' ich dich und Tropfen Bluts Auf deiner Klinge, die erſt nicht waren. — Es iſt nichts Wirkliches. Mein blutiger Gedanke iſt's, der ſo heraustritt vor das Auge! Jetzt ſcheint die eine Erdenhälfte todt, Und böſe Traͤume ſchrecken hinterm Vorhang Den unbeſchützten Schlaf! Die Zauberei beginnt Den furchtbarn Dienſt der bleichen Hekate, und, aufgeſchreckt von ſeinem heulenden Wächter, Dem Wolf, gleich einem Nachtgeſpenſte, geht Mit groß— weit— ausgeholten Räuberſchritten Der Mord an ſein entſetzliches Geſchaͤft. Du ſichre, unbeweglich feſte Erde! Hör' meine Tritte nicht, wohin ſie gehn, Damit nicht deine ſtummen Steine ſelbſt Mein Werk ausſchreien und zuſammenklingend Dies tiefe Todtenſchweigen unterbrechen, Das meinem Mordgeſchäͤft ſo günſtig iſt. Ich drohe hier, und drinnen lebt er noch!— 3 (Man hoͤrt die Glockle.) Raſch vorwaͤrts, Macbeth, und es iſt gethan! Die Glocke ruft mir— Höre ſie nicht, Duncan! Es iſt die Glocke, die dich augenblicks Zum Himmel fordert oder zu der Hölle.. d (Er geht ab.) — — 221 Vierter Auftritt. 4* Lady Mlacbeth. Gleich darauf Macbeth. Lady. 8 Was ſie berauſchte, hat mich kühn gemacht; Was ihnen Feuer nahm, hat mir gegeben. Horch! Still! Die Eule war's, die ſchrie— der traurige Nachtwaͤchter ſagt uns graͤßlich gute Nacht. — Er iſt dabei. Die Kammerthür' iſt offen, uUnd die berauſchten Kämmerlinge ſpotten Mit Schnarchen ihres Wachteramts. So einen kräft'gen Schlaftrunk hab' ich ihnen Gemiſcht, daß Tod und Leben drüber rechten, Ob ſie noch athmen oder Leichen ſind. Macbeth(drinnen). Wer iſt da? He! Lavy. O weh'! Ich furchte, ſie ſind aufgewacht, Und es iſt nicht geſchehen! Der Verſuch Und nicht die That wird uns verderben— Horch! Die Dolche legt' ich ihm zurecht. Er mußte Sie finden auf den erſten Blick. Häͤtt' es mich nicht, Wie er ſo ſchlafend lag, an meinen Vater Gemahnt, ich hätt' es ſelbſt gethan— Nun, mein Gemahl? Macbeth(tritt auf). Sie iſt gethan, die That! Vernahmſt du kein Geräuſch? Lady. Die Eule hoͤrt' ich ſchreien und Die Grillen ſingen— Sagteſt du nicht wos? 222 varun⸗ Macbeth. Wann? Lapy. Jetzt. Macbeth. Wie ich herunter kam? Lady. Macbeth. Horch! Wer liegt im zweiten Zimmer? Ludy. Donalbain. Macbeth(beſieht ſeine Haͤnde). Das iſt ein traur'ger Anblick! Oh! Lady Ihr ſeyd Nicht klug! Das nennt Ihr einen traur'gen Anblick! Macbeth. Der Eine lacht' im Schlaf, der Andere Schrie: Mord! daß ſie ſich wechſelsweiſe weckten. Ich ſtand und hoͤrte zu, ſie aber ſprachen Ihr Nachtgebet und ſchliefen wieder ein. Lady. Es ſind dort ihrer Zwei in einer Kammer. Macbeth. Genad' uns Gott! rief Einer— Amen, ſprach Der Andere, als haͤtten ſie mich ſehen Mit dieſen Henkershänden ſtehn und horchen Auf die Geberden ihrer Furcht— Ich konnte Nicht Amen ſagen, als ſie ſchrien: Gott gnad' uns 223 Lady. Denkt ihm ſo tief nicht nach! Macbeth. Warum denn aber konnt' ich Nicht Amen ſagen? Braucht' ich doch ſo ſehr Die Gnade Gottes in dem Augenblick, und Amen wollte nicht aus meiner Kehle. Lady. Man muß dergleichen Thaten hinterher Nicht ſo beſchaun. Das könnt' uns raſend machen. Macbeth. Es war, als höͤrt' ich rufen: Schlaft nicht mehr! Den Schlaf ermordet Macbeth, den unſchuld'gen, Den arglos heil'gen Schlaf, den unbeſchützten, Den Schlaf, der den verworrnen Knaul der Sorgen Entwirrt, der jiedes Tages Schmerz und Luſt Begräbt und wieder weckt zum neuen Morgen, Das friſche Bad der wundenvollen Bruſt, Das linde Oel für jede Herzensqual, Die beſte Speiſe an des Lebens Mahl! Lady. Wie, Sir? Was ſoll Das alles? Macbeth. Immer, immer, Im ganzen Hauſe rief es fort und fort: Schlaft nicht mehr! Glamis hat den Schlaf ermordet: Darum ſoll Cawdor nicht mehr ſchlafen, Macbeth Soll nicht mehr ſchlafen! Lady. Wie? Wer war's denn, der So rief? Mein theurer Than, was für Fantome 224 Sind Das, die deines Herzens edeln Muth So ganz entnerven! Geh'! nimm etwas Waſſer Und waſche dies verrätheriſche Zeugniß Von deinen Händen— Warum brachteſt du Die Dolche mit heraus? Sie müſſen drinn Gefunden werden. Trage ſie zuruͤck, beſtreiche Die Kammrer mit dem Blut— Macbeth. Ich geh' nicht wieder Hinein. Mir graut vor dem Gedanken, was ich that: Geh' du hinein. Ich wag's nicht. Lady. Schwache Seele! Gib mir die Dolche! Schlafende und Todte Sind nur Gemäͤlde; nur ein kindiſch Aug' Schreckt ein gemalter Teufel. Ich bepurpre Der Kämmerer Geſicht mit ſeinem Blut: Denn dieſe muß man fuͤr die Thaͤter halten. (Sie geht hinein. Man hoͤrt draußen klopfen.) Macbeth. Woher dies Klopfen? Wohin kam's mit mir, 4 Daß jeder Laut mich aufſchreckt!— Was für Haͤnde! Sie reißen mir die Augen aus— Weh'! Wehe! Kann der gewaͤſſerreiche Meergott ſelbſt Mit ſeinen Fluten allen dieſes Blut Von meiner Hand abwaſchen? Eher färbten Sich alle Meere roth von dieſer Hand! Lady(uruͤckkommend). So iſt die blut'ge That von uns hinweg Gewäalzt, und Jene tragen unſre Schuld Auf ihren Händen und Geſichtern— Horch! — Ich hör' ein Klopfen an der Thur' nach Süden. Gehn wir hinein. Ein wenig Waſſer reinigt uns Von dieſer That. Wie leicht iſt ſie alſo! Komm! Deine Staͤrke hat dich ganz verlaſſen. (Neues, ſtaͤrkeres Pochen.) — Es klopft ſchon wieder! Wirf dein Nachtkleid über! Geſchwind, damit uns Niemand überraſche Und ſeh', daß wir gewacht!— O, ſey ein Mann! Verlier' dich nicht ſo kläglich in Gedanken! Macbeth. Mir dieſer That bewußt zu ſeyn! O, beſſer, Mir ewig meiner ſelbſt nicht mehr bewußt ſeyn! (Das Klopfen wird ſtaͤrker.) Poch' ihn nur auf aus ſeinem Todesſchlaf! Was gäb' ich drum, du könnteſt es! Lady(ihn fortziehend). Kommt! Kommt! (Gehen hinein) Fünfter Auftritt. Pförtner mit Schluͤſſetn. Lernach Marduff und Voſſe. förtner(kommt ſingend). Verſchwunden iſt die finſtre Nacht, Die Lerche ſchlaͤgt, der Tag erwacht, Die Sonne kommt mit Prangen Am Himmel aufgegangen. Sie ſcheint in Koͤnigs Prunkgemach, Sie ſcheinet durch des Bettters Dach, Schillers ſaͤmmtl. Werte. VI. 15 226 Und, was in Nacht verborgen war, Das macht ſie kund und offenbar. (Staͤrkeres Klopfen.) Poch'! poch'! Geduld da draußen, wer's auch iſt! Den Pförtner laßt ſein Morgenlied vollenden. Ein guter Tag faͤngt an mit Gottes Preis; 's iſt kein Geſchaͤft ſo eilig, als das Beten. (Singt weiter.) Lob ſey dem Herrn und Dant gebracht, Der uͤber dieſem Haus gewacht, Mit ſeinen heil'gen Schaaren Uns gnaͤdig wollt' bewahren. Wohl Mancher ſchloß die Augen ſchwer Und öffnet ſie dem Licht nicht mehr: Drum freue ſich, wer, neu belebt, Den friſchen Blick zur Sonn' erhebt! (Er ſchließt auf. Macduff und Roſſe treten auf.) Roſſe. Nun, Das muß wahr ſeyn, Freund, Ihr führet eine So helle Orgel in der Bruſt, daß Ihr damit Ganz Schottland könntet aus dem Schlaf poſaunen. Pfüärtner. Das kann ich auch, Herr, denn ich bin der Mann, Der Euch die Nacht ganz Schottland hat gehütet. Noſſe. Wie Das, Freund Pfoͤrtner? Pförtner. Nun, ſagt an! Wacht nicht Des Königs Auge für ſein Volk, und iſt's Der Pförtner nicht, der Nachts den Koͤnig huͤtet? 227 und alſo bin ich's, ſeht Ihr, der heut' Nacht Gewacht hat für ganz Schottland. Roſſe. Ihr habt Recht. Macduff. Den König hütet ſeine Gnad' und Milde. Er bringt dem Hauſe Schutz, das Haus nicht ihm: Denn Gottes Schaaren wachen, wo er ſchläft. Roſſe. Sag', Pförtner! iſt dein Herr ſchon bei der Hand? Sieh'! unſer Pochen hat ihn aufgeweckt. Da kommt er. Sechster Auftritt. Mlarbeth. Macrduff. Koſſe. Uoſſe. Guten Morgen, edler Sir! Macbeth. Den wünſch' ich Beiden. Macduff. Iſt der Koͤnig munter? Macbeth. Noch nicht. Macduff. 3 Er trug mir auf, ihn früh' zu wecken; Ich habe die beſtimmte Stunde bald Verfehlt. Macbeth. Ich fuͤhr' Euch zu ihm. 228 Macduff. O, ich weiß, Es wäar' Euch eine angenehme Mühe; Doch iſt es eine Mühe. Macbeth. Eine Arbeit, Die uns Vergnügen macht, heilt ihre Muh'. Hier iſt die Thuͤr'. 8 Macduff. 1 Ich bin ſo dreiſt und rufe: Denn ſo iſt mir befohlen. (Er geht hinein,) Siebenter Auftritt. Mlacbeth und Koſſe. Noſſe. Reist der König Macbeth. Ja, ſo beſtellte er's. Roſſe. Sir! Das war eine ungeſtüme Nacht. Im Hauſe, wo wir ſchliefen, ward der Schlot Herabgeweht, und in der Luft will man Ein gräßlich Angſtgeſchrei vernommen haben, Geheul des Todes, graͤßlich toͤnende Prophetenſtimmen, die Verkündiger Entſetzlicher Ereigniſſe, gewaltſamer Heut' wieder ab? 229 Verwirrungen des Staats, davon die Zeit Entbunden ward in bangen Mutterwehen. Die Eule ſchrie die ganze Nacht; man ſagt, Die Erde habe fieberhaft gezittert! Macbeth. 's war eine rauhe Nacht. Uoſſe. Ich bin nicht alt Genug, mich einer gleichen zu erinnern. Achter Auftritt. Vorige. Macduff kommt zuruͤck. Mucduff. Entſetzlich! Graͤßlich! Gräßlich! O, entſetzlich! Macbeth. Was iſt's? Roſſe. Was gibt es? Macduff. Granuſenvoll! Entſetzlich! Kein Herz kann's faſſen, keine Zunge nennen! Macbeth. Was iſt es denn? Marduff. Der Frevel hat ſein Aergſtes Vollbracht! Der kirchenräuberiſche Mord Iſt in des Tempels Heiligthum gebrochen und hat das Leben draus hinweggeſtohlen. 230 Macbeth. Das Leben! Wie verſteht Ihr Das? Roſſe. Meint Ihr Den König? Macduff. Geht hinein! Geht und erſtarret Vor einer neuen, gräßlichen Gorgona. Verlangt nicht, daß ich's nenne! Seht und dann Sprecht ſelbſt! (Macbeth und Roſſe gehen ab.) Macduff. Wacht auf! wacht auf! Die Feuerglocke Geläutet! Mord und Hochverrath! Auf! auf! Erwachet, Banquo! Malcolm! Donalbain! Werft dieſen flaumenweichen Schlaf von euch, Des Todes Scheinbild, und erblickt ihn ſelbſt! Auf, auf, und ſeht des Weltgerichtes Morgen! Malcolm und Banquo! wie aus euren Gräbern Erhebt euch, und wie Geiſter ſchreitet her, Das gräßlich Ungeheure anzuſchauen! Neunter Auftritt. Macduff. Lady Macbeth. Gleich darauf Bangun mir Kenor und Angus und nach dieſen Macbeth mit Roſſe. Lady. Was gibt's, daß ſolche gräßliche Trompete Die Schlafer dieſes Hauſes weckt! Sagt! redet! 231 Macduff. O zarte Lady! es taugt nicht für Euch, Zu hoͤren, was ich ſagen kann. Ein weiblich Ohr Damit zu ſchrecken, wär' ein zweiter Mord! (Auf Banquo, Lenox und Angus zueilend, die hereintreten.) O Banquo! Banquo! Unſer König iſt ermordet! Lady. Hilf Himmel! Was? In unſerm Haus? ZBangus. Entſetzlich, Wo immer auch— Macduff, ich bitte dich, Nimm es zuruck und ſag', es ſey nicht ſo! (Macbeth kommt mit Roſſe zuruͤck.) Macbeth. O, waͤr' ich eine Stunde nur Vor dieſem Unfall aus der Welt gegangen, Ich waͤr' geſtorben als ein Glücklicher. Von nun an iſt nichts Schätzenwerthes mehr Auf Erden! Tand iſt Alles! Ehr' und Gnade Sind todt! Des Lebens Wein iſt abgezogen, und nur die Hefe blieb der Welt zurück. Zehnter Auftritt. Vorige. AMalcolm. Donalbain. Donalbain. Was iſt verloren— Macbeth. Ihr! Und wißt es nicht? (Zu Donalbain.) 232 Der Brunnen deines Blutes iſt verſtopft, Ja, ſeine Quelle ſelber iſt verſtopft. Macduff Gu Malcolm). Dein koͤniglicher Vater iſt ermordet! Malcolm. O Gott! Von wem? Roſſe. Die Kämmerer ſind allem Anſehn nach Die Thäter. Ihre Hände und Geſichter waren Voll Blut, auch ihre Dolche, welche wir Unabgewiſcht auf ihrem Kiſſen fanden. Sie ſahen wild aus, waren ganz von Sinnen, Und Niemand wagte ſich an ſie heran. Macbeth. O, jetzo reut mich's, daß ich ſie im Wahnſinn Der erſten Wuth getoͤdtet. Macduff. Warum thatſt du Das? Macbeth. Wer iſt im nämlichen Moment zugleich Gefaßt und wuͤthend, ſinnlos und beſonnen, Rechtliebend und parteilos? Niemand iſt's! Die raſche That der heft'gen Liebe rannte Der zandernden Vernunft zuvor.— Hier lag Duncan— ſein königlicher Leib von Dolchen Entſtellt, zerriſſen! Seine offnen Wunden Erſchienen wie ein Riß in der Natur, Wodurch der Tod den breiten Einzug nahm! Dort ſeine Mörder, in die Farbe ihres Handwerks Gekleidet, ihre Dolche frech bemalt mit Blut! Wer, der ein Herz für ſeinen König hatte 233 und Muth in dieſem Herzen, haͤtte da Sich halten und ſich ſelbſt gebieten können! Lady (ſtellt ſich, als ob ſie ohnmaͤchtig werde). Helft mir von hinnen— Oh! Macduff. Sorgt fuͤr die Lady! (Macduff, Banquo, Roſſe und Angus ſind um ſie beſchaͤftigt.) Malcolm(zu Donalbain). Wir ſchweigen ſtill, die dieſer Trauerfall Am Nachſten trifft? Donalbain. Was läßt ſich ſagen, hier, Wo unſer Feind, in unſichtbarer Spalte Verborgen, jeden Augenblick hervor Zu ſtuͤrmen, auf uns herzufallen droht? Laß uns davon gehn, Bruder! Unſre Thraͤnen Sind noch nicht reif. Malcolm. Noch unſer heft'ger Schmerz Im Stand, ſich von der Stelle zu bewegen. Bangus Gzu Denen, welche die Lady wegfuͤhren). Nehmt euch der Lady an!— und, wenn wir uns Von der Verwirrung unſers erſten Schreckens Erholt und unſre Blöße erſt bedeckt, Dann laßt uns hier aufs Neu' zuſammenkommen und dieſer ungeheuren Blutſchuld weiter Nachforſchen. Uns erſchüttern Furcht und Zweifel. Hier in der großen Hand des Höchſten ſteh' ich, uUnd unter dieſem Schirme kämpf' ich jeder 234 Beſchuldigung entgegen, die Verrath. Und Bosheit wider mich erſinnen mögen! Macbeth. Das thu' ich auch. Macduff. Und ich. Roſſe, Angus und Leupr. Das thun wir Alle! Macebeth. Jetzt werfen wir uns ſchnell in unſre Kleider Und kommen in der Halle dann zuſammen! Alle. Wir ſind's zufrieden. (Gehen ab.) Eilfter Auftritt. Malcolm. Donalbain. Malcolm. Was gedenkt Ihr, Bruder? Ich find' es nicht gerathen, ihrer Treu' Uns zu vertrauen. Einen Schmerz zu zeigen, Von dem das Herz nicht weiß, iſt eine Pflicht, Die dem Unredlichen nicht ſchwer ankommt. Ich geh' nach England. Donalbain. Ich nach Irland. Gerathner iſt's für unſer Beider Wohl, Wir trennen unſer Schickſal! Wo wir ſind, 235 Seh' ich aus jedem Lächeln Dolche drohn: Je näher am Blut, ſo näher am Verderben. Malcolm. Der Mörderpfeil, der unſern Vater traf, Fliegt noch, iſt noch zur Erde nicht gefallen. Das Beſte iſt, vom Ziel hinweg zu gehn. Drum ſchnell zu Pferde! Keine Zeit verloren Mit Abſchiednehmen! Da iſt's wohl gethan, Sich wegzuſtehlen, wo das kleinſte Weilen Tod und Verderben bringen kann. (Sie gehen ab.) Zwölfter Auftritt. Uoſſe. Ein alter Mann. Alter Mann. Ja, Herr, von achtzig Jahren her beſinn' ich mich, Und in dem langen Zeitraum hab' ich Bittres Erlebt und Unglückſeliges erfahren. Doch dieſe Schreckensnacht hat all mein vorig Wiſſen Zum Kinderſpiel gemacht. 4 Roſſe. Ach, guter Vater, Du ſiehſt, wie ſelbſt der Himmel düſter bleich Auf dieſen blut'gen Schauplatz niederhängt, Wie von der Menſchen Gräuelthat empört! Der Glocke nach iſt's hoch am Tag, und doch Daͤmpft finſtre Nacht den Schein der Himmelslampe. Alter Mann. Es iſt ſo unnatuͤrlich, wie die That, 236 Die wir erlebten. Neulich ward ein Falke, Der triumphirend thurmhoch in den Lüften Herſchwebte, kühn von einer mauſenden Nachteule angefallen und getoͤdtet. Roſſe. Und Duncans Pferde— ſo wunderſam Es klingt, ſo wahr iſt's!— dieſe ſchönen Thiere, Die Zierde ihrer Gattung, wurden toll Auf Einmal, brachen wild aus ihren Ställen Und ſchoſſen wuͤthend um ſich her, dem Ruf Des Führers ſtarr unbändig widerſtrebend, Als ob ſie Krieg ankündigten den Menſchen. Alter Mann. Man ſagt, daß ſie einander aufgefreſſen. Uoſſe. Das thaten ſie. Kaum traut' ich meinen Sinnen Als ich es ſah.— Hier kommt der wackre Macduff. Dreizehnter Auftritt. Vorige. Maceduff. Voſſe⸗ Nun, Sir, wie geht die Welt? Macduff. Wie? Seht Ihr's nicht? Roſſe. 3 Weiß man, wer dieſe mehr als blut'ge That Verübte? Macduff. Sie, die Macbeth toͤdtete. 237 Noſſe. Die Kaͤmmerer? Gott! Und aus welchem Autrieb? Was bracht' es ihnen für Gewinn? Macduff. Sie waren Erkauft. Des Koͤnigs eigne Soͤhne, Malcolm und Donalbain, ſind heimlich weggeflohn Und machten ſich dadurch der That verdäͤchtig. Roſſe. O, immer, immer wider die Natur! Unmäß'ge Herrſchſucht, die mit blinder Gier Sich ihre eignen Lebensſaͤfte raubt! — So wird die Krone wohl an Macbeth fallen? Maeduff. Er iſt ſchon ausgerufen und nach Scone Zur Krönung abgegangen. Roſſe. Wo iſt Duncans Leiche? Macduff. Nach Colmekill gebracht, der heil'gen Gruft, Wo die Gebeine ſeiner Vaͤter ruhen. Noſſe. Geht Ihr nach Scone? 3 Macduff. — Nein! Ich geh' nach Fife. Roſſe. Gut! So will ich nach Scone. Aaneduff. Lebet wohl⸗ Und moͤgt Ihr Alles dort nach Wunſche finden! ͤöͤö—aaaaaee˙ “ 238 Leicht moͤchten uns die alten Röͤcke beſſer Geſeſſen haben, fuͤrcht' ich, als die neuen! Roſſe(zu dem Alten). Nun, alter Vater, lebet wohl! Alter Mann. Gott ſey Mit Euch und Jedem, der es redlich meint, Das Boͤſe gut macht und den Feind zum Freund! (Sie gehen ab.) ——;ʒÿ—ÿ—ᷣ—ᷣᷣ—— Dritter Aufzug. Ein Zimmer. Erſter Auftritt. Vanqus allein. Du haſt's nun! Glamis! Cawdor! König! Alles, Wie es die Zauberſchweſtern dir verhießen. Ich fürchte ſehr, du haſt ein ſchaͤndlich Spiel. Darum geſpielt.— Und doch ward prophezeit, Es ſollte nicht bei deinem Hauſe bleiben; Ich aber ſollte der beglückte Stifter, Die Wurzel eines Königsſtammes ſeyn. Wenn Wahrheit kommen kann aus ſolchem Munde— und der erfüllte Gruß an dich beweist's— Wie ſollten ſie nicht eben ſowohl mein Orakel ſeyn, wie deins, und mich zur Hoffnung Anfriſchen? Aber, ſtill, nichts mehr davon! 240 Zweiter Auftritt. Trompeten. Macbeth als Köͤnig. Lady Marbeth. Uoſſe. Angus. Kenor. Banqus. Geſolge. Macbeth. Sieh' da! Hier iſt der Erſte unſrer Gaſte! Lady. 4 Blieb er hinweg, ſo war gleichſam ein Riß In unſerm Feſte, und die Krone fehlt' ihm. Macbeth. Banquo! Wir geben dieſe Nacht ein feſtlich Mahl Und bitten Euch um Eure Gegenwart. Banquo. Nach meines Herrn Befehl, dem zu gehorchen Mir heil'ge Pflicht iſt. Macbeth. Ihr verreiſet heut'? Banquo.* Ja, Sire! Macbeth. Sonſt haͤtten wir uns Euren Rath, Der ſtets ſo weiſ' als glücklich war, in heutiger Verſammluͤng ausgebeten. Doch Das kann auch ruhn Bis Morgen. Geht die Reiſe weit? Banqus. 2 So weit, Daß alle Zeit von jetzt zum Abendeſſen Drauf gehen wird. Thut nicht mein Pferd ſein Beſtes, Werd' ich der Nacht verſchuldet werden müſſen Fuür eine dunkle Stunde oder zween. 241 Macbeth. Fehlt ja nicht bei dem Feſt! Banguo. Gewißlich nicht. Macbeth. Wir hören, unſre blut'gen Vettern ſind Nach Engelland und Irland, leugnen dort Frech ihren gräuelvollen Mord und füllen Mit ſeltſamen Erdichtungen die Welt. Doch hievon morgen nebſt dem Andern, was Den Staat betrifft und unſre Sorgen heiſcht. Lebt wohl bis auf die Nacht! Geht Fleance mit Euch? Banquo. Ja, Sire! Wir können länger nicht verweilen— Macbeth. So wünſch' ich Euren Pferden Schnelligkeit Und ſichre Füße! Lebet wohl! (Banquo geht ab. Zu den Andern.) 4 Bis Anbruch Der Nacht ſey Jedermann Herr ſeiner Zeit. Die Freuden der Geſellſchaft deſto beſſer Zu ſchmecken, bleiben wir bis dahin ſelbſt Für uns allein. Und damit Gott befohlen! (Lady und Lords gehen ab.) * Dritter Auftritt. Mlacbeth zuruͤckbleibend. — Macbeth(zu einem Bedienten). Hört, Freund! ſind jene Maänner bei der Hand? Schiers ſanmtl. Werke VI. 16 242 Bedienter. Ja, Sire! Sie warten draußen vor dem Schloßthor. Macbeth. Führ' ſie herein. (Bedienter ab.) So weit ſeyn, iſt noch nichts; Doch, es mit Sicherheit zu ſeyn! Vor dieſem Banquo haben wir zu zittern. In ſeiner königlichen Seele herrſcht Dasjenige, was ſich gefuͤrchtet macht. Vor nichts erſchrickt ſein Muth, und dieſer kecken Entſchloſſenheit wohnt eine Klugheit bei, Die ihm zum Fuͤhrer dient und ſeine Schritte Verſichert. Ihn allein, ſonſt Keinen fuͤrcht' ich. Ihm gegenüber wird mein Geiſt gezüchtigt, Wie Mare Antons vor Cäſars Genius. Er ſchalt die Zauberſchweſtern, da ſie mich Zuerſt begruͤßten mit dem Königstitel, Und forderte ſie auf, zu ihm zu reden! Und darauf grüßten ſie prophetiſch ihn Den Vater einer königlichen Reihe! Auf meine Stirne ſetzten ſie Nur eine unfruchtbare Krone, gaben Mir einen dürren Scepter in die Hand, Damit er einſt von fremden Haͤnden mir Entwunden werde! Iſt's an Dem, ſo hab' ich Fuͤr Banquos Enkelkinder mein Gewiſſen Befleckt, fuͤr ſie den gnadenreichen Duncan Erwürgt, fuͤr ſie— allein für ſie— auf Ewig Den Frieden meiner Seele hingemordet Und mein unſterbliches Juwel dem all⸗ 243 Gemeinen Feind der Menſchen hingeopfert, Um ſie zu Königen zu machen! Banquos Geſchlecht zu Königen! Eh' Dies geſchieht, Eh' komme du, Verhängniß, in die Schranken und laß uns kämpfen bis aufs Blut! (Bedienter kommt mit den Moͤrdern.) Wer iſt da? Geh' vor die Thuͤr' und warte, bis wir rufen. Vierter Auftritt. Macbeth. Bwei Märder. Macbeth. War es nicht geſtern, daß ich mit euch ſprach? Die Mörder. Ja, koͤniglicher Herr! Macbeth. Nun? Habt ihr meinen Reden nachgedacht? Ihr wißt nun, daß es Banquo war, der euch In vor'gen Zeiten ſo im Weg geſtanden. Ihr gabet fäͤlſchlich mir die Schuld; doch aus Der letzten Unterredung, die wir führten, Habt ihr es ſonnenklar erkannt, wie ſchändlich Man euch betrog— Erſter Mörder. Ja, Herr! Ihr uͤberzeugtet uns. Macbeth. Das that ich. Nun auf den andern Punkt zu kommen. Sagt, 244 Seyd ihr ſo lämmerfromm, ſo taubenmaͤßig Geartet, daß ihr Solches ungeahndet Könnt hingehn laſſen? ſo verſoͤhnlichen Gemüths, Daß ihr für dieſen Banquo beten könnt, Deß ſchwere Hand euch und die Eurigen In Schande ſtürzte und zu Bettlern machte? Erſter Mörder. Mein Koͤnig, wir ſind Männer! Macbeth. Ja, ja, ihr lauft ſo auf der Liſte mit! Wie Dachs und Windſpiel alle Hunde heißen; Die eigne Race aber unterſcheidet Den ſchlauen Spuͤrer, den getreuen Wächter, Den flücht'gen Jäger. So auch mit den Menſchen. Doch, wenn ihr wirklich Männer ſeyd und zwar An echter Mannheit nicht die allerletzten, So zeigt es jetzo! Rächet euch und mich An einem Feinde, der uns gleich verhaßt iſt. Erſter Mörder. Ich bin ein Mann, Sire, den die harten Stoͤße Der Welt ſo aufgebracht, daß ich bereit bin, Der Welt zum Trotze Jegliches zu wagen. Zweiter Mörder. Und mir, mein König, hat das falſche Glück So grauſam mitgeſpielt, daß ich mein Schickſal Verbeſſern oder gar nicht leben will. Macbeth. Ihr wiſſet alſo, euer Feind war Banquo. 4 Die Mörder. Ja, Sire! 245 Macbeth. Er iſt auch meiner, und er iſt's Mit ſolchem blutig unverſöhnten Haß, Daß jeder Augenblick, der ſeinem Leben Zuwächst, das meine mir zu rauben droht. Zwar ſteht's in meiner königlichen Macht, Ihn, ohne alle andre Rechenſchaft, Als meinen Willen, aus der Welt zu ſchaffen; Doch darf ich's nicht um ein'ger Freunde willen, Die auch die ſeinen ſind, und deren Gunſt Ich ungern in die Schanze ſchlüge! Ja, Die Klugheit will es, daß ich Den beweine, Auf den ich ſelbſt den Streich geführt! Darum Bedarf ich eures Arms zu dieſer That, Die ich aus ganz beſonders wicht'gen Gründen Dem öffentlichen Aug' verbergen muß. Erſter Mörder. Mein König, wir erwarten deinen Wink. Zweiter Mörder. Und wenn auch unſer Leben— Macbeth. Eure Kühnheit blitzt Aus euch hervor. Der Feind, von dem wir reden, Wird dieſen Abend hier zurück erwartet. Im naͤchſten Holze kann die That geſchehen, Doch etwas fern vom Schloß, verſteht ihr wohl, Daß kein Verdacht auf mich geleitet werde. Zugleich mit ihm muß, um nichts halb zu thun, Auch Fleance, ſein Sohn, der bei ihm iſt, An deſſen Untergange mir nicht minder Gelegen iſt, als ſeinem eignen— hoͤrt ihr? 246 Das Schickſal dieſer ſinſtern Stunde theilen. Habt ihr verſtanden? Mörder. Wohl! Wir ſind entſchloſſen, Macbeth. Nun, ſo geht auf euren Poſten! Vielleicht ſtoͤßt noch der dritte Mann zu euch, Daß nichts dem Zufall überlaſſen bleibe! (Die Moͤrder gehen ab.) Beſchloſſen iſt's! Banquo, erwarteſt du, Zum Himmel einzugehn, fliegſt du ihm heut' noch zu! Mein König! Fünfter Auftritt. Macbeth. Lady Macbeth. Lady. Wie, mein Gemahl? Warum ſo viel allein? Was kann es helfen, daß Ihr Eure Traͤume Zur traurigen Geſellſchaft waͤhlt und mit Gedanken ſprecht, die dem, an den ſie denken, Ins nicht'ge Grab hinab gefolgt ſeyn ſollten? Auf Dinge, die nicht mehr zu ändern ſind, Muß auch kein Blick zuruck mehr fallen! Was Belhan iſt, iſt gethan und bleibt's. KWacbeth. Wir haben Die Schlange nur verwundet, nicht getödtet: Sie wird zuheilen und dieſelbe ſeyn 3 247 Aufs Neue; unſer machtlos feiger Grimm Wird, nach wie vor, vor ihrem Zahn erzittern. Doch ehe ſoll der Dinge feſte Form Sich löſen, ehe mögen beide Welten Zuſammenbrechen, eh' wir unſer Brod Mit Zittern eſſen und uns fernerhin In angſtlich bangen Schreckenstraumen waͤlzen. Weit beſſer war' es, bei den Todten ſeyn, Die wir zur Ruh' geſchickt, uns Platz zu machen, Als fort und fort in ruheloſer Qual Auf dieſer Folterbank der Todesfurcht Zu liegen.— Duncan iſt in ſeinem Grabe; Sanft ſchlaͤft er auf des Lebens Fieberangſt. Verrätherbosheit hat ihr Aeußerſtes An ihm gethan! Nun kann nicht Stahl noch Gift, Nicht Krieg von Außen, nicht Verrätherei Von Innen, nichts den Schläfer mehr berühren! Lady. Kommt, kommt, mein König, mein geliebter Herr, Klärt Eure finſtern Blicke auf! Seyd heiter und hell heut' Abend unter Euren Gaͤſten! Macbeth. Das will ich, liebes Weib! und ſey du's auch und ſpare nicht die glatte Schmeichelrede. Noch heiſcht's die Zeit, daß wir uns unſers Ranges Entäußern, zu unwürdiger Liebkoſung Herunterſteigen, unſer Angeſicht Zur ſchoͤnen Larve unſrer Herzen machen. Lady. 248 Macbeth. O, angefuͤllt mit Skorpionen Iſt meine Seele! Theures Weib, du weißt, Noch lebet Banquo und ſein Sohn! Lady. Doch Keinem gab Natur das Vorrecht der Unſterblichkeit. Macbeth. Das iſt mein Troſt, daß ſie zerſtörbar ſind! Drum gutes Muths! Eh' noch die Fledermaus Den ungeſell'gen Flug beginnt, eh' auf Der bleichen Hekate der Käfer, Im hohlen Baum erzengt, die müde Nacht Mit ſeinem ſchläfrigen Geſums einläutet, Soll eine That von furchtbarer Natur Vollzogen ſeyn. Lady. Was ſoll geſchehn? Macbeth. Sey lieber ſchuldlos durch Unwiſſenheit, Mein trautes Weib, bis du der fert'gen That Zujauchzen kannſt.— Steig' nieder, blinde Nacht, Des Tages zärtlich Auge ſchließe zu! Mit deiner unſichtbaren blut'gen Hand Durchſtreiche, reiß' in Stücken dieſen großen Schuldbrief, der auf mir laſtend mich ſo bleicht! — Schon ſinkt der Abend, und die Krahe fliegt Dem dohlenwimmelnden Gehölze zu! Einnicken alle freudige Geſchopfe Des Tags, indeß die ſchwarzen Hausgenoſſen Der traur'gen Nacht auf ihren Raub ausgehen. 249 Du ſtaunſt ob meiner Rede! Doch ſey ruhig! Was blutig anfing mit Verrath und Mord, Das ſetzt ſich nur durch blut'ge Thaten fort! Damit laß dir genügen! Folge mir! (Sie gehen ab.) Unter Baͤumen. Sechster Auftritt. Vrri Mlörder treten auf. Erſter(zum Dritten). Wer aber hieß dich zu uns ſtoßen? Dritter. Macbeth. Erſter(zum Zweiten). Wie? Sind wir Beide ihm nicht Manns genug, Daß er, beſorgt, uns den Gehülfen ſendet? Was meint Ihr? Duͤrfen wir ihm traun? Zweiter. Wir könnens dreiſt. Die Zeichen treffen zu, Es iſt der Mann, von dem der Köͤnig ſprach. Crſter. So ſteh' zu uns. Am abendlichen Himmel Verglimmt der letzte bleiche Tagesſchein. Der Wandrer, der ſich auf dem Weg verſpätet. Strengt ſeiner Schritte letzte Kraft noch an, Die Nachtherberge zeitig zu erreichen, und Der, auf den wir lauern, nähert ſich. 250 Zweiter. Still! Horch! Ich hoͤre Pferde. VBauqus(hinter der Scene). Licht! He da! Erſter. Das iſt er! Denn die Andern, die beim Gaſtmahl Erwartet wurden, ſind ſchon alle da. Zweiter. Die Pferde machen einen Umweg. Erſter. Wohl eine Viertelmeile. Aber er Pflegt, ſo wie Jedermann, den Weg zum Schloß Durch dies Gehölz zu Fuß zurück zu legen, Weil es hier näher iſt und angenehmer. Siebenter Auftritt. Vorige. Panqus und Fleanre mit einer Fackel. Zweiter Mörder. Ein Licht! Ein Licht! Dritter. Er iſt es. Erſter Mürder. Macht euch fertig! Bangqus(vorwaͤrts kommend). Es wird heut' Nacht gewittern. ZBweiter Mörder. Es ſchlägt ein. (Sie ſallen uͤber ihn her.) Banguo(indem er ſich wehrt). Verraͤtherei! Flieh'! Flieh', mein Sohn! Flieh'! flieh'! Du kannſt mein Rächer ſeyn!— O Böſewicht! (Er ſinkt toͤdtlich getroffen nieder. Fleance wirſt die Fackel weg; erſter Moͤrder tritt darauf und loͤſcht ſie aus; jener entflieht.) Dritter Mörder. Wer löſcht das Licht?— Erſter Mörder. War es nicht wohl gethan? Zweiter Mörder. Es liegt nur Einer! Der Sohn entſprang. Erſter Mäörder. Verdammt! Wir haben Die beſte Hälfte unſers Werks verloren. Dritter Mörder. Gut! Laßt uns gehn und melden, was gethan iſt! (Sie gehen ab.) Feſtlicher Saal, erleuchtet. Eine mit Speiſen beſgte Tafel im Hintergrunde. Achter Auftritt. Macbeth. Lady Marbeth. Roſſe. Lenor. Augus E und ſechs andere Lords. Macbeth. Ihr kennet euren Rang. Setzt euch, ihr Herren. Vom Erſten bis zum Unterſten willkommen! Roſſe. Augus. Lenor. Wir danken Eurer Majeſtaͤt. Macbeth. Wir ſelber wollen uns bald hier, bald dort In die Geſellſchaft miſchen und das Amt Des aufwartſamen Hauswirths übernehmen: Denn unſre Wirthin, ſeh' ich, iſt zu läſſig In ihrer Pflicht. Wir wollen ſie erſuchen, Geſchaͤftiger zu ſeyn um ihre Gaͤſte. (Alle ſetzen ſich außer Macbeth.) Lady. Thut Das, mein Koͤnig, und erinnert mich, Wofern ich was in meiner Pflicht verſäumte. Mein Herz zum Wenigſten bewillkommt Alle. (Der erſie Moͤrder kommt an die Thuͤre.) Macbeth. Wie ihre Herzen dir entgegen wallen! Gut! Beide Seiten, ſeh' ich, ſind beſetzt, So will ich dort mich in die Mitte ſetzen. Nun, überlaßt euch ganz der Fröhlichkeit; Bald ſoll der Becher um die Tafel kreiſen. (Zu dem Moͤrder an der Thuͤre.) Auf deinem Kleid iſt Blut. Erſter Märder. So iſt es Banquos. Macbeth. Liegt er am Boden? Erſter Mörder. Herr! Die Kehl' iſt ihm Zerſchnitten! Dieſen Dienſt erwies ich ihm. Macbeth. Du biſt der erſte aller Kehlabſchneider! Doch gleiches Lob verdient, wer ſeinem Sohn Denſelben Dienſt gethan! Biſt du Der auch, So ſuchſt du deines Gleichen. Erſter Mörder. Gnäd'ger Herr! Fleance iſt entwiſcht! Macbeth. So kommt mein Fieber Zurück! Sonſt war ich ganz geſund, vollkommen Geneſen, feſt wie Marmor, wie ein Fels Gegründet, wie das freie Element, Das uns umgibt, unendlich, allverbreitet. Jetzt bin ich wieder eingeengt, gebunden Und meinen alten Schreckniſſen aufs Neu' Zum Raub dahingegeben.— Aber Banauo iſt Doch ſicher— 2 Erſter Mörder.. Herr! Er liegt in einem Graben, Mit zwanzig Hieben in dem Kopf, der kleinſte Schon eine Todeswunde.— Macbeth. Dank für Das! Dort liegt ſie alſo, die erwachsſhe Schlange! Der Wurm, der floh, hat das Vermoͤgen, einſt Gift zu erzeugen, doch fürz jetzt noch keine Zaͤhne! Gut! Morgen wo zollen wir's noch einmal hoͤren! (Moͤrder geht gb.) Lady. Mein König! Ihr verkürzet Eure Gäſte, 4 254 Das reichſte Mahl iſt freudenleer, wenn nicht Des Wirthes Zuſpruch und Geſchäftigkeit Den Gaͤſten zeigt, daß ſie willkommen ſind. Satt eſſen kann ſich Jeglicher zu Hauſe; Geſelliges Vergnügen, munteres Geſprach muß einem Feſtmahl Wurze geben. (Vanquos Geiſt ſteigt empor und ſetzt ſich zwiſchen Roſſe And Lenox an den Platz, der für Macbeth in der Mitte des Tiſches leer gelaſſen iſt.) Macbeth. Willkommene Erinnerung— (Zu den Lords.) Nun! Wohl Bekomm' es meinen vielgeliebten Gäſten! 4 3 Roſſe. Gefällt es meinem Köͤnig, Platz zu nehmen? Macbeth. Hier wären alle unſre Edeln nun, Die Zierden unſers Königreichs, beiſammen, Wenn unſers Banguo ſchätzbare Perſon Zugegen wäre.— Mö öcht' ich ihn doch lieber Der Ungefälligkeit zu zeihen haben, Als eines Unfalls wegen zu beklagen! 8* Sein Nichterſcheinen, Sire, ſhimpft ſein Verſprechen. Gefällt es meinem Koͤnige, die Tafel Mit ſeiner hohen Gegenwart zu zeren? Macbeth (mit Entſetzen indem er den Geiſt erblickt). Die Tafel iſt voll! Lenor (ganz gleichguͤltig auf den Geiſt deutend). Hier, Sire, iſt noch ein aufbehaltner Platz! Macbeth. Wo? Roſſe(ſo wie Lenox). Hier, mein König! Was ſetzt Eure Hoheit So in Bewegung? Macbeth(ſchauervoll). Gelbcn⸗ Wer von euch hat Das ethan? Uoſſe und Lenor. Was denn, mein königlicher Herr? Macbeth Gzum Geiſte). Du kannſt nicht ſagen, ich war's! Schuͤttle Die blut'gen Locken nicht ſo gegen mich! Roſſe. Steht auf, ihr Herrn, dem Koͤnig iſt nicht wohl. Lady. Bleibt ſitzen, meine Lords. Der Koͤnig iſt Oft ſo und iſt's von Jugend auf geweſen: Ich bitt' euch drum, behaltet eure Plätze. Der Anſtoß wahrt nur einen Augenblick! In zwei Minuten iſt er wieder beſſer. Wenn ihr ſo ſcharf ihn anſeht, bringt ihr ihn Nur auf und macht ſein Uebel länger dauern. Eßt fort und gebt nicht Acht auf ihn! (Heimlich zu Macbeth.) Seyd Ihr ein Mann, Sire? Macbeth„unme ſtarr auf das Geſpenſt ſehend). Ja, und ein beherzter „* 256 Dazu, der Muth hat, etwas anzuſchauen, Wovor der Teufel ſelbſt erblaſſen würde! Lady. O, ſchön! Vortrefflich! Das ſind wieder Die Malereien deiner Furcht! Das iſt Der in der Luft gezückte Dolch, der, wie Du ſagteſt, dich zu Duncan hingeleitet! Wahrhaftig, dieſes Schaudern, dies Entſetzen, So ganz um nichts um gar nichts paßte gut Zu einem Ammenmährchen, am Kamin Erzaͤhlt, wofuͤr Großmutter Bürge wird. O, ſchäme dich! Was zerrſt du für Geſichter? Am Ende ſiehſt du doch nicht weniger, Noch mehr, als einen Stuhl. Macbeth. 3 Ich bitte dich! Schau' dorthin! dorthin ſchaue! Nun! was ſagſt du? (Zum Geiſt.) Wie! Was ſicht's mich an? Wenn du nicken kannſt, So red' auch.— Schickt das Beinhaus und die Gruft Uns die Begrabenen zurück, ſo ſoll Der Bauch der Geier unſer Grabmal werden. (Der Geiſt verſchwindet.) Lady. Iſt's möglich, Sire! ſo ganz unmännlich thoͤricht? Macbeth. So wahr ich vor Euch ſteh'! Er war's. Ich ſah ihn. Lady. O, ſchämet Euch! Macbeth. Es iſt von jeher Blut Vergoſſen worden, ſchon in alten Zeiten, Eh' menſchliche Geſetze noch die friedliche Gemeinheit ſäuberten.— Ja, auch hernach Geſchahen Morde gnug, zu gräßlich ſchon Dem Ohre. Sonſt, wenn Einem das Gehirn Heraus war, ſtarb der Mann, und ſo war's aus. Jetzt ſtéigen ſie mit zwanzig Todeswunden An ihrem Kopfe wieder aus dem Grab Und treiben uns von unſern Stühlen.— Das Iſt noch weit ſeltſamer, als ſolch ein Mord. Lady. Sire! Eure Gäſte warten— Macbeth. Ich vergaß mich! Kehrt euch an mich nicht, meine werthen Freunde, Ich bin mit einer wunderlichen Schwachheit Behaftet; wer mich kennt, gewöhnt ſich dran. Kommt! kommt! Auf eure Freundſchaft und Geſundheit! Hernach will ich mich ſetzen! Gebt mir Wein! Voll eingeſchenkt! Ich trinke auf das Wohlſeyn Der ganzen gegenwärtigen Verſammlung Und unſers theuren Freundes Banquo auch, Den wir vermiſſen.— Waͤr' er doch zugegen! Auf ſein und euer Aller Wohlergehn! (Der Geiſt ſteht wieder da.) Roſſe. Lenor. ngus. Wir danken unterthänigſt. Macbeth. (den Geiſt erblickend und heftig auffahrend.) Hinweg aus meinem Angeſicht! Laß dich Die Gruft verbergen! Dein Gebein iſt marklos! Schillers ſaͤmmtl. Werke. VI. 17 258 Dein Blut iſt kalt; du haſt nicht Kraft zu ſehn In dieſem Aug', mit dem du mich anſtarreſt! Lady. Verwundert euch nicht, meine edeln Thans, Nehmt es für etwas ganz Gewöhnliches. Es iſt nichts weiter, glaubt mir! Schade nur, Daß es die Freude dieſes Abends ſtört! Macbeth. 8 Was Einer wagt, Das wag' ich auch— Komm du In der Geſtalt des rauhen Eisbars auf mich an, Des lib'ſchen Tigers, des geharniſchten Rhinoceros, in welcher andern Schreckens⸗ Geſtalt du immer willſt, nur nicht in dieſer, Und meine feſten Nerven ſollen nicht Erbeben— Oder lebe wieder auf und fordre mich aufs Schwert in eine Wüſte. Wenn ich mich zitternd weigere, dann ſchilt Mich eine weib'ſche Memme! Weg! Hinweg! Furchtbarer Schatten! Weſenloſes Schreckbild! (Der Geiſt verſchwindet.) Ja— nun— Sobald du fort biſt, bin ich wieder Ein Mann. (Zu den Gaͤſten, welche aufſtehen wollen.) Ich bitt' euch, Freunde, bleibet ſitzen! Lady. Ihr habt durch dieſen fieberhaften Anſtoß Den Schrecken unter Eure edeln Gaſte Gebracht und alle Frohlichkeit verbannt. Maecbeth. Ich bitte dich! Kann man denn ſolche Dinge Wie eine Sommerwolke vor ſich weg —— — — 259 Ziehn laſſen, ohne außer ſich zu ſeyn? Du machſt mich irr' an meinem eignen Selbſt, Seh' ich, daß du dergleichen Furchterſcheinungen Anſchaun und den natuͤrlichen Rubin Auf deinen Wangen kannſt behalten, wenn Die meinen das Entſetzen bleicht. Roſſe. Was für Erſcheinungen, mein König? Lady. Redet nicht, Ich bitt' euch! Es wird ſchlimmer ſtets und ſchlimmer. Viel Fragen bringt ihn vollends ganz von Sinnen. Gut' Nacht auf Einmal Allen! Wartet nicht Erſt auf Befehl zum Aufbruch! Geht zugleich! Roſſe. Angus. Lenor. Wir wünſchen unſerm König gute Nacht Und beſſere Geſundheit! Lady. Allerſeits gut' Nacht! (Die Lords gehen ab, von der Lady begleitet, Neunter Auftritt. Marbeth. Gleich darauf Lady Macbeth. Macbeth. Es fordert Blut! Blut, ſagt man, fordert Blut! Man hat Erfahrungen, daß Steine ſich Gerührt, daß Baume ſelbſt geredet haben! *+ In deſſen Haus ich meinen Horcher nicht Beſolde.— Morgen mit dem Früheſten und That ſeyn muͤſſen, eh' ſie Worte ſind. 260 Wahrſager, die das tiefverborgne Band Der Dinge kennen, haben ſchon durch Kraͤhen Und Dohlen die geheimſte Mörderthat Ans Licht gebracht— Wie weit iſt's in der Nacht? Lady (iſt indeß zuruͤckgekommen). So weit, daß Nacht und Morgen ſchon im Streit Begriffen, wer die Herrſchaft führen ſoll. Macbeth. und Macduff, ſagſt du, weigert ſich zu kommen? Tavy. Haſt du ihn laden laſſen? Macbeth. Nein, ich hoͤrt' es Nur vor der Hand; doch will ich nach ihm ſenden. Es iſt nicht Einer unter dieſen Thans, Such' ich die Zauberſchweſtern auf. Sie müſſen Mir mehr entdecken, denn ich muß nun ſchon Das Aergſte wiſſen auf dem ärgſten Weg. Ich bin ſo tief in Blut hineingeſtiegen, Daß die Gefahr dieſelbe iſt, ich mag Zurucke ſchreiten oder vorwärts gehn. 4 — Seltſame Dinge waͤlzt mein Geiſt bei ſich Herum, die einen raſchen Arm erfordern Lady. Euch mangelt die Erquickung aller Weſen, Der Schlaf. ——— — 261 Macbeth. Ja, komm! Wir wollen auch nun ſchlafen. Mein Fehler iſt nur eines Neulings Furcht, Den die Gewohnheit noch nicht abgehäͤrtet. Wir ſind in Thaten dieſer Art noch Kinder. (Sie gehen ab.) ℳ 8 Vierter Aufzug. Ein freier Dlab. Erſter Auftritt. Roſſe und Jenor. Roſſe. Ich führe Das nur an, Euch auf die Spur Zu bringen. Setzt Euch ſelber nun zuſammen! Der gnadenreiche Duncan ward von Macbeth Betrauert! Freilich wohl: er war ja todt. Und der getreue, biedre Banquo reiste Zu ſpaͤt des Nachts. Wer Luſt hat, kann auch ſagen, Fleance hab' ihn umgebracht, denn Fleance entfloh. Man ſollte eben in ſo ſpäter Nacht nicht reiſen. Wer dachte je, daß dieſer Donalbain— Und Malcolm ſolche Ungeheuer waren, Den zärtlichſten der Vater zu ermorden!— Verdammenswerthe That! Wie ſchmerzte ſie nicht Den frommen Macbeth! Würgt' er nicht ſogleich In heil'ger Wuth die beiden Thäͤter, die Von Wein und Schlummer uberwältigt lagen! War Das nicht brav von ihm? Gewiß, und weiſe Nicht 3 denn wer hätt' es ohne Grimm 4 Anhören können, wenn die Buben es Geleugnet! Alſo, wie geſagt, ſehr klug!— und, ſeyd gewiß, ſollt' er der Soͤhne Duncans Je habhaft werden— welches Gott verhüte! Sie ſollten lernen, was es auf ſich hat, Den Vater morden! Und Das ſollt' auch Fleancel. — Doch ſtill! Um ein'ger freien Worte willen, und weil er von dem Gaſtmahl des Tyrannen Ausblieb, lud Macduff ſeinen Zorn auf ſich. Koͤnnt Ihr mir Nachricht geben, wo er jetzt Sich aufhält? 263 Lenor. Malcolm, Duncans Aelteſter, Dem der Tyrann das Erbreich vorenthäͤlt, Lebt an dem Hof des frommen Eduard, Geehrt, wie einem Könige geziemt, Und der Verbannung Bitterkeit vergeſſend. Dahin iſt nun auch Macduff abgegangen, Englands großmüth'gen König anzuflehn, Daß er den tapfern Seiward uns zum Beiſtand Herſende, der mit Gottes mächt'gem Schutz Die Tyrannei zerſtöre, unſern Naͤchten Schlaf Und unſern Tiſchen Speiſe wieder gebe,— Den mörderiſchen Dolch von unſern Feſten Entferne, uns aufs Neue um den Thron Des angeſtammten Königes verſammle, Damit wir ohne Niederträchtigkeit Zu Chren kommen koönnen— Darnach ſehnen wir Uns jetzt umſonſt.— Die Hat den Tyrannen ſo in Wuth geſetzt, Daß er zum Kriege ſchleunig Anſtalt macht. Nachricht von Dem allen 264 Roſſe. So ſchickte er nach Macduff? Lenor. Ja. Und mit einem runden, kurzen: Sir, Ich komme nicht! ward der Geſandte ab⸗ Gefertigt, der mit einem finſtern Blick Den Rücken wendete, als wollt' er ſagen: Ihr werdet Euch die Stunde reuen laſſen, Da Ihr mit ſolcher Antwort mich entließt. Koſſe. Es ſey ihm eine Warnung, ſich ſo weit Als möglich zu entfernen. Irgend ein Wohlthaͤtiger Cherub fliege vor ihm her Nach England und entfalte ſein Geſuch, NRoch eh' er kommt, damit ein ſchneller Arm Zu Rettung dieſes Landes ſich bewaffne, Dem eine Teufelshand Verderben droht. Lenor. Wo geht Ihr hin? . Koſſe. Ich will nach Fife, ſein Weib Zu tröſten und, vermag ich's, ſie zu ſchüͤtzen. Lebt wohl! (Gehen ab.) 265 Eine große und finſtere Hoͤhle. Ein Keſſel ſteht in der Mitte uͤber dem Feuer. Zweiter Auftritt. Hekate. Jie drei Hexen. Erſte Here.. Was iſt dir, hohe Meiſterin? Zweite und Dritte. 4 Was zuͤrnet unſre Königin? Hekate. Und ſoll ich's nicht, da ihr vermeſſen Und ſchamlos eure Pflicht vergeſſen Und eigenmächtig, unbefragt Mit Macbeth ſolches Spiel gewagt, Mit Räthſeln ihn und Zauberworten Verſucht zu gräuelvollen Morden? Und mich, die Göttin eurer Kraft, Die einzig alles Unheil ſchafft, Mich rieft ihr nicht, euch beizuſtehn Und eurer Kunſt Triumph zu ſehn? Und überdies, was ihr gethan, Geſchah fuͤr einen ſchlechten Mann, Der eitel, ſtolz, wie's Viele gibt, Nur ſeinen Ruhm, nicht euren, liebt! Macht's wieder gut, und den Betrug, Den ihr begannt, vollendet klug! Ich will unſichtbar um euch ſeyn— Und ſelber meine Macht euch leihn. Denn, eh' es noch beginnt zu tagen, Erſcheint er, das Geſchick zu fragen. 266 Drum ſchnell ans Werk mit rüſt'gen Haäͤnden, Ich will euch meine Geiſter ſenden Und ſolche Truggebilde weben Und täuſchende Orakel geben, Daß Macbeth, von dem Blendwerk voll, Verwirrt und tollkuͤhn werden ſoll! Dem Schickſal ſoll er trotzen kühn, Nichts fuͤrchten, ſinnlos Alles wagen, Nach ſeinem eiteln Trugbild jagen. Den Sterblichen, Das wißt ihr lange, Fuͤhrt Sicherheit zum Untergange! (Sie verſinkt hinter dem Keſſel.) Dritter Auftritt. Die drei Heren, um den Keſſel tanzend. Erſte Here. Um den Keſſel ſchlingt den Reihn! Werft die Eingeweid' hinein! Kröte du, die Nacht und Tag Unterm kalten Steine lag, Monatlanges Gift ſog ein, In den Topf zuerſt hinein! Alle Drei. Ruſtig! Rüſtig! Nimmer müde! Feuer, brenne! Keſſel, ſiede! Erſte Here. Schlangen, die der Sumpf genahrt, Kocht und ziſcht auf unſerm Herd! Froſchzehn thun wir auch daran, 267 Fledermaushaar, Hundeszahn, Otterzungen, Stacheligel, Eidechspfoten, Eulenfluͤgel, Zaubers halber, werth der Müh', Sied' und koch' wie Hoͤllenbrüh'! Alle. Rüſtig! Rüſtig! Nimmer müde! Feuer, brenne! Keſſel, ſiede! Erſte Here. Thut auch Drachenſchuppen dran, Hexenmumien, Wolfeszahn, Des gefräß'gen Seehunds Schlund, Schierlingswurz, zur finſtern Stund' Ausgegraben uͤberall! Judenleber, Ziegengall', Eibenzweige, abgeriſſen Bei des Mondes Finſterniſſen, Türkennaſen thut hinein, Tartarlippen, Fingerlein In Geburt erwürgter Knaben, Abgelegt in einem Graben! Miſcht und rührt es, daß der Brei Tuchtig, dick und ſchleimig ſey. Werft auch, dann wird's fertig ſeyn, Ein Gekroͤs vom Tiger drein! Allc. Rüſtig! Ruͤſtig! Nimmer müde! Feuer, brenne! Keſſel, ſiede! Erſte Here. Kuͤhlt's mit eines Sauglings Blut, Dann iſt der Zauber feſt und gut! 268 3 Zweite Here. Geiſter, ſchwarz, weiß, blau und grau, Wie ihr euch auch nennt, Rührt um, rührt um, rührt um, Was ihr rühren könnt! s erſcheinen zwerghafte Geiſter, welche in dem Keſſel ruͤhren.) Dritte Here. end ſagt mein Daumen mir: Etwas Boͤſes naht ſich hier! Nur herein, Wer's mag ſeyn!. Vierter Auftritt. Macbeth. Die drei Heren. Nachher verſchiedene Erſcheinungen. Macbeth. 4 Nun, ihr geheimnißvolle ſchwarze Hexen, Was macht ihr da?. Die drei Heren(uugleich). Ein namenloſes Werk. 1 Macbeth. Bei eurer dunkeln Kunſt beſchwör' ich euch: Antwortet mir, durch welche Mittel ihr's Auch moöͤgt vollbriugen! Müßtet ihr die Winde Entfeſſeln und mit Kirchen kämpfen laſſen; Müßt' auch das ſchäumend aufgeregte Meer Im allgemeinen Sturm die ganze Schifffahrt Verſchlingen, muͤßte finſtrer Hagelregen Die Ernte niederſchlagen, feſte Schloͤſſer Einſtuͤrzen überm Haupte ihrer Hüter, 269 Paläſte, Pyramiden ihren Gipfel Erſchüttert beugen bis zu ihrem Grunde! Ja, müßte gleich der Weltbau druͤber brechen, Antwortet mir auf Das, was ich euch frage.— Erſte Here. 8 Sprich! Zweite Here. * Frage! Dritte Hexe. Dir ſoll Antwort werden. Erſte Here. Sprich! Willſt du ſie aus unſerm Munde lieber, Willſt du von unſern Meiſtern ſie vernehmen? Macbeth. Ruft ſie! Ich will ſie ſehn! Die drei Heren. Groß oder klein, Erſchein'! Erſchein'! Und zeige dich Und deine Pflicht beſcheidentlich! (Donner. Ein bewaſſnetes Haupt erhebt ſich hinter dem Keſſel.) Macbeth. Sag' mir, du unbekannte Macht— Erſte Hexe. Was du denkſt, entgeht ihm nicht. Höre ſchweigend, was er ſpricht! Haupt. Macbeth! Macbeth! Macbeth! Fürchte Macduffs kriegeriſch Haupt! Zittre vor dem Than zu Fife. Laßt mich! Mehr iſt nicht erlaubt.(Steigt hinunter.) 270 Auncbeth. Wer du auch ſeyſt, hab' Dank für dieſe Warnung, Du zeigeſt meiner ungewiſſen Furcht Das Ziel! Nur noch ein Wort— Erſte Here. Er läßt ſich nicht befehlen! 1 Hier iſt ein Andrer, maͤchtiger als Jener! (Donner. Erſcheinung von einem blutigen Kinde.) Kind. Macbeth! Macbeth! Macbeth! Macbeth. Hätt' ich drei Ohren, du erfüllteſt ſie. Kind. Sey keck und kühn und dürſte Blut! Verlache deiner Feinde Wuth! Denn Keiner, den ein Weib gebar, Bringt Macbeth je Gefahr.(Steigt hinunter.) Macbeth. So lebe Macduff immerhin! Was brauch' Ich dich zu fuͤrchten— Aber nein! Ich will Die Sicherheit verdoppeln und ein Pfand Vom Schickſal nehmen— Du ſollſt ſterben, Macduff, Daß ich die Furcht zur Lügnerin kann machen Und ſorglos ſchlafen in des Sturmes Rachen. (Ein gekrüntes Kind mit einem Baumzweig.) Was iſt's, das wie ein königlicher Sprößling Sich dort erhebt, um ſeine Kinderſtirn' Den goldnen Reif der Herrſcherwuüͤrde tragend? Die drei Heren. Höore, aber rede nicht! Schweigend merke, was er ſpricht. 271 Gekröntes Kind. Sey ein Loͤwe! Keinen ſcheue, Wer auch murre, wer die dräue, dee er ſich gegen dich verbunden! Macbeth bleibt unüberwunden, Bis der Birnamwald auf ihn heran Ruͤckt zum Schloſſe Dunſinan. (Steigt hinunter.) Macbeth. Dahin kommt's niemals! Wer kann Baͤume wie Soldaten preſſen, daß ſie ihre tief Verſchlungnen Wurzeln aus der Erd' entfeſſeln Und, die Bewegungsloſen, wandelnd nahn? Gluͤckſelige Orakelſpruͤche! Wohl! Aufruhr, dein Haupt erhebſt du nicht, bis ſich Der Birnamwald erhebt von ſeiner Stelle. Macbeth wird leben bis ans Ziel der Zeit Und keinem Andern ſeinen Hauch bezahlen, Als dem gemeinen Los der Sterblichkeit. Und dennoch pocht mein Herz, nur Eines noch Zu wiſſen. Sagt mir— wenn ſich eure Kunſt So weit erſtreckt— wird Banquos Same je In dieſem Reich regieren? Die drei Heren. Forſche nichts mehr. Macbeth. Ich will befriedigt ſeyn. Verſagt mir Das Uad ſeyd verflucht auf ewig! Laßt mich's wiſſen. Bas ſinkt der Keſſel! Welch' Getöſ' iſt Das? (Hobven.) 272 . Erſte Here. Erſcheint! Zweite Here. Erſcheint! Dritte Hexre. Erſcheint! Alle Drei. Erſcheint und macht ſein Herz nicht froh! Wie Schatten kommt und ſchwindet ſo. (Acht Koͤnige erſcheinen nach einander und gehen mit langſamem Schritt an Macbeth vorbei. Banquo iſt der letzte und hat einen Spiegel in der Hand.) Macbeth (indem die Erſcheinungen an ihm voruͤber gehen). Du gleicheſt zu ſehr dem Geiſt des Banquo! Fort! Hinab mit dir! Die Kron' auf deinem Haupt Verwundet meine Augen!— Deine Miene, Du zweite goldumzogne Stirne, gleicht Der erſten— Fort! Ein Dritter, voͤllig wie Der Vorige!— Verfluchte! Warum zeiget ihr mir Das? Ein Vierter— O, erſtarret, meine Augen! Was? Will Das währen bis zum jüngſten Tag? Noch Einer— Was? Ein Siebenter! Ich will nicht weiter hinſehn— Aber, ſieh'! Da kommt der Achte noch mit einem Spiegel, Worin er mir noch viele Andre zeigt! Was ſeh' ich? Wie? Die Kronen, die Reichsaͤpfel Verdoppeln ſich, die Scepter werden dreifach! c. Abſcheuliches Geſicht! Ja, nun iſt's wahr! Ich ſeh' es, denn der blut'ge Banquo grinzt Mich an und zeigt auf ſie, wie auf die Seinen. — Was? Iſt es nicht ſo? 273 Erſte Here. Alles iſt ſo; doch warum Steht der Koͤnig ſtarr und ſtumm? Seine Seele zu erfreuen, Schweſtern, ſchlingt den Feenreihen! Kommt! Von unſern ſchönſten Feſten Gebt ihm einen Tanz zum Beſten! Luft, du ſollſt bezaubert klingen, Wenn wir unſre Kreiſe ſchlingen, Daß der große Koͤnig ſoll geſtehen, Ehre ſey ihm hier geſchehen. (Sie machen einen Tanz und verſchwinden.) Macbeth Wo ſind ſie? Weg! Verflucht auf Ewig ſtehe Die Unglücksſtunde im Kalender— Komm Herein, du draußen! Fünfter Auftritt. Marbeth. Fenor. Lenor. Was befiehlt mein Koͤnig? Macbeth. Sahſt du die Zauberſchweſtern? Lenor. Nein, mein Koͤnig. Macbeth.. Sie kamen nicht bei dir vorbei? Cenor. Nein, wirklich nicht. Schiuers ſammtl. Werke. VI. 18 274 Macbeth. Verpeſtet ſey die Luft, auf der ſie reiten! Verdammt ſey, wer den Lügnerinnen traut! Ich hörte Pferdgalopp. Wer kam vorbei? Lenor.— Zwei oder Drei, die Euch die Nachricht hringen, Daß Macduff ſich nach Engelland gefluchtet. . Macbeth. Nach Engelland geflüchtet? Lenor. Ja, mein Koͤnig! Macbeth. O Zeit, du greifſt in meinen furchtbarn Plan! Der flücht'ge Vorſatz iſt nicht einzuholen, Es gehe denn die raſche That gleich mit. Von nun an ſey der Erſtling meines Herzens Auch gleich der Erſtling meiner Hand— Und jetzt, Gleich jetzt das Wort durch That zu kroͤnen, ſey's Gedacht, gethan. Ich überfalle Macduffs Schloß, Erobre Fife im Sturme— Mutter, Kinder, alle Verlorne Seelen ſeines Unglücksſtamms Erwürgt mein Schwert! Das iſt kein eitles Prahlen! Eh' der Entſchluß noch kalt iſt, ſey's gethan! Doch keine Geiſter mehr! Wo ſind die Männer? Führe mich zu ihnen. (Gehen ab.) ——— 275 Die Scene iſt in einem Garten. Sechster Auftritt. Malcolm und Maeduff. . Malcolm. Komm! Laß uns irgend einen öden Schatten Aufſuchen, unſern Kummer auszuweinen. Macduff. Laß uns vielmehr das Todesſchwert feſthalten Und über unſerm hingeſtürzten Rechte Als wackre Männer kämpfend ſtehn! Mit jedem neuen Morgen heulen neu Verlaſſ'ne Wittwen, heulen neue Waiſen, Schlägt neuer Jammer an den Himmel an, Der klagend widertönt und bange Stimmen Des Schmerzens von ſich gibt, als ob er ſelbſt Mit Schottland litte. Malcolm. Was ich glaube, will ich Beweinen. Was ich weiß, Das will ich glauben, Und, was ich ändern kann, Das will ich thun, Wenn ich die Zeit zum Freunde haben werde. Es mag ſich ſo verhalten, wie du ſprichſt. — Dies Ungeheuer, deſſen bloßer Name Die Zungen lähmt, hieß einſt ein Biedermann. Du liebteſt ihn, und noch hat er dich nicht Beleidigt— Ich bin jung— doch könnteſt du Durch mich dir ein Verdienſt um ihn erwerben, Und weislich gibt man ein unſchuldig Lamm Dem Meſſer hin, um einen zürnenden Gott zu verſöhnen. 276 Macduff. Ich bin kein Verräͤther. Malcolm. Doch Macbeth iſt's— Und das Gebot des Herrſchers Kann auch den Beſten in Verſuchung führen! Vergib mir, Macduff, meinen Zweifelſinn. Du bleibſt Derſelbe, der du biſt. Mein Denken Macht dich zu keinem Andern. Engel glänzen Noch immer, ob die glänzendſten auch fielen. Wenn alle böſe Dinge die Geſtalt Des Guten borgten, dennoch muß das Gute Stets dieſe nämliche Geſtalt behalten. Macduff. Ich habe meine Hoffnungen verloren. Malcolm. Da eben fand ich meine Zweifel— Wie? Du haͤtteſt deine Gattin, deine Kinder, Die heilig theuren Pfänder der Natur, So ſchnell im Stich gelaſſen ohne Abſchied? Vergib mir! Meine Vorſicht ſoll dich nicht Beleidigen, nur ſicher ſtellen ſoll Sie mich— du bleibſt ein ehrenwerther Mann, Mag ich auch von dir denken, was ich will. Macduff. So blute, blute, armes Vaterland! Du, kecke Tyrannei, begründe feſt Und feſter deinen angemaßten Thron! Dich wagt Gerechtigkeit nicht zu erſchüttern. Du, Prinz, gehab' dich wohl!— Um alles Land, Das der Tyrann in ſeinen Klauen halt, 4 Und um den reichen Oſt dazu möcht' ich Der Schäͤndliche nicht ſeyn, für welchen du Mich anſiehſt. Malcolm. Zuͤrne nicht. Mein Zweifel iſt Nicht eben Mißtraun. Unſer Vaterland Erliegt, ich denk' es, dem Tyrannenjoch; Es weint, es blutet; jeder neue Tag, Ich will es glauben, ſchlägt ihm neue Wunden. Auch zweifl' ich nicht, es würden Hände gnug Sich für mein Recht erheben, zeigt' ich mich. Und hier gleich bietet Englands Edelmuth Mir deren viele Tauſend an!— Jedoch, geſetzt, Ich traͤte ſiegend auf des Wüthrichs Haupt, Ich trüg's auf meinem Schwert— das arme Schottland Wird dann nur deſto ſchlimmer ſich befinden Und unter Dem, der nach ihm kommen wird, Der Leiden mehr und härtere erdulden. Macduff. Wer waäre Das? Malcolm. Mich ſelber mein' ich— mich, Dem aller Laſter mannigfache Keime So eingepfropft ſind, daß, wenn die Gewalt Sie nun entfaltet, dieſer ſchwarze Macbeth Schneeweiß daſtehen und der Wütherich, Mit mir verglichen, als ein mildes Lamm Erſcheinen wird! Macduff. Aus allen Höllenſchlünden ſteigt Kein teufliſcherer Teufel auf, als Macbeth. 278 Malcolm. Er iſt blutgierig, grauſam, ich geſteh's, Wollüſtig, geizig, falſch, veränderlich, Betrügeriſch: ihn ſchaͤndet jedes Laſter, Das einen Namen hat!— Doch meine Wolluſt Kennt keinen Zügel, keine Saͤttigung. Nicht Unſchuld, nicht der klöſterliche Schleier, Nichts Heiliges iſt meiner wilden Gier, Die trotzig alle Schranken uberſpringt. Nein, beſſer Macbeth herrſchet, denn ein Solcher! Macduff.— Unmaäͤßigkeit iſt auch wohl Tyrannei, Hat manchen Thron früͤhzeitig leer gemacht Und viele Könige zum Fall gefuhrt. Doch fürchte darum nicht, nach Dem zu greiſen, Was dein gehört.— Ein weites Feld eröffnet Die hoͤchſte Würde deiner Lüſternheit. Du kannſt erhabne Herrſcherpflichten üben, Ein Gott ſeyn vor der Welt, wenn dein Palaſt Um deine Menſchlichkeiten weiß. Malcolm. 4 Und dann Keimt unter meiner andern Laſter Zahl Auch ſolch ein Geiz und eine Habſucht auf, Daß, wär' ich unumſchraͤnkter Herr, ich würgte Um ihrer Länder willen meine Edeln; Den tödtete ſein Haus und Den ſein Gold, und kein Beſitzthum machte je mich ſatt. Mein Reichthum ſelbſt wär' eine Würze nur, Des Habens Hunger heftiger zu ſtacheln, 279 Und Streit erregt' ich allen Redlichen, Um mir das Ihre ſträflich zuzueignen. Macduff. Dies Laſter gräͤbt ſich tiefer ein und ſchläͤgt Verderblichere Wurzeln, als die leicht Entflammte Luſt, die ſchnell ſich wieder kühlt. Geiz war das Schwert, das unſre Könige Erſchlagen. Dennoch furchte du dich nicht! Schottland iſt nicht reich genug für deine wildeſten Begierden. Das iſt alles zu ertragen, Wenn es durch andre edle Tugenden Verguͤtet wird. Malcolm. Doch die beſitz' ich nicht. Von allen jenen königlichen Trieben, Gerechtigkeit, Wahrheit, Enthaltſamkeit, Geduld und Demuth, Güte, Frömmigkeit, Herzhaftigkeit und Großmuth iſt kein Funke In mir— Dagegen überfließt mein Herz Von allen Laſtern, die zuſammen ſtreiten. Ja, ſtaͤnd's in meiner Macht, ich ſchüttete Die ſuße Milch der Eintracht in die Hölle, Und allen Frieden bannt' ich aus der Welt. Macduff. O Schottland! Schottland! Malcolm. Iſt ein Solcher faͤhig Zu herrſchen? Sprich! Ich bin ſo, wie ich ſagte. Macduff. Zu herrſchen? Nein, nicht würdig, daß er lebe! — O armes Vaterland, mit blut'gem Scepter 280 Von einem Räuber unterdrückt, wann wirſt Du deine heitern Tage wieder ſehen, Da der gerechte Erbe deines Throns Sich ſelbſt das Urtheil der Verwerfung ſpricht Und läſtert ſeines Lebens reinen Quell. — Dein Vater war der beſte, heiligſte Der Koͤnige, und ſie, die dich gebar, Weit öfter auf den Knien als im Glanz; Sie ſtarb an jedem Tage, den ſie lebte. Gehab' dich wohl, Prinz! Eben dieſe Laſter, Die du dir beilegſt, haben mich aus Schottland Verbannt— O Herz, hier endet deine Hoffnung! Malcolm. Macduff! Dies edle Ungeſtüm, das Kind Der Wahrheit, hat den Argwohn ausgeloͤſcht Aus meiner Seele und verſöhnt mein Herz Mit deiner Ehr' und Biederherzigkeit! Schon oft hat dieſer teufeliſche Macbeth Auf ſolchem Wege Netze mir geſtellt, Und nur beſcheidene Bedenklichkeit Verwahrte mich vor übereiltem Glauben. Doch, Gott ſey Zeuge zwiſchen mir und dir! Von nun an geb' ich mich in deine Hand und widerrufe, was ich faͤſchlich ſprach. Ab ſchwör' ich die Beſchuldigungen alle, Die ich verſtellter Weiſe auf mich ſelbſt Gehäuft: mein Herz weiß nichts von jenen Laſtern. Rein hab' ich meine Unſchuld mir bewahrt; Nie maßt' ich fremdes Gut mir an, ja, kaum Ließ ich des eignen Gutes mich gelüſten. Nie ſchwor ich falſch: nicht theurer iſt das Leben 281 Mir, als die Wahrheit; meine erſte Lüge War, was ich jetzo gegen mich geſprochen. Was ich in That und Wahrheit bin, iſt dein Und meinem armen Land!— Noch eh' du kamſt, Iſt ſchon der alte Seiward, wohlgerüſtet, Mit einem Heer nach Schottland aufgebrochen, Wir folgen ihm ſogleich, und möge nun Der Sieg an die Gerechtigkeit ſich heften! — Warum ſo ſtille? Macduff. So Willkommenes Und Schmerzliches läßt ſich nicht leicht vereinen. Malcolm. Gut! Nachher mehr davon! Sieh', wer da kommt! Siebenter Auftritt. Bie Vorigen. Koſſe. Macduff. Ein Landsmann, ob ich gleich ihn noch nicht kenne. Malcolm. Willkommen, werther Vetter! Macduff. Jetzt erkenn' ich ihn. Entferne bald ein guter Engel, was Uns fremd macht fuͤr einander! Roſſe.. Amen, Sir! Maecduff. Steht es um Schottland noch wie vor? 282 * Roſſe. Ach, armes Land! Es ſchaudert vor ſich ſelbſt zuruͤck. Nicht unſer Geburtsland, unſer Grab nur kann man's nennen, Wo Niemand lächelt, als das Wiegenkind, Wo Seußzer, Klagen und Geſchrei die Luft Zerreißt, und ohne daß man darauf achtet, Wo Niemand bei der Sterbeglocke Klang Mehr fragen mag: Wem gilt es? wo das Leben Rechtſchaffner Leute ſchneller hin iſt, als Der Strauß auf ihren Hüten; wo man ſtirbt, Eh' man erkrankt— Macduff. O ſchreckliche Beſchreibung, Und doch nur allzuwahr! Malcolm. Was iſt denn jetzt Die neueſte Beſchwerde? Roſſe. Wer das Unglück Der vor'gen Stunde meldet, ſagt was Altes: Jedweder Augenblick gebiert ein neues. Macduff. Wie ſteht es um mein Weib? Noſſe. Wie? O ganz wohl! Macduff. Und meine Kinder— 5 Roſſe. Auch wohl. 283 Macduff. Der Tyrann Hat ihre Ruh' nicht angefochten? Uoſſe. Nein! In Ruhe waren Alle, da ich ging. Macduff. Seyd nicht ſo wortkarg. Sagt mir, wie es geht. Roſſe. Als ich mich eben auf den Weg gemacht, Um Euch die Zeitungen zu überbringen, Womit ich ſchwer beladen bin, ging ein Gerücht, Verſchiedne brave Leute ſeyen kürzlich Ermordet— was mir deſto glaublicher Erſchien, da ich die Voͤlker des Tyrannen Ausruͤcken ſah. Nun iſt's die höchſte Zeit! Schon Euer bloßer Anblick würde Krieger Erſchaffen, Weiber ſelbſt zum Fechten treiben: So muͤd' iſt Schgttland ſeiner langen Noth. Malcolm. Laß es ſein Troſt ſeyn, daß wir ſchleunig nahn. Großmuthig leiht uns England zehentauſend Streitfert'ge Männer, die der tapfre Seiward Anfuͤhrt, der brayſte Held der Chriſtenheit. Roſſe. Daß ich dies Troſteswort mit einem gleichen Erwidern könnte! Doch ich habe Dinge Zu ſagen, die man lieber in die öde Luſt Hinjammerte, wo ſich kein Ohr empfinge. 284 Racduff. Wen treffen ſie? das Ganze? Oder iſt's Ein eigner Schmerz für eine einz'ge Bruſt? 5. Roſſe. Es iſt kein redlich Herz, das ihn nicht theilt, Obsleich das Ganze— nur für dich gehoͤrt. Macduff. Wenn es für mich iſt, ſo enthalte mir's Richt länger vor! Geſchwinde laß mich's haben! 3 Roſſe. Sey meiner Stimme nicht auf ewig gram, Wenn ſie dir jetzt den allerbangſten Schall Angibt, der je dein Ohr durchdrungen. 4 Macduff. 3 Ha! Ich ahn' es. Noſſe. „Deine Burg iſt überfallen, Dein Weib und Kinder grauſam hingemordet! Die Art zu melden, wie's geſchah, Das hieße Auf ihren Tod auch noch den deinen häufen. Malcolm. Barmherz'ger Gott! Wie, Mann? Drück' deinen Hut Nicht ſo ins Aug'. Gib deinen Schmerzen Worte. Harm, der nicht ſpricht, erſtickt das volle Herz Und macht es brechen. Muecduff. Meine Kinder auch? 8 Roſſe. Weib, Kinder, Knechte, was zu finden war. 285 Macduff. Und ich muß fern ſeyn!— Auch mein Weib getödtet? Roſſe. Ich ſagt' es. Malcolm. Faſſe dich! Aus unſrer blut'gen Rache Laß uns für dieſen Todesſchmerz Arznei Bereiten. Macduff. Er hat keine Kinder!— Alle! Was? Meine zarten kleinen Engel alle! O hölliſcher Geier! Alle!— Mutter, Kinder Mit einem einz'gen Tigersgriff! 4 Malcolm. Kaͤmpf' deinem Schmerz entgegen, wie ein Mann! Macduff. Ich will's, wenn ich als Mann ihn erſt gefühlt. Ich kann nicht daran denken, daß Das lebte, Was mir das Theuerſte auf Erden war! Und konnteſt du Das anſehn, Gott, und kein Erbarmen haben!— Sündenvoller Macduff! Um deinetwillen wurden ſie erſchlagen! Nichtswuͤrdiger, für deine Miſſethat, Nicht fuͤr die ihre, büßten ihre Seelen! Geb' ihnen Gott nun ſeines Himmels Frieden! Malcolm. Laß Das den Wetzſtein deines Schwertes ſeyn, Laß deinen Kummer ſich in Wuth verwandeln! Erweiche nicht dein Herz, entzünd' es! Macduff. 286 Ich könnte weinen, wie ein Weib, und mit Der Zunge toben— Aber ſchneide du, Gerechter Himmel, allen Aufſchub ab! Stirn' gegen Stirn' bring' dieſen Teufel Schottlands Und mich zuſammen— Nur auf Schwerteslänge Bring' ihn mir nahe, und, entkommt er, dann Magſt du ihm auch vergeben! Malcolm. Das klingt männlich! Kommt! Gehen wir zum König. Alles iſt Bereit, wir brauchen Abſchied bloß zu nehmen. Macbeth iſt reif zum Schneiden, und die Maͤchte Dort oben ſetzen ſchon die Sichel an. Kommt, ſtärket euch zum Marſch und zum Gefechte! Die Nacht iſt lang, die niemals tagen kann. (Sie gehen ab.) Fünkter Autzug. Ein Zimmer. Es iſt Nacht. Erſter Auftritt. Arzt. Kammerfrau. Gleich darauf Jady Macbeth. Arzt. Zwei Naͤchte hab' ich nun mit Euch durchwacht Und nichts entdeckt, was Eure ſeltſame Erzahlung Beſtaͤtigte. Wann war es, daß die Lady Zum Letztenmal nachtwandelte? Kammerfrau. Seitdem der König Zu Feld gezogen, hab' ich ſie geſehn, Daß ſie von ihrem Bette ſich erhob, Den Schlafrock überwarf, ihr Cabinet Aufſchloß, Papier herausnahm, darauf ſchrieb, Es las, zuſammenlegte, ſiegelte, Dann wiederum zu Bett ging— und Das alles Im tiefſten Schlafe. Arzt. Eine große Stoͤrung In der Natur, zu gleicher Zeit die Wohlthat Des Schlafs genießen und Geſchäfte Des Wachens thun! Doch, außer dem Herumgehn, Und was ſie ſonſt noch vornahm, habt Ihr ſie In dieſem Zuſtand etwas reden hören? Kammerfrau. Nichts, was ich weiter ſagen möchte, Sir! Arzt. Mir duͤrft ihr's ſagen, und ich muß es wiſſen. Kammerfrau. Nicht Euch, noch irgend einem lebenden Geſchöpf werd' ich entdecken, was ich weiß, Da Niemand iſt, der mir zum Zeugen diente! — Seht, ſeht, da kommt ſie! So pflegt ſie zu gehn Und in dem tiefſten Schlaf, ſo wahr ich lebe! Gebt Acht auf ſie, doch machet kein Geräuſch! (Lady Macbeth kommt mit einem Lichte.) Arzt. Wie kam ſie aber zu dem Licht? Kammerfrau. Es ſtand An ihrem Bette. Sie hat immer Licht. Auf ihrem Nachttiſch. Das iſt ihr Befehl. Arzt. Ihr ſeht, ſie hat die Augen völlig offen. Kummerfrau. Ja, aber die Empfindung iſt verſchloſſen! Arzt. Was macht ſie jetzt? Seht, wie ſie ſich die Hande reibt! Kammerfrau. Das bin ich ſchon von ihr gewohnt, daß ſie So thut, als ob ſie ſich die Hande wuſche. Damit ich nichts vergeſſe. Sehr dunkel— Pfui doch! Laßt es auch ruchbar werden! Iſt doch Niemand So maäͤchtig, uns zur Rechenſchaft zu ziehen! Wer dacht' es aber, daß der alte Mann Noch ſo viel Blut in Adern haͤtte! Sie nun? Was? Wollen d Sie ſprach etwas, das ſie Sie wiſſen mag! Schillers ſammtl. Werke. VI. Ich hab' ſie wohl zu ganzen Viertelſtunden An Einem fort nichts Anderes thun ſehn. Lady. Hier iſt doch noch ein Flecken. Ich will mir Alles merken, was ſie ſagt, Lady. Weg, du verdammter Flecken! Weg, ſag' ich! Eins! Zwei!— Nun, ſo iſt's hohe Zeit!— Die Hölle iſt Lady. Der Than von Fife hatt' eine Frau— wo iſt Rein werden? Nichts mehr, mein Gemahl!— O, nicht doch! nicht doch! Ihr verderbet Alles Mit dieſem ſtarren Hinſehn! Ihr wißt etwas, das Ihr nicht wiſſen ſolltet. Kammerfrau. Das iſt kein Zweiſel. Weiß der Himmel, was 289 Arzt. Still! Sie redet! Ein Soldat und feige! Arzt. Hört Ihr? ieſe Hände nimmer Arzt. Gehet! geht! nicht ſprechen ſollte, 290 Lady. Das riecht noch immer fort Nach Blut!— Arabiens Wohlgeruͤche alle Verſußen dieſe kleine Hand nicht mehr. Oh! oh! Arzt. Hört! hört! Was für ein Seufzer war Des! O, ſie hat etwas Schweres auf dem Herzen! Kammerfrau. Nicht fur die ganze Hoheit ihres Standes Möcht' ich ihr Herz in meinem Buſen tragen. Arzt. Wohl! wohl! Kammerfrau. Das gebe Gott, daß es ſo ſey! Arzt. Ich kann mich nicht in dieſe Krankheit finden; Doch kannt' ich mehr dergleichen, die im Schlaf Gewandelt und als gute Chriſten doch Auf ihrem Bette ſtarben. Kady. Waſcht die Hände! Den Schlafrock uber! Sehet nicht ſo bleich aus! Ich ſag's Euch, Banquo liegt im Grab! er kann Aus ſeinem Grab nicht wieder kommen. 8 Arzt. Wirklich? Lady. Zu Bett! zu Bette!— An die Pforte wird Geklopft! Kommt! kommt! kommt! Gebt mir Eure Hand! Geſchehne Dinge ſind nicht mehr zu ändern. Zu Bette! zu Bette! 858(dSie geht ab.) 2 291 Arzt. Geht ſie nun zu Bette? Kammerfrau. rzt. Man raunt ſich Grauenvolles In die Ohren: unnatuͤrlich ungeheure Verbrechen wecken unnatuͤrliche Gewiſſensangſt, und die beladne Seele beichtet Dem tauben Kiſſen ihre Schuld— Ihr iſt Der Geiſtliche nothwend'ger, als der Arzt. Gott! Gott! vergib uns Allen!— Sehet zu, Nehmt Alles weg, womit ſie ſich ein Leides Thun könnte! Laßt ſie ja nicht aus den Augen! Nun gute Nacht! Mir iſt ganz ſchauerlich zu Muth. Ich denke, aber wage nicht zu reden. Gerades Wegs. (Sie gehen ab.) Ofſene Gegend. Proſpect, ein Wald. * Zweiter Auftritt. Angus. Lenor. Lords und Soldaten im Hintergrunde. . Angus. Das Heer oßr Engellaͤnder iſt im Anzug, Von Maleolm, unſerm Prinzen, angefuührt Von Seiward, ſeinem tapfern Ohm, und Macduff. Der Rache heilig Feuer treibt ſie an: Denn ſolche toͤdtliche Beleidigungen, Als der Tyrann auf ſie gehaͤuft, entflammten 292 Selbſt abgeſtorbne Buͤßende zur Wunth und ſtachelten ſie auf zu blut'gen Thaten. Lenor. Dort iſt das Birnamer Gehölz. Sie ziehn Durch dieſen Wald: da können wir am Beſten Zu ihrem Heere ſtoßen— Weiß Jemand, Ob Donalbain bei ihnen iſt? Angus. Es iſt gewiß, Daß er bei dieſem Heer ſich nicht befindet. Ich habe ein Verzeichniß aller Edeln, Die Malcolms Fahnen folgen. Seiwards Sohn Iſt unter ihnen, nebſt noch vielen andern Unbaͤrt'gen Knaben, die noch keine Schlacht Geſehn und ihres Muthes Erſtlinge In dieſem heil'gen Krieg beweiſen wollen. Lenor. Sie finden keinen würdigeren Kampf und keine beſſ're Sache. Laßt uns eilen, Den Fahnen des Tyrannen, welchen Gott Verfluchte, zu entfliehn und an das Heer, Bei dem der Sieg iſt, muthvoll uns zu ſchließen. Dort, wo das Recht, iſt unſer Vaterland. Angus. Auf, gegen Birnam! (Man hoͤrt Trommeln in der Ferne.) Lenor. Höert ihr jene Trommeln? Die brittiſchen Völker nahen. Laßt ſie uns Mit unſern Trommeln kriegeriſch begrüßen! (Trommeln auf der Scene antworten denen hinter derſeiben.) 1 293 Dritter Auftritt. Vorige. Malcolm. Seiward, Vater und Sohn. IMarduff. Uaſſe. Soldaten mit Fahnen, die im Hintergrunde halten. Malrolm. Ich hoffe, Vettern, nah' iſt nun der Tag, Wo Schlafgemächer wieder frei ſeyn werden. Roſſe. Wir zweifeln nicht daran. Seiward. Sieh'! Wer ſind Dieſe, Die ſich gewaffnet gegen uns bewegen? Malcolm. Steht! Macduff. Haltet an! Roſſe. Wer ſeyd ihr? Lenor. 8 Freunde Schottlands und Feinde des Tyrannen. 4 Roſſe. Jetzt, mein Feldherr, Erkenn' ich ſie. Es iſt der edle Than Von Lenox und von Angus. 4 4 Malcolm. Seyd willkommen! Was bringt ihr, ehrenvolle Thans? Lenor. uns ſelbſt, Ein treues Herz und Schwert für unſern König 294 Angus. Wir kommen, unſre Treu' und Dienſtespflicht Dahin zu tragen, wo ſie hingehoͤrt, Und ſuchen Schottland unter Englands Fahnen. Malcolm. Glückſel'ge Vorbedeutung! Frohes Pfand Des Siegs— Laßt euch umarmen, edle Freunde! Ja, unſre Waffen werden glücklich ſeyn, Da ſich die beſten Herzen zu uns wenden. Seiward. Womit geht der Tyrann jetzt um? Wir hoͤren, Er liegt voll Zuverſicht in ſeiner Burg Und will dort die Belagerung erwarten? Angus. Er hat ſich in das Bergſchloß Dunſinan Geworfen, das er ſtark befeſtiget. Er ſoll von Sinnen ſeyn, ſagt man. Sein Anhang Nennt's eine kriegriſche Begeiſterung. Wohl mag er ſeiner ſelbſt nicht Meiſter bleiben In dieſem Kampf der Wuth und der Verzweiflung. Lenor. Nun ſchießt die Blutſaat, die er ausgeſaͤt, Zur fürchterlichen Ernte rächend auf. Jedweder Augenblick zeugt einen Abfall, Der ſeinen eignen Treubruch ihm vergilt. Die Wenigen, die ihm noch treu geblieben, Knüpft Liebe nicht, nur Furcht an ſeine Fahnen; Wo nur ein Weg zur ſichern Flucht ſich zeigt, Verlaßt ihn Groß und Klein. — Roſſe. Jetzt fuͤhlt er, daß der angemaßte Purpur 29⁵5 Der Majeſtät ſo ſchlotterig und loſe Um ihn herumhaͤngt, wie des Rieſen Rock Um eines Zwerges Schultern, der ihn ſtahl. Macduff.— Laßt unſern Tadel, ſo gerecht er iſt, Bis nach dem Ausſchlag des Gefechtes ſchweigen, und führen wir als Maͤnner jetzt das Schwert! Seiward. Wie heißt der Wald hier vor uns? Roſſe. Birnamswald. Seiward. Laßt jeden Mann ſich einen Aſt abhauen Und vor ſich her ihn tragen. Wir beſchatten Dadurch die Anzahl unſers Heers und machen Die Kundſchaft des Tyrannen an uns irre. Alle. Es ſoll geſchehen! (Sie zerſtreuen ſich nach dem Hintergrunde, um die Zweige abzubrechen.) Zimmer. Vierter Auftritt. Macbeth. Yer Arzt. Bediente. Macbeth. Verkuͤndiget mir nichts mehr! Laßt ſie Alle Zum Feind entfliehen! Bis der Birnamswald Sich in Bewegung ſetzt auf Dunſinan, Nicht eher kennt mein tapfres Herz die Furcht. 296 Was iſt der Knabe Malcolm? Ward er nicht Von einem Weib geboren? Geiſter, die Die ganze Folge irdiſcher Geſchicke Durchſchauen, ſprachen dieſes Wort: Sey furchtlos, Macbeth! Keiner, den ein Weib Gebar, hat über dich Gewalt!— So flieht, Flieht hin, ihr eidvergeſſ'ne Thans, ſchließt euch An dieſe britt'ſchen Zärtlinge! Der Geiſt, Der mich beherrſcht, dies Herz, das in mir ſchlägt, Wird nicht von Furcht, von Zweifeln nicht bewegt. (Zu einem Bedienten, der hereintritt.) Daß dich der Teufel bräune, Milchgeſicht! Wie kommſt du zu dem gänſemäß'gen Anſehn? Vedienter eerſchrocken, athemlos). Zehntanſend— 5 Macebeth. Gänſe, Schuft! Vedienter. Soldaten, Herr! Macbeth. Reib' dein Geſicht und ſtreiche deine Furcht Erſt roth an, du milchlebriger Geſelle! Was für Soldaten, Geck!— Verdamm' dich Gott! Dein weibiſch Anſehn ſteckt mir noch die Andern Mit Feigheit an— Was für Soldaten, Memme? Bedienter. Die engliſche Armee, wenn Ihr's erlaubt. Macbeth. Schaff' dein Geſicht mir aus den Augen!— Seyton! — Ich kriege Herzweh, wenn ich's ſehe— Seyton! Das muß entſcheiden! Dieſer Stoß verſichert 297 Mein Gluͤck auf immer oder ſtuͤrzt mich jetzt! — Ich habe lang genug gelebt! Mein Fruͤhling Sank bald ins Welken hin, in gelbes Laub, Und, was das hohe Alter ſchmücken ſollte, Gehorſam, Liebe, Ehre, Freundestreu', An alles Das iſt nun gar nicht zu denken! Statt Deſſen ſind mein Erbtheil Haß und Flüche, Nicht laut, doch deſto inn'ger, Heuchelworte, Ein leerer Munddienſt, den das Herz mir gern Verweigerte, wenn es nur dürfte— Seyton! Fünfter Auftritt. Mlacbeth. Arzt. Seyton. Seyton. Was iſt zu Eurem gnädigſten Befehl? 3 Macbeth. Gibt's ſonſt was Neues?. Seyton. Herr, es hat ſich Alles Beſtatigt, was erzählt ward. Macbeth. Ich will fechten, Bis mir das Fleiſch von allen Knochen ab⸗ Gehackt iſt— Meine Rüſtung! Seyton. 3 Herr, es eilt nicht! Macbeth. Ich will ſie anziehn. Schickt mehr Reiter aus; 298 Durchſtreift das ganze Land, und an den Galgen, Wer von Gefahr ſpricht— Gib mir meine Rüſtung! — Wie ſteht's um unſre liebe Kranke, Doctor? Arz. Krank nicht ſowohl, mein König, als beangſtigt Von Fantaſien, die ihr die Ruhe rauben. Macbeth. So heile ſie davon. Kannſt du ein krankes Gemuͤth von ſeinem Grame nicht befrein, Ein tief gewurzelt quälendes Bewußtſeyn Nicht aus der Seele heilend ziehen, nicht Die tiefen Furchen des Gehirnes glätten, Nicht ſonſt mit irgend einem ſüßen Mohn Den Krampf auflöſen, der das Herz erſtickt? Arzt. Herr, darin muß die Kranke ſelbſt ſich rathen. Macbeth. So lluch' ich deiner Kunſt: mir frommt ſie nicht. (Zu dem Diener.) Kommt! Meine Ruſtung! Gebt mir meinen Stab! (Indem er ſich waffnet.) — Du, Seyton, ſchicke— Doctor! mich verlaſſen Die Thans— Komm! komm! Mach' hurtig!— Guter Doctor, Wenn du die Krankheit meines Königreichs Ausſpaͤhn, ſein ſcharfes Blut verſüßen, ihm Das vor'ge Wohlſeyn koͤnnteſt wieder geben, Dann wollt ich deiner Thaten Herold ſeyn Und Echo ſelbſt mit deinem Lob ermüden. — Was fuͤr Rhabarber, Senna oder andre Purganzen moͤchten wohl dies britt'ſche Heer Abfuͤhren? Sprich! vernahmſt du nichts davon? 299 Arzt. Ja, mein Gebieter. Eure kriegriſchen Anſtalten machen, daß wir davon hoͤren. Macbeth. Laßt ſie heran ziehn— Mich erſchreckt kein Feind, Bis Birnams Wald vor Dunſinan erſcheint. Arzt(fuͤr ſich). Waͤr' ich nur erſt mit ganzer Haut davon, Zurücke brächte mich kein Fürſtenlohn! Macbeth. Dies feſte Schloß trotzt der Belagerung! Laßt ſie da liegen, bis der Hunger ſie, Die Peſt ſie aufgerieben. Ständen ihnen Nicht die Verräther bei, die uns verließen, Wir hätten ſie, Bart gegen Bart, empfangen Und heimgepeitſcht— (Hinter der Scene wird gerufen.) Was für ein Lärm iſt Das? Seyton. Es ſind die Weiber, welche ſchrein, mein König? (Eilt hinaus mit dem Arzt.) Macbeth. Ich habe keinen Sinn mehr für die Furcht. Sonſt gab es eine Zeit, wo mir der Schrei Der Eule Grauen machte, wo mein Haar Bei jedem Schreckniß in die Höhe ſtarrte, Als ware Leben drin— Jetzt iſt es anders: Ich habe zu Nacht gegeſſen mit Geſpenſtern, Und voll geſättigt bin ich von Entſetzen. (Seyton kommt zuruͤck.) Was gibt's? Was iſt geſchehn? 300 Sechster Auftritt. Macbeth. Seytan. Seyton. Die Königin Iſt todt! 3 Macbeth (nach einem langen Stillſchweigen). Waͤr' ſie ein Andermal geſtorben! Es wäre wohl einmal die Zeit gekommen Zu ſolcher Botſchaft! (Nachdem er gedankenvoll auf und ab gegangen.) Morgen, Morgen Und wieder Morgen kriecht in ſeinem kurzen Schritt Von einem Tag zum andern, bis zum letzten Buchſtaben der uns zugemeſſ'nen Zeit, Und alle unſre Geſtern haben Narren Zum modervollen Grabe hingeleuchtet! — Aus, aus, du kleine Kerze! Was iſt Leben? Ein Schatten, der voruͤber ſtreicht; ein armer Gaukler, Der ſeine Stunde lang ſich auf der Bühne Zerquält und tobt; dann hört man ihn nicht mehr. Ein Mährchen iſt es, das ein Thor erzählt, Voll Wortſchwall und bedeutet nichts. Siebenter Auftritt. Vorige. Ein Bote. Macbethy. Du kommſt, Die Zunge zu gebrauchen. Faſſ' dich kurz! —— 301 Bote. Herr! Ich— ich ſollte ſagen, was ich ſah, und weiß nicht, wie ich's ſagen ſoll. Macbeth. Gut! ſag' es! Bote. Als ich auf meinem Poſten ſtand am Hügel, Sah ich nach Birnam, und da daͤuchte mir, Als ob der Wald anfing, ſich zu bewegen. Marbeth(ſaßt ihn wuͤthend an). Du Lügner und verdammter Boͤſewicht! 3 Bote. Herr, laßt mich Euren ganzen Grimm erfahren, Wenn's nicht ſo iſt. Auf Meilenweite könnt Ihr ihn Selbſt kommen ſehen. Wie ich ſage, Herr! Ein Wald, der wandelt! Macbeth. Menſch! haſt du gelogen, So hangſt du lebend an dem naͤchſten Baum, Bis dich der Hunger ausgedorrt. Sagſt du Die Wahrheit, nun, ſo frag' ich nichts darnachh,— Ob du mit mir das Gleiche thuſt— Mein Glaube Beginnt zu wanken; mir entweicht der Muth. Ich furchte einen Doppelſinn des Teufels, Der Lügen ſagt, wie Wahrheit— Furchte nichts, Bis Birnams Wald auf Dunſinan heranruͤckt! und jetzo kommt ein Wald auf Dunſinan! Die Waffen an! die Waffen und hinaus!. Verhalt ſich's wirklich alſo, wie er ſagt,— So iſt kein Bleiben hier, ſo hilft kein Fluchten. Ich fange an, der Sonne mud' zu ſeyn. 30² Koͤnnt' ich mit mir die ganze Welt vernichten! Schlagt Lärmen! Winde, ſtürmet! Brich herein, Zerſtörung! Will das Schickſal mit uns enden, So fallen wir, die Waffen in den Haͤnden. (Ab.) Ein freier Platz vor der Feſtung, vorn Gebaͤude, in der Ferne Landſchaft, die ganze Tieſe des Theaters wird zu dieſer Scene genommen. Achter Auftritt. Malcolm. Seiward. Seiwards Sohn. Marduff. Uoſſe. Angus. Fenor. Soldaten. Alle rücken aus der hinterſten Tieſe des hentes mit langſamen Schritten vorwaͤrts, die Zweige vor ſich her 3 und uͤber dem Haupte tragend. Malcolm (nachdem der Zug bis in die Mitte der Scene vorgeruͤckt). Nun ſind wir nah' genug— Werft eure grünen Schilde Hinweg und zeigt euch, wie ihr ſeyd!— Ihr führt Das erſte Treffen an, mein würd'ger Oheim, Nebſt Eurem edeln Sohn— indeſſen wir Und dieſer wuürd'ge Held(auf Macduff zeigend) nach unſerm Plan Das Uebrige beſorgen. (Die vordern Soldaten geben ihre Zweige an die hintern, von Glied zu Glied, ſo daß das Theater davon leer wird.) Seiward. Lebet wohl! Und, finden wir den Feind noch vor der Nacht, So ſieht der Morgen die geſchlagne Schlacht. Macduff. Gebt Athem allen kriegriſchen Trompeten, Den Herolden zum Morden und zum Tödten. Schlacht im Hintergrunde.) (Kriegeriſche Muſik. Neunter Auftritt. Macbeth. Dann der junge Seiward. Macbeth. Sie haben mich an einen Pfoſten angebunden; Entfliehen kann ich nicht. Ich muß mein Leben Vertheidigen, wie ein gehetzter Bar! Wer iſt Der, den kein Weib gebar? Ihn hab' ich Zu fürchten, Keinen ſonſt. Junger Seiward ttritt auf). Wie iſt dein Name? Macbeth. Hoͤr' ihn und zittre! Junger Seiward. Zittern werd' ich nicht, und gaͤbſt du dir auch einen heißern Namen, Als Einer in der Höll'. Mucbeth. Mein Naw' iſt Macbeth. Zunger Seiward. Der Satan ſelbſt kann keinen ſcheußlichern mir nennen. Macbety. Und keinen furchtbarern! 303 304 Junger Seiward. Du lügſt, verworfener Tyrann! Mit meinem Schwert will ich beweiſen, Daß du luͤgſt!* (Sie fechten. Der junge Seiward ſaͤllt.) Macbeth. Dich hat ein Weib geboren! Der Schwerter lach' ich, die von Sterblichen Geſchwungen werden, die ein Weib gebar! (Er geht ab. Die Schlacht dauert ſort.) Zehnter Auftritt. Marduff nitt auf. Der Laͤrm iſt dorthin!— Zeige dich, Tyrann! Fällſt du von einer andern Hand als meiner, So plagen mich die Geiſter meines Weibes Untlneiner Kinder ruhelos. Ich kann Das Schwert nicht ziehen gegen jene Kernen, Die man gedungen hat, den Speer zu tragen. Du biſt es, Macbeth— oder ungebraucht Steck' ich mein Schwert zuruͤck in ſeine Scheide. Dort mußt du ſeyn— Der große Lärm und Draug Macht einen Krieger kund vom erſten Rang. Laß mich ihn finden, Glück! Ich will nicht mehr. 30⁵ Eilfter Auftritt. Seiward und IMalcolm treten auf. Seiward. Hieher, mein Prinz— Das Schloß hat ſich ergeben. Die Völker des Tyrannen weichen ſchon; Die edeln Thane fechten tapfer, nur Noch wen' ge Arbeit, und der Tag iſt unſer! Malcolm. Wir haben es mit Feinden, deren Streiche An uns vorbei gehn! Seiward. Folgt mir in die Feſtung! (Ab.) Zwölfter Auftritt. Marbeth. Gleich darauf Marduff.*₰ Macbeth. Warum ſoll ich den röm'ſchen Narren ſpielen und in das eigne Schwert mich ſtürzen? Nein, Solang ich Lebende noch um mich ſehe, Wend' ich es beſſer an! (Indem er abgehen will, kommt Macduff auf die Scene.) Macduff. Steh', Höllenhund! Macbeth. Du biſt der Einzige von allen Menſchen, Schillers ſoͤmmtl. Werie. VI. 20 Den ich vermied— Geh'! meine Seele iſt Genug beladen ſchon mit deinem Blut. Macduff. Ich hab' nicht Worte, meine Stimme iſt In meinem Schwert— Du Böswicht, blutiger, Als Worte es beſchreiben! (Er dringt wuͤthend auf ihn ein; ſie fechten eine Zeitlang ohne Ent⸗ ſcheidung.) Macbeth(inne haltend). Du verlierſt die Müh'. So leicht vermoͤchteſt du die geiſt'ge Luft Mit deines Schwertes Schneide zu verletzen, Als Macbeth bluten machen! Laß dein Eiſen Auf Schadel fallen, die verwundbar ſind; In meiner Bruſt wohnt ein bezaubert Leben, Das Keinem weichet, den ein Weib gebar. Macduff. Nun, ſo verzweifle denn an deinem Zauber Und laß den Teufel dir, dem du von je Gedient, kund thun, daß Macduff vor der Zeit Aus ſeiner Mutter Leib geſchnitten iſt. Macbeth. Die Zunge ſey verflucht, die mir Das ſagt! Sie hat das Beſte meiner Mannerkraft Entnervt! Verflucht, wer dieſen gaukelnden Dämonen ferner traut, die hinterliſtig Mit Doppelſinn uns täuſchen, unſerm Ohr Wort halten, unſre Hoffnung hintergehn! — Ich will nicht mit dir fechten. 307 Macduff. So ergib dich, Memme, und lebe, um die Fabel und das Schauſpiel Der Zeit zu ſeyn. Wir wollen dich, wie irgend Ein ſeltnes Ungeheuer, abgemalt Auf einer Stange tragen und darunter ſchreiben: Hier iſt zu ſehen der Tyrann! Macbeth. Ich will Mich nicht ergeben, um vor dieſem Knaben Malcolm zu knien und den Staub zu küſſen und eures Pöbels Fluch ein Ziel zu ſeyn. Iſt gleich der Birnamwald auf Dunſinan Heran geruͤckt, biſt du, mein Gegner, gleich Vom Weibe nicht geboren, dennoch ſey Das Aeußerſte verſucht! Hier halt' ich Den kriegeriſchen Schild vor meinen Leib. Fall' aus, triff, und verdammt ſey, wer zuerſt Ruft: Halt', genug! (Sie gehen ſechtend ab.) Dreizehnter Auftritt. (Man blaͤst zum Abzug.) Malcolm. Seiward. Noſſe. Angus. Lenor. Soldaten. Malcolm. Moͤcht' ich die edeln Freunde, die wir miſſen, Doch wohl erhalten wiederſehn! Seiward. Prinz! Ein'ge müſſen ſchon das Opfer werden, und, wie ich ſeh', iſt dieſer große Tag Wohlfeil genug erkauft. Malcolm. Macduff und Euren edelmuͤth'gen Sohn Vermißt man. Roſſe. Euer edler Sohn, mein Feldherr, Bezahlte als ein Krieger ſeine Schuld, Und nicht ſo bald hatt' er ſein tapfres Herz Im Kampf bewährt, ſo ſtarb er als ein Mann. Seiward. So iſt er todt? Roſſe. 3 Vom Schlachtfeld ſchon getragen. Meßt Euren Schmerz nicht ab nach ſeinem Werth: Sonſt wäar' er gränzenlos. Seiward. Hat er die Wunde vorn? Roſſe. Ja, auf der Stirn'. Seiward. Nun denn, ſo ſey er Gottes Mann! Hätt' ich So viel der Söhne, als ich Haare habe, Ich wünſchte keinem einen ſchönern Tod. 1 Sein Grablied iſt geſungen. Malcolm. Ihm gebührt Ein größer Lied: das ſoll ihm werden. 309 Seiward. Ihm Gebührt nicht mehr. Sie ſagen, er ſchied wohl Und zahlte ſeine Zeche. Gott mit ihm! — Da kommt uns neuer Troſt! Letzter Auftritt. Vorige. Marduff mit der Ruͤſtung und Krone Macbeths. Macduff. Heil dir, o Koͤnig, denn du biſt's! Im Staube Liegt der Tyrann, und hier iſt ſeine Beute. Die Zeit iſt wieder frei! Ich ſehe dich Umgeben von den Edeln deines Reichs; Sie ſprechen meinen Gruß im Herzen nach, Und ihre Stimmen miſchen ſich mit meiner: Heil Schottlands König! Alle. Heil dem König Schottlands! (Trompetenſtoß.) Malcolm. Wir wollen keinen Augenblick verlieren, Mit euer Aller Liebe Abrechnung Zu halten und mit Jedem quitt zu werden. Nuhmvolle Thans und Vettern, ihr ſeyd Grafen Von Heute an, die Erſten, welche Schottland Mit dieſem Ehrennamen grüßt— Was nun Die erſte Sorge unſers Regiments Seyn muß, die Rückberufung der Verbannten, Die vor der Tyrannei geflohen, die Beſtrafung Der blut'gen Diener dieſes todten Schläͤchters uUnd ſeiner teufeliſchen Königin, Die, wie man ſagt, gewaltſam blut'ge Hand Gelegt hat an ſich ſelbſt— Dies, und was ſonſt Noch Noth thut, wollen wir mit Gottes Gnade Nach Maß und Ort und Zeit zu Ende bringen. Und ſomit danken wir auf Einmal Allen Und laden euch nach Scone zu unſrer Krönung. Turandot, Prinzeſſin von China. Ein tragikomiſches Mährchen nach Gozzi. Perſonen. Altoum, ſabelhafter Kaiſer von China. Turandot, ſeine Tochter. Adelma, eine tartariſche Prinzeſſin, ihre Stlavin. Zelima, eine andere Sklavin der Turandot. Skirina, Mutter der Zelima. Barak, ihr Gatte, ehemals Gofmeiſter des Kalaf, Prinzen von Aſtrachan. Timur, vertriebener Koͤnig von Aſtrachan.„ Iſmael, Begleiter des Prinzen von Samarcand. Tartaglia, Miniſter. Pantalon, Kanzler. Truffaldin. ‚Auſſeher der Verſchnittenen. Brigella, Hauptmann der Wache. Doctoren des Divans. Sklaven und Sklavinnen des Serails. Erſter Autzug. Vorſtadt von Pecin. Proſvect eines Stadtthors. Eiſerne Staͤbe ragen uͤber demſelben hervor, worauf mehrere geſchorne, mit türkiſchen Schoͤpfen verſehene Koͤpſe als Masken und ſo, daß ſie als eine Zierrath erſcheinen koͤnnen, ſymmetriſch aufgepflanzt ſind. Erſter Auftritt. Prinz Kalaf, in tartariſchem Geſchmack, etwas ſantaſtiſch gekleidet, tritt aus einem Hauſe. Gleich darauf Varak, aus der Stadt kommend. ₰ Kalaf. Habt Dank, ihr Göͤtter! Auch zu Peckin ſollt' ich Eine gute Seele finden! Barak (in perſiſcher Tracht, tritt auf, erblickt ihn und ſahrt erſtaunt zuruͤch). Seh' ich recht? Prinz Kalaf! Wie? Er lebt noch! Kalaf(erkennt ihn). Barak! Barak(auf ihn zueilend). Herr! Kalaf. Dich find' ich hier? Barak. Euch ſeh' ich lebend wieder? Und hier zu Peckin? Kaluf. Schweig'! Verrath' mich nicht! Beim großen Lama, ſprich! wie biſt du hier? Barak. Durch ein Geſchick der Goͤtter, muß ich glauben, Da es mich hier mit Euch zuſammenführt. An jenem Tag des Unglücks, als ich ſah, Daß unſre Völker flohen, der Tyrann Von Tefflis unaufhaltſam in das Reich Eindrang, floh ich nach Aſtrachan zurück, Bedeckt mit ſchweren Wunden. Hier vernahm ich, Daß Ihr und König Timur, Euer Vater, Im Treffen umgekommen. Meinen Schmerz Erzahl' ich nicht: verloren gab ich Alles, Und ſinnlos eilt' ich zum Palaſte nun, Elmazen, Eure königliche Mutter, Zu retten; doch ich ſuchte ſie vergebens! Schon zog der Sieger ein zu Aſtrachan, Und in Verzweiflung eilt' ich aus den Thoren. Von Land zu Lande irrt' ich fluchtig nun Drei Jahre lang umher, ein Obdach ſuchend, Bis ich zuletzt nach Peckin mich gefunden. Hier unterm Namen Haſſan glückte mir's, Durch treue Dienſte einer Wittwe Gunſt Mir zu erwerben, und ſie ward mein Weib. Sie kennt mich nicht; ein Perſer bin ich ihr. — Hier leb' ich nun, obwohl gering und arm Nach meinem vor'gen Los, doch uüͤberreich In dieſem Augenblicke, da ich Euch, Den Prinzen Kalaf, meines Königs Sohn, Den ich erzogen, den ich Jahre lang Für todt beweint, im Leben wieder ſehe! — Wie aber lebend? wie in Peckin hier? Aulaf. Nenne mich nicht! Nach jener unglückſel'gen Schlacht Bei Aſtrachan, die uns das Reich gekoſtet, Eilt' ich mit meinem Vater zum Palaſt; Schuell rafften wir das Koſtbarſte zuſammen, Was ſich an Sdelſteinen fand, und flohn. In Bauertracht verhullt durchkreuzten wir, Der König und Elmaze, meine Mutter, Die Wuſten und das felſige Gebirg. Gott, was erlitten wir nicht da! Am Fuß Des Kaukaſus raubt' eine wilde Horde Von Malandrinen uns die Schätze; nur Das nackte Leben blieb uns zum Gewinn. Wir mußten kämpfen mit des Hungers Qualen und jedes Elends mannigfacher Noth. Den Vater trug ich bald und bald die Mutter Auf meinen Schultern, eine theure Laſt. Kaum wehrt' ich ſeiner wüthenden Verzweiflung, Daß er den Dolch nicht auf ſein Leben zuckte; Die Mutter hielt ich kaum, daß ſie, von Gram Erſchöpft, nicht niederſank! So kamen wir Nach Jaik endlich, der Tatarenſtadt, Und hier an der Moſcheen Thor, mußt' ich, Ein Bettler, flehen um die magre Koſt, Der theuren Eltern Leben zu erhalten. — Ein neues Ungluck! Unſer grimm'ger Feind, Der Khan von Tefflis, voll Tyrannenſucht, Mißtrauend dem Gerucht von unſerm Tode, Er ließ durch alle Länder uns verfolgen. Vorausgeeilt ſchon war uns ſein Befehl, Der alle kleine Koͤnige ſeiner Herrſchaft Aufbot, uns nachzuſpahn. Nur ſchnelle Flucht Entzog uns ſeiner Spüͤrer Wachſamkeit— Ach, wo verbärg' ſich ein gefall'ner König! Barak. O, nichts mehr! Eure Worte ſpalten mir Das Herz! Ein großer Fuͤrſt in ſolchem Elend! Doch, ſagt, lebt mein Gebieter noch, und lebt Elmaze, meine Königin? Kalaf. Sie leben. Und wiſſe, Barak, in der Noth allein Bewähret ſich der Adel großer Seelen. — Wir kamen in der Karazanen Land. Dort, in den Gaͤrten König Keicobads, Mußt' ich zu Knechtesdienſten mich bequemen, Dem bittern Hungertode zu entfliehn. Mich ſah Adelma dort, des Königs Tochter; Mein Anblick rührte ſie; es ſchien ihr Herz Von zaͤrtlichern Gefühlen, als des Mitleids, Sich fuͤr den fremden Gärtner zu bewegen. Scharf ſieht die Liebe: nimmer glaubte ſie Mich zu dem Los, wo ſie mich fand, geboren. — Doch weiß ich nicht, welch böſen Sternes Macht Der Karazanen König Keicobad 317 Verblendete, den mäͤcht'gen Altoum, Den Großkhan der Chineſen, zu bekriegen. Das Volk erzählte Seltſames davon. Was ich berichten kann, iſt Dies: Beſiegt Ward Keicobad, ſein ganzer Stamm vertilgt; Adelma ſelbſt mit ſieben andern Töchtern Des Königs ward ertränkt in einem Strome. Wir aber flohen in ein andres Land. So kamen wir nach langem Irren endlich Zu Berlas an— Was bleibt mir noch zu ſagen? Vier Jahre lang ſchafft' ich den Eltern Brod, Daß ich um dürft'gen Taglohn Laſten trug. Barat. Nicht weiter, Prinz. Vergeſſen wir das Elend, Da ich Euch jetzt in kriegeriſchem Schmuck Und Heldenſtaat erblicke. Sagt, wie endlich Das Glück Euch guͤnſtig ward? Kalaf. Mir guͤnſtig! Höre! Dem Khan von Berlas war ein edler Sperber Entwiſcht, den er in hohem Werthe hielt. Ich fand den Sperber, überbracht' ihn ſelbſt Dem König— Dieſer fragt nach meinem Namen; Ich gebe mich für einen Elenden, Der ſeine Eltern nahrt mit Laſtentragen. Drauf ließ der Khan den Vater und die Mutter Im Hoſpital verſorgen.(Er haͤlt inne.) Barak! dort, Im Aufenthalt des allerhöchſten Elends, Dort iſt dein König— deine Koͤnigin; 318 Auch dort nicht ſicher, dort noch in Gefahr, Erkannt zu werden und getoͤdtet! Bara. Gott! Kalaf. Mir ließ der Kaiſer dieſe Borſe reichen, Ein ſchönes Pferd und dieſes Ritterkleid. Den greiſen Eltern ſagt' ich Lebewohl: Ich gehe, rief ich, mein Geſchick zu ändern; Wo nicht, dies traur'ge Leben zu verlieren! Was thaten ſie nicht, mich zurückzuhalten und, da ich ſtandhaft blieb, mich zu begleiten! Verhuͤt' es Gott, daß ſie, von Angſt gequält, Nicht wirklich meinen Spuren nachgefolgt! Hier bin ich nun, zu Peckin, unerkannt, Viel hundert Meilen weit von meiner Heimat. Entſchloſſen komm' ich her, dem großen Khan Vom Lande China als Soldat zu dienen, Ob mir vielleicht die Sterne günſtig ſind, Durch tapfre That mein Schickſal zu verbeſſern. — Ich weiß nicht, welche Feſtlichkeit die Stadt Mit Fremden füllt, daß kein Karavanſerei Mich aufnahm— Dort in jener ſchlechten Hütte Gab eine Frau aus gutem Herzen mir Herberge. Barak. Prinz, Das iſt mein Weib. Kalaf. Dein Weib? Preiſe dein Glück, daß es ein fuͤhlend Herz Zur Gattin dir gegeben!(Er reicht ihm die Haud.) Ich geh' zur Stadt. Mich treibt's, die Feſtlichkeit 319 Jetzt leb' wohl. Zu ſehn, die ſo viel Menſchen dort verſammelt. Dann zeig' ich mich dem großen Khan und bitt' Ihn um die Gunſt, in ſeinem Heer zu dienen. (Er will fort. Barak haͤlt ihn zurück.) Barak. Bleibt, Prinz! Wo wollt Ihr hin?— Mögt Ihr das Aug' An einem grauſenvollen Schauſpiel weiden? O, wiſſet, edler Prinz— Ihr kamt hieher Auf einen Schauplatz unerhörter Thaten. Kalaf. Wie ſo? Was meinſt du? Barat. Wie? Ihr wißt es nicht, Daß Turandot, des Kaiſers einz'ge Tochter, Das ganze Reich in Leid verſenkt und Thränen? Kuluf. Ja, ſchon vorlängſt im Karazanenland Hoͤrt' ich dergleichen— und die Rede ging, Es ſey der Prinz des Königs Keicobad Auf eine ſeltſam jammervolle Art Zu Peckin umgekommen— Eben Dies Hab' jenes Kriegesfeuer angeflammt, Das mit dem Falle ſeines Reichs geendigt. Doch Manches glaubt und ſchwatzt ein dummer Pöbel, Woruͤber der Verſtaͤnd'ge lacht— Darum Sag' an, wie ſich's verhält mit dieſer Sache? Barak. Des Großkhans einz'ge Tochter, Turandot, Durch ihren Geiſt beruͤhmt und ihre Schöͤnheit, 320 Die keines Malers Pinſel noch erreicht, Wie viele Bildniſſe von ihr auch in der Welt Herumgehn, hegt ſo übermuͤth'gen Sinn, So großen Abſcheu vor der Ehe Banden, Daß ſich die größten Könige umſonſt Um ihre Hand bemuͤht— Kalaf. Das alte Maͤhrchen Vernahm ich ſchon am Hofe Keicobads Und lachte drob— Doch fahre weiter fort. Barak. Es iſt kein Mahrchen. Oft ſchon wollte ſie Der Khan, als einz'ge Erbin ſeines Reichs, Mit Söͤhnen großer Könige vermählen. Stets widerſetzte ſich die ſtolze Tochter, Und, ach! zu blind iſt ſeine Vaterliebe, Als daß er Zwang zu brauchen ſich erkühnte. Viel ſchwere Kriege ſchon erregte ſie Dem Vater, und, obgleich noch immer Sieger In jedem Kampf, ſo iſt er doch ein Greis, Und unbeerbt wankt er dem Grabe zu. Drum ſprach er einſtmals ernſt und wohlbedächtlich Zu ihr die ſtrengen Worte: Störrig Kind! Entſchließe dich einmal, dich zu vermählen; Wo nicht, ſo ſinn' ein ander Mittel aus, Dem Reich die ew'gen Kriege zu erſparen: Denn ich bin alt; zu viele Könige ſchon* Hab' ich zu Feinden, die dein Stolz verſchmahte. Drum nenne mir ein Mittel, wie ich mich Der wiederholten Werbungen erwehre, Und leb' hernach und ſtirb, wie dir's gefällt— Erſchuͤttert ward von dieſem ernſten Wort Die Stolze, rang umſonſt, ſich loszuwinden. Die Kunſt der Thraͤnen und der Bitten Macht Erſchöpfte ſie, den Vater zu bewegen; Doch unerbittlich blieb der Khan— Zuletzt Verlangt ſie von dem unglückſel'gen Vater, Verlangt— Hoͤrt, was die Furie verlangte! — Kalaf. Ich hab's gehoͤrt. Das abgeſchmackte Mährchen Hab' ich ſchon oft belacht— Hör', ob ich's weiß! Sie fordert' ein Edict von ihrem Vater, Daß jedem Prinzen königlichen Stamms Vergönnt ſeyn ſoll, um ihre Hand zu werben. Doch dieſes ſollte die Bedingung ſeyn: Im öffentlichen Divan, vor dem Kaiſer Und ſeinen Räthen allen, wollte ſie Drei Räthſel ihm vorlegen. Löste ſie Der Freier auf, ſo mög' er ihre Hand Und mit derſelben Kron' und Reich empfangen. Löst' er ſie nicht, ſo ſoll der Kaiſer ſich Durch einen heil'gen Schwur auf ſeine Götter Verpflichten, den Unglücklichen enthaupten Zu laſſen.— Sprich, iſt's nicht ſo? Nun vollende Dein Mährchen, wenn du's kannſt vor langer Weile. Barak. Mein Maͤhrchen? Wollte Gott! Der Kaiſer zwar Empört' ſich erſt dagegen; doch die Schlange Verſtand es, bald mit Schmeichelbitten, bald Mit liſt'ger Redekunſt das furchtbare Geſetz dem ſchwachen Alten zu entlocken. Was iſt's denn auch? ſprach ſie mit arger Liſt; Schillers ſammtl. Werke. VI. 322 Kein Prinz der Erde wird ſo thoͤricht ſeyn, In ſolchem blut'gen Spiel ſein Haupt zu wagen! Der Freier Schwarm zieht ſich geſchreckt zuruͤck, Ich werd' in Frieden leben. Wagt es dennoch Ein Raſender, ſo iſt's auf ſeine eigne Gefahr, und meinen Vater trifft kein Tadel, Wenn er ein heiliges Geſetz vollzieht.— Beſchworen ward das unnatürliche Geſetz und kund gemacht in allen Landen. (Da Kalaf den Kopf ſchuͤttelt.) — Ich wuͤnſchte, daß ich Mährchen nur erzählte und ſagen dürfte: Alles war ein Traum! Kalaf. Weil du's erzählſt, ſo glaub' ich das Geſetz. Doch ſicher war kein Prinz wahnſinnig gnug, Sein Haupt daran zu ſetzen. Barak(zeigt nach dem Stadtthor). Sehet, Prinz! Die Köpfe alle, die dort auf den Thoren Zu fehen ſind, gehörten Prinzen an, Die toll genug das Abentener wagten und kläglich ihren Untergang drin fanden, Weil ſie die Räthſel dieſer Sphinx zu löſen Nicht fähig waren. Kalaf. Grauſenvoller Anblick! und lebt ein ſolcher Thor, der ſeinen Kopf Wagt, um ein Ungeheuer zu beſitzen! 3 Barak. Nein, ſagt Das nicht! Wer nur ihr Conterfei Erblickt, das man ſich zeigt in allen Landern, 323 Fuͤhlt ſich bewegt von ſolcher Zaubermacht, Daß er ſich blind dem Tod entgegen ſtürzt, Das göttergleiche Urbild zu beſitzen. Kalaf. Irgend ein Geck. Barak. Nein, wahrlich! auch der Klügſte. Heut' iſt der Zulauf hier, weil man den Prinzen Von Samarcanda, den Verſtändigſten, Den je die Welt geſehn, enthaupten wird. Der Khan beſeufzt die fuͤrchterliche Pflicht; Doch ungeruͤhrt frohlockt die ſtolze Schöne. (Man hoͤrt in der Ferne den Schall von gedaͤmpften Trommeln.) Hoͤrt! Hört Ihr? Dieſer dumpfe Trommelklang Verkündet, daß der Todesſtreich geſchieht: Ihn nicht zu ſehen, wich ich aus der Stadt. Kalaf. Barak, du ſagſt mir unerhörte Dinge. Was? Konnte die Natur ein weibliches Geſchöpf wie dieſe Turandot erzeugen, So ganz an Liebe leer und Menſchlichkeit?! Barak. Mein Weib hat eine Tochter, die im Harem Als Sklavin dient und uns Unglaubliches Von ihrer ſchönen Königin berichtet. Ein Tiger iſt ſie, dieſe Turandot, Doch gegen Manner nur, die um ſie werben. Sonſt iſt ſie gütig gegen alle Welt; Stolz iſt das einz'ge Laſter, das ſie ſchäͤndet. Kalaf. Zur Hölle, in den tiefſten Schlund hinab 324 Mit dieſen Ungeheuern der Natur, Die kalt und herzlos nur ſich ſelber lieben! Wär' ich ihr Vater, Flammen ſollten ſie Verzehren. Barak. Hier kommt Iſmael, der Freund Des Prinzen, der ſein Leben jetzt verloren. Er kommt voll Thraͤnen— Iſmael! Zweiter Auftritt. Iſmael zu den Varigen. Iſmael 84 (reicht dem Barak die Hand, heftig weinend). Er hat Gelebt— Der Streich des Todes iſt gefallen. Ach, warum fiel er nicht auf dieſes Haupt! Barak. Barmherz'ger Himmel! Doch warum ließt Ihr Geſchehn, daß er im Divan der Gefahr Sich bloßgeſtellt? Iſmael. Mein Unglück braucht noch Vorwurf. Gewarnt hab' ich, beſchworen und gefleht, Wie es mein Herz, wie's meine Pflicht mich lehrte. Umſonſt! Des Freundes Stimme wurde nicht 3 Gehört; die Macht der Gotter riß ihn fort. 3 Unrak. Beruhigt Euch! t 325 Iſmael. Beruhigen? Niemals, niemals! Ich hab' ihn ſterben ſehen. Sein Gefaͤhrte War ich in ſeinem letzten Augenblick, Und ſeine Abſchiedsworte gruben ſich Wie ſpitz'ge Dolche mir ins tiefſte Herz. „Weine nicht!“ ſprach er.„Gern und freudig ſterb' ich, „Da ich die Liebſte nicht beſitzen kann. „Mag es mein theurer Vater mir vergeben, „Daß ich ohn' Abſchied von ihm ging. Ach, nie „Hätt' er die Todesreiſe mir geſtattet! „Zeig' ihm dies Bildniß! (Er zieht ein kleines Portrait an einem Band aus dem Buſen.) 8„Wenn er dieſe Schönheit „Erblickt, wird er den Sohn entſchuldigen.“ Und an die Lippen druͤckt' er jetzt, lautſchluchzend, Mit heft'gen Kuͤſſen dies verhaßte Bild, Als könnt' er, ſterbend ſelbſt, nicht davon ſcheiden; Drauf kniet' er nieder und— mit einem Streich— Noch zittert mir das Mark in den Gebeinen— Sah ich Blut ſpritzen, ſah den Rumpf hinfallen Und hoch in Henkers Hand das theure Haupt; Entſetzt und troſtlos riß ich mich von dannen. (Wirft das Bild mit heftigem Unwillen auf den Boden.) Verhaßtes, ewig fluchenswerthes Bild! Liege du hier, zertreten in dem Staub! Könnt' ich ſie ſelbſt, die Tigerherzige, Mit dieſem Fußtritt ſo wie dich zermalmen! Daß ich dich meinem König uͤberbrächte! Nein! mich ſoll Samarcand nicht wieder ſehn. 326 In eine Wuͤſte will ich fliehn und dort, Wo mich kein menſchlich Ohr vernimmt, auf ewig Um meinen vielgeliebten Prinzen weinen. (Geht ab.) Dritter Auftritt. Kalaf und Barak. Barak(nach einer Pauſe). Prinz Kalaf, habt Ihr's nun gehört? Kalaf. Ich ſtehe Ganz voll Verwirrung, Schrecken und Erſtaunen. Wie aber mag dies unbeſeelte Bild, Das Werk des Malers, ſolchen Zauber wirken? (Er will das Bildniß von der Erde nehmen.) Barak (eilt auf ihn zu und haͤlt ihn zuruͤck). Was macht Ihr!— Große Götter! Kalaf(laͤchelnd). Nun! Ein Bildniß Nehm' ich vom Boden auf. Ich will ſie doch Betrachten, dieſe moͤrderiſche Schoͤnheit. (Greift nach dem Bildniß und hebt es von der Erde auſ.) Barak(ihn haltend). Euch waͤre beſſer, der Meduſa Haupt Als dieſe tödtliche Geſtalt zu ſehn. Weg, weg damit! Ich kann es nicht geſtatten. Kalaf. Du biſt nicht klug. Wenn du ſo ſchwach dich fühlſt, Ich bin es nicht. Des Weibes Reiz hat nie 327 Mein Aug' geruͤhrt, auch nur auf Augenblicke, Viel weniger mein Herz beſiegt. Und, was Lebend'ge Schönheit nie bei mir vermocht, Das ſollten todte Pinſelſtriche wirken? Unnütze Sorgfalt, Barak— Mir liegt Andres Am Herzen, als der Liebe Narrenſpiel. (Will das Bildniß anſchauen.) Barak. Dennoch, mein Prinz— Ich warn' Euch— Thut es nicht! Kaluf(ungeduldig.) Zum Henker, Einfalt! Du beleidigſt mich. (Stoͤßt ihn zuruͤck, ſieht das Bild an und geraͤth in Erſtaunen. Nach einer Pauſe.) Was ſeh' ich! Barak Ciingt verzweifelnd die Haͤnde). Weh' mir! Weiches Unglück! Kalaf(faßt ihn lebhaft bei der Hand). Barak! (Will reden, ſieht aber wieder auf das Bild und betrachtet es mit Entzuͤcken). Barak(fuͤr ſich). Seyd Zeugen, Götter— Ich, ich bin nicht ſchuld: Ich hab' es nicht verhindern können. Kalaf. Barak! — In dieſen holden Augen, dieſer ſüßen Geſtalt, in dieſen ſanften Zügen kann Das harte Herz, wovon du ſprichſt, nicht wohnen! Barab. Unglucklicher, was hör' ich? Schöner noch Unendlichmal, als dieſes Bildniß zeigt, Iſt Turandot, ſie ſelbſt! Nie hat die Kunſt 8 328 Des Pinſels ihren ganzen Reich erreicht; Doch ihres Herzens Stolz und Grauſamkeit Kann keine Sprache, keine Zunge nennen. O, werft es von Euch, dies unſelige, Verwünſchte Bildniß! Euer Auge ſauge Kein tödtlich Gift aus dieſer Mordgeſtalt! Kalaf. Hinweg! Vergebens ſuchſt du mich zu ſchrecken. — Himmliſche Anmuth! Warme, gluͤhende Lippen! Augen der Liebesgöttin! Welcher Himmel, Die Fülle dieſer Reize zu beſitzen! (Er ſteht in den Anblick des Bildes verloren, ploͤtzlich wender er ſich zu Varak und ergreift ſeine Hand.) Barak! verrath' mich nicht— Jetzt oder nie! Dies iſt der Augenblick, mein Glück zu wagen. Wozu dies Leben ſparen, das ich haſſe? — Ich muß auf einen Zug die ſchönſte Frau Der Erde und ein Kaiſerthum mit ihr Gewinnen oder dies verhaßte Leben Auf einen Zug verlieren— Schönſtes Werk! Pfand meines Gluücks und meine ſüße Hoffnung! Ein neues Opfer iſt für dich bereit und drängt ſich wagend zu der furchtbarn Probe. Sey gütig gegen mich— Doch, Barak, ſprich! Ich werde doch im Divan, eh' ich ſterbe, Das Urbild ſelbſt von dieſen Reizen ſehn? (Indem ſieht man die fuͤrchterliche Larve eines Nachrichters ſich uͤber dem Stadtthor erheben und einen neuen Kopf uͤber demſelben aufpflanzen. — Der vorige Schall verſtimmter Trommeln begleitet dieſe Handlung.) Barak. Ach, ſehet, ſehet, theurer Prinz, und ſchaudert! * 329 Dies iſt das Haupt des unglückſel'gen Juünglings— Wie es Euch anſtarrt! Und dieſelben Hände, Die es dort aufgepflanzt, erwarten Euch. O, kehret um! kehrt um! Nicht möglich iſt's, Die Raͤthſel dieſer Löwin aufzulöſen. Ich ſeh' im Geiſt ſchon Euer theures Haupt, Ein Warnungszeichen allen Jünglingen, In dieſer furchtbarn Reihe ſich erheben. Kalaf (hat das aufgeſieckte Haupt mit Nachdenken und Ruͤhrung betrachtet). Verlorner Jüngling! Welche dunkle Macht Reißt mich geheimnißvoll, unwiderſtehlich Hinauf in deine toͤdtliche Geſellſchaft? (Er bleibt nachſinnend ſtehen; dann wendet er ſich zu Barak.) — Wozu die Thraͤnen, Barak? Haſt du mich Nicht einmal ſchon für todt beweint? Komm, komm! Entdecke keiner Seele, wer ich bin. Vielleicht— wer weiß, ob nicht der Himmel, ſatt, Mich zu verfolgen, mein Beginnen ſegnet Und meinen armen Eltern Troſt verleiht. Wo nicht— was hat ein Elender zu wagen? Für deine Liebe will ich dankbar ſeyn, Wenn ich die Raͤthſel loͤſe— Lebe wohl! (Er will gehen, Barak haͤlt ihn zuruͤck, unterdeſſen kommt Stirina, Baraks Weib, aus dem Hauſe.) Barak. Nein, nimmermehr! Komm mir zu Hülfe, Frau! Laß ihn nicht weg— Er geht, er iſt verloren, Der theure Fremdling geht, er will es wagen, Die Rathſel dieſer Furie zu löſen. 330 Vierter Auftritt. Skirina zu den Vorigen. Skirina t(tritt ihm in den Weg). O weh'! Was hör' ich? Seyd Ihr nicht mein Gaſt? Was treibt den zarten Jüngling in den Tod? Kaluf. Hier, gute Mutter, dieſes Götterbild Ruft mich zu meinem Schickſal. (Zeigt ihr das Bildniß.) Skirina. Wehe mir! Wie kam das höͤll'ſche Bild in ſeine Hand? Barak. Durch bloßen Zufall. Kalaf(tritt zwiſchen Beide). Haſſan! gute Frau! Zum Dank für eure Gaſtfreundſchaft behaltet Mein Pferd! Auch dieſe Börſe nehmet hin! Sie iſt mein ganzer Reichthum— Ich— ich brauche Fortan nichts weiter— denn ich komm' entweder Reich wie ein Kaiſer oder— nie zurück! — Wollt ihr, ſo opfert einen Theil davon Den ew'gen Göttern, theilt den Armen aus, Damit ſie Glück auf mich herab erflehen. Lebt wohl— Ich muß in mein Verhaͤngniß gehen! (Er eilt in die Stadt.) 331 Fünfter Auftritt. Varak und Skirina. Barak(will ihm folgen). Mein Herr! mein armer Herr! Umſonſt! er geht! Er hoͤrt mich nicht! Skirina(neugierig).. Dein Herr? Du kennſt ihn alſo! O, ſprich, wer iſt der edelherz'ge Fremdling, Der ſich dem Tode weiht? Burak. Laß dieſe Neugier! Er iſt geboren mit ſo hohem Geiſt, Daß ich nicht ganz an dem Erfolg verzweifle. — Komm, Skirina! All dieſes Gold laß uns Und Alles, was wir Eigenes beſitzen, Dem Fohi opfern und den Armen ſpenden! Gebete ſollen ſie für ihn gen Himmel ſenden Und ſollen wund ſich knien an den Altären, Bis die erweichten Götter ſie erhören! (Sie gehen nach ihrem Hauſe.) Zweiter Aukzug. Großer Saal des Divans 4 mit zwei Pforten, von welchen die eine zu den Zimmern des Kaiſers, die andre ins Serail der Prinzeſſin Turandot führt. Erſter Auftritt. Truffaldin, als Anfuͤhrer der Verſchnittenen, ſteht gravitaͤtiſch in der Mitte der Scene und befiehlt ſeinen Schwarzen, welche beſchaͤftigt ſind, den Saal in Ordnung zu bringen. Bald darauf Brigella. Cruffaldin. Friſch an das Werk! Ruhrt euch! Gleich wird der Divan Beiſammen ſeyn.— Die Teppiche gelegt, Die Throne aufgerichtet! Hier zu Rechten Kommt kaiſerliche Majeſtät, links meine Scharmante Hoheit, die Prinzeß, zu ſitzen! Brigella (kommt und ſieht ſich verwundert um). Mein! Sagt mir, Truffaldin, was gibt's denn Neues, Daß man den Divan ſchmückt in ſolcher Eile? Truffaldin 4(ohne auf ihn zu boͤren, zu den Schwarzen). Acht Seſſel dorthin fur die Herrn Doctoren! 333 Sie haben hier zwar nicht viel zu dociren; Doch müſſen ſie, weil's was Gelehrtes gibt, Mit ihren langen Baͤrten figuriren. Brigella. So redet doch! Warum, wozu Das alles? Truffaldin. Warum? wozu? Weil ſich die Majeſtät Und meine ſchoͤne Königin, mit ſammt Den acht Doctoren und den Excellenzen, Sogleich im Divan hier verſammeln werden. 's hat ſich ein neuer, friſcher Prinz gemeldet, Dem juckt, um einen Kopf ſich zu verkuͤrzen. Brigella. Was? Nicht drei Stunden ſind's, daß man den Letzten Hat abgethan— Cruffaldin. Ja, Gott ſey Dank! es geht Von Statten; die Geſchaäfte gehen gut. Brigella. Und dabei koͤnnt Ihr ſcherzen, roher Kerl! Euch freut wohl das barbariſche Gemetzel? CTruffatdin. Warum ſoll mich's nicht freuen? Setzt's doch immer Fuͤr meinen Schnabel was, wenn ſo ein Neuer Die große Reiſe macht— denn jedesmal, Daß meine Hoheit an der Hochzeitklippe Vorbeiſchifft, gibt's im Harem Hochzeitkuchen. Das iſt einmal der Brauch, wir thun's nicht anders: So viele Köpfe, ſo viel Feiertage! Zrigella. Das ſind mir heillos niederträchtige 334 Geſinnungen, ſo ſchwarz, wie Eure Larve. Man ſieht's Euch an, daß Ihr ein Halbmann ſeyd, Ein ſchmutziger Eunuch!— Ein Menſch, ich meine Einer, der ganz iſt, hat ein menſchlich Herz Im Leib und fuͤhlt Erbarmen. Truffaldin. Was! Erbarmen! Es heißt kein Menſch die Prinzen ihren Hals Nach Peckin tragen, Niemand ruft ſie her. Sind ſie freiwillig ſolche Tollhausnarren, Mögen ſie's haben! Auf dem Stadtthor ſteht's Mit blut'gen Köpfen leſerlich geſchrieben, Was hier zu holen iſt— Wir nehmen Keinem Den Kopf, der einen mitgebracht. Der hat Ihn ſchon verloren, längſt, der hier ihn ſetzt! Brigella. Ein ſaubrer Einfall, den galanten Prinzen, Die ihr die Ehr' anthun und um ſie werben, Drei Räthſel aufzugeben und, wenn's einer Nicht auf der Stelle trifft, ihn abzuſchlachten! Truffaldin. Mit Nichten, Freund! Das iſt ein praͤchtiger, Excellenter Einfall!— Werben kann ein Jeder: Es iſt nichts leichter, als aufs Freien reiſen. Man lebt auf fremde Koſten, thut ſich gütlich, Legt ſich dem künft'gen Schwäher in das Haus, und mancher juͤngre Sohn und Krippenreiter, Der alle ſeine Staaten mit ſich führt Im Mantelſack, lebt bloß vom Körbeholen. Es war nicht anders hier, als wie ein großes Wirthshaus von Prinzen und von Abenteurern, Die um die reiche Kaiſertochter freiten: Denn auch der Schlechtſte dünkt ſich gut genug, Die Hände nach der Schoͤnſten auszuſtrecken. Es war wie eine Freikomödie, Wo Alles kommt, bis meine Koöͤnigin Auf den ſcharmanten Einfall kam, das Haus In vier und zwanzig Stunden rein zu machen. — Eine Andre haͤtte ihre Liebeswerber Auf blutig ſchwere Abenteuer aus⸗ Geſendet, ſich mit Rieſen'rum zu ſchlagen, Dem Schach zu Babel, wenn er Tafel hält, Drei Backenzaͤhne höflich auszuziehen, Das tanzende Waſſer und den ſingenden Baum Zu holen und den Vogel, welcher redet— Nichts von Dem allem! Räthſel haben ihr Beliebt! drei zierlich wohlgeſetzte Fragen! Man kann dabei bequem und ſäuberlich In warmer Stube ſitzen, und kein Schuh Wird naß! Der Degen kommt nicht aus der Scheide; Der Witz, der Scharfſinn aber muß heraus. — Brigella, Die verſteht's! Die hat's gefunden, Wie man die Narren ſich vom Leibe hält! Brigelln. zs kann Einer ein rechtſchaffner Cavalier Und Ehmann ſeyn und doch die ſpitz'gen Dinger, Die Raͤthſel, juſt nicht handzuhaben wiſſen. Truffaldin. Da ſiehſt du, Kamerad, wie gut und ehrlich Es die Prinzeß mit ihrem Freier meint, Daß ſie die Räthſel vor der Hochzeit aufgibt. Nachher war's noc) viel ſchlimmer. Löst er ſie Jetzt nicht, ei nun! ſo kommt er ſchnell und kurz Mit einem friſchen Gnadenhieb davon. Doch, wer die ſtacheligen Räthſel nicht Auflost, die ſeine Frau ihm in der Eh' Aufgibt, Der iſt verleſen und verloren! Brigella. Ihr ſeyd ein Narr: mit Euch iſt nicht zu reden. — So mögen's denn meintwegen Raͤthſel ſeyn, Wenn ſie einmal die Wuth hat, ihren Witz Zu zeigen— Aber muß ſie denn die Prinzen Juſt koͤpfen laſſen, die nicht ſinnreich gnug Für ihre Räthſel ſind— Das iſt ja ganz Barbariſch, raſend, toll und unvernünftig. Wo hat man je gehört, daß man den Leuten Den Hals abſchneidet, weil ſie ſchwer begreifen? CTruffaldin. Und wie, du Schafskopf, will ſie ſich der Narren Erwehren, die ſich klug zu ſeyn bedünken, Wenn weiter nichts dabei zu wagen iſt, Als einmal ſich im Divan zu beſchimpfen? Auf die Gefahr hin, ſich zu proſtituiren Mit heiler Haut, läuft Jeder auf dem Eis. Wer fürchtet ſich vor Räthſeln? Räthſel ſind's Gerad', was man fürs Leben gern mag hören. Das hieß' den Köder ſtatt des Popanz's brauchen. Und, wäre man auch wegen der Prinzeſſin Und ihres vielen Gelds daheim geblieben, So würde man der Raͤthſel wegen kommen. Denn Jedem iſt ſein Scharfſinn und ſein Witz Am Ende lieber, als die ſchoͤnſte Frau! 337 Brigella. Was aber kommt bei dieſem ganzen Spiel Heraus, als daß ſie ſitzen bleibt? Kein Mann, Der ſeine Ruh' liebt und bei Sinnen iſt, Wird ſo ein ſpitz'ges Nadelkiſſen nehmen. Truffaldin. Das große Ungluͤck, keinen Mann zu kriegen! (Man hoͤrt einen Marſch in der Ferne). Brigella. Der Kaiſer kommt. Truffaldin. Marſch ihr in eure Küche! Ich gehe, meine Hoheit herzuholen. (Gehen ab zu verſchiedenen Seiten. 9* Zweiter Auftritt. Ein Zug von Soldaten und Spiellenten. Darauf acht BYoctoren, pedantiſch herausſtaffirt; alsdann Pantalon und Tartaglia, Veide in Charaktermasken. Zuletzt der Großthan Altoum, in chineſiſchem Ge⸗ ſchmack mit einiger Uebertreibung gekleidet. Pantalon und Tartaglia ſtellen ſich dem kaiſerlichen Thron gegenuͤber, die acht Doctoren in den Hinter⸗ grund, das uͤbrige Geſolge auf die Seite, wo der kaiſerliche Thron iſt. Beim Eintritt des Kaiſers werſen ſich Alle mit ihren Stirnen auf die Erde und verharren in dieſer Stellung, bis er den Thron beſtiegen hat. Die Doctoren nehmen auf ihren Stuͤhlen Platz. Auf einen Wink, den Pantalon gibt, ſchweigt der Marſch. Altoum⸗ Wann, treue Diener, wird mein Jammer enden? Schillers ſämmtl. Werke. VI. 22 Kaum iſt der edle Prinz von Samarcand Begraben, unſre Thränen fließen noch, Und ſchon ein neues Todesopfer naht, Mein blutend Herz von Neuem zu verwunden. Grauſame Tochter, mir zur Qual geboren! Was hilft's, daß ich den Augenblick verfluche, Da ich auf das barbariſche Geſetz Dem furchtbaren Fohi den Schwur gethan⸗ Nicht brechen darf ich meinen Schwur, nicht ruͤhren Laͤßt ſich die Tochter, nicht zu ſchrecken ſind Die Freier! Nirgends Rath in meinem Ungluͤck! Pantalon. Rath, Majeſtaͤt? Hat ſich da was zu rathen! Bei mir zu Hauſe, in der Chriſten Land, In meiner lieben Vaterſtadt Venedig, Schwört man auf ſolche Mordgeſetze nicht; Man weiß da nichts von näͤrriſchen Mandaten. Da hat man gar kein Beiſpiel und Exempel, Daß ſich die Herrn in Bilderchen vergafft und ihren Hals gewagt für ihre Mädchen. Kein Frauensmenſch bei uns geboren wird, Wie Dame Kieſelſtein, die alle Mäanner Verſchworen hätte— Gott ſoll uns bewahren! Das fiel uns auch im Traum nicht ein. Als ich Daheim noch war, in meinen jungen Jahren, Eh' mich die Ehrenfache, wie Ihr wißt, 5 Hauſe trieb, und meine guten Sterne An meines Kaiſers Hof hieher geführt, Wo ich als Kanzler mich jetzt wohl befinde, Da wußt' ich nichts von China, als, es ſey Ein trefflichs Pulver gegens kalte Fieber. Und jetzt erſtaun' ich uͤber alle Maßen, Daß ich ſo curioſe Braͤuche hier Vorfinde, ſo curioſe Schwuͤre und Geſetze Und ſo curioſe Fraun und Herrn. Erzäͤhlt' ich in Europa dieſe Sachen Sie würden mir unter die Naſe lachen. Altoum. Tartaglia, habt Ihr den neuen Wagehals Beſucht? Tartaglia. Ja, Majeſtat. Er hat den Flügel Des Kaiſerſchloſſes inn', den man gewöhnlich Den fremden Prinzen anzuweiſen pflegt. Ich bin entzuͤckt von ſeiner angenehmen Geſtalt und ſeinen prinzlichen Manieren. s' iſt Jammerſchade um das junge Blut, Daß man es auf die Schlachtbank führen ſoll. s8' Herz bricht mir! Ein ſo angenehmes Prinzchen! Ich bin verliebt in ihn. Weiß Gott, ich ſah In meinem Leben keinen hübſchern Buben! Altoum. Unſeliges Geſetz! Verhaßter Schwur! — Die Opfer ſind dem Fohi doch gebracht, Daß er dem Unglückſeligen ſein Licht Verleihe, dieſe Räthſel zu ergründen? Ach, immer geb' ich dieſer Hoffnung Raum! Pantnlon. An Opfern, Majeſtät, ward nichts geſpart. Dreihundert fette Ochſen haben wir Dem Tien dargebracht, dreihundert Pferde Der Sonne und dem Mond dreihundert Schweine. 340 Altoum. So ruft ihn denn vor unſer Angeſicht! (Ein Theil des Geſolges entfernt ſich.) — Man ſuch' ihm ſeinen Vorſatz auszureden. Und ihr, gelehrte Lichter meines Divans, Kommt mir zu Hulfe, nehmt das Wort fuüͤr mich, Laßt's nicht an Gruͤnden fehlen, wenn mir ſelbſt Der Schmerz die Zunge bindet. Dantalon. Majeſtät! Wir werden unſern alten Witz nicht ſparen, Den wir in langen Jahren eingebracht. Was hilft's? Wir predigen und ſprechen uns Die Lungen heiſer, und er läßt ſich eben Den Hals abſtechen, wie ein wälſches Huhn. Tartaglia. Mit Eurer Gunſt, Herr Kanzler Patalon! Ich habe Scharfſinn und Verſtand bei ihm Bemerkt: wer weiß!— Ich will nicht ganz verzagen. Pantalon. Die Räathſel dieſer Schlange ſollt' er löſen? Nein, nimmermehr! Dritter Auftritt. Die Vorigen. Kalaf, von einer Wache begleitet. Er kniet vor dem Kaiſer nieder, die Hand auf der Stirn'. Altoum (nachdem er ihn eine Zeit lang betrachtet). Steh' auf, unkluger Jüngling! 241 (Kalaf ſteht auf und ſtellt ſich mit edelm Anſtand in die Mitte des Divans.) Die reizende Geſtalt! der edle Anſtand! Wie mir's ans Herz greift!— Sprich, Ungluͤcklicher! Wer biſt du? Welches Land gab dir das Leben? Kaluf (ſchweigt einen Augenblick verlegen, dann mit einer edeln Verbeugung). Monarch, vergoͤnne, daß ich meinen Namen Verſchweige. Altoum. Wie? Mit welcher Stirn' darfſt du, Ein unbekannter Fremdling, namenlos, Um unſere kaiſerliche Tochter werben! Kalaf. Ich bin von königlichem Blut, ein Prinz geboren. Verhängt der Himmel meinen Tod, ſo ſoll Mein Name, mein Geſchlecht, mein Vaterland Kund werden, eh' ich ſterbe, daß die Welt Erfahre, nicht unwürdig hab' ich mich Des Bundes angemaßt mit deiner Tochter. Für jetzt geruhe meines Kaiſers Gnade Mich unerkannt zu laſſen. Altoum. Welcher Adel In ſeinen Worten! Wie beklag' ich ihn! — Doch wie, wenn du die Räthſel nun gelöst Und nicht von wuͤrd'ger Herkunft— Kalaf. Das Geſetz, Monarch, iſt nur fuͤr Koͤnige geſchrieben. Verleihe mir der Himmel, daß ich ſiege, 342 und dann, wenn ich unköniglichen Stamms Erfunden werde, ſoll mein fallend Haupt Die Schuld der kühnen Anmaßung bezahlen, Und unbeerdigt liege mein Gebein, Der Krahen Beute und der wilden Thiere. Schon eine Seele lebt in dieſer Stadt, Die meinen Stand und Namen kann bezeugen. Für jetzt geruhe meines Kaiſers Gnade Mich unerkannt zu laſſen. Altoum. Wohl! Es ſey! Dem Adel deiner Mienen, deiner Worte, Holdſel'ger Jüngling, kann ich Glauben nicht, Gewährung nicht verſagen— Mögſt auch du Geneigt ſeyn, einem Kaiſer zu willfahren, Der hoch von ſeinem Thron herab dich fleht! Entweiche, o, entweiche der Gefahr, Der du verblendet willſt entgegen ſtürzen! Steh' ab und fordre meines Reiches Hälfte! So mächtig ſpricht's fuͤr dich in meiner Bruſt, Daß ich dir gleichen Theil an meinem Thron Auch ohne meiner Tochter Hand verſpreche. O, zwinge du mich nicht, Tyrann zu ſeyn! Schon ſchwer genug druͤckt mich der Voͤlker Fluch, Das Blut der Prinzen, die ich hingeopfert: Drum, wenn das eigne Unglück dich nicht rührt, Laß meines dich erbarmen! Spare mir Den Jammer, deine Leiche zu beweinen, Die Tochter zu verfluchen und mich ſelbſt, Der die Verderbliche gezeugt, die Plage Der Welt, die bittre Quelle meiner Thränen! 343 Kalaf. Beruhige dich, Sire. Der Himmel weiß, Wie ich im tiefſten Herzen dich beklage. Nicht, wahrlich, von ſo mildgeſinntem Vater Hat Turandot Unmenſchlichkeit geerbt. Du haſt nicht Schuld, es wäre denn Verbrechen, Sein Kind zu lieben und das Götterbild, Das uns bezaubert und uns ſelbſt entrückt, Der Welt geſchenkt zu haben— Deine Großmuth Spar' einem Glücklicheren auf. Ich bin Nicht würdig, Sire, dein Reich mit dir zu theilen. Entweder iſt's der Goͤtter Schluß und Rath, Durch den Beſitz der himmliſchen Prinzeſſin Mich zu beglücken— oder enden ſoll Dies Leben, ohne ſie mir eine Laſt! Tod oder Turandot! Es gibt kein Drittes. Pantalon. Ei, ſagt mir, liebe Hoheit! habt Ihr auch Die Köpfe überm Stadtthor wohl beſehn? Mehr ſag' ich nicht. Was, Herr, in aller Welt Treibt Euch, aus fernen Landen herzukommen Und Euch friſch weg, wie Ihr vom Pferd geſtiegen, Mir nichts, dir nichts, wie ein Ziegenbock Abthun zu laſſen? Dame Turandot, Das ſeyd gewiß, dreht Euch drei Räthſelchen, Daran die ſieben Weiſen Griechenlands Mit ſammt den ſiebenzig Dolmetſchern ſich Die Nägel Jahre lang umſonſt zerkauten. Wir ſelbſt, ſo alte Praktici und grau Geworden ubern Buͤchern, haben Noth, Das Tiefe dieſer Raͤthſel zu ergründen. —————— 344 Es ſind nicht Räthſel aus dem Kinderfreund, Nicht ſolches Zeug, wie Das: „Wer's ſieht, fuͤr Den iſt's nicht beſtellt, „Wer's braucht, Der zahlt dafür kein Geld, „Wer's macht, Der will's nicht ſelbſt ausfüllen, „Wer's bewohnt, Der thut es nicht mit Willen.“ Nein, es ſind Räthſel von dem neuſten Schnitt, Und ſind verfluchte Nüſſe aufzuknacken. Und, wenn die Antwort nicht zum guten Gluck Auf dem Papier, das man den Herrn Doctoren Verſiegelt übergibt, geſchrieben ſtände, Sie möchten's Euch mit allem ihrem Witz In einem Säculum nicht ausſtudiren. Darum, Herr Milchbart, zieht in Frieden heim! Ihr jammert mich, ſeyd ein ſo junges Blut, Und Schade waͤr's um Eure ſchönen Haare. Beharrt Ihr aber drauf, ſo ſteht ein Rettig Des Gäartners feſter, Herr, als Euer Kopf. Kalaf. Ihr Pprecht verlorne Worte, guter Alter. Tod oder Turandot! Tartaglia(ſtotternd). Tu— Turandot! Zum Henker, welcher Steifſinn und Verblendung! Hier ſpielt man nicht um wälſche Nüſſe, Herr, Noch um Kaſtanien— s iſt um den Kopf Zu thun— den Kopf— bedenkt Das wohl! Ich will Sonſt keinen Grund anführen als den einen; Er iſt nicht klein:— den Kopf! Es gilt den Kopf. Die Mgjeſtät höchſtſelbſt, auf ihrem Thron, Läßt ſich herab, Euch vaterlich zu warnen 345 Und abzurathen— Dreihundert Pferde ſind Der Sonne dargebracht, dreihundert Ochſen Dem höchſten Himmelsgott, dreihundert Kühe Den Sternen und dem Mond dreihundert Schweine Und Ihr ſeyd ſtörrig gnug und undankbar, Das kaiſerliche Herz ſo zu betrüben? Wär' überall auch keine andre Dame Mehr in der Welt, als dieſe Turandot, Blieb's immer doch ein loſer Streich von Euch, Nehmt mir's nicht uübel, junger Herr! Es iſt, Weiß Gott! die pure Liebe und Erbarmniß, Die mich ſo frei läßt von der Leber ſprechen. Den Kopf verlieren! Wißt Ihr, was das heißt? Es iſt nicht moglich— Kalaf. So in Wind zu reden! Ihr habt in Wind geſprochen, alter Meiſter! Tod oder Turandot! Altoum. Nun denn, ſo hab' es! Verderbe dich, und mich ſtürz' in Verzweiflung! (Zu der Wache.) Man geh' und rufe meine Tochter her. (Wache geht hinaus.) Sie kann ſich heut' am zweiten Opfer weiden. Kalaf (gegen die Thuͤre gewendet, in heftiger Bewegung). Sie kommt! Ich ſoll ſie ſehen! Ew'ge Maͤchte! Das iſt der große Augenblick! O, ſtaͤrket Mein Herz, daß mich der Anblick nicht verwirre Des Geiſtes Helle nicht mit Nacht umgebe! 3⁴⁶ Ich fürchte keine als der Schönheit Macht. Ihr Götter, gebt, daß ich mir ſelbſt nicht fehle! Ihr ſeht es, meine Seele wankt; Erwartung Durchzittert mein Gebein und ſchnürt das Herz Mir in der Bruſt zuſammen.— Weiſe Richter Des Divans! Richter über meine Tage! O, zeiht mich nicht ſtrafbaren Uebermuths, Daß ich das Schickſal zu verſuchen wage! Bedauert mich! Beweint den Unglücksvollen! Ich habe hier kein Waͤhlen und kein Wollen! Unwiderſtehlich zwingend reißt es mich Von hinnen: es iſt machtiger, als ich. Vierter Auftritt. Man hoͤrlt einen Marſch. Truffaldin tritt auf, den Saͤbel an der Schulter, die Schmarzen hinter ihm; darauf mehrere Sklavinnen, die zu den Trommeln accom⸗ pagniren. Nach dieſen Adelma und Belima, FJene in tartariſchem Anzug, Veide verſchleiert. Zelima traͤgt eine Schuͤſſel mit verſiegelten Papieren. Truffaldin und ſeine Schwarzen werfen ſich im Vorbeigehen vor dem Kaiſer mit der Stirn' auf die Erde und ſtehen ſogleich wie⸗ der auf; Sklavinnen knien nieder mit der Hand auf der Stirn'. Zuletzt erſcheint Turandot verſchleiert, in reicher chineſiſcher Kleidung, majeſtaͤ⸗ tiſch und ſtolz. Die Raͤthe und Doctoren werſen ſich von ihr mit dem Angeſicht auf die Erde. Altoum ſteht auf; die Prinzeſſin macht ihm, die Hand auf der Stirn', eine abgemeſſene Verbeugung, ſteigt dann auf ihren Thron und ſetzt ſich. Zelima und Adelma nehmen zu ihren beiden Seiten Platz, und die Letztere den Zuſchauern am Naͤchſten. Truffaldin nimmt der Zelima die Schuͤſſel ab und vertheilt unter lächerlichen Ceremonien die Zettel unter die acht Doctoren. Darauf entſernt er ſich mit denſelben Ver⸗ beugungen, wie am Anfang, und der Marſch hoͤrt auf. 347 Curandat(nach einer langen Pauſe). Wer iſt's, der ſich aufs Neu' vermeſſen ſchmeichelt, Nach ſo viel kläglich warnender Erfahrung, In meine tiefen Raͤthſel einzudringen? Der, ſeines eignen Lebens Feind, die Zahl Der Todesopfer zu vermehren kommt? Altoum (zeigt auf Kalaf, der erſtaunt in der Mitte des Diyans ſieht). Der iſt es, Tochter— Würdig wohl iſt er's, Daß du freiwillig zum Gemahl ihn waͤhleſt, Ohn' ihn der furchtbarn Probe auszuſetzen Und neue Trauer dieſem Land, dem Herzen Des Vaters neue Stacheln zu bereiten. Turandot (nachdem ſie ihn eine Zeit lang betrachtet, leiſe zu Zelima). O Himmel! Wie geſchieht mir, Zelima! Zelima. Was iſt dir, Koͤnigin? Turandot. Noch Keiner trat Im Divan auf, der dieſes Herz zu ruͤhren Verſtanden haͤtte. Dieſer weiß die Kunſt. Zelima. Drei leichte Räthſel denn, und Stolz— fahr' hin! Turandot. Was ſagſt du? Wie, Verwegne? Meine Ehre? Adelma (hat waͤhrend dieſer Reden den Prinzen mit hoͤchſtem Erſtaunen betrachtet, für ſich). Tauſcht mich ein Traum? Was ſeh' ich, große Götter! Er iſt's! der ſchöne Jüngling iſt's, den ich 348 Am Hofe meines Vaters Keicobad Als niedern Knecht geſehn!— Er war ein Prinz! Ein Koͤnigsſohn! Wohl ſagte mir's mein Herz; O, meine Ahnung hat mich nicht betrogen! Turandot. Prinz, noch iſt's Zeit. Gebt das verwegene Beginnen auf! Gebt's auf! Weicht aus dem Divan! Der Himmel weiß, daß jene Zungen lügen, Die mich der Haͤrte zeihn und Grauſamkeit. — Ich bin nicht grauſam. Frei nur will ich leben; Bloß keines Andern will ich ſeyn: dies Recht, Das auch dem allerniedrigſten der Menſchen Im Leib der Mutter anerſchaffen iſt, Will ich behaupten, eine Kaiſerstochter. Ich ſehe durch ganz Aſien das Weib Erniedrigt und zum Sklavenjoch verdammt. Und rächen will ich mein beleidigtes Geſchlecht An dieſem ſtolzen Maͤnnervolke, dem Kein andrer Vorzug vor dem zäaͤrtern Weibe Als rohe Stärke ward. Zur Waffe gab Natur mir den erfindenden Verſtand Und Scharfſinn, meine Freiheit zu beſchützen. — Ich will nun einmal von dem Mann nichts wiſſen: Ich haſſ' ihn, ich verachte ſeinen Stolz Und Uebermuth— Nach allem Köſtlichen Streckt er begehrlich ſeine Hände aus; Was ſeinem Sinn gefällt, will er beſitzen. Hat die Natur mit Reizen mich geſchmuckt, Mit Geiſt begabt— warum iſt's denn das Los Des Edeln in der Welt, daß es allein Des Jagers wilde Jagd nur reizt, wenn das Gemeine In ſeinem Unwerth ruhig ſich verbirgt? Muß denn die Schöͤnheit eine Beute ſeyn Für Einen? Sie iſt frei, ſo wie die Sonne, Die allbeglückende, am Himmel, Der Quell des Lichts, die Freude aller Augen, Doch Keines Sklavin und Leibeigenthum. Kalaf. So hoher Sinn, ſo ſeltner Geiſtesadel In dieſer göttlichen Geſtalt! Wer darf Den Jüngling ſchelten, der ſein Leben Für ſolchen Kampfpreis freudig ſetzt!— Wagt doch Der Kaufmann, um geringe Guter, Schiff Und Mannſchaft an ein wildes Element; Es jagt der Held dem Schattenbild des Ruhms Durch's blut'ge Feld des Todes nach— Und nur Die Schönheit wär' gefahrlos zu erwerben, Die aller Guter erſtes, höchſtes iſt? Ich alſo zeih' Euch keiner Grauſamkeit; Doch nennt auch Ihr den Juͤngling nicht verwegen und haßt ihn nicht, weil er mit glüh'nder Seele Nach dem uUnſchätzbaren zu ſtreben wagt! Ihr ſelber habt ihm ſeinen Preis geſetzt, Womit es zu erkaufen iſt— die Schranken Sind offen für den Würdigen— Ich bin Ein Prinz, ich hab' ein Leben dran zu wagen— Kein Leben zwar des Gluͤcks; doch iſt's mein Alles, und, haͤtt' ich's tauſendmal, ich gäb' es hin. Zelima eeiſe zu Turandot). Hoͤrt Ihr, Prinzeſſin? Um der Goͤtter Willen! Drei leichte Rathſel! Er verdient's. 350 Adelma. Wie edel! welche Liebenswürdigkeit! O, daß er mein ſeyn könnte! Hatt' ich damals Gewußt, daß er ein Prinz geboren ſey, Als ich der füßen Freiheit mich noch freute! — O, welche Liebe flammt in meiner Bruſt, Seitdem ich ihn mir ebenbuͤrtig weiß! — Muth, Muth, mein Herz! Ich muß ihn noch beſitzen. (Zu Turandot.) Prinzeſſin! Ihr verwirret Euch! Ihr ſchweigt! Bedenket Euren Ruhm! Es gilt die Ehre! Turandot. Und er allein riß mich zum Mitleid hin? Nein, Turandot, du mußt dich ſelbſt beſiegen! — Verwegener, wohlan, macht Euch bereit! 5.*Altvum. Prinz, Ihr beharrt noch? Kalaf. Sire! ich widerhol' es: Tod oder Turandot! (Pantalon und Tartaglia geberden ſich ungeduldig.) Altoum. So leſe man Das blutige Mandat. Er hör's und zittre! (Tartaglia nimmt das Geſetzbuch aus dem Buſen, kuͤßt es, legt es ſich auf die Bruſt, hernach auf die Stirn', dann uͤberreicht er's dem Pantalon) Pantalon (empfaͤngt das Geſetzbuch, nachdem er ſich mit der Stirn auf die Erde geworſen, ſteht auf und liest mit lauter Stimme). „Es kann ſich jeder Prinz um LTurandot bewerben, 351 „Doch erſt drei Räͤthſel legt die Konigin ihm vor. „Löst er ſie nicht, muß er vom Beile ſterben, „Und ſchaugetragen wird ſein Haupt auf Peckins Thor. „Loͤst er die Räthſel auf, hat er die Braut gewonnen. „So lautet das Geſetz. Wir ſchwoͤren's bei der Sonnen.“ (Nach geendigter Vorleſung küßt er das Buch, legt es auf die Bruſt und Stirn' und uͤberreicht es dem Tartaglia, der ſich mit der Stirn' auf die Erde wirſt, es empfaͤngt und dem Altoum praͤſentirt.) Altoum (hebt die rechte Hand empor und legt ſie auf das Buch). O Blutgeſetz! du meine Qual und Pein! Ich ſchwoͤr's bei Fohis Haupt, du ſollſt vollzogen ſeyn. (Tartaglia ſteckt das Buch wieder in den Buſen; es herrſcht eine tiefe Stitlle.) Turandot(in declamatoriſchem Ton, aufſtehend). Der Baum, auf dem die Kinder Der Sterblichen verblühn, Steinalt, nichts deſto minder Stets wieder jung und grün; Er kehrt auf einer Seite Die Blaͤtter zu dem Licht; Doch kohlſchwarz iſt die zweite Und ſieht die Sonne nicht. Er ſetzet neue Ringe, So oft er blühet, an. Das Alter aller Dinge Zeigt er den Menſchen an. In ſeine grünen Rinden Drückt ſich ein Name leicht, Der nicht mehr iſt zu ſinden, Wenn ſie verdorrt und bleicht. —ÿjj——. 8 . 35² So ſprich, kannſt du ergruͤnden, Was dieſem Baume gleicht? 7(Sie ſetzt ſich wieder.) Kalaf (nachdem er eine Zeit lang nachdenkend in die Hoͤhe geſehen, verbeugt ſich gegen die Prinzeſſin). Zu glücklich, Koͤnigin, iſt Euer Sklav', Wenn keine dunklern Raͤthſel auf ihn warten. Dieſer alte Baum, der immer ſich erneut, Auf dem die Menſchen wachſen und verblühen, Und deſſen Blätter auf der einen Seite 3 Die Sonne ſuchen, auf der andern fliehen, In deſſen Rinde ſich ſo mancher Name ſchreibt, Der nur, ſolang ſie gruͤn iſt, bleibt: — Er iſt— das Jahr mit ſeinen Tagen und Nachten. Pantalon(freudig). Tartaglia! getroffen! CTartaglia. Auf ein Haar! Doctoren(erbrechen ihre Zettel). Optime! Optimel Optime! Das Jahr, das Jahr, Das Jahr! Es iſt das Jahr.(Muſik faͤllt ein.) Altoum(freudig). Der Goͤtter Gnade ſey mit dir, mein Sohn, Und helfe dir auch durch die andern Räthſel! Belima(bei Seite). O Himmel, ſchütz' ihn! (Adelma gegen die Zuſchauer). Himmel, ſchütz' ihn nicht! Laß nicht geſchehn, daß ihn die Grauſame Gewinne, und die Liebende verliere! 353 Turandot eentruͤſtet, fuͤr ſich). Er ſollte ſiegen? mir den Ruhm entreißen? Nein, bei den Goͤtternt (Zu Kalaf.) Selbſtzufriedner Thor! Frohlocke nicht zu früh'! Merk' auf und löſe! (Steht wieder auf und faͤhrt in declamatoriſchem Ton fort.) Kennſt du das Bild auf zartem Grunde? Es gibt ſich ſelber Licht und Glanz. Ein Andres iſt's zu jeder Stunde, und immer iſt es friſch und ganz. Im engſten Raum iſt's ausgeführet, Der kleinſte Rahmen faßt es ein; Doch alle Groͤße, die dich rühret, Kennſt du durch dieſes Bild allein. Und kannſt du den Kryſtall mir nennen? Ihm gleicht an Werth kein Edelſtein; Er leuchtet, ohne je zu brennen, Das ganze Weltall ſaugt er ein. Der Himmel ſelbſt iſt abgemalet In ſeinem wundervollen Ring; Und doch iſt, was er von ſich ſtrahlet, Oft ſchoͤner, als was er empfing. Kalaf (nach einem kurzen Nachdenken, ſich gegen die Prinzeſſin verbeugend)⸗ Zuͤrnt nicht, erhabne Schoͤne, daß ich mich* Erdreiſte, Eure Räthſel aufzulöſen. — Dies zarte Bild, das in den kleinſten Rahmen Gefaßt, das unermeßliche uns zeigt, Und der Kryſtall, in dem dies Bild ſich malt, Schillers ſämmtl. Werke. VI. 23 354 Und der noch Schönres von ſich ſtrahlt— Er iſt das Aug', in das die Welt ſich drückt, Dein Auge iſt's, wenn es mir Liebe blickt. Vantalon(ſpringt freudig auf). Tartaglia! Mein' Seel'! Ins ſchwarze Fleck Geſchoſſen. Tartaglin. Mitten hinein, ſo wahr ich lebe! Doctoren(haben die Zettel eröffnet). Optime! Optime! Optime! Das Auge, das Auge! Es iſt das Auge..(MNuſik faͤllt ein.) Altoum. Welch unverhofftes Glück! Ihr gut'ge Götter! 4 O, laßt ihn auch das letzte Ziel noch treffen!— Zelima(bei Seite). O, waͤre dies das letzte!. 3 Adelma(Cegen die Zuſchauer). Weh' mir! Er ſiegt! Er iſt für mich verloren! (Zu Turandot.) Prinzeſſin, Euer Ruhm iſt hin! Koͤnnt Ihr's Ertragen? Eure vor'gen Siege alle Verſchlingt ein einz'ger Augenblick. Turundot(ſteht auf in heſtigem Zorn). Eh' ſoll Die Welt zu Grunde gehn! Verwegner, wiſſe! Ich haſſe dich nur deſto mehr, je mehr Du hoffſt, mich zu beſiegen, zu beſitzen. Erwarte nicht das letzte Räthſel! Flieh'! Weich' aus dem Divan! Rette deine Seele! . Kalaf. Nur Euer Haß iſt's, angebetete Prinzeſſin, was mich ſchreckt und angſtiget. Dies ungluͤckſel'ge Haupt ſink' in den Staub, Wenn es nicht werth war, Euer Herz zu rühren. Altoum. Steh' ab, geliebter Sohn! Verſuche nicht Die Götter, die dir zweimal günſtig waren. Jetzt kannſt du dein gerettet Leben noch, Gekrönt mit Ehre, aus dem Divan tragen. Nichts helfen dir zwei Siege, wenn der dritte Dir, der entſcheidende, mißlingt— Je näher Dem Gipfel, deſto ſchwerer iſt der Fall. — Und du— laß es genug ſeyn, meine Tochter! Steh' ab, ihm neue Rathſel vorzulegen. Er hat geleiſtet, was kein andrer Prinz Vor ihm. Gib ihm die Hand, er iſt ſie werth, Und endige die Proben. (Zelima macht flehende, Adelma drohende Geberden gegen Turandot.) Turandot. Ihm die Hand? Die Proben ihm erlaſſen? Nein, drei Raͤthſel Sagt das Geſetz. Es habe ſeinen Lauf. Kalaf. Es habe ſeinen Lauf. Mein Schickſal liegt In Götterhand. Tod oder Turandot! Turandot. Tod alſo! Tod! Höoͤrſt du's? (Sie ſtehr auf und faͤhrt auf die vorige Art zu declamiren ſort.) Wie heißt das Ding, das Wen'ge ſchatzen? Doch ziert's des größten Kaiſers Hand; Es iſt gemacht, um zu verletzen; Am Nächſten iſt's dem Schwert verwandt. 356 Kein Blut vergießt's und macht doch tauſend Wunden, Niemand beraubt's und macht doch reich: Es hat den Erdkreis überwunden, Es macht das Leben ſanft und gleich. Die groͤßten Reiche hat's gegründet, Die aͤltſten Staͤdte hat's erbaut; Doch niemals hat es Krieg entzündet, Und Heil dem Volk, das ihm vertraut. Fremdling, kannſt du das Ding nicht rathen, So weich' aus dieſen blühnden Staaten! (Mit den letzten Worten reißt ſie ſich den Schleier ab.) Sieh' her und bleibe deiner Sinne Meiſter! Stirb oder nenne mir das Ding! Kalaf (außer ſich, haͤlt die Hand vor die Augen). O Himmelsglanz! O Schönheit, die mich blendet! Altoum. Gott, er verwirrt ſich, er iſt außer ſich! Faſſ' dich, mein Sohn! O, ſammle deine Sinne! Belima(für ſich). Mir bebt das Herz. Adelma(gegen die Zuſchauer). Mein biſt du, theurer Fremdling! Ich rette dich, die Liebe wird mich's lehren. Nantalon(zu Kalaf). Um Gotteswillen, nicht den Kopf verloren! Nehmt Euch zuſammen! Herz gefaßt, mein Prinz! O wel', o weh'! Ich fürcht', er iſt geliefert. Tartaglia(gravitaͤtiſch fuͤr ſich). Ließ' es die Wuͤrde zu, wir gingen ſelbſt zur Kuͤche Nach einem Eſſigglas. 357 Curandot (hat den Prinzen, der noch immer außer Fsſſung da ſteht, unverwandt betrachtet). Ungluͤcklicher! Du wollteſt dein Verderben. Hab' es nun! Kalaf (hat ſich gefaßt und verbeugt ſich mit einem ruhigen Laͤcheln gegen Turandor). Nur Eure Schönheit, himmliſche Prinzeſſin, Die mich auf Einmal überraſchend, blendend Umleuchtete, hat mir auf Augenblicke Den Sinn geraubt. Ich bin nicht überwunden. Dies Ding von Eiſen, das nur Wen'ge ſchätzen, Das Chinas Kaiſer ſelbſt in ſeiner Hand Zu Ehren bringt am erſten Tag des Jahrs, Dies Werkzeug, das, unſchuld'ger als das Schwert, Dem frommen Fleiß den Erdkreis unterworfen— Wer träte aus den öden, wüſten Steppen Der Tartarei, wo nur der Jäger ſchwarmt, Der Hirte weidet, in dies blüͤhnde Land Und ſaͤhe rings die Saatgefilde grünen Und hundert volkbelebte Städte ſteigen, Von friedlichen Geſetzen ſtill begluckt, Und ehrte nicht das köſtliche Geräthe, Das allen dieſen Segen ſchuf— den Pflug? Pantalon. O, ſey gebenedeit! Laß dich umhalſen! Ich halte mich nicht mehr vor Freud' und Jubel. Tartaglin. Gott ſegne Eure Majeſtät! Es iſt Vorbei, und aller Jammer hat ein Ende. 358 Doctoren(haben die Zettel eroͤffnet). Der Pflug, der Pflug! Es iſt der Pflug! (Alle Inſtrumente ſallen ein mit großem Geraͤuſch. Turandot iſt auf ihrem Tyron in Ohnmacht geſunken.) Zelima(um Turandot beſchaͤftigt). Blückt auf, Prinzeſſin! Faſſet Euch! Der Sieg Iſt ſein; der ſchöne Prinz hat uͤberwunden. Adelma(an die Zuſchauer). Der Sieg iſt ſein! Er iſt für mich verloren. — Nein, nicht verloren! Hoffe noch, mein Herz! (Altoum iſt voll Freude, bedient von Pantalon und Tartaglia, vom Throne geſtiegen. Die Doctoren erheben ſich alle von ihren Sitzen und ziehen ſich nach dem Hintergrunde. Alle Thuͤren werden geoͤffnet. Man erblickt Volk. Alles Dies geſchieht, waͤhrend die Muſik fortdauert.) Altoum(zu Turandot). Nun hoͤrſt du auf, mein Alter zu betrüben, Grauſames Kind! Genug iſt dem Geſetz Geſchehen, alles Ungluͤck hat ein Ende. — Kommt an mein Herz, geliebter Prinz! Mit Freuden Begruüß' ich Euch als Eidam! Turandot (iſt wieder zu ſich gekommen und ſtuͤrzt in ſinnloſer Wuth von ihrem Throne, ſich zwiſchen Beide werfend). Haltet ein! Er hoffe nicht, mein Ehgemahl zu werden! Die Probe war zu leicht. Er muß aufs Neu' Im Divan mir drei andre Raͤthſel löſen. Man uͤberraſchte mich. Mir ward nicht Zeit Vergönnt, mich zu bereiten, wie ich ſollte. Altoum. Grauſame Tochter, deine Friſt iſt um! Nicht hoffe mehr, uns liſtig zu beſchwatzen. Erfuͤllt iſt die Bedingung des Geſetzes: Mein ganzer Divan ſoll den Ausſpruch thun. Nantalon. Mit Eurer Gunſt, Prinzeſſin Kieſelherz! Es braucht nicht neue Raͤthſel zuzuſpitzen Und neue Köpfe abzuhacken— Da! Hier ſteht der Mann! Der hat's errathen! Kurz: Das Geſetz hat ſeine Endſchaft, und das Eſſen Steht auf dem Tiſch— Was ſagt der Herr Collega? Tartaglia. Das Geſetz iſt aus, ganz aus, und damit Punctum. Was ſagen Ihre Wuͤrden, die Doctoren? Doctaren. Das Geſetz iſt aus. Das Köpfen hat ein Ende. Auf Leid folgt Freud'. Man gebe ſich die Hände. Altoum. So trete man den Zug zum Tempel an. Der Fremde nenne ſich, und auf der Stelle Vollziehe man die Trauung— Turandot(wirft ſich ihm in den Weg). .— Aufſchub, Vater! Um aller Götter willen! Altoum. Keinen Aufſchub! Ich bin entſchloſſen. Undankbares Kind! Schon allzulang zu meiner Schmach und Pein 360 Willfahr' ich deinem grauſamen Begehren. Dein Urtheil iſt geſprochen: mit dem Blut Von zehen Todesopfern iſt's geſchrieben, Die ich um deinetwillen morden ließ. Mein Wort hab' ich gelöst, nun löſe du Das deine, oder, bei dem furchtbarn Haupt Des Fohi ſey's geſchworen— Turandot(wirft ſich zu ſeinen Fuͤßen). O mein Vater! Nur einen neuen Tag vergönnt mir— Altoum. Nichts! Ich will nichts weiter hoͤren. Fort zum Tempel! Turandot(außer ſich). So werde mir der Tempel denn zum Grab! Ich kann und will nicht ſeine Gattin ſeyn, Ich kann es nicht. Eh' tauſend Tode ſterben, Als dieſem ſtolzen Mann mich unterwerfen. Der bloße Name ſchon, ſchon der Gedanke, Ihm unterthan zu ſeyn, vernichtet mich. 4 Kalaf. Grauſame, Unerbittliche, ſteht auf! Wer koͤnnte Euren Thraͤnen widerſtehn? (Zu Altoum.) Laßt Euch erbitten, Sire! Ich flehe ſelbſt Darum. Gönnt ihr den Aufſchub, den ſie fordert. Wie könnt' ich glücklich ſeyn, wenn ſie mich haßt! Zu zartlich lieb' ich ſie— Ich kann's nicht tragen, Ihr Leiden, ihren Schmerz zu ſehn— Fühlloſe! Wenn dich des treuſten Herzens treue Liebe Nicht rühren kann, wohlan, ſo triumphire! Ich werde nie dein Gatte ſeyn mit Zwang. O, ſaͤheſt du in dies zerriſſ'ne Herz, Gewiß, du fuͤhlteſt Mitleid— Dich gelüſtet Nach meinem Blut? Es ſey darum. Verſtattet, Die Probe zu erneuern, Sire— Willkommen Iſt mir der Tod. Ich wunſche nicht zu leben. Altoum. Nichts, nichts! Es iſt beſchloſſen. Fort zum Tempel! Kein anderer Verſuch— Unkluger Jüngling! CTurandot(ſaͤhrt raſend auf). Zum Tempel denn! Doch am Altar wird Eure Tochter Zu ſterben wiſſen. 3 (Sie zieht einen Dolch und will gehen.) Kalaf. Sterben! Große Götter! Nein, eh' es dahin kommt— Hört mich, mein Kaiſer! Gönn' Eure Gnade mir die einz'ge Gunſt! — Zum Zweitenmale will ich ihr im Divan, Ich— ihr ein Raͤthſel aufzuloͤſen geben. Und dieſes iſt: Weß Stamms und Namens iſt Der Prinz, der, um das Leben zu erhalten, Gezwungen ward, als niedrer Knecht zu dienen Und Laſten um geringen Lohn zu tragen, Der endlich auf dem Gipfel ſeiner Hoffnung Noch ungluͤckſel'ger iſt, als je zuvor? — Granſame Seele! Morgen früh im Divan Nennt mir des Vaters Namen und des Prinzen. Vermoͤgt Ihr's nicht, ſo laßt mein Leiden enden ———— 36² und ſchenkt mir dieſe theure Hand! Nennt Ihr Die Namen mir, ſo mag mein Haupt zum Opfer fallen. Turandot. Ich bin's zufrieden, Prinz! Auf die Bedingung Bin ich die Eurige. Zelimu(für ſich). Ich ſoll von Neuem zittern! Adelma(ſeitwaͤrts). Ich darf von Neuem hoffen! Altoum. Ich bin's nicht Zufrieden. Nichts geſtatt' ich. Das Geſetz Will ich vollzogen wiſſen. Kalaf(ſaͤllt ihm zu Fuͤßen)⸗ Mächt'ger Kaiſer! Wenn Bitten dich bewegen— wenn du mein, Wenn du der Tochter Leben liebſt, ſo duld' es! Bewahren mich die Götter vor der Schuld, Daß ſich ihr Geiſt nicht ſaͤttige. Er weide Mit Wolluſt ſich an meinem Blut— Sie löͤſe Im Divan, wenn ſie Scharfſinn hat, mein Räͤthſel! Turnndot(fuͤr ſich). Er ſpottet meiner noch, wagt's, mir zu trotzen! Altoum qzu Kalaf). Unſinniger! Ihr wißt nicht, was Ihr fordert, Wißt nicht, welch einen Geiſt ſie in ſich hat: Das Tiefſte auch verſteht ſie zu ergründen. — Sey's denn! Die neue Probe ſey verſtattet! Sie ſey des Bandes mit Ench los, kann ſie Im Divan morgen uns die Namen nennen. 363 Doch eines neuen Mordes Trauerſpiel Geſtatt' ich nicht— Erräͤth ſie, was ſie ſoll, So zieht in Frieden Euren Weg!— Genug Des Blutes iſt gefloſſen. Folgt mir, Prinz! — Unkluger Juͤngling! was habt Ihr gethan? (Der Marſch wird wieder gehoͤrt. Altoum geht gravitaͤtiſch mit dem Prinzen, Pantalon, Tartaglia, den Doctoren und der Leibwache durch die Pforte ab, durch die er gekommen. Turandot, Adelma, Zelima, Sklavinnen und Truffaldin mit den Verſchnittenen entfernen ſich durch die andere Pforte, ihren erſten Marſch wiederholend.) Dritter Antzug. Ein Zimmer im Serail. Erſter Auftritt. 1 Adelma allein. Jetzt oder nie entſpring' ich dieſen Banden. Fünf Jahre trag' ich ſchon den glühnden Haß In meiner Bruſt verſchloſſen, heuchle Freundſchaft Und Treue fuͤr die Grauſame, die mir Den Bruder raubte, die mein ganz Geſchlecht Vertilgte, mich zu dieſem Sklavenlos Herunterſtieß— In dieſen Adern rinnt, Wie in den ihren, königliches Blut; Ich achte mich, wie ſie, zum Thron geboren. Und dienen ſoll ich ihr, mein Knie ihr beugen, Die meines ganzen Hauſes Möoͤrderin, Die meines Falles blut'ge Urſach' iſt. Nicht länger duld' ich den verhaßten Zwang, Erſchöpft iſt mir die Kraft, ich unterliege Der lang getragnen Bürde der Verſtellung. Der Augenblick iſt da, mich zu befrein: Die Liebe ſoll den Rettungsweg mir bahnen. All' meine Künſte biet' ich auf— Entweder 8 Entdeck' ich ſein Geheimniß oder ſchreck' ihn Durch Liſt aus dieſen Mauern weg— Verhaßte, Du ſollſt ihn nicht beſitzen! Dieſen Dienſt Will ich aus falſchem Herzen dir noch leiſten. Mir ſelber dien' ich, ſüße Rache uͤb' ich, Dein Herz zerreiß' ich, da ich deinem Stolz Verräthriſch diene— ich durchſchaute dich! Du liebſt ihn, aber darfſt es nicht geſtehn. Du mußt ihn von dir ſtoßen und verwerfen, Wider dich ſelber mußt du thoͤricht wüthen, Den lächerlichen Ruhm dir zu bewahren; Doch ewig bleibt der Pfeil in deiner Bruſt, Ich kenn' ihn: nie vernarben ſeine Wunden. — Dein Frieden iſt vorbei: du haſt empfunden! (Turandot erſcheint im Hintergrund, auf Zelima gelehnt, welche beſchaͤftigt iſt, ſie zu beruhigen.) Sie kommt, ſie iſt's! verzehrt von Scham und Wuth Und von des Stolzes und der Liebe Streit! Wie lab' ich mich an ihrer Seele Pein! — Sie naͤhert ſich— Laß hoͤren, was ſie ſpricht! Zweiter Auftritt.— Turandot im Geſpraͤch mit Belima. Adelma anfangs ungeſehen⸗ Turandot. Hilf, rath' mir, Zelima. Ich kann's nicht tragen, Mich vor dem ganzen Divan überwunden Zu geben— Der Gedanke toͤdtet mich. Zelima. Iſt's moͤglich, Koͤnigin? Ein ſo edler Prinz, 366 So liebeathmend und ſo liebenswerth, Kann nichts als Haß und Abſcheu— Turandot. — Abſcheu? Haß? (Sie beſinnt ſich.) — Ich haſſ' ihn, ja. Abſcheulich iſt er mir! Er hat im Divan meinen Ruhm vernichtet. In allen Landen wird man meine Schande Erfahren, meiner Niederlage ſpotten. O, rette mich— In aller Frühe, will Mein Vater, ſoll der Divan ſich verſammeln, und, löſ' ich nicht die aufgegebne Frage, So ſoll in gleichem Augenblick das Band Geflochten ſeyn——„Weß Stamms und Namens iſt „Der Prinz, der, um ſein Leben zu erhalten, „Gezwungen ward, als niedrer Knecht zu dienen „und Laſten um geringen Preis zu tragen, „Der endlich auf dem Gipfel ſeiner Hoffnung „Noch unglückſel'ger iſt, als je zuvor?“ — Daß dieſer Prinz er ſelbſt iſt, ſeh' ich leicht; Wie aber ſeinen Namen und Geſchlecht Entdecken, da ihn Niemand kennt, der Kaiſer Ihm ſelbſt verſtattet, unerkannt zu bleiben? Geangſtigt, wie ich war, geſchreckt, gedrängt, Ging ich die Wette unbedachtſam ein: Ich wollte Friſt gewinnen— aber wo Die Möglichkeit, es zu errathen? Sprich! Wo eine Spur, die zu ihm leiten koͤnnte? Zelima. Es gibt hier kluge Frauen, Koͤnigin, Die aus dem Thee⸗ und Kaffeeſatz wahrſagen— Turandot. Du ſpotteſt meiner! Dahin kam's mit mir! Zelima. 3 Wozu auch uberall der fremden Künſte? — O, ſeht ihn vor Euch ſtehn, den ſchönen Prinzen! Wie rührend ſeine Klage war! Wie zärtlich Er aus zerriſſ'nem Herzen zu Euch flehte, Zu Eures Vaters Fuͤßen fuͤr Euch bat, Für Euch, die kein Erbarmen mit ihm trug, Zum Zweitenmal ſein kaum gerettet Leben Darbot, um Eure Wünſche zu vergnügen! Curandot(weggewendet). Still, ſtill davon! Zelima. Ihr kehrt Euch von mir ab! Ihr ſeyd geruͤhrt! Ja, ja! verbergt es nicht! Und eine Thraͤne glanzt in Eurem Auge— O, ſchamt Euch nicht der zarten Menſchlichkeit! Nie ſah ich Euer Angeſicht ſo ſchön. O, macht ein Ende! Kommt— (Adelma iſt im Begriff hervor zu treten.) CTurandot. Nicht mehr von ihm! Er iſt ein Mann. Ich haſſ' ihn, m uß ihn haſſen. Ich weiß, daß alle Maͤnner treulos ſind, Nichts lieben können als ſich ſelbſt; hinweg⸗ Geworfen iſt an dies verräthriſche Geſchlecht Die ſchoͤne Neigung und die ſchöne Treue. Geſchmeid'ge Sklaven, wenn ſie um uns werben, Sind ſie Tyrannen gleich, wo ſie beſitzen. Das blinde Wollen, den gereizten Stolz, 368 Das eigenſinnig heftige Begehren, Das nennen ſie ihr Lieben und Verehren, Das reißt ſie blind zu unerhörter That, Das treibt ſie ſelber auf den Todespfad; Das Weib allein kennt wahre Liebestreue. — Nicht weiter, ſag' ich dir. Gewinnt er morgen, Iſt mir der Tod nicht ſchrecklicher, als er. Mich ſäͤh' die Welt, die mir gehäſſig iſt, Zu dem gemeinen Los herabgewuͤrdigt An eines Mannes und Gebieters Hand! Nein, nein! ſo tief ſoll Turandot nicht ſinken! — Ich ſeine Braut? Ch' in das offne Grab Mich ſtürzen, als in eines Mannes Arme! (Adelma hat ſich wieder zuruͤckgezogen.) Zelima. Wohl mag's Euch koſten, Koͤnigin, ich glaub' es, Von Eurer ſtolzen Höh' herabzuſteigen, Auf der die Welt Euch ſtaunend hat geſehn. Was iſt der eitle Ruhm, wenn Liebe ſpricht? Geſteht es, Eure Stunde iſt gekommen! Weg mit dem Stolze! Weicht der ſtärkeren Gewalt— Ihr haßt ihn nicht, könnt ihn nicht haſſen. Warum dem eignen Herzen widerſtreben? Ergebt Euch dem geliebten Mann, und mag Alsdann die Welt die Glückliche verhöhnen! Adelma (iſt horchend nach und nach naͤher gekommen und tritt jetzt hervor). Wer von geringem Stand geboren iſt, Dem ſteht es an, wie Zelima zu denken; Ein königliches Herz fuͤhlt koͤniglich. — Vergib mir, Zelima! Dir iſt es nicht gegeben, 369 An einer Fuͤrſtin Platz dich zu verſetzen, Die ſich ſo hoch wie unſre Königin Geſtellt und jetzt, vor aller Menſchen Augen, Im Divan ſo herunter ſteigen ſoll, Von einem ſchlechten Fremdling üͤberwunden. Mit meinen Augen ſah ich den Triumph, Den ſtolzen Hohn in aller Männer Blicken, Als er die Räthſel unſrer Königin, Als wären's Kinderfragen, ſpielend loͤste, Der überlegnen Einſicht ſtolz bewußt. O, in die Erde hätt' ich ſinken mögen Vor Scham und Wuth— Ich liebe meine ſchoͤne Gebieterin; ihr Ruhm liegt mir am Herzen. — Sie, die dem ganzen Volk der Maͤnner Hohn Geſprochen, dieſes Mannes Frau! Turandot. Erbittre mich Nicht mehr! Zelima. Das große Unglück, Frau zu werden! Adelma. Schweig', Zelima! Man will von dir nicht wiſſen, Wodurch ein edles Herz beleidigt wird. Ich kann nicht ſchmeicheln. Grauſam wär' es, hier Zu ſchonen und die Wahrheit zu verhehlen. Iſt es ſchon hart genug, daß wir den Mann, Den Uebermüthigen, zum Herrn uns geben, So liegt doch Troſt darin, daß wir uns ſelbſt Mit freier Wahl und Gunſt an ihn verſchenken, Und ſeine Großmuth feſſelt ſeinen Stolz. Doch welches Los trifft unſre Königin, Schillers ſaͤmmtl. Werke. VI. 24 1 370 Wie hat ſie ſelbſt ſich ihr Geſchick verſchlimmert! Nicht ihrer freien Gunſt und Zaͤrtlichkeit, Sich ſelbſt nur, ſeinem ſiegenden Verſtand Wird ſie der Stolze zu verdanken haben; Als ſeine Beute führt er ſie davon— Wird er ſie achten, Großmuth an ihr uüben, Die keine gegen ihn bewies, auf Tod Und Leben ihn um ſie zu kämpfen zwang, Ihm nur als Preis des Sieges heimgefallen? Wird er beſcheiden ſeines Rechtes brauchen, Das er nur ſeinem Recht verdankt? Turandot(in der heſtigſten Bewegung). Adelma, wiſſe! Find' ich die Namen nicht, mitten im Tempel Durchſtoß' ich dieſe Bruſt mit einem Dolch. 3 Adelma. Faßt Muth, Gebieterin. Berzweifelt nicht! Kunſt oder Liſt muß uns das Raäͤthſel löſen. Zelima. Gut. Wenn Adelma mehr verſteht, als ich, und Euch ſo zugethan iſt, wie ſie ſagt, So helfe ſie und ſchaffe Rath! Turandot. Adelma! Geliebte Freundin! hilf mir, ſchaffe Rath! Ich kenn' ihn nicht, weiß nicht, woher er kommt: Wie kann ich ſein Geſchlecht und Namen wiſſen? Adelma nachſinend). Laß ſehn— Ich hab' es— hörte man ihn nicht Im Divan ſagen, hier in dieſer Stadt, In Peckin lebe Jemand, der ihn kenne? Man muß nachſpuren, muß die ganze Stadt Umkehren, weder Gold noch Schätze ſparen— Turandot. Nimm Gold und Edelſteine, ſpare nichts! Kein Schatz iſt mir zu groß, nur, daß ich's wiſſe! Zelima. An wen uns damit wenden? Wo uns Raths Erholen?— Und, geſetzt, wir fänden wirklich Auf dieſem Wege ſeinen Stand und Namen, Wird es verborgen bleiben, daß Beſtechung, Nicht ihre Kunſt das Räthſel uns errathen? Adelma. Wird Zelima wohl der Verräther ſeyn? Zelima. Das geht zu weit— Spart Euer Gold, Prinzeſſin! Ich ſchwieg, ich hoffte Euer Herz zu rühren, Euch zu bewegen, dieſen würdigſten Von allen Prinzen, den Ihr ſelbſt nicht haſſet, Freiwillig zu belohnen— Doch Ihr wollt es! So ſiege meine Pflicht und mein Gehorſam! — Wißt alſo! Meine Mutter Skirina War eben bei mir, war entzückt, zu hören, Daß dieſer Prinz die Rathſel aufgelöst, und, von dem neuen Wettſtreit noch nichts wiſſend, Verrieth ſie mir in ihrer erſten Freude, Daß dieſer Prinz in ihrem Haus geherbergt, Daß Haſſan ihn, ihr Gatte, ſehr wohl kenne, Wie ſeinen Herrn und lieben Freund ihn ehre. Ich fragte nun nach ſeinem Stand und Namen; Doch, Dies ſey noch ein Rathſel fur ſie ſelbſt, Spricht ſie, das Haſſan ſtandhaft ihr verberge; — õö————— —— 372 Doch hofft ſie noch, es endlich zu ergründen. — Verdien' ich es nun noch, ſo zweifle meine Gebieterin an meiner Treu' und Liebe! (Geht ab mit Empfindlichkeit.) Turandot(ihr nacheilend). Bleib', Zelima! Biſt du beleidigt?— Bleib'! Vergib der Freundin! Adelma(haͤlt ſie zuruͤck). Laſſen wir ſie ziehen! Prinzeſſin, auf die Spur hat Zelima Geholfen; unſre Sache iſt es nun, Mit Klugheit die Entdeckung zu verfolgen. Denn Thorheit waͤr's, zu hoffen, daß uns Haſſen Gutwillig das Geheimniß beichten werde, Nun er den ganzen Werth desſelben kennt. Verſchlagne Liſt, ja, wenn die Liſt nicht hilft, Gewalt muß das Geſtändniß ihm entreißen: Drum ſchnell— kein Augenblick iſt zu verlieren— Herbei mit dieſem Haſſan ins Serail, Eh' er gewarnt ſich unſerm Arm entzieht! Kommt! Wo ſind Eure Sklaven? Turandot(faͤllt ihr um den Hals). Wie du willſt, Adelma! Freundin! Ich genehmige Alles, Nur, daß der Fremde nicht den Sieg erhalte! (Geht ab.) 3 Adelma. Jetzt, Liebe, ſteh' mir bei! Dich ruf' ich an, Du Maächtige, die Alles kann bezwingen! Laß mich entzückt der Sklaverei entſpringen; Der Stolz der Feindin öffne mir die Bahn! Hilf die Verhaßte liſtig mir betrügen, Den Freund gewinnen und mein Herz vergnügen! (Geht ab.) Vorhalle des Palaſtes. Dritter Auftritt. Kalaf und Varak kommen im Geſpraͤch. Kalaf. Wenn aber Niemand lebt in dieſer Stadt, Der Kundſchaft von mir hat, als du allein, Du treue Seele— Wenn mein vaͤterliches Reich Viel hundert Meilen weit von hier entlegen Und ſchon acht Jahre lang verloren iſt. — Indeſſen, weißt du, lebten wir verborgen, Und das Geruücht verbreitet unſern Tod— Ach, Barak! wer in Unglück fällt, verliert Sich leicht aus der Erinnerung der Menſchen! BVarak. Nein, es war unbedacht gehandelt, Prinz! Vergebt mir! Der Unglückliche muß auch Unmögliches fürchten. Gegen ihn erheben Die ſtummen Steine ſelber ſich als Zeugen; Die Wand hat Ohren, Mauern ſind Verräther. Ich kann, ich kann mich nicht zufrieden geben! Das Gluck begunſtigt Euch, das ſchönſte Weib Gewinnt ihr wider Hoffen und Erwarten, Gewinnt mit ihr ein großes Königreich, 374 und Eure weib'ſche Zärtlichkeit raubt Euch Auf Einmal Alles wieder! Kalaf. Hätteſt du Ihr Leiden, ihren wilden Schmerz geſehn! Barak. Auf Eurer Eltern Schmerz, die Ihr zu Berlas Troſtlos verlaſſen, hättet Ihr und nicht Auf eines Weibes Thraͤnen achten ſollen! Kalaf. Schilt meine Liebe nicht! Ich wollt' ihr gerne Gefällig ſeyn. Vielleicht, daß meine Großmuth Sie rührt, daß Dankbarkeit in ihrem Herzen— Barak. Im Herzen dieſer Schlange— Dankbarkeit? Das hoffet nie. Kalaf. Entgehn kann ſie mir nicht. Wie fände ſie mein Räthſel aus? Du, Barak, Nicht wahr? du haſt mich nicht verrathen? Nicht? Vielleicht, daß du im Stillen deinem Weibe Vertraut haſt, wer ich ſey? Barak. Ich? Keine Sylbe! Barak weiß Euren Winken zu gehorchen; Doch weiß ich nicht, welch ſchwarze Ahnung mir Den Sinn umnachtet und das Herz beklemmt! 375 Vierter Auftritt. Die Vorigen. Pantalon. Tartaglia und Prigella mit Soldaten. Vantalon. Sieh', ſieh'! da iſt er ja! Potz Element, Wo ſteckt Ihr, Prinz? Was habt Ihr hier zu ſchaffen? (Den Varak mit den Augen muſternd.) Und wer iſt dieſer Mann, mit dem Ihr ſchwatzt? Barak cfuͤr ſich). Weh' uns! Was wird Das? Tartaglia. Sprecht! wer iſt dieſer Mann? Kalaf. Ich kenn' ihn nicht. Ich fand ihn hier nur ſo Von Ungefähr, und, weil ich müßig war, Fragt' ich ihn um die Stadt und ihre Brauche. Tartaglia. Haltet zu Gnaden, Prinz! Ihr ſeyd zu grad Für dieſe falſche Welt; das gute Herz Rennt mit dem Kopf davon— Heut' früh' im Divan! Wie Teufel kamt Ihr zu dem Narrenſtreich, Den Vogel wieder aus der Hand zu laſſen? Vantalon. Laßt's gut ſeyn. Was geſchehn iſt, iſt geſchehn. Ihr wißt nicht, lieber junger Prinz, wie tief Ihr Im Waſſeer ſteht, wie Euch von allen Seiten Betrug umlauert und Verraͤtherſtricke Umgeben— Laſſen wir Euch aus den Augen, So richtet man Euch ab, wie einen Staar. (Zu Barak.) Herr Nachbar Naſeweis, ſteckt Eure Naſe 376 Wo anders hin!— Beliebt es Eurer Hoheit Ins Haus herein zu gehn— He da, Soldaten! Nehmt ihn in Eure Mitte!— Ihr, Brigella, Wißt Eure Pflicht— Bewachet ſeine Thür' Bis morgen frühe zu des Divans Stunde. Kein Menſch darf zu ihm ein! So will's der Kaiſer. (Zu Kalaf.) 8 Merkt Ihr? Er iſt verliebt in Euch und fürchtet, Es möchte noch ein Unheil zwiſchen kommen. Seyd Ihr bis morgen nicht ſein Schwiegerſohn, So, fürcht' ich, tragen wir den alten Herrn Zu Grabe— Nichts für ungut, Prinz! Doch Das Von heute Morgen war— mit Eurer Gunſt— Ein Narrenſtreich!— Ums Himmelswillen, gebt Euch Nicht bloß! laßt Euch den Namen nicht entlocken! (Ihm ins Ohr zutraulich.) Doch wollt Ihr ihn dem alten Pantalon Ganz ſachtchen, ſachtchen in die Ohren wiſpern, So wird er ſich gar ſchoͤn dafuͤr bedanken. Bekommt er dieſe Recompens? Kalaf. Wie, Alter? Gehorcht Ihr ſo dem Kaiſer, Eurem Herrn? Pantalon. Bravo! Scharmant!— Nun marſch! Baron Brigella! Habt Ihy's gehoͤrt? Was ſteht Ihr hier und gaffet? Brigella. Beliebet nur das Plaudern einzuſtellen, So werd' ich thun, was meines Amtes iſt. Tartaglia. Yaßt ja wohl auf! Der Kopf ſteht drauf, Brigella. Brigella. Ich habe meinen Kopf ſo lieb, als Ihr Den Euren, Herr!'s braucht der Ermahnung nicht. Tartaglin. Es juckt und brennt mich nach dem Namen— Uhl! Geruhtet Ihr, ihn mir zu ſagen, Hoheit, Recht wie ein Kleinod wollt' ich ihn bei mir Vergraben und bewahren— ja, Das wollt' ich! Kalaf. Umſonſt verſucht Ihr mich. Am nachſten Morgen Erfahrt Ihr ihn, erfaͤhrt ihn alle Welt. Tartaglia. Bravo! Braviſſimo! Hol' mich der Teufel! Pantalon. Nun, Gott befohlen, Prinz! (Zu Varak.) Und Ihr, Herr Schlingel! Ihr thätet beſſer, Eurer Arbeit nach Zu gehn, als im Palaſt hier aufzupaſſen. Verſteht Ihr mich?(Geht ab.) Tartaglia(ſeeht ihn ſcheel an). Ja wohl! ja wohl! Ihr habt mir So ein gewiſſes Anſehn— eine Miene, Die mir nicht außerordentlich gefaͤllt. Ich rath' Euch Gutes: Geht! (Folgt dem Pantalon.) Brigella Gzu Kalaf). Erlaubt mir, Prinz, Daß ich Dem, der beſehlen kann, gehorche. Laßt's Euch gefallen, in dies Haus zu gehn. 378 Kalaf. Das will ich gerne. (Zu Varak leiſe.) Freund, auf Wiederſehn! Zu beſſerer Gelegenheit! Leb' wohl! Barak. Herr, ich bin Euer Sklap'! Brigella. Nur fort, nur fort, Und macht den Ceremonien ein Ende! (Kalaf folgt den Soldaten, die ihn in ihre Mitte nehmen; Timur tritt von der entgegengeſetzten Seite auf, bemerkt ihn und macht Geberden des Schreckens und Erſtaunens.) 4 Barak(ihm nachſehend). Der Himmel ſteh' dir bei, treuherz'ge Unſchuld! Was mich betrifft, ich hüte meine Zunge. Fünfter Auftritt. Timur, ein Greis in duͤrftiger Kleidung. Barak. CTimur(entſetzt, fuͤr ſich). Weh' mir! mein Sohn! Soldaten führen ihn Gefangen fort! Sie fuͤhren ihn zum Tode! Gewiß, gewiß, daß der Tyrann von Tefflis, Der Raͤuber meines Reichs, ihn bis nach Peckin Verfolgen ließ und ſeine Rache ſättigt! (Eilt ihm nach und ruft laut.) Kalaf! Kalaf! Barak— (tritt ihm in den Weg und haͤlt ihm das Schwert auf die Bruſt). Halt' ein, Ungluͤcklicher! Du biſt des Todes! (Pauſe. VBeide ſehen einander erſtaunt an. Unterdeſſen hat ſich Kalaf mit den Soldaten entfernt.) Wer biſt du, Alter? Woher kommſt du, ſprich, Daß du den Namen dieſes Jünglings weißt? Timur. Was ſeh' ich? Gott! du, Barak? du in Peckin? Du ſein Verraͤther? ein Rebell? und zückſt Das Schwert auf deinen König? Barnk((aͤßt erſtaunt das Schwert ſinken). Große Götter! Iſt's möglich?— Timur? Timur. Ja, Verraͤther! Ich bin es, dein unglücklicher Monarch, Von aller Welt, nun auch von dir verrathen! Was zögerſt du? Nimm dieſes Leben hin! Verhaßt iſt mir's, da ich die treuſten Diener Um ſchnoͤden Vortheils willen undankbar Und meinen Sohn dem Tod geopfert ſehe! Barak. Herr!— Herr!— O Gott! Das iſt mein Fürſt, mein Koͤnig! Er iſt's! Nur allzuwohl erkenn' ich ihnn. (Faͤllt ihm zu Fuͤßen.) In dieſem Staub! In dieſer Niedrigkeit! Ihr Goͤtter, muß mein Auge Dies erleben! — Verzeiht, Gebieter, meiner blinden Wuth! Die Liebe iſt's zu Eurem Sohn, die Angſt, Die treue Sorge, die mich hingeriſſen. 380 So lieb Euch Eures Sohnes Heil, ſo komme Der Name Kalaf nie aus Eurem Munde! — Ich nenne mich hier Haſſan, nicht mehr Barak— — Ach, weh' mir! Wenn uns Jemand hier behorchte! Sagt, ob Elmaze, meine Koͤnigin, Sich auch mit Euch in dieſer Stadt befindet? Timur. Still, Barak, ſtill! O, ſprich mir nicht von ihr! In unſerm traur'gen Aufenthalt zu Berlas Verzehrte ſie der Gram um unſern Sohn. — Sie ſtarb in dieſen lebensmüden Armen. Barak. O die Bejammernswürdige! Timur. Ich floh! 3ch konnt' es, einſam, dort nicht mehr ertragen. Des Sohnes Spuren folgend, frag' ich mich Von Land zu Land, von einer Stadt zur andern. Und jetzt, da mich nach langem Irren endlich Der Götter Hand hieher geleitet, iſt Mein erſter Anblick der geſangne Sohn, Den man zum Tode führt. Bara. Kommt, kommt, mein König! Befürchtet nichts für Euren Sohn! Vielleicht Daß ihn, eh' noch der nächſte Tag verlaufen, Das höchſte Glück belohnt und Euch mit ihm! Nur, daß ſein Name nicht, noch auch der Eure, Von Euren Lippen komme— Merkt Euch Das! Ich nenne mich hier Haſſan, nicht mehr Barak. Timur. Was für Geheimniſſe— Erklar' mir doch! Barat. Kommtl! hier iſt nicht der Ort, davon zu reden! Folgt mir nach meiner Wohnung— Doch, was ſeh' ich? (Stirina tritt aus dem Palaſt.) Mein Weib aus dem Serail! O wehe mir! Wir ſind entdeckt! (Zu Skirina heftig.) Was haſt du hier zu ſuchen? Unglückliche! wo kommſt du her? Sechster Auftritt. Skirinn zu den Vorigen. Skirina. Nun! nun! Aus dem Serail komm' ich, von meiner Tochter. Die Frende trieb mich hin, daß unſer Gaſt, Der fremde Prinz, den Sieg davon getragen. Die Neugier auch— nun ja— Ich wollte ſehn, Wie dieſer männerſcheuen Unholdin Der Brautſtand laßt— und freute mich daruͤber Mit meiner Tochter Zel'ma. 1 Barat. Dacht' ich's doch! Weib! Weib! Du weißt nicht Alles, und geſchwätzig Wie eine Elſter laͤufſt du ins Serail; Ich ſuchte dich, es dir zu unterſagen. 382 Umſonſt! zu ſpät! Des Weibes Unverſtand Rennt immer vor des Mannes weiſem Rath Voraus— Was iſt nicht Alles dort geträtſcht, Geplaudert worden! Nur heraus! Mir iſt, Ich höre dich in deiner albernen Entzückung ſagen: Dieſer Unbekannte Iſt unſer Gaſt; er wohnt bei uns; mein Mann Kennt ihn und hält ihn hoch in Ehren— Sprich, Haſt du's geſagt? Skirina. Und wenn ich nun? was wär's? Barak. Nein, nein, geſteh' es nur! haſt du's geſagt? Skirina. Ich hab's geſagt. Warum ſollt' ich's verbergen? Sie wollen auch den Namen von mir wiſſen, Und— daß ich's nur geſtehe, ich verſprach's. Barak. Weh' mir! wir ſind verloren!— Raſende! (Zu Timur ſich wendend.) Wir müſſen fort! Wir muͤſſen fliehn! Timur. So ſag' mir doch, was fuͤr Geheimniſſe— Barak. Fort! Fort aus Peckin! Keine Zeit verloren! (Truffaldin zeigt ſich im Hintergrund mit ſeinen Schwarzen.) — Weh' uns!l es iſt zu ſpat. Sie kommen ſchon! Sie ſuchen mich, die Schwarzen, die Verſchnittnen Der fürchterlichen Turandot— Sinnloſe! In welchen Jammer ſtürzt uns deine Zunge! berden, daß ſie ſich ſeiner bemaͤchtigen ſollen.) Ich kann nicht mehr entfliehen— Fliehe du, Verbirg dich, rette dich und dieſen Alten! Timur. So ſag' mir doch! Barak. Fort! Keine Widerrede! Ich bin entdeckt!— Verſchloſſen, wie das Grab, Sey Euer Mund! Nie komme Euer Name, Nie, nie der ſeine uͤber Eure Lippen! — Und du, Ungluͤckliche, wenn du das Uebel, Das deine Zunge über uns gebracht, Gut machen willſt, verbirg dich, nicht in deiner, In einer fremden Wohnung! Halte Dieſen Verborgen, bis der nächſte Tag zur Haͤlfte Verſtrichen iſt— Skirina. Willſt du mir denn nicht ſagen? Timur. Willſt du nicht mit uns fliehn? Barak. Thut, was ich ſage! Werde mit mir, was will, wenn ihr euch rettet. Skirina. Sprich, Haſſan! worin hab' ich denn gefehlt? Cimur. Erklär' mir dieſe Räthſel. Barak(heftig). Welche Marter! Um aller Götter willen, fort, und fragt (Truffaldin hat ihn bemerkt und bedeutet den Verſchnittenen durch Ge⸗ 384 Nicht weiter! Sie umringen uns: es iſt Zu ſpaͤt, und alle Flucht iſt jetzt vergebens. — Die Namen, alter Mann, die Namen nur Verſchweigt, und Alles kann noch glücklich enden! Siebenter Auftritt. Die Vorigen. Truffaldin mit den Verſchnittenen. Truffaldin (iſt nach und nach näͤher gekommen, hat die Ausgaͤnge beſetzt und tritt nun hervor, mit uͤbertriebenen Geberden dem Barak den Degen auf die Bruſt haltend). Halt' an und ſteht! Nicht von der Stelle! Nicht Gemuckot⸗ Der iſt des Todes, der ſich rührt. Skirina. O wehe mir! Barat. Ich weiß, Ihr ſucht den Haſſan. Hier bin ich, führt mich fort. Truffaldin. Bst! keinen Lärmen! 's iſt gut gemeint. Es ſoll Euch eine ganz Abſonderliche Gnad' und Ehr' geſchehn. Barak. Ja, ins Serail wollt Ihr mich führen: kommt! Truffalvin. Gemach! gemach! Et, ſeht doch, welche Gunſt Euch widerfährt! Ins Harem! ins Serail Der Königin— Ihr gluͤckliche Perſon! 's kommt keine Fliege ins Serail, ſie wird Erſt wohl beſichtigt und beſchaut, ob ſie Ein Maͤnnchen oder Weib, und, iſt's ein Maͤnnchen, Wird's ohne Gnad' gekreuzigt und gepfahlt. — Wer iſt der Alte da? Barak. Ein armer Bettler, Den ich nicht kenne— Kommt und laßt uns gehn. Truffaldin (betrachtet den Timur mit laͤcherlicher Genauigkeit). Gemach! gemach! Ein armer Bettler! Ei! — Wir haben uns großmüthig vorgeſetzt, Auch dieſes armen Bettlers Glück zu machen. (Bemerkt und betrachtet die Stirina.) — Wer iſt die Weibsperſon? Varak. Was zögerſt du? Ich weiß, daß deine Koͤnigin mich erwartet. Laß dieſen Greis! Das Weibsbild kenn' ich nicht, Hab's nie geſehn und weiß nicht, wer ſie iſt. Truffaldin Gornig). Du kennſt ſie nicht? du haſt ſie nie geſehn? Verdammte Luͤge! Was? Kenn' ich ſie nicht Als deine Frau und als die Mutter nicht Der Sklavin Zelima? Hab' ich ſie nicht Zu hundert Malen im Serail geſehn, Wenn ſie der Tochter weiße Waͤſche brachte? (Mit komiſcher Gravitaͤt zu den Verſchnittenen.) Merkt, Sklaven, den Befehl, den ich euch gebe! Die drei Perſonen hier nehmt in Verwahrung! Bewacht ſie wohl, hört ihr, laßt ſie mit keiner Schillers ſämmtl. Werke. VI 25 386 Lebend'gen Seele reden, und bei der Nacht, Sobald es ſtill iſt, fuͤhrt ſie ins Serail! Timur. O Gott! was wird aus mir? Shirina. Ich faſſ' es nicht. Barak(zu Timur). Was aus dir werden ſoll, und was aus mir? Ich werde Alles leiden. Leid' auch du! Vergiß nicht, was ich dir empfahl— und, was Dir auch begegne, huͤte deine Zunge! — Jetzt haſt du, thoͤricht Weib, was du gewollt. Skirina. Gott ſteh' uns bei! Truffaldin Gzu den Schwarzen). Ergreift ſie! Fort mit ihnen! (Gehen ab.) 387 Vierter Aukzug. Vorhof mit Saͤulen. In der Mitte eine Tafel mit einem maͤchtig großen Becken, voll von Goldſtuͤcken. Erſter Auftritt. Turandat. Belima. Skirina. Timur. Varak. (Barak und Timur ſtehen, Jeder an einer Saͤule, einander gegenuͤber, die Verſchnittenen um ſie herum, alle mit entbloͤßten Saͤbeln und Dolchen. Zelima und Skirina ſtehen weinend auf der einen, Turan⸗ dot drohend und ſtreng auf der andern Seite.) Turandot. Noch iſt es Zeit. Noch laſſ' ich mich herab Zu bitten— Dieſer angehaͤufte Berg Von Gold iſt euer, wenn ihr mir im Guten Des Unbekannten Stand und Namen nennt. Beſteht ihr aber drauf, ihn zu verſchweigen,— So ſollen dieſe Dolche, die ihr hier 2 Auf euch gezückt ſeht, euer Herz durchbohren! He da, ihr Sklaven! machet euch bereit. (Die Verſchnittenen halten ihnen ihre Dolche auf die Bruſt.) Barak Gzu Stirinad. Nun, heillos Weib! nun ſiehſt du, Skirina, 388 Wohin uns deine Plauderhaftigkeit gefüͤhrt. — Prinzeſſin, ſättigt Eure Wuth! Ich biete Den Martern Trotz, die Ihr erſinnen könnt, Ich bin bereit, den herbſten Tod zu leiden. — Herbei, ihr Schwarze! Auf, ihr Marterknechte, Tyranniſche Werkzeuge der Tyrannin, Zerfleiſcht mich, tödtet mich, ich will es dulden. — Sie hat ganz Recht, ich kenne dieſen Prinzen und ſeinen Vater. Beider Namen weiß ich. Doch keine Marter preßt ſie von mir aus; Kein Gold verführt mich; weniger als Staub, Als ſchlechte Erde acht' ich dieſe Schätze! Du, meine Gattin, jammre nicht um mich! Für dieſen Alten ſpare deine Thränen, Füͤr ihn erweiche dieſes Felſenherz, Daß der Unſchuldige gerettet werde! Sein ganz Verbrechen iſt, mein Freund zu ſeyn. Skirina eflehend zu Turandot). O Koͤnigin, Erbarmen! CTimur. Niemand kuͤmmre ſich Um einen ſchwachen Alten, den die Götter Im Zorn verfolgen, dem der Tod Erloͤſung, Das Leben eine Marter iſt. Ich will Dich retten, Freund, und ſterben. Wiſſe denn, Du Grauſame— 1 Baruk(unterbricht ihn). Um aller Götter willen, ſchweigt Der Name komme nicht aus Eurem Munde! Turandot(neugierig). — Du weißt ihn alſo⸗ Greis? Timur. Ob ich ihn weiß? Unmenſchliche!— Freund, ſag' mir das Geheimniß! Warum darf ich die Namen nicht entdecken? Burak. Ihr tödtet ihn und uns, wenn Ihr ſie nennt. Turandot. Er will dich ſchrecken, Alter, fürchte nichts! Herbei, ihr Sklaven! züchtigt den Verwegnen! (Die Verſchnittenen umgeben den Barak.) Skirina. Ihr Goͤtter helft! Mein Mann! mein Mann! 2 Timur(tritt dazwiſchen). Halt'! haltet! Was ſoll ich thun? Ihr Götter, welche Marter! — Prinzeſſin, ſchwört mir's zu bei Eurem Haupt, Bei Euren Göttern ſchwört mir, daß ſein Leben Und dieſes Fremdlings Leben ungefährdet Seyn ſoll— Mein eignes acht' ich nichts und will Es freudig Eurer Wuth zum Opfer geben— Schwört mir Das zu, und Ihr ſollt Alles wiſſen. „v Turandot. Bei meinem Haupt, zum furchtbarn Fohi ſchwör' ich, Daß weder ſeinem Leben, noch des Prinzen, Noch irgend Eines hier Gefaährde droht— Barnk(unterbricht fie). Halt', Lügnerin— nicht weiter— Glaubt ihr nicht! Verräͤtherei lauſcht hinter dieſem Schwur. — Schwöͤrt, Turandot, ſchwört, daß der Unbekannte Euer Gatte werden ſoll, im Augenblick, Da wir die Namen Euch entdeckt, wie recht 390 Und billig iſt: Ihr wißt es, Undankbare! Schwört, wenn Ihr könnt und duͤrft, daß er, verſchmaͤht Von Euch, nicht in Verzweiflung ſterben wird Durch ſeine eigne Hand— und ſchwört uns zu, Daß, wenn wir Euch die Namen nun entdeckt, Für unſer Leben nichts zu furchten ſey, Noch, daß ein ew'ger Kerker uns lebendig Begraben und der Welt verbergen ſoll— Dies ſchwört uns, und der Erſte bin ich ſelbſt, Der Euch die beiden Namen nennt! Timur. Was für Geheimniſſe ſind Dies! Ihr Götter, Nehmt dieſe Qual und Herzensangſt von mir! — CTurandot. Ich bin der Worte müd'— Ergreift ſie, Sklaven! Durchbohret ſie! Skirina. O Königin! Erbarmen! (Die Verſchnittenen ſind im Begriff, zu gehorchen, aber Skirina und Zelima werfen ſich dazwiſchen.) Barak. Nun ſiehſt du, Greis, das Herz der Tigerin! Timur(niedergeworfen). Mein Sohn! dir weih' ich freudig dieſes Leben. Die Mutter ging voran, ihr folg' ich nach. Turandot(betroſſen, wehrt den Sklavend. Sein Sohn! Was hör' ich? Haltet!— Du ein Prinz? Ein König? Du des Unbekannten Vater? Timur. Ja, Grauſame! ich bin ein König— bin Ein Vater, den der Jammer niederdruͤckt! Burak. O Köͤnig! was habt Ihr gethan! Skirina. Ein Koͤnig! In ſolchem Elend! Zelima. Allgerechte Götter! Turandot (in tiefes Staunen verloren, nicht ohne Ruͤhrung). Ein König und in ſolcher Schmach!— Sein Vater! Des unglückſel'gen Junglings, den ich mich Zu haſſen zwinge und nicht haſſen kann! — O der Bejammernswuͤrdige— Wie wird mir! Das Herz im tiefſten Buſen wendet ſich! Sein Vater!— Und er ſelbſt— ſagt' er nicht ſo? Genoͤthiget, als niedrer Knecht zu dienen Und Laſten um geringen Sold zu tragen! O Menſchlichkeit! O Schickſal! Barak. Turandot, Dies iſt ein König! Scheuet Euch und ſchaudert Zuruͤck, die heil'gen Glieder zu verletzen! Wenn ſolches Jammers Größe Euch nicht rührt, Euch nicht das Mitleid, nicht die Menſchlichkeit Entwaffnen kann: laßt Euch die Scham beſiegen! Ehrt Eures eignen greiſen Vaters Haupt In dieſem Greis!— O, ſchändet Euch nicht ſelbſt Durch eine That, die Euer Blut entehrte! Genug, daß Ihr die Jünglinge gemordet! Schonet das Alter, das unmächtige, Das auch die Götter zum Erbarmen zwingt! 392 Zelima(wirft ſich zu ihren Fuͤßen). Ihr ſeyd bewegt, Ihr könnt nicht widerſtehn. O, gebt dem Mitleid und der Gnade Raum! Laßt Euch die Groͤße dieſes Jammers rühren! Zweiter Auftritt. Adelma zu den Vorigen. CTurandot(ihr entgegen). Kommſt du, Adelma? Hilf mir! o, ſchaff' Rath! Ich bin entwaffnet— ich bin außer mir! Dies iſt ſein Vater, ein Monarch und König! Adelma. Ich hoͤrte Alles. Fort mit dieſen Beiden! Schafft dieſes Gold hinweg! Der Kaiſer naht! Turandot. Mein Vater? Wie? Adelma. Iſt auf dem Weg hieher. (Zu den Schwarzen.) Fort, eh' wir überfallen werden! Sklaven, Führt dieſe Beiden in die unterſten Gewölbe des Serails! Dort haltet ſie Verborgen bis auf weitere Befehle! (Zu Turandot.) Es iſt umſonſt. Wir müſſen der Gewalt Entſagen. Nichts kann retten, als die Liſt. — Ich habe einen Anſchlag— Skirina, Ihr bleibt zurück. Auch Zelima ſoll bleiben. 393 Barak Gzu T mur). Weh' uns, mein Fuͤrſt! Die Götter möoͤgen wiſſen, Welch neues Schreckniß ausgebrutet wird! — Weib! Tochter! Seyd getreu, o, haltet feſt, Laßt euch von dieſen Schlangen nicht verführen! CTurandot Gzu den Schwarzen). Ihr wiſſet den Befehl. Fort, fort mit ihnen In des Serails verborgenſte Gewölbe! Timur. Fall' Eure ganze Rache auf mein Haupt! Nur ihm, nur meinem Sohn erzeiget Mitleid! Barak. Mitleid in dieſer Furie? Verrathen Iſt Euer Sohn, und uns, ich ſeh' es klar, Wird ew'ge Nacht dem Aug' der Welt verbergen. Man führt uns aus dem Angeſicht der Menſchen, Wohin kein Lichtſtrahl und kein Auge dringt, Wo unſer Schmerz kein fühlend Ohr erreicht! (Zur Prinzeſſin.) Die Welt kannſt du, der Menſchen Augen blenden, Doch zittre vor der Götter Rachgericht! Magſt du im Schlund der Erde ſie verſtecken, Laß tauſend Todtengruͤfte ſie bedecken, Sie bringen deine Uebelthat ans Licht. Er folgt mit Timur den Verſchnittenen, welche zugleich die Taſel und das Becken mit den Goldſtuͤcken hinwegtragen.) 394 Dritter Auftritt. Curandot. Adelma. Belima und Skirina. Turandot(zu Adelma). Auf dich verlaſſ' ich mich, du einz'ge Freundin! O, ſage, ſprich, wie du mich retten willſt. Adelma. Die Wachen, die auf Altoums Befehl Des Prinzen Zimmer hüten, ſind gewonnen. Man kann zu ihm hineingehn, mit ihm ſprechen Und was iſt dann nicht moͤglich, wenn wir klug Die Furcht, die Ueberredung ſpielen laſſen. Denn arglos iſt ſein Herz und gibt ſich leicht Der Schmeichelſtimme des Verräthers hin. Wenn Skirina, wenn Zelima mir nur Behulflich ſind und ihre Rolle ſpielen, So zweifelt nicht, mein Anſchlag ſoll gelingen. Turandot(zu Skirina). So lieb dir Haſſans Leben, Skirina! Er iſt in meiner Macht, ich kann ihn toͤdten. Shkirina. 143 Was Ihr befehlt, ich bin bereit zu Allem, Wenn ich nur meines Haſſans Leben rette. Turandot(zu Zelima). So werth dir meine Gunſt iſt, Zelima— ZBelima. Auf meinen Eifer zaͤhlt und meine Treue! 395 Adelma. So kommt. Kein Augenblick iſt zu verlieren. (Sie gehen ab.) Turandot. Geht, geht! Thut, was ſie ſagt. Vierter Auftritt. Turandat allein. Was ſinnt Adelma? Wird ſie mich retten? Götter, ſteht ihr bei! Kann ich mich noch mit dieſem Siege kroͤnen, Weß Name wird dann großer ſeyn, als meiner? Wer wird es wagen, ſich in Geiſteskraft Mit Turandot zu meſſen?— Welche Luſt, Im Divan, vor der wartenden Verſammlung, Die Namen ihm ins Angeſicht zu werfen Und ihn beſchämt von meinem Thron zu weiſen! — Und doch iſt mir's, als wurd' es mich betrüben! Mir iſt, als ſäh' ich ihn, verzweiflungsvoll, Zu meinen Fuͤßen ſeinen Geiſt verhauchen, Und dieſer Anblick dringt mir an das Herz. — Wie, Turandot! wo iſt der edle Stolz Der großen Seele? Hat's ihn auch gekränkt, Im Divan über dich zu triumphiren? Was wird dein Antheil ſeyn, wenn er auch hier Den Sieg dir abgewinnt?— Recht hat Adelma! Zu weit iſt es gekommen! Umkehr iſt Nicht möglich!— Du mußt ſiegen oder fallen! Beſiegt von Einem, iſt beſiegt von Allen! 396 Fünfter Auftritt. Turandot. Altoum. Pantalon und Tartaglia ſolgen ibm in einiger Entfernung nach. Altoum ein einem Briefe leſend und in tiefen Gedanken, fuͤr ſich). So mußte dieſer blutige Tyrann 3 Von Tefflis enden! Kalaf, Timurs Sohn, Aus ſeiner Vaͤter Reich vertrieben, flüchtig Von Land zu Lande ſchweifend, muß hieher Nach Peckin kommen und durch feltſame Verkettung der Geſchicke glücklich werden! So führt das Schickſal an verborgnem Band Den Menſchen auf geheimnißvollen Pfaden; Doch über ihm wacht eine Götterhand, Und wunderbar entwirret ſich der Faden. Vantalon(leiſe zu Tartaglia). Rappelt's der Majeſtät? Was kömmt ſie an, Daß ſie in Verſen mit ſich ſelber ſpricht? Tartaglia(eeiſe zu Pantalon). Still, ſtill! Es iſt ein Bote angelangt Aus fernen Landen— Was er brachte, mag Der Teufel wiſſen! Altoum (ſteckt den Brief in ſeinen Buſen und wendet ſich zu ſeiner Tochter). Turandot! Die Stunden Entfliehen, die Entſcheidung ruckt heran, Und ſchlaflos irrſt du im Serail umher, Zerquaͤlſt dich, das Unmoͤgliche zu wiſſen. — Vergebens qualſt du dich. Es iſt umſonſt! Ich aber hab' es ohne Muͤh' erfahren. 397 — Sieh' dieſen Brief. Hier ſtehen beide Namen Und Alles, was ſie kenntlich macht. So eben Bringt ihn ein Bote mir aus fernen Landen. Ich halt' ihn wohl verſchloſſen und bewacht, Bis dieſer nachſte Tag vorüber iſt. Der unbekannte Prinz iſt wirklich König Und eines Königs Sohn— Es iſt unmöglich, Daß du erratheſt, wer ſie Beide ſeyen. Ihr Reich liegt allzufern von hier, der Name Iſt kaum zu Peckin ausgeſprochen worden. — Doch, ſieh', weil ich's als Vater mit dir meine, Komm' ich in ſpäter Nacht noch her— Kann es Dir Freude machen, dich zum Zweitenmal Im Divan dem Gelächter bloßzuſtellen, Dem Hohn des Pöbels, der mit Ungeduld Drauf wartet, deinen Stolz gebeugt zu ſehen? Denn abgeſinnt, du weißt's, iſt dir das Volk: Kaum werd' ich ſeiner Wuth gebieten können, Wenn du im Divan nun verſtummen mußt. — Sieh', liebes Kind, Dies führte mich hieher. (Zu Pantalon und Tartaglia) Laßt uns allein! (Jene entſernen ſich ungern und zaudernd.) 398 Sechster Auftritt. Turandot und Altoum. Altoum (nachdem Jene weg ſind, naͤhert ſich ihr und faßt ſie dertraulich bei der Hand). Ich komme, deine Ehre Zu retten. Turandot. Meine Ehre, Sire? Spart Euch Die Müh'! Nicht Rettung brauch' ich meiner Ehre— Ich werde mir im Diyan morgen ſelbſt Zu helfen wiſſen. Altoum. Ach, du ſchmeichelſt dir Mit eitler Hoffnung. Glaube mir's, mein Kind, Unmoͤglich iſt's, zu wiſſen, was du hoffſt. Ich leſ' in deinen Augen, deinen wild Verwirrten Zügen deine Qual und Angſt. Ich bin dein Vater; ſieh', ich hab' dich lieb. — Wir ſind allein— ſey offen gegen mich! Bekenn' es frei— weißt du die beiden Namen? Curandot. Ob ich ſie weiß, wird man im Divan hoͤren. Altoum.„ Nein, Kind du weißt ſie nicht, kannſt ſie nicht wiſſen. Wenn du ſie weißt, ſo ſag' mir's im Vertrauen. Ich laſſe dann den Unglüͤckſel'gen wiſſen, Daß er verrathen iſt, und laſſ' ihn ſtill Aus meinen Staaten ziehn: ſo meideſt du Den Haß des Volks, und mit dem Sieg zugleich Traͤgſt du den Ruhm der Großmuth noch davon, Daß du dem Ueberwundenen die Schmach Der öffentlichen Niederlage ſparteſt. — Um dieſes Einz'ge bitt' ich dich, mein Kind! Wirſt du's dem Vater, der dich liebt, verſagen? Turandot. Ich weiß die Namen oder weiß ſie nicht, Genug! Hat er im Divan meiner nicht Geſchont, brauch' ich auch ſeiner nicht zu ſchonen. Gerechtigkeit geſchehe! Oeffentlich, Wenn ich ſie weiß, ſoll man die Namen hoͤren. Altoum (will ungeduldig werden, zwingt ſich aber und ſaͤhrt mit Maͤßigung und Milde fort). Durft' er dich ſchonen? Galt es nicht ſein Leben? Galt es nicht, was ihm mehr war, deine Hand? Dich zu gewinnen und ſich ſelbſt zu retten, Mußt er den Sieg im Divan dir entreißen. — Nur einen Augenblick leg' deinen Zorn Bei Seite, Kind— Gib Raum der Ueberlegung! Sieh', dieſes Haupt ſetz' ich zum Pfand, du weißt Die Namen nicht— Ich aber weiß ſie— hier (Auf den Brief zeigend.) Stehn ſie geſchrieben, und ich ſag' ſie dir. — Der Divan ſoll ſich in der Früh' verſammeln, Der Unbekannte öffentlich erſcheinen; Mit ſeinem Namen redeſt du ihn an; Er ſoll beſchämt, vom Blitz getroffen, ſtehen, Verzweifelnd jammern und vor Schmerz vergehen; Vollkommen ſey ſein Fall und dein Triumph. — Doch nun, wenn du ſo tief ihn haſt gebeugt, ———————— 400 Erheb' ihn wieder! Frei, aus eigner Wahl Reich' ihm die Hand und endige ſein Leiden — Komm, meine Tochter, ſchwoͤre mir, daß du Das thun willſt, und ſogleich— wir ſind allein— Sollſt du die Namen wiſſen. Das Geheimniß, Ich ſchwoͤre dir, ſoll mit uns Beiden ſterben. So löst der Knoten ſich erfreulich auf: Du kröneſt dich mit neuem Siegesruhm, Verſoͤhneſt dir durch neue Edelthat Die Herzen meines Volks, gewinnſt dir ſelbſt Den Wuͤrdigſten der Erde zum Gemahl, Erfreueſt, tröſteſt nach ſo langem Gram In ſeinem hohen Alter deinen Vater. Curandot (iſt waͤhrend dieſer Rede in eine immer zunehmende Vewegung gerathen). Ach, wie viel arge Liſt gebraucht mein Vater! — Was ſoll ich thun? Mich auf Adelmas Wort Verlaſſen und dem ungewiſſen Glück Vertraun? Soll ich vom Vater mir die Namen Entdecken laſſen und den Nacken beugen In das verhaßte Joch?— Furchtbare Wahl! (Sie ſteht unentſchloſſen in heſigem Kampf mit ſich ſelbſt.) Herunter, ſtolzes Herz, bequeme dich! Dem Vater nachzugeben, iſt nicht Schande! (Indem ſie einige Schritte gegen Altoum macht, ſteht ſie ploͤtzrich wieder ſtill.) Doch, wenn Adelma— ſie verſprach ſo kühn, So zuverſichtlich— wenn ſie's nun erforſchte, Und uͤbereilt hätt' ich den Schwur gethan! Altoum. Was ſinneſt du und ſchwankeſt, meine Tochter, In zweifelnden Gedanken hin und her? Soll etwa dieſe Angſt mich überreden, Daß du des Sieges dich verſichert halteſt? O Kind, gib deines Vaters Bitte nach!— Turandot. Es ſey! Ich wag' es drauf. Ich will Adelma Erwarten— So gar dringend iſt mein Vater? Ein ſichres Zeichen, daß es möglich iſt, Ich könne, was er fürchtet, durch mich ſelbſt Erfahren— Er verſteht ſich mit dem Prinzen! Nicht anders! Von ihm ſelbſt hat er die Namen; Es iſt ein abgeredet Spiel; ich bin Verrathen, und man ſpottet meiner! Altoum. Nun? Was zauderſt du? Hör' auf, dich ſelbſt zu quälen! Entſchließe dich! CTurandot. Ich bin entſchloſſen— Morgen In aller Früh' verſammelt ſich der Divan. Altoum. Du biſt entſchloſſen, es aufs Aeußerſte, Auf öffentliche Schande hin zu wagen? Turandot. Entſchloſſen, Sire, die Probe zu beſtehen. Altoum(in heftigem Zorn). Unſinnige! Verſtockte! Blindes Herz! Noch blinder als die Albernſte des Pöbels! Ich bin gewiß, wie meines eignen Haupts, Daß du dich öffentlich beſchimpfſt, daß dir's Unmöglich iſt, das Räthſel aufzulöſen. Wohlan! der Divan ſoll verſammelt werden, Schillers ſaͤmmtl. Werke. VI. 26 40² Und in der Nähe gleich ſey der Altar; Der Prieſter halte ſich bereit, im Augenblick, Da du verſtummſt, beim lauten Hohngelächter Des Volks die Trauung zu vollziehn. Du haſt Den Vater nicht gehoͤrt, da er dich flehte: Leb' oder ſtirb, er wird dich auch nicht hoͤren! »Er geht ab.) 3 Turandot. Adelma! Freundin! Retterin! wo biſt du? Verlaſſen bin ich von der ganzen Welt. Mein Vater hat im Zorn mich aufgegeben; Von dir allein erwart' ich Heil und Leben. (Entfernt ſich auf der andern Seite.) Die Scene verwandelt ſich in ein praͤchtiges Gemach mit mehreren Ausgaͤngen. Im Hintergrund ſteht ein orientaliſches Ruhebett fuͤr Kalaf. Es iſt finſtre Nacht. Siebenter Auftritt. Kalaf. Brigella mit einer Fackel. (Kalaf geht in tieſen Gedanken auf und ab;: Vrigella betrachtet ihn mit Kopfſchuͤtteln.) Brigella. 's hat eben Drei geſchlagen, Prinz, und Ihr Seyd nun genau dreihundert ſechzigmal. In dieſem Zimmer auf und ab ſpaziert. Verzeiht! mir liegt der Schlaf in allen Gliedern, Und, wenn Ihr ſelbſt ein wenig ruhen wolltet, 4 Es koͤnnt' nicht ſchaden. 3 403 Kalaf. Du haſt Recht, Brigella. Mein ſorgenvoller Geiſt treibt mich umher; Doch du magſt gehen und dich ſchlafen legen. Brigella(geht, kommt aber gleich wieder zuruͤck). Ein Wort zur Nachricht, Hoheit— Wenn Euch hier Von Ungefaͤhr ſo was erſcheinen ſollte— Macht Eure Sache gut— Ihr ſeyd gewarnt! . Kalaf. Erſcheinungen? Wie ſo? An dieſem Ort? (Muſtert mit unruhigen Blicken das Limmer.) Brigella. Du lieber Himmel! Uns iſt zwar verboten Bei Lebensſtrafe, Niemand einzulaſſen. Doch— arme Diener! Herr, Ihr wißt ja wohl! Der Kaiſer iſt der Kaiſer, die Prinzeß Iſt, ſo zu ſagen, Kaiſerin— und, was Die in den Kopf ſich ſetzt, Das muß geſchehn! 's wird Einem ſauer, Hoheit, zwiſchen zwei Dachtraufen trocknen Kleides durchzukommen. — Verſteht mich wohl. Man möchte ſeine Pflicht Gern ehrlich thun— doch man erübrigte Auch gern etwas für feine alten Tage. Herr, Unſereins iſt halter üͤbel dran! Kalaf. Wie? Sollte man mir gar ans Leben wollen? Brigella, rede! Brigella. Gott ſoll mich bewahren! Allein bedenkt die Neugicr, die man hat, Zu wiſſen, wer Ihr ſeyd. Es könnte ſich 404 Zum Beiſpiel fuͤgen, daß— durch's Schlüſſelloch— Ein Geiſt— ein Unhold— eine Hexe kame, Euch zu verſuchen— Gnug! Ihr ſeyd gewarnt! Verſteht mich— Arme Diener, arme Schelme! Kalaf(laͤchelnd). Sey außer Sorgen! Ich verſtehe dich, Und werde mich in Acht zu nehmen wiſſen. Brigella. Thut Das, und ſomit Gott befohlen, Herr. Ums Himmels willen, bringt mich nicht ins Ungluück! (Gegen die Zuſchauer.) Es kann geſchehen, daß man einen Beutel Mit Golde ausſchlägt— möglich iſt's! Was mich betrifft, Ich that mein Beſtes, und ich konnt' es nicht. (Er geht ab.) . Kalaf. Er hat mir Argwohn in mein Herz gepflanzt. Wer könnte mich hier uͤberfallen wollen? Und laß die Teufel aus der Hölle ſelbſt Ankommen, dieſes Herz wird ſtandhaft bleiben. (Er tritt ans Fenſter.) Der Tag iſt nicht mehr weit, ich werde nun Nicht lange mehr auf dieſer Folter liegen. Indeß verſuch' ich es, ob ich vielleicht Den Schlaf auf dieſe Augen locken kann. (EAndem er ſich auf das Ruhebett niederlaſſen will, offnet ſich eine von den Thuͤren.) Achter Auftritt. Kalaf. Skirina in maͤnnlicher Kleidung und mit einer Maske vor dem Geſicht. Skirina(furchtſam ſich naͤhernd). Mein lieber Herr— Herr— O, wie zittert mir Das Herz!. Kalaf(auffahrend). Wer biſt du, und was ſuchſt du hier? Skirina(nimmt die Maske vom Geſicht). Kennt Ihr mich nicht? Ich bin ja Skirina, Des armen Haſſans Weib und Eure Wirthin. Verkleidet hab' ich durch die Wachen mich Herein geſtohlen— Ach! was hab' ich Euch Nicht Alles zu erzählen— Doch die Angſt Erſtickt mich, und die Knie zittern mir: Ich kann vor Thränen nicht zu Worte kommen. Kalaf. Sprecht, gute Frau! was habt Ihr mir zu ſagen? Skirina(ſich immer ſchuͤchtern umſehend). Mein armer Mann häͤlt ſich verſteckt. Es ward Der Turandot geſagt, daß er Euch kenne. Nun wird ihm nachgeſpuͤrt an allen Orten, Ihn ins Serail zu ſchleppen und ihm dort Gewaltſam Euren Namen abzupreſſen. Wird er entdeckt, ſo iſt's um ihn geſchehn: Denn eher will er unter Martern ſterben, Als Euch verrathen. . Kalaf. Treuer, wackrer Diener! — Ach, die Unmenſchliche! 406 Skirina. Ihr habt noch mehr Von mir zu hoͤren— Euer Vater iſt In meinem Haus. Kalaf. Was ſagſt du? Große Götter! Skirina. 3 Von Eurer Mutter zum troſtloſen Wittwer Gemacht— Kalaf. O meine Mutter! Skirina. Höoͤrt mich weiter! Er weiß, daß man Euch hier bewacht; er zittert Für Euer Leben; er iſt außer ſich; Er will verzweifelnd vor den Kaiſer dringen, Sich ihm entdecken, koſt' es, was es wohe; Mit meinem Sohne, ruft er, will ich ſterben! Vergebens ſuch' ich ihn zuruck zu halten, Sein Ohr iſt taub, er hoͤrt nur ſeinen Schmerz; Nur das Verſprechen, das ich ihm gethan, Ein troͤſtend Schreiben ihm von Eurer Hand Mit Eures Namens Unterſchrift zu bringen, Das ihm Verſichrung gibt von Eurem Leben, Hielt ihn vom Aeußerſten zuruͤck! So hab' ich mich Hieher gewagt und in Gefahr geſetzt, Dem kummervollen Greiſe Troſt zu bringen. Kalaf. Mein Vater hier in Peckin! Meine Mutter Im Grab!— Du hintergehſt mich, Skirina! Skirina. Mich ſtrafe Fohi, wenn ich Euch Das luͤge! Kalaf. Bejammernswerther Vater! Arme Mutter! Skirina(dringend). Kein Augenblick iſt zu verlieren! Kommt! Bedenkt Euch nicht; ſchreibt dieſe wen'gen Worte. Fehlt Euch das Nöthige, ich bracht' es mit. (Sie zieht eine Schreibtafel hervor.) Genug, wenn dieſer kummervolle Greis Zwei Zeilen nur von Eurer Hand erhält, Daß Ihr noch lebt, und daß Ihr Gutes hofft. Sonſt treibt ihn die Verzweiflung an den Hof; Er nennt ſich dort, und Alles iſt verloren. Kalaf. Ja, gib mir dieſe Tafel! (Er iſt im Vegriff zu ſchreiben, haͤlt aber ploͤtzlich inne und ſieht ſie forſchend an.) Skirina! Haſt du nicht eine Tochter im Serail? — Ja, ja, ganz recht. Sie dient als Sklavin dort Der Turandot: dein Mann hat mir's geſagt. Skirina. Nun ja! Wie kommt Ihr darauf? . Kalaf. 3 Skirina! Geh' nur zuruͤck und ſage meinem Vater Von meinetwegen, daß er ohne Furcht Geheimen Zutritt bei dem Kaiſer fordre Und ihm entdecke, was ſein Herz ihn heißt: Ich bin's zufrieden. 408 Skirina(betroffen) Ihr verweigert mir Den Brief? Ein Wort von Eurer Hand genügt. Kalaf. Nein, Skirina, ich ſchreibe nicht. Erſt morgen Erfährt man, wer ich bin— Ich wundre mich, Daß Haſſans Weib mich zu verrathen ſucht. Skirina. 4 Ich Euch verrathen! Guter Gott! (Fuͤr ſich.) Adelma mag denn ſelbſt ihr Spiel vollenden. (Zu Kalaf.) Wohl, Prinz, wie's Euch beliebt! Ich geh' nach Hauſe, Ich richte Eure Botſchaft aus; doch glaubt' ich nicht, Nach ſo viel uͤbernommener Gefahr Und Mühe Euren Argwohn zu verdienen. (Im Abgehen.) Adelma wacht, und Dieſer ſchlummert nicht. (Entſernt ſich.) Kalaf. Erſcheinungen!— Du ſagteſt recht, Brigella! Doch, daß mein Vater hier in Peckin ſey, Und meine Mutter todt, hat dieſes Weib Mit einem heil'gen Eide mir bekraftigt! Kommt doch das Ungluͤck nie allein! Ach, nur Zu glaubhaft iſt der Mund, der Böſes meldet! (Die entgegengeſetzte Thuͤr' oͤffnet ſich.) Noch ein Geſpenſt! Laß ſehen, was es will! 2 — 409 Neunter Auftritt. Kalaf. Belima. Zelima. Prinz, ich bin eine Sklavin der Prinzeſſin Und bringe gute Botſchaft. Kalaf. Gäb's der Himmel! Wohl waͤr' es Zeit, daß auch das Gute käme! Ich hoffe nichts, ich ſchmeichle mir mit nichts: Zu fühllos iſt das Herz der Turandot. Belima. 3 Wohl wahr, ich leugn' es nicht— und dennoch, Prinz, Gelang es Euch, dies ſtolze Herz zu ruͤhren, Euch ganz allein; Ihr ſeyd der Erſte— Zwar Sie ſelbſt beſteht darauf, daß ſie Euch haſſe; Doch ich bin ganz gewiß, daß ſie Euch liebt. Die Erde thu' ſich auf und reiße mich In ihren Schlund hinab, wenn ich Das luͤge! Kalaf. Gut, gut! ich glaube dir. Die Botſchaft iſt Nicht ſchlimm. Haſt du noch Mehreres zu ſagen? Zelima(naͤher tretend). Ich muß Euch im Vertrauen ſagen, Prinz! Der Stolz, der Ehrgeiz treibt ſie zur Verzweiflung. Sie ſieht nun ein, daß ſie Unmoͤgliches Sich aufgebuͤrdet, und vergeht vor Scham, Daß ſie im Divan nach ſo vielen Siegen Vor aller Welt zu Schanden werden ſoll. Der Abgrund öoͤffne ſich und ſchlinge mich Hinab, wenn ich mit Lügen Euch berichte! 410 Kalaf. Ruf' nicht ſo großes Unglück auf dich her! Ich glaube dir. Geh', ſage der Prinzeſſin: Leicht ſey es ihr, in dieſem Streit zu ſiegen: Mehr als durch ihren glänzenden Verſtand Wird ſich ihr Ruhm erheben, wenn ihr Herz Empfinden lernt, wenn ſie der Welt beweist, Sie koͤnne Mitleid fuͤhlen, könne ſich 3 Entſchließen, einen Liebenden zu tröſten Und einen greiſen Vater zu erfreuen. Iſt Dies etwa die gute Botſchaft, ſprich, Die ich zu hören habe? ZBelima. Nein, mein Prinz, Wir geben uns ſo leichten Kaufes nicht; Man muß Geduld mit unſrer Schwachheit haben. — Höoͤrt an! Kalaf. Ich hoͤre. Zelima. Die Prinzeſſin ſchickt mich. — Sie bittet Euch um einen Dienſt— Laßt ſie Die Namen wiſſen, und im Uebrigen Vertraut Euch kühnlich ihrer Großmuth an. Sie will nur ihre Eigenliebe retten, Nur ihre Ehre vor dem Divan loͤſen. Voll Güte ſteigt ſie dann von ihrem Thron Und reicht freiwillig Euch die ſchoͤne Rechte. — Entſchließt Euch, Prinz. Ihr waget nichts dabei. Gewinnt mit Guͤte dieſes ſtolze Herz, 411 So wird nicht Zwang, ſo wird die Liebe ſie, Die zaͤrtlichſte, in Eure Arme führen. Kalaf (ſieht ihr ſcharf ins Geſicht, mit einem bittern Laͤcheln). Hier, Sklavin, haſt du den gewohnten Schluß Der Rede weggelaſſen. 4 ZBelima. Welchen Schluß? Kalaf. Die Erde oͤffne ſich und ſchlinge mich Hinab, wenn ich Unwahres Euch berichte. Zelima. So glaubt Ihr, Prinz, daß ich Euch Lügen ſage? Kalaf. Ich glaub' es faſt— und glaub' es ſo gewiß, Daß ich in dein Begehren nimmermehr Kann willigen. Kehr' um zu der Prinzeſſin! Sag' ihr, mein einz'ger Ehrgeiz ſey ihr Herz, Und meiner glüh'nden Liebe möge ſie Verzeihn, daß ich die Bitte muß verſagen. Zelima. Bedachtet Ihr, was dieſer Eigenſinn Euch koſten kann? Kalaf. Mag er mein Leben koſten! ZBelima. Es bleibt dabei, er wird's Euch koſten, Prinz! — Beharrt Ihr drauf, mir nichts zu offenbaren? . Kalaf. Nichts! Zelima. Lebet wohl! (Im Abgeben.) Die Müͤhe konnt' ich ſparen! Kallaf(allein). Geht, weſenloſe Larven! Meinen Sinn F Macht ihr nicht wankend. Andre Sorgen ſind's, Die mir das Herz beklemmen— Skirinas Bericht iſt's, was mich ängſtiget— Mein Vater In Peckin! Meine Mutter todt!— Muth, Muth, mein Herz! In wenig Stunden iſt das Los geworfen. Koͤnnt' ich den kurzen Zwiſchenraum im Arm Des Schlafs vertraäumen! Der geqguälte Geiſt Sucht Ruhe, und mich daͤucht, ich fuͤhle ſchon Den Gott die ſanften Flügel um mich breiten. (Er legt ſich auf das Ruhebett und ſchlaͤft ein.) Zehnter Auftritt. Adelma tritt auf, das Geſicht verſchleiert, eine Wachskerze in der Hand. Kalaf ſchlafend. Adelma. Nicht Alles ſoll mißlingen— Hab' ich gleich Vergebens alle Kuͤnſte des Betrugs Verſchwendet, ihm die Namen zu entlocken, So werd' ich doch nicht eben ſo umſonſt Verſuchen, ihn aus Peckin wegzuführen Und mit dem ſchoͤnen Raube zu entfliehn. — O heißerflehter Augenblick! Jetzt, Liebe, 413 Die mir bis jetzt den kuüͤhnen Muth verliehn, So manche Schranke mir ſchon uͤberſtiegen, Dein Feuer laß auf meinen Lippen gluhn! 4 Hilf mir in dieſem ſchwerſten Kampfe ſiegen! (Sie betrachtet den Schlafenden.) Der Liebſte ſchläaft. Sey ruhig, pochend Herz, Erzittre nicht! Nicht gern, ihr holde Augen, Scheuch' ich den goldnen Schlummer von euch weg; Doch ſchon ergraut der Tag, ich darf nicht ſaumen. (Sie naͤhert ſich ihm und beruͤhrt ihn ſanſt.) Prinz, wachet auf! Kalaf(erwachend). Wer ſtoret meinen Schlummer? Ein neues Trugbild? Nachtgeſpenſt, verſchwinde! Wird mir kein Augenblick der Ruh' vergönnt? Adelma. Warum ſo heftig, Prinz? Was fürchtet Ihr? Nicht eine Feindin iſt's, die vor Euch ſteht; Nicht Euren Namen will ich Euch entlocken. Kalaf. Iſt Dies dein Zweck, ſo ſpare deine Müh'! Ich ſag' es dir voraus, du wirſt mich nicht betruͤgen. Adelma. Berrügen? ich? Verdien' ich den Verdacht? Sagt an, war hier nicht Skirina bei Euch, Mit einem Brief Euch liſtig zu verſuchen? Knlaſ. Wohl war ſie hier. Adelma. Doch hat ſie nichts erlangt? 414 Kulaf. Daß ich ein ſolcher Thor geweſen ware! Adelma. Gott ſey's gedankt!— War eine Sklavin hier, Mit trüglicher Vorſpieglung Euch zu blenden? Kalaf. Solch eine Sklavin war in Wahrheit hier, Doch zog ſie leer ab— wie auch du wirſt gehn. Adelma. Der Argwohn ſchmerzt, doch leicht verzeih' ich ihn. Lernt mich erſt kennen! Setzt Euch! Hört mich an Und dann verdammt mich als Betrügerin! (Sie ſetzt ſich, er ſolgt.) Kalaf. So redet denn und ſagt, was ich Euch ſoll. Adelma. Erſt ſeht mich näher an— beſchaut mich wohl! Wer denkt Ihr, daß ich ſey? Kalaf. Dies hohe Weſen, Der edle Anſtand zwingt mir Ehrfurcht ab. Das Kleid bezeichnet eine niedre Sklavin, Die ich, wenn ich nicht irre, ſchon im Divan Geſehen und ihr Los beklagt. Adelma. Auch ich Hab' Euch— die Götter wiſſen es, wie innig— Bejammert, Prinz! Es ſind fünf Jahre nun, Da ich, noch ſelber eine Günſtlingin Des Glücks, im niedern Sklavenſtand Euch ſah. Schen damals ſagte mir mein Herz, daß Euch Geburt zu einem beſſern Los berufen. Ich weiß, daß ich gethan, was ich gekonnt, Euch ein unwürdig Schickſal zu erleichtern, Weiß, daß mein Aug' ſich Euch verſtändlich machte, Soweit es einer Königstochter ziemte. (Sie entſchleiert ſich.) Seht her, mein Prinz, und ſagt mir, dies Geſicht, Habt Ihr es nie geſehn in Eurem Leben? Kalaf. Adelma! ew'ge Götter! Seh' ich recht? Adelma. Ihr ſehet in unwürd'gen Sklavenbanden Die Tochter Keicobads, des Königes Der Karazanen, einſt zum Thron beſtimmt, Jetzt zu der Knechtſchaft Schmach herabgeſtoßen! Kalaf. Die Welt hat Euch für todt beweint. In welcher Geſtalt, weh' mir, muß ich Euch wieder finden! Euch hier als eine Sklavin des Serails, Die Königin, die edle Fürſtentochter! Adelma. Und als die Sklavin dieſer Turandot, Der grauſamen Urſache meines Falles! Vernehmt mein ganzes Unglück, Prinz! Mir lebte Ein Bruder, ein geliebter, theurer Jüngling, Den dieſe ſtolze Turandot, wie Euch, Bezauberte— Er wagte ſich im Divan— (Sie haͤlt inne, von Schluchzen und Thraͤnen unterbrochen.) Unter den Haͤuptern, die man auf dem Thore Zu Peckin ſieht— entſetzensvoller Anblick! —————— ——— ö 416 Erblicktet Ihr auch das geliebte Haupt Des theuren Bruders, den ich noch beweine. Kalaf. Ungluͤckliche! So log die Sage nicht, So iſt ſie wahr, die klaͤgliche Geſchichte, Die ich für eine Fabel nur gehalten! Adelma. Mein Vater Keicobad, ein kühner Mann, Nur ſeinem Schmerz gehorchend, überzog Die Staaten Altoums mit Heeresmacht, Des Sohnes Mord zu rächen— Ach, das Glück War ihm nicht guͤnſtig! Maͤnnlich fechtend fiel er Mit allen ſeinen Söhnen in der Schlacht! Ich ſelbſt, mit meiner Mutter, meinen Schweſtern, Ward auf Befehl des wüthenden Veziers, Der unſern Stamm verfolgte, in den Strom Geworfen. Jene kamen um; nur mich Errettete die Menſchlichkeit des Kaiſers, Der in dem Augenblick ans Ufer kam. Er ſchalt die Graͤuelthat und ließ im Strom Nach meinem jammervollen Leben fiſchen. Schon halb entſeelt werd' ich zum Strand gezogen; Man ruft ins Leben mich zurück; ich werde Der Turandot als Sklavin übergeben, Zu glücklich noch, das Leben als Geſchenk Von eines Feindes Großmuth zu empfangen. O, lebt in Eurem Buſen menſchliches Gefühl, So laßt mein Schickſal Euch zu Herzen gehn! Denkt, was ich leide! Denkt, wie es ins Herz Mir ſchneidet, ſie, die meinen ganzen Stamm Vertilgt, als eine Sklavin zu bedienen. Kalaf. Mich jammert Euer Unglück. Ja, Prinzeſſin, Aufricht'ge Thränen zoll' ich Euren Leiden— Doch Euer grauſam Los, nicht Turandot Klagt an— Eu'r Bruder fiel durch eigne Schuld; Eu'r Vater ſturzte ſich und ſein Geſchlecht Durch übereilten Rathſchluß ins Verderben. Sagt, was kann ich, ſelbſt ein Unglücklicher, Ein Ball der Schickſalsmächte, für Euch thun? Erſteig' ich morgen meiner Wünſche Gipfel, So ſollt Ihr frei und glücklich ſeyn— Doch jetzt Kann Euer Unglück nichts als meins vermehren. Adelma. Der Unbekannten konntet Ihr mißtrauen; Ihr kennt mich nun— der Fürſtin werdet Ihr, Der Königstochter, glauben, was ſie Euch Aus Mitleid ſagen muß und lieber noch Aus Zaärtlichkeit, aus Liebe ſagen moͤchte. — O, möchte dies befangne Herz mir trauen, Wenn ich jetzt wider die Geliebte zeuge! Kalaf. Adelma, ſprecht, was habt Ihr mir zu ſagen? Adelma. Wißt alſo, Prinz— Doch nein, Ihr werdet glauben, Ich ſey gekommen, Euch zu täuſchen, werdet Mit jenen feilen Seelen mich verwechſeln, Die für das Sklavenjoch geboren ſind. Kalaf. Quält mich nicht länger! Ich beſchwör' Euch, ſprecht, Was iſt's? Was habt Ihr mir von ihr zu ſagen, Die meines Lebens einz'ge Goͤttin iſt? Schillers ſämmtl. Werke. VI. 418 Adelma(bei Seite).* Gib Himmel, daß ich jetzt ihn uͤberrede! (Zu Kalaf ſich wendend.) Prinz, dieſe Turandot, die Schaͤndliche, Herzloſe, Falſche hat Befehl gegeben, Euch heut' am fruͤhen Morgen zu ermorden. — Dies iſt die Liebe Eurer Lebensgöttin! Kalaf. Mich zu ermorden? Adelma. Ja, Euch zu ermorden! Beim erſten Schritt aus dieſem Zimmer tauchen Sich zwanzig Degenſpitzen Euch ins Herz: So hat es die Unmenſchliche befohlen. Kalaf (ſteht ſchnell auf und geht gegen die Thüre). Ich will die Wache unterrichten. Adelma(haͤlt ihn zuruͤck). Bleibt! 3 Wo wollt Ihr hin? Ihr hofft noch, Euch zu retten? Unglücklicher, Ihr wißt nicht, wo Ihr ſeyd, Daß Euch des Mordes Netze rings umgeben! Dieſelben Wachen, die der Kaiſer Euch Zu Hutern Eures Lebens gab, die ſind— Gedingt von ſeiner Tochter, Euch zu toͤdten. Kalaf (außer ſich, laut und heſtig mit dem Ausdruck des innigſten Leidens). O Timur! Timurl unglüͤckſel'ger Vater! So muß dein Kalaf endigen! Du mußt Nach Peckin kommen, auf ſein Grab zu weinen! ——— Das iſt der Troſt, den dir dein Sohn verſprach! — Furchtbares Schickſal! (Er verhuͤllt ſein Geſicht, ganz ſeinem Schmerz hingegeben.) Adelma C(fuͤr ſich, mit frohem Erſtaunen). Kalaf! Timurs Sohn! Gluͤckſel'ger Fund!— Fall' es nun, wie es wolle! Entgeh' er meinen Schlingen auch, ich trage Mit dieſem Namen ſein Geſchick in Häanden. Kalaf. So bin ich mitten unter den Soldaten, Die man zum Schutz mir an die Seite gab, Verrathen! Ach, wohl ſagte mir's vorhin Der feilen Sklaven einer, daß Beſtechung Und Furcht des Machtigen das ſchwache Band Der Treue löſen— Leben, fahre hin! Vergeblich iſt's, dem grauſamen Geſtirn, Das uns verfolgt, zu widerſtehn— Du ſollſt Den Willen haben, Grauſame— dein Aug' An meinem Blute weiden! Süßes Leben, Fahr' hin! Nicht zu entfliehen iſt dem Schickſal. Adelma(mit Feuer). Prinz, zum Entfliehen zeig' ich Euch die Wege: Nicht muͤß'ge Thraͤnen bloß hab' ich für Euch. Gewacht hab' ich indeß, geſorgt, gehandelt, Kein Gold geſpart, die Hüter zu beſtechen. Der Weg iſt offen. Folgt mir! Euch vom Tode, Mich aus den Banden zu befreien, komm' ich. Die Pferde warten, die Gefaͤhrten ſind Bereit. Laßt uns aus dieſen Mauern fliehen, Worauf der Fluch der Götter liegt. Der Khan Von Berlas iſt mein Freund, iſt mir durch Bande 420 Des Bluts verknüpft und heilige Verträge. Er wird uns ſchützen, ſeine Staaten öffnen, Uns Waffen leihen, meiner Väter Reich Zuruͤck zu nehmen, daß ich's mit Euch theile, Wenn Ihr der Liebe Opfer nicht verſchmaht. Verſchmaht Ihr's aber und verachtet mich, So iſt die Tartarei noch reich genug An Fürſtentöchtern, dieſer Turandot An Schönheit gleich und zaͤrtlicher als ſie. Aus ihnen wahlt Euch eine wurdige Gemahlin aus! Ich— will mein Herz beſiegen. Nur rettet, rettet dieſes theure Leben! (Sie ſpricht das Folgende mit immer ſteigender Lebhaſtigkeit, indem ſie ibn bei der Hand ergreift und mit ſich fortzureiten ſucht.) O, kommt! Die Zeit entflieht, indem wir ſprechen. Die Hahne krähn; ſchon regt ſich's im Palaſt; Todbringend ſteigt der Morgen ſchon herauf. Fort, eh' der Rettung Pforten ſich verſchließen! 4 Kalaf. Großmüthige Adelma! einz'ge Freundin! Wie ſchmerzt es mich, daß ich nach Berlas Euch Nicht folgen, nicht der Freiheit ſuß Geſchenk, Nicht Euer vaͤterliches Reich zurück Euch geben kann— Was würde Altoum Zu dieſer heimlichen Entweichung ſagen? Macht' ich nicht ſchandlichen Verraihs mich ſchuldig, Wenn ich, des Gaſtrechts heilige Gebräuche Verletzend, aus dem innerſten Serail Die werthgehaltne Sklavin ihm entführte? — Mein Herz iſt nicht mehr mein, Adelma. Selbſt Der Tod, den jene Stolze mir bereitet, Wird mer willkommen ſeyn von ihrer Hand. — Flieht ohne mich, flieht, und geleiten Euch Die Göttee! Ich erwarte hier mein Schickſal. Noch troͤſtlich iſt's, für Turandot zu ſterben, Wenn ich nicht leben kann fuͤr ſie— Lebt wohl! Adelma. Sinnloſer! Ihr beharrt? Ihr ſeyd entſchloſſen? Kalaf. Zu bleiben und den Mordſtreich zu erwarten. Adelma. Ha, Undankbarer! Nicht die Liebe iſt's, Die Euch zuruͤckhält— Ihr verachtet mich! Ihr wählt den Tod, um nur nicht mir zu folgen! Verſchmähet meine Hand, verachtet mich; Nur flieht, nur rettet, rettet Euer Leben! Kalaf. Verſchwendet Eure Worte nicht vergebens! Ich bleibe und erwarte mein Geſchick. Adelma. So bleibet denn! Auch ich will Sklavin bleiben, Ohn' Euch verſchmah' ich auch der Freiheit Gluck. Laß ſehn, wer von uns Beiden, wenn es gilt, Dem Tode kuͤhner trotzt! (Von ihm wegtretend.) Wär' ich die Erſte, Die durch Beſtändigkeit ans Ziel gelangte? 2(Für ſich, mit Accent.) Kalaf, Sohn Timurs! (Verneigt ſich ſpottend.) Unbekannter Prinz! Lebt wohl! (Geht ab.) 422 Hat meine edelmüthig treue Liebe Iſt da. Macht Euch bereit! Kalaf Vollziehe die Befehle, die du haſt! Wo Alles ſchon verſammelt iſt. Kalaf(allein). Wird dieſe Schreckensnacht nicht enden? Wer hat auf ſolcher Folter je gezittert? und, endet ſie, welch neues größres Schreckniß Bereitet mir der Tag! aus welchen Händen! Solches um dich verdient, tyranniſch Herz! — Wohlan! Den Himmel faͤrbt das Morgenroth, Die Sonne ſteigt herauf, und allen Weſen Bringt ſie das Leben; mir bringt ſie den Tod! Geduld, mein Herz, dein Schickſal wird ſich loͤſen! Eilfter Auftritt. Brigella. Kalaf. Brigella. Der Divan wird verſammelt, Herr. Die Stunde (mißt ihn mit wilden, ſcheuen Blicken). Biſt du das Werkzeug? Wo haſt du deinen Dolch verſteckt? Mach's kurz! Du raubſt mir nichts, worauf ich Werth noch legte. Brigella. Was für Befehle, Herr? Ich habe keinen Befehl, als Euch zum Divan zu begleiten, Kalaf(nach einigem Nachſinnen, reſignirt). Laß uns denn gehn! Ich weiß, daß ich den Divan lebend nicht Erreichen werde— Sieh', ob ich dem Tod Beherzt entgegen treten kann. Brigella(ſieht ihn erſtaunt an). Was Teufel ſchwatzt er da von Tod und Sterben? Verwuünſchtes Weibervolk! Sie haben ihn In dieſer ganzen Nacht nicht ſchlafen laſſen: Run iſt er gar im Kopf verruͤckt! Kalaf(wirft das Schwert auf den Boden). Da liegt Mein Schwert. Ich will mich nicht zur Wehre ſetzen. Die Grauſame erfahre wenigſtens, Daß ich die unbeſchützte Bruſt von ſelbſt Dem Streich des Todes dargeboten habe! (Er geht ab und wird, ſowie er heraustritt, von kriegeriſchem Spiel empfangen.) Fünfter Aufzug. Die Scene iſt die vom zweiten Aufzug. Im Hintergrund des Divans ſieht ein Altar mit einer chineſiſchen Gottheit und zwei Prieſtern, welche nach Aufziehung eines Vorhangs ſichtbar werden. — Bei Eroͤffnung des Akts ſitzt Altoum auf ſeinem Throne. Pantalon und Tartaglia ſiehen zu ſeinen beiden Seiten; die acht Doctoren an ihrem Platz; die Wache unter dem Gewehre. Erſter Auftritt. Altoum. Pantalon. Tartaglia. Doctoren. Wache. Gleich dorauf Kalaf. Kalaf (tritt mit einer ſtuͤrmiſchen Bewegung in den Saal, voll Argwohn hinter ſich ſchauend. In der Mitte der Scene verbeugt er ſich gegen den Kaiſer, dann fuͤr ſich). Wie? Ich bin lebend hier— Mit jedem Schritt Erwartet' ich die zwanzig Schwerter in der Bruſt Zu fuͤylen, und, von Niemand angefallen, Hab' ich den ganzen Weg zuruͤckgelegt? So hatte mir Adelma falſche Botſchaft Verkuͤndet— oder Turandot entdeckte Die Namen, und mein Unglück iſt gewiß! 425 Altoum. Mein Sohn!l ich ſehe deinen Blick umwölkt: Dich quälen Furcht und Zweifel— Fürchte nichts mehr! Bald werd' ich deine Stirn' erheitert ſehn: In wenig Stunden endet deine Prüfung. — Geheimniſſe von freudenreichem Inhalt Hab' ich für dich— Noch will ich ſie im Buſen Verſchließen, theurer Jüngling, bis dein Herz, Der Freude offen, ſie vernehmen kann. — Doch merke dir: Nie kommt das Glück allein; Es folgt ihm ſtets, mit reicher Gaben Fülle Beladen, die Begleitung nach— Du biſt Mein Sohn, mein Eidam! Turandot iſt dein! Dreimal hat ſie in dieſer Nacht zu mir Geſendet, mich beſchworen und gefleht, Sie von der furchtbarn Probe loszuſprechen. Daraus erkenne, ob du Urſach' haſt, Sie mit getroſtem Herzen zu erwarten. Pantalon(zuverſichtlich). Das könnt Ihr, Hoheit! Auf mein Wort! Was Das Betrifft, damit hat's ſeine Richtigkeit! Nehmt meinen Glückwunſch an! Heut' iſt die Hochzeit. Zweimal ward ich in dieſer Nacht zu ihr Geholt; ſie hatt' es gar zu eilig; kaum Ließ ſie mir Zeit, den Fuß in die Pantoffel Zu ſtecken; ungefrühſtückt ging ich hin; Es war ſo grimmig kalt, daß mir der Bart Noch zittert— Aufſchub ſollt' ich ihr verſchaffen, Rath ſchaffen ſollt' ich— Bei der Majeſtat Fürſprach' einlegen— Ja, was ſollt' ich nicht! 426 's war mir ein rechtes Gaudium und Labſal, Ich leugn' es nicht, ſie deſperat zu ſehn. Turtaglia. Ich ward um ſechs Uhr zu ihr hin beſchieden; Der Tag brach eben an; ſie hatte nicht Geſchlafen und ſah aus, wie eine Eule. Wohl eine halbe Stunde bat ſie mich, Gab mir die ſchoͤnſten Worte, doch umſonſt! Ich glaube gar, ich hab' ihr bittre Dinge Geſagt vor Ungeduld und grimm'ger Kaͤlte. Altoum. Seht, wie ſie bis zum letzten Augenblick Noch zaudert! Doch ſie ſperret ſich umſonſt. Gemeſſene Befehle ſind gegeben, Daß ſie durchaus im Divan muß erſcheinen, und, iſt's mit Güte nicht, ſo iſt's mit Zwang. Sie ſelbſt hat mich durch ihren Eigenſinn Berechtigt, dieſe Strenge zu gebrauchen. Erfahre ſie die Schande nun, die ich Umſonſt ihr ſparen wollte— Freue dich, Mein Sohn! Nun iſt's an dir, zu triumphiren! Kalaf. ¹ Ich dank' Euch, Sire. Mich freuen kann ich nicht. Zu ſchmerzlich leid' ich ſelbſt, daß der Geliebten Um meinetwillen Zwang geſchehen ſoll. Viel lieber wollt' ich— Ach, ich könnte nicht! Was wäre Leben ohne ſie?— Vielleicht Gelingt es endlich meiner zaͤrtlichen Bewerbung, ihren Abſcheu zu beſiegen, Ihn einſt vielleicht in Liebe zu verwandeln. Mein ganzes Wollen ſoll ihr Sklave ſeyn, Und all mein höchſtes Wuünſchen ihre Liebe. Wer eine Gunſt bei mir erlangen will, Wird keines andern Furſpruchs nöthig haben, Als eines Winks aus ihrem ſchoͤnen Aug'. Kein Nein aus meinem Munde ſoll ſie kraͤnken, Solang die Parce meinen Faden ſpinnt; Soweit die Welle meines Lebens rinnt, Soll ſie mein einzig Träumen ſeyn und Denken! Altoum. Auf denn! Man zögre länger nicht! Der Divan Werde zum Tempel! Man erhebe den Altar! Der Prieſter halte ſich bereit! Sie ſoll Bei ihrem Eintritt gleich ihr Schickſal leſen Und ſoll erfahren, daß ich wollen kann, Was ich ihr ſchwur. (Der hintere Vorhang wird aufgezogen; man erblickt den chineſiſchen Goͤtzen, den Altar und die Prieſter, Alles mit Kerzen beleuchtet.) Man öoͤffne alle Pforten! 3 Das ganze Volk ſoll freien Eingang haben! Zeit iſt's, daß dieſes undankbare Kind Den tauſendfachen Kummer uns bezahle, Den es auf unſer greiſes Haupt gehäuft. (Man hoͤrt einen lugubren Marſch mit gedaͤmpften Trommeln. Bald darauf zeigt ſich Truffaldin mit Verſchnittenen, hinter ihnen die Sklavinnen, darauf Turandot, Alle in ſchwarzen Floͤren, die Frauen in ſchwarzen Schleiern.) Vantalon. Sie kommt! Sie kommt! Still! Welche Klagmnſik! Welch trauriges Geprang! Ein Hochzeitmarſch— Der voͤllig einem Leichenzuge gleicht! (Der Auſzug erſolgt ganz auf dieſelbe Weiſe und mit denſelben Ceremonien wie im zweiten Akt.) 428 Zweiter Auftritt. Vorige. Turandot. Adelma. Belima. Ihre Stlavinnen und Verſchnittenen. Turandot (nachdem ſie ihren Thron beſtiegen, und eine allgemeine Stille erfolgt, zu Kalaf). Dies Traurgepraͤnge, unbekannter Prinz, Und dieſer Schmerz, den mein Gefolge zeigt, Ich weiß, iſt Eurem Auge ſüße Weide. Ich ſehe den Altar geſchmückt, den Prieſter Zu meiner Trauung ſchon bereit, ich leſe Den Hohn in jedem Blick und möchte weinen. Was Kunſt und tiefe Wiſſenſchaft nur immer Vermochten, hab' ich angewandt, den Sieg Euch zu entreißen, dieſem Augenblick, Der meinen Ruhm vernichtet, zu entfliehen; Doch endlich muß ich meinem Schickſal weichen. Kalnf. O, laſe Turandot in meinem Herzen, Wie ihre Trauer meine Freude dämpft, Gewiß, es wuͤrde ihren Zorn entwaffnen. War's ein Vergehn, nach ſolchem Gut zu ſtreben? Ein Frevel waͤr's, es zaghaft aufzugeben! Altoum. Prinz, der Herablaſſung iſt ſie nicht werth. An ihr iſt's jetzo, ſich herabzugeben! Kann ſie's mit edelm Anſtand nicht, mag ſie Sich darein finden, wie ſie kann— Man ſchreite Zum Werk! Der Inſtrumente froher Schall Verküͤnde laut— Turandot. Gemach! damit iſt's noch zu früh! (Aufſtehend und zu Kalaf ſich wendend.) Vollkommner konnte mein Triumph nicht ſeyn, Als dein getäuſchtes Herz in ſüße Hoffnung Erſt einzuwiegen und mit Einemmal Nun in den Abgrund nieder dich zu ſchleudern. (Langſam und mit erhobner Stimme.) Hör', Kalaf, Timurs Sohn, verlaſſ' den Divan! Die beiden Namen hat mein Geiſt gefunden. Such' eine andre Braut— Weh' dir und Allen, Die ſich im Kampf mit Turandot verſuchen! Kalaf. O, ich Unglücklicher! Altoum. Iſt's möglich? Götter! Pantalon. Heilige Katharina! (Zu Tartaglia.) Geht heim! Laßt Euch den Bart auszwicken, Doctor! Tartaglia. Allhöchſter Tien! Mein Verſtand ſteht ſtill! Kalaf. Alles verloren! alle Hoffnung todt! — Wer ſteht mir bei? Ach, mir kann Niemand helfen! Ich bin mein eigner Mörder; meine Liebe Verlier' ich, weil ich allzuſehr geliebt! — Warum hab' ich die Räthſel geſtern nicht Mit Fleiß verfehlt, ſo läge dieſes Haupt Jetzt ruhig in dem ew'gen Schlaf des Todes, Und meine bange Seele haͤtte Luft. Schillers ſämmtl. Werke. VI. 430 Warum, zu güt'ger Kaiſer, mußtet Ihr Das Blutgeſetz zu meinem Vortheil mildern, Daß ich mit meinem Haupt dafur bezahlte, 3 Wenn ſie mein Rathſel aufgelöst— So ware Ihr Sieg vollkommen und ihr Herz befriedigt! (Ein unwilliges Gemurmel entſteht im Altoum. Kalaf! mein Alter unterliegt dem Schmerz; Der unverſehne Blitzſtrahl ſchlägt mich nieder. CTurandot bei Seite zu Zelima). Sein tiefer Jammer rührt mich, Zelima! Ich weiß mein Herz nicht mehr vor ihm zu ſchutzen. Zelima(eeiſe zu Turandot). O, ſo ergebt Euch einmal! Macht ein Ende! Ihr ſeht, Ihr hoͤrt, das Volk wird ungeduldig! Adelma(fuͤr ſich). An dieſem Augenblick hängt Tod und Leben! Kalaf. Und braucht's denn des Geſetzes Schwert, ein Leben Zu endigen, das länger mir zu tragen Unmöglich iſt? Hintergrund.) (Er tritt an den Thron der Turandot.) Ja, Unverſöhnliche! Sieh' hier den Kalaf, den du kennſt— den du Als einen namenloſen Fremdling haßteſt Den du jetzt kennſt und fortfaͤhrſt zu verſchmaͤhn! Verlohnte ſich's, ein Daſeyn zu verlängern, Das ſo ganz werthlos iſt vor deinen Augen? Du ſ llſt befriedigt werden, Grauſame! Nicht langer ſoll mein Anblick dieſe Sonne Beleidigen— Zu deinen Fuͤßen— — (Er zieht einen Dolch und will ſich durchſtechen. In demſelben Augenblick macht Adelma eine Bewegung, ihn zuruͤck zu halten, und Turandot ſtuͤrzt von ihrem Thron.) Turandot (ihm in den Arm fallend, mit dem Ausdruck des Schreckens und der Liebe). Kalaf! (Beide ſehen einander mit unverwandten Blicken an und bleiben eine Zeit lang unbeweglich in dieſer Stellung.) Altoum. Was ſeh' ich! Kalaf(nach einer Pauſe). Du? du hinderſt meinen Tod? Iſt Das dein Mitleid, daß ich leben ſoll, Ein Leben ohne Hoffnung, ohne Liebe? Meiner Verzweiflung denkſt du zu gebieten? — Hier endet deine Macht. Du kannſt mich toͤdten; Doch mich zum Leben zwingen kannſt du nicht. Laß mich, und, wenn noch Mitleid in dir glimmt, So zeig' es meinem jammervollen Vater! Er iſt zu Peckin; er bedarf des Troſtes: Denn auch des Alters letzte Stütze noch, Den theuren, einz'gen Sohn raubt ihm das Schickſal. (Er will ſich toͤdten.) Turandot(wirſt ſich ihm in die Arme). Lebt, Kalaf! Leben ſollt Ihr— und für mich! Ich bin beſiegt. Ich will mein Herz nicht mehr Verbergen— Eile, Zelima, den beiden Verlaſſenen, du kennſt ſie, Troſt zu bringen, Freiheit und Freude zu verkünden— Eile! Zelima. Ach, und wie gerne! 432 Adelma(fuͤr ſich). Es iſt Zeit zu ſterben. Die Hoffnung iſt verloren. Kalaf. Traͤum' ich, Gotter? Curandot. Ich will mich keines Ruhms anmaßen, Prinz, Der mir nicht zukommt. Wiſſet denn— es wiſſ' Es alle Welt! Nicht meiner Wiſſenſchaft, Dem Zufall, Eurer eignen Uebereilung Verdank' ich das Geheimniß Eures Namens. Ihr ſelbſt, Ihr ließet gegen meine Sklavin Adelma beide Namen Euch entſchlüpfen. Durch ſie bin ich dazu gelangt— Ihr alſo habt Geſiegt, nicht ich, und Euer iſt der Preis. — Doch nicht bloß, um Gerechtigkeit zu uͤben Und dem Geſetz genug zu thun— nein, Prinz! Um meinem eignen Herzen zu gehorchen, Schenk' ich mich Euch— Ach, es war Euer, gleich Im erſten Augenblick, da ich Euch ſah! Adelma. O nie gefuͤhlte Marter! Kalaf (der dieſe ganze Zeit uͤber wie ein Traͤumender geſtanden, ſcheint jetzt erſt zu ſich ſelbſt zu kommen und ſchließt die Prinzeſſin mit Entzuͤcken in ſeine Arme). Ihr die Meine? O, tödte mich nicht, Uebermaß der Wonne! Altaum. Die Götter ſegnen dich, geliebte Tochter, Daß du mein Alter endlich willſt erfreun. Verziehen ſey dir jedes vor'ge Leid: Der Augenblick heilt jede Herzenswunde. Pantalon. Hochzeit! Hochzeit! Macht Platz, ihr Herrn Doctoren! Tartaglia. Platz! Platz! Der Bund ſey alſogleich beſchworen! Adelma. Ja, lebe, Grauſamer, und lebe glücklich Mit ihr, die meine Seele haßt! (Zu Turandot.) Ja, wiſſe, Daß ich dich nie geliebt, daß ich dich haſſe Und nur aus Haß gehandelt, wie ich that. Die Namen ſagt' ich dir, um den Geliebten Aus deinem Arm zu reißen und mit ihm, Der meine Liebe war, eh' du ihn ſahſt, In glücklichere Länder mich zu flüchten. Noch dieſe Nacht, da ich zu deinem Dienſt Geſchäftig ſchien, verſucht' ich alle Liſten— Selbſt die Verleumdung ſpart' ich nicht— zur Flucht Mit mir ihn zu bereden; doch umſonſt! In ſeinem Schmerz entſchlüpften ihm die Namen, Und ich verrieth ſie dir: du ſollteſt ſiegen; Verbannt von deinem Angeſicht ſollt' er In meinen Arm ſich werfen— Eitle Hoffnung! Zu innig liebt' er dich und wäͤhlte lieber, Durch dich zu ſterben, als für mich zu leben! Verloren hab' ich alle meine Mühen; Nur Eins ſteht noch in meiner Macht. Ich ſtamme, Wie du, von koͤniglichem Blut und muß erroͤthen, Daß ich ſo lange Sklavenfeſſeln trug. In dir muß ich die blut'ge Feindin haſſen. Du haſt mir Vater, Muttey, Bruͤder, Schweſtern 434 Mir Alles, was mir theuer war, geraubt, und nun auch den Geliebten raubſt du mir.„ So nimm auch noch die Letzte meines Stammes, Mich ſelbſt zum Raube hin— Ich will nicht leben! (Sie hebt den Dolch, welchen Turandot dem Kalaf entriſſen, von der Erde auf.) Verzweiflung zückte dieſen Dolch: er hat Das Herz gefunden, das er ſpalten ſoll. (Sie will ſich erſtechen.) alaf(ſaͤllt ihr in den Arm). K Faßt Euch, Adelma! Adelma. Laß mich, Undankbarer! In ihrem Arm dich ſehen? Nimmermehr! Kalaf. 5 Ihr ſollt nicht ſterben. Eurem gluͤcklichen Verrathe dank' ich's, daß dies ſchöne Herz, Dem Zwange feind, mich edelmüthig frei 1 Beglücken konnte— Gütiger Monarch, 5 Wenn meine heißen Bitten was vermögen, 4 So habe ſie die Freiheit zum Geſchenk,. Und unſers Gluͤckes erſtes Unterpfand 6 Sey eine Gluͤckliche! 3 CTurandot. Auch ich, mein Vater, 1 Vereinige mein Bitten mit dem ſeinen. 1 Zu haſſenswerth, ich füͤhl' es, muß ich ihr 3 Erſcheinen: mir verzeihen kann ſie nie 1 Und könnte nie an mein Verzeihen glauben. 8 1 Sie werde frei, und, iſt ein größer Gluck Fuͤr ſie noch übrig, ſo gewahrt es ihr! Wir haben viele Thränen fließen machen Und müſſen eilen, Freude zu verbreiten. Pantalon. Ums Himmelswillen, Sire, ſchreibt ihr den Laufpaß, So ſchnell Ihr könnt, und gebt ihr, wenn ſie's fordert Ein ganzes Königreich noch auf den Weg. Mir iſt ganz weh' und bang, daß unſre Freude In Rauch aufgeh', ſolang ein wüthend Weib Sich unter einem Dach mit Euch befindet. Altoum(zu Turandot). An ſolchem Freudentag, den du mir ſchenkſt, Soll meine Milde keine Granzen kennen. Nicht bloß die Freiheit ſchenk' ich ihr; ſie nehme Die väterlichen Staaten auch zurück Und theile ſie mit einem würd'gen Gatten, Der klug ſey und den Mächtigen nicht reize. Adelma. Sire— Königin— ich bin beſchämt, verwirrt— So große Huld und Milde drückt mich nieder. Die Zeit vielleicht, die alle Wunden heilt, Wird meinen Kummer lindern— Jetzt vergönnt mir Zu ſchweigen und von eurem Angeſicht Zu gehn— denn nur der Thraͤnen bin ich faͤhig, Die unaufhaltſam dieſem Aug' entſtrömen. (Sie geht ab mit verhülltem Geſicht, noch einen gluͤhenden Blick auf Kalaf werfend, eh' ſie ſcheidet.) Letzter Auftritt. Die Vorigen ohne Adelma. Gegen das Ende Timur, Barab, Skiring und Belima. Kalaf. Mein Vater, o, wo find' ich dich, wo biſt du, 436 Daß ich die Fuͤlle meines Glücks in deinen Buſen Ausgieße? CTuran dot(verlegen und beſchaͤmt). Kalaf, Euer edler Vater iit Bei mir, iſt hier— In dieſem Augenblicke 1 Fühlt er ſein Gluck— Verlangt nicht mehr zu wiſſen, . Nicht ein Geſtändniß, das mich ſchamroth macht, Vor allen dieſen Zeugen zu vernehmen. Altoum. h Timur bei dir? Wo iſt er?— Freue dich, Mein Sohn! Dies Kaiſerreich haſt du gewonnen; Auch dein verlornes Reich iſt wieder dein. 1 Ermordet iſt der grauſame Tyrann, Der dich beraubte! Deines Volkes Stimme Ruft dich zuruck auf deiner Vaͤter Thron, 1 Den dir ein treuer Diener aufbewahrt. Durch alle Laͤnder hat dich ſeine Botſchaft Geſucht, und ſelbſt zu mir iſt ſie gedrungen. — Dies Blatt enthaͤlt das Ende deines Unglucks. 8 (Ueberreicht ihm einen Brief.) 1 Kalaf (wirft einen Vlick hinein und ſteht eine Zeit lang in ſprachloſer Ruͤhrung)⸗. 1 Goͤtter des Himmels! Mein Entzücken iſt Droben bei euch— die Lippe iſt verſiegelt. 4 (In dieſem Augenblicke oͤffnet ſich der Saal. Timur und Barak treten herein, von Zelima und ihrer Mutter begleitet. Wie Kalaf ſeinen Vater erblickt, eilt er ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen. Varak ſinkt zu Kalafs Fuͤßen, indem ſich Zelima und ihre Mutter vor der Turandot niederwerfen, welche ſie gͤtig aufhebt. Altoum, Pantalon und Tar⸗ 4 taglia ſtehen gerührt. Unter dieſen Vewegungen fäͤllt der Vorhang.) nlni. 9 — — —— 1 — Tſnnſennnſt 10 11 488 8 14 1☛ “ ——— ſſſ 1 ſfffffff 7 18 20 6 4