—— Leihbibliothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends§ Uhr offen. 8 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zuruckgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 3 2 2 11 1— 5 1— u 1— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Buücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Schillers fämmtliche Werke in zwölf Bäanden. Fünfter Band. Stuttgart und Cübingen. Verlag der J. G. Cotta'ſchen Buchhandlu 3 1838. ... Eine remanttſche die feindt Ein Trauerſpiel mit Chören Maria Stuart. Ein Trauerſpiel. Schillers ſämmtl. Werke. v. 1 Perſonen. Eliſabeth, Königin von England. Maria Stuart, Königin von Schottland, Gefangene in England. Robert Dudley, Graf von Leiceſter. Georg Talbot, Graf von Schrewsbury./ Wilhelm Eecil, Varon von Burleigh, Großſchatzmeiſter. Graf von Kent. Wilhelm Daviſon, Staatsſecretaͤr. Amias Paulet, Ritter, Hüter der Maria. Mortimer, ſein Neffe. Graf Aubeſpine, franzöſiſcher Geſandter. Graf Bellievre, außerordentlicher Botſchafter von Frankreich.— Okelly, Mortimers Freund. Drugeon Drury, zweiter Hüter der Maria. Melvil, ihr Haushofmeiſter. Hanna Kennedy, ihre Amme. Margaretha Kurl, Sherif der Grafſchaft. Officier der Leibwache. Franzoͤſiſche und engliſche Herren. Trabanten. Hofdiener der Königin von England. Diener und Dienerinnen der Königin von Schottland. 2 ihre Kammerfrau. Erſter ALufzug. Im Schloß zu Fotheringhay. Ein Zimmer. Erſter Auftritt. Hanna Kennedy, Amme der Koͤnigin von Schottland, in heſtigem Streit mit Paulet, der im Begriff iſt, einen Schrank zu öffnen. Drugeon Drury, ſein Gehulſe, mit Brecheiſen. Kennedy. 4 Was macht Ihr, Sir? Welch' neue Dreiſtigkeit! Zurück von dieſem Schrank! Daulet. Wo kam der Schmuck her? Vom obern Stock ward er herabgeworfen; Der Gaͤrtner hat beſtochen werden ſollen Mit dieſem Schmuck— Fluch über Weiberliſt! Trotz meiner Aufſicht, meinem ſcharfen Suchen Noch Koſtbarkeiten, noch geheime Schätze! (Sich über den Schrank machend.) Wo Das geſteckt hat, liegt noch mehr! Kennedy. Zurück, Verwegner! g Dier liegen die Geheimniſſe der Lady. Paulet. Die eben ſuch' ich.(Schriften hervorziehend.) 3 Kennedy. 3 5 Unbedeutende 4 Papiere, bloße Uebungen der Feder, Des Kerkers traur'ge Weile zu verkürzen. Vaulet. In müß'ger Weile ſchafft der böſe Geiſt. Kennedy. Es ſind franzöſiſche Schriften. Paulet. Deſto ſchlimmer! Die Sprache redet Englands Feind. Kennedy. Concepte Von Briefen an die Köͤnigin von England. . Daulet. Die überliefr' ich— Sieh! Was ſchimmert hier? (Er hat einen geheimen Reſſort geöfſnet und zieht aus einem verborgenen Fach Geſchmeide hervor.) Ein königliches Stirnband, reich an Steinen, i Durchzogen mit den Lilien von Frankreich! † (Er gibt es ſeinem Begleiter.) Verwahrt's, Drury. Legt's zu dem Uebrigen! (Drury geht ab.) Kennedy. 3 D ſchimpfliche Gewalt, die wir erleiden! Paulet. Solang ſie noch beſitzt, kann ſie noch ſchaden, Denn Alles wird Gewehr in ihrer Hand. Kennedy. Seyd gutig, Sir. Nehmt nicht den letzten Schmuck Aus unſerm Leben weg! Die Jammervolle Erfreut der Anblick alter Herrlichkeit: Denn alles Andre habt Ihr uns entriſſen. Paulet. Es liegt in guter Hand. Gewiſſenhaft Wird es zu ſeiner Zeit zurückgegeben! Kennedy. Wer ſieht es dieſen kahlen Wänden an, Daß eine Königin hier wohnt? Wo iſt Die Himmelsdecke über ihrem Sitz? Muß ſie den zaͤrtlich weichgewöhnten Fuß Nicht auf gemeinen rauhen Boden ſetzen? Mit grobem Zinn— die ſchlechtſte Edelfrau Würd' es verſchmähn— bedient man ihre Tafel. Paulet. So ſpeiste ſie zu Sterlyn ihren Gatten, Da ſie aus Gold mit ihrem Buhlen trank. Kennedy. Sogar des Spiegels kleine Nothdurft mangelt. Paulet. Solang ſie noch ihr eitles Bild beſchauet, Hört ſie nicht auf, zu hoffen und zu wagen. Kennedy. An Büchern fehlt's, den Geiſt zu unterhalten. Paulet. Die Bibel ließ man ihr, das Herz zu beſſern. Kennedy. Selbſt ihre Laute ward ihr weggenommen. Paulet. Weil ſie verbuhlte Lieder drauf geſpielt. Kennedy. Iſt das ein Schickſal fuͤr die Weicherzogne, Die in der Wiege Königin ſchon war, Am üpp'gen Hof der Medicaͤerin In jeder Freuden Fülle aufgewachſen! Es ſey genug, daß man die Macht ihr nahm: Muß man die armen Flitter ihr mißgoͤnnen? In großes Unglück lehrt ein edles Herz Sich endlich finden; aber wehe thut's, Des Lebens kleine Zierden zu entbehren. Paulet. Sie wenden nur das Herz dem Eiteln zu, Das in ſich gehen und bereuen ſoll. Ein üppig laſtervolles Leben buͤßt ſich In Mangel und Erniedrigung allein. Kennedy. Wenn ihre zarte Jugend ſich verging, Mag ſie's mit Gott abthun und ihrem Herzen, In England iſt kein Richter über ſie. Paulet. Sie wird gerichtet, wo ſie frevelte. Kennedy. Zum Freveln feſſeln ſie zu enge Bande. Paulet. Doch wußte ſie aus dieſen engen Banden Den Arm zu ſtrecken in die Welt, die Fackel Des Bürgerkrieges in das Reich zu ſchleudern 7 Und gegen unſre Königin, die Gott Erhalte! Meuchelrotten zu bewaffnen. Erregte ſie aus dieſen Mauern nicht Den Böswicht Parry und den Babington Zu der verfluchten That des Königmords? Hielt dieſes Eiſengitter ſie zurück, Das edle Herz des Norfolk zu umſtricken? Für ſie geopfert, fiel das beſte Haupt Auf dieſer Inſel unterm Henkerbeil— Und ſchreckte dieſes jammervolle Beiſpiel Die Raſenden zuruck, die ſich wetteifernd Um ihretwillen in den Abgrund ſtürzen? Die Blutgerüſte füllen ſich für ſie Mit immer neuen Todesopfern an, Und Das wird nimmer enden, bis ſie ſelbſt, Die Schuldigſte, darauf geopfert iſt. — O, Fluch dem Tag, da dieſes Landes Küſte Gaſtfreundlich dieſe Helena empfing! Kennedy. Gaſtfreundlich hätte England ſie empfangen? Die Unglückſelige, die ſeit dem Tag, Da ſie den Fuß geſetzt in dieſes Land, Als eine Hülfeflehende, Vertriebne, Bei den Verwandten Schutz zu ſuchen kam, Sich wider Völkerrecht und Königswürde Gefangen ſieht, in enger Kerkerhaft Der Jugend ſchöne Jahre muß vertrauern— Die jetzt, nachdem ſie Alles hat erfahren, Was das Gefängniß Bittres hat, gemeinen Verbrechern gleic or des Gerichtes Schranken Gefordert wird und ſchimpflich angeklagt Auf Leib und Leben— eine Königin! Vaulet. Sie kam ins Land als eine Möoͤrderin, Verjagt von ihrem Volk, des Throns entſetzt, Den ſie mit ſchwerer Gräuelthat geſchändet. Verſchworen kam ſie gegen Englands Glück, Der ſpaniſchen Maria blut'ge Zeiten Zurück zu bringen, Engelland katholiſch Zu machen, an den Franzmann zu verrathen. Warum verſchmäͤhte ſie's, den Edimburger Vertrag zu unterſchreiben, ihren Anſpruch An England aufzugeben und den Weg Aus dieſem Kerker ſchnell ſich aufzuthun Mit einem Federſtrich? Sie wollte lieber Gefangen bleiben, ſich mißhandelt ſehn, Als dieſes Titels leerem Prunk entſagen. Weßwegen that ſie Das? Weil ſie den Raͤnken Vertraut, den böſen Künſten der Verſchwörung, Und unheilſpinnend dieſe ganze Inſel Aus ihrem Kerker zu erobern hofft. Kennedy. Ihr ſpottet, Sir.— Zur Haͤrte fügt Ihr noch Den bittern Hohn! Sie hegte ſolche Traͤume, Die hier lebendig eingemauert lebt, 3 Zu der kein Schall des Troſtes, keine Stimme Der Freundſchaft aus der lieben Heimat dringt, Die langſt kein Menſchenangeſicht mehr ſchaute, Als ihrer Kerkermeiſter finſtre Stirn, Die erſt ſeit Kurzem einen neuen Waͤch 8 Erhielt in Eurem rauhen Anverwandten, Von neuen Stäben ſich umgittert ſieht— Paulet. Kein Eiſengitter ſchützt vor ihrer Liſt. Weiß ich, ob dieſe Stabe nicht durchfeilt, ⁵ Nicht dieſes Zimmers Boden, dieſe Waͤnde, Von Außen feſt, nicht hohl von Innen ſind Und den Verrath einlaſſen, wenn ich ſchlafe? Fluchvolles Amt, das mir geworden iſt, Die unheilbrütend Liſtige zu hüten. Vom Schlummer jagt die Furcht mich auf; ich gehe Nachts um, wie ein gequalter Geiſt, erprobe Des Schloſſes Riegel und der Waͤchter Treu' Und ſehe zitternd jeden Morgen kommen, Der meine Furcht wahr machen kann. Doch wohl mir, 3 Wohl! Es iſt Hoffnung, daß es bald nun endet. 6 Denn lieber moͤcht' ich der Verdammten Schaar, Wachſtehend an der Hällenpforte, hüten, Als dieſe ränkevolle Koͤnigin. Kennedy. Da kommt ſie ſelbſt! Paulet. Den Chriſtus in der Hand, Die Hoffahrt und die Weltluſt in dem Herzen. Zweiter Auftritt. Maria im Schleier, ein Cruzifir in der Hand. Die Vorigen. Kennedy(ihr entgegen eilend). O Königin! Man tritt uns ganz mit Füßen. 9 Der Tyrannei, der Harte wird kein Ziel, Und jeder neue Tag häuft neue Leiden Und Schmach auf dein gekröntes Haupt. Maria. Faſſ' dich! Sag' an, was neu geſchehen iſt? Kennedy. Sieh' her! Dein Pult iſt aufgebrochen, deine Schriften, Dein einz'ger Schatz, den wir mit Muͤh' gerettet, Der letzte Reſt von deinem Brautgeſchmeide Aus Frankreich iſt in ſeiner Hand. Du haſt nun Nichts Königliches mehr, biſt ganz beraubt. Maria. Beruhige dich, Hanna. Dieſe Flitter machen Die Königin nicht aus. Man kann uns niedrig Behandeln, nicht erniedrigen. Ich habe In England mich an Viel gewöhnen lernen: Ich kann auch Das verſchmerzen. Sir, Ihr habt' Euch Gewaltſam zugeeignet, was ich Euch Noch heut' zu übergeben Willens war. Bei dieſen Schriften findet ſich ein Brief, 3 Beſtimmt für meine königliche Schweſter Von England— Gebt mir Euer Wort, daß Ihr Ihn redlich an ſie ſelbſt wollt übergeben* und nicht in Burleighs ungetreue Hand. 1 Paulet. 5 Ich werde mich bedenken, was zu thun iſt. Maria. Ihr ſollt den Inhalt wiſſen, Sir. Ich bitte In dieſem Brief um eine große Gunſt— — Um eine Unterredung mit ihr ſelbſt, 11 Die ich mit Augen nie geſehn— Man hat mich Vor ein Gericht von Männern vorgefordert, Die ich als meines Gleichen nicht erkennen, Zu denen ich kein Herz mir faſſen kann. Eliſabeth iſt meines Stammes, meines Geſchlechts und Ranges— Ihr allein, der Schweſter, Der Königin, der Frau kann ich mich oͤffnen. Paulet. Sehr oft, Mylady, habt ihr Euer Schickſal Und Eure Ehre Maͤnnern anvertraut, Die Eurer Achtung minder würdig waren. Maria. Ich bitte noch um eine zweite Gunſt: Unmenſchlichkeit allein kann mir ſie weigern. Schon lange Zeit entbehr' ich im Gefängniß Der Kirche Troſt, der Sacramente Wohlthat: Und, die mir Kron' und Freiheit hat geraudt, Die meinem Leben ſelber droht, wird mir Die Himmelsthüre nicht verſchließen wollen. Paulet. Auf Euren Wunſch wird der Dechant des Orts— Maria(unterbricht ihn lebhaft). Ich will nichts vom Dechanten. Einen Prieſter Von meiner eignen Kirche fordre ich. — Auch Schreiber und Notarien verlang' ich, Um meinen letzten Willen aufzuſetzen. Der Gram, das lange Kerkerelend nagt An meinem Leben. Meine Tage ſind Gezählt, befürcht' ich, und ich achte mich Gleich einer Sterbenden. Paulet. Da thut Ihr wohl: Das ſind Betrachtungen, die Euch geziemen. Maria. Und weiß ich, ob nicht eine ſchnelle Hand Des Kummers langſames Geſchäft beſchleunigt? Ich will mein Teſtament gufſetzen, will Verfügung treffen über Das, was mein iſt. Paulet. Die Freiheit habt Ihr. Englands Königin Will ſich mit Eurem Raube nicht bereichern. Maria. Man hat von meinen treuen Kammerfrauen, Von meinen Dienern mich getrennt— Wo ſind ſie? Was iſt ihr Schickſal? Ihrer Dienſte kann ich. Entrathen; doch beruhigt will ich ſeyn, 3 Daß die Getreu'n nicht leiden und entbehren. . Paulet. Für Eure Diener iſt geſorgt. 3 (Er will gehen.) Marin. Ihr geht, Sir? Ihr verlaßt mich abermals, Und ohne mein geangſtigt, fuͤrchtend Herz Der Qual der Ungewißheit zu entladen. 4 Ich bin, Dank Eurer Spaher Wachſamkeit, Von aller Welt geſchieden, keine Kunde Gelangt zu mir durch dieſe Kerkermauern, Mein Schickſal liegt in meiner Feinde Hand, Ein peinlich langer Monat iſt vorüber, 3 Seitdem die vierzig Commiſſarien In dieſem Schloß mich überfallen, Schranken 13 Errichtet, ſchnell, mit unanſtändiger Eile Mich unbereitet, ohne Anwalts Hülfe, Vor ein noch nie erhört Gericht geſtellt, Auf ſchlaugefaßte ſchwere Klagepunkte Mich, die Betäubte, Ueberraſchte, flugs Aus dem Gedächtniß Rede ſtehen laſſen— Wie Geiſter kamen ſie und ſchwanden wieder. Seit dieſem Tage ſchweigt mir jeder Mund; Ich ſuch' umſonſt in Eurem Blick zu leſen, Ob meine Unſchuld, meiner Freunde Eifer, Ob meiner Feinde böſer Rath geſiegt. Brecht endlich euer Schweigen— Laßt mich wiſſen, Was ich zu fürchten, was zu hoffen habe. P aulet(nach einer Pauſe). Schließt Eure Rechnung mit dem Himmel ab. Maria. Ich hoff' auf ſeine Gnade, Sir— und hoffe Auf ſtrenges Recht von meinen ird'ſchen Richtern. Paulet. Recht ſoll Euch werden. Zweifelt nicht daran. Maria. Iſt mein Proceß entſchieden, Sir? Paulet. Ich weiß nicht. . Maria. Bin ich verurtheilt? Paulet. Ich weiß nichts, Mylady. 3 Maria. Man liebt hier raſch zu Werk zu gehn. Soll mich Der Moͤrder überfallen, wie die Nichter? 4 . en 14 Paulet. Denkt immerhin, es ſey ſo, und er wird Euch In beſſ'rer Faſſung dann, als dieſe, finden. Maria. Nichts ſoll mich in Erſtaunen ſetzen, Sir, Was ein Gerichtshof in Weſtminſterhall, Den Burleighs Haß und Hottons Eifer lenkt, Zu urtheln ſich erdreiſte— Weiß ich doch, Was Englands Königin wagen darf zu thun. Paulet. Englands Beherrſcher brauchen nichts zu ſcheuen, Als ihr Gewiſſen und ihr Parlament. Was die Gerechtigkeit geſprochen, furchtlos, Vor aller Welt, wird es die Macht vollziehn. Dritter Auftritt. Die Vorigen. Mortimer, Paulets Neffe, tritt herein und, ohne der Koͤnigin einige Aufmerkſamkeit zu bezeugen, zu Paulet. Mortimer. Man ſucht Euch, Oheim. (Er entfernt ſich auf eben dieſe Weiſe. Die Koͤnigin bemerkt es mit Unwil⸗ len und wendet ſich zu Paulet, der ihm folgen will.) Maria. Sir, noch eine Bitte. Wenn 1 Ihr mir was zu ſagen habt— von Euch Ertrag' ich viel, ich ehre Euer Alter; Den Uebermuth des Jünglings trag' ich nicht: Spart mir den Anblick ſeiner rohen Sitten. Paulet. Was ihn Euch widrig macht, macht mir ihn werth. Wohl iſt es keiner von den weichen Thoren, Die eine falſche Weiberthrane ſchmelzt— Er iſt gereist, kommt aus Paris und Rheims Und bringt ſein treu altengliſch Herz zurück: Lady, an dem iſt Eure Kunſt verloren! (Geht ab.) Vierter Auftritt. ANMlaria. Kennedy. Kennedy. Darf Euch der Rohe Das ins Antlitz ſagen? O, es iſt hart! Maria(in Nachdenken verloren). Wir haben in den Tagen unſers Glanzes Dem Schmeichler ein zu willig Ohr geliehn: Gerecht iſt's, gute Kennedy, daß wir Des Vorwurfs ernſte Stimme nun vernehmen. Kennedy. Wie? ſo gebeugt, ſo muthlos, theure Lady? Wart Ihr doch ſonſt ſo froh, Ihr pflegtet mich zu tröͤſten, Und, eher mußt' ich Euren Flatterſinn, Als Eure Schwermuth ſchelten. 6 Maria. Ich erkenn' ihn.— Es iſt der blut'ge Schatten König Darnleys, Der zürnend aus dem Gruftgewoͤlbe ſteigt, ——— uUnd er wird nimmer Friede mit mir machen, Bis meines Unglücks Maß erfüllet iſt. Kennedy. Was für Gedanken— Maria. Du vergiſſeſt, Hanna— Ich aber habe ein getreu Gedächtniß— Der Jahrstag dieſer unglückſeligen That Iſt heute abermals zurückgekehrt: Er iſt's, den ich mit Buß' und Faſten feire. Kennedy. Schickt endlich dieſen böſen Geiſt zur Ruh'. Ihr habt die That mit jahrelanger Reu', Mit ſchweren Leidensproben abgebüßt. Die Kirche, die den Löſeſchluͤſſel hat Für jede Schuld, der Himmel hat vergeben. Maria. 4 Friſchblutend ſteigt die längſt vergebne Schuld Aus ihrem leichtbedeckten Grab empor! Des Gatten racheforderndes Geſpenſt Schickt keines Meſſedieners Glocke, kein Hochwürdiges in Prieſters Hand zur Gruft. Kennedy. Nicht Ihr habt ihn gemordet! Andre thaten's! Maria. Ich wußte drum. Ich ließ die That geſchehn Und lockt' ihn ſchmeichelnd in das Todesnetz. Kennedy. Die Jugend mildert Eure Schuld. Ihr wart So zarten Alters noch. 17 Maria. So zart— und lud Die ſchwere Schuld auf mein ſo junges Leben. Kennedy. Ihr wart durch blutige Beleidigung Gereizt und durch des Mannes Uebermuth, Den Eure Liebe aus der Dunkelheit, Wie eine Goͤtterhand, hervorgezogen, Den Ihr durch Euer Brautgemach zum Throne Geführt, mit Eurer blühenden Perſon Beglückt und Eurer angeſtammten Krone. Konnt' er vergeſſen, daß ſein prangend Los Der Liebe großmuthvolle Schöpfung war? Und doch vergaß er's, der Unwürdige! Beleidigte mit niedrigem Verdacht, Mit rohen Sitten Eure Zartlichkeit, Und widerwärtig wurd' er Euren Augen. Der Zauber ſchwand, der Euren Blick getäuſcht: Ihr floht erzürnt des Schändlichen Umarmung Und gabt ihn der Verachtung preis— Und er— Verſucht' er's, Eure Gunſt zurückzurufen? Bat er um Gnade? Warf er ſich bereuend Zu Euren Füßen, Beſſerung verſprechend? Trotz bot Euch der Abſcheuliche— der Euer Geſchöpf war, Euren König wollt' er ſpielen: Vor Euren Augen ließ er Euch den Liebling, Den ſchonen Saͤnger Rizio, durchbohren— Ihr räͤchtet blutig nur die blut'ge That. Maria. Und blutig wird ſie auch an mir ſich rächen: Du ſprichſt mein Urtheil aus, da du mich tröͤſteſt. Schillers ſaͤmmtl. Werke. V. 3 2 18 Kennedy. Da Ihr die That geſchehen ließt, wart Ihr nicht Ihr ſelbſt, gehörtet Euch nicht ſelbſt. Ergriffen Hatt' Euch der Wahnſinn blinder Liebesglut, Euch unterjocht dem furchtbaren Verführer, Dem unglückſel'gen Bothwell— Ueber Euch Mit übermüth'gem Maännerwillen herrſchte Der Schreckliche, der Euch durch Zaubertränke, Durch Höllenkünſte, das Gemüth verwirrend, Erhitzte— Maria. Seine Künſte waren keine andre, Als ſeine Mannerkraft und meine Schwachheit. Kennedy. Nein, ſag' ich! Alle Geiſter der Verdammniß Mußt' er zu Hülfe rufen, der dies Band Um Eure hellen Sinne wob. Ihr hattet Kein Ohr mehr für der Freundin Warnungsſtimme, Kein Aug' füur Das, was wohlanſtändig war. 3 Verlaſſen hatte Euch die zarte Scheu Der Menſchen; Eure Wangen, ſonſt der Sitz Schamhaft erroͤthender Beſcheidenheit, Sie glühten nur vom Feuer des Verlangens. Ihr warft den Schleier des Geheimniſſes 3 Von Ench; des Mannes keckes Laſter hatte Auch Eure Blödigkeit beſiegt; Ihr ſtelltet Mit dreiſter Stirne Eure Schmach zur Schau. Ihr ließt das königliche Schwert von Schottland Durch ihn, den Mörder, dem des Volkes Flüche Nachſchallten, durch die Gaſſen Edimburgs Vor Euch hertragen im Triumph, umringtet — 19 Mit Waffen Euer Parlament, und hier, Im eignen Tempel der Gerechtigkeit, Zwangt Ihr mit frechem Poſſenſpiel die Richter, Den Schuldigen des Mordes loszuſprechen— Ihr gingt noch weiter— Gott! Maria. Vollende nur! Und reicht' ihm meine Hand vor dem Altare! Kennedy. O, laßt ein ewig Schweigen dieſe That Bedecken! Sie iſt ſchauderhaft, empörend, Iſt einer ganz Verlornen werth— Doch Ihr ſeyd keine Verlorene— ich kenn' Euch ja: ich bin's, Die Eure Kindheit auferzogen. Weich Iſt Euer Herz gebildet, offen iſt's Der Scham— der Leichtſinn nur iſt Euer Laſter. Ich wiederhol' es: es gibt böſe Geiſter, Die in des Menſchen unverwahrter Bruſt Sich augenblicklich ihren Wohnplatz nehmen, Die ſchnell in uns das Schreckliche begehn Und, zu der Höll' entfliehend, das Entſetzen In dem befleckten Buſen hinterlaſſen. Seit dieſer That, die Euer Leben ſchwaͤrzt, Habt Ihr nichts Laſterhaftes mehr begangen: Ich bin ein Zeuge Eurer Beſſerung. Drum faſſet Muth! Macht Frieden mit Euch ſelbſt! Was Ihr auch zu bereuen habt, in England Seyd Ihr nicht ſchuldig; nicht Eliſabeth, Nicht Englands Parlament iſt Euer Richter. Macht iſt's, die Euch hier unterdruckt; vor dieſen 20 Anmaßlichen Gerichtshof duͤrft Ihr Euch Hinſtellen mit dem ganzen Muth der Unſchuld. Maria. Wer kommt? (Mortimer zeigt ſich an der Thüre.) Kennedy. Es iſt der Neffe. Geht hinein. Fünfter Auftritt. Die Vorigen. Mortimer ſcheu hereintretend. Mortimer(zur Amme). Entfernt Euch, haltet Wache vor der Thür'! Ich habe mit der Königin zu reden. Maria(mit Anſehen). Hanna, du bleibſt. Mortimer. Habt keine Furcht, Mylady. Lernt mich kennen. (Er überreicht ihr eine Karte.) Maria (ſieht ſie an und geht beſtürzt zuruͤck). Ha! Was iſt Das? Mortimer(Gur Amme). Geht, Dame Kennedy, Sorgt, daß mein Oheim uns nicht überfalle! 8 Marin Gur Amme, welche zaudert und die Koͤnigin fragend anſieht). Geh', geh'! Thu', was er ſagt. (Die Amme entſernt ſich mit Zeichen der Verwunderung.) E 21 Sechster Auftritt. Mortimer. Maria. Maria. Von meinem Oheim, Dem Kardinal von Lothringen aus Frankreich!(Liest.) „Traut dem Sir Mortimer, der Euch dies bringt: „Denn keinen treuern Freund habt Ihr in England.“ (Mortimern mit Erſtaunen anſehend.) Iſt's möglich? Iſt's kein Blendwerk, das mich täuſcht? So nahe find' ich einen Freund und wähnte mich Verlaſſen ſchon von aller Welt— find' ihn In Euch, dem Neffen meines Kerkermeiſters, In dem ich meinen ſchlimmſten Feind— Mortimer(ſch ihr zu Füßen werfend). Verzeihung Für die verhaßte Larve, Königin, Die mir zu tragen Kampf genug gekoſtet, Doch der ich's danke, daß ich mich Euch nahen, Euch Hülfe und Errettung bringen kann. Maria. Steht auf— Ihr überraſcht mich, Sir— Ich kann So ſchnell nicht aus der Tiefe meines Elends Zur Hoffnung übergehen— Redet, Sir— Macht mir dies Gluüͤck begreiflich, daß ich's glaube. Mortimer(ſteht auf). Die Zeit verrinnt. Bald wird mein Oheim hier ſeyn, Und ein verhaßter Menſch begleitet ihn.. Eh' Euch ihr Schreckensauftrag überraſcht, Höoͤrt an, wie Euch der Himmel Rettung ſchickt. 22 Maria. Er ſchickt ſie durch ein Wunder ſeiner Allmacht! Mortimer. Erlaubt, daß ich von mir beginne. Maria. Redet, Sir! Mortimer. Ich zählte zwanzig Jahre, Königin, In ſtrengen Pflichten war ich aufgewachſen, In finſterm Haß des Papſtthums aufgeſäͤugt, Als mich die unbezwingliche Begierde Hinaus trieb auf das feſte Land. Ich ließ Der Puritaner dumpfe Predigtſtuben, Die Heimat hinter mir, in ſchnellem Lauf Durchzog ich Frankreich, das geprieſene Italien mit heißem Wunſche ſuchend. Es war die Zeit des großen Kirchenfeſts, Von Pilgerſchaaren wimmelten die Wege, Bekränzt war jedes Gottesbild, es war, Als ob die Menſchheit auf der Wandrung wäre, Wallfahrend nach dem Himmelreich— Mich ſelbſt Ergriff der Strom der glaubenvollen Menge Und riß mich in das Weichbild Roms— Wie ward mir, Königin! Als mir der Säulen Pracht und Siegesbogen Entgegenſtieg, des Koloſſeums Herrlichkeit Den Staunenden umfing, ein hoher Bildnergeiſt In ſeine heitre Wunderwelt mich ſchloß! Ich hatte nie der Künſte Macht gefühlt: Es haßt die Kirche, die mich auferzog, Der Sinne Reiz, kein Abbild duldet ſie, 23 Allein das körperloſe Wort verehrend. Wie wurde mir, als ich ins Innre nun Der Kirchen trat, und die Muſik der Himmel Herunterſtieg, und der Geſtalten Fülle Verſchwenderiſch aus Wand und Decke quoll, Das Herrlichſte und Höchſte, gegenwärtig, Vor den entzückten Sinnen ſich bewegte, Als ich ſie ſelbſt nun ſah, die Göttlichen, Den Gruß des Engels, die Geburt des Herrn, Die heilige Mutter, die herabgeſtiegene Dreifaltigkeit, die leuchtende Verklärung— Als ich den Papſt drauf ſah in ſeiner Pracht Das Hochamt halten und die Völker ſegnen. O, was iſt Goldes-, was Juwelen-Schein Womit der Erde Könige ſich ſchmuͤcken! Nur er iſt mit dem Göttlichen umgeben, Ein wahrhaft Reich der Himmel iſt ſein Haus: Denn nicht von dieſer Welt ſind dieſe Formen. Maria. O, ſchonet mein! Nicht weiter! Höret auf, Den friſchen Lebensteppich vor mir aus⸗ Zubreiten— Ich bin elend und gefangen. Mortimer. Auch ich war's, Königin! und mein Gefängniß Sprang auf, und frei auf Einmal fuͤhlte ſich Der Geiſt, des Lebens ſchönen Tag begrüßend. Haß ſchwur ich nun dem engen dumpfen Buch, Mit friſchem Kranz die Schläfe mir zu ſchmücken, Mich fröhlich an die Fröhlichen zu ſchließen. Viel' edle Schotten draͤngten ſich an mich Und der Franzoſen muntre Landsmannſchaften., 24 Sie brachten mich zu Eurem edeln Oheim, Dem Cardinal von Guiſe— Welch ein Mann! Wie ſicher, klar und mäͤnnlich groß!— Wie ganz Geboren, um die Geiſter zu regieren! 11 Das Muſter eines koͤniglichen Prieſters, Ein Fürſt der Kirche, wie ich keinen ſah! Maria. Ihr habt ſein theures Angeſicht geſehn, Des vielgeliebten, des erhabnen Mannes, Der meiner zarten Jugend Führer war? O, redet mir von ihm! Denkt er noch mein? Liebt ihn das Glück, blüht ihm das Leben noch, Steht er noch herrlich da, ein Fels der Kirche? Mortimer. Der Treffliche ließ ſelber ſich herab, Die hohen Glaubenslehren mir zu deuten Und meines Herzens Zweifel zu zerſtreun. Er zeigte mir, daß grübelnde Vernunft Den Menſchen ewig in der Irre leitet, Daß ſeine Augen ſehen müſſen, was Das Herz ſoll glauben, daß ein ſichtbar Haupt Der Kirche Noth thut, daß der Geiſt der Wahrheit Geruht hat auf den Satzungen der Väͤter. Die Wahnbegriffe meiner kind'ſchen Seele, Wie ſchwanden ſie vor ſeinem ſiegenden Verſtand und vor der Suada ſeines Mundes! Ich kehrte in der Kirche Schoß zurück, Schwor meinen Irrthum ab in ſeine Hände. Maria. So ſeyd Ihr Einer jener Tauſende,+ Die er mit ſeiner Rede Himmelskraft, 25 Wie der erhabne Prediger des Berges, Ergriffen und zum ew'gen Heil geführt! Mortimer. Als ihn des Amtes Pflichten bald darauf Nach Frankreich riefen, ſandt' er mich nach Rheims Wo die Geſellſchaft Jeſu, fromm geſchäftig, Für Englands Kirche Prieſter auferzieht. Den alten Schotten Morgan fand ich hier, Auch Euren treuen Leßley, den gelehrten Biſchof von Roße, die auf Frankreichs Boden Freudloſe Tage der Verbannung leben— Eng ſchloß ich mich an dieſe Würdigen Und ſtärkte mich im Glauben— Eines Tags, Als ich mich umſah in des Biſchofs Wohnung, Fiel mir ein weiblich Bildniß in die Augen Von rührend wunderſamem Reiz: gewaltig Ergriff es mich in meiner tiefſten Seele, Und, des Gefühls nicht mächtig, ſtand ich da. Da ſagte mir der Biſchof: Wohl mit Recht Mögt Ihr gerührt bei dieſem Bilde weilen. Die ſchöͤnſte aller Frauen, welche leben, Iſt auch die jammernswürdigſte von allen: Um unſers Glaubens willen duldet ſie, Und Euer Vaterland iſt's, wo ſie leidet. Maria. Der Redliche! Nein, ich verlor nicht Alles, Da ſolcher Freund im Unglück mir geblieben. Mortimer. Drauf fing er an, mit herzerſchütternder Beredſamkeit mir Euer Maͤrtyrthum Und Eurer Feinde Blutgier abzuſchildern. 89 26 Auch Euren Stammbaum wies er mir, er zeigte Mir Eure Abkunft von dem hohen Hauſe Der Tudor, überzeugte mich, daß Euch Allein gebührt, in Engelland zu herrſchen, Nicht dieſer Afterkönigin, gezeugt In ehebrecheriſchem Bett, die Heinrich, Ihr Vater, ſelbſt verwarf als Baſtardtochter. Nicht ſeinem einz'gen Zeugniß wollt' ich traun, Ich holte Rath bei allen Rechtsgelehrten, Viel' alte Wappenbücher ſchlug ich nach, Und alle Kundige, die ich befragte, Beſtätigten mir Eures Anſpruchs Kraft. Ich weiß nunmehr, daß Euer gutes Recht An England Euer ganzes Unrecht iſt, Daß Euch dies Reich als Eigenthum gehört,. Worin Ihr ſchuldlos als Gefangne ſchmachtet. 3 Maria. O dieſes unglücksvolle Recht! Es iſt Die einz'ge Quelle aller meiner Leiden. Mortimer. Um dieſe Zeit kam mir die Kunde zu, Daß Ihr aus Talbots Schloß hinweggeführt Und meinem Oheim übergeben worden— Des Himmels wundervolle Rettungshand Glaubt' ich in dieſer Fuͤgung zu erkennen. Ein lauter Ruf des Schickſals war ſie mir, Das meinen Arm gewahlt, Euch zu befreien. Die Freunde ſtimmen freudig bei, es gibt Der Cardinal mir ſeinen Rath und Segen Und lehrt mich der Verſtellung ſchwere Kunſt. Schnell ward der Plan entworfen, und ich trete 27 Den Rückweg an ins Vaterland, wo ich, Ihr wißt's, vor zehen Tagen bin gelandet. (Er hält inne.) Ich ſah Euch, Königin— Euch ſelbſt! Nicht Euer Bild!— O, welchen Schatz bewahrt Dies Schloß! Kein Kerker! Eine Götterhalle, Glanzvoller als der königliche Hof Von England— O des Glücklichen, dem es Vergönnt iſt, eine Luft mit Euch zu athmen! Wohl hat ſie Recht, die Euch ſo tief verbirgt! Aufſtehen würde Englands ganze Jugend, Kein Schwert in ſeiner Scheide müßig bleiben, Und die Empörung mit gigantiſchem Haupt Durch dieſe Friedensinſel ſchreiten, ſähe Der Britte ſeine Königin! Maria. Wohl ihr, Säh' jeder Britte ſie mit Euren Augen! Mortimer. War' er, wie ich, ein Zeuge Eurer Leiden, Der Sanftmuth Zeuge und der edeln Faſſung, Womit Ihr das Unwürdige erduldet! Denn geht Ihr nicht aus allen Leidensproben Als eine Königin hervor? Raubt Euch Des Kerkers Schmach von Eurem Schönheitsglanze? Euch mangelt Alles, was das Leben ſchmückt, Und doch umfließt Euch ewig Licht und Leben. Nie ſetz' ich meinen Fuß auf dieſe Schwelle, Daß nicht mein Herz zerriſſen wird von Qualen, Nicht von der Luſt entzückt, Euch anzuſchauen!— Doch furchtbar naht ſich die Entſcheidung, wachſend 8 28 Mit jeder Stunde dringet die Gefahr; Ich darf nicht länger ſäumen— Euch nicht laͤnger Das Schreckliche verbergen— Maria. Iſt mein Urtheil Gefällt? Entdeckt mir's frei. Ich kann es hoͤren. Mortimer. Es iſt gefaͤllt. Die zwei und vierzig Richter haben Ihr Schuldig ausgeſprochen uͤber Euch. Das Haus Der Lords und der Gemeinen, die Stadt London Beſtehen heftig dringend auf des Urtheils Vollſtreckung; nur die Königin ſäumt noch — Aus arger Liſt, daß man ſie nöthige, Nicht aus Gefühl der Menſchlichkeit und Schonung. Maria(mit Faſſung). Sir Mortimer, Ihr überraſcht mich nicht, Erſchreckt mich nicht. Auf ſolche Botſchaft war ich Schon längſt gefaßt. Ich kenne meine Richter. Nach den Mißhandlungen, die ich erlitten, Begreif' ich wohl, daß man die Freiheit mir Nicht ſchenken kann— Ich weiß, wo man hinaus will. In ew'gem Kerker will man mich bewahren Und meine Rache, meinen Rechtsanſpruch Mit mir verſcharren in Gefängnißnacht. 3 Mortimer. Nein, Konigin—oo nein! nein! Dabei ſteht man Nicht ſtill. Die Tyrannei begnugt ſich nicht, 3 Ihr Werk nur halb zu thun. Solang Ihr lebt,: 1 Lebt auch die Furcht der Königin von England.* 4 Euch kann kein Kerker tief genug begraben:— Nur Euer Tod verſichert ihren Thron. 3 29 Maria. Sie könnt' es wagen, mein gekröntes Haupt Schmachvoll auf einen Henkerblock zu legen? 4 Mortimer. Sie wird es wagen. Zweifelt nicht daran. Maria. Sie köͤnnte ſo die eigne Majeſtat Und aller Könige im Staube waͤlzen? Und fürchtet ſie die Rache Frankreichs nicht? Mortimer. Sie ſchließt mit Frankreich einen ew'gen Frieden: Dem Duc von Anjou ſchenkt ſie Thron und Hand. Maria. Wird ſich der König Spaniens nicht waffnen? Mortimer. Nicht eine Welt in Waffen fürchtet ſie, Solang ſie Frieden hat mit ihrem Volke. Maria. Den Britten wollte ſie dies Schauſpiel geben? Mortimer. Dies Land, Mylady, hat in letzten Zeiten Der königlichen Frauen mehr vom Thron Herab aufs Blutgerüſte ſteigen ſehn. Die eigne Mutter der Eliſabeth Ging dieſen Weg und Katharina Howard; Auch Lady Gray war ein gekroͤntes Haupt. Maria(nach einer Pauſe). Nein, Mortimer! Euch blendet eitle Furcht. Es iſt die Sorge Eures treuen Herzens, Die Euch vergebne Schreckniſſe erſchafft. Nicht das Schaffot iſt's, das ich fürchte, Sir. 30 Es gibt noch andre Mittel, ſtillere, Wodurch ſich die Beherrſcherin von England Vor meinem Anſpruch Ruhe ſchaffen kann. Eh' ſich ein Henker für mich findet, wird Noch eher ſich ein Mörder dingen laſſen. — Das iſt's, wovor ich zittre, Sir! und nie Setz' ich des Bechers Rand an meine Lippen, Daß nicht ein Schauder mich ergreift, er könnte Credenzt ſeyn von der Liebe meiner Schweſter. Mortimer. Nicht offenbar, noch heimlich ſoll's dem Mord Gelingen, Euer Leben anzutaſten. Seyd ohne Furcht! bereitet iſt ſchon Alles. Zwölf edle Jünglinge des Landes ſind In meinem Bündniß, haben heute früh' Das Sacrament darauf empfangen, Euch Mit ſtarkem Arm aus dieſem Schloß zu führen. Graf Aubeſpine, der Abgeſandte Frankreichs, Weiß um den Bund: er bietet ſelbſt die Hände, Und ſein Palaſt iſt's, wo wir uns verſammeln. Maria. Ihr macht mich zittern, Sir— doch nicht vor Freude, Mir fliegt ein böſes Ahnen durch das Herz. Was unternehmt Ihr? Wißt Ihr's? Schrecken Euch Nicht Babingtons, nicht Tiſchburns blut'ge Häupter, Auf Londons Brücke warnend aufgeſteckt? Nicht das Verderben der Unzähligen, Die ihren Tod in gleichem Wagſtück fanden Und meine Ketten ſchwerer nur gemacht? Unglücklicher, verführter Jüngling— flieht! Flieht, wenn's noch Zeit iſt— wenn der Spaher Burleigh 31 Nicht jetzt ſchon Kundſchaft hat von euch, nicht ſchon In eure Mitte den Verraͤther miſchte, Flieht aus dem Reiche ſchnell! Marien Stuart Hat noch kein Glücklicher beſchützt. Mortimer. Mich ſchrecken Nicht Babingtons, nicht Tiſchburns blut'ge Haͤupter, Auf Londons Brücke warnend aufgeſteckt, Nicht das Verderben der unzähl'gen Andern, Die ihren Tod in gleichem Wagſtück fanden: Sie fanden auch darin den ew'gen Ruhm, Und Gluück ſchon iſt's, für Eure Rettung ſterben. Maria. Umſonſt! Mich rettet nicht Gewalt, nicht Liſt. Der Feind iſt wachſam und die Macht iſt ſein. Nicht Paulet nur und ſeiner Wächter Schaar, Ganz England hütet meines Kerkers Thore. Der freie Wille der Eliſabeth allein Kann ſie mir aufthun. Mortimer. O, Das hoffet nie! Maria. Ein einz'ger Mann lebt, der ſie öffnen kann. Mortimer. O, nennt mir dieſen Mann— Maria. Graf Leſter. Mortimer ttritt erſtaunt zurück). Leſter! Graf Leſter!— Euer blutigſter Verfolger, Der Guͤnſtling der Eliſabeth— Von Dieſem— 3² Maria. Bin ich zu retten, iſt's allein durch ihn. — Geht zu ihm. Oeffnet Euch ihm frei, Und zur Gewähr, daß ich's bin, die Euch ſendet, Bringt ihm dies Schreiben. Es enthält mein Bildniß. (Sie zieht ein Papier aus dem Buſen, Mortimer tritt zurück und zögert, es anzunehmen.) Nehmt hin. Ich trag' es lange ſchon bei mir, Weil Eures Oheims ſtrenge Wachſamkeit Mir jeden Weg zu ihm gehemmt— CEuch ſandte Mein guter Engel— Mortimer. 3. 3 Königin— dies Räthſel— Erklärt es mir— 3 1 Maria. Graf Leſter wird's Euch löſen. Vertraut ihm, er wird Euch vertraun— Wer kommt? 8 Kennedy(eilfertig eintretend). Sir Paulet naht mit einem Herrn vom Hofe. Mortimer. Es iſt Lord Burleigh. Faßt Euch, Königin! Hört es mit Gleichmuth an, was er Euch bringt. (Er entfernt ſich durch eine Seitenthüre Kennedy ſolgt ihm.) „ 4 — 1 n Siebenter Auftritt.— Maria. Kord Burleigh, Großſchatzmeiſter von England und Ritter Paulet. Naulet. Ihr wünſchtet heut' Gewißheit Eures Schickſals: — t 33 Gewißheit bringt Euch ſeine Herrlichkeit, Mylord von Burleigh. Tragt ſie mit Ergebung. Maria. Mit Würde, hoff' ich, die der Unſchuld ziemt. Burleigh. Ich komme als Geſandter des Gerichts. Maria. Lord Burleigh leiht dienſtfertig dem Gerichte, Dem er den Geiſt geliehn, nun auch den Mund. Paulet. Ihr ſprecht⸗ als wüßtet Ihr bereits das Urtheil. Maria. Da es Lord Burleigh bringt, ſo weiß ich es. — Zur Sache, Sir. Burleigh. Ihr habt Euch dem Gericht Der Zweiundvierzig unterworfen, Lady— Maria. Verzeiht, Mylord, daß ich Euch gleich zu Anfang Ins Wort muß fallen— Unterworfen hätt' ich mich Dem Richterſpruch der Zweiundvierzig, ſagt Ihr? Ich habe keineswegs mich unterworfen. Wie konnt' ich Das— ich konnte meinem Rang, Der Würde meines Volks und meines Sohnes Und aller Fuͤrſten nicht ſo viel vergeben. Verordnet iſt im engliſchen Geſetz, Daß jeder Angeklagte durch Geſchworne Von ſeines Gleichen ſoll gerichtet werden. Wer in der Commitee iſt meines Gleichen? Nur Könige ſind meine Neer rs. Schillers ſämmtl. Werte. V. 3 4 80 Zurleigh. Ihr hörtet Die Klagartikel an, ließt Euch darüber Vernehmen vor Gerichte— Maria. Ja, ich habe mich Durch Hottons arge Liſt verleiten laſſen, Bloß meiner Ehre wegen und im Glauben An meiner Gründe ſiegende Gewalt, Ein Ohr zu leihen jenen Klagepunkten 6 Und ihren Ungrund darzuthun— Das that ich Aus Achtung für die würdigen Perſonen Der Lords, nicht für ihr Amt, das ich verwerfe. Burleigh. Ob Ihr ſie anerkennt, ob nicht, Mylady, Das iſt nur eine leere Foͤrmlichkeit, Die des Gerichtes Lauf nicht hemmen kann. Ihr athmet Englands Luft, genießt den Schutz, Die Wohlthat des Geſetzes, und ſo ſeyd Ihr Auch ſeingr Herrſchaft unterthan! Marin. 4 Ich athme Die Luft in einem engliſchen Gefaͤngniß. Heißt Das in England leben, der Geſetze Wohlthat genießen? Kenn' ich ſie doch kaum. Nie hab' ich eingewilligt, ſie zu halten. Ich bin nicht dieſes Reiches Burgenn, ABZin eine freie Königin des Auslandds. Zurleigh. Und denkt Ihr, daß der königliche Name 5 Zum Freibrief dienen könne, blut'ge Zwietracht 69 5 In fremdem Lande ſtraflos auszuſäen? Wie ſtänd' es um die Sicherheit der Staaten, Wenn das gerechte Schwert der Themis nicht Die ſchuld'ge Stirn' des königlichen Gaſtes Erreichen könnte, wie des Bettlers Haupt? Maria. Ich will mich nicht der Rechenſchaft entziehn: Die Richter ſind es nur, die ich verwerfe. Zurleigh. Die Richter! Wie, Mylady? Sind es etwa Vom Pöbel aufgegriffene Verworfne, Schamloſe Zungendreſcher, denen Recht Und Wahrheit feil iſt, die ſich zum Organ Der Unterdrückung willig dingen laſſen? Sind's nicht die erſten Maͤnner dieſes Landes, Selbſtſtändig gnug, um wahrhaft ſeyn zu dürfen, Um über Fürſtenfurcht und niedrige Beſtechung weit erhaben ſich zu ſehn? Sind's nicht Dieſelben, die ein edles Volk Frei und gerecht regieren, deren Namen Man nur zu nennen braucht, um jeden Zweifel, Um jeden Argwohn ſchleunig ſtumm zu machen? An ihrer Spitze ſteht der Völkerhirte, Der fromme Primas von Canterbury, Der weiſe Talbot, der des Siegels wahret, Und Howard, der des Reiches Flotten führt. Sagt! Konnte die Beherrſcherin von England Mehr thun, als aus der ganzen Monarchie Die Edelſten ausleſen und zu Richtern In dieſem königlichen Streit beſtellen? Und, war's zu denken, daß Parteienhaß Den Einzelnen beſtäche— können vierzig Erleſ'ne Männer ſich in einem Spruche Der Leidenſchaft vereinigen? Maria (nach einigem Stillſchweigen). Ich hoͤre ſtaunend die Gewalt des Mundes, Der mir von je ſo unheilbringend war— 2* Wie werd' ich mich, ein ungelehrtes Weib, 5 Mit ſo kunſtfert'gem Redner meſſen können!— Wohl! Wären dieſe Lords, wie Ihr ſie ſchildert: Verſtummen müßt' ich, hoffnungslos verloren Wär' meine Sache, ſpraͤchen ſie mich ſchuldig. Doch dieſe Namen, die Ihr preiſend nennt, Die mich durch ihr Gewicht zermalmen ſollen, Mylord, ganz andre Rollen ſeh' ich ſie In den Geſchichten dieſes Landes ſpielen. Ich ſehe dieſen hohen Adel Englands,. 3 Des Reiches majeſtätiſchen Senat, Gleich Sklaven des Serails den Sultauslaunen Heinrichs des Achten, meines Großohms, ſchmeicheln— Ich ſehe dieſes edle Oberhaus, Gleich feil mit den erkäuflichen Gemeinen, Geſſetze prägen und verrufen, Ehen Auflöſen, binden, wie der Mäͤchtige Gebietet, Englands Fürſtentoͤchter heute Enterben, mit dem Baſtardnamen ſchanden Und morgen ſie zu Königinnen krönen. Ich ſehe dieſe würd'gen Peers mit ſchnell Vertauſchter Ueberzeugung unter vier Regierungen den Glauben viermal ändern— 37 Burleigh. Ihr nennt Euch fremd in Englands Reichsgeſetzen; In Englands Unglück ſeyd Ihr ſehr bewandert. Maria.. Und Das ſind meine Richter!— Lord Schatzmeiſter! Ich will gerecht ſeyn gegen Euch! Seyd Ihr's Auch gegen mich— Man ſagt, Ihr meint es gut Mit dieſem Staat, mit Eurer Königin, Seyd unbeſtechlich, wachſam, unermüdet— Ich will es glauben. Nicht der eigne Nutzen Regiert Euch, Euch regiert allein der Vortheil Des Souverains, des Landes. Eben darum Mißtraut Euch, edler Lord, daß nicht der Nutzen Des Staats Euch als Gerechtigkeit erſcheine. Nicht zweifl' ich dran, es ſitzen neben Euch Noch edle Maͤnner unter meinen Richtern. Doch ſie ſind Proteſtanten, Eiferer Für Englands Wohl und ſprechen über mich, Die Königin von Schottland, die Papiſtin! Es kann der Britte gegen den Schotten nicht Gerecht ſeyn, iſt ein uralt Wort— Drum iſt Herkömmlich ſeit der Vaäͤter grauer Zeit, Daß vor Gericht kein Britte gegen den Schotten, Kein Schotte gegen Jenen zeugen darf. Die Noth gab dieſes ſeltſame Geſetz; Ein tiefer Sinn wohnt in den alten Bräuchen: Man muß ſie ehren, Mylord— die Natur Warf dieſe beiden feur'gen Völkerſchaften Auf dieſes Brett im Ocean; ungleich Vertheilte ſie's und hieß ſie darum kämpfen. Der Tweede ſchmales Bette trennt allein 38 Die heft'gen Geiſter; oft vermiſchte ſich Das Blut der Kämpfenden in ihren Wellen. Die Hand am Schwerte, ſchauen ſie ſich drohend Von beiden Ufern an ſeit tauſend Jahren. Kein Feind bedrängte Engelland, dem nicht Der Schotte ſich zum Helfer zugeſellte; Kein Burgerkrieg entzündet Schottlands Städte, Zu dem der Britte nicht den Zunder trug. Und nicht erlöſchen wird der Haß, bis endlich Ein Parlament ſie brüderlich vereint, Ein Scepter waltet durch die ganze Inſel. — Zurleigh. Und eine Stuart ſollte dieſes Glück Dem Reich gewaͤhren? Maria. 3 Warum ſoll ich's leugnen? Ja, ich geſteh's, daß ich die Hoffnung nährte, Zwei edle Nationen unterm Schatten Des Oelbaums frei und fröhlich zu vereinen. Nicht ihres Völkerhaſſes Opfer glaubt' ich Zu werden; ihre lange Eiferſucht, Der alten Zwietracht unglückſel'ge Glut Hofft' ich auf ew'ge Tage zu erſticken Und, wie mein Ahnerr Richmond die zwei Roſen Zuſammenband nach blut'gem Streit, die Kronen Schottland und England friedlich zu vermaͤhlen. . Zurleigh. Auf ſchlimmem Weg verfolgtet Ihr dies Ziel, Da Ihr das Reich entzünden, durch die Flammen Des Bürgerkriegs zum Throne ſteigen wolltet. 39 Maria. Das wollt' ich nicht— beim großen Gott des Himmels! Wann haͤtt' ich Das gewollt? Wo ſind die Proben? Burleigh. Nicht Streitens wegen kam ich her. Die Sache Iſt keinem Wortgefecht mehr unterworfen. Es iſt erkannt durch vierzig Stimmen gegen zwei, Daß Ihr die Acte vom vergangnen Jahr Gebrochen, dem Geſetz verfallen ſeyd. Es iſt verordnet im vergangnen Jahr: „Wenn ſich Tumult im Königreich erhöbe „Im Namen und zum Nutzen irgend einer⸗ „Perſon, die Rechte vorgibt an die Krone, „Daß man gerichtlich gegen ſie verfahre, „Bis in den Tod die Schuldige verfolge“— Und, da bewieſen iſt— Maria. Mylord von Burleigh! Ich zweifle nicht, daß ein Geſetz, ausdrücklich Auf mich gemacht, verfaßt, mich zu verderben, Sich gegen mich wird brauchen laſſen— Wehe Dem armen Opfer, wenn derſelbe Mund, Der das Geſetz gab, auch das Urtheil ſpricht! Koͤnnt Ihr es leugnen, Lord, daß jene Acte Zu meinem Untergang erſonnen iſt? Burleigh. Zu Eurer Warnung ſollte ſie gereichen; Zum Fallſtrick habt Ihr ſelber ſie gemacht. Den Abgrund ſaht Ihr, der vor Euch ſich aufthat, Und, treu gewarnet, ſtürztet Ihr hinein. Ihr wart mit Babington, dem Hochverräther, 40 Und ſeinen Mordgeſellen einverſtanden, Ihr hattet Wiſſenſchaft von Allem, lenktet Aus Eurem Kerker planvoll die Verſchwörung. Maria. Wann haätt' ich Das gethan? Man zeige mir Die Documente auf. Burleigh. Die hat man Euch Schon neulich vor Gerichte vorgewieſen. Maria. Die Copien, von fremder Hand geſchrieben! Man bringe die Beweiſe mir herbei, Daß ich ſie ſelbſt dictirt, daß ich ſie ſo Dictirt, gerade ſo, wie man geleſen. Zurleigy. Daß es dieſelben ſind, die er empfangen, Hat Babington vor ſeinem Tod bekannt. Maria. Und warum ſtellte man ihn mir nicht lebend Vor Augen? Warum eilte man ſo ſehr, Ihn aus der Welt zu fordern, eh' man ihn Mir, Stirne gegen Stirne, vorgeführt? Burleigh. Auch Eure Schreiber, Kurl und Nau, erhaͤrten 1 Mit einem Eid, daß es die Briefe ſeyen, Die ſie aus Eurem Munde niederſchrieben. Maria. Und auf das Zeugniß meiner Hausbedienten Verdammt man mich? Auf Treu' und Glauben Derer, Die mich verrathen, ihre Königin, 41 Die in demſelben Augenblick die Treu' Mir brachen, da ſie gegen mich gezeugt? Zurleigh. Ihr ſelbſt erklärtet ſonſt den Schotten Kurl Für einen Mann von Tugend und Geywiſſen. Maria. So kannt' ich ihn— doch eines Mannes Tugend Erprobt allein die Stunde der Gefahr. Die Folter konnt' ihn ängſtigen, daß er Ausſagte und geſtand, was er nicht wußte! Durch falſches Zeugniß glaubt' er ſich zu retten Und mir, der Königin, nicht viel zu ſchaden. Burleigh. Mit einem freien Eid hat er's beſchworen. Maria. Vor meinem Angeſichte nicht!— Wie, Sir? Das ſind zwei Zeugen, die noch beide leben! Man ſtelle ſie mir gegenuber, laſſe ſie Ihr Zeugniß mir ins Antlitz wiederholen! Warum mir eine Gunſt, ein Recht verweigern, Das man dem Moͤrder nicht verſagt? Ich weiß Aus Talbots Munde, meines vor'gen Hüters, Daß unter dieſer nämlichen Regierung Ein Reichsſchluß durchgegangen, der befiehlt, Den Kläger dem Beklagten vorzuſtellen. Wie? Oder hab' ich falſch gehört?— Sir Paulet! Ich hab' Euch ſtets als Biedermann erfunden, Beweist es jetzo. Sagt mir auf Gewiſſen, Iſts nicht ſo? Gibt's kein ſolch Geſetz in England? Paulet. So iſt's, Mylady. Das iſt bei uns Rechtens. Was wahr iſt, muß ich ſagen. Maria. Nun, Mylord! Wenn man mich denn ſo ſtreng nach engliſchem Recht 1 Behandelt, wo dies Recht mich unterdrückt, Warum dasſelbe Landesrecht umgehen, Wenn es mir Wohlthat werden kann?— Antwortet! Warum ward Babington mir nicht vor Augen Geſtellt, wie das Geſetz befiehlt? Warum 6 Nicht meine Schreiber, die noch Beide leben? Zurleigh. Ereifert Euch nicht, Lady. Euer Einverſtändniß Mit Babington iſt's nicht allein— 4 4 8 Maria. 8 Es iſt's Allein, was mich dem Schwerte des Geſetzes Bloßſtellt, wovon ich mich zu rein'gen habe. Mylord! bleibt bei der Sache. Beugt nicht aus. Burleigh. Es iſt bewieſen, daß Ihr mit Mendoza, Dem ſpaniſchen Botſchafter, unterhandelt— 3 Maria(lebhaft).* Bleibt bei der Sache Lord! Burleigh. . Daß Ihr Anſchläge Geſchmiedet, die Religion des Landes Zu ſtürzen, alle Könige Europens Zum Krieg mit England aufgeregt— —— — 43 Maria. Und, wenn ich's Gethan? Ich hab' es nicht gethan— Jedoch Geſetzt, ich that's!— Mylord, man halt mich hier Gefangen wider alle Völkerrechte. Nicht mit dem Schwerte kam ich in dies Land, Ich kam herein, als eine Bittende, Das heil'’ge Gaſtrecht fordernd, in den Arm Der blutsverwandten Königin mich werfend— Und ſo ergriff mich die Gewalt, bereitete Mir Ketten, wo ich Schutz gehofft— Sagt an! Iſt mein Gewiſſen gegen dieſen Staat Gebunden? Hab' ich Pflichten gegen England Ein heilig Zwangsrecht üb' ich aus, da ich Aus dieſen Banden ſtrebe, Macht mit M acht Abwende, alle Staaten dieſes Wel ttheils Zu meinem Schutz aufruͤhre und bewege. Was irgend nur in einem guten Krieg Recht iſt und ritterlich, Das darf ich üben; Den Mord allein, die heimlich blut'ge That, Verbietet mir mein Sto lz und mein Gewiſſen: Mord würde mich beflecken und entehren. Entehren, ſag' ich— keinesweges mich Verdammen, einem Rechtsſpruch unterwerfen. Denn nicht vom Rechte, von Gewalt allein Iſt zwiſchen mir und Engelland die Rede. Burleigh(bedeutend). Nich auf der Stärke ſchrecklich Recht beruft Euch, Mylady! Es iſt der Gefangenen nicht günſtig. . Maria. Ich bin die Schwache, ſie die Macht'ge.— Wohl, 44 Sie brauche die Gewalt, ſie tödte mich, Sie bringe ihrer Sicherheit das Opfer; Doch ſie geſtehe dann, daß ſie die Macht Allein, nicht die Gerechtigkeit geübt. Nicht vom Geſetze borge ſie das Schwert, Sich der verhaßten Feindin zu entladen, Und kleide nicht in heiliges Gewand Der rohen Stärke blutiges Erkühnen. Solch Gaukelſpiel betrüge nicht die Welt! Ermorden laſſen kann ſie mich, nicht richten! 3 Sie geb' es auf, mit des Verbrechens Früchten Den heil'gen Schein der Tugend zu vereinen. und, was ſie iſt, das wage ſie zu ſcheinen! 3(Sie geht ab.) Achter Auftritt. Burleigh. Paulet. Zurleigh. Sie trotzt uns— wird uns trotzen, Ritter Paulet, Bis an die Stufen des Schaffots— dies ſtolze Herz Iſt nicht zu brechen— Ueberraſchte ſie Der Urthelſpruch? Saht Ihr ſie eine Thräne Vergießen? ihre Farbe nur verändern? Nicht unſer Mitleid ruft ſie an. Wohl kennt ſie Den Zweifelmuth der Koͤnigin von England, Und unſre Furcht iſt's, was ſie muthig macht. Paulet. Lord Großſchatzmeiſter! Dieſer eitle Trotz wird ſchnell 45 4 Verſchwinden, wenn man ihm den Vorwand raubt. Es ſind Unziemlichkeiten vorgegangen In dieſem Rechtsſtreit, wenn ich's ſagen darf. Man haäͤtte dieſen Babington und Tiſchburn Ihr in Perſon vorführen, ihre Schreiber Ihr gegenüber ſtellen ſollen. 3 Burleigh(ſchnell). Nein! Nein, Ritter Paulet! Das war nicht zu wagen; Zu groß iſt ihre Macht auf die Gemuther Und ihrer Thränen weibliche Gewalt. Ihr Schreiber Kurl, ſtänd' er ihr gegenüber, Käm' es dazu, das Wort nun auszuſprechen, An dem ihr Leben hängt— er würde zaghaft Zurückziehn, ſein Geſtändniß widerrufen— Paulet. So werden Englands Feinde alle Welt Erfüllen mit gehäſſigen Gerüchten, Und des Proceſſes feſtliches Gepräng' Wird als ein kühner Frevel nur erſcheinen. Burleigh. Dies iſt der Kummer unſrer Königin— Daß dieſe Stifterin des Unheils doch Geſtorben wäre, ehe ſie den Fuß Auf Englands Boden ſetzte! Vaulet. Dazu ſag' ich Amen. Burleigh. Daß Krankheit ſie im Kerker aufgerieben! Paulet. Viel Unglück hätt' es dieſem Land erſpart. Zurleigh. Doch, haäͤtt' auch gleich ein Zufall der Natur Sie hingerafft— wir hießen doch die Mörder. Paulet. Wohl wahr. Man kann den Menſchen nicht verwehren, Zu denken, was ſie wollen. Zurleigh. Zu beweiſen wär's Doch nicht und würde weniger Gerauſch erregen— . Daulet. Mag es Geräuſch erregen! Nicht der laute, Nur der gerechte Tadel kann verletzen. Burleigh. O, auch die heilige Gerechtigkeit Entflieht dem Tadel nicht. Die Meinung hält es Mit dem Unglücklichen, es wird der Neid Stets den obſiegend Glücklichen verfolgen. Das Richterſchwert, womit der Mann ſich ziert, Verhaßt iſt's in der Frauen Hand. Die Welt.. Glaubt nicht an die Gerechtigkeit des Weibes, Sobald ein Weib das Opfer wird. Umſonſt, Daß wir, die Richter, nach Gewiſſen ſprachen! Sie hat der Gnade königliches Recht, 3 Sie muß es brauchen; unerträͤglich iſt's, Wenn ſie den ſtrengen Lauf läaßt dem Geſetze! 3 Paulet. Und alſo— Burleigh Craſch einſallend). 8 Alſo ſoll ſie leben? Nein! Sie darf nicht leben! Nimmermehr! Dies, eben Dies iſt's, was unſre Königin beangſtigt— 47 Warum der Schlaf ihr Lager flieht— Ich leſe In ihren Augen ihrer Seele Kampf, 3 Ihr Mund wagt ihre Wünſche nicht zu ſprechen; Doch vielbedeutend fragt ihr ſtummer Blick: Iſt unter allen meinen Dienern keiner, Der die verhaßte Wahl mir ſpart, in ew'ger Furcht Auf meinem Thron zu zittern oder grauſam Die Königin, die eigne Blutsverwandte, Dem Beil zu unterwerfen? Paulet. Das iſt nun die Nothwendigkeit, ſteht nicht zu andern. Burleigh. Wohl ſtaͤnd's zu andern, meint die Königin, Wenn ſie nur aufmerkſamre Diener haͤtte. Paulet. Aufmerkſamre? Zurleigh. Die einen ſtummen Auftrag Zu deuten wiſſen. Paulet. Einen ſtummen Auftrag! Zurleigh. Die, wenn man ihnen eine gift'ge Schlange Zu hüten gab, den anvertrauten Feind Nicht wie ein heilig theures Kleinod hüten. 5 Daulet(bedeutungsvoll). Ein hohes Kleinod iſt der gute Name, Der unbeſcholtne Ruf der Königin: Den kann man nicht zu wohl bewachen, Sir! E Burleigh. Als man die Lady von dem Schrewsbury Wegnahm und Ritter Paulets Hut vertraute, Da war die Meinung— Paulet. Ich will hoffen, Sir, Die Meinung war, daß man den ſchwerſten Auftrag Den reinſten Händen übergeben wollte. Bei Gott! Ich hätte dieſes Schergenamt Nicht übernommen, dächt' ich nicht, daß es Den beſten Mann in England forderte. Laßt mich nicht denken, daß ich's etwas Anderm Als meinem reinen Rufe ſchuldig bin. Zurleigh. Man breitet aus, ſie ſchwinde, läßt ſie kränker und kränker werden, endlich ſtill verſcheiden: So ſtirbt ſie in der Menſchen Angedenken— Und Euer Ruf bleibt rein. Paulet. Nicht mein Gewiſſen. Burleigh. Wenn Ihr die eigne Hand nicht leihen wollt, So werdet Ihr der fremden doch nicht wehren— 3 Paulet(unterbricht ihn). Kein Mörder ſoll ſich ihrer Schwelle nahn, Solang die Götter meines Dachs ſie ſchützen. Ihr Leben iſt mir heilig, heil'ger nicht Iſt mir das Haupt der Königin von England. Ihr ſeyd die Richter! Richtet! Brecht den Stab! Und, wenn es Zeit iſt, laßt den Zimmerer — 49 Mit Art und Säge kommen, das Gerüſt' Aufſchlagen— für den Sherif und den Henker Soll meines Schloſſes Pforte offen ſeyn. Jetzt iſt ſie zur Bewahrung mir vertraut, Und ſeyd gewiß, ich werde ſie bewahren, Daß ſie nichts Böſes thun ſoll, noch erfahren! — 3(Gehen ab.) Schillers ſaͤmmtl. Werke. V. 4 ZBweiter Aufzug. Der Palaſt zu Weſtminſter. Erſter Auftritt. 8 Der Graf von Kent und Sir William Daviſon begegnen einander. G Daviſon.* 4 . Seyd Ihr's, Mylord von Kent? Schon vom Turnierplatz Zuruck, und iſt die Feſtlichkeit zu Ende? Kent. Wie? Wohntet Ihr dem Ritterſpiel nicht bei? Daviſon. . Mich hielt mein Amt. Kent. Ihr habt das ſchoͤnſte Schauſpiel Verloren, Sir, das der Geſchmack erſonnen uUnd edler Anſtand ausgeführt— denn, wißt, Es wurde vorgeſtellt die keuſche Feſtung Der Schönheit, wie ſie vom Verlangen Berennt wird— Der Lord Marſchall, Oberrichter, Der Seneſchall nebſt zehen andern Rittern 4 51 Der Koͤnigin vertheidigten die Feſtung, Und Frankreichs Cavaliere griffen an. Voraus erſchien ein Herold, der das Schloß Aufforderte in einem Madrigale, Und von dem Wall antwortete der Kanzler. Drauf ſpielte das Geſchüͤtz, und Blumenſtraͤuße, Wohlriechend köſtliche Eſſenzen wurden Aus niedlichen Feldſtücken abgefeuert. Umſonſt! die Stürme wurden abgeſchlagen, Und das Verlangen mußte ſich zurückziehn. Dapiſon. Ein Zeichen böſer Vorbedeutung, Graf, Für die franzöſiſche Brautwerbung. Kent. Nun, nun, Das war ein Scherz— Im Ernſte, denk' ich, Wird ſich die Feſtung endlich doch ergeben. Daviſon. Glaubt Ihr? Ich glaub es nimmermehr. Kent. Die ſchwierigſten Artikel ſind bereits Berichtigt und von Frankreich zugeſtanden. Monſieur begnügt ſich, in verſchloſſener Kapelle ſeinen Gottesdienſt zu halten Und öffentlich die Reichsreligion Zu ehren und zu ſchützen— Hättet Ihr den Jubel Des Volks geſehn, als dieſe Zeitung ſich verbreitet! Denn Dieſes war des Landes ew'ge Furcht, Sie moͤchte ſterben ohne Leibeserben, Und England wieder Papſtes Feſſeln tragen, Wenn ihr die Stuart auf dem Throne folgte. 4 Dayviſon. d 55 Der Furcht kann es entledigt ſeyn— Sie geht Ins Brautgemach, die Stuart geht zum Tode. Kent. Die Königin kommt! Zweiter Auftritt. Die Vorigen. Eliſabeth, von Heiceſter geführt. Graf Aube- ſpine, Bellievre, Graf Schremsbury, Lard Burleigh mit noch andern franzöſiſchen und engliſchen Herren treten auf. Eliſabeth Gu Aubeſpine). Graf, ich beklage dieſe edeln Herrn, Die ihr galanter Eifer über Meer Hieher geführt, daß ſie die Herrlichkeit Des Hofs von St. Germain bei mir vermiſſen. Ich kann ſo prächt'ge Götterfeſte nicht Erfinden, als die königliche Mutter Von Frankreich— Ein geſittet froͤhlich Volk,— Das ſich, ſo oft ich öffentlich mich zeige, Mit Segnungen um meine Sänfte draͤngt: Dies iſt das Schauſpiel, das ich fremden Augen Mit ein'gem Stolze zeigen kann. Der Glanz Der Sdelfräulein, die im Schönheitsgarten Der Katharina bluͤhn, verbärge nur Mich ſelber und mein ſchimmerlos Verdienſt. Aubeſpine. Nur eine Dame zeigt Weſtminſterhof Dem überraſchten Fremden— aber Alles, 53 Was an dem reizenden Geſchlecht entzückt, Stellt ſich verſammelt dar in dieſer Einen. Bellienre. Erhahne Majeſtät von Engelland, Vergönne, daß wir unſern Urlaub nehmen Und Monſieur, unſern königlichen Herrn, Mit der erſehnten Freudenpoſt beglücken. Ihn hat des Herzens heiße Ungeduld Nicht in Paris gelaſſen, er erwartet Zu Amiens die Boten ſeines Glücks, Und bis nach Calais reichen ſeine Poſten, Das Jawort, das dein königlicher Mund Ausſprechen wird, mit Flügelſchnelligkeit Zu ſeinem trunknen Ohre hinzutragen. Eliſabeth. Graf Bellievre, dringt nicht weiter in mich: Nicht Zeit iſt's jetzt, ich wiederhol' es Euch, Die frend'ge Hochzeitfackel anzuzünden. Schwarz haͤngt der Himmel über dieſem Land, Und beſſer ziemte mir der Trauerflor, Als das Geprange bräutlicher Gewander. Denn nahe droht ein jammervoller Schlag, Mein Herz zu treffen und mein eignes Haus. Bellicyre. Nur dein Verſprechen gib uns, Königin; In frohern Tagen folge die Erfüllung. Eliſabeth. Die Könige ſind nur Sklaven ihres Standes; Dem eignen Herzen dürfen ſie nicht folgen. Mein Wunſch war's immer, unvermahlt zu ſterben, Und meinen Ruhm hätt' ich darein geſetzt, Daß man dereinſt auf meinem Grabſtein läſe: „Hier ruht die jungfräuliche Koͤnigin.“ Doch meine Unterthanen wollen's nicht:„ Sie denken jetzt ſchon fleißig an die Zeit, Wo ich dahin ſeyn werde— Nicht genug, Daß jetzt der Segen dieſes Land beglückt: Auch ihrem künft'gen Wohl ſoll ich mich opfern, Auch meine jungfräuliche Freiheit ſoll ich, Mein höchſtes Gut, hingeben für mein Volk, Und der Gebieter wird mir aufgedrungen. Es zeigt mir dadurch an, daß ich ihm nur Ein Weib bin, und ich meinte doch regiert Zu haben, wie ein Mann und wie ein Koͤnig. Wohl weiß ich, daß man Gott nicht dient, wenn man Die Ordnung der Natur verläßt, und Lob Verdienen ſie, die vor mir hier gewaltet, Daß ſie die Klöſter aufgethan und tauſend Schlachtopfer einer falſchverſtandnen Andacht Den Pllichten der Natur zurückgegeben. Doch eine Konigin, die ihre Tage Nicht ungenützt in muͤßiger Beſchauung Verbirgt, die unverdroſſen, unermü 8 Die ſchwerſte aller Pflichten übt, die ſollte Von dem Naturzweck ausgenommen ſeyn, Der eine Häͤlfte des Geſchlechts der Menſchen Der andern unterwuͤrfig macht— Aubeſpine. 24. Jedwede Tugend, Koͤnigin, haſt du 4 Auf deinem Thron verherrlicht: nichts iſt übrig, Als dem Geſchlechte, deſſen Ruhm du biſt, Auch noch in ſeinen eigenſten Verdienſten Als Muſter vorzuleuchten. Freilich lebt Kein Mann auf Erden, der es würdig iſt, Daß du die Freiheit ihm zum Opfer brächteſt. Doch, wenn Geburt, wenn Hoheit, Heldentugend Und Maännerſchönheit einen Sterblichen Der Ehre würdig machen, ſo— Eliſabeth. Kein Zweifel, Herr Abgeſandter, daß ein Ehebündniß Mit einem königlichen Sohne Frankreichs Mich ehrt. Ja, ich geſteh' es unverhohlen, Wenn es ſeyn muß— wenn ich's nicht andern kann, Dem Dringen meines Volkes nachzugeben— Und es wird ſtarker ſeyn, als ich, befürcht' ich— So kenn' ich in Europa keinen Fürſten, Dem ich mein höchſtes Kleinod, meine Freiheit, Mit minderm Widerwillen opfern wurde. Laßt dies Geſtändniß Euch Genüge thun. Belliepre. Es iſt die ſchönſte Hoffnung; doch es iſt Nur eine Hoffnung, und mein Herr wünſcht mehr— Eliſabeth. Was wünſcht er? (Sie zieht einen Ring vom Finger und betrachtet ihn nachdenkend.) Hat die Königin doch nichts Voraus vor dem gemeinen Bürgerweibe! Das gleiche Zeichen weist auf gleiche Pflicht, Auf gleiche Dienſtharkeit— der Ring macht Ehen, Und Ringe ſind's, die eine Kette machen. — Bringt Seiner Hoheit dies Geſchenk. Es iſt 56 „ Noch keine Kette, bindet mich noch nicht; Doch kann ein Reif draus werden, der mich bindet. Bellieyre(niet nieder⸗ den Ring empfangend). In ſeinem Namen, große Königin, Empfang' ich kniend dies Geſchenk und drücke Den Kuß der Huldigung auf meiner Fürſtin Hand. Eliſabeth (zum Grafen Leiceſter, den ſie während der letzten Rede unverwandt betrachtet hat). Erlaubt, Mylord! (Sie nimmt ihm das blaue Band ab und haͤngt es dem Bellievre um.) Bekleidet Seine Hoheit Mit dieſem Schmuck, wie ich Euch hier damit Bekleide und in meines Ordens Pflichten nehme. Honni soit qui mal y pense!— Es ſchwinde Der Argwohn zwiſchen beiden Nationen, Und ein vertraulich Band umſchlinge fortan Die Kronen Frankreich und Britannien! Aubeſpine. Erhabne Königin, Dies iſt ein Tag Der Freude! Möcht' er's Allen ſeyn, und möͤchte Kein Leidender auf dieſer Inſel trauern! Die Gnade glänzt auf deinem Angeſicht. O! daß ein Schimmer ihres heitern Lichts Auf eine unglücksvolle Fürſtin fiele, Die Frankreich und Britannien gleich nahe Angeht— Eliſabeth. Nicht weiter, Graf! Vermengen wir Nicht zwei ganz unvereinbare Geſchäfte. 1 Wenn Frankreich ernſtlich meinen Bund verlangt, 57 8 Muß es auch meine Sorge mit mir theilen und meiner Feinde Freund nicht ſeyn— Aubeſpine. Unwuͤrdig In deinen eignen Augen würd' es handeln, Wenn es die Unglückſelige, die Glaubens⸗ Verwandte und die Wittwe ſeines Königs In dieſem Bund vergaͤße— Schon die Ehre, Die Menſchlichkeit verlangt— Eliſabeth. In dieſem Sinn Weiß ich ſein Fürwort nach Gebühr zu ſchätzen. Frankreich erfüllt die Freundespflicht; mir wird Verſtattet ſeyn, als Königin zu handeln. 3(Sie neigt ſich gegen die franzöſiſchen Herren, welche ſich mit den übrigen Lords ehrfurchtsvoll entfernen.) 3 Dritter Auftritt. Eliſabeth. Feiceſter. Burleigha. Talbot. (Die Königin ſetzt ſich.) Zurleigh. 14 Ruhmvolle Königin! Du kröneſt heut' Die heißen Wünſche deines Volks. Nun erſt Erfreun wir uns der ſegenvollen Tage, Die du uns ſchenkſt, da wir nicht zitternd mehr ½ In eine ſtürmevolle Zukunft ſchauen. Nur eine Syuge kümmert noch dies Land, Ein Opfer iſt's, das alle Stimmen fordern. Gewaͤhr' auch dieſes, und der heut'ge Tag Hat Englands Wohl auf immerdar gegrundet. Eliſabeth. Was wünſcht mein Volk noch? Sprecht, Mylord. 4 Burleigh. Es fordert Das Haupt der Stuart— Wenn du deinem Volk Der Freiheit köſtliches Geſchenk, das theuer Erworbne Licht der Wahrheit willſt verſichern, So muß ſie nicht mehr ſeyn— Wenn wir nicht ewig Für dein koſtbares Leben zittern ſollen, So muß die Feindin untergehn!— Du weißt es, Nicht alle deine Britten denken gleich: Noch viele heimliche Verehrer zaͤhlt Der röm'ſche Götzendienſt auf dieſer Inſel. Die alle nähren feindliche Gedanken; Nach dieſer Stuart ſteht ihr Herz, ſie ſind Im Bunde mit den lothringiſchen Bruͤdern, Den unverſöhnten Feinden deines Namens. Dir iſt von dieſer wüthenden Partei Der grimmige Vertilgungskrieg geſchworen, Den man mit falſchen Höllenwaffen führt. Zu Rheims, dem Biſchofsſitz des Cardinals, Dort iſt das Rüſthaus, wo ſie Blitze ſchmieden; Dort wird der Königsmord gelehrt; von dort, Geſchäftig, ſenden ſie nach dieſer Inſel Die Miſſionen aus, entſchloſſ'ne Schwärmer, 4 In allerlei Gewand vermummt: von dort Iſt ſchon der dritte Mörder ausgegangen, Und unerſchöpflich, ewig neu erzeugen 4 Verborgne Feinde ſich aus dieſem Schlunde.. 59 — Und in dem Schloß zu Fotheringhay ſitzt Die Ate dieſes ew'gen Kriegs, die mit Der Liebesfackel dieſes Reich entzündet. Für ſie, die ſchmeichelnd Jedem Hoffnung gibt, Weiht ſich die Jugend dem gewiſſen Tod— Sie zu befreien, iſt die Loſung; ſie Auf deinen Thron zu ſetzen, iſt der Zweck. Denn dies Geſchlecht der Lothringer erkennt Dein heilig Recht nicht an: du heißeſt ihnen Nur eine Räͤuberin des Throns, gekrönt Vom Glück! Sie waren's, die die Thörichte Verführt, ſich Englands Königin zu ſchreiben. Kein Friede iſt mit ihr und ihrem Stamm! Du mußt den Streich erleiden oder führen. Ihr Leben iſt dein Tod, ihr Tod dein Leben! Eliſabeth. Mylord! Ein traurig Amt verwaltet Ihr. Ich kenne Eures Eifers reinen Trieb, Weiß, daß gediegne Weisheit aus Euch redet; Doch dieſe Weisheit, welche Blut befiehlt, Ich haſſe ſie in meiner tiefſten Seele. Sinnt einen mildern Rath aus— Edler Lord Von Schrewsbury! Sagt Ihr uns Eure Meinung. Talbot. Du gabſt dem Eifer ein gebührend Lob, Der Burleighs treue Bruſt beſeelt— Auch mir, Strömt es mir gleich nicht ſo beredt vom Munde, Schlägt in der Bruſt kein minder treues Herz. Mögſt du noch lange leben, Känigin, Die Freude deines Volks zu ſeyn, das Glück Des Friedens dleſem Reiche zu verlangern. ₰ 8 60 So ſchöne Tage hat dies Eiland nie Geſehn, ſeit eigne Fürſten es regieren. Mög' es ſein Glück mit ſeinem Ruhme nicht Erkaufen! Möge Talbots Auge wenigſtens Geſchloſſen ſeyn, wenn Dies geſchieht! Eliſabeth. Verhüte Gott, daß wir den Ruhm beflecken! 4 Talbot. Nun dann, ſo wirſt du auf ein ander Mittel ſinnen, Dies Reich zu retten— denn die Hinrichtung Der Stuart iſt ein ungerechtes Mittel. Du kannſt das Urtheil über Die nicht ſprechen, Die dir nicht unterthänig iſt. Eliſabeth. So irrt Mein Staatsrath und mein Parlament; im Irrthum Sind alle Richterhöfe dieſes Landes, Die mir dies Recht einſtimmig zuerkannt— Talbot. Nicht Stimmenmehrheit iſt des Rechtes Probe: England iſt nicht die Welt, dein Parlament Nicht der Verein der menſchlichen Geſchlechter. Dies heut'ge England iſt das künft'ge nicht, Wie's das vergangne nicht mehr iſt— Wie ſich Die Neigung anders wendet, alſo ſteigt Und fällt des Urtheils wandelbare Woge. Sag' nicht, du müſſeſt der Nothwendigkeit Gehorchen und dem Dringen deines Volks. Sobald du willſt, in jedem Augenblick Kannſt du erproben, daß dein Wille frei iſt. Verſuch's! Erkläre, daß du Blut verabſcheuſt, 61 Der Schweſter Leben willſt gerettet ſehn, Zeig' Denen, die dir anders rathen wollen, Die Wahrheit deines königlichen Zorns: Schnell wirſt du die Nothwendigkeit verſchwinden Und Recht in Unrecht ſich verwandeln ſehn. Du ſelbſt mußt richten, du allein. Du kannſt dich Auf dieſes unſtet ſchwanke Rohr nicht lehnen. Der eignen Milde folge du getroſt. Nicht Strenge legte Gott ins weiche Herz Des Weibes— und die Stifter dieſes Reichs, Die auch dem Weib die Herrſcherzügel gaben, Sie zeigten an, daß Strenge nicht die Tugend Der Koͤnige ſoll ſeyn in dieſem Lande. Eliſabeth. Ein warmer Anwalt iſt Graf Schrewsbury Für meine Feindin und des Reichs. Ich ziehe Die Räthe vor, die meine Wohlfahrt lieben. Talbot. Man goͤnnt ihr keinen Anwalt, Niemand wagt's, Zu ihrem Vortheil ſprechend, deinem Zorn Sich bloßzuſtellen— ſo vergoͤnne mir, Dem alten Manne, den am Grabesrand Kein irdiſch Hoffen mehr verführen kann, Daß ich die Aufgegebene beſchütze. Man ſoll nicht ſagen, daß in deinem Staatsrath Die Leidenſchaft, die Selbſtſucht eine Stimme Gehabt, nur die Barmherzigkeit geſchwiegen. Verbündet hat ſich Alles wider ſie. Du ſelber haſt ihr Antlitz nie geſehn, Nichts ſpricht in deinem Herzen für die Fremde. — Nicht ihrer Schuld red' ich das Wort. Man ſagt⸗ 6² Sie habe den Gemahl ermorden laſſen; Wahr iſt's, daß ſie den Mörder ehlichte. Ein ſchwer Verbrechen!— Aber es geſchah In einer finſtern unglücksvollen Zeit, Im Angſtgedränge bürgerlichen Kriegs, Wo ſie, die Schwache, ſich umrungen ſah Von heftigdringenden Vaſallen, ſich Dem Muthvollſtärkſten in die Arme warf— Wer weiß, durch welcher Künſte Macht beſiegt: Denn ein gebrechlich Weſen iſt das Weib. Etiſabeth. Das Weib iſt nicht ſchwach. Es gibt ſtarke Seelen In dem Geſchlecht— Ich will in meinem Beiſeyn Nichts von der Schwäche des Geſchlechtes hören. Talbot. Dir war das Unglück eine ſtrenge Schule. Nicht ſeine Freudenſeite kehrte dir Das Leben zu. Du ſaheſt keinen Thron Von Ferne, nur das Grab zu deinen Füßen. Zu Woodſtock war's und in des Towers Nacht, Wo dich der gnäd'ge Vater dieſes Landes Zur ernſten Pflicht durch Trübſal auferzog. Dort ſuchte dich der Schmeichler nicht. Früh' lernte, Vom eiteln Weltgeräuſche nicht zerſtreut, 8 Dein Geiſt ſich ſammeln, denkend in ſich gehn Und dieſes Lebens wahre Güter ſchäͤtzen. — Die Arme rettete kein Gott. Ein zartes Kind Ward ſie verpflanzt nach Frankreich, an den Hof Des Leichtſinns, der gedankenloſen Freude: Dort in der Feſte ew'ger Trunkenheit Vernahm ſie nie der Wahrheit ernſte Stimme. 63 Geblendet ward ſie von der Laſter Glanz Und fortgeführt vom Strome des Verderbens. Ihr ward der Schönheit eitles Gut zu Theil, Sie überſtrahlte blühend alle Weiber, Und durch Geſtalt nicht minder als Geburt—— Eliſabeth. Kommt zu Euch ſelbſt, Mylord von Schrewsbury! Denkt, daß wir hier im ernſten Rathe ſitzen. Das müſſen Reize ſonder Gleichen ſeyn, Die einen Greis in ſolches Feuer ſetzen. — Mylord von Leſter! Ihr allein ſchweigt ſtill? Was ihn beredt macht, bindet's Euch die Zunge? Leiceſter. Ich ſchweige vor Erſtaunen, Königin, Daß man dein Ohr mit Schreckniſſen erfüllt, „Daß dieſe Maͤhrchen, die in Londons Gaſſen Den gläub'gen Pöbel aängſten, bis herauf In deines Staatsraths heitre Mitte ſteigen Und weiſe Manner ernſt beſchaͤftigen. Verwunderung ergreift mich, ich geſteh's, Daß dieſe länderloſe Königin Von Schottland, die den eignen kleinen Thron Nicht zu behaupten wußte, ihrer eignen Vaſallen Spott, der Auswurf ihres Landes, Dein Schrecken wird auf Einmal im Gefängniß! — Was, beim Allmacht'gen! machte ſie dir furchtbar? Daß ſie dies Reich in Anſpruch nimmt? daß dich Die Guiſen nicht als Königin erkennen?— Kann dieſer Guiſen Widerſpruch das Recht Entkräften, das Geburt dir gab, der Schluß Der Parlamente dir beſtaͤtigte? 64 Iſt ſie durch Heinrichs letzten Willen nicht Stillſchweigend abgewieſen? und wird England, So glücklich im Genuß des neuen Lichts, 3 Sich der Papiſtin in die Arme werfen? Von dir, der angebeteten Monarchin, Zu Darnleys Mörderin hinüberlaufen? Was wollen dieſe ungeſtümen Menſchen, Die dich noch lebend mit der Erbin quälen, Dich nicht geſchwind genug vermaͤhlen können, um Staat und Kirche von Gefahr zu retten? Stehſt du nicht blühend da in Jugendkraft, Welkt Jene nicht mit jedem Tag zum Grabe? Bei Gott! Du wirſt, ich hoff's, noch viele Jahre Auf ihrem Grabe wandeln, ohne daß Du ſelber ſie hinabzuſtürzen brauchteſt— Zurleigh. Lord Leſter hat nicht immer ſo geurtheilt. Leiceſter. Wahr iſt's, ich habe ſelber meine Stimme Zu ihrem Tod gegeben im Gericht. — Im Staatsrath ſprech' ich anders. Hier iſt nicht Die Rede von dem Recht, nur von dem Vortheil. Iſt's jetzt die Zeit, von ihr Gefahr zu fürchten, Da Frankreich ſie verläßt, ihr einz'ger Schutz, Da du den Königsſohn mit deiner Hand Beglücken willſt, die Hoffnung eines neuen Regentenſtammes dieſem Lande blüht? Wozu ſie alſo toͤdten? Sie iſt todt! Verachtung iſt der wahre Tod. Verhüte, Daß nicht das Mitleid ſie ins Leben rufe! Drum iſt mein Rath: Man laſſe die Sentenz, 6⁵ Die ihr das Haupt abſpricht, in voller Kraft Beſtehn! Sie lebe— aber unterm Beile Des Henkers lebe ſie, und ſchnell, wie ſich Ein Arm für ſie bewaffnet, fall' es nieder. Eliſabeth(ſteht auf). Mylords, ich hab' nun eure Meinungen Gehört und ſag' euch Dank für euren Eifer. Mit Gottes Beiſtand, der die Könige Erleuchtet, will ich eure Gründe prufen Und wäͤhlen, was das Beſſere mir dünkt. Vierter Auftritt. Die Vorigen. Nitter Paulet mit Mortimer. Eliſabeth. Da kommt Amias Paulet. Sdler Sir, Was bringt Ihr uns? Paulet. Glorwürd'ge Majeſtät! Mein Neffe, der unlaͤngſt von weiten Reiſen Zurückgekehrt, wirft ſich zu deinen Füßen Und leiſtet dir ſein jugendlich Gelübde. Empfange du es gnadenvoll und laß Ihn wachſen in der Sonne deiner Gunſt. Mortimer (laͤßt ſich auf ein Knie nieder). Lang lebe meine königliche Frau, Und Glück und Ruhm bekroͤne ihre Stirn'! Schillers ſämmti. Werke. v. 5 66 Eliſabeth. Steht auf. Seyd mir willkommen, Sir, in England. Ihr habt den großen Weg gemacht, habt Frankreich Bereist und Rom und Euch zu Rheims verweilt. Sagt mir denn an, was ſpinnen unſre Feinde? Mortimer. Ein Gott verwirre ſie und wende rückwärts Auf ihrer eignen Schützen Bruſt die Pfeile, Die gegen meine Königin geſandt ſind! Sliſabeth. Saht Ihr den Morgan und den rankeſpinnenden Biſchof von Roße? . Mortimer. Alle ſchottiſche Verbannte lernt' ich kennen, die zu Rheims Anſchläge ſchmieden gegen dieſe Inſel. In ihr Vertrauen ſtahl ich mich, ob ich Etwa von ihren Nänken was entdeckte. Paulet. Geheime Briefe hat man ihm vertraut, In Ziffern, für die Königin von Schottland, Die er mit treuer Hand uns überliefert. Eliſabeth. Sagt, was ſind ihre neueſten Entwürfe? Mortimer. Es traf ſie alle wie ein Donnerſtreich, Daß Frankreich ſie verläßt, den feſten Bund Mit England ſchließt; jetzt richten ſie die Hoffnung Auf Spanien. Eliſabeth. So ſchreibt mir Walſingham. 67 Mortimer. Auch eine Bulle, die Papſt Sirtus jüngſt Vom Vaticane gegen dich geſchleudert, Kam eben an zu Rheims, als ich's verließ: Das näachſte Schiff bringt ſie nach dieſer Inſel. Leiceſter. Vor ſolchen Waffen zittert England nicht mehr. Burleigh. Sie werden furchtbar in des Schwaͤrmers Hand. Eliſabeth (Mortimern ſorſchend anſehend). Man gab Euch Schuld, daß Ihr zu Rheims die Schulen Beſucht und Euren Glauben abgeſchworen? Mortimer. Die Miene gab ich mir, ich leugn' es nicht, So weit ging die Begierde, dir zu dienen! Eliſabeth (zu Paulet, der ihr ein Papier uͤberreicht). Was zieht Ihr da hervor? Vaulet. Es iſt ein Schreiben, Das dir die Königin von Schottland ſendet. Burleigyh Ghaſtig darnach greiſend). Gebt mir den Brief: Vaulet(gibt das Papier der Koͤnigin). Verzeiht, Lord Großſchatzmeiſter! In meiner Koͤnigin ſelbſteigne Hand Befahl ſie mir den Brief zu übergeben. Sie ſagt mir ſtets, ich ſey ihr Feind. Ich bin Nur ihrer Laſter Feind; was ſich vertragt Mit meiner Pflicht, mag ich ihr gern erweiſen. 1 11 1 4 4 1 — 68 Burleigh(u Paulet). Was kann der Brief enthalten? Eitle Klagen, Mit denen man das mitleidsvolle Herz Der Königin verſchonen ſoll. Paulet. Was er Enthält, hat ſie mir nicht verhehlt. Sie bittet Um die Vergünſtigung, das Angeſicht Der Königin zu ſehen. Burleigh(ſchnelh. Kimmermehr! . Talbot.. Warum nicht? Sie erfleht nichts Ungerechtes. Burleigh. Die Gunſt des königlichen Angeſichts. Hat ſie verwirkt, die Mordanſtifterin, Die nach dem Blut der Königin gedürſtet. Wer's treu mit ſeiner Fürſtin meint, Der kann Den falſch verrätheriſchen Rath nicht geben. Talbot. Wenn die Monarchin ſie beglücken will, Wollt Ihr der Gnade ſanfte Regung hindern? Burleigh. Sie iſt verurtheilt! Unterm Beile liegt Ihr Haupt. Unwürdig iſt's der Majeſtät, Das Haupt zu ſehen, das dem Tod geweiht iſt. Das Urtheil kann nicht mehr vollzogen werden, Wenn ſich die Königin ihr genahet hat, A Denn Gnade bringt die königliche Naͤhe— (Die Königin hat den Brief genommen. Waͤhrend ſie ihn liest, ſprechen Mortimer und Leiceſter einige Worte heimlich mit einander.) 69 Eliſabeth (nachdem ſie den Brief geleſen, ihre Thraͤnen trocknend). Was iſt der Menſch! Was iſt das Glück der Erde! Wie weit iſt dieſe Königin gebracht, Die mit ſo ſtolzen Hoffnungen begann, Die auf den altſten Thron der Chriſtenheit Berufen worden, die in ihrem Sinn Drei Kronen ſchon aufs Haupt zu ſetzen meinte! Welch andre Sprache fhrt ſie jetzt, als damals, Da ſie das Wappen Englands angenommen Und von den Schmeichlern ihres Hofs ſich Königin Der zwei britann'ſchen Inſeln nennen ließ! — Verzeiht, Mylords, es ſchneidet mir ins Herz, Wehmuth ergreift mich, und die Seele blutet, Daß Irdiſches nicht feſter ſteht, das Schickſal Der Menſchheit, das entſetzliche, ſo nahe An meinem eignen Haupt vorüberzieht. Talbat. O Königin! Dein Herz hat Gott gerührt. Gehorche dieſer himmliſchen Bewegung! Schwer büßte ſie fürwahr die ſchwere Schuld. Reich' ihr die Hand, der Tiefgefallenen! Wie eines Engels Lichterſcheinung ſteige In ihres Kerkers Graͤbernacht hinab— Burleigh. Sey ſtandhaft, große Königin. Laß nicht Ein lobenswürdig menſchliches Gefühl Dich irre führen. Raube dir nicht ſelbſt Die Freiheit, das Nothwendige zu thun. Du kannſt ſie nicht begnadigen, nicht retten: So lade nicht auf dich verhaßten Tadel, Daß du mit grauſam höhnendem Triumph Am Anblick deines Opfers dich geweidet, Leiceſter. Laßt uns in unſern Schranken bleiben, Lords. Die Königin iſt weiſe, ſie bedarf Nicht unſers Raths, das Würdigſte zu wählen. Die Unterredung beider Königinnen Hat nichts gemein mit des Gerichtes Gang. Englands Geſetz, nicht der Monarchin Wille, Verurtheilt die Maria. Würdig iſt's Der großen Seele der Eliſabeth, Daß ſie des Herzens ſchönem Triebe folge, Wenn das Geſetz den ſtrengen Lauf behält. Eliſabeth. Geht, meine Lords. Wir werden Mittel finden, Was Gnade fordert, was Nothwendigkeit Uns auferlegt, geziemend zu vereinen. Jetzt— tretet ab! (Die Lords gehen. An der Thuͤre ruft ſie den Mortimer zuruͤck.) Sir Mortimer! Ein Wort! Fünfter Auftritt. Eliſabeth. Mortimer. Eliſabeth (nachdem ſie ihn einige Augenblicke forſchend mit den Augen gemeſſen)⸗ Ihr zeigtet einen kecken Muth und ſeltne Beherrſchung Euer ſelbſt für Eure Jahre. Wer ſchon ſo früh der Täuſchung ſchwere Kunſt Ausubte, Der iſt wuͤrdig vor der Zeit, 71 Und er verkürzt ſich ſeine Prufungsjahre. — Auf eine große Bahn ruft Euch das Schickſal: Ich prophezeih' es Euch, und mein Orakel Kann ich, zu Eurem Glücke, ſelbſt vollziehn. Mortimer. Erhabene Gebieterin, was ich Vermag und bin, iſt deinem Dienſt gewidmet. Eliſabeth. Ihr habt die Feinde Englands kennen lernen. Ihr Haß iſt unverſöhnlich gegen mich, Und unerſchöpflich ihre Blutentwürfe. Bis dieſen Tag zwar ſchützte mich die Allmacht; Doch ewig wankt die Kron' auf meinem Haupt, Solang ſie lebt, die ihrem Schwarmereifer Den Vorwand leiht und ihre Hoffnung naͤhrt. Mortimer. Sie lebt nicht mehr, ſobald du es gebieteſt. Eliſabeth. Ach, Sir! Ich glaubte mich am Ziele ſchon Zu ſehn und bin nicht weiter als am Anfang. Ich wollte die Geſetze handeln laſſen, Die eigne Hand vom Blute rein behalten. Das Urtheil iſt geſprochen. Was gewinn' ich? Es muß vollzogen werden, Mortimer! Und ich muß die Vollziehung anbefehlen. Mich immer trifft der Haß der That. Ich muß Sie eingeſtehn und kann den Schein nicht retten. Das iſt das Schlimmſte! Mortimer. Was kümmert dich Der böͤſe Schein bei der gerechten Sache? Eliſabeth. Ihr kennt die Welt nicht, Ritter. Was man ſcheint, Hat Jedermann zum Richter; was man iſt, hat keinen. Von meinem Rechte überzeug' ich Niemand: So muß ich Sorge tragen, daß mein Antheil An ihrem Tod in ew'gem Zweifel bleibe. Bei ſolchen Thaten doppelter Geſtalt Gibt's keinen Schutz, als in der Dunkelheit. Der ſchlimmſte Schritt iſt, den man eingeſteht, Was man nicht aufgibt, hat man nie verloren. Mortimer(ausforſchend). Dann wäre wohl das Beſte— Eliſabeth(ccnelh. Freilich wär's Das Beſte— O, mein guter Engel ſpricht Aus Euch. Fahrt fort, vollendet, werther Sir! Euch iſt es Ernſt, Ihr dringet auf den Grund, Seyd ein ganz andrer Mann, als Euer Oheim— Mortimer(betroffen). Entdeckteſt du dem Ritter deinen Wunſch? Eliſabeth. Mich reuet, daß ich's that. Mortimer. Entſchuldige Den alten Mann. Die Jahre machen ihn Bedenklich. Solche Wageſtücke fordern Den kecken Muth der Jugend— Eliſabeth(ſchnelh. Darf ich Euch— 73 Mortimer. Die Hand will ich dir leihen; rette du Den Namen, wie du kannſt— Eliſabeth. Ja, Sir! wenn Ihr Mich eines Morgens mit der Botſchaft wecktet: Maria Stuart, deine blut'ge Feindin, Iſt heute Nacht verſchieden! Mortimer. Zahlt auf mich. Eliſabeth. Wann wird mein Haupt ſich ruhig ſchlafen legen? Mortimer. Der nächſte Neumond ende deine Furcht. Eliſabeth. Gehabt Euch wohl, Sir! Laßt es Euch nicht leid thun, Daß meine Dankhbarkeit den Flor der Nacht Entlehnen muß— Das Schweigen iſt der Gott Der Glücklichen— Die engſten Bande ſind's, Die zarteſten, die das Geheimniß ſtiftet! (Sie geht ab.) Sechster Auftritt. Martimer allein. Geh', falſche, gleißneriſche Königin!. Wie du die Welt, ſo täuſch' ich dich. Recht iſt's, Dich zu verrathen, eine gute That! Seh' ich aus, wie ein Mörder? Laſeſt du 74 Ruchloſe Fertigkeit auf meiner Stirn'? Trau' nur auf meinen Arm und halte deinen Zurück. Gib dir den frommen Heuchelſchein Der Gnade vor der Welt! Indeſſen du Geheim auf meine Mörderhülfe hoffſt, So werden wir zur Rettung Friſt gewinnen! Erhöhen willſt du mich— zeigſt mir von Ferne Bedeutend einen koſtbarn Preis— und waͤrſt Du ſelbſt der Preis und deine Frauengunſt! Wer biſt du, Aermſte, und was kannſt du geben? Mich locket nicht des eiteln Ruhmes Geiz! Bei ihr nur iſt des Lebens Reiz— Um ſie, in ew'gem Freudenchore, ſchweben Der Anmuth Göoͤtter und der Jugendluſt, Das Glück der Himmel iſt an ihrer Bruſt; Du haſt nur todte Güter zu vergeben! Das eine Höchſte, was das Leben ſchmuͤckt, Wenn ſich ein Herz, entzückend und entzückt, Dem Herzen ſchenkt in ſüßem Selbſtvergeſſen, Die Frauenkrone haſt du nie beſeſſen, Nie haſt du liebend einen Mann beglückt! — Ich muß den Lord erwarten, ihren Brief Ihm übergeben. Ein verhaßter Auftrag! Ich habe zu dem Hoͤflinge kein Herz. Ich ſelber kann ſie retten, ich allein, Gefahr und Ruhm und auch der Preis ſey mein! (Indem er gehen will, begegnet ihm Paulet.) 75 Siebenter Auftritt. „ 4 4 Mortimer. Paulet. Paulet. Was ſagte dir die Königin? 3 Mortimer. Nichts, Sir. Nichts— von Bedeutung. Paulet (fixirt ihn mit ernſtem Blick). Hoͤre, Mortimer! Es iſt ein ſchlupfrig glatter Grund, auf den Du dich begeben. Lockend iſt die Gunſt Der Könige; nach Ehre geizt die Jugend. — Laß dich den Ehrgeiz nicht verführen! Mortimer. Wart Ihr's nicht ſelbſt, der an den Hof mich brachte? Paulet. Ich wünſchte, daß ich's nicht gethan. Am Hofe Ward unſers Hauſes Ehre nicht geſammelt. Steh' feſt, mein Neffe. Kaufe nicht zu theuer! Verletze dein Gewiſſen nicht! Mortimer. Was fäͤllt Euch ein? Was für Beſorgniſſe! Panlet. Wie groß dich auch die Koͤnigin zu machen Verſpricht— trau' ihrer Schmeichelrede nicht. Verleugnen wird ſie dich, wenn du gehorcht, Und, ihren eignen Namen rein zu waſchen, Die Blutthat rachen, die ſie ſelbſt befahl. 76 Mortimer. Die Blutthat, ſagt Ihr? Paulet. Weg mit der Verſtellung! Ich weiß, was dir die Königin angeſonnen: Sie hofft, daß deine ruhmbegier'ge Jugend Willfähr'ger ſeyn wird, als mein ſtarres Alter. Haſt du ihr zugeſagt? Haſt du? Mortimer. Mein Oheim! . Paulet. Wenn du's gethan haſt, ſo verfluch' ich dich, Und dich verwerfe— Leiceſter(kommt). Werther Sir, erlaubt Ein Wort mit Eurem Neffen. Die Monarchin Iſt gnadenvoll geſinnt für ihn: ſie will, Daß man ihm die Perſon der Lady Stuart uneingeſchränkt vertraue— Sie verläßt ſich Auf ſeine Redlichkeit— Paulet. Verläßt ſich— Gut! Leiceſter. Was ſagt Ihr, Sir? 4 Paulet. Die Königin verläßt ſich Auf ihn, und ich, Mylord, verlaſſe mich Auf mich und meine beiden offnen Augen. (Ex geht ab.) 77 Achter Auftritt. HLeireſter. Mortimer. Leiceſter(verwundert). Was wandelte den Ritter an? 3 Mortimer. Ich weiß es nicht— Das unerwartete Vertrauen, das die Königin mir ſchenkt— Leiceſter(ihn forſchend anſehend). Verdient Ihr, Ritter, daß man Euch vertraut? Mortimer(eben ſo). Die Frage thu' ich Euch, Mylord von Leſter. Leiceſter. Ihr hattet mir was ingeheim zu ſagen. Mortimer. Verſichert mich erſt, daß ich's wagen darf. Leiceſter. Wer gibt mir die Verſicherung für Euch? — Laßt Euch mein Mißtraun nicht beleidigen! Ich ſeh' Euch zweierlei Geſichter zeigen An dieſem Hofe— Eins darunter iſt Nothwendig falſch; doch welches iſt das wahre? Mortimer. Es geht mir eben ſo mit Euch, Graf Leſter. Leiceſter. Wer ſoll nun des Vertrauens Anfang machen? Mortimer. Wer das Geringere zu wagen hat. Leiceſter. Nun, Der ſeyd Ihr! Mortimer. Ihr ſeyd es! Euer Zeugniß, Des vielbedeutenden, gewalt'gen Lords, Kann mich zu Boden ſchlagen: meins vermag Nichts gegen Euren Nang und Eure Gunſt. * Leiceſter. Ihr irrt Euch, Sir. In allem Andern bin ich Hier mächtig, nur in dieſem zarten Punkt, Den ich jetzt Eurer Treu' preisgeben ſoll, Bin ich der ſchwachſte Mann an dieſem Hof, Und ein veraͤchtlich Zeugniß kann mich ſtürzen. Mortimer. Wenn ſich der allvermögende Lord Leſter So tief zu mir herunterläßt, ein ſolch Bekenntniß mir zu thun, ſo darf ich wohl Ein wenig höher denken von mir ſelbſt Und ihm in Großmuth ein Exempel geben. Leiceſter. Geht mir voran im Zutraun, ich will folgen. Mortimer 8 (den Brief ſchnell hervorziehend). Dies ſendet Euch die Königin von Schottland. Leiceſter (ſchrickt zuſammen und greift haſtig darnach). Sprecht leiſe, Sir— Was ſeh' ich! Ach! Es iſt Ihr Bild! (Kuͤßt es und betrachtet es mit ſtummem Entzuͤcken.) 1 Mortimer (der ihn waͤhrend des Leſens ſcharf beobachtet). Mylord, nun glaub' ich Euch. 79 Leireſter (nachdem er den Brief ſchnell durchlaufen). Sir Mortimer! Ihr wißt des Briefes Inhalt? Mortimer. Nichts weiß ich. Leiceſter. Nun! Sie hat Euch ohne Zweifel Vertraut— Mortimer. Sie hat mir nichts vertraut. Ihr würdet Dies Räthſel mir erklären, ſagte ſie. Ein Räthſel iſt es mir, daß Graf von Leſter, Der Günſtling der Eliſabeth, Mariens Erklärter Feind und ihrer Richter einer, Der Mann ſeyn ſoll, von dem die Königin In ihrem Unglück Rettung hofft— Und dennoch Muß Dem ſo ſeyn: denn Eure Augen ſprechen Zu deutlich aus, was Ihr für ſie empfindet. 1 SLeiceſter. Entdeckt mir ſelbſt erſt, wie es kommt, daß Ihr Den feur'gen Antheil nehmt an ihrem Schickſal, Und was Euch ihr Vertraun erwarb. Mortimer. Mylord, Das kann ich Euch mit Wenigem erklaͤren. Ich habe meinen Glauben abgeſchworen Zu Rom und ſteh' im Bündniß mit den Guiſen. Ein Brief des Erzbiſchofs zu Rheims hat mich Beglaubigt bei der Königin von Schottland. 3 Leiceſter. Ich weiß von Eurer Glaubensänderung: 80 Sie iſt's, die mein Vertrauen zu Euch weckte. Gebt mir die Hand. Verzeiht mir meinen Zweifel. Ich kann der Vorſicht nicht zu viel gebrauchen, Denn Walſingham und Burleigh haſſen mich: Ich weiß, daß ſie mir lauernd Netze ſtellen. Ihr konntet ihr Geſchöpf und Werkzeug ſeyn, Mich in das Garn zu ziehn— . Mortimer. Wie kleine Schritte Geht ein ſo großer Lord an dieſem Hof! Graf, ich beklag' Euch. Leiceſter. Freudig werf' ich mich An die vertraute Freundesbruſt, wo ich Des langen Zwangs mich endlich kann entladen. Ihr ſeyd verwundert, Sir, daß ich ſo ſchnell Das Herz geandert gegen die Maria. Zwar in der That haßt' ich ſie nie— der Zwang Der Zeiten machte mich zu ihrem Gegner. Sie war mir zugedacht ſeit langen Jahren, Ihr wißt's, eh' ſie die Hand dem Darnley gab, Als noch der Glanz der Hoheit ſie umlachte. Kalt ſtieß ich damals dieſes Glück von mir; Jetzt im Gefängniß, an des Todes Pforten Such' ich ſie auf und mit Gefahr des Lebens. Mortimer. Das heißt großmuͤthig handeln Leicrſter. — Die Geſtalt Der Dinge, Sir, hat ſich indeß verandert. Mein Ehrgeiz war es, der mich gegen Jugend 81 Und Schönheit fühllos machte. Damals hielt ich Mariens Hand für mich zu klein: ich hoffte Auf den Beſitz der Königin von England. Mortimer. Es iſt bekannt, daß ſie Euch allen Männern Vorzog— Leiceſter. So ſchien es, edler Sir— und nun, nach zehn Verlornen Jahren unverdroſſinen Werbens, Verhaßten Zwangs— O Sir, mein Herz geht auf! Ich muß des langen Unmuths mich entladen— Man preist mich glucklich— Wüßte man, was es Fuͤr Ketten ſind, um die man mich beneidet— Nachdem ich zehen bittre Jahre lang Dem Göͤtzen ihrer Eitelkeit geopfert, Mich jedem Wechſel ihrer Sultanslaunen Mit Sklavendemuth unterwarf, das Spielzeug Des kleinen grillenhaften Eigenſinns, Geliebkost jetzt von ihrer Zärtlichkeit Und jetzt mit ſprödem Stolz zurückgeſtoßen, Von ihrer Gunſt und Strenge gleich gepeinigt, Wie ein Gefangener vom Argusblick Der Eiferſucht gehütet, ins Verhör* Genommen wie ein Knabe, wie ein Diener Geſcholten— O, die Sprache hat kein Wort Für dieſe Hölle! Mortimer. Ich beklag' Euch, Graf. Leiceſter. Taͤuſcht mich am Ziel der Preis! Ein Andrer kommt, Die Frucht des theuren Werbens mir zu rauben. Schillers ſaͤmmtl. Werke. V. 6 An einen jungen, blühenden Gemahl Verlier' ich meine lang beſeſſ'nen Rechte! Herunterſteigen ſoll ich von der Bühne, Wo ich ſo lange als der Erſte glänzte. Nicht ihre Hand allein, auch ihre Gunſt Droht mir der neue Ankömmling zu rauben. Sie iſt ein Weib, und er iſt liebenswerth. Mortimer. Er iſt Kath'rinens Sohn. In guter Schule Hat er des Schmeichlers Künſte ausgelernt. Leiceſter. So ſtürzen meine Hoffnungen— Ich ſuche In dieſem Schiffbruch meines Glücks ein Brett Zu faſſen— und mein Auge wendet ſich Der erſten ſchönen Hoffnung wieder zu. Mariens Bild, in ihrer Reize Glanz, Stand neu vor mir; Schönheit und Jugend traten In ihre vollen Rechte wieder ein; Nicht kalter Ehrgeiz mehr, das Herz verglich, Und ich empfand, welch Kleinod ich verloren. Mit Schrecken ſeh' ich ſie in tiefes Elend Herabgeſtuͤrzt, geſtuͤrzt durch mein Verſchulden. Da wird in mir die Hoffnung wach, ob ich Sie jetzt noch retten könnte und beſitzen. Durch eine treue Hand gelingt es mir, Ihr mein verändert Herz zu offenbaren, Und dieſer Brief, den Ihr mir überbracht, Verſichert mir, daß ſie verzeiht, ſich mir Zum Preiſe ſchenken will, wenn ich ſie rette. Mortimer. Ihr thatet aber nichts zu ihrer Rettung! 83 Ihr ließt geſchehn, daß ſie verurtheilt wurde, Gabt Eure Stimme ſelbſt zu ihrem Tod! Ein Wunder muß geſchehn— Der Wahrheit Licht Muß mich, den Neffen ihres Hüters, rühren, Im Vatican zu Rom muß ihr der Himmel Den unverhofften Retter zubereiten, Sonſt fand ſie nicht einmal den Weg zu Euch! Leiceſter. Ach, Sir, es hat mir Qualen gnug gekoſtet! Um ſelbe Zeit ward ſie von Talbots Schloß Nach Fotheringhay weggeführt, der ſtrengen Gewahrſam Eures Oheims anvertraut. Gehemmt ward jeder Weg zu ihr; ich mußte Fortfahren vor der Welt, ſie zu verfolgen. Doch denket nicht, daß ich ſie leidend hätte Zum Tode gehen laſſen! Nein, ich hoffte Und hoffe noch, das Aeußerſte zu hindern, Bis ſich ein Mittel zeigt, ſie zu befrein. Mortimer. Das iſt gefunden— Leſter, Euer edles Vertraun verdient Erwiderung. Ich will ſie Befreien, darum bin ich hier, die Anſtalt Iſt ſchon getroffen. Euer mächt'ger Beiſtand Verſichert uns den glücklichen Erfolg. Leireſter. Was ſagt Ihr? Ihr erſchreckt mich. Wie? Ihr wolitet— Mortimer. Gewaltſam aufthun will ich ihren Kerker; Ich hab' Gefäahrten, Alles iſt bereit— Leiceſter. Ihr habt Mitwiſſer und Vertraute! Weh' mir! 84 In welches Wagniß reißt Ihr mich hinein! Und dieſe wiſſen auch um mein Geheimniß? Mortimer. Sorgt nicht. Der Plan ward ohne Euch entworfen, Ohn' Euch wäͤr' er vollſtreckt, beſtände ſie Nicht drauf, Euch ihre Rettung zu verdanken. Leiceſter. So könnt Ihr mich für ganz gewiß verſichern, Daß in dem Bund mein Name nicht genannt iſt? Mortimer. Verlaßt Euch drauf! Wie? So bedenklich, Graf, Bei einer Botſchaft, die Euch Hülfe bringt! Ihr wollt die Stuart retten und beſitzen, Ihr findet Freunde, plötzlich, unerwartet, Vom Himmel fallen Euch die nachſten Mittel— Doch zeigt Ihr mehr Verlegenheit als Freude? Leireſter. Es iſt nichts mit Gewalt. Das Wageſtück Iſt zu gefahrlich. Mortimer. Auch das Saͤumen iſt's! Leiceſter. Ich ſag' Euch, Ritter, es iſt nicht zu wagen. Mortimer(bitter). Nein, nicht für Euch, der ſie beſitzen will! Wir wollen ſie bloß retten und ſind nicht ſo Bedenklich— Leiceſter. Junger Mann, Ihr ſeyd zu raſch In ſo gefahrlich dornenvoller Sache. 8⁵ Mortimer. Ihr— ſehr bedacht in ſolchem Fall der Ehre. Leiceſter. Ich ſeh' die Netze, die uns rings umgeben. Mortimer. Ich fühle Muth, ſie alle zu durchreißen. 4 Leiceſter. Tollkühnheit, Raſerei iſt dieſer Muth. Mortimer. Nicht Tapferkeit iſt dieſe Klugheit, Lord. Leiceſter. Euch lüſtet's wohl, wie Babington zu enden? Mortimer. Euch nicht, des Norfolks Großmuth nachzuahmen. Leiceſter. Norfolk hat ſeine Braut nicht heimgeführt. Mortimer. Er hat bewieſen, daß er's wuͤrdig war. Leiceſter. Wenn wir verderben, reißen wir ſie nach. Mortimer. Wenn wir uns ſchonen, wird ſie nicht gerettet. Leireſter. Ihr überlegt nicht, hört nicht, werdet Alles Mit heftig blindem Ungeſtuͤm zerſtören, Was auf ſo guten Weg geleitet war. Mortimer. Wohl auf den guten Weg, den Ihr gebahnt? Was habt Ihr denn gethan, um ſie zu retten? — Und wie? Wenn ich nun Bube gnug geweſen, Sie zu ermorden, wie die Königin 86 Mir anbefahl, wie ſie zu dieſer Stunde Von mir erwartet— Nennt mir doch die Anſtalt, Die Ihr gemacht, ihr Leben zu erhalten. Leiceſter(erſtaunt). Gab Euch die Königin dieſen Blutbefehl? Mortimer. Sie irrte ſich in mir, wie ſich Maria In Euch. Leireſter. Und Ihr habt zugeſagt? habt Ihr? Mortimer. Damit ſie andre Haͤnde nicht erkaufe, Bot ich die meinen an. Leiceſter. Ihr thatet wohl. Dies kann uns Raum verſchaffen. Sie verläßt ſich Auf Euren blut'gen Dienſt, das Todesurtheil Bleibt unvollſtreckt, und wir gewinnen Zeit— Mortimer(ungeduldig). Nein, wir verlieren Zeit! Leiceſter. Sie zählt auf Euch: So minder wird ſie Anſtand nehmen, ſich Den Schein der Gnade vor der Welt zu geben. Vielleicht, daß ich durch Liſt ſie überrede, Das Angeſicht der Gegnerin zu ſehn, Und dieſer Schritt muß ihr die Hande binden. Burleigh hat Recht. Das Urtheil kann nicht mehr Vollzogen werden, wenn ſie ſie geſehn. — Ja, ich verſuch' es, Alles biet' ich auf— 87 Mortimer. Und was erreicht Ihr dadurch? Wenn ſie ſich In mir getäuſcht ſieht, wenn Maria fortfährt, Zu leben— iſt nicht Alles, wie zuvor? Frei wird ſie niemals! Auch das Mildeſte, Was kommen kann, iſt ewiges Gefängniß. Mit einer kühnen That müßt Ihr doch enden. Warum wollt Ihr nicht gleich damit beginnen? In Euren Haͤnden iſt die Macht: Ihr bringt Ein Heer zuſammen, wenn Ihr nur den Adel Auf Euren vielen Schlöſſern waffnen wollt! Maria hat noch viel verborgne Freunde: Der Howard und der Percy edle Häuſer, Ob ihre Häupter gleich geſtürzt, ſind noch An Helden reich, ſie harren nur darauf, Daß ein gewalt'ger Lord das Beiſpiel gebe! Weg mit Verſtellung! Handelt öffentlich! Vertheidigt als ein Ritter die Geliebte, Kämpft einen edeln Kampf um ſie! Ihr ſeyd Herr der Perſon der Königin von England, Sobald Ihr wollt. Lockt ſie auf Eure Schlöſſer, Sie iſt Euch oft dahin gefolgt. Dort zeigt Ihr Den Mann! ſprecht als Gebieter! haltet ſie Verwahrt, bis ſie die Stuart frei gegeben! Leiceſter. Ich ſtaune, ich entſetze mich— Wohin Reißt Euch der Schwindel?— Kennt Ihr dieſen Boden? Wißt Ihr, wie's ſteht an dieſem Hof, wie eng Dies Frauenreich die Geiſter hat gebunden? Sucht nach dem Heldengeiſt, der ehmals wohl In dieſem Land ſich regte— Unterworfen 88 Iſt Alles unterm Schlüſſel eines Weibes, Und jedes Muthes Feder abgeſpannt. Folgt meiner Leitung. Wagt nichts unbedachtſam. — Ich höre kommen, geht. S Mortimer. Maria hofft! Kehr' ich mit leerem Troſt zu ihr zurück? . Feiceſter. Bringt ihr die Schwuͤre meiner ew'gen Liebe! Mortimer. Bringt Ihr die ſelbſt! Zum Werkzeug ihrer Rettung Bot ich mich an, nicht Euch zum Liebesboten! (Er geht ab.) Neunter Auftritt. Eliſabeth. Leiceſter. Eliſabeth. Wer ging da von Euch weg? Ich hörte ſprechen. Leiceſter (ſich auf ihre Rede ſchnell und erſchrocken umwendend). Es war Sir Mortimer. Eliſubeth. Was iſt Euch, Lord? Leiceſter(ſaßt ſich). — Ueber deinen Anblick! Ich habe dich ſo reizend nie geſehn. Geblendet ſteh' ich da von deiner Schönheit. — Ach! So ganz betreten? 89 Eliſabeth. „Warum ſeufzt Ihr? Leiceſter. Hab' ich keinen Grund Zu ſeufzen? Da ich deinen Reiz betrachte, Erneut ſich mir der namenloſe Schmerz Des drohenden Verluſtes. Eliſabeth. Was verliert Ihr? Leiceſter. Dein Herz, dein liebenswürdig Selbſt verlier' ich Bald wirſt du in den jugendlichen Armen Des feurigen Gemahls dich glücklich fühlen, Und ungetheilt wird er dein Herz beſitzen. Er iſt von königlichem Blut: Das bin Ich nicht; doch Trotz ſey aller Welt geboten, Ob Einer lebt auf dieſem Erdenrund, Der mehr Anbetung für dich fühlt, als ich. Der Duc von Anjou hat dich nie geſehn, Kur deinen Ruhm und Schimmer kann er lieben, Ich liebe dich. Waͤrſt du die ärmſte Hirtin, Ich als der größte Fürſt der Welt geboren, Zu deinem Stand wurd' ich herunterſteigen, Mein Diadem zu deinen Füßen legen. Eliſabeth. Beklag' mich, Dudley, ſchilt mich nicht!— Ich darf ja Mein Herz nicht fragen. Ach! das haͤtte anders Gewählt. Und wie beneid' ich andre Weiber, Die Das erhöhen dürfen, was ſie lieben. So glücklich bin ich nicht, daß ich dem Manne, Der mir vor allen theuer iſt, die Krone 3 90 Aufſetzen kann!— Der Stuart ward's vergoͤnnt, Die Hand nach ihrer Neigung zu verſchenken; Die hat ſich Jegliches erlaubt, ſie hat Den vollen Kelch der Freuden ausgetrunken. Seiceſter. Jetzt trinkt ſie auch den bittern Kelch des Leidens. Eliſabeth. Sie hat der Menſchen Urtheil nichts geachtet. Leicht wurd' es ihr zu leben, nimmer lud ſie Das Joch ſich auf, dem ich mich unterwarf. Hätt' ich doch auch Anſprüche machen konnen, Des Lebens mich, der Erde Luſt zu freun; Doch zog ich ſtrenge Königspflichten vor. Und doch gewann ſie aller Maͤnner Gunſt, Weil ſie ſich nur befliß ein Weib zu ſeyn, Und um ſie buhlt die Jugend und das Alter. So ſind die Männer. Lüſtlinge ſind alle! Dem Leichtſinn eilen ſie, der Freude zu Und ſchätzen nichts, was ſie verehren müſſen. Verjüngte ſich nicht dieſer Talbot ſelbſt, Als er auf ihren Reiz zu reden kam! Leiceſter. Vergib es ihm. Er war ihr Wächter einſt: Die Liſt'ge hat mit Schmeicheln ihn bethört. Elifabeth. Und iſt’s denn wirklich wahr, daß ſie ſo ſchön iſt? So oft mußt' ich die Larve rühmen hören: Wohl moͤcht' ich wiſſen, was zu glauben iſt. Gemälde ſchmeicheln, Schilderungen lügen; Nur meinen eignen Augen würd' ich trann. — Was ſchaut Ihr mich ſo ſeltſam an? 91 Leiceſter. Ich ſtellte Dich in Gedanken neben die Maria. — Die Freude wünſcht' ich mir, ich berg' es nicht, Wenn es ganz ingeheim geſchehen könnte, Der Stuart gegenüber dich zu ſehn! Dann ſollteſt du erſt deines ganzen Siegs Genießen! Die Beſchamung goͤnnt' ich ihr, Daß ſie mit eignen Augen— denn der Neid Hat ſcharfe Augen— überzeugt ſich ſähe, Wie ſehr ſie auch an Adel der Geſtalt Von dir beſiegt wird, der ſie ſo unendlich In jeder andern würd'gen Tugend weicht. Eliſabeth. Sie iſt die juͤngere an Jahren. Leiceſter. Jünger? Man ſieht's ihr nicht an. Freilich ihre Leiden! Sie mag wohl vor der Zeit gealtert haben. Ja, und, was ihre Kränkung bittrer machte, Das wäre, dich als Braut zu ſehn! Sie hat Des Lebens ſchöne Hoffnung hinter ſich; Dich ſähe ſie dem Glück entgegenſchreiten Und als die Braut des Königſohns von Frankreich! Da ſie ſich ſtets ſo viel gewußt, ſo ſtolz Gethan mit der franzöſiſchen Vermählung, Noch jetzt auf Frankreichs mächt'ge Hülfe pocht! Eliſabeth(nachlaͤſſig hinwerfend). Man peinigt mich ja, ſie zu ſehn. Leiceſter(lebhaft). Sie fordert's 9² Als eine Gunſt: gewähr' es ihr als Strafe! Du kannſt ſie auf das Blutgerüſte führen, Es wird ſie minder peinigen, als ſich Von deinen Reizen ausgelöſcht zu ſehn. Dadurch ermordeſt du ſie, wie ſie dich Ermorden wollte— Wenn ſie deine Schönheit Erblickt, durch Ehrbarkeit bewacht, in Glorie Geſtellt durch einen unbefleckten Tugendruf, Den ſie, leichtſinnig buhlend, von ſich warf, Erhoben durch der Krone Glanz und jetzt Durch zarte Braͤutlichkeit geſchmückt— dann hat Die Stunde der Vernichtung ihr geſchlagen. Ja— wenn ich jetzt die Augen auf dich werfe— Nie warſt du, nie zu einem Sieg der Schoͤnheit Gerüſteter, als eben jetzt— Mich ſelbſt Haſt du umſtrahlt wie eine Lichterſcheinung, Als du vorhin ins Zimmer trateſt— Wie? Wenn du gleich jetzt, jetzt, wie du biſt, hinträteſt Vor ſie, du findeſt keine ſchönre Stunde— Eliſabeth. Jetzt— Nein— Nein— Jetzt nicht, Leſter— Nein, Das 8 muß ich Erſt wohl bedenken— mich mit Burleigh— Leiceſter(lebhaft einfallend). Burleigh! Der denkt allein auf deinen Staatsvortheil; Auch deine Weiblichkeit hat ihre Rechte: Der zarte Punkt gehört vor dein Gericht, Nicht vor des Staatsmanns— ja, auch Staatskunſt will es, Daß du ſie ſiehſt, die öffentliche Meinung Durch eine That der Großmuth dir gewinneſt! 93 Magſt du nachher dich der verhaßten Feindin, Auf welche Weiſe dir's gefällt, entladen. Eliſabeth. Nicht wohlanſtändig wär' mir's, die Verwandte Im Mangel und in Schmach zu ſehn. Man ſagt, Daß ſie nicht königlich umgeben ſey: Vorwerfend waͤr' mir ihres Mangels Anblick. Leiceſter. Nicht ihrer Schwelle brauchſt du dich zu nahn. Hör' meinen Rath. Der Zufall hat es eben Nach Wunſch gefügt. Heut' iſt das große Jagen, An Fotheringhay führt der Weg vorbei, Dort kann die Stuart ſich im Park ergehn, Du kommſt ganz wie von Ungefähr dahin, Es darf nichts als vorherbedacht erſcheinen, Und, wenn es dir zuwider, redeſt du Sie gar nicht an— Eliſabeth. Begeh' ich eine Thorheit, So iſt es Eure, Leſter, nicht die meine. Ich will Euch heute keinen Wunſch verfagen, Weil ich von meinen Unterthanen allen Euch heut' am Weheſten gethan. (Ihn zaͤrtlich anſehend.) Sey's eine Grille nur von Euch. Dadurch Gibt Neigung ſich ja kund, daß ſie bewilligt Aus freier Gunſt, was ſie auch nicht gebilligt. (Leiceſter ſtuͤrzt zu ihren Fuͤßen, der Vorhang faͤllt.) —Q— 94 Dritter Aufzug. — Gegend in einem Park, vorn mit Baͤumen beſetzt, hinten eine weite Ausſicht. Erſter Auftritt. Maria tritt in ſchnellem Lauf hinter Bäumen hervor. Hanna Kennedy folgt langſam. Kennedy. Ihr eilet ja, als wenn Ihr Flügel hättet: So kann ich Euch nicht folgen, wartet doch! Maria. Laß mich der neuen Freiheit genießen, Laß mich ein Kind ſeyn— ſey es mit— Und auf dem grünen Teppich der Wieſen Prüfen den leichten, geflugelten Schritt. Bin ich dem finſtern Gefäͤnguiß entſtiegen? Hält ſie mich nicht mehr, die traurige Gruft? Laß mich in vollen, in durſtigen Zügen Trinken die freie, die himmliſche Luft. Kennedy. 2- O meine theure Lady! Euer Kerker Iſt nur um ein klein Weniges erweitert. 9⁵ Ihr ſeht nur nicht die Mauer, die uns einſchließt, Weil ſie der Baͤume dicht Geſtrauch verſteckt. Maria. O Dank, Dank dieſen freundlich grünen Baumen, Die meines Kerkers Mauern mir verſtecken! Ich will mich frei und glücklich traͤumen: Warum aus meinem ſüßen Wahn mich wecken? Umfängt mich nicht der weite Himmelsſchoß? Die Blicke, frei und feſſellos, Ergehen ſich in ungemeſſ'nen Räumen. Dort, wo die grauen Nebelberge ragen, Faͤngt meines Reiches Gränze an, Und dieſe Wolken, die nach Mittag jagen, Sie ſuchen Frankreichs fernen Ocean. Eilende Wolken, Segler der Lüfte! Wer mit euch wanderte, mit euch ſchiffte! Grüßet mir freundlich mein Jugendland! Ich bin gefangen, ich bin in Banden: Ach, ich hab' keinen andern Geſandten! Frei in Lüften iſt eure Bahn, Ihr ſeyd nicht dieſer Königin unterthan. Kennedy. Ach, theure Lady! Ihr ſeyd außer Euch, Die langentbehrte Freiheit macht Euch ſchwarmen. Maria. Dort legt ein Fiſcher den Nachen an. Dies elende Werkzeug koͤnnte mich retten, Brächte mich ſchnell zu befreundeten Städten. Sparlich nährt es den dürftigen Mann. Beladen wollt' ich ihn reich mit Schätzen, Einen Zug ſollt' er thun, wie er keinen gethan, 96 Das Glück ſollt' er finden in ſeinen Netzen, Naͤhm' er mich ein in den rettenden Kahn. Kennedy. Verlorne Wünſche! Seht Ihr nicht, daß uns Von Ferne dort die Spaͤhertritte folgen? Ein finſter grauſames Verbot ſcheucht jedes Mitleidige Geſchöpf aus unſerm Wege. 7 Maria. Nein, gute Hanna! Glaub' mir, nicht umſonſt Iſt meines Kerkers Thor geöffnet worden. Die kleine Gunſt iſt mir des größern Glücks Verkünderin. Ich irre nicht. Es iſt Der Liebe thaͤt'ge Hand, der ich ſie danke. Lord Leſters mächt'gen Arm erkenn ich drin. Allmählich will man mein Gefäangniß weiten, Durch Kleineres zum Größern mich gewöhnen, Bis ich das Antlitz Deſſen endlich ſchaue, Der mir die Bande löst auf immerdar. . Kennedy. Ach, ich kann dieſen Widerſpruch nicht reimen! Noch geſtern kündigt man den Tod Euch an, Und heute wird Euch plötzlich ſolche Freiheit. Auch Denen, hört' ich ſagen, wird die Kette Gelöst, auf die die ew'ge Freiheit wartet. Maria. Hörſt du das Hifthorn? hörſt bu's klingen, Mächtigen Rufes, durch Feld und Hain? Ach, auf das muthige Roß mich zu ſchwingen, An den fröhlichen Zug mich zu reihn! Noch mehr: o, die bekannte Stimme, Schmerzlich füßer Erinnerung voll, 97 Oft vernahm ſie mein Ohr mit Freuden Auf des Hochlands bergigen Haiden, Wenn die tobende Jagd erſcholl. 6 Zweiter Auftritt. Paulet. Die Vorigen. Paulet. Nun! Hab' ich's endlich recht gemacht, Mylady? Verdien' ich einmal Euren Dank? Maria. Wie, Ritter? Seyd Ihr's, der dieſe Gunſt mir ausgewirkt? Ihr ſeyd's? Paulet. Warum ſoll ich's nicht ſeyn? Ich war Am Hof, ich überbrachte Euer Schreiben. Maria. Ihr uͤbergabt es? Wirklich, thatet Ihr's? Und dieſe Freiheit, die ich jetzt genieße, Iſt eine Frucht des Briefs— Paulet(mit Bedeutung). Und nicht die einz'ge! Macht Euch auf eine größre noch gefaßt. Maria. Auf eine größre, Sir? Was meint Ihr damit? Paulet. Ihr hörtet doch die Hörner— Schillers ſämmtl. Werke. v. ₰ 98 Maria(zurückfahrend; mit Ahnung). . Ihr erſchreckt mich! 5 Paulet. Die Königin jagt in dieſer Gegend. Maria. Was? Vaulet. In wenigen Augenblicken ſteht ſie vor Euch. 4 Kennedy (auf Maria ⸗zueilend, welche zittert und hinzuſinken droht). Wie wird Euch, theure Lady! Ihr verblaßt. 1 Daulet. Nun! Iſt's nun nicht recht? War's nicht Eure Bitte? Sie wird Euch fruͤher gewährt, als Ihr gedacht⸗ Ihr wart ſonſt immer ſo geſchwinder Zunge: Jetzt bringet Eure Worte an, jetzt iſt Der Augenblick, zu reden! Marin. O, warum hat man mich nicht vorbereitet! Jetzt bin ich nicht darauf gefaßt, jetzt nicht. Was ich mir als die höchſte Gunſt erbeten, Dünkt mir jetzt ſchrecklich, fürchterlich— Komm, Hanna, Führ' mich ins Haus, daß ich mich faſſe, mich Erhole— Daulet. Bleibt. Ihr mußt ſie hier erwarten. Wohl, wohl mag's Euch beängſtigen, ich glaub's, 8- Vor Enrem Richter zu erſcheinen. 99 Dritter Auftritt. Graf Schrewsbury zu den Vorigen. Maria. Es iſt nicht darum! Gott, mir iſt ganz anders Zu Muth— Ach, edler Schrewsbury, Ihr kommt, Vom Himmel mir ein Engel zugeſendet! — Ich kann ſie nicht ſehn! Rettet, rettet mich Vor dem verhaßten Anblick—— Schrewsbury. Kommt zu Euch, Koͤnigin! Faßt Euren Muth Zuſammen. Das iſt die entſcheidungsvolle Stunde. Maria. Ich habe drauf geharret— Jahre laug Mich drauf bereitet, Alles hab' ich mir Geſagt und ins Gedachtniß eingeſchrieben, Wie ich ſie rühren wollte und bewegen! Vergeſſen plötzlich, ausgelöſcht iſt Alles, Nichts lebt in mir in dieſem Augenblick, Als meiner Leiden brennendes Gefühl. In blut'gen Haß gewendet wider ſie Iſt mir das Herz, es fliehen alle gute Gedanken, und, die Schlangenhaare ſchüttelnd, Umſtehen mich die finſtern Höllengeiſter. Schrewsbhury. Gebietet Eurem wild empoͤrten Blut, Bezwingt des Herzens Bitterkeit! Es bringt Nicht gute Frucht, wenn Haß dem Haß begegnet. Wie ſehr auch Euer Innres widerſtrebe, Gehorcht der Zeit und dem Geſetz der Stunde! Sie iſt die Machtige— demüuthigt Ench! 100 Mariä. Vor ihr? Ich kann es nimmermehr! Schrewsbury. Thut's dennoch! Sprecht ehrerbietig, mit Gelaſſenheit! Ruft ihre Großmuth an, trotzt nicht, jetzt nicht Auf Euer Recht, jetzo iſt nicht die Stunde. maria. Ach, mein Verderben hab' ich mir erfleht, Und mir zum Fluche wird mein Flehn erhört! Nie haͤtten wir uns ſehen ſollen, niemals! Daraus kann nimmer, nimmer Gutes kommen! Eh' moͤgen Feu'r und Waſſer ſich in Liebe Begegnen, und das Lamm den Tiger küſſen— Ich bin zu ſchwer verletzt— ſie hat zu ſchwer Beleidigt— Nie iſt zwiſchen uns Verſöhnung! Schrewsbury. Seht ſie nur erſt von Angeſicht! Ich ſah es ja, wie ſie von Eurem Brief Erſchüttert war, ihr Auge ſchwamm in Thraͤnen. Nein, ſie iſt nicht gefühllos: hegt Ihr ſelbſt Nur beſſeres Vertrauen— Darum eben Bin ich vorausgeeilt, damit ich Euch In Faſſung ſetzen und ermahnen möͤchte. 3 Maria(ſeine Hand ergreiſend). Ach, Talbot, Ihr wart ſtets mein Freund— Daß ich In Eurer milden Haft geblieben wäre! Es ward mir hart begegnet, Schrewsbury! Schremsbury. Vergeßt jetzt Alles. Darauf denkt allein, Wie Ihr ſie unterwürfig wollt empfangen. 101 Maria. Iſt Burleigh auch mit ihr, mein böſer Engel? Schrewsbury. Niemand begleitet ſie, als Graf von Leſter. Maria. Lord Leſter? . Schrewsbury. Fürchtet nichts von ihm. Nicht er Will Euren Untergang— Sein Werk iſt es, Daß Euch die Königin die Zuſammenkunft Bewilligt. Maria. Ach, ich wußt' es wohl! Schrewsbury. Was ſagt Ihr? Paulet. Die Koͤnigin dommt. (Alles weicht auf die Seite; nur Maria bleibt, auf die Kennedy gelehnt.) Vierter Auftritt. Die Vorigen. Eliſabeth. Graf Keiceſter. Gefolge. Eliſabeth(zu Leiceſter). Wie heißt der Landſitz? Leiceſter. Fotheringhayſchloß. Eliſabeth Gu Schrewsbury). Schickt unſer Jagdgefolg voraus nach London. 10²2 Das Volk dringt allzuheftig in den Straßen, Wir ſuchen Schutz in dieſem ſtillen Park. (Talbot entfernt das Gefolge. Sie fixirt mit den Augen die Maria, indem ſie zu Paulet weiter ſpricht.) 3 Mein gutes Volk liebt mich zu ſehr. Unmaäßig, Abgöttiſch ſind die Zeichen ſeiner Freude: So ehrt man einen Gott, nicht einen Menſchen. Maria (welche dieſe Zeit uͤber halb ohnmächtig auf die Amme gelehnt war, erhebt ſich jetzt, und ihr Auge begegnet dem geſpannten Blick der Eliſabeth. Sie ſchaudert zuſammen und wirft ſich wieder an der Amme Bruſt). O Gott, aus dieſen Zügen ſpricht kein Herz! Eliſabeth. Wer iſt die Lady? (Ein allgemeines Schweigen.) Leiceſter. — Du biſt zu Fotheringhay, Königin. Eliſabeth. (ſtellt ſcch überraſcht und erſtaunt, einen finſtern Blick auf Leiceſtern richtend). Wer hat mir Das gethan? Lord Leſter! 3 Leiceſter. Es iſt geſchehen, Königin— und, nun Der Himmel deinen Schritt hieher gelenkt, So laß die Großmuth und das Mitleid ſiegen. Schrewsbury. Laß dich erbitten, königliche Frau, Dein Aug' auf die Unglückliche zu richten, Die hier vergeht vor deinem Anblick. (Maria rafft ſich zuſammen und will auf die Eliſabeth zugehen, ſteht aber auf halbem Wege ſchaudernd ſtill; ihre Geberden drücken den heftigſten Kampf aus.) 103 Eliſabeth. Wie, Mylords? Wer war es denn, der eine Tiefgebeugte Mir angekündigt? Eine Stolze find' ich, Vom Unglück keineswegs geſchmeidigt. Maria. 4. Sey's: Ich will mich auch noch Dieſem unterwerfen. Fahr' hin, unmaͤcht'ger Stolz der edeln Seele! Ich will vergeſſen, wer ich bin, und was Ich litt; ich will vor ihr mich niederwerfen, Die mich in dieſe Schmach herunterſtieß. (Sie wendet ſich gegen die Koͤnigin.) Der Himmel hat für Euch entſchieden, Schweſter! Gekrönt vom Sieg iſt Euer glücklich Haupt: Die Gottheit bet' ich an, die Euch erhöhte! (Sie faͤllt vor ihr nieder.) Doch ſeyd auch Ihr nun edelmüthig, Schweſter! Laßt mich nicht ſchmachvoll liegen! Eure Hand Streckt aus, reicht mir die königliche Rechte, Mich zu erheben von dem tiefen Fall! Eliſabeth Gurücktretend). Ihr ſeyd an Eurem Platz, Lady Maria! Und dankend preiſ' ich meines Gottes Gnade, Der nicht gewollt, daß ich zu Euren Füßen So liegen ſollte, wie Ihr jetzt zu meinen. Marin(nit ſteigendem Affect). Denkt an den Wechſel alles Menſchlichen! Es leben Götter, die den Hochmuth rächen! Verehret, fürchtet ſie, die ſchrecklichen, Die mich zu Euren Füßen niederſtüͤrzen— 104 Um dieſer fremden Zeugen willen ehrt In mir Euch ſelbſt! entweihet, ſchaͤndet nicht Das Blut der Tudor, das in meinen Adern, Wie in den Euren, fließt— O Gott im Himmel! Steht nicht da, ſchroff und unzuganglich, wie Die Felſenklippe, die der Strandende, Vergeblich ringend, zu erfaſſen ſtrebt. Mein Alles haͤngt, mein Leben, mein Geſchick An meiner Worte, meiner Thränen Kraft: Löst mir das Herz, daß ich das Eure rühre! Wenn Ihr mich anſchaut mit dem Eiſesblick, Schließt ſich das Herz mir ſchaudernd zu, der Strom Der Thranen ſtockt, und kaltes Grauſen feſſelt Die Flehensworte mir im Buſen an. Eliſabeth(ealt und ſtreng). Was habt Ihr mir zu ſagen, Lady Stuart? Ihr habt mich ſprechen wollen. Ich vergeſſe Die Königin, die ſchwer beleidigte, Die fromme Pflicht der Schweſter zu erfüllen, Und meines Anblicks Troſt gewahr' ich Euch. Dem Trieb der Großmuth folg' ich, ſetze mich Gerechtem Tadel aus, daß ich ſo weit Herunterſteige— denn Ihr wißt, Daß Ihr mich habt ermorden laſſen wollen. Maria. Womit ſoll ich den Anfang machen? wie Die Worte klüglich ſtellen, daß ſie Euch Das Herz ergreifen, aber nicht verletzen! O Gott, gib meiner Rede Kraft und nimm Ihr jeden Stachel, der verwunden könnte! Kann ich doch für mich ſelbſt nicht ſprechen, ohne Euch 105 Schwer zu verklagen, und Das will ich nicht. — Ihr habt an mir gehandelt, wie nicht recht iſt: Denn ich bin eine Königin, wie Ihr, Und Ihr habt als Gefangne mich gehalten. Ich kam zu Euch als eine Bittende, Und Ihr, des Gaſtrechts heilige Geſetze, Der Völker heilig Recht in mir verhöhnend, Schloßt mich in Kerkermauern ein; die Freunde, Die Diener werden grauſam mir entriſſen, Unwürd'gem Mangel werd' ich preisgegeben, Man ſtellt mich vor ein ſchimpfliches Gericht— Nichts mehr davon! Ein ewiges Vergeſſen Bedecke, was ich Grauſames erlitt. — Seht! Ich will Alles eine Schickung nennen: Ihr ſeyd nicht ſchuldig, ich bin auch nicht ſchuldig; Ein böſer Geiſt ſtieg aus dem Abgrund auf, Den Haß in unſern Herzen zu entzünden, Der unſre zarte Jugend ſchon entzweit. Er wuchs mit uns, und böſe Menſchen fachten Der unglückſel'gen Flamme Athem zu, Wahnſinn'ge Eiferer bewaffneten Mit Schwert und Dolch die unberufne Hand— Das iſt das Fluchgeſchick der Könige, Daß ſie, entzweit, die Welt in Haß zerreißen Und jeder Zwietracht Furien entfeſſeln, — Jetzt iſt kein fremder Mund mehr zwiſchen uns, (Naͤhert ſich ihr zutraulich und mit ſchmeichelndem Ton.) Wir ſtehn einander ſelbſt nun gegenuber. Jetzt, Schweſter, redet! nennt mir meine Schuld, Ich will Euch völliges Genüge leiſten. Ach, daß Ihr damals mir Gehör geſchenkt, 106 Als ich ſo dringend Euer Auge ſuchte! Es waͤre nie ſo weit gekommen, nicht An dieſem traur'gen Orte geſchahe jetzt Die unglückſelig traurige Begegnung. Eliſabeth. Mein guter Stern bewahrte mich davor, Die Natter an den Buſen mir zu legen. — Nicht die Geſchicke, Euer ſchwarzes Herz Klagt an, die wilde Ehrſucht Eures Hauſes. Nichts Feindliches war zwiſchen uns geſchehn: Da kündigte mir Euer Ohm, der ſtolze, Herrſchwuth'ge Prieſter, der die freche Hand Nach allen Kronen ſtreckt, die Fehde an, Bethörte Euch, mein Wappen anzunehmen, Euch meine Königstitel zuzueignen, Auf Tod und Leben in den Kampf mit mir Zu gehn— Wen rief er gegen mich nicht auf? Der Prieſter Zungen und der Völker Schwert, Des frommen Wahnſinns fürchterliche Waffen; Hier ſelbſt, im Friedensſitze meines Reichs, Blies er mir der Empoͤrung Flammen an— Doch Gott iſt mit mir! und der ſtolze Prieſter Behält das Feld nicht— Meinem Haupte war Der Streich gedrohet, und das Eure fällt! Maria. Ich ſteh' in Gottes Hand. Ihr werdet Euch So blutig Eurer Macht nicht überheben— Eliſabeth. Wer ſoll mich hindern? Euer Oheim gab Das Beiſpiel allen Königen der Welt, 3 Wie man mit ſeinen Feinden Frieden macht. 197 Die Sanct Barthelemi ſey meine Schule! Was iſt mir Blutverwandtſchaft, Völkerrecht? Die Kirche trennet aller Pflichten Band, Den Treubruch heiligt ſie, den Königsmord: Ich übe nur, was Eure Prieſter lehren. Sagt, welches Pfand gewährte mir für Euch Wenn ich großmüthig Eure Bande löste? Mit welchem Schloß verwahr' ich Eure Treue, Das nicht Sanct Peters Schluſſel öffnen kann? Gewalt nur iſt die einz'ge Sicherheit: Kein Bündniß iſt mit dem Gezücht der Schlangen. Maria. O, Das iſt Euer traurig finſtrer Argwohn! Ihr habt mich ſtets als eine Feindin nur Und Fremdlingin betrachtet. Haͤttet Ihr Zu Eurer Erbin mich erklart, wie mir Gebührt, ſo hätten Dankbarkeit und Liebe Euch eine treue Freundin und Verwandte In mir erhalten. 7 Eliſabeth. Draußen, Lady Stuart, Iſt Eure Freundſchaft, Euer Haus das Papſtthum, Der Moͤnch iſt Euer Bruder— Euch zur Erbin Erklären! Der verraͤtheriſche Fallſtrick! Daß Ihr bei meinem Leben noch mein Volk Verführtet, eine liſtige Armida, Die edle Jugend meines Königreichs In Eurem Buhlernetze ſchlau verſtricktet— Daß Alles ſich der neu aufgehnden Sonne Zuwendete, und ich— 108 Mariu. Regiert in Frieden! Jedwedem Anſpruch auf dies Reich entſag' ich. Ach, meines Geiſtes Schwingen ſind gelaͤhmt: Nicht Größe lockt mich mehr— Ihr habt's erreicht, Ich bin nur noch der Schatten der Maria. Gebrochen iſt in langer Kerkerſchmach Der edle Muth— Ihr habt das Aeußerſte an mir Gethan, habt mich zerſtört in meiner Blüthe! — Jetzt macht ein Ende, Schweſter! Sprecht es aus, Das Wort, um deſſentwillen Ihr gekommen, Denn nimmer will ich glauben, daß Ihr kamt, Um Euer Opfer grauſam zu verhöhnen. 3 Sprecht dieſes Wort aus! Sagt mir:„Ihr ſeyd frei, „Maria! Meine Macht habt Ihr gefühlt; „Jetzt lernet meinen Edelmuth verehren.“ Sagt's, und ich will mein Leben, meine Freiheit Als ein Geſchenk aus Eurer Hand empfangen. — Ein Wort macht Alles ungeſchehn. Ich warte Darauf. O, laßt mich's nicht zu lang erharren! Weh' Euch, wenn Ihr mit dieſem Wort nicht endet! Denn, wenn Ihr jetzt nicht ſegenbringend, herrlich, Wie eine Gottheit, von mir ſcheidet— Schweſter! Nicht um dies ganze reiche Eiland, nicht Um alle Länder, die das Meer umfaßt, Möcht' ich vor Euch ſo ſtehn, wie Ihr vor mir! . Eliſabeth. Bekennt Ihr endlich Euch für überwunden? Iſt's aus mit Euren Ränken? Iſt kein Mörder Mehr unterweges? Will kein Abenteurer Für Euch die traur'ge Ritterſchaft mehr wagen? 109 — Ja, es iſt aus, Lady Maria. Ihr verfuͤhrt Mir Keinen mehr. Die Welt hat andre Sorgen. Es lüſtet Keinen, Euer— vierter Mann Zu werden: denn Ihr tödtet Eure Freier, Wie Enre Maͤnner! Maria(auffahrend). Schweſter! Schweſter! O Gott! Gott! Gib mir Mäͤßigung! Eliſabeth (ſieht ſie lange mit einem Blick ſtolzer Verachtung an). Das alſo ſind die Reizungen, Lord Leſter, Die ungeſtraft kein Mann erblickt, daneben Kein andres Weib ſich wagen darf zu ſtellen! Fürwahr! Der Ruhm war wohlfeil zu erlangen: Es koſtet nichts, die allgemeine Schönheit In ſeyn, als die gemeine ſeyn für Alle! Maria. Das iſt zu viel! Eliſabeth Choͤhniſch lachend). Jetzt zeigt Ihr Euer wahres Geſicht; bis jetzt war's nur die Larve. Maria (vor Zorn gluͤhend, doch mit einer edlen Würde). Ich habe menſchlich, jugendlich gefehlt, Die Macht verfuhrte mich, ich hab' es nicht Verheimlicht und verborgen: falſchen Schein Hab' ich⸗verſchmäht mit königlichem Freimuth. Das Aergſte weiß die Welt von mir, und ich Kann ſagen, ich bin beſſer, als mein Ruf. Weh' Euch, wenn ſie von Euren Thaten einſt Den Ehrenmantel zieht, womit Ihr gleißend 110 Die wilde Glut verſtohlner Luſte deckt. Nicht Ehrbarkeit habt Ihr von Eurer Mutter Geerbt: man weiß, um welcher Tugend willen Anna von Boleyn das Schaffot beſtiegen. Schrewsbury (tritt zwiſchen beide Koͤniginnen). O Gott des Himmels! Muß es dahin kommen! Iſt Das die Maͤßigung, die Unterwerfung, Lady Maria? Mäßigung! Ich habe Ertragen, was ein Menſch ertragen kann. Fahr' hin, lammherzige Gelaſſenheit! Zum Himmel fliehe, leidende Geduld! Spreng' endlich deine Bande, tritt hervor Aus deiner Höhle, langverhaltner Groll! Und du, der dem gereizten Baſilisk Den Mordblick gab, leg' auf die Zunge mir Den gift'gen Pfeil— Schrewsbury. O, ſie iſt außer ſich! Verzeih' der Raſenden, der ſchwer Gereizten! (Eliſabeth, vor Zorn ſprachlos, ſchießt wuͤthende Blicke auf Marien.) Leiceſter 6 (in der heftigſten Unruhe, ſucht die Eliſabeth hinweg zu fuͤhren). 6 Höre Die Wuͤthende nicht an! Hinweg, hinweg Von dieſem unglüͤckſel'gen Ort! Maria. Der Thron von England iſt durch einen Baſtard Entweiht, der Britten edelherzig Volk — 111 Durch eine liſt'ge Gauklerin betrogen. — Regierte Recht, ſo läget Ihr vor mir Im Stanbe jetzt: denn ich bin Euer König. (Eliſabeth geht ſchnell ab, die Lords folgen ihr in der hoͤchſten Be⸗ ſtuͤrzung.) Fünfter Auftritt. Mlaria. Kennedy. Kennedy. O, was habt Ihr gethan! Sie geht in Wuth! Jetzt iſt es aus, und alle Hoffnung ſchwindet. Maria(noch ganz außer ſich). Sie geht in Wuth! Sie traͤgt den Tod im Herzen! (Der Kennedy um den Hals fallend.) O, wie mir wohl iſt, Hanna! Endlich, endlich, Nach Jahren der Erniedrigung, der Leiden, Ein Augenblick der Rache, des Triumphs! Wie Bergeslaſten fällt's von meinem Herzen, Das Meſſer ſtieß ich in der Feindin Bruſt. Ken nedy. 1 Unglückliche! Der Wahnſinn reißt Euch hin, Ihr habt die Unverſöhnliche verwundet. Sie führt den Blitz, ſie iſt die Königin; Vor ihrem Buhlen habt Ihr ſie verhöhnt! Maria. Vor Leſters Augen hab' ich ſie erniedrigt! Er ſah es, er bezeugte meinen Sieg, Wie ich ſie niederſchlug von ihrer Höhe, Er ſtand dabei, mich ſtärkte ſeine Nahe! 112 Sechster Auftritt. Mlortimer zu den Vorigen. Kennedy. O Sir! Welch ein Erfolg— Mortimer. Ich hörte Alles. (Gibt der Amme ein Zeichen, ſich auf ihren Poſten zu begeben und tritt näher. Sein ganzes Weſen druͤckt eine heftige, leidenſchaftliche Stimmung aus.) Du haſt geſiegt! du tratſt ſie in den Staub! Du warſt die Königin, ſie der Verbrecher. Ich bin entzuckt von deinem Muth, ich bete Dich an: wie eine Göttin, groß und herrlich, Erſcheinſt du mir in dieſem Augenblick. Maria. Ihr ſpracht mit Leſtern, überbrachtet ihm Mein Schreiben, mein Geſchenk— O redet, Sir! 5 Mortimer (mit gluͤhenden Blicken ſie betrachtend). Wie dich der edle königliche Zorn Umglänzte, deine Reize mir verklärte! Du biſt das ſchönſte Weib auf dieſer Erde! Maria. Ich bitt' Euch, Sir! Stillt meine Ungeduld. Was ſpricht Mylord? O ſagt, was darf ich hoffen? Mortimer. Wer? Er? Das iſt ein Feiger, Elender! Hofft nichts von ihm, verachtet ihn, vergeßt ihn! Maria. Was ſagt Ihr? — 113 Mortimer. Er Euch retten und beſitzen! Er Euch! Er ſoll es wagen! Er! Mit mir Muß er auf Tod und Leben darum kampfen! Maria. Ihr habt ihm meinen Brief nicht übergeben? — O, dann iſt's aus! Mortimer. Der Feige liebt das Leben. Wer dich will retten und die Seine nennen, Der muß den Tod beherzt umarmen können. Maria. Er will nichts für mich thun? Mortimer. Nichts mehr von ihm! Was kann er thun, und was bedarf man ſein? Ich will dich retten, ich allein! Maria. Ach, was vermögt Ihr! Mortimer. Täuſchet Euch nicht mehr, Als ob es noch wie geſtern mit Euch ſtände! So wie die Köͤnigin jetzt von Euch ging, Wie dies Geſpraͤch ſich wendete, iſt 4 Verloren, jeder Gnadenweg geſperr Der That bedarf's jetzt, Kühn et muß entſcheiden, Für Alles werde Alles friſch gewagt; Frei müßt Ihr ſeyn, noch eh' der Morgen tagt. Maria. Was ſprecht Ihr? Dieſe Nacht! Wie iſt Das möglich? Schillers ſaͤmmtl. Werke. V. 8 114 Mortimer. Hoͤrt, was beſchloſſen iſt. Verſammelt hab' ich In heimlicher Kapelle die Gefaͤhrten; Ein Prieſter hörte unſre Beichte an, Ablaß iſt uns ertheilt für alle Schulden, Die wir begingen, Ablaß im Voraus Für alle, die wir noch begehen werden. Das letzte Sacrament empfingen wir, Und fertig ſind wir zu der letzten Reiſe. Maria. O, welche fürchterliche Vorbereitung! Mortimer. Dies Schloß erſteigen wir in dieſer Nacht, Der Schlüſſel bin ich mächtig. Wir ermorden Die Hüter, reißen dich aus deiner Kammer. Gewaltſam ſterben muß von unſrer Hand, Daß Niemand überbleibe, der den Raub Verrathen könne, jede lebende Seele. Maria. Und Drury, Paulet, meine Kerkermeiſter? O, eher werden ſie ihr letztes Blut— Mortimer. Von meinem Dolche fallen ſie zuerſt! Maria. Was? Ener Oheim, Euer zweiter Vater? 1 Mortimer. Von meinen Handen ſtirbt er. Ich ermord' ihn. Maria. O blur'ger Frevel! Mortimer. Alle Frevel ſind 115 Vergeben im Voraus. Ich kann das Aergſte Begehen, und ich will's. Maria. O ſchrecklich, ſchrecklich! Mortimer. Und müßt' ich auch die Königin durchbohren. Ich hab' es auf die Hoſtie geſchworen. Maria. Nein, Mortimer! Eh' ſo viel Blut um mich— Mortimer. Was iſt mir alles Leben gegen dich Und meine Liebe! Mag der Welten Band Sich löſen, eine zweite Waſſerflut Herwogend alles Athmende verſchlingen — Ich achte nichts mehr! Eh' ich dir entſage, Eh' nahe ſich das Ende aller Tage. Maria Curücktretend). Gott! welche Sprache, Sir, und— welche Blicke! — Sie ſchrecken, ſie verſcheuchen mich. Mortimer (mit irren Blicken und im Ausdruck des ſtillen Wahnſinus). Das Leben iſt Nur ein Moment, der Tod iſt auch nur einer! — Man ſchleife mich nach Tyburn, Glied für Glied Zerreiße man mit glühnder Eiſenzange, Endem er heftig auf ſie zugeht, mit ausgebreiteten Armen.) Wenn ich dich, Heißgeliebte, umfange— Maria(zurücktretend). Unſinniger, zurück!— 116 Mortimer. An dieſer Bruſt, Auf dieſem liebeathmenden Munde— Maria. Um Gotteswillen, Sir! Laßt mich hinein gehn! Mortimer. Der iſt ein Raſender, der nicht das Glück Feſthaͤlt in unaufloͤslicher Umarmung, Wenn es ein Gott in ſeine Hand gegeben. Ich will dich retten, koſt' es tauſend Leben! Ich rette dich, ich will es, doch, ſo wahr Gott lebt! ich ſchwör's, ich will dich auch beſitzen. Maria. O, will kein Gott, kein Engel mich beſchutzen! Furchtbares Schickſal! Grimmig ſchleuderſt du Von einem Schreckniß mich dem andern zu. Bin ich geboren, nur die Wuth zu wecken? Verſchwort ſich Haß und Liebe, mich zu ſchrecken? Mortimer. Ja, glühend, wie ſie haſſen, lieb' ich dich! Sie wollen dich enthaupten, dieſen Hals, Den blendend weißen, mit dem Beil durchſchneiden. O, weihe du dem Lebensgott der Freuden, Was du dem Haſſe blutig opfern mußt! Mit dieſen Reizen, die nicht dein mehr ſind, Beſelige den glücklichen Geliebten! Die ſchöne Locke, dieſes ſeidne Haar, Verfallen ſchon den finſtern Todesmächten, Gebrauch's, den Sklaven ewig zu uunſtesßtent Maria. O, welche Sprache muß ich hören! Sir! Mein Unglück ſollt' Euch heilig ſeyn, mein Leiden, Wenn es mein königliches Haupt nicht iſt. Mortimer. Die Krone iſt von deinem Haupt gefallen, Du haſt nichts mehr von ird'ſcher Majeſtat, Verſuch' es, laß dein Herrſcherwort erſcha lien, Ob dir ein Freund, ein Retter auferſteht. Nichts blieb dir, als die rührende Geſtalt, Der hohen Schoͤnheit göttliche Gewalt, Die läßt mich Alles wagen und vermogen, Die treibt dem Beil des Henkers mich entgegen— Maria. O, wer errettet mich von ſeiner Wuth! Mortimer. Verwegner Dienſt belohnt ſich auch verwegen Warum verſpritzt der Tapfere ſein Blut? Iſt Leben doch des Lebens höchſtes Gut! Ein Raſender, der es umſonſt verſchleudert! Erſt will ich ruhn an ſeiner waͤrmſten Bruſt— (Er preßt ſie heftig an ſich.) Maria. „ muß ich Hulfe rufen gegen den Mann, Der mein Erretter— Mortimer. Du biſt nicht gefühllos; Nicht kalter Strenge klagt die Welt dich an; Dich kann die heiße Liebesbitte rhren, Du haſt den Sänger Rizzio beglückt, Und jener Bothwell durfte dich entführen. Maria. Vermeſſener! 118 Mortimer. Er war nur dein Tyrann! Du zitterteſt vor ihm, da du ihn liebteſt! Wenn nur der Schrecken dich gewinnen kann, Beim Gott der Höolle!— Maria. Laßt mich! Raſet Ihr? Mortimer. Erzittern ſollſt du auch vor mir! 4 Kennedy(hereinſtürzend). Man naht. Man kommt. Bemaffnet Volk erfüllt Den ganzen Garten. Mortimer (auffahrend und zum Degen greifend). Ich beſchütze dich! Maria.. O Hanna, rette mich aus ſeinen Händen! Wo find' ich Aermſte einen Zufluchtort? Zu welchem Heiligen ſoll ich mich wenden? Hier iſt Gewalt, und drinnen iſt der Mord. (Sie flieht dem Hauſe zu, Kennedy folgt.) Siebenter Auftritt. Mortimer. Paulet und Drury, welche außer ſich hereinſtürzen. Gefolge eilt über die Scene. Paulet. Verſchließt die Pforten. Zieht die Bruͤcken auf! . Mortimer. Oheim, was iſt's? 119 Paulet. Wo iſt die Moͤrderin? Hinab mit ihr ins finſterſte Gefangniß! Mortimer. Was gibt's? Was iſt geſchehn? Paulet. 3 Die Königin! Verfluchte Hände! Teufliſches Erkühnen! Mortimer. Die Königin! Welche Königin? Paulet. Von England! Sie iſt ermordet auf der Londner Straße! (Eilt ins Haus.) Achter Auftritt. Mortimer, gleich darauf Okelly. Mortimer. Bin ich im Wahnwitz? Kam nicht eben Jemand Vorbei und rief: Die Königin ſey ermordet? Nein, nein, mir traͤumte nur. Ein Fieberwahn Bringt mir als wahr und wirklich vor den Sinn, Was die Gedanken gräßlich mir erfüllt. Wer kommt? Es iſt Okell'. So ſchreckenvoll! Okelly(bereinſtürzend). Flieht, Mortimer! Flieht! Alles iſt verloren. 3 Mortimer. Was iſt verloren? 120 Okelly. Fragt nicht lange. Denkt Auf ſchnelle Flucht! Mortimer. Was gibt's denn? Okelly. Sauvage führte Den Streich, der Raſende. Mortimer. So iſt es wahr? Okelly. Wahr, wahr! O, rettet Euch! Mortimer. Sie iſt ermordet, Und auf den Thron von England ſteigt Maria! Okelly. Ermordet! Wer ſagt Das? Mortimer. Ihr ſelbſt! Okelly. Sie lebt! Und ich und Ihr, wir Alle ſind des Todes. Mortimer. Okelly. Der Stoß ging fehl, der Mantel fing ihn auf, Und Schrewsbury entwaffnete den Mörder. Mortimer. Okelly. Lebt, um uns Alle zu verderben! Kommt, man umzingelt ſchon den Park. Sie lebt? Sie lebt? 121 Mortimer. Wer hat Das Raſende gethan? Okelly. Der Barnabit' Aus Toulon war's, den Ihr in der Kapelle Tiefſinnig ſitzen ſaht, als uns der Mönch Das Anathem' ausdeutete, worin Der Papſt die Königin mit dem Fluch belegt. Das Nächſte, Kürzeſte wollt' er ergreifen, Mit einem kecken Streich die Kirche Gottes Befrein, die Martyrkrone ſich erwerben! Dem Prieſter nur vertraut' er ſeine That, Und auf dem Londner Weg ward ſie vollbracht. Mortimer (nach einem langen Stillſchweigen). O, dich verfolgt ein grimmig wüthend Schickſal, Ungückliche! Jetzt— ja, jetzt mußt du ſterben, Dein Engel ſelbſt bereitet deinen Fall. Okelly. Sagt! sohin wendet Ihr die Flucht? Ich gehe, Mich in des Nordens Waldern zu verſergen Mortimer. Flieht hin, und Gott geleite Eure Flucht! Ich bleibe. Noch verſuch' ich's, ſie zu retten, Wo nicht, as ihrem Sarge mir zu betten. (Gehen ab zu verſchiedenen Seiten.) 122 Vierter Aufzug. Vorzimmer. Erſter Auftritt. Graf Aubeſpine, Kent und Keireſter. Aubeſpine. Wie ſteht's um Ihro Majeſtat? Mylords, Ihr ſeht mich noch ganz außer mir vor Schrecken. Wie ging Das zu? Wie konnte Das in Mitte Des allertreuſten Volks geſchehen? Leiceſter. Es geſchah Durch Keinen aus dem Volke. Der es that, War Eures Königs Unterthan, ein Franke. Aubeſpine. Ein Raſender gewißlich! . Kent. Ein Papiſt, Graf Aubeſpine! Papiſ 123 Zweiter Auftritt. Vorige. Burleigh im Geſpräch mit Daviſon. Burleigh. Sogleich muß der Befehl Zur Hinrichtung verfaßt und mit dem Siegel Verſehen werden— Wenn er ausgefertigt, Wird er der Königin zur Unterſchrift Gebracht. Geht! Keine Zeit iſt zu verlieren. Daviſon. Es ſoll geſchehn.(Geht ab.) Aubeſpine(Burleigh entgegen). Mylord, mein treues Herz Theilt die gerechte Freude dieſer Inſel. Lob ſey dem Himmel, der den Mörderſtreich Gewehrt von dieſem königlichen Haupt! Burleigh. Er ſey gelobt, der unſrer Feinde Bosheit Zu Schanden machte! Aubeſpine. Mög' ihn Gott verdammen, Den Thäter dieſer fluchenswerthen That! Burleigh. Den Thater und den ſchaͤndlichen Erfinder. Aubeſpine(Gu Kent). Gefällt es Eurer Herrlichkeit, Lordmarſchall, Bei Ihro Majeſtaͤt mich einzuführen, Daß ich den Gluͤckwunſch meines Herrn und Königs Zu ihren Füßen ſhuldigſt niederlege— Zurleigh. Bemüht Euch nicht, Graf Aubeſpine. Aubeſpine officios). Ich weiß, Lord Burleigh, was mir obliegt. Zurleigh. Euch liegt ob, Die Inſel auf das Schleunigſte zu raͤumen. Aubeſpine(tritt erſtaunt zurück). Was? Wie iſt Das? Burleigh. Der heilige Charakter Beſchuͤtzt Euch heute noch und morgen nicht mehr. Aubeſpine. Und was iſt mein Verbrechen? Burleigh. Weun ich es Genannt, ſo iſt es nicht mehr zu vergeben. Aubeſpine. Ich hoffe, Lord, das Recht der Abgeſandten— . Burleigh. Schutzt— Reichsverräͤther nicht. Leiceſter und Keut. Ha! Was iſt Das? Aubeſpine. Mylord, Bedenkt Ihr wohl— Burleigh. Ein Paß, von Eurer Hand Geſchrieben, fand ſich in des Mörders Taſche. 3 Kent. Iſt's möglich? Aubeſpine. Viele Päſſe theil' ich aus: Ich kann der Menſchen Innres nicht erforſchen. Burleigh. In Eurem Hauſe beichtete der Mörder. Aubeſpine. Mein Haus iſt offen.. Burleigh. Jedem Feinde Englands. 4 Aubeſpine. Ich fordre Unterſuchung. Burleigh. Fürchtet ſie! Aubeſpine. In meinem Haupt iſt mein Monarch verletzt: Zerreißen wird er das geſchloſſ'ne Bündniß. Burleigh. Zerriſſen ſchon hat es die Königin: England wird ſich mit Frankreich nicht vermählen. Mylord von Kent! Ihr übernehmet es, Den Grafen ſicher an das Meer zu bri ng Das aufgebrachte Volk hat ſein Hotel Geſtürmt, wo ſich ein ganzes Arſenal Von Waffen fand; es droht, ihn zu zerreißen, Wie er ſich zeigt; verberget ihn, bis ſich Die Wuth gelegt— Ihr haftet für ſein Leben! Aubeſpine. Ich gehe, ich verlaſſe dieſes Land, Wo man der Völker Recht mit Füßen tritt Und mit Vertragen ſpielt— doch mein Monarch Wird blud'oge Rechenſchaft— 126 Burleigh. Er hole ſie! (Kent und Aubeſpine gehen ab.) Dritter Auftritt. Heireſter und Burleigh. Leireſter. 9 So löst Ihr ſelbſt das Bündniß wieder auf, Das Ihr geſchäftig unberufen knüpftet. Ihr habt um England wenig Dank verdient, Mylord, die Mühe konntet Ihr Euch ſparen. Burleigh. Mein Zweck war gut. Gott leitete es anders. Wohl Dem, der ſich nichts Schlimmeres bewußt iſt! Leiceſter. Man kennt Cecils geheimnißreiche Miene, Wenn er die Jagd auf Staatsverbrechen macht. — Jetzt, Lord, iſt eine gute Zeit für Euch: Ein ungeheurer Frevel iſt geſchehn, 1 Und noch umhüllt Geheimniß ſeine Thäter. Jetzt wird ein Inquiſitionsgericht Eröffnet. Wort' und Blicke werden abgewogen, Gedanken ſelber vor Gericht geſtellt. Da ſeyd Ihr der allwicht'ge Mann, der Atlas Des Staats: ganz England liegt auf Euren Schultern. Burleigh. In Euch, Mylord, erkenn' ich meinen Meiſter; Denn ſolchen Sieg, als Eure Rednerkunſt Erfocht, hat meine nie davon getragen. 127 Leiceſter. Was meint Ihr damit, Lord? Vurleigh. Ihr wart es doch, der hinter meinem Rücken Die Königin nach Fotheringhayſchloß Zu locken wußte? Leiceſter. Hinter Eurem Rücken! Wann ſcheuten meine Thaten Eure Stirn'? Burleigh. Die Königin hättet Ihr nach Fotheringhay Geführt? Nicht doch! Ihr habt die Königin Nicht hingefuͤhrt!— Die Königin war es, Die ſo gefällig war, Euch hinzuführen. Leiceſter. Was wollt Ihr damit ſagen, Lord? Burleigh. Die edle Perſon, die Ihr die Königin dort ſpielen ließt! Der herrliche Triumph, den Ihr der arglos Vertrauenden bereitet!— Gut'ge Fürſtin! So ſchamlos frech verſpottete man dich, So ſchonungslos wardſt du dahingegeben! — Das alſo iſt die Großmuth und die Milde, Die Euch im Staatsrath plötzlich angewandelt! Darum iſt dieſe Stuart ein ſo ſchwacher, Verachtungswerther Feind, daß es der Müh' Nicht lohnt, mit ihrem Blut ſich zu beflecken! Ein feiner Plan! fein zugeſpitzt! nur, Schade, Zu fein geſcharfet, daß die Spitze brach! Leiceſter. Nichtswürdiger! Gleich folgt mir! An dem Throne Der Königin ſollt Ihr mir Rede ſtehn. Vurleigh. Dort trefft Ihr mich— Und ſehet zu, Mylord, Daß Euch dort die Beredſamkeit nicht fehle! (Geht ab.) Vierter Auftritt. Leiceſter allein, darauf Mortimer. Leiceſter. Ich bin entdeckt, ich bin durchſchaut— Wie kam Der Unglückſelige auf meine Spuren! Weh' mir, wenn er Beweiſe hat! Erfaͤhrt Die Königin, daß zwiſchen mir und der Maria r Verſtändniſſe geweſen— Gott, wie ſchuldig Steh' ich vor ihr! Wie hinterliſtig treulos Erſcheint mein Rath, mein unglückſeliges Bemühn, nach Fotheringhay ſie zu führen! Grauſam verſpottet ſieht ſie ſich von mir, An die verhaßte Feindin ſich verrathen! O, nimmer, nimmer kann ſie Das verzeihn! Vorherbedacht wird Alles nun erſcheinen, Auch dieſe bittre Wendung des Geſprächs, Der Gegnerin Triumph und Hohngelächter, Ja, ſelbſt die Mörderhand, die blutig, ſchrecklich, Ein unerwartet ungeheures Schickſal, Dazwiſchen kam, werd' ich bewaffnet haben! Nicht Rettung ſeh' ich, nirgends! Ha! Wer kommt! 129 Mortimer (Commt in der heftigſten Unruhe und blickt ſcheu umher). Graf Leſter! Seyd Ihr's! Sind wird ohne Zeugen? Leirceſter. Unglücklicher, hinweg! Was ſucht Ihr hier? Mortimer. Man iſt auf unſrer Spur, auf Eurer auch: Nehmt Euch in Acht! Leiceſter. Hinweg, hinweg! Mortimer. Man weiß, Daß bei dem Grafen Aubeſpine geheime Verſammlung war— Leiceſter. Was kümmert's mich! . Mortimer. Daß ſich der Mörder Dabei befunden— Leiceſter. Das iſt Eure Sache! Verwegener! was unterfangt Ihr Euch, In Euren blut'gen Frevel mich zu flechten? Vertheidigt Eure böſen Handel ſelbſt! Mortimer. So hört mich doch nur an. Leiceſter(in heftigem Zorn). Geht in die Hölle! Was hangt Ihr Euch, gleich einem böſen Geiſt, An meine Ferſen! Fort! Ich kenn' Euch nicht; Ich habe nichts gemein mit Meuchelmördern. Schillers ſämmtl. Werke. V. 9 130 Mortimer. Ihr wollt nicht hören. Euch zu warnen komm' ich: Auch Eure Schritte ſind verrathen— Leiceſter. Ha! Mortimer. Der Großſchatzmeiſter war zu Fotheringhay Sogleich, nachdem die Unglücksthat geſchehn war; Der Königin Zimmer wurden ſtreng durchſucht, Da fand ſich— Leiceſter. Mortimer. Ein angefangner Brief Der Königin an Euch— Leiceſter. Die Unglückſel'ge! Mortimer. Worin ſie Euch auffordert, Wort zu halten! Euch das Verſprechen ihrer Hand erneuert, Des Bildniſſes gedenkt— Leiceſter. Tod und Verdammniß! Mortimer. Lord Burleigh hat den Brief. Leiceſter. Ich bin verloren! (Er geht während der folgenden Rede Mortlmers verzweiflungsvoll auf und nieder.) Mortimer. Ergreift den Augenblick! Kommt ihm zuvor! 131 Errettet Euch, errettet ſie— Schwoͤrt Euch Heraus, erſinnt Entſchuldigungen, wendet Das Aergſte ab! Ich ſelbſt kann nichts mehr thun. Zerſtreut ſind die Gefährten, auseinander Geſprengt iſt unſer ganzer Bund. Ich eile Nach Schottland, neue Freunde dort zu ſammeln. An Euch iſt's jetzt: verſucht, was Euer Anſehn, Was eine kecke Stirn' vermag! Leiceſter(ſieht ſtill, plötzlich beſonnen). Das will ich. (Er geht nach der Thür', öffnet ſie und ruft.) He dal! Trabanten! (Zu dem Ofſicier, der mit Bewaffneten hereintritt.) Dieſen Staatsverraͤther Nehmt in Verwahrung und bewacht ihn wohl! Die ſchaͤndlichſte Verſchwörung iſt entdeckt: Ich bringe ſelbſt der Königin die Botſchaft. (Er geht ab.) Mortimer (ſteht anfangs ſtarr vor Erſtaunen, ſaßt ſich aber bald und ſieht Leiceſtern mit einem Blick der tiefſten Verachtung nach). Ha, Schandlicher!— Doch jch verdiene Das. Wer hieß mich auch dem Elenden vertrauen? Weg über meinen Nacken ſchreitet er; Mein Fall muß ihm die Rettungsbrücke bauen. — So rette dich! Verſchloſſen bleibt mein Mund, Ich will dich nicht in mein Verderben flechten. Auch nicht im Tode mag ich deinen Bund: Das Leben iſt das einz'ge Gut des Schlechten. (Zu dem Officier der Wache, der hervortritt, um ihn geſangen nehmen.) — 132 Was willſt du, feiler Sklav' der Tyrannei? Ich ſpotte deiner, ich bin frei! (Einen Dolch ziehend.) Officier. Er iſt bewehrt— Entreißt ihm ſeinen Dolch! (Sie dringen auf ihn ein, er erwehrt ſich ihrer.) Mortimer. Und frei im letzten Augenblicke ſoll Mein Herz ſich öffnen, meine Zunge löſen! Fluch und Verderben euch, die ihren Gott Und ihre wahre Königin verrathen! Die von der irdiſchen Maria ſich Treulos, wie von der himmliſchen, gewendet, Sich dieſer Baſtardkönigin verkauft— Officier. Hört ihr die Läſtrung! Auf! Ergreifet ihn! Mortimer. Geliebte! Nicht erretten konnt' ich dich, So will ich dir ein männlich Beiſpiel geben. Maria, heil'ge, bitt' für mich Und nimm mich zu dir in dein himmliſch Leben! (Er durchſticht ſich mit dem Dolch und fällt der Wache in die Arme.) Zimmer der Königin. Fünfter Auftritt. Eliſabeih, emen Brief inder Hand. Burleigh. Eliſabeth. Mich hinzuführen! Solchen Spott mit mir 133 Zu treiben! Der Verraͤther! Im Triumph Vor ſeiner Buhlerin mich aufzuführen! O, ſo ward noch kein Weib betrogen, Burleigh! Zurleigh. Ich kann es noch nicht faſſen, wie es ihm, Durch welche Macht, durch welche Zauberkünſte Gelang, die Klugheit meiner Königin So ſehr zu überraſchen. Eliſabeth. O, ich ſterbe Vor Scham! Wie mußt' er meiner Schwäche ſpotten! Sie glaubt' ich zu erniedrigen und war, Ich ſelber, ihres Spottes Ziel! Zurleigh. Du ſiehſt nun ein, wie treu ich dir gerathen! Eliſabeth. O, ich bin ſchwer dafuͤr geſtraft, daß ich Von Eurem weiſen Rathe mich entfernt! Und ſollt' ich ihm nicht glauben? In den Schwüren Der treuſten Liebe einen Fallſtrick fürchten? Wem darf ich trau'n, wenn er mich hinterging? Er, den ich groß gemacht vor allen Großen, Der mir der Nächſte ſtets am Herzen war, Dem ich verſtattete, an dieſem Hof Sich wie der Herr, der König zu betragen! Zurleigh. Und zu derſelben Zeit verrieth er dich An dieſe falſche Königin von Schottland! Eliſabeth. O, ſie bezahle mir's mit ihrem Blut! — Sagt! iſt das Urtheil abgefaßt? 134 Vurleigh. Es liegt Bereit, wie du befohlen. Eliſabeth. Sterben ſoll ſie! Er ſoll ſie fallen ſehn und nach ihr fallen. Verſtoßen hab' ich ihn aus meinem Herzen: Fort iſt die Liebe; Rache füllt es ganz. So hoch er ſtand, ſo tief und ſchmählich ſey Sein Sturz! Er ſey ein Denkmal meiner Strenge, Wie er ein Beiſpiel meiner Schwäche war. Man führ' ihn nach dem Tower; ich werde Peers Ernennen, die ihn richten. Hingegeben Sey er der ganzen Strenge des Geſetzes. 1 Burleigh. Er wird ſich zu dir drängen, ſich rechtfert'gen— Eliſabeth. Wie kann er ſich rechtfert'gen? Ueberführt Ihn nicht der Brief? O, ſein Verbrechen iſt Klar, wie der Tag! Burleigh. Doch du biſt mild und gnaͤdig: Sein Anblick, ſeine mächt'ge Gegenwart— Eliſabeth. Ich will ihn nicht ſehn. Niemals, niemals wieder! Habt Ihr Befehl gegeben, daß man ihn Zurück weist, wenn er kommt? Burleigh. So iſt's vefohlen! Page t(tritt ein). Mylord von Leſter! 135 Königin. Der Abſcheuliche! Ich will ihn nicht ſehn. Sagt ihm, daß ich ihn Nicht ſehen will. Page. 8 Das wag' ich nicht dem Lord Zu ſagen, und er würde mir's nicht glauben. Königin. So hab' ich ihn erhöht, daß meine Diener Vor ſeinem Anſehn mehr als meinem zittern! Zurleigh Gum Pagen). Die Königin verbiet' ihm, ſich zu nahn! Gage geht zöͤgernd ab.) Königin(nach einer Pauſe). Wenn's dennoch möglich waͤre— Wenn er ſich Rechtfert'gen könnte!— Sagt mir, könnt' es nicht Ein Fallſtrick ſeyn, den mir Maria legte, Mich mit dem treuſten Freunde zu entzwein? O, ſie iſt eine abgefeimte Bübin! Wenn ſie den Brief nur ſchrieb, mir gift'gen Argwohn Ins Herz zu ſtreun, ihn, den ſie haßt, ins Unglück Zu ſtuͤrzen— Burleigh. Aber, Königin, erwäge— 136 Sechster Auftritt. Porige. Keiceſter. Leiceſter (reißt die Thüre mit Gewalt auf und tritt mit gebieteriſchem Weſen herein). Den Unverſchämten will ich ſehn, der mir Das Zimmer meiner Konigin verbietet. Eliſabeth. Ha, der Verwegene! Leiceſter. Mich abzuweiſen! Wenn ſie für einen Burleigh ſichtbar iſt, So iſt ſie's auch für mich! Burleigh. Ihr ſeyd ſehr kühn, Mylord, Hier wider die Erlaubniß einzuſtürmen. Leiceſter. Ihr ſeyd ſehr frech, Lord, hier das Wort zu nehmen. Erlaubniß? Was? Es iſt an dieſem Hofe Niemand, durch deſſen Mund Graf Leſter ſich Erlauben und verbieten laſſen kann! (Indem er ſich der Eliſabeth demüthig nähert.) Aus meiner Koͤnigin eignem Mund will ich— Eliſabeth(ohne ihn anzuſehen). Aus meinem Angeſicht, Nichtswürdiger! Leiceſter. Nicht meine gütige Eliſabeth, Den Lord vernehm' ich, meinen Feind, in dieſen Unholden Worten— Ich berufe mich auf meine Eliſabeth— du lieheſt ihm dein Ohr: Das Gleiche fordr' ich. 137 Elifabetb. Redet, Schändlicher! Vergrößert Euren Frevel! Leugnet ihn! Leiceſter. Laßt dieſen Ueberläſtigen ſich erſt Entfernen— Tretet ab, Mylord— Was ich Mit meiner Königin zu verhandeln habe, Braucht keinen Zeugen. Geht! Sliſabeth(au Burleigh). Bleibt, ich befehl' es! Leiceſter. Was ſoll der Dritte zwiſchen dir und mir! Mit meiner angebeteten Monarchin Hab' ich's zu thun— die Rechte meines Platzes Behaupt' ich— Es ſind heil'ge Rechte! Und ich beſtehe drauf, daß ſich der Lord Entferne! Eliſabeth. Euch geziemt die ſtolze Sprache! Leiceſter. Wohl ziemt ſie mir, denn ich bin der Beglückte, Dem deine Gunſt den hohen Vorzug gab: Das hebt mich über ihn und über Alle! Dein Herz verlieh mir dieſen ſtolzen Rang, Und, was die Liebe gab, werd' ich, bei Gott! Mit meinem Leben zu behaupten wiſſen. Er geh'— und zweier Augenblicke nur Bedarf's, mich mit dir zu verſtänd'gen. Eliſabeth. Ihr hofft umſonſt, mich liſtig zu beſchwatzen. 138 Leiceſter. Beſchwatzen konnte dich der Plauderer; Ich aber will zu deinem Herzen reden, Und, was ich im Vertraun auf deine Gunſt Gewagt, will ich auch nur vor deinem Herzen Rechtfertigen— Kein anderes Gericht Erkenn' ich über mir, als deine Neigung! Eliſabeth. Schamloſer! Eben dieſe iſt's, die Euch zuerſt Verdammt— Zeigt ihm den Brief, Mylord! Burleigh. Hier iſt er! Leiceſter (urchläuft den Brief, ohne die Faſſung zu verändern). Das iſt der Stuart Hand! Eliſabeth. Lest und verſtummt! Leiceſter (nachdem er geleſen, ruhig). Der Schein iſt gegen mich; doch darf ich hoffen, Daß ich nicht nach dem Schein gerichtet werde! Eliſabeth. Könnt' Ihr es leugnen, daß Ihr mit der Stuart In heimlichem Verſtändniß wart, ihr Bildniß Empfingt, ihr zur Befreiung Hoffnung machtet? 3 Leiceſter. Leicht wäre mir's, wenn ich mich ſchuldig fühlte, Das Zeugniß einer Feindin zu verwerfen! Doch frei iſt mein Gewiſſen: ich bekenne, Daß ſie die Wahrheit ſchreibt! Eliſabeth. un denn Ungluͤcklicher! Mun denn⸗ Burleigh. Sein eigner Mund verdammt ihn. Eliſabeth. Aus meinen Augen! In den Tower— Verräther! 4 Leiceſter. Der bin ich nicht. Ich hab' gefehlt, daß ich Aus dieſem Schritt dir ein Geheimniß machte; Doch redlich war die Abſicht: es geſchah, Die Feindin zu erforſchen, zu verderben. Eliſabeth. Elende Ausflucht!— Burleigh. Wie, Mylord? Ihr glaubt— Leiceſter. Ich habe ein gewagtes Spiel geſpielt, Ich weiß, und nur Graf Leſter durfte ſich An dieſem Hofe ſolcher That erkühnen. Wie ich die Stuart haſſe, weiß die Welt. Der Rang, den ich bekleide, das Vertrauen, Wodurch die Königin mich ehrt, muß jeden Zweifel In meine treue Meinung niederſchlagen. Wohl darf der Mann, den deine Gunſt vor Allen Auszeichnet, einen eignen kühnen Weg Einſchlagen, ſeine Pflicht zu thun. Bnrleigh. Warum, Wenn's eine gute Sache war, verſchwiegt Ihr? 140 Leiceſter. Mylord! Ihr pflegt zu ſchwatzen, eh' Ihr handelt, Und ſeyd die Glocke Eurer Thaten. Das Iſt Eure Weiſe, Lord. Die meine iſt, Erſt handeln und dann reden! Burleigh. Ihr redet jetzo, weil Ihr müßt. Leiceſter (ihn ſtolz und höhniſch mit den Augen meſſend). Und Ihr Beruhmt Euch, eine wundergroße That Ins Werk gerichtet, Eure Königin Gerettet, die Verraͤtherei entlarvt Zu haben— Alles wißt Ihr, Eurem Scharfblick Kann's nicht entgehen, meint Ihr— Armer Prahler! Trotz Eurer Spürkunſt war Maria Stuart Noch heute frei, wenn ich es nicht verhindert. Burleigh. Ihr hättet— Leiceſter. Ich, Mylord. Die Königin Vertraute ſich dem Mortimer, ſie ſchloß Ihr Innerſtes ihm auf, ſie ging ſo weit, Ihm einen blutigen Auftrag gegen die Maria Zu geben, da der Oheim ſich mit Abſchen Von einem gleichen Antrag abgewendet— Sagt! Iſt es nicht ſo? (Königin und Burleigh ſehen einander betroſſen an.) Zurleigh. Wie J Daiu?— gelangtet Ihr 141 Leiceſter. Iſt's nicht ſo?— Nun, Mylord! Wo hattet Ihr Eure rauſend Augen, nicht zu ſehn, Daß dieſer Mortimer Euch hinterging? Daß er ein wuͤthender Papiſt, ein Werkzeng Der Guiſen, ein Geſchöpf der Stuart war, Ein keck entſchloſſ'ner Schwärmer, der gekommen, Die Stuart zu befrein, die Koͤnigin Zu morden— Eliſabeth(mit äußerſtem Erſtaunen). Dieſer Mortimer! Leiceſter. Er war's, durch den Maria Unterhandlung mit mir pflog, Den ich auf dieſem Wege kennen lernte. Noch heute ſollte ſie aus ihrem Kerker Geriſſen werden: dieſen Augenblick Entdeckte mir's ſein eigner Mund; ich ließ ihn Gefangen nehmen, und, in der Verzweiflung, Sein Werk vereitelt, ſich entlarvt zu ſehn, Gab er ſich ſelbſt den Tod! Eliſabeth. O, ich bin unerhört Betrogen— Dieſer Mortimer! Zurleigh. Und jetzt Geſchah Das? jetzt, nachdem ich Euch verlaſſen? Leiceſter. Ich muß um meinetwillen ſehr beklagen, Daß es dies Ende mit ihm nahm. Sein Zeugniß, Wenn er noch lebte, würde mich vollkommen 142 Gereinigt, aller Schuld entledigt haben. Drum ubergab ich ihn des Richters Hand. Die ſtrengſte Rechtsform ſollte meine Unſchuld Vor aller Welt bewähren und beſiegeln. Zurleigy. Er toͤdtete ſich, ſagt Ihr. Er ſich ſelber? Oder Ihr ihn? Leiceſter. Unwürdiger Verdacht! Man höre Die Wache ab, der ich ihn übergab! (Er geht an die Thür' und ruft hinaus. Der Officier der Leibwache ꝛrin herein.) Erſtattet Ihrer Majeſtaͤt Bericht, Wie dieſer Mortimer umkam! Officier. Ich hielt die Wache Im Vorſaal, als Mylord die Thüre ſchnell Eröffnete und mir befahl, den Ritter Als einen Staatsverraͤther zu verhaften. Wir ſahen ihn hierauf in Wuth gerathen, Den Dolch ziehn, unter heftiger Verwünſchung Der Königin, und, eh' wir's hindern konnten, Ihn in die Bruſt ſich ſtoßen, daß er todt Zu Boden ſtürzte— Leiceſter. Es iſt gut. Ihr koͤnnt Abtreten, Sir! Die Königin weiß genug! (Officier geht ab.) Eliſabeth. O, welcher Abgrund von Abſcheulichkeiten! Leiceſter. Wer war's nun, der dich rettete? War es 143 Mylord von Burleigh? Wußt' er die Gefahr, Die dich umgab? War er's, der ſie von dir Gewandt?— Dein treuer Leſter war dein Engel! Burteigh. Graf! Dieſer Mortimer ſtarb Euch ſehr gelegen. Eliſabeth. Ich weiß nicht, was ich ſagen ſoll. Ich glaub' Euch Und glaub' Euch nicht. Ich denke, Ihr ſeyd ſchuldig Und ſeyd es nicht! O die Verhaßte, die Mir all' dies Weh' bereitete! Leiceſter. Sie muß ſterben. Jetzt ſtimm' ich ſelbſt fuͤr ihren Tod. Ich rieth Dir an, das Urtheil unvollſtreckt zu laſſen, Bis ſich aufs Neu' ein Arm für ſie erhöbe. Dies iſt geſchehn— und ich beſtehe drauf, Daß man das Urtheil ungeſäumt vollſtrecke. Burleigh. Ihr riethet dazu! Ihr! Leiceſter. So ſehr es mich Empoͤrt, zu einem Aeußerſten zu greifen, Ich ſehe nun und glaube, daß die Wohlfahrt Der Koͤnigin dies blut'ge Opfer heiſcht: Drum trag' ich darauf an, daß der Befehl Zur Hinrichtung gleich ausgefertigt werde! Zurleigh(zur Königin). Da es Mylord ſo treu und ernſtlich meint, So trag' ich darauf an, daß die Vollſtreckung Des Richterſpruchs ihm übertragen werde. 144 Leiceſtet. Mir? Burleigh. Euch. Nicht beſſer könnt Ihr den Verdacht, Der jetzt noch auf Euch laſter, widerlegen, Als wenn Ihr ſie, die Ihr geliebt zu haben Beſchuldigt werdet, ſelbſt enthaupten laſſet. Eliſabeth (Ceiceſtern mit den Augen firirend). Mylord rath gut. So ſey's, und dabei bleib' es. Leiceſter. Mich ſollte billig meines Ranges Höh' Von einem Auftrag dieſes traur'gen Inhalts Befrein, der ſich in jedem Sinne beſſer Für einen Burleigh ziemen mag als mich. Wer ſeiner Königin ſo nahe ſteht, Der ſollte nichts Ungluͤckliches vollbringen. Jedoch, um meinen Eifer zu bewahren, Um meiner Koͤnigin genngzuthun, Begeb' ich mich des Vorrechts meiner Würde Und ubernehme die verhaßte Pflicht. Eliſabeth. Lord Burleigh theile ſie mit Euch! (Zu dieſem.) Tragt Sorge, Daß der Befehl gleich ausgefertigt werde. (Gurleigy geht. Man hört draußen ein Getümmel.) — 145 Siebenter Auftritt. Graf von Kent zu den Narigen. Eliſabeth. Was gibt's, Mylord von Kent? Was für ein Anflauf Erregt die Stadt— Was iſt es? Kent. Königin, Es iſt das Volk, das den Palaſt umlagert, Es fordert heftig dringend, dich zu ſehn. Eliſabeth. Was will mein Volk? Kent. Der Schrecken geht durch London, Dein Leben ſey bedroht, es gehen Moͤrder Umher, vom Papſte wider dich geſendet. Verſchworen ſeyen die Katholiſchen, Die Stuart aus dem Kerker mit Gewalt Zu reißen und zur Königin auszurufen. Der Pöbel glaubt's und wüthet. Nur das Haupt Der Stuart, das noch heute faͤllt, kann ihn Beruhigen. Eliſabeth. Wie? Soll mir Zwang geſchehn? Kent. Sie ſind entſchloſſen, eher nicht zu weichen, Bis du das Urtheil unterzeichnet haſt. Schillers ſaͤmmtl. Werke. V. 10 146 Achter Auftritt. Burleigh und Daviſon mit einer Schrift. Die Vorigen. Eliſabeth. Was bringt Ihr, Daviſon? Daviſon(nähert ſich, ernſthaft). Du haſt befohlen, Eliſabeth. Was iſt's? (Indem ſie die Schrift ergreifen will, ſchauert ſie zuſammen und fährt O Königin— zurück.) O Gott! ZBurleigh. Gehorche Der Stimme des Volks, ſie iſt die Stimme Gottes. Elifabeth (unentſchloſſen mit ſich ſelbſt kämpfend). O, meine Lords! Wer ſagt mir, ob ich wirklich Die Stimme meines ganzen Volks, die Stimme Der Welt vernehme! Ach, wie ſehr befürcht' ich, Wenn ich dem Wunſch der Menge nun gehorcht, Daß eine ganz verſchiedne Stimme ſich Wird höoͤren laſſen— ja, daß eben Die, Die jetzt gewaltſam zu der That mich treiben, Mich, wenn's vollbracht iſt, ſtrenge tadeln werden! 147 Neunter Auftritt. Graf Schrewsbury zu den Porigen. Schrewsbury(kommt in großer Bewegung). Man will dich übereilen, Königin! O, halte feſt, ſey ſtandhaft! Endem er Daviſon mit der Schrift gewahr wird). Oder iſt es Geſchehen? Iſt es wirklich? Ich erblicke Ein unglückſelig Blatt in dieſer Hand. Das komme meiner Königin jetzt nicht Vor Augen. Eliſabeth. Edler Schrewsbury! Man zwingt mich. Schrewsbury. Wer kann dich zwingen? Du biſt Herrſcherin: Hier gilt es, deine Majeſtät zu zeigen! Gebiete Schweigen jenen rohen Stimmen, Die ſich erdreiſten, deinem Königswillen Zwang anzuthun, dein Urtheil zu regieren. Die Furcht, ein blinder Wahn bewegt das Volk, Du ſelbſt biſt außer dir, biſt ſchwer gereizt, Du biſt ein Menſch, und jetzt kannſt du nicht richten. Zurleigh. Gerichtet iſt ſchon längſt. Hier iſt kein Urtheil Zu ſällen, zu vollziehen iſt's. Kent Ser ſich bei Schrewsburys Eintritt entſernt hat, kommt zurück.) Der Auflauf wachst, das Volk iſt länger nicht Zu bändigen. 148 Eliſabeth(u Schrewsbury). Ihr ſeht, wie ſie mich drängen! Schrewsbury. Nur Aufſchub fordr' ich. Dieſer Federzug Entſcheidet deines Lebens Glück und Frieden. Du haſt es Jahre lang bedacht: ſoll dich Der Augenblick im Sturme mit ſich führen? Nur kurzen Aufſchub. Sammle dein Gemüth, Erwarte eine ruhigere Stunde. Burleigh(heftig). Erwarte, zögre, ſäume, bis das Reich In Flammen ſteht, bis es der Feindin endlich Gelingt, den Mordſtreich wirklich zu vollführen. Dreimal hat ihn ein Gott von dir entfernt; Heut' hat er nahe dich berührt: noch einmal Ein Wunder hoffen, hieße Gott verſuchen. Schrewsbury. Der Gott, der dich durch ſeine Wunderhand Viermal erhielt, der heut' dem ſchwachen Arm Des Greiſen Kraft gab, einen Wuthenden Zu überwält'gen— er verdient Vertrauen! Ich will die Stimme der Gerechtigkeit Jetzt nicht erheben: jetzt iſt nicht die Zeit, Du kannſt in dieſem Sturme ſie nicht hören. Dies Eine nur vernimm! Du zitterſt jetzt Vor dieſer lebenden Maria. Nicht Die Lebende haſt du zu fürchten. Zittre vor Der Todten, der Enthaupteten. Sie wird Vom Grab' erſtehen, eine Zwietrachtgöttin, Ein Rachegeiſt in deinem Reich herumgehn und deines Volkes Herzen von dir wenden. Jetzt haßt der Britte die Gefuͤrchtete; Er wird ſie rächen, wenn ſie nicht mehr iſt. Nicht mehr die Feindin ſeines Glaubens, nur Die Enkeltochter ſeiner Koͤnige, Des Haſſes Opfer und der Eiferſucht, Wird er in der Bejammerten erblicken! Schuell wirſt du die Veränderung erfahren. Durchziehe London, wenn die blut'ge That Geſchehen, zeige dich dem Volk, das ſonſt Sich jubelnd um dich her ergoß, du wirſt Ein andres England ſehn, ein andres Volk: Denn dich umgibt nicht mehr die herrliche Gerechtigkeit, die alle Herzen dir Beſiegte! Furcht, die ſchreckliche Begleitung Der Tyrannei, wird ſchaudernd vor dir herziehn Und jede Straße, wo du gehſt, veröden. Du haſt das Letzte, Aeußerſte gethan: Welch Haupt ſteht feſt, wenn dieſes heil'ge fiel! Eliſabeth. Ach, Schrewsbury! Ihr habt mir heut' das Leben Gerettet, habt des Mörders Dolch von mir Gewendet— Warum ließet Ihr ihm nicht Den Lauf? So wäͤre jeder Streit geendigt, Und, alles Zweifels ledig, rein von Schuld, Läg' ich in meiner ſtillen Gruft! Fürwahr, Ich bin des Lebens und des Herrſchens müd'! Muß eine von uns Königinnen fallen, Damit die andre lebe— und es iſt Nicht anders, Das erkenn' ich— kann denn ich Nicht die ſeyn, welche weicht? Mein Volk mag wahlen: Ich geb' ihm ſeine Majeſtät zurück. 150 Gott iſt mein Zeuge, daß ich nicht für mich Nur für das Beſte meines Volks gelebt. Hofft es von dieſer ſchmeichleriſchen Stuart, Der jüngern Koͤnigin, gluͤcklichere Tage, So ſteig' ich gern von dieſem Thron und kehre In Woodſtocks ſtille Einſamkeit zurück, Wo meine anſpruchsloſe Jugend lebte, Wo ich, vom Tand der Erdengröße fern, Die Hoheit in mir ſelber fand— Bin ich Zur Herrſcherin doch nicht gemacht! Der Herrſcher Muß hart ſeyn können, und mein Herz iſt weich. Ich habe dieſe Inſel lange gluͤcklich Regiert, weil ich nur brauchte zu beglücken. Es kommt die erſte ſchwere Königspflicht, Und ich empfinde meine Unmacht— Zurleigh.. Nun, bei Gott! Wenn ich ſo ganz unkönigliche Worte Aus meiner Königin Mund vernehmen muß, So war's Verrath an meiner Pflicht, Verrath Am Vaterlande, läaͤnger ſtill zu ſchweigen. — Du ſagſt, du liebſt dein Volk, mehr als dich ſelbſt, Das zeige jetzt! Erwähle nicht den Frieden Für dich und überlaß das Reich den Stürmen. — Denk' an die Kirche! Soll mit dieſer Stuart Der alte Aberglaube wiederkehren? 4 Der Mönch aufs Neu' hier herrſchen, der Legat 8 Aus Rom gezogen kommen, unſre Kirchen Verſchließen, unſre Könige entthronen? — Die Seelen aller deiner Unterthanen, Ich fordre ſie von dir— Wie du jetzt handelſt, „ 151 Sind ſie gerettet oder ſind verloren. Hier iſt nicht Zeit zu weiblichem Erbarmen, Des Volkes Wohlfahrt iſt die höchſte Pflicht; Hat Schrewsbury das Leben dir gerettet, So will ich England retten— Das iſt mehr! Eliſabeth. Man überlaſſe mich mir ſelbſt! Bei Menſchen iſt Nicht Rath noch Troſt in dieſer großen Sache: Ich trage ſie dem höhern Richter vor; Was der mich lehrt, Das will ich thun— Entfernt Euch, Mylords! (Zu Daviſon.) Ihr, Sir, könnt in der Näaͤhe bleiben! (Die Lords gehen ab. Schrewsbury allein bleibt noch einige Augenblicke vor der Königin ſtehen mit bedeutungsvollem Blick, dann entfernt er ſich langſam mit einem Ausdruck des tiefſten Schmerzens.) Zehnter Auftritt. Eliſabeth auein. O Sklaverei des Volksdienſts! Schmähliche Knechtſchaft— Wie bin ich's müde, dieſem Götzen Zu ſchmeicheln, den mein Innerſtes verachtet! Wann ſoll ich frei auf dieſem Throne ſtehn! Die Meinung muß ich ehren, um das Lob Der Menge buhlen, einem Pöbel muß ich's Recht machen, dem der Gaukler nur gefällt. O, Der iſt noch nicht König, der der Welt Gefallen muß! Nur Der iſt's, der bei ſeinem Thun Nach keines Menſchen Beifall braucht zu fragen. 15² Warum hab' ich Gerechtigkeit geübt, Willkür gehaßt mein Leben lang? Daß ich Für dieſe erſte unvermeidliche Gewaltthat ſelbſt die Hände mir gefeſſelt! Das Muſter, das ich ſelber gab, verdammt mich! War ich tyranniſch, wie die ſpaniſche Maria war, mein Vorfahr auf dem Thron, ich koͤnnte Jetzt ohne Tadel Königsblut verſpritzen! Doch war's denn meine eigne freie Wahl, Gerecht zu ſeyn? Die allgewaltige Nothwendigkeit, die auch das freie Wollen Der Könige zwingt, gebot mir dieſe Tugend. Umgeben rings von Feinden, halt mich nur Die Volksgunſt auf dem angefochtnen Thron. Mich zu vernichten, ſtreben alle Mäͤchte Des feſten Landes. Unverſöhnlich ſchleudert Der röm'ſche Papſt den Bannfluch auf mein Haupt, Mit falſchem Bruderkuß verräth mich Frankreich, Und offnen, wüthenden Vertilgungskrieg Bereitet mir der Spanier auf den Meeren. So ſteh' ich kämpfend gegen eine Welt, Ein wehrlos Weib! Mit hohen Tugenden Muß ich die Blöße meines Rechts bedecken, Den Flecken meiner fürſtlichen Geburt, Wodurch der eigne Vater mich geſchaͤndet. Umſonſt bedeck' ich ihn— Der Gegner Haß Hat ihn entblößt und ſtellt mir dieſe Stuart, Ein ewig drohendes Geſpenſt, entgegen. Nein, dieſe Furcht ſoll endigen! Ihr Haupt ſoll fallen. Ich will Frieden haben. — Sie iſt die Furie meines Lebens, mir, Ein Plagege eiſt, vom Schickſal angeheftet. Wo ich mir eine Freude, eine Hoffnung Gepflanzt, da liegt die Hoͤllenſchlange mir Im Wege. Sie entreißt mir den Geliebten, Den. Bräut'gam raubt ſie mir! Maria Stuart Heißt jedes Unglück, das mich niederſchlägt! Iſt ſie aus den Lebendigen vertilgt, Frei bin ich, wie die Luft auf den Gebirgen. (Nach einigem Stillſchweigen.) Mit welchem Hohn ſie auf mich niederſah, Als ſollte mich der Blick zu Boden blitzen! Unmächtige! Ich führe beſſ're Waffen: Sie treffen tödtlich, und du biſt nicht mehr! (Mit raſchem Schritt nach dem Tiſche gehend und die Feder ergreifend.) Ein Baſtard bin ich dir?— Unglückliche! Ich bin es nur, ſo lang' du lebſt und athmeſt. Der Zweifel meiner fürſtlichen Geburt, Er iſt getilgt, ſobald ich dich vertilge. Sobald dem Britten keine Wahl mehr bleibt, Bin ich im echten Ehebett geboren! (Sie unterſchreibt mit einem raſchen, feſten Federzug, läßt dann die Feder fallen und tritt mit einem Ausdruck des Schreckens zurlick. Nach einer Pauſe klingelt ſie.) Eilfter Auftritt. Eliſabeth. Paviſon. El liſabeth d. d82 154 Daviſon. Sie ſind gegangen, Das aufgebrachte Volk zur Ruh' zu bringen. Das Toben war auch angenblicks geſtillt, Sobald der Graf von Schrewsbury ſich zeigte. „Der iſt'’s! Das iſt er!“ riefen hundert Stimmen, „Der rettete die Königin! Hoͤrt ihn, „Den brayſten Mann in England!“ Nun begann Der edle Talbot und verwies dem Volk In ſanften Worten ſein gewaltſames Beginnen, ſprach ſo kraftvoll überzeugend, Daß Alles ſich beſänftigte und ſtill Vom Paatze ſchlich. Eliſabeth. Die wankelmüth'ge Menge, Die jeder Wind herumtreibt! Wehe Dem„ Der auf dies Rohr ſich lehnet!— Es iſt gut, Sir Daviſon. Ihr könnt nun wieder gehn. (Wie ſich Jener nach der Thüre gewendet.) Und dieſes Blatt— nehmt es zurück— ich leg's In Eure Häaͤnde. Daviſon (wirft einen Blick auf das Papier und erſchrickt). Königin! Dein Name! Du haſt entſchieden? Eliſabeth. — Unterſchreiben ſollt' ich. Ich hab's gethan. Ein Blatt Papier entſcheidet Noch nicht, ein Name tödtet nicht. Dapiſon. Dein Name, Königin, unter dieſer Schrift Entſcheidet Alles, tödtet, iſt ein Strahl Des Donners, der geflügelt trifft— Dies Blatt Befiehlt den Commiſſarien, dem Sherif, Nach Fotheringhayſchloß ſich ſtehnden Fußes Zur Koͤnigin von Schottland zu verfügen, Den Tod ihr anzukündigen und ſchnell, Sobald der Morgen tagt, ihn zu vollziehn. Hier iſt kein Aufſchub! Jene hat gelebt, Wenn ich dies Blatt aus meinen Haͤnden gebe. Eliſabeth. Ja, Sir! Gott legt ein wichtig, groß Geſchick In Eure ſchwachen Hände. Fleht ihn an, Daß er mit ſeiner Weisheit Euch erleuchte. Ich geh' und überlaſſ' Euch Eurer Pflicht. (Sie will gehen.) Daviſon ttritt ihr in den Weg). Nein, meine Königin! Verlaß mich nicht, Eh' du mir deinen Willen kund gethan. Bedarf es hier noch einer andern Weisheit, Als dein Gebot buchſtäͤblich zu befolgen? — Du legſt dies Blatt in meine Hand, daß ich Zu ſchleuniger Vollziehung es befördre? Eliſabeth. Das werdet Ihr nach Eurer Klugheit— Daviſon(ſchnell und erſchrocken einfallend). Nicht Nach meiner! Das verhuͤte Gott! Gehorſam Iſt meine ganze Klugheit. Deinem Diener Darf hier nichts zu entſcheiden übrig bleiben. Ein klein Verſehn waͤr' hier ein Königsmord, Ein unabſehbar ungeheures Unglück. 156 Vergönne mir, in dieſer großen Sache Dein blindes Werkzeug willenlos zu ſeyn. In klare Worte faſſe deine Meinung: Was ſoll mit dieſem Blutbefehl geſchehn? Eliſabeth. — Sein Name ſpricht es aus. Daviſon. So willſt du, daß er gleich vollzogen werde? Eliſabeth Gögernd). Das ſag' ich nicht und zittre, es zu denken. Daviſon. Du willſt, daß ich ihn länger noch bewahre? Eliſabeth(ſchnelh. Auf Eure Gefahr? Ihr haftet für die Folgen. Daniſon. Ich? Heil'ger Gott!— Sprich, Königin, was willſt du? Eliſabeth(ungeduldig). Ich will, daß dieſer unglückſel'gen Sache Nicht mehr gedacht ſoll werden, daß ich endlich Will Ruhe davor haben und auf Ewig. Daviſon. Es koſtet dir ein einzig Wort. O, ſage, 5 Beſtimme, was mit dieſer Schrift ſoll werden! Eliſabety. Ich hab's geſagt, und quält mich nun nicht weiter. Daviſon. Du hätteſt es geſagt? Du haſt mir nichts Geſagt— O, es gefalle meiner Königin, Sich zu erinnern. 157 Eliſabeth(ſtampft auf den Boden). Unerträaglich! Daviſon. Habe Nachſicht Mit mir! Ich kam ſeit wenig Monden erſt In dieſes Amt! Ich kenne nicht die Sprache Der Höfe und der Königin— In ſchlicht Einfacher Sitte bin ich aufgewachſen: Drum habe du Geduld mit deinem Knecht! Laß dich das Wort nicht reun, das mich belehrt, Mich klar macht über meine Pflicht— (Er nähert ſich ihr in flehender Stellung, ſie kehrt ihm den Rücken zu, er ſteht in Verzweiflung, dann ſpricht er mit entſchloſſ'nem Ton.) Nimm dies Papier zurück! Nimm es zurück! Es wird mir glühend Feuer in den Haͤnden. Nicht mich erwaͤhle, dir in dieſem furchtbaren Geſchaͤft zu dienen. Eliſabeth. Thut, was Eures Amts iſt! (Sie geht ab.) Zwölfter Auftritt. Daviſon, gleich darauf Burleigh. Davifon. Sie geht! Sie läßt mich rathlos, zweifelnd ſtehn Mit dieſem fürchterlichen Blatt— Was thu' ich? Soll ich's bewahren? Soll ich's übergeben? 158 (Zu Burleigh, der hereintritt.) O, gut, gut, daß Ihr kommt, Mylord! Ihr ſeyd's, Der mich in dieſes Staatsamt eingeführt. Befreiet mich davon! Ich übernahm es, Unkundig ſeiner Rechenſchaft. Laßt mich Zuruͤckgehn in die Dunkelheit, wo Ihr 3 Mich fandet, ich gehöre nicht auf dieſen Platz— Zurleigh. Was iſt Euch, Sir! Faßt Euch. Wo iſt das Urtheil? Die Königin ließ Euch rufen. Daviſon. Sie verließ mich In heft'gem Zorn. O, rathet mir! Helft mir! Reißt mich aus dieſer Höllenangſt des Zweifels! Hier iſt das Urtheil— es iſt unterſchrieben. Burleigh(heftig). 3 Iſt es? O, gebt! Gebt her! Daviſon. Ich darf nicht. Zurleigh. Was? Daviſon. Sie hat mir ihren Willen noch nicht deutlich— Burleigh. Nicht deutlich! Sie hat unterſchrieben. Gebt! 4 Daviſon. Ich ſoll's vollziehen laſſen— ſoll es nicht Vollziehen laſſen— Gott! Weiß ich, was ich ſoll? Burleigh(beftiger dringend). Gleich, augenblicks ſollt Ihr's vollziehen laſſen. Gebt her! Ihr ſeyd verloren, wenn Ihr ſäumt. 159 Daviſon. Ich bin verloren, wenn ich's übereile. Burleigh. Ihr ſeyd ein Thor, Ihr ſeyd von Sinnen! Gebt! 4(Er entreißt ihm die Schrift und eilt damit ab.) Daviſon(ihm nacheilend). Was macht Ihr? Bleibt! Ihr ſtürzt mich ins Verderben! 4 Die Scene iſt das Zimmer des erſten Aufzugs. Erſter Auftritt. Hanna Kennedy, in tiefe Trauer gekleidet, mit verweinten Augen und einem großen, aber ſtillen Schmerz, iſt beſchäftigt, Pakete und Brieſe zu verſiegeln. Oft unterbricht ſie der Jammer in ihrem Geſchäft, und man ſieht ſie dazwiſchen ſtill beten. Paulet und Drury, gleichfalls in ſchwarzen Kleidern, treten ein; ihnen folgen viele Bediente, welche goldene und ſilberne Gefäſſe, Spiegel, Gemälde und andere Koſtbarkeiten tragen und den Hintergrund des Zimmers damit anfüllen. Paulet überliefert der Amme ein Schmuckkäſtchen nebſt einem Papier und bedeutet ihr durch Zeichen, daß es ein Verzeichiß der gebrachten Dinge enthalte. Beim An⸗ plick dieſer Reichthümer erneuert ſich der Schmerz der Amme; ſie verſinkt in ein tiefes Trauern, indem Jene ſich ſtill wieder entfernen. AMlelvil rritt ein. Kennedy (ſchreit auf, ſobald ſie ihn gewahr wird). Melvfl, Ihr ſeyd es! Euch erblick' ich wieder! . Melvil. Ja, treue Kennedy, wir ſehn uns wieder! Kennedy. Nach langer, langer, ſchmerzenvoller Trennung! Melnil. Lin unglückſelig, ſchmerzvoll Wiederſehn! 161 Kennepy. O Gott! Ihr kommt— Melyil. Den letzten, ewigen Abſchied von meiner Königin zu nehmen. Kennedy. Jetzt endlich, jetzt, am Morgen ihres Todes, Wird ihr die langentbehrte Gegenwart Der Ihrigen vergoͤnnt— O theurer Sir, Ich will nicht fragen, wie es Euch erging, Euch nicht die Leiden nennen, die wir litten, Seitdem man Euch von unſrer Seite riß. Ach, dazu wird wohl einſt die Stunde kommen! O Melvil! Melvil! Mußten wir's erleben, Den Anbruch dieſes Tags zu ſehn! Melyil. Laßt uns Einander nicht erweichen! Weinen will ich, Solang noch Leben in mir iſt; nie ſoll Ein Lächeln dieſe Wangen mehr erheitern, Nie will ich dieſes näachtliche Gewand Mehr von mir legen! Ewig will ich trauern; Doch heute will ich ſtandhaft ſeyn— Verſprecht Auch Ihr mir, Euren Schmerz zu mäaßigen— Und wenn die Andern alle der Verzweiflung Sich troſtlos überlaſſen, laſſet uns Mit mannlich edler Faſſung ihr vorangehn Und ihr ein Stab ſeyn auf dem Todesweg! Kennedy. Melvil! Ihr ſeyd im Irrthum, wenn Ihr glaubt, Die Königin bedürfe unſers Beiſtands, Schillers ſämmtl. Werke. v. 11 162 Um ſtandhaft in den Tod zu gehn! Sie ſelber iſb's, Die uns das Beiſpiel edler Faſſung gibt. Seyd ohne Furcht! Maria Stuart wird Als eine Königin und Heldin ſterben. Melyil. Nahm ſie die Todespoſt mit Faſſung auf? Man ſagt, daß ſie nicht vorbereitet war.— Kennedy. Das war ſie nicht. Ganz andre Schrecken waren's, Die meine Lady ängſtigten. Nicht vor dem Tod, Vor dem Befreier zitterte Marig. — Freiheit war uns verheißen. Dieſe Nacht Verſprach uns Mortimer von hier wegzuführen, Und zwiſchen Furcht und Hoffnung, zweifelhaft, Ob ſie dem kecken Jüngling ihre Ehre Und fürſtliche Perſon vertrauen dürfe, Erwartete die Königin den Morgen. — Da wird ein Auflauf in dem Schloß, ein Pochen Schreckt unſer Ohr und vieler Hämmer Schlag. Wir glauben, die Befreier zu vernehmen, Die Hoffnung winkt, der ſüße Trieb des Lebens Wacht unwillkürlich, allgewaltig auf— Da öͤffnet ſich die Thuür'— Sir Paulet iſt's, 3 Der uns verkündigt— daß— die Zimmerer Zu unſern Füßen das Gerüſt aufſchlagen! (Sie wendet ſich ab von heftigem Schmerz ergrifſen.) Melnil. Gerechter Gott! O, ſagt mir, wie ertrng Maria dieſen fürchterlichen Wechſel? — 163 Kennedy (nach einer Pauſe, worin ſie ſich wieder etwas gefaßt hat). Man löst ſich nicht allmaͤhlich von dem Leben! Mit einem Mal, ſchnell, augenblicklich muß Der Tauſch geſchehen zwiſchen Zeitlichem Und Ewigem, und Gott gewahrte meiner Lady In dieſem Augenblick, der Erde Hoffnung Zurück zu ſtoßen mit entſchloſſ'ner Seele Und glaubenvoll den Himmel zu ergreifen. Kein Merkmal bleicher Furcht, kein Worr der Klage Entehrte meine Königin— Dann erſt, Als ſie Lord Leſters ſchändlichen Verrath Vernahm, das unglückſelige Geſchick Des werthen Jünglings, der ſich ihr geopfert, Des alten Ritters tiefen Jammer ſah, Dem ſeine letzte Hoffnung ſtarb durch ſie, Da floſſen ihre Thranen; nicht das eigne Schickſal, Der fremde Jammer preßte ſie ihr ab. Melvil. Wo iſt ſie jetzt, könnt Ihr mich zu ihr bringen? KRennedy. Den Reſt der Nacht burchwachte ſie mit Beten, Nahm von den theuren Freunden ſchriftlich Abſchied Und ſchrieb ihr Teſtament mit eigner Hand. Jetzt pflegt ſie einen Augenblick der Ruh'; Der letzte Schlaf erquickt ſie. Melvil. Wer iſt bei ihr? Kennedy. Ihr Leibarzt Burgoyn und ihre Frauen. — V;Q—— 164 Zweiter Auftritt. Margaretha Kurl zu den Porigen. Kennedy. Was bringt Ihr, Miſtreß? Iſt die Lady wach? Kurl(ihre Thraͤnen trocknend). Schon angekleidet— Sie verlangt nach Euch. Kennedy. Ich komme. (Zu Melvil, der ſie begleiten will.) Folgt mir nicht, bis ich die Lady Auf Euren Anblick vorbereitet. (Geht hinein.) Kurl. Melvil! Der alte Haushofmeiſter! Melvil. Ja, der bin ich! Kurl. O, dieſes Haus braucht keines Meiſters mehr! — Melvil! Ihr kommt von London. Wißt Ihr mir Von meinem Manne nichts zu ſagen? Melnil. Er wird auf freien Fuß geſetzt, ſagt man, Sobald 3 Kurl. Sobald die Königin nicht mehr iſt! O der nichtswürdig ſchaͤndliche Verraͤther! Er iſt der Mörder dieſer theuren Lady: Sein Zeugniß, ſagt man, habe ſie verurtheilt. Melvil. So iſt's. Kurl. O, ſeine Seele ſey verflucht Bis in die Hölle! Er hat falſch gezeugt— Melyil. Mylady Kurl! Bedenket Eure Reden! Kurl. Beſchwören will ich's vor Gerichtes Schranken, Ich will es ihm ins Antlitz wiederholen, Die ganze Welt will ich damit erfüllen: Sie ſtirbt unſchuldig— Melvil. O, Das gebe Gott! Dritter Auftritt. Burgoyn zu den Vorigen. Hernach Hanna Kennedy. Burgoyn cerblickt Melvil). O Melvil! Melvil(ihn umarmend). Burgoyn! Burgoyn(zu Margaretha Kurh. Beſorget einen Becher Mit Wein für unſre Lady! Machet hurtig! (Kurl geht ab.) Melvil. Wie? Iſt der Königin nicht wohl? 166 Burgoyn. Sie fühlt ſich ſtark, ſie taͤuſcht ihr Heldenmuth, Und keiner Speiſe glaubt ſie zu bedürfen; Doch ihrer wartet noch ein ſchwerer Kampf, Und ihre Feinde ſollen ſich nicht ruͤhmen, Daß Furcht des Todes ihre Wangen bleichte, Wenn die Natur aus Schwachheit unterliegt. Melyil(zur Amme, welche hereintritt). Will ſie mich ſehn? Kennedy. Gleich wird ſie ſelbſt hier ſeyn. — Ihr ſcheint Euch mit Verwundrung umzuſehn, Und Eure Blicke fragen mich: Was ſoll Das Prachtgeraͤth' in dieſem Ort des Todes? — O Sir! Wir litten Mangel, da wir lebten; Erſt mit dem Tode kommt der Ueberfluß zurück. Vierter Auftritt. Varige. Zmei andere Kammerfrauen der Maria, in Trauerkleidern. Sie brechen bei Melvils Anblick in 1 Melvil.. Was für ein Anblick! Welch ein Wiederſehn! Gertrude! Roſamund! Zmeite Kammerfran. Sie hat uns von ſich Geſchickt! Sie will zum Letztenmal allein Mit Gott ſich unterhalten! (Es kommen noch zwei weiblich mit ſtummen G ſe Bediente, wie die vorigen in T Beberden ihren Jammer ausdruͤcken.) —— gleichfalls aute Thraͤnen aus. Lrauer, die Fünfter Auftritt. Margaretha Kurl zu den Vorigen. Sie trägt einen goldenen Becher mit Wein und ſetzt ihn auf den Tiſch, indem ſie ſich bleich und zitternd an einem Stuhle häit. 4 Melvil. Was iſt Euch, Miſtreß? Was entſetzt Euch ſo? Kurl. O GEott! Zurgoyn. Was habt Ihr? Kurl. Was mußt' ich erblicken! Melvil. Kommt zu Euch! Sagt uns, was es iſt! Kurl. Als ich Mit dieſem Becher Wein die große Treppe Herauf ſtieg, die zur untern Halle führt, Da that die Thür' ſich auf— ich ſah hinein— Ich ſah— o Gott! Kelpvil. Was ſaht Ihr? Faſſet Euch! Kurl. Schwarz überzogen waren alle Wände, Ein groß Gerüſt, mit ſchwarzem Tuch beſchlagen, Erhob ſich von dem Boden, mitten drauf Ein ſchwarzer Block, ein Kiſſen und daneben Ein blankgeſchliffnes Beil— Voll Menſchen war Der Saal, die um das Mordgerüſt ſich drangten 11 168 Und, heiße Blutgier in dem Blick, das Opfer* Erwarteten. Zweite Kammerfrau. O Gott, ſey unſrer Lady gnädig! Melvil. Faßt Euch! Sie kommt! 3 Sechster Auftritt. Die Vorigen. Mlaria. Sie iſt weiß und feſtlich gekleidet, am Halſe trägt ſie an einer Kette von kleinen Kugeln ein Agnus Dei, ein Roſenkranz hängt am Gürtel herab, ſie hat ein Erucifix in der Hand und ein Diadem in den Haaren, ihr großer ſchwarzer Schleier iſt zurückgeſchlagen. Bei ihrem Eintritt weichen die Anweſenden zu beiden Seiten zurück und drücken deu heftigſten Schmerz aus, Melvil iſt mit einer unwillkürlichen Bewegung auf die Knie geſunken. 3 Maria (mit ruhiger Hoheit im ganzen Kreiſe herumſehend). Was klagt ihr? Warum weint ihr? Freuen ſolltet Ihr euch mit mir, daß meiner Leiden Ziel Nun endlich naht, daß meine Bande fallen, Mein Kerker aufgeht, und die frohe Seele ſich Auf Engelsflügeln ſchwingt zur ew'gen Freiheit. Da, als ich in die Macht der ſtolzen Feindin Gegeben war, Unwürdiges erduldend, Was einer freien, großen Königin Nicht ziemt, da war es Zeit, um mich zu weinen! — Wohlthatig, heilend nahet mir der Tod, Der ernſte Freund! Mit ſeinen ſchwarzen Flügeln Bedeckt er meine Schmach— Den Menſchen adelt, 3 . 169 Den tiefgeſunkenen, das letzte Schickſal. Die Krone fühl' ich wieder auf dem Haupr, Den würd'gen Stolz in meiner edeln Seele! EIndem ſie einige Schritte weiter vortritt.) Wie? Melvil hier?— Nicht alſo, edler Sir! Steht auf! Ihr ſeyd zu Eurer Königin Triumph, zu ihrem Tode nicht gekommen. Mir wird ein Gluͤck zu Theil, wie ich es nimmer Gehoffet, daß mein Nachruhm doch nicht ganz In meiner Feinde Händen iſt, daß doch Ein Freund mir, ein Bekenner meines Glaubens, Als Zeuge daſteht in der Todesſtunde. — Sagt, edler Ritter, wie erging es Euch In dieſem feindlichen, unholden Lande, Seitdem man Euch von meiner Seite riß? Die Sorg' um Euch hat oft mein Herz bekümmert. Melyvil. Mich drückte ſonſt kein Mangel, als der Schmerz Um dich und meine Unmacht, dir zu dienen. Maria. Wie ſteht's um Didier, meinen alten Kämm'rer? Doch der Getreue ſchläft wohl lange ſchon Den ew'gen Schlaf, denn er war hoch an Jahren. Klelvil. Gott hat ihm dieſe Gnade nicht erzeigt: Er lebt, um deine Jugend zu begraben. Maria. Daß mir vor meinem Tode noch das Glück Geworden wäͤre, ein geliebtes Haupt Der theuren Blutsverwandten zu umfaſſen! Doch ich ſoll ſterben unter Fremdlingen, 170 Nur eure Thraͤnen ſoll ich fließen ſehn! — Melvil, die letzten Wünſche für die Meinen Leg' ich in Eure treue Bruſt— Ich ſegne 4 Den allerchriſtlichſten König, meinen Schwager, Und Frankreichs ganzes königliches Haus— Ich ſegne meinen Ohm, den Cardinal, Und Heinrich Guiſe, meinen edeln Vetter. Ich ſegne auch den Papſt, den heiligen Statthalter Chriſti, der mich wieder ſegnet, Und den kathol'ſchen König, der ſich edelmüthig Zu meinem Retter, meinem Rächer anbot— Sie Alle ſtehn in meinem Teſtament: Sie werden die Geſchenke meiner Liebe, Wie arm ſie ſind, dennoch gering nicht achten. (Sich zu ihren Dienern wendend.) Euch hab' ich meinem königlichen Bruder Von Frankreich anempfohlen: er wird ſorgen Für euch, ein neues Vaterland euch geben. Und, iſt euch meine letzte Bitte werth, Bleibt nicht in England, daß der Britte nicht Sein ſtolzes Herz an eurem Unglück weide, Nicht Die im Staube ſeh', die mir gedient. Bei dieſem Bildniß des Gekreuzigten Gelobet mir, dies unglückſel'ge Land Alsbald, wenn ich dahin bin, zu verlaſſen! Melyil(berührt das Crucifir). Ich ſchwöre dir's im Namen Dieſer aller. Maria. Was ich, die Arme, die Beraubte, noch beſaß, Worüber mir vergoͤnnt iſt frei zu ſchalten, Das hab' ich unter euch vertheilt: man wird, V * ℳ 171 Ich hoff' es, meinen letzten Willen ehren. Auch, was ich auf dem Todeswege trage, Gehöret euch— Vergönnet mir noch einmal Der Erde Glanz auf meinem Weg zum Himmel! (Zu den Fräulein.) Dir, meine Alix, Gertrud, Roſamund, Beſtimm' ich meine Perlen, meine Kleider, Denn eure Iugend freut ſich noch des Putzes. Du, Margaretha, haſt das nächſte Recht An meine Großmuth, denn ich laſſe dich Zurück als die Unglücklichſte von Allen. Daß ich des Gatten Schuld an dir nicht räche, Wird mein Vermächtniß offenbaren— Dich, O meine treue Hanna, reizet nicht Der Werth des Goldes, nicht der Steine Pracht: Dir iſt das höchſte Kleinod mein Gedächtniß. Nimm dieſes Tuch! Ich hab's mit eigner Hand Für dich geſtickt in meines Kummers Stunden Und meine heißen Thraͤnen eingewoben. Mit dieſem Tuch wirſt du die Augen mir verbinden, Wenn es ſo weit iſt— Dieſen letzten Dienſt Wünſch' ich von meiner Hanna zu empfangen. Kennedy. O Melvil! Ich ertrag' es nicht! Maria. Kommt Alle! Kommt und empfangt mein letztes Lebewohl! (Sie reicht ihre Hände hin, Eins nach dem Andern fällt ihr zu Füßen und küßt die dargebotne Hand unter heftigem Weinen.) Leb' wohl, Margaretha— Alix, lebe wohl— Dank, Burgoyn, für Eure treuen Dienſte— 172 Dein Mund brennt heiß, Gertrude⸗— Ich bin viel Gehaſſet worden, doch auch viel geliebt! Ein edler Mann beglücke meine Gertrud! Denn Liebe fordert dieſes glühnde Herz— Bertha, du haſt das beſſ're Theil erwählt: Die keuſche Braut des Himmels willſt du werden. O, eile, dein Gelübde zu vollziehn! Betruüglich ſind die Guͤter dieſer Erde, Das lern' an deiner Königin!— Nichts weiter! Lebt wohl! Lebt wohl! Lebt ewig wohl! (Sie wendet ſich ſchnell von ihnen; Alle, bis auf Melvil, entfernen ſich. Siebenter Auftritt. laria. Melyvil. Maria. Ich habe alles Zeitliche berichtigt Und hoffe, keines Menſchen Schuldnerin Aus dieſer Welt zu ſcheiden— Eins nur iſt's, Melvil, was der beklemmten Seele noch Verwehrt, ſich frei und freudig zu erheben. Melvil. Entdecke mir's. Erleichtre deine Bruſt, Dem treuen Freund vertraue deine Sorgen. Maria. Ich ſtehe an dem Rand der Ewigkeit; Bald ſoll ich treten vor den höchſten Richter, Und noch hab' ich den Heil'gen nicht verſöhnt. Verſagt iſt mir der Prieſter meiner Kirche. 173 Des Sacramentes heil'ge Himmelsſpeiſe Verſchmaͤh' ich aus den Handen falſcher Prieſter. Im Glauben meiner Kirche will ich ſterben: Denn der allein iſt's, welcher ſelig macht. Melyil. Beruhige dein Herz. Dem Himmel gilt Der feurig fromme Wunſch ſtatt des Vollbringens. Tyrannenmacht kann nur die Haͤnde feſſeln, Des Herzens Andacht hebt ſich frei zu Gott; Das Wort iſt todt, der Glaube macht lebendig. Maria. Ach, Melvil! Nicht allein genug iſt ſich Das Herz: ein irdiſch Pfand bedarf der Glaube, Das hohe Himmliſche ſich zuzueignen. Drum ward der Gott zum Menſchen und verſchloß Die unſichtbaren himmliſchen Geſchenke Geheimnißvoll in einem ſichtbarn Leib. — Die Kirche iſt's, die heilige, die hohe, Die zu dem Himmel uns die Leiter baut; Die allgemeine, die kathol'ſche heißt ſie, Denn nur der Glaube Aller ſtärkt den Glauben, Wo Tauſende anbeten und verehren, Da wird die Glut zur Flamme, und beflügelt Schwingt ſich der Geiſt in alle Himmel auf. — Ach, die Beglückten, die das froh getheilte Gebet verſammelt in dem Haus des Herrn! Geſchmückt iſt der Altar, die Kerzen leuchten, Die Glocke tönt, der Weihrauch iſt geſtreut, Der Biſchof ſteht im reinen Meßgewand, Er faßt den Kelch, er ſegnet ihn, er kündet Das hohe Wunder der Verwandlung an, 174 und niederſtürzt dem gegenwart'gen Gotte Das gläubig überzeugte Volk— Ach! Ich Allein bin ausgeſchloſſen, nicht zu mir In meinen Kerker dringt der Himmelsſegen. Melvil. Er dringt zu dir! Er iſt dir nah! Vertraue Dem Allvermögenden— Der dürre Stab Kann Zweige treiben in des Glaubens Hand! Und, der die Quelle aus dem Felſen ſchlug, Kann dir im Kerker den Altar bereiten, Kann dieſen Kelch, die irdiſche Erquickung, Dir ſchnell in eine himmliſche verwandeln. (Er ergreiſt den Kelch, der auf dem Tiſche ſteht.) Maria. Melvil, verſteh' ich Euch? Ja, ich verſteh' Euch! Hier iſt kein Prieſter, keine Kirche, kein Hochwürdiges— doch der Erlöſer ſpricht: Wo Zwei verſammelt ſind in meinem Namen, Da bin ich gegenwärtig unter ihnen. Was weiht den Prieſter ein zum Mund des Herrn? Das reine Herz, der unbefleckte Wandel. — So ſeyd Ihr mir, auch ungeweiht, ein Prieſter, Ein Bote Gottes, der den Frieden bringr. — Euch will ich meine letzte Beichte thun, Und Euer Mund ſoll mir das Heil verkunden. Melyil.— Wenn dich das Herz ſo mächtig dazu treibt, So wiſſe, Koͤnigin, daß dir zum Troſte Gott auch ein Wunder wohl verrichten kann. Hier ſey kein Prieſter, ſagſt du, keine Kirche, Kein Leib des Herrn?— Du irreſt dich. Hier iſt Ein Prieſter, und ein Gott iſt hier zugegen. (Er entblößt bei dieſen Worten das Haupt in einer goldenen Schale.) — Ich bin ein Prieſter: deine letzte Beichte Zu hören, dir auf deinem Todesweg Den Frieden zu verkündigen, hab' ich Die ſieben Weihn auf meinem Haupr empfangen, Und dieſe Hoſtie überbring' ich dir Vom heil'gen Vater, die er ſelbſt geweihet. ; zugleich zeigt er ihr eine Hoſtie Maria. O, ſo muß an der Schwelle ſelbſt des Todes Mir noch ein himmliſch Glück bereitet ſeyn! Wie ein Unſterblicher auf goldnen Wolken Herniederfährt, wie den Apoſtel einſt 5 Der Engel führte aus des Kerkers Banden— Ihn haͤlt kein Riegel, keines Hüters Schwerr, Er ſchreitet mäͤchtig durch verſchloſſ'ne Pforten, Und im Gefängniß ſteht er glänzend da— So überraſcht mich hier der Himmelsbote, Da jeder ird'ſche Retter mich getäuſcht! — Und Ihr, mein Dieuer einſt, ſeyd jetzt der Diener Des hoͤchſten Gottes und ſein heil'ger Mund! Wie Eure Knie ſonſt vor mir ſich beugten, So lieg' ich jetzt im Staub vor Euch. (Sie ſinkt vor ihm nieder.) Melvil (indem er das Zeichen des Kreuzes über ſie macht). . Im Namen Des Vaters und des Sohnes und des Geiſtes! Maria, Königin! haſt du dein Herz Erforſchet, ſchwörſt du, und gelobeſt du, Wahrheit zu beichten vor dem Gott der Wahrheit? Maria. Mein Herz liegt offen da vor dir und ihm. Melvil. Sprich, welcher Sünde zeiht dich dein Gewiſſen, Seitdem du Gott zum Letztenmal verſöhnt? Maria. Von neid'ſchem Haſſe war mein Herz erfüllt, Und Rachgedanken tobten in dem Buſen. Vergebung hofft' ich Sünderin von Gott Und konnte nicht der Gegnerin vergeben. Melvil. Bereueſt du die Schuld, und iſt's dein ernſter Entſchluß, verſöhnt aus dieſer Welt zu ſcheiden? Maria. So wahr ich hoffe, daß mir Gott vergebe. Melvil. Welch andrer Suͤnde klagt das Herz dich an? Maria. Ach, nicht durch Haß allein, durch ſünd'ge Liebe Noch mehr hab' ich das höchſte Gut beleidigt. Das eitle Herz ward zu dem Mann gezogen, Der treulos mich verlaſſen und betrogen! . Melpvil. Bereueſt du die Schuld, und hat dein Herz Vom eiteln Abgott ſich zu Gott gewendet? Maria. Es war der ſchwerſte Kampf, den ich beſtand: Zerriſſen iſt das letzte ird'ſche Band. 177 Melvil. Welch andrer Schuld verklagt dich dein Gewiſſen? Maria. Ach, eine frühe Blutſchuld, längſt gebeichtet, Sie kehrt zurück mit neuer Schreckenskraft Im Augenblick der letzten Rechenſchaft Und wälzt ſich ſchwarz mir vor des Himmels Pforten. Den König, meinen Gatten, ließ ich morden, Und dem Verführer ſchenkt' ich Herz und Hand! Streng' büßt' ich's ab mit allen Kirchenſtrafen, Doch in der Seele will der Wurm nicht ſchlafen. Melpvil. Verklagt das Herz dich keiner andern Sünde, Die du noch nicht gebeichtet und gebüͤßt? Maria. Jetzt weißt du Alles, was mein Herz belaſtet. Melvil. Denk' an die Naͤhe des Allwiſſenden! Der Strafen denke, die die heil'ge Kirche Der mangelhaften Beichte droht! Das iſt Die Sünde zu dem ew'gen Tod: denn Das Iſt wider ſeinen heil'gen Geiſt gefrevelt. Maria. So ſchenke mir die ew'ge Gnade Sieg Im letzten Kampf, als ich dir wiſſend nichts verſchwieg. Melvil. Wie? Deinem Gott verhehlſt du das Verbrechen, Um deſſen willen dich die Menſchen ſtrafen? Du ſagſt mir nichts von deinem blut'gen Antheil An Babingtons und Parrys Hochverrath? Schillers ſammtl. Werke. v.. 12 178 Den zeitlichen Tod ſtirbſt du für dieſe That: Willſt du auch noch den ew'gen dafüͤr ſterben? Maria. Ich bin bereit, zur Ewigkeit zu gehn: Noch eh' ſich der Minutenzeiger wendet, Werd' ich vor meines Richters Throne ſtehn; Doch wiederhol' ich's: Meine Beichte iſt vollendet. Melvil. Erwäg' es wohl! Das Herz iſt ein Betruͤger. Du haſt vielleicht mit liſt'gem Doppelſinn Das Wort vermieden, das dich ſchuldig macht, Obgleich der Wille das Verbrechen theilte. Doch wiſſe, keine Gaukelkunſt berückt Das Flammenauge, das ins Innre blickt! Maria. Ich habe alle Fürſten aufgeboten, Mich aus unwürd'gen Banden zu befrein; Doch nie hab' ich durch Vorſatz oder That Das Leben meiner Feindin angetaſtet! Melvil. So hätten deine Schreiber falſch gezeugt? Maria. Wie ich geſagt, ſo iſt's. Was Jene zeugten, Das richte Gott! 3 Melvil. So ſteigſt du, überzeugt Von deiner Unſchuld, auf das Blutgeruͤſte? 3 Maria. Gott würdigt mich, durch dieſen unverdienten Tod Die fruͤhe ſchwere Blutſchuld abzubußen. 179 Melvil(macht den Segen über ſie). So gehe hin und ſterbend büße ſie! Sink', ein ergebnes Opfer, am Altare! Blut kann verſöhnen, was das Blut verbrach, Du fehlteſt nur aus weiblichem Gebrechen, 3 Dem ſel'gen Geiſte folgen nicht die Schwächen Der Sterblichkeit in die Verklärung nach; Ich aber künde dir, kraft der Gewalt, Die mir verliehen iſt, zu löſen und zu binden, Erlaſſung an von allen deinen Sünden! Wie du geglaubet, ſo geſchehe dir! (Er reicht ihr die Hoſtie.) Nimm hin den Leib, er iſt für dich geopfert! (Er ergreift den Kelch, der auf dem Tiſche ſteht, conſecrirt ihn mit ſtillem 4 Gebet, dann reicht er ihr denſelben. Sie zögert, ihn anzunehmen und weist ihn mit der Hand zurück.) Nimm hin das Blut, es iſt für dich vergoſſen! 1 Nimm hin! Der Papſt erzeigt dir dieſe Gunſt! Im Tode noch ſollſt du das höchſte Recht Der Köͤnige, das prieſterliche, üben! (Sie empfängt den Kelch.) Und, wie du jetzt dich in dem ird'ſchen Leib Geheimnißvoll mit deinem Gott verbunden, So wirſt du dort in ſeinem Freudenreich, Wo keine Schuld mehr ſeyn wird und kein Weinen, Ein ſchön verklaͤrter Engel, dich Auf ewig mit dem Göttlichen vereinen. (Er ſetzt den Kelch nieder. Auf ein Geräuſch, das gehört wird, dedeckt er ſich das Haupt und geht an die Thüre; Maria bleibt in ſtiller Andachr auf den Knien liegen.) Melnil(zurückkommend). Dir bleibt ein harter Kampf noch zu beſtehn. 180 Fühlſt du dich ſtark genug, um jede Regung Der Bitterkeit, des Haſſes zu beſiegen? Maria. Ich fürchte keinen Ruͤckfall. Meinen Haß Und meine Liebe hab' ich Gott geopfert. Melpil. Nun, ſo bereite dich, die Lords von Leſter Und Burleigh zu empfangen. Sie ſind da. Achter Auftritt. Die Porigen. Burleigh. Keireſter und Paulet. Leiceſier bleibt ganz in der Entfernung ſtehen, ohne die Augen aufzuſchlagen. Burleigh, der ſeine Faſſung beobachtet, tritt zwiſchen ihn und die Königin. Burleigh. Ich komme, Lady Stuart, Eure letzten Befehle zu empfangen. Maria. Dank, Mylord! Burleigh. Es iſt der Wille meiner Königin, Daß Euch nichts Billiges verweigert werde. Maria. Mein Teſtament nennt meine letzten Wünſche. Ich hab's in Ritter Paulets Hand gelegt Und bitte, daß es treu vollzogen werde. Paulet. Verlaßt Euch drauf. Maria. Ich bitte, meine Diener ungekraͤnkt 181 Nach Schottland zu entlaſſen oder Frankreich, Wohin ſie ſelber wünſchen und begehren. Burleigh. Es ſey, wie Ihr es wünſcht. KMaria. Und, weil mein Leichnam Nicht in geweihter Erde ruhen ſoll, So dulde man, daß dieſer treue Diener Mein Herz nach Frankreich bringe zu den Meinen. — AOch, es war immer dort! Burleighy. Es ſoll geſchehn. Habt Ihr noch ſonſt— Maria. Der Königin von England Bringt meinen ſchweſterlichen Gruß— Sagt ihr, Daß ich ihr meinen Tod von ganzem Herzen Vergebe, meine Heftigkeit von Geſtern Ihr reuevoll abbitte— Gott erhalte ſie Und ſchenk' ihr eine glückliche Regierung! Vurleigy. Sprecht! Habt Ihr noch nicht beſſern Rath erwählt? Verſchmäht Ihr noch den Beiſtand des Dechanten? Mlarin. Ich bin mit meinem Gott verſöhnt— Sir Paulet! Ich hab' Euch ſchuldlos vieles Weh bereitet, Des Alters Stütze Euch geraubt— O, laßt Mich hoffen, daß Ihr meiner nicht mit Haß Gedenket— Paulet(gibt ihr die Hand). Gott ſey mit Euch! Geher hin im Frieden! 182 Neunter Auftritt. Die Vorigen. Hanna Kennedy und die andern Frauen der Königin dringen herein mit Zeichen des Entſetzens; ihnen folgt der Sherif, einen weißen Stab in der Hand, hinter demſelben ſieht man durch die ofſen bleibende Thüre gemaffnete Männer. Maria. Was iſt dir, Hanna? Ja, nun iſt es Zeit! Hier kommt der Sherif, uns zum Tod zu führen. Es muß geſchieden ſeyn! Lebt wohl! Lebt wohl! (Ihre Frauen hängen ſich an ſie mit heftigem Schmerz; zu Melvil.) Ihr, werther Sir, und meine treue Hanna Sollt mich auf dieſem letzten Gang begleiten. Mylord, verſagt mir dieſe Wohlthat nicht! Burleigh. Ich habe dazu keine Vollmacht. Maria. Wie? 4 Die kleine Bitte könntet Ihr mir weigern? Habt Achtung gegen mein Geſchlecht! Wer ſoll Den letzten Dienſt mir leiſten! Nimmermehr Kann es der Wille meiner Schweſter ſeyn, Daß mein Geſchlecht in mir beleidigt werde, Der Manner rohe Hande mich berühren! · Burleigh. Es darf kein Weib die Stufen des Gerüſtes Mit Euch beſteigen— Ihr Geſchrei und Jammern— Maria. Sie ſoll nicht jammern! Ich verbüͤrge mich Fur die gefaßte Seele meiner Hanna! „— 183 Seyd gütig, Lord. O, trennt mich nicht im Sterben Vdn meiner treuen Pflegerin und Amme! Sie trug auf ihren Armen mich ins Leben, Sie leite mich mit ſanfter Hand zum Tod. Paulet Gu Burleigh). Laßt es geſchehn! Burleigh. Es ſey. Maria. 3 Nun hab' ich nichts mehr Auf dieſer Welt— (Sie nimmt das Crucifix und küßt es.) Mein Heiland! mein Erlöſer! Wie du am Kreuz die Arme ausgeſpannt, So breite ſie jetzt aus, mich zu empfangen. (Sie wendet ſich zu gehen. In dieſem Augenblick begegnet ihr Auge dem Grafen Leiceſter, der bei ihrem Aufbruch unwillkürlich aufgefahren und nach ihr hingeſehen.— Bei dieſem Anblick zittert Maria, die Knie verſagen ihr, ſie iſt im Begriff hinzuſinken; da ergreift ſie Graf Leiceſter und empfängt ſie in ſeinen Armen. Sie ſieht ihn eine Zeit lang ernſt und ſchweigend an, er kann ihren Blick nicht aushalten, endlich ſpricht ſie.) Ihr haltet Wort, Graf Leſter— Ihr verſpracht Mir Euren Arm, aus dieſem Kerker mich Zu führen, und Ihr leihet mir ihn jetzt! (Er ſteht wie vernichtet. Sie fährt mit ſanfter Stimme fort.) Ja, Leſter, und nicht bloß Die Freiheit wollt' ich Eurer Hand verdanken. Ihr ſolltet mir die Freiheit theuer machen: An Eurer Hand, beglückt durch Eure Liebe, Wollt' ich des neuen Lebens mich erfreun. Jetzt, da ich auf dem Weg bin, von der Welt 184 Zu ſcheiden und ein ſel'ger Geiſt zu werden, Den keine ird'ſche Neigung mehr verſucht, Jetzt, Leſter, darf ich ohne Schamerroͤthen Euch die beſiegte Schwachheit eingeſtehn— Lebt wohl, und, wenn Ihr könnt, ſo lebt beglückt! Ihr durftet werben um zwei Königinnen: Ein zartlich liebend Herz habt Ihr verſchmäht, Verrathen, um ein ſtolzes zu gewinnen. Kniet zu den Füßen der Eliſabeth! Mög' Euer Lohn nicht Eure Strafe werden! Lebt wohl!— Jetzt hab' ich nichts mehr auf der Erden! (Sie geht ab, der Sherif voraus, Melvil und die Amme ihr zur Seite. Burleigh und Paulet folgen die Uebrigen ſehen ihr jammernd nach, bis ſie verſchwunden iſt; dann entfernen ſie ſich durch zwei andre Thüren.) Zehnter Auftritt. Leiceſter, allein zurückbleibend. Ich lebe noch! Ich trag' es, noch zu leben! Stürzt dieſes Dach nicht ſein Gewicht auf mich? Thut ſich kein Schlund auf, das elendeſte Der Weſen zu verſchlingen? Was hab' ich Verloren! Welche Perle warf ich hin! Welch Glück der Himmel hab' ich weggeſchleudert! — Sie geht dahin, ein ſchon verklaͤrter Geiſt, uUnd mir bleibt die Verzweiflung der Verdammten. — Wo iſt mein Vorſatz hin, mit dem ich kam, Des Herzens Stimme fuͤhllos zu erſticken? Ihr fallend Haupt zu ſehn mit unbewegten Blicken? 185 Weckt mir ihr Anblick die erſtorbne Scham? Muß ſie im Tod mit Liebesbanden mich umſtricken? — Verworfener, dir ſteht es nicht mehr an, In zartem Mitleid weibiſch hinzuſchmelzen. Der Liebe Gluͤck liegt nicht auf deiner Bahn; Mit einem eh'rnen Harniſch angethan Sey deine Bruſt! Die Stirne ſey ein Felſen! Willſt du den Preis der Schandthat nicht verlieren, Dreiſt mußt du ſie behaupten und vollführen! Verſtumme, Mitleid! Augen, werdet Stein! Ich ſeh' ſie fallen, ich will Zeuge ſeyn. (Er geht mit entſchloſſenem Schritt der Thüre zu, durch welche Maria gegangen, bleibt aber auf der Mitte des Weges ſtehen.) Umſonſt! umſonſt! Mich faßt der Hölle Grauen, Ich kann, ich kann das Schreckliche nicht ſchauen, Kann ſie nicht ſterben ſehen— Horch! Was war Das? Sie ſind ſchon unten— Unter meinen Füßen Bereitet ſich das fürchterliche Werk. Ich höre Stimmen— Fort! Hinweg! Hinweg Aus dieſem Haus des Schreckens und des Todes! (Er will durch eine andere Thür' entfliehen, findet ſie aber verſchloſſen und fährt zurück.) Wie? Feſſelt mich ein Gott an dieſen Boden? Muß ich anhören, was mir anzuſchauen graut? Die Stimme des Dechanten— Er ermahnet ſie— — Sie unterbricht ihn— Horch!— Laut betet ſie— Mit feſter Stimme— Es wird ſtill— Ganz ſtill! Nur ſchluchzen hör' ich und die Weiber weinen— 6 Sie wird entkleidet— Horch! Der Schämel wird* Gerückt— Sie kniet aufs Kiſſen— legt das Haupt— (Nachdem er die letzten Worte mitt ſteigender Augſt geſprochen und eine 186 Weile inne gehalten, ſieht man ihn plötzlich mit einer zuckenden Be⸗ wegung zuſammenfahren und ohnmächtig niederſinken; zugleich erſchallt von Unten herauf ein dumpfes Getöſe von Stimmen welches lange, lange forthallt.) Das zweite Zimmer des vierten Aufzugs. Eilfter Auftritt. Eliſabeth ttitt aus einer Seitenthür' ihr Gang und ihre Geberden drücken die heftigſte Unruhe aus. Noch Niemand hier— Noch keine Botſchaft— Will es Nicht Abend werden! Steht die Sonne feſt In ihrem himmliſchen Lauf? Ich ſoll noch länger Auf dieſer Folter der Erwartung liegen.— — Iſt es geſchehen? Iſt es nicht?— Mir graut Vor Beidem, und ich wage nicht zu fragen! Graf Leſter zeigt ſich nicht, auch Burleigh nicht, Die ich ernannt, das Urtheil zu vollſtrecken. Sind ſie von London abgereist— dann iſt's Geſchehn; der Pfeil iſt abgedrückt, er fliegt, Er trifft, er hat getroffen; gält's mein Reich, Ich kann ihn nicht mehr halten— Wer iſt da? Zwölfter Auftritt. Eliſabeth. Ein Page. Elifabeth. Du kommſt allein zurück— Wo ſind die Lords? 187 Dage. Mylord von Leſter und der Großſchatzmeiſter— Eliſabeth(in der heftigſten Spannung). — Wo ſind ſie? Page. Sie ſind nicht in London. Eliſabeth. Nicht? — Wo ſind ſie denn? Page. Das wußte Niemand mir zu ſagen. Vor Tages Anbruch hätten beide Lords Eilfertig und geheimnißvoll die Stadt Verlaſſen. Eliſabeth(lebhaft ausbrechend). Ich bin Königin von England! (Auf⸗- und niedergehend in der höchſten Bewegung.) Geh'! Rufe mir— nein, bleibe— Sie iſt todt! Jetzt endlich hab' ich Raum auf dieſer Erde. — Was zittr' ich? Was ergreift mich dieſe Angſt? Das Grab deckt meine Furcht, und wer darf ſagen, Ich hab's gethan! Es ſoll an Thränen mir Nicht fehlen, die Gefallne zu beweinen! (Zum Pagen.) Stehſt du noch hier?— Mein Schreiber Daviſon Soll augenblicklich ſich hieher verfügen. Schickt nach dem Grafen Schrewsburp— Da iſt Er ſelbſt! 1 (Page geht ab.) Dreizehnter Auftritt. Eliſabeth. Graf Schremsbur. Eliſabeth. Willkommen, edler Lord! Was bringt Ihr? Nichts Kleines kann es ſeyn, was Euren Schritt So ſpat hieher führt. Schrewsbury.. „ Große Königin, Mein ſorgenvolles Herz, um deinen Ruhm Bekümmert, trieb mich heute nach dem Tower, Wo Kurl und Nau, die Schreiber der Maria, Gefangen ſitzen: denn noch einmal wollt' ich Die Wahrheit ihres Zeugniſſes erproben. Beſtürzt, verlegen weigert ſich der Leutnant Des Thurms, mir die Gefangenen zu zeigen; Durch Drohung nur verſchafft' ich mir den Eintritt. — Gott, welcher Anblick zeigte mir ſich da! Das Haar verwildert, mit des Wahnſinns Blicken, Wie ein von Furien Gequälter, lag Der Schotte Kurl auf ſeinem Lager— Kaum Erkennt mich der Unglückliche, ſo ſtürzt er Zu meinen Fuͤßen— ſchreiend, meine Knie Umklammernd, mit Verzweiflung, wie ein Wurm, Vor mir gekrümmt— fleht er mich an, beſchwört mich, Ihm ſeiner Königin Schickſal zu verkünden: Denn ein Gerücht, daß ſie zum Tod verurtheilt ſey, War in des Towers Klüfte eingedrungen. Als ich ihm Das bejahet nach der Wahrheit, Hinzu gefügt, daß es ſein Zeugniß ſey, 189 Wodurch ſie ſterbe, ſprang er wüthend auf, Fiel ſeinen Mitgefangnen an, riß ihn Zu Boden mit des Wahnſinns Rieſenkraft, Ihn zu erwürgen ſtrebend. Kaum entriſſen wir Den Unglückſel'gen ſeines Grimmes Händen. Nun kehrt' er gegen ſich die Wuth, zerſchlug Mit grimm'gen Fauſten ſich die Bruſt, verfluchte ſich Und den Gefährten allen Höllengeiſtern: Er habe falſch gezeugt, die Unglücksbriefe An Babington, die er als echt beſchworen, Sie ſeyen falſch, er habe andre Worte Geſchrieben, als die Koͤnigin dictirt, Der Böswicht Nau hab' ihn dazu verleitet. Drauf rannt' er an das Fenſter, riß es auf Mit wüthender Gewalt, ſchrie in die Gaſſen Hinab, daß alles Volk zuſammen lief: Er ſey der Schreiber der Maria, ſey Der Böswicht, der ſie fälſchlich angeklagt; Er ſey verflucht, er ſey ein falſcher Zeuge! Eliſabeth. Ihr ſagtet ſelbſt, daß er von Sinnen war. Die Worte eines Raſenden, Verrückten Beweiſen nichts. Schrewsbury. Doch dieſer Wahnſinn ſelbſt Beweiſet deſto mehr! O Königin, Laß dich beſchwören, uͤbereile nichts, Befiehl, daß man von Neuem unterſuche! Eliſabeth. 8 Ich will es thun— weil Ihr es wünſchet, Graf, Nicht, weil ich glauben kann, daß meine Peers In dieſer Sache übereilt gerichtet. Euch zur Beruhigung erneure man Die Unterſuchung— Gut, daß es noch Zeit iſt! An unſrer königlichen Ehre ſoll Auch nicht der Schatten eines Zweifels haften. Vierzehnter Auftritt. NJaviſon zu den Varigen. Eliſabeth. Das Urtheil, Sir, das ich in Eure Hand Gelegt— wo iſt's?. Dayiſon(im höchſten Erſtaunen). Das Urtheil? Eliſabeth. Das ich geſtern Euch in Verwahrung gab— Dayiſon. Mir in Verwahrung? Eliſabeth. Das Volk beſtürmte mich, zu unterzeichnen, Ich mußt' ihm ſeinen Willen thun, ich that's, 4 Gezwungen that ich's, und in Eure Hände Legt' ich die Schrift, ich wollte Zeit gewinnen. Ihr wißt, was ich Euch ſagte— Nun! Gebt her! Schrewsbury. Gebt, werther Sir! Die Sachen liegen anders, Die Unterſuchung muß erneuert werden. 191 Eliſabeth. Bedenkt Euch nicht ſo lang. Wo iſt die Schrift? Daviſon(in Verzweiflung). Ich bin geſturzt, ich bin ein Mann des Todes! Eliſabeth(haſtig einfallend). Ich will nicht hoffen, Sir— Daniſon. Ich bin verloren! Ich hab' ſie nicht mehr. Eliſabeth. Wie? Was? Schrewsbury. Gott im Himmel! Daniſon. Sie iſt in Burleighs Haͤnden— ſchon ſeit Geſtern. Eliſabeth. Unglücklicher! So habt Ihr mir gehorcht? Befahl ich Euch nicht ſtreng, ſie zu verwahren? Daviſon. Das haſt du nicht befohlen, Königin. Eliſabeth. Willſt du mich Lügen ſtrafen, Elender? Wann hieß ich dir die Schrift an Burleigh geben? Daviſon. Nicht in beſtimmten, klaren Worten— aber— Elifabeth. Nichtswürdiger! Du wagſt es, meine Worte Zu deuten? deinen eignen blut'gen Sinn Hinein zu legen?— Wehe dir, wenn Ungluͤck Aus dieſer eigenmaͤcht'gen That erfolgt! Mit deinem Leben ſollſt du mir's bezahlen. — Graf Schrewsbury, Ihr ſehet, wie mein Name Gemißbraucht wird. Schrewsbury. Ich ſehe— O mein Gott! Eliſabeth. Was ſagt Ihr? Schrewsbury. Wenn der Sauire ſich dieſer That Vermeſſen hat auf eigene Gefahr Und ohne deine Wiſſenſchaft gehandelt, So muß er vor den Richterſtuhl der Peers Gefordert werden, weil er deinen Namen Dem Abſcheu aller Zeiten preisgegeben. Letzter Auftritt. Die Vorigen. Vurleigh, zuletzt Kent. Burleigh (beugt ein Knie vor der Königin). Lang lebe meine königliche Frau, Und moͤgen alle Feinde dieſer Inſel Wie dieſe Stuart enden! (Schrewsbury verhüllt ſein Geſicht, Daviſon ringt verzweiflungsvoll die Hände.) Eliſabeth. Redet, Lord! Habt Ihr den tödtlichen Befehl von mir Empfangen? 193 Burleigh. Nein, Gebieterin! Ich empfing ihn Von Daviſon. Eliſabeth. Hat Daviſon ihn Euch In meinem Namen übergeben? . Burleigh. Nein! Das hat er nicht— Eliſabeth. Und Ihr vollſtrecktet ihn Raſch, ohne meinen Willen erſt zu wiſſen? Das Urtheil war gerecht, die Welt kann uns Nicht tadeln; aber Euch gebührte nicht, Der Milde unſers Herzens vorzugreifen— Drum ſeyd verbannt von unſerm Angeſicht! (Zu Daviſon.) Ein ſtrengeres Gericht erwartet Euch, Der ſeine Vollmacht frevelnd überſchritten, Ein heilig anvertrautes Pfand veruntreut. Man führ' ihn nach dem Tower! Es iſt mein Wille, Daß man auf Leib und Leben ihn verklage. — Mein edler Talbot! Euch allein hab' ich Gerecht erfunden unter meinen Räthen. Ihr ſollt fortan mein Führer ſeyn, mein Freund— Schrewsbury. Verbanne deine treuſten Freunde nicht, Wirf ſie nicht ins Gefangniß, die füur dich Gehandelt haben, die jetzt fuͤr dich ſchweigen! — Mirr aber, große Königin, erlaube, Schillers ſämmtl. Werke. V. 13 Daß ich das Siegel, das du mir zwöͤlf Jahre Vertraut, zurück in deine Haͤnde gebe. Eliſabeth(betroffen). Nein, Schrewsbury! Ihr werdet mich jetzt nicht Verlaſſen, jetzt— Schrewsbury. 3 Verzeih', ich bin zu alt, Und dieſe grade Hand, ſie iſt zu ſtarr, Um deine neuen Thaten zu verſiegeln. Eliſabeth. Verlaſſen wollte mich der Mann, der mir Das Leben rettete? Schrewsbury.“ Ich habe wenig Ich habe deinen edlern Theil en können. Lebe, herrſche glücklich!. gnerin iſt todt. Du haſt von nun an di dine nen zu fürchten, brauchſt nichts mehr zu achten! (Geht ab.) Eliſabeth (zum Grafen Kent, der hereintritt). Graf Leſter komme her! Kent. 8 Der Lord läßt ſich Entſchuldigen: er iſt zu Schiff nach Frankreich⸗ (Sie bezwingt ſich und ſteht mit ruhiger Faſſung da. Der Vorhang fällt.) Die Jungfrau von Orleans. Eine romantiſche Tragödie. erſonen. Karl VII., König von Frankreich. Koͤnigin Iſabeau, ſeine Mutter. Agnes Sorel, ſeine Geliebte⸗ Philipp der Gure, Herzog von Burgund. Graf Dunois, Baſtard von Orleans. La Hire⸗ ¹ koͤnigliche ciere. Du Chatel,) Erzbiſchof von Rheims. Chatillon, ein burgundiſcher Ritter. Naoul, ein lothringiſcher Ritter. Talbot, Feldherr der Engländer. Lionel,) Faſtolf, Monrgomery, ein Walliſer. Rathsherren von Orleans. Ein engliſcher Hexold. Thibaut d. Arc, ein reicher Landmann. Margot, Louiſon, feine Töchter. Johanna, Etienne, Slaude Marie,) ihre Freier. Raimond, Bertr nd, ein anderer Landmann. Die Erſcheinung eines ſchwarzen Ri tters. Koͤhler und Koͤhlerweib. Soldaten und Volk, Kdnigliche Kronbediente, Biſchdfe, Moͤnche, Marſchälle, Magiſtratsperſonen, Kofleute, und andere ſiumme Perſonen im Gefolge des Krönungszuges. engliſche Anführer. b — Prolog. Eine ländliche Gegend. Vorn zur Rechten ein Heiligenbild in einer Kapelle, hohe Eiche. Erſter Auftritt. Thibaut d'Arc. Seine drei Tüchter. Drei junge Schäfer, ihre Freier. zur Linken eine Thibaut. Ja, liebe Nachbarn! Heute ſind wir noch Franzoſen, freie Bürger noch und Herren Des alten Bodens, den die Väter pflügten; Wer weiß, wer morgen über uns befiehlt! Denn aller Orten laͤßt der Engellander Sein ſieghaft Banner fliegen; ſeine Roſſe Zerſtampfen Frankreichs blühende Gefilde. Paris hat ihn als Sieger ſchon empfangen, Und mit der alten Krone Dagoberts Schmückt es den Sprößling eines fremden Stamms. Der Enkel unſrer Könige muß irren, Enterbt und fluchtig, durch ſein eignes Reich, Und wider ihn im Heer der Feinde kaͤmpft Sein nächſter Vetter und ſein erſter Pair, Ja, ſeine Rabenmutter fuͤhrt es an. Rings brennen Dörfer, Städte. Näher ſtets Und naher waͤlzt ſich der Verheerung Rauch An dieſe Thaler, die noch friedlich ruhn. — Drum, liebe Nachbarn, hab' ich mich mit Gott Enrſchloſſen, weil ich's heute noch vermag, Die Töchter zu verſorgen: denn das Weib Bedarf in Kriegesnöthen des Beſchützers, Und treue Lieb' hilft alle Laſten heben. (Zu dem erſten Schäfer.) — Kommt, Etienne! Ihr werbt um meine Margot. Die Aecker gränzen nachbarlich zuſammen, Die Herzen ſtimmen überein— Das ſtiftet Ein gutes Ehband! (Zu dem Zweiten.) Claude Marie! Ihr ſchweigt, Und meine Louiſon ſchlägt die Augen nieder? Werd' ich zwei Herzen trennen, die ſich fanden, Weil Ihr nicht Schäͤtze mir zu bieten habt? Wer har jetzt Schätze? Haus und Scheune ſind Des nachſten Feindes oder Feuers Raub— Die treue Bruſt des braven Manns allein Iſt ein ſturmfeſtes Dach in dieſen Zeiten. Louiſon. Mein Vater! 4 Claude Marie. Meine Louiſon! Louiſon(Johanna umarmend). Liebe Schweſter! 3 . 1 Chibaut. Ich gebe Jeder dreißig Acker Landes 199 Und Stall und Hof und eine Heerde— Gott Hat mich geſegnet, und ſo ſegn' er euch! Margot(Johanna umarmend). Erfreue unſern Vater! Nimm ein Beiſpiel! Laß dieſen Tag drei frohe Bande ſchließen! 4 Thibaut. Geht! Machet Anſtalt! Morgen iſt die Hochzeit: Ich will, das ganze Dorf ſoll ſie mit feiern. (Die zwei Paare gehen, Arm in Arm geſchlungen, ab.) Zweiter Auftritt. Thibaut. Raimond. Johanna. Chibaut. Jeannette, deine Schweſtern machen Hochzeit, Ich ſeh' ſie glücklich, ſie erfreun mein Alter; Du, meine Jüngſte, machſt mir Gram und Schmerz. Raimond. Was fällt Euch ein! Was ſcheltet Ihr die Tochter? Thibaut. Hier dieſer wackre Jüngling, dem ſich keiner Vergleicht im ganzen Dorf, der Treffliche, Er hat dir ſeine Neigung zugewendet Und wirbt um dich, ſchon iſt's der dritte Herbſt, Mit ſtillem Wunſch, mit herzlichem Bemühn; Du ſtößeſt ihn verſchloſſen, kalt zurück, Noch ſonſt ein andrer von den Hirten allen Mag dir ein gütig Lächeln abgewinnen. — Ich ſehe dich in Jugendfülle prangen, 8* —õ——:—::::::—n—— 200 Dein Lenz iſt da, es iſt die Zeit der Hoffnung, Entfaltet iſt die Blume deines Leibes; Doch ſtets vergebens harr' ich, daß die Blume Der zarten Lieb' aus ihrer Knoſpe breche Und freudig reife zu der goldnen Frucht! O, Das gefaͤllt mir nimmermehr und deutet Auf eine ſchwere Irrung der Natur! Das Herz gefällt mir nicht, das ſtreng und kalt Sich zuſchließt in den Jahren des Gefühls. Raimond. Laßt's unt ſeyn, Vater Arc! Laßt ſie gewaͤhren! Die Liebe meiner trefflichen Johanna Iſt eine edle, zarte Himmelsfrucht, Und ſtill, allmaͤhlich reift das Köſtliche! Jetzt liebt ſie noch, zu wohnen auf den Bergen, Und von der freien Haide furchtet ſie Herabzuſteigen in das niedre Dach Der Menſchen, wo die engen Sorgen wohnen. Oft ſeh' ich ihr aus tiefem Thal mit ſtillem Erſtaunen zu, wenn ſie auf hoher Trift In Mitte ihrer Heerde ragend ſteht, Mit edelm Leibe, und den ernſten Blick Herabſenkt auf der Erde kleine Lander. Da ſcheint ſie mir was Höhres zu bedeuten, Und dünkt mir's oft, ſie ſtamm' aus andern Zeiten. Thibaut. Das iſt es, was mir nicht gefallen will! Sie flieht der Schweſtern froͤhliche Gemeinſchaft, Die öden Berge ſucht ſie auf, verläſſet Ihr nachtlich Lager vor dem Hahnenruf,. Und in der Schreckensſtunde, wo der Menſch 16 201 Sich gern vertraulich an den Menſchen ſchließt, Schleicht ſie, gleich dem einſiedleriſchen Vogel, Heraus ins graulich duͤſtre Geiſterreich Der Nacht, tritt auf dem Kreuzweg hin und pflegt Geheime Zweiſprach mit der Luft des Berges. Warum erwahlt ſie immer dieſen Ort Und treibt gerade hieher ihre Heerde? Ich ſehe ſie zu ganzen Stunden ſinnend Dort unter dem Druidenbaume ſitzen, Den alle glückliche Geſchöpfe fliehn. Denn nicht geheur iſt's hier: ein böſes Weſen Hat ſeinen Wohnſitz unter dieſem Baum Schon ſeit der alten, grauen Heidenzeit. Die Aelteſten im Dorf erzählen ſich Von dieſem Baume ſchauerhafte Mahren; Seltſamer Stimmen wunderſamen Klang Vernimmt man oft aus ſeinen duüſtern Zweigen. Ich ſelbſt, als mich in ſpaäter Dammrung einſt Der Weg an dieſem Baum voruͤberfuhrte, Hab' ein geſpenſtiſch Weib hier ſitzen ſehn: Das ſtreckte mir aus weit gefaltetem Gewande langſam eine dürre Hand Entgegen, gleich als winkt' es; doch ich eilte Fürbaß, und Gott befahl ich meine Seele. Raimond (auf das Heiligenbild in der Kapelle zeigend). Des Gnadenbildes ſegenreiche Naͤhe, Das hier des Himmels Frieden um ſich ſtreut, Nicht Satans Werk führt Eure Tochter her. Thibaut. O nein, nein! Nicht vergebens zeigt ſich's mir 2 20²2 In Traͤumen an und äangſtlichen Geſichten. Zu dreien Malen hab' ich ſie geſehn Zu Rheims auf unſrer Könige Stuhle ſitzen, Ein funkelnd Diadem von ſieben Sternen Auf ihrem Haupt, das Scepter in der Hand, Aus dem drei weiße Lilien entſprangen, Und ich, ihr Vater, ihre beiden Schweſtern Und alle Fürſten, Grafen, Erzbiſchöfe, Der König ſelber neigten ſich vor ihr. Wie kommt mir ſolcher Glanz in meine Hütte? O, Das bedeutet einen tiefen Fall! Sinnbildlich ſtellt mir dieſer Warnungstraum Das eitle Trachten ihres Herzens dar. Sie ſchämt ſich ihrer Niedrigkeit— weil Gott Mit reicher Schönheit ihren Leib geſchmückt, Mit hohen Wundergaben ſie geſegnet Vor allen Hirtenmaͤdchen dieſes Thals, So nährt ſie fuͤnd'gen Hochmuth in dem Herzen, Und Hochmuth iſt's, wodurch die Engel fielen, Woran der Höllengeiſt den Menſchen faßt. Raimond. Wer hegt beſcheidnern, tugendlichern Sinn, Als Eure fromme Tochter? Iſt ſie's nicht, Die ihren altern Schweſtern freudig dient? Sie iſt die hochbegabteſte von allen; Doch ſeht Ihr ſie, wie eine niedre Magd, Die ſchwerſten Pflichten ſtill gehorſam üben, Und unter ihren Haͤnden wunderbar Gedeihen Euch die Heerden und die Saaten; Um Alles, was ſie ſchafft, ergießet ſich Ein unbegreiflich überſchwaͤnglich Gluͤck. 203 Chidaut. Ja wohl! Ein unbegreiflich Glück— Mir kommt Ein eigen Grauen an bei dieſem Segen! — Nichts mehr davon. Ich ſchweige. Ich will ſchweigen: Soll ich mein eigen theures Kind anklagen? Ich kann nichts thun, als warnen, für ſie beten! Doch warnen muß ich— Fliehe dieſen Baum, Bleib' nicht allein und grabe keine Wurzeln Um Mitternacht, bereite keine Tränke Und ſchreibe keine Zeichen in den Sand! Leicht aufzuritzen iſt das Reich der Geiſter, Sie liegen wartend unter dünner Decke, Und, leiſe hörend, ſtürmen ſie herauf. Bleib' nicht allein! denn in der Wüſte trat Der Satansengel ſelbſt zum Herrn des Himmels. Dritter Auftritt. Bertrand riitt auf, einen Helm in der Hand. Chibaut. Raimond. Johanna. Raimond. Still! Da kommt Bertrand aus der Stadt zuruͤck. Sieh', was er trägt! Bertrand. Ihr ſtaunt mich an, ihr ſeyd Verwundert ob des ſeltſamen Geräthes In meiner Hand. Chibaut. Das ſind wir. Saget an, 204 Wie kamt Ihr zu dem Helm, was bringt Ihr uns Das böſe Zeichen in die Friedensgegend? (Johanna, welche in beiden vorigen Scenen ſtill und ohne Antheil auf der Seite geſtanden, wird aufmerkſam und tritt näher.) Bertrand. Kaum weiß ich ſelbſt zu ſagen, wie das Ding Mir in die Hand gerieth. Ich hatte eiſernes 6 Geräth mir eingekauft zu Vaucouleurs; Ein großes Draͤngen fand ich auf dem Markt, Denn flücht'ges Volk war eben angelangt Von Orleans mit böſer Kriegespoſt. Im Aufruhr lief die ganze Stadt zuſammen, Und, als ich Bahn mir mache durchs Gewühl, Da tritt ein braun Bohemerweib mich an Mit dieſem Helm, faßt mich ins Auge ſcharf Und ſpricht: Geſell', Ihr ſuchet einen Helm, Ich weiß, Ihr ſuchet einen. Dal Nehmt hin! Um ein Geringes ſteht er Euch zu Kaufe. — Geht zu den Lanzenknechten, ſagt' ich ihr, Ich bin ein Landmann, brauche nicht des Helmes. Sie aber ließ nicht ab und ſagte ferner: 1 Kein Menſch vermag zu ſagen, ob er nicht Des Helmes braucht. Ein ſtählern Dach fürs Haupt Iſt jetzo mehr werth, als ein ſteinern Haus. So trieb ſie mich durch alle Gaſſen, mir Den Helm aufnöthigend, den ich nicht wollte. Ich ſah den Helm, daß er ſo blank und ſchön Und würdig eines ritterlichen Haupts, Und, da ich zweifelnd in der Hand ihn wog, Des Abenteuers Seltſamkeit bedenkend, Da war das Weib mir aus den Augen, ſchnell 205 Hinweggeriſſen hatte ſie der Strom Des Volkes, und der Helm blieb mir in Haͤnden. Johanna(raſch und begierig darnach greifend). Gebt mir den Helm! Bertrand. Was frommt euch dies Geräthe? Das iſt kein Schmuck für ein jungfraͤulich Haupt. 3 Johanna e(entreißt ihm den Helm). Mein iſt der Helm, und mir gehört er zu. 4 CThibaut. Was faͤllt dem Mädchen ein? Vaimond. Laßt ihr den Willen! Wohl ziemt ihr dieſer kriegeriſche Schmuck, Denn ihre Bruſt verſchließt ein mannlich Herz. Denkt nach, wie ſie den Tigerwolf bezwang, Das grimmig wilde Thier, das unſre Heerden Verwüſtete, den Schrecken aller Hirten. Sie ganz allein, die löwenherz'ge Jungfrau, Stritt mit dem Wolf und rang das Lamm ihm ab, Das er im blut'gen Rachen ſchon davon trug. Welch tapfres Haupt auch dieſer Helm bedeckt, Er kann kein wuͤrdigeres zieren! Chibaut(zu Bertrand). Sprecht! Welch neues Kriegesunglück iſt geſchehn? Was brachten jene Fluchtigen? Bertrand. Gott helfe Dem Koͤnig und erbarme ſich des Landes! Geſchlagen ſind wir in zwei großen Schlachten, 8 206 Mitten in Frankreich ſteht der Feind, verloren Sind alle Länder bis an die Loire— Jetzt hat er ſeine ganze Macht zuſammen Geführt, womit er Orleans belagert. Thibaut. Gott ſchütze den König! 1 Bertrand. Unermeßliches. Geſchuͤtz iſt aufgebracht von allen Enden, Und, wie der Bienen dunkelnde Geſchwader Den Korb umſchwärmen in des Sommers Tagen, „Wie aus geſchwärzter Luft die Heuſchreckwolke Herunterfäͤllt und meilenlang die Felder 3 Bedeckt in unabſehbarem Gewimmel: So goß ſich eine Kriegeswolke aus Von Völkern über Orleaus Gefilde, Und von der Sprachen unverſtändlichem Gemiſch verworren, dumpf erbraust das Lager. Denn auch der mächtige Burgund, der Länder⸗ Gewaltige, hat ſeine Mannen alle 4 Herbeigeführt, die Lütticher, Luxremburger, Die Hennegauer, die vom Lande Namur und, die das glückliche Brabant bewohnen, Die üpp'gen Genter, die in Sammt und Seide Stolziren, die von Seeland, deren Städte Sich reinlich aus dem Meereswaſſer heben, Die heerdenmelkenden Holländer, die Von Utrecht, ja vom äußerſten Weſrtfriesland, Die nach dem Eispol ſchaun— ſie folgen Alle. Dem Heerbann des gewaltig herrſchenen Burgund und wollen Orleans bezwingen. „ 207 Chibaut. O des unſelig jammervollen Zwiſtes, Der Frankreichs Waffen wider Frankreich wendet! Vertrand. Auch ſie, die alte Königin, ſieht man, Die ſtolze Iſabeau, die Bayerfurſtin, In Stahl gekleidet, durch das Lager reiten, Mit gift'gen Stachelworten alle Völker Zur Wuth aufregen wider ihren Sohn, Den ſie in ihrem Mutterſchoß getragen! Thibaut. Fluch treffe ſie, und möge Gott ſie einſt, Wie jene ſtolze Jeſabel, verderben! Vertrand. Der fürchterliche Sal'sbury, der Mauern⸗ Zertrümmerer, führt die Belagrung an, Mit ihm des Löwen Bruder Lionel Und Talbot, der mit mörderiſchem Schwert Die Völker niedermähet in den Schlachten. In frechem Muthe haben ſie geſchworen, Der Schmach zu weihen alle Jungfrauen Und, was das Schwert geführt, dem Schwert zu opfern. Vier hohe Warten haben ſie erbaut, Die Stadt zu überragen; oben ſpaht Graf Sal'sbury mit mordbegiergem Blick Und zählt die ſchnellen Wandrer auf den Gaſſen; Viel tauſend Kugeln ſchon von Centners Laſt Sind in die Stadt geſchleudert, Kirchen liegen Zertrümmert, und der königliche Thurm Von Notre Dame beugt ſein erhahnes Haupt. Auch Pulvergange haben ſie gegraben, Und über einem Höllenreiche ſteht Die bange Stadt, gewartig jede Stunde, Daß es mit Donners Krachen ſich entzünde. (Johanna borcht mit geſpannter Aufmerkſamkeit und ſetzt ſich den Helm auf.) Thibaut. Wo aber waren denn die tapfern Degen Saintrailles, La Hire und Frankreichs Bruſtwehr, Der heldenmuth'ge Baſtard, daß der Feind So allgewaltig reißend vorwärts drang? Wo iſt der König ſelbſt? und ſieht er müßig Des Reiches Noth und ſeiner Städte Fall? Vertrand. Zu Chinon hält der König ſeinen Hof: Es fehlt an Volk, er kann das Feld nicht halten. Was nützt der Führer Muth, der Helden Arm, Wenn bleiche Furcht die Heere lähmt? Ein Schrecken, wie von Gott herabgeſandt, Hat auch die Bruſt der Tapferſten ergriffen. uUmſonſt erſchallt der Fürſten Aufgebot. Wie ſich die Schafe bang zuſammendraͤngen, Wenn ſich des Wolfes Heulen hören läßt, So ſucht der Franke, ſeines alten Ruhms Vergeſſend, nur die Sicherheit der Burgen. Ein einz'ger Ritter nur, hört' ich erzahlen, Hab' eine ſchwache Mannſchaft aufgebracht Und zieh' dem König zu mit ſechzehn Fahnen. Johanna(ſchnelh. Wie heißt der Ritter? Bertrand. Baudricour. Doch ſchwerlig 209 Möcht' er des Feindes Kundſchaft hintergehn, Der mit zwei Heeren ſeinen Ferſen folgt. Johanna. Wo hält der Ritter? Sagt mir's, wenn Ihr's wiſſet. Bertrand. Er ſteht kaum eine Tagereiſe weit Von Vaucouleurs.. Chibaut Gzu Johanna). Was kümmert's dich! Du fragſt Nach Dingen, Maͤdchen, die dir nicht geziemen. Bertrand. Weil nun der Feind ſo machtig, und kein Schutz Vom König mehr zu hoffen, haben ſie Zu Vaucouleurs einmuthig den Beſchluß Gefaßt, ſich dem Burgund zu übergeben. So tragen wir nicht fremdes Joch und bleiben Beim alten Königsſtamme— ja, vielleicht Zur alten Krone fallen wir zurück, Wenn einſt Burgund und Frankreich ſich verſöhnen. Johanna(in Begeiſterung). Nichts von Vertraͤgen! Nichts von Uebergabe! Der Retter naht, er ruͤſtet ſich zum Kampf. Vor Orleans ſoll das Glück des Feindes ſcheitern! Sein Maß iſt voll, er iſt zur Ernte reif: Mit ihrer Sichel wird die Jungfrau kommen Und ſeines Stolzes Saaten niedermahn; Herab vom Himmel reißt ſie ſeinen Ruhm, Den er hoch an den Sternen aufgehangen. Verzagt nicht! Fliehet nicht! Denn, eh' der Rocken Gelb wird, eh' ſich die Mondesſcheibe füllt, Schillers ſaͤmmtl. Werke. v. 14 b 210 Wird kein engländiſch Roß mehr aus den Wellen Der praͤchtigſtromenden Loire trinken. Vertrand. Ach, es geſchehen keine Wunder mehr! Johanna. Es geſchehn noch Wunder— Eine weiße Taube Wird fliegen und mit Adlerskühnheit dieſe Geier Anfallen, die das Vaterland zerreißen. Darniederkämpfen wird ſie dieſen ſtolzen Burgund, den Reichsverrather, dieſen Talbot, Den himmelſtürmend hunderthandigen, Und dieſen Sal'sbury, den Tempelſchänder, Und dieſe frechen Inſelwohner alle Wie eine Heerde Lämmer vor ſich jagen. Der Herr wird mit ihr ſeyn, der Schlachten Gott. Sein zitterndes Geſchöpf wird er erwäahlen, Durch eine zarte Jungfrau wird er ſich Verherrlichen, denn er iſt der Allmacht'ge! Thibant. Was für ein Geiſt ergreift die Dirn'? Raimond. Es iſt Der Helm, der ſie ſo kriegeriſch beſeelt. Seht Eure Tochter an. Ihr Auge blitzt, Und glühend Feuer ſprühen ihre Wangen! Johauna.. Dies Reich ſoll fallen? dieſes Land des Ruhms, Das ſchönſte, das die ew'ge Sonne ſieht In ihrem Lauf, das Paradies der Länder, Das Gott liebt, wie den Apfel ſeines Auges Die Feſſelu tragen eines fremden Volks? 211 — Hier ſcheiterte der Heiden Macht. Hier war Das erſte Kreuz, das Gnadenbild erhöht; Hier ruht der Staub des heil'gen Ludewig! Von hier aus ward Jeruſalem erobert. Bertrand(erſtaunt). Hört ihre Rede! Woher ſchöpfte ſie Die hohe Offenbarung?— Vater Arc! Euch gab Gott eine wundervolle Tochter! Johanna. Wir ſollen keine eigne Könige Mehr haben, keinen eingebornen Herrn— Der König, der nie ſtirbt, ſoll aus der Welt Verſchwinden— der den heil'gen Pflug beſchuͤtzt, Der die Trift beſchützt und fruchtbar macht die Erde— Der die Leibeignen in die Freiheit führt, Der die Stadte freudig ſtellt um ſeinen Thron— Der dem Schwachen beiſteht und den Böͤſen ſchreckt, Der den Neid nicht kennet— denn er iſt der Größte— Der ein Menſch iſt und ein Engel der Erbarmung Auf der feindſehgen Erde.— Denn der Thron Der Könige, der von Golde ſchimmert, iſt Das Obdach der Verlaſſenen— hier ſteht Die Macht und die Barmherzigkeit— es zittert Der Schuldige, vertrauend naht ſich der Gerechte Und ſcherzet mit dem Löwen um den Thron! Der fremde König, der von Außen kommt, Dem keines Ahnherrn heilige Gebeine In dieſem Lande ruhn, kann er es lieben? Der nicht jung war mit unſern Jünglingen, Dem unſre Worte nicht zum Herzen tönen, Kann er ein Vater ſeyn zu ſeinen Söhnen? * 212 Chibaut. 4 Gott ſchütze Frankreich und den Köͤnig! Wir Sind friedliche Landleute, wiſſen nicht Das Schwert zu führen, noch das kriegeriſche Roß Zu tummeln.— Laßt uns ſtill gehorchend harren, Wen uns der Sieg zum König geben wird. Das Glück der Schlachten iſt das Urtheil Gottes, Und unſer Herr iſt, wer die heil'ge Oelung Empfängt und ſich die Kron' aufſetzt zu Rheims. — Kommt an die Arbeit! Kommt! Und denke Jeder Nur an das Naͤchſte! Laſſen wir die Großen, Der Erde Fürſten, um die Erde loſen; Wir können ruhig die Zerſtoͤrung ſchauen, Denn ſturmfeſt ſteht der Boden, den wir hauen. Die Flamme brenne unſre Dörfer nieder, Die Saat zerſtampfe ihrer Roſſe Tritt: Der neue Lenz bringt neue Saaten mit, Und ſchnell erſtehn die leichten Hütten wieder! (Alle außer der Jungfrau gehen ab.) Vierter Auftritt. Johanna(allein). Lebt wohl, ihr Berge, ihr geliebte Triften, Ihr traulich ſtille Thaͤler, lebet wohl! Johanna wird nun nicht mehr auf euch wandeln! Johanna ſagt euch ewig Lebewohl! Ihr Wieſen, die ich wäſſerte, ihr Baͤume, Die ich gepflanzet, grünet froͤhlich fort! 3 3 213 Lebt wohl, ihr Grotten und ihr kühle Brunnen, Du Echo, holde Stimme dieſes Thals, Die oft mir Antwort gab auf meine Lieder⸗ Johanna geht, und nimmer kehrt ſie wieder! Ihr Plaͤtze alle meiner ſtillen Freuden, Euch laſſ' ich hinter mir auf immerdar! Zerſtreuet euch, ihr Lämmer, auf der Haiden! Ihr ſeyd jetzt eine hirtenloſe Schaar! Denn eine andre Heerde muß ich weiden Dort auf dem blut'gen Felde der Gefahr. So iſt des Geiſtes Ruf an mich ergangen; Mich treibt nicht eitles, irdiſches Verlangen. Denn, der zu Moſen auf des Horebs Hoͤhen Im feur'gen Buſch ſich flammend niederließ Und ihm befahl, vor Pharao zu ſtehen, Der einſt den frommen Knaben Iſais, Den Hirten, ſich zum Streiter auserſehen, Der ſtets den Hirten gnädig ſich bewies, Er ſprach zu mir aus dieſes Baumes Zweigen: „Geh' hin! Du ſollſt auf Erden für mich zeugen.“ „In rauhes Erz ſollſt du die Glieder ſchnüͤren, Mit Stahl bedecken deine zarte Bruſt! Nicht Mannerliebe darf dein Herz berühren Mit ſünd'gen Flammen eitler Erdenluſt. Nie wird der Brautkranz deine Locke zieren, Dir blüht kein lieblich Kind an deiner Bruſt; Doch werd' ich dich mit kriegeriſchen Ehren, Vor allen Erdenfrauen dich verklären.“ „Denn, wenn im Kampf die Muthigſten verzagen, Wenn Frankreichs letztes Schickſal nun ſich naht, Dann wirſt du meine Oriflamme tragen und, wie die raſche Schnitterin die Saat, Den ſtolzen Ueberwinder niederſchlagen; Umwäaͤlzen wirſt du ſeines Glückes Rad, „Errettung bringen Frankreichs Heldenſöhnen Und Rheims befrein und deinen König krönen!“ Ein Zeichen hat der Himmel mir verheißen: Er ſendet mir den Helm, er kommt von ihm, Mit Götterkraft berühret mich ſein Eiſen, Und mich durchflammt der Muth der Cherubim; Ins Kriegsgewuͤhl hinein will es mich reißen, Es treibt mich fort mit Sturmes Ungeſtüm: Den Feldruf hoͤr' ich mächtig zu mir dringen, Das Schlachtroß ſteigt, und die Trompeten klingen. (Sie gehr ab.) ——— Erſter Aufzug. Hoflager König Karls zu Chinon. Erſter Auftritt. Dunois und DBu Chatel. Dunois. Nein, ich ertrag' es länger nicht. Ich ſage Mich los von dieſem König, der unrühmlich Sich ſelbſt verlaßt. Mir blutet in der Bruſt Das tapfre Herz, und glühnde Thränen möcht' ich weinen, Daß Räuber in das koͤnigliche Frankreich Sich theilen mit dem Schwert, die edeln Städte, Die mit der Monarchie gealtert ſind, Dem Feind die roſt'gen Schlüſſel überliefern, Indeß wir hier in thatenloſer Ruh' Die köſtlich edle Rettungszeit verſchwenden. — Ich höre Orleans bedroht, ich fliege Herbei aus der entlegnen Normandie, Den König denk' ich kriegeriſch gerüſtet An ſeines Heeres Spitze ſchon zu finden Und find' ihn— hier! umringt von Gaukelſpielern Und Troubadours, ſpitzfind'ge Räthſel löſend 216 Und der Sorel galante Feſte gebend, Als waltete im Reich der tiefſte Friede! — Der Connetable geht, er kann den Graͤul Nicht länger anſehn.— Ich verlaſſ' ihn auch Und übergeb' ihn ſeinem böſen Schickſal. Du Chatel. Da kommt der König. Zweiter Auftritt. Künig Karl zu den Pyrigen. Karl. Der Connetable ſchickt ſein Schwert zuruͤck Und ſagt den Dienſt mir auf— In Gottes Namen! So ſind wir eines mürr'ſchen Mannes los, Der unverträglich uns nur meiſtern wollte. Dunois. Ein Mann iſt viel werth in ſo theurer Zeit: Ich möcht' ihn nicht mit leichtem Sinn verlieren. Karl. Das ſagſt du nur aus Luſt des Widerſpruchs; Solang er da war, warſt du nie ſein Freund. Dunois. Er war ein ſtolz verdrießlich ſchwerer Narr Und wußte nie zu enden— diesmal aber Weiß er's. Er weiß zu rechter Zeit zu gehn, Wo keine Ehre mehr zu holen iſt. Karl. Du biſt in deiner angenehmen Laune: Ich will dich nicht drin ſtoͤren.— Du Chatel! 217 Es ſind Geſandte da vom alten König Rens,“ belobte Meiſter im Geſang Und weit berühmt.— Man muß ſie wohl bewirthen und jedem eine goldne Kette reichen. (Zum Baſtard.) Worüber lachſt du? Dunois. Daß du goldne Ketten Aus deinem Munde ſchüttelſt. Du Chatel. Sirel es iſt Kein Geld in deinem Schatze mehr vorhanden. Karl. So ſchaffe welches.— Edle Sänger durfen Nicht ungeehrt von meinem Hofe ziehn. Sie machen uns den dürren Scepter blühn, Sie flechten den unſterblich grünen Zweig Des Lebens in die unfruchtbare Krone, Sie ſtellen herrſchend ſich den Herrſchern gleich, Aus leichten Wünſchen bauen ſie ſich Throne, Und nicht im Raume liegt ihr harmlos Reich: Drum ſoll der Sänger mit dem König gehen, Sie Beide wohnen auf der Menſchheit Höhen! * Anmerkung in der erſten Ausgabe. René der Gute, Graf von Provence, aus dem Hauſe Anjou; ſein Vater und Bruder waren Kö⸗ nige von Neapel, und er ſelbſt machte nach ſeines Bruders Tode Anſpruch auf dieſes Reich, ſcheiterte aber in der Unternehmung. Er ſuchte die alte provengaliſche Poeſie und die Cour d' amour wieder herzuſtellen und ſetzte einen Prince d'amour ein als höchſten Richter in Sachen der Galanterie und Liebe. In demſelben romantiſchen Geiſt machte er ſich mit ſeiner Gemahlin zum Schaͤfer. 8 218 Du Chatel. Mein koͤniglicher Herr! Ich hab' dein Ohr Verſchont, ſolang noch Rath und Hülfe war; Doch endlich löst die Nothdurft mir die Zunge. — Du haſt nichts mehr zu ſchenken, ach, du haſt Nicht mehr, wovon du morgen könnteſt leben! Die hohe Flut des Reichthums iſt zerfloſſen, Und tiefe Ebbe iſt in deinem Schatz. Den Truppen iſt der Sold noch nicht bezahlt: Sie drohen murrend abzuziehn.— Kaum weiß Ich Rath, dein eignes königliches Haus Nothdürftig nur, nicht fürſtlich, zu erhalten. Karl. Verpfaͤnde meine königlichen Zölle Und laß dir Geld darleihn von den Lombarden. Du Chatel.— Sire, deine Kroneinkünfte, deine Zölle Sind auf drei Jahre ſchon voraus verpfaͤndet. Dunois. Und unterdeß geht Pfand und Land verloren. Karl. Uns bleiben noch viel reiche ſchöne Länder. Dunois. Solang es Gott gefällt und Talbots Schwert! 4 Wenn Orleans genommen iſt, magſt du Mit deinem König Rens Schafe hüten. Karl. Stets übſt du deinen Witz an dieſem Koͤnig; Doch iſt es dieſer laͤnderloſe Fuͤrſt, 1 Der eben heut' mich königlich beſchenkte. 219 Dunois. Nur nicht mit ſeiner Krone von Neapel, Um Gottes willen nicht! Denn die iſt feil, Hab' ich gehört, ſeitdem er Schaſe weidet. Karl. Das iſt ein Scherz, ein heitres Spiel, ein Feſt, Das er ſich ſelbſt und ſeinem Herzen gibt, Sich eine ſchuldlos reine Welt zu gründen In dieſer rauh barbar'ſchen Wirklichkeit. Doch was er Großes, Königliches will— Er will die alten Zeiten wieder bringen, Wo zarte Minne herrſchte, wo die Liebe Der Ritter große Heldenherzen hob, Und edle Frauen zu Gerichte ſaßen, Mit zartem Sinne alles Feine ſchlichtend. In jenen Zeiten wohnt der heitre Greis, Und, wie ſie noch in alten Liedern leben, So will er ſie, wie eine Himmelsſtadt In goldnen Wolken, auf die Erde ſetzen— Gegrundet hat er einen Liebeshof, Wohin die edeln Ritter ſollen wallen, Wo keuſche Frauen herrlich ſollen thronen, Wo reine Minne wiederkehren ſoll, Und mich hat er erwählt zum Fürſt der Liebe. Dundis. Ich bin ſo ſehr nicht aus der Art geſchlagen, Daß ich der Liebe Herrſchaft ſollte ſchmahn. Ich nenne mich nach ihr, ich bin ihr Sohn, Und all' mein Erbe liegt in ihrem Reich. Mein Vater war der Prinz von Orleans, Ihm war kein weiblich Herz unüberwindlich, 220 Doch auch kein feindlich Schloß war ihm zu ‚feſt. Willſt du der Liebe Fürſt dich würdig nennen, So ſey der Tapfern Tapferſter!— Wie ich Aus jenen alten Büchern mir geleſen, War Liebe ſtets mit hoher Ritterthat Gepaart, und Helden, hat man mich gelehrt, Nicht Schäfer ſaßen an der Tafelrunde. Wer nicht die Schönheit tapfer kann beſchützen, Verdient nicht ihren goldnen Preis.— Hier iſt Der Fechtplatz! Kämpf' um deiner Väter Krone! Vertheidige mit ritterlichem Schwert Dein Eigenthum und edler Frauen Ehre— Und, haſt du dir aus Strömen Feindesbluts Die angeſtammte Krone kühn erobert, Dann iſt es Zeit und ſteht dir fürſtlich an, Dich mit der Liebe Myrten zu bekrönen. Karl (zu einem Edelknecht, der hereintritt). Was gibt's? Edelknecht.. Rathsherrn von Orleans flehn um Gehoͤr. Karl. Führ' ſie herein! (Edelknecht geht ab.) Sie werden Hülfe fordern; Was kann ich thun, der ſelber huülflos iſt! Dritter Auftritt. Drei Nathsherren zu den Vorigen. Karl. Willkommen, meine vielgetrenen Buͤrger Aus Orleans! Wie ſteht's um meine gute Stadt? Fährt ſie noch fort, mit dem gewohnten Muth Dem Feind zu widerſtehn, der ſie belagert? Kathsherr. Ach, Sire! Es drängt die höchſte Noth, und ſruͤndlich wachſend Schwillt das Verderben an die Stadt heran. Die äußern Werke ſind zerſtört, der Feind Gewinnt mit jedem Sturme neuen Boden. Entblößt ſind von Vertheidigern die Mauern, Denn, raſtlos fechtend, fällt die Mannſchaft aus; Doch Wen'ge ſehn die Heimatpforte wieder, Und auch des Hungers Plage droht der Stadt. Drum hat der edle Graf von Rochepierre, Der drin befiehlt, in dieſer höchſten Noth Vertragen mit dem Feind, nach altem Brauch, Sich zu ergeben auf den zwölften Tag, Wenn binnen dieſer Zeit kein Heer im Feld Erſchien, zahlreich genug, die Stadt zu retten. (Dunois macht eine heftige Bewegung des Zorns.) Karl. Die Friſt iſt kurz. Rathsherr. Und jetzo ſind wir hier Mit Feinds Geleit, daß wir dein fürſtlich Herz Auflehen, deiner Stadt dich zu erbarmen.— Und Hülf' zu ſenden binnen dieſer Friſt, Sonſt übergibt er ſie am zwölften Tage. Dundis. Saintrailles konnte ſeine Stimme geben Zu ſolchem ſchimpflichen Vertrag? Rathsherr. Nein, Herr! Solang der Tapfre lebte, durfte nie ⸗ Die Rede ſeyn von Fried' und Uebergabe. Dunois. So iſt er todt? Rathsherr. An unſern Mauern ſank Der edle Held fuͤr ſeines Königs Sache. 7 Karl. Saintrailles todt!. O, in dem einz'gen Mann Sinkt mir ein Heer! (Ein Ritter kommt und ſpricht einige Worte leiſe mit dem Baſtard, welcher betroffen auffährt.) Dunois. Auch Das noch! Karl. Nun! Was gibt's? Dunois. Graf Donglas ſendet her. Die ſchott'ſchen Völker Empören ſich und drohen abzuziehn, Wenn ſie nicht heut den Rückſtand noch erhalten. Karl. Du Chatel! 223 Du Chatel(uckt die Achſeln). Sirel ich weiß nicht Rath. Karl. Verſprich, Verpfände, was du haſt, mein halbes Reich— Du Chatel. Hilft nichts! Sie ſind zu oft vertroſtet worden! Karl. 3 Es ſind die beſten Truppen meines Heers! Sie ſollen mich jetzt nicht, nicht jetzt verlaſſen! Nathsherr(mit einem Fußfall). O König, hilf uns! unſrer Noth gedenke! Karl(verzweiflungsvoll). Kann ich Armeen aus der Erde ſtampfen? Wächst mir ein Kornfeld in der flachen Hand? Reißt mich in Stücken, reißt das Herz mir aus Und münzet es ſtatt Goldes! Blut hab' ich Für euch, nicht Silber hab' ich, noch Soldaten! (Er ſieht die Sorel hereintreten und eilt ihr mit ausgebreiteten Armen entgegen). Vierter Auftritt. Agnes Sarel, ein Käſichen in der Hand, zu den Porigen. Karl. O meine Agnes! mein geliebtes Leben! Du kommſt, mich der Verzweiflung zu entreißen! Ich habe dich, ich flieh' an deine Bruſt, Nichts iſt verloren, denn du biſt noch mein⸗ 224 Sorel. 4 1 Mein theurer König! (Mit ängſtlich fragendem Blick umherſchauend.) Dunois! iſt's wahr? Du Chatel?. Du Chatel. Leider! Sorel. Iſt die Noth ſo groß? Es fehlt an Sold? Die Truppen wollen abziehn? Du Chatel. Ja, leider iſt es ſo! Sorel(ihm das Kaͤſichen aufdringend). Hier, hier iſt Gold, Hier ſind Juwelen— Schmelzt mein Silber ein— Verkauft, verpfandet meine Schlöſſer— Leihet Auf meine Güter in Provence— Macht Alles Zu Gelde und befriediget die Truppen! Fort! Keine Zeit verloren! (Treibt ihn fort.) Karl. Nun, Dunois? Nun, Du Chatel? Bin ich euch Noch arm, da ich die Krone aller Frauen Beſitze?— Sie iſt edel, wie ich ſelbſt, Geboren; ſelbſt das königliche Blut Der Valois iſt nicht reiner; zieren würde ſie Den erſten Thron der Welt— doch ſie verſchmäͤht ihn, Nur meine Liebe will ſie ſeyn und heißen. Erlaubte ſie mir jemals ein Geſchenk Von höherm Werth, als eine frühe Blume Im Winter oder ſeltne Frucht? Von mir 225 Nimmt ſie kein Opfer an und bringt mir alle, Wagt ihren ganzen Reichthum und Beſitz Großmüuthig an mein unterſinkend Glück. Dunois. Ja, ſie iſt eine Raſende, wie du, Und wirft ihr Alles in ein brennend Haus Und ſchoͤpft ins lecke Faß der Danaiden. Dich wird ſie nicht erretten, nur ſich ſelbſt Wird ſie mit dir verderben— Sorel. Glaub' ihm nicht! Er hat ſein Leben zehenmal für dich Gewagt und zürnt, daß ich mein Gold jetzt wage. Wie? Hab' ich dir nicht Alles froh geopfert, Was mehr geachtet wird, als Gold und Perlen, Und ſollte jetzt mein Glück für mich behalten? Komm! Laß uns allen überflüſſ'gen Schmuck Des Lebens von uns werfen! Laß mich dir Ein edles Beiſpiel der Entſagung geben! Verwandle deinen Hofſtaat in Soldaten, Dein Gold in Eiſen! Alles, was du haſt, Wirf es entſchloſſen hin nach deiner Krone! Komm! Komm! Wir theilen Mangel und Gefahr! Das kriegeriſche Roß laß uns beſteigen, Den zarten Leib dem glühnden Pfeil der Sonne Preisgeben, die Gewölke über uns Zur Decke nehmen und den Stein zum Pfühl. Der rauhe Krieger wird ſein eignes Weh' Geduldig tragen, ſieht er ſeinen König, Dem Aermſten gleich, ausdauern und entbeyren! Schillers ſaͤmmtl. Werke. v. 1⁵ 226 Karl(ächelnd). Ja, nun erfullt ſich mir ein altes Wort Der Weiſſagung, das eine Nonne mir Zu Clermont im prophet'ſchen Geiſte ſprach. Ein Weib, verhieß die Nonne, würde mich Zum Sieger machen uͤber meine Feinde Und meiner Väter Krone mir erkaͤmpfen. Fern ſucht' ich ſie im Feindeslager auf: Das Herz der Mutter hofft' ich zu verſoͤhnen; Hier ſteht die Heldin, die nach Rheims mich führt: Durch meiner Agnes Liebe werd' ich ſiegen! 8* Sorel. Du wirſt's durch deiner Freunde tapfres Schwert. Karl. Auch von der Feinde Zwietracht hoff' ich viel— Denn mir iſt ſichre Kunde zugekommen, Daß zwiſchen dieſen ſtolzen Lords von England Und meinem Vetter von Burgund nicht Alles mehr So ſteht wi— Drum hab' ich den La Hire Mit Botſchaft an den Herzog abgefertigt, Ob mir's gelange, den erzürnten Pair Zur alten Pflicht und Treu! zurückzuführen.— Mit jeder Stunde wart' ijch ſeiner Ankunft. SSch atel(am Fenſter). Der Ritter ſprengt ſo eben in den Hof. Karl. Willkommner Bote! Nun, ſo werden wir Bald wiſſen, ob wir weichen oder ſiegen. 227 Fünfter Auftritt. Ja Hire zu den Vorigen. Karl(geht ihm entgegen). La Hire! Bringſt du uns Hoffnung oder keine? Erklaͤr' dich kurz. Was hab' ich zu erwarten? 3 La Hire. Erwarte nichts mehr, als von deinem Schwert. Karl. Der ſtolze Herzog läßt ſich nicht verſöhnen? O, ſprich! Wie nahm er meine Botſchaft auf? Ca Hire. Vor allen Dingen, und bevor er noch Ein Ohr dir koͤnne leihen, fordert er, Daß ihm Du Chatel ausgeliefert werde, Den er den Mörder ſeines Vaters nennt. Karl. Und, weigern wir uns dieſer Schmachbedingung? La Hire. Dunn ſey der Bund zertrennt, noch eh' er anfing. Karl. Haſt du ihn drauf, wie ich dir anbefahl, Zum Kampf mit mir gefordert auf der Prücke Zu Montereau, allwo ſein Vater fiel? La Hire. Ich warf ihm deinen Handſchuh hin und ſprach: Du wollteſt deiner Hoheit dich begeben und als ein Ritter kampfen um dein Reich. Doch er verſetzte: nimmer thäͤt's ihm Noth, Um Das zu fechten, was er ſchon beſitze. Doch, wenn dich ſo nach Kämpfen lüſtete, 4 228 So wüͤrdeſt du vor Orleans ihn finden,. hin er morgen Willens ſey zu gehn. Und damit kehrt' er lachend mir den Nucken. Karl. Erhob ſich nicht in meinem Parlamente Die reine Stimme der Gerechtigkeit? ga Hire. Sie iſt verſtummt vor der Parteien Wttth. Ein Schluß des Parlaments erklarte dich Des Throns verluſtig, dich und dein Geſchlecht. Dundis. Ha, frecher Stolz des herrgewordnen Buͤrgers! Karl. Haſt du bei meiner Mutter nichts verſucht? La Hire. Kark Ja! Wie ließ ſie ſich vernehmen? La Hire (nachdem er ſich einige Augenblicke bedacht). Es war gerad' das Feſt der Königskrönung, Als ich zu Saint Denis eintrat. Geſchmückt, Wie zum Triumphe, waren die Pariſer; In jeder Gaſſe ſtiegen Ehrenbogen, Durch die der engelländ'ſche König zog. Beſtreut mit Blumen war der Weg, und jauchzend, Als hätte Frankreich ſeinen ſchönſten Sieg 1 Erfochten, ſprang der Pöbel um den Wagen. Sorel. 3 Sie jauchzten— jauchzten, daß ſie auf das Herz 8 Des liebevollen, ſanften Königs traten! 3 8* 4 „ Bei deiner Mutter? 229 La Hire. Ich ſah den jungen Harry Lancaſter, Den Knaben, auf dem königlichen Stuhl Sanct Ludwigs ſitzen; ſeine ſtolzen Oehme Bedford und Gloſter ſtanden neben ihm, Und Herzog Philipp kniet' am Throne nieder Und leiſtete den Eid für ſeine Länder. 4 Karl. O ehrvergeſſner Pair! Unwurd'ger Vetter! La Hire. Das Kind war bang und ſtrauchelte, da es Die hohen Stufen an dem Thron hinan ſtieg. Ein böſes Omen! murmelte das Volk, Und es erhob ſich ſchallendes Gelaͤchter. Da trat die alte Königin, deine Mutter, Hinzu, und— mich entrüſtet es, zu ſagen! Karl. Nun? La Hire. In die Arme faßte ſie den Knaben Und ſetzt' ihn ſelbſt auf deines Vaters Stuhl. Karl. O Mutter! Mutter! La Hire. Selbſt die wüthenden Burgundier, die mordgewohnten Banden, Erglüheten vor Scham bei dieſem Anblick. Sie nahm es wahr, und, an das Volk gewendet, Rief ſie mit lauter Stimm': Dankt mir's, Franzoſen, Daß ich den kranken Stamm mit reinem Zweig 230 Veredle, euch bewahre vor dem miß⸗ 4 Gebornen Sohn des hirnverrückten Vaters! (Der König verhüllt ſich, Annes eilt auf ihn zu und ſchließt ihn in die Arme, alle Umſiehende drücken ihren Abſcheu, ihr Entſetzen aus.) Dunois. Die Wölfin! die wuthſchnaubende Megäre! Karl (nach einer Pauſe zu den Rathsherren). Ihr habt gehört, wie hier die Sachen ſtehn. Verweilt nicht länger, geht nach Orleans Zurück und meldet meiner treuen Stadt: Des Eides gegen mich entlaſſ' ich ſie. Sie mag ihr Heil beherzigen und ſich Der Gnade des Burgundiers ergeben: Er heißt der Gute, er wird menſchlich ſeyn. Dunois. Wie, Sire! du wollteſt Orleans verlaſſen? Rathsherr(Eniet nieder). Mein königlicher Herr! Zieh' deine Hand Nicht von uns ab! Gib deine treue Stadt Nicht unter Englands harte Herrſchaft hin. Sie iſt ein edler Stein in deiner Krone, Und keine hat den Königen, deinen Ahnherrn, Die Treue heiliger bewahrt. Dunois. Sind wir Geſchlagen? Iſt's erlaubt, das Feld zu raͤumen, Eh' noch ein Schwertſtreich um die Stadt geſchehn? Mit einem leichten Wörtlein, ehe Blut Gefloſſen iſt, denkſt du die beſte Stadt Aus Frankreichs Herzen weg zu geben? 231 Karl. 3 Gnug Des Blutes iſt gefloſſen und vergebens! Des Himmels ſchwere Hand iſt gegen mich: Geſchlagen wird mein Heer in allen Schlachten, Mein Parlament verwirft mich, meine Hauptſtadt, Mein Volk nimmt meinen Gegner jauchzend auf, Die mir die Näachſten ſind am Blut, verlaſſen, Verrathen mich— die eigne Mutter nährt Die fremde Feindesbrut an ihren Brüſten. — Wir wollen jenſeits der Loire uns ziehn Und der gewalt'gen Hand des Himmels weichen, Der mit dem Engellaͤnder iſt. Sprel. Das wolle Gott nicht, daß wir, an uns ſelbſt Verzweifelnd, dieſem Reich den Rücken wenden! Dies Wort kam nicht aus deiner tapfern Bruſt. Der Mutter unnatürlich rohe That Hat meines Königs Heldenherz gebrochen! Du wirſt dich wieder finden, maͤnnlich faſſen, Mit edelm Muth dem Schiickſal widerſtehen, Das grimmig dir entgegen kämpft. Karl (in düſtres Sinnen verloren). Iſt es nicht wahr? Ein finſter furchtbares Verhängniß waltet Durch Valois Geſchlecht; es iſt verworfen Von Gott; der Mutter Laſterthaten führten Die Furien herein in dieſes Haus. Mein Vater lag im Wahnſinn zwanzig Jahre, Drei ältre Brüder hat der Tod vor mir 232 Hinweggemäht, es iſt des Himmels Schluß, Das Haus des ſechsten Karls ſoll untergehn. Sorel. In dir wird es ſich neu verjüngt erheben! Hab' Glauben an dich ſelbſt.— O! nicht umſonſt Hat dich ein gnädig Schickſal aufgeſpart, Von deinen Brüdern allen dich, den jüngſten, Gerufen auf den ungehofften Thron. In deiner ſanften Seele hat der Himmel 9 Den Arzt für alle Wunden ſich bereitet,* Die der Parteien Wuth dem Lande ſchlug. Des Bürgerkrieges Flammen wirſt du loͤſchen, Mir ſagt's das Herz, den Frieden wirſt du pflanzen,. Des Frankenreiches neuer Stifter ſeyn.. Karl. 1 Nicht ich. Die rauhe, ſturmbewegte Zeit 4 Heiſcht einen kraftbegabtern Steuermann. Ich häͤtt' ein friedlich Volk beglücken können; Ein wild empörtes kann ich nicht bezahmen, Nicht mir die Herzen öffnen mit dem Schwert, Die ſich entfremdet mir in Haß verſchließen. Sorel.. Verblendet iſt das Volk, ein Wahn betäubt es, Doch dieſer Taumel wird vorübergehn; Erwachen wird, nicht fern mehr iſt der Tag, Die Liebe zu dem angeſtammten König, Die tief gepflanzt iſt in des Franken Bruſt, Der alte Haß, die Eiferſucht erwachen, Die beide Völker ewig feindlich trennt; Den ſtolzen Sieger ſtürzt ſein eignes Glück. Darum verlaſſe nicht mit Uebereilung 233 Den Kampfplatz, ring' um jeden Fußbreit Erde, Wie deine eigne Bruſt vertheidige Dies Orleans! Laß alle Fähren lieber Verſenken, alle Brücken niederbrennen, Die über dieſe Scheide deines Reichs, Das ſtyg'ſche Waſſer der Loire, dich führen⸗ Karl. Was ich vermocht, hab' ich gethan. Ich habe Mich dargeſtellt zum ritterlichen Kampf Um meine Krone.— Man verweigert ihn. Umſonſt verſchwend' ich meines Volkes Leben, Und meine Städte ſinken in den Staub. Soll ich, gleich jener unnatürlichen Mutter, Mein Kind zertheilen laſſen mit dem Schwert? Nein, daß es lebe, will ich ihm entſagen. Dunois. Wie, Sire, iſt Das die Sprache eines Koönigs? Gibt man ſo eine Krone auf? Es ſetzt Der Schlechtſte deines Volkes Gut und Blut An ſeine Meinung, ſeinen Haß und Liebe; Partei wird Alles, wenn das blut'ge Zeichen Des Bürgerkrieges ausgehangen iſt. Der Ackersmann verläßt den Pflug, das Weib Den Rocken, Kinder, Greiſe waffnen ſich, Der Bürger zündet ſeine Stadt, der Landmann Mit eignen Händen ſeine Saaten an, Um dir zu ſchaden oder wohl zu thun Und ſeines Herzens Wollen zu behaupten. Nichts ſchont er ſelber und erwartet ſich Nicht Schonung, wenn die Ehre ruft, wenn er Für ſeine Gotter oder Götzen kämpft. 234 Drum weg mit dieſem weichlichen Mitleiden, Das einer Königsbruſt nicht ziemt.— Laß du Den Krieg ausraſen, wie er angefangen. Du haſt ihn nicht leichtſinnig ſelbſt entflammt. Für ſeinen König muß das Volk ſich opfern, Das iſt das Schickſal und Geſetz der Welt. Der Franke weiß es nicht und will's nicht anders. Nichtswürdig iſt die Nation, die nicht Ihr Alles freudig ſetzt an ihre Ehre. Karl(zu den Rathsherren). Erwartet keinen anderen Beſcheid— Gott ſchütz' euch. Ich kann nicht mehr. Dunois.: Nun, ſo kehre Der Siegesgott auf ewig dir den Rücken, Wie du dem väterlichen Reich. Du haſt Dich ſelbſt verlaſſen: ſo verlaſſ' ich dich. Nicht Englands und Burgunds vereinte Macht, Dich ſtuürzt der eigne Kleinmuth von dem Thron. Die Könige Frankreichs ſind geborne Helden; Du aber biſt unkriegeriſch gezeugt. (Zu den Rathsherren.) Der König gibt euch auf. Ich aber will In Orleans, meines Vaters Stadt, mich werfen Und unter ihren Trümmern mich begraben. (Er will gehen, Agnes Sorel hält ihn auf.) Sorel(zum König). O, laß ihn nicht im Zorne von dir gehn! Sein Mund ſpricht rauhe Worte, doch ſein Herz Iſt treu, wie Gold; es iſt Derſelbe doch, Der warm dich liebt und oft für dich geblutet. 23⁵ Kommt, Dunois! Geſteht, daß Euch die Hitze Des edeln Zorns zu weit geführt— Du aber Verzeih' dem treuen Freund die heft'ge Rede! O, kommt, kommt! Laßt mich eure Herzen ſchnell Vereinigen, eh' ſich der raſche Zorn Unlöſchbar, der verderbliche, entflammt! (Dunois fixirt den Koͤnig und ſcheint eine Antwort zu erwarten.) Karl(zu Du Chatel). Wir gehen über die Loire. Laß mein Geräth zu Schiffe bringen! „ unois(ſchnell zu Soreh. Lebet wohl! (Wendet ſich ſchnell und geht, Rathsherren folgen.) Sorel (ringt verzweiflungsvoll die Hände). O, wenn er geht, ſo ſind wir ganz verlaſſen! — Folgt ihm, La Hire. O, ſucht ihn zu begut'gen. (La Hire geht ab.) Sechster Auftritt. Karl. Sorel. Iu Chatel. Karl. Iſt denn die Krone ein ſo einzig Gut? Iſt es ſo bitter ſchwer, davon zu ſcheiden? Ich kenne, was noch ſchwerer ſich erträgt. Von dieſen trotzig herriſchen Gemüthern Sich meiſtern laſſen, von der Gnade leben Hochſinnig eigenwilliger Vaſallen: Das iſt das Harte für ein edles Herz Und bittrer, als dem Schickſal unterliegen! „(Zu Du Chatel, der noch zaudert). Thu', was ich dir befohlen! Du Chatel(wirft ſich zu ſeinen Füßen). O mein König! Karl. Es iſt beſchloſſen. Keine Worte weiter! Du Chatel. Mach' Frieden mit dem Herzog von Burgund! Sonſt ſeh' ich keine Rettung mehr für dich. Karl. Du rathſt mir Dieſes, und dein Blut iſt es, Womit ich dieſen Frieden ſoll verſiegeln? Du Chatel. Hier iſt mein Haupt. Ich hab' es oſt für dich Gewagt in Schlachten, und ich leg' es jetzt Für dich mit Freuden auf das Blutgerüſte. Befriedige den Herzog! Ueberliefre mich Der ganzen Strenge ſeines Zorns und laß Mein fließend Blut den alten Haß verſöhnen! Karl (blickt ihn eine Zeitlang gerührt und ſchweigend an). Iſt es denn wahr? Steht es ſo ſchlimm mit mir, Daß meine Freunde, die mein Herz durchſchauen, Den Weg der Schande mir zur Rettung zeigen? Ja, jetzt erkenn' ich meinen tiefen Fall, Denn das Vertraun iſt hin auf meine Ehre. Bedenk Du Chatel. Bedenk'— Karl. Kein Wort mehr! Bringe mich nicht auf! Müßt' ich zehn Reiche mit dem Rucken ſchauen, Ich rette mich nicht mit des Freundes Leben. — Thu', was ich dir befohlen. Geh' und laß Mein Heergeräth' einſchiffen. Du Chatel. Es wird ſchnell Gethan ſeyn. (Steht auf und geht, Agnes Sorel weint hefiig.) 2 Siebenter Auftritt. Karl und Sorel. Karl(ihre Hand faſſend). Sey nicht traurig, meine Agnes! Auch jenſeits der Loire liegt noch ein Frankreich, Wir gehen in ein glücklicheres Land. Da lacht ein milder, nie bewölkter Himmel, Und leichtre Lüfte wehn, und ſanftre Sitten Empfangen uns; da wohnen die Geſaͤnge, Und ſchöner blüht das Leben und die Liebe. 3 Sorel. O, muß ich dieſen Tag des Jammers ſchauen! Der König muß in die Verbannung gehn, Der Sohn auswandern aus des Vaters Hauſe Und ſeine Wiege mit dem Rücken ſchauen. O angenehmes Land, das wir verlaſſen, Nie werden wir dich freudig mehr betreten! Achter Auftritt. La Hire kommt zurück. Karl und Sorel. Sorel. Ihr kommt allein. Ihr bringt ihn nicht zuruͤck? .(Indem ſie ihn näher anſieht.) La Hire! Was gibt's? Was ſagt mir Euer Blick? Ein neues Unglück iſt geſchehn! La Hire. 1 Das Ungluͤck Hat ſich erſchöpft, und Sonnenſchein iſt wieder! Sorel. Was iſt's? Ich bitt' Euch. La Hire(zum König). Ruf' die Abgeſandten Von Orleans zurück! Kurl. Warum? was gibt's? La Hire. Ruf' ſie zuruͤck! Dein Gluck hat ſich gewendet, Ein Treffen iſt geſchehn, du haſt geſiegt. Sorel. Geſiegt! O himmliſche Muſik des Wortes! Karl. 3 La Hire! Dich taͤuſcht ein fabelhaft Gerücht. Geſiegt! Ich glaub' an keine Siege mehr. La Hire. O, du wirſt bald noch größre Wunder glauben. — Da kommt der Erzbiſchof. Er führt den Baſtard In deinen Arm zurück— 239 Sorel. O ſchoͤne Blume Des Siegs, die gleich die edeln Himmelsfruchte, Fried' und Verſöhnung, traͤgt! Neunter Auftritt. Erzbiſchof von Uheims. Dunois. Ju Chatel mit Nanui⸗ einem geharniſchten Ritter, zu den Vorigen. Erzbiſchof (führt den Baſtard zu dem König und legt ihre Hände in einander). Umarmt euch, Prinzen! Laßt allen Groll und Hader jetzo ſchwinden, Da ſich der Himmel ſelbſt für uns erklärt. (Dunois umarmt den König.) Karl. Reißt mich aus meinem Zweifel und Erſtaunen. Was kundigt dieſer feierliche Ernſt mir an? Was wirkte dieſen ſchnellen Wechſel? Erzbiſchof (führt den Ritter hervor und ſtellt ihn vor den König). Redet! Raoul. 5 Wir hatten ſechzehn Fähnlein aufgebracht, Lothringiſch Volk, zu deinem Heer zu ſtoßen, Und Ritter Baudricour aus Vaucouleurs War unſer Führer. Als wir nun die Höhen Bei Vermanton erreicht und in das Thal, Das die Yonne durchſtrömt, herunter ſtiegen, 240 Da ſtand in weiter Ebene vor uns der Feind, Und Waffen blitzten, da wir rückwärts ſahn. Umrungen ſahn wir uns von beiden Heeren, Nicht Hoffnung war zu ſiegen noch zu fliehn: Da ſank dem Tapferſten das Herz, und Alles, Verzweiflungsvoll, will ſchon die Waffen ſtrecken. Als nun die Führer mit einander noch Rath ſuchten und nicht fanden— ſieh', da ſtellte ſich Ein ſeltſam Wunder unſern Augen dar! Denn aus der Tiefe des Gehölzes plötzlich Trat eine Jungfrau, mit behelmtem Haupt Wie eine Kriegesgöttin, ſchön zugleich Und ſchrecklich anzuſehn; um ihren Nacken In dunkeln Ringen fiel das Haar; ein Glanz Vom Himmel ſchien die Hohe zu umleuchten, Als ſie die Stimm' erhob und alſo ſprach: Was zagt ihr, tapfre Franken! Auf den Feind! Und waͤren ſein mehr denn des Sands im Meere, Gott und die heil'ge Jungfrau führt euch an! Und ſchnell dem Fahnenträger aus der Hand Riß ſie die Fahn', und vor dem Zuge her Mit kühnem Anſtand ſchritt die Mächtige. Wir, ſtumm vor Staunen, ſelbſt nicht wollend, folgen Der hohen Fahn', und ihrer Traͤgerin, Und auf den Feind gerad' an ſtürmen wir. Der, hochbetroffen, ſteht bewegungslos, Mit weit geöffnet ſtarrem Blick das Wunder Anſtaunend, das ſich ſeinen Augen zeigt— Doch ſchnell, als hätten Gottes Schrecken ihn Ergriffen, wendet er ſich um Zur Flucht, und, Wehr und Waffen von ſich werfend, 241 Entſchaart das ganze Heer ſich im Gefilde; Da hilft kein Machtwort, keines Führers Ruf; Vor Schrecken ſinnlos, ohne rückzuſchaun, Stürzt Mann und Roß ſich in des Fluſſes Bette Und läßt ſich würgen ohne Widerſtand; Ein Schlachten war's, nicht eine Schlacht, zu nennen! Zweitauſend Feinde deckten das Gefild', Die nicht gerechnet, die der Fluß verſchlang, Und von den Unſern ward kein Mann vermißt. Karl. Seltſam, bei Gott! höchſt wunderbar und ſeltſam! Sorel. Und eine Jungfrau wirkte dieſes Wunder? Wo kam ſie her? Wer iſt ſie? Raoul. Wer ſie ſey, Will ſie allein dem König offenbaren. Sie nennt ſich eine Seherin und gott⸗ Geſendete Prophetin und verſpricht, Orleans zu retten, eh' der Mond noch wechſelt. Ihr glaubt das Volk und dürſtet nach Gefechten. Sie folgt dem Heer, gleich wird ſie ſelbſt hier ſeyn. (Man hört Glocken und ein Geklirr von Waffen, die aneinander geſchlagen werden.) Hört ihr den Auflauf? das Gelaͤut' der Glocken? Sie iſt's, das Volk begrüßt die Gottgeſandte. Karl(zu Du Chateh. Fuͤhrt ſie herein— (Zum Erzbiſchof.) Was ſoll ich davon denken? Ein Maͤdchen bringt mir Sieg und eben Schillers ſämmtl. Werke, V. 16 Da nur ein Götterarm mich retten kann! Das iſt nicht in dem Laufe der Natur, Und darf ich— Biſchof, darf ich Wunder glauben? Diele Stimmen(hinter der Scenc), Heil! Heil der Jungfrau, der Erretterin! 4 Karl. Sie kommt! (Zu Dunois.) Nehmt meinen Platz ein, Dunois! Wir wollen dieſes Wundermädchen prüfen. Iſt ſie begeiſtert und von Gott geſandt, Wird ſie den König zu entdecken wiſſen. (Dunois ſetzt ſich, der König ſteht zu ſeiner Rechten neben ihm Agnes Sorel, der Erzbiſchof mit den Uebrigen gegenüber daß der mittlere Raum leer bleibt.) — Zehnter Auftritt. Die Vorigen. Joahanna, begleitet von den Rathsherren und vielen Nittern, welche den Hintergrund der Scene anfüllen: mit edelm Anſtande tritt ſie vorwärts und ſchaut die Umſtehenden der Reihe nach an. Dunois(nach einer tiefen ſeierlichen Stille). Biſt du es, wunderbares Madchen— Johanna (unterbricht ihn, mit Klarheit und Hoheit ihn anſchauend). 7 Baſtard von Orleans! Du willſt Gott verſuchen! Steh' auf von dieſem Platz, der dir nicht ziemt! An dieſen Größeren hin ich geſendet. — 243 (Sie geht mit entſchiedenem Schritt auf den König zu, beugt ein Knie vor ihm und ſieht ſogleich wieder auf, zurücktretend. Alle Anweſende drücken ihr Erſtaunen aus. Dunois verläßt ſeinen Sitz, und es wird Raum vor dem König.) . A Karl. Du ſiehſt mein Antlitz heut' zum Erſtenmal: Von wannen kommt dir dieſe Wiſſenſchaft? Johanna. Ich ſah dich, wo dich Niemand ſah, als Gott. (Sie nähert ſich dem Koͤnig und ſpricht geheimnißvoll.) In jüngſt verwichner Nacht, beſinne dich! Als Alles um dich her in tiefem Schlaf Begraben lag, da ſtandſt du auf von deinem Lager Und thatſt ein brünſtiges Gebet zu Gott. Laß Die hinausgehn, und ich nenne dir Den Inhalt des Gebets. Karl. Was ich dem Himmel Vertraut, brauch' ich vor Menſchen nicht zu bergen. Entdecke mir den Inhalt meines Flehns, So zweifl' ich nicht mehr, daß dich Gott begeiſtert. Johanna. Es waren drei Gebete, die du that'ſt: Gib wohl Acht, Dauphin, ob ich dir ſie nenne! Zum Erſten flehteſt du den Himmel an, Wenn unrecht Gut an dieſer Krone hafte, Wenn eine andre ſchwere Schuld, noch nicht Gebüßt, vor deiner Vaͤter Zeiten her, Dieſen thränenvollen Krieg herbeigerufen, Dich zum Opfer anzunehmen für dein Volk„ 2 244 und auszugießen auf dein einzig Haupt Die ganze Schale ſeines Zorns. Karl(tritt mit Schrecken zurück). Wer biſt du, mächtig Weſen? Woher kommſt du? (Alle zeigen ihr Erſtaunen.) Johanna. Du thatſt dem Himmel dieſe zweite Bitte: Wenn es ſein hoher Schluß und Wille ſey, Das Scepter deinem Stamme zu entwinden, Dir Alles zu entziehn, was deine Väter, Die Könige in dieſem Reich, beſaßen— Drei einz'ge Güter flehteſt du ihn an Dir zu bewahren: die zufriedne Bruſt, Des Freundes Herz und deiner Agnes Liebe. (Der König verbirgt das Geſicht, heftig weinend; große Bewegung des Erſtaunens unter den Anweſenden. Nach einer Pauſe.) Soll ich dein dritt Gebet dir nun noch nennen? Karxl. Genug! Ich glaube dir! So viel vermag Kein Menſch! Dich hat der höchſte Gott geſendet. Erzbiſchaf. Wer biſt du, heilig wunderbares Mädchen? Welch glücklich Land gebar dich? Sprich! Wer ſind Die gottgeliebten Eltern, die dich zeugten? Johanna. Ehrwürd'ger Herr, Johanna nennt man mich. Ich bin nur eines Hirten niedre Tochter Aus meines Königs Flecken Dom Remi, Der in dem Kirchenſprengel liegt von Toul, Und hütete die Schafe meines Vaters. Von Kind auf— Und ich horte viel und oft 4 8 245 Erzählen von dem fremden Inſelvolk, Das über Meer gekommen, uns zu Knechten Zu machen und den fremdgebornen Herrn Uns aufzuzwingen, der das Volk nicht liebt, und daß ſie ſchon die große Stadt Paris Inn' hätten und des Reiches ſich ermächtigt. Da rief ich flehend Gottes Mutter an, Von uns zu wenden fremder Ketten Schmach, Uns den einheim'ſchen König zu bewahren. Und vor dem Dorf, wo ich geboren, ſteht Ein uralt Muttergottesbild, zu dem Der frommen Pilgerfahrten viel geſchahn, Und eine heil'ge Eiche ſteht daneben, Durch vieler Wunder Segenskraft berühmt. Und, in der Eiche Schatten ſaß ich gern, Die Heerde weidend, denn mich zog das Herz, Und, ging ein Lamm mir in den wüſten Bergen Verloren, immer zeigte mir's der Traum, Wenn ich im Schatten dieſer Eiche ſchlief. — Und einsmals, als ich eine lange Nacht In frommer Andacht unter dieſem Baum Geſeſſen und dem Schlafe widerſtand, Da trat die Heilige zu mir, ein Schwert Und Fahne tragend, aber ſonſt, wie ich, Als Schäferin gekleidet, und ſie ſprach zu mir: „Ich bin's. Steh' auf, Johanna! Laß die Heerde. „Dich ruft der Herr zu einem anderen Geſchäft! „Nimm dieſe Fahne! Dieſes Schwert umgürte dir! „Damit vertilge meines Volkes Feinde „Und führe deines Herren Sohn nach Rheims „Und krön' ihn mit der königlichen Krone!“ Ich aber ſprach: Wie kann ich ſolcher That Mich unterwinden, eine zarte Magd, unkundig des verderblichen Gefechts! und ſie verſetzte:„Eine reine Jungfrau „Vollbringt jedwedes Herrliche auf Erden, „Wenn ſie der ird'ſchen Liebe widerſteht. Sieh' mich an! Eine keuſche Magd, wie du, Hab' ich den Herrn, den göttlichen, geboren, „Und göottlich bin ich ſelbſt!“— Und ſie berührte Mein Augenlied, und, als ich aufwärts ſah, Da war der Himmel voll von Engelknaben, Die trugen weiße Lilien in der Hand, Und ſüßer Ton verſchwebte in den Lüften. — Und ſo drei Nächte nach einander ließ Die Heilige ſich ſehn und rief:„Steh' auf, Johanna! „Dich ruft der Herr zu einem anderen Geſchäft.“ und, als ſie in der dritten Nacht erſchien, Da züͤrnte ſie, und ſcheltend ſprach ſie dieſes Wort: „Gehorſam iſt des Weibes Pflicht auf Erden, „Das harre Dulden iſt ihr ſchweres Los; „Durch ſtrengen Dienſt muß ſie geläutert werden; „Die hier gedienet, iſt dort oben groß.“ Und alſo ſprechend ließ ſie das Gewand Der Hirtin ſallen, und als Königin Der Himmel ſtand ſie da im Glanz der Sonnen, Und goldne Wolken trugen ſie hinauf, Langſam verſchwindend, in das Land der Wonnen. (Alle ſind gerührt, Agnes Sorel, heftig weinend, verbirgt ihr Geſicht an des Königs Bruſt.) E rzb iſchof(nach einem langen Stillſchweigen). Vor ſolcher göttlichen Beglaubigung 247 Muß jeder Zweifel ird'ſcher Klugheit ſchweigen. Die That bewährt es, daß ſie Wahrheit ſpricht: Nur Gott allein kann ſolche Wunder wirken. Dunsis. Nicht ihren Wundern, ihrem Auge glaub' ich, „ Der reinen Unſchuld ihres Angeſichts. Karl. Und bin ich Sündeger ſolcher Gnade werth? Untrüglich allerforſchend Aug', du ſiehſt Mein Innerſtes und kenneſt meine Demuth! Johanna. Der Hohen Demuth leuchtet hell dort oben: Du beugteſt dich, drum hat er dich erhoben. Karl. So werd' ich meinen Feinden widerſtehn? Johanna. Bezwungen leg' ich Frankreich dir zu Füßen! 4 Karl. Und Orleans, ſagſt du, wird nicht übergehn? Johanna. Eh' ſiehſt du die Loire zurücke fließen. Karl. Werd' ich nach Rheims als Ueberwinder ziehn? Johanna. Durch tauſend Feinde fuͤhr' ich dich dahin. (Alle anweſende Ritter erregen ein Getöſe mit ihren Lanzen und Schilden — und geben Zeichen des Muths.) Dungis. Stell' uns die Jungfrau an des Heeres Spitze! Wir folgen blind, wohin die Göttliche Uns führt! Ihr Seherauge ſoll uns leiten, Und ſchutzen ſoll ſie dieſes tapfre Schwert! La Hire. Nicht eine Welt in Waffen fürchten wir, Wenn ſie einher vor unſern Schaaren zieht. Der Gott des Sieges wandelt ihr zur Seite:. Sie führ' uns an, die Mächtige, im Streite! (Die Ritter erregen ein großes Waffengetöſ' und treten vorwärts.) Karl. Ja, heilig Maͤdchen, fuͤhre du mein Heer, Und ſeine Fürſten ſollen dir gehorchen. Dies Schwert der höchſten Kriegsgewalt, das uns Der Kronfeldherr im Zorn zurückgeſendet, Hat eine würdigere Hand gefunden. Empfange du es, heilige Prophetin,. Und ſey fortan— Johanna. Nicht alſo, edler Dauphin! 4 Nicht durch dies Werkzeug irdiſcher Gewalt 3 Iſt meinem Herrn der Sieg verliehn. Ich weiß Ein ander Schwert, durch das ich ſiegen werde.. Ich will es dir bezeichnen, wie's der Geiſt Mich lehrte; ſende hin und laß es holen. Karl. Nenn' es, Johanna. Johanna. Sende nach der alten Stadt Fierboys, dort, auf Sanct Kathrinens Kirchhof, Iſt ein Gewölb', wo vieles Eiſen liegt, Von alter Siegesbeute aufgehäuft. Das Schwert iſt drunter, das mir dienen ſoll. 249 An dreien goldnen Lilien iſt's zu kennen, Die auf der Klinge eingeſchlagen ſind. 4 Dies Schwert laß holen, denn durch dieſes wirſt du ſiegen. Karl. Man ſende hin und thue, wie ſie ſagt. 3 Johanna. Und eine weiße Fahne laß mich tragen, Mit einem Saum von Purpur eingefaßt. Auf dieſer Fahne ſey die Himmelskönigin . Zu ſehen mit dem ſchoͤnen Jeſusknaben, Die über einer Erdenkugel ſchwebt, Denn alſo zeigte mir's die heil'ge Mutter. Karl. Es ſey ſo, wie du ſagſt. . Ighanna(um Erzbiſchof). Ehrwürd'ger Biſchof, Legt Eure prieſterliche Hand auf mich ⁶ Und ſprecht den Segen über Eure Tochter! (Kniet nieder.) Erzbiſchof. Du biſt gekommen, Segen auszutheilen, Nicht zu empfangen— Geh' mit Gottes Kraft! Wir aber ſind Unwürdige und Sünder. (Sie ſteht auf.) Edelknecht. Ein Herold kommt vom engelländ'ſchen Feldherrn. Johanna. Laß ihn eintreten, denn ihn ſendet Gott! (Der König winkt dem Edelknecht, der hinausgeht.) Eilfter Auftritt. Der Herold zu den Vorigen. Karl. 1 Was bringſt du, Herold? Sage deinen Auftrag! 5. Herold. Wer iſt es, der für Karl von Valois, Den Grafen von Ponthieu, das Wort hier führt? Dunois. Nichtswürd'ger Herold! niederträcht'ger Bube! Erfrechſt du dich, den König der Franzoſen Auf ſeinem eignen Boden zu verleugnen? Dich ſchützt dein Wappenrock, ſonſt ſollteſt du— Herold. Frankreich erkennt nur einen einz'gen König,— Und dieſer lebt im engellandiſchen Lager. 4 Karl. Seyd ruhig, Vetter! Deinen Auftrag, Herold! Herold. Mein edler Feldherr, den des Blutes jammert, Das ſchon gefloſſen und noch fließen ſoll, 4 Haͤlt ſeiner Krieger Schwert noch in der Scheide, Und, ehe Orleans im Sturme fällt, 4 Läßt er noch gutlichen Vergleich dir bieten. 3 Karl. Laß hören! Johanna ttritt hervor). Sire! Laß mich an deiner Statt Mit dieſem Herold reden. — 251 Karl. Thu' Das, Maͤdchen! Entſcheide du, ob Krieg ſey oder Frieden. Johanna(zum Herold). Wer ſendet dich und ſpricht durch deinen Mund? Herold. Der Britten Feldherr, Graf von Sal'sbury. — Johanna. 1 Herold, du lügſt! Der Lord ſpricht nicht durch dich. Nur die Lebend'gen ſprechen, nicht die Todten. Herold. Mein Feldherr lebt in Fülle der Geſundheit Und Kraft und lebt euch Allen zum Verderben. Johanna. Er lebte, da du abgingſt. Dieſen Morgen Streckt' ihn ein Schuß aus Orleans zu Boden, Als er vom Thurm La Tournelle niederſah. — Du lachſt, weil ich Entferntes dir verkünde? Nicht meiner Rede, deinen Augen glaube! Begegnen wird dir ſeiner Leiche Zug, Wenn deine Fuße dich zurucke tragen! Jetzt, Herold, ſprich und ſage deinen Auftrag. Herold. Wenn du Verborgnes zu enthüllen weißt, So kennſt du ihn, noch eh' ich dir ihn ſage. Johanna. Ich brauch' ihn nicht zu wiſſen, aber du Vernimm den meinen jetzt und dieſe Worte Verkundige den Fürſten, die dich ſandten! — König von England und ihr Herzoge, Bedford und Gloſter, die das Reich verweſen! 25²2 Gebt Rechenſchaft dem Könige des Himmels 5 Von wegen des vergoſſ'nen Blutes! Gebt Heraus die Schlüſſel alle von den Städten, Die ihr bezwungen wider goͤttlich Recht! Die Jungfrau kommt vom Könige des Himmels Euch Frieden zu bieten oder blut'gen Krieg. 4 Wählt! Denn Das ſag' ich euch, damit ihr's wiſſet: Euch iſt das ſchöne Frankreich nicht beſchieden Vom Sohne der Maria— ſondern Karl, Mein Herr und Dauphin, dem es Gott gegeben, Wird königlich einziehen zu Paris, Von allen Großen ſeines Reichs begleitet. — Jetzt, Herold, geh' und mach' dich eilends fort, Denn, eh' du noch das Lager magſt erreichen Und Botſchaft bringen, iſt die Jungfrau dort Und pflanzt in Orleans das Siegeszeichen. (Sie geht, Alles ſetzt ſich in Bewegung, der Vorhang faͤllt.) — 1* 253 Zweiter Aufzug. Gegend, von Felſen begränzt. Erſter Auftritt. Talbot und Kianel, engliſche Heerführer. Philipp, Herzog von Burgund. Nitter Faſtolf und Chatillon mit Jaldaten und Fahnen. Calbot. Hier unter dieſen Felſen laſſet uns Halt machen und ein feſtes Lager ſchlagen, Ob wir vielleicht die flücht'gen Völker wieder ſammeln, Die in dem erſten Schrecken ſich zerſtreut. Stellt gute Wachen aus, beſetzt die Hoͤhn! Zwar ſichert uns die Nacht vor der Verfolgung, Und, wenn der Gegner nicht auch Flügel hat, So fürcht' ich keinen Ueberfall. Dennoch Bedarf's der Vorſicht, denn wir haben es Mit einem kecken Feind und ſind geſchlagen. (Ritter Faſtolf geht ab mit den Soldaten.) Lisnel. Geſchlagen! Feldherr, nennt das Wort nicht mehr. Ich darf es mir nicht denken, daß der Franke Des Engelländers Rücken heut⸗ geſehn. 254 — O Orleans! Orleans! Grab unſers Ruhms!. Auf deinen Feldern liegt die Ehre Englands. Beſchimpfend lächerliche Niederlage! Wer wird es glauben in der künft'gen Zeit! Die Sieger bei Poitiers, Crequi Und Azincourt gejagt von einem Weibe! Burgund. Das muß uns tröſten. Wir ſind nicht von Menſchen Beſiegt, wir ſind vom Teufel überwunden. Talbot. Vom Teufel unſrer Narrheit— Wie, Burgund? Schreckt dies Geſpenſt des Pöbels auch die Fürſten? Der Aberglaube iſt ein ſchlechter Mantel Fuͤr Enre Feigheit— Eure Völker flohn zuerſt. . Burgund. Niemand hielt Stand. Das Fliehn war allgemein. Talbot. Nein, Herr! Auf Eurem Flugel fing' es an. Ihr ſtuͤrztet Euch in unſer Lager, ſchreiend: Die Höll' iſt los, der Satan kaͤmpft fuͤr Frankreich! Und brachtet ſo die Andern in Verwirrung. Lionel. Ihr könnt's nicht leugnen. Euer Flügel wich Zuerſt. Burgund. Weil dort der erſte Angriff war. — Talbot. Das Maͤdchen kannte unſers Lagers Blöße: Sie wußte, wo die Furcht zu finden war. Burgund. Wie? Soll Burgund die Schuld des Unglücks tragen? 255 Lionel. Wir Engelländer, waren wir allein, Bei Gott, wir hatten Orleans nicht verloren! ZBurgund. Nein— denn ihr hättet Orleans nie geſehn! Wer bahnte euch den Weg in dieſes Reich, Reicht' euch die treue Freundeshand, als ihr An dieſe feindlich fremde Kuſte ſtieget? Wer krönte euren Heinrich zu Paris Und unterwarf ihm der Franzoſen Herzen? Bei Gott! wenn dieſer ſtarke Arm euch nicht Herein geführt, ihr ſahet nie den Rauch Von einem fraͤnkiſchen Kamine ſteigen! Lionel. Wenn es die großen Worte thäten, Herzog, So hättet Ihr allein Frankreich erobert. Burgund. Ihr ſeyd unluſtig, weil euch Orleans Entging, und laßt nun eures Zornes Galle An mir, dem Bundsfreund, aus. Warum entging Uns Orleans, als eurer Habſucht wegen? Es war bereit, ſich mir zu übergeben, Ihr, euer Neid allein hat es verhindert. Calbot. Nicht Euretwegen haben wir's belagert. Zurgund. Wie ſtänd's um euch, zög' ich mein Heer zuruͤck? Lionel. Nicht ſchlimmer, glaubt mir, als bei Azincourt, W o wir mit Euch und mit ganz Frankreich fertig wurden, 256 Burgund. 3 Doch that's euch ſehr um unſre Freundſchaft Noth, Und theuer kaufte ſie der Reichsverweſer. Talbot. Ja, theuer, theuer haben wir ſie heut' Vor Orleans bezahlt mit unſrer Ehre. Burgunn. Treibt es nicht weiter, Lord, es könnt' Euch reuen! Verließ ich meines Herrn gerechte Fahnen, Lud auf mein Haupt den Namen des Verräthers, Um von dem Fremdling Solches zu ertragen? Was thu' ich hier und fechte gegen Frankreich? Wenn ich dem Undankbaren dienen ſoll, So will ich's meinem angebornen Koͤnig. Calbot. Ihr ſteht in Unterhandlung mit dem Dauphin, Wir wiſſen's; doch wir werden Mittel finden, Uns vor Verrath zu ſchützen. Burgund. Tod und Hölle! Begegnet man mir ſo?— Chatillon! Laß meine Völker ſich zum Aufbruch rüſten: Wir gehn in unſer Land zurück. (Chatillon geht ab.) Lionel. Glück auf den Weg! Nie war der Ruhm der Britten gläͤnzender, Als da er, ſeinem guten Schwert allein Vertrauend, ohne Helfershelfer focht. Es kämpfe Jeder ſeine Schlacht allein, 257 Denn ewig bleibt es wahr: Franzöſiſch Blut Und engliſch kann ſich redlich nie vermiſchen. Zweiter Auftritt. Königin Iſabeau, von einem Pagen begleitet, zu den Vorigen. Iſabeau. Was muß ich hören, Feldherrn! Haltet ein! Was für ein hirnverrückender Planet Verwirrt ench alſo die geſunden Sinne? Jetzt, da euch Eintracht nur erhalten kann, Wollt ihr in Haß euch trennen und euch ſelbſt Befehdend euren Untergang bereiten? — Ich bitt' Ench, edler Herzog, ruft den raſchen Befehl zurück. Und Ihr, ruhmvoller Talbot, Beſäͤnftiget den aufgebrachten Freund! Kommt, Lionel, helft mir die ſtolzen Geiſter Zufrieden ſprechen und Verſöhnung ſtiften. Lionel. Ich nicht, Mylady. Mir iſt Alles gleich. Ich denke ſo: Was nicht zuſammen kann Beſtehen, thut am Beſten, ſich zu löſen. Iſabeau. Wie? Wirkt der Hölle Gaukelkunſt, die uns Im Treffen ſo verderblich war, auch hier Noch fort, uns ſinnverwirrend zu bethören? Wer fing den Zank an? Redet!— Edler Lord! (Zu Talbot.) Seyd Ihr's, der ſeines Vortheils ſo vergaß, Den werthen Bundsgenoſſen zu verletzen? Schillers ſämmtl Werke. v. 17 258 Was wollt Ihr ſchaffen ohne dieſen Arm? Er baute Eurem König ſeinen Thron; Er hält ihn noch und ſtürzt ihn, wenn er will; Sein Heer verſtärkt Euch und noch mehr ſein Name. Ganz England, ſtrömt' es alle ſeine Bürger Auf unſre Küſten aus, vermöchte nicht Dies Reich zu zwingen, wenn es einig iſt; Nur Frankreich konnte Frankreich überwinden. Talbot. Wir wiſſen den getreuen Freund zu ehren; Dem falſchen wehren, iſt der Klugheit Pflicht. Burgund. Wer treulos ſich des Dankes will entſchlagen, Dem fehlt des Lügners freche Stirne nicht. Iſabenu. Wie, edler Herzog? Könntet Ihr ſo ſehr Der Scham abſagen und der Fürſtenehre, In jene Hand, die Euren Vater mordete, Die Eurige zu legen? Wart Ihr raſend Genug, an eine redliche Verſöhnung Zu glauben mit dem Dauphin, den Ihr ſelbſt An des Verderbens Rand geſchleudert habt? So nah' dem Falle wolltet Ihr ihn halten Und Euer Werk wahnſinnig ſelbſt zerſtören? Hier ſtehen Eure Freunde. Euer Heil Ruht in dem feſten Bunde nur mit England. Burgund. Fern iſt mein Sinn vom Frieden mit dem Dauphin; Doch die Verachtung und den Uebermuth Des ſtolzen Englands kann ich nicht ertragen. 259 Iſubeau. Kommt! Haltet ihm ein raſches Wort zu gut. Schwer iſt der Kummer, der den Feldherrn druͤckt, Und ungerecht, Ihr wißt es, macht das Unglück. Kommt! Kommt! Umarmt euch, laßt mich dieſen Riß Schnell heilend ſchließen, eh' er ewig wird. Calbot. Was dünket Euch, Burgund? Ein edles Herz Bekennt ſich gern von der Vernunft beſiegt. Die Königin hat ein kluges Wort geredet: Laßt dieſen Haͤndedruck die Wunde heilen, Die meine Zunge uͤbereilend ſchlug. Zurgund. Madame ſprach ein verſtändig Wort, und mein Gerechter Zorn weicht der Nothwendigkeit. Iſabeau. Wohl! So beſiegelt den erneuten Bund Mit einem bruͤderlichen Kuß, und moͤgen Die Winde das Geſprochene verwehn. (Burgund und Talbot umarmen ſich.) Lionel(betrachtet die Gruppe, für ſich). Glück zu dem Frieden, den die Furie ſtiftet! Ifabeau. Wir haben eine Schlacht verloren, Feldherrn! Das Gluͤck war uns zuwider: darum aber Entſink' euch nicht der edle Muth. Der Dauphin Verzweifelt an des Himmels Schutz und ruft Des Satans Kanſt zu Hülfe; doch er habe Umſonſt ſich der Verdammniß übergeben, Und ſeine Hölle ſelbſt errett' ihn nicht. Ein ſieghaft Madchen fuͤhrt des Feindes Heer; 260 Ich will das eure fuͤhren, ich will euch Statt einer Jungfrau und Prophetin ſeyn. Lionel. Madame, geht nach Paris zurück! Wir wollen Mit guten Waffen, nicht mit Weibern ſiegen. Talbot. Geht, geht! Seit Ihr im Lager ſeyd, geht Alles Zurück, kein Segen iſt mehr in unſern Waffen. Burgund. Geht! Eure Gegenwart ſchafft hier nichts Gutes: Der Krieger nimmt ein Aergerniß an Euch. Iſabeau (ſieht Einen um den Andern erſtaunt an). Ihr auch, Burgund? Ihr nehmet wider mich Partei mit dieſen undankbaren Lords? Burgunv. Geht! der Soldat verliert den guten Muth, Wenn er für Eure Sache glaubt zu fechten. Iſabeau. 3 Ich hab' kaum Frieden zwiſchen euch geſtiftet, So macht ihr ſchon ein Bündniß wider mich? Talbot.. Geht, geht mit Gott, Madame! Wir fuͤrchten uns Vor keinem Teufel mehr, ſobald Ihr weg ſeyd. Iſabeau. Bin ich nicht eure treue Bundsgenoſſin? Iſt eure Sache nicht die meinige? Talbot. Doch Eure nicht die unſrige. Wir ſind In einem ehrlich guten Streit begriffen. 261 Burgund. Ich raͤche eines Vaters blut'gen Mord: Die fromme Sohnspflicht heiligt meine Waffen. CTalbst. Doch, grad' heraus, was Ihr am Dauphin thut, Iſt weder menſchlich gut, noch goͤttlich recht. Iſabeau. Fluch ſoll ihn treffen bis ins zehnte Glied! Er hat gefrevelt an dem Haupt der Mutter. Zurgund. Er rachte einen Vater und Gemahl. Iſabeau. Er warf ſich auf zum Richter meiner Sitten! Lionel. Das war unehrerbietig von dem Sohn! Iſabeau. In die Verbannung hat er mich geſchickt. Calbot. Die oͤffentliche Stimme zu vollziehn. Iſabeau. Fluch treffe mich, wenn ich ihm je vergebe! Und, eh' er herrſcht in ſeines Vaters Reich— Calbot. Eh' opfert Ihr die Ehre ſeiner Mutter! Iſabeau. Ihr wißt nicht, ſchwache Seelen, Was ein beleidigt Mutterherz vermag. Ich liebe, wer mir Gutes thut, und haſſe, Wer niich verletzt, und, iſt's der eigne Sohn, Den ich geboren, deſto haſſenswerther. Dem ich das Daſeyn gab, will ich es rauben, 262 Wenn er mit ruchlos frechem Uebermuth Den eignen Schoß verletzt, der ihn getragen. Ihr, die ihr Krieg führt gegen meinen Sohn, Ihr habt nicht Recht, noch Grund, ihn zu berauben. Was hat der Dauphin Schweres gegen euch Verſchuldet? Welche Pflichten brach er euch? Euch treibt die Ehrſucht, der gemeine Neid; Ich darf ihn haſſen: ich hab' ihn geboren. Talbot. Wohl, an der Nache fühlt er ſeine Mutter! Iſabeau. Armſel'ge Gleißner, wie veracht' ich euch, Die ihr euch ſelbſt, ſo wie die Welt, belügt! Ihr Engelländer ſtreckt die Räuberhände Nach dieſem Frankreich aus, wo ihr nicht Recht Noch gült'gen Anſpruch habt auf ſo viel Erde, Als eines Pferdes Huf bedeckt.— Und dieſer Herzog, Der ſich den Guten ſchelten laͤßt, verkauft Sein Vaterland, das Erbreich ſeiner Ahnen, Dem Reichsfeind und dem fremden Herrn.— Gleichwohl Iſt euch das dritte Wort Gerechtigkeit. — Die Heuchelei veracht' ich. Wie ich bin, So ſehe mich das Aug' der Welt. Burgund. Wahr iſt's! Den Ruhm habt Ihr mit ſtarkem Geiſt behauptet. Iſabeau. Ich habe Leidenſchaften, warmes Blut, Wie eine Andre, und ich kam als Königin In dieſes Land, zu leben, nicht zu ſcheinen. Sollt' ich der Freud' abſterben, weil der Fluch 263 Des Schickſals meine lebensfrohe Jugend Zu dem wahnſinn'’gen Gatten hat geſellt? Mehr als das Leben lieb' ich meine Freiheit, Und, wer mich hier verwundet— Doch warum Mit euch mich ſtreiten über meine Rechte? Schwer fließt das dicke Blut in euren Adern: Ihr kennt nicht das Vergnügen, nur die Wuth! Und dieſer Herzog, der ſein Lebenlang Geſchwankt hat zwiſchen Bös und Gut, kann nicht Von Herzen haſſen, noch von Herzen lieben. — Ich geh' nach Melun. Gebt mir Dieſen da, (auf Lionel zeigend) Der mir gefällt, zur Kurzweil und Geſellſchaft, Und dann macht, was ihr wollt! Ich frage nichts Nach den Burgundern noch den Engelländern. (Sie winkt ihrem Pagen und will gehen.) Lionel. Verlaßt Euch drauf. Die ſchönſten Frankenknaben, Die wir erbeuten, ſchicken wir nach Melun. Iſabeau(zurückkommend). Wohl taugt ihr, mit dem Schwerte drein zu ſchlagen; Der Franke nur weiß Zierliches zu ſagen. (Sie geht ab.) Dritter Auftritt. Talbot. Burgund. Kionel. Talbot. Was füͤr ein Weib! 264 Lionel.. Nun eure Meinung, Feldherrn! Fliehn wir noch weiter oder wenden uns Zurück, durch einen ſchnellen, kühnen Streich Den Schimpf des heut'gen Tages auszulöſchen? Burgund. Wir ſind zu ſchwach, die Völker ſind zerſtreut, Zu neu iſt noch der Schrecken in dem Heer. Talbot. Ein blinder Schrecken nur hat uns beſiegt, Der ſchnelle Eindruck eines Augenblicks. Dies Furchtbild der erſchreckten Einbildung Wird, näher angeſehn, in nichts verſchwinden. Drum iſt mein Rath, wir führen die Armee Mit Tagesanbruch übern Strom zurück, Dem Feind entgegen. Burgund. Ueberlegt— Lionel. Mit Eurer Erlaubniß. Hier iſt nichts zu uͤberlegen. Wir müſſen das Verlorne ſchleunig wieder Gewinnen oder ſind beſchimpft auf ewig. Talbot. Es iſt beſchloſſen. Morgen ſchlagen wir, Um dies Phantem des Schreckens zu zerſtören, Das unſre Völker blendet und entmannt. Laßt uns mit dieſem jungfraͤulichen Teufel Uns meſſen in perſönlichem Gefecht. Stellt ſie ſich unſerm tapfern Schwert, nun dann, So hat ſie uns zum Letztenmal geſchadet; 265 Stellt ſie ſich nicht— und ſeyd gewiß, ſie meidet Den ernſten Kampf— ſo iſt das Heer entzaubert. Lionel. So ſey's! Und mir, mein Feldherr, uberlaſſet Dies leichte Kampfſpiel, wo kein Blut ſoll fließen. Denn lebend denk' ich das Geſpenſt zu fangen, Und vor des Baſtards Augen, ihres Buhlen, Trag' ich auf dieſen Armen ſie herüber, Zur Luſt des Heers, in das britann'ſche Lager. Burgund. Verſprechet nicht zu viel. Talbot. Erreich' ich ſie, Ich denke ſie ſo ſanft nicht zu umarmen. Kommt jetzo, die ermüdete Natur Durch einen leichten Schlummer zu erquicken, Und dann zum Aufbruch mit der Morgenröthe! (Sie gehen ab.) Vierter Auftritt. Johanna mit der Fahne, im Helm und Bruſtharniſch, ſonſt aber welblich gekleidet. Dungis, La Hire, Nitter und Soldaten zeigen üch oben auf dem Felſenweg, ziehen ſtill darüber hinweg und erſcheinen gleich darauf auf der Scene. Johanna (zu den Rittern, die ſie umgeben, indem der Zug oben immer noch fortfährt). Erſtiegen iſt der Wall, wir ſind im Lager! Jetzt werft die Hülle der verſchwiegnen Nacht 266 Von euch, die euren ſtillen Zug verhehlte, Und macht dem Feinde eure Schreckensnähe Durch lauten Schlachtruf kund— Gott und die Jungfrau! Alle(rufen laut unter wildem Waffengetöſe). Gott und die Jungfrau! (Trommeln und Trompeten.) Schildwache(hinter der Scene). Feinde! Feinde! Feinde! Johanna. Jetzt Fackeln her! Werft Feuer in die Zelte! Der Flammen Wuth vermehre das Entſetzen, Und drohend rings umfange ſie der Tod! (Soldaten eilen fort, ſie will folgen.) Dunois(hält ſie zurüch). Du haſt das Deine nun erfüllt, Johanna! Mitten ins Lager haſt du uns geführt, Den Feind haſt du in unſre Hand gegeben. k. Jetzt aber bleibe von dem Kampf zurück, Uns überlaß die blutige Entſcheidung! Ia Hire. Den Weg des Siegs bezeichne du dem Heer, Die Fahne trag' uns vor in reiner Hand; Doch nimm das Schwert, das todtliche, nicht ſelbſt, Verſuche nicht den falſchen Gott der Schlachten: 8 Denn blind und ohne Schonung waltet er. Johannu. Wer darf mir Halt gebieten? Wer dem Geiſt Vorſchreiben, der mich fuͤhrt? Der Pfeil muß fliegen, Wohin die Hand ihn ſeines Schützen treibt. Wo die Gefahr iſt, muß Johanna ſeyn; Nicht heut', nicht hier iſt mir beſtimmt zu fallen: 267 Die Krone muß ich ſehn auf meines Koͤnigs Haupt. Dies Leben wird kein Gegner mir entreißen, Bis ich vollendet, was mir Gott geheißen. (Sie geht ab.) La Hire. Kommt, Dunois! Laßt uns der Heldin folgen Und ihr die tapfre Bruſt zum Schilde leihn! 3(Gehen ab.) Fünfter Auftritt. Engliſche Soldaten flieben über die Bühne; hierauf Talbot. Erſter. Das Naädchen! mitten im Lager! Zweiter. Nicht möglich! nimmermehr! Wie kam ſie in das Lager? Dritter. Durch die Luft! Der Teufel hilft ihr! Vierter und Fünfter. Flieht! flieht! Wir ſind Alle des Todes! (Gehen ab.) Talbot(kommt). Sie hören nicht— Sie wollen mir nicht ſtehn! Gelost ſind alle Bande des Gehorſams! Als ob die Hölle ihre Legionen Verdammter Geiſter ausgeſpien, reißt Ein Taumelwahn den Tapfern und den Feigen Gehirnlos fort; nicht eine kleine Schaar Kann ich der Feinde Flut entgegenſtellen, Die wachſend, wogend in das Lager dringt! 268 — Bin ich der einzig Nuͤchterne, und Alles Muß um mich her in Fiebers Hitze raſen? Vor dieſen fraͤnk'ſchen Weichlingen zu fliehn, Die wir in zwanzig Schlachten überwunden!— Wer iſt ſie denn, die Unbezwingliche, Die Schreckensgöttin, die der Schlachten Glück Auf Einmal wendet und ein ſchüchtern Heer Von feigen Rehn in Löwen umgewandelt? Eine Gauklerin, die die gelernte Rolle Der Heldin ſpielt, ſoll wahre Helden ſchrecken? Ein Weib entriß mir allen Siegesruhm? Soldat(ſürzt herein). Das Maͤdchen! Flieh'! flieh', Feldherr! Calbot(ſdößt ihn nieder). Flieh' zur Hoͤlle Du ſelbſt! Den ſoll dies Schwert durchbohren, Der mir von Furcht ſpricht und von feiger Flucht! (Er geht ab.) Sechster Auftritt. Der Proſpect öffnet ſich. Man ſieht das engliſche Lager in vollen Flammen ſehen. Trommeln, Flucht und Verfolgung. Nach einer Weile kommt Montgomery. Montgomery(allein). Wo ſoll ich hinfliehn? Feinde rings umher und Tod! Hier der ergrimmte Feldherr, der, mit drohendem Schwert Die Flucht verſperrend, uns dem Tod entgegentreibt. Dort die Fürchterliche, die verderblich um ſich her Wie die Brunſt des Feuers raſet— und ringsum kein Buſch, 269 Der mich verbaͤrge, keiner Hoͤhle ſichrer Raum! O, wär' ich nimmer über Meer hieher geſchifft, Ich Unglückſel'ger! Eitler Wahn bethörte mich, Wohlfeilen Ruhm zu ſuchen in dem Frankenkrieg, Und jetzo führt mich das verderbliche Geſchick In dieſe blut'ge Mordſchlacht.— Waͤr' ich weit von hier Daheim noch an der Savern' blühendem Geſtad', Im ſichern Vaterhauſe, wo die Mutter mir In Gram zurück blieb und die zarte, ſüße Braut. (Johanna zeigt ſich in der Ferne.) Weh' mir! Was ſeh' ich! Dort erſcheint die Schreckliche! Aus Brandes Flammen, düſter leuchtend, hebt ſie ſich, Wie aus der Hölle Rachen ein Geſpenſt der Nacht, Hervor.— Wohin entrinn' ich! Schon ergreift ſie mich Mit ihren Feueraugen, wirft von Fern' Der Blicke Schlingen nimmer fehlend nach mir aus. Um meine Füße, feſt und feſter, wirret ſich Der Zauberknäul, daß ſie gefeſſelt mir die Flucht Verſagen! Hinſehn muß ich, wie das Herz mir auch Dagegen kämpfe, nach der toͤdtlichen Geſtalt! (Johanna thut einige Schritte ihm entgegen und bleibt wieder ſtehen.) Sie naht! Ich will nicht warten, bis die Grimmige Zuerſt mich anfallt! Bittend will ich ihre Knie Umfaſſen, um mein Leben flehn— ſie iſt ein Weib— Ob ich vielleicht durch Thraͤnen ſie erweichen kann! Endem er auf ſie zugehen will, tritt ſie ihm raſch entgegen.) 270 Siebenter Auftritt. Jahanna. Montgomery. Johanna. Du biſt des Todes! Eine britt'ſche Mutter zeugte dich. Montgomery(cällt ihr zu Füßen). Halt' ein, Furchtbare! Nicht den Unvertheidigten Durchbohre! Weggeworfen hab' ich Schwert und Schild. Zu deinen Füßen ſink' ich wehrlos, flehend hin. Laß mir das Licht des Lebens, nimm ein Löſegeld! Reich an Beſitzthum wohnt der Vater mir daheim Im ſchönen Lande Wallis, wo die ſchlängelnde Savern' durch grüne Auen rollt den Silberſtrom, Und fünfzig Dörfer kennen ſeine Herrſchaft an. Mit reichem Golde löst er den geliebten Sohn, Wenn er mich im Frankenlager lebend noch vernimmt. Johanna. Betrogner Thor! Verlorner! In der Jungfrau Hand Biſt du gefallen, die verderbliche, woraus Nicht Rettung noch Erlöſung mehr zu hoffen iſt. Wenn dich das Unglück in des Krokodils Gewalt Gegeben oder des gefleckten Tigers Klaun, Wenn du der Löwenmutter junge Brut geraubt, Du könnteſt Mitleid finden und Barmherzigkeit! Doch toͤdtlich iſt's, der Jungfrau zu begegnen. Denn dem Geiſterreich, dem ſtrengen, unverletzlichen, Verpflichtet mich der furchtbar bindende Vertrag, Mit dem Schwert zu tödten alles Lebende, das mir Der Schlachten Gott verhäͤngnißvoll entgegen ſchickt. Montgomery. Furchtbar iſt deine Rede, doch dein Blick iſt ſanft; Nicht ſchrecklich biſt du in der Naͤhe anzuſchaun; Es zieht das Herz mich zu der lieblichen Geſtalt. O, bei der Milde deines zärtlichen Geſchlechts Fleh' ich dich an. Erbarme meiner Jugend dich! Johanna. Nicht mein Geſchlecht beſchwoͤre! Nenne mich nicht Weib! Gleichwie die körperloſen Geiſter, die nicht frein Auf ird'ſche Weiſe, ſchließ' ich mich an kein Geſchlecht Der Menſchen an, und dieſer Panzer deckt kein Herz. Montgomery. O, bei der Liebe hetlig waltendem Geſetz, Dem alle Herzen huldigen, beſchwör' ich dich! Daheim gelaſfen hab' ich eine holde Braut, Schön, wie du ſelbſt biſt, blühend in der Jugend Retz. Sie harret weinend des Geliebten Wiederkunft. O, wenn du ſelber je zu lieben hoffſt und hoffſt Beglückt zu ſeyn durch Liebe, trenne grauſam nicht Zwei Herzen, die der Liebe heilig Bündniß knüpft! Johanna. Du rufeſt lauter irdiſch fremde Götter an, Die mir nicht heilig, noch verehrlich ſind. Ich weiß Nichts von der Liebe Bündniß, das du mir heſchwoͤrſt, Und nimmer kennen werd' ich ihren eitlen Dienſt. Vertheidige dein Leben, denn dir ruft der Tod. Montgomery. O, ſo erbarme meiner jammervollen Eltern dich, Die ich zu Haus verlaſſen. Ja, gewiß auch du Verließeſt Eltern, die die Sorge quält um dich. Johanna. Unglücklicher! Und du erinnerſt mich daran, Wie viele Mutter dieſes Landes kinderlos, 272 Wie viele zarte Kinder vaterlos, wie viel Verlobte Bräute Wittwen worden ſind durch euch! Auch Englands Mütter mögen die Verzweiflung nun Erfahren und die Thränen kennen lernen, Die Frankreichs jammervolle Gattinnen geweint. Maontgomery. O, ſchwer iſt's, in der Fremde ſterben unbeweint. Johanna. Wer rief euch in das fremde Land, den blühnden Fleiß Der Felder zu verwüſten, von dem heim'ſchen Herd Uns zu verjagen und des Krieges Feuerbrand Zu werfen in der Staͤdte friedlich Heiligthum? Ihr träumtet ſchon in eures Herzens eitlem Wahn, Den freigebornen Franken in der Knechtſchaft Schmach Zu ſtürzen und dies große Land, gleichwie ein Boot, An euer ſtolzes Meerſchiff zu befeſtigen! Ihr Thoren! Frankreichs königliches Wappen haͤngt Am Throne Gottes: eher riſſ't ihr einen Stern Vom Himmelswagen, als ein Dorf aus dieſem Reich, Dem unzertrennlich ewig einigen! Der Tag Der Rache iſt gekommen: nicht lebendig mehr Zurücke meſſen werdet ihr das heil'ge Meer, Das Gott zur Laͤnderſcheide zwiſchen euch und uns Geſetzt, und das ihr frevelnd überſchritten habt. Montgomery(ßt ihre Hand los). O, ich muß ſterben! Grauſend faßt mich ſchon der Tod. Johanna. Stirb, Freund! Warum ſo zaghaft zittern vor dem Tod, Dem unentfliehbaren Geſchick?— Sieh' mich an! Sieb'! Ich bin nur eine Jungfrau, eine Schaͤferin Geboren; nicht des Schwerts gewohnt iſt dieſe Hand, Die den unſchuldig frommen Hirtenſtab gefuͤhrt. Doch, weggeriſſen von der heimatlichen Flur, Von Vaters Buſen, von der Schweſtern lieber Bruſt, Muß ich hier, ich muß— mich treibt die Götterſtimme, nicht Eignes Gelüſten— euch zu bitterm Harm, mir nicht Zur Freude, ein Geſpenſt des Schreckens, würgend gehn, Den Tod verbreiten und ſein Opfer ſeyn zuletzt! Denn nicht den Tag der frohen Heimkehr werd' ich ſehn. Noch Vielen von den Euren werd' ich tödtlich ſeyn, Noch viele Wittwen machen; aber endlich werd' Ich ſelbſt umkommen und erfüllen mein Geſchick. — Erfülle du auch deines. Greife friſch zum Schwert, Und um des Lebens ſüße Beute kämpfen wir. Montgomery(ſeht auf). Nun, wenn du ſterblich biſt, wie ich, und Waffen dich Verwunden, kann's auch meinem Arm beſchieden ſeyn, Zur Hölle dich ſendend, Englands Noth zu endigen. In Gottes gnaͤd'ge Hande leg' ich mein Geſchick. Ruf' du, Verdammte, deine Höllengeiſter an, Dir beizuſtehen! Wehre deines Lebens dich! (Er ergreift Schild und Schwert und dringt auf ſie ein; kriegeriſche Muſik erſchallt in der Ferne, nach einem kurzen Gefechte fällt Mont⸗ gomery.) Achter Auftritt. Johanna(altein). Dich trug dein Fuß zum Tode— Fahre hin! (Sie tritt von ihm weg und bleibt gedankenvoll ſtehen.) Schillers ſämmtl. Werte. V. 18 Erhabne Jungfrau, du wirkſt Maͤchtiges in mir: Du rüſteſt den unkriegeriſchen Arm mit Kraft, Dies Herz mit Unerbittlichkeit bewaffneſt du. In Mitleid ſchmilzt die Seele, und die Hand erbebt, Als braͤche ſie in eines Tempels heil'gen Bau, Den bluͤhnden Leib des Gegners zu verletzen, Schon vor des Eiſens blanker Scheide ſchaudert mir; Doch, wenn es Noth thut, alsbald iſt die Kraft mir da, Und, nimmer irrend in der zitternden Hand, regiert Das Schwert ſich ſelbſt, als waͤr' es ein lebend'ger Geiſt . Neunter Auftritt. Ein Nitter mit geſchloſſenem Viſter. Johanna. Ritter. Verfluchte! Deine Stunde iſt gekommen, Dich ſucht' ich auf dem ganzen Feld der Schlacht, Verderblich Blendwerk! Fahre zu der Hölle Zuruck, aus der du aufgeſtiegen biſt. Johanna. Wer biſt du, den ſein böſer Engel mir Entgegen ſchickt? Gleich eines Fürſten iſt Dein Anſtand; auch kein Britte ſcheinſt du mir: Denn dich bezeichnet die burgund'ſche Binde, Vor der ſich meines Schwertes Spitze neigt. Ritter. Verworfne, du verdienteſt nicht zu fallen Von eines Fürſten edler Hand. Das Beil Des Henkers ſollte dein verdammtes Haupt 275 Von Rumpfe trennen, nicht der tapfre Degen Des königlichen Herzogs von Burgund. Johanna. So biſt du dieſer edle Herzog ſelbſt? Ritter(ſchlägt das Viſier auf). Ich bin's. Elende, zittre und verzweifle! Die Satanskünſte ſchützen dich nicht mehr. Du haſt bis jetzt nur Schwaͤchlinge bezwungen; „Ein Mann ſteht vor dir. Zehnter Auftritt. Dunois und ga Hire zu den Vorigen. Dunois. Wende dich, Burgund! Mit Maͤnnern kaͤmpfe, nicht mit Jungfrauen. 8 La Hire. Wir ſchützen der Prophetin heilig Haupt: Erſt muß dein Degen dieſe Bruſt durchbohren— Burgund. Nicht dieſe buhleriſche Circe fürcht' ich, Noch euch, die ſie ſo ſchimpflich hat verwandelt. Erröthe, Baſtard, Schande dir, La Hire, Daß du die alte Tapferkeit zu Künſten Der Höll' erniedrigſt, den verächtlichen Schildknappen einer Teufelsdirne machſt. Kommt her! euch Alen biet' ich's! Der verzweifelt An Gottes Schutz, der zu dem Teufel flieht. (Sie bereiten ſich zum Kampf, Johanng tritt dazwiſchen.) 276 Ichanna. Haltet inne! ZDurgund. Zitterſt du fuür deinen Buhlen? Vor deinen Augen ſoll er— 3(Dringt auf Danois ein.) Johanna. 5 Haltet inne! Trennt ſie, La Hire— Kein franzöſiſch Blut ſoll fließen! Nicht Schwerter ſollen dieſen Streit entſcheiden. Ein Andres iſt beſchloſſen in den Sternen— Aus einander, ſag' ich— Höret und verehret Den Geiſt, der mich ergreift, der aus mir redet! Dundis. Was hältſt du meinen aufgehobnen Arm Und hemmſt des Schwertes blutige Entſcheidung?— Das Eiſen iſt gezückt, es fällt der Streich,. Der Frankreich rächen und verſöhnen ſoll. Johanna (ſeellt ſich in die Mitte und trennt beide Theile durch einen weiten 4 1 Zwiſchenraum; zum Baſtard). Tritt auf die Seite! (Zu La Hire.) Bleib' gefeſſelt ſtehen! Ich habe mit dem Herzoge zu reden. (Nachdem Alles ruhig iſt.) Was willſt du thun, Burgund? Wer iſt der Feind, Den deine Blicke mordbegierig ſuchen? Dieſer edle Prinz iſt Frankreichs Sohn, wie du; Dieſer Tapfre iſt dein Waffenfreund und Landsmann; Ich ſelbſt bin deines Vaterlandes Tochter. 277 Wir Alle, die du zu vertilgen ſtrebſt, Gehören zu den Deinen— unſre Arme Sind aufgethan, dich zu empfangen, unſre Knie Bereit, dich zu verehren— unſer Schwert Hat keine Spitze gegen dich. Ehrwürdig Iſt uns das Antlitz, ſelbſt im Feindeshelm, Das unſers Königs theure Züge trägt. Burgund. Mit ſüßer Rede ſchmeichleriſchem Ton Willſt du, Sirene! deine Opfer locken. Argliſt'ge, mich bethörſt du nicht. Verwahrt Iſt mir das Ohr vor deiner Rede Schlingen, Und deines Auges Feuerpfeile gleiten Am guten Harniſch meines Buſens ab. Zu den Waffen, Dunois! Mit Streichen, nicht mit Worten laß uns fechten. Dundis. Erſt Worte und dann Streiche. Fürchteſt du Vor Worten dich? Auch Das iſt Feigheit Und der Verraͤther einer böͤſen Sache. Johanna. Uns treibt nicht die gebieteriſche Noth Zu deinen Füßen; nicht als Flehende Erſcheinen wir vor dir.— Blick' um dich her! In Aſche liegt das engelländ'ſche Lager, Und eure Todten decken das Gefild. Du hörſt der Franken Kriegstrommete tönen: Gott hat entſchieden, unſer iſt der Sieg. Des ſchoͤnen Lorbeers friſch gebrochnen Zweig Sind wir bereit mit unſerm Freund zu theilen. — O, komm herüber! Edler Flüchtling, komm 278 Heruͤber, wo das Recht iſt und der Sieg. Ich ſelbſt, die Gottgeſandte, reiche dir Die ſchweſterliche Hand. Ich will dich rettend Herüberziehn auf unſre reine Seite.— Der Himmel iſt für Frankreich. Seine Engel— Du ſiehſt ſie nicht— ſie fechten für den König; Sie Alle ſind mit Lilien geſchmückt. Lichtweiß, wie dieſe Fahn', iſt unſre Sache; Die reine Jungfrau iſt ihr keuſches Sinnbild. Zurgund. Verſtrickend iſt der Lüge trüglich Wort, Doch ihre Rede iſt wie eines Kindes. Wenn böͤſe Geiſter ihr die Worte leihn, So ahmen ſie die Unſchuld ſiegreich nach. Ich will nicht weiter hoͤren. Zu den Waffen! Mein Ohr, ich füͤhl's, iſt ſchwächer, als mein Arm. Johanna. Du nennſt mich eine Zauberin, gibſt mir Künſte Der Hoͤlle Schuld— Iſt Frieden ſtiften, Haß Verſöhnen ein Geſchaͤft der Hoͤlle? Kommt Die Eintracht aus dem ew'gen Pfuhl hervor? Was iſt unſchuldig, heilig, menſchlich gut, Wenn es der Kampf nicht iſt ums Vaterland? Seit wann iſt die Natur ſo mit ſich ſelbſt Im Streite, daß der Himmel die gerechte Sache Verlaͤßt, und daß die Teufel ſie beſchützen? Iſt aber Das, was ich dir ſage, gut, Wo anders als von Oben konnt' ich's ſchöpfen 2 Wer hätte ſich auf meiner Schaͤfertrift Zu mir geſellt, das kind'ſche Hirtenmaͤdchen In königlichen Dingen einzuweihn? 279 Ich bin vor hohen Furſten nie geſtanden, Die Kunſt der Rede iſt dem Munde fremd. Doch jetzt, da ich's bedarf, dich zu bewegen, Beſitz' ich Einſicht, hoher Dinge Kunde, Der Laͤnder und der Könige Geſchick Liegt ſonnenhell vor meinem Kindesblick, Und einen Donnerkeil führ' ich im Munde. ZBurgund 1(lebhaft bewegt, ſchlägt die Augen zu ihr auf und betrachtet ſie mit Erſtaunen und Ruͤhrung). Wie wird mir? Wie geſchieht mir? Iſt's ein Gott, Der mir das Herz im tiefſten Buſen wendet? — Sie truͤgt nicht, dieſe rührende Geſtalt! Nein, nein! Bin ich durch Zaubers Macht geblendet, So iſt's durch eine himmliſche Gewalt; Mir ſagt's das Herz, ſie iſt von Gott geſendet. Joyanna. Er iſt gerührt, er iſt's! Ich habe nicht Umſonſt gefleht; des Zornes Donnerwolke ſchmilzt Von ſeiner Stirne thranenthauend hin, Und aus den Augen, Friede ſtrahlend, bricht Die goldne Sonne des Gefühls hervor. — Weg mit den Waffen— drücket Herz an Herz— Er weint, er iſt bezwungen, er iſt unſer! (Schwert und Fahne entſinken ihr, ſie eilt auf ihn zu mit ausgebreite⸗ ten Armen und umſchlingt ihn mit leidenſchaftlichem Ungeſtüm. La Hire und Dunois laſſen die Schwerter fallen und eilen, ihn zu um⸗ armen.) 280 Dritter Aufzug. Hoflager des Koͤnigs zu Chalons an der Marne⸗ Erſter Auftritt. Bunois und ga Hire. Dunois. Wir waren Herzensfreunde, Waffenbrüder, Für eine Sache hoben wir den Arm Und hielten feſt in Noth und Tod zuſammen. Laßt Weiberliebe nicht das Band zertrennen, Das jeden Schickſalswechſel ausgehalten! La Hire. Prinz, hört mich an! Dunois. Ihr liebt das wunderbare Maͤdchen, Und mir iſt wohl bekannt, worauf Ihr ſinnt. Zum König denkt Ihr ſtehnden Fußes jetzt Zu gehen und die Jungfrau zum Geſchenk Euch zu erbitten— Eurer Tapferkeit Kann er den wohlverdienten Preis nicht weigern. Doch wißt— eh' ich in eines Andern Arm Sie ſehe— 281 La Hire. Hoͤrt mich, Prinz! Dunois. Es zieht mich nicht Der Augen flüchtig ſchnelle Luſt zu ihr. Den unbezwungnen Sinn hat nie ein Weib Gerührt, bis ich die Wunderbare ſah, Die eines Gottes Schickung dieſem Reich Zur Retterin beſtimmt und mir zum Weibe, Und in dem Augenblick gelobt' ich mir Mit heil'gem Schwur, als Braut ſie heimzufuͤhren. Denn nur die Starke kann die Freundin ſeyn Des ſtarken Mannes, und dies glühnde Herz Sehnt ſich, an einer gleichen Bruſt zu ruhn, Die ſeine Kraft kann faſſen und ertragen. La Hire. Wie könnt' ich's wagen, Prinz, mein ſchwach Verdienſt Mit Eures Namens Heldenruhm zu meſſen! Wo ſich Graf Dunois in die Schranken ſtellt, Muß jeder andre Mitbewerber weichen. Doch eine niedre Schäferin kann nicht Als Gattin würdig Euch zur Seite ſtehn. Das königliche Blut, das Eure Adern Durchrinnt, verſchmäht ſo niedrige Vermiſchung. Dunois. Sie iſt das Göͤtterkind der heiligen Natur, wie ich, und iſt mir ebenbürtig. Sie ſollte eines Fürſten Hand entehren, Die eine Braut der reinen Engel iſt, Die ſich das Haupt mit einem Götterſchein Umgibt, der heller ſtrahlt, als ird'ſche Kronen, ————— ——,— 282 Die jedes Groͤßte, Hoͤchſte dieſer Erde Klein unter ihren Füßen liegen ſieht? Denn alle Fürſtenthrone, auf einander Geſtellt, bis zu den Sternen fortgebaut, Erreichten nicht die Höhe, wo ſie ſteht In ihrer Engelsmajeſtät! La Hire. Der Koͤnig mag entſcheiden. Dunois. Nein, ſie ſelbſt Entſcheide! Sie hat Frankreich frei gemacht, Und ſelber frei muß ſie ihr Herz verſchenken. 3 ga Hire. Da kommt der König! Zweiter Auftritt. Karl. Agnes Sorel. Du Chatel und Chatillon zu den Vorigen. Karl(zu Chatillon). Er kommt? Er will als ſeinen König mich Erkennen, ſagt Ihr, und mir huldigen? Chatillon. Hier, Sire, in ſeiner königlichen Stadt Chalons will ſich der Herzog, mein Gebieter, Zu deinen Füßen werfen.— Mir befahl er, Als meinen Herrn und König dich zu grüßen. Er folgt mir auf dem Fuß, gleich naht er ſelbſt. 283 Sorel. Er kommt! O ſchoͤne Sonne dieſes Tags, Der Freude bringt und Friede und Verſöhnung. Chatillon. Mein Herr wird kommen mit zweihundert Rittern, Er wird zu beinen Füßen niederknien; Doch er erwartet, daß du es nicht duldeſt, Als deinen Vetter freundlich ihn umarmeſt. Karl. Mein Herz glüht, an dem ſeinigen zu ſchlagen. Chatillon. Der Herzog bittet, daß des alten Streits Beim erſten Wiederſehn mit keinem Worte Meldung geſcheh'! Karl. Verſenkt im Lethe ſey Auf ewig das Vergangene. Wir wollen Nur in der Zukunft heitre Tage ſehn. Chatillon. Die fur Burgund gefochten, Alle ſollen In die Verſöhnung aufgenommen ſeyn. Karl. Ich werde ſo mein Königreich verdoppeln! Chatilton. Die Königin Iſabeau ſoll in dem Frieden Mit eingeſchloſſen ſeyn, wenn ſie ihn annimmt. Karl. Sie führet Krieg mit mir, nicht ich mit ihr. unſer Streit iſt aus, ſobald ſie ſelbſt ihn endigt. Chatillon. Zwoͤlf Ritter ſollen burgen für dein Wort. 284 Karl. Mein Wort iſt heilig. Chatillon. Und der Erzbiſchof Soll eine Hoſtie theilen zwiſchen dir und ihm Zum Pfand und Siegel redlicher Verſöhnung. Karl. So ſey mein Antheil an dem ew'gen Heil, Als Herz und Handſchlag bei mir einig ſind. Welch andres Pfand verlangt der Herzog noch? Chatillon (mit einem Blick auf Du Chatel). Hier ſeh' ich Einen, deſſen Gegenwart Den erſten Gruß vergiften könnte. (Du Chatel geht ſchweigend.) Karl. Geh', Du Chatel! Bis der Herzog deinen Anblick Ertragen kann, magſt du verborgen bleiben! (Er folgt ihm mit den Augen, dann eilt er ihm nach und umarmt ihn.) Rechtſchaffner Freund! Du wollteſt mehr als Dies Für meine Ruhe thun! (Du Chatel geht ab.) Chatillon. Die andern Punkte nennt dies Inſtrument. Karl Gum Erzbiſchof). Bringt es in Ordnung. Wir genehm'gen Alles: Für einen Freund iſt uns kein Preis zu hoch. Geht, Dunois! Nehmt hundert edle Ritter Mit Euch und holt den Herzog freundlich ein. Die Truppen alle ſollen ſich mit Zweigen —,— 285 Bekränzen, ihre Brüder zu empfangen. Zum Feſte ſchmücke ſich die ganze Stadt, Und alle Glocken ſollen es verkünden, Daß Frankreich und Burgund ſich neu verbinden. (Ein Edelknecht kommt. Man hört Trompeten.) Horcht! was bedeutet der Trompeten Ruf? Edelknecht. Der Herzog von Burgund hält ſeinen Einzug. (Geht ab.) Dunois (geht mit La Hire und Chatillon). Auf, ihm entgegen! Karl(zur Soreh). Agnes, du weinſt? Beinah' gebricht auch mir Die Stärke, dieſen Auftritt zu ertragen. Wie viele Todesopfer mußten fallen, Bis wir uͤns friedlich konnten wiederſehen! Doch endlich legt ſich jedes Sturmes Wuth, Tag wird es auf die dickſte Nacht, und, kommt Die Zeit, ſo reifen auch die ſpat'ſten Früchte! Erzbi ſchof(am Fenſter). Der Herzog kann ſich des Gedränges kaum Erledigen. Sie heben ihn vom Pferd, Sie küſſen ſeinen Mantel, ſeine Sporen. Karl. Es iſt ein gutes Volk, in ſeiner Liebe Raſchlodernd, wie in ſeinem Zorn.— Wie ſchnell Vergeſſen iſt's, daß eben dieſer Herzog Die Vaͤter ihnen und die Söhne ſchlug: Der Augenblick verſchlingt ein ganzes Leben! — Faſſ' dich, Sorel! Auch deine heft'ge Freude 286 Möcht' ihm ein Stachel in die Seele ſeyn: Nichts ſoll ihn hier beſchaͤmen, noch betrüben. Dritter Auftritt. Herzog von Burgund. Jungis. La Hire. Chatillan und noch zwei andere Nitter von des Herzogs Gefolge. Der Herzog bleibꝛ am Eingange ſtehen; der Koͤnig bewegt ſich gegen ihn, ſogleich nähert ſich Burgund und in dem Augenblick, wo er ſich auf ein Knie will niederlaſſen, empfaͤngt ihn der König in ſeinen Armen. Karl. Ihr habt uns uͤberraſcht— Euch einzuholen Gedachten wir— Doch Ihr habt ſchnelle Pferde. Burgund. Sie trugen mich zu meiner Pflicht. (Er umarmt die Sorel und küßt ſie auf die Stirne.) Mit Eurer Erlaubniß, Baſe! Das iſt unſer Herrenrecht Zu Arras, und kein ſchoͤnes Weid darf ſich Der Sitte weigern. Karl. Eure Hofſtatt iſt Der Sitz der Minne, ſagt man, und der Markt, Wo alles Schöne muß den Stapel halten. Burgund. Wir ſind ein handeltreibend Volk, mein König! Was köſtlich waͤchst in allen Himmel sſerichen, Wird ausgeſtellt zur Schau und zum Genuß Auf unſerm Markt zu Brügg; das höchſte aber Von allen Gütern iſt der Frauen Schönheit. ——öͤſſͤſſſ 287 Sorel. Der Frauen Treue gilt noch höhern Preis; Doch auf dem Markte wird ſie nicht geſehn. Karl. Ihr ſteht in böſem Ruf und Leumond, Vetter, Daß Ihr der Frauen ſchönſte Tugend ſchmaͤht. Burgund. Die Ketzerei ſtraft ſich am Schwerſten ſelbſt. Wohl Euch, mein König! Früh hat Euch das Herz Was mich ein wildes Leben ſpät, gelehrt! (Er bemerkt den Erzbiſchof und reicht ihm die Hand.) Ehrwürdiger Mann Gottes, Euren Segen! Euch trifft man immer auf dem rechten Platz: Wer Euch will finden, muß im Guten wandeln. Erzbiſchof. Mein Meiſter rufe, wann er will, dies Herz Iſt freudenſatt, und ich kann fröhlich ſcheiden, Da meine Augen dieſen Tag geſehn! Burgund ur Soreh. Man ſpricht, Ihr habt Euch Eurer edeln Steine Beraubt, um Waffen gegen mich daraus Zu ſchmieden? Wie? Seyd Ihr ſo kriegeriſch Geſinnt? War's Euch ſo ernſt, mich zu verderben? Doch unſer Streit iſt nun vorbei: es findet Sich Alles wieder, was verloren war. Auch Euer Schmuck hat ſich zurück gefunden; Zum Kriege wider mich war er beſtimmt: Nehmt ihn aus meiner Hand zum Friedenszeichen. (Er empfängt von einem ſeiner Begleiter das Schmuckkäſtchen und über⸗ reicht es ihr geöffnet, Agnes Sorel ſieht den König betroffen an.) 288 Karl. Nimm das Geſchenk, es iſt ein zweifach theures Pfand Der ſchoͤnen Liebe mir und der Verſöhnung. Burgund (indem er eine brillantne Roſe in ihre Haare ſieckt). Warum iſt es nicht Frankreichs Königskrone? Ich wuͤrde ſie mit gleich geneigtem Herzen Auf dieſem ſchönen Haupt befeſtigen. (Ihre Hand bedeutend faſſend.) Und zählt auf mich, wenn Ihr dereinſt des Freundes Bedürfen ſolltet! (Agnes Sorel, in Thränen ausbrechend, tritt auf die Seite, auch der Künig bekämpft eine große Bewegunz, alle Umſtehende blicken gerührt auf die beiden Fuͤrſten.) ZBurgund (nachdem er Alle der Reihe nach angeſehen, wirft er ſich in die Arme des Königs). 8 O, mein Köoͤnig! 8 EIn demſelben Augenblick eilen 23 Aüundeſchen Ritter auf Annois, A drei b La Hire und den Erzbiſchof zu unß umtarmen einander. Beide Fürſten liegen eine Zeitlang einander ſpre los in den Armen.) 68 Euch konnt' ich haſſen! Euch konnt' ich entſagen! Karl. StillI, ſtill! Nicht weiter! Burgund. Dieſen Engellaͤnder Konnt' ich krönen! Dieſem Fremdling Treue ſchwoͤren! Euch, meinen König, ins Verderben ſtürzen! Karl. Vergeßt es! Alles iſt verziehen. Alles Tilgt dieſer einz'ge Augenblick. Es war Ein Schickſal, ein unglückliches Geſtirn! 289 Burgund(faßt ſeine Hand). Ich will gut machen! Glaubet mir, ich will's. Alle Leiden ſollen Euch erſtattet werden, Euer ganzes Königreich ſollt Ihr zurück Empfangen— nicht ein Dorf ſoll daran fehlen! Karl. Wir ſind vereint. Ich fürchte keinen Feind mehr. Burgund. Glaubt mir, ich fuͤhrte nicht mit frohem Herzen Die Waffen wider Euch. O, wüßtet Ihr— Warum habt Ihr mir Dieſe nicht geſchickt? (Auf die Sorel zeigend.) Nicht widerſtanden hätt' ich ihren Thranen. — Nun ſoll uns keine Macht der Hölle mehr Entzweien, da wir Bruſt an Bruſt geſchloſſen! Jetzt hab' ich meinen wahpen Ort gefunden: An dieſem Herzen endet meine Irrfahrt. E rz biſ of(tritt zwiſchen Beide). Ihr ſeyd vereinigt z ürſten! Frankreich ſteigt, Ein neu verjuͤngtenleßhonir, aus der Aſche; Uns läͤchelt eins ſchone Zukunft an. Des Landes tieſe Wunden werden heilen, Die Dörfer, die verwuͤſteten, die Städte Aus ihrem Schutt ſich prangender erheben, Die Felder decken ſich mit neuem Grün— Doch, die das Opfer eures Zwiſts gefallen, Die Todten ſtehen nicht mehr auf; die Thränen, Die eurem Streit gefloſſen, ſind und bleiben Geweint! Das kommende Geſchlecht wird blühen; Doch das vergangne war des Elends Raub, Der Enkel Glück erweckt nicht mehr die Vater. Schillers ſämmtl. Werke. V 290 Das ſind die Früchte eures Bruderzwiſts! Laßt's euch zur Lehre dienen! Fürchtet die Gottheit Des Schwerts, eh' ihr's der Scheid' entreißt. Loslaſſen Kann der Gewaltige den Krieg, doch nicht Gelehrig, wie der Falk ſich aus den Lüften Zurückſchwingt auf des Jaͤgers Hand, gehorcht Der wilde Gott dem Ruf der Menſchenſtimme. Nicht zweimal kommt im rechten Augenblick, Wie heut’, die Hand des Retters aus den Wolken. 8 3 Zurgund. O% Sire! Euch wohnt ein Engel an der Seite. — Wo iſt ſie? Warum ſeh ich ſie nicht hier? Karl. Wo iſt Johanna? Warum fehlt ſie uns In dieſem feſtlich ſchönen Augenblick, Den ſie uns ſchenkte? Erzbiſchof. Sire! Das heil'gelee Liebt nicht die Ruhe eines müß'gen Hofs⸗— . Und, ruft ſie nicht der göttliche Befehl us Licht der Welt hervor, ſo meidet ſie Verſchämt den eiteln Blick gemeiner Augen! Gewiß beſpricht ſie ſich mit Gott, wenn ſie Für Frankreichs Wohlfahrt nicht geſchäftig iſt: Denn allen ihren Schritten folgt der Segen. 291 Vierter Auftritt. Iohanna zu den Porigen. trẽ iſt im Harniſch aber ohne Helm, und trägt einen Kranz in den Haagren. 1 Karl. Du kommſt als Prieſteri ickt, Johanng Den Bund, den du geſtiftet, einzuweihn! Burgund. Wie ſchrecklich war die Jungfrau in der Schlacht Und ir wauſirahit i Behheior, und verdien; h deinen Beifall? IJohanna. Dir ſelbſt haſt du die größte Gunſt erzeigt. Jetzt ſchimmerſt du in ſegenvollem Licht, Da du vorhin in blutroth düſterm Schein, Ein Schreckensmond, an dieſem Himmel hing —(Sich umſchauend.) edle Ritter find' ich hier verſa Und alle Augen glänzen freudenhell; Nur einem Traurigen hab' ich begegne Der ſich verbergen muß, wo Alles vd Alles Und wer iſt ſich ſo ſchwerer S t⸗ Daß er an unſrer Huld verzweifeln müßte? Jo hanna. Darf er ſich nahn? O, ſage, daß er's darf! Mach' dein Verdienſt vollkommen. Eine Verſöhnnung Iſt keine, die das Herz nicht ganz befreit. Ein Tropfen Haß, der in dem Freudenbecher Zurückbleibt, macht den Segen ustyank zum Gift. 292 — Kein Unrecht ſey ſo blutig, daß Burgund An dieſem Freudentag es nicht vergebe! Zurgund. Ha, ich verſtehe dich! Johanna. Und willſt verzeihn? Du willſt es, Herzog?— Komm herein, Du Chatel! (Sie öffnet die Thür' und führt Du Chatel herein; dieſer bleibt in der Entfernung ſtehen.) Der Herzog iſt mit ſeinen Feinden allen Verſöhnt, er iſt es auch mit dir. (Du Chatel tritt einige Schritte näher une ſucht in den Augen des Herzogs zu leſen.) Burgund. Was machſt du Aus mir, Johanna? Weißt du, was du forderſt? Johanna. Ein guͤt'ger Herr thut ſeine Pforten auf Für alle Gaͤſte, keinen ſchließt er aus: Frei, wie das Firmament die Welt umſpannt, So muß die Gnade Freund und Feind umſchließen; Es ſchickt die Sonne ihre Strahlen gleich Nach allen Räumen der Unendlichkeit; Gleichmeſſend gießt der Himmel ſeinen Thau Auf alle durſtende Gewaächſe aus; Was irgend gut iſt und von Oben kommt, Iſt allgemein und ohne Vorbehalt; 4 Doch in den Falten wohnt die Finſterniß! Vurgund. O, ſie kann mit mir ſchalten, wie ſie will: Mein Herz iſt weiches Wachs in ihrer Hand. — 293 — Umarmet mich, Du Chatel! Ich vergeb' Euch. Geiſt meines Vaters, zuͤrne nicht, wenn ich Die Hand, die dich getoͤdtet, freundlich faſſe. Ihr Todesgötter, rechnet mir's nicht zu, Daß ich mein ſchrecklich Rachgeluͤbde breche. Bei euch dort unten in der ew'gen Nacht, Da ſchlägt kein Herz mehr, da iſt Alles ewig, Steht Alles unbeweglich feſt— doch anders Iſt es hier oben in der Sonne Licht. Der Menſch iſt, der lebendig fühlende, Der leichte Raub des mächt'gen Augenblicks. Karl(zur Johanna). Was dank' ich dir nicht Alles, hohe Jungfrau! Wie ſchön haſt du dein Wort gelöst! Wie ſchnell mein ganzes Schickſal umgewandelt! Die Freunde haſt du mir verſöhnt, die Feinde Mir in den Staub geſtürzt und meine Städte Dem fremden Joch entriſſen.— Du allein Zollbrachteſt Alles.— Sprich, wie lohn' ich dir! Ishanna. Sey immer menſchlich, Herr, im Gluͤck, wie du's Im Ungluͤck warſt— und auf der Größe Gipfel Vergiß nicht, was ein Freund wiegt in der Noth: Du haſt's in der Erniedrigung erfahren. Verweigre nicht Gerechtigkeit und Gnade Dem Letzten deines Volks: denn von der Heerde Berief dir Gott die Retterin— Du wirſt Ganz Frankreich ſammeln unter deinen Scepter, Der Ahn⸗ und Stammherr großer Fürſten ſeyn; Die nach dir kommen, werden heller leuchten, Als die dir auf dem Thron vorangegangen. 294 Dein Stamm wird blühn, ſolang er ſich die Liebe Bewahrt im Herzen ſeines Volks. Der Hochmuth nur kann ihn zum Falle führen, Und von den niedern Hütten, wo dir jetzt Der Retter ausging, droht geheimnißvoll Den ſchuldbefleckten Enkeln das Verderben! Burgund. Erleuchtet Mädchen, das der Geiſt beſeelt! Wenn deine Augen in die Zukunft dringen, So ſprich mir auch von meinem Stamm! Wird er Sich herrlich breiten, wie er angefangen? Johanna. Burgund! Hoch bis zur Throneshöhe haſt Du deinen Stuhl geſetzt, und höher ſtrebt Das ſtolze Herz, es hebt bis in die Wolken Den kühnen Bau.— Doch eine Hand von Oben Wird ſeinem Wachsthum ſchleunig Halt gebieten. Doch fürchte drum nicht deines Hauſes Fall! In einer Jungfrau lebt es glanzend fort, Und ſceptertragende Monarchen, Hirten Der Völker, werden ihrem Schoß entblühn. Sie werden herrſchen auf zwei großen Thronen, Geſetze ſchreiben der bekannten Welt Und einer neuen, welche Gottes Hand Noch zudeckt hinter unbeſchifften Meeren. Karl. O, ſprich, wenn es der Geiſt dir offenbaret, Wird dieſes Freundſchaftsbundniß, das wir jetzt Ernent, auch noch die ſpäten Enkelſöͤhne Vereinigen? 295 Johanna (nach einigem Stillſchweigen). Ihr Könige und Herrſcher! Fürchtet die Zwietracht! Wecket nicht den Streit Aus ſeiner Höhle, wo er ſchläft: denn, einmal Erwacht, bezahmt er ſpat ſich wieder! Enkel Erzeugt er ſich, ein eiſernes Geſchlecht, Fortzündet an dem Brande ſich der Brand. — Verlangt nicht mehr zu wiſſen! Freuet euch Der Gegenwart. Laßt mich die Zukunft ſtill Bedecken! Sorel. Heilig Mäͤdchen, du erforſcheſt Mein Herz, du weißt, ob es nach Größe eitel ſtrebt: Auch mir gib ein erfreuliches Orakel. Johanna. Mir zeigt der Geiſt nur große Weltgeſchicke; Dein Schickſal ruht in deiner eignen Bruſt! . Dunsis. Was aber wird dein eigen Schickſal ſeyn, Erhabnes Maͤdchen, das der Himmel liebt? Dir blüht gewiß das ſchönſte Glück der Erde, Da du ſo fromm und heilig biſt. Johanna. Das Glück Wohnt droben in dem Schoß des ew'gen Vaters. Karl. Dein Glück ſey fortan deines Königs Sorge! Denn deinen Nanmen will ich herrlich machen In Frankreich; ſelig preiſen ſollen dich 296 Die ſpaͤteſten Geſchlechter— und gleich jetzt Erfüll' ich es.— Knie nieder! (Er zieht das Schwert und berührt ſie mit demſelben.) Und ſteh' auf Als eine Edle! Ich erhebe dich, Dein König, aus dem Staube deiner dunkeln Geburt— Im Grabe adl' ich deine Väter— Du ſollſt die Lilie im Wappen tragen, Den Beſten ſollſt du ebenburtig ſeyn In Frankreich; nur das königliche Blut Von Valois ſey edler, als das deine! Der Groͤßte meiner Großen fühle ſich Durch deine Hand geehrt; mein ſey die Sorge, Dich einem edeln Gatten zu vermahlen. Dunis(tritt vor). Mein Herz erkor ſie, da ſie niedrig war: Die neue Ehre, die ihr Haupt umglänzt, Erhöhr nicht ihr Verdienſt, noch meine Liebe. Hier in dem Angeſichte meines Königs Und dieſes heil'gen Biſchofs reich' ich ihr Die Hand als meiner fürſtlichen Gemahlin, Wenn ſie mich würdig hält, ſie zu empfangen. Karl. Unwiderſtehlich Mädchen, du haͤufſt Wunder Auf Wunder! Ja, nun glaub' ich, daß dir nichts Unmöglich iſt. Du haſt dies ſtolze Herz Bezwungen, das der Liebe Allgewalt Hohn ſprach bis jetzt. La Hire(tritt vor). Johannas ſchönſter Schmuck, Kenn' ich ſie recht, iſt ihr beſcheidnes Herz. 297 Der Huldigung des Gröͤßten iſt ſie werth, Doch nie wird ſie den Wunſch ſo hoch erheben. Sie ſtrebt nicht ſchwindelnd eitler Hoheit nach; Die treue Neigung eines redlichen Gemüths genügt ihr und das ſtille Los, Das ich mit dieſer Hand ihr anerbiete. Karl. Auch du, La Hire? Zwei treffliche Bewerber, An Heldentugend gleich und Kriegesruhm! — Willſt du, die meine Feinde mir verſöhnt, Mein Reich vereinigt, mir die liebſten Freunde Entzwein? Es kann ſie Einer nur beſitzen, Und Jeden acht' ich ſolches Preiſes werth. So rede du, dein Herz muß hier entſcheiden. Sorel(tritt näher). Die edle Jungfrau ſeh' ich überraſcht, Und ihre Wangen färbt die zuͤcht'ge Scham.⸗ Man geb' ihr Zeit, ihr Herz zu fragen, ſich Der Freundin zu vertrauen und das Siegel Zu löſen von der feſtverſchloſſ'nen Bruſt. Jetzt iſt der Augenblick gekommen, wo Auch ich der ſtrengen Jungfrau ſchweſterlich Mich nahen, ihr den treu verſchwiegnen Buſen Darbieten darf.— Man laß uns weiblich erſt Das Weibliche bedenken und erwarte, Was wir beſchließen werden. Karl(im Begriff zu gehen). Alſo ſey's! Johanna. Nicht alſo, Sire! Was meine Wangen faͤrbte, War die Verwirrung nicht der blöden Scham. 298 Ich habe dieſer edeln Frau nichts zu vertraun, Deß ich vor Maännern mich zu ſchämen hätte. Hoch ehrt mich dieſer edeln Ritter Wahl; Doch nicht verließ ich meine Schaͤfertrift, Um weltlich eitle Hoheit zu erjagen, Noch, mir den Brautkranz in das Haar zu flechten, Legt' ich die ehrne Waffenrüſtung an. Berufen bin ich zu ganz anderm Werk, Die reine Jungfrau nur kann es vollenden. Ich bin die Kriegerin des höchſten Gottes, Und keinem Manne kann ich Gattin ſeyn. Erzbiſchof. Dem Mann zur liebenden Gefaͤhrtin iſt Das Weib geboren— wenn ſie der Natur Gehorcht, dient ſie am Würdigſten dem Himmel! Und, haſt du dem Befehle deines Gottes, Der in das Feld dich rief, genug gethan, So wirſt du deine Waffen von dir legen Und wiederkehren zu dem ſanfteren Geſchlecht, das du verleugnet haſt, das nicht Berufen iſt zum blut'gen Werk der Waffen. Iohanna. CEhrwuͤrd'ger Herr, ich weiß noch nicht zu ſagen, Was mir der Geiſt gebieten wird zu thun; Doch, wenn die Zeit kommt, wird mir ſeine Stimme Nicht ſchweigen, und gehorchen werd' ich ihr. Jetzt aber heißt er mich mein Werk vollenden. Die Stirne meines Herren iſt noch nicht Gekroͤnt, das heihge Oel hat ſeine Scheitel Noch nicht benetzt, noch heißt mein Herr nicht Koͤnig. 299 Karl. Wir ſind begriffen auf dem Weg nach Rheims. Johanna. Laßt uns nicht ſtill ſtehn, denn geſchaͤftig ſind Die Feinde rings, den Weg dir zu verſchließen. Doch mitten durch ſie Alle führ' ich dich! Dunois. Wenn aber Alles wird vollendet ſeyn, Wenn wir zu Rheims nnn ſiegend eingezogen, Wirſt du mir dann vergönnen, heilig Madchen— Ishanna. Will es der Himmel, daß ich ſieggekrönt Aus dieſem Kampf des Todes wiederkehre, So iſt mein Werk vollendet— und die Hirtin Hat kein Geſchaft mehr in des Königs Hauſe. Karl(ihre Hand faſſend). Dich treibt des Geiſtes Stimme jetzt, es ſchweigt Die Liebe in dem gotterfüllten Buſen; Sie wird nicht immer ſchweigen, glaube mir! Die Waffen werden ruhn, es führt der Sieg Den Frieden an der Hand: dann kehrt die Freude In jeden Buſen ein, und ſanftere Gefühle wachen auf in allen Herzen— Sie werden auch in deiner Bruſt erwachen, und Thränen ſüßer Sehnſucht wirſt du weinen, Wie ſie dein Auge nie vergoß— dies Herz, Das jetzt der Himmel ganz erfüllt, wird ſich Zu einem ird'ſchen Freunde liebend wenden— Jetzt haſt du rettend Tauſende beglückt, Und, Einen zu beglücken, wirſt du enden! 300 Johanna. Dauphin! Biſt du der göttlichen Erſcheinung Schon müde, daß du ihr Gefäß zerſtoͤren, Die reine Jungfrau, die dir Gott geſendet, Herab willſt ziehn in den gemeinen Staub? Ihr blinde Herzen! Ihr Kleinglaͤubige! Des Himmels Herrlichkeit umleuchtet euch, Vor eurem Aug' enthüllt er ſeine Wunder, Und ihr erblickt in mir nichts als ein Weib. Darf ſich ein Weib mit kriegeriſchem Erz Umgeben, in die Männerſchlacht ſich miſchen? Weh' mir, wenn ich das Rachſchwert meines Gottes In Häͤnden führte und im eiteln Herzen Die Neigung trüge zu dem ird'ſchen Mann! Mir wäre beſſer, ich waͤr' nie geboren! Kein ſolches Wort mehr, ſag' ich euch, wenn ihr Den Geiſt in mir nicht zürnend wollt entrüſten! Der Maͤnner Auge ſchon, das mich begehrt, Iſt mir ein Grauen und Entheiligung. Karl. Brecht ab. Es iſt umſonſt, ſie zu bewegen. Johanna. Beſiehl, daß man die Kriegstrommete blaſe! Mich preßt und aͤngſtigt dieſe Waffenſtille! Es jagt mich auf aus dieſer müß'gen Ruh' Und treibt mich fort, daß ich mein Werk erfülle, Gebietriſch mahnend meinem Schickſal zu. 301 Fünfter Auftritt. Ein Nitter eilfertig. Karl. Was iſt's? Nitter. Der Feind iſt uͤber die Marne gegangen Und ſtellt ſein Heer zum Treffen. Johanna(begeiſtert). Schlacht und Kampf! Jetzt iſt die Seele ihrer Bande frei. Bewaffnet euch, ich ordn' indeß die Schaaren. (Sie eilt hinaus). Karl. Folgt ihr, La Hire— Sie wollen uns am Thore Von Rheims noch um die Krone kaͤmpfen laſſen! Dunois. Sie treibt nicht wahrer Muth. Es iſt der letzte Verſuch unmaͤchtig wüthender Verzweiflung. Karl. Burgund, Euch ſporn' ich nicht. Heut' iſt der Tag, Um viele böſe Tage zu vergüten. Burgund. Ihr ſollt mit mir zufrieden ſeyn. Karl. Ich ſelbſt Will Euch vorangehn auf dem Weg des Ruhms Und in dem Angeſicht der Krönungsſtadt Die Krone mir erfechten.— Meine Agnes, Dein Ritter ſagt dir Lebewohl! 30² Agnes(umarmt ihn.) Ich weine nicht, ich zittre nicht fur dich, Mein Glaube greift vertrauend in die Wolken. So viele Pfaͤnder ſeiner Gnade gab Der Himmel nicht, daß wir am Ende trauern. Vom Sieg gekrönt umarm' ich meinen Herrn, Mir ſagt's das Herz, in Rheims bezwungnen Mauern. (Trompeten erſchallen mit muthigem Ton und gehen, während daß ver⸗ wandelt wird, in ein wildes Kriegsgetümmel über; das Orcheſter faͤllt ein bei offener Scene und wird von kriegeriſchen Inſtrumenten hinter der Scene begleitet.) Der Schauplatz verwandelt ſich in eine freie Gegend, die von Baͤumen vegränzt wird. Man ſieht während der Muſik Soldaten über den Hintergrund ſchnell wegziehen. Sechster Auftritt. Talbat, auf Faſtalf geſtützt und von Toldaten begieizet. Gleich darauf Kionel. Talbot. Hier unter dieſen Baumen ſetzt mich nieder, Und Ihr begebt Euch in die Schlacht zurück: Ich brauche keines Beiſtands, um zu ſterben. 3 Faſtolf. O unglückſelig jammervoller Tag! (Lionel tritt auf.) u welchem Anblick kommt Ihr, Lionel! ier liegt der Feldherr auf den Tod verwundet. Lionel. Das wolle Gott nicht! Edler L rd, ſteht auf! 0 S 303 iſt's nicht Zeit, ermattet hinzuſinken. nicht dem Tod, gebietet der Natur Mit Eurem macht'gen Willen, daß ſie lebe. Calbot. Umſonſt! Der Tag des Schickſals iſt gekommen, Der unſern Thron in Frankreich ſtürzen ſoll. Vergebens in verzweiflungsvollem Kampf Wagt' ich das Letzte noch, ihn abzuwenden. Vom Strahl dahingeſchmettert lieg' ich hier Um nicht mehr aufzuſtehn.— Rheims iſt verloren. So eilt, Paris zu retten. Lionel. Paris hat ſich vertragen mit dem Dauphin: So eben bringt ein Eilbot' uns die Nachricht. Talbot(reißt den Verband auf). So ſtrömet hin, ihr Bache meines 5 Bluts, Denn berdruf ſſig bin ich dieſer Sonne! Lionel. Ich kann nicht bleiben.— Faſtolf, bringt der An Finen üipen Drr wir kunnen uns un ſern fiie bhen ſchon von allen Seite n; iderſtehlich dringt das Mädchen vor— Calb gt. und ich muß untergehn; ngrit kämpfen Goͤtter ſelbſt ver gebens. Wernuufi, lichthelle Tochter Des göttl ler Hauptes, weiſe Gründerin Des Weltgebaͤudes, Wüißreder der Sterne, Wer biſt du denn, wenn du, dem tollen Roß Des Aberwitzes an den Schweif gebunden, 4 304 Unmächtig rufend, mit dem Trunkenen Dich ſehend in den Abgrund ſtürzen mußt! Verflucht ſey, wer ſein Leben an das Große Und Würd'ge wendet und bedachte Plane Mit weiſem Geiſt entwirft! Dem Narrenkönig Gehoͤrt die Welt— Lionel. Mylord! Ihr habt nur noch Fuͤr wenige Augenolicke Leben— Denkt An Euren Schöpfer! Calbot. Waren wir als Tapfere Durch andre Tapfere beſiegt, wir könnten Uns troͤſten mit dem allgemeinen Schickſal, Das immer wechſelnd ſeine Kugel dreht— Doch ſolchem groben Gaukelſpiel erliegen! War unſer ernſtes arbeitvolles Leben Keines ernſthaftern Ausgangs werth? Lionel treicht ihm die Hand). Mylord, fahrt wohl! Der Thraͤnen ſchuldigen Zoll Will ich Euch redlich nach der Schlacht entrichten, Wenn ich alsdann noch ubrig bin. Jetzt aber Ruft das Geſchick mich fort, das auf dem Schlachtfeld Noch richtend ſitzt und ſeine Loſe ſchuttelt. Auf Wiederſehn in einer andern Welt! Kurz iſt der Abſchied für die lange Freundſchaft. (Geht ab.) Calbot. Bald iſts voruͤber, und der Erde geb' ich,.* Der ew'gen Sonne die Atome wieder, Die ſich zu Schmerz und Luſt in mir gefügt— 305 Und von dem mächt'gen Talbot, der die Welt Mit ſeinem Kriegsruhm füllte, bleibt nichts uübrig, Als eine Handvoll leichten Staubs.— So geht Der Menſch zu Ende— und die einzige Ausbeute, die wir aus dem Kampf des Lebens Wegtragen, iſt die Einſicht in das Nichts Und herzliche Verachtung alles Deſſen, Was uns erhaben ſchien und wünſchenswerth.— Siebenter Auftritt. Kart. Jurgund. Junois. Au Chatel und Soldaten treten auf. Burgund. Die Schanze iſt erſtuͤrmt. Dunsis. Der Tag iſt unſer. Karl(Calbot bemerkend). Seht, wer es iſt, der dort vom Licht der Sonne Den unfreiwillig ſchweren Abſchied nimmt? Die Rüſtung zeigt mir keinen ſchlechten Mann. Geht, ſpringt ihm bei, wenn ihm noch Hülfe frommt. (Soldaten aus des Königs Geſolge treten hinzu). Faſtolf. Zuruck! bleibt fern! Habt Achtung vor dem Todten, Dem ihr im Leben nie zu nahn gewuͤnſcht! Burgund. Was ſeh' ich! Talbot liegt in ſeinem Blut! (Er geht auf ihn zu. Talbot blickt ihn ſtarr an und ſtirbt.) Schillers ſämmtl. Werke. V. 20 306 Faſtolf. Hinweg, Burgund! Den letzten Blick des Helden Vergifte nicht der Anblick des Verraͤthers! Dunois. Furchtbarer Talbot! Unbezwinglicher! Nimmſt du vorlieb mit ſo geringem Raum, Und Frankreichs weite Erde konnte nicht Dem Streben deines Rieſengeiſtes gnügen. — Erſt jetzo, Sire, begruß' ich Euch als König: Die Krone zitterte auf Eurem Haupt, Solang ein Geiſt in dieſem Körper lebte. Karl (nachdem er den Todten ſtillſchweigend betrachtet.) Ihn hat ein Höoͤherer beſiegt, nicht wir! Er liegt auf Frankreichs Erde, wie der Held Auf ſeinem Schild, den er nicht laſſen wollte. Bringt ihn hinweg! (Soldaten heben den Leichnam auf und tragen ihn fort.) Fried' ſey mit ſeinem Staube! Ihm ſoll ein ehrenvolles Denkmal werden. Mitten in Frankreich, wo er ſeinen Lauf Als Held geendet, ruhe ſein Gebein! So weit, als er, drang noch kein feindlich Schwert Seine Grabſchrift ſey der Ort, wo man ihn findet. Faſtolf(gibt ſein Schwert ab). Herr, ich bin dein Gefangener. Karl (gibt ihm ſein Schwert zurück). Nicht alſo! Die fromme Pflicht ehrt auch der rohe Krieg, 307 Frei ſollt Ihr Eurem Herrn zu Grabe folgen. Jetzt eilt, Du Chatel— Meine Agnes zittert— Entreißt ſie ihrer Angſt um uns— bringt ihr Die Botſchaft, daß wir leben, daß wir ſiegten, und führt ſie im Triumph nach Rheims! (Du Chatel geht ab.) Achter Auftritt. La Hire zu den Porigen. Dunois. La Hire, Wo iſt die Jungfrau? La Hire. Wie? Das frag' ich Euch. An Eurer Seite fechtend ließ ich ſie. Dundis. Von Eurem Arme glaubt' ich ſie beſchuͤtzt, Als ich dem König beizuſpringen eilte. Burgund. Im dichtſten Feindeshaufen ſah ich noch Vor Kurzem ihre weiße Fahne wehn. Dunois. Weh' uns, wo iſt ſie? Boͤſes ahnet mir! Kommt, eilen wir, ſie zu befrein.— Ich fürchte, Sie hat der kühne Muth zu weit geführt, Umringt von Feinden kämpft ſie ganz allein, Und huͤlflos unterliegt ſie jetzt der Menge. 308 Karl. Eilt, rettet ſie! La Hire. Ich folg' Euch, kommt! Burgund.. Wir Alle! (Sie eilen fort.) Eine andere öde Gegend des Schlachtfeldes. Man ſieht die Thürme von Rheims in der Ferne von der Sonne beleuchtet. Neunter Auftritt. Ein Ritter in ganz ſchwarzer Rüſtung, mit geſchloſſenem Viſier. Johanna verſolgt ihn bis auf die vordere Bühne wo er ſtille ſteht und ſie erwartet. Johanna. Axgliſt'ger! Jetzt erkenn' ich deine Tücke! Du haſt mich trüglich durch verſtellte Flucht Vom Schlachtfeld weggelockt und Tod und Schickſal Von vieler Brittenſöhne Haupt entfernt. Doch jetzt ereilt dich ſelber das Verderben. Schwarzer Uitter. Warum verfolgſt du mich und hefteſt dich 8 So wuthentbrannt an meine Ferſen? Mir Iſt nicht beſtimmt, von deiner Hand zu fallen. 8 Johanna. Verhaßt in tiefſter Seele biſt du mir, Gleichwie die Nacht, die deine Farbe iſt. Dich weg zu tilgen von dem Licht des Tags, 309 Treibt mich die unbezwingliche Begier. Wer biſt du? Oeffne dein Viſier.— Hätt' ich Den kriegeriſchen Talbot in der Schlacht Nicht fallen ſehn, ſo ſagt' ich, du waͤrſt Talbot. Schwarzer Ritter. Schweigt dir die Stimme des Prophetengeiſtes? Johanna. Sie redet laut in meiner tieſſten Bruſt, Daß mir das Unglück an der Seite ſteht. Schwarzer Ritter. Johanna d'Arc! Bis an die Thore Rheims Biſt du gedrungen auf des Sieges Flügeln. Dir gnüge der erworbne Ruhm. Entlaſſe Das Gluück, das dir als Sklave hat gedient, Eh' es ſich zürnend ſelbſt befreit: es haßt Die Treu', und Keinem dient es bis ans Ende. Johanna. Was heißeſt du in Mitte meines Laufs Mich ſtille ſtehen und mein Werk verlaſſen? Ich führ' es aus und löſe mein Gelübde! Schwarzer Ritter. Nichts kann dir, du Gewalt'ge, widerſtehn, In jedem Kampfe ſiegſt du.— Aber gehe In keinen Kampf mehr. Höre meine Warnung! Johanna. Nicht aus den Händen leg' ich dieſes Schwert, Als bis das ſtolze England niederliegt. Schwarzer Ritter. Schau' hin! Dort hebt ſich Rheims mit ſeinen Thürmen, Das Ziel und Ende deiner Fahrt— die Kuppel Der hohen Kathedrale ſiehſt du leuchten: 310 Dort wirſt du einziehn im Triumphgepräng', Deinen König krönen, dein Gelübde löſen. — Geh' nicht hinein! Kehr' um! Hör' meine Warnung! Johanna. Wer biſt du, doppelzuͤngig falſches Weſen, Das mich erſchrecken und verwirren will? Was maßeſt du dir an, mir falſch Orakel Betruüglich zu verkündigen! (Der ſchwarze Ritter will abgehen, ſie tritt ihm in den Weg.) Nein, du ſtehſt Mir Rede oder ſtirbſt von meinen Händen! (Sie will einen Streich auf ihn führen.) Schwarzer Ritter (berührt ſie mit der Hand, ſie bleibt unbeweglich ſtehen) Tödte, was ſterblich iſt! (Nacht, Blitz und Donnerſchlag. Der Ritter verſinkt.) Johanna (ſieht anfangs erſtaunt, ſaßt ſich aber bald wieder). Es war nichts Lebendes. Ein trüglich Bild Der Hölle war's, ein widerſpenſt'ger Geiſt, Heraufgeſtiegen aus dem Feuerpfuhl, Mein edles Herz im Buſen zu erſchuͤttern. Wen fürcht' ich mit dem Schwerte meines Gottes? Siegreich vollenden will ich meine Baͤl hn, Und, käm' die Hoͤlle ſelber in die Schranken, Mir ſoll der Muth nicht weichen und nicht wanken! (Sie will abgehen.“ Verfluchte! rüſte dich zum Kampf— Nicht Beide Verlaſſen wir lebendig dieſen Platz. Du haſt Der edle Talbot hat die große Seele In meinen Buſen ausgehaucht.— Ich räche Den Ta Und, daß du wiſſ Er ſterb Der letzte von den Fuͤrſten unſers Heers, Und unbezwungen noch iſt dieſer Arm. (Er dringt auf ſie ein; nach einem kurzen Gefechte ſchlägt ſie ihm das Schwert aus der Hand.) Treuloſes Glück! (ergreift ihn von Hinten am Helmbuſch und reißt ihm den Helm gewaltſam herunter, Die heihge Jung frau opfert dich durch mich! (In dieſem Augenblick ſicht ſie ihm ins Geſicht; ſein Anblick ergreift ſie, ſie bleibt unbeweglich ſtehen und läßt dann langſam den Arm ſinken.) Was zauderſt du und hemmſt den Todesſtreich? Nimm mir das Leben auch, du nahmſt den Ruhm; Ich bin (Sie gibt ihm ein Zeichen mit der Hand, ſich zu entfernen.) 311 Zehnter Auftritt. Fionel. Johanna. Lionel. die Beſten meines Volks getödtet; 1 2 pfern oder theile ſein Geſchick. ſſeſt, wer dir Ruhm verleiht, e oder ſiege— Ich bin Lionel, (Er ringt mit ihr.) Johanna daß ſein Geſicht entblößt wird, zugleich zuckt ſie das Schwert min 3 der Rechten). Erleide, was du ſuchteſt! Lionel. in deiner Hand, ich will nicht Schonung. 312 Entfliehen ſoll ich? Dir ſoll ich mein Leben Verdanken?— Eher ſterben! Johanna(mit abgewandtem Geſicht). Ich will nichts davon wiſſen, daß dein Leben In meine Macht gegeben war. Lionel. Ich haſſe dich und dein Geſchenk— Ich will Nicht Schonung— Tödte deinen Feind der dich Verabſcheut, der dich tödten wollte. Johyanna. Tödte mich — Und fliehe! Lionel. Hal was iſt Das? Ishanna(derbirgt das Geſicht). Wehe mir! Lionel ttritt ihr näher). Du toͤdteſt, ſagt man, alle Engelländer, Die du im Kampf bezwingſt— Warum nur mich Verſchonen? Johanna (erhebt das Schwert mit einer raſchen Bewegung gegen ihn, läßt es aber, wie ſie ihn ins Geſicht faßt, ſchnell wieder ſinken). Heil'ge Jungfrau! Lionel. Warum nennſt du Die Heibge? Sie weiß nichts von dir: der Himmel Hat keinen Theil an dir. Ishanna(in der heftigſten Beängſtigung). . Was hab' ich Gethan! Gebrochen hab' ich mein Gelübde! (Sie ringt verzweifelnd die Hände.) 313 Lionel (betrachtet ſie mit Theilnahme und tritt Uuglücklich Maͤdchen! Ich beklage dich. Du rührſt mich; du haſt Großmuth ausgeubt An mir allein; ich fühle, daß mein Haß Verſchwindet, ich muß Antheil an dir nehmen! — Wer biſt du? woher kommſt du? Ishanna. Fort! Entfliehe! ihr näher) Lionel. Mich jammert deine Jugend, deine Schönheit! Dein Anblick dringt mir in das Herz. Ich möchte Dich gerne retten— Sage mir, wie kann ich's? Komm! komm! Entſage dieſer gräßlichen Verbindung— Wirf ſie von dir dieſe Waffen! *₰ Johanna. Ich bin unwürdig, ſie zu führen! Lionel. Wirf Sie von dir, ſchnell, und folge mir! Johannn(mit Entſetzen). Dir folgen! Lionel. Du kannſt gerettet werden. Folge mir! Ich will dich retten, aber ſaͤume nicht. Mich faßt ein ungeheurer Schmerz um dich Und ein unnennbar Sehnen, dich zu retten— Gemächtigt ſich ihres Armes.) Johanna. Der Baſtard naht! Sie ſind's! Sie ſuchen mich! 4 Wenn ſie dich finden— ——— 314 LFionel. Ich beſchütze dich! Johanna. Ich ſterbe, wenn du fällſt von ihren Haͤnden! Lionel. Bin ich dir theuer? Johanna. Heilige des Himmels! Lionel. Werd' ich dich wiederſehn? von dir hören? Johanna. Nie! Niemals! Lionel. Dieſes Schwert zum Pfand, daß ich Dich wiederſehe! (Er entreißt ihr das Schwert.) Johanna. Raſender, du wagſt es? Lionel. Jetzt weich' ich der Gewalt, ich ſeh' dich wieder! (Er geht ab.) Eilfter Auftritt. Dunois und Ja Hire. Johanna. La Hire. Sie lebt! Sie iſt's! Dunois. Johanna, fürchte nichts! Die Freunde ſtehen maͤchtig dir zur Seite. 315 La Hire. Flieht dort nicht Lionel? Dunois. Laß ihn entfliehn! Johanna, die gerechte Sache ſiegt. Rheims öffnet ſeine Thore; alles Volk Strömt jauchzend ſeinem Könige entgegen— La Hire. Was iſt der Jungfrau? Sie erbleicht, ſie ſinkt! (Johanna ſchwindelt und will ſinken.) Dunöois. Sie iſt verwundet— Reißt den Panzer auf— Es iſt der Arm und leicht iſt die Verletzung. La Hire. Ihr Blut entfließt! Johanna. Laßt es mit meinem Leben 7 Hinſtrömen! (Sie liegt ohnmächtig in La Hires Armen.) ᷣ Vierter Aufzug. Ein feſtlich geſchmückter Saal. Die Säulen find mit Feſtons umwunden; hinter der Sceue Flöten und Hoboen.. Erſter Auftritt. Johanna. Die Waffen ruhn, des Krieges Sturme ſchweigen, Auf blut'ge Schlachten folgt Geſang und Tanz, Durch alle Straßen tönt der muntre Reigen, Altar und Kirche prangt in Feſtesglanz, Und Pforten bauen ſich aus grunen Zweigen, Und um die Saͤule windet ſich der Kranz; Das weite Rheims faßt nicht die Zahl der Gäſte, Die wallend ſtrömen zu dem Völkerfeſte. Und einer Freude Hochgefühl entbrennet, 4 Und ein Gedanke ſchlägt in jeder Bruſt. Was ſich noch jüngſt in blut'gem Haß getrennet, Das theilt entzuckt die allgemeine Luſt. Wer nur zum Stamm der Franken ſich bekennet Der iſt des Namens ſtolzer ſich bewußt: Erneuert iſt der Glanz der alten Krone, Und Frankreich huldigt ſeinem Koͤnigsſohne. 7 32 317 Doch mich, die all' dies Herrliche vollendet, Mich rührt es nicht, das allgemeine Glück; Mir iſt das Herz verwandelt und gewendet,. Es llieht von dieſer Feſtlichkeit zurück, Ins britt'ſche Lager iſt es hingewendet, Hinüber zu dem Feinde ſchweift der Blick, Und aus der Freunde Kreis muß ich mich ſtehlen, Die ſchwere Schuld des Buſens zu verhehlen. Wer? Ich? Ich eines Mannes Bild In meinem reinen Buſen tragen? Dies Herz, von Himmelsglanz erfüllt, Darf einer ird'ſchen Liebe ſchlagen? Ich, meines Landes Retterin, Des höchſten Gottes Kriegerin, Für meines Landes Feind entbrennen? Darf ich's der keuſchen Sonne nennen, Und mich vernichtet nicht die Scham?, (Die Muſik hinter der Scene geht in eine welche ſchmetzenee Mekodie A p üͤber.) Wehe! weh' mir! Welche Toͤne! Wie verführen ſie mein Ohr! Jeder ruft mir ſeine Stimme, Zaubert mir ſein Vild hervor! Daß der Sturm der Schlacht mich faßte, Speun⸗ ſauſend mich umtönten In des heißen Streites Wuth! Wieder faͤnd' ich meinen Muth! 318 Dieſe Stimmen, dieſe Töne, Wie umſtricken ſie mein Herz! Jede Kraft in meinem Buſen Löſen ſie in weichem Sehnen,. Schmelzen ſie in Wehmuth⸗Thraͤnen! (Nach einer Pauſe lebhafter.) Sollt' ich ihn tödten? konnt' ich's, da ich ihm. Ins Auge ſah? Ihn tödten! Eher haͤtt' ich Den Mordſtahl auf die eigne Bruſt gezückt! Und bin ich ſtrafbar, weil ich menſchlich war? Iſt Mitleid Sünde?— Mitleid! Hörteſt du Des Mitleids Stimme und der Menſchlichkeit Auch bei den Andern, die dein Schwert geopfert? Warum verſtummte ſie, als der Walliſer dich, Der zarte Jüngling, um ſein Leben flehte? Argliſtig Herz! du lügſt dem ew'gen Licht, Dich trieb des Mitleids fromme Stimme nicht! Warum mußt' ich ihm in die Augen ſehn! Die Züge ſchaun des edeln Angeſichts! Mit deinem Blick fing dein Verbrechen an, Unglückliche! Ein blindes Werkzeug fordert Gott; Mit blinden Augen mußteſt du's vollbringen! Sobald du ſahſt, verließ dich Gottes Schild, 2 Ergriffen dich der Hölle Schlingen! (Die Flöten wiederholen, ſie verſinkt in eine ſtille Wehmuth.) Frommer Stabl o, hätt' ich nimmer Mit dem Schwerte dich vertauſcht! Hätt' es nie in deinen Zweigen, Heil'ge Eiche, mir gerauſcht!„ 319 Wärſt du nimmer mir erſchienen, Hohe Himmelskönigin! Nimm, ich kann ſie nicht verdienen, Deine Krone, nimm ſie hin! Ach, ich ſah den Himmel offen Und der Sel'gen Angeſicht! Doch auf Erden iſt mein Hoffen, Und im Himmel iſt es nicht! Mußteſt du ihn auf mich laden, Dieſen furchtbaren Beruf! Konnt' ich dieſes Herz verhärten, Das der Himmel fühlend ſchuf? Willſt du deine Macht verkünden, Wähle ſie, die, frei von Sünden, Stehn in deinem ew'gen Haus; Deine Geiſter ſende aus, Die Unſterblichen, die Reinen, Die nicht fühlen, die nicht weinen! Nicht die zarte Jungfrau wähle, Nicht der Hirtin weiche Seele! Kuͤmmert mich das Los der Schlachten, Mich der Zwiſt der Könige? Schuldlos trieb ich meine Laäͤmmer Auf des ſtillen Berges Höh'. Doch du riſſeſt mich ins Leben, In den ſtolzen Fürſtenſaal, Mich der Schuld dahin zu geben, Ach, es war nicht meine Wahl! ———ꝛ::— kommt in lebhafter Rührung; wie ſie die Jungfrau erblickt, eilt ſie auf üe zu und fällt ihr um den Hals; ploͤtzlich beſinnt ſie ſich, läßt ge los und fällt vor ihr nieder). er im Staub vor dir— ohanna(will ſie aufheben). Steh' auf! Hi 3 Was iſt dir? Du vergiſſeſt dich und mich. Forel. Laß mich, es iſt der Freude Drang, der mich Zu deinen Füßen niederwirft— ich 9mß Mein überwallend Herz vor Gott ergießen Den UÜnſichtbaren bet' ich an in dir. Du biſt der Engel, der mir meinen Herrn Nach Rheims geführt und mit der Krone ſchmückt. Was ich zu ſehen nie getraumt, es iſt Erfüllt! Der Kroͤnungszug bereitet ſich, Der König ſteht im feſtlichen Ornat, Verſammelt ſind die pairs, die Machtigen Der Krone, die Inſignien zu tragen; Zur Kathedrale wallend ſtrömt das Volk; Es ſchallt der Reigen, und die Glocken tönen. 9. dieſes Gluͤckes Fülle trag' ich nicht! Johanna hebt ſie ſanft in die Höhe. Agnes Sorel hält einen Augendltek inne, indem ſie der Jungirau näher ins Auge ſieht.) t Doch du bleibſt immer ernſt und ſtreng; du kannſt Das Glück erſchaffen, doch du theilſt es nicht. Dein Herz iſt kalt, du fühlſt nicht unſre Freuden, 321 Du haſt der Himmel Herrlichkeit geſehn, Die reine Bruſt bewegt kein irdiſch Glück. (Johanna ergreift ihre Hand mit Heftigkeit, läßt ſie aber ſchnell wleder fahren.) O, könnteſt du ein Weib ſeyn und empfinden! Leg' dieſe Rüſtung ab, kein Krieg iſt mehr, Bekenne dich zum ſanfteren Geſchlechte! Mein liebend Herz flieht ſchen vor dir zurück, Solange du der ſtrengen Pallas gleichſt. Johanna. Was forderſt du von mir! Sorel. Entwaffne dich! Leg' dieſe Rüſtung ab! Die Liebe fürchtet, Sich dieſer ſtahlbedeckten Bruſt zu nahn. O, ſey ein Weib, und du wirſt Liebe fühlen! Johanna. Jetzt ſoll ich mich entwaffnen! Jetzt! Dem Tod Will ich die Bruſt entblößen in der Schlacht! Jetzt nicht— o, möchte ſiebenfaches Erz Vor euren Feſten, vor mir ſelbſt mich ſchützen! Sorel. Dich liebt Graf Dunois. Sein edles Herz, Dem Ruhm nur offen und der Heldentugend, Es glüht für dich in heiligem Gefühl. O, es iſt ſchön, von einem Helden ſich geliebt Zu ſehn— es iſt noch ſchöner, ihn zu lieben! (Johanna wendet ſich mit Abſcheu hinweg.) Du haſſeſt ihn!— Nein, nein, du kannſt ihn nur Nicht lieben— Doch, wie ſollteſt du ihn haſſen! Man haßt nur Den, der den Geliebten uns Schillers ſaͤmmtl. Werke. V. 21 Entreißt; doch dir iſt Keiner der Geliebte! Dein Herz iſt ruhig— Wenn es fühlen könnte— Johanna. Beklage mich! Beweine mein Geſchick! Sorel. Was könnte dir zu deinem Gluͤcke mangeln? Du haſt dein Wort gelöst, Frankreich iſt frei, Bis in die Krönungsſtadt haſt du den König Siegreich geführt und hohen Ruhm erſtritten; Dir huldiget, dich preist ein glücklich Volk; Von allen Zungen überſtroͤmend fließt Dein Lob; du biſt die Göttin dieſes Feſtes; Der König ſelbſt mit ſeiner Krone ſtrahlt Nicht herrlicher, als du. Iohanna. O, könnt' ich mich Verbergen in den tiefſten Schoß der Erde! Sorel. Was iſt dir? Welche ſeltſame Bewegung! Wer dürfte frei aufſchaun an dieſem Tage, Wenn du die Blicke niederſchlagen ſollſt? Mich laß erroͤthen, mich, die neben dir So klein ſich fühlt, zu deiner Heldenſtärke ſich Zu deiner Hoheit nicht erheben kann! Denn ſoll ich meine ganze Schwaͤche dir Geſtehen? Nicht der Ruhm des Vaterlandes, Nicht der erneute Glanz des Thrones, nicht Der Voͤlker Hochgefühl und Siegesfreude Beſchaͤftigt dieſes ſchwache Herz. Es iſt Nur Einer, der es ganz erfüllt; es hat Nur Raum für dieſes einzige Gefühl: Er iſt der Angebetete, ihm jauchzt das Volk, Ihn ſegnet es, ihm ſtreut es dieſe Blumen, Er iſt der Meine, der Geliebte iſt's. Johanna. O, du biſt glücklich! Selig preiſe dich! Du liebſt, wo Alles liebt! Du darfſt dein Herz Aufſchließen, laut ausſprechen dein Entzücken Und offen tragen vor der Menſchen Blicken! Dies Feſt des Reichs iſt deiner Liebe Feſt. Die Vöͤlker alle, die unendlichen, Die ſich in dieſen Mauern flutend drängen, Sie theilen dein Gefühl, ſie heil'gen es; Dir jauchzen ſie, dir flechten ſie den Kranz, Eins biſt du mit der allgemeinen Wonne, Du liebſt das Allerfreuende, die Sonne, Und, was du ſiehſt, iſt deiner Liebe Glanz! Sorel(ihr um den Hals fallend). O, du entzuͤckſt mich, du verſteht mich ganz! Ja, ich verkannte dich, du kennſt die Liebe, Und, was ich fühle, ſprichſt du mächtig aus. Von ſeiner Furcht und Scheue loͤst ſich mir Das Herz, es wallt vertrauend dir entgegen— Johanna (entreißt ſich mit Heftigkeit ihren Armen). Verlaß mich! Wende dich von mir! Beflecke Dich nicht mit meiner peſterfüllten Nähe! Sey glücklich, geh'! Mich laß in tiefſter Nacht Mein Unglüͤck, meine Schande, mein Entſetzen Verbergen— Sorel. Du erſchreckſt mich, ich begreife Dich nicht; doch ich begriff dich nie— und ſtets Verhüllt war mir dein dunkel tiefes Weſen. Wer möcht' es faſſen, was dein heilig Herz, Der reinen Seele Zartgefühl erſchreckt! Johanna. Du biſt die Heilige! du biſt die Reine! Saͤhſt du mein Innerſtes, du ſtießeſt ſchaudernd Die Feindin von dir, die Verraäͤtherin! Dritter Auftritt. Munsis. Du Chatel und Ka Hire mit der Fahne der Johanna. Dunoig. Dich ſuchen wir, Johanna. Alles iſt Bereit; der König ſendet uns, er will, Daß du vor ihm die heil'ge Fahne trageſt; Du ſollſt dich ſchließen an der Fürſten Reihn, Die Naͤchſte an ihm ſelber ſollſt du gehn: Denn er verleugnet's nicht, und alle Welt Soll es bezeugen, daß er dir allein Die Ehre dieſes Tages zuerkennt. La Hire. Hier iſt die Fahne. Nimm ſie, edle Jungfrau! Die Fürſten warten, und es harrt das Volk. Johanna. Ich vor ihm herziehn? Ich die Fahne tragen? Dunois. Wem anders ziemt' es! Welche andre Hand 325 Iſt rein genug, das Heiligthum zu tragen! Du ſchwangſt ſie im Gefechte: trage ſie Zur Zierde nun auf dieſem Weg der Freude. (La Hire will ihr die Fahne überreichen, ſie bebt ſchaudernd davor zurück.) Johanna. Hinweg! Hinweg! ga Hire. Was iſt dir? Du erſchrickſt Vor deiner eignen Fahne!— Sieh' ſie an! (Er rollt die Fahne auseinander.) Es iſt dieſelbe, die du ſiegend ſchwangſt. Die Himmelskonigin iſt drauf gebildet, Die über einer Erdenkugel ſchwebt: Denn alſo lehrte dich's die heil'ge Mutter. Johanna(mit Entſetzen hinſchauend). Sie iſt's! ſie ſelbſt! Ganz ſo erſchien ſie mir. Seht, wie ſie herblickt und die Stirne faltet, Zornglühend aus den finſtern Wimpern ſchaut! Sorel. O, ſie iſt außer ſich! Komm zu dir ſelbſt! Erkenne dich! Du ſiehſt nichts Wirkliches! Das iſt ihr irdiſch nachgeahmtes Bild, Sie ſelber wandelt in des Himmels Chören! Johanna. Furchtbare, kommſt du, dein Geſchöpf zu ſtrafen? Verderbe, ſtrafe mich, nimm deine Blitze Und laß ſie fallen auf mein ſchuldig Haupt. Gebrochen hab' ich meinen Bund, entweiht, Geläſtert hab' ich deinen heil'gen Namen! Dunois. Weh' uns! Was iſt Das? Welch' unſel'ge Reden! La Hire(erſtaunt zu Du Chateh. Begreift Ihr dieſe ſeltſame Bewegung? Du Chatel. Ich ſehe, was ich ſeh'. Ich hab' es längſt Gefürchtet. Dungis. Wie? was ſagt Ihr? Du Chatel. Was ich denke, Darf ich nicht ſagen. Wollte Gott, es wäre Vorüber, und der König wär' gekrönt! La Hire. Wie? Hat der Schrecken, der von dieſer Fahne Ausging, ſich auf dich ſelbſt zurück gewendet? Den Britten laß vor dieſem Zeichen zittern, Den Feinden Frankreichs iſt es fürchterlich, Doch ſeinen treuen Bürgern iſt es gnädig. Iohanna. Ja, du ſagſt recht: den Freunden iſt es hold, Und auf die Feinde ſendet es Entſetzen! (Man hört den Krönungsmarſch.) Dunsis. So nimm die Fahne! Nimm ſie! Sie beginnen Den Zug, kein Augenblick iſt zu verlieren! (Sie dringen ihr die Fahne auf, ſie ergreift ſie mit heſtigem Widerſtreben und geht ab, die Andern folgen.) Die Scene verwandelt ſich in einen freien Platz vor der Kathedralkirche. Vierter Auftritt. Guſchauer erfüllen den Hintergrund, aus ihnen heraus treten Pertrand, Claude Marie und Etienne und kommen vorwärts, in der Folge auch Mlargot und Louiſon. Der Krönungsmarſch erſchallt gedämpft aus der Ferne. Bertrand. Hört die Muſik! Sie ſind's! Sie nahen ſchon! Was iſt das Beſte? Steigen wir hinauf Auf die Plateforme oder draͤngen uns 3 Durchs Volk, daß wir vom Außzug nichts verlieren? Stienne. Es iſt nicht durchzukommen. Alle Straßen ſind Von Menſchen vollgedrangt zu Roß und Wagen. Laßt uns hieher an dieſe Häuſer treten: Hier können wir den Zug gemächlich ſehen, Wenn er vorüber kommt. Claude Marie. Iſt's doch, als ob Halb Frankreich ſich zuſammen hier gefunden; So allgewaltig iſt die Flut, daß ſie Auch uns im fernen lothringiſchen Land Hat aufgehoben und hieher geſpült! Bertrand. Wer wird In ſeinem Winkel müßig ſitzen, wenn Das Große ſich begibt im Vaterland! Es hat auch Schweiß und Blut genug gekoſtet,“ Bis daß die Krone kam aufs rechte Haupt! 328 Und unſer Koͤnig, der der wahre iſt, Dem wir die Kron' jetzt geben, ſoll nicht ſchlechter Begleitet ſeyn, als der Pariſer ihrer, Den ſie zu Saint Denis gekrönt! Der iſt Kein Wohlgeſinnter, der von dieſem Feſt Wegbleibt und nicht mitruft: Es lebe der König! Fünfter Auftritt. Kargot und Fouiſon treten zu ihnen. Louiſon. Wir werden unſre Schweſter ſehen, Margot! Mir pocht das Herz. Margot. Wir werden ſie im Glanz Und in der Hoheit ſehn und zu uns ſagen: Es iſt Johanna, es iſt unſre Schweſter! Louiſon. Ich kann's nicht glauben, bis ich ſie mit Augen Geſehn, daß dieſe Maͤchtige, die man Die Jungfrau nennt von Orleans, unſre Schweſter Johanna iſt, die uns verloren ging. (Der Marſch kommt immer näher.) Margot. Du zweifelſt noch? du wirſt's mit Augen ſehn! Bertrand. Gebt acht! Sie kommen! —————— 329 Sechster Auftritt. Flötenſpieler und Hobaiſten eröffnen den Zus; Kinder folgen weiß gekleidet, mit Zweigen in der Hand; hinter dieſen zwei Herolde; darauf ein Zug von Hellebardierern, Magiſtratsperſonen in der Robe folgen; hierauf zwei Marſchälle mit dem Stabe, Herzog von Burgund, das Schwert tragend, Dungis mit dem Scepter, andere Große mit der Krone, dem Reichsapfel und dem Gerichtsſtabe, andere mit Opfergaben; hinter dieſen Ritter in ihrem Ordensſchmuck; Chor- knaben mit dem Rauchfaß, dann zwei Viſchöfe mit der Ste. Ampoule, Erzbiſchof mit dem Erucifix; ihm ſolgt Johanna mit der Fahne. Sie geht mit geſenktem Haupt und ungewiſſen Schritten; die Schweſtern geben bei ihrem Anblick Zeichen des Erſtaunens und der Freude. Hinter ihr kommt der Künig unter einem Thronhimmel, welchen vier Barone tragen, Hofleute folgen, Soldaten ſchließen. Wenn der Zug in die Kirche hinein iſt, ſchweigt der Marſch. Siebenter Auftritt. Lauiſon. Margat. Claude Marie. Etienne. Vertrand. Margot. Sahſt du die Schweſter? Claude Marie. Die im goldnen Harniſch, Die vor dem Koͤnig herging mit der Fahne? Margot. Sie war's. Es war Johanna, unſre Schweſter! LCouiſon. Und ſie erkannt uns nicht! Sie ahnete 7 Die Nähe nicht der ſchweſterlichen Bruſt. Sie ſah zur Erde und erſchien ſo blaß, Und unter ihrer Fahne ging ſie zitternd— Ich konnte mich nicht freun, da ich ſie ſah. Margot. So hab' ich unſre Schweſter nun im Glanz Und in der Herrlichkeit geſehn.— Wer hätte Auch nur im Traum geahnet und gedacht, Da ſie die Heerde trieb auf unſern Bergen, Daß wir in ſolcher Pracht ſie würden ſchaun. Louiſon. Der Traum des Vaters iſt erfüllt, daß wir Zu Rheims uns vor der Schweſter würden neigen. Das iſt die Kirche, die der Vater ſah Im Traum, und Alles hat ſich nun erfüllt. Doch der Vater ſah auch traurige Geſichte! Ach, mich bekümmert's, ſie ſo groß zu ſehn! Bertrand. Was ſtehn wir müßig hier? Kommt in die Kirche, Die heil'ge Handlung anzuſehn! Margot. Ja, kommt! Vielleicht, daß wir der Schweſter dort begegnen. Louiſon. Wir haben ſie geſehen. Kehren wir In unſer Dorf zurück. Margot. Was? Eh' wir ſie Begrüßt und angeredet? Louiſon. Sie gehöoͤrt 331 Uns nicht mehr an; bei Fürſten iſt ihr Platz Und Königen— Wer ſind wir, daß wir uns Zu ihrem Glanze rühmend eitel drängen? Sie war uns fremd, da ſie noch unſer war! Margot. Wird ſie ſich unſer ſchämen, uns verachten? Bertrand. Der König ſelber ſchämt ſich unſer nicht! Er grüßte freundlich auch den Niedrigſten. Sey ſie ſo hoch geſtiegen, als ſie will, Der König iſt doch groͤßer! (Trompeten und Pauken erſchallen aus der Kirche.) Claude Marie. Kommt zur Kirche! (Sie eilen nach dem Hintergrunde, wo ſie ſich unter dem Volke verlieren.) Achter Auftritt. Thibaut kommt, ſchwarz gekleidet. Naimond ſolgt ihm und will ihn zurücke halten. Raimond. Kommt zur Kirche! Bleibt, Vater Thibaut, bleibt aus dem Gedraͤnge Zurück! Hier ſeht Ihr lauter frohe Menſchen, Und Euer Gram beleidigt dieſes Feſt. Kommti Fliehn wir aus der Stadt mit eil'gen Schritten. Chibaut. Sahſt du mein ungluͤckſelig Kind? Haſt du Sie recht betrachtet? 33²2 Raimond. O, ich bitt' Euch, flieht! Thibaut. Bemerkteſt du, wie ihre Schritte wankten, Wie bleich und wie verſtoͤrt ihr Antlitz war! Die Unglückſelige fühlt ihren Zuſtand; Das iſt der Augenblick, mein Kind zu retten, Ich will ihn nutzen.(Er will gehen.) Raimond. Bleibt! Was wollt Ihr thun? Chibaut. Ich will ſie überraſchen, will ſie ſtürzen Von ihrem eiteln Glück; ja, mit Gewalt Will ich zu ihrem Gott, dem ſie entſagt, Zuruck ſie führen. 1 Raimond. Ach, erwägt es wohl! Stürzt Euer eigen Kind nicht ins Verderben! Chibaut. Lebt ihre Seele nur, ihr Leib mag ſterben. (Johanna ſtürzt aus der Kirche heraus ohne ihre Fahne, Volk dringt zu⸗ adorirt ſie und küßt ihre Kleider, ſie wird durch das Gedränge im Sintergrund aufgehalten.) Sie kommt! Sie iſt's! Bleich ſtürzt ſie aus der Kirche. Es treibt die Angſt ſie aus dem Heiligthum. Das iſt das göttliche Gericht, das ſich An ihr verkündiget! Raimond. Lebt wohl! Verlangt nicht, daß ich langer Euch begleite! Ich kam voll Hoffnung, und ich geh' voll Schmerz. 333 Ich habe Eure Tochter wieder geſehn Und fühle, daß ich ſie aufs Neu' verliere. (Er geht ab, Thibaut entfernt ſich auf der entgegengeſetzten Seite.) Neunter Auftritt. Iohanna. Voalk. Hernach ihre Schmeſtern. Johanna (hat ſich des Volks erwehrt und kommt vorwärts). Ich kann nicht bleiben— Geiſter jagen mich, Wie Donner ſchallen mir der Orgel Töne, Des Doms Gewölbe ſtürzen auf mich ein, Des freien Himmels Weite muß ich ſuchen! Die Fahne ließ ich in dem Heiligthum, Nie, nie ſoll dieſe Hand ſie mehr berühren! Mir war's, als haͤtt' ich die geliebten Schweſtern, Margot und Louiſon, gleich einem Traum An mir vorüber gleiten ſehen.— Ach, Es war nur eine täuſchende Erſcheinung! Fern ſind ſie, fern und unerreichbar weit, Wie meiner Kindheit, meiner Unſchuld Glück! Margot(hervortretend). Sie iſt's! Johanna iſt's! Louiſon(eilt ihr entgegen). O, meine Schweſter! Johanna. So war's kein Wahn— ihr ſeyd es— ich umfaſſ' euch, Dich, meine Louiſon! dich, meine Margot! Hier in der fremden, menſchenreichen Oede Umfang' ich die vertraute Schweſterbruſt! 334 Margot. Sie kennt uns noch, iſt noch die gute Schweſter. Johanna. Und eure Liebe führt euch zu mir her So weit, ſo weit! Ihr zuͤrnt der Schweſter nicht, Die lieblos ohne Abſchied euch verließ! Louiſon. Dich führte Gottes dunkle Schickung fort. Margot. Der Ruf von dir, der alle Welt bewegt, Der deinen Namen trägt auf allen Zungen, Hat uns erweckt in unſerm ſtillen Dorf Und hergeführt zu dieſes Feſtes Feier. Wir kommen, deine Herrlichkeit zu ſehn, Und wir ſind nicht allein! Johanna(ccnelh. Der Vater iſt mit euch! Wo, wo iſt er? Warum verbirgt er ſich? Margot. Der Vater iſt nicht mit uns. Johanna. Nicht? Er will ſein Kind Nicht ſehn? Ihr bringt mir ſeinen Segen nicht? Louiſon. Er weiß nicht, daß wir hier ſind. Johanna. Weiß es nicht! Warum nicht?— Ihr verwirret euch? Ihr ſchweigt Und ſeht zur Erde! Sagt, wo iſt der Vater? Margot. Seitdem du weg biſt— 335 Louiſon(winkt ihr). Margot! Margot. Iſt der Vater Schwermüthig worden. Johanna. Schwermüthig! Louiſon. Troͤſte dich! Du kennſt des Vaters ahnungsvolle Seele! Er wird ſich faſſen, ſich zufrieden geben, Wenn wir ihm ſagen, daß du glücklich biſt. Margot. Du biſt doch glücklich? Ja, du mußt es ſeyn, Da du ſo groß biſt und geehrt! Johanna. Ich bin's, Da ich euch wieder ſehe, eure Stimme Vernehme, den geliebten Ton, mich heim Erinnre an die vaͤterliche Flur. Da ich die Heerde trieb auf unſern Höhen, Da war ich glücklich, wie im Paradies— Kann ich's nicht wieder ſeyn, nicht wieder werden? (Sie verbirgt ihr Geſicht an Louiſons Bruſt. Claude Marie, Etienne und Bertrand zeigen ſich und bleiben ſchüchtern in der Ferne ſtehen.) * Margot. Kommt, Etienue! Bertrand! Claude Marie! Die Schweſter iſt nicht ſtolz; ſie iſt ſo ſanft Und ſpricht ſo freundlich, als ſie nie gethan, Da ſie noch in dem Dorf mit uns gelebt. 336 (ene treten näher und wollen ihr die Hand reichen; Johanna ſieht ſie mit ſtarren Blicken an und fällt in ein tiefes Staunen.) Johanna. Wo war ich? Sagt mir, war Das alles nur Ein langer Traum, und ich bin aufgewacht? Bin ich hinweg aus Dom Remi? Nicht wahr? Ich war entſchlafen unterm Zauberbaum Und bin erwacht, und ihr ſteht um mich her, Die wohlbekannten traulichen Geſtalten? Mir hat von dieſen Königen und Schlachten Und Kriegesthaten nur getraͤumt— Es waren Nur Schatten, die an mir vorüber gingen: Denn lebhaft traͤumt ſich's unter dieſem Baum.— Wie kämet ihr nach Rheims? Wie käm' ich ſelbſt Hieher? Nie, nie verließ ich Dom Remi! Geſteht mir's offen und erfreut mein Herz. Louiſon. Wir ſind zu Rheims. Dir hat von dieſen Thaten Nicht bloß geträumt; du haſt ſie alle wirklich Vollbracht.— Erkenne dich, blick' um dich her. Befuͤhle deine glänzend goldne Rüſtung! (Johanna fährt mit der Hand nach der Bruſt, beſinnt ſich und erſchrickt.) Bertrand. Aus meiner Hand empfingt Ihr dieſen Helm. Claude Murie. Es iſt kein Wunder, daß Ihr denkt zu traäumen: Denn, was Ihr ausgerichtet und gethan, Kann ſich im Traum nicht wunderbarer fügen. Johanna(ſchnell). Kommt, laßt uns fliehn! Ich geh' mit euch, ich kehre In unſer Dorf, in Vaters Schoß zurück. 337 Louiſon. O, komm, komm mit uns! Johanna. Dieſe Menſchen alle Erheben mich weit über mein Verdienſt! Ihr habt mich kindiſch, klein und ſchwach geſehn: Ihr liebt mich, doch ihr betet mich nicht an! Margot. Du wollteſt allen dieſen Glanz verlaſſen? Johanna. Ich werf' ihn von mir, den verhaßten Schmuck, Der euer Herz von meinem Herzen trennt, Und eine Hirtin will ich wieder werden. Wie eine niedre Magd will ich euch dienen, Und büßen will ich's mit der ſtrengſten Buße, Daß ich mich eitel über euch erhob! (Trompeten erſchallen.) ehnter Auftritt. A& Der König tritt aus der Kirche; er iſt im Krönungsornat. Agnes Sorel, Erzbiſchof, Burgund, Dunois, La Hire, Du Chatel; Nitter, Hofleute und Volk. Alle Stimmen (rufen wiederholt, während der König vorwärts kommt). Es lebe der König, Karl der Siebente! (Trompeten fallen ein. Auf ein Zeichen, das der König gibt, gebieten die Herolde mit erhobnem Stabe Stillſchweigen.) König. Mein gutes Volk, habt Dank für eure Liebe! Schillers ſämmtl. Werke. V. 22 1 Die Krone, die uns Gott aufs Haupt geſetzt, Durchs Schwert ward ſie gewonnen und erobert, Mit edelm Bürgerblut iſt ſie benetzt; Doch friedlich ſoll der Oelzweig ſie umgrünen. Gedankt ſey Allen, die für uns gefochten, Und Allen, die uns widerſtanden, ſey Verziehn, denn Gnade hat uns Gott erzeigt, Und unſer erſtes Koͤnigswort ſey— Gnade! Dolk. Es lebe der Köͤnig, Karl der Gütige! König. Von Gott allein, dem höchſten Herrſchenden, Empfangen Frankreichs Könige die Krone. Wir aber haben ſie ſichtbarer Weiſe Aus ſeiner Hand empfangen. (Zur Jungfrau ſich wendend.) Hier ſteht die Gottgeſendete, die euch Den angeſtammten König wieder gab, Das Joch der fremden Tyrannei zerbrochen! Ihr Name ſoll dem heiligen Denis Gleich ſeyn, der dieſes Landes Schützer iſt, Und ein Altar ſich ihrem Ruhm erheben! Volk. Heil, Heil der Jungfrau, der Erretterin! (Trompeten.) König(zur Ivohanna). Wenn du von Menſchen biſt gezeugt, wie wir, So ſage, welches Glück dich kann erfreuen? Doch, wenn dein Vaterland dort oben iſt, Wenn du die Strahlen himmliſcher Natur In dieſem jungfraulichen Leib verhüllſt, 339 So nimm das Band hinweg von unſern Sinnen Und laß dich ſehn in deiner Lichtgeſtalt, Wie dich der Himmel ſieht, daß wir anbetend Im Staube dich verehren. (Ein allgemeines Stillſchweigen; jedes Auge iſt auf die Jungfrau gerichtet.) Johanna(plößlich aufſchreiend). Gott! Mein Vater! Eilfter Auftritt. Thibaut tritt aus der Menge und ſieht ihr gerade gegenüber. Mehrere Stimmen. Ihr Vater! Thibaut. Ja, ihr jammervoller Vater, Der die Unglückliche gezeugt, den Gottes Gericht hertreibt, die eigne Tochter anzuklagen. Zurgund. Ha! was iſt Das? Du Chatel. Jetzt wird es ſchrecklich tagen! Chibaut(zum Konig). Gerettet glaubſt du dich durch Gottes Macht? Betrogner Fuͤrſt! Verblendet Volk der Franken! Du biſt gerettet durch des Teufels Kunſt. (Alle treten mit Entſetzen zurück). Dunois. Rast dieſer Menſch? Chibaut. Nicht ich, du aber raſeſt, 340 Und Dieſe hier, und dieſer weiſe Biſchof, Die glauben, daß der Herr der Himmel ſich Durch eine ſchlechte Magd verkünden werde. Laß ſehn, ob ſie auch in des Vaters Stirn' Der dreiſten Lüge Gaukelſpiel behauptet, Womit ſie Volk und König hinterging. Antworte mir im Namen des Dreieinen: Gehörſt du zu den Heiligen und Reinen? (Allgemeine Stille; alle Blicke ſind auf ſie geſpannt; ſie ſteht unbe⸗ weglich.) Sorel. Gott, ſie verſtummt! Thibaut. Das muß ſie vor dem furchtbarn Namen, Der in der Hölle Tiefen ſelbſt Gefürchtet wird!— Sie eine Heilige, Von Gott geſendet?— An verfluchter Stätte Ward es erſonnen, unterm Zauberbaum, Wo ſchon von Alters her die böſen Geiſter Den Sabbath halten— Hier verkaufte ſie Dem Feind der Menſchen ihr unſterblich Theil, Daß er mit kurzem Weltruhm ſie verherrliche. Laßt ſie den Arm aufſtreifen, ſeht die Punkte, Womit die Hölle ſie gezeichnet hat! Burgund. Entſetzlich!— Doch dem Vater muß man glauben, Der wider ſeine eigne Tochter zeugt. Dunois. Nein, nicht zu glauben iſt dem Raſenden, Der in dem eignen Kind ſich ſelber ſchaͤndet. Sorel(zur Johanna). O, rede! Brich dies ungluͤckſel'ge Schweigen! Wir glauben dir. Wir trauen feſt auf dich. Ein Wort aus deinem Mund, ein einzig Wort Soll uns genügen— Aber ſprich! Vernichte Die gräßliche Beſchuldigung— Erkläre, Du ſeyſt unſchuldig, und wir glauben dir. (Johanna ſteht unbeweglich; Agnes Sorel tritt mit Entſetzen von ihr hinweg.) In Hire. Sie iſt erſchreckt. Erſtaunen und Entſetzen Schließt ihr den Mund.— Vor ſolcher gräßlichen Anklage muß die Unſchuld ſelbſt erbeben. (Er nähert ſich z9r.) Faſſ' dich, Johanna. Fühle dich. Die Unſchuld Hat eine Sprache, einen Siegerblick, Der die Verleumdung mächtig niederblitzt! In edelm Zorn erhebe dich, blick' auf, Beſchaͤme, ſtrafe den unwürdigen Zweifel, Der deine heil'ge Tugend ſchmäͤht. (Johanna ſteht unbeweglich. La Hire tritt entſetzt zurück; die Bewegung vermehrt ſich.) Dunsis. Was zagt das Volk? Was zittern ſelbſt die Fürſten? Sie iſt unſchuldig— ich verbürge mich, Ich ſelbſt für ſie mit meiner Fürſtenehre. Hier werf' ich meinen Ritterhandſchuh hin: Wer wagt's, ſie eine Schuldige zu nennen? (Ein heftiger Donnerſchlag; Alle ſtehen entſetzt.) Thibaut. Antworte bei dem Gott, der droben donnert! Sprich, du ſeyſt ſchuldlos. Leugn' es, daß der Feind In deinem Herzen iſt, und ſtraf' mich Lügen! (Ein zweiter ſtärkerer Schlag; das Volk entflieht zu allen Seiten.) Zurgund. Gott ſchuͤtz' uns! Welche fürchterliche Zeichen! Du Chatel(zum König). Kommt, kommt, mein König! Fliehet dieſen Ort! Erzbiſchof Gzur Johanna). Im Namen Gottes frag' ich dich: Schweigſt du Aus dem Gefühl der Unſchuld oder Schuld? Wenn dieſes Donners Stimme für dich zeugt, So faſſe dieſes Kreuz und gib ein Zeichen! (Johanna bleibt unbeweglich. Neue heftige Donnerſchläge. Der König, Agnes Sorel, Erzbiſchof, Burgund, La Hire und Du Chatel gehen ab.) Zwölfter Auftritt. Dunois. Johanna. Dunois. Du biſt mein Weib— Ich hab' an dich geglaubt Beim erſten Blick, und alſo denk' ich noch. Dir glaub' ich mehr, als dieſen Zeichen allen, Als dieſem Donner ſelbſt, der droben ſpricht. Du ſchweigſt in edelm Zorn, verachteſt es, In deine heil'ge Unſchuld eingehüllt, So ſchändlichen Verdacht zu widerlegen. — Veracht' es, aber mir vertraue dich: An deiner Unſchuld hab' ich nie gezweifelt. Sag' mir kein Wort; die Hand nur reiche mir 343 Zum Pfand und Zeichen, daß du meinem Arme Getroſt vertrauſt und deiner guten Sache. (Er reicht ihr die Hand hin, ſie wendet ſich mit einer zuckenden Bewegung von ihm hinweg; er bleibt in ſtarrem Entſetzen ſtehen.) Dreizehnter Auftritt. Johanna. Du Chatel. Dunois. Zuletzt Naimond. Du Chatel(urückkommend). Johanna d'Arc! Der König will erlauben, Daß Ihr die Stadt verlaſſet ungekränkt. Die Thore ſtehn Euch offen. Fürchtet keine Beleidigung. Euch ſchützt des Königs Frieden— Folgt mir, Graf Dunois— Ihr habt nicht Ehre, Hier länger zu verweilen.— Welch ein Ausgang! (Er geht. Dunois fährt aus ſeiner Erſtarrung auf, wirft noch einen Blick auf Johanna und geht ab. Dieſe ſteht einen Augenblick ganz allein. Endlich erſcheint Raimond, bleibt eine Weile in der Ferne ſtehen und betrachtet ſie mit ſtillem Schmerz. Dann tritt er auf ſie zu und faßt ſie bei der Hand.) Raimond. Ergreift den Augenblick. Die Straßen Sind leer. Gebt mir die Hand. Ich will Euch führen. (Bei ſeinem Anblick gibt ſie das erſte Zeichen der Empfindung, ſieht ihn ſtarr an und blickt zum Himmel; dann ergreift ſie ihn heftig bei der Hand und geht ab.) 344 Fünfter Aufzug. Ein wilder Wald. In der Ferne Köhlerhütten. Es iſt ganz dunkel. Heftiges Donnern und Blitzen, dazwiſchen Schießen. Erſter Auftritt. Köhler und Köhlermeib. Köhler. Das iſt ein grauſam moͤrdriſch Ungewitter: Der Himmel droht in Feuerbächen ſich Herabzugießen, und am hellen Tag Iſt's Nacht, daß man die Sterne könnte ſehn. Wie eine losgelaſſ'ne Hoͤlle tobt Der Sturm, die Erde bebt, und krachend beugen Die alt verjährten Eſchen ihre Krone, Und dieſer fürchterliche Krieg dort oben, Der auch die wilden Thiere Sanftmuth lehrt, Daß ſie ſich zahm in ihre Gruben bergen, Kann unter Menſchen keinen Frieden ſtiften— Aus dem Geheul der Winde und des Sturms Heraus hört Ihr das Knallen des Geſchützes; Die beiden Heere ſtehen ſich ſo nah, Daß nur der Wald ſie trennt, und jede Stunde Kann es ſich blutig, fürchterlich entladen. Köhlerweib. Gott ſteh' uns bei! Die Feinde waren ja Schon ganz aufs Haupt geſchlagen und zerſtreut. Wie kommt's, daß ſie aufs Neu' uns angſtigen? Köhler. Das macht, weil ſie den König nicht mehr fürchten. Seitdem das Maͤdchen eine Hexe ward Zu Rheims, der böſe Feind uns nicht mehr hilft, Geht Alles rückwarts. Köhlerweib. Horch! Wer naht ſich da? Zweiter Auftritt. Naimond und Johanna zu den Vorigen. Raimond. Hier ſeh' ich Hütten. Kommt, hier finden wir Ein Obdach vor dem wüth'gen Sturm. Ihr haltet's Nicht laͤnger aus: drei Tage ſchon ſeyd Ihr Herumgeirrt, der Menſchen Auge fliehend, Und wilde Wurzeln waren Eure Speiſe. (Der Sturm legt ſich, es wird hell und heiter.) Es ſind mitleid'ge Köhler. Kommt herein! Köhler. Ihr ſcheint der Ruhe zu bedürfen. Kommt! Was unſer ſchlechtes Dach vermag, iſt euer. 346 Köhlerweib. Was will die zarte Jungfrau unter Waffen? Doch, freilich, jetzt iſt eine ſchwere Zeit, Wo auch das Weib ſich in den Panzer ſteckt! Die Königin ſelbſt, Frau Iſabeau, ſagt man, Läͤßt ſich gewaffnet ſehn in Feindes Lager, Und eine Jungfrau, eines Schaͤfers Dirn', Hat für den Koͤnig unſern Herrn gefochten. Köhler. Was redet Ihr? Geht in die Hütte, bringt Der Jungfrau einen Becher zur Erquickung. (Köhlerweib geht nach der Hütte.) Raimond(zur Johanna). Ihr ſeht, es ſind nicht alle Menſchen grauſam; Auch in der Wildniß wohnen ſanfte Herzen. Erheitert Euch! Der Sturm hat ausgetobt, Und friedlich ſtrahlend geht die Sonne nieder. Köhler. Ich denk', ihr wollt zu unſers Königs Heer, Weil ihr in Waffen reiſet— Seht euch vor! Die Engelländer ſtehen nah' gelagert, Und ihre Schaaren ſtreifen durch den Wald. Raimond. Weh' uns! Wie iſt da zu entkommen? Köhler. 5 Bleibt, Bis daß mein Bub zurück iſt aus der Stadt, Der ſoll euch auf verborgnen Pfaden führen, Daß ihr nichts zu befürchten habt. Wir kennen Die Schliche. 347 Uaimond Gur Johanna). Legt den Helm ab und die Rüſtung: Sie macht Euch kenntlich und beſchützt Euch nicht. (Johanna ſchuͤttelt den Kopf.) Köhler. Die Jungfrau iſt ſehr traurig— Still! wer kommt da? Dritter Auftritt. Köhlerweib kommt aus der Huͤtte mit einem Becher. Kühlerbub. Köhlerweib. Es iſt der Bub, den wir zurück erwarten. (Zur Johanna.) Trinkt, edle Jungfrau! Mög's Euch Gott geſegnen! Köhler qzu ſeinem Sohn). Kommſt du, Anet? Was bringſt du? Köhlerbub Chat die Jungfrau ins Auge gefaßte welche eben den Becher an den Mund ſetzt; er erkennt ſie, tritt auf ſie zu und reißt ihr den Becher vom Munde). Mutter! Mutter! Was macht Ihr? Wen bewirthet Ihr? Das iſt die Hexe Von Orleans! Köhler und Köhlerweib. Gott ſey uns gnadig! (Bekreuzen ſich und entfliehen.) 348 Vierter Auftritt. Raimond. Johanna. Johanna(geſaßt und ſanft). Du ſiehſt, mir folgt der Fluch, und Alles flieht mich: Sorg' für dich ſelber und verlaß mich auch. Raimond. Ich Euch verlaſſen! jetzt! Und wer ſoll Euer Begleiter ſeyn? Johanna. Ich bin nicht unbegleitet. Du haſt den Donner über mir gehört. Mein Schickſal führt mich. Sorge nicht, ich werde Ans Ziel gelangen, ohne daß ich's ſuche. Raimond. Wo wollt Ihr hin? Hier ſtehn die Engelländer, Die Euch die grimmig blut'ge Rache ſchworen— Dort ſtehn die Unſern, die Euch ausgeſtoßen, Verbannt— Johanna. Mich wird nichts treffen, als was ſeyn mus. Raimond. Wer ſoll Euch Nahrung ſuchen? wer Euch ſchützen Vor wilden Thieren und noch wildern Menſchen? Euch pflegen, wenn Ihr krank und elend werdet? Johanna. Ich kenne alle Kräuter, alle Wurzeln: Von meinen Schafen lernt' ich das Geſunde Vom EGift'gen unterſcheiden— Ich verſtehe Den Lauf der Sterne und der Wolken Zug, Und die verborgnen Quellen hoͤr' ich rauſchen. 349 Der Menſch braucht wenig, und an Leben reich Iſt die Natur. Raimond(aaßt ſie bei der Hand). Wollt Ihr nicht in Euch gehn? Euch nicht mit Gott verſöhnen— in den Schoß Der heil'gen Kirche reuend wiederkehren? Johanna. Auch du haͤltſt mich der ſchweren Sünde ſchuldig? Raimond. Muß ich nicht? Euer ſchweigendes Geſtändniß— Johanna. Du, der mir in das Elend nachgefolgt, Das einz'ge Weſen, das mir treu geblieben, Sich an mich kettet, da mich alle Welt Ausſtieß, du haltſt mich auch für die Verworfne, Die ihrem Gott entſagt— (Raimond ſchweigt.) O, Das iſt hart! Raimond eerſtaunt). Ihr waͤret wirklich keine Zauberin? Johanna. Ich eine Zauberin! Raimond. Und dieſe Wunder, Ihr häͤttet ſie vollbracht mit Gottes Kraft Und ſeiner Heiligen? Johanna. Mit welcher ſonſt? Raimond. Und Ihr verſtummtet auf die gräßliche Beſchuldigung? 34 redet jetzt, und vor dem König, Wo es zu reden galt, verſtummtet Ihr! Johanna. Ich unterwarf mich ſchweigend dem Geſchick, Das Gott, mein Meiſter, über mich verhängte. Raimond. Ihr konntet Eurem Vater nichts erwidern! Ishanna. Weil es vom Vater kam, ſo kam's von Gott, Und väterlich wird auch die Prüfung ſeyn. Raimond. Der Himmel ſelbſt bezeugte Eure Schuld! Jahanna. Der Himmel ſprach: drum ſchwieg ich. KRaimond. Wie? Ihr konntet Mit einem Wort Euch reinigen und ließt Die Welt in dieſem unglückſel'gen Irrthum? Johanna. Es war kein Irrthum, eine Schickung war's. Raimond. Ihr littet alle dieſe Schmach unſchuldig, Und keine Klage kam von Euren Lippen! — Ich ſtaune über Euch, ich ſteh' erſchüttert; Im tiefſten Buſen kehrt ſich mir das Herz! O, gerne nehm' ich Euer Wort für Wahrheit: Denn ſchwer ward mir's, an Eure Schuld zu glauben. Doch konnt' ich träumen, daß ein menſchlich Herz Das Ungeheure ſchweigend würde tragen! Zohanna. Verdient' ich's, die Geſendete zu ſeyn⸗ 351 Wenn ich nicht blind des Meiſters Willen ehrte? Und ich bin nicht ſo elend, als du glaubſt. Ich leide Mangel, doch das iſt kein Ungluͤck Für meinen Stand; ich bin verbannt und fluchtig, Doch in der Oede lernt' ich mich erkennen. Da, als der Ehre Schimmer mich umgab, Da war der Streit in meiner Bruſt; ich war Die Unglüͤckſeligſte, da ich der Welt Am Meiſten zu beneiden ſchien— Jetzt bin ich Geheilt, und dieſer Sturm in der Natur, Der ihr das Ende drohte, war mein Freund: Er hat die Welt gereinigt und auch mich. In mir iſt Friede— Komme, was da will, Ich bin mir keiner Schwachheit mehr bewußt! Raimond. O, kommt, kommt, laßt uns eilen, Eure Unſchuld Laut, laut vor aller Welt zu offenbaren! Johanna. Der die Verwirrung ſandte, wird ſie löͤſen! Nur, wenn ſie reif iſt, faͤllt des Schickſals Frucht! Ein Tag wird kommen, der mich reiniget, Und, die mich jetzt verworfen und verdammt, Sie werden ihres Wahnes inne werden, Und Thranen werden meinem Schickſal fließen. Raimond. Ich ſollte ſchweigend dulden, bis der Zufall— Johanna(ihn ſanſt bei der Hand faſſend). Du ſiehſt nur das Natürliche der Dinge, Denn deinen Blick umhuͤllt das ird'ſche Band. Ich habe das Unſterbliche mit Augen Geſehen— Ohne Götter faͤllt kein Haar Vom Haupt des Menſchen— Siehſt du dort die Sonne Am Himmel niedergehen— So gewiß Sie morgen wiederkehrt in ihrer Klarheit, So unausbleiblich kommt der Tag der Wahrheit! Fünfter Auftritt. Künigin Iſabeau mit Soldaten erſcheint im Sintergrunde. Iſabeau(noch hinter der Scene). Dies iſt der Weg ins engelländ'ſche Lager! Raimond. Weh' uns! Die Feinde! (Soldaten treten auf, bemerken im Hintergrunde die Johanna und tau⸗ meln erſchrocken zurück.) Iſabeau. Nun! was hält der Zug? — Soldaten. Gott ſteh' uns bei! Iſabeau. Erſcheint euch ein Geſpenſt? Seyd ihr Soldaten? Memmen ſeyd ihr!— Wie? (Sie drängt ſich durch die Andern, tritt hervor und fährt zurück, wie ſie die Jungfrau erblickt.) Was ſeh' ich! Ha! (Schnell faßt ſie ſich und tritt ihr entgegen.) Gef 1 Ergib dich! Du biſt meine efangene! Johanna. Ich bin's. (Raimond entflieht mit Zeichen der Verzweiflung.) 3⁵³ Iſabeau(zu den Soldaten). Legt ſie in Ketten! (Die Soldaten nahen ſich der Jungfrau ſchüchtern; ſie reicht den Arin hin und wird gefeſſelt.) Iſt Das die Machtige, Gefürchtete, Die eure Schaaren wie die Lämmer ſcheuchte, Die jetzt ſich ſelber nicht beſchützen kann? Thut ſie nur Wunder, wo man Glauben hat, Und wird zum Weib, wenn ihr ein Mann begegnet? (Zur Jungfrau.) Warum verließeſt du dein Heer? Wo bleibt Graf Dunois, dein Ritter und Beſchüͤtzer? Johanna. Ich bin verbannt. 3 ſabeau(erſtaunt zurücktretend). Was? Wie? Du biſt verbannt? Verbannt vom Dauphin? Johanna. Frage nicht! Ich bin In deiner Macht, beſtimme mein Geſchick. Iſabeau. Verbannt, weil du vom Abgrund ihn gerettet, Die Krone ihm haſt aufgeſetzt zu Rheims, Zum König uber Frankreich ihn gemacht? Verbannt! Daran erkenn' ich meinen Sohn! — Führt ſie ins Lager. Zeiget der Armee Das Furchtgeſpenſt, vor dem ſte ſo gezittert! Sie eine Zauberin? Ihr ganzer Zauber Iſt euer Wahn und euer feiges Herz! Eine Naͤrrin iſt ſie, die für ihren König Sich opferte und jetzt den Königslohn Schillers ſämmtl. Werke. v. 23 Dafuͤr empfängt— Bringt ſie zu Lionel— Das Glück der Franken ſend' ich ihm gebunden; Gleich folg' ich ſelbſt. Johanna. Zu Lionel? Ermorde mich Gleich hier, eh' du zu Lionel mich ſendeſt. Iſabeau(u den Soldaten). Gehorchet dem Befehle! Fort mit ihr! (Geht ab.) — Sechster Auftritt. Johanna. Soldaten. . Johannu(u den Soldaten). Engländer! Duldet nicht, daß ich lebendig Aus eurer Hand entkomme! Raͤchet euch! Zieht eure Schwerter, taucht ſie mir ins Herz, Reißt mich entſeelt zu eures Feldherrn Füßen! Denkt, daß ich's war, die eure Trefflichſten Getödtet, die kein Mitleid mit euch trug, Die ganze Ströme engellaͤnd'ſchen Bluts Vergoſſen, euren tapfern Heldenſoͤhnen Den Tag der frohen Wiederkehr geraubt! Nehmt eine blutige Rache! Tödtet mich! Ihr habt mich jetzt: nicht immer möchtet ihr So ſchwach mich ſehn— Anführer der Soldaten. Thut, was die Königin befahl! Johanna. Sollt' ich Noch unglückſel'ger werden, als ich war! Furchtbare Heil'ge! Deine Hand iſt ſchwer! Haſt du mich ganz aus deiner Huld verſtoßen? Kein Gott erſcheint, kein Engel zeigt ſich mehr; Die Wunder ruhn, der Himmel iſt verſchloſſen. (Sie folgt den Soldaten.) Da s franzoͤſiſche Lager. Q Siebenter Auftritt. Bunois zwiſchen dem Erzb Erzbiſchof. Bezwinget Euren finſtern Unmuth, Prinz! Kommt mit uns! Kehrt zurück zu Eurem König! Verlaſſet nicht die allgemeine Sache In dieſem Augenblick, da wir, a Bedranget, Eures Heldenarms bedürfen. Dunois. Warum ſind wir bedrängt? Warum erhebt Der Feind ſich wieder? Alles war gethan, Frankreich war ſiegend, und der Krieg geendigt. Die Retterin habt ihr verbannt: nun rettet Euch ſelbſt! Ich aber will das Lager Nicht wieder ſehen, wo ſie nicht mehr iſt. Du Chatel. Nehmt beſſern Rath an, Prinz! Entlaßt uns nicht Mit einer ſolchen Antwort! Dunoi Scht „Du Chaten 356 Ich haſſe Euch, von Euch will ich nichts hören: Ihr ſeyd es, der zuerſt an ihr gezweifelt. Erzbiſchof. Wer ward nicht irr' an ihr und hätte nicht Gewankt an dieſem unglückſel'gen Tage, Da alle Zeichen gegen ſie bewieſen! Wir waren überraſcht, betaubt; der Schlag. Traf zu erſchütternd unſer Herz— Wer konnte In dieſer Schreckensſtunde prüfend wägen? Jetzt kehrt uns die Beſonnenheit zurück: Wir ſehn ſie, wie ſie unter uns gewandelt,. Und keinen Tadel finden wir an ihr. Wir ſind verwirrt— Wir fuͤrchten, ſchweres Unrecht Gethan zu haben.— Reue fühlt der König, Der Herzog klagt ſich an, La Hire iſt troſtlos, Und jedes Herz hüllt ſich in Trauer ein. Dunois. Sie eine Lügnerin? Wenn ſich die Wahrheit Verköͤrpern will in ſichtbarer Geſtalt, So muß ſie ihre Züge an ſich tragen! Wenn unſchuld, Treue, Herzensreinigkeit Auf Erden irgend wohnt— auf ihren Lippen, In ihren klaren Augen muß ſie wohnen! Erzbiſchof. Der Himmel ſchlage durch ein Wunder ſich 1 Ins Mittel und erleuchte dies Geheimniß, Das unſer ſterblich Auge nicht durchdringt— Doch, wie ſich's auch entwirren mag und löſen⸗ Eins von den Beiden haben wir verſchuldet: Wir haben uns mit höll'ſchen Zauberwaffen Vertheidigt oder eine Heilige verbannt, 357 Und Beides ruft des Himmels Zorn und Strafen Herab auf dieſes unglückſel'ge Land! Achter Auftritt. Ein Edelmann zu den Vorigen, hernach Naimand. Edelmann. Ein junger Schaͤfer fragt nach deiner Hoheit, Er fordert dringend, mit dir ſelbſt zu reden, Er komme, ſagt er, von der Jungfrau— Dunois. Eile! Bringt ihn herein! Er kommt von ihr! (Edelmann öffnet dem Raimond die Thür. Dunois eilt ihm entgegen.) Wo iſt ſie? Wo iſt die Jungfrau? Raimond. Heil Euch, edler Prinz! Und Heil mir, daß ich dieſen frommen Biſchof, Den heil'gen Mann, den Schirm der Unterdrückten, Den Vater der Verlaſſ'nen bei Euch finde! Dunois. Wo iſt die Jungfrau? Erzbiſchof. Sag' es uns, mein Sohn! Raimond. Herr, ſie iſt keine ſchwarze Zauberin! Bei Gott und allen Heiligen bezeug' ich's. Im Irrthum iſt das Volk. Ihr habt die Unſchul Verbannt, die Gottgeſendete verſtoßen! 9 358 Dungis. Wo iſt ſie? Sage! . Raimond. Ihr Gefährte war ich Auf ihrer Flucht in dem Ardennerwald; Mir hat ſie dort ihr Innerſtes gebeichtet. In Martern will ich ſterben, meine Seele Hab' keinen Antheil an dem ew'gen Heil, Wenn ſie nicht rein iſt, Herr, von aller Schuld! Dungis. Die Sonne ſelbſt am Himmel iſt nicht reiner! Wo iſt ſie? Sprich!— Raimond. O, wenn euch Gott das Herz Gewendet hat— ſo eilt, ſo rettet ſie! Sie iſt gefangen bei den Engelländern. Dunois. Gefangen? Was? Erzbiſchof. Die Unglückſelige! Raimond. In den Ardennen, wo wir Obdach ſuchten,* Ward ſie ergriffen von der Königin Und in der Engelländer Hand geliefert. O, rettet ſie, die euch gerettet hat, Von einem grauſenvollen Tode! Dunois. Zu den Waffen! Auf! Schlagt Lärmien! Rührt die Trommeln! Fuhrt alle Völker ins Gefecht! Ganz Frankreich Bewaffne ſich! Die Ehre iſt verpfändet, Die Krone, das Palladium entwendet. 359 Setzt alles Blut, ſetzt euer Leben ein! Frei muß ſie ſeyn, noch eh' der Tag ſich endet! (Sie gehen ab.) Ein Wartthurm, oben eine Oeffnung. Neunter Auftritt. Johanna und Kionel. Faſtolf ceilig hereintretend). Das Volk iſt länger nicht zu bändigen. Sie fordern wüthend, daß die Jungfrau ſterbe. Ihr widerſteht vergebens. Toͤdtet ſie Und werft ihr Haupt von dieſes Thurmes Zinnen. Ihr fließend Blut allein verſöhnt das Heer. Iſabeau(kommt). Sie ſetzen Leitern an, ſie laufen Sturm. Befriediget das Volk! Wollt Ihr erwarten, Bis ſie den ganzen Thurm in blinder Wuth Umkehren, und wir Alle mit verderben? Ihr könnt ſie nicht beſchützen. Gebt ſie hin. Lionel. Laßt ſie anſtürmen! Laßt ſie wuthend toben! Dies Schloß iſt feſt, und unter ſeinen Trümmern Begrab' ich mich, eh' mich ihr Wille zwingt. — Antworte mir, Johanna! Sey die Meine, Und gegen eine Welt beſchütz' ich dich. Iſabeau. Seyd Ihr ein Mann? Lionel. Verſtoßen haben dich 360 Die Deinen: aller Pflichten biſt du ledig Für dein unwürdig Vaterland. Die Feigen, Die um dich warben, ſie verließen dich; Sie wagten nicht den Kampf um deine Ehre. Ich aber, gegen mein Volk und das deine Behaupt' ich dich.— Einſt ließeſt du mich glauben, Daß dir mein Leben theuer ſey! Und damals Stand ich im Kampf als Feind dir gegenüber; Jetzt haſt du keinen Freund, als mich! Johanna. Du biſt Der Feind mir, der verhaßte, meines Volks. Nichts kann gemein ſeyn zwiſchen dir und mir. Nicht lieben kann ich dich; doch, wenn dein Herz Sich zu mir neigt, ſo laß es Segen bringen Für unſre Völker.— Führe deine Heere Hinweg von meines Vaterlandes Boden, Die Schlüſſel aller Städte gib heraus, Die ihr bezwungen, allen Raub vergüte, Gib die Gefangnen ledig, ſende Geiſeln Des heiligen Vertrags, ſo biet' ich dir Den Frieden an in meines Königs Namen. Iſabeau. Willſt du in Banden uns Geſetze geben? Johanna. Thu' es bei Zeiten, denn du mußt es doch. Frankreich wird nimmer Englands Feſſeln tragen. Nie, nie wird Das geſchehen! Eher wird es Ein weites Grab für eure Heere ſeyn. Gefallen ſind euch eure Beſten, denkt ⁸⅝ 361 Auf eine ſichre Rückkehr; euer Ruhm Iſt doch verloren, eure Macht iſt hin. Iſabeau. Könnt Ihr den Trotz der Raſenden ertragen? Zehnter Auftritt. Ein Hauptmann kommt eilig. Hauptmann. Eilt, Feldherr, eilt, das Heer zur Schlacht zu ſtellen! Die Franken rücken an mit fliegenden Fahnen; Von ihren Waffen blitzt das ganze Thal. Johanna(begeiſtert). Die Franken rücken an! Jetzt, ſtolzes England, Heraus ins Feld! Jetzt gilt es, friſch zu fechten! Faſtolf. unſinnige, bezähme deine Freude! Du wirſt das Ende dieſes Tags nicht ſehn. Johanna. Mein Volk wird ſiegen, und ich werde ſterben! Die Tapfern brauchen meines Arms nicht mehr. Lionel. Ich ſpotte dieſer Weichlinge. Wir haben Sie vor uns hergeſcheucht in zwanzig Schlachten, Eh' dieſes Heldenmädchen für ſie ſtritt! Das ganze Volk veracht' ich bis auf Eine, Und dieſe haben ſie verbannt.— Kommt, Faſtolf! Wir wollen ihnen einen zweiten Tag Bei Crequi und Poitiers bereiten. * Ihr, Königin, bleibt in dieſem Thurm, bewacht Die Jungfrau, bis das Treffen ſich entſchieden; Ich laſſ' Euch fünfzig Ritter zur Bedeckung. Faſtolf. Was? Sollen wir dem Feind entgegen gehn Und dieſe Wüthende im Rücken laſſen? Johanna. Erſchreckt dich ein gefeſſelt Weib? Lionel. Gib mir Dein Wort, Johanna, dich nicht zu befreien! Joyanna. Mich zu befreien iſt mein einz'ger Wunſch. Iſabeau. Legt ihr dreifache Feſſeln an! Mein Leben Verbürg' ich, daß ſie nicht entkommen ſoll. (Sie wird mit ſchweren Ketten um den Leib und um die Arme gefeſſelt.) Lionel Gur Johanna). Du willſt es ſo! du zwingſt uns! Noch ſteht's bei dir: Entſage Frankreich, trage Englands Fahne Und du biſt frei, und dieſe Wüthenden, Die jetzt dein Blut verlangen, dienen dir. Faſtolf(dringend). Fort, fort, mein Feldherr! Johanna. Spare deine Worte! Die Franken rucken an. Vertheid'ge dich! (Trompeten ertönen. Lionel eilt fort.) Faſtolf. Ihr wißt, was Ihr zu thun habt, Königin! — 363 Erklärt das Glück ſich gegen uns, ſeht Ihr, Daß unſre Völker fliehen— Iſabeau(einen Dolch ziehend). Sorget nicht, Sie ſoll nicht leben, unſern Fall zu ſehn. Faſtolf Gur Johanna). Du weißt, was dich erwartet. Jetzt erflehe Glück für die Waffen deines Volks! (Er geht ab.) Eilfter Auftritt. Iſabeau. Johanna. Soldaten. Johanna. Das will ich! Daran ſoll Niemand mich verhindern— Horch! Das iſt der Kriegsmarſch meines Volks! Wie muthig Er in das Herz mir ſchallt und ſiegverkündend! Verderben über England! Sieg den Franken! Auf, meine Tapfern! Auf! Die Jungfrau iſt Euch nah: ſie kann nicht vor Euch her, wie ſonſt, Die Fahne tragen— ſchwere Bande feſſeln ſie; Doch frei aus ihrem Kerker ſchwingt die Seele Sich auf den Flügeln eures Kriegsgeſangs. Iſabrau(zu einem Soldaten). Steig' auf die Warte dort, die nach dem Feld Hin ſteht, und ſag' uns, wie die Schlacht ſich wendet. (Soldat ſteigt hinauf.) 364 Johanna. Muth, Muth, mein Volk! Es iſt der letzte Kampf! Den einen Sieg noch, und der Feind liegt nieder! Iſabeau. Was ſieheſt du? Soldat. Schon ſind ſie an einander. Ein Wüthender auf einem Berberroß, Im Tigerfell, ſprengt vor mit den Gensdarmen. IJohanna. Das iſt Graf Dunois! Friſch, wackrer Streiter! Der Steg iſt mit dir! Soldat. 3 Der Burgunder greift Die Brücke an.. Iſabeau. Daß zehen Lanzen ihm Ins falſche Herz eindrängen, dem Verraͤther! Soldat. Lord Faſtolf thut ihm mannhaft Widerſtand. Sie ſitzen ab, ſie kämpfen Mann für Mann, Des Herzogs Leute und die unſrigen. Iſabeau. Siehſt du den Dauphin nicht? Erkennſt du nicht Die königlichen Zeichen? Soldat. Alls iſt In Staub vermengt. Ich kann nichts unterſcheiden. Johanna. Hätt' er mein Auge, oder ſtaͤnd' ich oben, Das Kleinſte nicht entginge meinem Blick! 365 Das wilde Huhn kann ich im Fluge zählen, Den Falk erkenn' ich in den höchſten Lüften. Soldat. Am Graben iſt ein fürchterlich Gedräng': Die Größten, ſcheint's, die Erſten kämpfen dort. Iſabeau. Schwebt unſre Fahne noch? Soldat. Hoch flattert ſie. Johanna. Koͤnnt' ich nur durch der Mauer Ritze ſchauen, Mit meinem Blick wollt' ich die Schlacht regieren! Soldat. Weh' mir, was ſeh' ich! Unſer Feldherr iſt Umzingelt! Iſabeau(zuckt den Dolch auf Johanna). Stirb, Unglückliche! Soldat(ſchnell). Er iſt befreit. Im KRäcken faßt der tapfere Faſtolf Den Feind— er bricht in ſeine dichtſten Schaaren. Iſabeau CGzieht den Dolch zurück). Das ſprach dein Engel! Soldat. Sieg! Sieg! Sie entfliehen! Wer flieht? 2abeen Soldat. Die Franken, die Burgunder fliehn. Bedeckt mit Flüchtigen iſt das Gefilde. 366 Ishanna. Gott! Gott! So ſehr wirſt du mich nicht verlaſſen! Soldat. Ein ſchwer Verwundeter wird dort geführt. Viel Volk ſprengt ihm zu Huülß, es iſt ein Fuͤrſt. Iſabeau. Der Unſern Einer oder Fränkiſchen? Soldat. Sie löſen ihm den Helm; Graf Dunois iſt's. Johanna (greift mit krampfhafter Anſtrengung in ihre Ketten). Und ich bin nichts als ein gefeſſelt Weib! Soldat. Sieh'! Halt! Wer trägt den himmelblauen Mantel, Verbrämt mit Gold? Johanna(lebhaft). Das iſt mein Herr, der König! Soldat. Sein Roß wird ſcheu— es überſchlägt ſich— ſtuͤrzt— Er windet ſchwer arbeitend ſich hervor— (Johanna begleitet dieſe Worte mit leidenſchaftlichen Bewegungen.) Die Unſern nahen ſchon in vollem Lauf— Sie haben ihn erreicht— umringen ihn— Ishanna. O, hat der Himmel keine Engel mehr? Iſabeau Chohnlachend). Jetzt iſt es Zeit! Jetzt, Retterin, errette! Johanna (ſtürzt auf die Knie, mit gewaltſam heftiger Stimme betend). 4 Höre mich, Gott, in meiner höchſten Noth! Hinauf zu dir, in heißem Flehenswunſch, 367 In deine Himmel ſend' ich meine Seele. Du kannſt die Faden eines Spinngewebs Stark machen, wie die Taue eines Schiffs; Leicht iſt es deiner Allmacht, ehrne Bande In dünnes Spinngewebe zu verwandeln— Du willſt, und dieſe Ketten fallen ab, Und dieſe Thurmwand ſpaltet ſich— Du halfſt Dem Simſon, da er blind war und gefeſſelt Und ſeiner ſtolzen Feinde bittern Spott Erduldete.— Auf dich vertrauend faßt' er Die Pfoſten ſeines Kerkers mächtig an Und neigte ſich und ſtürzte das Gebaude— Soldat. Triumph! Triumph! Iſabeau. Was iſt's? Soldat. Der Koͤnig iſt Gefangen! Johanna(pringt auf). So ſey Gott mir gnädig! (Sie hat ihre Kette it beiden Sänden kraftvoll gefaßt und zerri zt ſie ſich auf den nächf t und eilt hinaus. Alle ſehen Iſabeau(nach einer langen Pauſe). Was war Das? Traͤumte mir? Wo kam ſie hin? Wie brach ſie dieſe centnerſchweren Bande? 368 Nicht glauben würd' ich's einer ganzen Welt, Haͤtt' ich's nicht ſelbſt geſehn mit meinen Augen. Soldat(auf der Warte). Wie? Hat ſie Flügel? Hat der Sturmwind ſie Hinabgeführt? Iſabeau. Sprich, iſt ſie unten? Soldat. Mitten Im Kampfe ſchreitet ſie— Ihr Lauf iſt ſchneller, Als mein Geſicht— Jetzt iſt ſie hier— jetzt dort— Ich ſehe ſie zugleich an vielen Orten! — Sie theilt die Haufen— Alles weicht vor ihr; Die Franken ſtehn, ſie ſtellen ſich aufs Neu'! — Weh' mir! Was ſeh' ich! Unſre Völker werfen Die Waffen von ſich, unſre Fahnen ſinken— Iſabeau. Was? will ſie uns den ſichern Sieg entreißen? Soldat. Grad' auf den Koͤnig dringt ſie an— ſie hat ihn Erreicht— Sie reißt ihn mächtig aus dem Kampf. — Lord Faſtolf ſtürzt— Der Feldherr iſt gefangen. Iſabeau. Ich will nicht weiter hören. Komm herab!. Soldat. 1 Flieht, Königin! Ihr werdet uͤberfallen. Gewaffnet Volk dringt an den Thurm heran. 3 (Er ſteigt herunter.) Iſabeau(das Schwert ziehend). So fechtet, Memmen! 369 Dreizehnter Auftritt. ire mit Soldaten kommt. Bei ſeinem Eintritt ſtreckt das Volk der a 8 Königin die Waffen. La Hire(naht ihr ehrerbietig). Königin, unterwerft Euch Der Allmacht— Eure Ritter haben ſich Ergeben, aller Widerſtand iſt unnüutz! — Nehmt meine Dienſte an. Befehlt, wohin Ihr wollt begleitet ſeyn. Iſabeau. Jedweder Ort Gilt gleich, wo ich dem Dauphin nicht begegne. (Gibt ihr Schwert ab und folgt ihm mit den Soldaten.) Die Scene verwandelt ſich in das Schlachtfeld. Vierzehnter Auftritt. Soldaten mit fliegenden Fahnen erfüllen den Hintergrund. Vor ihnen der König und der Herzog von BVurgund, in den Armen beider Fürſten liegt Ishanna, tödtlich verwundet, ohne Zeichen des Lebens. Sie tr langſam vorwärts. Agnes Sorel ſürzt herein. eten Sorel(wirft ſich an des Königs Bruſt). Ihr ſeyd befreit— Ihr lebt— Ich hab' Euch wieder! König. Ich bin befreit— Ich bin's uͤm dieſen Preis! (Zeigt auf Johanna.) Schillers ſämmtl. Werke. v. 24 370 Sorel. Johanna! Gott! Sie ſtirbt! Burgund. Sie hat geendet! Seht einen Engel ſcheiden! Seht, wie ſie daliegt, Schmerzlos und ruhig, wie ein ſchlafend Kind! Des Himmels Friede ſpielt um ihre Züge; 3 Kein Athem hebt den Buſen mehr, doch Leben„. Iſt noch zu ſpüren in der warmen Hand. König.. Sie iſt dahin— Sie wird nicht mehr erwachen, Ihr Auge wird das Ird'ſche nicht mehr ſchauen. Schon ſchwebt ſie droben, ein verklarter Geiſt, Sieht unſern Schmerz nicht mehr und unſre Reue. Sorel. Sie ſchligt die Augen auf, ſie lebt! Burgund eerſtaunt). Kehrt ſie Uns aus dem Grab zurüuck? Zwingt ſie den Tod? Sie richtet ſich empor! Sie ſteht! Johanna (ſteht ganz aufgerichtet und ſchaut umher). Wo bin ich? Vurgund. Bei deinem Volk, Johanna, bei den Deinen! 4 König. In deiner Freunde, deines Königs Armen! Johanna „(nachdem ſie ihn lange ſtarr angeſehen). 4 Nein, ich bin keine Zauberin! Gewiß, 3* Ich bin's nicht. 3 5* 2 371 König. Du biſt heilig, wie ein Engel Doch unſer Auge war mit Nacht bedeckt. Joha nna(ſeht heiter laͤchelnd umher. Und bin ich wirklich unter meinem Volk Und bin nicht mehr verachtet und verſtoßen? Man ſlucht mir nicht, man ſieht mich gütig an? — Ja, jetzt erkenn' ich deutlich Alles wieder! Das iſt mein König! Das ſind Frankreichs Fahnen! Doch meine Fahne ſeh' ich nicht— Wo iſt ſie? Nicht ohne meine Fahne darf ich kommen; Von meinem Meiſter ward ſie mir vertraut: Vor ſeinem Thron muß ich ſie niederlegen; Ich darf ſie zeigen, denn ich trug ſie treu. König(mit abgewandtem Geſichte). Gebt ihr die Fahne! 1 (Man reicht ſie ihr. Sie ſteht ganz frei aufgerichtet, die Fahne in der Hand.— Der Himmel iſt von einem roſigen Scheine beleuchtet). Johanna. Seht ihr den Regenbogen in der Luft? Der Himmel öffnet ſeine goldnen Thore, Im Chor der Engel ſteht ſie glänzend da, Sie hält den ew'gen Sohn an ihrer Bruſt, Die Arme ſtreckt ſie liebend mir entgegen. Wie witßß mir?— Leichte Wolken heben mich— Der ſchwere Panzer wird zum Flügelkleide. Hinauf— hinauf— die Erde flieht zurück— urz iſt der Schmerz, und ewig iſt die Freude! (Die Fahne entſällt ihr, ſie ſinkt todt darauf nieder.— Alle ſtehen lange* in ſprachloſer Rührung.— Auf einen leiſen Wink des Königs werden alle Fahnen ſanft auf ſie niedergelaſſen, daß ſie ganz davon bedeckt wird.) . 2 K —— Die Braut von Meſſina oder die feindlichen Brüder. Ein Trauerſpiel mit Chören. Ueber den Gebrauch des Chors in der Tragödie. Ein poetiſches Werk muß ſich ſelbſt rechtfertigen, und, wo die That nicht ſpricht, da wird das Wort nicht viel helfen. Man koͤnnte es alſo gar wohl dem Chor uͤberlaſſen, ſein eigener Sprecher zu ſeyn, wenn er nur erſt ſelbſt auf die gehörige Art zur Darſtellung gebracht waͤre. Aber das tragiſche Dichterwerk wird erſt durch die theatraliſche Vor⸗ ſtellung zu einem Ganzen; nur die Worte gibt der Dichter, Muſik und Tanz muͤſſen hinzu kommen, ſie zu beleben. Solang alſo dem Cho⸗ dieſe finnlich maͤchtige Begleitung ſehlt, ſolange wird er in der Oeko⸗ nomie des Trauerſpiels als ein Außending, als ein fremdartiger Koͤrper und als ein Aufenthalt erſcheinen, der nur den Gang der Handlung unterbricht, der die Taͤuſchung ſtoͤrt, der den Zuſchauer erkältet. Um dem Chor ſein Recht anzuthun, muß man ſich alſo von der wirklichen Bühne auf eine moͤgliche verſetzen; aber Das muß man überall, wo man zu etwas Höherem gelangen will. Was die Kunſt noch nicht hat, Das ſoll ſie erwerben; der zufaͤllige Mangel an Huͤlfsmitteln darf die ſchaffende Einbildungskraft des Dichters nicht beſchraͤnken. Das Wuͤr⸗ digſic ſetzt er ſich zum Ziel, einem Ideale ſtrebt er nach, die ausübende Kunſt mag ſich nach den Umſtaͤnden bequemen. Es iſt nicht wahr, was man gewoͤhnlich behaupten hoͤrt, daß das Publicum die Kunſt herabzieht; der Kuͤnſtler zieht das Publicum herab, und zu allen Zeiten, wo die Kunſt verfiel, iſt ſie durch die Künſtler ge⸗ fallen. Das Publicum braucht nichts als Empfänglichkeit, und dieſe beſitzt es. Es tritt vor den Vorhang mit einem unbeſtimmten Ver⸗ langen, mit einem vielſeitigen Vermoͤgen. Zu dem Höchſten bringt es eine Faͤhigkeit mit; es erfreut üch an dem Verſtändigen und Rechten, und, wenn es damit angefangen hat, ſich mit dem Schlechten zu 376 begnuͤgen, ſo wird es zuverlaͤſſig damit aufhören, das Vortreffliche zu fordern, wenn man es ihm erſt gegeben hat. Der Dichter, hoͤrt man einwenden, hat gut nach einem Ideal arbeiten, der Kunſtrichter hat gut nach Ideen urtheilen; die bedingte, beſchränkte, ausuͤbende Kunſt ruht auf dem Bedürfniß. Der Unter⸗ nehmer will beſtehen, der Schauſpieler will ſich zeigen, der Zuſchauer will unterhalten und in Bewegung geſetzt ſeyn. Das Vergnuͤgen ſucht er und iſt unzufrieden, wenn man ihm da eine Anſtrengung zumuthet, wo er ein Spiel und eine Erholung erwartet.* Aber, indem man das Theater ernſthafter behandelt, will man das Vergnügen des Zuſchauers nicht aufheben, ſondern veredeln. Es ſoll ein Spiel bleiben, aber ein poetiſches. Alle Kunſt iſt der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernſthaftere Aufgabe, als die Menſchen zu begluͤcken. Die rechte Kunſt iſt nur dieſe, welche den hoͤchſten Genuß verſchafft. Der höchſte Genuß aber iſt die Freiheit des. Gemuͤths in dem lebendigen Spiel aller ſeiner Kräfte. Jeder Menſch zwar erwartet von den Künſten der Einbildungstraft eine gewiſſe Befreiung von den Schranken des Wirklichen; er will ſich an dem Moͤglichen ergoͤtzen und ſeiner Fantaſie Raum geben. Der am Wenigſten erwartet, will doch ſein Gefchäft, ſein gemeines Leben, ſein Individuum vergeſſen, er will ſich in außerordentlichen Lagen fuͤhlen, ſich an den ſeltſamen Combinationen des Zufalls weiden; er will, wenn er von ernſthafterer Natur iſt, die moraliſche Weltregierung, die er im wirklichen Leben vermißt, auf der Schaubuͤhne finden. Aber er weiß ſelbſt recht gut, daß er nur ein leeres Spiel treibt, daß er im eigent⸗ lichen Sinn ſich nur an Traͤumen weidet, und, wenn er von dem Schau⸗ platz wieder in die wirkliche Welt zurüchehrt, ſo umgibt ihn dieſe wieder mit ihrer ganzen druͤckenden Enge, er iſt ihr Raub, wie vorher: denn ſie ſelbſt iſt geblieben, was ſie war, und an ihm iſt nichts veraͤndert worden. Dadurch iſt alſo nichts gewonnen, als ein gefälliger Wahn des Augenblicks, der beim Erwachen verſchwindet. Und eben darum, weil es hier nur auf eine voruͤbergehende Taͤuſchung abgeſehen iſt, ſo iſt auch nur ein Schein der Wahrheit oder die beliebte Wahrſcheinlichkeit noͤthig, die man ſo gern an die Stelle der Wahrheit ſetzt. Die wahre Kunſt aber hat es nicht bloß auf ein voruͤbergehendes Spiel abgeſehen: es iſt ihr Ernſt damit, den Menſchen nicht bloß in einen augenblicklichen Traum von Freiheit zu verſetzen, ſondern ihn wirklich und in der That frei zu machen, und Dieſes dadurch, daß ſie eine Kraft in ihm erweckt, uͤbt und ausbildet, die ſinnliche Welt, die — 377 ſonſt nur als ein roher Stoff auf uns laſtet, als eine blinde Macht auf uns druͤckt, in eine objective Ferne zu ruͤcken, in ein freies Werk unſers Geiſtes zu verwandeln und das Materielle durch Ideen zu beherrſchen. Und eben darum, weil die wahre Kunſt etwas Reelles und Ob⸗ jectives will, ſo kann ſie ſich nicht bloß mit dem Schein der Wahrheit begnügen: auf der Wahrheit ſelbſt, auf dem feſten und tiefen Grunde der Natur errichtet ſie ihr ideales Gebäude. Wie aber nun die Kunſt zugleich ganz ideell und doch im tiefſten Sinne reell ſeyn— wie ſie das wirkliche ganz verlaſſen und doch aufs Genaueſte mit der Natur uͤbereinſtimmen ſoll und kann, Das iſis, was Wenige faſſen, was die Anſicht poetiſcher und plaſtiſcher Werke ſo ſchielend macht, weil beide Forderungen einander im gemeinen Urtheil geradezu aufzuheben ſcheinen. Auch begegnet es gewoͤhnlich, daß man das Eine mit Aufopferung des Andern zu erreichen ſucht und eben deßwegen Beides verfehlt. Wem die Natur zwar einen treuen Sinn und eine Innigkeit des Gefuͤhls ver⸗ rieh, aber die ſchaffende Einbildungskraft verſagte, Der wird ein treuer Maler des Wirklichen ſeyn, er wird die zufälligen Erſcheinungen, aber nie den Geiſt der Natur ergreifen. Nur den off der Welt wird er uns wiederbringen; aber es wird eben darum nicht unſer Werk, nicht das freie Product unfers bildenden Geiſtes ſeyn und kann alſo auch die wohlthätige Wirkung der Kunſt, welche in der Freiheit beſteht, nicht haben. Ernſt zwar, doch unerfreulich iſt die Stimmung, mit der uns ein ſolcher Kuͤnſtler und Dichter entlaͤßt, und wir ſehen uns durch die Kunſt ſelbſt, die uns befreien ſollte, in die gemeine enge Wirklichkeit peinlich zuruͤckverſett. Wem hingegen zwar eine rege Fantaſie, aber ohne Gemuͤth und Charakter, zu Theil geworden, Der wird ſich um keine Wahrheit bekuͤmmern, ſondern mit dem Weltſtoff nur ſpielen, nur durch fantaſtiſche und bizarre Combinationen zu überraſchen ſuchen, und, wie ſein ganzes Thun nur Schaum und Schein iſt, ſo wird er zwar fuͤr den Augenblick unterhalten, aber im Gemuͤth nichts erbauen und be⸗ gruͤnden. Sein Spiel iſt, ſo wie der Ernſt des Andern, kein poetiſches. Fantaſtiſche Gebilde willkuͤrlich aneinander reihen, heißt nicht ins Ideale gehen und, das Wirkliche nachahmend wieder bringen, heißt nicht die Natur darſtellen. Beide Forderungen ſtehen ſo wenig im Widerſpruch mit einander, daß ſie vielmehr— eine und dieſelbe ſind, daß die Kunſt nur dadurch wahr iſt, daß ſie das Wiekliche ganz verlaͤßt und rein ideell wird. Die Natur ſelbſt iſt nur eine Idee des Geiſtes, die nie in die Sinne fällt, Unter der Decke der Erſcheinungen liegt ſie, aber ſie ſelbſt 378 kommt niemals zur Erſcheinung. Bloß der Kunſt des Ideals iſt es verliehen, oder vielmehr, es iſt ihr aufgegeben, dieſen Geiſt des Alls zu ergreifen und in einer koͤrperlichen Form zu binden. Auch ſie ſelbſt kann ihn zwar nie vor die Sinne, aber doch durch ihre ſchaffende Gewalt vor die Einbildungskraft bringen und dadurch wahrer ſeyn, als alle Wirk⸗ lichkeit, und realer, als alle Erfahrung. Es ergibt ſich daraus von ſelbſt, daß der Künſtler kein einziges Element aus der Wirklichkeit brauchen kann, wie er es findet, daß ſein Werk in allen ſeinen Theilen ideell ſeyn muß, wenn es als ein Ganzes Realität haben und mit der Natur übereinſtimmen ſoll. Was von Poeſie und Kunſt im Ganzen wahr iſt, gilt auch von allen Gattungen derſelben, und es laͤßt ſich ohne Muͤhe von dem jetzt Geſagten auf die Tragoͤdie die Anwendung machen. Auch hier hatte man lange und hat noch jetzt mit dem gemeinen Begriff des Natür⸗ lichen zu kaͤmpfen, welcher alle Poeſie und Kunſt geradezu aufhebt und vernichtet. Der bildenden Kunſt gibt man zwar nothduͤrftig, doch mehr aus conventionellen als aus innern Gruͤnden, eine gewiſſe Idealitaͤt zu; aber von der Poeſie und von der dramatiſchen insbeſondere ver⸗ langt man Illuſion, die, wenn ſie auch wirklich zu leiſten waͤre, immer nur ein armſeliger Gauklerbetrug ſeyn wuͤrde. Alles Aeußere bei einer dramatiſchen Vorſtellung ſteht dieſem Begriff entgegen— Alles iſt nur ein Symbol des Wirklichen. Der Tag ſelbſt auf dem Theater iſt nur ein kuͤnſtlicher, die Architectur iſt nur eine ſymboliſche, die metriſche Sprache ſelbſt iſt ideal; aber die Handlung ſoll nun ein⸗ mal real ſeyn, und der Theil das Ganze zerſtoͤren. So haben die Franzoſen, die den Geiſt der Alten zuerſt ganz mißverſtanden, eine Ein⸗ heit des Orts und der Zeit nach dem gemeinſten empiriſchen Sinn auf der Schaubuͤhne eingefuͤhrt, als ob hier ein anderer Ort waͤre, als der bloße ideale Raum, und eine andere Zeit, als bloß die ſtetige Folge der Handlung. Durch Einfuͤhrung einer metriſchen Sprache iſt man indeß der poeti⸗ ſchen Tragödie ſchon um einen großen Schritt näher gekommen. Es find einige lyriſche Verſuche auf der Schaubuͤhne gluͤcklich durchgegangen, und die Poeſie hat ſich durch ihre eigene lebendige Kraft im Einzelnen manchen Sieg uͤber das herrſchende Vorurtheil errungen. Aber mit dem Einzelnen iſt wenig gewonnen, wenn nicht der Irrthum im Ganzen faͤllt, und es iſt nicht genug, daß man Das nur als eine poetiſche Freiheit duldet, was doch das Weſen aller Poeſie iſt. Die Einfuͤhrung des Chors waͤre der letzte, der entſcheidende Schritt— und, wenn derſelbe auch nur 4 379 dazu diente, dem Naturalism in der Kunſt offen und ehrlich den Krieg zu erklaͤren, ſo ſollte er uns eine lebendige Mauer ſeyn, die ⸗die Tragoͤdie um ſich herumzieht, um ſich von der wirklichen Welt rein abzuſchließen und ſich ihren idealen Boden, ihre poetiſche Freiheit zu bewahren. Die Tragoͤdie der Griechen iſt, wie man weiß, aus dem Chor ent⸗ ſprungen. Aber, ſowie ſie ſich hiſtoriſch und der Zeitfolge nach daraus loswand, ſo kann man auch ſagen, daß ſie poetiſch und dem Geiſie nach aus demſelben entſtanden, und daß ohne dieſen beharrlichen Zeugen und Traͤger der Handlung eine ganz andere Dichtung aus ihr geworden waͤre. Die Abſchaffung des Chors und die Zuſammenziehung dieſes ſinnlich maͤchtigen Organs in die charakterloſe langweilig wiederkehrende Figur eines aͤrmlichen Vertrauten war alſo keine ſo große Verbeſſerung der Tragoͤdie, als die Franzoſen und ihre Nachbeter ſich eingebildet haben. Die alte Tragoͤdie, welche ſich urſpruͤnglich nur mit Goͤttern, Helden und Koͤnigen abgab, brauchte den Chor als eine nothwendige Begleitung; ſie fand ihn in der Natur und brauchte ihn, weil ſie ihn fſand. Die Handlungen und Schickſale der Helden und Koͤnige ſind ſchon an ſich ſelbſt oͤffentlich und waren es in der einſachen Urzeit noch mehr. Der Chor war folglich in der alten Tragoͤdie mehr ein natuͤrliches Organ, er folgte ſchon aus der poetiſchen Geſtalt des wirklichen Lebens. In der neuen Tragoͤdie wird er zu einem Kunſtorgan; er hilft die Poeſie her⸗ vorbringen. Der neuere Dichter findet den Chor nicht mehr in der Natur, er muß ihn poetiſch erſchaffen und einfuͤhren, Das iſt, er muß mit der Fabel, die er behandelt, eine ſolche Veraͤnderung vornehmen, wodurch ſie in jene kindliche Zeit und in jene einfache Form des Leben zuruͤckverſetzt wird. Der Chor leiſtet daher dem neuern Tragiker noch weit weſentlichere Dienſte, als dem alten Dichter, eben deßwegen, weil er die moderne gemeine Welt in die alte poetiſche verwandelt, weil er ihm alles das unbrauchbar macht, was der Poeſie widerſtrebt, und ihn auf die ein⸗ fachſten, urſpruͤnglichſten und naivſten Motive hinauftreibt. Der Palaſt der Koͤnige iſt jetzt geſchloſſen, die Gerichte haben ſich von den Thoren der Staͤdte in das Innere der Haͤuſer zuruͤckgezogen, die Schrift hat das lebendige Wort verdrängt, das Volk ſelbſt, die ſinnlich lebendige Maſſe, iſt, wo ſie nicht als rohe Gewalt wirft, zum Staat, folglich zu einem abgezogenen Begriff geworden, die Goͤtter ſind in die Bruſt des Menſchen zuruͤckgekehrt. Der Dichter muß die Paläſie wieder auſthun, er muß die Gerichte unter freien Himmel herausfuͤhren, er muß die Götter wieder aufſtellen, er muß alles Unmittelbare, das durch die kuͤnſtliche Einrichtung 380 des wirklichen Lebens aufgehoben iſt, wieder herſtellen und alles kuͤnſtliche Machwerk an dem Menſchen und um denſelben, das die Erſcheinung ſeiner innern Natur und ſeines urſpruͤnglichen Charakters hindert, wie der Bildhauer die modernen Gewaͤnder, abwerfen und von allen aͤußern Umgebungen desſelben nichts aufnehmen, als was die hoͤchſte der Formen, die menſchliche, ſichtbar macht. Aber eben ſo, wie der bildende Kuͤnſtler die faltige Fuͤlle der Ge⸗ waͤnder um ſeine Figuren breitet, um die Räume ſeines Bildes reich und anmuthig auszufuͤllen, um die getrennten Partien desſelben in ruhigen Maſſen ſtetig zu verbinden, um der Farbe, die das Auge reizt und er⸗ quickt, einen Spielraum zu geben, um die menſchlichen Formen zugleich geiſtreich zu verhuͤllen und ſichtbar zu machen, eben ſo durchflicht und umgibt der tragiſche Dichter ſeine ſtreng abgemeſſene Handlung und die feſten Umriſſe ſeiner handelnden Figuren mit einem lyriſchen Prachtge⸗ webe, in welchem ſich, als wie in einem weit gefalteten Purpurgewand, die handelnden Perſonen frei und edel mit einer gehaltenen Wuͤrde und hoher Ruhe bewegen. In einer hoͤhern Organiſation darf der Stoff oder das Elementa⸗ riſche nicht mehr ſichtbar ſeyn; die chemiſche Farbe verſchwindet in der feinen Carnation des Lebendigen. Aber auch der Stoff hat ſeine Herr⸗ lichkeit und kann als ſolcher in einem Kunſtkoͤrper aufgenommen werden. Dann aber muß er ſich durch Leben und Fuͤlle und durch Harmonie ſeinen Platz verdienen und die Formen, die er umgibt, geltend machen, anſtat⸗ ſie durch ſeine Schwere zu erdruͤcken. In Werken der bildenden Kunſt iſt Dieſes Jedem leicht verſtaͤnd⸗ lich; aber auch in der Poeſie und in der tragiſchen, von der hier die Rede iſt, findet Dasſelbe ſtatt. Alles, was der Verſtand ſich im All⸗ gemeinen ausſpricht, iſt eben ſo wie Das, was bloß die Sinne reizt, nur Stoff und rohes Element in einem Dichterwerk und wird da, wo es vorherrſcht, unausbleiblich das Poetiſche zerſtoͤren; denn dieſes liegt gerade in dem Indlfferenzpunkt des Ideellen und Sinnlichen. Nun iſt aber der Menſch ſo gebildet, daß er immer von dem Beſondern ins Allgemeine gehen will, und die Reflexion muß alſo auch in der Tra⸗ goͤdie ihren Platz erhalten. Soll ſie aber dieſen Platz verdienen, ſo muß ſie Das, was ihr an ſinnlichem Leben fehlt, durch den Vortrag wieder gewinnen: denn, wenn die zwei Elemente der Poeſie, das Ideale und Sinnliche, nicht innig verbunden zuſammen wirken, ſo müſſen ſie neben einander wirken, oder die Poeſie iſt auf⸗ gehoben. Wenn die Wage nicht vollkommen inne ſteht, da kann das 381 Gleichgewicht nur durch eine Schwankung der beiden Schaalen her⸗ geſtellt werden. Und dieſes leiſtet nun der Chor in der Tragoͤdie. Der Chor iſt ſelbſt kein Individuum, ſondern ein allgemeiner Begriff; aber dieſer Begriff repraͤſentirt ſich durch eine ſinnlich maͤchtige Maſſe, welche durch ihre ausfuͤllende Gegenwart den Sinnen imponirt. Der Chor verlaͤßt den engen Kreis der Handlung, um ſich uͤber Vergangenes und Kuͤnftiges, uͤber ferne Zeiten und Völker, uͤder das Menſchliche überhaupt zu ver⸗ breiten, um die großen Reſultate des Lebens zu ziehen und die Lehren der Weisheit auszuſprechen. Aber er thut Dieſes mit der vollen Macht der Fantaſie, mit einer kuͤhnen lyriſchen Freiheir, welche guf den hohen Gipfein der menſchlichen Dinge, wie mit Schritten der Goͤtter, einher⸗ geht— und er thut es, von der ganzen ſinnlichen Macht des Rhyth⸗ mus und der Muſik in Toͤnen und Bewegungen begleitet. Der Chor reinigt alſo das tragiſche Gedicht, indem er die Re⸗ flexion von der Handlung abſondert und eben durch dieſe Abſonderung ſie ſelbſt mit poetiſcher Kraft ausruͤſtet; eben ſo, wie der bildende Kuͤnſiler die gemeine Nothdurft der Bekleidung durch eine reiche Draperie in einen Reiz und in eine Schoͤnheit verwandelt. Aber eben ſo, wie ſich der Maler gezwungen ſieht, den Farbenton des Lebendigen zu verſtaͤrken, um den mächtigen Stoffen das Gleichge⸗ wicht zu halten, ſo legt die lyriſche Sprache des Chors dem Dichter auf, verhaͤltnißmaͤßig die ganze Sprache des Gedichts zu erheben und dadurch die ſinnliche Gewalt des Ausdrucks überhaupt zu verſtaͤrken. Nur der Chor berechtigt den tragiſchen Dichter zu dieſer Erhebung des Tons, die das Ohr ausfüllt, die den Geiſt anſpannt, die das ganze Gemuͤth erweitert. Dieſe eine Rieſengeſtalt in ſeinem Bilde noͤthigt ihn, alle ſeine Figuren auf den Kothurn zu ſtellen und ſeinem Gemälde dadurch die tragiſche Groͤße zu geben. Nimmt man den Chor hinweg, ſo muß die Sprache der Tragoͤdie im Ganzen ſinken, oder, was jetzt groß und maͤchtig iſt, wird gezwungen und uͤberſpannt erſcheinen. Der alte Chor, in das franzoͤſiſche Trauerſpiel eingeführt, würde uf ſeiner ganzen Duͤrſtigkeit darſtellen und zunichte machen; eben derſelbe wuͤrde ohne Zweifel Shakeſpeares Tragödie erſt ihre wahre Bedeutung geben. So wie der Chor in die Sprache Leben bringt, ſo bringt er Ruhe in die Handlung— aber die ſchoͤne und hohe Ruhe, die der Charatter eines edeln Kunſtwerks ſeyn muß. Denn das Gemuͤth des Zuſchauers ſoll auch in der heſtigſien Paſſion ſeine Freiheit behalten; es ſoll kein Raub der Eindrücke ſeyn, ſondern ſich immer klar und heiter von den Ruͤhrungen ſcheiden, die es erleidet. Was das gemeine Urtheil an dem Chor zu tadeln pflegt, daß er die Taͤuſchung aufhebe, daß er die Ge⸗ walt der Affecte breche, Das gereicht ihm zu ſeiner hoͤchſten Empfehlung: denn eben dieſe blinde Gewalt der Affecte iſt es, die der wahre Künſtler vermeidet; dieſe Taͤuſchung iſt es, die er zu erregen verſchmäht. Wenn die Schlaͤge, womit die Tragoͤdie unſer Herz trifft, ohne Unterbrechung auf einander folgten, ſo wuͤrde das Leiden über die Thaͤtigkeit ſiegen. Wir wuͤrden uns mit dem Stoffe vermengen und nicht mehr über dem⸗ ſelben ſchweben. Dadurch, daß der Chor die Theile auseinander haͤlt und zwiſchen die Paſſionen mit ſeiner beruhigenden Betrachtung tritt, gibt er uns unſere Freiheit zuruͤck, die im Sturm der Affecte verloren gehen wuͤrde. Auch die tragiſchen Perſonen ſelbſt beduͤrfen dieſes An⸗ halts, dieſer Ruhe, um ſich zu ſammeln: denn ſie ſind keine wirkliche Weſen, die bloß der Gewalt des Moments gehorchen und bloß ein In⸗ dividuum darſtellen, ſondern ideale Perſonen und Repraͤſentanten ihrer Gattung, die das Tiefe der Menſchheit ausſprechen. Die Gegenwart des Chors, der als ein richtender Zeuge ſie vernimmt und die erſten Ausbruͤche ihrer Leidenſchaft durch ſeine Dazwiſchenkunft baͤndigt, motivirt die Beſonnenheit, mit der ſie handeln, und die Wuͤrde, mit der ſie reden. Sie ſtehen gewiſſermaßen ſchon auf einem natuͤrlichen Theater, weil ſie vor Zuſchauern ſprechen und handeln, und werden eben deßwegen deſto tauglicher, von dem Kunſttheater zu einem Publicum zu reden. Soviel über meine Befugniß, den alten Chor auf die tragiſche Buͤhne zuruͤckzufuͤhren. Choͤre kennt man zwar auch ſchon in der modernen Tragoͤdie; aber der Chor des griechiſchen Trauerſpiels, ſo wie ich ihr hier gebraucht habe, der Chor als eine einzige ideale Perſon, die die ganze Handlung trägt und begleitet, dieſer iſt von jenen opernhaften Choͤren weſentlich verſchieden, und, wenn ich bei Gelegenheit der griechi⸗ ſchen Tragödie von Choͤren anſtatt von einem Chor ſprechen hoͤre, ſo entſteht mir der Verdacht, daß man nicht recht wiſſe, wovon man rede. Der Chor der alten Tragoͤdie iſt meines Wiſſens ſeit dem Verfall der⸗ ſelben nie wiede Rarf der Buͤhne erſchienen. Ich habe den Chor zwar in zwei Theile getrennt und im Streilt mit ſich ſelbſt dargeſtellt; aber Dies iſt nur dann der Fall, wo er als wirkliche Perſon und als blinde Menge mithandelt. Als Chor und als ideale Perſon iſt er immer Eins mit ſich ſelbn. Ich habe den Ort veraͤndert und den Chor mehrmals abgehen laſſen; aber auch Aeſchylus, der Schoͤpfer der Tragoͤdie, und Sophokles, der groͤßte Meiſter in dieſer Kunſt, haben ſich dieſer Freiheit bedient. —+2— 383 Eine andere Freiheit, die ich mir erlaubt, möchte ſchwerer zu⸗ rechtfertigen ſeyn. Ich habe die chriſtliche Religion und die griechiſche Goͤtterlehre vermiſcht angewendet, ja, ſelbſt an den mauriſchen Aber⸗ glauben erinnert. Aber der Schauplatz der Handlung iſt Meſſing, wo dieſe drei Religionen theils lebendig, theils in Denkmälern fortwirkten und zu den Sinnen ſprachen. Und dann halte ich es fuͤr ein Recht der Poeſie, die verſchiedenen Religionen als ein collectives Ganze fuͤr die Einbildungskraft zu behandeln, in welchem Alles, was einen eige⸗ nen Charakter traͤgt, eine eigene Empfindungsweiſe ausdruͤckt, ſeine Stelle findet. Unter der Huͤlle aller Religionen liegt die Religion ſelbſt, die Idee eines Goͤttlichen, und es muß dem Dichter erlaubt ſeyn, Dieſes auszuſprechen, in welcher Form er es jedesmal am Bequemſten und am Treffendſten findet. Perſonen. Donna Iſabella, Färſtin von Meſſina. Don Manuel, 7 Don Ceſar, Beatrice. Diego. Boten. Chor, beſteht aus dem Gefolge der Bruͤder. Die Aelteſten von Meſſina, reden nicht. ihre Soͤhne. Die Braut von Meſſina. Die Scene iſt eine geräumige Säulenhalle, auf beiden Seiten ſind Eingänge, eine große Flügelthür' in der Tieſe führt zu einer Kapelle. Donna Iſabella in tieſer Trauer, die Aelteſten von Meſſina ſtehen um ſie her. Iſabelln. Der Noth gehorchend, nicht dem eignen Trieb, Tret' ich, ihr greiſe Häupter dieſer Stadt, Heraus zu euch aus den verſchwiegenen Gemächern meines Frauenſaals, das Antlitz Vor euren Mannerblicken zu entſchleiern. Denn es geziemt der Wittwe, die den Gatten Verloren, ihres Lebens Licht und Ruhm, Die ſchwarz umflorte Nachtgeſtalt dem Aug' Der Welt in ſtillen Mauern zu verbergen; Doch unerbittlich, allgewaltig treibt Des Augenblicks Gebieterſtimme mich An das entwohnte Licht der Welt hervor. Nicht zweimal hat der Mond die Lichtgeſtalt Erneut, ſeit ich den fürſtlichen Gemahl Zu ſeiner letzten Ruheſtätte trug, Der machtigwaltend dieſer Stadt gebot, Mit ſtarkem Arme gegen eine Wett Schillers ſä ämmtl. Werke. V. 386 Euch ſchuͤtzend, die euch feindlich rings umlagert; Er ſelber iſt, dahin, doch lebt ſein Geiſt In einem tapfern Heldenpaare fort Glorreicher Söhne, dieſes Landes Stolz. Ihr habt ſie unter euch in freud'ger Kraft Aufwachſen ſehen, doch mit ihnen wuchs Aus unbekannt verhängnißvollem Samen Auch ein unſel'ger Bruderhaß empor, Der Kindheit frohe Einigkeit zerreißend, Und reifte furchtbar mit dem Ernſt der Jahre. Nie hab' ich ihrer Eintracht mich erfreut; An dieſen Brüͤſten näͤhrt' ich Beide gleich; Gleich unter ſie vertheil' ich Lieb' und Sorge, Und Beide weiß ich kindlich mir geneigt. In dieſem einz'gen Triebe ſind ſie eins; In allem Andern trennt ſie blut'ger Streit. Zwar, weil der Vater noch gefürchtet herrſchte, Hielt er durch gleicher Strenge furchtbare Gerechtigkeit die Heftigbrauſenden im Zügel, Und unter eines Joches Eiſenſchwere Bog er vereinend ihren ſtarren Sinn. Nicht waffentragend durften ſie ſich nahn, Nicht in denſelben Mauern übernachten. So hemmt' er zwar mit ſtrengem Machtgebot Den rohen Ausbruch ihres wilden Triebs; Doch ungebeſſert in der tiefen Bruſt Ließ er den Haß— der Starke achtet es Gering, die leiſe Quelle zu verſtopfen, Weil er dem Strome machtig wehren kann. Was kommen mußte, kam. Als er die Augen Im Tode ſchloß, und ſeine ſtarke Hand 387 Sie nicht mehr bäͤndigt, bricht der alte Groll, Gleichwie des Feuers eingepreßte Glut, Zur offnen Flamme ſich entzundend, los. Ich ſag' euch, was ihr Alle ſelbſt bezeugt: Meſſina theilte ſich, die Bruderfehde Löst' alle heil'ge Bande der Natur, Dem allgemeinen Streit die Loſung gebend, Schwert traf auf Schwert, zum Schlachtfeld ward die Stadt, Ja, dieſe Hallen ſelbſt beſpritzte Blut. Des Staates Bande ſahet ihr zerreißen, Doch mir zerriß im Innerſten das Herz— Ihr fuͤhltet nur das oͤffentliche Leiden Und fraget wenig nach der Mutter Schmerz. Ihr kamt zu mir und ſpracht dies harte Wort: „Du ſiehſt, daß deiner Soͤhne Bruderzwiſt „Die Stadt empoͤrt in bürgerlichem Streit, „Die, von dem böſen Nachbar rings umgarnt, „Durch Eintracht nur dem Feinde widerſteht. „— Du biſt die Mutter! Wohl, ſo ſiehe zu, „Wie du der Söhne blut'gen Hader ſtillſt. „Was kuͤmmert uns, die Friedlichen, der Zank „Der Herrſcher? Sollen wir zu Grunde gehn, „Weil deine Soͤhne wuͤthend ſich befehden? „Wir wollen uns ſelbſt rathen ohne ſie „Und einem andern Herrn uns übergeben, „Der unſer Beſtes will und ſchaffen kann!“ So ſpracht ihr rauhe Maͤnner, mitleidlos, Fuͤr euch nur ſorgend und fuͤr eure Stadt, Und walztet noch die öffentliche Noth Auf dieſes Herz, das von der Mutter Angſt Und Sorgen ſchwer genug belaſtet war. 388 Ich unternahm das nicht zu Hoffende: Ich warf mit dem zerriſſ'nen Mutterherzen Mich zwiſchen die Ergrimmten, Friede rufend— Unabgeſchreckt, geſchäaftig, unermüdlich Beſchickt' ich ſie, den Einen um den Andern, Bis ich erhielt durch mütterliches Flehn, Daß ſie's zufrieden ſind, in dieſer Stadt Meſſina, in dem väterlichen Schloß, Unfeindlich ſich von Angeſicht zu ſehn, Was nie geſchah, ſeitdem der Fürſt verſchieden. Dies iſt der Tag! Des Boten harr' ich ſtündlich, Der mir die Kunde bringt von ihrem Anzug. — Seyd denn bereit, die Herrſcher zu empfangen Mit Ehrfurcht, wie's dem Unterthanen ziemt. Nur eure Pflicht zu leiſten ſeyd bedacht; Für's Andre laßt uns Andere gewähren. Verderblich dieſem Land und ihnen ſelbſt Verderbenbringend war der Söhne Streit; Verſöhnt, vereinigt, ſind ſie machtig gnug, Euch zu beſchützen gegen eine Welt. Und Recht ſich zu verſchaffen— gegen euch! (Die Aelteſten entſernen ſich ſchweigend, die Hand auf der Bruſt. Ste winkt einem alten Diener, der zurückbleibt.) Jſabella. Jiega. Iſabella. Diego! Diegs. Was gebietet meine Fürſtin? Iſfabella. Bewaͤhrter Diener! Redlich Herz! Tritt naher! 389 Mein Leiden haſt du, meinen Schmerz getheilt, So theil' auch jetzt das Glück der Glücklichen. Verpfandet hab' ich deiner treuen Bruſt Mein ſchmerzlich ſuͤßes, heiliges Geheimniß. Der Augenblick iſt da, wo es ans Licht Des Tages ſoll hervorgezogen werden. Zu lange ſchon erſtickt' ich der Natur Gewalt'ge Regung, weil noch über mich Ein fremder Wille herriſch waltete. Jetzt darf ſich ihre Stimme frei erheben: Noch heute ſoll dies Herz befriedigt ſeyn, Und dieſes Haus, das lang veröoͤdet war, Verſammle Alles, was mir theuer iſt. So lenke denn die alterſchweren Tritte Nach jenem wohlbekannten Kloſter hin, Das einen theuren Schatz mir aufbewahrt. Du warſt es, treue Seele, der ihn mir Dorthin geflüchtet hat auf beſſ're Tage, Den traur'gen Dienſt der Traurigen erzeigend. Du bringe fröhlich jetzt der Glücklichen Das theure Pfand zurück! (Man hört in der Ferne blaſen.) O, eile, eile Und laß die Freude deinen Schritt verjuͤngen! Ich hoͤre kriegeriſcher Hoͤrner Schall, Der meiner Soͤhne Einzug mir verkündigt. (Diego geht ab. Die Muſit läßt ſich noch von einer entgegengeſetzten Seite immer näher und näher hören.) Iſabella. Erregt iſt ganz Meſſina— Horch! ein Strom Verworrner Stimmen wälzt ſich brauſend her— 390 Sie ſind's! Das Herz der Mutter, mächtig ſchlagend, Empfindet ihrer Nahe Kraft und Zug. Sie ſind's! O meine Kinder, meine Kinder! (Sie eilt hinaus.) Chor tritt auf. Er beſteht aus zwei Halbchören, welche zu gleicher Zeit, von zwei ent⸗ gegengeſetzten Seiten, der eine aus der Tiefe, der andere aus dem Vordergrund eintreten, rund um die Bühne geben und ſich alsdann auf derſelben Seite, wo jeder eingetreten, in eine Reihe ſtellen. Den einen Halbchor bilden die älteren, den andern die jüngeren Ritter; beide ſind durch Farbe und Abzeichen verſchieden. Wenn beide Chöre einander gegenüber ſtehen, ſchweigt der Marſch, und die beiden Chor⸗ führer reden.* Erſter Chor.(Cajetan.) Dich begrüß' ich in Ehrfurcht, Prangende Halle, Dich, meiner Herrſcher Fürſtliche Wiege, Saulengetragenes herrliches Dach! Tief in der Scheide Ruhe das Schwert! Vor den Thoren gefeſſelt 4 Liege des Streits ſchlangenhaariges Scheuſal! Denn des gaſtlichen Hauſes —, * Anmerkun g. Der Verfaſſer hat bei Ueberſendung des Manuſcripts an das Theater zu Wien einen Vorſchlag beigefügt, wie die Reden des Chors unter einzelne Perſonen vertheilt werden können. Der erſie Chor ſollte naͤmlich aus Cajetan, Berengar, Manfred, Triſtan und acht Rittern Don Manuels, der zweite aus Bohemund, Roger, Hippolyt und neun Rittern Don Ceſars beſtehen. Was jede dieſer Perſonen nach des Verfaſſers Plane zu ſagen haben würde, iſt bei dieſer Ausgabe angedeutet worden. „ 391 Unverletzliche Schwelle Hütet der Eid, der Erinnyen Sohn, Der furchtbarſte unter den Göttern der Hölle! Zweiter Chor.(Bohemund.) Zürnend ergrimmt mir das Herz im Buſen; Zu dem Kampf iſt die Fauſt geballt. Denn ich ſehe das Haupt der Meduſen, Meines Feindes verhaßte Geſtalt. Kaum gebiet' ich dem kochenden Blute. Gönn' ich ihm die Ehre des Worts? Oder gehorch' ich dem zürnenden Muthe? Aber mich ſchreckt die Eumenide, Die Beſchirmerin dieſes Orts, Und der waltende Gottesfriede. Erſter Chor.(Cajetan.) Weiſere Faſſung Ziemet dem Alter, Ich, der Vernünftige, grüße zuerſt. (Zu dem zweiten Chor.) Sey mir willkommen, Der du mit mir Gleiche Gefühle Brüderlich theilend, Dieſes Palaſtes Schuͤtzende Götter Fürchtend verehrſt! Weil ſich die Fürſten gutlich beſprechen, Wollen auch wir jetzt Worte des Friedens Harmlos wechſeln mit ruhigem Blut: Denn auch das Wort iſt, das heilende, gut. Aber, treff' ich dich draußen im Freien, 392 Da mag der blutige Kampf ſich erneuen, Da erprobe das Eiſen den Muth. V Der ganze Chor. Aber, treff' ich dich draußen im Freien, Da mag der blutige Kampf ſich erneuen, Da erprobe das Eiſen den Muth. 4 Erſter Chor.(Berengar.) Dich nicht haſſ' ich! Nicht du biſt mein Feind!. Eine Stadt ja hat uns geboren, Jene ſind ein fremdes Geſchlecht. Aber, wenn ſich die Fürſten befehden, Müſſen die Diener ſich morden und tödten, Das iſt die Ordnung, ſo will es das Recht. Zweiter Chor.(Bohemund.) Mögen ſie's wiſſen, Warum ſie ſich blutig Haſſend bekämpfen! Mich ſicht es nicht an. Aber wir fechten ihre Schlachten: Der iſt kein Tapfrer, kein Ehrenmann, Der den Gebieter läßt verachten. Der ganze Chor. Aber wir fechten ihre Schlachten; Der iſt kein Tapfrer, kein Ehrenmann, Der den Gebieter läßt verachten. Siner aus dem Chor.(Berengar.) Hört, was ich bei mir ſelbſt erwogen, Als ich mußig daher gezogen Durch des Korns hochwallende Gaſſen, Meinen Gedanken überlaſſen. 393 Wir haben uns in des Kampfes Wuth Nicht beſonnen und nicht berathen, Denn uns bethörte das brauſende Blut. Sind ſie nicht unſer, dieſe Saaten? Dieſe Ulmen, mit Reben umſponnen, Sind ſie nicht Kinder unſrer Sonnen? Könnten wir nicht in frohem Genuß Harmlos vergnügliche Tage ſpinnen, Luſtig das leichte Leben gewinnen? Warum ziehn wir mit raſendem Beginnen Unſer Schwert für das fremde Geſchlecht? Es hat an dieſen Boden kein Recht. Auf dem Meerſchiff iſt es gekommen Von der Sonne röthlichem Untergang; Gaſtlich haben wir's aufgenommen, (Unſre Väter— die Zeit iſt lang) Und jetzt ſehen wir uns als Knechte, Unterthan dieſem fremden Geſchlechte! ESin Zweiter.(Manfred.) Wohl, wir bewohnen ein gluͤckliches Land, Das die himmelumwandelnde Sonne Anſieht mit immer freundlicher Helle, Und wir können es fröhlich genießen; Aber es läßt ſich nicht ſperren und ſchließen, Und des Meers rings umgebende Welle, Sie verräth uns dem kühnen Corſaren, Der die Küſte verwegen durchkreuzt. Einen Segen haben wir zu bewahren, Der das Schwert nur des Fremdlings reizt. Sklaven ſind wir in den eigenen Sitzen, Das Land kann ſeine Kinder nicht ſchuͤtzen: Nicht, wo die goldene Ceres lacht Und der friedliche Pan, der Flurenbehuter, Wo das Eiſen wächst in der Berge Schacht, Da entſpringen der Erde Gebieter. Erſter Chor.(Cajetan.) Ungleich vertheilt ſind des Lebens Güter Unter der Menſchen flücht'gem Geſchlecht; Aber die Natur, ſie iſt ewig gerecht. Uns verlieh ſie das Mark und die Fülle, Die ſich immer erneuend erſchafft; Jenen ward der gewaltige Wille Und die unzerbrechliche Kraft. Mit der furchtbaren Starke gerüſtet, Führen ſie aus, was dem Herzen gelüſtet, Füllen die Erde mit mächtigem Schall; Aber hinter den großen Höhen Folgt auch der tiefe, der donnernde Fall. Darum lob' ich mir, niedrig zu ſtehen, Mich verbergend in meiner Schwäche! Jene gewaltigen Wetterbäͤche, Aus des Hagels unendlichen Schloſſen, Aus den Wolkenbrüchen zuſammen gefloſſen, Kommen finſter gerauſcht und geſchoſſen, Reißen die Bruͤcken und reißen die Damme Donnernd mit fort im Wogengeſchwemme, Nichts iſt, das die Gewaltigen hemme; Doch nur der Augenblick hat ſie geboren: Ihres Laufes furchtbare Spur Geht verrinnend im Sande verloren, Die Zerſtörung verkündigt ſie nur. ——— — Die fremden Eroberer kommen und gehen; Wir gehorchen, aber wir bleiben ſtehen. Die hintere Thür' öffnet ſch; Bonna Iſabella erſcheint zwiſchen ihren Söhnen Don Manuel und Don Ceſar. Beide Chöre.(Cajetan.) Preis ihr und Ehre, Die uns dort aufgeht, Eine glänzende Sonne! Kniend verehr' ich dein herrliches Haupt. Erſter Chor. Schön iſt des Mondes Mildere Klarheit Unter der Sterne blitzendem Glanz: Schöͤn iſt der Mutter Liebliche Hoheit Zwiſchen der Söhne feuriger Kraft. Nicht auf der Erden Iſt ihr Bild und ihr Gleichniß zu ſehn. * Hoch auf des Lebens Gipfel geſtellt, Schließt ſie blühend den Kreis des Schönen! Mit der Mutter und ihren Söhnen Kroͤnt ſich die herrlich vollendete Welt. Selber die Kirche, die göttliche, ſtellt nicht Schöneres dar auf dem himmliſchen Thron; Höheres bildet Selber die Kunſt nicht, die göttlich geborne, Als die Mutter mit ihrem Sohn. * Anmerkung. Nach der Abücht des Verf. ſollte die Stelle:„Hoch auf des Lebens— ihrem Sohn.“ auf dem Theater wegbleiben. Zweiter Chor.(Berengar.) Freudig ſieht ſie aus ihrem Schoße b Einen blühenden Baum ſich erheben, Der ſich ewig ſproſſend erneut. Denn ſie hat ein Geſchlecht geboren, Welches wandeln wird mit der Sonne Und den Namen geben der rollenden Zeit. (Roger.) Völker verrauſchen, Namen verklingen, Finſtre Vergeſſenheit Breitet die dunkelnachtenden Schwingen Ueber ganzen Geſchlechtern aus. Aber der Fürſten Einſame Häupter Glänzen erhellt, Und Aurora beruͤhrt ſie Mit den ewigen Strahlen Als die ragenden Gipfel der Welt. Iſabella(mit ihren Soͤhnen hervortretend). Blick' nieder, hohe Königin des Himmels, und halte deine Hand auf dieſes Herz, Daß es der Uebermuth nicht ſchwellend hebe: Denn leicht vergäße ſich der Mutter Frende, Wenn ſie ſich ſpiegelt in der Soͤhne Glanz. Zum Erſtenmal, ſeitdem ich ſie geboren, Umfaſſ' ich meines Glückes Fülle ganz. Denn bis auf dieſen Tag mußt' ich gewaltſam Des Herzens fröhliche Ergießung theilen; Vergeſſen ganz mußt' ich den einen Sohn, Wenn ich der Näahe mich des andern frente. 397 O, meine Mutterliebe iſt nur Eine, Und meine Söhne waren ewig Zwei! — Sagt, darf ich ohne Zittern mich der ſüßen Gewalt des trunknen Herzens überlaſſen? (Zu Don Manuel.) Wenn ich die Hand des Bruders freundlich drücke, Stoß' ich den Stachel nicht in deine Bruſt? (Zu Don Ceſar.) Wenn ich das Herz an ſeinem Anblick weide, Iſt's nicht ein Raub an dir?— O, ich muß zittern, Daß meine Liebe ſelbſt, die ich euch zeige, Nur eures Haſſes Flammen heft'ger ſchüre. (Nachdem ſie Beide fragend angeſehen.) Was darf ich mir von euch verſprechen? Redet! Mit welchem Herzen kamet ihr hieher? Iſt's noch der alte unverſöhnte Haß, Den ihr mit herbringt in des Vaters Haus, Und wartet draußen vor des Schloſſes Thoren Der Krieg, auf Augenblicke nur gebändigt Und knirſchend in das eherne Gebiß, Um alſobald, wenn ihr den Rücken mir Gekehrt, mit neuer Wuth ſich zu entfeſſeln? Chor.(Bohemund.) Krieg oder Frieden! Noch liegen die Loſe Dunkel verhuͤllt in der Zukunft Schoße! Doch es wird ſich noch, eh' wir uns trennen, entſcheiden; Wir ſind bereit und gerüſtet zu Beiden. Iſabella(im ganzen Kreis umherſchauend). Und welcher furchtbar kriegeriſche Anblick! Was ſollen Dieſe hier? Iſt's eine Schlacht, Die ſich in dieſen Sälen zubereitet? Wozu die fremde Schaar, wenn eine Mutter Das Herz aufſchließen will vor ihren Kindern? Bis in den Schoß der Mutter fürchtet ihr Der Argliſt Schlingen, tückiſchen Verrath, Daß ihr den Rücken euch beſorglich deckt? — O dieſe wilden Banden, die euch folgen, Die raſchen Diener eures Zorns— ſie ſind Nicht eure Freunde! Glaubet nimmermehr, Daß ſie euch wohlgeſiunt zum Beſten rathen! Wie könnten ſie's von Herzen mit euch meinen, Den Fremdlingen, dem eingedrung'nen Stamm, Der aus dem eignen Erbe ſie vertrieben, Sich über ſie der Herrſchaft angemaßt? Glaubt mir! Es liebt ein Jeder, frei ſich ſelbſt Zu leben nach dem eigenen Geſetz; Die fremde Herrſchaft wird mit Neid ertragen. Von eurer Macht allein und ihrer Furcht Erhaltet ihr den gern verſagten Dienſt. Lernt dies Geſchlecht, das herzlos falſche, kennen! Die Schadenfreude iſt's, wodurch ſie ſich An eurem Gluͤck, an eurer Groͤße rächen. Der Herrſcher Fall, der hohen Häupter Sturz Iſt ihrer Lieder Stoff und ihr Geſpräch, Was ſich vom Sohn zum Enkel forterzaͤhlt, Womit ſie ſich die Winternächte kurzen. — O meine Söhne!l Feindlich iſt die Welt Und falſch geſinnt! Es liebt ein Jeder nur Sich ſelbſt; unſicher, los und wandelbar Sind alle Bande, die das leichte Glück Geflochten— Laune löst, was Laune knüpfte— Nur die Natur iſt redlich! Sie allein 399 Liegt an dem ew'gen Ankergrunde feſt, Wenn alles Andre auf den ſturmbewegten Wellen Des Lebens unſtet treibt— Die Neigung gibt Den Freund, es gibt der Vortheil den Gefährten; Wohl Dem, dem die Geburt den Bruder gab! Ihn kann das Glück nicht geben! Anerſchaffen Iſt ihm der Freund, und gegen eine Welt Voll Kriegs und Truges ſteht er zweifach da! Chor.(Cajetan.) Ja, es iſt etwas Großes, ich muß es verehren, Um einer Herrſcherin fürſtlichen Sinn: Ueber der Menſchen Thun und Verkehren Blickt ſie mit ruhiger Klarheit hin. Uns aber treibt das verworrene Streben Blind und ſinnlos durchs wüſte Leben. Iſabella(zu Don Ceſar). Du, der das Schwert auf ſeinen Bruder zückt! Sieh' dich umher in dieſer ganzen Schaar, Wo iſt ein edler Bild als deines Bruders? (Zu Don Manuel.) Wer unter Dieſen, die du Freunde nennſt, Darf deinem Bruder ſich zur Seite ſtellen? Ein Jeder iſt ein Muſter ſeines Alters, Und Keiner gleicht, und Keiner weicht dem Andern. Wagt es, euch in das Angeſicht zu ſehn! O Raſerei der Eiferſucht, des Neides! Ihn wuͤrdeſt du aus Tauſenden heraus Zum Freunde dir gewaͤhlt, ihn an dein Herz Geſchloſſen haben als den Einzigen; Und jetzt, da ihn die heilige Natur Dir gab, dir in der Wiege ſchon ihn ſchenkte⸗ Trittſt du, ein Frevler an dem eignen Blut, Mit ſtolzer Willkür ihr Geſchenk mit Füßen, Dich wegzuwerfen an den ſchlechtern Mann, Dich an den Feind und Fremdling anzuſchließen! ¹ Don Manuel. Höre mich, Mutter! Don Eeſur. Mutter, höre mich! Iſabella. Nicht Worte ſind's, die dieſen traur'gen Streit Erledigen— Hier iſt das Mein und Dein, Die Rache von der Schuld nicht mehr zu ſondern. — Wer möoͤcht noch das alte Bette finden Des Schwefelſtroms, der glühend ſich ergoß? Des unterird'ſchen Feuers ſchreckliche 8 Geburt iſt Alles, eine Lavarinde Liegt aufgeſchichtet uͤber den Geſunden, Und jeder Fußtritt wandelt auf Zerſtorung. — Nur dieſes Eine leg' ich euch ans Herz: Das Boͤſe, das der Mann, der mündige, Dem Manne zufügt, das, ich will es glauben, Vergibt ſich und verſöhnt ſich ſchwer. Der Mann Will ſeinen Haß, und keine Zeit verändert Den Rathſchluß, den er wohl beſonnen faßt. Doch eures Haders Urſprung ſteigt hinauf In unverſtänd'ger Kindheit frühe Zeit, Sein Alter iſt's, was ihn entwaffnen ſollte. Fraget zurück, was euch zuerſt entzweite; Ihr wißt es nicht, ja, fäͤndet ihr's auch aus, Ihr würdet euch des kind'ſchen Haders ſchaͤmen. Und dennoch iſt's der erſte Kinderſtreit, 401 Der, fortgezeugt in unglückſel'ger Kette, Die neueſte Unbill dieſes Tags geboren. Denn alle ſchwere Thaten, die bis jetzt geſchahn, Sind nur des Argwohns und der Rache Kinder. — und jene Knabenfehde wolltet ihr Noch jetzt fortkämpfen, da ihr Männer ſeyd? (Beider Hände faſſend.) O, meine Soͤhne! Kommt, entſchließet euch, Die Rechnung gegenſeitig zu vertilgen, Denn gleich auf beiden Seiten iſt das Unrecht. Seyd edel und großherzig ſchenkt einander Die unabtragbar ungeheure Schuld. Der Siege göttlichſter iſt das Vergeben! In eures Vaters Gruft werft ihn hinab, Den alten Haß der frühen Kinderzeit! Der ſchoͤnen Liebe ſey das neue Leben, Der Eintracht, der Verſoͤhnung ſey's geweiht. (Sie tritt einen Schritt zwiſchen Beiden zurück, als wollte ſie ihnen Raum geben, ſich einander zu nähern. Beide blicken zur Erde ohne einander anzuſehen.) Chor.(Cajetan.) Höret der Mutter vermahnende Rede, Wahrlich, ſie ſpricht ein gewichtiges Wort! Laßt es genug ſeyn und endet die Fehde, Oder gefällt's euch, ſo ſetzet ſie fort: Was euch genehm iſt, Das iſt mir gerecht, Ihr ſeyd die Herrſcher, und ich bin der Knecht. Iſabella (nachdem ſie einige Zeit innegehalten und v ergebens eine Aeußerung der Brüder erwartet, mit unterdrüchtem Sch merz. Jetzt weiß ich nichts mehr. Ausgeleert hab' ich Der Worte Köcher und erſchöpft der Bitten Kraft. Schillers ſaͤmmtl. Werke. V. 26 40² Im Grabe ruht, der euch gewaltſam bandigte, Und machtlos ſteht die Mutter zwiſchen euch. — Vollendet! Ihr habt freie Macht! Gehorcht Dem Daͤmon, der euch ſinnlos wüthend treibt! Ehrt nicht des Hausgotts heiligen Altar! Laßt dieſe Halle ſelbſt, die euch geboren, Den Schauplatz werden eures Wechſelmords. Vor eurer Mutter Aug' zerſtöret euch Mit euren eignen, nicht durch fremde Hände. Leib gegen Leib, wie das thebaniſche Paar, Rückt auf einander an, und, wuthwoll ringend, Umfanget euch mit eherner Umarmung! Leben um Leben tauſchend ſiege Jeder, Den Dolch einbohrend in des Andern Bruſt, Daß ſelbſt der Tod nicht eure Zwietracht heile, Die Flamme ſelbſt, des Feuers rothe Säule, Die ſich von eurem Scheiterhaufen hebt, Sich zweigeſpalten von einander theile, Ein ſchaudernd Bild, wie ihr geſtorben und gelebt. (Sie geht ab. Die Brüder bleiben noch in der vorigen Entfernung von einander ſtehen.) Beide Brüder. Beide Chöre. Chor.(Cajetan.) Es ſind nur Worte, die ſie geſprochen, Aber ſie haben den fröhlichen Muth In der felſigen Bruſt mir gebrochen. Ich nicht vergoß das verwandte Blut. Nein, zum Himmel erheb' ich die Haͤnde: Ihr ſeyd Bruder! Bedenket das Ende! 403 Don Ceſar(ohne Don Manuel anzuſehen). Du biſt der ältre Bruder, rede du! Dem Erſtgebornen weich' ich ohne Schande. Don Munuel(in derſelben Stellung). Sag' etwas Gutes, und ich folge gern Dem edeln Beiſpiel, das der Jungre gibt. Don Ceſar. Nicht, weil ich fuͤr den Schuldigeren mich Erkenne oder ſchwaͤcher gar mich fühle— Don Manuel. Nicht Kleinmuths zeiht Don Ceſarn, wer ihn kennt: Fühlt' er ſich ſchwächer, würd' er ſtolzer reden. Don Ceſar. Denkſt du von deinem Bruder nicht geringer? Don Manuel. Du biſt zu ſtolz zur Demuth, ich zur Lüge. Don CEeſar Verachtung nicht erträgt mein edles Herz; Doch in des Kampfes heftigſter Erbittrung Gedachteſt du mit Wurde deines Bruders. Don Manuel. Du willſt nicht meinen Tod: ich habe Proben. Ein Möoͤnch erbot ſich dir, mich meuchleriſch Zu morden; du beſtrafteſt den Verräther. Don Ceſar(tritt etwas näher). Hätt' ich dich früher ſo gerecht erkannt, Es waͤre Vieles ungeſchehn geblieben. Don Mannuel. Und, haͤtt' ich dir ein ſo verſöhnlich Herz Gewußt, viel Mühe ſpart' ich dann der Mutter. 404 Don Ceſar. Du wurdeſt mir viel ſtolzer abgeſchildert. Don Manuel. Es iſt der Fluch der Hohen, daß die Niedern Sich ihres offnen Ohrs bemachtigen. Don Ceſar(lebhaft). So iſt's. Die Diener tragen alle Schuld. Don Manuel. Die unſer Herz in bitterm Haß entfremdet. Don Ceſar. Die böſe Worte hin und wieder trugen. Don Manuel. Mit falſcher Deutung jede That vergiftet. Don Ceſar. Die Wunde naͤhrten, die ſie heilen ſollten. Don Manuel. Die Flamme ſchuͤrten, die ſie löſchen konnten. Don Ceſar. Wir waren die Verfuhrten, die Betrognen! Don Manuel. Das blinde Werkzeug fremder Leidenſchaft! Don Ceſar. Iſt's wahr, daß alles Andre treulos iſt— Don Manuel. Und falſch! Die Mutter ſagt's: du darfſt es glauben! Don Ceſar. So will ich dieſe Bruderhand ergreifen— (Er reicht ihm die Hand hin.) Don Manuel(ergreiſt ſie lebhaft). Die mir die nachſte iſt auf dieſer Welt. (Beide ſtehen Hand in Hand und betrachten einander eine Zeitlang ſchweigend.) Don Ceſar. Ich ſeh' dich an, und uͤberraſcht, erſtaunt Find' ich in dir der Mutter theure Züge. Don Manuel. Und eine Aehnlichkeit entdeckt ſich mir In dir, die mich noch wunderbarer rühret. Don Ceſar. Biſt du es wirklich, der dem jüngern Bruder So hold begegnet und ſo gütig ſpricht? Don Manuel. Iſt dieſer freundlich ſanftgeſinnte Jüngling Der uͤbelwollend mir gehaͤſſ'ge Bruder? (Wiederum Stillſchweigen; Jeder ſteht in dem Anblick des Andern verloren.) Don Ceſar. Du nahmſt die Pferde von arab'ſcher Zucht In Anſpruch aus dem Nachlaß unſers Vaters. Den Rittern, die du ſchickteſt, ſchlug ich's ab. Don Manuel. Sie ſind dir lieb, ich denke nicht mehr dran. Don Ceſar. Nein, nimm die Roſſe, nimm den Wagen auch Des Vaters, nimm ſie, ich beſchwoͤre dich! Don Manuecl. Ich will es thun, wenn du das Schloß am Meere Beziehen willſt, um das wir heftig ſtritten. Dan Ceſar. Ich nehm' es nicht, doch bin ich's wohl zufrieden, Daß wir's gemeinſam bruderlich bewohnen. Don Manuel. So ſey's! Warum ausſchließend Eigenthum Beſitzen, da die Herzen einig ſind? 406 Don Ceſar. Warum noch länger abgeſondert leben, Da wir, vereinigt, Jeder reicher werden? Don Manuel. Wir ſind nicht mehr getrennt, wir ſind vereinigt. (Er eilt in ſeine Arme.) Erſter Chor(zum zweiten).(Cajetan.) Was ſtehen wir hier noch feindlich geſchieden, Da die Fürſten ſich liebend umfaſſen? Ihrem Beiſpiel folg' ich und biete dir Frieden: Wollen wir einander denn ewig haſſen? Sind ſie Brüder durch Blutes Bande, Sind wir Bürger und Söhne von einem Lande. (Beide Chöre umarmen ſich.) Ein Bote tritt auf. Zweiter Chor Gu Don Ceſar.)(Bohemund.) Den Spaͤher, den du ausgeſendet, Herr, Erblick' ich wiederkehrend. Freue dich, Don Ceſar! Gute Botſchaft harret dein: Denn fröhlich ſtrahlt der Blick des Kommenden. Bote. Heil mir und Heil der fluchbefreiten Stadt! Des ſchönſten Anblicks wird mein Auge froh. Die Söoͤhne meines Herrn, die Furſten ſeh' ich In friedlichem Geſprache, Hand in Hand, Die ich in heißer Kampfeswuth verlaſſen. Don Ceſar. Du ſiehſt die Liebe aus des Haſſes Flammen Wie einen neu verjungten Phönir ſteigen. 407 Bote. Ein zweites leg' ich zu dem erſten Gluͤck! Mein Botenſtab ergrünt von friſchen Zweigen! Don Ceſar(ihn bei Seite führend). Laß hoͤren, was du bringſt. Bote. Ein einz'ger Tag Will Alles, was erfreulich iſt, verſammeln. Auch die Verlorene, nach der wir ſuchten, Sie iſt gefunden, Herr, ſie iſt nicht weit. Don Ceſar. Sie iſt gefunden! O, wo iſt ſie? Sprich! Bote. Hier in Meſſina, Herr, verbirgt ſie ſich. Don Manuel(zu dem erſten Halbchor gewendet). Von hoher Röthe Glut ſeh' ich die Wangen Des Bruders glanzen, und ſein Auge blitzt. Ich weiß nicht, was es iſt; doch iſt's die Farbe Der Freude, und mitfreuend theil' ich ſie. Don Ceſar(zu dem Boten). Komm, führe mich!— Leb' wohl, Don Manuel! Im Arm der Mutter finden wir uns wieder; Jetzt fordert mich ein dringend Werk von hier. (Er will gehen.) Don Manuel. Verſchieb' es nicht. Das Glück begleite dich. Don Ceſar(beſint ſich und kommt zurück). Don Mannel! Mehr, als ich ſagen kann, Freut mich dein Anblick— ja, mir ahnet ſchon, Wir werden uns wie Herzensfreunde lieben: Der langgebundne Trieb wird freud'ger nur 408 Und maächtsger ſtreben in der neuen Sonne, Nachholen werd' ich das verlorne Leben. Don Manuel. Die Blüthe deutet auf die ſchöne Frucht. Don Ceſar. Es iſt nicht recht, ich fühl's und tadle mich, Daß ich mich jetzt aus deinen Armen reiße: Denk' nicht, ich fuͤhle weniger, als du, Weil ich die feſtlich ſchoͤne Stunde raſch zerſchneide. Don Manuel(mit ſichtbarer Zerſtreuung). Gehorche du dem Augenblick! Der Liebe Gehoͤrt von Heute an das ganze Leben. Don Ceſar. Entdeckt' ich dir, was mich von hinnen ruft— Don Manunel. Laß mir dein Herz! Dir bleibe dein Geheimniß. Don Ceſar. Auch kein Geheimniß trenn' uns ferner mehr: Bald ſoll die letzte dunkle Falte ſchwinden! (Zu dem Chor gewendet.) Euch künd' ich's an, damit ihrs Alle wiſſet! Der Streit iſt abgeſchloſſen zwiſchen mir Und dem geliebten Bruder! Den erklar' ich Für meinen Todfeind und Beleidiger Und werd' ihn haſſen, wie der Hölle Pforten, Der den erloſchnen Funken unſers Streits Aufblast zu neuen Flammen— Hoffe Keiner Mir zu gefallen oder Dank zu ernten, Der von dem Bruder Böſes mir berichtet, Mit falſcher Dienſtbegier den bittern Pfeil Des raſchen Worts geſchaftig weiter ſendet. 409 — Nicht Wurzeln aus der Lippe ſchlägt das Wort, Das unbedacht dem ſchnellen Zorn entflohn; Doch, von dem Ohr des Argwohns aufgefangen, Kriecht es wie Schlingkraut endlos treibend fort Und hängt ans Herz ſich an mit tauſend Aeſten: So trennen endlich in Verworrenheit Unheilbar ſich die Guten und die Beſten! (Er umarmt den Bruder noch einmal und geht ab, von dem zweiten Chor begleitet.) Bon MMannuel und der erſte Chor. Chor.(Cajetan.) Verwundrungsvoll, o Herr, betracht' ich dich, Und faſt muß ich dich heute ganz verkennen. Mit karger Rede kaum erwiderſt du Des Bruders Liebesworte, der gutmeinend Mit offnem Herzen dir entgegen kommt. Verſunken in dich ſelber ſtehſt du da, Gleich einem Träumenden, als wäre nur Dein Leib zugegen, und die Seele fern. Wer ſo dich ſähe, möchte leicht der Kälte Dich zeihn und ſtolz unfreundlichen Gemuͤths; Ich aber will dich drum nicht fühllos ſchelten: Denn heiter blickſt du, wie ein Glücklicher, Um dich, und Lächeln ſpielt um deine Wangen. Don Manuel. Was ſoll ich ſagen? was erwidern? Mag Der Bruder Worte finden! Ihn ergreift Ein überraſchend neu Gefühl: er ſieht Den alten Haß aus ſeinem Buſen ſchwinden, Und wundernd fühlt er ſein verwandelt Herz. 410 Ich— habe keinen Haß mehr mitgebracht: Kaum weiß ich noch, warum wir blutig ſtritten. Denn über allen ird'ſchen Dingen hoch Schwebt mir auf Freudenfittigen die Seele, Und in dem Glanzesmeer, das mich umfaͤngt, Sind alle Wolken mir und finſtre Falten Des Lebens ausgeglättet und verſchwunden. — Ich ſehe dieſe Hallen, dieſe Sale, Und denke mir das freudige Erſchrecken Der überraſchten, hoch erſtaunten Braut, Wenn ich als Fürſtin ſie und Herrſcherin Durch dieſes Hauſes Pforten führen werde. — Noch liebt ſie nur den Liebenden! Dem Fremdling, Dem Namenloſen hat ſie ſich gegeben. Nicht ahnet ſie, daß es Don Manuel, Meſſinas Fürſt iſt, der die goldne Binde Ihr um die ſchöne Stirne flechten wird. Wie ſüß iſt's, das Geliebte zu beglücken Mit ungehoffter Größe, Glanz und Schein! Längſt ſpart' ich mir dies höchſte der Entzücken: Wohl bleibt es ſtets ſein hochſter Schmuck allein; Doch auch die Hoheit darf das Schöne ſchmuͤcken, Der goldne Reif erhebt den Edelſtein. 3 Chor.(Cajetan.) Ich hoͤre dich, o Herr, vom langen Schweigen Zum Erſtenmal den ſtummen Mund entſiegeln. Mit Spaͤheraugen folgt' ich dir ſchon längſt, Ein ſeltſam wunderbar Geheimniß ahnend; Doch nicht erkühnt' ich mich, was du vor mir In tiefes Dunkel hüllſt, dir abzufragen. Dich reizt nicht mehr der Jagden muntre Luſt, 411 Der Roſſe Wettlauf und des Falken Sieg. Aus der Gefährten Aug' verſchwindeſt du, So oft die Sonne ſinkt zum Himmelrande, Und Keiner unſers Chors, die wir dich ſonſt In jeder Kriegs⸗ und Jagdgefahr begleiten, Mag deines ſtillen Pfads Gefährte ſeyn. Warum verſchleierſt du bis dieſen Tag Dein Liebesglück mit dieſer neid'ſchen Hülle? Was zwingt den Mächtigen, daß er verhehle? Denn Furcht iſt fern vor deiner großen Seele. Don Manuel. Geflügelt iſt das Glück und ſchwer zu binden: Nur in verſchloſſ'ner Lade wird's bewahrt. Das Schweigen iſt zum Huter ihm geſetzt, Und raſch entfliegt es, wenn Geſchwätzigkeit Voreilig wagt, die Decke zu erheben. Doch jetzt, dem Ziel ſo nahe, darf ich wohl Das lange Schweigen brechen, und ich will's. Denn mit der nächſten Morgenſonne Strahl Iſt ſie die Meine, und des Dämons Neid Wird keine Macht mehr haben über mich. Nicht mehr verſtohlen werd' ich zu ihr ſchleichen, Nicht rauben mehr der Liebe goldne Frucht, Nicht mehr die Freude haſchen auf der Flucht, Das Morgen wird dem ſchönen Heute gleichen; Nicht Blitzen gleich, die ſchnell vorüber ſchießen Und plötzlich von der Nacht verſchlungen ſind, Mein Glück wird ſeyn, gleichwie des Baches Fließen, Gleichwie der Sand des Stundenglaſes rinnt. Chor.(Cajetan.) So nenne ſie uns, Herr, die dich im Stillen 412 Begluͤckt, daß wir dein Los beneidend rühmen Und würdig ehren unſers Fuͤrſten Braut. Sag' an, wo du ſie fandeſt, wo verbirgſt, In welches Orts verſchwiegener Heimlichkeit? Denn wir durchziehen ſchwärmend weit und breit Die Inſel auf der Jagd verſchlungnen Pfaden; Doch keine Spur hat uns dein Glück verrathen, So daß ich bald mich überreden möchte, Es hülle ſie ein Zaubernebel ein. Don Manuel. Den Zauber löſ' ich auf: denn heute noch Soll, was verborgen war, die Sonne ſchauen. Vernehmet denn und höoͤrt, wie mir geſchah. Fünf Monde ſind's, es herrſchte noch im Lande Des Vaters Macht und beugete gewaltſam Der Jugend ſtarren Nacken in das Joch— Nichts kannt' ich als der Waffen wilde Freuden Und als des Waidwerks kriegeriſche Luſt. — Wir hatten ſchon den ganzen Tag gejagt Entlang des Waldgebirges— da geſchah's, Daß die Verfolgung einer weißen Hindin Mich weit hinweg aus eurem Haufen riß. Das ſcheue Thier floh durch des Thales Krümmen, Durch Buſch und Kluft und bahnenlos Geſtrüpp; Auf Wurfes Weite ſah ich's ſtets vor mir, Doch konnt' ich's nicht erreichen, noch erzielen, Bis es zuletzt an eines Gartens Pforte mir Verſchwand. Schnell von dem Roß herab mich werfend Dring' ich ihm nach, ſchon mit dem Speere zielend: Da ſeh' ich wundernd das erſchrockne Thier Zu einer Nonne Füßen zitternd liegen, 413 Die es mit zarten Haͤnden ſchmeichelnd kost. Bewegungslos ſtarr' ich das Wunder an, Den Jagdſpieß in der Hand, zum Wurf ausholend— Sie aber blickt mit großen Augen flehend Mich an. So ſtehn wir ſchweigend gegen einander— Wie lange Friſt, das kann ich nicht ermeſſen, Denn alles Maß der Zeiten war vergeſſen. Tief in die Seele drückt' ſie mir den Blick, Und umgewandelt ſchnell iſt mir das Herz. — Was ich nun ſprach, was die Holdſel'ge mir Erwidert, möge Niemand mich befragen, Denn wie ein Traumbild liegt es hinter mir Aus früher Kindheit dämmerhellen Tagen. An meiner Bruſt fühlt' ich die ihre ſchlagen, Als die Beſinnungskraft mir wieder kam. Da hört' ich einer Glocke helles Lauten, Den Ruf zur Hora ſchien es zu bedeuten, Und ſchnell, wie Geiſter in die Luft verwehen, Entſchwand ſie mir und ward nicht mehr geſehen. Chor.(Cajetan.) Mit Furcht, o Herr, erfüllt mich dein Bericht. Raub haſt du an dem Göttlichen begangen, Des Himmels Braut berührt mit ſundigem Verlangen, Denn furchtbar heilig iſt des Kloſters Pflicht. Don Manuel. Jetzt hatt' ich eine Straße nur zu wandeln: Das unſtet ſchwanke Sehnen war gebunden, Dem Leben war ſein Inhalt ausgefunden; Und, wie der Pilger ſich nach Oſten wendet, Wo ihm die Sonne der Verheißung glänzt, So kehrte ſich mein Hoffen und mein Sehnen 414 Dem einen hellen Himmelspunkte zu. Kein Tag entſtieg dem Meer und ſank hinunter, Der nicht zwei glücklich Liebende vereinte. Geflochten ſtill war unſrer Herzen Bund, Nur der allſehnde Aether über uns War des verſchwiegnen Glucks vertrauter Zeuge: Es brauchte weiter keines Menſchen Dienſt. Das waren goldne Stunden, ſel'ge Tage! — Nicht Raub am Himmel war mein Glück, denn noch Durch kein Geluͤbde war das Herz gefeſſelt, Das ſich auf ewig mir zu eigen gab. Chor.(Cajetan.) So war das Kloſter eine Freiſtatt nur Der zarten Jugend, nicht des Lebens Grab? Don Manuel. Ein heilig Pfand ward ſie dem Gotteshaus Vertraut, das man zurück einſt werde fordern. Chor.(Cajetan.) Doch welches Blutes rühmt ſie ſich zu ſeyn? Denn nur vom Edeln kann das Edle ſtammen. Don Manuel. Sich ſelber ein Geheimniß wuchs ſie auf. Nicht kennt ſie ihr Geſchlecht, noch Vaterland. Chor.(Cajetan.) Und leitet keine dunkle Spur zurück Zu ihres Daſeyns unbekannten Quellen? Don Manuel. Daß ſie von edelm Blut, geſteht der Mann, Der einz'ge, der um ihre Herkunft weiß. Chor.(Cajetan.) Wer iſt der Mann? Nichts halte mir zuruͤck, Denn wiſſend nur kann ich dir nützlich rathen. Don Manuel. Ein alter Diener naht von Zeit zu Zeit, Der einz'ge Bote zwiſchen Kind und Mutter. Chor.(Cajetan.) Von dieſem Alten haſt du nichts erforſcht? Feigherzig und geſchwaͤtzig iſt das Alter. Don Manuel. Nie wagt' ich's, einer Neugier nachzugeben, Die mein verſchwiegnes Glück gefährden konnte. Chor.(Cajetan.) Was aber war der Inhalt ſeiner Worte, Wenn er die Jungfrau zu beſuchen kam? . Don Manuel. Auf eine Zeit, die Alles löſen würde, Hat er von Jahr zu Jahren ſie vertröſtet. Chor.(Cajetan.) Und dieſe Zeit, die Alles löſen ſoll, Hat er ſie näher deutend nicht bezeichnet? Don Manuel. Seit wenig Monden drohete der Greis Mit einer nahen Aendrung ihres Schickſals. Chor.(Cajetan.) Er drohte, ſagſt du? Alſo fürchteſt du Ein Licht zu ſchöpfen, das dich nicht erfreut? Don Manuel. Ein jeder Wechſel ſchreckt den Glücklichen: Wo kein Gewinn zu hoffen, droht Verluſt. 416 Chor.(Cajetan.) Doch konnte die Entdeckung, die du fürchteſt, Auch deiner Liebe günſt'ge Zeichen bringen. Don Manuel. Auch ſtürzen konnte ſie mein Glück: drum wählt' ich Das Sicherſte, ihr ſchnell zuvor zu kommen. Chor.(Cajetan.) Wie Das, o Herr? Mit Furcht erfüllſt du mich, Und eine raſche That muß ich beſorgen. Don Manuel. Schon ſeit den letzten Monden ließ der Greis Geheimnißvolle Winke ſich entfallen, Daß nicht mehr ferne ſey der Tag, der ſie Den Ihrigen zurücke geben werde. Seit Geſtern aber ſprach er's deutlich aus, Daß mit der nächſten Morgenſonne Strahl— Dies aber iſt der Tag, der heute leuchtet— Ihr Schickſal ſich entſcheidend werde löſen. Kein Augenblick war zu verlieren: ſchnell War mein Entſchluß gefaßt und ſchnell vollſtreckt. In dieſer Nacht raubt' ich die Jungfrau weg Und brachte ſie verborgen nach Meſſina. Chor.(Cajetan.), Welch kühn verwegen räuberiſche That! — Verzeih', o Herr, die freie Tadelrede! Doch Solches iſt des weiſern Alters Recht, Wenn ſich die raſche Jugend kühn vergißt. Don Munuel. Unfern vom Kloſter der Barmherzigen, In eines Gartens abgeſchiedner Stille, Der von der Neugier nicht betreten wird, 417 Trennt' ich mich eben jetzt von ihr, hieher Zu der Verſöhnung mit dem Bruder eilend. In banger Furcht ließ ich ſie dort allein Zurück, die ſich nichts weniger erwartet, Als in dem Glanz der Fürſtin eingeholt Und auf erhabnem Fußgeſtell des Ruhms Vor ganz Meſſina ausgeſtellt zu werden. Denn anders nicht ſoll ſie mich wiederſehn, Als in der Größe Schmuck und Staat und feſtlich Von eurem ritterlichen Chor umgeben. Nicht will ich, daß Don Manuels Verlobte Als eine Heimathloſe, Fluͤchtige Der Mutter nahen ſoll, die ich ihr gebe; Als eine Fürſtin fürſtlich will ich ſie Einführen in die Hofburg meiner Väter. Chor.(Cajetan.) Gebiete, Herr! Wir harren deines Winks. Don Manuel. Ich habe mich aus ihrem Arm geriſſen, Doch nur mit ihr werd' ich beſchäftigt ſeyn. Denn nach dem Bazar ſollt ihr mich anjetzt Begleiten, wo die Mohren zum Verkauf Ausſtellen, was das Morgenland erzeugt An edelm Stoff und feinem Kunſtgebild'. Erſt wählet aus die zierlichen Sandalen, Der zartgeformten Füße Schutz und Zier; Dann zum Gewande wäahlt das Kunſtgewebe Des Indiers, hellglänzend, wie der Schnee Des Aetna, der der Nachſte iſt dem Licht— Und leicht umfließ es, wie der Morgenduft, Den zarten Bau der jugendlichen Glieder. Schillers ſaͤmmtl. Werke. V. 27 418 Von Purpur ſey, mit zarten Fäden Goldes Durchwirkt, der Gürtel, der die Tunica Unter dem zücht'’gen Buſen reizend knüpft. Dazu den Mantel wählt, von glänzender Seide gewebt, in gleichem Purpur ſchimmernd Ueber der Achſel heft' ihn eine goldene Eicade— Auch die Spangen nicht vergeßt, Die ſchoͤnen Arme reizend zu umzirken, Auch nicht der Perlen und Korallen Schmuck, Der Meeresgöttin wunderſame Gaben. Um die Locken winde ſich ein Diadem, Gefüget aus dem köſtlichſten Geſtein, Worin der feurig glühende Rubin Mit dem Smaragd die Farbenblitze kreuze. Oben im Haarſchmuck ſey der lange Schleier Befeſtigt, der die glänzende Geſtalt, Gleich einem hellen Lichtgewölk, umfließe, Und, mit der Myrthe jungfräulichem Kranze, Vollende krönend ſich das ſchöne Ganze. Chor.(Cajetan.) Es ſoll geſchehen, Herr, wie du gebieteſt, Denn fertig und vollendet findet ſich Dies Alles in dem Bazar ausgeſtellt. Don Manuel. Den ſchoͤnſten Zelter führet dann hervor Aus meinen Ställen; ſeine Farbe ſey Lichtweiß, gleichwie des Sonnengottes Pferde, Von Purpur ſey die Decke, und Geſchirr Und Zügel reich beſetzt mit edeln Steinen: Denn tragen ſoll er meine Königin! Ihr ſelber haltet euch bereit, im Glanz 419 Des Ritterſtaates, unterm freud'gen Schall Der Hörner, eure Fürſtin heimzuführen. Dies Alles zu beſorgen, geh' ich jetzt; Zwei unter euch erwähl' ich zu Begleitern; Ihr Andern wartet mein— Was ihr vernahmt, Bewahrt's in eures Buſens tiefem Grunde, Bis ich das Band gelöst von eurem Munde. (Er geht ab, von Zweien aus dem Chor begleitet.) Chor.(Cajetan.) Sage, was werden wir jetzt beginnen, Da die Fürſten ruhen vom Streit, Auszufüllen die Leere der Stunden Und die lange unendliche Zeit? Etwas fürchten und hoffen und ſorgen Muß der Menſch für den kommenden Morgen, Daß er die Schwere des Daſeyns ertrage Und das ermüdende Gleichmaß der Tage Und mit erfriſchendem Windesweben Kräuſelnd bewege das ſtockende Leben. Siner aus dem Chor.(Manfred.) Schön iſt der Friede! Ein lieblicher Knabe Liegt er gelagert am ruhigen Bach, Und die hüpfenden Lämmer graſen Luſtig um ihn auf dem ſonnigen Raſen; Süßes Tönen entlockt er der Flote, Und das Echo des Berges wird wach, Oder im Schimmer der Abendröthe Wiegt ihn in Schlummer der murmelnde Bach— Aber der Krieg auch hat ſeine Ehre, Der Beweger des Menſchengeſchicks; Mir gefaͤllt ein lebendiges Leben, Mir ein ewiges Schwanken und Schwingen und Schweben Auf der ſteigenden, fallenden Welle des Glücks. Denn der Menſch verkümmert im Frieden; Müßige Ruh' iſt das Grab des Muths. Das Geſetz iſt der Freund des Schwachen: Alles will es nur eben machen, Möchte gern die Welt verflachen; Aber der Krieg läßt die Kraft erſcheinen, Alles erhebt er zum Ungemeinen, Selber dem Feigen erzeugt er den Muth. Ein Zweiter.(Berengar.) Stehen nicht Amors Tempel offen? Wallet nicht zu dem Schönen die Welt? Da iſt das Fürchten! da iſt das Hoffen! König iſt hier, wer den Augen gefällt! „Auch die Liebe beweget das Leben, Daß ſich die graulichen Farben erheben. Reizend betrügt ſie die glücklichen Jahre, Die gefällige Tochter des Schaums; In das Gemeine und Traurigwahre Webt ſie die Bilder des goldenen Traums. Ein Dritter.(Cajetan.) Bleibe die Blume dem blühenden Lenze, Scheine das Schöne, und flechte ſich Kränze, Wem die Locken noch jugendlich grüͤnen; Aber dem mannlichen Alter ziemt's, Einem ernſteren Gott zu dienen. Erſter.(Manfred.) Der ſtrengen Diana, der Freundin der Jagden, Laſſet uns folgen ins wilde Geholz, Wo die Waͤlder am dunkelſten nachten, Und den Springbock ſtürzen vom Fels. Denn die Jagd iſt ein Gleichniß der Schlachten, Des ernſten Kriegsgotts luſtige Braut— Man iſt auf mit dem Morgenſtrahl, Wenn die ſchmetternden Hörner laden Luſtig hinaus in das dampfende Thal, Ueber Berge, über Klüfte, Die ermatteten Glieder zu baden In den erfriſchenden Strömen der Lüfte! Zweiter.(Berengar.) Oder wollen wir uns der blauen Goͤttin, der ewig bewegten, vertrauen, Die uns mit freundlicher Spiegelhelle Ladet in ihren unendlichen Schoß? Bauen wir auf der tanzenden Welle Uns ein luſtig ſchwimmendes Schloß? Wer das grüne, kryſtallene Feld Pflügt mit des Schiffes eilendem Kiele, Der vermäͤhlt ſich das Glück, Dem gehört die Welt: Ohne die Saat erblüht ihm die Ernte! Denn das Meer iſt der Raum der Hoffnung Und der Zufälle launiſch Reich! Hier wird der Reiche ſchnell zum Armen, Und der Aermſte dem Fuͤrſten gleich. Wie der Wind mit Gedankenſchnelle Läuft um die ganze Windesroſe, Wechſeln hier des Geſchickes Loſe, Dreht das Glück ſeine Kugel um: Auf den Wellen iſt Alles Welle, Auf dem Meer iſt kein Eigenthum. 422 Dritter.(Cajetan.) Aber nicht bloß im Wellenreiche, Auf der wogenden Meeresflut, Auch auf der Erde, ſo feſt ſie ruht Auf den ewigen, alten Saulen, Wanket das Glück und will nicht weilen. — Sorge gibt mir dieſer neue Frieden, Und nicht fröhlich mag ich ihm vertrauen; Auf der Lava, die der Berg geſchieden, Möcht' ich nimmer meine Hütte bauen. Denn zu tief ſchon hat der Haß gefreſſen, Und zu ſchwere Thaten ſind geſchehn, Die ſich nie vergeben und vergeſſen; NRoch hab' ich das Ende nicht geſehn, Und mich ſchrecken ahnungsvolle Traͤume! Nicht Wahrſagung reden ſoll mein Mund; Aber ſehr mißfällt mir dies Geheime, Dieſer Ehe ſegenloſer Bund, Dieſe lichtſcheu krummen Liebespfade, Dieſes Kloſterraubs verwegne That: Denn das Gute liebt ſich das Gerade! Böſe Früchte trägt die böſe Saat. (Berengar.) Auch ein Raub war's, wie wir Alle wiſſen, Der des alten Fürſten eheliches Gemahl In ein frevelnd Ehebett geriſſen, Denn ſie war des Vaters Wahl. Und der Ahnherr ſchüttete im Zorne Grauenvoller Flüche ſchrecklichen Samen Auf das ſündige Ehebett aus. 423 Gräuelthaten ohne Namen, Schwarze Verbrechen verbirgt dies Haus. Chor. Cajetan.) Ja, es hat nicht gut begonnen, Glaubt mir, und es endet nicht gut; Denn gebußt wird unter der Sonnen Jede That der verblendeten Wuth. Es iſt kein Zufall und blindes Los, Daß die Brüder ſich wüthend ſelbſt zerſtören: Denn verflucht ward der Mutterſchoß, Sie ſollte den Haß und den Streit gebären. — Aber ich will es ſchweigend verhüllen, Denn die Rachegöͤtter ſchaffen im Stillen; Zeit iſt's, die Unfälle zu beweinen, Wenn ſie nahen und wirklich erſcheinen. (Der Chor geht ab.) Die Scene verwandelt ſich in einen Garten, der die Ausſicht auf das Meer eröffnet. Aus einem anſtoßenden Gartenſaale tritt Beatrice (geht unruhig auf und nieder, nach allen Seiten umherſpähend. Plötzlich ſteht ſie ſtill und horcht). Er iſt es nicht— Es war der Winde Spiel, Die durch der Pinie Wipfel ſauſend ſtreichen; Schon neigt die Sonne ſich zu ihrem Ziel; Mit trägem Schritt ſeh' ich die Stunden ſchleichen, Und mich ergreift ein ſchauerndes Gefühl, Es ſchreckt mich ſelbſt das weſenloſe Schweigen. Nichts zeigt ſich mir, wie weit die Blicke tragen; Er läßt mich hier in meiner Angſt verzagen. 424 Und nahe hör' ich, wie ein rauſchend Wehr, Die Stadt, die völkerwimmelnde, ertoſen; Ich höre fern das ungeheure Meer An ſeine Ufer dumpferbrandend ſtoßen. Es ſtürmen alle Schrecken auf mich her; Klein fühl' ich mich in dieſem Furchtbargroßen, Und, fortgeſchleudert, wie das Blatt vom Baume, Verlier' ich mich im gränzenloſen Raume. Warum verließ ich meine ſtille Zelle? Da lebt' ich ohne Sehnſucht, ohne Harm! Das Herz war ruhig, wie die Wieſenqguelle, An Wünſchen leer, doch nicht an Freuden arm. Ergriffen jetzt hat mich des Lebens Welle, Mich faßt die Welt in ihren Rieſenarm; Zerriſſen hab' ich alle frühre Bande, Vertrauend eines Schwures leichtem Pfande. Wo waren die Sinne? Was hab' ich gethan? Ergriff mich bethoͤrend Ein raſender Wahn? Den Schleier zerriß ich Jungfräulicher Zucht; Die Pforten durchbrach ich der heiligen Zelle! Umſtrickte mich blendend ein Zauber der Hölle? Dem Manne folgt' ich, Dem kühnen Entführer, in ſträflicher Flucht. O, komm mein Geliebter! Wo bleibſt du und ſäumeſt? Befreie, befreie Die kämpfende Seele! Mich naget die Reue, Es faßt mich der Schmerz. Mit liebender Nähe verſichre mein Herz! 425 Und ſollt' ich mich dem Manne nicht ergeben, Der in der Welt allein ſich an mich ſchloß? Denn ausgeſetzt ward ich ins fremde Leben, Und frühe ſchon hat mich ein ſtrenges Los (Ich darf den dunkeln Schleier nicht erheben) Geriſſen von dem mütterlichen Schoß. Nur einmal ſah ich ſie, die mich geboren, Doch wie ein Traum ging mir das Bild verloren. Und ſo erwuchs ich ſtill am ſtillen Orte, In Lebensglut den Schatten beigeſellt: — Da ſtand er plöoͤtzlich an des Kloſters Pforte, Schön, wie ein Gott, und mannlich, wie ein Held. O, mein Empfinden nennen keine Worte! Fremd kam er mir aus einer fremden Welt, Und ſchnell, als wär' es ewig ſo geweſen, Schloß ſich der Bund, den keine Menſchen löſen. Vergib, du Herrliche, die mich geboren, Daß ich, vorgreifend den verhängten Stunden, Mir eigenmächtig mein Geſchick erkoren. Nicht frei erwählt' ich's; es hat mich gefunden: Eindringt der Gott auch zu verſchloſſ'nen Thoren; Zu Perſeus Thurm hat er den Weg gefunden, Dem Daͤmon iſt ſein Opfer unverloren. War' es an öde Klippen angebunden Und an des Atlas himmeltragende Säulen, So wird ein Flügelroß es dort ereilen. Nicht hinter mich begehr' ich mehr zu ſchauen, In keine Heimat ſehn' ich mich zurück; Der Liebe will ich liebend mich vertrauen: Gibt es ein ſchönres als der Liebe Glück? 426 Mit meinem Los will ich mich gern beſcheiden, Ich kenne nicht des Lebens andre Freuden. Nicht kenn' ich ſie und will ſie nimmer kennen, Die ſich die Stifter meiner Tage nennen, Wenn ſie von dir mich, mein Geliebter, trennen. Ein ewig Räthſel bleiben will ich mir; Ich weiß genug: ich lebe dirl⸗ (Aufmerkend.) Horch, der lieben Stimme Schall! — Nein, es war der Widerhall Und des Meeres dumpfes Brauſen, Das ſich an den Ufern bricht, Der Geliebte iſt es nicht! Weh' mir! Weh' mir! Wo er weilet! Mich umſchlingt ein kaltes Grauſen! Immer tiefer Sinkt die Sonne! Immer öder Wird die Oede! Immer ſchwerer Wird das Herz— Wo zögert er? (Sie geht unruhig umher.) Aus des Gartens ſichern Mauern Wag' ich meinen Schritt nicht mehr. Kalt ergriff mich das Entſetzen, Als ich in die nahe Kirche Wagte meinen Fuß zu ſetzen: Denn mich trieb's mit macht'gem Drang, Aus der Seele tiefſten Tiefen, Als ſie zu der Hora riefen, Hinzuknien an heil'ger Stätte, 427 Zu der Göttlichen zu flehn, Nimmer konnt' ich widerſtehn. Wenn ein Lauſcher mich erſpähte? Voll von Feinden iſt die Welt, Argliſt hat auf allen Pfaden, Fromme Unſchuld zu verrathen, Ihr betrüglich Netz geſtellt. Grauend hab' ich's ſchon erfahren, Als ich, aus des Kloſters Hut, In die fremden Menſchenſchaaren Mich gewagt mit frevelm Muth. Dort, bei jenes Feſtes Feier, Da der Fürſt begraben ward, Mein Erkühnen buüßt' ich theuer; Nur ein Gott hat mich bewahrt— Da der Jüngling mir, der fremde, Nahte, mit dem Flammenauge, Und mit Blicken, die mich ſchreckten, Mir das Innerſte durchzuckten, In das tiefſte Herz mir ſchaute— Noch durchſchauert kaltes Grauen, Da ich's denke, mir die Bruſt! Nimmer, nimmer kann ich ſchauen In die Augen des Geliebten, Dieſer ſtillen Schuld bewußt! (Aufhorchend.) Stimmen im Garten! Er iſt's, der Geliebte! Er ſelber! Jetzt täuſchte Kein Blendwerk mein Ohr. Es naht, es vermehrt ſich! 428 In ſeine Arme! An ſeine Bruſt! (Sie eilt mit ausgebreiteten Armen nach der Tieſe des Gartens. Don Ceſar tritt ihr entgegen.) Don Ceſar. Beatrice. Der Char. Beatrice(mit Schrecken zurückfahrend). Weh' mir! Was ſeh' ich? (n demſelben Augenblick tritt auch der Chor ein.) Don Ceſar. Holde Schoͤnheit, fürchte nichts! (Zu dem Chor.) Der rauhe Anblick eurer Waffen ſchreckt Die zarte Jungfrau— Weicht zurück und bleibt In ehrerbiet'ger Ferne! (Zu Beatricen.) Fürchte nichts! Die holde Scham, die Schönheit iſt mir heilig. (Der Chor hat ſich zurückgezogen. Er tritt ihr näher und ergreift ihre Hand.) Wo warſt du? Welches Gottes Macht entrückte, Verbarg dich dieſe lange Zeit? Dich hab' ich Geſucht, nach dir geforſchet; wachend, traͤumend Warſt du des Herzens einziges Gefühl, Seit ich bei jenem Leichenfeſt des Fürſten, Wie eines Engels Lichterſcheinung, dich Zum Erſtenmal erblickte— Nicht verborgen Blieb dir die Macht, mit der du mich bezwangſt. Der Blicke Feuer und der Lippe Stammeln, Die Hand, die in der deinen zitternd lag, Verrieth ſie dir— ein kühneres Geſtändniß 429 Verbot des Ortes ernſte Majeſtät. — Der Meſſe Hochamt rief mich zum Gebet, Und, da ich von den Knien jetzt erſtanden, Die erſten Blicke ſchnell auf dich ſich heften, Warſt du aus meinen Augen weggerückt; Doch nachgezogen mit allmaͤcht'gen Zauberbanden Haſt du mein Herz mit allen ſeinen Kräften. Seit dieſem Tage ſucht' ich raſtlos dich An aller Kirchen und Paläͤſte Pforten; An allen offnen und verborgnen Orten, Wo ſich die ſchöne Unſchuld zeigen kann, Hab' ich das Netz der Späher ausgebreitet; Doch meiner Mühe ſah ich keine Frucht, Bis endlich heut', von einem Gott geleitet, Des Spahers glückbekrönte Wachſamkeit In dieſer nächſten Kirche dich entdeckte. (Gier macht Beatrice, welche in dieſer ganzen Zeit zitternd und abgewandt geſtanden, eine Bewegung des Schreckens.) Ich habe dich wieder, und der Geiſt verlaſſe Uher die Glieder, eh' ich von dir ſcheide! Und, daß ich feſt ſogleich den Zufall faſſe Und mich verwahre vor des Daͤmons Neide, So red' ich dich vor dieſen Zeugen allen Als meine Gattin an und reiche dir Zum Pfande Deß die ritterliche Rechte. (Er ſtellt ſie dem Chor dar.) Nicht forſchen will ich, wer du biſt— Ich will Nur dich von dir: nichts frag' ich nach dem Andern. Daß deine Seele, wie dein Urſprung, rein, Hat mir dein erſter Blick verbürget und geſchworen, End, warſt du ſelbſt die Niedrigſte geboren, 430 Du muüßteſt dennoch meine Liebe ſeyn: Die Freiheit hab' ich und die Wahl verloren. Und, daß du wiſſen mögeſt, ob ich auch Herr meiner Thaten ſey und hoch genug Geſtellt auf dieſer Welt, auch das Geliebte Mit ſtarkem Arm zu mir emporzuheben, Bedarf's nur, meinen Namen dir zu nennen. — Ich bin Don Ceſar, und in dieſer Stadt Meſſina iſt kein Größrer über mir. (Beatrice ſchaudert zurück; er bemerkt es und fährt nach einer kleinen Weile fort.) Dein Staunen lob' ich und dein ſittſam Schweigen: Schamhafte Demuth iſt der Reize Krone, Denn ein Verborgenes iſt ſich das Schöne, Und es erſchrickt vor ſeiner eignen Macht. — Ich geh' und üuͤberlaſſe dich dir ſelbſt, Daß ſich dein Geiſt von ſeinem Schrecken löſe: Denn jedes Neue, auch das Gluͤck, erſchreckt. (Zu dem Chor.) Gebt ihr— ſie iſt's von dieſem Augenblick— Die Ehre meiner Braut und eurer Fürſtin! Belehret ſie von ihres Standes Größe. Bald kehr' ich ſelbſt zurück, ſie heimzuführen, Wie's meiner würdig iſt und ihr gebührt. (Er geht ab.) Beatrice und der Chor. Chor.(Bohemund.) Heil dir, o Jungfrau, Liebliche Herrſcherin! 431 Dein iſt die Krone, Dein iſt der Sieg! Als die Erhalterin Dieſes Geſchlechtes,. Künftiger Helden Blühende Mutter begrüß' ich dich! (Roger.) Dreifaches Heil dir! Mit glücklichen Zeichen, Glückliche, trittſt du In ein göͤtterbegünſtigtes, glückliches Haus, Wo die Kraͤnze des Ruhmes hangen, Und das goldne Scepter in ſtetiger Reihe Wandert vom Ahnherrn zum Enkel hinab. (Bohemund.) Deines lieblichen Eintritts Werden ſich freuen Die Penaten des Hauſes, Die hohen, die ernſten, Verehrten Alten. An der Schwelle empfangen Wird dich die immer bluͤhende Hebe und die goldne Victoria, Die geflügelte Göttin, Die auf der Hand ſchwebt des ewigen Vaters, Ewig die Schwingen zum Siege geſpannt. (Roger.) Nimmer entweicht Die Krone der Schönheit Aus dieſem Geſchlechte; Scheidend reicht 4³² Eine Fuͤrſtin der andern Den Gürtel der Anmuth und den Schleier der züchtigen Scham. Aber das Schoͤnſte Erlebt mein Auge: Denn ich ſehe die Blume der Tochter, Ehe die Blume der Mutter verblüht. Beatrice(aus ihrem Schrecken erwachend). Wehe mir! In welche Hand Hat das Unglück mich gegeben! Unter Allen, Welche leben, Nicht in dieſe ſollt' ich fallen! Jetzt verſteh' ich das Entſetzen, Das geheimnißvolle Grauen, Das mich ſchaudernd ſrets gefaßt, Wenn man mir den Namen nannte Dieſes furchtbaren Geſchlechtes, 3 Das ſich ſelbſt vertilgend haßt, Gegen ſeine eignen Glieder Wüthend mit Erbittrung rast! Schaudernd hört' ich oft und wieder Von dem Schlangenhaß der Brüder, Und jetzt reißt mein Schreckenſchickſal Mich, die Arme, Rettungsloſe, In den Strudel dieſes Haſſes, Dieſes Unglücks mich hinein! (Sie flieht in den Gartenſaal.) Chor.(Bohemund.) Den begünſtigten Sohn der Götter beneid' ich, Den beglückten Beſitzer der Macht! 43³ Immer das Köſtlichſte iſt ſein Antheil, Und von Allem, was hoch und herrlich Von den Sterblichen wird geprieſen, Bricht er die Blume ſich ab. (Roger.) Von den Perlen, welche der tauchende Fiſcher Auffängt, waͤhlt er die reinſten für ſich. Für den Herrſcher legt man zuruͤck das Beſte, Was gewonnen ward in gemeinſamer Arbeit. Wenn ſich die Diener durchs Los vergleichen, Ihm iſt das Schönſte gewiß. (Bohemund.) Aber Eines doch iſt ſein köſtlichſtes Kleinod— Jeder andre Vorzug ſey ihm gegönnt, Dieſes beneid' ich ihm unter Allem— Daß er heimführt die Blume der Frauen, Die das Entzücken iſt aller Augen, Daß er ſie eigen beſitzt. (Roger.) Mit dem Schwerte ſpringt der Corſar an die Küſte In dem nächtlich ergreifenden Ueberfall; Maͤnner führt er davon und Frauen Und erſättigt die wilde Begierde. Nur die ſchönſte Geſtalt darf er nicht berühren: Die iſt des Königes Gut. (Bohemund.). Aber jetzt folgt mir, zu bewachen den Eingang Und die Schwelle des heiligen Raums, Daß kein Ungeweihter in dieſes Geheimniß Dringe, und der Herrſcher uns lobe, Schillers ſaͤmmtl. Werke. V, 28 Der das Köſtlichſte, was er beſitzet, Unſrer Bewahrung vertraut. (Der Chor entfernt ſich nach dem Hintergrunde.) Die Scene verwandelt ſich in ein Zimmer im Junern des Palaſtes. Bonna Jſabella ſieht zwiſchen Don Manuel und Don Ceſar. Iſabella Nun endlich iſt mir der erwünſchte Tag, Der lang erſehnte, feſtliche, erſchienen— Vereint ſeh' ich die Herzen meiner Kinder, Wie ich die Haͤnde leicht zuſammenfüge, Und im vertrauten Kreis zum Erſtenmal Kann ſich das Herz der Mutter freudig öffnen. Fern iſt der fremden Zeugen rohe Schaar, Die zwiſchen uns ſich kampfgerüſtet ſtellte— Der Waffen Klang erſchreckt mein Ohr nicht mehr, Und, wie der Eulen nachtgewohnte Brut Von der zerſtoͤrten Brandſtatt, wo ſie lang Mit altverjährtem Eigenthum geniſtet, Auffliegt in düſterm Schwarm, den Tag verdunkelnd, Wenn ſich die lang vertriebenen Bewohner Heimkehrend nahen mit der Freude Schall, Den neuen Bau lebendig zu beginnen: So flieht der alte Haß mit ſeinem nachtlichen Gefolge, dem hohläugigen Verdacht, Der ſcheelen Mißgunſt und dem bleichen Neide, Aus dieſen Thoren murrend zu der Hölle, Und mit dem Frieden zieht geſelliges Vertraun und holde Eintracht laͤchelnd ein. (Sie hält inne.) — Doch nicht genug, daß dieſer heut'ge Tag Jedem von Beiden einen Bruder ſchenkt: Auch eine Schweſter hat er euch geboren. — Ihr ſtaunt? Ihr ſeht mich mit Verwundrung an? Ja, meine Soͤhne, es iſt Zeit, daß ich Mein Schweigen breche und das Siegel loͤſe Von einem lang verſchloſſenen Geheimniß. — Auch eine Tochter hab ich eurem Vater Geboren— eine jüngre Schweſter lebt Euch noch— Ihr ſollt noch heute ſie umarmen. Don Ceſar. Was ſagſt du, Mutter? Eine Schweſter lebt uns, Und nie vernahmen wir von dieſer Schweſter! Don Manuecl. Wohl hörten wir in froher Kinderzeit, Daß eine Schweſter uns geboren worden; Doch in der Wiege ſchon, ſo ging die Sage, Nahm ſie der Tod hinweg. Iſabella. Die Sage lügt! Sie lebt! Don Ceſar. Sie lebt, und du verſchwiegeſt uns? Iſabella. Von meinem Schweigen geb' ich Rechenſchaft. Hoͤrt, was geſäet ward in früher Zeit Und jetzt zur frohen Ernte reifen ſoll. — Ihr wart noch zarte Knaben, aber ſchon 436 Entzweite euch der jammervolle Zwiſt, Der ewig nie mehr wiederkehren möge, Und häufte Gram auf eurer Eltern Herz. Da wurde eurem Vater eines Tages Ein ſeltſam wunderbarer Traum. Ihm daͤnchte, Er ſeh' aus ſeinem hochzeitlichen Bette Zwei Lorbeerbäume wachſen, ihr Gezweig Dicht in einander flechtend— zwiſchen beiden Wuchs eine Lilie empor— Sie ward Zur Flamme, die, der Baume dicht Gezweig Und das Gebälk ergreifend, praſſelnd aufſchlug Und, um ſich wüthend, ſchnell, das ganze Haus In ungeheurer Feuerflut verſchlang. Erſchreckt von dieſem ſeltſamen Geſichte, Befragt' der Vater einen ſternekundigen Arabier, der ſein Orakel war, An dem ſein Herz mehr hing, als mir gefiel, Um die Bedeutung. Der Arabier Erklärte: wenn mein Schoß von einer Tochter Entbunden würde, toͤdten würde ſie ihm Die beiden Söhne, und ſein ganzer Stamm Durch ſie vergehn— Und ich ward Mutter einer Tochter; Der Vater aber gab den grauſamen Befehl, die Neugeborene alsbald Ins Meer zu werfen. Ich vereitelte Den blut'gen Vorſatz und erhielt die Tochter Durch eines treuen Knechts verſchwiegnen Dienſt. Don Ceſar. Geſegnet ſey er, der dir hülfreich war! O, nicht an Rath gebricht's der Mutterliebe! 437 Iſabella. Der Mutterliebe mächt'ge Stimme nicht Allein trieb mich, das Kindlein zu verſchonen. Auch mir ward eines Traumes ſeltſames Orakel, als mein Schoß mit dieſer Tochter Geſegnet war! Ein Kind, wie Liebesgötter ſchön, Sah ich im Graſe ſpielen, und ein Löwe Kam aus dem Wald, der in dem blut'gen Rachen Die friſch gejagte Beute trug, und ließ Sie ſchmeichelnd in den Schoß des Kindes fallen. Und aus den Lüften ſchwang ein Adler ſich Herab, ein zitternd Reh in ſeinen Fängen, Und legt' es ſchmeichelnd in den Schoß des Kindes. Und Beide, Loͤw' und Adler, legten, fromm Gepaart, ſich zu des Kindes Füßen nieder. — Des Traums Verſtäͤndniß löste mir ein Mönch, Ein gottgeliebter Mann, bei dem das Herz Rath fand und Troſt in jeder ird'ſchen Noth. Der ſprach:„Geneſen würd' ich einer 2 Tochter, „Die mir der Söhne ſtreitende Gemüther „In heißer Liebesglut vereinen würde.“ — Im Innerſten bewahrt' ich mir dies Wort: Dein Gott der Wahrheit mehr als dem der Lüge Vertrauend, rettet' ich die Gottverheißne, Des Segens Tochter, meiner Hoffnung Pfand, Die mir des Friedens Werkzeug ſollte ſeyn, Als euer Haß ſich wachſend ſtets vermehrte. Don Manuel (ſeinen Bruder umarmend.) Nicht mehr der Schweſter braucht's, der Liebe Band Zu flechten, aber feſter ſoll ſie's knüpfen. 438 Iſabella. So ließ ich an verborgner Stätte ſie, Von meinen Augen fern, geheimnißvoll Durch fremde Hand erziehn— den Anblick ſelbſt Des lieben Angeſichts, den heißerflehten, Verſagt' ich mir, den ſtrengen Vater ſcheuend, Der, von des Argwohns ruheloſer Pein Und finſter grübelndem Verdacht genagt, Auf allen Schritten mir die Späher pflanzte. Don Ceſar Drei Monde aber deckt den Vater ſchon Das ſtille Grab— Was wehrte dir, o Mutter, Die lang Verborgne an das Licht hervor Zu ziehn und unſre Herzen zu erfreuen? Iſabella. Was ſonſt, als euer unglückſel'ger Streit, Der, unausloͤſchlich wüthend, auf dem Grab Des kaum entſeelten Vaters ſich entflammte, Nicht Raum noch Stätte der Verſöhnung gab? Koönnt' ich die Schweſter zwiſchen eure wild Entblößten Schwerter ſtellen? Konntet ihr In dieſem Sturm die Mutterſtimme hören? Und ſollt' ich ſie, des Friedens theures Pfand, Den letzten heil'gen Anker meiner Hoffnung, An eures Haſſes Wuth unzeitig wagen? — Erſt mußtet ihr's ertragen, euch als Brüder Zu ſehn, eh' ich die Schweſter zwiſchen euch Als einen Friedensengel ſtellen konnte. Jetzt kann ich's, und ich führe ſie euch zu. Den alten Diener hab' ich ausgeſendet, Und ſtündlich harr' ich ſeiner Wiederkehr, 439 Der, ihrer ſtillen Zuflucht ſie entreißend, Zurück an meine mütterliche Bruſt Sie fuhrt und in die brüderlichen Arme. Don Manuel. Und ſie iſt nicht die Einz'ge, die du heut' In deine Mutterarme ſchließen wirſt. Es zieht die Freude ein durch alle Pforten; Es füllt ſich der verödete Palaſt Und wird der Sitz der blühnden Anmuth werden. — Vernimm, o Mutter, jetzt auch mein Geheimniſß.. Eine Schweſter gihſt du mir— Ich woill dafür Dir eine zweite liebe Tochter ſchenken. Ja, Mutter, ſegne deinen Sohn!— Dies Herz, Es hat gewaͤhlt; gefunden hab' ich ſie, Die mir durchs Leben ſoll Gefaͤhrtin ſeyn. Eh' dieſes Tages Sonne ſinkt, führ' ich Die Gattin dir Don Manuels zu Füßen. Iſabella. An meine Bruſt will ich ſie freudig ſchließen, Die meinen Erſtgebornen mir beglückt; Auf ihren Pfaden ſoll die Freude ſprießen, Und jede Blume, die das Leben ſchmuͤckt, Und jedes Glück ſoll mir den Sohn belohnen, Der mir die ſchoͤnſte reicht der Mutterkronen! Don Ceſar. Verſchwende, Mutter, deines Segens Fülle Nicht an den einen erſtgebornen Sohn! Wenn Liebe Segen gibt, ſo bring' auch ich Dir eine Tochter, ſolcher Mutter werth, Die mich der Liebe neu Gefühl gelehrt. 4 440 Eh' dieſes Tages Sonne ſinkt, führt auch Don Ceſar ſeine Gattin dir entgegen. Don Manuel. Allmächt'ge Liebe! Göttliche! Wohl nennt Man dich mit Recht die Königin der Seelen! Dir unterwirft ſich jedes Element, Du kannſt das Feindlichſtreitende vermählen; Nichts lebt, was deine Hoheit nicht erkennt, Und auch des Bruders wilden Sinn haſt du Beſiegt, der unbezwungen ſtets geblieben. (Don Ceſar umarmend.) Jetzt glaub' ich an dein Herz und ſchließe dich Mit Hoffnung an die bruderliche Bruſt; Nicht zweifl' ich mehr an dir, denn du kannſt lieben. Iſabella. Dreimal geſegnet ſey mir dieſer Tag, Der mir auf Einmal jede bange Sorge Vom ſchwerbeladnen Buſen hebt— Gegründet Auf feſten Säulen ſeh' ich mein Geſchlecht, Und in der Zeiten Unermeßlichkeit Kann ich hinabſehn mit zufriednem Geiſt. Noch geſtern ſah ich mich im Wittwenſchleier, Gleich einer Abgeſchiednen, kinderlos, In dieſen öden Saͤlen ganz allein, Und heute werden in der Jugend Glanz Drei blühnde Tochter mir zur Seite ſtehen. Die Mutter zeige ſich, die glückliche Von allen Weibern, die geboren haben, Die ſich mit mir an Herrlichkeit vergleicht! — Doch welcher Fuͤrſten königliche Töchter Erblühen denn an dieſes Landes Gränzen, 441 Davon ich Kunde nie vernahm?— denn nicht Unwürdig waͤhlen konnten meine Söhne! Don Manuel. Nur heute, Mutter, fordre nicht, den Schleier Hinwegzuheben, der mein Glück bedeckt. Es kommt der Tag, der Alles löſen wird. Am Beſten mag die Braut ſich ſelbſt verkünden: Deß ſey gewiß, du wirſt ſie würdig finden. Iſabella. Des Vaters eignen Sinn und Geiſt erkenn' ich In meinem erſtgebornen Sohn! Der liebte Von jeher, ſich verborgen in ſich ſelbſt Zu ſpinnen und den Rathſchluß zu bewahren Im unzuganghar feſt verſchloſſenen Gemüth! Gern mag ich dir die kurze Friſt vergönnen; Doch mein Sohn Ceſar, deß bin ich gewiß, Wird jetzt mir eine Königstochter nennen. Don Ceſar. Nicht meine Weiſe iſt's, geheimnißvoll Mich zu verhüllen, Mutter. Frei und offen, Wie meine Stirne, trag' ich mein Gemuͤth; Doch, was du jetzt von mir begehrſt zu wiſſen, Das, Mutter— laß mich's redlich dir geſtehn, Hab' ich mich ſelbſt noch nicht gefragt. Fragt man, Woher der Sonne Himmelsfeuer flamme? Die alle Welt verklaͤrt, erklart ſich ſelbſt; Ihr Licht bezeugt, daß ſie vom Lichte ſtamme. Ins klare Auge ſah ich meiner Braut, Ins Herz des Herzens hab' ich ihr geſchaut, Am reinen Glanz will ich die Perle kennen; Doch ihren Namen kann ich dir nicht nennen. 4 442 Iſabella. Wie, mein Sohn Ceſar? Kläre mir Das auf! Zu gern dem erſten mächtigen Gefühl Vertrauteſt du, wie einer Götterſtimme. Auf raſcher Jugendthat erwart' ich dich, Doch nicht auf thoͤricht kindiſcher— Laß hören, Was deine Wahl gelenkt. Don Cefa r. Wahl, meine Mutter? Iſt's Wahl, wenn des Geſtirnes Macht den Menſchen Ereilt in der verhängnißvollen Stunde? Nicht, eine Braut zu ſuchen, ging ich aus, Nicht, wahrlich, ſolches Eitle konnte mir Zu Sinne kommen in dem Haus des Todes: Denn dorten fand ich, die ich nicht geſucht. Gleichgültig war und nichtsbedeutend mir Der Frauen leer geſchwätziges Geſchlecht: Denn eine zweite ſah ich nicht, wie dich, Die ich gleich wie ein Götterbild verehre. Es war des Vaters ernſte Todtenfeier; Im Volksgedräng verborgen, wohnten wir Ihr bei, du weißt's, in unbekannter Kleidung: So hatteſt du's mit Weisheit angeordnet, Daß unſers Haders wild ausbrechende Gewalt des Feſtes Wuͤrde nicht verletze. — Mit ſchwarzem Flor behangen war das Schiff Der Kirche, zwanzig Genien umſtanden, Mit Fackeln in den Händen, den Altar, Vor dem der Todtenſarg erhaben ruhte, Mit weißbekreuztem Grabestuch bedeckt. Und auf dem Grabtuch ſahe man den Stab 443 Der Herrſchaft liegen und die Fürſtenkrone, Den ritterlichen Schmuck der goldnen Sporen, Das Schwert mit diamantenem Gehäng. — Und Alles lag in ſtiller Andacht kniend, Als ungeſehen jetzt vom hohen Chor Herab die Orgel anfing ſich zu regen, Und hundertſtimmig der Geſang begann— Und, als der Chor noch fortklang, ſtieg der Sarg Mit ſammt dem Boden, der ihn trug, allmählich Verſinkend in die Unterwelt hinab, Das Grabtuch aber überſchleierte, Weit ausgebreitet, die verborgne Mündung, Und auf der Erde blieb der ird'ſche Schmuck Zurück, dem Niederfahrenden nicht folgend— Doch auf den Seraphsflügeln des Geſangs Schwang die befreite Seele ſich nach Oben, Den Himmel ſuchend und den Schoß der Gnade. — Dies alles, Mutter, ruf' ich dir, genau Beſchreibend, ins Gedaͤchtniß jetzt zurück, Daß du erkenneſt, ob zu jener Stunde Ein weltlich Wünſchen mir im Herzen war. Und dieſen feſtlich ernſten Augenblick Erwählte ſich der Lenker meines Lebens, Mich zu berühren mit der Liebe Strahl. Wie es geſchah, frag' ich mich ſelbſt vergebens. Iſabella. Vollende dennoch! Laß mich Alles hören! Don Ceſar. Woher ſie kam, und wie ſie ſich zu mir Gefunden, Dieſes frage nicht— Als ich Die Augen wandte, ſtand ſie mir zur Seite, 444 Und dunkel maͤchtig, wunderbar ergriff Im tiefſten Innerſten mich ihre Naͤhe. Nicht ihres Lachelns holder Zauber war's, Die Reize nicht, die auf der Wange ſchweben, Selbſt nicht der Glanz der göttlichen Geſtalt— Es war ihr tiefſtes und geheimſtes Leben, Was mich ergriff mit heiliger Gewalt, Wie Zaubers Kraͤfte unbegreiflich weben— Die Seelen ſchienen ohne Worteslaut Sich, ohne Mittel geiſtig zu berühren, Als ſich mein Athem miſchte mit dem ihren; Fremd war ſie mir und innig doch vertraut, Und klar auf Einmal fühlt' ich's in mir werden: Die iſt es oder keine ſonſt auf Erden! Don Manuel(mit Feuer einfallend). Das iſt der Liebe heil'ger Götterſtrahl, Der in die Seele ſchlägt und trifft und zündet, Wenn ſich Verwandtes zum Verwandten findet: Da iſt kein Widerſtand und keine Wahl; Es löst der Menſch nicht, was der Himmel bindet. — Dem Bruder fall' ich bei, ich muß ihn loben, Mein eigen Schickſal iſt's, was er erzäͤhlt. Den Schleier hat er glücklich aufgehoben Von dem Gefühl, das dunkel mich beſeelt. Iſabella. Den eignen freien Weg, ich ſeh' es wohl, Will das Verhaͤngniß gehn mit meinen Kindern. Vom Berge ſtürzt der ungeheure Strom, Wühlt ſich ſein Bette ſelbſt und bricht ſich Bahn; Nicht des gemeſſ'nen Pfades achtet er, Den ihm die Klugheit vorbedächtig baut. 445 So unterwerf' ich mich— wie kann ich's ändern— Der unregierſam ſtärkern Götterhand, Die meines Hauſes Schickſal dunkel ſpinnt. Der Söhne Herz iſt meiner Hoffnung Pfand: Sie denken groß, wie ſie geboren ſind. Iſabella. Bon Manunel. Dan Ceſar. Biego zeigt ſich an der Thüre. Iſabella. Doch, ſieh', da kommt mein treuer Knecht zuruͤck! Nur näher, näher, redlicher Diego! Wo iſt mein Kind?— Sie wiſſen Alles! Hier Iſt kein Geheimniß mehr— Wo iſt ſie? Sprich! Verbirg ſie länger nicht! Wir ſind gefaßt, Die höchſte Freude zu ertragen. Komm! (Sie will mit ihm nach der Thüre gehen.) Was iſt Das? Wie? Du zögerſt? Du verſtummſt? Das iſt kein Blick, der Gutes mir verkündet! Was iſt dir? Sprich! Ein Schauder faßt mich an. Wo iſt ſie? Wo iſt Beatrice? (Will hinaus.) Don Manuel(für ſich, betroffen). Beatricel Diego(hält ſie zurück). Bleib'! Iſabella. Wo iſt ſte? Mich entſeelt die Angſt. Diego. 1 Sie folgt Mir nicht. Ich bringe dir die Tochter nicht. 446 Iſabella. Was iſt geſchehn? Bei allen Heiligen, rede! Don Ceſar. Wo iſt die Schweſter? Unglückſel'ger, rede! Diego. Sie iſt geraubt! Geſtohlen von Corſaren! O, hätt' ich nimmer dieſen Tag geſehn! Don Manuel. Faſſ' dich, o Mutter! Don Ceſar. Mutter, ſey gefaßt! Bezwinge dich, bis du ihn ganz vernommen! Diego. Ich machte ſchnell mich auf, wie du befohlen, Die oft betretne Straße nach dem Kloſter Zum Letztenmal zu gehn— Die Freude trug mich Auf leichten Flügeln fort. Don Ceſar. Zur Sache! Don Manuecel. Rede! Diego. Und, da ich in die wohlbekannten Höfe Des Kloſters trete, die ich oft betrat, Nach deiner Tochter ungeduldig frage, Seh' ich des Schreckens Bild in jedem Auge, Entſetzt vernehm' ich das Entſetzliche. (Iſabella ſinkt bleich und zitternd auf einen Seſſel, Don Manuel iſt um ſie beſchäftigt.) Dan Ceſar. Und Manren, ſagſt du, raubten ſie hinweg? Sah man die Mauren? Wer bezeugte Dies? 447 Diego. Ein mauriſch Raͤuberſchiff gewahrte man In einer Bucht, unfern dem Kloſter ankernd. Don Ceſar. Manch Segel rettet ſich in dieſen Buchten Vor des Orkanes Wuth— Wo iſt das Schiff? Diego. Heut' frühe ſah man es in hoher See Mit voller Segel Kraft das Weite ſuchen. Don Ceſar. Hört man von anderm Raub noch, der geſchehn?— Dem Mauren gnügt einfache Beute nicht. Diego. Hinweg getrieben wurde mit Gewalt Die Rinderheerde, die dort weidete. Don Ceſar. Wie konnten Raͤuber aus des Kloſters Mitte Die Wohlverſchloſſ'ne heimlich raubend ſtehlen? Diego. Des Kloſtergartens Mauern waren leicht Auf hoher Leiter Sproßen uͤberſtiegen. Don Ceſar. Wie brachen ſie ins Innerſte der Zellen? Denn fromme Nonnen hält der ſtrenge Zwang. Diego. ie noch durch kein Gelübde ſich gebunden, ie durfte frei im Freien ſich ergehen. Don Cefar. Und pflegte ſie des freien Rechtes oft Sich zu bedienen? Dieſes ſage mir. D 448 Diego. Oft ſah man ſie des Gartens Stille ſuchen; Der Wiederkehr vergaß ſie heute nur. Don Ceſar(nachdem er ſich eine Weile bedacht). Raub, ſagſt du? War ſie frei genug dem Räuber, So konnte ſie in Freiheit auch entfliehen. Iſabella(ſteht auf. Es iſt Gewalt! Es iſt verwegner Raub! Nicht pflichtvergeſſen konnte meine Tochter Aus freier Neigung dem Entführer folgen! — Don Manuel! Don Ceſar! Eine Schweſter Dacht' ich euch zuzuführen; doch ich ſelbſt Soll jetzt ſie eurem Heldenarm verdanken. In eurer Kraft erhebt euch, meine Sohne! Nicht ruhig duldet es, daß eure Schweſter Des frechen Diebes Beute ſey— Ergreift Die Waffen! Rüſtet Schiffe aus! Durchforſcht Die ganze Küſte! Durch alle Meere ſetzt Dem Rauber nach! Erobert euch die Schweſter! Don Ceſar. Leb' wohl! Zur Rache flieg' ich, zur Entdeckung! (Er geht ab. Don Manuel aus einer tiefen Zerſtreuung erwachend wendet ſich beunruhigt zu Diego.) Don Manuel. Wann, ſagſt du, ſey ſie unſichtbar geworden? Diego. Seit dieſem Morgen erſt ward ſie vermißt. Don Manuel(zu Donna Jſabella). Und Beatrice nennt ſich deine Tochter? Iſabella. Dies iſt ihr Name! Eile! Frage nicht 419 Don Manuel. Nur Eines noch, o Mutter, laß mich wiſſen— Iſabella. Fliege zur That! Des Bruders Beiſpiel folge! Don Manuel. In welcher Gegend, ich beſchwöre dich— Iſabella(ihn forttreibend). Sieh' meine Thränen, meine Todesangſt! Don Manuel. In welcher Gegend hieltſt du ſie verborgen? Zſabella. Verborgner nicht war ſie im Schoß der Erde! Diego. O, jetzt ergreift mich plötzlich bange Furcht. Don Manuel. Furcht, und worüber? Sage, was du weißt. Diego. Daß ich des Raubs unſchuldig Urſach' ſey. Iſabella. Unglücklicher, entdecke, was geſchehn! Diego. Ich habe dir's verhehlt, Gebieterin, Dein Mutterherz mit Sorge zu verſchonen. Am Tage, als der Fürſt beerdigt ward, Und alle Welt, begierig nach dem Neuen, Der ernſten Feier ſich entgegendrängte, Lag deine Tochter— denn die Kunde war Auch in des Kloſters Mauern eingedrungen— Lag ſie mir an mit unabläſſ'gem Flehn, Ihr dieſes Feſtes Anblick zu gewahren. Ich Ungluckſeliger ließ mich bewegen, Schillers ſaͤmmtl. Werke. V. 29 450 Verhullte ſie in ernſte Trauertracht, Und alſo war ſie Zeugin jenes Feſtes. Und dort, befürcht' ich, in des Volks Gewühl, Das ſich herbeigedrangt von allen Enden, Ward ſie vom Aug' des Räubers ausgeſpaͤht: Denn ihrer Schönheit Glanz birgt keine Hülle. Don Manuel(oor ſich, erleichtert). Glückſel'ges Wort, das mir das Herz befreit! Das gleicht ihr nicht! Dies Zeichen trifft nicht zu. Iſabella. Wahnſinn'ger Alter! ſo verriethſt du mich! Diego. Gebieterin! Ich dacht' es gut zu machen. Die Stimme der Natur, die Macht des Bluts Glaubt' ich in dieſem Wunſche zu erkennen: Ich hielt es für des Himmels eignes Werk, Der, mit verborgen ahnungsvollem Zuge, Die Tochter hintrieb zu des Vaters Grab! Der frommen Pflicht wollt' ich ihr Recht erzeigen, Und ſo, aus guter Meinung, ſchafft' ich Böſes! Don Manuel(oor ſich). Was ſteh' ich hier in Furcht und Zweifelsqualen? Schnell will ich Licht mir ſchaffen und Gewißheit. (Will gehen.) Don Ceſar(der zurückkommt). Verzieh', Don Manuel, gleich folg' ich dir. Don Manuel. Folge mir nicht! Hinweg! Mir folge Niemand! (Er geht ab.) Don Ceſar(ſeeht ihm verwundert nach). Was iſt dem Bruder? Mutter, ſage mir's. 451 Iſabella. Ich kenn' ihn nicht mehr. Ganz verkenn' ich ihn. Don Ceſar. Du ſiehſt mich wiederkehren, meine Mutter: Denn in des Eifers heftiger Begier Vergaß ich, um ein Zeichen dich zu fragen, Woran man die verlorne Schweſter kennt. Wo find' ich ihre Spuren, eh' ich weiß, Aus welchem Ort der Raäuber ſie geriſſen? Das Kloſter nenne mir, das ſie verbarg. Iſabella. Der heiligen Cecilia iſt's gewidmet, Und hinterm Waldgebirge, das zum Aetna Sich langſam ſteigend hebt, liegt es verſteckt, Wie ein verſchwiegner Aufenthalt der Seelen. Don Ceſar. Sey gutes Muths! Vertraue deinen Soͤhnen! Die Schweſter bring' ich dir zurück, müßt' ich Durch alle Laͤnder ſie und Meere ſuchen. Doch Eines, Mutter, iſt es, was mich kuͤmmert: Die Braut verließ ich unter fremdem Schutz. Nur dir kann ich das theure Pfand vertrauen; Ich ſende ſte dir her, du wirſt ſie ſchauen; An ihrer Bruſt, an ihrem lieben Herzen Wirſt du des Grams vergeſſen und der Schmerzen. (Er geht ab.) Iſabella. Wann endlich wird der alte Fluch ſich loͤſen, Der uͤber dieſem Hauſe laſtend ruht? Mit meiner Hoffnung ſpielt ein tückiſch Weſen, Und nimmer ſtillt ſich ſeines Neides Wuth. 452 So nahe glaubt' ich mich dem ſichern Hafen, So feſt vertraut' ich auf des Gluckes Pfand, Und alle Stürme glaubt' ich eingeſchlafen, Und freudig winkend ſah ich ſchon das Land Im Abendglanz der Sonne ſich erhellen: Da kommt ein Sturm, aus heitrer Luft geſandt, Und reißt mich wieder in den Kampf der Wellen! (Sie geht nach dem innern Hauſe, wohin ihr Diego folgt.) Die Scene verwandelt ſich in den Garten. Beide Chöre. Zuletzt Peatrice. (Der Chor des Don Manuel kommt in feſtlichem Auſzug, mit Kränzen geſchmückt, und die oben beſchriebenen Brautgeſchenke begleitend; der Chor des Don Ceſar will ihm den Eintritt verwehren.) Erſter Chor.(Cajetan.) Du wüͤrdeſt wohl thun, dieſen Platz zu leeren. Zweiter Chor.(Vohemund.) Ich will's, wenn beſſ're Manner es begehren. Erſter Chor.(Cajetan.) Du könnteſt merken, daß du laͤſtig biſt. Zweiter Chor.(BPohemund.) Deßwegen bleib' ich, weil es dich verdrießt. Erſter Cyor.(Cajetan.) Hier iſt mein Platz. Wer darf zurück mich halten? Zweiter Chor.(Bohemund.) Ich darf es thun, ich habe hier zu walten. Erſter Choar.(Cajetan.) Mein Herrſcher ſendet mich, Don Manuel. 453 Zweiter Chor. Gohemund.) Ich ſtehe hier auf meines Herrn Befehl. Erſter Chor.(Cajetan.) Dem ältern Bruder muß der jüngre weichen. Zweiter Chor.(Bohemund.) Dem Erſtbeſitzenden gehört die Welt. Erſter Chor.(Cajetan.) Verhaßter, geh' und raͤume mir das Feld! Zweiter Chor.(Bohemund.) Nicht, bis ſich unſre Schwerter erſt vergleichen. Erſter Chor.(Cajetan.) Find' ich dich uͤberall in meinen Wegen? Zweiter Chor.(Vohemund.) Wo mir's gefällt, da tret' ich dir entgegen. Erſter Chor.(Cajetan.) Was haſt du hier zu horchen und zu hüten? Zweiter Chor.(Bohemund.) Was haſt du hier zu fragen, zu verbieten? Erſter Chor.(Cajetan.) Dir ſteh' ich nicht zur Red' und Antwort hier. Zweiter Chor.(Bohemund.) Und nicht des Wortes Ehre gönn' ich dir. Erſter Chor.(Cajetan.) Ehrfurcht gebührt, o Jungling, meinen Jahren. Zweiter Chor.(Vohemund.) In Tapferkeit bin ich, wie du, erfahren! Beatrice(ſtürzt hervor). Weh' mir! Was wollen dieſe wilden Schaaren? Erſter Chor(Cajetan) zum zweiten. Nichts acht' ich dich und deine ſtolze Miene! 454 Zweiter Chor.(Bohemund.) Ein beſſ'rer iſt der Herrſcher, dem ich diene! Beatrice. O, weh' mir, weh' mir, wenn er jetzt erſchiene! Erſter Chor.(Cajetan.) Du lügſt! Don Manuel beſiegt ihn weit! Zweiter Chor.(Bohemund.) Den Preis gewinnt mein Herr in jedem Streit. Beatrice. Jetzt wird er kommen, Dies iſt ſeine Zeit. Erſter Chor.(Cajetan.) Wäre nicht Friede, Recht verſchafft' ich mir! Zweiter Chor.(Bohemund.) Waͤr's nicht die Furcht, kein Friede wehrte dir. Beatrice. O, war' er tauſend Meilen weit von hier! Erſter Chor.(Cajetan.) Das Geſetz fürcht' ich, nicht deiner Blicke Trutz. Zweiter Chor.(Bohemund.) Wohl thuſt du dran, es iſt des Feigen Schutz. Erſter Chor.(Cajetan.) Fang' an, ich folge! Zweiter Chor.(Bohemund.) Mein Schwert iſt heraus! Beatrice(in der heſtigſten Beängſtigung). Sie werden handgemein, die Degen blitzen! Ihr Himmelsmachte, haltet ihn zurück! Werft euch in ſeinen Weg, ihr Hinderniſſe, Eine Schlinge legt, ein Netz um ſeine Füße, Daß er verfehle dieſen Augenblick! Ihr Engel alle, die ich flehend but, 455 Ihn herzuführen, täuſchet meine Bitte, Weit, weit von hier entfernet ſeine Schritte! (Sie eilt hinein. Indem die Choͤre einander anfallen, erſcheint Don Manuel.) Don Mlanuel. Der Chor. Don Manuel. Was ſeh' ich! Haltet ein! Erſter Chor(Cajetan, Verengar, Manfred) zum zweiten. Komm an! Komm an! Zweiter Chor.(Bohemund, Roger, Hippolyt.) Nieder mit ihnen! Nieder! Don Manuel ttritt zwiſchen ſie, mit gezogenem Schwert). Haltet ein! Erſter Chor.(Cajetan.) Es iſt der Fürſt. Zweiter Chor.(Bohemund.) Der Bruder! Haltet Friede! Don Manuel. 5 Den ſtreck' ich todt auf dieſes Raſens Grund, Der mit gezuckter Augenwimper nur Die Fehde fortſetzt und dem Gegner droht! Rast ihr? Was für ein Daͤmon reizt euch an, Des alten Zwiſtes Flammen außzublaſen, Der zwiſchen uns, den Fürſten, abgethan Und ausgeglichen iſt auf immerdar? — Wer fing den Streit an? Redet! Ich will's wiſſen. Erſter Chor.(Cajetan, Berengar.) Sie ſtanden hier— Zweiter Chor(Roger, Bohemund) unterbrechend. Sie kamen— 456 Don Manuel(zum erſten Chor). Rede du! Erſter Chor.(Cajetan). Wir kamen her, mein Fürſt, die Hochzeitgaben Zu überreichen, wie du uns befahlſt. Geſchmuckt zu einem Feſte, keineswegs Zum Krieg bereit, du ſiehſt es, zogen wir In Frieden unſern Weg, nichts Arges denkend Und trauend dem beſchworenen Vertrag: Da fanden wir ſie feindlich hier gelagert Und uns den Eingang ſperrend mit Gewalt. Don Manuel. Unſinnige! Iſt keine Freiſtatt ſicher Genug vor eurer blinden, tollen Wuth? Auch in der Unſchuld, ſtill verborgnen Sitz Bricht euer Hader friedeſtörend ein? (Zum zweiten Chor). Weiche zuruͤck! Hier ſind Geheimniſſe, Die deine kühne Gegenwart nicht dulden. (Da derſelbe zögert.) Zurück! dein Herr gebietet dir's durch mich: Denn wir ſind jetzt ein Haupt und ein Gemüth, Und mein Befehl iſt auch der ſeine. Geh'! (Zum erſten Chor). Du bleibſt und wahrſt des Eingangs. Zweiter Chor.(Bohemund). Was beginnen? Die Fürſten ſind verſöhnt, Das iſt die Wahrheit, Und in der hohen Häupter Spahn und Streit Sich unberufen, vielgeſchäftig drängen, Bringt wenig Dank und öfter noch Gefahr. 457 Und wenn der Mächtige des Streits ermüdet, Wirft er behend auf den geringen Mann, Der arglos ihm gedient, den blut'gen Mantel Der Schuld, und leicht gereinigt ſteht er da. Drum mögen ſich die Furſten ſelbſt vergleichen, Ich acht' es für gerathen, wir gehorchen. (Der zweite Chor geht ab, der erſie Scene zurück. In demſelben wirft ſich in Don Manuels Arme.) ieht ſich nach dem Hintergrund der mblick ſturzt Beatrice heraus und Beatrice. Don Mannuel. Veatrice. Du biſt's. Ich hab' dich wieder— Grauſamer! Du haſt mich lange, lange ſchmachten laſſen, Der Furcht und allen Schreckniſſen zum Raub Dahin gegeben!— Doch nichts mehr davon! Ich habe dich— In deinen lieben Armen Iſt Schutz und Schirm vor jeglicher Gefahr. Komm! Sie ſind weg? Wir haben Raum zur Flucht, Fort, laß uns keinen Augenblick verlieren! (Sie will ihn mit ſich fortziehen und ſieht ihn jetzt erſt genauer an.) Was iſt dir? So verſchloſſen feierlich Empfängſt du mich— entziehſt dich meinen Armen, Als wollteſt du mich lieber ganz verſtoßen? Ich kenne dich nicht mehr— Iſt Dies Don Manuel, Mein Gatte, mein Geliebter? Don Manuel. Beatrice! Beatrice. Nein, rede nicht! Jetzt iſt nicht Zeit zu Worten! 458 Fort laß uns eilen, ſchnell! Der Augenblick Iſt koſtbar— Don Manuel. Bleib'! Antworte mir! Beatrice. Fort, fort! Eh' dieſe wilden Maͤnner wiederkehren! Don Manuel. Bleib'! Jene Maͤnner werden uns nicht ſchaden. Beatrice. Doch, doch! du kennſt ſie nicht. O, komml! entfliehe! Don Manuel. Von meinem Arm beſchützt, was kannſt du fürchten? Beatrice. O, glaube mir, es gibt hier mächt'ge Menſchen! Don Manunel. Geliebte, keinen Machtigern als mich. Bratrice. Du, gegen dieſe Vielen ganz allein? Don Manuel. Ich ganz allein! Die Maͤnner, die du fürchteſt— Beatrice. Du kennſt ſie nicht, du weißt nicht, wem ſie dienen. Don Manuel. Mir dienen ſie, und ich bin ihr Gebieter. Beatrice. Du biſt— Ein Schrecken fliegt durch meine Seele! Don Manuel. Lerne mich endlich kennen, Beatrice! Ich bin nicht Der, der ich dir ſchien zu ſeyn, Der arme Ritter nicht, der Unbekannte, Der liebend nur um deine Liebe warb. Wer ich wahrhaftig bin, was ich vermag, Woher ich ſtamme, hab' ich dir verborgen. Beatrice. Du biſt Don Manuel nicht! Weh' mir, wer biſt du? Don Manuel. Don Mannel heiß' ich— doch ich bin der Höchſte, Der dieſen Namen führt in dieſer Stadt: Ich bin Don Manuel, Fürſt von Meſſina. Beatrice. Du wärſt Don Manuel, Don Ceſars Bruder? Don Mannel. Don Ceſar iſt mein Bruder. Beatrice. Iſt dein Bruder? Don Manuel. Wie? Dies erſchreckt dich? Kennſt du den Don Ceſar? Kennſt du noch ſonſten Jemand meines Bluts? Beatrice. Du biſt Don Manuel, der mit dem Bruder In Haſſe lebt und unverſoöhnter Fehde? Don Manuel. Wir ſind verſöhnt, ſeit Heute ſind wir Bruder, Nicht von Geburt nur, nein, von Herzen auch. ZVeatrice. Verſöͤhnt, ſeit Heute! Don Manuel. Sage mir, was iſt Das? Was bringt dich ſo in Aufruhr? Kennſt du mehr Als nur den Namen bloß von meinem Hauſe? 460 Weiß ich dein ganz Geheimniß? Haſt du nichts, Nichts mir verſchwiegen oder vorenthalten? Beatrice. Was denkſt du? Wie? Was hätt' ich zu geſtehen? Dan Manuel. Von deiner Mutter haſt du mir noch nichts Geſagt. Wer iſt ſie? Würdeſt du ſie kennen, Wenn ich ſie dir beſchriebe— dir ſie zeigte? Beatrice. Du kennſt ſie— kennſt ſie und verbargeſt mir? Don Manuel. Weh' dir und wehe mir, wenn ich ſie kenne! Veatrice. O, ſie iſt gütig, wie das Licht der Sonne! Ich ſeh' ſie vor mir, die Erinnerung Belebt ſich wieder, aus der Seele Tiefen Erhebt ſich mir die göttliche Geſtalt. Der braunen Locken dunkle Ringe ſeh' ich Des weißen Halſes edle Form beſchatten! Ich ſeh' der Stirne reingewölbten Bogen, Des großen Auges dunkelhellen Glanz, Auch ihrer Stimme ſeelenvolle Tone Erwachen mir— Don Manuel. Weh' mir! Du ſchilderſt ſie! Beatrice. Und ich entfloh ihr! konnte ſie verlaſſen, Vielleicht am Morgen eben dieſes Tages, Der mich auf ewig ihr vereinen ſollte! O, ſelbſt die Mutter gab ich hin für dich! 461 Don Manuel. Meſſinas Fürſtin wird dir Mutter ſeyn. Zu ihr bring' ich dich jetzt; ſie wartet deiner. Beatrice. Was ſagſt du? Deine Mutter und Don Ceſars! Zu ihr mich bringen? Nimmer, nimmermehr! Don Manuel. Du ſchauderſt? Was bedeutet dies Entſetzen? Iſt meine Mutter keine Fremde dir? Beatrice. O unglückſelig traurige Entdeckung! O, hätt' ich nimmer dieſen Tag geſehn! Don Manuel. Was kann dich ängſtigen, nun du mich kennſt, Den Fürſten findeſt in dem Unbekannten? Beatrice. O, gib mir dieſen Unbekannten wieder, Mit ihm auf oͤdem Eiland waͤr' ich ſelig! Don Ceſar(hinter der Scene). Zurück! Welch vieles Volk iſt hier verſammelt? Veatrice. Gott, dieſe Stimme! Wo verberg' ich mich? Don Manuel. Erkennſt du dieſe Stimme? Nein, du haſt Sie nie gehoͤrt und kannſt ſie nicht erkennen! Beatrice. O, laß uns fliehen! Komm und weile nicht! Don Manuel. Was? fliehn? Es iſt des Bruders Stimme, der Mich ſucht; zwar wundert mich, wie er entdeckte— Schillers ſaͤmmtl. Werke. V. 30 46² Beatrice. Bei allen Heiligen des Himmels, meid' ihn! Begegne nicht dem heftig Stürmenden, Laß dich von ihm an dieſem Ort nicht finden! Don Manuel. Geliebte Seele, dich verwirrt die Furcht! Du hörſt mich nicht: wir ſind verſöhnte Brüder! Zeatrice. O Himmel, rette mich aus dieſer Stunde! Don Manuel. Was ahnet mir! Welch ein Gedanke faßt Mich ſchaudernd?— Waͤr' es möglich— waͤre Die Stimme keine fremde?— Beatrice, Du warſt— mir grauet, weiter fort zu fragen— Du warſt— bei meines Vaters Leichenfeier? Beatrice. Weh' mir! Don Kanuel. Du warſt zugegen? Beatrice. Zürne nicht! Don Manuel. Ungluͤckliche, du warſt? Zeatrice. Ich war zugegen. Don Kanuel. Entſetzen! Beatrice. Die Begierde war zu mächtig! Vergib mir! Ich geſtand dir meinen Wunſch; Doch, plötzlich ernſt und finſter, ließeſt du 463 Die Bitte fallen, und ſo ſchwieg auch ich. Doch weiß ich nicht, welch boͤſen Sternes Macht Mich trieb mit unbezwinglichem Geluͤſten. Des Herzens heißen Drang mußt' ich vergnügen; Der alte Diener lieh mir ſeinen Beiſtand, Ich war dir ungehorſam, und ich ging. (Sie ſchmiegt ſich an ihn, indem tritt Don Ceſar herein, von dem ganzen Chor begleitet.) Beide Brüder. Beide Chöre. Beatrice. Zweiter Chor(Bohemund) zu Don Ceſar. Du glaubſt uns nicht— glaub' deinen eignen Augen! Don Teſar (tritt heftig ein und fährt beim Anblick ſeines Bruders mit Entſetzen zurück). Blendwerk der Hölle! Was? In ſeinen Armen! (Näher tretend, zu Don Manuel.) Giftvolle Schlange! Das iſt deine Liebe? Deßwegen logſt du tückiſch mir Verſöhnung? O, eine Stimme Gottes war mein Haß! Fahre zur Hölle, falſche Schlangenſeele! (Er erſticht ihn.) Don Manuel. Ich bin des Todes— Beatrice!— Bruder! (Er ſinkt und ſtirbt. Veatrice fällt neben ihm ohnmächtig nieder.) Erſter Chor.(Cajetan.) Mord! Mord! Herbei! Greift zu den Waffen Alle! Mit Blut gerächet ſey die blut'ge That! (Alle ziehen die Degen.) Zweiter Chor.(Bohemund.) Heil uns! Der lange Zwieſpalt iſt geendigt. Nur einem Herrſcher jetzt gehorcht Meſſina. 464 Erſter Chor.(Cajetan, Berengar, Manfred.) Rache! Nache! Der Mörder fallel falle, Ein ſühnend Opfer dem Gemordeten! Zweiter Chor.(Bohemund, Roger, Hippolyt.) Herr, fürchte nichts, wir ſtehen treu zu dir! Don Ceſar(mit Anſehn zwiſchen ſie tretend). Zurück— ich habe meinen Feind getodtet, Der mein vertrauend redlich Herz betrog, Die Bruderliebe mir zum Fallſtrick legte. Ein furchtbar gräßlich Anſehn hat die That! Doch der gerechte Himmel hat gerichtet. Erſter Chor.(Cajetan.) Weh' dir, Meſſina! Wehe! wehe! wehe! Das gräßlich Ungeheure iſt geſchehn In deinen Mauern— Wehe deinen Müttern Und Kindern, deinen Jünglingen und Greiſen! Und wehe der noch ungebornen Frucht! Don Ceſar. Die Klage kommt zu ſpät— Hier ſchaffet Huͤlfe! (Auf Veatrieen zeigend.) Ruft ſie ins Leben! Schuell entfernet ſie Von dieſem Ort des Schreckens und des Todes — Ich kann nicht länger weilen, denn mich ruft Die Sorge fort um die geraubte Schweſter. — Bringt ſie in meiner Mutter Schloß und ſprecht: Es ſey ihr Sohn, Don Ceſar, der ſie ſende! (Er geht ab; die ohnmaͤchtige Beatrice wird von dem zweiten Chor auf eine Bank geſetzt und ſo hinweg getragen; der erſte Chor bleibt bei dem Leichnam zurück, um welchen auch die Knaben, die die Brautgeſchenke tragen, in einem Galbkreiſe herumſtehen.) 4 465 Chor.(Cajetan.) Sagt mir! ich kann's nicht faſſen und deuten, Wie es ſo ſchnell ſich erfüͤllend genaht. Längſt wohl ſah ich im Geiſt mit weiten Schritten das Schreckensgeſpenſt herſchreiten Dieſer entſetzlichen, blutigen That. Dennoch übergießt mich ein Grauen, Da ſie vorhanden iſt und geſchehen, Da ich erfüllt muß vor Augen ſchauen, Was ich in ahnender Furcht nur geſehen. All mein Blut in den Adern erſtarrt Vor der gräßlich entſchiedenen Gegenwart. Einer aus dem Chor.(Manfred.) Laſſet erſchallen die Stimme der Klage!— Holder Jüngling! Da liegt er entſeelt, Hingeſtreckt in der Blüthe der Tage, Schwer umfangen von Todesnacht, An der Schwelle der bräutlichen Kammer! Aber über dem Stummen erwacht Lauter, unermeßlicher Jammer. Ein Zweiter.(Cajetan.) Wir kommen, wir kommen, Mit feſtlichem Prangen Die Braut zu empfangen: Es bringen die Knaben Die reichen Gewande, die bräutlichen Gaben, Das Feſt iſt bereitet, es warten die Zeugen; Aber der Braͤutigam höret nicht mehr, Nimmer erweckt ihn der fröhliche Reigen, Denn der Schlummer der Todten iſt ſchwer. 4 466 Ganzer Chor. Schwer und tief iſt der Schlummer der Todten: Nimmer erweckt ihn die Stimme der Braut, Nimmer des Hifthorns fröhlicher Laut; Starr und fuͤhllos liegt er am Boden! Ein Dritter.(Cajetan.) Was ſind Hoffnungen, was ſind Entwuͤrfe, Die der Menſch, der vergängliche, baut? Heute umarmet ihr euch als Bruder, Einig geſtimmt mit Herzen und Munde, Dieſe Sonne, die jetzo nieder Geht, ſie leuchtete eurem Bunde! Und jetzt liegſt du, dem Staube vermäͤhlt, Von des Brudermords Händen entſeelt, In dem Buſen die graͤßliche Wunde! Was ſind Hoffnungen, was ſind Entwuͤrfe, Die der Menſch, der flüchtige Sohn der Stunde, Aufbaut auf dem betruͤglichen Grunde? Thor.(Berengar.) Zu der Mutter will ich dich tragen, Eine unbegluͤckende Laſt! Dieſe Cypreſſe laßt uns zerſchlagen Mit der mördriſchen Schneide der Axt, Eine Bahre zu flechten aus ihren Zweigen, Nimmer ſoll ſie Lebendiges zeugen, Die die tödtliche Frucht getragen, Nimmer in froͤhlichem Wuchs ſich erheben, Keinem Wandrer mehr Schatten geben; Die ſich genährt auf des Mordes Boden, Soll verflucht ſeyn zum Dienſt der Todten; 467 Erſter.(Cajetan.) Aber wehe dem Mörder, wehe, Der dahin geht in thoͤrichtem Muth! Hinab, hinab in der Erde Ritzen Rinnet, rinnet, rinnet dein Blut. Drunten aber im Tiefen ſitzen Lichtlos, ohne Geſang und Sprache, Der Themis Töchter, die nie vergeſſen, Die Untrüglichen, die mit Gerechtigkeit meſſen, Fangen es auf in ſchwarzen Gefaͤſſen, Rühren und mengen die ſchreckliche Rache. Zweiter.(Berengar.) Leicht verſchwindet der Thaten Spur Von der ſonnebeleuchteten Erde, Wie aus dem Antlitz die leichte Geberde— Aber nichts iſt verloren und verſchwunden, Was die geheimnißvoll waltenden Stunden In den dunkel ſchaffenden Schoß aufnahmen Die Zeit iſt eine blühende Flur, Ein großes Lebendiges iſt die Natur, Und Alles iſt Frucht, und Alles iſt Samen. Dritter.(Cajetan.) Wehe, wehe dem Moͤrder, wehe, Der ſich geſät die tödtliche Saat! Ein andres Antlitz, eh' ſie geſchehen, Ein andres zeigt die vollbrachte That. Muthvoll blickt ſie und kühn dir entgegen, Wenn der Rache Gefuͤhle den Buſen bewegen; Aber, iſt ſie geſchehn und begangen, r; Blickt ſie dich an mit erbleichenden Wangen. elber die ſchrecklichen Furien ſchwangen 468 Gegen Oreſtes die hölliſchen Schlangen, Reizten den Sohn zu dem Muttermord an; Mit der Gerechtigkeit heiligen Zügen Wußten ſie liſtig ſein Herz zu betrügen, Bis er die tödtliche That nun gethan— Aber, da er den Schoß jetzt geſchlagen, Der ihn empfangen und liebend getragen, Siehe, da kehrten ſie Gegen ihn ſelber Schrecklich ſich um— Und er erkannte die furchtbaren Jungfraun, Die den Mörder ergreifend faſſen, Die von jetzt an ihn nimmer laſſen, Die ihn mit ewigem Schlangenbiß nagen, Die von Meer zu Meer ihn ruhelos jagen Bis in das delphiſche Heiligthum. (Der Chor geht ab, den Leichnam Don Manuels auf einer Bahre tragend.) Die Säulenhalle. Es iſt Nacht; die Scene iſt von Oben herab durch eine große Lampe erleuchtet. Vonna Iſabella und Diego treten auf. Iſabella. Noch keine Kunde kam von meinen Söhnen, Ob eine Spur ſich fand von der Verlornen? Diego. Noch nichts, Gebieterin!— doch hoffe Alles Von deiner Soͤhne Ernſt und Emſigkeit. 469 Iſabella. Wie iſt mein Herz geängſtiget, Diego! Es ſtand bei mir, dies Unglück zu verhüten. Diego. Drück' nicht des Vorwurfs Stachel in dein Herz. An welcher Vorſicht ließeſt du's ermangeln? Iſabella. Hätt' ich ſie fruͤher an das Licht gezogen, Wie mich des Herzens Stimme mächtig trieb! Diego. Die Klugheit wehrte dir's: du thateſt weiſe; Doch der Erfolg ruht in des Himmels Hand. Iſabelln. Ach, ſo iſt keine Freude rein! Mein Gluck Waͤr' ein vollkommnes ohne dieſen Zuſall. Diego. Dies Gluͤck iſt nur verzögert, nicht zerſtört; Genieße du jetzt deiner Soͤhne Frieden. Iſabella. Ich habe ſie einander Herz an Herz Umarmen ſehn— ein nie erlebter Anblick! Diego. und nicht ein Schauſpiel bloß, es ging von Herzen: Denn ihr Geradſinn haßt der Lüge Zwang. Iſabella. Ich ſeh' auch, daß ſie zärtlicher Gefühle, Der ſchönen Neigung fähig ſind; mit Wonne Entdeck' ich, daß ſie ehren, was ſie lieben. Der ungebundnen Freiheit wollen ſie Entſagen, nicht dem Zügel des Geſetzes Entzieht ſich ihre brauſend wilde Ingend, 470 Und ſittlich ſelbſt blieb ihre Leidenſchaft. Ich will dir's jetzo gern geſtehn, Diego, Daß ich mit Sorge dieſem Augenblick, Der aufgeſchloſſ'nen Blume des Gefühls Mit banger Furcht entgegen ſah— Die Liebe Wird leicht zur Wuth in heftigen Naturen. Wenn in den aufgehaͤuften Feuerzunder Des alten Haſſes auch noch dieſer Blitz, Der Eiferſucht feindſel'ge Flamme ſchlug— Mir ſchaudert, es zu denken— ihr Gefuͤhl, Das niemals einig war, gerade hier Zum Erſtenmal unſelig ſich begegnet— Wohl mir! Auch dieſe donnerſchwere Wolke, Die über mir ſchwarz drohend niederhing, Sie führte mir ein Engel ſtill vorüber, Und leicht nun athmet die befreite Bruſt. Diego. Ja, freue deines Werkes dich. Du haſt Mit zartem Sinn und ruhigem Verſtand Vollendet, was der Vater nicht vermochte Mit aller ſeiner Herrſchermacht— Dein iſt Der Ruhm; doch auch dein Glücksſtern iſt zu loben! Iſabella. Vieles gelang mir! Viel auch that das Glück! Nichts Kleines war es, ſolche Heimlichkeit Verhullt zu tragen dieſe langen Jahre, Den Mann zu taͤuſchen, den umſichtigſten Der Menſchen, und ins Herz zurückzudrängen Den Trieb des Bluts, der maͤchtig, wie des Feuers Verſchloſſ'ner Gott, aus ſeinen Banden ſtrebte! — Diego. Ein Pfand iſt mir des Glückes lange Gunſt, Daß Alles ſich erfreulich löſen wird. Iſabella. Ich will nicht eher meine Sterne loben, Bis ich das Ende dieſer Thaten ſah. Daß mir der böſe Genius nicht ſchlummert, Erinnert warnend mich der Tochter Flucht. — Schilt oder lobe meine That, Diego! Doch dem Getreuen will ich nichts verbergen. Nicht tragen konnt' ich's, hier in müß'ger Ruh' Zu harren des Erfolgs, indeß die Söhne Geſchaͤftig forſchen nach der Tochter Spur. Gehandelt hab' auch ich— Wo Menſchenkunſt Nicht zureicht, hat der Himmel oft gerathen. Diego. Entdecke mir, was mir zu wiſſen ziemt. Iſabella. Einſiedelnd auf des Aetna Höhen haust Ein frommer Klausner, von Uralters her Der Greis genannt des Berges, welcher, näher Dem Himmel wohnend, als der andern Menſchen Tief wandelndes Geſchlecht, den ird'ſchen Sinn In leichter, reiner Aetherluft gelaͤutert Und von dem Berg der aufgewälzten Jahre Hinabſieht in das aufgelöste Spiel Des unverſtaͤndlich krummgewundnen Lebens. Nicht fremd iſt ihm das Schickſal meines Hauſes: Oft hat der heibge Mann für uns den Himmel Gefragt und manchen Fluch hinweggebetet. Zu ihm hinauf geſandt hab' ich alsbald 47² Des raſchen Boten jugendliche Kraft, Daß er mir Kunde von der Tochter gebe, Und ſtündlich harr' ich deſſen Wiederkehr. — Diego. Trügt mich mein Auge nicht, Gebieterin, So iſt's derſelbe, der dort eilend naht, Und Lob fürwahr verdient der Emſige! r ste. Die Vorigen. Iſabella. Sag' an und weder Schlimmes hehle mir Noch Gutes, ſondern ſchöpfe rein die Wahrheit! Was gab der Greis des Bergs dir zum Beſcheide? BVote. Ich ſoll mich ſchnell zurückbegeben, war Die Antwort, die Verlorne ſey gefunden. Iſabella. Glückſel'ger Mund, erfreulich Himmelswort! Stets haſt du das Erwünſchte mir verkündet! Und welchem meiner Söhne war's verliehen, Die Spur zu finden der Verlorenen? Bote. Die Tiefverborgne fand dein ältſter Sohn. Iſa bella. Don Manuel iſt es, dem ich ſie verdanke! Ach, ſtets war dieſer mir ein Kind des Segens! — Haſt du dem Greis auch die geweihte Kerze Gebracht, die zum Geſchenk ich ihm geſendet, Sie anzuzunden ſeinem Heiligen? Denn, was von Gaben ſonſt der Menſchen Herzen Erfreut, verſchmaͤht der fromme Gottesdiener. ————— —— 473 Vote. Die Kerze nahm er ſchweigend von mir an, und, zum Altar hintretend, wo die Lampe Dem Heih'gen brannte, zuündet' er ſie flugs Dort an, und ſchnell in Brand ſteckt' er die Hutte, Worin er Gott verehrt ſeit neunzig Jahren. Iſabella. Was ſagſt du? Welches Schreckniß nennſt du mir? Bote. Und, dreimal Wehe! Wehe! rufend, ſtieg er Herab vom Berg; mir aber winkt' er ſchweigend, Ihm nicht zu folgen, noch zurückzuſchauen. Und ſo, gejagt von Grauſen, eilt' ich her! Iſabella. In neuer Zweifel wogende Bewegung Und angſtlich ſchwankende Verworrenheit Stürzt mich das Widerſprechende zurück. Gefunden ſey mir die verlorne Tochter Von meinem ältſten Sohn, Don Manuel? Die gute Rede kann mir nicht gedeihen, Begleitet von der unglückſel'gen That. Bote. Blick' hinter dich, Gebieterin! du ſiehſt Des Klausners Wort erfüllt vor deinen Augen: Denn Alles müßt' mich truͤgen, oder Dies Iſt die verlorne Tochter, die du ſuchſt, Von deiner Söhne Ritterſchaar begleitet. (Beatrice wird von dem zweiten Halbchor auf einem Tragſeſſel gebracht und auf der vordern Bühne niedergeſetzt. Sie iſt noch ohne Leben und Bewegung.) 474 Iſabella. Biegs. Bate. Beatrice. Chox.(Bohemund, Roger, Hippolyt, und die andern neun Ritter Don Ceſars.) Chor.(Bohemund.) Des Herrn Geheiß erfullend, ſetzen wir Die Jungfran hier zu deinen Fuͤßen nieder, Gebieterin!— Alſo befahl er uns Zu thun und dir zu melden dieſes Wort: Es ſey dein Sohn Don Ceſar, der ſie ſende! Ifabella (iſt mit ausgebreiteten Armen auf ſie zugeeilt und tritt mit Schrecken zurück). O Himmel! Sie iſt bleich und ohne Leben! Chor.(Bohemund.) Sie lebt! Sie wird erwachen! Gönn' ihr Zeit, Von dem Erſtaunlichen ſich zu erholen, Das ihre Geiſter noch gebunden haͤlt. Iſabella. Mein Kind, Kind meiner Schmerzen, meiner Sorgen! So ſehen wir uns wieder! So mußt du Den Eingang halten in des Vaters Haus! O, laß an meinem Leben mich das deinige Anzünden! An die mütterliche Bruſt Will ich dich preſſen, bis, vom Todesfroſt Geloͤst, die warmen Adern wieder ſchlagen! (Zum Chor.) O, ſprich! Welch Schreckliches iſt hier geſchehn? Wo fandſt du ſie? Wie kam das theure Kind In dieſen klaͤglich jammervollen Zuſtand? Chor.(Bohemund.) Erfahr' es nicht von mir, mein Mund iſt ſtumm. ———B—B—B—O—V—Z—V—V—B—BBO—Q—— 475 Dein Sohn Don Ceſar wird dir Alles deutlich Verkündigen, denn er iſt's, der ſie ſendet. Iſabella. Mein Sohn Don Mannuel, ſo willſt du ſagen? Chor.(Bohemund.) Dein Sohn Don Ceſar ſendet ſie dir zu. Iſabella Gzu dem Boten). War's nicht Don Manuel, den der Seher nannte? Bote. So iſt es, Herrin, Das war ſeine Rede. Iſabella. Welcher es ſey, er hat mein Herz erfreut; Die Tochter dank' ich ihm, er ſey geſegnet! O, muß ein neid'ſcher Dämon mir die Wonne Des heiß erflehten Augenblicks verbittern! Ankämpfen muß ich gegen mein Entzücken! Die Tochter ſeh' ich in des Vaters Haus; Sie aber ſieht nicht mich, vernimmt mich nicht, Sie kann der Mutter Freude nicht erwidern. O, öͤffnet euch, ihr lieben Augenlichter! Erwaͤrmet euch, ihr Haͤnde! Hebe dich, Lebloſer Buſen, und ſchlage der Luſt! Diego! Das iſt meine Tochter— Das Die Langverborgne, die Gerettete: Vor aller Welt kann ich ſie jetzt erkennen! Chor.(Bohemund.) Ein ſeltſam neues Schreckniß glaub' ich ahnend Vor mir zu ſehn und ſehe wundernd, wie Das Irrſal ſich entwirren ſoll und löſen. 476 Zfabella (zum Chor, der Beſtürzung und Verlegenheit ausdrückt). O, ihr ſeyd undurchdringlich harte Herzen! Vom ehrnen Harniſch eurer Bruſt, gleichwie Von einem ſchroffen Meeresfelſen, ſchlägt Die Freude meines Herzens mir zurück! Umſonſt in dieſem ganzen Kreis umher Späh' ich nach einem Auge, das empfindet. Wo weilen meine Söhne, daß ich Antheil In einem Auge leſe: denn mir iſt, Als ob der Wüſte unmitleid'ge Schaaren, Des Meeres Ungeheuer mich umſtänden! Diego. Sie ſchlägt die Augen auf! Sie regt ſich, lebt! Ifabella. Sie lebt! Ihr erſter Blick ſey auf die Mutter! Diego. Das Auge ſchließt ſie ſchaudernd wieder zu. Iſabelln(zum Chor). Weichet zurück! Sie ſchreckt der fremde Anblick. Chor(tritt zurück. Vohemund). Gern meid' ich's, ihrem Blicke zu begegnen. Diego. Mit großen Augen mißt ſie ſtaunend dich. Beatrice. Wo bin ich? Dieſe Züge ſollt' ich kennen. Iſabella. Langſam kehrt die Beſinnung ihr zurück. Diego. Was macht ſie? Auf die Knie ſenkt ſie ſich. 477 Beatrice. O, ſchönes Engelsantlitz meiner Mutter! Iſabella. Kind meines Herzens! Komm in meine Arme! Beatrice, Zu deinen Füßen ſieh' die Schuldige. Iſabella. Ich habe dich wieder! Alles ſey vergeſſen! Diego. Betracht' auch mich! Erkennſt du meine Züge? Beatrice. Des redlichen Diego greiſes Haupt! Iſabella. Der treue Waͤchter deiner Kinderjahre. Beatrice. So bin ich wieder in dem Schoß der Meinen? Iſabella. Und nichts ſoll uns mehr ſcheiden, als der Tod. Beatrice. Du willſt mich nicht mehr in die Fremde ſtoßen? Zſabella. Nichts trennt uns mehr: das Schickſal iſt befriedigt. Beatrice(iinkt an ihre Bruſt). Und find' ich wirklich mich an deinem Herzen? Und Alles war ein Traum, was ich erlebte? Ein ſchwerer, fürchterlicher Traum— O Mutter! Ich ſah ihn todt zu meinen Füßen fallen! — Wie komm' ich aber hieher? Ich beſinne Mich nicht— Ach, wohl mir, wohl, daß ich gerettet In deinen Armen bin! Sie wollten mich Schillers ſaͤmmtl. Werke. V. 31 Zur Fürſtin Mutter von Meſſina bringen. Eher ins Grab! Iſabella. Komm zu dir, meine Tochter! Meſſinas Fürſtin— Beatrice. Nenne ſie nicht mehr! Mir gießt ſich bei dem unglückſel'gen Namen Ein Froſt des Todes durch die Glieder. Iſabella. 3 Hore mich. Beatrice. Sie hat zwei Söhne, die ſich tödtlich haſſen; Don Manuel, Don Ceſar nennt man ſie. Iſabella. Ich bin's ja ſelbſt! Erkenne deine Mutter! Beatrice. Was ſagſt du? Welches Wort haſt du geredet? Iſabella. Ich, deine Mutter, bin Meſſinas Furſtin. Beatrice. Du biſt Don Manuels Mutter und Don Ceſars? Iſabella. Und deine Mutter! Deine Brüder nennſt du! Beatrice. Weh', weh' mir! O, entſetzenvolles Licht! Iſabella. Was iſt dir? Was erſchüttert dich ſo ſeltſam? BVeatrice (wild um ſich her ſchauend, erblickt den Chor). Das ſind ſie, ja! Jetzt, jetzt erkenn' ich ſie. Mich hat kein Traum getäuſcht— Die ſind's! Die waren Zugegen— es iſt fürchterliche Wahrheit! Unglückliche, wo habt ihr ihn verborgen? (Sie geht mit heftigem Schritt auf den Chor zu, der ſich von ihr abwendet. Ein Trauermarſch läßt ſich in der Ferne hören.) Chor. Wehe! Wehe! Iſabella. Wen verborgen? Was iſt wahr? Ihr ſchweigt beſtürzt— Ihr ſcheint ſie zu verſtehn. Ich leſ' in euren Augen, eurer Stimme Gebrochnen Tönen etwas Unglückſel'ges, Das mir zurückgehalten wird— Was iſt's? Ich will es wiſſen. Warum heftet ihr So ſchreckenvolle Blicke nach der Thüre? Und was für Töne hör' ich da erſchallen? Chor.(Bohemund.) Es naht ſich! Es wird ſich mit Schrecken erklären. Sey ſtark, Gebieterin, ſtähle dein Herz! Mit Faſſung ertrage, was dich erwartet, Mit maͤnnlicher Seele den tödtlichen Schmerz! Iſabella. Was naht ſich? Was erwartet mich?— Ich höre Der Todtenklage fürchterlichen Ton Das Haus durchdringen— Wo ſind meine Söhne? (Der erſte Halbchor bringt den Leichnam Don Manuels auf einer Bahre getragen, die er auf der leer gelaſſenen Seite der Scene niederſetzt. Ein ſchwarzes Tuch iſt darüber gebreitet.) Iſabella. Beatrice. Biegs. Beide Chöre. Erſter Chor.(Cajetan.) Durch die Straßen der Stäͤdte, Vom Jammer gefolget, Schreitet das Unglück— Lauernd umſchleicht es Die Häuſer der Menſchen, Heute an dieſer Pforte pocht es, Morgen an jener, Aber noch Keinen hat es verſchont. Die unerwünſchte, Schmerzliche Botſchaft, Früher oder ſpaͤter, Beſtellt es an jeder Schwelle, wo ein Lebendiger wohnt. (Berengar.) Wenn die Blätter fallen In des Jahres Kreiſe, Wenn zum Grabe wallen Entnervte Greiſe, Da gehorcht die Natur Ruhig nur Ihrem alten Geſetze, Ihrem ewigen Brauch, Da iſt nichts, was den Menſchen entſetze! Aber das Ungeheure auch Lerne erwarten im irdiſchen Leben! Mit gewaltſamer Hand Löſet der Mord auch das heiligſte Band. In ſein ſtygiſches Boot Raffet der Tod Auch der Jugend blühendes Leben! (Cajetan.) Wenn die Wolken gethurmt den Himmel ſchwaͤrzen, Wenn dumpftoſend der Donner hallt, Da, da fühlen ſich alle Herzen In des furchtbaren Schickſals Gewalt. Aber auch aus entwölkter Höhe Kann der zündende Donner ſchlagen. Darum in deinen froͤhlichen Tagen Furchte des Unglücks tückiſche Nähe! Nicht an die Guter hänge dein Herz, Die das Leben vergänglich zieren! Wer beſitzt, Der lerne verlieren; Wer im Gluck iſt, Der lerne den Schmerz! Iſabella. Was ſoll ich hören? Was verhuüllt dies Tuch? (Sie macht einen Schritt gegen die Bahre, bleibt aber unſchlüſſig zaudernd ſtehen.) Es zieht mich grauſend hin und zieht mich ſchaudernd Mit dunkler, kalter Schreckenshand zurück. (Zu Beatricen, welche ſich zwiſchen ſie und die Bahre geworfen.) Laß mich! Was es auch ſey, ich will's enthüllen! (Sie hebt das Tuch auf und entdeckt Don Manuels Leichnam.) O himmliſche Machte, es iſt mein Sohn! (Sie bleibt mit ſtarrem Entſetzen ſtehen— Beatrice ſinkt mit einem Schrel des Schmerzens neben der Bahre nieder.) Chor.(Cajetan. Berengar. Manfred.) ungluͤckliche Mutter! Es iſt dein Sohn! 482 Du haſt es geſprochen, das Wort des Jammers; Nicht meinen Lippen iſt es entflohn. Iſabella. Mein Sohn! Mein Manuel!— O, ewige Erbarmung— So muß ich dich wieder finden! Mit deinem Leben mußteſt du die Schweſter Erkaufen aus des Raͤubers Hand!— Wo war Dein Bruder, daß ſein Arm dich nicht beſchützte? — O, Fluch der Hand, die dieſe Wunde grub! Fluch ihr, die den Verderblichen geboren, Der mir den Sohn erſchlug! Fluch ſeinem ganzen Geſchlecht! Chor. Wehe! Wehe! Wehe! Wehe! Iſabella. So haltet ihr mir Wort, ihr Himmelsmaͤchte? Das, Das iſt eure Wahrheit? Wehe Dem, Der Euch vertraut mit redlichem Gemüth! Worauf hab' ich gehofft, wovor gezittert, Wenn Dies der Ausgang iſt!— O, die ihr hier Mich ſchreckenvoll umſteht, an meinem Schmerz Die Blicke weidend, lernt die Lügen kennen, Womit die Traͤume uns, die Seher täuſchen! Glaube noch Einer an der Göͤtter Mund! — Als ich mich Mutter fuͤhlte dieſer Tochter, Da traͤumte ihrem Vater eines Tags, Er ſeh' aus ſeinem hochzeitlichen Bette Zwei Lorbeerbaume wachſen— Zwiſchen ihnen Wuchs eine Lilie empor; ſie ward Zur Flamme, die der Baͤume dicht Gezweig ergriff Und, um ſich wüthend, ſchnell das ganze Haus 483 In ungeheurer Feuerflut verſchlang. Erſchreckt von dieſem ſeltſamen Geſichte, Befrug der Pater einen Vogelſchauer Und ſchwarzen Magier um die Bedeutung. Der Magier erklärte: wenn mein Schoß Von einer Tochter ſich entbinden würde, So würde ſie die beiden Söhne ihm Ermorden und vertilgen ſeinen Stamm! Chor.(Cajetan und Bohemund.) Gebieterin, was ſagſt du? Wehe! Wehe! Iſabella. Darum befahl der Vater, ſie zu tödten; Doch ich entrüͤckte ſie dem Jammerſchickſal. — Die arme unglückſelige! Verſtoßen Ward ſie als Kind aus ihrer Mutter Schoß, Daß ſie, erwachſen, nicht die Brüder morde! und jetzt durch Räubershände fällt der Bruder; Nicht die Unſchuldige hat ihn getödtet! Chor. Wehe! Wehe! Wehe! Wehe! Iſabella. Keinen Glauben Verdiente mir des Götzendieners Spruch; Ein beſſ'res Hoffen ſtärkte meine Seele. Denn mir verkündigte ein andrer Mund, Den ich für wahrhaft hielt, von dieſer Tochter: „In heißer Liebe würde ſie dereinſt „Der Söoͤhne Herzen mir vereinigen.“ — So widerſprachen die Orakel ſich, Den Fluch zugleich und Segen auf das Haupt Der Tochter legend— Nicht den Fluch hat ſie 484 Verſchuldet, die Ungluͤckliche! Nicht Zeit Ward ihr gegönnt, den Segen zu vollziehen. Ein Mund hat, wie der andere, gelogen! Die Kunſt der Seher iſt ein eitles Nichts: Betrüger ſind ſie oder ſind betrogen. Nichts Wahres läßt ſich von der Zukunft wiſſen, Du ſchöpfeſt drunten an der Hölle Flüſſen, Du ſchöpfeſt droben an dem Quell des Lichts. Erſter Chor.(Cajetan.) Wehe! Wehe! Was ſagſt du? Halt' ein, halt' ein Bezähme der Zunge verwegenes Toben! Die Orakel ſehen und treffen ein: Der Ausgang wird die Wahrhaftigen loben. Iſabella. Nicht zähmen will ich meine Zunge, laut, Wie mir das Herz gebietet, will ich reden. Warum beſuchen wir die heil'gen Häuſer Und heben zu dem Himmel fromme Haͤnde? Gutmüth'ge Thoren, was gewinnen wir Mit unſerm Glauben? So unmöglich iſt's, Die Goͤtter, die hochwohnenden, zu treffen, Als in den Mond mit einem Pfeil zu ſchießen. Vermauert iſt dem Sterblichen die Zukunft, Und kein Gebet durchbohrt den ehrnen Himmel. Ob rechts die Voͤgel fliegen oder links, Die Sterne ſo ſich oder anders fuͤgen! Nicht Sinn iſt in dem Buche der Natur: Die Traumkunſt träumt, und alle Zeichen trügen. Zweiter Chor.(Bohemund.) Halt' ein, Unglückliche! Wehe! Wehe! Du leugneſt der Sonne leuchtendes Licht — 48⁵ Mit blinden Augen! Die Götter leben. Erkenne ſie, die dich furchtbar umgeben! (Alle Ritter.) Die Götter leben. Erkenne ſie, die dich furchtbar umgeben! Beatrice. § Mutter! Mutter! Warum haſt du mich Gerettet! Warum warfſt du mich nicht hin Dem Fluch, der, eh' ich war, mich ſchon verfolgte? Blödſicht'ge Mutter! Warum dünkteſt du Dich weiſer, als die Allesſchauenden, Die Nah' und Fernes an einander knupfen Und in der Zukunft ſpäte Saaten ſehn? Dir ſelbſt und mir, uns Allen zum Verderben Haſt du den Todesgöttern ihren Raub, Den ſie gefordert, frevelnd vorenthalten! Jetzt nehmen ſie ihn zweifach, dreifach ſelbſt. Nicht dank' ich dir das traurige Geſchenk: Dem Schmerz, dem Jammer haſt du mich erhalten! Erſter Chor(Cajetan) (Ein heftiger Bewegung nach der Thüre ſehend). Brechet auf, ihr Wunden! Fließet, fließet! In ſchwarzen Güſſen Stürzet hervor, ihr Bäche des Bluts! (Berengar.) Eherner Füße Rauſchen vernehm' ich, Hölliſcher Schlangen Ziſchendes Tönen. Ich erkenne der Furien Schritt! 486 (Cajetan.) Stürzet ein, ihr Wände! Verſink', o Schwelle, Unter der ſchrecklichen Füße Tritt! Schwarze Daͤmpfe, entſteiget, entſteiget— Qualmend dem Abgrund! Verſchlinget des Tages Lieblichen Schein! Schützende Götter des Hauſes, entweichet! Laſſet die rächenden Göttinnen ein! Non Ceſar. Iſabella. Beatrice. Der Char. Veim Eintritt des Don Ceſar zertheilt ſich der Chor in fliehender Bewegung vor ihm; er bleibt allein in der Mitte der Scene ſtehen. Beatrice. Weh' mir, er iſt's! Iſabella(tritt ihm entgegen). O mein Sohn Ceſar! Muß ich ſo Dich wiederſehen— O, blick' her und ſieh' Den Frevel einer gottverfluchten Hand! —(Führt ihn zu dem Leichnam.) Don Ceſar (ttritt mit Entſetzen zurück, das Geſicht verhüllend), Erſter Chor.(Cajetan, Verengar.) Brechet auf, ihr Wunden! Fließet, fließet! In ſchwarzen Guͤſſen Stroͤmet hervor, ihr Baͤche des Bluts! Iſabella. Du ſchauderſt und erſtarrſt! Ja, Das iſt Alles, Was dir noch übrig iſt von deinem Bruder! Da liegen meine Hoffnungen— Sie ſtirbt 487 Im Keim, die junge Blume eures Friedens, Und keine ſchöne Fruͤchte ſollt' ich ſchauen. Don Ceſar. Tröſte dich, Mutter! Redlich wollten wir Den Frieden, aber Blut beſchloß der Himmel. Iſabella. O, ich weiß, du liebteſt ihn, ich ſah entzuͤckt Die ſchönen Bande zwiſchen euch ſich flechten! An deinem Herzen wollteſt du ihn tragen, Ihm reich erſetzen die verlornen Jahre. Der blut'ge Mord kam deiner ſchönen Liebe Zuvor— Jetzt kannſt du nichts mehr, als ihn räͤchen. Don Ceſar. Komm, Mutter, komm! Hier iſt kein Ort fuͤr dich. Entreiß dich dieſem unglückſel'gen Anblick! (Er will ſie fortziehen.) Iſabella Cſällt ihm um den Hals). Du lebſt mir noch! Du, jetzt mein Einziger! Beatrice. Weh', Mutter! was beginnſt du? Don Ceſar. Weine dich aus An dieſem treuen Buſen! Unverloren Iſt dir der Sohn, denn ſeine Liebe lebt Unſterblich fort in deines Ceſars Bruſt. Erſter Chor.(Cajetan, Berengar, Manfred.) Brechet auf, ihr Wunden! Redet, ihr ſtumme! In ſchwarzen Fluten Stürzet hervor, ihr Bäche des Bluts! 488 Iſabella GBeider Hände faſſend). O, meine Kinder! Don Ceſar. Wie entzuͤckt es mich, In deinen Armen ſie zu ſehen, Mutter! Ja, laß ſie deine Tochter ſeyn! Die Schweſter— Iſabella(unterbricht ihn). Dir dank' ich die Gerettete, mein Sohn! Du hielteſt Wort, du haſt ſie mir geſendet. Don Ceſar(erſtaunt). Wen, Nutter, ſagſt du, hab' ich dir geſendet? Iſabella. Sie mein' ich, die du vor dir ſiehſt, die Schweſter. Don Ceſar. Iſabella. Welche Andre ſonſt? 3 Don Ceſar. Meine Schweſter? Ifabella. Die du ſelber mir geſendet. Don Ceſar. Und ſeine Schweſter! Chor. Wehe! Wehe! Wehe! . Zeatrice. O, meine Mutter! Iſabella. Ich erſtaune— Redet! Don Ceſar. So ſey der Tag verflucht, der mich geboren 489 Iſabella. Was iſt dir? Gott! Don Ceſar. Verflucht der Schoß, der mich Getragen!— Und verflucht ſey deine Heimlichkeit, Die all dies Gräßliche verſchuldet! Falle Der Donner nieder, der dein Herz zerſchmettert! Nicht länger halt' ich ſchonend ihn zurück— Ich ſelber, wiſſ' es, ich erſchlug den Bruder, In ihren Armen überraſcht' ich ihn; Sie iſt es, die ich liebe, die zur Braut Ich mir gewählt— den Bruder aber fand ich In ihren Armen— Alles weißt du nun! — Iſt ſie wahrhaftig ſeine, meine Schweſter, So bin ich ſchuldig einer Gräuelthat, Die keine Reu' und Büßung kann verſöhnen! Chor.(Bohemund.) Es iſt geſprochen, du haſt es vernommen: Das Schlimmſte weißt du, nichts iſt mehr zurück! Wie die Seher verkündet, ſo iſt es gekommen: Denn noch Niemand entfloh dem verhängten Geſchick. Und, wer ſich vermißt, es kluüͤglich zu wenden, Der muß es ſelber erbauend vollenden. Iſabella. Was kümmert's mich noch, ob die Götter ſich Als Lügner zeigen oder ſich als wahr Beſtätigen? Mir haben ſie das Aergſte Gethan— Troh biet' ich ihnen, mich noch härter Zu treffen, als ſie trafen— Wer für nichts mehr Zu zittern hat, Der furchtet ſie nicht mehr. Ermordet liegt mir der geliebte Sohn, — 490 Und von dem lebenden ſcheid' ich mich ſelbſt. Er iſt mein Sohn nicht— Einen Baſilisken Hab' ich erzeugt, genährt an meiner Bruſt, Der mir den beſſern Sohn zu Tode ſtach. — Komm, meine Tochter! Hier iſt unſers Bleibens Nicht mehr— den Rachegeiſtern überlaſſ' ich Dies Haus— Ein Frevel führte mich herein, Ein Frevel treibt mich aus— Mit Widerwillen Hab' ich's betreten und mit Furcht bewohnt, Und in Verzweiflung räum' ich's— Alles Dies Eleid' ich ſchuldlos; doch bei Ehren bleiben Die Orakel, und gerettet ſind die Götter. —(Sie geht ab. Diego folgt ihr.) Beatrice. Don Ceſar. Der Chor. Don Ceſar(Beatricen zurückhaltend). Bleib', Schweſter! Scheide du nicht ſo von mir! Mag mir die Mutter fluchen, mag dies Blut Anklagend gegen mich zum Himmel rufen, Mich alle Welt verdammen! Aber du Fluche mir nicht! Von dir kann ich's nicht tragen! Beatrice Geigt mit abgewandtem Geſicht auf dem Leichnam). Don Ceſar. Nicht den Geliebten hab' ich dir getödtet! Den Bruder hab' ich dir und hab' ihn mir Gemordet— Dir gehört der Ahbgeſchiedne jetzt Nicht näher an, als ich, der Lebende, Und ich bin mitleidswürdiger, als er, Denn er ſchied rein hinweg, und ich bin ſchuldig. 491 Beatrice (bricht in heftige Thränen aus). Don Ceſar. Wein' um den Bruder, ich will mit dir weinen, Und— mehr noch— raͤchen will ich ihn! Doch nicht Um den Geliebten weine! Dieſen Vorzug, Den du dem Todten gibſt, ertrag' ich nicht. Den einz'gen Troſt, den letzten, laß mich ſchöpfen Aus unſers Jammers bodenloſer Tiefe, Daß er dir näher nicht gehört, als ich— Denn unſer furchtbar aufgelöstes Schickſal Macht unſre Rechte gleich, wie unſer Unglück. In einen Fall verſtrickt, drei liebende Geſchwiſter, gehen wir vereinigt unter Und theilen gleich der Thränen traurig Recht. Doch, wenn ich denken muß, daß deine Trauer Mehr dem Geliebten als dem Bruder gilt, Dann miſcht ſich Wuth und Neid in meinen Schmerz, Und mich verläͤßt der Wehmuth letzter Troſt. Nicht freudig, wie ich gerne will, kann ich Das letzte Opfer ſeinen Manen bringen; Doch ſanft nachſenden will ich ihm die Seele, Weiß ich nur, daß du meinen Staub mit ſeinem In einem Aſchenkruge ſammeln wirſt. (Den Arm um ſie ſchlingend, mit einer leidenſchaftlich zärtlichen Heftigkeit.) Dich liebt' ich, wie ich nichts zuvor geliebt, Da du noch eine Fremde für mich warſt. Weil ich dich liebte über alle Gränzen, Trag' ich den ſchweren Fluch des Brudermords; Liebe zu dir war meine ganze Schuld. 49²2 — Jetzt biſt du meine Schweſter, und dein Mitleid Fordr' ich von dir als einen heil'gen Zoll. (Er ſieht ſie mit forſchenden Blicken und ſchmerzlicher Erwartung an, dann wendet er ſich mit Heftigkeit von ihr.) Nein, nein, nicht ſehen kann ich dieſe Thränen— In dieſes Todten Gegenwart verlaͤßt Der Muth mich und die Bruſt zerreißt der Zweifel— — Laß mich im Irrthum! Weine im Verborgnen! Sieh' nie mich wieder— niemals mehr— Nicht dich, Nicht deine Mutter will ich wieder ſehen. Sie hat mich nie geliebt! Verrathen endlich Hat ſich ihr Herz, der Schmerz hat es geöffnet. Sie nannt' ihn ihren beſſern Sohn!— So hat ſie Verſtellung ausgeübt ihr ganzes Leben! — Und du biſt falſch, wie ſie! Zwinge dich nicht! Zeig' deinen Abſcheu! Mein verhaßtes Antlitz Sollſt du nicht wieder ſehn! Geh' hin auf ewig! (Er geht ab. Sie ſteht unſchlüſſig, im Kampf widerſprechender Gefühle dann reißt ſie ſich los und geht.) Chor.(Cajetan.) Wohl Dem, ſelig muß ich ihn preiſen, Der in der Stille der ländlichen Flur, Fern von des Lebens verworrenen Kreiſen, Kindlich liegt an der Bruſt der Natur! Denn das Herz wird mir ſchwer in der Fürſten Palaſten, Wenn ich herab vom Gipfel des Glücks Stürzen ſehe die Hoͤchſten, die Beſten In der Schnelle des Augenblicks! Und auch Der hat ſich wohl gebettet, Der aus der ſtürnniſchen Lebenswelle, 493 Zeitig gewarnt, ſich heraus gerettet In des Kloſters friedliche Zelle, Der die ſtachelnde Sucht der Ehren Von ſich warf und die eitle Luſt Und die Wünſche, die ewig begehren, Eingeſchläfert in ruhiger Bruſt. Ihn ergreift in dem Lebensgewühle Nicht der Leidenſchaft wilde Gewalt; Nimmer in ſeinem ſtillen Aſyle Sieht er der Menſchheit traur'ge Geſtalt. Nur in beſtimmter Höhe ziehet Das Verbrechen hin und das Ungemach, Wie die Peſt die erhabenen Orte fliehet; Dem Qualm der Stdte waͤlzt es ſich nach. (Berengar, Bohemund und Manfred.) Auf den Bergen iſt Freiheit! Der Hauch der Grüfte Steigt nicht hinauf in die reinen Lufte; Die Welt iſt vollkommen überall, Wo der Menſch nicht hinkommt mit ſeiner Qual. (Der ganze Chor wiederholt.) Auf den Bergen u. ſ. w. 8 Don Ceſar. Der Chor. Don Ceſar(eſaßter). Das Recht des Herrſchers üb' ich aus zum letzten Mal, Dem Grab zu übergeben dieſen theuren Leib: Denn Dieſes iſt der Todten letzte Herrlichkeit. Vernehmt denn meines Willens ernſtlichen Beſchluß, Und, wie ich's euch gebiete, alſo übt es aus Genau— Euch iſt im friſchen Angedenken noch Das ernſte Amt, denn nicht von langen Zeiten iſt's, Schilers ſämmtl. Werke. V. 494 Daß ihr zur Gruft begleitet eures Fürſten Leib. Die Todtenklage iſt in dieſen Mauern kaum 1 Verhallt, und eine Leiche draͤngt die andre fort Ins Grab, daß eine Fackel an der andern ſich Anzünden, auf der Treppe Stufen ſich der Zug Der Klagemaͤnner faſt begegnen mag. So ordnet denn ein feierlich Begraͤbnißfeſt In dieſes Schloſſes Kirche, die des Vaters Staub Verwahrt, geräuſchlos bei verſchloſſ'nen Pforten an, Und Alles werde, wie es damals war, vollbracht. Chor.(Bohemund.) Mit ſchnellen Haͤnden ſoll dies Werk bereit ſeyn, O Herr— denn aufgerichtet ſteht der Katafalk, Ein Denkmal jener ernſten Feſtlichkeit, noch da, Und an den Bau des Todes rührte keine Hand. Don Ceſar. Das war kein gluͤcklich Zeichen, daß des Grabes Mund Geöffnet blieb im Hauſe der Lebendigen. Wie kam's, daß man das unglückſelige Geruſt Nicht nach vollbrachtem Dienſte alſobald zerbrach? Chor. Bohemund.) Die Noth der Zeiten und der jammervolle Zwiſt, Der gleich nachher, Meſſina feindlich theilend, ſich Entflammt, zog unſre Augen von den Todten ab, Und öde blieb, verſchloſſen dieſes Heiligthum. . Dan Ceſar. Ans Werk denn eilet ungeſäumt! Noch dieſe Nacht Vollende ſich das mitternächtliche Geſchaͤft! Die nächſte Sonne finde von Verbrechen rein Das Haus und leuchte einem fröhlichern Geſchlecht. (Der zweite Ehor entſernt ſich mit Don Mannels Leichnann.) — — 3 495 Erſter Chor.(Cajetan.) Soll ich der Moͤnche fromme Brüderſchaft hieher Berufen, daß ſie nach der Kirche altem Brauch Das Seelenamt verwalte und mit heil'gem Lied Zur ew'gen Ruh' einſegne den Begrabenen? Don Ceſar. Ihr frommes Lied mag fort und fort an unſerm Grab Auf ew'ge Zeiten ſchallen bei der Kerze Schein; Doch heute nicht bedarf es ihres reinen Amts: 6 Der blut'ge Mord verſcheucht das Heilige. 1 Chor.(Cajetan.) Beſchließe nichts gewaltſam Blutiges, o Herr, Wider dich ſelber wüthend mit Verzweiflungsthat! Denn auf der Welt lebt Niemand, der dich ſtrafen kann, Und fromme Büßung kauft den Zorn des Himmels ab. Don Ceſar. Nicht auf der Welt lebt, wer mich richtend ſtrafen kann: Drum muß ich ſelber an mir ſelber es vollziehn. 3 Bußfert'ge Sühne, weiß ich, nimmt der Himmel an; Doch nur mit Blute büßt ſich ab der blut'ge Mord. Chor.(Cajetan.) Des Jammers Fluten, die auf dieſes Haus geſtürmt, Ziemt dir zu brechen, nicht zu häufen Leid auf Leid. Don Ceſar. Den alten Fluch des Hauſes löſ' ich ſterbend auf. Der freie Tod nur bricht die Kette des Geſchicks. Chor.(Cajetan.) Zum Herrn biſt du dich ſchuldig dem verwaisten Land, Weil du des andern Herrſcherhauptes uns beraubt. 496 . Don Ceſar. Zuerſt den Todesgöttern zahl' ich meine Schuld; Ein andrer Gott mag ſorgen für die Lebenden. Chor.(Cajetan.) So weit die Sonne leuchtet, iſt die Hoffnung auch; Nur von dem Tod gewinnt ſich nichts! Bedenk' es wohl! Don Ceſar. Du ſelbſt bedenke ſchweigend deine Dienerpflicht! Mich laß dem Geiſt gehorchen, der mich furchtbar treibt: Denn in das Innre kann kein Glücklicher mir ſchaun. Und, ehrſt du fürchtend auch den Herrſcher nicht in mir, Den Verbrecher fürchte, den der Flüche ſchwerſter drückt! Das Haupt verehre des Unglücklichen, Das auch den Göttern heilig iſt— Wer Das erfuhr, Was ich erleide und im Buſen fühle, Gibt keinem Irdiſchen mehr Rechenſchaft. Donna Iſabella. Don Ceſar. Der Chor. Iſabella (kommt mit zögernden Schritten und wirft unſchlüſſige Blicke auf Don Geſar Endlich tritt ſie ihm näher und ſpricht mit gefaßtem Ton). Dich ſollten meine Augen nicht mehr ſchauen, So hatt' ich mir's in meinem Schmerz gelobt; Doch in der Luft verwehen die Entſchlüſſe, Die eine Mutter, unnatürlich wüthend, Wider des Herzens Stimme faßt— Mein Sohn! 6 Mich treibt ein unglückſeliges Gerücht 3 Aus meines Schmerzeus öden Wohnungen Hervor— Soll ich ihm glauben? Iſt es wahr, Daß mir ein Tag zwei Söhne rauben ſoll? 497 Cho r.(Cajetan.) Entſchloſſen ſiehſt du ihn, feſten Muths, Hinab zu gehen mit freiem Schritte Zu des Todes traurigen Thoren. Erprobe du jetzt die Kraft des Bluts, Die Gewalt der rührenden Mutterbitte Meine Worte hab' ich umſonſt verloren. Iſabella. Ich rufe die Verwünſchungen zurück, Die ich im blinden Wahnſinn der Verzweiflung Auf dein geliebtes Haupt herunter rief. Eine Mutter kann des eignen Buſens Kind, Das ſie mit Schmerz geboren, nicht verfluchen. Nicht hört der Himmel ſolche ſündige Gebete; ſchwer von Thraͤnen, fallen ſie Zuruͤck von ſeinem leuchtenden Gewölbe. — Lebe, mein Sohn! Ich will den Mörder lieber ſehn Des einen Kindes, als um Beide weinen. Don Ceſar. Nicht wohl bedenkſt du, Mutter, was du wuͤnſcheſt Dir ſelbſt und mir— Mein Platz kann nicht mehr ſeyn Bei den Lebendigen— Ja, köͤnnteſt du Des Mörders gottverhaßten Anblick auch Ertragen, Mutter, ich ertrüge nicht Den ſtummen Vorwurf deines ew'gen Grams. Iſabella. Kein Vorwurf ſoll dich kränken, keine laute Noch ſtumme Klage in das Herz dir ſchneiden. In milder Wehmuth wird der Schmerz ſich löſen. Gemeinſam trauernd, wollen wir das Ungluück Beweinen und bedecken das Verbrechen. 498 Don Ceſar(faßt ihre Hand, mit ſanſter Stimme). 3 Das wirſt du, Mutter. Alſo wird's geſchehn. In milder Wehmuth wird dein Schmerz ſich löſen— Dann, Mutter, wenn ein Todtenmal den Moͤrder Zugleich mit dem Gemordeten umſchließt, Ein Stein ſich woͤlbet über Beider Staube, 4 Dann wird der Fluch entwaffnet ſeyn— dann wirſt Du deine Soͤhne nicht mehr unterſcheiden; Die Thraͤnen, die dein ſchönes Auge weint, Sie werden Einem wie dem Andern gelten: Ein mächtiger Vermittler iſt der Tod. Da löſchen alle Zornesflammen aus. Der Haß verſöhnt ſich, und das ſchöne Mitleid Neigt ſich, ein weinend Schweſterbild, mit ſauft Anſchmiegender Umarmung auf die Urne. 4 Drum, Mutter, wehre du mir nicht, daß ich Hinunterſteige und den Fluch verſöhne. Iſabella. 4 Reich iſt die Chriſtenheit an Gnadenbildern, Zu denen wallend ein gequältes Herz Kann Ruhe finden. Manche ſchwere Bürde Ward abgeworfen in Lorettos Haus, 3 Und ſegenvolle Himmelskraft umweht Das heil'ge Grab, das alle Welt entſündigt. 1 Vielkräftig auch iſt das Gebet der Frommen: 5 Sie haben reichen Vorrath an Verdienſt, Und auf der Stelle, wo ein Mord geſchah, Kann ſich ein Tempel reinigend erheben. Don Cefar. 9 Wohl läßt der Pfeil ſich aus dem Herzen ziehn, Doch nie wird das Verletzte mehr geſunden. 499 Lebe, wer's kann, ein Leben der Zerknirſchung, Mit ſtrengen Bußkaſteiungen allmählich Abſchöpfend eine ew'ge Schuld— ich kann Nicht leben, Mutter, mit gebrochnem Herzen: Aufblicken muß ich freudig zu den Frohen Und in den Aether greifen über mir Mit freiem Geiſt— Der Neid vergiftete mein Leben, Da wir noch deine Liebe gleich getheilt: Denkſt du, daß ich den Vorzug werde tragen, Den ihm dein Schmerz gegeben über mich? Der Tod hat eine reinigende Kraft, In ſeinem unvergänglichen Palaſte Zu echter Tugend reinem Diamant Das Sterbliche zu läutern und die Flecken Der mangelhaften Menſchheit zu verzehren. Weit, wie die Sterne abſtehn von der Erde, Wird er erhaben ſtehen über mir, und, hat der alte Neid uns in dem Leben Getrennt, da wir noch gleiche Brüder waren, So wird er raſtlos mir das Herz zernagen, Nun er das Ewige mir abgewann Und, jenſeits alles Wettſtreits, wie ein Gott In der Erinnerung der Menſchen wandelt. . Iſabella. O, hab' ich euch nur darum nach Meſſina Gerufen, um euch Beide zu begraben? Euch zu verſöhnen, rief ich euch hieher, Und ein verderblich Schickſal kehret all Mein Hoffen in ſein Gegentheil mir um! Don Ceſar. Schilt nicht den Ausgang, Mutter! Es erfuͤllt 500 Sich Alles, was verſprochen ward. Wir zogen ein Mit Friedenshoffnungen in dieſe Thore, Und friedlich werden wir zuſammen ruhn, Verſöhnt auf ewig, in dem Haus des Todes. Iſabella. Lebe, mein Sohn! Laß deine Mutter nicht Freundlos im Land der Fremdlinge zurück, Rohherziger Verhöhnung preisgegeben, Weil ſie der Söhne Kraft nicht mehr beſchuͤtzt. Don Ceſar. Wenn alle Welt dich herzlos kalt verhöhnt, So flüchte du dich hin zu unſerm Grabe Und rufe deiner Söhne Gottheit an: Denn Götter ſind wir dann, wir höͤren dich. und, wie des Himmels Zwillinge, dem Schiffer Ein leuchtend Sternbild, wollen wir mit Troſt Dir nahe ſeyn und deine Seele ſtärken. Iſabella. Lebe, mein Sohn! Für deine Mutter lebe! Ich kann's nicht tragen, Alles zu verlieren! (Sie ſchlingt ihre Arme mit leidenſchaftlicher Heftigkeit um ihn: macht ſich ſanft von ihr los und reicht ihr die Hand mit abgewan tem Geſicht.) 5 2 Don Ceſar. Leb' wohl! Zſabella. Ach, wohl erfahr' ich ſchmerzlich fühlend nun, Daß nichts die Mutter über dich vermag! Gibt's keine andre Stimme, welche dir Zum Herzen mächt'ger als die meine dringt? (Sie geht nach dem Eingang der Scene.) ——— 501 Komm, meine Tochter! Wenn der todte Bruder Ihn ſo gewaltig nachzieht in die Gruft, So mag vielleicht die Schweſter, die geliebte, Mit ſchöner Lebenshoffnung Zauberſchein Zurück ihn locken in das Licht der Sonne. Beatrice erſcheint am Eingange der Scene. Donna Jſabella. Don Ceſar und der Chor. Don Ceſar (bei ihrem Anblick heftig bewegt ſich verhüllend). O Mutter! Mutter! Was erſanneſt du? Iſabella Cführt ſie vorwärts). Die Mutter hat umſonſt zu ihm gefleht: Beſchwöre du, erfleh' ihn, daß er lebe! Don Ceſar. Argliſt'ge Mutter! Alſo prüfſt du mich! In neuen Kampf willſt du zuruͤck mich ſtuͤrzen? Das Licht der Sonne mir noch theuer machen Auf meinem Wege zu der ew'gen Nacht? — Da ſteht der holde Lebensengel maͤchtig Vor mir, und tauſend Blumen ſchüttet er Und tauſend goldne Früchte lebenduftend Aus reichem Füllhorn ſtrömend vor mir aus; Das Herz geht auf im warmen Strahl der Sonne, Und neu erwacht in der erſtorbnen Bruſt Die Hoffnung wieder und die Lebensluſt. Iſabella. Fleh' ihn: dich oder Niemand wird er hören, Daß er den Stab nicht raube dir und mir. Veatrice. Ein Opfer fordert der geliebte Todte; Schillers ſaͤmmtl. Werke. V. 50² Es ſoll ihm werden, Mutter— Aber mich Laß dieſes Opfer ſeyn! Dem Tode war ich Geweiht, eh' ich das Leben ſah. Mich fordert Der Fluch, der dieſes Haus verfolgt und Raub Am Himmel iſt das Leben, das ich lebe. Ich bin's, die ihn gemordet, eures Streits Entſchlafne Furien gewecket— Mir Gebührt es, ſeine Manen zu verſöhnen! Chor.(Cajetan.) O jammervolle Mutter! Hin zum Tod Draͤngen ſich eifernd alle deine Kinder Und laſſen dich allein, verlaſſen ſtehn Im freudlos oͤden, liebeleeren Leben. Beatrice. Du, Bruder, rette dein geliebtes Haupt! Für deine Mutter lebe! Sie bedarf Des Sohns; erſt heute fand ſie eine Tochter, Und leicht entbehrt ſie, was ſie nie beſaß. Don Ceſar(mit tief verwundeter Seele). Wir mögen leben, Mutter, oder ſterben, Wenn ſie nur dem Geliebten ſich vereinigt! Veatrice. Beneideſt du des Bruders todten Staub? Don Ceſar. 5 Er lebt in deinem Schmerz ein ſelig Leben; 1 Ich werde ewig todt ſeyn bei den Todten. Deatrice. 1 O Bruder!* Don Ceſar 4 (mit dem Ausdruck der heftigſten Leidenſchaft). Schweſter, weineſt du um m ich? 503 Beatrice. Lebe fuͤr unſre Mutter! Don Ceſar(läßt ihre Hand los, zurücktretend). Für die Mutter— Beatrice(neigt ſich an ſeine Bruſt). Lebe für ſie und tröſte deine Schweſter. Chor.(Bohemund). Sie hat geſiegt! Dem rührenden Flehen Der Schweſter konnt' er nicht widerſtehen. Troſtloſe Mutter! gib Raum der Hoffnung, Er erwaͤhlt das Leben, dir bleibt dein Sohn! (In dieſem Augenblick läßt ſich ein Chorgeſang hören, die Flügelthüre wird geöffnet, man ſieht in der Kirche den Katafalk aufgerichtet und den Sarg von Candelabern umgeben.) Don Ceſar(gegen den Sarg gewendet). Nein, Bruder! Nicht dein Opfer will ich dir Entziehen— deine Stimme aus dem Sarg Ruft mächt'ger dringend als der Mutter Thraͤnen Und maͤcht'ger als der Liebe Flehn— Ich halte In meinen Armen, was das ird'ſche Leben Zu einem Los der Götter machen kann— Doch ich, der Mörder, ſollte glücklich ſeyn, Und deine heil'ge Unſchuld ungerächet Im tiefen Grabe liegen?— Das verhuͤte Der allgerechte Lenker unſrer Tage, Daß ſolche Theilung ſey in ſeiner Welt— — Die Thraͤnen ſah ich, die auch mir gefloſſen: Befriedigt iſt mein Herz, ich folge dir. (Er durchſticht ſich mit einem Dolch und gleitet ſterbend an ſeiner Schweſter nieder, die ſich der Mutter in die Arme wirft.) 5041 Chor(Cajetan) (nach einem tiefen Schweigen). „Erſchuͤttert ſteh' ich, weiß nicht, ob ich ihn Bejammern oder preiſen ſoll ſein Los. Dies Eine fühl' ich und erkenn' es klar: Das Leben iſt der Guͤter höchſtes nicht, Der Uebel groͤßtes aber iſt die Schuld. 7 8 10 11 15 16 17 18 19