—— —— 2 — Lei deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatuͤr 4 3 von 5 8 1 CEdnard Otlmann in Gießen, 85 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256.. 6 Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ vienanehunf und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens ſ. 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei d uck gabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 4 3 3. Caution. Unbekanne Perſonen müſſen, bei Entgegennahm e eines Buches, eine dem Werthe deſlelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zuruckgabe von mir zurückerſtattet wird.. 3 b 183 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 5.. 3 3 für wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —. d⸗ ———— auf Monat: Nr.= 1 N 50 f 2 Mr. Ff. 8 9 43. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſ endung defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ze.) muß der lorene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 8 1 „ ——— — Schillers ſfſämmtliche Werke in zwölf Bänden. 1 3——— Vierter Band. Stuttgart und Tübingen. Verlag der J. G. Cotta'ſchen Buchhandlung. 1838. Inhalt. Wallenſtein. Ein dramatiſches Gedicht. Erſter Theil. Prolog. Wallenſteins Lager. Die Piccolomini. Zweiter Theil. Wallenſteins Tod Sene Wallenſtein. Ein dramatiſches Gedicht. Erſter Theil. Schillers ſämmtl. Werke. IV. 1 ₰ —.— Prolog. Geſprochen bei der Wiedereroͤffnung der Schaubähne in Weimar im October 1798. Der ſcherzenden, der ernſten Maske Spiel, Dem ihr ſo oft ein willig Ohr und Auge Geliehn, die weiche Seele hingegeben, Vereinigt uns aufs Neu' in dieſem Saal— Und ſieh'! er hat ſich neu verjüngt, ihn hat Die Kunſt zum heitern Tempel ausgeſchmückt, Und ein harmoniſch hoher Geiſt ſpricht uns Aus dieſer edeln Säulenordnung an Und regt den Sinn zu feſtlichen Gefühlen. Und doch iſt Dies der alte Schauplatz noch, Die Wiege mancher jugendlicher Kräfte, Die Laufbahn manches wachſenden Talents. Wir ſind die Alten noch, die ſich vor euch Mit warmem Trieb und Eifer ausgebildet. Ein edler Meiſter ſtand auf dieſem Platz, Euch in die heitern Höhen ſeiner Kunſt Durch ſeinen Schöpfergenius entzückend. Ol moͤge dieſes Raumes neue Würde Die Würdigſten in unſre Mitte ziehn, Und eine Hoffnung, die wir lang gehegt, Sich uns in glänzender Erfüllung zeigen. Ein großes Muſter weckt Nacheiferung Und gibt dem urtheil höhere Geſetze. So ſtehe dieſer Kreis, die neue Bühne, Als Zeugen des vollendeten Talents. Wo möcht' es auch die Kräfte lieber prüfen, Den alten Ruhm erfriſchen und verjüngen, Als hier vor einem auserleſ'nen Kreis, Der, rührbar jedem Zauberſchlag der Kunſt, Mit leisbeweglichem Gefühl den Geiſt In ſeiner flüchtigſten Erſcheinung haſcht? Denn ſchnell und ſpurlos geht des Mimen Kunſt, Die wunderbare, an dem Sinn vorüber, Wenn das Gebild des Meißels, der Geſang Des Dichters nach Jahrtauſenden noch leben. Hier ſtirbt der Zauber mit dem Künſtler ab, und, wie der Klang verhallet in dem Ohr, Verrauſcht des Augenblicks geſchwinde Schöpfung, Und ihren Ruhm bewahrt kein dauernd Werk. Schwer iſt die Kunſt, vergänglich iſt ihr Preis; Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze: Drum muß er geizen mit der Gegenwart, Den Augenblick, der ſein iſt, ganz erfuͤllen, Muß ſeiner Mitwelt mächtig ſich verſichern Und im Gefühl der Würdigſten und Beſten Ein lebend Denkmal ſich erbaun— So nimmt er Sich ſeines Namens Ewigkeit voraus: Denn, wer den Beſten ſeiner Zeit genug Gethan, Der hat gelebt für alle Zeiten. — ,— 5 Die neue Aera, die der Kunſt Thaliens Auf dieſer Bühne heut' beginnt, macht auch Den Dichter kühn, die alte Bahn verlaſſend, Euch aus des Bürgerlebens engem Kreis Auf einen höhern Schauplatz zu verſetzen, Nicht unwerth des erhabenen Moments Der Zeit, in dem wir ſtrebend uns bewegen: Denn nur der große Gegenſtand vermag Den tiefen Grund der Menſchheit aufzuregen; Im engen Kreis verengert ſich der Sinn Es wachst der Menſch mit ſeinen größern Zwecken. Und jetzt, an des Jahrhunderts ernſtem Ende, Wo ſelbſt die Wirklichkeit zur Dichtung wird, Wo wir den Kampf gewaltiger Naturen Um ein bedeutend Ziel vor Augen ſehn, Und um der Menſchheit große Gegenſtände, Um Herrſchaft und um Freiheit, wird gerungen, Jetzt darf die Kunſt auf ihrer Schattenbühne Auch höhern Flug verſuchen, ja, ſie muß, Soll nicht des Lebens Bühne ſie beſchämen. Zerfallen ſehen wir in dieſen Tagen Die alte feſte Form, die einſt vor hundert Und fünfzig Jahren ein willkommner Friede Europens Reichen gab, die theure Frucht Von dreißig jammervollen Kriegesjahren. Noch einmal laßt des Dichters Fantaſie Die düſtre Zeit an euch vorüberführen 6 ¹ Und blicket froher in die Gegenwart 4 Und in der Zukunft hoffnungsreiche Ferne. In jenes Krieges Mitte ſtellt euch jetzt Der Dichter. Sechzehn Jahre der Verwüſtung, Des Raubs, des Elends ſind dahin geflohn, In trüben Maſſen gähret noch die Welt, Und keine Friedenshoffnung ſtrahlt von Fern'. Ein Tummelplatz von Waffen iſt das Reich, Verödet ſind die Städte, Magdeburg Iſt Schutt, Gewerb' und Kunſtfleiß liegen nieder, Der Bürger gilt nichts mehr, der Krieger Alles, Strafloſe Frechheit ſpricht den Sitten Hohn, Und rohe Horden lagern ſich, verwildert Im langen Krieg, auf dem verheerten Boden. 3 Auf dieſem finſtern Zeitgrund malet ſich Ein Unternehmen kühnen Uebermuths Und ein verwegener Charakter ab. Ihr kennet ihn— den Schöpfer kühner Heere, Des Lagers Abgott und der Länder Geißel, Die Stütze und den Schrecken ſeines Kaiſers, Des Glückes abenteuerlichen Sohn, Der, von der Zeiten Gunſt emporgetragen, Der CEhre höchſte Staffel raſch erſtieg und, ungeſättigt immer weiter ſtrebend, Der unbezähmten Ehrſucht Opfer fiel. Von der Parteien Gunſt und Haß verwirrt, Schwankt ſein Charakterbild in der Geſchichte; Doch euren Augen ſoll ihn jetzt die Kunſt, 7 Auch eurem Herzen menſchlich naͤher bringen, Denrn jedes Aeußerſte führt ſie, die Alles Begränzt und bindet, zur Natur zurück; Sie ſieht den Menſchen in des Lebens Drang Und waͤlzt die größre Halfte ſeiner Schuld Den unglückſeligen Geſtirnen zu. Nicht er iſt's, der auf dieſer Buhne heut' Erſcheinen wird. Doch in den kühnen Schaaren, Die ſein Befehl gewaltig lenkt, ſein Geiſt Beſeelt, wird euch ſein Schattenbild begegnen, Bis ihn die ſcheue Muſe ſelbſt vor euch Zu ſtellen wagt in lebender Geſtalt: Denn ſeine Macht iſt's, die ſein Herz verführt; Sein Lager nur erklaͤret ſein Verbrechen. Darum verzeiht dem Dichter, wenn er euch Nicht raſchen Schritts mit einem Mal ans Ziel Der Handlung reißt, den großen Gegenſtand In einer Reihe von Gemälden nur Vor euren Augen abzurollen wagt. Das heut'ge Spiel gewinne euer Ohr Und euer Herz den ungewohnten Tönen; In jenen Zeitraum führ' es euch zuruͤck, Auf jene fremde kriegeriſche Bühne, Die unſer Held mit ſeinen Thaten bald Erfüllen wird. Und, wenn die Muſe heut', Des Tanzes freie Göttin und Geſangs, 8 Ihr altes deutſches Recht, des Reimes Spiel, Beſcheiden wieder fordert— tadelt's nicht! Ja, danket ihr's, daß ſie das düſtre Bild Der Wahrheit in das heitre Reich der Kunſt Hinüberſpielt, die Täuſchung, die ſie ſchafft, Aufrichtig ſelbſt zerſtört und ihren Schein Der Wahrheit nicht betrüglich unterſchiebt: Ernſt iſt das Leben, heiter iſt die Kunſt. — MWallenſteins Tager. Perſonen. Wachtmeiſter,) von einem Terzky'ſchen Carabinier⸗Regiment. Trompeter, Conſtabler. Scharfſchuͤtzen. Zwei Holk'ſche reitende Jaͤger. Buttler'ſche Dragoner. Arkebu ſier vom Regiment Tie fenbach. Cuͤvaſſier von einem wolloniſchen Regiment. Cuͤvaſſier von einem lombardiſchen Regiment. Croaten. Uhlanen. Recrut. Buͤrger. Bauer. Bauerknabe. Kapuziner. Soldatenſchulmeiſter. Marketenderin. Eine Aufwaͤrterin. Soldatenjungen. Hoboiſten. Vor der Stadt Pilſen in Böhmen. Erſter Auftritt. Marketenderzelte, davor eine Kram- und Trödelbude. Soldaten von allen Farben und Feldzeichen draͤngen ſich durcheinander, alle Tiſche ſind beſetzt. Croaten und Uhlanen an einem Kohlfeuer kochen, Marketenderin ſchenkt Wein, Soldatenjungen würfeln auf einer Trommel, im Zelt wird geſungen. Ein Bauer und ſein Sohn. Bauerknabe. Vater, es wird nicht gut ablaufen, Bleiben wir von dem Soldatenhaufen. Sind Euch gar trotzige Kameraden: Wenn ſie uns nur nichts am Leibe ſchaden! Bauer. Ei was! Sie werden uns ja nicht freſſen, Treiben ſie's auch ein Wenig vermeſſen. Siehſt du! ſind neue Voͤlker herein, Kommen friſch von der Saal' und dem Main, Bringen Beut' mit, die rarſten Sachen! Unſer iſt's, wenn wir's nur liſtig machen. Ein Hauptmann, den ein andrer erſtach, Ließ mir ein paar glückliche Würfel nach: Die will ich heut' einmal probiren, Ob ſie die alte Kraft noch führen. Mußt dich nur recht erbaͤrmlich ſtellen! Sind dir gar lockere, leichte Geſellen, Laſſen ſich gern ſchön thun und loben; So wie gewonnen, ſo iſt's zerſtoben. 12 Nehmen ſie uns das Unſre in Scheffeln, Muſſen wir's wieder bekommen in Löffeln; Schlagen ſie grob mit dem Schwerte drein, So ſind wir pfiffig und treiben's fein. (Im Zelt wird gefungen und gejubelt.) Wie ſie jauchzen— daß Gott erbarm'! Alles Das geht von des Bauern Felle. Schon acht Monate legt ſich der Schwarm Uns in die Betten und in die Stäͤlle; Weit herum iſt in der ganzen Aue Keine Feder mehr, keine Klaue, Daß wir vor Hunger und Elend ſchier Nagen muüſſen die eigenen Knochen. War's doch nicht ärger und krauſer hier, Als der Sachs noch im Lande thät pochen, Und Die nennen ſich Kaiſerliche— Bauerknabe. Vater, da kommen ein Paar aus der Küche, Sehen nicht aus, als waͤr' viel zu nehmen. Bauer. Sind Einheimiſche, geborne Böhmen, Von des Terſchkas Carabinieren, Liegen ſchon lang' in dieſen Quartieren: Unter Allen die Schlimmſten juſt, Spreizen ſich, werfen ſich in die Bruſt, Thun, als wenn ſie zu fürnehm wären, Mit dem Bauer ein Glas zu leeren. Aber dort ſeh' ich drei ſcharfe Schützen Linker Hand um ein Feuer ſitzen, Sehen mir aus wie Tyroler ſchier. Emmerich, komm! an Die wollen wir: 13 Luſtige Vögel, die gerne ſchwatzen, Tragen ſich ſauber und führen Batzen. (Gehen nach den Zelten.) Zweiter Auftritt. Vorige. Wachtmeiſter. Trompeter. Alhlan. Trompeter. Was will der Bauer da? Fort, Halunk'! Bauer. Gnädige Herren, einen Biſſen und Trunk! Haben heut' noch nichts Warmes gegeſſen. Trompeter. Ei, Das muß immer ſaufen und freſſen. Uhlan(mit einem Glaſe). Nichts gefrühſtückt? Da, trink', du Hund! (Fuͤhrt den Bauer nach dem Zelte; Jene kommen vorwärts.) Wachtmeiſter(zum Trompeter). Meinſt du, man hab' uns ohne Grund Heute die doppelte Löhnung gegeben, Nur, daß wir flott und luſtig leben? Trompeter. Die Herzogin kommt ja heute herein Mit dem fürſtlichen Fraulein— Wachtmeiſter. Das iſt nur der Schein. Die Truppen, die aus fremden Landen Sdcichh hier vor Pilſen zuſammen fanden, Die ſollen wir gleich an uns locken ν 14 Mit gutem Schluck und guten Brocken, Damit ſie ſich gleich zufrieden finden Und feſter ſich mit uns verbinden. Trompeter. Ja, es iſt wieder was im Werke. Wachtmeiſter. Die Herrn Generäle und Commandanten— Trompeter. Es iſt gar nicht geheuer, wie ich merke. Wachtmeiſter, Die ſich ſo dick hier zuſammen fanden— Trompeter. Sind nicht für die Langweil' herbemüht. 3 Wachtmeiſter. Und das Gemunkel und das Geſchicke— Trompeter. Ja, ja! Wachtmeiſter. Und von Wien die alte Perrüͤcke, Die man ſeit Geſtern herumgehn ſieht, Mit der guͤldnen Gnadenkette, Das hat was zu bedeuten, ich wette. Trompeter. Wieder ſo ein Spürhund, gebt nur Acht, Der die Jagd auf den Herzog macht. Wachtmeiſter. Merkſt du wohl? Sie trauen uns nicht, Fürchten des Friedlanders heimlich Geſicht. Er iſt ihnen zu hoch geſtiegen, Möchten ihn gern herunterkriegen Trompeter. Aber wir halten ihn aufrecht, wir. Dachten doch Alle, wie ich und Ihr! Wachtmeiſter. Unſer Regiment und die andern vier, Die der Terſchka anführt, des Herzogs Schwager, Das reſoluteſte Corps im Lager, Sind ihm ergeben und gewogen: Hat er uns ſelbſt doch herangezogen, Alle Hauptleute ſetzt' er ein, Sind alle mit Leib und Leben ſein. Dritter Auftritt. Croat(mit einem Halsſchmuck). Scharfſchütze(folgt). Vorige. Scharfſchütz. Croat, wo haſt du das Halsband geſtohlen? Handle dir's ab! dir iſt's doch nichts nütz. Geb' dir dafür ein Paar Terzerolen. Croat. Nix, nix! Du willſt mich betrügen, Schütz. Scharfſchüttz. Nun! geb' dir auch noch die blaue Mütz, Hab' ſie ſo eben im Glücksrad gewonnen. Siehſt du? Sie iſt zum höchſten Staat. Croat (läßt das Halsband in der Sonne ſpielen). 's iſt aber von Perlen und edlem Granat. Schau, wie Das flinkert in der Sonnen! 16 Scharfſchütz(nimmt das Halsband). Die Feldflaſche noch geb' ich drein, (Beſieht es.) Es iſt mir nur um den ſchönen Schein. Trompeter. Seht nur, wie Der den Croaten prellt! Halbpart, Schütze, ſo will ich ſchweigen. Croat(hat die Maͤtze aufgeſetzt). Deine Mütze mir wohlgefaͤllt. Scharfſchütz(winkt dem Trompeter), Wir tauſchen hier: die Herrn ſind Zeugen! Vierter Auftritt. Vorige. Conſtabler. Conſtabler(tritt zum Wachtmeiſter). Wie iſt's, Bruder Carabinier? Werden wir uns lang' noch die Hände wärmen, Da die Feinde ſchon friſch im Feld herum ſchwaͤrmen? 3 Wachtmeiſter. Thut's Ihm ſo eilig, Herr Conſtabel? Die Wege ſind noch nicht prakticabel. Conſtabler. Mir nicht. Ich ſitze gemäͤchlich hier; Aber ein Eilbot' iſt angekommen, Meidet⸗ Regensburg ſey genommen. Trompeter. ci, aa werden wir bald aufſitzen. ——— 17 Wachtmeiſter. Wohl gar, um dem Bayer ſein Land zu ſchützen, Der dem Fürſten ſo unfreund iſt? Werden uns eben nicht ſehr erhitzen. Conſtabler. Meint Ihr?— Was Ihr nicht alles wißt! Fünfter Auftritt. Vorige. Bwei Jäger. Dann Marketenderin. Saldaten- jungen. Schulmeiſter. Aufmwärterin. Erſter Jäger. Sieh', ſieh'! Da treffen wir luſtige Compagnie. Trompeter. Was für Grünröck' mögen Das ſeyn? Treten ganz ſchmuck und ſtattlich ein. Wachtmeiſter. Sind Holkiſche Jaͤger; die ſilbernen Treſſen Holten ſie ſich nicht auf der Leipziger Meſſen. Marketenderin(kommt und bringt Wein). Glück zur Ankunft, ihr Herrn! Erſter Jäger. Was? der Blitz! Das iſt ja die Guſtel aus Blaſewitz. Marketenderin. freilich! Und Er iſt wohl gar, Mußjö, Der lange Peter aus Itzehö? Schillers ſämmtl. Werke. IV. 2 18 Der ſeines Vaters goldene Füchſe Mit unſerm Regiment hat durchgebracht Zu Glückſtadt, in einer luſtigen Nacht.— Erſter Jäger. Und die Feder vertauſcht mit der Kugelbüchſe. Marketenderin. Ei, da ſind wir alte Bekannte! Erſter Zäger. Und treffen uns hier im böhmiſchen Lande. Marketenderin. Heute da, Herr Vetter, und morgen dort— Wie Einen der rauhe Kriegesbeſen Fegt und ſchüttelt von Ort zu Ort; Bin indeß weit herum geweſen. Erſter Jäger. Will's Ihr glauben! Das ſtellt ſich dar. Marketenderin. Bin hinauf bis nach Temeswar Gekommen mit den Bagagewagen, Als wir den Mansfelder thäten jagen. Lag mit dem Friedländer vor Stralſund, Ging mir dorten die Wirthſchaft zu Grund. Zog mit dem Succurs vor Mantua, Kam wieder heraus mit dem Feria, Und mit einem ſpaniſchen Regiment Hab' ich einen Abſtecher gemacht nach Gent. Jetzt will ich's im böhmiſchen Land probiren, Alte Schulden eincaſſiren— Ob mir der Fürſt hilft zu meinem Geld. Und Das dort iſt mein Marketenderzelt. 19 Erſter Jäger. Nun, da trifft Sie Alles beiſammen an! 5 Doch wo hat Sie den Schottländer hingethan, Mit dem Sie damals herumgezogen? Marketenderin. Der Spitzbub'! Der hat mich ſchön betrogen. Fort iſt er! mit Allem davon gefahren, Was ich mir thät am Leib erſparen. Ließ mir nichts, als den Schlingel da! Saldatenjunge(kommt geſprungen). Mutter! ſprichſt du von meinem Papa? Crſter Jäger. Nun, nun, Das muß der Kaiſer ernähren. Die Armee ſich immer muß neu gebären. Soldatenſchulmeiſter(kommt). Fort in die Feldſchule! Marſch, ihr Buben! Erſter Jäger. Das fürchtet ſich auch vor den engen Stuben! Aufwärterin(kommt). Baſe, ſie wollen fort. Marketenderin. Gleich, gleich! Erſter Jäger. Ei, wer iſt denn das kleine Schelmengeſichte? Marketenderin. 's iſt meiner Schweſter Kind— aus dem Reich. Erſter Jäger. Ei, alſo eine liebe Nichte? Zweiter Jäger(das Mäͤdchen haltend). Bleib' Sie bei uns doch, artiges Kind! 20 Aufwärterin. Gäſte dort zu bedienen ſind. (Macht ſich los und geht.) Erſter Jäger. Das Maͤdchen iſt kein übler Biſſen!— Und die Muhme— beim Element! Was haben die Herren vom Regiment Sich um das niedliche Laͤrvchen geriſſen! Was man nicht alles für Leute kennt, Und wie die Zeit von dannen rennt!— Was werd' ich noch alles erleben müſſen! (Zum Wachtmeiſter und Trompeter.) Euch zur Geſundheit, meine Herrn!— Laßt uns hier auch ein Plätzchen nehmen. Sechster Auftritt. Zäger. Wachtmeiſter. Trampeter. Wachtmeiſter. Wir danken ſchön. Von Herzen gern. Wir rücken zu. Willkommen in Böhmen! Erſter Jäger. Ihr ſitzt hier warm. Wir, in Feindes Land, Mußten derweil uns ſchlecht bequemen. Trompeter. Man ſollt's euch nicht anſehn, ihr ſeyd galant. Wachtmeiſter. Ja, ja, im Saalkreis und auch in Meißen Hört man euch Herrn nicht beſonders preiſen. 21 Zweiter Jäger. Seyd mir doch ſtill! Was will Das heißen? Der Croat es ganz anders trieb; Uns nur die Nachleſ' übrig blieb. Trompeter. Ihr habt da einen ſaubern Spitzen Am Kragen, und wie euch die Hoſen ſitzen! Die feine Wäͤſche, der Federhut! Was Das alles für Wirkung thut! Daß doch den Burſchen das Gluͤck ſoll ſcheinen, Und ſo was kommt nie an unſer Einen! Wachtmeiſter. Dafür ſind wir des Friedländers Regiment: Man muß uns ehren und reſpectiren. Erſter Jäger. Das iſt für uns Andre kein Compliment: Wir eben ſo gut ſeinen Namen führen. Wachtmeiſter. Ja, ihr gehört auch ſo zur ganzen Maſſe. Erſter Jäger. Ihr ſeyd wohl von einer beſondern Race? Der ganze Unterſchied iſt in den Röcken, Und ich ganz gern mag in meinem ſtecken. Wachtmeiſter. Herr Jäaͤger, ich muß euch nur bedauern, Ihr lebt ſo draußen bei den Bauern; Der feine Griff und der rechte Ton, Das lernt ſich nur um des Feldherrn Perſon. Erſter Jäger. Sie bekam euch übel, die Lection. Wie er räuſpert, und wie er ſpuckt, 22 Das habt ihr ihm glücklich abgeguckt; Aber ſein Genie, ich meine, ſein Geiſt Sich nicht auf der Wachtparade weist. Zweiter Zäger. Wetter auch! wo ihr nach uns fragt, Wir heißen des Friedländers wilde Jagd Und machen dem Namen keine Schande— Ziehen frech durch Feindes und Freundes Lande, Querfeldein durch die Saat, durch das geibe Korn— Sie kennen das Holkiſche Jägerhorn!— In einem Augenblick fern und nah, Schnell wie die Sündflut, ſo ſind wir da— Wie die Feuerflamme bei dunkler Nacht In die Häuſer fähret, wenn Niemand wacht— Da hilft keine Gegenwehr, keine Flucht, Keine Ordnung gilt mehr und keine Zucht.— Es ſträubt ſich— der Krieg hat kein Erbarmen— Das Mägdlein in unſern ſehnigen Armen— Fragt nach, ich ſag's nicht, um zu prahlen; In Vaireuth, im Voigtland, in Weſtphalen, Wo wir nur durchgekommen ſind— Erzählen Kinder und Kindeskind Nach hundert und aber hundert Jahren Von dem Holk noch und ſeinen Schaaren. Wachtmeiſler. Nun, da ſieht man's! Der Saus und Braus, Macht denn Der den Soldaten aus? Das Tempo macht ihn, der Sinn und Schick, Der Begriff, die Bedeutung, der feine Blick. Erſter Jäger. Die Freiheit macht ihn. Mit Euren Fratzen! 23 Daß ich mit Euch ſoll darüber ſchwatzen.— Lief ich darum aus der Schul' und der Lehre, Daß ich die Frohn' und die Galeere, Die Schreibſtub' und ihre engen Waͤnde In dem Feldlager wiederfände?— Flott will ich und müßig gehn, Alle Tage was Neues ſehn, Mich dem Augenblick friſch vertrauen, Nicht zurück, auch nicht vorwärts ſchauen— Drum hab' ich meine Haut dem Kaiſer verhandelt, Daß keine Sorg' mich mehr anwandelt. Führt mich ins Feuer friſch hinein, Ueber den reißenden, tiefen Rhein— Der dritte Mann ſoll verloren ſeyn— Werde mich nicht lang ſperren und zieren.— Sonſt muß man mich aber, ich bitte ſehr, Mit nichts weiter incommodiren. Wachtmeiſter. Nu, nu, verlangt Ihr ſonſt nichts mehr? Das ließ ſich unter dem Wamms da finden. Erſter Jäger. Was war Das nicht für ein Placken und Schinden Bei Guſtav, deen Schweden, dem Leuteplager! Der machte eine Kirch' aus ſeinem Lager, Ließ Betſtunde halten, des Morgens, gleich Bei der Reveille und beim Zapfenſtreich. Und, wurden wir manchmal ein Wenig munter, Er kanzelt' uns ſelbſt wohl vom Gaul herunter. Wachtmeiſter. Ja, es war ein gottesfürchtiger Herr. 24 Erſter Jäger. Dirnen, die ließ er gar nicht paſſiren, Mußten ſie gleich zur Kirche führen, Da lief ich, konnt's nicht ertragen mehr. Wachtmeiſter. Jetzt geht's dort auch wohl anders her. Erſter Jäger. So ritt ich hinüber zu den Liguiſten, Sie thäten ſich juſt gegen Magdeburg rüſten. Ja, Das war ſchon ein ander Ding! Alles da luſtiger, loſer ging, Soff und Spiel und Mädels die Menge! Wahrhaftig, der Spaß war nicht gering,* Denn der Tilly verſtand ſich aufs Commandiren: Dem eigenen Körper war er ſtrenge, Dem Soldaten ließ er Vieles paſſiren, Und, ging's nur nicht aus ſeiner Caſſen, Sein Spruch war: Leben und leben laſſen. Aber das Glück blieb ihm nicht ſtaͤt— Seit der Leipziger Fatalitaͤt Wollt' es eben nirgends mehr flecken, Alles bei uns gerieth ins Stecken; Wo wir erſchienen und pochten an, Ward nicht gegrüßt noch aufgethan. Wir mußten uns druͤcken von Ort zu Ort, Der alte Reſpect war eben fort.— Da nahm ich Handgeld von den Sachſen, Meinte, da müßte mein Glück recht wachſen. Wachtmeiſter. Nun, da kamt Ihr ja eben recht Zur böhmiſchen Beute. 25 Erſter Jäger. Es ging mir ſchlecht. Sollten da ſtrenge Mannszucht halten, Durften nicht recht als Feinde walten, Mußten des Kaiſers Schlöſſer bewachen, Viel' Umſtänd' und Complimente machen, Führten den Krieg, als wär's nur Scherz, Hatten fuͤr die Sach' nur ein halbes Herz, Wollten's mit Niemand ganz verderben, Kurz, da war wenig Ehr' zu erwerben, Und ich wär' bald vor Ungeduld Wieder heimgelaufen zum Schreibepult, Wenn nicht eben auf allen Straßen Der Friedländer häͤtte werben laſſen. Wachtmeiſter. Und wie lang denkt Ihr's hier auszuhalten? Erſter Jäger. Spaßt nur! So lange Der thut walten, Denk' ich Euch, mein' Seel'! an kein Entlaufen. Kann's der Soldat wo beſſer kaufen?— Da geht Alles nach Kriegesſitt', Hat Alles'nen großen Schnitt, Und der Geiſt, der im ganzen Corps thut leben, Reißet gewaltig, wie Windesweben, Auch den unterſten Reiter mit. Da tret' ich auf mit beherztem Schritt, Darf über den Bürger kühn wegſchreiten, Wie der Feldherr über der Fürſten Haupt. Es iſt hier, wie in den alten Zeiten, Wo die Klinge noch Alles that bedeuten; Da gibt's nur ein Vergehn und Verbrechen: 26 Der Ordre fürwitzig widerſprechen. Was nicht verboten iſt, iſt erlaubt; Da fragt Niemand, was Einer glaubt; Es gibt nur zwei Ding' überhaupt: Was zur Armee gehört und nicht; Und nur der Fahne bin ich verpflicht't. Wachtmeiſter. Jetzt gefallt Ihr mir, Jäger! Ihr ſprecht Wie ein Friedländiſcher Reitersknecht. Erſter Jäger. Der führt's Commando nicht wie ein Amt, Wie eine Gewalt, die vom Kaiſer ſtammt! Es iſt ihm nicht um des Kaiſers Dienſt, Was bracht' er dem Kaiſer für Gewinnſt? Was hat er mit ſeiner großen Macht Zu des Landes Schirm und Schutz vollbracht? Ein Reich von Soldaten wollt' er gründen,“ Die Welt anſtecken und entzünden, Sich Alles vermeſſen und unterwinden— Trompeter. Still, wer wird ſolche Worte wagen! Erſter Jäger. Was ich denke, Das darf ich ſagen. Das Wort iſt frei, ſagt der General. Wachtmeiſter. So ſagt er, ich hört's wohl einige Mal', Ich ſtand dabei.„Das Wort iſt frei, „Die That iſt ſtumm, der Gehorſam blind,“ Dies urkundlich ſeine Worte ſind. 27 Erſter Zäger. Ob's juſt ſeine Wort' ſind, weiß ich nicht; Aber die Sach' iſt ſo, wie er ſpricht. Zweiter Jäger. Ihm ſchlägt das Kriegsglück nimmer um, Wie's wohl bei Andern pflegt zu geſchehen. Der Tilly überlebte ſcinen Ruhm. Doch unter des Friedlanders Kriegspanieren, Da bin ich gewiß, zu victoriſiren. Er bannet das Gluück, es muß ihm ſtehen. Wer unter ſeinem Zeichen thut fechten, Der ſteht unter beſondern Mäaͤchten. Denn Das weiß ja die ganze Welt, Daß der Friedländer einen Teufel Aus der Hölle im Solde halt. Wachtmeiſter. Ja, daß er feſt iſt, Das iſt kein Zweifel: Denn in der blut'gen Affair' bei Lützen Ritt er euch unter des Feuers Blitzen Auf und nieder mit kühlem Blut. Durchlöchert von Kugeln war ſein Hut; Durch den Stiefel und Koller fuhren Die Ballen, man ſah die deutlichen Spuren; Koönnt' ihm keiner die Haut nur ritzen, Weil ihn die hölliſche Salbe that ſchützen. Erſter JZäger. Was wollt Ihr da für Wunder bringen! Er trägt ein Koller von Elenshaut, Das keine Kugel kann durchdringen. 28 Wachtmeiſter. Nein, es iſt die Salbe von Hexenkraut, Unter Zauberſprüchen gekocht und gebraut. Trompeter. Es geht nicht zu mit rechten Dingen! Wachtmeiſter. Sie ſagen, er leſ' auch in den Sternen Die künftigen Dinge, die nahen und fernen; Ich weiß aber beſſer, wie's damit iſt. Ein graues Maͤnnlein pflegt bei nächtlicher Friſt Durch verſchloſſene Thüren zu ihm einzugehen; Die Schildwachen haben's oft angeſchrien, Und immer was Großes iſt drauf geſchehen, Wenn je das graue Röcklein kam und erſchien. Zweiter Jäger. Ja, er hat ſich dem Teufel übergeben, Drum fuͤhren wir auch das luſtige Leben. Siebenter Auftritt. Vorige. Ein Recrut. Ein Pürger. Dragoner. Recrut (tritt aus dem Zelt, eine Blechhaube anf dem Kopf, eine Weinflaſche in der Hand). Grüß den Vater und Vaters Brüder! Bin Soldat, komme nimmer wieder. Erſter Jäger. Sieh', da bringen ſie einen Neuen! 29 Bürger. O, gib Acht, Franz! es wird dich reuen. Recrut(iigt). Trommeln und Pfeifen, Kriegriſcher Klang! Wandern und ſtreifen Die Welt entlang! Roſſe gelenkt, Muthig geſchwenkt, Schwert an der Seite, Friſch in die Weite, Fluͤchtig und flink, Frei, wie der Fink Auf Straͤuchern und Baͤumen, In Himmels⸗Naͤumen! Heiſa! ich folge des Friedlaͤnders Fahn'! Zweiter Jäger. Seht mir, Das iſt ein wackrer Kumpan! (Sie begruͤßen ihn.) Zürger. O, laßt ihn! Er iſt guter Leute Kind. Erſter Jäger. Wir auch nicht auf der Straße gefunden ſind. Zürger. Ich ſag' euch, er hat Vermögen und Mittel. Fühlt her, das feine Tüchlein am Kittel! Trompeter. Des Kaiſers Rock iſt der höchſte Titel. Zürger. Er erbt eine kleine Mützenfabrik. 30 Zweiter JZäger. Des Menſchen Wille, Das iſt ſein Glück. Bürger. Von der Großmutter einen Kram und Laden. Erſter Jäger. Pfui, wer handelt mit Schwefelfaden! Bürger. Einen Weinſchank dazu von ſeiner Pathen, Ein Gewoͤlbe mit zwanzig Stückfaß Wein. Trompeter. Den theilt er mit ſeinen Kameraden. Zweiter Jäger. Hör' du! wir müſſen Zeltbrüder ſeyn. Zürger. Eine Braut läßt er ſitzen in Thränen und Schmerz. Erſter Jäger. Necht ſo, da zeigt er ein eiſernes Herz. Bürger. Die Großmutter wird vor Kummer ſterben. Zweiter Jäger. Deſto beſſer, ſo kann er ſie gleich beerben. Wachtmeiſter ttritt gravitaͤtiſch hinzu, dem Reeruten die Hand auf die Blechhaube legend). Sieht Er! Das hat Er wohl erwegen. Einen neuen Menſchen hat Er angezogen; Mit dem Helm und Wehrgehäng' Schließt Er ſich an eine würdige Meng'. Muß ein fürnehmer Geiſt jetzt in Ihn fahren— Erſter Zäger. Muß beſonders das Geld nicht ſparen. — 31 Wachtmeiſter. Auf der Fortuna ihrem Schiff Iſt Er zu ſegeln im Begriff; Die Weltkugel liegt vor Ihm offen: Wer nichts waget, Der darf nichts hoffen. Es treibt ſich der Bürgersmann, träg und dumm, Wie des Färbers Gaul, nur im Ring herum. Aus dem Soldaten kann Alles werden, Denn Krieg iſt jetzt die Loſung auf Erden. Seh' Er'mal mich an! In dieſem Rock Führ' ich, ſieht Er, des Kaiſers Stock. Alles Weltregiment, muß Er wiſſen, Von dem Stock hat ausgehen müſſen, Und das Scepter in Königs Hand Iſt ein Stock nur, Das iſt bekannt. Und, wer's zum Corporal erſt hat gebracht, Der ſteht auf der Leiter zur höͤchſten Macht, Und ſo weit kann Er's auch noch treiben. Erſter Jäger. Wenn Er nur leſen kann und ſchreiben. Wachtmeiſter. Da will ich Ihm gleich ein Exempel geben; Ich thät's vor Kurzem ſelbſt erleben. Da iſt der Chef vom Dragonercorps, Heißt Buttler, wir ſtanden als Gemeine Noch vor dreißig Jahren bei Köln am Rheine; Jetzt nennt man ihn Generalmajor. Das macht, er thät ſich baß hervor, Thät die Welt mit ſeinem Kriegsruhm füllen; Doch meine Verdienſte, Die blieben im Stillen. Ja, und der Friedläͤnder ſelbſt, ſieht Er, 32 Unſer Hauptmann und hochgebietender Herr, Der jetzt Alles vermag und kann,— War erſt nur ein ſchlichter Edelmann, Und, weil er der Kriegsgöttin ſich vertraut, Hat er ſich dieſe Größ' erbaut, Iſt nach dem Kaiſer der nächſte Mann, Und wer weiß, was er noch erreicht und ermißt, (Piffis.) Denn noch nicht aller Tage Abend iſt. Erſter Jäger. Ja, er fing's klein an und iſt jetzt ſo groß. Denn zu Altdorf, im Studentenkragen, Trieb er's, mit Permiß zu ſagen, Ein wenig locker und burſchikos, Hätte ſeinen Famulus bald erſchlagen. Wollten ihn drauf die Nürnberger Herren Mir nichts, dir nichts ins Carcer ſperren; s war juſt ein neugebautes Neſt, Der erſte Bewohner ſollt' es taufen. Aber wie fängt er's an? Er läßt Weislich den Pudel voran erſt laufen. Nach dem Hunde nennt ſich's bis dieſen Tag: Ein rechter Kerl ſich dran ſpiegeln mag. Unter des Herrn großen Thaten allen Hat mir das Stuͤckchen beſonders gefallen. (Das Mädchen hat unterdeſſen aufgewartet; der zweite Jaͤger ſchäkert mit ihr.) Dragoner(tritt dazwiſchen). Kamerad, laß Das unterwegen! Zweiter Jäger. Wer Henker hat ſich da drein zu legen! 33 Dragoner. Ich will's Ihm nur ſagen, die Dirn' iſt mein. . Erſter Jäger. Der will ein Schätzchen für ſich allein! Dragoner, iſt Er bei Troſte? ſag' Er! Zweiter Jäger. Will was Apartes haben im Lager. Einer Dirne ſchön Geſicht Muß allgemein ſeyn, wie's Sonnenlicht! (Küßt ſie.) Dragoner(eeißt ſie weg). Ich ſag's noch einmal, Das leid' ich nicht. Erſter Jäger. Luſtig, luſtig! da kommen die Prager! Zweiter Jäger. Sucht Er Haͤndel? Ich bin dabei. Wachtmeiſter. Fried', ihr Herren! Ein Kuß iſt frei! Achter Auftritt. Vergknappen treten auf und ſpielen einen Walzer, erſt langſam und dann immer geſchwinder. Der erſte Jäger tanzt mit der Aufwär- terin, die Marketenderin mit dem Recruten; das Mädchen ent⸗ ſpringt, der Jäger hinter ihr her und bekommt den Kapuziner zu faſſen, der eben hereintritt. Kapuziner. Heiſa, Juchheia! Dudeldumdei! Das geht ja hoch her. Bin auch dabei! Schillers ſämmtl. Werke. IV. 3 34 Iſt Das eine Armee von Chriſten?— Sind wir Türken? ſind wir Antibaptiſten? Treibt man ſo mit dem Sonntag Spott, Als hätte der allmachtige Gott Das Chiragra, könnte nicht drein ſchlagen?* Iſt's jetzt Zeit zu Saufgelagen, Zu Banketten und Feiertagen? Ouid hic statis otiosi? Was ſteht ihr und legt die Hände in Schoß? Die Kriegsfuri iſt an der Donau los, Das Bollwerk des Bayerlands iſt gefallen, Regensburg iſt in des Feindes Krallen, Und die Armee liegt hier in Böhmen, Pflegt den Bauch, läßt ſich's wenig grämen, Kümmert ſich mehr um den Krug als den Krieg, Wetzt lieber den Schnabel als den Sabel, Hetzt ſich lieber herum mit der Dirn', Frißt den Ochſen lieber als den Ochſenſtirn. Die Chriſtenheit trauert in Sack und Aſche; Der Soldat füllt ſich nur die Taſche. Es iſt eine Zeit der Thraänen und Noth, Am Himmel geſchehen Zeichen und Wunder, Und aus den Wolken, blutigroth, Haͤngt der Herrgott den Kriegsmantel'runter. Den Kometen ſteckt er, wie eine Ruthe, Drohend am Himmelsfenſter aus, Die ganze Welt iſt ein Klagehaus, Die Arche der Kirche ſchwimmt im Blute, Und das römiſche Reich— daß Gott erbarm'! Sollte jetzt heißen römiſch Arm; Der Rheinſtrom iſt worden zu einem Peinſtrom, 35 Die Klöſter ſind ausgenommene Neſter, Die Bisthümer ſind verwandelt in Wüſtthümer, Die Abteien und die Stifter Sind nun Raubteien und Diebeskluͤfter, Und alle die geſegneten deutſchen Länder Sind verkehrt worden in Elender— Woher kommt Das? Das vill ich euch verkünden: Das ſchreibt ſich her von euren Laſtern und Sünden, Von dem Graͤuel und Heidenleben, Dem ſich Officier' und Soldaten ergeben. Denn die Sünd' iſt der Magnetenſtein, Der das Eiſen ziehet ins Land herein. Auf das Unrecht, da folgt das Uebel, Wie die Thrän' auf den herben Zwiebel, Hinter dem U kommt gleich das W, Das iſt die Ordnung im A B C. Ubi erit victoriae spes, Si offenditur Deus? Wie ſoll man ſiegen, Wenn man die Predigt ſchwanzt und die Meſſ', Nichts thut, als in den Weinhauſern liegen? Die Frau in dem Evangelium Fand den verlornen Groſchen wieder, Der Saul ſeines Vaters Eſel wieder, Der Joſeph ſeine ſaubern Brüder; Aber, wer bei den Soldaten ſucht Die Furcht Gottes und die gute Zucht Und die Scham, Der wird nicht viel finden, Thaͤt' er auch hundert Laternen anzünden. Zu dem Prediger in der Wüſten, Wie wir leſen im Evangeliſten, Kamen auch die Soldaten gelaufen, 36 8 Thaten Buß' und ließen ſich taufen, Fragten ihn: Quid faciemus nos? Wie machen wir's, daß wir kommen in Abrahams Schoß? Et ait illis, und er ſagt: Neminem concutiatis, Wenn ihr Niemanden ſchindet und plagt, Neque calumniam faciatis, Niemand verläſtert, auf Niemand luügt, Contenti estote, euch begnügt, Stipendiis vestris, mit eurer Löhnung Und verflucht jede böſe Angewöhnung. Es iſt ein Gebot: Du ſollſt den Namen Deines Herrgotts nicht eitel auskramen! Und wo hört man mehr blasphemiren, Als hier in den Friedländiſchen Kriegsquartieren? Wenn man für jeden Donner und Blitz, Den ihr losbrennt mit eurer Zungenſpitz', Die Glocken muͤßt' läuten im Land umher, Es wäar' bald kein Meßner zu finden mehr; Und, wenn euch fuͤr jedes böſe Gebet, Das aus eurem ungewaſchenen Munde geht, Ein Haͤrlein ausging' aus eurem Schopf, Ueber Nacht wär' er geſchoren glatt, Und wäͤr' er ſo dick, wie Abſalons Zopf. Der Joſua war doch auch ein Soldat, König David erſchlug den Goliath; Aber wo ſteht denn geſchrieben zu leſen, Daß ſie ſolche Fluchmäuler ſind geweſen? Muß man den Mund doch, ich ſollte meinen, Nicht weiter aufmachen zu einem Helf' Gott, Als zu einem Kreuz Sackerlot! — 37 Aber, weſſen das Gefaͤß iſt gefüllt, Davon es ſprudelt und überquillt. Wieder ein Gebot iſt: Du ſollſt nicht ſtehlen! Ja, Das befolgt ihr nach dem Wort; Denn ihr tragt Alles offen fort. Vor euren Klauen und Geiersgriffen, Vor euren Praktiken und böſen Kniffen Iſt das Geld nicht geborgen in der Truh', Das Kalb nicht ſicher in der Kuh, Ihr nehmt das Ei und das Huhn dazu. Was ſagt der Prediger? Contenti estote, Begnügt euch mit eurem Commisbrote. Aber wie ſoll man die Knechte loben, „Kömmt doch das Aergerniß von Oben! Wie die Glieder, ſo auch das Haupt! Weiß doch Niemand, an wen Der glaubt! Erſter Jäger. Herr Pfaff! uns Soldaten mag Er ſchimpfen, Den Feldherrn ſoll Er uns nicht verunglimpfen. Kapuziner. Ne custodias gregem meam! Das iſt ſo ein Ahab und Jerobeam, Der die Völker von der wahren Lehren Zu falſchen Götzen thut verkehren. Trompeter und Recrut. Laß Er uns Das nicht zweimal hören! Kapuziner. So ein Bramarbas und Eiſnfreſſer, Will einnehmen alle feſten Schlöſſer, Rühmte ſich mit ſeinem gottloſen Mund: 38 Er müſſe haben die Stadt Stralſund, Und wäar' ſie mit Ketten an den Himmel geſchloſſen. Trompeter. Stopft ihm Keiner ſein Läſtermaul? Kapuziner. So ein Teufelsbeſchwörer und König Saul, So ein Jehu und Holofern, Verleugnet, wie Petrus, ſeinen Meiſter und Herrn: Drum kann er den Hahn nicht hören krähn— Beide Jäger. Pfaffe! Jetzt iſt's um dich geſchehn! Kapuziner. So ein liſtiger Fuchs Herodes— Trompeter und beide Jäger (auf ihn eindringend). Schweig ſtille! Du biſt des Todes! Croaten(fegen ſich drein). Bleib da, Pfäfflein, fuͤrcht' dich nit, Sag' dein Sprüchel und theil's uns mit. Kapuziner(ſcchreit lauter). So ein hochmüthiger Nebukadnezer, So ein Sündenvater und muffiger Ketzer, Läßt ſich nennen den Wallenſtein: Ja, freilich, er iſt uns Allen ein Stein Des Anſtoßes und Aergerniſſes, Und, ſolang der Kaiſer dieſen Friedeland Laßt walten, ſo wird nicht Fried' im Land. (Er hat nach und nach bei den letzten Worten, die er mit erhobener Stimme ſpricht, ſeinen Rückzug genommen, indem die Eroaten die übrigen Soldaten von ihm abwehren.) 39 Neunter Auftritt. Die Porigen ohne den Kapuziner. Erſter Jäger(zum Wachtmeiſter). Sagt mir, was meint' er mit dem Goöͤckelhahn, Den der Feldherr nicht kraͤhen hören kann? Es war wohl nur ſo geſagt ihm zum Schimpf und Hohne? Wachtmeiſter. Da will ich Euch dienen. Es iſt nicht ganz ohne! Der Feldherr iſt wunderſam geboren; Beſonders hat er gar kitzliche Ohren, Kann die Katze nicht hören mauen, Und, wenn der Hahn kräͤht, ſo macht's ihm Grauen. Erſter Jäger. Das hat er mit dem Löwen gemein. Wachtmeiſter. Muß Alles mausſtill um ihn ſeyn. Den Befehl haben alle Wachen: Denn er denkt gar zu tiefe Sachen. Stimmen(im Zelt; Auflauf). Greift ihn, den Schelm! Schlagt zu! Schlagt zu! Des Dauern Stimme. Hülfe! Barmherzigkeit! Andere Stimmen. Friede! Ruh'! Erſter Jäger. Hol' mich der Teufel! Da ſetzt's Hiebe. Zweiter Zäger. Da muß ich dabei ſeyn! (Laufen ins Zelt.) 40 Marketenderin(kommt heraus). Schelmen und Diebe! Trompeter. Frau Wirthin, was ſetzt Euch ſo in Eifer? Marketenderin. Der Lump! der Spitzbub'! der Straßenläufer! Das muß mir in meinem Felt paſſiren! Es beſchimpft mich bei allen Herrn Officieren. Wachtmeiſter. Bäschen, was gibt's denn? . Marketenderin. Was wird's geben? Da erwiſchten ſie einen Bauer eben, Der falſche Würfel thät bei ſich haben. Trompeter. Sie bringen ihn hier mit ſeinem Knaben. Zehnter Auftritt. Soldaten(bringen den Bauer geſchleppt). Erſter Jäger. Der muß baumeln! Scharfſchützen und Dragoner. Zum Profoß! zum Profoß! Wachtmeiſter. Das Mandat iſt noch kürzlich ausgegangen. Marketenderin. In einer Stunde ſeh' ich ihn hangen! 41 Wachtmeiſter. Boöſes Gewerbe bringt boͤſen Lohn. Erſter Arkebuſier(zum andern). Das kommt von der Deſperation. Denn, ſeht, erſt thut man ſie ruiniren, Das heißt ſie zum Stehlen ſelbſt verfuhren. Trompeter. Was? Was? Ihr red't ihm das Wort noch gar? Dem Hunde? Thut Euch der Teufel plagen? Erſter Arkebuſier. Der Bauer iſt auch ein Menſch— ſo zu ſagen. Erſter Jäger(zum Trompeter). Laß ſie gehen! ſind Tiefenbacher, Gevatter Schneider und Handſchuhmacher! Lagen in Garniſon zu Brieg, Wiſſen viel, was der Brauch iſt im Krieg. Eilfter Auftritt. Die Varigen. Cüraſſiere. Erſter Cüraſſier. Friede! Was gibt's mit dem Bauer da? Erſter Scharfſchütz. ¹s iſt ein Schelm, hat im Spiel betrogen! Erſter Cüraſſier. Hat er dich betrogen etwa? Erſter Scharfſchütz. Ja, und hat mich rein ausgezogen. 42 Erſter Cüraſſier. Wie? Du biſt ein Friedländiſcher Mann, Kannſt dich ſo wegwerfen und blamiren, Mit einem Bauer dein Gluück probiren? Der laufe, was er laufen kann. (Bauer entwiſcht, die Andern laufen zuſammen.) Erſter Arkebuſier. Der macht kurze Arbeit, iſt reſolut, Das iſt mit ſolchem Volke gut. Was iſt's für Einer? Es iſt kein Böhm'. Marketenderin. 's iſt ein Wallon! Reſpect vor Dem! Von des Pappenheims Cüraſſieren. Erſter Dragoner(tritt dazu). Der Piccolomini, der junge, thut ſie jetzt führen. Den haben ſie ſich aus eigner Macht Zum Oberſt geſetzt in der Lützner Schlacht, Als der Pappenheim umgekommen. Erſter Arkebuſier. Haben ſie ſich ſo was'rausgenommen? Erſter Dragoner. Dies Regiment hat was voraus. Es war immer voran bei jedem Strauß. Darf auch ſeine eigne Juſtiz ausuüben, Und der Friedländer thut's beſonders lieben. Erſter Cüraſſier(zum andern). Iſt's auch gewiß? Wer bracht' es aus? Zweiter Cüraſſier. Ich hab's aus des Oberſts eignem Munde. Erſter Cüraſſier. Was Teufel! Wir ſind nicht ihre Hunde. 43 Erſter Jäger. Was haben Die da? Sind voller Gift. Zweiter Jäger. Iſt's was, ihr Herrn, das uns mitbetrifft? Erſter Cüraſſier. Es hat ſich Keiner darüber zu freuen. (Soldaten treten herzu.) Sie wollen uns in die Niederland' leihen; Cüraſſiere, Jager, reitende Schützen, Sollen achttauſend Mann aufſitzen. Marketenderin. Was? Was? Da ſollen wir wieder wandern? Bin erſt ſeit geſtern zurück aus Flandern. Zweiter Cüraſſier Gu den Dragonern). Ihr Buttleriſche ſollt auch mitreiten. Erſter Cüraſſier. Und abſonderlich wir Wallonen. 3 Marketenderin. Ei, Das ſind ja die allerbeſten Schwadronen! Erſter Cüraſſier. Den aus Malland ſollen wir hinbegleiten. Erſter Jäger. Den Infanten? Das iſt ja kuri⸗s! Zweiter Jäger. Den Pfaffen? Da geht der Teufel los. Erſter Cüraſſier. Wir ſollen von dem Friedlaͤnder laſſen, Der den Soldaten ſo nobel hält, Mit dem Spanier ziehen zu Feld, Dem Knauſer, den wir von Herzen haſſen? Nein, Das geht nicht! Wir laufen fort. 44 Trompeter. Was, zum Henker, ſollen wir dort? Dem Kaiſer verkauften wir unſer Blut Und nicht dem hiſpaniſchen rothen Hut. Zweiter Jäger. „Auf des Friedländers Wort und Credit allein Haben wir Reitersdienſt genommen; War's nicht aus Lieb' für den Wallenſtein, Der Ferdinand hätte uns nimmer bekommen. Erſter Drugoner. Thät uns der Friedländer nicht formiren? Seine Fortuna ſoll uns führen. Wachtmeiſter. Laßt euch bedeuten, hört mich an. Mit dem Gered' da iſt's nicht gethan. Ich ſehe weiter, als ihr Alle: Dahinter ſteckt eine böſe Falle. Erſter Jäger. Hoͤrt das Befehlbuch! Stille doch! Wachtmeiſter. Baͤschen Guſtel, füllt mir erſt noch Ein Gläschen Melnecker für den Magen! Alsdann will ich euch meine Gedanken ſagen. Marketenderin(ihm einſchenkend). Hier, Herr Wachtmeiſter Er macht mir Schrecken, Es wird doch nichts Boöſes dahinter ſtecken! 3 Wachtmeiſter. Seht, ihr Herrn, Das iſt all' recht gut, Daß Jeder das Nächſte bedenken thut; Aber, pflegt der Feldherr zu ſagen, Man muß immer das Ganze überſchlagen. Wir nennen uns Alle des Friedlaͤnders Truppen. Der Bürger, er nimmt uns ins Quartier Und pflegt uns und kocht uns warme Suppen. Der Bauer muß den Gaul und den Stier Vorſpannen an unſre Bagagewagen, Vergebens wird er ſich drüber beklagen. Läͤßt ſich ein Gefreiter mit ſieben Mann In einem Dorf von Weitem ſpüren, Er iſt die Obrigkeit drin und kann Nach Luſt drin walten und commandiren. Zum Henker! ſie mögen uns Alle nicht Und ſahen des Teufels ſein Angeſicht Weit lieber, als unſre gelben Colleter. Warum ſchmeißen ſie uns nicht aus dem Land? Potz Wetter! Sind uns in Anzahl doch überlegen, Fuͤhren den Knittel, wie wir den Degen. Warum duürfen wir ihrer lachen? Weil wir einen furchtbaren Haufen ausmachen! Erſter Jäger. Ja, ja, im Ganzen, da ſitzt die Macht! Der Friedländer hat Das wohl erfahren, Wie er dem Kaiſer vor acht— neun Jahren Die große Armee zuſammen gebracht. Sie wollten erſt nur von Zwölftauſend hören: Die, ſagt' er, Die kann ich nicht ernaͤhren; Aber ich will Sechzigtauſend werben, Die, weiß ich, werden nicht Hungers ſterben: Und ſo wurden wir Wallenſteiner. Wachtmeiſter. Zum Exempell da hack' mir Einer Von den fünf Fingern, die ich hab', 46 Hier an der Rechten den kleinen ab. Habt ihr mir den Finger bloß genommen? Nein, beim Kukuk, ich bin um die Hand gekommen! 's iſt nur ein Stumpf und nichts mehr werth. Ja, und dieſe achttauſend Pferd', Die man nach Flandern jetzt begehrt, Sind von der Armee nur der kleine Finger. Läßt man ſie ziehen: ihr tröſtet euch, Wir ſeyen um ein Fünftel nur geringer? Proſ't Mahlzeit! da fällt das Ganze gleich. Die Furcht iſt weg, der Reſpect, die Scheu, Da ſchwillt dem Bauer der Kamm aufs Neu', Da ſchreiben ſie uns in der Wiener Kanzlei Den Quartier⸗ und den Küchenzettel, Und es iſt wieder der alte Bettel. Ja, und wie lang wird's ſtehen an, So nehmen ſie uns auch noch den Feldhauptmann— Sie ſind ihm am Hofe ſo nicht grün, Nun, da fällt eben Alles hin! Wer hilft uns dann wohl zu unſerm Geld? Sorgt, daß man uns die Contracte hält? Wer hat den Nachdruck und hat den Verſtand, Den ſchnellen Witz und die feſte Hand, Dieſe geſtuckelten Heeresmaſſen Zuſammen zu fügen und zu paſſen? Zum Exempel— Dragoner— ſprich: Aus welchem Vaterland ſchreibſt du dich? Erſter Dragoner. Weit aus Hibernien her komm' ich. Wachtmeiſter(zu den beiden Cuͤraſſieren). Ihr, Das weiß ich, ſeyd ein Wallon; Ihr ein Waͤlſcher: man hoͤrt's am Ton. 47 Erſter Cüraſſier. Wer ich bin? ich hab's nie konnen erfahren: Sie ſtahlen mich ſchon in jungen Jahren. Wachtmeiſter. Und du biſt auch nicht aus der Naͤh'? Erſter Arkebuſier. Ich bin von Buchau am Federſee. Wachtmeiſter. Und Ihr, Nachbar? Zweiter Arkebuſier. Aus der Schwiz. Wachtmeiſter(zum zweiten Jäger). Was für ein Landsmann biſt du, Jäͤger? Zweiter Jäger. Hinter Wismar iſt meiner Eltern Sitz. Wachtmeiſter(auf den Trompeter zeigend). Und Der da und ich, wir ſind aus Eger. Nunl! und wer merkt uns Das nun an, Daß wir aus Suüden und aus Norden Zuſammen geſchneit und geblaſen worden? Sehn wir nicht aus, wie aus einem Spahn? Stehn wir nicht gegen den Feind geſchloſſen, Recht wie zuſammen geleimt und gegoſſen? Greifen wir nicht, wie ein Mühlwerk, flink In einander auf Wort und Wink? Wer hat uns ſo zuſammen geſchmiedet, Daß ihr uns nimmer unterſchiedet? Kein Andrer ſonſt, als der Wallenſtein! Erſter Jäger. Das fiel mir mein' Lebtag' nimmer ein, * 48 Daß wir ſo gut zuſammen paſſen: Hab' mich immer nur gehen laſſen. Erſter Cüraſſier. Dem Wachtmeiſter muß ich Beifall geben. Dem Kriegsſtand kämen ſie gern ans Leben; Den Soldaten wollen ſie niederhalten, Daß ſie alleine könnten walten. 's iſt eine Verſchwörung, ein Complot. Marketenderin. Eine Verſchwörung? Du lieber Gott! Da koͤnnen die Herrn ja nicht mehr zahlen. Wachtmeiſter. Freilich! Es wird Alles bankerott. Viele von den Hauptleuten und Generalen Stellten aus ihren eignen Caſſen Die Regimenter, wollten ſich ſehen laſſen, Thaͤten ſich angreifen über Vermögen, Dachten, es bringt ihnen großen Segen: Und Die alle ſind um ihr Geld, Wenn das Haupt, wenn der Herzog fällt. Marketenderin. Ach, du mein Heiland! Das bringt mir Fluch! Die halbe Armee ſteht in meinem Buch. Der Graf Iſolani, der böſe Zahler, Reſtirt mir allein noch zweihundert Thaler. Erſter Cüraſſier. Was iſt da zu machen, Kameraden? Es iſt nur Eins, was uns retten kann: Verbunden können ſie uns nicht ſchaden; Wir ſtehen Alle für einen Mann. Laßt ſie ſchicken und ordonnanzen, 49 Wir wollen uns feſt in Bohmen pflanzen, Wir geben nicht nach und marſchiren nicht: Der Soldat jetzt um ſeine Ehre ſicht. Zweiter Jäger. Wir laſſen uns nicht ſo im Land'rum führen! Sie ſollen kommen und ſollen's probiren! Erſter Arkebuſier. Liebe Herren, bedenkt's mit Fleiß, 's iſt des Kaiſers Will' und Geheiß. Trompeter. Werden uns viel um den Kaiſer ſcheren. Erſter Arkebuſier. Laß Er mich Das nicht zweimal hören. Trompeter. 's iſt aber doch ſo, wie ich geſagt. Erſter Jäger. Ja, ja, ich hört's immer ſo erzählen, Der Friedlaͤnder hab' hier allein zu befehlen. Wachtmeiſter. So iſt's auch, Das iſt ſein Beding und Pact. Abſolute Gewalt hat er, mußt ihr wiſſen, Krieg zu führen und Frieden zu ſchließen; Geld und Gut kann er confisciren, Kann henken laſſen und pardonniren, Officiere kann er und Oberſten machen, Kurz, er hat alle die Ehrenſachen. Das hat er vom Kaiſer eigenhändig. Erſter Arkebuſier. Der Herzog iſt gewaltig und hochverſtändig; Aber er bleibt doch, ſchlecht und recht, Wie wir Alle, des Kaiſers Knecht. Schillers ſämmtl. Werke. IV. 4 50 3 Wachtmeiſter. Nicht, wie wir Alle! Das wißt Ihr ſchlecht. Er iſt ein Unmittelbarer und Freier, Des Reiches Fuͤrſt ſo gut, wie der Bayer. Sah ich's etwa nicht ſelbſt mit an, Als ich zu Brandeis die Wach' gethan, Wie ihm der Kaiſer ſelbſten erlaubt, Zu bedecken ſein fürſtlich Haupt? Erſter Arkebuſier. Das war für das mecklenburger Land, Das ihm der Kaiſer verſetzt als Pfand. Erſter Jüger(Gzum Wachtmeiſter). Wie? In des Kaiſers Gegenwart? Das iſt doch ſeltſam und ſehr apart! Wachtmeiſter(fährt in die Taſche). Wollt ihr mein Wort nicht gelten laſſen, Sollt ihr's mit Haͤnden greifen und faſſen. (Eine Münze zeigend.) Weß iſt das Bild und Gepräg? Marketenderin. Weiſ't her! Ei, Das iſt ja ein Wallenſteiner! Wachtmeiſter. Na, da habt ihr's! Was wollt ihr mehr? Iſt er nicht Fürſt ſo gut, als Einer? Schlägt er nicht Geld, wie der Ferdinand? Hat er nicht eignes Volk und Land? Eine Durchlauchtigkeit läßt er ſich nennen: Drum muß er Soldaten halten können. Erſter Arkebuſier. Das diſputirt Ihm Niemand nicht; 51 Wir aber ſtehn in des Kaiſers Pflicht, Und, wer uns bezahlt, Das iſt der Kaiſer. Trompeter. Das leugn' ich Ihm, ſieht Er, ins Angeſicht. Wer uns nicht zahlt, Das iſt der Kaiſer! Hat man uns nicht ſeit vierzig Wochen Die Löhnung immer umſonſt verſprochen? Erſter Arkebuſier. Ei was! Das ſteht ja in guten Haͤnden. Erſter Cüraſſier. Fried', ihr Herrn! Wollt ihr mit Schlaͤgen enden? Iſt denn darüber Zank und Zwiſt, Ob der Kaiſer unſer Gebieter iſt? Eben drum, weil wir gern in Ehren Seine tüchtigen Reiter wären, Wollen wir nicht ſeine Heerde ſeyn, Wollen uns nicht von den Pfaffen und Schranzen Herum laſſen führen und verpflanzen. Sagt ſelber! Kommt's nicht dem Herrn zu gut, Wenn ſein Kriegsvolk was auf ſich halten thut? Wer anders macht ihn, als ſeine Soldaten, Zu dem großmäͤchtigen Potentaten? Verſchafft und bewahrt ihm weit und breit Das große Wort in der Chriſtenheit? Möͤgen ſich Die ſein Joch aufladen, Die miteſſen von ſeinen Gnaden, Die mit ihm tafeln im goldnen Zimmer. Wir, wir haben von ſeinem Glanz und Schimmer Nichts, als die Müh' und als die Schmerzen, Und wofür wir uns halten in unſerm Herzen. 5² Zweiter Jäger. Alle große Tyrannen und Kaiſer Hielten's ſo und waren viel weiſer: Alles Andre thaͤten ſie hudeln und ſchaͤnden; Den Soldaten trugen ſie auf den Händen. Erſter Cüraſſier. Der Soldat muß ſich können fühlen: Wer's nicht edel und nobel treibt, Lieber weit von dem Handwerk bleibt. Soll ich friſch um mein Leben ſpielen, Muß mir noch etwas gelten mehr, Oder ich laſſe mich eben ſchlachten, Wie der Croat— und muß mich verachten. . Beide Jäger. Ja, übers Leben noch geht die Ehr'! Erſter Cüraſſier. Das Schwert iſt kein Spaten, kein Pflug, Wer damit ackern wollte, waͤre nicht klug. Es grünt uns kein Halm, es wächst keine Saat; Ohne Heimat muß der Soldat Auf dem Erdboden flüchtig ſchwärmen, Darf ſich an eignem Herd nicht wärmen; Er muß vorbei an der Städte Glanz, An des Dörfleins luſtigen, grünen Auen; Die Traubenleſe, den Erntekranz Muß er wandernd von Ferne ſchauen. Sagt mir, was hat er an Gut und Werth, Wenn der Soldat ſich nicht ſelber ehrt? Etwas muß er ſein eigen nennen, Oder der Menſch wird morden und brennen. 53 Erſter Arkebuſier. (Das weiß Gott,'s iſt ein elend Leben! 4 Erſter Cüraſſier. Möcht's doch nicht für ein andres geben. Seht, ich bin weit in der Welt'rum kommen, Hab' Alles in Erfahrung genommen: Hab' der hiſpaniſchen Monarchie Gedient und der Republik Venedig Und dem Koͤnigreich Napoli; Aber das Glück war mir nirgends gnädig! Hab' den Kaufmann geſehn und den Ritter Und den Handwerksmann und den Jeſuiter, Und kein Rock hat mir unter allen, Wie mein eiſernes Wamms, gefallen. Erſter Arkebuſier. Nel Das kann ich eben nicht ſagen. Erſter Cüraſſier. Will Einer in der Welt was erjagen, Mag er ſich rühren und mag ſich pl agen; Will er zu hohen Ehren und Würden, Bück' er ſich unter die goldnen Bürden; Will er genießen den Vaterſegen, Kinder und Enkelein um ſich pflegen, Treib' er ein ehrlich Gewerb' in Ruh'. Ich— ich hab' kein Gemuͤth dazu. Frei will ich leben und alſo ſterben, Niemand berauben und Niemand beerben Und auf das Gehudel unter mir Leicht wegſchauen von meinem Thier. Erſter Zäger. Bravo! juſt ſo ergeht es mir. 54 Erſter Arkebuſier. Luſtiger freilich mag ſich's haben, Ueber Anderer Köpf' wegtraben. Erſter Cüraſſier. Kamerad', die Zeiten ſind ſchwer, Das Schwert iſt nicht bei der Wage mehr; Aber ſo mag mir Keiner verdenken, Daß ich mich lieber zum Schwert will lenken. Kann ich im Krieg mich doch menſchlich faſſen, Aber nicht auf mir trommeln laſſen. Erſter Arkebuſier. Wer iſt dran Schuld, als wir Soldaten, Daß der Näaͤhrſtand in Schimpf gerathen? Der leidige Krieg und die Noth und Plag' In die ſechzehn Jahr' ſchon währen mag. Erſter Cüraſſier. Bruder, den lieben Gott da droben, Es können ihn Alle zugleich nicht loben. Einer will die Sonn', die den Andern beſchwert; Dieſer will's trocken, was Jener feucht begehrt; Wo du nur die Noth ſiehſt und die Plag', Da ſcheint mir des Lebens heller Tag; Geht's auf Koſten des Bürgers und Bauern: Nun, wahrhaftig, ſie werden mich dauern; Aber ich kann's nicht ändern— ſeht, 's iſt hier juſt, wie's beim Einhau'n geht: Die Pferde ſchnauben und ſetzen an, Liege, wer will, mitten in der Bahn, Sey's mein Bruder, mein leiblicher Sohn, Zerriß mir die Seele ſein Jammerton, 5⁵ Ueber ſeinen Leib muß ich jagen, Kann ihn nicht ſachte bei Seite tragen. Erſter Jüger. Ei, wer wird nach dem Andern fragen! Erſter Cüraſſier. Und, weil ſich's nun einmal ſo gemacht, Daß das Glück dem Soldaten lacht, Laßt's uns mit beiden Händen faſſen: Lang' werden ſie's uns nicht ſo treiben laſſen. Der Friede wird kommen über Nacht, Der dem Weſen ein Ende macht; Der Soldat zäumt ab, der Bauer ſpannt ein, Eh' man's denkt, wird's wieder das Alte ſeyn. Jetzt ſind wir noch beiſammen im Land, Wir haben's Heft noch in der Hand. Laſſen wir uns auseinander ſprengen, Werden ſie uns noch den Brodkorb hoͤher hängen. Erſter Jäger. Nein, Das darf nimmermehr geſchehn! Kommt, laßt uns Alle für Einen ſtehn! 4 Zweiter Jäger. Ja, laßt uns Abrede nehmen, hört! Erſter Arkebuſier (ein ledernes Beutelchen ziehend, zur Marketenderin). Gevatterin, was hab' ich verzehrt? Marketenderin. Ach, es iſt nicht der Rede werth!(Sie rechnen.) Trompeter. Ihr thut wohl, daß ihr weiter geht, Verderbt uns doch nur die Societät. (Arkebuſiere gehen ab.) 56 Erſter Cüraſſier. Schad' um die Leut'! Sind ſonſt wackre Brüder. Erſter Jäger. 3 Aber Das denkt, wie ein Seifenſieder. Zweiter Jäger. Jetzt ſind wir unter uns, laßt hören, Wie wir den neuen Anſchlag ſtören. Trompeter. Was? Wir gehen eben nicht hin. Erſter Cüraſſier. Nichts, ihr Herren, gegen die Disciplin! Jeder geht jetzt zu ſeinem Corps, Traͤgt's den Kameraden vernünftig vor, Daß ſie's begreifen und einſehen lernen. Wir dürfen uns nicht ſo weit entfernen. Für meine Wallonen ſag' ich gut: So, wie ich, Jeder denken thut. Wachtmeiſter. Terzkas Regimenter zu Roß und Fuß Stimmen alle in dieſen Schluß. Zweiter Cüraſſier(ſteellt ſich zum erſten). Der Lombard ſich nicht vom Wallonen trennt. Erſter Jäger. Freiheit iſt Jaͤgers Element. Zweiter Jäger. Freiheit iſt bei der Macht allein: Ich leb' und ſterb' bei dem Wallenſtein. Erſter Scharfſchütz. Der Lothringer geht mit der großen Fluth, Wo der leichte Sinn iſt und luſtiger Muth. 57 Dragoner. Der Irlaͤnder folgt des Glückes Stern. Zweiter Scharfſchütz. Der Tyroler dient nur dem Landesherrn. 3 Erſter Cüraſſier. Alſo laßt jedes Regiment Ein Pro Memoria reinlich ſchreiben: Daß wir zuſammen wollen bleiben, Daß uns keine Gewalt, noch Liſt Von dem Friedlaͤnder weg ſoll treiben, Der ein Soldatenvater iſt. Das reicht man in tiefer Devotion Dem Piccolomini— ich meine den Sohn— Der verſteht ſich auf ſolche Sachen, Kann bei dem Friedländer Alles machen, Hat auch einen großen Stein im Brett Bei des Kaiſers und Königs Majeſtät. Zweiter Jäger. Kommt! Dabei bleibt's! Schlagt Alle ein! Piccolomini ſoll unſer Sprecher ſeyn. Trompeter. Dragoner. Erſter Jäger. Bweiter Cüraſſier. Scharfſchützen Gugleich). Piccolomini ſoll unſer Sprecher ſeyn. (Wollen fort.) Wachtmeiſter. Erſt noch ein Gläschen, Kameraden!(VCrinkt.) Des Piccolomini hohe Gnaden! Marketenderin(bringt eine Flaſche). Das kommt nicht aufs Kerbholz. Ich geb' es gern. Gute Verrichtung, meine Herrn! 58 Cüraſſier. Der Wehrſtand ſoll leben! Beide Jäger. Der Naͤhrſtand ſoll geben! Dragoner und Scharfſchützen. Die Armee ſoll floriren! Trompeter und Wachtmeiſter. Und der Friedländer ſoll ſie regieren! 1 ZBweiter Cürafſier(ingt). Wohl auf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd Ins Feld, in die Freiheit gezogen! Im Felde, da iſt der Mann noch was werth, Da wird das Herz noch gewogen. Da tritt kein Anderer fuͤr ihn ein, Auf ſich ſelber ſteht er da ganz allein. (Die Soldaten aus dem Hintergrunde haben ſich während des Geſangs herbeigezogen und machen den Chor.). Chor. Da tritt kein Anderer fuͤr ihn ein, Auf ſich ſelber ſteht er da ganz allein. Dragoner. 3 Aus der Welt die Freiheit verſchwunden iſt, Man ſieht nur Herren und Knechte; Die Falſchheit herrſchet, die Hinterliſt Bei dem feigen Menſchengeſchlechte. Der dem Tod ins Angeſicht ſchauen kann, Der Soldat allein iſt der freie Mann. — Chor.. Der dem Tod ins Angeſicht ſchauen kann, Der Soldat allein iſt der freie Mann. 59 Erſter Jäger. Des Lebens Aengſten, er wirft ſie weg, Hat nicht mehr zu fuͤrchten, zu ſorgen; Er reitet dem Schickſal entgegen keck, Trifft's heute nicht, trifft es doch morgen, Und, trifft es morgen, ſo laſſet uns heut' Noch ſchluͤrfen die Neige der koͤſtlichen Zeit. Chor. Und, trifft es morgen, ſo laſſet uns heut' Noch ſchluͤrfen die Neige der koͤſtlichen Zeit. (Die Gläſer ſind aufs Neue gefuͤllt worden, ſie ſtoßen an und trinken.) Wachtmeiſter. Von dem Himmel faͤllt ihm ſein luſtig Los, Braucht's nicht mit Muh' zu erſtreben; Der Froͤhner, Der ſucht in der Erde Schoß, Da meint er den Schatz zu erheben. Er graͤbt und ſchaufelt, ſolang er lebt, Und graͤbt, bis er endlich ſein Grab ſich graͤbt. Char. Er graͤbt und ſchaufelt, ſolang er lebt, Und graͤbt, bis er endlich ſein Grab ſich graͤbt. Erſter Jäger. Der Reiter und ſein geſchwindes Roß, Sie ſind gefuͤrchtete Gaͤſte. Es flimmern die Lampen im Hochzeitſchloß: Ungeladen kommt er zum Feſte, Er wirbt nicht lange, er zeiget nicht Gold; Im Sturm erringt er den Minneſold. Chor. Er wirbt nicht lange, er zeiget nicht Gold; Im Sturm erringt er den Minneſold. 60 Zweiter Cüraſſier. Warum weint die Dirn' und zergraͤmet ſich ſchier? Laß fahren dahin, laß fahren! Er hat auf Erden kein bleibend Quartier, Kann treue Lieb' nicht bewahren. Das raſche Schickſal, es treibt ihn fort; Seine Ruh' laͤßt er an keinem Ort. Chor. Das raſche Schickſal, es treibt ihn fort; Seine Ruh' laͤßt er an keinem Ort. Erſter Jäger (faßt die zwei Nächſten an der Hand; die Uebrigen ahmen es nach; Alls, welche geſprochen, bilden einen großen Halbkreis). Drum friſch, Kameraden, den Nappen gezaͤumt! Die Bruſt im Gefechte geluͤftet! (Die Jugend brauſet, das Leben ſchaͤumt: 1 Friſch auf! eh' der Geiſt noch verduͤftet. Und, ſetzet ihr nicht das Leben ein, Nie wird euch das Leben gewonnen ſeyn. Chor. Und, ſetzet ihr nicht das Leben ein, Nie wird euch das Leben gewonnen ſeyn. (Der Vorhang fällt, ehe der Chor ganz ausgeſungen wird.) Die Piccolomini. In fünf Aufzügen. Perſonen. „ Wallenſtein, Herzog zu Friedland, kaiſerlicher Generaliſſimus im dreißigjährigen Kriege. Octavio Piccolomini, Generallieutenant. Max Piccolomini, ſein Sohn, Oberſt bei einem Cüraſſterregiment. Graf Terzky, Wallenſteins Schwager, Chef mehrerer Regimenter. Illo, Feldmarſchall, Wallenſteins Vertrauter. Iſolani, General der Croaten. Buttler, Chef eines Dragonerregiments. Tiefenbach, Don Maradas 4 2 1, 2 Generale unter Wallenſtein. Goͤtz, Colalto, Nittmeiſter Neumann, Terzky's Adjutant. Kriegsrath von Queſtenberg, vom Kaiſer geſendet. Baptiſta Seni, Aſtrolog. Herzogin von Friedland, Wallenſteins Gemahlin. Thekla, Prinzeſſin von Friedland, ihre Tochter. Graͤfin Terzky, der Herzogin Schweſter. Ein Cornet. Kellermeiſter des Grafen Terzky. Friedländiſche Pagen und Bediente. Terzkyſche Bediente und Hoboiſten. Mehrere Oberſten und Generale. Erſter Aufzug. 1 — Ein alter gothiſcher Saal auf dem Rathhauſe zu Pilſen, mit Fahnen und anderm Kriegsgeräthe decorirt. Erſter Auftritt. Illo mit Buttler und Iſolani. Illo. Spaͤt kommt ihr— Doch ihr kommt! Der weite Weg, Graf Iſolan, entſchuldigt Euer Saͤumen. 8 Iſolani. Wir kommen auch mit leeren Haͤnden nicht: (Es ward uns angeſagt bei Donauwörth, Ein ſchwediſcher Transport ſey unterwegs Mit Proviant an die ſechshundert Wagen— Den griffen die Croaten mir noch auf; Wir bringen ihn. Illo. 5 Er kommt uns grad zu paß, Die ſtattliche Verſammlung hier zu ſpeiſen. Buttler. Es iſt ſchon lebhaft hier, ich ſeh's. 64 Iſolani. Ja, ja, Die Kirchen ſelber liegen voll Soldaten; (Sich umſchauend.) Auch auf dem Rathhaus, ſeh' ich, habt ihr euch Schon ziemlich eingerichtet— Nun, nun! der Soldat Behilft und ſchickt ſich, wie er kann. Illo. Von dreißig Regimentern haben ſich Die Oberſten zuſammen ſchon gefunden; Den Terzky trefft ihr hier, den Tiefenbach, Colalto, Götz, Maradas, Hinnerſam, Auch Sohn und Vater Piccolomini— Ihr werdet manchen alten Freund begrüßen. Nur Gallas fehlt uns noch und Altringer. Zuttler. Auf Gallas wartet nicht! Illo(ſtutzt). Wie ſo? Wißt Ihr— Iſolani(unterbricht ihn). May Piccolomini hier? O, führt mich zu ihm! Ich ſeh' ihn noch— es ſind jetzt zehen Jahr'— Als wir bei Deſſau mit dem Mansfeld ſchlugen, Den Rappen ſprengen von der Brück' herab Und zu dem Vater, der in Nöthen war, Sdiich durch der Elbe reißend Waſſer ſchlagen: Da ſproßt' ihm kaum der erſte Flaum ums Kinn. Jetzt, hör' ich, ſoll der Kriegsheld fertig ſeyn. Illo. Ihr ſollt ihn heut' noch ſehn. Er führt aus Kaͤrnthen 6⁵ Die Fürſtin Friedland her und die Prinzeſſin; Sie treffen dieſen Vormittag noch ein. Buttler. 4 Auch Frau und Tochter ruft der Fürſt hieher? Er ruft hier viel zuſammen. Iſolani. Deſto beſſer. Erwartet' ich doch ſchon von nichts als Märſchen Und Batrerien zu hören und Attaken; Und, ſiehe dal der Herzog ſorgt dafür, Daß auch was Holdes uns das Aug' ergötze. Illo (der nachdenkend geſtanden, zu Buttlern, den er ein Wenig auf die Seite führt). Wie wißt Ihr, daß Graf Gallas außen bleibt? 4 Buttler(mit Bedeutung). Weil er auch mich geſucht zurückzuhalten. Illo(warm). Und Ihr ſeyd feſt geblieben? (Drückt ihm die Hand.) Wackrer Buttler! Buttler. Nach der Verbindlichkeit, die mir der Fürſt Noch kürzlich aufgelegt— Illo. Ja, Generalmajor! Ich gratulire! Iſolani. Zum Regiment, nicht wahr, das ihm der Fürſt Geſchenkt? Und noch dazu dasſelbe, hör' ich, Wo er vom Reiter hat heraufgedient? Schillers ſämmtl. Werke. IV. 5 66 Nun, Das iſt wahr! dem ganzen Corps gereicht's Zum Sporn, zum Beiſpiel, macht einmal ein alter Verdienter Kriegsmann ſeinen Weg. Zuttler. Ich bin verlegen, Ob ich den Glückwunſch ſchon empfangen darf. — Noch fehlt vom Kaiſer die Beſtätigung. Iſolani. Greif' zu, greif' zu! Die Hand, die Ihn dahin Geſtellt, iſt ſtark genug, Ihn zu erhalten, Trotz Kaiſern und Miniſtern. IlIlo. Wenn wir Alle So gar bedenklich wollten ſeyn! Der Kaiſer gibt uns nichts— vom Herzog Kommt Alles, was wir hoffen, was wir haben. Iſslani(zu Jllo). Herr Bruder, hab' ich's ſchon erzählt? Der Fürſt Will meine Creditoren contentiren, Will ſelber mein Caſſier ſeyn künftighin, Zu einem ordentlichen Mann mich machen— Und Das iſt nun das dritte Mal, bedenk' Er! Daß mich der Koͤniglichgeſinnte vom Verderben rettet und zu Ehren bringt. Zllo. Könnt' er nur immer, wie er gerne wollte! Er ſchenkte Land und Leut' an die Soldaten. Doch wie verkürzen ſie in Wien ihm nicht den Arm, Beſchneiden, wo ſie können, ihm die Flügel!— Da, dieſe neuen, ſaubern Forderungen, Die dieſer Queſtenberger bringt! 67 Zuttler. Ich habe mir Von dieſen kaiſerlichen Forderungen auch Erzahlen laſſen— doch ich hoffe, Der Herzog wird in keinem Stücke weichen. Illo. Von einem Recht gewißlich nicht, wenn nur nicht — Vom Platze! 3 Zuttler(betroffen). Wißt Ihr etwas? Ihr erſchreckt mich. Iſolani(zugleich). Wir waͤren Alle ruinirt! Illo. Brecht ab! Ich ſehe unſern Mann dort eben kommen Mit Gen'rallieutenant Piccolomini. Zuttler(den Kopf bedenklich ſchüttelnd). Ich fürchte, Wir gehn nicht von hier, wie wir kamen. 2 Zweiter Auftritt. Vorige. Ortavis Piccalsmini. Gueſtenberg. Octavio(noch in der Entſernung). Wie? Noch der Gaͤſte mehr? Geſtehn Sie, Freund! Es brauchte dieſen thränenvollen Krieg, So vieler Helden ruhmgekrönte Häupter In eines Lagers Umkreis zu verſammeln. 68 Queſtenberg. In kein Friedländiſch Heereslager komme, Wer von dem Kriege Böſes denken will. Beinah' vergeſſen hatt' ich ſeine Plagen, Da mir der Ordnung hoher Geiſt erſchienen, Durch die er, weltzerſtörend, ſelbſt beſteht, Das Große mir erſchienen, das er bildet. Octavio. und, ſiehe da! ein tapfres Paar, das würdig Den Heldenreihen ſchließt. Graf Iſolan Und Obriſt Buttler.— Nun, da haben wir Vor Augen gleich das ganze Kriegeshandwerk. (Buttlern und Iſolani präſentirend.) Es iſt die Stäarke, Freund, und Schnelligkeit. Queſtenberg(zu Octavio). Und zwiſchen Beiden der erfahrne Rath. Octanio(Oueſtenbergen an Jene vorſtellend). Den Kammerherrn und Kriegsrath Queſtenberg, Den Ueberbringer kaiſerlicher Befehle, Der Soldaten großen Goͤnner und Patron Verehren wir in dieſem würd'gen Gaſte. (Allgemeines Stillſchweigen.) Illo(nähert ſich Queſtenbergen). Es iſt das erſte Mal nicht, Herr Miniſter, Daß Sie im Lager uns die Ehr' erweiſen. Queſtenberg. Schon einmal ſah ich mich vor dieſen Fahnen. Illo. Und wiſſen Sie, wo Das geweſen iſt? Zu Znaim war's, in Maͤhren, wo Sie ſich 69 Von Kaiſers wegen eingeſtellt, den Herzog Um Uebernahm' des Regiments zu flehen. Queſtenberg. Zu flehn, Herr General? So weit ging weder Mein Auftrag, daß ich wüßte, noch mein Eifer. Illo. Nun, ihn zu zwingen, wenn Sie wollen. Ich Erinnre mich's recht gut— Graf Tilly war Am Lech aufs-Haupt geſchlagen— offen ſtand Das Bayerland dem Feind— nichts hielt ihn auf, Bis in das Herz von Oeſtreich vorzudringen. Damals erſchienen Sie und Werdenberg Vor unſerm Herrn, mit Bitten in ihn ſtürmend Und mit der kaiſerlichen Ungnad' drohend, Wenn ſich der Fuͤrſt des Jammers nicht erbarme. Iſolani(tritt dazu). Ja, ja!'s iſt zu begreifen, Herr Miniſter, Warum Sie ſich bei Ihrem heut'gen Auftrag An jenen alten juſt nicht gern erinnern. Queſtenberg. Wie ſollt ich nicht! Iſt zwiſchen beiden doch Kein Widerſpruch! Damalen galt es, Böhmen Aus Feindes Hand zu reißen; heute ſoll ich's Befrein von ſeinen Freunden und Beſchützern. Illo. Ein ſchönes Amt: Nachdem wir dieſes Böhmen Mit unſerm Blut dem Sachſen abgefochten, Will man zum Dank uns aus dem Lande werfen. Queſtenberg. Wenn es nicht bloß ein Elend mit dem andern 70 Verkauſcht ſoll haben, muß das arme Land Von Freund und Feindes Geißel gleich befreit ſeyn. Illo. 3 Ei was! Es war ein gutes Jahr: der Bauer kann Schon wieder geben. Queſtenberg. Ja, wenn Sie von Heerden Und Waideplätzen reden, Herr Feldmarſchall— Iſolani. 8 Der Krieg ernährt den Krieg. Gehn Bauern drauf, Ei, ſo gewinnt der Kaiſer mehr Soldaten. Queſtenberg. Und wird um ſo viel Unterthanen armer! Iſolani. Pah, ſeine Unterthanen ſind wir Alle! Queſtenberg.. Nit Unterſchied, Herr Graf Die Einen fuͤllen Mit nützlicher Geſchaͤftigkeit den Beutel, Und Andre wiſſen nur ihn brav zu leeren. Der Degen hat den Kaiſer arm gemacht; Der Pflug iſt's, der ihn wieder ſtarken muß. Buttler. Der Kaiſer wär' nicht arm, wenn nicht ſo viel — Blutigel ſaugten an dem Mark des Landes. 1 Iſolani. So arg kann's auch nicht ſeyn. Ich ſehe ja, (Indem er ſich vor ihn hinſtellt und ſeinen Anzug muſtert.) Cs iſt noch lang nicht alles Gold gemünzt. Queſtenberg. Gottlob! Noch etwas Weniges hat man Geflüchtet— vor den Fingern der Croaten. 71 Ills. Da, den Slawata und den Martinitz, Auf die der Kaiſer, allen guten Böhmen„ Zum Aergerniſſe, Gnadengaben häuft— Die ſich vom Raube der vertriebnen Bürger mäſten— Die von der allgemeinen Fäulniß wachſen, Allein im öffentlichen Unglück ernten— Mit köoͤniglichem Prunk dem Schmerz des Landes Hohn ſprechen— Die und Ihresgleichen laßt 2 Den Krieg bezahlen, den verderblichen, Den ſie allein doch angezuͤndet haben. Zuttler. Und dieſe Landſchmarutzer, die die Fuͤße Beſtändig unterm Tiſch des Kaiſers haben, Nach allen Benefigen hungrig ſchnappen, Die wollen dem Soldaten, der vorm Feind liegt, Das Brod vorſchneiden und die Rechnung ſtreichen. Iſolani. Mein' Lebtag' denk' ich dran, wie ich nach Wien Vor ſieben Jahren kam, um die Remonte Für unſre Regimenter zu betreiben, Wie ſie von einer Antecamera Zur andern mich herumgeſchleppt, mich unter Den Schranzen ſtehen laſſen ſtundenlang, Als war' ich da, ums Gnadenbrod zu betteln. Zuletzt— da ſchickten ſie mir einen Kapuziner, Ich dacht', es wär' um meiner Sünde willen! Nein doch, Das war der Mann, mit dem Ich um die Reiterpferde ſollte handein. Ich mußt' auch abziehn unverricht'ter Ding'. 72 Der Fürſt nachher verſchaffte mir in drei Tagen, Was ich zu Wien in dreißig nicht erlangte. Queſtenberg. Ja, ja! Der Poſten fand ſich in der Rechnung: Ich weiß, wir haben noch daran zu zahlen. Illo. Es iſt der Krieg ein roh gewaltſam Handwerk. Man kommt nicht aus mit ſanften Mitteln, Alles Läͤßt ſich nicht ſchonen. Wollte man's erpaſſen, Bis ſie zu Wien aus vier und zwanzig Uebeln Das kleinſte ausgewählt, man paßte lange! — Friſch mitten durchgegriffen, Das iſt beſſer! Reiß' dann, was mag!— Die Menſchen, in der Regel, Verſtehen ſich aufs Flicken und aufs Stückeln Und finden ſich in ein verhaßtes Müſſen Weit beſſer, als in eine bittre Wahl. Queſtenberg. Ja, Das iſt wahr! Die Wahl ſpart uns der Fürſt. . Zllo. Der Fürſt trägt Vaterſorge für die Truppen; Wir ſehen, wie's der Kaiſer mit uns meint. Queſtenberg. Für jeden Stand hat er ein gleiches Herz Und kann den Einen nicht dem Andern opfern. Iſolani. Drum ſtößt er uns zum Raubthier in die Wüſte, Um ſeine theuren Schafe zu behüten. Queſtenberg(mit Hohn). Herr Graf! Dies Gleichniß machen Sie— nicht ich. . Illo Doch, waͤren wir, wofür der Hof uns nimmt, Gefährlich war's, die Freiheit uns zu geben. Queſtenberg(mit Ernſt). Genommen iſt die Freiheit, nicht gegeben: Drum thut es Noth, den Zaum ihr anzulegen. Illo. Ein wildes Pferd erwarte man zu finden. 3 Queſtenberg. Ein beſſ'rer Reiter wird's beſäͤnftigen. Zllo. Es trägt den Einen nur, der es gezähmt. Queſtenberg. Iſt es gezähmt, ſo folgt es einem Kinde. Illo. Das Kind, ich weiß, hat man ihm ſchon gefunden. Queſtenberg. Sie kümmre nur die Pflicht und nicht der Name. Buttler (der ſich bisher mit Piccolomini ſeitwärts gehalten, doch mit Antheil an dem Geſpräche, tritt näher). Herr Präſident! Dem Kaiſer ſteht in Deutſchland Ein ſtattlich Kriegsvolk da, es cantonniren In dieſem Königreich wohl dreißigtauſend, Wohl ſechzehntauſend Mann in Schleſien, Zehn Regimenter ſtehs am Weſerſtrom, Am Rhein und Main; in Schwaben bieten ſechs, In Bayern zwölf den Schwediſchen die Spitze; Nicht zu gedenken der Beſatzungen, Die an der Granz' die feſten Plätze ſchirmen. All' dieſes Volk gehorcht Friedlandiſchen ſichtbarem 74 Hauptleuten. Die's befehligen, ſind Alle 2 In eine Schul' gegangen, eine Milch Hat ſie ernährt, ein Herz belebt ſie Alle.“ Fremdlinge ſtehn ſie da auf dieſem Boden; Der Dienſt allein iſt ihnen Haus und Heimat. Sie treibt der Eifer nicht fürs Vaterland: Denn Tauſende, wie mich, gebar die Fremde; Nicht für den Kaiſer: wohl die Haͤlfte kam 5 Aus fremdem Dienſt feldflüchtig uns herüber, Gleichgültig, unterm Doppeladler fechtend, Wie unterm Löwen und den Lilien. Doch Alle führt an gleich gewalt'gem Zügel Ein Einziger, durch gleiche Lieb' und Furcht Zu einem Volke ſie zuſammenbindend. Und, wie des Blitzes Funke ſicher, ſchnell, Geleitet an der Wetterſtange, läuft, Herrſcht ſein Befehl vom letzten fernen Poſten, Der an die Dünen branden hört den Belt, Der in der Etſch fruchtbare Thaler ſieht, Bis zu der Wache, die ihr Schilderhaus Hat aufgerichtet an der Kaiſerburg. Queſtenberg. Was iſt der langen Rede kurzer Sinn? Buttler. Daß der Reſpect, die Neigung, das Vertraun, Das uns dem Friedland unterwürfig macht, 2 Nicht auf den erſten Beſten ſich verpflanzt, Den uns der Hof aus Wien herüberſendet. Uns iſt in treuem Angedenken noch, Wie das Commando kan in Friedlands Hände. War's etwa kaiſerliche Majeſtät, 7⁵ Die ein gemachtes Heer ihm übergab, Den Führer nur geſucht zu ihren Truppen? — Noch gar nicht war das Heer. Erſchaffen erſt Mußt' es der Friedland; er empfing es nicht, Er gab's dem Kaiſer! Von dem Kaiſer nicht Erhielten wir den Wallenſtein zum Feldherrn. „So iſt es nicht, ſo nicht! Vom Wallenſtein Erhielten wir den Kaiſer erſt zum Herrn, Er knüpft uns, er allein, an dieſe Fahnen. Octavis(dazwiſchentretend). Es iſt nur zur Erinnerung, Herr Kriegsrath, Daß Sie im Lager ſind und unter Kriegern.— Die Kühnheit macht, die Freiheit den Soldaten.— Vermöcht' er keck zu handeln, dürft' er nicht Keck reden auch?— Eins geht ins Andre drein.— Die Kühnheit dieſes würd'gen Officiers, (Auf Buttlern zeigend.) Die jetzt in ihrem Ziel ſich nur vergriff, Erhielt, wo nichts als Kuͤhnheit retten konnte, Bei einem furchtbarn Aufſtand der Beſatzung Dem Kaiſer ſeine Hauptſtadt Prag. (Man hört von Ferne eine Kriegsmuſik.) Ilto. 1 Das ſind ſie! Die Wachen ſalutiren— Dies Signal Bedeutet uns, die Fürſtin ſey herein. . Octavio(zu Oueſtenberg). So iſt auch mein Sohn Mar zurück. Er hat ſie. Aus Kaͤrnthen abgeholt und hergeleitet. Iſolani(zu Jlo). Gehn wir zuſammen hin, ſie zu begrüßen. 76 Illo, Wohl! Laßt uns gehen. Oberſt Buttler, kommt! (Zu Octavio.) Erinnert Euch, daß wir vor Mittag noch Mit dieſem Herrn beim Fürſten uns begegnen. Dritter Auftritt. Octavis und Gueſtenberg(die zurückbleiben). Queſtenberg (mit dem Zeichen des Erſtaunens). Was hab' ich hören müſſen, Generallieutenant! Welch zugelloſer Trotz! Was für Begriffe! — Wenn dieſer Geiſt der allgemeine iſt— 3 Octavio. Drei Viertel der Armee vernahmen Sie. Queſtenberg. Weh' uns! Wo dann ein zweites Heer gleich finden, Um dieſes zu bewahren?— Dieſer Illo, fuͤrcht' ich, Denkt noch viel ſchlimmer, als er ſpricht. Auch dieſer Buttler Kann ſeine böſe Meinung nicht verbergen. 3 Octavio. Empfindlichkeit— gereizter Stolz— nichts weiter!— Dieſen Buttler geb' ich noöch nicht auf: ich weiß, Wie dieſer böſe Geiſt zu bannen iſt. Queſtenberg (voll Unruhe auf⸗ und abgehend). Nein! Das iſt ſchlimmer, ol viel ſchlimmer, Freund! Als wir's in Wien uns hatten träumen laſſen. 77 Wir ſahen's nur mit Höflingsaugen an, Die von dem Glanz des Throns geblendet waren. Den Feldherrn hatten wir noch nicht geſehn, Den allvermögenden, in ſeinem Lager. Hier iſt's ganz anders! Hier iſt kein Kaiſer mehr. Der Fuͤrſt iſt Kaiſer! Der Gang, den ich an Ihrer Seite jetzt Durchs Lager that, ſchlägt meine Hoffnung nieder. Octavio. Sie ſehn nun ſelbſt, welch ein gefährlich Amt Es iſt, das Sie vom Hof mir überbrachten— Wie mißlich die Perſon, die ich hier ſpiele. Der leiſeſte Verdacht des Generals, Er würde Freiheit mir und Leben koſten Und ſein verwegenes Beginnen nur Beſchleunigen. Queſtenberg. Wo war die Ueberlegung, Als wir dem Raſenden das Schwert vertraut Und ſolche Macht gelegt in ſolche Hand! Zu ſtark für dieſes ſchlimmverwahrte Herz War die Verſuchung! Hätte ſie doch ſelbſt Dem beſſern Mann gefährlich werden müſſen! Er wird ſich weigern, ſag' ich Ihnen, Der kaiſerlichen Ordre zu gehorchen.— Er kann's und wird's.— Sein unbeſtrafter Trotz Wird unſre Unmacht ſchimpflich offenbaren. Octapio. Und glauben Sie, daß er Gemahlin, Tochter Umſonſt hieher ins Lager kommen ließ, Gerade jetzt, da wir zum Krieg uns rüſten? 78 Daß er die letzten Pfäͤnder ſeiner Treu“ Aus Kaiſers Landen führt, Das deutet uns Auf einen nahen Ausbruch der Empörung. Queſtenberg. Weh' uns! und wie dem Ungewitter ſtehn, Das drohend uns umzieht von allen Enden? Der Reichsfeind an den Gränzen, Meiſter ſchon Vom Donauſtrom, ſtets weiter um ſich greifend— Im innern Land des Aufruhrs Feuerglocke— Der Bau'r in Waffen— alle Stande ſchwierig— Und die Armee, von der wir Hülf' erwarten, Verführt, verwildert, aller Zucht entwöhnt— Vom Staat, von ihrem Kaiſer losgeriſſen, Vom Schwindelnden die Schwindelnde geführt, Ein furchtbar Werkzeug, dem Verwegenſten Der Menſchen blind gehorchend hingegeben. Octavio. Verzagen wir auch nicht zu früh, mein Freund! Stets iſt die Sprache kecker, als die That, Und Mancher, der in blindem Eifer jetzt Zu jedem Aeußerſten entſchloſſen ſcheint, Find't unerwartet in der Bruſt ein Herz, Spricht man des Frevels wahren Namen aus. Zudem— ganz unvertheidigt ſind wir nicht. Graf Altringer und Gallas, wiſſen Sie, Erhalten in der Pflicht ihr kleines Heer— Verſtärken es noch täͤglich.— Ueberraſchen Kann er uns nicht: Sie wiſſen, daß ich ihn Mit meinen Horchern rings umgeben habe; Vom kleinſten Schritt erhalt' ich Wiſſenſchaft Sogleich— ja, mir entdeckt's ſein eigner Mund. 79 Queſtenberg. Ganz unbegreiflich iſt's, daß er den Feind nicht merkt An ſeiner Seite. Octavio. Denken Sie nicht etwa, Daß ich durch Lügenkünſte, gleißneriſche Gefälligkeit in ſeine Gunſt mich ſtahl, Durch Heuchelworte ſein Vertrauen nähre. Befiehlt mir gleich die Klugheit und die Pflicht, Die ich dem Reich, dem Kaiſer ſchuldig bin, Daß ich mein wahres Herz vor ihm verberge, Ein falſches hab' ich niemals ihm geheuchelt! Queſtenberg. Es iſt des Himmels ſichtbarliche Fügung. Octavio. Ich weiß nicht, was es iſt— was ihn an mich Und meinen Sohn ſo machtig zieht und kettet. Wir waren immer Freunde, Waffenbrüder; Gewohnheit, gleichgetheilte Abenteuer Verbanden uns ſchon früͤhe— doch ich weiß Den Tag zu nennen, wo mit einem Mal Sein Herz mir aufging, ſein Vertrauen wuchs. Es war der Morgen vor der Lützner Schlacht— Mich trieb ein böſer Traum, ihn aufzuſuchen, Ein ander Pferd zur Schlacht ihm anzubieten. Fern von den Zelten, unter einem Baum, Fand ich ihn eingeſchlafen. Als ich ihn Erweckte, mein Bedenken ihm erzaͤhlte, Sah er mich lange ſtaunend an; drauf fiel er Mir um den Hals und zeigte eine Rührung, Wie jener kleine Dienſt ſie gar nicht werth war. 80 Seit jenem Tag verfolgt mich ſein Vertrauen In gleichem Maß, als ihn das meine flieht. Queſtenberg. Sie ziehen Ihren Sohn doch ins Geheimniß? Octavio. Nein! Queſtenberg(begierig). Wie? auch warnen wollen Sie ihn nicht, In welcher ſchlimmen Hand er ſich befinde? Octavio. Ich muß ihn ſeiner Unſchuld anvertrauen. Verſtellung iſt der offnen Seele fremd; Unwiſſenheit allein kann ihm die Geiſtesfreiheit Bewahren, die den Herzog ſicher macht. Queſtenberg(beſorglich). Mein würd'ger Freund! Ich hab' die beſte Meinung Vom Oberſt Piccolomini— doch— wenn— Bedenken Sie— Octavio. Ich muß es darauf wagen— Still! Da kommt er. Vierter Auftritt. Mar Piecalomini. Oxtavis Piccslemini. Gueſtenberg. Mar. Da iſt er ja gleich ſelbſt. Willkommen, Vater! (Er umarmt ihn; wie er ſich umwendet, bemerkt er Queſtenbergen und tritt kalt zuruc.) Beſchaftigt, wie ich ſeh'? Ich will nicht ſtoͤren. 8¹1 Octavio. Wie, Mar? Sieh' dieſen Gaſt doch naͤher an! Aufmerkſamkeit verdient ein alter Freund; Ehrfurcht gebührt dem Boten deines Kaiſers. Mar(trocken). Von Queſtenberg! Willkommen, wenn was Gutes Ins Hauptquartier Sie herführt. Queſtenberg(hat ſeine Hand gefaßt). . Ziehen Sie Die Hand nicht weg, Graf Piccolomini! Ich faſſe ſie nicht bloß von Meinetwegen, Und nichts Gemeines will ich damit ſagen. (Beider Hände faſſend.) Octavio— Max Piccolomini! Heilbringend vorbedeutungsvolle Namen! Nie wird das Glück von Oeſterreich ſich wenden, Solang zwei ſolche Sterne, ſegenreich Und ſchützend, leuchten über ſeinen Heeren. Mar. Sie fallen aus der Rolle, Herr Miniſter! Nicht Lobens wegen ſind Sie hier; ich weiß, Sie ſind geſchickt, zu tadeln und zu ſchelten— Ich will voraus nichts haben vor den Andern. Octavio(zu Max). Er kommt vom Hofe, wo man mit dem Herzog Nicht ganz ſo wohl zufrieden iſt, als hier. Mar. Was gibt's aufs Neu' denn an ihm auszuſtellen? Daß er für ſich allein beſchließt, was er Allein verſteht? Wohl! daran thut er recht, Und wird's dabei auch ſein Verbleiben haben.— Schillers ſämmtl. Werke. IV. 6 8² Er iſt nun einmal nicht gemacht, nach Andern Geſchmeidig ſich zu fügen und zu wenden, Es geht ihm wider die Natur, er kann's nicht. Geworden iſt ihm eine Herrſcherſeele, Und iſt geſtellt auf einen Herrſcherplatz. Wohl uns, daß es ſo iſt! Es können ſich Nur Wenige regieren, den Verſtand Verſtändig brauchen— Wohl dem Ganzen, findet Sich einmal Einer, der ein Mittelpunkt Für viele Tauſend' wird, ein Halt— ſich hinſtellt, Wie eine feſte Saͤul', an die man ſich Mit Luſt mag ſchließen und mit Zuverſicht. So Einer iſt der Wallenſtein, und, taugte Dem Hof ein Andrer beſſer— der Armee Frommt nur ein Solcher. Queſtenberg. Der Armee! Ja wohl! Mar. Und eine Luſt iſt's, wie er Alles weckt Und ſtärkt und neu belebt um ſich herum, Wie jede Kraft ſich ausſpricht, jede Gabe Gleich deutlicher ſich wird in ſeiner Nähe! Jedwedem zieht er ſeine Kraft hervor, Die eigenthümliche, und zieht ſie groß, Laͤßt Jeden ganz Das bleiben, was er iſt; Er wacht nur drüber, daß er's immer ſey Am rechten Ort: ſo weiß er aller Menſchen Vermoͤgen zu dem ſeinigen zu machen. Queſtenberg. Wer ſpricht ihm ab, daß er die Menſchen kenne, Sie zu gebrauchen wiſſe? Ueberm Herrſcher 8³ Vergißt er nur den Diener ganz und gar, Als waͤr' mit ſeiner Würd' er ſchon geboren. Mar. Iſt er's denn nicht? Mit jeder Kraft dazu Iſt er's und mit der Kraft noch oben drein, Buchſtäblich zu vollſtrecken die Natur, Dem Herrſchtalent den Herrſchplatz zu erobern. Queſtenberg. So kommt's zuletzt auf ſeine Großmuth an, Wie viel wir uͤberall noch gelten ſollen! . Mar. Der ſeltne Mann will ſeltenes Vertrauen. Gebt ihm den Raum, das Ziel wird er ſich ſetzen. Queſtenberg. Die Proben geben's. Mar. Ja, ſo ſind ſie! Schreckt Sie Alles gleich, was eine Tiefe hat; Iſt ihnen nirgends wohl, als wo's recht flach iſt. Octavio(u Queſtenverg). Ergeben Sie ſich nur in Gutem, Freund! Mit Dem da werden Sie nicht fertig. Mar. Da rufen Sie den Geiſt an in der Noth, Und grauet ihnen gleich, wenn er ſich zeigt. Das Ungemeine ſoll, das Höchſte ſelbſt Geſchehn, wie das Alltagliche. Im Felde, Da dringt die Gegenwart— Perſönliches Muß herrſchen, eignes Auge ſehn. Es braucht Der Feldherr jedes Gro ße der Natur: So gönne man ihm auch, in ihren großen 84 Verhältniſſen zu leben. Das Orakel In ſeinem Innern, das lebendige—. Nicht todte Bücher, alte Ordnungen, 8 es Nicht modrige Papiere ſoll er fragen. 4 Octavio. Mein Sohn, laß uns die alten, engen Ordnungen, Gering nicht achten! Köſtlich unſchätzbare Gewichte ſind's, die der bedrängte Menſch An ſeiner Dranger raſchen Willen band: Denn immer war die Willkür fürchterlich— Der Weg der Ordnung, ging er auch durch Krümmen, Er iſt kein Umweg. Grad' aus geht des Blitzes, Geht des Kanonballs fürchterlicher Pfad— Schnell, auf dem nächſten Wege, langt er an, Macht ſich zermalmend Platz, um zu zermalmen. Mein Sohn! die Straße, die der Menſch befaͤhrt, Worauf der Segen wandelt, Dieſe folgt Der Fluſſe Lauf, der Thäler freien Krümmen, Umgeht das Weizenfeld, den Rebenhügel, Des Eigenthums gemeſſ'ne Gränzen ehrend— So führt ſie ſpaͤter, ſicher doch zum Ziel. Queſtenberg. O! hoͤren Sie den Vater— hoͤren Sie 39 4. der ein Held iſt und ein Menſch zugleich. Octavio. Das Rind des Lagers ſpricht aus dir, mein Sohn. Ein funfzehnjähr'ger Krieg hat dich erzogen, — Du haſt den Frieden nie geſehn! Es gibt Noch hoͤhern Werth, mein Sohn, als kriegeriſchen; Im Kriege ſelber iſt das Letzte nicht der Krieg. Die großen, ſchnellen Thaten der Gewalt, 8⁵ Des Augenblicks erſtaunenswerthe Wunder, Die ſind es nicht, die das Beglückende, Das ruhig, mächtig Dauernde erzeugen. In Haſt und Eile bauet der Soldat 8 Von Leinwand ſeine leichte Stadt: da wird Ein augenblicklich Brauſen und Bewegen, Der Markt belebt ſich, Straßen, Fluͤſſe ſind Bedeckt mit Fracht, es rührt ſich das Gewerbe. Doch eines Morgens plötzlich ſiehet man Die Zelte fallen, weiter rückt die Horde? Und ausgeſtorben, wie ein Kirchhof, bleibt Der Acker, das zerſtampfte Saatfeld liegen, Und um des Jahres Ernte iſt's gethan. Mar. 6 O, laß den Kaiſer Frieden machen, Vater! Den blut'gen Lorbeer geb' ich hin mit Freuden Fürs erſte Veilchen, das der März uns bringt, B Das duft'ge Pfand der neuverjüͤngten Erde. Octanio. dr. Wie wird dir? Was bewegt dich ſo auf Einmal? Mar.» Ich hab' den Frieden nie geſehn?— Ich hab' ihn Geſehen, alter Vater, eben komm' ich— Jetzt eben davon her— es führte mich Der Weg durch Laͤnder, wo der Krieg nicht hin 3 Gekommen— O! das Leben, Vater, Hat Reize, die wir nie gekannt.— Wir haben Des ſchonen Lebens öde Küſte nur* Wie ein umirrend Räubervolk befahren, Das, in ſein dumpfig enges Schis gepreßt, Im wüſten Meer mit wüſten Sitten haust, * 86 Vom großen Land nichts als die Buchten kennt, Wo es die Diebeslandung wagen darf. Was in den innern Thälern Köſtliches Das Land verbirgt, o! davon— davon iſt Auf unſrer wilden Fahrt uns nichts erſchienen. Octavio(wird aufmerkſam). Und hätt' es dieſe Reiſe dir gezeigt? Mar. Es war die erſte Muße meines Lebens. Sag' mir, was iſt der Arbeit Ziel und Preis, Der peinlichen, die mir die Jugend ſtahl, Das Herz mir öde ließ und unerquickt Den Geiſt, den keine Bildung noch geſchmücket? Denn dieſes Lagers lärmendes Gewühl, Der Pferde Wiehern, der Trompete Schmettern, Des Dienſtes immer gleichgeſtellte Uhr, Die Waffenübung, das Commandowort— Dem Herzen gibt es nichts, dem lechzenden; Die Seele fehlt dem nichtigen Geſchaft— Es gibt ein andres Glück und andre Freuden. . Octavis. Viel lernteſt du auf dieſem kurzen Weg, mein Sohn! Mar. O ſchöner Tag, wenn endlich der Soldat Ins Leben heimkehrt, in die Menſchlichkeit, Zum frohen Zug die Fahnen ſich entfalten, Und heimwarts ſchlagt der ſanfte Friedensmarſch. Wenn alle Hüte ſich und Helme ſchmücken Mit grünen Mai'n, dem letzten Raub der Felder! Der Stadte Thore gehen auf, von ſelbſt, Nicht die Petarde braucht ſie mehr zu ſprengen; 87 Von Menſchen ſind die Wälle rings erfüllt, Von friedlichen, die in die Lufte grüßen; Hell klingt von allen Thürmen das Gelaäut', Des blut'gen Tages frohe Veſper ſchlagend. Aus Dörfern und aus Städten wimmelnd ſtrömt Ein jauchzend Volk, mit liebend emſiger Zudringlichkeit des Heeres Fortzug hindernd— Da ſchüttelt, froh des noch erlebten Tags, Dem heimgekehrten Sohn der Greis die Hände. Ein Fremdling tritt er in ſein Eigenthum, Das längſt verlaſſ'ne, ein; mit breiten Aeſten Deckt ihn der Baum bei ſeiner Wiederkehr, Der ſich zur Gerte bog, als er gegangen, Und ſchamhaft tritt als Jungfrau ihm entgegen, Die er einſt an der Amme Bruſt verließ. Ol glücklich, wem dann auch ſich eine Thür', Sich zarte Arme ſanft umſchlingend oͤffnen— Queſtenberg(gerührt). O, daß Sie von ſo ferner, ferner Zeit Und nicht von Morgen, nicht von Heute ſprechen! Mar (mit Heftigkeit ſich zu ihm wendend). Wer ſonſt iſt Schuld daran, als ihr in Wien?— Ich will's nur frei geſtehen, Queſtenberg! Als ich vorhin Sie ſtehen ſah, es preßte Der Unmuth mir das Innerſte zuſammen— Ihr ſeyd es, die den Frieden hindern, ihr! Der Krieger iſt's, der ihn erzwingen muß. Dem Fürſten macht ihr's Leben ſauer, macht Ihm alle Schritte ſchwer, ihr ſchwärzt ihn an— Warum? Weil an Europas großem Beſten 88 Ihm mehr liegt als an ein Paar Hufen Landes, Die Oeſtreich mehr hat oder weniger— Ihr macht ihn zum Empörer und, Gott weiß! Zu was noch mehr, weil er die Sachſen ſchont, Beim Feind Vertrauen zu erwecken ſucht, Das doch der einz'ge Weg zum Frieden iſt: Denn, hört der Krieg im Kriege nicht ſchon auf, Woher ſoll Friede kommen?— Geht nur, geht! Wie ich das Gute liebe, haſſ' ich euch— Und hier gelob' ich's an, verſpritzen will ich Für ihn, für dieſen Wallenſtein, mein Blut, Das letzte meines Herzens, tropfenweiſ', eh' daß Ihr über ſeinen Fall frohlocken ſollt!— (Er geht ab.) Fünfter Auftritt. Queſtenberg. Octanis Piecolamini. Queſtenberg. O weh' uns! Steht es ſo? (Dringend und ungeduldig.) Freund, und wir laſſen ihn in dieſem Wahn Dahingehn, rufen ihn nicht gleich Zuruck, daß wir die Augen auf der Stelle Ihm öffnen? Octavio (aus einem tieſen Nachdenken zu ſich kommend). Mir hat er ſie jetzt geöffnet, Und mehr erblick' ich, als mich freut. 89 Queſtenberg. Was iſt es, Freund? Octavio. Fluch über dieſe Reiſe! Queſtenberg. Wie ſo? Was iſt es? Octavio. . Kommen Sie! Ich muß Sogleich die unglückſel'ge Spur verfolgen, Mit meinen Augen ſehen— Kommen Sie— (Will ihn ſortkuͤhren.) Queſtenberg. Was denn? Wohin? Octauio(greſſirt). Zu ihr! Queſtenberg. Zu— Octavio(corrigirt ſich). Zum Herzog! Gehn wir. O! ich fürchte Alles. Ich ſeh' das Netz geworfen über ihn, Er kommt mir nicht zurück, wie er gegangen. Queſtenberg. Erklären Sie mir nur— Octavio. Und konnt' ich's nicht Vorherſehn? nicht die Reiſe hintertreiben? Warum verſchwieg ich's ihm?— Sie hatten Recht: Ich mußt' ihn warnen— Jetzo iſt's zu ſpat. Queſtenberg. Was iſt zu ſpat? Beſinnen Sie ſich, Freund, Daß Sie in lauter Rathſeln zu mir reden. 90 Octavio(gGefaßter). Wir gehn zum Herzog. Kommen Sie! Die Stunde Ruͤckt auch heran, die er zur Audienz Beſtimmt hat. Kommen Sie!— Verwünſcht, dreimal verwünſcht ſey dieſe Reiſe! (Er führt ihn weg, der Vorhang fällt.) 9¹ Zweiter Aufzug. Saal beim Herzog von Friedland. Erſter Auftritt. „ to 6 6-; 8 7 1. 2 Lenz 6 ediente ſetzen Stuͤhle und breiten Fußteppiche aus. Gleich darauf Seni, der Aſtrolog, wie ein italieniſcher Doctor ſch warz und etwas fantaſtiſch ekleidet. Er tritt in die Mitte des Saals, ein weißes Stäbchen in der Hand, L 5 womit er die Himmelsgegenden bezeichnet. Bedienter (mit einem Rauchfaß berumgehend). Greift an! Macht, daß ein Ende wird! Die Wache Ruft ins Gewehr. Sie werden gleich erſcheinen. Zweiter Bedienter. 5 Warum denn aber ward die Erkerſtube, Die rothe, abbeſtellt, die doch ſo leuchtet? Erſter Bedienter. Das frag' den Mathematicus. Der ſagt, Es ſey ein Unglückszimmer. Zweiter Bedienter.— Narrenspoſſen! Das heißt die Leute ſcheeren. Saal iſt Saal. Was kann der Ort viel zu bedeuten haben! 9² Seni(mit Gravität). MNein Sohn, nichts in der Welt iſt unbedeutend. Das Erſte aber und Hauptſächlichſte Bei allem ird'ſchen Ding iſt Ort und Stunde. Dritter Zedienter. Laß dich mit Dem nicht ein, Nathangel! Muß ihm der Herr doch ſelbſt den Willen thun. Teni Gählt die Stuͤhle). Eilf! Eine böſe Zahl. Zwölf Stühle ſetzt! Zwölf Zeichen hat der Thierkreis, fünf und ſieben; Die heil'gen Zahlen liegen in der Zwoͤlfe. Zweiter Bedienter. Was habt Ihr gegen Eilf? Das laßt mich wiſſen. Seni. Eilf iſt die Sünde. Eilf überſchreitet Die zehn Gebote. Zweiter Bedienter. So? Und warum nennt Ihr Die Fünfe eine heil'ge Zahl? Seni. Fünf iſt Des Menſchen Seele. Wie der Menſch aus Gutem Und Böſem iſt gemiſcht, ſo iſt die Fünfe Die erſte Zahl aus Grad' und Ungerade. Erſter Bedienter. Der Narr! Dritter Bedienter. Ei, laß ihn doch! Ich hör' ihm gerne zu, Denn Mancherlei doch denkt ſich bei den Worten. 9³ Zweiter Bedienter. Hinweg! Sie kommen! Da, zur Seitenthür' hinaus! (Sie eilen fort, Seni folgt langſam.) Zweiter Auftritt. Wallenſtein. Die Herzogin. Wallenſtein. Nun, Herzogin? Sie haben Wien berührt, Sich vorgeſtellt der Königin von Ungarn? Herzogin. Der Kaiſerin auch. Bei beiden Majeſtaten Sind wir zum Handkuß zugelaſſen worden. Wallenſtein. Wie nahm man's auf, daß ich Gemahlin, Tochter Zu dieſer Winterszeit ins Feld beſchieden? Herzogin. Ich that nach Ihrer Vorſchrift, führte an, Sie hatten üͤber unſer Kind beſtimmt Und möchten gern dem künftigen Gemahl Noch vor dem Feldzug die Verlobte zeigen. Wallen ſtein. Muthmaßte man die Wahl, die ich getroffen? Herzogin. Man wünſchte wohl, ſie möcht' auf keinen fremden, Noch lutheriſchen Herrn gefallen ſeyn. Wallenſtein. Was wünſchen Sie, Eliſabeth? 94 Herzogin. Ihr Wille, wiſſen Sie, war ſtets der meine. Wallenſtein(nach einer Pauſe). Nun— Und wie war die Aufnahm' ſonſt am Hofe? (Herzogin ſchlägt die Augen nieder und ſchweigt.) Verbergen Sie mir nichts— Wie war's damit? Herzogin. O mein Gemahl— Es iſt nicht Alles mehr Wie ſonſt— Es iſt ein Wandel vorgegangen. Wallenſtein. Wie? Ließ man's an der alten Achtung fehlen? Herzogin. Nicht an der Achtung. Würdig und voll Anſtand War das Benehmen— Aber an die Stelle Huldreich vertraulicher Herablaſſung War feierliche Förmlichkeit getreten. Ach, und die zarte Schonung, die man zeigte, Sie hatte mehr vom Mitleid als der Gunſt. Nein! Herzog Albrechts furſtliche Gemahlin, Graf Harrachs edle Tochter hatte ſo— Nicht eben ſo empfangen werden ſollen! Wallenſtein. Man ſchalt gewiß mein neueſtes Betragen? Herzogin. O, haͤtte man's gethan!— Ich bin's von Lang' her Gewohnt, Sie zu entſchuldigen, zufrieden Zu ſprechen die entrüſteten Gemüther— Nein, Niemand ſchalt Sie— Man verhüllte ſich In ein ſo laſtend feierliches Schweigen. Ach! hier iſt kein gewöhnlich Mißverſtaͤndniß, keine Vorübergehende Empfindlichkeit— 95 Etwas unglucklich Unerſetzliches iſt Geſchehn— Sonſt pflegte mich die Königin Von Ungarn immer ihre liebe Muhme Zu nennen, mich beim Abſchied zu umarmen— Wallenſtein. Jetzt unterließ ſie's? Herzogin (ihre Thränen trocknend, nach einer Pauſe). . Sie umarmte mich; Doch erſt, als ich den Urlaub ſchon genommen, ſchon Der Thüre zuging, kam ſie auf mich zu, Schnell, als beſanne ſie ſich erſt, und drückte Mich an den Buſen, mehr mit ſchmerzlicher Als zaͤrtlicher Bewegung. Wallenſtein(ergreift ihre Hand). Faſſen Sie ſich!— Wie war's mit Eggenberg, mit Lichtenſtein Und mit den andern Freunden? Herzogin(den Kopf ſchuͤttelnd). Keinen ſah ich. Wallenſtein. Und der hiſpaniſche Conte Ambaſſador, Der ſonſt ſo warm fuͤr mich zu ſprechen pflegte? Herzogin. Er hatte keine Zunge mehr für Sie. Wallenſtein. Die Sonnen alſo ſcheinen uns nicht mehr: Fortan muß eignes Feuer uns erleuchten. 5 Herzogin. Und waͤr' es? Theurer Herzog, waͤr's an Dem, Was man am Hofe leiſe flüſtert, ſich 96 Im Lande laut erzählt— was Pater Lamormain Durch ein'ge Winke— Wallenſtein(ſchnell). Lamormain! Was ſagt Der? Herzogin. Man zeihe Sie verwegner Ueberſchreitung Der anvertrauten Vollmacht, freventlicher Verhöhnung höchſter, kaiſerlicher Befehle. Die Spanier, der Bayern ſtolzer Herzog Stehn auf als Klaͤger wider Sie— Ein Ungewitter zieh' ſich über Ihnen Zuſammen, noch weit drohender, als jenes, Das Sie vordem zu Regensburg geſtürzt. Man ſpreche, ſagt er— achl ich kann's nicht ſagen— Wallenſtein(geſpannt). Nun? Herzogin.— Von einer zweiten— ſſiee ſcockt.) Wallenſtein. Zweiten— Herzogin. Schimpflichern — Abſetzung. Wallenſtein. Spricht man? (Heftig bewegt durch das Zimmer gehend.) DOl ſie zwingen mich, ſie ſtoßen Gewaltſam, wider meinen Willen, mich hinein. Herzogin (ſich bittend an ihn ſchmiegend). O, wenn's noch Zeit iſt, mein Gemahl!— wenn es 97 Mit Unterwerfung, mit Nachgiebigkeit Kann abgewendet werden— Geben Sie nach— Gewinnen Sie's dem ſtolzen Herzen ab, Es iſt Ihr Herr und Kaiſer, dem Sie weichen. Ol laſſen Sie es länger nicht geſchehn, Daß hämiſche Bosheit Ihre gute Abſicht Durch giftige verhaßte Deutung ſchwärze. Mit Siegeskraft der Wahrheit ſtehn Sie auf, Die Lügner, die Verleumder zu beſchaämen! Wir haben ſo der guten Freunde wenig, Sie wiſſen's! Unſer ſchnelles Glück hat uns Dem Haß der Menſchen bloßgeſtellt— Was ſind wir, Wenn kaiſerliche Huld ſich von uns wendet! Dritter Auftritt. Gräſin Terzhy, welche die Prinzeſſin Chekla an der Hand fuͤhrt, zu den Vorigen. Gräfin. Wie, Schweſter? Von Geſchaͤften ſchon die Rede Und, wie ich ſeh', nicht von erfreulichen, Eh' er noch ſeines Kindes froh geworden? Der Freude gehört der erſte Augenblick. Hier, Vater Friedland, Das iſt deine Tochter! (Thekla nähert ſich ihm ſchüchtern und will ſich auf ſeine Hand beugen; er empfängt ſie in ſeinen Armen und bleibt einige Zeit in ihrem An⸗ ſchauen verloren ſtehen.) Wallenſtein. Ja! Schoͤn iſt mir die Hoffnung aufgegangen. Ich nehme ſie zum Pfande größern Glucks. Schillers ſämmtl. Werke. IV. 7 3 Herzogin. 3 Ein zartes Kind noch war ſie, als Sie gingen, Das große Heer dem Kaiſer aufzurichten.“ Hernach, als Sie vom Feldzug heimgekehrt Aus Pommern, war die Tochter ſchon im Stifte, Wo ſie geblieben iſt bis jetzt. Wallenſtein. Indeß Wir hier im Feld geſorgt, ſie groß zu machen, Das höchſte Irdiſche ihr zu erfechten, Hat Mutter Natur in ſtillen Kloſtermauern Das Ihrige gethan, dem lieben Kind Aus freier Gunſt das Göttliche gegeben— Und führt ſie ihrem glänzenden Geſchick Und meiner Hoffnung ſchön geſchmückt entgegen. Herzogin(zur Prinzeſſin). Du haͤtteſt deinen Vater wohl nicht wieder Erkannt, mein Kind? Kaum zaͤhlteſt du acht Jahre, Als du ſein Angeſicht zuletzt geſehn. Thekla. Doch, Mutter, auf den erſten Blick— Mein Vater Hat nicht gealtert— Wie ſein Bild in mir gelebt, So ſteht er blüͤhend jetzt vor meinen Augen. 1 Wallenſtein(zur Herzogin). Das holde Kind! Wie fein bemerkt und wie Verſtändig! Sieh'! ich zuͤrnte mit dem Schickſal, Daß mir's den Sohn verſagt, der meines Namens Und meines Glückes Erbe könnte ſeyn, In einer ſtolzen Linie von Fürſten Mein ſchnell verlöſchtes Daſeyn weiter leiten. Ich that dem Schickſal Unrecht. Hier auf dieſes 99 Jungfräulich blühnde Haupt will ich den Kranz Des kriegeriſchen Lebens niederlegen: Nicht für verloren acht' ich's, wenn ich's einſt, In einen königlichen Schmuck verwandelt, Um dieſe ſchöne Stirne flechten kann. (Er hält ſie in ſeinen Armen, wie Piccolomini hereintritt.) Vierter Auftritt. Mar Piccolomini und bald darauf Graf Terzky zu den Vorigen. Gräfin.. Da kommt der Paladin, der uns beſchützte. Wallenſtein. Sey mir willkommen, Mar! Stets warſt du mir Der Bringer irgend einer ſchönen Freude, Und, wie das glückliche Geſtirn des Morgens, Führſt du die Lebensſonne mir herauf. Mar. Mein General— Wallenſtein. Bis jetzt war es der Kaiſer, Der dich durch meine Hand belohnt. Heut' haſt du Den Vater dir, den glücklichen, verpflichtet, Und dieſe Schuld muß Friedland ſelbſt bezahlen. Mar. Mein Fürſt! Du eileſt ſehr, ſie abzutragen. Ich komme mit Beſchamung, ja, mit Schmerz: Denn, kaum bin ich hier angelangt, hab' Mutter Und Tochter deinen Armen überliefert, So wird aus deinem Marſtall, reich geſchirrt, Ein prächt'ger Jagdzug mir von dir gebracht, Fuͤr die gehabte Müh' mich abzulohnen. Ja, ja, mich abzulohnen. Eine Müh', Ein Amt bloß war's! nicht eine Gunſt, für die Ich's vorſchnell nahm und dir ſchon volles Herzens Zu danken kam— Nein, ſo war's nicht gemeint, 1 Daß mein Geſchaͤft mein ſchönſtes Glück ſeyn ſollte! (Terzky tritt herein und übergibt dem Herzog Briefe, welche Dieſer ſchnell erbricht.) Gräfin(zu Max). Belohnt er Ihre Mühe? Seine Freude Vergilt er Ihnen. Ihnen ſteht es an, So zart zu denken; meinem Schwager ziemt's, Sich immer groß und fürſtlich zu beweiſen. Thekla. So müßt' auch ich an ſeiner Liebe zweifeln, Denn ſeine gütigen Haͤnde ſchmuͤckten mich, Noch eh' das Herz des Vaters mir geſprochen. Marxr. Ja, er muß immer geben und beglüͤcken! (Er ergreift der Herzogin Hand, mit ſteigender Wärme.) Was dank' ich ihm nicht Alles— o, was ſprech' ich Nicht Alles aus in dieſem theuren Namen Friedland! Zeitlebens ſoll ich ein Gefangner ſeyn Von dieſem Namen— darin blüͤhen ſoll Mir jedes Glück und jede ſchöne Hoffnung— Feſt, wie in einem feſten Zauberringe, haͤlt Das Schickſal mich gebannt in dieſem Namen. 101 Gräfin (welche unterdeſſen den Herzog ſorgfältig beobachtet, bemerkt, daß er bei den Briefen nachdenkend geworden). Der Bruder will allein ſeyn. Laßt uns gehen. Wallenſtein (wendet ſich ſchnell um, faßt ſich und ſpricht heiter zur Herzogin). Noch einmal, Fürſtin, heiß' ich Sie im Feld willkommen. Sie ſind die Wirthin dieſes Hofs— Du, Max, Wirſt diesmal noch dein altes Amt verwalten, Indeß wir hier des Herrn Geſchafte treiben. (Max Piccolomini bietet der Herzogin den Arm, Gräfin Terzky führt die Prinzeſſin ab.) Terzky(ihm nachrufend). Verſäͤumt nicht, der Verſammlung beizuwohnen. Fünfter Auftritt. Wallenſtein. Terzhy. Wallenſtein (in tiefem Nachdenken zu ſich ſelbſt). Sie hat ganz recht geſehn— So iſt's und ſtimmt Vollkommen zu den übrigen Berichten— Sie haben ihren letzten Schluß gefaßt In Wien, mir den Nachfolger ſchon gegeben. Der Ungarn König iſt's, der Ferdinand, Des Kaiſers Söhnlein, Der i*ſt jetzt ihr Heiland, Das neu aufgehende Geſtirn! Mit uns Gedenkt man fertig ſchon zu ſeyn, und wie Ein Abgeſchiedner ſind wir ſchon beerbet. Drum ‚eine Zeit verloren! (Indem er ſich umwendet, bemerkt er den Terzky und gibt ihm einen Brief.) Graf Altringer läßt ſich entſchuldigen, Auch Gallas— Das gefallt mir nicht. Terzky. Und, wenn du Noch länger ſäumſt, bricht Einer nach dem Andern. Wallenſtein. Der Altringer hat die Tyroler Päſſe. Ich muß ihm Einen ſchicken, daß er mir Die Spanier aus Malland nicht herein läßt. — Nun, der Seſin, der alte Unterhäͤndler, Hat ſich ja kürzlich wieder blicken laſſen. Was bringt er uns vom Grafen Thurn? Terzky. Der Graf entbietet dir, Er hab' den ſchwed'ſchen Kanzler aufgeſucht Zu Halberſtadt, wo jetzo der Convent iſt; Der aber ſagt, er ſey es müd' und wolle Nichts weiter mehr mit dir zu ſchaffen haben. Wallenſtein. Wie ſo? Terzky. Es ſey dir nimmer Ernſt mit deinen Reden, Du wollſt die Schweden nur zum Narren haben, Dich mit den Sachſen gegen ſie verbinden, Am Ende ſie mit einem elenden Stück Geldes Abfertigen. Wallenſtein. So! Meint er wohl, ich ſoll ihm Ein ſchönes deutſches Land zum Raube geben, Daß wir zuletzt auf eignem Grund und Boden 103 Selbſt nicht mehr Herren ſind? Sie müſſen fort, Fort, fort! Wir brauchen keine ſolche Nachbarn. Terzky. Gönn' ihnen doch das Fleckchen Land, geht's ja Nicht von dem Deinen! Was bekümmert's dich, Wenn du das Spiel gewinneſt, wer es zahlt. Wallenſtein. Fort, fort mit ihnen!— Das verſtehſt du nicht. Es ſoll nicht von mir heißen, daß ich Deutſchland Zerſtücket hab', verrathen an den Fremdling, Um meine Portion mir zu erſchleichen. Mich ſoll das Reich als ſeinen Schirmer ehren, Reichsfürſtlich mich erweiſend, will ich würdig Mich bei des Reiches Fuürſten niederſetzen. Es ſoll im Reiche keine fremde Macht Mir Wurzel faſſen, und am Wenigſten Die Gothen ſollen's, dieſe Hungerleider, Die nach dem Segen unſers deutſchen Landes Mit Neidesblicken raubbegierig ſchauen. Beiſtehen ſoll'n ſie mir in meinen Planen Und dennoch nichts dabei zu fiſchen haben. Terzky. Doch mit den Sachſen wirſt du ehrlicher Verfahren? Sie verlieren die Geduld, Weil du ſo krumme Wege machſt— Was ſollen alle dieſe Masken? Sprich! Die Freunde zweifeln, werden irr' an dir— Der Oxenſtirn, der Arnheim, Keiner weiß, Was er von deinem Zögern halten ſoll. Am End' bin ich der Lügner: Alles geht Durch mich. Ich hab' nicht einmal deine Handſchrift. 104 Wallenſtein. Ich geb' nichts Schriftliches von mir, du weißt's. . Terzky. 3 Woran erkennt man aber deinen Ernſt, Wenn auf das Wort die That nicht folgt? Sag' ſelbſt. Was du bisher verhandelt mit dem Feind, Hätt' Alles auch recht gut geſchehn ſeyn können, Wenn du nichts mehr damit gewollt, als ihn Zum Beſten haben. 4 Wallenſtein (nach einer Pauſe, indem er ihn ſcharf anſieht). Und woher weißt du, daß ich ihn nicht wirklich Zum Beſten habe? daß ich nicht euch Alle Zum Beſten habe? Kennſt du mich ſo gut? Ich wüßte nicht, daß ich mein Innerſtes Dir aufgethan— Der Kaiſer, es iſt wahr, Hat übel mich behandelt!— Wenn ich wollte, Ich könnte ihm recht viel Böſes dafüͤr thun. Es macht mir Freude, meine Macht zu kennen; Ob ich ſie wirklich brauchen werde, davon, denk' ich, 4 Weißt du nicht mehr zu ſagen, als ein Andrer. Terzky. So haſt du ſtets dein Spiel mit uns getrieben! Sechster Auftritt. Illo zu den Vorigen. Wallenſtein. Wie ſteht es draußen? Sind ſie vorbereitet? Illo. Du find'ſt ſie in der Stimmung, wie du wünſcheſt. Sie wiſſen um des Kaiſers Forderungen Und toben. 3 Wallenſtein. Wie erklart ſich Iſolan? Illo. Der iſt mit Leib und Seele dein, ſeitdem du Die Pharobank ihm wieder aufgerichtet. Wallenſtein. Wie nimmt ſich der Colalto? Haſt du dich Des Deodat und Tiefenbach verſichert? Illo. Was Piccolomini thut, Das thun ſie auch. Wallenſtein. So, meinſt du, kann ich was mit ihnen wagen? Illo. — Wenn du der Piccolomini gewiß biſt. Wallenſtein. Wie meiner ſelbſt. Die laſſen nie von mir. Terzky. Doch wollt' ich, daß du dem Octavio, Dem Fuchs, nicht ſo viel trauteſt. Wallenſtein. Lehre du Mich meine Leute kennen. Sechzehnmal Bin ich zu Feld' gezogen mit dem Alten, — Zudem— ich hab' ſein Horoſkop geſtellt, Wir ſind geboren unter gleichen Sternen— Und kurz— (Geheimnißvoll.) 106 Es hat damit ſein eigenes Bewenden. Wenn du mir alſo gut ſagſt für die Andern— Illo. 3 Es iſt nur eine Stimme unter Allen: Du dürfſt das Regiment nicht niederlegen. Sie werden an dich deputiren, hör' ich. Wallenſtein. Wenn ich mich gegen ſie verpflichten ſoll, So müſſen ſie's auch gegen mich. Zllo. Verſteht ſich. Wallenſtein. Parole müſſen ſie mir geben, eidlich, ſchriftlich, Sich meinem Dienſt zu weihen, unbedingt. Illo. Warum nicht? Terzky. Unbedingt? Des Kaiſers Dienſt, Die Pflichten gegen Oeſtreich werden ſie Sich immer vorbehalten. Wallenſtein(den Kopf ſchüttelnd). Unbedingt Muß ich ſie haben. Nichts von Vorbehalt! Illo. Ich habe einen Einfall— Gibt uns nicht Graf Terzky ein Bankett heut Abend? Terzky. Ja, Und alle Generale ſind geladen. Illo(zu Wallenſtein). Sag', willſt du völlig freie Hand mir laſſen? 107 Ich ſchaffe dir das Wort der Generale, So wie du's wünſcheſt. Wallenſtein. Schaff' mir ihre Handſchrift! Wie du dazu gelangen magſt, iſt deine Sache. Illo. und, wenn ich dir's nun bringe, Schwarz auf Weiß, Daß alle Chefs, die hier zugegen ſind, Dir blind ſich überliefern— willſt du dann Ernſt machen endlich, mit beherzter That Das Glück verſuchen? Wallenſtein. Schaff' mir die Verſchreibung! Illo. Bedenke, was du thuſt! Du kannſt des Kaiſers Begehren nicht erfüllen— kannſt das Heer Nicht ſchwächen laſſen— nicht die Regimenter Zum Spanier ſtoßen laſſen, willſt du nicht Die Macht auf Ewig aus den Handen geben. Bedenk' das Andre auch! Du kannſt des Kaiſers Befehl und ernſte Ordre nicht verhöhnen, Nicht länger Ausflucht ſuchen, temporiſiren, Willſt du nicht förmlich brechen mit dem Hof. Entſchließ' dich! Willſt du mit entſchloſſ'ner That Zuvor ihm kommen? Willſt du, ferner zögernd, Das Aeußerſte erwarten? Wallenſtein. Das geziemt ſich, Eh' man das Aeußerſte beſchließt! Zllo. / O, nimm der Stunde wahr, eh' ſie entſchlüpft! 108 So ſelten kommt der Augenblick im Leben, Der wahrhaft wichtig iſt und groß. Wo eine Entſcheidung ſoll geſchehen, da muß Vieles“ Sich glücklich treffen und zuſammenfinden— Und einzeln nur, zerſtreuet zeigen ſich Des Gluͤckes Fäaden, die Gelegenheiten, Die, nur in einem Lebenspunkt zuſammen Gedrängt, den ſchweren Fruͤchteknoten bilden. Sieh', wie entſcheidend, wie verhaͤngnißvoll Sich's jetzt um dich zuſammenzieht!— Die Haͤupter Des Heers, die beſten, trefflichſten, um dich, Den königlichen Führer, her verſammelt, Nur deinen Wink erwarten ſie— Ol laß Sie ſo nicht wieder auseinander gehen: So einig führſt du ſie im ganzen Lauf Des Krieges nicht zum zweiten Mal zuſammen. Die hohe Fluth iſt's, die das ſchwere Schiff Vom Strande hebt— und jedem Einzelnen Wächst das Gemüth im großen Strom der Menge. Jetzt haſt du ſie, jetzt noch! Bald ſprengt der Krieg Sie wieder auseinander, dahin, dorthin—. In eignen kleinen Sorgen und Intreſſen Zerſtreut ſich der gemeine Geiſt. Wer heute, Vom Strome fortgeriſſen, ſich vergißt, Wird nüchtern werden, ſieht er ſich allein, Nur ſeine Unmacht fuͤhlen und geſchwind Umlenken in die alte, breitgetretne Fahrſtraße der gemeinen Pflicht, nur wohl⸗ Behalten unter Dach zu kommen ſuchen. Wallenſtein. Die Zeit iſt noch nicht da. 109 Terzky. So ſagſt du immer. Wann aber wird es Zeit ſeyn? Wallenſtein. Wann ich's ſage. Illo. O, du wirſt auf die Sternenſtunde warten, Bis dir die irdiſche entflieht! Glaub' mir, In deiner Bruſt ſind deines Schickſals Sterne. Vertrauen zu dir ſelbſt, Entſchloſſenheit Iſt deine Venus! Der Maleficus, Der einz'ge, der dir ſchadet, iſt der Zweifel. Wallenſtein. Du red'ſt, wie du's verſtehſt. Wie oft und vielmals Erklaͤrt' ich dir's!— Dir ſtieg der Jupiter Hinab bei der Geburt, der helle Gott: Du kannſt in die Geheimniſſe nicht ſchauen. Nur in der Erde magſt du finſter wühlen, Blind, wie der Unterirdiſche, der mit dem bleichen Bleifarbnen Schein ins Leben dir geleuchtet. Das Irdiſche, Gemeine magſt du ſehn, Das Naͤchſte mit dem Naͤchſten klug verknüpfen: Darin vertrau' ich dir und glaube dir. Doch, was geheimnißvoll bedeutend webt Und bildet in den Tiefen der Natur — Die Geiſterleiter, die aus dieſer Welt des Staubes Bis in die Sternenwelt, mit tauſend Sproſſen Hinauf ſich baut, an der die himmliſchen Gewalten wirkend auf und nieder wandeln, — Die Kreiſe in den Kreiſen, die ſich eng Und enger ziehn um die central'ſche Sonne— 110 Die ſieht das Aug' nur, das entſiegelte, Der hellgebornen, heitern Joviskinder. (Nachdem er einen Gang durch den Saal gemacht, bleibt er ſtehen und fährt fort.) Die himmliſchen Geſtirne machen nicht Bloß Tag und Nacht, Frühling und Sommer— nicht Dem Saͤmann bloß bezeichnen ſie die Zeiten Der Ausſaat und der Ernte. Auch des Menſchen Thun Iſt eine Ausſaat von Verhaͤngniſſen, Geſtreuet in der Zukunft dunkles Land, Den Schickſalsmächten hoffend übergeben. Da thut es Noth, die Saatzeit zu erkunden, Die rechte Sternenſtunde auszuleſen, Des Himmels Häuſer forſchend zu durchſpüren, Ob nicht der Feind des Wachſens und Gedeihens In ſeinen Ecken ſchadend ſich verberge. / Drum laßt mir Zeit. Thut ihr indeß das Eure. Ich kann jetzt noch nicht ſagen, was ich thun will. Nachgeben aber werd' ich nicht. Ich nicht! Abſetzen ſollen ſie mich auch nicht— Darauf Verlaßt euch. Kammerdiener(kommt). Die Herrn Generale. Wallenſtein. Laß ſie kommen. Terzky. Willſt du, daß alle Chefs zugegen ſeyen? Wallenſtein. Das braucht's nicht. Beide Piccolomini, Maradas, Buttler, Forgatſch, Deodat, Caraffa, Iſolani mögen kommen. „ 111 (Terzky geht hinaus mit dem Kammerdiener.) Wallenſtein(u Jlo). Haſt du den Queſtenberg bewachen laſſen? Sprach er nicht Einige insgeheim? Illo. Ich hab' ihn ſcharf bewacht. Er war mit Niemand Als dem Octavio. Siebenter Auftritt. Vorige, Gueſtenberg, beide Viccslomini, Buttler, Fſolani, Maradas und noch drei andere Generale treten herein. Auf den Wink des Generals nimmt Queſtenberg ihm grade gegenüber Platz, die Andern folgen nach ihrem Range. Es herrſcht eine augenblickliche Stille. Wallenſtein. Ich hab' den Inhalt Ihrer Sendung zwar Vernommen, Queſtenberg, und wohl erwogen, Auch meinen Schluß gefaßt, den nichts mehr andert. Doch, es gebührt ſich, daß die Commandeurs Aus Ihrem Mund des Kaiſers Willen hören— Gefall' es Ihnen denn, ſich Ihres Auftrags Vor dieſen edeln Häuptern zu entledigen. Queſtenberg. Ich bin bereit; doch bitt' ich, zu bedenken, Daß kaiſerliche Herrſchgewalt und Würde Aus meinem Munde ſpricht, nicht eigne Kühnheit. 8 Wallenſtein. Den Eingang ſpart! Queſtenberg. Als Seine Majeſtät, Der Kaiſer, Ihren muthigen Armeen Ein ruhmgekroͤntes, kriegserfahrnes Haupt Geſchenkt in der Perſon des Herzogs Friedland, Geſchah's in froher Zuverſicht, das Glück Des Krieges ſchnell und günſtig umzuwenden. Auch war der Anfang ihren Wunſchen hold: Gereiniget war Böheim von den Sachſen, Der Schweden Siegeslauf gehemmt— es ſchöpften Aufs Neue leichten Athem dieſe Länder, Als Herzog Friedland die zerſtreuten Feindesheere Herbei von allen Strömen Deutſchlands zog, Herbei auf einen Sammelplatz beſchwor Den Rheingraf, Bernhard, Banner, Oxenſtirn und jenen nie beſiegten Koͤnig ſelbſt, Um endlich hier im Angeſichte Nürnbergs Das blutig große Kampfſpiel zu entſcheiden. Wallenſtein. Zur Sache, wenn's beliebt! Qneſtenberg.* Ein neuer Geiſt Verkündigte ſogleich den neuen Feldherrn. Nicht blinde Wuth mehr rang mit blinder Wuth; In hellgeſchiednem Kampfe ſah man jetzt Die Feſtigkeit der Kühnheit widerſtehn und weiſe Kunſt die Tapferkeit ermüden. Vergebens lockt man ihn zur Schlacht: er graͤbt Sich tief und tiefer nur im Lager ein, Als gaͤlt' es, hier ein ewig Haus zu gründen. Verzweifelnd endlich will der König ſtürmen; 113 Zur Schlachtbank reißt er ſeine Völker hin, Die ihm des Hungers und der Seuchen Wuth Im leichenvollen Lager langſam tödtet. Durch den Verhack des Lagers, hinter welchem Der Tod aus tauſend Röhren lauert, will Der Niegehemmte ſtürmend Bahn ſich brechen. Da ward ein Angriff und ein Widerſtand, Wie ihn kein glücklich Auge noch geſehn. Zerriſſen endlich führt ſein Volk der König Vom Kampfplatz heim, und nicht ein Fußbreit Erde Gewann es ihm, das grauſe Menſchenopfer. Wallenſtein. Erſparen Sie's, uns aus dem Zeitungsblatt Zu melden, was wir ſchaudernd ſelbſt erlebt. Queſtenberg. Anklagen iſt mein Amt und meine Sendung; Es iſt mein Herz, das gern beim Lob verweilt. In Nürnbergs Lager ließ der ſchwed'ſche König Den Ruhm— in Lützens Ebenen das Leben. Doch wer erſtaunte nicht, als Herzog Friedland Nach dieſem großen Tag, wie ein Beſiegter, Nach Böheim floh, vom Kriegesſchauplatz ſchwand, Indeß der junge weimariſche Held Ins Frankenland unaufgehalten drang, Bis an die Donau reißend Bahn ſich machte Und ſtand mit einem Mal vor Regensburg, Zum Schrecken aller gut kathol'ſchen Chriſten. Da rief der Bayern wohlverdienter Fürſt Um ſchnelle Hülf' in ſeiner hoͤchſten Noth— Es ſchickt der Kaiſer ſieben Reitende An Herzog Friedland ab mit dieſer Bitte Schillers ſämmtl. Werke. IV. 8 114 und fleht, wo er als Herr befehlen kann. umſonſt! Es höͤrt in dieſem Augenblick Der Herzog nur den alten Haß und Groll, Gibt das gemeine Beſte preis, die Rachgier An einem alten Feinde zu vergnügen. Und ſo fäͤllt Regensburg! Wallenſtein. Von welcher Zeit iſt denn die Rede, Max? Ich hab' gar kein Gedächtniß mehr. 9. Mar. Er meint, Wie wir in Schleſien waren. Wallenſtein. So! ſo! ſo! Was aber hatten wir denn dort zu thun? Mar. Die Schweden draus zu ſchlagen und die Sachſen. Wallenſtein. Recht! Ueber der Beſchreibung da vergeſſ' ich Den ganzen Krieg—(Zu Oueſtenberg.) Nur weiter fortgefahren! Queſtenberg. Am Oderſtrom vielleicht gewann man wieder, Was an der Donau ſchimpflich ward verloren. Erſtaunenswerthe Dinge hoffte man Auf dieſer Kriegesbühne zu erleben, Wo Friedland in Perſon zu Felde zog, Der Nebenbuhler Guſtavs einen— Thurn Und einen Arnheim vor ſich fand. Und wirklich Gerieth man nah genug hier an einander, Doch, um als Freund, als Gaſt ſich zu bewirthen. 115 Ganz Deutſchland ſeufzte unter Kriegeslaſt, Doch Friede war's im Wallenſtein'ſchen Lager. Wallenſtein. Manch blutig Treffen wird um nichts gefochten, Weil einen Sieg der junge Feldherr braucht. Ein Vortheil des bewährten Feldherrn iſt's, Daß er nicht nothig hat zu ſchlagen, um Der Welt zu zeigen, er verſteh' zu ſiegen. Mir konnt' es wenig helfen, meines Glücks Mich über einen Arnheim zu bedienen; Viel nützte Deutſchland meine Maͤßigung, Waͤr' mir's geglückt, das Bündniß zwiſchen Sachſen Und Schweden, das verderbliche, zu löſen. Queſtenberg. Es glückte aber nicht, und ſo begann Aufs Neu' das blut'ge Kriegesſpiel. Hier endlich Rechtfertigte der Füͤrſt den alten Ruhm. Auf Steinaus Feldern ſtreckt das ſchwediſche Heer Die Waffen, ohne Schwertſtreich überwunden— Und hier, mit Andern, lieferte des Himmels Gerechtigkeit den alten Aufruhrſtifter, Die fluchbeladne Fackel dieſes Kriegs, Matthias Thurn, des Raͤchers Händen aus. — Doch in großmüth'ge Hand war er gefallen: Statt Strafe fand er Lohn, und reich beſchenkt Entließ der Fürſt den Erzfeind ſeines Kaiſers. Wallenſtein(lacht). Ich weiß, ich weiß— Sie hatten ſchon in Wien Die Fenſter, die Balcons voraus gemiethet, Ihn auf dem Armenſünderkarrn zu ſehn— Die Schlacht haͤtt' ich mit Schimpf verlieren moͤgen, 116 Doch Das vergeben mir die Wiener nicht, Daß ich um ein Spectakel ſie betrog. Queſtenberg. Befreit war Schleſien, und Alles rief Den Herzog nun ins hart bedrängte Bayern. Er ſetzt auch wirklich ſich in Marſch— gemächlich Durchzieht er Böheim auf dem längſten Wege; Doch, eh' er noch den Feind geſehen, wendet Er ſchleunig um, bezieht ſein Winterlager, drückt Des Kaiſers Länder mit des Kaiſers Heer. Wallenſtein. Das Heer war zum Erbarmen: jede Nothdurft, jede Bequemlichkeit gebrach— der Winter kam. Was denkt die Majeſtät von ihren Truppen? Sind wir nicht Menſchen? nicht der Kält' und Naͤſſe, Nicht jeder Nothdurft ſterblich unterworfen? Fluchwürdig Schickſal des Soldaten! Wo Er hinkommt, flieht man vor ihm— wo er weggeht Verwünſcht man ihn! Er muß ſich Alles nehmen; Man gibt ihm nichts, und, Jeglichem gezwungen Zu nehmen, iſt er Jeglichem ein Greuel. Hier ſtehen meine Generals. Caraffa! Graf Deodati! Buttler! Sagt es ihm, Wie lang der Sold den Truppen ausgeblieben? . Buttler. Ein Jahr ſchon fehlt die Loͤhnung. Wallenſtein. Und ſein Sold Muß dem Soldaten werden: darnach heißt er! 117 Queſtenberg. Das klingt ganz anders, als der Fürſt von Friedland Vor acht, neun Jahren ſich vernehmen ließ. Wallenſtein. Ja, meine Schuld iſt es, weiß wohl, ich ſelbſt Hab' mir den Kaiſer ſo verwöhnt. Da, vor neun Jahren, Beim Danenkriege, ſtellt' ich eine Macht ihm auf Von vierzigtauſend Köpfen oder fünfzig, Die aus dem eignen Saͤckel keinen Deut Ihm koſtete— Durch Sachſens Kreiſe zog Die Kriegesfurie, bis an die Scheeren Des Belts den Schrecken ſeines Namens tragend. Da war noch eine Zeit! Im ganzen Kaiſerſtaate Kein Nam' geehrt, gefeiert, wie der meine, Und Albrecht Wallenſtein, ſo hieß Der dritte Edelſtein in ſeiner Krone! Doch auf dem Regensburger Fürſtentag, Da brach es auf! Da lag es kund und offen, Aus welchem Beutel ich gewirthſchaft't hatte. Und was war nun mein Dank dafür, daß ich, Ein treuer Fürſtenknecht, der Völker Fluch Auf mich gebürdet— dieſen Krieg, der nur Ihn groß gemacht, die Fürſten zahlen laſſen? Was? Aufgeopfert wurd' ich ihren Klagen, — Abgeſetzt wurd' ich. Queſtenberg. Eure Gnaden weiß, Wie ſehr auf jenem unglücksvollen Reichstag Die Freiheit ihm gemangelt. Wallenſtein. Tod und Teufel! 118 Ich hatte, was ihm Freiheit ſchaffen konnte. — Nein, Herr! Seitdem es mir ſo ſchlecht bekam, Dem Thron zu dienen auf des Reiches Koſten, Hab' ich vom Reich ganz anders denken lernen. Vom Kaiſer freilich hab' ich dieſen Stab; Doch führ' ich jetzt ihn als des Reiches Feldherr, Zur Wohlfahrt Aller, zu des Ganzen Heil, Und nicht mehr zur Vergrößerung des Einen!— Zur Sache doch. Was iſt's, das man von mir begehrt? Queſtenberg. Fur's Erſte wollen Seine Majeſtät, Daß die Armee ohn' Aufſchub Böhmen räume. Wallonſtein. In dieſer Jahrszeit? und wohin will man, Daß wir uns wenden? Queſtenberg. Dahin, wo der Feind iſt. Denn Seine Majeſtaͤt will Regensburg Vor Oſtern noch vom Feind geſaubert ſehn, Daß laͤnger nicht im Dome lutheriſch Gepredigt werde— ketzeriſcher Greu'l Des Feſtes reine Feier nicht beſudle. Wallenſtein. Kann Das geſchehen, meine Generals? 4 Illo. Es iſt nicht möglich. Buttler. Es kann nicht geſchehn. Queſtenberg. Der Kaiſer hat auch ſchon dem Oberſt Suys Befehl geſchickt, nach Bayern vorzurücken. 119 Wallenſtein. Was that der Suys? Qneſtenberg. Was er ſchuldig war: Er rückte vor. Wallenſtein. Er ruͤckte vor! Und ich, Sein Chef, gab ihm Befehl, ausdrücklichen, Nicht von dem Platz zu weichen! Steht es ſo Um mein Commando? Das iſt der Gehorſam, Den man mir ſchuldig, ohne den kein Kriegsſtand Zu denken iſt? Sie, meine Generale, Seyen Richter! Was verdient der Officier, Der eidvergeſſen ſeine Ordre bricht? Illo. Den Tod! Wallenſtein (da die Uebrigen bedenklich ſchweigen, mit erhöhter Stimme). Graf Piccolomini, was hat er Verdient? Mar(nach einer langen Pauſe). Nach des Geſetzes Wort— den Tod! Iſolani. Den Tod! Buttler. Den Tod nach Kriegsrecht! (Dueſtenberg ſteht auf. Wallenſtein ſolgt, es erheben ſich Alle.) Wallenſtein. Dazu verdammt ihn das Geſetz, nicht ich! Und, wenn ich ihn begnadige, geſchieht's Aus ſchuld'ger Achtung gegen meinen Kaiſer. 120 Queſtenberg. Wenn's ſo ſteht, hab' ich hier nichts mehr zu ſagen. Wallenſtein. 6 Nur auf Bedingung nahm ich dies Commando; Und gleich die erſte war, daß mir zum Nachtheil Kein Menſchenkind, auch ſelbſt der Kaiſer nicht, Bei der Armee zu ſagen haben ſollte. 3 Wenn für den Ausgang ich mit meinar Ehre Und meinem Kopf ſoll haften, muß ich Herr Darüber ſeyn. Was machte dieſen Guſtav Unwiderſtehlich, unbeſiegt auf Erden? Dies: daß er König war in ſeinem Heer! Ein König aber, einer, der es iſt, Ward nie beſiegt noch, als durch Seinesgleichen— Jedoch zur Sach'! Das Beſte ſoll noch kommen. Queſtenberg. Der Cardinal⸗Infant wird mit dem Fruͤhjahr Aus Malland rücken und ein ſpaniſch Heer Durch Deutſchland nach den Niederlanden führen. Damit er ſicher ſeinen Weg verfolge, Will der Monarch, daß hier aus der Armee Acht Regimenter ihn zu Pferd begleiten. Wallenſtein. Ich merk', ich merk'— Acht Regimenter— Wohl, Wohl ausgeſonnen, Pater Lamormain! Waäͤr' der Gedank' nicht ſo verwünſcht geſcheidt, Man waͤr' verſucht, ihn herzlich dumm zu nennen. Achttauſend Pferde! Ja, ja! es iſt richtig, Ich ſeh' es kommen. Qneſtenberg. Es iſt nichts dahinter Zu ſehn. Die Klugheit räth's, die Noth gebeut's. 3 121 Wallenſtein. Wie, mein Herr Abgeſandter? Ich ſoll's wohl Nicht merken, daß man's mude iſt, die Macht, Des Schwertes Griff in meiner Hand zu ſehn? Daß man begierig dieſen Vorwand haſcht, Den ſpan'ſchen Namen braucht, mein Volk zu mindern, Ins Reich zu führen eine neue Macht, Die mir nicht untergeben ſey. Mich ſo* Gerad' bei Seit' zu werfen, dazu bin ich Euch noch zu mächtig. Mein Vertrag erheiſcht's, Daß alle Kaiſerheere mir gehorchen, Soweit die deutſche Sprach' geredet wird. Von ſpan'ſchen Truppen aber und Infanten, Die durch das Reich als Gaſte wandernd ziehn, Steht im Vertrage nichts— Da kommt man denn So in der Stille hinter ihm herum, Macht mich erſt ſchwächer, dann entbehrlich, bis Man kürzeren Proceß kann mit mir machen. — Wozu die krummen Wege, Herr Miniſter? Gerad' heraus! Den Kaiſer drückt das Pactum Mit mir. Er möochte gerne, daß ich ginge. Ich will ihm den Gefallen thun: Das war Beſchloſſ'ne Sache, Herr, noch eh' Sie kamen. (Es entſteht eine Bewegung unter den Generalen, welche immer zu⸗ nimmt.) Es thut mir leid um meine Oberſten: Noch ſeh' ich nicht, wie ſie zu ihren vorgeſchoſſ'nen Geldern, Zum wohlverdienten Lohne kommen werden. Neu Regiment bringt neue Menſchen auf, Und früheres Verdienſt veraltet ſchnell. Es dienen viel' Auslaͤndiſche im Heer, 122 Und, war der Mann nur ſonſten brav und tüchtig, Ich pflegte eben nicht nach ſeinem Stammbaum, Nach ſeinem Katechismus viel zu fragen. Das wird auch anders werden künftighin! Nun— mich geht's nichts mehr an. (Er ſetzt ſich.) Mar. Da ſey Gott für, Daß es bis dahin kommen ſoll! Die ganze Armee wird furchtbar gährend ſich erheben— Der Kaiſer wird mißbraucht, es kann nicht ſeyn. Iſolani. Es kann nicht ſeyn, denn Alles ging' zu Trümmern. Wallenſtein. 1 Das wird es, treuer Iſolan. Zu Truͤmmern Wird Alles gehn, was wir bedaͤchtig bauten. Deßwegen aber find't ſich doch ein Feldherr, Und auch ein Kriegsheer laͤuft noch wohl dem Kaiſer. Zuſammen, wenn die Trommel wird geſchlagen. Marx (geſchäftig, leidenſchaftlich von Einem zum Andern gehend und ſie beſänftigend).. Hör' mich, mein Feldherr! Hört mich, Oberſten! Laß dich beſchwoͤren, Fürſt! Beſchließe nichts, Bis wir zuſammen Rath gehalten, dir Vorſtellungen gethan— Kommt, meine Freunde! Ich hoff', es iſt noch Alles herzuſtellen. Terzky. Kommt, kommt! im Vorſaal treffen wir die Andern. (Gehen.) 123 Buttler(zu OQueſtenberg). Wenn guter Rath Gehör bei Ihnen findet, Vermeiden Sie's, in dieſen erſten Stunden Sich öffentlich zu zeigen, ſchwerlich moͤchte Sie Der goldne Schlüſſel vor Mißhandlung ſchützen. (Laute Bewegungen draußen.) Wallenſtein. Der Rath iſt gut— Octavio, du wirſt. Für unſers Gaſtes Sicherheit mir haften. Gehaben Sie ſich wohl, von Queſtenberg! (Als Dieſer reden will.) Nichts, nichts von dem verhaßten Gegenſtand! Sie thaten Ihre Schuldigkeit. Ich weiß Den Mann von ſeinem Amt zu unterſcheiden. (Indem Oueſtenberg mit dem Octavio abgehen will, dringen Götz, Tiefenbach, Colalto herein, denen noch mehrere Comman⸗ deurs folgen.) 8 Götz. Wo iſt er, der uns unſern General— Tiefenbach(zugleich). Was müſſen wir erfahren, du willſt uns— Colalto(zugleich). Wir wollen mit dir leben, mit dir ſterben. Wallenſtein(mit Anſehen, auf Illo zeigend). Hier der Feldmarſchall weiß um meinen Willen. .(Geht ab.) 124 Dritter Aufzug. Ein Zimmer. Erſter Auftritt. Illo und Terzhy. Terzky. Nun, ſagt mir, wie gedenkt Ihr's dieſen Abend Beim Gaſtmahl mit den Obriſten zu machen? Illo. Gebt Acht! Wir ſetzen eine Formel auf, Worin wir uns dem Herzog insgeſammt Verſchreiben, ſein zu ſeyn mit Leib und Leben, Nicht unſer letztes Blut für ihn zu ſparen; Jedoch der Eidespflichten unbeſchadet, Die wir dem Kaiſer ſchuldig ſind. Merkt wohl! 4 Die nehmen wir in einer eignen Clauſel Ausdrücklich aus und retten das Gewiſſen. Nun hört! Die alſo abgefaßte Schrift Wird ihnen vorgelegt vor Tiſche, Keiner Wird daran Anſtoß nehmen— Hört nun weiter! Nach Tafel, wenn der trübe Geiſt des Weins Das Herz nun öffnet und die Augen ſchließt, 125 Läßt man ein unterſchobnes Blatt, worin Die Clauſel fehlt, zur Unterſchrift herumgehn. Terzky. Wie? Denkt Ihr, daß ſie ſich durch einen Eid Gebunden glauben werden, den wir ihnen Durch Gaukelkunſt betrüglich abgeliſtet? Illo. Gefangen haben wir ſie immer— Laßt ſie Dann über Argliſt ſchrein, ſo viel ſie mögen. Am Hofe glaubt man ihrer Unterſchrift Doch mehr, als ihrem heiligſten Betheuern. Verraͤther ſind ſie einmal, müſſen's ſeyn: So machen ſie aus der Noth wohl eine Tugend. Terzky. Nun, mir iſt Alles lieb, geſchieht nur was, Und rücken wir nur einmal von der Stelle. Illo. Und dann— liegt auch ſo viel nicht dran, wie weit Wir damit langen bei den Generalen: Genug, wenn wir's den Herrn nur überreden, Sie ſeyen ſein— denn, handelt er nur erſt Mit ſeinem Ernſt, als ob er ſie ſchon hätte, So hat er ſie und reißt ſie mit ſich fort. Terzky. Ich kann mich manchmal gar nicht in ihn finden. Er leiht dem Feind ſein Ohr, laͤßt mich dem Thurn, Dem Arnheim ſchreiben, gegen den Seſina Geht er mit kühnen Worten frei heraus, Spricht ſtundenlang mit uns von ſeinen Planen, Und, mein' ich nun, ich hab⸗ ihn— weg auf Einmal 126 Entſchlüpft er, und es ſcheint, als wär' es ihm Um nichts zu thun, als nur, am Platz zu bleiben. 3llo. 4 Er ſeine alten Plane aufgegeben! Ich ſag' Euch, daß er wachend, ſchlafend mit Nichts Anderm umgeht, daß er Tag für Tag Deßwegen die Planeten fragt— Terzky. Ja, wißt Ihr, Daß er ſich in der Nacht, die jetzo kommt, Im aſtrolog'ſchen Thurme mit dem Doctor Einſchließen wird und mit ihm obſerviren? Denn es ſoll eine wicht'ge Nacht ſeyn, höͤr' ich, Und etwas Großes, Langerwartetes Am Himmel vorgehn. Illo. Wenn's hier unten nur geſchieht. Die Generale ſind voll Eifer jetzt Und werden ſich zu Allem bringen laſſen, Nur, um den Chef nicht zu verlieren. Seht! So haben wir den Anlaß vor der Hand Zu einem engen Bundniß widern Hof. Unſchuldig iſt der Name zwar, es heißt: Man will ihn beim Commando bloß erhalten; Doch, wißt Ihr, in der Hitze des Verfolgens Verliert man bald den Anfang aus den Augen. Ich denk' es ſchon zu karten, daß der Fürſt Sie willig finden— willig glauben ſoll Zu jedem Wagſtück. Die Gelegenheit Soll ihn verführen. Iſt der große Schritt Nur erſt gethan, den ſie zu Wien ihm nicht verzeihn, 2 4 127 So wird der Nothzwang der Begebenheiten Ihn weiter ſchon und weiter führen: nur Die Wahl iſt's, was ihm ſchwer wird; draͤngt die Noth, Dann kommt ihm ſeine Stärke, ſeine Klarheit. Terzky. Das iſt es auch, worauf der Feind nur wartet, Das Heer uns zuzuführen. Illo. 8 Kommt! Wir müſſen Das Werk in dieſen naͤchſten Tagen weiter fördern, Als es in Jahren nicht gedieh— und, ſteht's Nur erſt hier unten glücklich, gebet Acht, So werden auch die rechten Sterne ſcheinen! Kommt zu den Oberſten! Das Eiſen muß Geſchmiedet werden, weil es glüht. Terzky. Geht Ihr hin, Illo. Ich muß die Graͤfin Terzky hier erwarten. Wißt, daß wir auch nicht müßig ſind— wenn ein Strick reißt, iſt ſchon ein andrer in Bereitſchaft. Illo. Ja, Eure Hausfrau lächelte ſo liſtig. 1 Was habt Ihr? Terzky. Ein Geheimniß! Still, ſie kommt! (Illo geht ab.) 128 Zweiter Auftritt. Graf und Gräſin Terzhy, die aus einem Cabinet heraustritt. Hernach ein Bedienter, darauf Illo. — Terzky. /Kommt ſie? Ich halt' ihn länger nicht zurück. / Gräfin. Gleich wird ſie da ſeyn. Schick' ihn nur. Terzky. Zwar weiß ich nicht, ob wir uns Dank damit Beim Herrn verdienen werden. Ueber dieſen Punkt, Du weißt's, hat er ſich nie herausgelaſſen. Du haſt mich uberredet und mußt wiſſen, Wie weit du gehen kannſt. Gräfin. Ich nehm's auf mich. (Fuͤr ſich.) 3 Es braucht hier keiner Vollmacht— Ohne Worte, Schwager, Verſtehn wir uns— Errath' ich etwa nicht, Warum die Tochter hergefordert worden? Warum juſt er gewaͤhlt, ſie abzuholen? Denn dieſes vorgeſpiegelte Verlöbniß Mit einem Bräutigam, den Niemand kennt, Mag Andre blenden! Ich durchſchaue dich— Doch dir geziemt es nicht, in ſolchem Spiel Die Hand zu haben. Nicht doch! Meiner Feinheit Bleibt Alles überlaſſen. Wohl!— Du ſollſt Dich in der Schweſter nicht betrogen haben. Bedienter(kommt). Die Generale!(Ab.) 129 Terzky(zur Gräfin). Sorg' nur, daß du ihm Den Kopf recht warm machſt, was zu denken gibſt— Wenn er zu Tiſch kommt, daß er ſich nicht lange Bedenke bei der Unterſchrift. Gräfin. Sorg' du für deine Gaͤſte! Geh' und ſchick ihn! Terzky. Denn Alles liegt dran, daß er unterſchreibt. Gräfin. Zu deinen Gäſten. Geh'! Illo(kommt zurück). Wo bleibt Ihr, Terzky? Das Haus iſt voll, und Alles wartet Euer. Terzky. Gleich, gleich! (Zur Gräfin.) Und daß er nicht zu lang verweilt— Es möchte bei dem Alten ſonſt Verdacht— 3 Gräfin. Unnöth'ge Sorgfalt! (Terziy und Illo gehen.) Dritter Auftritt. Gräſin Terzuy. Mar Piccslomini. Mar(blickt ſchüchtern herein). Baſe Terzky! Darf ich? (Tritt bis in die Mitte des Zimmers, wo er ſich unruhig umſteht.) Sie iſt nicht da! Wo iſt ſie? Schillers ſämmtl. Werke. Iv. 9 3 Der Dank fuͤr meine Müh'! 130 Gräfin. Sehen Sie nur recht In jene Ecke, ob ſie hinterm Schirm Vielleicht verſteckt— Mar. Da liegen ihre Handſchuh'! (Will haſtig darnach greifen, Graͤfin nimmt ſie zu ſich.) Ungüt'ge Tante! Sie verleugnen mir— Sie haben Ihre Luſt dran, mich zu quaͤlen. Gräfin. Mar. O, fühlten Sie, Wie mir zu Muthe iſt!— Seitdem wir hier ſind— So an mich halten, Wort' und Blicke waͤgen! Das bin ich nicht gewohnt! Gräfin. Sie werden ſich An Manches noch gewöhnen, ſchöner Freund! Auf dieſer Probe Ihrer Folgſamkeit Muß ich durchaus beſtehn, nur unter der Bedingung Kann ich mich überall damit befaſſen. Mar. Wo aber iſt ſie? Warum kommt ſie nicht? Gräfin. Sie müſſen's ganz in meine Haͤnde legen. Wer kann es beſſer auch mit Ihnen meinen! 8* Kein Menſch darf wiſſen, auch Ihr Vater nicht,— Der gar nicht! . Mar. Damit hat's nicht Noth. Es iſt 131 Hier kein Geſicht, an das ich's richten möchte, Was die entzückte Seele mir bewegt. — O Tante Terzky! Iſt denn Alles hier Veraͤndert, oder bin nur ich's? Ich ſehe mich Wie unter fremden Menſchen. Keine Spur Von meinen vor'gen Wünſchen mehr und Freuden. Wo iſt Das alles hin? Ich war doch ſonſt In eben dieſer Welt nicht unzufrieden. Wie ſchaal iſt Alles nun und wie gemein! Die Kameraden ſind mir unertraͤglich, Der Vater ſelbſt, ich weiß ihm nichts zu ſagen, Der Dienſt, die Waffen ſind mir eitler Tand. So müßt' es einem ſel'gen Geiſte ſeyn, Der aus den Wohnungen der ew'gen Freude Zu ſeinen Kinderſpielen und Geſchäften, Zu ſeinen Neigungen und Bruüderſchaften, Zur ganzen armen Menſchheit wiederkehrte. Gräfin. Doch muß ich bitten, ein'ge Blicke noch Auf dieſe ganz gemeine Welt zu werfen, Wo eben jetzt viel Wichtiges geſchieht. Mar. Es geht hier etwas vor um mich: ich ſeh's An ungewöhnlich treibender Bewegung; Wenn's fertig iſt, kommt's wohl auch bis zu mir. Wo denken Sie, daß ich geweſen, Tante? Doch keinen Spott! Mich angſtigte des Lagers Gewühl, die Flut zudringlicher Bekannten, Der fade Scherz, das nichtige Geſpräch, Es wurde mir zu eng, ich mußte fort, Stillſchweigen ſuchen dieſem vollen Herzen 13² Und eine reine Stelle für mein Glück. Kein Lächeln, Grafin! In der Kirche war ich. Es iſt ein Kloſter hier, zur Himmelspforte, Da ging ich hin, da fand ich mich allein. Ob dem Altar hing eine Mutter Gottes, Ein ſchlecht Gemaͤlde war's, doch war's dar Freund, Den ich in dieſem Augenblicke ſuchte. Wie oft hab' ich die Herrliche geſehn In ihrem Glanz, die Inbrunſt der Verehrer— Es hat mich nicht gerührt, und jetzt auf Einmal Ward mir die Andacht klar, ſo wie die Liebe. Gräfin. Genießen Sie Ihr Glück. Vergeſſen Sie Die Welt um ſich herum. Es ſoll die Freundſchaft Indeſſen wachſam für Sie ſorgen, handeln. Nur ſey'n Sie dann auch lenkſam, wenn man Ihnen Den Weg zu Ihrem Gluͤcke zeigen wird. Mar. Wo aber bleibt ſie denn! O goldne Zeit Der Reiſe, wo uns jede neue Sonne Vereinigte, die ſpaͤte Nacht nur trennte! Da rann kein Sand, und keine Glocke ſchlug. Es ſchien die Zeit dem Ueberſeligen In ihrem ew'gen Laufe ſtillzuſtehen. „Ol Der iſt aus dem Himmel ſchon gefallen, Der an der Stunden Wechſel denken muß! Die Uhr ſchlägt keinem Glücklichen. Gräfin. Wie lang iſt es, daß Sie Ihr Herz entdeckten? Mar. Heut' früh wagt' ich das erſte Wort. 133 Gräfin. Wie? Heute erſt in dieſen zwanzig Tagen? Mar. Auf jenem Jagdſchloß war es, zwiſchen hier Und Nepomuk, wo Sie uns eingeholt, Der letzten Station des ganzen Wegs. In einem Erker ſtanden wir, den Blick Stumm in das oͤde Feld hinaus gerichtet, Und vor uns ritten die Dragoner auf, Die uns der Herzog zum Geleit' geſendet. Schwer lag auf mir des Scheidens Bangigkeit, Und zitternd endlich wagt' ich dieſes Wort: Dies alles mahnt' mich, Fräulein, daß ich heut' Von meinem Glücke ſcheiden muß. Sie werden In wenig Stunden einen Vater finden, Von neuen Freunden ſich umgeben ſehn; Ich werde nun ein Fremder für Sie ſeyn, Verloren in der Menge—„Sprechen Sie „Mit meiner Baſe Terzky!“ fiel ſie ſchnell Mir ein, die Stimme zitterte, ich ſah Ein glühend Roth die ſchönen Wangen färben, Und, von der Erde langſam ſich erhebend, Trifft mich ihr Auge— ich beherrſche mich Nicht länger— (Die Prinzeſſin erſcheint an der Thür' und bleibt ſtehen, von der Gräfin, aber nicht von Piccolomini bemerkt.) — faſſe kühn ſie in die Arme, Mein Mund beruhrt den ihrigen— da rauſcht' es Im nahen Saal und trennte uns— Sie waren's. Was nun geſchehen, wiſſen Sie. 134 Gräfin (nach einer Pauſe, mit einem verſtohlenen Blick auf Thekla). Und ſind Sie ſo beſcheiden oder haben So wenig Neugier, daß Sie mich nicht auch Um mein Geheimniß fragen? Mar. Ihr Geheimniß? Gräfin. Nun ja! Wie ich unmittelbar nach Ihnen Ins Zimmer trat, wie ich die Nichte fand, Was ſie in dieſem erſten Augenblick Des überraſchten Herzens— Mar(lebhaft). Nun? Vierter Auftritt. Vorige. Thekla(welche ſchnell hereintritt). Thekla. Spart Euch die Mühe, Tante! Das hört er beſſer von mir ſelbſt. Mar(tritt zuruͤck). Mein Fraulein!— Was ließen Sie mich ſagen, Tante Terzky! Thekla(zur Gräfin). Iſt er ſchon lange hier? Gräfin. Ja wohl, und ſeine Zeit iſt bald vorüber. Wo bleibt Ihr auch ſo lang? 135 Thekla. Die Mutter weinte wieder ſo. Ich ſeh' ſie leiden — Und kann's nicht aändern, daß ich glücklich bin. Mar(in ihren Anblick verloren). Jetzt hab' ich wieder Muth, Sie anzuſehn. Heut' konnt' ich's nicht. Der Glanz der Edelſteine, Der Sie umgab, verbarg mir die Geliebte. Thekla. So ſah mich nur Ihr Auge, nicht Ihr Herz. Mar. O! dieſen Morgen, als ich Sie im Kreiſe Der Ihrigen, in Vaters Armen fand, Mich einen Fremdling ſah in dieſem Kreiſe: Wie drängte mich's in dieſem Augenblick, Ihm um den Hals zu fallen, Vater ihn Zu nennen! Doch ſein ſtrenges Auge hieß Die heftig wallende Empfindung ſchweigen, Und jene Diamanten ſchreckten mich, Die, wie ein Kranz von Sternen, Sie umgaben. Warum auch mußt' er beim Empfange gleich Den Bann um Sie verbreiten, gleich zum Opfer Den Engel ſchmücken, auf das heitre Herz Die traur'ge Bürde ſeines Standes werfen! Wohl darf die Liebe werben um die Liebe, Doch ſolchem Glanz darf nur ein König nahn. CThekla. O, ſtill von dieſer Mummerei! Sie ſehn, Wie ſchnell die Bürde abgeworfen ward. (Zur Gräfin.) Er iſt nicht heiter. Warum iſt er's nicht? Ihr, Tante, habt ihn mir ſo ſchwer gemacht! 136 War er doch ein ganz Andrer auf der Reiſe! So ruhig hell! ſo froh beredt! Ich wünſchte, Sie immer ſo zu ſehn und niemals anders. Max. Sie fanden ſich in Ihres Vaters Armen, In einer neuen Welt, die Ihnen huldigt, Waͤr's auch durch Neuheit nur, Ihr Auge reizt. Thekla. Ja! Vieles reizt mich hier, ich will's nicht leugnen: Mich reizt die bunte, kriegeriſche Bühne, Die vielfach mir ein liebes Bild erneuert, Mir an das Leben, an die Wahrheit knüpft, Was mir ein ſchöner Traum nur hat geſchienen. Mar. Mir machte ſie mein wirklich Glück zum Traum. Auf einer Inſel in des Aethers Höhn Hab' ich gelebt in dieſen letzten Tagen; Sie hat ſich auf die Erd' herabgelaſſen, Und dieſe Brücke, die zum alten Leben Zurück mich bringt, trennt mich von meinem Himmel. Thekla. Das Spiel des Lebens ſieht ſich heiter an, Wenn man den ſichern Schatz im Herzen träͤgt, Und froher kehr' ich, wenn ich es gemuſtert, Zu meinem ſchönern Eigenthum zurück— (Abbrechend, in einem ſcherzhaften Ton.) Was hab' ich Neues nicht und Unerhoͤrtes In dieſer kurzen Gegenwart geſehn! Und doch muß alles Dies dem Wunder weichen Das dieſes Schloß geheimnißvoll verwahrt. 137 Gräfin(nachſinnend). Was waͤre Das? Ich bin doch auch bekannt In allen dunkeln Ecken dieſes Hauſes. Thekla(lächelnd). Von Geiſtern wird der Weg dazu beſchützt, Zwei Greife halten Wache an der Pforte. Gräfin(lacht). Ah ſo, der aſtrolog'ſche Thurm! Wie hat ſich Dies Heiligthum, das ſonſt ſo ſtreng verwahrt wird, Gleich in den erſten Stunden Euch geöffnet? Thekla. Ein kleiner alter Mann mit weißen Haaren Und freundlichem Geſicht, der ſeine Gunſt Mir gleich geſchenkt, ſchloß mir die Pforten auf. Mar. Das iſt des Herzogs Aſtrolog, der Seni. Thekla. Er fragte mich nach vielen Dingen, wann ich Geboren ſey, in welchem Tag und Monat, Ob eine Tages⸗ oder Nacht⸗Geburt— Gräfin. Weil er das Horoſkop Euch ſtellen wollte. Thekln. Auch meine Hand beſah er, ſchüttelte Das Haupt bedenklich, und es ſchienen ihm Die Linien nicht eben zu gefallen. Gräfin. Wie fandet Ihr es denn in dieſem Saal? Ich hab' mich ſtets nur fluͤchtig umgeſehn. Thekla. Es ward mir wunderbar zu Muth, als ich 138 Aus vollem Tageslichte ſchnell hineintrat: Denn eine düſtre Nacht umgab mich plötzlich, Von ſeltſamer Beleuchtung ſchwach erhellt. In einem Halbkreis ſtanden um mich her Sechs oder ſieben große Königsbilder, Den Scepter in der Hand, und auf dem Haupt Trug jedes einen Stern, und alles Licht Im Thurm ſchien von den Sternen nur zu kommen. Das waren die Planeten, ſagte mir Mein Führer, ſie regierten das Geſchick: Drum ſeyen ſie als Könige gebildet. Der Aeußerſte, ein grämlich finſtrer Greis, Mit dem trübgelben Stern, ſey der Saturnus; Der mit dem rothen Schein, grad' von ihm über, In kriegeriſcher Rüſtung, ſey der Mars, Und Beide bringen wenig Glück den Menſchen. Doch eine ſchöne Frau ſtand ihm zur Seite, Sanft ſchimmerte der Stern auf ihrem Haupt: Das ſey die Venus, das Geſtirn der Freude. Zur linken Hand erſchien Mercur geflügelt. Ganz in der Mitte glänzte ſilberhell Ein heitrer Mann, mit einer Königsſtirn: Das ſey der Jupiter, des Vaters Stern, Und Mond und Sonne ſtanden ihm zur Seite. Mar. O! nimmer will ich ſeinen Glauben ſchelten An der Geſtirne, an der Geiſter Macht. Nicht bloß der Stolz des Menſchen füllt den Raum Mit Geiſtern, mit geheimnißvollen Kraͤften: AWuch fur ein liebend Herz iſt die gemeine Natur zu eng, und tiefere Bedeutung 139 Liegt in dem Mäͤhrchen meiner Kinderjahre, Als in der Wahrheit, die das Leben lehrt. Die heitre Welt der Wunder iſt's allein, Die dem entzückten Herzen Antwort gibt, Die ihre ew'gen Räume mir eroͤffnet, Mir tauſend Zweige reich entgegen ſtreckt, Worauf der trunkne Geiſt ſich ſelig wiegt. Die Fabel iſt der Liebe Heimatwelt: Gern wohnt ſie unter Feen, Talismanen, Glaubt gern an Götter, weil ſie göttlich iſt. Die alten Fabelweſen ſind nicht mehr, Das reizende Geſchlecht iſt ausgewandert; Doch eine Sprache braucht das Herz, es bringt Der alte Trieb die alten Namen wieder, Und an dem Sternenhimmel gehn ſie jetzt, Die ſonſt im Leben freundlich mit gewandelt: Dort winken ſie dem Liebenden herab, Und jedes Große bringt uns Jupiter Noch dieſen Tag, und Venus jedes Schöne. Thekla. Wenn Das die Sternenkunſt iſt, will ich froh Zu dieſem heitern Glauben mich bekennen. Es iſt ein holder, freundlicher Gedanke, Daß über uns, in unermeſſ'nen Höhn, Der Liebe Kranz aus funkelnden Geſtirnen, Da wir erſt wurden, ſchon geflochten ward. Gräfin. Nicht Roſen bloß, auch Dornen hat der Himmel. Wohl dir, wenn ſie den Kranz dir nicht verletzen! Was Venus band, die Bringerin des Güücks, Kann Mars, der Stern des Unglücks, ſchnell zerreißen. 140 . Mar. Bald wird ſein düſtres Reich zu Ende ſeyn! Geſegnet ſey des Fürſten ernſter Eifer: Er wird den Oelzweig in den Lorbeer flechten und der erfreuten Welt den Frieden ſchenken. Dann hat ſein großes Herz nichts mehr zu wünſchen, Er hat genug für ſeinen Ruhm gethan, Kann jetzt ſich ſelber leben und den Seinen. Auf ſeine Güter wird er ſich zurückziehn, Er hat zu Gitſchin einen ſchönen Sitz, Auch Reichenberg, Schloß Friedland liegen heiter— Bis an den Fuß der Rieſenberge hin Streckt ſich das Jagdgehege ſeiner Waͤlder. Dem großen Trieb, dem prachtig ſchaffenden, Kann er dann ungebunden frei willfahren. Da kann er fürſtlich jede Kunſt ermuntern Und alles würdig Herrliche beſchützen— Kann bauen, pflanzen, nach den Sternen ſehn— Ja, wenn die kühne Kraft nicht ruhen kann, So mag er kaͤmpfen mit dem Element, Den Fluß ableiten und den Felſen ſprengen Und dem Gewerb' die leichte Straße bahnen. Aus unſern Kriegsgeſchichten werden dann Erzahlungen in langen Winternächten— Gräfin. Ich will denn doch gerathen haben, Vetter, Den Degen nicht zu frühe wegzulegen. e eine Braut, wie die, iſt es wohl werth, Daß mit dem Schwert um ſie geworben werde. Mar. O, waͤre ſie mit Waffen zu gewinnen! 141 Gräfin. Was war Das? Hört ihr nichts?— Mir war's, als hört' ich Im Tafelzimmer heft'gen Streit und Laͤrmen. (Sie geht hinaus.) Fünfter Auftritt. Thekla und Mar Piecolsmini. Thekla (ſobald die Gräfin ſich entfernt hat, ſchnell und heimlich zu Piccolomini). Trau' ihnen nicht. Sie meinen's falſch. Marxr. Sie könnten— Thekla. Trau' Niemand hier, als mir. Ich ſah es gleich, Sie haben einen Zweck. Mar. Zweck! aber welchen? Was hätten ſie davon, uns Hoffnungen— Thekla. Das weiß ich nicht. Doch, glaub' mir, es iſt nicht Ihr Ernſt, uns zu beglücken, zu verbinden. Mar. Wozu auch dieſe Terzkys? Haben wir Nicht deine Mutter? Ja, die Gütige Verdient's, daß wir uns kindlich ihr vertrauen. Thekla. Sie liebt dich, ſchäͤtzt dich hoch vor allen Andern; Doch nimmer häͤtte ſie den Muth, ein ſolch 142 Geheimniß vor dem Vater zu bewahren. Um ihrer Ruhe willen muß es ihr Verſchwiegen bleiben. Mar. Warum uͤberall Auch das Geheimniß? Weißt du, was ich thun will? Ich werfe mich zu deines Vaters Fußen, Er ſoll mein Glück entſcheiden, er iſt wahrhaft, Iſt unverſtellt und haßt die krummen Wege, Er iſt ſo gut, ſo edel— Thekla. Das biſt du! Mar. Du kennſt ihn erſt ſeit Heut', ich aber lebe Schon zehen Jahre unter ſeinen Augen. Iſt's denn das erſte Mal, daß er das Seltne, Das Ungehoffte thut? Es ſieht ihm gleich, Zu überraſchen, wie ein Gott; er muß Entzücken ſtets und in Erſtaunen ſetzen. Wer weiß, ob er in dieſem Augenblick Nicht mein Geſtändniß, deines bloß erwartet, Uns zu vereinigen— Du ſchweigſt? Du ſiehſt Mich zweifelnd an? Was haſt du gegen deinen Vater? Thekla. Ich? Nichts— Nur zu beſchäftigt find' ich ihn, Als daß er Zeit und Muße könnte haben, An unſer Glück zu denken. (Ihn zärtlich bei der Hand faſſend.) Folge mir! Laß nicht zu viel uns an die Menſchen glauben. Wir wollen dieſen Terzkys dankbar ſeyn 143 Für jede Gunſt, doch ihnen auch nicht mehr Vertrauen, als ſie würdig ſind, und uns Im Uebrigen— auf unſer Herz verlaſſen. Mahr. O, werden wir auch jemals gluͤcklich werden! Thekla. Sind wir's denn nicht? Biſt du nicht mein? Bin ich Nicht dein?— In deiner Seele lebt Ein hoher Muth, die Liebe gibt ihn mir— Ich ſollte minder offen ſeyn, mein Herz Dir mehr verbergen: alſo will's die Sitte. Wo aber wäre Wahrheit hier für dich, Wenn du ſie nicht auf meinem Munde findeſt? Wir haben uns gefunden, halten uns Umſchlungen feſt und ewig. Glaube mir, Das iſt um Vieles mehr, als ſie gewollt. Drum laß es uns wie einen heil'gen Raub In unſers Herzens Innerſtem bewahren. Aus Himmelshöhen fiel es uns herab, Und nur dem Himmel wollen wir's verdanken. Er kann ein Wunder für uns thun. Sechster Auftritt. Gräſin Terzuy zu den Varigen. Gräfin(preſſirt). Mein Mann ſchickt her. Es ſey die hoͤchſte Zeit, Er ſoll zur Tafel— (Da Jene nicht darauf achten, tritt ſie zwiſchen ſie.) Trennt euch! 144 Chekla. O, nicht doch! Es iſt ja kaum ein Augenblick. 5 Gräfin. Die Zeit vergeht Euch ſchnell, Prinzeſſin Nichte! Mar. Es eilt nicht, Baſe. Gräfin. Fort, fort! Man vermißt Sie. Der Vater hat ſich zweimal ſchon erkundigt. Thekla. Ei nun, der Vater! Gräfin. Das verſteht Ihr, Nichte! Thekla. Was ſoll er überall bei der Geſellſchaft? Es iſt ſein Umgang nicht: es mögen würd'ge, Verdiente Maͤnner ſeyn; er aber iſt Für ſie zu jung, taugt nicht in die Geſellſchaft. Gräfin. Ihr möchtet ihn wohl lieber ganz behalten? Thekla(lebhaft). Ihr habt's getroffen. Das iſt meine Meinung. Ja, laßt ihn ganz hier, laßt den Herren ſagen— Gräfin. Habt Ihr den Kopf verloren, Nichte?— Graf! Sie wiſſen die Bedingungen. 1 Mar. Ich muß gehorchen, Fraͤulein. Leben Sie wohl! (Da Thekla ſich von ihm wendet.) Was ſagen Sie? Thekla(ohne ihn anzuſehen). Nichts. Gehen Sie! Mar. Kann ich's, Wenn Sie mir zuͤrnen— (Er nähert ſich ihr, ihre Augen begegnen ſich; ſie ſteht einen Augenblick ſchweigend, dann wirft ſie ſich ihm an die Bruſt, er drückt ſie feſt an ſich.) Gräfin. 2- Weg! Wenn Jemand käme! Ich höre Lärmen— Fremde Stimmen nahen. (Marx reißt ſich aus ihren Armen und geht, die Gräfin begleitet ihn. Thekla folgt ihm anfangs mit den Augen, geht unruhig durch das Zim⸗ mer und bleibt dann in Gedanken verſenkt ſtehen. Eine Guitarre liegt auf dem Tiſche, ſie ergreift ſie, und, nachdem ſie eine Weile ſchwer⸗ müthig präludirt hat, fällt ſie in den Geſang.) Siebenter Auftritt. Thekla(ſpielt und ſingt). Der Eichwald brauſet, die Wolken ziehn, Das Maͤgdlein wandelt an Ufers Gruͤn, Es bricht ſich die Welle mit Macht, mit Macht, Und ſie ſingt hinaus in die finſtre Nacht, Das Auge von Weinen getruͤbet: Das Herz iſt geſtorben, die Welt iſt leer, Und weiter gibt ſie dem Wunſche nichts mehr. Du Heilige, rufe dein Kind zuruͤck! Ich habe genoſſen das irdiſche Gluͤck, Ich habe gelebt und geliebet. Schillers ſämmtl. Werke. IV. 10 146 Achter Auftritt. Gräfin kommt zurück. Thekla. Gräfin. Was war Das, Fraulein Nichte? Ei! Ihr werft Euch Ihm an den Kopf. Ihr ſolltet Euch doch, dacht' ich, Mit Eurer Perſon ein Wenig theuer machen. Thekla(indem ſie aufſteht). Was meint Ihr, Tante? Gräfin. Ihr ſollt nicht vergeſſen, Wer Ihr ſeyd, und wer er iſt. Ja, Das iſt Euch Noch gar nicht eingefallen, glaub' ich. CThekla. Was denn? Gräfin. Daß Ihr des Fürſten Friedland Tochter ſeyd. Thekla. Nun? und was mehr? Gräfin. Was? Eine ſchöne Frage! Thekla. Was wir geworden ſind, iſt er geboren: Er iſt von altlombardiſchem Geſchlecht, Iſt einer Füͤrſtin Sohn! Gräfin. Sprecht Ihr im Traum? Fürwahr, man wird ihn höflich noch drum bitten, Die reichſte Erbin in Europa zu beglücken Mit ſeiner Hand. 147 Thekla. Das wird nicht nöthig ſeyn. Gräfin. Ja, man wird wohl thun, ſich nicht auszuſetzen. Thekla. Sein Vater liebt ihn: Graf Octavio Wird nichts dagegen haben— Gräfin. Sein Vater! ſeiner! und der Eure, Nichte? Thekla. Nun ja! Ich denk', Ihr fürchtet ſeinen Vater, Weil Ihr's vor Dem, vor ſeinem Vater, mein' ich, So ſehr verheimlicht. Gräfin(ſeht ſie forſchend an). Nichte, Ihr ſeyd falſch. Thekla. Seyd Ihr empfin dlich, Tante? O, ſeyd gut! Gräfin. Ihr haltet Euer Spiel ſchon fur gewonnen— Jauchzt nicht zu fruhe! Thekla. Seyd nur gut! Gräfin. Es iſt noch nicht ſo weit. Thekla. Ich glaub' es wohl. Gräfin. Denkt Ihr, er habe ſein bedeutend Leben In kriegeriſcher Arbeit aufgewendet, Jedwedem ſtillen Erdenglück entſagt, Den Schlaf von ſeinem Lager weggebannt, 148 Sein edles Haupt der Sorge hingegeben, Nur, um ein glücklich Paar aus euch zu machen? Um dich zuletzt aus deinem Stift zu ziehn, Den Mann dir im Triumphe zuzufuͤhren, Der deinen Augen wohlgefällt?— Das hätt' er Wohlfeiler haben konnen! Dieſe Saat Ward nicht gepflanzt, daß du mit kind'ſcher Hand Die Blume braͤcheſt und zur leichten Zier An deinen Buſen ſteckteſt! Thekla. Was er mir nicht gepflanzt, Das könnte doch Freiwillig mir die ſchönen Früchte tragen. Und, wenn mein gütig freundliches Geſchick Aus ſeinem furchtbar ungeheuren Daſeyn Des Lebens Freude mir bereiten will— Gräfin. Du ſiehſt's wie ein verliebtes Mädchen an. Blick' um dich her. Beſinn' dich, wo du biſt— Nicht in ein Freudenhaus biſt du getreten, Zu keiner Hochzeit findeſt du die Waͤnde Geſchmückt, der Gaͤſte Haupt bekranzt. Hier iſt Kein Glanz, als der von Waffen. Oder denkſt du, Man führte dieſe Tauſende zuſammen, Beim Brautfeſt dir den Reihen aufzuführen? Du ſiehſt des Vaters Stirn' gedankenvoll, Der Mutter Aug' in Thraͤnen, auf der Wage liegt Das große Schickſal unſers Hauſes! Laß jetzt des Maͤdchens kindiſche Gefühle, Die kleinen Wünſche hinter dir! Beweiſe, Daß du des Außerordentlichen Tochter biſt! / Das Weib ſoll ſich nicht ſelber angehören, 3 149 An fremdes Schickſal iſt ſie feſt gebunden. Die aber iſt die Beſte, die ſich Fremdes Aneignen kann mit Wahl, an ihrem Herzen Es trägt und pflegt mit Innigkeit und Liebe. Chekla. So wurde mir's im Kloſter vorgeſagt. Ich hatte keine Wünſche, kannte mich Als ſeine Tochter nur, des Machtigen, Und ſeines Lebens Schall, der auch zu mir drang, Gab mir kein anderes Gefühl, als dies: Ich ſey beſtimmt, mich leidend ihm zu opfern. Gräfin. Das iſt dein Schickſal. Füge dich ihm willig! Ich und die Mutter geben dir das Beiſpiel. Thekla. Das Schickſal hat mir Den gezeigt, dem ich Mich opfern ſoll, ich will ihm freudig folgen. Gräfin. Dein Herz, mein liebes Kind, und nicht das Schickſal. Thekla. Der Zug des Herzens iſt des Schickſals Stimme. Ich bin die Seine. Sein Geſchenk allein Iſt dieſes neue Leben, das ich lebe. Er hat ein Recht an ſein Geſchöpf. Was war ich, Eh' ſeine ſchöne Liebe mich beſeelte? Ich will auch von mir ſelbſt nicht kleiner denken, Als der Geliebte. Der kann nicht gering ſeyn, Der das Unſchätzbare beſitzt. Ich fühle Die Kraft mit meinem Glucke mir verliehen. (Ernſt liegt das Leben vor der ernſten Seele. Daß ich mir ſelbſt gehöre, weiß ich nun, 150 Den feſten Willen hab' ich kennen lernen, Den unbezwinglichen, in meiner Bruſt, Und an das Höchſte kann ich Alles ſetzen.⸗ Gräfin. Du wollteſt dich dem Vater widerſetzen, Wenn er es anders nun mit dir beſchloſſen? — Ihm denkſt du's abzuzwingen? Wiſſe, Kind! Sein Nam' iſt Friedland. Thekla. Auch der meinige. Er ſoll in mir die echte Tochter finden. Gräfin. Wie? Sein Monarch, ſein Kaiſer zwingt ihn nicht, Und du, ſein Maͤdchen, wollteſt mit ihm kämpfen? Thekla. Was Niemand wagt, kann ſeine Tochter wagen. Gräfin. Nun, wahrlich! darauf iſt er nicht bereitet. Er hätte jedes Hinderniß beſiegt, Und in dem eignen Willen ſeiner Tochter Sollt' ihm der neue Streit entſtehn? Kind, Kind! Noch haſt du nur das Laäͤcheln deines Vaters, Haſt ſeines Zornes Auge nicht geſehen. Wird ſich die Stimme deines Widerſpruchs, Die zitternde, in ſeine Naähe wagen? Wohl magſt du dir, wenn du allein biſt, große Dinge Vorſetzen, ſchöne Rednerblumen flechten, Mit Löwenmuth den Taubenſinn bewaffnen. Jedoch verſuch's! Tritt vor ſein Auge hin, Das feſt auf dich geſpannt iſt, und ſag' Nein! Vergehen wirſt du vor ihm, wie das zarte Blatt 151 Der Blume vor dem Feuerblick der Sonne. — Ich will dich nicht erſchrecken, liebes Kind! Zum Aeußerſten ſoll's ja nicht kommen, hoff' ich— Auch weiß ich ſeinen Willen nicht. Kann ſeyn, Daß ſeine Zwecke deinem Wunſch begegnen. Doch Das kann nimmermehr ſein Wille ſeyn, Daß du, die ſtolze Tochter ſeines Glücks, Wie ein verliebtes Mäaͤdchen dich geberdeſt, Wegwerfeſt an den Mann, der, wenn ihm je Der hohe Lohn beſtimmt iſt, mit dem höchſten Opfer, Das Liebe bringt, dafür bezahlen ſoll! (Sie geht ab.) Neunter Auftritt. Thehkla allein. Dank dir für deinen Wink! Er macht Mir meine böſe Ahnung zur Gewißheit. So iſt's denn wahr? Wir haben keinen Freund Und keine treue Seele hier— wir haben Nichts als uns ſelbſt. Uns drohen harte Kämpfe. Du, Liebe, gib uns Kraft, du göͤttliche! Ol ſie ſagt wahr: nicht frohe Zeichen ſind's, Die dieſem Bündniß unſrer Herzen leuchten. Das iſt kein Schauplatz, wo die Hoffnung wohnt. Nur dumpfes Kriegsgetöſe raſſelt hier, Und ſelbſt die Liebe— wie in Stahl gerüſtet, Zum Todeskampf gegurtet, tritt ſie auf. Es geht ein finſtrer Geiſt durch unſer Haus, Und ſchleunig will das Schickſal mit uns enden. 15²2 Aus ſtiller Freiſtatt treibt es mich heraus: Ein holder Zauber muß die Seele blenden. Es lockt mich durch die himmliſche Geſtalt, Ich ſeh' ſie nah' und ſeh' ſie näher ſchweben: Es zieht mich fort, mit göttlicher Gewalt, Dem Abgrund zu, ich kann nicht widerſtreben. (Man hoͤrt von Ferne die Tafelmuſtk.) O! wenn ein Haus im Feuer ſoll vergehn, Dann treibt der Himmel ſein Gewölk zuſammen, Es ſchießt der Blitz herab aus heitern Höhn, Aus unterird'ſchen Schlünden fahren Flammen; Blindwüthend ſchleudert ſelbſt der Gott der Freude Den Pechkranz in das brennende Gebäude! (Sie geht ab.) Vierter Aufzug. Scene: Ein großer, ſeſtlich erleuchteter Saal, in der Mitte deſſelben und nach der Tieſe des Theaters eine reich ausgeſchmückte Taſel, an welcher acht Generale, worunter Octavio Piccolomini, Terziy und Maradas, ſitzen. Rechts und links davon, mehr nach Hinten zu, noch zwei andere Tafeln, welche jede mit ſechs Gäſten beſetzt ſind. Vorwärts ſtebt der Credenztiſch, die ganze vor⸗ dere Bhne bleibt fur die aufwartenden Pagen und Bedienten frei. Aues iſt in Beweaung: Svielleute von Terzkys Regiment ziehen über den Schauplatz um die Tafel herum. Noch ehe ſie ſich ganz entſernt haben, erſcheint Max Piccolomini; ihm kommt Terzky mit einer Schrift, Iſolani mit einem Potal entgegen. Erſter Auftritt. Cerzky. Iſolani. Mar Piccolamini. Iſolani. Herr Bruder, was wir lieben! Nun, wo ſteckt Er? Geſchwind an Seinen Platz! Der Terzky hat Der Mutter Ehrenweine preisgegeben: Es geht hier zu, wie auf dem Heidelberger Schloß. Das Beſte hat Er ſchon verſäumt. Sie theilen Dort an der Tafel Fürſtenhüte aus, Des Eggenberg, Slawata, Lichtenſtein, Des Sternbergs Güter werden ausgeboten Sammt allen großen böhm'ſchen Lehen: wenn 154 Er hurtig macht, fällt auch fuür Ihn was ab. Marſch! Setz Er ſich! 1 Colalto und Götz (rufen an der zweiten Tafel). Graf Piccolomini! Terzky. Ihr ſollt ihn haben! Gleich!— Lies dieſe Eidesformel, Ob dir's gefällt ſo, wie wir's aufgeſetzt. Es haben's Alle nach der Reih' geleſen, Und Jeder wird den Namen drunter ſetzen. Mar(iiest). „Ingratis servire nefas.“ Iſolani. Das klingt, wie ein latein'ſcher Spruch, Herr Bruder, Wie heißt's auf Deutſch? Terzky. Dem Undankharen dient kein rechter Mann! Mar. 3 „Nachdem unſer hochgebietender Feldherr, der durch⸗ „lauchtige Fürſt von Friedland, wegen vielfältig empfange⸗ „ner Kraͤnkungen des Kaiſers Dienſt zu verlaſſen gemeint „geweſen, auf unſer einſtimmiges Bitten aber ſich bewegen „laſſen, noch länger bei der Armee zu verbleiben und ohne „unſer Genehmhalten ſich nicht von uns zu trennen: als ver⸗ „pflichten wir uns wieder insgeſammt, und Jeder für ſich „insbeſondere, anſtatt eines körperlichen Eides— auch bei „ihm ehrlich und getreu zu halten, uns auf keinerlei Weiſe „von ihm zu trennen und fur denſelben alles das Unſrige, „bis auf den letzten Blutstropfen, aufzuſetzen, ſoweit nam⸗ „lich unſer dem Kaiſer geleiſteter Eid es erlauben „wird.(Die letzten Worte werden von Iſolani nachgeſprochen.) Wie 155 „wir denn auch, wenn Einer oder der Andre von uns, die⸗ „ſem Bündniß zuwider, ſich von der gemeinen Sache abſon⸗ „dern ſollte, denſelben als einen bundesflüchtigen Verräther „erklären und an ſeinem Hab und Gut, Leib und Leben „Rache dafür zu nehmen verbunden ſeyn wollen. Solches „bezeugen wir mit Unterſchrift unſers Namens.“ Terzky. Biſt du gewillt, dies Blatt zu unterſchreiben? Iſolani. Was ſollt' er nicht! Jedweder Officier Von Ehre kann Das— muß Das— Dint' und Feder! Terzky. Laß gut ſeyn, bis nach der Tafel. Iſolani(Marx fortziehend). Komm' Er, komm' Er! (Beide gehen an die Tafel.) Zweiter Auftritt. Terzky. NMeumann. Terzky 5 (winkt dem Neumann, der am Credenztiſch gewartet, und tritt mit ihm vorwarts). Bringſt du die Abſchrift, Neumann? Gib! Sie iſt Doch ſo verfaßt, daß man ſie leicht verwechſelt? Neumann. Ich hab' ſie Zeil' um Zeile nachgemalt, Nichts als die Stelle von dem Eid blieb weg, Wie deine Excellenz es mir geheißen. 156 Terzky. Gut! Leg' ſie dorthin, und mit dieſer gleich Ins Feuer! Was ſie ſoll, hat ſie geleiſtet.“ (Neumann legt die Copte auf den Tiſch und tritt wieder zum Schenktiſch.) Dritter Auftritt. Illa kommt aus dem zweiten Zimmer. Terziy. Illo. Wie iſt es mit dem Piccolomini? Terzky. Ich denke, gut. Er hat nichts eingewendet. Illo. Es iſt der Einz'ge, dem ich nicht recht traue, Er und der Vater— Habt ein Aug' auf Beide! Terzky. Wie ſieht'’s an Eurer Tafel aus? Ich hoffe, Ihr haltet Eure Gaſte warm? Zllo. Sie ſind Ganz cordial. Ich denk', wir haben ſie. Und, wie ich's Euch vorausgeſagt— ſchon iſt Die Red' nicht mehr davon, den Herzog bloß Bei Ehren zu erhalten. Da man einmal Beiſammen ſey, meint Montecuculi, So müſſe man in ſeinem eignen Wien Dem Kaiſer die Bedingung machen. Glaubt mir War's nicht um dieſe Piccolomini, Wir hatten den Betrug uns können ſparen. 157 Terzky. Was will der Buttler? Still! Vierter Auftritt. Buttler zu den Vorigen. Buttler (von der zweiten Tafel kommend). Laßt Euch nicht ſtören. Ich hab' Euch wohl verſtanden, Feldmarſchall. Glück zum Geſchäfte— und, was mich betrifft, (Geheimnißvoll.) So könnt Ihr auf mich rechnen. Illo(lebhaft). Können wir's? Buttler. Mit oder ohne Clauſel! gilt mir gleich. Verſteht Ihr mich? Der Fürſt kann meine Treu' Auf jede Probe ſetzen, ſagt ihm Das. Ich bin des Kaiſers Officier, ſolang ihm Beliebt, des Kaiſers General zu bleiben, Und bin des Friedlands Knecht, ſobald es ihm Gefallen wird, ſein eigner Herr zu ſeyn. Terzky. Ihr treffet einen guten Tauſch. Kein Karger, Kein Ferdinand iſt's, dem Ihr Euch verpflichtet. Buttler(ernſthaft). Ich biete meine Treu' nicht feil, Graf Terzky, Und wollt' Euch nicht gerathen haben, mir 158 Vor einem halben Jahr noch abzudingen, Wozn ich jetzt freiwillig mich erbiete. Ja, mich ſammt meinem Regiment bring' ich Dem Herzog, und nicht ohne Folgen ſoll Das Beiſpiel bleiben, denk' ich, das ich gebe. 8 Illo. Wem iſt es nicht bekannt, daß Oberſt Buttler Dem ganzen Heer voran als Muſter leuchtet! Buttler. Meint Ihr, Feldmarſchall? Nun, ſo reut mich nicht Die Treue, vierzig Jahre lang bewahrt, Wenn mir der wohlgeſparte gute Name So volle Rache kauft im ſechzigſten!— Stoßt euch an meine Rede nicht, ihr Herrn. Euch mag es gleichviel ſeyn, wie ihr mich habt, Und werdet, hoff' ich, ſelber nicht erwarten, Daß euer Spiel mein grades Urtheil krümmt— Daß Wanke lſinn und ſchnell bewegtes Blut, Noch leichte Urſach' ſonſt den alten Mann Vom langgewohnten Ehrenpfade treibt. Kommt! Ich bin darum minder nicht entſchloſſen, Weil ich es deutlich weiß, wovon ich ſcheide. Zllo. Sagt's rund heraus, wofür wir Euch zu halten— 3 Zuttler. Für einen Freund! Nehmt meine Hand darauf, Mit Allem, was ich hab', bin ich der Eure: Nicht Mäͤnner bloß, auch Geld bedarf der Fürſt. Ich hab' in ſeinem Dienſt mir was erworben, Ich leih' es ihm, und, überlebt er mich, Iſt's ihm vermacht ſchon laͤngſt, er iſt mein Erbe. 159 Ich ſteh' allein da in der Welt und kenne Nicht das Gefühl, das an ein theures Weib Den Mann und an geliebte Kinder bindet, Mein Name ſtirbt mit mir, mein Daſeyn endet. Illo. Nicht Eures Gelds bedarf's— ein Herz, wie Eures, Wiegt Tonnen Goldes auf und Millionen. Zuttler. Ich kam, ein ſchlechter Reitersburſch, aus Irland Nach Prag mit einem Herrn, den ich begrub. Vom niedern Dienſt im Stalle ſtieg ich auf, Durch Kriegsgeſchick, zu dieſer Würd' und Höhe, Das Spielzeug eines grillenhaften Glücks. Auch Wallenſtein iſt der Fortung Kind: Ich liebe einen Weg, der meinem gleicht. Illo. Verwandte ſind ſich alle ſtarke Seelen. Zuttler. Es iſt ein großer Augenblick der Zeit: Dem Tapfern, dem Entſchloſſ'nen iſt ſie günſtig. Wie Scheidemünze geht von Hand zu Hand, Tauſcht Stadt und Schloß den eilenden Beſitzer. Uralter Hauſer Enkel wandern aus, Ganz neue Wappen kommen auf und Namen; Auf deutſcher Erde unwillkommen, wagt's Ein nördlich Volk, ſich bleibend einzubürgern. Der Prinz von Weimar rüſtet ſich mit Kraft, Am Main ein machtig Fürſtenthum zu gründen; Dem Mansfeld fehlte nur, dem Halberſtäadter Ein langres Leben, mit dem Ritterſchwert Landeigenthum ſich tapfer zu erfechten. 160 Wer unter Dieſen reicht an unſern Friedland? Nichts iſt zu hoch, wornach der Starke nicht Befugniß hat die Leiter anzuſetzen. Terzky. Das iſt geſprochen, wie ein Mann! Buttler. Verſichert euch der Spanier und Wälſchen; Den Schotten Leßli will ich auf mich nehmen. Kommt zur Geſellſchaft Kommt! 2 Terzky. 8 Wo iſt der Kellermeiſter? Laß aufgehn⸗ was du haſt! die beſten Weine! Heut' gilt es. Unſre Sachen ſtehen gut. (Gehen, Jeder an ſeine Taſel.) Fünfter Auftritt. ZKellermeiſter, mit Neumann vorwärts kommend. Bediente gehen ab und zu. Kellermeiſter. Der edle Wein! Wenn meine alte Herrſchaft, Die Frau Mama, das wilde Leben ſäh', In ihrem Grabe kehrte ſie ſich um!— Ja, ja! Herr Officier Es geht zurück Mit dieſem edeln Haus— Kein Maß noch Ziel! Und die durchlauchtige Verſchwägerung Mit dieſem Herzog bringt uns wenig Segen. Neumann. Behüte Gott! Jetzt wird der Flor erſt angehn. 161 Kellermeiſter. Meint Er? Es ließ' ſich Vieles davon ſagen. Bedienter(kommt). Burgunder für den vierten Tiſch! Kellermeiſter. Das iſt Die ſiebenzigſte Flaſche nun, Herr Leutnant. Bedienter. Das macht, der deutſche Herr, der Tiefenbach, Sitzt dran.(Geht ab.) Kellermei ſter(zu Neumann fortfahrend). Sie wollen gar zu hoch hinans. Kurfuͤrſten und Königen wollen ſie's im Prunke gleich thun, und, wo der Fürſt ſich hingetraut, da will der Graf, Mein gnäd'ger Herre, nicht dahinten bleiben. (Zu den Bedienten.) Was ſteht ihr horchen? Will euch Beine machen. Seht nach den Tiſchen, nach den Flaſchen! Da! Graf Palfy hat ein leeres Glas vor ſich! Zweiter Bedienter(kommt). Den großen Kelch verlangt man, Kellermeiſter, Den reichen, güldnen, mit dem böhm'ſchen Wappen, Ihr wüßt't ſchon, welchen, hat der Herr geſagt. Kellermeiſter. Der auf des Friedrichs ſeine Königskronung Vom Meiſter Wilhelm iſt verfertigt worden, Das ſchöne Prachtſtück aus der Prager Beute? Zweiter Bedienter Ja, den! Den Umtrunk wollen ſie mit halten. Schillers ſämmtl. Werke. IV. 11 162 Kellermeiſter (mit Kopfſchütteln, indem er den Pokal hervorholt und ausſpuͤlt). Das gibt nach Wien was zu berichten wieder! Neumann. Zeigt! Das iſt eine Pracht von einem Becher! Von Golde ſchwer, und in erhabner Arbeit Sind kluge Dinge zierlich drauf gebildet. Gleich auf dem erſten Schildlein, laßt mal ſehn! Die ſtolze Amazone da zu Pferd, Die übern Krummſtab ſetzt und Biſchofsmützen, Auf einer Stange trägt ſie einen Hut, Nebſt einer Fahn', worauf ein Kelch zu ſehn. Könnt Ihr mir ſagen, was Das all' bedeutet? — Kellermeiſter. Die Weibsperſon, die Ihr da ſeht zu Roß, Das iſt die Wahlfreiheit der böhm'ſchen Kron': Das wird bedeutet durch den runden Hut Und durch das wilde Roß, auf dem ſie reitet. Des Menſchen Zierrath iſt der Hut: denn, wer Den Hut nicht ſitzen laſſen darf vor Kaiſern Und Königen, Der iſt kein Mann von Freiheit. Neumann. Was aber ſoll der Kelch da auf der Fahn'? Kellermeiſter. Der Kelch bezeugt die böhm'ſche Kirchenfreiheit, Wie ſie geweſen zu der Vaͤter Zeit. Die Väter im Huſſitenkrieg erſtritten Sich dieſes ſchöne Vorrecht übern Papſt, Der keinem Laien gönnen will den Kelch. Nichts geht dem Utraquiſten übern Kelch, 163 Es iſt ſein köſtlich Kleinod, hat dem Böhmen Sein theures Blut in mancher Schlacht gekoſtet. Neumann. Was ſagt die Rolle, die da drüber ſchwebt? Kellermeiſter. Den böhm'ſchen Majeſtätsbrief zeigt ſie an, Den wir dem Kaiſer Rudolph abgezwungen, Ein köſtlich unſchätzbares Pergament, Das frei Geläut' und offenen Geſang Dem neuen Glauben ſichert, wie dem alten. Doch ſeit der Grätzer über uns regiert, Hat Das ein End', und nach der Prager Schlacht, Wo Pfalzgraf Friedrich Kron' und Reich verloren, Iſt unſer Glaub' um Kanzel und Altar, Und unſre Brüder ſehen mit dem Rücken Die Heimat an, den Majeſtaͤtsbrief aber Zerſchnitt der Kaiſer ſelbſt mit ſeiner Scheere. Neumann. Das alles wißt Ihr! Wohl bewandert ſeyd Ihr In Eures Landes Chronik, Kellermeiſter. Kellermeiſter. Drum waren meine Ahnherrn Taboriten Und dienten unter dem Prokop und Ziska. Fried' ſey mit ihrem Staube! Kämpften ſie Für eine gute Sache doch— Tragt fort! Neumann. Erſt laßt mich noch das zweite Schildlein ſehn. Sieh' doch, Das iſt, wie auf dem Prager Schloß Des Kaiſers Räthe, Martinitz, Slawata, 164 Kopf unter ſich herabgeſtürzet werden. Ganz recht! Da ſteht Graf Thurn, der es befiehlt. (Bedienter geht mit dem Kelch.) Kellermeiſter. Schweigt mir von dieſem Tag, es war der drei Und zwanzigſte des Mai's, da man ein tauſend Sechs hundert ſchrieb und achtzehn. Iſt mir's doch, Als waͤr' es heut', und mit dem Unglückstag Fing's an, das große Herzeleid des Landes. Seit dieſem Tag, es ſind jetzt ſechzehn Jahr, Iſt nimmer Fried' geweſen auf der Erden— An der zweiten Tafel(wird geruſen). Der Fürſt von Weimar! An der dritten und vierten Tafel. Herzog Bernhard lebe! 3 3(Muſik fällt ein.) Erſter Bedienter. Hoͤrt den Tumult! Zweiter Bedienter(kommt gelaufen). Habt ihr gehoͤrt? Sie laſſen Den Weimar leben! Dritter Bedienter. Oeſtreichs Feind! Erſter Bedienter. Den Lutheraner! Zweiter Bedienter. Vorhin, da bracht' der Deodat des Kaiſers Geſundheit aus, da blieb's ganz mauschenſtille. Kellermeiſter. Beim Brunk geht Vieles drein. Ein ordentlicher Bedienter muß kein Ohr für ſo was haben. Dritter Bedienter(bei Seite zum vierten). Paſſ' ja wohl auf, Johann, daß wir dem Pater Quiroga recht viel zu erzählen haben: Er will dafür uns auch viel Ablaß geben. Dierter Bedienter. Ich mach' mir an des Illo ſeinem Stuhl Deßwegen auch zu thun, ſo viel ich kann, Der führt dir gar verwunderſame Reden. 4(Gehen zu den Tafeln.) Kellermeiſter(zu Neumann). Wer mag der ſchwarze Herr ſeyn mit dem Kreuz, Der mit Graf Palfy ſo vertraulich ſchwatzt? Neumann. Das iſt auch Einer, dem ſie zu viel trauen, Maradas nennt er ſich, ein Spanier. Kellermeiſter. 's iſt nichts mit den Hiſpaniern, ſag' ich Euch: Die Waͤlſchen alle taugen nichts. Neumann. Ei, ei! So ſolltet Ihr nicht ſprechen, Kellermeiſter. Es ſind die erſten Generale drunter, Auf die der Herzog juſt am Meiſten haͤlt. (Terzky kommt und holt das Papier ab, an den Tafeln entſteht eine Bewegung.) Kellermeiſter Gu den Bedienten). Der Generalleutenant ſteht auf. Gebt Acht! Sie machen Aufbruch. Fort und rückt die Seſſel! (Die Bedienten eilen nach Hinten. Ein Theil der Gäſte kommt vorwärts.) 166 Sechster Auftritt. Octavio Pircolamini kommt im Geſpräch mit Mlaradas, und Beide ſiellen ſich ganz vorne hin auf eine Seite des Proſceniums. Auf die entgegengeſetzte Seite tritt Mar Piernlomini, allein, in ſich gekehrt und ohne Antheil an der übrigen Handlung. Den mittlern Raum zwiſchen Beiden, Hoch einige Schritte mehr zurück, erfuͤllen Vuttler, Fſolani, Götz, Tiefenbach, Colalto und bald darauf Graf Terzky. Iſolani (während die Geſellſchaft vorwärts kommt). Gut' Nacht!— Gut' Nacht, Colalto— Generalleutnant, Gut' Nacht! Ich ſagte beſſer, guten Morgen. Götz(zu Tiefenbach). Herr Bruder, proſit Mahlzeit! Tiefenbach. Das war ein königliches Mahl! Götz. Ja, die Frau Gräfin Verſteht's. Sie lernt' es ihrer Schwieger ab, Gott hab' ſie ſelig! Das war eine Hausfrau! Iſolani(will weggehen). Lichter! Lichter! Terzky(kommt mit der Schrift zu Iſolani). Herr Bruder! Zwei Minuten noch. Hier iſt Noch was zu unterſchreiben. Iſolani. Unterſchreiben, So viel Ihr wollt! Verſchont mich nur mit Leſen. 167 Terzky. Ich will Euch nicht bemühn. Es iſt der Eid, Den Ihr ſchon kennt. Nur ein'ge Federſtriche. (Wie Iſolani die Schrift dem Octavio hinreicht.) Wie's kommt! Wen's eben trifft! Es iſt kein Rang hier. (Octavio durchläuft die Schriſt mit anſcheinender Gleichgültigkeit. Terzky beobachtet ihn von Weitem.) Götz Gu Terzko). Herr Graf! Erlaubt mir, daß ich mich empfehle. 3 Terzky. 4 Eilt doch nicht ſo— Noch einen Schlaftrunk— He! (zu den Bedienten.) Götz. Bin's nicht im Stand. Terzky. Ein Spielchen. Götz. Excuſirt mich. Tiefenbach(ſetzt ſich). Vergebt, ihr Herrn. Das Stehen wird mir ſauer. Terzy. Macht's Euch bequem, Herr Generalfeldzeugmeiſter. Tiefenbach. Das Haupt iſt friſch, der Magen iſt geſund, Die Beine aber wollen nicht mehr tragen. Iſolani(auf ſeine Corpulenz zeigend). Ihr habt die Laſt auch gar zu groß gemacht. (Octavio hat unterſchrieben und reicht Terzky die Schrift, der ſie dem Iſolani gibt. Dieſer geht an den Tiſch, zu unterſchreiben. Tiefenbach. Der Krieg in Pommern hat mir's zugezogen, 8 168 Da mußten wir heraus in Schnee und Eis, Das werd' ich wohl mein' Lebtag' nicht verwinden. Götz. 3 Ja wohl! der Schwed' frug nach der Jahrszeit nichts. (Terzky reicht das Papier an Don Maradas; dieſer geht an den Tiſch, zu unterſchreiben.) Octavio(naͤhert ſich Buttlern). Ihr liebt die Bacchusfeſte auch nicht ſehr, Herr Oberſter, ich hab' es wohl bemerkt, Und würdet, däucht mir, beſſer Euch gefallen Im Toben einer Schlacht, als eines Schmanſes. Buttler. Ich muß geſtehn,'s iſt nicht in meiner Art. Octavio(zutraulich naͤher tretend). Auch nicht in meiner, kann ich Euch verſichern, Und mich erfreut's, ſehr würd'ger Oberſt Buttler, Daß wir uns in der Denkart ſo begegnen. Ein halbes Dutzend guter Freunde hoͤchſtens Um einen kleinen, runden Tiſch, ein Gläschen Tokaierwein, ein offnes Herz dabei und ein vernünftiges Geſpräch— ſo lieb' ich's! Buttler. Ja, wenn man's haben kann, ich halt' es mit. (Das Papier kommt an Buttlern, der an den Tiſch geht, zu unterſchreiben. Das Proſcenium wird leer, ſo daß beide Piecolomini, jeder auf ſeiner Seite, allein ſtehen bleiben.) Octavio (nachdem er ſeinen Sohn eine Zeitlang aus der Ferne ſtillſchweigend betrachtet, nähert ſich ihm ein Wenig). Du biſt ſehr lange ausgeblieben, Freund. Mar(wendet ſich ſchnell um, verlegen). Ich— dringende Geſchaͤfte hielten mich. 169 Octaviv. Doch, wie ich ſehe, biſt du noch nicht hier? Mar. Du weißt, daß groß Gewühl mich immer ſtill macht. Octavio kruͤckt ihm noch näher). Ich darf nicht wiſſen, was ſo lang' dich aufhielt? (Liſtig)— Und Terzky weiß es doch. Mar. Was weiß der Terzky? Octavio(bedeutend). Er war der Einp'ge, der dich nicht vermißte. Iſolani (der von Weitem Acht gegeben, tritt dazu). Recht, alter Vater! Fall' ihm ins Gepäck! Schlag' die Quartier ihm auf! Es iſt nicht richtig. Terzky(kommt mit der Schrift). Fehlt Keiner mehr? Hat Alles unterſchrieben? Octavio. Es haben's Alle. Terzky(rufend'. Nun? Wer unterſchreibt noch? Zuttler(zu Terzky). Zahl nach! Juſt dreißig Namen müſſen's ſeyn. Terzky. Ein Kreuz ſteht hier. Tiefenbach. Das Kreuz bin ich. Iſolani(zu Terzky). Er kann nicht ſchreiben, doch ſein Kreuz iſt gut Und wird ihm honorirt von Jud' und Chriſt. 170 Octavio(preſſirt, zu Max). Gehn wir zuſammen, Oberſt. Es wird ſpät. Terzky. 3 Ein Piccolomini nur iſt aufgeſchrieben. Zſolani(auf Max zeigend). Gebt Acht! es fehlt an dieſem ſteinernen Gaſt, Der uns den ganzen Abend nichts getaugt. (Max empfängt aus Terzkys Haͤnden das Blatt, in welches er gedankenlos hineinſieht.) Siebenter Auftritt. Die Porigen. Illo(kommt aus dem hintern Zimmer; er hat den gold⸗ nen Pokal in der Hand und iſt ſehr erhitzt, ihm folgen Götz und Buttler, die ihn zuruͤckhalten wollen). Illo. Was wollt ihr? Laßt mich! Gütz und Buttler. Illo, trinkt nicht mehr! Illo (geht auf den Octavio zu und umarmt ihn, trinkend). Oct avio, Das bring' ich dir! Erſauft Sey aller Groll in dieſem Bundestrunk! Weiß wohl, du haſt mich nie geliebt— Gott ſtraf' mich, Und ich dich auch nicht!-Laß Vergangenes Vergeſſen ſeyn! Ich ſchätze dich unendlich, (Ihn zu wiederholten Malen kuͤſſend.) Ich bin dein beſter Freund, und, daß ihr's wißt! Wer mir ihn eine falſche Katze ſchilt, Der hat's mit mir zu thun. 171 Terzy(bei Seite). Biſt du bei Sinnen? Bedenk' doch, Illo, wo du biſt! Zllo(treuherzig). Was wollt ihr? Es ſind lauter gute Freunde. (Mit vergnuͤgtem Geſicht im ganden Kreiſe herumſehend.) Es iſt kein Schelm hier unter uns, Das freut mich. Terzky Gu Vuttler, dringend). dehmt ihn doch mit Euch fort, ich bitt' Euch, Buttler! (Buttler fuͤhrt ihn an den Schenktiſch.) Iſolani (zu Max, der bisher unverwandt, aber gedankenlos in das Papier geſehen). Wird's bald, Herr Bruder? Hat Er's durchſtudirt? Mar (wie aus einem Traum erwachend). Was ſoll ich? Terzky und Iſolani(zugleich). Seinen Namen drunter ſetzen. (Man ſieht den Octavio ängſtlich geſpannt den Blick auf ihn richten.) Mar(gSibt es zuruͤck). Laßt's ruhn bis Morgen. Es iſt ein Geſchaͤft, Hab' heute keine Faſſung. Schickt mir's morgen. Terzky. Bedenk' Er doch— Iſolani. Friſch! Unterſchrieben! Was? Er iſt der Jüngſte von der ganzen Tafel, Wird ja allein nicht klüger wollen ſeyn, Als wir zuſammen? Seh' Er her! der Vater Hat auch, wir haben Alle unterſchrieben. Terzky(zu Octavio). Braucht Euer Anſehn doch. Bedeutet ihn. 172 Octavio. Mein Sohn iſt mündig. 4 311o(hat den Pokal auf den Schenktiſch geſetzt). Wovon iſt die Rede? Terzky. Er weigert ſich, das Blatt zu unterſchreiben. Mar. Es wird bis Morgen ruhen können, ſag' ich. Zllo. Es kann nicht ruhn. Wir unterſchrieben Alle, Und du mußt auch, du mußt dich unterſchreiben. Mar. Illo, ſchlaf' wohl. Illo. Nein, ſo entkommſt du nicht! Der Fürſt ſoll ſeine Freunde kennen lernen. (Es ſammeln ſich alle Gäſte um die Beiden.) Mar. Wie ich für ihn geſinnt bin, weiß der Fürſt, Es wiſſen's Alle, und der Fratzen braucht's nicht. Illo. Das iſt der Dank, Das hat der Fürſt davon, Daß er die Wälſchen immer vorgezogen! Terzky (in höchſter Verlegenheit zu den Commandeurs, die einen Auflauf machen) Der Wein ſpricht aus ihm! Hört ihn nicht, ich bitt' euch. Zſolani(dacht). Der Wein erfindet nichts, er ſchwatzt's nur aus. Illo. Wer nicht iſt mit mir, Der iſt wider mich. 173 Die zartlichen Gewiſſen! Wenn ſie nicht Durch eine Hinterthur', durch eine Clauſel— Terzy(fällt ſchnell ein). Er iſt ganz raſend, gebt nicht Acht auf ihn. ZIlo(lauter ſchreiend). Durch eine Clauſel ſich ſalviren können. Was Clauſel? Hol' der Teufel dieſe Clauſel— Marx (wird aufmerkſam und ſieht wieder in die Schrift). Was iſt denn hier ſo hoch Gefäͤhrliches? Ihr macht mir Neugier, näher hinzuſchaun. Terzky(bei Seite zu Illo). Was machſt du, Illo? Du verderbeſt uns! Tiefenbach(u Colalto). Ich merkt' es wohl, vor Tiſche las man's anders. Götz. Es kam mir auch ſo vor. Iſolani. Was ſicht Das mich an? Wo andre Namen, kann auch meiner ſtehn. Tiefenbach. Vor Tiſch war ein gewiſſer Vorbehalt Und eine Clauſel drin von Kaiſers Dienſt. Buttler qzu einem der Commandeurs). Schämt euch, ihr Herrn! Bedenkt, worauf es ankommt. Die Frag' iſt jetzt, ob wir den General Behalten ſollen oder ziehen laſſen?„ Man kann's ſo ſcharf nicht nehmen und genau. Iſolani(zu einem der Generale). Hat ſich der Fürſt auch ſo verclauſulirt, Als er dein Regiment dir zugetheilt? 174 CTerzky(zu Götz). und Euch die Lieferungen, die an tauſend. Piſtolen Euch in einem Jahre tragen? Illo. Spitzbuben ſelbſt, die uns zu Schelmen machen! Wer nicht zufrieden iſt, Der ſag's! Da bin ich! Tiefenbach. Nun, nun! Man ſpricht ja nur. Marx(hat geleſen und gibt das Papier zurück). e Bis Morgen alſo! Illo (vor Wuth ſtammelnd und ſeiner nicht mehr mächtig, hält ihm mit der einen Hand die Schrift, mit der andern den Degen vor). Schreib— Judas! Iſolani. Pfui, Illo! Octavio. Terzky. Buttler(uzugleich). Degen weg! Mar in den Arm gefallen und hat ihn entwaffnet, zu Graf Terzky). Bring' ihn zu Bette! (Er geht ab. Illo, ſluchend und ſcheltend, wird von einigen Commandeurs gehalten. Unter allgemeinem Aufbruch fallt der Vorhang.) (iſt ihm raſch Fünfter Aufzug. Scene: Ein Zimmer in Piccolominis Wohnung. Es iſt Nacht. Erſter Auftritt. Octavis Piccolomini. Kammerdiener leuchtet. Gleich darauf Mlas Yiccolomini. Octavio. Sobald mein Sohn herein iſt, weiſet ihn Zu mir— Was iſt die Glocke? Kammerdiener. Gleich iſt's Morgen. Octavio. Setzt Euer Licht hieher— Wir legen uns Nicht mehr zu Bette: Ihr könnt ſchlafen gehn. (Kammerdiener ab. Octavio geht nachdenkend durchs Zimmer, Max Piccolomini tritt auf, nicht gleich von ihm bemerkt, und ſieht ihm einige Augenblicke ſchweigend zu.) Mar. Biſt du mir boͤs, Octavio? Weiß Gott, Ich bin nicht Schuld an dem verhaßten Streit. — Ich ſahe wohl, du hatteſt unterſchrieben: 176 Was du gebilliget, Das konnte mir Auch recht ſeyn— doch es war— du weißt— ich kann In ſolchen Sachen nur dem eignen Licht, Nicht fremdem folgen. Octavio (geht auf ihn zu und umarmt ihn). Folg' ihm ferner auch, Mein beſter Sohn! Es hat dich treuer jetzt Geleitet, als das Beiſpiel deines Vaters. Mar. Erklär' dich deutlicher. Octavis. . Ich werd' es thun. Nach Dem, was dieſe Nacht geſchehen iſt, Darf kein Geheimniß bleiben zwiſchen uns. (Nachdem Beide ſich niedergeſetzt.) Marl ſage mir, was denkſt du von dem Eid, Den man zur Unterſchrift uns vorgelegt? Mar. Für etwas Unverfaͤnglichs halt' ich ihn, Obgleich ich dieſes Förmliche nicht liebe. Octavio. Du häͤtteſt dich aus keinem andern Grunde Der abgedrungnen unterſchrift geweigert? Mar. Es war ein ernſt Geſchäft— ich war zerſtreut— Die Sache ſelbſt erſchien mir nicht ſo dringend— 3 Octavio. Sey offen, Max. Du hatteſt keinen Argwohn— Mar. Worüber Argwohn? Nicht den mindeſten. 177 Octavio. Dank's deinem Engel, Piccolomini! Unwiſſend zog er dich zuruck vom Abgrund. Mar. Ich weiß nicht, was du meinſt Octavio. Ich will dir's ſagen: Zu einem Schelmſtück ſollteſt du den Namen Hergeben, deinen Pflichten, deinem Eid Mit einem einz'gen Federſtrich entſagen. Mar(ſteht auf). Octavio! Octavio. . Bleib' ſitzen. Viel noch haſt du Von mir zu hören, Freund, haſt Jahre lang Gelebt in unbegreiflicher Verblendung. Das ſchwaͤrzeſte Complot entſpinnet ſich⸗ Vor deinen Augen, eine Macht der Hoͤlle Umnebelt deiner Sinne hellen Tag— Ich darf nicht länger ſchweigen, muß die Binde Von deinen Augen nehmen. Mar. Eh' du ſprichſt, Bedenk' es wohl! Wenn von Vermuthungen Die Rede ſeyn ſoll— und ich fürchte faſt, Es iſt nichts weiter— ſpare ſie! Ich bin Jetzt nicht gefaßt, ſie ruhig zu vernehmen. . Octanio. So ernſten Grund du haſt, dies Licht zu fliehn, So dringendern hab' ich, daß ich dir's gebe. Ich konnte dich der Unſchuld deines Herzens Schillers ſämmtl. Werke. IV. 1² . 178 Dem eignen Urtheil ruhig anvertraun; Doch deinem Herzen ſelbſt ſeh' ich das Netz Verderblich jetzt bereiten— Das Geheimniß, (Ihn ſcharf mit den Augen fixirend.) Das du vor mir verbirgſt, entreißt mir meines. Mar (verſucht zu antworten, ſtockt aber und ſchlägt den Blick verlegen zu Boden). Octavio(nach einer Pauſe). So wiſſe denn! Man hintergeht dich— ſpielt Aufs Schaͤndlichſte mit dir und mit uns Allen. Der Herzog ſtellt ſich an, als wollt' er die Armee verlaſſen; und in dieſer Stunde Wird's eingeleitet, die Armee dem Kaiſer — Zu ſtehlen und dem Feinde zuzuführen! Mar. Das Pfaffenmährchen kenn' ich, aber nicht Aus deinem Mund' erwartet ich's zu hören. Octavio. Der Mund, aus dem du's gegenwärtig hörſt, Verbürget dir, es ſey kein Pfaffenmährchen. Mar. Zu welchem Raſenden macht man den Herzog! Er könnte daran denken, dreißig tauſend Geprüfter Truppen, ehrlicher Soldaten, Worunter mehr denn tauſend Edelleute, Von Eid und Pflicht und Ehre wegzulocken, Zu einer Schurkenthat ſie zu vereinen? Octavio. So was nichtswürdig Schaͤndliches begehrt Er keinesweges— Was er von uns will, Führt einen weit unſchuldigeren Namen. 179 Nichts will er, als dem Reich den Frieden ſchenken; und, weil der Kaiſer dieſen Frieden haßt, So will er ihn— er will ihn dazu zwingen! Zufriedenſtellen will er alle Theile Und zum Erſatz für ſeine Mühe Böhmen, Das er ſchon inne hat, für ſich behalten. Mar. Hat er's um uns verdient, Octavio, Daß wir— wir ſo unwürdig von ihm denken? Octavio. Von unſerm Denken iſt hier nicht die Rede. Die Sache ſpricht, die klareſten Beweiſe. Mein Sohn! dir iſt nicht unbekannt, wie ſchlimm Wir mit dem Hofe ſtehn— doch von den Ränken, Den Lügenkünſten haſt du keine Ahnung, Die man in Uebung ſetzte, Meuterei Im Lager auszuſäen. Aufgelöst Sind alle Bande, die den Officier An ſeinen Kaiſer feſſeln, den Soldaten Vertraulich binden an das Bürgerleben. Pflicht⸗ und geſetzlos ſteht er gegenüber Dem Staat gelagert, den er ſchützen ſoll, Und drohet, gegen ihn das Schwert zu kehren. Es iſt ſo weit gekommen, daß der Kaiſer In dieſem Augenblick vor ſeinen eignen Armeen zittert— der Verräͤther Dolche In ſeiner Hauptſtadt fuͤrchtet— ſeiner Burg; Ja, im Begriffe ſteht, die zarten Enkel Nicht vor den Schweden, vor den Lutheranern — Nein! vor den eignen Truppen wegzuflüchten. 180 Mar. Hoͤr' auf! Du angſtigeſt, erſchütterſt mich. Ich weiß, daß man vor leeren Schrecken ziktert; Doch wahres Ungluͤck bringt der falſche Wahn. Octavio. Es iſt kein Wahn. Der bürgerliche Krieg Entbrennt, der unnatürlichſte von allen, Wenn wir nicht, ſchleunig rettend, ihm begegnen. Der Oberſten ſind viele läͤngſt erkauft, Der Subalternen Treue wankt; es wanken Schon ganze Regimenter, Garniſonen. Ausländern ſind die Feſtungen vertraut; Dem Schafgotſch, dem verdächtigen, hat man Die ganze Mannſchaft Schleſiens, dem Terzky Fünf Regimenter, Reiterei und Fußvolk, Dem Illo, Kinsky, Buttler, Iſolan Die beſtmontirten Truppen übergeben. Mar. Uns Beiden auch. Octavio. Weil man uns glaubt zu haben, Zu locken meint durch glänzende Verſprechen. So theilt er mir die Fuͤrſtenthümer Glatz Und Sagan zu, und wohl ſeh' ich den Angel, Womit man dich zu fangen denkt. Mar. 4 Nein! Nein! Nein, ſag' ich dir! Octavio. O, öͤffne doch die Augen! Weßwegen glaubſt du, daß man uns nach Pilſen 181 Beorderte? Um mit uns Rath zu pflegen? Wann hätte Friedland unſers Raths bedurft? Wir ſind berufen, uns ihm zu verkaufen und, weigern wir uns— Geiſel ihm zu bleiben. Deßwegen iſt Graf Gallas weggeblieben— Auch deinen Vater ſaͤheſt du nicht hier, Wenn höhre Pflicht ihn nicht gefeſſelt hielte. Mar. Er hat es keinen Hehl, daß wir um ſeinetwillen Hieher berufen ſind— geſtehet ein, Er brauche unſers Arms, ſich zu erhalten. Er that ſo viel für uns, und ſo iſt's Pflicht, Daß wir jetzt auch fuͤr ihn was thun! Octavio. Und weißt du, Was Dieſes iſt, das wir für ihn thun ſollen? Des Illo trunkner Muth hat dir's verrathen. Beſinn' dich doch, was du gehört, geſehn. Zeugt das verfälſchte Blatt, die weggelaſſ'ne So ganz entſcheidungsvolle Clauſel nicht, Man wolle zu nichts Gutem uns verbinden? Mar. Was mit dem Blatte dieſe Nacht geſchehn, Iſt mir nichts weiter, als ein ſchlechter Streich Von dieſem Illo. Dies Geſchlecht von Maͤklern Pflegt Alles auf die Spitze gleich zu ſtellen. Sie ſehen, daß der Herzog mit dem Hof Zerfallen iſt, vermeinen ihm zu dienen, Wenn ſie den Bruch unheilbar nur erweitern. Der Herzog, glaub' mir, weiß von all' Dem nichts. 18² Octavio. Es ſchmerzt mich, deinen Glauben an den Mann, Der dir ſo wohlgegründet ſcheint, zu ſtürzen. Doch hier darf keine Schonung ſeyn— du mußt Maßregeln nehmen, ſchleunige, mußt handeln. — Ich will dir alſo nur geſtehn— daß Alles, Was ich dir jetzt vertraut, was ſo unglaublich Dir ſcheint, daß— daß ich es aus ſeinem eignen — Des Fürſten Munde habe. Marſin heftiger Bewegung). Nimmermehr! Octavio. Er ſelbſt vertraute mir— was ich zwar längſt Auf anderm Weg ſchon in Erfahrung brachte: Daß er zum Schweden wolle übergehn Und an der Spitze des verbundnen Heers Den Kaiſer zwingen wolle— Mar. Er iſt heftig, Es hat der Hof empfindlich ihn beleidigt: In einem Augenblick des Unmuths, ſey's! Mag er ſich leicht einmal vergeſſen haben. Octavio. Bei kaltem Blute war er, als er mir Dies eingeſtand, und, weil er mein Erſtaunen Als Furcht auslegte, wies er im Vertraun Mir Briefe vor der Schweden und der Sachſen, Die zu beſtimmter Hülfe Hoffnung geben. Mar. Es kann nicht ſeynl! kann nicht ſeyn! kann nicht ſeyn! Siehſt du, daß es nicht kann! Du hatteſt ihm 183 Nothwendig deinen Abſcheu ja gezeigt, Er haͤtt' ſich weiſen laſſen, oder du — Du ſtändeſt nicht mehr lebend mir zur Seite! Octavio. Wohl hab' ich mein Bedenken ihm geäußert, Hab' dringend, hab' mit Ernſt ihn abgemahnt; — Doch meinen Abſcheu, meine innerſte Geſinnung hab' ich tief verſteckt. Mar. Du wärſt So falſch geweſen? Das ſieht meinem Vater Nicht gleich! Ich glaubte deinen Worten nicht, Da du von ihm mir Böoͤſes ſagteſt, kann's Noch wen'ger jetzt, da du dich ſelbſt verleumdeſt. Octavio. Ich drängte mich nicht ſelbſt in ſein Geheimniß. Mar. Aufrichtigkeit verdiente ſein Vertraun. Octavio. Nicht würdig war er meiner Wahrheit mehr. Mar. Noch minder würdig deiner war Betrug. Octavio. Mein beſter Sohn! Es iſt nicht immer möglich, Im Leben ſich ſo kinderrein zu halten, Wie's uns die Stimme lehrt im Innerſten. In ſteter Nothwehr gegen arge Liſt Bleibt auch das redliche Gemüth nicht wahr— Das eben iſt der Fluch der böſen That, Daß ſie, fortzeugend, immer Böſes muß gebären. Ich klügle nicht, ich thue meine Pflicht: 184 Der Kaiſer ſchreibt mir mein Betragen vor. Wohl waͤr' es beſſer, uͤberall dem Herzen Zu folgen, doch darüber würde man Sich manchen guten Zweck verſagen müſſen. Hier gilt's, mein Sohn, dem Kaiſer wohl zu dienen, Das Herz mag dazu ſprechen, was es will. Mar. Ich ſoll dich heut' nicht faſſen, nicht verſtehn. Der Fürſt, ſagſt du, entdeckte redlich dir ſein Herz Zu einem böſen Zweck, und du willſt ihn Zu einem guten Zweck betrogen haben! Hör' auf! ich bitte dich— Du raubſt den Freund Mir nicht— laß mich den Vater nicht verlieren! Octavio (unterdruͤckt ſeine Empfindlichkeit). Noch weißt du Alles nicht, mein Sohn! Ich habe Dir noch was zu eröffnen. (Nach einer Pauſe.) Herzog Friedland Hat ſeine Zurüſtung gemacht. Er traut Auf ſeine Sterne. Unbereitet denkt er uns Zu überfallen— mit der ſichern Hand Meint er den goldnen Cirkel ſchon zu faſſen. Er irret ſich— wir haben auch gehandelt. Er faßt ſein bös geheimnißvolles Schickſal. Mar. NRichts Raſches, Vater! O, bei allem Guten Laß dich beſchwören: keine Uebereilung! Octavio. Mit leiſen Tritten ſchlich er ſeinen boͤſen Weg: So leiſ' und ſchlau iſt ihm die Rache nachgeſchlichen. 185 Schon ſteht ſie ungeſehen, finſter hinter ihm, Ein Schritt nur noch, und ſchaudernd rühret er ſie an. — Du haſt den Queſtenberg bei mir geſehn: Noch kennſt du nur ſein oͤffentlich Geſchaft; Auch ein geheimes hat er mitgebracht, Das bloß für mich war. Mar. Darf ich's wiſſen? Octavio. Marx! — Des Reiches Wohlfahrt leg' ich mit dem Worte, Des Vaters Leben dir in deine Hand. Der Wallenſtein iſt deinem Herzen theuer, Ein ſtarkes Band der Liebe, der Verehrung Knüpft ſeit der frühen Jugend dich an ihn— Du naͤhrſt den Wunſch— Ol laß mich immerhin Vorgreifen deinem zögernden Vertrauen— Die Hoffnung nährſt du, ihm viel näher noch Anzugehören. Mar. Vater— Octavio. Deinem Herzen trau' ich, Doch bin ich deiner Faſſung auch gewiß? Wirſt du's vermögen, ruhigen Geſichts Vor dieſen Mann zu treten, wenn ich dir Sein ganz Geſchick nun anvertrauet habe? Mar. Nachdem du ſeine Schuld mir anvertraut! Octavis (nimmt ein Papier aus der Schatulle und reicht es ihm hin). 186 Mar. Was? Wie? Ein offner kaiſerlicher Brief. Octavio. Lies ihn. Mar(nachdem er einen Blick hineingeworfen). Der Fürſt verurtheilt und geächtet! Octavio. So iſt's. Mar. O, Das geht weit! O unglücksvoller Irrthum! Octavio. Lies weiter! Faſſ' dich! Mar (nachdem er weiter geleſen, mit einem Blick des Erſtaunens auf ſeinen Vater). Wie? Was? Du? Du biſt— Octavio. Bloß für den Augenblick— und, bis der König Von Ungarn bei dem Heer erſcheinen kann, Iſt das Commando mir gegeben— Mar. Und glaubſt du, daß du's ihm entreißen werdeſt? Das denke ja nicht— Vater! Vater! Vater! Ein unglückſelig Amt iſt dir geworden. Dies Blatt hier— dieſes! willſt du geltend machen? Den Mäͤchtigen in ſeines Heeres Mitte, Umringt von ſeinen Tauſenden, entwaffnen? Du biſt verloren— du, wir Alle ſind's! Octanio. Was ich dabei zu wagen habe, weiß ich. Ich ſtehe in der Allmacht Hand: ſie wird Das fromme Kaiſerhaus mit ihrem Schilde 187 Bedecken und das Werk der Nacht zertrümmern. Der Kaiſer hat noch treue Diener; auch im Lager Gibt es der braven Manner gnug, die ſich Zur guten Sache munter ſchlagen werden. Die Treuen ſind gewarnt, bewacht die Andern; Den erſten Schritt erwart' ich nur, ſogleich— Mar. Auf den Verdacht hin willſt du raſch gleich handeln? 3 Octavio. Fern ſey vom Kaiſer die Tyrannenweiſe! Den Willen nicht, die That nur will er ſtrafen. Noch hat der Fürſt ſein Schickſal in der Hand— Er laſſe das Verbrechen unvollführt, So wird man ihn ſtill vom Commando nehmen, Er wird dem Sohne ſeines Kaiſers weichen. Ein ehrenvoll Exil auf ſeine Schlöſſer Wird Wohlthat mehr, als Strafe für ihn ſeyn. Jedoch der erſte offenbare Schritt— Mar. Was nennſt du einen ſolchen Schritt? Er wird die einen boͤſen thun. Du aber könnteſt (Du haſt's gethan) den froͤmmſten auch mißdeuten. Octavio. Wie ſtrafbar auch des Fürſten Zwecke waren, Die Schritte, die er öffentlich gethan, Verſtatteten noch eine milde Deutung. Nicht eher denk' ich dieſes Blatt zu brauchen, Bis eine That gethan iſt, die unwider prechlich Den Hochverrath bezeugt und ihn verdammt. Mar. und wer ſoll Richter drüber ſeyn? 188 Octavio. — Du ſelbſt. Mar. 1 O, dann bedarf es dieſes Blattes nie! Ich hab' dein Wort, du wirſt nicht eher handeln, Bevor du mich— mich ſelber überzeugt. Oetavio. Iſt's moglich? Noch— nach Allem, was du weißt, Kannſt du an ſeine Unſchuld glauben? Maxr(lebhaft). Dein Urtheil kann ſich irren, nicht mein Herz. (Gemäßigter fortfahrend.) Der Geiſt iſt nicht zu faſſen, wie ein andrer. Wie er ſein Schickſal an die Sterne knüpft, So gleicht er ihnen auch in wunderbarer, Geheimer, ewig unbegriffner Bahn. Glaub' mir, man thut ihm Unrecht. Alles wird Sich loͤſen. Glänzend werden wir den Reinen Aus dieſem ſchwarzen Argwohn treten ſehn. Octavio. Ich will's erwarten. Zweiter Auftritt. Die YVorigen. Der Kammerdiener. Gleich darauf ein Courier. 3 Octavio. Was gibt's? Kammerdiener. Ein Eilbot' wartet vor der Thür'. 189 Octavio. So fruh' am Tag! Wer iſt's? Wo kommt er her? Kammerdiener. Das wollt' er mir nicht ſagen. Octavio. Fuhr' ihn herein. Laß nichts davon verlauten. (Kammerdiener ab. Cornet tritt ein.) Seyd Ihr's, Cornet? Ihr kommt vom Grafen Gallas? Gebt her den Brief. Cornet. Bloß mündlich iſt mein Auftrag. Der Generalleutnant traute nicht. Octavio. Was iſt's? Cornet. Er läßt Euch ſagen— Darf ich frei hier ſprechen? 3 Octavio. Mein Sohn weiß Alles. Cornet. Wir haben ihn. Octavio. Wen meint Ihr? Cornet. Den unterhändler, den Seſin'! Octavis(ſchnell). Habt ihr? Cornet. Im Böhmerwald erwiſcht' ihn Hauptmann Mohrbrand Vorgeſtern fruͤh, als er nach Regensburg Zum Schweden unterwegs war mit Depeſchen. 190 Octavio. Und die Depeſchen— Cornet. Hat der Generalleutnant Sogleich nach Wien geſchickt mit dem Gefangnen. Octavio. Nun endlich! endlich! Das iſt eine große Zeitung! Der Mann iſt uns ein koſtbares Gefaͤß, Das wicht'ge Dinge einſchließt— Fand man viel? Cornet. An ſechs Pakete mit Graf Terzky's Wappen. Octavio. Keins von des Fürſten Hand? Cornet. Nicht, daß ich wüßte. Octavio. Und der Seſina? Cornet. Der that ſehr erſchrocken, Als man ihm ſagt', es ginge nacher Wien. Graf Altring aber ſprach ihm guten Muth ein, Wenn er nur Alles wollte frei bekennen. Octavio. Iſt Altringer bei Eurem Herrn? Ich höͤrte, Er läge krank in Linz. Cornet. Schon ſeit drei Tagen Iſt er zu Frauenberg beim Generalleutnant. Sie haben ſechzig Fähnlein ſchon beiſammen, Erleſ'nes Volk, und laſſen Euch entbieten, Daß ſie von Euch Befehle nur erwarten. 191 Octavio. In wenig Tagen kann ſich viel ereignen. Wann müßt Ihr fort? Cornet. Ich wart' auf Eure Ordre. Octavio. Bleibt bis zum Abend. Cornet. Wohl. Octavio. Sah Euch doch Niemand? Cornet. Kein Menſch. Die Kapuziner ließen mich Durch's Kloſterpförtchen ein, ſo wie gewöhnlich. Octavio. Geht, ruht Euch aus und haltet Euch verborgen. Ich denk' Euch noch vor Abend abzufert'gen. Die Sachen liegen der Entwicklung nah, Und, eh' der Tag, der eben jetzt am Himmel Verhaͤngnißvoll heranbricht, untergeht, Muß ein entſcheidend Los gefallen ſeyn. (Will gehen.) (Cornet geht ab.) Dritter Auftritt. Beide Piecolomini. Octavio.. Was nun, mein Sohn? Jetzt werden wir bald klar ſeyn: — Denn Alles, weiß ich, ging durch den Seſinaä. 192 Mar (der während des ganzen vorigen Auftritts in einem heftigen innern Kampf geſtanden, entſchloſſen). Ich will auf kürzerm Weg mir Licht verſchaffen. Leb' wohl! Octavio. Wohin? Bleib' da! Mar. Zum Fürſten. Octavio(erſchrickt). Was? Mar(zurückkommend). Wenn du geglaubt, ich werde eine Rolle In deinem Spiele ſpielen, haſt du dich In mir verrechnet. Mein Weg muß gerad' ſeyn. Ich kann nicht wahr ſeyn mit der Zunge, mit Dem Herzen falſch— nicht zuſehn, daß mir Einer Als ſeinem Freunde traut, und mein Gewiſſen Damit beſchwichtigen, daß er's auf ſeine Gefahr thut, daß mein Mund ihn nicht belogen. Wofür mich Einer kauft, Das muß ich ſeyn. — Ich geh' zum Herzog. Heut' noch werd' ich ihn Auffordern, ſeinen Leumund vor der Welt Zu retten, eure künſtlichen Gewebe Mit einem graden Schritte zu durchreißen. Octavio. Das wollteſt du? Mar. Das will ich. Zweifle nicht. Octaxuio. Ich häbe mich in dir verrechnet, ja. 4 193 Ich rechnete auf einen weiſen Sohn, Der die wohlthaͤt'gen Hände wuͤrde ſegnen, Die ihn zurüͤck vom Abgrund ziehn— und einen Verblendeten entdeck' ich, den zwei Augen Zum Thoren machten, Leidenſchaft umnebelt, Den ſelbſt des Tages volles Licht nicht heilt. Befrag' ihn! Geh! Sey unbeſonnen gnug, Ihm deines Vaters, deines Kaiſers Geheimniß preiszugeben. Nöth'ge mich Zu einem lauten Bruche vor der Zeit! Und jetzt, nachdem ein Wunderwerk des Himmels Bis heute mein Geheimniß hat beſchützt, Des Argwohns helle Blicke eingeſchläfert, Laß mich's erleben, daß mein eigner Sohn Mit unbedachtſam raſendem Beginnen Der Staatskunſt mühevolles Werk vernichtet. Mar. O dieſe Staatskunſt, wie verwünſch' ich ſie! Ihr werdet ihn durch eure Staatskunſt noch Zu einem Schritte treiben— Ja, ihr konntet ihn, Weil ihr ihn ſchuldig wollt, noch ſchuldig machen. O! Das kann nicht gut endigen— und, mag ſich's Entſcheiden, wie es will, ich ſehe ahnend Die unglückſelige Entwicklung nahen.— Denn dieſer Königliche, wenn er fällt, Wird eine Welt im Sturze mit ſich reißen, Und, wie ein Schiff, das mitten auf dem Weltmeer In Brand geraͤth mit einem Mal und berſtend Auffliegt und alle Mannſchaft, die es trug, Ausſchüttet plötzlich zwiſchen Meer und Himmel, Wird er uns Alle, die wir an ſein Glück Schillers ſämmtl. Werke. IV. 13 194 Befeſtigt ſind, in ſeinen Fall hinabziehn. Halte du es, wie du willſt! Doch mir vergoͤnne, Daß ich auf meine Weiſe mich betrage. Rein muß es bleiben zwiſchen mir und ihm, und, eh' der Tag ſich neigt, muß ſich's erklären, Ob ich den Freund, ob ich den Vater ſoll entbehren. (Indem er abgeht, faͤllt der Vorhang.) Wallenſtein. Ein dramatiſches Gedicht. Zweiter Theil. Wallenſteins Tod. Ein Trauerſpiel in funf Aufzuügen. Perſonen. Wallenſtein. Octavio Piccolomini. Max Piccolomini. Terzky. Illo. Iſolani. Buttler. Rittmeiſter Neumann. Ein Adjutant. Oberſt Wrangel, von den Schweden geſendet. Gordon, Commandant von Eger. Major Geraldin. Deveroux, Macdonald, Schwediſcher Hauptmann. Eine Geſandtſchaft von Euͤraſſieren. Buͤrgermeiſter von Eger. Seni. Herzogin von Friedland. Graͤfin Terzty. Thekla. Fraͤulein Neubrunn, Hoſdame der Prinzeſſin⸗ von Roſenberg, Stallmeiſter der Prinzeſſin. Dragoner. Bedienre, Pagen, Volk. Die Scene iſt in den drei erſten Aufzügen zu Pilſen, in den zwei letzten zu Eger. Hauptleute in der Wallenſtein'ſchen Armee. Erſter Aufzug. Ein Zimmer, zu aſtvologiſchen Arbeiten eingerichtet und mit Sphaͤren, Charten, Quadranten und anderm aſtronomiſchen Geraͤthe verſehen. Der Vorhang von eiuer Rotunde iſt aufgezogen, in welcher die ſieben Planeten⸗ bilder, jedes in einer Niſche, ſeltſam beleuchtet, zu ſehen ſind. Seni beob⸗ achtet die Sterne, Wallenſtein ſieht vor einer großen, ſchwarzen Tafel⸗ auf welcher der Planetenaſpect gezeichnet iſt. Erſter Auftritt. Wallenſtein. Seni. Wallenſtein. Laß es jetzt gut ſeyn, Seni. Komm' herab. Der Tag bricht an, und Mars regiert die Stunde. Es iſt nicht gut mehr operiren. Komm! Wir wiſſen gnug. Seni. Nur noch die Venus laß mich Betrachten. Eben geht ſie auf. Wie eine Sonne gläͤnzt ſie in dem Oſten. Wallenſtein. Ja, ſie iſt jetzt in ihrer Erdennaͤh' Und wirkt herab mit allen ihren Starken. (Die Figur auf der Tafel betrachtend.) 200 Gluckſeliger Aſpect! So ſtellt ſich endlich Die große Drei verhaͤngnißvoll zuſammen, Und beide Segensſterne, Jupiter Und Venus, nehmen den verderblichen, Den tück'ſchen Mars in ihre Mitte, zwingen Den alten Schadenſtifter, mir zu dienen. Denn lange war er feindlich mir geſinnt Und ſchoß mit ſenkrecht oder ſchräger Strahlung, Bald im Gevierten⸗ bald im Doppelſchein, Die rothen Blitze meinen Sternen zu Und ſtörte ihre ſegenvollen Kraͤfte. Jetzt haben ſie den alten Feind beſiegt Und bringen ihn am Himmel mir gefangen. Feni. Und beide große Lumina von keinem Malefico beleidigt! Der Saturn Unſchadlich, machtlos, in cadente domo. Wallenſtein. Saturnus Reich iſt aus, der die geheime Geburt der Dinge in dem Erdenſchoß Und in den Tiefen des Gemüths beherrſcht Und über Allem, was das Licht ſcheut, waltet. Nicht Zeit iſt's mehr, zu brüten und zu ſinnen: Denn Jupiter, der glänzende, regiert Und zieht das dunkel zubereit'te Werk Gewaltig in das Reich des Lichts— Jetzt muß Gehandelt werden, ſchleunig, eh' die Glücks⸗ Geſralt mir wieder wegfliegt überm Haupt: Denn ſtets in Wandlung iſt der Himmelsbogen. (Es geſchehen Schläge an die Thuͤre.) Man pocht. Sieh', wer es iſt. 201 Cerzky(draußen). Laß öffnen! Wallenſtein. Es iſt Terzky. Was gibt's ſo Dringendes? Wir ſind beſchaftigt. Terzky(draußen). Leg' Alles jetzt beiſeit', ich bitte dich. Es leidet keinen Aufſchub. Wallenſtein. Oeffne, Seni. (Indem Jener dem Terzky aufmacht, zieht Wallenſtein den Vorhang vor die Bilder.) Zweiter Auftritt. Wallenſtein. Graf Terzhky. Terzhy(tritt ein). Vernahmſt du's ſchon? Er iſt gefangen, iſt Vom Gallas ſchon dem Kaiſer ausgeliefert! Wallenſtein(zu Terzky). Wer iſt gefangen? Wer iſt ausgeliefert? Terzky. Der unſer ganz Geheimniß weiß, um jede Verhandlung mit den Schweden weiß und Sachſen, Durch deſſen Hände Alles iſt gegangen— Wallenſtein(zuruͤckfahrend). Seſin' doch nicht? Sag' nein, ich bitte dich! Terzky. Grad' auf dem Weg nach Regensburg zum Schweden 20²2 Ergriffen ihn des Gallas Abgeſchickte, Der ihm ſchon lang die Fährte abgelauert. Mein ganz Paket an Kinsky, Matthes Thurn An Orenſtirn, an Arnheim führt er bei ſich: Das Alles iſt in ihrer Hand, ſie haben Die Einſicht nun in Alles, was geſchehn. Dritter Auftritt. Vorige. Illo kommt. Illo(zu Terzky). Terzky. Er weiß es. Illo(zu Wallenſtein). Denkſt du deinen Frieden Nun noch zu machen mit dem Kaiſer, ſein Vertraun zurückzurufen? Waͤr' es auch, Du wollteſt allen Planen jetzt entſagen, Man weiß, was du gewollt haſt. Vorwaͤrts mußt du, Denn rückwarts kannſt du nun nicht mehr. Terzy. Sie haben Documente gegen uns In Häͤnden, die unwiderſprechlich zeugen— Wallenſtein. Von meiner Handſchrift nichts. Dich ſtraf ich Luͤgen. Illo. So? Glaubſt du wohl, was Dieſer da, dein Schwager, In deinem Namen unterhandelt hat, Weiß er’'s? 203 Das werde man nicht dir auf Rechnung ſetzen? Dem Schweden ſoll ſein Wort für deines gelten, und deinen Wiener Feinden nicht. Terzky. Du gabſt nichts Schriftliches— Beſinn' dich aber, Wie weit du mündlich gingſt mit dem Seſin'. und wird er ſchweigen? Wenn er ſich mit deinem Geheimniß retten kann, wird er's bewahren? 5 Zllo. 3 Das fällt dir ſelbſt nicht ein! Und, da ſie nun Berichtet ſind, wie weit du ſchon gegangen, Sprich, was erwarteſt du? Bewahren kannſt du Nicht länger dein Commando, ohne Rettung Biſt du verloren, wenn du's niederlegſt. Wallenſtein. Das Heer iſt meine Sicherheit. Das Heer Verläßt mich nicht. Was ſie auch wiſſen moͤgen, Die Macht iſt mein, ſie müſſen's niederſchlucken; — und, ſtell' ich Caution für meine Treu', So müſſen ſie ſich ganz zufrieden geben. Illo. Das Heer iſt dein, jetzt fur den Augenblick Iſt's dein; doch zittre vor der langſamen, Der ſtillen Macht der Zeit. Vor offenbarer Gewalt beſchuͤtzt dich heute noch und morgen Der Truppen Gunſt; doch, gönnſt du ihnen Friſt Sie werden unvermerkt die gute Meinung, Worauf du jetzo fußeſt, untergraben, Dir Einen um den Andern liſtig ſtehlen— Bis, wenn der große Erdſtoß nun geſchieht Der treulos mürbe Bau zuſammenbricht. 204 Wallenſtein. Es iſt ein boſer Zufall! Illo. O! einen glücklichen will ich ihn nennen, Hat er auf dich die Wirkung, die er ſoll, Treibt dich zu ſchneller That— Der ſchwed'ſche Oberſt— Wallenſtein. Er iſt gekommen? Weißt du, was er bringt? Illo. Er will nur dir allein ſich anvertraun. Wallenſtein. Ein böſer, böſer Zufall— Freilich! freilich! Seſina weiß zu viel und wird nicht ſchweigen. Terzky. Er iſt ein boͤhmiſcher Rebell und Fluͤchtling, Sein Hals iſt ihm verwirkt: kann er ſich retten Auf deine Koſten, wird er Anſtand nehmen? Und, wenn ſie auf der Folter ihn befragen, Wird er, der Weichling, Starke gnug beſitzen?— Wallenſtein(in Nachſinnen verloren). Nicht herzuſtellen mehr iſt das Vertraun, Und, mag ich handeln, wie ich will, ich werde Ein Landsverräther ihnen ſeyn und bleiben; Und, kehr' ich noch ſo ehrlich guch zurück Zu meiner Pflicht, es wird mir nichts mehr helfen— Illo. Verderben wird es dich. Nicht deiner Treu', Der Unmacht nur wird's zugeſchrieben werden. Wallenſtein (in heftiger Bewegung auf⸗ und abgehend). Wie? Sollt' ich's nun im Ernſt erfuüͤllen müſfen, 205 Weil ich zu frei geſcherzt mit dem Gedanken? erflucht, wer mit dem Teufel ſpielt! Zllo. Wenn's nur dein Spiel geweſen, glaube mir, Du wirſt's mit ſchwerem Ernſte büßen müſſen. Wallenſtein. Und, mußt' ich's in Erfüͤllung bringen, jetzt, Jetzt, da die Macht noch mein iſt, müßt's geſchehn. Illo. Wo möglich, eh' ſie von dem Schlage ſich In Wien beſinnen und zuvor dir kommen— Wallenſtein(die Unterſchriften betrachtend). Das Wort der Generale hab' ich ſchriftlich— Max Piccolomini ſteht nicht hier. Warum nicht? Terzky. Es war— er meinte— Ills. Bloßer Eigendünkel! Es brauche Das nicht zwiſchen dir und ihm. Wallenſtein. Es braucht Das nicht, er hat ganz Recht— Die Regimenter wollen nicht nach Flandern: Sie haben eine Schrift mir überſandt Und widerſetzen laut ſich dem Befehl. Der erſte Schritt zum Aufruhr iſt geſchehn. Illo. Glaub' mir, du wirſt ſie leichter zu dem Feind, Als zu dem Spanier hinüber führen. Wallenſtein. Ich will doch hören, was der Schwede mir Zu ſagen hat. 206 Illo(preſſirt). Wollt Ihr ihn rufen, Terzky? Er ſteht ſchon draußen. 3 Wallenſtein. Warte noch ein Wenig: Es hat mich überraſcht— es kam zu ſchnell— Ich bin es nicht gewohnt, daß mich der Zufall Blind waltend, finſter herrſchend mit ſich führe. Illo. Höor' ihn für's Erſte nur, erwag's nachher. (Sie gehen.) Vierter Auftritt. Wallenſtein, mit ſich ſelbſt redend. Wär's möglich? Könnt' ich nicht mehr, wie ich wollte? Nicht mehr zurück, wie mir's beliebt? Ich müßte Die That vollbringen, weil ich ſie gedacht, Nicht die Verſuchung von mir wies— das Herz Genaͤhrt mit dieſem Traum, auf ungewiſſe Erfüllung hin die Mittel mir geſpart, Die Wege bloß mir offen hab' gehalten?— Beim großen Gott des Himmels! Es war nicht Mein Ernſt, beſchloſſ'ne Sache war es nie. In dem Gedanken bloß gefiel ich mir; Die Freiheit reizte mich und das Vermögen. War's Unrecht, an dem Gaukelbilde mich Der königlichen Hoffnung zu ergötzen? Blieb in der Bruſt mir nicht der Wille frei, Und ſah ich nicht den guten Weg zur Seite, 207 Der mir die Rüuckkehr offen ſtets bewahrte? Wohin denn ſeh' ich plötzlich mich geführt? Bahnlos liegt's hinter mir, und eine Mauer Aus meinen eignen Werken baut ſich auf, Die mir die Umkehr thuͤrmend hemmt! (Er bleibt tiefſinnig ſtehen.) Strafbar erſchein' ich, und ich kann die Schuld, Wie ich's verſuchen mag, nicht von mir waͤlzen: Denn mich verklagt der Doppelſinn des Lebens, Und— ſelbſt der frommen Quelle reine That Wird der Verdacht, ſchlimmdeutend, mir vergiften. War ich, wofür ich gelte, der Verräther: Ich hatte mir den guten Schein geſpart, Die Hülle hätt' ich dicht um mich gezogen, Dem Unmuth Stimme nie geliehn. Der Unſchuld, Des unverführten Willens mir bewußt, Gab ich der Laune Raum, der Leidenſchaft— Kühn war das Wort, weil es die That nicht war. Jetzt werden ſie, was planlos iſt geſchehn, Weitſehend, planvoll mir zuſammenknüpfen und, was der Zorn, und was der frohe Muth Mich ſprechen ließ im Ueberfluß des Herzens, Zu künſtlichem Gewebe mir vereinen Und eine Klage furchtbar draus bereiten, Dagegen ich verſtummen muß. So hab' ich Mit eignem Netz verderblich mich verſtrickt, Und nur Gewaltthat kann es reißend löſen. (Wiederum ſtille ſtehend.) Wie anders, da des Muthes freier Trieb Zur kühnen That mich zog, die, rauh gebietend, Die Noth jetzt, die Erhaltung von mir heiſcht! 208 / Ernſt iſt der Anblick der Nothwendigkeit. Nicht ohne Schauder greift des Menſchen Hand 1 In des Geſchicks geheimnißvolle Urne. In meiner Bruſt war meine That noch mein; Einmal entlaſſen aus dem ſichern Winkel Des Herzens, ihrem mütterlichen Boden, Hinausgegeben in des Lebens Fremde, Gehört ſie jenen tück'ſchen Mächten an, Die keines Menſchen Kunſt vertraulich macht. (Er macht heftige Schritte durch's Zimmer, dann bleibt er wieder ſinnen? ſtehen.) Und was iſt dein Beginnen? Haſt du dir's Auch redlich ſelbſt bekannt? Du willſt die Macht, Die ruhig, ſicher thronende, erſchüttern, Die in verjährt geheiligtem Beſitz, In der Gewohnheit feſtgegründet ruht, Die an der Völker frommem Kinderglauben Mit tauſend zahen Wurzeln ſich befeſtigt. Das wird kein Kampf der Kraft ſeyn mit der Kraft; Den fürcht' ich nicht. Mit jedem Gegner wag' ich's, Den ich kann ſehen und ins Auge faſſen, Der, ſelbſt voll Muth, auch mir den Muth entflammt. Ein unſichtbarer Feind iſt's, den ich fürchte, Der in der Menſchenbruſt mir widerſteht, Durch feige Furcht allein mir fürchterlich— Nicht, was lebendig, kraftvoll ſich verkündigt, Iſt das gefährlich Furchtbare. Das ganz Gemeine iſt's, das ewig Geſtrige, Was immer war und immer wiederkehrt . Und morgen gilt, weil's heute hat gegolten! Denn aus Gemeinem iſt der Menſch gemacht, 209 und die Gewohnheit nennt er ſeine Amme. Weh' Dem, der an den würdig alten Hausrath Ihm rührt, das theure Erbſtück ſeiner Ahnen! Das Jahr übt eine heiligende Kraft; Was grau vor Alter iſt, Das iſt ihm göttlich. Sey im Beſitze, und du wohnſt im Recht, und heilig wird's die Menge dir bewahren. (Zu dem Pagen, der hereintritt.) Der ſchwed'ſche Oberſt? Iſt er's? Nun, er komme. (Page geht. Wallenſtein hat den Blick nachdenkend auf die Thuͤre geheſtet.) Noch iſt ſie rein— noch! Das Verbrechen kam Nicht über dieſe Schwelle noch— So ſchmal iſt Die Gränze, die zwei Lebenspfade ſcheidet! Fünfter Auftritt. Mallenſtein und Wrangel. Wallenſtein (nachdem er einen forſchenden Blick auf ihn geworſen). Ihr nennt Euch Wrangel? Wrangel. Guſtav Wrangel, Oberſt Vom blauen Regimente Südermannland. Wallenſtin. Ein Wrangel war's, der vor Stralſund viel Böſes Mir zugefuͤgt, durch tapfre Gegenwehr Schuld war, daß mir die Seeſtadt widerſtanden. Wrangel. Das Werk des Elements, mit dem Sie kämpften, Schillers ſämmtl. Werke. IV. 14 210 Nicht mein Verdienſt, Herr Herzog! Seine Freiheit Vertheidigte mit Sturmes Macht der Belt: Es ſollt⸗ Meer und Land nicht Einem dienen. Wallenſtein. Den Admiralshut riſſ't Ihr mir vom Haupt. Wrangel. Ich komme, eine Krone drauf zu ſetzen. Wallenſtein (winkt ihm, Platz zu nehmen, ſetzt ſich) Euer Creditiv. Kommt Ihr mit ganzer Vollmacht? Wrangel(bedenklich). Es ſind ſo manche Zweifel noch zu löſen— Wallen ſtein(nachdem er geleſen). Der Brief hat Hand' und Füß'. Es iſt ein klug, Verſtäͤndig Haupt, Herr Wrangel, dem Ihr dienet. Es ſchreibt der Kanzler: er vollziehe nur Den eignen Einfall des verſtorbnen Königs, Indem er mir zur böhm'ſchen Kron' verhelfe. Wrangel. Er ſagt, was wahr iſt. Der Hochſelige Hat immer groß gedacht von Euer Gnaden Fürtrefflichem Verſtand und Feldherrngaben, Und ſtets der Herrſchverſtändigſte, beliebt' ihm Zu ſagen, ſollte Herrſcher ſeyn und König. 7 Wallenſtein. Er durft' es ſagen. (Seine Hand vertraulich ſaſſend.) Aufrichtig, Oberſt Wrangel— Ich war ſtets Im Herzen auch gut ſchwediſch— Ei, Das habt ihr In Schleſien erfahren und bei Nürnberg. Ich hatt' euch oft in meiner Macht und ließ 211 Durch eine Hinterthur' euch ſtets entwiſchen. Das iſt's, was ſie in Wien mir nicht verzeihn, Was jetzt zu dieſem Schritt mich treibt— Und, weil Nun unſer Vortheil ſo zuſammengeht, So laßt uns zu einander auch ein recht Vertrauen faſſen. 3 Wrangel. Das Vertraun wird kommen, Hat Jeder nur erſt ſeine Sicherheit. Wallenſtein. Der Kanzler, merk' ich, traut mir noch nicht recht. Ja, ich geſteh's— Es liegt das Spiel nicht ganz Zu meinem Vortheil. Seine Würden meint, Wenn ich dem Kaiſer, der mein Herr iſt, ſo Mitſpielen kann, ich könnt' das Gleiche thun Am Feinde, und das Eine waͤre mir Noch eher zu verzeihen, als das Andre. Iſt Das nicht Eure Meinung auch, Herr Wrangel? Wrangel. Ich hab' hier bloß ein Amt und keine Meinung. Wallenſtein. Der Kaiſer hat mich bis zum Aeußerſten Gebracht. Ich kann ihm nicht mehr ehrlich dienen. Zu meiner Sicherheit, aus Nothwehr thu' ich Den harten Schritt, den mein Bewußtſeyn tadelt. Wrangel. Ich glaub's. So weit geht Niemand, der nicht muß. (Nach einer Pauſe.) Was Eure Fuͤrſtlichkeit bewegen mag, Alſo zu thun an Ihrem Herrn und Kaiſer, Gebührt nicht uns zu richten und zu deuten. 212 Der Schwede ſicht für ſeine gute Sach' Mit ſeinem guten Degen und Gewiſſen. Die Concurrenz iſt, die Gelegenheit Zu unſrer Gunſt; im Krieg gilt jeder Vortheil; Wir nehmen unbedenklich, was ſich bietet. Und wenn ſich Alles richtig ſo verhält— Wallenſtein. Woran denn zweifelt man? An meinem Willen? An meinen Kräften? Ich verſprach dem Kanzler, Wenn er mir ſechzehntauſend Mann vertrant, Mit achtzehntauſend von des Kaiſers Heer Dazu zu ſtoßen— Wrangel. Euer Gnaden ſind Bekannt für einen hohen Kriegesfürſten, Für einen zweiten Attila und Pyrrhus: Noch mit Erſtaunen redet man davon, Wie Sie vor Jahren, gegen Menſchendenken, Ein Heer wie aus dem Nichts hervorgerufen. Jedennoch Wallenſtein. Dennoch? Wrangel. Seine Würden meint, Ein leichter Ding doch möcht' es ſeyn, mit Nichts Ins Feld zu ſtellen ſechzig tauſend Krieger, Als nur ein Sechzigtheil davon— LEr haͤlt inne.) Wallenſtein. Nun was Nur frei heraus! 213 Wrangel. Zum Treubruch zu verleiten. Wallenſtein. Meint er? Er urtheilt, wie ein Schwed' und wie Ein Proteſtant. Ihr Lutheriſche fechtet Für eure Bibel; euch iſt's um die Sach'; Mit eurem Herzen folgt ihr eurer Fahne.— Wer zu dem Feinde läuft von euch, Der hat Mit zweien Herrn zugleich den Bund gebrochen. Von all' Dem iſt die Rede nicht bei uns— Wrangel. Herr Gott im Himmel! Hat man hier zu Lande Denn keine Heimat, keinen Herd und Kirche? . Wallenſtein. Ich will Euch ſagen, wie Das zugeht— Ja, Der Oeſterreicher hat ein Vaterland Und liebt's und hat auch Urſach', es zu lieben. Doch dieſes Heer, das kaiſerlich ſich nennt, Das hier in Böheim hauſet, Das hat keins; Das iſt der Auswurf fremder Lander, iſt Der aufgegebne Theil des Volks, dem nichts Gehoͤret, als die allgemeine Sonne. Und dieſes böhm'ſche Land, um das wir fechten, Das hat kein Herz für ſeinen Herrn, den ihm Der Waffen Glück, nicht eigne Wahl gegeben. Mit Murren trägt's des Glaubens Tyrannei, Die Macht hat's eingeſchreckt, beruhigt nicht. Ein glühend, rachvoll Angedenken lebt Der Gräuel, die geſchahn auf dieſem Boden. Und kann's der Sohn vergeſſen, daß der Vater Mit Hunden in die Meſſe ward gehetzt? 214 Ein Volk, dem Das geboten wird, iſt ſchrecklich, Es raäche oder dulde die Behandlung. Wrangel. Der Adel aber und die Officiere? Solch eine Flucht und Felonie, Herr Fuͤrſt, Iſt ohne Beiſpiel in der Welt Geſchichten. . Wallenſtein. Sie ſind auf jegliche Bedingung mein. Nicht mir, den eignen Augen mögt Ihr glauben. (Er gibt ihm die Eidesſormel. Wrangel durchliest ſie und legt ſe⸗ nachdem er geleſen, ſchweigend auf den Tiſch.) Wie iſt's? Begreift Ihr nun? Wrangel. Begreiſ's, wer's kann! Herr Furſt! Ich laſſ' die Maske fallen— Ja! Ich habe Vollmacht, Alles abzuſchließen. Es ſteht der Rheingraf nur vier Tagemärſche Von hier mit fünfzehntauſend Mann: er wartet Auf Ordre nur, zu Ihrem Heer zu ſtoßen. Die Ordre ſtell' ich aus, ſobald wir einig. Wallenſtein. Was iſt des Kanzlers Forderung? Wrangel bedenklich). Zwoͤlf Regimenter gilt es, ſchwediſch Volk. Mein Kopf muß dafür haften. Alles könnte Zuletzt nur falſches Spiel— Wallenſtein(ſaͤhrt auf. Herr Schwede! Wrangel(ruhig fortfahrend). Muß demnach Darauf beſtehn, daß Herzog Friedland foͤrmlich, 215 Unwiderruflich breche mit dem Kaiſer, Sonſt ihm kein ſchwediſch Volk vertrauet wird. Wallenſtein. Was iſt die Forderung? Sagt's kurz und gut! Wrangel. Die ſpan'ſchen Regimenter, die dem Kaiſer Ergeben, zu entwaffnen, Prag zu nehmen und dieſe Stadt, wie auch das Gränzſchloß Eger, Den Schweden einzuraumen. Wallenſtein. Viel gefordert! Prag! Sey's um Eger! Aber Prag? Geht nicht. Ich leiſt' euch jede Sicherheit, die ihr Vernunft'gerweiſe von mir fordern möget; Prag aber— Böhmen— kann ich ſelbſt beſchützen. Wrangel. Man zweifelt nicht daran. Es iſt uns auch Nicht um's Beſchuͤtzen bloß. Wir wollen Menſchen Und Geld umſonſt nicht aufgewendet haben. Wallenſtein. Wie billig. Wrangel. und ſo lang, bis wir entſchadigt, Bleibt Prag verpfandet. Wallenſtein. Traut ihr uns ſo wenig? Wrangel(ſteht auß. Der Schwede muß ſich vorſehn mit dem Deutſchen. Man hat uns über's Oſtmeer hergerufen; Gerettet haben wir vom Untergang Das Reich— mit unſerm Blut des Glaubens Freiheit, 216 Die heil'ge Lehr' des Evangeliums Verſiegelt— Aber jetzt ſchon fuͤhlet man Nicht mehr die Wohlthat, nur die Laſt, erblickt Mit ſcheelem Aug' die Fremdlinge im Reiche— Und ſchickte gern mit einer Handvoll Geld Uns heim in unſre Wälder. Nein! wir haben Um Judas Lohn, um klingend Gold und Silber Den König auf der Wahlſtatt nicht gelaſſen! So vieler Schweden adeliges Blur, Es iſt um Gold und Silber nicht gefloſſen! Und nicht mit magerm Lorbeer wollen wir Zum Vaterland die Wimpel wieder lüften; Wir wollen Bürger bleiben auf dem Boden, Den unſer König fallend ſich erobekt. Wallenſtein. Helft den gemeinen Feind mir niederhalten: Das ſchöne Graͤnzland kann euch nicht entgehn. Wrangel. und, liegt zu Boden der gemeine Feind, Wer knüpft die neue Freundſchaft dann zuſammen? Uns iſt bekannt, Herr Füͤrſt— wenn gleich der Schwede Nichts davon merken ſoll— daß Ihr mit Sachſen Geheime Unterhandlung pflegt. Wer bürgt uns Dafür, daß wir nicht Opfer der Beſchlüſſe ſind, Die man vor uns zu hehlen nöthig achtet? Wallenſtein. Wohl waͤhlte ſich der Kanzler ſeinen Mann, Er haͤtt' mir keinen zähern ſchicken können. (Aufſtehend.) Beſinnt Euch eines Beſſern, Guſtav Wrangel. Von Prag nichts mehr! 217 Wrangel. Hier endigt meine Vollmacht. Wallenſtein. Euch meine Hauplſtadt raumen! Lieber tret' ich Zurück— zu meinem Kaiſer. Wrangel. Wenn's noch Zeit iſt. Wallenſtein. Das ſteht bei mir, noch jetzt, zu jeder Stunde. Wrangel. Vielleicht vor wenig Tagen noch. Heut' nicht mehr. Seit der Seſin' gefangen ſitzt, nicht mehr. (Wie Wallenſtein betroffen ſchweigt.) Herr Fürſt! Wir glauben, daß Sie's ehrlich meinen: Seit Geſtern ſind wir Deß gewiß— Und, nun Dies Blatt uns für die Truppen bürgt, iſt nichts, Was dem Vertrauen noch im Wege ſtände. Prag ſoll uns nicht entzweien. Mein Herr Kanzler Begnügt ſich mit der Altſtadt, Euer Gnaden Läßt er den Ratſchin und die kleine Seite. Doch Eger muß vor Allem ſich uns öffnen, Eh' an Conjunction zu denken iſt. Wallenſtein. Euch alſo ſoll ich trauen, ihr nicht mir? Ich will den Vorſchlag in Erwägung ziehn. Wrangel. In keine gar zu lange, muß ich bitten. Ins zweite Jahr ſchon ſchleicht die Unterhandlung Erfolgt auch diesmal nichts, ſo will der Kanzler Auf immer ſie für abgebrochen halten. — 218 Wallenſtein. Ihr drangt mich ſehr. Ein ſolcher Schritt will wohl Bedacht ſeyn. 3 Wrangel. Eh' man überhaupt dran denkt, Herr Fürſt! durch raſche That nur kann er glücken. (Er geht ab.) Sechster Auftritt. Wallenſtein. Terzky und Illo kommen zurück. Illo. Terzky. Seyd ihr einig? Illo. Dieſer Schwede Ging ganz zufrieden fort. Ja, ihr ſeyd einig. Wallenſtein. Höoͤrt! Noch iſt nichts geſchehen, und, wohl erwogen, Ich will es lieber doch nicht thun. Terzky. 4 Wie? Was iſt Das? Wallenſtein. Von dieſer Schweden Gnade leben, Der Uebermuthigen? Ich trüg' es nicht. Illo. Koommſt du als Flüchtling, ihre Hülf' erbettelnd? Du bringeſt ihnen mehr, als du empfängſt. Iſt's richtig? 219 Wallenſtein. Wie war's mit jenem königlichen Bourbon, Der ſeines Volkes Feinden ſich verkaufte Und Wunden ſchlug dem eignen Vaterland? Fluch war ſein Lohn, der Menſchen Abſcheu raͤchte Die unnatürlich frevelhafte That. Illo. Iſt Das dein Fall. Wallenſtein. Die Treue, ſag' ich euch, Iſt jedem Menſchen, wie der nächſte Blutsfreund: Als ihren Rächer fühlt er ſich geboren. Der Secten Feindſchaft, der Parteien Wuth, Der alte Neid, die Eiferſucht macht Friede; Was noch ſo wüthend ringt, ſich zu zerſtören, Verträgt, vergleicht ſich, den gemeinen Feind Der Menſchlichkeit, das wilde Thier zu jagen, Das mordend einbricht in die ſichre Hürde, Worin der Menſch geborgen wohnt— denn ganz Kann ihn die eigne Klugheit nicht beſchirmen. Nur an die Stirne ſetzt' ihm die Natur Das Licht der Augen, fromme Treue ſoll Den bloßgegebnen Rücken ihm beſchützen. Terzky. Denk' von dir ſelbſt nicht ſchlimmer, als der Feind, Der zu der That die Haͤnde freudig bietet. So zaͤrtlich dachte jener Karl auch nicht, Der Oehm und Ahnherr dieſes Kaiſerhauſes: Der nahm den Bourbon auf mit offnen Armen, Denn nur vom Nutzen wird die Welt regiert. 220 Siebenter Auftritt. Gräſin Terzky zu den Vorigen. Wallenſtein. Wer ruft Euch? Hier iſt kein Geſchaft für Weiber. Gräffin. Ich komme, meinen Glückwunſch abzulegen. — Komw' ich zu früh etwa? Ich will nicht hoffen. . Wallenſtein. Gebrauch' dein Anſehn, Terzky. Heiß' ſie gehn. Gräfin. Ich gab den Böhmen einen König ſchon. Wallenſtein. Er war darnach. Gräfin Gzu den Andern). Nun, woran liegt es? Sprecht Terzky. Der Herzog will nicht. Gräfin. Will nicht, was er muß? Illo. An Euch iſt's jetzt. Verſucht's: denn ich bin fertig, Spricht man von Treue mir und von Gewiſſen. Gräfin. Wie? Da noch Alles lag in weiter Ferne, Der Weg ſich noch unendlich vor dir dehnte, Da hatteſt du Entſchluß und Muth— und jetzt, Da aus dem Traume Wahrheit werden will, Da die Vollbringung nahe, der Erfolg Verſichert iſt, da fängſt du an zu zagen? 221 Nur in Entwuürfen biſt du tapfer, feig In Thaten? Gut! Gib deinen Feinden Recht Da eben iſt es, wo ſie dich erwarten. Den Vorſatz glauben ſie dir gern: ſey ſicher, Daß ſie's mit Brief und Siegel dir belegen! Doch an die Möglichkeit der That glaubt Keiner: Da müßten ſie dich fürchten und dich achten. Iſt's möglich? Da du ſo weit biſt gegangen, Da man das Schlimmſte weiß, da dir die That Schon als begangen zugerechnet wird, Willſt du zurückziehn und die Frucht verlieren? Entworfen bloß, iſt's ein gemeiner Frevel; Vollfuͤhrt, iſt's ein unſterblich Unternehmen, und wenn es glückt, ſo iſt es auch verziehn: Denn aller Ausgang iſt ein Gottesurtheil. Kammerdiener(tritt herein). Der Oberſt Piccolomini. Gräfin(ſcchnell). Soll warten. Wallenfein. Ich kann ihn jetzt nicht ſehn. Ein Andermal. Kammerdiener. Nur um zwei Augenblicke bittet er, Er hab' ein dringendes Geſchäft— Wallenſtein. Wer weiß, was er uns bringt. Ich will doch hoͤren. Gräfin(lacht). Wohl mag's ihm dringend ſeyn. Du kannſt's erwarten. Wallenſtein. Was iſt'’s? 222 Gräfin. Du ſollſt es nachher wiſſen; Jetzt denke dran, den Wrangel abzufert'gen. (Kammerdiener geht.) Wallenſtein. Wenn eine Wahl noch wäre— noch ein mildrer Ausweg ſich fande— jetzt noch will ich ihn Erwahlen und das Aeußerſte vermeiden. Gräfin. Verlangſt du weiter nichts, ein ſolcher Weg Liegt nah' vor dir. Schick' dieſen Wrangel fort! Vergiß die alten Hoffnungen, wirf dein Vergangnes Leben weg, entſchließe dich, Ein neues anzufangen. Auch die Tugend Hat ihre Helden, wie der Ruhm, das Glück. Reiſ' hin nach Wien zum Kaiſer ſtehnden Fußes, Nimm eine volle Caſſe mit, erklär', Du habiſt der Diener Treue nur erproben, Den Schweden bloß zum Beſten haben wollen. 3llo. Auch damit iſt's zu ſpät. Man weiß zu viel. Er würde nur das Haupt zum Todesblocke tragen. Gräfin. Das fürcht' ich nicht. Geſetzlich ihn zu richten, Fehlt's an Beweiſen; Willkür meiden ſie. Man wird den Herzog ruhig laſſen ziehn. Ich ſeh', wie Alles kommen wird. Der König Von Ungarn wird erſcheinen, und es wird ſich Von ſelbſt verſtehen, daß der Herzog geht: 4 Nicht der Erklarung wird es erſt bedürfen. Der König wird die Truppen laſſen ſchwören, * 223 Und Alles wird in ſeiner Ordnung bleiben. An einem Morgen iſt der Herzog fort. Auf ſeinen Schlöſſern wird es nun lebendig: Dort wird er jagen, baun, Geſtüte halten, Sich eine Hofſtatt gründen, goldne Schlüſſel Austheilen, gaſtfrei große Tafel geben und, kurz, ein großer König ſeyn— im Kleinen! und, weil er klug ſich zu beſcheiden weiß, Nichts wirklich mehr zu gelten, zu bedeuten, Läßt man ihn ſcheinen, was er mag: er wird Ein großer Prinz bis an ſein Ende ſcheinen. Ei nun! der Herzog iſt dann eben auch Der neuen Menſchen einer, die der Krieg Emporgebracht, ein übermächtiges Geſchöpf der Hofgunſt, die mit gleichem Aufwand Freiherrn und Fürſten macht. Wallenſtein(ſteht auf, heſtig bewegt). Zeigt einen Weg mir an aus dieſem Drang, Hülfreiche Mächte! einen ſolchen zeigt mir, Den ich vermag zu gehn— Ich kann mich nicht, Wie ſo ein Wortheld, ſo ein Tugendſchwaͤtzer, An meinem Willen warmen und Gedanken— Nicht zu dem Glück, das mir den Rücken kehrt, Großthuend ſagen: Geh', ich brauch' dich nicht! Wenn ich nicht wirke mehr, bin ich vernichtet. Nicht Opfer, nicht Gefahren will ich ſcheun, Den letzten Schritt, den äußerſten zu meiden; Doch, eh' ich ſinke in die Nichtigkeit, So klein aufhöre, der ſo groß begonnen; Eh' mich die Welt mit jenen Elenden Verwechſelt, die der Tag erſchafft und ſtürzt: 221 Eh' ſpreche Welt und Nachwelt meinen Namen Mit Abſcheu aus, und Friedland ſey die Loſung Fur jede fluchenswerthe That. 1 Gräfin. Was iſt denn hier ſo wider die Natur? Ich kann's nicht finden, ſage mir's— o, laß Des Aberglaubens nächtliche Geſpenſter Nicht deines hellen Geiſtes Meiſter werden! Du biſt des Hochverraths verklagt: ob mit, Ob ohne Recht, iſt jetzo nicht die Frage— Du biſt verloren, wenn du dich nicht ſchnell der Macht Bedienſt, die du beſitzeſt— Ei! wo lebt denn Das friedſame Geſchöpf, das ſeines Lebens Sich nicht mit allen Lebenskräften wehrt? Was iſt ſo kuͤhn, das Nothwehr nicht entſchuldigt Wallenſtein. Einſt war mir dieſer Ferdinand ſo huldreich: Er liebte mich, er hielt mich werth, ich ſtand Der Nachſte ſeinem Herzen. Welchen Fürſten Hat er geehrt, wie mich?— Und ſo zu enden! Gräfin. 3 4 So treu bewahrſt du jede kleine Gunſt, Und für die Kränkung haſt du kein Gedaͤchtniß? Muß ich dich dran erinnern, wie man dir Zu Regensburg die treuen Dienſte lohnte? Du hatteſt jeden Stand im Reich beleidigt: Ihn groß zu machen, hatteſt du den Haß, Den Fluch der ganzen Welt auf dich geladen; Im ganzen Deutſchland lebte dir kein Freund, Weil du allein gelebt für deinen Kaiſer; An ihm bloß hielteſt du bei jenem Sturme 225 Dich feſt, der auf dem Regensburger Tag Sich gegen dich zuſammenzog— Da ließ er Dich fallen! ließ dich fallen! dich, dem Bayern, Dem Uebermuthigen, zum Opfer, fallen! Sag' nicht, daß die zurückgegebne Würde Das erſte, ſchwere Unrecht ausgeſöhnt. Nicht wahrlich guter Wille ſtellte dich, Dich ſtellte das Geſetz der herben Noth An dieſen Platz, den man dir gern verweigert. Wallenſtein. Nicht ihrem guten Willen, Das iſt wahr, Noch ſeiner Neigung dank' ich dieſes Amt. Mißbrauch' ich's, ſo mißbrauch' ich kein Vertrauen. Gräfin. Vertrauen? Neigung?— Man bedurfte deiner! Die ungeſtüme Preſſerin, die Noth, Der nicht mit hohlen Namen, Figuranten Gedient iſt, die die That will, nicht das Zeichen, Den Groͤßten immer aufſucht und den Beſten, Ihn an das Ruder ſtellt, und mußte ſie ihn Aufgreifen aus dem Pöbel ſelbſt— die ſetzte dich In dieſes Amt und ſchrieb dir die Beſtallung. Denn lange, bis es nicht mehr kann, behilft Sich dies Geſchlecht mit feilen Sklavenſeelen Und mit den Drahtmaſchinen ſeiner Kunſt— Doch, wenn das Aeußerſte ihm nahe tritt, Der hohle Schein es nicht mehr thut, da fäͤllt Es in die ſtarken Hände der Natur, Des Rieſengeiſtes, der nur ſich gehorcht, Nichts von Verträgen weiß und nur auf ihre Bedingung, nicht auf ſeine, mit ihm handelt. Schillers ſämmtl. Werke. IV. 5 226 Wallenſtein. Wahr iſt's! Sie ſahn mich immer, wie ich bin; Ich hab' ſie in dem Kaufe nicht betrogen: Denn nie hielt ich's der Mühe werth, die kühn Umgreifende Gemüthsart zu verbergen. Gräfin. Vielmehr— du haſt dich furchtbar ſtets gezeigt, Nicht du, der ſtets ſich ſelber treu geblieben, Die haben Unrecht, die dich füͤrchteten Und doch die Macht dir in die Hände gaben. Denn Recht hat jeder eigene Charakter, Der übereinſtimmt mit ſich ſelbſt; es gibt Kein andres Unrecht, als den Widerſpruch. Warſt du ein Andrer, als du vor acht Jahren Mit Feu'r und Schwert durch Deutſchlands Kreiſe zogſt, Die Geißel ſchwangeſt über alle Länder, Hohn ſpracheſt allen Ordnungen des Reichs, Der Stärke fürchterliches Recht nur übteſt Und jede Landeshoheit niedertratſt, Um deines Sultans Herrſchaft auszubreiten? Da war es Zeit, den ſtolzen Willen dir Zu brechen, dich zur Ordnung zu verweiſen! Doch wohl gefiel dem Kaiſer, was ihm nützte, Und ſchweigend drückt er dieſen Frevelthaten Sein kaiſerliches Siegel auf. Was damals— Gerecht war, weil du's für ihn thatſt, iſt's heute Auf Einmal ſchändlich, weil es gegen ihn Gerichtet wird? 4 Wallenſtein(auſſtehend). Von dieſer Seite ſah ich's nie— Ja! Dem Iſt wirklich ſo. Es übte dieſer Kaiſer 227 Durch meinen Arm im Reiche Thaten aus, Die nach der Ordnung nie geſchehen ſollten, und ſelbſt den Fürſtenmantel, den ich trage, Verdank' ich Dienſten, die Verbrechen ſind. Grüfin. Geſtehe denn, daß zwiſchen dir und ihm Die Rede nicht kann ſeyn von Pflicht und Recht, Nur von der Macht und der Gelegenheit! Der Augenblick iſt da, wo du die Summe Der großen Lebensrechnung ziehen ſollſt; Die Zeichen ſtehen ſieghaft über dir, Glück winken die Planeten dir herunter Und rufen: Es iſt an der Zeit! Haſt du Dein Lebenlang umſonſt der Sterne Lauf Gemeſſen?— den Quadranten und den Cirkel Geführt?— den Zodiak, die Himmelskugel Auf dieſen Wänden nachgeahmt, um dich herum Geſtellt in ſtummen, ahnungsvollen Zeichen Die ſieben Herrſcher des Geſchicks, Nur, um ein eitles Spiel damit zu treiben? Führt alle dieſe Zuruͤſtung zu nichts, Und iſt kein Mark in dieſer hohlen Kunſt, Daß ſie dir ſelbſt nichts gilt, nichts über dich Vermag im Augenblicke der Entſcheidung? Wallenſtein (iſt während dieſer letzten Rede mit heſtig arbeitendem Gemüth auf⸗ und abgegangen und ſteht jetzt plötzlich ſtille, die Gräfin unterbrechend). Ruft mir den Wrangel, und es ſollen gleich Drei Boten ſatteln. Illo. Nun, gelobt ſey Gott!(Eilt hinaus.) 228 Wallenſtein. Es iſt ſein böſer Geiſt und meiner. Ihn Straft er durch mich, das Werkzeug ſeiner Herrſchſucht, Und ich erwart' es, daß der Rache Stahl Auch ſchon fuͤr meine Bruſt geſchliffen iſt. Nicht hoffe, wer des Drachen Zähne ſa't, Erfreuliches zu ernten. Jede Unthat Traͤgt ihren eignen Racheengel ſchon, Die böſe Hoffnung, unter ihrem Herzen. Er kann mir nicht mehr traun— ſo kann ich auch Nicht mehr zurüͤck. Geſchehe denn, was muß. Recht ſtets behält das Schickſal: denn das Herz In uns iſt ſein gebietriſcher Vollzieher. (Zu Terzky.) Bring' mir den Wrangel in mein Cabinet. Die Boten will ich ſelber ſprechen. Schickt Nach dem Octavio! (Zur Gräfin, welche eine triumphirende Miene macht.) Frohlocke nicht! Denn eiferſüchtig ſind des Schickſals Mächte. Voreilig Jauchzen greift in ihre Rechte. Den Samen legen wir in ihre Haͤnde: Ob Gluͤck, ob Unglück aufgeht, lehrt das Ende. (Indem er abgeht, fällt der Vorhang.) Bweiter Aufzug. Ein Zimmer. Erſter Auftritt. Wallenſtein. Octanig Piccolomini. Bald darauf Mar 3 Piecolomini. Wallenſtein. Mir meldet er aus Linz, er läge krank; Dooch hab' ich ſichre Nachricht, daß er ſich Zu Frauenberg verſteckt beim Grafen Gallas. Nimm Beide feſt und ſchick' ſie mir hieher. Du übernimmſt die ſpaniſchen Regimenter, Machſt immer Anſtalt und biſt niemals fertig, Und, treiben ſie dich, gegen mich zu ziehn, So ſagſt du Ja, und bleibſt gefeſſelt ſtehn. Ich weiß, daß dir ein Dienſt damit geſchieht, In dieſem Spiel dich müßig zu verhalten. Du retteſt gern, ſolang du kannſt, den Schein, Exrtreme Schritte ſind nicht deine Sache: Drum hab' ich dieſe Rolle für dich ausgeſucht; Du wirſt mir durch dein Nichtsthun dieſesmal Am Nitzlichſten— Erklaͤrt ſich unterdeſſen Das Glück für mich, ſo weißt du, was zu thun. 230 (Max Piccolomini tritt ein.) Jetzt, Alter, geh'. Du mußt heut' Nacht noch fort. Nimm meine eignen Pferde— Dieſen da Behalt' ich hier— Macht's mit dem Abſchied kurz! Wir werden uns ja, denk' ich, Alle froh Und glücklich wiederſehn. Octavio(zu ſeinem Sohn). Wir ſprechen uns noch. (Geht ab.) Zweiter Auftritt. Wallenſtein. Mar Piceolomini. Mar(nähert ſich ihm). Mein General— Wallenſtein. Der bin ich nicht mehr, Wenn du des Kaiſers Officier dich nennſt. Mar. So bleibt's dabei, du willſt das Heer verlaſſen? Wallenſlein. Ich hab' des Kaiſers Dienſt entſagt. Mar. Und willſt das Heer verlaſſen? Wallenſtein. Vielmehr hoff' ich Mir's enger noch und feſter zu verbinden. (Er ſeyt ſich.) Ja, Max. Nicht eher wollt' ich's dir eröffnen, 231 Als bis des Handelns Stunde würde ſchlagen. Der Jugend glüͤckliches Gefühl ergreift Das Rechte leicht, und eine Freude iſt's, Das eigne Urtheil prüfend auszuüben, Wo das Exempel rein zu loſen iſt. Doch, wo von zwei gewiſſen Uebeln eins Ergriffen werden muß, wo ſich das Herz Nicht ganz zurückbringt aus dem Streit der Pflichten, Da iſt es Wohlthat, keine Wahl zu haben, und eine Gunſt iſt die Nothwendigkeit. — Die iſt vorhanden. Blicke nicht zurück! Es kann dir nichts mehr helfen. Blicke vorwärts! Urtheile nicht! Bereite dich, zu handeln! — Der Hof hat meinen Untergang beſchloſſen: Drum bin ich Willens, ihm zuvor zu kommen. — Wir werden mit den Schweden uns verbinden. Sehr wackre Leute ſind's und gute Freunde. (Hält ein, Piccolominis Antwort erwartend.) — Ich hab' dich überraſcht. Antwort' mir nicht, Ich will dir Zeit vergönnen, dich zu faſſen. (Er ſteht auf und geht nach Hinten. Max ſteht lange unbeweglich, in den heftigſten Schmerz verſetzt; wie er eine Bewegung macht, kommt Wallenſtein zurück und ſtellt ſich vor ihn hin.) Mar. Mein General!— Du machſt mich heute mündig. Denn bis auf dieſen Tag war mir's erſpart, Den Weg mir ſelbſt zu finden und die Richtung. Dir folgt' ich unbedingt. Auf dich nur braucht' ich Zu ſehn und war des rechten Pfads gewiß. Zum erſten Male heut' verweiſeſt du 23² Mich an mich ſelbſt und zwingſt mich, eine Wahl Zu treffen zwiſchen dir und meinem Herzen. Wallenſtein. 1 Sanft wiegte dich bis heute dein Geſchick: Du konnteſt ſpielend deine Pflichten üben, Jedwedem ſchönen Trieb Genüge thun, Mit ungetheiltem Herzen immer handeln. So kann's nicht immer bleiben. Feindlich ſcheiden Die Wege ſich. Mit Pllichten ſtreiten Pflichten. Du mußt Partei ergreifen in dem Krieg, Der zwiſchen deinem Freund und deinem Kaiſer Sich jetzt entzundet. Mar. Krieg! Iſt Das der Name? Der Krieg iſt ſchrecklich, wie des Himmels Plagen; Doch iſt er gut, iſt ein Geſchick, wie ſie. Iſt Das ein guter Krieg, den du dem Kaiſer Bereiteſt mit des Kaiſers eignem Heer? O Gott des Himmels, was iſt Das für eine Veränderung! Ziemt ſolche Sprache mir Mit dir, der, wie der feſte Stern des Pols, Mir als die Lebensregel vorgeſchienen! O, welchen Riß erregſt du mir im Herzen! Der alten Ehrfurcht eingewachſ'nen Trieb Und des Gehorſams heilige Gewohnheit Soll ich verſagen lernen deinem Namen? Nein, wende nicht dein Angeſicht von mir! Es war mir immer eines Gottes Antli, Kann über mich nicht gleich die Macht verlieren; Die Sinne ſind in deinen Banden noch, Hat gleich die Seele blutend ſich befreit! 233 Wallenſtein. Max, höͤr mich an!. Mar. O, thu' es nicht! Thu's nicht! Sieh! deine reinen, edeln Züge wiſſen Noch nichts von dieſer unglückſel'gen That. Bloß deine Einbildung befleckte ſie, Die unſchuld will ſich nicht vertreiben laſſen Aus deiner hoheitblickenden Geſtalt. Wirf ihn heraus, den ſchwarzen Fleck, den Feind. Ein böſer Traum bloß iſt es dann geweſen, Der jede ſichre Tugend warnt. Es mag Die Menſchheit ſolche Augenblicke haben; Doch ſiegen muß das glückliche Gefühl. Nein, du wirſt nicht ſo endigen. Das würde Verrufen bei den Menſchen jede große Natur und jedes mächtige Vermögen; Recht geben wuͤrd' es dem gemeinen Wahn, Der nicht an Edles in der Freiheit glaubt Und nur der Unmacht ſich vertrauen mag. Wallenſtein. Streng wird die Welt mich tadeln, ich erwart' es. Mir ſelbſt ſchon ſagt' ich, was du ſagen kannſt. Wer miede nicht, wenn ers umgehen kann, Das Aeußerſte! Doch hier iſt keine Wahl, Ich muß Gewalt ausüben oder leiden— So ſteht der Fall: nichts Andres bleibt mir übrig. Mar. Sey's denn! Behaupte dich in deinem Poſten Gewaltſam, widerſetze dich dem Kaiſer, Wenn's ſeyn muß, treib's zur offenen Empörung! 234 Nicht loben werd' ich's, doch ich kann's verzeihn, Will, was ich nicht gut heiße, mit dir theilen. Nur— zum Verräͤther werde nicht! Das Wort Iſt ausgeſprochen, zum Verräther nicht! Das iſt kein überſchrittnes Maß, kein Fehler, Wohin der Muth verirrt in ſeiner Kraft. O, Das iſt ganz was Andres— Das iſt Schwarz, Schwarz, wie die Hölle! Wallenſtein (mit finſterm Stirnfalten, doch gemaͤßigt). Schnell fertig iſt die Jugend mit dem Wort, Das ſchwer ſich handhabt, wie des Meſſers Schneide; Aus ihrem heißen Kopfe nimmt ſie keck Der Dinge Maß, die nur ſich ſelber richten. Gleich heißt er Alles ſchändlich oder würdig! Böſ' oder gut— und, was die Einbildung Fantaſtiſch ſchleppt in dieſen dunkeln Namen, Das bürdet ſie den Sachen auf und Weſen. (Eng iſt die Welt, und das Gehirn iſt weit. Leicht beieinander wohnen die Gedanken; Doch hart im Raume ſtoßen ſich die Sachen, (Wo Eines Platz nimmt, muß das Andre rücken; Wer nicht vertrieben ſeyn will, muß vertreiben; Da herrſcht der Streit, und nur die Starke ſiegt. — Ja, wer durch's Leben gehet ohne Wunſch, Sich jeden Zweck verſagen kann, Der wohnt Im leichten Feuer mit dem Salamander und häͤlt ſich rein im reinen Element; Mich ſchuf aus groberm Stoffe die Natur, Und zu der Erde zieht mich die Begierde. Dem böͤſen Geiſt gehört die Erde, nicht 235 Dem guten. Was die Göttlichen uns ſenden Von oben, ſind nur allgemeine Güter: Ihr Licht erfreut, doch macht es Keinen reich, In ihrem Staat erringt ſich kein Beſitz. Den Sdelſtein, das allgeſchäatzte Gold, Muß man den falſchen Mächten abgewinnen, Die unterm Tage ſchlimmgeartet hauſen. Nicht ohne Opfer macht man ſie geneigt, und Keiner lebet, der aus ihrem Dienſt Die Seele hätte rein zurückgezogen. Mar(mit Bedeutung). O, fürchte, fürchte dieſe falſchen Mächte! Sie halten nicht Wort! Es ſind Lügengeiſter, Die dich berückend in den Abgrund ziehn. Trau' ihnen nicht! Ich warne dich— O, kehre Zurück zu deiner Pllicht! Gewiß, du kannſt's! Schick' mich nach Wien. Ja, thue Das. Laß mich, Mich deinen Frieden machen mit dem Kaiſer. Er kennt dich nicht, ich aber kenne dich: Er ſoll dich ſehn mit meinem reinen Auge, Und ſein Vertrauen bring' ich dir zurück. Wallenſtein. Es iſt zu ſpät. Du weißt nicht, was geſchehn. Mar. und, wär's zu ſpät— und, wär' es auch ſo weit, Daß ein Verbrechen nur vom Fall dich rettet, So falle! falle würdig, wie du ſtandſt. Verliere das Commando. Geh' vom Schauplatz. Du kannſi's mit Glanze, thu's mit Unſchuld auch. — Du haſt für Andre viel gelebt, leb' endlich 9 236 Einmal dir ſelber! Ich begleite dich: Mein Schickſal trenn' ich nimmer von dem deinen— Wallenſtein. 3 Es iſt zu ſpät. Indem du deine Worte Verlierſt, iſt ſchon ein Meilenzeiger nach dem andern Zurückgelegt von meinen Eilenden, Die mein Gebot nach Prag und Eger tragen. — Ergib dich drein! Wir handeln, wie wir müſſen. So laß uns das Nothwendige mit Würde, Mit feſtem Schritte thun— Was thu' ich Schlimmres, Als jener Cäſar that, deß Name noch Bis Heut' das Höchſte in der Welt benennet? Er führte wider Rom die Legionen, Die Rom ihm zur Beſchützung anvertraut. Warf er das Schwert von ſich, er war verloren, Wie ich es war', wenn ich entwaffnete. Ich ſpüre was in mir von ſeinem Geiſt. Gib mir ſein Glück! Das Andre will ich tragen. (Max, der bisher in einem ſchmerzvollen Kampfe geſtanden, geht ſchnell ab. Waltenſtein ſiebt ihm verwundert und betroſſen nach und ſteht in tiefe Gedanken verloren.) Dritter Auftritt. Wallenſtein. Cerzky. Cleich darauf Illo. Te rzky. Mayx Piccolomini verließ dich eben? Wallenſlein. Wo iſt der Wrangel? 237 Terzky. Fort iſt er. Wallenſtein. So eilig? Cerzky. Es war, als ob die Erd' ihn eingeſchluckt. Er war kaum von dir weg, als ich ihm nachging: Ich hatt' ihn noch zu ſprechen— doch weg war er, Und Niemand wußte mir von ihm zu ſagen. Ich glaub', es war der Schwarze ſelbſt geweſen: Ein Menſch kann nicht auf einmal ſo verſchwinden. Illo(kommt). Iſt's wahr, daß du den Alten willſt verſchicken? Terzky. Wie? Den Octavio! Wo denkſt du hin?⸗ Wallenſtein. Er geht nach Frauenberg, die ſpaniſchen Und wälſchen Regimenter anzuführen. Terzky. Das wolle Gott nicht, daß du Das vollbringſt! Illo. Dem Falſchen willſt du Kriegsvolk anvertrauen? Ihn aus den Augen laſſen, grade jetzt, In dieſem Augenblicke der Entſcheidung? Terzky. Das wirſt du nicht thun. Nein, um Alles nicht! Wallenſtein. Seltſame Menſchen ſeyd ihr. Illo. . O, nur diesmal Gib unſrer Warnung nach. Laß ihn nicht fort. 238 Wallenſtein. und warum ſoll ich ihm dies eine Mal Nicht trauen, da ich's ſtets gethan? Was iſt geſchehn, Das ihn um meine gute Meinung brächte? Aus eurer Grille, nicht der meinen, ſoll ich Mein alt erprobtes Urtheil von ihm andern? Denkt nicht, daß ich ein Weib ſey. Weil ich ihm Getraut bis heut, will ich auch heut' ihm trasen. Terzky. Muß es denn Der juſt ſeyn? Schick einen Andern! Wallenſtein. Der muß es ſeyn, Den hab' ich mir erleſen. Er taugt zu dem Geſchäft. Drum gab' ich's ihm. . Illo. Weil er ein Wäaͤlſcher iſt, drum taugt er dir. Wallenſtein. Weiß wohl, ihr wart den Beiden nie gewogen, Weil ich ſie achte, liebe, euch und Andern Vorziehe ſichtbarlich, wie ſie's verdienen, Drum ſind ſie euch ein Dorn im Auge! Was Geht euer Neid mich an und mein Geſchaͤft? Daß ihr ſie haßt, Das macht ſie mir nicht ſchlechter. Liebt oder haßt einander, wie ihr wollt: Ich laſſe Jedem ſeinen Sinn und Neigung, Weiß doch, was mir ein Jeder von euch gilt. Illo. Er geht nicht ab— müßt' ich die Räder ihm am Wagen Zerſchmettern laſſen. Wallenſtein. Maͤßige dich, Illo! 239 Terzky. Der Queſtenberger, als er hier geweſen, Hat ſtets zuſammen auch geſteckt mit ihm. Wallenſtein. Geſchah mit meinem Wiſſen und Erlaubniß. CTerzky. Und, daß geheime Boten an ihn kommen Vom Gallas, weiß ich auch. . Wallenſtein. 4 Das iſt nicht wahr. Illo. O, du biſt blind mit deinen ſehnden Augen! Wallenſtein. Du wirſt mir meinen Glauben nicht erſchüttern, Der auf die tiefſte Wiſſenſchaft ſich baut. Lügt er, dann iſt die ganze Sternkunſt Lüge.. Denn wißt, ich hab' ein Pfand vom Schickſal ſelbſt, Daß er der treuſte iſt von meinen Freunden. 3llo. Haſt du auch eins, daß jenes Pfand nicht lüge? Wallenſtein. Es gibt im Menſchenleben Augenblicke, Wo er dem Weltgeiſt naͤher iſt, als ſonſt, Und eine Frage frei hat an das Schickſal. Solch ein Moment war's, als ich in der Nacht, Die vor der Lützner Action vorherging, Gedankenvoll an einen Baum gelehnt, Hinausſah in die Ebene. Die Feuer Des Lagers brannten duſter durch den Nebel; Der Waffen dumpfes Rauſchen unterbrach, Der Runden Ruf einförmig nur die Stille. 240 Mein ganzes Leben ging, vergangenes und künftiges, in dieſem Augenblick An meinem inneren Geſicht vorüber, uUnd an des nächſten Morgens Schickſal knüpfte Der ahnungsvolle Geiſt die fernſte Zukunft. Da ſagt' ich alſo zu mir ſelbſt:„So Vielen Gebieteſt du: ſie folgen deinen Sternen und ſetzen, wie auf eine große Nummer, Ihr Alles auf dein einzig Haupt und ſind In deines Glückes Schiff mit dir geſtiegen. Doch kommen wird der Tag, wo Dieſe alle Das Schickſal wieder auseinander ſtreut; Nur Wen'ge werden treu bei dir verharren. Den möcht' ich wiſſen, der der Treuſte mir Von Allen iſt, die dieſes Lager einſchließt. Gib mir ein Zeichen, Schickſal! Der ſoll's ſeyn, Der an dem naͤchſten Morgen mir zuerſt Entgegen kommt mit einem Liebeszeichen.“ und, Dieſes bei mir denkend, ſchlief ich ein. und mitten in die Schlacht ward ich geführt Im Geiſt. Groß war der Drang. Mir tödtete Ein Schuß das Pferd, ich ſank, und über mir Hinweg, gleichgültig, ſetzten Roß und Reiter, Und keuchend lag ich, wie ein Sterbender, Zertreten unter ihrer Hufe Schlag. Da faßte plötzlich hülfreich mich ein Arm, Es war Octavios— und ſchnell erwach' ich, Tag war es— und Octavio ſtand vor mir. „Mein Bruder,“ ſprach er,„reite heute nicht „Den Schecken, wie du pflegſt. Beſteige lieber „Das ſichre Thier, das ich dir ausgeſucht. 241 „Thu's mir zu lieb, es warnte mich ein Traum.“ Und dieſes Thieres Schnelligkeit entriß Mich Banners verfolgenden Dragonern. Mein Vetter ritt den Schecken an dem Tag, Und Roß und Reiter ſah ich niemals wieder. Illo. Das war ein Zufall. Wallenſtein(bedeutend). Es gibt keinen Zufall 5 und, was uns blindes Ungefähr nur dünkt, Gerade Das ſteigt aus den tiefſten Quellen. Verſiegelt hab' ich's und verbrieft, daß er Mein guter Engel iſt, und nun kein Wort mehr! (Er geht.) Terzky. Das iſt mein Troſt, der Mar bleibt uns als Geißel. Illo. Und Der ſoll mir nicht lebend hier vom Platze. Wallenſtein (bleibt ſtehen und kehrt ſich um). Seyd ihr nicht, wie die Weiber, die beſtändig Zurück nur kommen auf ihr erſtes Wort, Wenn man Vernunft geſprochen ſtundenlang! — Des Menſchen Thaten und Gedanken, wißt, Sind nicht, wie Meeres blind bewegte Wellen. Die innre Welt, ſein Mikrokosmus, iſt Der tiefe Schacht, aus dem ſie ewig quellen. Sie ſind nothwendig, wie des Baumes Frucht, Sie kann der Zufall gaukelnd nicht verwandeln; Schillers ſämmtl. Werke. IV. 16 242 Hab' ich des Menſchen Kern erſt unterſucht, So weiß ich auch ſein Wollen und ſein Handeln. (Gehen ab.) Zimmer in Piccolominis Wohnung. Octavis Piccolomini Kreiſefertig). Ein Adzutant. Octavio. Iſt das Commando da? 3 Arjutant. Es wartet unten. Octavio. Es ſind doch ſichre Leute, Adjutant? Aus welchem Regimente nahmt Ihr ſie? Adjutant. Von Tiefenbach. Octavio. Dies Regiment iſt treu. Laßt ſie im Hinterhof ſich ruhig halten, Sich Niemand zeigen, bis ihr klingeln hört: Dann wird das Haus geſchloſſen, ſcharf bewacht, Und Jeder, den ihr antrefft, bleibt verhaftet. (Adjutant ab.) Zwar hoff' ich, es bedarf nicht ihres Dienſtes, Denn meines Calculs halt' ich mich gewiß. Doch es gilt Kaiſers Dienſt, das Spiel iſt groß, Und beſſer zu viel Vorſicht, als zu wenig. 243 Fünfter Auftritt. Octavis Picrolomini. Iſolani(tritt herein). Iſolani. Hier bin ich— Nun! wer kommt noch von den Andern? Octavis(geheimnißvoll). Vorerſt ein Wort mit Euch, Graf Iſolani. Iſolani(gebeimnißvoll). Soll's losgehn? will der Fürſt was unternehmen? Mir dürft Ihr trauen. Setzt mich auf die Probe. Octavis. Das kann geſchehn. Iſolani. Herr Bruder, ich bin nicht Von Denen, die mit Worten tapfer ſind Und, kommt's zur That, das Weite ſchimpflich ſuchen. Der Herzog hat als Freund an mir gethan, Weiß Gott, ſo iſt's! Ich bin ihm Alles ſchuldig. Auf meine Treue kann er baun. Octavio. Es wird ſich zeigen. Iſolani. Nehmt Euch in Acht. Nicht Alle denken ſo. Es halten's hier noch Viele mit dem Hof Und meinen, daß die Unterſchrift von Neulich, Die abgeſtohlne, ſie zu nichts verbinde. Octavio. So? nennt mir doch die Herren, die Das meinen. Iſolani. Zum Henker! Alle Deutſche ſprechen ſo. 244 Auch Eſterhazy, Kaunitz, Deodat Erklären jetzt, man muͤſſ' dem Hof gehorchen. Octuvio. Das freut mich. Iſolani. Freut mich? Octavio. Daß der Kaiſer noch So gute Freunde hat und wackre Diener. Iſolani. Spaßt nicht! Es ſind nicht eben ſchlechte Männer. Octavio. Gewiß nicht. Gott verhüte, daß ich ſpaße! Sehr ernſtlich freut es mich, die gute Sache So ſtark zu ſehn. Iſolani. Was Teufel! Wie iſt Das? Seyd Ihr denn nicht?— Warum bin ich denn hier? Octavio(mit Anſehen). Euch zu erklären, rund und nett, ob Ihr Ein Freund wollt heißen oder Feind des Kaiſers? Iſolani(trotzig). Darüber werd' ich Dem Erklärung geben, Dem's zukommt, dieſe Frag' an mich zu thun. Octavio. Ob mir Das zukommt, mag dies Blatt Euch lehren. Iſolani. Wa— was? Das iſt des Kaiſers Hand und Siegel. (Liest.) „Als werden ſämmtliche Hauptleute unſrer „Armee der Ordre unſers lieben, treuen, 245 „Des Generalleutnant Piccolomini, „Wie unſrer eignen“— Hm— Ja— So— Ja, ja! Ich— mach' Euch meinen Glückwunſch, Generalleutenant! Octavio. Ihr unterwerft Euch dem Befehl? Iſolani. Ich— aber Ihr überraſcht mich auch ſo ſchnell— Man wird Mir doch Bedenkzeit, hoff' ich— Octavis. Zwei Minuten. Iſolani. Mein Gott, der Fall iſt aber— Octavio. Klar und einfach. Ihr ſollt erklären, ob ihr Euren Herrn Verrathen wollet oder treu ihm dienen. Iſolani. Verrath— mein Gott— ver ſpricht denn von Verrath? Octavio. Das iſt der Fall. Der Fürſt iſt ein Verraͤther, Will die Armee zum Feind hinüberführen. Erklart Euch kurz und gut. Wollt Ihr dem Kaiſer Abſchwören? Euch dem Feind verkaufen? Wollt Ihr? Iſolani. Was denkt Ihr? Ich des Kaiſers Majeſtät Abſchwören? Sagt' ich ſo? Wann hatt' ich Das Geſagt? Octavio. Noch habt Ihr's nicht geſagt. Noch nicht. Ich warte drauf, ob Ihr es werdet ſagen. 246 Iſoluni. Nun, ſeht, Das iſt mir lieb, daß Ihr mir ſelbſt Bezeugt, ich habe ſo was nicht geſagt. 3 Octavio. Ihr ſagt Euch alſo von dem Fürſten los? ſolani. Spinnt er Verrath— Verrath trennt alle Bande. — Octavio. und ſeyd entſchloſſen, gegen ihn zu fechten? IZſolani. Er that mir Gutes— doch, wenn er ein Schelm iſt Verdamm' ihn Gott! die Rechnung iſt zerriſſen. Octavio. Nich freut's, daß Ihr in Gutem Euch gefügt. Heut' Nacht in aller Stille brecht Ihr auf Mit allen leichten Truppen; es muß ſcheinen, Als kam' die Ordre von dem Herzog ſelbſt. Zu Frauenberg iſt der Verſammlungsplatz, Dort gibt Euch Gallas weitere Befehle. Iſolani. Es ſoll geſchehn. Gedenk mir's aber auch Beim Kaiſer, wie bereit Ihr mich gefunden. Octavis. Ich werd' es ruͤhmen. (Iſolani geht, es kommt ein Bedienter.) Oberſt Buttler? Gut. 3 ſol ani(zurückkommend). Vergebt mir auch mein barſches Weſen, Alter. Herr Goött! wie konnt' ich wiſſen, welche große Perſon ich vor mir hatte! 247 Octavio. Laßt Das gut ſeyn. Iſolani. Ich bin ein luſt'ger alter Knab', und, wär' Mir auch ein raſches Wörtlein übern Hof Entſchlüͤpft zuweilen in der Luſt des Weins, Ihr wißt ja, bös war's nicht gemeint.(Geht ab.) Octavio. Macht Euch Darüber keine Sorge!— Das gelang. Glück, ſey uns auch ſo günſtig bei den Andern! Sechster Auftritt. Octavis Piecolomini. Juttler. Zuttler. Ich bin zu Eurer Ordre, Generalleutnant. Octavio. Seyd mir als werther Gaſt und Freund willkommen! Zuttler. Zu große Ehr' für mich. Octavio (nachdem Beide Platz genommen). Ihr habt die Neigung nicht erwidert, Womit ich geſtern Euch entgegen kam, Wohl gar als leere Formel ſie verkannt. Von Herzen ging mir jener Wunſch, es war Mir Ernſt um Euch: denn eine Zeit iſt jetzt, Wo ſich die Guten eng verbinden ſollten. 248 Buttler. Die Gleichgeſinnten konnen es allein. Octavio. Und alle Gute nenn' ich gleichgeſinnt. Dem Menſchen bring' ich nur die That in Rechnung, Wozu ihn ruhig der Charakter treibt: Denn blinder Mißverſtaͤndniſſe Gewalt Draͤngt oft den Beſten aus dem rechten Gleiſe. Ihr kamt durch Frauenberg. Hat Euch Graf Gallas Nichts anvertraut? Sagt mir's. Er iſt mein Freund. Buttler. Er hat verlorne Worte nur geſprochen. Octavio. Das hör ich ungern; denn ſein Rath war gut, Und einen gleichen haͤtt' ich Euch zu geben. Buttler. Spart Euch die Müh'— mir die Verlegenheit, So ſchlecht die gute Meinung zu verdienen. Octavio. Die Zeit iſt theuer: laßt uns offen reden. Ihr wißt, wie hier die Sachen ſtehn. Der Herzog Sinnt auf Verrath, ich kann Euch mehr noch ſagen, Er hat ihn ſchon vollfuhrt, geſchloſſen iſt Das Bündniß mit dem Feind vor wen'gen Stunden. Nach Prag und Eger reiten ſchon die Boten, Und morgen will er zu dem Feind uns führen. Doch er betrügt ſich; denn die Klugheit wacht, Noch treue Freunde leben hier dem Kaiſer, Und machtig ſteht ihr unſichtbarer Bund. Dies Manifeſt erklärt ihn in die Acht, Spricht los das Heer von des Gehorſams Pflichten, d 249 Und alle Gutgeſinnten ruft es auf, Sich unter meiner Führung zu verſammeln. Nun waͤhlt, ob Ihr mit uns die gute Sache, Mit ihm der Böſen böſes Los wollt theilen? Buttler(ſteht auf). Sein Los iſt meines. Octavio. Iſt Das Euer letzter Entſchluß? 4 Buttler. Er iſt's. Octavio. Bedenkt Euch, Oberſt Buttler. Noch habt Ihr Zeit. In meiner treuen Bruſt Begraben bleibt das raſch geſprochne Wort. Rehmt es zurück. Wäͤhlt eine beſſere Partei. Ihr habt die gute nicht ergriffen. Buttler. Befehlt Ihr ſonſt noch etwas, Generalleutnant? Octavio. Seht Eure weißen Haare! Nehmt's zurück. * Buttler. Lebt wohl! Octavio. 1 Was? dieſen guten tapfern Degen Wollt Ihr in ſolchem Streite ziehen? wollt In Fluch den Dank verwandeln, den Ihr Euch Durch vierzigjähr'ge Treu' verdient um Oeſtreich? Buttler(bitter lachend). Dank vom Haus Oeſtreich! (Er will gehen.) Aℳ 250 Octavio (laͤßt ihn bis an die Thuͤre gehen, dann ruft er). Buttler! Buttler. Was beliebt? Octavis. Wie war es mit dem Grafen? Buttler. Grafen! Was? Octavio. Dem Grafentitel, mein' ich. Buttler cheftig auffahrend). 4 Tod und Teufel! Octavio ckalt). Ihr ſuchtet darum nach. Man wies Euch ab. Buttler. Nicht ungeſtraft ſollt Ihr mich höhnen. Zieht! Octavio. Steckt ein. Sagt ruhig, wie es damit ging. Ich will Genugthuung nachher Euch nicht verweigern. Zuttler. Mag alle Welt doch um die Schwachheit wiſſen, Die ich mir ſelber nie verzeihen kann! — Ja! Generalleutnant, ich beſitze Ehrgeiz: Verachtung hab' ich nie ertragen können. Es that mir wehe, daß Geburt und Titel Bei der Armee mehr galten, als Verdienſt. Nicht ſchlechter wollt' ich ſeyn, als Meinesgleichen: So ließ ich mich in unglückſel'ger Stunde Zu jenem Schritt verleiten— Es war Thorheit! 251 Doch nicht verdient' ich, ſie ſo hart zu büßen! — Verſagen konnte man's— Warum die Weigrung Mit dieſer kränkenden Verachtung ſchärfen, Den alten Mann, den treu bewährten Diener Mit ſchwerem Hohn zermalmend niederſchlagen, An ſeiner Herkunft Schmach ſo rauh ihn mahnen, Weil er in ſchwacher Stunde ſich vergaß! Doch einen Stachel gab Natur dem Wurm, Den Willkür uͤbermüthig ſpielend tritt— Octavio. Ihr müßt verleumdet ſeyn. Vermuthet Ihr Den Feind, der Euch den ſchlimmen Dienſt geleiſtet? Zuttler. Sey's, wer es will! Ein niederträcht'ger Bube, Ein Höfling muß es ſeyn, ein Spanier, Der Junker irgend eines alten Hauſes, Dem ich im Licht mag ſtehn, ein neid'ſcher Schurke, Den meine ſelbſtverdiente Würde krankt. Octavio. Sagt, billigte der Herzog jenen Schritt? Buttler. Er trieb mich dazu an, verwendete Sich ſelbſt für mich mit edler Freundeswärme. Oetuvio. So? Wißt Ihr Das gewiß: 3 Buttler. Ich las den Brief. Octavio(bedeutend). Ich auch— doch anders lautete ſein Inhalt. (Buttier wird rerroffen.) 252 Durch Zufall bin ich im Beſitz des Briefs, Kann Ench durch eignen Anblick überführen. (Er gibt ihm den Brief). 1 Buttler. Ha! was iſt Das? Octavio. Ich fürchte, Oberſt Buttler, Man hat mit Euch ein ſchändlich Spiel getrieben. Der Herzog, ſagt Ihr, trieb Euch zu dem Schritt?— In dieſem Briefe ſpricht er mit Verachtung Von Euch, rath dem Miniſter, Euren Dünkel, Wie er ihn nennt, zu zuüchtigen. (Buttler hat den Brief geleſen, ſeine Knie zittern, er greift nach einem Stuhle, ſetzt ſich nieder). Kein Feind verfolgt Euch. Niemand will Euch übel. Dem Herzog ſchreibt allein die Krankung zu, Die Ihr empfangen: deutlich iſt die Abſicht. Loßreißen wollt' er Euch von Eurem Kaiſer— Von Eurer Rache hofft' er zu erlangen, Was Eure wohlbewahrte Treu' ihn nimmer Erwarten ließ bei ruhiger Beſinnung. Zum blinden Werkzeug wollt' er Euch, zum Mittel Verworfner Zwecke Euch verachtlich brauchen. Er hat's erreicht. Zu gut nur glückt' es ihm, Euch wegzulocken von dem guten Pfade, Auf dem Ihr vierzig Jahre ſeyd gewandelt. Buttler(mit der Stimme bebend). Kann mir des Kaiſers Majeſtät vergeben? . Ocetavio. Sie thut noch mehr. Sie macht die Kränkung gut, Die unverdient dem Würdigen geſchehn. 253 Aus freiem Trieb beſtätigt ſie die Schenkung, Die Euch der Fürſt zu böſem Zweck gemacht. Das Regiment iſt Euer, das Ihr führt. Zuttler (will aufſtehen, ſinkt zurück. Sein Gemuͤth arbeitet heftig, er verſucht zu reden und vermag es nicht. Endlich nimmt er den Degen vom Gehänge und reicht ihn dem Piccolomini). Octavis. Was wollt Ihr? Faßt Euch! Zuttler. Nehmt! Octavio. Wozu? Beſinnt Euch! Zuttler. Nehmt hin! Nicht werth mehr bin ich dieſes Degens. Octavio. Empfangt ihn neu zurück aus meiner Hand und führt ihn ſtets mit Ehre für das Recht. Zuttler. Die Treue brach ich ſolchem gnäd'gen Kaiſer! Octavio. 4 Macht's wieder gut. Schnell trennt Euch von dem Herzog. Buttler. Mich von ihm trennen! Octavio. Wie? Bedenkt Ihr Euch? Zuttler(Zurchtbar ausbrechend). Nur von ihm trennen? O, er ſoll nicht leben! Octavio. Folgt mir nach Frauenberg, wo alle Treuen Bei Gallas ſich und Altringer verſammeln. 254 Viel Andre baacht' ich noch zu ihrer Pflicht Zuruͤck: heut' Nacht entfliehen ſie aus Pilſen.— Zuttler (iſt heſtig bewegt auf und ab gegangen und tritt zu Octavio, mit entſchloſſenem Blick'. Graf Piccolomini! Darf Euch der Mann Von Ehre ſprechen, der die Treue brach? Octavio. Der darf es, der ſo ernſtlich es bereut. Buttler. So laßt mich hier— auf Ehrenwort. Octavio. Was ſinnt Ihr? Buttler. Mit meinem Regimente laßt mich bleiben. Octavio. Ich darf Euch traun. Doch ſagt mir, was Ihr brütet? Buttler. 8 Die That wird's lehren. Fragt mich jetzt nicht weiter! Traut mir, Ihr könnt's! Bei Gott, Ihr überlaſſet Ihn ſeinem guten Engel nicht! Lebt wohl! (Geht ab.) 2 Bedienter(bringt ein Billet). Ein Unbekannter bracht's und ging gleich wieder. b Des Fürſten Pferde ſtehen auch ſchon unten.(Ab.) Octavio(liest). „Macht, daß Ihr fortkommt. Euer treuer Iſolan.“ — O, läage dieſe Stadt erſt hinter mir! So nah' dem Hafen ſollten wir noch ſcheitern? Fort, fort! Hier iſt nicht länger Sicherheit Für mich. Wo aber bleibt mein Sohn? 255 Siebenter Auftritt. Beide Piccolomini. Mar (kommt in der heftigſten Gemüthsbewegung, ſeine Blicke rollen wild, ſein Gang iſt unſtet; er ſcheint den Vater nicht zu bemerken, der von Ferne ſteht und ihn mitleidig anſteht. Mit großen Schritten geht er durch das Zimmer, bleibt wieder ſtehen und wirft ſich zuletzt in einen Stuhl, gerade vor ſich hin ſtarrend). 4 Octavio(nähert ſich ihm). Ich reiſe ab, mein Sohn. (Da er keine Antwort erhält, ſaßt er ihn bei der Hand.) Mein Sohn, leb' wohl! Mar. Leb' wohl! Octavio. Du folgſt mir doch bald nach? Marohne ihn anzuſehen). Ich dir? Dein Weg iſt krumm, er iſt der meine nicht. (Detavio läßt ſeine Hand los und fährt zurück.) O, wärſt du wahr geweſen und gerade: Nie kam es dahin, Alles ſtände anders! Er hätte nicht das Schreckliche gethan; Die Guten hätten Kraft bei ihm behalten, Nicht in der Schlechten Garn wär' er gefallen. Warum ſo heimlich, hinterliſtig lauernd, Gleich einem Dieb und Diebeshelfer, ſchleichen? Unſel'ge Falſchheit! Mutter alles Böſen! Du, jammerbringende, verderbeſt uns! Wahrhaftigkeit, die reine, hätt' uns Alle, 2⁵⁶ Die welterhaltende, gerettet. Vater, Ich kann dich nicht entſchuldigen, ich kann's nicht. Der Herzog hat mich hintergangen, ſchrecklich; Du aber haſt viel heſſer nicht gehandelt. Octavio. Mein Sohn, ach, ich verzeihe deinem Schmerz. Marx (ſtehꝛ auf, betrachtet ihn mit zweifelhaften Blicken). Waͤr's möglich, Vater? Vater? Häͤtteſt du's Mit Vorbedacht bis dahin treiben wollen? Du ſteigſt durch ſeinen Fall. Octavid, Das will mir nicht gefallen. Octuvis. Gott im Himmel! Mar. Weh' mir! Ich habe die Natur verändert. Wie kommt der Argwohn in die freie Seele? Vertrauen, Glaube, Hoffnung iſt dahin: Denn Alles log mir, was ich hochgeachtet. Nein! Nein! Nicht Alles! Sie ja lebt mir noch, Und ſie iſt wahr und lauter, wie der Himmel. Betrug iſt überall und Heuchelſchein Und Mord und Gift und Meineid und Verrath; Der einzig reine Ort iſt unſre Liebe, Der unentweihte, in der Menſchlichkeit. OQctanio. Mar, folg' mir lieber gleich, Das fſt doch beſſer. Mar. Was? Eh' ich Abſchied noch von ihr genommen? Den letzten?— Nimmermehr! 257 Octavio. Erſpare dir Die Qual der Trennung, der nothwendigen. Komm mit mir! Komm, mein Sohn! (Will ihn fortziehen.) Mar. Nein. So wahr Gott lebt! Octavio(dringender). Komm mit mir! Ich gebiete dir's, dein Vater. 3 Mar. Gebiete mir, was menſchlich iſt. Ich bleibe. Octavio. Marx, in des Kaiſers Namen, folge mir! Mar. Kein Kaiſer hat dem Herzen vorzuſchreiben. Und willſt du mir das Einzige noch rauben, Was mir mein Unglück übrig ließ, ihr Mitleid? Muß grauſam auch das Grauſame geſchehn? Das Unabanderliche ſoll ich noch Unedel thun, mit heimlich feiger Flucht, Wie ein Unwürdiger, mich von ihr ſtehlen? Sie ſoll mein Leiden ſehen, meinen Schmerz, Die Klagen hören der zerriſſ'nen Seele Und Thränen um mich weinen— O! die Menſchen Sind grauſam, aber ſie iſt wie ein Engel. Sie wird von graͤßlich wüthender Verzweiflung Die Seele retten, dieſen Schmerz des Todes Mit ſanften Troſtesworten klagend löſen. Octavio. Du reißeſt dich nicht los, vermagſt es nicht. O, komm, mein Sohn, und rette deine Tugend! Schillers ſämmtl. Werke. IV. 17 258 Mar. Verſchwende deine Worte nicht vergebens! Dem Herzen folg' ich, denn ich darf ihm trauen. Octavio(außer Faſſung, zitternd). Max! Max! Wenn das Entſetzliche mich trifft, Wenn du— mein Sohn— mein eignes Blut— Nicht denken!— dich dem Schaͤndlichen verkaufſt, Dies Brandmal aufdruͤckſt unſers Hauſes Adel: Dann ſoll die Welt das Schauderhafte ſehn, Und von des Vaters Blute triefen ſoll Des Sohnes Stahl im graͤßlichen Gefechte. Mar. Ol häͤtteſt du vom Menſchen beſſer ſtets Gedacht, du hätteſt beſſer auch gehandelt. Fluchwürd'ger Argwohn! Unglüͤckſel'ger Zweifel! Es iſt ihm Feſtes nichts und Unverrücktes, Und Alles wanket, wo der Glaube fehlt. Octavio. Und, trau' ich deinem Herzen auch, wird's immer In deiner Macht auch ſtehen, ihm zu folgen? Mar. Du haſt des Herzens Stimme nicht bezwungen: So wenig wird der Herzog es vermoͤgen. — Octavis. O Mar, ich ſeh' dich niemals wiederkehren! Mar. Unwürdig deiner wirſt du nie mich ſehn. Octavis. Ich geh' nach Frauenberg, die Pappenheimer Laß ich dir hier, auch Lothringen, Toscana und Tiefenbach bleibt da, dich zu bedecken. 259 Sie lieben dich und ſind dem Eide treu Und werden lieber tapfer ſtreitend fallen, Als von dem Führer weichen und der Ehre. Mar. Verlaß dich drauf, ich laſſe fechtend hier Das Leben oder führe ſie aus Pilſen. Octavio(aufbrechend). Mein Sohn, leb' wohl! 5 Mar. Leb' wohl! Octavio. Wie? Keinen Blick Der Liebe? Keinen Haͤndedruck zum Abſchied? Es iſt ein blut'ger Krieg, in den wir gehn, Und ungewiß, verhüllt iſt der Erfolg. So pflegten wir uns vormals nicht zu trennen. Iſt es denn wahr? Ich habe keinen Sohn mehr? (Marx fällt in ſeine Arme, ſie halten einander lange ſchweigend umſaßt, dann entfernen ſie ſich nach verſchiedenen Seiten.) 260 Dritter Aufzug. Saal vei der Herzogin von Friedland. Erſter Auftritt. Gräſin Terzky. Thekla. Fräulein von Neubrunn. (Beide Letztere mit weiblichen Arbeiten beſchäftigt.) Gräfin. Ihr habt mich nichts zu fragen, Thekla? gar nichts? Schon lange wart' ich auf ein Wort von Euch. Könnt Ihr's ertragen, in ſo langer Zeit Nicht einmal ſeinen Namen auszuſprechen? Wie? oder wär' ich jetzt ſchon überfluſſig, und gäb' es andre Wege, als durch mich?— Geſteht mir, Nichte, habt Ihr ihn geſehn? Thekla. Ich hab' ihn heut' und geſtern nicht geſehn. Gräfin. Auch nicht von ihm gehört? Verbergt mir nichts! Thekla. Kein Wort. Gräfin. Und könnt ſo ruhig ſeyn? Thekla Ich bin's. Gräfin. Verlaßt uns, Neubrunn. (Fraͤulein von Neubrunn entſernt ſich.) Zweiter Auftritt. Gräſin. Thekla. Gräfin. Es gefällt mir nicht, Daß er ſich grade jetzt ſo ſtill verhält. Thekla. Gerade jetzt?. Gräfin. Nachdem er Alles weiß! Denn jetzo waͤr's die Zeit, ſich zu erklären. Thekla. Sprecht deutlicher, wenn ich's verſtehen ſoll. Gräfin. In dieſer Abſicht ſchickt' ich ſie hbinweg. Ihr ſeyd kein Kind mehr, Thekla. Euer Herz Iſt mündig, denn Ihr liebt, und kühner Muth Iſt bei der Liebe. Den habt Ihr bewieſen. Ihr artet mehr nach Eures Vaters Geiſt, Als nach der Mutter ihrem. Darum koͤnnt Ihr hoͤren, Was ſie nicht faͤhig iſt zu tragen. Thekla. Ich bitt' Euch, endet dieſe Vorbereitung. 262 Sey's, was es ſey. Heraus damit! Es kann Mich mehr nicht angſtigen, als dieſer Eingang. Was habt Ihr mir zu ſagen? Faßt es kurz. Gräfin. Ihr müßt nur nicht erſchrecken— Thekla. Nennt's! Ich bitt' Euch. Gräfin. Es ſteht bei Euch, dem Vater einen großen Dienſt Zu leiſten— Thekla. Bei mir ſtände Das! Was kann— Gräfin. Max Piccolomini liebt Euch. Ihr könnt Ihn unauflöslich an den Vater binden. Thekla. Braucht's dazu meiner? Iſt er es nicht ſchon? Gräfin. Er war's. Thekla. Und warum ſollt' er's nicht mehr ſeyn. Nicht immer bleiben? Gräfin. Auch am Kaiſer hängt er. CThekla. Nicht mehr, als Pflicht und Ehre von ihm fordern. Gräfin. Von ſeiner Liebe fordert man Beweiſe Und nicht von ſeiner Ehre— Pflicht und Ehre! Das ſind vieldeutig doppelſinn'ge Namen, 263 Ihr ſollt ſie ihm auslegen: ſeine Liebe Soll ſeine Ehre ihm erklären. Thekla. Wie? Gräfin. Er ſoll dem Kaiſer oder Euch entſagen. Thekla. Er wird den Vater gern in den Privatſtand Begleiten. Ihr vernahmt es von ihm ſelbſt, Wie ſehr er wuͤnſcht, die Waffen wegzulegen: Gräfin. Er ſoll ſie nicht weglegen, iſt die Meinung; Er ſoll ſie für den Vater ziehn. Thekla. Sein Blut, Sein Leben wird er für den Vater freudig Verwenden, wenn ihm Unglimpf widerführe. Grüfin. Ihr wollt mich nicht errathen— Nun, ſo hoͤrt. Der Vater iſt vom Kaiſer abgefallen, Steht im Begriff, ſich zu dem Feind zu ſchlagen Mit ſammt dem ganzen Heer— Thekla. O meine Mutter! Gräfin. Es braucht ein großes Beiſpiel, die Armee Ihm nachzuziehn. Die Piccolomini Stehn bei dem Heer in Anſehn; ſie beherrſchen Die Meinung, und entſcheidend iſt ihr Vorgang. Des Vaters ſind wir ſicher durch den Sohn— — Ihr habt jetzt viel in Eurer Hand. 264 Thekla. O jammervolle Mutter! Welcher Streich des Todes Erwartet dich— Sie wird's nicht überleben. Gräfin. Sie wird in das Nothwendige ſich fügen. Ich kenne ſie— Das Ferne, Künftige beängſtigt Ihr fürchtend Herz; was unabänderlich Und wirklich da iſt, traͤgt ſie mit Ergebung. Thekla. O meine ahnungsvolle Seele— Jetzt— Jetzt iſt ſie da, die kalte Schreckenshand, Die in mein fröhlich Hoffen ſchaudernd greift⸗ Ich wußt' es wohl— O, gleich, als ich hier eintrat, Weiſſagte mir's das bange Vorgefühl, Daß über mir die Unglücksſterne ſtänden— Doch warum denk' ich jetzt zuerſt an mich— O meine Mutter! meine Mutter! Gräfin. Faßt Euch. Brecht nicht in eitle Klagen aus. Erhaltet Dem Vater einen Freund, Euch den Geliebten, So kann noch Alles gut und glücklich werden. Thekla. Gut werden! Was? Wir ſind getrennt auf immer!— Ach, davon iſt nun gar nicht mehr die Rede. Gräfin. Er läßt Euch nicht! Er kann nicht von Euch laſſen. Thekla. O der Unglückliche! 265 Gräfin. Wenn er Euch wirklich liebt, wird ſein Entſchluß Geſchwind gefaßt ſeyn. Thekla. Sein Entſchluß wird bald Gefaßt ſeyn, daran zweifelt nicht. Entſchluß! Iſt hier noch ein Entſchluß? Gräfin. Faßt Euch. Ich hore Die Mutter nahn. 4 Thekla. Wie werd' ich ihren Anblick Ertragen? Gräfin. Faßt Euch. Dritter Auftritt. Die Herzogin und die Vorigen. Herzogin(zur Gräfin). Schweſter, wer war hier? Ich höorte lebhaft reden. Gräfin. Es war Niemand. Herzogin. Ich bin ſo ſchreckhaft. Jedes Rauſchen kündigt mir Den Fußtritt eines Unglücksboten an.* Könnt Ihr mir ſagen, Schweſter, wie es ſteht? Wird er dem Kaiſer ſeinen Willen thun, 266 Dem Cardinal die Reiter ſenden? Sprecht, Hat er den Queſtenberg mit einer guten Antwort entlaſſen? Gräfin. — Nein, Das hat er nicht. Herzogin. O dann iſt's aus! Ich ſeh' das Aergſte kommen. Sie werden ihn abſetzen; es wird Alles wieder So werden, wie zu Regensburg. Gräfin. So wird's Nicht werden. Diesmal nicht. Dafür ſeyd ruhig. (Thekla, heftig bewegt, ſtürzt auf die Mutter zu und ſchließt ſie weinene in die Arme). Herzogin. O, der unbeugſam ungezähmte Mann! Was hab' ich nicht getragen und gelitten In dieſer Ehe unglücksvollem Bund! Denn, gleich wie an ein feurig Rad gefeſſelt, Das raſtlos eilend, ewig, heftig treibt, Bracht' ich ein angſtvoll Leben mit ihm zu, und ſtets an eines Abgrunds jähem Rande Sturzdrohend, ſchwindelnd riß er mich dahin. — Nein, weine nicht, mein Kind. Laß dir mein Leiden Zu keiner böſen Vorbedeutung werden, Den Stand, der dich erwartet, nicht verleiden. Es lebt kein zweiter Friedland: du, mein Kind, Haſt deiner Mutter Schickſal nicht zu fürchten. Thekla. O, laſſen Sie uns fliehen, liebe Mutter! Schnell, ſchnell! Hier iſt kein Aufenthalt für uns. 267 Jedwede nächſte Stunde brütet irgend Ein neues, ungeheures Schreckbild aus! Herzogin. Dir wird ein ruhigeres Los!— Auch wir, Ich und dein Vater, ſahen ſchöne Tage. Der erſten Jahre denk' ich noch mit Luſt. Da war er noch der fröhlich Strebende, Sein Ehrgeiz war ein mild erwärmend Feuer, Noch nicht die Flamme, die verzehrend rast; Der Kaiſer liebte ihn, vertraute ihm, Und, was er anfing, Das mußt' ihm gerathen. Doch ſeit dem Unglückstag zu Regensburg, Der ihn von ſeiner Höoͤh' herunterſtürzte, Iſt ein unſteter, ungeſell'ger Geiſt Argwöhniſch, finſter über ihn gekommen. Ihn floh die Ruhe, und, dem alten Glück, Der eignen Kraft nicht fröhlich mehr vertrauend Wandt' er ſein Herz den dunkeln Künſten zu, Die Keinen, der ſie pflegte, noch beglückt. Gräfin. Ihr ſeht's mit Euren Augen— Aber iſt Das ein Geſpräch, womit wir ihn erwarten? Er wird bald hier ſeyn, wißt Ihr. Soll er ſie In dieſem Zuſtand finden. Herzogin. Komm, mein Kind. Wiſch' deine Thranen ab. Zeig' deinem Vater Ein heitres Antlitz— Sieh', die Schleife hier Iſt los— Dies Haar muß aufgebunden werden. Komm, trockne deine Thraͤnen. Sie entſtellen Dein holdes Auge— Was ich ſagen wollte? 268 Ja, dieſer Piccolomini iſt doch Sin würd'ger Edelmann und voll Verdienſt. Gräfin. Das iſt er, Schweſter. Thekla(zur Graͤfin, beaͤngſtigt). Tante, wollt Ihr mich Entſchuldigen?(Will gehen. Gräfin. Wohin? Der Vater kommt. Thekla. Ich kann ihn jetzt nicht ſehn. Gräfin. Er wird Euch aber Vermiſſen, nach Euch fragen. Herzogin. Warum geht ſie? Thekla. Es iſt mir unerträglich, ihn zu ſehn. Gräfin(zur Herzogin). Ihr iſt nicht wohl. Herzogin(beſorgt). Was fehlt dem lieben Kinde? Beide folgen dem Fraͤulein und ſind beſchäftigt, ſie zuruͤckzuhalten. Wallenſtein erſcheint, im Geſpräch mit Illo.) Vierter Auftritt. Wallenſtein. Illo. Vorige. Wallenſtein. Es iſt noch ſtill im Lager? 269 Illo. Alles ſtill. Wallenſtein. In wenig Stunden kann die Nachricht da ſeyn Aus Prag, daß dieſe Hauptſtadt unſer iſt. Dann können wir die Maske von uns werfen, Den hieſigen Truppen den gethanen Schritt Zugleich mit dem Erfolg zu wiſſen thun. In ſolchen Fällen thut das Beiſpiel Alles. Der Menſch iſt ein nachahmendes Geſchöpf. und, wer der Vorderſte iſt, führt die Heerde. Die Prager Truppen wiſſen es nicht anders, Als daß die Pilſ'ner Völker uns gehuldigt, Und hier in Pilſen ſollen ſie uns ſchwoͤren, Weil man zu Prag das Beiſpiel hat gegeben — Der Buttler, ſagſt du, hat ſich nun erklaͤrt. Illo. Aus freiem Trieb, unaufgefordert kam er, Sich ſelbſt, ſein Regiment dir anzubieten. Wallenſtein. Nicht jeder Stimme, find' ich, iſt zu glauben, Die warnend ſich im Herzen läßt vernehmen. Uns zu berücken, borgt der Lügengeiſt Nachahmend oft die Stimme von der Wahrheit und ſtreut betrügliche Orakel aus. So hab' ich dieſem würdig braven Mann, Dem Buttler, ſtilles Unrecht abzubitten: Denn ein Gefühl, deß ich nicht Meiſter bin, Furcht möcht' ich's nicht gern nennen, uberſchleicht In ſeiner Naͤhe ſchaudernd mir die Sinne Und hemmt der Liebe freudige Bewegung. 270 und dieſer Redliche, vor dem der Geiſt Mich warnt, reicht mir das erſte Pfand des Glücks. Illo. Und ſein geachtet Beiſpiel, zweifle nicht, Wird dir die Beſten in dem Heer gewinnen. Wallenſtein. Jetzt geh' und ſchick' mir gleich den Iſolan Hieher, ich hab' ihn mir noch jüngſt verpflichtet. Mit ihm will ich den Anfang machen. Geh'! (Illo geht hinaus; unterdeſſen ſind die Uebrigen wieder vorwarte gekommen.) Wallenſtein. Sieh' da, die Mutter mit der lieben Tochter! Wir wollen einmal von Geſchäften ruhn— Kommt! Mich verlangte, eine heitre Stunde Im lieben Kreis der Meinen zu verleben. Gräfin. Wir waren lang nicht ſo beiſammen, Bruder. Wallenſtein(bei Seite, zur Gräfin). Kann ſie's vernehmen? Iſt ſie vorbereitet? Gräfin. Noch nicht. Wallenſtein. Komm her, mein Maͤdchen! Setz' dich zu mir. Es iſt ein guter Geiſt auf deinen Lippen; Die Mutter hat mir deine Fertigkeit Geprieſen, es ſoll eine zarte Stimme Des Wohllauts in dir wohnen, die die Seele Bezaubert. Eine ſolche Stimme brauch' Ich jetzt, den böͤſen Däͤmon zu vertreiben, Der um mein Haupt die ſchwarzen Flügel ſchlaͤgt. 271 Herzogin. Wo haſt du deine Cither, Thekla? Komm, Laß deinen Vater eine Probe hören Von deiner Kunſt. Thekla. O meine Mutter! Gott! Herzogin. Komm, Thekla, und erfreue deinen Vater. Thekla. Ich kann nicht, Mutter— Gräfin. Wie? Was iſt Das, Nichte? Thekla(zur Gräfin). Verſchont mich— Singen— jetzt— in dieſer Angſt Der ſchwerbeladnen Seele— vor ihm ſingen— Der meine Mutter ſtuͤrzt ins Grab! Herzogin. Wie, Thekla, Launen? Soll dein güt'ger Vater Vergeblich einen Wunſch geäußert haben? Gräfin. Hier iſt die Cither. Thekla. O mein Gott— Wie kann ich— (Hält das Inſtrument mit zitternder Hand, ihre Seele arbeitet im heftis⸗ ſten Kampf, und im Augenblick, da ſie anfangen ſoll zu ſingen, ſchandert ſie zuſammen, wirft das Inſtrument weg und geht ſchnell ab.)“ Herzogin. Mein Kind— o, ſie iſt krank! Wallenſein. Was iſt dem Maͤdchen? Pflegt ſie ſo zu ſeyn? 272 Gräfin. Nun, weil ſie es denn ſelbſt verräth, ſo will Auch ich nicht länger ſchweigen. 1 Wallenſtein. Wie? Gräfin. Sie liebt ihn. Wallenſtein. Liebt! Wen? Gräfin. Den Piccolomini liebt ſie. Haſt du es nicht bemerkt? die Schweſter auch nicht? Herzogin.. O, war es Dies, was ihr das Herz beklemmte! Sott ſegne dich, mein Kind! Du darfſt Dich deiner Wahl nicht ſchämen. Gräfin. Dieſe Reiſe— Wenu's deine Abſicht nicht geweſen, ſchreib's Dir ſelber zu. Du haäͤtteſt einen andern Begleiter waͤhlen ſollen! Wallenſtein. Weiß er’'s? Gräfin. Er hofft, ſie zu beſitzen. Wallenſtein. Hofft, Sie zu beſitzen— Iſt der Junge toll? Gräfin. Nun mag ſie's ſelber hören! 273 Wallenſtein. Die Friedläͤnderin Denkt er davon zu tragen? Nun, der Einſall Gefaͤllt mir! Die Gedanken ſtehen ihm nicht niedrig. Gräfin. Weil du ſo viele Gunſt ihm ſtets bezeigt, So— Wallenſtein. — Will er mich auch endlich noch beerben Nun ja, ich lieb' ihn, halt' ihn werth; was aber Hat Das mit meiner Tochter Hand zu ſchaffen? Sind es die Töchter, ſind's die einz'gen Kinder, Womit man ſeine Gunſt bezeigt? Herzogin. Sein adelicher Sinn und ſeine Sitten— Wallenſtein. Erwerben ihm mein Herz, nicht meine Tochter. Herzogin. Sein Stand und ſeine Ahnen— Wallenſtein. Ahnen! Was? Er iſt ein Unterthan, und meinen Eidam Will ich mir auf Europens Thronen ſuchen. Herzogin. O, lieber Herzog! Streben wir nicht allzu hoch Hinauf, daß wir zu tief nicht fallen mögen. Wallenſtein. Ließ ich mir's ſo viel koſten, in die Höh' Zu kommen, uber die gemeinen Haͤupter Der Menſchen weg zu ragen, um zuletzt Die große Lebensrolle mit gemeiner Schillers ſämmtl. Werke. IV. 5 17 274 Verwandtſchaft zu beſchließen?— Hab' ich darum— 3(Plötzlich hält er inne, ſich faſſend.) Sie iſt das Einzige, was von mir nachbleibt Auf Erden: eine Krone will ich ſehn Auf ihrem Haupte oder will nicht leben. Was? Alles— Alles ſetz' ich dran, um ſie Recht groß zu machen— ja, in der Minute, Worin wir ſprechen— (Er beſinnt ſich.) Und ich ſollte nun, Wie ein weichherz'ger Vater, was ſich gern hat Und liebt, fein bürgerlich zuſammengeben? Und jetzt ſoll ich Das thun, jetzt eben, da ich Auf mein vollendet Werk den Kranz will ſetzen— Nein, ſie iſt mir ein langgeſpartes Kleinod, Die höchſte, letzte Münze meines Schatzes: Richt niedriger fürwahr gedenk' ich ſie Als um ein Königsſcepter loszuſchlagen— Herzogin. O mein Gemahl! Sie bauen immer, bauen Bis in die Wolken, bauen fort und fort Und denken nicht dran, daß der ſchmale Grund Das ſchwindelnd ſchwanke Werk nicht tragen kann. Wallenſtein G(zur Gräfin). Haſt du ihr angekündigt, welchen Wohnſitz Ich ihr beſtimmt? Gräfin. Noch nicht. Entdeck's ihr ſelbſt. Herzogin. Wie? Gehen wir nach Karnthen nicht zuruͤck? 275 Wablenſtein. Nein. Herzogin. Oder ſonſt auf keines Ihrer Güter? Wallenſtein. Sie würden dort nicht ſicher ſeyn. Herzogin. Nicht ſicher In Kaiſers Landen, unter Kaiſers Schutz? Wallenſtein. Den hat des Friedlands Gattin nicht zu hoffen. Herzogin. O Gott, bis dahin haben Sie's gebracht! Wallenſtein. In Holland werden Sie Schutz finden. Herzogin. Was? Sie ſenden uns in lutheriſche Länder? Wallenſtein. Der Herzog Franz von Lauenburg wird Ihr Geleitsmann dahin ſeyn. Herzogin. Der Lauenburger? Der's mit dem Schweden haͤlt? des Kaiſers Feind? Wallenſtein. Des Kaiſers Feinde ſind die meinen nicht mehr. Herzogin (ſieht den Herzog und die Gräfin ſchreckensvoll an). Iſt's alſo wahr? Es iſt? Sie ſind geſtuͤrzt? Sind vom Commando abgeſetzt? O Gott Im Himmel! 276 Gräfin(ſeitwärts zum Herzog). Laſſen wir ſie bei dem Glauben. Du ſiehſt, daß ſie die Wahrheit nicht ertrüge. Fünfter Auftritt. Graf Terzky. Vorige. Gräfin. Terzky! Was iſt ihm? Welches Bild des Schreckens, Als hätt' er ein Geſpenſt geſehn! Terzky (Wallenſtein bei Seite führend, heimlich). Iſt's dein Befehl, daß die Croaten reiten? 3 Wallenſtein. Ich weiß von nichts. Terzky. Wir ſind verrathen! Wallenſtein. Was? Terzky. Sie ſind davon, heut' Nacht, die Jäͤger auch: Leer ſtehen alle Dörfer in der Runde. Wallenſtein. Und Iſolan? Terzky. Den haſt du ja verſchickt. Wallenſtein Terzky. Nicht? Du haſt ihn nicht verſchickt? Auch nicht Den Deodat? Sie ſind verſchwunden Beide. Sechster Auftritt. Illo. Vorige. Illo. Hat dir der Terzky— Terzky. Er weiß Alles. Illo. Auch, daß Maradas, Eſterhazy, Götz, Colalto, Kaunitz dich verlaſſen?— Terzky. Teufel! Wallenſtein(winkt). Still! Gräfin (hat ſie von Weitem ängſtlich beobachtet, tritt hinzu). Terzky! Gott! Was gibt's? Was iſt geſchehn? Wallenſtein(im Begriff, außzubrechen). Nichts! Laßt uns gehen.. Terzky(will ihm ſolgen). Es iſt nichts, Thereſe. Gräfin(hält ihn). Nichts? Seh' ich nicht, daß alles Lebensblut Aus euren geiſterbleichen Wangen wich, Daß ſelbſt der Bruder Faſſung nur erkünſtelt? 278 Page(kommt). Ein Adjutant fragt nach dem Grafen Terzky. (Terzky foͤlgt dem Pagen.) Wallenſtein. Hör', was er bringt—(Zu Illo.) Das konnte nicht ſo heimlich Geſchehen ohne Meuterei— Wer hat Die Wache an den Thoren? Illo. Tiefenbach. Wallenſtein. Laß Tiefenbach ablöſen unverzüglich und Terzkys Grenadiere aufziehn— Hoͤre! Haſt du von Buttlern Kundſchaft? Illo. Buttlern traf ich. Gleich iſt er ſelber hier. Der häͤlt dir feſt. (Illo geht. Wallenſtein will ihm folgen.) Gräfin. 3 Laß ihn nicht von dir, Schweſter! Halt' ihn auf— Es iſt ein Unglück— Herzogin. Großer Gott! Was iſt's? (Haͤngt ſich an ihn.) Wallenſtein(erwehrt ſich ihrer). Seyd ruhig! Laßt mich! Schweſter! Liebes Weib, Wir ſind im Lager! Da iſt's nun nicht anders, Da wechſeln Sturm und Sonnenſchein geſchwind; Schwer lenken ſich die heftigen Gemüther, und Ruhe nie beglückt des Führers Haupt— Wenn ich ſoll bleiben, geht! Denn übel ſtimmt Der Weiber Klage zu dem Thun der Mäͤnner. 278 (Er will gehen. Terzky kommt zurück.) Terzky. Bleib' hier. Von dieſem Fenſter muß man's ſehn. 3 Wallenſtein Gur Gräfin). Geht, Schweſter! Gräfin. Nimmermehr! Wallenſtein. Ich will's. Terzky 3 (führt ſie bei Seite, mit einem bedeutenden Blick auf die Herzogin). Thereſe! Herzogin. Komm, Schweſter, weil er es befiehlt. (Gehen ab.) Siebenter Auftritt. Wallenſtein. Graf Terzhy. Wallenſtein⸗(ans Fenſter tretend). Was gibt's denn? Terzky. Es iſt ein Rennen und Zuſammenlaufen Bei allen Truppen. Niemand weiß die Urſach'. Geheimnißvoll, mit einer finſtern Stille, Stellt jedes Corps ſich unter ſeine Fahnen; Die Tiefenbacher machen böſe Mienen; Nur die Wallonen ſtehen abgeſondert In ihrem Lager, laſſen Niemand zu Und halten ſich geſetzt, ſo wie ſie pflegen. 280 Wallenſtein. Zeigt Piccolomini ſich unter ihnen? Terzky. Man ſucht ihn; er iſt nirgends anzutreffen. lWallenſtein. Was überbrachte denn der Adjutant? Terzky. Ihn ſchickten meine Regimenter ab, Sie ſchwören nochmals Treue dir, erwarten Voll Kriegesluſt den Aufruf zum Gefechte. Wallenſtein. Wie aber kam der Lärmen in das Lager? Es ſollte ja dem Heer verſchwiegen bleiben, Bis ſich zu Prag das Glück für uns entſchieden. Terzky. O, daß du mir geglaubt! Noch geſtern Abends Beſchwuren wir dich, den Octavio, Den Schleicher, aus den Thoren nicht zu laſſen; Du gabſt die Pferde ſelber ihm zur Flucht— Wallenſtein. Das alte Lied! Einmal für Allemal, Nichts mehr von dieſem thörichten Verdacht! Terzky. Dem Iſolani haſt du auch getraut, Und war der Erſte doch, der dich verließ. Wallenſtein. Ich zog ihn geſtern erſt aus ſeinem Elend. Fahr' hin! Ich hab' auf Dank ja nie gerechnet. Terzky. und ſo ſind Alle, Einer wie der Andre. 281 Wallenſtein. und thut er Unrecht, daß er von mir geht? Er folgt dem Gott, dem er ſein Lebenlang Am Spieltiſch hat gedient. Mit meinem Gluͤcke Schloß er den Bund und bricht ihn, nicht mit mir. War ich ihm was, er mir? Das Schiff nur bin ich, Auf das er ſeine Hoffnung hat geladen, Mit dem er wohlgemuth das freie Meer Durchſegelte; er ſieht es über Klippen Gefahrlich gehn und rettet ſchnell die Waare. Leicht, wie der Vogel von dem wirthbarn Zweige, Wo er geniſtet, fliegt er von mir auf; Kein menſchlich Band iſt unter uns zerriſſen. Ja, Der verdient, betrogen ſich zu ſehn, Der Herz geſucht bei dem Gedankenloſen! Mit ſchnell verlöſchten Zuͤgen ſchreiben ſich Des Lebens Bilder auf die glatte Stirne, Nichts fällt in eines Buſens ſtillen Grund, Ein muntrer Sinn bewegt die leichten Safte, Doch keine Seele wärmt das Eingeweide. Terzhy. Doch möcht' ich mich den glatten Stirnen lieber, Als jenen tiefgefurchten, anvertrauen. Achter Auftritt. Wallenſtein. Terzhy. Illo kommt wüthend. Illo. Verrath und Meuterei. Cerzky. Ha! was nun wieder? . Zllo. Die Tiefenbacher, als ich Ordre gab, Sie abzulöſen— Pflichtvergeſſ'ne Schelmen! Terzky. Nun? Wallenſtein. Was denn? Illo. Sie verweigern den Gehorſam. Terzky. So laß ſie niederſchießen! O, gib Ordre! Wallenſtein. Gelaſſen! Welche Urſach' geben ſie? Zllo. Kein Andrer ſonſt hab' ihnen zu befehlen, Als Generalleutnant Piccolomini. Wallenſtein. Was— Wie iſt Das? Illo. So hab' er's hinterlaſſen Und eigenhändig vorgezeigt vom Kaiſer. Terzky. Vom Kaiſer— Hörſt du's, Fürſt? Illo. Auf ſeinen Antrieb Sind geſtern auch die Oberſten entwichen. Terzky. Hörſt du's! 283 Z1llo. Auch Montecucculi, Caraffa Und noch ſechs andre Generale werden Vermißt, die er bered't hat, ihm zu folgen. Das hab' er alles ſchon ſeit lange ſchriftlich Bei ſich gehabt vom Kaiſer und noch jüngſt Erſt abgeredet mit dem Queſtenberger. (Wallenſtein ſinkt auf einen Stuhl und verhüllt ſich das Geſicht). Terzky. O, hätteſt du mir doch geglaubt! Neunter Auftritt. Gräſin. Vorige. Gräfin. Ich kann die Angſt— ich kann's nicht laͤnger tragen; Um Gotteswillen, ſagt mir, was es iſt. Illo. Die Regimenter fallen von uns ab. Graf Piccolomini iſt ein Verräͤther. Gräfin. O, meine Ahnung! (Stürzt aus dem Zimmer.) Cerzky. Haͤtt' man mir geglaubt! Da ſiehſt du's, wie die Sterne dir gelogen! Wallenſtein crichtet ſich auf). Die Sterne luͤgen nicht; Das aber iſt Geſchehen wider Sternenlauf und Schickſal. 284 Die Kunſt iſt redlich; doch dies falſche Herz Bringt Lug und Trug in den wahrhaft'gen Himmel. Nur auf der Wahrheit ruht die Wahrſagung. Wo die Natur aus ihren Gränzen wanket, Da irret alle Wiſſenſchaft. War es Ein Aberglaube, menſchliche Geſtalt Durch keinen ſolchen Argwohn zu entehren, O, nimmer ſchaͤm' ich dieſer Schwachheit mich! Religion iſt in der Thiere Trieb; 3 Es trinkt der Wilde ſelbſt nicht mit dem Opfer, Dem er das Schwert will in den Buſen ſtoßen. Das war kein Heldenſtück, Octavio! Nicht deine Klugheit ſiegte über meine, Dein ſchlechtes Herz hat über mein gerades Den ſchandlichen Triumph davon getragen. Kein Schild fing deinen Mordſtreich auf, du führteſt Ihn ruchlos auf die unbeſchützte Bruſt! Ein Kind nur bin ich gegen ſolche Waffen. Zehnter Auftritt. Parige. Vuttler. Terzky. O, ſieh' da, Buttler! Das iſt noch ein Freund! Wallenſtein (geht ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen und umfabt ihn mit Herzlichkeit). Komm an mein Herz, du alter Kriegsgefäͤhrte! So wohl thut nicht der Sonne Blick im Lenz, Als Freundes Angeſicht in ſolcher Stunde. 285 Buttler. Mein General— ich komme— Wallenſtein (ſich auf ſeine Schultern lehnend). Weißt du's ſchon? Der Alte hat dem Kaiſer mich verrathen. Was ſagſt du? Dreißig Jahre haben wir Zuſammen ausgelebt und ausgehalten. In einem Feldbett haben wir geſchlafen, Aus einem Glas getrunken, einen Biſſen Getheilt; ich ſtützte mich auf ihn, wie ich Auf deine treue Schulter jetzt mich ſtütze, Und in dem Augenblick, da liebevoll Vertrauend meine Bruſt an ſeiner ſchlägt, Erſieht er ſich den Vortheil, ſticht das Meſſer Mir, liſtig lauernd, langſam in das Herz! (Er verbirgt das Geſicht an Buttlers Bruſt.) Buttler. Vergeßt den Falſchen! Sagt, was wollt Ihr thun? Wallenſtein. Wohl, wohl geſprochen. Fahre hin! Ich bin No immer reich an Freunden; bin ich nicht? Das Schickſal liebt mich noch: denn eben jetzt, Da es des Heuchlers Tücke mir entlarvt, Hat es ein treues Herz mir zugeſendet. Nichts mehr von ihm. Denkt nicht, daß ſein Verluſt Mich ſchmerze, o! mich ſchmerzt nur der Betrug. Denn werth und theuer waren mir die Beiden, Und jener Max, er liebte mich wahrhaftig! Er hat mich nie getäuſcht, er nicht— Genug, Genug davon! Jetzt gilt es ſchnellen Rath— 286 Der Reitende, den mir Graf Kinsky ſchickt Aus Prag, kann jeden Augenblick erſcheinen. Was er auch bringen mag, er darf den Meutern Nicht in die Hände fallen. Drum, geſchwind, Schickt einen ſichern Boten ihm entgegen, Der auf geheimem Weg ihn zu mir führe. (Illo will gehen.). Buttler(hält ihn zurück). Mein Feldherr, wen erwartet Ihr? Wallenſtein. Den Eilenden, der mir die Nachricht bringt, Wie es mit Prag gelungen. Buttler. Hum! Wallenſtein. Was iſt Euch? 3 Buttler. So wißt Ihr's nicht? Wallenſtein. Was denn? Buttler. Wie dieſer Larmen Ins Lager kam?— Wallenſtein. Wie? Zuttler. Jener Bote— Wallenſtein(erwartungsvoll). Nun? Buttler. 7 Er iſt herein. 287 . Cerzhy und Jllo. Er iſt herein? Wallenſtein. Mein Bote? Buttler. Seit mehren Stunden. Wallenſtein. Und ich weiß es nicht? 4 Zuttler. Die Wache fing ihn auf. Illo(ſtampft mit dem Fuß). Verdammt! Buttler. Sein Brief Iſt aufgebrochen, läuft durch's ganze Lager— Wallenſtein(geſpannt). Ihr wißt, was er enthält? Zuttler(bedenklich). V Befragt mich nicht Terzky. O— weh' uns, Illo! Alles ſtürzt zuſammen! Wallenſtein. Verhehlt mir nichts. Ich kann das Schlimmſte hören. Prag iſt verloren? Iſt's? Geſteh' mir's frei. Zuttler. Esiſt verloren. Alle Regimenter Zu Budweis, Tabor, Braunau, Köͤnigingrätz, Zu Brünn und Znaym haben Euch verlaſſen, Dem Kaiſer neu gehuldiget, Ihr ſelbſt Mit Kinsky, Terzky, Illo ſeyd geachtet. (Terzky und Illo zeigen Schrecken und Wuth. Wallenſtein bieibt feſt und gefaßt ſtehen.) 288 Wallenſtein(nach einer Pauſe). Es iſt entſchieden, nun iſt's gut— und ſchnell Bin ich geheilt von allen Zweifelsqualen; Die Bruſt iſt wieder frei, der Geiſt iſt hell, Nacht muß es ſeyn, wo Friedlands Sterne ſtrahlen. Mit zögerndem Entſchluß, mit wankendem Gemüth Zog ich das Schwert: ich that's mit Widerſtreben, Da es in meine Wahl noch war gegeben; Nothwendigkeit iſt da, der Zweifel flieht, Jetzt fecht' ich für mein Haupt und für mein Leben. (Er geht ab. Die Andern ſolgen.) Eilfter Auftritt. Gräſin Terziy kommt aus dem Seitenzimmer. Nein! ich kann's länger nicht— Wo ſind ſie? Alles Iſt leer. Sie laſſen mich allein— allein In dieſer fürchterlichen Angſt— Ich muß Mich zwingen vor der Schweſter, ruhig ſcheinen Und alle Qualen der bedrängten Bruſt In mir verſchließen— Das ertrag' ich nicht! — Wenn es uns fehl ſchlägt, wenn er zu dem Schweden Mit leerer Hand, als Flüchtling, müßte kommen, Nicht als geehrter Bundsgenoſſe, ſtattlich, Gefolgt von einer Heeresmacht— Wenn wir Von Land zu Lande, wie der Pfalzgraf, muͤßten wandern, Ein ſchmaͤhlich Denkmal der gefallnen Große— 289 Nein, dieſen Tag will ich nicht ſchaun! und, koͤnnt' Er ſelbſt es auch ertragen, ſo zu ſinken, Ich trüg's nicht, ſo geſunken ihn zu ſehn. Zwölfter Auftritt. Gräfin. Herzogin. Thekla. Thekla(will die Herzogin zuruͤckhalten). O liebe Mutter, bleiben Sie zurück! Herzogin. Nein, hier iſt noch ein ſchreckliches Geheimniß, Das mir verhehlt wird— Warum meidet mich Die Schweſter? Warum ſeh' ich ſie voll Angſt Umhergetrieben? Warum dich voll Schrecken? und was bedeuten dieſe ſtummen Winke, Die du verſtohlen heimlich mit ihr wechſelſt? Thekla. Nichts, liebe Mutter! Herzogin. Schweſter, ich will's wiſſen. Gräfin. Was hilft's auch, ein Geheimniß draus zu machen! Läßt ſich's verbergen? Früher, ſpäter muß Sie's doch vernehmen lernen und ertragen. Nicht Zeit iſt's jetzt, der Schwaͤche nachzugeben. Muth iſt uns Noth und ein gefaßter Geiſt, Und in der Stärke müſſen wir uns üben. Drum beſſer, es entſcheidet ſich ihr Schickſal Mit einem Wort— Man hintergeht Euch, Schweſter. Schillers ſämmtl. Werke. IV. 19 290 Ihr glaubt, der Herzog ſey entſetzt— der Herzog Iſt nicht entſetzt— er iſt Thehla Gzur Gräfin gehend). Wollt Ihr ſie tödten? Gräfin. Der Herzog iſt— Thekla (die Arme um die Mutter ſchlagend). O ſtandhaft, meine Mutter Gräfin. Empört hat ſich der Herzog, zu dem Feind Hat er ſich ſchlagen wollen, die Armee Hat ihn verlaſſen, und es iſt mißlungen. 4 (Während dieſer Worte wankt die Herzogin und fällt ohnmächtig in die Arme ihrer Tochter.) — Ein großer Saal beim Herzog von Friedland. Dreizehnter Auftritt. Wallenſtein im Harniſch. Du haſt's erreicht, Octavio! Faſt bin ich Jetzt ſo verlaſſen wieder, als ich einſt Vom Regensburger Fürſtentage ging. Da hatt' ich nichts mehr als mich ſelbſt— doch, was Ein Mann kann werth ſeyn, habt ihr ſchon erfahren. Den Schmuck der Zweige habt ihr abgehauen: Da ſteh' ich, ein entlaubter Stamm; doch innen Im Marke lebt die ſchaffende Gewalt, Die ſproſſend eine Welt aus ſich geboren. Schon einmal galt ich euch ſtatt eines Heers Ich Einzelner. Dahingeſchmolzen vor Der ſchwed'ſchen Stärke waren eure Heere. Am Lech ſank Tilly, euer letzter Hort, Ins Bayerland, wie ein geſchwollner Strom, Ergoß ſich dieſer Guſtav, und zu Wien In ſeiner Hofburg zitterte der Kaiſer. Soldaten waren theuer, denn die Menge Geht nach dem Glück— da wandte man die Augen Auf mich, den Helfer in der Noth; es beugte ſich Der Stolz des Kaiſers vor dem Schwergekränkten, Ich ſollte aufſtehn mit dem Schöpfungswort Und in die hohlen Lager Menſchen ſammeln. Ich that's. Die Trommel ward gerührt. Mein Name Ging, wie ein Kriegsgott, durch die Welt. Der Pflug, Die Werkſtatt wird verlaſſen, Alles wimmelt Der altbekannten Hoffnungsfahne zu— — Noch fühl' ich mich Denſelben, der ich war! Es iſt der Geiſt, der ſich den Körper baut, Und Friedland wird ſein Lager um ſich fuͤllen. Führt eure Tauſende mir kühn entgegen: Gewohnt wohl ſind ſie, unter mir zu ſiegen, Nicht gegen mich— Wenn Haupt und Glieder ſich trennen, Da wird ſich zeigen, wo die Seele wohnte. (Illo und Terzky treten ein.) Muth, Freunde, Muth! Wir ſind noch nicht zu Boden. Fünf Regimenter Terzky ſind noch unſer Und Buttlers wackre Schaaren— Morgen ſtößt Ein Heer zu uns von ſechzehntauſend Schweden. Nicht maͤcht'ger war ich, als ich vor neun Jahren Auszog, dem Kaiſer Deutſchland zu erobern. 292 Vierzehnter Auftritt. Vorige. Neumann, der den Graſen Terzey bei Seite fuͤhrt und mit ihm ſpricht. Terzky(zu Neumann). Was ſuchen ſie? Wallenſtein. Was gibts? Terzky. Zehn Cüraſſiere Von Pappenheim verlangen dich im Namen Des Regiments zu ſprechen. Wallen ſtein(ſchnell zu Neumann). Laß ſie kommen. (Neumann gehr hinaus). Davon erwart' ich Etwas. Gebet Acht, Sie zweifeln noch und ſind noch zu gewinnen. Fünfzehnter Auftritt. Wallenſtein. Terzhy. Zllo. Behn Cüraſſiere, von einem Gefreiten geführt, marſchiren auf und ſtellen ſich nach dem Commando in einem Glied vor den Herzog, die Honneurs machend. Wallenſtein (nachdem er ſie eine Zeitlang mit den Augen gemeſſen, zum Gefreiten). Ich kenn' dich wohl. Du biſt aus Bruͤgg in Flandern, Dein Nam' iſt Mercy. Gefreiter. Heinrich Merey heiß ich. 293 Wallenſtein. Du wurdeſt abgeſchnitten auf dem Marſch, Von Heſſiſchen umringt und ſchlugſt dich durch, Mit hundert achtzig Mann durch ihrer Tanſend. Gefreiter. So iſt's, mein General. Wallenſtein. Was wurde dir Fuͤr dieſe wackre That? 3 Gefreiter. Die Ehr', mein Feldherr, Um die ich bat, bei dieſem Corps zu dienen. Wallenſtein(wendet ſich zu einem Andern). Du warſt darunter, als ich die Freiwilligen Heraus ließ treten auf dem Altenberg, Die ſchwed'ſche Batterie hinweg zu nehmen. Zweiter Cüraſſier. So iſt's, mein Feldherr. Wallenſtein. Ich vergeſſe Keinen, Mit dem ich einmal Worte hab' gewechſelt. Bringt eure Sache vor. Gefreiter(commandirt). Gewehr in Arm! Wallenſtein Gu einem Dritten gewendet)⸗ Du nennſt dich Risbeck, Köln iſt dein Geburtsort. Dritter Cüraſſier. Risbeck aus Köln. Wallenſtein. Den ſchwed'ſchen Oberſt Dubald brachteſt du Gefangen ein im Nürenberger Lager. 294 Dritter Cüraſſier. Ich nicht, mein General. Wallenſtein. Ganz recht! Es war Dein ältrer Bruder, der es that— du hatteſt Noch einen jüngern Bruder, wo blieb der? Dritter Cüraſſier. Er ſteht zu Olmütz bei des Kaiſers Heer. Wallenſtein Gzum Gefreiten). Nun, ſo laß hören! Gefreiter. Ein kaiſerlicher Brief kam uns zu Handen, Der uns— Wallenſtein(unterbricht ihn). Wer waählte euch? Gefreiter. 3 Jedwede Fahn' Zog ihren Mann durch's Los. Wallenſtein. Nun denn, zur Sache Gefreiter. Ein kaiſerlicher Brief kam uns zu Handen, Der uns befiehlt, die Pflicht dir aufzukünden, Weil du ein Feind und Landsverraͤther ſeyſt. Wallenſtein. Was habt ihr drauf beſchloſſen? Gefreiter. Unſre Kameraden Zu Braunau, Budweis, Prag und Olmütz haben Bereits gehorcht, und ihrem Beiſpiel folgten Die Regimenter Tiefenbach, Toscang; 295 — Wir aber glauben's nicht, daß du ein Feind uUnd Landsverräther biſt, wir halten's bloß Fur Lug und Trug und ſpaniſche Erfindung. (Treuherzig.) Du ſelber ſollſt uns ſagen, was du vorhaſt, Denn du biſt immer wahr mit uns geweſen: Das höchſte Zutraun haben wir zu dir; Kein fremder Mund ſoll zwiſchen uns ſich ſchieben, Den guten Feldherrn und die guten Truppen. Wallenſtein. Daran erkenn' ich meine Pappenheimer. Gefreiter. und Dies entbietet dir dein Regiment: Iſt's deine Abſicht bloß, dies Kriegesſcepter, Das dir gebührt, das dir der Kaiſer hat Vertraut, in deinen Haͤnden zu bewahren, Oeſtreichs rechtſchaffner Feldhauptmann zu ſeyn, So wollen wir dir beiſtehn und dich ſchutzen Bei deinem guten Rechte gegen Jeden— und, wenn die andern Regimenter alle Sich von dir wenden, wollen wir allein Dir treu ſeyn, unſer Leben fuͤr dich laſſen: Denn Das iſt unſre Reiterpflicht, daß wir Umkommen lieber, als dich ſinken laſſen; Wenn's aber ſo iſt, wie des Kaiſers Brief Beſagt, wenn's wahr iſt, daß du uns zum Feind Treuloſer Weiſe willſt hinüber fuͤhren, Was Gott verhute! ja, ſo wollen wir Dich auch verlaſſen und dem Brief gehorchen. Wallenſtin. Hört, Kinder— 296 Gefreiter. Braucht nicht viele Worte. Sprich Ja oder Nein, ſo ſind wir ſchon zufrieden. Wallenſtein. Hört an. Ich weiß, daß ihr verſtändig ſeyd, Selbſt prüft und denkt und nicht der Heerde folgt: Drum hab' ich euch, ihr wißt's, auch ehrenvoll Stets unterſchieden in der Heereswoge: Denn nur die Fahnen zählt der ſchnelle Blick Des Feldherrn, er bemerkt kein einzeln Haupt, Streng herrſcht und blind der eiſerne Befehl, Es kann der Menſch dem Menſchen hier nichts gelten— So, wißt ihr, hab' ich's nicht mit euch gehalten: Wie ihr euch ſelbſt zu faſſen angefangen Im rohen Handwerk, wie von euren Stirnen Der menſchliche Gedanke mir geleuchtet, Hab' ich als freie Maͤnner euch behandelt, Der eignen Stimme Recht euch zugeſtanden— Gefreiter. Ja, würdig haſt du ſtets mit uns verfahren, Mein Feldherr, uns geehrt durch dein Vertraun, Uns Gunſt erzeigt vor allen Regimentern. Wir folgen auch dem großen Haufen nicht, Du ſiehſt's! Wir wollen treulich bei dir halten. Sprich nur ein Wort, dein Wort ſoll uns genügen, Daß es Verrath nicht ſey, worauf du ſinnſt, Daß du das Heer zum Feind nicht wolleſt führen. Wallenſtein. Mich, mich verrath man! Aufgeopfert hat mich Der Kaiſer meinen Feinden, fallen muß ich, Wenn meine braven Truppen mich nicht retten. 297 Euch will ich mich vertrauen— Euer Herz Sey meine Feſtung! Seht, auf dieſe Bruſt Zielt man! nach dieſem greiſen Haupte!— Das Iſt ſpan'ſche Dankbarkeit; Das haben wir Für jene Mordſchlacht auf der alten Veſte, Auf Lützens Ebnen; darum warfen wir Die nackte Bruſt der Partiſan' entgegen; Drum machten wir die eisbedeckte Erde, Den harten Stein zu unſerm Pfühl. Kein Strom War uns zu ſchnell, kein Wald zu undurchdringlich, Wir folgten jenem Mannsfeld unverdroſſen Durch alle Schlangenkrümmen ſeiner Flucht, Ein ruheloſer Marſch war unſer Leben, Und, wie des Windes Sauſen, heimatlos Durchſtürmten wir die kriegbewegte Erde. Und jetzt, da wir die ſchwere Waffenarbeit, Die undankbare, fluchbeladene, gethan, Mit unermüdet treuem Arm des Krieges Laſt Gewälzt, ſoll dieſer kaiſerliche Jungling Den Frieden leicht wegtragen, ſoll den Oelzweig, Die wohlverdiente Zierde unſers Haupts, Sich in die blonden Knabenhaare flechten— Gefreiter. Das ſoll er nicht, ſolang wir's hindern können. Niemand, als du, der ihn mit Ruhm geführt, Soll dieſen Krieg, den fürchterlichen, enden. Du führteſt uns heraus ins blut'ge Feld Des Todes: du, kein Andrer, ſollſt uns frohlich Heimführen in des Friedens ſchöne Fluren, Der langen Arbeit ſchwere Fruͤchte mit uns theilen 298 Wallenſtein. Wie? Denkt ihr, euch im ſpaten Alter endlich Der Fruͤchte zu erfreuen? Glaubt Das nicht! Ihr werdet dieſes Kampfes Ende nimmer Erblicken! Dieſer Krieg verſchlingt uns Alle. Oeſtreich will keinen Frieden: darum eben, Weil ich den Frieden ſuche, muß ich fallen. Was kümmert's Oeſtreich, ob der lange Krieg Die Heere aufreibt und die Welt verwüſtet: Es will nur wachſen ſtets und Land gewinnen. Ihr ſeyd gerührt— Ich ſeh' den edeln Zorn Aus euren kriegeriſchen Augen blitzen. O, daß mein Geiſt euch jetzt beſeelen möchte, Kühn, wie er einſt in Schlachten euch geführt! Ihr wollt mir beiſtehn, wollt mich mit den Waffen Bei meinem Rechte ſchützen— Das iſt edelmuͤthig! Doch denket nicht, daß ihr's vollenden werdet, Das kleine Heer! Vergebens werdet ihr Für euern Feldherrn euch geopfert haben. (Zutraulich.) Nein, laßt uns ſicher gehen, Freunde ſuchen! Der Schwede ſagt uns Hülfe zu: laßt uns Zum Schein ſie nützen, bis wir, Beiden furchtbar, Europens Schickſal in den Händen tragen Und der erfreuten Welt aus unſerm Lager Den Frieden ſchön bekränzt entgegen führen. Gefreiter. So treibſt du's mit dem Schweden nur zum Schein? Du willſt den Kaiſer nicht verrathen, willſt uns. Nicht ſchwediſch machen? Sieh', Das iſt's allein,* Was wir von dir verlangen zu erfahren. Das muß uns ſchaden bei den Gutgeſinnten. 299 Wallenſtein. Was geht der Schwed' mich an? Ich haſſ' ihn, wie Den Pfuhl der Hölle, und mit Gott gedenk' ich ihn Bald über ſeine Oſtſee heimzujagen. Mir iſt's allein ums Ganze. Seht! ich hab' Ein Herz, der Jammer dieſes deutſchen Volks erbarmt mich. Ihr ſeyd gemeine Maͤnner nur; doch denkt Ihr nicht gemein, ihr ſcheint mir's werth vor Andern, Daß ich ein traulich Wörtlein zu euch rede— Seht! Fünfzehn Jahr ſchon brennt die Kriegesfackel Und noch iſt nirgends Stillſtand. Schwed' und Deutſcher! Papiſt und Lutheraner! Keiner will Dem Andern weichen! Jede Hand iſt wider Die andre! Alles iſt Partei und nirgends Kein Richter! Sagt, wo ſoll Das enden? wer Den Knaäul entwirren, der, ſich endlos ſelbſt Vermehrend, wächst— Er. muß zerhauen werden. Ich fühl's, daß ich der Mann des Schickſals bin, Und hoff's mit eurer Hülfe zu vollführen. Sechzehnter Auftritt. Puttler. Vorige. Buttler(im Eifer). Das iſt nicht wohl gethan, mein Feldherr! Wallenſtein. Was? Zuttler. 300 Wallenſtein. Was denn? Buttler. Es heißt den Aufruhr oͤffentlich erklaren! Wallenſtein. Was iſt es denn? Buttler. Graf Terzkys Regimenter reißen Die kaiſerlichen Adler von den Fahnen Und pflanzen deine Zeichen auf. Gefreiter(zu den Cüraſſieren). Rechts um! Wallenſtein. Verflucht ſey dieſer Rath und wer ihn gab! (Zu den Cüraſſieren, welche abmarſchiren.) Und ſtreng will ich's beſtrafen— Hört doch! Bleibt! Sie hören nicht.(Zu Jloo.) Geh' nach, bedeute ſie, Being' ſie zurück, es koſte, was es wolle. (Fllo eilt hinaus.) Das ſtürzt uns ins Verderben— Buttler! Buttler! Ihr ſeyd mein böſer Daämon, warum mußtet Ihr's In ihrem Beiſeyn melden!— Alles war Auf gutem Weg— ſie waren halb gewonnen— Die Raſenden, mit ihrer unbedachten Dienſtfertigkeit! O, grauſam ſpielt das Glück Mit mir! Der Freunde Eifer iſt's, der mich Zu Grunde richtet, nicht der Haß der Feinde. Halt, Kinder, halt— Es iſt ein Irrthum— Hoͤrt— 301 Siebenzehnter Auftritt. G Vorige. Jie Herzogin ſtürzt ins Zimmer. Ihr folgt Thekla und die Gräfin. Dann Illo. Herzogin. O Albrecht! Was haſt du gethan! Wallenſtein. Nun Das noch! Gräfin. Verzeih' mir, Bruder. Ich vermocht' es nicht: b Sie wiſſen Alles. Herzogin. Was haſt du gethan! Gräfin(zu Terzty). Iſt keine Hoffnung mehr? Iſt Alles denn Verloren? CTerzky. Alles. Prag iſt in des Kaiſers Hand, Die Regimenter haben neu gehuldigt. Gräfin. Heimtuͤckiſcher Octavio! Und auch Graf Max iſt fort? Terzky. Wo ſollt er ſeyn? Er iſt Mit ſeinem Vater über zu dem Kaiſer⸗ Thekla ſtürzt in die Arme ihrer Mutter, das Geſichr an ihrem verbergend.) Herzogin(ſe in die Arme ſchließend). ungluͤcklich Kind! Unglüͤcklichere Mutter! Wallenſtein(bei Seite gehend mit Teszky). Laß einen Reiſewagen ſchnell bereit ſeyn Im Hinterhofe, Dieſe wegzubringen. Baſen 30² (Auf die Frauen zeigend.) Der Scherfenberg kann mit, der iſt uns treu: Nach Eger bringt er ſie, wir folgen nach. (Zu Illo, der wiederkommt.) Du bringſt ſie nicht zurück? Illo. Hörſt du den Auflauf? Das ganze Corps der Pappenheimer iſt Im Anzug. Sie verlangen ihren Oberſt, Den Mar, zurück: er ſey hier auf dem Schloß, Behaupten ſie, du halteſt ihn mit Zwang, und, wenn du ihn nicht losgebſt, werde man Ihn mit dem Schwerte zu befreien wiſſen. (Alle ſtehen erſtaunt.) Terzky. Was ſoll man daraus machen? Wallenſtein. Sagt' ich's nicht O mein wahrſagend Herz! Er iſt noch hier. Er hat mich nicht verrathen, hat es nicht Vermocht— ich habe nie daran gezweifelt. Gräfin. IFft er noch hier, o, dann iſt Alles gut, Dann weiß ich, was ihn ewig halten ſoll! (Thekla umarmend.) Terzky. Es kann nicht ſeyn. Bedenke doch! Der Alte Hat uns verrathen, iſt zum Kaiſer über: Wie kann er's wagen, hier zu ſeyn? Illo Gzu Wallenſienn). Den Jagdzug, 303 Vor wenig Stunden übern Markt wegführen. Gräfin. O Nichte, dann iſt er nicht weit! Thekla (hat den Blick nach der Thüre geheftet und ruft lebhaft). Da iſt er! V Den du ihm kürzlich ſchenkteſt, ſah ich noch Achtzehnter Auftritt. Die Varigen. Mar Piccolomini. Mar (mitten in den Saal tretend). Ja, ja! Da iſt er! Ich vermag's nicht länger, Mit leiſem Tritt um dieſes Haus zu ſchleichen, Den günſt'gen Augenblick verſtohlen zu Erlauern— Dieſes Harren, dieſe Angſt Geht über meine Kraͤfte! (Auf Thekla zugehend, welche ſich ihrer Mutter in die Arme geworſen.) O, ſieh' mich an! Sieh' nicht weg, holder Engel! Bekenn' es frei vor Allen. Fürchte Niemand. Es höre, wer es will, daß wir uns lieben. Wozu es noch verbergen? Das Geheimniß Iſt für die Glücklichen; das Unglück braucht, Das hoffnungsloſe, keinen Schleier mehr: Frei unter tauſend Sonnen kann es handeln. (Er bemerkt die Gräfin, welche mit frohlockendem Geſicht auf Theilo bli Nein, Baſe Terzky, ſeht mich nicht erwartend, Nicht hoffend an! Ich komme nicht, zu bleiben. ) 304 Abſchied zu nehmen, komm' ich— Es iſt aus. Ich muß, muß dich verlaſſen, Thekla— muß! Nur einen Blick des Mitleids gönne mir, Doch deinen Haß kann ich nicht mit mir nehmen. Sag', daß du mich nicht haſſeſt. Sag' mir's, Thekla. (Indem er ihre Hand faßt, heftig bewegt.) O Gott!— Gott! ich kann nicht von dieſer Stelle. Ich kann es nicht kann dieſe Hand nicht laſſen. Sag', Thekla, daß du Mitleid mit mir haſt, Dich ſelber uͤberzeugſt, ich kann nicht anders. (Thekla, ſeinen Blick vermeidend, zeigt mit der Hand auf ihren Vater: er wendet ſich nach dem Herzog um, den er jetzt erſt gewahr wird.) Du hier?— Nicht du biſt's, den ich hier geſucht. Dich ſollten meine Augen nicht mehr ſchauen. Ich hab' es nur mit ihr allein. Hier will ich Von dieſem Herzen freigeſprochen ſeyn, An allem Andern iſt nichts mehr gelegen. Wallenſtein. Denkſt du, ich ſoll der Thor ſeyn und dich ziehen laſſen und eine Großmuthſcene mit dir ſpielen? Dein Vater iſt zum Schelm an mir geworden: Du biſt mir nichts mehr, als ſein Sohn, ſollſt nicht umſonſt in meine Macht gegeben ſeyn. Denk' nicht, daß ich die alte Freundſchaft ehren werde, Die er ſo ruchlos hat verletzt. Die Zeiten Der Liebe ſind vorbei, der zarten Schonung, und Haß und Rache kommen an die Reihe. Mar. Du wirſt mit mir verfahren, wie du Macht haſt. Wohl aber weißt du, daß ich deinem Zorn 30⁵ Nicht trotze, noch ihn fürchte. Was mich hier Zurückhäalt, weißt du! (Thekla bei der Hand faſſend.) Sieh'! Alles— Alles wollt' ich dir verdanken, Das Los der Seligen wollt' ich empfangen Aus deiner vaͤterlichen Hand. Du haſt's Zerſtört; doch daran liegt dir nichts. Gleichguͤltig Trittſt du das Gluck der Deinen in den Staub, Der Gott, dem du dienſt, iſt kein Gott der Gnade. Wie das gemüthlos blinde Element, Das furchtbare, mit dem kein Bund zu ſchließen, Folgſt du des Herzens wildem Trieb allein. Weh' Denen, die auf dich vertraun, an dich Die ſichre Hutte ihres Glückes lehnen, Gelockt von deiner gaſtlichen Geſtalt! Schnell, unverhofft, bei nächtlich ſtiller Weile Gäͤhrt's in dem tück'ſchen Feuerſchlunde, lader Sich aus mit tobender Gewalt, und weg Treibt über alle Pflanzungen der Menſchen Der wilde Strom in grauſamer Zerſtorung. Wallenſtein. Du ſchilderſt deines Vaters Herz. Wie du's Beſchreibſt, ſo iſt's in ſeinem Eingeweide, In dieſer ſchwarzen Heuchlerbruſt geſtaltet. O, mich hat Höllenkunſt getäuſcht. Mir ſandte Der Abgrund den verſteckteſten der Geiſter, Den lügekundigſten, herauf und ſtellt' ihn Als Freund an meine Seite. Wer vermag Der Hölle Macht zu widerſtehn! Ich zog Den Baſilisken auf an meinem Buſen; Schillers ſämmtl. Werke. IV. 20 306 Mit meinem Herzblut nährt' ich ihn, er ſog Sich ſchwelgend voll an meiner Liebe Brüſten; Ich hatte nimmer Arges gegen ihn, Weit offen ließ ich des Gedankens Thore und warf die Schlüſſel weiſer Vorſicht weg— Am Sternenhimmel ſuchten meine Augen, Im weiten Weltenraum den Feind, den ich Im Herzen meines Herzens eingeſchloſſen. — Waͤr' ich dem Ferdinand geweſen, was Octavio mir war— Ich hätt' ihm nie Krieg angekündigt— nie hätt' ich's vermocht. Er war mein ſtrenger Herr nur, nicht mein Freund, Nicht meiner Treu' vertraute ſich der Kaiſer; Krieg war ſchon zwiſchen mir und ihm, als er Den Feldherrnſtab in meine Haͤnde legte: Denn Krieg iſt ewig zwiſchen Liſt und Argwohn; Nur zwiſchen Glauben und Vertraun iſt Friede. Wer das Vertraun vergiftet, o, Der mordet Das werdende Geſchlecht im Leib der Mutter! Mar. Ich will den Vater nicht vertheidigen. Weh' mir, daß ich's nicht kann! Unglücklich ſchwere Thaten ſind geſchehn, Und eine Frevelhandlung faßt die andre In enggeſchloſſ'ner Kette grauſend an. Doch wie geriethen wir, die nichts verſchuldet, In dieſen Kreis des Unglüucks und Verbrechens? Wem brachen wir die Treue? Warum muß Der Väaͤter Doppelſchuld und Frevelthat Uns gräßlich wie ein Schlangenpaar umwinden? 307 V Warum der Väͤter unverſöhnter Haß Auch uns, die Liebenden, zerreißend ſcheiden? (Er umſchlingt Thekla mit heftigem Schmerz.) Wallenſtein (hat den Blick ſchweigend auf ihn geheftet und nähert ſich jetzt). Mar, bleibe bei mir!— Geh' nicht von mir, Max! Sieh', als man dich im Prag'ſchen Winterlager Ins Zelt mir brachte, einen zarten Knaben, Des deutſchen Winters ungewohnt, die Hand War dir erſtarrt an der gewicht'gen Fahne— Du wollteſt maͤnnlich ſie nicht laſſen— damals nahm ich Dich auf, bedeckte dich mit meinem Mantel, Ich ſelbſt war deine Wärterin, nicht ſchämt' ich Der kleinen Dienſte mich, ich pflegte deiner Mit weiblich ſorgender Geſchäͤftigkeit, Bis du, von mir erwarmt, an meinem Herzen, Das junge Leben wieder freudig fühlteſt. Wann hab' ich ſeitdem meinen Sinn verändert? Ich habe viele Tauſend reich gemacht, Mit Landereien ſie beſchenkt, belohnt Mit Ehrenſtellen— dich hab' ich geliebt, Mein Herz, mich ſelber hab' ich dir ergeben. Sie Alle waren Fremdlinge, du warſt Das Kind des Hauſes— Max, du kannſt mich nicht verlaſſen! Es kann nicht ſeyn, ich mag's und will's nicht glauben, Daß mich der Marx verlaſſen kann. Mar. O Gott! Wallenſtein. Ich habe dich gehalten und getragen Von Kindesbeinen an— Was that dein Vater 308 Für dich, das ich nicht reichlich auch gethan? Ein Liebesnetz hab' ich um dich geſponnen⸗ Zerreiß' es, wenn du kannſt— Du biſt an mich Geknüpft mit jedem zarten Seelenbande, Mit jeder heil'gen Feſſel der Natur, Die Menſchen aneinander ketten kann. Geh' hin, verlaß mich, diene deinem Kaiſer, Laß dich mit einem goldnen Gnadenkettlein, Mit ſeinem Widderfell dafür belohnen, Daß dir der Freund, der Vater deiner Jugend, Daß dir das heiligſte Gefühl nichts galt. Mar(in heftigem Kampf. 3 O Gott! Wie kann ich anders? Muß ich nicht? Mein Eid— die Pflicht— Waltenſtein. Pflicht, gegen wen? Wer biſt du? Wenn ich am Kaiſer unrecht handle, iſt's V Mein Unrecht, nicht das deinige. Gehörſt Du dir? Biſt du dein eigener Gebieter, Stehſt frei da in der Welt, wie ich, daß du Der Thäter deiner Thaten könnteſt ſeyn? Auf mich biſt du gepflanzt, ich bin dein Kaiſer, Mir angehoͤren, mir gehorchen, Das Iſt deine Ehre, dein Naturgeſetz. V Und wenn der Stern, auf dem du lebſt und wohnſt, Aus ſeinem Gleiſe tritt, ſich brennend wirft Auf eine naͤchſte Welt und ſie entzündet: Du kannſt nicht wählen, ob du folgen willſt; Fort reißt er dich in ſeines Schwunges Kraft Sammt ſeinem Ring und allen ſeinen Monden. Mit leichter Schuld gehſt du in dieſen Streit, 309 Dich wird die Welt nicht tadeln ſie wird's loben, Daß dir der Freund das Meiſte hat gegolten. Neunzehnter Auftritt. . Porige. Neumann. Wallenſtein. Was gibt’s? Neumann. Die Pappenheimiſchen ſind abgeſeſſen und rücken an zu Fuß: ſie ſind entſchloſſen, Den Degen in der Hand das Haus zu ſtürmen; Den Grafen wollen ſie befrein. Wallenſtein Gu Terzky). Man ſoll Die Ketten vorziehn, das Geſchütz aufpflanzen. Mit Kettenkugeln will ich ſie empfangen. (Terzky geht.) Mir vorzuſchreiben mit dem Schwert! Geh', Neumann, Sie ſollen ſich zurückziehn, augenblicks, Iſt mein Befehl, und in der Ordnung ſchweigend warten Was mir gefallen wird zu thun. (Neumann geht ab. Illo iſt ans Fenſter getreten.) Gräfin. Entlaß ihn! Ich hitte dich, entlaß ihn! Illo(am Fenſter). Tod und Teufel! 310 . Wallenſtein. Was iſt's? Illo. Auf's Rathhaus ſteigen ſie, das Dach Wird abgedeckt, ſie richten die Kanonen Aufs Haus— Mar. Die Raſenden! Jllo. Sie machen Anſtalt, Uns zu beſchießen— Herzogin und Gräfin. Gott im Himmel! Mar(zu Wallenſtein). Laß mich Hinunter, ſie bedeuten— Wallenſtein. Keinen Schritt! Max (auf Thekla und die Herzogin zeigend). Ihr Leben aber! deins! Wallenſtein. Was bringſt du, Terzky? Zwanzigſter Auftritt. Vorige. Terzky komm zurück. Terzky. Botſchaft von unſern treuen Regimentern. Ihr Muth ſey länger nicht zu bändigen, 311 Sie flehen um Erlaubniß anzugreifen, Vom Prager und vom Mühl⸗Thor ſind ſie Herr, und, wenn du nur die Loſung wollteſt geben, So könnten ſie den Feind im Rücken faſſen, Ihn in die Stadt einkeilen, in der Enge Der Straßen leicht ihn überwäͤltigen. Illo. O, komm! Laß ihren Eifer nicht erkalten! Die Buttleriſchen halten treu zu uns. Wir ſind die größre Zahl und werfen ſie und enden hier in Pilſen die Empörung. Wallenſtein. Soll dieſe Stadt zum Schlachtgefilde werden, uUnd brüderliche Zwietracht, feueraugig, Durch ihre Straßen losgelaſſen toben? Dem tauben Grimm, der keinen Führer höoöͤrt, Soll die Entſcheidung übergeben ſeyn? Hier iſt nicht Raum zum Schlagen, nur zum Würgen Die losgebundnen Furien der Wuth Ruft keines Herrſchers Stimme mehr zurück. Wohl, es mag ſeyn! Ich hab' es lang bedacht, So mag ſich's raſch und blutig denn entladen. (Zu May gewendet.) Wie iſt's? Willſt du den Gang mit mir verſuchen? Freiheit, zu gehen, haſt du. Stelle dich Mir gegenüber. Fuͤhre ſie zum Kampf. Den Krieg verſtehſt du, haſt bei mir etwas Gelernt, ich darf des Gegners mich nicht ſchämen, und keinen ſchönern Tag erlebſt du, mir Die Schule zu bezahlen. 312 Gräfin. 4 Iſt es dahin Gekommen? Vetter, Vetter! könnt ihr's tragen? Mar. Die Regimenter, die mir anvertraut ſind, Dem Kaiſer treu hinwegzuführen, hab' ich Gelobt: Dies will ich halten oder ſterben. Mehr fordert keine Pflicht von mir. Ich fechte Nicht gegen dich, wenn ich's vermeiden kann, Denn auch dein feindlich Haupt iſt mir noch heilig. (Es geſchehen zwei Schüſſe. Illo und Terzky eilen ans Fenſter.) Wallenſtein. Was iſt Das? Terzky. Er ſtürzt. Wallenſtein. Stürzt! Wer? Illo. Die Tiefenbacher thaten Den Schuß. Wallenſtein. Auf wen? Illo. Auf dieſen Neumann, den Du ſchickteſt—) Wallenſtein(auffahrend). Tod und Teufel! So will ich— (Will gehen.) Terzky. Dich ihrer blinden Wuth entgegenſtellen? 313 Herzogin und Gräfin. Um Gotteswillen nicht! Zllo. Jetzt nicht, mein Feldherr! Gräfin. O, balr' ihn! halt' ihn! Wallenſtein. Laß mich! Mar. Thu' es nicht, Jetzt nicht. Die blutig raſche That hat ſie In Wuth geſetzt, erwarte ihre Reue— Wallenſtein. Hinweg! Zu lange ſchon hab' ich gezaudert. Das konnten ſie ſich freventlich erkühnen, Weil ſie mein Angeſicht nicht ſahn— Sie ſollen Mein Antlitz ſehen, meine Stimme hoͤren— Sind es nicht meine Truppen? Bin ich nicht Ihr Feldherr und gefuͤrchteter Gebieter? Laß ſehn, ob ſie das Antlitz nicht mehr kennen, Das ihre Sonne war in dunkler Schlacht! Es braucht der Waffen nicht. Ich zeige mich Vom Altan dem Rebellenheer, und, ſchnell Bezaͤhmt, gebt Acht, kehrt der empörte Sinn Ins alte Bette des Gehorſams wieder. (Er geht. Ihm folgen Illo, Terzky und Buttler.) 314 Ein und zwanzigſter Auftritt. Gräfin. Herzogin. Mar und Chehkla. Gräfin Gur Herzogin). Wenn ſie ihn ſehn— Es iſt noch Hoffnung, Schweſter. Herzogin. Hoffnung! ich habe keine. Mar (der wäbhrend des letzten Auftritts in einem ſichtbaren Kampf von Ferne geſtanden, tritt näher). Das ertrag' ich nicht. Ich kam hieher mit feſt entſchiedner Seele, Ich glaubte recht und tadellos zu thun und muß hier ſtehen, wie ein Haſſenswerther, Ein roh Unmenſchlicher, vom Fluch belaſtet, Vom Abſcheu Aller, die mir theuer ſind, Unwurdig ſchwer bedrängt die Lieben ſehn, Die ich mit einem Wort beglücken kann— Das Herz in mir empöͤrt ſich, es erheben Zwei Stimmen ſtreitend ſich in meiner Bruſt, In mir iſt Nacht, ich weiß das Rechte nicht zu waͤhlen. O, wohl, wohl hatteſt du geredet, Vater, Zu viel vertraut' ich auf das eigne Herz: Ich ſtehe wankend, weiß nicht, was ich ſoll. Gräfin. Sie wiſſen's nicht? Ihr Herz ſagt's Ihnen nicht? So will ich's Ihnen ſagen! Ihr Vater hat den ſchreiendſten Verrath An uns begangen, an des Fürſten Haupt Gefrevelt, uns in Schmach geſtürzt: daraus 315 Ergibt ſich klar, was Sie, ſein Sohn, thun ſollen: Gutmachen, was der Schändliche verbrochen, Ein Beiſpiel aufzuſtellen frommer Treu, Daß nicht der Name Piccolomini Ein Schandlied ſey, ein ew'ger Fluch im Haus Der Wallenſteiner. Mar. Wo iſt eine Stimme Der Wahrheit, der ich folgen darf? Uns Alle Bewegt der Wunſch, die Leidenſchaft. Daß jetzt Ein Engel mir vom Himmel niederſtiege, Das Rechte mir, das Unverfaͤlſchte ſchöpfte Am reinen Lichtquell mit der reinen Hand! (Indem ſeine Augen auf Thekla fallen.) Wie? Such' ich dieſen Engel noch? Erwart' ich Noch einen andern? (Er naͤhert ſich ihr, den Arm um ſie ſchlagend.) Hier, auf dieſes Herz, Das unfehlbare, heilig reine, will Ich's legen, deine Liebe will ich fragen, Die nur den Glücklichen beglücken kann, Vom unglückſelig Schuldigen ſich wendet. Kannſt du mich dann noch lieben, wenn ich bleibe? Erkläre, daß du's kannſt, und ich bin euer. Gräfin(mit Bedeutung). Bedenkt— Max(unterbricht ſie). Bedenke nichts. Sag', wie du's fuͤhlſt. Gräfin. An Euren Vater denkt— 316 Mar(unterbricht ſie). Nicht Friedlands Tochter Ich frage dich, dich, die Geliebte, frag' ich! Es gilt nicht, eine Krone zu gewinnen: Das möchteſt du mit klugem Geiſt bedenken. Die Ruhe deines Freundes gilt's, das Glück Von einem Tauſend tapfrer Heldenherzen, Die ſeine That zum Muſter nehmen werden. Soll ich dem Kaiſer Eid und Pflicht abſchwören? Soll ich ins Lager des Octavio Die vatermörderiſche Kugel ſenden? Denn, wenn die Kugel los iſt aus dem Lauf, Iſt ſie kein todtes Werkzeug mehr, ſie lebt, Ein Geiſt fährt in ſie, die Erinnyen Ergreifen ſie, des Frevels Rächerinnen, Und führen tückiſch ſie den ärgſten Weg. TChekla. O Max— Mar(unterbricht ſie). Nein, übereile dich auch nicht! Ich kenne dich. Dem edeln Herzen könnte Die ſchwerſte Pflicht die nachſte ſcheinen. Nicht Das Große, nur das Menſchliche geſchehe. Denb', was der Fürſt von je an mir gethan. Denk' auch, wie's ihm mein Vater hat vergolten. O, auch die ſchönen, freien Regungen Der Gaſtlichkeit, der frommen Freundestreue Sind eine heilige Religion dem Herzen: Schwer rächen ſie die Schauder der Natur An dem Barbaren, der ſie gräßlich ſchändet. 317 7 Leg' Alles, Alles in die Wage, ſprich Und laß dein Herz entſcheiden. Thekla. O, das deine Hat längſt entſchieden. Folge deinem erſten Gefühl— Gräfin. Unglückliche! Thekla. Wie könnte Das Das Rechte ſeyn, was dieſes zarte Herz Nicht gleich zuerſt ergriffen und gefunden? Geh' und erfülle deine Pflicht! Ich werde Dich immer lieben. Was du auch erwaͤhlt, Du würdeſt edel ſtets und deiner würdig Gehandelt haben— aber Reue ſoll Nicht deiner ſchönen Seele Frieden ſtören. Mar. So muß ich dich verlaſſen, von dir ſcheiden! Thekla. Wie du dir ſelbſt getreu bleibſt, biſt du's mir; Uns rrennt das Schickſal, unſre Herzen bleiben einig. Ein blut'ger Haß entzweit auf ew'ge Tage Die Haͤuſer Friedland, Piccolomini. Doch wir gehören nicht zu unſerm Hauſe. — Fort! Eile! Eile, deine gute Sache Von unſrer unglückſeligen zu trennen. Auf unſerm Hauſe liegt der Fluch des Himmeks: Es iſt dem Untergang geweiht. Auch mich Wird meines Vaters Schuld mit ins Verderben 318 Hinabziehn. Traure nicht um mich! Mein Schickſal Wird bald entſchieden ſeyn. (Max faßt ſie in die Arme, heftig bewegt. Man hört hinter der Scene ein lautes, wildes, langverhallendes Geſchrei:„Vivat Ferdinandus!e von kriegeriſchen Inſtrumenten begleitet. Max und Thekla halten einander unbeweglich in den Armen.) Zwei und zwanzigſter Auftritt. Vorige. Terzky. Gräfin(ihm entgegen). Was war Das? Was bedeutete das Rufen? Terzky. Es iſt vorbei, und Alles iſt verloren. Gräfin. Wie? und ſie gaben nichts auf ſeinen Anblick? Terzky. Nichts. Alles war umſonſt. Herzogin. Sie riefen Vivat. Terzky. Dem Kaiſer. Gräfin. O die Pflichtvergeſſenen! Terzky. Man ließ ihn nicht einmal zum Worte kommen. Als er zu reden anfing, ſielen ſie Mit kriegeriſchem Spiel betaͤubend ein. — Hier kommt er. 319 Drei und zwanzigſter Auftritt. Vorige. Wallenſtein, begleitet von Ills und Buttler. Cüraſſtere. Wallenſtein(im Kommen). Terzky! Terzky. Mein Fürſt! Wallenſtein. Laß unſre Regimenter Sich fertig halten, heut' noch aufzubrechen: Denn wir verlaſſen Pilſen noch vor Abend. Buttler— Buttler. Mein General! Wallenſtein. Der Commandant zu Eger Iſt Euer Freund und Landsmann. Schreibt ihm gleich Durch einen Eilenden, er ſoll bereit ſeyn, Uns morgen in die Feſtung einzunehmen— Ihr folgt uns ſelbſt mit Eurem Regiment. Buttler. Es ſoll geſchehn, mein Feldherr! Wallenſtein. (tritt zwiſchen Max und Thekla, welche ſich während dieſer Zeit feſt umſchlungen gehalten.) Mar. 4 Am Thron des Kaiſers. 320 (Cüraſſiere mit gezogenem Gewehr treten in den Saal und ſammeln ſich im Hintergrunde. Zugleich hört man unten einige muthige Paſſa⸗ gen aus dem Pappenheimer Marſch, welche dem Max zu rufen ſcheinen.) Wallenſtein(zu den Cüraſſieren). Hier iſt er. Er iſt frei. Ich halt' ihn nicht mehr. (Er ſteht avgewendet und ſo, daß Max ihm nicht beikommen, noch ſich dem Fräulein nähern kann.) Mar. Du haſſeſt mich, treibſt mich im Zorn von dir. Zerreißen ſoll das Band der alten Liebe, Nicht ſanft ſich löſen, und du willſt den Riß, Den ſchmerzlichen, mir ſchmerzlicher noch machen Du weißt, ich habe ohne dich zu leben Noch nicht gelernt— In eine Wüſte geh' ich Hinaus, und Alles, was mir werth iſt, Alles Bleibt hier zurück— O, wende deine Augen Nicht von mir weg! Noch einmal zeige mir Dein ewig theures und verehrtes Antlitz! Verſtoß' mich nicht— (Er will ſeine Hand faſſen. Wallenſtein zieht ſie zurück. Er wendet ſich an die Gräfin.) Iſt hier kein andres Auge, Das Mitleid für mich hätte— Baſe Terzky— (Sie wendet ſich von ihm; er kehrt ſich zur Herzogin.) Ehrwürd'ge Mutter— Herzogin. Gehn Sie, Graf, wohin Die Pflicht Sie ruft— So können Sie uns einſt Ein treuer Freund, ein guter Engel werden 321 Mar. Hoffnung geben Sie mir, Sie wollen mich nicht ganz verzweifeln laſſen. O, taäuſchen Sie mich nicht mit leerem Blendwerk! Mein Unglück iſt gewiß, und Dank dem Himmel! Der mir ein Mittel eingibt, es zu enden. (Die Kriegsmuſik beginnt wieder. Der Saal füllt ſich mehr und mehr nmiit „ Bewaffneten an. Er ſieht Buttlern daſtehn.) Ihr auch hier, Oberſt Buttler— Und Ihr wollt mir Nicht folgen?— Wohl! Bleibt Eurem neuen Herrn Getreuer, als dem alten. Kommt! Verſprecht mir, Die Hand gebt mir darauf, daß Ihr ſein Leben Beſchützen, unverletzlich wollt bewahren. (Buttler verweigert ſeine Hand.) Des Kaiſers Acht hängt über ihm und gibt Sein fürſtlich Haupt jedwedem Mordknecht preis, Der ſich den Lohn der Blutthat will verdienen: Jetzt that' ihm eines Freundes fromme Sorge, Der Liebe treues Auge noth— und, die Ich ſcheidend um ihn ſeh'— 3(Zweideutige Blicke auf Illo und Buttler richtend.) ZlIo. Sucht die Verräther In Eures Vaters, in des Gallas Lager. Hier iſt nur einer noch. Geht und befreit uns Von ſeinem haſſenswürd'gen Anblick! Geht! (Max verſucht es noch einmal, ſich der Thekla zu nähern. Wallenſtein ver⸗ hindert es. Er ſteht unſchlüſſig, ſchmerzvoll; indeß füllt ſich der Saat immer mehr und mehr, und die Görner ertönen unten immer auffor⸗ dernder und in immer kürzern Pauſen.) Schillers ſaͤmmtl. Werke. IV. 322 Mar. Blast! Blast!— O, wäaͤren es die ſchwed'ſchen Hörner, und ging's von hier gerad' ins Feld des Todes, und alle Schwerter, alle, die ich hier 4 Entblößt muß ſehn, durchdrängen meinen Buſen! 3 Was wollt ihr? Kommt ihr, mich von hier hinweg Zu reißen?— O, treibt mich nicht zur Verzweiflung Thut's nicht! Ihr könntet es bereuen! (Der Saal iſt ganz mit Bewaffneten erfüllt.) Noch mehr— es haͤngt Gewicht ſich an Gewicht, 4 und ihre Maſſe zieht mich ſchwer hinab.— Bedenket, was ihr thut. Es iſt nicht wohlgethan, Zum Füͤhrer den Verzweifelnden zu wählen. Ihr reißt mich weg von meinem Glück, wohlan, Der Rachegöttin weih' ich eure Seelen! Ihr habt gewählt zum eigenen Verderben: Wer mit mir geht, Der ſey bereit zu ſterben! (Indem er ſich nach dem Hintergrunde wendet, entſteht eine raſche Bewe⸗ gung unter den Cüraſſieren, ſie umgeben und begleiten ihn in wildem 3 Tumult. Wallenſtein bleibt unbeweglich, Thekla ſinkt in ihrer Mutter Arme. Der Vorhang fällt.) Vierter Aufzug. In des Bürgermeiſters Hauſe zu Eger. Erſter Auftritt. Buttler(der eben anlangt). Er iſt herein. Ihn führte ſein Verhangniß. Der Rechen iſt gefallen hinter ihm, Und, wie die Brücke, die ihn trug, beweglich Sich niederließ und ſchwebend wieder hob, . Iſt jeder Rettungsweg ihm abgeſchnitten. 4 Bis hieher, Friedland, und nicht weiter! fagt Die Schickſalsgöttin. Aus der böhmiſchen Erde Erhob ſich dein bewundert Meteor, Weit durch den Himmel einen Glanzweg ziehend; Und hier an Böhmens Gränze muß es ſinken! — Du haſt die alten Fahnen abgeſchworen, Verblenderer, und trauſt dem alten Glück! Den Krieg zu tragen in des Kaiſers Lander, Den heil'gen Herd der Laren umzuſtürzen, Bewaffneſt du die frevelhafte Hand. Nimm dich in Acht— dich treibt der böſe Geiſt Der Rache— daß dich Rache nicht verderbe! Den Diener lobt, der ſeine Pflicht gethan. 324 Zweiter Auftritt. Buttler und Gordon. Gordon. Seyd Ihr's? O, wie verlangt mich, Euch zu höͤren. Der Herzog ein Verräther! O mein Gott! und fluchtig! Und ſein fürſtlich Haupt geachtet! Ich bitt' Euch, General, ſagt mir ausführlich, Wie alles Dies zu Pilſen ſich begeben. Buttler. Ihr habt den Brief erhalten, den ich Euch Durch einen Eilenden vorausgeſendet? Gordon. Und habe treu gethan, wie Ihr mich hießt, Die Feſtung unbedenklich ihm geöffnet: Denn mir befiehlt ein kaiſerlicher Brief, Nach Eurer Ordre blindlings mich zu fuͤgen. Jedoch, verzeiht! als ich den Fürſten ſelbſt Nun ſah, da fing ich wieder an zu zweifeln. Denn, wahrlich! nicht als ein Geäͤchteter Trat Herzog Friedland ein in dieſe Stadt. Von ſeiner Stirne leuchtete wie ſonſt Des Herrſchers Majeſtät, Gehorſam fordernd, Und ruhig, wie in Tagen guter Ordnung, Nahm er des Amtes Rechenſchaft mir ab. Leutſelig macht das Mißgeſchick, die Schuld, Und ſchmeichelnd zum geringen Manne pflegt Gefallner Stolz herunter ſich zu beugen; Doch ſparſam und mit Würde wog der Fürſt Mir jedes Wort des Beifalls, wie der Herr 325 Buttler. Wie ich Euch ſchrieb, ſo iſt's genau geſchehn: Es hat der Füͤrſt dem Feinde die Armee Verkauft, ihm Prag und Cger öffnen wollen. Verlaſſen haben ihn auf dies Gerücht Die Regimenter alle bis auf fünfe, Die Terzkyſchen, die ihm hieher gefolgt. Die Acht iſt ausgeſprochen über ihn, und, ihn zu liefern, lebend oder todt, Iſt jeder treue Diener aufgefordert. Gordon. Verräather an dem Kaiſer— ſolch ein Herr! (So hochbegabt! O, was iſt Menſchengröße! Ich ſagt' es oft: Das kann nicht glücklich enden! Zum Fallſtrick ward ihm ſeine Größ' und Macht Und dieſe dunkelſchwankende Gewalt. Denn um ſich greift der Menſch, nicht darf man ihn Der eignen Mäßigung vertraun. Ihn haͤlt In Schranken nur das deutliche Geſetz Und der Gebrauche tiefgetretne Spur. Doch unnatürlich war und neuer Art Die Kriegsgewalt in dieſes Mannes Händen: Dem Kaiſer ſelber ſtellte ſie ihn gleich: Der ſtolze Geiſt verlernte ſich zu beugen. O, Schad' um ſolchen Mann! denn Keiner moͤchte V Da feſte ſtehen, mein' ich, wo er fiel. Buttler. Spart Eure Klagen, bis er Mitleid braucht, Denn jetzt noch iſt der Mächtige zu fürchten. Die Schweden ſind im Anmarſch gegen Eger, Und ſchnell, wenn wir's nicht raſch entſchloſſen hindern, 3²26 Wird die Vereinigung geſchehn. Das darf nicht ſeyn! Es darf der Fürſt nicht freien Fußes mehr Aus dieſem Platz: denn Ehr' und Leben hab' ich Verpfaͤndet, ihn gefangen hier zu nehmen, Und Euer Beiſtand iſt's, auf den ich rechne. Gordon. O, hätt' ich nimmer dieſen Tag geſehn! Aus ſeiner Hand empfing ich dieſe Würde, Er ſelber hat dies Schloß mir anvertraut, Das ich in ſeinen Kerker ſoll verwandeln. Wir Subalternen haben keinen Willen: Der freie Mann, der mächtige, allein Gehorcht dem ſchönen menſchlichen Gefühl. Wir aber ſind nur Schergen des Geſetzes, Des grauſamen; Gehorſam heißt die Tugend, um die der Niedre ſich bewerben darf. Buttler. Laßt Euch das enggebundene Vermögen Nicht leid thun. Wo viel Freiheit, iſt viel Irrthum; Doch ſicher iſt der ſchmale Weg der Pflicht. Gorvon. So hat ihn Alles denn verlaſſen, ſagt Ihr? Er hat das Glück von Tauſenden gegründet— Denn königlich war ſein Gemüth, und ſtets Zum Geben war die volle Hand geöffnet— (Mit einem Seitenblick auf Buttlern.) Vom Staube hat er Manchen aufgeleſen, Zu hoher Ehr' und Würden ihn erhöht Und hat ſich keinen Freund damit, nicht einen Erkauft, der in der Noth ihm Farbe hielt! 327 Buttler. Hier lebt ihm einer, den er kaum gehofft. Gordon. Ich hab' mich keiner Gunſt von ihm erfreut. Faſt zweifl' ich, ob er je in ſeiner Größe Sich eines Jugendfreunds erinnert hat— Denn fern von ihm hielt mich der Dienſt, ſein Auge Verlor mich in den Mauern dieſer Burg, Wo ich, von ſeiner Gnade nicht erreicht, Das freie Herz im Stillen mir bewahrte. Denn, als er mich in dieſes Schloß geſetzt, War's ihm noch Ernſt um ſeine Pflicht: nicht ſein Vertrauen taäuſch' ich, wenn ich treu bewahre, Was meiner Treue übergeben ward. . Zuttler. So ſagt, wollt Ihr die Acht an ihm vollziehn, Mir Eure Hülfe leihn, ihn zu verhaften? Gordon (nach einem nachdenklichen Stillſchweigen, kummervoll). Iſt es an Dem— verhält ſich's, wie Ihr ſprecht— Hat er den Kaiſer, ſeinen Herrn, verrathen, Das Heer verkauft, die Feſtungen des Landes Dem Reichsfeind öffnen wollen— ja, dann iſt Nicht Rettung mehr für ihn— Doch es iſt hart, Daß unter Allen eben mich das Los Zum Werkzeug ſeines Sturzes muß erwählen. Denn Pagen waren wir am Hof zu Burgau Zu gleicher Zeit, ich aber war der altre. Buttler. Ich weiß davon. 328 Gordon. Wohl dreißig Jahre ſind's. Da ſtrebte ſchon Der kühne Muth im zwanzigjähr'gen Jüngling. Ernſt über ſeine Jahre war ſein Sinn, Auf große Dinge mäaͤnnlich nur gerichtet; Durch unſre Mitte ging er ſtillen Geiſts, Sich ſelber die Geſellſchaft; nicht die Luſt, Die kindiſche, der Knaben zog ihn an; Doch oft ergriff's ihn plötzlich wunderſam, Und der geheimnißvollen Bruſt entfuhr, Sinnvoll und leuchtend, ein Gedankenſtrahl, Daß wir uns ſtaunend anſahn, nicht recht wiſſend, Ob Wahnſinn, ob ein Gott aus ihm geſprochen. Buttler. Dort war's, wo er zwei Stock hoch niederſtürzte, Als er im Fenſterbogen eingeſchlummert, Und unbeſchaͤdigt ſtand er wieder auf. Von dieſem Tag an, ſagt man, ließen ſich Anwandlungen des Wahnſinns bei ihm ſpüren. Gordon. Tiefſinn'ger wurd' er, Das iſt wahr, er wurde Katholiſch. Wunderbar hatt' ihn das Wunder Der Rettung umgekehrt. Er hielt ſich nun Für ein begünſtigt und befreites Weſen, Und keck, wie Einer, der nicht ſtraucheln kann, Lief er auf ſchwankem Seil des Lebens hin. Nachher führt' uns das Schickſal auseinander Weit, weit: er ging der Größe kühnen Weg Mit ſchnellem Schritt, ich ſah ihn ſchwindelnd gehn, Ward Graf und Fürſt und Herzog und Dictator, und jetzt iſt Alles ihm zu klein, er ſtreckt 329 Die Haͤnde nach der Königskrone aus Und ſtuͤrzt in unermeßliches Verderben! Buttler. Brecht ab. Er kommt. Dritter Auftritt. Wallenſtein im Geſpräch mit dem Bürgermeiſter von Eger. Vorige. Wallenſtein. Ihr wart ſonſt eine freie Stadt? Ich ſeh', Ihr führt den halben Adler in dem Wappen. Warum den halben nur? ¹ Vürgermeiſter. Wir waren reichsfrei; Doch ſeit zweihundert Jahren iſt die Stadt Der böhm'ſchen Kron' verpfändet. Daher rührt's, Daß wir nur noch den halben Adler führen. Der untre Theil iſt cancellirt, bis etwa Das Reich uns wieder einlöst. Wallenſtein. Ihr verdienter Die Freiheit. Haltet euch nur brav. Gebt keinem Aufwieglervolk Gehör. Wie hoch ſeyd ihr Beſteuert? Bürgermeiſter(uckt die Achſeln). Daß wir's kaum erſchwingen können. Die Garniſon lebt auch auf unſre Koſten. 330 Wallenſtein. Ihr ſollt erleichtert werden. Sagt mir an, Es ſind noch Proteſtanten in der Stadt? (Bürgermeiſter ſtutzt.) Ja, ja. Ich weiß es. Es verbergen ſich noch viele In dieſen Mauern— jal geſteht's nur frei— Ihr ſelbſt— Nicht wahr? (Fixirt ihn mit den Augen. Bürgermeiſter erſchrickt.) Seyd ohne Furcht! ich haſſe Die Jeſuiten— Laͤg's an mir, ſie wären längſt Aus Reiches Gränzen— Meßbuch oder Bibel! Mir iſt's All Eins— Ich hab's der Welt bewieſen— In Glogau hab' ich ſelber eine Kirche Den Evangeliſchen erbauen laſſen. — Hört, Bürgermeiſter— wie iſt Euer Name? . Zürgermeiſter. Pachhälbel, mein erlauchter Fürſt. Wallenſtein. Hört— aber ſagt's nicht weiter, was ich Euch Jetzt im Vertraun eröoͤffne. Ihm die Hand auf die Achſel legend, mit einer gewiſſen Feierlichkeit.) Die Erfüllung Der Zeiten iſt gekommen, Bürgermeiſter: Die Hohen werden fallen, und die Niedrigen Erheben ſich— Behaltet's aber bei Euch! Die ſpaniſche Doppelherrſchaft neiget ſich Zu ihrem Ende, eine neue Ordnung Der Dinge führt ſich ein— Ihr ſaht doch jüngſt Am Himmel die drei Monde? Zürgermeiſter. Mit Entſetzen. 331 Wallenſtein. Davon ſich zwei in blut'ge Dolchgeſtalt Verzogen und verwandelten. Nur einer, Der mittlere, blieb ſtehn in ſeiner Klarheit. Zürgermeiſter. Wir zogen's auf den Türken. Wallenſtein. Türken! Was? Zwei Reiche werden blutig untergehen Im Oſten und im Weſten, ſag' ich Euch, Und nur der lutheriſche Glaub' wird bleiben. (Er bemerkt die zwei Andern.) Ein ſtarkes Schießen war ja dieſen Abend Zur linken Hand, als wir den Weg hieher Gemacht. Vernahm man's auch hier in der Feſtung? Gordon. Wohl hörten wir's, mein General. Es brachte Der Wind den Schall gerad' von Süden her. Buttler. Von Neuſtadt oder Weiden ſchien's zu kommen. Wallenſtein. Das iſt der Weg, auf dem die Schweden nahn. Wie ſtark iſt die Beſatzung? Gordon. Hundert achtzig Dienſtfähige Mann, der Reſt ſind Invaliden. Wallenſtein. und wie viel ſtehn im Jochimsthal? Gordon. Zweihundert 332 Arkebuſiere hab' ich hingeſchickt, Den Poſten zu verſtärken gegen die Schweden. Wallenſtein. Ich lobe Eure Vorſicht. An den Werken Wird auch gebaut. Ich ſah's bei der Hereinfahrt. Gordon. Weil uns der Rheingraf jetzt ſo nah bedrängt, Ließ ich noch zwei Baſteien ſchnell errichten. Wallenſtein. Ihr ſeyd genau in Eures Kaiſers Dienſt. Ich bin mit Euch zufrieden, Oberſtleutnant. (Zu Buttlern.) Der Poſten in dem Jochimsthal ſoll abziehn Sammt Allen, die dem Feind entgegenſtehn. (Zu Gordon.) In Euren treuen Händen, Commandant, Laß ich mein Weib, mein Kind und meine Schweſter. Denn hier iſt meines Bleibens nicht; nur Briefe Erwart' ich, mit dem Fruüͤheſten die Feſtung Sammt allen Regimentern zu verlaſſen. Vierter Auftritt. Vorige. Terzky. Terzky. Willkommne Botſchaft! Frohe Zeitungen! Wallenſtein. Was bringſt du? —— —— 333 Terzky. Eine Schlacht iſt vorgefallen Bei Neuſtadt, und die Schweden blieben Sieger. Wallenſtein. Was jagſt du? Woher kommt dir dieſe Nachricht? Terzky. Ein Landmann bracht' es mit von Tirſchenreut: Nach Sonnenuntergang hab's angefangen, Ein kaiſerlicher Trupp von Tachau her Sey eing brochen in das ſchwed'ſche Lager, Zwei Stunden hab' das Schießen angehalten, Und tauſend Kaiſerliche ſey'n geblieben, Ihr Oberſt mit— mehr wußt' er nicht zu ſagen. Wallenſtein. Wie käme kaiſerliches Volk nach Neuſtadt? Der Altringer— er müßte Flügel haben— Stand geſtern vierzehn Meilen noch von da; Des Gallas Völker ſammeln ſich zu Fraunberg Und ſind noch nicht beiſammen. Hätte ſich Der Suys etwa ſo weit vorgewagt? Es kann nicht ſeyn. (Illo erſcheint.) Terzky. Wir werden's alsbald hoͤren, Denn hier kommt Illo froͤhlich und voll Eile. 334 Fünfter Auftritt. Die Vorigen. Illa. Illo(zu Wallenſtein). Ein Reitender iſt da und will dich ſprechen. Terzky. Hat's mit dem Siege ſich beſtätigt? Sprich! Wallenſtein. Was bringt er? Woher kommt er? Illo. . Von dem Rheingraf, und, was er bringt, will ich voraus dir melden. Die Schweden ſtehn füunf Meilen nur von hier. Bei Neuſradt hab' der Piccolomini Sich mit der Reiterei auf ſie geworfen, Ein fürchterliches Morden ſey geſchehn; Doch endlich hab' die Menge überwaltigt: Die Pappenheimer alle, auch der Max, Der ſie geführt— ſey'n auf dem Platz geblieben. Wallenſtein. Wo iſt der Bote? Bringt mich zu ihm. (Will abgehen. Indem ſtürzt Fräulein Neuvrunn ins Zimmer; ihr folgen einige Bediente, die durch den Saal rennen.) Neubrunn. Hülfe! Hülfe! Illo und Terzho. Was gibt's? Neubrunn. Das Fräulein! Wallenſtein und Terzhy. Weiß ſie's? 335 Neubrunn. Sie will ſterben. (Eilt fort.) (Wallenſtein mit Terzky und Illo ihr nach.) Sechster Auftritt. Buttler und Gordon. Gordon(erſtaunt). Erklart mir. Was bedeutete der Auftritt? Buttler. Sie har den Mann verloren, den ſie liebte: Der Pieccolomint war's, der umgekommen. Gordon. Unglücklich Fräulein! 5 Buttler. Ihr habt gehört, was dieſer Illo brachte, Daß ſich die Schweden ſiegend nahn. Gordon. Wohl höoͤrt' ich's. Buttler. Zwölf Regimenter ſind ſie ſtark, und fuͤnf Stehn in der Naͤh', den Herzog zu beſchützen. Wir haben nur mein einzig Regiment, Und nicht Zweihundert ſtark iſt die Beſatzung. Gordon. So iſt's. Buttler. Nicht möglich iſt's, mit ſo geringer Mannſchaft Solch einen Staatsgefangnen zu bewahren. 336 Gordon. Das ſeh' ich ein. Buttler. Die Menge hätte bald das kleine Häuflein Entwaffner, ihn befreit. Gordon. Das iſt zu fürchten. Buttlerx(nach einer Pauſe). Wißt! Ich bin Bürge worden für den Ausgang: Mit meinem Haupte haft' ich für das ſeine. Wort muß ich halten, führ's, wohin es will, und, iſt der Lebende nicht zu bewahren, So iſt— der Todte uns gewiß. Gordon. Verſteh' ich Euch? Gerechter Gott! Ihr könntet— Buttler. Er darf nicht leben. Gordon. Ihr vermöchter's! Buttler. Ihr oder ich. Er jah den letzten Morgen. Gordon. Ermorden wollt Ihr ihn? Buttler. Das iſt mein Vorſatz. Gordon. Der Eurer Treu'’ vertraut! Buttler. Sein böſes Schickſal! Gordon. Des Feldherrn heilige Perſon! 337 Buttler. Das war er! Gordon. O, was er war, löſcht kein Verbrechen aus! Ohn' Urtheil? Buttler. Die Vollſtreckung iſt ſtatt Urtheils. Gordon. Das ware Mord und nicht Gerechtigkeit: Denn hören muß ſie auch den Schuldigſten. Buttler. Klar iſt die Schuld: der Kaiſer hat gerichtet, Und ſeinen Willen nur vollſtrecken wir. Gordon. Den blut'gen Spruch muß man nicht raſch vollziehn: Ein Wort nimmt ſich, ein Leben nie zurück. Buttler. Der hurt'ge Dienſt gefaͤllt den Königen. Gordon. Zu Henkers Dienſt drängt ſich kein edler Mann. Buttler. Kein muthiger erbleicht vor kühner That. Gordon. Das Leben wagt der Muth, nicht das Gewiſſen. Zuttler. Was? Soll er frei ausgehn, des Krieges Flamme, Die unauslöſchliche, aufs Neu' entzünden? Gordon. Nehmt ihn gefangen; tödtet ihn nur nicht, Greift blutig nicht dem Gnadenengel vor. Schillers ſämmtl. Werke. IV. 8 80ο 338 Buttler. Waͤr' die Armee des Kaiſers nicht geſchlagen, Möcht' ich lebendig ihn erhalten haben. Gordon. O, warum ſchloß ich ihm die Feſtung auf! Buttler. Der Ort nicht, ſein Verhaͤngniß toͤdtet ihn. Gordon. Auf dieſen Waͤllen war' ich ritterlich, Des Kaiſers Schloß vertheidigend, geſunken. Buttler. Und tauſend brave Männer kämen um! Gordon. In ihrer Pflicht— Das ſchmückt und ehrt den Mann; Doch ſchwarzen Mord verfluchte die Natur. Buttler l(eine Schrift hervorlangend). Hier iſt das Manifeſt, das uns befiehlt, Uns ſeiner zu bemachtigen⸗ Es iſt an Euch Gerichtet, wie an mich. Wollt Ihr die Folgen tragen, Wenn er zum Feind entrinnt durch unſre Schuld? 4 Gordon. Ich, der Unmäͤchtige, o Gott!. 3 Buttler. Nehmt Ihr's auf Euch! Steht für die Folgen ein! Mag werden draus, was will! Ich leg's auf Euch. Gordon. O Gott im Himmel! Buttler. Wißt Ihr andern Rath, Des Kaiſers Meinung zu vollziehen? Sprecht Denn ſturzen, nicht vernichten will ich ihn. 339 Gordon. O Gott! Was ſeyn muß, ſeh' ich klar, wie Ihr; Doch anders ſchlägt das Herz in meiner Bruſt. Zuttler.* Auch dieſer Illo, dieſer Terzky dürfen Nicht leben, wenn der Herzog fällt. Gordon. O, nicht um Dieſe thut mir's leid. Sie trieb Ihr ſchlechtes Herz, nicht die Gewalt der Sterne. Sie waren's, die in ſeine ruh'ge Bruſt Den Samen böͤſer Leidenſchaft geſtreut, Die mit fluchwurdiger Geſchaftigkeit Die Unglücksfrucht in ihm genährt— Mag ſie Des boͤſen Dienſtes böſer Lohn ereilen! Buttler. Auch ſollen ſie im Tod ihm gleich voran. Verabredt iſt ſchon Alles. Dieſen Abend Bei eines Gaſtmahls Freuden wollen wir Sie lebend greifen und im Schloß bewahren. Viel kürzer iſt es ſo. Ich geh', ſogleich Die nöthigen Befehle zu ertheilen. Siebenter Auftritt. Vorige. Illo und Terzky. Terzky. Nun ſoll's bald anders werden! Morgen ziehn Die Schweden ein, zwölftauſend tapfre Krieger. * In einem frühern Manuſcripte folgen hier die Zeilen Von härterm Stoff iſt meins: geſtählt hat mich In rauher Schule die Norhwendigkeit. 340 Dann grad' auf Wien! He! Luſtig, Alter! Kein So herb Geſicht zu ſolcher Freudenbotſchaft! Illo. Jetzt iſt's an uns, Geſetze vorzuſchreiben Und Rach' zu nehmen an den ſchlechten Menſchen, Den ſchändlichen, die uns verlaſſen. Einer Hat's ſchon gebüßt, der Piccolomini. Ging's Allen ſo, die's übel mit uns meinen! Wie ſchwer trifft dieſer Schlag das alte Haupt! Der hat ſein ganzes Leben lang ſich ab⸗ Gequalt, ſein altes Grafenhaus zu fürſten, und jetzt begräbt er ſeinen einz'gen Sohn! Zuttler. Schad' iſt's doch um den heldenmüth'gen Juͤngling; Dem Herzog ſelbſt ging's nah, man ſah es wohl. 3119. Hört, alter Freund! Das iſt es, was mir nie Am Herrn gefiel, es war mein ew'ger Zank! Er hat die Wälſchen immer vorgezogen. Auch jetzo noch, ich ſchwör's bei meiner Seele, Saͤh' er uns Alle lieber zehnmal todt, Könnt' er den Freund damit ins Leben rufen. Terzky. Still, ſtill! Nicht weiter! Laß die Todten ruhn! Heut' gilt es, wer den Andern niedertrinkt: Denn Euer Regiment will uns bewirthen. Wir wollen eine luſt'ge Faſtnacht halten; Die Nacht ſey einmal Tag; bei vollen Gläſern Erwarten wir die ſchwed'ſche Avantgarde. Illo. Ja, laßt uns heut' noch guter Dinge ſeyn: 341 Denn heiße Tage ſtehen uns bevor; Nicht ruhn ſoll dieſer Degen, bis er ſich In Oeſterreich'ſchem Blute ſatt gebadet. Gordon. Pfui, welche Red' iſt Das, Herr Feldmarſchall Warum ſo würthen gegen Euren Kaiſer— Buttler. Hofft nicht zu viel von dieſem erſten Sieg. Bedenkt, wie ſchnell des Gluückes Rad ſich dreht, Denn immer noch ſehr machtig iſt der Kaiſer. Illo. Der Kaiſer hat Soldaten, keinen Feldherrn; Denn dieſer König Ferdinand von Ungarn Verſteht den Krieg nicht— Gallas? Hat kein Glück Und war von jeher nur ein Heerverderber. Und dieſe Schlange, der Octavio, Kann in die Ferſen heimlich wohl verwunden, Doch nicht in offner Schlacht dem Friedland ſtehn. Terzky. Nicht fehlen kann's uns, glaubt mir's nur. Das Gluck Verlaͤßt den Herzog nicht: bekannt iſt's ja, Nur unterm Wallenſtein kann Oeſtreich ſiegen. Illo. Der Fürſt wird eheſtens ein großes Heer Beiſammen haben: Alles draͤngt ſich, ſtrömt Herbei zum alten Ruhme ſeiner Fahnen. Die alten Tage ſeh' ich wiederkehren; Der Große wird er wieder, der er war. Wie werden ſich die Thoren dann ins Aug' 342 Denn Lander ſchenken wird er ſeinen Freunden Und treue Dienſte kaiſerlich belohnen. Wir aber ſind in ſeiner Gunſt die Naͤchſten. (Zu Gordon.) Auch Euer wird er dann gedenken, wird Euch Aus dieſem Neſte ziehen, Eure Treu' In einem höhern Poſten glanzen laſſen. Gordon. Ich bin vergnügt, verlange höher nicht / Hinauf: wo große Höh', iſt große Tiefe. Illo. Ihr habt hier weiter nichts mehr zu beſtellen, Denn morgen ziehn die Schweden in die Feſtung. Kommt, Terzky. Es wird Zeit zum Abendeſſen. Was meint Ihr? Laſſen wir die Stadt erleuchten, Den Schwediſchen zur Ehr', und, wer's nicht thut, Der iſt ein Spaniſcher und ein Verräther. Terzky. Laß Das. Es wird dem Herzog nicht gefallen. Illo. Was! Wir ſind Meiſter hier, und Keiner ſoll ſich Fuͤr kaiſerlich bekennen, wo wir herrſchen. — Gut' Nacht, Gordon. Laßt Euch zum Letztenmal Den Platz empfohlen ſeyn, ſchickt Runden aus! Zur Sicherheit kann man das Wort noch ändern. Schlag Zehn bringt Ihr dem Herzog ſelbſt die Schluſſel, Dann ſeyd Ihr Eures Schließeramtes quitt: Denn morgen ziehn die Schweden in die Feſtung. Geſchlagen haben, die ihn jetzt verließen! 343 CTerzky(im Abgehen zu Buttler). Ihr kommt doch auch aufs Schloß? Buttler. Zu rechter Zeit. (Jene gehen ab.) Achter Auftritt. Buttler und Gordon. Gordon(ihnen nachſehend). Die Ungluckſeligen! Wie ahnungslos Sie in das ausgeſpannte Mordnetz ſtürzen In ihrer blinden Siegestrunkenheit!— Ich kann ſie nicht beklagen. Dieſer Illo, Der übermüthig freche Boͤſewicht, Der ſich in ſeines Kaiſers Blut will baden! Buttler. Thut, wie er Euch befohlen. Schickt Patrouillen Herum, ſorgt für die Sicherheit der Feſtung; Sind Jene oben, ſchließ' ich gleich die Burg, Daß in der Stadt nichts von der That verlaute! Gordon(äEngſtlich). O, eilt nicht ſo! Erſt ſagt mir— Buttler. Ihr vernahmt'’s! Der nachſte Morgen ſchon gehört den Schweden. Die Nacht nur iſt noch unſer: ſie ſind ſchnell; Noch ſchneller wollen wir ſeyn— Lebet wohl. 344 Gordon. Ach, Eure Blicke ſagen mir nichts Gutes. Verſprechet mir— Buttler. Der Sonne Licht iſt unter, Herab ſteigt ein verhängnißvoller Abend— Sie macht ihr Dünkel ſicher. Wehrlos gibt ſie Ihr böſer Stern in unſre Hand, und mitten In ihrem trunknen Gluͤckeswahne ſoll Der ſcharfe Stahl ihr Leben raſch zerſchneiden. Ein großer Rechenkunſtler war der Fürſt Von jeher: Alles wußt' er zu berechnen, Die Menſchen wußt' er, gleich des Brettſpiels Steinen, Nach ſeinem Zweck zu ſetzen und zu ſchieben. Nicht Anſtand nahm er, Andrer Ehr' und Würde und guten Ruf zu wurfeln und zu ſpielen. Gerechnet hat er fort und fort, und endlich Wird doch der Calcul irrig ſeyn; er wird Sein Leben ſelbſt hinein gerechnet haben, Wie Jener dort in ſeinem Cirkel fallen. Gordon.— O, ſeiner Fehler nicht gedenket jetzt! An ſeine Größe denkt, an ſeine Milde, An ſeines Herzens liebenswerthe Züge, An alle Edelthaten ſeines Lebens, Und laßt ſie in das aufgehobne Schwert Als Engel bittend, gnadeflehend fallen. Zuttler. s iſt zu ſpat. Nicht Mitleid darf ich fühlen; ch darf nur blutige Gedanken haben. E 3 3(Gordons Hand faſſend.) 345 Gordon! Nicht meines Haſſes Trieb— Ich liebe Den Herzog nicht und hab' dazu nicht Urſach'— Doch nicht mein Haß macht mich zu ſeinem Moͤrder. Sein böſes Schickſal iſt's. Das Unglück treibt mich, Die feindliche Zuſammenkunft der Dinge. (Es denkt der Menſch die freie That zu thun, umſonſt! Er iſt das Spielwerk nur der blinden Gewalt, die aus der eignen Wahl ihm ſchnell Die furchtbare Nothwendigkeit erſchafft. Was häͤlf's ihm auch, wenn mir für ihn im Herzen Was redete— Ich muß ihn dennoch tödten. Gordon. O, wenn das Herz Euch warnt, folgt ſeinem Triebe! Das Herz iſt Gottes Stimme; Menſchenwerk Iſt aller Klugheit künſtliche Berechnung. Was kann aus blut'ger That Euch Gluͤckliches Gedeihen? O, aus Blut entſpringt nichts Gutes Soll ſie die Staffel Euch zur Größe bauen? O, glaubt Das nicht— Es kann der Mord bisweilen Den Königen, der Mörder nie gefallen. Juttler. Ihr wißt nicht. Fragt nicht. Warum mußten anch Die Schweden ſiegen und ſo eilend nahn! Gern überließ' ich ihn des Kaiſers Gnade: Sein Blut nicht will ich. Nein, er möchte leben; Doch meines Wortes Ehre muß ich löſen, Und ſterben muß er, oder— hört und wißt: Ich bin entehrt, wenn uns der Fürſt entkommt. Gordon. O, ſolchen Mann zu retten— 346 Buttler(ſchnell). Was? Gordon. Iſt eines Opfers werth— Seyd edelmüthig! Das Herz und nicht die Meinung ehrt den Mann. Buttler(calt und ſtolz). Er iſt ein großer Herr, der Fürſt— Ich aber Bin nur ein kleines Haupt, Das wollt Ihr ſagen. Was liegt der Welt dran, meint Ihr, ob der niedrig Geborene ſich ehret oder ſchändet, Wenn nur der Fürſtliche gerettet wird. — Ein Jeder gibt den Werth ſich ſelbſt. Wie hoch ich Mich ſelbſt anſchlagen will, Das ſteht bei mir; So hoch geſtellt iſt Keiner auf der Erde, Daß ich mich ſelber neben ihm verachte. Den Menſchen macht ſein Wille groß und klein, und, weil ich meinem treu bin, muß er ſterben. Gordon. O, einen Felſen ſtreb' ich zu bewegen! Ihr ſeyd von Menſchen menſchlich nicht gezeugt. Nicht hindern kann ich Euch; ihn aber rette Ein Gott aus Eurer fürchterlichen Hand. (Sie gehen ab.) ———— 347 Ein Zimmer bei der Herzogin. Neunter Auftritt. Thekla in einem Seſſel, bleich, mit geſchloſſenen Augen. Herzogin und Fräulein von Neubrunn um ſie beſchäftigt. Wallenſtein und die Gräſin im Geſpräch. Wallenſtein. Wie wußte ſie es denn ſo ſchnell? . Gräfin. . Sie ſcheint Unglück geahnt zu haben. Das Gerücht Von einer Schlacht erſchreckte ſie, worin Der kaiſerliche Oberſt ſey gefallen. Ich ſah es gleich. Sie flog dem ſchwediſchen Courier entgegen und entriß ihm ſchnell Durch Fragen das unglückliche Geheimniß. Zu ſpat vermißten wir ſie, eilten nach; Ohnmaächtig lag ſie ſchon in ſeinen Armen. Wallenſtein. So unbereitet mußte dieſer Schlag Sie treffen! Armes Kind!— Wie iſt's? Erholt ſie ſich? (Indem er ſich zur Herzogin wendet.) Herzogin. Sie ſchlägt die Augen auf. Gräfin. Sie lebt! Chekla(ſich umſchauend). Wo bin ich? Wallenſtein (tritt zu ihr, ſie mit ſeinen Armen aufrichtend). Komm zu dir, Thekla. Sey mein ſtarkes Maädchen! 348 Sieh' deiner Mutter liebende Geſtalt und deines Vaters Arme, die dich halten. Thekla richtet ſich auf). Wo iſt er? Iſt er nicht mehr hier? Herzogin. Wer, meine Tochter? Thekla. Der dieſes Unglückswort ausſprach— Herzogin. O, denke nicht daran, mein Kind! Hinweg Von dieſem Bilde wende die Gedanken! Wallenſtin. Laßt ihren Kummer reden! Laßt ſie klagen! Miſcht eure Thranen mit den ihrigen! Denn einen großen Schmerz hat ſie erfahren; Doch wird ſie's überſtehn, denn meine Thekla Hat ihres Vaters unbezwungnes Herz. Thekla. Ich bin nicht krank. Ich habe Kraft zu ſtehn. Was weint die Mutter? Hab' ich ſie erſchreckt? Es iſt vorüber, ich beſinn' mich wieder. (Sie iſt aufgeſtanden und ſucht mit den Augen im Zimmer.) Wo iſt er? Man verberge mir ihn nicht. Ich habe Staͤrke gnug, ich will ihn hören. Herzogin. Nein, Thekla! Dieſer Unglücksbote ſoll Nie wieder unter deine Augen treten. CThekla. Mein Vater— Wallenſtein. Liebes Kind! 349 Chekla. Ich bin nicht ſchwach, Ich werde mich auch bald noch mehr erholen. Gewähren Sie mir eine Bitte! Wallenſtein. Sprich! Thyekla. Erlanben Sie, daß dieſer fremde Mann Gerufen werde, daß ich ihn allein Vernehme und befrage. Herzogin. Nimmermehr! Gräfin. Nein, Das iſt nicht zu rathen! Gib's nicht zu. Wallenſtein. Warum willſt du ihn ſprechen, meine Tochter? Thekla. Ich bin gefaßter, wenn ich Alles weiß. Ich will nicht hintergangen ſeyn. Die Mutter Will mich nur ſchonen. Ich will nicht geſchont feyn. Das Schrecklichſte iſt ja geſagt: ich kann Nichts Schrecklichers mehr hören. Gräfin und Herzogin(zu Wallenſtein). Thu' es nicht! Thekla. Ich wurde uͤberraſcht von meinem Schrecken: Mein Herz verrieth mich bei dem fremden Mann, Er war ein Zeuge meiner Schwachheit, ja, Ich ſank in ſeine Arme— Das beſchamt mich. Herſtellen muß ich mich in ſeiner Achtung, 350 und ſprechen muß ich ihn, nothwendig, daß Der fremde Mann nicht ungleich von mir denke. Wallenſtein. Ich finde, ſie hat Recht— und bin geneigt, Ihr dieſe Bitte zu gewähren. Ruft ihn! (Fräulein Neubrunn geht hinaus.) Herzogin. Ich, deine Mutter, aber will dabei ſeyn. Thekla. Am liebſten ſpräch' ich ihn allein. Ich werde Alsdann um ſo gefaßter mich betragen. Wallenſte in(zur Herzogin). Laß es geſchehn. Laß ſie's mit ihm allein Ausmachen. Es gibt Schmerzen, wo der Menſch (Sich ſelbſt nur helfen kann: ein ſtarkes Herz Will ſich auf ſeine Stärke nur verlaſſen. In ihrer, nicht an fremder Bruſt muß ſie Kraft ſchöpfen, dieſen Schlag zu überſtehn. Es iſt mein ſtarkes Mäͤdchen, nicht als Weib, Als Heldin will ich ſie behandelt ſehn. (Ex will gehen.) Gräfin Gaͤlt ihn). Wo gehſt du hin? Ich hörte Terzky ſagen, Du denkeſt morgen früh von hier zu gehn, uns aber hier zu laſſen. Wallenſtein. Ja; ihr bleibt Dem Schutze wackrer Manner ubergeben⸗ Gräfin. O, nimm uns mit dir, Bruder! Laß uns nicht In dieſer düſtern Einſamkeit dem Ausgang 351 Mit ſorgendem Gemüth entgegen harren. A Das gegenwaͤrt'ge Unglück tragt ſich leicht; Doch grauenvoll vergrößert es der Zweifel Und der Erwartung Qual dem weit Entfernten. . Wallenſtein. Wer ſpricht von Unglück? Beſſ're deine Rede! Ich hab' ganz andre Hoffnungen. Gräfin. So nimm uns mit. O, laß uns nicht zuruck In dieſem Ort der traurigen Bedeutung: Denn ſchwer iſt mir das Herz in dieſen Mauern, Und wie ein Todtenkeller haucht mich's an; Ich kann nicht ſagen, wie der Ort mir widert. O, führ' uns weg! Komm, Schweſter, bitt' ihn auch, Daß er uns fortnimmt! Hilf mir, liebe Nichte! Wallenſtein. Des Ortes böſe Zeichen will ich aͤndern: Er ſey's, der mir mein Theuerſtes bewahrte. 3 Neubrunn(kommr zuruͤck). Der ſchwed'ſche Herr! Wallenſtein. Laßt ſie mit ihm allein. Ab. Herzogin(zu Thekla). Sieh', wie du dich enrfarbteſt! Kind, du kannſt ihn Unmöglich ſprechen. Folge deiner Mutter. Thekla. Die Neubrunn mag denn in der Nähe bleiben. (Herzogin und Gräfin gehen ab.) 35² Zehnter Auftritt. Thekla. Der ſchwediſche Hauptmann. Fräulein Neubrunn. Hauptmann(naht ſich ehrerbietig). Prinzeſſin— ich— muß um Verzeihung bitten, Mein unbeſonnen raſches Wort— Wie konnt' ich— Thekla(mit edelm Anſtand). Sie haben mich in meinem Schmerz geſehn: Ein unglücksvoller Zufall machte Sie Aus einem Fremdling ſchnell mir zum Vertrauten. Hauptmann. Ich fuͤrchte, daß Sie meinen Anblick haſſen: Denn meine Zunge ſprach ein traurig Wort. Thekla. Die Schuld iſt mein. Ich ſelbſt entriß es Ihnen; Sie waren nur die Stimme meines Schickſals. Mein Schrecken unterbrach den angefangnen Bericht. Ich bitte drum, daß Sie ihn enden. Hauptmann(bedenklich). Prinzeſſin, es wird Ihren Schmerz erneuern. Thekla. Ich bin darauf gefaßt—— Ich will gefaßt ſeyn. Wie fing das Treffen an? Vollenden Sie. Hauptmann. Wir ſtanden, keines Ueberfalls gewartig, Bei Neuſtadt ſchwach verſchanzt in unſerm Lager, Als gegen Abend eine Wolke Staubes Aufſtieg vom Wald her, unſer Vortrab fliehend Ins Lager ſtuͤrzte, rief: der Feind ſey da. Wir hatten eben nur noch Zeit, uns ſchnell Aufs Pferd zu werfen, da durchbrachen ſchon, — 3⁵³ In vollem Roſſeslauf daher geſprengt, Die Pappenheimer den Verhack; ſchnell war Der Graben auch, der ſich ums Lager zog, Von dieſen ſtuͤrm'ſchen Schaaren überflogen. Doch unbeſonnen hatte ſie der Muth Vorausgeführt den Andern: weit dahinten War noch das Fußvolk; nur die Pappenheimer waren Dem kühnen Führer kühn gefolgt.— (Thekla macht eine Bewegung. Der Hauptmann hält einen Augenblick inne bis ſie ihm einen Wink gibt, fortzufahren.) Von Vorn und von den Flanken faßten wir Sie jetzo mit der ganzen Reiterei Und drangten ſie zurück zum Graben, wo Das Fußvolk, ſchnell geordnet, einen Rechen Von Piken ihnen ſtarr entgegenſtreckte. Nicht vorwärts konnten ſie, auch nicht zurück, Gekeilt in drangvoll fürchterliche Enge. Da rief der Rheingraf ihrem Führer zu, In guter Schlacht ſich ehrlich zu ergeben; Doch Oberſt Piccolomini— (Thekla, ſchwindelnd, faßt einen Seſſel.) Ihn machte Der Helmbuſch kenntlich und das lange Haar, Vom raſchen Ritte war's ihm losgegangen— Zum Graben winkt er, ſprengt, der Erſte, ſelbſt Sein edles Roß darüber weg, ihm ſtürzt Das Regiment nach— doch— ſchon war's geſchehn! Sein Pferd, von einer Partiſan' durchſtoßen, bäumt Sich wüthend, ſchleudert weit den Reiter ab, Und hoch weg über ihn geht die Gewalt Der Roſſe, keinem Zügel mehr gehorchend. Schillers ſämmtl. Werke. IV. 23 (Thekla, welche die letzten Reden mit allen Zeichen der Angſt begleitet, ver⸗ fällt in ein heftiges Zittern, ſie will ſinken, Fräulein Neubrunn eilt hinzu und empfängt ſie in ihren Armen.) Neubrunn. Mein theures Fraulein— Hauptmann(gCerührt). Ich entferne mich. Thekla. Es iſt vorüber— bringen Sie's zu Ende. Hauptmann. Da ergriff, als ſie den Führer fallen ſahn, Die Truppen grimmig wüthende Verzweiflung. Der eignen Rettung denkt jetzt Keiner mehr; Gleich wilden Tigern fechten ſie; es reizt Ihr ſtarrer Widerſtand die Unſrigen, Und eher nicht erfolgt des Kampfes Ende, Als bis der letzte Mann gefallen iſt. Thekla(mit zitternder Stimme). Und wo— wo iſt— Sie ſagten mir nicht Alles. Hauptmann(nach einer Pauſe). Heut' früh beſtatteten wir ihn. Ihn trugen gpolf Jünglinge der edelſten Geſchlechter; Das ganze Heer begleitete die Bahre. Ein Lorbeer ſchmückte ſeinen Sarg; drauf legte Der Rheingraf ſelbſt den eignen Siegerdegen. Auch Thranen fehlten ſeinem Schickſal nicht: Denn Viele ſind bei uns, die ſeine Großmuth Und ſeiner Sitten Freundlichkeit erfahren, Und Alle rührte ſein Geſchick. Gern hätte Der Rheingraf ihn gerettet; doch er ſelbſt Vereitelt' es: man ſagt, er wollte ſterben. 35⁵ UNeubrunn (gerührt zu Thekla, welche ihr Angeſicht verhuͤllt hat). Mein theures Fräulein— Fraulein, ſehn Sie auf! O, warum mußten Sie darauf beſtehn? Thekla. — Wo iſt ſein Grab? Hauptmann. In einer Kloſterkirche Bei Neuſtadt iſt er beigeſetzt, bis man Von ſeinem Vater Nachricht eingezogen. Thekla. Wie heißt das Kloſter? Hauptmann. Sanct Kathrinenſtift. Thekla. Iſt's weit bis dahin? 8 Hauptmann. Sieben Meilen zahlt man. Chekla. Wie geht der Weg? Hauptmann. Man kommt bei Tirſchenrent Und Falkenberg durch unſre erſten Poſten. Chekla. Wer commandirt ſie? Hauptmann. Oberſt Seckendorf. Thekla (tritt an den Tiſch und nimmt aus dem Schmuckkäſtchen einen Ring). Sie haben mich in meinem Schmerz geſehn 3⁵6 Und mir ein menſchlich Herz gezeigt— Empfangen Sie (indem ſie ihm den Ring gibt) Ein Angedenken dieſer Stunde— Gehn Sie!— Hauptmann(beſürzt). Prinzeſſin— (Thekla winkt ihm ſchweigend zu gehen und verlaͤßt ihn. Hauptmann zau⸗ dert und will reden. Fraͤulein Neubrunn wiederholt den Wink. geht ab.) Eilfter Auftritt. Neubrunn. Thekla. Thekla(faͤllt der Neubrunn um den Hals). Jetzt, gute Neubrunn, zeige mir die Liebe Die du mir ſtets gelobt! Beweiſe dich Als meine treue Freundin und Gefaͤhrtin! — Wir muſſen fort, noch dieſe Nacht. Neubrunn. Fort, und wohin? Thekla. Wohin? Es iſt nur ein Ort in der Welt! Wo er beſtattet liegt, zu ſeinem Sarge! Neubrunn. Was können Sie dort wollen, theures Fräulein? Thekla. Was dort, Unglückliche! So würdeſt du Nicht fragen, wenn du je geliebt. Dort, dort Iſt Alles, was noch übrig iſt von ihm: Der einz'ge Fleck iſt mir die ganze Erde. Er 357 — O, halte mich nicht auf! Komm und mach' Anſtalt! Laß uns auf Mittel denken, zu entfliehen. Neubrunn. Bedachten Sie auch Ihres Vaters Zorn? Thekla. Ich fürchte keines Menſchen Zürnen mehr. Neubrunn. Den Hohn der Welt! Des Tadels arge Zunge Thekla. Ich ſuche Einen auf, der nicht mehr iſt. Will ich denn in die Arme— o mein Gott! Ich will ja in die Gruft nur des Geliebten. Neubrunn. Und wir allein, zwei hülflos ſchwache Weiber? Thekla. Wir waffnen uns: mein Arm ſoll dich beſchützen. Neubrunn. Bei dunkler Nachtzeit? Thekla. Nacht wird uns verbergen. Neubrunn. In dieſer rauhen Sturmnacht? CThekla. Ward ihm ſanft Gebettet unter den Hufen ſeiner Roſſe? — Neubrunn. O Gott! Und dann die vielen Feindespoſten! Man wird uns nicht durchlaſſen. Thekla. Es ſind Menſchen. Frei geht das Ungluck durch die ganze Erde! 358 Neubrunn. Die weite Reiſe— 1 Thekla. Zählt der Pilger Meilen, Wenn er zum fernen Gnadenbilde wallt? Neubrunn. Die Möglichkeit, aus dieſer Stadt zu kommen? Thekla. Gold öffnet uns die Thore. Geh' nur, geh'! Neubrunn. Wenn man uns kennt? Thekla. In einer Fluͤchtigen, Verzweifelnden, ſucht Niemand Friedlands Tochter. Neubrunn. Wo finden wir die Pferde zu der Flucht? Thekla. Mein Caralier verſchafft ſie. Geh' und ruf' ihn! Neubrunn. Wagt er Das ohne Wiſſen ſeines Herrn? Thekla. Er wird es thun. O, geh' nur! Zaudre nicht. Neubrunn. Ach! und was wird aus Ihrer Mutter werden, Wenn Sie verſchwunden ſind? Thekla (ſich beſinnend und ſchmerzvoll vor ſich hinſchauend). O meine Mutter! Neubrunn. So viel ſchon leidet ſie, die gute Mutter: Soll ſie auch dieſer letzte Schlag noch treffen? 359 Thekla. Ich kann's ihr nicht erſparen!— Geh' nur, geh'! Neubrunn. Bedenken Sie doch ja wohl, was Sie thun. Thekla. Bedacht iſt ſchon, was zu bedenken iſt. Neubrunn. und, ſind wir dort, was ſoll mit Ihnen werden? Thekla. Dort wird's ein Gott mir in die Seele geben. Neubrunn. Ihr Herz iſt jetzt voll Unruh', theures Fraͤulein: Das iſt der Weg nicht, der zur Ruhe führt. Thekla. Zur tiefen Ruh', wie er ſie auch gefunden. — O, eile, geh'! Mach' keine Worte mehr! Es zieht mich fort, ich weiß nicht, wie ich's nenne, Unwiderſtehlich fort zu ſeinem Grabe! Dort wird mir leichter werden, augenblicklich! Das herzerſtickende Band des Schmerzens wird Sich löſen— Meine Thranen werden fließen. O, geh', wir könnten längſt ſchon auf dem Weg ſeyn. Nicht Ruhe find' ich, bis ich dieſen Mauern Entronnen bin— ſie ſtürzen auf mich ein— Fortſtoßend treibt mich eine dunkle Macht Von dannen— Was iſt Das für ein Gefühl! Es füllen ſich mir alle Räume dieſes Hauſes Mit bleichen, hohlen Geiſterbildern an— Ich habe keinen Platz mehr— immer neue! Es drängt mich das entſetzliche Gewimmel Aus dieſen Waͤnden fort, die Lebende! 360 Ueubrunn. Sie ſetzen mich in Angſt und Schrecken, Fräulein, Daß ich nun ſelber nicht zu bleiben wage. Ich geh' und rufe gleich den Roſenberg.(Geht ab.) Zwölfter Auftritt. Thekla. Sein Geiſt iſt's, der mich ruft. Es iſt die Schaar Der Treuen, die ſich rächend ihm geopfert. Unedler Saͤumniß klagen ſie mich an. Sie wollten auch im Tod nicht von ihm laſſen, Der ihres Lebens Führer war— Das thaten Die rohen Herzen, und ich ſollte leben! — Nein! Auch für mich ward jener Lorbeerkranz, Der deine Todtenbahre ſchmückt, gewunden. Was iſt das Leben ohne Liebesglanz? Ich werf' es hin, da ſein Gehalt verſchwunden. Ja, da ich dich, den Liebenden, gefunden, Da war das Leben etwas. Glänzend lag Vor mir der neue goldne Tag, Mir traͤumte von zwei himmelſchönen Stunden. Du ſtandeſt an dem Eingang in die Welt, Die ich betrat mit klöſterlichem Zagen; Sie war von tauſend Sonnen aufgehellt; Ein guter Engel ſchienſt du hingeſtellt, Mich aus der Kindheit fabelhaften Tagen Schnell auf des Lebens Gipfel hinzutragen. 361 Mein erſt Empfinden war des Himmels Glück: In dein Herz fiel mein erſter Blick! (Sie ſinkt hier in Nachdenken und fährt dann mit Zeichen des Grauens auf.) — Da kommt das Schickſal— Roh und kalt Faßt es des Freundes zärtliche Geſtalt Und wirft ihn unter'n Hufſchlag ſeiner Pferde— — Das iſt das Los des Schönen auf der Erde Dreizehnter Auftritt. Thekla. Fräulein Neubrunn mit dem Stallmeiſter. Neubrunn. Hier iſt er, Fraulein, und er will es thun. Thekla. Willſt du uns Pferde ſchaffen, Roſenberg? Stallmeiſter. Ich will ſie ſchaffen. Thekla. Willſt du uns begleiten? Stallmeiſter. Mein Fraͤulein, bis ans End' der Welt. Thekla. Du kannſt Zum Herzog aber nicht zurück mehr kehren. Stallmeiſter. Ich bleib' bei Ihnen. Thekla. Ich will dich belohnen 362 und einem andern Herrn empfehlen. Kannſt du uUns aus der Feſtung bringen unentdeckt? Stallmeiſter. Ich kann's. Thekla. Wann kann ich gehn? Stallmeiſter. 66q In dieſer Stunde. — Wo geht die Reiſe hin?— Thekla. Nach— Sag's ihm, Neubrunn. Neubrunn. Nach Neuſtadt. Stallmeiſter. Wohl. Ich geh', es zu beſorgen. (Ab.) Neubrunn. Ach, da kommt Ihre Mutter, Fraͤulein. Thekla. Gott! Vierzehnter Auftritt. Thekla. Neubrunn. Die Herzogin. Herzogin. Er iſt hinweg: ich finde dich gefaßter. Thekla. Ich bin es, Mutter— Laſſen Sie mich jetzt Bald ſchlafen gehen und die Neubrunn um mich ſeyn. Ich brauche Ruh'. 363 Herzogin. Du ſollſt ſie haben, Thekla. Ich geh' getröſtet weg, da ich den Vater Beruhigen kann. Thekla. Gut' Nacht denn, liebe Mutter! (Sie fällt ihr um den Hals und umarmt ſie in großer Bewegung.) Herzogin. Du biſt noch nicht ganz ruhig, meine Tochter. Du zitterſt ja ſo heftig, und dein Herz Klopft hörbar an dem meinen. Thekla. Schlaf wird es Beſänftigen— Gut' Nacht, geliebte Mutter! (Indem ſie aus den Armen der Mutter ſich losmacht, fällt der Vorhang.) 364 Fünfter Aufzug. Buttlers Zimmer. Erſter Auftritt. Buttler. Major Geraldin. Zuttler. Zwoͤlf ruſtige Dragoner ſucht Ihr aus, Bewaffnet ſie mit Piken, denn kein Schuß Darf fallen— An dem Eßſaal nebenbei Verſteckt Ihr ſie, und, wenn der Nachtiſch auf⸗ Geſetzt, dringt Ihr herein und ruft: Wer iſt Gut kaiſerlich?— Ich will den Tiſch umſtürzen— Dann werft ihr euch auf Beide, ſtoßt ſie nieder. Das Schloß wird wohl verriegelt und bewacht, Daß kein Gerücht davon zum Fürſten dringe. Geht jetzt— Habt Ihr nach Hauptmann Deverour Und Macdonald geſchickt? Geraldin. Gleich ſind ſie hier. Zuttler. Kein Aufſchub iſt zu wagen. Auch die Buürger Erklären ſich für ihn: ich weiß nicht, welch (Geht ab.) ——— —OV—O—ÿ—ÿ—ͦꝛ—F—˖— 365 Ein Schwindelgeiſt die ganze Stadt ergriffen. Sie ſehn im Herzog einen Friedensfuͤrſten Und einen Stifter neuer goldner Zeit. Der Rath hat Waffen ausgetheilt; ſchon haben Sich ihrer Hundert angeboten, Wache Bei ihm zu thun. Drum gilt es, ſchnell zu ſeyn, Denn Feinde drohn von Außen und von Innen. Zweiter Auftritt. Buttler. Hauptmann Deverour und Maedonald. 3 Macdonald. Da ſind wir, General. Deverour. Was iſt die Loſung? Buttler. Es lebe der Kaiſer! Beide(treten zuruͤck). Wie? Zuttler. Haus Oeſtreich lebe! Deverour. Iſt's nicht der Friedland, dem wir Treu' geſchworen? Macdonald. Sind wir nicht hergeführt, ihn zu beſchuͤtzen? 3 Zuttler. Wir einen Reichsfeind und Verräther ſchützen? Deverour. Nun ja, du nahmſt uns ja für ihn in Pfiicht. Schillers ſämmtl. Werke. IV. 24 366 Macdonald. Und biſt ihm ja hieher gefolgt nach Eger. Buttler. Ich that's, ihn deſto ſichrer zu verderben. Deverour. Ja ſo! Macdonald. Das iſt was Andres. ZButtler(zu Deveroux). Elender! So leicht entweichſt du von der Pflicht und Fahne? Deverour. Zum Teufel, Herr! Ich folgte deinem Beiſpiel. Kann Der ein Schelm ſeyn, dacht' ich, kannſt du's auch. Macdonald. Wir denken nicht nach. Das iſt deine Sache Du biſt der General und commandirſt. Wir folgen dir, und wenn's zur Hölle ginge. Buttler(beſänſtigt). Nun gut! Wir kennen einander. Macdonald. Ja, Das denk' ich. Deverour. Wir ſind Soldaten der Fortuna: wer Das Meiſte bietet, hat uns. Mucdonald. Ja, ſo iſt's. Buttler. Jetzt ſollt ihr ehrliche Soldaten bleiben. Deverour. Das ſind wir gerne. 367 Buttler. Und Fortune machen. Macdonald. Das iſt noch beſſer. Zuttler. Höret an. Beide. Wir hören. Buttler. Es iſt des Kaiſers Will' und Ordonnanz, Den Friedland, lebend oder todt, zu fahen. Deverour. So ſteht's im Brief? Macdonald. Ja, lebend oder todt! Zuttler. Und ſtattliche Belohnung wartet Deſſen An Geld und Gütern, der die That vollführt. Deverour. Es klingt ganz gut. Das Wort klingt immer gut Von dorten her. Ja, ja! Wir wiſſen ſchon! So eine guld'ne Gnadenkett' etwa, Ein krummes Roß, ein Pergament und ſo was. — Der Furſt zahlt beſſer. Macdonald. Ja, der iſt ſplendid. Buttler. Mit dem iſt's aus. Sein Glücksſtern iſt gefallen. Macdonald. Iſt Das gewiß? 368 Buttler. Ich ſag's euch. Deverour. Iſt's vorbei Mit ſeinem Glück? Buttler. Vorbei auf immerdar. Er iſt ſo arm, wie wir. Macdonald. So arm, wie wir? Devernus. 2 Ja, Macdonald, da muß man ihn verlaſſen! Zuttler. Verlaſſen iſt er ſchon von Zwanzigrauſend. Wir müſſen mehr thun, Landsmann. Kurz und gut! — Wir müſſen ihn tödten. (Beide fahren zurück.) Beide. Tödten? Buttler. Tödten, ſag' ich. — Und dazu hab' ich euch erleſen. Beide. Uns? Buttler. Euch, Hauptmann Deverour und Macdonald. Deverous(nach einer Paufe). Wäahlt einen Andern. Macdonald. Ja, wählt einen Andern. 369 Buttler(zu Deveroux). Erſchreckt's dich, feige Memme? Wie? Du haſt Schon deine dreißig Seelen auf dir liegen— Deverour. Hand an den Feldherrn legen— Das bedenk'! 4 Macdonald. Dem wir das Jurament geleiſtet haben! Buttler. Das Jurament iſt null mit ſeiner Treu'. Deverourx. Hör', General! Das dünkt mir doch zu gräßlich. Macdonald. Ja, Das iſt wahr! Man hat auch ein Gewiſſen. Deverour. Wenn's nur der Chef nicht waͤr', der uns ſo lang Gecommandirt hat und Reſpect gefordert. Buttler. Iſt Das der Anſtoß? Deverour. Ja! Hör'! Wen du ſonſt willſt! Dem eig'nen Sohn, wenn's Kaiſers Dienſt verlangt, Will ich das Schwert ins Eingeweide bohren— Doch, ſieh', wir ſind Soldaten, und, den Feldherrn Ermorden, Das iſt eine Sünd' und Frevel, Davon kein Beichtmönch abſolviren kann. Buttler. Ich bin dein Papſt und abſolvire dich. Entſchließt euch ſchnell. Deverour(ſeeht bedenklich). Es geht nicht. 370 Macdonald. Nein, es geht nicht. Buttler. Nun denn, ſo geht— und— ſchickt mir Peſtalutzen. Deverour(tuutzt). Den Peſtalutz— Hum! Macdonald. Was willſt du mit Dieſem? Buttler. Wenn ihr's verſchmäht, es finden ſich genug— Deverour. Nein, wenn er fallen muß, ſo koͤnnen wir Den Preis ſo gut verdienen, als ein Andrer. — Was denkſt du, Bruder Macdonald? Macdonald. Ja, wenn Er fallen muß und ſoll, und's iſt nicht anders, So mag ich's dieſem Peſtalutz nicht gönnen. Deverour(nach einigem Beſinnen). Wann ſoll er fallen? Buttler. Heut', in dieſer Nacht: Denn morgen ſtehn die Schweden vor den Thoren. Deyerour. Stehſt du mir für die Folgen, General? Buttler. Ich ſteh' für Alles. Deyerour. Iſt's des Kaiſers Will'? Sein netter, runder Will'? Man hat Exempel, Daß man den Mord liebt und den Mörder ſtraft. 371 Buttler. Das Manifeſt ſagt: Lebend oder todt. Und lebend iſt's nicht möglich, ſeht ihr ſelbſt— Deverour. Todt alſo! Todt— Wie aber kommt man an ihn? Die Stadt iſt angefüllt mit Terzkyſchen. Macdonald. Und dann iſt noch der Terzky und der Illo— Zuttler. Mit dieſen Beiden faͤngt man an, verſteht ſich. Deverour. Was? ſollen Die auch fallen? Buttler. Die zuerſt. Macdonald. Hör', Deverour— Das wird ein blut'ger Abend. Deverour. Haſt du ſchon deinen Mann dazu? Trag's mir auf. Buttler. Dem Major Geraldin iſt's uübergeben. Es iſt heut' Faſtnacht, und ein Eſſen wird Gegeben auf dem Schloß; dort wird man ſie Bei Tafel überfallen, niederſtoßen— Der Peſtalutz, der Leßley ſind dabei— Devyerour. Hör', General! Dir kann es nichts verſchlagen. Hör'— laß mich tauſchen mit dem Geraldin. . Buttler. Die kleinere Gefahr iſt bei dem Herzog. 372 Deverour. Gefahr? Was, Teufel! denkſt du von mir, Herr? Des Herzogs Aug', nicht ſeinen Degen fürcht' ich. Buttler. Was kann ſein Aug' dir ſchaden? Deverour. Alle Teufel! Du kennſt mich, daß ich keine Memme bin. Doch, ſieh', es ſind noch nicht acht Tag', daß mir Der Herzog zwanzig Goldſtück' reichen laſſen Zu dieſem warmen Rock, den ich hier anhab'— und, wenn er mich nun mit der Pike ſieht Daſtehn, mir auf den Rock ſieht— ſieh'— ſo— ſo— Der Teufel hol' mich! ich bin keine Memme. Buttler. Der Herzog gab dir dieſen warmen Rock, Und du, ein armer Wicht, bedenkſt dich, ihm Dafür den Degen durch den Leib zu rennen. Und einen Rock, der noch viel wärmer haͤlt, Hing ihm der Kaiſer um, den Fürſtenmantel. Wie dankt er's ihm? Mit Aufruhr und Verrath. Deyerour. Das iſt auch wahr. Den Danker hol' der Teufel! Ich— bring' ihn um. Buttler. Und, willſt du dein Gewiſſen Beruhigen, darfſt du den Rock nur ausziehn, So kannſt du's friſch und wohlgemuth vollbringen. Macdonald. Ja, da iſt aber noch was zu bedenken— 373 Buttler. Was gibt's noch zu bedenken, Macdonald? Macdonald. Was hilft uns Wehr und Waffe wider Den? Er iſt nicht zu verwunden, er iſt feſt. Buttler(ſährt auf). Was wird er— Macdonald. Gegen Schuß und Hieb! Er iſt Gefroren, mit der Teufelskunſt behaftet, Sein Leib iſt undurchdringlich, ſag' ich dir. Deverour. Ja, ja! In Ingolſtadt war auch ſo Einer, Dem war die Haut ſo feſt wie Stahl, man mußt' ihn Zuletzt mit Flintenkolben niederſchlagen. Macdonald. Höort, was ich thun will! Deverour. Sprich. Macvonalr. Ich kenne hier Im Kloſter einen Bruder Dominicaner Aus unſrer Landsmannſchaft, der ſoll mir Schwert Und Pike tauchen in geweihtes Waſſer Und einen kräͤft'gen Segen drüber ſprechen: Das iſt bewaͤhrt, hilft gegen jeden Bann. Buttler. Das thue, Macdonald. Jetzt aber geht. Waͤhlt aus dem Regimente zwanzig, dreißig Handfeſte Kerls, laßt ſie dem Kaiſer ſchwören. Wenn's Eilf geſchlagen— wenn die erſten Runden 374 Paſſirt ſind, füͤhrt ihr ſie in aller Stille Dem Hauſe zu— Ich werde ſelbſt nicht weit ſeyn. Deverour. Wie kommen wir durch die Hartſchiers und Garden, Die in dem innern Hofraum Wache ſtehn? Buttler. Ich hab' des Orts Gelegenheit erkundigt. Durch eine hintre Pforte führ' ich euch, Die nur durch einen Mann vertheidigt wird, Mir gibt mein Rang und Amt zu jeder Stunde Einlaß beim Herzog. Ich will euch vorangehn, Und ſchnell mit einem Dolchſtoß in die Kehle Durchbohr' ich den Hartſchier und mach' euch Bahn. Deverourx. und, ſind wir oben, wie erreichen wir Das Schlafgemach des Fürſten, ohne daß Das Hofgeſind' erwacht und Larmen ruft? Denn er iſt hier mit großem Comitat. Buttler. Die Dienerſchaft iſt auf dem rechten Flügel: Er haßt Geräuſch, wohnt auf dem linken ganz allein. Deverour. Waͤr's nur vorüber, Macdonald— Mir iſt Seltſam dabei zu Muthe, weiß der Teufel. Macdonald. Mir auch. Es iſt ein gar zu großes Haupt. Man wird uns für zwei Böſewichter halten. Buttler. In Glanz und Ehr' und Ueberfluß könnt ihr Der Menſchen Urtheil und Gered' verlachen. 375 Deverour. Wenn's mit der Ehr' nur auch ſo recht gewiß iſt. Buttler. Sepd unbeſorgt. Ihr rettet Kron' und Reich Dem Ferdinand. Der Lohn kann nicht gering ſeyn. Deverour. So iſt's ſein Zweck, den Kaiſer zu entthronen? Zuttler. Das iſt er! Kron' und Leben ihm zu rauben! Deverour. So müͤßt' er fallen durch des Henkers Hand, Wenn wir nach Wien lebendig ihn geliefert? Zuttler. Dies Schickſal könnt' er nimmermehr vermeiden. Deverour. Komm, Macdonald! Er ſoll als Feldherr enden Und ehrlich fallen von Soldatenhänden. (Sie gehen ab.) Ein Saal, aus dem man in eine Galerie gelangt, die ſich weit nach Hinten verliert. Dritter Auftritt. Wallenſtein ſitzt an einem Tiſch. Der ſchwediſche Hauptmann ſieht vor ihm. Bald darauf Gräſin Terzky. Wallenſtein. Empfehlt mich Eurem Herrn. Ich nehme Theil An ſeinem guten Glück, und, wenn Ihr mich So viele Freude nicht bezeugen ſeht, Als dieſe Siegespoſt verdienen mag, 376 So glaubt, es iſt nicht Mangel guten Willens, Denn unſer Glück iſt nunmehr Eins. Lebt wohl! Nehmt meinen Dank für Eure Müh'. Die Feſtung Soll ſich Euch aufthun morgen, wann Ihr kommt. (Schwediſcher Hauptmann geht ab. Wallenſtein ſitzt in tiefen Gedanken, ſtarr vor ſich hinſehend, den Kopf in die Hand geſenkt. Gräfin Terzky tritt herein und ſteht eine Zeitlang vor ihm unbemerkt; endlich macht er eine raſche Bewegung, erblickt ſie und faßt ſich ſchnell.) Kommſt du von ihr? Erholt ſie ſich? Was macht ſie? Gräfin. Sie ſoll gefaßter ſeyn nach dem Geſpräch, Sagt mir die Schweſter— Jetzt iſt ſie zu Bette. Wallenſtein. Ihr Schmerz wird ſanfter werden. Sie wird weinen. Gräfin. Auch dich, mein Bruder, find' ich nicht wie ſonſt. Nach einem Sieg erwartet' ich dich heitrer. O, bleibe ſtark! Erhalte du uns aufrecht, Denn du biſt unſer Licht und unſre Sonne. Wallenſtein. Sey ruhig. Mir iſt nichts— Wo iſt dein Mann? Gräfin. Zu einem Gaſtmahl ſind ſie, er und Illo. Wallenſtein (ſteht auf und macht einige Schritte durch den Saah). Es iſt ſchon finſtre Nacht— Geh' auf dein Zimmer! Gräfin. Heiß' mich nicht gehn, o, laß mich um dich bleiben! Wallenſtein Eſſt an das Fenſter getreten) Am Himmel iſt geſchäftige Bewegung, Des Thurmes Fahne jagt der Wind, ſchnell geht 377 Der Wolken Zug, die Mondesſichel wankt, Und durch die Nacht zuckt ungewiſſe Helle. — Kein Sternbild iſt zu ſehn! Der matte Schein dort, Der einzelne, iſt aus der Kaſſiopeia, Und dahin ſteht der Jupiter— Doch jetzt Deckt ihn die Schwärze des Gewitterhimmels! (Er verſinkt in Tiefſinn und ſieht ſtarr hinaus.) Gräfin (die ihm traurig zuſieht, faßt ihn bei der Hand). Was ſinnſt du? Wallenſtein. Mir daucht, wenn ich ihn ſahe, waͤr' mir wohl. Es iſt der Stern, der meinem Leben ſtrahlt, Und wunderbar oft ſtärkte mich ſein Anblick. (Pauſe.) Gräfin. Du wirſt ihn wieder ſehn. Wallenſtein (iſt wieder in eine tiefe Zerſtreuung gefallen, er ermuntert ſich und wendet ſich ſ ſchnell zur Gräſin). Ihn wiederſehn?— O, niemals wieder! Gräfin. Wie? Wallenſtein. Er iſt dahin— iſt Staub! Gräfin. Wen meinſt du denn? Wallenſtein. Er iſt der Glückliche. Er hat vollendet. Für ihn iſt keine Zukunft mehr, ihm ſpinnt Das Schickſal keine Tücke mehr— ſein Leben 378 Liegt faltenlos und leuchtend ausgebreitet, Kein dunkler Flecken blieb darin zurück, Und unglückbringend pocht ihm keine Stunde. Weg iſt er über Wunſch und Furcht, gehört Nicht mehr den trüglich wankenden Planeten— O, ihm iſt wohl! Wer aber weiß, was uns Die nachſte Stunde ſchwarz verſchleiert bringt! Gräfin. Du ſprichſt von Piccolomini. Wie ſtarb er? Der Bote ging juſt von dir, als ich kam. (Wallenſtein bedeutet ſie mit der Hand zu ſchweigen.) O, wende deine Blicke nicht zurück! Vorwäarts in hellre Tage laß uns ſchauen. Freu' dich des Siegs, vergiß, was er dir koſtet. Nicht heute erſt ward dir der Freund geraubt: Als er ſich von dir ſchied, da ſtarb er dir. Wallenſtein. Verſchmerzen werd' ich dieſen Schlag, Das weiß ich: Denn was verſchmerzte nicht der Menſch! Vom Höchſten Wie vom Gemeinſten lernt er ſich entwöhnen, Denn ihn beſiegen die gewalt'gen Stunden. Doch fühl' ich's wohl, was ich in ihm verlor. Die Blume iſt hinweg aus meinem Leben, und kalt und farblos ſeh' ich's vor mir liegen. Denn er ſtand neben mir, wie meine Jugend, Er machte mir das Wirkliche zum Traum, Um die gemeine Deutlichkeit der Dinge Den goldnen Duft der Morgenröthe webend— Im Feuer ſeines liebenden Gefühls Erhoben ſich, mir ſelber zum Erſtaunen, Des Lebens flach alltägliche Geſtalten. 379 — Was ich mir ferner auch erſtreben mag, Das Schöne iſt doch weg, das kommt nicht wieder: Denn über alles Glück geht doch der Freund, Der's fühlend erſt erſchafft, der's theilend mehrt. Gräfin. Verzag' nicht an der eignen Kraft. Dein Herz Iſt reich genug, ſich ſelber zu beleben. Du liebſt und preiſeſt Tugenden an ihm, Die du in ihn gepflanzt, in ihm entfaltet. Wallenſtein(an die Thüre gehend). Wer ſtört uns noch in ſpaͤter Nacht?— Es iſt Der Commandant. Er bringt die Feſtungsſchlüſſel. Verlaß uns, Schweſter! Mitternacht iſt da. Gräfin. O, mir wird heut' ſo ſchwer, von dir zu gehn, Und bange Furcht bewegt mich. Wallenſtein. Furcht! Wovor? Gräfin. Du moͤchteſt ſchnell wegreiſen dieſe Nacht, Und beim Erwachen fänden wir dich nimmer. 3 Wallenſtein. Einbildungen! Gräfin. O, meine Seele wird Schon lang von trüben Ahnungen geaͤngſtigt, Und, wenn ich wachend ſie bekämpft, ſie fallen Mein banges Herz in düſtern Träumen an. — Ich ſah dich geſtern Nacht mit deiner erſten Gemahlin, reich geputzt, zu Tiſche ſitzen— 380 Wallenſtein. Das iſt ein Traum erwünſchter Vorbedeutung: Denn jene Heirath ſtiftete mein Glück. Gräfin. Und heute traͤumte mir, ich ſuchte dich In deinem Zimmer auf— Wie ich hineintrat, So war's dein Zimmer nicht mehr, die Carthauſe Zu Gitſchin war's, die du geſtiftet haſt, Und wo du willſt, daß man dich hinbegrabe. Wallenſtein. Dein Geiſt iſt nun einmal damit beſchäftigt. Gräfin. Wie? Glaubſt du nicht, daß eine Warnungsſtimme In Traumen vorbedeutend zu uns ſpricht? Wallenſtein. Dergleichen Stimmen gibt's— es iſt kein Zweifel! Doch Warnungsſtimmen möcht' ich ſie nicht nennen, Die nur das Unvermeidliche verkünden. Wie ſich der Sonne Scheinbild in dem Dunſtkreis Malt, eh' ſie kommt, ſo ſchreiten auch den großen Geſchicken ihre Geiſter ſchon voran, Und in dem Heute wandelt ſchon das Morgen. Es machte mir ſtets eigene Gedanken, Was man vom Tod des vierten Heinrichs liest. Der König fühlte das Geſpenſt des Meſſers Lang vorher in der Bruſt, eh' ſich der Mörder Ravaillac damit waffnete. Ihn floh Die Ruh', es jagt' ihn auf in ſeinem Louvre, Ins Freie trieb es ihn; wie Leichenfeier Klang ihm der Gattin Kroͤnungsfeſt, er hörte 1 4 381 Im ahnungsvollen Ohr der Füße Tritt, Die durch die Gaſſen von Paris ihn ſuchten. Gräfin. Sagt dir die innre Ahnungsſtimme nichts? Wallenſtein. Nichts. Sey ganz ruhig! Gräfin(in duͤſieres Nachſinnen verloren). Und ein Andermal, Als ich dir eilend nachging, liefſt du vor mir Durch einen langen Gang, durch weite Säͤle, Es wollte gar nicht enden— Thüren ſchlugen Zuſammen, krachend— keuchend folgt' ich, konnte Dich nicht erreichen— plöͤtzlich fühlt' ich mich Von Hinten angefaßt mit kalter Hand: Du warſt's und küßteſt mich, und über uns Schien eine rothe Decke ſich zu legen— Wallenſtein. Das iſt der rothe Teppich meines Zimmers. Gräfin(ihn betrachtend). Wenn's dahin ſollte kommen— Wenn ich dich, Der jetzt in Lebensfülle vor mir ſteht— (Sie ſinkt ihm weinend an die Bruſt.) Wallenſtein. Des Kaiſers Achtbrief angſtigt dich. Buchſtaben Verwunden nicht, er findet keine Haͤnde. Gräfin. Fänd' er ſie aber, dann iſt mein Entſchluß Gefaßt— ich fuhre bei mir, was mich troſtet. (Geht ab.) Schillers fämmtl. Werke. IV. 25 382 Vierter Auftritt. Wallenſtein. Gardon. Dann der Kammerdiener. Wallenſtein. Iſt's ruhig in der Stadt? Gordon. Die Stadt iſt ruhig. Wallenſtein. Ich höre rauſchende Muſik, das Schloß iſt Von Lichtern hell. Wer ſind die Frohlichen? Gordon. Dem Grafen Terzky und dem Feldmarſchall Wird ein Bankett gegeben auf dem Schloß. Wallenſtein(fuͤr ſich). Es iſt des Sieges wegen— Dies Geſchlecht. Kann ſich nicht anders freuen, als bei Tiſch. (Klingelt. Kammerdiener tritt ein.) Entkleide mich, ich will mich ſchlafen legen. (Er nimmt die Schlüſſel zu ſich.) So ſind wir denn vor jedem Feind bewahrt Und mit den ſichern Freunden eingeſchloſſen: Denn Alles müßt' mich trügen, oder ein Geſicht, wie dies(auf Gordon ſchauend), iſt keines Heuchlers Larve. (Kammerdiener hat ihm den Mantel, Ringkragen und die Feldbinde abgenommen.) Gib Acht, was faͤllt da? Kammerdiener. Die goldne Kette iſt entzwei geſprungen. Wallenſtein. Nun, ſie hat lang genug gehalten. Gib! (Indem er die Kette betrachtet.) 383 Das war des Kaiſers erſte Gunſt. Er hing ſie Als Erzherzog mir um, im Krieg von Friaul, Und aus Gewohnheit trug ich ſie bis Heut'. — Aus Aberglauben, wenn Ihr wollt. Sie ſollte Ein Talisman mir ſeyn, ſolang ich ſie An meinem Halſe glaubig würde tragen, Das flücht'ge Glück, deß erſte Gunſt ſie war, Mir auf Zeitlebens binden— Nun, es ſey! Mir muß fortan ein neues Glück beginnen, Denn dieſes Bannes Kraft iſt aus. (Kammerdiener entfernt ſich mit den Kleidern. Wallenſtein ſteht auf, macht einen Gang durch den Saal und bleibt zuletzt nachdenkend vor Gordon ſtehen.) Wie doch die alte Zeit mir näher kommt. Ich ſeh' mich wieder an dem Hof zu Burgau, Wo wir zuſammen Edelknaben waren. Wir hatten öͤfters Streit, du meinteſt's gut Und pflegteſt gern den Sittenprediger Zu machen, ſchalteſt mich, daß ich nach hohen Dingen Unmäßig ſtrebte, kühnen Träumen glaubend, Und prieſeſt mir den goldnen Mittelweg. — Etj, deine Weisheit hat ſich ſchlecht bewaͤhrt, Sie hat dich früh' zum abgelebten Manne Gemacht und wuͤrde dich, wenn ich mit meinen Großmüth'gen Sternen nicht dazwiſchen träte, Im ſchlechten Winkel ſtill verloͤſchen laſſen. Gordon. Mein Fürſt! Mit leichtem Muthe knüpft der arme Fiſcher Den kleinen Nachen an im ſichern Port, Sieht er im Sturm das große Meerſchiff ſtranden. 384 Wallenſtein. So biſt du ſchon im Hafen, alter Mann? Ich nicht. Es treibt der ungeſchwachte Muth Noch friſch und herrlich auf der Lebenswoge; Die Hoffnung nenn' ich meine Göttin noch, Ein Jüngling iſt der Geiſt, und, ſeh' ich mich Dir gegenüber, ja, ſo moͤcht' ich rühmend ſagen, Daß über meinem braunen Scheitelhaar Die ſchnellen Jahre machtlos hingegangen. (Er geht mit großen Schritten durchs Zimmer und bleibt auf der entgegen⸗ geſetzten Seite, Gordon gegenüber, ſtehen.) 3 Wer nennt das Glück noch falſch? Mir war es treu, Hob aus der Menſchenreihe mich heraus Mit Liebe, durch des Lebens Stufen mich Mit kraftvoll leichten Götterarmen tragend. Nichts iſt gemein in meines Schickſals Wegen, Noch in den Furchen meiner Hand. Wer moͤchte Mein Leben mir nach Menſchenweiſe deuten? Zwar jetzo ſchein' ich tief herabgeſtürzt; Doch werd' ich wieder ſteigen, hohe Flut Wird bald auf dieſe Ebbe ſchwellend folgen— Gordon. Und doch erinnr' ich an den alten Spruch: Man ſoll den Tag nicht vor dem Abend loben. Nicht Hoffnung möcht' ich ſchopfen aus dem langen Glück: Dem Unglück iſt die Hoffnung zugeſendet; Furcht ſoll das Haupt des Glücklichen umſchweben: Denn ewig wanket des Geſchickes Wage. Wallenſtein(dächelnd). Den alten Gordon hör' ich wieder ſprechen. — Wohl weiß ich, daß die ird'ſchen Dinge wechſeln, 385 Die böſen Götter fordern ihren Zoll. Das wußten ſchon die alten Heidenvölker: Drum wählten ſie ſich ſelbſt freiwill'ges Unheil, Die eiferſücht'ge Gottheit zu verſähnen, Und Menſchenopfer bluteten dem Typhon. (Nach einer Pauſe, ernſt und ſtiller.) Auch ich hab' ihm geopfert— Denn mir fiel Der liebſte Freund und fiel durch meine Schuld. So kann mich keines Glückes Gunſt mehr freuen, Als dieſer Schlag mich hat geſchmerzt— Der Neid Des Schickſals iſt geſattigt, es nimmt Leben Für Leben an, und abgeleitet iſt Auf das geliebte reine Haupt der Blitz, Der mich zerſchmetternd wollte niederſchlagen. Fünfter Auftritt. Die Vorigen. Seni. Wallenſtein. Kommt da nicht Seni? Und wie außer ſich! Was führt dich noch ſo ſpät hieher, Baptiſt? Seni. Furcht deinetwegen, Heheit. Wallenſtein. Sag', was gibt's? Seni. Flieh', Hoheit, eh' der Tag anbricht! Vertraue dich Den Schwediſchen nicht an! 386 Wallenſtein. Was fallt dir ein? Seni(mit ſteigendem Ton). Vertrau' dich dieſen Schweden nicht! Wallenſtein. Was iſt's denn? Seni. Erwarte nicht die Ankunft dieſer Schweden! Von falſchen Freunden droht dir nahes Unheil; Die Zeichen ſtehen grauſenhaft; nah', nahe Umgeben dich die Netze des Verderbens. Wallenſtein. Du traͤumſt, Baptiſt, die Furcht bethöret dich. Seni. O, glaube nicht, daß leere Furcht mich täuſche. Komm, lies es ſelbſt in dem Planetenſtand, Daß Unglück dir von falſchen Freunden droht. Wallenſtein. Von falſchen Freunden ſtammt mein ganzes Unglück: Die Weiſung hätte früher kommen ſollen, Jetzt brauch' ich keine Sterne mehr dazu. Seni. O, komm und ſieh'! Glaub' deinen eignen Augen. Ein gräulich Zeichen ſteht im Haus des Lebens, Ein naher Feind, ein Unhold lauert hinter Den Strahlen deines Sterns— O, laß dich warnen! Nicht dieſen Heiden überliefre dich, Die Krieg mit unſrer heil'gen Kirche führen. Wallenſtein dlächelnd). Schallt das Orakel daher?— Ja, ja! Nun Beſinn' ich mich— Dies ſchwed'ſche Bündniß hat 387 Dir nie gefallen wollen— Leg' dich ſchlafen, Baptiſta! Solche Zeichen fürcht' ich nicht. Gordon (der durch dieſe Reden heſtig erſchüttert worden, wendet ſich zu Wallenſtein). Mein fürſtlicher Gebieter! Darf ich reden? Oft kommt ein nützlich Wort aus ſchlechtem Munde. Wallenſtein. Sprich frei! Gordon. Mein Fürſt! Wenn's doch kein leeres Furchtbild waͤre, Wenn Gottes Vorſehung ſich dieſes Mundes Zu Ihrer Rettung wunderbar bediente! Wallenſtein. Ihr ſprecht im Fieber, Einer wie der Andre. Wie kann mir Unglück kommen von den Schweden? Sie ſuchten meinen Bund, er iſt ihr Vortheil. Gordon. Wenn dennoch eben dieſer Schweden Ankunft— Gerade die es wäaͤr', die das Verderben Beflügelte auf Ihr ſo ſichres Haupt— (Vor ihm niederſtürzend.) O, noch iſt's Zeit, mein Fürſt— Seni(iniet nieder). O, hör' ihn! hoͤr' ihn! Wallenſtein. Zeit, und wozu? Steht auf— Ich will's, ſteht auf. Gordon(ſteeht auf). Der Rheing raf iſt noch fern. Gebieten Sie, Und dieſe Feſtung ſoll ſich ihm verſchließen. Will er uns dann belagern, er verſuch's; Doch ſag' ich Dies: Verderben wird er eher 388 Mit ſeinem ganzen Volk vor dieſen Wällen, Als unſers Muthes Tapferkeit ermüden. Erfahren ſoll er, was ein Heldenhaufe Vermag, beſeelt von einem Heldenführer, Dem's Ernſt iſt, ſeinen Fehler gut zu machen. Das wird den Kaiſer rühren und verſöhnen, Denn gern zur Milde wendet ſich ſein Herz, Und Friedland, der bereuend wiederkehrt, Wird höher ſtehn in ſeines Kaiſers Gnade, Als je der Niegefallne hat geſtanden. Wallenſtein (betrachtet ihn mit Befremdung und Erſtaunen und ſchweigt eine Zeit lang, eine ſtarke innere Bewegung zeigend). Gordon— des Eifers Waͤrme führt Euch weit, Es darf der Jugendfreund ſich was erlauben. — Blut iſt gefloſſen, Gordon. Nimmer kann Der Kaiſer mir vergeben. Könnt' er's, ich, Ich könnte nimmer mir vergeben laſſen. Haäͤtt' ich vorher gewußt, was nun geſchehn, Daß es den liebſten Freund mir würde koſten, Und hätte mir das Herz, wie jetzt, geſprochen— Kann ſeyn, ich hätte mich bedacht— kann ſeyn, Auch nicht— Doch was nun ſchonen noch? Zu ernſthaft Hat's angefangen, um in nichts zu enden. Hab' es denn ſeinen Lauf! (Indem er ans Fenſter tritt.) Sieh', es iſt Nacht geworden; auf dem Schloß Iſt's auch ſchon ſtille— Leuchte, Kämmerling. (Kammerdiener, der unterdeſſen ſtill eingetreten und mit ſichtbarem Antbeil in der Ferne geſtanden, tritt hervor, heftig bewegt, und ſtürzt ſich zu des Herzogs Fuüßen.) 389 Du auch noch? Doch ich weiß es ja, warum Du meinen Frieden wünſcheſt mit dem Kaiſer. Der arme Menſch! Er hat im Karnthnerland Ein kleines Gut und ſorgt, ſie nehmen's ihm, Weil er bei mir iſt. Bin ich denn ſo arm, Daß ich den Dienern nichts erſetzen kann? Nun! Ich will Niemand zwingen. Wenn du meinſt, Daß mich das Glück geflohen, ſo verlaß mich. Heut' magſt du mich zum Letztenmal entkleiden Und dann zu deinem Kaiſer übergehn— Gut' Nacht, Gordon! Ich denke einen langen Schlaf zu thun: Denn dieſer letzten Tage Qual war groß; Sorgt, daß ſie nicht zu zeitig mich erwecken. (Er geht ab. Kammerdiener leuchtet. Seni folgt. Gordon bleibt in der Dunkelheit ſtehen, dem Herzog mit den Augen folgend, bis er in dem äußerſten Gang verſchwunden iſt; dann drückt er durch Geberden ſeinen Schmerz aus und lehnt ſich gramvoll an eine Saule.) Sechster Auftritt. Gordon. Buttler anfangs hinter der Scene. Zuttler. Hier ſtehet ſtill, bis ich das Zeichen gebe. Gardon(fäyrt auf). Er iſt's, er bringt die Moͤrder ſchon. Zuttler. Die Lichter Sind aus. In tiefem Schlafe liegt ſchon Alles. 390 Gordon. Was ſoll ich thun? Verſuch' ich's, ihn zu retten? Bring' ich das Haus, die Wachen in Bewegung? Buttler(erſcheint hinten). Vom Corridor her ſchimmert Licht. Das führt Zum Schlafgemach des Fürſten. 3 Gordon. Aber brech' ich Nicht meinen Eid dem Kaiſer? Und, entkommt er, Des Feindes Macht verſtärkend, lad' ich nicht Auf mein Haupt alle fürchterliche Folgen? Buttler(etwas naͤher kommend). Still! Horch! Wer ſpricht da? Gordon. Ach, es iſt doch beſſer, Ich ſtell's dem Himmel heim. Denn was bin ich„ Daß ich ſo großer That mich unterfinge? Ich hab' ihn nicht ermordet, wenn er umkommt; Doch ſeine Rettung wäre meine That, Und jede ſchwere Folge müßt' ich tragen. Buttler(herzutretend). Die Stimme kenn' ich. Gordon. Buttler. Zuttler. Es iſt Gordon. Was ſucht Ihr hier? Entließ der Herzog Euch So ſpät. Gordon. Ihr tragt die Hand in einer Binde? 391 Buttler. Sie iſt verwundet. Dieſer Illo focht, Wie ein Verzweifelter, bis wir ihn endlich Zu Boden ſtreckten— Gordon(ſchauert zuſammen). Sie ſind todt! Buttler. — Iſt er zu Bett? Es iſt geſchehn. Gordon. Ach, Buttler! Buttler(dringend). Iſt er? Sprecht! Nicht lange kann die That verborgen bleiben. Gordon. Er ſoll nicht ſterben. Nicht durch Euch! Der Himmel Will Euren Arm nicht. Seht, er iſt verwundet. Zuttler. Nicht meines Armes braucht's. Gordon. Die Schuldigen Sind todt: genug iſt der Gerechtigkeit Geſchehn! Laßt dieſes Opfer ſie verſöhnen! (Kammerdiener kommt den Gang her, mit dem Finger auf dem Mund Stillſchweigen gebietend.) Er ſchläft! O, mordet nicht den heil'gen Schlaf! Buttler. Nein, er ſoll wachend ſterben.(Will gehen) Gordon. Ach, ſein Herz iſt noch Den ird'ſchen Dingen zugewendet, nicht Gefaßt iſt er, vor ſeinen Gott zu treten. 39² Buttler. Gott iſt barmherzig!(Will gehen.) Gordon(hält ihn). Nur die Nacht noch gönnt ihm! Buttler. Der nächſte Augenblick kann uns verrathen. (Will fort.) Gordon(hält ihn). Nur eine Stunde! Buttler. Laßt mich los! Was kann Die kurze Friſt ihm helfen? Gordon. O, die Zeit iſt Ein wunderthät'ger Gott. In einer Stunde rinnen Viel tauſend Körner Sandes: ſchnell, wie ſie, Bewegen ſich im Menſchen die Gedanken. Nur eine Stunde! Euer Herz kann ſich, Das ſeinige ſich wenden— eine Nachricht Kann kommen— ein beg uckendes Ereigniß, Entſcheidend, rettend, ſchnell vom Himmel fallen— O, was vermag nicht eine Stunde! Buttler. Ihr erinnert mich, Wie koſtbar die Minuten ſind. (Er ſtampft auf den Boden.) 393 Siebenter Auftritt. Macrdonald. Brverous mit Hellebardieren treten hervor. Dann Kammerdiener. Vorige. Gordon(ſich zwiſchen ihn und Jene werfend). Nein, Unmenſch! Erſt über meinen Leichnam ſollſt du hingehn, Denn nicht will ich das Gräßliche erleben. Zuttler(ihn wegdrängend). Schwachſinn'ger Alter! (Man hört Trompeten in der Ferne.) Macdonald und Deverour. Schwediſche Trompeten! Die Schweden ſtehn vor Eger! Laßt uns eilen. Gordon. Gott! Gott! Buttler. An Euern Poſten, Commandant! (Gordon ſtürzt hinaus.) Kammerdiener(eilt herein). Wer darf hier lärmen? Still, der Herzog ſchläft. Deyerour(mit lauter, fürchterlicher Stimme). Freund! Jetzt iſt's Zeit zu larmen! Kammerdiener(Geſchrei erhebend). Hülfe! Moͤrder! Buttler. Nieder mit ihm! Kammerdiener (von Deveroux durchbohrt, ſtürzt am Eingang der Galerie). Jeſus Maria! 394 Buttler. Sprengt die Thüren! (Sie ſchrelten über den Leichnam weg den Gang hin. Man vört in der Ferne zwei Thüͤren nach einander ſtürzen.— Dumpfe Stimmen— Waffen⸗ getöſe— dann plötzlich tiefe Stille.) 4 Achter Auftritt. Gräſin Terzhy mit einem Lichte. Ihr Schlafgemach iſt leer, und ſie iſt nirgends Zu finden; auch die Neubrunn wird vermißt, Die bei ihr wachte— Waͤre ſie entflohn? Wo kann ſie hingeflohen ſeyn? Man muß Nacheilen, Alles in Bewegung ſetzen! Wie wird der Herzog dieſe Schreckenspoſt Aufnehmen! Ware nur mein Mann zurück Vom Gaſtmahl! Ob der Herzog wohl noch wach iſt? Mir war's, als hoͤrt' ich Stimmen hier und Tritte. Ich will doch hingehn, an der Thüre lauſchen; Horch! Wer iſt Das? Es eilt die Trepp' herauf. Neunter Auftritt. Gräſin. Gardon. Dann Buttler. Gordon(eilfertig, athemlos hereinſtürzend). Es iſt ein Irrthum— Es ſind nicht die Schweden. Ihr ſollt nicht weiter gehen— Buttler— Gott! Wo iſt er? (Indem er die Gräfin bemerkt.) Gräfin, ſagen Sie— Gräfin. Sie kommen von der Burg? Wo iſt mein Mann? Gordon(entſetzt). Ihr Mann!— O fragen Sie nicht! Gehen Sie Hinein—(Will fort.) Gräfin chält ihn). Nicht eher, bis Sie mir entdecken— Gordon(heftig dringend). An dieſem Augenblicke hängt die Welt! Um Gotteswillen, gehen Sie— Indem Wir ſprechen— Gott im Himmel! (Laut ſchreiend.) Buttler! Buttler! Gräfin. Der iſt ja auf dem Schloß mit meinem Mann. (Buttler kommt aus der Galerie.) Gordon(der ihn erblickt). Es war ein Irrthum— Es ſind nicht die Schweden— Die Kaiſerlichen ſind's, die eingedrungen— Der Generalleutnant ſchickt mich her, er wird Gleich ſelbſt hier ſeyn— Ihr ſollt nicht weiter gehn— Buttler. Er kommt zu ſpät. Gordon(ſttürzt an die Mauer). Gott der Barmherzigkeit! Gräfin(ahnungsvoll). Was iſt zu ſpaͤt? Wer wird gleich ſelbſt hier ſeyn? Octavio in Eger eingedrungen? Verrätherei! Verrätherei! Wo iſt Der Herzog?(Eilt dem Gange zu.) 396 Zehnter Auftritt. Vorige. SFeni. Dann Vürgermeiſter. Page. Kammerfrau. Bediente rennen ſchreckensvoll über die Scene. Seni. (der mit allen Zeichen des Schreckens aus der Galerie kommt). O blutige, entſetzenvolle That! Gräfin. Was iſt * Geſchehen, Seni? 4 Page(herauskommend). O erbarmenswürd'ger Anblick! (Bediente mit Fackeln.) Gräfin. Was iſt's? Um Gotteswillen! Seni. Fragt Ihr noch? Drin liegt der Furſt ermordet, Euer Mann iſt Erſtochen auf der Burg! (Gräfin bleibtzerſtarrt ſtehen.) Kammerfrau(eeilt herein). Hülf'! Hülf' der Herzogin! Bürgermeiſter(kommt ſchreckensvoll). Was für ein Ruf Des Jammers weckt die Schlafer dieſes Hauſes? Gordon. Verflucht iſt Euer Haus auf ew'ge Tage! In Euerm Hauſe liegt der Fürſt ermordet. 397 Zürgermeiſter. Das wolle Gott nicht! (Stürzt hinaus.) Erſter Bedienter. Flieht! Flieht! Sie ermorden Uns Allel Zweiter Bedienter(Silbergeräth tragend). 4 Da hinaus! Die untern Gänge ſind beſetzt. (Hinter der Scene wird gerufen.) Platz! Platz dem Generalleutnant!— (Bei dieſen Worten richtet ſich die Gräfin aus ihrer Erſtarrung auf, faßt ſich und geht ſchnell ab.) (Hinter der Scene.) Beſetzt das Thor! Das Volk zurückgehalten! Eilfter Auftritt. Vorige ohne die Gräfin. Octavis Pieccolomini tritt herein mit Gefolge. Deverourx und Mardonald kommen zugleich aus dem Hin⸗ tergrunde mit Hellebardieren. Wallenſteins Leichnam wird in einem rothen Teppich hinten über die Scene getragen. Octavio(raſch eintretend). Es darf nicht ſeyn! Es iſt nicht möglich! Buttler! Gordon! Ich will's nicht glauben. Saget nein! Gordon (ohne zu antworten, weist mit der Hand nach Hinten. Octavio ſieht hin und ſteht von Entſetzen ergriffen). Deyerour(zu Buttler). Hier iſt das goldne Vließ, des Fürſten Degen. Schillers ſämmtl. Werke. IV. 26 398 Macdonald. Befehlt Ihr, daß man die Kanzlei— ZButtler(auf Octavio zeigend). Hier ſteht er, Der jetzt allein Befehle hat zu geben. (Deveroux und Macdonald treten ehrerbietig zurück; Alles verliert ſich ſtill, daß nur allein Buttler, Octavio und Gordon auf der Scene bleiben.) Octavio q(zu Buttlern gewendet). War Das die Meinung, Buttler, als wir ſchieden? Gott der Gerechtigkeit! Ich hebe meine Hand auf! Ich bin an dieſer ungeheuren That Nicht ſchuldig. Buttler. Eure Hand iſt rein. Ihr habt Die meinige dazu gebraucht. Octavio. Ruchloſer! So mußteſt du des Herrn Befehl mißbrauchen Und blutig grauenvollen Meuchelmord Auf deines Kaiſers heil'gen Namen wälzen? Buttler(Gelaſſen). Ich hab' des Kaiſers Urthel nur vollſtreckt. Octavio. O Fluch der Könige, der ihren Worten Das fürchterliche Leben gibt, dem ſchnell Vergänglichen Gedanken gleich die That, Die feſt unwiderrufliche, ankettet! Mußt' es ſo raſch gehorcht ſeyn? Konnteſt du Dem Gnaͤdigen nicht Zeit zur Gnade gönnen? Des Menſchen Engel iſt die Zeit— die raſche 399 Vollſtreckung an das Urtheil anzuheften, Ziemt nur dem unveranderlichen Gott. Buttler. Was ſcheltet Ihr mich? Was iſt mein Verbrechen? Ich habe eine gute That gethan: Ich hab' das Reich von einem furchtbarn Feinde Befreit und mache Anſpruch auf Belohnung. Der einz'ge Unterſchied iſt zwiſchen Eurem Und meinem Thun: Ihr habt den Pfeil geſchaͤrft, Ich hab' ihn abgedruckt. Ihr ſaͤtet Blut Und ſteht beſtürzt, daß Blut iſt aufgegangen. Ich wußte immer, was ich that, und ſo Erſchreckt und überraſcht mich kein Erfolg. Habt Ihr ſonſt einen Auftrag mir zu geben? Denn ſtehnden Fußes reiſ' ich ab nach Wien, Mein blutend Schwert vor meines Kaiſers Thron Zu legen und den Beifall mir zu holen, Den der geſchwinde, pünktliche Gehorſam Von dem gerechten Richter fordern darf. (Geht ab.) Zwölfter Auftritt. Vorige ohne Buttler. Gräſin Terzhy tritt auf, bleich und entſtellt. Ihre Sprache iſt ſchwach und langſam, ohne Leidenſchaft. Octavio(ihr entgegen). O, Graͤfin Terzky, mußt' es dahin kommen? Das ſind die Folgen unglückſel'ger Thaten. Gräfin. Es ſind die Früchte Ihres Thuns— Der Herzog 400 Iſt todt, mein Mann iſt todt, die Herzogin Ringt mit dem Tode, meine Nichte iſt verſchwunden. Dies Haus des Glanzes und der Herrlichkeit Steht nun verödet, und durch alle Pforten Stürzt das erſchreckte Hofgeſinde fort. Ich bin die Letzte drin, ich ſchloß es ab Und liefre hier die Schlüſſel aus. Octavio(mit tiefem Schmerz). O Graͤfin, Auch mein Haus iſt verödet! Gräfin. Wer ſoll noch Umkommen? Wer ſoll noch mißhandelt werden? Der Fürſt iſt todt: des Kaiſers Rache kann Befriedigt ſeyn. Verſchonen Sie die alten Diener, Daß den Getreuen ihre Lieb' und Treu' Nicht auch zum Frevel angerechnet werde! Das Schickſal überraſchte meinen Bruder Zu ſchnell; er konnte nicht mehr an ſie denken. Octavio. Nichts von Mißhandlung! Nichts von Rache, Gräfin! Die ſchwere Schuld iſt ſchwer gebüßt, der Kaiſer Verſöhnt: nichts geht vom Vater auf die Tochter Hinüber, als ſein Ruhm und ſein Verdienſt. Die Kaiſerin ehrt Ihr Unglück, öffnet Ihnen Theilnehmend ihre mütterlichen Arme. Drum keine Furcht mehr! Faſſen Sie Vertrauen Und übergeben Sie ſich hoffnungsvoll Der kaiſerlichen Gnade. Gräfin(mit einem Blick zum Himmel). Ich vertraue mich 401 Der Gnade eines größern Herrn— Wo ſoll Der fürſtliche Leichnam ſeine Ruhſtatt finden? In der Carthauſe, die er ſelbſt geſtiftet, Zu Gitſchin ruht die Gräfin Wallenſtein: An ihrer Seite, die ſein erſtes Glück Gegründet, wuünſcht' er, dankbar, einſt zu ſchlummern. O, laſſen Sie ihn dort begraben ſeyn! Auch für die Reſte meines Mannes bitt' ich um gleiche Gunſt. Der Kaiſer iſt Beſitzer Von unſern Schlöſſern; gönne man uns nur Ein Grab noch bei den Gräbern unſrer Ahnen. Octavio. Sie zittern, Gräfin— Sie verbleichen— Gott! Und welche Deutung geb' ich Ihren Reden? Gräfin (ſammelt ihre letzte Kraft und ſpricht mit Lebhaftigkeit und Adeh). Sie denken würdiger von mir, als daß Sie glaubten, Ich überlebte meines Hauſes Fall. Wir fühlten uns nicht zu gering, die Hand Nach einer Königskrone zu erheben— Es ſollte nicht ſeyn— doch wir denken köͤniglich Und achten einen freien, muth'gen Tod Anſtändiger, als ein entehrtes Leben. — Ich habe Gift.. Octavis. O, rettet! Helft! Gräfin. Es iſt zu ſpaͤt. In wenig Augenblicken iſt mein Schickſal Erfüllt.(Sie geht ab.) 40² Gordon. O Haus des Mordes und Entſetzens! (Ein Courier kommt und bringt einen Brief⸗) Gordon(tritt ihm entgegen). Was gibt's? Das iſt das kaiſerliche Siegel. (Er hat die Aufſchrift geleſen und übergibt den Brief dem Octavio mit einem Blick des Vorwurſs.) Dem Fuͤrſten Piccolomini. (Octavio erſchrickt und blickt ſchmerzvoll zum Himmel.) (Der Vorhang fällt.) In der Unterzeichneten erſcheinen demnaͤchſt: Holzſchnitte Schiller's Werken Taſchen-Ausgabe in zwölf Pänden. Der außerordentliche Beifall, deſſen ſich unſere neueſte Aus⸗ gabe von Schiller's ſämmtlichen Werken in 12 Pänden. kl. 8. zu erfreuen hat, veranlaßt uns, dem ſeit mehreren Jahren vor⸗ bereiteten und demnaͤchſt zur Publication reifen Unternehmen einer Ausgabe ſämmtlicher Werke Schiller's, illuſtrirt mit Holzſchnitten nach Zeichnungen der erſten Künſtler Deutſchlands, eine kleinere Reihenfolge von 24 Holzſchnitten, im Format der neueſten Taſchen⸗Ausgabe, und beſonders fuͤr dieſe gefertigt, vor⸗ ausgehen zu laſſen. Saͤmmtliche Zeichnungen und ein Theil der Stoͤcke liegen be⸗ reits fertig vor; die Ausgabe wird in vier Lieferungen am Schluß dieſes Jahres noch vollſtaͤndig erfolgen. In Wohlfeilheit des Preiſes ſchließt ſich die Illuſtration der Ausgabe ſelbſt vollkommen an. Die Lieferung von ſechs ausge⸗ zeichnet ſchoͤnen Holzſchnitten, durch die erſten franzoͤſiſchen Holz⸗ ſchneider gefertigt, koſtet nur 15 kr. oder 4 gr. Pracht-Ausgabe von erder's Cid illuſtrirt durc 70 Holzſchnitte nach Zeichnungen von Engen Neurenther geſchnitten von den 4 beſten engliſchen Holzſchneidern: Thompſon, Orrin Smith, Williams, Gray, Wright, Folkard Kc. Dieſe Pracht⸗Ausgabe des unſterblichen Gedichtes erſcheint auf dem feinſten Velinpapier in vier Lieferungen je zu 7— 8 Bogen. 1 6 Der Preis jeder Lieferung iſt fl. 1. 36 kr. rhein. oder Rthlr. 1.— Die erſte Lieferung iſt bereits ausgegeben und das Ganze wird unfehlbar im Laufe dieſes Jahres beendigt werden. J. G. Cotta'ſche Buchhandlung. 8 d. 4 4, 6.„ 8 5 5 4 1 4 e 1. 1 1 4 8 8 “ 84 5———1— △ —* 7 8 E 4 ſſnnſſſnſnf 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 8