——— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und SCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahm e eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für öcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Bf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. Pf. „ 3„„—„ 3„=—„„=„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Schillers . 4 ſämmtliche Werke in zwoͤlf Baͤnden. & Zweiter Band. Verlag der J. G. Cotta ſchen Bucht 1838. „———————— 5— —— —— Inhalt. à Seite. Die Nänber. Schauſpiel.......... 4 Die Verſchwörung des Fiesco zu Genug. Ein republ icaniſches Trauerſpiel......... 177 Liebe. Ein buͤrgerliches Trauerſpiel... 333 agment........ 41 Die Ränber. Schauſpiel. Huae medicamenta non sanant, ferru me sanat, quae ferrum non sanat, ignis sanat. HIPPORRATES. Schillers äͤmmtl. Werke. II. 1 4 1 Vorrede. Man nehme dieſes Schauſpiel fuͤr nichts Anderes, als eine dramatiſche Geſchichte, welche die Vortheile der dramatiſchen Methode, die Seele gleichſam bei ihren geheimſten Operationen zu ertappen, benutzt, ohne ſich uͤbrigens in die Schranken eines Theaterſtuͤcks einzuzaͤunen, oder nach dem ſo zweifelhaften Gewinne bei theatraliſcher Verkoͤrperung zu geizen. Man wird mir einraͤumen, daß es eine widerſinnige Zumuthung iſt, binnen drei Stunden drei außerordentliche Menſchen zu er⸗ ſchoͤpfen, deren Thaͤtigkeit von vielleicht tauſend Raͤderchen ab⸗ haͤngt, ſo wie es in der Natur der Dinge unmoͤglich kann ge⸗ gruͤndet ſeyn, daß ſich drei außerordentliche Menſchen auch dem durchdringendſten Geiſterkenner innerhalb vierundzwanzig Stun⸗ den entbloͤßen. Hier war Fuͤlle ineinander gedrungener Reali⸗ taͤten vorhanden, die ich unmoͤglich in die allzu engen Palli⸗ ſaden des Ariſtoteles und Batteux einkeilen konnte. Nun iſt es aber nicht ſowohl die Maſſe meines Schau⸗ ſpiels, als vielmehr ſein Inhalt, der es von der Buͤhne ver⸗ bannt. Die Oekonomie desſelben machte es nothwendig, daß mancher Charakter auftreten mußte, der das feinere Gefuͤhl der Tugend beleidigt und die Zaͤrtlichkeit unſerer Sitten empoͤrt. Jeder Menſchenmaler iſt in dieſe Nothwendit keit geſetzt wenn er anders eine Copie der wirklichen Welt, und keine idealiſchen Affectationen, keine Compendien⸗Menſchen, will geliefert haben. Es iſt einmal ſo die Mode in der Welt, daß die Guten durch die Boͤſen ſchattirt werden, und die Tugend, im Contraſte mit dem Laſter, das lebendigſte Colorit erhaͤlt. Wer ſich den Zweck vorgezeichnet hat, das Laſter zu ſtuͤrzen, und Religion, Moral und buͤrgerliche Geſetze an ihren Feinden zu raͤchen, ein ſolcher muß das Laſter in ſeiner nackten Abſcheulichkeit enthuͤllen und in ſeiner koloſſaliſchen Groͤße vor das Auge der Menſchheit ſtellen,— er ſelbſt muß augenblicklich ſeine naͤchtlichen Labyrinthe durchwandern,— er muß ſich in Empfindungen hinein⸗ zuzwingen wiſſen, unter deren Widernatuͤrlichkeit ſich ſeine Seele ſtraͤubt. Das Laſter wird hier mit ſammt ſeinem ganzen innern Raͤderwerk entfaltet. Es löst in Franzen all' die verworrenen Schauer des Gewiſſens in unmaͤchtige Abſtractionen auf, ſkeletiſirt die richtende Empfindung, und ſcherzt die ernſthafte Stimme der Religion hinweg. Wer es einmal ſo weit gebracht hat (ein Ruhm, den wir ihm nicht beneiden), ſeinen Verſtand auf Unkoſten ſeines Herzens zu verfeinern, dem iſt das Heiligſte nicht heilig mehr— dem iſt die Menſchheit, die Gottheit nichts— beide Welten ſind nichts in ſeinen Augen. Ich habe verſucht, von einem Mißmenſchen dieſer Art ein treffendes lebendiges Conterfei hinzuwerfen, die vollſtaͤndige Mechanik ſeines Laſterſyſtems auseinander zu gliedern— und ihre Kraft an der Wahrheit zu pruͤfen. Man unterrichte ſich demnach im Verfolg dieſer Geſchichte, wie weit ihr's gelungen hat.— Ich dente, ich habe die Natur getroffen. Naͤchſt an dieſem ſtehet ein Anderer, der vielleicht nicht wenige meiner Leſer in Verlegenheit ſetzen moͤchte. Ein Geiſt⸗ den das außerſte Laſter nur reizet, um der Groͤße willlen, — 5 4 die ihm anhaͤngt; um der Kraft willen, die es erheiſchet; um der Gefahren willen, die es begleiten. Ein merk⸗ wurdiger, wichtiger Menſch, ausgeſtattet mit aller Kraft, nach der Richtung, die dieſe bekommt, nothwendig entweder ein Brutus oder ein Catilina zu werden. Ungluͤckliche Conjuncturen entſcheiden fuͤr das Zweite, und erſt am Ende einer ungeheuren Verirrung gelangt er zu dem Erſten. Falſche Begriffe von Thaͤtigkeit und Einfluß, Fuͤlle von Kraft, die alle Geſetze uͤber⸗ ſprudelt, mußten ſich natuͤrlicher Weiſe an buͤrgerlichen Ver⸗ haͤltniſſen zerſchlagen, und zu dieſen enthuſiaſtiſchen Traͤumen von Groͤße und Wirkſamkeit durfte ſich nur eine Bitterkeit gegen die unidealiſche Welt geſellen. So war der ſeltſame Don Quipote fertig, den wir im Raͤuber Moor verabſcheuen und lieben, bewundern und bedauern. Ich werde es hoffent⸗ lich nicht erſt anmerken duͤrfen, daß ich dieſes Gemaͤlde ſo wenig nur allein Raͤubern vorhalte, als die Satyre des Spaniers nur allein Ritter geißelt. Auch iſt jetzt der große Geſchmack, ſeinen Witz auf Koſten der Religion ſpielen zu laſſen, daß man beinahe fuͤr kein Genie mehr paſſirt, wenn man nicht ſeinen gottloſen Satyr auf ihren heiligſten Wahrheiten ſich herumtummeln laͤßt. Die edle Einfalt der Schrift muß ſich in alltaͤglichen Aſſembleen von den ſogenannten witzigen Koͤpfen mißhandeln und ins Laͤcherliche verzerren laſſen; denn was iſt ſo heilig und ernſthaft, das, wenn man es falſch verdreht, nicht belacht werden kann?— Ich kann hoffen, daß ich der Religion und der wahren Moral keine gemeine Rache verſchafft habe, wenn ich dieſe muthwilligen Schriftveraͤchter in der Perſon meiner ſchaͤndlichſten Raͤuber dem Abſcheu der Welt uberliefere. Aber noch mehr. Dieſe unmoraliſchen Charaktere, von denen vorhin geſprochen wurde„ mußten von gewiſſen Seiten glaͤnzen, ja oft von Seiten des Geiſtes gewinnen, was ſie von Seiten des Herzens verlieren. Hierin habe ich nur die Natur gleichſam woͤrtlich abgeſchrieben. Jedem, auch dem Laſter⸗ hafteſten, iſt gewiſſermaßen der Stempel des goͤttlichen Eben⸗ bildes aufgedruͤckt, und vielleicht hat der große Boͤſewicht keinen ſo weiten Weg zum großen Rechtſchaffenen, als der kleine; denn die Moralitaͤt haͤlt gleichen Gang mit den Kraͤften, und je weiter die Faͤhigkeit, deſto weiter und ungeheurer ihre Ver⸗ irrung, deſto imputabler ihre Verfaͤlſchung. Klopſtocks Adramelech weckt in uns eine Empfindung, worin Bewunderung in Abſcheu ſchmilzt. Miltons Satan folgen wir mit ſchauderndem Erſtaunen durch das unwegſame Chaos. Die Medea der alten Dramatiker bleibt bei all ihren Graͤueln noch ein großes, ſtaunenswuͤrdiges Weib, und Shakeſpears Richard hat ſo gewiß am Leſer einen Bewunderer, als er auch ihn haſſen wuͤrde, wenn er ihm vor der Sonne ſtuͤnde. Wenn es mir darum zu thun iſt, ganze Menſchen hinzuſtellen, ſo muß ich auch ihre Vollkommenheiten mitnehmen, die auch dem Boͤſeſten nie ganz fehlen. Wenn ich vor dem Tiger gewarnt haben will, ſo darf ich ſeine ſchoͤne, blendende Fleckenhaut nicht uͤbergehen, damit man nicht den Tiger beim Tiger vermiſſe. Auch iſt ein Menſch, der ganz Bosheit iſt, ſchlechterdings kein Gegenſtand der Kunſt, und außert eine zuruͤckſtoßende Kraft⸗ ſtatt daß er die Aufmerkſamkeit der Leſer feſſeln ſollte. Man wuͤrde umblaͤttern, wenn er redet. Eine edle Seele ertraͤgt ſo wenig anhaltende moraliſche Diſſonanzen, als das Ohr das Gekritzel eines Meſſers auf Glas. Aber eben darum will ich ſelbſt mißrathen haben, dieſes mein Schauſpiel auf der Buͤhne zu wagen. Es gehoͤrt beider⸗ ſeits, beim Dichter und ſeinem Leſer, ſchon ein gewiſſer Gehalt von Geiſteskraft dazu: bei jenem, daß er das Laſter nicht —2 ———.—,— 7 ziere, bei dieſem, daß er ſich nicht von einer ſchoͤnen Seite be⸗ ſtechen laſſe, auch den haͤßlichen Grund zu ſchaͤtzen. Meiner⸗ ſeits entſcheide ein Dritter— aber von meinen Leſern bin ich es nicht ganz geſichert. Der Poͤbel, worunter ich keineswegs die Gaſſenkehrer allein will verſtanden wiſſen, der Poͤbel wurzelt (unter uns geſagt) weit um, und gibt zum Ungluͤck— den Ton an. Zu kurzſichtig, mein Ganzes auszureichen, zu klein⸗ geiſtiſch, mein Großes zu begreifen, zu boshaft, mein Gutes wiſſen zu wollen, wird er, fuͤrcht' ich, faſt meine Abſicht ver⸗ eiteln, wird vielleicht eine Apologie des Laſters, das ich ſtuͤrze, darin zu finden meinen, und ſeine eigene Einfalt den armen Dichter entgelten laſſen, dem man gemeiniglich Alles, nur nicht Gerechtigkeit widerfahren laͤßt. Es iſt das ewige Da Capo mit Abdera und Demokrit, und unſere guten Hippokrate müßten ganze Plantagen Nieß⸗ wurz erſchoͤpfen, wenn ſie dem Unweſen durch ein heilſames Decoct abhelfen wollten. Noch ſo viele Freunde der Wahrheit moͤgen zuſammenſtehen, ihren Mitbuͤrgern auf Kanzel und Schaubuͤhne Schule zu halten, der Pöbel hoͤrt nie auf, Poͤbel zu ſeyn, und wenn Sonne und Mond ſich wandeln, und Himmel und Erde veralten wie ein Kleid. Vielleicht haͤtt' ich, den Schwachherzigen zu frommen, der Natur minder getreu ſeyn ſollen; aber wenn jener Kaͤfer, den wir alle kennen, auch den Miſt aus den Perlen ſtoͤrt, wenn man Exempel hat, daß Feuer verbrannt und Waſſer erſaͤuft habe, ſoll darum Perle— Feuer— und Waſſer confiscirt werden?. Ich darf meiner Schrift, zufolge ihrer merkwuͤrdigen Kataſtrophe, mit Recht einen Platz unter den moraliſchen Buͤchern verſprechen; das Laſter nimmt den Ausgang, der ſeiner wurdig iſt; der Verirrte tritt wieder in das Geleiſe der Geſetze; die Tugend geht ſiegend davon.* Wer nur ſo billig gegen mich handelt, mich ganz zu leſen, mich verſtehen zu wollen, von dem kann ich erwarten, daß er— nicht den Dichter bewundere, aber den rechtſchaffenen Mann in mir hochſchaͤtze. Geſchrieben in der Oſtermeſſe 1781. Der Herausgeber. —— —— ——— Der Ort der Geſchichte iſt Deutſchland. Perſsnen. Maximilian, regierender Graf von Moor. Farl, ſeine Soͤhne. Franz, Amalia von Edelreich. Hermann, Baſtard von einem Edelmann. Spiegelberg, Schweizer, Grimm, Razmann, Schufterle, Roller, Koſinsky, Schwarz, Daniel, Hausknecht des Grafen von Moor. Paſtor Moſer. Ein Pater. Raͤuberbande. Nebenperſonen. Libertiner, nachher Banditen. zwei Jahre. Die Zeit ungefaͤhr — — — Erſter Akt. Erſte Seene. Franken. Saal im Mooriſchen Schloß. Franz. JYer alte Moor. Franz. Aber iſt Euch auch wohl, Vater? Ihr ſeht ſo blaß. D. a. Moor. Ganz wohl, mein Sohn,— was hatteſt du mir zu ſagen? Franz. Die Poſt iſt angekommen— ein Brief von un⸗ ſerm Correſpondenten in Leipzig— D. a. Moor(begierig). Nachrichten von meinem Sohne Karl? Franz. Hm! Hm!— So iſt es. Aber ich fuͤrchte— ich weiß nicht— ob ich— Eurer Geſundheit?— Iſt Euch wirklich ganz wohl, mein Vater? D. a. Moor. Wie dem Fiſch im Waſſer! Von meinem Sohne ſchreibt er?— Wie kommſt du zu dieſer Beſorgniß? du haſt mich zweimal gefragt. 6 — Le——,—— 2 4 12 Franz. Wenn Ihr krank ſeyd— nur die leiſeſte Ahnung habt, es zu werden, ſo laßt mich— ich will zu gelegnerer Zeit zu Euch reden. CHalb vor ſich.) Dieſe Zeitung iſt nicht fuͤr einen zerbrechlichen Koͤrper. D. a. Moor. Sott! Gott! was werd' ich hoͤren? Franz. Laßt mich vorerſt auf die Seite gehen und eine 45 Thraͤne des Mitleids vergießen um meinen verlornen Bruder — ich ſollte ſchweigen auf ewig— denn er iſt Euer Sohn. Ich ſollte ſeine Schande verhuͤllen auf ewig— denn er iſt mein Bruder.— Aber Euch gehorchen, iſt meine erſte, traurige Pflicht— darum vergebt mir. D. a. Moor. O Karly] Karl! wuͤßteſt du, wie deine Auf⸗ fuͤhrung das Vaterherz foltert! wie eine einzige frohe Nach⸗ richt von dir meinem Leben zehn Jahre zuſetzen wuͤrde— mich zum Juͤngling machen wuͤrde— da mich nun jede, ach! einen Schritt naͤher ans Grab ruͤckt! Franz. Iſt es das, alter Mann, ſo lebt wohl— wir alle wuͤrden noch heute die Haare ausraufen uͤber Eurem 2 Sarge.. D. a. Moor. Bleib'!— Es iſt noch um den kleinen kurzen Schritt zu thun— laſſ' ihm ſeinen Willen!(Indem er ſich 46 niederſetzt) Die Suͤnden ſeiner Vaͤter werden heimgeſucht im dritten und vierten Glied— laſſ' ihn's vollenden. Franz(nimmt den Vrief aus der Taſche). Ihr kennt unſern Correſpondenten! Seht! den Finger meiner rechten Hand 3 wollt' ich drum geben, durft' ich ſagen, er iſt ein Luͤgner, ein ſchwarzer, giftiger Lügner—— Faßt Euch! Ihr vergebt mir, wenn ich Euch den Brief nicht ſelbſt leſen laſſe— Noch duͤrft Ihr nicht Alles hoͤren. D. g. Moor. Alles, Alles— mein Sohn, du erſparſt mir die Kruͤcke, 13 Franz(liest).„Leipzig, vom 1ſten Mai.— Verbaͤnde „mich nicht eine unverbruͤchliche Zuſage, dir auch nicht das „Geringſte zu verhehlen, was ich von den Schickſalen deines „Bruders auffangen kann, liebſter Freund, nimmermehr wuͤrde „meine unſchuldige Feder an dir zur Tyrannin geworden ſeyn. „Ich kann es aus hundert Briefen von dir abnehmen, wie Nach⸗ „richten dieſer Art dein bruͤderliches Herz durchbohren muͤſſen; „mir iſt's, als ſeh' ich dich ſchon um den Nichtswuͤrdigen, den „Abſcheulichen“——(dDer alte Moor verbirgt ſein Geſicht.) Seht, Vater! ich leſe Euch nur das Glimpflichſte—„den Abſcheu⸗ Mlichen in tauſend Thraͤnen ergoſſen;“— Ach, ſie floſſen— ſtuͤrzten ſtromweis von dieſer mitleidigen Wange—„mir iſt's, „als ſaͤh' ich ſchon deinen alten, frommen Vater todtenbleich“ — Jeſus Maria! Ihr ſeyd's, eh' Ihr noch das Mindeſte wiſſet? D. a. Moor. Weiter! Weiter! Franz.—„todtenbleich in ſeinen Stuhl zuruͤcktaumeln „und dem Tage fluchen, an dem ihm zum erſtenmal Vater ventgegengeſtammelt ward. Man hat mir nicht Alles enr⸗ „decken moͤgen, und von dem Wenigen, das ich weiß, erfaͤhrſt „du nur Weniges. Dein Bruder ſcheint nun das Maß ſeiner „Schande gefuͤllt zu haben; ich wenigſtens kenne nichts uüͤber „dem, was er wirklich erreicht hat, wenn nicht ſein Genie das „meinige hierin uͤberſteigt. Geſtern um Mitternacht hatte er „den großen Entſchluß, nach vierzig tauſend Ducaten Schulden“ — ein huͤbſches Taſchengeld, Vater!— nnachdem er zuvor die „Tochter eines reichen Bankiers allhier entehrt, und ihren „Galan, einen braven Jungen von Stand, im Duell auf den „Tod verwundet, mit ſieben Andern, die er mit in ſein Laſter⸗ „leben gezogen, dem Arm der Juſtiz zu entlaufen.“— Vater! Um Gotteswillen, Vater, wie wird Euch? 8 D. a. Moor. Es iſt genug. Laſſ' ab, mein Sohn! 14 Franz. Ich ſchone Eurer—„Man hat ihm Steckbriefe „nachgeſchickt, die Beleidigten ſchreien laut um Genugthuung, „ein Preis iſt auf ſeinen Kopf geſetzt— der Name Moor“— Nein! meine armen Lippen ſollen nimmermehr einen Vater ermorden! erreißt den Brief.) Glaubt es nicht, Vater! glaubt ihm keine Sylbe! D. a. Moor(weint bitterlich. Mein Name! Mein ehr⸗ licher Name! Franz(faͤllt ihm um den Hals). Schaͤndlicher, dreimal ſchaͤnd⸗ licher Karl! Ahnete mir's nicht, da er, noch ein Knabe, den Maͤdels ſo nachſchlenderte, mit Gaſſenjungen und elendem Geſindel auf Wieſen und Bergen ſich herumhetzte, den Anblick der Kirche, wie ein Miſſethaͤter das Gefaͤngniß, floh, und die Pfennige, die er Euch abquaͤlte, dem erſten dem beſten Bettler in den Hut warf, waͤhrend daß wir daheim mit frommen Gebeten und heiligen Predigtbuͤchern uns erbauten?— Ahnete mir's nicht, da er die Abenteuer des Julius Caͤſar und Alexander Magnus und anderer ſtockfinſterer Heiden lieber las, als die Geſchichte des bußfertigen Tobias?— Hundertmal hab' ich's Euch geweiſſagt, denn meine Liebe zu ihm war immer in den Schranken der kindlichen Pflicht— der Junge wird uns alle noch in Elend und Schande ſtuͤrzen!— O, daß er Moors Namen nicht truͤge! daß mein Herz nicht ſo warm fuͤr ihn ſchluͤge! Die gottloſe Liebe, die ich nicht vertilgen kann, wird mich noch einmal vor Gottes Richterſtuhl anklagen. D. a. Moor. O=— meine Ausſichten! Meine goldenen Traͤumel Franz. Das weiß ich wohl. Das iſt es ja, was ich eben ſagte. Der feurige Geiſt, der in dem Buben lodert, ſagtet Ihr immer, der ihn fuͤr jeden Reiz von Groͤße und Schoͤnheit ſo empfindlich macht,— dieſe Offenheit, die ſeine Seele auf dem Auge ſpiegelt,— dieſe Weichheit des Gefuͤhls, die ihn bei jedem Leiden in weinende Sympathie dahin ſchmelzt— dieſer maͤnn⸗ g* 15 liche Muth, der ihn auf den Wipfel hundertjaͤhriger Eichen treibt, und uͤber Graͤben und Palliſaden und reißende Fluͤſſe jagt,— dieſer kindiſche Ehrgeiz, dieſer unuͤberwindliche Starrſinn und alle dieſe ſchoͤnen glaͤnzenden Tugenden, die im Vaterſoͤhnchen keimten, werden ihn dereinſt zu einem warmen Freund eines Freundes, zu einem trefflichen Buͤrger, zu einem Helden, zu einem großen, großen Manne machen— Seht Ihr's nun, Vater!— der feurige Geiſt hat ſich entwickelt, ausgebreitet, herrliche Fruͤchte hat er getragen. Seht dieſe Offenheit, wie huͤbſch ſie ſich zur Frechheit herumgedreht hat! ſeht dieſe Weichheit, wie zaͤrtlich ſie fuͤr Koketten girret, wie ſo empfindſam fuͤr die Reize einer Phrynel ſeht dieſes freurige Genie, wie es das Oel ſeines Lebens in ſechs Jaͤhrchen ſo rein weggebrannt hat, daß er bei lebendigem Leibe umgeht, und da kommen die Leute, und ſind ſo unverſchaͤmt und ſagen: cd'est Pamour qui a fait ga! Ahl ſeht doch dieſen kuͤhnen, unternehmenden Kopf, wie er Plane ſchmie⸗ det und ausfuͤhrt, vor denen die Heldenthaten eines Cartouche und Howard verſchwinden!— Und wenn erſt dieſe praͤchtigen Keime zur vollen Reife erwachſen— was laͤßt ſich auch von ei⸗ nem ſo zarten Alter Vollkommenes erwarten?— Vieleicht, Vater, erlebt Ihr noch die Freude, ihn an der Fronte eines Heeres zu erblicken, das in der heiligen Stille der Waͤlder reſidirt und dem muͤden Wanderer ſeine Reiſe um die Haͤlfte der Buͤrde erleichtert— vielleicht koͤnnt Ihr noch, eh' Ihr zu Grabe geht, eine Wallfahrt nach ſeinem Monumente thun, das er ſich zwiſchen Himmel und Erden errichtet— vielleicht, o Vater, Vater, Vater! — ſeht Euch nach einem andern Namen um, ſonſt deuten Kraͤ⸗ mer und Gaſſenjungen mit Fingern auf Euch, die Euern Herrn Sohn auf dem Leipziger Marktplatz im Portrait geſehen haben. Z. a. Moor. Und auch du, mein Franz, auch du⸗ O meine Kinder! wie ſie nach meinem Herzen zielen! 16 Franz. Ihr ſeht, ich kann auch witzig ſeyn, aber mein Witz iſt Skorpionſtich.— Und dann der trockne Alltagsmenſch, der kalte, hoͤlzerne Franz, und wie, die Titelchen alle heißen moͤgen, die Eu h der Contraſt zwiſchen ihm und mir mochte ein⸗ gegeben haben, wenn er Euch auf dem Schooße ſaß, oder in die dieſes Univerſalkopfs von einem Pole zum andern fliegt Ha! mit gefaltenen Haͤnden dankt dir, o Himmel! der kalte, trockene, dich, mein Franz, aus meinen Augen wiſchen. Franz. Ja, Vater, aus Euren Augen foll er ſie wiſchen. ein Leben dranſetzen, das Eurige zu verlaͤn⸗ gern. Euer Leben iſt das Orakel, das ich vor allen zu Rathe ziehe uͤber dem, was ich thun will; der Spiegel, durch den ich Alles betrachte— keine Pflicht iſt mir ſo heilig, die ich nicht zu brechen bereit bin, wenn's um Euer koſtbares Leben zu thun iſt. Ihr glaubt mir das? D. a. Moor. Du haſt noch große Pflichten auf dir, mein Sohn— Gott ſegne dich fuͤr das, was du mir warſt und ſeyn wirſt! Franz. Nun ſagt mir einmal— wenn Ihr dieſen Sohn nicht den Euren nennen muͤßtet, Ihr waͤr't ein glücklicher Mann? D. a. Moor, Stille! o ſtille! da ihn die Wehmutter mir brachte, hub ich ihn gen Himmel und rief: bin ich nicht ein glucklicher Mann; 3 6 Franz. Das ſagtet Ihr. Nun, habt Ihr's gefunden? Ihr beneidet den ſchlechteſten Eurer Bauern, daß er nicht Vater iſt zu ———y —— — 17 dieſem— Ihr habt Kummer, ſo lang' Ihr dieſen Sohn habt. Dieſer Kummer wird wachſen mit Karln. Dieſer Kummer wird Euer Leben untergraben. D. a. Moor. Ol er hat mich zu einem achtzigjaͤhrigen Manne gemacht. Franz. Nun alſo— wenn Ihr dieſes Sohnes Euch ent⸗ aͤußertet? 1 D. a. Moor gauffahrend). Franz! Franz! was ſagſt du? Franz. Iſt es nicht die Liebe zu ihm, die Euch all den Gram macht? Ohne dieſe Liebe iſt er fuͤr Euch nicht da. Ohne dieſe ſtrafbare, dieſe verdammliche Liebe iſt er Euch geſtorben— iſt er Euch nie geboren. Nicht Fleiſch und Blut, das Herz macht uns zu Vaͤtern und Soͤhnen. Liebt Ihr ihn nicht mehr, ſo iſt dieſe Abart auch Euer Sohn nicht mehr, und waͤr' er aus Eurem Fleiſche geſchnitten. Er iſt Euer Augapfel geweſen bisher; nun aber, aͤrgert dich dein Auge, ſagt die Schrift, ſo reiß' es aus. Es iſt beſſer, einaͤugig gen Himmel, als mit zwei Augen in die Hoͤlle. Es iſt beſſer, kinderlos gen Himmel, als wenn beide, Vater und Sohn, in die Hoͤlle fahren. So ſpricht die Gottheit! D. a. Moor. Du wilſſt, ich ſoll meinen Sohn verfluchen? Franz. Nicht doch! nicht doch!— Euren Sohn ſollt Ihr nicht verfluchen. Was heißt Ihr Euren Sohn?— dem Ihr das Leben gegeben habt, wenn er ſich auch alle erſinnliche Muͤhe gibt, das Eurige zu verkuͤrzen?— D. a. Moor. O das iſt allzuwahr! das iſt ein Gericht uͤber mich. Der Herr hat's ihn geheißen! Franz. Seht Ihr's, wie kindlich Euer Buſenkind an Euch handelt. Durch Eure vaͤterliche Theilnehmung erwuͤrgt er Euch, mordet Euch durch Eure Liebe, hat Euer Vaterherz ſelbſt beſtochen, Euch den Garaus zu machen. Seyd Ihr einmal nicht mehr, ſo iſt er Herr Eurer Guter, Koͤnig ſeiner Triebe. Der Damm iſt Schillers ſaͤmmtl. Werke. II. 2 weg, und der Strom ſeiner Luͤſte kann jetzt freier dahin brauſen. Denkt Euch einmal an ſeine Stelle! Wie oft muß er den Vater unter die Erde wuͤnſchen— wie oft den Bruder— die ihm im Lauf ſeiner Exceſſe ſo unbarmherzig im Wege ſtehen? Iſt das aber Liebe gegen Liebe? iſt das kindliche Dankbarkeit gegen vaͤter⸗ liche Milde, wenn er dem geilen Kitzel eines Augenblicks zehn Jahre Eures Lebens aufopfert? wenn er den Ruhm ſeiner Vaͤter, der ſich ſchon ſteben Jahrhunderte unbefleckt erhalten hat, in einer wolluͤſtigen Minute aufs Spiel ſetzt? Heißt Ihr das Euren Sohn? Antwortet! heißt Ihr das einen Sohn? D. a. Moor. Ein unzaͤrtliches Kind! ach! aber mein Kind doch! mein Kind doch! Franz. Ein allerliebſtes, koͤſtliches Kind, beſſen ewiges Studium iſt, keinen Vater zu haben— O daß Ihr's begreifen lerntet! daß Euch die Schuppen fielen vom Auge! Aber Eure Nachſicht muß ihn in ſeinen Liederlichkeiten befeſtigen, Euer Vorſchub ihnen Rechtmaͤßigkeit geben. Ihr werdet freilich den Fluch von ſeinem Haupte laden; auf Euch, Vater, auf Euch wird der Fluch der Verdammniß fallen. D. a. Moor. Gerecht! ſehr gerecht! Mein, mein iſt alle Schuld. Franz. Wie viele Tauſende, die voll ſich geſoffen haben vom Becher der Wolluſt, ſind durch Leiden gebeſſert worden! und iſt nicht der koͤrperliche Schmerz, den jedes Uebermaß begleitet, ein Fingerzeig des goͤttlichen Willens; ſollte ihn der Menſch durch ſeine grauſame Zaͤrtlichkeit verkehren? ſoll der Vater das ihm anvertraute Pfand auf ewig zu Grunde richten?— Bedenkt, Vater, wenn Ihr ihn ſeinem Elend auf einige Zeit preisgeben werdet, wird er nicht entweder umkehren muͤſſen und ſich beſſern? oder er wird auch in der großen Schule des Elends ein Schurke bleiben, und dann— wehe dem Vater, der die Rathſchluͤſſe — 19 eeiner hoͤhern Weisheit durch Verzaͤrtelung zernichtet!— Nun, Vater? 1 D. a. Moore Ich will ihm ſchreiben, daß ich meine Hand von ihm wende. Franz. Da thut Ihr recht und klug daran. D. a. Moor. Daß er nimmer vor meine Augen komme. Franz. Das wird eine heilſame Wirkung thun. D. a. Moor(zaͤrtlich. Bis er anders worden! Franz. Schon recht! ſchon recht— Aber, wenn er nun kommt mit der Larve des Heuchlers, Euer Mitleid erweint, Eure Vergebung ſich erſchmeichelt, und morgen hingeht und Eurer Schwachheit ſpottet im Arm ſeiner Huren?— Nein, Vater! Er wird freiwillig wiederkehren, wenn ihn ſein Gewiſſen rein geſprochen hat. D. a. Manr. So will ich ihm das auf der Stelle ſchreiben. Franz. Halt! noch ein Wort, Vater! Eure Entruͤſtung, fuͤrchte ich, moͤchte Euch zu harte Worte in die Feder werfen, die ihm das Herz zerſpalten wuͤrden— und dann— glaubt Ihr nicht, daß er das ſchon fuͤr Verzeihung nehmen werde, wenn Ihr ihn noch eines eigenhaͤndigen Schreibens werth haltet? Darum wird's beſſer ſeyn, Ihr uͤberlaßt das Schreiben mir. D. a. Mogr. Thu“ das, mein Sohn.— Ach! es haͤtte mir doch das Herz gebrochen! Schreib' ihm—— franz(ſchnel). Dabei bleibt's alſo? D. a. Mogr. Schreib' ihm, daß ich tauſend blutige Thraͤ⸗ nen, tauſend ſchlafloſe Naͤchte— aber bring' meinen Sohn nicht zur Verzweiflung!— Franz. Wollt Ihr Euch nicht zu Bette legen, Vater? Es griff Euch hart an. D. a. Moor. Schreib' ihm, daß die väterliche Vruſt— —. 20 Ich ſage dir, bring' meinen Sohn nicht zur Verzweiflung!(Geht traurig ab.) Franz emit Lachen ihm nachſehend). Troͤſte dich, Alter! du wirſt ihn nimmer an dieſe Bruſt druͤcken; der Weg dazu iſt ihm verrammelt, wie der Himmel der Hoͤlle— Er war aus deinen Armen geriſſen, eh' du wußteſt, daß du es wollen koͤnnteſt— Da muͤßt' ich ein erbaͤrmlicher Stuͤmper ſeyn, wenn ich's nicht einmal ſo weit gebracht haͤtte, einen Sohn vom Herzen des Vaters loszuloͤſen, und wenn er mit ehernen Banden daran geklammert waͤre— Ich hab' einen magiſchen Kreis von Fluͤchen um dich gezogen, den er nicht uͤberſpringen ſoll—Glück zu, Franz! weg iſt das Schooßkind— der Wald iſt heller. Ich muß dieſe Papiere vollends aufheben, wie leicht koͤnnte Jemand meine Handſchrift kennen?(Er liest die zerriſſenen Briefſtuͤcke uſammen.)— Und Gram wird auch den Alten bald fortſchaffen,— und ihr muß ich die⸗ ſen Karl aus dem Herzen reißen, wenn auch ihr halbes Leben daran haͤngen bleiben ſollte. Ich habe große Rechte, uͤber die Natur ungehalten zu ſeyn, und, bei meiner Ehre! ich will ſie geltend machen.—Warum bin ich nicht der Erſte aus Mutterleib gekrochen? warum nicht der Einzige? Warum mußte ſie mir dieſe Buͤrde von Haͤßlichkeit auf⸗ laden? gerade mir? Nicht anders, als ob ſie bei meiner Geburt einen Reſt geſetzt haͤtte. Warum gerade mir die Lapplaͤndersnaſe? gerade mir dieſes Mohrenmaul? dieſe Hottentottenaugen? Wirk⸗ lich, ich glaube, ſie hat von allen Menſchenſorten das Scheuß⸗ liche auf einen Haufen geworfen und mich daraus gebacken. Mord und Tod! Wer hat ihr die Vollmacht gegeben, jenem dieſes zu verleihen und mir vorzuenthalten? Konnte ihr Jemand darum hofiren, eh' er entſtund? oder ſie beleidigen, eh' er ſelbſt wurde? Warum ging ſie ſo parteilich zu Werke? Nein! nein! ich thu' ihr Unrecht. Gab ſie uns doch — 4 21 Erfindungsgeiſt mit, ſetzte uns nackt und armſelig ans Ufer dieſes großen Oceans, Welt— Schwimme, wer ſchwimmen kann, und wer plump iſt, geh' unter! Sie gab mir nichts mit; wozu ich mich machen will, das iſt nun meine Sache. Jeder hat gleiches Recht zum Groͤßten und Kleinſten; An⸗ ſpruch wird an Anſpruch, Trieb an Trieb und Kraft an Kraft zernichtet. Das Recht wohnet beim Ueberwaͤltiger, und die Schranken unſerer Kraft ſind unſere Geſetze. Wohl gibt es gewiſſe gemeinſchaftliche Pacta, die man ge⸗ ſchloſſen hat, die Pulſe des Weltcirkels zu treiben. Ehrlicher Name!— wahrhaftig, eine reichhaltige Muͤnze, mit der ſich meiſterlich ſchachern laͤßt, wer's verſteht, ſie gut auszugeben. Gewiſſen,— o ja, freilich! ein tuͤchtiger Lumpenmann, Sper⸗ linge von Kirſchbaͤumen wegzuſchrecken!— auch das ein gut geſchriebener Wechſelbrief, mit dem auch der Bankerottirer zur Noth noch hinauslangt. In der That, ſehr lobenswuͤrdige Anſtalten, die Narren im Reſpect und den Poͤbel unter dem Pantoffel zu halten, damit die Geſcheidten es deſto bequemer haben. Ohne Anſtand, recht ſchnakiſche Anſtalten! Kommen mir vor wie die Hecken, die meine Bauern gar ſchlau um ihre Felder herumfuͤhren, daß ja kein Haſe druͤber ſetzt, ja beileibe kein Haſe!— Aber der gnaͤdige Herr gibt ſeinem Rappen den Sporn und galop⸗ pirt weich uͤber der weiland Ernte. Armer Haſe! Es iſt doch eine jaͤmmerliche Rolle, der Haſe ſeyn muͤſſen auf dieſer Welt— Aber der gnaͤdige Herr braucht Haſen! Alſo friſch druͤber hinweg! Wer nichts fuͤrchtet, iſt nicht weniger maͤchtig, als der, den Alles fuͤrchtet. Es iſt jetzt die Mode, Schnallen an den Beinkleidern zu tragen, womit man ſie nach Belieben weiter und enger ſchnuͤrt. Wir wollen uns ein 22 Gewiſſen nach der neueſten Facon anmeſſen laſſen, um es huͤbſch weiter aufzuſchnallen, wie wir zulegen. Was koͤnnen wir dafuͤr? Geht zum Schneider! Ich habe Langes und Breites von einer ſogenannten Blutliebe ſchwatzen gehort, das einem ordentlichen Hausmann den Kopf heiß machen koͤnnte—Das iſt dein Bruder! — das iſt verdolmetſcht: er iſt aus eben dem Ofen geſchoſſen worden, aus dem du geſchoſſen biſt— alſo ſey er dir heilig!— Merkt doch einmal dieſe verzwickte Conſequenz, dieſen poſſierlichen Schluß von der Nachbarſchaft der Leiber auf die Harmonie der Geiſter, von eben derſelben Heimath zu eben derſe eelben Empfindung, von einerlei Koſt zu einerlei Neigung. Aber weiter— es iſt dein Vater! er hat dir das Leben gegeben, du biſt ſein Fleiſch, ſein Blut— alſo ſey er dir heilig! Wiederum eine ſchlaue Conſequenz! Ich moͤchte do ch fragen, warum hat er mich gemacht? doch wohl nicht gar aus Liebe zu mir, der erſt ein Ich werden ſollte? Hat er mich gekannt, ehe er mich machte? oder hat er an mich gedacht, wie er mich machte? oder hat er mich gewuͤnſcht, da er mich machte? wußte er, was ich werden wuͤrde? Das wollt' ich ihm nicht rathen, ſonſt moͤcht' ich ihn dafuͤr ſtrafen, daß er mich doch gemacht hat! Kann ich's ihm Dank wiſſen, daß ich ein Mann wurde? So wenig, als ich ihn verklagen koͤnnte, wenn er ein Weib aus mir gemacht haͤtte. Kann ich eine Liebe erkennen, die ſich nicht auf Achtung gegen mein Selbſt gruͤndet? Konnte Achtung gegen mein Selbſt vorhanden ſeyn, das erſt dadurch entſtehen ſollte, davon es die Vorausſetzung ſeyn muß? Wo ſteckt denn nun das Heilige? Etwa im Actus ſelber, durch den ich entſtund? Als wenn dieſer etwas mehr waͤre, als viehiſcher Proceß zur Stillung viehiſcher Begierden? Oder ſteckt es vielleicht im Reſultat dieſes Actus, der doch nichts iſt, als eiſerne Noth⸗ wendigkeit, die man ſo gerne wegwunſchte, wenn's nicht auf Unkoſten von Fleiſch und Blut geſchehen muͤßte? Soll ich ihm 23 etwa darum gute Worte geben, daß er mich liebt? Das iſt eine Eitelkeit von ihm, die Schooßſuͤnde aller Kuͤnſtler, die ſich in ihrem Werk kokettiren, waͤr' es auch noch ſo haͤßlich.— Sehet alſo, das iſt die ganze Hexerei, die ihr in einen heiligen Ne⸗ bel verſchleiert, unſere Furchtſamkeit zu mißbrauchen. Soll auch ich mich dadurch gaͤngeln laſſen, wie einen Knaben? Friſch alſo! muthig ans Werk!— Ich will Alles um mich her ausrotten, was mich einſchraͤnkt, daß ich nicht Herr bin. Herr muß ich ſeyn, daß ich das mit Gewalt ertrotze, wozu mir die Liebenswuͤrdigkeit gebricht.(Av.) Zweite Seene. Schenke an den Graͤnzen von Sachſen Karl von Aoor in ein Buch vertieft. Spiegelberg trinkend am Tiſch. Karl v. Moor(legt das Buch weg). Mir ekelt vor dieſem tintenkleckſenden Saͤculum, wenn ich in meinem Plutarch leſe von großen Menſchen. Spiegelberg Cſellt ihm ein Glas hin und trinkt). Den Joſephus mußt du leſen. Aoor. Der lohe Lichtfunke Prometheus' iſt ausgebrannt, dafuͤr nimmt man jetzt die Flamme von Baͤrlappenmehl— Theaterfeuer, das keine Pfeife Tabak anzuͤndet. Da krabbeln ſie nun, wie die Ratten auf der Keule des Hercules. Ein fran⸗ zoͤſiſcher Abbé docirt, Alexander ſey ein Haſenfuß geweſen; ein ſchwindſuͤchtiger Profeſſor haͤlt ſich bei jedem Wort ein Flaͤſchchen 24 Salmiakgeiſt vor die Naſe, und liest ein Collegium uͤber die Kraft. Kerle, die in Ohnmacht fallen, wenn ſie einen Buben gemacht haben, kritteln uͤber die Taktik des Hannibal— feucht⸗ ohrige Buben fiſchen Phraſes aus der Schlacht bei Cannaͤ, und greinen uͤber die Siege des Scipio, weil ſie ſie exponiren muͤſſen. Spiegelberg. Das iſt ja recht alexandriniſch geflennt. Moor Schoͤner Preis fuͤr euren Schweiß in der Feldſchlacht, daß ihr jetzt in Gymnaſien lebet, und eure Unſterblichkeit in einem Buͤcherriemen muͤhſam fortgeſchleppt wird. Koſtbarer Erſatz eures verpraßten Blutes, von einem Nuͤrnberger Kraͤ⸗ mer um Lebkuchen gewickelt— oder, wenn's gluͤcklich geht, von einem franzoͤſiſchen Tragödienſchreiber auf Stelzen ge⸗ ſchraubt und mit Drathfaͤden gezogen zu werden. Hahaha! Spiegelberg ttrinkt). Lies den Joſephus, ich bitte dich drum. Mopr. Pfui! pfui! uͤber das ſchlappe Caſtraten⸗Jahrhun⸗ dert, zu nichts nuͤtze, als die Thaten der Vorzeit wiederzukaͤuen, und die Helden des Alterthums mit Commentationen zu ſchin⸗ den und zu verhunzen mit Trauerſpielen. Die Kraft ſeiner Lenden iſt verſiegen gegangen, und nun muß Bierhefe den Menſchen fortpflanzen helfen. Spiegelberg. Thee, Bruder, Thee! Moor. Da verrammeln ſie ſich die geſunde Natur mit abgeſchmackten Conventionen, haben das Herz nicht, ein Glas zu leeren, weil ſie Geſundheit dazu trinken muͤſſen— belecken den Schuhputzer, daß er ſie vertrete bei Ihro Gnaden, und hudeln den armen Schelm, den ſie nicht fuͤrchten. Vergoͤttern ſich um ein Mittageſſen, und moͤchten einander vergiften um ein Unterbett, das ihnen beim Aufſtreich uͤberboten wird.—Verdammen den Sad⸗ ducaͤer, der nicht fleißig genug in die Kirche kommt, und berech⸗ nen ihren Judenzins am Altare— fallen auf die Kniee, damit ſie jg ihren Schlamp ausbreiten koͤnnen— wenden kein Auge von — 2⁵ dem Pfarrer, damit ſie ſehen, wie ſeine Perruͤcke friſirt iſt.— Fallen in Ohnmacht, wenn ſie eine Gans bluten ſehen, und klatſchen in die Haͤnde, wenn ihr Nebenbuhler bankerott von der Boͤrſe geht—— ſo warm ich ihnen die Hand druͤckte—„nur noch einen Tag“— Umſonſt!— Ins Loch mit dem Hund!— Bitten! Schwuͤre! Thraͤnen!(Auf den Boden ſtampfend.) Hoͤlle und Teufel! Spiegelberg. Und um ſo ein paar tauſend lauſige Ducaten— Moor. Nein! ich mag nicht daran denken!— Ich ſoll meinen Leib preſſen in eine Schnuͤrbruſt, und meinen Willen ſchnuͤren in Geſetze. Das Geſetz hat zum Schneckengang verdorben, was Adler⸗ flug geworden waͤre. Das Geſetz hat noch keinen großen Mann gebildet, aber die Freiheit bruͤtet Koloſſe und Ertremitaͤten aus. — Ahl daß der Geiſt Hermanns noch in der Aſche glimmte!— Stelle mich vor ein Heer Kerle wie ich, und aus Deutſchland ſoll eine Republik werden, gegen die Rom und Sparta Nonnenkloͤſter ſeyn ſollen.(Er wirft den Degen auf den Tiſch und ſteht auf.) Spiegelberg gaufſpringend). Bravo! Braviſſimo! Du bringſt mich eben recht auf das Chapitre. Ich will dir was ins Ohr ſagen, Moor, das ſchon lang' mit mir umgeht, und du biſt der Mann dazu— ſauf, Bruder, ſauf!— wie waͤr's, wenn wir Juden wuͤrden und das Koͤnigreich wieder aufs Tapet braͤchten? Aber ſag', iſt das nicht ein ſchlauer und herzhafter Plan? Wir laſſen ein Manifeſt ausgehen in alle vier Enden der Welt, und citiren nach Palaͤſtina, was kein Schweinefleiſch ißt. Da beweiſich nun durch triftige Documente, Herodes, der Vierfuͤrſt, ſey mein Großahnherr geweſen, und ſo ferner. Das wird ein Victoria abgeben, Kerl, wenn ſie wieder ins Trockne kommen und Jeruſalem wieder aufbauen duͤrfen. Jetzt friſch mit den Tuͤrken aus Aſien, weil's Eiſen noch warm iſt, und. Cedern —— 26 gehauen auf dem Libanon, und Schiffe gebaut, und geſchachert mit alten Borten und Schnallen das ganze Volk. Mittlerweile— Moor(nimmt ihn laͤchelnd bei der Hand). Camerad! mit den Narrenſtreichen iſt's nun am Ende. Spiegelberg(ſiutzig). Pfui, du wirſt doch nicht gar den verlornen Sohn ſpielen wollen? Ein Kerl wie du, der mit dem Degen mehr auf die Geſichter gekritzelt hat, als drei Subſtituten in einem Schaltjahr ins Befehlbuch ſchreiben! Soll ich dir von der großen Hundsleiche vorerzaͤhlen? Ha! ich muß dir nur dein eigenes Bild wieder vor dich rufen, das wird Feuer in deine Adern blaſen, wenn dich ſonſt nichts mehr begeiſtert. Weißt du noch, wie die Herren vom Collegio deiner Dogge das Bein hatten abſchießen laſſen, und du zur Revange ließeſt ein Faſten aus⸗ ſchreiben in der ganzen Stadt. Man ſchmollte uͤber dein Reſcript. Aber du nicht faul, laͤſſeſt alles Fleiſch aufkaufen in ganz L.., daß in acht Stunden kein Knochen mehr zu nagen iſt in der ganzen Rundung, und die Fiſche anfangen im Preiſe zu ſteigen. Magiſtrat und Buͤrgerſchaft duͤſſelten Rache. Wir Burſche, friſch heraus zu ſiebzehnhundert, und du an der Spitze, und Metzger und Schneider und Kraͤmer hinterher, und Wirth' und Barbierer und alle Zuͤnfte, und fluchen, Sturm zu laufen wider die Stadt, wenn man den Burſchen ein Haar kruͤmmen wollte. Da ging's aus, wie's Schießen zu Hornberg, und mußten ab⸗ ziehen mit langer Naſe. Du laͤſſeſt Doctores kommen ein ganzes Concilium, und botſt drei Ducaten, wer dem Hunde ein Recept ſchreiben wuͤrde. Wir ſorgten, die Herren werden zu viel Ehre im Leibe haben und Ne in ſagen, und hatten's ſchon verabredet, ſie zu forciren. Aber das war unnoͤthig, die Herren ſchlugen ſich um die drei Ducaten, und kam's im Abſtreich herab auf drei Batzen; in einer Stunde ſind zwoͤlf Recepte geſchrieben, daß das Thier auch bald darauf verreckte. 27 Moorr. Schaͤndliche Kerle! Spiegelberg. Der Leichenpomp ward veranſtaltet in aller Pracht, Carmina gab's die ſchwere Meng' um den Hund, und wir zogen aus des Nachts gegen Tauſend, eine Laterne in der einen Hand, unſern Raufdegen in der andern, und ſo fort durch die Stadt mit Glockenſpiel und Geklimper, bis der Hund bei⸗ geſetzt war. Drauf gab's ein Freſſen, das waͤhrte bis an den lichten Morgen, da bedankteſt du dich bei den Herren fuͤr das herzliche Beileid, und ließeſt das Fleiſch verkaufen um's halbe Geld. Mort de ma vie! da hatten wir dir Reſpect, wie eine Garniſon in einer eroberten Feſtung— Moor. Und du ſchaͤmſt dich nicht, damit groß zu prahlen? Haſt nicht einmal ſo viel Scham, dich dieſer Streiche zu ſchaͤmen? Spiegelberg. Geh', geh'! Du biſt nicht mehr Moor. Weißt du noch, wie tauſendmal du, die Flaſche in der Hand, den alten Filzen haſt aufgezogen, und geſagt: er ſoll nur darauf los ſchaben und ſcharren, du wolleſt dir dafuͤr die Gurgel ab⸗ ſaufen.— Weißt du auch noch? he? weißt du noch? O du heilloſer, erbaͤrmlicher Prahlhans! das war noch maͤnnlich ge⸗ ſprochen und edelmaͤnniſch, aber— Moor. Verflucht ſeyſt du, daß du mich daran erinnerſt! verflucht ich, daß ich es ſagte! Aber es war nur im Dampfe des Weins, und mein Herz hoͤrte nicht, was meine Zunge prahlte. Spiegelberg(ſchuͤttelt den Kopy. Nein! nein! nein! das kann nicht ſeyn. Unmoͤglich, Bruder, das kann dein Ernſt nicht ſeyn. Sag', Bruͤderchen, iſt es nicht die Noth, die dich ſo ſtimmt? Komm', laſſ' dir ein Stuͤckchen aus meinen Buben⸗ jahren erzaͤhlen. Da hatt' ich neben meinem Haus einen Gra⸗ ben, der, wie wenig, ſeine acht Schuh breit war, wo wir Buben uns in die Wette bemuͤhten, hinuͤber zu ſpringen. Aber das — 5———— war umſonſt. Plumps! lagſt du, und ward ein Geziſch und Gelaͤchter uͤber dir, und wurdeſt mit Schneeballen geſchmiſſen uͤber und uͤber. Neben meinem Haus lag eines Jaͤgers Hund an einer Kette, eine ſo biſſige Beſtie, die dir die Maͤdels wie der Blitz am Rockzipfel hatte, wenn ſie ſich's verſahn und zu nah' dran vorbeiſtrichen. Das war nun mein Seelengaudium, den Hund uͤberall zu necken, wo ich nur konnte, und wollt' halb krepiren vor Lachen, wenn mich dann das Thier ſo giftig an⸗ ſtierte, und ſo gern auf mich losgerannt waͤre, wenn's nur gekonnt haͤtte.— Was geſchieht? Ein andermal mach' ich's ihm auch wieder ſo, und werf' ihn mit einem Stein ſo derb an die Rippen, daß er vor Wuth von der Kette reißt und auf mich dar, und ich, wie alle Donnerwetter, reiß' aus und davon— Tauſend Schwernoth! da iſt dir juſt der vermaledeite Graben dazwiſchen. Was zu thun? der Hund iſt mir hart an den Fer⸗ ſen und wuͤthend, alſo kurz reſolvirt— einen Anlauf genom⸗ men— druͤben bin ich. Dem Sprung hatt' ich Leib und Leben zu danken, die Beſtie haͤtte mich zu Schanden geriſſen. Moor. Aber wozu jetzt das? Spiegelberg. Dazu— daß du ſehen ſollſt, wie die Kraͤfte wachſen in der Noth. Darum laſſ' ich mir's auch nicht bange ſeyn, wenn's aufs Aeußerſte kommt. Der Muth waͤchst mit der Gefahr! die Kraft erhebt ſich im Drang. Das Schickſal muß einen großen Mann aus mir haben wollen, weil's mir ſo quer durch den Weg ſtreicht. Moor aargerlich). Ich wuͤßte nicht, wozu wir den Muth noch haben ſollten und noch nicht gehabt haͤtten. Spiegelberg. So?— Und du willſt alſo deine Gaben in dir verwittern laſſen? dein Pfund vergraben? Meinſt du, deine Stinkereien in Leipzig machen die Graͤnzen des menſch⸗ lichen Witzes aus? Da laſſ' uns erſt in die große Welt kommen. — 29 Paris und London!— wo man Ohrfeigen einhandelt, wenn man einen mit dem Namen eines ehrlichen Mannes gruͤßt. Da iſt es auch ein Seelenjubilo, wenn man das Handwerk ins Große prakticirt.— Du wirſt gaffen! du wirſt Augen machen! Wart, und wie man Handſchriften nachmacht, Wurrfel verdreht, Schloͤſſer aufbricht und den Koffern das Eingeweide ausſchuͤttet — das ſollſt du noch von Spiegelberg lernen! Die Canaille ſoll man an den naͤchſten beſten Galgen knupfen, die bei geraden Fingern verhungern will. Moor Gerſtreut). Wie? Du haſt es wohl gar noch weiter gebracht? Spiegelberg. Ich glaube gar, du ſetzeſt ein Mißtrauen in mich. Wart';, laſſ' mich erſt warm werden! du ſollſt Wunder ſehen; dein Gehirnchen ſoll ſich im Schaͤdel umdrehen, wenn mein kreißender Witz in die Wochen kommt.—(Steht auf, hitzig.) Wie es ſich aufhellt in mir! Große Gedanken daͤmmern auf in meiner Seele! Rieſenplane gaͤhren in meinem ſchoͤpferiſchen Schaͤdel. Verfluchte Schlafſucht,(lich vor'n Kopf ſchlagend) die bisher meine Kraͤfte in Ketten ſchlug, meine Ausſichten ſperrte und ſpannte! Ich erwache, fuͤhle, wer ich bin— wer ich werden muß! Moor. Du biſt ein Narr. Der Wein bramarbaſirt aus deinem Gehirne. Spiegelberg(hitziger). Spiegelberg, wird es heißen, kannſt du hexen, Spiegelberg? Es iſt Schade, daß du kein General worden biſt, Spiegelberg, wird der Koͤnig ſagen, du haͤtteſt die Oeſterreicher durch ein Knopfloch gejagt. Ja, hoͤr ich die Doctors jammern, es iſt unverantwortlich, daß der Mann nicht die Medicin ſtudirt hat, er haͤtte ein neues Kropfpulver erfunden. Ach! und daß er das Camerale nicht zum Fach genommen hat, werden die Sully's in ihren Cabinetten ſeufzen, er haͤtte aus 30 Steinen Louisd'ors hervorgezaubert. Und Spiegelberg wird es heißen in Oſten und Weſten, und in den Koth mit euch, ihr Memmen, ihr Kroͤten, indeß Spiegelberg mit ausgeſpreiteten Fluͤgeln zum Tempel des Nachruhms emporfliegt. Moor. Gluͤck auf den Weg! Steig' du auf Schandſaͤulen zum Gipfel des Ruhms. Im Schatten meiner vaͤterlichen Haine, in den Armen meiner Amalia lockt mich ein edler Ver⸗ gnuͤgen. Schon die vorige Woche hab' ich meinem Vater um Vergebung geſchrieben, hab' ihm nicht den kleinſten umſtand verſchwiegen, und wo Aufrichtigkeit iſt, iſt auch Mitleid und Huͤlfe. Laſſ' uns Abſchied nehmen, Moriz. Wir ſehen uns heut' und nie mehr. Die Poſt iſt angelangt. Die Verzeihung meines Vaters iſt ſchon innerhalb dieſer Stadtmauern. Schweizer. Grimm. Koller. Schufterle. Razmann treten auf. Roller. Wißt ihr auch, daß man uns auskund ſchaftet? Grimm. Daß wir keinen Augenblick ſicher ſind, aufgehoben zu werden? Moor. Mich wundert's nicht. Es gehe, wie es will! Saht ihr den Schwarz nicht? ſagte er von keinem Briefe, den er an mich haͤtte? Roller. Schon lange ſucht er dich, ich vermuthe ſo etwas. Moor. Wo iſt er? wo, wo?(Will eilig ſort.) Noller. Bleib'! wir haben ihn hieher beſchieden. Du zitterſt?— Moor. Ich zittre nicht. Warum ſollt' ich auch zittern! Cameraden! dieſer Brief— Freut euch mit mir! Ich bin der Gluͤcklichſte unter der Sonne, warum ſollt' ich zittern? 31 Schwarz niitt auf. Moor(fliegt ihm entgegen). Bruder! Bruder! den Brief! den Brief! Schwarz(gibt ihm den Brief, den er haſtig aufbricht). Was iſt dir? wirſt du nicht wie die Wand? Moor. Meines Bruders Hand! Schwarz. Was treibt denn der Spiegelberg? Grimm. Der Kerl iſt unſinnig. Er macht Geſtus wie beim Sanct Veits⸗Tanz. Schufterle. Sein Verſtand geht im Ring herum. Ich glaub', er macht Verſe. Razmann. Spiegelberg! He, Spiegelberg!— Die Beſtie hoͤrt nicht. Grimm(ſchüttelt ihn). Kerl! traͤumſt du, oder— 2 Spiegelberg(der ſich die ganze Zeit uͤber mit den Pantomimen eines Projectmachers im Stubeneck abgearbeitet hat, ſpringt wild auf) La bourse ou la vie!(und packt Schweizern an der Gurgel, der ihn gelaſſen an die Wand wirft.— Moor laͤßt den Brief fallen und rennt hinaus. Alle fahren auf). Koller dihm nach). Moor! wonaus, Moor? was beginnſt du? Grimm. Was hat er? was that er? Er iſt bleich wie die Leiche. Schweizer. Das muͤſſen ſchoͤne Neuigkeiten ſeyn! Laſſ' doch ſehen! Roller enimmt den Brief von der Erde und liest). „Ungluͤcklicher Bruder!“ der Anfang klingt luſtig.„Nur „kürzlich muß ich dir melden, daß deine Hoffnung vereitelt iſt— „du ſollſt hingehen, laͤßt dir der Vater ſagen, wohin dich deine „Schandthaten fuͤhren. Auch, ſagt er, werdeſt du dir keine Hoff⸗ nung machen, jemals Gnade zu ſeinen Fuͤßen zu erwimmern, „wenn du nicht gewaͤrtig ſeyn wolleſt, im unterſten Gewoͤlbe 32 „ſeiner Thuͤrme mit Waſſer und Brod ſo lange tractirt zu „werden, bis deine Haare wachſen wie Adlerfedern, und deine „Naͤgel wie Vogelklauen werden. Das ſind ſeine eigenen Worte. „Er befiehlt mir, den Brief zu ſchließen. Lebe wohl auf ewig! „Ich bedaure dich— Franz von Moor.“ Schweizer. Ein zuckerſuͤßes Bruͤderchen! In der That! — Franz heißt die Canaille? Spiegelberg(ſachte herbeiſchleichendd. Von Waſſer und Brod iſt die Rede? Ein ſchoͤnes Leben! Da hab' ich anders fuͤr euch geſorgt! Sagt' ich's nicht, ich muͤßt' am Ende fuͤr euch alle denken? Schweizer. Was ſagt der Schafskopf? der Eſel will fuͤr uns alle denken? Spiegelberg. Haſen, Kruͤppel, lahme Hunde ſeyd ihr alle, wenn ihr das Herz nicht habt, etwas Großes zu wagen! Voller. Nun, das waͤren wir freilich, du haſt recht— aber wird es uns auch aus dieſer vermaledeiten Lage reißen, was du wagen wirſt? wird es?— Spiegelberg(mit einem ſiolzen Gelaͤchter). Armer Tropf, aus dieſer Lage reißen? hahaha! aus dieſer Lage reißen?— und auf mehr raffinirt dein Fingerhut voll Gehirn nicht? und damit trabt deine Maͤhre zum Stalle? Spiegelberg muͤßte ein elender Kerl ſeyn, wenn er mit dem nur anfangen wollte. Zu Helden, ſag' ich dir, zu Freiherren, zu Fuͤrſten, zu Goͤttern wird's euch machen! Bazmann. Das iſt viel auf Einen Hieb, wahrlich! Aber es wird wohl eine halsbrechende Arbeit ſeyn, den Kopf wird's wenigſtens koſten. Spiegelberg. Es will nichts als Muth, denn was den Witz betrifft, den nehm' ich ganz uͤber mich. Muth ſag' ich, 33 Schweizer! Muth! Roller, Grimm, Razmann, Schufterle! Muth!—. Schweizer. Muth? Wenn's nur das iſt— Muth hab' ich genug, um barfuß mitten durch die Hoͤlle zu gehen. Schufterle. Muth genug, mich unterm lichten Galgen mit dem leibhaftigen Teufel um einen armen Suͤnder zu balgen. Spiegelberg. So gefaͤllt mir's! Wenn ihr Muth habt, tret' Einer auf und ſag': er habe noch etwas zu verlieren, und nicht Alles zu gewinnen!— Schwarz. Wahrhaftig, da gaͤb's Manches zu verlieren, wenn ich das verlieren wollte, was ich noch zu gewinnen habe! Razmann. Ja, zum Teufel! und Manches zu gewinnen, wenn ich das gewinnen wollte, was ich nicht verlieren kann. Schufterle. Wenn ich das verlieren muͤßte, was ich auf Borgs auf dem Leibe trage, ſo haͤtt' ich allenfalls morgen nichts mehr zu verlieren. Spiegelberg. Alſo denn!(Er ſtellt ſich mitten unter ſie mit beſchwoͤrendem Ton.) Wenn noch ein Tropfen deutſchen Helden⸗ blutes in euren Adern rinnt— kommt! Wir wollen uns in den boͤhmiſchen Waͤldern niederlaſſen, dort eine Raͤuberbande zuſammen ziehen und— Was gafft ihr mich an?— iſt euer bißchen Muth ſchon verdampft? Roller. Du biſt wohl nicht der erſte Gauner, der uͤber den hohen Galgen weggeſehen hat— und doch— Was haͤtten wir ſonſt noch fuͤr eine Wahl uͤbrig? Spiegelberg. Wahl? Was? Nichts habt ihr zu waͤhlen! Wollt ihr im Schuldthurme ſtecken und zuſammenſchnurren, bis man zum juͤngſten Tag poſaunt? wollt ihr euch mit der Schaufel und Haue um einen Biſſen trocken Brod abquaͤlen? wollt ihr an der Leute Fenſter mit einem Baͤnkelſaͤnger⸗Lied ein mageres Almoſen erpreſſen? oder wollt ihr zum Kalbsfell 3 Schillers ſaͤmmtl. Werke. II. ſchwoͤren— und da iſt erſt noch die Frage, ob man euren Ge⸗ ſichtern traut— und dort unter der milzſuͤchtigen Laune eines gebieteriſchen Corporals das Fegfeuer zum voraus abverdienen 2 oder bei klingendem Spiel nach dem Tact der Trommel ſpazie⸗ ren gehen, oder im Gallioten⸗Pavadies das ganze Eiſen Maga⸗ zin Vulcans hinterherſchleifen? Seht, das habt ihr zu waͤhlen, da iſt es beiſammen, was ihr waͤhlen koͤnnt! Noller. So unrecht hat der Spiegelberg eben nicht. Ich hab' auch meine Plane ſchon zuſammen gemacht, aber ſie treffen endlich auf eins. Wie waͤr's, dacht' ich, wenn ihr euch hin⸗ ſetztet, und ein Taſchenbuch, oder einen Almanach, oder ſo was Aehnliches zuſammenſudeltet, und um den lieben Groſchen recenſirtet, wie's wirklich Mode iſt? Schufterle. Zum Henker! ihr rathet nah zu meinen Pro⸗ jecten. Ich dachte bei mir ſelbſt, wie, wenn du ein Pietiſt wuͤr⸗ deſt und woͤchentlich deine Erbauungsſtunden hielteſt? Grimm. Getroffen! und wenn das nicht geht, ein Atheiſt! Wir koͤnnten die vier Evangeliſten aufs Maul ſchlagen, ließen unſer Buch durch den Schinder verbrennen, und ſo ging's reißend ab. Razmann. Oder zoͤgen wir wider die Franzoſen zu Felde — ich kenne einen Doctor, der ſich ein Haus von purem Queck⸗ ſilber gebaut hat, wie das Epigramm auf der Hausthuͤr lautet. Schweizer(ſteht auf und gibt Spiegelberg die Hand). Moriz, du biſt ein großer Mann!— oder es hat ein blindes Schwein eine Eichel gefunden. Schwarz. Vortreffliche Plane! honnete Gewerbe! Wie doch die großen Geiſter ſympathifiren! Jetzt fehlte nur noch, daß wir Weiber und Kupplerinnen wuͤrden. Spiegelberg. Poſſen! Poſſen! Und was hindert's, daß ihr nicht das Meiſte in Einer Perſon ſeyn koͤnnt? Mein Plan wird euch immer am hoͤchſten pouſſiren, und da habt ihr noch Ruhm und unſterblichkeit! Seht, arme Schlucker! auch ſo weit muß man hinausdenken! auch auf den Nachruhm, das ſuͤße Gefuͤhl von Unvergeßlichkeit— Voller. Und obenan in der Liſte der ehrlichen Leute! Du biſt ein Meiſter⸗Redner, Spiegelberg, wenn's darauf ankommt, aus einem ehrlichen Manne einen Hallunken zu machen— Aber ſag' doch einer, wo der Moor bleibt?— Spiegelberg. Ehrlich ſagſt du? Meinſt du, du ſeyſt nachher weniger ehrlich, als du jetzt biſt? Was heißeſt du ehrlich? Reichen Filzen einen Drittheil ihrer Sorgen vom Halſe ſchaffen, die ihnen nur den goldnen Schlaf verſcheuchen, das ſtockende Geld in Umlauf bringen, das Gleichgewicht der Guͤter wieder herſtellen, mit Einem Wort, das goldne Alter wieder zuruͤckrufen, dem lieben Gott von manchem laͤſtigen Koſtgaͤnger helfen, ihm Krieg, Peſtilenz, theure Zeit und Doctors erſparen— ſiehſt du, das heiß' ich ehrlich feyn, das heiß' ich ein wuͤrdiges Werk⸗ zeug in der Hand der Vorſehung abgeben,— und ſo bei jedem Braten, den man ißt, den ſchmeichelhaften Gedanken zu haben: den haben dir deine Finten, dein Loͤwenmuth, deine Nachtwachen erworben— von Groß und Klein reſpectirt zu werden— Noller. Und endlich gar bei lebendigem Leibe gen Himmel fahren, und trotz Sturm und Wind, trotz dem gefraͤßigen Magen der alten Urahne Zeit unter Sonn' und Mond und allen Fir⸗ ſternen ſchweben, wo ſelbſt die unvernuͤnftigen Voͤgel des Himmels, von edler Begierde herbeigelockt, ihr himmliſches Concert muſici⸗ ren, und die Engel mit Schwaͤnzen ihr hochheiliges Synedrium halten? nicht wahr?— und wenn Monarchen und Potentaten von Motten und Wuͤrmern verzehrt werden, die Ehre haben zu en Jupiters koͤniglichem Vogel Viſiten anzunehmen?— 36 Moriz, Moriz, Moriz! nimm dich in Acht! nimm dich in Acht vor dem dreibeinigen Thiere! Spiegelberg. Und das ſchreckt dich, Haſenherz? Iſt doch ſchon manches Univerſal⸗Genie, das die Welt haͤtte reformiren koͤnnen, auf dem Schind⸗Anger verfault, und ſpricht man nicht von ſo Einem Jahrhunderte, Jahrtauſende lang, da mancher Koͤnig und Kurfuͤrſt in der Geſchichte uͤberhuͤpft wuͤrde, wenn ſein Geſchichtſchreiber die Luͤcke in der Succeſſions⸗Leiter nicht ſcheute, und ſein Buch dadurch nicht um ein paar Octavſeiten gewoͤnne, die ihm der Verleger mit baarem Gelde bezahlt— Und wenn dich der Wanderer ſo hin und her fliegen ſieht im Winde— der muß auch kein Waſſer im Hirn gehabt haben, brummt er in den Bart, und ſeufzt uͤber die elenden Zeiten. Schweizer cklopft ihm auf die Achſel). Meiſterlich, Spiegel⸗ berg! meiſterlich! Was, zum Teufel, ſteht ihr da und zaudert? Schwarz. Und laſſ'es auch Proſtitution heißen— was folgt weiter? Kann man nicht auf den Fall immer ein Puͤlver⸗ chen mit ſich fuͤhren, das einen ſo im Stillen uͤber'n Acheron foͤrdert, wo kein Hahn darnach kraͤht! Nein, Bruder Moriz! dein Vorſchlag iſt gut, ſo lautet auch mein Katechismus. Schufterle. Blitz! Und der meine nicht minder. Spiegel⸗ berg, du haſt mich geworben. Razmann. Du haſt, wie ein anderer Orpheus, die heu⸗ lende Beſtie, mein Gewiſſen, in den Schlaf geſungen. Nimm mich ganz, wie ich da bin! Grimm. Si omnes consentiunt ego non dissentio. Wohl⸗ gemerkt, ohne Komma. Es iſt ein Aufſtreich in meinem Kopf: Pietiſten— Quackſalber— Recenſenten und Gauner. Wer am meiſten bietet, der hat mich. Nimm dieſe Hand, Moriz! Noller. Und auch du, Schweizer?(Gibt Spiegelberg die rechte Hand.) Alſo verpfaͤnd' ich meine Seele dem Teufe, 37 Spiegelberg. Und deinen Namen den Sternen! Was liegt daran, wohin auch die Seele faͤhrt? Wenn Schaaren vorausgeſprengter Couriere unſere Niederfahrt melden, daß ſich die Satane feſttaͤglich herausputzen, ſich den tauſendjaͤhri⸗ gen Ruß aus den Wimpern ſtaͤuben, und Myriaden gehoͤrnter Koͤpfe aus der rauchenden Muͤndung ihrer Schwefel⸗Kamine hervorwachſen, unſern Einzug zu ſehen! Cameraden! Lauſge⸗ ſprungen) friſch auf, Cameraden! was in der Welt wiegt dieſen Rauſch des Entzuͤckens auf! Kommt, Cameraden! Rsller. Sachte nur! ſachte! Wohin? das Thier muß auch ſeinen Kopf haben, Kinder! Spiegelberg(iiftig). Was predigt der Zauderer? Stand nicht der Kopf ſchon, ehe noch ein Glied ſich regte? Folgt, Cameraden! Roller. Gemach, ſag' ich. Auch die Freiheit muß ihren Herrn haben. Ohne Oberhaupt gingen Rom und Sparta zu Grunde. Spiegelberg Geſchmeidig). Ja— haltet— Roller ſagt recht. Und das muß ein erleuchteter Kopf ſeyn. Verſteht ihr? ein feiner, politiſcher Kopf muß das ſeyn. Ja, wenn ich mir's denke, was ihr vor einer Stunde waret, was ihr jetzt ſeyd,— durch Einen gluͤcklichen Gedanken ſeyd— Ja, frellich, freilich muͤßt ihr einen Chef haben— Und wer dieſen Gedanken ent⸗ ſponnen, ſagt, muß das nicht ein erleuchteter politiſcher Kopf ſeyn? Voller. Wenn ſich's hoffen ließe Araͤumen ließe— aber ich fürchte, er wird es nicht thun. Spiegelberg. Warum nicht? Sag's keck heraus, Freund! — So ſchwer es iſt, das kaͤmpfende Schiff gegen ſie Winde zu lenken, ſo ſchwer ſie auch druͤckt, die Laſt der Krone— ſag's unverzagt, Roller!— vielleicht wird er's doch thunu. 38 Roller. Und leck iſt das Ganze, wenn er's nicht thut. Ohne den Moor ſind wir Leib ohne Seele. Spiegelberg(unwillig von ihm weg). Stockfiſch! Moor t(ttritt herein in wilder Bewegung, und laͤuft heftig im Zimmer auf und nieder, mit ſich ſelber ſprechend). Menſchen— Menſchen! falſche, heuchleriſche Krokodilbrut! Ihre Augen ſind Waſſer! ihre Herzen ſind Erz! Kuͤſſe auf den Lippen! Schwerter im Buſen! Loͤwen und Leoparde fuͤttern ihre Jungen, Raben tiſchen ihren Kleinen auf dem Aas, und Er, Er,— Bosheit hab' ich dulden gelernt, kann dazu laͤcheln, wenn mein erboster Feind mir mein eigen Herzblut zutrinkt— aber wenn Blutliebe zur Verraͤtherin, wenn Vaterliebe zur Megaͤre wird: o ſo fange Feuer, maͤnnliche Gelaſſenheit! verwilde zum Tiger, ſanftmuͤthi⸗ ges Lamm! und jede Faſer recke ſich auf zum Grimm und Ver⸗ derben! Roller. Hoͤre, Moor! was denkſt du davon? Ein Raͤuber⸗ leben iſt doch auch beſſer, als bei Waſſer und Brod im unterſten Gewoͤlbe der Thuͤrme? Mogr. Warum iſt dieſer Geiſt nicht in einen Tiger ge⸗ fahren, der ſein wuͤthendes Gebiß in Menſchenfleiſch haut? Iſt das Vatertreue? iſt das Liebe fuͤr Liebe? Ich moͤchte ein Baͤr ſeyn und die Baͤren des Nordlands wider dieß moͤrderiſche Geſchlecht anhetzen— Reue, und keine Gnade!— O, ich moͤchte den Ocean vergiften, daß ſie den Tod aus allen Quellen ſaufen! Vertrauen, unuͤberwindliche Zuverſicht, und kein Erbarmen! Roller. So hoͤre doch, Moor, was ich dir ſage! Moor.„Es iſt unglaublich, es iſt ein Traum, eine Taͤuſchung — So eine ruͤhrende Bitte, ſo eine lebendige Schilderung des Elends und der zerfließenden Reue— die wilde Beſtie waͤr' in Mitleid zerſchmolzen; Steine haͤtten Thraͤnen vergoſſen, und doch — man wuͤrde es fuͤr ein boshaftes Pasquill aufs Menſchen⸗ * 39 geſchlecht halten, wenn ich's ausſagen wollte— und doch, doch — o, daß ich durch die ganze Natur das Horn des Aufruhrs blaſen koͤnnte, Luft, Erde und Meer wider das Hyaͤnengezuͤcht ins Treffen zu fuͤhren! Grimm. Hoͤre doch, hoͤre! vor Raſen hoͤrſt du ja nicht. Moor. Weg, weg von mir! Iſt dein Name nicht Menſch? hat dich das Weib nicht geboren?— Aus meinen Augen, du mit dem Menſchengeſicht!— Ich hab' ihn ſo unausſprechlich geliebt! ſo liebte kein Sohn; ich haͤtte tauſend Leben fuͤr ihn—(Schaͤumend auf die Erde ſtampfend.) Ha! wer mir jetzt ein Schwert in die Hand gaͤbe, dieſer Otternbrut eine brennende Wunde zu verſetzen! wer mir ſagte, wo ich das Herz ihres Lebens erzielen, zermalmen, zernichten— er ſey mein Freund, mein Engel, mein Gott— ich will ihn anbeten! Voller. Eben dieſe Freunde wollen ja wir ſeyn, laſſ' dich Hoch weiſen! Schwarz. Komm mit uns in die boͤhmiſchen Waͤlder! Wir wollen eine Raͤuberbande ſammeln, und du—(Moor ſtiert ähn an.) Schweizer. Du ſollſt unſer Hauptmann ſeyn! du mußt unſer Hauptmann ſeyn! Spiegelberg(wirft ſich wild in einen Seſſeh. Sklaven und Memmen! Mogr. Wer blies dir das Wort ein? Hoͤre, Kerl! ändem er Rollern hart ergreift) das haſt du nicht aus deiner Menſchenſeele hervorgeholt! wer blies dir das Wort ein? Ja, bei dem tauſend⸗ armigen Tod! das wollen wir! das muͤſſen wir! der Gedanke verdient Vergoͤtterung—Naͤuber und Moͤrder!= So wahr meine Seele lebt, ich bin euer Hauptmann! 3 Alle(mit laͤrmendem Geſchrei). Es lebe der Hauptmann! gSpiegelb erg(auſſpringend, vor ſich). Bis ich ihm hinhelfe. AMoor. Siehe, da fäͤllt's wie der Staar von meinen Augen! was fuͤr ein Thor ich war, daß ich ins Kaͤficht zuruͤck wollte!— Mein Geiſt durſtet nach Thaten, mein Athem nach Freiheit,— Moͤrder, Raͤuber!— Mit dieſem Wort war das Geſetz unter meine Fuͤße gerollt— Menſchen haben Menſchheit vor mir verborgen, da ich an Menſchheit appellirte, weg denn von mir, Sympathie und menſchliche Schonung!— Ich habe keinen Vater mehr, ich habe keine Liebe mehr, und Blut und Tod ſoll mich vergeſſen lehren, daß mir jemals etwas theuer war!— Kommt, kommt!— O, ich will mir eine fuͤrchterliche Zerſtreuung machen— es bleibt dabei, ich bin euer Hauptmann! und „Gluͤck zu“ dem Meiſter unter euch, der am wildeſten ſengt, am graͤßlichſten mordet, denn ich ſage euch, er ſoll koͤniglich belohnt werden— Tretet her um mich ein Jeder, und ſchwoͤrt mir Treue und Gehorſam zu bis in den Tod!— Schwoͤrt mir das bei dieſer maͤnnlichen Rechte! Alle(geben ihm die Gand). Gehorſam bis in den Tod! Moor. Nun, und bei dieſer maͤnnlichen Rechte! ſchwoͤr⸗ ich euch hier, treu und ſtandhaft euer Hauptmann zu bleiben bis in den Tod! Den ſoll dieſer Arm gleich zur Leiche machen, der jemals zagt, oder zweifelt, oder zuruͤcktritt! Ein Gleiches widerfahre mir von Jedem unter euch, wenn ich meinen Schwur verletze! Seyd ihr's zufrieden?(Spiegelberg laͤuft wuͤthend auf und nie der.) Wir ſchwoͤren dir Treue und ₰ Alle amit auſgeworfenen Huͤten). Wir ſind's zufrieden. Moor. Nun denn, ſo laßt uns gehen! Fuͤrchtet euch nicht vor Tod und Gefahr, denn uüber uns waltet ein unbeugſames Fatum! Jeden ereilet endlich ſein Tag, es ſey auf dem weichen 41 Kiſſen von Flaum, oder im rauhen Gewuͤhle des Gefechtes, oder auf offenem Galgen und Rad! Eins davon iſt unſer Schickſal! (Sie gehen ab.) Spiegelberg(ihnen nachſehend, nach einer Pauſe). Dein Re⸗ giſter hat ein Loch. Du haſt das Gift weggelaſſen.(Ab.) 8 Dritte Seene. Im Mooriſchen Schloß. Amaliens Zimmer. Franz. Amalia. Franz. Du ſiehſt weg, Amalia? Verdien' ich weniger als der, den der Vater verflucht hat? Amalia. Weg!— Ha des liebevollen, barmherzigen Va⸗ ters, der ſeinen Sohn Woͤlfen und Ungeheuern preisgibt! Daheim labt er ſich mit ſuͤßem koͤſtlichem Wein und pflegt ſeiner morſchen Glieder in Kiſſen von Eider, waͤhrend ſein großer, herrlicher Sohn darbt— Schaͤmt euch, ihr Unmenſchen! ſchaͤmt euch, ihr Drachenſeelen, ihr Schande der Menſchheit!— ſeinen einzigen Sohn! Franz. Ich daͤchte, er haͤtt' ihrer zwei. Amalia. Ja, er verdient ſolche Soͤhne zu haben, wie du biſt. Auf ſeinem Todbette wird er umſonſt die welken Faͤnde ausſtrecken nach ſeinem Karl, und ſchaudernd zuruͤck⸗ fahren, wenn er die eiskalte Hand ſeines Franzens faßt— O, es iſt ſuß, es iſt köſtlich ſuͤß, von deinem Vater verflucht zu werden! Sprich, Franz, liebe bruͤderliche Seele! was muß man thun, wenn man von ihm verflucht ſeyn will? 4² Franz. Du ſchwaͤrmſt, meine Liebe, du biſt zu bedauern. Amalia. O ich bitte dich— bedauerſt du deinen Bruder? — Nein, Unmenſch, du haſſeſt ihn! du haſſeſt mich doch auch? Franz. Ich liebe dich, wie mich ſelbſt, Amalia! Amalia. Wenn du mich liebſt, kannſt du mir wohl eine Bitte abſchlagen? Franz. Keine, keine! wenn ſie nicht mehr iſt, als mein Leben. Amalia. O, wenn das iſt! Eine Bitte, die du ſo leicht, ſo gern erfuͤllen wirſt—(ſolz) Haſſe mich! Ich muͤßte feuer⸗ roth werden vor Scham, wenn ich an Karln denke, und mir eben einfiele, daß du mich nicht haſſeſt. Du verſprichſt mir's doch? Jetzt geh' und laſſ' mich, ich bin ſo gern allein! Franz. Allerliebſte Traͤumerin! wie ſehr bewundere ich dein ſanftes, liebevolles Herz. Hier, hier herrſchte Karl wie ein Gott in ſeinem Tempel, Karl ſtand vor dir im Wachen, Karl regierte in deinen Traͤumen, die ganze Schoͤpfung ſchien dir nur in den Einzigen zu zerfließen, den Einzigen widerzu⸗ ſtrahlen, den Einzigen dir entgegen zu toͤnen. Amalia(bewegt). Ja wahrhaftig, ich geſteh' es. Euch Barbaren zum Trotz will ich's vor aller Welt geſtehen— ich liebe ihn! Franz. Unmenſchlich, grauſam! Dieſe Liebe ſo zu beloh⸗ nen! Die zu vergeſſen— Amalia(auffahrend). Was, mich vergeſſen? Franz. Hatteſt du ihm nicht einen Ring an den Finger geſteckt? einen Diamantring, zum Unterpfand deiner Treue?— Freilich nun, wie kann auch ein Juͤngling den Reizen einer Metze Widerſtand thun? Wer wird's ihm auch verdenken, da ihm ſonſt nichts mehr uͤbrig war wegzugeben,— und bezahlte ſie f 3 — 43 ihn nicht mit Wucher dafuͤr mit ihren Liebkoſungen, ihren Umarmungen? Amalia aufgebracht). Meinen Ring einer Metze? Franz. Pfui) pfui! das iſt ſchaͤndlich. Wohl aber, wenn's nur das waͤre! Ein Ring, ſo koſtbar er auch iſt, iſt im Grunde bei jedem Juden wieder zu haben— Vielleicht mag ihm die Arbeit daran nicht gefallen haben, vielleicht hat er einen ſchoͤnern dafuͤr eingehandelt. Amalia cheftigye Aber meinen Ning— ich ſage mei⸗ nen Ring? Franz. Keinen andern, Amalia— Hal ſolch ein Kleinod, und an meinem Finger— und von Amalia!— Von hier ſollt' ihn der Tod nicht geriſſen haben— Nicht wahr, Amalia? nicht die Koſtbarkeit des Diamants, nicht die Kunſt des Ge⸗ praͤges— die Liebe macht ſeinen Werth aus— Liebſtes Kind, du weineſt? Wehe uͤber den, der dieſe koͤſtlichen Tropfen aus ſo himmliſchen Augen preßt— ach, und wenn du erſt Alles wuͤßteſt, ihn ſelbſt ſaͤheſt, ihn unter der Geſtalt ſaͤheſt?— Amalia. Ungeheuer! wie, unter welcher Geſtalt? Franz. Stille, ſtille, gute Seele, frage mich nicht aus! Wie vor ſich, aber laut.) Wenn es doch wenigſtens nur einen Schleier haͤtte, das garſtige Laſter, ſich dem Auge der Welt zu entſtehlen! Aber da blickt's ſchrecklich durch den gelben, bleifarbenen Augenring; da verraͤth ſich's im todtenblaſſen, eingefallenen Geſicht, und dreht die Knochen haͤßlich hervor— da ſtammelt's in der halben, verſtuͤmmelten Stimme— da predigt's fuͤrchterlich laut vom zitternden, hinſchwankenden Gerippe— da durchwuͤhlt es der Knochen innerſtes Mark und bricht die mannhafte Starke der Jugend— Pfui, pfui! mir ekelt. Naſen, Augen, Ohren ſchuͤtteln ſich— Du haſt jenen Elenden geſehen, Amalia, der in unſerm Siechenhauſe ſeinen Geiſt auskeuchte, die Scham ſchien 4 ihr ſcheues Auge vor ihm zuzublinzen— du rufteſt Wehe uͤber ihn aus. Rufe dieß Bild noch einmal ganz in deine Seele zuruͤck, und Karl ſteht vor dir!— Seine Küuͤſſe ſind Peſt, ſeine Lippen vergiften die deinen! Amalia(cchlaͤgt ihn), Schamloſer Laͤſterer! Franz. Graut dir vor dieſem Karl? Ekelt dir ſchon vor dem matten Gethaͤlde? Geh', gaff' ihn ſelbſt an, deinen ſchoͤ⸗ nen, engliſchen, goͤttlichen Karl! Geh', ſauge ſeinen balſami⸗ ſchen Athem ein und laſſ' dich von den Ambroſiaduͤften begra⸗ ben, die aus ſeinem Rachen dampfen! Der bloße Hauch ſei⸗ nes Mundes wird dich in jenen ſchwarzen, todaͤhnlichen Schwin⸗ del hauchen, der den Geruch eines berſtenden Anſes und den Anblick eines leichenvollen Wahlplatzes begleitet. Amalia ewendet ihr Geſicht ab).. Franz. Welches Aufwallen der Liebe! Welche Wolluſt in der Umarmung— aber iſt es nicht ungerecht, einen Menſchen um ſeiner ſiechen Außenſeite willen zu verdammen? Auch im elendeſten Aeſopiſchen Kruͤppel kann eine große, liebenswurdige Seele, wie ein Rubin aus dem Schlamme, glaͤnzen.(Boshaft laͤchelnd.) Auch aus blattrigen Lippen kann ja die Liebe— Freilich, wenn das Laſter auch die Feſten des Charakters erſchuͤttert, wenn mit der Keuſchheit auch die Jugend davon fliegt, wie der Duft aus der welken Roſe verdampft— wenn mit dem Koͤrper auch der Geiſt zum Kruͤppel verdirbt— Amalia(froh auſſpringend Ha. Karl! nun erkenn’ ich dich wieder! Du biſt noch ganz! ganz! Alles war Luͤge!— Weißt du nicht, Boͤſewicht, daß Karl unmoͤglich das werden kann? EFranz ſteht einige Zeit tiefſinnig, dann dreht er ſich ploͤtzlich, um zu ge⸗ hen.) Wohin ſo eilig? fliehſt du vor deiner eigenen Schande? Franz(mit verhuͤlltem Geſicht). Laſſ' mich! laſſ' mich!— meinen Thraͤnen den Lauf laſſen— tyranniſcher Vater! den 45 beſten deiner Soͤhne ſo hinzugeben dem Elend— der rings⸗ umgebenden Schande— laſſ' mich, Amalia! ich will ihm zu Fuͤßen fallen, auf den Knieen will ich ihn beſchwoͤren, den aus⸗ geſprochenen Fluch auf mich, auf mich zu laden— mich zu enterben— mich— mein Blut— mein Leben— Alles— Amalia(faͤllt ihm um den Hals). Bruder meines Karls! beſter, liebſter Franz! 3 Franz. O Amalia! wie lieb' ich dich um dieſer uner⸗ ſchuͤtterlichen Treue gegen meinen Bruder= Verzeih', daß ich es wagte, deine Liebe auf dieſe harte Probe zu ſetzen!— Wie ſchoͤn haſt du meine Wuͤnſche gerechtfertigt!— Mit dieſen Thraͤnen, dieſen Seufzern, dieſem himmliſchen Unwil⸗ len— auch fuͤr mich, fuͤr mich unſere Seelen ſtimmten ſo zuſammen. Amalia. O nein, das thaten ſie nie! Franz. Ach, ſie ſtimmten ſo harmoniſch zuſammen, ich meinte immer, wir muͤßten Zwillinge ſeyn! und waͤre der lei⸗ dige Unterſchied von außen nicht, wobei leider freilich Karl verlieren muß, wir wuͤrden zehnmal verwechſelt. Du biſt, ſagt' ich oft zu mir ſelbſt, ja, du biſt der ganze Karl, ſein Echo, ſein Ebenbild! Amalia(ſchüttelt den Kopf Nein, nein, bei jenem keu⸗ ſchen Lichte des Himmels! kein Aederchen von ihm, kein Fuͤnk⸗ chen von ſeinem Gefuͤhle— Franz. So ganz gleich in unſern Neigungen— die Roſe war ſeine liebſte Blume— welche Blume war mir uͤber die Roſe? Er liebte die Muſik unausſprechlich, und ihr ſeyd Zeu⸗ gen, ihr Sterne! ihr habt mich ſo oft in der Todtenſtille der Nacht beim Claviere belauſcht, wenn Alles um mich begraben lag in Schatten und Schlummer— und wie kannſt du noch zweifeln, Amalia, wenn unſere Liebe in einer Vol lkommen⸗ 4 46 heit zuſammentraf, und wenn die Liebe die naͤmliche iſt, wie koͤnnten ihre Kinder entarten? Amalia(ſieht ihn verwundernd an). Franz. Es war ein ſtiller, heiterer Abend, der letzte, eh' er nach Leipzig abreiste, da er mich mit ſich in jene Laube nahm, wo ihr ſo oft zuſammenſaßet in Traͤumen der Liebe— ſtumm blieben wir lang— zuletzt ergriff er meine Hand und ſprach leiſe mit Thraͤnen: ich verlaſſe Amalia, ich weiß nicht— mir ahnet's, als hieß' es auf ewig— verlaſſ' ſie nicht, Bruder!— ſey ihr Freund— ihr Karl— wenn Karl— nimmer— wie⸗ derkehrt—(Er ſtuͤrzt vor ihr nieder und kuͤßt ihr die Hand mit Heftig⸗ keit.) Nimmer, nimmer, nimmer wird er wiederkehren, und ich hab's ihm zugeſagt mit einem heiligen Eide! Amalia(uruͤckſpringend). Verraͤther, wie ich dich ertappe! In eben dieſer Laube beſchwur er mich, keiner andern Liebe — wenn er ſterben ſollte— Siehſt du, wie gottlos, wie ab⸗ ſcheulich du— Geh' aus meinen Augen! Franz. Du kennſt mich nicht, Amalia, du kennſt mich gar nicht! Amalia. O ich kenne dich, von jetzt an kenn' ich dich— und du wollteſt ihm gleich ſeyn? Vor dir ſollt' er um mich geweint haben? vor dir? Ehe haͤtt' er meinen Namen auf den Pranger geſchrieben! Geh' den Augenblick! Franz. Du beleidigſt mich! Amalia. Geh', ſag' ich. Du haſt mir eine koſtbare Stunde geſtohlen, ſie werde dir an deinem Leben abgezogen! Franz. Du haſſeſt mich. Amalia. Ich verachte dich, geh'! Franz emit den Fuͤßen ſiampfend). Wart'! ſo ſollſt du vor mir zittern! Mich einem Bettler aufopfern?(Zornig ab.) Amalia. Geh,, Lotterbube— Jetzt bin ich wieder bei Karln 47 — Bettler, ſagt er? ſo hat die Welt ſich umgedreht! Bettler ſind Koͤnige, und Koͤnige ſind Bettler!— Ich moͤchte die Lum⸗ pen, die er anhat, nicht mit dem Purpur der Geſalbten ver⸗ tauſchen— Der Blick, mit dem er bettelt, das muß ein gro⸗ ßer, ein koͤniglicher Blick ſeyn ein Blick, der die Herrlichkeit, den Pomp, die Triumphe der Großen und Reichen zernichtet! In den Staub mit dir, du prangendes Geſchmeide!(Sie reißt ſich die Perlen vom Hals.) Seyd verdammt, Gold und Silber und Juwelen zu tragen, bhr Großen und Reichen! Seyd ver⸗ dammt, an üppigen Mahlen zu zechen! Verdammt, euren Gliedern wohl zu thun auf weichen Polſtern der Wolluſt! Karl! Karl! ſo bin ich dein werth— 2 Ab.) Bweiter Akt. Erſte Seene. Franz von Moor nachdenkend in ſeinem Zimmer. Es dauert mir zu lange— der Doctor will, er ſey im Umkehren— das Leben eines Alten iſt doch eine Ewigkeit!— Und nun waͤröe freie, ebene Bahn bis auf dieſen aͤrgerlichen zaͤhen Klumpen Fleiſch, der mir, gleich dem unterirdiſchen Zauberhund in den Geiſtermaͤhrchen, den Weg zu meinen Schaͤtzen verrammelt. Muͤſſen denn aber meine Entwuͤrfe ſich unter das eiſerne Joch des Mechanismus beugen?— Soll ſich mein hochfliegender Geiſt an den Schneckengang der Materie ketten laſſen? Ein Licht ausgeblaſen, das ohnehin nur mit den letzten Oeltropfen noch wuchert— mehr iſt's nicht— Und doch moͤchte ich das nicht gern ſelbſt gethan haben, um der Leute willen. Ich moͤchte ihn nicht gern getoͤdtet, aber zeley Ich moͤchte es machen wie der geſcheidte Arzt(nur umgekehrt).— Nicht der Natur durch einen Querſtrich den Weg verrannt, ſondern ſie in ihrem eigenen Gange befoͤrdert. Und wir vermoͤgen doch wirklich die Bedingungen des Lebens zu verlaͤngern, warum ſollten wir ſie nicht auch verkuͤrzen koͤnnen? 49 Philoſophen und Mediciner lehren mich, wie treffend die Stimmungen des Geiſtes mit den Bewegungen der Maſchine zuſammen lauten. Gichtriſche Empfindungen werden jederzeit von einer Diſſonanz der mechaniſchen Schwingungen begleitet— Leidenſchaften mißhandeln die Lebenskraft— der uͤberladene Geiſt druͤckt ſein Gehaͤuſe zu Boden— Wie denn nun?— Wer es verſtuͤnde, dem Tod dieſen ungebahnten Weg in das Schloß des Lebens zu ebnen?— den Koͤrper vom Geiſt aus zu ver⸗ derben— hal! ein Originalwerk!— wer das zu Stande braͤchte? — Ein Werk ohne Gleichen!— Sinne nach, Moor!— Das waͤr' eine Kunſt, die's verdiente, dich zum Erfinder zu haben. Hat man doch die Giftmiſcherei beinahe in den Rang einer or⸗ dentlichen Wiſſenſchaft erhoben, und die Natur durch Experimente gezwungen, ihre Schranken anzugeben, daß man nunmehr des Herzens Schlaͤge Jahre lang vorausrechnet, und zu dem Pulſe ſpricht: bis hieher und nicht weiter!— Wer ſollte nicht auch hier ſeine Fluͤgel verſuchen? Und wie ich nun werde zu Werke gehen muͤſſen, dieſe ſuͤße, friedliche Eintracht der Seele mit ihrem Leibe zu ſtoͤren? Welche Gattung von Empfindniſſen ich werde waͤhlen muͤſſen? Welche wohl den Flor des Lebens am gimmigſten anfeinden? Zorn? — dieſer heißhungrige Wolf frißt ſich zu ſchnell ſatt— Sorge? — dieſer Wurm nagt mir zu langſam— Gram?— dieſe Natter ſchleicht mir zu traͤge— Furcht?— die Hoffnung laͤßt ſie nicht umgreifen— Was? ſind das all' die Henker des Men⸗ ſchen?— Iſt das Arſenal des Todes ſo bald erſchoͤpft?— * Eine Frau in Paris ſoll es durch ordentlich angeſtellte Verſuche mit Giftpulvern ſo weit gebracht haben, daß ſie den entſernten Todestag mit ziemlicher Zuverlaͤſſigkeit voraus beſtimmen konnte. Pfui uͤber unſere Aerzte, welche dieſe Frau im Prognoſticiren beſchaͤmt! Schillers ſaͤmmtl. Werke. II. 4 (Tiefſinnend) Wie?— Nun?— Was? Nein!— Ha! Auf⸗ fahrend.) Schreck!— Was kann der Schreck nicht?— Was kann Vernunft, Religion wider dieſes Giganten eiskalte um⸗ armung?— Und doch?— Wenn er auch dieſem Sturm ſtuͤnde 2 — Wenn er?— O ſo komm du mir zu Huͤlfe, Jammer, und du, Reue, hoͤlliſche Eumenide, grabende Schlange, die ihren Fraß wiederkaͤut, die ihren eigenen Koth wiederfrißt, ewige Zer⸗ ſtoͤrerinnen und ewige Schoͤpferinnen eures Giftes! und du, heu⸗ lende Selbſtverklagung, die du dein eigen Haus verwuͤſteſt und deine eigene Mutter verwundeſt— Und kommt auch ihr mir zu Huͤlfe, wohlthaͤtige Grazien ſelbſt, ſanftlaͤchelnde Vergan⸗ genheit, und du mit dem uͤberquellenden Fuͤllhorn, bluͤhende Zukunft, haltet ihm in euren Spiegeln die Freuden des Him⸗ mels vor, wenn euer fliehender Fuß ſeinen geizigen Armen ent⸗ gleitet. So fall ich, Streich auf Streich, Sturm auf Sturm, dieſes zerbrechliche Leben an, bis den Furientrupp zuletzt ſchließt — die Verzweiflung! Triumph! Triumph!— Der Plan iſt fertig— ſchwer und kunſtvoll wie keiner— zuverlaͤſſig— ſicher— denn(poͤttiſch des Zergliederers Meſſer findet ja keine Spuren von Wunde oder corroſiviſchem Gift. Entſchloſſen) Wohlan denn!(Hermann tritt auf.) Ha! Deus ex machina! Hermann! 3 Hermann. Zu Euren Dienſten, gnaͤdiger Junker! Franz(gLibt ihm die Hand). Die du keinem Undankbaren er⸗ weiſeſt. Hermann. Ich hab' Proben davon. Franz. Du ſollſt mehr haben mit naͤchſtem— mit naͤch⸗ ſtem, Hermann!— ich habe dir etwas zu ſagen, Hermann. Hermann. Ich hoͤre mit tauſend Ohren. Franz. Ich kenne dich, du biſt ein entſchloſſener Kerl— 51 Soldatenherz— Haar auf der Zunge!— Mein Vater hat dich ſehr beleidigt, Hermann! Hermann. Der Teufel hole mich, wenn ich's vergeſſe! Franz. Das iſt der Ton eines Mannes! Nache geziemt einer maͤnnlichen Bruſt. Du gefaͤllſt mir, Hermann. Nimm dieſen Beutel, Hermann. Er ſollte ſchwerer ſeyn, wenn ich erſt Herr waͤre. Hermann. Das iſt ja mein ewiger Wunſch, gnaͤdiger. Junker; ich danke Euch. 1 Franz. Wirklich, Hermann? wuͤnſcheſt du wirklich, ich waͤre Herr?— aber mein Vater hat das Mark eines Loͤwen, und ich bin der juͤngere Sohn. Hermann. Ich wollt', Ihr waͤr't der aͤltere Sohn, und Euer Vater haͤtte das Mark eines ſchwindſuͤchtigen Maͤdchens. Franz. Ha! wie dich der aͤltere Sohn dann belohnen wollte, wie er dich aus dieſem unedlen Staube, der ſich ſo wenig mit deinem Geiſt und Adel vertraͤgt, ans Licht empor⸗ heben wollte!— Dann ſollteſt du, ganz wie du da biſt, mit Gold uͤberzogen werden und mit vier Pferden durch die Stra⸗ ßen dahinraſſeln, wahrhaftig, das ſollteſt du! A Aber ich ver⸗ geſſe, wovon ich dir ſagen wollte— haſt du das Fraͤulein von Edelreich ſchon vergeſſen, Hermann? Hermann. Wetter Element! was erinnert Ihr mich an das? Franz. Mein Bruder hat ſie dir weggefiſcht. Hermann. Er ſoll dafur buͤßen! Franz. Sie gab dir einen Korb. Ich glaube gar, er warf dich die Treppen hinunter. Hermann. Ich will ihn dafuͤr in die Hoͤlle ſtoßen. Franz. Er ſagte: man raune ſich einander ins Ohr, dein 5² Vater habe dich nie anſehen koͤnnen, ohne an die Bruſt zu ſchlagen und zu ſeufzen: Gott ſey mir Suͤnder gnaͤdig! Hermann wild). Blitz, Donner und Hagel, ſeyd ſtill! Frunz. Er rieth dir, deinen Adelsbrief im Aufſtreich zu verkaufen und deine Struͤmpfe damit flicken zu laſſen. .„Hermann. Alle Teufel! ich will ihm die Augen mit den Naͤgeln auskratzen. Franz. Was? du wirſt boͤſe? was kannſt du boͤſe auf ihn ſeyn? was kannſt du ihm Boͤſes thun? was kann ſo eine Ratze gegen einen Loͤwen? Dein Zorn verſuͤßt ihm ſeinen Triumph nur. Du kannſt nichts thun, als deine Zaͤhne zuſammenſchla⸗ gen und deine Wuth an trocknem Brode auslaſſen. Hermann(ſaampft auf den Boden). Ich will ihn zu Staub zerreiben. Aℳ Franz Cklopft ihm auf die Achſeh Pfui, Hermann! du biſt ein Cavalier. Du mußt den Schimpf nicht auf dir ſitzen laſſen. Du mußt das Fraͤnlein nicht fahren laſſen, nein, das mußt du um alle Welt nicht thun, Hermann! Hagel und Wetter! ich wuͤrde das Aeußerſte verſuchen, wenn ich an deiner Stelle waͤre. Hermann. Ich ruhe nicht, bis ich ihn und ihn unterm Boden habe. Franz. Nicht ſo ſtuͤrmiſch, Hermann! Komm' naͤher— du ſollſt Amalia haben! Hermann. Das muß ich, trotz dem Teufel! das muß ich! Franz. Du ſollſt ſie haben, ſag' ich dir, und das von meiner Hand. Komm' naͤher, ſag' ich— du weißt vielleicht nicht, daß Karl ſo gut als enterbt iſt? Hermann agnaͤher kommend). Unbegreiflich! das erſte Wort, das ich hoͤre.. Franz. Sey ruhig und hoͤre weiter! du ſollſt ein andermal mehr davon hoͤren— ja, ich ſage dir, ſeit eilf Monaten ſo gut 53 als verbannt. Aber ſchon bereut der Alte den voreiligen Schritt, den er doch, Lachend) will ich hoffen, nicht ſelbſt gethan hat. Auch liegt ihm die Edelreich taͤglich hart an mit ihren Vor⸗ wuͤrfen und Klagen. Ueber kurz oder lang wird er ihn in allen vier Enden der Welt aufſuchen laſſen, und gute Nacht, Hermann! wenn er ihn findet. Du kannſt ihm ganz de⸗ muͤthig die Kutſche halten, wenn er mit ihr in die aiachs zur Trauung faͤhrt. Hermann. Ich will ihn am Crucifir erwürgen! Franz. Der Vater wird ihm bald die Herrſchaft abtreten und in Ruhe auf ſeinen Schloͤſſern leben. Jetzt hat der ſtolze Strudelkopf den Zuͤgel in Haͤnden, jetzt lacht er ſeiner Haſſer und Neider— und ich, der ich dich zu einem wichtigen, großen Manne machen wollte, ich ſelbſt, Hermann, werde tieſgebuͤt vor ſeiner Thuͤrſchwelle— Hermann(in Hitze). Nein, ſo wahr ich Hermann heiße, das ſollt Ihr nicht! wenn noch ein Fuͤnkchen Verſtand in die⸗ ſem Gehirne gloſtet, das ſollt Ihr nicht! Franz. Wirſt du es hindern? Auch dich, mein lieber Hermann, wird er ſeine Geißel fuͤhlen laſſen, wird dir ins Angeſicht ſpeien, wenn du ihm auf der Straße begegneſt, und wehe dir dann, wenn du die Achſel zuckſt oder das Maul kruͤmmſt— ſiehe, ſo ſteht's mit deiner Anwerbung ums Fraͤu⸗ lein, mit deinen Ausſichten, mit deinen Entwuͤrfen. Hermann.“ Sagt mir, was ſoll ich thun? Franz. Höre denn, Hermann! daß du ſiehſt, wie ich mir dein Schickſal zu Herzen nehme als ein redlicher Freund— geh' — kleide dich um— mach' dich ganz unkenntlich, laſſ' dich beim Alten melden, gib vor, du kaͤmeſt geraden Wegs aus Boͤhmen, haͤtteſt mit meinem Bruder dem Treffen bei Prag beigewohnt — haͤtteſt ihn auf der Wahlſtatt den Geiſt aufgeben ſehen— * 4 Hermann. Wird man mir glauben? Franz. Hoho! dafuͤr laſſ' mich ſorgen! Nimm dieſes Paket. Hier findeſt du deine Commiſſion ausfuͤhrlich. Und Documente dazu, die den Zweifel ſelbſt glaubig machen ſollen. — Mach' jetzt nur, daß du fortkommſt, und ungeſehen! Spring' durch die Hinterthuͤr in den Hof, von da uͤber die Garten⸗ mauer— die Kataſtrophe dieſer Tragi⸗Komoͤdie uͤberlaſſ' mir! Hermann. Und die wird ſeyn: Vivat der neue Herr, Franciscus von Moor! Franz(ſrreichelt ihm die Vacken). Wie ſchlau du biſt!— denn ſiehſt du, auf dieſe Art erreichen wir alle Zwecke zumal und bald. Amalia gibt ihre Hoffnung auf ihn auf. Der Alte mißt ſich den Tod ſeines Sohnes bei, und— er kraͤnkelt— ein ſchwankendes Gebaͤude braucht des Erdbebens nicht, um uͤbern Haufen zu fallen— er wird die Nachricht nicht uͤber⸗ leben— dann bin ich ſein einziger Sohn— Amaglia hat ihre Stuͤtzen verloren und iſt ein Spiel meines Willens— da kannſt du leicht denken— kurz, Alles geht nach Wunſch— aber du mußt dein Wort nicht zuruͤcknehmen. Hermann. Was ſagt Ihr? EFrohlockend.) Eh' ſoll die Kugel in ihren Lauf zuruͤckkehren und in dem Eingeweide ihres Schuͤtzen wuͤthen— rechnet auf mich! Laßt nur mich machen — Adieu! G Franz ohm nachrufend). Die Ernte iſt dein, lieber Her⸗ mann!—(Alein.) Wenn der Ochſe den Kornwagen in die Scheune gezogen hat, ſo muß er mit Heu vorlieh nehmen. Dir eine Stallmagd und keine Amalia! (Geht ab.) 55 rab Zweite Scene. 2 Des alten Moors Schlafzimmer. Der alte Mloor ſchlafend in einem Lehnſeſſel. Amalia. Amalia(ſachte herbeiſchleichend). Leiſe, leiſe! er ſchlummert. (Sie ſtellt ſich vor den Schlafenden.) Wie ſchoͤn, wie ehrwuͤrdig! — ehrwuͤrdig, wie man die Heiligen malt— nein, ich kann dir nicht zuͤrnen! Weißlockiges Haupt, dir kann ich nicht zuͤr⸗ nen! Schlummre ſanft, wache froh auf, ich allein will hingehn und leiden. D. a. Moor(traͤumend). Mein Sohn! mein Sohn! mein Sohn! Amalia cergreift ſeine Hand). Horch, horch! ſein Sohn iſt in ſeinen Traͤumen. D. a. Moor. Biſt du dar biſt du wirklich? Ach! wie ſiehſt du ſo elend! Sieh mich nicht an mit dieſem kummervollen Blick! ich bin elend genug. Amalia weckt ihn ſchnell). Seht auf, lieber Greis! Ihr traͤumt nur. Faßt Euch! D. a. Moor(halb wach). Er war nicht da? druͤckt' ich nicht ſeine Haͤnde? Garſtiger Franz! willſt du ihn auch meinen Traͤu⸗ men entreißen? Amalia. Merkſt du's, Amalia? D. a. Moor(ermuntert ſich). Wo iſt er? wo? wo bin ich? Du da, Amalia? Amalin. Wie iſt Euch? Ihr ſchlieft einen erquickenden Schlummer. ¹ 56 72. a. Moor. Mir traͤumte von meinem Sohne. Warum ab' ich nicht fortgetraͤumt? Vielleicht haͤtt' ich Verzeihung er⸗ halten aus ſeinem Munde. Amalia. Engel grollen nicht— er verzeiht Euch.(Faßt ſeine Hand mit Wehmuth.) Vater meines Karls! ich verzeih“ Euch. D. a. Msaor. Nein, meine Tochter! dieſe Todtenfarbe deines Angeſichts verdammt den Vater. Armes Maͤdchen! Ich brachte dich um die Freuden deiner Jugend— o fluche mir nicht! Ama lia ckuͤßt ſeine Hand mit Zaͤrtlichkeit). Euch? D. a. Moor. Kennſt du dieſes Bild, meine Tochter? Amalia. Karls!— ZJ. a. Noor. So ſah er, als er ins ſechzehnte Jahr ging. Jetzt iſt er anders— O, es wuͤthet in meinem Innern— dieſe Milde iſt Unwillen, dieſes Laͤcheln Verzweiflung— Nicht wahr, Amalia? Es war an ſeinem Geburtstage in der Jasminlaube, als du ihn malteſt?— O meine Tochter! Eure Liebe machte mich ſo gluͤcklich. Amalia(immer das Auge auf das Bild geheftet). Nein! nein! er iſt's nicht. Bei Gott! das iſt Karl nicht— Hier, hier(auf Herz und Stirne zeigend) ſo ganz, ſo anders. Die traͤge Farbe reicht nicht, den himmliſchen Geiſt nachzuſpiegeln, der in ſeinem feurigen Auge herrſchte. Weg damit! Dieß iſt ſo menſchlich! Ich war eine Stuͤmperin. D. a. Moor. Dieſer huldreiche, erwaͤrmende Blick— waͤr er vor meinem Bette geſtanden, ich haͤtte gelebt mitten im Tode! Nie, nie waͤr' ich geſtorben! Amalia. Nie, nie waͤr't Ihr geſtorben? Es waͤr' ein Sprung geweſen, wie man von einem Gedanken auf einen an⸗ 57 dern und ſchoͤnern huͤpft— dieſer Blick haͤtt' Euch uͤbers Grab hinuͤber geleuchtet. Dieſer Blick haͤtt' Euch uͤber die Sterne getragen. D. a. Moor. Es iſt ſchwer, es iſt traurig! Ich ſterbe, und mein Sohn Karl iſt nicht hier— ich werde zu Grabe getragen, und er weint nicht an meinem Grabe— Wie ſuͤß iſt's, eingewiegt zu werden in den Schlaf des Todes von dem Gebet eines Sohnes— das iſt Wiegengeſang. Amalia(ſchwaͤrmend). Ja ſuͤß, himmliſch fuͤß iſt's, ein⸗ gewiegt zu werden in den Schlaf des Todes von dem Geſang des Geliebten— vielleicht traͤumt man auch im Grabe noch fort— ein langer, ewiger, unendlicher Traum von Karln, bis man die Glocke der Auferſtehung laͤutet—(aufſpringend, entzuͤckt) und von jetzt an in ſeinen Armen auf ewig.(Pauſe. Sie geht ans Clavier und ſpielt.) Willſt dich, Hektor, ewig mir entreißen, Wo des Aeaciden mordend Eiſen Dem Patroklus ſchrecklich Opfer bringt? Wer wird kuͤnftig deinen Kleinen lehren Speere werfen und die Goͤtter ehren, Wenn hinunter dich der Ranthus ſchlingt? D. a. Moor. Ein ſchoͤnes Lied, meine Tochter. Das mußt du mir vorſpielen, eh' ich ſterbe. Amalia. Es iſt der Abſchied Andromache's und Hektors — Karl und ich haben's oft zuſammen zu der Laute geſungen. (Spielt fort.) Theures Weib, geh' hol' die Todeslanze, Laſſ' mich fort zum wilden Kriegestanze! 58 Meine Schultern tragen Ilium. Ueber Aſtyanax unſre Goͤtter! Hektor faͤllt, ein Vaterlands⸗Erretter, Und wir ſehn uns wieder in Elyſium. Yaniel. Daniel. Es wartet draußen ein Mann a f Euch. Er bittet, vorgelaſſen zu werden, er hab' Euch eine wichtige Zeitung. D. a. Moor. Mir iſt auf der Welt nur et as wichtig, du weißt's, Amalia— Iſt's ein Ungluͤcklicher, der meiner Huͤlfe bedarf? Er ſoll nicht mit Seufzen von hinnen gehen. Amgalia. Iſt's ein Bettler, er ſoll eilig herauf kommen. (Daniel ab.) 3 2 D. a. Moor. Amalia! Amalia! ſchone meiner! Amalia(ppielt fort). 4 Nimmer lauſch' ich deiner Waffen Schalle,. Einſam liegt dein Eiſen in der Halle, f. Priams großer Heldenſtamm verdirbt! 1. Du wirſt hingehn, wo kein Tag mehr ſcheinet⸗ Der Cocytus durch die Wuͤſten weinet, 4 Deine Liebe in dem Lethe ſtirbt. All mein Sehnen, all mein Denten/ Soll der ſchwarze Lethefluß ertraͤnken,. Aber meine Liebe nicht! 5. 1 Horch! der Wilde raſ't ſchon an den Mauern— Guͤrte mir das Schwert um, laſſ’ das Trauern! Hektors Liebe ſtirbt im Lethe nicht. 59 Franz. Hermann verkappt. Yaniel. Franz. Hier iſt der Mann. Schreckliche Botſchaften, ſagt er, warten auf Euch. Koͤnnt Ihr ſie hoͤren? D. a. Moor. Ich kenne nur eine. Tritt her, mein Freund, und ſchone mein nicht! Reicht ihm einen Becher Wein! Hermann mit veraͤnderter Stimme). Gnaͤdiger Herr! laßt es einen armen Mann nicht entgelten, wenn er wider Willen Euer Herz durchbohrt. Ich bin ein Fremdling in dieſem Lande, aber Euch kenn' ich ſehr gut, Ihr ſeyd der Vater Karls von Moor. D. a. Moor. Woher weißt du das? Hermann. Ich kannte Euren Sohn.— Amalia cauffahrend). Er lebt? lebt? Du kennſt ihn? wo iſt er? wo? Will hinwegrennen.) D. a. Moor Du weißt von meinem Sohne? Hermann. Er ſtudirte in Leipzig. Von da zog R, ich weiß nicht wie weit, herum. Er durchſchwaͤrmte Deutſchland in die Runde, und wie er mir ſagte, mit unbedecktem Haupt, barfuß, und erbettelte ſein Brod vor den Thuͤren. Fuͤnf Monate drauf brach der leidige Krieg zwiſchen Preußen und Oeſterreich wieder aus, und da er auf der Welt nichts mehr zu hoffen hatte, zog ihn der Hall von Friedrichs ſiegreicher Trommel nach Boͤhmen. Erlaubt mir, ſagte er zum großen Schwerin, daß ich den Tod ſterbe auf dem Bette der Helden, ich habe keinen Vater mehr! D. a. Moor. Sieh mich nicht an, Amalia! Hermann. Man gab ihm eine Fahne. Er flog den preußiſchen Siegesflug mit. Wir kamen zuſammen unter ein Zelt zu liegen. Er ſprach viel von ſeinem alten Vater und von 60 beſſern, vergangenen Tagen— und von vereitelten Hoffnungen — uns ſtanden die Thraͤnen in den Augen. D. a. Moor(verhuͤllt ſein Geſicht in das Kiſſen). Stille, o ſtille! Hermann. Acht Tage darauf war das heiße Treffen bei Prag— ich darf Euch ſagen, Euer Sohn hat ſich gehalten wie ein wackerer Kriegsmann. Er that Wunder vor den Augen der Armee. Fuͤnf Regimenter mußten neben ihm wechſeln, er ſtand. Feuerkugeln fielen rechts und links, Euer Sohn ſtand. Eine Kugel zerſchmetterte ihm die rechte Hand, Euer Sohn Amalia(in Entzuͤcku er ſtadd Hermann. Ich traf ihn am Abend der Schlacht nieder⸗ geſunken unter Kugelgepfeife, mit der Linken hielt er das ſtuͤrzende Blut, die Rechte hatte er in die Erde gegraben. Bruder! rief er mir entgegen, es lief ein Gemurmel durch die Glieder: der General ſey vor einer Stunde gefallen—„Er iſt gefallen, ſagt' ich, und du?“— Nun, wer ein braver Soldat iſt, rief er, und ließ die linke Hand los, der folge ſeinem Ge⸗ neral, wie ich! Bald darauf hauchte er ſeine große Seele dem Helden zu. Franz(wild auf Hermann hingehend). Daß der Tod deine verfluchte Zunge verſiegle! Biſt du hieher kommen, unſerem Vater den Todesſtoß zu geben?— Vater! Amalia! Vater! Hermann. Es war der letzte Wille meines ſterbenden Cameraden. Nimm dieſes Schwert, roͤchelte er, du wirſt's meinem alten Vater uͤberliefern; das Blut ſeines Sohnes klebt daran; er iſt gerochen, er mag ſich weiden. Sag' ihm, ſein Fluch haͤtte mich gejagt in Kampf und Tod, ich ſey gefallen in Verzweiflung! Sein letzter Seufzer war Amalia. Hektor, Hektor! Hoͤrt Ihr's? 61 Amalia(wie aus einem Todesſchlummer aufgejagy. Sein letzter Seufzer— Amalia! D. a. Moor Ggraͤßlich ſchreiend, ſich die Haare ausraufend). Mein Fluch ihn gejagt in den Tod! gefallen in Verzweiflung! Franz(umherirrend im Zimmer). O! was habt Ihr gemacht, Vater? Mein Karl, mein Bruder! Hermann Hier iſt das Schwert, und hier iſt auch ein Portrait, das er zu gleicher Zeit aus dem Buſen zog! Es gleicht dieſem Fraͤulein auf ein Haar. Dieß ſoll meinem Bruder Franz, ſagte er,— ich weiß nicht, was er damit ſagen wollte. Franz(wie erſtaunt). Mir? Amalia's Portrait? Mir, Karl, Amalia? Mir? Amalia heftig auf Hermann losgehend). Feiler, beſtochener Betruͤger! Faßt ihn hart an.) Hermann. Das bin ich nicht, gnaͤdiges Fraͤulein. Sehet ſelbſt, ob's nicht Euer Bild iſt— Ihr moͤgt's ihm wohl ſelbſt gegeben haben. Franz. Bei Gott! Amalia, das deine! Es iſt wahrlich das deine! Amalia(gibt ihm das Bild zuruͤck). Mein, mein! O Himmel und Erde! D. a. Moor(ſcchreiend, ſein Geſicht zerfleiſchend). Wehe, wehe! mein Fluch ihn gejagt in den Tod! gefallen in Ver⸗ zweiflung! Franz. Und er gedachte meiner in der letzten ſchweren Stunde des Scheidens, meiner! Engliſche Seele— da ſchon das ſchwarze Panier des Todes uͤber ihm rauſchte— meiner!— D. a. Moor Haallend). Mein Fluch ihn geiagt in den Tod sgefallen mein Sohn in Verzweiflung! — 62 Hermann. Den Jammer ſteh' ich nicht aus. Lebt wohl, alter Herr! Seiſe zu Franz.) Warum habt Ihr auch das ge⸗ macht, Junker?(Geht ſchnell ab.) Amalia gaufſpringend, ihm nach). Bleib', bleib'! Was waren ſeine letzte Worte? Hermann(uruͤckrufend). Sein letzter Seufzer war Amalia. (Ab.) Amalia. Sein letzter Seufzer war Amalia!— Nein! du biſt kein Betruͤger! So iſt es wahr— wahr— er iſt todt!— todt! CSin⸗ und hertaumelnd, bis ſie umſinkt) todt— Karl iſt todt.— Franz. Was ſeh' ich? Was ſteht da auf dem Schwert? geſchrieben mit Blut— Amalia! Amalia. Von ihm? Franz. Seh' ich recht oder traͤum' ich? Siehe da mit blutiger Schrift: Franz, verlaß meine Amalia nicht. Sieh doch! ſieh doch! und auf der andern Seite: Amalia! deinen Eid zerbrach der allgewaltige Tod.— Siehſt du nun, ſiehſt du nun? er ſchrieb's mit erſtarrender Hand, ſchrieb's mit dem warmen Blut ſeines Herzens, ſchrieb's an der Ewigkeit feierlichem Rande! Sein fliehender Geiſt verzog, Franz und Amalia noch zuſammen zu knuͤpfen. Amalia. Heiliger Gott! Es iſt ſeine Hand.— Er hat mich nie geliebt!(Schnell ab.) Franz(auf den Boden ſtampfend). Verzweifelt! meine ganze Kunſt erliegt an dem Starrkopf. D. a. Moor. Wehe, wehe! Verlaſſ' mich nicht, meine Tochter!— Franz, Franz! gib mir meinen Sohn wieder! Franz. Wer war's, der ihm den Fluch gab? Wer war's, der ſeinen Sohn jagte in Kampf und Tod und Verzweiflung? 63 — O9! er war ein Engel, ein Kleinod des Himmels. Fluch uͤber ſeine Henker! Fluch, Fluch uͤber Euch ſelber!— D. a. Moor(ſchlaͤgt mit geballter Fauſt wider Bruſt und Stirn). Er war ein Engel, war ein Kleinod des Himmels! Fluch, Fluch, Verderben, Fluch uͤber mich ſelber! Ich bin der Vater, der ſeinen großen Sohn erſchlug. Mich liebt' er bis in den Tod! mich zu raͤchen, rannte er in Kampf und Tod! Un⸗ geheuer! Ungeheuer!(Wuͤthet wider ſich ſelber.) Franz. Er iſt dahin, was helfen ſpaͤte Klagen?(Sohniſch lachend.) Es iſt leichter morden, als lebendig machen. Ihr werdet ihn nimmer aus ſeinem Grabe zuruͤckholen. D. a. Moor. Nimmer, nimmer, nimmer aus dem Grabe zuruͤckholen. Hin, verloren auf ewig! Und du haſt mir den Fluch aus dem Herzen geſchwatzt, du— du— Meinen Sohn mir wieder! Franz. Reizt meinen Grimm t. Ich verlaſſ' Euch im Tode!— D. a. Moor. Scheuſal! Scheuſal! Schaff' mir meinen Sohn wieder! Eaͤhrt aus dem Seſſel, will Franzen an der Gurgel faſſen, der ihn zuruͤckſchleudert.) Franz. Kraftloſe Knochen! ihr wagt es— Stirb! Ver⸗ zweifle!(Ab.) f. z Der alte Moor. Tauſend Fluͤche donnern dir nach! du haſt mir meinen Sohn aus den Armen geſtohlen.(Voll Verzweiflung hin und her⸗ geworfen im Seſſel.) Wehe, wehe! Verzweifeln, aber nicht ſterben!— Sie fliehen, verlaſſen mich im Tode— meine guten Engel fliehen von mir, weichen alle die Heiligen vom eisgrauen Moͤrder— Wehe, wehe! Will mir keiner das Haupt halten, 64 will keiner die ringende Seele entbinden? Keine Soͤhne! keine Toͤchter! keine Freunde!— Menſchen nur— will keiner?— Allein — verlaſſen— Wehel wehe! Verzweifeln, aber nicht ſterben! A 8 8 Amalia mit verweinten Augen. 9 „ ℳ D. a. Mgor. Amalia! Bote des Himmels! Kommſt du, meine Seele zu loͤſen? Amalia(mit ſanfterm Ton). Ihr habt einen herrlichen Sohn verloren. D. a. Moor. Ermordet, willſt du ſagen. Mit dieſem Zeugniß belaſtet tret' ich vor den Richterſtuhl Gottes, Amalia. Nicht alſo, jammervoller Greis! der himmliſche Vater ruͤckt' ihn zu ſich. Wir waͤren zu gluͤcklich geweſen auf dieſer Welt.— Droben, droben uͤber den Sonnen, wir ſehn ihn wieder. 1 ſehen, wiederſehen! O, es wird mir een ein Schwert— wenn ich ein Hei⸗ en Heiligen finde— Mitten im Himmel werden durch mich ſchauern Schauer der Hoͤlle! Im An⸗ ſchauen des Unendlichen mich zermalmen die Erinnerung: ich habe meinen Sohn ermordet! 9 Amalia. O, er wird Euch die Schmerzerinnerung aus der Seele laͤcheln! Seyd doch heiter, lieber Vater! ich bin's ſo ganz. Hat er nicht ſchon den himmliſchen Hoͤrern den Namen Ptnali vorgeſungen auf der ſeraphiſchen Harfe, und die himm⸗ iſchen Hoͤrer liſpelten leiſe ihn nach? Sein letzter Seufzer war ja Amalia! Wird nicht ſein erſter Jubel Amalia ſeyn? f D. a. Moar. Himmliſcher Troſt quillt von deinen Lippen! Er wird mir laͤcheln, ſagſt du? vergeben? Du mußt bei mir bleiben, Geliebte meines Karls, wenn ich ſterbe. 6⁵ Amalia. Sterben iſt Flug in ſeine Arme. Wohl Euch! Ihr ſeyd zu beneiden. Warum ſind dieſe Gebeine nicht muͤrb? warum dieſe Haare nicht grau? Wehe uͤber die Kraͤfte der Jugend! Willkommen, du markloſes Alter, naͤher gelegen dem Himmel und meinem Karl! Franz tritt auf. Z. a. Moor. Tritt her, mein Sohn! Vergib mir, wenn ich vorhin zu hart gegen dich war! Ich vergebe dir Alles. Ich moͤchte ſo gern im Frieden den Geiſt aufgeben. Franz. Habt Ihr genug um Euren Sohn geweint? So viel ich ſehe, habt Ihr nur einen. D. a. Moor. Jakob hatte der Soͤhne zwoͤlf, aber um ſei⸗ nen Joſeph hat er blutige Thraͤnen geweint. Franz. Hum! D. a. Moor. Geh', nimm die Bibel, meine Tochter, und lies mir die Geſchichte Jakobs und Joſephs! Sie hat mich immer ſo geruhrt, und damals bin ich noch nicht Jakob geweſen. Amalia. Welches ſoll ich Euch leſen?(Nimmt die Bibel und blaͤttert.) 3 D. a. Moor. Lies mir den Jammer des Verlaſſenen, als er ihn nimmer unter ſeinen Kindern fand— und vergebens ſein harrte im Kreiſe ſeiner eilfe— und ſein Klagelied, als er vernahm, ſein Joſeph ſey ihm genommen auf ewig— Amalia(liest).„Da nahmen ſie Joſephs Rock, und ſchlach⸗ „teten einen Ziegenbock, und tauchten den Rock in das Blut „und ſchickten den bunten Rock hin, und ließen ihn ihrem Vater „bringen, und ſagen: dieſen haben wir funden, ſiehe, ob's deines „Sohnes Rock ſey, oder nicht?“(Franz geht ploͤtzlich binweg.)„Er Schillers ſaͤmmtl. Werke. II. 5 66 nerkannte ihn aber und ſprach: es iſt meines Sohnes Rock, nein boͤſes Thier hat ihn gefreſſen, ein reißend Thier hat Jo⸗ „ſeph zerriſſen.“— D. a. Magr(ſallt auf's Kiſſen zuruͤch). Ein reißend Thier hat Joſeph zerriſſen! Amalia(liest weiter).„Und Jakob zerriß ſeine Kleider, und Mlegte einen Sack um ſeine Lenden und trug Leid um ſeinen „Sohn lange Zeit, und all' ſeine Soͤhne und Toͤchter traten „auf, daß ſie ihn troͤſteten; aber er wollte ſich nicht troͤſten laſſen und ſprach: ich werde mit Leid hinunterfahren—“ D. a. Moor. Hoͤr' auf, hoͤr' auf! Mir wird ſehr uͤbel. Amalia(hinzuſpringend, laͤßt das Buch falley. Hilf Himmel! Was iſt das? D. g. Moor. Das iſt der Tod!— Schwarz— ſchwimmt— vor meinen— Augen— ich bitte dich— rufe den Paſtor— daß er mir— das Abendmahl reiche— Wo iſt— mein Sohn Franz? Amalia. Er iſt geflohen! Gott erbarme ſich unſer! D. a. Moor. Geflohen— geflohen von des Sterbenden Bett?—— Und das all— all— von zwei Kindern voll Hoffnung— du haſt ſie— gegeben— haſt ſie— genommen — dein Name ſey—— Amalia emit einem ploͤtzlichen Schrei). Todt! Alles toht! (Ab in Verzweiflung.) Franz huͤpft frohlockend herein. Todt, ſchreien ſie, todt! Jetzt bin ich Herr. Im gan⸗ zen Schloſſe zetert es todt.— Wie aber, ſchlaͤft er vielleicht nur?— Freilich, ach freilich! das iſt nun freilich ein Schlaf wo es ewig niemals Guten Morgen heißt— Schlaf und Tod ſind nur Zwillinge. Wir wollen einmal die Namen wechſeln! 67 Wackerer, willkommener Schlaf! Wir wollen dich Tod heißen! (Er druͤckt ihm die Augen zu) Wer wird nun kommen, und es wagen, mich vor Gericht zu fordern? oder mir ins Angeſicht zu ſagen: du biſt ein Schurke? Weg denn mit dieſer laͤſti⸗ gen Larve von Sanftmuth und Tugend! Nun ſollt ihr den nackten Franz ſehen und euch entſetzen! Mein Vater uͤberzuckerte ſeine Forderungen, ſchuf ſein Gebiet zu einem Familiencirkel um, ſaß liebreich laͤchelnd am Thor, und gruͤßte ſie Bruͤder und Kinder.— Meine Augbraunen ſollen über euch herhangen wie Gewitterwolken, mein herriſcher Name ſchweben wie ein drohen⸗ der Komet uͤber dieſen Gebirgen, meine Stirn ſoll euer Wetter⸗ glas ſeyn! Er ſtreichelte und koste den Nacken, der gegen ihn ſtoͤrrig zuruͤckſchlug. Streicheln und Koſen iſt meine Sache nicht. Ich will euch die zackigen Sporen ins Fleiſch hauen, und die ſcharfe Geißel verſuchen.— In meinem Gebiet ſoll's ſo weit kommen, daß Kartoffeln und duͤnnes Bier ein Trac⸗ tament fuͤr Feſttage werden, und wehe dem, der mir mit vol⸗ len, feurigen Backen unter die Augen tritt! Blaͤſſe der Ar⸗ muth und ſklaviſche Furcht ſind meine Leibfarbe; in dieſe Li⸗ vrei will ich euch kleiden!(Er geht ab.) Dritte Seene. Die boͤhmiſchen Waͤlder. Spiegelberg. Razmann. Nänberhaufen. Razmann. Biſt da? biſt's wirklich? So laſſ' dich doch zu Brei zuſammendruͤcken, lieber H rzensbruder Moriz! Willkom⸗ men in den boͤhmiſchen Waͤldern! Biſt ja groß worden und 68 ſtark. Stern⸗Kreuz⸗Bataillon! Bringſt ja Recruten mit einen ganzen Trieb, du trefflicher Werber! Spiegelberg. Gelt, Bruder? gelt? Und das ganze Kerle dazu!— Du glaubſt nicht, Gottes ſichtbarer Segen iſt bei mir: war dir ein armer hungriger Tropf, hatte nichts, als dieſen Stab, da ich uͤber den Jordan ging, und jetzt ſind unſrer acht und ſiebenzig, meiſtens ruinirte Kraͤmer, rejicirte Magiſter und Schreiber aus den ſchwaͤbiſchen Provinzen; das iſt dir ein Corps Kerle, Bruder, delicioͤſe Burſche, ſag' ich dir, wo einer dem andern die Knoͤpfe von den Hoſen ſtiehlt und mit geladener Flinte neben ihm ſicher iſt— und haben vollauf und ſtehen dir in einer Renommee vierzig Meilen weit, das nicht zu begreifen iſt. Da iſt dir keine Zeitung, wo du nicht ein Artikelchen von dem Schlaukopf Spiegelberg wirſt getroffen haben, ich halte ſie mir auch pur deßwegen— vom Kopf bis zu'n Fuͤßen haben ſie mich dir hingeſtellt, du meinſt, du ſaͤheſt mich,— ſogar meine Rockknoͤpfe haben ſie nicht vergeſſen. Aber wir fuͤhren ſie er⸗ baͤrmlich am Narrenſeil herum. Ich geh' letzthin in die Dru⸗ ckerei, geb' vor, ich haͤtte den beruͤchtigten Spiegelberg geſehen, und dictir' einem Skrizler, der dort ſaß, das leibhafte Bild von einem dortigen Wurmdoctor in die Feder; das Ding kommt um, der Kerl wird eingezogen, par Force inquirirt, und in der Angſt und in der Dummheit geſteht er dir, hol' mich der Teu⸗ fel! geſteht dir, er ſey der Spiegelberg— Donner und Wetter! ich war eben auf dem Sprung, mich beim Magiſtrat anzugeben, daß die Canaille mir meinen Namen ſo verhunzen ſoll— wie ich ſage, drei Monate drauf hangt er. Ich mußte nachher eine derbe Priſe Toback in die Naſe reiben, als ich am Galgen vorbeiſpazierte und den Pſeudo⸗Spiegelberg in ſeiner Glo⸗ rie da paradiren ſah— und unterdeſſen daß Spiegelberg hangt, ſchleicht ſich Spiegelberg ganz ſachte aus den Schlingen, und 1 4 69 deutet der ſuperklugen Gerechtigkeit hinterruͤcks Eſelsohren, daß es zum Erbarmen iſt. Uazmann(lacht). Du biſt eben noch immer der Alte. Spiegelberg. Das bin ich, wie du ſiehſt, an Leib und Seel'. Narr! einen Spaß muß ich dir doch erzaͤhlen, den ich neulich im Caͤcilien⸗Kloſter angerichtet habe. Ich treffe das Kloſter auf meiner Wanderſchaft ſo gegen die Daͤmmerung, und da ich eben den Tag noch keine Patrone verſchoſſen hatte, du weißt, ich haſſe das diem perdidi auf den Tod, ſo mußte die Nacht noch durch einen Streich verherrlicht werden, und ſoll's dem Teufel um ein Ohr gelten! Wir halten uns ruhig bis in die ſpaͤte Nacht. Es wird mausſtill. Die Lichter gehen aus. Wir denken, die Nonnen koͤnnen jetzt in den Federn ſeyn. Nun nehm' ich meinen Cameraden Grimm mit mir, heiße die andern warten vor'm Thor, bis ſie mein Pfeifchen hoͤren wur⸗ den,— verſichere mich des Kloſterwaͤchters, nehm' ihm die Schluͤſſel ab, ſchleiche mich hinein, wo die Maͤgde ſchliefen, praktizir' ihnen die Kleider weg, und heraus mit dem Pack zum Thor. Wir gehen weiter von Zelle zu Zelle, nehmen einer Schweſter nach der andern die Kleider, endlich auch der Aebtiſſin. — Jetzt pfeif' ich, und meine Kerle draußen fangen an zu ſtuͤrmen und zu haſſeliren, als kame der juͤngſte Tag, und hinein mit beſtialiſchem Gepolter in die Zellen der Schweſtern! — hahaha!— da häͤtteſt du die Hatz ſehen ſollen, wie die armen Thierchen in der Finſterniß nach ihren Roͤcken tappten, und ſich jaͤmmerlich gebaͤrdeten, da ſie zum Teufel waren, und wir indeß wie alle Donnerwetter zugeſetzt, und wie ſie ſich vor Schreck und Beſtuͤrzung in Bettlaken wickelten; oder unter den Ofen zuſammenkrochen wie Katzen, und das erbaͤrmliche Gezeter und Lamento, und endlich gar die alte Schnurre, die Aebtiſſin, — du weißt, Bruder, daß mir auf dieſem weiten Erdenrund 70 kein Geſchoͤpf ſo zuwider iſt, als eine Spinne und ein altes Weib, und nun denk dir einmal die ſchwarzbraune, runzlichte Vettel vor mir herumtanzen, mich bei ihrer jungfraulichen Sitt⸗ ſamkeit beſchwoͤren alle Teufel! ich hatte ſchon den Ellenbogen angeſetzt, ihr die uͤbriggebliebenen wenigen edlen vollends in den Maſtdarm zu ſtoßen— kurz reſolvirt! entweder her⸗ aus mit dem Silbergeſchirr, mit dem Kloſterſchatz und allen den blanken Thaͤlerchen, oder— meine Kerle verſtanden mich ſchon— ich ſage dir, ich hab' aus dem Kloſter mehr denn tauſend Thaler Werths geſchleift, und den Spaß obendrein, und meine Kerle haben ihnen ein Andenken hinterlaſſen, ſien werden ihre neun Monate dran zu ſchleppen haben. Uuzmann(auf den Boden ſtampfend). Daß mich der Don⸗ ner da weg hatte! 3 Spiegelberg. Siehſt du? Sag' du mehr, ob das kein Leben iſt? und dabei bleibt man friſch und ſtark, und das Corpus iſt noch beiſammen, und ſchwillt dir ſtuͤndlich wie ein Praͤlatenbauch— Ich weiß nicht, ich muß was Magneti⸗ ſches an mir haben, das dir alles Lumpengeſindel auf Gottes Erdboden anzieht, wie Stahl und Eiſen.. Razmann. Schoͤner Magnet du! aber ſo moͤcht' ich Hen⸗ kers doch wiſſen, was fuͤr Hexereien du brauchſt— Spiegelberg. Herereien? Braucht keiner Hexereien— Kopf mußt du haben! Ein gewiſſes praktiſches Judicium, das man freilich nicht in der Gerſte frißt— denn ſiehſt du, ich pfleg' immer zu ſagen: einen honneten Mann kann man aus jedem Weidenſtotzen formen, aber zu einem Spitzbuben will's Gruͤtz— auch gehoͤrt dazu ein eigenes National⸗Genie, ein gewiſſes, daß ich ſo ſage, Spitzbuben⸗Klima. Uazmann. Bruder! man hat mir Italien geruͤhmt. Spiegelberg. Ja, ja! man muß Niemand ſein Recht 8 1 71 sorenthalten, Italien weist auch ſeine Maͤnner auf, und wenn Deutſchland ſo fortmacht, wie es bereits auf dem Wege iſt, und die Bibel vollends hinausvotirt, wie es die glaͤnzendſten Aſpecten hat, ſo kann mit der Zeit auch noch aus Deutſchland was Gutes kommen,— uͤberhaupt aber, muß ich dir ſagen, macht das Klima nicht ſonderlich viel, das Genie kommt uͤberall fort, und das Uebrige, Bruder— ein Holzapfel, weißt du wohl, wird im Paradies Gaͤrtlein ſelbſt ewig keine Ananas— aber daß ich dir weiter ſage,— wo bin ich ſtehen geblieben? Uazmann. Bei den Kunſtgriffen! Spiegelberg. Ja recht, bei den Kunſtgriffen. So iſt dein Erſtes, wenn du in die Stadt kommſt, du ziehſt bei den Bettelvoͤgten, Stadt⸗Patrouillanten und Zuchtknechten Kund⸗ ſchaft ein, wer ſo am fleißigſten bei ihnen einſpreche, die Ehre gebe, und dieſe Kunden ſuchſt du auf— ferner niſteſt du dich in die Kaffeehaͤuſer, Vordelle, Wirthshaͤuſer ein, ſpaͤhſt, ſondirſt, wer am meiſten uͤber die wohlfeile Zeit, die Fuͤnf pro Cent, uͤber die einreißende Peſt der Polizeiverbeſſerungen ſchreit, wer am meiſten uͤber die Regierung ſchimpft, oder wider die Phyſiog⸗ nomik eifert und dergleichen; Bruder! das iſt die rechte Hoͤhe! die Ehrlichkeit wackelt wie ein hohler Zahn, du darfſt nur den Pelikan anſetzen,— oder beſſer und kuͤrzer: du gehſt und wirfſt einen vollen Beutel auf die offene Straße, verſteckſt dich irgend⸗ wo, und merkſt dir wohl, wer ihn aufhebt— eine Weile drauf jagſt du hinterher, ſuchſt, ſchreiſt, und fragſt nur ſo im Vor⸗ beigehen: Haben der Herr nicht etwa einen Geldbeutel gefun⸗ den? Sagt er ja,— nun ſo hat's der Teufel geſehen; laͤug⸗ net er's aber: Der Herr verzeihen— ich wuͤßte mich nicht zu entſinnen,— ich bedaure, Kaufſpringend) Bruder! Triumph, Bruder! Loͤſch' deine Laterne aus, ſchlauer Diogenes!— du baſt deinen Mann gefunden. 2 8 72 Razmann. Du biſt ein ausgelernter Praktikus. Spiegelberg. Mein Gott! als ob ich noch jemals daran gezweifelt haͤtte.— Nun du deinen Mann in dem Hamen haſt, mußt du's auch fein ſchlau angreifen, daß du ihn hebſt!— Siehſt du, mein Sohn! das hab' ich ſo gemacht:— ſobald ich einmal die Faͤhrte hatte, haͤngt' ich mich meinem Candidaten an wie eine Klette, ſoff Bruͤderſchaft mit ihm, und Notabene! zechfrei mußt du ihn halten! da geht freilich ein Schoͤnes drauf, aber das achteſt du nicht—— Du gehſt weiter, du fuͤhrſt ihn in Spiel⸗Compagnien und bei liederlichen Menſchern ein, ver⸗ wickelſt ihn in Schlaͤgereien und ſchelmiſche Streiche, bis er an Saft und Kraft und Geld und Gewiſſen und gutem Namen bankerott wird, denn incidenter muß ich dir ſagen, du richteſt nichts aus, wenn du nicht Leib und Seele verderbſt— Glaube mir, Bruder! das hab' ich aus meiner ſtarken Praxis wohl fuͤnfzigmal abſtrahirt, wenn der ehrliche Mann einmal aus dem Neſt gejagt iſt, ſo iſt der Teufel Meiſter— Der Schritt iſt dann ſo leicht— o ſo leicht, als der Sprung von einer Hure zu einer Betſchweſter.— Horch doch! was fuͤr ein Knall war das? Razmann. Es war gedonnert, nur fortgemacht! Spiegelberg. Noch ein kuͤrzerer, beſſerer Weg iſt der, du pluͤnderſt deinem Manne Haus und Hof ab, bis ihm kein Hemd mehr am Leibe hebt, alsdann kommt er dir von ſelbſt— Lehre mich die Pfiffe nicht, Bruder— frag' einmal das Kupfer⸗ geſicht dort— Schwere Noth! den hab' ich ſchoͤn ins Garn gekriegt— ich hielt ihm vierzig Ducaten hin, die ſollt' er ha⸗ ben, wenn er mir ſeines Herrn Schluͤſſel in Wachs druͤcken wollte— denk' einmal! die dumme Beſtie thut's, bringt mir, hol' mich der Teufel! die Schluͤſſel, und will jetzt das Geld haben— Monſteur, ſagt' ich, weiß er auch, daß ich jetzt die 73 Schluͤſſel gerades Wegs zum Polizei⸗Lieutenant trage und ihm ein Logis am lichten Galgen miethe?— Tauſend Saker⸗ ment! da haͤtteſt du den Kerl ſehen ſollen die Augen aufreißen und anfangen zu zappeln wie ein naſſer Pudel——„Um's Himmelswillen hab' der Herr doch Einſicht! ich will— will—“ Was will er? will er jetzt gleich den Zopf hinaufſchlagen und mit mir zum Teufel gehen?—„O von Herzen gern, mit Freuden“— Hahaha! guter Schlucker, mit Speck faͤngt man Maͤuſe— lach' ihn doch aus, Razmann! hahaha! Nazmann. Ja, ja, ich muß geſtehen. Ich will mir dieſe Lection mit goldenen Ziffern auf meine Hirntafel ſchreiben. Der Satan mag ſeine Leute kennen, daß er dich zu ſeinem Maͤkler gemacht hat. Spiegelberg. Gelt, Bruder? und ich denke, wenn ich ihm zehn ſtelle, laͤßt er mich frei ausgehen— Gibt ja jeder Verleger ſeinem Sammler das zehnte Exemplar gratis, warum ſoll der Teufel ſo juͤdiſch zu Werke gehen? Razmann!— ich rieche Puloer— Uazmann. SappermentV! ich riech's auch ſchon lange.— Gib Acht, es wird in der Naͤhe was geſetzt haben!— Ja, ja, wie ich dir ſage, Moriz, du wirſt dem Hauptmann mit deinen Receuten willkommen ſeyn— er hat auch ſchon brave Kerle angelockt. Spiegelberg. Aber die meinen! die meinen— Pah— Razmann. Nun jal ſie moͤgen huͤbſche Fingerchen haben — aber ich ſage dir, der Ruf unſers Hauptmanns hat auch ſchon ehrliche Kerle in Verſuchung gefuͤhrt. 3 Spiegelberg. Ich will nicht hoffen. Razmann. Sans Spaß! und ſie ſchaͤmen ſich nicht, unter ihm zu dienen. Er mordet nicht um des Raubes willen, wie wir— nach dem Geld ſchien er nicht mehr zu fragen, ſobald 8 74 er's vollauf haben konnte, und ſelbſt ſein Drittheil an der Beute, das ihn von Rechtswegen trifft, verſchenkt er an Waiſenkinder, oder laͤßt damit arme Jungen von Hoffnung ſtudiren. Aber ſoll er dir einen Landjunker ſchroͤpfen, der ſeine Bauern wie das Vieh abſchindet, oder einen Schurken mit goldenen Borten unter den Hammer kriegen, der die Geſetze falſchmuͤnzt und das Auge der Gerechtigkeit uͤberſilbert, oder ſonſt ein Herrchen von dem Gelichter— Kerly! da iſt er dir in ſeinem Element, und haust teufelmaͤßig, als wenn jede Faſer an ihm eine Furie waͤre. Spiegelberg. Hum! Hum! Razmann. Neulich erfuhren wir im Wirthshauſe, daß ein reicher Graf von Regensburg durchkommen wuͤrde, der einen Proceß von einer Million durch die Pfiffe ſeines Advo⸗ caten durchgeſetzt haͤtte; er ſaß eben am Tiſch und brettelte,— wie viel ſind unſer? fragte er mich, indem er haſtig aufſtand; ich ſah ihn die Unterlippe zwiſchen die Zähne klemmen, welches er nur thut, wenn er am grimmigſten iſt— nicht mehr als fuͤnf! ſagt' ich— es iſt genug! ſagt' er, warf der Wirthin das Geld auf den Tiſch, ließ den Wein, den er ſich hatte reichen laſſen, unberuͤhrt ſtehen— wir machten uns auf den Weg. Die ganze Zeit uͤber ſprach er kein Wort, lief abſeitwaͤrts und allein, nur daß er uns von Zeit zu Zeit fragte, ob wir noch nichts gewahr worden waͤren, und uns befahl, das Ohr an die Erde zu legen. Endlich ſo kommt der Graf hergefahren, der Wagen ſchwer bepackt, der Advocat ſaß bei ihm drinn, voraus ein Reiter, nebenher ritten zwei Knechte— da haͤtteſt du den Mann ſehen ſollen, wie er, zwei Terzerole in der Hand, vor uns her auf den Wagen zuſprang! und die Stimme, mit der er rief: Halt!— der Kutſcher, der nicht Halt machen wollte, mußte vom Bock herabtanzen, der Graf ſchoß aus dem Wagen in den Wind, die Reiter flohen— dein Geld Canaille! rief er donnernd— er lag wie ein Stier unter dem Beil— und biſt du der Schelm, der die Gerechtigkeit zur feilen Hure macht? Der Advocat zitterte, daß ihm die Zahne klapperten, — der Dolch ſtack in ſeinem Bauch, wie ein Pfahl in dem Weinberg— ich habe das Meine gethan! rief er und wandte ſich ſtolz von uns weg; das Pluͤndern iſt eure Sache. Und ſomit verſchwand er in den Wald— Spiegelberg. Hum, Hum! Bruder, was ich dir vorhin erzaͤhlt habe, bleibt unter uns, er braucht's nicht zu wiſſen. Verſtehſt du? Bazmann. Recht, recht, ich verſtehe. Spiegelberg. Du kennſt ihn ja! Er hat ſo ſeine Grillen. Du verſtehſt mich. Nazmann. Ich verſteh', ich verſtehe. Schwarz m vollem Lauf. Nazmann. Wer da? was gibt's da? Paſſagiers im Wald? Schwarz. Hurtig, hurtig! wo ſind die Andern?— Tauſend⸗ ſakerment! ihr ſteht da und plaudert, Wißt ihr denn nicht— wißt ihr denn gar nicht— und Roller— Uazmann. Was denn? was denn? Schwarz. Roller iſt gehangen, noch vier Andere mit— Vazma un. Roller? Schwere Noth! ſeit wann— woher weißt du's? Schwarz. Schon uͤber drei Wochen ſitzt er, und wir er⸗ fahren nichts; ſchon drei Rechtstage ſind uͤber ihn gehalten worden, und wir hoͤren nichts; man hat ihn auf der Tortur examinirt, wo der Hauptmann ſey.— Der wackere Burſche 76 hat nichts bekannt; geſtern iſt ihm der Proceß gemacht worden, dieſen Morgen iſt er dem Teufel ertra Poſt zugefahren. Razmann. Vermaledeit! weiß es der Hauptmann? Schwarz. Erſt geſtern erfaͤhrt er's. Er ſchaͤumt wie ein Eber. Du weißt's, er hat immer am meiſten gehalten auf Roller, und nun die Tortur erſt— Strick und Leitern ſind ſchon an den Thurm gebracht worden, es half nichts; er ſelbſt hat ſich ſchon in Capuciners⸗Kutte zu ihm geſchlichen und die Perſon mit ihm wechſeln wollen; Roller ſchlug's hartnaͤckig ab; jetzt hat er einen Eid geſchworen, daß es uns eiskalt uͤber die Leber lief, er wolle ihm eine Todesfackel anzuͤnden, wie ſie noch keinem Koͤnig geleuchtet hat, die ihnen den Buckel braun und blau brennen ſoll. Mir iſt bang fuͤr die Stadt. Er hat ſchon lang eine Pique auf ſie, weil ſie ſo ſchaͤndlich bigott iſt, und du weißt, wenn er ſagt: ich will's thun! ſo iſt's ſo viel, als wenn's unſer einer gethan hat. Vazmann. Das iſt wahr! ich kenne den Hauptmann. Wenn er dem Teufel ſein Wort darauf gegeben haͤtte, in die Hoͤlle zu fahren, er wuͤrde nie beten, wenn er mit einem halben Vater Unſer ſelig werden koͤnnte!— Aber ach! der arme Roller!— der arme Roller! Spiegelberg. Memento mori! Aber das regt mich nicht an.(Trillert ein Liedchen.) S Geh' ich vorbei am Nabenſteine, So blinz' ich nur das rechte Auge zu, Und denk', du haͤngſt mir wohl alleine, Wer iſt ein Narr ich oder du? Razmann gaufſpringend). Horch! ein Schuß.(Schießen und Läͤrmen.) 77 Fpiegelberg. Noch einer! Vazmann. Wieder einer! der Hauptmann! (Hinter der Stene geſungen.) Die Nuͤrnberger haͤngen Keinen, Sie haͤtten ihn denn vor⸗ Da Capo- Schweizer. Roller(hinter der Seene). Holla ho! Holla ho! Razmann. Roller! Roller! Holen mich zehn Teufel! Schweizer. Roller Ghinter der epno Razmann! Schwarz! Spiegelberg! Razmann! 4 Uazmann. Roller! Schweizer! Plitz, Donner, Hagel und Wetter!(Fliegen ihm entgegen.) 8 ,“ Näuber Moor zu Pferde. Schweizer. Roller. Grim Schufterle. Räubertrupp mit Koth und Staub hedeckt, treten auf. Näuber Moor(vom Pferde ſpringend). Freiheit! Freiheit! —— Du biſt im Trocknen, Roller!— Fuͤhr' meinen Rappen ab, Schweizer, und waſch' ihn mit Wein.(Wirft ſich auf die Erde.) Das hat gegolten! Nazmann(u Roller). Nun, bei der Feueroͤſſe des Pluto! biſt du vom Rad auferſtanden? Schwarz. Biſt du ſein Geiſt? oder bin ich ein Narr? oder biſt du's wirklich? Voller en Athem). Ich bin's. Leibhaftig. Ganz. Wo glaubſt du, daß ich herkomme? Schwarz. Da frag' die Here! Der Stab war Gon über dich gebrochen. 78 Roller. Das war er freilich, und noch mehr. Ich komme recta vom Galgen her. Laß mich nur erſt zu Athem kommen. Der Schweizer wird dir erzaͤhlen. Gebt mir ein Glas Brannt⸗ wein!— Du auch wieder da, Moriz? Ich dachte, dich wo anders wieder zu ſehen— gebt mir doch ein Glas Brannt⸗ wein! meine Knochen fallen auseinander— o mein Haupt⸗ mann! wo iſt mein Hauptmann? Schwarz. Gleich, gleich!— ſo ſag' doch, ſo ſchwatz doch! wie biſt du davon gekommen? wie haben wir dich wieder? Der Kopf geht mir um. Vom Galgen her, ſagſt du? Roller(fuͤrzt eine Flaſche Branntwein hinunter). Ah! das ſchmeckt, das brennt ein! Gerades Wegs vom Galgen her! ſag' ich. Ihr ſteht da, und gafft, und koͤnnt's nicht traͤumen — ich war auch nur drei Schritte von der Sakerments⸗Leiter, auf der ich in den Schooß Abrahams ſteigen ſollte— ſo nah', ſo nah'— war dir ſchon mit Haut und Haar auf die Ana⸗ tomie verhandelt! haͤtteſt mein Leben um'ne Priſe Schnupf⸗ tabak haben koͤnnen. Dem Hauptmann dank' ich Luft, Freiheit und Leben. Schweizer. Es war ein Spaß, der ſich hoͤren laͤßt. Wir hatten den Tag vorher durch unſere Spione Wind gekriegt, der Roller liege tuͤchtig im Salz, und wenn der Himmel nicht bei Zeiten noch einfallen wollte, ſo werde er morgen am Tag — das war als heut'— den Weg alles Fleiſches gehen muͤſſen — Auf! ſagte der Hauptmann, was wiegt ein Freund nicht?⸗ — Wir retten ihn, oder retten ihn nicht, ſo wollen wir ihm wenigſtens doch eine Todesfackel anzunden, wie ſie noch keinem Koͤnige geleuchtet hat, die ihnen den Buckel braun und blau brennen ſoll. Die ganze Bande wird aufgeboten. Wir ſchicken einen Erpreſſen an ihn, der's ihm in einem Zettelchen bei⸗ brachte, das er ihm in die Suppe warf. 79 Noller. Ich verzweifelte an dem Erfolg. Schweizer. Wir paßten die Zeit ab, bis die Paſſagen leer waren. Die ganze Stadt zog dem Spektakel nach, Reiter und Fußgaͤnger durcheinander und Wagen, der Laͤrm und der Gal⸗ genpſalm jolten weit. Jetzt, ſagte der Hauptmann, brennt an, brennt an! Die Kerle flogen wie Pfeile, ſteckten die Stadt an drei und dreißig Ecken zumal in Brand, warfen feurige Lunten in die Naͤhe des Pulverthurms, in Kirchen und Scheunen— Morbleu! es war keine Viertelſtunde vergangen, der Nord⸗ Oſt⸗Wind, der auch ſeinen Zahn auf die Stadt haben muß, kam uns trefflich zu ſtatten und half die Flamme bis hinauf in die oberſten Giebel jagen. Wir indeß Gaſſe auf, Gaſſe nieder, wie Furien— Feuerjo! Feuerjo! durch die ganze Stadt— Geheul— Geſchrei— Gepolter⸗— fangen an die Brandglocken zu brummen, knallt der Pulverthurm in die Luft, als waͤr' die Erde mitten entzwei geborſten, und der Himmel zerplatzt, und die Hoͤlle zehntauſend Klafter tief verſunken. Roller. Und jetzt ſah mein Gefolge zuruͤck— da lag die Stadt wie Gomorrha und Sodom, der ganze Horizont war Feuer, Schwefel und Rauch, vierzig Gebirge bruͤllen den infer⸗ naliſchen Schwank in die Runde herum nach, ein paniſcher Schreck ſchmeißt Alle zu Boden— jetzt nutz' ich den Zeitpunkt, und riſch, wie der Wind!— ich war losgebunden, ſo nah' war's dabei— da meine Begleiter verſteinert wie Loths Weib zuruͤck⸗ ſchau'n, Reißaus! zerriſſen die Haufen! davon! Sechzig Schritte weg werf' ich die Kleider ab, ſtuͤrze mich in den Fluß, ſchwimm' unterm Waſſer fort, bis ich glaubte, ihnen aus dem Geſichte zu ſeyn. Mein Hauptmann ſchon parat mit Pferden und Klei⸗ dern— ſo bin ich entkommen. Moor! Moor! moͤchteſt du bald auch in den Pfeffer gerathen, daß ich dir Gleiches mit Gleichem vergelten kann! 80 Razmann. Ein beſtialiſcher Wunſch, fuͤr den man dich haͤngen ſollte— aber es war ein Streich zum Zerplatzen. Roller. Es war Huͤlfe in der Noth, ihr koͤnnt's nicht ſchaͤtzen. Ihr haͤttet ſollen— den Strick um den Hals— mit lebendigem Leibe zu Grabe marſchiren, wie ich, und die ſaker⸗ mentaͤliſchen Anſtalten und Schinders⸗Ceremonien, und mit jedem Schritt, den der ſcheue Fuß vorwaͤrts wankte, naͤher und fuͤrchterlich naͤher die verfluchte Maſchine, wo ich einlogirt werden ſollte, im Glanz der ſchrecklichen Morgenſonne ſteigend, und die lauernden Schindersknechte, und die graͤßliche Muſik— noch raunt ſie in meinen Ohren— und das Gekraͤchze hungriger Raben, die an meinem halbfaulen Anteceſſor zu dreißigen hingen, und das Alles, Alles— und obendrein noch der Vorſchmack der Seligkeit, die mir bluͤhte!— Bruder, Bruder! und auf einmal die Loſung zur Freiheit— Es war ein Knall, als ob dem Himmelsfaß ein Reif geſprungen waͤre— Hoͤrt, Canaillen! ich ſag' euch, wenn man aus dem gluͤhenden Ofen ins Eiswaſſer ſpringt, kann man den Abfall nicht ſo ſtark fuͤhlen, als ich, da ich am andern Ufer war. Spiegelberg(lacht). Armer Schlucker! Nun iſt's ja verſchwitzt(Trinkt ihm zu.) Zur gluͤcklichen Wiedergeburt! Roller(wirft ſein Glas weg). Nein, bei allen Schaͤtzen des Mammons! ich moͤchte das nicht zum zweiten Mal erleben. Sterben iſt etwas mehr als Harlekinsſprung, und Todesangſt iſt aͤrger als Sterben. Spiegelberg. Und der huͤpfende Pulverthurm— Merkſt du's jetzt, Razmann? drum ſtank auch die Luft ſo nach Schwe⸗ fel ſtundenweit, als wuͤrde die ganze Garderobe des Molochs unter dem Firmament ausgeluͤftet Es war ein Meiſterſtreich, Hauptmann! ich beneide dich drum. Schweizer. Macht ſich die Sps eine Freude daraus, 2 81 meinen Cameraden wie ein verhetztes Schwein abthun zu ſehen, was, zum Henker! ſollen wir uns ein Gewiſſen daraus ma⸗ chen, unſerem Tameraden zu lieb die Stadt darauf gehen zu laſſen? Und nebenher hatten unſere Kerle noch das gefundene Freſſen, uͤber den alten Kaiſer zu pluͤndern.— Sagt einmal, was habt ihr weggekapert? Einer von der Bande. Ich habe mich waͤhrend des Durcheinanders in die Stephans⸗Kirche geſchlichen und die Borten vom Altartuche getrennt; der liebe Gott da, ſagt' ich, iſt ein reicher Mann und kann ja Goldfaͤden aus einem Batzen⸗ ſtrick machen. Schweizer. Du haſt wohl gethan— was ſoll auch der Plunder in einer Kirche? Sie tragen's dem Schoͤpfer zu, der uͤber den Troͤdelkram lacht, und ſeine Geſchoͤpfe duͤrfen ver⸗ hungern.— Und du, Spangeler— wo haſt du dein Netz ausgeworfen? Ein Bweiter. Ich und Buͤgel haben einen Kaufladen gepluͤndert und bringen Zeug fuͤr unſer fuͤnfzig mit. Ein Dritter. Zwei goldene Sackuhren habe ich wegge⸗ birt, und ein Duzend ſilberne Loͤffel dazu. Schweizer. Gut, gut. Und wir haben ihnen Eins ange⸗ richtet, dran ſie vierzehn Tage werden zu loͤſchen haben. Wenn ſie dem Feuer wehren wollen, ſo muͤſſen ſie die Stadt durch Waſſer ruiniren* Weißt du nicht, Schufterle, wie viel es Todte geſetzt hat: Schufterle. Drei und achtzig, ſagt man. Der Thurm allein hat ihrer ſechzig zu Staub zerſchmettert. Väuber Moor(ſehr ernſt). Roller, du biſt theuer bezahlt. Schufterle. Pah! pah! was heißt aber das?— ja, wenn's Maͤnner geweſen waͤren— aber da waren's Wickelkinder, die ihre Laken vergolden, eingeſchnurrte Muͤtterchen, die ihnen die Schillers ſaͤmmtl. Werke. II.. 6 82 Muͤcken wehrten, ausgedoͤrrte Ofenhocker, die keine Thuͤre mehr finden konnten— Patienten, die nach dem Doctor winſelten, der in ſeinem gravitaͤtiſchen Trab der Hatz nachgezogen war— Was leichte Beine hatte, war ausgeflogen der Komoͤdie nach, und nur der Bodenſatz der Stadt blieb zuruͤck, die Haͤuſer zu huͤten. Moor. O der armen Gewuͤrme! Kranke, ſagſt du, Greiſe und Kinder? Schufterle. Ja zum Teufel! und Kindbetterinnen dazu, und hochſchwangere Weiber, die befuͤrchteten, unterm lichten Galgen zu abortiren; junge Frauen, die beſorgten, ſich an den Schindersſtuͤckchen zu verſehen und ihrem Kinde im Mutterleibe den Galgen auf den Buckel zu brennen— Arme Poeten, die kei⸗ nen Schuh anzuziehen hatten, weil ſie ihr einziges Paar in die Mache gegeben, und was das Hundsgeſindel mehr iſt; es lohnt ſich der Muͤhe nicht, daß man davon redet. Wie ich von ungefaͤhr ſo an einer Baracke vorbei gehe, hoͤr' ich drinnen ein Gezeter, ich gucke hinein, und wie ich's beim Licht beſehe, was war's? ein Kind war's, noch friſch und geſund, das lag auf dem Boden unterm Tiſch, und der Tiſch wollte eben angehen— Armes Thierchen! ſagt' ich, du verfrierſt ja hier, und warf es in die Flamme— Moor. Wirklich, Schufterle?— Und dieſe Flamme brenne in deinem Buſen, bis die Ewigkeit grau wird!— Fort, Unge⸗ heuer! Laſſ' dich nicht mehr unter meiner Bande ſehen! Murrt ihr?— Ueberlegt ihr?— Wer uͤberlegt, wenn ich befehle?— Fort mit ihm, ſag' ich— Es ſind noch mehr unter euch, die meinem Grimme reif ſind. Ich kenne dich, Spiegelberg. Aber ich will naͤchſtens unter euch treten und fuͤrchterliche Muſterung halten. (Sie gehen zitternd ab.) 8³ Moor allein, heftig auf und abgehend. Hoͤre ſie nicht, Raͤcher im Himmel!— was kann ich dafuͤr? was kannſt du dafuͤr, wenn deine Peſtilenz, deine Theurung, deine Waſſerfluthen den Gerechten mit dem Boͤſewicht auffreſſen? Wer kann der Flamme befehlen, daß ſie nicht auch durch die geſegneten Saaten wuͤthe, wenn ſie das Geniſt der Horniſſel zerſtoͤren ſoll?— O pfui uͤber den Kindermord! den Weiber⸗ mord!— den Krankenmord! Wie beugt mich dieſe That! Sie hat meine ſchoͤnſten Werke vergiftet— Da ſteht der Knabe, ſchamroth und ausgehoͤhnt vor dem Auge des Himmels, der ſich anmaßte, mit Jupiters Keule zu ſpielen, und Pygmaͤen nieder⸗ warf, da er Titanen zerſchmettern ſollte— Geh', geh'! du biſt der Mann nicht, das Racheſchwert des obern Tribunals zu re⸗ gieren, du erlagſt bei dem erſten Griff— Hier entſag' ich dem frechen Plan, gehe, mich in irgend eine Kluft der Erde zu ver⸗ kriechen, wo der Tag vor meiner Schande zuruͤcktritt. Er wil fliehen.) Räuber eilig. Sieh dich vor, Hauptmann: es ſpukt! Ganze Haufen boͤhmi⸗ ſcher Reiter ſchwadroniren im Holz herum— der hoͤltiſche Blauſtrumpf muß ihnen vertraͤtſcht haben— Neue Räuber. Hauptmann, Hauptmann! Sie haben uns die Spur abge⸗ lauert— rings ziehen ihrer etliche Tauſend einen Cordon um den mittlern Wald. Neue MNäuber. Weh, weh, weh! Wir ſind gefangen, geraͤdert, wir ſind ge⸗ viertheilt! Viele tauſend Huſaren, Dragoner und Jaͤger ſprengen um die Anhoͤhe und halten die Luftloͤcher beſetzt. Moor geht ab.) 8⁴ Schweizer. Grimm. Rolter. Schwarz. Schufterle. Spiegelberg. Nazmann. Näubertrupp. Schweizer. Haben wir ſie aus den Federn geſchuͤttelt? Freu' dich doch, Roller! Das hab' ich mir lange gewuͤnſcht, mich mit ſo Commisbrod⸗Rittern herumzuhauen— Wo iſt der Hauptmann? Iſt die ganze Bande beiſammen? Wir haben doch Pulver genug? 4 Uazmann. Pulpver die ſchwere Menge. Aber unſer ſind achtzig in Allem, und ſo immer kaum einer gegen ihrer zwanzig. Schweizer. Deſto beſſer! und laſſ' es fuͤnfzig gegen meinen großen Nagel ſeyn— Haben ſie ſo lange gewartet, bis wir ihnen die Streu unterm Steiß angezuͤndet haben— Bruͤ⸗ der, Bruͤder! ſo hat's keine Noth. Sie ſetzen ihr Leben an zehn Kreuzer, fechten wir nicht fuͤr Hals und Freiheit?— Wir wollen uͤber ſie her wie die Suͤndfluth, und auf ihre Koͤpfe herabfeuern wie Wetterleuchten Wo, zum Teufell iſt denn der Hauptmann? Spiegelberg. Er verlaͤßt uns in dieſer Noth. Koͤnnen wir denn nicht mehr entwiſchen? Schweizer. Entwiſchen? Spiegelberg. O! warum bin ich nicht geblieben in Jeru⸗ ſalem! Schweizer. So wollt' ich doch, daß du im Kloak erſtickteſt, Dreckſeele du! Bei nackten Nonnen haſt du ein großes Maul, aber wenn du zwei Faͤuſte ffehſt, Memme!— Zeige dich jetzt, oder man ſoll dich in eine Sauhaut naͤhen und durch Hunde verhetzen laſſen. 5 Razmann. Der Hauptmann, der Hauptmann! 85 Moor langſam vor ſich. Moor. Ich habe ſie vollends ganz einſchließen laſſen, jetzt muͤſſen ſie fechten wie Verzweifelte.(Laut.) Kinder! Nun gilt's! Wir ſind verloren, oder wir muͤſſen fechten wie ange⸗ ſchoſſene Eber. 4 Schw eizer. Ha! ich will ihnen mit meinen Fangern den Bauch ſchlitzen, daß ihnen die Kutteln ſchuhlang heraus⸗ platzen!„* Fuͤhr' uns an, Hauptmann! Wir folgen dir in den Rachen des Todes. Moor. Ladet alle Gewehre! Es fehlt doch an Pulver nicht? Schweizer(ſpringt auh. Pulver genug, die Erde gegen den Mond zu ſprengen! Vazmann. Jeder hat fuͤnf Paar Piſtolen geladen, jeder noch drei Kugelbuͤchſen dazu. Koor. Gut, gut! Und nun muß ein Theil auf die Baͤume klettern, oder ſich ins Dickicht verſtecken, und Feuer auf ſie geben im Hinterhalt— Schweizer. Da gehoͤrſt du hin, Spiegelber! KMoor. Wir Andern, wie Furien, fallen ihnen in die Flanken. Schweizer. Darunter bin ich, ich! Moor. Zugleich muß Jeder ſein Pfeiſchen hoͤren laſſen, im Walde herumjagen, daß unſere Anzahl ſchrecklicher werde: auch muͤſſen alle Hunde los und in ihre Glieder gehetzt werden, daß ſie ſich trennen, zerſtreuen und euch in den Schuß rennen. Wir drei, Roller, Schweizer und ich, fechten im Gedraͤnge. Schweizer. Meiſterlich, vortrefflich!— Wir wollen ſie zuſammenwettern, daß ſie nicht wiſſen, wo ſie die Ohrfeigen herkriegen. Ich habe wohl ehe eine Kirſche vom Maule weg⸗ * 2 7 geſchoſſen. Laß ſie nur anlaufen.—(Schufterle zupft Schweizern, dieſer nimmt den Hauptmann beiſeite und ſpricht leiſe mit ihm.) Moor. Schweig'! Schweizer. Ich bitte dich— Moor. Weg! Er dank' es ſeiner Schande, ſie hat ihn gerettet. Er ſoll nicht ſterben, wenn ich und mein Schweizer ſterben, und mein Roller. Laſſ' ihn die Kleider ausziehen, ſo will ich ſagen, er ſey ein Reiſender, und ich habe ihn beſtohlen— Sey ruhig, Schweizer, ich ſchwoͤre darauf, er wird doch noch gehangen werden. f Pater tritt auf. DPater(oor ſich, ſutzt). Iſt das das Drachenneſt?— Mit eurer Erlaubniß, meine Herren! Ich bin ein Diener der Kirche, und draußen ſtehen Siebenzehnhundert, die jedes Haar auf meinen Schlaͤfen bewachen. Schweizer. Bravo! bravol das war wohlgeſprochen, ſich den Magen warm zu halten. Moor. Schweig', Camerad! 4 Sagen Sie kurz, Herr Pater! was haben Sie hier zu thun? Dater. Miech ſendet die hohe Obrigkeit, die uͤber Leben und Tod ſpricht— ihr Diebe— ihr Mordbrenner— ihr Schelme — giftige Otterbrut, die im Finſtern ſchleicht und im Ver⸗ borgenen ſticht— Ausſatz der Menſchheit— Hoͤllenbrut— koͤſtliches Mahl fuͤr Raben und Ungeziefer— Colonie fuͤr Galgen und Rad— Schweizer. Hund! hoͤr' auf zu ſchimpfen, oder—(Er druͤckt ihm den Kolben vors Geſicht.) Moor. Pfui doch, Schweizer! du verdirbſt ihm ja das 87 Concept— er hat ſeine Predigt ſo brav auswendig gelernt— Nur weiter, mein Herr!—„fuͤr Galgen und Rad?“ Pater. Und du, feiner Hauptmann! Herzog der Beutel⸗ ſchneider! Gauner⸗Koͤnig! Groß⸗Mogul aller Schelme unter der Sonne! ganz aͤhnlich jenem erſten abſcheulichen Raͤdelsfuͤhrer, der tauſend Legionen ſchuldloſer Engel in rebelliſches Feuer fachte und mit ſich hinab in den tiefen Pfuhl der Verdammniß zog— das Zetergeſchrei verlaſſener Muͤtter heult deinen Ferſen nach, Blut ſaufſt du wie Waſſer, Menſchen waͤgen auf deinem moͤrderiſchen Dolch keine Luftblaſe auf.— Moor. Sehr wahr, ſehr wahr! Nur weiter! Pater. Was? ſehr wahr, ſehr wahr? iſt das auch eine Antwort? Moor. Wie, mein Herr? darauf haben Sie ſich wohl, nicht gefaßt gemacht? Weiter, nur weiter! Was wollten Sie weiter ſagen? Pater äm Eifer). Entſetzlicher Menſch! hebe dich weg von mir! Picht nicht das Blut des ermordeten Reichsgrafen an deinen verfluchten Fingern? Haſt du nicht das Heiligthum des Herrn mit diebiſchen Haͤnden durchbrochen, und mit einem Schelmgriff die geweihten Gefaͤße des Nachtmahls entwandt? Wie? haſt du nicht Feuerbraͤnde in unſere gottesfuͤrchtige Stadt geworfen? und den Pulverthurm uͤber die Haͤupter guter Chriſten herabgeſtuͤrzt?(Mit zuſammengeſchlagenen Haͤnden.) Graͤuliche, graͤuliche Frevel, die bis zum Himmel hinaufſtinken, das juͤngſte Gericht waffnen, daß es reißend daherbricht! reif zur Vergeltung, zeitig zur letzten Poſaune! Moor. Meiſterlich gerathen bis hieher! aber zur Sache! Was laͤßt mir der hochloͤbliche Magiſtrat durch Sie kund machen? Pater. Was du nie werth biſte zu empfangen— Schau um dich, Mordbrenner! was nur dein Auge abſehen kann, biſt 88 du eingeſchloſſen von unſern Reitern— hier iſt kein Raum zum Entrinnen mehr— ſo gewiß Kirſchen auf dieſen Eichen wachſen, und dieſe Tannen Pfirſiche tragen, ſo gewiß werdet ihr unverſehrt dieſen Eichen und dieſen Tannen den Ruͤcken kehren. Moor. Horſt du's wohl, Schweizer— Aber nur weiter! Pater. Hoͤre denn, wie guͤtig, wie langmuͤthig das Ge⸗ richt mit dir Boͤſewicht verfaͤhrt: wirſt du jetzt gleich zum Kreuz kriechen und um Gnade und Schonung flehen, ſiehe, ſo wird dir die Strenge ſelbſt Erbarmen, die Gerechtigkeit eine liebende Mutter ſeyn— ſie druͤckt das Auge bei der Haͤlfte deiner Verbrechen zu, und laͤßt es— denk' doch!— und laͤßt es bei dem Rade bewenden. Schweizer. Haſt du's gehoͤrt, Hauptmann? Soll ich hingehen und dieſem abgerichteten Schaͤferhunde die Gurgel zuſammenſchnuͤren, daß ihm der rothe Saft aus allen Schweiß⸗ loͤchern ſprudelt? Roller. Haup man.:— Sturm, Wetter und Hoͤlle!— Hauptmann, ie er die Unterlippe zwiſchen die Zaͤhne klemmt! Soll ich dieſen Kerl das oberſt zu unterſt unters Firmament wie einen Kegel aufſetzen? Schweizer. Mir! mir! Laſſ' mich knieen, vor dir nieder⸗ fallen! 9/ laſſ' die Wolluſt, ihn zu Brei zuſammenzureiben! (Pater ſchreit.) Mool. Weg von ihm! Wag' es Keiner, ihn anzuruͤhren!— (Zum Pater, indem er ſeinen Degen ziebt.) Sehen Sie, Herr Pater! hier ſtehen Neunundſiebenzig, deren Hauptmann ich bin, und weiß keiner auf Wink und Commando zu fliegen, oder nach Kanonen⸗Muſik zu tanzen, und draußen ſtehen Sieben⸗ zehnhundert, unter Musketen ergraut— aber hoͤren Sie nun! ſo redet Moor, der Mord ler⸗Hauptmann! Wahr iſt's, ich habe den Reichsgrafen erſchlagen, die Dominicus⸗Kirche ange⸗ 89 zuͤndet und gepluͤndert, habe Feuerbraͤnde in eure bigotte Stadt geworfen und den Pulverthurm uͤber die Haͤupter guter Chriſten herabgeſtuͤrzt— aber es iſt noch nicht Alles. Ich habe noch mehr gethan.(Er ſtreckt ſeine rechte Hand aus.) Be⸗ merken Sie die vier koſtbaren Ringe, die ich an jedem Finger trage?— Gehen Sie hin, und richten Sie Punkt fuͤr Punkt den Herren des Gerichts uͤber Leben und Tod aus, was Sie ſehen und hoͤren werden— Dieſen Rubin zog ich einem Miniſter vom Finger, den ich auf der Jagd zu den Fuͤßen ſeines Fuͤrſten niederwarf. Er hatte ſich aus dem Poͤbelſtaub zu einem erſten Guͤnſtling emporgeſchmeichelt, der Fall ſeines Nachbars war ſeiner Hoheit Schemel— Thraͤnen der Waiſen huben ihn auf. — Dieſen Demant zog ich einem Finanzrath ab, der Ehren⸗ ſtellen und Aemter an die Meiſtbietenden verkaufte und den traurenden Patrioten von ſeiner Thuͤre ſtieß.— Dieſen Achat trage ich einem Pfaffen Ihres Gelichters zur Ehre, den ich mit eigener Hand erwuͤrgte, als er auf offener Kanzel geweint hatte, daß die Inquiſition ſo in Zerfall kaͤme— ich koͤnnte Ihnen noch mehr Geſchichten von meinen Ringen erzaͤhlen, wenn mich nicht ſchon die paar Worte gereuten, die ich mit Ihnen verſchwendet habe— Vater. O Pharao! Pharao! Mogr. Hoͤrt ihr's wohl? Habt ihr den Seufzer bemerkt? Steht er nicht da, als wollze er Feuer vom Himmel auf die Rotte FKorah herunter beten, richtet mit einem Achſelzucken, verdammt mit einem chriſtlichen Ach!— Kann der Menſch denn ſo blind ſeyn? Er, der die hundert Augen des Argus hat, Flecken an ſeinem Bruder zu ſpaͤhen, kann er ſo gar blind gegen ſich ſelbſt ſeyn?— Da donnern ſie Sanftmuth und Duldung aus ihren Wolken, und bringen dem Gott der Liebe Menſchen⸗ opfer, wie einem feuerarmigen Moloch— predigen Liebe des 90 Naͤchſten, und fluchen den achtzigjaͤhrigen Blinden von ihren Thuͤren hinweg!— ſtuͤrmen wider den Geiz, und haben Peru um goldner Spangen willen entvoͤlkert und die Heiden wie Zug⸗ vieh vor ihre Wagen geſpannt.— Sie zerbrechen ſich die Köpfe, wie es doch nis dean waͤre, daß die Natur haͤtte koͤnnen einen Iſchariot ſchaffen, und nicht der Schlimmſte unter ihnen wuͤrde den dreieinigen Gott um zehn Silberlinge ver⸗ rathen.— O uͤber euch Phariſaͤer, euch Falſchmuͤnzer der Wahrheit, euch Affen der Gottheit! Ihr ſcheut euch nicht, vor Kreuz und Altaͤren zu knieen, zerfleiſcht eure Ruͤcken mit Riemen und foltert euer Fleiſch mit Faſten; ihr waͤhnt mit dieſen er⸗ baͤrmlichen Gaukeleien demjenigen einen blauen Dunſt vorzu⸗ machen, den ihr Thoren doch den Allwiſſenden nennt, nicht anders, als wie man der Großen am bitterſten ſpottet, wenn man ihnen ſchmeichelt, daß ſie die Schmeichler haſſen; ihr pocht auf Ehrlichkeit und exemplariſchen Wandel, und der Gott, der euer Herz durchſchaut, wuͤrde wider den Schoͤpfer ergrimmen, wenn er nicht eben der waͤre, der das Ungeheuer am Nilus er⸗ ſchaffen hat.— Schafft ihn aus meinen Augen! Dater. Daß ein Boͤſewicht noch ſo ſtolz ſeyn kann! Moor. Nicht genug— Jetzt will ich ſtolz reden. Geh' hin und ſage dem hochloͤblichen Gericht, das uͤber Leben und Tod wurfelt— ich bin kein Dieb, der ſich mit Schlaf und Mitternacht verſchwoͤrt, und auf der Leiter groß und herriſch thut— Was ich gethan habe, werd' ich ohne Zweifel einmal im Schuldbuche des Himmels leſen; aber mit ſeinen erbaͤrm⸗ lichen Verweſern will ich kein Wort mehr verlieren. Sag' ihnen, mein Handwerk iſt Wiedervergeltung— Nache iſt mein Gewerbe.(Er kehrt ihm den Ruͤcken zu.) 4 Vater. Du willſt alſo nicht Schonung und Gnade?— Gut, mit dir bin ich fertig.(Wendet ſich zu der Bande⸗ So 91 höret denn ihr, was die Gerechtigkeit euch durch mich zu wiſſen thut!— Werdet ihr jetzt gleich dieſen verurtheilten Miſſe⸗ thaͤter gebunden uͤberliefern, ſeht, ſo ſoll euch die Strafe eurer Graͤuel bis auf das letzte Andenken erlaſſen ſeyn— die heilige Kirche wird euch verlorne Schafe mit erneueter Liebe in ihren Mutterſchooß aufnehmen, und jedem unter euch ſoll der Weg zu einem Ehrenamt offen ſtehen.(Mit triumphirendem Laͤcheln.) Nun, nun? Wie ſchmeckt das, Euer Majeſtaͤt?— Friſch alſo! Bindet ihn, und ſeyd frei! Moor. Hoͤrt ihr's auch? Hoͤrt ihr? Was ſtutzt ihr? Was ſteht ihr verlegen da? Sie bietet euch Freiheit, und ihr ſeyd wirk⸗ lich ſchon ihre Gefangenen.— Sie ſchenkt euch das Leben, und das iſt keine Prahlerei, denn ihr ſeyd wahrhaftig gerichtet.— Sie verheißt euch Ehren und Aemter, und was kann euer Loos anders ſeyn, wenn ihr auch obſiegtet, als Schmach und Fluch und Verfolgung.— Sie kuͤndigt euch Verſoͤhnung vom Himmel an, und ihr ſeyd wirklich verdammt. Es iſt kein Haar an keinem unter euch, das nicht in die Hoͤlle faͤhrt. Ueberlegt ihr noch? Wankt ihr noch? Iſt es ſo ſchwer, zwiſchen Himmel und Hoͤlle zu waͤhlen? Helfen Sie doch, Herr Pater! Pater coor ſich). Iſt der Kerl unſinnig?—(Laut.) Sorgt ihr etwa, daß dieß eine Falle ſey, euch lebendig zu fangen?— Leſet ſelbſt, hier iſt der General⸗Pardon unterſchrieben.(Er gibt Schweizern ein Papier.) Koͤnnt ihr noch zweifeln? Moor. Seht doch, ſeht doch! Was koͤnnt ihr mehr ver⸗ langen?— unterſchrieben mit eigener Hand— Es iſt Gnade uͤber alle Graͤnzen— oder fuͤrchtet ihr wohl, ſie werden ihr Wort brechen, weil ihr einmal gehoͤrt habt, daß man Verraͤthern nicht Wort haͤlt?— O ſeyd außer Furcht! Schon die Politik koͤnnte ſie zwingen, Wort zu halten, wenn ſie es auch dem Satan gegeben haͤtten. Wer wuͤrde ihnen in Zulunft noch Glauben beimeſſen? 1 92 1 Wie wuͤrden ſie i einen zweiten Gebrauch davon machen koͤn⸗ nen?— Ich wollte drauf ſchwoͤren, ſie meinen's aufrichtig. Sie wiſſen, daß ich es bin, der euch empoͤrt und erbittert hat; euch halten ſie fuͤr unſchuldig. Eure Verbrechen legen ſie fuͤr Jugend⸗ fehler, fuͤr Uehereilungen aus. Mich allein wollen ſie haben, ich allein verdjene zu buͤßen. Iſt es nicht ſo, Herr Pater? Pater. ie heißt der Teufel, der aus ihm ſpricht?— Ja freilich, freilich iſt es ſo— der Kerl macht mich wirbeln. Moor. Wie, noch keine Antwort? Denkt ihr wohl gar mit den Waffen noch durchzureißen? Schaut doch um euch, ſchaut doch um euch! das werdet ihr doch nicht denken, das waͤre jetzt kindiſche Zuverſicht— Oder ſchmeichelt ihr euch wohl gar, als Helden zu fallen, weil ihr ſaht, daß ich mich aufs Getuͤmmel freute?— O glaubt das nicht! Ihr ſeyd nicht Moor!— Ihr ſeyd heilloſe Diebe! elende Werkzeuge meiner groͤßern Plane, wie der Strick veraͤchtlich in der Hand des Henkers!— Diebe koͤn⸗ nen nicht fallen, wie Helden fallen. Das Leben iſt den Dieben Gewinn, dann kommt was Schreckliches nach— Diebe haben das Recht, vor dem Tode zu zittern.— Horet, wie ihre Hoͤr⸗ ner toͤnen! Sehet, wie drohend ihre Saͤbel daher blinken! Wie? noch unſchluͤſſig? ſeyd ihr toll? ſeyd ihr wahnwitzig?— Es iſt unverzeihlich! Ich dank' euch mein Leben nicht, ich ſchaͤme mich eures Opfers! Dater Außerſt erſtaunt). Ich werde unſinnig, ich laufe da⸗ von! Hat man je von ſo was gehoͤrt? Moor. Oder fuͤrchtet ihr wohl, ich werde mich ſelbſt er⸗ ſtechen, und durch einen Selbſtmord den Vertrag zernichten, der nur an dem Lebendigen haftet? Nein, Kinder, das iſt eine unnuͤtze Furcht. Hier werf' ich meinen Dolch weg, und meine Piſtolen, und dieß Flaͤſchchen mit Gift, das mir noch wohl⸗ bekommen ſollte— ich bin ſo elend, daß ich auch die Herrſchaft 93 uͤber mein Leben verloren habe— Was, noch unſchluͤſſig? Oder glaubt ihr vielleicht, ich werde mich zur Wehre ſetzen, wenn ihr mich binden wollt? Seht! hier bind' ich meine rechte Hand an dieſen Eichenaſt, ich bin ganz wehrlos, ein Kind kann mich umwerfen— Wer iſt der Erſte, der ſeinen Haupt⸗ mann in der Noth verlaͤßt? Roller dn wilder Bewegung). Und wenn die Hoͤlle uns neunfach umzingelte!(Schwenkt ſeinen Degen.) Wer kein Hund iſt, rette den Hauptmann! Schweizer Gerreißt den Pardon und wirft die Stuͤcke dem Pater ins Geſicht). In unſern Kugeln Pardon! Fort, Canaille! ſag' dem Senat, der dich geſandt hat, du traͤfſt unter Moors Bande keinen einzigen Verraͤther an— Rettet, rettet den Hauptmann! Alle(aͤrmend). Rettet, rettet, rettet den Hauptmann! Moor ſiich losreißend, freudig). Jetzt ſind wir frei— Came⸗ raden! Ich fuͤhle eine Armee in meiner Fauſt— Tod oder Freiheit! Wenigſtens ſollen ſie Keinen lebendig haben! (Man blaͤst zum Angriff. Laͤrm und Getuͤmmel. Sie gehen ab mit gezogenem Degen.) 3 Dritter Akt. Erſte Seene. Amalia im Garten, ſpielt auf der Laute. Schoͤn wie Engel, voll Walhalla's Wonne, Schoͤn vor allen Juͤnglingen war er, Himmliſchmild ſein Blick, wie Maienſonne, Ruͤckgeſtrahlt vom blauen Spiegelmeer. Sein Umarmen— wuͤthendes Entzuͤcken!— Maͤchtig, feurig klopfte Herz an Herz, Mund und Oyr gefeſſelt— Nacht vor unſern Blicken— Und der Geiſt gewirbelt himmelwaͤrts. Seine Küſſe— paradieſiſch Fuͤhlen! Wie zwei Flammen ſich ergreifen, wie Harfentoͤne in einander ſpielen Zu der himmelvollen Harmonie, Stuͤrzten, flogen, rasten Geiſt und Geiſt zuſammen, Lippen, Wangen brannten, zitterten,— Seele rann in Seele— Erd' und Himmel ſchwammen, Wie zerronnen, um die Liehenden. 95 Er iſt hin— Vergebens, ach! vergebens Stoͤhnet ihm der bange Seufzer nach. Er iſt hin— und alle Luſt des Lebens Wimmert hin in ein verlornes Ach! Franz tritt auf. Franz. Schon wieder hier, eigenſinnige Schwaͤrmerin? Du haſt dich vom frohen Mahle hinweggeſtohlen und den Gaͤſten die Freude verdorben. Amalia. Schade fuͤr dieſe unſchuldige Freude! das Tod⸗ tenlied muß noch in deinen Ohren murmeln, das deinem Va⸗ ter zu Grabe hallte— Franz. Willſt du denn ewig klagen? Laſſ' die Todten ſchlafen und mache die Lebendigen gluͤcklich! Ich komme— Amalia. Und wann gehſt du wieder? Franz. O weh! Kein ſo finſteres ſtolzes Geſicht! du be⸗ truͤbſt mich, Amalia. Ich komme, dir zu ſagen— Amalia. Ich muß wohl hoͤren, Franz von Moor iſt ja gnaͤdiger Herr worden. Franz. Ja recht, das war's, woruͤber ich dich vernehmen wollte— Marimilian iſt ſchlafen gegangen in der Vaͤter Gruft. Ich bin Herr. Aber ich moͤchte es vollends ganz ſeyn, Amalia. — Du weißt, was du unſerm Hauſe warſt, du wardſt gehal⸗ ten wie Moors Tochter, ſelbſt den Tod uberlebte ſeine Liebe zu dir, das wirſt du wohl niemals vergeſſen?— Amalia. Niemals, niemals. Wer das auch ſo leicht⸗ ſinnig beim frohen Mahle hinwegzechen koͤnnte! Franz. Die Liebe meines Vaters mußt du in ſeinen Soͤhnen belohnen, und Karl iſt todt— Staunſt du? ſchwindelt dir? Ja wahrhaftig, der Gedanke iſt auch ſo ſchmeichelnd erhaben, daß O———iuuu—m—m—;——ÿ er ſelbſt den Stolz eines Weibes betaͤubt. Franz tritt die Hoff⸗ nungen der edelſten Fraͤulein mit Fuͤßen, Franz kommt und bietet einer armen, ohne ihn huͤlfloſen Waiſe ſein Herz, ſeine Hand und mit ihr all ſein Gold an, und alle ſeine Schloͤſſer und Waͤlder.— Franz, der Beneidete, der Gefuͤrchtete, er⸗ klaͤrt ſich freiwillig fuͤr Amalia's Sklaven. Amalia. Warum ſpaltet der Blitz die ruchloſe Zunge nicht, die das Frevelwort ausſpricht! Du haſt meinen Geliebten er⸗ mordet, und Amalia ſoll dich Gemahl nennen! Du— Franz. Nicht ſo ungeſtuͤm, allergnaͤdigſte Prinzeſſin!— Freilich kruͤmmt Franz ſich nicht wie ein girrender Seladon vor dir— freilich hat er nicht gelernt, gleich dem ſchmachtenden Schaͤfer Arkadiens, dem Echo der Grotten und Felſen ſeine Liebesklagen entgegen zu jammern— Franz ſpricht, und wenn man nicht antwortet, ſo wird er— befehlen. Amalia. Wurm du, befehlen? mir befehlen?— und wenn man den Befehl mit Hohnlachen zuruͤckſchickt? Franz. Das wirſt du nicht. Noch weiß ich Mittel, die den Stolz eines einbildiſchen Starrkopfs ſo huͤbſch niederbeu⸗ gen koͤnnen— Kloſter und Mauern! Amalia. Bravo! herrlich! und in Kloſter und Mauern mit deinem Baſilisken⸗Anblick auf ewig verſchont, und Muße genug, an Karln zu denken, zu hangen. Willkommen mit deinem Kloſter! auf, auf mit deinen Mauern! Franz. Haha! iſt es das?— Gib Acht! Jetzt haſt du mich die Kunſt gelehrt, wie ich dich quaͤlen ſoll— Dieſe ewige Grille von Karl ſoll dir mein Anblick gleich einer feuerhaarigen Furie aus dem Kopfe geißeln; das Schreckbild Franz ſoll hinter dem Bilde deines Lieblings im Hinterhalt laustn, gleich dem verzauberten Hund, der auf unterirdiſchen Goldkaͤſten liegt— an den Haaren will ich dich in die Capelle ſchleifen, den Degen 97 in der Hand dir den ehelichen Schwur aus der Seele preſſen⸗ dein jungfraͤuliches Bette mit Sturm erſteigen, und deine ſtolze Scham mit noch groͤßerm Stolze beſiegen. Amalia(gibt ihm eine Maulſchelle). Nimm erſt das zur Ausſteuer hin. Franz(aufgebracht). Ha! wie das zehnfach und wieder zehn⸗ fach geahndet werden ſoll!— nicht meine Gemahlin die Ehre ſollſt du nicht haben— meine Maitreſſe ſollſt du werden, daß die ehrlichen Bauernweiber mit Fingern auf dich deuten, wenn du es wagſt und uber die Gaſſe gehſt. Knirſche nur mit den Zaͤhnen— ſpeie Feuer und Mord aus den Augen— mich er⸗ goͤtzt der Grimm eines Weibes, macht dich nur ſchoͤner, begeh⸗ renswerther. Komm— dieſes Straͤuben wird meinen Triumph zieren und mir die Wolluſt in erzwungenen Umarmungen wuͤr⸗ zen— Komm mit in meine Kammer— ich gluͤhe vor Sehn⸗ ſucht— jetzt gleich ſollſt du mit mir gehn.(Wil ſie fortreißen.) Amalia(ſaͤllt ihm um den Hals). Verzeih mir, Franz! (Wie er ſie umarmen will, reißt ſie ihm den Degen von der Seite und tritt haſtig zuruͤck.) Siehſt du, Boͤſewicht, was ich jetzt aus dir machen kann!— Ich bin ein Weib, aber ein raſendes Weib— Wag' es einmal— dieſer Stahl ſoll deine geile Bruſt mitten durchrennen, und der Geiſt meines Oheims wird mir die Hand dazu fuͤhren. Fleuch auf der Stelle! Sie jagt ihn davon.) Amalia. Ahl wie mir wohl iſt— Jetzt kann ich frei athmen— ich fuͤhle mich ſtart wie das funkenſpruͤhende Roß⸗ grimmig wie die Tigerin dem ſiegbruͤllenden Raͤuber ihrer Jungen nach— Jn ein Kloſter, ſagt er— Dank dir fuͤr dieſe gluͤckliche Entdeckung! — Jetzt hat die betrogene Liebe ihre Freiſtatt gefunden das Schillers ſaͤmmtl. Werke. II. 7 98 Kloſter— das Kreuz des Erloſers iſt die Freiſtatt der betro⸗ genen Liebe.(Sie will gehn.) * 8 Hermann tritt ſchüͤchtern herein. Hermann. Fraͤulein Amalia! Fraͤulein Amalia! Amalia. Ungluͤcklicher! Was ſtoͤreſt du mich? Hermann. Dieſer Centner muß von meiner Seele, eh' er ſſe zur Hoͤlle druͤckt.(Wirft ſich vor ihr nieder.) Vergebung! Vergebung! Ich hab' Euch ſehr beleidigt, Fraͤulein Amalia! Amalia. Steh' auf! Geh'! ich will nichts wiſſen.(Will fort.) Hermann(der ſie zurückhaͤlt). Nein! Bleibt! Bei Gott! Bei dem ewigen Gott! Ihr ſollt Alles wiſſen! Amalia. Keinen Laut weiter— Ich vergebe dir— Ziehe heim in Frieden.(Will hinwegetlen.) Hermann So hoͤret nur ein einziges Wort— es wird Euch all Eure Ruhe wiedergeben. Amalia(kommt zuruͤck und blickt ihn verwundernd an). Wie, Freund?— Wer im Himmel und auf Erden kann mir meine Ruhe wiedergeben? 3 Hermann. Das kann von meinen Lippen ein einziges Wort— Hoͤret mich an! Amalia emit Mitleiden ſeine Hand ergreifend). Guter Menſch — Kann ein Wort von deinen Lippen die Riegel der Ewigkeit aufreißen? Hermann(ſieht auß. Karl lebt noch! Amalia(ccreiend). Ungluͤcklicher! Hermann. Nicht anders— Nun noch ein Wort— Euer Oheim— Amalia ggegen ihn herſtuͤrzend). Du luͤgſt— Hermann. Euer Oheim— E 99 Amalia. Karl lebt noch! Hermann. Und Euer Oheim— Amalia. Karl lebt noch? Hermann. Auch Euer Oheim— Verrathet mich nicht. (Eilt hinaus.) Amalia(ſteht lange wie verſteinert. Dann faͤhrt ſie wild auf und eilt ihm nach). Karl lebt noch! Zweite Scene. Gegend an der Donau. Die Väuber gelagert auf einer Anhoͤhe unter Baͤumen, die Pferde weiden am Huͤgel hinunter. Moor. Hier muß ich liegen bleiben.(Wirft ſich auf die Erde.) Meine Glieder wie abgeſchlagen. Meine Zunge trocken wie eine Scherbe.(Schwetizer verliert ſich unbemerkt.) Ich wollt' euch bitten, mir eine Handvoll Waſſer aus dieſem Strome zu ho⸗ len, aber ihr ſeyd alle matt bis in den Tod Schwarz. Auch iſt der Wein all in unſern r Schlaͤuchen. Moar. Seht doch, wie ſchoͤn das Getreide ſteht!— Die Baͤume brechen faſt unter ihrem Segen.— Der Weinſtock voll Hoffnung. 4 Grimm. Es gibt ein fruchtbares Jahr. Moor. Meinſt du? Und ſo wuͤrde doch ein Schweiß in der Welt bezahlt. Einer?—— Aber es kann uͤber Nacht ein Hagel fallen und Alles zu Grunde ſſchlagen. 1 f 100 Schwarz. Das iſt leicht moͤglich. Es kann Alles zu Grunde gehen, wenige Stunden vorm Schneiden. Moor. Das ſag' ich ja. Es wird Alles zu Grunde gehn. Warum ſoll dem Menſchen das gelingen, was er von der Ameiſe hat, wenn ihm das fehlſchlaͤgt, was ihn den Goͤttern gleich macht?— oder iſt hier die Mark ſeiner Beſtimmung? Schwarz. Ich kenne ſie nicht. Moor. Du haſt gut geſagt, und noch beſſer gethan, wenn du ſie nie zu kennen verlangteſt!— Bruder— ich habe die Menſchen geſehen, ihre Bienenſorgen und ihre Rieſenprojecte — ihre Goͤtterplane und ihre Maͤuſegeſchaͤfte, das wunderſelt⸗ ſame Wettrennen nach Gluͤckſeligkeit;— dieſer dem Schwung ſeines Roſſes anvertraut— ein anderer der Naſe ſeines Eſels — ein dritter ſeinen eigenen Beinen; dieſes bunte Lotto des Lebens, worin ſo Mancher ſeine Unſchuld und— ſeinen Him⸗ mel ſetzt, einen Treffer zu haſchen, und— Nullen ſind der Auszug— am Ende war kein Treffer darin. Es iſt ein Schau⸗ ſpiel, Bruder, das Thraͤnen in deine Augen lockt, wenn es dein Zwerchfell zum Gelaͤchter kitzelt. Schwarz. Wie herrlich die Sonne dort untergeht! Aloor ein den Anblick verſenkt). So ſtirbt ein Held!— An⸗ betungswuͤrdig! Grimm. Du ſcheinſt tief geruͤhrt. Moor. Da ich noch ein Bube war— war's mein Lieb⸗ lingsgedanke, wie ſie zu leben, zu ſterben wie ſie— amit verbiſſe⸗ nem Schmerz) Es war ein Bubengedanke! Grimm. Das will ich hoffen. Moor(druͤckt den Hut uͤber's Geſicht). Es war eine Zeit— Laßt mich allein, Cameraden. 3 Schwarz. Moor! Moor! Was zum Henker?— Wie er ſeine Farbe veraͤndert! 101 Grimm. Alle Teufel! was hat er? wird ihm uͤbel? Moor. Es war eine Zeit, wo ich nicht ſchlafen konnte, wenn ich mein Nachtgebet vergeſſen hatte— Grimm. Biſt du wahnſinnig? Willſt du dich von deinen Bubenjahren hofmeiſtern laſſen? Moor Uegt ſein Haupt auf Grimms Bruſt). Bruder! Bruder! Grimm. Wie? ſey doch kein Kind— ich bitte dich— Moor. Waͤr' ich's— waͤr' ich's wieder! Grimm. Pfui! pfui! Schwarz. Heitre dich auf. Sieh dieſe maleriſche Land⸗ ſchaft— den lieblichen Ahend. Moor. Ja Freunde dieſe Welt iſt ſo ſchoͤn. Schwarz. Nun, das war wohl geſprochen. Moor. Dieſe Erde ſo herrlich. Grimm. Recht— recht— ſo hoͤr' ich's gern. Moor uruͤckgeſunken). Und ich ſo haͤßlich auf dieſer ſchoͤnen Welt— und ich ein Ungeheuer auf dieſer herrlichen Erde. Grimm. O weh, o weh! Moor. Meine Unſchuld! meine Unſchuld!— Seht! es iſt Alles hinausgegangen, ſich im friedlichen Strahl des Fruͤh⸗ lings zu ſonnen— warum ich allein die Hoͤlle ſaugen aus den Freuden des Himmels?— Daß Alles ſo gluͤcklich iſt, durch den Geiſt des Friedens Alles ſo verſchwiſtert!— Die ganze Welt eine Familie und ein Vater dort oben— Mein Pater nicht— ich allein der Verſtoßene, ich allein ausgemuſtert aus den Reihen der Reinen— mir nicht der ſuͤße Name Kind— nimmer mir der Geliebten ſchmachtender Blick— nimmer, nimmer des Buſenfreundes Umarmung.(Wild zuruͤckfahrend.) Umlagert von Moͤrdern— von Nattern umziſcht— angeſchmie⸗ det an das Laſter mit eiſernen Banden— hinaus ſchwindelnd ins Grab des Verderbens auf des Laſters ſchwankendem Rohr— 102 mitten in den vlumen der gluͤcklichen Welt ein heulender Abbadonna! Schwarz(u den eneen Unbegreiflich! ich hab' ihn nie ſo geſehen. 4 Moor amit Wehtnuth). Daß ich wiederkehren duͤrfte in mei⸗ ner Mutter Leibl daß ich ein Bettler geboren werden duͤrfte!— Nein! ich wollte nicht mehr, o Himmel— daß ich werden duͤrfte wie dieſer Tagloͤhner einer!— O ich wollte mich ab⸗ muͤden, daß mir das Blut von den Schlaͤfen rollte— mir die Wolluſt eines einzigen Mittagsſchlafs zu erkaufen— die Se⸗ ligkeit einer einzigen Thraͤne. Grimm Gu den Andern). Nur Geduld, der P roxysmus iſt ſchon im Fallen. Moor. Es war eine Zeit, wo ſie mir ſo gern floſſen— o ihr Tage des Friedens! du Schloß meines Vaters— ihr gruͤnen ſchwaͤrmeriſchen Thaͤler! O all ihr Elyſiums⸗Scenen meiner Kindheit! werdet ihr nimmer zuruͤckkehren— nimmer mit koͤſtlichem Saͤuſeln meinen brennenden Buſen kuͤhlen?— 8 Traure mit mir, Natur— Sie werden nimmer zuruͤckkehren, 8 nimmer mit koͤſtlichem Saͤuſeln meinen brennenden Buſen kuͤhlen.— Dahin! dahin! unwiederbringlich!— Schweizer mit Waſſer im Hut. Schweizer. Sauf zu, Hauptmann— er ge⸗ nug, und friſch wie Eis. 3 Schwarz. Du bluteſt ja— was haſt Schweizer. Narr, einen Spaß, der! und einen Hals gekoſtet haͤtte. Wie ich ſo a am Fluß hintrolle, glitſch! ſo rutſcht der Plunde und ich zehn rheinlaͤndiſche Schuh lang hinunter 8 103 und wie ich mir eben meine fuͤnf Sinne wieder zurecht ſetze, treff' ich dir das klarſte Waſſer im Kies. Genug dießmal fuͤr den Tanz, dacht' ich, dem Hauptmann wird's wohl ſchmecken. Moor(sibt ihm den Hut zuruͤck und wiſcht ihm ſein Geſicht ab). Sonſt ſieht man ja die Narben nicht, die die boͤhmiſchen Reiter in deine Stirn gezeichnet haben— dein Waſſer war gut, Schweizer= dieſe Narben ſtehen dir ſchoͤn. Schweizer. Pahl! hat noch Platz genng fuͤr ihrer dreißig. Moor. Ja, Kinder— es war ein heißer Nachmittag— und nur einen Mann verloren— mein Roller ſtarb einen ſchoͤnen Tod. Man wuͤrde einen Marmor auf ſeine Gebeine ſetzen, wenn er nicht mir geſtorben waͤre. Nehmet vorlieb mit dieſem.(Er wiſcht ſich die Augen.) Wie viel waren's doch von den Feinden, die auf dem Platze blieben? Schweizer. Hundert und ſechzig Huſaren— drei und neunzig Dragoner, gegen vierzig Jaͤger— dreihundert in Allem. Moor. Dreihundert fuͤr Einen!— Jeder von euch hat Anſpruch an dieſen Scheitel! EEr entbloßt ſich das Haupt.) Hier heb' ich meinen Dolch auf. So wahr meine Seele lebt! Ich will euch niemals verlaſſen. Schweizer. Schwoͤre nicht! Du weißt nicht, ob du nicht noch gluͤcklich werden und bereuen wirſt. KMoagr. Bei den Gebeinen meines Noller! Ich will euch niemals verlaſſen. Ko ſinsky kommt. Kaſinsky woor ſich. In dieſem Revier herum, ſagen ſie, werd' ich ihn antreffen— he holla! was ſind das fuͤr Geſichter? — Sollten's— wie wenn's dieſe— ſie ſind's, ſind's!— ich will ſie anreden. 104 2* Schwarz. Gebt Acht! wer kommt da? 4 „ Koſinsky. Meine Herren! verzeihen Sie! Ich weiß nicht, geh' ich recht oder unrecht? Moor. Und wer muͤſſen wir ſeyn, wenn Sie recht gehen? Koſinsky. Maͤnner!⸗ Schweizer. Ob wir das auch gezeigt haben, Hauptmann? Koſinsky. Naͤnner ſuch' ich, die dem Tode ins Geſicht ſehen und die Gefahr wie eine zahme Schlange um ſich ſpielen laſſen, die Freiheit hoͤher ſchaͤtzen, als Ehre und Leben, deren bloßer Name, willkommen dem Armen und unterdruͤckten, die Beherzteſten feig und Tyrannen bleich macht. Schweizer Gum Hauptmann). Der Burſche gefaͤllt mir.— Hoͤre, guter Freund! Du haſt deine Leute gefunden. Koſinsky. Das denk' ich, und will hoffen, bald meine Bruͤder.— So koͤnnt ihr mich denn zu meinem rechten Manne weiſen, denn ich ſuche euren Hauptmann, den großen Grafen von Moor. Schweizer(gibt ihm die Hand mit Waͤrme). Lieber Junge! wir dutzen einander. Moor(naͤher komriend). Kennen Sie auch den Haupt⸗ mann? Koſinsky. Du biſt's— in dieſer Miene— wer ſollte dich anſehen und einen Andern ſuchen?(Starrt ihn lange an.) Ich habe mir immer gewuͤnſcht, den Mann mit dem vernich⸗ tenden Blicke zu ſehen, wie er ſaß auf den Ruinen von Car⸗ thago— jetzt wuͤnſch' ich es nicht mehr. Schweizer. Blitzbub'! Moor. Und was fuͤhrt Sie zu mir? Koſinsky. O Hauptmann! mein mehr als grauſames Schickſal— ich habe Schiffbruch gelitten auf der ungeſtuͤmen See dieſer Welt, die Hoffnungen meines Lebens hab' ich muͤſſen . 8 ſehen in den Grund ſinken, und blieb mir nichts uͤbrig, als. die marternde Erinnerung ihres Verluſtes, die mich wahnſinnig machen wuͤrde, wenn ich ſie nicht durch anderwaͤrtige Thaͤtigkeit zu erſticken ſuchte.. Moor. Schon wieder ein Klaͤger wider die Gottheit!— Nur weiter. Koſinsky. Ich wurde Soldat. Das Ungluͤck verfolgte mich auch da— ich machte eine Fahrt nach Oſtindien mit, mein Schiff ſcheiterte an Klippen— nichts als fehlgeſchlagene Plane! Ich hoͤre endlich weit und breit erzaͤhlen von deinen Thaten, Mordbrennereien, wie ſie ſie nannten, und bin hieher gereist dreißig Meilen weit, mit dem feſten Entſchluß, unter dir zu dienen, wenn du meine Dienſte annehmen willſt— Ich bitte dich, wuͤrdiger Hauptmann, ſchlage mir's nicht ab! Schweizer(mit einem Sprung). Heiſa! Heiſa! So iſt ja unſer Roller zehnhundertfach verguͤtet! Ein ganzer Mordbruder fuͤr unſre Bande! Moor. Wie iſt dein Name? Koſinsky. Koſinsky. Maor. Wie? Koſinsky! weißt du auch, daß du ein leichtſinniger Knabe biſt, und uͤber den großen Schritt deines Lebens weggaukelſt, wie ein unbeſonnenes Maͤdchen— Hier wirſt du nicht Baͤlle werfen oder Kegelkugeln ſchieben, wie du dir einbildeſt. Koſinsky. Ich weiß, was du ſagen willſt— Ich bin vier und zwanzig Jahre alt, aber ich habe Degen blinken geſehen und Kugeln um mich ſurren gehoͤrt.. Moor. So, junger Herr?— Und haſt du dein Fechten nur darum gelernt, arme Reiſende um einen Reichsthaler niederzuſtoßen, oder Weiber hinterruͤcks in den Bauch zu ſtechen? 106 Geh),, geh'! du biſt deiner Amme entlaufen, weil ſie dir mit der Ruthe gedroht hat. Schweizer. Was zum Henker, Hauptmann! was denkſt du? willſt du dieſen Hercules fortſchicken? Sieht er nicht gerade ſo drein, als wollt' er den Marſchall von Sachſen mit einem Ruͤhrloͤffel uͤber den Ganges jagen?. Maogr. Weil dir deine Lappereien mißgluͤckten, kommſt du und willſt ein Schelm, ein Meuchelmoͤrder werden?— Mord, Knabe, verſtehſt du das Wort auch? Du magſt ruhig ſchlafen gegangen ſeyn, wenn du Mohnkoͤpfe abgeſchlagen haſt, aber einen Mord auf der Seele zu tragen— Koſinsky. Jeden Mord, den du mich begehen heißt, will ich verantworten. Moor. Was? biſt du ſo klug? Willſt du dich anmaßen, einen Mann mit Schmeicheleien zu fangen? Woher weißt du, daß ich nicht boͤſe Traͤume habe oder auf dem Todbette nicht werde blaß werden? wie viel haſt du ſchon gethan, wobei du an Verantwortung gedacht haſt? Koſinsky. Wahrlich! noch ſehr wenig, aber doch dieſe Reiſe zu dir, edler Graf! Moor. Hat dir dein Hofmeiſter die Geſchichte des Robin in die Haͤnde geſpielt— man ſollte dergleichen unvorſichtige Canaillen auf die Galeere ſchmieden,— die deine kindiſche Phantaſie erhitzte und dich mit der tollen Sucht zum großen Manne anſteckte? Kitzelt dich nach Namen und Ehre? wi du Unſterblichkeit mit Mordbrennereien erkaufen? Merk' dir's, ehrgeiziger Juͤngling! Fuͤr Mordbrenner gruͤnet kein Lorbeer! Auf Banditenſiege iſt kein Triumph geſetzt— aber Fluch, Ge⸗ fahr, Tod und Schande— Siehſt du auch das Hochgericht dort auf dem Huͤgel? 107 Spiegelberg(unwillig auf⸗ und abgehend). Ei wie dumm! wie abſcheulich, wie unverzeihlich dumm! Das iſt die Manier nicht! Ich hab's anders gemacht. Koſinsky. Was ſoll der fuͤrchten, der den Tod nicht uͤrchtet? Moor. Bray! unvergleichlich! Du haſt dich wacker in den Schulen gehalten, du haſt deinen Seneca meiſterlich aus⸗ wendig gelernt.— Aber, lieber Freund, mit dergleichen Sen⸗ tenzen wirſt du die leidende Natur nicht beſchwatzen, damit wirſt du die Pfeile des Schmerzes nimmermehr ſtumpf machen. — Beſinne dich recht, mein Sohn!(Er nimmt ſeine Hand.) Denk', ich rathe dir als ein Vater— lern' erſt die Tiefe des Abgrunds kennen, eh' du hineinſpringſt! Wenn du noch in der Welt eine einzige Freude zu erhaſchen weißt— es koͤnnten Augenblicke kommen, wo du— aufwachſt— und dann— moͤchte es zu ſpaͤt ſeyn. Du trittſt hier gleichſam aus dem Kreiſe der Menſch⸗ heit— entweder du mußt ein hoͤherer Menſch ſeyn, oder du biſt ein Teufel— Noch einmal, mein Sohn! wenn dir noch ein Funken von Hoffnung irgend anderswo glimmt, ſo verlaß dieſen ſchrecklichen Bund, den nur Verzweiflung eingeht, wenn ihn nicht eine hoͤhere Weisheit geſtiftet hat— Man kann ſich taͤuſchen— glaube mir, man kann das fuͤr Staͤrke des Geiſtes halten, was doch am Ende Verzweiflung iſt— Glaube mir, mir! und mache dich eilig hinweg. Koſinsky. Nein!l ich fliehe jetzt nicht mehr. Wenn dich meine Bitten nicht ruͤhren, ſo hoͤre die Geſchichte meines Un⸗ gluͤcks.— Du nirſt mir dann ſelbſt den Dolch in die Haͤnde zwingen, du wirſt— Lagert euch hier auf den Boden, und hoͤrt mir aufmerkſam zu!— Mogr. Ich will ſie hoͤren. Koſinsky. Wiſſeet alſo, ich bin ein boͤhmiſcher Edelmann, 108 und wurde durch den fruͤhen Tod meines Vaters Herr eines anſehnlichen Ritterguts. Die Gegend war paradieſiſch— denn ſie enthielt einen Engel— ein Maͤdchen, geſchmuͤckt mit allen Reizen der bluͤhenden Jugend und keuſch wie das Licht des Himmels. Doch, wem ſag' ich das? Es ſchallt an euren Ohren voruͤber— ihr habt niemals geliebt, ſeyd niemals geliebt worden— Schweizer. Sachte, ſachte! unſer Hauptmann wird feuerroth. Moor. Hoͤr' auf! ich will's ein andermal hoͤren— mor⸗ gen, naͤchſtens, oder— wenn ich Blut geſehen habe. Koſinsky. Blut, Blut— hoͤre nur weiter! Blut, ſag ich dir, wird deine ganze Seele fuͤllen. Sie war buͤrgerlicher Geburt, eine Deutſche— aber ihr Anblick ſchmelzte die Vorur⸗ theile des Adels hinweg. Mit der ſchuͤchternſten Beſcheidenheit nahm ſie den Trauring von meiner Hand, und uͤbermorgen ſollte ich meine Amalia vor den Altar fuͤhren. Moor(ſteht ſchnell auß. Koſinsky. Mitten im Taumel der auf mich wartenden Seligkeit, unter den Zuruͤſtungen zur Vermaͤhlung— werde ich durch einen Expreſſen nach Hofe citirt. Ich ſtellte mich. Man zeigte mir Briefe, die ich geſchrieben haben ſollte, voll verraͤtheriſchen Inhalts. Ich erroͤthete uͤber der Bosheit— man nahm mir den Degen ab, warf mich ins Gefaͤngniß, alle meine Sinne waren hinweg. Schweizer. Und unterdeſſen— nur weiter! ich rieche den Braten ſchon. Koſinsky. Hier lag ich einen Monat lang, und wußte nicht, wie mir geſchah. Mir bangte fuͤr meine Amalia, die meines Schickſals wegen jede Minute einen Tod wuͤrde zu leiden haben. Endlich erſcheint der erſte Miniſter des Hofes, wuͤnſcht 109 mir zur Entdeckung meiner Unſchuld Gluͤck mit zuckerſuͤßen Worten, liest mir den Brief der Freiheit vor und gibt mir meinen Degen wieder. Jetzt im Triumphe nach meinem Schloß, in die Arme meiner Amalia zu fliegen,— ſie war verſchwunden. In der Mitternacht ſey ſie weggebracht worden, wuͤßte Niemand, wohin? und ſeitdem mit keinem Auge mehr geſehen. Hui! ſchoß mir's auf, wie der Blitz, ich fliege nach der Stadt, ſondire am Hof— alle Augen wurzelten auf mir, Niemand wollte Beſcheid geben— endlich entdecke ich ſie durch ein verborgenes Gitter im Palaſt— ſie warf mir ein Billetchen zu. Schweizer. Hab' ich's nicht geſagt? Koſinsky. Hoͤlle, Tod und Teufel! da ſtand's! man hatte ihr die Wahl gelaſſen, ob ſie mich lieber ſterben ſehen, oder die Maitreſſe des Fuͤrſten werden wollte. Im Kampfe zwiſchen Ehre und Liebe entſchied ſie fuͤr das Zweite, und (lachend) ich war gerettet. Schweizer. Was thatſt du da? Koſinsky. Da ſtand ich, wie von tauſend Donnern getroffen!— Blut! war mein erſter Gedanke, Blut! mein letzter. Schaum auf dem Munde, renn' ich nach Hauſe, waͤhle mir einen dreiſpitzigen Degen, und damit in aller Haſt in des Miniſters Haus, denn nur er— er nur war der hoͤlliſche Kuppler geweſen. Man muß mich von der Gaſſe bemerkt haben, denn wie ich hinauf trete, waren alle Zimmer ver⸗ ſchloſſen. Ich ſuche, ich frage: er ſey zum Fuͤrſten gefahren, war die Antwort. Ich mache mich geraden Wegs dahin, man wollte nichts von ihm wiſſen. Ich gehe zuruͤck, ſprenge die Thuͤren ein, finde ihn, wollte eben— aber da ſprangen fuͤnf bis ſechs Bediente aus dem Hinterhalte und entwanden mir den Degen. 110 Schweizer(ſtampft auf den Boden). Und er kriegte nichts, und du zogſt leer ab? Koſinsky. Ich ward ergriffen, angeklagt, peinlich pro⸗ ceſſirt, inſam— merkt's euch!— aus beſonderer Gnade infam aus den Graͤnzen gejagt; meine Guͤter fielen als Praͤſent dem Miniſter zu, meine Amalia bleibt in den Klauen des Tigers, verſeufzt und vertrauert ihr Leben, waͤhrend daß meine Rache faſten und ſich unter das Joch des Deſpotismus kruͤm⸗ men muß. Schweizer(aufſtehend, ſeinen Degen wetzend). Das iſt Waſſer auf unſere Muͤhle, Hauptmann! Da gibt's was anzuzuͤnden! Moor(der bisher in heftigen Bewegungen hin und her gegangen, ſpringt raſch auf, zu den Raͤubern.. Ich muß ſie ſehen— Auf! rafft zuſammen— du bleibſt, Koſinsky— packt eilig zuſammen! Die Rüuber. Wohin? was? Mogsr. Wohin? wer fragt wohin?(Seftig zu Schwetzerw. Verraͤther, du willſt mich zuruͤckhalten? Aber bei der Hoffnung des Himmels!— Schweizer. Verraͤther ich?— Geh' in die Höoͤlle, ich folge dir! Mo or(faͤllt ihm um den Hals). Bruderherz! du folgſt mir — Sie weint, ſie weint, ſie vertrauert ihr Leben. Auf! hurtig! Alle! nach Franken! In acht Tagen muͤſſen wir dort ſeyn. (Sie gehen ab.) Vierter Akt. Erſte Seene. Laͤndliche Gegend um das Mooriſche Schloß. Näuber Maor. Koſinsky in der Ferne. Koor. Geh' voran und melde mich. Du weißt doch noch Alles, was du ſprechen mußt? Koſinsky. Ihr ſeyd der Graf von Brand, kommt aus Mecklenburg, ich Euer Reitknecht— Sorgt nicht, ich will meine Rolle ſchon ſpielen. Lebt wohl!(Ab.) KMoor. Sey mir gegruͤßt, Vaterlands⸗Erde! EEr kuͤßt die Erde.) Vaterlands⸗Himmel! Vaterlands⸗Sonne!— und Fluren und Huͤgel und Stroͤme und Waͤlder! ſeyd alle, alle mir herzlich gegruͤßt!— Wie ſo koͤſtlich wehet die Luft von meinen Heimath⸗Gebirgen! wie ſtroͤmt balſamiſche Wonne aus euch dem armen Fluͤchtling entgegen!— Elyſium! dichteriſche Welt! Halt ein, Moor! dein Fuß wandelt in einem heiligen Tempel. (Er kommt naͤher.) Sieh da, auch die Schwalbenneſter im 112 Schloßhof— auch das Gartenthuͤrchen!— und dieſe Ecke am Zaun, wo du ſo oft den Fanger belauſchteſt und neckteſt— und dort unten das Wieſenthal, wo du der Held Alexander deine Macedonier ins Treffen bei Arbela fuͤhrteſt, und neben⸗ dran der graſige Huͤgel, von welchem du den perſiſchen Satrapen niederwarfſt— und deine ſiegende Fahne flatterte hoch!(Er laͤchelt.) Die goldnen Maienjahre der Knabenzeit leben wieder auf in der Seele des Elenden— da warſt du ſo gluͤcklich, warſt ſo ganz, ſo wolkenlos heiter— und nun— da liegen die Truͤmmer deiner Entwuͤrfe! Hier ſollteſt du wandeln dereinſt, ein großer, ſtattlicher, geprieſener Mann— hier dein Knabenleben in Amalia's bluͤhenden Kindern zum zweitenmale leben— hier! hier der Abgott deines Volks— aber der boͤſe Feind ſchmollte dazu!(Er faͤhrt auf.) Warum bin ich hieher gekommen? daß mir's ginge wie dem Gefangenen, den der klirrende Eiſenring aus Traͤumen der Freiheit aufjagt— nein, ich gehe in mein Elend zuruͤck!— Der Gefangene hat das Licht vergeſſen, aber der Traum der Freiheit fuhr uͤber ihm wie ein Blitz in der Nacht, der ſie finſterer zuruͤcklaͤßt— Lebt wohl, ihr Vaterlands⸗ Thaͤler! einſt ſaht ihr den Knaben Karl, und der Knabe Karl war ein gluͤcklicher Knabe— jetzt ſaht ihr den Mann, und er war in Verzweiflung.(Er dreht ſich ſchnell nach dem aͤußerſten Ende der Gegend, allwo er ploͤtzlich ſtille ſteht und nach dem Schloß mit Wehmuth hinuͤberblickt.) Sie nicht ſehen, nicht einen Blick? — und nur eine Mauer geweſen zwiſchen mir und Amalia— Nein! ſehen muß ich ſie— muß ich ihn— es ſoll mich zermalmen!(Er kehrt um.) Vater! Vater! dein Sohn naht — weg mit dir, ſchwarzes, rauchendes Blut! weg, hohler, graſſer, zuckender Todesblick! Nur dieſe Stunde laſſ' mich frei — Amalia! Vater! dein Karl naht! Er geht ſchnell auf das Schloß zu.)— Quaͤle mich, wenn der Tag erwacht, laſſ' nicht 113 ab von mir, wenn die Nacht kommt— quaͤle mich in ſchrecklichen Traͤumen! nur vergifte mir dieſe einzige Wolluſt nicht! Er ſteht an der Pforte.) Wie wird mir? was iſt das, Moor? Sey ein Mann!—— Todesſchauer— Schrecken Ahnung—— eEr geht hinein.) Zweite Seene. Galerie im Schloß. Räuber Moor. Amalia treten auf. Amalia. Und getrauten Sie ſich wohl, ſein Bildniß unter dieſen Gemaͤlden zu erkennen? Moor. O ganz gewiß. Sein Bild war immer lebendig in mir. An den Gemaͤlden herumgehend.) Dieſer iſt's nicht. Amalia. Errathen!— Er war der Stammvater des graͤflichen Hauſes, und erhielt den Adel von Barbaroſſa, dem er wider die Seeraͤuber diente. Moor(immer an den Gemaͤlden.) Dieſer iſt's auch nicht — auch der nicht— auch nicht jener dort— er iſt nicht unter ihnen. Amalia. Wie, ſehen Sie doch beſſer! ich dachte, Sie kennten ihn—. Moor. Ich kenne meinen Vater nicht beſſer! Ihm fehlt der ſanftmuͤthige Zug um den Mund, der ihn aus Tauſenden kenntlich macht— er iſt's nicht. Amalia. Ich erſtaune. Wie? Achtzehn Jahre nicht mehr geſehen, und noch— Schillers ſaͤmmtl. Werke. II. 8 4 114 Moor(ſchnell mit einer fliegenden Roͤthe). Dieſer iſt's! (Er ſteht wie vom Blitz geruͤhrt.) Amalia. Ein vortrefflicher Mann. KMoor(in ſeinen Anblick verſunken.) Vater! Vater! vergib mir!— Ja, ein vortrefflicher Mann!— EEr wiſcht ſich die Augen.) Ein goͤttlicher Mann! Amalia. Sie ſcheinen viel Antheil an ihm zu nehmen. Moor. O ein vortrefflicher Mann— und er ſollte dahin ſeyn? Amalia. Dahin! wie unſere beſten Freuden dahin gehn —(Sanft ſeine Hand ergreifend.) Lieber Herr Graf, es reift keine Seligkeit unter dem Monde. Moor. Sehr wahr, ſehr wahr— und ſollten Sie ſchon dieſe traurige Erfahrung gemacht haben? Sie koͤnnen nicht drei und zwanzig Jahre alt ſeyn. Amalia. Und habe ſie gemacht. Alles lebt, um trau⸗ rig wieder zu ſterben. Wir intereſſiren uns nur darum, wir gewinnen nur darum, daß wir wieder mit Schmerzen ver⸗ lieren.. Mogr. Sie verloren ſchon etwas? Amalia. Nichts. Alles! Nichts— wollen wir weiter gehen, Herr Graf? Moor. So eilig? Weß iſt dieß Bild rechter Hand dort? mich duͤnkt, es iſt eine ungluͤckliche Phyſiognomie. Amalia. Dieß Bild linker Hand iſt der Sohn des Grafen, der wirkliche Herr— Kommen Sie, kommen Sie! Mor. Aber dieß Bild rechter Hand? Amalia. Sie wollen nicht in den Garten gehn? Moor. Aber dieß Bild rechter Hand?— Du weinſt Amalia? Amalia(ſchnell ab). 115 Moor. Sie liebt mich! ſie liebt mich!— Ihr ganzes Weſen fing an ſich zu empoͤren, verraͤtheriſch rollten die Thraͤnen von ihren Wangen. Sie liebt mich!— Elender, das verdienteſt du um ſie! Steh' ich nicht hier wie ein Gerichteter vor dem toͤdtlichen Block? Iſt das der Sopha, wo ich an ihrem Halſe in Wonne ſchwamm? Sind das die vaͤterlichen Saͤle?(Ergriffen vom An⸗ blick ſeines Vaters.) Du, du— Feuerflammen aus deinem Auge— Fluch, Fluch, Verwerfung!— Wo bin ich? Nacht vor meinen Augen— Schreckniſſe Gottes— Ich, ich hab' ihn getoͤdtet! (Er rennt davon.) Franz von Mogar in tiefen Gedanken. Weg mit dieſem Bild! weg, feige Memme! Was zagſt du, und vor wem? Iſt mir's nicht die wenigen Stunden, die der Graf in dieſen Mauern wandelt, als ſchlich' immer ein Spion der Hoͤlle meinen Ferſen nach— Ich ſollt' ihn kennen! Es iſt ſo was Großes und Oftgeſehenes in ſeinem wilden ſonn⸗ verbrannten Geſicht, das mich beben macht— Auch Amalia iſt nicht gleichguͤltig gegen ihn!, Laͤßt ſie nicht ſo gierig ſchmach⸗ tende Blicke auf dem Kerl herumkreuzen, mit denen ſie doch gegen alle Welt ſonſt ſo geizig thut? Sah ich's nicht, wie ſie ein paar diebiſche Thraͤnen in den Wein fallen ließ, den er hinter meinem Ruͤcken ſo haſtig in ſich ſchluͤrfte, als wenn er das Glas mit hineinziehen wollte? Ja, das ſah ich, durch den Spiegel ſah ich's mit dieſen miinen Augen. Holla, Franz! ſieh dich vor! dahinter ſteckt irgend ein verderbenſchwangeres Ungeheuer! (Er ſteht forſchend dem Portrzit Karls gegenuͤbern 116 Sein langer Gaͤnſehals— ſeine ſchwarzen, feuerwerfenden Augen, hm! hm!— ſein finſteres uͤberhangendes, buſchiges Augenbraun. Glͤtzlich zuſammenfahrend.)— Schadenfrohe Hoͤlle! jagſt du mir dieſe Ahnung ein? Es iſt Karll ja jetzt werden mir alle Züge wieder lebendig— Er iſt's! troß ſeiner Larve! — Er iſt's— trotz ſeiner Larve!— Er iſt's— Tod und Verdammniß!(luf und ab mit heftigen Schritten.) Hab' ich darum meine Naͤchte verpraßt,— darum Felſen hinweg⸗ geraͤumt und Abxruͤnde eben gemacht,— bin ich darum gegen alle Inſtincte der Menſchheit rebelliſch worden, daß mir zu⸗ letzt dieſer unſtaͤte Landſtreicher durch meine kuͤnſtlichſten Wirbel toͤlple Sachte! nur ſachte! Es iſt nur noch Spielarbeit uͤbrig— Bin ich doch ohnehin ſchon bis an die Ohren in Tod⸗ ſuͤnden gewatet, daß es Unſinn waͤre, zuruͤckzuſchwimmen, wenn das Ufer ſchon ſo weit hinten liegt— ans Umkehren iſt doch nicht mehr zu gedenken— Die Gnade ſelbſt wuͤrde an den Bettelſtab gebracht, und die unendliche Erbarmung ban⸗ kerott werden, wenn ſie fuͤr meine Schulden all' gut ſagen wollte— Alſo vorwaͤrts wie ein Mann—(Er ſchellt.)— Er ver⸗ ſammle ſich zu dem Geiſte ſeines Vaters und komme! der Todten ſpott' ich.— Daniel! he, Daniel!— Was gilt's, den haben ſie auch ſchou gegen mich aufgewiegelt! Er ſieht ſo geheimnißvoll. Daniel kommt. Daniel. Was ſteht zu Befehl, mein Gebieter? Franz. Nichts. Fort, fuͤlle dieſen Becher mit Wein, aber hurtig!(Daniel ab.) Wart, Alter! dich will ich fangen, ins Auge will ich dich faſſen, ſo ſtarr, daß dein getroffenes Gewiſſen durch die Larve erblaſſen ſoll! Er ſoll ſterben!— Der iſt ein Stuͤmper, der ſein Werk nur auf die Haͤlfte bringt, und dann weggeht und muͤßig zugafft, wie es weiter damit werden wird. 117 Daniel mit Wein. Franz. Stell' ihn hieher! Sieh mir feſt ins Auge! Wie deine Kniee ſchlottern! wie du zitterſt! Geſteh', Alter! Was haſt du gethan? Daniel. Nichts, gnaͤdiger Herr, ſo wahr Gott lebt und meine arme Seele! Franz. Trink' dieſen Wein aus!— Was? du zauderſt?— Heraus, ſchnell! Was haſt du in den Wein geworfen? Daniel. Hilf Gott! Was? Ich in den Wein? Franz. Giſt haſt du in den Wein geworfen! Biſt du nicht bleich wie Schnee? Geſteh', geſteh'! Wer hat dir's gegeben? Nicht wahr, der Graf, der Graf hat dir's gegeben? Daniel. Der Graf? Jeſus Maria! der Graf hat mir nichts gegeben! Franz ggreift ihn hart an). Ich will dich wuͤrgen, daß du blau wirſt, eisgrauer Luͤgner du! Nichts? Und was ſtecktet ihr denn ſo beiſammen? Er und du und Amalia? Und was fluͤſtertet ihr immer zuſammen? Heraus damit! Was fuͤr Geheimniſſe, was fuͤr Geheimniſſe hat er dir anvertraut? Daniel. Das weiß der allwiſſende Gott; er hat mir keine Geheimniſſe anvertraut. Franz. Willſt du es laͤugnen? Was fuͤr Cabalen habt ihr angezettelt, mich aus dem Wege zu raͤumen? Nicht wahr? Mich im Schlaf zu erdroſſeln? Mir beim Bartſcheeren die Gurgel abzuſchneiden? Mich im Wein oder in Chocolade zu vergeben? Heraus, heraus!— oder mir in der Supve den ewigen Schlaf zu geben? Heraus damit! ich weiß Alles. Daniel. So helfe mir Gott, wenn ich in Noth bin, wie ich Euch jetzt nichts anders ſage, als die reine lautere Wahrheit. Franz. Dießmal will ich dir verzeihen. Aber gelt, er 118 ſteckte dir gewiß Geld in deinen Beutel? Er druͤckte dir die Hand ſtaͤrker, als der Brauch iſt? ſo ungefaͤhr, wie man ſie ſeinen alten Bekannten zu druͤcken pflegt? Daniel. Niemals, mein Gebieter. Franz. Er ſagte dir, zum Exempel, daß er dich etwa ſchon kenne?— daß du ihn faſt kennen ſollteſt? daß dir einmal die Decke von den Augen fallen wuͤrde— daß— was? davon ſollt' er dir niemals geſagt haben? Daniel. Nicht das Mindeſte. Franz. Daß gewiſſe umſtaͤnde ihn abhielten— daß man oft Masken nehmen muͤſſe, um ſeinen Feinden zuzukoͤnnen— daß er ſich raͤchen wolle, aufs grimmigſte raͤchen wolle? Daniel. Nicht einen Laut von dieſem Allem. Franz. Was? gar nichts? Beſtnne dich recht.— Daß er den alten Herrn ſehr genau— beſonders genau gekannt— daß er ihn liebe— ungemein liebe— wie ein Sohn liebe— Daniel. Etwas dergleichen erinnere ich mich von ihm ge⸗ hoͤrt zu haben.— Franz(blaß). Hat er, hat er wirklich? Wie, ſo laſſ' mich doch hoͤren! Er ſagte, er ſey mein Bruder? Daniel(betroffen). Was, mein Gebieter?— Nein, das ſagte er nicht. Aber wie ihn das Fraͤulein in der Galerie her⸗ umfuͤhrte, ich putzte eben den Staub von den Rahmen der Ge⸗ maͤlde ab, ſtand er bei dem Portrait des ſeligen Herrn ploͤtzlich ſtille, wie vom Donner geruͤhrt. Das gnaͤdige Fraͤulein deutete drauf hin und ſagte: ein vortrefflicher Mann! Ja, ein vor⸗ trefflicher Mann! gab er zur Antwort, indem er ſich die Augen wiſchte. Franz. Hoͤre, Daniel! Du weißt, ich bin immer ein guͤtiger Herr gegen dich geweſen, ich habe dir Nahrung und X 8 4 4 5 119 Kleider gegeben, und dein ſthwaches Alter in allen Geſchaͤften geſchont— Daniel. Dafuͤr lohn' Euch der liebe Herr Gott! und ich hab' Euch immer redlich gedient. Franz. Das wollt' ich eben ſagen. Du haſt mir in deinem Leben noch keine Widerrede gegeben, denn du weißt gar zu wohl, daß du mir Gehorſam ſchuldig ir in Allem, was ich dich heiße. Daniel. In Allem von ganzem Herzen, wenn es nicht wider Gott und mein Gewiſſen geht. Franz. Poſſen, Poſſen! Schaͤmſt du dich nicht? Ein alter Mann, und an das Weihnacht⸗ Maͤhrchen zu glauben Geh', Daniel! das war ein dummer Gedanke. Ich bin ja Herr. Mich werden Gott und Gewiſſen Ktraf ken, wenn es ja einen Gott und ein Gewiſſen gibt. Daniel(ſchlaͤgt die Haͤnde zuſammen). Barmherziger Himmel! Franz. Bei deinem Gehorſam! Verſtehſt du das Wort auch? Bei deinem Gehorſam befehl' ich dir, morgen darf der Graf nicht mehr unter den Lebendigen wandeln Daniel. Hilf, heiliger Gott! Weßwegen? Franz. Bei deinem blinden Gehorſam! 4 und an dich werd' ich mich halten. Daniel. An mich? Hilf, ſelige Mutter Gottes! An mich? Was hab' ich alter Mann denn Boͤſes gethan? Franz. Hier iſt nicht lange Beſinnzeit, dein Schickſal ſteht in meiner Hand. Willſt du dein Leben im tiefſten meiner Thuͤrme vollends ausſchmachten, wo der Hunger 3 zwingen wird, deine eigenen Knochen abzunagen, und der brennende Durſt, dein eigenes Waſſer wieder zu ſaufen?— Oder willſt du lieber dein Brod eſſen im Frieden, und Ruhe haben i 4 deinem Alter? 120 Daniel. Was, Herr? Fried' und Ruhe im Alter, und ein Todtſchlaͤger? Franz. Antwort auf meine Frage! 8 Daniel. Meine grauen Haare, meine grauen Haare! Franz. Ja oder Nein! 8 Daniel. Nein!— Gott erbarme ſich meiner! Franz eim Begriff zu gehen). Gut, du ſollſt's noͤthig haben. (Daniel haͤlt ihn auf und faͤllt vor ihm nieder.) Daniel. Erbarmen, Herr! Erbarmen! Franz. Ja oder Nein! Daniel. Gnaͤdiger Herr! ich bin heute ein und ſiebenzig Jahr alt! und hab' Vater und Mutter geehrt, und Niemand meines Wiſſens um des Hellers Werth im Leben vervortheilt, und had' an meinem Glauben gehalten treu und redlich, und hab' in Eurem Hauſe gedient vier und vierzig Jahre, und er⸗ warte jetzt ein ruhig ſeliges Ende, ach Herr, Herr!(umfaßt ſeine Kniee heftig) und Ihr wollt mir den letzten Troſt rauben im Sterben, daß der Wurm des Gewiſſens mich um⸗mein letztes Gebet bringe, daß ich ein Graͤuel vor Gott und Menſchen ſchlafen gehen ſoll? Nein, nein, mein liebſter beſter, liebſter gnaͤdiger Herr! das wollt Ihr nicht, dgs koͤnnt Ihr nicht wollen von einem einundſiebenzigjaͤhrigen Manne. Franz. Ja oder Nein! was ſoll das Geplapper? Daniel. Ich will Euch von nun an noch eifriger dienen, will meine duͤrren Sehnen in Eurem Dienſt wie ein Tagloͤhner abarbeiten, will fruͤher aufſtehen, will ſpaͤter mich niederlegen— ach, und will Euch einſchließen in mein Abend⸗ und Morgen⸗ gebet, und Gott wird das Gebet eines alten Mannes nicht wegwerfen. 1 Franz. Gehorſam iſt beſſer, denn Opfer. Haſt du je 4 4 1. gehoͤrt, daß ſich der Henker zierte, wenn er ein Urtheil voll⸗ ſtrecken ſollte? 1 Daniel. Ach ja wohl! aber eine Unſchuld erwuͤrgen— einen— Franz. Bin ich dir etwa Rechenſchaft ſchuldig? Darf das Beil den Henker fragen, warum dahin und nicht dorthin?— Aber ſieh, wie langmuͤthig ich bin— ich biete dir eine Belohnung fuͤr das, was du mir huldigteſt. Daniel. Aber ich hoffte, ein Chriſt bleiben zu duͤrfen, da ich Euch huldigte. Franz. Keine Widerrede! Sieh, ich gebe dir einen ganzen Tag noch Bedenkzeit! Ueberlege es nochmals. Gluͤck und Un⸗ gluͤck— hoͤrſt du? verſtehſt du? das hoͤchſte Gluͤck und das aͤußerſte Ungluͤck! Ich will Wunder thun im Peinigen. Daniel(nach einigem Nachdenken). Ich will's thun, morgen will ich's thun.(Ab) Franz. Die Verſuchung iſt ſtark, und der war wohl nicht zum Maͤr⸗ tyrer ſeines Glaubens geboren— Wohl bekomm's denn, Herr Graf! Allem Anſehen nach werden Sie morgen Abend Ihr Henkermahl halten! Es kommt Alles nur darauf an, wie man davon denkt, und der iſt ein Narr, der wider ſeine Vortheile denkt. Den Vater, der vielleicht eine Bouteille Wein weiter getrunken hat, kommt der Kitzel an— und daraus wird ein Menſch, und der Menſch war gewiß das Letzte, woran bei der ganzen Hercules⸗Arbeit gedacht wird. Nun kommt mich eben auch der Kitzel an— und daran krepirt ein Menſch, und gewiß iſt hier mehr Verſtand und Abſicht, als dort bei ſeinem Entſtehen war— Iſt die Geburt des Menſchen das Werk einer viehiſchen 122 Anwandlung, eines Ungefährs, wer ſollte wegen der Vernei⸗ nung ſeiner Geburt ſich einkommen laſſen, an ein bedeu⸗ tendes Etwas zu denken? Verflucht ſey die Thorheit unſerer Ammen und Waͤrterinnen, die unſere Phantaſie mit ſchreck⸗ lichen Maͤhrchen verderben, und graͤßliche Bilder von Straf⸗ gerichten in unſer weiches Gehirnmark druͤcken, daß unwillluͤr⸗ liche Schauder die Glieder des Mannes noch in froſtige Angſt ruͤtteln, unſere kuͤhnſte Entſchloſſenheit ſperren, unſere er⸗ wachende Vernunft an Ketten aberglaͤubiſcher Finſterniß legen — Mordl!l wie eine ganze Hoͤlle von Furien um das Wort flattert— die Natur vergaß einen Mann mehr zu machen — die Nabelſchnur iſt nicht unterbunden worden— und die ganze Schattenſpielerei iſt verſchwunden. Es war etwas und wird nichts— Heißt es nicht eben ſo viel, als: es war nichts und wird nichts, und um nichts wird kein Wort mehr ge⸗ wechſelt— der Menſch entſteht aus Moraſt, und watet eine Weile im Moraſt, und macht Moraſt, und gaͤhrt wieder zu⸗ ſammen in Moraſt, bis er zuletzt an den Schuhſohlen ſeines Urenkels unflaͤtig anklebt. Das iſt das Ende vom Lied— der moraſtige Cirkel der menſchlichen Beſtimmung, und ſo⸗ mit— gluͤckliche Reiſe, Herr Bruder! Der milziuͤchtige, podagriſche Moraliſt von einem Gewiſſen mag runzelige Weiber aus Bordellen jagen und alte Wucherer auf dem Todesbette foltern— bei mir wird er nimmermehr Audienz bekommen. 6*α 123 Dritte Seene. Anderes Zimmer im Schloß. Näuber Moor von der einen Seite, Daniel von der andern. Moor Gaſtig). Wo iſt das Fraͤulein? Daniel. Gnaͤdiger Herr! Erlaubt einem armen Manne, Euch um etwas zu bitten. Mogr. Es iſt dir gewaͤhrt, was willſt du? Daniel. Nicht viel und Alles, ſo wenig und doch ſo viel — laßt mich Eure Hand kuͤſſen! 1 Koor. Das ſollſt du nicht, guter Alter!(umarmt ihm den ich Vater nennen moͤchte. Daniel. Eure Hand, Eure Hand! ich bitte Euch. Moor. Du ſollſt nicht. Daniel. Ich muß!(Er greift ſie, betrachtet ſie ſchnell und faͤllt vor ihm nieder.) Liebſter, beſter Karl! Moor eerſchrickt, faßt ſich, frem). Freund, was ſagſt du? Ich verſteh' dich nicht. Daniel. Ja, laͤugnet es nur, verſtellt Euch! Schoͤn, ſchoͤn! Ihr ſeyd immer mein beſter, koͤſtlicher Junker— Lieber Gott, daß ich alter Mann noch die Freude— dummer Toͤlpel ich, daß ich Euch nicht gleich— Ei du himmliſcher Vater! So ſepd Ihr ja wiedergekommen, und der alte Herr iſt nnterm Boden, und da ſeyd Ihr ja wieder— was fuͤr ein blinder Eſel ich doch war(iich vor den Kopf ſchlagend), daß ich Euch nicht im erſten Hui— Ei du mein! Wer haͤtte ſich das traͤumen laſſen!— Um was ich mit Thraͤnen betete,— Jeſus Chriſtus! Da ſteht er ja leibhaftig wieder in der alten Stube! Moor. Was iſt das fuͤr eine Sprache? Seyd Ihr vom 124 hitzigen Fieber aufgeſprungen, oder wollt Ihr eine Komoͤdienrolle an mir probiren. Daniel. Ei pfui doch, pfui doch! das iſt nicht fein, einen alten Knecht ſo zum Beſten haben— dieſe Narbe! He, wißt Ihr noch?— Großer Gott! Was Ihr mir da fuͤr eine Angſt einjagtet— ich hab' Euch immer ſo lieb gehabt, und was Ihr mir da fuͤr Herzeleid haͤttet anrichten koͤnnen— Ihr ſaßet mir im Schooß— wißt Ihr noch?— dort in der runden Stube— Gelt Vogel! Das habt Ihr freilich vergeſſen— auch den Kukuk, den Ihr ſo gern hoͤrtet?— denkt doch! der Kukuk iſt zerſchlagen, in Grundsboden geſchlagen— die alte Suſel hat ihn verwettert, wie ſie die Stube fegte— ja freilich, und da ſaßet Ihr mir im Schooß und rieft: Hotto! und ich lief fort, Euch den Hotto⸗ Gaul zu holen— Jeſus Gott! warum mußt ich alter Eſel auch fortlaufen?— und wie mir's ſiedigheiß uͤber den Buckel lief— wie ich das Zetergeſchrei hoͤre draußen im Oehrn, ſpring' herein, und da lief das helle Blut, und laget am Boden, und hattet— heilige Mutter Gottes! war mir's nicht, als wenn mir ein. Kuͤbel eiskalt Waſſer uͤber'n Nacken ſpritzte— aber ſo geht's, wenn man nicht alle Augen auf die Kinder hat. Großer Gott, wenn's ins Auge gegangen waͤre— War's dazu noch die rechte Hand. Mein Lebenstag, ſagt' ich, ſoll mir kein Kind mehr ein Meſſer oder eine Scheere, oder ſo was Spitziges, ſagt' ich— in die Hand kriegen, ſagt' ich— war zum Gluͤck noch Herr und Frau verreist— ja, ja, das ſoll mir mein Tag des Lebens eine Warnung ſeyn, ſagt' ich— Jemini, Jeminil ich haͤtte vom Dienſt kommen koͤnnen, ich haͤtte— Gott der Herr ver⸗ zeih's Euch, gottloſes Kind— aber Gotioß es heilte gluͤcklich, bis auf die wuͤſte Narbe. AMoor. Ich begreife kein Wort von Allem, was du ſagſt. Daniel. Ja gelt, gelt? Das war noch eine Zeit? Wie 125 manches Zuckerbrod, oder Biscuit, oder Macrone ich Euch hab' zugeſchoben, hab' Euch immer am gernſten gehabt, und wißt Ihr noch, was Ihr mir drunten ſagtet im Stall, wie ich Euch auf des alten Herrn ſeinen Schweißfuchs ſetzte, und Euch auf der großen Wieſe ließ herumjagen? Daniel! ſagtet Ihr, laſſ' mich nur einen großen Mann werden, Daniel, ſo ſollſt du mein Verwalter ſeyn und mit mir in der Kutſche fahren,— ja, ſagt' ich und lachte, wenn Gott Leben und Geſundheit ſchenkt, und Ihr Euch eines alten Mannes nicht ſchaͤmen wer⸗ det, ſagt' ich, ſo will ich Euch bitten, mir das Haͤuschen drun⸗ ten im Dorfe zu raͤumen, das ſchon eine gute Weil' leer ſteht, und da wollt' ich mir ein Eimer zwanzig Wein einlegen und wirthſchaften in meinen alten Tagen.— Ja, lacht nur, lacht nur! Gelt, junger Herr, das habt Ihr rein ausgeſchwitzt?— den alten Mann will man nicht kennen, da thut man ſo fremd, ſo vornehm— o Ihr ſeyd doch mein goldiger Junker— frei⸗ lich halt ein bißchen locker geweſen— nehmt mir's nicht uͤbel!— wie's eben das junge Fleiſch meiſtens iſt— am Ende kann noch Alles gut werden. Moor Kfͤllt iim um den Hals). Ja, Daniel, ich will's nicht mehr verhehlen! Ich bin dein Karl, dein verlorner Karl, was macht meine Amalia? Daniel(faͤngt an zu weinen). Daß ich alter Suͤnder noch die Freude haben ſoll,— und der Herr ſelig weinte umſonſt! — Ab, ab, weißer Schaͤdel! muͤrbe Knochen, fahret in die Grube mit Freuden! Mein Herr und Meiſter lebt, ihn haben meine Augen geſehen. Moor. Und will halten, was er verſprochen hat,— nimm das, ehrlicher Graukopf, fuͤr den Schweißfuchs im Stalle; dringt ihm einen ſchweren Beutel auf) nicht vergeſſen hab' ich den alten Mann. 126 Daniel. Wie? was treibt Ihr? Zu viel, Ihr habt Euch vergriffen. Moor. Nicht vergriffen, Daniel!(Daniel wil niederfallen.) Steh' auf, ſage mir, was macht meine Amalia? Daniel. Gottes Lohn! Gottes Lohn! Ei Herr Jerem!— Eure Amalia, o, die wird's nicht uͤberleben, die wird ſterben vor Freude! Moor cheftig.) Sie vergaß mich nicht? Daniel. Vergeſſen? Wie ſchwatzt Ihr wieder? Euch ver⸗ geſſen?— da haͤttet Ihr ſollen dabei ſeyn, haͤttet's ſollen mit anſehen, wie ſie ſich gebaͤrdete, als die Zeitung kam, Ihr waͤr't geſtorben, die der gnaͤdige Herr ausſtreuen ließ— Moor. Was ſagſt du? mein Bruder— Daniel. Ja, Euer Bruder, der gnaͤdige Herr, Euer Bruder— ich will Euch ein andermal mehr davon erzaͤhlen, wenn's Zeit dazu iſt— und wie ſauber ſie ihn abkappte, wenn er ihr alle Tage, die Gott ſchickt, ſeinen Antrag machte und ſie zur gnaͤdigen Frau machen wollte. O ich muß hin, muß hin, ihr ſagen, ihr die Botſchaft bringen.(Will fort.) Mogr. Halt, halt! ſie darf's nicht wiſſen! darf's Nie⸗ mand wiſſen, auch mein Bruder nicht.— Daniel. Euer Bruder? Nein, beleibe nicht, er darßs nicht wiſſen!— Er gar nicht!— Wenn er nicht ſchon mehr weiß, als er wiſſen darf— O, ich ſage Euch, es gibt garſtige Menſchen, garſtige Bruͤder, garſtige Herren— aber ich moͤchte um alles Gold meines Herrn willen kein garſtiger Knecht ſeyn — der gnaͤdige Herr hielt Euch todt. Moor. Hm! was brummſt du da? 3 Daniel deeiſer.) Und wenn man freilich ſo ungebeten auf⸗ erſteht— Euer Bruder war des Herrn ſelig einziger Erbe— Moor. Alter!— Was murmelſt du da zwiſchen den 1 127 Zaͤhnen, als wenn irgend ein Ungeheuer von Geheimniß auf deiner Zunge ſchwebte, das nicht heraus wollte und doch heraus ſollte? Rede deutlicher! Daniel. Aber ich will lieber meine alten Knochen abnagen vor Hunger, lieber vor Durſt mein eigenes Waſſer ſaufen, als Wohlleben die Fuͤlle verdienen mit einem Todtſchlag.(Schnell av.) Moor auffahrend aus ſchrecklicher Pauſe. Betrogen, betrogen! da faͤhrt es uͤber meine Seele wie der Blitz!— Spitzbuͤbiſche Kuͤnſte! Himmel und Hoͤlle! Nicht du, Vater! Spitzbuͤbiſche Kuͤnſte! Moͤrder, Raͤuber durch ſpitzbuͤbiſche Kuͤnſte! Angeſchwaͤrzt von ihm! verfaͤlſcht, unterdruͤckt meine Briefe— voll Liebe ſein Herz— o ich Unge⸗ heuer von einem Thoren— voll Liebe ſein Vaterherz— o Schelmerei, Schelmerei! Es haͤtte mir einen Fußfall gekoſtet — es haͤtte mir eine Thraͤne gekoſtet— o ich bloͤder, bloͤder, bloͤder Thor!— GWider die Wand rennend.) Ich haͤtte gluͤcklich ſeyn koͤnnen— o Buͤberei, Buͤberei! das Gluͤck meines Lebens buͤbiſch, buͤbiſch hinwegbetrogen.(Er laͤuft wuͤthend auf und nieder.) Moͤrder, Naͤuber durch ſpitzbuͤbiſche Kuͤnſte!— Er grollte nicht einmal. Nicht ein Gedanke von Fluch in ſeinem Herzen— O Boͤſewicht! unbegreiflicher, ſchleichender, abſcheulicher Boͤſe⸗ wicht! Koſinsky kommt. „„Asſinsky. Nun, Hauptmann, wo ſteckſt du? Was iſt's? Du willſt noch laͤnger hier bleiben, merk' ich? Moor. Auf! Sattle die Pferde! Wir muͤſſen vor Sonnen⸗ Untergang noch uͤber den Graͤnzen ſeyn! Koſinsky. Du ſpaßeſt. Knor Gefehlend). Hurtig, hurtig! Zaudre nicht lange, laſſ' Alles da! und daß kein Auge dich gewahr wird.(Koſinsky ab.) 128 Moor. Ich fliehe aus dieſen Mauern. Der geringſte Verzug koͤnnte mich wuͤthend machen, und er iſt meines Vaters Sohn— Bruder, Bruder! du haſt mich zum Elendeſten auf Erden gemacht, ich habe dich niemals beleidigt, es war nicht bruͤder⸗ lich gehandelt— Ernte die Fruͤchte deiner Unthat in Ruhe, meine Gegenwart ſoll dir den Genuß nicht laͤnger vergaͤllen— aber gewiß, es war nicht bruͤderlich gehandelt. Finſterniß ver⸗ loͤſche ſie auf ewig, und der Tod ruͤhre ſie nicht auf. Koſinsky. Koſinsky. Die Pferde ſtehn geſattelt, Ihr koͤnnt aufſitzen, wann Ihr wollt.. Moor. Preſſer, Preſſer! Warum ſo eilig? Soll ich ſie nicht mehr ſehn? 1 Koſinsky. Ich zaͤume gleich wieder ab, wenn Ihr's ha⸗ ben wollt; Ihr hießt mich ja uͤber Hals und Kopf leilen. Mogr. Noch einmal! ein Lebewohl noch! ich muß den 4 Gifttrank dieſer Seligkeit vollends ausſchluͤrfen, und dann— halt, Koſinsky! zehn Minuten noch— hinten am Schloßhof, und wir ſprengen davon! * Vierte Seene. Im Garten. Amalia. Du weinſt, Amalia?— und das ſprach er mit einer Stimme! mit einer Stimme— mir war's, als ob die Natur ſich 129 verjuͤngte— die genoſſenen Lenze der Liebe daͤmmerten auf mit der Stimme! Die Nachtigall ſchlug wie damals— die Blumen hauchten wie damals— und ich lag wonneberauſcht an ſeinem Hals— Hal falſches, treuloſes Herz! wie du deinen Meineid beſchoͤnigen willſt! Nein, nein, weg aus meiner Seele, du Fre⸗ velbild!— ich habe meinen Eid nicht gebrochen, du Einziger! Weg aus meiner Seele, ihr verraͤtheriſchen gottloſen Wuͤnſche! im Herzen, wo Karl herrſcht, darf kein Erdenſohn niſten— Aber warum, meine Seele, ſo immer, ſo wider Willen nach dieſem Fremdling? Haͤngt er ſich nicht ſo hart an das Bild meines Einzigen? Iſt er nicht der ewige Begleiter meines Einzigen? Du weinſt, Amalia?— Ha, ich will ihn fliehen!— fliehen! Nimmer ſehen ſoll mein Auge dieſen Fremdling! Näuber Moor öͤffnet die Gartenthuͤr. Amalia(faͤhrt zuſammen). Horch! horch! Rauſchte die Thuͤre nicht?(Sie wird Karln gewahr und ſpringt auf.) Er?— wohin? — was?— da hat mich's angewurzelt, daß ich nicht fliehen kann— Verlaß mich nicht, Gott im Himmel!— Nein, du ſollſt mir meinen Karl nicht entreißen! Meine Seele hat nicht Raum fuͤr zwei Gottheiten, und ich bin ein ſterbliches Maͤdchen!(sie nimmt Karls Vild heraus.) Du, mein Karl, ſey mein Genius wider dieſen Fremdling, den Liebeſtoͤrer! dich, dich anſehen, unverwandt,— und weg alle gottloſen Blicke nach dieſem. (Sie ſitzt ſtumm— das Auge ſtarr auf das Bild geheftet.) Moor. Sie da, gnaͤdiges Fraͤulein?— und traurig? und eine Thraͤne auf dieſem Gemaͤlde?—(Amalia gibt ihm keine Antwort.)— Und wer iſt der Gluͤckliche, um den ſich das Auge eines Engels verſilbert? darf auch ich dieſen Verherrlichten —(Er will das Gemaͤlde betrachten.) Amalia. Nein, ja, nein! Schillers ſaͤmmtliche Werke. II. 9 130 Moor(zuruͤckfahrend). Ha! und verdient er dieſe Vergöt⸗ terung? verdient er?— Amalia. Wenn Sie ihn gekannt haͤtten! Moor. Ich wuͤrde ihn beneidet haben. Amalia. Anvgebetet, wollen Sie ſagen. Moor. Ha! Amalia. O, Sie haͤtten ihn ſo lieb gehabt— es war ſo viel ſo viel in ſeinem Angeſicht— in ſeinen Augen— im Ton ſei⸗ ner Stimme, das Ihnen ſo gleich kommt— das ich ſo liebe— Moor(ſieht zur Erde). Amalia. Hier, wo Sie ſtehen, ſtand er tauſendmal— und neben ihm die, die neben ihm Himmel und Erde vergaß — hier durchirrte ſein Auge die um ihn prangende Gegend— ſie ſchien den großen belohnenden Blick zu empfinden und ſich unter dem Wohlgefallen ihres Meiſterbilds zu verſchoͤnern— hier hielt er mit himmliſcher Muſik die Hoͤrer der Lufte gefan⸗ gen— hier an dieſem Buſch pfluͤckte er Roſen, und pfluckte die Rofen fuͤr mich— hier, hier lag er an meinem Halſe, brannte ſein Mund auf dem meinen, und die Blumen ſtarben gern un⸗ ter der Liebenden Fußtritt— Moor. Er iſt nicht mehr? Amalia. Er ſegelt auf ungeſtümen Meeren— Amalia's Liebe ſegelt mit ihm— er wandelt durch ungebahnte ſandige Wuͤſten— Amalia's Liebe macht den brennenden Sand unter ihm gruͤnen und die wilden Geſtraͤuche bluͤhen— der Mittag ſenkt fein entbloͤßtes Haupt, nordiſcher Schnee ſchrumpft ſeine Sohlen zuſammen, ſtuͤrmiſcher Hagel regnet um ſeine Schlaͤfe, und Amalia's Liebe wiegt ihn in Sturmen ein— Meere und Berge und Horizonte zwiſchen den Liebenden— aber die Seelen verſetzen ſich aus dem ſtaubigen Kerker und treffen ſich im Para⸗ dieſe der Liebe— Sie ſcheinen traurig, Herr Graf? 131 Moor. Die Worte der Liebe machen auch meine Liebe lebendig. Amalia cblaß). Was? Sie lieben eine Andere?— Weh mir, was hab' ich geſagt? Moor. Sie glaubte mich todt, und blieb treu dem Todt⸗ geglaubten— ſie hoͤrte wieder, ich lebe, und opferte mir die Krone einer Heiligen auf. Sie weiß mich in Wuͤſten irren und im Elend herumſchwaͤrmen, und ihre Liebe fliegt durch Wuͤſten und Elend mir nach. Auch heißt ſie Amalia, wie Sie, gnaͤdiges Fraͤulein. Amalia. Wie beneid' ich Ihre Amalia! Moor. O ſie iſt ein ungluͤckliches Maͤdchen; ihre Liebe iſt r Einen, der everloren iſt, und wird— ewig niemals belohnt. Amalia. Nein, ſie wird im Himmel belohnt. Sagt man nicht, es gebe eine beſſere Welt, wo die Traurigen ſich freuen und die Liebenden ſich wieder erkennen? Noor. Ja, eine Welt, wo die Schleier hinwegfallen und die Liebe ſich ſchrecklich wiederfindet— Ewigkeit heißt ihr Name — meine Amalia iſt ein ungluͤckliches Maͤdchen. Amalia. Ungluͤcklich, und Sie lieben? Moor. Ungluͤcklich, weil ſte mich liebt! Wie, wenn ich ein Todtſchlaͤger waͤre? wie mein Fraͤulein, wenn Ihr Ge⸗ liebter Ihnen fuͤr jeden Kuß einen Mord aufzaͤhlen koͤnnte? Wehe meiner Amalia! ſie iſt ein unglückliches Maͤdchen. Amalia(froh aufhüpfend). Ha! wie bin ich ein gluͤckliches Maͤdchen! Mein Einziger iſt Nachſtrahl der Gottheit, und die Gottheit iſt Huld und Erbarmen! Nicht eine Fliege konnt' er leiden ſehen— Seine Seele iſt ſo fern von einem blutigen Gedanken, als fern der Mit tag von der Mitternacht iſt. Moox(kehrt ſich ſchnell ab in ein Gebuͤſch, blickt ſtarr in die Gegend), Amalia(üngt und ſpielt auf der Laute). Willſt dich, Hektor, ewig mir entreißen, Wo des Aeaciden mordend Eiſen Dem Patroklus ſchrecklich Opfer bringt? Wer wird kuͤnftig deinen Kleinen lehren* Speere werfen und die Goͤtter ehren, Wenn hinunter dich der Ranthus ſchlingt? Moor gnimmt die Laute ſtillſchweigend und ſpielt). Theures Weib, geh', hol' die Todeslanze!— Laſſ'— mich fort— zum wilden Kriegestanze!— (Er wirft die Laute weg und flieht davon.) Fünfte Seene. Nahgelegener Wald. Nacht. Ein altes verfallenes Schloß in der Wiſst. 3 Die Räuberbands gelagert auf der Erde. † Die Näuber(ſingen).„ Stehlen, morden, huren, balgen, j uns die Zeit zerſtreun. hangen wir am Galgen, Drum laßt uns heute luſtig ſeyn. Ein freies Leben fuͤhren wir, Ein Leben voller Wonne. Der Wald iſt unſer Nachtquartier, — — 133 Bei Sturm und Wind hanthieren wir, Der Mond iſt unſre Sonne, Mercurius iſt unſer Mann, Der's Praktiziren trefflich kann. Heut' laden wir bei Pfaffen uns ein, Bei maſten Paͤchtern morgen; Was druͤber iſt, da laſſen wir fein Den lieben Herrgott ſorgen. Und haben wir im Traubenſaft Die Gurgel ausgebadet, So machen wir uns Muth und Kraft Und mit dem Schwarzen Bruͤderſchaft, Der in der Hoͤlle bratet. Das Wehgeheul geſchlagner Vaͤter, Der bangen Muͤtter Klaggezeter, Das Winſeln der verlaſſ'nen Braut Iſt Schmaus fuͤr unſre Trommelhaut! Ha! wenn ſie euch unter dem Beile ſo zuͤcken, Ausbruͤllen wie Kaͤtber, umfallen wie Muͤcken, Das kitzelt unſern Augenſtern, Das ſchmeichelt unſern Ohren gern. Und wenn mein Stuͤndlein kommen nun, Der Henker ſoll es holen, So haben wir halt unſern Lohn, Und ſchmieren unſre Sohlen, Ein Schluͤckchen auf den Weg vom heißen Traubenſohn, Und hura rax dax! geht's, als floͤgen wir davon! 134 Schweizer. Es wird Nacht, und der Hauptmann noch nicht da! Razmann. Und verſprach doch Schlag acht Uhr wieder bei uns einzutreffen. Schweizer. Wenn ihm Leides geſchehen waͤre— Came⸗ raden! wir zuͤnden an und morden den Saͤugling. Spiegelberg(nimmt Razmann beiſeite). Auf ein Wort, Razmann. Schwarz zu Grimm). Wollen wir nicht Spione ausſtellen? Grimm Laſſ' du ihn! Er wird einen Fang thun, daß wir uns ſchaͤmen muͤſſen.— Schweizer. Da brennſt du dich, beim Henker! Er ging nicht von uns, wie einer, der einen Schelmenſtreich im Schilde fuͤhrt. Haſt du vergeſſen, was er geſagt hat, als er uns uͤber die Haide fuͤhrte?—„Wer nur eine Ruͤbe vom Acker ſtiehlt, daß ich's erfahre, laͤßt ſeinen Kopf hier, ſo wahr ich Mohr heiße. 6 — Wir duͤrfen nicht rauben. Nazmann(leiſe zu Spiegelbery. Wo will das hin rede deutſcher! Spiegelberg. Pſt! Pſt!— Ich weiß nicht, was du oder ich fuͤr Begriffe von Freiheit haben, daß wir an einem Karren ziehen wie Stiere, und dabei wunderviel von Inde⸗ pendenz declamiren— Es gefaͤllt mir nicht. Schweizer zu Grimm'. Was wohl dieſer Windkopf hier an der Kunkel hat? Vazmann(leiſe zu eyiegelberg). Du ſprichſt vom Haupt⸗ mann?— Spiegelberg. Pſt doch! Pſt!— Er hat ſo ſeine Ohren unter uns herumlaufen— Hauptmann ſagſt du? wer hat — ihn zum Hauptmann uͤber uns geſetzt, oder hat er nicht dieſen 1 Titel uſurpirt, der von Rechtswegen mein iſt? Wie? legen wir —— —— — 13³⁵ darum unſer Leben auf Wuͤrfel— baden darum alle Milzſuchten des Schickſals aus, daß wir am Ende noch von Gluͤck ſagen, die Leibeigenen eines Sklaven zu ſeyn?— Lribeigene, da wir Furſten ſeyn koͤnnten?— Bei Gott! Razmann— das hat mir niemals gef allen. Schweizer du den Andern). Ja— du biſt mir der rechte Held. Froͤſche mit Steinen breit zu ſchmeißen— ſchon der Klang ſeiner Naſe, wenn er ſich ſchneuzte, koͤnnte dich durch ein Nadeloͤhr jagen— Spiegelberg Gzu Razmann). Ja— und Jahre ſchon dicht' ich darauf: es ſoll anders werden. Razmann— wenn du biſt, wofuͤr ich dich immer hielt— Razmann! man vermißt ihn— gibt ihn halb verloren— Razmann, mich duͤnkt, ſeine ſchwarze Stunde ſchlaͤgt— Wie? nicht einmal roͤther wirſt du, da dir die Glocke zur Freiheit lautet? haſt nicht einmal ſo viel Muth, einen kuͤhnen Wink zu verſtehen? Razmann Ha, Satan! worin verſtrickſt du meine Seele? Spiegelberg. Hat's gefangen?— Gut! ſo folge! Ich habe mir's gemerkt, wo er hinſchlich— Komm! Zwei Piſtolen fehlen ſelten, und dann— ſo ſind wir die Erſten, die den Saͤug⸗ ling erdroſſeln.(Er will ihn fortreißen.) Schweizer Gieht wuͤthend ſein Meſſer’. Ha! Beſtie! Eben recht erinnerſt du mich an die boͤhmiſchen Waͤlder!— Warſt du nicht die Memme, die anhub zu ſchnadern, als ſie riefen: Der Feind kommt! Ich habe damals bei meiner Seele geflucht— Fahr' hin, Meuchelmoͤrder!(Er ſiicht ihn todt.) Rüuber dn Bewegung). Mordjo! Mordjo!— Schweizer— Spiegelberg— Reißt ſie auseinander!— Schweizer(wirft das Meſſer über ihn). Da!— und ſo krepir' du— Ruhig, Cameraden— Laßt euch den Bettel nicht unter⸗ brechen—Die Beſtie iſt dem Hauptmann immer giftig geweſen, 136 und hat keine Narbe auf ihrer ganzen Haut— Noch einmal, gebt euch zufrieden— Hal uͤber den Racker— Von hinten her will er Maͤnner zu Schanden ſchmeißen? Maͤnner von hinten her!— Iſt uns darum der helle Schweiß uͤber die Backen gelaufen, daß wir aus der Welt ſchleichen wie elende Kerle? Beſtie du! Haben wir uns darum unter Feuer und Rauch ge⸗ bettet, daß wir zuletzt wie Ratten verrecken? Grimm. Aber zum Teufel— Camerad— was hattet ihr mit einander?— der Hauptmann wird raſend werden. Schweizer. Dafuͤr laſſ' mich ſorgen— Und du Heilloſer au Razmann), du warſt ſein Helfershelfer, du!— Pack' dich aus meinen Augen— der Schufterle hat's auch ſo gemacht, aber dafuͤr haͤngt er jetzt auch in der Schweiz, wie's ihm mein Haupt⸗ mann prophezeyt hat—(Man ſchießt.) Schwarz aufſpringend). Horch! ein Piſtolenſchuß! Man ſchießt wieder.) Noch einer! Holla! der Hauptmann! Grimm. Nur Geduld! Er muß zum dritten Male ſchießen. (Man doͤrt noch einen dritten Schuß.) Schwarz. Er iſt's!— iſt's— Salvir' dich, Schweizer— laßt uns ihm antworten!(Sie ſchießen.) Moor. Koſinsky treten auf. Schweizer ehnen entgegen). Sey willkommen, mein Haupt⸗ mann— Ich bin ein bißchen vorlaut geweſen, ſeit du weg biſt, (Er fuͤhrt ihn an die Leiche.) Sey du Richter zwiſchen mir und dieſem— von hinten hat er dich ermorden wollen. Nüuber(mit Beſtuͤrzung). Was? den Hauptmann?. Moor(in den Anblick verſunken, bricht heftig aus„'. O unbe⸗ greiflicher Finger der rachekundigen Nemeſis!— War's nicht dieſer, der mir das Sirenenlied trillerte?— Weihe dieſes Meſſer — — 137 der dunkeln Vergelterin!— Das haſt Du nicht gethan, Schweizer. Schweizer. Bei Gott! ich hab's wahrlich gethan, und es iſt beim Teufel nicht das Schlechteſte, was ich in meinem Leben gethan habe.(Geht unwillig ab.) Moor nachdenkend). Ich verſtehe— Lenker im Himmel— ich verſtehe— die Blaͤtter fallen von den Baͤumen— und mein Herbſt iſt kommen— Schafft mir dieſen aus den Augen!(Spiegel⸗ bergs Leiche wird hinweggetragen.) Grimm. Gib uns Ordre, Hauptmann— was ſollen wir weiter thun? Moor. Bald— bald iſt Alles erfuͤllt— Gebt mir meine Laute— Ich habe mich ſelbſt verloren, ſeit ich dort war— Meine Laute, ſag' ich— ich muß mich zuruͤcklullen in meine Kraft— Verlaßt mich! Rünber. Es iſt Mitternacht, Hauptmann. Moor. Doch waren's nur die Thraͤnen im Schauſpielhauſe — den Roͤmergeſang muß ich hoͤren, daß mein ſchlafender Genius wieder aufwacht— Meine Laute her— Mitternacht ſagt ihr? Schwarz. Wohl bald voruͤber. Wie Blei liegt der Schlaf in uns. Seit drei Tagen kein Auge zu. Moor. Sinkt denn der balſamiſche Schlaf auch auf die Augen der Schelme? Warum flieht er mich? Ich bin nie ein Feiger geweſen, oder ein ſchlechter Kerl— Legt euch ſchlafen— Morgen am Tage gehen wir weiter. Räuber. Gute Nacht, Hauptmann.(Sie lagern ſich auf der Erde und ſchlafen ein.) * 138 Tiefe Stille. Moor nimmt die Laute und ſpielt. 6 Brutus. Sey willkommen, friedliches Gefilde! i Nimm den letzten aller Römer auf! Von Philippi, wo die Mordſchlacht bruͤllte, Schleicht mein gramgebeugter Lauf. Caſſius, wo biſt du?— Rom verloren! Hingewuͤrgt mein bruͤderliches Heer! 9 Meine Zuflucht zu des Todes Thoren! Keine Welt fuͤr Brutus mehr! Saͤſarr. 3 Wer, mit Schritten eines Niebeſiegten, Wandert dort vom Felſenhang?— Ha! wenn meine Augen mir nicht luͤgten, Das iſt eines Roͤmers Gang.— Tiberſohn— von wannen deine Reiſe? Dauert noch die Siebenhuͤgelſtadt? Oft geweinet hab' ich um die Waiſe,. Daß ſie nimmer einen Caͤſar hat. Brutus. Ha! du mit der dreiundzwanzigfachen Wunde! Wer rief, Todter, dich ans Licht? Schaudre ruͤckwaͤrts zu des Orcus Schlunde, Stolzer Weiner! Triumphire nicht! 139 Auf Philippi's eiſernem Altare Raucht der Freiheit letztes Opferblut; Rom verroͤchelt uͤber Brutus' Bahre, Brutus geht zu Minos— Kreuch' in deine Fluth! Caàſar.. O ein Todesſtoß von Brutus Schwerte! Auch du— Brutus— du? Sohn— es war dein Vater— Sohn— die Erde Waͤr' gefallen dir als Erbe zu! Geh'— du biſt der groͤßte Roͤmer worden, Da in Vaters Bruſt dein Eiſen drang, Geh'— und heul' es bis zu jenen Pforten: Brutus iſt der groͤßte Roͤmer worden, Da in Vaters Bruſt ſein Eiſen drang. Geh’— du weißt nun, was an Lethe's Strande Mich noch bannte— Schwarzer Schiffer, ſtoß' vom Lande! 2 Berutus. Vater, halt!— Im ganzen Sonneneiche Hab' igh Einen nur gekannt, Nom verderben, kochte Caͤſar ſtehn; I V 140 Wer mir Buͤrge waͤre?—— es iſt Alles ſo finſter— verworrene Labprinthe— kein Ausgang— kein leitendes Geſtirn — wenn's aus waͤre mit dieſem letzten Odemzug— Aus, wie ein ſchales Marionettenſpiel— Aber wofur der heiße Hunger nach Gluͤckſeligkeit? Wofuͤr das Ideal einer unerreichten Vollkommenheit? Das Hinausſchieben unvollendeter Plane?— Wenn der armſelige Druck dieſes arm⸗ ſeligen Dings(die Piſiole vors Geſicht haltend) den Weiſen dem Thoren— den Feigen dem Tapfern— den Edlen dem Schel⸗ men gleich macht?— Es iſt doch eine ſo goͤttliche Harmonie in der ſeelenloſen Natur, warum ſollte dieſer Mißklang in der vernuͤnftigen ſeyn?— Nein! nein! es iſt etwas mehr, denn ich bin noch nicht gluͤcklich geweſen. Glaubt ihr, ich werde zittern, Geiſter meiner Erwuͤrgten! ich werde nicht zittern.(Seſtig zitternd.)— Euer banges Sterbe⸗ gewinſel— euer ſchwarzgewuͤrgtes Geſicht— eure fuͤrchterlich klaffenden Wunden ſind ja nur Glieder einer unzerbrechlichen Kette des Schickſals, und haͤngen zuletzt an meinen Feier⸗ abenden, an den Launen meiner Ammen und Hofmeiſter, am Temperament meines Vaters, am Blut meiner Mutter.— (Von Schauer geſchuͤttelt) Warum hat mein Perillus einen Ochſen aus mir gemacht, daß die Menſchheit in meinem gluͤhenden Buauche bratet? EEr ſetzt die Piſtole an.) Zeit und Ew igl an einander durch ein einzig Moment!— der das Gefaͤngniß des Lebens hinter mir it und vor mir aufriegelt die Behauſung der ewigen Nacht— ſage mir— o ſage mir— wohin— wo hin wirſt du mich führen?— Fremdes, nie umſegeltes Land!— Siehe, die Menſchheit erſchlafft unter dien em Bilde, die Spannkraft des Endlichen laͤßt nach, und die Thantäſt e, der muthwillige Affe der Sinne, gaukelt unſerer — gekettet ſer Schluͤſſel, n 1 141 Leichtglaͤubigkeit ſeltſame Schatten vor— Nein! nein! Ein Mann muß nicht ſtraucheln— Sey wie du willſt, namenloſes Jen⸗ feits— bleibt mir nur dieſes mein Selbſt getreu— Sey wie du willſt, wenn ich nur mich ſelbſt mit hinuͤbernehme— Außen⸗ dinge ſind nur der Anſtrich des Mannes— Ich bin mein Him⸗ mel und meine Hoͤlle.* Wenn du mir irgend einen eingeaͤſcherten Weltkreis allein ließeſt, den du aus deinen Augen verbannt haſt, wo die ein⸗ ſame Nacht und die ewige Wuͤſte meine Ausſichten ſind?— Ich wuͤrde dann die ſchweigende Oede mit meinen Phantaſien bevoͤlkern, und haͤtte die Ewigkeit zur Muße, das verworrene Bild des allgemeinen Elends zu zergliedern.— Oder willſt du mich durch immer neue Geburten und immer neue Schauplaͤtze des Elends von Stufe zu Stufe— zur Vernichtung— fuͤhren? Kann ich nicht die Lebensfaͤden, die mir jenſeits gewoben ſind, ſo leicht zerreißen, wie dieſen?— Du kannſt mich zu nichts machen— Dieſe Freiheit kannſt du mir nicht nehmen.(Er ladet die Piſtole. Plötzlich haͤlt er inne.) Und ſoll ich vor Furcht eines qualvollen Lebens ſterben?— Soll ich dem Elend den Sieg uͤber mich einraͤumen?— Nein, ich will's dulden.(Er wirft die Piſtole weg.) Die Qual erlahme an meinem Stolz! Ich will's vollenden. (Es wird immer finſterer.) Hermann, der durch den Wald kommt. Horch! horch! grauſig heult der Kauz— zwolf ſchlaͤgt's druͤben im Dorf— Wohl, wohl— das Bubenſtuͤck ſchlaͤft— in dieſer Wilde kein Lauſcher.(Tritt an das Schloß und pocht.) Komm heraus, Jammermann, Thurmbewohner!— Deine Mahlzeit iſt bereitet. 142 Moor(achte zurücktretend). Was ſoll das bedeuten? Eine Stimme daus dem Schloß). Wer pocht da? He? Biſt du's, Hermann, mein Rabe? Hermann. Bin's, Hermann, dein Rabe. Steig' herauf ans Gitter und iß. Eulen ſchreien.) Fuͤrcht erlich trillern deine Schlafcameraden, Alter— Dir ſchmeckt? Die Ftimme. Hungerte mich ſehr. Habe Dank, Ra⸗ benſender, fuͤrs Brod in der Wuͤſte!— Und wie geht's meinen lieben Kinde, Hermann? Hermann. Stille— Horch— Geraͤuſch wie von Schnar⸗ chenden! Hoͤrſt du nicht was? Stimme. Wie? Hoͤrſt du etwas? Hermann. Den ſeufzenden Windlaut durch die Ritzen des Thurms— eine Nachtmuſik, davon einem die Ina klappern und die Naͤgel blau werden— Horch, noch einmal— Immer iſt mir, als hoͤrt' ich ein Schnarchen.— Du haſt Geſellſchaft, Alter— Hul! hu! hu! Stimme. Siehſt du etwas?— Hermann. Leb' wohl— leb' wohl— Grauſig iſt dieſe Staͤtte— Steig' ab ins Loch— droben dein Helfer, dein Raͤcher— Verfluchter Sohn!— Will ehen.) Moor(mit Entſetzen hervortretend). Steh! Hernann iſchreiend). O mir! Moor. Steh, ſag' ich! Hermann. Weh! weh! weh! Nun iſt Alles verrathen! Moor. Steh! Rede! Wer biſt du? was haſt du hier zu thun? Rede! Hermann. Erbarmen, o Erbarmen, geſtrenger Herr!— Nur ein Wort hoͤret an, eh' Ihr mich umbringt. Moor(indem er den Degen zieht). Was werd' ich hoͤren? Hermann, Wohl habr Ihr mir's beim Leben verboten— * . 143 ich konnte nicht anders— durfte nicht anders— im Himmel ein Gott— Euer leiblicher Vater dort— mich jammerte ſein— Stecht mich nieder! Moor. Hier ſteckt ein Geheimniß— Heraus! Sprich! Ich will Alles wiſſen. Die Stimme(aus dem Schloß). Weh! weh! Biſt du's, Hermann, der da redet? Mit wem redeſt du, Hermann? „ Moor. Drunten noch Jemand— Was geht hier vor? „Cauft dem Thurme zu.) Iſt's ein Gefangener, den die Menſchen abſchuͤttelten?— Ich will ſeine Ketten löſen.— Stimme! noch einmal! wo iſt die Thuͤr? Hermann. O habt Barmherzigkeit, Herr— dringt nicht weiter, Herr— geht aus Erbarmen voruͤber!(Verrennt ihm den Weg.) Moor. Vierfach geſchloſſen! Weg da— Es muß heraus — Jetzt zum erſten Mal komm' mir zu Huͤlfe, Dieberei! (Er nimmt Brechinſtrumente und oͤffnet das Gitterthor. Aus dem Grunde ſteigt ein Alter, ausgemergelt wie ein Gerippe.) Der Alte. Erbarmen einem Elenden! Erbarmen! Moor ſpringt erſchrocken zuruͤck). Das iſt meines Vaters Stimme! D. a. Maor. Habe Dank, o Gott! Erſchienen iſt die Stunde der Erloͤſung. 3 Moor. Geiſt des alten Moors! was hat dich beunruhigt in deinem Grabe? Haſt du eine Suͤnde in jene Welt geſchleppt⸗ die dir den Eingang in die Pforten des Paradieſes verrammelt? Ich will Meſſen leſen laſſen, den irrenden Geiſt in ſeine Heimath zu ſenden. Haſt du das Gold der Wittwen und Waiſen unter die Erde vergraben, das dich zu dieſer mitternaͤchtlichen Stunde heulend herumtreibt? ich will den unterirdiſchen Schatz aus den Klauen des Zauberdrachen reißen, und wenn er tauſend rothe 144 Flammen auf mich ſpeit und ſeine ſpitzen Zaͤhne gegen meinen Degen bloͤckt,— oder kommſt du, auf meine Fragen die Naͤthſel 3 der Ewigkeit zu entfalten? Rede, rede! ich bin der Mann der bleichen Furcht nicht. D. a. Moor. Ich bin kein Geiſt. Taſte mich an, ich lebe, o ein elendes, erbaͤrmliches Leben! Moor. Was? Du biſt nicht begraben worden?— D. a. Moor. Ich bin begraben worden— das heißt: ein todter Hund liegt in meiner Vaͤter Gruft; und ich— drei volle Monde ſchmacht' ich ſchon in dieſem finſtern unterirdiſchen Gewoͤlbe, von keinem Strahle beſchienen, von keinem warmen Luͤftchen angeweht, von keinem Freunde beſucht, wo wilde Ra⸗ 5 ben kraͤchzen und mitternaͤchtliche Uhus heulen.— Moor. Himmel und Erde! Wer hat das gethan? D. a. Moor. Verfluch' ihn nicht!— Das hat mein Sohn Franz gethan. Mogr. Franz? Franz?— O ewiges Chaos! D. a. Moor. Wenn du ein Menſch biſt und ein menſch⸗ liches Herz haſt, Erloͤſer, den ich nicht kenne, o ſo hoͤre den Jammer eines Vaters, den ihm ſeine Soͤhne bereitet haben drei Monde ſchon hab' ich's tauben Felſenwaͤnden zugewinſelt, aber ein hohler Widerhall aͤffte meine Klagen nur nach. Darum, wenn du ein Menſch biſt und ein menſchliches Herz haſt— Moor. Dieſe Aufforderung koͤnnte die wilden Beſtien aus ihren Loͤchern hervorrufen. D. a. Moor. Ich lag eben auf dem Siechbett, hatte kaum angefangen, nach einer ſchweren Krankheit etwas Kraͤfte zu ſam⸗ meln, ſo fuͤhrte man einen Mann zu mir, der vorgab, mein Erſtgeborner ſey geſtorben in der Schlacht, und mit ſich brachte 1 ein Schwert, gefaͤrbt mit ſeinem Blut, und ſein letztes Lebe⸗ —— 145 wohl, und daß ihn mein Fluch gejagt haͤtte in Kampf und Tod und Verzweiflung. Moor(heftig von ihm abgewandt). Es iſt offenbar! D. a. Moor. Hoͤre weiter! ich ward ohnmaͤchtig bei der Botſchaft. Man muß mich fuͤr todt gehalten haben, denn als ich wieder zu mir ſelber kam, lag ich ſchon in der Bahre, und ins Leichentuch gewickelt wie ein Todter. Ich kratzte an dem Deckel der Bahre. Er ward aufgethan. Es war finſtere Nacht, mein Sohn Franz ſtand vor mir.— Was! rief er mit ent⸗ ſetzlicher Stimme, willſt du denn ewig leben?— und gleich flog der Sargdeckel wieder zu. Der Donner dieſer Worte hatte mich meiner Sinne beraubt; als ich wieder erwachte, fuͤhlt' ich den Sarg erhoben und fortgefuͤhrt in einem Wagen eine halbe Stunde lang. Endlich ward er geoͤffnet— ich ſtand am Ein⸗ gange dieſes Gewoͤlbes, mein Sohn vor mir, und der Mann, der mir das blutige Schwert von Karl gebracht hatte— zehnmal umfaßt' ich ſeine Kniee, und bat und flehte, und umfaßte ſie und beſchwur— das Flehen ſeines Vaters reichte nicht an ſein Herz— Hinab mit dem Balg! donnerte es von ſeinem Munde, er hat genug gelebt,— und hinab ward ich geſtoßen ohne Er⸗ barmen, und mein Sohn Franz ſchloß hinter mir zu. Mogr. Es iſt nicht moͤglich, nicht moͤglich! Ihr muͤßt Euch geirrt haben! D. a Moar. Ich kann mich geirrt haben. Hore weiter, aber zuͤrne doch nicht! So lag ich zwanzig Stunden, und kein Menſch gedachte meiner Noth. Auch hat keines Menſchen Fuß⸗ tritt je dieſe Einoͤde betreten, denn die allgemeine Sage geht, daß die Geſpenſter meiner Vaͤter in dieſen Ruinen raſſelnde Ketten ſchleifen und in mitternaͤchtlicher Stunde ihr Todtenlied raunen. Endlich hoͤrte ich die Thuͤre wieder aufgehen; dieſer Mann brachte mir Brod und Waſſer, und entdeckte mir, wie Schlllers ſämmtl, Werke. II. 49 ich zum Tode des Hungers verurtheilt geweſen, und wie er ſein Leben in Gefahr ſetze, wenn es herauskaͤme, daß er mich ſpeiſe. So ward ich kuͤmmerlich erhalten dieſe lange Zeit, aber der unaufhoͤrliche Froſt— die faule Luft meines Unraths,— der graͤnzenloſe Kummer— meine Kraͤfte wichen, mein Leib ſchwand; tauſendmal bat ich Gott mit Thraͤnen um den Tod, aber das Maß meiner Strafe muß noch nicht gefuͤllt ſeyn— oder muß noch irgend eine Freude meiner warten, daß ich ſo wunderbarlich erhalten bin. Aber ich leide gerecht— mein Karl! mein Karl!— und er hatte noch keine grauen Haare. Moor. Es iſt genug. AufW! ihr Kloͤtze, ihr Eisklumpen! ihr traͤgen, fuͤhlloſen Schlaͤfer! auf! Will keiner erwachen? (Er thut einen Piſtolenſchuß uͤber die ſchlafenden Raͤuber.) Die Räuber(aufgejagt). He, holla! holla! was gibt's da? Moor. Hat euch die Geſchichte nicht aus dem Schlummer geruͤttelt? der ewige Schlaf wuͤrde wach worden ſeyn! Schaut her! ſchaut her! die Geſetze der Welt ſind Wuͤrfelſpiel worden, das Band der Natur iſt entzwei, die alte Zwietracht iſt los, der Sohn hat ſeinen Vater erſchlagen. Die Uäuber. Was ſagt der Hauptmann? Moor. Nein, nicht erſchlagen! das Wort iſt Beſchoͤnigung! — der Sohn hat den Vater tauſendmal geraͤdert, geſpießt, ge⸗ foltert, geſchunden! die Worte ſind mir zu menſchlich— woruͤber die Suͤnde roth wird, woruͤber der Kannibale ſchaudert, worauf ſeit Aeonen kein Teufel gekommen iſt,— der Sohn hat ſeinen eigenen Vater—o ſeht her,— ſeht her! er iſt in Ohnmacht geſunken,— in dieſes Gewoͤlbe hat der Sohn ſeinen Vater— Froſt, Bloͤße,— Hunger,— Durſt—o ſeht doch, ſeht doch!— esiſt mein eigener Vater, ich will's nur geſtehn. Die Rünber(ſpringen herbei und umringen den Alten). Dein Vater? dein Vater? 147 Schweizer ttritt ehrerbietig naͤher, faͤllt vor ihm nieder). Vater meines Hauptmanns! Ich kuͤſſe dir die Fuͤße! du haſt uͤber meinen Dolch zu befehlen. Moor. Rache, Nache, Rache dir, grimmig beleidigter, ent⸗ heiligter Greis! So zerreiß' ich von nun an auf ewig das bruͤ⸗ derliche Band.(Er zerreißt ſein Kleid von oben an bis unten.) So verfluch' ich jeden Tropfen bruͤderlichen Bluts im Antlitz des of⸗ fenen Himmels! Hoͤret mich, Mond und Geſtirne! Hoͤre mich, mitternaͤchtlicher Himmel, der du auf die Schandthat herunter⸗ blickteſt! Hoͤre mich, dreimal ſchrecklicher Gott, der da oben uͤber dem Monde waltet, und raͤcht und verdammt uͤber den Sternen, und feuerflammt uͤber der Nacht! Hier knie' ich— hier ſtreck' ich empor die drei Finger in die Schauer der Nacht — hier ſchwoͤr' ich, und ſo ſpeie die Natur mich aus ihren Graͤnzen wie eine boͤsartige Beſtie aus, wenn ich dieſen Schwur verletze, ſchwoͤr' ich, das Licht des Tages nicht mehr zu gruͤßen, bis des Vater⸗Moͤrders Blut, vor dieſem Stein verſchuͤttet, gegen die Sonne dampft. EEr ſieht auf.) Die Räuber. Es iſt ein Belials⸗Streich! Sag' einer, wir ſeyen Schelme! Nein, bei allen Drachen! ſo bunt haben wir's nie gemacht! Moor. Ja! und bei allen ſchrecklichen Seufzern derer, die jemals durch eure Dolche ſtarben, derer, die meine Flamme fraß und mein fallender Thurm zermalmte, eh' ſoll kein Gedanke von Mord oder Raub Platz finden in eurer Bruſt, bis euer aller Kleider von des Verruchten Blute ſcharlachroth gezeichnet ſind— Das hat euch wohl niemals getraͤumt, daß ihr der Arm hoͤherer Majeſtaͤten ſeyd? Der verworrene Knaͤuel unſeres Schick⸗ ſals iſt aufgeloͤst! Heute, heute hat eine unſichtbare Macht unſer Handwerk geadelt! Betet an vor dem, der euch dieß er⸗ habene Loos geſprochen, der euch hieher gefuͤhrt, der euch ge⸗ 148 wuͤrdiget hat, die ſchrecklichen Engel ſeines finſtern Gerichts zu ſeyn! Entbloͤßet eure Haͤupter! Knieet hin in den Staub und ſteht geheiligt auf!(Sie knieen.) Schweizer. Gebeut, Hauptmann! was ſollen wir thun? Moor. Steh' auf, Schweizer! und ruͤhre dieſe heiligen Locken an!(Er fuͤhrt ihn zu ſeinem Vater und gibt ihm eine Locke in die Hand). Du weißt noch, wie du einsmals jenem boͤhmiſchen Reiter den Kopf ſpalteteſt, da er eben den Saͤbel uͤber mich zuckte, und ich athemlos und erſchoͤpft von der Arbeit in die Kniee geſunken war? dazumal verhieß ich dir eine Belohnung, die koͤniglich waͤre; ich konnte dieſe Schuld bisher niemals bezahlen.— Schweizer. Das ſchwurſt du mir, es iſt wahr, aber laſſ' mich dich ewig meinen Schuldner nennen! Moor. Nein, jetzt will ich bezahlen! Schweizer, ſo iſt noch kein Sterblicher geehrt worden, wie du!— raͤche meinen Vater!(Schweizer ſteht auf.) Schweizer. Großer Hauptmann! heute haſt du mich zum erſten Mal ſtolz gemacht!— Gebeut, wo, wie, wann ſoll ich ihn ſchlagen? Moor. Die Minuten ſind geweiht, du mußt eilends gehn — Lies dir die Wuͤrdigſten aus der Bande und fuͤhre ſie gerade nach des Edelmanns Schloß! Zerr' ihn aus dem Bette, wenn er ſchlaͤft oder in den Armen der Wolluſt liegt, ſchlepp⸗ ihn vom Mahle weg, wenn er beſoffen iſt, reiß' ihn vom Crucifir, wenn er betend vor ihm auf den Knieen liegt! Aber ich ſage dir, ich ſchaͤrf' es dir hart ein, liefr' ihn mir nicht todt! Deſſen Fkeiſch will ich in Stuͤcke reißen und hungrigen Geyern zur Speiſe geben, der ihm nur die Haut ritzt oder ein Haar krümmt! Ganz muß ich ihn haben, und wenn du ihn ganz und lebendig bringſt, ſo ſollſt du eine Million zur 149 Belohnung haben, ich will ſie einem Koͤnige mit Gefahr mei⸗ nes Lebens ſtehlen, und du ſollſt frei ausgehen wie die weite Luft— Haſt du mich verſtanden, ſo eile davon! Schweizer. Genug, Hauptmann— hier haſt du meine Hand darauf: entweder du ſiehſt Zwei zuruͤckkommen, oder gar Keinen. Schweizers Wuͤrgengel, kommt!(Ab mit einem Geſchwader.) Mogr. Ihr Uebrigen zerſtreut euch im Walde— Ich bleibe. Fünfter AXk:. Erſte Scene. Ausſicht von vielen Zimmern. Finſtere Nacht. Daniel kommt mit einer Laterne und einem Reiſebuͤndel. Lebe wohl, theures Mutterhaus— Hab' ſo manch Gut's und Lieb's in dir genoſſen, da der Herr ſeliger noch lebte— Thraͤnen auf deine Gebeine, du lange Verfaulter, da verlangt er von einem alten Knecht— es war das Obdach der Waiſen und der Port der Verlaſſenen, und dieſer Sohn hat's gemacht zur Moͤrdergrube— Lebe wohl, du guter Boden lwie oft hat der alte Daniel dich abgefegt— Lebe wohl, du lieber Ofen, der alte Daniel nimmt ſchweren Abſchied von dir— es war dir Alles ſo vertraut worden— wird dir weh thun, alter Elieſer — aber Gott bewahre mich in Gnaden vor Trug und Liſt des Argen— Leer kam ich hieher— leer zieh' ich wieder hin— aber meine Seele iſt gerettet.(Wie er gehen will, kommt) * Franz im Schlafrock hereingeſtuͤrzt. terne aus.) Daniel. Gott ſteh' mir bei! mein verf Soͤſcht die La⸗ — 151 Franz. Verrathen! Verrathen! Geiſter ausgeſpieen aus Graͤbern— Losgeruͤttelt das Todtenreich aus dem ewigen Schlaf, bruͤllt wider mich: Moͤrder! Moͤrder!— Wer regt ſich da? Daniel dangſtlich.. Hilf, heilige Mutter Gottes! ſeyd Ihr's, geſtrenger Herr, der ſo graͤßlich durch die Gewoͤlbe ſchreit, daß alle Schlaͤfer auffahren? Franz. Schlaͤfer? Wer heißt euch ſchlafen? Fort, zuͤnde Licht an!(Daniel ab, es kommt ein anderer Bedienter.) Es ſoll Niemand ſchlafen in dieſer Stunde. Hoͤrſt du, Alles ſoll auf ſeyn— in Waffen— alle Gewehre geladen— Sahſt du ſie dort den Bogengang hinſchweben? Bedienter. Wen, gnaͤdiger Herr? Franz. Wen, Dummkopf, wen? So kalt, ſo leer fragſt du, wen? hat mich's doch angepackt wie der Schwindel! wen, Eſelskopf! wen? Geiſter und Teufel! wie weit iſt's in der Nacht? Bedienter. Eben jetzt ruft der Nachtwaͤchter Zwei an. Franz. Was? will dieſe Nacht waͤhren bis an den juͤng⸗ ſten Tag? Hoͤrteſt du keinen Tumult in der Naͤhe? kein Sie⸗ gesgeſchrei? kein Geraͤuſch galoppirender Pferde? Wo iſt Kar — der Graf, will ich ſagen? Bedienter. Ich weiß nicht, mein Gebieter! Franz. Du weißt's nicht? Du biſt auch unter der Rotte? Ich will dir das Herz aus den Rippen ſtampfen! mit deinem verfluchten: ich weiß nicht! Fort, hole den Paſtor! Bedienter. Gnaͤdiger Herr! Franz. Murrſt du? zoͤgerſt du?(Erſter Bedienter eilend ab.) Was? auch Bettler wider mich verſchworen? Himmel, Hoͤlle! Alles wider mich verſchworen? 1 Daniel dkommt mit dem Lichte). Mein Gebieter— 152 Franz. Nein! ich zittre nicht! Es war lediglich ein Traum. Die Todten ſtehen noch nicht auf— wer ſagt, daß ich zittre oder bleich bin? Es iſt mir ja ſo leicht, ſo wohl Daniel. Ihr ſeyd todtenbleich, Eure Stimme iſt bang und lallet. Franz. Ich habe das Fieber. Sag' du nur, wenn der Paſtor kommt, ich habe das Fieber. Ich will morgen zur Ader laſſen, ſage dem Paſtor. Daniel. Befehlt Ihr, daß ich Euch Lebensbalſam auf Zucker troͤpfle? Franz. Troͤpfle mir auf Zucker! der Paſtor wird nicht ſogleich da ſeyn. Meine Stimme iſt bang und lallet, gib Lebensbalſam auf Zucker! Daniel. Gebt mir erſt die Schluͤſſel, ich will drunten holen im Schrank— 4 Franz. Nein, nein, nein! Bleib'! oder ich will mit dir gehn. Du ſiehſt, ich kann nicht allein ſeyn! wie leicht koͤnnt' ich, du ſiehſt ja— ohnmaͤchtig— wenn ich allein bin. Laſſ nur, laſſ' nur! Es wird voruͤbergehen, du bleibſt. Lanie S. Ihr ſeyd ernſtlich krank. Franz. Ja freilich, freilich! das iſt Alles.— Und Krank⸗ heit verſtoͤret das Gehirn, und bruͤtet tolle und wunderliche Traͤume aus.— Traͤume bedeuten nichts— Nicht wahr, Daniel? Traͤume kommen ja aus dem Bauche, und Traͤume bedeuten nichts— ich hatte ſo eben einen luſtigen Traum. (Er ſinkt ohnmaͤchtig nieder.) Daniel. Jeſus Chriſtus! was iſt das? Georg! Conrad! Baſtian! Martin! ſo gebt doch nur eine Urkund' von euch! (Ruttelt ihn.) Maria, Magdalena und Joſeph! ſo nehmt doch nur Vernunft an! So wird's heißen, ich habe ihn todt ge⸗ macht! Gott erbarme ſich meiner! — — 153 Franz(verwirrt. Weg— wegl was ruͤttelſt du mich ſo⸗ ſcheußliches Todtengerippe?— die Todten ſtehen noch nicht auf— Daniel. O du ewige Gute! Er hat den Verſtand ver⸗ loren. Franz crichtet ſich matt auf). Wo bin ich?— du, Daniel? was hab' ich geſagt? merke nicht drauf! ich habe eine Luͤge geſagt, es ſey, was es wolle— komm'! hilf mir auf! es iſt nur ein Anſtoß von Schwindel— weil ich— weil ich— nicht ausgeſchlafen habe. 3 Daniel. Waͤre nur der Johann da. ich will Huͤlfe rufen, ich will nach Aerzten rufen. Franz. Bleibi! ſetz' dich neben mich auf dieſen Sopha! — ſo— du biſt ein geſcheidter Mann, ein guter Mann. Laſſ' dir erzaͤhlen. Daniel. Jetzt nicht, ein andermal! Ich will Euch zu Bette bringen, Ruhe iſt Euch beſſer. Franz. Nein, ich bitte dich, laſſ' dir erzaͤhlen, und lache mich derb aus!— Siehe, mir daͤuchte, ich haͤtte ein koͤniglich Mahl gehalten, und mein Herz waͤre guter Dinge, und ich laͤge berauſcht im Raſen des Schloßgartens, und ploͤtzlich— es war zur Stunde des Mittags— ploͤzlich, aber ich ſage dir, lache mich derb aus! Daniel. Ploͤtzlich? Franz. Plöͤtzlich traf ein ungeheurer Donner mein ſchlum⸗ merndes Ohr; ich taumelte bebend auf, und ſiehe, da war mir's, als ſehe ich aufflammen den ganzen Horizont in feuriger Lohe, und Berge und Staͤdte und Waͤlder wie Wachs im Ofen zerſchmolzen, und eine heulende Windsbraut fegte von hinnen Meer, Himmel und Erde— da erſcholl's wie aus ehernen Poſaunen: Erde, gib deine Todten, gib deine Todten, Meer! 154 und das nackte Gefilde begann zu kreißen, und aufzuwerfen Schaͤdel und Rippen und Kinnbacken und Beine, die ſich zu⸗ ſammenzogen in menſchliche Leiber und daherſtroͤmten un⸗ uͤberſehlich, ein lebendiger Sturm. Damals ſah ich aufwaͤrts, und ſiehe, ich ſtand am Fuß des donnernden Sina, und uber mir Gewimmel und unter mir, und oben auf der Hoͤhe des Berges auf drei rauchenden Stuͤhlen drei Maͤnner, vor deren Blick floh die Creatur— Daniel. Das iſt ja das leibhaftige Conterfei vom juͤngſten Tage. Franz. Nicht wahr, das iſt tolles Gezeuge? Da trat hervor Einer, anzuſehen wie die Sternennacht, der hatte in ſeiner Hand einen eiſernen Siegelring, den hielt er zwiſchen Aufgang und Niedergang, und ſprach: Ewig heilig, gerecht, unverfaͤlſchhar! Es iſt nur eine Wahrheit, es iſt nur eine Tugend! Wehe, wehe, wehe dem zweifelnden Wurme!— Da trat hervor ein Zweiter, der hatte in ſeiner Hand einen blitzenden Spiegel, den hielt er zwiſchen Aufgang und Nieder⸗ gang und ſprach: dieſer Spiegel iſt Wahrheit; Heuchelei und Larven beſtehen nicht— da erſchrack ich und alles Volk, denn wir ſahen Schlangen⸗ und Tiger⸗ und Leoparden⸗Geſichter zuruͤckgeworfen aus dem entſetzlichen Spiegel.— Da trat her⸗ vor ein Dritter, der hatte in ſeiner Hand eine eherne Wage, die hielt er zwiſchen Aufgang und Niedergang, und ſprach: tretet herzu, ihr Kinder von Adam— ich waͤge die Gedanken in der Schale meines Zornes, und die Werke mit dem Gewichte meines Grimms!— Daniel. Gott erbarme ſich meiner! Franz. Schneebleich ſtanden Alle, angſtlich klopfte die Erwartung in jeglicher Bruſt. Da war mir's, als hoͤrte ich meinen Namen zuerſt genannt aus den Wettern des Berges, — 155 und mein innerſtes Mark gefror in mir, und meine Zaͤhne klapperten laut. Schnell begann die Wage zu klingen, zu donnern der Fels, und die Stunden zogen voruͤber, eine nach der andern an der links hangenden Schale, und eine nach der andern warf eine Todſunde hinein— Daniel. O, Gott vergeb' Euch! Franz. Das that er nicht!— Die Schale wuchs zu einem Gebirge, aber die andere, voll vom Blute der Ver⸗ ſoͤhnung, hielt ſie noch immer hoch in den Luͤften— zuletzt kam ein alter Mann, ſchwer gebeugt von Gram, angebiſſen den Arm von wuͤthendem Hunger, Aller Augen wandten ſich ſcheu von dem Manne, ich kannte den Mann, er ſchnitt eine Locke von ſeinem ſilbernen Haupthaar, warf ſie hinein in die Schale der Suͤnden, und ſiehe, ſie ſank, ſank ploͤtzlich zum Abgrund, und die Schale der Verſohnung flatterte hoch auf!— Da hoͤrte ich eine Stimme ſchallen aus dem Rauche des Felſen: Gnade, Gnade jedem Suͤnder der Erde und des Abgrunds! du allein biſt verworfen!(Tieſe Pauſe.) Nun, warum lachſt du nicht? Daniel. Kann ich lachen, wenn mir die Haut ſchaudert? Traͤume kommen von Gott. Franz. Pfui doch, pfui doch! ſage das nicht! Heiß mich einen Narren, einen aberwitzigen, abgeſchmackten Narren! Thu' das, lieber Daniel, ich bitte dich darum, ſpotte mich ruͤchtig aus! Daniel. Traͤume kommen von Gott. Ich will fuͤr Euch beten. Franz. Du luͤgſt, ſag' ich— geh' den Augenblick, lauf', ſpring', ſieh, wo der Paſtor bleibt, heiß' ihn eilen, eilen, aber ich ſage dir, du luͤgſt. Daniel dim Abgehen). Gott ſey Euch gnaͤdig! 156 Franz. Poͤbel⸗Weisheit, Poͤbel⸗Furcht!— Es iſt ja noch nicht ausgemacht, ob das Vergangene nicht vergangen iſt, oder ein Auge findet uͤber den Sternen— Hum, hum! wer raunte mir das ein? Raͤchet denn droben uͤber den Sternen einer?— Nein, nein! Ja, ja! Furchterlich ziſchelt's um mich: richtet droben einer uͤber den Sternen! Entgegen gehen dem Raͤcher uͤber den Sternen dieſe Nacht noch! Nein, ſag' ich.— Elen⸗ der Schlupfwinkel, hinter den ſich deine Feigheit verſtecken will — oͤd', einſam, taub iſt's droben uͤber den Sternen— Wenn's aber doch etwas mehr waͤre? Nein, nein, es iſt nicht! Ich befehle, es iſt nicht! Wenn's aber doch waͤre? Wehe dir, wenn's nachgezaͤhlt worden waͤre! wenn's dir vorgezaͤhlt wuͤrde dieſe Nacht noch!— Warum ſchaudert mir ſo durch die Knochen?— Sterben! warum packt mich das Wort ſo 2 Rechenſchaft geben dem Raͤcher droben uͤber den Sternen— und wenn er gerecht iſt, Waiſen und Wittwen, Unterdruͤckte, Geplagte heulen zu ihm auf, und wenn er gerecht iſt?— warum haben ſie gelitten, warum haſt du uͤber ſie triumphirt? A Paſtor Moſer tritt auf. Moſer. Ihr ließt mich holen, gnaͤdiger Hery! Ich er⸗ ſtaune. Das erſte Mal in meinem Leben! Habt Ihr im Sinne, uͤber die Religion zu ſpotten, oder fangt Ihr an, vor ihr zu zittern. 4 Franz. Spotten oder zittern, je nachdem du mir ant⸗ worteſt.— Hoͤre, Moſer, ich will dir zeigen, daß du ein Narr biſt, oder die Welt fuͤr'n Narren halten willſt, und du 157 ſollſt mir antworten! Hoͤrſt du? Auf dein Leben ſollſt du mir antworten. Moſer. Ihr fordert einen Hoͤhern vor Euren Richter⸗ ſtuhl. Der Hoͤhere wird Euch dermaleinſt antworten. Franz. Jetzt will ich's wiſſen, jetzt, dieſen Augenblick, damit ich nicht die ſchaͤndliche Thorheit begehe und im Drange der Noth den Goͤtzen des Poͤbels anrufe. Ich hab's dir oft mit Hohnlachen bei Burgunder zugeſoffen: Es iſt kein Gott!— Jetzt red' ich im Ernſte mit dir, ich ſage dir: es iſt keiner! Du ſollſt mich mit allen Waffen widerlegen, die du in deiner Gewalt haſt, aber ich blaſe ſie weg mit dem Hauch meines Mundes. Moſer. Wenn du anch eben ſo leicht den Donner weg⸗ blaſen koͤnnteſt, der mit zehntauſendfachem Centner⸗Gewicht auf deine ſtolze Seele fallen wird! Dieſer allwiſſende Gott, den du Thor und Boͤſewicht mitten aus ſeiner Schoͤpfung zernichteſt, braucht ſich nicht durch den Mund des Staubes zu rechtfertigen. Er iſt eben ſo groß in deinen Tyranneien, als irgend in einem Laͤcheln der ſiegenden Tugend. Franz. Ungemein gut, Pfaffe! So gefaͤllſt du mir. Ko ſer. Ich ſtehe hier in den Angelegenheiten eines groͤßern Herrn, und rede mit einem, der Wurm iſt, wie ich, dem ich nicht gefallen will. Freilich muͤßt' ich Wunder thun koͤnnen, wenn ich deiner halsſtarrigen Bosheit das Geſtaͤndniß abzwin⸗ gen koͤnnte;— aber wenn deine Ueberzeugung ſo feſt iſt, warum ließeſt du mich rufen? Sage mir doch, warum ließeſt du mich in der Mitternacht rufen? Franz. Weil ich lange Weile habe und eben am Schach⸗ brett keinen Geſchmack finde. Ich will mir einen Spaß machen, mich mit Pfaffen herumzubeißen. Mit dem leeren Schrecken wirſt du meinen Muth nicht entmannen, Ich weiß wohl, daß 158 derjenige auf Ewigkeit hofft, der hier zu kurz gekommen iſt; aber er wird garſtig betrogen. Ich hab's immer geleſen, daß unſer Weſen nichts iſt, als Sprung des Gebluͤts, und mit dem letzten Blutstropfen zerrinnt auch Geiſt und Gedanke. Er macht alle Schwachheiten des Koͤrpers mit, wird er nicht auch aufhoͤren bei ſeiner Zerſtoͤrung? nicht bei ſeiner Faͤulung ver⸗ dampfen? Laſſ' einen Waſſertropfeni in deinem Gehirne verirren, und dein Leben macht eine ploͤtzliche Pauſe, die zunaͤchſt an das Nichtſeyn graͤnzt, und ihre Fortdauer iſt der Tod. Empfin⸗ dung iſt Schwingung einiger Saiten, und das zerſchlagene Clavier toͤnet nicht mehr. Wenn ich meine ſieben Schloͤſſer ſchleifen laſſe, wenn ich dieſe Venus zerſchlage, ſo iſt's Symme⸗ trie und Schoͤnheit geweſen. Siehe dal das iſt eure unſterb⸗ liche Seele! Moſer. Das iſt die Philoſophie Eurer Verzweiflung. Aber Euer eignes Herz, das bei dieſen Beweiſen aͤngſtlich bebend wider Eure Rippen ſchlaͤgt, ſtraft Euch Luͤgen. Dieſe Spinn⸗ weben von Syſtemen zerreißt das einzige Wort: du mußt ſterben!— Ich fordere Euch auf, das ſoll die Probe ſeyn, wenn Ihr im Tode annoch feſt ſteht, wenn Euch Eure Grund⸗ ſaͤtze auch da nicht im Stiche laſſen, ſo ſollt Ihr gewonnen haben; wenn Euch im Tode nur der mindeſte Schauer an⸗ wandelt, wehe Euch dann! Ihr habt Euch betrogen. Franz(verwirrty. Wenn mich im Tode ein Schauer anwandelt? Maſer. Ich habe wohl mehr ſolche Elende geſehen, die bis hieher der Wahrheit Rieſentrotz boten; aber im Tode ſelbſt flattert die Taͤuſchung dahin. Ich will an Eurem Bette ſtehn, wenn Ihr ſterbet— ich moͤchte ſo gar gern einen Tyrannen ſehen dahinfahren— ich will dabei ſtehn und Euch ſtarr ins Auge faſſen, wenn der Arzt Eure kalte naſſe Hand ergreift und 6- — 159 den verloren ſchleichenden Puls kaum mehr finden kann, und aufſchaut und mit jenem ſchrecklichen Achſelzucken zu Euch ſpricht: menſchliche Huͤlfe iſt umſonſt! Huͤtet Euch dann, o huͤ⸗ tet Euch ja, daß Ihr da ausſeht wie Richard und Nero! Franz. Nein, nein! Moſer. Auch dieſes Nein wird dann zu einem heulenden Ja— Ein inneres Tribunal, das Ihr nimmermehr durch ſkeptiſche Gruͤbeleien beſtechen koͤnnt, wird jetzt erwachen und Gericht uͤber Euch halten. Aber es wird ein Erwachen ſeyn, wie des Lebendig⸗Begrabenen im Bauche des Kirchhofs; es wird ein Unwille ſeyn, wie des Selbſtmoͤrders, wenn er den toͤdtlichen Streich ſchon gethan hat und bereut; es wird ein Blitz ſeyn, der die Mitternacht Eures Lebens zumal uͤberflammt; es wird ein Blick ſeyn, und wenn Ihr da noch feſtſteht, ſo ſollt Ihr gewonnen haben! Franz unruhig im Zimmer auf⸗ und abgehend). Pfaffenge⸗ waͤſche, Pfaffengewaͤſche! Moſer. Jetzt zum erſtenmal werden die Schwerter einer Ewigkeit durch Eure Seele ſchneiden, und jetzt zum erſtenmal zu ſpaͤt.— Der Gedanke Gott weckt einen furchterlichen Nachbar auf, ſein Name heißt Richter. Sehet, Moor, Ihr habt das Leben von Tauſenden an der Spitze Eures Fingers, und von dieſen Tauſenden habt Ihr neunhun dert neun und neunzig elend gemacht. Euch fehlt zu einem Nero nur das roͤmiſche Reich, und nur Peru zu einem Pizarro. Nun, glaubt Ihr wohl, Gott werde es zugeben, daß ein einziger Menſch in ſeiner Welt wie ein Wuͤthrich hauſe und das Oberſte zu unterſt kehre? Glaubt Ihr wohl, dieſe neunhundert neun und neunzig ſeven nur zum Verderben, nur zu Puppen Eures ſataniſchen Spieles da? O glaubt das nicht! Er wird jede Minute, die Ihr ihnen getoͤdtet, jede Freude, die Ihr ihnen vergiftet, jede 160 Vollkommenheit, die Ihr ihnen verſperrt habt, von Euch for⸗ dern dereinſt, und wenn Ihr darauf antwortet, Moor, ſo ſollt Ihr gewonnen haben. Franz. Nichts mehr, kein Wort mehr! Willſt du, daß ich deinen ſchwarzlebrigen Grillen zu Gebote ſtehe? Moſer. Sehet zu, das Schickſal der Menſchen ſteht unter ſich in fuͤrchterlich ſchoͤnem Gleichgewicht. Die Wagſchale dieſes Lebens ſinkend, wird hochſteigen in jenem, ſteigend in dieſem, wird in jenem zu Boden fallen. Aber was hier zeitliches Lei⸗ den war, wird dort ewiger Triumph; was hier endlicher Triumph war, wird dort ewige unendliche Verzweiflung. Franz(wild auf ihn losgehend). Daß dich der Donner ſtumm mache, Luͤgengeiſt du! Ich will dir die verfluchte Zunge aus dem Munde reißen! Moſer. Fuhlt Ihr die Laſt der Wahrheit ſo fruͤh? Ich habe ja noch nichts von Beweiſen geſagt. Laßt mich nur erſt u den Beweiſen— Franz. Schweig', geh' in die Hölle mit deinen Bewei⸗ ſen! Zernichtet wird die Seele, ſag' ich dir, und ſollſt mir nicht darauf antworten! Moſer. Darum winſeln auch die Geiſter des Abgrunds, aber der im Himmel ſchuͤttelt das Haupt. Meint Ihr dem Arm des Vergelters im oͤden Reich des Nichts zu entlaufen? Und fuͤhret Ihr gen Himmel, ſo iſt er da! und bettetet Ihr Euch in der Hoͤlle, ſo iſt er wieder da! und ſpraͤchet Ihr zu der Nacht: verhüͤlle mich! und zu der Finſterniß: birg mich! ſo muß die Finſterniß leuchten um Euch, und um den Ver⸗ dammten die Mitternacht tagen aber Euer unſterblicher Geiſt ſtraͤubt ſich unter dem Wort und ſiegt uͤber den blinden Ge⸗ Hanken. —,— — — 161 Franz. Ich will aber nicht unſterblich ſeyn— ſey es, wer da will, ich will's nicht hindern. Ich will ihn zwingen, daß er mich zernichte, ich will ihn zur Wuth reizen, daß er mich in der Wuth zernichte. Sage mir, was iſt die groͤßte Suͤnde und die ihn am grimmigſten aufbringt? Moſer. Ich kenne nur zwei. Aber ſie werden nicht von Menſchen begangen, auch ahnen ſie Men ſchen nicht. Franz. Dieſe zwei?— Moſer(ſehr bedeutend'. Vatermord heißt die eine, Brudermord die andere— Was macht Euch auf einmal ſo bleich? Franz. Was, Alter? Stehſt du mit dem Himmel oder mit der Hoͤlle im Buͤndniß? Wer hat dir das geſagt? Mmoſer. Wehe dem, der ſie beide auf dem Herzen hat! Ihm waͤre beſſer, daß er nie geboren waͤre! Aber ſeyd ruhig! Ihr habt weder Vater noch Bruder mehr! frauz. Ha!— was, du kennſt keine druͤber? Beſinne dich nochmals— Tod, Himmel, Ewigkeit, Verdammniß ſchwebt auf dem Laut deines Mundes— keine einzige druͤber? Moſer. Keine einzige druͤber. Franz ſſaͤllt in einen Stuhh). Zernichtung! Zernichtung! Moſer. Freut Euch, freut Euch doch! preist Euch doch gluͤclich!— Bei allen Euern Graͤueln ſeyd Ihr noch ein Heiliger gegen den Vatermoͤrder. Der Fluch, der Euch trifft, iſt gegen den, der auf dieſen lauert, ein Geſang der Liebe— die Vergeltung— Franz(aufgeſprungen). Geh' in tauſend Gruͤfte, du Eule! wer hieß dich hieher kommen? Geh', ſag' ich, oder ich ſtoße dich durch und durch! Schillers ſaͤmmtl. Werke. II. 11 3 162 Moſer. Kann das Pfaffengewaͤſche ſo einen Philoſophen in Harniſch jagen? Blast es doch weg mit dem Hauch Eures Mundes!(Geht ab.) 5 Franz(wirft ſich in ſeinem Seſſel herum in ſchrecklichen Bewe⸗ gungen. Tiefe Pauſe). Ein Bedienter eilgg. Vedienter. Amalia iſt entſprungen, der Graf iſt ploͤtzlich verſchwunden. Janiel kommt aͤngſtlich. Daniel. Gnaͤdiger Herr, jagt ein Trupp feuriger Reiter die Steig' herab, ſchreien Mordjo, Mordjo— das ganze Dorf in Alarm. Franz. Geh', laff' alle Glocken zuſammenlaͤuten, Alles ſoll in die Kirche— auf die Kniee fallen Alles— beten fuͤr mich— alle Gefangenen ſollen los ſeyn und ledig, ich will den Armen Alles doppelt und dreifach wiedergeben, ich will— ſo geh' doch— ſo ruf' doch den Beichtvater, daß er mir meine Suͤnden hinwegſegne— Biſt du noch nicht fort?(Das Getüan⸗ mel wird hoͤrbarer.). Daniel. Gott verzeih' mir meine ſchwere Suͤnde! Wie ſoll ich das wieder reimen? Ihr habt ja immer das liebe Gebet uͤber alle Haͤuſer hinausgeworfen, habt mir ſo manche Poſtill' und Bibelbuch an den Kopf gejagt, wenn Ihr mich ob dem Beten ertapptet— Franz. Nichts mehr davon— Sterbe ſichſt du? Sterben!— Es wird zu ſpaͤt.(Man hoͤrt Schweizeen toben.) Bete dochl bete! ——— 1 163 Daniel. Ich ſagt's Euch immer— Ihr verachtet das liebe Gebet ſo— aber gebt Acht, gebt Acht! wenn die Noth an Mann geht, wenn Euch das Waſſer an die Seele geht, Ihr werdet alle Schaͤtze der Welt um ein chriſtliches Seufzer⸗ lein geben— Seht Ihr's? Ihr verſchimpftet mich! Da habt Ihr's nun! Seht Ihr's? Franz(umarmt ihn ungeſtuͤm). Verzeih', lieber, goldner Perlendaniel, verzeih'— ich will dich kleiden von Fuß auf— ſo bete doch— ich will dich zum Hochzeiter machen— ich will, ſo bete doch— ich beſchwoͤre dich— auf den Knieen be⸗ ſchwoͤr' ich dich— Ins T—ls Namen! ſo bet' doch.(Tumult auf den Straßen. Geſchrei— Gepolter.) Schweizer gauf der Gaſſe). Stuͤrmt! ſchlagt todt! brecht ein! Ich ſehe eicht, dort muß er ſeyn. Franz cauf den Knieen). Hoͤre mich beten, Gott im Him⸗ mel!— Es iſt das Erſtemal— ſoll auch gewiß nimmer ge⸗ ſchehen— Erhoͤre mich, Gott im Himmel! Daniel. Mein doch! Was treibt Ihr! Das iſt ja gott⸗ los gebetet. Volksauflauf. Volk. Diebe! Moͤrder! Wer laͤrmt ſo graͤßlich in dieſer Mitternachtsſtunde? Schweizer(immer auf der Gaſſe). Schlag' ſie zuruͤck, Ca⸗ merad— der Teufel iſt's, und will euren Herrn holen— Wo iſt der Schwarz mit ſeinem Haufen?— Poſtir' dich ums Schloß, Grimm— Lauf Sturm wider die Ringmauer! Grimm. Holt ihr Feuerbraͤnde— wir hinauf oder er herunter— ich will Feuer in ſeine Saͤle ſchmeißen. franz(betey. Ich bin kein gemeiner Moͤrder geweſen 164 mein Herrgott— hab' mich nie mit Kleinigkeiten abgegeben, mein Herrgott— Daniel. Gott ſey uns gnaͤdig! Auch ſeine Gebete wer⸗ den zu Suͤnden.(Es fliegen Steine und Feuerbraͤnde. Die Schei⸗ ben fallen. Das Schloß brennt.) Franz. Ich kann nicht beten— hier, hier!(Auf Bruſt und Stirn ſchlagend.) Alles ſo oͤde— ſo verdorrt.(Steht auf.) Nein, ich will auch nicht beten— dieſen Sieg ſoll der Him⸗ mel nicht haben, dieſen Spott mir nicht anthun die Hoͤlle— Daniel. Jeſus Maria! helft— rettet— das ganze Schloß ſteht in Flammen! Franz., Hier, nimm dieſen Degen. Hurtig! Jag' mir ihn hinterruͤcks in den Bauch, daß nicht dieſe Buben kommen und treiben ihren Spott mit mir.(Das Feuer nimmt uͤberhand.) Daniel. Bewahre! Bewahre! Ich mag Niemand zu fruͤh in den Himmel foͤrdern, viel weniger zu fruͤh— Er entrinnt.) Franz ihm graß nachſtierend, nach einer Pauſe). In die Hoͤlle wollteſt du ſagen— Wirklich! ich wittere ſo etwas— Wahn⸗ ſinnig.) Sind das ihre hellen Triller? hoͤr' ich euch ziſchen, ihr Nattern des Abgrundes?— Sie dringen herauf— be⸗ lagern die Thuͤr'— warum zag' ich ſo vor dieſer bohrenden Spitze?— Die Thuͤr kracht— ſtuͤrzt— unentrinnbar— Hal ſo erbarme du dich meiner!(Er reißt ſeine goldene Hut⸗ ſchnur ab und erdroſſelt ſich.) Schweizer mit ſeinen Leuten. Schweizer. Mordcanallle, wo biſt du?— Saht ihr, wie ſie flohen?— hat er ſo wenig Freunde?— Wohin hat ſich die Beſtie verkrochen? 2 4 165 Grimm(ſiͤßt an die Leiche). Halt, was liegt hier im Wege? Zuͤndet hieher— Schwarz. Er hat das Pravenire geſpielt. Steckt eure Schwerter ein, hier liegt er wie eine Katze verreckt. Schweizer. Todt! was? todt? ohne mich todt?— Er⸗ logen, ſag' ich— Gebt Acht, wie hurtig er auf die Beine ſpringt?— Ruͤttelt ihn.) He du! es gibt einen Vater zu ermorden. Grimm. Gib dir keine Muͤhe. Er iſt maustodt. Schweizer(tritt von ihm weg). Ja! Er freut ſich nicht — Er iſt maustodt— Geht zuruͤck und ſagt meinem Haupt⸗ man: er iſt maustodt— mich ſieht er nicht wieder.(Schießt ſich vor die Stirn.) Zweite Scene. Der Schauplatz wie in der letzten Scene des vorigen Acts. Der alte Monr auf einem Stein ſizend. Räuber Moor gegenuͤber. Näuber hin und her im Walde. n. Mosr. Er kommt nicht!(Schlaͤgt mit dem Dolche auf ei⸗ nen Stein, daß es Funken gibt.) D. a. Moor. Verzeihung ſey ſeine Strafe— meine Rache verdoppelte Liebe. n. Moor. Nein, bei meiner grimmigen Seele! das ſoll nicht ſeyn. Ich will's nicht haben. Dieſe große Schandthat ſoll er mit ſich in die Ewigkeit hinuͤber ſchleppen!— Wofuͤr hab' ich ihn denn umgebracht? D. a. Moor(in Thraͤnen ausbrechend). O mein Kind! 166 V. Moor. Was?— du weinſt um ihn— an dieſem Thurme? D. a. Moor. Erbarmung! o Erbarmung!(Eeftig die Faͤnde ringend.) Jetzt— jetzt wird mein Kind gerichtet! . Moor cerſchrocken). Welches? D. a. Moor. Hal was iſt das fuͤr eine Frage? B. Moor. Nichts! nichts! D. a. Moor. Biſt du kommen, Hohngelaͤchter anzuſtim⸗ men uͤber meinen Jammer? . Moor. Verraͤtheriſches Gewiſſen!— Merket nicht auf meine Rede! D. a. Moor. Ja, ich habe einen Sohn geguaͤlt, und ein Sohn mußte mich wieder quaͤlen, das iſt Gottes Finger.— O mein Karl! mein Karl! wenn du um mich ſchwebſt im Gewand des Friedens! Vergib mir! o vergib mir! V. Moor(cchnell). Er vergibt Euch. Betroffen.) Wenn er's werth iſt, Euer Sohn zu heißen— er muß Euch vergeben. D. a. Moor. Ha! Er war zu herrlich fuͤr mich— Aber ich will ihm entgegen mit meinen Thraͤnen, meinen ſchlafloſen Naͤchten, meinen quaͤlenden Traͤumen, ſeine Kniee will ich um⸗ faſſen— rufen— laut rufen: ich habe geſuͤndigt im Himmel und vor dir. Ich bin nicht werth, daß du mich Vater nennſt. N. Moor(ſehr geruͤhrt). Er war Euch lieb, Euer anderer Sohn? D. a. Moor. Du weißt es, o Himmel! Warum ließ ich mich doch durch die Raͤnke eines boͤſen Sohnes bethoͤren? Ein geprieſener Vater ging ich einher unter den Vaͤtern der Men⸗ ſchen. Schoͤn um mich bluͤhten meine Kinder voll Hoffnung. Aber— o der ungluͤckſeligen Stunde!— der boͤſe Geiſt fuhr in das Herz meines zweiten; ich traute der Schlange— ver⸗ loren meine Kinder beide. Verhüllt ſich das Geſicht.) ——.— — ——. 197 V. Moor(geht weit von ihm weg). Ewig verloren! D. a. Moor. O, ich fuͤhle es tief, was mir Amalia ſagte, der Geiſt der Rache ſprach aus ihrem Munde. Vergebens aus⸗ ſtrecken deine ſterbenden Haͤnde wirſt du nach einem Sohn, ver⸗ gebens waͤhnen zu umfaſſen die warme Hand deines Karls, der nimmermehr an deinem Bette ſteht— N. Moor ceeicht ihm die Hand mit abgewandtem Geſicht). D. a. Mogr. Waͤrſt du meines Karls Hand!— Aber er liegt fern im engen Hauſe, ſchlaͤft ſchon den eiſernen Schlaf, hoͤret nimmer die Stimme meines Jammers— Weh mir! Sterben in den Armen eines Fremdlings— Kein Sohn mehr — kein Sohn mehr, der mir die Augen zudruͤcken koͤnnte— N. Moor in der heftigſten Bewegung). Jetzt muß es ſeyn— jetzt— Verlaßt mich Gu den Raͤubern). Und doch— kann ich ihm denn ſeinen Sohn wieder ſchenken?— Ich kann ihm ſeinen Sohn doch nicht mehr ſchenken!— Nein! ich wills nicht thun. D. a. Moor. Wie, Freund? Was haſt du da gemurmelt? B. Moor. Dein Sohn— ja, alter Mann—(ſtammelnd) dein Sohn— iſt— ewig verloren. D. a. Moor. Ewig? V. Moor(in der fuͤrchterlichſten Beklemmung gen Himmel ſehend). O nur dießmal— laſſ' meine Seele nicht matt werden— nur dießmal halte mich aufrecht! D. a. Moor. Ewig, ſagſt du? n. Moor. Frage nichts weiter! Ewig, ſagt' ich. D a. Moor. Fremdling! Fremdling! Warum zogſt du mich aus dem Thurme? . Moor. Und wie?— Wenn ich jetzt ſeinen Segen weghaſchte— haſchte, wie ein Dieb, und mich davon ſchliche mit der goͤttlichen Beute? Vaterſegen, ſagt man, geht niemals verloren. 168 D. a. Moor. Auch mein Franz verloren? n. Moor(ſuürzt vor ihm nieder)'. Ich zerbrach die Riegel deines Thurmes— Gib mir deinen Segen! D. a. Moor(mit Schmerz). Daß du den Sohn vertilgen mußteſt, Retter des Vaters!— Siehe, die Gottheit ermuͤdet nicht im Erbarmen, und wir armſeligen Wuͤrmer gehen ſchla⸗ fen mit unſerm Groll.(Legt ſeine Hand auf des Raͤubers Haupt.) Sey ſo gluͤcklich, als du dich erbarmteſt! N. Moor weichmüthig aufſtehendd. O— wo iſt meine Mann⸗ heit? Meine Sehnen werden ſchlapp, der Dolch ſinkt aus mei⸗ nen Haͤnden. D. a. Moor. Wie koͤſtlich iſt's, wenn Bruͤder eintraͤchtig beiſammen wohnen, wie der Thau, der vom Hermon faͤllt auf die Berge Zion— Lern' dieſe Wolluſt verdienen, junger Mann, und die Engel des Himmels werden ſich ſonnen in deiner Glorie. Deine Weisheit ſey die Weisheit der grauen Haare, aber dein Herz— dein Herz ſey das Herz der unſchuldigen Kindheit. Z. Moor. O einen Vorgeſchmack dieſer Wolluſt. Kuͤſſe mich, goͤttlicher Greis! D. a. Moor(kuͤßt ihn). Denk', es ſey Vaterskuß, ſo will ich denken, ich kuͤſee meinen Sohn— Du kannſt auch weinen? n. Moor. Ich dachte, es ſey Vaterskuß!— Wehe mir wenn ſie ihn jetzt braͤchten! Schweizers Gefaͤhrten treten auf in ſtummem Trauerzug mit geſenkten Haͤuptern und verhuͤllten Geſichtern. B. Moor. Himmel!(Tritt ſcheu zuruͤck und ſucht ſich zu ver⸗ bergen. Sie ziehen an ihm voruͤber. Er ſieht weg von ihnen. Tiefe Pauſe. Sie halten.) Grimm(mit geſenktem Tom. Mein Hauptmann!(Naͤuber Moor antwortet nicht und tritt weiter zuruͤck.) —— b ———— 169 Schwarz. Theurer Hauptmann! Raͤuber Moor weicht weiter zuruͤck.) Grimm. Wir ſind unſchuldig, mein Hauptmann! V. Moor(ohne nach ihnen hinzuſchauen). Wer ſeyd ihr? Grimm. Du blickſt uns nicht an? Deine Getreuen. B. Moor. Wehe euch, wenn ihr mir getreu war't. Grimm. Das letzte Lebewohl von deinem Knecht Schweizer — er kehrt nie wieder, dein Knecht Schweizer. n. Moor aufſpringend). So habt ihr ihn nicht gefunden? Schwarz. Todt gefunden. N. Moor(froh emporhuͤpfend). Habe Dank, Lenker der Dinge!— umarmt mich, meine Kinder!— Erbarmung ſey von nun an die Loſung— Nun waͤr' auch das uͤberſtanden— Alles uͤberſtanden. Neue Räuber. Amalia. Räuber. Heiſa, heiſa! Ein Fang, ein ſuperber Fang! Amalia emit fliegenden Haaren). Die Todten, ſchreien ſie, ſeyen erſtanden auf ſeine Stimme— mein Oheim lebendig— in dieſem Walde— Wo iſt er? Karl! Oheim! Ha!(Stuͤrzt auf den Alten zu.) D. a. Moor. Amalia! Meine Tochter! Amalia!(Saͤlt ſie in ſeinen Armen gepreßt.) . Moor uruͤckſpringend). Wer bringt dieß Bild vor meine Augen? Amalia(entſpringt dem Alten, ſpringt auf den Raͤuber zu und umſchlingt ihn entzückt). Ich hab' ihn, o ihr Sterne! Ich hab' ihn!— B. Moor(ſich loßreißend, zu den Raͤubern). Brecht auf, ihr! Der Erzfeind hat mich verrathen! Amalia. Braͤutigam, Braͤutigam, du raſeſt! Ha! Vor Entzuͤckung! Warum bin ich auch ſo fuͤhllos, mitten im Wonnewirbel ſo kalt? D. a. Moor iich aufraffend. Braͤutigam? Tochter! Tochter! Ein Braͤutigam? 4 Amalia. Ewig ſein! Ewig, ewig, ewig mein!— O, ihr Maͤchte des Himmels! Entlaſtet mich dieſer toͤdtlichen Wolluſt, daß ich nicht untey der Bufrde vergehe! u. KWoor. Reißt ſie von meinem Halſe! Toͤdtet ſie! Toͤdtet ihn! mich! euch! Alles! Zie ganze Welt geh' zu Grunde! (Er will davon.)* Amalia. Wohin? was? Liebe! Ewigkeit! Wonne! Unend⸗ lichkeit! und du fliehſt? n. Moor. Weg, weg!— Ungluͤckſeligſte der Braͤute!— Schau' ſelbſt, frage ſelbſt, hoͤre— uUngluͤckſeligſter der Vaͤter! Laſſ' mich immer ewig bavongennen! Amalia. Haltet mich! Um Gottes willen, haltet mich!— es wird mir ſo Nacht vor den Augen— Er flieht! n. Moor. Zu ſpaͤt! Vergebens! Dein Fluch, Vater!— frage mich nichts mehr!— ich bin, ich habe— dein Fluch— dein vermeinter Fluch!— Wer hat mich hergelockt? Mit ge⸗ zogenem Degen auf die Raͤuber losgehend.) Wer von euch hat mich hiehergelockt, ihr Creaturen des Abgrunds? So vergeh' denn, Amalia!— Stirb, Vater! Stirb durch mich zum dritten Mal! — Dieſe deine Retter ſind Raͤuber und Moͤrder! Dein Karl iſt ihr Hauptmann!(Der alte Moor gibt ſeinen Geiſt auf.) Amalia(ſieht ſtumm und ſtarr wie eine Bildſaͤule. Die ganze Bande in fuͤrchterlicher Pauſe). AMpor(wider eine Eiche rennend). Die Seelen derer, die ich erdroſſelte im Taumel der Liebe— derer, die ich zerſchmet⸗ terte im heiligen Schlaf, derer,— hahaha! Hoͤrt ihr den Pulver⸗ 171 thurm knallen uͤber der Kreißenden Stuͤhlen? Seht ihr die Flammen ſchlagen an die Wiegen der Saͤuglinge? Das iſt Brautfackel, das iſt Hochzeitmuſik— o, er vergißt nicht, er weiß zu knuͤpfen— darum von mir die Wonne der Liebe! darum mir zur Folter die Liebe! das iſt Vergeltung! Amalia. Es iſt wahr! Herrſcher im Himmel! Es iſt wahr!— Was hab' ich gethan, ich unſchuldiges Lamm? Ich habe dieſen geliebt! 3 V. Moor. Das iſt mehr, als ein Mann erduldet. Hab' ich doch den Tod aus mehr denn tauſend Roͤhren auf mich zu⸗ pfeifen gehoͤrt und bin ihm keinen Fußbreit gewichen, ſoll ich jetzt erſt lernen beben wie ein Weib? beben vor einem Weib? — Nein, ein Weib erſchuͤttert meine Mannheit nicht— Blut, Blut! Es iſt nur ein Anſtoß vom Weibe— Blut muß ich ſau⸗ fen, es wird voruͤbergehen.(Er wil davon fliehen.) Amalia ffaͤllt ihm in die Arme). Moͤrder! Teufel! Ich kann dich Engel nicht laſſen. . Aoor(ſchleudert ſie von ſich). Fort, falſche Schlange, du willſt einen Raſenden hoͤhnen, aber ich poche dem Tyrannen⸗ Verhaͤngniß— was, du weinſt? O, ihr loſen, boshaften Geſtirne! Sie thut, als ob ſie weine, als ob um mich eine Seele weine!(Amalia faͤllt ihm um den Hals.) Ha, was iſt das? Sie ſpeit mich nicht an, ſtoͤßt mich nicht von ſich— Amalia! haſt du vergeſſen? Weißt du auch, wen du umarmeſt, Amalig? Amalia. Einziger, Unzertrennlicher! B. Moor(aufbluͤhend, in ekſtatiſcher Wonne). Sie vergibt mir, ſie liebt mich! Rein bin ich, wie der Aether des Himmels, ſie liebt mich!— Weinenden Dank dir, Erbarmer im Himmel! (Er faͤllt auf die Kniee und weint heftig.) Der Friede meiner Seele iſt wiedergekommen, die Qual hat ausgetobt, die Hoͤlle iſt nicht mehr— Sieh, o ſieh, die Kinder des Lichts weinen am Halſe * 172 der weinenden Teufel—(Aufſtehend, zu den Raͤubern.) So weinet doch auch! Weinet, weinet, ihr ſeyd ja ſo gluͤcklich— O Amalia! Amalia! Amalia!(Er haͤngt an ihrem Munde, ſie bleiben in ſtummer Umarmung.) Ein Räuber(srimmig hervortretend). Halt ein, Verraͤther! — Gleich laſſ' dieſen Arm fahren— oder ich will dir ein Wort ſagen, daß dir die Ohren gellen und deine Zaͤhne vor Ent⸗ ſetzen klappern!(Streckt das Schwert zwiſchen beide.) Ein alter Räuber. Denk' an die boͤhmiſchen Waͤlder! Hoͤrſt du? zagſt du?— an die boͤhmiſchen Waͤlder ſollſt du denken! Treuloſer, wo ſind deine Schwuͤre? Vergißt man Wunden ſo bald? Da wir Gluͤck, Ehre und Leben in die Schanze ſchlugen fuͤr dich, da wir dir ſtanden wie Mauern, auffingen wie Schilder die Hiebe, die deinem Leben galten, hobſt du da nicht deine Hand zum eiſernen Eid auf, ſchwurſt, uns nie zu verlaſſen, wie wir dich nicht verlaſſen haben? — Ehrloſer! Treuvergeſſ'ner! und du willſt abfallen, wenn eine Metze greint? Ein dritter Räuber. Pfui uͤber den Meineid! Der Geiſt des geopferten Rollers, den du zum Zeugen aus dem Todtenreich zwangſt, wird erroͤthen uͤber deine Feigheit, und gewaffnet aus ſeinem Grabe ſteigen, dich zu zuͤchtigen. Die Räuber(durcheinander, reißen ihre Kleider auf). Schau her, ſchau! Kennſt du dieſe Narben? Du biſt unſer! mit unſerm Herzblut haben wir dich zum Leibeigenen angekauft, unſer biſt du, und wenn der Erzengel Michael mit dem Moloch ins Hand⸗ gemenge kommen ſollte!— Marſch mit uns! Opfer um Opfer! Amalia fuͤr die Bande! n Moor(laͤßt ihre Hand ſahrem'. Es iſt aus!— Ich wollte umkehren und zu meinem Vater gehn, aber der im Himmel ſprach, es ſoll nicht ſeyn.(Kalt.) Bloͤder Thor ich, warum 173 wollt' ich es auch? Kann denn ein großer Suͤnder noch um⸗ kehren? Ein großer Suͤnder kann nimmermehr umkehren, das haͤtt' ich laͤngſt wiſſen können— Sey ruhig, ich bitte dich, ſey ruhig! ſo iſt's ja auch recht— Ich habe nicht gewollt, da Er mich ſuchte; jetzt, da ich Ihn ſuche, will Er nicht; was iſt billiger?— Rolle doch deine Augen nicht ſo— Er bedarf ja meiner nicht. Hat Er nicht Geſchoͤpfe die Fuͤlle? Einen kann Er ſo leicht miſſen, und dieſer Eine bin nun ich.— Kommt, Cameraden! Amalia reißt ihn zuruck). Halt, halt! Einen Stoß! einen Todesſtoß! Neu verlaſſen! Zieh' dein Schwert, und erbarme dich! n. Moor. Das Erbarmen iſt zu Baͤren geflohen,— ich toͤbte dich nicht!. Amallia(ſeine Kniee umfaſſend). O, um Gottes willen! um aller Erbarmungen willen! Ich will ja nicht Liebe mehr, weiß ja wohl, daß droben unſere Sterne feindlich von einander fliehen — Tod iſt meine Bitte nur.— Verlaſſen, verlaſſen! Nimm es ganz in ſeiner entſetzlichen Fülle, verlaſſen! Ich kann's nicht uͤberdulden. Du ſiehſt ja, das kann kein Weib uͤberdulden. Tod iſt meine Bitte nur! Siehe, meine Hand zittert! Ich habe das Herz nicht, zu ſtoßen. Mir bangt vor der blitzenden Schneide— dir iſt's ja ſo leicht, ſo leicht, biſt ja Meiſter im Morden, zieh⸗ dein Schwert, und ich bin gluͤcklich! V. Moor. Wilſſt du allein gluͤcklich ſeyn? Fort! ich toͤdte kein Weib! Amalia. Ha, Wuͤrger! du kannſt nur die Gluͤcklichen toͤdten, die Lebensſatten gehſt du voruͤber!(Kriecht zu den Raͤubern.) So erbarmt euch meiner, ihr Schuͤler des Henkers! Es iſt ein Ser ſo blutdurſtiges Mitleid in euren Blicken, das dem Elenden Troſt iſt— euer Meiſter iſt ein eitler, feigherziger Prahler! N. Moor. Weib, was ſagſt du?(Die Raͤuber wenden ſich ab.) 174 Amalia. Kein Freund? Auch unter dieſen nicht ein Freund?(Sie ſteht auf.) Nun denn, ſo lehre mich Dido ſterben? (Sie will gehen, ein Raͤuber zielt.) n. Moor. Halt! Wag' es— Moors Geliebte ſoll nur durch Moor ſterben!(Er ermordet ſien) Die Räuber. Hauptmann, Hauptmann! Was machſt du? Biſt du wahnſinnig worden? d. Maar(auf den Leichnam mit ſtarrem Blick). Sie iſt ge⸗ troffen! Dieß Zucken noch, und dann wird's vorbei ſeyn— Nun, ſeht doch! Habt ihr noch was zu fordern? Ihr opfertet mir ein Leben auf, ein Leben, das ſchon nicht mehr euer war, ein Leben voll Abſcheulichkeit und Schande— Ich hab' euch einen Engel ge⸗ ſchlachtet. Wie, ſeht doch recht her! Seyd ihr nunmehr zufrieden? Grimm. Du haſt deine Schuld mit Wucher bezahlt. Du haſt gethan, was kein Mann wuͤrde fuͤr ſeine Ehre thun. Komm jetzt weiter! V. Moor. Sagſt du das? Nicht wahr, das Leben einer Heiligen um das Leben der Schelme, es iſt ungleicher Tauſch? — O ich ſage euch, wenn jeder unter euch aufs Blutgeruͤſte ginge, und ſich ein Stuͤck Fleiſch nach dem andern mit gluͤhender Zange abzwicken ließe, daß die Marter eilf Sommertage dauerte, es wiegte dieſe Thraͤnen nicht auf. Mit bitterm Gelzͤchter., Die Narben, die boͤhmiſchen Waͤlder! Ja! ja, dieß mußte freilich bezahlt werden. Schwarz. Sey ruhig, Hauptmann! Komm mit uns, der Anblick iſt nicht fuͤr dich. Fuͤhre uns weiter! n. Mloor. Halt— noch ein Wort, eh' wir weiter gehn— Merket auf, ihr ſchadenfrohen Schergen meines barbariſchen Winks— Ich hoͤre von dieſem Nun an auf euer Hauptmann zu ſ n— Mit Scham und Grauen leg' ich hier dieſen blutigen Stab nieder, worunter zu freveln ihr euch berechtigt waͤhntet, — um mit Werken der Finſterniß dieß himmliſche ſudeln— Gehet hin zur Rechten und Linken— Wir wollen ewig niemals gemeine Sache machen. Räuber. Ha! Muthloſer! wo ſind deine hochfliegenden Plane? Sind's Seifenblaſen geweſen, die beim Hauch eines Weibes zerplatzen. n. Moor. O uͤber mich Narren, der ich waͤhnte die Welt durch Graͤuel zu verſchoͤnern und die Geſetze durch Geſetzloſigkeit aufrecht zu halten! Ich nannte es Rache und Recht— Ich maßte mir an, o Vorſicht, die Scharten deines Schwertes auszu⸗ wetzen und deine Parteilichkeiten gut zu machen— aber— G eitle Kinderei— da ſteh' ich am Rande eines entſetzlichen Lebens, und erfahre nun mit Zaͤhnklappern und Heulen daß zwei Men ſchen, wie ich, den ganzen Bau der ſittlichen Welt zu Grunde richten wuͤrden. Gnade— Enade dem Knaben, der Dir vorgreifen wollte— Dein eigen allein iſt die Rache. Du bedarfſt nicht des Menſchen Hand. Freilich ſteht's nun in meiner Macht nicht mehr, die Vergangenheit einzuholen— Schon bleibt verdorben, was verdorben iſt— Was ich geſtuͤrzt habe, ſteht ewig niemals mehr auf— Aber noch blieb mir etwas uͤbrig, womit ich die beleidigten Geſetze verſoͤhnen und die mißhandelte Ordnung wiederum heilen kann. Sie bedarf eines Opfers— eines Opfers, das ihre unverletzbare Majeſtaͤt vor der ganzen Menſchheit entfaltet— dieſes Opfer bin ich ſelbſt. Ich ſelbſt muß fuͤr ſie des Todes ſterben. Räuber. Nehmt ihm den Degen weg— er will ſich umbringen. N. Moor. Thoren ihr! zu ewiger Blindheit verdammt! Meint ihr wohl gar, eine Todſuͤnde werde das Aequivalent gegen N ihr, die Harmonje der Welt werde 1 Mißlaut gewinnen?(Wirft ihnen ſeine — 176 Waffen veraͤchtlich vor die Fuͤße.) Er ſoll mich lebendig haben. Ich gehe, mich ſelbſt in die Haͤnde der Juſtiz zu uͤberliefern. Vänber. Legt ihn an Ketten! Er iſt raſend worden. u. Moor. Nicht, als ob ich zweifelte, ſie werde mich zeitig genug finden, wenn die obern Maͤchte es ſo wollen. Aber ſie moͤchte mich im Schlaf uͤberrumpeln, oder auf der Flucht er⸗ eilen, oder mit Zwang und Schwert umarmen, und dann waͤre mir auch das einzige Verdienſt entwiſcht, daß ich mit Willen fuͤr ſie geſtorben bin. Was ſoll ich, gleich einem Diebe, ein Leben laͤnger verheimlichen, das mir ſchon lange im Rathe der himmliſchen Waͤchter genommen iſt? Väuber. Laßt ihn hinfahren! Es iſt die Groß⸗Mann⸗ Sucht. Er will ſein Leben an eitle Bewunderung ſetzen. B. Moor. Man koͤnnte mich darum bewundern.(Nach einigem Nachſinnen.) Ich erinnere mich, einen armen Schelm geſprochen zu haben, als ich heruͤberkam, der im Tagelohn arbeitet und eilf lebendige Kinder hat— Man hat tauſend Louisd'or geboten, wer den großen Raͤuber lebendig liefert. Dem Mann kann geholfen werden.(Er geht ab.) — Die Verſchwörung „ de 5 Fieseo zu Geuna. Ein republicaniſches Trauerſpiel. V billers ſaͤmmtl. Werke. 11 Vorreyde. Die Geſchichte dieſer Verſchwoͤrung habe ich vorzuͤglich aus des Cardinals von Retz Conjuration du Comte Jean Louis de Fiesque, der Histoire des Conjurations, der Histoire de Geènes und Robertſons Geſchichte Karls V.— dem zten Theile— gezogen. Freiheiten, welche ich mir mit den Be⸗ gebenheiten herausnahm, wird der Hamburgiſche Dramaturgiſt entſchuldigen, wenn ſie mir gegluͤckt ſind; ſind ſie das nicht, ſo will ich doch lieber meine Phantaſien als Facta verdorben haben. Die wahre Kataſtrophe des Complots, worin der Graf durch einen ungluͤcklichen Zufall am Ziele ſeiner Wuͤnſche zu Grunde geht, mußte durchaus veraͤndert werden, denn die Natur des Drama's duldet den Finger des Ungefaͤhrs oder der unmittelbaren Vorſehung nicht. Es ſollte mich ſehr wun⸗ dern, warum noch kein tragiſcher Dichter in dieſem Stoffe ge⸗ arbeitet hat, wenn ich nicht Grund genug in eben dieſer un⸗ dramatiſchen Wendung faͤnde. Hoͤhere Geiſter ſehen die zar⸗ ten Spinnenweben einer That durch die ganze Dehnung des Weltſyſtems laufen und vielleicht an die entlegenſten Graͤn⸗ zen der Zukunft und Vergangenheit anhaͤngen— wo der Menſch nichts, als das in freien Luͤften ſchwebende Factum ſteht. Aber der Kuͤnſtler waͤhlt fuͤr das kurze Geſicht der Menſch⸗ heit, die er belehren will, nicht fuͤr die ſcharfſichtige Allmacht, von der er lernt. 180 Ich habe in meinen Raͤubern das Opfer einer ausſchweifen⸗ den Empfindung zum Vorwurf genommen.— Hier verſuche ich das Gegentheil, ein Opfer der Kunſt und Cabale. Aber ſo merkwuͤrdig ſich auch das ungluͤckliche Project des Fiesco in der Geſchichte gemacht hat, ſo leicht kann es doch dieſe Wir⸗ kung auf dem Schauplatz verfehlen. Wenn es wahr iſt, daß nur Empfindung Empfindung weckt, ſo muͤßte, daͤucht mich, der politiſche Held in eben dem Grade kein Subiect fuͤr die Buͤhne ſeyn, in welchem er den Menſchen hintanſetzen muß, um der politiſche Held zu ſeyn. Es ſtand daher nicht bei mir, meiner Fabel jene lebendige Gluth einzuhauchen, welche durch das lautere Product der Begeiſterung herrſcht; aber die kalte, unfruchtbare Staatsaction aus dem menſchlichen Herzen her⸗ auszuſpinnen und eben dadurch an das menſchliche Herz wieder anzuknuͤpfen— den Mann durch den ſtaatsklugen Kopf zu verwickeln— und von der erfinderiſchen Intrigue Situationen fuͤr die Menſchheit zu entlehnen— das ſtand bei mir. Mein Verhaͤltniß mit der buͤrgerlichen Welt machte mich auch mit dem Herzen bekannter, als mit dem Cabinet, und vielleicht iſt eben dieſe politiſche Schwaͤche zu einer poetiſchen Tugend geworden. v—— ᷣꝓꝛ Perſonen. Andreas Doria, Doge von Genua. Ehrwürdiger Greis von 80 Jahren. Spuren von Feuer. Ein Hauptzug: Gewicht und ſtrenge befehlende Kuͤrze. Gianettino Doria, Neffe des Vorigen. Praͤtendent. Mann von 26 Jahren. Rauh und anſtoͤßig in Sprache, Gang und Manieren. Baͤuriſch⸗ſtolz. Die Bildung zerriſſen. (Beide Doria tragen Scharlach.) Fiesco, Graf von Lavagna. Haupt der Verſchwoͤrung. Junger, ſchlanker, bluͤhendſchoͤner Mann von 25 Jahren— ſtolz mit Anſtand— freundlich mit Majeſtaͤt— hoͤfiſch⸗geſchmeidig, und eben ſo tuͤckiſch. (Alle Nobili gehen ſchwarz. Die Tracht iſt durchaus altdeutſch.) Verrina, verſchworner Republicaner. Mann von 60 Jahren⸗ Schwer, ernſt und duͤſter. Tiefe Zuͤge. Bourgognino, Verſchworner. Zuͤngling von 20 Jahren. Sdel und angenehm. Stolz, raſch und natuͤrlich. Calcagno, Verſchworner. Hagerer Wolluͤſtling. 30 Jahre. Bil⸗ dung gefaͤllig und unternehmend. Sacco, Verſchworner. Mann von aß Jahren. Gewoͤhnlicher Menſch. Lomellino, Gianettino's Vertrauter. Ein ausgetrockneter Hof⸗ mann.. 3 Zenturione Zibo Mißvergnügte. Aſſerato 18² Romano, Maler. Frei, einfach und ſtolz. Muley Haſſan, Mohr von Tunis. Ein conſiseirter Mohren⸗ kopf. Die Phyſiognomie eine originelle Miſchung von Spitzbuͤberei und Laune. Deutſcher der herzoglichen Leibwache. Ehrliche Einfalt. Handfeſte Tapferkeit. Drei aufruͤhriſche Buͤrger. Leonore, Fiesco's Gemahlin. Dame von 18 Jahren. Blaß und ſchmaͤchtig. Fein und empfindſam. Sehr anziehend, aber weniger blendend. Im Geſicht ſchwaͤrmeriſche Melancholie. Schwarze Kleidung. 3 Graͤfin Julia, Wittwe Imperiali. Doria's Schweſter. Dame von 25 Jahren. Groß und voll. Stolze Kokette. Schoͤn⸗ heit, verdorben durch Bizarrerie. Blendend und nicht gefallend. Im Geſichte ein boͤſer moquanter Charakter. Schwarze Kleidung. Bertha, Verrina's Tochter. Unſchuldiges Maͤdchen. Roſa, Arabella. Leonorens Kammermaͤdchen. Mehrere Nobili, Buͤrger, Deutſche, Soldaten, Bediente, Diebe. Der Schauplatz Genua. Die Zeit 1547. — Erſter Aufzug. — Saal bei Fiesco. Man hoͤrt in der Ferne eine Tanzmuſik und den Tumult eines Balls. Erſter Auftritt. Heonore maskirt. Roſa, Arabella fiiehen zerſtoͤrt auf die Bühne. Leonore(reißt die Maske ab). Nichts mehr! Kein Wort mehr! Es iſt am Tag.(Sie wirft ſich in einen Seſſel.) Das wirft mich nieder. Arabella. Gnaͤdige Frau— Leonore daufſtehend). Vor meinen Augen! eine ſtadt⸗ kundige Kokette! im Angeſicht des ganzen Adels von Genua! (Wehmuͤthig.) Roſa! Bella! und vor meinen weinenden Augen! Noſa. Nehmen Sie die Sache fuͤr das, was ſie wirklich war— eine Galanterie— 1 Leonore. Galanterie?— und das emſige Wechſelſpiel ihrer Augen? das aͤngſtliche Lauern auf ihre Spuren? der lange verweilende Kuß auf ihren entbloͤßten Arm, daß noch die Spur ſeiner Zaͤhne im flammenrothen Fleck zuruͤckblieb? Hal und die ſtarre, tiefe Betaͤubung, worin er, gleich dem gemalten 184 Entzuͤcken, verſunken ſaß, als waͤre um ihn her die Welt weggeblaſen und er allein mit dieſer Julia im ewigen Leeren? Galanterie?— gutes Ding, das noch nie geliebt hat, ſtreite mir nicht uͤber Galanterie und Liebe! Roſa. Deſto beſſer, Signora! Einen Gemahl verlieren, heißt zehn Cicisbeo Profit machen. Leonore. Verlieren?— ein kleiner ausſetzender Puls der Empfindung und Fiesco verloren? Geh, giftige Schwaͤtzerin— komm' mir nie wieder vor die Augen!— Eine unſchuldige Neckerei— vielleicht eine Galanterie? Iſt es nicht ſo, meine empfindende Bella? Arabella. O jal ganz zuverlaͤſſig ſo! Leonore(in Tiefſinn verſunken.. Daß ſie darum in ſeinem Herzen ſich wuͤßte?— daß hinter jedem ſeiner Gedanken ihr Name im Hinterhalt laͤge?— ihn anſpraͤche in jeder Fußſtapfe der Natur?— Was iſt das? wo gerath' ich hin? Daß ihm die ſchoͤne majeſtaͤtiſche Welt nichts waͤre, als der praͤchtige Demant, worauf nur ihr Bild— nur ihr Bild geſtochen iſt? — daß er ſie liebte?— Julien!— O deinen Arm her— halte mich, Bella! Pauſe. Die Muſik laͤßt ſich von neuem hoͤren. Leonore(aufgefahren). Horch! War das nicht die Stimme Fiesco's, die aus dem Laͤrmen hervordrang? Kann er lachen, wenn ſeine Leonore im Einſamen weinet? Nicht doch, mein Kind! Es war Gianettino Doria's baͤueriſche Stimme. Arabella. Sie war's, Signora! Aber kommen Sie in ein anderes Zimmer. Leonore. Du entfaͤrbſt dich, Bella! du luͤgſt— Ich leſe in euren Augen— in den Geſichtern der Genueſer ein Etwas— ein Etwas.(Sich verhuͤllend.) O gewiß! dieſe Genueſer wiſſen mehr, als fuͤr das Ohr einer Gattin tauglich. 185 Roſa. O der Alles vergroͤßernden Eiferſucht! Leonore(ſchwermuͤthig ſchwaͤrmend). Da er noch Fiesco war— daher trat im Pomeranzenhain, wo wir Maͤdchen luſtwandeln gin⸗ gen; ein bluͤhender Apoll, verſchmolzen in den maͤnnlich ſchoͤnen Antinous. Stolz und herrlich trat er daher, nicht anders, als wenn das durchlauchtige Genua auf ſeinen jungen Schultern ſich wiegte! unſere Augen ſchlichen diebiſch ihm nach, und zuckten zuruͤck, wie auf dem Kirchenraub ergriffen, wenn ſein wetterleuchtender Blick ſie traf. Ach, Bella! wie verſchlangen wir ſeine Blicke! wie parteiiſch zaͤhlte ſie der aͤngſtliche Neid der Nachbarin zu! Sie fielen unter uns wie der Goldapfel des Zanks, zaͤrtliche Augen brannten wilder, ſanfte Buſen pochten ſtuͤrmiſcher, Eiferſucht hatte unſere Eintracht zerriſſen. Arabella. Ich beſinne mich. Das ganze weibliche Genua kam in Aufruhr um dieſe ſchoͤne Eroberung. Leonore Gegeiſtert). Und nun mein ihn zu nennen! ver⸗ wegenes, entſetzliches Gluck! Mein Genua's groͤßten Mann, (mit Anmuth) der vollendet ſprang aus dem Meißel der unerſchoͤpf⸗ lichen Kuͤnſtlerin, alle Groͤßen ſeines Geſchlechts im lieblichſten Schmelze verband— Hoͤret, Maͤdchen! Kann ich's nun doch nicht mehr verſchweigen! Hoͤret, Maͤdchen, ich vertraue euch etwas,(geheimnißvolh einen Gedanken— als ich am Altar ſtand neben Fiesco, ſeine Hand in meine gelegt— hatte ich den Gedanken, den zu denken dem Weibe verboten iſt:— dieſer Fiesco, deſſen Hand jetzt in der deinigen liegt— dein Fiesco— aber ſtill! daß kein Mann uns belauſche, wie hoch wir uns mit dem Abfall ſeiner Vortrefflichkeit bruͤſten— dieſer, dein Fiesco— Weh euch, wenn das Gefuͤhl euch nicht hoͤher wirſt!— wird— Genua von ſeinen Tyrannen erloͤſen! Arabella cerſtaunt). Und dieſe Vorſtellung kam einem Frauenzimmer am Brauttag? 186— Lesnore Erſtaune, Roſa! Der Braut in der Wonne des Brauttags! Gebhafter.) Ich bin ein Weib— aber ich fuͤhle den Adel meines Bluts, kann es nicht dulden, daß dieſes Haus Doria uͤber unſere Ahnen hinauswachſen will. Jener ſanft⸗ muͤthige Andreas— es iſt eine Wolluſt, ihm gut zu ſeyn— mag immer Herzog von Genua heißen, aber Gaanettino iſt ſein Neffe— ſein Erbe— und Gianettino hat ein freches, hochmuͤthiges Herz. Genua zittert vor ihm, und Fiesco,(in Wehmuth hinabgefallen Fiesco— weinet um mich— liebt ſeine Schweſter. Arabella. Arme, ungluͤckliche Fraul LTeonore. Gehet jetzt, und ſehet dieſen Halbgott der Genueſer im ſchamloſen Kreis der Schwelger und Buhldirnen ſitzen, ihre Ohren mit unartigem Witze kitzeln, ihnen Maͤhrchen von verwuͤnſchten Prinzeſſinnen erzaͤhlen—— Das iſt Fiesco!— Ach, Maͤdchen! nicht Genua allein verlor ſeinen Helden— auch ich meinen Gemahl! Voſa. Reden Sie leiſer. Man kommt durch die Galerie. FTesnore Guſammenſchreckend.) Fiesco kommt. Flieht! flieht! Mein Anblick koͤnnte ihm einen truͤben Augenblick machen.(Sie entſpringt in ein Seitenzimmer. Die Maͤdchen ihr nach.) Zweiter Auftritt. Sianettins Doria maskirt im gruͤnen Mantel. Ein Mohr. Beide im Geſpraͤch. Gianettino. Du haſt mich verſtanden. mohr. Wohl. —V 187 Sianettino. Die weiße Maske. Mohr. Wohl. Sianettino. Ich ſage— die weiße Maske! Mohr. Wohl! wohl! wohl! Oianettins. Hoͤrſt du? Du kannſt ſie nur Kauf ſeine Bruſt deutend) hieher verfehlen. Mohr. Seyd unbekuͤmmert. Gianettino. Und einen tuͤchtigen Stoß! Mohr. Er ſoll zufrieden ſeyn. Gianettins Chaͤmiſch). Daß der arme Graf nicht lange leide. Mohr. Um Vergebung— wie ſchwer moͤchte ungeſaͤhr ſein Kopf ins Gewicht fallen? Sianettino. Hundert Zechinen ſchwer. Mohr cblaͤst durch die Finger). Puh! Federleicht. Sianettins. Was brummſt du da? Mohr. Ich ſag'— es iſt eine leichte Arbeit. Gianettins. Das iſt deine Sorge. Dieſer Menſch iſt ein Magnet. Alle unruhigen Koͤpfe fliegen gegen ſeine Pole. Hoͤre, Kerl! faſſe ihn ja recht. Mohr. Aber, Herr— ich muß flugs auf die That nach Venedig. Sianettino. So nimm deinen Dank voraus. Wirft ihm einen Wechſel zu.) In hoͤchſtens drei Tagen muß er kalt ſeyn. (Ab.) Mohr aindem er den Wechſel vom Boden nimmt). Das nenn' ich Credit! Der Herr traut meiner Jaunerparole ohne Hand⸗ ſchrift.(Ab.) 188 Dritter Auftritt. Caleagno, hinter ihm Facco. Beide in ſchwarzen Maͤnteln. Calcagno. Ich werde gewahr, daß du alle meine Schritte belauerſt. Saeco. Und ich beobachte, daß du mir alle verbirgſt. Hoͤre, Calcagno, ſeit einigen Wochen arbeitet etwas auf deinem Geſichte, das nicht geradezu bloß dem Vaterlande gilt— Ich daͤchte, Bruder, wir beide koͤnnten ſchon Geheimniß gegen Ge⸗ heimniß tauſchen, und am Ende haͤtte keiner beim Schleichhandel verloren— Willſt du aufrichtig ſeyn? Calcagns. So ſehr, daß, wenn deine Ohren nicht Luſt haben, in meine Bruſt hinunterzuſteigen, mein Herz dir halb⸗ wegs auf meiner Zunge entgegen kommen ſoll— Ich liebe die Graͤfin Fiesco. Sacco(tritt verwundert zuruͤck). Wenigſtens das haͤtte ich nicht entziffert, haͤtte ich alle Moglichkeiten Revue paſſiren laſſen— Deine Wahl ſpannt meinen Witz auf die Folter, aber es iſt um ihn geſchehen, wenn ſie gluͤckt. Calcagns. Man ſagt, ſie ſey ein Beiſpiel der ſtrengſten Tugend. Sacco. Man luͤgt. Sie iſt das ganze Buch uͤber den abgeſchmackten Text. Eins von Beiden, Calcagno, gib dein Gewerb oder dein Herz auf.— Calcagno. Der Graf iſt ihr ungetreu. Eiferſucht iſt die abgefeimteſte Kupplerin. Ein Anſchlag auf die Doria muß den Grafen in Athem halten und mir im Palaſte zu ſchaffen geben. Waͤhrend er nun den Wolf aus der Huͤrde ſcheucht, ſoll der Marder in ſeinen Huͤhnerſtall fallen, 8 — — — 189 Sarcs. Unverbeſſerlich, Bruder! Habe Dank. Auch mich haſt du ploͤtzlich des Rothwerdens uͤberhoben. Was ich mich zu denken geſchaͤmt habe, kann ich jetzt laut vor dir ſagen. Ich bin ein Bettler, wenn die jetzige Verfaſſung nicht uͤber'n Haufen faͤllt. Calcagno. Sind deine Schulden ſo groß? Sacco. So ungeheuer, daß mein Lebensfaden, achtfach ge⸗ nommen, am erſten Zehentheil abſchnellen muß. Eine Staats⸗ veraͤnderung ſoll mir Luft machen, hoff' ich. Wenn ſie mir auch nicht zum Bezahlen hilft, ſoll ſie doch meinen Glaͤubigern das Fordern entleiden. Calcagns. Ich verſtehe— und am Ende, wenn Genua bei der Gelegenheit frei wird, laͤßt ſich Sacco Vater des Vaterlandes taufen. Waͤrme mir Einer das verdroſchene Maͤhrchen von Redlichkeit auf, wenn der Bankerott eines Tauge⸗ nichts und die Brunſt eines Wolluͤſtlings das Gluͤck eines Staats entſcheiden. Bei Gott, Sacco! ich bewundre in uns eiden die feine Speculation des Himmels, der das Herz des Koͤrpers durch die Eiterbeulen der Gliedmaßen rettet.— Weiß Verrina um deinen Anſchlag? Sacco. So weit der Patriot darum wiſſen darf. Genua, weißt du ſelbſt, iſt die Spindel, um welche ſich alle ſeine Ge⸗ danken mit einer eiſernen Treue drehen. An dem Fiesco haͤngt jetzt ſein Falkenaug'. Auch dich hofft er halbwegs zu einem kühnen Complot. Calcagno. Er hat eine treffliche Naſe. Komm, laſſ' uns ihn aufſuchen und ſeinen Freiheitsſinn mit dem unſrigen ſchuͤren. (Gehen ab) 6 190 Vierter Auftritt. Julia erhitzt. Fiesco, der einen weißen Mantel traͤgt, eilt ihr nach. Zulia. Lakaien! Laͤufer! Fiesco. Graͤfin, wohin? Was beſchließen Sie? Zulia. Nichts, im mindeſten nichts.(Bediente.) Mein Wagen ſoll vorfahren. Fieseo. Sie erlauben— er ſoll nicht. Hier iſt eine Beleidigung. Zulia. Pah! doch wohl das nicht— Weg! Sie zerren mir ja die Garnirung in Stuͤcken— Beleidigung? Wer iſt hier, der beleidigen kann? So gehen Sie doch. Fies co(auf einem Knie). Nicht, bis Sie mir den Verwe⸗ genen ſagen. Julia ſteht ſtill mit angeſtemmten Armen). Ah, ſchoͤn! ſchoͤn! ſehenswuͤrdig! Rufte doch Jemand die Graͤfin von Lavagna zu dieſem reizenden Schauſpiel!— Wie Graf? wo bleibt der Gemahl? Dieſe Stellung taugte ausnehmend in das Schlaf⸗ gemach Ihrer Frau, wenn ſie im Kalender Ihrer Liebkoſungen blaͤttert und einen Bruch in der Rechnung findet. Stehen Sie doch auf. Gehen Sie zu Damen, wo Sie wohlfeiler markten. So ſtehen Sie doch auf. Oder wollen Sie die Impertinenzen Ihrer Frau mit Ihren Galanterien abbuͤßen? iesco(ſpringt auf. Impertinenzen? Ihnen? Zulia. Aufzubrechen— den Seſſel zuruͤckzuſtoßen— der Tafel den Ruͤcken zu kehren— der Tafel, Graf! an der ich ſitze. Fiesco. Es iſt nicht zu entſchuldigen. Julia. Und mehr iſt es nicht?— Ueber die Fratzel 191 und iſt es denn meine Schuld,(iich belaͤcheind) daß der Graf ſeine Augen hat? Fiesco. Das Verbrechen Ihrer Schoͤnheit, Signora, daß er ſie nicht uͤberall hat!. Zulia. Keine Delicateſſe, Graf, wo die Ehre das Wort fuͤhrt. Ich fordere Genugthuung. Finde ich ſie bei Ihnen? oder hinter den Donnern des Herzogs? Fiesco. In den Armen der Liebe, die Ihnen den Mißtritt der Eiferſucht abbittet. Zulia. Eiferſucht? Eiferſucht? Was will denn das Koͤpfchen? Vor einem Spiegel geſticulirend.) Ob ſie wohl eine beſſere Füͤrſprache fuͤr ihren Geſchmack zu erwarten hat, als wenn ich ihn fuͤr den meinigen erklaͤre?(Ston.) Doria und Fiesco?— ob ſich die Graͤfin von Lavagna nicht geehrt fuͤhlen muß, wenn die Nichte des Herzogs ihre Wahl beneidenswuͤrdig findet? EFreundlich, indem ſie dem Grafen ihre Hand zum Kuͤſſen reicht.) Ich ſetze den Fall, Graf, daß ich ſie ſo faͤnde. Fiesco(ebhaft). Grauſamſte, und mich dennoch zu quaͤlen! — Ich weiß es, goͤttliche Julia, daß ich nur Ehrfurcht gegen Sie fuͤhlen ſollte. Meine Vernunft heißt mich das Knie des Unter⸗ thans vor dem Blute Doria beugen, aber mein Herz betet die ſchoͤne Julia an. Eine Verbrecherin iſt meine Liebe, aber eine Heldin zugleich, die kuͤhn genug iſt, die Ringmauer des Rangs durchzubrechen und gegen die verzehrende Sonne der Majeſtaͤt anzufliegen. Julia. Eine große graͤfliche Luͤge, die auf Stelzen heran⸗ hinkt— Seine Zunge vergoͤttert mich, ſein Herz huͤpft unter dem Schattenriß einer Andern. Fiesco. Oder beſſer, Signora, es ſchlaͤgt unwillig dagegen und will ihn hinwegdruͤcken.„Indem er die Silhouette Leonorens, die an einem himmelblauen Bande haͤngt, hexabnimmt und ſie der Julia 19²2 überliefert.) Stellen Sie Ihr Bild an dieſem Altar auf, ſo koͤnnen Sie dieſen Goͤtzen zerſtoͤren. Zulia(ſieckt das Vild haſtig zu ſich, vergnuͤgt). Ein großes Opfer, bei meiner Ehre, das meinen Dank verdient.(Sie haͤngt zhm die ihrige um.) So, Sklave! trage die Farbe deines Herrn. (Sie geht ab.) Fiesco emit Feuer). Julig liebt mich! Julia! Ich be⸗ neide keinen Gott.(Frohlockend im Saal.) Dieſe Nacht ſey eine Feſtnacht der Goͤtter, die Freude ſoll ihr Meiſterſtuͤck machen. Holla! holla!(Menge Bediente.) Der Boden meiner Zimmer lecke cypriſchen Nektar, Muſik laͤrme die Mitternacht aus ihrem bleiernen Schlummer auf, tauſend brennende Lampen ſpotten die Morgenſonne hinweg— Allgemein ſey die Luſt, der bacchan⸗ tiſche Tanz ſtampfe das Todtenreich in polternde Truͤmmer! (Er eilt ab. Rauſchendes Allegro, unter welchem der Mittelvorhang auf⸗ gezogen wird und einen großen illuminirten Saal eroͤffnet, worin viele Masken tanzen. Zur Seite Schenk⸗ und Spieltiſche von Gaͤſten beſetzt.) Fünfter Auftritt. Gianettino halb betrunken. Lomellin. Biba. Zenturione, Verrina. Sacco. Calcagno. Alle maskirt. Mehrere Damen und Nabili. Gianettino(aͤrmend). Bravo! Bravo! Dieſe Weine glitſchen yerrlich, unſere Taͤnzerinnen ſpringen à merveille. Geh einer von euch, ſtreu' es in Genna aus, ich ſey heitern Humors, man konne ſich guͤtlich thun— bei meiner Geburt! ſie werden den 193 Tag roth im Kalender zeichnen und drunter ſchreiben: heute war Prinz Doria luſtig. Gäſte(ſetzen die Glaͤſer an). Die Republik!(Trompetenſtoß.) Sianettino(wirft das Glas mit Macht auf die Erde). Hier liegen die Scherben.(Drei ſchwarze Masken fahren auf, verſammeln ſich um Gianettino.) Losmellin(führt den Prinzen vor). Gnaͤdiger Herr, Sie ſagten mir neulich von einem Frauenzimmer, das Ihnen in der Lorenzokirche begegnete? Gianettins. Das hab' ich auch, Burſche, und muß ihre Bekanntſchaft haben. Lomellin. Die kann ich Euer Gnaden verſchaffen. Gianettina(raſch). Kannſt du? Kannſt du? Lomellin, du haſt dich neulich zur Procuratorwuͤrde gemeldet. Du ſollſt ſie erhalten. Lomellin. Gnaͤdiger Prinz, es iſt die zweite im Staat, mehr denn ſechzig Edelleute bewerben ſich darum, alle reicher und angeſehener, als Euer Gnaden unterthaͤniger Diener. Gianettino(ſchnaubt ihn trotzis an). Donner und Doria! Du ſollſt Procurator werden.(Die drei Masken kommen vorwaͤrts.) Adel in Genua? Laßt ſie all' ihre Ahnen und Wappen zumal in die Wagſchale ſchmeißen, was braucht es mehr, als ein Haar aus dem weißen Barte meines Onkels, Genua's ganze Adel⸗ ſchaft in die Luͤfte zu ſchnellen? Ich will, du ſollſt Procurator ſeyn, das iſt ſo viel als alle Stimmen der Signoria. Lomellin Keiſery. Das Maͤdchen iſt die einzige Tochter eines gewiſſen Verring. Gianettino. Das Naͤdchen iſt huͤbſch, und trotz allen Teufeln! muß ich ſie brauchen. Lomellin. Gnaͤdiger Herr! das einzige Kind des ſtarr⸗ koͤpfigſten Republicaners! Schillers ſaͤmmtl. Werke. II. 13 194 Gianettino. Geh' in die Hoͤlle mit deinem Republicaner! Der Zorn eines Vaſallen und meine Leidenſchaft! Das heißt, der Leuchtthurm muß einſtuͤrzen, wenn Buben mit Muſcheln darnach werfen. Sie drei ſchwarzen Masken treten mit großen Be⸗ wegungen naͤher.) Hat darum Herzog Andreas ſeine Narben geholt in den Schlachten dieſer Lumpenrepublicaner, daß ſein Neffe die Gunſt ihrer Kinder und Braͤute erbetteln ſoll? Don⸗ ner und Doria! dieſen Geluſt muͤſſen ſie niederſchlucken, oder ich will uͤber den Gebeinen meines Oheims einen Galgen auf⸗ pflanzen, an dem ihre genueſiſche Freiheit ſich zu Tod zappeln ſoll.(Die drei Masken treten zuruͤck.) Lomellin. Das Maͤdchen iſt eben jetzt allein. Ihr Vater iſt hier und eine von den drei Masken. Gianettino. Erwuͤnſcht, Lomellin. Gleich bringe mich zu ihr. Lomellin. Aber Sie werden eine Buhlerin ſuchen und eine Empfindlerin finden. Gianettino. Gewalt iſt die beſte Beredſamkeit. Fuͤhre mich alſobald hin; den republicaniſchen Hund will ich ſehen, der am Baͤren Doria hinaufſpringt. Eiesco begegnet ihm an der Thuͤr.) Wo iſt die Graͤfin? Sechster Auftritt. Vorige. Fiesco. Fiescs. Ich habe ſie in den Wagen gehoben.(Er faßt Gia⸗ nettino's Hand und haͤlt ſie gegen ſeine Bruſt.) Prinz, ich bin jetzt doppelt in Ihren Banden. Gianettino herrſcht uͤber meinen Kopf und Genua; uͤber mein Herz Ihre liebenswuͤrdige Schweſter. Lomellin. Fiesco iſt ganz Epikuraͤer worden. Die große Welt hat viel an Ihnen verloren. Fiesco. Aber Fiesco nichts an der großen Welt. Leben heißt traͤumen; weiſe ſeyn, Lomellin, heißt angenehm traͤumen. Kann man das beſſer unter den Donnern des Throns, wo die Raͤder der Regierung ewig ins gellende Ohr krachen, als am Buſen eines ſchmachtenden Weibes? Gianet⸗ tino Doria mag uͤber Genua herrſchen. Fiesco wird lieben. Gianettino. Brich auf, Lomellin. Es wird Mitternacht. Die Zeit ruͤckt heran. Lavagna, wir danken fuͤr deine Be⸗ wirthung. Ich war zufrieden. Fiesco. Das iſt Alles, was ich wuͤnſchen kann, Prinz. Gianettino. Alſo gute Nacht. Morgen iſt Spiel bei Doria, und Fiesco iſt eingeladen. Komm, Procurator. Fiesco. Muſik! Lichter! Gianettino ttrotzig durch die drei Masken). Platz dem Na⸗ men des Herzogs. Eine von den drei Masken amurmelt unwillig). In der Hoͤlle! Niemals in Genua! Güſte ein Bewegung). Der Prinz bricht auf. Gute Nacht, Layagna!(Taumeln hinaus.) Siebenter Auftritt. Die drei ſchwarzen Masken. Fiesco. Pauſe. iesco. Ich werde hier Gaͤſte gewahr, die die Freuden meines Feſtes nicht theilen. Masken(murmeln verdrießlich durcheinandery. Nicht Einer. 196 Fiesco(verbindlich). Sollte mein guter Wille einen Genue⸗ ſer mißvergnuͤgt weglaſſen? Hurtig, Lakaien! man ſoll den Ball erneuern und die großen Pocale fuͤllen. Ich wollte nicht, daß Jemand hier Langeweile haͤtte. Darf ich Ihre Augen mit Feuerwerken ergoͤtzen? Wollen Sie die Kuͤnſte meines Harle⸗ kins hoͤren? Vielleicht finden Sie bei meinen Frauenzimmern Zerſtreuung? Oder wollen wir uns zum Pharao ſetzen und die Zeit mit Spielen betruͤgen? Eine Maske. Wir ſind gewohnt, ſie mit Thaten zu bezahlen! Fiesco. Eine maͤnnliche Antwort, und— das iſt Verrina! Verrina(nimmt die Maske ab). Fiesco findet ſeine Freunde geſchwinder in ihren Masken, als ſie ihn in der ſeinigen. Fiesco. Ich verſtehe das nicht. Aber was ſoll der Trauerflor an deinem Arm! Sollte Verrina Jemand begraben haben und Fiesco nichts darum wiſſen? Verrina. Trauerpoſt taugt nicht fuͤr Fiesco's luſtige Feſte. Fiesco. Doch wenn ein Freund ihn auffordert.(Druͤckt ſeine Hand mit Waͤrme.) Freund meiner Seele! wer iſt uns beiden geſtorben? 1 Verrina. Beiden! Beiden! O allzuwahr!— Aber nicht alle Soͤhne trauern um ihre Mutter. Fiesco. Deine Mutter iſt lange vermodert. Verrina Gbedeutend). Ich beſinne mich, daß Fiesco mich Bruder nannte, weil ich der Sohn ſeines Vaterlands war. Fieseo(ſcherzhaft). Ach! iſt es das? Alſo auf einen Spaß war es abgezielt? Trauerkleider um Genua! und es iſt wahr, Genua liegt wirklich in den letzten Zuͤgen. Der Ge⸗ danke iſt einzig und neu. Unſer Vetter faͤngt an, ein witziger Kopf zu werden.— 3 197 Calcagno. Er hat es ernſthaft geſagt, Fiesco! Fiescs. Freilich! freilich! Das war's eben. So trocken weg und ſo weinerlich. Der Spaß verliert Alles, wenn der Spaßmacher ſelber lacht. Mit einer wahren Leichenbitters⸗ Miene! Häaͤtt' ich's je gedacht, daß der finſtere Verrina in ſeinen alten Tagen noch ein ſo luſtiger Vogel wuͤrde! Sacco. Verrina, komm! Er iſt nimmermehr unſer. Fiescs. Aber luſtig weg, Landsmann. Laſſ' uns aus⸗ ſehen wie liſtige Erben, die heulend hinter der Bahre gehen und deſto lauter ins Schnupftuch lachen. Doch duͤrften wir dafuͤr eine harte Stiefmutter kriegen. Sey's drum, wir laſſen ſie keifen, und ſchmauſen. Verrina Geftig bewegy)'. Himmel und Erde! und thun nichts?— Wo biſt du hin ekommen, Fiesco? Wo ſoll ich den großen Tyrannenhaſſer erfragen? Ich weiß eine Zeit, wo du beim Anblick einer Krone Gichter bekommen haͤtteſt.— Ge⸗ ſunkener Sohn der Republik! du wirſt's verantworten, daß ich keinen Heller um meine unſterblichkeit gebe, wenn die Zeit auch Geiſter abnuͤtzen kann. Fiesco. Du biſt der ewige Grillenfaͤnger. Mag er Genua in die Taſche ſtecken und an einen Caper von Tunis ver⸗ ſchachern, was kuͤmmert's uns? Wir trinken Cyprier und kuͤſſen ſchoͤne Maͤdchen. Verrina Glickt ihn ernſt an). Iſt das deine wahre, ernſtliche Meinung? fieses. Warum nicht, Freund? Iſt es denn eine Wolluſt, der Fuß des traͤgen, vielbeinigen Thieres Republik zu ſeyn? Dank' es dem, der ihm Fluͤgel gibt und die Fuͤße ihrer Aemter entſetzt. Gianettino Doria wird Herzog. Staatsgeſchaͤfte wer⸗ den uns keine grauen Haare mehr machen. 198 Verrina. Fiesco!— Iſt das deine wahre, ernſtliche Meinung? Fiesco. Andreas erklaͤrt ſeinen Neffen zum Sohn und Erben ſeiner Guͤter, wer will der Thor ſeyn, ihm das Erbe ſeiner Macht abzuſtreiten? Verrina amit aͤußerſtem Unmuth)h. So kommt, Genueſer! (Er verlaͤßt den Fiesco ſchnell, die Andern folgen.) Fiesco. Verrina!— Verrina!— Dieſer Republicaner iſt hart wie Stahl!— Achter Auftritt. Fiesco. Eine unbekannte Mashe. Maske. Haben Sie eine Minute uͤbrig, Lavagna? Fesscg(uvorkommend). Fuͤr Sie eine Stunde! Maske. So haben Sie die Gnade, einen Gang mit mir vor die Stadt zu thun. Fiescs. Es iſt fuͤnfzig Minuten auf Mitternacht. Maske. Sie haben die Gnade, Graf? Fiescs. Ich werde anſpannen laſſen. Maske. Das iſt nicht noͤthig. Ich ſchicke ein Pferd voraus. Mehr braucht es nicht, denn ich hoffe, esnſoll nur Einer zuruͤckkommen. Fiesco(betreten. Und? Maske. Man wird Ihnen auf eine gewiſſe Thrine eine blutige Antwort abfordern. Fiesco. Dieſe Thraͤne? Maske. Einer gewiſſen Graͤfin von Lavagna. Ich kenne 199 dieſe Dame ſehr gut, und will wiſſen, womit ſie verdient hat, das Opfer einer Naͤrrin zu werden? Fiesco. Jetzt verſtehe ich Sie. Darf ich den Namen die⸗ ſes ſeltſamen Ausforderers wiſſen? Maske. Es iſt der Naͤmliche, der das Fraͤulein von Zibo einſt anbetete und vor dem Braͤutigam Fiesco zuruͤcktrat. Fiesco. Scipio Bourgognino! Bourgognino animmt die Maske ab). Und der jetzt da iſt, ſeine Ehre zu loͤſen, die einem Nebenbuhler wich, der klein ge⸗ nug denkt, die Sanftmuth zu quaͤlen. Fiesco(umarmt ihn mit Feuer). Edler junger Mann! Ge⸗ dankt ſey's dem Leiden meiner Gemahlin, das mir eine ſo wer⸗ the Bekanntſchaft macht. Ich fuͤhle die Schoͤnheit Ihres Un⸗ willens, aber ich ſchlage mich nicht. Bourgognino ceinen Schritt zuruͤck). Der Graf von La⸗ vagna waͤre zu feig, ſich gegen die Erſtlinge meines Schwertes zu wagen? Fiesco. Bourgogninol gegen die ganze Macht Frankreichs, aber nicht gegen Sie! Ich ehre dieſes liebe Feuer fuͤr einen lieberen Gegenſtand. Einen Lorbeer verdiente der Wille, aber die That waͤre kindiſch. Vourgognino cerregt). Kindiſch! Graf?— Das Frauen⸗ zimmer kann uͤber Mißhandlung nur weinen.— Wofuͤr iſt der Mann da? fieses. Ungemein gut geſagt, aber ich ſchlage mich nicht. Vourgognino(dreht ihm den Ruͤcken, will gehen). Ich werde Sie verachten. Fiesco debhaft). Bei Gott, Juͤngling! das wirſt du nie, und wenn die Tugend im Preis fallen ſollte.(Faßt ihn bedaͤchtlich bei der Hand.) Haben Sie jemals etwas gegen mich gefuͤhlt, das man— wie ſoll ich ſagen? Ehrfurcht nennt? 200 Bourgognino. Waͤr' ich einem Manne igewichen, den ich nicht fuͤr den erſten der Menſchen erklaͤrte? Fiesco. Alſo, mein Freund! einen Mann, der einſt meine Ehrfurcht verdiente, wuͤrd' ich— etwas langſam verach⸗ ten lernen. Ich daͤchte doch, das Gewebe eines Meiſters ſollte kuͤnſtlicher ſeyn, als dem fluͤchtigen Anfaͤnger ſo geradezu in die Augen zu ſpringen— Gehen Sie heim, Bourgognino, und nehmen Sie ſich Zeit, zu uͤberlegen, warum Fiesco ſo und nicht anders handelt.(Bourgognino geht ſtillſchweigend ab.) Fahre hin, edler Jüngling! Wenn dieſe Flammen ins Vaterland ſchlagen, moͤgen die Doria feſte ſtehen. Neunter Auftritt. Fiesco. Der Mohr tritt ſchuͤchtern herein und ſieht ſich uͤberall ſorgfaͤltig um. Fiesco(faßt ihn ſcharf und lang ins Auge). Was willſt du und wer biſt du? Mohr(wie oben). Ein Sklave der Republik. Fiesco. Sklaverei iſt ein elendes Handwerk.(Immer ein ſcharfes Aug' auf ihn.) Was ſuchſt du? Mohr. Herr, ich bin ein ehrlicher Mann. Fiesco. Haͤng' immer dieſen Schild vor dein Geſicht hin⸗ aus, das wird nicht uͤberfluͤſſig ſeyn— aber was ſuchſt du? Mohr(ſucht ihm naͤher zu kommen, Fiesco weicht 43. Herr, ich bin kein Spitzbube. Fiesco. Es iſt gut, daß du das beifuͤgſt, und—— doch wieder nicht gut.(ungeduldig.) Aber was ſuchſt du? 201 Mohr cruͤckt wieder naͤhery. Seyd Ihr der Graf Lavagna? Fiesco(ſtolz). Die Blinden in Genua kennen meinen Tritt. — Was ſoll dir der Graf? Mohr. Seyd auf Eurer Hut, Lavagna!(Hart an ihm.) Fiesco(ſpringt auf die andere Seite). Das bin ich wirklich. Mohr(wie oben). Man hat nichts Gutes gegen Euch vor, Lavagna! Fiesco Cetirirt ſich wieder)y. Das ſeh' ich. Mohr. Huͤtet Euch vor dem Doria. Fiesco(tritt ihm vertraut naͤhery. Freund! ſollt' ich dir doch wohl Unrecht gethan haben? Dieſen Namen fuͤrchte ich wirklich. Mohr. So flieht vor dem Mann. Koͤnnt' Ihr leſen? Fiesco. Eine kurzweilige Frage! Du biſt bei manchem Cavalier herumgekommen. Haſt du was Schriftliches? Mohr. Euren Namen bei armen Suͤndern.(Er reicht ihm einen Zettel und niſtet ſich hart an ihn. Fiesco tritt vor einen Spiegel und ſchielt uͤber das Papier. Der Mohr geht lauernd um ihn herum, endlich zieht er den Dolch und will ſtoßen.) Fiesco(dreht ſich geſchickt und faͤhrt nach dem Arm des Mohren). Sachte, Canaille. EEntreißt ihm den Dolch.) Mohr(ſtampft wild auf den Boden). Teufel!— Bitt' um Vergebung!(Wil ſich abfuͤhren.) Fiesco gpackt ihn, mit ſtarker Stimme). Stephano! Drullo! Antonio!(Den Mohren an der Gurgel.) Bleib', guter Freund! Hoͤlliſche Buͤberei! GBediente.) Bleib' und antworte! Du haſt ſchlechte Arbeit gemacht! an wen haſt du deinen Taglohn zu fordern? Mohr(nach vielen vergeblichen Verſuchen ſich wegzuſtehlen, ent⸗ zan ch. Man kann mich nicht hoͤher haͤngen, als der Gal⸗ gen iſt. 20² . Fieseo. Nein, troͤſte dich! Nicht an die Hoͤrner des Monds, aber doch hoch genug, daß du den Galgen fuͤr einen Zahnſtocher anſehen ſollſt. Doch deine Wahl war zu ſtaats⸗ klug, als daß ich ſie deinem Mutterwitz zutrauen ſollte. Sprich alſo, wer hat dich gedungen? Mohr. Herr, einen Schurken koͤnnt Ihr mich ſchimpfen, aber einen Dummkopf verbitt' ich. giesco. Iſt die Beſtie ſtolz? Beſtie, ſprich, wer hat dich gedungen? Mohr(nachdenkend). Hum! So waͤr' ich doch nicht allein der Narr?— Wer mich gedungen hat?— und waren's doch nur hundert magere Zechinen!— Wer mich gedungen hat?— Prinz Gianettino. Fiesco(erbittert auf und nieder). Hundert Zechinen und nicht mehr fuͤr des Fiesco Kopf! Haͤmiſch.) Schaͤme dich, Kron⸗ prinz von Genua.(Nach einer Schatulle eilend.) Hier, Burſche, ſind tauſend, und ſag' deinem Herrn— er ſey ein knickiger Moͤrder! (Mohr betrachtet ihn vom Fuß bis zum Wirbel.) Fiesco. Du beſinnſt dich, Burſche? Mohr animmt das Geld, ſetzt es nieder, nimmt es wieder und be⸗ ſieht ihn mit immer ſteigendem Erſtaunen). Fiesco. Was machſt du, Burſche? Mohr(wirft das Geld entſchloſſen auf den Tiſch). Herr— das Geld hab' ich nicht verdient. Fiesco. Schafkopf von einem Gauner! den Galgen haſt du verdient. Der entruͤſtete Elephant zertritt Menſchen, aber nicht Wuͤrmer. Dich wuͤrd' ich haͤngen laſſen, wenn es mich nur ſo viel mehr als zwei Worte koſtete. Mohr mit einer frohen Verbeugung.. Der Herr ſind gar zu guͤtig. Fiesco. Behuͤte Gott! nicht gegen dich. Es gefällt mir 203 nun eben, daß meine Laune einen Schurken, wie du biſt, zu etwas und nichts machen kann, und darum gehſt du frei aus. Begreife mich recht. Dein Ungeſchick iſt mir ein Unterpfand des Himmels, daß ich zu etwas Großem aufgehoben bin, und darum bin ich gnaͤdig und du gehſt frei aus. Mohr ttreuherzig). Schlagt ein, Lavagna! Eine Ehre iſt die andere werth. Wenn Jemand auf dieſer Halbinſel eine Gurgel fuͤr Euch uͤberzaͤhlig hat, befehlt! und ich ſchneide ſie ab, unentgeltlich. Fiesco. Eine hoͤfliche Beſtie! Sie will ſich mit fremder Leute Gurgeln bedanken. Mohr. Wir laſſen uns nichts ſchenken, Herr! Unſer eins hat auch Ehre im Leibe. Fiesro. Die Ehre der Gurgelabſchneider? Mohr. Iſt wohl feuerfeſter als Eurer ehrlichen Leute: ſie brechen ihre Schwuͤre dem lieben Herrgott; wir halten ſie puͤnktlich dem Teufel. Fiesco. Du biſt ein drolliger Gauner. Mohr. Freut mich, daß Ihr Geſchmack an mir findet. Setzt mich erſt auf die Probe, Ihr werdet einen Mann kennen lernen, der ſein Exercitium aus dem Stegreif macht. Fordert mich auf. Ich kann Euch von jeder Spitzbubenzunft mein Teſtimonium aufweiſen, von der unterſten bis zur hoͤchſten. Fiesco. Was ich nicht hoͤre!(Indem er ſich niederſetzt.) Alſo auch Schelme erkennen Geſetze und Rangordnung? Laſſ' mich von der unterſten hoͤren. Mohr. Pfui, gnaͤdiger Herr! das iſt das veraͤchtliche Heer der langen Finger. Ein elend Gewerb, das keinen. großen Mann ausbruͤtet; arbeitet nur auf Karbatſche und Raſpelhaus, und fuͤhrt— hoͤchſtens zum Galgen. Fiesro. Ein reizendes Ziel! Ich bin auf die beſſ're begierig. 204 Monhr. Das ſind die Spione und Maſchinen. Be⸗ deutende Herren, denen die Greßen ein Ohr leihen, wo ſie ihre Allwiſſenheit holen; die ſich wie Blutegel in Seelen ein⸗ beißen, das Gift aus dem Herzen ſchluͤrfen und an die Be⸗ hoͤrde ſpeien. Fiesco. Ich kenne das— fort! Mohr. Der Rang trifft nunmehr die Meuter, Giftmiſcher und alle, die ihren Mann lang hinhalten und aus dem Hin⸗ terhalt faſſen. Feige Memmen ſind's oft, aber doch Kerls, die dem Teufel das Schulgeld mit ihrer armen Seele be⸗ zahlen. Hier thut die Gerechtigkeit ſchon etwas Uebriges, ſtrickt ihre Knoͤchel aufs Rad und pflanzt ihre Schlaukoͤpfe auf Spieße. Das iſt die dritte Zunft. Fiesco. Aber, ſprich doch, wann wird die deinige kommen? AMohr. Blitz, gnaͤdiger Herr! das iſt eben der Pfiff. Ich bin durch dieſe alle gewandert. Mein Genie geilte fruͤhzeitig uͤber jedes Gehege. Geſtern Abend macht' ich mein Meiſter⸗ ſtuͤck in der dritten, vor einer Stunde war ich— ein Stuͤm⸗ per in der vierten. Aiesco. Dieſe waͤre alſo? Mohr debhaft). Das ſind Maͤnner, an Hitze) die ihren Mann wiiſchen vier Mauern aufſuchen, durch die Gefahr eine Bahn ſich hauen, ihm gerade zu Leib gehen, mit dem erſten Gruß ihm den Großdank fuͤr den zweiten erſparen. Unter uns! man nennt ſie nur die Extrapoſt der Hoͤlle. Wenn Mephi⸗ ſtopheles einen Geluſt bekommt, braucht's nur einen Wink, und er hat den Braten noch warm. iescs. Du biſt ein hartgeſottener Suͤnder. Einen ſol⸗ hen vermißte ich laͤngſt. Gib mir deine Hand. Ich will diich bei mir behalten. A ohr. Ernſt oder Spaß? 20⁵ Fieses. Mein voͤlliger Ernſt, und gebe dir tauſend Zechi⸗ nen des Jahrs. Mohr. Topp, Lavagna! Ich bin Euer, und zum Henker fahre das Privatleben. Braucht mich, wozu Ihr wollt. Zu Eurem Spuͤrhund, zu Eurem Parforcehund, zu Eurem Fuchs, zu Eurer Schlange, zu Eurem Kuppler und Henkersknecht. Herr, zu allen Commiſſionen, nur bei Leibe! zu keiner ehrlichen— dabei benehm' ich mich plump wie Holz. Fiesco. Sey unbeſorgt! Wem ich ein Lamm ſchenken will, laſſ' ich's durch keinen Wolf uͤberliefern. Geh' alſo gleich morgen durch Genua und unterſuche die Witterung des Staats. Lege dich wohl auf Kundſchaft, wie man von der Regierung denkt und vom Haus Doria fluͤſtert, ſondire daneben, was meine Mitbuͤrger von meinem Schlaraffenleben und meinem Liebesroman halten. Ueberſchwemme ihr Gehirn mit Wein, bis ihre Herzensmeinungen uͤberlaufen. Hier haſt du Geld. Spende davon unter den Seidenhaͤndlern aus. Mohr(ſieht ihn bedenklich an). Herr— fiescs. Angſt darf dir nicht werden. Es iſt nichts Ehr⸗ liches— Geh'! rufe deine ganze Bande zu Huͤlfe. Morgen will ich deine Zeitungen hoͤren.(Er geht as.) 3 Mahr(ihm nach). Verlaßt Euch auf mich. Jetzt iſt's fruͤh vier uhr! Morgen um Acht habt Ihr ſo viel Neues erfahren, als in zweimal ſiebenzig Ohren geht. (Ab.) 3 206 Zehnter Auftritt. Z immer bei Verrina. Bertha cäclins in einem Sopha, den Kopf in. die Hand geworfen. VPerxrina duͤſter hereintretend. Vertha(erſchrickt, ſpringt auß. Himmel! da iſt er! Verrina(ſteht ſtill, beſieht ſie befremdet). An ihrem Vater erſchrickt meine Tochter! Bertha. Fliehen Sie! Laſſen Sie mich fliehen! Sie ſind ſchrecklich, mein Vater! verrina. Meinem einzigen Kinde? Vertha(mit einem ſchweren Blick auf ihr). Nein! Sie muͤf⸗ ſen noch eine Tochter haben! Verrina. Druͤckt dich meine Dartlichteit zu ſchwer? Bertha. Zu Boden, Vater! Perrina. Wie? welcher Empfang, meine Tochter? Sonſt, 4 ich nach Hauſe kam, Berge auf meinem Herzen, huͤpfte r meine Bertha entgegen, und meine Bertha lachte ſie ue Komm, umarme mich, Tochter! An dieſer gluͤhenden Bruſt ſoll mein Herz wieder erwarmen, das am Todtenbett des Vaterlandes einfriert. O mein Kind! Ich habe heute Ab⸗ rechnung gehalten mit allen Freuden der Natur⸗ und(aͤußerſt ſchwer nur du biſt mir geblieben.. Bertha(mißt ihn mit einem langen Blick). Unglücklicher Vater! verrina(umarmt ſie beklemmt). Bertha! mein einziges Kind! Bertha! meine letzte uͤbrige Hoffnung— Genua's Freiheit iſt dahin— Fiesco hin—(indem er ſie heftiger drücht, durch die Zaͤhne) Werde du eine Hure!—— 207 Bertha(reißt ſich aus ſeinen Armen). Heiliger Gott Sie wiſſen? Verrina(ſieht bebend ſtill). Was? Bertha. Meine jungfraͤuliche Ehre— Verrina dwuͤthend). Was? Bertha. Dieſe Nacht— Verrina wie ein. Raſender). Was? ¹ Bertha. Gewalt!(Sinkt am Sophe nieder.) Verrina(nach einer langen ſchreckhaften Panſe, mit dumpfer Stimme). Noch einen Athemzug, Tochter!— den letzten! (Mit hohlem gebrochenem Ton.) Wer? Bertha. Weh mir, nicht dieſen todtenfarbnen Zorn! Helfe mir Gott! er ſtammelt und zittert! Verrina. Ich wuͤßte doch nicht— meine Tochter! Wer? Bertha. Ruhig! ruhig! mein beſter, mein theurer Vater! Verrina. Um Gotteswillen! Wer?(Will vor ihr nieder⸗ fallen.) Vertha. Eine Maske, Verrina ttritt zuruͤck, nach einem ſtuͤrmiſchen Nachdenken). Nein! das kann nicht ſeyn! Den Gedanken ſendet mir Gott nicht. Tacht graß auf.) Alter Geck! als wenn alles Gift nur aus einer und eben der Kroͤte ſpritzte? au Bertha, gefaßter.) Die Perſon, wie die meinige, oder kleiner? Vertha. Groͤßer. Verrina craſch). Die Haare, ſchwarz? kraus? Bertha. Kohlſchwarz und kraus. Verrina ctaumelnd von ihr hinweg). Gott! mein Kopf! mein Kopf— Die Stimme? Vertha. Rauh, eine Baßſtimme. Verrina heſtig'. Von welcher Farbe?— Nein! ich will nicht mehr hoͤren!— der Mantel— von welcher Farbe? 208 Vertha. Der Mantel gruͤn, wie mich daͤuchte. Verrina hhaͤlt beide Haͤnde vor's Geſicht und wankt in den Sopha). Sey ruhig! Es iſt nur ein Schwindel, meine Tochter! (aͤßt die Haͤnde ſinken: ein Todtengeſicht.) Bertha(die Gaͤnde ringend). Barmherziger Himmel! das iſt mein Vater nicht mehr. Verrina(nach einer Pauſe, mit bitterem Gelaͤchter). Recht ſo! recht ſo! Memme Verrina!— daß der Bube in das Heilig⸗ thum der Geſetze griff— dieſe Aufforderung war dir zu matt — Der Bube mußte noch ins Heiligthum deines Bluts greifen. —(Springt auf.) Geſchwind! rufe den Nicola— Blei und Pulver— oder halt! halt! ich beſinne mich eben anders— beſſer— Hole mein Schwert herbei, bet' ein Vaterunſer. (Die Hand vor die Stirne.) Was will ich aber? Vertha. Mir iſt ſehr bange, mein Vater! Verrina. Komm, ſetze dich zu mir.(Bedeutend.) Bertha, erzaͤhle mir— Bertha, was that jener eisgraue Roͤmer, als man ſeine Tochter auch ſo— wie nenn' ich's nur— auch ſo artig fand, ſeine Tochter? Hoͤre, Bertha, was ſagte Virgi⸗ nius zu ſeiner verſtuͤmmelten Tochter? Bertha(mit Schaudern). Ich weiß nicht, was er ſagte. Verrina. Naͤrriſches Ding!— Nichts ſagte er. Gltzlich auf, faßt ſein Schwert.) Nach einem Schlachtmeſſer griff er. Bertha(ſuͤrzt ihm erſchrocken in die Arme). Großer Gott! was wollen Sie thun?. Verrina(wirft das Schwert ins Zimmer). Nein! noch iſt Gerechtigkeit in Genua! 209 Eilfter Auftritt. Sacca. Calragna. Vorige. Calcagno. Verrina, geſchwind! Mache dich fertig. Heute hebt die Wahlwoche der Republik an. Wir wollen fruͤh in die Signoria, die neuen Senatoren erwaͤhlen. Die Gaſſen wim⸗ meln von Volk, Der ganze Adel ſtroͤmt nach dem Rathhaus. Du begleiteſt uns doch,(ſpoͤttiſch) den Triumph unſerer Freiheit zu ſehen. Sacro. Ein Schwert liegt im Saal. Verrina ſchaut wild. Bertha hat rothe Augen. Caleagno. Bei Gott! das werd' ich nun auch gewahr — Sacco, hier iſt ein Ungluͤck geſchehen. Verrina(ſttellt zwei Seſſel hin). Setzt euch. Saccs. Freund, du erſchreckſt uns. Calcagno. So ſah ich dich nie, Freund. Haͤtte nicht Bertha geweint, ich wuͤrde fragen, geht Genua unter? Verrina(füͤrchterlich). Unter! Sitzt nieder. Calcagno(erſchrocken, indem ſich beide ſetzen. Mann! Ich beſchwoͤre dich! Verrina. Hoͤret! Calcagno. Was ahnet mir, Sacco? Verrina. Genueſer— ihr beide kennt das Alterthum meines Namens. Eure Ahnen haben den meinigen die Schleppe getragen. Meine Vaͤter fochten die Schlachten des Staats. Meine Muͤtter waren Muſter der Genueſerinnen. Ehre war unſer einziges Capital und erbte vom Vater zum Sohn— oder wer weiß es anders? Sacco. Niemand. Calcagns. So wahr Gott lebt, Niemand. Schillers ſaͤmmtl. Werke. II. 44 210 Verrina. Ich bin der Letzte meines Geſchlechts. Mein Weib liegt begraben. Dieſe Tochter iſt ihr einziges Vermaͤchtniß. Genueſer, ihr ſeyd Zeugen, wie ich ſie erzog. Wird Jemand auftreten und Klage fuͤhren, daß ich meine Bertha verwahrloste? Calcagno. Deine Tochter iſt ein Muſter im Lande. Verrina. Freundel ich bin ein alter Mann. Verliere ich dieſe, darf ich keine mehr hoffen. Mein Gedaͤchtniß loͤſcht aus. (Mit einer ſchrecklichen Wendung.) Ich habe ſie verloren. Infam iſt mein Stamm. Beide(in Bewegung). Das wolle Gott verhuͤten.(Bertha waͤlzt ſich jammernd im Sopha.) Verrina. Nein! zweifle nicht, Tochter! Dieſe Maͤnner ſind tapfer und gut. Beweinen dich dieſe, wird's irgendwo bluten. Seht nicht ſo betroffen aus, Maͤnner! Langſam, mit Gewicht.) Wer Genug unterjocht, kann doch wohl ein Maͤdchen bezwingen? Beide(fahren auf, werfen die Seſſel zuruͤch. Gianettino Doria! Vertha emit einem Schrey. Stuͤrzt uͤber mich, Mauern! Mein Scipio! Zwölfter Auftritt. Vourgognina. Vorige. Bourgognins eerhitzt'. Springe hoch, Maͤdchen! Eine Freudenpoſt!— Edler Verrina, ich komme, meinen Himmel auf Ihre Zunge zu ſetzen. Schon laͤngſt liebte ich Ihre Tochter, und nie durft' ich es wagen, um ihre Hand zu bitten, weil mein ganzes Vermoͤgen auf falſchen Brettern von Coromandel 211 ſchwamm. Eben jetzt fliegt meine Fortuna wohlbehalten in die Rhede, und fuͤhrt, wie ſie ſagen, unermeßliche Schaͤtze mit. Ich bin ein reicher Mann. Schenken Sie mir Bertha, ich mache ſie gluͤcklich. Bertha verhuͤllt ſich, große Pauſe.) Verrina(bedaͤchtlich zu Bourgognino). Haben Sie Luſt, jun⸗ ger Menſch, Ihr Herz in eine Pfuͤtze zu werfen? Bourgognino greift nach dem Schwert, zieht aber ploͤtzlich die Hand zuruͤch. Das ſprach der Vater— Verrina. Das ſpricht jeder Schurke in Italien. Nehmen Sie mit dem Abtrag von anderer Leute Gaſtung vorlieb! Vourgognino. Mach' mich nicht wahnwitzig, Graukopf. Calcagno. Bourgognino, wahr ſpricht der Graukopf! Bourgognino(auffahrend, gegen Bertha ſtuͤrzend). Wahr ſpricht er? Mich haͤtte eine Dirne genarrt? Calcagno. Bourgognino, nicht da hinaus. Das Maͤd⸗ chen iſt engelrein. Bourgognino ſeeht erſtaunt ſtilh. Nun! ſo wahr ich ſelig werden will. Rein und entehrt! Ich habe keinen Sinn fuͤr das.— Sie ſehen ſich an und ſind ſtumm. Irgend ein Un⸗ hold von Miſſethat zuckt auf ihren bebenden Zungen. Ich beſchwoͤre euch! Schiebt meine Vernunft nicht in Kurzweil herum. Rein waͤre ſie! Wer ſagte rein? Verrina. Mein Kind iſt nicht ſchuldig. Bourgognino. Alſo Gewalt!(Faßt das Schwert von dem Boden.) Genueſer! bei allen Suͤnden unter dem Mond! Wo — wo find' ich den Raͤuber? 3 Verrina. Eben dort, wo du den Dieb Genua's findeſt!— (Bourgognino erſtarrt. Verrina geht gedankenvoll auf und nieder dann ſteht er ſtill.) Verrina. Wenn ich deinen Wink verſtehe, ewige Vorſicht, ſo willſt du Genua durch meine Bertha erloͤſen(Er tritt zu ihr, 212 endem, er den Trauerflor langſam von ſeinem Arme wickelt, darauf feierlich.) Eh' das Herzblut eines Doria dieſen haͤßlichen Flecken aus deiner Ehre waͤſcht, ſoll kein Strahl des Tags auf dieſe Wangen fallen. Bis dahin—(er wirft den Flor uͤber ſie) ver⸗ blinde.(Pauſe. Die Uebrigen ſehen ihn ſchweigend, betreten an.) Verrina(ſeierlich, ſeine Hand auf Bertha's Haupt gelegt). Verflucht ſey die Luft, die dich faͤchelt! Verflucht der Schlaf, der dich erquickt! Verflucht jede menſchliche Spur, die deinem Elend willkommen iſt! Gehe hinab in das unterſte Gewoͤlbe meines Hauſes. Winſ'le, heule, laͤhme die Zeit mit deinem Gram.(unterbrochen von Schauern faͤhrt er fort.) Dein Leben ſey das gichtriſche Waͤlzen des ſterbenden Wurms— der hart⸗ naͤckig e, zermalmende Kampf zwiſchen Seyn und Vergehen!— dieſer Fluch hafte auf dir, bis Gianettino den letzten Odem ver⸗ roͤchelt hat.— Wo nicht, ſo magſt du ihn nachſchleppen laͤngs der Ewigkeit, bis man ausfindig macht, wo die zwei Enden ihres Rings ineinander greifen. (Großes Schweigen. Auf allen Geſichtern Entſetzen. Verrina blickt Jeden feſt und durchdringend an.) Bourgognino. Rabenvater! was haſt du gemacht? Dieſen ungeheuren, graͤßlichen Fluch deiner armen, ſchuldloſen Tochter? Verrina. Nicht wahr— das iſt ſchrecklich, mein zaͤrt⸗ licher Braͤutigam?—(Soͤchſt bedeutend.) Wer von euch wird nun auftreten und jetzt noch von kaltem Blut und Aufſchub ſchwatzen? Genua's Loos iſt auf meine Bertha geworfen. Mein Vaterherz meiner Buͤrgerpflicht uͤberantwortet. Wer von uns iſt nun Memme genug, Genua's Erloͤſung zu verzoͤgern, wenn er weiß, daß dieſes ſchuldloſe Lamm ſeine Feigheit mit unendlichem Gram bezahlt? Bei Gott! das war nicht das Gewaͤſch eines Narren!— Ich hab' einen Eid gethan, und werde mich meines Kindes nicht erbarmen, bis ein Doria am 231 Boden zuckt, und ſollt' ich auf Martern raffiniren, wie ein Henkersknecht, und ſollt' ich dieſes unſchuldige Lamm auf kan⸗ nibaliſcher Folterbank zerknirſchen— Sie zittern— blaß wie Geiſter ſchwindeln ſie mich an.— Noch einmal, Scipio! Ich verwahre ſie zum Geiſel deines Tyrannen⸗Mords. An dieſem theuren Faden halt' ich deine, meine, eure Pflichten feſt⸗ Genua's Deſpot muß fallen, oder das Maͤdchen verzweifelt. Ich widerrufe nicht. Bourgognino cirrfft ſich der Bertha zu Fuͤßen). Und fallen ſoll er— fallen fuͤr Genua— wie ein Opferſtier. So gewiß ich dieß Schwert im Herzen Doria's umkehre, ſo gewiß will ich den Braͤutigamskuß auf deine Lippen druͤcken.(Steht auf.) Verrina. Das erſte Paar, das die Furien einſegnen! Gebt euch die Haͤnde! In Doria's Herzen wirſt du dein Schwert umkehren? Nimm ſie, ſie iſt dein! Calcagno Ckniet nieder)y. Hier kniet noch ein Genueſer, und legt ſeinen furchtbaren Stahl zu den Fuͤßen der unſchuld. So gewiß moͤge Calcagno den Weg zum Himmel ausfindig machen, als dieſes ſein Schwert die Straße zu Doria's Leben. (Steht auf.) 4 Sacco. Zuletzt, doch nicht minder entſchloſſen, kniet Ra⸗ phael Sacco. Wenn dieß mein blankes Eiſen Bertha's Ge⸗ faͤngniß nicht aufſchließt, ſo ſchließe ſich das Ohr des Erhoͤrers meinem letzten Gebet zu.(Steyt auf.) Verrina cerheitery. Genua dankt euch in mir, meine Freunde! Gehe nun, Tochter! Freue dich, des Vaterlands großes Opfer zu ſeyn. Vourgognino cumarmt ſie im Abgehen). Geh! Traue auf Gott und Bourgognino. An einem und eben dem Tage werden Bertha und Genua frei ſeyn.(Vertha entfernt ſich.) 214 Dreizehnter Auftritt. Porige oyne Bertha. Calcagno. Eh' wir weiter gehn, noch ein Wort, Genueſer! Verrina. Ich errathe es. Calcagno. Werden vier Patrioten genug ſeyn, Tyrannei, die maͤchtige Hyder, zu ſtuͤrzen? Werden wir nicht den Poͤbel aufruͤhren, nicht den Adel zu unſerer Partei ziehen muͤſſen? Verrina. Ich verſtehe! Hoͤrt alſo, ich habe laͤngſt einen Maler im Solde, der ſeine ganze Kunſt verſchwendet, den Sturz des Appius Claudius zu malen. Fiesco iſt ein Anbeter der Kunſt, erhitzt ſich gern an erhabenen Scenen. Wir werden die Malerei nach ſeinem Palaſte bringen, und zugegen ſeyn, wenn er ſie betrachtet. Vielleicht, daß der Anblick ſeinen Genius wieder aufweckt— Vielleicht— Bourgognins. Weg mit ihm! Verdopple die Gefahr, ſpricht der Held, nicht die Helfer. Ich habe ſchon laͤngſt ein Etwas in meiner Bruſt gefuͤhlt, das ſich von nichts wollte erſaͤttigen laſſen.— Was es war, weiß ich jetzt ploͤtzlich— (indem er heroiſch aufſpringt) Ich hab' einen Tyrannen! (Der Vorhang faͤllt.) Zweiter Außzug. Vorzimmer in Fiesco's Palaſt. Erſter Auftritt. Leonore. Arabella. Arabella. Nein, ſag' ich. Sie ſahen falſch. Die Eifer⸗ ſucht lieh Ihnen die haͤßlichen Augen. Leonsre. Es war Julia lebendig. Rede mir nichts ein. Meine Silhouette hing an einem himmelblauen Band, dieß war feuerfarb und geflammt. Mein Loos iſt entſchieden. Zweiter Auftritt. Vorige. Julia. Julia aaffectirt hereintretend). Der Graf bot mir ſein Palais an, den Zug nach dem Rathhaus zu ſehen. Die Zeit wird mir lang werden. Eh' die Chocolade gemacht iſt, Madame, unter⸗ halten Sie mich.(ella entfernt ſich, kommt ſogleich wieder.) 216 Leonore. Befehlen Sie, daß ich Geſellſchaft hieher bitte? Zulia. Abgeſchmackt. Als wenn ich ſie hier ſuchen muͤßte? Sie werden mich zerſtreuen, Madame!(Auf und ab, ſich den Hof machend.) Wenn Sie das koͤnnen, Madame!— denn ich habe nichts zu verſaͤumen. Arabella Goshaft). Deſto mehr dieſer koſtbare Mohr, Signora! Wie grauſam, bedenken Sie! die Perſpectivchen der jungen Stutzer um dieſe ſchoͤne Priſe zu bringen? Ach! und das blitzende Spiel der Perlen, das einem die Augen bald wund brennt. Beim großmaͤchtigen Gott! haben Sie nicht das ganze Meer ausgepluͤndert! JZullia door einem Spiegeh. Das iſt ihr wohl eine Seltenheit, Mamſell? Aber hoͤre ſie, Mamſell, hat ſie ihrer Herrſchaft auch die Zunge verdingt? Scharmant, Madame! Ihre Gaͤſte durch Domeſtiken becomplin ntiren zu laſſen. Leonore. Es iſt mein Ungluͤck, Signorg, daß meine Laune mir das Vergnuͤgen Ihrer Gegenwart ſchmaͤlert. Zulia. Eine haͤßliche Unart iſt das, die Sie ſchwerfaͤllig und albern macht. Naſch! lebhaft und witzig! Das iſt der Weg nicht, Ihren Mann anzufeſſeln. Leonore. Ich weiß nur einen, Graͤfin! Laſſen Sie den Ihrigen immer ein ſympathetiſches Mittel bleiben! Julia(ohne darauf achten zu wollen). Und, wie Sie ſich tra⸗ gen, Madame! Pfui doch! Auch auf Ihren Koͤrper wenden Sie mehr. Nehmen Sie zur Kunſt Ihre Zuflucht, wo die Natur an Ihnen Stiefmutter war. Einen Firniß auf dieſe Wangen, worauf die mißfarbige Leidenſchaft kraͤnkelt. Armes Geſchoͤpf! So wird Ihr Geſichtchen nie einen Kaͤufer finden. . Leonore(munter zu Vella). Wuͤnſche mir Gluͤck, Maͤdchen! Unmoͤglich hab' ich meinen Fiesco verloren, oder ich habe nichts an ihm verloren,. Bella bringt Chocolade, Bella gießt ein.) 217 Julia. Von verlieren murmeln Sie etwas? Aber mein Gott! wie kam Ihnen auch der tragiſche Einfall, den Fiesco zu nehmen— Warum auf dieſe Hoͤhe, mein Kind, wo Sie nothwendig geſehen werden muͤſſen? verglichen werden muͤf⸗ ſen? Auf Ehre, mein Schatz, das war ein Schelm oder ein Dumm⸗ kopf, der Sie dem Fiesco kuppelte.(Mitleidig ihre Hand ergreifend.) Gutes Thierchen, der Mann, der in den Aſſembleen des guten Tons gelitten wird, konnte nie deine Partie ſeyn.(Sie nimmt eine Taſſe.) Leonore(laͤchelnd auf Arabellen). Oder er wuͤrde in dieſen Haͤuſern des guten Tons nicht gelitten ſeyn wollen? Zulia. Der Graf hat Perſon— Welt— Geſchmack. Der Graf war ſo gluͤcklich, Connaiſſancen von Rang zu machen. Der Graf hat Temperament, Feuer. Nun reißt er ſich warm aus dem delicateſten Cirkel. Er kommt nach Hauſe. Die Ehefrau bewillkommt ihn mit einer Werktagszaͤrtlichkeit, loͤſcht ſeine Gluth in einem feuchten, froſtigen Kuß, ſchneidet ihm ihre Careſſen wirthſchaftlich, wie einem Koſtgaͤnger, vor. Der arme Ehemann! Dort lacht ihm ein bluͤhendes Ideal— hier ekelt ihn eine graͤmliche Empfindſamkeit an. Signora, um Gotteswillen! wird er nicht den Verſtand verlieren, oder was wird er waͤhlen? Leongre bbringt ihr eine Taſſe). Sie, Madame— wenn er ihn verloren hat. Zulia. Gut! Dieſer Biß ſey in dein eigenes Herz ge⸗ gangen. Zittre um dieſen Spott, aber ehe du zitterſt, errothe! Leonore. Kennen Sie das Ding auch, Signora? Doch warum nicht? Es iſt ja ein Toilettenpfiff. Zulia. Man ſehe doch! Erzuͤrnen muß man das Wuͤrm⸗ chen, will man ihm ein Fuͤnkchen Mutterwitz abjagen. Gut fuͤr 218 jetzt. Es war Scherz, Madame! Geben Sie mir Ihre Hand zur Verſoͤhnung. Leonore Giibt ihr die Hand mit vielſagendem Blich). Imperiali — vor meinem Zorn haben Sie Ruhe. Julia. Großmuͤthig, allerdings! Doch ſollt' ich's nicht auch ſeyn koͤnnen, Graͤfin?(langſam und lauernd.) Wenn ich den Schatten einer Perſon bei mir fuͤhre, muß es nicht folgen, daß das Original mehr werth iſt? Oder was meinen Sie? Leonore(Loth und verwirrt). Was ſagen Sie? Ich hoffe, dieſer Schluß iſt zu raſch. Julia. Das dent' ich ſelbſt. Das Herz ruft nie die Sinne zu Huͤlfe. Wahre Empfindung wird ſich nie hinter Schmuckwerk verſchanzen. Leonore. Großer Gott! Wie kommen Sie zu dieſer Wahrheit? Julia. Mitleid, bloßes Mitleid— Denn ſehen Sie, ſo iſt es auch umgekehrt wahr— und Sie haben Ihren Fiesco noch. (Sie gibt ihr ihre Silhouette und lacht boshaft auf.) Leongre(mit auffahrender Erbitterung.) Mein Schattenriß? Ihnen?(Wirft ſich ſchmerzvoll in einen Seſſel.) O der heilloſe Mann! Zulia(frohlockend). Hab' ich vergolten? hab' ich? Nun, Madame, keinen Nadelſtich mehr in Bereitſchaft?(Laut in die Scene.) Den Wagen vor! Mein Gewerb iſt beſtellt.(Zu Leo⸗ noren, der ſie das Kinn ſtreicht.) Troͤſten Sie ſich, mein Kind! Er gab mir die Silhouette im Wahnwitz.(Ab.) — 219 Dritter Auftritt. Calcagno kommt. Calcagno. So erhitzt ging die Imperiali weg, und Sie in Wallung, Signora? Leongre(mit durchdringendem Schmerz). Nein! das war nie erhoͤrt! Calcagno. Himmel und Erde! Sie weinen doch wohl nicht? Leonore. Ein Freund vom Unmenſchlichen— Mir aus den Augen! Calcagno. Welchem Unmenſchlichen? Sie erſchrecken mich. Leongre. Von meinem Mann— Nicht ſo! von dem Fiesco. Culragns. Was muß ich hoͤren? LCeonore. O, nur ein Bubenſtuͤck, das bei euch gangbar iſt, Maͤnner! Calcagno(ſaßt ihre Hand mit Heftigkeit). Gnaͤdige Frau, ich habe ein Herz fuͤr die weinende Tugend. Leonore eernſt). Sie ſind ein Mann— es iſt nicht fuͤr mich. Calcagno. Ganz fuͤr Sie— voll von Ihnen— daß Sie wuͤßten, wie ſehr, wie unendlich ſehr— Leonore. Mann, du luͤgſt— du verſicherſt, eh' du handelſt. Calcagno. Ich ſchwoͤre Ihnen. Leonore. Einen Meineid! Hoͤr' auf! Ihr ermuͤdet den Griffel Gottes, der ſie niederſchreibt. Maͤnner! Maͤnner! wenn eure Eide zu ſo viel Teufeln wuͤrden, ſie koͤnnten Sturm gegen den Himmel laufen und die Engel des Lichts als Ge⸗ fangene wegfuͤhren. 220 Calcagno. Sie ſchwaͤrmen, Graͤfin! Ihre Erbitterung macht Sie ungerecht. Soll das Geſchlecht fuͤr den Frevel des Einzelnen Rede ſtehen? Leongre(ſieht ihn groß an). Menſch! ich betete das Ge⸗ ſchlecht in dem Einzelnen an, ſoll ich es nicht in ihm verabſcheuen duͤrfen? Calcagno. Verſuchen Sie, Graͤfin— Sie gaben Ihr Herz das erſte Mal fehl—— Ich wuͤßte Ihnen den Ort, wo es aufgehoben ſeyn ſollte. Leonore. Ihr koͤnntet den Schoͤpfer aus ſeiner Welt hinausluͤgen— Ich will nichts von dir hoͤren. Calcagno. Dieſen Verdammungsſpruch ſollten Sie heute noch in meinen Armen zuruͤckrufen.. Lecnore gaufmerkſam), Rede ganz aus. In deinen! Calcagno. In meinen Armen, die ſich oͤffnen, eine Ver⸗ laſſene aufzunehmen und fuͤr verlorne Liebe zu entſchaͤdigen. Leonore(ſieht ihn fein an). Liebe? Calcagno(vor ihr nieder, mit Feuer), Jal es iſt hingeſagt. Liebe, Signora! Leben und Tod liegt auf Ihrer Zunge. Wenn meine Leidenſchaft Suͤnde iſt, ſo moͤgen die Enden von Tugend und Laſter in einander fließen, und Himmel und Hoͤlle in eine Verdammniß gerinnen. Leonore(tritt mit Unwillen und Hoheit zuruͤck). Da hinaus zielte deine Theilnehmung, Schleicher?— In einer Kniebeu⸗ gung verraͤthſt du Freundſchaft und Liebe? Ewig aus meinem Aug'! Abſcheuliches Geſchlecht! Bis jetzt glaubte ich, du be⸗ truͤgſt nur Weiber; das habe ich nie gewußt, daß du auch an dir ſelbſt zum Verraͤther wirſt. Calcagno ſteht betroffen auh. Gnaͤdige Frau—. Leonore. Nicht genug, daß er das heilige Siegel des Vertrauens erbrach, auch an den reinen Spiegel der Tugend 221 haucht dieſer Heuchler die Peſt, und will meine Unſchuld im Eidbrechen unterweiſen. Calcagno(raſch). Das CEidbrechen iſt nur Ihr Fall nicht, Signora! Leonore. Ich verſtehe, und meine Empfindlichkeit ſollte dir meine Empfindung beſtechen? Das wußteſt du nicht,(ſehr groß) daß ſchon allein das erhabene Ungluͤck, um den Fiesco zu brechen, ein Weiberherz adelt. Geh'! Fiesco's Schande macht keinen Calcagno bei mir ſteigen, aber— die Menſchheit ſinken.(Schnell ab.) Calcagno(ſeeht ihr betaͤubt nach, dann ab, mit einem Schlag auf die Stirne). Dummkopf! Vierter Auftritt. Der Mohr. Fiesco. Fiesro. Wer war's, der da wegging? Mohr. Marcheſe Calcagno. Fiescs. Auf dem Sopha blieb dieſes Schnupftuch liegen. Meine Frau war hier. Mohr. Begegnete mir ſo eben in einer ſtarken Erhitzung. Fiesco. Dieſes Schnupftuch iſt feucht.(Steckt es zu ſich.) Calcagno hier? Leonore in ſtarker Erhitzung?(Nach einigem Nachdenken zum Mohren.) Auf den Abend will ich dich fragen, was hier geſchehen iſt. Mohr. Mamſell Bella hoͤrt es gern, daß ſie blond ſey. Will es beantworten. 222 Fiesco. Und nun ſind dreißig Stunden vorbei. Haſt du meinen Auftrag vollzogen? Mohr. Auf ein Jota, mein Gebieter! Fiesco(ſetzt ſich). Sag' denn, wie pfeift man von Doria und der gegenwaͤrtigen Regierung? Mohr. O pfui, nach abſcheulichen Weiſen. Schon das Wort: Doria, ſchuͤttelt ſie wie ein Fieberfroſt. Gianettino iſt gehaßt bis in den Tod. Alles murrt. Die Franzoſen, ſagen ſie, ſeyen Genua's Ratten geweſen, Kater Doria habe ſie aufge⸗ freſſen, und laſſe ſich nun die Maͤuſe belieben. Fiesco. Das koͤnnte wahr ſeyn— und wußten ſie keinen Hund fuͤr den Kater? Mohr(eeichtfertig). Die Stadt murmelte Langes und Brei⸗ tes von einem gewiſſen— einem gewiſſen— Holla! haͤtt' ich denn gar den Namen vergeſſen? Fiesco(ſteht auff. Dummkopf! Er iſt ſo leicht zu behalten, als ſchwer er zu machen war, Hat Genua mehr als den Einzigen? Mohr. So wenig als zwei Grafen von Lavagna. Fiesco(ſetzt ſich). Das iſt etwas! Und was fluͤſtert man denn uͤber mein luſtiges Leben? Mohr amißt ihn mit großen Augen). Hoͤret, Graf von La⸗ vagna! Genua muß groß von Euch denken. Man kann's nicht verdauen, daß ein Cavalier vom erſten Hauſe— voll Talent und Kopf— in vollem Feuer und Einfluß— Herr von vier Millionen Pfund— Fuͤrſtenblut in den Adern— ein Cavalier wie Fiesco, dem auf den erſten Wink alle Herzen zufliegen wuͤrden—— Fiesco(wendet ſich mit Verachtung ab). Von einem Schurken das anzuhoͤren!— Mohr. Daß Genua's großer Mann Genug's großen Fall 223 verſchlafe. Viele bedauern, ſehr Viele verſpotten, die Meiſten verdammen Euch. Alle beklagen den Staat, der Euch verlor. Ein Jeſuit wollte gerochen haben, daß ein Fuchs im Schlafrocke ſtecke. 3 Fiescs. Ein Fuchs riecht den andern.— Was ſpricht man zu meinem Roman mit der Graͤfin Imperiali? Mohr. Was ich zu wiederholen huͤbſch unterlaſſen werde. Fiesco. Frei heraus! Je frecher, deſto willkommener.— Was murmelt man? Mohr. Nichts murmelt man. Auf allen Kaffeehaͤuſern, Billardtiſchen, Gaſthoͤfen, Promenaden— auf dem Markte— auf der Boͤrſe ſchreit man laut— SFiesco. Was? Ich befehle es dir! Mohr ſich zuruͤckziehend). Daß Ihr ein Narr ſeyd! Fiesco. Gut! Hier, nimm die Zechine fuͤr dieſe Zeitung. Die Schellenkappe habe ich nun aufgeſetzt, daß dieſe Genueſer uͤber mich zu rathen haben; bald will ich mir eine Glatze ſcheeren, daß ſie den Hanswurſt von mir ſpielen. Wie nahmen ſich die Seidenhaͤndler bei meinen Geſchenken? Mohr ddrollig.. Narr, ſie ſtellten ſich wie die armen Suͤnder— Fiesco. Narr? Biſt du toll, Burſche? Mohr. Verzeiht! Ich haͤtte Luſt zu noch mehr Zechinen. Fiesco(lacht, gibt ihm eine). Nun, wie die armen Suͤnder? Mohr. Die auf dem Block liegen und jetzt Pardon uͤber ſich hoͤren. Euer ſind ſie mit Seel' und Leib. fieses. Das freut mich! Sie geben den Ausſchlag beim Poͤbel von Genua. Mohr. Was das ein Auftritt war! Wenig fehlte, der Teufel hole mich! daß ich nicht Geſchmack an der Großmuth gefunden haͤtte. Sie waͤlzten ſich mir wie unſinnig um den Hals! die Maͤdel ſchienen ſich bald in meines Vaters Farbe 2 ²4 vergafft zu haben, ſo hitzig fielen ſie uͤber meine Mondfinſterniß her. Allmaͤchtig iſt doch das Gold, war da mein Gedanke; auch Mohren kann es bleichen. Fiescs. Dein Gedanke war beſſer, als das Miſtbeet, worin er wuchs.— Die Worte, die du mir uͤberbracht haſt, ſind gut; laſſen ſich Thaten daraus ſchließen? Mohr. Wie aus des Himmels Raͤuſpern der ausbrechende Sturm. Man ſteckt die Koͤpfe zuſammen, rottirt ſich zu Hauf, ruft: Hum! ſpukt ein Fremder vorbei. Durch ganz Genua herrſcht eine dumpfige Schwuͤle.— Dieſer Mißmuth haͤngt wie ein ſchweres Wetter uͤber der Republik— nur einen Wind, ſo fallen Schloſſen und Blitze. Fiesco. Still! horch! Was iſt das fuͤr ein verworrenes Geſumſe? Mohr ans Fenſter fliegend). Es iſt das Geſchrei vieler Men⸗ ſchen, die vom Rathhaus herabkommen. Fiesco. Heute iſt Procuratorwahl. Laſſ' meine Carriole vorfahren. Unmoͤglich kann die Sitzung ſchon aus ſeyn. Ich will hinauf. Unmoͤglich kann ſie rechtmaͤßig aus ſeyn— Schwert und Mantel her. Wo iſt mein Orden? Mohr. Herr, ich hab' ihn geſtohlen und verſetzt. Fiesco. Das freut mich. Mohr. Nun, wie? wird mein Praͤſent bald herausruͤcken? Fiesco. Weil du nicht auch den Mantel nahmſt? Mohr. Weil ich den Dieb ausfindig machte. Fiesco. Der Tumult waͤlzt ſich hieher. Horch! Das iſt nicht das Gejauchze des Beifalls. Raſch.) Geſchwind, riegle die Hofpforten auf! Ich habe eine Ahnung. Doria iſt tollkuͤhn. Der Staat gaukelt auf einer Nadelſpitze. Ich wette, auf der Signoria iſt Laͤrm geworden. Mohr(am Fenſter, ſchreit). Was iſt das? Die Straße Balbi herunter— Troß vieler Tauſende— Hellebarden blitzen— Schwerter— Holla! Senatoren— fliegen hieher— Fieseo. Es iſt ein Aufruhr! Spreng' unter ſie. Nenn' meinen Namen. Sieh zu, daß ſie hieher ſich werfen. Mohr eilt hinunrer.) Was die Ameiſe Vernunft muͤhſam zu Haufen ſchleppt, jagt in einem Hui der Wind des Zufalls zuſammen. Fünfter Auftritt. iescg. Benturione, Zibo, Aſſerato ſtuͤrzen ſtuͤrmiſch ins Zimmer. Zibo. Graf, Sie verzeihen unſerm Zorn, daß wir nnan⸗ gemeldet hereintraten. Zentuxione. Ich bin beſchimpft, toͤdtlich beſchimpft vom Neffen des Herzogs, im Angeſichte der ganzen Signoria! Aſſerato. Doria hat das goldene Buch beſudelt, davon jeder genueſiſche Edelmann ein Blatt iſt. Benturione. Darum ſind wir da. Der ganze Adel iſt in mir aufgefordert. Der ganze Adel muß meine Rache theilen. Meine Ehre zu raͤchen, dazu wuͤrde ich ſchwerlich Gehuͤlfen fordern. Bibo. Der ganze Adel iſt in ihm aufgereſzt. Der ganze Adel muß Feuer und Flammen ſpeien. Aſſerato. Die Rechte der Nation ſind zertruͤmmert. Die republicaniſche Freiheit hat einen Todesſtoß. Fiesco. Sie ſpannen meine ganze Erwartung. Zibo. Er war der neun und zwanzigſte unter den Wahl⸗ herren, hatte zur Procuratorwahl eine goldene Kugel gezogen. Acht Schillers ſaͤmmtl. Werke. II. 15 2²26 und zwanzig Stimmen waren geſammelt. Vierzehn ſprachen fuͤr mich, eben ſo viel fuͤr Lomellino! Doria's und die ſeinige ſtanden noch aus— Zenturione t(raſch ins Wort fallend). Standen noch aus. Ich votire fuͤr Zibo. Doria— fuͤhlen Sie die Wunde meiner Ehre— Doria— Aſſerato ceaͤllt ihm wieder ins Wort). So was erlebte man nicht, ſo lang Ocean um Genua fluthet.—— Zenturione hhitziger fort). Doria zog ein Schwert, das er unter dem Scharlach verborgen gehalten, ſpießte mein Vo⸗ tum daran, rief in die Verſammlung: Zibo.„Senatoren, es gilt nicht! Es iſt durchloͤchert! Lomellin iſt Procurator.“ Zenturionr.„Lomellin iſt Procurator,“ und warf ſein Schwert auf die Tafel. Aſſerato. Und rief:„es gilt nicht!“ und warf ſein Schwert auf die Tafel. Fiesco(nach einigem Stillſchweigen). Wozu ſind Sie ent⸗ ſchloſſen? Zenturione. Die Republik iſt ins Herz geſtoßen. Wozu wir entſchloſſen ſind? Fiesco. Zenturione, Binſen moͤgen vom Athem knicken. Eichen wollen den Sturm. Ich frage, was Sie beſchließen? ZBibo. Ich daͤchte, man fragte, was Genua beſchließe? Fiescg. Genua? Genua? Weg damit, es iſt muͤrbe, bricht, wo Sie es anfaſſen. Sie rechnen auf die Patricier? Vielleicht weil ſie ſaure Geſichter ſchneiden, die Achſel zucken, wenn von Staatsſachen Rede wird? Weg damit! Ihr Helden⸗ feuer klemmt ſich in Ballen levantiſcher Waaren, ihre Seelen flattern aͤngſtlich um ihre oſtindiſche Flotte. Zenturione. Lernen Sie unſere Patricier beſſer ſchaͤtzen. 227 Kaum war Doria's trotzige That gethan, flohen ihrer einige Hundert mit zerriſſenen Kleidern auf den Markt. Die Signoria fuhr auseinander. Fieseo(ſpoͤttiſch). Wie Tauben auseinander flattern, wenn in den Schlag ſich ein Geyer wirft? Zenturione(ſtürmiſch). Nein! wie Pulvertonnen, wenn eine Lunte hineinfaͤllt. Zibo. Das Volk wuͤthet auch— was vermag nicht ein angeſchoſſener Eber? Fiesco(lacht). Der blinde, unbeholfene Koloß, der mit plumpen Knochen anfangs Gepolter macht, Hohes und Niederes, Nahes und Fernes mit gaͤhnendem Rachen zu verſchlingen droht, und zuletzt— uͤber Zwirnfaͤden ſtolpert. Genueſer, vergebens! Die Epoche der Meerbeherrſcher iſt vorbei. Genua iſt unter ſeinen Namen geſtuͤrzt. Genua iſt da, wo das unuͤberwindliche Rom wie ein Federball in die Rakete eines zaͤrtlichen Knaben Octa⸗ vius ſprang. Genua kann nicht mehr frei ſeyn. Genua muß von einem Monarchen erwaͤrmt werden. Genua braucht einen Sou⸗ verain, alſo huldigen Sie dem Schwindelkopf Gianettino! Zenturione aufbrauſend). Wenn ſich die grollenden Elemente verſoͤhnen und der Nordpol dem Suͤdpol nachſpringt— Kommt, Cameraden! dus ienes. Bleiben Sie, bleiben Sie! Weruͤber hruͤten Sie, Zibo? Zibo. Ueber nichts oder einem Poſſenſpiel, das das Erd⸗ beben heißen ſoll. Fiesco cfuͤhrt ſie zu einer Statue). Schauen Sie doch dieſe Figur an!. Zenturione. Es iſt die Venus von Florenz. Was ſoll ſie uns hier? Fiesco. Sie gefaͤllt Ihnen aber? 228 Zibo. Ich ſollte denken, oder wir waͤren ſchlechte Italiener. Wie Sie das jetzt fragen moͤgen? Fiesco. Nun, reiſen Sie durch alle Welttheile und ſuchen unter allen lebendigen Abdruͤcken des weiblichen Modells den gluͤcklichſten aus, in welchem ſich alle Reize dieſer getraͤumten Venus umarmen. ZBibs. Und tragen dann fuͤr unſere Muͤhe davon? Fiesco. Dann werden Sie die Phantaſte der Markt⸗ ſchreierei uͤberwieſen haben— Zenturione(ungeduldig). Und was gewonnen haben? Fiesco. Gewonnen haben den verjaͤhrten Proceß der Natur mit den Kuͤnſtlern. Zenturione(hitzig). Und dann? Fiesco. Dann? dann?(Fäͤngt zu lachen an.) Dann haben Sie vergeſſen zu ſehen, daß Genua's Freiheit zu Truͤmmern geht! Sechster Auftritt. Fiescs. Getuͤmmel um den Palaſt nimmt zu. Gluͤcklich! gluͤcklich! Das Stroh der Republik iſt in Flam⸗ men. Das Feuer hat ſchon Haͤuſer und Thuͤrme gefaßt— Immer zu! immer zu! Allgemein werde der Brand, der ſchadenfrohe Wind pfeife in die Verwuͤſtung! 229 Siebenter Auftritt. Mohr in Eile. Fiescu. Mohr. Haufen uͤber Haufen! Fiesco. Mache die Thorfluͤgel weit auf! Laſſ' herein⸗ ſtuͤrzen, was Fuͤße hat! Mshr. Republicaner! Republicaner! Ziehen ihre Freiheit am Joch, keuchen, wie Laſtochſen, unter ihrer ariſtokratiſchen Herrlichkeit. Fiesco. Narren, die glauben, Fiesco von Lavagna werde fortfuͤhren, was Fiesco von Lavagna nicht anfing? Die Empoͤrung kommt wie gerufen. Aber die Verſchwoͤrung muß meine ſeyn. Sie ſtuͤrmen die Treppe herauf. Mohr Ghinaus). Hollah! hollah! Werden das Haus hoͤflichſt zur Thuͤre hereinbringen.(Das Volt ſtuͤrmt herein. Die Thure in Truͤmmern.) Achter Auftritt. Fiesca. Bwölf Handwerker. Alle. Rache an Doria! Rache an Gianettino! Fiesco. Hübſch gemach, meine Landsleute! Daß ihr mir alle eure Aufwartung ſo machet, das zeugt von eurem guten Herzen. Aber meine Ohren ſind delicater. Alle(ungeſtuͤmer). Zu Boden mit den Doria! Zu Boden Oheim und Neffen! 230 Fiesco(der ſie iaͤchelnd uͤberzaͤhlt). Zwoͤlf ſind ein vornehmes Heer— Einige. Dieſe Doria muͤſſen weg! Der Staat muß eine andere Form haben! Erſter Handwerker. Unſere Friedensrichter die Treppen hinab zu ſchmeißen— die Treppen die Friedensrichter! Zweiter. Denkt doch, Lavagna, die Treppen hinab, als ſie ihm bei der Wahl widerſprachen. Alle. Soll nicht geduldet werden! darf nicht geduldet werden! Ein Dritter. Ein Schwert mit in den Rath zu nehmen— Erſter. Ein Schwert! Das Zeichen des Kriegs! im Zim⸗ mer des Friedens! Bweiter. Im Scharlach in den Senat zu kommen! Nicht ſchwarz, wie die uͤbrigen Rathsherren! Erſter. Mit acht Hengſten durch unſere Hauptſtadt zu fahren! Alle. Ein Tyrann! ein Verraͤther des Landes und der Regierung! Zweiter. Zweihundert Deutſche zur Leibwache vom Kaiſer zu kaufen— Erſter. Auslaͤnder wider die Kinder des Vaterlands! Deutſche gegen Italiener! Soldaten neben die Geſetze! Alle. Hochverrath! Meuterei! Genua's Untergang! Erſter. Das Wappen der Republik an der Kutſche zu fuͤhren— Zweiter. Die Statue des Andreas mitten im Hofe der Signoria!— Alle. In Stuͤcke mit dem Andreas! In tauſend Stuͤcke den ſteinernen und den lebendigen! Fiesco. Genueſer, warum mir das alles? 231 Erſter. Ihr ſollt es nicht dulden! Ihr ſollt ihm den Daumen aufs Aug' halten! Zweiter. Ihr ſeyd ein kluger Mann, und ſollt es nicht dulden, und ſollt den Verſtand fuͤr uns haben! Erſter. Und ſeyd ein beſſerer Edelmann, und ſollt ihm das eintraͤnken, und ſollt es nicht dulden! Fiesco. Euer Vertrauen ſchmeichelt mir ſehr! Kann ich es durch Thaten verdienen? Alle(laͤrmend). Schlage! Stuͤrze! Erloͤſe! Fieseo. Doch ein gut Wort werdet ihr noch annehmen? Einige. Redet, Lavagna! Fiesco(der ſich niederſetzt). Genueſer— Das Reich der Thiere kam einſt in buͤrgerliche Gaͤhrung, Parteien ſchlugen mit Parteien, und ein Fleiſcherhund bemaͤchtigte ſich des Throns. Dieſer, gewohnt, das Schlachtvieh an das Meſſer zu hetzen, hauste huͤndiſch im Reich, klaffte, biß und nagte die Knochen ſeines Volks. Die Nation murrte, die Kuͤhnſten traten zuſammen und erwuͤrgten den fuͤrſtlichen Bullen. Jetzt ward ein Reichstag gehalten, die große Frage zu entſcheiden, welche Regierung die gluͤcklichſte ſey? Die Stimmen theilten ſich dreifach. Genueſer, fuͤr welche haͤttet ihr entſchieden? Erſter Bürger. Fuͤrs Volk! Alles fuͤrs Volk! Fiesco. Das Volk gewann's. Die Regierung war demo⸗ kratiſch. Jeder Buͤrger gab ſeine Stimme. Mehrheit ſetzte durch. Wenig Wochen vergingen, ſo kuͤndigte der Menſch dem neugebackenen Freiſtaat den Krieg an. Das Reich kam zuſammen. Roß, Loͤwe, Tiger, Baͤr, Elephant und Rhinoceros traten auf und bruͤllten laut: zu den Waffen! Jetzt kam die Reihe an die Uebrigen. Lamm, Haſe, Hirſch, Eſel, das ganze Reich der Inſecten, der Voͤgel, der Fiſche ganzes menſchenſcheues Heer— alle traten dazwiſchen und wimmerten; Friede! Seht, Genueſer! 232 Der Feigen waren mehr, denn der Streitbaren, der Dummen mehr, denn der Klugen.— Mehrheit ſetzte durch. Das Thierreich ſtreckte die Waffen, und der Menſch brandſchatzte ſein Gebiet. Dieſes Staatsſyſtem ward alſo verworfen! Genueſer! wozu waͤret ihr jetzt geneigt geweſen? Erſter und Zweiter. Zum Ausſchuß! Freilich zum Ausſchuß! Fieseo. Dieſe Meinung gefiel! Die Staatsgeſchaͤfte theilten ſich in mehrere Kammern. Woͤlfe beſorgten die Finanzen, Fuͤchſe waren ihre Secretaͤre. Tauben fuͤhrten das Criminal⸗ gericht, Tiger die guͤtigen Vergleiche, Boͤcke ſchlichteten Heiraths⸗ proceſſe. Soldaten waren die Haſen; Loͤwen und Elephan⸗ ten blieben bei der Bagage; der Eſel war Geſandter des Reichs und der Maulwurf Oberauſſeher uͤber die Verwaltung der Aemter. Genneſer, was hofft ihr von dieſer weiſen Ver⸗ theilung? Wen der Wolf nicht zerriß, den prellte der Fuchs. Wer dieſem entrann, den toͤlpelte der Eſel nieder. Tiger er⸗ wuͤrgten die Unſchuld! Diebe und Moͤrder begnadigte die Taube, und am Ende, wenn die Aemter niedergelegt wurden, fand ſie der Maulwurf alle unſtraͤflich verwaltet.— Die Thiere empoͤrten ſich. Laßt uns einen Monarchen waͤhlen, riefen ſie einſtimmig, der Klauen und Hirn und nur Einen Magen hat— und einem Oberhaupt huldigen alle— einem, Genueſer!— aber(indem er mit Goheit unter ſie tritt es war der Loͤwe. Alle cklatſchen, werfen die Muͤtzen in die Hoͤhe). Bravo! Bravo! das haben ſie ſchlau gemacht! Erſter. Und Genua ſoll's nachmachen, und Genua hat ſeinen Mann ſchon! Fiesev. Ich will ihn nicht wiſſen! Gehet heim! Denkt auf den Loͤwen!(Die Buͤrger tumultuariſch hinaus.) Es geht erwuͤnſcht. Volk und Senat wider Doria. Volk und Senat fuͤr Fiesco— 233 Haſſan! Haſſan!— Ich muß dieſen Haß verſtaͤrken! dieſes Intereſſe anfriſchen!— Heraus, Haſſan! Hurenſohn der Hoͤlle! Haſſan! Haſſan! Neunter Auftritt. Mohr kommt. Fieseo. Mohr wild). Meine Sohlen brennen noch! Was gibt's ſchon wieder? Fiesco. Was ich befehle. Mohr geſchmeidig). Wohin lauf' ich zuerſt? wohin zuletzt? Fiesco. Das Laufen ſey dir dießmal geſchenkt. Du wirſt geſchleift werden. Mache dich gleich gefaßt; ich poſaune jetzt deinen Meuchelmord aus und uͤbergebe dich gebunden der pein⸗ lichen Rota. Mohr(ſechs Schritte zuruͤch. Herr!— das iſt wider die Abrede. Fieseo. Sey ganz ruhig. Es iſt nichts mehr, denn ein Poſſenſpiel. In dieſem Augenblick liegt Alles daran, daß Gianettino's Anſchlag auf mein Leben ruchtbar wird. Man wird dich peinlich verhoͤren. Mohr. Ich bekenne dann oder laͤugne? Fieses. Laͤugneſt. Man wird dich auf die Tortur ſchrauben. Den erſten Grad ſteheſt du aus. Dieſe Witzigung kannſt du auf Conto deines Meuchelmords hinnehmen. Beim zweiten bekennſt du. Mohr(ſchüttelt den Kopf bedentlich). Ein Schelm iſt der Teufel. Die Herren koͤnnten mich beim Eſſen behalten, und ich wuͤrde aus lauter Komoͤdie geraͤdert. 234 fiesco. Du kommſt ganz weg. Ich gebe dir meine graͤfliche Ehre. Ich werde mir deine Beſtrafung zur Genug⸗ thuung ausbitten, und dich dann vor den Augen der ganzen Republik pardonniren. Mohr. Ich laſſe mir's gefallen. Sie werden mir das Gelenk auseinander treiben. Das macht gelaͤufiger. Fiesco. So ritze mir hurtig mit deinem Dolche den Arm auf, bis Blut darnach laͤuft— Ich werde thun, als haͤtt' ich dich erſt friſch auf der Thak ergriffen. Gut! Mitt graͤßlichem Geſchrei.) Moͤrder! Moͤrder! Moͤrder! Beſetzt die Wege! rie⸗ gelt die Pforten zu! EEr ſchleypt den Mohren an der Gurgel hinaus. Bediente laufen uͤber den Schauplatz.) Zehnter Auftritt. Leonore. Koſa ſuuͤrzen erſchrocken herein. LCeonore. Mord! ſchrien ſie, Mord! Von hier kam der Laͤrm. Roſa. Ganz gewiß nur ein blinder Tumult, wie alltaͤglich in Genua. Teongre. Sie ſchrien Mord, und das Volk murmelte deutlich: Fiesco. Armſelige Betruͤger! Meine Augen wollen ſie ſchonen, aber mein Herz uͤberliſtet ſie. Geſchwind, eile nach, ſieh, ſage mir, wo ſie ihn hinſchleppen. Noſa. Sammeln Sie ſich. Bella iſt nach.. — Peonore. Bella wird ſeinen brechenden Blick noch auf⸗ faſſen! die gluͤckliche Bella! Weh uͤber mich, ſeine Moͤrderin! 1 235 Haͤtte Fiesco mich lieben koͤnnen, nie haͤtte Fiesco ſich in die Welt geſtuͤrzt, nie in die Dolche des Neids!— Bella kommt! Fort! Rede nicht, Bella! Eilfter Auftritt. Vorige. Vella. Bella. Der Graf lebt und iſt ganz. Ich ſah ihn durch die Stadt galoppiren. Nie ſah ich unſern gnaͤdigen Herrn ſo ſchoͤn. Der Rappe prahlte unter ihm, und jagte mit hoch⸗ muͤthigem Huf das andraͤngende Volk von ſeinem fuͤrſtlichen Reiter. Er erblickte mich, als er voruͤber flog, laͤchelte gnaͤdig, winkte hieher und warf drei Kuͤſſe zuruͤck.(Boshaft.) Was mach' ich damit, Signora? Leonore(in Entzuᷣckung). Leichtfertige Schwätzerin! Bring' ſie ihm wieder. Roſa. Nun ſehen Siel jetzt ſind Sie wieder Scharlach uͤber und uͤber. Leonore. Sein Herz wirft er der Dirne nach, und ich jage nach einem Veick?— O Weiber! Weiber!(Gehen ab.) 236 Zwölfter Auftritt. Im Palaſt des Andreas. Gianettins. Lomellin kemmen haſtig. Gianettino. Laßt ſie um ihre Freiheit bruͤllen, wie die Loͤwin um ein Junges. Ich bleibe dabei. Lomellin. Doch, gnaͤdiger Herr— Gianettino. Zum Teufel mit Eurem Doch, dreiſtunden⸗ langer Procurator! Ich weiche um keines Haares Breite. Laſſ' Genua's Thuͤrme die Koͤpfe ſchuͤtteln und die tobende See Nein dareinbrummen. Ich fuͤrchte den Troß nicht! Lomellin. Der Poͤbel iſt freilich das brennende Holz, aber der Adel gibt ſeinen Wind dazu. Die ganze Republik iſt in Wallung. Volk und Patricier! Gianettino. So ſteh' ich wie Nero auf dem Berg, und ſehe dem poſſierlichen Brande zu— Lomellin. Bis ſich die ganze Maſſe des Aufruhrs einem Parteigaͤnger zuwirft, der ehrgeizig genug iſt, in der Ver⸗ wuͤſtung zu ernten. Gianettino. Poſſen! Poſſen! Ich kenne nur Einen, der fuͤrchterlich werden koͤnnte, und fuͤr den iſt geſorgt. Lomellin. Seine Durchlaucht. Andreas kommt. Beide verneigen ſich tief.) Andreas. Signor Lomellin! Meine Nichte wuͤnſcht aus⸗ zufahren. Lomellin. Ich werde die Gnade haben, ſie zu begleiten. (Ab.) 237 Dreizehnter Auftritt. Andreas. Cianettino. Andreas. Hoͤre, Neffe! Ich bin ſchlimm mit dir zu⸗ frieden!. Gianettino. Goͤnnen Sie mir Gehoͤr, durchlauchtigſter Oheim! Andreas. Dem zerlumpteſten Bettler in Genug, wenn er es werth iſt. Einem Buben niemals, und waͤr' er mein Neffe. Gnaͤdig genug, daß ich dir den Oheim zeige; du ver⸗ dienſt den Herzog und ſeine Signoria zu hoͤren! Gianettino. Nur ein Wort, gnaͤdigſter Herr— Andreas. Hoͤre, was du gethan haſt, und verantworte dich dann—— Du haſt ein Gebaͤude umgeriſſen, das ich in einem halben Jahrhundert ſorgſam zuſammenfuͤgte— das Mauſoleum deines Oheims— ſeine einzige Pyramide—— die Liebe der Genueſer. Den keichtſinn verzeiht dir Andreas. Gianettino. Mein Oheim und Herzog— Andreas. Unterbrich mich nicht. Du haſt das ſchoͤnſte Kunſtwerk der Regierung verletzt, das ich ſelbſt. den Genueſern vom Himmel holte, das mich ſo viele Naͤchte gekoſtrt, ſo viele Gefahren und Blut. Vor ganz Genua haſt du meine fuͤrſtliche Ehre beſudelt, weil du fuͤr meine Anſtalt keine Achtung zeigteſt. Wem wird ſie heilig ſeyn, wenn mein Blut ſie verachtet?— dieſe dummheit verzeiht dir der Oheim. Gianettino(beleidigt), Gnaͤdigſter Herr, Sie haben mich zu Genua's Herzog erzogen. Andreas. Schweig— du biſt ein Hochverraͤther des Staats und haſt das Herz ſeines Lebens verwundet. Merke dir's, Knabe! Es heißt— Unterwerfung!— Weil der Hirt 238 am Abend ſeines Tagwerks zuruͤcktrat, waͤhnteſt du die Heerde verlaſſen? Weil Andreas eisgraue Hagre traͤgt, trampelteſt du wie ein Gaſſenjunge auf den Geſetzen? Gianettino ctrotzig). Gemach, Herzog. Auch in mei⸗ nen Adern ſiedet das Blut des Andreas, vor dem Frankreich erzitterte. Andreas. Schweig! befehl' ich— Ich bin gewohnt, daß das Meer aufhorcht, wenn ich rede— Mitten in ihrem Tem⸗ pel ſpieſt du die majeſtaͤtiſche Gerechtigkeit an. Weißt du, wie man das ahndet, Rebelle?— Jetzt antworte! (Gianettino heftet den Blick ſprachlos zu Boden.) Anpdreas. Ungluͤckſeliger Andreas! In deinem eigenen Herzen haſt du den Wurm deines Verdienſtes ausgebruͤtet.— Ich baute den Genueſern ein Haus, das der Vergaͤnglichkeit ſpotten ſollte, und werfe den erſten Feuerbrand hinein; dieſen! Dank es, Unbeſonnener, dieſem eisgrauen Kopf, der von Familienhaͤnden zur Grube gebracht ſeyn will— Dank' es meiner gottloſen Liebe, daß ich den Kopf des Empoͤrers dem beleidigten Staat nicht— vom Blutgeruͤſte zuwerfe. (Schnell ab.) Vierzehnter Auftritt. Lomellin außer Athem, erſchrocken. Gianettins ſieyt dem Herzog gluͤhend und ſprachlos nach. Lomellin. Was hab' ich geſehen? was angehoͤrt? Jetzt! Jetzt! Fliehen Sie, Prinz! Jetzt iſt Alles verloren. Sianettins emit Ingrimm). Was war zu verlieren? 239 Lomellin. Genua, Prinz. Ich komme vom Markt. Das Volk draͤngt ſich um einen Mohren, der an Stricken dahin ge⸗ ſchleift wurde; der Graf von Lavagna, uͤber die dreihundert Nobili ihm nach bis ins Richthaus, wo die Verbrecher gefoltert werden. Der Mohr war uͤber einem Meuchelmord ertappt worden, den er an dem Fiesco vollſtrecken ſollte. Sianettino(ſtampft mit dem Fuß). Was? Sind heut' alle Teufel los? Lomellin. Man inquirirte ſcharf, wer ihn beſtochen. Der Mohr geſtand nichts. Man brachte ihn auf die erſte Folter. Er geſtand nichts. Man brachte ihn auf die zweite. Er ſagte aus, ſagte aus— gnaͤdiger Herr, wo gedachten Sie hin, da Sie Ihre Ehre einem Taugenichts preisgaben? Giancttino(ſchnaubt ihn wild an). Frage mich nichts! Lomellin. Hoͤren Sie weiter. Kaum war das Wort Doria ausgeſprochen— lieber haͤtt' ich meinen Namen auf der Schreibtafel des Teufels geleſen, als hier den Ihrigen gehoͤrt— ſo zeigte ſich Fiesco dem Volk. Sie kennen ihn, den Mann, der befehlend flehet, den Wucherer mit den Herzen der Menge. Die ganze Verſammlung ging ihm athemlos in ſtarren, ſchreck⸗ lichen Gruppen entgegen; er ſprach wenig, aber ſtreifte den blutenden Arm auf, das Volk ſchlug ſich um die fallenden Tropfen, wie um Reliquiem Der Mohr wurde ſeiner Willkuͤr uͤbergeben, und Fiesco— ein Herzſtoß fuͤr uns— Fiesco be⸗ gnadigte ihn. Jetzt raste die Stille des Volks in einen bruͤllen⸗ den Laut aus, jeder Athem zernichtete einen Doria, Fiesco wurde auf tauſendſtimmigem Vivat nach Hauſe getragen. Gianettins amit einem dumpfen Gelaͤchter). Der Aufruhr ſchwelle mir an die Gurgel— Kaiſer Karl! Mit dieſer ein⸗ zigen Sylbe will ich ſie niederwerfen, daß in ganz Genug auch keine Glocke mehr ſummen ſoll. 240 Lomellin. Boͤhmen liegt weit von Italien— Wenn Karl ſich beeilt, kann er noch zeitig genug zu Ihrem Leichenſchmauſe kommen. Sianettino(zieht einen Brief mit großem Siegel hervor). Gluͤck genug alſo, daß er ſchon hier iſt!— Verwundert ſich Lomellin? Glaubt er mich tolldreiſt genug, wuͤthige Republicaner zu rei⸗ zen, wenn ſie nicht ſchon verkauft und verrathen waͤren? Lomellin(betreten). Ich weiß nicht, was ich denke. GSianettino. Ich denke etwas, das du nicht weißt. Der Schluß iſt gefaßt. Uebermorgen fallen zwoͤlf Senatoren. Doria wird Monarch, und Kaiſer Karl wird ihn ſchuͤtzen— Du trittſt zuruͤck? Lomellin. Zwoͤlf Senatoren! Mein Herz iſt nicht weit genug, eine Blutſchuld zwoͤlfmal zu faſſen. Gianettino. Naͤrrchen, am Thron wirft man ſie nieder. Siehſt du, ich uͤberlegte mit Karls Miniſtern, daß Frankreich in Genua noch ſtarke Parteien haͤtte, die es ihm zum Zweitenmal in die Haͤnde ſpielen koͤnnten, wenn man ſie nicht mit der Wurzel vertilgte. Das wurmte beim alten Karl. Er unterſchrieb mei⸗ nen Anſchlag— und du ſchreibſt, was ich dictire. Tomellin. Noch weiß ich nicht— Gianettins. Setze dich! Schreib'! Tomellin. Was ſchreib' ich aber.(Settt ſich.) Sianettino. Die Namen der zwoͤlf Candidaten— Franz Zenturione. Lomellin(ſchreiby). Zum Dank fuͤr ſein Votum fuͤhrt er den Leichenzug. Sianeitins. Cornelio Calva. Lomellin. Calva. Gianettins. Michael Zibo. Tomellin. Eine Abkuͤhlung auf die Procuratur. 241 Gianettino. Thomas Aſſerato mit drei Bruͤdern.(Lomellin haͤlt inne.) Gianettino nachdruͤcklich. Mit drei Bruͤdern. Lomellin(cchreibt). Weiter. Gianettino. Fiesco von Lavagna. Lomellin. Geben Sie Acht! Geben Sie Acht! Sie werden uͤber dieſem ſchwarzen Stein noch den Hals brechen. Gianettino. Scipio Bourgognino. Lomellin. Der mag anderswo Hochzeit halten. Gianettino. Wo ich Brautfuͤhrer bin— Raphael Sacco. Lomellin. Dem ſollt' ich Pardon auswirken, bis er mir meine fuͤnftauſend Scudi bezahlt hat.(Schreibt.) Der Tod macht quitt. Gianettino. Vincent Calcagno. Lomellin. Calcagno— den Zwoͤlften ſchreib' ich auf meine Gefahr, oder unſer Todfeind iſt vergeſſen. Gianettino. Ende gut, Alles gut. Joſeph Verrina. Lomellin. Das war der Kopf des Wurms.(Steht auf, ſtreut Sand, fliegt die Schrift durch, reicht ſie dem Prinzen.) Der Tod gibt uͤbermorgen praͤchtige Gala, und hat zwoͤlf genue⸗ ſiſche Fuͤrſten geladen. Gianettino ttritt zum Tiſch, unterzeichnet). Es iſt geſchehen — In zwei Tagen iſt Dogewahl. Wenn die Signoria ver⸗ ſammelt iſt, werden die Zwoͤlf auf das Signal eines Schnupf⸗ tuchs mit einem ploͤtzlichen Schuß geſtreckt, wenn zugleich meine zweihundert Deutſchen das Rathhaus mit Sturm beſetzen. Iſt das vorbei, tritt Gianettino Doria in den Saal und laͤßt ſich huldigen.(Klingelt.) Lomellin. Und Andreas? Gianettino(veraͤchtlich). Iſt ein alter Mann.(Ein Be⸗ dienter.) Wenn der Herzog fragt, ich bin in der Meſſe. Be⸗ Schillers ſämmtl. Werke. II. 16 2 12 dienter ab) Der Teufel, der in mir ſteckt, kann nur in Heiligen⸗ maske incognito bleiben. Tomellin. Aber das Blatt, Prinz? Gianettino. Nimmſt du, laͤſſeſt es durch unſere Partei circuliren. Dieſer Brief muß mit Extrapoſt nach Leyanto. Er unterrichtet den Spinola von Allem, und heißt ihn fruͤh acht Uhr in der Hauptſtadt hier eintreffen. il fort.) Lomellin. Ein Loch im Faß, Prinz! Fiesco beſucht kei⸗ nen Senat mehr. Sianettins(uruͤckrufend). Doch noch einen Meuter wird Genuag haben?— Ich ſorge dafuͤr.(Ab in ein Seitenzimmer. Lomellin fort durch ein anderes.) Fünfzehnter Auftritt. Vorzimmer bei Fiesco. Fiesrs mit Briefen und Wechſeln. Mlohr. Fiesco. Alſo vier Galeeren ſind eingelaufen? Mohr. Liegen gluͤcklich in der Darſena vor Anker. Fiesco. Das kommt erwuͤnſcht. Woher die Expreſſen? Mohr. Von Rom, Piacenza und Frankreich. Fieseo(bricht die Briefe auf, fliegt ſie durch). Willkommen, willkommen in Genua!(Sehr aufgeraͤumt.) Die Couriere werden fuͤrſtlich bewirthet. Mohr. Hum!(Mill gehen.) Fiescs. Halt! halt! Hier kommt Arbeit fuͤr dich die Fuͤlle. Mohr. Was ſteht zu Befehl? Die Naſe des Spuͤrers oder der Stachel des Skorpions? 243 Fiesco. Fuͤr jetzt des Lockvogels Schlag. Morgen fruͤh werden zweitauſend Mann verkappt zur Stadt hereinſchleichen, Dienſte bei mir zu nehmen. Vertheile du deine Handlager an den Thoren herum, mit der Ordre, auf die eintretenden Paſſa⸗ giers ein wachſames Auge zu haben. Einige werden als ein Trupp Pilgrime kommen, die nach Loretto wallfahrten gehen, Andere als Ordensbruͤder, oder Savoyarden, oder als Komoͤ⸗ dianten, wieder Andere als Kraͤmer, oder als ein Trupp Muſi⸗ kanten, die Meiſten als abgedankte Soldaten, die genueſiſches Brod eſſen wollen. Jeder Fremde wird ausgefragt, wo er einſtelle? antwortet er: zur goldenen Schlange, ſo muß man ihn freundlich gruͤßen und meine Wohnung bedeuten. Hoͤre, Kerl! aber ich baue auf deine Klugheit. Mohr. Herr! wie auf meine Bosheit. Entwiſcht mir eine Locke Haar, ſo ſollt Ihr meine zwei Augen in eine Windbuͤchſe laden und Sperrlinge damit ſchießen.(Wil fort.) Fiesco. Halt! noch eine Arbeit. Die Galeeren werden der Nation ſcharf in die Augen ſtechen. Merke auf, was da⸗ von Rede wird. Fragt dich Jemand, ſo haſt du von wei⸗ tem murmeln gehoͤrt, daß dein Herr damit Jagd auf die Tuͤrken mache. Verſteheſt du? Mohr. Verſtehe. Die Baͤrte der Beſchnittenen liegen oben drauf. Was im Korb iſt, weiß der Teufel. Wil fort.) Fiesco. Gemach. Noch eine Vorſicht. Gianettino hat neuen Grund, mich zu haſſen und mir Fallen zu ſtellen. Geh, beobachte deine Cameraden, ob du nicht irgendwo einen Meuchel⸗ mord witterſt. Doria beſucht die verdaͤchtigen Haͤuſer. Haͤnge dich an die Toͤchter der Freude. Die Geheimniſſe des Cabinets ſtecken ſich gern in die Falten eines Weiberrocks; verſprich ihnen goldſpeiende Kunden— Verſprich deinen Herrn. Nichts kann 244 zu ehrwuͤrdig ſeyn, das du nicht in dieſen Moraſt untertauchen ſollſt, bis du den feſten Boden fuͤhlſt. Mohr. Halt! Holla! Ich habe den Eingang bei einer gewiſſen Diana Bononi, und bin gegen fuͤnf Vierteljahre ihr Zufuͤhrer geweſen. Vorgeſtern ſah ich den Procurator Lomellino aus ihrem Hauſe kommen. Fiesco. Wie gerufen. Eben der Lomellino iſt der Haupt⸗ ſchluͤſſel zu allen Tollheiten Doria's. Gleich morgen fruͤh mußt du hingehen. Vielleicht iſt er heute Nacht dieſer keuſchen Luna Endymion. Mohr. Noch einen Umſtand, gnaͤdiger Herr! Wenn mich die Genueſer fragen— und ich bin des Teufels! das werden ſie— wenn ſie mich jetzt fragen: was denkt Fiesco zu Genua? — Werdet Ihr Eure Maske noch laͤnger tragen, oder was ſoll ich antworten? Fiesco. Antworten? Wart! Die Frucht iſt ja zeitig. Wehen verkuͤndigen die Geburt— Genua liege auf dem Block, ſollſt du antworten, und dein Herr heiße Johann Ludwig Fiesco. Mohr(ſich froh ſtreckend). Was ich anbringen will, daß ſich's gewaſchen haben ſoll, bei meiner hundsfoͤttiſchen Ehre!— Aber nun hell auf, Freund Haſſan! In ein Weinhaus zuerſt! Meine Fuͤße haben alle Haͤnde voll zu thun— ich muß meinen Magen careſſiren, daß er bei meinen Beinen das Wort redet. EEilt ab, kommt aber ſchnell zuruͤck.) A propos! Bald haͤtt' ich das ver⸗ plaudert. Was zwiſchen Eurer Frau und Calcagno vorging, habt Ihr gern wiſſen mogen?— Ein Korb ging vor, Herr, und das war Alles.(Laͤuft davon.) 245 Sechszehnter Auftritt. Fiesco bei ſich. Ich bedaure, Calcagno— Meinen Sie etwa, ich wuͤrde den empfindlichen Artikel meines Chebetts Preis geben, wenn mir meines Weibes Tugend und mein eigener Werth nicht Handſchrift genug ausgeſtellt haͤtten? Doch willkommen mit dieſer Schwaͤgerſchaft. Du biſt ein guter Soldat. Das ſoll mir deinen Arm zu Doria's Untergang kuppeln!—— Mit ſtarkem Schritt auf und nieder.) Jetzt, Doria, mit mir auf den Kampfplatz! Alle Maſchinen des großen Wageſtuͤcks ſind im Gang. Zum ſchaudernden Concert alle Inſtrumente geſtimmt. Nichts fehlt, als die Larve herabzureißen und Genua's Patrioten den Fiesco zu zeigen. Man hoͤrt kommen.) Ein Beſuch! Wer mag mich jetzt ſtoͤren? Siebenzehnter Auftritt. Voriger. Perrina. Romans mit einem Tableau. Sacco. Bourgognins. Calragna. Ale verneigen ſich. Fiesco(ihnen entgegen, voll Heiterkeit). Willkommen, meine wuͤrdigen Freunde! Welche wichtige Angelegenheit fuͤhrt Sie ſo vollzaͤhlig zu mir?— Du auch da, theurer Bruder Verrina? Ich wuͤrde bald verlernt haben, dich zu kennen, waͤren meine Gedanken nicht fleißiger um dich, als meine Augen. War's nicht ſeit dem letzten Ball, daß ich meinen Verrina entbehrte? 246 Verrina. Zaͤhl' ihm nicht nach, Fiesco. Schwere Laſten haben indeß ſein graues Haupt gebeugt. Doch genug hievon. Fieseo. Nicht genus fuͤr die wißbegierige Liebe. Du wirſt mir mehr ſagen muͤſſen, wenn wir allein ſind.(Zu Bourgognino.) Willkommen, junger Held! Unſere Bekanntſchaft iſt noch gruͤn, aber meine Freundſchaft iſt zeitig. Haben Sie Ihre Meinung von mir verbeſſert? Bourgognino. Ich bin auf dem Wege. Fieseo. Verrina, man ſagt mir, daß dieſer junge Cava⸗ lier dein Tochtermann werden ſoll. Nimm meinen ganzen Beifall zu dieſer Wahl. Ich hab' ihn nur Einmal geſprochen, und doch wuͤrd' ich ſtolz ſeyn, wenn er der meinige waͤre. Verrina. Dieſes Urtheil macht mich eitel auf meine Tochter. Fiesco du den Andern). Sacco? Calcagno?— Lauter ſeltene Erſcheinungen in meinem Zimmer! Beinahe moͤcht' ich mich meiner Dienſtfertigkeit ſchaͤmen, wenn Genua's edelſte Zierden ſie voruͤbergehen.— Und hier begruͤße ich einen fuͤnf⸗ ren Gaſt, mir zwar freid, doch empfohlen genug durch dieſen wuͤrdigen Cirkel. Uomanv. Es iſt ein Maler ſchlechtweg, gnaͤdiger Herr, Romano mit Namen, der ſich vom Diebſtahl an der Natur ernaͤhrt, kein Wappen hat, als ſeinen Pinſel, und nun gegen⸗ waͤrtig iſt,(mit einer tiefen Verbeugung) die große Linie zu einem Brutuskopfe zu finden. Fiesco. Ihre Hand, Romano. Ihre Meiſterin iſt eine Verwandte meines Hauſes. Ich liebe ſie bruͤderlich. Kunſt iſt die rechte Hand der Natur. Dieſe hat nur Geſchoͤpfe, jene hat Nenſchen gemacht. Was malen Sie aber, Romano? Romano. Scenen aus dem nervigen Alterthum. Zu Florenz ſteht mein ſterbender Hercules, meine Kleo⸗ 247 patra zu Venedig, der wuͤthende Ajax zu Rom, wo die Hel⸗ den der Vorwelt— im Vatican wieder auferſtehen. Fieseo. Und was iſt wirklich Ihres Pinſels Beſchaͤftigung? Romano. Er iſt weggeworfen, gnaͤdiger Herr. Das Licht des Genie's bekam weniger Fett, als das Licht des Le⸗ bens. Ueber einen gewiſſen punkt hinaus brennt nur die papierne Krone. Hier iſt meine letzte Arbeit. Fieses caufgeraͤumt. Sie koͤnnte nicht erwuͤnſchter gekom⸗ men ſeyn. Ich bin heute ganz ungewoͤhnlich heiter, mein ganzes Weſen feiert eine gewiſſe heroiſche Ruhe, ganz offen fuͤr die ſchoͤne Natur. Stellen Sie Ihr Tableau auf. Ich will mir ein rechtes Feſt daraus bereiten. Tretet herum, meine Freunde. Wir wollen uns ganz dem Kuͤnſtler ſchenken. Stellen Sie Ihr Tableau auf. Verrina(winkt den Andern). Nun merket auf, Genuneſer! Ramano(ſiellt das Gemaͤlde zurechty). Das Licht muß von der Seite ſpielen. Ziehen Sie jenen Vorhang auf. Dieſen laſſen Sie fallen. Gut.(Er tritt auf die Seite.) Es iſt die Ge⸗ ſchichte der Virginia und des Appius Claudius. (Lange ausdrucksvolle Pauſe, worin Alle die Malerei betrachten.) Verrina(in Begeiſterung). Spritz' zu, eisgrauer Vater!— Zuckſt du, Tyrann?— Wie ſo bleich ſteht ihr Kloͤtze, Roͤmer— ihm nach,— Roͤmer— das Schlachtmeſſer blinkt— Mir nach, Kloͤtze, Genneſer— Nieder mit Doria! Nieder! nieder! (Er haut gegen das Gemaͤlde.) Fieseo llaͤcheind zum Maler). Fordern Sie mehr Beifall? Ihre Kunſt macht dieſen alten Mann zum bartloſen Traͤnmer. Verrina cerſchöpit). Wo bin ich? Wo ſind ſie hingekom⸗ men? Weg, wie Blaſen? Du hier, Fiesco? Der Tyrann lebt noch, Fiesco? Fiesco. Siehſt du? Ueber vielem Sehen haſt du die Augen 248 vergeſſen. Dieſen Roͤmerkopf findeſt du bewundernswerth? Weg mit ihm! Hier das Maͤdchen blick' an! Dieſer Ausdruck, wie weich! wie weiblich! Welche Anmuth auch aus den welkenden Lippen! Welche Wolluſt im verloͤſchenden Blick! Unnachahmlich! goͤttlich, Romano!— Und noch die weiße, blendende Bruſt, wie angenehm noch von des Athems letzten Wellen gehoben! Moehr ſolche Nymphen, Romano, ſo will ich vor Ihren Phan⸗ taſien knieen und der Natur einen Scheidebrief ſchreiben. Bourgognino. Verrina, iſt das deine gehoffte herrliche Wirkung? Verrina. Faſſe Muth, Sohn. Gott verwarf den Arm des Fiescv, er muß auf den unſrigen rechnen. Fiesco Gum Maler). Ja, es iſt Ihre letzte Arbeit, Romano. Ihr Mark iſt erſchoͤpft. Sie ruͤhren keinen Pinſel mehr an. Doch uͤber des Kuͤnſtlers Bewunderung vergeſſ' ich das Werk zu verſchlingen. Ich koͤnnte hier ſtehen und hingaffen, und ein Erdbeben uͤberhoͤren. Nehmen Sie Ihr Gemaͤlde weg. Sollt' ich Ihnen dieſen Virginiakopf bezahlen, muͤßt' ich Ge⸗ nua in Verſatz geben. Nehmen Sie weg. Romans. Mit Ehre bezahlt ſich der Kuͤnſtler. Ich ſchenke es Ihnen.(Er will hinaus.) Fiesco. Eine kleine Geduld, Romano.(Er geht mit maje⸗ ſtaͤtiſchem Schritt im Zimmer und ſcheint uͤber etwas Großes zu denken. Zuweilen betrachtet er die Andern fliegend und ſcharf, endlich nimmt er den Maler bei der Hand, fuͤhrt ihn vor das Gemaͤlde.) Tritt her, Maler!(Aeußerſt ſtolz und mit Würde.) So trotzig ſtehſt du da, weil du Leben auf todten Tuͤchern heuchelſt und große Thaten mit kleinem Aufwand verewigſt. Du prahlſt mit Poetenhitze, der Phantaſte markloſem Marionettenſpiel, ohne Herz, ohne thatenwaͤrmende Kraft; ſtuͤrzeſt Tyrannen auf Leinwand;— biſt ſelbſt ein elender Sklave! Machſt Republiken mit einem 249 Pinſel frei;— kannſt deine eignen Ketten nicht brechen!(Voll und beſehlend.) Geh'! Deine Arbeit iſt Gaukelwerk— der Schein weiche der That—(mit Groͤße, indem er das Tableau umwirft.) Ich habe gethan, was du— nur malteſt.(Ale erſchuͤttert. Romano traͤgt ſein Tableau mit Beſtuͤrzung fort.) Achtzehnter Auftritt. Fiescg. Verrina. Vourgogning. Sacco. Calcagno. Fiesco(unterbricht eine Pauſe des Erſtaunens). Dachtet ihr, der Loͤwe ſchliefe, weil er nicht bruͤllte? Waret ihr eitel genug, euch zu uͤberreden, daß ihr die Einzigen waͤret, die Genug's Ketten fuͤhlten? die Einzigen, die ſie zu zerreißen wuͤnſchten? Eh' ihr ſie nur fern raſſeln hoͤrtet, hatte ſie ſchon Fiesco zer⸗ brochen.(Er oͤffnet die Schatulle, nimmt ein Paket Briefe heraus, die er alle uͤber die Tafel breitet.) Hier Soldaten von Parma— hier franzoͤſiſches Geld—— hier pier Galeeren vom Papſt. Was fehlt noch, einen Tyrannen in ſeinem Neſt aufzujagen? Was wißt ihr noch zu erinnern?(Da ſie alle erſtarrt ſchweigen, tritt er von der Tafel, mit Selbſtgefuͤhl.) Republicaner, ihr ſeyd geſchickter, Tyrannen zu verfluchen, als ſie in die Luft zu ſprengen.(Aue, außer Verrina, werfen ſich ſprachlos dem Fiesco zu Fuͤßen.) Verrina. Fiesco!— mein Geiſt neigt ſich vor dem dei⸗ nigen— mein Knie kann es nicht— Du biſt ein großer Menſch;— aber— Steht auf, Genueſer. Fiesco. Ganz Genua aͤrgert ſich an dem Weichling Fiesco. Ganz Genua fluchte uͤber den verbuhlten Schurken Fiesco. 250 Genueſer! Genueſer! meine Buhlerei hat den argliſtigſten Deſpoten betrogen, meine Tollheit hat eurem Fuͤrwitz meine gefaͤhrliche Weisheit verhuͤllt. In den Windeln der Ueppig⸗ keit lag das erſtaunliche Werk der Verſchwoͤrung gewickelt. Genug. Genua kennt mich in euch. Mein ungeheuerſter Wunſch iſt befriedigt. Bourgognino(wirft ſich unmuthig in einen Seſſeh. Bin ich denn gar nichts mehr? Fiesco. Aber laßt uns ſchleunig von Gedanken zu Thaten gehen. Alle Maſchinen ſind gerichtet. Ich kann die Stadt von Land und Waſſer beſtuͤrmen. Rom, Frankreich und Parma bedecken mich. Der Adel iſt ſchwierig. Des Poͤbels Herzen ſind mein. Die Tyrannen hab' ich in Schlummer ge⸗ ſungen. Die Republik iſt zu einem Umguſſe zeitig. Mit dem Gluͤck ſind wir fertig. Nichts fehlt— aber Verrina iſt nachdenkend? ZBourgognino. Geduld. Ich hab' ein Woͤrtchen, das ihn raſcher aufſchrecken ſoll, als des juͤngſten Tages Poſaunen⸗ ruf.(Er tritt zu Verrina, ruft ihm bedeutend zu). Vater, wach' auf! Deine Bertha verzweifelt. Verrina. Wer ſprach das?— Zum Werk, Genueſer! Fieseo. Ueberlegt den Entwurf zur Vollſtreckung. Ueber dem ernſten Geſpraͤch hat uns die Nacht uͤberraſcht. Genua liegt ſchlafen. Der Tyrann faͤllt erſchoͤpft von den Suͤnden des Tages nieder. Wachet fuͤr Beide! Bourgognino. Ehe wir ſcheiden, laßt uns den helden⸗ muͤthigen Bund durch eine Umarmung beſchwoͤren.(Sie ſchließen mit verſchraͤnkten Armen einen Kreis.) Hier wachſen Genua's fuͤnf groͤßte Herzen zuſammen, Genua's groͤßtes Loos zu entſcheiden. (ruͤcken ſich inniger.) Wenn der Weltenbau auseinander faͤllt und der Spruch des Gerichts auch die Bande des Bluts, auch der 251 Liebe zerſchneidet, bleibt dieſes fuͤnffache Heldenblatt ganz! (Treten auseinander.) Verrina. Wann verſammeln wir uns wieder? Fieseo. Morgen Mittag will ich eure Meinungen ſammeln. Verrina. Morgen Mittag denn. Gute Nacht, Fiesco! Bourgogninv, komm! Du wirſt etwas Seltſames hoͤren. (Beide ab.) Fieseo Gu den Anderny. Geht ihr zu den Hinterthoren hinaus, daß Doria's Spione nichts merken.(Ale entfernen ſich.) Neunzehnter Auftritt. Fiesco der nachdenkend auf und nieder gehet. Welch ein Aufruhr in meiner Bruſt! welche heimliche Flucht der Gedanken— Gleich verdaͤchtigen Bruͤdern, die auf eine ſchwarze That ausgehen, auf den Zehen ſchleichen, und ihr flammroth Geſicht furchtſam zu Boden ſchlagen, ſtehlen ſich die uͤppigen Phantome an meiner Seele vorbei— Haltet! haltet! Laßt mich euch ins Angeſicht leuchten—— ein guter Gedanke ſtaͤhlet des Mannes Herz und zeigt ſich heldenmaͤßig dem Tage.— Hal ich kenne euch!— das iſt die Liverei des ewigen Luͤgners— verſchwindet! Wieder Pauſe, darauf lebhafter.) Republicaner Fiesco? Herzog Fiesco?— Gemach — Hier iſt der gaͤhe Hinunterſturz, wo die Mark der Tugend ſich ſchließt, ſich ſchiden Himmel und Hoͤlle— Eben hier haben Helden geſtrauchelt und Helden ſind geſunken, und die Welt belegt ihre Namen mit Fluͤchen— Eben hier haben Helden gezweifelt, und Helden ſind ſtill geſtanden und Halbgoͤtter ge⸗ 8* 252 worden— Waſcher. Daß ſie mein ſind, die Herzen von Genua? Daß von meinen Haͤnden dahin, dorthin ſich gaͤn⸗ geln laͤßt, das furchtbare Genua?— O uͤber die ſchlaue Suͤnde, die einen Engel vor jeden Teufel ſtellt— Ungluͤckſelige Schwung⸗ ſucht! uralte Buhlerin! Engel kuͤßten an deinem Halſe den Himmel hinweg, und der Tod ſprang aus deinem kreißenden Bauche—(Sich ſchaudernd ſchuͤttelnd.) Engel ſingſt du mit Sirenentrillern von Unendlichkeit ein— Menſchen angelſt du mit Gold, Weibern und Kronen!(Nach einer nachdenkenden Pauſe, feſt.) Ein Diadem erkaͤmpfen, iſt groß. Es wegwerfen, iſt goͤttlich.(Entſchloſſen.) Geh' unter, Tyrann! Sey frei, Genua, und ich(ſanft geſchmolzen) dein gluͤcklichſter Buͤrger. Dritter Aufzug. Furchtbare Wildniß. Erſter Auftritt. Verrina. Baurgognino kommen durch die Nacht. Bourgognino ſieht ſtil)h. Aber wohin fuͤhrſt du mich, Vater? Der dumpfe Schmerz, womit du mich abriefſt, keucht noch immer aus deinem arbeitenden Odem. Unterbrich dieſes grauenvolle Schweigen. Rede. Ich folge nicht weiter. Verrina. Das iſt der Ort. Bourgognino. Der ſchrecklichſte, den du auffinden konn⸗ teſt. Vater, wenn das, was du hier vornehmen wirſt, dem Orte gleich ſſeht, Vater, ſo werden meine Haarſpitzen aufwaͤrts ſpringen. Verrina. Doch bluͤhet das, gegen die Nacht meiner Seele. Folge mir dahin, wo die Verweſung Leichname morſch frißt und der Tod ſeine ſchaudernde Tafel haͤlt— dahin, wo das Gewinſel verlorner Seelen Teufel beluſtigt und des Jammers undankbare Thraͤnen im durchloͤcherten Siebe der Ewigkeit aus⸗ rinnen— dahin, mein Sohn, wo die Welt ihre Looſung aͤndert und die Gottheit ihr allguͤtiges Wappen bricht— dort will ich 4 254— zu dir durch Verzerrungen ſprechen, und mit Zaͤhnklappern wirſt du hoͤren. 1 Bourgognino. Hoͤren? Was? ich beſchwoͤre dich. Verrina. Juͤngling! ich fuͤrchte— Juͤngling, dein Blut iſt roſenroth— dein Fleiſch iſt mild geſchmeidig; dergleichen Naturen fuͤhlen menſchlich weich; an dieſer empfindenden Flamme ſchmilzt meine grauſame Weisheit. Haͤtte der Froſt des Alters oder der bleierne Gram den froͤhlichen Sprung deiner Geiſter gelaͤhmt— haͤtte ſchwarzes, klumpiges Blut der leidenden Natur den Weg zum Herzen geſperrt, dann waͤrſt du geſchickt, die Sprache meines Grams zu verſtehen und meinen Entſchluß anzuſtaunen. Bourgognino. Ich werde ihn hoͤren und mein machen. verrina. Nicht darum, mein Sohn— Verrina wird damit dein Herz verſchonen. O Scipio, ſchwere Laſten liegen auf dieſer Bruſt— ein Gedanke, grauenvoll, wie die lichtſcheue Nacht— ungeheuer genug, eine Mannsbruſt zu ſprengen— Siehſt du? Allein will ich ihn vollfuͤhren— allein tragen kann ich ihn nicht. Wenn ich ſtolz waͤre, Scipio, ich koͤnnte ſagen, es iſt eine Qual, der einzige große Mann zu ſeyn— Groͤße iſt dem Schoͤpfer zur Laſt gefallen, und er hat Geiſter zu Vertrauten gemacht— Hoͤre, Scipio! Bourgognins. Meine Seele verſchlingt die deinige. verrina. Höre, aber erwiedere nichts. Nichts, junger Menſch! Hoͤrſt du? Kein Wort ſollſt du darauf ſagen— Fiesco muß ſterben! ZBourgognino amit Beſtürzung). Sterben! Fiesco! Verrina. Sterben!— Ich danke dir, Gott! es iſt heraus — Fiesco ſterben, Sohn, ſterben durch mich!— Nun geh'— es gibt Thaten, die ſich keinem Menſchen⸗Urtheil mehr unter⸗ werfen— nur den Himmel zum Schiedsmann erkennen.— Das iſt eine davon. Geh'. Ich will weder deinen Tadel, noch deinen Beifall. Ich weiß, was ſie mich koſtet, und damit gut. Doch hoͤre— du koͤnnteſt dich wohl gar wahnſinnig daran denken— Hoͤre— ſahſt du ihn geſtern in unſerer Beſtuͤr⸗ zung ſich ſpiegeln? Der Mann, deſſen Laͤcheln Italien irre fuͤhrte, wird er Seinesgleichen in Genua dulden? Geh'. Den Tyrannen wird Fiesco ſtuͤrzen, das iſt gewiß! Fiesco wird Genua's gefaͤhrlichſter Tyrann werden, das iſt gewiſſer!(Er geht ſchnell ab. Bourgognino blickt ihm ſtaunend und ſprachlos nach, dann folgt er ihm langſam.) Zweiter Auftritt. Saal bei Fiesco. In der Mitte des Hintergrundes eine große Glasthuͤr, die den Proſpect uͤber das Meer und Genua öffnet. Morgendaͤmmerung. Fiesro vor'm Feſter. Was iſt das?— Der Mond iſt unter— Der Morgen kommt feurig aus der See— Wilde Phantaſien haben meinen Schlaf aufgeſchwelgt— mein ganzes Weſen krampfig um meine Empfindung gewaͤlzt— Ich muß mich imOffnen dehnen.(Er macht die Glasthuͤr auf. Stadt und Meer vom Morgenroth uͤberflammt. Fiesco mit ſtarken Schritten im Zimmer.) Daß ich der groͤßte Mann bin im ganzen Genua! und die kleineren Seelen ſollten ſich nicht unter die große verſammeln?— Aber ich verletze die Tugend!(Steht ſtil.) Tugend?— Der erhabene Kopf hat andere Verſuchungen, als der gemeine— Sollt' er Tugend mit 256 ihm zu theilen haben? Der Harniſch, der des Pygmaͤen ſchmaͤch⸗ tigen Koͤrper zwingt, ſollte der einem Rieſenleib anpaſſen muͤſſen? Die Sonne geht auf uͤber Genua. Dieſe majeſtaͤtiſche Stadt!(Mit offenen Armen dagegen eilend.) Mein! und daruͤber emporzuflammen, gleich dem koͤniglichen Tag, und daruͤber zu bruͤten mit Monarchenkraft— all die kochenden Begierden— all die nimmerſatten Wuͤnſche in dieſem grundloſen Ocean unterzutauchen—— Gewiß! wenn auch des Betruͤgers Witz den Betrug nicht adelt, ſo adelt doch der Preis den Betruͤger. Es iſt ſchimpflich, eine volle Boͤrſe zu leeren— es iſt frech, eine Million zu veruntreuen, aber es iſt namenlos groß, eine Krone zu ſtehlen. Die Schande nimmt ab mit der wachſenden Suͤnde.(Pauſe, dann mit Ausdruck.) Ge⸗ horchen!— Herrſchen!— ungeheure ſchwindlichte Kluft— Legt Alles hinein, was der Menſch Koſtbares hat— eure ge⸗ wonnenen Schlachten, Eroberer— Kuͤnſtler, eure unſterblichen Werke— eure Wolluͤſte, Epikure— eure Meere und Inſeln, ihr Weltumſchiffer! Gehorchen und Herrſchen! Seyn und Nichtſeyn! Wer uͤber den ſchwindlichten Graben vom letzten Seraph zum Unendlichen ſetzt, wird auch dieſen Sprung ausmeſſen. Mit erhabenem Spiel.) Zu ſtehen in jener ſchrecklich erhabenen Hoͤhe— niederzuſchmollen in der Menſchlichkeit reißenden Strudel, wo das Rad der blinden Betruͤgerin Schick⸗ ſale ſchelmiſch waͤlzt— den erſten Mund am Becher der Freude — tief unten den geharniſchten Rieſen Geſetz am Gaͤngel⸗ bande zu lenken— ſchlagen zu ſehen unvergoltene Wunden, wenn ſein kurzarmiger Grimm an das Gelaͤnder der Majeſtaͤt unmaͤchtig poltert— die unbaͤndigen Leidenſchaften des Volks, gleich ſo viel ſtampfenden Roſſen, mit dem weichen Spiele des Zuͤgels zu zwingen— den emporſtrebenden Stolz der Vaſallen 257 mit Einem— Einem Athemzug in den Staub zu legen, wenn der ſchoͤpferiſche Fuͤrſtenſtab auch die Traͤume des fuͤrſt: lichen Fiebers ins Leben ſchwingt! Ha! welche Vorſtellung, die den ſtaunenden Geiſt uͤber ſeine Linien wirbelt!— Ein Augenblick Fuͤrſt hat das Mark des ganzen Daſeyns verſchlun⸗ gen. Nicht der Tummelplatz des Lebens— ſein Gehalt beſtimmt ſeinen Werth. Zerſtuͤcke den Donner in ſeine ein⸗ fachen Sylben, und du wirſt Kinder damit in den Schlummer ſingen; ſchmelze ſie zuſammen in einen ploͤtzlichen Schall, und der monarchiſche Laut wird den ewigen Himmel bewegen — Ich bin entſchloſſen!(Seroiſch auf und nieder.) Dritter Auftritt. Fiescs. Leonore tritt herein mit merklicher Angſt. Leonore. Vergeben Sie, Graf. Ich fuͤrchte, Ihre Mor⸗ genruhe zu ſtoͤren. Sieses(tritt hoͤchſt betreten zuruͤch. Gewiß, gnaͤdige Frau, Sie uͤberraſchen mich ſeltſam. Leonore. Das begegnet nur den Liebenden nie. ieseo. Schoͤne Graͤfin, Sie verrathen Ihre Schoͤnheit an den feindlichen Morgenhauch. Keonore. Auch wuͤßt' ich nicht, warum ich den wenigen Reſt fuͤr den Gram ſchonen ſollte. Fieseo. Gram, meine Liebe! Stand ich bisher im Wahn, Staaten nicht umwuͤhlen wollen, heiße Ge⸗ muͤthsruhe? Schillers ſaͤmmtl. Werke, II. 17 258 Leonore. Moͤglich— Doch fuͤhl' ich, daß meine Weiber⸗ bruſt unter dieſer Gemuͤthsruhe bricht. Ich komme, mein Herr, Sie mit einer nichtsbedeutenden Bitte zu belaͤſtigen, wenn Sie Zeit fuͤr mich wegwerfen moͤchten. Seit ſieben Monaten hatt' ich den ſeltſamen Traum, Graͤfin von Lavagna zu ſeyn. Er iſt verflogen. Der Kopf ſchmerzt mir davon. Ich werde den ganzen Genuß meiner unſchuldigen Kindheit zuruͤckrufen muͤſſen, meine Geiſter von dieſem lebhaften Phan⸗ tome zu heilen. Erlauben Sie darum, daß ich in die Arme meiner guten Mutter zuruͤckkehre Fieseo aͤußerſt beſtuͤrzt). Graͤfin! Leonore. Es iſt ein ſchwaches, verzaͤrteltes Ding, mein Herz, mit dem Sie Mitleiden haben muͤſſen. Auch die ge⸗ ringſten Andenken des Traums koͤnnten meiner kranken Ein⸗ bildung Schaden thun. Ich ſtelle deßwegen die letzten uͤber⸗ bliebenen Pfaͤnder ihrem rechtmaͤßigen Beſitzer zuruͤck.(Sie legt einige Galanterien auf ein Tiſchchen.) Auch dieſen Dolch, der mein Herz durchfuhr—(ſeinen Liebesbrie auch dieſen— und ändem ſie laut weinend hinausſtuͤrzen will) behalte nichts, als die Wunde! Fiesoo eerſchuͤttert, eilt ihr nach, haͤlt ſie auff. Leonore! Welch ein Auftritt! Um Gotteswillen! Leonore(faͤllt matt in ſeinen Arm). Ihre Gemahlin zu ſeyn, hab' ich nicht verdient, aber Ihre Gemahlin haͤtte Achtung verdient— Wie ſie jetzt ziſchen, die Laͤſterzungen! Wie ſie auf mich herabſchielen, Genua's Damen und Maͤdchen!„Seht, wie ſie wegbluͤht, die Eitle, die den Fiesco heirathete!“— Grauſame Ahndung meiner weiblichen Hoffart! Ich hatte mein ganzes Geſchlecht verachtet, da mich Fiesco zum Braut⸗ altare fuͤhrte. 259 Fieseo. Nein, wirklich Signora! dieſer Auftritt iſt ſenderbar! Leonore für ſich!. Ah, erwuͤnſcht. Er wird blaß und roth. Jetzt bin ich muthig. Fieseo. Nur zwei Tage, Graͤfin, und dann richten Sie mich. Leonore. Aufgeopfert— Laſſ' mich es nicht vor dir aus⸗ ſprechen, jungfraͤuliches Licht! Aufgeopfert einer Buhlerin! Nein! Sehen Sie mich an, mein Gemahl! Wahrhaftig, die Augen, die ganz Genua in knechtiſches Zittern jagen, muͤſſen ſich jetzt vor den Thraͤnen eines Weibes verkriechen— Sieseg außerſt verwirrt). Nicht mehr, Signora! Nht weiter! Leonore(mit Wehmuth und etwas bitteyy. Ein ſchwaches Weiberherz zu zerfleiſchen! O es iſt des ſtarken Geſchlechts ſo wuͤrdig.— Ich warf mich in die Arme dieſes Mannes. An dieſen Starken ſchmiegten ſich wolluͤſtig alle meine weiblichen Schwaͤchen. Ich uͤbergab ihm meinen ganzen Himmel— Der großmuͤthige Mann verſchenkte ihn an eine— Fieseo(ſtuͤrzt ihr mit Heftigkeit ins Wort). Meine Leonore! nein!— Leonore. Meine Leonore?— Himmel, habe Dank! das mar wieder aͤchter Goldklang der Liebe. Haſſen ſollt' ich dich, Falſcher, und werfe mich hungrig auf die Broſamen deiner Zaͤrtlichkeit.— Haſſen? Sagte ich haſſen, Fiesco? O glaub' es nicht! Sterben lehrt mich dein Meineid, aber nicht haſſen. Mein Herz iſt betrogen.(Man hoͤrt den Mohren.) Fieseo. Leonore, erfuͤllen Sie mir eine kleine, kindiſche Bitte. Leonore. Alles, Fiesco, nur nicht Gleichguͤltigkeit. 260 Fiesco. Was Sie wollen, wie Sie wollen.— Bedeutend.) Bis Genua um zwei Tage aͤlter iſt, fragen Sie nicht! ver⸗ dammen Sie nicht!(Er fuͤhrt ſie mit Anſtand in ein anderes Zimmer.) Vierter Auftritt. Mohr keuchend. Fieses. Fiesco. Woher ſo in Athem? Mahr. Geſchwind, gnaͤdiger Herr— Fieseo. Iſt was ins Garn gelaufen? Mohr. Lest dieſen Brief. Bin ich denn wirklich da? Ich glaube, Genua iſt um zwoͤlf Gaſſen kuͤrzer worden, oder meine Beine um ſo viel laͤnger. Ihr verblast? Ja, um Koͤpfe wer⸗ den ſie karten, und der Eure iſt Tarock. Wie gefaͤllt's Euch?! Fieseo(wirft den Brief erſchuͤttert auf den Tiſch). Krauskopf und zehn Teufel! wie kommſt du zu dieſem Brief? Mohr. Ungefaͤhr wie— Euer Gnaden zur Republik. Ein Expreſſe ſollte damit nach Levanto fliegen. Ich wittre den Fraß, laure dem Burſchen in einem Hohlwege auf. Baff, liegt der Marder— wir haben das Huhn. Fieseo. Sein Blut uͤber dich! Der Brief iſt nicht mit Gold zu bezahlen. Mohr. Doch dank' ich fuͤr Silber. GErnſthaft und wiichtig.) Graf von Lavagna! Ich habe neulich einen Geluſt nach Eurem Kopf gehabt.(Indem er auf den Brief deutet.) Hier waͤr' er wieder— Jetzt, denk' ich, waͤren gnaͤdiger Herr und Halunke quitt. Fuͤr's Weitere koͤnnt Ihr Euch beim guten Freunde bedanken.(Reicht ihm einen zweiten Zettel.) Numero zwei. 261 Fieseo enimmt das Blatt mit Erſtaunen). Wirſt du toll ſeyn? Mohr. Numero zwei.(EEr ſtellt ſich trotzig neben ihn, ſtemmt den Ellenbogen an.) Der Loͤwe hat's doch ſo dumm nicht gemacht, daß er die Maus pardonnirte? Argliſtis.) Gelt! er hat's ſchlau gemacht! wer haͤtte ihn auch ſonſt aus dem Garne genagt?— Nun? Wie behagt Euch das? Fieseo. Kerl, wie viel Teufel beſoldeſt du? Mohr. Zu dienen— nur einen, und der ſteht in graͤf⸗ lichem Futter. Siesco. Doria's eigene Unterſchrift!— Wo bringſt du das Blatt her? Mohr. Warm aus den Haͤnden meiner Bononi. Ich machte mich noch die geſtrige Nacht dahin, ließ Eure ſchoͤnen Worte und Eure noch ſchoͤneren Zechinen klingen. Die letzten drangen durch. Fruͤh ſechs ſollt' ich wieder anfragen. Der Graf war richtig dort, wie Ihr ſagtet, und bezahlte mit Schwarz und Weiß das Weggeld zu einem contrebandenen Himmelreich. Fiesco(aufgebracht). Ueber die feilen Weiberknechte!— Republiken wollen ſie ſtuͤrzen, koͤnnen einer Metze nicht ſchweigen. Ich ſehe aus dieſen Papieren, daß Doria und ſein Anhang Com⸗ plot gemacht haben, mich mit eilf Senatoren zu ermorden und Gianettino zum ſouveraͤnen Herzog zu machen. Mohr. Nicht anders, und das ſchon am Morgen der Dogewahl, dem dritten des Monats. Fieseo(raſch. Unſere flinke Nacht ſoll dieſen Morgen im Mutterleibe erwuͤrgen— Geſchwind, Haſſan!— meine Sachen ſind reif— Rufe die Andern— wir wollen ihnen einen blutigen Vorſprung machen— Tummle dich, Haſſan! Mohr. Noch muß ich Euch meinen Schubſack von Zeitun⸗ gen ſtuͤrzen. Zweitauſend Mann ſind gluͤcklich hereinprakticirt. 262 Ich habe ſie bei den Capucinern untergebracht, wo auch kein vorlauter Sonnenſtrahl ſie ausſpioniren ſoll. Sie brennen vor Neugier, ihren Herrn zu ſehen, und es ſind treffliche Kerle. Fiesev. Aus jedem Kopf bluͤht ein Scudo fuͤr dich— Was murmelte Genua zu meine Galeeren? Mohr. Das iſt ein Hauptſpaß, gnaͤdiger Herr! Ueber die vierhundert Abenteurer, die der Friede zwiſchen Frankreich und Spanien auf den Sand geſetzt hat, niſteten ſich an meine Leute und beſtuͤrmten ſie, ein gutes Wort fuͤr ſie bei Euch einzulegen, daß Ihr ſie gegen die Unglaͤubigen ſchicken moͤgt. Ich habe ſie auf den Abend zu Euch in den Schloßhof beſchieden. Fiesco(froh). Bald ſollt' ich dir um den Hals fallen, Schurke! Ein Meiſterſtreich! Vierhundert ſagſt du?— Genua iſt nicht mehr zu retten. Vierhundert Scudi ſind dein. Mohr(treuherzig). Gelt, Fiesco? Wir Zwei wollen Genua zuſammenſchmeißen, daß man die Geſetze mit dem Beſen auf⸗ kehren kann— Das hab' ich Euch nie geſagt, daß ich unter der hieſigen Garniſon meine Voͤgel habe, auf die ich zaͤhlen kann wie auf meine Hoͤllenfahrt. Nun hab' ich veranſtaltet, daß wir auf jedem Thor wenigſtens ſechs Creaturen unter der Wache haben, die genug ſind, die Andern zu beſchwaͤtzen und ihre fuͤnf Sinne unter Wein zu ſetzen. Wenn Ihr alſo Luſt habt, dieſe Nacht einen Streich zu wagen, ſo findet Ihr die Wachen beſoffen. Fiesro. Rede nichts mehr. Bis jetzt hab' ich den unge⸗ heuren Quader ohne Menſchenhuͤlfe gewaͤlzt; hart am Ziel ſoll mich der ſchlechteſte Kerl in der Rundung beſchaͤmen? Deine Hand, Burſche! Was dir der Graf ſchuldig bleibt, wird der Herzog hereinholen. Mohr. Ueberdieß noch ein Billet von der Graͤfin Imperiali. Sie winkte mir von der Gaſſe hinauf, war ſehr gnaͤdig, fragte 263 mich ſpoͤttelnd, ob die Graͤfin von Lavagna keinen Anfall von Gelbſucht gehabt haͤttes Euer Gnaden, ſagt' ich, fragen nur einem Befinden nach, ſagt' ich— Fieseo chat das Billet geleſen und wirft es weg). Sehr gut geſagt; ſie antwortete? Mohr. Antwortete: ſie bedaure dennoch das Schickſal der armen Wittwe, erbiete ſich auch, ihr Genugthuung zu geben, und Euer Gnaden Galanterien kuͤnftig zu verbitren. Fieses Gaͤmiſch). elche ſich wohl noch vor Welt⸗Unter⸗ gang aufheben duͤrften— Das die ganze Erheblichkeit, Haſſan? Mohr oshaft). Gnaͤdiger Herr, Angelegenheiten der Damen ſind es zunaͤchſt nach den politiſchen— SFiesoo. O ja freilich, und dieſe allerdings. Aber was willſt du mit dieſen Papierchen? Mohr. Eine Teufelei mit einer andern auskratzen— Dieſe Pulver gab mir Signora, Eurer Frau taͤglich eins in die Chocolade zu ruͤhren. Fieseo cttritt blaß zurüch). Gab dir? KMohr. Donna Julia, Graͤfin Imperiali. Fiesoeo(reißt ihm ſolche weg, heftig). Luͤgſt du, Canaille, laſſ' ich dich lebendig an den Wetterhahn vom Lorenzothurme ſchmie⸗ den, wo dich der Wind in einem Athemzuge neunmal herum⸗ treibt— die Pulver? Mohr ungeduldig). Soll ich Eurer Frau in der Chocolade zu ſaufen geben, verordnete Donna Julia Imperiali. Fieses gaußer Faſſung). Ungeheuer! Ungeheuer!— dieſes holdſelige Geſchoͤpf?— Hat ſo viel Hoͤlle in einer Frauenſeele Platz?— Doch, ich vergaß dir zu danken, himmliſche Vorſicht, die du es nichtig machſt— nichtig durch einen aͤrgern Teufel. Deine Wege ſind ſonderbar.(Zum Mohren.) Du verſprichſt zu gehorchen, und ſchweigſt. Mohr. Sehr wohl. Das L mir's baar Fieseo. Dieſes Billet ladet mie men, Madame! Ich will Sie beſc folgen. Gut. Du eilſt nunmehr, die ganze Verſchwoͤrung zuſammen. Mohr. Dieſen Befehl hab' ich Jeden auf meine Fauſt Punkt zehn t Fiesco. Ich hoͤre Tritte. S 8. Kerl, du verdien⸗ teſt deinen eigenen Galgen, wo noch kein Sohn Adams gezap⸗ pelt hat. Geh' ins Vorzimmer, bis ich laͤute. Mohr dm Abgehen). Der Mohr hat ſeine Arbeit gethan, der Mohr kann gehen.(Ab.) ann ich, ſie bezahlte en, bis Sie hieher u eilen kannſt, rufſt wittert, und darum er beſtellt. Fünfter Auftritt. Alle Verſchworenen. Fieses(ihnen entgegen) Das Wetter iſt im Anzug. Die Wolken laufen zuſammen. Tretet leiſ' auf! Laßt beide Schloͤſſer vorfallen! Verrina. Acht Zimmer hinter uns hab' ich zugeriegelt; der Argwohn kann auf hundert Mannsſchritte nicht beikommen. Bourgognino. Hier iſt kein Verraͤther, wenn's unſre Furcht nicht wird. Fiesco. Furcht kann nicht uͤber meine Schwelle. Will⸗ kommen, wer noch der Geſtrige iſt. Nehmt eure Plaͤtze. (Setzen ſich.) Bourgognino(ſpaziert im Zimmer). Ich ſitze ungern, wenn ich aus Umreißen denke, ihr— Ich will kom⸗ — Fiescs. Genneſer, das iſt eine merkwuͤrdige Stunde. Verrina. Du haſt uns aufgefordert, einem Plane zum Tyrannenmord nachzudenken. Frage uns. Wir ſind da, dir Rede zu ſtehen. Fiesco. Zuerſt alſo— eine Frage, die ſpaͤt genug kommt, um ſeltſam zu klingen— Wer ſoll fallen?(Ane ſchweigen.) Bourgognino E(indem er ſich uͤber Fiesco's Seſſel lehnt, bedeu⸗ tend). Die Tyrannen. Fieseo. Wohlgeſprochen, die Tyrannen. Ich bitte euch, gebt genau Acht auf die ganze Schwere des Worts. Wer die Freiheit zu ſtuͤrzen Miene macht, oder Gewicht hat, wer iſt mehr Tyrann? Verrina. Ich haſſe den Erſten, den Letzten fuͤrchte ich. Andreas Doria falle! Caleagno(in Bewegung). Andreas, der abgelebte Andreas, deſſen Rechnung mit der Natur vielleicht uͤbermorgen zerfallen iſt? Saceo. Andreas, der ſanftmuͤthige Alte? Fieseo. Furchtbar iſt dieſes alten Mannes Sanftmuth, mein Sacco! Gianettino's Tolltrotz nur laͤcherlich. Andreas Doria falle! das ſprach deine Weisheit, Verrina. Zourgognino. Ketten von Stahl oder Seide— es ſind Ketten, und Andreas Doria falle! Fiesco Gum Liſch gehend). Alſo den Stab gebrochen uͤber Onkel und Neffe! Unterzeichnet! CAute unterſchreiben) Das Wer? iſt berichtigt.(Setzen ſich nieder.) Nun zum gleichwichtigen Wie? — Reden Sie zuerſt, Freund Calcagno. Caleagno. Wir fuͤhren es aus wie Soldaten oder wie Meuter. Jenes iſt gefaͤhrlich, weil es uns zwingt, viele Mitwiſſer zu haben, gewagt, weil die Herzen der Nation noch nicht ganz gewonnen ſind— dieſem ſind fuͤnf gute Dolche gewachſen. In drei Tagen iſt hohe Meſſe in der Lorenzokirche, 266 beide Doria halten dort ihre Andacht. In der Naͤhe des Aller⸗ hoͤchſten entſchlaͤft auch Tyrannenangſt. Ich ſagte Alles. Fiesco(abgewandt). Calcagno— abſcheulich iſt Ihre ver⸗ nuͤnftige Meinung— Raphael Sacco? Saceo. Calcagno's Gruͤnde gefallen mir, ſeine Wahl em⸗ poͤrt. Beſſer, Fiesco laͤßt Oheim und Neffen zu einem Gaſt⸗ mahle laden, wo ſie dann, zwiſchen den ganzen Groll der Re⸗ publik gepreßt, die Wahl haben, den Tod entweder an unſern Dolchen zu eſſen, oder in gutem Cyprier Beſcheid zu thun. Wenigſtens bequem iſt dieſe Methode. Fiesro emit Entſetzen). Sacco, und wenn der Tropfe Wein, den ihre ſterbende Zunge koſtet, zum ſiedenden Pech wird, ein Vorſchmack der Hoͤlle— Wie dann, Sacco?— Weg mit dieſem Rath! Sprich du, Verrina. Verrina. Ein offenes Herz zeigt eine offene Stirn. Meuchelmord bringt uns in jedes Banditen Bruͤderſchaft. Das Schwert in der Hand deutet den Helden. Meine Meinung iſt, wir geben laut das Signal des Aufruhrs, rufen Genug's Patrioten ſtuͤrmend zur Rache auf.(Er faͤhrt vom Seſſel. Die Andern folgen. Bourgognino wirft ſich ihm um den Sals.) Bourgognino. Und zwingen mit gewaffneter Hand dem Gluͤck eine Gunſt ab! Das iſt die Stimme der Ehre und die meinige. Fieses. Und die meinige. Pfui, Genueſer!(Zu Calcagno und Sacco.) Das Gluͤck hat bereits ſchon zu viel fuͤr uns gethan, wir muͤſſen uns ſelbſt auch noch Arbeit geben— alſo Aufruhr, und den noch dieſe Nacht, Genueſer! Verrina, Bourgognino erſtaunen. Die Andern erſchrecken.) Caleagno. Was? noch dieſe Nacht? Noch ſind die Tyrannen zu maͤchtig, noch unſer Anhang zu duͤnne. 267 Faees. Dieſe Nacht noch? und es iſt nichts gethan, und die Sonne geht ſchon bergunter? Fiesco. Eure Bedenklichkeiten ſind ſehr gegruͤndet, aber leſet dieſe Blaͤtter.(Er reicht ihnen die Handſchriften Gianettino's und geht, indeß ſie neugierlg leſen, haͤmiſch auf und nieder.) Jetzt fahre wohl, Doria, ſchoͤner Stern! Stolz und vorlaut ſtandeſt du da, als haͤtteſt du den Horizont von Genua erpachtet, und ſaheſt doch, daß auch die Sonne den Himmel raͤumt und das Scepter der Welt mit dem Monde theilt. Fahre wohl, Doria, ſchoͤner Stern! Auch Patroklus iſt geſtorben, Und war mehr als du. Bourgognino nnachdem ſie die Blaͤtter geleſeny. Das iſt graͤßlich! Caleagno. Zwolf auf einen Schuß! Verrina. Morgen in der Signoria! Bourgognino. Gebt mir die Zettel. Ich reite ſpornſtreichs durch Genua, halte ſie ſo, ſo werden die Steine hinter mir ſpringen und die Hunde Zetermordio heulen. Alle. Rache! Rache! Rache! Dieſe Nacht noch! Fiesco. Da ſeyd ihr, wo ich euch wollte. Sobald es Abend wird, will ich die vornehmſten Mißvergnuͤgten zu einer Luſtbarkeit bitten; naͤmlich alle, die auf Gianettino's Mordliſte ſtehen, und noch uͤberdieß die Sauli, die Gentili, die Vivaldi und Veſodimari, alle Todfeinde des Hauſes Doria, die der Meuchelmoͤrder zu fuͤrchten vergaß. Sie werden meinen An⸗ ſchlag mit offenen Armen umfaſſen, daran zweifle ich nicht. Bourgogning. Daran zweifle ich nicht. Fieseo. Vor Allem muͤſſen wir uns des Meeres ver⸗ ſichern, Galeeren und Schiffsvolk hab' ich. Die zwanzig Schiffe 268 der Doria ſind unbetakelt, unbemannt, leicht uͤberrumpelt. Die Mundung der Darſena wird geſtopft, alle Hoffnung zur Flucht verriegelt. Haben wir den Hafen, ſo liegt Genua in Ketten. Verrina. Unlaͤugbar. Fiesco. Dann werden die feſten Plaͤtze der Stadt erobert und beſetzt. Der wichtigſte iſt das Thomasthor das zum Hafen fuͤhrt und unſere Seemacht mit der Landmacht verknuͤpft. Beide Doria werden in ihren Palaͤſten uͤberfallen, ermordet. In allen Gaſſen wird Laͤrm geſchlagen; die Sturmglocken werden gezogen, die Buͤrger herausgerufen, unſere Partei zu nehmen und Genua's Freiheit zu verfechten. Beguͤnſtiget uns das Gluͤck, ſo hoͤrt ihr in der Signoria das Weitere. Verrina. Der Plan iſt gut. Laßt ſehen, wie wir die Rollen vertheilen. Fiesco(bedeutend). Genueſer, ihr ſtelltet mich freiwillig an die Spitze des Complots. Werdet ihr auch meinen weitern Befehlen gehorchen? Verrina. So gewiß ſie die beſten ſind. Fiesco. Verrina, weißt du das Woͤrtchen unter der Fahne?— Genueſer, ſagt's ihm, es heiße Subordination! Wenn ich nicht dieſe Koͤpfe drehen kann, wie ich eben will— verſteht mich ganz— wenn ich nicht der Souveraͤn der Ver⸗ ſchwoͤrung bin, ſo hat ſie auch ein Mitglied verloren. Verrina. Ein freies Leben iſt ein paar knechtiſcher Stunden werth— Wir gehorchen. Fieseg. So verlaßt mich jetzt. Einer von euch wird die Stadt viſitiren und mir von der Staͤrke und Schwaͤche der feſten Plaͤtze Rapport machen. Ein anderer erforſcht die Parole. Ein Dritter bemannt die Galeeren. Ein Vierter wird die zweitauſend Mann nach meinem Schloßhof befoͤrdern. Ich ſelbſt werde auf den Abend Alles berichtigt haben, und noch — — 269 uͤberdieß, wenn das Gluͤck will, die Bank im Pharao ſprengen. Schlag neun Uhr iſt Alles im Schloß, meine letzten Befehle zu hoͤren.(Klingelt.) 5 Verrina. Ich nehme den Hafen auf mich.(Ab.) Bourgognins. Ich die Soldaten.(Auch ab.) Caleagns. Die Parole will ich ablauern.(Ab.) Sacco. Ich die Runde durch Genua machen.(Ab.) Sechster Auftritt. Fiesco. Darauf der MMohr. Fiesco(hat ſich an einen Pult geſetzt und ſchreibt). Schlugen ſie nicht um gegen das Woͤrtchen Subordinatio n, wie die Raupe gegen die Nadel?— Aber es iſt zu ſpaͤt, Republicaner! Kohr(kommt). Gnaͤdiger Herr— Sieseg(ſteht auf, gibt ihm einen Zette). Alle, deren Namen auf dieſem Blatt ſtehen, ladeſt du zu einer Komoͤdie auf die Nacht. Mohr. Mitzuſpielen vermuthlich. Die Entrée wird Gur⸗ geln koſten. Fieseo(fremd und veraͤchtlich). Wenn das beſtellt iſt, will ich dich nicht laͤnger in Genua aufhalten.(Er geht und laͤßt eine Goldboͤrſe hinter ſich fallen.) Das ſey deine letzte Arbeit. (Geht ab.) 270 Siebenter Auftritt. Mohr hebt den Beutel langſam von der Erde, indem er ihm ſtutzig nachblickt. Stehn wir ſo mit einander?„Will ich dich nicht mehr in Genua aufhalten.“ Das heißt aus dem Chriſtlichen in mein Heidenthum verdolmetſcht: wenn ich Herzog bin, laſſ' ich den guten Freund an einen genneſiſchen Galgen haͤngen. Gut. Er beſorgt, weil ich um ſeine Schliche weiß, werde ich ſeine Ehre uͤber mein Maul ſpringen laſſen, wenn er Herzog iſt. Sachte, Herr Graf! das Letzte waͤre noch zu uberlegen. Jetzt, alter Doria, ſteht mir deine Haut zu Befehl.— Hin biſt du, wenn ich dich nicht warne. Wenn ich jetzt hingehe und das Complot angebe, rett' ich dem Herzog von Genua nichts Geringeres, als ein Leben und ein Herzogthum; nichts Gerin⸗ geres, als dieſer Hut, von Gold geſtrichen voll, kann ſein Dank ſeyn.(Er will fort, bleibt aber plöͤtzlich ſtill ſtehen.) Aber ſachte, Freund Haſſan! Du biſt etwa gar auf der Reiſe nach einem dummen Streich? Wenn die ganze Todtſchlaͤgerei jetzt zuruͤck⸗ ginge und daraus gar etwas Gutes wuͤrde?— Pfui! pfui! was will mir mein Geiz fuͤr einen Teufelsſtreich ſpielen!— Was ſtiftet groͤßeres Unheil? wenn ich dieſen Fiesco prelle?— wenn ich jenen Doria an das Meſſer liefre?— Das kluͤgelt mir aus, meine Teufel!— Bringt der Fiesco es hinaus, kann Genua aufkommen. Wegl das kann nicht ſeyn. Schluͤpft dieſer Doria durch, bleibt Alles wie vor, und Genua hat Frieden— Das waͤre noch garſtiger!— Aber das Spektakel, wenn die Koͤpfe der Rebellen in die Garkuͤche des Henkers ſtiegen?(Auf die an⸗ dere Seite). Aber das luſtige Gemetzel dieſer Nacht, wenn Ihre 271 Durchlauchten am Pfiff eines Mohren erwuͤrgen? Nein! aus dieſem Wirrwarr helfe ſich ein Chriſt, dem Heiden iſt das Raͤthſel zu ſpitzig—— Ich will einen Gelehrten fragen.(Ab.) Achter Auftritt. Saal bei der Graͤfin Imperali. Julia im Neglige. Sianetting tritt herein, zerſtoͤrt. Gianettino. Guten Abend, Schweſter! Julia(ſteht auh. Etwas Außerordentliches mag es auch ſeyn, das den Kronprinzen von Genua zu ſeiner Schweſter fuͤhrt? Sianettino. Schweſter, biſt du doch ſtets von Schmet⸗ terlingen umſchwaͤrmt und ich von Weſpen. Wer kann ab⸗ kommen? Setzen wir uns. Julia. Du machſt mich bald ungeduldig. Gianettino. Schweſter, wann war's das Letztemal, daß dich Fiesco beſuchte? Zulia. Seltſam. Als wenn mein Gehirn dergleichen Nichtigkeiten beherbergte! Gianettino. Ich muß es durchaus wiſſen. Julia. Nun— er war geſtern da. Gianettino. Und zeigte ſich offen? Julia. Wie gewoͤhnlich. Sianettino. Auch noch der alte Phantaſt?* Julia(beleidigt). Bruder! Sianettino mit ſtaͤrkerer Stimme). Hoͤre! Auch noch der alte Phantaſt? 272 Julia(ſieht aufgebracht auf), Wofuͤr halten Sie mich, Bruder? Gianettino Glleibt ſitzen, haͤmiſch). Fuͤr ein Stuͤck Weiber⸗ fleiſch, in einen großen— großen Adelsbrief gewickelt. Unter uns, Schweſter, weil doch Niemand auflauert. Julia chitzig). Unter uns— Sie ſind ein tolldreiſter Affe, der auf dem Credit ſeines Onkels ſteckenreitet— weil doch Nie⸗ mand auflauert. Giancttino. Schweſterchen! Schweſterchen! Nicht boͤſe —— bin nur luſtig, weil Fiesco noch der alte Phantaſt iſt. Das hab' ich wiſſen wollen. Empfehle mich.(Will gehen.) Neunter Auftritt. Lomellin kommt. Lomellino ckuͤßt der Julia die Hand). Verzeihung fuͤr meine Dreiſtigkeit, gnaͤdige Frau!(Zu Gianettino gekehrt.) Gewiſſe Dinge, die ſich nicht aufſchieben laſſen— Gianettino(nimmt ihn bei Seite. Zulia tritt zornig zu einem Fluͤgel und ſpielt ein Allegro). Alles angeordnet auf morgen? Lomellin. Alles, Prinz. Aber der Courier, der heute fruͤh nach Levanto flog, iſt nicht wieder zuruͤck. Auch Spinola iſt nicht da. Wenn er aufgefangen waͤre!— Ich bin in hoͤch⸗ ſter Verlegenheit. Sianettino. Beſorge nichts. Du haſt doch die Liſte bei der Hand? 4 Lomellin(betreten). Gnaͤdiger Herr— die Liſte— Ich 273 weiß nicht, ich werde ſie in meiner geſtrigen Rocktaſche liegen haben— 4 Gianettins. Auch gut. Waͤre nur Spinola zuruͤck. Fiesco wird morgen fruͤh todt im Bette gefunden. Ich hab' die Anſtalt gemacht. Lomellin. Aber fuͤrchterliches Aufſehen wird's machen. Gianettino. Das eben iſt unſere Sicherheit, Burſche. Alltagsverbrechen bringen das Blut des Beleidigten in Wallung, und Alles kann der Menſch. Außerordentliche Frevel machen es vor Schrecken gefrieren, und der Menſch iſt nichts. Weißt du das Maͤhrchen mit dem Meduſakopf? Der Anblick macht Steine — Was iſt nicht gethan, Burſche, bis Steine erwarmen! Lomellin. Haben Sie der gnaͤdigen Frau einen Wink gegeben? Gianettino. Pfui doch! die muß man des Fiesco wegen delicater behandeln. Doch, wenn ſie erſt die Fruͤchte verſchmeckt, wird ſie die Unkoſten verſchmerzen. Komm! Ich erwarte dieſen Abend noch Truppen von Mailand und muß an den Thoren die Ordre geben. Sur Julia.) Nun, Schweſter! haſt du deinen Zorn bald verklimpert? Julia. Gehen Sie! Sie ſind ein wilder Gaſt. (Gianettino will hinaus und ſtoͤßt auf Fiesco.) Zehnter Auftritt. Fiesco kommt. Gianettino(zuruͤckfahrend). Ha! Fiesco Guvorkommend, verbindlich), Prinz, Sie uͤberheben mnich eines Beſuchs, den ich mir eben vorbehalten hatte— Schillers ſaͤmmtl. Werke. II. 18 274 Gianettino. Auch mir, Graf, konnte nichts Erwuͤnſch⸗ teres als Ihre Geſellſchaft begegnen. Fieseo(tritt zu Julien und kuͤßt ihr reſpectvoll die Hand). Man iſt es bei Ihnen gewohnt, Signora, immer ſeine Erwartungen uͤbertroffen zu ſehen. Zulia. Pfui doch, das wuͤrde bei einer Andern zweideutig lauten— Aber ich erſchrecke an meinem Negligé. Verzeihen Sie, Graf.(Wil in ihr Cabinet fliehen.) Fiesco. O bleiben Sie, ſchoͤne gnaͤdige Frau! Das Frauen⸗ zimmer iſt nie ſo ſchoͤn, als im Schlafgewand! Klͤchelnd) es iſt die Tracht ſeines Gewerbes.— Dieſe hinaufgezwungenen Haare — Erlauben Sie, daß ich ſie ganz durcheinander werfe. Julia. Daß ihr Maͤnner ſo gern verwirret! Fieseo(unſchuldig gegen Gianettino). Haare und Republiken! Nicht wahr, das gilt uns gleichviel— Und auch dieſes Band iſt falſch angeheftet— Setzen Sie ſich, ſchoͤne Graͤfin— Augen zu betruͤgen, verſteht Ihre Laura, aber nicht Herzen— Laſſen Sie mich Ihre Kammerfrau ſeyn.(Sie ſetzt ſich, er macht ihr den Anzug zurecht.) Gianettins Gupft den Lomellin). Der arme, ſorgloſe Wicht! Fieseg(an Juliens Vuſen beſchaͤftigt). Sehen Sie— dieſes verſtecke ich weislich. Die Sinne muͤſſen immer nur blinde Brieftraͤger ſeyn, und nicht wiſſen, was Phantaſte und Natur mit einander abzukarten haben. Julia. Das iſt leichtfertig. Fiesco. Ganz und gar nicht, denn, ſehen Sie, die beſte Neuigkeit verliert, ſobald ſie Stadtmaͤhrchen wird— Unſere Sinne ſind nur die Grundſuppe unſerer innern Republik. Der Adel lebt von ihnen, aber erhebt ſich uͤber ihren platten Ge⸗ ſchmack.(Er hat ſie fertig gemacht und fuͤhrt ſie vor einen Spiegel.) Nun, bei meiner Ehre! dieſer Anzug muß morgen Mode in — — 275 Genua ſeyn. Fein.) Darf ich Sie ſo durch die Stadt fuͤhren, Graͤfin? Zulia. Ueber den verſchlagenen Kopf! Wie kuͤnſtlich er's anlegte, mich in ſeinen Willen hineinzuluͤgen! Aber ich habe Kopfweh und werde zu Hauſe bleiben. Fiesco. Verzeihen Sie, Graͤfin— das koͤnnen Sie, wie Sie wollen, aber Sie wollen es nicht.— Dieſen Mittag iſt eine Geſellſchaft florentiniſcher Schauſpieler hier angekommen und hat ſich erboten, in meinem Palaſte zu ſpielen— Nun hab' ich nicht verhindern koͤnnen, daß die meiſten Edeldamen der Stadt Zu⸗ ſchauerinnen ſeyn werden, welches mich aͤußerſt verlegen macht, wie ich die vornehmſte Loge beſetzen ſoll, ohne meinen empfind⸗ lichen Gaͤſten eine Sottiſe zu machen. Noch iſt nur ein Ausweg moͤglich.(Mit einer tiefen Verbeugung.) Wollen Sie ſo gnaͤdig ſeyn, Signora? 3 Julia(wird roth und geht ſchleunig ins Cabinet). Laura! Siancttina ttritt zu Fiesco). Graf, Sie erinnern ſich einer unangenehmen Geſchichte, die neulich zwiſchen uns beiden vorfiel— Fiescg. Ich wuͤnſchte, Prinz, wir vergaͤßen ſie beide— Wir Menſchen handeln gegen uns, wie wir uns kennen, und weſſen Schuld iſt's, als die meinige, daß mich mein Freund Dorig nicht ganz gekannt hat? Gianettino. Wenigſtens werd' ich nie daran denken, ohne Ihnen von Herzen Abbitte zu thun— Fiesco. Und ich nie, ohne Ihnen von Herzen zu vergeben —(Julia kommt etwas umgekleidet zuruͤck.) Sianettino. Cben faͤllt es mir bei, Graf, Sie laſſen „ja gegen die Tuͤrken kreuzen? Sieseo. Dieſen Abend werden die Anker gelichtet— Ich bin eben darum in einiger Beſorgniß, woraus mich die Ge⸗ faͤlligkeit meines Freundes Doria reißen koͤnnte. 276 Gianettino Aaußerſt hoͤflich). Mit allem Vergnuͤgen!— Befehlen Sie uͤber meinen ganzen Einfluß! Fieseo. Der Vorgang duͤrfte gegen Abend einigen Auflauf gegen den Hafen und meinen Palaſt verurſachen, welchen der Herzog, Ihr Oheim, mißdeuten koͤnnte—— Gianettino(treuherzig). Laſſen Sie mich dafuͤr ſorgen. Machen Sie immer fort, und ich wuͤnſche Ihnen viel Gluͤck zur Unternehmung. Fieseo(ſchmollt). Ich bin Ihnen ſehr verbunden. Eilfter Auftritt. Vorige. Ein Deutſcher der Leibwache. Sianettino. Was ſoll's? Deutſcher. Ass ich das Thomasthor vorbeiging, ſah ich gewaffnete Soldaten in großer Anzahl der Darſena zueilen und die Galeeren des Grafen von Lavagna ſegelfertig machen— Gianettino. Nichts Wichtigeres? Es wird nicht weiter gemeldet. Deutſcher. Sehr wohl. Auch aus den Kloͤſtern der Capuziner wimmelt verdaͤchtiges Geſindel, und ſchleicht uͤber den Markt; Gang und Anſehen laſſen vermuthen, daß es Soldaten ſind. Gianettino Fornig). Ueber den Dienſteifer eines Dumm⸗ kopfs!(Zu Lomellin, zuverſichtlic).) Das ſind meine Mallaͤnder. Deutſcher. Befehlen Euer Gnaden, daß ſie arretirt werden ſollen? Gianettino(aut zu Lomellin)? Sehen Sie nach, Lomellino. —— — 277 (Wild zum Deutſchen.) Nun fort, es iſt gut!(Zu Lomellin.) Be⸗ deuten Sie dem deutſchen Ochſen, daß er das Maul halten ſoll. (Lomellin ab mit dem Deutſchen.) Fiesco(der bisher mit Julien getaͤndelt und verſtohlen hinuͤber⸗ geſchielt hatte). Unſer Freund iſt verdrießlich. Darf ich den Grund wiſſen? Gianettino. Kein Wunder. Das ewige Anfragen und Melden!(Schießt hinaus.) Fieses. Auch auf uns wartet das Schauſpiel. Darf ich Ihnen den Arm anbieten, gnaͤdige Frau? Julia. Geduld! Ich muß erſt die Enveloppe umwerfen. Doch kein Trauerſpiel, Graf? Das kommt mir im Traum. Fiesco(tückiſch). O, es iſt zum Todtlachen, Graͤfin! (Er fuͤhrt ſie ab. Vorhang faͤllt.) Vierter Aufzug. Es iſt Nacht. Schloßhof bei Fiesco. Die Laternen werden angezuͤndet. Waffen hereingetragen. Ein Schloßfluͤgel iſt erleuchtet. Erſter Auftritt. Pourgognino führt Soldaten auf. Bourgognino. Halt!— An das große Hofthor kommen vier Poſten. Zwei an jede Thuͤr zum Schloß.(Wachen nehmen ihren Poſten.) Wer will, wird hereingelaſſen. Hinaus darf Niemand. Wer Gewalt braucht, niedergeſtochen!(Mit den Uebrigen ins Schloß. Schildwachen auf und nieder. Pauſe.) Zweiter Auftritt. Wachenam Hofthor(rufen an). Wer da?(Zenturione kommt.) Zenturione. Freund von Lavagna.(Geht guer uͤber den Sof nach dem rechten Schloßthor.). Wachen(dort.) Zuruͤck! Benturione(ſiutzt und geht nach dem linken Thor), 279 Wachen(am linken). Zuruͤck.. Zenturione(ſteht betreten ſtill. Pauſe. Darauf zur linken Wache). Freund, wo hinaus geht's zur Komoͤdie? Wache. Weiß nicht. Zenturione auf und ab mit ſteigender Befremdung, darauf zur rechten Wache). Freund, wann geht die Komoͤdie an? Wmuache. Weiß nicht.. ZBenturione eerſtaunt auf und nieder. Wird die Waffen gewahr. Beſtuͤrzt). Freund, was ſoll das? Wache. Weiß nicht. Zenturione(hullt ſich erſchrocken in ſeinen Mantey). Sonderbar! Wachen am Hofthor(Lufen an). Wer da? Dritter Auftritt. Vorige. Zibo kommt. Bibo dim Hereintretem. Freund von Lavagna. Zenturione. Zibo, wo ſind wir? Zibo. Was?. Zenturione. Schau' um dich, Zibo! Zibo. Wo? was? Zenturione. Alle Thuͤxen beſetzt. Bibo. Hier liegen Waffen. Zenturione. Niemand gibt Auskunft. Bibo. Das iſt ſeltſam. Benturione. Wie viel iſt die Glocke? Bibo. Acht Uhr voruͤber. Benturione. Puh! es iſt grimmkalt. 280 Zibs. Acht Uhr iſt die beſtellte Stunde. Benturione(den Kopf ſchuͤttelnd). Hier iſt's nicht richtig. Zibo. Fiesco hat einen Spaß vor. Zenturione. Morgen iſt Dogewahl— Zibo, hier iſt's nicht richtig. Zibo. Stille! ſtille! ſtille! Zenturione. Der rechte Schloßfluͤgelriſt voll Lichter. Zibo. Hoͤrſt du nichts? Hoͤrſt du nichts? Zenturione. Hohles Gemurmel drinn und mitunter— Zibo. Dumpfiges Raſſeln, wie von Harniſchen, die ſich an einander reiben— Benturione. Schauervoll! Schauervoll! Zibo. Ein Wagen! Er haͤlt an der Pforte! Wachen am Hofthor(rufen an„. Wer da? —— Vierter Auftritt. Vorige. Vier Aſſerato. Aſſerato(im Hereintreten). Freund von Fiesco. Zibo Es ſind die vier Aſſerato. Zenturione. Guten Abend, Landsmann. Aſſerats. Wir gehen in die Komoͤdie. Zibs. Gluͤck auf den Weg! 3 Aſſerato. Geht ihr nicht mit in die Komoͤdie? Benturione. Spaziert nur voran. Wirr wollen erſt friſche Luft ſchoͤpfen. Iſſerato. Es wird bald angehen. Kommt.(Gehen weiter.) Wache. Zuruͤck, 281 Aſſerato. Wo will das hinaus? Benturione(acht). Zum Schloß hinaus. Aſſerato. Hier iſt ein Mißverſtand. Bibs. Ein handgreiflicher.(Muſik auf dem rechten Fluͤgel.) Aſſerats. Hoͤrt ihr die Symphonie? Das Luſtſpiel wird vor ſich gehen. Zenturione. Mich daͤucht, es fing ſchon an und wir ſpielten die Narren darin. Zibs. Uebrige Hitze hab' ich nicht. Ich gehe. Aſſerato. Waffen hier? Zibo. Pah! Komoͤdienwaaren. Benturione. Sollen wir hier ſtehen, wie die Narren am Acheron? Kommt zum Kaffeehaus! AAlee ſechs eilen gegen die Pforte.) 2 Wachen(ſchreien heftig). Zuruͤck! Zenturione. Mord und Tod! Wir ſind gefangen! Zibs. Mein Schwert ſagt: nicht lange! Aſſerats. Steck' ein! ſteck' ein! Der Graf iſt ein Ehrenmann. Zibo. Verkauft! Verrathen! Die Komoͤdie war der Speck, hinter der Maus ſchlug die Thuͤr zu. Aſſerato. Das wolle Gott nicht. Mich ſchaudert, wie ſich das entwickeln ſoll. Fünfter Auftritt. Schildwachen. Wer da?(Verrina, Sacco kommen.) Verrina. Freunde vom Hauſe.(Sieben andere Nobili kom⸗ men nach.). * 282 Zibo. Seine Vertrauten! Nun klaͤrt ſich Alles auf. Saces(im Geſpraͤch mit Verrina). Wie ich Ihnen ſage. Lescaro hat die Wache am Thomasthor, Doria's beſter Officier und ihm blindlings ergeben. Verrina. Das freut mich. Bibo Gum Verrina). Sie kommen erwuͤnſcht, Verrina, uns Allen aus dem Traume zu helfen. Verrina. Wie ſo? wie ſo? Zenturione. Wir ſind zu einer Komoͤdie geladen. Verrina. So haben wir einen Weg. Benturione(ungeduldig). Den Weg alles Fleiſches. Den weiß ich. Sie ſehen ja, daß die Thuͤren beſetzt ſind? Wofuͤr hier die Thuͤren beſetzt? Zibo. Wofuͤr die Wachen? Zenturione. Wir ſtehen da, wie unter dem Galgen. Verrina. Der Graf wird ſelbſt kommen. Benturione. Er kann ſich betreiben. Meine Geduld reißt den Zaum ab.(Alle Nobili gehen im Hintergrund auf und nieder.) Bourgognino(aus dem Schloß). Wie ſteht'’s im Hafen, Verrina? Verrina. Alles gluͤcklich an Bord. Bourgognino. Das Schloß iſt auch gepfropft voll Soldaten. Verrina. Es geht ſtark auf neun Uhr. Bourgognins. Der Graf macht ſehr lange. Verrina. Immer zu raſch fuͤr ſeine Hoffnung. Bour⸗ gognino, ich werde zu Eis, wenn ich mir etwas denke. Bourgognino. Vater, ubereile dich nicht. Verrina. Es laͤßt ſich nicht uͤbereilen, wo nicht ver⸗ zoͤgert werden kann. Wenn ich den zweiten Mord nicht be⸗ gehe, kann ich den erſten niemals verantworten. 283 Bourgognino. Aber wann ſoll Fiesco ſterben? Verrina. Wenn Genua frei iſt, ſtirbt Fiesco! Schildwachen. Wer da? Sechster Auftritt. Vorige. Fiesco. Fieseo(im Sereintreten). Ein Freund!(Alle verneigen ſich. Schildwachen praͤſentiren.) Willkommen, wertheſte Gaͤſte! Sie werden geſchmaͤhlt haben, daß der Hausvater ſo lang auf ſich warten ließ. Verzeihen Sie.(Seiſe zu Verrina.) Fertig? Verrina dihm ins Ohr). Nach Wunſch. Fieseo(leiſe zu Bourgognino). Und? Bourgognino. Alles richtig. Fiesco dzu Sacco). Und? Sacco. Alles gut. Fieseo. Und Calcagno? Bsurgognino. Fehlt noch. Fiesco(laut zu den Thorwachen.) Man ſoll ſchließen! Er nimmt den Hut ab und tritt mit freiem Anſtand zur Verſammlung.) Mein Herren! Ich bin ſo frei geweſen, Sie zu einem Schauſpiel bitten zu laſſen— Nicht aber, Sie zu unterhalten, ſondern Ihnen Rollen darin aufzutragen. Lange genug, meine Freunde, haben wir Gianettino Doria's Trotz und die Anmaßungen des Andreas ertragen. Wenn wir Genua retten wollen, Freunde, wird keine Zeit zu verlieren ſeyn. Zu was Ende glauben Sie dieſe zwanzig Galeeren, die den 284 vaterlaͤndiſchen Hafen belagern? Zu was Ende die Allianzen, ſo dieſe Doria ſchloſſen? Zu was Ende die fremden Waffen, die ſie ins Herz Genug's zogen?— Jetzt iſt es nicht mehr mit Mur⸗ ren und Verwuͤnſchen gethan. Alles zu retten, muß Alles gewagt werden. Ein verzweifeltes Uebel will eine verwegene Arznei. Sollte Einer in dieſer Verſammlung ſeyn, der Phlegma genug hat, einen Herrn zu erkennen, der nur Seinesgleichen iſt?(Gemurmel.)— Hier iſt Keiner, deſſen Ahnen nicht um Genua's Wiege ſtanden. Was? bei Allem, was heilig iſt! was? was haben denn dieſe zwei Buͤrger voraus, daß ſie den frechen Flug uͤber unſere Haͤupter nehmen?— Wildes Gemurre.) — Jeder von Ihnen iſt feierlich aufgefordert, Genug's Sache gegen ſeine Unterdruͤcker zu fuͤhren— Keiner von Ihnen kann ein Haarbreit von ſeinen Rechten vergeben, ohne zugleich die Seele des ganzen Staats zu verrathen— (Ungeſtuͤme Bewegungen unter den Zuhoͤrern unterbrechen ihn; dann faͤhrt er fort.) Sie empfinden— jetzt iſt Alles gewonnen. Schon hab' ich vor Ihnen her den We a zum Ruhme gebahnt. Wollen Sie folgen? Ich bin bereit, Sie zu fuͤhren. Dieſe Anſtalten, die Sie noch kaum mit Entſetzen beſchauten, muͤſſen Ihnen jetzt friſchen Heldenmuth einhauchen. Dieſe Schauder der Bangigkeit muͤſſen in einen ruͤhmlichen Eifer erwarmen, mit dieſen Patrioten und mir Eine Sache zu machen und die Tyrannen von Grund aus zu ſtuͤrzen. Der Erfolg wird das Wagſtuͤck beguͤnſtigen, denn meine Anſtalten ſind gut. Das Unternehmen iſt gerecht, denn Genua leidet. Der Gedanke macht uns unſterblich, denn er iſt gefaͤhrlich und ungeheuer. ZBenturione(in ſtuͤrmiſcher Aufwallung'. Genug! Genua wird frei! Mit dieſem Feldgeſchrei gegen die Hoͤlle! Bibs. Und wen das nicht aus ſeinem Schlummer jagt, 285 der keuche ewig am Ruder, bis ihn die Poſaune des Welt⸗ gerichts losſchließt. Fiesesc. Das waren Worte eines Mannes. Nun erſt verdienen Sie die Gefahr zu wiſſen, die uͤber Ihnen und Genua hing.(Er gibt ihnen die Zettel des Mohren.) Leuchtet, Soldaten! obili draͤngen ſich um eine Fackel und leſen.) Es ging, wie ich wuͤnſchte, Freund. Verrina. Doch rede noch nicht zu laut. Ich habe dort auf dem linken Fluͤgel Geſichter bleich werden und Kniee ſchlot⸗ tern geſehen. Benturione(in Wuth). Zwoͤlf Senatoren! Teufeliſch! Faßt alle! Schwerter auf!(Alee ſuͤrzen ſich auf die bereit liegenden Waffen, zwei ausgenommen.) Zibs. Dein Name ſteht auch da, Bourgognino. Bourgognino. Und noch heute, ſo Gott will, auf Doria's Gurgel. Benturione. Zwei Schwerter liegen noch. Zibe. Was? was? ZBenturionc. Zwei nahmen kein Schwert. Aſſerato. Meine Bruͤder koͤnnen kein Blut ſehen. Verſchont ſie! Benturione(heftig). Was? was? Kein Tyrannenblut ſehen? Zerreißt die NRemmen! Werft ſie zur Republik hinaus, dieſe Ba⸗ ſtarde!(Einige von der Geſellſchaft werfen ſich ergrimmt auf die Beiden.) Fiesco(eeißt ſie auseinander). Haltet! haltet! Soll Genua Sklaven ſeine Freiheit verdanken? Soll unſer Gold durch dieſes ſchlechte Metall ſeinen guten Klang verlieren?(Er befreit ſie.) Sie, meine Herren, nehmen ſo lang mit einem Zimmer in meinem Schloſſe vo rlieb, bis unſere Sachen entſchieden ſind. (ur Wache.) Zwei Arreſtanten! Ihr haftet fuͤr ſie! Zwei ſcharfe Poſten an ihre Schwelle!(Sie werden abgefuͤhrt.) 286 Schildwachen am Thor. Wer draußen?(Man pocht). Caleagno cuft aͤngſtlich'. Schließt auf! Ein Freund! Schließt um Gotteswillen auf! Bourgognino. Es iſt Calcagno. Was ſoll das: um Gotteswillen? Fieses. Macht ihm auf, Soldaten. Siebenter Auftritt. Vorige. Calcagno außer Athem, erſchrocken. Caleagno. Aus! aus! Fliehe, wer fliehen kann! Alles aus! Bourgognino. Was aus? Haben ſie Fleiſch von Erz, ſind unſere Schwerter von Binſen?. Fieseo. Ueberlegung, Calcagno! Ein Mißverſtand hier waͤre nicht mehr zu vergeben. Caleagno. Verrathen ſind wir. Eine hoͤlliſche Wahr⸗ heit! Ihr Mohr, Lavagna, der Schelm! Ich komme vom Pa⸗ laſt der Signoria. Er hatte Audienz beim Herzog.(Alle No⸗ bili erblaſſen, Fiesco ſelbſt veraͤndert die Farbe.) Verrina(untſchloſſen gegen die Thorwache). Soldaten! ſtreckt mir die Hellebarden vor! Ich will nicht durch die Haͤnde des Henkers ſterben.(Alle Nobili rennen beſtürzt durcheinander). Fieseo Gefaßtey. Wohin? Was macht ihr?— Geh' in die Hoͤlle, Calcagno— Es war ein blinder Schrecken, ihr Herren— Weib! das vor dieſen Knaben zu ſagen— Auch du, Verrina?— Bourgognino, du auch?— Wohin du? Bourgognino(heſtig). Heim, meine Bertha ermorden und wieder hier ſeyn. Fiesco(ſchlaͤgt ein Gelachter au. Bleibt! Haltet! Iſt das „. 287 der Muth der Tyrannenmoͤrder?— Meiſterlich ſpielſt du deine Rolle, Calcagno!— Merktet ihr nicht, daß dieſe Zeitung meine Veranſtaltung war? Calcagno, ſprechen Sie, war's nicht mein Befehl, daß Sie dieſe Roͤmer auf die Probe ſtellen ſollten? Verrina. Nun, wenn du lachen kannſt?— Ich will's glauben, oder dich nimmer fuͤr einen Menſchen halten. Fieseo. Schande uͤber euch, Maͤnner! In dieſer Knaben⸗ probe zu fallen!— Nehmt eure Waffen wieder. Ihr werdet wie Baͤren fechten, wollt ihr dieſe Scharte verwetzen. Ceiſe zu Calcagno.) Waren Sie ſelbſt dort? Calcagno. Ich draͤngte mich durch die Trabanten, mei⸗ nem Auftrag gemaͤß die Parole beim Herzog zu holen— wie ich zuruͤckkehrte, bringt man den Mohren. Fieseo(laut). Alſo der Alte iſt zu Betts? Wir wollen ihn aus den Federn trommeln.(Ceiſe.) Sprach er lang mit dem Herzog? Caleagno. Mein erſter Schreck und Eure nahe Gefahr ließen mich kaum zwei Minuten dort. Fieseo(laut und munter). Sieh doch! wie unſre Landsleute noch zittern. Caleagno. Sie haͤtten auch nicht ſo bald herausplatzen ſollen.(Leiſe.) Aber um Gotteswillen, Graf! was wird dieſe Nothluͤge fruchten! Fieses. Zeit, Freund, und dann iſt der erſte Schreck jetzt voruͤber. Gaut.) He! Man ſoll Wein bringen! Ceiſe.) Und ſahn Sie den Herzog erblaſſen. Caut.) Friſch, Bruͤder, wir wollen noch eins Beſcheid thun auf den Tanz dieſer Nacht! (Leiſe.) Und ſahn Sie den Herzog erblaſſen? Caleagns. Des Mohren erſtes Wort muß: Verſchwoͤ⸗ rungl gelantet haben; der Alre trat ſchneebleich zuruͤck. Fiesco(erwirrt). Hum! Hum! der Teufel iſt ſchlau, 288 Calcagno— Er verrieth nichts, bis das Meſſer an ihre Gurgel ging. Jetzt iſt er freilich ihr Engel. Der Mohr iſt ſchlau.(Man bringt ihm einen Becher Wein; er haͤlt ihn gegen die Ver⸗ ſammlung und trinkt.) Unſer gutes Gluͤck, Cameraden!(Man pocht.) Schilvwachen. Wer draußen? Eine Stimme. Ordonnanz des Herzogs. Die Nobili ſuͤrzen verzweifelnd im Hof herum.) Fieseo(ſringt unter ſie). Nein, Kinder! Erſchreckt nicht! erſchreckt nicht! Ich bin hier. Hurtig! Schafft dieſe Waffen weg. Seyd Maͤnner! ich bitte euch. Dieſer Beſuch laͤßt mich hoffen, daß Andreas noch zweifelt. Geht hinein. Faßt euch. Schließt auf, Soldaten.(lle entfernen ſich. Das Thor wird geoͤffnet.) Achter Auftritt. Fiesco, als kaͤm' er aus dem Schloß. Drei Deutſche, die den Mohren gebunden bringen. Fieses. Wer rief mich in den Hof? Deutſcher. Fuͤhrt uns zum Grafen. Fiesco. Der Graf iſt hier. Wer begehrt mich? Deutſcher macht die Honneurs vor ihm). Einen guten Abend vom Herzog. Dieſen Mohren liefert er Euer Gnaden gebun⸗ den aus. Er habe ſchaͤndlich herausgeplaudert. Das Weitere ſagt der Zettel. Fiesco(nimmt ihn gleichguͤltig). Und hab' ich dir nicht erſt heute die Galeere verkuͤndigt?(Zum Deutſchen.) Es iſt gut, Freund. Meinen Reſpect an den Herzog. Mohr cruft ihnen nach). Und auch meinefts einen, und 289 ſag' ihm— dem Herzog— wenn er keinen Eſel geſchickt haͤtte, ſo wuͤrd' er erfahren haben, daß im Schloß zweitauſend Soldaten ſtecken.(Deutſche gehen ab. Nobili kommen zuruͤck.) Neunter Auftritt. Fiesca. Verſchwarne. Mohr trotig in der Mitte. Verſchworne(ſahren bebend zuruͤck beim Anblick des Mohren). Ha! was iſt das? Fieseo(hat das Billet geleſen, mit verbiſſenem Zorn). Genueſer! die Gefahr iſt vorbei— aber auch die Verſchwoͤrung. Verrina cuft erſtaunt aus). Was? Sind die Doria todt? Fieseo ein heſtiger Bewegung'. Bei Gott! auf die ganze Kriegsmacht der Republik— auf das war ich nicht gefaßt. Der alte ſchwaͤchliche Mann ſchlaͤgt mit vier Zeilen dritthalb⸗ tauſend Mann. Caͤßt kraftlos die Haͤnde ſinken) Doria ſchlaͤgt den Fiesco. Bsurgognino. So ſprechen Sie doch! Wir erſtarren. Fieseo diest).„Lavagna, Sie haben, daͤucht mich, Ein „Schickſal mit mir— Wohlthaten werden Ihnen mit Undank „belohnt. Dieſer Mohr warnt mich vor einem Complot. Ich „ſende ihn hier gebunden zuruͤck und werde heute Nacht ohne „Leibwache ſchlafen.“(Er laͤßt das Papier fallen. Alle ſehen ſich an.) Verrina. Nun, Fiesco? Fieseo amit Adeh. Ein Doria ſoll mich an Großmuth beſiegt haben? Eine Tugend fehlte im Stamm der Fiesker! Nein! ſo wahr ich ſelber bin!— Geht auseinander, ihr! Ich werde hingehen— und Alles bekennen.(Will hinausſtürzen.) Schillers ſaͤmmtl. Werke. II. 19 290 Verrina Galt ihn zurüch). Biſt du wahnſinnig, Menſch? War es denn irgend ein Bubenſtreich, den wir vorhatten? Halt! oder war's nicht Sache des Vaterlandes! Halt! oder wollteſt du nur dem Andreas zu Leibe, nicht dem Tyrannen? Halt! ſag' ich— ich verhafte dich, als einen Verraͤther des Staats— Verſchwarne. Bindet ihn! werft ihn zu Boden! Fiesco(reißt Einem ein Schwert weg und macht ſich Bahn). Sachte doch! Wer iſt der Erſte, der das Halfter uͤber den Tiger wirft!— Seht, ihr Herren— Frei bin ich— koͤnnte durch, wo ich Luſt haͤtte— Jetzt will ich bleiben, denn ich habe mich anders beſonnen. Bourgognino. Auf Ihre Pflicht beſonnen? Fiesco(aufgebracht, mit Stolz). Ha, Knabe! Lernen Sie erſt die Ihrige gegen mich auswendig, und mir nimmer das! — Ruhig, ihr Herren— es bleibt Alles wie zuvor.—(Zum Mohren, deſſen Stricke er zerhaut.) Du haſt das Verdienſt, eine große That zu veranlaſſen— Entfliehe! Caleagno Gornig. Was? Was? Leben ſoll der Heide? leben und uns alle verrathen haben? Fieseo. Leben und euch allen— bang gemacht haben. Fort, Burſche! Sorge, daß du Genua auf den Ruͤcken kriegſt, man koͤnnte ſeinen Muth an dir retten wollen. Mohr. Das heißt, der Teufel laͤßt keinen Schelmen ſitzen! — Gehorſamer Diener, ihr Herren!— Ich merke ſchon, in Italien waͤchst mein Strick nicht. Ich muß ihn anderswo ſuchen. Ab mit Gelöͤchter.) 291 Zehnter Auftritt. Bedienter kommt. Vorige ohne den Mohren. Bedienter. Die Graͤfin Imperiali fragen ſchon dreimal nach Euer Gnaden. Fiesco. Potz tauſend! Die Komoͤdie wird freilich wohl angehen muͤſſen! Sag' ihr, ich bin unverzuͤglich dort— Bleib' — Meine Frau bitteſt du, in den Concertſaal zu treten und mich dort hinter den Tapeten zu erwarten.(Bedienter ab.) Ich habe hier euer aller Rollen zu Papier gebracht; wenn Jeder die ſeinige erfuͤllt, ſo iſt nichts mehr zu ſagen— Verrina wird voraus in den Hafen gehen, und mit einer Kanone das Signal zum Ausbruch geben, wenn die Schiffe erobert ſind. Ich gehe; mich ruft noch eine große Verrichtung. Ihr werdet ein Gloͤckchen hoͤren und alle mit einander in meinen Concertſaal kommen— Indeß geht hinein— und laßt euch meinen Cyprier ſchmecken.(Sie gehen auseinander.) Eilfter Auftritt. Concertſaal. Keonore. Arabella. Roſa. Ale beängſtigt. Leonore. In den Concertſaal verſprach Fiesco zu kom⸗ men, und kommt nicht. Eilf Uhr iſt voruͤber. Von Waffen und Menſchen droͤhnt fuͤrchterlich der Palaſt, und kommt kein Fiesco? 4 29²2 Roſa. Sie ſollen ſich hinter die Tapeten verſtecken— Was der gnaͤdige Herr damit wollen mag? Leonore. Er wil's, Roſa; ich weiß alſo genug, um ge⸗ horſam zu ſeyn. Bella, genug, um ganz außer Furcht zu ſeyn — und doch! doch zittr' ich ſo, Bella, und mein Herz klopft ſo ſchrecklich bang. Maͤdchen, um Gotteswillen! gehe keines von meiner Seite. Bella. Furchten Sie nichts. Unſere Angſt bewacht unſern Fuͤrwitz. Leonore. Worauf mein Auge ſtoͤßt, begegnen mir fremde Geſichter, wie Geſpenſter hohl und verzerrt. Wen ich an⸗ rufe, zittert wie ein Ergriffener und fluͤchtet ſich in die dichteſte Nacht, dieſe graͤßliche Herbergedesboͤſen Gewiſſens. Was man antwortet, iſt ein halber heimlicher Laut, der auf bebender Zunge noch aͤngſtlich zweifelt, ob er auch kecklich ent⸗ wiſchen darf.— Fiesco?— Ich weiß nicht, was hier Grauen⸗ volles geſchmiedet wird— Nur meinen Fiesco emit Grazie ihre Haͤnde faltend) umflattert, ihr himmliſchen Maͤchte! Roſa Guſammengeſchreckt). Jeſus! Was rauſcht in der Galerie? Vella. Es iſt der Soldat, der dort Wache ſteht.(Die Schildwache ruft außen:„Wer da 2,, Man antwortet.) Leonore. Leute kommen! Hinter die Tapete! Geſchwind! Sie verſtecken ſich.) 293 Zwölfter Auftritt. Julig. Fiesco im Geſpraͤch. Zulia(ſehr zerſtoͤrt). Hoͤren Sie auf, Graf! Ihre Galan⸗ terien fallen nicht mehr in achtloſe Ohren, aber in ein ſiedendes Blut— Wo bin ich? Hier iſt Niemand als die verfuͤhreriſche Nacht! Wohin haben Sie mein verwahrlostes Herz geplaudert? Fiesco. Wo die verzagte Leidenſchaft kuͤhner wird und Wallungen freier mit Wallungen reden. Zulia. Halt ein, Fiesco! Bei Allem, was heilig iſt, nicht weiter! Waͤre die Nacht nicht ſo dicht, du wuͤrdeſt meine flammenrothen Wangen ſehen und dich erbarmen. Fieseo. Weit gefehlt, Julia! Eben dann wuͤrde meine Empfindung die Feuerfahne der deinigen gewahr, und liefe deſto muthiger uͤber.(Er kuͤßt ihr heſtig die Hand.) Zulia. Menſch, dein Geſicht brennt fieberiſch, wie dein Geſpraͤch! Weh, auch aus dem meinigen, ich fuͤhl's, ſchlaͤgt wildes, freselndes Feuer. Laſſ' uns das Licht ſuchen, ich bitte. Die aufgewiegelten Sinne koͤnnten den gefaͤhrlichen Wink dieſer Finſterniß merken. Geh'! dieſe gaͤhrenden Rebellen koͤnnten hinter dem Ruͤcken des verſchaͤmten Tags ihre gottloſen Kuͤnſte treiben. Geh' unter Menſchen, ich beſchwoͤre dich. Fiesco(zudringlicher). Wie ohne Noth beſorgt, meine Liebe! Wird je die Gebieterin ihren Sklaven fuͤrchten? Julia. Ueber euch Maͤnner und den ewigen Widerſpruch! Als wenn ihr nicht die gefaͤhrlichſten Sieger waͤret, wenn ihr euch unſerer Eigenliebe gefangen gebt. Soll ich dir Alles geſtehen, Fiesco? daß nur mein Laſter meine Tugend bewahrte? nur mein Stolz deine Kuͤnſte verlachte? nur bis hieher meine Grundſaͤtze 294 Stand hielten? Du verzweifelſt an deiner Liſt und nimmſt deine Zuflucht zu Julia's Blut. Hier verlaſſen ſie mich. Fiesca leeichtfertig dreiſ). Und was verlorſt du bei dieſem Verluſte?. Julia aufgeregt und mit Hitze'. Wenn ich den Schluͤſſel zu meinem weiblichen Heiligthum an dich vertaͤndle, womit du mich ſchamroth machſt, wenn du willſt? Was hab' ich weniger zu verlieren, als Alles? Willſt du mehr wiſſen Spoͤtter? Das Bekenntniß willſt du noch haben, daß die ganze geheime Weis⸗ heit unſeres Geſchlechts nur eine armſelige Vorkehrung iſt, unſere toͤdtliche Seite zu entſetzen, die doch zuletzt allein von euren Schwuͤrenbelagert wird, die(ich geſteh' es erroͤthend ein) ſo gern erobert ſeyn moͤchte, ſo oft beim erſten Seitenblick der Tugend den Feind verraͤtheriſch empfaͤngt?— daß alle unſere weiblichen Kuͤnſte einzig fuͤr dieſes wehrloſe Stichblatt fechten, wie auf dem Schach alle Officiere den wehrloſen Koͤnig bedecken? Ueberrumpelſt du dieſen— matt! und wirf getroſt das ganze Brett durcheinander. Nach einer Pauſe, mit Errſt.) Da haſt du das Gemaͤlde unſrer prahleriſchen Armuth— Sey großmuͤthig! Fieseo. Und doch, Julia— Wo beſſer als in meiner unendlichen Leidenſchaft kannſt du dieſen Schatz niederlegen? Julia. Gewiß nirgends beſſer, und nirgends ſchlimmer— Hoͤre, Fiesco, wie lang wird dieſe Unendlichkeit waͤhren?— Ach! ſchon zu ungluͤcklich hab' ich geſpielt, daß ich nicht auch mein Letztes noch ſetzen ſollte— Dich zu fangen, Fiesco, muthete ich dreiſt meinen Reizen zu; aber ich mißtraue ihnen die Allmacht, dich feſtzuhalten— Pfui doch! was red' ich da?(Sie tritt zuruͤck und haͤlt die Haͤnde vor's Geſicht.) Fieseo. Zwei Suͤnden in einem Athem. Das Miß⸗ trauen in meinem Geſchmack, oder das Majeſtaͤtsverbrechen gegen 2. deine Liebenswuͤrdigkeit— was von beiden iſt ſchwerer zu ver⸗ ggeben? Julia matt, unterliegend, mit veweglichem Tone). Luͤgen ſind nur die Waffen der Hoͤlle— die braucht Fiesco nicht mehr, ſeine Julia zu faͤllen.(Sie faͤllt erſchoͤpft in einen Sopha, nach einer Pauſe, feierlich.) Hoͤre, laſſ' dir noch ein Waͤrtchen ſagen, Fiesco— Wir ſind Heldinnen, wenn wir unſre Tugend ſicher wiſſen;— wenn wir ſie vertheidigen, Kinder! eihm ſtarr und wild unter die Augen) Furien, wenn wir ſie raͤchen— Hoͤre. Wenn du mich kalt wuͤrgteſt, Fiesco? Fieseo nnimmt einen aufgebrachten Ton an). Kalt? kalt? Nun, bei Gott! was fordert denn die unerſaͤttliche Eitelkeit des Weibes, wenn es einen Mann vor ſich kriechen ſieht und noch zweifelt? Ha! er erwacht wieder, ich fuͤhle,(den Ton in Kaͤlte veraͤndert) noch zu guter Zeit gehen mir die Augen auf— Was war's, das ich eben erbetteln wollte?— Die kleinſte Erniedri⸗ gung eines Mannes iſt gegen die hoͤchſte Gunſt eines Weibes weggeworfen!(Zu ihr mit tiefer froſtiger Verbeugung.) Faſſen Sie Muth, Madame! Jetzt ſind Sie ſicher. Zulia beſtuͤrzt). Graf! welche Anwandlung? Fieses dußerſt gleichguͤltig). Nein, Madame! Sie haben vollkommen recht, wir beide haben die Ehre nur einmal auf dem Spiel. Mit einem hoͤflichen Handkuß.) Ich habe das Ver⸗ gnuͤgen, Ihnen bei der Geſellſchaft meinen Reſpect zu bezeugen. (Er will fort.) Julia dhm nach, reißt ihn zuruͤck). Bleib'! Biſt du raſend? Bleib'! Muß ich es denn ſagen— herausſagen, was das ganze Maͤnnervolk auf den Knieen— in Thraͤnen— auf der Folterbank meinem Stolz nicht abdringen ſollte?— Wehl auch dieß dichte Dun⸗ kel iſt zu licht, dieſe Feuersbrunſt zu bergen, die das Geſtaͤnd⸗ niß auf meinen Wangen macht— Fiesco— O ich bohre durchs 296 Herz meines ganzen Geſchlechts— mein ganzes Geſchlecht wird mich ewig haſſen— Ich bete dich an, Fiesco! Eaͤllt vor ihm nieder.) Fieseo(weicht drei Schritte zuruͤck, laͤßt ſie liegen und lacht triumphirend auß. Das bedaur' ich, Signora!(Er zieht die Glocke, hebt die Tapete auf und fuͤhrt Leonoren hervor.) Hier iſt meine Gemahlin— ein goͤttliches Weib! Er faͤllt Leonoren in den Arm.) Julia(ſpringt ſchreiend vom Boden auf. Ah! Unerhoͤrt betrogen! Dreizehnter Auftritt. Die Verſchwornen, welche zumal hereintreten. Damen von der andern Seite. Fiescs. Heonare und Julia. Leonore. Mein Gemahl, das war allzu ſtreng. Fieseo. Ein ſchlechtes Herz verdient nicht weniger. Deinen Thranen war ich dieſe Genugthuung ſchuldig.(Zur Verſammlung.) Nein, meine Herren und Damen, ich bin nicht gewohnt, bei jedem Anlaß in kindiſche Flammen aufzupraſſeln. Die Thor⸗ heiten der Menſchen beluſtigen mich lange, eh' ſie mich reizen. Die ſe verdient meinen ganzen Zorn, denn ſie hat dieſem Engel dieſes Pulver gemiſcht.(Er zeigt das Gift der Verſammlung, die mit Abſcheu zuruͤcktritt.) Julia äbre Wuth in ſich beißend). Gut! gut! Sehr gut, mein Herr! GWill fort.) SFiesco(fuͤhrt ſie am Arme zuruͤck). Sie werden Geduld haben, Madame— Noch ſind wir nicht fertig— Dieſe Geſell⸗ ſchaft mochte gar zu gern wiſſen, warum ich meinen Verſtand — 297 ſo verlaͤugnen konnte, den tollen Roman mit Genng's groͤßter Naͤrrin zu ſpielen— Julia gauſſpringend). Es iſt nicht auszuhalten! Doch zittre du!(Drohend.) Doria donnert in Genua, und ich— bin ſeine Schweſter. Fiesco. Schlimm genug, wenn das Ihre letzte Galle iſt— Leider muß ich Ihnen die Botſchaft bringen, daß Fiesco von Lavagna aus dem geſtohlenen Diadem Ihres durchlauchtigſten Bruders einen Strick gedreht hat, womit er den Dieb der Republik dieſe Nacht aufzuhaͤngen geſonnen iſt.(Da ſie ſich entfaͤrbt, lacht er hoͤhniſch auf.) Pfui! das kam unerwartet— und ſehen Sie! Eindem er beißender fortfaͤhrt) darum fand ich fuͤr noͤthig, den ungebetenen Blicken Ihres Hauſes etwas zu ſchaffen zu geben;“ darum behaͤngt' ich mich(auf ſie deutend) mit dieſer Harlekins⸗ leidenſchaft, darum aauf Leonoren zeigend) ließ ich dieſen Edelſtein fallen, und mein Wild rannte gluͤcklich in den blanken Betrug. Ich danke fuͤr Ihre Gefaͤlligkeit, Signora, und gebe meinen Theaterſchmuck ab.(Er uͤberlieſert ihr ihren Schattenriß mit einer tiefen Verbeugung.) Leonore(ſchmiegt ſich bittend an den Fiesco). Mein Ludovico, ſie weint. Darf Ihre Leonore Sie zitternd bitten? Julia(trotzig zu Leonoren). Schweig! du Verhaßte— Fieseo u einem Bedientem. Sey er galant, Freund, biete er dieſer Dame den Arm an; ſie hat Luſt, mein Staats⸗ gefaͤngniß zu ſehen. Er ſteht mir dafuͤr, daß Signora von Niemand incommodirt wird— draußen geht eine ſcharfe Luft — der Sturm, der dieſe Nacht den Stamm Doria ſpaltet, moͤchte ihr leicht den Haarputz verderben. Zulia(ſchluchzend). Die Peſt uͤber dich, ſchwarzer heim⸗ tuͤckiſcher Heuchler!(Zu Zeonoren, grimmig.) Freue dich deines 298 Triumphes nicht, auch dich wird er verderben, und ſ ich ſelbſt und— verzweifeln!(Stuͤrzt hinaus.) Fiesco(winkt den Gaͤſten. Sie waren Zeugen— Retten Sie meine Ehre in Genua!(Zu den Verſchwornen.) Ihr werdet mich abholen, wenn die Kanone kommt.(Alle entfernen ſich.) Vierzehnter Auftritt. eonore. Fiesco. Lesnare ctritt ihm aͤngſtlich naͤher). Fiesco!— Fiesco!— Ich verſtehe Sie nur halb, aber ich fange an zu zittern. Fieses ewichtig). Leonore— ich ſah Sie einſt einer Genue⸗ ſerin zur Linken gehen— Ich ſah Sie in den Aſſembleen des Adels mit dem zweiten Handkuß der Ritter vorlieb nehmen. Leonore— das that meinen Augen wehe. Ich beſchloß, es ſoll nicht mehr ſeyn— es wird aufhoͤren. Hoͤren Sie das kriegeriſche Getoͤſe in meinem Schloß? Was Sie fuͤrchten, iſt wahr— Gehen Sie zu Bette, Graͤfin— morgen will ich die Herzogin wecken. Leonore(ſchlaͤgt beide Arme zuſammen und wirft ſich in einen Seſſeh. Gott! meine Ahnung! Ich bin verloren! Fieses(geſetzt, mit Wuͤrde). Laſſen Sie mich ausreden, Liebe! Zwei meiner Ahnherren trugen die dreifache Krone; das Blut der Fiesker fließt nur unter dem Purpur geſund. Soll Ihr Gemahl nur ererbten Glanz von ſich werfen?(Sebhafter.) Was? Soll er ſich fuͤr all ſeine Hoheit beim gaukelnden Zufall bedanken, der in einer ertraͤglichen Laune aus modernden Ver⸗ dienſten einen Johann Ludwig Fiesco zuſammenflickte? Nein, 299 Leonore! Ich bin zu ſtolz, mir etwas ſchenken zu laſſen, was ich noch ſelbſt zu erwerben weiß. Heute Nacht werf' ich meinen Ahnen den erborgten Schmuck in ihr Grab zuruͤck— Die Gra⸗ fen von Lavagna ſtarben aus— Fuͤrſten beginnen. Leonore(ſchuͤttelt den Kopf, ſtill phantaſirend). Ich ſehe mei⸗ nen Gemahl an tiefen toͤdtlichen Wunden zu Boden fallen— (Hohler.) Ich ſehe die ſtummen Traͤger den zerriſſenen Leichnam meines Gemahls mir entgegen tragen. EErſchrocken aufſpringend.) Die erſte— einzige Kugel fliegt durch die Seele Fiesco's. Fieseo cfaßt ſie liebevoll bei der Hand). Ruhig, mein Kind, das wird dieſe einzige Kugel nicht. Leonore(blickt ihn ernſthaft an). So zuverſichtlich ruft Fiesco den Himmel heraus? Und waͤre der tauſendmaltauſendſte Fall nur der moͤgliche, ſo koͤnnte der tauſendmaltauſendſte wahr werden, und mein Gemahl waͤre verloren— Denke, du ſpielteſt um den Himmel, Fiesco! wenn eine Billion Gewinnſte fuͤr einen einzigen Fehler fiele, wuͤrdeſt du dreiſt genug ſeyn, die Wurfel zu ſchuͤtteln und die freche Wette mit Gott einzugehen? Nein, mein Gemahl! wenn auf dem Brett Alles liegt, iſt jeder Wurf Gotteslaͤſterung. Fieseo(laͤchelt). Sey unbeſorgt, das Gluͤck und ich ſtehen beſſer. Leonore. Sagſt du das— und ſtandeſt bei jenem geiſter⸗ verzerrenden Spiele— ihr nennt es Zeitvertreib— ſaheſt zu der Betruͤgerin, wie ſie ihren Guͤnſtling mit kleinen Gluͤckskarten lockte, bis er warm ward, aufſtand, die Bank forderte— und ihn jetzt im Wurf der Verzweiflung verließ?— O mein Gemahl! du gehſt nicht hin, dich den Genueſern zu zeigen und angebetet zu werden. Republicaner aus ihrem Schlaf aufzujagen, das Roß an ſeine Hufe zu mahnen, iſt kein Spaziergang. Fiesco! traue dieſen Rebellen nicht. Die Klugen, die dich 300 aufhetzen, fuͤrchten dich. Die Dummen, die dich vergoͤttern, nuͤtzen dir wenig, und wo ich hinſehe, iſt Fiesco verloren. Fiesco(mit ſtarken Schritten im Zimmer). Kleinmuth iſt die hoͤchſte Gefahr. Groͤße will auch ein Opfer haben.* Leonore. Groͤße, Fiesco?— Daß dein Genie meinem Herzen ſo uͤbel will!— Sieh! Ich vertraue deinem Gluͤck, du ſiegſt, will ich ſagen— Weh dann mir Aermſten meines Ge⸗ ſchlechts! Ungluͤckſelig, wenn es mißlingt! wenn es gluͤckt, un⸗ gluͤckſeliger! Hier iſt keine Wahl, mein Geliebter! Wenn er den Herzog verfehlt, iſt Fiesco verloren. Mein Gemahl iſt hin, wenn ich den Herzog umarme. Fieseo. Das verſtehe ich nicht. Leonore. Doch, mein Fiesco! In dieſer ſtuͤrmiſchen one des Throns verdorret das zarte Pflaͤnzchen der Liebe. Das Herz eines Menſchen, und waͤr' auch ſelbſt Fiesco der Menſch, iſt zu enge fuͤr zwei allmaͤchtige Goͤtter— Goͤtter, die ſich ſo gram ſind. Liebe hat Thraͤnen und kann Thraͤnen ver⸗ ſtehen! Herrſch ſucht hat eherne Augen, worin ewig nie die Empfindung perlt— Liebe hat nur ein Gut, thut Ver⸗ zicht auf die ganze übrige Schoͤpfung; Herrſchſucht hungert beim Raube der ganzen Natur— H errſchſucht zertruͤmmert die Welt in ein raſſelndes Kettenhaus, Liebe traͤumt ſich in jeder Wuͤſte Elyſium— Wollteſt du jetzt an meinem Buſen dich wiegen, pochte ein ſtoͤrriger Vaſall an dein Reich— Wollt' ich jetzt in deine Arme mich werfen, hoͤrte deine Deſpotenangſt einen Moͤrder aus den Tapeten hervorrauſchen und jagte dich 4 fluͤchtig von Zimmer zu Zimmer. Ja, der großaͤugige Verdacht ſteckte zuletzt auch die haͤusliche Eintracht an— Wenn deine Leonore dir jetzt einen Labetrank braͤchte, wurdeſt du den Kelch mit Verzuckungen wegſtoßen und die Zaͤrtlichkeit eine Gift⸗ miſcherin ſchelten. 301 Fiesco(bleibt mit Entſetzen ſtehen). Leonore, hoͤr' auf! Das iſt eine haͤßliche Vorſtellung— Leonore. Und doch iſt das Gemaͤlde nicht fertig. Ich wuͤrde ſagen, opfre die Liebe der Groͤße, opfre die Ruhe— wenn nur Fiesco noch bleibt— Gott! das iſt Radſtoß!— Selten ſteigen Engel auf den Thron, ſeltener herunter. Wer keinen Menſchen zu fuͤrchten braucht, wird er ſich eines Menſchen erbarmen? Wer an jeden Wunſch einen Donnerkeil heften kann, wird er fuͤr noͤthig finden, ihm ein ſanftes Woͤrtchen zum Geleite zu geben?(Sie haͤlt inne, dann tritt ſie beſcheiden zu ihm und faßt ſeine Hand; mit feinſter Vitterkeit.) Fuͤrſten, Fiesco! dieſe mi ß⸗ rathenen Projecte der wollenden und nicht koͤnnenden Natur— ſitzen ſo gern zwiſchen Menſchheit und Gottheit nie⸗ der;— heilloſe Geſchoͤpfe! ſchlechtere Schoͤpfer! Fieseo(ſuuͤrzt ſich beunruhigend durchs Zimmer). Leonore, hoͤr' auf! Die Bruͤcke iſt hinter mir abgehoben— Leonore Glickt ihn ſchmachtend an). Und warum, mein Gemahl! Nur Thaten ſind nicht mehr zu tilgen.(Schmelzend zaͤrtlich und etwas ſchelmiſch.) Ich hoͤrte dich wohl einſt ſchwoͤren, meine Schoͤnheit habe alle deine Entwuͤrfe geſtuͤrzt— du haſt falſch geſchworen, du Heuchler, oder ſie hat fruͤhzeitig abgebluͤht — Frage dein Herz, wer iſt ſchuldig?(Feuriger, indem ſie ihn mit beiden Armen umfaßt.) Komm zuruͤck! Ermanne dich! Ent⸗ ſage! Die Liebe ſoll dich entſchaͤdigen. Kann mein Herz dei⸗ nen ungeheuren Hunger nicht ſtillen— o Fiesco! das Diadem wird noch aͤrmer ſeyn—(Schmeichelnd.) Komm! ich will alle deine Wuͤnſche auswendig lernen, will alle Zauber der Natur in einen Kuß der Liebe zuſammenſchmelzen, den erhabenen Fluͤchtling ewig in dieſen himmliſchen Banden zu halten— dein Herz iſt unendlich— auch die Liebe ſey es, Fiesco.(Schmelzend.) Ein armes Geſchoͤpf gluͦcklich zu machen— ein Geſchoͤpf, das 302 ſeinen Himmel an deinem Buſen lebt— ſollte das eine Luͤcke in deinem Herzen laſſen? Fieseo(urch und durch erſchüttert) Leonore, was haſt du gemacht?(Er faͤllt ihr kraftlos um den Hals.) Ich werde keinem Genueſer mehr unter die Augen treten— Keonore(freudig raſch.) Laſſ' uns fliehen, Fiesco— laſſ' in den Staub uns werfen alle dieſe prahlenden Nichts, laſſ' in romantiſchen Fluren ganz der Liebe uns leben!(Sie druͤckt ihn an ihr Herz, mit ſchoͤner Entzuͤckung.) Unſere Seelen, klar wie uͤber uns das heitere Blau des Himmels, nehmen dann den ſchwarzen Hauch des Grams nicht mehr an— Unſer Leben rinnt dann melediſch wie die floͤtende Quelle zum Schoͤpfer. (Man hoͤrt den Kanonenſchuß. Fiesco ſpringt los. Alle Verſchwornen treten in den Saal.) 2 Fünfzehnter Auftritt. Verſchwornc. Die Zeit iſt dal Fiesco(u Leonoren, feſy.. Lebe wohl! Ewig— oder Genua liegt morgen zu deinen Fuͤßen.(Wil fortſtuͤrzen.) Baurgognino(ſchreit). Die Graͤfin ſinkt um.(Leonore in Ohnmacht. Alle ſpringen hin, ſie zu halten. Fiesco vor ihr nieder⸗ geworfen.) 3 Fieseo(mit ſchneidendem Ton). Leonore! Rettet! um Gottes⸗ willen! rettet!(Roſa, Bella kommen, ſie zurecht zu bringen.) Sie ſchlaͤgt die Augen auf— EEr ſpringt entſchloſſen in die Hohe.) Jetzt kommt— ſie dem Doria zuzudruͤcken. Verſchworne ſtuͤrzen zum Saal hinaus. Vorhang faͤllt.). —-— Fünfter Aufzug. Nach Mitternacht— Große Straße in Genua— Hier und da leuchten Lampen an einigen Haͤuſern, die nach und nach aus⸗ loͤſchen— Im Hintergrunde der Buͤhne ſieht man das Thomas⸗ thor, das noch geſchloſſen iſt. In perſpectiviſcher Ferne die See — Einige Menſchen gehen mit Handlaternen uͤber den Platz, darauf die Runde und Patrouillen— Alles iſt ruhig. Nur das Meer wallt etwas ungeſtuͤm. Erſter Auftritt. Fiesco kommt gewaffnet und bleibt vor dem Palaſt des Andreas Doria ſtehen. Darauf Andreas. Fiesco. Der Alte hat Wort gehalten— im Palaſte alle Lichter aus. Die Wachen ſind fort. Ich will laͤuten.(Lautet.) He! Holla! Wach' auf, Doria! verrathener, verkaufter Doria, wach' auf! Holla! Holla! Holla! Wach' auf! Andrreas(erſcheint auf dem Altane). Wer zog die Glocke? Fieseo(mit veraͤnderter Stimme). Frage nicht! Folge! Dein Stern geht unter, Herzog, Genua ſteht auf wider dich! Nahe ſind deine Henker, und du kannſt ſchlafen, Andreas? 304 Anpreas emit Ehre). Ich beſinne mich, wie die zuͤrnende See mit meiner Bellona zankte, daß der Kiel krachte und der oberſte Maſt brach— und Andreas Doria ſchlief ſanft. Wer ſchickt die Henker? Fieseo. Ein Mann, furchtbarer als deine zuͤrnende See, Johann Ludwig Fiesco.. Anpreas Gacht). Du biſt bei Laune, Freund! Bring' deine Schwaͤnke bei Tag. Mitternacht iſt eine ungewoͤhnliche Stunde. Fieses. Du hoͤhnſt deinen Warner? Andreas. Ich dank' ihm, und gehe zu Bette. Fiesco hat ſich ſchlaͤfrig geſchwelgt, und hat keine Zeit fuͤr Doria uͤbrig. Fieses. Ungluͤcklicher alter Mann!— traue der Schlange nicht! Sieben Farben ringeln auf ihrem ſpiegelnden Ruͤcken— du nahſt— und gaͤhlings ſchnuͤrt dich der toͤdtliche Wirbel. Den Wink eines Verraͤthers verlachteſt du. Verlache den Rath eines Freundes nicht. Ein Pferd ſteht geſattelt in deinem Hof. Fliehe bei Zeit! Verlache den Freund nicht! Andreas. Fiesco denkt edel. Ich hab' ihn niemals be⸗ leidigt, und Fiesco verraͤth mich nicht. 4 Fieseo. Denkt edel, verraͤth dich, und gab dir Proben von beidem. Andreas. So ſteht eine Leibwache da, die kein Fiesco zu Boden wirft, wenn nicht Cherubim unter ihm dienen. Fieses Gaͤmiſch'. Ich moͤchte ſie ſprechen, einen Brief in die Ewigkeit zu beſtellen. Andreas(groß). Armer Spotter! haſt du nie gehoͤrt, daß Andreas Doria Achtzig alt iſt, und Genua— gluͤcklich?—(Er verlaͤßt den Altan.) 4 Fieseo cblickt ihm ſtarr nach). Mußt' ich dieſen Mann erſt 8305 ſtuͤrzen, eh' ich lerne, daß es ſchwerer iſt, ihm zu gleichen? (Er geht einige Schritte tiefſinnig auf und nieder.) Nein, ich machte Groͤße mit Groͤße wett— Wir ſind fertig, Andreas! und nun, Verderben, gehe deinen Gang!(Er eilt in die hinterſie Gaſſe— Trommeln toͤnen von allen Enden. Scharfes Gefecht am Thomasthor. Das Thor wird geſprengt und oͤffnet die Ausſicht in den Hafen, worin Schiffe liegen, mit Fackeln erleuchtet.) Zweiter Auftritt. Gianettina Doria in einen Scharlach⸗Mantel geworfen. Lomellin⸗ Bediente voraus mit Fackeln. Alle haſtig. Gianettino ſſieht ſtilh. Wer befahl Laͤrmen zu ſchlagen? Lomellin. Auf den Galeeren krachte eine Kanone. Gianettino. Die Sklayen werden ihre Ketten reißen. (Schuͤſſe am Thomasthor.) Lomellin. Feuer dort! Gianettino. Thor offen! Wachen in Aufruhr!(Zu den Bedienten.) Hurtig, Schurken! Leuchtet dem Hafen zu!(Eilen gegen das Thor.) Schillers ſaͤmmtl. Werke. II. 82 έ 306 Dritter Auftritt. Vorige. Vourgognino mit Verſchwornen, die vom Thomas⸗ thor kommen. Bourgognino. Sebaſtian Lescaro iſt ein wackrer Soldat. Zenturione. Wehrte ſich wie ein Baͤr, bis er niederfiel. Gianettino ttritt beſtuͤrzt zuruͤck). Was hoͤr' ich da?— Haltet! Bourgognino. Wer dort mit dem Flambeau? Lomellin. Es ſind Feinde, Prinz! ſchleichen Sie links weg. Bourgognino(ruft hitzig an). Wer da mit dem Flam⸗ beau? Zenturione. Steht! Eure Loſung? Sianettino Gleht das Schwert, trotzig). Unterwerfung und Doria. Bourgognino ſ(cchaͤumend, fuͤrchterlich). Raͤuber der Re⸗ publik und meiner Braut!(Zu den Verſchwornen, indem er auf Gianettino ſturzt.) Ein Gang Profit, Bruͤder! Seine Teufel liefern ihn ſelbſt aus.(Er ſtoͤßt ihn nieder.) Gianettino(faͤllt mit Gebruͤlle). Mord! Mord! Mord! Raͤche mich, Lomellino! Lomellin. Vediente cfliehend). Huͤlfe! Mrder! Moͤrder! Zenturione(ruft mit ſtarker Stimme). Er iſt getroffen. Haltet den Grafen auf!(Lomellin wird gefangen.) Lomellin(inleend). Schont meines Lebens, ich trete zu euch uͤber! Zourgognino. Lebt dieſes Unthier noch? Die Memme mag fliehen.(Lomellin entwiſcht.) 307 Zenturione. Thomasthor unſer! Gianettino kalt! Rennt, was ihr rennen koͤnnt! Sagt's dem Fiesco an! Gianettino(baͤumt ſich kraͤmpfig in die Soͤhe). Peſt! Fiesco —(Stirbt.) Bourgognino treißt den Stahl aus dem Leichnam). Genua frei und meine Bertha!— Dein Schwert, Zenturione. Dieß blutige bringſt du meiner Braut. Ihr Kerker iſt geſprengt. Ich werde nachkommen und ihr den Brautkuß geben. E(Eilen ab⸗ zu verſchiedenen Straßen.) Vierter Auftritt. Andreas Doria. Deutſche. Deutſcher. Der Stu⸗m zog ſich dorthin. Werft Euch zu Pferd, Herzog! Andreas. Laßt mich noch einmal Genug's Thuͤrme ſchauen und den Himmel! Nein, es iſt kein Traum, und Andreas iſt verrathen. Deutſcher. Feinde um und um! Fort! Flieht uͤber die Graͤnze! Andreas(wirft ſich auf den Leichnam ſeines Neffen). Hier will ich enden. Rede keiner von Fliehen. Hier liegt die Kraft meines Alters. Meine Bahn iſt aus.(Ealcagno fern mit Ver⸗ ſchwornen.). Deutſcher. Möͤrder dort! Moͤrder! Flieht, alter Fuͤrſt! Andreas(a die Trommeln wieder anfangen). Hoͤret, Aus⸗ laͤnder! hoͤret! Das ſind die Genueſer, deren Joch ich brach. Verhuͤllt ſich) Vergilt man auch ſo in eurem Lande? 308 Deutſcher. Fort! fort! fort! indeß unſere deutſchen Knochen Scharten in ihre Klingen ſchlagen.(Calcagno naͤher.) Andreas. Rettet euch! Laßt mich! Schreckt Nationen mit der Schauerpoſt: die Genueſer erſchlugen ihren Vater— Deutſcher. Fort! Zum Erſchlagen hat's noch Weile— Cameraden, ſteht! Nehmt den Herzog in die Mitte! Siehen.) Peitſcht dieſen welſchen Hunden Reſpect fuͤr einen Graukopf ein—. Caleagno(ruft an)y. Wer da? Was gibt's da? Deutſche chauen ein). Deutſche Hiebe!(Gehen ſechtend ab. Gianettino's Leichnam wird weggebracht.) Fünfter Auftritt. Leonore in Mannskleidern. Arabella hinter ihr her. Beide ſchleichen aͤngſtlich hervor. Arabella. Kommen Sie, gnaͤdige Frau, o kommen Sie doch— Lesnore. Da hinaus wuͤthet der Aufruhr—— Horch! war das nicht eines Sterbenden Aechzen?— Wehl ſie um⸗ zingeln ihn— Auf Fiesco's Herz deuten ihre gaͤhnenden Rohre — Auf das meinige, Bella— Sie druͤcken ab— Haltet! haltet! Es iſt mein Gemahl!(Wirft ihre Arme ſchwaͤrmend in die Luft.) Arabella. Aber um Gotteswillen— Leonore(immer wild phantaſirend, nach allen Gegenden ſchreiend). Fiesco!— Fiesco!— Fiesco! Sie weichen hinter ihm ab, ſeine Getreuen— Rebellentreue iſt wankend.(Seſtig erſchrocken.) —.,— — 309 Rebellen fuͤhrt mein Gemahl? Bella! Himmel! Ein Rebell kaͤmpft mein Fiesco? Arabella. Nicht doch, Signora, als Genua's furchtbarer Schiedsmann!.— Lesnore(aufmerkſam). Das waͤre etwas— und Leonore haͤtte gezittert? Den erſten Republicaner umarmte die feigſte Republicanerin?— Geh, Arabella— Wenn die Maͤnner um Laͤnder ſich meſſen, duͤrfen auch die Weiber ſich fuͤhlen.(Man faͤngt wieder an zu trommeln.) Ich werfe mich unter die Kaͤmpfer. Arabella(ſchlaͤgt die Haͤnde zuſammen). Barmherziger Himmel! Lennare. Sachte! Woran ſtoͤßt ſich mein Fuß? Hier iſt ein Hut und ein Mantel. Ein Schwert liegt dabei.(Sie waͤgt es.) Ein ſchweres Schwert, meine Bella! Doch ſchleppen kann ich's noch wohl, und das Schwert macht ſeinem Fuͤhrer nicht Schande.(Man laͤutet Sturm.) Arabella. Hoͤren Sie? hoͤren Sie? Das wimmert vom Thurm der Dominicaner. Gott erbarme! wie fuͤrchterlich! Leonare(ſchwärmend). Sprich, wie entzuͤckend! In dieſer Sturmglocke ſpricht mein Fiesco mit Genua.(Man trommelt ſaͤrker) Hurrah! Hurrah! Nie klangen mir Floͤten ſo ſuͤß— Auch dieſe Trommeln belebt mein Fiesco— wie mein Herz hoͤher wallt! Ganz Genua wird munter— Miethlinge huͤpfen hinter ſeinem Namen, und ſein Weib ſollte zaghaft thun? Es fuͤrmt auf drei andern Thuͤrmen.) Nein! eine Heldin ſoll mein Held umarmen— Mein Brutus ſoll eine Roͤmerin umarmen. (Sie ſetzt den Hut auf und wirft den Scharlach um.) Ich bin Porcia. Arabella. Gnaͤdige Frau, Sie wiſſen nicht, wie entſetzlich Sie ſchwaͤrmen. Nein, das wiſſen Sie nicht.(Sturmlaͤuten und Trommeln.) Leonore. Elende, die du das Alles hoͤreſt und nicht ſchwaͤrmſt! Weinen moͤchten dieſe Quader, daß ſie die Beine 310 nicht haben, meinem Fiesco zuzuſpringen— Dieſe Palaͤſte zuͤrnen uͤber ihren Meiſter, der ſie ſo feſt in die Erde zwang, daß ſie meinem Fiesco nicht zuſpringen koͤnnen— Die ufer, koͤnnten ſie's, verließen ihre Pflicht, gaͤben Genua dem Meere Preis und tanzten hinter ſeiner Trommel— Was den Tod aus ſeinen Windeln ruͤttelt, kann deinen Muth nicht wecken? Geh!— Ich finde meinen Weg. Arabella. Großer Gott! Sie werden doch dieſe Grille nicht wahr machen wollen? 4 Leonore(ſiolz und heroiſch). Das ſollt' ich meinen, du Alberne—(Feurig.) Wo am wildeſten das Getuͤmmel wuͤthet, wo in Perſon mein Fiesco kaͤmpft— Iſt das Lavagna? hoͤr' ich ſie fragen— den Niemand bezwingen kann, der um Genua eiſerne Wuͤrfel ſchwingt, iſt das Lavagna?— Genneſer! er iſt's, werd' ich ſagen, und dieſer Mann iſt mein Gemahl, und ich hab' auch eine Wunde.(Sacco mit Verſchwornen.) Saceo(ruft an„'. Wer da? Doria oder Fiesco? Leonore(begeiſtert). Fiesco und Freiheit!(Sie wirft ſich in eine Gaſſe. Volksauflauf. Bella wird weggedraͤngt.) Sechster Auftritt. Saecros mit einem Haufen. Calragno begegnet ihm mit einem andern. Caleagno. Andreas Doria iſt entflohen. Sacco. Deine ſchlechteſte Empfehlung bei Fieso. Caleagno. Baͤren, die Deutſchen! pflanzten ſich vor den Alten wie Felſen. Ich kriegte ihn gar nicht zu Geßcht. Neun 311 von den Unſrigen ſind fertig. Ich ſelbſt bin am linken Ohr⸗ lappen geſtreift. Wenn ſie das fremden Tyrannen thun, alle Teufel! wie muͤſſen ſie ihre Fuͤrſten bewachen. Sareo. Wir haben ſchon ſtarken Anhang, und alle Thore ſind unſer. Caleagno. Auf der Burg, hoͤr' ich, fechten ſie ſcharf. Saeco. Bourgognino iſt unter ihnen. Was ſchafft Verrina? Caleagno. Liegt zwiſchen Genua und dem Meere, wie der hoͤlliſche Kettenhund, daß kaum eine Anchove durch kann. Saceo. Ich laſſ' in der Vorſtadt ſtuͤrmen. Calragno. Ich marſchire uͤber die Piazza Sarzang. Ruͤhre dich, Tambour!(iehen unter Trommelſchlag weiter.) Siebenter Auftritt. Der Mohr. Ein Trupp Diebe mit Lunten. Mohr. Daß ihr'’s wißt, Schurken! ich war der Mann, der dieſe Suppe einbrockte— Mir gibt man keinen Loͤffel. Gut. Die Hatz iſt mir eben recht. Wir wollen eins anzuͤn⸗ den und pluͤndern. Die druͤben baxen ſich um ein Herzog⸗ thum, wir heizen die Kirchen ein, daß die erfrornen Apoſtel ſich waͤrmen. (Werfen ſich in die umliegenden Haͤuſer.) 312 Achter Auftritt. Vourgognins. Vertha verkleidet. Zourgognino. Hier ruhe aus, lieber Kleiner! Du biſt in Sicherheit. Bluteſt du? Bertha ddie Sprache veraͤndert). Nirgends. Bourgognino(lebhaft.) Pfui, ſo ſteh' auf! Ich will dich hinfuͤhren, wo man Wunden fuͤr Genua erntet— ſchoͤn, ſiehſt du? wie dieſe. EEr ſireift ſeinen Arm auf). Bertha Guruͤckfahrend). O Himmel! Bourgognins. Du erſchrickſt? Niedlicher Kleiner, zu fruͤh eilſt du in den Mann— Wie alt biſt du? Bertha. Fuͤnfzehn Jahre. Bourgagninn. Schlimm! fuͤr dieſe Nacht fuͤnf Jahre zu zaͤrtlich— Dein Vater? Bertha. Der beſte Buͤrger in Genua. Bourgognino. Gemach, Knabe! Das iſt nur einer, und ſeine Tochter iſt meine verlobte Braut. Weißt du das Haus des Verrina? Bertha. Ich daͤchte. ZVourgognino raſch). Und kennſt ſeine goͤttliche Tochter? Bertha. Bertha heißt ſeine Tochter! Vourgognino Chitzig). Gleich geh' und uͤberliefere ihr dieſen Ring. Es gelte den Trauring, ſagſt du, und der blaue Buſch halte ſich brav. Jetzt fahre wohl! ich muß dorthin. Die Gefahr iſt noch nicht aus.(Einige Haͤuſer brennen). Vertha cruft ihm nach mit ſanfter Stimme). Scipio! Vourgognino(ſieht betroffen ſtilh. Bei meinem Schwert! ich kenne die Stimme. 1 313 Vertha(faͤlt ihm um den Hals). Bei meinem Herzen! ich bin hier ſehr bekannt. Vourgognino(ſchreit). Bertha!(Sturmlaͤuten in der Vor⸗ ſtadt. Auflauf. Beide verlieren ſich in einer Umarmung.) * ** Anſtatt der vorigen Scene hat Schiller waͤhrend ſeines Aufenthalts in Leipzig im Jahre 1785 folgende fuͤr das dortige Theater eingeruͤckt: (Ein unterirdiſches Gewoͤlbe, durch eine einzige Lampe erleuchtet. Der Hintergrund bleibt ganz finſter. Bertha allein, einen ſchwarzen Schleier uͤber das Geſicht geworfen, ſitzt auf einem Stein im Vordergrunde. Nach einer Pauſe ſteht ſie auf und geht umher.) Noch immer kein Laut? keine menſchliche Spur? kein Fuß⸗ tritt meiner Erretter?— Schreckliches Harren! Schrecklich und undankbar, wie die Sehnſucht eines lebendig Begrabenen unter dem Boden des Kirchhofs. Und worauf harrſt du, Betrogene? Ein unperletzlicher Eidſchwur haͤlt dich in dieſem Gewoͤlbe ge⸗ fangen. Gianettino Doria muß fallen, Genua frei werden, oder Bertha verſchmachtet in dieſem Thurme— ſo lautete der Schwur meines Vaters. Abſcheulicher Kerker, zu welchem es keinen Schluͤſſel gibt, als das Todesroͤcheln eines wohlbeſchuͤtzten Tyrannen.(Sieht ſich im Gewoͤlbe um.) Wie grauenvoll iſt dieſe Stille! ſchauerlich, wie die Stille des Grabes! Die leeren Winkel gießen ſchreckliche Nacht aus. Auch meine Lampe droht zu verloͤſchen.(Lebhafter herumgehend.) O komm, komm, mein Geliebter! es iſt fuͤrchterlich, hier zu ſterben.(Pauſe, dann faͤhrt ſie auf und ſtuͤrzt mit Haͤnderingen durchs Gewoͤlbe, mit allen Zeichen des Schmerzens.) Er hat mich verlaſſen! Er hat ſeinen Eid ge⸗ brochen! Er hat ſeine Bertha vergeſſen. Die Lebendigen fragen nach den Todten nicht mehr, und dieß Gewoͤlbe gehoͤrt zu den 314 Graͤbern. Hoffe nichts mehr, Ungluͤckliche! Hoffaung blaͤht nur, wohin Gott ſchaut. In dieſen Kerker ſchaut Gott nicht. (Neue Pauſe, ſie wird aͤngſtlicher.) Oder ſind meine Retter gefallen? Die kuͤhne Verſchwoͤrung mißlang und die Gefahr uͤberwaͤltigte den muthigen Juͤngling. — O ungluͤckliche Bertha! vielleicht wandeln in dieſem Augen⸗ blick ihre Geſpenſter durch das Gewoͤlbe, und weinen uͤber deine Hoffnung.(Schrickt zuſammen) Gott! Gott! ſo bin ich ja ohne Rettung verloren, wenn ſie nicht mehr ſind, ohne Rettung preisgegeben dem entſetzlat en Tode.(Stützt ſich an die Felſen⸗ mauer. Nach einer Pauſe faͤhrt ſie mit Wehmuth fort.) Und wenn er noch lebt, mein Geliebter— wenn er nun kommen wird, Wort zu halten und ſein Maͤdchen im Triumph abzuholen, und Alles hier einſam findet und ſtumm, und der entſeelte Leichnam ſeine Wonne nicht mehr beantwortet— Wenn ſeine gluͤhenden Kuͤſſe das entflohene Leben vergeblich auf meinen Lippen ſuchen, ſeine Thraͤnen fruchtlos uͤber mich fließen,— wenn der Vater jammernd auf ſeine Tochter faͤllt und das Geſchrei ihres Leidens in den kahlen Mauern dieſes Gefaͤngniſſes widerhamllt—— O dann, dann verſchweig' ihnen meine Klagen, Gewoͤlbe! Sag' ihnen, daß ich duldete wie eine Heldin, und daß mein letzter Athem Verzeihung war.(Sinkt erſchoͤpft auf den Stein nieder— Pauſe— Man hoͤrt ein verworrenes Getoͤſe von Trommeln und Glocken hinter der Buͤhne, uͤber den Soffiten und unter der Buͤhne. Bertha faͤhrt in die Hoͤhe.) Horch, was iſt das? Hoͤr' ich recht oder traͤum' ich? Fuͤrchterlich ſchallen die Glocken zuſammen. Das iſt kein Ton, als wenn man zum Gottesdienſt laͤutete.(Das Getoͤſe kommt naͤher und wird ſtarker; ſie laͤuft erſchrocken umher.) Lauter und immer lauter! Gott! das iſt Sturm! das iſt Sturm! Iſt der Feind in die Stadt gebrochen? Geht Genua in Flammen auf?— Ein wildes, ſchreckliches Getoͤſe, wie das 315 Rennen von tauſend Menſchen! Was iſt das?(Es wird ſtark an die Thuͤre geſchlagen.) Es kommt hieher, die Riegel werden aufgeſchoben— Mit Lebhaftigkeit gegen den Hintergrund zugehend.) Menſchen, Menſchen! Freiheit! Rettung! Erloͤſung! Vourgognins ſtuͤrzt mit bloßem Schwert herein, einige Fackeltraͤger folgen. Bourgognino cruft laut). Du biſt frei, Bertha! der Tyrann iſt todt! Dieß Schwert hier, hat ihn erſchlagen. Bertha(ihm in die Arme eilend)d. Mein Erretter! Mein Engel! Bourgognino. Hörſt du die Sturmglocken? das Getoͤſe der Trommeln? Fiesco hat uͤberwunden. Genua iſt frei, der Fluch deines Vaters zernichtet. Bertha. Gott! Gott! Alſo mir galt dieſes ſchreckliche Getoͤſe, dieſes Glockengelaͤute? Bourgognino. Dir, Bertha! Es iſt unſer Braut⸗ gelaͤute. Verlaſſ' dieſen abſcheulichen Kerker und folge mir zum Altar. BVertha. Zum Altar, Bourgognino? Jett, in dieſer Mitternachtsſtunde? In dieſem entſetzlichen wuͤthenden Tumult, als wenn die Welt aus den Achſen ginge? Verrina tritt ungeſehen herein und bleibt, ohne zu reden, am Eingange ſtehen. Bourgognino. In dieſer ſchoͤnen, herrlichen Nacht, wo ganz Genua ſeine Freiheit feiert, wie den Bund der Liebe. Dieß Schwert, noch roth vom Tyrannenblut, ſoll mein Hoch⸗ zeitſchmuck ſeyn. Dieſe Hand, noch warm von der Heldenthat, 316 ſoll der Prieſter in die deinige fuͤgen. Fuͤrchte nichts, meine Liebe, und begleite mich in die Kirche. (Verrina kommt naͤher, tritt zwiſchen beide und umarmt ſie.) Verrina. Gott ſegne euch, meine Kinder! Bertha und Bourgognina(u ſeinen Fuͤßen fallend). O mein Vater! 3 Verrina(legt ſeine Haͤnde auf beide— Pauſe— darauf wen⸗ det er ſich feierlich zu Bourgognino). Vergiß nie, wie theuer du ſie erwerben mußteſt! Vergiß nie, daß deine Ehe ſo alt iſt, als Genua's Freiheit. Mit Ernſt und Hoheit ſich zu Bertha wen⸗ dend.) Du biſt des Verrina Tochter und dein Mann hat den Tyrannen erſchlagen. ach einigem Stillſchweigen winkt er ihnen, aufzuſtehen, und ſagt mit Beklemmung) Der Prieſter erwartet euch. Bertha und Bourgogniuo(zugleich). Wie, mein Vater⸗ Sie wollen uns nicht dahin folgen? Verrina(ſehr ernſthaft). Dorthin ruft mich eine furchtbare Pflicht; mein Gebet wird euch folgen.(Man hoͤrt Trompeten und Pauken und Freudengeſchrei von ferne). Kennſt du dieß Jauchzen? Baurgognins. Man wird den Fiesco zum Herzog aus⸗ rufen. Der Poͤbel vergoͤttert ihn und brachte ihm laͤrmend den Purpur; der Adel ſah mit Entſetzen zu und konnte nicht nein ſagen.. Verrina(acht mit Bitterkeit). Alſo ſiehſt du, mein Sohn, ich muß eilends fort und der Erſte ſeyn, der dem neuen Mon⸗ archen den Eid der Huldigung leiſtet. Vourgognino Galt ihn erſchrocken). Was wollen Sie thun, Ich begleite Sie. Bertha Gengt ſich aͤngſtlich an Bourgognino). Gott! was iſt das, Bourgognino? Woruͤber bruͤtet mein Vater? Verrina. Mein Sohn, ich habe alle unſere Habſeligkeiten 317 zu Gold gemacht und auf dein Schiff bringen laſſen. Nimm deine Braut und ſteige unverzuͤglich an Bord. Vielleicht werd' ich nachkommen, vielleicht nicht mehr— Ihr ſegelt nach Mar⸗ ſeille, und(mit Ruͤhrung ſie umarmend)— und Gott geleit' euch! Vourgognins eentſchloſſen). Verrina, ich bleibe; die Gefahr iſt noch nicht aus. Verrina(fuͤhrt ihm Bertha zu). Stolzer, Unerſaͤttlicher, taͤndle mit deiner Braut. Deinen Tyrannen haſt du weg⸗ geſchafft, uͤberlaſſ' mir den meinigen.(Gehen ab.) Neunter Auftritt. Fiescg tritt hitis auf. Bibs. Gefolge. Fieses. Wer warf das Feuer ein? Bibo. Die Burg iſt erobert. Fieses. Wer warf das Feuer ein? Bibs ewinkt dem Gefolge). Patrouillen nach dem Thaͤter! (Einige gehen.)— Fieseo Gzornig). Wollen ſie mich zum Mordbrenner machen? Gleich eilt mit Spritzen und Eimern!(Geſolge ab.) Aber Gia⸗ nettino iſt doch geliefert? Bibs. So ſagt man. Fiesco ewild. Sagt man nur? Wer ſagt das nur? Zibo, bei Ihrer Ehre, iſt er entronnen? Bibo Cbedenklich). Wenn ich meine Augen gegen die Aus⸗ ſage eines Edelmanns ſetzen kann, ſo lebt Gianettino. Fieseo gauffahrend). Sie reden ſich um den Hals, Zibo! 318 Zibo. Noch einmal— Ich ſah ihn vor acht Minuten le⸗ bendig in gelbem Buſch und Scharlach herumgehen. Fieses außer Faſſung). Himmel und Hoͤlle— Zibo!— den Bourgognino laſſ' ich um einen Kopf kuͤrzer machen. Fliegen Sie, Zibo— Man ſoll alle Stadtthore ſperren— alle Felouquen ſoll man zuſammenſchießen— ſo kann er nicht zu Waſſer davon — dieſen Demant, Zibo, den reichſten in Genua, Lucca, Ve⸗ nedig und Piſa,— wer mir die Zeitung bringt: Gianettino iſt todt— er ſoll dieſen Demant haben. Sibo eilt ab.) Fliegen Sie, Zibo! 5 Zehnter Auftritt. Fiesca. Saccg. Der Mohr. Soldaten. Facoo. Den Mohren fanden wir eine brennende Lunte in den Jeſuiterdom werfen— Fieseo. Deine Verraͤtherei ging dir hin, weil ſie mich traf. Auf Mordbrennereien ſteht der Strick. Fuͤhrt ihn ab, haͤngt ihn am Kirchthor auf. Mohr. Pfuil pfui! pfui! Das kommt mir ungeſchickt — Laͤßt ſich nichts davon wegplaudern? Fiesco. Nichts. — Mohr(vertraulich). Schickt mich einmal zur Probe auf die Galeere. Fieseo(winkt den Andern. Zum Galgen.. Mohr(trotzig). So will ich ein Chriſt werden! Fieseo. Die Kirche bedankt ſich faͤr die Plattern des Heidenthums. ——— —— 319 Mohr(ſchmeichelnd). Schickt mich wenigſtens beſoffen in die Ewigkeit! Fieseo. Nuͤchtern. Mohr. Aber haͤngt mich nur an keine chriſtliche Kirche. Fiesco. Ein Ritter haͤlt Wort. Ich verſprach dir deinen eigenen Galgen. Saeeo cbrummt). Nicht viel Federleſens, Heide! Man hat noch mehr zu thun. Mohr. Doch— wenn halt allenfalls der Strick braͤche?— Fiesco Gum Sacco). Man wird ihn doppelt nehmen. Mahr(reſigniry. So mag's ſeyn— und der Teufel kann ſich auf den Ertrafall ruͤſten. Ab mit Soldaten, die ihn in ei⸗ niger Entfernung aufhaͤngen.) Eilfter Auftritt. Fiesco. TLeonore erſcheint hinten im Scharlachmantel Gianettino's. Fiesco(wird ſie gewahr, faͤhrt vor, ſaͤhrt zuruͤck und murmelt grimmig). Kenn' ich dieſen Buſch und Mantel? EEilt naͤher, heftig,) Ich kenne den Buſch und Mantel!(Wuͤthend, indem er auf ſie losſtuͤrzt und ſie niederſioͤßt.) Wenn du drei Leben haſt, ſo ſteh' wieder auf und wandle!(Leonore faͤllt mit einem gebrochenen Laut. Man hoͤrt einen Siegesmarſch. Trommeln, Hoͤrner und Foboen.) 320 Zwölfter Auftritt. * Fiesco. Calragns. Sarco. Benturiane. Bibo. Soldaten mit Muſik und Fahnen treten auf. Fieses Ghnen entgegen im Triumph). Genueſer— der Wurf iſt geworfen— Hier liegt der Wurm meiner Seele— die graͤßliche Koſt meines Haſſes. Hebet die Schwerter hoch! Gia⸗ nettino! Caleagno. und ich komme, Ihnen zu ſagen, daß zwei Drittheile von Genua Ihre Partei ergreifen und zu den Fies⸗ kiſchen Fahnen ſchwoͤren— Zibo. Und durch mich ſchickt Ihnen Verrina vom Admiral⸗ ſchiff ſeinen Gruß und die Herrſchaft uͤber Hafen und Meer— Benturione. Und durch mich der Gouverneur der Stadt ſeinen Commandoſtab und die Schluͤſſel— Faceo. Und in mir wirft ſich dndem er niederfaͤllt) der große und kleine Rath der Republik knieend vor ſeinen Herrn und bittet fußfaͤllig um Gnade und Schonung— Caleagns. Mich laßt den Erſten ſeyn, der den großen Sieger in ſeinen Mauern willkommen heißt— Heil Ihnen— Senket die Fahnen tief!— Herzog von Genua! Alle gnehmen die Huͤte ab). Heill Heil dem Herzog von Genual(Fahnenmarſch) Fiesco(ſtand die ganze Zeit uͤber, den Kopf in die Hand geſunken, in einer denkenden Stellung.) Caleagno. Volk und Senat ſtehen wartend, ihren gnaͤ⸗ digen Oberherrn im Fuͤrſtenornat zu begruͤßen— Erlauben Sie uns, durchlauchtigſter Herzog! Sie im Triumph nach der Sig⸗ noria zu fuͤhren! 321 Fiesco. Erlaubt mir erſt, daß ich mit meinem Herzen mich abfinde— Ich mußte eine gewiſſe theure Perſon in ban⸗ ger Ahnung zuruͤcklaſſen, eine Perſon, die die Glorie dieſer Nacht mit mir theilen wird.(Gerührt zur Geſellſchaft.) Habt die Guͤte und begleitet mich zu eurer liebenswuͤrdigen Herzogin!(Er will aufbrechen.) Calcagno. Soll der meuchelmoͤrderiſche Bube hier liegen und ſeine Schande in dieſem Winkel verhehlen? Zenturione. Steckt ſeinen Kopf auf eine Hellebarde. Zibo. Laßt ſeinen zerriſſenen Rumpf unſer Pflaſter kehren. (Man leuchtet gegen den Leichnam.). Caleagno cerſchrocken und eiwas leiſe). Schaut her, Ge⸗ nueſer! Das iſt bei Gott kein Gianettinogeſicht. Alue ſehen ſiarr auf die Leiche.) Fiesc g(haͤlt ſtill, wirft von der Seite einen forſchenden Blick darauf, den er ſtarr und langſam unter Verzerrungen zuruͤckzieht). Nein, Teufel — nein, das iſt kein Gianettinogeſicht, haͤmiſcher Teufel!(Die Augen berumgerollt.) Genua mein, ſagt ihr? mein?—(Sinaus wuͤthend in einem graͤßlichen Schrei.) Spiegelfechterei der Hoͤlle! Es iſt mein Weib!(Sinkt durchdonnert zu Boden. Verſchworne ſtehen in todter Pauſe und ſchauervollen Gruppen.) Fiesea(matt aufgerichtet mit dumpfer Stimme). Hab' ich mein Weib ermordet, Genueſer?— Ich beſchwoͤre euch, ſchielt nicht ſo geiſterbleich auf dieſes Spiel der Natur— Gott ſey ge⸗ lobt! Es gibt Schickſale, die der Menſch nicht zu fuͤrchten hat, weil er nur Menſch iſt. Wem Götterwolluſt verſagt iſt, dem wird keine Teuſelqual zugemuthet— Dieſe Verirrung waͤre etwas mehr.(Mit ſchreckhafter Beruhigung.) Genueſer, Gott ſey Dank! es kann nicht ſeyn. Schillers ſaͤmmtl. Werke. II. 21 322 Dreizehnter Auftritt. Vorige. Arabella kommt jammernd. Arabella. Moͤgen ſie mich umbringen, was hab' ich auch jetzt noch zu verlieren?— Habt Erbarmen, ihr Maͤnner— Hier verließ ich meine gnaͤdige Frau, und nirgends find' ich ſie wieder. Fiesceo ttritt ihr naͤher mit leiſer, bebender Stimme. Leonore heißt deine gnaͤdige Frau? Arabella(froh). O daß Sie da ſind, mein liebſter, guter, gnädiger Herr!— Zuͤrnen Sie nicht uͤber uns, wir konnten ſie nicht mehr zuruͤckhalten. Fieses Gurnt ſie dumpfig an). Du Verhaßte! von was nicht? Arabella. Daß ſie nicht nachſprang— Fieseo Geftiger). Schweig! wohin ſprang? Arabella. Ins Gedraͤnge— Fiesco dwuͤthend). Daß deine Zunge zum Krokodil wuͤrde — Ihre Kleider? Arabella. Ein ſcharlachener Mantel— giesen craſend gegen ſie taumelnd). Geh' in den neunten Kreis der Hoͤlle!— der Mantel?— 4 Arabella. Lag hier an dem Boden— Einige Verſchwarne(murmelnd. Gianettino ward hier ermordet— Fieseo(todesmatt zuruͤckwankend zu Arabellen). Deine Frau iſt gefunden.(Arabella geht angftvoll. Fiesco ſucht mit verdrehten Augen im ganzen Kreiſe berum, darauf mit leiſer, ſchwebender Stimme, die ſtufenweis dis zum Toben ſteigt, Wahr iſt's— wahr— und — 323 ich das Stichblatt des unendlichen Bubenſtuͤcks. Viehiſch um ſich hauend.) Tretet zuruͤck, ihr menſchlichen Geſichter— Ah, (mit frechem Zaͤhnebloͤken gen Himmeh haͤtt' ich nur ſeinen Welt⸗ bau z wiſchen dieſen Zaͤhnen— ich fuͤhle mich aufgelegt, die ganze Natur in ein grinſendes Scheufal zu zerkratzen, bis ſie ausſieht wie mein Schmerz.—(Zu den Andern, die bebend herum⸗ ſtehen.) Menſch!— wie es jetzt daſteht, das erbaͤrmliche Ge⸗ ſchlecht, ſich ſegnet und ſelig preist, daß es nicht iſt wie ich— Nicht wie ich!—(In hohles Beben hingefallen.) Ich allein habe den Streich—(Raſcher, wilder.) Ich? Warum ich? Warum nicht mit mir auch dieſe? Warum ſoll ſich mein Schmerz am Schmerz eines Mitgeſchoͤpfes nicht ſtumpf reiben duͤrfen? Calcagno(furchtſam). Mein theurer Herzog— Fiesco(dringt auf ihn ein mit graͤßlicher Freude). Ah, will⸗ kommen! Hier, Gott ſey Dank! iſt Einer, den auch dieſer Donner quetſcht!(Indem er den Calcagno wuͤthend in ſeine Arme druͤckt.) Bruder Zerſchmetterter! Wohl bekomme die Verdammniß! Sie iſt todt! Du haſt ſie auch geliebt!(Er zwingt ihn an den Leichnam und druͤckt ihm den Kopf dagegen.) Sie iſt todt!(Den— ſtieren Blick in einen Winkel geheftet.) Ah, daß ich ſtuͤnde am Thor der Verdammniß, hinunterſchauen duͤrfte mein Aug' auf die mancherlei Folterſchranben der ſinnreichen Hoͤlle, ſaugen mein Ohr zerknirſchter Suͤnder Gewinſel— Koͤnnt' ich ſie ſehen, meine Qual, wer weiß, ich truͤge ſie vielleicht! Mit Schauer zur Leiche gehend) Mein Weibliegthier ermord et— Nein, das will wenig ſagen!(Nachdruͤcklicher.) Ich, der Bube, habe mein Weib ermordet— O pfui, ſo etwas kann die Hoͤlle kaum kitzeln— Erſt wirbelt ſie mich kuͤnſtlich auf der Freude letztes glaͤtteſtes Schwindeldach, ſchwatzt mich bis an die Schwelle des Himmels— und dann hinunter— dann— o koͤnnte mein Odem die Peſt unter Seelen blaſen— dann— dann 324 ermord' ich mein Weib— Nein! ihr Wiz iſt noch feiner— dann uͤbereilen ſich weraͤchtlich) zwei Augen, und amit ſchrecklichem Nachdruch ich ermorde— mein Weibl(Beißend laͤchelnd.) Das iſt ein Meiſterſtuͤck! (Alle Verſchwornen haͤngen geruͤhrt an ihren Waffen. Einige wiſchen Thraͤnen aus den Augen. Pauſe.) Fiesco eerſchreckt und ſtiller, indem er im Cirkel herum blickt). Schluchzt hier Jemand?— Ja, bei Gott, die einen Fuͤr⸗ ſten wuͤrgten, weinen!(In ſiillen Schmerz geſchmolzen.) Redet! weint ihr uͤber dieſen Hochverrath des Todes oder weint ihr uͤber meines Geiſtes Memmenfall!(In ernſter, ruͤhrender Stellung vor der Todten verweilend.) Wo in warme Thraͤnen felſenharte Moͤrder ſchmelzen, fluͤchte Fiesco's Verzweiflung! (Sinkt weinend an ihr nieder.) Leonore, vergib— Reue zuͤrnt man dem Himmel nicht ab.(Weich mit Wehmuth.) Jahre voraus, Leonore, genoß ich das Feſt einer Stunde, wo ich den Genueſern ihre Herzogin brachte— Wie lieblich verſchaͤmt ſah ich ſchon deine Wangen erroͤthen, deinen Buſen wie fuͤrſtlich ſchoͤn unter dem Silberflore ſchwellen, wie angenehm deine liſpelnde Stimme der Entzuͤckung verſagen!(ebhafter.) Ha! wie berauſchend wallte mir ſchon der ſtolze Zuruf zu Ohren, wie ſpiegelte ſich meiner Liebe Triumph im verſinkenden Neide!— Leonore— die Stunde iſt gekommen— Genua's Herzog iſt dein Fiesco— und Genua's ſchlechteſter Bettler beſinnt ſich, ſeine Verachtung an meine Qual und meinen Scharlach zu vertauſchen— Ruͤhrender.) Eine Gattin theilt ſeinen Gram— mit wem kann ich meine Herrlichkeit theilen?(Er weint heftiger und verbirgt ſein Geſicht an der Leiche. Ruͤhrung auf allen Geſichtern.) Caleagns. Es war eine treffliche Dame. Bibs. Daß man doch ja den Trauerfall dem Volke noch 3²25 verſchweige. Er naͤhme den Unſrigen den Muth und gaͤb' ihn den Feinden. fiesco(ſteht gefaßt und feſt auf). Hoͤret, Genueſer!— die Vorſehung, verſteh' ich ihren Wink, ſchlug mir dieſe Wunde nur, mein Herz fuͤr die nahe Groͤße zu pruͤfen.— Es war die gewagteſte Probe— jetzt fuͤrcht' ich wed ual, noch Ent⸗ zuͤcken mehr. Kommt! Genua erwarte mich, ſaget ihr? — Ich will Genua einen Fuͤrſten ſchenken, wie ihn noch kein Europaͤer ſah— Kommt! dieſer ungluͤcklichen Fuͤrſtin will ich eine Todtenfeier halten, daß das Leben ſeine Anbeter verlieren und die Verweſung wie eine Braut glaͤnzen ſoll— Jetzt folgt eurem Herzog!(Gehen ab unter Fahnenmarſch.) Vierzehnter Auftritt. Andreas Doria. Lamellins. Andreas. Dort jauchzen ſie hin. Lomellin. Ihr Gluͤck hat ſie berauſcht. Die Thore ſind bloßgegeben. Der Signoria waͤlzt ſich Alles zu. Andreas. Nur meinem Neffen ſcheute das Roß. Mein Neffe iſt todt. Hoͤren Sie, Lomellino— 2 Lomellin. Was? noch? noch hoffen Sie, Herzog? Andreas cernſt.) Zittere du fuͤr dein Leben, weil du mich Herzog ſpotteſt, wenn ich auch nicht einmal hoffen darf. Fomellin. Gnaͤdigſter Herr— eine brauſende Nation liegt in der Schale Fiesc's— Was in der Ihrigen? Andreas(groß und warm). Der Himmel! Lomellin(haͤmiſch die Achſeln zuckend). Seitdem das Pulver erfunden iſt, campiren die Engel nicht mehr, 3²26 Andreas. Erbaͤrmlicher Affe, der einem verzweifelnden Graukopf ſeinen Gott noch nimmt!(Ernſt und gebietend) Geh'! mache bekannt, daß Andreas noch lebe— Andreas, ſagſt du, erſuche ſeine Kinder, ihn doch in ſeinem achtzigſten Jahre nicht zu den Auslaͤndern zu jagen, die dem Andreas den Flor ſeines Vaterlandes niemals verzeihen wuͤrden. Sag' ihnen das, und Andreas erſuche ſeine Kinder um ſo viel Erde in ſeinem Vater⸗ lande fuͤr ſo viel Gebeine. Lomellin. Ich gehorſame, aber verzweifle. Will gehen.) Andreas. Hoͤre! und nimm dieſe eisgraue Haarlocke mit — Sie war die letzte, ſagſt du, auf meinem Haupt und ging los in der dritten Jaͤnnernacht, als Genua losriß von meinem Herzen, und habe achtzig Jahre gehalten, und habe den Kahl⸗ kopf verlaſſen im achtzigſten Jahr— die Haarlocke iſt muͤrbe, aber doch ſtark genug, dem ſchlanken Juͤngling den Purpur zu knuͤpfen.(Er geht mit verhuͤlltem Geſicht. Lomellin eilt in eine entgegengeletzte Gaſſe. Man dhoͤrt ein tumultuariſches Freudengeſchrei unter Drommeten und Pauken.) Fünfzehnter Auftritt. Verrina vom Hafen. Vertha und Vourgognins. Verrina. Man jauchzt. Wem gilt das? Bourgognino. Sie werden den Fiesco zum Herzog aus⸗ rufen. 4 Bertha(ſchmiegt ſich aͤngſtlich an Bourgognino). Mein Vater iſt fuͤrchterlich, Seipio! Verrina. Laßt mich allein, Kinder!— O Genua! Genua! Vourgognins. Der Poͤbel vergoͤttert ihn und forderte —-—— — wiehernd den Purpur. Der Adel ſah mit Entſetzen zu und durfte nicht nein ſagen. Verrina. Mein Sohn, ich habe alle meine Habſeligkeiten zu Gold gemacht und auf dein Schiff bringen laſſen. Nimm deine Frau und ſtich unverzuͤglich in See. Vielleicht werd' ich nachkom⸗ men. Vielleicht— nicht mehr. Ihr ſegelt nach Marſeille, und (ſchwer und gepreßt ſie umarmend) Gott geleit' euch!(Schnell ab.) Bertha. Um Gotteswillen! Woruͤber bruret mein Vater? Baurgognins. Verſtandſt du den Vater? Bertha. Fliehen! o Gott! fliehen in der Brautnacht! VBourgognino. So ſprach er— und wir gehorchen.(Beide gehen nach dem Haſen.) Sechzehnter Auftritt. Verrina. Fiesco im herzoglichen Schmuck. (Beide treffen auf einander.) Fieseo. Verrina! Erwuͤnſcht. Eben war ich aus, dich zu ſuchen. Verrina. Das war auch mein Gang. Fieseo. Merkt Verrina keine Veraͤnderung an ſeinem Freunde? Verrina(zuruͤckgehalten). Ich wunſche keine. Fieseo. Aber ſiehſt du auch keine? Verrina ohne ihn anzuſehen). Ich hoffe, nein! Fiesco. Ich frage, findeſt du keine? Verrina nnach einem fuuͤchtigen Blick). Ich ſinde keine. Fiesev. Nun, ſiehſt du, ſo muß es doch wahr ſeyn, daß die Gewalt nicht Tyrannen macht. Seit wir uns beide ver⸗ 328 ließen, bin ich Genua's Herzog geworden, und Verrina dindem er ihn an die Bruſt druͤckt, findet meine Umarmung noch feurig wie ſonſt. Verrina. Deſto ſchlimmer, daß ich ſie froſtig erwiedern muß; der Anblick der Majeſtaͤt faͤllt wie ein ſchneidendes Meſ⸗ ſer zwiſchen mich und den Herzog! Johann Ludwig Fiesco be⸗ ſaß Laͤnder in meinem Herzen— jetzt hat er ja Genua erobert, und ich nehme mein Eigenthum zuruͤck. Fiesca(betreten). Das wolle Gott nicht! Fuͤr ein Herzog⸗ thum waͤre der Preis zu juͤdiſch. Verrina emurmelt duͤſtery. Hum! Iſt denn etwa die Frei⸗ heit in der Mode geſunken, daß man dem Erſten dem Beſten Republiken um ein Schandengeld nachwirft. Fiesco.(beißt die Lippen zuſammen). Das ſag' du Niemand, als dem Fiesco Verrina. O natuͤrlich! ein vorzuͤglicher Kopf muß es ſeyn, von dem die Wahrheit ohne Ohrfeige wegkommt— aber Schade! der verſchlagene Spieler hat's nur in einer Karte verſehen. Er calculirte das ganze Spiel des Neides, aber der raffinirte Witzling ließ zum Ungluͤck die Patrioten aus.(Sehr bedeutend.) Hat der Unterdruͤcker der Freiheit auch einen Kniff auf die Zuͤge der roͤmiſchen Tugend zuruͤckbehalten? Ich ſchwoͤr' es beim lebendigen Gott, eh' die Nachwelt meine Gebeine aus dem Kirchhof eines Herzogthums graͤbt, ſoll ſie auf dem Rade ſie zuſammenleſen! Fieseo(nimmt ihn mit Sanſtmuth bei der Hand). Auch nicht, wenn der Herzog dein Bruder iſt? wenn er ſein Fuͤr⸗ ſtenthum nur zur Schatzkammer ſeiner Wohlthaͤtigkeit macht, die bis jetzt bei ſeiner haushaͤlteriſchen Duͤrftigkeit betteln ging? Verrina, auch dann nicht? Verrina. Auch dann nicht— und der verſchenkte Raub — 329 hat noch keinem Dieb von dem Galgen geholfen. Ueberdieß ging dieſe Großmuth bei Verrina fehl. Meinem Mitbuͤrger konnt' ich ſchon erlauben, mir Gutes zu thun— meinem Mitburger hofft' ich's wett machen zu koͤnnen. Die Geſchenke eines Fuͤr⸗ ſten ſind Gnade— und Gott iſt mir gnaͤdig. SFieseco(ärgerlich). Wollt' ich doch lieber Italien vom Atlantenmeer abreißen, als dieſen Starrkopf von ſeinem Wahn. Verrina. Und abreißen iſt doch ſonſt deine ſchlechteſte Kunſt nicht, davon weiß das Lamm Republik zu erzaͤhlen, das du dem Wolf Doria aus dem Rachen nahmſt— es ſelbſt aufzufreſſen.— Aber genug! Nur im Vorbeigehen, Herzog, ſage mir, was verbrach denn der arme Teufel, den ihr am Jeſuiterdom aufknuͤpftet? Fiesco. Die Canaille zuͤndete Genua an. Verrina. Aber doch die Geſetze ließ die Canaille noch ganz? Fiesco. Verrina brandſchatzt meine Freundſchaft. Verrina. Hinweg mit der Freundſchaft! Ich ſage dir ja, ich liebe dich nicht mehr; ich ſchwoͤre dir, daß ich dich haſſe— haſſe wie den Wurm des Paradieſes, der den erſten fal⸗ ſchen Wurf in die Schoͤpfung that, worunter ſchon das fuͤnfte Jahrtauſend blutet— Hoͤre, Fiesco— nicht Unterthan gegen Herrn— nicht Freund gegen Freund, Menſch gegen Menſch red' ich zu dir.(Scharf und hitzig.) Du haſt eine Schande begangen an der Majeſtaͤt des wahrhaftigen Gottes, daß du dir die Tugend die Haͤnde zu deinem Bubenſtuͤck fuͤhren und Genua's Patrioten mit Genua Unzucht treiben ließeſt— Fiesco, waͤr' auch ich der Redlichdumme geweſen, den Schalk nicht zu merken, Fiesco! bei allen Schauern der Ewigkeit, einen Strick wollt' ich drehen aus meinen eigenen Gedaͤrmen, und mich erdroſſeln, daß meine fliehende Seele in gichtriſchen 330 Schaumblaſen dir zuſpritzen ſollte. Das fürſtliche Schelmen⸗ ſtück druͤckt wohl die Goldwage menſchlicher Suͤnden entzwei, aber du haſt den Himmel geneckt, und den Proceß wird das Weltgericht fuͤhren. (Fiesco erſtaunt und mißt ihn ſprachlos mit großen Augen.) Verrina. Beſinne dich auf keine Antwort. Jetzt ſind wir fertig. Nach einigem Auf⸗ und Niedergeh⸗n.) Herzog von Genua, auf den Schiffen des geſtrigen Tyrannen lernt' ich eine Gattung armer Geſchoͤpfe kennen, die eine verjaͤhrte Schuld mit jedem Ruderſchlage wiederkaͤuen und in den Ocean ihre Thraͤnen weinen, der wie ein reicher Mann zu vornehm iſt, ſie zu zaͤllen— Ein guter Fuͤrſt eroͤffnet ſein Regiment mit Erbarmen. Wollteſt du dich entſchließen, die Galeerenſklaven zu erloͤſen? Fiesco(ſchary. Sie ſeyen die Erſtlinge meiner Tyran⸗ nei— Geh' und verkuͤndige ihnen allen Erloͤſung! Verrina. So machſt du deine Sache nur halb, wenn du ihre Freude verlierſt. Verſuch' es und geh' ſelbſt. Die gro⸗ ßen Herren ſind ſo ſelten dabei, wenn ſie Boͤſes thun; ſollen ſie auch das Gute im Hinterhalt ſtiften?— Ich daͤchte, der Herzog waͤre fuͤr keines Bettlers Empfindungen zu groß. Fiesca. Mann, du biſt ſchrecklich, aber ich weiß nicht, warum ich folgen muß.(Beide gehen dem Meere zu.) Verrina(haͤtt ſtille, mit Wehmuth). Aber, noch einmal um⸗ arme mich, Fiesco! Hier iſt ja Niemand, der den Verrina weinen ſieht und einen Fuͤrſten empfinden.(Er druͤckt ihn imnig.) Gewiß, nie ſchlugen zwei groͤßere Herzen zuſammen; wir liebten uns doch ſo bruͤderlich warm—(GHeftig an Fiesco's Galſe weinend.) Fiesco! Fiesco! du raͤumſt einen Platz in mei⸗ ner Bruſt, den das Menſchengeſchlecht, dreifach genommen, nicht mehr beſetzen wird. 331 Fiesco(ſehr geruhrt). Sey— mein— Freund! Verrina. Wirf dieſen haͤz ichen Purpur weg, und ich bin's— Der erſte Fuͤrſt war ein Möoͤrder, und fuͤhrte den Purpur ein, die Flecken ſeiner That in dieſer Blutfarbe zu verſtecen— Hoͤre, Fiesco— ich bin ein Kriegsmann, ver⸗ ſtehe mich wenig auf naſſe Wangen— Fiesco— das ſind meine erſten Thraͤnen— W.rf dieſen Purpur weg! Fiesco. Schweig! Verrina(heftiger). Fiesco— laſſ' hier alle Kronen die⸗ ſes Planeten zum Preis, dort zum Popanz all ſeine Foltern legen, ich ſoll knieen vor einem Sterblichen— ich werde nicht knieen— Fiesco!(dindem er niederfaͤllt) es iſt mein erſter Kniefall— Wirf dieſen Purpur weg! Fieses. Steh' auf und reize mich nicht mehr! Verrina eentſchloſſen). Ich ſteh' auf, reize dich nicht mehr! (Sie ſtehen auf einem Brett, das zu einer Galeere fuͤhrt.) Der Fuͤrſt hat den Vortritt.(Geyen uͤber das Brett.) Fieseo. Was zerrſt du mich am Mantel?— er faͤllt! Verrina amit fuͤrchterlichem Hohne). Nun, wenn der Purpur faͤllt, muß auch der Herzog nach!(Er ſurzt ihn ins Meer.) Fiesco(ruft aus den Wellen). Hilf, Genua! Hilf! Hilf deinem Herzog!(Sintt unter.) 332 Siebenzehnter Auftritt. Calcagns. Sacca. Bibo. Benturione. Verſchworne. (Alle eilig, aͤngſtlich.) Calcagna(ſchreit). Fiesco! Fiesco! Andreas iſt zuruͤck, halb Genua ſpringt dem Andreas zu. Wo iſt Fiesco? Verrina mit feſtem Ton). Ertrunken! Benturione. Antwortet die Hoͤlle oder das Tollhaus? Verrina. Ertraͤnkt, wenn das huͤbſcher lautet— Ich gehe zum Andreas. (Aue bleiben in ſtarren Gruppen ſtehen. Der Vorhang faͤllt.) Cabale und Liebe. Ein buͤrgerliches Trauerſpiel. Perſonen. Praͤſident von Walter, am Sof eines deutſchen Furſten. Ferdinand, ſein Sohn, Major. Hofmarſchall von Kalb. Lady Milford, Favoritin des Fuͤrſten. Wurm, Hausſecretaͤr des Praͤſidenten. Miller, Stadtmuſtkant, oder, wie man ſie an einigen Orten nennt, Kunſtyfeifer. Deſſen Frau. Louiſe, deſſen Tochter. Sophie, Kammeriungfer der Lady. Ein Kammerdiener des Fuͤrſten. Verſchiedene Nebenperſonen. — Erſter Akt. Erſte Scene. Zimmer beim Muſikus. Miller ſieht eben vom Seſſel auf und ſtellt ſein Violoncell auf die Seite. An einem Liſch ſitzt Frau Millerin noch im Nachtgewand und trinkt Kaffee. Miller(ſchnell auf⸗ und abgehend). Einmal fuͤr lallemal! Der Handel wird ernſthaft. Meine Tochter kommt mit dem Baron ins Geſchrei. Mein Haus wird verrufen. Der Praͤ⸗ ſident bekommt Wind, und— kurz und gut, ich biete dem Junker aus. Frau. Du haſt ihn nicht in dein Haus geſchwatzt— haſt ihm deine Tochter nicht nachgeworfen.. miller. Hab' ihn nicht in mein Haus geſchwatzt— hab⸗ ihm's Maͤdel nicht nachgeworfen; wer nimmt Notiz davon? — Ich war Herr im Hauſe. Ich haͤtte meine Tochter mehr coram nehmen ſollen. Ich haͤtt' dem Major beſſer auftrumpfen ſollen— oder haͤtt' gleich alles Seiner Excellenz, dem Herrn Papa, ſtecken ſollen. Der junge Baron bringt's mit einem Wiſcher hinaus. das muß ich wiſſen, und alles Wetter kommt üͤber den Eeiger. 336 Frau(ſchluͤrft eine Taſſe aus). Poſſen! Geſchwaͤtz! Was kann uͤber dich kommen? Wer kann dir was anhaben? Du gehſt deiner Profeſſion nach und raffſt Scholaren zuſammen, wo ſie zu kriegen ſind. Miller. Aber, ſag' mir doch, was wird bei dem ganzen Commerz auch herauskommen?— Nehmen kann er das Maͤdel nicht— Vom Nehmen iſt gar die Rede nicht, und zu einer — daß Gott erbarm'?— Guten Morgen!— Gelt, wenn ſo ein Musje von ſich da und dort, und dort und hier ſchon herumbeholfen hat, wenn er, der Henker weiß, was alles? geloͤst hat, ſchmeckt's meinem guten Schlucker freilich, einmal auf ſuͤß Waſſer zu graben. Gib dn Acht! gib du Acht! und wenn du aus jedem Aſtloch ein Auge ſtreckteſt und vor jedem Blutstropfen Schildwache ſtaͤndeſt, er wird ſie, dir auf der Naſe, beſchwatzen, dem Maͤdel eins hinſetzen, und fuͤhrt ſich ab, und das Maͤdel iſt verſchimpfirt auf ihr Lebenlang, bleibt ſitzen, oder hat's Handwerk verſchmeckt, treibt's fort,(die Fauſt vor die Stirn) Jeſus Chriſtus! Frau. Gott behuͤt' uns in Gnaden! Millter. Es hat ſich zu behuͤten. Worauf kann ſo ein Windfuß wohl ſonſt ſein Abſehen richten?— Das Maͤdel iſt ſchoͤn— ſchlank— fuͤhrt ſeinen netten Fuß. Unterm Dach mag's ausſehen wie's will. Daruͤber guckt man bei euch Weibsleuten weg, wenn's nur der liebe Gott par terre nicht hat fehlen laſſen— Stoͤbert mein Springinsfeld erſt noch dieſes Capitel aus— heh! da geht ihm ein Licht auf, wie meinem Rodney, wenn er die Witterung eines Franzoſen kriegt, und nun muͤſſen alle Segel dran und drauf los, und— ich verdenk's ihm gar nicht. Menſch iſt Menſch. Das muß ich wiſſen. Frau. Sollteſt nur die wunderhuͤbſchen Billeter auch leſen, 337 die der gnaͤdige Herr an deine Tochter alle ſchreiben thut. Guter Gott! da ſieht man's ja ſonnenklar, wie es ihm pur um ihre ſchoͤne Seele zu thun iſt. Miller. Das iſt die rechte Hoͤhe! Auf den Sack ſchlaͤgt man, den Eſel meint man. Wer einen Gruß an das liebe Fleiſch zu beſtellen hat, darf nur das gute Herz Boten gehen laſſen. Wie hab' ich's gemacht? Hat man's nur erſt ſo weit im Reinen, daß die Gemuͤther topp machen, wutſch! nehmen die Koͤrper auch ein Exempel; das Geſind macht's der Herr⸗ ſchaft nach, und der ſilberne Mond iſt am Ende nur der Kuppler geweſen. Frau. Sieh doch nur erſt die praͤchtigen Buͤcher an, die der Herr Major ins Haus geſchafft haben. Deine Tochter betet auch immer draus. Miller gfeift). Hui da! Betet! Du haſt den Witz da⸗ von. Die rohen Kraftbruͤhen der Natur ſind Ihro Gnaden zartem Makronenmagen noch zu hart— Er muß ſie erſt in der hoͤlliſchen Peſtilenzkuͤche der Belletriſten kuͤnſtlich aufkochen laſſen. Ins Feuer mit dem Quark! Da ſaugt mir das Maͤdel— weiß Gott, was fuͤr?— üͤberhimmliſche Alfanzereien ein, das laͤuft dann wie ſpaniſche Muͤcken ins Blut und wirft mir die Handvoll Chriſtenthum noch gar auseinander, die der Vater mit knapper Noth ſo noch zuſammenhielt. Ins Feuer, ſag' ich! Das Maͤdel ſetzt ſich alles Teufelsgezeug in den Kopf; uͤber all dem Herumſchwaͤnzen in der Schlaraffenwelt findet's zuletzt ſeine Heimath nicht mehr, vergißt, ſchaͤmt ſich, daß ſein Vater Miller der Geiger iſt, und verſchlaͤgt mir am End' einen wackern ehrbaren Schwiegerſohn, der ſich ſo warm in meine Kundſchaft hineingeſetzt haͤtte—— Nein! Gott verdamme mich!(Er ſpringt auf, bitig). Gleich muß die Paſtete auf den Herd, und dem Major—— ja ja, dem Major will Schillers faͤmmtl. Werk II. 22 338 ich weiſen, wo Meiſter Zimmermann das Loch gemacht hat, (Er will fort.) Frau. Sey artig, Miller! Wie manchen ſchoͤnen Gro⸗ ſchen haben uns nur die Praͤſenter—— Miller ckommt zuruͤck und bleibt vor ihr ſtehen). Das Blut⸗ geld meiner Tochter?— Schier dich zum Satan, infame Kupplerin. Eh' will ich mit meiner Geig' auf den Bettel her⸗ umziehen und das Concert um was Warmes geben— eh' will ich mein Violloncello zerſchlagen und Miſt im Sonanz⸗ boden fuͤhren, eh' ich mir ſchmecken laſſe von dem Geld, das mein einziges Kind mit Seel' und Seligkeit abverdient. Stell⸗ den vermaledeiten Kaffee ein und das Tabakſchnupfen, ſo brauchſt du deiner Tochter Geſicht nicht zu Markt zu treiben. Ich hab' mich ſatt gefreſſen und immer ein gutes Hemd auf dem Leibe gehabt, eh' ſo ein vertrakter Tauſendſaſa in meine Stube geſchmeckt hat. Frau. Nur nicht gleich mit der Thuͤr ins Haus! Wie du doch den Augenblick in Feuer und Flammen ſtehſt! Ich ſprech' ja nur, man muͤſſ' den Herrn Major nicht disguſch⸗ thuͤren, weil Sie des Praͤfldenten Sohn ſind. Miller. Da liegt der Haas im Pfeffer. Darum, juſt eben darum muß die Sach' noch heut' auseinander! Der praͤſident muß es mir Dank wiſſen, wenn er ein rechtſchaffener Vater iſt. Du wirſt mir meinen rothen pluͤſchenen Rock aus⸗ buͤrſten, und ich werde mich bei Seiner Excellenz anmelden laſſen. Ich werde ſprechen zu Seiner Excellenz: Dero Herr Sohn haben ein Aug' auf meine Tochter; meine Tochter iſt zu ſchlecht zu Dero Herrn Sohnes Frau, aber zu Dero Herrn Sohnes Hure iſt meine Tochter zu koſtbar, und damit baſta! — Ich heiße Miller. — 339 Zweite Seene. Secretär Wurm. Die Porigen. Frau. Ach! guten Morgen, Herr Sekertare! Hat man auch wieder einmal das Vergnuͤgen von Ihnen? Wurm. Meinerſeits, meinerſeits, Frau Baſe! Wo eine Cavaliersgnade einſpricht, kommt mein buͤrgerliches Vergnuͤgen in gar keine Rechnung. Frau. Was Sie nicht ſagen, Herr Sekertare! Des Herrn Majors von Walter hohe Guaden machen uns wohl je und je das Blaͤſier; doch verachten wir darum Niemand. Miller(oerdrießlich. Dem Herrn einen Seſſel, Frau! Wollen's ablegen, Herr Landsmann? Wurm(egt Hut und Stock weg, ſetzt ſich). Nun! nun! und wie befinden ſich denn meine Zukuͤnftige— oder Geweſene? — Ich will doch nicht hoffen— kriegt man ſie nicht zu ſehen — Mamſell Louiſen? Frau. Danken der Nachfrage, Herr Sekertare? Aber meine Tochter iſt doch gar nicht hochmuͤthig. Miller(aͤrgerlich, ſtoͤßt ſie mit dem Ellenbogen). Weib! Frau. Bedauern's nur, daß ſie die Ehre nicht haben kann vom Herrn Sekertare. Sie iſt eben in die Meß, meine Tochter. Wurm. Das freut mich! freut mich! Ich werd' einmal eine fromme, chriſtliche Frau an ihr haben! Frau(laͤchelt dumm⸗vornehm). Ja— aber. Herr Sekertare— Miller(in ſichtbarer Verlegenheit, kneipt ſie in die Ohren). Weib! 4 Frau. Wenn Ihnen unſer Haus ſonſt irgendwo dienen kann,— mit allem Vergnugen, Herr Sekertare— 340 Wurm emacht falſche Augen). Sonſt irgendwo! Schoͤnen Dank! Schoͤnen Dank!— Hem! hem! hem! Frau. Aber— wie der Herr Sekertare ſelber die Ein⸗ ſicht werden haben— Miller(voll Zorn ſeine Frau vor den Hintern ſtoßend). Weib! Frau. Gut iſt gut, und beſſer iſt beſſer, und einem einzigen Kinde mag man doch auch nicht vor ſeinem Gluͤck ſeyn. Baͤuriſch⸗ ſtolz.) Sie werden mich ja doch wohl merken, Herr Sekertare? Wurm truͤckt unruhig im Seſſel, kratzt hinter den Ohren und zupft an Manſchetten und Jabot). Merken? Nicht doch— O ja— Wie meinen Sie denn? Frau. Nu— nu— ich daͤchte nur— ich meine, Ghuſtet) weil eben halt der liebe Gott meine Tochter bardu zur gnaͤ⸗ digen Madam' will haben— Wurm(faͤhrt vom Stuhh. Was ſagen Sie da? Was? Miller. BZleiben ſitzen! Bleiben ſitzen, Herr Secretarius! Das Weib iſt eine alberne Gans! Wo ſoll eine gnaͤdige Madam' herkommen? Was fuͤr ein Eſel ſtreckt ſein Langohr aus dieſem Geſchwaͤtze? Frau. Schmaͤhl' du, ſo lang du willſt. Was ich weiß, weiß ich— und was der Herr Major geſagt hat, das hat er geſagt. Miller(aufgebracht, ſpringt nach der Geige). Willſt du dein Maul halten? Willſt das Violoncell am Hirnkaſten wiſſen? — Was kannſt du wiſſen?— Was kann er geſagt haben?— Kehren ſich an das Geklatſch nicht, Herr Vetter!— Marſch du, in deine Kuͤche!— Werden mich doch nicht fuͤr des Dumm⸗ kopfs leiblichen Schwager halten, daß ich obenaus wolle mit dem Maͤdel! Werden doch das nicht von mir denken, Herr Secretarius! Wurm. Auch hab' ich es nicht um Sie verdient, Herr 341 Muſikmeiſter! Sie haben mich jederzeit den Mann von Wort ſehen laſſen, und meine Anſpruͤche auf Ihre Tochter waren ſo gut als unterſchrieben. Ich habe ein Amt, das ſeinen guten Haushaͤlter naͤhren kann; der Praͤſident iſt mir gewogen; an Empfehlung kann es nicht fehlen, wenn ich mich hoͤher pouſſiren will. Sie ſehen, daß meine Abſichten auf Mamſell Louiſen ernſthaft ſind, wenn Sie vielleicht von einem adeligen Wind⸗ beutel herumgeholt—— Frau. Herr Sekertare Wurm! mehr Reſpect, wenn man bitten darf— Miller. Halt du dein Maul, ſag' ich— Laſſen Sie es gut ſeyn, Herr Vetter! Es bleibt beim Alten. Was ich Ihnen verwichenen Herbſt zum Beſcheid gab, bring' ich heut⸗ wieder. Ich zwinge meine Tochter nicht. Stehen Sie ihr an— wohl und gut, ſo mag ſie zuſehen, wie ſie gluͤcklich mit Ihnen wird. Schuͤttelt ſie den Kopf— noch beſſer—— in Gottes Namen, wollt' ich ſagen— ſo ſtecken Sie den Korb ein und trinken eine Bouteille mit dem Vater.— Das Maͤdel muß mit Ihnen leben— ich nicht.— Warum ſoll ich ihr einen Mann, den ſie nicht ſchmecken kann, aus purem klarem Eigenſinn an den Hals werfen?— daß mich der boͤſe Feind in meinen eisgrauen Tagen noch wie ſein Wildpret herumhetze — daß ich's in jedem Glas Wein zu ſaufen— in jeder Suppe zu freſſen kriegte: du biſt der Spitzbube, der ſein Kind ruinirt hat. Frau. Und kurz und gut— ich geb' meinen Conſenz ab⸗ ſolut nicht; meine Tochter iſt zu was Hohem gemuͤnzt, und ich lauf' in die Gerichte, wenn mein Mann ſich beſch watzen laͤßt. Killer⸗ Willſt du Arm und Bein entzwei haben, Wetter⸗ mau Wurm du Millern). Ein vaͤterlicher Nath vermag bei der 342 Tochter viel, und hoffentlich werden Sie mich kennen, Herr Miller? Miller. Daß dich alle Hagel!'s Maͤdel muß Sie kennen. Was ich alter Knaſterbart an Ihnen abgucke, iſt juſt kein Freſſen fuͤr's junge naſchhafte Maͤdel. Ich will Ihnen aufs Haar hin ſagen, ob Sie ein Mann fuͤrs Orcheſter ſind— aber eine Weiber⸗ ſeel' iſt auch fuͤr einen Capellmeiſter zu ſpitzig.— Und dann von der Bruſt weg, Herr Vetter— ich bin halt ein plumper gerader deutſcher Kerl— fuͤr meinen Rath werden Sie ſich zuletzt wenig bedanken. Ich rathe meiner Tochter zu keinem— aber Sie mißrath' ich meiner Tochter, Herr Secretarius! Laſſen Sie mich ausreden. Einem Liebhaber, der den Vater zu Huͤlfe ruft, trau' ich— erlauben Sie— keine hohle Haſelnuß zu. Iſt er was, ſo wird er ſich ſchaͤmen, ſeine Talente durch dieſen altmodiſchen Canal vor ſeine Liebſte zu bringen— Hat er's Courage nicht, ſo iſt er ein Haſenfuß, und fuͤr den ſind keine Louiſen gewachſen—— Dal hinter dem Ruͤcken des Vaters muß er ſein Gewerb an die Tochter beſtelleu. Machen muß er, daß das Mädel lieber Vater und Mutter zum Teufel wuͤnſcht, als ihn fahren laͤßt,— oder ſelber kommt, dem Vater zu Fuͤßen ſich wirft und um Gotteswillen den ſchwarzen gelben Tod oder den Herzeinzigen ausbittet.— Das nenn⸗ ich einen Kerl! das heißt lieben! und wer's bei dem Weibsvolk nicht ſo weit bringt, der ſoll—— auf ſeinem Gaͤnſekiel reiten. Wurm(greift nach Hut und Stock, und zum Zimmer hinaus). Obligation, Herr Miller! Miller(geht ihm langſam nach). Fuͤr was? fuͤr was? Haben Sie ja doch nichts genoſſen, Herr Secretarius!(Zuruͤckkommend.) Nichts hoͤrt er und hin zieht er—— Iſt mir's doch wie Gift und Operment, wenn ich den Federfuchſer zu Geſichte kriege. Ein confiscirter widriger Kerl, als haͤti' ihn irgend ein Schleich⸗ haͤndler in die Welt meines Herrgotts hineingeſchachert.— Die kleinen tuͤckiſchen Mausaugen,— die Haare brandroth, das Kinn herausgequollen, gerade als wenn die Natur vor purem Gift uͤber das verhunzte Stuͤck Arbeit meinen Schlingel da angefaßt und in irgend eine Ecke geworfen haͤtte— Neinl eh' ich meine Tochter an ſo einen Schuft wegwerfe, lieber ſoll ſie mir— Gott verzeih' mir's!— Frau(ſpuckt aus, giftigg. Der Hund— aber man wird dir's Maul ſauber halten! Miller. Du aber auch mit deinem peſtilenzialiſchen Jun⸗ ker!— Haſt mich vorhin auch ſo in Harniſch gebracht.— Biſt doch nie dummer, als wenn du um Gotteswillen geſcheidt ſeyn ſollteſt. Was hat das Getraͤtſch von einer gnaͤdigen Madam' und deiner Tochter da vorſtellen ſollen? Das iſt mir der Alte! Dem muß man ſo was an die Naſe heften, wenn's morgen am Marktbrunnen ausgeſchellt ſeyn ſoll. Das iſt juſt ſo ein Musje, wie ſie in der Leute Haͤuſern herumriechen, uͤber Keller und Koch raͤſonniren, und ſpringt Einem ein naſen⸗ weiſes Wort uͤbers Maul— Bumbs! haben's Fuͤrſt und Maͤtreſſ' und Praͤſident, und du haſt das ſiedende Donner⸗ wetter am Halſe. Dritte Seene. Pouiſe AMillerin kommt, ein Buch in der Hand. Vorige. Louiſe degt das Buch nieder, geht zu Millern und druͤckt ihm die Hand). Guten Morgen, lieber Vater! Miller(warm). Brap, meine Louiſe!— Freut mich, daß 344 du ſo fleißig an deinen Schoͤpfer denkſt. Bleib' immer ſo, und ſein Arm wird dich halten. Louiſe. O! ich bin eine ſchwere Sunderin, Vater!— War er da, Mutter? Frau. Wer, mein Kind? Louiſe. Ach! ich vergaß, daß es noch außer ihm Menſchen gibt— Mein Kopf iſt ſo wuͤſte— Er war nicht da? Walter? Miller(traurig und ernſthaft). Ich daͤchte, meine Louiſe hätte den Namen in der Kirche gelaſſen? Louiſe(nachdem ſie ion eine Zeitlang ſtarr anzeſehen). Ich verſteh' ihn, Vater— fuͤhle das Meſſer, das er in mein Ge⸗ wiſſen ſtoͤßt; aber es kommt zu ſpaͤt.— Ich habe keine An⸗ dacht mehr, Vater— der Himmel und Ferdinand reißen an meiner Seele, und ich fuͤrchte— ich fuͤrchte—(Nach einer Pauſe.) Doch nein, guter Vater! Wenn wir ihn uͤber dem Gemaͤlde vernachlaͤſſigen, findet ſich ja der Kuͤnſtler am feinſten gelobt. — Wenn meine Freude uber ſein Meiſterſtuͤck mich ihn ſelbſt uͤberſehen macht, Vater, muß das Gott nicht ergoͤtzen? Miller wirft ſich unmutbig auf den Stuhh. Da haben wir's! das iſt die Frucht von dem gottloſen Leſen! Louiſe(tritt unruhig an ein Fenſter). Wo er wohl jetzt iſt?— Die vornehmen Fraͤulein, die ihn ſehen— ihn hören—— ich bin ein ſchlechtes, vergeſſenes Maͤdchen.(Erſchrickt an dem Wort und ſuuͤrzt auf ihren Vater zu.) Doch nein, nein! verzeih' er mir. Ich beweine mein Schickſal nicht. Ich will ja nur wenig an ihn denken— das koſtet ja nichts. Dieß bißchen Leben— duͤrtt' ich es hinhauchen in ein leiſes, ſchmeichelndes Luͤftchen, ſein Geſicht abzukuͤhlen!— dieß Bluͤmchen Jugend—— waͤr' es ein Veilchen, und er traͤte darauf und es durfte beſcheiden unter ihm ſterben! Damit genugte mir, Vater! Wenn die 341⁵ Muͤcke in ihren Strahlen ſich ſonnet— kann ſie das ſtrafen, die ſtolze, majeſtaͤtiſche Sonne? Miller(beugt ſich geruͤhrt an die Lehne des Stuhls und bedeckt das Geſicht). Hoͤre, Louiſe— das Biſſel Bodenſatz meiner Jahre, ich gaͤb' es hin, haͤtteſt du den Major nie geſehen. Louiſe cerſchrocken). Was ſagt er da? was?— Nein, er meint es anders, der gute Vater. Er wird nicht wiſſen, daß Ferdinand mein iſt, mir geſchaffen, mir zur Freude vom Vater der Liebenden.(Sie ſieht nachdenkend.) Als ich ihn das Erſtemal ſah— Laſcher) und mir das Blut in die Wangen ſtieg, froher jagten alle Pulſe; jede Wallung ſprach, jeder Athem liſpelte: er iſt's!— und mein Herz den Immermangelnden erkannte, bekraͤftigte: er iſt's!— und wie das widerklang durch die ganze mitfreuende Welt! Damals— o damals ging in meiner Seele der erſte Morgen auf. Tauſend junge Gefuͤhle ſchoſſen aus meinem Herzen, wie die Blumen aus dem Erdreich, wenn's Fruͤhling wird. Ich ſah keine Welt mehr, und doch beſinn' ich mich, daß ſie niemals ſo ſchoͤn war. Ich wußte von keinem Gott mehr, und doch hatt' ich ihn nie ſo geliebt. 1 Miller ceilt auf ſie zu, drückt ſie wider ſeine Bruſt). Louiſe— theures— herrliches Kind— Nimm meinen alten muͤrben Kopf— nimm Alles— Alles!— den Major— Gott iſt mein Zeuge— ich kann dir ihn nimmer geben.(Er geht ab.) Louiſe. Auch will ich ihn ja jetzt nicht, mein Vater! Dieſer karge Thautropfe Zeit— ſchon ein Traum von Ferdi⸗ nand trinkt ihn wolluͤſtig auf. Ich entſag' ihm fur dieſes Leben. Dann, Mutter, dann, wenn die Schranken des Unter⸗ ſchiedes einſtuͤrzen— wenn von uns atſpringen au' die verhaßten Huͤlſen des Standes— Menſchen nur Menſchen ſind— Ich bringe nichts mit mir, als meine Unſchuld; aber der Vater hat ja ſo oft geſagt, daß der Schmuck und die praͤchtigen Titel wohl⸗ 346 feil werden, wenn Gott kommt, und die Herzen im Preiſe ſteigen. Ich werde dann reich ſeyn. Dort rechnet man Thraͤ⸗ nen fuͤr Triumphe, und ſchoͤne Gedankrn fuͤr Ahnen an! Ich werde dann vornehm ſeyn, Mutter!— Was haͤtte er dann noch vor ſeinem Maͤdchen voraus? Frau cfäͤhrt in die Hoͤhe). Louiſe! der Major! Er ſpringt uͤber die Planke! Wo verberg' ich mich? Louiſe(faͤngt an zu zittern). Bleib' ſie doch, Mutter! Frau. Mein Gott! wie ſel⸗ ich aus; ich muß mich ja ſcaͤmen! Ich darf mich nicht vor Seiner Gnaden ſo ſehen laſſen! (Ab.) Vierte Sceene. Ferdinand von Walter. Louiſe. Er fliegt auf ſie zu— ſie ſinkt entfaͤrbt und matt auf einen Seſſel — er bleibt vor ihr ſtehen— ſie ſehen ſich eine Zeitlang ſtillſchwelgend an. Pauſe. Lerdinand. Du biſt blaß, Louiſe? Louiſe(ſteht auf und faͤllt ihm um den SHals). Es iſt nichts! nichts! Du biſt ja da. Es iſt voruͤber! Ferdinand(ihre Hund nehmund und zum Munde fuͤhrend). Und liebt mich meine Louiſe noch? Mein Herz iſt das geſtrige, iſt's auch das deine noch? Ich fliege nur her, will ſehen, ob du heiter biſt, und gehn und es auch ſeyn— Du biſt's nicht! Lou ſe. Doch, doch, mein Geliebter! Ferdinand. Rede mir Wahrheit! Du biſt's nicht! Ich ſchaue durch deine Seele, wie durch das klare Waſſer dieſes Brillanten. Seigt auf ſeinen Ring.) Hier wirft ſich kein Blaͤschen 347 auf, das ich nicht merkte— kein Gedanke tritt in dieß Angeſicht, der mir entwiſchte! Was haſt du? Geſchwind! Weiß ich nur dieſen Spfegel helle, ſo laͤuft keine Wolke uͤber die Welt! Was bekuͤmmert dich? Louiſe(ſieht ihn eine Weile ſtumm und bedeutend an, dann mit Wehmuth). Ferdinand! Daß du doch wuͤßteſt, wie ſchoͤn in dieſer Sprache das buͤrgerliche Maͤdchen ſich ausnimmt.— Ferdinand. Was iſt das? GBefremdet.) Maͤdchen! Hoͤre! wie kommſt du auf das?— Du biſt meine Louiſe! Wer ſagt dir, daß du noch etwas ſeyn ſollteſt? Siehſt du, Falſche, auf welchem Kaltſinn ich dir begegnen muß. Waͤreſt du ganz nur Liebe fuͤr wich, wann haͤtteſt du Zeit gehabt, eine Ver⸗ gleichung zu machen? Wenn ich bei dir bin, zerſchmilzt meine Vernunft in einen Blick— in einen Traum von dir, wenn ich weg bin, und du haſt noch eine Klugheit neben deiner Liebe? Schaͤme dich! Jeder Augenblick, den du an dieſen Kummer verlorſt, war deinem Juͤngling geſtohlen. Fouiſe(faßt ſeine Hand, indem ſie den Kopf ſchuͤttelt). Du willſt mich einſchlaͤfern, Ferdinand— willſt meine Augen von dieſem Abgrund hinweglocken, in den ich ganz gewiß ſtuͤrzen muß. Ich ſeh' in die Zukunft— die Stimme des Ruhms— deine Entwuͤrfe— dein Vater— mein Nichts.(Erſchiickt und laͤßt plöͤtzlich ſeine Hand fahren.) Ferdinand! Ein Dolch uͤber dir und mir! Man trennt uns! Ferdinand. Trennt uns!(Er ſpringt auf.) Woher bringſt du dieſe Ahnung, Louiſe? Trennt uns?— Wer kann den Bund zweier Herzen loͤſen, oder die Toͤne eines Accords auseinander reißen?— Ich bin ein Edelmann— Laſſ' doch ſehen, ob mein Adelsbrief aͤlter iſt, als der Riß zum unend⸗ lichen Weltall? oder mein Wappen guͤltiger, als die Handſchrift des Himmels in Louiſens Augen: dieſes Weib iſt fuͤr dieſen 248 Mann!— Ich bin des Praͤſidenten Sohn. Eben darum. Wer, als die Liebe, kann mir die Fluͤche verſuͤßen, die mir der Landeswucher meines Vaters vermachen wird? Louiſe. O wie ſehr fuͤrcht' ich ihn— dieſen Vater!— Ferdinanv. Ich fuͤrchte nichts— nichts— als die Graͤnzen deiner Liebe! Laſſ' auch Hinderniſſe wie Gebirge zwiſchen uns treten, ich will ſie fuͤr Treppen nehmen, und druͤber hin in Louiſens Arme fliegen! Die Stuͤrme des widrigen Schick⸗ ſals ſollen meine Empfindung emporblaſen, Gefahren werden meine Louiſe nur reizender machen.— Alſo nichts mehr von Furcht, meine Liebe! Ich ſelbſt— ich will uͤber dir wachen, wie der Zauberdrach uͤber unterirdiſchem Golde— Mir vertraue dich! Du brauchſt keinen Engel mehr— Ich will mich zwiſchen dich und das Schickſal werfen— empfangen fuͤr dich jede Wunde— auf⸗ faſſen fuͤr dich jeden Tropfen aus dem Becher der Freude— dir ihn bringen in der Schale der Liebe.(Sie zaͤrtlich umfaſſend.) An dieſem Arm ſoll meine Louiſe durchs Leben huͤpfen; ſchoͤner, als er dich von ſich ließ, ſoll der Himmel dich wieder haben und mit Verwunderung eingeſtehn, daß nur die Liebe die letzte Hand an die Seelen legt.— Louiſe(druͤckt ihn von ſich, in großer Bewegung). Nichts mehr! Ich bitte dich, ſchweig!— Wuͤßteſt du— Laſſ' mich— du weißt nicht, daß deine Hoffnungen mein Herz wie Furien anfallen. (Will fort) Ferdinand hhaͤlt ſie auf). Louiſe? Wie? Was? Welche Anwandlung? Louiſe. Ich hatte dieſe Traͤume vergeſſen und war gluͤcklich— Jetzt! jetzt! von heute an— der Friede meines Lebens iſt aus— Wilde Wunſche— ich weiß es— werden in meinem Buſen raſen.— Geh'— Gott vergebe dir's!— Du haſt den Feuerbrand in mein junges, friedſames Herz geworfen, X* 349 und es wird nimmer, nimmer geloͤſcht werden.(Sie ſtuͤrzt hinaus. Er folgt ihr ſprachlos nach.) Fünfte Scene. Saal beim Praͤſidenten. Der Präſident, ein Ordenskreuz um den Hals, einen Stern an der Seite, und Secretär Wurm treten auf. Präſivent. Ein ernſthaftes Attachement? Mein Sohn? — Nein, Wurm das macht er mich nimmermehr glauben! Wurm. Ihro Excellenz haben die Gnade, mir den Beweis zu befehlen. Präſident. Daß er der Buͤrgercanaille den Hof macht— Flatterien ſagt— auch meinetwegen Empfindungen vorplaudert — das ſind lauter Sachen, die ich moͤglich finde— verzeihlich finde— aber— und noch gar die Tochter eines Muſikanten, ſagt er? Wurm. Muſſkmeiſter Millers Tochter. Präſident. Huͤbſch?— Zwar das verſteht ſich. Wurm(ebhaft). Das ſchoͤnſte Exemplar einer Blondine, die, nicht zu viel geſagt, neben den erſten Schoͤnheiten des Hofes noch Figur machen wuͤrde. Dräſident dachy. Er ſagt mir, Wurm— er habe ein Aug' auf das Ding— das find' ich;— aber ſieht er, mein lieber Wurm— daß mein Sohn Gefuͤhl fuͤr das Franenzimmer hat, macht mir Hoffnung, daß ihn die Damen nicht haſſen werden. Er kann bei Hof etwas durchſetzen. Das Maͤdchen iſt ſchoͤn⸗ ſagt er; das gefaͤllt mir an meinem Sohn, daß er Ge⸗ A 350 ſchmack hat. Spiegelt er der Naͤrrin ſolide Abſichten vor— noch beſſer— ſo ſeh' ich, daß er Witz genug hat, in ſeinen Beutel zu luͤgen. Er kann Praͤſident werden. Setzt er es noch dazu durch!— herrlich! das zeigt mir an, daß er Gluͤck hat.— Schließt ſich die Farce mit einem geſunden Enkel— unver⸗ gleichlich! ſo trink' ich auf die guten Aſpecten meines Stamm⸗ baums eine Bouteille Malaga mehr und bezahle die Scortations⸗ rafe fuͤr ſeine Dirne. Wurm. Alles, was ich wuͤnſche, Ihr' Exellenz, iſt, daß Sie nicht noͤthig haben moͤchten, die Bouteille zu Ihrer Zer⸗ ſtreuung zu trinken. Vräſident(ernſthaft). Wurm, beſinn' er ſich, daß ich, wenn ich einmal glaube, hartnaͤckig glaube; rafe, wenn ich zuͤrne— Ich will einen Spaß daraus machen, daß er mich aufhetzen wollte. Daß er ſich ſeinen Nebenbuhler gern vom Hals geſchafft haͤtte, glaub' ich ihm herzlich gern. Da er meinen Sohn bei dem Maͤdchen auszuſtechen Muͤhe haben moͤchte, ſoll ihm der Vater zur Fliegenklatſche dienen, das find' ich wieder begreiflich— und daß er einen ſo herrlichen Anſatz zum Schelmen hat, entzuͤckt mich ſogar— Nur, mein lieber Wurm, muß er mich nicht prellen wollen.— Nur, verſteht er mich, muß er den Pfiff nicht bis zum Einbruch in meine Grundfaͤtze treiben!. Wurm. Ihro Excellenz verzeihen! Wenn auch wirklich— wie Sie argwohnen— die Eiferſucht hier im Spiele ſeyn ſollte, ſo waͤre ſie es wenigſtens nur mit den Augen und nicht mit der Zunge. Präſident. Und ich daͤchte, ſie bliebe ganz weg. Dummer Teufel, was verſchlaͤgt es denn ihm, ob er die Karolin friſch aus der Muͤnze oder vom Bankier bekommt. Troͤſt' er ſich mit dem hieſigen Adel— wiſſentlich oder nicht—bei uns 351 wird ſelten eine Mariage geſchloſſen, wo nicht wenigſtens ein halb Duzend der Gaͤſte— oder der Aufwaͤrter— das Para⸗ dies des Braͤutigams geometriſch ermeſſen kann. Wurm werbeugt ſich). Ich mache hier gern den Buͤrgers⸗ mann, gnaͤdiger Herr! Präſident. Ueberdieß kann er mit naͤchſtem die Freude haben, ſeinem Nebenbuhler den Spott auf die ſchoͤnſte Art heim⸗ zugeben. Eben jetzt liegt der Anſchlag im Cabinet, daß, auf Ankunft der neuen Herzogin, Lady Milford, zum Schein den Abſchied erhalten und, den Betrug vollkommen zu machen, eine Verbindung eingehen ſoll. Er weiß, Wurm, wie ſehr ſich mein Anſehen auf den Einfluß der Lady ſtuͤtzt— wie uͤberhaupt meine maͤchtigſten Springfedern in die Wallungen des Fuͤrſten hinein⸗ ſpielen. Der Herzog ſucht eine Partie fuͤr die Milford. Ein Anderer kann ſich melden— den Kauf ſchließen, mit der Dame das Vertrauen des Fuͤrſten an ſich reißen, ſich ihm nnentbehrlich machen— Damit nun der Fuͤrſt im Netz meiner Familie bleibe, ſoll mein Ferdinand die Milford heirathen— Iſt ihm das helle? Wurm. Daß mich die Augen beißen—— Wenigſtens bewies der Praͤſident hier, daß der Vater nur ein An⸗ faͤnger gegen ihn iſt. Wenn der Major Ihnen eben ſo den gehorſamen Sohn zeigt, als Sie ihm den zaͤrtlichen Vater, ſo durfte Ihre Anforderung mit Proteſt zuruͤckkommen. Präſident. Zum Gluck war mir noch nie für die Aus⸗ fuͤhrung eines Entwurfs bang, wo ich mich mit einem: es ſoll ſo ſeynl einſtellen konnte.— Aber ſeh' er nun, Wurm, das hat uns wieder auf den vorigen Punkt geleitet. Ich kuͤn⸗ dige meinem Sohn noch dieſen Vormittag ſeine Vermaͤhlung an. Das Geſicht, das er mir zeigen wird, ſoll ſeinen Argwohn entweder rechtfertigen oder ganz widerlegen. Wurm. Gnäoiger§ 3⁵² Das finſtere Geſicht, das er Ihnen ganz zuverlaͤſſig zeigt, laͤßt ſich eben ſo gut auf die Rechnung der Braut ſchreiben, die Sie ihm zufuͤhren, als derjenigen, die Sie ihm nehmen. Ich er⸗ ſuche Sie um eine ſchaͤrfere Probe. Waͤhlen Sie ihm die un⸗ tadelhafteſte Partie im Land, und ſagt er ja, ſo laſſen Sie den Secretaͤr Wurm drei Jahre Kugeln ſchleifen. Präſident(beißt in die Lippen). Teufel! Wurm. Es iſt nicht anders! Die Mutter— die Dumm⸗ heit ſelbſt— hat mir in der Einfalt zu viel geplaudert. Präſident(geht auf und nieder, preßt ſeinen Zorn zuruͤck). Gut! Dieſen Morgen noch. Wurm. Nur vergeſſen Ew. Excellenz nicht, daß der Major — der Sohn meines Herrn iſt! Präſident. Er ſoll geſchont werden, Wurm! Wurm. Und daß der Dienſt, Ihnen von einer unwill⸗ kommenen Schwiegertochter zu helfen— präſident. Den Gegendienſt werth iſt, ihm zu einer Frau zu helfen? Auch das, Wurm! Wurm(bückt ſich vergnügt). Ewig der Ihrige, gnaͤdiger Herr! (Er will gehen.) Präſident. Was ich ihm vorhin vertraut habe, Wurm! (Drohend.) Wenn er plaudert— Wurm(acht). So zeigen Ihre Excellenz meine falſchen Handſchriften auf!(Er geht ab.) Präſident. Zwar du biſt mir gewiß! Ich halte dich an deiner eigenen Schurkerei, wie den Schroͤter am Faden! ESin Kammerdiener ttritt herein). Hofmarſchall von Kalb— präſident. Kommt wie gerufen!,— Er ſoll mir angenehm ſeyn.(Kammerdiener geht.) 353 Sechste Scene. Hofmarſchall von Kalb in einem reichen, aber geſchmackloſen Hof⸗ kleide, mit Kammerherrnſchluͤſſel, zwei Uhren und einem Degen, Chapeau⸗ bas und firiſirt à la Hériſſon. Er fliegt mit großem Geraͤuſch auf den Praͤſidenten zu und verbreitet einen Biſamgeruch uͤber das ganze Parterre. Präſident. Hofmarſchall(ihn umarmend). Ah! guten Morgen, mein Beſter! Wie geruht? wie geſchlafen?— Sie verzeihen doch, daß ich ſo ſpaͤt das Vergnuͤgen habe— dringende Geſchaͤfte— der Kuͤchenzettel— Viſitenbillets— das Arrangement der Partien anf die heutige Schlittenfahrt— Ah— und dann mußt' ich ja auch bei dem Lever zugegen ſeyn und Seiner Durchlaucht das Wetter verkuͤndigen. Vräſident. Ja, Marſchall, da haben Sie freilich nicht abkommen koͤnnen. Hofmarſchall. Oben drein hat mich der Schelm von Schneider noch ſitzen laſſen. Dräſident. Und doch fir und fertig? Hofmarſchall. Das iſt noch nicht Alles! Ein Malheur jagt heute das andere! Hoͤren Sie nur! Präſident Gerſtreut). Iſt das moͤglich? Hofmarſchall. Hören Sie nur! Ich ſteige kaum aus dem Wagen, ſo werden die Hengſte ſcheu ſtampfen und ſchlagen aus, daß mir— ich bitte Sie!— der Gaſſenkoth uͤber und über an die Beinkleider ſpritzt. Was anzufangen? Setzen Sie ſich um Gotteswillen in meine Lage, Baron! Da ſtand ich! Spaͤt war es! Eine Tagreiſe iſt es— und in dem Aufzug vor Seine Durchlaucht— Gott der Gerechte! Was faͤlt mir bei? Ich Schillers ſammtl. Werke. II. 25 2 — 354 fingire eine Ohnmacht! Man bringt mich uͤber Hals und Kopf in die Kutſche! Ich in voller Carrisre nach Haus— wechsle die Kleider— fahre zuruͤk— Was ſagen Sie?— und bin noch der Erſte in der Antichambre— Was denken Sie? Präſident. Ein herrliches Impromptu des menſchlichen Witzes— Doch das beiſeite, Kalb— Sie ſprachen alſo mit dem Herzog? 4 4 Hofmarſchall(wichtig). Zwanzig Minuten und eine halbe. Präſident. Das geſſeh' ich! und wiſſen mir alſo ohne Zweifel eine wichtige Neuigkeit? Hofmarſchall(ernſihaft, nach einigem Stillſchweigen). Seine Durchlaucht haben heute einen Merde d'Oye Biber an. Präſident. Man denke!— Nein, Marſchall, ſo habe ich doch eine beſſere Zeitung fuͤr Sie— Daß Lady Milford Majorin von Welter wird, iſt Ihnen gewiß etwas Neues? Hofmarſchall. Denken Sie! und das iſt ſchon richtig gemacht?. Präſident. Unterſchrieben, Marſchall— und Sie ver⸗ binden mich, wenn Sie ohne Aufſchub dahin gehen, die Lady auf ſeinen Beſuch praͤpariren und den Entſchluß meines Fer⸗ dinands in der ganzen Reſidenz bekannt machen. Hofmarſchall(entzuͤckt)'. O mit tauſend Freuden, mein Beſter!— Was kann mir erwuͤnſchter kommen?— Ich fliege ſogleich—(umarmt ihn.) Leben Sie wohl— in drei Viertel⸗ ſtunden weiß es die ganze Stadt.(Hupft hinaus.) Präſident(acht dem Marſchall nach). Man ſage noch, daß dieſe Geſchoͤpfe in der Welt zu nichts taugen—— Nun muß ja mein Ferdinand wollen, oder die ganze Stadt hat gelogen. (Klingelt— Wurm kommt.) Mein Sohn ſoll hereinkommen! (Wurm geht ab, der Praͤſident auf und nieder, gedankenvoll.) 355 Siebente Seene. Ferdinand. Präſident. Wurm, welcher gleich abgeht. Ferdinand. Sie haben befohlen, gnaͤdiger Herr Vater— Präſrdent. Leider muß ich das, wenn ich meines Soh⸗ nes einmal froh werden will!— Laß er uns allein, Wurm! — Ferdinand, ich beobachte dich ſchon eine Zeitlang und finde die offene raſche Jugend nicht mehr, die mich ſonſt ſo entzuͤckt hat. Ein ſeltſamer Gram bruͤtet auf deinem Geſichte. Du fliehſt mich— du ſtiehſt deine Cirkel— Pfui!— Deinen Jahren verzeiht man zehn Ausſchweifungen vor einer einzigen Grille. Ueberlaſſ' dieſe mir, lieber Sohn! Mich laſſ' an deinem Gluͤck arbeiten, und denke auf nichts, als in meine Entwuͤrfe zu ſpielen.— Komm! umarme mich, Ferdinand! Ferdinand. Sie ſind heute ſehr gnaͤdig, mein Vater. Präſident. Heute, du Schalk— und dieſes Heute noch mit der herben Grimaſſe?(Ernſthaft.) Ferdinand!— Wem zu lieb hab' ich die gefahrliche Bahn zum Herzen des Fuͤrſten betreten? Wem zu lieb bin ich auf ewig mit meinem Gewiſſen und dem Himmel zerfallen?— Hoͤre, Ferdinand— Ich ſpreche mit meinem Sohne— Wem hab' ich durch die Hinwegraͤu⸗ mung meines Vorgaͤngers Platz gemacht— eine Geſchichte, die deſto blutiger in mein Inwendiges ſchneidet, je ſorgfaͤltiger ich das Meſſer der Welt verberge? Hoͤre! ſage mir, Ferdinand! wem that ich dieß Alles? Ferdinand(tritt mit Schrecken zuruͤch. Doch mir nicht, mein Vater? Doch auf mich ſoll der blutige Widerſchein dieſe Frevels nicht fallen? Beim allmaͤchtigen Gott! es iſt beſſer, gar nicht geboren ſeyn, als dieſer Miſſethat zur Ausrede dienen 356 Präſident. Was war das? Was? Doch ich will es dem Romanenkopfe zu gut halten!— Ferdinand— ich will mich nicht erhitzen!— Vorlauter Knabe, lohnſt du mir alſo für meine ſchlafloſen Naͤchte? Alſo fuͤr meine raſtloſe Sorge? Alſo fuͤr den ewigen Skorpion meines Gewiſſens? Auf mich faͤllt die Laſt der Verantwortung— auf mich der Fluch, der Donner des Richters— Du empfaͤngſt dein Gluͤck von der zweiten Hand— Das Verbrechen klebt nicht am Erbe. Ferdinand(ſireckt die rechte Hand gen Himmeh. Feierlich entſag' ich hier einem Erbe, das mich nur an einen abſcheulichen Vater erinnert! Präſident. Höre, junger Menſch, bringe mich nicht auf!— Wenn es nach deinem Kopfe ginge, du kroͤcheſt dein Leben lang im Staube! Ferdinand. O, immer noch beſſer, Vater, als ich kroͤch' am den Thron herum. Präſident(verbeißt ſeinen Zory. Hum!— Zwingen muß man dich, dein Gluͤck zu erkennen! Wo zehn Andere mit aller Anſtrengung nicht hinaufklimmen, wirſt du ſpielend, im Schlafe, gehoben! Du biſt im zwoͤlften Jahre Faͤhndrich! Im zwanzig⸗ ſten Major! Ich hab' es durchgeſetzt beim Furſten. Du wirſt die Uniform ausziehen und in das Miniſterium eintreten! Der Fuͤrſt ſprach vom Geheimenrath— Geſandtſchaften— außer⸗ ordentlichen Gnaden! Eine herrliche Ausſicht dehnt ſich vor dir!— Die ebene Straße zunaͤchſt nach dem Throne— zu dem Throne ſelbſt, wenn anders die Gewalt ſo viel werth iſt, als ihre Zeichen— das begeiſtert dich nicht? Fervinand. Weil meine Begriffe von Groͤße und Gluͤck nicht ganz die Ihrigen ſind— Ihre Gluͤckſeligkeit macht ſich nnr ſelten anders, als durch Verderben bekannt. Neid, Furcht, Verwuͤnſchungen ſind die traurigen Spiegel, worin ſich die 3⁵57 Hoheit eines Beherrſchers belaͤchelt— Thraͤnen, Fluͤche, Ver⸗ zweiflung die entſetzliche Mahlzeit, woran dieſe geprieſenen Gluͤck⸗ lichen ſchwelgen, von der ſie betrunken aufſtehen und ſo in die Ewigkeit vor den Thron Gottes taumeln— Mein Ideal von Gluͤck zieht ſich genuͤgſamer in mich ſelbſt zuruͤck! In meinem Herzen liegen alle meine Wuͤnſche begraben! Präſident. Meiſterhaft! Unverbeſſerlich! Herrlich! Nach dreißig Jahren die erſte Vorleſung wieder!— Schade nur, daß mein fuͤnfzigjaͤhriger Kopf zu zaͤh fuͤr das Lernen iſt!— Doch— dieß ſeltene Talent nicht einroſten zu laſſen, will ich dir Jemand an die Seite geben, bei dem du dich in dieſer bunt⸗ ſcheckigen Tollheit nach Wunch exerciren kannſt.— Du wirſt dich entſchließen— noch heute entſchließen— eine Frau zu nehmen. Ferdinand(tritt beſtärzt zurück'. Mein Vater! Präſident. Ohne Complimente— Ich habe der Ladd Milford in deinem Namen eine Karte geſchickt. Du wieſt dich ohne Aufſchub bequemen, dahin zu gehen und ihr zu ſagen. daß du ihr Braͤutigam biſt! Ferdinand. Der Milford, mein Vater? Präſident. Wenn ſie dir bekannt iſt!— Ferdinand(außer Faſſung). Welcher Schandſäule im Herzog⸗ thum iſt ſie das nicht!— Aber ich bin wohl laͤcherlich, lieber Vater, daß ich Ihre Laune fuͤr Ernſt aufnehme? Wuͤrden Sie Vater zu dem Schurken S ohn ſeyn wollen, der eine pri⸗ vilegirte Buhlerin heirathete? Präſident. Noch mehr! Ich wuͤrde ſelbſt um ſie werben, wenn ſie einen ßuͤnfziger moͤchte.— Wuͤrdeſt du zu dem Schurken Vater nicht Sohn ſeyn wollen? Ferdinand. Nein! So wahr Gott lebt! Präſident. Eine Frechheit, bei meiner Ehre! die ich ihrer Seltenheit wegen vergebe— 358 Ferdinand. Ich bitte Sie, Vater! Laſſen Sie mich nicht laͤnger in einer Vermuthung, wo es mir unertraͤglich wird, mich Ihren Sohn zu nennen! Präſident. Junge, biſt du toll? Welcher Menſch von Vernunft wuͤrde nicht nach der Diſtinction geizen, mit ſeinem Landesherrn an einem dritten Orte zu wechſeln? Ferdinanv. Sie werden mir zum Raͤthſel, mein Vater! Diſtinction nennen Sie es— Diſtinction, da mit dem Fuͤrſten zu theilen, wo er auch unter den Menſchen hinunterkriecht? Präſident(ſchlaͤgt ein Gelaͤchter auf). Ferdinand. Sie koͤnnen lachen— und ich will uͤber das hinweggehen, Vater! Mit welchem Geſicht ſoll ich vor den ſchlechteſten Handwerker treten, der mit ſeiner Frau wenigſtens doch einen ganzen Koͤrper zur Mitgift bekommt? Mit welchem Geſicht vor die Welt? vor den Fuͤrſten? Mit welchem vor die Buhlerin ſelbſt, die den Brandflecken ihrer Ehre in meiner Schande auswaſchen wuͤrde? Vräſident. Wo in aller Welt bringſt du das Maul her, Junge? Ferdinand. Ich beſchwoͤre Sie bei Himmel und Erde, Vater! Sie koͤnnen durch die Hinwerfung Ihres einzigen Sohnes ſo gluͤcklich nicht werden, als Sie ihn ungluͤcklich ma⸗ chen! Ich gebe Ihnen mein Leben, wenn das Sie ſteigen machen kann. Mein Leben hab' ich von Ihnen; ich werde keinen Augenblick anſtehen, es ganz Ihrer Groͤße zu opfern!— Meine Ehre, Vater!— wenn Sie mir dieſe nehmen, ſo war es ein leichtfertiges Schelmenſtuͤck, mir das Leben zu geben, und ich muß den Vater wie den Kuppler verfluchen. Präſident(freundlich, indem er ihm auf die Achſel klopft). Brav, lieber Sohn! Jetzt ſeh' ich, daß du ein ganzer Kerl 3598 biſt und der beſten Frau im Herzogthum wuͤrdig.— Sie ſoll dir werden— Noch dieſen Mittag wirſt du dich mit der Graͤfin von Oſtheim verloben! Ferdinand lauſs neue betreten). Iſt dieſe Stunde beſtimmt, mich ganz zu zerſchmettern? Präſident ceinen lauernden Blick auf ihn werfend). Wo doch hoffentlich deine Ehre nichts einwenden wird? Ferdinand. Nein, mein Vater! Friederike von Oſtheim koͤnnte jeden Andern zum Gluͤcklichſten machen! Vor ſich, in hoͤchſter Verwirrung.) Was ſeine Bosheit an meinem Herzen noch ganz ließ, zerreißt ſeine Guͤte. Präſident nnoch immer kein Auge von ihm wendend). Ich warte auf deine Dankbarkeit, Ferdinand!— Ferdinand ſ(ſttuͤrzt auf ihn zu und kuͤßt ihm feurig die Hand). Vater! Ihre Gnade entſlammt meine ganze Empfindung— Vater! meinen heißeſten Dank fuͤr Ihre herzliche Meinung— Ihre Wahl iſt untadelhaft— aber— ich kann— ich darf— bedauern Sie mich— ich kann die Graͤfin nicht lieben! Präſident(tritt einen Schritt zuruück). Holla! Jetzt hab' ich den jungen Herrn! Alſo in dieſe Falle ging er, der liſtige Heuchler— Alſo es war nicht die Ehre, die dir die Lady ver⸗ bot.— Es war nicht die Perſon, ſondern die Heirath, die du verabſcheuteſt?— Ferdinand(ſteht zuerſt wie verſteinert, dann faͤhrt er auf und will fortrennen). Präſident. Wohin? Halt! Iſt das der Reſpect, den du mir ſchuldig biſt?(Der Major kehrt zuruͤck.) Du biſt der Lady gemeldet. Der Furſt hat mein Wort! Stadt und Hof wiſſen es richtig!— Wenn du mich zum Luͤgner machſt, Junge— vor dem Fuͤrſten— der Lady— der Stadt— dem Hofe mich zum Luͤgner machſt— hoͤre, Junge— oder wenn ich hinter 3 360 gewiſſe Hiſtorien komme!— Halt! Holla! Was blaͤst ſo auf einmal das Feuer in deinen Wangen aus? Ferdinand(ſchneeblaß und zitternd). Wie? Was? Es iſt gewiß nichts, mein Vater! Präſident(eeinen fuͤrchterlichen Blick auf ihn heftend). Und wenn es was iſt— und wenn ich die Spur finden ſollte, woher dieſe Widerſetzlichkeit ſtammt?—— Ha, Junge! der bloße Verdacht ſchon bringt mich zum Raſen! Geh' den Augen⸗ blick! Die Wachtparade faͤngt an! Du wirſt bei der Lady ſeyn, ſobald die Parole gegeben iſt!— Wenn ich auftrete, zittert ein Herzogthum! Laſſ' doch ſehen, ob mich ein Starr⸗ kopf von Sohn meiſtert!(Er geht und kommt noch einmal wie⸗ der.) Junge, ich ſage dir, du wirſt dort ſeyn, oder fliehe mei⸗ nen Zorn!(Er geht ab.) Ferdinand(erwacht aus einer dumpfen Betaͤubung). Iſt er weg? War das eines Vaters Stimme?— Ja! Ich will zu ihr— will hin— will ihr Dinge ſagen, will ihr einen Spie⸗ gel vorhalten— Nichtswuͤrdige! und wenn du auch noch dann meine Hand verlangſt— Im Angeſicht des verſam⸗ melten Adels, des Militaͤrs und des Volks— Umguͤrte dich mit dem ganzen Stolze deines Englands— Ich verwerfe dich— ein deutſcher Juͤngling!(Er eilt hinaus.) Zweiter Akt. Ein Saal im Palais der Lady Milford; zur rechten Hand ſteht ein Sopha, zur Linken ein Fluͤgel. Erſte Scene. gady in einem freien, aber reizenden Negligé, die Haare noch unfriſirt, ſitzt vor dem Fluͤgel und phantaſirt; Sophie, die Kammer⸗ jungſer kommt von dem Fenſter. Saphie. Die Officiers gehen auseinander! Die Wacht⸗ parade iſt aus— aber ich ſehe noch keinen Walter! Lady ſehr unruhig, indem ſie aufſteht und einen Gang durch den Saal macht). Ich weiß nicht, wie ich mich heute finde, Sophie— Ich bin noch nie ſo geweſen— Alſo du ſahſt ihn gar nicht?— Freilich wohl— Es wird ihm nicht eilen— Wie ein Verbrechen liegt es auf meiner Bruſt— Geh', So⸗ phie— man ſoll mir den wildeſten Renner herausfuͤhren, der im Marſtall iſt! Ich muß ins Freie— Menſchen ſehen und blauen Himmel, und mich leichter reiten ums Herz herum. Sophie. Wenn Sie ſich unpaͤßlich fuͤhlen, Milady— berufen Sie Aſſemblee hier zuſammen! Laſſen Sie den Herzog hier Tafel halten, oder die'Hombretiſche vor Ihren Sopha 36² ſetzen! Mir ſollte der Fuͤrſt und ſein ganzer Hof zu Gebote ſtehen und eine Grille im Kopfe ſurren? Lady ewirft ſich in den Sopha). Ich bitte, verſchone mich! Ich gebe dir einen Demant fuͤr jede Stunde, wo ich ſie mir vom Halſe ſchaffen kann! Soll ich meine Zimmer mit dieſem Volk tapeziren?— Das ſind ſchlechte, erbaͤrmliche Menſchen, die ſich entſetzen, wenn mir ein warmes herzliches Wort ent⸗ wiſcht, Mund und Naſen aufreißen, als ſaͤhen ſie einen Geiſt — Sklaven eines einzigen Marionettendraths, den ich leichter als mein Filet regiere!— Was fang' ich mit den Leuten an, deren Seelen ſo gleich als ihre Sackuhren gehen? Kann ich eine Freude daran finden, ſie was zu fragen, wenn ich vor⸗ aus weiß, was ſie mir antworten werden? Oder Worte mit ihnen wechſeln, wenn ſie das Herz nicht haben, andrer Mei⸗ nung als ich zu ſeyn?— Weg mit ihnen! Es iſt verdrießlich, ein Roß zu reiten, das nicht auch in den Zuͤgel beißt.(Sie tritt zum Fenſter.) Sophie. Aber den Fuͤrſten werden Sie doch ausnehmen, Lady? Den ſchoͤnſten Mann— den feurigſten Liebhaber— den witzigſten Kopf in ſeinem ganzen Lande! Lady(kommt zurüch. Denn es iſt ſein Land— und nur ein Fuͤrſtenthum, Sophie, kann meinem Geſchmack zur ertraͤg⸗ lichen Ausrede dienen— Du ſagſt, man beneide mich! Armes Ding! Beklagen ſoll man mich vielmehr! Unter allen, die an den Bruͤſten der Majeſtaͤt trinken, kommt die Favoritin am ſchlechteſten weg, weil ſie allein dem großen und reichen Mann auf dem Bettelſtabe begegnet— Wahr iſt's, er kann mit dem Talisman ſeiner Groͤße jeden Geluſt meines Herzens, wie ein Feenſchloß, aus der Erde rufen!— Er ſetzt den Saft von zwei Indien auf die Tafel— ruft Paradieſe aus Wildniſſen— laͤßt die Quellen ſeines Landes in ſtolzen Bogen gen Himmel 363 ſpringen, oder das Mark ſeiner Unterthanen in einem Feuer⸗ werk hinpuffen—— Aber kann er auch ſeinem Herzen befeh⸗ len, gegen ein großes, feuriges Herz groß und feu⸗ rig zu ſchlagen? Kann er ſein darbendes Gehirn auf ein einziges ſchoͤnes Gefuͤhl exequiren?— Mein Herz hungert bei all dem Vollauf der Sinne; und was helfen mich tauſend beſſ're Empfindungen, wo ich nur Wallungen loͤſchen darf? Sophie bblickt ſie verwundernd an). Wie lang' iſt es denn aber, daß ich Ihnen diene, Milady? Lady. Weil du erſt heute mit mir bekannt wirſt?— Es iſt wahr, liebe Sophie— ich habe dem Fuͤrſten meine Ehre verkauft; aber mein Herz habe ich frei behalten— ein Herz, meine Gute, das vielleicht eines Mannes noch werth iſt— uͤber welches der giftige Wind des Hofes nur wie der Hauch uͤber den Spiegel ging! Trau' es mir zu, meine Liebe, daß ich es laͤngſt gegen dieſen armſeligen Fuͤrſten behauptet haͤtte, wenn ich es nur von meinem Ehrgeiz erhalten koͤnnte, einer Dame am Hofe den Rang vor mir einzuraͤumen! Sophie. Und dieſes Herz unterwarf ſich dem Ehrgeize ſo gern? Lady Hebhaft). Als wenn es ſich nicht ſchon geraͤcht haͤtte! — Nicht jetzt noch ſich raͤchte!— Sophie Bedeutend, indem ſie die Hand auf Sophiens Achſel fallen laͤßt.) Wir Frauenzimmer koͤnnen nur zwiſchen Herrſchen und Dienen waͤhlen, aber die hoͤchſte Wonne der Gewalt iſt doch nur ein elender Behelf, wenn uns die groͤßere Wonne verſagt wird, Skla⸗ vinnen eines Mannes zu ſeyn, den wir lieben! Sophie. Eine Wahrheit, Milady, die ich von Ihnen zuletzt hoͤren wollte! Lavy. Und warum, meine Sophie? Sieht man es denn dieſer kindiſchen Fuͤhrung des Scepters nicht an, daß wir 364 nur fuͤr das Gaͤngelband taugen? Sahſt du es denn dieſem launiſchen Flatterſinne nicht an— dieſen wilden Ergoͤtzungen nicht an, daß ſie nur wildere Wuͤnſche in meiner Bruſt uüber⸗ laͤrmen ſollten? Sophie ttritt erſtaunt zuruͤck). Lady! Lady Hebhafter). Befriedige dieſe! Gib mir den Mann, den ich jetzt denke— den ich anbete— ſterben, Sophie, oder beſitzen muß.(Schmetzend.) Laſſ' mich aus ſeinem Munde es vernehmen, daß Thraͤnen der Liebe ſchoͤner glaͤnzen in unſern Augen, als die Brillanten in unſerm Haar, efeurig) und ich werfe dem Fuͤrſten ſein Herz und ſein Fuͤrſtenthum vor die Fuße, fliehe mit dieſem Manne, fliehe in die entlegenſte Wuͤſte der Welt—— Sophie(blickt ſie erſchrocken an). Himmel! was machen Sie? Wie wird Ihnen, Lady? Lady(beſtürzt). Du entfäͤrbſt dich?— Hab' ich vielleicht etwas zu viel geſagt?— O laſſ' mich deine Zunge mit mei⸗ nem Zutrauen binden— hoͤre noch mehr— hoͤre Alles— Jophie(ſchaut ſich äͤngſtlich um'. Ich fuͤrchte, Milady— ich fuͤrchte— ich brauch' es nicht mehr zu hoͤren! Lady. Die Verbindung mit dem Major— Du und die Welt ſtehen im Wahn, ſie ſey eine Hof⸗Cabale— Sophie — erroͤthe nicht— ſchaͤme dich meiner nicht— ſie iſt das Werk meiner Liebe! Sophie. Bei Gott! was mir ahnete! Lady. Sie ließen ſich beſchwatzen, Sophie— der ſchwache Fuͤrſt— der hofſchlaue Walter— der alberne Marſchall— jeder von ihnen wird daraaf ſchwoͤren, daß dieſe Heirath das unfehlbarſte Mittel ſey, mich dem Herzog zu retten, unſer Band um ſo feſter zu knuͤpfen!— Ja, es auf ewig zu trennen! auf ewig dieſe ſchaͤndlichen Ketten zu brechen!— Belogne Luͤgner! Von einem ſchwachen Weibe uͤberliſtet!— Ihr ſelbſt 365 fuͤhrt mir jetzt meinen Geliebten zu! Das war es ja nur, was ich wollte— Hab' ich ihn einmal— hab' ich ihn— o dann auf immer gute Nacht, abſcheuliche Herrlichkeit— Zweite Seene. Ein alter Kammerdiener des Fürſten, der ein Schmucktaͤſichen traͤgt. Die Vorigen. Kammerdiener. Seine Durchlaucht der Herzog empfehlen ſich Milady zu Gnaden und ſchicken Ihnen dieſe Brillanten zur Hochzeit! Sie kommen ſo eben erſt aus Venedig! Lady(hat das Kaͤſtchen geoͤffnet und faͤhrt erſchrocken zuruͤck). Menſch! was bezahlt der Herzog fuͤr dieſe Steine? Kammerdiener amit finſtrem Geſicht). Sie koſten ihn keinen Heller! Lady. Was? Biſt du raſend? Nichts!— und(indem fie einen Schritt von ihm wegtritt) du wirfſt mir ja einen Blick zu, als wenn du mich durchbohren wollteſt— Nichts koſten ihn dieſe unermeßlich koſtbaren Steine? Kammerdiener. Geſtern ſind ſiebentauſend Landskinder nach Amerika fort— die zahlen Alles!— Lady(ſetzt den Schmuck ploͤtzlich nieder und geht raſch durch den Saal, nach einer Pauſe zum Kammerdiener). Mann! was iſt dir? Ich glaube, du weinſt? Kammerdiener(wiſcht ſich die Augen, mit ſchrecklicher Stimme, alle Glieder zitternd). Edelſteine, wie dieſe da— ich habe auch ein paar Soͤhne darunter. Lady cwendet ſich bebend weg, ſeine Haͤnde faſſend). Doch keinen gezwungenen?— 3 366 Kammerdiener laacht fuͤrchterlich). O Gott!— Nein— lauter Freiwillige! Es traten wohl ſo etliche vorlaute Burſche vor die Fronte heraus und fragten den Oberſten, wie theuer der Fuͤrſt das Joch Menſchen verkaufe?— Aber unſer gnaͤdigſter Landesherr ließ alle Regimenter auf dem Paradeplatz aufmar⸗ ſchiren und die Maulaffen niederſchießen. Wir hoͤrten die Buͤchſen knallen, ſahen ihr Gehirn auf das Pflaſter ſpritzen, und die ganze Armee ſchrie: Juchhe! nach Amerikal— Lady aͤllt mit Entſetzen in den Sopha). Gott! Gott!— Und ich hoͤrte nichts? und merkte nichts? Kammerdiener. Ja, gnaͤdige Frau!— Warum mußtet Ihr denn mit unſerm Herrn gerad' auf die Baͤrenhatz reiten, als man den Laͤrmen zum Aufbruch ſchlug?— Die Herrlichkeit haͤttet Ihr doch nicht verſaͤumen ſollen, wie uns die gellenden Trommeln verkuͤndigten, es iſt Zeit, und heulende Waiſen dort einen lebendigen Vater verfolgten und hier eine wuͤthende Mutter lief, ihr ſaͤugendes Kind an Bajonnetten zu ſpießen, und wie man Braͤutigam und Braut mit Saͤbelhieben auseinander riß, und wie Graubaͤrte verzweiflungsvoll daſtanden und den Bur⸗ ſchen auch zuletzt die Kruͤcken noch nachwarfen in die neue Welt — O und mitunter das polternde Wirbelſchlagen, damit der Allwiſſende uns nicht ſollte beten hoͤren— La dy(ſteht auf, heftig bewegt). Weg mit dieſen Steinen— ſie blitzen Hoͤllenflammen in mein Herz.(Sanfter zum Kammer⸗ diener.) Maͤßige dich, armer alter Mann! Sie werden wieder kommen. Sie werden ihr Vaterland wieder ſehen. Kammerdiener(warm und voll). Das weiß der Himmel! das werden ſie!— Noch am Stadtthor drehten ſie ſich um und ſchrien:„Gott mit euch, Weib und Kinder!— Es leb' unſer Landesvater— Am juͤngſten Gerichte ſind wir wieder da!“— Lady(mit ſtarkem Schritt auf⸗ und niedergehend). Abſcheulich! 367 Fuͤrchterlich!— Mich beredete man, ich habe ſie alle getrocnet, die Thraͤnen des Landes— Schrecklich, ſchrecklich gehen mir die Augen auf— Geh' du— Sag' deinem Herrn— Ich werd' ihm perſoͤnlich danken!(Kammerdiener will gehen, ſie wirſt ihrn ihre Goldboͤrſe in den Hut.) Und das nimm, weil du mir Wahrheit ſagteſt— Kammerdiener(wirft ſie veraͤchtlich auf den Tiſch zuruͤck). Legt's zu dem Uebrigen!(Er geht ab.) Lady(ſieht ihm erſtaunt nach). Sophie, ſpring' ihm nach, frag' ihn um ſeinen Namen! Er ſoll ſeine Soͤhne wieder haben!(Sophie ab. Lady nachdenkend auf und nieder. Pauſe. Zu Sophien, die wieder kommt.) Ging nicht juͤngſt ein Geruͤcht, daß das Feuer eine Stadt an der Graͤnze verwuͤſtet und bei vier⸗ hundert Familien an den Bettelſtab gebracht habe?(Sie klingelt.) Sophie. Wie kommen Sie auf das? Allerdings iſt es ſo, und die mehrſten dieſer Ungluͤcklichen dienen jetzt ihren Glaͤubigern als Sklaven, oder verderben in den Schachten der fuͤrſtlichen Silberbergwerke. Vedienter dkommt). Was befehlen Milady? Lady(sibt ihm den Schmuck). Das das ohne Verzug in die Landſchaft gebracht werde!— Man ſoll es ſogleich zu Geld machen, befehl' ich, und den Gewinnſt davon unter die Vier⸗ hundert vertheilen, die der Brand ruinirt hat! Sophie. Milady, bedenken Sie, daß Sie die hoͤchſte Un⸗ gnade wagen! Lady(mit Groͤße). Soll ich den Fluch ſeines Landes in meinen Haaren tragen?(Sie winkt dem Bedienten, dieſer geht.) Oder willſt du, daß ich unter der ſchrecklichen Laſt ſolcher Thraͤnen zu Boden ſinke?— Geh', Sophie— Es iſt beſſer, falſche Juwelen im Haar und das Bewußtſeyn dieſer That im Herzen zu haben! 368 Saphie. Aber Juwelen wie dieſe! Haͤtten Sie nicht Ihre ſchlechtern nehmen koͤnnen? Nein, wahrlich, Milady! es iſt Ihnen nicht zu vergeben! Lady. Naͤrriſches Maͤdchen! Dafuͤr werden in einem Augenblicke mehr Brillanten und Perlen fuͤr mich fallen, als zehn Koͤnige in ihren Diademen getragen, und ſchoͤnere— Bedienter(kommt zuruͤck). Major von Walter— Saphie(ſpringt auf die Lady zu). Gott! Sie verblaſſen— Lady. Der erſte Mann, der mir Schrecken macht— Sophie— Ich ſey unpaͤßlich, Eduard!— Halt— Iſt er auf⸗ geraͤumt? Lacht er? Was ſpricht er? O, Sophie! Nicht wahr, ich ſehe haͤßlich aus? Saphie. Ich bitte Sie, Lady!— Vedienter. Befehlen Sie, daß ich ihn abweiſe? Lady(ſtternd). Er ſoll mir willkommen ſeyn. Bedienter hinaus.) Sprich, Sophie!— Was ſag' ich ihm? Wie empfang' ich ihn?— Ich werde ſtumm ſeyn!— Er wird meiner Schwaͤche ſpotten— Er wird— o was ahnt mir— Du verläͤſſeſt mich, Sophie?— Bleib'!— Doch nein!— Geh'!— So bleib' doch! (Der Major kommt durch das Vorzimmer.) Sophie. Sammeln Sie ſich! Er iſt ſchon da! Dritte Seene. Ferdinand von Walter. Die Vorigen. Ferdinand amit einer kurzen Verbeugung). Wenn ich Sie worin unterbreche, gnaͤdige Frau—. Lady(unter merkbarem Herztlopfen). In nichts, Herr Major, das mir wichtiger waͤre. 6 369 Ferdinand. Ich komme auf den Befehl meines Vaters— Lady. Ich bin ſeine Schuldnerin. Ferdinanv. Und ſoll Ihnen melden, daß wir uns hei⸗ rathen— So weit der Auftrag meines Vaters. Lady(entfaͤrbt ſich und zittert). Nicht Ihres eigenen Herzens? Ferdinand. Miniſter und Kuppler pflegen das niemals zu fragen! Lady(mit einer Beaͤngſtigung, daß ihr die Worte verſagen). Und Sie ſelbſt haͤtten ſonſt nichts beizuſetzen? Ferdinand(mit einem Blick auf die Mamſell). Noch ſehr viel, Milady! Lady(gibt Sophien einen Wink, dieſe entfernt ſich). Darf ich Ihnen dieſen Sopha anbieten? 1 Ferdinand. Ich werde kurz ſeyn, Milady! Lady. Nun? Ferdinand. Ich bin ein Mann von Ehre! Lady. Den ich zu ſchäͤtzen weiß! Ferdinand. Caralier! Lady. Kein beſſ'rer im Herzogthum! Ferdinand. Und Officier! Lady(ſchmeichelhaft). Sie beruͤhren hier Vorzuͤge, die auch Andere mit Ihnen gemein haben! Warum verſchweigen Sie groͤßere, worin Sie einzig ſind? Ferdinand(froſtis). Hier brauch' ich ſie nicht! Lady(mit immer ſteigender Angſt). Aber fuͤr was muß ich dieſen Vorbericht nehmen? Ferdinand(langſam und mit Nachdruck). Fuͤr den Einwurf der Ehre, wenn Sie Luſt haben ſollten, meine Hand zu er⸗ zwingen! Lapy(auffahrend). Was iſt das, Herr Major? Schillers ſaͤmmtl. Werke. II. 24 370 Ferdinaud ggelaſſen. Die Sprache meines Herzens— meines Wappens— und dieſes Degens! Lady. Dieſen Degen gab Ihnen der Fuͤrſt. Ferdinand. Der Staat gab mir ihn durch die Hand des Fuͤrſten— mein Herz Gott— mein Wappen ein halbes Jahrtauſend! Lady. Der Name des Herzogs— Ferdinand(hitzig). Kann der Herzog Geſetze der Menſch⸗ heit verdrehen, oder Handlungen muͤnzen wie ſeine Dreier?— Er ſelbſt iſt nicht uͤber die Ehre erhaben, aber er kann ihren Mund mit ſeinem Golde verſtopfen! Er kann den Hermelin uͤber ſeine Schande herwerfen! Ich bitte mir aus, davon nichts mehr, Milady— Es iſt nicht mehr die Rede von weggewor⸗ fenen Ausſichten und Ahnen— oder von dieſer Degenquaſte, oder von der Meinung der Welt: ich bin bereit, dieß alles mit Fuͤßen zu treten, ſobald Sie mich nur uͤberzeugt haben werden, daß der Preis nicht ſchlimmer noch als das Opfer iſt! Lady(ſchmerzhaft von ihm weggehend). Herr Major! das hab' ich nicht verdient! Ferdinand eergreift ihre Hand). Vergeben Sie! Wir reden hier ohne Zeugen. Der Umſtand, der Sie und mich— heute und nie mehr— zuſammen fuͤhrt, berechtigt mich, zwingt mich, Ihnen mein geheimſtes Gefuͤhl nicht zurüͤck zu halten! —— Es will mir nicht zu Kopfe, Miladp, daß eine Dame von ſo viel Schoͤnheit und Geiſt— Eigenſchaften, die ein Mann ſchaͤtzen wuͤrde— ſich an einen Fuͤrſten ſollte weg⸗ werfen koͤnnen, der nur das Geſchlecht an ihr zu bewundern gelernt hat, wenn ſich dieſe Dahe nicht ſchaͤmte, vor einen Mann mit ihrem Herzen zu treten! Lady(ſchaut ihm groß ins Geſicht'. Reden Sie ganz aus! kerdinand. Sie nennen ſich eine Brittin! Erlauben 371 Sie mir— ich kann es nicht glauben, das Sie eine Brittin ſind! Die freigeborne Tochter des freieſten Volks unter detn Himmel— das auch zu ſtolz iſt, fremder Tugend zu raͤuchern— kann ſich nimmermehr an fremdes Laſter ver⸗ dingen! Es iſt nicht moͤglich, daß Sie eine Brittin ſind, oder das Herz dieſer Brittin muß um ſo viel kleiner ſeyn, als groͤßer und kuͤhner Britanniens Adern ſchlagen! Lady. Sind Sie zu Ende? Ferdinand. Man koͤnnte antworten, es iſt weibliche Eitelkeit— Leidenſchaft— Temperament— Hang zum Ver⸗ gnuͤgen! Schon oͤfters uͤberlebte Tugend die Ehre! Scheu Manche, die mit Schande in dieſe Schranke trat, hat nachher die Welt durch edle Handlungen mit ſich ausgeſoͤhnt, und das haͤßliche Handwerk durch einen ſchoͤnen Gebrauch geadelt—— aber woher denn jetzt dieſe ungeheure Preſſung des Landes, die vorher nie ſo geweſen? Das war im Namen des Herzogthums! — Ich bin zu Ende! Lady(mit Sanftmuth und Soheit). Es iſt das Erſtemal, Walter, daß ſolche Reden an mich gewagt werden, und Ste ſind der einzige Menſch, dem ich darauf antworte— Daß Sie meine Hand verwerfen, darum ſchaͤtz' ich Sie! Daß Sie mein Herz laͤſtern, vergebe ich Ihnen! Daß es Ihr Ernſt iſt, glaube ich Ihnen nicht! Wer ſich herausnimmt, Beleidigungen dieſer Art einer Dame zu ſagen, die nicht mehr als eine Nacht braucht, ihn ganz zu verderben, muß dieſer Dame eine große Seele zutrauen, oder— von Sinnen ſeyn.— Das Sie den Ruin des Landes auf meine Bruſt waͤlzen, vergebe Ihnen Gott der Allmaͤchtige, der Sie und mich und den Fürſten einſt gegen einander ſtellt.— Aber Sie haben die Englaͤnderin in mir aufgefordert, und auf Vorwuͤrſe dieſer Art muß mein Vater⸗ land Antwort haben! 372 Lerdinand(auf ſeinen Degen geſtützt). Ich bin begierig! Lady. Hoͤren Sie alſo, was ich, außer Ihnen, noch Nie⸗ mand vertraute, noch jemals einem Menſchen vertrauen will!— Ich bin nicht die Abenteurerin, Walter! fuͤr die Sie mich hal⸗ ten! Ich koͤnnte groß thun und ſagen: Ich bin fuͤrſtlichen Gebluͤts— aus des ungluͤcklichen Thomas Norfolks Geſchlechte, der fuͤr die ſchottiſche Maria ein Opfer ward.— Mein Vater, des Koͤnigs oberſter Kaͤmmerer, wurde bezichtigt, in verraͤtheri⸗ ſchem Vernehmen mit Frankreich zu ſtehen, durch einen Spruch der Parlamente verdammt und enthauptet.— Alle unſere Guͤter fielen der Krone zu! Wir ſelbſt wurden des Landes verwieſen! Meine Mutter ſtarb am Tage der Hinrichtung! Ich— ein vierzehnjaͤhriges Maͤdchen— floh nach Deutſchland mit meiner Waͤrterin— einem Kaͤſtchen Iuwelen— und dieſem Familien⸗ kreuz, das meine ſterbende Mutter mit ihrem letzten Segen mir in den Buſen ſteckte! Ferdinand wird nachdenkend und heftet waͤrmere Blicke auf die Lady). Lady(faͤhrt fort mit immer zunehmender Ruͤhrung). Krank — ohne Namen— ohne Schutz und Vermoͤgen— eine aus⸗ laͤndiſche Waiſe, kam ich nach Hamburg! Ich hatte nichts gelernt, als ein bißchen Franzoͤſiſch— ein wenig Filet und den Fluͤgel— deſto beſſer verſtand ich, auf Gold und Silber zu ſpeiſen, unter damaſtenen Decken zu ſchlafen, mit einem Wink zehn Bediente fliegen zu machen und die Schmeicheleien der Großen Ihres Geſchlechts aufzunehmen.— Sechs Jahre waren ſchon hingeweint.— Die letzte Schmucknadel flog dahin— Meine Waͤrterin ſtarb— und jetzt fuͤhrte mein Schickſal Ihren Herzog nach Hamburg. Ich ſpazierte damals an den Ufern der Elbe, ſah in den Strom und fing eben an zu phantaſtren, ob dieſes Waſſenr oder mein Leiden das Tiefere waͤre?— 373 Der Herzog ſah mich, verfolgte mich, fand meinen Aufenthalt, lag zu meinen Fuͤßen und ſchwur, daß er mich liebe.(Sie haͤlt in großer Bewegung inne, dann faͤhrt ſie fort mit weinender Stimme.) Alle Bilder meiner gluͤcklichen Kindheit wachten jetzt wieder mit ver⸗ fuͤhrendem Schimmer auf— Schwarz wie das Grab graute mich eine troſtloſe Zukunft an— Mein Herz brannte nach Herzen— Ich ſank an das ſeinige. Von ihm wegſtuͤrzend.) Jetzt verdammen Sie mich! Ferdinand(ſehr bewegt, eilt ihr nach und haͤlt ſie zuruͤck). Lady! o Himmel! Was hoͤr' ich? Was that ich?— Schreck⸗ lich enthuͤllt ſich mein Frevel mir! Sie koͤnnen mir nicht mehr vergeben! Lady(kommt zuruͤck und hat ſich zu ſammeln geſucht). Hoͤren Sie weiter! Der Fuͤrſt üͤberraſchte zwar meine wehrloſe Tugend — aber das Blut der Norfolk empoͤrte ſich in mir: Du, eine geborne Fuͤrſtin, Emilie, rief es, und jetzt eines Fuͤrſten Con⸗ cubine? Stolz und Schickſal kaͤmpften in meiner Bruſt, als der Fuͤrſt mich hieher brachte und auf einmal die ſchauderndſte Scene vor meinen Augen ſtand!— Die Wolluſt der Großen dieſer Welt iſt die nimmerſatte Hyaͤne, die ſich mit Heißhunger Opfer ſucht.— Fuͤrchterlich hatte ſie ſchon in dieſem Lande gewuͤthet— hatte Braut und Braͤutigam zertrennt— hatte ſelbſt der Ehen goͤttliches Band zerriſſen—— hier das ſtille Gluͤck einer Familie geſchleift— dort ein junges unerfahrnes Herz der verheerenden Peſt aufgeſchloſſen, und ſterbende Schuͤ⸗ lerinnen ſchaͤumten den Namen ihres Lehrers unter Fluͤchen und Zuckungen aus— Ich ſtellte mich zwiſchen das Lamm und den Tiger, nahm einen fuͤrſtlichen Eid von ihm in einer Stunde der Leidenſchaft, und dieſe abſcheuliche Opferung mußte aufhoͤren. Ferdinand crennt in der heftigſten Unruhe durch den Saah. Nichts mehr, Miladp! Nicht weiter! 374 Tav y. Die traurige Periode hatte einer noch traurigern Platz gemacht! Hof und Serail wimmelten jetzt von Italiens Auswurf! Flatterhafte Pariſerinnen taͤndelten mit dem furcht⸗ daren Scepter, und das Volk blutete unter ihren Launen— Sie alle erlebten ihren Tag! Ich ſah ſie neben mir in den Stanb ſinken, denn ich war mehr Kokette, als ſie alle! Ich nahm dem Tyrannen den Zuͤgel ab, der wolluͤſtig in meiner Umarmung erſchlaffte— dein Vaterland, Walter, faͤhlte zum Erſtenmal eine Menſchenhand und ſank vertrauend an meinen Buſen!(Pauſe, worin ſie ihn ſchmelzend anſieht.) O daß der Mann, von dem ich allein nicht verkannt ſeyn moͤchte, mich jetzt zwingen muß, groß zu prahlen und meine ſtille Tugend am Licht der Bewunderung zu verſengen!— Walter, ich habe Kerker ge⸗ ſprengt— habe Todesurtheile zerriſſen und manche entſetzliche Swigkeit auf Galeeren verkuͤrzt! In unheilbare Wunden hab' ich doch wenigſtens ſtillenden Balſam gegoſſen— maͤchtige Frepler in Staub gelegt und die verlorne Sache der Un⸗ ſchuld oft noch mit einer buhleriſchen Thraͤne gerettet—. Ha, Juͤngling! wie ſuͤß war mir das! Wie ſtolz konnte mein Herz jede Anklage meiner fuͤrſtlichen Geburt widerlegen!— Und jetzt kommt der Mann, den mein erſchoͤpftes Schickſal vielleicht zum Erſatz meiner vorigen Leiden ſchuf— der Mann, den ich mit brennender Sehnſucht im Traum ſchon umfaßte— Ferdinand(aaͤllt ihr ins Wort, durch und durch erſchuͤttert). Zu viel! zu viel! Das iſt wider die Abrede, Lady! Sie ſollten ſich von Anklagen reinigen und machen mich zu einem Verbrecher! Schonen Sie— ich beſchwoͤre Sie— ſchonen Sie meines Herzens, das Beſchaͤmung und wuͤthende Reue zerreißen— Lady Gaͤlt ſeine Hand feſh. Jetzt oder nimmermehr! Lange genug hielt die Heldin Stand— Das Gewicht dieſer Thraͤnen mußt du noch fuͤhlen.(Im zaͤrtlichſen Ton.) Hoͤre, Walter! 375 wenn eine Ungluͤckliche— unwiderſtehlich, allmaͤchtig an dich gezogen— ſich an dich preßt mit einem Bufen voll gluͤhender, unerſchoͤpflicher Liebe— Walter!— und du jetzt noch das kalte Wort Ehre ſprichſt— dieſe Ungluͤckliche, niedergedruͤckt vom Gefuͤhl ihrer Schande— des Laſters uͤberdruͤſſig— helden⸗ maͤßig emporgehoben vom Rufe der Tugend— ſich ſo— in deine Arme wirft(ſie umfaßt ihn, beſchwoͤrend und feierlich)— durch dich gerettet— durch dich dem Himmel wieder geſchenkt ſeyn will, oder(das Geſicht von ihm abgewendet, mit hohler, bebender Stimme) deinem Bilde zu entfliehen, dem fürchterlichen Rufe der Verzweiflung gehorſam, in noch abſcheulichere Tiefen des Laſters wieder hinuntertaumelt— Ferdinand(ſich von ihr losreißend, in der ſchrecklichſten Be⸗ draͤngniß). Nein, beim großen Gott! ich kann das nicht aus⸗ halten— Lady, ich muß— Himmel und Erde liegen auf mir — ich muß Ihnen ein Geſtaͤndniß thun, Lady! Lady(von ihm wegfliehend). Jetzt nicht! Jetzt nicht, bei Allem, was heilig iſt— in dieſem entſetzlichen Augenblick nicht, wo mein zerriſſenes Herz an tauſend Dolchſtichen blutet— Sey's Tod oder Leben— ich darf es nicht— ich will es nicht hoͤren! Ferdinand. Doch, doch, beſte Lady! Sie muͤſſen es. Was ich Ihnen jetzt ſagen werde, wird meine Strafbarkeit mindern und eine warme Abbitte des Vergangenen ſeyn— Ich habe mich in Ihnen betrogen. Milady— ich erwartete— ich wuͤnſchte, Sie meiner Verachtung wuͤrdig zu finden. Feſt entſchloſſen, Sie zu beleidigen und Ihren Haß zu verdienen, kam ich hieher.— Gluͤcklich, wir beide, wenn mein Vorſatz gelungen waͤre.(Er ſchweigt eine Weile, davauf leiſer und ſchuͤchterner.) Ich liebe, Milady— liebe ein bürgerliches Maͤdchen — Louiſe Millerin, eines Muſikus Tochter.(Lady wendet ſich bleich von ihm weg, er faͤhrt lebhafter fort.) Ich weiß, worein ich mich ſtuͤrze; aber wenn auch Klugheit die Leidenſchaft ſchweigen heißt, ſo redet die Pflicht deſto lauter— Ich bin der Schuldige. Ich zuerſt zerriß ihrer Unſchuld goldenen Frieden— wiegte ihr Herz mit vermeſſenen Hoffnungen und gab es verraͤtheriſch der wilden Leidenſchaft Preis— Sie werden mich an Stand— an Geburt— an die Grundſaͤtze meines Vaters erinnern— aber ich liebe.— Meine Hoffnung ſteigt um ſo hoͤher, je tiefer die Natur mit Convenienzen zerfallen iſt. — Mein Entſchluß und das Vorurtheil!— Wir wollen ſehen, ob die Mode oder die Menſchheit auf dem Platze bleiben wird.(Lady hat ſich indeß bis an das aͤußerſte Ende des Zimmers zuruͤckgezogen und haͤlt das Geſicht mit beiden Haͤnden bedeckt. Er folgt ihr dahin.) Sie wollten mir etwas ſagen, Milady? Lady(im Ausdruck des heftigſten Leidens). Nichts, Herr von Walter! nichts, als daß Sie ſich und mich und noch eine Dritte zu Grunde richten. Ferdinand. Noch eine Dritte? Lady. Wir koͤnnen mit einander nicht gluͤcklich werden. Wir muͤſſen der Voreiligkeit Ihres Vaters zum Opfer werden. Nimmermehr werd' ich das Herz eines Mannes haben, der mir ſeine Hand nur gezwungen gab. Ferdinand. Gezwungen, Lady? gezwungen gab? und alſo doch gab? Koͤnnen Sie eine Hand ohne Herz erzwingen? Sie einem Maͤdchen den Mann entwenden, der die ganze Welt dieſes Maͤdchens iſt? Sie einen Mann von dem Maͤd⸗ chen reißen, das die ganze Welt dieſes Mannes iſt? Sie, Mi⸗ lady— vor einem Augenblick noch die bewundernswuͤrdige Brittin?— Sie koͤnnen das? Lady. Weil ich es muß.(Mit Ernſt und Schaͤrfe.) Meine Leidenſchaft, Walter, weicht meiner Zaͤrtlichkeit fuͤr Sie. Meine Ehre kann's nicht mehr— Unſre Verbindung iſt das Geſpräch des ganzen Landes. Alle Augen, alle pfeile des Spottes ſind auf mich geſpannt. Die Beſchimpfung iſt unausloͤſchlich, wenn ein Unterthan des Fuͤrſten mich ausſchlaͤgt! Rechten Sie mit Ihrem Vater! Wehren Sie ſich, ſo gut Sie koͤnnen!— Ich laſſ' alle Minen ſpringen!(Sie geht ſchnell ab. Der Major bleibt in ſprachloſer Erſtarrung ſtehen. Pauſe. Dann ſtuͤrzt er fort durch die Fluͤgelthuͤr.) Vierte Seene. Zimmer beim Muſikanten. Miller. Frau Millerin. Kouiſe treten auf. Miller chaſtig ins Zimmer). Ich hab's ja zuvor geſagt! Louiſe aaͤngſilich). Was, Vater? was? Miller ceennt wie toll auf und nieder). Meinen Staatsrock her— hurtig— ich muß ihm zuvorkommen— und ein weißes Manſchettenhemd!— Das hab' ich mir gleich eingebildet! Louiſe. Um Gotteswillen! was? Millerin. Was gibt's denn? was iſt's denn? Miller(wirft ſeine Perrücke ins Zimmer). Nur gleich zum Friſeur das! Was es gibt? Vor den Spiegel geſprungen) Und mein Bart iſt auch wieder fingerslang.— Was es gibt?— Was wird's geben, du Rabenaas?— der Teufel iſt los, und dich ſoll das Wetter ſchlagen! Frau. Da ſehe man! Ueber mich muß gleich Alles kommen. Miller. Ueber dich? Ja, blaues Donnermaul! und uͤber wen anders? Heute fruͤh mit deinem diaboliſchen Junker— Hab⸗ ich's nicht im Moment geſagt?— Der Wurm hat geplaudert. 378 Frau. Ah was! Wie kannſt du das wiſſen? Miller. Wie kann ich das wiſſen?— Da!— unter der Hausthuͤr ſpukt ein Kerl des Miniſters und fragt nach dem Geiger! Loniſe. Ich bin des Todes! Miller. Du aber auch mit deinen Vergißmeinnichts⸗ Augen!(acht voll Bosheit.) Das hat ſeine Richtigkeit, wem der Teufel ein Ei in die Wirthſchaft gelegt hat, dem wird eine huͤbſche Tochter geboren— Jetzt hab' ich's blank. Frau. Woher weißt du denn, daß es der Louiſe gilt? Du kannſt dem Herzog recommandirt worden ſeyn. Er kann dich ins Orcheſter verlangen. Miller(ſpringt nach ſeinem Rohr). Daß dich der Schwefel⸗ regen von Sodom!— Orcheſter! Ja, wo du Kupplerin den Discant wirſt heulen und mein blauer Hinterer den Contrebaß vorſtellen! Wirft ſich in einen Stuhl.) Gott im Himmel! Louiſe(ſetzt ſich todtenbleich nieder). Mutter! Vater! Warum wird mir auf einmal ſo bange? Miller(ſpringt wieder vom Stuhl auf. Aber ſoll mir der Dintenkleckſer einmal in den Schuß laufen!— Soll er mir laufen!— Es fey in dieſer oder in jener Welt— Wenn ich ihm nicht Leib und Seele breiweich zuſammendreſche, alle zehn Ge⸗ bote und alle ſieben Bitten im Vaterunſer, und alle Buͤcher Moſis und der Propheten aufs Leder ſchreibe, daß man die blauen Flecken bei der Auferſtehung der Todten noch ſehen ſoll— . Frau. Jal fluch' du und poltre du! Das wird jetzt den Teufel bannen! Hilf, heiliger Herregott! Wo hinaus nun? Wie werden wir Rath ſchaffen? Was nun anſangen? Vater Miller, ſo rede doch!(Ste läuft heulend durchs Zimmer.) Miller. Auf der Stell' zum Miniſter will ich! Ich will ſelbſt mein Maul aufthun— ich ſelbſt will es angeben! Du haſt es vor mir gewußt! Du haͤtteſt mir einen Wink geben koͤnnen! Das Maͤdel haͤtt' ſich noch weiſen laſſen. Es waͤre noch Zeit geweſen— aber nein!— Da hat ſich was mackeln laſſen; da hat ſich was ſiſchen laſſen! Da haſt du nun Holz obendrein zu⸗ getragen!— Jetzt ſorg' auch fuͤr deinen Kuppelpelz. Friß aus, was du einbrockteſt! Ich nehme meine Tochter in Arm und marſch mit ihr uͤber die Graͤnze! Fünfte Seene. Ferdinand von Walter ſuürzt erſchrocken und außer Athem ins Zimmer. Die Vorigen. Ferdinand. War mein Vater da? Louiſe Cfährt mit Schrecken auf.. Sein Vater! Allmaͤchtiger Gott! Frau(ſchlaͤgt die Haͤnde zuſammen). Der Praͤ ſident! Es iſt aus mit uns! Miller(acht voll Bosheit). Gottlob! Gott⸗ lob! Da haben wir ja die Beſcherung!. Ferdinand ceilt auf Louiſen zu und drückt ſie ſtark in die Arme). Mein biſt du, und wuͤrfen Hoͤll' und Himmel ſich zwiſchen uns! Louiſe. Mein Tod iſt gewiß— Rede weiter— Du ſprachſt einen ſchrecklichen Namen aus— Dein Vater? Ferdinand. Nichss! Nichts! Es iſt uͤberſtanden! Ich hab' dich ja wieder! Du haſt mich ja wieder! O laſſ' mich Athem ſchoͤpfen an dieſer Bruſt! Es war eine ſchreckliche Stunde! LTouiſe. Welche? Du toͤdteſt mich! Ferdinand(tritt zurück und ſchaut ſie bedeutend an). Eine Alle zugleich. .— 380 Stunde, Louiſe, wo zwiſchen mein Herz und dich eine fremde Geſtalt ſich warf— wo meine Liebe vor meinem Gewiſſen erblaßte — wo meine Louiſe aufhoͤrte, ihrem Ferdinand Alles zu ſeyn—— Louiſe(iinkt mit verhuͤlltem Geſicht auf den Seſſel nieder). Ferdinand ggeht ſchnell auf ſie zu, bleibt ſprachlos mit ſtarrem Blick vor ihr ſtehen, dann verlaͤßt er ſie ploͤtzlich, in großer Bewegung). Nein! Nimmermehr! Unmoͤglich, Lady! Zu viel verlangt! Ich kann dir dieſe Unſchuld nicht opfern— Nein, beim unend⸗ lichen Gott! ich kann meinen Eid nicht verletzen, der mich laut wie des Himmels Donner aus dieſem brechenden Auge mahnt— Lady, blick hieher— hieher, du Rabenvater— Ich ſoll dieſen Engel wuͤrgen? Die Hoͤlle ſoll ich in dieſen himmliſchen Buſen ſchuͤtten?(Mit Entſchluß auf ſie zueilend.) Ich will ſie fuͤhren vor des Weltrichters Thron, und ob meine Liebe Verbrechen iſt, ſell der Ewige ſagen.(Er faßt ſie bei der Hand und hebt ſie vom Seſſel.) Faſſe Muth, meine Theuerſte!— Du haſt gewonnen! Als Sieger komm' ich aus dem gefaͤhrlich⸗ ſten Kampf zuruͤck! Louiſe. Nein! Nein!— Verhehle mir nichts! Sprich es aus, das entſetzliche Urtheil! Deinen Vater nannteſt du? Du nannteſt die Lady?— Schauer des Todes ergreifen mich — Man ſagt, ſie wird heirathen. Ferdinand(kſürzt betaͤubt zu Louiſens Fuͤßen nieder). Mich, Ungluckſelige! Louiſe(nach einer Pauſe, mit ſtillem bebendem Ton und ſchreck⸗. licher Ruhe). Nun— was erſchreck' ich denn?— Der alte Mann dort hat mir's ja oft geſagt— ich hab' es ihm nie glauben wollen.(Pauſe, dann wirft ſie ſich Millern laut weinend in den Arm.) Vater, hier iſt deine Tochter wieder— Verzeihung, Vater!— Dein Kind kann ja nicht dafuͤr, daß dieſer Traum ſo ſchoͤn war, und—— ſo fuͤrchterlich jetzt das Erwachen— 381 Killer. Louiſe! Louiſe! O Gott, ſie iſt von ſich— meine Tochter, mein armes Kind— Fluch uber den Verfuͤhrer! — Fluch uͤber das Weib, das ſie ihm kuppelte! Frau ewirft ſich jammernd auf Louiſen). Verdien' ich dieſen Fluch, meine Tochter? Vergeb's Ihnen Golt, Baron!— Was hat dieſes Lamm gethan, daß Sie es wuͤrgen? Ferdinand(ſpringt an ihr auf, voll Entſchloſſenheit). Aber ich will ſeine Cabalen durchbohren— durchreißen will ich alle dieſe eiſernen Ketten des Vorurtheils— Frei wie ein Mann will ich waͤhlen, daß dieſe Inſectenſeelen am Rieſenwerk meiner Liebe hinaufſchwindeln.(Er will fort.) Louiſe(ittert vom Seſſel auf, ſolgt ihm). Bleib'! Bleib'! Wohin willſt du?— Vater— Mutter— in dieſer bangen Stunde verlaͤßt er uns! Frau leilt ihm nach, haͤngt ſich an ihn). Der Praͤſident wird hieher kommen— Er wird unſer Kind mißhandeln— Er wird uns mißhandeln— Herr von Walter, und Sie verlaſſen uns? Miller(acht wuͤthend). Verlaͤßt uns! Freilich! Warum nicht?— Sie gab ihm ja Alles hin! Mit der einen Hand den Major, mit der andern Louiſen faſſend.) Geduld, Herr! der Weg aus meinem Hauſe geht nur uͤber dieſe da— Ermarte erſt deinen Vater, wenn du kein Bube biſt. Erzaͤhl' es ihm, wie du dich in ihr Herz ſtahlſt, Betruͤger, oder bei Gott!(ihm ſeine Tochter zuſchleudernd, wild und heſtig) du ſollſt mir zuvor dieſen wimmernden Wurm zertreten, den Liebe zu dir ſo zu Schan⸗ den richtete! Ferdinand ckommt zuruͤck, und geht auf und ab in tiefen Ge⸗ danken). Zwar die Gewalt des Praͤſidenten iſt groß— Vater⸗ recht iſt ein weites Wort— der Frevel ſelbſt kann ſich in ſeinen Falten verſtecken, er kann es weit damit treiben— weit! — Doch aufs Aeußerſte treibt's nur die Liebe— Hier, ——— 382 Louiſe! Deine Hand in die meinige!(Er faßt ſie heftis). So wahr mich Gott im letzten Hauch nicht verlaſſen ſoll!— Der Augenblick, der dieſe zwei Haͤnde trennt, zerreißt auch den Faden zwiſchen mir und der Schoͤpfung! Lauiſe. Mir wird bange! Blick' weg! Deine Lippen beben! Dein Auge rollt fuͤrchterlich— Ferdinand. Nein, Louife! zittre nicht! Es iſt nicht Waznſinn, was aus mir redet! Es iſt das koͤſtliche Geſchenk des Himmels, Entſchluß in dem geltenden Augenblick, wo die gepreßte Bruſt nur durch etwas Unerhoͤrtes ſich Luft macht— Ich liebe dich, Louiſe— Du ſollſt mir bleiben, Louiſe— Jetzt zu meinem Vater!(Er eilt ſchnell fort und rennt gegen den Proͤſidenten.) Sechste Seene. Der Präſident mit einem Gefolge von Bedienten. Porige. präſident m Hereintreten). Da iſt er ſchon! Alle(erſchrecken). Ferdinand weicht einige Schritte zurüch). Im Hauſe der Unſchuld. Präſident. Wo der Sohn Gehorſam gegen den Vater lernt!. Ferdinand. Laſſen Sie uns doch—— pPräſident(unterbricht ihn, zu Millern). Er iſt der Vater? Miller. Stadtmuſikant Miller. Präſident aur Fraw. Sie die Mutter? Frau. Ach ja! die Mutter! 383 Ferdinand au Millern). Vater, bring' er die Tochter weg— ihr droht eine Ohnmacht. Präſident. Ueberfluͤſſige Sorgfalt! Ich will ſie anſtrei⸗ chen.(Zu Louiſen.) Wie lang' kennt ſie den Sohn des Praͤſi⸗ denten? Louiſe. Dieſem habe ich nie nachgefragt! Ferdinand von Walter beſucht mich ſeit dem November! Ferdinand. Betet ſie an! Präſident. Erhielt ſie Verſicherungen? Ferdinand. Vor wenigen Augenblicken die feierlichſten im Angeſichte Gottes. Präſident. Cornig zu ſeinem Sohne). Zur Beichte deiner Thorheit wird man dir ſchon das Zeichen geben. Gu Louiſen.) Ich erwarte Antwort. SCsuiſe. Er ſchwur mir Liebe. Ferdinand. Und wird ſie halten! Präſident. Muß ich befehlen, daß du ſchweigſt?— Nahm ſie den Schwur an? Lauiſe Gaͤrtlich). Ich erwiederte ihn. Ferdinand(mit ſeſter Stimme). Der Bund iſt geſchloſſen Präſident Ich werde das Echo hinaus werfen laſſen. (Boshaft zu Louiſen). Aber er bezahlte ſie doch jederzeit baar? Lsuiſe(auſmerkſam). Dieſe Frage verſtehe ich nicht ganz. Präſident(mit beißendem Lachen). Nicht? Nun! ich meine nur— Jedes Handwerk hat, wie man ſagt, ſeinen goldenen Boden— auch ſie, hoſſ' ich, wird ihre Gunſt nicht verſchenkt haben— oder war's ihr vielleicht mit dem bloßen Ver⸗ ſchluß gedient? Wie?— Kerdinand ſſaͤhrt wie raſend auh. Hoͤlle! was war das? Louiſe Gum Major mit Wuͤrde und Unwillen). Herr von Walter, jetzt ſind Sie frei! 384 Ferdinand. Vater! Ehrfurcht befiehlt die Tugend auch im Bettlerkleid! Präſident Hacht kauter). Eine luſtige Zumuthung! Der Vater ſoll die Hure des Sohnes reſpectiren. Kouiſe(ſuͤrzt nieder. O Himmel und Erde! Fe rdinand amit Loulſen zu gleicher Zeit, indem er den Degen nach dem Praͤſidenten zuckt, den er aber ſchnell wieder ſinken laͤßt.) Vater! Sie hatten einmal ein Leben an mich zu fordern— Es iſt bezahlt.(Den Degen einſteckend.) Der Schuldbrief der kindlichen Pflicht liegt zerriſſen da— Miller(der bis jetzt furchtſam auf der Seite geſtanden, tritt hervor än Bewegung, wechſelsweiſe vor Wuth mit den Zaͤhnen knirſchend und vor Angſt damit klappernd). Euer Excellenz— Das Kind iſt des Vaters Arbeit— Halten zu Gnaden— Wer das Kind eine Maͤhre ſchilt, ſchlaͤgt den Vater ans Ohr, und Ohrfeig' um Ohrfeig'— Das iſt ſo Tax bei uns— Halten zu Gnaden! Frau. Hilf, Herr und Heiland!— Jetzt bricht auch der Alte los— uͤber unſerm Kopf wird das Wetter zuſammen⸗ ſchlagen! Präſivdent(der es nur halb gehoͤrt hat). Regt ſich der Kupp⸗ ler auch?— Wir ſprechen uns gleich, Kuppler! Miller. Halten zu Snaden! ich heiße Miller, wenn Sie ein Adagio hoͤren wollen— mit Buhlſchaften dien' ich nicht! So lang der Hof noch da Vorrath hat, kommt die Lieferung nicht an uns Buͤrgersleute! Halten zu Gnaden! Frau. Um des Himmels willen, Mann! Du bringſt Weib und Kind um. Ferdinand. Sie ſpielen hier eine Rolle, mein Vater, wobei Sie ſich wenigſtens die Zeugen haͤtten erſparen koͤnnen! Miller c(kommt ihm naͤher, herzhafter). Deutſch und ver⸗ ſtändlich! Halten zu Gnaden! Euer Excellenz ſchalten und 385 walten im Land! Das iſt meine Stube! Mein devoteſtes Compliment, wenn ich dermaleinſt ein pro memoria bringe, aber den ungehobelten Gaſt werf' ich zur Thuͤr hinaus— Halten zu Gnaden! Präſident(vor Wuth blaß. Was?— Was iſt das? Tritt ihm naͤher.) Miller Gieht ſich ſachte zuruͤck. Das war nur ſo meine Meinung, Herr— Halten zu Gnaden! Präſident(in Flammen). Ha, Spitzbube! Ins Zucht⸗ haus ſpricht dich deine vermeſſene Meinung— Fort! Man ſoll Gerichtsdiener holen.(Einige vom Gefolge gehen ab; der Praͤſident rennt voll Wuth durch das Zimmer.) Vater ins Zucht⸗ haus!— an den Pranger Mutter und Metze von Tochter! Die Gerechtigkeit ſoll meiner Wuth ihre Arme borgen! Fuͤr dieſen Schimpf muß ich ſchreckliche Genugthuung haben— Ein ſolches Geſindel ſollte meine Plane zerſchlagen, und ungeſtraft Vater und Sohn an einander hetzen?— Ha, Verfluchte! Ich will meinen Haß an eurem Untergang ſaͤttigen, die ganze Brut, Vater, Mutter und Tochter, will ich meiner brennenden Rache opfern! Ferdinand ttitt gelaſſen und ſtandhaft unter ſie hin). O nicht doch! Seyd außer Furcht! Ich bin zugegen. Zum Praͤſidenten mit Unterwuͤrfigkeit) Keine Uebereilung, mein Vater! Wenn Sie ſich ſelbſt lieben, keine Gewaltthaͤtigkeit!— Es gibt eine Gegend in meinem Herzen, worin das Wort Vater noch nie gehoͤrt worden iſt— Dringen Sie nicht bis in dieſe. Präſident. Nichtswuͤrdiger! Schweig! Reize meinen Grimm nicht noch mehr! Miller ckommt aus einer dumpfen Betaͤubung zu ſich ſelbſt). Schau'’ du nach deinem Kinde, Frau! Ich laufe zum Herzog! — Der Leibſchneider— das hat mir Gotr eingeblaſen— der Schillers ſaͤmmtl. Werke. II. 25 6 326 Leibſchneider lernt die Floͤte bei mir! Es kann nicht fehlen beim Herzog,(Er will gehen.) Präſident. Beim Herzog, ſagſt du?— Haſt du vergeſſen, daß ich die Schwelle bin, woruͤber du ſpringen oder den Hals brechen mußt?— Beim Herzog, du Dummkopf?— Verſuch' es, wenn du, lebendig todt, eine Thurmhoͤhe tief, unter dem Boden im Kerker liegſt, wo die Nacht mit der Hoͤlle liebaͤugelt, und Schall und Licht wieder umkehren. Raßle dann mit deinen Ketten und wimmre: mir iſt zu viel geſchehen! Siebente Seene. Gerichtsdiener. Die Vorigen. Ferdinand ceilt auf Louiſen zu, die ihm halb todt in den Arm fallt). Louiſe! Huͤlfe! Rettung! Der Schrecken uͤberwaͤltigte ſie! Miller eergreift ſein ſpaniſches Rohr, ſetzt den Hut auf und macht ſich zum Angriffe gefaßt). Frau(wirft ſich auf die Kniee vor dem Praͤſidenten). pr äſident dzu den Gerichtsdienern, ſeinen Orden entbloͤßend)⸗ Legt Hand an, im Namen des Herzogs!— Weg von der Metze, Junge!— Ohnmaͤchtig oder nicht— wenn ſie nur erſt das eiſerne Halsband um hat, wird man ſie ſchon mit Stein⸗ wuͤrfen aufwecken! Frau. Erbarmung, Ihro Excellenz! Erbarmung! Er⸗ barmung! Miller reißt ſeine Frau in die Hoͤhe). Knie vor Gott, alte Heulhure, und nicht vor— Schelmen, weil ich ja doch ſchon 22 ns Zuchthaus muß! 387 Präſident(beißt in die Lippem. Du kannſt dich verrechnen⸗ Bube! Es ſtehen noch Galgen leer!(Zu den Gerichtsdienern.) Muß ich es noch einmal ſagen? Gerichtsdiener(dringen auf Louiſen ein). Ferdinand(ſpringt an ihr auf und ſiellt ſich vor ſie, grimmig). Wer will was?(Er zieht den Degen ſammt der Scheide und wehrt ſich mit dem Gefaͤß.) Wag' es, ſie anzuruͤhren, wer nicht auch die Hirnſchale an die Gerichte vermiethet hat. Zum Praͤſidenten.) Schonen Sie Ihrer ſelbſt! Treiben Sie mich nicht weiter, mein Vater! Präſident(drohend zu den Gerichtsdienern). Wenn euch euer Brod lieb iſt, Memmen—. Gerichtsdiener(greifen Louiſen wieder an). Ferdinand. Tod und alle Teufel! Ich ſage: Zuruͤck!— Noch einmal! Haben Sie Erbarmen mit ſich ſelbſt! Treiben Sie mich nicht aufs Aeußerſte, Vater! Präſident(aufgebracht zu den Gerichtsdienern). Iſt das euer Dienſteifer, Schurken? Gerich,tsdiener(greifen hitziger an). Ferdinand. Wenn es denn ſeyn muß(idem er den Degen⸗ zieht und einige von denſelben verwundet), ſo verzeihe mir, Gerech⸗ tigkeit! Präſident(oll Zorm.. Ich will doch ſehen, ob auch ich dieſen Degen fuͤhle.(Er faßt Louiſen ſelbſt, zerrt ſie in die Hoͤhe und uͤbergibt ſie einem Gerichtsknechte.) Ferdinand Lacht erbittery. Vater, Vater! Sie machen hier ein beißendes Pasquill auf die Gottheit, die ſich ſo uͤbel auf ihre Leute verſtund, und aus volljlommenen Henkers⸗ knechten ſchlechte Miniſter machte! Präſident u den Uebrigen. Fort mit ihr! Ferdinand. Vater, ſie ſoll an dem Pranger ſtehen, aber 388 mit dem Major, des Praͤſidenten Sohne— Beſtehen Sie noch darauf? Präſident. Deſto poſſirlicher wird das Spektakel— Fort! Ferdinanv. Vater! ich werfe meinen Officiersdegen auf das Maͤdchen—— Beſtehen Sie noch darauf?— Präſident. Das Port d'Epée iſt an deiner Seite des Prangerſtehens gewohnt worden— Fort! fort! Ihr wißt mei⸗ nen Willen! 4 Ferdinand(druͤckt einen Gerichtsdiener weg, faßt Louiſen mit einem Arm, mit dem andern zuͤckt er den Degen auf ſie). Vater! Eh' Sie meine Gemahlin beſchimpfen, durchſtoß' ich ſie— Beſtehen Sie noch daraufe Präſident. Thu' es, wenn deine Klinge auch ſpitzig iſt! Ferdina n?(laͤßt Louiſen fahren und blickt fuͤrchterlich zum Himmeh). Du, Allmaͤchtiger, biſt Zeuge! Kein menſchliches Mittel ließ ich unverſucht— ich muß zu einem teufliſchen ſchreiten — Ihr fuͤhrt ſie zum Pranger fort, unterdeſſen ddem Praͤſidenten ins Ohr rufend) erzaͤhl' ich der Reſidenz eine Geſchichte, wie man Praͤſident wird.(Ab.). Präſident(wie vom Blitz gerührt)'. Was iſt das?— Ferdi⸗ nand! Laßt ſie ledig!(Er eilt dem Major nach⸗) * Dritter Akt. Erſte Scene. Saal beim Praͤſidenten. Der Präſident und Terretär Murm kommen. Präſident. Der Streich war verwuͤnſcht! Wurm. Wie ich befuͤrchtete, gnaͤdiger Herr! Zwang er⸗ bittert die Schwaͤrmer immer, aber bekehrt ſie nie. Präſident. Ich hatte mein beſtes Vertrauen in dieſen Anſchlag geſetzt! Ich urtheilte ſo: wenn das Maͤdchen be⸗ ſchimpft wird, muß er, als Officier, zuruͤcktreten.— Wurm. Ganz vortrefflich! Aber zum Beſchimpfen haͤtt es auch kommen ſollen. Präſident. Und doch— wenn ich es jetzt mit kaltem Blut uͤberdenke— Ich haͤtte mich nicht ſollen eintreiben laſſen. — Es war eine Drohung, woraus er wohl nimmermehr Ernſt gemacht haͤtte.. Wurm. Das denken Sie ja nicht. Der gereizten Leiden⸗ ſchaft iſt keine Thorheit zu bunt. Sie ſagen mir, der Herr Major habe immer den Kopf zu Ihrer Regierung geſchuͤttelt! 390 Ich glaub's. Die Grundſaͤtze, die er aus Akademien hieher brachte, wollten mir gleich nicht recht einleuchten! Was ſollten auch die phantaſtiſchen Traͤumereien von Seelengroͤße und per⸗ ſoͤnlichem Adel an einem Hof, wo die groͤßte Weisheit diejenige iſt, im rechten Tempo, auf ſeine geſchickte Art, Groß und Klein zu ſeyn! Er iſt zu jung und zu feurig, um Geſchmack am langſamen, krummen Gang der Cabale zu finden, und nichts wird ſeine Ambition in Bewegung ſetzen, als was groß iſt und gbenteuerlich. Präſident(oerdrießlich. Aber was wird dieſe wohlweiſe Anmerkung an unſerm Handel verbeſſern? Wurm. Sie wird Ew. Excellenz auf die Wunde hin⸗ weiſen, und auch vielleicht auf den Verband. Einen ſolchen Charakter— erlauben Sie— haͤtte man entweder nie zum Vertrauten oder niemals zum Feind machen ſollen! Er verabſcheut das Mittel, wodurch Sie geſtiegen ſind. Vielleicht war es bis jetzt nur der Sohn, der die Zunge des Verraͤthers band. Geben Sie ihm Gelegenheit, jenen rechtmaͤßig abzuſchuͤt⸗ teln; machen Sie ihn durch wiederholte Stuͤrme auf ſeine Leidenſchaft glauben, daß Sie der zaͤrtliche Vater nicht ſind, ſo dringen die Pflichten des Patrioten bei ihm vor. Ja, ſchon allein die ſeltſame Phantaſie, der Gerechtigkeit ein ſo merkwuͤr⸗ diges Opfer zu bringen, koͤnnte Reiz genug fuͤr ihn haben, ſelbſt ſeinen Vater zu ſtuͤrzen. Präſident. Wurm!— Wurm!— Er fuͤhrt mich da vor einen entſetzlichen Abgrund. Wurm. Ich will Sie zuruͤckfuͤhren, gnaͤdiger Herr. Darf ich freimuͤthig reden? 4 4 Präſident undem er ſich niederſetzte. Wie ein Verdammter zum Mitverdammten!. Wurm. Alſo verzeihen Sie— Sie haben, duͤnkt mich, 391 der biegſamen Hofkunſt den ganzen Praͤſidenten zu danken, warum vertrauten Sie ihr nicht auch den Vater an? Ich beſinne mich, mit welcher Offenheit Sie Ihren Vorgaͤnger da⸗ mals zu einer Partie Piguet beredeten und bei ihm die halbe Nacht mit freundſchaftlichem Burgunder hinwegſchwemmten, und das war doch die naͤmliche Nacht, wo die große Mine losgehen und den ganzen Mann in die Luft blaſen ſollte— Warum zeigten Sie Ihrem Sohne den Feind? Nimmermehr haͤtte dieſer erfahren ſollen, daß ich um ſeine Liebesangelegenheit wiſſe. Sie haͤtten den Roman von Seite des Maͤdchens unter⸗ hoͤhlt und das Herz Ihres Sohnes behalten! Sie haͤtten den klugen General geſpielt, der den Feind nicht am Kern ſeiner Truppen faßt, ſondern Spaltungen unter den Gliedern ſtiftet! Präſident. Wie war das zu machen? Wurm. Auf die einfachſte Art— und die Karten ſind noch nicht ganz vergeben. Unterdruͤcken Sie eine Zeitlang, daß Sie Vater ſind. Meſſen Sie ſich mit einer Leidenſchaft nicht, die jeder Widerſtand nur maͤchtiger machte— Ueberlaſſen Sie es mir, an ihrem eigenen Feuer den Wurm auszubruͤten, der ſie frißt. präſident. Ich bin begierig. Wurm. Ich muͤßte mich ſchlecht auf den Barometer der Seele verſtehen, oder der Herr Major iſt in der Eiferſucht ſchrecklich, wie in der Liebe! Machen Sie ihm das Maͤdchen verdaͤchtig—— Wahrſcheinlich oder nicht. Ein Gran Heſe reicht hin, die ganze Maſſe in eine zerſtoͤrende Gaͤhrung zu zagen! präſivent. Aber woher dieſen Gran nehmen? „Wurm. Da ſind wir auf dem Punkt— Vor allen Din⸗ gen, gnaͤdiger Herr, erklaͤren Sie mir, wie viel Sie bei der ferneren Weigerung des Majors auf dem Spiel haben— in 392 welchem Grade es Ihnen wichtig iſt, den Roman mit dem Buͤrgermaͤdchen zu endigen und die Verbindung mit Lady Mil⸗ ford zu Stande zu bringen? Präſident. Kann er noch fragen, Wurm?— Mein gan⸗ zer Einfluß iſt in Gefahr, wenn die Partie mit der Lady zuruͤck⸗ geht, und wenn ich den Major zwinge, mein Hals! Wurm(muntey. Jetzt haben Sie die Gnade und hoͤren! — Den Herrn Major umſpinnen wir mit Liſt. Gegen das Naͤdchen nehmen wir Gewalt zu Huͤlfe. Wir dictiren ihr ein Billet doux an eine dritte Perſon in die Feder, und ſpielen das mit guter Art dem Major in die Haͤnde. Präſident. Toller Einfall! Als ob ſie ſich ſo geſchwind hin bequemen wuͤrde, ihr eizenes Todesurtheil zu ſchreiben! Wurm. Sie muß, wean Sie mr freie Hand laſſen wollen. Ich kenne das gute Herz auf und nieder. Sie hat nicht mehr als zwei toͤdtliche Seiten, durch welche wir ihr Ge⸗ wiſſen beſtuͤrmen koͤnnen— ihren Vater und den Major. Der Letztere bleibt ganz und gar aus dem Spiel; deſto freier koͤnnen wir mit dem Muſtkanten umſpringen— Präſident. Als zum Exempel? Wurm. Nach dem, was Ew. Excellenz mir von dem Auftritt in ſeinem Hauſe geſagt haben, wird nichts leichter ſeyn, als den Vater mit einem Halsproceß zu bedrohen. Die Perſon des Guͤnſtlings und Siegelbewahrers iſt gewiſſermaßen der Schatten der Majeſtaͤt.— Beleidigungen gegen jenen ſind Ver⸗ letzungen dieſer.— Wenigſtens will ich den armen Schaͤcher mit dieſem zuſammengeflickten Kobold durch ein Nadeloͤhr jagen. Präſident. Doch— ernſthaft duͤrfte der Handel nicht werden. Wurm. Ganz und gar nicht— Nur in ſo weit, als es 2 393 noͤthig iſt, die Familie in die Klemme zu treiben— Wir ſetzen alſo in aller Stille den Muſikus feſt— Die Noth um ſo dringender zu machen, koͤnnte man auch die Mutter mitnehmen,— ſprechen von peinlicher Anklage, von Schaffot, von ewiger Feſtung, und machen den Brief der Tochter zur einzigen Bedingung ſeiner Befreiung. Präſident. Gut! gut! ich verſtehe. Wurm. Sie liebt ihren Vater— bis zur Leidenſchaft, moͤcht' ich ſagen. Die Gefahr ſeines Lebens— ſeiner Freiheit zum mindeſten— die Vorwuͤrfe ihres Gewiſſens, den Anlaß dazu gegeben zu haben— die nnbalichteit den Major zu be⸗ ſitzen— endlich die Betaͤubung ihres Kopfes, die ich auf mich nehme— es kann nicht fehlen— ſie muß in die Falle gehn. Präſident. Aber mein Sohn? Wird er nicht auf der Stelle Wind davon haben? Wird er nicht wuͤthender werden? Wurm. Das laſſen Sie meine Sorge ſeyn, gnaͤdiger Herr!— Vater und Mutter werden nicht eher freigelaſſen, bis die ganze Familie einen koͤrperlichen Eid darauf ablegt, den ganzen Vorgang geheim zu halten und den Betrug zu be⸗ ſtaͤtigen. Präſident. Einen Eid? Was wird ein Eid fruchten, Dummkopf? Wurm. Nichts bei uns, gnaͤdiger Herr! Bei dieſer Menſchenart Alles— Und ſehen Sie nun, wie ſchoͤn wir beide auf dieſe Manier zum Ziel kommen werden— Das Maͤd⸗ chen verliert die Liebe des Majors und den Ruf ihrer Tugend! Vater und Mutter ziehen gelindere Saiten auf, und durch und durch weich gemacht von Schickſalen dieſer Art, erkennen ſie's noch zuletzt fuͤr Erbarmung, wenn ich der Tochter durch meine Hand ihre Reputation wieder gebe. Präſident Qacht unter Kopfſchütteln). Ja, ich gebe mich dir 394 uͤberwunden, Schurke! Das Geweb' iſt ſataniſch fein! Der Schuͤler uͤbertrifft ſeinen Meiſter—— Nun iſt die Frage, an wen das Billet muß gerichtet werden? mit wem wir ſie in Verdacht bringen muͤſſen? Wurm. Nothwendig mit Jemand, der durch den Entſchluß Ihres Sohnes Alles gewinnen oder Alles verlieren muß! Dräſident(nach einigem Nachdenken). Ich weiß nur den Hofmarſchall. Wurm Guckt die Achſeln). Mein Geſchmack waͤr' er nun freilich nicht, wenn ich Louiſe Millerin hieße. Dräſident. Und warum nicht? Wunderlich! Eine blen⸗ dende Garderobe— eine Atmoſphaͤre von Eeau de mille fleurs und Biſam— auf jedes alberne Wort eine Handvoll Ducaten — und alles das ſollte die Delicateſſe einer buͤrgerlichen Dirne nicht endlich beſtechen koͤnnen? O, guter Freund! ſo ſcrupuloͤs iſt die Eiferſucht nicht! Ich ſchicke zum Marſchall.(Klingelt.) Wurm. Unterdeſſen, daß Ew. Excellenz dieſes und die Gefangennehmung des Geigers beſorgen, werd' ich hingehen und den bewußten Liebesbrief aufſetzen. Dräſident Gum Schreibpult gehend). Den er mir zum Durch⸗ leſen heraufbringt, ſobald er zu Stand ſeyn wied.(Wurm geht ab. Der Praͤſident ſetzt ſich zu ſchreiben; ein Kammerdiener kommt; er ſieht auf und gibt ihm ein Papier.) Dieſer Verhaftsbefehl muß ohne Aufſchub in die Gerichte— ein anderer von euch wird den Hofmarſchall zu mir bitten. Kammerdiener. Der gnaͤdige Herr ſind ſo eben hier angefahren. Präſident. Noch beſſer— aber die Auſtalten ſollen mit Vorſicht getroffen werden, ſagt ihm, daß kein Aufſtand erfolgt. 3 395 a3! 3! präſident. Verſteht Ihr? Ganz in der Stille. Kammerdiener. Ganz gut, Ihro Excellenz! Ab.) Zammerdiener. Sehr wohl, Ihr'’ Exceller Zweite Seene. Ver Präſident und der Hofmarſchall. Hofmarſchall ceilfertig). Nur en passant, mein Beſter!— Wie leben Sie? Wie befinden Sie ſich?— Heute Abend iſt große Opera Dido— das ſuperbeſte Feuerwerk— eine ganze Stadt brennt zuſammen— Sie ſehen ſie doch auch brennen? Was? Präſident. Ich habe Feuerwerks genng in meinem eigenen Hauſe, das meine ganze Herrlichkeit in die Luft nimmt— Sie kommen erwuͤnſcht, lieber Marſchall, mir in einer Sache zu rathen, thaͤtig zu helfen, die uns beide pouſſirt oder voͤllig zu Grunde richtet. Setzen Sie ſich. Hofmarſchall. Machen Sie mir nicht Angſt, mein Suͤßer! Präſident. Wie geſagt— pouſſirt oder ganz zu Grunde richtet. Sie wiſſen mein Project mit dem Major und der Lady. Sie begreifen auch, wie unentbehrlich es war, unſer beider Gluͤck zu firiren. Es kann Alles zuſammenfallen, Kalb! Mein Ferdinand will nicht! 8 Hofmarſchall. Will nicht— will nicht— ich hab's ja in der ganzen Stadt ſchon herumgeſagt! Die Mariage iſt ja in Jedermanns Munde! Präſident. Sie koͤnnen vor der ganzen Stadt als Wind⸗ macher daſtehen. Er liebt eine Andere! 396 Hofmarſchall. Sie ſcherzen. Iſt das auch wohl ein Hinderniß? Vräſident. Bei dem Trotzkopf das unuͤberwindlichſte. Hofmarſchall. Er ſollte ſo wahnſinnig ſeyn und ſeine Fortune ſo von ſich ſtoßen? Was?— Präſident. Fragen Sie ihn das und hoͤren Sie, was er antwortet! Hofmarſchall. Aber, mon Dieu! was kann er denn ant⸗ worten? Dräſident. Daß er der ganzen Welt das Verbrechen entdecken wolle, wodurch wir geſtiegen ſind— daß er unſere falſchen Briefe und Quittungen angeben— daß er uns beide ans Meſſer liefern wolle— das kann er antworten! Hofmarſchall. Sind Sie von Sinnen? Präſident. Das hat er geantwortet. Das war er ſchon Willens, ins Werk zu richten— Davon hab' ich ihn kaum noch durch meine hoͤchſte Erniedrigung abgebracht. Was wiſſen Sie hierauf zu ſagen? Hofmarſchall amit einem Schafsgeſicht). Mein Verſtand ſteht ſtille! 3 Vräſident. Das köͤnnte noch hingehen. Aber zugleich hinterbringen mir meine Spione, daß der Oberſchenk von Bock auf dem Sprunge ſey, um die Lady zu werben. Hofmarſchall. Sie machen mich raſend! Wer ſagen Sie? von Bock, ſagen Sie?— Wiſſen Sie denn auch, daß wir Todfeinde zuſammen ſind? Wiſſen Sie auch warum wir es ſind? Vräſident. Das erſte Wort, das ich hoͤre! Hofmarſchall. Beſter! Sie werden hoͤren und aus der Haut werden Sie fahren— Wenn Sie ſich noch des Hofballs entſinnen—— es geht jetzt ins einundzwanzigſte Jahr— wiſſen Sie, worauf man den erſten Engliſchen tanzte und dem 397 Grafen von Meerſchaum das heiße Wachs von einem Kron⸗ leuchter auf den Domino troͤpfelte— Ach Gott, das muͤſſen Sie freilich noch wiſſen! präſident. Wer koͤnnte ſo was vergeſſen! Hofmarſchall. Sehen Sie! da hatte Prinzeſſin Amalia in der Hitze des Tanzes ein Strumpfband verloren.— Alles kommt, wie begreiflich, in Alarm— von Bock und ich— wir waren noch Kammerjunker— wir kriechen durch den ganzen Redoutenſaal. das Strumpfband zu ſuchen— endlich erblick' ich's — von Bock merkt's— von Bock darauf zu, reißt es mir aus den Haͤnden— ich bitte Sie! bringt's der Prinzeſſin und ſchnappt mir gluͤcklich das Compliment weg.— Was denken Sie? Präſident. Impertinent! Hofmarſchall. Schnappt mir das Compliment weg— Ich meine in Ohnmacht zu ſinken. Eine ſolche Malice iſt gar nicht erlebt worden.— Endlich ermann' ich mich, naͤhere mich Ihrer Durchlaucht und ſpreche: Gnaͤdige Frauy! von Bock war ſo gluͤcklich, Hoͤchſtdenenſelben das Strumpfband zu uͤberreichen, aber wer das Strumpfband zuerſt erblickte, belohnt ſich in der Stille und ſchweigt.. Präſident. Bravo, Marſchall! Braviſſimo! Hofmarſchall. Und ſchweigt— Aber ich werd's dem von Bock bis zum juͤngſten Gerichte noch nachtragen— der nieder⸗ traͤchtige, kriechende Schmeichler!— Und das war noch nicht genug— Wie wir beide zugleich auf das Strumpfband zu Boden fallen, wiſcht mir von Bock an der rechten Friſur allen Puder weg, und ich bin ruinirt auf den ganzen Ball. Präſident. Das iſt der Mann, der die Milford hei⸗ rathen und die erſte Perſon am Hofe werden wird. Hofmarſchall. Sie ſtoßen mir ein Meſſer ins Herz. Wird? wird? Warum wird er? Wo iſt die Nothwendigkeit? Präſident. Weil mein Ferdinand nicht will und ſonſt Keiner ſich meldet.— Hofmarſchall. Aber wiſſen Sie denn gar kein einziges Mittel, den Major zum Entſchluß zu bringen?—— Sey's auch noch ſo bizarr, ſo verzweifelt! Was in der Welt kann ſo widrig ſeyn, das uns jetzt nicht willkommen waͤre, den verhaßten von Bock auszuſtechen! Vräſident. Ich weiß nur eines und das bei Ihnen ſteht. Hofmarſchall. Bei mir ſteht? Und das iſt? Vräſident. Den Major mit ſeiner Geliebten zu ent⸗ zweien. Hofmarſchall. Zu entzweien? Wie meinen Sie das — und wie mach' ich das? Dräſident. Alles iſt gewonnen, ſobald wir ihm das Maͤdchen verdaͤchtig machen. Hofmarſchall. Daß ſie ſtehle, meinen Sie? Präſident. Ach nein doch! Wie glaubte er das?— daß ſie es noch mit einem Andern habe. Hofmarſchall. Dieſer Andre? Präſident. Muͤßten Sie ſeyn, Baron. Hsfmarſchall. Ich ſeyn? Ich— Iſt ſie von Adel? Präſident. Wozu das? Welcher Einfall?— Eines Mu⸗ ſikanten Tochter. Hofmarſchall. Buͤrgerlich alſo? Das wird nicht an⸗ gehen! Was? Präſident. Was wird nicht angehen? Narrenspoſſen! Wem unter der Sonne wird es einfallen, ein Paar runde Wangen nach dem Stammbaum zu fragen? Hofmarſchall. Aber bedenken Sie doch, ein Ehrenmann! Und meine Reputation bei Hofe! Präſident. Das iſt was anders! Verzeihen Sie! Ich — V 1 399 habe das noch nicht gewußt, daß Ihnen der Mann von un⸗ beſcholtenen Sitten mehr iſt, als der von Einfluß. Wollen wir abbrechen! Hofmarſchall. Seyen Sie klug, Baron! es war ja nicht ſo verſtanden. Präſident cfroſtig). Nein— nein! Sie haben vollkommen Recht. Ich bin es auch muͤde. Ich laſſe den Karren ſtehen. Dem von Bock wuͤnſch' ich Gluͤck zum Premierminiſter. Die Welt iſt noch anderswo. Ich fordre meine(Entlaſſung vom Herzog. Hofmarſchall. Und ich?— Sie haben gut ſchwatzen, Sie! Sie ſind ein Studirter! Aber ich,— mon Dieu! was bin denn ich, wenn mich Seine Durchlaucht entlaſſen? Präſident. Ein Bonmot von vorgeſtern! die Mode vom vorigen Jahr! Hofmarſchall. Ich beſchwoͤre Sie, Theurer, Goldner! — Erſticken Sie dieſen Gedanken! Ich will mir ja Alles gefallen laſſen! Präſident. Wollen Sie Ihren Namen zu einem Rendez-vous hergeben, den Ihnen dieſe Millerin ſchriftlich vorſchlagen ſoll? Hofmarſchall. In Gottes Namen! Ich will ihn hergeben. Präſident. Und den Brief irgendwo herausfallen laſſen, wo er dem Major zu Geſicht kommen muß? Hafmarſchall. Zum Exempel auf der Parade will ich ihn, als von ungefaͤhr, mit dem Schnupftuch herausſchleudern. Präſident. Und die Rolle ihres Liebhabers gegen den Major behaupten? Hsfmarſchall. Mort de ma vie! Ich will ihn ſchon waſchen! Ich will dem Naſhhveis den Appetit nach meinen Amouren verleiden! Präſident. Nun geht's nach Wunſch! Der Brief muß 400 heute noch geſchrieben ſeyn. Sie muͤſſen vor Abend noch herkommen, ihn abzuholen und Ihre Rolle mit mir zu be⸗ richtigen! Hofmarſchall. Sobald ich ſechzehn Viſtten werde gege⸗ ben haben, die von allerhoͤchſter Importance ſind. Verzeihen Sie alſo, wenn ich mich ohne Aufſchub beurlaube!(Geht.) Präſident(klingelt). Ich zaͤhle auf Ihre Verſchlagenheit, Marſchall! Hofmarſchall cruft zuruͤck). Ah, mon Dieu! Sie kennen mich ja. Dritte Seene. Der Präſident und Murm. Wurm Der Geiger und ſeine Frau ſind gluͤcklich und ohne alles Geraͤuſch in Verhaft gebracht. Wollen Ew. Excellenz jetzt den Brief uͤberleſen? Präſivent(nachdem er geleſen). Herrlich! herrlich, Se⸗ cretaͤr! Auch der Marſchall hat angebiſſen!— Ein Gift wie das muͤßte die Geſundheit ſelbſt in eiternden Ausſatz verwan⸗ deln— Nun gleich mit den Vorſchlaͤgen zum Vater und dann warm zu der Tochter!(Gehen ab zu verſchiedenen Seiten.) 401 Vierte Seene. Zimmer in Millers Wohnung. Lauiſe und Ferdinand.— Louiſe. Ich bitte dich, hoͤre auf! Ich glaube an keine gluͤck⸗ lichen Tage mehr. Alle meine Hoffnungen ſind geſunken. Ferdinand. So ſind die meinigen geſtiegen! Mein Vater iſt aufgereizt; mein Vater wird alle Geſchuͤtze gegen uns rich⸗ ten! Er wird mich zwingen, den unmenſchlichen Sohn zu ma⸗ chen! Ich ſtehe nicht fuͤr meine kindliche Pflicht! Wuth und Verzweiflung werden mir das ſchwarze Geheimniß ſeiner Mord⸗ that erpreſſen. Der Sohn wird den Vater in die Haͤnde des Henkers liefern— Es iſt die hoͤchſte Gefahr—— und die hoͤchſte Gefahr mußte da ſeyn, wenn meine Liebe den Rieſen⸗ ſprung wagen ſollte—— Hoͤre, Louiſe!— Ein Gedanke, groß und vermeſſen wie meine Leidenſchaft, draͤngt ſich vor meine Seele— Du, Louiſe, und ich und die Liebe!— liegt nicht in dieſem Cirkel der ganze Himmel? oder brauchſt du noch etwas Viertes dazu? Louiſe. Brich ab! Nichts mehr! Ich erblaſſe uͤber das, was du ſagen willſt! Ferdinand. Haben wir an die Welt keine Forderung mehr, warum denn ihren Beifall erbetteln? Warum wagen, wo nichts gewonnen wird und Alles verloren werden kann? — Wird dieſes Auge nicht eben ſo ſchmelzend funkeln, ob es im Rhein oder in der Elbe ſich ſpiegelt, oder im baltiſchen Meer? Mein Paterland iſt, wo mich Louiſe liebt! Deine gpfen in n ſandigen Wuſten mir intereſſanter, als das Muͤnſter in meiner Heimath.— Werden wir die Pracht Schillers ſaͤmmtl. 1 26 t · 14 492 der Staͤdte vermiſſen? Wo wir ſeyn moͤgen, Louiſe, geht eine Sonne auf, eine unter— Schauſpiele, neben welchen der uͤppigſte Schwung der Kuͤnſte verblaßt! Werden wir Gott in keinem Tempel mehr dienen, ſo ziehet die Nacht mit begeiſtern⸗ den Schauern auf, der wechſelnde Mond predigt uns Buße, und eine andaͤchtige Kirche von Sternen betet mit uns!— Wer⸗ den wir uns in Geſpraͤchen der Liebe erſchoͤpfen? Ein Laͤcheln meiner Louiſe iſt Stoff fuͤr Jahrhunderte, und der Traum des Lebens iſt aus, bis ich dieſe Thraͤne ergruͤnde! Louiſe. Und haͤtteſt du ſonſt keine Pflicht mehr als deine Liebe? Ferdinand(ſie umarmend). Deine Ruhe iſt meine heiligſte! Louiſe(ſehr ernſthaft). So ſchweig' und verlaſſ' mich— Ich habe einen Vater, der kein Vermoͤgen hat, als dieſe ein⸗ zige Tochter— der morgen ſechzig Jahre alt wird— der der Rache des Praͤſidenten gewiß iſt! Ferdinand faͤllt raſch ein'. Der uns begleiten wird. Darum keinen Einwurf mehr, Liebe! Ich gehe, mache meine Koſtbarkeiten zu Geld, erhebe Summen auf meinen Vater. Es iſt erlaubt, einen Raͤuber zu pluͤndern, und ſind ſeine Schaͤtze nicht Blutgeld des Vaterlands?— Schlag ein Uhr um Mitternacht wird ein Wagen hieher fahren. Ihr werft euch hinein! Wir fliehen! Louiſe. Und der Fluch deines Vaters uns nach? Ein Fluch, Unbeſonnener, den auch Mirder nie ohne Erhoͤ⸗ rung ausſprechen, den die Rache des Himmels auch dem Dieb auf dem Rade haͤlt, der uns Fluͤchtlinge unbarmmerzig, wie ein Geſpenſt, von Meer zu Meer jagen wuͤrde? Nein, mein Geliebter! Wenn nur ein Frevel dich mir erhalten kann, ſo hab' ich noch Staͤrke, dich zu verlieren. Ferdinand(ſteht ſtill und murmelt duͤſter). Wirklich? 403 gouiſe. Verlieren!— O, ohne Graͤnzen entſetzlich iſt der Gedanke— graͤßlich genug, den unſterblichen Geiſt zu durchbohren und die gluͤhende Wange der Freude zu bleichen.— Ferdinand! dich zu verlieren!— Doch, man verliert ja nur, was man beſeſſen hat, und dein Herz gehoͤrt deinem Stande — Mein Anſpruch war Kirchenraub, und ſchaudernd geb' ich ihn auf. 8* Ferdinand(das Geſicht verzerrt und an der Unterlippe nagend)⸗ Gibſt du ihn auf?. Louiſe. Nein! Sieh mich an, lieber Walter! Nicht ſo bitter die Zaͤhne geknirſcht. Komm! Laſſ' mich jetzt deinen ſterbenden Muth durch mein Beiſpiel beleben! Laſſ' mich die Heldin dieſes Augenblicks ſeyn— einem Vater den entflohenen Sohn wieder ſchenken— einem Buͤndniß entſagen, das die Fugen der Buͤrgerwelt auseinander treiben und die gemeine ewige Ordnung zu Grund ſtuͤrzen wuͤrde— Ich bin die Verbrecherin — mit frechen, thoͤrichten Wuͤnſchen hat ſich mein Buſen getragen— mein uUngluͤck iſt meine Strafe, ſo laſſ' mir doch jetzt die ſuͤße, ſchmeichelnde Taͤuſchung, daß es mein Opfer war— Wirſt du mir dieſe Wolluſt mißgoͤnnen? Fe rdinand(hat in der Zerſtreuung und Wuth eine Violine ergriffen und auf derſelben zu ſpielen verſucht— Jetzt zerreißt er die Saiten, zerſchmettert das Inſtrument auf dem Boden und bricht in ein lautes Gelaͤchter aus). Louiſe. Walter! Gott im Himmel! Was ſoll das?— Ermanne dich!— Faſſung verlangt dieſe Stunde— es iſt eine trennendel Du haſt ein Herz, lieber Walter! Ich kenne es!— Warm wie das Leben iſt deine Liebe, und ohne Schranken wie das Unermeßliche.— Schenke ſie einer Edeln und Wuͤrdigern— ſie wird die Gluͤcklichſten ihres Geſchlechts nicht beneiden—— Chraͤnen unterdruͤckend.) Mich ſollſt du 404 nicht mehr ſehn— Das eitle betrogene Maͤdchen verweine ſeinen Gram in einſamen Mauern, um ſeine Thraͤnen wird ſich Niemand bekuͤmmern— Leer und erſtorben iſt meine Zukunft— Doch werd' ich noch je und je am verwelkten Strauß der Ver⸗ gangenheit riechen.(Indem ſie ihm mit abgewandtem Geſicht ihre zitternde Hand gibt.) Leben Sie wohl, Herr von Walter! Ferdinand(ſprringt aus ſeiner Vetaͤubung auf. Ich entfliehe, Louiſe! Wirſt du mir wirklich nicht folgen? Louiſe(hat ſich im Hintergrund des Zimmers niedergeſetzt und haͤlt das Geſicht mit beiden Haͤnden bedeckt). Meine Pflicht heißt mich bleiben und dulden.. Ferdinand. Schlange, du luͤgſt! Dich feſſelt was anders hier! Souiſe dm Ton des tiefſten inwendigen Leidens). Bleiben Sie bei dieſer Vermuthung— ſie macht vielleicht weniger elend. Ferdinand. Kalte Pflicht gegen feurige Liebe!— Und smich ſoll das Maͤhrchen blenden?— Ein Liebhaber feſſelt dich, und Weh uͤber dich und ihn, wenn mein Verdacht ſich beſtaͤtigt! (Geht ſchnell ab.) Fünfte Seene. Loniſe allein. (Sie bleibt noch eine Zeitlang ohne Bewegung und ſiumm in dem — Seſſel liegen, endlich ſteht ſie auf, kommt vorwaͤrts und ſieht furchtſam herum.) n bleiben?— Mein Vater verſpr truck zu ſeyn, und ſchon ſind ſuͤnf Wo meine Elt 40⁵ fuͤrchterliche Stunden voruͤber— Wenn ihm ein Unfall— Wie wird mir?— Warum geht mein Athem ſo aͤngſtlich? (Jetzt tritt Wurm in das Zimmer und bleibt im Hintergrund ſtehen, ohne von ihr bemerkt zu werden.) Es iſt nichts Wirkliches— Es iſt nichts als das ſchaudernde Gaukelſpiel des erhitzten Gebluͤts— Hat unſere Seele nur einmal Entſetzen genug in ſich getrunken, ſo wird das Aug' in jedem Winkel Geſpenſter ſehen. Sechste Seene. Louiſe und Secretär Wurm. Wurm Ykommt naͤhey. Guten Abend, Jungfer! Couiſe. Gott! wer ſpricht da?(Sie dreht ſich um, wird den Secretaͤr gewahr und tritt erſchrocken zuruͤck.) Schrecklich! Schrecklich! Meiner aͤngſtlichen Ahnung eilt ſchon die ungluͤckſeligſte Er⸗ fuͤllung nach.(Zum Secretaͤr mit einem Blick voll Verachtung.) Suchen Sie etwa den Praͤſidenten? Er iſt nicht mehr da! Wurm. Jungfer, ich ſuche Sie. Louiſe. So muß ich mich wundern, daß Sie nicht nach dem Marktplatze gingen! Wurm. Warum eben dahin? Lauiſe. Ihre Braut von der Schandbuͤhne abzuholen. Wurm. Mamſell Millerin! Sie haben einen falſchen Verdacht— Louiſe(unterdruͤckt eine Antwort). Was ſteht Ihnen zu Dienſten? Wurm. Ich komme, geſchickt von Ihrem Vater. gouiſe Geſtürzy. Von meinem Vater?— Wo iſt mein Vater? 406 Wurm. Wo er nicht gern iſt. Louiſe. Um Gotteswillen! Geſchwind! Mich befaͤllt eine uͤble Ahnung— Wo iſt mein Vater? Wurm. Im Thurm, wenn Sie es ja wiſſen wollen. Fouiſe amit einem Blick zum Himmeh. Das noch! Das auch noch!—— Im Thurm? Und warum im Thurm? Wurm. Auf Befehl des Herzogs. LTouiſe. Des Herzogs? Wurm. Der die Verletzung der Majeſtaͤt in der Perſon ſeines Stellvertreters— 1 Louiſe. Was? was? O ewige Allmacht! Wurm. Auffallend zu ahnden beſchloſſen hat. Louiſe. Das war noch uͤbrig! Das!— Freilich, freilich, mein Herz hatte noch außer dem Major etwas Theures— das durfte nicht uͤbergangen werden— Verletzung der Majeſtaͤt — Himmliſche Vorſicht! Rette! o rette meinen ſinkenden Glauben!— Und Ferdinand? Wurm. Waͤhlt Lady Milford, oder Fluch und Enterbung. Louiſe. Entſetzliche Freiheit!— Und doch— doch iſt er gluͤcklicher. Er hat keinen Vater zu verlieren. Zwar keinen haben, iſt Verdammniß genug!— Mein Vater auf Ver⸗ letzung der Majeſtaͤt— mein Geliebter die Lady oder Fluch und Enterbung— Wahrlich, bewundernswerth! Eine voll⸗ kommene Buͤberei iſt auch eine Vollkommenheit— Vollkommen⸗ heit? Nein! dazu fehlt noch etwas—— Wo iſt meine Mutter?. Wurm. Im Spinnhaus. Loui ſe(mit ſchmerzvollem Laͤcheln.) Jetzt iſt es vöͤllig!— Voͤllig, und jetzt waͤr' ich ja frei— Abgeſchaͤlt von allen Pflichten— und Thraͤnen— und Freuden, abgeſchaͤlt von der Vorſicht. Ich brauch' ſie ja nicht mehr—(Schreckliches 407 Stillſchweigen.) Haben Sie vielleicht noch eine Zeitung? Reden Sie immerhin. Jetzt kann ich Alles hoͤren. Wurm. Was geſchehen iſt, wiſſen Sie. gouiſe. Alſo nicht, was noch kommen wird?(Wiederum Pauſe, worin ſie den Secretaͤr von oben bis unten anſieht.) Armer Menſch! dutreibſt ein trauriges Handwerk, wobei du unmöͤglich ſelig werden kannſt. Ungluͤckliche machen, iſt ſchon ſchrecklich genug, aber graͤßlich iſt's, es ihnen verkuͤndigen— ihnen vorzuſingen den Eulengeſang, dabei zu ſtehn, wenn das blutende Herz am eiſernen Schaft der Nothwendigkeit zittert und Chriſten an Gott zweifeln.— Der Himmel bewahre mich! und wuͤrde dir jeder Angſttropfe, den du fallen ſiehſt, mit einer Tonne Goldes aufgewogen— ich moͤchte nicht du ſeyn —— Was kann noch geſchehen? Wurm. Ich weiß nicht. Lsuiſe. Sie wollen es nicht wiſſen.— Dieſe lichtſcheue Botſchaft fuͤrchtet das Geraͤuſch der Worte, aber in der Grabſtille Ihres Seſichts zeigt ſich mir das Geſpenſt— Was iſt noch uͤbrig?— Sie ſagten vorhin, der Herzog wolle es auffallend ahnden? Was nennen Sie auffallend? Wurm. Fragen Sie nichts mehr. Louiſe. Hoͤre, Menſch! Du gingſt beim Henker zur Schule. Wie verſtaͤndeſt du ſonſt, das Eiſen erſt langſam bedaͤchtlich an den knirſchenden Gelenken hinaufzufuͤhren und das zuckende Herz mit dem Streich der Erbarmung zu necken? Welches Schickſal wartet auf meinen Vater?— Es iſt Tod in dem, was du lachend ſagſt; wie mag das ausſehen, was du an dich haͤltſt? Sprich es aus! Laſſ' mich ſie auf einmal haben, die ganze zermalmende Ladung! Was wartet auf meinen Vater? Wurm. Ein Criminal⸗Proceß. 408 Louiſe. Was iſt aber das?— Ich bin ein unwiſſendes, unſchuldiges Ding, verſtehe mich wenig auf eure fuͤrchterlichen lateiniſchen Woͤrter. Was heißt Criminal⸗Proceß? Wurm. Gericht um Leben und Tod. Louiſe(ſtandhaft). So dank' ich Ihnen?(Sie eilt ſchnell in ein Seitenzimmer.) Wurm(ſieht betroffen da). Wo will das hinaus? Sollte die Naͤrrin etwa?— Teufel! Sie wird doch nicht— Ich eile nach— ich muß fuͤr ihr Leben buͤrgen.(Im Begriff ihr zu folgen.) Louiſe(kommt zuruͤck, einen Mantel umgeworfen). Verzeihen Sie, Secretaͤr! Ich ſchließe das Zimmer. Wurm. Und wohin denn ſo eilig? Louiſe. Zum Herzog.(Will fort.) Wurm. Was? Wohin?(Er haͤlt ſie erſchrocken zuruͤck.) Louiſe. Zum Herzog. Hoͤren Sie nicht? Zu eben dem Herzog, der meinen Vater auf Tod und Leben will richten laſſen— Nein! nicht will— muß richten laſſen, weil einige Boͤſewichter wollen; der zu dem ganzen Proceß der beleidigten Majeſtaͤt nichts hergibt, als eine Majeſtaͤt und ſeine fuͤrſtliche Handſchrift. Wurm(acht uͤberlaut). Zum Herzog! Louiſe. Ich weiß, woruͤber Sie lachen— aber ich will ja auch kein Erbarmen dort finden— Gott bewahre mich! nur Ekel— Ekel nur an meinem Geſchrei. Man hat mir geſagt, daß die Großen der Welt nicht belehrt ſind, was Elend iſt— nicht wollen belehrt ſeyn. Ich will ihm ſagen, was Elend iſt— will es ihm vormalen in allen Verzerrungen des Todes, was Elend iſt— will es ihm vorheulen in Mark und Bein zer⸗ malmenden Toͤnen, was Elend iſt— und wenn ihm jetzt uͤber der Beſchreibung die Haare zu Berge fliegen, will ich ihm noch 409 zum Schluß in die Ohren ſchrein, daß in der Sterbeſtunde auch die Lungen der Erdengoͤtter zu roͤcheln anfangen, und das uͤngſte Gericht Majeſtaͤten un d Bettler in dem naͤmlichen Siebe ruͤttle.(Sie will gehen.) Wurm(boshaft freundlich). Gehen Sie, o gehen Sie ja! Sie koͤnnen wahrlich nichts Kluͤgeres thun. Ich rathe es Ihnen, gehen Sie, und ich gebe Ihnen mein Wort, daß der Herzog willfahren wird. Louiſe(ſieht plöͤtzlich ſülhh. Wie ſagen Sie?— Sie rathen mir ſelbſt dazu?(Kommt ſchnell zuruͤck.) Hm! Was will ich denn? Etwas Abſcheuliches muß es ſeyn, weil dieſer Menſch dazu raͤth— Woher wiſſen Sie, daß der Herzog mir willfahren wird? Wurm. Weil er es nicht wird um ſonſt thun duͤrfen. Louiſe. Nicht umſonſt? Welchen Preis kann er auf eine Menſchlichkeit ſetzen? Wurm, Dieſe ſchoͤne Supplicantin iſt Preiſes genug. Louiſe Gleibt erſtarrt ſtehen, dann mit brechendem Laut). Algerechter! Wurm. uUnd einen Vater werden Sie doch, will ich hoffen, um dieſe gnaͤdige Taxe nicht uͤberfordert finden? Louiſe(auf und ab, außer Faſſung). Ja! ja! Es iſt wahr! Sie ſind verſchanzt, eure Großen— verſchanzt vor der Wahr⸗ heit hinter ihre eigenen Laſter, wie hinter Schwerter der Cherubim— Helfe dir der Allmaͤchtige, Vater! Deine Tochter kann fuͤr dich ſterben, aber nicht ſuͤndigen! Wurm. Das mag ihm wohl eine Neuigkeit ſeyn, dem ar⸗ men verlaſſenen Mann—„Meine Louiſe“ ſagte er mir,„hat mich zu Boden geworfen! Meine Louiſe, wird mich auch auf⸗ richten.“— Ich eile, Mamſell, ihm die Antwort zu bringen! (Stellt ſich, als ob er ginge.) Louiſe eeilt ihm nach, haͤlt ihn zuruͤck.) Bleiben Sie! bleiben 410 Sie! Geduld!— Wie flink dieſer Satan iſt, wenn es gilt, Menſchen raſend zu machen! Ich hab' ihn niedergeworfen. Ich muß ihn aufrichten. Reden Sie! Rathen Sie! Was kann ich? was muß ich thun? Wurm. Es iſt nur ein Mitt Lonuiſe. Dieſes einzige M Wurm. Auch Ihr Vater wuͤnſcht Louiſe. Dnnhn mein Vater?— Was iſt das fuͤr ein Mittel? Wurm. en leicht. Fouiſe. 36 kenne nichts Schwereres, als die Schanbe. Wurm. Wenn Sie den Major wieder frei machen wollen. Louiſe. Von ſeiner Liebe? Spotten Sie meiner?— Das meiner Willkuͤr zu uͤberlaſſen, wozu ich gezwungen ward? Wurm. So iſt es nicht gemeint, liebe Jungfer! Der Major muß zuerſt und freiwillig zuruͤcktreten. Loniſe. Er wird nicht. Wurm. So ſcheint es. Wuͤrde man denn wohl ſeine Zuflucht zu Ihnen nehmen, wenn nicht Sie allein dazu helfen koͤnnten? Louiſe. Kann ich ihn zwingen, daß er mich haſſen muß? Wurm. Wir wollen verſuchen! Setzen Sie ſich! Louiſe Getreter. Menſch! was bruͤteſt du? Wurm. Seten Sie ſich! Schreiben Sie! Hier iſt Feder, Papier und Dinte! Louiſe(Setzt ſich in hoͤchſter Beunruhigung). Was ſoll ich ſchreiben? An wen ſoll ich ſchreiben? Wurm. An den Henker Ihres Vaters. Louiſe. Ha! du verſtehſt dich darauf, Seelen auf die Folter zu ſchrauben!(Ergreift eine Feder.) Wurm(icctirt).„Gnaͤdiger Herr“— Louiſe(ſchreibt mit zitternder Hand). 411 1. Wurm.„Schon drei unertraͤgliche Tage ſind voruͤber— — ſind voruͤber— und wir ſahen uns nicht.“ Loniſe Clutzt, legt die Feder weg). An wen iſt der Drief? Wurm. An den Henker Ihres Vaters. Louiſe. O mein Gott! Wurm.„Halten Sie ſich deßwegen an den Major— an den Major— der mich den ganzen Tag wie ein Argus huͤtet.“ Louiſe(ſpringt aue Buberei, wie noch keine erhoͤrt wor⸗ den! An wen iſt der 2 Wurm. An den Henker r Jhres Vaters. Louiſe(die Haͤnde ringend, auf und nieder). Nein! nein! nein! Das iſt tyranniſch, o Himmel! Strafe Menſchen menſch⸗ lich, wenn ſie dich reizen, aber warum mich zwiſchen zwei Schreckniſſe preſſen? Warum zwiſchen Tod und Schande mich hin und her 1 n dieſen blutſaugenden Teuſel mi auf den Nacker Macht, was ihr wollt! Ich ſchreibe das nimme 8* Wurm(greift nach dem Hut). Wie Sie wollen, Mademoi⸗ ſelle! Das ſtehr ganz in Ihrem Belieben Louiſe. Belieben, ſagen Sie? — Geh', Barbar! Haͤnge einen Ungluͤckl der Hoͤlle auf, bitt' ihn um etwas, und laſtre Gott, und frag' ihn, ob's ihm beliebe.— O du weißt allzu gut, daß unſer Herz an natuͤrlichen Trieben ſo feſt als an Ketten liegt— nunmehr iſt Alles gleich! Dictiren Sie weiter! Ich denke nichts mehr. Ich weiche der uͤberliſtenden Hoͤlle.(Sie ſetzt ſich zum zweiten Mal.) Wurm.„Den ganzen Tag wie ein Argus huͤtet“— Haben Sie das? Louiſe. Weiter! weiter! Wurm.„Wir haben geſtern den Praͤſidenten im Haus 412 gehabt. Es war poſſirlich zu ſehen, wie der gute Major um meine Ehre ſich wehrte.“. Lauiſe. O ſchoͤn, ſchoͤn! oherrlich!— Nur immer fort!— Wurm.„Ich nahm meine Zuflucht zu einer Ohnmacht — zu einer Ohnmacht— daß ich nicht laut lachte.“ Louiſe. O Himmel! Wurm.„Aber bald wird meine Maske unertraͤglich— unertraͤglich— Wenn ich nur loskommen koͤnnte“— Louiſe(haͤlt inne, ſteht auf, geht auf und nieder, den Kopf geſenkt, als ſuchte ſie was auf dem Boden; dann ſetzt ſie ſich wiederum, ſchreibt weiter).„Loskommen koͤnnte.“ Wurm.„Morgen hat er den Dienſt— Paſſen Sie ab, wenn er von mir geht, und kommen an den beußlens Ort“— Haben Sie„bewußten?“ Louiſe. Ich habe Alles! Wurm.„An den bewußten Ort zu Ihrer zrtlichen.. Louiſe.“ Founiſe. Nun fehlt die Adreſſe noch! Wurm.„An Herrn Hofmarſchall von Kalb.“ Louiſe. Ewige Vorſicht! Ein Name, ſo fremd meinen Ohren, als meinem Herzen dieſe ſchaͤndlichen Zeilen!(Sie ſteht auf und betrachtet eine große Pauſe lang mit ſtarrem Blick das Geſchrie⸗ bene, endlich reicht ſie es dem Secretar mit erſchoͤpfter, hinſterbender Stimme.) Nehmen Sie, mein Herr! Es iſt mein ehrlicher Name— es iſt Ferdinand— iſt die ganze Wonne meines Lebens, was ich jetzt in Ihre Haͤnde gebe— Ich bin eine Bettlerin! Wurm. O nein doch! Verzagen Sie nicht, liebe Mademoi⸗ ſelle! Ich habe herzliches Mitleid mit Ihnen. Vielleicht— wer weiß?— Ich koͤnnte mich noch wohl uͤber gewiſſe Dinge hinweg⸗ ſetzen— Wahrlich! Bei Gott! Ich habe Mitleid mit Ihnen! 413 Louiſe(blickt ihn ſtarr und durchdringend an). Reden Sie nicht aus, mein Herr! Sie ſind auf dem Wege, ſich etwas Entſetzliches zu wuͤnſchen. Wurm am Begriff, ihre Hand zu kuͤſſen). Geſetzt, es waͤre dieſe niedliche Hand— Wie ſo, liebe Jungfer? Louiſe(groß und ſchrecklich). Weil ich dich in der Braut⸗ nacht erdroſſelte und mich dann mit Wolluſt aufs Rad flechten ließe. Sie will gehen, kommt aber ſchnell zuruͤck.) Sind wir jetzt fertig, mein Herr? darf die Taube nun ſliegen? Wurm. Nur noch die Kleinigkeit, Jungfer! Sie muͤſſen mit mir und das Sacrament darauf nehmen, dieſen Brief fuͤr einen freiwilligen zu erkennen. Cauiſe. Gott! Gott! und du ſelbſt mußt das Siegel geben, die Werke der Hoͤlle zu verwahren?(Wurm zieht ſie fortn Vierter Akt. Erſte Scene. Saal beim Praͤſidenten. Ferdinand von Walter, einen offenen Brief in der Hand, kommt ſtuͤrmiſch durch eine Thuͤr, durch eine andere ein Kammerdiener. Ferdinand. War kein Marſchall da? Kammerdiener. Herr Major, der Herr Praͤſident fra⸗ gen nach Ihnen! Ferdinand. Alle Donner! Ich frag', war kein Mar⸗ ſchall da? Kammerdiener. Der gnaͤdige Herr ſitzen oben am Pharotiſche! Ferdinand. Der gnaͤdige Herr ſoll im Namen der ganzen Hoͤlle daher kommen!(Kammerdiener geht ab.) 415 Zweite Seene. Ferdinand allein, den Brief durchfliegend, bald erſtarrend, bald wuͤthend herumſtuͤrzend. Es iſt nicht moͤglich! nicht moͤglich! Dieſe himmliſche Huͤlle verſteckt kein ſo teufliſches Herz—— Und doch! doch! Wenn alle Engel herunter ſtiegen, fuͤr ihre Unſchuld buͤrgten— wenn Himmel und Erde, wenn Schoͤpfung und Schoͤpfer zu⸗ ſammentraͤten, fuͤr ihre Unſchuld buͤrgten— es iſt ihre Hand — Ein unerhoͤrter, ungeheurer Betrug, wie die Menſcheit noch keinen erlebte!— Das alſo war's, warum man ſich ſo beharr⸗ lich der Flucht widerſetzte!— Darum— o Gottl jetzt erwach' ich, jetzt enthuͤllt ſich mir Alles! Darum gab man ſeinen Anſpruch auf meine Liebe mit ſo viel Heldenmuth auf, und bald, bald haͤtte ſelbſt mich die himmliſche Schminke betrogen! (Er ſtuͤrzt raſch durchs Zimmer, dann ſieht er wieder nachdenkend ſtill.) Mich ſo ganz zu ergruͤnden!— Jedes kuͤhne Gefuͤhl, jede leiſe ſchuͤchterne Bebung zu erwiedern, jede feurige Wallung— An der feinſten Unbeſchreiblichkeit eines ſchwebenden Lauts meine Seele zu faſſen— Mich zu berechnen in einer Thraͤne— Auf jeden jaͤhen Gipfel der Leidenſchaft mich zu begleiten, mir zu begegnen vor jedem ſchwindelnden Abſturz— Gott! Sott! und alles das nichts als Grimaſſe?— Grimaſſe?— O wenn die Luͤge eine ſo haltbare Farbe hat, wie ging es zu, daß ſich kein Teufel noch in das Himmelreich hineinlog? Da ich ihr die Gefahr unſerer Liebe entdeckte, mit welch' uͤberzeugender Taͤuſchung erblaßte die Falſche da! Mit welch' ſiegender Wuͤrde ſchlug ſie den frechen Hohn meines Baters zu 416 Boden, und in eben dem Augenblick fuͤhlte das Weib ſich doch ſchuldig— Was? hielt ſie nicht ſelbſt die Feuerprobe der Wahrheit aus— die Heuchlerin ſinkt in Ohnmacht. Welche Sprache wirſt du jetzt fuͤhren, Empfindung? Auch Koketten ſinken in Ohnmacht. Womit wirſt du dich rechtfertigen, Un⸗ ſchuld?— Auch Metzen ſinken in Ohnmacht. Sie weiß, was ſie aus mir gemacht hat. Sie hat meine ganze Seele geſehen. Mein Herz trat beim Erroͤthen des erſten Kuſſes ſichtbar in meine Augen— und ſie empfand nichts? empfand vielleicht nur den Triumph ihrer Kunſt?— Da mein gluͤcklicher Wahnſinn den ganzen Himmel in ihr zu umſpannen waͤhnte! meine wildeſten Wuͤnſche ſchwiegen! Vor meinem Ge⸗ muͤthe ſtand kein Gedanke, als die Ewigkeit und das Maͤdchen — Sott! da empfand ſie nichts? fuͤhlte nichts, als ihren An⸗ ſchlag gelungen? nichts, als ihren Reizen geſchmeichelt? Tod und Rache! Nichts, als daß ich betrogen ſey? Dritte Seene. Der Hofmarſchall und Ferdinand. Hofmarſchall(ins Zimmer trippelnd). Sie haben den Wunſch blicken laſſen, mein Beſter!— Ferdinand oor ſich hinmurmelnd). Einem Schurken den Hals zu brechen.(Laut.) Marſchall, dieſer Brief muß Ihnen bei der Parade aus der Taſche gefallen ſeyn— und ich mit boshaftem Lachen) war zum Gluͤck noch der Finder. Hofmarſchall Sie? Ferdinand. Durch den luſtigſten Zufall. Machen Sie's mit der Allmacht aus. 417 Hofmarſchall. Sie ſehen, wie ich erſchrecke, Baron! gerdinand. Leſen Sie! Leſen Sie! Von ihm weggehend.) Bin ich auch ſchon zum Liebhaber zu ſchlecht, vielleicht laſſ' ich mich deſto beſſer als Kuppler an. 5 (Waͤhrend daß Jener liest, tritt er zur Wand und nimmt zwei Piſtolen herunter.) Hofmarſchall(wirft den Brief auf den Tiſch und will ſich davon machen). Verflucht! gerdinand Cführt ihn am Arm zurück). Geduld, lieber Mar⸗ ſchall! Die Zeitungen duͤnken mich angenehm! Ich will mei⸗ nen Finderlohn haben! CEier zeigt er ihm die Piftolen.) Hofmarſchall(tritt beſuuͤrdt zuruc). Sie werden vernuͤnftig ſeyn, Beſter! gerdinand amit ſtarker, ſchrecklicher Stimme). Mehr als zu viel, um einen Schelmen, wie du biſt, in jene Welt zu ſchicken. (Er dringt ihm die eine Piſtole auf, zugleich zieht er ſein Schnupftuch.) Nehmen Sie! Dieſes Schnupftuch da faſſen Sie! Ich hab's von der Buhlerin. Hofmarſchall. Ueber dem Schnupftuch? Raſen Sie? Wohin denken Sie? gerdinand. Faſſ' dieß End' an, ſag' ich! ſonſt wirſt du ja fehl ſchießen, Memme!— Wie ſie zittert, die Memme! Du ſollteſt Gott danken, Memme, daß du zum Erſtenmal et⸗ was in deinen Hirnkaſten kriegſt! Hofmarſchall macht ſich auf die Beine.) Sachte! dafuͤr wird gebeten ſeyn. Er auͤberholt ihn und riegelt die Thuͤr.) Hofmarſchall. Auf dem Zimmer, Baron? gerdinand. Als ob es ſich mit dir einen Gang vor den Wall verlohnte? Schatz, ſo knallt's deſto lauter, und das iſt ja doch wohl das erſte Geraͤuſch, das du in der Welt machſt— Schlag' an! Schillers ſaͤmmtl. Werke. II. 27 418 Hofmarſchall(wiſcht ſich die Stirn). Und Sie wollen Ihr koſtbares Leben ſo ausſetzen, junger hoffnungsvoller Mann? Ferdinand. Schlag' an, ſag' ich! Ich habe nichts mehr in dieſer Welt zu thun! B Hofmarſchall. Aber ich deſto mehr, mein Allervortreff⸗ lichſter! Ferdinand. Du, Burſche? Was du?— Der Nothnagel zu ſeyn, wo die Menſchen ſich rar machen? In Einem Augenblick ſiebenmal kurz und ſiebenmal lang zu werden, wie der Schmetterling an der Nadel? Ein Regiſter zu fuͤhren uͤber die Stuhlgaͤnge deines Herrn und der Miethgaul ſeines Witzes zu ſeyn? Eben ſo gut, ich fuͤhre dich, wie irgend ein ſeltenes Murmelthier mit mir. Wie ein zahmer Affe ſollſt du zum Geheul der Verdammten tanzen, apportiren und aufwarten und mit deinen hoͤfiſchen Kuͤnſten die ewige Verzweiflung be⸗ luſtigen. Hofmarſchall. Was Sie befehlen, Herr! wie Sie be⸗ lieben— Nur die Piſtolen weg! Ferdinand. Wie er daſteht, der Schmerzensſohn!— Da⸗ ſteht dem ſechsten Schoͤpfungstag zum Schimpfe! Als wenn ihn ein Buchdrucker dem Allmaͤchtigen nachgedruckt haͤtte!— Schade nur, ewig Schade fuͤr die Unze Gehirn, die ſo ſchlecht in dieſem undankbaren Schaͤdel wuchert! Dieſe einzige Unze haͤtte dem Pavian noch vollends zum Menſchen geholfen, da ſie jetzt nur einen Bruch von Vernunft macht— und mit die⸗ ſem ihr Herz zu theilen!— Unzeheuer! Unverantwortlich!— — Einem Kerl, mehr gemacht, von Suͤnden zu entwoͤhnen, als dazu anzureizen. Hofmarſchall. O! Gott ſey ewig Dank! Er wird wizig. Ferdinand. Ich will ihn gelten laſſen! Die Toleranz, die der Raupe ſchont, ſoll auch dieſem zu gute kommen. Man 4¹9 begegnet ihm, zuckt etwa die Achſel, bewundert vielleicht noch die kluge Wirthſchaft des Himmels, der auch mit Traͤbern und Bodenſatz noch Creaturen ſpeist; der dem Raben am Hochgericht und einem Hoͤfling im Schlamme der Majeſtaͤten den Tiſch deckt— Zuletzt erſtaunt man noch uͤber die große Polizei der Vorſicht, die auch in der Geiſterwelt ihre Blindſchleichen und Taranteln zur Ausfuhr des Gifts beſoldet— Aber dndem ſeine MWuth ſich erneuert) an meine Blume ſoll mir das Ungeziefer nicht kriechen, oder ich will es(den Marſchall faſſend und unſanft herum⸗ ſchütteind) ſo, und ſo, und wieder ſo durcheinander quetſchen. Hofmarſchall(vor ſich hinſeufzend). O mein Gott! Wer hier weg waͤre! Hundert Meilen von hier im Bicétre zu Paris, nur bei dieſem nicht! Ferdinand. Bube! Wenn ſie nicht rein mehr iſt! Bube! wenn du genoſſeſt, wo ich anbetete!(wuͤthender) ſchwelgteſt, wo ich einen Gott mich fuͤhlte!(Ploͤtzlich ſchweigt er, darauf fürchterlich Dir waͤre beſſer, Bube, du floͤheſt der Hoͤlle zu, als daß dir mein Zorn im Himmel begegnete!— Wie weit kamſt du mit dem Maͤdchen? Bekenne! Hofmarſchall. Laſſen Sie mich los! Ich will Alles verrathen. Ferdinandv. Ol es muß reizender ſeyn, mit dieſem Maͤd⸗ chen zu buhlen, als mit andern noch ſo himmliſch zu ſchwaͤrmen— Wolltte ſie ausſchweifen, wollte ſie, ſie koͤnnte den Werth der Seele herunter bringen und die Tugend mit der Wolluſt verfaͤlſchen.(Dem Marſchall die Piſiole aufs Herz druͤckend). Wie weit kamſt du mit ihr? Ich druͤcke ab, oder bekenne! Hofmarſchall. Es iſt nichts— iſt ja Alles nichts! Haben Sie nur eine Minute Geduld! Sie ſind ja betrogen!— Ferdinand. Und daran mahnſt du mich, Boͤſewicht?— 420 Wie weit kamſt du mit ihr? Du biſt des Todes, oder be⸗ kenne! Hofmarſchall. Mon Dieu! Mein Gott! Ich ſpreche ja — ſo hoͤren Sie doch nur— Ihr Vater— Ihr eigener, leib⸗ licher Vater— Ferdinand(grimmiger). Hat ſeine Tochter an dich ver⸗ kuppelt? Und wie weit kamſt du mit ihr? Ich ermorde dich oder bekenne! Hafmarſchall. Sie raſen. Sie hoͤren nicht. Ich ſah ſie nie. Ich kenne ſie nicht. Ich weiß gar nichts von ihr.— Ferdinand Gurücktretend). Du ſahſt ſie nie? Keunſt ſie nicht? Weißt gar nichts von ihr?— Die Millerin iſt ver⸗ loren um deinetwillen; du laͤugneſt ſie dreimal in Einem Athem hinweg?— Fort, ſchlechter Kerl!(Er gibt ihm mit der Piſtole einen Streich und ſtoͤßt ihn aus dem Zimmer.) Fuͤr Deinesgleichen iſt kein Pulver erfunden! Vierte Seene. Ferdinand nach einem langen Stillſchweigen, worin ſeine Zuͤge einen ſchrecklichen Gedanken entwickeln. gerloren! ja, Ungluͤckſelige!— ich bin es. Du biſt es auch. Ja, bei dem großen Gott! wenn ich verloren bin, biſt du es auch— Richter der Welt! Fordre ſie mir nicht ab! Das Maͤdchen iſt mein. Ich trat dir deine ganze Welt fuͤr das Maͤdchen ab, habe Verzicht gethan auf deine ganze herrliche Schopfung. Laſſ' mir das Maͤdchen!— Richter der Welt! dort winſeln Millionen Seelen nach dir— dorthin kehre das Auge 421 deines Erbarmens— mich laſſ' allein machen, Richter der Welt!(Indem er ſchrecklich die Haͤnde faltet.) Sollte der reiche, vermoͤgende Schoͤpfer mit einer Seele geizen, die noch dazu die ſchlechteſte ſeiner Schoͤpfung iſt?— Das Maͤdchen iſt mein! Ich einſt ihr Gott, jetzt ihr Teuſel! (Die Augen graß in einen Winkel geworfen.) Eine Ewigkeit mit ihr auf ein Rad der Verdammniß ge⸗ flochten— Augen in Augen wurzelnd— Haare zu Berge ſtehend gegen Haare— auch unſer hohles Wimmern in Eins geſchmolzen— und jetzt zu wiederholen meine Zaͤrtlichkeiten, und jetzt ihr vorzuſingen ihre Schwuͤre— Gott! Gott! die Ver⸗ maͤhlung iſt fuͤrchterlich— aber ewig!(Er will ſchnell hinaus. Der Praͤſident tritt herein.) Fünfte Seeue. Ver Präſident und Ferdinand. Ferdinand Guruͤcktretend). O!— mein Vater! Präſident. Sehr gut, daß wir uns finden, mein Sohn! Ich komme, dir etwas Angenehmes zu verkuͤndigen, und etwas, lieber Sohn, das dich ganz gewiß uͤberraſchen wird. Wollen wir uns ſetzen? Ferdinand(ſeht ihn lange Zeit ſtarr an). Mein Vater! (Mit ſtaͤkrerer Bewegung zu ihm gehend und ſeine Haad faſſend.) Mein Vater!(Seine Hand kuͤſſend, vor ihm niederfallend.) O mein Vater! präſident. Was iſt dir, mein Sohn? Steh' auf! Deine Hand brennt und zittert! Ferdinand(mit wilder, ſeuriger Empfindung). Verzeihung fuͤr meinen Undank, mein Vater! Ich bin ein verworfener Menſchl! 422 Ich habe Ihre Guͤte mißkannt! Sie meinten es mit mir ſo vaͤterlich— O! Sie hatten eine weiſſagende Seele— jetzt iſt es zu ſpaͤt— Verzeihung! Verzeihung! Ihren Segen, mein Vater! Präſident cheuchelt eine ſchuldloſe Miene). Steh' auf, mein Sohn! Beſinne dich, daß du mir Raͤthſel ſprichſt! Ferdinand. Dieſe Millerin, mein Vater!— O, Sie kennen den Menſchen— Ihre Wuth war damals ſo gerecht, ſo edel, ſo vaͤterlich warm— nur verfehlte der warme Vatereifer des Weges— dieſe Millerin! präſident. Martre mich nicht, mein Sohn! Ich verfluche meine Haͤrte: ich bin gekommen dir abzubitten!— Ferdinanv. Abbitten an mir!— Verfluchen an mir— Ihre Mißbilligung war Weisheit!— Ihre Haͤrte war himm⸗ liſches Mitleid—— Dieſe Millerin, Vater— präſident. Iſt ein edles, ein liebes Maͤdchen!— Ich widerrufe meinen uͤbereilten Verdacht! Sie hat meine Achtung erworben! Ferdinand(gpringt erſchuͤttert au. Was? auch Sie?— Vater! auch Sie?— und nicht wahr, mein Vater, ein Geſchoͤpf wie die Unſchuld?— Und es iſt ſo menſchlich, dieſes Maͤdchen zu lieben! präſident. Sage ſo: es iſt Verbrechen, es nicht zu lieben! Ferpinand. Unerhoͤrt! Ungeheuer!— Und Sie ſchauen ja doch ſonſt die Herzen ſo durch! ſahen Sie noch dazu mit Augen des Haſſes!— Heuchelei ohne Beiſpiel— Dieſe Millerin, Vater!— präſivent. Iſt es werth, meine Tochter zu ſeyn! Ich rechne ihre Tugend fuͤr Ahnen und ihre Schoͤnheit fuͤr Gold. Meine Grundſaͤtze weichen deiner Liebe— Sie ſey dein! 423 Ferdinand(ſurzt fürchterlich aus dem Zimmer). Das fehlte noch!— Leben Sie wohl, mein Vater! Ab.) präſident uhm nachgehend). Bleib! Bleib! Wohin ſtuͤrmſt du?(Ab.) Sechste Seene. Ein ſehr praͤchtiger Saal bei der Lady. Lady und Sophie treten herein. Lady. Alſo ſahſt du ſie? Wird ſie kommen? Sophie. Dieſen Augenblick! Sie war noch im Hausgewand und wollte ſich nur in der Geſchwindigkeit umkleiden. Lavy. Sage mir nichts von ihr— Stille— wie eine Verbrecherin zittre ich, die Gluͤckliche zu ſehen, die mit mei⸗ nem Herzen ſo ſchrecklich harmoniſch fuͤhlt— Und wie nahm ſie ſich bei der Einladung? Sophie. Sie ſchien beſtuͤrzt, wurde nachdenkend, ſah mich mit großen Augen an und ſchwieg. Ich hatte mich ſchon auf ihre Ausfluͤchte vorbereitet, als ſie mit einem Blick, der mich ganz uͤberraſchte, zur Antwort gab: Ihre Dame beſiehlt mir, was ich mir morgen erbitten wollte. Lapy(ſehr unruhis). Laſſ' mich, Sophie! Beklage mich! Ich muß erroͤthen, wenn ſie nur das gewoͤhnliche Weib iſt, und wenn ſie mehr iſt, verzagen. Sophie. Aber, Milady!— das iſt die Laune nicht, eine Nebenbuhlerin zu empfangen! Erinnern Sie ſich, wer Sie ſind! Rufen Sie Ihre Geburt, Ihren Rang, Ihre Macht zu 424 Huͤlfe! Ein ſtolzeres Herz muß die ſtolze Pracht Ihres Anblicks erheben! Lady Gerſtreut). Was ſchwatzt die Naͤrrin da? Sophie(boshaft). Oder iſt es vielleicht Zufall, daß eben heute die koſtbarſten Brillanten an Ihnen blitzen? Zufall, daß eben heute der reichſte Stoff Sie bekleiden muß— daß Ihre Antichambre von Heiducken und Pagen wimmelt und das Buͤrgermaͤdchen im fuͤrſtlichen Saal Ihres Palaſtes erwartet wird? Lady(auf und ab voll Erbitterung). Verwuͤnſcht! Unertraͤg⸗ lich, daß Weiber fuͤr Weibesſchwaͤchen ſolche Luchsaugen ha⸗ ben!—— Aber wie tief, wie tief muß ich ſchon geſunken ſeyn, daß eine ſolche Creatur mich ergruͤndet! Ein Kammerdiener ttritt auff. Mamſell Millerin!— Lady dzu Sophien). Hinweg, du! Entferne dich!(Drohend, da dieſe noch zaudert). Hinweg! Ich befehle es!(Sophie geht ab, Lady macht einen Gang durch den Saal) Gut! Recht gut, daß ich in Wallung kam! Ich bin, wie ich wuͤnſchte!(Sum Kammerdiener.) Die Mamſell mag hereintreten.(Kammerdiener geht. Sie wirft ſich in den Sopha und nimmt eine vornehm⸗nachlaͤſſige Lage an.) Siebente Scene. Pouiſe Millerin tritt ſchuͤchtern herein und bleibt in einer großen Entfernung von der Lady ſtehen; Lady hat ihr den Ruͤcken zugewandt und betrachtet ſie eine Zeit lang aufmerkſam in dem gegenuͤberſtehenden Spiegel. (Nach einer Pauſe.) Louiſe. Gnaͤdige Frau, ich erwarte Ihre Befehle! gady(dreht ſich nach Louiſen um und nickt nur eben mit dem Kopfe, fremd und zuruͤckgezogen). Aha! Iſt ſie hier?— Ohne Zweifel die Mamſell— eine gewiſſe— wie nennt man ſie doch? Laniſe(etwas empfindlich). Miller nennt ſich mein Vater und Ihro Gnaden ſ chickten nach ſeiner Tochter. Lady. Recht! Recht! ich entſinne mich— die arme Gei⸗ gerstochter, wovon neulich die Rede war.(Nach einer Pauſe vor ſich.) Sehr intereſſant, und doch keine Schoͤnheit— Saut zu Louiſen.) Trete ſie naͤher, mein Kind!(Wieder vor ſich.) Augen, die ſich im Weinen uͤbten— Wie lieb' ich ſie, dieſe Augen! Wiederum laut.) Nur naͤher— Nur ganz nah— Gutes Kind, ich glaube, du fuͤr chteſt mich. Fouiſe(groß, mit entſcheidendem Ton). Nein, Milady! Ich verachte das Urtheil der Menge. Lady(oor ſich). Sieh doch!— und dieſen Trotzkopf hat ſie von ihm.(aut) Man hat ſie mir empfohlen, Mamſell! Sie ſoll was gelernt haben und ſonſt auch zu leben wiſſen— Nun ja. Ich will's glauben— auch naͤhm' ich die ganze Welt nicht, einen ſo warmen Fuͤrſprecher Luͤgen zu ſtrafen. Louiſe. Doch kenn' ich Niemand, Milady, der ſich die Muͤhe gaͤbe, mir eine Patronin zu ſuchen! Lady Geſchraubt.) Muͤhe um die Clientin oder Patronin? 426 Louiſe. Das iſt mir zu hoch, gnaͤdige Frau! Lavy. Mehr Schelmerei, als dieſe offene Bildung ver⸗ muthen laͤßt! Louiſe nennt ſie ſich? Und wie jung, wenn man fragen darf? Louiſe. Sechzehn geweſen. Lady ſteht raſch auh. Nun iſt'’s heraus! Sechzehn Jahre! Der erſte Puls dieſer Leidenſchaft!— Auf dem unberuͤhrten Clavier der erſte einweihende Silberton— Nichts iſt verfuͤh⸗ render— Setze dich, ich bin dir gut, liebes Maͤdchen.— Und auch er liebt zum Erſtenmal— Was Wunder, wenn ſich die Strahlen eines Morgenroths finden?(Seyr freundlich und ihre Hand ergreifend.) Es bleibt dabei, ich will dein Gluͤck machen, Liebe— Nichts, nichts als die ſuͤße, fruͤhverfliegende Traͤumerei. (Couiſen auf die Wangen klopfend.) Meine Sophie heirathet! Du ſollſt ihre Stelle haben— Sechzehn Jahre! Es kann nicht von Dauer ſeyn! Fouiſe Kußt ihr ehrerbietig die Hand). Ich danke fuͤr dieſe Gnade, Milady, als wenn ich ſie annehmen duͤrfte. Lapy(in Entruͤſtung zuruͤckfallend). Man ſehe die große Dame! Sonſt wiſſen ſich Jungfern ihrer Herkunft noch gluͤcklich, wenn ſie Herrſchaften finden.— Wo will denn ſie hinaus, meine Koſt⸗ bare? Sind dieſe Finger zur Arbeit zu niedlich? Iſt es ihr bißchen Geſicht, worauf ſie ſo trotzig thut? Louiſe. Mein Geſicht, gnaͤdige Frau, gehoͤrt mir ſo wenig als meine Herkunft! Lady. Oder glaubt ſie vielleicht, das werde nimmer ein Ende nehmen?— Armes Geſchoͤpf, wer dir das in den Kopf ſetzte, mag er ſeyn, wer er will— er hat euch beide zum Beſten gehabt. Dieſe Wangen ſind nicht im Feuer vergoldet. Was dir dein Spiegel fuͤr maſſiv und ewig verkauft, iſt nur ein duͤnner, angeflogener Goldſchaum, der deinem Anbeter uͤber kurz oder 427 lang in der Hand bleiben muß.— Was werden wir dann machen? Lauiſe. Den Anbeter bedauern, Milady, der einen De⸗ mant kaufte, weil er in Gold ſchien gefaßt zu ſeyn. Lady(ohne darauf achten zu wollen). Ein Maͤdchen von ihren Jahren hat immer zwei Spiegel zugleich, den wahren und ihren Bewunderer— die gefaͤllige Geſchmeidigkeit des letztern macht die rauhe Offenherzigkeit des erſtern wieder gut. Der eine ruͤgt eine haͤßliche Blatternarbe. Weit gefehlt, ſagt der andere, es iſt ein Gruͤbchen der Grazien. Ihr guten Kinder glaubt jenem nur, was euch auch dieſer geſagt hat, huͤpft von einem zum andern, bis ihr zuletzt die Ausſagen beider verwechſelt—— Warum begafft ſie mich ſo? Louiſe. Verzeihen Sie, gnaͤdige Frau!— Ich war ſo eben im Begriff, dieſen praͤchtig blitzenden Rubin zu beweinen, der es nicht wiſſen muß, daß ſeine Beſitzerin ſo ſcharf wider Eitelkeit eifert. gapy(erroͤthend). Keinen Seitenſprung, Loſe!— Wenn es nicht die Promeſſen ihrer Geſtalt ſind, was in der Welt koͤnnte ſie abhalten, einen Stand zu erwaͤhlen, der der einzige iſt, wo ſie Manieren und Welt lernen kann, der einzige iſt, wo ſie ſich ihrer buͤrgerlichen Vorurtheile entledigen kann? Louiſe. Auch meiner buͤrgerlichen Unſchuld, Milady! Lady. Laͤppiſcher Einwurf! Der ausgelaſſenſte Bube iſt zu verzagt, uns etwas Beſchimpfendes zuzumuthen, wenn wir ihm nicht ſelbſt ermunternd entgegen gehen. Zeige ſie, wer ſie iſt! Gebe ſie ſich Ehre und Wuͤrde, und ich ſage ihrer Jugend fuͤr alle Verſuchung gut. Loniſe. Erlauben Sie, gnaͤdige Frau, daß ich mich unter⸗ ſtehe, daran zu zweifeln! Die Palaͤſte gewiſſer Damen ſind oft die Freiſtaͤtten der frechſten Ergoͤtzlichkeit. Wer ſollte der Toch⸗ 428 ter des armen Geigers den Heldenmuth zutrauen, den Helden⸗ muth, mitten in die Peſt ſich zu werfen, und doch dabei vor der Vergiftung zu ſchaudern? Wer ſollte ſich traͤumen laſſen, daß Lady Milford ihrem Gewiſſen einen ewigen Skorpion halte, daß ſie Geldſummen aufwende, um den Vortheil zu haben, jeden Augenblick ſchamroth zu werden?— Ich bin offenherzig, gnaͤdige Frau!— Wuͤrde Sie mein Anblick ergoͤtzen, wenn Sie einem Vergnuͤgen entgegen gingen? Wuͤrden Sie ihn ertragen, wenn Sie zuruͤckkaͤmen?—— O beſſer, beſſer, Sie laſſen Himmelsſtriche uns trennen— Sie laſſen Meere zwiſchen uns fließen!— Sehen Sie ſich wohl vor, Milady!— Stunden der Nuͤchternheit, Augenblicke der Erſchoͤpfung koͤnnten ſich melden— Schlangen der Reue koͤnnten Ihren Buſen an⸗ fallen, und nun— welche Folter fuͤr Sie, im Geſichte ihres Dienſtmaͤdchens die heitere Ruhe zu leſen, womit die Un⸗ ſchuld ein reines Herz zu belohnen pflegt.(Sie tritt einen Schritt zuruͤck.) Noch einmal, gnaͤdige Frau! Ich bitte ſehr um Ver⸗ gebung! Lady(in großer innerer Bewegung herumgehend). Unertraͤglich, daß ſie mir das ſagt! Unertraͤglicher, daß ſie Recht hat!(Zu Louiſen tretend und ihr ſtarr in die Augen ſehend.) Maͤdchen, du wirſt mich nicht uͤberliſten! So warm ſprechen Meinungen nicht. Hinter dieſen Maximen lauert ein feuriges Intereſſe, das dir meine Dienſte beſonders abſcheulich malt— das dein Geſpraͤch ſo erhitzte— das ich odrohend) entdecken muß. Louiſe(gelaſſen und edey. Und wenn Sie es nun ent⸗ decken? Und wenn Ihr veraͤchtlich er Ferſenſtoß den beleidigten Wurm aufweckte, dem ſein Schoͤpfer gegen Mißhandlung noch einen Stachel gab?— Ich fuͤrchte Ihre Rache nicht, Lady! Die arme Suͤnderin auf dem beruͤchtigten Henkerſtuhl lacht zum Weltuntergang. Mein Elend iſt ſo hoch geſtiegen, daß ſelbſt 429 Aufrichtigkeit es nicht mehr vergroͤßern kann.(Nach einer Pauſe ſehr ernſthaft.) Sie wollen mich aus dem Staub meiner Her⸗ kunft reißen. Ich will ſie nicht zergliedern, dieſe verdaͤchtige Gnade. Ich will nur fragen, was Milady bewegen konnte, mich fuͤr die Thoͤrin zu halten, die uͤber ihre Herkunft erroͤthet? Was Sie berechtigen konnte, ſich zur Schoͤpferin meines Gluͤcks aufzuwerfen, ehe Sie noch wußten, ob ich mein Gluͤck auch von Ihren Haͤnden empfangen wolle? Ich hatie meinen ewigen Auſpruch auf die Freuden der Welt zerriſſen.— Ich hatte dem Gluͤck ſeine Uebereilung vergeben— Warum mahnen Sie mich aufs neue an dieſelbe?— Wenn ſelbſt die Gottheit dem Blick der Erſchaffenen ihre Strahlen verbirgt, daß nicht ihr oberſter Seraph vor ſeiner Verfinſterung zuruͤckſchauere— warum wollen Menſchen ſo grauſam barmherzig ſeyn?— Wie kommt es, Milady, daß Ihr geprieſenes Gluͤck das Elend ſo gern um Neid und Bewunderung anbettelt?— Hat Ihre Wonne die Verzweiflung ſo nothig zur Folie?— Ol ſo goͤnnen Sie mir doch lieber eine Blindheit, die mich allein noch mit meinem barbariſchen Loos verſoͤhnt.— Fuͤhlt ſich doch das Inſect in einem Tropfen Waſſers ſo ſelig, als waͤr' es ein Himmelreich, ſo froh und ſo ſelig, bis man ihm von einem Weltmeer erzaͤhlt, worin Flotten und Wallfiſche ſpielen!—— Aber gluͤcklich wollen Sie mich ja wiſſen? Wach einer Pauſe ploͤtzlich zur Lady hintretend und mit Ueberraſchung ſie fragend:) Sind Sie gluͤcklich, Milady?(Dieſe verlaͤßt ſie ſchnell und betroffen, Louiſe folgt ihr und haͤlt ihr die Hand vor den Buſen.) Hat dieſes Herz auch die lachende Geſtalt Ihres Standes? Und wenn wir jetzt Bruſt gegen Bruſt und Schickſal gegen Schickſal auswechſeln ſollten— und wenn ich in kindlicher Unſchuld— und wenn ich auf Ihr Gewiſſen— und wenn ich als meine Mutter Sie fragte— wuͤrden Sie mir wohl zu dem Tauſche rathen? f 430 Lady Gheſtig bewegt in den Sopha ſich werfend). Unerhoͤrt! Unbegreiflich! Nein! Maͤdchen! Nein! Dieſe Groͤße haſt du nicht auf die Welt gebracht, und fuͤr deinen Vater iſt ſie zu jugendlich. Luͤge mir nicht! Ich hoͤre einen andern Lehrer— Louiſe(fein und ſcharf ihr in die Augen ſehend). Es ſollte mich doch wundern, Milady, wenn Sie jetzt erſt auf dieſen Lehrer fielen und doch vorhin ſchon eine Condition fuͤr mich wußten! Lady(ſpringt auf). Es iſt nicht auszuhalten!— Ja denn! weil ich dir doch nicht entwiſchen kann. Ich kenn' ihn— weiß Alles— weiß mehr, als ich wiſſen mag!(Plötzlich haͤlt ſie inne, darauf mit Heftigkeit, die nach und nach bis beinahe zum Toben ſteigt.) Aber wag' es, Ungluͤckliche,— wag' es, ihn jetzt noch zu lieben oder von ihm geliebt zu werden— Was ſage ich?— Wag' es, an ihn zu denken oder einer von ſeinen Gedanken zu ſeyn— Ich bin maͤchtig, Ungluͤckliche— fuͤrchterlich— ſo wahr Gott lebt! Du biſt verloren! Louiſe(ſtandhaft). Ohne Rettung, Milady, ſobald Sie ihn zwingen, daß er Sie lieben muß. Lady. Ich verſtehe dich— aber er ſoll mich nicht lieben! Ich will uͤber dieſe ſchimpfliche Leidenſchaft ſiegen, mein Herz unterdruͤcken und das deinige zermalmen— Felſen und Abgruͤnde will ich zwiſchen euch werfen; eine Furie will ich mitten durch euren Himmel gehn; mein Name ſoll eure Kuͤſſe, wie ein Geſpenſt Verbrecher, auseinander ſcheuchen; deine junge bluͤhende Geſtalt unter ſeiner Umarmung welk, wie eine Mumie, zuſammenfallen — Ich kann nicht mit ihm gluͤcklich werden— aber du ſollſt es auch nicht werden— Wiſſe das, Elende! Seligkeit zerſtoͤren iſt auch Seligkeit! Louiſe. Eine Seligkeit, um die man Sie ſchon gebracht hat, Milady! Laͤſtern Sie Ihr eigenes Herz nicht. Sie ſind nicht faͤhig, das auszuuͤben, was Sie ſo drohend auf mich her⸗ 431 abſchwoͤren! Sie ſind nicht faͤhig, ein Geſchoͤpf zu quaͤlen, das Ihnen nichts zu Leide gethan, als daß es empfunden hat wie Sie— Aber ich liebe Sie um dieſer Wallung willen, Milady! gady(die ſich jetzt gefaßt hat). Wo bin ich? Wo war ich? Was hab' ich merken laſſen?— Wem hab' ich's merken laſ⸗ ſen?— O Louiſe, edle, große, goͤttliche Seele! Vergib einer Raſenden— Ich will dir len Haar kraͤnken, mein Kind! Wuͤnſche! Fordre! Ich will dich auf den Haͤnden tragen, deine Freundin, deine Schweſter will ich ſeyn— Du biſt arm— Sieh!(Einige Brillanten herunternehmend.) Ich will dieſen Schmuck verkaufen— meine Garderobe, Pferd und Wagen verkaufen— Dein ſey Alles, aber— entſag' ihm!. LCouiſe(tritt voll Beſremdung zuruͤck). Spottet ſie einer Ver⸗ zweifelnden, oder ſollte ſie an der barbariſchen That im Ernſt kei⸗ nen Antheil gehabt haben? Ha! So koͤnnt' ich mir ja noch den Schein einer Heldin geben und meine Ohnmacht zu einem Verdienſt aufputzen.(Sie ſieht eine Weile gedankenvoll, dann tritt ſie naͤher zur Lady, faßt ihre Hand und ſieht ſie ſtarr und bedeutend an.) Nehmen Sie ihn denn hin, Milady!—— Freiwillig tret' ich Ihnen ab den Mann, den man mit Haken der Hoͤlle von meinem blutenden Herzen riß.—— Vielleicht wiſſen Sie es ſelbſt nicht, Milady, aber Sie haben den Himmel zweier Liebenden geſchleift, von einander gezerrt zwei Herzen, die Gott aneinander band; zerſchmettert ein Geſchoͤpf, das ihm nahe ging wie Sie, das er zur Freude ſchuf wie Sie, das ihn geprieſen hat wie Sie, und ihn nun nimmermehr preiſen wird— Lady! ins Ohr des Allwiſſenden ſchreit auch der letzte Krampf des zertretenen Wurms — Es wird ihm nicht gleichguͤltig ſeyn, wenn man Seelen in ſeinen Haͤnden mordet! Jetzt iſt er Ihnen! Jetzt, Milady, nehmen Sie ihn hin! Rennen Sie in ſeine Arme! Reißen Sie ihn zum Altar— Nur vergeſſen Sie nicht, daß zwiſchen 432 Ihren Brautluß das Geſpenſt einer Selbſtmoͤrderin ſtuͤr⸗ zen wird— Gott wird barmherzig ſeyn— Ich kann mir nicht anders helfen!(Sie ſtuͤrzt hinaus.) Achte Scene. Lady allein, ſteht erſchuͤttert und außer ſich, den ſtarren Blick nach der Thuͤr gerichtet, durch welche die Millerin weggeeilt; endlich erwacht ſie aus ihrer Betaͤubung. Wie war das? Wie geſchah mir? Was ſprach die Ungluͤck⸗ liche?— Noch, o Himmell! noch zerreißen ſie mein Ohr, die fuͤrchterlichen, mich verdammenden Worte: nehmen Sie ihn hin!— Wen, Ungluͤckſelige? das Geſchenk deines Sterbe⸗ roͤchelns— das ſchauervolle Vermaͤchtniß deiner Verzweiflung! Gott! Gott! Bin ich ſo tief geſunken— ſo ploͤtzlich von allen Thronen meines Stolzes herabgeſtuͤrzt, daß ich heißhungrig erwarte, was einer Bettlerin Großmuth aus ihrem letzten Todeskampfe mir zuwerfen wird?— Nehmen Sie ihn hin! und das ſpricht ſie mit einem Tone, begleitet ſie mit einem Blicke— Ha! Emilie! biſt du darum uͤber die Graͤn⸗ zen deines Geſchlechts weggeſchritten? Mußteſt du darum um den praͤchtigen Namen des großen brittiſchen Weibes buhlen, daß das prahlende Gebaͤnde deiner Ehre neben der hoͤheren Tugend einer verwahrlosten Buͤrgerdirne verſinken ſoll?— Nein, ſtolze Ungluͤckliche! nein!— Beſchaͤmen laͤßt ſich Emilie Milford— doch beſchimpfen nie! Auch ich habe Kraft, zu entſagen! (Mit majeſtaͤtiſchen Schritten auf und nieder.) Verkrieche dich jetzt, weiches, leidendes Weib!— Fahret hin, ſuͤße, goldene Bilder der Liebe— Großmuth allein ſey 433 jetzt meine Fuͤhrerin—— Dieſes liebende Paar iſt verloren, oder Milford muß ihren Anſpruch vertilgen und im Herzen des Fuͤrſten erloͤſchen!(Nach einer Pauſe, lebhaft.) Es iſt ge⸗ ſchehen!— Gehoben das furchtbare Hinderniß— zerbrochen alle Bande zwiſchen mir und dem Herzog, geriſſen aus meinem Buſen dieſe wuͤthende Liebe!—— In deine Arme werf' ich mich, Tugend!— Nimm ſie auf, deine reuige Tochter Emilie. — Hal wie mir ſo wohl iſt. Wie ich auf einmal ſo leicht, ſo gehoben mich fuͤhle!— Groß, wie eine fallende Sonne, will ich heute vom Gipfel meiner Hoheit herunterſinken, meine Herrlich⸗ keit ſterbe mit meiner Liebe, und nichts als mein Herz begleite mich in dieſe ſtolze Verweiſung.(Entſchloſſen zum Schreibepult gehend.) Jetzt gleich muß es geſchehen— jetzt auf der Stelle, ehe die Reize des lieben Juͤnglings den blutigen Kampf meines Herzens erneuern. (Sie ſetzt ſich nieder und faͤngt an zu ſchreiben.) Neunte Seene. Lady. Ein Kammerdiener. Sophie, hernach der Hof⸗- marſchall, zuletzt Bediente. Kammerdiener. Hofmarſchall von Kalb ſtehen im Vor⸗ zimmer mit einem Auftrag vom Herzog. Lady(in der Hitze des Schreibens). Auf aumeln wird ſie, die 4 fürſtliche Drathpuppe! Freilich! Der Einfall iſt auch drollig genug, ſo eine durchlauchtige Hirnſchale auseinander zu treiben.— Schillers ſaͤmmtliche Werke. II. 28 434 Seine Hofſchranzen werden wirbeln.— Das ganze Land wird in Gaͤhrung kommen. Kammerdiener und Sophie. Der Hofmarſchall, Mi⸗ lady!— Lady(reht ſich um). Wer? Was?— Deſto beſſer! Dieſe Sorte von Geſchoͤpfen iſt zum Sacktragen auf der Welt. Er ſoll mir willkommen ſeyn. Kammerdiener(geht ab). Sophie aaͤngſilich naͤher kommend). Wenn ich nicht fuͤrchten muͤßte, Milady, es waͤre Vermeſſenheit. Cady ſchreibt hitzis fort.) Die Millerin ſtuͤrzte außer ſich durch den Vorſaal— Sie gluͤhen— Sie ſprechen mit ſich ſelbſt.(Lady ſchreibt immer fort.) Ich erſchrecke— Was muß geſchehen ſeyn? Hofmarſchall(tritt herein, macht dem Ruͤcken der Lady tauſend Verbeugungen; da ſie ihn nicht bemerkt, kommt er noͤher, ſtellt ſich hinter ihren Seſſel, ſucht den Zipfel ihres Kleides wegzukriegen und druͤckt einen Kuß darauf, mit furchtſamem Liſpeln). Sereniſſimus— Lady eindem ſie Sand ſtreut und das Geſchriebene durchfliegt). Er wird mir ſchwarzen Undank zur Laſt legen— Ich war eine Verlaſſene. Er hat mich aus dem Elend gezogen— Aus dem Elend?— Abſcheulicher Tauſch!— Zerreiße deine Rechnung, Verfuͤhrer! Meine ewige Schamroͤthe bezahlt ſie mit Wucher. Hofmarſchall machdem er die Lady vergeblich von allen Seiten umgangen hat). Milady ſcheinen etwas distrait zu ſeyn— Ich werde mir wohl ſelbſt die Kuͤhnheit erlauben muͤſſen.(Sehr laut.) Sereniſſimus ſchicken mich, Milady, zu fragen, ob dieſen Abend Vauthall ſeyn werde oder deutſche Komoͤdie? Lady Gachend aufſtehend). Eins von beiden, mein Engel!— Unterdeſſen bringen Sie Ihrem Herzog dieſe Karte zum Deſſert! (Gegen Sophien.) Du, Sophie, befiehlſt, daß man anſpannen ſoll, und rufſt meine ganze Garderobe in dieſen Saal zu⸗ ſammen— Sophie(geht ab voll Beſtürzung). O Himmel! Was ahnet mir! Was wird das noch werden? Hofmarſchall. Sie ſind echauffirt, meine Gnaͤdige? Lady. Um ſo weniger wird hier gelogen ſeyn— Hurrah, Herr Hofmarſchall! Es wird eine Stelle vacant. Gut Wetter fuͤr Kuppler!(Da der Marſchall einen zweifelhaften Blick auf den Zettel wirft.) Leſen Sie, leſen Sie! Es iſt mein Wille, daß der Inhalt nicht unter vier Augen bleibe! Hofmarſchall Giiest, unterdeſſen ſammeln ſich die Bedienten der Lady im Hintergrund): „Gnaͤdigſter Herr! „Ein Vertrag, den Sie ſo leichtſinnig brachen, kann mich „nicht mehr binden. Die Gluͤckſeligkeit Ihres Landes war die „Bedingung meiner Liebe. Drei Jahre waͤhrte der Vetrug. „Die Linde faͤllt mir von den Augen. Ich verabſcheue Gunſt⸗ „bezeugungen, die von den Thraͤnen der Unterthanen triefen.— „Schenken Sie die Liebe, die ich Ihnen nicht mehr erwiedern „kann, Ihrem weinenden Lande, und lernen von einer brit⸗ „tiſchen Fuͤrſtin Erbarmen gegen Ihr deutſches Volk. „In einer Stunde bin ich uͤber der Graͤnze. Johanna Norſolk.“ Alle Bedienten(murmeln beſuͤrzt durcheinander). Ueber der Graͤnze? 6 Hafmarſchall(legt die Zarte erſchrocken auf den Tiſch.) zehuͤte der Himmel, meine Beſte und Gnaͤdige! Dem Ueber⸗ bringer muͤßte der Hals eben ſo jucken, als der Schreiberin⸗ Lady. Das iſt deine Sorge, du Goldmann!— Leider weiß ich es, daß du und Deinesgleichen am Nachbeten deſſen⸗ was Andere gethan haben, erwuͤrgen! Mein Rath waͤre, man backte den Zettel in eine Wildpretpaſtete, ſo faͤnden ihn Sereniſſimus auf dem Teller— Hofmarſchall. Ciel! Dieſe Vermeſſenheit! So erwaͤgen Sie doch, ſo bedenken Sie doch, wie ſehr Sie ſich in Disgrace ſetzen, Lady! LTady(wendet ſich zu der verſammelten Dienerſchaft und ſpricht das Folgende mit der innigſten Rührung). Ihr ſteht beſtuͤrzt, gute Leute, erwartet angſtvoll, wie ſich das Raͤthſel entwickeln wird? — Kommt naͤher, meine Lieben!— Ihr dientet mir redlich und warm, ſahet mir oͤfter in die Augen, als in die Boͤrſe; euer Gehorſam war eure Leidenſchaft, euer Stolz— meine Gnade!—— Daß das Andenken eurer Treue zugleich das Gedaͤchtniß meiner Erniedrigung ſeyn muß! Trauriges Schick⸗ ſal, daß meine ſchwaͤrzeſten Tage eure gluͤcklichen waren!(Mit Thraͤnen in den Augen.) Ich entlaſſe euch, meine Kinder!—— Lady Milford iſt nicht mehr, und Johanna von Norfolk zu arm, ihre Schuld abzutragen— Mein Schatzmeiſter ſtuͤrze meine Schatulle unter euch— Dieſer Palaſt bleibt dem Herzog— Der aͤrmſte von euch wird reicher von hinnen gehen, als ſeine Gebieterin.(Sie reicht ihre Haͤnde hin, die Alle nacheinander mit Leidenſchaft kuͤſſen.) Ich verſtehe euch, meine Guten— Lebt wohl! Lebt ewig wohl!! Gaßt ſich aus ihrer Beklemmung.) Ich hoͤre den Wagen vorfahren.(Sie reißt ſich los, will hinaus, der Hofmarſchall verrennt ihr den Weg.) Mann des Erbarmens, ſtehſt du noch immer da? 8 ⏑—8G—— ——=ES8¼S 437 Hofmarſchall Cer dieſe ganze Zeit uͤber mit einem Geiſtes⸗ bankerott auf den Zettel ſahb). Und dieſes Billet ſoll ich Seiner Hochfuͤrſtlichen Durchlaucht zu hoͤchſteigenen Haͤnden geben? Lady. Mann des Erbarmens! zu hoͤchſteigenen Haͤnden, und ſollſt melden zu hoͤchſteigenen Ohren, weil ich nicht barfuß nach Loretto koͤnne, ſo werde ich um den Taglohn arbeiten, mich zu reinigen von dem Schimpf, ihn beherrſcht zu haben. (Sie eilt ab. Alle Uebrigen gehen ſehr bewegt auseinander.) Fünfter Akt. Abends zwiſchen Licht in einem Zimmer beim Muſikanten. Erſte Seene. Louiſe ſitzt ſtumm und ohne ſich zu ruͤhren in dem finſtern Winkel des Zimmers, den Kopf auf den Arm geſunken. Nach einer großen und tiefen Pauſe kommt Miller mit einer Handlaterne, leuchtet aͤngſtlich in dem Zimmer herum, ohne Louiſen zu bemerken, dann legt er den Hut auf den Tiſch und ſetzt die Laterne nieder. Miller. Hier iſt ſie auch nicht! Hier wieder nicht.— Durch alle Gaſſen bin ich gezogen, bei allen Bekannten bin ich geweſen, auf allen Thoren hab' ich gefragt— mein Kind hat man nirgends geſehen! Nach einigem Stillſchweigen.) Geduld, armer, ungluͤcklicher Vater! Warte ab, bis es Morgen wird. Vielleicht kommt deine Einzige dann ans Ufer geſchwommen. — Gott! Gott! Wenn ich mein Herz zu abgoͤttiſch an dieſe Tochter hing?— Die Strafe iſt hart. Himmliſcher Vater, hart! Ich will nicht murren, himmliſcher Vater, aber die Strafe iſt hart!(Er wirft ſich gramvoll in einen Stuhl.) ₰̈ 2=22 an 439 Louiſe(ſpricht aus dem Winkel). Du thuſt recht, armer alter Mann! Lerne bei Zeit noch verlieren. Miller cfpringt auf). Biſt du da, mein Kind? Biſt du?— Aber warum denn ſo einſam und ohne Licht? Louiſe. Ich bin darum doch nicht einſam. Wenn's ſo recht ſchwarz wird um mich herum, hab' ich meine beſten Beſuche. miller. Gott bewahre dich! Nur der Gewiſſenswurm ſchwaͤrmt mit der Eule. Sunder und boͤſe Geiſter ſcheuen das Licht. Kouiſe. Auch die Ewigkeit, Vater, die mit der Seele ohne Gehuͤlfen redet! Miller. Kind! Kind! Was fuͤr Reden ſind das? Louiſe(ſieht auf und kommt vorwaͤrts). Ich hab' einen harten Kampf gekaͤmpft! Er weiß es, Vater! Gott gab mir Kraft: der Kampf iſt entſchieden! Vater, man pflegt unſer Geſchlecht zart und zerbrechlich zu nennen! Glaub' er das nicht mehr! Vor einer Spinne ſchuͤtteln wir uns, aber das ſchwarze Ungeheuer Verweſung druͤcken wir im Spaß in die Arme! Dieſes zur Nachricht, Vater! Seine Louiſe iſt luſtig! Miller. Hore, Tochter! ich wollte, du heulteſt; du ge⸗ fielſt mir beſſer. Louife. Wie ich ihn uͤberliſten will, Vater! Wie ich den Tyrannen betruͤgen will!— Die Liebe iſt ſchlauer als die Bosheit und kuͤhner— das hat er nicht gewußt, der Mann mit dem traurigen Stern— O, ſie ſind pfiffig, ſo lang ſie es nur mit dem Kopf zu thun haben; aber ſobald ſie mit dem Herzen anbinden, werden die Boͤſewichter dumm—— Mit einem Eid gedachte er ſeinen Betrug zu verſiegeln! Eide, Vater, binden wohl die Lebendigen, im Tode ſchmilzt auch der Sacra⸗ 440 mente eiſernes Band! Ferdinand wird ſeine Louiſe kennen!— Will er mir dieß Billet beſorgen, Vater? Will er ſo gut ſeyn? Miller. An wen, meine Tochter? Louiſe. Seltſame Frage! Die Unendlichkeit und mein Herz haben mit einander nicht Raum genug fuͤr einen einzigen Gedanken an Ihn— Wann haͤtt' ich denn wohl an ſonſt Jemand ſchreiben ſollen? 4 Miller(unruhig). Hoͤre, Louiſe! Ich erbreche den Brief! Couiſe. Wie er will, Vater!— aber er wird nicht klug daraus werden. Die Buchſtaben liegen wie kalte Leichname da und leben nur Augen der Liebe. Miller(iest).„Du biſt verrathen, Ferdinand!— Ein „Bubenſtuͤck ohne Beiſpiel zerriß den Bund unſrer Herzen, „aber ein ſchrecklicher Schwur hat meine Zunge gebunden, und „dein Vater hat uͤberall ſeine Horcher geſtellt. Doch, wenn „du Muth haſt, Geliebter!— Ich weiß einen dritten Ort, „wo kein Eidſchwur mehr bindet und wohin ihm kein Horcher „geht.“(Miller haͤlt inne und ſieht ihr ernſthaft ins Geſicht.) Louiſe. Warum ſieht er mich ſo an? Leſ' er doch ganz aus, Vater. WMiller.„Aber Muth genug mußt du haben, eine finſtre „Straße zu wandeln, wo dir nichts leuchtet, als deine Louiſe „und Gott.— Ganz nur Liebe mußt du kommen, daheim „laſſen alle deine Hoffnungen und alle deine brauſenden Wuͤnſche; „nichts kannſt du brauchen, als dein Herz. Willſt du— ſo „brich auf, wenn die Glocke den zwoͤlften Streich thut auf dem „Carmeliterthurm. Bangt dir— ſo durchſtreiche das Wort „ſtark vor deinem Geſchlechte, denn ein Maͤdchen hat dich zu „Schanden gemacht.“(Miller legt das Billet nieder, ſchaut lange mit einem ſchmerzlichen, ſtarren Blick vor ſich hinaus, endlich kehrt er 441 ſich gegen ſie und ſagt mit leiſer, gebrochener Stimme!) Und dieſer dritte Ort, meine Tochter? Louiſe. Er kennt ihn nicht? er kennt ihn wirklich nicht, Vater?— Sonderbar! Der Ort iſt zum Finden gemalt. Ferdinand wird ihn finden. Miller. Hum! Rede deutlicher! Louiſe. Ich weiß ſo eben kein liebliches Wort dafuͤr.— Er muß nicht erſchrecken, Vater, wenn ich ihm ein haͤßliches nenne. Dieſer Ort— O warum hat die Liebe nicht Namen erfunden! den ſchoͤnſten haͤtte ſie dieſem gegeben. Der dritte Ort, guter Vater— aber er muß mich ausreden laſſen— der dritte Ort iſt das Grab. Miller dzu einem Seſſel hinwankend). O mein Gott! Louiſe Geht auf ihn zu und haͤlt ibn). Nicht doch, mein Vater! Das ſind nur Schauer, die ſich um das Wort herum lagern.— Weg mit dieſen, und es liegt ein Brautbette da, woruͤber der Morgen ſeinen goldenen Teppich breitet und die Fruͤhlinge ihre bunten Guirlanden ſtreuen. Nur ein heulender Suͤnder konnte den Tod ein Gerippe ſchelten; es iſt ein hol⸗ der, niedlicher Knabe, bluͤhend, wie ſie den Liebesgott malen, aber ſo tuͤckiſch nicht— ein ſtiller, dienſtbarer Genius, der der erſchoͤpften Pilgerin Seele den Arm bietet uͤber den Graben der Zeit, das Feenſchloß der ewigen Herrlichkeit aufſchließt, freundlich nickt und verſchwindet. mMiller. Was haſt du vor, meine Tochter?— Du willſt eigenmaͤchtig Hand an dich legen. LKauiſe. Nenn' er es nicht ſo⸗ mein Vater! Eine Geſell⸗ ſchaft raͤumen, wo ich nicht wohl gelitten bin— an einen Ort vorausſpringen, den ich nicht laͤnger miſſen kann— iſt denn das Suͤnde? Miller. Selbſtmord iſt die abſcheulichſte, mein Kind!— 44²2 Die einzige, die man nicht mehr bereuen kann, weil Tod und Miſſethat zuſammenfallen. Souiſe Gleibt ſtarr ſtehen). Entſetzlich!— Aber ſo raſch wird es doch nicht gehen. Ich will in den Fluß ſpringen, Vater, und im Hinunterſinken Gott den Allmaͤchtigen um Er⸗ barmen bitten! Miller. Das heißt, du willſt den Diebſtahl bereuen, ſobald du das Geſtohlene in Sicherheit weißt— Tochter! Tochter! Gib Acht, daß du Gottes nicht ſpotteſt, wenn du ſeiner am meiſten vonnoͤthen haſt. O! es iſt weit, weit mit dir gekommen!— Du haſt dein Gebet aufgegeben, und der Barmherzige zog ſeine Hand von dir! Souiſe. Iſt Lieben denn Frevel, mein Vater? Miller. Wenn du Gott liebſt, wirſt du nie bis zum Frevel lieben.—— Du haſt mich tief gebeugt, meine Einzige! tief, tief, vielleicht zur Grube gebeugt.— Doch, ich will dir dein Herz nicht noch ſchwerer machen.— Tochter, ich ſprach vorhin etwas. Ich glaubte allein zu ſeyn. Du haſt mich behorcht; und warum ſollt' ich's noch laͤnger geheim halten? Du warſt mein Abgott! Hoͤre, Louiſe, wenn du noch Platz fuͤr das Gefuͤhl eines Vaters haſt— Du warſt mein Alles! Jetzt verthuſt du nichts mehr von deinem Eigenthum. Auch ich habe Alles zu verlieren! Du ſiehſt, mein Haar faͤngt an grau zu wer⸗ den. Die Zeit meldet ſich allgemach bei mir, wo uns Vaͤtern die Capitale zu ſtatten kommen, die wir im Herzen unſrer Kin⸗ der anlegten.— Willſt du mich darum betruͤgen, Louiſe? Wirſt du dich mit Hab' und Gut deines Vaters auf und davon machen? Louiſe(kuͤßt ſeine Hand mit der heftigſten Ruͤhrung). Nein, mein Vater! Ich gehe als eine große Schuldnerin aus der Welt und werde in der Ewigkeit mit Wucher bezahlen. Miller. Gib Acht, ob du dich da nicht verrechneſt, mein 443 Kind!(Sehr ernſt und feierlich.) Werden wir uns dort wohl noch finden?—— Siehl wie du blaß wirſt!— Meine Louiſe begreift es von ſelbſt, daß ich ſie in jener Welt nicht wohl mehr einholen kann, weil ich nicht zu fruͤh dahin eile, wie ſie.(LCouiſe ſtuͤrzt ihm in den Arm, von Schauern ergriffen— Er druͤckt ſie mit Feuer an ſeine Bruſt und faͤhrt fort mit beſchwoͤrender Stimme.) O Tochter! Tochter! gefallene, vielleicht ſchon verlorene Tochter! Beherzige das ernſthafte Vaterwort! Ich kann nicht uͤber dich wachen. Ich kann dir die Meſſer nehmen, du kannſt dich mit einer Stricknadel toͤbten. Vor Gift kann ich dich bewahren, du kannſt dich mit einer Schnur Perlen erwuͤrgen.— Louiſe— Louiſe— nur waͤrnen kann ich dich noch.— Willſt du es darauf ankommen laſſen, daß dein treuloſes Gaukelbild auf der ſchrecklichen Bruͤcke zwiſchen Zeit und Ewigkeit von dir weiche?— Willſt du dich vor des All⸗ wiſſenden Thron mit der Luͤge wagen: Deinetwegen, Schoͤpfer, bin ich da— wenn deine ſtrafbaren Augen ihre ſterbliche Puppe ſuchen?— Und wenn dieſer zerbrechliche Gott deines Gehirns, jetzt Wurm wie du, zu den Fuͤßen deines Richters ſich windet, deine gottloſe Zuverſicht in dieſem ſchwankenden Augenblick Luͤgen ſtraft und deine betrogenen Hoffnungen an die ewige Erbarmung verweist, die der Elende fuͤr ſich ſelbſt kaum erflehen kann— wie dann?(Nachdruͤcklicher, lauter.) Wie dann, Ungluͤckſelige?(Er haͤlt ſie feſter, blickt ſie eine Weile ſtarr und durchdringend an, dann verlaͤßt er ſie ſchnel.) Jetzt weiß ich nichts mehr—(mit aufgehobener Rechten) ſtehe dir, Gott Richter! fuͤr dieſe Seele nicht mehr. Thu', was du willſt. Bringe deinem ſchlanken Juͤngling ein Opfer, daß deine Teufel jauchzen und deine guten Engel zuruͤcktreten.— Zieh' hin! Lade alle deine Suͤnden auf, lade auch dieſe, die letzke, die entſetzlichſte auf, und wenn die Laſt noch zu leicht iſt, ſo mache mein Fluch das Gewicht vollkommen.— Hier iſt ein Meſſer— durchſtich dein Herz, und(indem er lautweinend fortſtuͤrzen wilh das Vaterherz! 444 Louiſe(ſpringt auf und eilt ihm nach. Halt! halt! Omein Va⸗ ter!— Daß die Zaͤrtlichkeit noch barbariſcher zwingt, als Tyran⸗ nenwuth!— Was ſoll ich? Ich kann nicht! Was muß ich thun? Miller. Wenn die Kuͤſſe deines Majors heißer brennen als die Thraͤnen deines Vaters— ſtirb! Louiſe nnach einem qualvollen Kampfe mit einiger Feſtigkeit). Vater! Hier iſt meine Hand! Ich will— Gott! Gott! Was thu' ich? Was will ich? Vater, ich ſchwoͤre— Wehe mir, wehe! Verbrecherin, wohin ich mich neige!— Vater, es ſey!— Fer⸗ dinand— Gott ſieht herab!— So zernicht' ich ſein letztes Gedaͤchtniß.(Sie zerreißt ihren Brief.) Miller(ttuuͤrzt ihr freudetrunken an den Hals). Das iſt meine Tochter! Blick' auf! Um einen Liebhaber biſt du leichter, dafuͤr haſt du einen gluͤcklichen Vater gemacht.(Unter Lachen und Weinen ſie umarmend.) Kind! Kind, das ich den Tag meines Lebens nicht werth war! Gott weiß, wie ich ſchlechter Mann zu dieſem Engel gekommen bin!— Meine Louiſe, mein Himmelreich! O Gott! ich verſtehe ja wenig vom Lieben, aber daß es eine Qual ſeyn muß, aufzuhoͤren— ſo was begreif' ich noch! Louiſe. Doch hinweg aus dieſer Gegend, mein Vater!— Weg von der Stadt, wo meine Geſpielinnen meiner ſpotten und mein guter Name dahin iſt auf immerdar— Weg, weg, weit weg von dem Ort, wo mich ſo viele Spuren der verlor⸗ nen Seligkeit anreden. Weg, wenn es moͤglich iſt!— Miller. Wohin du nur willſt, meine Tochter! Das Brod unſers Herrgotts waͤchst uͤberall, und Ohren wird er auch meiner Geige beſcheren. Jal laſſ' auch Alles dahingehen— Ich ſetze die Geſchichte deines Grams auf die Laute, ſinge dann ein Lied von der Tochter, die, ihren Vater zu ehren, ihr Herz zerriß— wir betteln mit der Ballade von Thuͤr zu Thuͤr, und das Almoſen wird koͤſtlich ſchmecken von den Haͤnden der Weinenden. 445 Zweite Seene. Ferdinand zu den Vorigen. Louiſe(wird ihn zuerſt gewahr und wirft ſich Millern laut ſchreiend um den Hals). Gott! Da iſt er! Ich bin verloren! Miller. Wo? wer? Louiſe Geigt mit abgewandtem Geſicht auf den Major und drüͤckt ſich feſter an ihren Vater). Er! er ſelbſt— Seh' er nur um ſich, Vater— Mich zu ermorden, iſt er da!— Miller(erblickt ihn, faͤbrt zuruck). Was? Sie hier, Baron? Ferdinand(kommt langſam naͤher, bleibt Louiſen gegenuͤber ſtehen und laͤßt den ſtarren forſchenden Blick auf ihr ruhen, nach einer Pauſe). Ueberraſchtes Gewiſſen, habe Dank!— Dein Bekennt⸗ niß iſt ſchrecklich, aber ſchnell und gewiß, und erſpart mir die Folterung! Guten Abend, Miller! Miller. Aber um Gottes willen! Was wollen Sie, Baron? Was fuͤhrt Sie her? Was ſoll dieſer Ueberfall? Ferdinand. Ich weiß eine Zeit, wo man den Tag in ſeine Secunden zerſtuͤckte, wo Sehnſucht nach mir ſich an die Ge⸗ wichte der zoͤgernden Wanduhr hing und auf den Aderſchlag lauerte, unter dem ich erſcheinen ſollte.— Wie kommt's, daß ich jetzt uͤberraſche? Miller. Gehen Sie, gehen Sie, Baron!— Wenn noch ein Funke von Menſchlichkeit in Ihrem Herzen zuruͤckblieb, wenn Sie die nicht erwuͤrgen wollen, die Sie zu lieben vorgeben, fliehen Sie, bleiben Sie keinen Augenblick laͤnger! Der Segen war fort aus meiner Huͤtte, ſobald Sie einen Fuß darein ſetzten. Sie haben das Elend unter mein Dach gerufen, wo ſonſt nur die Freude zu Hauſe war. Sind Sie noch nicht zufrieden? 446 Wollen Sie auch in der Wunde noch wuͤhlen, die Ihre ungluͤckliche Bekanntſchaft meinem einzigen Kinde ſchlug? Ferdinand. Wunderlicher Vater, jetzt komm' ich ja, dei⸗ ner Tochter etwas Erfreuliches zu ſagen! Miller. Neue Hoffnungen etwa zu einer neuen Ver⸗ zweiflung? Geh', Ungluͤcksbote! Dein Geſicht ſchimpft deine Waare. 4 Ferdinanv. Endlich iſt es erſchienen, das Ziel meiner Hoffnung! Lady Milford, das furchtbarſte Hinderniß unſrer Liebe, floh dieſen Augenblick aus dem Lande. Mein Vater billigt meine Wahl. Das Schickſal laͤßt nach, uns zu verſolgen. Unſere gluͤcklichen Sterne gehen auf.— Ich bin jetzt da, mein gegebenes Wort einzuloͤſen und meine Braut zum Altar abzu⸗ holen. Miller. Hoͤrſt du ihn, meine Tochter? Hoͤrſt du ihn ſein Geſpoͤtte mit deinen getaͤuſchten Hoffnungen treiben? O wahr⸗ lich, Baron! es ſteht dem Verfuͤhrer ſo ſchoͤn, an ſeinem Ver⸗ brechen ſeinen Witz noch zu kitzeln. 2 Ferdinand. Du glaubſt, ich ſcherze? Bei meiner Ehre nicht! meine Ausſage iſt wahr, wie die Liebe meiner Louiſe, und heilig will ich ſie halten, wie ſie ihre Eide— Ich kenne nichts Heiligeres— Noch zweifelſt du? noch kein freudiges Errithen auf den Wangen meiner ſchoͤnen Gemahlin? Sonder⸗ bar! die Luͤge muß hier gangbare Muͤnze ſeyn, wenn die Wahrheit ſo wenig Glauben findet. Ihr mißtraut meinen Wor⸗ ten? So glaubt dieſem ſchriftlichen Zeugniß.(Er wirft Louiſen den Brief an den Marſchall zu.) Louiſe(ſchlaͤgt ihn aus einander und ſinkt leichenblaß nieder). miller(ohne das zu bemerken, zum Major). Was ſoll das bedeuten, Baron? Ich verſtehe Sie nicht! 447 Ferdinand Cfuͤhrt ihn zu Louiſen hin). Deſto beſſer hat mich dieſe verſtanden! Willer cfaͤllt an ihr niedery). O Gott! meine Tochter! Ferdinanv. Bleich wie der Tod!— Jetzt erſt gefaͤllt ſie mir, deine Tochter! So ſchoͤn war ſie nie, die fromme, recht⸗ ſchaffene Tochter— Mit dieſem Leichengeſicht—— Der Odem des Weltgerichts, der den Firniß von jeder Luͤge ſtreift, hat jetzt die Schminke verblaſen, womit die Tauſendkuͤnſtlerin auch die Engel des Lichts hintergangen hat. Es iſt ihr ſchoͤnſtes Geſicht! Es iſt ihr erſtes wahres Geſicht! Laſſ' mich es kuͤſſen!(Er will auf ſie zugehen.) Miller. Zuruͤck! Weg! Greife nicht an das Vaterherz, Knabe! Vor deinen Liebkoſungen konnt' ich ſie nicht bewahren, aber ich kann es vor deinen Mißhandlungen. gerdinand. Was willſt du, Graukopf? Mit dir hab' ich nichts zu ſchaffen. Menge dich ja nicht in ein Spiel, das ſo offenbar verloren iſt— oder hiſt du auch vielleicht kluͤger, als ich dir zugetraut habe? Haſt du die Weisheit deiner ſechzig Jahre zu den Buhlſchaften deiner Tochter geborgt und dieß ehrwuͤrdige Haar mit dem Gewerbe eines Kupplers geſchaͤndet?— O! wenn das nicht iſt, ungluͤcklicher alter Mann, lege dich nieder und ſtirb— Noch iſt es Zeit. Noch kannſt du in dem ſuͤßen Taumel entſchlafen: ich war ein gluͤcklicher Vater!— Einen Augenblick ſpaͤter, und du ſchleuderſt die giftige Natter ihrer hoͤlliſchen Hei⸗ math zu, verfluchſt das Geſchenk und den Geber und faͤhrſt mit der Gotteslaͤſterung in die Grube.(Zu Louiſen.) Sprich, Ungluͤck⸗ ſelige! Schriebſt du dieſen Brief? Miller cwarnend zu Louiſen). Um Gottes willen, Tochter! Vergiß nicht! Vergiß nicht! Lauiſe. O dieſer Brief, mein Vater!—. gerdinand. Daß er in die unrechten Haͤnde fiel?— Ge⸗ 448 prieſen ſey mir der Zufall, er hat groͤßere Thaten gethan, als die kluͤgelnde Vernunft, und wird beſſer beſtehn an jenem Tag, als der Witz aller Weiſen.— Zufall, ſag' ich?— O die Vor⸗ ſehung iſt dabei, wenn Sperlinge fallen, warum nicht, wo ein Teufel entlarvt werden ſoll?— Antwort will ich!— Schriebſt du dieſen Brief? Miller(ſeitwaͤrts zu ihr mit Beſchwoͤrung). Standhaft, meine Tochter! Nur noch das einzige Ja, und Alles iſt uͤberwunden. Fervinand. Luſtig! luſtig! Auch der Vater betrogen? Alles betrogen! Nun ſieh, wie ſie daſteht, die Schaͤndliche, und ſelbſt ihre Zunge nun ihrer letzten Luͤge den Gehorſam auf⸗ kuͤndigt! Schwoͤre bei Gott! bei dem fuͤrchterlich Wahren! Schriebſt du dieſen Brief? Louiſe nach einem qualvollen Kampf, worin ſie durch Blicke mit ihrem Vater geſprochen hat, feſt und entſchieden). Ich ſchrieb ihn! Fervinanpd Gleibt erſchrocken ſtehn). Louiſe!— Nein! So wahr meine Seele lebt! du luͤgſt— Auch die Unſchuld bekennt ſich auf der Folterbank zu Freveln, die ſie nie beging— Ich fragte zu heftig— Nicht wahr, Louiſe?— Du bekannteſt nur, weil ich heftig fragte? 3 Louiſe. Ich bekannte, was wahr iſt. Fervinand. Nein, ſag' ich! nein! nein! Du ſchriebſt nicht. Es iſt deine Hand gar nicht— Und waͤre ſie's, warum ſollten Handſchriften ſchwerer nachzumachen ſeyn, als Herzen zu verderben?— Rede mir wahr, Louiſe!— Oder nein, nein, thu' es nicht! du koͤnnteſt Ja ſagen, und ich waͤre verloren.— Eine Luͤge, Louiſe! eine Luͤge!— O— wenn du jetzt eine wuͤßteſt, mir hinwuͤrfeſt mit der offenen Engelmiene, nur mein Ohr, nur mein Auge uͤberredeteſt, dieſes Herz auch noch ſo abſcheulich taͤuſchteſt— O Louiſe! Alle Wahrheit moͤchte dann mit dieſem Hauch aus der Schoͤpfung wandern und die gute 449 Sache ihren ſtarren Hals von nun an zu einem hoͤfiſchen Buͤck⸗ ling beugen! Mit ſcheuem bebendem Ton.) Schriebſt du dieſen Brief? Couiſe. Bei Gott! Bei dem fuͤrchterlich Wahren! Ja!— Ferdinand gnach einer Pauſe, im Ausdruck des tiefſten Schmerzes). Weib! Weib!— Das Geſicht, mit dem du jetzt vor mir ſtehſt!— Theile mit dieſem Geſicht Paradieſe aus, du wirſt ſelbſt im Reich der Verdammniß keinen Kaͤufer finden — WMußteſt du, was du mir warſt, Louiſe? Unmoͤglich! Nein! Du wußteſt nicht, daß du mir Alles warſt! Alles!— Es iſt ein armes veraͤchtliches Wort, aber die Ewigkeit hat Muͤhe, es zu umwandern; Weltſyſteme vollenden ihre Bahnen darin.— Alles! und ſo frevelhaft damit zu ſpielen— O es iſt ſchrecklich! Touiſe. Sie haben mein Geſtaͤndniß, Herr von Walter. Ich habe mich ſelbſt verdammt. Gehen Sie nun! Verlaſſen Sie ein Haus, wo Sie ſo ungluͤcklich waren. Ferdinand. Gut! gut! Ich bin ja ruhig— ruhig, ſagt man ja, iſt auch der ſchaudernde Strich Landes, woruͤber die Peſt ging— ich bin's.(Nach einigem Nachdenken.) Noch eine Bitte, Louiſe— die letzte! Mein Kopf brennt ſo fieberiſch. Ich brauche Kuͤhlung. Willſt du mir ein Glas Limonade zurecht machen? (Louiſe geht ab.) Schillers ſämmtl. Werke. II. 8α —◻ 450 Dritte Seene. Ferdinand und Miller. Beide gehen, ohne ein Wort zu reden, einige Pauſen lang auf den entgegengeſetzten Seiten des Zimmers auf und ab. Miller(bleibt endlich ſtehen und betrachtet den Major mit trau⸗ riger Miene). Lieber Baron, kann es Ihren Gram vielleicht mindern, wenn ich Ihnen geſteh', daß ich Sie herzlich bedaure? Ferdinand. Laſſ' er es gut ſeyn, Miller!(Wieder einige Schritte.) Miller, ich weiß nur kaum noch, wie ich in ſein Haus kam— Was war die Veranlaſſung? Miller. Wie, Herr Major? Sie wollten ja Lection auf der Floͤte bei mir nehmen? Das wiſſen Sie nicht mehr? Ferdinand ceraſch). Ich ſah ſeine Tochter!(Wiederum ei⸗ nige Pauſen.) Er hat nicht Wort gehalten, Freund! Wir ac⸗ cordirten Ruhe fuͤr meine einſamen Stunden. Er betrog mich und verkaufte mir Skorpionen.(Da er Millers Vewegung ſieht.) Nein, erſchrick nur nicht, alter Mann!(Geruͤhrt an ſeinem Hals.) Du biſt nicht ſchuldig! Killer(die Augen wiſchend). Das weiß der allwiſſende Gott! Ferdin and(aufs neue hin und her, in duͤſtres Gruͤbeln verſun⸗ ken). Seltſam, o unbegreiflich ſeltſam ſpielt Gott mit uns! An dünten namnekharen Geiſen hängen uft fuͤrchterliche Ge⸗ eſſen ſolke..— Hunn— 36 4 er das?(Seftiger auf und nie⸗ der, dann Millers Hand mit ſiarker Bewegung faſſend.) Mann! Ich bezahlte dir dein bißchen Floͤte zu the au—— und du gewinnſt 1 nicht einmal— auch du verlierſt vie leicht Alles.(Gepreßt von — 451 ihm wesgehend.) Unglückſeliges Floͤtenſpiel, das mir nie haͤtte einfallen ſollen! Miller(ſucht ſeine Ruͤhrung zu verbergen). Die Limonade bleibt auch gar zu lang aus. Ich denke, ich ſehe nach, wenn Sie mir's nicht uͤbel nehmen.— Ferdinand. Es eilt nicht, lieber Miller! Wor ſich hin⸗ murmelnd.) Zumal fuͤr den Vater nicht— Bleib' er nur— Was hatt' ich doch fragen wollen?— Jal Iſt Louiſe ſeine ein⸗ zige Tochter? Sonſt hat er keine Kinder mehr? Miller ewarm). Habe ſonſt keins mehr, Baron!— Wuͤnſch' mir auch keins mehr. Das Maͤdel iſt juſt ſo recht, mein ganzes Vaterherz einzuſtecken— hab' meine ganze Baar⸗ ſchaft von Liebe an der Tochter ſchon zugeſetzt. Ferdinand(heſtig erſchuͤttert). Ha!—— Seh' er doch lieber nach dem Trank, guter Miller!(Miler geht ab.) Vierte Seene. Ferdinand allein.— 24 zige, Moͤr auf der großen Welt Go das Einzige.— Du willſt's ig einem Bettler? Die Kruͤcke zer⸗ brochen vor die Fuͤße werfen dem Lahmen? Wie? Hab' ich auch Bruſt fuͤr das?—— Und wenn er nun hineilt und nicht erwarten kann, die ganze Summe ſeiner Freuden vom Seſich dieſer Tochter herunter zu zaͤhlen, und hereintritt und ſie da Kind!— Fuͤhlſt du das, Moͤrder Das ein⸗ ſt du, das einzige?— Und der Mann hat Gotte 45² liegt, die Blume— welk— todt— zertreten muthwillig, die letzte, einzige, unuͤberſchwaͤngliche Hoffnung.— Ha! und er daſteht vor ihr, und daſteht und ihm die ganze Natur den lebendigen Odem anhaͤlt, und ſein erſtarrter Blick die entvoͤlkerte Unendlich⸗ keit fruchtlos durchwandert, Gott ſucht und Gott nicht mehr finden kann und leer zuruͤckkommt.—— Gott! Gott! Aber auch mein Vater hat dieſen einzigen Sohn— den einzigen Sohn, doch nicht den einzigen Reichthum.—(Nach einer Pauſe.) Doch wie? Was verliert er denn? Das Maͤdchen, dem die heiligſten Gefuͤhle der Liebe nur Puppen waren, wird es den Vater gluͤcklich machen koͤnnen?— Es wird nicht! es wird nicht! Und ich verdiene noch Dank, daß ich die Natter zer⸗ trete, ehe ſie auch noch den Vater verwundet. — Fünfte Seene. Miller, der zurüͤckkommt, und Ferdinand. Miller. Gleich ſollen Sie bedient ſeyn, Baron!— Draußen ſitzt das arme Ding und will ſich zu Tode weinen. Sie wird Ihnen mit der Limonade auch Thraͤnen zu trinken geben. Ferdinand. Und wohl, wenn's nur Thraͤnen waͤren!— — Weil wir vorhin von der Muſik ſprachen, Miller!(Eine Boͤrſe ziehend.) Ich bin noch ſein Schuldner! Miller. Wie? Was? Gehen Sie mir, Baron! Wofuͤr halten Sie mich? Das ſteht ja in guter Hand. Thun Sie mir doch den Schimpf nicht an, und ſind wir ja, will's Gott, nicht das Letztemal bei einander. Ferdinand. Wer kann das wiſſen? Nehm' er nur. Es iſt fuͤr Leben und Sterben. 453 iller(lachend). O deßwegen, Baron! Auf den Fall, denk' ich, kann man's wagen bei Ihnen. Ferdinand. Man wagte wirklich.— Hat er noch nie ge⸗ hoͤrt, daß Juͤnglinge gefallen ſind— Maͤdchen und Juͤnglinge, die Kinder der Hoffnung, die Luftſchloͤſſer betrogener Vaͤter.— Was Wurm und Alter nicht thun, kann oft ein Donnerſchlag ausrichten.— Auch ſeine Louiſe iſt nicht unſterblich. Miller. Ich hab' ſie von Gott. Ferdinand. Hoͤr' er— Ich ſag' ihm, ſie iſt nicht un⸗ ſterblich. Dieſe Tochter iſt ſein Augapfel. Er hat ſich mit Herz und Seel' an dieſe Tochter gehaͤngt. Sey er vorſichtig, Miller! Nur ein verzweifelter Spieler ſetzt Alles auf einen einzigen Wurf. Einen Waghals nennt man den Kaufmann, der auf ein Schiff ſein ganzes Vermoͤgen labet.— Hoͤr' er, denk' er der Warnung nach!—— Aber warum nimmt er ſein Geld nicht? miller. Was, Herr? die ganze allmaͤchtige Boͤrſe? Wo⸗ hin denken Euer Gnaden? Ferdinand. Auf meine Schuldigkeit.— Da!(Er wirft den Beutel auf den Tiſch, daß Goldſtuͤcke herausfallen.) Ich kann den Quark nicht eine Ewigkeit ſo halten. Miller(beſtuͤrzt). Was? Beim großen Gott, das klang nicht wie Silbergeld!(Er tritt zum Tiſch und ruft mit Entſetzen.) Wie, um aller Himmel willen, Baron? Baron! Was ſind Sie? Was treiben Sie? Baron! Das nenn' ich mir Zer⸗ ſtreuung! Mit zuſammengeſchlagenen Haͤnden.) Hier liegt ja— oder bin ich verhert oder— Gott verdamm' mich! Da greif' ich ja das baare, gelbe, leibhaftige Gottesgold.—— Nein, Satanas! Du ſollſt mich nicht daran kriegen! Ferdinand. Hat er Alten oder Neuen getrunken, Miller? Miller grob). Donner und Wetter! Da ſchauen Sie nur hin!— Gold! Ferdinand. Und was nun weiter? Killer. Ins Henkers Namen— ich ſage— ich bitte Sie um Gottes Chriſti willen— Gold! Ferdinand. Das iſt nun freilich etwas Merkwuͤrdiges! Miller nach einigem Stillſchweigen zu ihm gehend, mit Empfin⸗ dung. Gnaͤdiger Herr, ich bin ein ſchlichter, gerader Mann, wenn Sie mich etwa zu einem Bubenſtuͤck anſpannen wollen; denn ſo viel Geld laͤßt ſich, weis Gott, nicht mit etwas Gutem verdienen! Ferdinand(bewegt). Sey er ganz getroſt, lieber Miller! Das Geld hat er laͤngſt verdient, und Gott bewahre mich, daß ich mich mit ſeinem guten Gewiſſen dafuͤr bezahlt machen ſollte! Miller(wie ein Halbnarr in die Hoͤhe ſpringend). Mein alſo! mein! Mit des guten Gottes Wiſſen und Willen, mein! (Nach der Thuͤr laufend, ſchreiend.) Weib! Tochter! Victoria! Herbei! Surückkommend.) Aber du lieber Himmel! wie komm' ich denn ſo auf einmal zu dem ganzen grauſamen Reichthum! Wie verdien' ich ihn? lohn' ich ihn? He? Ferdinand. Nicht mit ſeinen Muſikſtunden, Miller! Mit dem Geld hier bezahl' ich ihm,(von Schauer ergriffen haͤlt er inne) bezahl' ich ihm mach einer Pauſe mit Wehmuth) den drei Monate lang ungluͤcklichen Traum von ſeiner Tochter. Miller(faßt ſeine Hand, die er ſtark druͤckt'. Gnaͤdiger Herr! Waͤren Sie ein ſchlechter, geringer Buͤrgersmann—(raſch) und mein Maͤdel liebte Sie nicht: erſtechen wollt' ich's, das Maͤdel! (Wieder veim Geld, darauf niederſchlagend)d. Aber da hab' ich ja nun Alles und Sie Nichts, und da werd' ich nun das ganze Gaudium wieder herausblechen muͤſſen? He? 45⁵ Ferdinand. Laſſ' er ſich das nicht anfechten, Freund!— Ich reiſe ab, und in dem Land, wo ich mich zu ſetzen gedenke, gelten die Stempel nicht. Miller(unterdeſſen mit unverwandten Augen auf das Geld hin⸗ geheftet, voll Entzuͤckung. Bleibt's alſo mein? Bleibt's?— Aber das thut mir nur leid, daß Sie verreiſen.— Und wart', was ich jetzt auftreten will! Wie ich die Backen jetzt voll nehmen will!(Er ſetzt den Hut auf und ſchießt durch das Zimmer.) Und auf dem Markt will ich meine Muſikſtunden geben und Numero fuͤnfe Dreikoͤnig rauchen, und wenn ich wieder auf den Drei⸗ batzenplatz ſitze, ſoll mich der Teufel holen. Will fort.) Ferdinand. Bleib' er! Schweig' er! und ſtreich' er ſein Geld ein! Machdruͤcklich. Nur dieſen Abend noch ſchweig' er und geb' er, mir zu Gefallen, von nun an keine Muſikſtunden mehr. Miller(noch hitziger und ihn hart an der Weſte faſſend, voll in⸗ niger Freude). Und, Herr! meiner Tochter!(Ihn wieder loslaſſend.) Geld macht den Mann nicht— Geld nicht— Ich habe Kar⸗ toffeln gegeſſen oder ein wildes Huhn: ſatt iſt ſatt, und dieſer Rock da iſt ewig gut, wenn Gottes liebe Sonne nicht durch den Aermel ſcheint.— Fuͤr mich iſt das Plunder.— Aber dem Maͤ⸗ del ſoll der Segen bekommen; was ich ihr nur an den Augen abſehen kann, ſoll ſie haben.— Ferdinand ffaͤllt raſch ein). Stille, o ſtille— Miller dmmer feuriger). Und ſoll mir Franzoͤſiſch lernen aus dem Fundament, und Menuet⸗Tanzen und Singen, daß maw's in den Zeitungen leſen ſoll; und eine Haube ſoll ſie tra⸗ gen, wie die Hofrathstoͤchter, und einen Kidebarri, wie ſie's heißen, und von der Geigerstochter ſoll man reden auf vier Meilen weit.— Ferd inand(ergreift ſeine Hand mit der ſchrecklichſten Bewegung). 456 Nichts mehr! Nichts mehr! Um Gotteswillen, ſchweig' er ſtille! Nur noch heute ſchweig' er ſtille! Das ſey der einzige Dank, den ich von ihm fordre. Sechste Seene. Louiſe mit der Limonade, und die Porigen. Louiſe(mit rothgeweinten Augen und zitternder Stimme, indem ſie dem Major das Glas auf einem Teller bringt). Sie befehlen, wenn ſie nicht ſtark genug iſt. Ferdinand animmt das Glas, ſetzt es nieder und dreht ſich raſch gegen Millern). O beinahe haͤtte ich das vergeſſen!— Darf ich ihn um etwas bitten, lieber Miller? Will er mir einen kleinen Gefallen thun? Miller. Tauſend fuͤr einen! Was befehlen?— Ferdinand. Man wird mich bei der Tafel erwarten. Zum Ungluͤck habe ich eine ſehr boͤſe Laune. Es iſt mir ganz unmoͤglich, unter Menſchen zu gehen.— Will er einen Gang thun zu meinem Vater und mich entſchuldigen?— Loui ſe(erſchrickt und faͤllt ſchnell ein). Den Gang kann ja ich thun. Miller. Zum Praͤſidenten? Ferdinand Nicht zu ihm ſelbſt. Er uͤbergibt ſeinen Auftrag in der Garderobe einem Kammerdiener.— Zu ſeiner Legitimation iſt hier meine Uhr.— Ich bin noch da, wann er wieder kommt.— Er wartet auf Antwort. Loui ſe(ſehr aͤngſtlich). Kann denn ich das nicht auch be⸗ orgen? 457 Ferdinand du Millern, der eben fort wilh. Halt, und noch etwas! Hier iſt ein Brief an meinen Vater, der dieſen Abend an mich eingeſchloſſen kam.— Vielle cht dringende Geſchaͤfte.— Es deht in einer Beſtellung hin.— Miller. Schon gut, Baron! Lo ui ſe(haͤngt ſich an ihn, in der entſetzlichſten Bangigkeit). Aber, mein Vater, dieß Alles koͤnnt' ich ja recht gut beſorgen!— Miller. Du biſt allein, und es iſt finſtre Nacht, meine Tochter!(Ab.) Ferdinand. Leuchte deinem Vater, Louiſe!(Waͤhrend dem, daß ſie Millern mit dem Lichte begleitet, tritt er zum Tiſch und wirft Gift in ein Glas Limonade.) Ja, Sie ſoll dran! Sie ſoll! Die obern Maͤchte nicken mir ihr ſchreckliches Ja herunter, die veien des Himmels unterſchreibt, ihr guter Engel laͤßt ſie fahren. Siebente Seene. Ferdinand und Poniſe. Sie kommt langſam mit dem Lichte zuruͤck, ſetzt es nieder und ſiellt ſich auf die entgegengeſetzte Seite vom Major, das Geſicht auf den Boden geſchlagen und nur zuweilen furchtſam und verſtohlen nach ihm hinuterſchielend. Er ſteht auf der andern Seite und ſieht ſtarr vor ſich hinaus. (Großes Stillſchweigen, das dieſen Auftritt ankuͤndigen muß.) Louiſe. Wollen Sie mich accompagniren, Herr von Walter, ſo h ich einen Gang auf dem Fortepiano!(Sie oͤffnet den Pantalon.) (Ferdinand gibt ihr keine Antwort. Paufe.) 458 Touiſe. Sie ſind mir auch noch Revange auf dem Schach⸗ brett ſchuldig. Wollen wir eine Partie, Herr von Walter? (Eine neue Pauſe.) Kouiſe. Herr von Walter, die Brieftaſche, die ich Ihnen einmal zu ſticken verſprochen— ich habe ſie angefangen— Wollen Sie das Deſſin nicht beſehen? Wieder eine neue Pauſe.) oniſe. O ich bin ſehr elend. Ferdinand(in der bisherigen Stellung). Das koͤnnte wahr ſeyn. ouiſe. Meine Schuld iſt es nicht, Herr von Walter, daß Sie ſo ſchlecht unterhalten werden. Ferdinand Hacht beleidigend vor ſich hiny. Denn was kannſt du fuͤr meine bloͤde Beſcheidenheit. Kouiſe. Ich habe es ja wohl gewußt, daß wir jetzt nicht zuſammen taugen. Ich erſchrack auch gleich, ich bekenne es, als Sie meinen Vater verſchickten.— Herr von Walter, ich ver⸗ muthe, dieſer Augenblick wird uns beiden gleich unertraͤglich ſeyn.— Wenn Sie mir's erlauben wollen, ſo geh' ich und bitte einige von meinen Bekannten her. Ferdinand. O ja doch, das thu'! Ich will auch gleich gehn und von den meinigen bitten. Touiſe(ſieht ihn ſtutzend an). Herr von Walter! Ferdinand(eehr haͤmiſch). Bei meiner Ehre! der geſcheidteſte Einfall, den ein Menſch in dieſer Lage nur haben kann. Wir machen aus dieſem verdrießlichen Duett eine Luſtbarkeit und raͤchen uns mit Huͤlfe gewiſſer Galanterien an den Grillen der Liebe. Kouiſe. Sie ſind aufgeraͤumt, Herr von Walter. Ferdinand. Ganz außerordentlich, um die Knaben auf dem Markt hinter mir her zu jagen! Nein! In Wahrheit, 459 Louiſe! dein Beiſpiel belehrt mich— du ſollſt meine Lehrerin ſeyn. Thoren ſind's, die von ewiger Liebe ſchwatzen. Ewiges Einerlei widerſteht, Veraͤnderung iſt nur das Salz des Ver⸗ gnuͤgens.— Topp, Louiſe! Ich bin dabei— Wir huͤpfen von Roman zu Roman, waͤlzen uns von Schlamm zu Schlamme. — Du dahin— ich dorthin— vielleicht, daß meine verlorne Ruhe ſich in einem Bordell wieder finden laͤßt— Vielleicht, daß wir dann nach dem luſtigen Wettlauf, zwei moderne Ge⸗ rippe, mit der angenehmſten Ueberraſchung von der Welt zum Zweitenmal auf einander ſtoßen, daß wir uns da an dem gemein⸗ ſchaftlichen Familienzug, den kein Kind dieſer Mutter verlaͤngnet, wie in Komoͤdien, wieder erkennen, daß Ekel und Scham noch eine Harmonie veranſtalten, die der zaͤrtlichſten Liebe unmoͤglich geweſen iſt. Louiſe. O Juͤngling! Juͤngling! Ungluͤcklich biſt du ſchon; wilſſt du es auch noch verdienen? Ferdinand cergrimmt durch die Zaͤhne murmelnd). Ungluͤcklich bin ich? Wer hat dir das geſagt? Weid, du biſt zu ſchlecht, um ſelbſt zu empfinden— womit kannſt du eines Andern Empfindungen waͤgen?— Ungluͤcklich, ſagte ſie?— Hal dieſes Wort koͤnnte meine Wuth aus dem Grabe rufen!— Ungluͤck⸗ lich mußt' ich werden, das wußte ſie. Tod und Verdammniß! das wußte ſie, und hat mich dennoch verrathen.— Siehe, Schlange! das war der einzige Fleck der Vergebung.— Deine Ausſage bricht dir den Hals— Bis jetzt konnt' ich deinen Frevel mit deiner Einfalt beſchonigen, in meiner Verachtung waͤrſt du beinahe meiner Rache entſprungen.(Indem er haſtig das Glas ergreift.) Alſo leichtſinnig warſt du nicht— dumm warſt du nicht— du warſt nur ein Teufel.(Er trinkt.) Die Limo⸗ nade iſt matt wie deine Seele— Verſuche! 460 Louiſe. O Himmel! Nicht umſonſt hab' ich dieſen Auf⸗ tritt gefaͤrchtet. Ferdinand(ebieteriſch). Verſuche! Loui ſe(nimmt das Glas etwas unwillig und trinkt). Ferdinand(wendet ſich, ſobald ſie das Glas an den Mund ſetzt, mit einer ploͤtzlichen Erblaſſung weg und eilt nach dem hinterſten Winkel des Zimmers). Louiſe. Die Limonade iſt gut. Ferdinand(ohne ſich umzukehren, von Schauern geſchuͤttelt). Wohl bekomm's! Louiſe(nachdem ſie es niedergeſetzt. O wenn Sie wuͤßten, Walter, wie ungeheuer Sie meine Seele beleidigen! Ferdinan. Hum! Louiſe. Es wird eine Zeit kommen, Walter!— Ferdinan(wieder vorwaͤrts kommend). O! mit der Zeit waͤren wir fertig. Louiſe. Wo der heutige Abend ſchwer auf Ihr Herz fallen duͤrfte— Ferdinand(ſaͤngt an ſtaͤrker zu gehen und beunruhister zu werden, indem er Schaͤrpe und Degen von ſich wirft). Gute Nacht, Herrendienſt! Louiſe. Mein Gott! Wie wird Ihnen? Ferdinand. Heiß und enge— Will mir's bequemer machen. Louiſe. Trinken Sie! Trinken Sie! Der Trank wir Sie kuͤhlen. Ferdinand. Das wird er auch ganz gewiß— Die Metze iſt gutherzig— doch das ſind ſie alle! Louiſe(mit dem vollen Ausdruck der Liebe ihm in die Arme eilend.. Das deiner Louiſe, Ferdinand? Ter inand(rruͤckt ſie von ſch). Fort! fort! Dieſe ſanſten 461 ſchmelzenden Augen weg! Ich erliege. Komm in deiner unge⸗ heuern Furchtbarkeit, Schlange! ſpring' an mir auf, Wurm!— Krame vor mir deine graͤßlichen Knoten aus, baͤume deine Wirbel zum Himmel!— ſo abſcheulich, als dich jemals der Abgrund ſah— nur keinen Engel mehr— Nur jetzt keinen Engel mehr— Es iſt zu ſpaͤt— Ich muß dich zertreten, wie eine Natter, oder verzweifeln.— Erbarme dich! Louiſe. Ol daß es ſo weit kommen mußte! Ferdinand(ſe von der Seite betrachtend). Dieſes ſchoͤne Werk des himmliſchen Bildners— Wer kann das glauben?— Wer ſollte das glauben?(Ihre Hand ſaſſend und emporhaltend.) Ich will dich nicht zur Rede ſtellen, Gott Schoͤpfer!— Aber warum denn dein Gift in ſo ſchoͤnen Gefaͤßen?—— Kann das Laſter in dieſem milden Himmelsſtrich fortkommen?— O es iſt ſeltſam! 3 Coniſe. Das anhoͤren und ſchweigen zu muͤſſen! Ferdinand. Und die ſuͤße melodiſche Stimme— Wie kann ſo viel Wohlklang kommen aus zerriſſenen Saiten? Mit trunknem Auge auf ihrem Blick verweilend.) Alles ſo ſchoͤn— ſo voll Ebenmaß— ſo goͤttlich vollkommen!— Ueberall das Werk ſeiner himmliſchen Schaͤferſtunde! Bei Gott! als waͤre die große Welt nur entſtanden, den Schoͤpfer fuͤr dieſes Meiſterſtuͤck in Laune zu ſetzen.—— Und nur in der Seele ſollte Gott ſich vergriffen haben? Iſt es moͤglich, daß dieſe empoͤrende Mißgeburt in die Natur ohne Tadel kam?(Indem er ſie ſchnell verläßt.) Oder ſah er einen Engel unter dem Meißel hervorgehen und half dieſem Irrthum in der Eile mit einem deſto ſchlech⸗ tern Herzen ab? Louiſe. O des frevelhaften Eigenſinns! Ehe er ſich eine Uebereilung geſtaͤnde, greift er lieber den Himmel an. Ferdinand(ſuͤrzt ihr heftig weinend um den Hals). Noch 46² einmal, Louiſe!— Noch einmal wie am Tage unſers erſten Kuſſes, da du Ferdinand ſtammelteſt und das erſte Du auf deine brennenden Lippen trat— O eine Saat unendlicher, un⸗ ausſprechlicher Freuden ſchien in dem Augenblick wie in der Knoſpe zu liegen.— Da lag die Ewigkeit wie ein ſchoͤner Mai⸗ tag vor unſern Augen; goldne Jahrtauſende huͤpften, wie Braͤute, vor unſerer Seele vorbei.—— Da war ich der Gluͤck⸗ liche!— Louiſe! Louiſe! Louiſe! Warum haſt du mir das gethan? Houiſe. Weinen Sie, weinen Sie, Walter! Ihre Weh⸗ muth wird gerechter gegen mich ſeyn, als Ihre Entruͤſtung. Ferdinand. Du betruͤgſt dich. Das ſind ihre Thraͤnen nicht— Nicht jener warme, wolluͤſtige Thau, der in die Wunde der Seele balſamiſch fließt und das ſtarre Rad der Empfindung wieder in Gang bringt. Es ſind einzelne— kalte Tropfen— das ſchauerlich ewige Lebewohl meiner Liebe.(Furchtbar ſeierlich, indem er die Hand auf ihren Kopf ſinken laͤßt.) Thraͤuen um deine Seele, Louiſe!— Thraͤnen um die Gottheit, die ihres unend⸗ lichen Wohlwollens hier verfehlte, die ſo muthwillig um das herrlichſte ihrer Werke kommt.— O mich daͤucht, die ganze Schoͤpfung ſollte den Flor anlegen und uͤber das Beiſpiel be⸗ n ſeyn, das in ihrer Mitte geſchieht.— Es iſt was nes, daß Menſchen fallen und Paradieſe verloren werden; n die Peſt unter Engeln wuͤthet, ſo rufe man Trauer ch die ganze Natur. Treiben Sie mich nicht aufs Aeußerſte, Walter! kaͤrke ſo gut wie eine— aber ſie muß auf e Probe kommen. Walter, das Wort noch und dann geſchieden—— Ein entſetzliches Schickſal hat die Sprache iſrer Herzen verwirrt. Durft' ich den Mund aufthun Walter, koͤnnte dir Dinge ſagen— ich koͤnnte—— aber das harte ⸗. 463 1 Verhaͤngniß band meine Zunge, wie meine Liebe, und dulden muß ich's, wenn du mich als eine gemeine Metze mißhandelſt. Ferdinand. Fühlſt du dich wohl, Louiſe? LCouiſe. Wozu dieſe Frage? 3 Ferdinand. Sonſt ſollte mir's leid um dich thun, wenn du mit einer Luͤge von hinnen muͤßteſt. Louiſe. Ich beſchwoͤre Sie, Walter!— Ferdinand(unter heftigen Bewegungen). Nein! nein! Zu ſataniſch waͤre dieſe Rache! Nein! Gott bewahre mich! In jene Welt hinaus will ich's nicht treiben.— Louiſe! Haſt du den Marſchall geliebt? Du wirſt nicht mehr aus dieſem Zim⸗ mer gehen. Founife. Fragen Sie, was Sie wollen. Ich antworte nichts mehr.(Sie ſetzt ſich nieder.) Ferdinand(ernſte⸗). Sorge fuͤr deine unſterbliche Seele, Louiſe!— Haſt du den Marſchall geliebt? Du wirſt nicht mehr aus dieſem Zimmer gehen. 5 Sauiſe. Ich antworte nichts mehr. Ferdinand(eäͤllt in fuͤrchterlicher Bewegung vor ihr nieder). Louiſe! Haſt du den Marſchall geliebt? Ehe dieſes Licht noch ausbrennt— ſtehſt du— vor Gott! Louiſe(ſaͤhrt erſchrocken in die Hoͤhe). Jeſus! Was iſt das? ——— und mir wird ſehr uͤbel.(Sie ſinkt auf den Seſſel zuruͤck.) Ferdinand. Schon?— Ueber euch Weiber und das ewige Raͤthſel! Die zaͤrtliche Nerve haͤlt Frevel feſt, die die Menſchheit an ihren Wurzeln zernagen; ein elender Gran Arſenik wirft ſie um. Pouiſe. Gift! Gift! O mein Herrgott! Ferdinand. So fuͤrcht' ich. Deine Limonade war in der Hoͤlle gewuͤrzt. Du haſt ſie dem Tod zugetrunken. 464 Louiſe. Sterben! Sterben! Gott! Allbarmherziger! Gift in der Limonade und ſterben.— O meiner Seele erbarme dich, Gott der Erbarmer! Ferdinand. Das iſt die Hauptſache. Ich bitt' ihn auch darum. Loniſe. Und meine Mutter— mein Vater— Heiland der Welt! Mein armer, verlorner Vater! Iſt keine Rettung mehr? Mein junges Leben und keine Rettung! Und muß ich jetzt ſchon dahin? Ferdinand. Keine Rettung, mußt jetzt ſchon dahin— aber ſey ruhig. Wir machen die Reiſe zuſammen. Louiſe. Ferdinand, auch du! Gift, Ferdinand! Von dir? O Gott, vergib es ihm— Gott der Gnade, nimm die Suͤnde von ihm— Ferdinand. Sieh du nach deinen Rechuungen— Ich fuͤrchte, ſie ſtehen uͤbel. Louiſe. Ferdinand! Ferdinand!— O— Nun kann ich nicht mehr ſchweigen.— Der Tod— der Tod hebt alle Eide auf.— Ferdinand!— Himmel und Erde hat nichts Ungluͤck⸗ ſeligeres als dich!— Ich ſterbe unſchuldig, Ferdinand! Ferdinand cerſchrocken). Was ſagt ſie da?— Eine Luͤge pflegt man doch ſonſt nicht auf dieſe Reiſe zu nehmen? Louiſe. Ich luͤge nicht— luͤge nicht— hab' nur einmal gelogen mein Lebenlang.— Hul! wie das eiskalt durch meine Adern ſchauert—— gals ich den Brief ſchrieb an den Hof⸗ marſchall— Ferdinand. Ha! Dieſer Brief!— Gottlob! Jetzt hab' ich all meine Mannheit wieder. Poni ſe(ihre Zunge wird ſchwerer, ihre Finger fangen an gichteriſch zu zucken). Dieſer Brief— Faſſe dich, ein entſetzliches Wort zu 465 hoͤren— Meine Hand ſchrieb, was mein Herz verdammte— dein Vater hat ihn dictirt. Ferdinand(ſtarr und einer Bildſaͤule gleich, in langer todter Pauſe hingewurzelt, faͤllt endlich wie von einem Donnerſchlag nieder). Louiſe. O des klaͤglichen Mißverſtands— Ferdinand— man zwang mich— vergib— deine Louiſe haͤtte den Tod vor⸗ gezogen— aber mein Vater— die Gefahr— ſie machten es liſtig. Ferdinand(ſchrecklich emporgeworſem. Gelobet ſey Sott! noch ſpuͤr' ich das Gift nicht. Er reißt den Degen heraus.) Louiſe(on Schwoͤche zu Schwaͤche ſinkend). Weh! Was beginnſt du? Es iſt dein Vater— Ferdinand dm Ausdruck der unbaͤndigſten Wuth). Moͤrder und Moͤrdervater!— Mit muß er, daß der Richter der Welt nur den Schuldigen ſtrafe.(Will hinaus.) Kouiſe. Sterbend vergab mein Erloͤſer— Heil uͤber dich und ihn.(Sie ſtirbt.) 3 Ferdin and(kehrt ſchnell um, wird ihre letzten ſterbenden Bewe⸗ gungen gewahr und ſaͤllt in Schmerz aufgeloͤst vor der Todten nieder). Halt! Halt! Entſpringe mir nicht, Engel des Himmels! Er faßt ihre Hand an und laͤßt ſie ſchnell wieder fallen.) Kalt, kalt und feucht! Ihre Seele iſt dahin.(Er ſpringt wieder auf.) Gott meiner Louiſe! Gnade! Gnade dem verruchteſten der Moͤrder! Es war ihr letztes Gebet!—— Wie reizend und ſchoͤn auch im Leichnam! Der geruͤhrte Wurger ging ſchonend uͤber dieſe freundlichen Wangen hin.— Die Sanftmuth war keine Larve, ſie hat auch dem Tod Stand gehalten. Nach einer Pauſe.) Aber wie? Warum fuͤhl' ich nichts? Will die Kraft meiner Jugend mich retten? Undankbare Muͤhe! Das iſt meine Meinung nicht.(Er greift nach dem Glaſe.) 2 Schillers ſaͤmmtl. Werke, II. 67 — Letzte Seene. Ferdinand. Jer Präſident. Wurm und Vediente, welche alle voll Schrecken ins Zimmer ſtuͤrzen; darauf AMliller mit Volk und Gerichtsdienern, welche ſich im Hintergrunde ſammeln. Präſident(den Brief in der Hand). Sohn, was iſt das? — Ich will doch nimmermehr glauben— Ferdinand(wirft ihm das Glas vor die Fuͤße). So ſieh, Moͤrder! Präſident(taumelt hinter ſich. Alle erſtarren. Eine ſchreckliche Pauſe). Mein Sohn, warum haſt du mir das gethan? Ferdinand(ohne ihn anzuſehen). O ja freilich! Ich haͤtte den Staatsmann erſt hoͤren ſollen, ob der Streich auch zu ſeinen Karten paſſe?— Fein und bewundernswerth, ich geſteh's, war die Finte, den Bund unſrer Herzen zu zerreißen durch Eifer⸗ ſucht.— Die Rechnung hat ein Meiſter gemacht, aber Schade nur, daß die zuͤrnende Liebe dem Drathe nicht ſo gehorſam blieb, wie deine hoͤlzerne Puppe. Präſident(ſucht mit verdrehten Augen im ganzen Kreis herum). Iſt hier Niemand, der um einen troſtloſen Vater weinte? Miller chinter der Scene rufend). Laßt mich hinein! Um Gottes willen! Laßt mich! Ferdinand. Das Maͤdchen iſt eine Heilige— fuͤr ſie muß ein Andrer rechten.(Er oͤffnet Millern die Thuͤr, der mit Volk und Gerichtsdienern hereinſtuͤrzt.) 3 Miller(in der fuͤrchterlichſten Angſo. Mein Kind! Mein Kind!— éift, ſchreit man, ſey hier genommen worden.— Meine Tochter! Wo biſt du? 467 Ferdinand(fuͤhrt ihn zwiſchen den Praͤſidenten und Louiſens Leiche). Ich bin unſchuldig. Danke dieſem hier. Miller cfaͤllt an ihr zu Boden). O Jeſus! Ferdinand. In wenig Worten, Vater!— Sie fangen an mir koſtbar zu werden.— Ich bin buͤbiſch um mein Le⸗ ben beſtohlen, beſtohlen durch Sie. Wie ich mit Gott ſtehe, zittre ich;— doch ein Boͤſewicht bin ich niemals geweſen. Mein ewiges Loos falle wie es will— auf Sie fall' es nicht. — Aber ich hab' einen Mord begangen,(mit furchtbar erhobener Stimme) einen Mord, den du mir nicht zumuthen wirſt, allein vor den Richter der Welt hinzuſchleppen. Feierlich waͤlz⸗ ich dir hier die groͤßte, graͤßlichſte Haͤlfte zu: wie du damit zu⸗ recht kommen magſt, ſiehe du ſelber.(Ihn iu Louiſen hinfuͤhrend.) Hier, Barbar! Weide dich an der entſetzlichen Frucht deines Witzes, auf dieſes Geſicht iſt mit Verzerrung dein Name ge⸗ ſchrieben, und die Wuͤrgengel werden ihn leſen.— Eine Geſtalt wie dieſe ziehe den Vorhang von deinem Bette, wenn du ſchlaͤfſt⸗ und gebe dir ihre eiskalte Hand.— Eine Geſtalt wie dieſe ſtehe vor deiner Seele, wenn du ſtirbſt, und draͤnge dein letz⸗ tes Gebet weg— Eine Geſtalt wie dieſe ſtehe auf deinem Grabe, wenn du auferſtehſt— und neben Gott, wenn er dich richtet.(Er wird ohnmaͤchtig, Bediente halten ihn.) Präſident(mit einer ſchrecklichen Bewegung des Arms gegen den Himmel). Von mir nicht, von mir nicht, Richter der Welt, fordre dieſe Seelen, von dieſem!(Er geht auf Wurm zun Wurm lauffahrend). Von mir? präſident. Verfluchter, von dir! Von dir, Satan!— Du, du gabſt den Schlangenrath— Ueber bich die Verantwor⸗ tung— Ich waſche die Haͤnde. Wurm. Ueber mich?(Er fangt graͤßlich an zu lachen.) Luſtig! Luſtig! So weiß ich doch nun auch, auf was fuͤr Art ſich die 468 Teufel bedanken.— Ueber mich, dummer Boͤſewicht? War es mein Sohn? War ich dein Gebieter?— Ueber mich die Verantwortung? Hal bei dieſem Anblick, der alles Mark in meinen Gebeinen erkaͤltet! Ueber mich ſoll ſie kommen!— Jetzt will ich verloren ſeyn, aber du ſollſt es mit mir ſeyn. — Auf! Auf! Ruft Mord durch die Gaſſen! Weckt die Ju⸗ ſtiz auf! Gerichtsdiener, bindet mich! Fuͤhrt mich von hin⸗ nen! Ich will Geheimniſſe aufdecken, daß denen, die ſie hoͤren, die Haut ſchauern ſoll.(Will gehen⸗ Präſident(aͤlt ihh. Du wirſt doch nicht, Raſender? Wurm(klopft ihm auf die Schultern). Ich werde, Camerad! Ich werde!— Raſend bin ich, das iſt wahr— das iſt dein Werk— ſo will ich auch jetzt handeln wie ein Raſender.— Arm in Arm mit dir zum Blutgeruͤſt! Arm in Arm mit dir zur Hoͤlle! Es ſoll mich kitzeln, Bube, mit dir verdammt zu ſeyn! EEr wird abgefuͤhrt.) Miller(der die ganze Zeit uͤber, den Kopf in Louiſens Schooß geſunken, in ſtummem Schmerz gelegen hat, ſteht ſchnell auf und wirft dem Major die Boͤrſe vor die Fuͤße). Giftmiſcher! Behalt' dein verfluchtes Geld!— Wollteſt du mir mein Kind damit ab⸗ kaufen?(Er ſuuͤrzt aus dem Zimmer.) Ferdinand(mit brechender Stimme). Geht ihm nach! Er verzweifelt.— Das Geld hier ſoll man ihm retten.— Es iſt meine fuͤrchterliche Erkenntlichkeit. Louiſe!— Louiſe!— Ich komme.—— Lebt wohl.—— Laßt mich an dieſem Altar verſcheiden.— Präſident(aus einer dumpfen Betaͤubung zu ſeinem Sohn). Sohn! Ferdinand! Soll kein Blick mehr auf einen zerſchmet⸗ terten Vater fallen?(Der Major wird neben Louiſen niedergelaſſen.) Ferdinand. Gott dem Erbarmenden gehoͤrt dieſer letzte. 469 Präſident än der ſchrecklichſten Qual vor ihm niederfallend). Geſchoͤpf und Schoͤpfer verlaſſen mich.— Soll kein Blick mehr zu meiner letzten Erquickung fallen?— Fe rdinand eeicht ihm ſeine ſterbende Hand). Präſident(ſteht ſchnell auf. Er vergab mir! Su den Andern) Jetzt euer Gefangener!(Er geht ab, Gerichtsdiener ſolgen ihm, der Vorhang ſällt.) Der Menſchenfeind. . Ein Fragment. Gegend in einem Park. Erſte Seene. 4 Angelica von Hutten. Wilhelmine von Hutten, ihre Tante und Stiftsdame, kommen aus einem Waͤldchen; bald darauf Gärtner Biber. Angeliea. Hier wollten wir ihn ja erwarten, liebe Tante. Sie ſetzen ſich ſo lange ins Cabinet und leſen. Ich hole mir meine Blumen beim Gaͤrtner. unterdeſſen wird's neun Uhr, und er kommt.— Sie ſind's doch zufrieden? wilhelmine. Wie es dir Vergnuͤgen macht, meine Liebe. (Geht nach der Laube.) Gärtner Biber bringt Blumen. Das Beſte, was ich heute im Vermoͤgen habe, gnaͤdiges Fraͤulein. Meine Hyacinthen ſind alle. Angeliea. Recht ſchoͤnen Dank auch fuͤr dieſes. Biber. Aber eine Roſe ſollen Sie morgen haben, die erſte vom ganzen Fruͤhling, wenn Sie mir verſprechen wollen— Angelica. Was wuͤnſchen Sie, guter Biber? Biber. Sehen Sie, gnaͤdiges Fraͤulein, meine Aurikeln ſind nun auch fort, und mein ſchoͤner Levkojenflor geht zu Ende, und der gnaͤdige Herr haben mir wieder nicht ein Blatt ange⸗ 474 ſehen. Da hab' ich voriges Jahr den großen Sumpf laſſen austrocknen gegen Mitternacht und einige tauſend Stuͤck Baͤume darauf gezogen. Die junge Welt treibt ſich und ſchießt empor — es iſt ein Seelenvergnuͤgen, drunter hinzuwandeln— Ich bin da, wie die Sonne kommt, und freue mich ſchon im vor⸗ aus der Herrlichkeit, wenn ich den gnaͤdigen Herrn einmal werde hineinfuͤhren. Es wird Abend— und wieder Abend— und der Herr hat ſie nicht bemerkt. Sehen Sie, mein Fraͤu⸗ lein, das ſchmerzt mich, ich kann's nicht laͤugnen. Angelica. Es geſchieht noch, gewiß geſchieht's noch— haben Sie indeß Geduld, guter Biber. Biber. Der Park koſtet ihm, Jahr aus Jahr ein, ſeine baaren zweitauſend Thaler, und ich werde bezahlt, wie ich's nicht verdiene— wozu nuͤtz' ich denn, wenn ich dem Herrn fuͤr ſein vieles Geld nicht einmal eine froͤhliche Stunde gebe? Nein, gnaͤdiges Fraͤnlein, ich kann nicht laͤnger das Brod Ihres Herrn Vaters eſſen, oder er muß mich ihm beweiſen laſſen, daß ich ihn nicht darum beſtehle. Angelica. Ruhig, ruhig, lieber Mann! Das wiſſen wir alle, daß Sie das und noch weit mehr verdienen. Biber. Mit Ihrer Erlaubniß, mein Fraͤulein, davon koͤn⸗ nen Sie nicht ſprechen. Daß ich meine zwoͤlf Stunden des Tags ſeinen Garten beſchicke, daß ich ihm nichts veruntreue und Ordnung unter meinen Leuten erhalte, das bezahlt mir der gnaͤdige Herr mit Geld. Aber daß ich es mit Freuden thue, weil ich es ihm thue, daß ich des Nachts daven traͤume, daß es mich mit der Morgenſonne heraustreibt— das, mein Fraͤulein, muß er mir mit ſeiner Zufriedenheit lohnen. Ein einziger Beſuch in ſeinem Park thut hier mehr als all ſein Mammon— und ſehen Sie, mein gnaͤdiges Fraͤulein— das eben war's, warum ich Sie jetzt habe— 4 475 Angeliea. Brechen Sie davon ab, ich bitte. Sie ſelbſt wiſſen, wie oft und immer vergeblich— Ach! Sie kennen ja meinen Vater. Ziber(ihre Hand faſſend und mit Lebhaftigkeit). Er iſt noch nicht in ſeiner Baumſchule geweſen. Bitten Sie ihn, daß er mir erlaube, ihn in ſeine Baumſchule zu fuͤhren. Es iſt nicht moͤglich, dieſen Dank einzuſammeln von der unvernuͤnftigen Creatur und Menſchen verloren zu geben. Wer darf ſagen, daß er an der Freude verzweifle, ſo lange noch Arbeiten lohnen und Hoffnungen einſchlagen?— Angelira. Ich verſtehe Sie, redlicher Biber— vielleicht aber waren Sie mit Gewaͤchſen gluͤcklicher als mein Vater mit Menſchen. 1 Biber(ſchnel und bewegt). Und er hat eine ſolche Tochter? (Er will mehr ſagen, unterdruͤckt es aber und ſchweigt einen Augenblick.) Der gnaͤdige Herr moͤgen viel erfahren haben von Menſchen— der ſchlecht belohnten Erwartungen viel, der geſcheiterten Plane viel— aber(die Hand des Fraͤuleins mit Lebhaftigkeit ergreifend) eine Hoffnung iſt ihm aufgegangen— Alles hat er nicht erfahren, was eines Mannes Herz zerreißen kann— (Er entfernt ſich.) Zweite Scene. Angelica. Wilhelmine. Wilhelmine(ſteht auf und ſolgt ihm mit den Augen). Ein ſonderbarer Mann! Immer faͤllt's ihm aufs Herz, wenn dieſe Saite beruͤhrt wird. Es iſt etwas Unbegreifliches in ſeinem Schickſal. 476 Angelica(ſcch unruhig umſehend). Es wird ſehr ſpaͤt. Er hat ſonſt nie ſo lange auf ſich warten laſſen— Roſenberg. Wilhelmine. Er wird nicht ausbleiben. Wie aͤngſtlich wieder und ungeduldig! Angelica. Und dießmal nicht ohne Grund, liebe Tante — Wenn es fehlſchlagen ſollte! Ich habe dieſen Tag mit Herzensangſt herannahen ſehen. Wilhelmine. Erwarte nicht zu viel von dieſem einzigen Tage! Angelica. Wenn er ihm mißfiele?— Wenn ſich ihre Charaktere zuruͤckſtießen?— Wie kann ich hoffen, daß er mit ihm die erſte Ausnahme machen werde?— Wenn ſich ihre Charaktere zuruͤckſtießen?— Meines Vaters kraͤnkende Bitter⸗ keit und Roſenbergs leicht zu reizender Stolz! Jenes Truͤbſinn und Roſenbergs heitre muthwillige Freude!— Ungluͤcklicher konnte die Natur nicht ſpielen.— Und wer iſt mir Buͤrge, daß er ihm einen zweiten Beſuch nicht eben darum ver⸗ weigert, weil er ſchon bei dem erſten Gefahr lief, ihn hoch⸗ zuſchaͤtzen? Wilhelmine. Leicht moͤglich, meine Liebe— Doch von allem dem ſagte dir noch geſtern dein Herz nichts. Angelica. Geſtern! So lang' ich nur ihn ſah, nur ihn fuͤhlte, nichts wußte, als ihn! Da ſprach noch das leicht⸗ ſinnige, liebende Maͤdchen. Jetzt ergreift mich das Bild mei⸗ nes Vaters, und alle meine Hoffnungen verſchwinden. O warum konnte denn dieſer liebliche Traum nicht fortdauern? Warum mußte die ganze Freude meines Lebens einem einzigen ſchrecklichen Wurf uͤberlaſſen werden? wilhelmine. Deine Furcht macht dich Alles vergeſſen, Angelica. Von dem Tage an, da dir Roſenberg ſeine Liebe 477 bekannte, da er deinetwegen alle Bande zerriß, die ihn an ſeinen Hof, an die Vergnuͤgungen der Hauptſtadt gefeſſelt hiel⸗ ten, da er ſich freiwillig in die traurige Einoͤde ſeiner Guͤter verbannte, um dir naͤher zu ſeyn— ſeit jenem Tage hat der Gedanke an deinen Vater deine Ruhe vergiftet. Warſt du es nicht ſelbſt, die an der Heimlichkeit dieſes Verſtaͤndniſſes An⸗ ſtoß nahm? die mit unablaͤſſigen Bitten und Mahnungen ſo lange in ihn ſtuͤrtate, bis er, ungern genug, ſein Verſprechen gab, ſich um die Gunſt deines Vaters zu bewerben? Mein Vater, ſagteſt du, haͤngt nur noch durch ein einziges Band an den Menſchen; die Welt hat ihn auf ewig verloren, wenn er die Entdeckung macht, daß auch ſeine Tochter ihn hinter⸗ gangen hat. 4 Angelica anit reger Empfindung). Nie, nie ſoll er das! — Erinnern Sie mich noch oft, liebe Tante. Ich fuͤhle mich ſtarker, entſchloſſ'ner. Alle Welt hat ihn hintergangen— aber wahr ſol ſeine Tochter ſeyn. Ich will keinen Hoffnungen Raum geben, die ſich vor meinem Vater verbergen muͤßten. Bin ich es ſeiner Guͤte nicht ſchuldig? Er gab mir ja Alles. Selbſt ſuͤr die Freuden des Lebens erſtorben, was hat er nicht gethan, um mir ſie zu ſchenken? Mir zur Luſt ſchuf er dieſe Gegend zum Paradieſe und ließ alle Kuͤnſte wetteifern, das Herz ſeiner Angelica zu entzuͤcken und ihren Geiſt zu veredeln. Ich bin eine Koͤnigin in dieſem Gebiet. An mich trat er das goͤttliche Ant der Wohlthaͤtigkeit ab, das er mit bluten⸗ dem Herzen ſelbſt niederlegte. Mir gab er die ſuͤße Voll⸗ macht, das verſchaͤmte Elend zu ſachen, verhehlte Thraͤnen zu trocknen und der fluͤchtigen Armuth eine Zuflucht in dieſen ſtillen Bergen zu oͤffnen.— Und fuͤr alles dieſes, Wilhelmine, legt er mir nur die leichte Bedingung auf, eine Welt zu ent⸗ behren, die ihn von ſich ſtieß. Wilhelmine. Und haſt du ſie nie uͤbertreten, dieſe leichte Bedingung? Angelica. Ich bin ihm ungehorſam geworden. Meine Wuͤnſche ſind uͤber dieſe Mauern geflogen— Ich bereue es, aber ich kann nicht wieder umkehren. Wilhelmine. Ehe Roſenberg in dieſen Waͤldern jagte, warſt du noch ſehr gluͤcklich.. Angelica. Gluͤcklich wie eine Himmliſche— aber ich kann nicht wieder umkehren. Wilhelmine. So auf einmal hat ſich Alles veraͤndert? Auch deine ſonſteſo traute Geſpielin, dieſe ſchoͤne Natur, iſt dieſelbe nicht mehr?. Angelica. Die Natur iſt die naͤmliche, aber mein Herz iſt es nicht mehr. Ich habe Leben gekoſtet, kann mich mit der todten Bildſaͤule nicht mehr zufrieden geben. O wie jetzt Alles verwandelt iſt um mich herum! Er hat alle Erſcheinungen um mich her beſtochen. Die aufſteigende Sonne iſt mir jetzt nur ein Stundenweiſer ſeiner Ankunft, die fallende Fontaine mur⸗ melt mir ſeinen Namen, meine Blumen hauchen mir ſeinen Athem aus ihren Kelchen.— Sehen Sie mich nicht ſo finſter an, liebe Tante— Iſt es denn meine Schuld, daß der erſte Mann, der mir außerhalb unſerer Graͤnzſtei ine begegnete, gerade Roſenberg war? Wilhemine(geruhrt ſie anſehend). Lieqess ungluͤckliches Maͤdchen— alſo auch du— ich bin unſchuldig, ich hab' es nicht hintertreiben koͤnnen— Klage mich nicht an, Angelica, wenn du einſt deinem Schickſale nicht entfliehen wirſt. Angelica. Immer ſagen Sie mir das vor, liebe Tante. Ich verſtehe Sie nicht. Wilhelmine, Der Park wird geoͤffnet. Angelica. Das Schnauben ſeiner Diana!— Er kommt. Es iſt Roſenberg.(Ihm entgegen.) Schluß der dritten Seene. Angeliea. Ach, Roſenberg, was haben Sie gethan? Sie haben ſehr uͤbel gethan. Noſenberg. Das fuͤrcht' ich nicht, meine Liebe. Es war ja Ihr Wille, daß wir mit einander bekannt werden ſollten! Sie wuͤnſchten, daß ich ihn intereſſiren moͤchte. Angelica. Wie? und das wollen Sie dadurch erreichen, daß Sie ihn gegen ſich aufbringen? Usſenberg. Fur jetzt durch nichts Anderes. Sie haben mir ſelbſt erzaͤhlt, wie viele Verſuche auf ſeine Gemuͤthskrank⸗ heit ſchon mißlungen ſind. Alle jene unbeſtellten feierlichen Sachwalter der Menſchheit haben ihn nur ſeine Ueberlegenheit fuͤhlen laſſen und ſind ſchlecht genug gegen die verfaͤngliche Beredſamkeit ſeines Kummers beſtanden. Ihm mag es einerlei ſeyn, ob wir Uebrigen an die Gerechtigkeit dieſes Haſſes glau⸗ ben, aber nie wird er's dulden, daß wir geringſchaͤtzig davon denken. Dieſer Demuͤthigung fuͤgt ſich ſein Stolz nicht. Uns zu widerlegen, war ihm freilich nicht der Muͤhe werth, aber in ſeinem Unwillen kann er ſich wohl entſchließen, uns zu be⸗ ſchaͤmen— Es kommt zum Geſpraͤch— das iſt Alles, was wir fuͤr's Erſte wuͤnſchen. Ingeliea. Sie nehmen es zu leicht, lieber Roſenberg. — Sie getrauen ſich, mit meinem Vater zu ſpielen. Wie ſehr fuͤrchte ich— . Roſenberg. Furchten Sie nichts, meine Angelica. Ich — ʃ—— — b — —— — 480 fechte fuͤr Wahrheit und Liebe. Seine Sache iſt ſo ſchlimm, als die meinige gut iſt. 8 Wilhelmine(welche dieſe ganze Zeit uͤber wenig Antheil an der Unterredung zu nehmen geſchienen hat). Sind ſie deſſen wirklich ſo gewiß, Herr von Roſenberg? Koſenberg(der ſich raſch zu ihr wendet, nach einem kurzen Stillſchweigen ernſthaft). Ich denke, daß ich's bin, mein gnaͤdiges Fraͤulein. wilhelmine(ſieht auf). Dann ſchade um meinen armen Bruder! Es iſt ihm ſo ſchwer gefallen, der ungluͤckliche Mann zu werden, der er iſt, und, wie ich ſehe, iſt es etwas ſo Leichtes, ihm das Urtheil zu ſprechen. Angeliea. Laſſen Sie uns nicht zu voreilig richten, Roſen⸗ berg. Wir wiſſen ſo wenig von den Schickſalen meines Vaters. Voſenberg. Mein ganzes Mitleid ſoll ihm dafuͤr wer⸗ den, liebe Angelica— aber nie meine Achtung, wenn ſie ihn wirklich zum Menſchenhaſſer machten.— Es iſt ihm ſchwer gefallen, ſagen Sie, au der Suiftsdame dieſer ungluͤckliche Mann zu werden— aber wollten Sie wohl die Rechtfertigung eines Menſchen ubernehmen, der dasjenige an ſich vollendet, was ein ſchreckliches Schickſal ihm noch erlaſſen hat? Dem Raſen⸗ den wohl das Wort reden, der auch den einzigen Mantel noch von ſich wirft, den ihm Raͤuber gelaſſen haben?— Oder wiſ⸗ ſen Sie mir einen aͤrmern Mann zwiſchen Hiimel und Erde, als den Menſchenfeind?— Wilhelminc. Wenn er in der Verfinſterung ſeines Jammers nach Giſten greift, wo er Linderung ſuchte, was geht das Sie Gluͤcklichen an? Ich moͤchte den blinden Armen nicht hart anlaſſen, dem ich kein Auge zu ſchenken habe. Voſenberg(nit auſſieigender Noͤthe und etwas lebhafter Stimme). 481 Nein, bei Gort! nein!— aber meine Seele entbrennt uͤber den Undank! karen, der ſich die Augen muthwillig zudruͤckt und dem Geber des Lichts flucht— Was kann er gelitten haben, das ihm durch den Beſitz dieſer Tochter nicht unendlich erſtattet wird? Darf er einem Geſchlechte fluchen, das er taͤglich, ſtuͤndlich in dieſem Spiegel ſieht? Menſchenhaſſer, Menſchen⸗ feind! Er iſt keiner. Ich will es beſchwoͤren, er iſt keiner. Glauben Sie mir, Fraͤulein von Hutten, es gibt keinen Men⸗ ſchenhaſſer in der Natur, als wer ſich allein anbetet oder ſich ſelbſt verachtet. Angelica Gehen Sie, Roſenberg! Ich beſchwöre Sie, gehen Sie! In dieſer Stimmung duͤrfen Sie ſich meinem Vater nicht zeigen. 4 Roſenberg. Recht gut, daß Sie mich erinnern, Angelica. — Wir haben hier ein Geſpraͤch angefangen, wobei ich immer verſucht bin, allzu lebhaft Partei zu nehmen— Verzeihen Sie, mein Fraͤulein!— Auch moͤcht' ich nicht gern Gefahr laufen, vorſchnell zu ſeyn, und ſoll doch erſt heute mit dem Vater meiner Angelica bekannt werden.— Von etwas Anderm denn!— Dieſes Geſicht wird ſo ernſthaft, und die Wangen der Tochter muß ich erſt heiter ſehen, wenn ich Muth haben ſoll, bei dem Vater fuͤr meine Liebe zu kaͤmpfen.— Das ganze Staͤdtchen war ja geſchmuͤckt ſwir an einem Feſttag, als ich vorbeikam. Wozu dieſe Anſtalt Angeliea. Meinen Vater zu ſeinem Geburtstage zu begruͤßen. Schillers ſaͤmmtl. W 2 —-——ʒꝛõ;— 2 Vierte Seene. Julchen, in Angelica's Dienſten, zu den Vorigen. Zulchen. Der Herr hat geſchickt, gnaͤdiges Fraͤulein. Er will Sie vor Mittag noch ſprechen.— Sie auch da, Herr von Roſenberg! Sie will er auch ſprechen. Angeliea. Uns beide! Beide zuſammen— Roſenberg — Uns beide! Was bedeutet das? Zulchen. Zuſammen? Nein, davon weiß ich nichts. Roſenberg(im Begriff weszugehen, zu Angelica). Ich laſſe Sie vorangehen, gnaͤdiges Fraͤnlein. Sanfter werd' ich ihn aus Ihren Haͤnden empfangen. Angeliea(äͤngſilich). Sie verlaſſen mich, Roſenberg— Wohin?— Ich muß Sie noch etwas Wichtiges fragen. Rsſenberg(führt ſie bei Seite. Wilhelmine und Julchen ver⸗ lieren ſich im Hintergrunde). Zulchen. Kommen Sie mit, gnaͤdiges Fraͤulein, den feſtlichen Aufzug zu ſehen. Angeliea. Das iſt ein banger, fuͤrchterlicher Morgen fuͤr uns, Roſenberg— Es gilt Trennung, ewige Trennung! Sind Sie auch vorbereitet— gefaßt auf Alles, was geſchehen kann?— Wozu ſind Sie entſchloſſen, wenn Sie meinem Vater mißfallen? Roſeuberg. Ich bin entſchloſſen, ihm nicht zu mißfallen. Angeliea. Jetzt nicht dieſen leichten Sinn, wenn ich Ihnen jemals theuer war, Roſenberg— Es ſteht nicht bei Ihnen, wie die Wuͤrfel fallen— Wir muſſen das Schlimmſte erwarten, wie das Erfreulichſte. Ich darf Sie nicht mehr ſehen, wenn Sie unfrenndlich von einander ſcheiden— was haben Sie be⸗ ſchloſſen zu thun, wenn er Ihnen Achtung verweigert? 483 Noſenberg. Gute, Liebe!— ſie ihm abzunoͤthigen. Angelica. O wie wenig kennen Sie den Mann, dem Sie ſo zuverſichtlich entgegen gehen! Sie erwarten einen Menſchen, den Thraͤnen ruͤhren, weil er weinen kann— hoffen, daß die ſanften Toͤne Ihres Herzens widerhallen werden in dem ſeini⸗ gen?— Ach! es iſt zerriſſen, dieſes Saitenſpiel, und wird ewig keinen Klang mehr geben. Alle Ihre Waffen koͤnnen feh⸗ len, alle Stuͤrme auf ſein Herz mißlingen— Roſenberg! noch einmal! was beſchließen Sie, wenn ſie alle mißlingen? Roſenberg(ruhis ihre Hand faſſend). Alle werden's nicht, alle gewiß nicht! Faſſen Sie Herz, liebe Furchtſame! Mein Entſchluß iſt gefaßt. Ich habe mir dieſen Menſchen zum Ziele gemacht, habe mir vorgeſetzt, ihn nicht aufzugeben, alſo hab' ich ihn ja gewiß.(Sie gehen ab.) . Fünfte Seene. Ein Saal. von Hutten aus einem Cabinet. Abel, ſein Haushofmeiſter, ſolgt ihm mit einem Rechnungsbuche. Abel cliest). Herrſchaftlicher Vorſchuß an die Gemeine, nach der großen Waſſersnoth vom Jahr 1784. Zweitauſend neunhundert Gulden— v. Hutten chat ſich niedergeſetzt und durchſieht einige Papiere, die auf dem Liſche liegen). Der Acker hat ſich erholt, der Menſch ſoll nicht laͤnger leiden als ſeine Felrer. Streich' er aus die⸗ ſen Poſten. Ich will nicht mehr daran erinnert ſeyn. Abel(urchſireicht mit Kopfſchuͤtteln die Rechnung. Ich muß mir's gefallen laſſen— blieben alſo noch zu berechnen die Intereſſen von ſechsthalb Jahren— 8 v. Hutten. Intereſſen!— Menſch? Abel. Hilft nichts, Ihr Gnaden. Ordnung muß ſeyn in den Rechnungen eines Verwalters. (Will weiter leſen.) v. Hutten. Den Reſt ein andermal. Jetzt ruf' er den Jaͤger, ich will meine Doggen fuͤttern. Abel. Der Pachter vom Holzhof haͤtte Luſt zu dem Po⸗ lacken, mit dem Euer Gnaden nenlich verungluͤckten. Man ſoll ihm die Maͤhre hingeben, meint der Reitknecht, ehe ein zweites Unheil geſchehe. v. Hutten. Soll das edle Thier Harum vor dem Pfluge altern, weil es in zehn Jahren einmal ffalſch gegen mich war? So hab' ich es mit Keinem gehalten, der mir mit Undank lohnte. Ich werde es nie mehr reiten. AXbel(nimmt das Rechnungsbuch und will gehen). v. Hutten. Es fehlten ja neulich wichtige Empfangſcheine in der Caſſe, ſagt' er mir, und der Rentmeiſter ſey ausge⸗ blieben? Abel. Ja, das war vorigen Donnerſtag. v. Hutten(ſieht au. Das freut mich, freut mich— daß er doch endlich noch zum Schelm geworden iſt, dieſer Rent⸗ meiſter. Er hat mir eilf Jahre ohne Tadel gedient— Setz er das nieder, Abel. Erzaͤhl er mir mehr davon. Abel. Schade um den Mann, Ihr Gnaden! Er hatte einen ungluͤcklichen Sturz mit dem Pferde gethan und iſt heute Morgen mit einem gebrochenen Arm hereingebracht wor⸗ den. Die Qnittungen fanden ſich unter andern Papieren. Die Quiter 485 v. Hutten mit Feſtiskeit). Und er war alſo kein Betruͤger! — Menſch, warum haſt du mir Luͤgen berichtet? Abel. Gnaͤdiger Herr, man muß immer das Schlimmſte von ſeinem Naͤchſten denken. v. Hutten(nach einem duͤſtern Stillſchweigen). Er ſoll aber ein Betruͤger ſeyn, und die Quittungen ſoll man ihm zahlen. Abel. Das war mein Gedanke auch, Ihr Gnaden. Steck⸗ briefe waren einmal ausgefertigt, und das Nachſetzen hat mir gewaltiges Geld gekoſtet. Es iſt verdrießlich, daß dieß Alles nun ſo weggeworfen iſt. 1 v. Hutten(ſieht ihn lange verwundernd an). Theurer Mann! in wahres Kleinod biſt du mir— wir duͤrfen nie von einander. Abel. Das wolle Gott nicht— und wenn mir gewiſſe Leute auch noch ſo große Verſprechungen— v. Hutten Gewiſſe Leute! Was? Abel. Ja, Ihr Gnaden. Ich weiß auch nicht, warum ich laͤnger damit hinter dem Berge halte. Der alte Graf— v. Hutten. Regt ſich der auch wieder? Nun? Abel. Zweihundert Piſtolen ließ er mir bieten und dop⸗ pelten Gehalt auf Zeitlebens, wenn ich ihm ſeine Enkelin, Fraͤu⸗ lein Angelica, ausliefern wollte. v. Hutten(ſteht ſchnell auf und macht einen Gang durch das Zimmer. Nachdem er ſich wieder geſetzt hat, zum Verwalter). Und dieſes Gebot hat er ausgeſchlagen? Abel. Bei meiner armen Seele, ja! Das hab' ich. v. Hutten. Zweihundert Piſtolen, Menſch, und doppelten Gehalt auf Zeitlebens!— Wo denkt er hin? hat er das wohl erwogen? Abel. Reiflich erwogen, Ihr Gnaden, und rundweg aus⸗ geſchlagen. Schelmerei gedeiht nicht, bei Euer Gnaden will ; Lobe 4 ſtorß ich leben und ſterben. v. Hutten(talt und fremd). Wir taugen nicht fuͤr ander.— (Man hoͤrt von ferne eine muntere laͤndliche Muſik mit vielen Menſchenſtimmen untermiſcht. Sie kommt dem Schloſſe immer naͤher.) Ich hoͤre da Toͤne, die mir zuwider ſind. Folg' er mir in ein andres Zimmer. Abel eiſt auf den Altan getreten und kommt eine Weile darauf wieder). Das ganze Staͤdtchen, Ihr Gnaden, kommt angezogen im Sonntagsſchmuck und mit klingendem Spiel, und haͤlt unten vor dem Schloß. Der gnaͤdige Herr, rufen ſie, moͤchten doch auf den Altan treten und ſich Ihren getreuen Unterthanen zeigen. v. Hutten. Was wollen ſie von mir? Was haben ſie anzubringen? Abel. Euer Gnaden vergeſſe—. v. Hutten. Was? Abel. Sie kommen dießmal nicht ſo leicht los, wie im vorigen Jahre— v. Hutten(ſteht ſchnell auf). Weg! weg! Ich will nichts weiter hoͤren. Abel. Das hab' ich ſchon geſagt, Ihr Gnaden— aber ſie kaͤmen aus der Kirche, hieß es, und Gott im Himmel habe ſie gehoͤrt. v. Hutten. Er hoͤrt auch das Bellen des Hundes und den falſchen Schwur in der Kehle des Heuchlers, und muß wiſſen, warum er Beides gewollt hat—(Indem das Volk hereindringt.) O Himmel! Wer hat mir das gethan?(Er will in ein Cabinet weichen, Viele halten ihn zuruͤck und faſſen den Saum ſeines Kleides.) 487 Sechste Seene. Die Vorigen. Die Paſallen und Beamten Huttens, Vürger und Landleute, welche Geſchenke tragen, Junge Mädchen und Frauen, die Kinder an der Hand fuͤhren oder auf den Armen tragen. Alle einfach, aber anſtaͤndig gekleidet. 3 4 Vorſteher. Kommt alle herein, Vaͤter, Muͤtter und Kinder. Fürchte ſich keines. Er wird Graubaͤrte keine Fehl⸗ bitte thun laſſen. Er wird unſre Kleiner nicht von ſich ſtoßen. Einige Mädchen welche ſich ihm naͤhern). Gnaͤdiger Herr! dieſes Wenige bringen Ihnen Ihre dankbaren Unterthanen, weil Sie uns Alles gaben. Bwei andre Kädchen. Dieſen Kranz der Freude flechten wir Ihnen, weil Sie das Joch der Leibeigenſchaft zer⸗ brachen. Ein drittes und viertes Mädchen. Und dieſe Blumen ſtreuen wir Ihnen, weil Sie unſre Wildniß zum Paradies ge⸗ macht haben. Erſtes und zweites Müdchen. Warum wenden Sie das Geſicht weg, lieber gnaͤdiger Herr? Sehen Sie uns an! Reden Sie mit uns! Was thaten wir Ihnen, daß Sie unſern Dank ſo zuruͤckſtoßen? Eine lange Pauſe.) v. Hutten(ohne ſie anzuſehen, den Blick auf den Boden geſchlagen). Werf' er Geld unter ſie, Verwalter— Geld, ſo viel ſie moͤgen— Schon' er meine Caſſe nicht— Er ſieht ja, die Leute warten auf ihren Lohn. Sin alter Mann Sder aus der Menge hervortritt). Das haben wir nicht verdient, gnaͤdiger Herr. Wir ſind keine Lohnknechte. 488 Einige Andre. Wir wollen ein ſanftes Wort und einen guͤtigen Blick. Ein Vierter. Wir haben Gutes von Ihrer Hand em⸗ pfangen, wir wollen danken dafuͤr, denn wir ſind Menſchen. Mehrere. Wir ſind Menſchen, und das haben wir nicht verdient. v. Hutten. Werft dieſen Namen von euch und ſeyd mir unter einem ſchlechtern willkommen— Es beleidigt euch, daß ich euch Geld anbiete? Ihr ſeyd gekommen, ſagt ihr, mir zu danken?— Wofuͤr anders koͤnnt ihr mir denn danken, als fuͤr Geld? Ich wuͤßte nicht, daß ich einem von euch etwas Beſſeres gegeben. Wahr iſt's, eh' ich Beſitz von dieſer Graf⸗ ſchaft nahm, kaͤmpftet ihr mit dem Mangel, und ein Unmenſch haͤufte alle Laſten der Leibeigenſchaft auf euch. Euer Fleiß war nicht euer; mit ungeruͤhrtem Auge ſaht ihr die Saaten gruͤnen und die Halme ſich vergolden, und der Vater verbot ſich jede Regung der Freude, wenn ihm ein Sohn geboren war. Ich zerbrach dieſe Feſſeln, ſchenkte dem Vater ſeinen Sohn und dem Saͤemann ſeine Ernte. Der Segen ſtieg herab auf eure Fluren, weil die Freiheit und die Hoffnung den Pflug regierten. Jetzt iſt keiner unter euch ſo arm, der des Jahrs nicht ſeinen Ochſen ſchlachtet; ihr legt euch in geraͤumigen Haͤuſern ſchlafen, mit der Nothdurft ſeyd ihr abgefunden und habt noch uͤbrig fuͤr die Freude.(Indem er ſich aufrichtet und gegen ſie wendet.) Ich ſehe die Geſundheit in euren Augen und den Wohlſtand auf euren Kleidern. Es iſt nichts mehr zu wuͤnſchen uͤbrig. Ich hab' euch gluͤcklich gemacht. Ein alter Mann aaus dem Haufen). Nein, gnaͤdiger Herr! Geld und Gut iſt Ihre geringſte Wohlthat geweſen. Ihre Vor⸗ fahren haben uns dem Vieh auf unſern Feldern gleich gehalten. Sie haben uns zu Menſchen gemacht. 489 Sin Bweiter. Sie haben uns eine Kirche gebaut und unſre Jugend erziehen laſſen. Ein Dritter. Und haben uns gute Geſetze und gewiſſen⸗ hafte Richter gegeben. Ein Vierter. Ihnen danken wir, daß wir menſchlich leben, daß wir uns unſers Lebens freuen. v. Hutten ain Nachdenken vertieft). Ja, ja— das Erdreich war gut, und es fehlte nicht an der milden Sonne, wenn ſich der kriechende Buſch nicht zum Baume aufrichtete.— Es iſt meine Schuld nicht, wenn ihr da liegen bliebet, wo ich euch hinwarf. Euer eigen Geſtaͤndniß ſpricht euch das Urtheil. Dieſe Genuͤgſamkeit beweist mir, daß meine Arbeit an euch verloren iſt. Haͤttet ihr etwas an eurer Gluͤckſeligkeit vermißt— es haͤtte euch zum Erſtenmal meine Achtung erworben.(Indem er ſich abwendet.) Seyd, was ihr ſeyn koͤnnt— Ich werde darum nicht weniger meinen Weg verfolgen. SEiner aus der KMenge. Sie gaben uns Alles, was uns gluͤcklich machen kann. Schenken Sie uns noch Ihre Liebe! v. Hutten(nit finſterm Ernſt). Wehe dir, der du mich erinnerſt, wie oft meine Thorheit dieſes Gut verſchleuderte. Es iſt kein Geſicht in dieſer Verſammlung, das mich zum Ruͤckfall bringen koͤnnte.— Meine Liebe?— Waͤrme dich an den Strahlen der Sonne, preiſe den Zufall, der ſie uͤber deinen Weinſtock dahin fuͤhrte; aber den ſchwindligen Wunſch unter⸗ ſage dir, dich in ihre gluͤhende Quelle zu tauchen. Traurig fuͤr dich und ſie, wenn ſie von dir gewußt haben muͤßte, um dir zu leuchten; wenn ſie, die eilende, in ihrer himmliſchen Bahn deinem Danke ſtill halten muͤßte! Iyrer ewigen Regel gehorſam, gießt ſie ihren Strahlenſtrom aus— gleich unbekümmert um die Fliege, die ſich darin ſonnt, und um dich, der ihr himm⸗ liſches Licht mit ſeinen Laſtern beſudelt— Was ſollen mir dieſe Gaben?— Von meiner Liebe habt ihr euer Gluͤck nicht empfan⸗ gen. Mir gebuͤyrt nichts von der eurigen. Ber Alte. O das ſchmerzt uns, mein theurer Herr, daß wir Alles beſitzen ſollen und nur die Freude des Dankes ent⸗ behren. v. Hutten. Weg damit! Ich verabſcheue Dank aus ſo unheiligen Haͤnden. Waſchet erſt die Verleumdung von euren Lippen, den Wucher von euren Fingern, die ſchelſehende Miß⸗ gunſt aus euren Augen. Reinigt euer Herz von Tuͤcke, werft eure gleißneriſchen Larven ab, laſſet die Wage des Richters aus euren ſchuldigen Haͤnden fallen. Wie? Glaubet ihr, daß dieſes Gaukelſpiel von Eintracht mir die neidiſche Zwietracht verberge, die auch an den heiligſten Banden eures Lebens nagt? Kenne ich nicht jeden Einzelnen aus dieſer Verſammlung, die durch ihre Menge mir ehrwuͤrdig ſeyn will?— Ungeſehen folgt euch mein Auge— Die Gerechtigkeit meines Haſſes lebt von euren Laſtern. Su dem Alten.) Du maßeſt dich an, mir Ehr furcht abzufordern, weil das Alter deine Schlaͤfe bleichte, weil die Laſt eines langen Lebens deinen Nacken beugt?— Deſto gewiſſer weiß ich nun, daß du auch meiner Hoffnung verloren biſt! Mit leeren Haͤnden ſteigſt du von dem Zenith des Lebens herunter; was du bei voller Mannkraft verfehlteſt, wirſt du an der Kruͤcke nicht mehr einholen.— War es eure Meinung, daß der Anblick dieſer ſchuldloſen Wuͤrmer(auf die Kinder zeigend) zu meinem Herzen ſprechen ſollte?— O ſie alle werden ihren Vaͤtern gleichen; alle dieſe Unſchuldigen werdet ihr nach eurem Bilde verſtuͤmmeln, alle dem Zweck ihres Daſeyns entfuͤhren— O warum ſeyd ihr hieher gekommen?— Ich kann nicht— Warum mußtet ihr mir dieſes Geſtaͤndniß abnoͤthigen?— Ich kann nicht ſanft mit euch reden.(Er geht ab.) — 491 Siebente Seene. Eine abgelegene Gegend des Parks, ringsum eingeſchloſſen, von anziehendem, etwas ſchwermuͤthigem Charakter. n. Hutten(tritt auf, mit ſich ſelbſt redend). Daß ihr dieſes Namens ſo werth waͤret, als er mir heilig iſt— Menſch! Herrliche, hohe Erſcheinung! Schoͤnſter von allen Gedanken des Schopfers! Wie reich, wie vollendet gingſt du aus ſeinen Haͤn⸗ den! Welche Wohllaute ſchliefen in deiner Bruſt, ehe deine Leidenſchaft das goldene Spiel zerſtoͤrte! Alles um dich und uͤber dir ſucht und findet das ſchoͤne Maß der Vollendung— Du allein ſtehſt unreif und miß⸗ geſtaltet in dem untadeligen plan. Von keinem Auge aus⸗ geſpäht, von keinem Verſtande bewundert, ringt in der ſchwei⸗ genden Muſchel die Perle, ringt der Kryſtall in den Tiefen der Berge nach der ſchoͤnſten Geſt lt; wohin nur dein Auge blickt — der einſtimmige Fleiß aller Weſen, das Geheimniß der Kraͤfte zur Verkuͤndigung zu bringen. Dankbar tragen alle Kinder der Natur der zufriedenen Mutter die gereiften Fruͤchte entgegen, und wo ſie geſaͤet hat, ſindet ſie eine Ernte— Du allein, ihr liebſter, ihr beſchenkteſter Sohn, bleibſt aus— nur was ſie dir gab, findet ſie nicht wieder, erkennt ſie in ſeiner entſtellten Schoͤnheit nicht mehr. Sey vollkommen! Zahlloſe Harmonien ſchlummern in dir, uf dein Geheiß zu erwachen— Rufe ſie heraus durch deine Vortrefflichkeit! Fehlte je der ſchoͤne Lich ſtrahl in deinem Auge, wenn die Freude dein Herz durchgluͤhte, oder die Anmuth auf deinen Wangen, wenn die Milde durch deinen Buſen f Kannſt du es dulden, daß das Gemeine, das Vergaͤngliche dir das Edle, das Unſterbliche beſchaͤme? in 49² Dich zu begluͤcken iſt der Kranz, um den alle Weſen buhlen, wornach alle Schoͤnheit ringt— deine wilde Begierde ſtrebt dieſem guͤtigen Willen entgegen, gewaltſam verkehrſt du die wohlthaͤtigen Zwecke der Natur— Fuͤlle des Lebens hat die freundliche um dich her gebreitet, und Tod noͤthigſt du ihr ab. Dein Haß ſchaͤrfte das friedliche Eiſen zum Schwerte; mit Verbrechen und Fluͤchen belaſtet deine Habſucht das ſchuldloſe Gold, an deiner unmaͤßigen Lippe wird das Leben des Weinſtocks zum Gifte. Unwillig dient das Vollkommene deinen Laſtern, aber deine Laſter ſtecken es nicht an. Rein bewahrt ſich das mißbrauchte Werkzeug in deinem unreinen Dienſte. Seine Beſtimmung kannſt du ihm rauben, aber nie den Gehorſam, womit es ihr dienet. Sey menſchlich oder ſey Barbar— mit gleich kunſtreichem Schlage wird das folgſame Herz deinen Haß und deine Sanftmuth begleiten. Lehre mich deine Genuͤgſamkeit, deinen ruhigen Gleichmuth, Natur— Treu, wie du, habe ich an der Schoͤnheit gehangen, von dir laſſ' mich lernen die verfehlte Luſt des Begluͤckens ver⸗ ſchmerzen. Aber damit ich den zarten Willen bewahre, damit ich den freudigen Muth nicht verliere— laſſ' mich deine gluͤck⸗ liche Blindheit mit dir theilen. Verbirg mir in deinem ſtillen Frieden die Welt, die mein Wirken empfaͤngt. Wuͤrde der Mond ſeine ſtrahlende Scheibe fuͤllen, wenn er den Moͤrder ſaͤhe, deſſen Pfad ſie beleuchten ſoll? Zu dir fluͤchte ich dieſes liebende Herz— Tritt zwiſchen meine Menſchlichkeit und den Menſchen.— Hier, wo mir ſeine rauhe Hand nicht begegnet, wo die feindſelige Wahrheit meinen entzuͤckenden Traum nicht verſcheucht, abgeſchieden von dem Geſchlechte, laſſ' mich die heilige Pflicht meines Daſeyns in die Hand meiner großen Mutter, an die ewige Schoͤnheit entrichten.(Sich umſchauend.) Ruhige Pflanzenwelt, in deiner kunſtreichen Stille vernehme ich — 493³3 as Wandeln der Gottheit; deine verdienſtloſe Trefflichkeit traͤgt meinen forſchenden Geiſt hinauf zu dem hoͤchſten Verſtande; aus deinem ruhigen Spiegel ſtrahlt mir ſein goͤttliches Bild. Der Menſch wuͤhlt mir Wolken in den ſilberklaren Strom— wo der Menſch wandelt, verſchwindet mir der Schoͤpfer. (Er will aufſiehen. Angelica ſieht vor ihm.) Achte Sceene. v. Hutten. Angelira. Angeliea(tritt ſchuͤchtern zuruck). Es war Ihr Befehl, mein Vater— Aber wenn ich Ihre Einſamkeit ſtoͤre— v. Hutten(der ſie eine Zeitlang ſtillſchweigend mit den Augen mißt, mit ſanftem Vorwurf. Du haſt nicht gut an mir gehandelt, Angelica. Angeliea(betroffen). Mein Vater— v. Hutten. Du wußteſt um dieſen Ueberfall— Geſteh' es— Du ſelbſt haſt ihn veranlaßt. Angelica. Ich darf nicht Nein ſagen, mein Vater. v. Hutten. Sie ſind traurig von mir gegangen. Keiner hat mich verſtanden. Sieh, du haſt nicht gut gehandelt. Angelica. Meine Abſichten verdienen Verzeihung. v. Hutten. Du haſt um dieſe Menſchen geweint. Laͤugne es nur nicht. Dein Herz ſchlaͤgt fuͤr ſie. Ich durchſchaue dich. Du mißbilligſt meinen Kummer. Angeliea. Ich verehre ihn, aber mit Thraͤnen. v. Hutten. Dieſe Thraͤnen ſind verdaͤchtig— Angelica— Du wankſt zwiſchen der Welt und deinem Vater— Du mußt Partei nehmen, meine Tochter, wo keine Vereinigung zu hoffen iſt— Einem von beiden mußt du ganz entſagen oder ganz ge⸗ hoͤren— Sey aufrichtig. Du mißbilligſt meinen Kummer? — 494 Angelica. Ich glaube, daß er gerecht iſt. v. Hutten. Glaubſt du? Glaubſt du wirklich?— Hoͤre, Angelica!— Ich werde deine Aufrichtigkeit jetzt auf eine ent⸗ ſcheidende Probe ſetzen— Du wanlſt, und ich habe keine Tochter mehr— Setze dich zu mir! Angelica. Dieſer feierliche Ernſt— v. Hutten. Ich habe dich rufen laſſen. Ich wollte eine Bitte an dich thun. Doch ich beſinne mich. Sie kann ein Jahr lang noch ruhen. Angeliea. Eine Bitte an Ihre Tochter, und Sie ſtehen an, ſie zu nennen? v. Hutten. Der heutige Tag hat mir eine ernſtere Stimmung gegeben. Ich bin heute fuͤnfzig Jahre alt. Schwere Schickſale haben mein Leben beſchleunigt, es koͤnnte geſchehen, daß ich eines Morgens unverhofft ausbliebe, und ohne zuvor— (Er ſteht auf.) Ja, wenn du weinen mußt, ſo haſt du keine Zeit mich zu hoͤren. Angeliea. O halten Sie ein, mein Vater— Nicht dieſe Sprache— Sie verwundet mein Herz. v. Hutten. Ich moͤchte nicht, daß es mich uͤberraſchte, ehe wir mit einander in Richtigkeit ſind— Ja, ich fuͤhle es, ich hange noch an der Welt— der Bettler ſcheidet eben ſo ſchwer von ſeiner Armuth, als der Koͤnig von ſeiner Herrlichkeit— Du biſt Alles, was ich zuruͤcklaſſe. (Stillſchweigen.) Kummervoll ruhen meine letzten Blicke auf dir— Ich gehe und laſſe dich zwiſchen zwei Abgruͤnden ſtehen. Du wirſt wei⸗ nen, meine Tochter, oder du wirſt beweinenswuͤrdig ſeyn.— — Bis jetzt gelang mir's, dieſe ſchmerzliche Wahl dir zu ver⸗ bergen. Mit heiterm Blicke ſiehſt du in das Leben, und die Welt liegt lachend vor dir. 495 Angeliea. O moͤchte ſich dieſes Auge erheitern, mein Vater— Ja, dieſe Welt iſt ſchoͤn. 3 v. Hutten. Ein Widerſchein deiner eigenen ſchoͤnen Seele, Angelica— Auch ich bin nicht ganz ohne gluͤckliche Stunden — Dieſen lieblichen Anblick wird ſie fortfahren, dir zu geben, ſo lange du dich huͤteſt den Schleier aufzuheben, der dir die Wirklichkeit verbirgt, ſo lange du Menſchen entbehren wirſt und dich mit deinem eigenen Herzen begnuͤgen. Angeliea. Oder dasjenige finde, mein Vater, das dem meinigen harmoniſch begegnet. v. Hutten(ſchnell und ernſt). Du wirſt es nie finden—— — Aber huͤte dich vor dem ungluͤcklichen Wahn, es gefunden zu haben.(Nach einem Stillſchweigen, wobei er in Gedanken verloren ſaß.) Unſre Seele, Angelica, erſchafft ſich zuweilen große, be⸗ zaubernde Bilder, Bilder aus ſchoͤnern Welten, in edlere For⸗ men gegoſſen. In fern nachahmenden Zuͤgen erreicht ſie zu⸗ weilen die ſoielende Natur, und es gelingt ihr, das uͤberraſchte Herz mit dem erfuͤllten Ideale zu taͤuſchen.— Das war deines Vaters Schickſyl, Angelica. Oſt ſah ich dieſe Lichtgeſtalt meines Gehirns von einem Menſchenangeſicht mir entgegenſtrahlen; frendetrunken ſtreckt' ich die Arme darnach aus, aber das Dunſt⸗ bild zerfloß bei meiner Umhalſung. Angeliea. Doch, mein Vater— y. Hutten(unterbricht ſie). Die Welt kann dir nichts dar⸗ bieten, was ſie von dir nicht empfinge. Freue dich deines Bildes in dem ſpiegelnden Waſſer, aber ſtuͤrze dich nicht hinab, es zu umfaſſen; in ſeinen Wellen ergreift dich der Tod. Liebe nennen ſie dieſen ſchmeichelnden Wahnſinn. Huͤte dich, an dieſe s Blendwerk zu glauben, das uns die Dichter ſo lieblich malen. Das Geſchöpf, das du anbeieſt, biſt du ſelbſt; was dir ant⸗ 0 L 496 wortet, iſt dein eigenes Echo aus einer Todtengruft, und ſchreck⸗ lich allein bleibſt du ſtehen. Angelica. Ich hoffe, es gibt noch Menſchen, mein Vater, die— von denen— v. Hutten(aufmerkſam). Du hoffeſt es?— Hoffeſt?— (Er ſteht auf. Nachdem er einige Schritte auf und nieder gegangen.) Ja, meine Tochter— das erinnert mich, warum ich dich jetzt habe rufen laſſen. Indem er vor ihr ſtehen bleibt und ſie forſchend betrachtet.) Du biſt ſchneller geweſen, als ich, meine Tochter— Ich verwundere mich— ich erſchrecke uͤber meine ſorgloſe Sicher⸗ heit So nahe war ich der Gefahr, die ganze Arbeit meines Lebens zu verlieren! Angelica. Mein Vater! Ich verſtehe nicht, was Sie meinen. v. Hutten. Das Geſpraͤch kommt nicht zu fruͤhe— Du biſt neunzehn Jahre alt, du kannſt Rechenſchaft von mir for⸗ dern. Ich habe dich herausgeriſſen aus der Welt, der du an⸗ gehoͤrſt, ich habe in dieſes ſtille Thal dich gefluͤchtet. Dir ſelbſt ein Geheimniß, wuchſeſt du hier auf. Du weißt nicht, welche Beſtimmung dich erwartet. Es iſt Zeit, daß du dich kennen lerneſt. Du mußt Licht uͤber dich haben. Angelica. Sie machen mich unruhig, mein Vater— v. Hutten. Deine Beſtimmung iſt nicht, in dieſem ſtillen Thal zu verbluͤhen— Du wirſt mich hier begraben, und dann gehoͤrſt du der Welt an, fuͤr die ich dich ſchmuͤckte. Angelien. Mein Vater, in die Welt wollen Sie mich ſtoßen, wo Sie ſo ungluͤcklich waren? v. Hutten. Gluͤcklicher wirſt du ſie betreten.(Nach einem Stillſchweigen.) Auch wenn es anders waͤre, meine Tochter— Deine Jugend iſt ihr ſchuldig, was mein fruͤhzeitiges Alter ihr nicht mehr entrichten kann. Meiner Fuͤhrung bedarfſt du nicht —— 497 mehr. Mein Amt iſt geendigt. In verſſchloſſener Werkſtaͤtte reifte die Bildſaͤule ſtill unter dem Meißel des Kuͤnſtlers heran; die vollendete muß von einem erhabenen Geſtelle ſtrahlen. Angeliea. Nie, nie, mein Vater, geben Sie mich aus Ihrer bildenden Hand. v. Hutten. Einen einzigen Wunſch behielt ich noch zuruͤck. Zugleich mit ihr wuchs er groß in meinem Herzen, mit jedem neuen Reize, der ſich auf dieſen Wangen verklaͤrte, mit jeder ſchoͤnen Bluͤthe dieſes Geiſtes, mit jedem hoͤhern Klange dieſes Buſens ſprach er lauter in meinem Herzen— Dieſer Wunſch, weine Tochter— reiche mir deine Hand! Angelica. Sprechen Sie ihn aus. Meine Seele eilt ihm entgegen. v. Hutten.— Angelica! Du biſt eines vermoͤgenden Mannes Tochter. Dafuͤr haͤlt mich die Welt, aber meinen ganzen Reichthum kennt Niemand. Mein Tod wird dir einen Schatz offenbaren, den deine Wohlthaͤtigkeit nicht erſchoͤpfen kann—— Du kannſt den Unerſͤttlichſten uͤberraſchen. Angelica. So tief, mein Vater, laſſen Sie mich ſinken! v. Hutten. Du biſt ein ſchoͤnes Maͤdchen, Angelica! Laſſ' deinen Vater dir geſtehen, was du keinem andern Manne zu danken haben ſollſt. Deine Mutter war die Schoͤnſte ihres Ge⸗ ſchlechts— Du biſt ihr geſchontes veredeltes Bild. Maͤnner werden dich ſehen, und die Leidenſchaft wird ſie zu deinen Fuͤßen fuͤhren. Wer dieſe Hand davon traͤgt— Angelica. Iſt das meines Vaters Stimme?— O, ich hoͤre es, Sie haben mich aus Ihrem Herzen verſtoßen. v. Hutten mit Wohlgefallen bei ihrem Anblick verweilend.) Dieſe ſchoͤne Geſtalt belebt eine ſchoͤnere Seele— Ich dende mir die Liebe in dieſe friedliche Bruſt— Welche Ernte bluͤht hier der Liebe— O dem Cdelſten iſt hier der ſchoͤnſte Lohn aufgehoben. Schillers ſaͤmmtl. Werke. II. 32 ⸗ 498 Angelica ctief bewegt, ſinkt an ihm nieder und verbirgt ihr Ge⸗ ſicht in ſeinen Haͤnden). v. Hutten. Mehr des Gluͤckes kann ein Mann aus eines Weibes Hand nicht empfangen!— Weißt du, daß du mir alles dieſes ſchuldig biſt? Ich habe Schaͤtze geſammelt fuͤr deine Wohlthaͤtigkeit, deine Schoͤnheit hab' ich gehuͤtet, dein Herz hab' ich bewacht, deines Geiſtes Guͤte hab' ich entfaltet. Eine Bitte gewaͤhre mir fuͤr dieß Alles— in dieſe einzige Bitte ſaſſe ich Alles zuſammen, was du mir ſchuldig biſt— wirſt du mir ſie verweigern? Angeliea. O mein Vater! Warum dieſen weiten Weg zum Herzen Ihrer Angelica? v. Hutten. Du beſitzeſt Alles, was einen Mann gluͤcklich machen kann.(Er haͤlt hier inne und mißt ſie ſcharf mit den Augen.) Mache nie einen Mann gluͤcklich! Angeliea cerblaßt, ſchlaͤgt die Augen nieder). v. Hutten. Du ſchweigſt?— dieſe Angſt— dieſes Zittern — Angelica! Angelira. Ach, mein Vater— v. Hutten(eanfter). Deine Hand, meine Tochter— Ver⸗ ſprich mir— Gelobe mir— Was iſt das? Warum zittert dieſe Hand? Verſprich mir, nie einem Mann dieſe Hand zu geben. 3 Angeliea(in ſichtbarer Verwirrung). Nie, mein Vater— als mit Ihrem Beifall. v. Hutten. Auch wenn ich nicht mehr bin— Schwoͤre mir, nie einem Mann dieſe Hand zu geben. Angelica(kaͤmpfend, mit bebender Stimme). Nie— nie⸗ mals, wenn nicht— wenn Sie nicht ſelbſt dieſes Verſprechens mich entlaſſen. v. Hutten. Alſo niemals.(Er laͤßt ibre Hand los. Nach 499 einem langen Stillſchweigen.) Sieh dieſe welken Haͤnde! Dieſe Furchen, die der Gram auf meine Wangen grub! Ein Greis ſteht vor dir, der ſich zum Rande des Grabes hinunterneigt, und ich bin noch in den Jahren der Kraft und der Mannheit! Das thaten die Menſchen— Das ganze Geſchlecht iſt mein Moͤrder— Angelica— Begleite den Sohn meines Moͤrders nicht zum Altar. Laſſ' meinen blurigen Gram nicht in ein Gaukelſpiel enden. Dieſe Blume, gewartet von meinem Kum⸗ mer, mit meinen Thraͤnen bethaut, darf von der Freude Hand nicht gebrochen werden. Die erſte Thraͤne, die du der Liebe weinſt, vermiſcht dich wieder mit dieſem niedern Geſchlechte— die Hand, die du einem Mann am Altar reichſt, ſchreibt mei⸗ nen Namen an die Schandſaͤule der Thoren. Angelica. Nicht weiter, mein Vater. Jetzt nicht weiter. Vergoͤnnen Sie, daß ich— (Sie will gehen, Hutten haͤlt ſie zuruͤck.) v. Hutten. Ich bin kein harter Vater gegen dich, meine Tochter. Liebt' ich dich weniger, ich wuͤrde dich einem Mann in die Arme fuͤhren. Auch trag' ich keinen Haß gegen die Menſchen. Der thut mir unrecht, der mich einen Menſchen⸗ haſſer nennt. Ich habe Ehrfurcht vor der menſchlichen Natur — nur die Menſchen kann ich nicht mehr lieben. Halte mich nicht fuͤr den gemeinen Thoren, der die Edeln entgelten laͤßt, was die Unedeln gegen ihn verbrachen. Was ich von den Un⸗ edeln litt, iſt vergeſſen. Mein Herz blutet von den Wunden, die ihm die Beſten und Edelſten geſchlagen. Angelica. Oeffnen Sie es den Beſten und Edelſten— Sie werden heilenden Balſam in dieſe Wunden gießen. Brechen Sie dieſes geheimnißvolle Schweigen! v. Hutten(nach einigem Stillſchweigen). Koͤnnt' ich dir die Geſchichte meiner Mißhandlungen erzaͤhlen, Angelica!— Ich 5⁰⁰0 kann es nicht. Ich will es nicht. Ich will dir die froͤhliche Sicherheit, das ſuͤße Vertrauen auf dich ſelbſt nicht entreißen— Ich will den Haß nicht in dieſen friedlichen Buſen fuͤhren. Ver⸗ wahren moͤcht' ich dich gegen die Menſchen, aber nicht erbittern. Meine treue Erzaͤhlung wuͤrde das Wohlwollen ausloͤſchen in deiner Bruſt, und erhalten moͤchte ich dieſe heilige Flamme. Ehe ſich eine neue und ſchoͤnere Schoͤpfung von ſelbſt hier gebildet hat, moͤchte ich die wirkliche Welt nicht von deinem Herzen reißen.(Pauſe. Angelica neigt ſich uͤber ihn mit thraͤnenden Augen.) Ich goͤnne dir den lachenden Anblick des Lebens, den ſeligen Glauben an die Menſchen, die dich jetzt noch gleich holden Er⸗ ſcheinungen umſpielen; er war heilſam, er war nothwendig, den goͤttlichſten der Triebe in deinem Herzen zu entfalten. Ich bewundre die weiſe Sorgfalt der Natur. Eine gefaͤllige Welt legt ſie um unſern jugendlichen Geiſt, und der aufkeimende Trieb der Liebe findet, was er ergreife. An dieſer hinfaͤlligen Stuͤtze ſpinnt ſich der zarte Schoͤßling hinauf und umſchlingt die nachbarliche Welt mit tauſend uppigen Zweigen. Aber ſoll er, ein koͤniglicher Stamm, in ſtolzer Schoͤnheit zum Himmel wachſen — o dann muͤſſen dieſe Nebenzweige erſterben und der lebendige Trieb, zuruͤckgedraͤngt in ſich ſelbſt, in gerader Richtung uͤber ſich ſtreben. Still und ſanft faͤngt die erſtarrte Seele jetzt an, den verirrten Trieb von der wirklichen Welt abzurufen und dem goͤttlichen Ideale, das ſich in ihrem Innern verkkaͤrt, entgegen zu tragen. Dann bedarf unſer ſeliger Geiſt jener Huͤlfe der Kindheit nicht mehr, und die gereinigte Gluth der Begeiſterung lodert fort an einem innern unſterblichen Zunder. Angelicag. Ach, mein Vater! Wie viel fehlt mir zu dieſem Bilde, das Sie mir vorhalten!— Auf dieſem erhabenen Fluge kann Ihre Tochter Sie nicht begleiten. Laſſen Sie mich das liebliche Phantom verfolgen, bis es von ſelbſt von mir Ab⸗ ſchied nimmt. Wie ſoll ich— wie kann ich außer mir haſſen, was Sie mich in mir ſelbſt lieben lehrten? was Sie ſelbſt in Ihrer Angelica lieben? 3 v. Hutten gunit einiger Empfindlichkeit). Die Einſamkeit hat dich mir verdorben, Angelica.— Unter Menſchen muß ich dich fuͤhren, damit du ſie zu achten verlerneſt. Du ſollſt ihm nach⸗ jagen, deinem lieblichen Phantom— Du ſollſt dieſes Goͤtter⸗ bild deiner Einbildung in der Naͤhe beſchauen.— Wohl mir, daß ich nichts dabei wage— Ich habe dir einen Maßſtab in dieſer Bruſt mitgegeben, den ſie nicht aushalten werden. Mit ſtillem Entzuͤcken ſie betrachtend.) O noch eine ſchoͤne Freude bluͤht mir auf, und die lange Sehnſucht naht ſich ihrer Erfuͤllung.— Wie ſie ſtaunen werden, von nie empfundenen Gefuͤhlen entgluͤhen werden, wenn ich den vollendeten Engel in ihre Mitte ſtelle— Ich habe ſie— ja, ich habe ſie gewiß— ihre Beſten und Edel⸗ ſten will ich in dieſer goldenen Schlinge verſtricken— Angelica! (Er naht ſich ihr mit ſeierlichem Ernſte und laͤßt ſeine Hand auf ihr Haupt niederſinken) Sey ein hoͤheres Weſen unter dieſem geſun⸗ kenen Geſchlechte!— Streue Segen um dich, wie eine begluͤckende Gottheit!— Uebe Thaten aus, die das Licht nie beleuchtet hat! — Spiele mit den Tugenden, die den Heldenmuth des Helden, die die Weisheit des Weiſeſten erſchoͤpfen. Mit der unwider⸗ ſtehlichen Schoͤnheit bewaffnet, wiederhole du vor ihren Augen das Leben, das ich in ihrer Mitte unerkannt lebte, und durch deine Anmuth triumphire meine verurtheilte Tugend. Milder ſtrahle durch deine weibliche Seele ihr verzehrender Glanz, und ihr bloͤdes Auge oͤffne ſich endlich ihren ſiegenden Strahlen. Bis hieher fuͤhre ſie— bis ſie den ganzen Himmel ſehen, der an dieſem Herzen bereitet liegt, bis ſie nach dieſem unausſprechlichen Gluͤck ihre gluͤhenden Wuͤnſche ausbreiten— und jetzt fliehe in deine Glorie hinauf— in ſchwindliger Ferne ſehen ſie uͤber ſich — 502 die himmliſche Eeſcheinung! ewig unerreichbar ihrem Verlangen, wie der Orion unſerm ſterblichen Arm in des Aethers heiligen Feldern— zum Schattenbilde wurden ſie mir, da ich nach Weſen duͤrſtete; in Schatten zerfließe du ihnen wieder.— So ſtelle ich dich hinaus in die Menſchheit— Du weißt, wer du biſt— Ich habe dich meiner Nache erzogen.“ Anmerkung des Herausgebers. Im 14ten Stuͤck der Thalia, wo dieſes Fragment zuerſt erſchien, finder ſich am Schluß die Note: „Die hier eingeruͤckten Scenen ſind Bruchſtuͤcke eines Trauer⸗ ſpiels, welches ſchon vor mehreren Jahren angefangen wurde, aber aus verſchiedenen Urſachen unvollendet bleibt. Vielleicht duͤrfte die Geſchichte dieſes Menſchenſeindes und dieſes ganze Charaktergemaͤlde dem Publicum einmal in einer andern Form vorgelegt werden, welche dieſem Gegenſtand guͤnſtiger iſt, als die dramatiſche.“ Unter Schillers nachgelaſſenen Papieren war uͤber dieſen Stoff nichts vorhanden. Die Ueberſchrift der Thalia: Der ver⸗ ſoͤhnte Menſchenfeind, gibt indeſſen ſchon einigen Aufſchluß uͤber den Plan. Auch erinnert ſich der Herausgeber aus damaligen Unterredungen mit dem Verſaſſer, daß. Roſenberg nach einigem hartnaͤckigen Widerſtande endlich ſiegen ſollte, und daß die Erſchei⸗ nungen einiger Menſchenſeinde anderer Art beſtimmt waren, dieſen Erfolg zu beguͤnſtigen. —— 4 ſinnnnſinfffſnffffffſinfffsffff ſm 15 16 17 ſſſſſſſſ 6 7 8 9 10 11 12 13 14 2 —— — 1— zn 5 1 r*