S. S . 9„5 6 Leihbibliothekt ⁰ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur f von 6 i G6duard Ottmann in Gießen, ſ Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Seſebedingungen. 4. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ e pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. ſ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und — beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 5 auf 1 Monat: T „ 3„ 3„ ſ 5. Auswäptige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß ver Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 1 Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden varf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —.——.———— Ciger von Tanger. Sechster Theil. 3 Das Marmorherz. Hiſtoriſcher Roman von . Paul Dupleſſis. 1 Deutſch von Dr. Emil Steinmann. Peſt, Wien und Leipzig, 1858. Hartleben's Verlags⸗Expedition. I. Suſannens Rückkehr. As Jeffreys in das Gemach trat, welches ihm und ſei⸗ nen Freunden in der Taverne„zur rothen Kuhs ausſchließlich geweiht war, warf er ſich in einen Seſſel und ſtreckte ſich be⸗ haglich darin aus. So lange als der erſte Kellner des Eta⸗ bliſſements, der verſchmitzte witzige Tom, der ihn eingelaſſen, in dem Zimmer blieb, um ſeine Befehle zu erwarten, begnügte ſich der Oberrichter damit, daß er lachte und den Gegenſtand ſeiner Heiterkeit nur durch unverſtändliche abgebrochene Worte andeutete. Dies dauerte ſchon ziemlich lange und die Sache ward für Tom etwas langweilig. Er begriff, daß er nicht verfehlen würde, irgend eine rauhe Zurückweiſung von ſeinem vorneh⸗ men, aber furchtbaren Gaſt zu bekommen, wenn dieſer ſich vielleicht einen unfreiwilligen Aufſchluß über den Gegenſtand ſeiner Freude, den er verſchweigen zu wollen ſchien, ent⸗ ſchlüpfen ließe. Dergleichen Dinge waren Tom ſchon begegnet und er hatte keine Luſt, die Zahl dieſer Erfahrungen zu vermehren. »Mylord,“ ſagte er ſich nähernd,»ich wünſche eure Be⸗ fehle zu empfangen.* Der Tiger von Tanger VI. 1 „Meine Befehle, Tom? Dieſe ſind heute leicht zu geben: Einen königlichen Ueberfluß der ausgeſuchteſten Gerichte und berühmteſten Weine— ja wir werden heute Abend einmal von dem Gewöhnlichen abweichen. Koch und Kellner müſſen mir durch die Bereitung der Speiſen und die Wahl der Weine einen berühmten Magen tröſten, ein großes Unglück lindern, die Qualen einer unglücklichen Liebe auf einige Stunden ver⸗ geſſen machen.“ „Mr. Chiffinch ſoupirt wohl mit Euch, Mylord?« fragte Tom mit unbemerkb arem Lächeln. „Du willſt wohl ſagen,« antwortete Jeffreys erfreut zu ſehen, daß die Pfeile, welche er ſo eben auf ſeinen Collegen abgeſchoſſen, Toms Scharfſinn nicht entgangen waren,»Du willſt wohl ſagen. daß Mr. Chiffinch mir die Ehre erzeigen wird, meinem Souper zuzuſehen? Lege indeſſen ein Couvert für ihn auf. ich werde mein Möglichſtes thun, daß er nicht blos den gleichgiltigen Zuſchauer ſpiele, wie das ſeit einiger Zeit nur allzu oft geſchieht. Zu dieſem Zwecke empfehle ich Dir, heute Wunder zu thun, denn was mich perſönlich be⸗ trifft, ſo weißt Du, daß ich mit Wenigem zufrieden bin und daß der gewöhnliche Speiſezettel meines Hauſes mir immer genügt hat— alſo geh— doch nein, warte— ich habe Dir noch etwas aufzutragen. Wird Mr. Birch heute Abend hier⸗ herkommen?* „Ja, Mylord; wenigſtens hat er geſagt, daß er kommen würde.«“ „Wenn er kommt, ſo wirſt Du ihn bitten zu warten, bis ich ihn rufen laſſe, und damit er nicht allzu ungeduldig werde, wirſt Du ihm auf meine Koſten ſo viel Flaſchen Port⸗ wein auftragen, als er verlangen wird— jedoch nicht mehr — — — 3 als ſechs— ich weiß aus Erfahrung, daß dieſer herrliche Zecher ſie verträgt.« »Und wenn nun Mr. Birch zufällig nicht käme, Mylord 7* »Wenn er nicht kommt, ſo wirſt Du ihn holen laſſen. Ich brauche ihn heute Abend; geh.« Sobald Tom ſich entfernt hatte, hob das wahnſin⸗ nige Gelächter, welches ZJeffreys beim Eintritt angeſtimmt, wieder an— diesmal aber konnte er, da er nicht mehr beob⸗ achtet ward, dazu auch das Vergnügen des Sprechens geſellen, wenn man ſich dieſes Ausdrucks bedienen darf. »Es iſt augenſcheinlich! es iſt klar wie der Tag!« rief er.»Möge ſie nun vom Himmel oder aus der Hölle ſtammen. ſo gibt es eine Macht, welche über mir wacht und mich aus den unentwirrbarſten Verlegenheiten zieht. »Bei allen Teufeln! Ich weiß wohl, daß ich deren noch viele und große zu überwinden habe. Kirke! Chiffinch! Su⸗ ſanne! Fitzgerald— und wer noch?— machen mir viel zu ſchaffen und werden mir noch viel zu ſchaffen machen. Aber welche Freude, alle dieſe Hinderniſſe zu überwinden! Welcher Triumph, ſo viele verſchiedene Elemente in eine und dieſelbe Hand zuſammenzufaſſen, um mir eine unwiderſtehliche Waffe daraus zu ſchaffen! Zuletzt werde ich glauben, daß ich mich gar nicht einmal mit Hinderniſſen und Verrath zu beſchäftigen habe. Iſt mir nicht ſo eben der Beweis geliefert worden, daß die drohendſten Conjuncturen ſich für mich von ſelbſt auf die unerwartetſte und glücklichſte Weiſe löſen? Ha, ich gäbe gern eine Themſe von Portwein, einen Ocean von Malvaſier darum, wenn ich mein Auge an ein Loch legen und in den Kerker ſchauen könnte, in welchem ſich gegenwärtig Roſe und Ketch befinden! Welch ein drolliger Auftritt muß da zu ſehen ſeyn! Wie wird Ketch es anfangen, ſich und mich von dieſem ſtörenden Roſe zu befreien? Es muß wirklich ein intereſſantes Schauſpiel ſeyn. Roſe iſt ſtark wie ein Herkules und dennoch kann er überzeugt ſeyn, daß ihm der Garaus gemacht werden wird, wenn er es nicht vielleicht ſchon iſt. Wie herrlich! wie herrlich! Der Oberrichter ward durch Chiffinch's Eintritt unter⸗ brochen. „Ihr ſehet,“ ſagte der Page des Königs,„daß ich mich beeilt habe, eurer Einladung Folge zu leiſten, Mylord.“ „Hat man Euch denn geſagt, lieber Freund, daß ich Euch zu einem Leichenbegängniſſe einlade?“ „Wozu dieſer ſchlechte Scherz, Mylord?« „Weil Ihr gerade ſo ausſehet wie ein Menſch, der in ein Trauerhaus tritt.“ Jeffreys Bemerkung war vollkommen gegründet. Der erſte Page des Königs flößte durch ſeinen Anblick wahrhaftes Mitleid ein. Seine früher ſo glänzende, ſo nette und ſo gewählte Toilette war jetzt auffallend vernachläſſigt. Sie verrieth unverkennbar die Verſtimmung und Zerſtreutheit eines Menſchen, welcher bis jetzt einen ſehr großen Theil ſei⸗ ner Zeit der gelehrten Combination des Coſtüms gewählt hatte. Sein langſamer Schritt, ſeine unentſchiedene Haltung, ſein düſteres Auge, ſein bleiches, abgemagertes Geſicht, ſeine verſtörten Züge, die ganze Erſcheinung ſeiner Perſon machten den Chiffinch des Königs Jacob zum ſeltſamſten Gegenſatze, zu dem Chiffinch des Königs Carl. „Na,« fuhr Jeffreys fort,„legt doch ein wenig dieſe Leichenbittermiene ab, ſonſt fange ich am Ende ſelbſt noch an zu weinen.* —— 5 „Ha, Mylord, wenn Ihr das entſetzliche Unglück wüß⸗ tet, welches mich betroffen, ſeitdem ich Euch nicht geſehen!« „Sprechen wir zunächſt von eurer Hartnäckigkeit, Euch euren theuerſten Freunden nicht zeigen zu wollen.* „Ihr ſehet, daß ich wohl daran gethan habe, mich ferne zu halten, da meine Traurigkeit mir, ſobald ich mich dazu verſtehe, in eurer Nähe zu erſcheinen, nur bittere Sarcasmen oder euer beleidigendes Mitleid zuzieht. Wenn ich Euch ſage, daß mich ein großes Unglück betroffen hat, höret Ihr nicht auf mich und ſprecht von etwas Anderem.* Jeffreys begriff, daß er ſeinen ſpöttiſchen Einfällen ein wenig Einhalt thun müſſe. „Es war allerdings Unrecht von mir,« ſagte er, einen ernſten Ton annehmend,„alberne Späße mit Euch zu ma⸗ chen, Freund Chiffinch. Ja, ich erkenne es an, ich habe Un⸗ recht gethan. Ihr müßt aber die That durch die Abſicht ent⸗ ſchuldigen. Ich wollte Euch ein wenig aufheitern und zer⸗ ſtreuen.« „Mich zerſtreuen?“ wiederholte der Page den Kopf ſchüttelnd.„Mich zerſtreuen? Ganz gewiß hättet Ihr das nicht verſucht, wenn Ihr gewußt hättet, daß Suſanne London ver⸗ laſſen hat und entflohen iſt, ich weiß nicht wohin.« „Iſt dies das große Unglück, von welchem Ihr vorhin ſpracht?« „Nun, Ihr findet wohl daß es weiter nichts iſt?« fragte Chiffinch mit bitterem Lächeln. „Ich finde im Gegentheil, daß es viel iſt für Euch, aber ich freue mich, daß es weiter nichts iſt.« „Ihr freuet Euch?— Ha, Ihr freuet Euch? Wohlan, nach eurem Belieben, Mylord. Ich überlaſſe Euch eurer Freude und entferne mich.« Chiffinch nahm ſeinen Hut und Stock und lenkte ſeine Schritte nach der Thür, als Jeffreys lächelnd zu ihm ſagte: „Ihr gehet, lieber Freund? Ihr wollt alſo nicht wiſſen, warum ich mich freue?« Der Page ſah ſich um und warf dem Oberrichter einen zornigen Blick zu. „Na,« fuhr Jeffreys fort,„jetzt wird er förmlich böſe auf mich! Wenn er wüßte, was ich ihm ſagen will! Chiffinch kehrte ſchnell um. „Nun dann ſprecht doch, wenn Ihr mir etwas zu ſch habt!« rief er ungeduldig.„Wißt Ihr vielleicht, wo ſie iſt?“ „Wer denn?* „Nun zum Teufel— Suſannel« „Ja.* „Ha! wo iſt ſie denn?6 „Ich bin bereit es Euch zu ſagen, aber nur unter einer Bedingung, unter der ausdrücklichen Bedingung—* »Und unter welcher?“ „Daß Ihr Euch mit hierher an dieſen Tiſch ſetzet und mit mir luſtig und heiter ſoupirt— verſteht Ihr mich?“ „Das hängt von dem ab, was Ihr mir ſagen werdet. Wo iſt Suſanne?* „Vor vier Tagen war ſie in Weſton Zohland.« „In Weſton Zoyland? Aber was zum Teufel hat ſie denn dort machen wollen?“ „Dumme Streiche.— Ihr ſeyd aber ſelbſt zum Theil daran ſchuld.« „Ich? Wie ſo denn?“ „Wartet gefälligſt einen Augenblick. Ihr wißt jetzt, daß ſie nicht verloren iſt. Ihr könnet mir daher erlauben, zu be⸗ fehlen, daß man das Souper auftrage.« 7 In der That ward auf Zeffreys Befehl das Souper nach Verlauf von wenigen Augenblicken ſervirt. „Ich eſſe,« ſagte Chiffinch,„und ich trinke, aber in der Vorausſetzung, daß Ihr mir über Suſannens Flucht alle Ein⸗ zelnheiten mittheilen werdet, die Euch bekannt ſind.« „Das heißt,« antwortete der Oberrichter,„Ihr ſchenket endlich dem weiſen Rath Gehör, der ſchon im Alterthum den Liebenden gegeben ward. Iß, trink wenn Du recht lieben willſt: Sine Cerere et Baccho friget Venus.— Wohlan, da Ihr für die Stimme der Vernunft ſo gelehrig ſeyd, ſo wird die der Freundſchaft Euch Tröſtungen bringen. „Suſanne iſt nicht verloren, dies ſage ich hiermit noch⸗ mals. Sie kann jeden Augenblick wieder in London eintreffen, vie lleicht iſt ſie ſchon wieder da. Wenn ſie übrigens ſich noch entfernt hält, ſo habt Ihr die Schuld davon Euch ſelbſt bei⸗ zumeſſen. Wenn Ihr ihr nichts von meinen Anſchlägen gegen Lord Henry Lisle geſagt hättet, ſo iſt es wahrſcheinlich, daß ſie die Hauptſtadt niemals verlaſſen hätte. Wie konntet Ihr auch nur ſo wahnſinnig ſeyn, einem Mädchen verſtehen zu geben, daß ihr Geliebter in Todesgefahr ſchwebt?“ „Ihr Geliebter?s rief Chiffinch, indem die Farbe, welche der Wein ihm ins Geſicht emporgetrieben, plötzlich wieder daraus entſchwand. „Hals rief Jeffreys mit erſtaunter Miene,„wußtet Ihr denn das nicht?« »Woher wißt Ihr ſelbſt es denn?« ſagte der Page, der von fieberhafter Aufregung geſchüttelt ward. Jeffreys frohlockte, aber er verbarg ſeine Freude. »Ha!* dachte er,„da beraube ich unſere ſchöne Ir⸗ länderin einer allmächtigen Stütze, während ich gleichzeitig dem ſchoͤnen jungen Lord einen Todfeind ſchaffe, dem das Ohr Jacobs M. zu allen Stunden des Tages und der Nacht offen ſteht. »Ich habe Euch gefragt, Mylord, woher Ihr wüßtet, daß Lord Henry Lisle Suſannens Geliebter iſt?« wieder⸗ holte Chiffinch mit vor Bewegung zitternder Stimme. »Nun, ſelbſt wenn ich es nicht ſchon längſt geahnt hätte,« entgegnete Jeffreys,„würde der Eifer, mit welchem Suſanne nach dem Weſten geeilt iſt, um dieſen ſchönen jun⸗ gen Mann dem Tode zu entreißen, die Energie, welche ſie ent⸗ wickelt, um meinen Abgeſandten feſtnehmen zu laſſen, es mir ietzt auf das offenkundigſte beweiſen.« „Ich ſehe darin allerdings große Wahrſcheinlichkeiten,« entgegnete Chiffinch mit düſterer Miene,„aber am Ende doch nichts weiter als Wahrſcheinlichkeiten.« Vielleicht habt Ihr ſagen hören,« fuhr Jeffreys fort, „daß Perch Kirke dem Oberrichter durch zwei ſeiner Lämmer den in den rebelliſchen Grafſchaften feſtgenommenen Roſe, den Henker von London, zugeſendet hat. Es hat ſich ſogar das Gerücht verbreitet, daß dieſer Roſe mit den Waffen in der Hand in den Reihen der Rebellen gefangen genommen worden ſey. Dieſes Gerücht iſt von mir in Umlauf geſetzt worden— das eigentliche Gerücht aber ſagt, daß Roſe's Ver⸗ haftung in dem Zelt des Generalmajors ſelbſt und ſo zu ſa⸗ gen auf Suſannens Befehl erfolgt iſt—« »Erlaubt. Mylord, Ihr wiederholet blos, was Ihr ſchon einmal geſagt habt,« unterbrach ihn Chiffinch. »„Wenn Ihr nur ſo viel Geduld hättet, mich ausreden zu laſſen! Die beiden Lämmer, welche den Befehl erhielten, Roſe die Hände zu binden, wechſelten, ehe ſie fortgingen, einige Worte mit der an der Thür des Zeltes ſtehenden Schildwache und hörten, während ſie dies thaten, Perch Kirke die ſchöne —————————————— 8 Irländerin fragen, warum ſie an Lord Henry Lisle ſo gro⸗ ßen Antheil nähme.— Wißt Ihr wohl, mein armer Freund, was das arme Mädchen, welches Ihr ſo innig liebt, ihm antwortete?« »Sagt es mir, Mylord,« murmelte der Page, deſſen Wange aſchfahl geworden war. »Sie entgegnete einfach die Worte: Weil er mein Geliebter iſt.« »Wehe ihr! wehe ihm!« rief Chiffinch mit einer Wuth, die er nicht mehr zu unterdrücken vermochte. »So iſt es mit der Liebe,« bemerkte Jeffrehs;„Leiden, Kummer, Thränen, Wuth— welche traurige, elende Beſchäf⸗ tigung, während der Ehrgeiz— Ach Chiffinch, wenn Ihr nur Euch endlich entſchlöſſet, die Liebe ſo zu behandeln, wie ſie es verdient, ſie für das zu nehmen was ſie iſt,— ein Spielwerk, dem man nur ſeine verlornen Augenblicke widmen darf und wenn man nichts Beſſeres zu thun hat als wieder zum Kinde zu werden. Und wie könnt Ihr auch jemals hoffen, dieſe kleine Vagabundin, die Suſanne, welche auf den Land⸗ ſtraßen umherläuft, um ihren Liebhabern Beiſtand zu leiſten, jemals allein zu beſitzen! Ich glaube nicht, daß Ihr auf ſie verzichtet.— Wenn ſie ſich auch bald dem einen bald dem Andern hingegeben hat, ſo iſt ſie deswegen nicht weniger ſchön. Wie könnt Ihr aber in ihren alleinigen Beſitz gelangen? Da⸗ durch, daß Ihr Goid, wieder Gold und nochmals Gold an ſie verſchwendet. Wo aber ſollt Ihr dieſes Gold hernehmen, wenn Ihr nicht irgend einen in einem Winkel verſteckten unerſchöpf⸗ lichen Schatz beſitzet?⸗ „Ach, Mylord, könnt Ihr denn nicht aufhören, mich zu verſpotten 76 »Ich verſpottete Euch nicht, mein vortrefflicher Freund — ich gebe Euch gute Rathſchläge. Höret mich daher an ohne mich zu unterbrechen. Ihr wollt Suſannens Liebe beſitzen, nicht wahr? Ihr wollt es um jeden Preis? Und ſie, welche dieſe Liebe ſo vielen Andern geſchenkt hat, ſie will ſie an Euch verkaufen. Wohlan, dann müßt Ihr ſie eben kaufen. Um ſie aber zu kaufen braucht Ihr Gold, wie ich Euch ſchon geſagt habe. Dieſes Gold bietet ſich Euch dar. Jetzt iſt der Augen⸗ blick, Euch desſelben zu bemächtigen— der ſo lange erwartete Augenblick. Er wird mit entſetzlicher Schnelligkeit vorüberge⸗ hen und Ihr würdet als großer Dummkopf handeln, wenn Ihr ihn verſtreichen ließet, ohne ihn zu benutzen. Grey— ich beginne mit dieſem— iſt ſo eben in London eingebracht worden und der König hat geſchworen, daß er eben ſo wie Monmouth den Kopf verlieren ſol. Man muß den König zwingen zu lügen! Lord Greh muß leben!« »Wie, Mylord, das iſt ja unmöglich!« rief Chiffinch, in⸗ dem er eine Geberde des Erſtaunens machte. »O, das iſt ſehr möglich!s entgegnete Jeffreys mit Nachdruck,„dafern Ihr nemlich die Hand dazu bietet.— Lord Grey hat bedeutende Beſitzthümer, aber keine directen Erben und folglich nur ein perſönliches Intereſſe daran. Wird er enthauptet, ſo können ſie nicht confiscirt werden, ſondern gehen auf ſeine mittelbaren Erben über. Was aber hätten wir dann für uns? Beinahe nichts! Nichts weiter, als was er bei ſeinem Tode nach an baarem Gelde in der Taſche hat. Das wäre ein ſchönes Geſchäft! Läßt man ihn dagegen am Leben, ſo kann ein unermeßliches Löſegeld von ihm verlangt werden. Ihr ſehet alſo, daß er begnadigt werden muß.« »Ach, ich ſehe wohl, Ihr kennt Se. Majeſtät König Ja⸗ cob II. nicht, Mylord. Ich ſage Euch nochmals, daß an eine ſolche Begnadigung nicht zu denken iſt.« 11 »Wie, Chiffinch, euer Genie tritt vor einer ſo einfachen Schwierigkeit zurück! Bei der Hölle, ich ſehe wohl, daß die Liebe zu dieſem unglücklichen Mädchen Euch den Kopf auf viel ärgere Weiſe verdreht hat, als ich anfangs glaubte. Wir müſ⸗ ſen alſo unſern ſo eifrig gehegten Plänen entſagen. Wir müſ⸗ ſen darauf verzichten, jene Haufen von Guineen aufzuthürmen, deren gigantiſche Phyramide unſere Phantaſie bis in die Wolken emporſteigen ließ. Wir müſſen verzichten— ich auf die Staatsſiegel, Ihr auf Suſannens Schönheit— ich auf Alles was der Ehrgeiz bringt; Ihr auf alles was die Liebe gewährt—* „Aber warum denn, Mhlord? Sind denn nicht noch an⸗ dere Rebellen feſtgenommen worden, von welchen man das ziehen kann, was wir Lord Grey nicht abverlangen können? »Guter Gott, was für ſtumpfſinnige Stunden hat doch zuweilen ſelbſt der klügſte Menſch! Wie, Chiffinch, begreift Ihr denn nicht, daß das von Lord Grey bezahlte Löſegeld den König bewegen wird, die Augen vor jedem andern zu ver⸗ ſchließen, welches wir ſpäter von den andern Verurtheilten erpreſſen können?« »Ich bin ohne Zweifel, wie Ihr eben ſagtet, Mylord, ſehr ſtumpfſinnig,« antwortete der Page in pikirtem Tone, „denn ich begreife durchaus nicht, was Euch ſo handgreiflich klar zu ſehn ſcheint.* »Wie, Chiffinch,« rief Jeffreys mit einer heftigen An⸗ wandlung von Zorn,„wollt Ihr vielleicht meiner ſpotten? Wagt Ihr zu behaupten, daß, wenn der König von Lord Grey vierzigtauſend Pfund Sterling bekommt, er ihn nicht begna⸗ digen wird?* »Aber dann bekommt ſie ja der König?* »Nun, wer ſoll ſie denn bekommen?« „Ah, das iſt etwas Anderes.* „Aber was hattet Ihr denn verſtanden?« „Daß wir Zwei die Summe mit einander theilten.* „Nein, Chiffinch, nein, da irrt Ihr Euch. So ſchnell dürfen wir nicht ins Zeug gehen, denn dann würden wir nichts Geſcheides zuſammenbringen. Wir müſſen das Recht erkaufen, den Plebs der Verurtheilten zu ranzioniren. welche ſich dazu verſtehen, uns ihre Begnadigung mit klingender Münze zu bezahlen. Um aber dieſes Recht zu erlangen, müſ⸗ ſen wir dieſe erſte beſte Beute dem Herrn überlaſſen, dann wird er bei unſerem kleineren Gewinn ein Auge zudrücken. Wir ſind ihm deswegen dann immer noch großen Dank ſchul⸗ dig. Vergeſſet nicht, daß, wenn der Löwe mit der Gemſe, dem Schaf und dem Eſel jagt, er alle vier Theile des Hirſches für ſich in Anſpruch nimmt. Schätzen wir uns deshalb glücklich, wenn Meiſter Jacob nicht den Meiſter Löwen nachahmt.“ „Ja, ja, ich begreife,«ſogte Chiffinch, indem ſeine Miene ſich ein wenig erheiterte. „Na, das denke ich wohl auch,« entgegnete Jeffreys. „Wohlan, nun, wo Ihr mich verſtanden habt, iſt es noth⸗ wendig, an die Ausführung zu denken.— Könntet Ihr heute Abend, wenn Ihr Se. Mojeſtät auskleidet, oder morgen, wenn Ihr ihn ankleidet, nicht vielleicht einige Worte über die Art des Beſitzthums des Lord Grey fallen laſſen und—“ „Ach, Mylord, ich muß in eurer Achtung tief geſunken ſeyn, daß Ihr es für nöthig haltet, mir eine ſolche Lection zu ertheilen! Ich glaubte, daß Ihr in Bezug auf Alles, was Einflüſterungen betrifft, meine Meiſterſchaft längſt anerkannt hättet.“ „Das iſt wahr, das iſt wahr, lieber Freund; thut, wie Ihr es gut findet.“ 23 „Seyd unbeſorgt. Es iſt dies ein Geſchäft, welches ick glucklich zu Ende führen werde. Obſchon die Hauptſumme für den König iſt, ſo verſteht ſich doch von ſelbſt, daß auch für uns gewiſſe Procente abfallen müſſen—* „Die wir theilen werden— damit bin ich vollkommen einverſtanden.“ „Aber wann werden wir unter das kleine Geſchmeiß hineinfahren?« fragte Chiffinch. „Sobald ich nach dem Weſten abgereiſt ſeyn werde.— Aber ich will doch nicht hoffen, daß Ihr die Abſicht habt⸗ Euch mit dergleichen Einzelnheiten zu befaſſen?* „Warum nicht? Aus einzelnen Beträgen wird zuletzt die Hauptſumme.“ „Ja, aber es ſchickt ſich weder für Euch noch für mich dieſe einzelnen Beträge einzutreiben.« „Wer ſoll es denn ſonſt thun?« „Ein Untergeordneter.“ Ohne eine neue Frage von Chiffinch abzuwarten, klin⸗ gelte Jeffreys dem Kellner und befahl ihm, Birch eintreten zu laſſen, der gleich darauf in das Zimmer trat und den beiden Soupirenden eine tiefe Verbeugung machte. „Mr. Chiffinch,« ſagte der Oberrichter mit ernſter Stimme,„ich ſtelle Euch einen meiner Freunde, Mr. Birch⸗ vor, einen der ausgezeichnetſten Advocaten am Gerichtshofe von Kingsbench.“ Der Page grüßte nachläſſig. „Ich habe Euch erſuchen laſſen, Euch zu mir zu bemü⸗ hen, mein lieber Birch, um Euch zu fragen, ob es Euch ange⸗ nehm wäre, mich incognito auf einer gerichtlichen Rundreiſe zu begleiten, die ich in den Graſſchaften des Weſtens machen werde.“ „Ihr wißt, Mylord, daß ich Euch ganz ergeben bin. Ihr habt daher nur zu befehlen. Ich werde Euch überall fol⸗ gen, wohin Ihr geht, von welcher Art auch die offene oder geheime Rolle ſeyn mag, welche Ihr mir beſtimmt.« „Ich danke Euch, mein lieber Bierch. Ich kann alſo auf Euch rechnen und brauche mich an Niemand andern zu wenden?“ „Ich ſtehe wie ich ſchon geſagt, zu Befehl, Mylord. „Gut. Kommt morgen in meine Wohnung, da werden wir ausführlicher mit einander ſprechen. Vor der Hand ge⸗ nügt mir, zu wiſſen, daß Ihr auf meinen Wunſch eingeht. Indem Jeffreys dies ſagte, begleitete er Birch bis an die Thür, ließ ihn hinaus und ſetzte ſich dann wieder an den Tiſch. „Die Acquiſition, die wir da gemacht haben, iſt eine ganz vortreffliche,s ſagte er. „Glaubt Ihr, Mylord? Aber dieſer Menſch hat ja euren Vorſchlag angenommen, ohne auch nur zu wiſſen, was Ihr von ihm verlangen wollt.«. „Um ſo beſſer. Das iſt eben ein Zeichen daß er bereit iſt, Alles zu thun. Was die ſpecielle Function betrifft, die ich ihm beſtimme, ſo ſtehe ich Euch dafür, daß Niemand ſie beſſer erfüllen wird. Er iſt zu dieſem Handwerk geboren und verſteht ſich ſo gut darauf, daß er— ich ſollte es Euch eigent⸗ lich nicht ſagen— mich ſelbſt ranzionirt hat. Ein Strom von Geld wird unaufhörlich aus ſeinen Händen in die unſeren fließen. Darum Muth, Chiffinch, laßt Euch nicht von euren Liebesgedanken lähmen und niederdrücken. Wiſſet endlich die Grauſame zu beſiegen, welche Euch bis jetzt verſchmäht hat. Entreißet ſie allen euren Nebenbuhlern. Es ſeh nicht die Rede von dem kleinen Hauſe in Montaguſtreet. In einen Palaſt 15 müßt Ihr die rebelliſche Suſanne einſperren. Ihr werdet Gold haben— ſo viel Gold, daß Ihr nicht wiſſet, was Ihr damit anfangen ſollt. Gebraucht oder mißbraucht es— Ihr werdet euren künftigen königlichen Reichthum nicht erſchöpfen— wenn Ihr aber trotz der Macht, welche Euch dieſe Schätze verleihen werden, dann immer noch der Selave eines Weibes bleibt, dann entſage ich Euch, Chiffinch.« »Nein, ich werde dann Herr ſehn, unumſchränkter Herrl« „Stoßen wir denn an auf eure Freiheit! Eure Herr⸗ ſchaft ſoll leben!«* „Aber auch Suſanne ſoll leben— die ſchönſte meiner Sclavinnen!« rief Chiffinch, der nun ziemlich berauſcht war⸗ Die Gläſer klangen noch, als die Thür ſich öffnete und eine Frauengeſtalt eintrat. Es war Suſanne. Chiffinch ließ erſchrocken ſein Glas fallen und eilte auf die ſo unerwartete Erſcheinung zu. Die Irländerin wies ihn mit gebieteriſcher Geberde zurück. „Seit drei Stunden ſuche ich Euch überall,« ſagte ſie zu ihm.„Wie es ſcheint, wißt Ihr Euch in meiner Abweſenheit ganz angenehme Zerſtreuung zu verſchaffen!« „Suſanne, ich ſchwöre Euch—* »Ei, was habe ich darnach zu fragen!— Seyd Ihr nicht frei?« „Leider nein, ich bin es nicht, Grauſame. Ihr wiſſet wohl, daß niemals ein unterwürfigerer Sclave—6 »Das werden wir erſt ſehen,« unterbrach ihn Suſanne. „Iſt der Herzog von Monmouth in London angelangt?⸗ „Ja.* „Wo iſt er?* „Im Tower.« „Ich muß die Erlaubniß erhalten, zu ihm zu gehen und ihn ohne Zeugen ſprechen zu dürfen.“ „Das iſt unmöglich, Suſanne.* „Dieſe Erlaubniß muß mir und meiner Dienerin ertheilt werden.* „Ihr ſetzt mich in Verzweiflung, Suſanne, aber ich age Euch nochmals, es iſt unmöglich— niemals wird der König dareinwilligen.* „Und was geht es mich an, ob der König will oder nicht? Ihr werdet mir noch morgen Vormittag dieſen Erlaub⸗ nißſchein bringen oder mir niemals wieder vor die Augen kommen. Lebt wohl.« Suſanne entfernte ſich, Chiffinch blieb ſtehen wie vom Donner gerührt. „Wohlan,« rief Jeffreys, in ein lautes Gelächter aus⸗ brechend,„was gedenkt Ihr denn zu thun, unumſchränkter Herr?* „Ich werde mich zum König verfügen.* „Um die Begnadigung für Lord Greh auszuwirken?“ „Ja, aber vorher die Erlaubniß, welche Suſanne begehrt.* 3 3 H. Die beiden henker. Jeffrehs hatte ſich nicht geirrt, als er den Auftritt, wel⸗ cher in Newgate zwiſchen Keich und Roſe ſtattfand, während er ſelbſt mit Chiffinch ſich in der Taverne„zur rothen Kuhs mit Fragen der hohen Politik beſchäftigte, intereſſant, drollig und erheiternd nannte. Um aber dieſe drei Eigenſchaftswörter noch richtiger zu machen, hätte man jedem derſelben noch den Zuſatz„auf furchtbare Weiſes beifügen müſſen. Es war in der That ein grauſenhaft komiſcher Auftritt, deſſen Schluß ein entſetzlich tragiſcher war. Der Leſer erinnert ſich ohne Zweifel, daß die letzten Er⸗ eigniſſe der Geſchichte, welche wir erzählen, innerhalb der erſten Hälfte des Julimonats ſtattfanden. Da zu dieſer Zeit des Jahres die Tage ſehr lang ſind, ſo war Roſe's Kerker noch vollkommen hell, als gegen ſieben Uhr Jack Ketch von einem der dienſtthuenden Schließer hin⸗ eingelaſſen ward. Als Roſe ihn eintreten ſah, ſprang er auf, und ſeine vom Schrecken erweiterten Augen blieben auf den Mann ge⸗ heftet, den er in ſeinem Amte als Rachrichter der Stadt Lon⸗ don erſetzt hatte. Der Tieger von Tanger. VI. 18 Das Geräuſch, welches Roſe's Ketten bei ſeiner plötzli⸗ chen Bewegung machten, ſchien Keich's Aufmerkſamkeit zu erregen. Wie um die Urſache des Geräuſches zu ermitteln, richtete er die Augen nachläſſig auf den Punkt, von welchem es ausging, und ſein Blick begegnete dem ſeines Mitgefan⸗ genen. Sofort ſchien eine Anwandlung wirklicher oder erheu⸗ chelter Wuth ſich ſeiner zu bemächtigen, wodurch die Furcht. welche Roſe empfand, nur noch höher geſteigert ward. „Ha, Ihr ſeyd es, Mr. Ketch,« ſagte der arme Schelm mit vor Angſt erſtickter Stimme,„was führt Euch denn hierher?* „Ihr,« antwortete Ketch in kurzem Tone. Ein krampfhaftes Zittern ſchüttelte Roſe's ganzen Körper. „Was, murmelte er,„noch heute Abend?* „Ja wohl!— ſofort!— augenblicklich!« „Nein, nein; niemals hätte ich geglaubt, daß Mylord Jeffreys Euch zu mir ſchicken würde.« „Warum denn nicht? Kennt Ihr denn nicht die Un⸗ dankbarkeit ſeiner Seele?« „Ich konnte mir nicht denken, daß ſie ſo weit ginge— ſo viele Dienſte durch den Tod zu belohnen!* Bei dieſen letzten Worten Roſe's heuchelte Ketch ein Ge⸗ miſch von gewaltigem Erſtaunen und plötzlicher Furcht. „Wiel« ſchrie er,„um einer ſolchen Kleinigkeit willen ſoll ich gehängt werden?* „Gehängt, Mr. Ketch? Wer ſagt denn das?“ „Nun, Ihr ſagt es, Mr. Roſe— ich nicht.* „Was ſage ich denn?« i⸗ zu n n⸗ u⸗ rd en 19 »Entſchuldigt mich! verzeihet mir. Mr. Ketch!« rief er. „Sehet, es hat ſo eben ein ſehr eigenthümliches Mißverſtänd⸗ miß ſtattgefunden und ich geſtehe, daß ich noch nicht recht be⸗ greife.— Alſo ernſthaft geſprochen, ſagtet Ihr mir nicht ſo eben, daß Ihr meinetwegen hierher gekommen wäret?« „Freilich bin ich um euretwegen hierher gekommen.« »Seht Ihr, ſeht Ihr! Und als ich Euch fragte, ob Ihr mich heute Abend hängen würdet?« »Das habt Ihr mich gefragt?« »Ja, ich habe es Euch gefragt, und Ihr antwortetet: Sofort! Augenblicklich!« »Mr. Roſe,« entgegnete Jack Ketch,„meine einfache Erſcheinung muß Euch auf ſeltſame Weiſe den Kopf verdreht haben und Ihr müßt an weiter gar nichts denken als an den Strang, daß Ihr eine ſolche Verwechſelung begehen könnt. Ich trete hier ein. Ihr fragt mich, was mich herführt. Ich antworte, daß Ihr es ſehd. Ihr fragt mich weiter, ob ich erſt heute Abend verhaftet worden bin. Ich antworte Euch, daß es ſo eben, dieſen Augenblick geſchehen iſt. Und nachdem wir dieſe ſo einfachen Worte gewechſelt ha⸗ ben, behauptet Ihr, ich käme hierher, um Euch zu hängen, und Ihr ſagt mir das, ohne weiter darnach zu fragen, ob mir das angenehm iſt oder nicht. Glaubt Ihr denn, daß ich, ſelbſt wenn Lord Zeffreys es mir befähle, meinem Nachfolger in meinem ehrenvollen Amte gegenüber eine ſ olche Rolle ſpie⸗ len würde? Uebrigens möchte ich Niemanden mehr weder hän⸗ gen noch enthaupten.— Ich habe nicht meine Entlaſſung ge⸗ nommen, um wieder zu demſelben Handwerk zu greifen.« »Ich danke Euch für die Geſinnungen, welche Ihr mir auf dieſe Art zu erkennen gebt, mein lieber Mr. Ketch. Sie gereichen Euch ſicherlich zur Ehre. Was aber das Mißver⸗ 20 ſtändniß betrifft, ſo glaube ich daß es durch Euch herbeige⸗ führt worden iſt.“ „Daß Mylord Jeffreys meine Dienſte mit dem Tode be⸗ lohnen wolle? „Eure Dienſte, Mr. Keich? Wer ſpricht denn von euern Dienſten? Die meinigen ſind es, welche dieſe Beloh⸗ nung erhalten werden.* „Will man Euch denn hängen, Mr. Roſe? Was habt Ihr denn gethan?“ Als Roſe dieſe Fragen hörte, ſah er Ketch mit vgen an, aus welchen plötzlich wieder Hoffnung und Freude leuchteten. „Man will mich hängen? rief er laut.„Und Ihr fragt mich darnach, Mr. Keich? Seyd Ihr denn nicht eben deswegen hier?“ „Ich? ſeyd Ihr von Sinnen, Mr. Roſe?* „Nun, ſehd Ihr nicht hierher geſchickt worden, um mich zu hängen?* „Ich bitte Euch, lieber Mr. Roſe,* ſagte Ketch, als ob er ſich tief verletzt fühlte,„eurem Geſchwätze ein Ende zu ma⸗ chen. Ich kann mir den Sinn desſelben nicht erklären, aber es beleidigt mein Gefühl. Ihr thut, als wenn Ihr ſcherztet, aber ich muß Euch ſagen, daß mich ſo etwas auf die furcht⸗ barſte Weiſe erbittern kann.* Während Ketch ſprach, hörte Roſe mit entzücktem Ohre zu und trat aus ſeiner aufmerkſamen Unbeweglichkeit nicht eher heraus, als bis er nicht mehr die Stimme hörte, die ihm auf angenehme Weiſe drohte. Dann aber ging er plötz⸗ lich zu einer zweiten übermäßigen Kundgebung von Freude über. Er begann zu lachen, zu weinen zu ſingen und vor Luſt mit ſeinen Ketten zu klirren, wie um ſeiner Freude ein würdiges Accompagnement zu geben. bt n, r 21 „Ich ſehe ſchon wie es ſteht, mein lieber Roſe. Wir wa⸗ ren Jeder mit unſerer großen Angelegenheit des Augenblicks beſchäftigt— Ihr mit eurem Tode, denn Ihr ſcheint zu glau⸗ ben daß Ihr gehängt werden ſollt— ich mit meiner Ver⸗ haftung.* „Aber warum ſehd Ihr denn verhaftet worden?“ »Für Euch. „Für mich?“ „Ja, für Euch, oder wenigſtens wegen Euch.« „Wie ſo denn?“ „Ich ging ſo eben am Thore des Gefängniſſes vorüber. In der Nähe ſtand eine Gruppe Müßiggänger plaudernd auf der Straße beiſammen. Ich nähere mich und horche. Sie ſpra⸗ chen von allen den Aufknüpfungen und Enthauptungen, welche in den nächſten Tagen in Folge der Empörung des Weſtens und der Niederlage Monmouth's ſtattfinden werden. Ihr könnt Euch denken, daß ganz natürlich auch von Euch und der ſchweren Arbeit die Rede war, die Euch bevorſteht, und euer Name war in Aller Munde. Dabei ſprach man auch zu⸗ gleich ſehr viel Uebles von Euch. Man ſagte, Ihr wäret ein ungeſchickter Tölpel und verſtündet nichts von eurem Hand⸗ werk. Das ärgerte mich, aber ich hielt noch an mich. Eben wollte ich fortgehen und meinen Aerger mit mir nehmen, als ich Jemanden hörte, welcher ſagte, Ihr entehrtet eure Kunſt und London könne durchaus nicht mehr unter die Städte ge⸗ zählt werden, welche durch ihre Nachrichter berühmt gewor⸗ den wären. Nun aber konnte ich mich nicht mehr halten und ich verſetzte dem Elenden, der auf ſo unehrerbietige Weiſe von Euch ſprach, einen tüchtigen Fauſtſchlag auf den Kopf, daß er niederſtürzte wie ein Stier. Zwei Conſtabler packten mich ſofort am Kragen und führten mich an den Schlag eines Wa⸗ gens, welcher in einiger Entfernung nach einigen Schritten eben Halt gemacht hatte. In dieſem Wagen ſaß Mylord Zef⸗ freys. Er that an mich einige Fragen über das, was vorge⸗ fallen war, ſagte mir viele Beleidigungen ins Geſicht und gab dann Befehl, mich hierher zu bringen und einzuſperren. Und nun bin ich da.« »Ketch! Jack Ketch! Mein lieber Freund!« rief Roſe mit bewegter Stimme,„kommet näher, damit ich Euch die Hand drücke— was Ihr da gethan habt, iſt ſehr ſchön— welche Dankbarkeit— welche—6 »Ach, Mr. Roſe* entgegnete Ketch,„Ihr habt nicht Urſache, mir zu danken. Was ich gethan habe, habe ich ge⸗ than, um die beleidigte Ehre unſerer Kunſt zu rächen. Für Euch habe ich es nicht gethan! Wenn nur von Euch die Rede geweſen wäre, ſo hätte ich— ich ſage Euch dies ohne Um⸗ ſchweife— nimmermehr gethan, was ich gethan habe, denn ich bin ſelbſt der Meinung derer, welche Euch für einen Töl⸗ vel und ungeſchickten Arbeiter erklären. Ich finde, daß Ihr noch nicht das erſte Wort von dem Handwerke wißt, daß Ihr noch nicht einmal die Anfangsgründe davon inne habt.« „So, findet Ihr das wirklich?« rief Roſe auf das em⸗ pfindlichſte verletzt;„Ihr findet das wirklich? Aber wer ſeyo Ihr denn, daß Ihr das Recht zu haben glaubt, auf dieſe Weiſe mit mir zu ſprechen? Man erhebt die Stimme nicht ſo laut, verſteht Ihr, Mr. Ketch, wenn man eine Hinrichtung wie die des Lord Ruſſel auf dem Gewiſſen hat; wenn man viermal hauen muß, ehe man einen Kopf vom Rumpfe herun⸗ terbringt, dann ſchlägt man hübſch die Augen nieder. Man verſteckt ſich und erdreiſtet ſich am allerwenigſten, ſich für einen großen Künſtler auszugeben.« 23 »Alſo, Mr. Roſe,« entgegnete Jack Ketch in ſtolz ver⸗ ächtlichem Tone,»in euren Augen gibt es keine großen Feld⸗ herrn als ſolche, die niemals eine Niederlage erlitten haben, keine großen Wundärzte als ſolche, denen niemals eine Ope⸗ ration mißglückt iſt? In dieſem Falle werdet Ihr zugeben, daß man die glorreiche Liſte von Namen, die man Euch vor⸗ legen könnte bis auf den letzten dieſer Namen ſtreichen müßte. Uebrigens handelt es ſich jetzt gar nicht darum. Ihr nehmet die Frage verkehrt— Ihr ereifert Euch ganz ohne allen Grund. Ich habe Euch durchaus nicht verletzen wollen, als ich ſagte, daß Ihr nichts vom Handwerk verſtündet und daß Ihr nicht einmal die erſten Anfangsgründe desſelben inne hättet. Weit entfernt davon— ich wollte im Gegentheile Euch mit meiner Erfahrung zu Hilfe kommen— ich wollte Euch gute Rathſchläge und ſogar— erlaubt mir es zu ſagen, Unterweiſungen geben. Und in der That, Ihr bedürft deren wirklich, mein lieber Nachfolger. Das, was ich Euch da ſage, darf eure Eigenliebe durchaus nicht verletzen. Habt Ihr bei eurem alten Handwerk als Fleiſcher nicht, ehe Ihr einen Ochſen geſchlachtet habt, gelernt, wie man ihn nieder⸗ ſchlägt, wie man ihm das Blut abzapft? Wohlan wie könnt Ihr daher glauben, daß man einen Menſchen töd⸗ ten kann, ohne es vorher gelernt zu haben?— Hört mich, Roſe; ich bin offen gegen Euch geweſen— laßt mich es nicht bereuen. Ich habe Euch geſagt, daß ich mich über eure Ver⸗ leumder geärgert, weil die Verachtung, die ſie gegen Euch an den Tag legten, auf die Kunſt ſelbſt, auf die Stadt London und folglich auch auf mich ſelbſt zurückfiel. Das iſt wahr und eben deshalb möchte ich— ich verſchweige Euch meine Be⸗ weggründe nicht— einen geſchickten Mann, einen ausgezeich⸗ neten Künſtler aus Euch werden ſehen.« 24 »Wohlan.« entgegnete Roſe,„ich muß Euch aufrichtig geſtehen, mein vortrefflicher Mr. Ketch, daß ich weit entfernt war, ein ſolches Intereſſe von eurer Seite zu erwarten. Ihr könnt nicht glauben, wie ſehr Ihr dadurch mein Herz gerührt habt und ich hoffe, daß Ihr nun den Ausdruck meiner Dank⸗ barkeit nicht zurückweiſen werdet. Ich verſichere Euch, daß ich die Lectionen, welche Ihr mir anbietet, mit unendlichem Ver⸗ gnügen annehmen würde, wenn ſie mir etwas nützen könn⸗ ten, wenn ich noch berufen wäre ſie in Anwendung zu bringen.* »Wie! Ihr ſehd alſo abgeſetzt, oder Ihr habt eure Ent⸗ laſſung gegeben?« »Weder Eins noch das Andere, lieber Freund, aber My⸗ lord Jeffreys hat geſchworen, daß ich auf der Folterbank ſter⸗ ben ſolle.* »„Und braucht Euch das abzuhalten, meine Lectionen anzuwenden, lieber Roſe?« »Wie mir ſcheint, iſt dieſe Abhaltung allerdings eine ſo triftige wie es nur eine geben kann.« »Dies wäre unbeſtreitbar, wenn Mhlord Jeffreys ſei⸗ nen Schwur hielte, aber Ihr wißt wohl, daß er dies nicht thun wird.* »Das weiß ich nicht. Habt Ihr vielleicht Grund zu glau⸗ ben, daß er mich nicht hängen laſſen wird?« »Ja wohl, und einen ſehr wichtigen. Es gibt jetzt zu viel Leute zu hängen, als daß man auf den Einfall kommen könnte, den Henker ſelbſt aufzuknüpfen.« »Aber Ihr, mein lieber Ketch, ſeyd Ihr denn nicht noch da?s »Habe ich Euch nicht geſagt, daß ich meine Entlaſſung gegeben?* 25 „Ihr werdet ſie wieder zurücknehmen und man wird Euch wieder in euer Amt einſetzen.« „Niemalsl« rief Ketch mit der Miene eines unwiderruf⸗ lichen Entſchluſſes;„niemals! Die ehrenvolle Muße die ich mir durch ein Leben ſchwerer und edler Fflichterfüllung er⸗ worben, iſt mir zu lieb. Es liegt mir durchaus nichts daran, ſie wieder aufzugeben, um wieder in das thätige ſorgenvolle Leben zurückzukehren. Ihr. der Ihr einmal noch darin ſeyd, mein lieber Roſe, bleibt darin und handelt ſo— denn von dem Zorne Jeffreys' habt Ihr durchaus nichts zu fürchten— handelt ſo, daß Ihr in der Folgezeit Euch einen ſchönen Ra⸗ men erwerbt. Welche glorreiche Thaten harren Euer, o Roſe, und welche beneidenswerthe Muße ſchafft Ihr Euch für euer Alter, wenn Ihr die Rathſchläge zu benutzen wißt, welche eine lange Praxis mich in den Stand ſetzt, Euch zu bieten.* »O ſaget nicht Rathſchläge, ſaget lieber Leetionen, mein lieber Meiſter, ſaget Lectionen! Mit welchem Vergnügen werde ich euer aufmerkſamer Schüler ſehn! Wie ſtolz werde ich dar⸗ auf ſeyn, mich dereinſt euern dankbaren Schüler zu nennen! — Aber dies iſt eine Freude, deren ich nicht werde theilhaftig werden. Um Lectionen zu empfangen und dieſelben benutzen zu fönnen, dürfte man nicht gefeſſelt ſeyn— und Ihr ſehet dieſe Ketten.* „O das ſoll kein Hinderniß ſeyn,s rief Jack Ketch mit Enthuſiasmus.„Sie ſollen bald fallen, dieſe Ketten, die für jene, welche ſie Dir angelegt haben, ſchimpflicher ſind als für Dich! Ich werde den Schließer rufen, der mich ſo eben hier eingeſperrt hat. Es war Taylor den Du eben ſo lange und eben ſo genau kennſt als ich. Er wird uns unſere Bitte nicht abſchlagen, ſondern Dir deine Kette abnehmen, natür⸗ —— 26 lich mit dem Vorbehalt, daß er ſie Dir morgen zur Zeit, wo der Inſpector die Runde macht, wieder anlege.« Ketch hatte ſeinen Einfluß nicht zu hoch angeſchlagen. Einige Augenblicke ſpäter kam der Schließer Taylor auf den Ruf ſeines lieben Jack herbeigeeilt, befreite Roſe von den Feſ⸗ ſeln, in welche Jeffreys ihn hatte ſchlagen laſſen und der ehe⸗ malige Boxer dehnte und ſtreckte mit Wonne ſeine herkuliſchen Gliedmaßen. »Welch einen prachtvollen Henker,« ſagte Ketch mit be⸗ wunderndem Blicke,„wird die Stadt London an Dir an dem Tage haben, wo Du eine vollendete Wiſſenſchaft, eine un⸗ fehlbare Geſchicklichkeit beſitzen wirſt!« Dann wendete er ſich zu Tahlor und fuhr fort: „Mein Freund, hier ſind zwei Guineen für Dich— Du wäreſt ſehr liebenswürdig, wenn Du uns eine Kanne Brannt⸗ wein brächteſt und uns einen Strick von ſieben bis acht Fuß Länge verſchaffteſt.« „Einen Strick von ſieben bis acht Fuß Länge, Jack?⸗ wiederholte der Schließer, indem er liebäugelnd die in ſeiner Hand liegenden funkelnden zwei Goldſtücke betrachtete,„was wollt Ihr denn damit machen, Ihr und Roſe? „Der Meiſter,« antwortete Letzterer beſcheiden,„will die Güte haben, mir eine Lection zu geben. Ich hoffe, daß Du mir die Mittel, ſie zu nehmen, nicht verweigern wirſt. Wer weiß, ob ich jemals eine ſolche Gelegenheit wieder finde.* „O wenn es dazu iſt,« ſagte Tahlor,„dann hat die Sache weiter keine Schwierigkeit und Ihr ſollt ſogleich be⸗ friedigt werden.« Der Schließer entfernte ſich und kam nach einigen Mi⸗ nuten wieder in den Kerker der beiden neuen Freunde zurück, 27 indem er in der That außer der Kanne Branntwein einen neuen Strick von der bezeichneten Länge mitbrachte. Er ſtürzte ein Glas Branntwein hinunter, das ihm von ſeinen ehrenwerthen Gäſten angeboten ward, ſtieß mit ihnen an und ließ ſie bald darauf allein— den Lehrer ſowohl als den Schüler— den einen begierig, gut zu lehren, den andern voll Eifer ſich zu unterrichten. Jack Ketch nahm eine ſehr ernſte Miene an. »Du wirſt, mein lieber Roſe, an mir anfangen,« ſagte er.„Ich bin der Delinquent— Du biſt der Henker. Vor allen Dingen muß ich genau wiſſen, wie weit deine Kenntniſſe reichen. Schneide dieſen Strick in zwei Theile, den einen von fünf, den andern von drei Fuß. Jetzt laß einmal ſehen, wie Du deine Schlinge machen wirſt. Rein, ſo iſt's nicht recht, Freund. Schau her— ſo macht man ſie. Binde dieſes Ende an dieſen Balken. Gut. Nun bringe dieſe beiden Schä⸗ mel her.* Roſe gehorchte eifrig allen dieſen Befehlen ſeines Lehr⸗ meiſters und dieſer zeigte ſich mit der Gelehrigkeit ſeines Schü⸗ lers ſehr zufrieden. »Nach dieſen vorläufigen Dingen, die nicht ohne ihre Wichtigkeit ſind,« fuhr Ketch fort,„wollen wir zu Operatio⸗ nen übergehen, welche ernſtere Schwierigkeiten darbieten. Nimm jetzt dieſen zweiten Strick und binde mir die Hände auf den Rücken. Ach, Unglücklicher, auf dieſe Weiſe muß man das nicht machen! Du verſtehſt vielleicht wohl einen Ochſen mit den Hörnern an den Pfahl zu binden, ganz ge⸗ wiß aber haſt Du keine Ahnung davon, wie man einem Men⸗ ſchen die Hände auf den Rücken bindet. Mach dieſen Knoten wieder auf; er iſt viel zu ſcharf zuſammengezogen. Die Hu⸗ manität verlangt, daß man dem Delinquenten nicht unnätze 28 Schmerzen zufüge, die der Strafe ſelbſt fremd ſind und welche das Geſetz ihm nicht zudictirt. Ich ſteige jetzt auf dieſen Sche⸗ mel, Du ſteige auf den, welcher dahinter ſteht. Gut. Jetzt lege mir die Schlinge um den Hals. So nicht! So nicht, ah. ich hatte wohl Recht, als ich ſagte, daß Du noch nicht das Abe des Handwerkes verſtündeſt. Du würdeſt deinem Delin⸗ quenten fürchterliche Qualen verurſachen und ihn doch nicht tödten. So an dem Knie und dem Genick hängend würde er vierundzwanzig Stunden am Galgen baumeln, ohne zu ſter⸗ ben. Das ſind Barbareien, die man einem unwiſſenden Prac⸗ ticus in der Provinz überlaſſen muß. Laß den Strick herunter und mach die Schlinge auf, ehe Du Dich mir auf die Schul⸗ tern ſetzeſt. Gut. Jetzt ſetze Dich auf. Ach, Du verſtehſt nicht deine Hände auf die Schultern des Delinquenten zu legen.— Nein, nein, ſo nicht. Ja, wenn Du Dich der Laſt deines Förpers den Geſetzen des Gleichgewichtes gemäß zu bedienen wüßteſt, welchen großen Künſtler würde dann London in Dir ſehen!* „Aber glaubt Ihr denn, Meiſter,« ſagte Roſe beſchei⸗ den,„glaubt Ihr, daß ich mit Ausdauer und noch einigen Lectionen von Euch endlich es ſo weit bringen würde, daß Ihr mit mir zufrieden wäret?“ „Ganz gewiß, ganz gewiß wirſt Du es ſo weit bringen, lieber Freund, aber wie Du ſagſt, es gehört dazu Ausdauer und guter wiederholter Unterricht.« „Sehd Ihr müde, mein lieber Meiſter?« fragte Roſe mit ſchüchterner Stimme. „Nein, das bin ich nicht. Warum fragſt Du?“ „Weil ich Euch bitten wollte, einmal an mir zu machen, was ich ſo eben an Euch gemacht habe.« 29 „Hältſt Du denn das für nothwendig?« antwortete Ketch in gleichgiltigem Tone. „Ob ich es für nothwendig halte? Ganz gewiß! Ihr begreifet doch, mein vortrefflicher Lehrer, daß ich, wenn ich an mir ſelbſt geſehen und gefühlt habe, wie Ihr zu Werke geht, die durch dergleichen Beiſpiele erläuterten Regeln leich⸗ ter behalten werde.« »Da haſt Du Recht, mein lieber Schüler, aber das wollen wir auf ein andermal verſchieben.« »Weißt Du, mein lieber Jack,« ſagte Roſe, indem er plötzlich anfing ſeinen Freund zu dutzen und zwar mit einer Unbefangenheit, die er mit einer Lection und dem Ernſte Ketch's, der ihm endlich imponirt hatte, verloren zu haben glaubte,—„weißt Du, daß ich anfange etwas zu glauben?* »Was denn, Roſe?* »Daß Du fürchteſt, ich möchte von deinem Unterricht zu ſchnell und zu viel profitiren.* »Nun und dann? »„Und dann?— Daß ich deinen Ruhm verdunkle, in⸗ dem ich unſerer Kunſt einen größern Glanz verleihe, als durch Dich geſchehen iſt.* »Mein lieber Roſe dieſem Argwohn von deiner Seite möchte ich mich nicht gern ausſetzen und deshalb bin ich be⸗ reit, ſofort die Anwendung meiner Regeln an Dir zu zeigen.« Die Lection begann wieder, aber diesmal waren die Rollen gewechſelt. Roſe war der Delinquent— Ketch der Henker. „Na, ſagte Letzterer,„ſiehſt Du, wie man die Hände auf den Rücken bindet? Wie findeſt Du dieſen Knoten? Iſt er 30 nicht elegant und dabei doch feſt? Verſuche einmal, ob Du die Hände herausziehen kannſt.« »Unmöglich,« ſagte Roſe, nachdem er ſich vergebens be⸗ müht ſeine Hände aus den Verſchlingungen des Strickes her⸗ auszuarbeiten. »Jetzt, fuhr Ketch in einem Tone fort, deſſen unwill⸗ kürliches Beben er ſich vergebens zu bemeiſtern bemühte, „jetzt ſteige auf einen Schämel. Bemerke wohl, wie ich Dir dieſen Strick um den Hals lege und ihn bis um die Gurgel gleiten laſſe. Verſtehſt Du die Operation ſo weit?« „Ja wohl, lieber Meiſter. Meinetwegen können nun ſo viel zum Galgen verurtheilte Rebellen aufmarſchirt kommen, als nur immer wollen, ich ſchwöre Euch, daß Ihrmit eurem Schü⸗ ler zufrieden ſeyn ſollt. Jetzt könnt Ihr mir die Schlinge wie⸗ der abnehmen und meine Hände losbinden. Ich bin nun in alle Geheimniſſe der Wiſſenſchaft eingedrungen— ich brauche keinen Lehrer mehr!« »Wie anmaßend doch dieſe Schüler ſind!« rief Ketch la⸗ chend,„kaum haben ſie eine Stunde dem Studium gewidmet, ſo glauben ſie ſchon fertig zu ſeyn. Warte noch einen Augen⸗ blick, Freund Roſe. Du bedarfſt meiner noch einige Secunden lang. Ich habe Dir ein letztes Geheimniß zu offenbaren!« »Sprecht ſchnell, mein lieber Meiſter, Ihr habt die Schlinge um meinen Hals ein wenig zu ſcharf zugezogen— ich fange an Schmerzen zu empfinden.* „Ich werde ſogleich fertig ſeyn, lieber Roſe, und will, um mich kürzer zu faſſen, Dir nicht erſt auf die Schultern ſteigen. Ich will Dich, auch ohne dies zu thun, lehren, wie dein Körper von ſelbſt in ein vollkommenes Gleichgewicht fal⸗ len muß. Gib wohl Acht! Von allen Punkten der Lection iſt dieſer letztere ſicherlich der intereſſanteſte.« 31 Keich ſprang von ſeinem Schämel auf den Fußboden herunter und ſtellte ſich ungefähr ſieben bis acht Fuß entfernt Roſe gegenüber. Durch einen raſchen Blick überzeugt, daß ſein Reben⸗ buhler vollkommen in ſeiner Gewalt war, verſchränkte er ru⸗ hig die Arme über der Bruſt und ſah ſeinen Schüler an. Sein Geſicht bot dabei einen ſo fürchterlichen Ausdruck von Wildheit dar, daß Roſe eine heftige Anſtrengung machte, um ſeine Hände und ſeinen Hals von den Knoten zu befreien, welche ihn gefangen hielten. »Du erräthſt alſo, daß die Sache ernſt gemeint iſt, mein lieber Roſe?« ſagte Ketch zu ihm, indem er in ſeiner Unbe⸗ weglichkeit verharrte.„Ha, Du erräthſt es endlich?— Du nimmſt Dich in dieſer Stellung wirklich ſehr drollig aus. Weißt Du, wie Du ausſiehſt?— Wie ein am Halſe aufgehängter Eſel— und ganz gewiß muß man auch ein ſolcher ſeyn, um ſelbſt gutmüthig den Hals in eine ſolche Schlinge zu ſtecken! — Du wirſt mir wenigſtens die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, zu ſagen, daß ich Dich nicht erſt betrunken gemacht habe, um Dich zu einem ſo ungeheuer dummen Streiche zu verleiten.* Ketch ſchenkte ſich ein Glas Branntwein ein, trank es und fuhr fort: »Ganz gewiß haſt Du nicht mehr getrunken, als ich ſo eben trank. Es iſt alſo nicht der Branntwein, der Dich be⸗ rauſcht hat, ſondern dein dummer Stolz. Du glaubteſt alſo wirklich, ſämmkliche Rebellen aufzuknüpfen? Auch gedachteſt Du in deinen ehrgeizigen Träumen vielleicht, daß Du dem Herzog von Monmouth den Kopf abhacken würdeſt.— Du Dummkopf! Eben deshalb mußt Du ſterhen! Ich habe aller⸗ dings ſchon viel Leute gehängt, aber ich ahnte nicht, daß es mich noch ſo glücklich machen würde!« Roſe ſtieß vor Angſt und Verzweiflung außer ſich einen lauten Schrei aus. Ketch ſtürzte ſich ſofort auf den Schämel, auf dem der Unglückliche ſtand und warf ihn durch einen kräf⸗ tigen Fußtritt um. Eine Minute ſpäter hauchte der Henker von London ſeinen letzten Seufzer aus. Sein Sieger verſicherte ſich durch Anrühren, daß er nur noch eine Leiche vor den Augen hatte. „Run bin ich es,« rief er mit triumphirendem Lachen, „nun bin ich es, der den Sohn Carls des Zweiten, König Monmouth enthaupten, wird!« II. Der Brief an den Rönig. Am Tage nach dem, an welchem Jack Ketch durch ſeinen Sieg über Roſe das Amt eines Nachrichters der Stadt London wieder eroberte und— was ihm beſonders am Herzen lag — ſich den Ruhm ſicherte, dem Herzog von Monmouth den Kopf abzuſchlagen, ſaßen Lady Wentworth und Suſanne beide gegen zehn Uhr Morgens in dem Salon des kleinen Hauſes in Montaguſtreet. „Die Stunde naht, meine gute Suſanne,« ſagte Hen⸗ riette, indem ſie die Augen jeden Augenblick auf die Uhr hef⸗ tete,„und noch immer ſehe ich nicht die Erlaubniß eintreffen, uns zu unſern armen Gefangenen begeben zu dürfen. Wißt Ihr auch gewiß, daß der, welcher ſie Euch bringen ſoll, auch kommen wird?“ — S—— 22 3 „Ich habe, Mylady,« antwortete die Irländerin,„Euch nicht die Beziehungen verſchwiegen, welche zwiſchen Mr. Chif⸗ finch und mir beſtehen. Ich habe Euch geſagt, daß es mir durch meine ſtolze Verachtung, ohne es zu beabſichtigen, ge⸗ lungen war, den unterwürfigſten und treueſten Sclaven aus ihm zu machen. Ihr könnt baher ſelbſt beurtheilen, in wie weit meine Hoffnung gegründet iſt. Was mich betrifft, ſo habe ich niemals daran gezweifelt und zweifle auch jetzt nicht daran, daß Mr. Chiffinch komme. Und Ihr wißt, Mylady, daß er nur mit dieſer Ordonnanz verſehen kommen darf.« »Möge Euch Gott erhören muthige Freundin!« entgeg⸗ nete Lady Wentworth.„Wenn Ihr wüßtet, wie ſehr mich darnach verlangt, ihn zu ſehen! Er hat einen ſo ſchwachen Charakter, mein armer James! Ich zittere fortwährend, daß er eine ſeiner und meiner unwürdige That begehe. Von uner⸗ ſchrockener Tapferkeit auf dem Schlachtfelde beſeelt, ſo lange die Augen der Seinigen auf ihn gerichtet ſind, floh er in jener verhängnißvollen Nacht auf dem Sedgemoore dennoch. Was wird er jetzt machen— ſich ſelbſt überlaſſen, in einem düſtern Kerker, vor dem Schaffot, welches er vor ſeinen wachenden Augen eben ſo ſieht, wie vor ſeinen träumenden.« »Muth, Mylady, Muth! Ihr dürft noch nicht ver⸗ zweifeln.« »„Ihr habet mirverſprochen, ihn retten zu helfen, Suſanne. Nicht wahr, meine gute Suſanne, wir werden alle Mittel verſuchen?“ »Ich werde das Unmögliche verſuchen, Mhlady.« In dieſem Augenblick drang die Stimme eines Straßen⸗ hauſirers bis in das Zimmer, in welchem ſich die beiden Frauen befanden. Der Tiger von Tanger. VI. „Wer kauft,« rief die Stimme,„wer kauft den Brief des Herzogs von Monmouth an Se. Majeſtät König Jacob den Zweiten? Hier iſt er— er koſtet nicht mehr als zwei Pence. Anna, Suſannens Dienerin, ward beauftragt, hinunter zu gehen und den Brief zu kaufen. Es dauerte nicht lange, ſo kehrte ſie damit zu ihrer Herrin zurück. „Leſe ihn mir vor,« ſagte Lady Wentworthzu der Ir⸗ länderin.„Ich ſehne mich und fürchte gleichzeitg ſeinen In⸗ halt zu erfahren.* Suſanne begann laut zu leſen: »Sire,— Eure Majeſtät wird glauben, daß das Un⸗ glück, welches mich niederbeugt, der Grund iſt, der mich drängt, mich an Euch zu wenden, aber ich verſichere Eure Majeſtät, daß ich durch die Reue dazu getrieben werde, die ich über mein in mehrfacher Beziehung an Euch begangenes Unrecht empfinde, beſonders darüber, daß ich die Waffen ge⸗ gen Euch ergriffen habe. Niemals ſeit dem Tode des Königs hatte ich daran gedacht, ſo etwas zu thun und der Prinz und die Prinzeſſin von Oranien können Euch bezeugen, wie oft ich ihnen verſichert habe, daß ich mich niemals gegen Euch empören würde. Mein Unglück aber hat gewollt, daß ich mit abſcheulichen Menſchen zuſammengerathen bin, die mir aller⸗ hand Dinge über Eure Majeſtät vorgelogen und mich durch eine ſolche Menge lügenhafter Gründe verführt haben, daß ich verleitet ward zu glauben, ich könnte mich nicht ohne Schande und ohne Sünde vor Gott darüber hinwegſetzen. Aber, Sire, ich will Ew. Majeſtät nicht mit Allem läſtig fallen, was ich zu meiner Vertheidigung ſagen könnte und was, wie ich feſt überzeugt bin, Euer Mitleiden erwecken würde— 6 „O mein Gott!« unterbrach Henriette, indem ſie ſich das — * W 25 50 Geſicht mit den Händen bedeckte,„o mein Gott! wie weit überſteigt noch die Wirklichkeit die Befürchtungen, welche ich gefaßt! Aber lies weiter, Suſanne, lies weiter. Gott wird mir Kraft geben, den Kelch bis auf den letzten Tropfen zu leeren.* „Der Hauptzweck dieſes Briefes«— las Suſanne wei⸗ ter—„iſt blos, Euch zu bitten, daß mir das Glück zu Theil werden möchte, mit Ew. Majeſtät zu ſprechen.« »Das Glück, mit Jacob dem Zweiten zu ſprechen! Er, Monmouth— der Unglückliche!« rief Lady Wentworth wie⸗ der und ihre Thränen floſſen immer reichlicher und bitterer. »Beruhigt Euch, Madame,« ſagte Fitzgerald's Schwe⸗ ſter, indem ſie die Hand der Lady ergriff,„beruhigt Euch, höret.— Vielleicht werden noch einige edle Worte den Her⸗ zog Euch ſo zeigen, wie Ihr ihn ſehen möchtet.« »Nun ſo lies weiter, Suſanne. Ihr ſprecht mir da eine Hoffnung zu, die ſich nicht verwirklichen wird.« »Das Glück mit Ew. Majeſtät zu ſprechen, denn das, was ich Euch zu ſagen habe, Sire, kann, wie ich hoffe, Euch eine lange und glückliche Regierung bereiten und ich weiß ge⸗ wiß, Sire, daß, wenn Ihr von meinem Eifer für eure Erhal⸗ tung und von meiner aufrichtigen Reue über das, was ich gethan, überzeugt ſeyn werdet 6 »Von welchen Gefühlen der Angſt und des Schreckens wurdeſt Du doch gemartert, o mein unglücklicher Freund, als Du das ſchriebſt!s ſagte Henriette in dumßp̃fem Tone.„Wem willſt Du glauben machen, daß Du Dich für die Erhaltung Jacobs von York intereſſirſt?« Suſannens Stimme übertäubte abermals die der Ge⸗ liebten Monmouth's: „Ich kann Ew. Majeſtät für den Augenblick nicht mehr ſagen, denn dieſer Brief wird nothwendig von denen geleſen, welche mich bewachen. Ich bitte daher ſchließlich Ew. Maje⸗ ſtät, gut genug von mir zu denken, um zu glauben, daß ich tauſendmal lieber ſterben, als um Pardon bitten würde, wenn ich nicht ſelbſt mehr als irgend ein Menſch auf der Welt von meinem Unrecht überzeugt wäre und nicht von Grund meines Herzens ſowohl meine That als auch Alle verabſcheute, die mich dazu verleitet haben.* „Hals rief Henriette in lautes Schluchzen ausbrechend, „habt Ihr auch recht geleſen, Suſanne? Wißt Ihr gewiß, daß die furchtbaren Worte da ſtehen, die Ihr ſo eben ausge⸗ ſprochen? Seht noch einmal hin! leſt noch einmal!“ „Wenn ich nicht vom Grund meines Herzens ſowohl meine That als auch Alle verabſcheute, die mich dazu ver⸗ leitet haben.* „Bin ich nicht ſchon unglücklich genug!s rief die Lady mit vor Schmerz zerriſſener Stimme.„Muß ich auch noch ver⸗ läugnet und verwünſcht werden von ihm, den ich ſo ſehr ge⸗ liebt, von ihm, dem ich Alles geopfert— Vermögen, Ehre, Ruhe— „Euer Schmerz reißt Euch zu weit hin, Mylady,“ ſagte Suſanne in ſanftem mitleidsvollem Tone.„Seine königliche Hoheit der Herzog von Monmouth ſpricht hier noch von den ab⸗ ſcheulichen Menſchen. von welchen zu Anfang des Briefes die Rede iſt. Auf Euch macht er keine Anſpielung— er kann keine auf Euch machen.* „Er ſpricht von Denen, welche ihn dazu gedrängt haben, die Waffen zu ergreifen, Suſanne. Nun aber kenne ich von allen dieſen Niemanden, der gewaltiger und entſchiedener auf ihn eingewirkt hätte als ich! Meine veräußerten Güter, meine 37 verkauften Diamanten haben dem Prinzen die zur Ausrüſtung ſeiner Schiffe und ſeiner Leute nöthigen Mittel geliefert. Dies iſt aber noch nicht Alles. Ich war es, meine Stimme war es, meine Liebkoſungen waren es, die ihn jedesmal, wo ſein Ent⸗ ſchluß wankend ward, wieder vorwärts trieben. Ihr ſehet alſo. daß er mich verabſcheut— mehr als alle anderen Anſtifter ſeiner That, wie er ſagt.« Es trat eine kurze Pauſe ein, deren Schweigen nur durch Lady Wentworth's Schluchzen unterbrochen ward. »Wollt Ihr, daß ich weiter leſe, Mhlady?“ fragte Su⸗ ſanne zögernd. „Ja, leſen wir zu Ende, liebe Freundin,« antwortete die Lady, indem ſie ſich gewaltſam zu faſſen verſuchte, um den noch übrigen Theil des Briefes anzuhören. »Ich hoffe, Sire.— las die Irländerin weiter— „daß der allmächtige Gott euer Herz der Milde und dem Mit⸗ leide für mich öffnen wird, eben ſo wie er das meine dem Ab⸗ ſcheu über das, was ich gethan, geöffnet hat. Ich hoffe daher, Sire, daß ich lange genug leben werde, um Euch fortan mei⸗ nen Eifer, Euch zu dienen, zu beweiſen. Ihr würdet davon überzeugt ſeyn, wenn ich in dieſem Briefe nur ein Wort ſagen könnte, aber dieſes Wort iſt von ſolcher Wichtigkeit, daß ich es mir nicht erlauben kann.* »„O mein Gott,« murmelte Lady Wentworth mit kaum verſtändlicher Stimme,„Du allein weißt, welche Feigheit der Unglückliche im Grund ſeiner Seele verbirgt und mit welchem namenloſen Geſtändniß er jetzt vielleicht umgeht! Geſtatte, Herr, daß ich ihn ſehe! Vielleicht bin ich im Stande, ihn noch außzu⸗ halten auf dem ſchlüpfrigen Pfade der Schmach und der Schandel« „Ich beſchwöre Euch daher,«— las Suſanne vollends —„ich beſchwöre Euch daher nochmals, Sire, mir ein münd⸗ liches Wort an Euch zu geſtatten, denn dann werdet Ihr ſicher⸗ lich nicht mehr zweifeln, daß ich für immer bin Eurer Maje⸗ ſtät unterthäniger ehrfurchtsvoller »Monmouth.* Kaum war Suſanne mit dem Leſen dieſes Briefes fertig, ſo richtete Lady Wentworth ſich ſtolz auf und machte eine Geberde, als ob ſie einen läſtigen Gedanken von ſich ver⸗ bannte. »Das iſt unmöglich!« rief ſie.„Das hat Monmouth nicht geſchrieben. Ich war von Sinnen, daß ich dieſer Infa⸗ mie auf dieſe Weiſe Glauben beimaß. James iſt ſchwach, aber er iſt nicht feig. Ich befrage meine Erinnerung und Alles ſagt mir, daß er einer ſolchen Felonie gegen ſich ſelbſt, gegen ſeine Freunde, gegen mich unfähig iſt. Ja, je mehr ich nachdenke, deſto mehr entſchleiert ſich die Wahrheit meinen Augen. Dieſer Brief iſt untergeſchoben. Er iſt in der Officin Jacobs und Jeffreys erfunden und geſchmiedet worden. Es iſt eines jener ſchimpflichen Mittel, welche die ſiegreichen Mächts nur zu oft anwenden, um die Beſiegten noch zu brandmarken. Was ſagt Ihr dazu, meine liebe Suſanne? Seyd Ihr nicht auch meiner Meinung? Glaubt Ihr nicht ebenſo wie ich, daß alles dies eine hölliſche Machination Jacobs von York und ſeiner Ge⸗ treuen iſt, um die Ehre meines geliebten Herzogs anzu⸗ ſchwärzen?7* Suſanne ſenkte die Augen. Sie wollte weder das Herz der edlen Frau noch tiefer verwunden, noch ihr Hoffnungen einflößen, welche ſie ſelbſt nicht hegte. »Mylady,« ſagte ſie,„ich kann eure Frage kaum auf beſtimmte Weiſe beantworten. Ich habe nicht die Ehre, Seine königliche Hoheit den Herzog von Monmouth zu kennen, den ich dennoch für unfähig halte, dieſen Brief geſchrieben zu haben, wenn ich nach dem urtheile, was ich immer von fei⸗ nem ritterlichen Muth gehört habe. Anderſeits ſind Jacob II. und ſeine Umgebung ſo keck und boshaft, daß ich ſie zu Allem fähig glaube dennoch—6 „Dennoch?« fragte Lady Wentworth;„was wollt Ihr ſagen, Suſanne? »Ich dachte blos, Mylady, es würde gut ſeyn, Mr. Chiffinch zu erwarten, um zu wiſſen, woran wir uns in Bezug auf die Echtheit des Briefes zu halten haben—* »Aber Suſanne,« wendete Henriette ſofort ein,»gehört Mr. Chiffinch nicht ſelbſt zu jener vertrauten Umgebung Ja⸗ cobs II., welche Ihr ſo eben auf ſo ſtrenge aber zugleich ſo gerechte Weiſe bezeichnet habt?« »„Ja, Mhlady, Mr. Chiffinch gehört zu der Zahl der Vertrauten des Königs. Auch würde jeder Andere als ich vergebens verſuchen, aus ſeinem Munde eine Wahrheit zu er⸗ fahren, an deren Verſchweigung er ein Intereſſe hätte. In⸗ deſſen beruhigt Euch,« fuhr Suſanne lächelnd fort,„was Ihr von Mr. Chiffinch zu erfahren wünſcht, werdet Ihr ſtets erfahren, wenn Ihr die Frage von meinen Lippen ausſpre⸗ chen laßt. Doch da kommt er— da kommt er! Ganz gewiß hat er die Permiſſion erhalten.* In der That trat Chiffinch in dieſem Augenblicke in Su⸗ ſannens Zimmer. Es war klar, daß er die ſchöne Irländerin allein anzutreffen gehofſt und ſich eine ſüßeres Téte-àtéte als gewöhnlich verſprochen hatte. Wenigſtens war ſeine ſeit einiger Zeit ſo ſehr vernachläſſigte Toilette wieder etwas ſorg⸗ 40 fältiger und er hatteſeine bleichen, und von der Heftigkeit ſei⸗ nes Liebesgrams hohl gewordenen Wangen ſogar ein wenig geſchminkt. In der Hand hielt er ein zuſammengefaltetes mit einem großen rothen Siegel verſchloſſenes Papier. Als er die Thür öffnete, umſpielte beinahe ein Lächeln ſeine Lippen, aber es verſchwand ſofort wieder, als er noch eine Dame an Suſan⸗ nens Seite erblickte. Suſanne eilte, ohne aufChiffinch's Gruß zu warten, ohne ihm Zeit zu laſſen auch nur ein Wort zu ſprechen oder eine Geberde zu machen, auf ihn oder vielmehr auf das Papier zu, welches er in der Hand hielt, und entriß es ihm mit unglaub⸗ licher Schnelligkeit. »Gebt her! gebt her!« ſagte ſie ſodann zu ihm.„Seht Ihr denn nicht, Mr. Chiffinch, daß wir dieſe Permiſſion ſchon ſeit dieſem Morgen erwarten und daß es beinahe Mittag iſt — denn es iſt doch die Permiſſion zum Einlaß in den Tower und zu einer Unterredung mit Seiner königlichen Hoheit dem Herzog von Monmouth, nicht wahr?« fragte ſie mit Nachdruck. „Ja, Miß Suſanne,« entgegnete der erſte Page des Königs,„und Ihr habt keinen Begriff was es mir gekoſtet hat, ſie zu erlangen. Ich habe dabei drei Viertheile meines Anſehens geopfert.« »Na, na, lieber Freund,« rief Suſanne,»ſpricht man wohl von dergleichen Dingen? Man begnügt ſich, ſie zu thun, dann ſchweigt man. Ihr müßt Euch glücklich ſchätzen, daß man ſo etwas von Euch verlangt!— Was das betrifft, was Ihr noch über den Verluſt eures Anſehens hinzufügtet, Mr. Chiffinch ſo nehmt Euch in Acht! Dieſer Credit iſt Euch noth⸗ 41 wendiger, als Ihr glaubt, nicht allein mir gegenüber. Bemü⸗ het Euch, ihn zu erhalten— es iſt ein Rath, den ich Euch in eurem eigenen Intereſſe ertheile.« Nachdem Suſanne dieſe Worte in einem Tone geſpro⸗ chen, welcher ein Gemiſch von Haß und Verachtung aus⸗ drückte, wendete ſie ſich von dem niedergedonnerten Chiffinch ab, als ob ſie es mit einem Diener vom niedrigſten Range zu thun hätte, kehrte zu Lady Wentworth zurück und überreichte ihr das Papier. „Ihr ſehet,« ſagte ſie lächelnd,„daß ich Recht hatte, Euch dieſe Permiſſion zu verſprechen. Leſet die Ueberſchrift, Mhlady:»An den Gouverneur des Tower von London.* Wann wollet Ihr, daß wir hingehen?« „Sofort, meine liebe Suſanne, augenblicklich; gehen wir. Laßt mich indeſſen erſt eine einzige Frage an Mr. Chiffinch richten—“ Suſanne neigte ſich raſch zu Lady Wentworth's Ohre. »Habt Ihr denn ſchon vergeſſen, was ich Euch ſo eben empfahl?« ſagte ſie mit leiſer Stimme.„Was wollt Ihr von dieſem Menſchen wiſſen? Laßt mich die Frage an ihn richten. Ihr wünſcht wohl die Wahrheit in Bezug auf den Brief zu wiſſen, welcher die Unterſchrift des Herzogs von Mon⸗ mouth trägt** „Ja, ſagte Lady Henriette ebenfals leiſe. Die Irländerin— ſey es nun, daß ſie ein gewiſſes eitles Vergnügen darin fand, der vornehmen Dame, welche der Zu⸗ fall und das Unglück für den Augenblick zu ihrer Genoſſin und Schützlingin gemacht hatte, zu zeigen, bis zu welchem Punkte ſie den Willen dieſes einflußreichen und gefürchteten Menſchen beherrſchte, ſey es, daß wirklich ihr Gemüth ſich jedesmal em⸗ vörte, wo ſie genöthigt war, das Wort an Chiffinch zu rich⸗ — ů ů ů ů˙ ˙ ˙“˙ ˙ Ü˖ůÜꝓ˖ů⅛ 42 ten— kurz ſie näherte ſich dem Pagen und ſagte in demſel⸗ ben Ton wie vorhin zu ihm: »Hier, Mr. Chiffinch, ſehet einmal dieſes Blatt an, wel⸗ ches man auf den Straßen verkauft und welches wir eben wie alle Welt gekauft haben, und ſagt mir, ob der Brief, den man hier lieſt, wirklich von dem Herzog von Monmouth ge⸗ ſchrieben worden iſt 2* „Ja wohl, Suſanne,« antwortete der Page,„er iſt wirklich von dem Herzog von Monmouth.« »Aber der Beweis, Mr. Chiffinch! Ich will einen Be⸗ weis für das, was Ihr da ſaget.“ „Den werde ich Euch geben, wenn Ihr mir den Namen dieſer Dame ſagt,« antwortete Chiffinch, indem er ziemlich höflich auf Lady Wentworth zeigte. »Wie, Ihr ſtellt Bedingungen, Mr. Chiffinch? Ihr ſtellt Bedingungen? Warum wollt Ihr denn den Namen dieſer Dame wiſſen, wenn ich fragen darf?« „Ihr habt mich aufgefordert Euch eine Permiſſion zu verſchaffen, um in dem Tower von London den Herzog von Monmouth zu beſuchen, Suſanne. Dieſe Permiſſion war, wie Ihr mir ſagtet, für Euch und eure Dienerin. Nun aber hörte ich Euch ſo eben dieſe Dame fragen, ob ſie bereit wäre, ſich nach dem Tower zu begeben.— Anna, eure Dienerin, iſt dieſe Dame nicht, glaube ich. Wer iſt ſie denn, daß ſie ſo gro⸗ ßes Intereſſe daran zu haben ſcheint, den Herzog von Mon⸗ mouth zu beſuchen?* „So habe ich Euch noch niemals geſehen, Mr. Chif⸗ finch!« rief Suſanne roth vor Aerger.„Ich ſage Euch, daß Ihr den Namen dieſer Dame nicht erfahret und zwar einfach deshalb, weil ich keine Luſt habe, ihn Euch zu ſagen.« t ß 43 »O, im Grunde genommen,« ſagte der Page mit be⸗ wundernswürdig gut erheuchelter Gleichgiltigkeit,„ſieht es mehr ſo aus, als wenn mir etwas daran läge, den Namen dieſer Dame zu erfahren. Was kann mich weiter der Beſuch intereſſiren, den eine hübſche Frau bei Mr. James Crofts ab⸗ ſtattet?« „Unverſchämter!« rief Lady Henriette. „Damit habt Ihr mir euern Namen geſagt, Mylady,« ſagte der Freche, der ſich nicht ſcheute, einer Frau dieſes feige Wortſpiel ins Geſicht zu werfen.„Ihr heißet die Baronin Henriette Wentworth von Nettelſtedt. Suſanne that gegen den unglücklichen Chiffinch einen ſo raſchen und gewaltigen Sprung, daß die ganze Maſſe ihres ſchwarzen Haares ſich auflöſte und in üppiger Fülle über ihre Schultern herabfiel. Sie war auf dieſe Weiſe ſchön zum Ent⸗ zücken wie immer, aber noch verführeriſcher als gewöhnlich. Der Page heftete auf ſie einen glühenden Blick, in wel⸗ chem ſeine fortwährend zurückgewieſene und verſchmähte Liebe ihre Flammen zu condenſiren ſchien, um in einem einzigen Blitze hervorzuzucken. Suſanne bemerkte es. »Ihr habt wiſſen wollen.« rief ſie„wer dieſe Dame iſt — jetzt wißt Ihr es. Aber um ſo ſchlimmer für Euch. Un⸗ würdig, wie ich, ihr zu dienen, werdet Ihr dennoch, wie ich gethan, ihr eure Dienſte anbieten und wenn ſie ſich herab⸗ läßt, ſie anzunehmen, ſie ihr leiſten, ohne ſie zu meſſen! Ja, Mr. Chiffinch, Ihr ſteht vor Lady Henriette Wentworth, Ba⸗ ronin von Rettelſtedt, und wenn Euch daran liegt, mich je⸗ mals wieder zu ſehen, ſo werdet Ihr ihr ſagen, ob der Brief, welchen man dem Herzog von Monmouth zuſchreibt, wirklich von ihm iſt.« ——— Chiffinch zog anſtatt zu antworten ein zweites zuſam⸗ mengefaltetes Blatt aus der Taſche welches kleiner war als jenes, das er bei ſeinem Eintritt in Suſannens Zimmer in der Hand hielt. »Ihr werdet mir verzeihen, Miß,« ſagte er in unter⸗ würfigem Tone,»aber als Ihr geſtern zu mir kamet, um dieſe Permiſſion zu einem Beſuche bei dem Herzog von Monmouth zu verlangen, bildete ich mir ſofort ein, daß ein Liebesverhält⸗ niß zwiſchen Euch und Sr. königlichen Hoheit beſtehe— ich bin eiferſüchtig, das weiß ich wohl. „Mhlady,« ſagte Suſanne,„achtet nicht auf das was 6 Mr. Chiffinch ſchwatzt. Es ſchmeckt dies nach den Orten, welche er zu beſuchen pflegt. Wie es ſcheint, glaubt er das Recht zu haben, auf mich eiferſuchtig zu ſeyn;« dann drehte ſie ſich zu dem Pagen herum und ſagte:»Fahret fort— wir hören Euch.* „Mag ich nun das Recht, auf Euch eiferſüchtig zu ſeyn, Suſanne, haben oder nicht, ſo ſteht doch feſt, daß es das unzerſtörbare Gefühl einer Liebe wie der meinigen iſt, was mich bewogen hat, mich mit dieſem unwiderleglichen Beweis zu verſehen. Ich wollte ihn Euch in die Hände geben, Miß, um Euch zu zeigen, wie unwürdig der Geliebte, den ich Euch beimaß, Euer iſt. Nun aber habe ich nicht mehr Euch, Su⸗ ſanne, ſondern dieſer Lady dieſen Brief zu zeigen. Von Sr. Majeſtät beauftragt, ihn mit mehren andern Papieren in Verwahrung zu bringen habe ich ihn zu mir geſteckt— ich habe Euch eben geſagt warum. Es iſt das Original deſſen, welchen Ihr ſo eben geleſen und den man gegenwärtig aufder Straße verkauft. Sehet ſelbſt, Mhylady.« Henriette durchlief mit den Augen den aufgeſchlagenen Brief welchen Chiffinch ihr vorhielt, ſtieß plötzlich einen lau⸗ ten Schrei der Verzweiflung aus und ſank in einen Seſſel. „Ha!« rief ſie,„nun zweifle ich nicht mehr an unſer Beider Unglück und Schande. Aber eben deshalb bin ich mehr als je entſchloſſen, ihn zu ſehen. Er muß als Held ſterben. Er muß durch einen edlen Tod dieſen bejammernswerthen Brief Lügen ſtrafen.* »Und wenn er ſtürbe wie der König, ſein Großva⸗ ter,« antwortete Chiffinch mit unfreiwilliger Ehrerbietung, »ſo würde er doch niemals den unauslöſchlichen Makel tilgen, den er ſich durch dieſe Zeilen zugefügt hat.« »Wenn auch die Geſchichte dieſen Brief als echt aner⸗ kennt,« ſagte die Lady ſtolz,»ſo ſeyd doch überzeugt, daß das Volk ihn ſtets für einen untergeſchobenen halten wird.« „Ja, dafern der Herzog muthig zu ſterben weiß, Mylady.« »In dem Geiſte— von dem Herzen ſpreche ich nicht— ſeines Onkels iſt er alſo wohl unwiderruflich verurtheilt?« fragte Lady Wentworth mit einem ſchmerzlichen Haß, welchen ſie vergebens zu beherrſchen ſuchte. »Ihr habt es geſagt, Mylady— er iſt in dem Geiſte und Herzen ſeines königlichen Onkels unwiderruflich ver⸗ urtheilt.« »Gehen wir denn, Suſanne; gehen wir, ihn zu lehren, wie ein König ſterben muß.* IW. Das Wiederſehen. Einige Augenblicke nach der Unterredung, welche Lady Wentworth und Suſanne mitChiffinch gehabt, traten ſie durch das große Thor der ſogenannten Petersbrücke in das Innere des Tower von London und ſahen ſich in dieſem umfangrei⸗ chen vielfachen Gebäude, welches mit einer kleinen Stadt des Mittelalters zu vergleichen war. Auf dem nördlichen Ufer der Themſe an dem äußerſten Ende der City gelegen, bedeckt der Tower einen Flächenraum von zwölf Ackern und ſein äußerer Umfang beträgt nicht we⸗ niger als dreitauſendeinhundertſechsundfünfzig Schritte. Wälle und Gräben, welche durch das Waſſer des Fluſſes gefüllt wer⸗ den, umgeben ihn von allen Seiten. Vier Thore führen in das Innere— das welches wir ſo eben genannt und welches breit genug iſt, um einen Wagen einzulaſſen, zwei andere klei⸗ nere zu welchen zwei mit dem Quai in Verbindung ſtehende Zugbrücken führen, und endlich das Verrätherthor— Prai- tor's Gate— dicht über dem Waſſerſpiegel, ſo genannt, weil man die Staatsgefangenen faſt allemal in einem Boote hierherbrachte. Durch dieſes Thor waren Monmouth und Greh, welche man auf einer Barke der königlichen Flotte abgeführt, am Abend vorher eingetreten, um Jeder in ein befonderes Zimmer 47 gebracht zu werden. Lumley und Portman verließen ſie nicht eher, als bis ſie ſie den Händen des Gouverneurs der Fe⸗ ſtung überliefert. Um in den ſogenannten Beauchamps⸗Thurm zu gelangen, in deſſen erſtes Stockwerk der Herzog eingeſperrt worden, mußte die edle Dame, welche ihm ihre ganze Exiſtenz gewidmet, von Suſannen begleitet, an dem ſogenannten Blutthurme, in wel⸗ chem Eduard und ſein Bruder auf Befehl Richards III. erſtickt wurden, dem Wakefieldsthurme, in welchem Heinrich VI. er⸗ mordet ward, der Peterscapelle, in welcher die Aſche ſo vieler Unglücklicher oder Verbrecher ruht— mit einem Worte an allen jenen Kerkern vorbei, wo jene große Zahl berühmter Schlachtopfer, welche die Geſchichte nennt— William Wal⸗ lace, Thomas Moore, Anna Bolehn und Katharina Howard, Henry Howard, Jane Grey, Robert Devereux Graf von Eſſer, Sir Walter Raleigh, Sir John Elliot und ſo viele Andere ihre Niederlage beweinten und den Tod erwarteten. Alle dieſe blutigen Erinnerungen ſtiegen wider Willen in Lady Wentworth's Gedächtniß auf und drückten ihren Geiſt nieder. „Ach, Suſanne,« ſagte ſie,»in mir regen ſich die düſter⸗ ſten Ahnungen. Dieſe Mauern haben kein Erbarmen. Welches Leben, welche Geſchichte iſt die dieſes Gefängniſſes! Wie viele Mordthaten, wie viele Gräuel aller Art haben die Nachfolger Wilhelm des Eroberers, die Plantagenets, die Tudors und Stuarts nach einander in dieſem Raume begangen! Hier vor dem weißen Thurme iſt die Plattform, auf welcher man das Schaffot errichtet. Ha! ich ſchaudere!— Dort iſt das Fen⸗ ſter, welches mit zweifelhaftem Lichte das Gefängniß meines edlen Ahns Thomas Wentworth, Grafen von Strafford, er⸗ leuchtete. Aus dieſem Fenſter ſtieg er heraus, um dieſe Platt⸗ 48 form zu betreten, auf welcher ſein Kopf fiel. Dieſer Ort iſt erfüllt von Drohungen gegen mich. Jeder dieſer kalten Steine ſcheint mir zuzurufen, daß ich die vereinten Schmerzen Aller dulden werde, welche hier gelitten—« »Eben deshalb bedürft Ihr hohen Muth, Mhlady,« ent⸗ gegnete Suſanne. „Ich werde ihn haben,« murmelte Henriette, als ob ſie ſich ſelbſt ein Verſprechen gäbe, welches ſie bis ans Grab auch auf heldenmüthige Weiſe hielt. Dann ſetzte ſie in noch ge⸗ dämpfterem Tone hinzu: »Es iſt aber noch nicht genug, daß ich dieſes furchtbare Unglück ertrage— auch er muß ſich ſtärker und größer zeigen, als ſein Schickſal!« Ehe Lady Wentworth in das Zimmer trat, in welchem der Beſiegte vom Sedgemoore ſich befand, trocknete ſie die Augen und bemühte ſich, ihrem Geſicht den Ausdruck der Faſſung zu geben. Dann trat ſie ein und zeigte ſich Mon⸗ mouth's Blicken. Der Gefangene ſtieß einen Schrei der Ueberraſchung und Freude aus und ſtürzte ſich in die Arme der Lady. »Henriette!“ rief er in zärtlichem Tone,„ich zürne mir beinahe ſelbſt, daß ich erſtaunt bin. Ich ſollte nur gläcklich ſeyn, denn ich hätte mit Gewißheit vermuthen können, daß Ihr kommen würdet. Ach, laßt mich Euch wieder an mein Herz drücken, Euch mit Küſſen bedecken, Ihr, die Ihr ſo ſchön ſo muthig, ſo hingebend ſeyd! Aber ſagt mir, meine theure, an⸗ gebetete Seele, es iſt Euch doch während jenes fürchterlichen Handgemenges nichts Uebels zugeſtoßen? Mir ſo euer Pferd zu geben— ich weiß alles— ich habe euren Brief geleſen, Henriette— welche Unklugheit! Und ich erkannte nicht ein⸗ —— 49 mal eure Stimme. Ach, meine Geliebte, wenn Ihr mir es auch verzeiht, ſo werde ich mich doch immer verachten und verabſcheuen, eine ſolche Feigheit begangen zu haben— ja, ſollte ich auch noch fünfzig Jahre leben! Bei dieſen Worten ſtockte Monmouth plötzlich. Seine Augenbrauen zogen ſich leicht zuſammen und ſeine Blicke wen⸗ deten ſich von denen der Lady Wentworth ab. Dieſe gewahrte ſofort dieſe ſchnelle Veränderung des Ausdrucks und errieth die Urſache desſelben, hielt es aber für gerathen, ſich von ihrer traurigen Entdeckung nichts mer⸗ ken zu laſſen. »Was fehlt Euch, mein Freund?« ſagte ſie zu dem Her⸗ zog.»Ihr dürft Euch über das, was Ihr auf dem Sedge⸗ moore gethan, nicht bekümmern.« »Ach, wie kann ich umhin, es zu beſeufzen! Euch ſo allein einem tauſendfachen Tode ausgeſetzt zu laſſen—« »Gott hatte mir einen ſeiner Engel geſchickt,« ſagte Hen⸗ riette, indem ſie einen wehmüthig lächelnden Blick auf Su⸗ ſannen warf,„dieſer Engel hat mich bei der Hand genom⸗ men und vor den Kugeln und den Schwertern gerettet. Er hat mich auch hierher geführt, denn vor ſeinem Willen ſchei⸗ nen ſich die Thore der undurchdringlichſten Gefängniſſe von ſelbſt zu öffnen.« Während Lady Wentworth dies ſagte, zeigte ſie mit der Hand auf Fitzgerald's Schweſter, welche mit geſenkten Augen und ſchüchterner Haltung ein wenig entfernt von den Beiden ſtand. Suſanne that dies nicht, weil man ſie ſo eben einen En⸗ gel genannt, ſondern weil ſie ſich bei ihrem Eintritt in das Zimmer, welches der Sohn Carls II. bewohnte von einerun⸗ Der Tiger von Tanger. VI. 4 50 willkürlichen Ehrerbietung gegen dieſe gefallene Größe und von zärtlichem Mitleiden mit dem ungeheuern und erhabenen Schmerz ergriffen fühlte, deſſen nothgedrungene Augenzeugin ſie war. Was Monmouth betraf, ſo ward ſeine Aufmerkſamkeit kaum durch Suſannens wunderbare Schönheit angezogen, die doch ſonſt überall ihren Eindruck nicht verfehlte und jeden Mann, der ſie ſah, unwiderſtehlich gefangen nahm. Ein ein⸗ ziger Gegenſtand beſchäftigte ihn ausſchließlich und nahm alle ſeine Gedanken in Anſpruch. „Wer iſt ſie denn?« fragte er Henrietten lebhaft;„wer iſt dieſe junge Dame, deren Wille auf dieſe Weiſe die Thore der undurchdringlichſten Kerker öffnen kann?“ „Ein einfaches Mädchen aus dem Volke, gnädigſter Herr,« antwortete Suſanne;»ein Mädchen, deren angebliche Macht Mylady viel zu hoch anſchlägt.* „Wenn Ihr es in der That ſeyd, die Lady Wentworth zu mir geführt hat,« entgegnete Monmouth, indem er ſich der Irländerin näherte»ſo muß eure Macht in der That groß ſeyn und vielleicht wäre es für Euch nicht ſchwieriger, mir den Weg aus dem Kerker heraus zu öffnen.« „Ach, gnädigſter Herr,« unterbrach ihn Suſanne,»ich ſag' es Euch mit tiefem Schmerze, aber ich glaube, es iſt eine eitle Hoffnung, der man entſagen muß, noch ehe man ſie ge⸗ faßt hat; hört vielmehr, was Lady Henriette zu ſagen hat. Wenn ich ſie recht verſtanden habe, ſo glaube ich, daß ſie Euch die wichtigſten Dinge mitzutheilen hat.* „Suſanne hat Recht,« ſagte die muthige Geliebte des Gefangenen.»Es bleiben uns kaum noch die nothwendigen M — 51 Augenblicke, um uns mit den theuerſten Intereſſen eurer Ehre zu beſchäftigen, mein geliebter James.« „Wie Henriette?s rief Monmouth,„auch Ihr wollt mir alle Hoffnung rauben? Wer hat Euch denn geſagt, daß ich unwiderruflich zum Sterben verurtheilt bin? Seyd offen, wißt Ihr gewiß, daß nichts mich retten kann? Ihr weinet und antwortet nicht? Dennoch habe ich an meinen Onkel einen Brief geſchrieben, der, wie ich Grund habe zu hoffen, ihm das Herz rühren und ihn zur Milde geneigt machen wird. Denn ich bin in der That von Reue erfüllt. Alles, was ich gegen ihn gethan, habe ich mit Unrecht gethan. Ich werde ſein Mitleid zu erwecken, ſeine Verzeihung zu erlangen wiſſen.* »Ach, Monmouth, Monmouth!« rief Lady Wentworth, indem ſie in lautes Schluchzen ausbrach,„redet nicht ſo— ſchweigt! ſchweigt!— Ihr wiederholt da blos die Ausdrücke eures unglücklichen Briefes an den Mann, welchen Ihr euren Onkel nennt.« »Ihr kennt alſo meinen Brief, Mylady?« fragte der Herzog überraſcht. »Ob ich ihn kenne, gnädigſter Herr!« antwortete Hen⸗ riette.„Leider ja! Wollte Gott, daß ich es allein wäre, welche Kenntniß davon hättels »Alſo auch Andere haben Kennthiß davon?« »Ach, ganz London lieſt ihn jetzt, und bald wird ihn ganz England in den Händen haben. Euer Onkel, mein Freund, euer Onkel hat ihn drucken und auf den Stroßen verkaufen laſſen. Euer Onkel hat, wie Ihr ſeht, die Abſicht, Euch zu entehren, ehe er Euch um's Leben hringt.« Dieſe Mittheilung ſchien Monmouth den ſchmetzlichſten Streich zu verſetzen. Dieſer Mann von ſanguiniſchem Muthe, der ſo vielmal in ſeinem Leben, ganz beſonders auf den Schlachtfeldern, ſich als Held gezeigt und, wie ſich nicht läug⸗ nen läßt, dieſe Rolle ſo lange als die Blicke Aller auf ihn ge⸗ heftet waren, ſtandhaft durchgeführt hatte, beſaß niemals moraliſche Kraft genug, um ſich ohne Furcht und Tadel ſich ſelbſt gegenüber zu behaupten, wenn er ſich mit ſeinem Ge⸗ wiſſen allein ſah. Er war vom Sedgemoor entflohen, weil es finſter war und Niemand ſeine Flucht ſehen konnte; er hatte an Jacob II. geſchrieben, weil er hoffte, daß der Bruder ſei⸗ nes Vaters, indem er ihm ſeine Empörung verziehe, ſeinen Brief geheim halten und ebenfalls verzeihen würde. Er würde auf dem Sedgemoore ſeinen Degen niemals in die Scheide geſteckt haben, wenn nicht die Schatten der Nacht ſeine Feig⸗ heit verhüllt hätten; er würde nach ſeiner Verhaftung nie⸗ mals zur Feder gegriffen haben, wenn er nicht für ſeine Schande das Geheimniß und Schweigen, dieſe andern Finſter⸗ niſſe, gehofft hätte, welche nur zu oft die ſchwachen Herzen entmuthigen und von dem Guten ablenken. Henriette benutzte ſofort das Gefühl, welches die Seele ihres Geliebten bewegte. „Ja,« ſagte ſie,„ja, mein geliebter James, es iſt ein großer Fehler, den Ihr da begangen habt, aber Gott ſey Dank, er kann wieder gut gemacht werden.« „Aber wie denn, Henriette, wie denn*6 »Mit Ausnahme der Höflinge, welche euren Brief, den, welchen Ihr mit eurer eigenen Hand geſchrieben, ſelbſt geſe⸗ hen, zweifeln Alle, welche den Abdruck desſelben geleſen haben, an ſeiner Echtheit.« „Nun, Henriette?« „Ein muthiger, heldenmüthiger Tod wird ſie in ihren 53 Zweifeln beſtärken. Sie werden ſich ſagen, daß ein Mann, welcher ſtirbt, wie Ihr zu ſterben wiſſen werdet, mein Gelieb⸗ ter, einer ſolchen Feigheit nicht fähig iſt.« „Ach, Henriette,« entgegnete der Herzog von Mon⸗ mouth traurig,»Alles, was meine Freunde ſich ſagen wer⸗ den, wird die Geſchichte nicht abhalten, dieſen erbärmlichen Brief aufzuzeichnen, den ich jetzt von Grund meiner Seele verabſcheue.* „Ja, das iſt wahr; neben und über eurem Briefe an Jacob II. wird aber auch die Geſchichte die Schönheit eures Todes aufzeichnen. Sie wird ſagen, daß der Brief in einem Augenblick von Schwäche geſchrieben ward, daß er ein Irr⸗ thum, ein widerrufener Irrthum war, während euer Tod, Sire, alle eure Thaten als ein glänzender Schluß eures Le⸗ bens beherrſchen wird. Auch eurem Großvater, o mein König, würde die ſtrenge Geſchichte viele Vorwürfe gemacht haben, wenn er nicht alle ſeine Fehler durch einen ruhmreichen Tod verwiſcht hätte.— Befragt die Zeiten und die Völker. Alle werden Euch ſagen, daß die Majeſtät, die Größe und der Muth, womit zwanzig Könige ſtarben, ihr ſchimpfliches und verworfenes Leben geſühnt haben. Und Ihr, Sire, was habt Ihr wieder gutzumachen im Vergleich mit jenen ſo muthig geſtorbenen Fürſten? Beinahe nichts. Sterbet daher auf eine Weiſe, die Euer und meiner würdig iſt.« »Sterben! ſterben!« wiederholte in dumpfem Tone der Gefangene.»„Henriette, denkt Ihr nicht mehr an unſer gelieb⸗ tes Aſhl in Brüſſel? Wünſcht Ihr denn nicht mehr, dort den Reſt unſerer Tage zuzubringen, abgeſondert von allen übrigen Menſchen, nur mit unſerer Liebe beſchäftigt, während das Eine an nichts denkt als an das Glück des Andern? Ach, 54 warum habe ich ienes Haus, jene Gärten verlaſſen, wo Ihr mich hohe Wonne und Glückſeligkeit empfinden ließet, o meine Geliebte! Kann ich denn dieſem Tode nicht entrinnen? Kann ich nicht von neuen, glücklichen Tagen träumen, die ich an eurer Seite, in euren Armen zubringen werde?“ »Verbannet dieſe erſchlaffenden Gedanken, Sire,« rief Lady Wentworth mit einer Stimme, deren Zittern durch ihre muthige Willenskraft beherrſcht ward.„Es iſt nicht mehr Zeit, an die Freuden des Lebens zu denken. Wendet eure Seele einem verſöhnenden Tode zu.« »Sterben! ſterben!« unterbrach ſie wieder der Sohn Carls II.„Wie hartnäckig ſucht Ihr mich am Leben zu hin⸗ dern, Henriette! Ihr liebt mich alſo nicht mehr?* »Gott iſt mein Zeuge, James, daß ich niemals, ſelbſt nicht in den Stunden unſeres wonnigſten Rauſches eine grö⸗ ßere, innigere, wahrere und heiligere Liebe zu Euch gehegt habe als jetzt. Nein, niemals, niemals habt Ihr mein ganzes Seyn mit gleicher Energie und in ganzer Ungetheiltheit be⸗ ſeſſen!* »Aber warum ſoll ich dann ſterben, meine Henriette?* »Weil Jacob von York unerbittlich iſt.* »Aber wenn ich ihn nun beugen kann?« »Ha, dann wehe Euch, Sire!« »Wehe mir! warum?« »Weil Ihr durch die Verzeihung eures Feindes doch nichts erlangen könntet, als ein verachtetes, gebrandmarktes Leben.* »Das iſt wahr, das iſt wahrls murmelte Monmouth mit gebrochener Stimme, während er Henriette in ſeine Arme ſchloß.„Aber was frage ich nach Schmach und Verachtung, 55 wenn ich ſo mein Haupt an deinem Buſen bergen kann meine Geliebte?* „Das werdet Ihr nicht können, Sire.« „Warum? wirſt Du mich zurückſtoßen, weil ich nur um Deinetwillen das Leben erfleht und angenommen habe?“ „Nein, Sire, ich werde Euch niemals zurückſtoßen. Ich liebe Euch zu ſehr, um uns Beide durch einen ſolchen Schmerz niederzubeugen. Und dennoch wird es nicht meine Bruſt ſeyn⸗ an welcher Ihr euer Antlitz bergen könnt.“ Der Ton, in welchem Lady Wentworth dieſe Worte ſprach, war ſo außerordentlich, daß ihr Geliebter den Kopf emporrichtete und ſie mit fragender Miene anſah. „Du willſt ſterben, Henriette?“ rief er plötzlich⸗ „Ha, James, hatteſt Du es denn noch nicht errathen?7* rief die junge Frau mit einer Stimme, deren vorwurfsvoller Ausdruck ſich unwillkürlich durch ihre Thränen hindurch kundgab. „Nein, Henriette! Konnte ich denn glauben, daß dieſer Selbſtmordplan in deinen Gedanken leben könnte, während ich blos das Leben begehrte, um es Dir zu weihen?“ „Aber wie, haſt Du Dir nicht geſagt: Henriette räth mir zu ſterben, weil ſie ſelbſt beſchloſſen hat, das Leben zu verlaſſen?* „Henriette, mein angebeteter Engel, verlaſſen wir das Leben weder das Eine, noch das Andere. Das Leben iſt uns von Gott gegeben und wir ſind ihm ſchuldig, es mit allen Kräften zu vertheidigen, womit er uns ausgeſtattet. Lies dieſe Namen, welche die Träger derſelben an dieſe Wand geſchrie⸗ ben, um ſich eine Zerſtreuung zu machen, die Unglücklichen. Edward Sehmour— John Dudley— Thomas Cromwell 56 — WMargarethe von Salisbury— unſchuldig oder ſchuldig — würden ſie nicht das Leben angenommen haben, wenn der Feind, der ſie getödtet, ſie begnadigt hätte? Weine nicht ſo, zittere nicht ſo, Henriette. Wir ſind Chriſten; wir ſind keine unbeugſamen Stoiker. Ich bin kein Cato von Utica. Und Du, meine Geliebte, Du gleichſt in nichts der unbeugſamen Poreia. — Willige ein, zu leben, Henriette!— Und wenn mein Onkel mir das Leben läßt, ohne mich dafür den Preis der Schande bezahlen zu laſſen— wohlan, warum willſt Du, daß ich ſterbe? Warum wollteſt Du ſelbſt ſterben? Denkt man wohl an den Tod, wenn man ſich liebt, wie wir uns lieben? Sieh mich an! Ich verſpreche Dir: Wenn man eine Nieder⸗ trächtigkeit von mir verlangt, um das Leben zu erhalten, ſo werde ich ſie nicht begehen— nein, ich werde Deiner würdig bleiben. Wenn aber mein Onkel ſeinem Neffen verzeihen will, ohne daß der Neffe dadurch entehrt wird;— denkſt Du nicht auch ſo, meine Henriette? Ja, nicht wahr, Du willſt, daß ich lebe? »Nun, ſo lebels murmelte die durch die Küſſe ihres Geliebten endlich überzeugte und in ſeiner Umarmung tau⸗ melnde Lady.„Nun, ſo lebe! Aber wenn dein Onkel, wie ich fürchte, hart und unerbittlich bleibt, ſo erniedrige Dich nicht, ihn demüthig zu bitten, oder Dich ihm zu Füßen zu werfen.— O, verſchließe mir nicht den Mund! Wiſſe dann Dich zu der ganzen Höhe deines Muthes und deiner Entrü⸗ ſtung aufzurichten. Wage dieſem Gefühlloſen zu trotzen. Fe dann an deine Henriette, welche jetzt einwilligt zu leben, da⸗ fern Du ihrer würdig bleibſt.« „Ich werde es ſehn! Ich werde es ſeyn!« rief Mon⸗ mouth.„Ich werde ihm ſogar ſagen, daß ich dieſen Brief nicht an den König, ſondern an meinen Onkel geſchrieben habe. Ich werde ihm ſagen, daß der König ſehr unrecht daran gethan, ihn zu veröffentlichen. O, ich werde groß, ich werde muthig ſehn, Henriette. Habe Vertrauen zu mir— wenn ich an Dich denke, werde ich keine Beleidigung dulden.« »Möge Gott Dich hören und aufrecht halten, James!* ſagte Lady Wentworth, indem ſie ſich den Armen des Herzogs von Monmouth entwand.„Möchteſt Du beſonders nicht bald bereuen, Dich nicht auf den Tod als auf eine Sache der un⸗ bedingteſten Gewißheit vorbereitet zu haben. Ha, wie viel größer, wie viel edler, wie viel königlicher ſtündeſt Du vor Jacob von Tork, wenn Du, ehe Du vor ihm erſchienſt, dein Leben geopfert hätteſt!« In dieſem Augenblicke knarrte ein Schlüſſel im Schloſſe, die Thür drehte ſich in ihren Angeln und Chiffinch trat ein. »Was wollt Ihr hier? rief Suſanne ihm raſch entge⸗ gen.»Iſt es eine gute Rachricht, die Ihr uns bringt?« „Das weiß ich nicht«antwortete der Page des Königs; »ich bin hierhergeſchickt, um den Herzog von Monmouth zu be⸗ nachrichtigen, daß er ſich bereit zu halten habe. Man wird ihn in einigen Augenblicken abholen, um ihn nach Whitehall zu Sr. Majeſtät zu führen, welche geruhen will, ihm eine Audienz zu gewähren. Gleichzeitig bitte ich die Damen, ſich ent⸗ fernen zu wollen. Der Gouverneur des Tower wird hierher⸗ kommen und es wird gut ſeyn, wenn er Mylady nicht begeg⸗ net, weil er ſie vielleicht erkennen würde.« Lady Wentworth winkte Chiffinch, noch ein wenig zu warten, nahm Suſanne auf die Seite und ſagte ihr einige Worte in's Ohr. Die junge Irländerin neigte den Kopf, wie 58 um in eine Bitte zu willigen, näherte ſich dem Pagen und ſprach ihrerſeits leiſe mit ihm. »Nun gut, ja, Suſanne,« antwortete Chiffinch.„Da Ihr es wünſchet, ſo werde ich auch das noch Euch zu gefal⸗ len thun.* „Er willigt ein,« ſagte Fitzgerald's Schweſter zu Lady Wentworth. Dieſe dankte durch eine Handbewegung und wendete ſich zu dem Herzog von Monmouth. »Sire,« ſagte ſie,„gehet denn zu dem Uſurpator, der euern Thron einnimmt, gehet, da er Euch vorlaſſen will, aber gedenkt des Verſprechens, welches Ihr mir ſo eben ge⸗ geben, zeigt Euch Jacob von York gegenüber als König, ſelbſt auf die Gefahr hin, Euch dadurch ſeinen ganzen Zorn zuzu⸗ ziehen. Vergeßt nicht, daß ich nur unter dieſer Bedingung das Leben für Euch und für mich annehme. Wenn er, um den Adel eurer Geſinnungen zu belohnen, Euch in den Tod ſchickt, wenn Ihr das Schaffot an dem Orte beſteiget, wo man es gewöhnlich aufrichtet, ſo betrachtet das Fenſter, vor welchem das Schaffot aufgeſchlagen ſeyn wird. Es iſt dasſelbe Fenſter, welches den Kerker erleuchtet, in welchen mein berühmter Ahn, Mylord Wentworth, Graf von Strafford, geworfen ward. Möget Ihr leben oder ſterben, Sire, ſo ſage ich: Auf Wiederſehen!* 3 Die beiden Liebenden umarmten einander nochmals und trennten ſich dann unter bittern Seufzern. Es war als wenn ſie fühlten, daß dies der letzte Kuß ſeh, den ſie tauſchten. Fünf Minuten ſpäter fand ſich Chiffinch, welcher Lady Wentworth und Suſanne bis an das Thor des Tower be⸗ gleitet, abermals bei dem Gefangenen ein. »Ich wollte,« ſagte er,»gnädigſter Herr, Euch nicht in Gegenwart dieſer Damen von der Bedingung in Kenntniß ſetzen, unter welcher der König Euch dieſe Audienz ertheilen will.« »Worin beſteht dieſe Bedingung?« »Er wird Euch nicht anders empfangen, als wenn Ihr Euch dazu verſteht, Euch die Hände auf den Rücken binden zu laſſen.* »Nimmermehr!« rief Monmouth vor Zorn und Entrü⸗ ſtung erröthend.„Nimmermehr!«. »Bemerket wohl, daß ich Euch keinen Rath gebe, gnädig⸗ ſter Herr. Ich ſage blos, daß dies ausdrückliche Bedingung iſt.* „Ich werde mich derſelben nicht unterwerfen. Ich werde nicht auf dieſe Weiſe dem Schwur untreu werden, den ich ſo eben Lady Wentworth gethan, ihrer und meiner würdig zu bleiben.* „Iſt das euer letztes Wort, gnädigſter Herr?« „Ja, Sire.* »Nun dann will ich den Gouverneur davon unterrichten. Er braucht dann nicht erſt heraufzukommen.« Chiffinch lenkte ſeine Schritte nach der Thür. »Womit würde man mir die Hände auf den Rücken bin⸗ den?« fragte Monmouth zögernd. »Mit einer ſeidenen Schnur,« antwortete der Page der nur mit Mühe ein verächtliches Lächeln unterdrückte. Der Herzog ſenkte die Augen und ſchwieg. »Nun! Wofür entſcheidet Ihr Euch, gnädigſter Herr?“ »Es iſt mein Onkel, der von mir eine ſolche Demüthi⸗ gung fordert,« murmelte der Gefangene. Der grauſame Chiffinch ließ dem Unglücklichen auch nicht dieſe letzte Zuflucht gegen den Schrei ſeines Gewiſſens. 60 »Nein, es iſt der König,« ſagte er.„Was ſoll ich dem Gouverneur des Tower ſagen?« »Er ſoll kommen,« antwortete Monmouth, indem er das Haupt noch tiefer beugte. »Mit der ſeidenen Schnur?« „Ja.* V. Onkel und Reffe. Nachdem Monmouth das Gefängniß verlaſſen hatte und in Begleitung Chiffinch's, des Gouverneurs des Tower und einiger Soldaten an dem Verrätherthore angelangt war, lenkte er ſeine Schritte nach dem Boote, welches ihn auf der Themſe 5 an den Palaſt Whitehall bringen ſollte. Eine ungeheure Volks⸗ menge, auf deren Geſichtern ſich Unruhe und Schmerz kund⸗ gaben, bedeckte die Quais und alle Theile der Straßen, von welchen aus man den Gefangenen ſehen konnte, der ihr Ab⸗ gott geweſen und noch war. Als der Herzog das Deck der königlichen Barke betrat, fand er hier Lord Grey. »Ihr ſehd auch nach Whitehall gerufen worden, Mh⸗ lord?« fragte er. »Ja, gnädiger Herr.— Ihr verzeihet mir, nicht wahr, wenn ich nicht mehr das Wort Sire anwende? Andere Zeiten,„ andere Worte—« »Wenn Ihr es an mich gerichtet hättet, mein Freund, ſo würde ich Euch gebeten haben, es zu vergeſſen. Was könnte 61 es nützen, einen ſiegreichen Feind, der zu Grauſamkeiten nur allzu geneigtiſt, noch mehr zu erbittern? Aber ſagt mir, Mylord, hat man Euch nicht die Hände auf den Rücken gebunden?« „Wie Ihr ſehet, gnädigſter Herr, ſind meine Hände frei.« »Dann hat man alſo, wie es ſcheint, zu Euch mehr Vertrauen, als zu mir.* »O, das iſt es nicht. Wenn man mir die Hände freige⸗ laſſen hat, ſo iſt es geſchehen, weil ſie es ſeyn müſſen, wenn ich ſchreiben ſoll,« entgegnete Grey mit eigenthümlichem Lächeln. »Was wollt Ihr damit ſagen, Mylord? Was ſollt Ihr denn ſchreiben?« »Beinahe nichts, gnädigſter Herr, blos einige Zeilen — ich werde es Euch ſpäter ſagen.— Aber ſehet doch, erkennt Ihr nicht da auf dem Quai Ferguſſon, Wade und Goode⸗ nough? Ja, Sie ſind es. Sie ſind alſo frei und dürfen auf den Straßen von London herumſpaziren. Ach, mein lieber Herzog, welche Narren ſind wir geweſen! Wie haben wir uns betriegen laſſen! Ich will mir ſogleich und ohne Erbarmen den Kopf abſchlagen laſſen, wenn ich mich jemals mit etwas An⸗ derem beſchäftige als mit der Jagd, mit Hunden und Pferden!* »Ihr wißt alſo gewiß, daß Ihr Begnadigung erlangen werdet, Mylord?« »Ich habe einige Gründe, es zu hoffen, gnädigſter Herr.* »Ha! dann um ſo beſſer, mein lieber Freund. Da der König ſich gegen Euch zur Milde geneigt finden läßt, ſo glaube ich, daß mein Onkel ſich gegen mich ebenfalls nicht unerbitt⸗ lich zeigen wird.« —— 62 Lord Grey's Geſicht nahm einen Ausdruck der Trauer an, und er ſchwieg. »Hier iſt die Gartentreppe von Whitehall,« ſagte plötz⸗ lich der Herzog.„Wie oft bin ich ſie unter der Regierung mei⸗ nes Vaters leichtfüßig und mit rohem Herzen hinaufge⸗ hüpft!« Der Beſiegte von Sedgemoore machte eine Pauſe und näherte ſich dann Chiffinch »Mein Vater hatte Euch ſehr lieb, ſagte er leiſe zu ihm. „Oft, ſehr oft hat er in den beſten Ausdräcken mit mir von Euch geſprochen.— Und auch ich, Chiffinch, ich habe ſtets eine wahrhafte und aufrichtige Zuneigung zu Euch gehegt.“ »Ihr ſeyd ſehr gutig gnädigſter Herr.« „O, es iſt die reine Wahrheit, die ich da ſpreche, Chif⸗ finch. Werdet Ihr nicht einige Worte zu meinen Gunſten mit meinem erhabenen Onkel ſprechen? Ich weiß, mein guter Chiffinch, wie groß euer Einfluß auf ihn iſt, und ſeyd über⸗ zeugt, daß ich für einen ſolchen Dienſt dankbar zu ſeyn wiſ⸗ ſen werde—* „Ich beſitze nicht den Einfluß, den Ihr mir zuſchreibt, gnädigſter Herr, und muß Euch ſagen, daß Ihr Euch täu⸗ ſchen würdet, wenn Ihr auf mich rechnetet.“ „Ich würde mich täuſchen, wenn ich auf Euch rechnete, Chiffinch! Wie, das ſagt Ihr mir?— Ihr liebet mich alſo nicht mehr? Erinnert Ihr Euch nicht mehr unſerer Knaben⸗ jahre, unſerer Kindheit? Wißt Ihr nicht mehr, wie wir in den Gemächern von Whitehall mit einander ſpielten, wie wir umherſprangen und uns in dieſen damals ſo ſchönen Gärten herumtummelten? Ihr waret der jüngſte der Pagen und ich ſuchte Euch immer vor allen andern auf, um mit Euch zu ſpielen und zu lachen.— Eines Tages ganz gewiß erinnert Ihr Euch dieſes Falles, war mein Vater ſehr erzürnt auf Euch. Ihr hattet Blumen abgeriſſen, die er ſehr liebte. Ich ſagte, ich wäre es, der den Schaden angerichtet hätte, und beſchwichtigte dadurch den guten König. Er ſagte Euch da⸗ mals— Ihr könnt es unmöglich vergeſſen haben— er wiſſe recht wohl, daß ich lüge, aber mir zu Liebe wolle er Euch verzeihen und Ihr müßtet mir ſehr dankbar ſeyn, weil ich eine brüderliche Liebe für Euch empfände. Alſo, mein guter Chif⸗ finch, thut etwas für mich— ſprecht für mich.— Ich kann nicht umhin zu glauben, daß Ihr reuſſiren würdet, wenn Ihr nur ſonſt wolltet.* „Wohlan, ja, gnädigſter Herr,« antwortete der ver⸗ traute Diener Jakobs I.,„wegen der Erinnerungen, die Ihr ſo eben zur Sprache gebracht will ich etwas für Euch thun — ich will ſogar noch mehr thun, als Ihr verlangt.“ „Ha, ich wußte wohl, daß ich endlich noch den Weg zu eurem Herzen finden würde! Wenn wir ſchon als Kinder ſo befreundet geweſen ſind—* „Eben im Namen dieſer früheren Zuneigung gebe ich Euch heute einen Rath—* „Einen Rath?« unterbrach ihn Monmouth haſtig.»Iſt es dies, was ich von Euch verlange, Chiffinch?“ „Nehmt ihn immer an, gnädigſter Herr. Ihr werdet mir ſehr bald die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, zu ſagen, daß es das Beſte war, was ich für Euch thun konnte.« „Nun, worin beſteht dieſer Rath?“ „Darin, daß ich Euch ermahne, Euch auf den Tod vorzubereiten, wie es einem Stuart geziemt.“ Der Herzog wendete Chiffinch ſofort den Rücken, da er 64 aber noch nicht alle Hoffnung auf Gnade aufgegeben hatte, ſo iſt es wahrſcheinlich, daß er ſehr bald wieder angefangen hätte, mit ferneren Bitten in den Pagen zu dringen, wenn die Barke nicht in dieſem Augenblicke an die unterſte Stufe der ſteinernen Treppe geſtoßen wäre, welche bis in die Themſe hinabreichend nach dem königlichen Garten führte. Monmouth und Grey dunchſchritten die Alleen und Gänge und gelangten in die Gemächer. Chiffinch ließ Lord Grey in einem Zimmer des Erdgeſchoſſes unter der Aufſicht einiger dienſtthuenden Carabiniers zurück und wendete ſich dann zu dem Herzoge. „Habt die Güte mir zu folgen, gnädigſter Herr,« ſagte er;„ich werde Euch zu Sr. Majeſtät führen, die Euch in ih⸗ rem Cabinete erwartet.« Anſtatt die geheime Treppe zu wählen, welche nach die⸗ ſem Cabinete führte und welche der Leſer ſchon längſt kennt, lenkte der Page ſeine Schritte nach der Haupttreppe des Pa⸗ laſtes, welche unmittelbar nach den umfangreichen Galerien der erſten Etage hinaufführte. Kaum war der unglückliche Prinz auf die oberſte Stufe gelangt, ſo gewahrte er eine zahlreiche Menge Damen und Höflinge, welche dieſe umfangreichen Gemächer anfüllten. Es war gerade großer Empfang in Whitehall und Jakob II. hatte mit vorbedachtem Rafſinement Alles ſo eingerichtet. Henriettens Geliebter zögerte einen Augenblick, bald je⸗ doch richtete er ſtolz den Kopf empor und ſagte zu Chiffinch: „Die Schmach einer ſolchen That trifft weniger mich, als Den, der ſie thut. Ich werde es ihm ſagen. Uebrigens kann er mir, nachdem er mir einen ſolchen Schimpf angethan, unmöglich auch noch das Leben nehmen wollen. Geht voran, — ꝛ — 65 ich folge Euch. Ich werde mit heiterer Stirn mitten unter dieſen Männern und Frauen hindurchgehen, welche gekom⸗ men ſind, um ſich an meiner Demüthigung zu weiden, und ich werde das Vergnügen haben, das Geſicht dieſer Höflinge mit dem des Volkes zu vergleichen, welches ich eben ſo trau⸗ rig geſehen.“ Monmouth irrte ſich. Es war mehr Neugier als der Wunſch ihn gedemüthigt zu ſehen, was drei Viertheile dieſer geputzten Menge in den Palaſt der Tudors geführt hatte. Indeſſen fehlte doch viel daran, daß alle dieſe Zuſchauer aus einfachen Neugierigen beſtanden hätten. Unter denen, welche ſchon eine Rolle in dieſer Geſchichte geſpielt, oder wel⸗ che darin bald auftreten werden, waren mehre von grim⸗ miger Freude erfüllt. In die erſte Reihe dieſer gehörte Mylord Georg Jeffreys und unmittelbar nach ihm kamen vier Per⸗ ſonen, die um den Seſſel der Herzogin von Cleveland her⸗ umſtanden— Roger Palmer, Graf von Caſtlemaine, ihr Gemal— Henry Jarmyn, Lord Dower, ihr Geliebter— White, Marquis von Albeville— Talbot, Graf von Tyr⸗ connel— welche alle Vier ſchon damals angefangen hatten, Jacob II. auf der Bahn des Abſolutismus immer weiter zu locken. Der Herzog von Grafton, ein halber Kain, ſah auf die Lehne des Seſſels ſeiner Mutter Barbara Barber geſtützt mit halbzufriedenem Blick den Sohn des Königs, ſeines Va⸗ ters, vorüberſchreiten. Dann kamen die, welche nur eine politiſche Freude über die Niederlage, die Gefangennehmung und den ſicher zu er⸗ wartenden Tod Monmouth's empfanden. Es waren dies die zur Partei Wilhelms von Oranien gehörenden Engländer, Der Tiger von Tanger. VI. 5 66 welche ſchon für ihn den durch Verrath und Gewalt eroberten Thron Großbritanniens träumten, Arnold van Citters, Ge⸗ ſandter der Vereinigten Provinzen, Dykvelt, der thätigſte und geſchickteſte Agent des Statthalters, ſahen in dem nie⸗ dergeworfenen Monmouth ein nun ohne ihr Zuthun beſeitig⸗ tes Hinderniß. Churchill, der unter dem Anſchein der Treue und Hin⸗ gebung für Jacob II. ſeine geheime Zuneigung für Wilhelm und die in ſeinen eigenen Gedanken nur erſt unklar lebenden Pläne verbarg, fühlte ſich zu ſtark, um in dem Beſiegten vom Sedgemoor ein beſeitigtes Hinderniß zu erblicken. Neben der berüchtigten Sarah Jennings, ſeiner Gemalin und künftigen Herzogin von Marlborough, und dem Biſchof von London ſtehend, ließ John Churchill einen ruhigen Blick des Mitleids auf Monmouth fallen. Noch zwanzig andere Perſonen ſtanden auf dem Wege des unglücklichen Herzogs, erfüllt von Leidenſchaften, deren Schilderung hier zu lange Zeit in Anſpruch nehmen würde. die man aber im weitern Verlauf dieſer Erzählung ſich bald entwickeln ſehen wird. Es waren dies die Königin Maria von Modena und ihre Ehrendamen, William Pen, Clarendon und der Vicomte von Cornbury, ſein Sohn; Halifax, Rocheſter, Barillon und Bonrepaux, die beiden Geſandten des Hofes von Verſailles; Saint⸗Evremond, ein gewandter Höfling und geiſtreicher Verehrer der Herzogin Mazarin. Als Monmouth vor Louis Duras, Graſen von Fevers⸗ ham, vorüberging, ſtrahlte ein Lächeln befriedigter Eitelkeit auf dem Antlitz dieſes Letztern. Buckingham bemerkte dieſes Lächeln und neigte ſich zu Hortenſe Manzini. „Ich habe große Luſt, Herzogin,“ ſagte er laut genug. um gehört zu werden„die Schlacht auf dem Sedgemoore zu beſingen, ja, ich werde ſie beſingen!— Ich werde, ſobald mein Gedicht beendet ſeyn wird, es Euch vorleſen— wollt Ihr Euch auf dieſe Weiſe langweilen laſſen?« »Macht mir dieſes Vergnügen ſchon morgen, mein lieber Herzog.“ antwortete die reizende Italienerin. »Ich improviſire in keinem Genre mehr, Madame,« entgegnete Buckingham mit einem Geſicht, welchem er einen gleichgiltigen Ausdruck zu geben ſuchte,„aber ich geſtehe, daß dieſes ſchöne Thema mich auf ganz eigenthümliche Weiſe begeiſtert. Ihr werdet alſo mein Gedicht binnen Kurzem er⸗ halten.“ Mittlerweile hatte der Gefangene immer noch mit auf den Rücken gebundenen Händen dieſe doppelte Reihe von Gaffern mit emporgerichteter Stirn und ſtolzem Blick durch⸗ ſchritten, und es lag noch etwas von dieſem edlen und großen Ausdruck des Beſiegten, der muthig gegen das Schickſal und ſeine Schmach ankämpft, in ſeinen Zügen, als die Thär des koniglichen Cabinets ſich vor ihm öffnete. Der Herzog trat mit feſtem Schritt hinein und ſah ſich Jacob II. gegenüber. Sein erſter Gedanke und ſeine erſte Be⸗ wegung waren nun, ſich, indem er einen raſchen Blick im Zimmer umherwarf, zu überzeugen, daß er auch wirklich allein mit dem König ſey. Dieſe Gewißheit rief in ſeiner Haltung eine vollſtändige und plötzliche Veränderung hervor. Sein Auge verlor die ſtolzen Strahlen, die es einen Augenblick vorher beſeelte, ſeine Stirn beugte ſich und ſeine ganze Haltung ward demüthigend und bittend. 68 Die Verwandlung, welche auf dieſe Weiſe mit ſeinem beſiegten Feinde vorging, ſchien auf den König keine Wirkung zu äußern. Jacob II. blieb unbeweglich ſitzen und ſein Geſicht gab nur Strenge und Gleichgiltigkeit gegen das zu erkennen⸗ was nun geſchehen würde. „Ihr habt gewünſcht mich zu ſprechen, Ihr habt an mich geſchrieben, Ihr habt mich gebeten, Euch zu hören. Ich habe mich dazu verſtanden, Euch ohne Zeugen zu empfangen. Was habt Ihr mir zu ſagen, mein Herr?“. „Sire,« ſtammelte Monmouth mit zitternder Stimme, „Sire— mein Onkel!« „Euer Onkel?“« fragte ihn Jacob II. mit einer aufwal⸗ lenden Ueberſtürzung, welche augenſcheinlich bewies, daß ſeine ſo eben noch zur Schau getragene Gleichgiltigkeit erheuchelt war;»Ihr nennt mich euren Onkel, und ſeitdem Ihr den Kinderſchuhen entwachſen, ſeyd Ihr fortwährend mein tödtlich⸗ ſter Feind geweſen! ja, mein tödtlichſter Feind!* „Ach, Sire, Ihr wiſſet wohl, daß ich ſtets durch Andere verleitet worden bin, mich ſo zu zeigen, daß abſcheuliche Men⸗ ſchen—* „Alſo habt Ihr wohl gar nicht mit eurem eigenen Na⸗ men die niederträchtigen Verleumdungen unterſchrieben, von welchen euer Manifeſt wimmelt? Schweigt, mein Herr, ſchweigt! Unterbrecht mich nicht!— Ha! Ich habe alſo God⸗ froy ermordet? Ich habe Eſſer erwürgt? Ich habe London angezündet? Ich habe den König, meinen vielgeliebten Bru⸗ der, vergiftet? Und Ihr ſeyd es, der dies ſagt— Ihr ſchreibt es— Ihr unterzeichnet es mit eurem Namen! Was habt Ihr darauf zu antworten? Sprecht doch. Ich erlaube es Cuch! ich befehle es Euchl« 69 „Man hat meine Unterſchrift auf unwürdige Weiſe er⸗ ſchlichen, Sirel« rief Monmouth, der nicht Zeit hatte, noch ein einziges Wort hinzuzufügen, ſo heftig und plötzlich war die Unterbrechung, welche nun folgte. »Ah ſo! eure Unterſchrift iſt erſchlichen worden. Eine Unterſchrift, die in einem ſolchen Falle erſchlichen wird— Ihr ſeyd alſo noch viel ſtrafbarer, als ich glaubte. Zu eurem eigenen Verbrechen, zu dem hölliſchen Haſſe, welchen Ihr gegen mich heget, geſellt Ihr auch noch die Verbrechen Ande⸗ rer. Ihr kanntet alſo gar nicht jenes Manifeſt, als Ihr es unterſchriebt! Und das ſagt Ihr?— Und mir ſagt Ihr es? Habt Ihr denn wirklich einen einzigen Augenblick lang gehofft, mir dies glauben zu machen? Antwortet, habt Ihr wirklich geglaubt, es mir glauben zu machen?“ „Ich habe es Ew. Majeſtät geſagt, weil es die reine Wahrheit iſt. Ein nichtswürdiger Verräther, Ferguſſon, hat mir die Unterſchrift abgepreßt. Ich ſchwöre Euch vor Gott, daß ich die Wahrheit ſage.* „Dann um ſo ſchlimmer für Euch! Ihr habt darum nicht weniger und unter eurer Verantwortlichkeit die ſchänd⸗ lichſten Verleumdungen unter meinen Unterthanen verbreitet — Meuchelmörder, Brandſtifter, Brudermörder— Alles bin ich eurer Behauptung nach, und Ihr wagt hierher zu kommen. um mich um euer Leben zu bitten! Ihr ſollt es aber nicht haben, nein, gewiß nicht, Ihr ſollt es nicht haben!“ Monmouth fiel vor Jacob auf die Knie nieder und rief: „Habt Erbarmen mit einem Neffen, welcher gedemüthigt und reuig Euch zu Füßen fällt. Sire, habt Erbarmen mit den Verirrungen meiner Jugend, die ich mehr verabſcheue, als irgend Jemand.“ 70 „Ihr thut ſehr wohl daran, ſie zu verabſcheuen, aber Ihr müßt ſie auch büßen!— Was ſprecht Ihr übrigens immer von eurer Jugend? Könnt Ihr denn nicht rechnen, lie⸗ ber Freund? Sagt, könnt Ihr nicht rechnen? Ihr haltet Euch wohl für einen blutjungen Menſchen, für ein Kind, und bittet mich als ſolches um Verzeihung? Habt Ihr denn ſo lange nicht in den Spiegel geſehen? Sagt, habt Ihr ſo lange nicht in den Spiegel geſehen? Habt Ihr denn noch nicht die grauen Haare geſehen die Ihr habt? Seht, da iſt eins, zwei zehn, zwanzig— ha, wie viele!— Und dann wißt Ihr auch wohl noch gar nicht, daß euer Bart weiß geworden iſt? Ihr hättet Euch heute Morgen raſiren laſſen ſollen! Indeſſen ge⸗ ſtehe ich, daß Ihr eigentlich noch nicht in dem Alter ſtehet, wo man graue Haare bekommt, denn Ihr ſeyd erſt ſechsunddreißig Jahre alt, Mr. Crofts— ſechsunddreißig Jahre.— Gleich⸗ wohl iſt dies ein Alter, wo man ſchon wiſſen muß, was man thut. Und wenn ein Mann von ſechsunddreißig Jahren dumme Streiche begeht ſo muß er ſie büßen und nicht von ſeiner Ju⸗ gend ſprechen. Ihr werdet alſo ſterben— Ihr werdet ſter⸗ ben— es wäre denn,« fuhr der heuchleriſche Monarch in plötzlich ſanfterem Tone fort,„daß Ihr mir ein wirklich wich⸗ tiges Geheimniß mitzutheilen hättet, wie Ihr in eurem Briefe ſagt. Um dieſes Geheimniß zu hören, habe ich mich eben dazu verſtanden, Euch ohne Zeugen zu empfangen.— Sagt, worin beſteht dieſes wichtige Geheimniß? So redet doch!“ Monmouth blieb auf den Knien liegen und ſenkte das Haupt, ohne das Schweigen zu brechen. „Alſo,« hob Jacob II. wieder an,»Ihr habt mir nichts zu ſagen? Ich dachte mir es wohl— ich war beinahe über⸗ zeugt, daß dies blos ein Mittel ſey, um mich zu beſtimmen, 71 Cuch zu empfangen. Unſere Unterredung iſt daher beendet. Wir haben einander nichts mehr zu ſagen und ich werde Be⸗ fehl ertheilen, daß man Euch nach dem Tower zurückbringe.* „Noch einen Augenblick, Sire! Die heilige Religion zu welcher Ihr Euch bekennt, empfiehlt Euch Naochſicht gegen einen Unglücklichen, welcher bereut, und der, wenn Ihr es ihm erlaubt, bereit iſt, ſeine Irrthümer abzuſchwören und in den Schooß der römiſchen Kirche ſich aufnehmen zu laſſen.* „Ah, das iſt etwas Neues— ja, das iſt allerdings etwas Reues, Mr. Croſts! Gott iſt ſehr barmherzig, daß er auf dieſe Weiſe euren Geiſt erleuchtet und euer Herz gerührt hat.— Es iſt ein großes Wunder, welches er da gewirkt hat, denn es ſind erſt wenig Tage her, ſo gerirtet Ihr Euch noch als einer der eifrigſten Vorkämpfer der anglikaniſchen Kirche, und einer eurer Hauptgründe, um mich von meinem Throne zu ſtürzen und mich der Verwünſchung meiner Unterthanen zu weihen, war eben der Umſtand, daß ich mich zu der rö⸗ miſch⸗katholiſchen Kirche bekenne. Man darf indeſſen den Abſichten Gottes nicht widerſtreben, ſondern man muß dieſel⸗ ben vielmehr fördern helfen und dies werde ich thun, ſo viel als ich kann. Kehrt in den Tower zurück, mein Herr, kehrt dahin zurück. In einer Stunde werde ich Euch einen guten katholiſchen Prieſter zuſenden, der Euch lehren wird—6 „In der Religion meines Königs und meines erhabenen Onkels zu leben!s rief Monmouth mit Begeiſterung. „Nein, ſondern mit der Verzeihung eures Königs und in der Gnade Gottes zu ſterben,« unterbrach ihn der uner⸗ bittliche Jacob kalt. „Mein Onkel, mein geliebter Onkel! Im Namen meines Vaters, eures erhabenen Bruders, im Namen des Königs 72 Carls II., der Euch ſo ſehr geliebt, ſchonet ſeinen Sohn, der vor Euch kniet, der eure Knie umarmen möchte, der wenig⸗ ſtens eure geheiligten Füße küßt— »Na, na, was macht Ihr denn?« ſagte Jacob II. mit unverſöhnlicher Jronie. und indem er einen triumphirenden Blick auf dieſe Selbſterniedrigung fallen ließ,„ſteht doch auf. Sire! Darf wohl ein legitimer König, wie Ihr, ſich auf dieſe Weiſe vor dem demüthigen, der ſeine Krone uſurpirt hat? Das iſt nicht würdig, was Ihr da thut, Sire! Zum Teufel! Steht auf und befehlet mir, Euch zu Füßen zu fallen, das wäre mein Platz, das wäre meine Rolle, aber nicht die eurige! Wißt Ihr, daß, wenn die Kranken, deren Kröpfe Ihr berührt habt, Euch in dieſer Poſitur ſähen, ſie nicht mehr an die Kraft der Auflegung eurer königlichen Hände glauben würden?* »Ihr habt Recht, mein Onkel, überhäuft mich mit eurer ganzen Verachtung, mit eurem ganzen Hohne. Ich habe dies durch meine Empörung verdient. Die tiefe Demüthigung eures Reffen aber muß euren Zorn entwaffnen.« »Meines Reffen, meines Neffen? Wie oft werdet Ihr dieſes verhaßte Wort noch wiederholen, Mr. Croſts! Wiſſet, daß ich dieſes nicht hören mag und daß Ihr ihm entſagen müßt. Gern hätte ich Euch verſchwiegen, was ich Euch jetzt ſagen werde, aber ich muß ſprechen, weil Ihr mich hartnäckig euern Onkel und Euch meinen Reffen nennet. Ihr ſeyd nicht mein Neffe, ich bin nicht euer Onkel, denn Ihr ſeyd nicht der Sohn meines Bruders. Niemals, wißt es, iſt der König Carl der Zwerte euer Vater geweſen. Ja, höret es, wenn Ihr es noch nicht wiſſetl Euer Vater, ſoll ich Euch ſagen, wer es iſt? Es iſt Robert Sidneh, der Oberſt Robert Sidneh, 73 Bruder Algernon's. Von dieſem Letztern ſelbſt habe iſt die Ge⸗ ſchichte. Sie iſt nicht ſehr erbaulich, aber ſie iſt wahr. Eure Mutter—* Rit einem Sprunge ſtand der Herzog von Monmouth auf den Füßen und ſchaute Jacob den Zweiten mit würdevol⸗ ler Miene an. „Nehmt Euch in Acht was Ihr ſagen wollt,« unter⸗ brach er ihn lebhaft.„Ihr habt Euch ſehr grauſam gegen einen Beſiegten, ſehr unerbittlich gegen einen Bittenden ge⸗ zeigt, aber dies war vielleicht euer Recht und Gott kann Euch ſo viel Härte noch verzeihen. Aber ich ſage nochmals, nehmt Euch in Acht, was Ihr hinzufügen wollt. Der Beſiegte, der Bittende hat ſich wieder erhoben— er verzichtet darauf, Euch um ſein Leben zu bitten. Ihr habt nur noch einen Sohn vor Euch. Beleidigt nicht ſeine Mutter! Gott würde ſich, wenn eure Stunde der Rechenſchaft nahet, ebenfalls unerbittlich zeigen.* „Aber mein lieber Crofts,« entgegnete Jacob mit ent⸗ ſetzlichem Hohne,„glaubt Ihr denn, ich hätte mir umſonſt dieſe angenehme Unterredung unter vier Augen verſchafft? Bildet Ihr Euch denn ein, daß es blos um des ſehr elenden Vergnügens willen geſchehen ſeh, eure Bitten anzuhören? Habe ich nicht im Voraus Alles gewußt, was Ihr mir ſagen wür⸗ det? Rein, nein! Ich habe in dieſe Unterredung gewilligt, weil auch ich Euch etwas zu ſagen hatte. Ihr werdet mich anhö⸗ ren, dafür ſtehe ich Euch.— Wo war ich denn ſtehen geblie⸗ ben? Ach, ganz recht, eure Mutter wohnte im Jahre 1649 in Haag. Sie ward von Robert Sidneh unterhalten— ſie hieß damals Luch Walters. Mein Bruder Carl, der ein we⸗ nig locker lebte, ſah ſie, verliebte ſich in ſie und entführte ſie 74 dem Oberſt Sidney. Sie fand den Tauſch ſehr vortheilhaft und blieb bei ihrem neuen Geliebten unter dem Namen einer Miſtreß Barlow. Was geſchah? Ihr kamt auf die Welt, aber ſo wenig Monate nach dem Tauſch, daß der ganze wunder⸗ bare Leichtſinn meines vortrefflichen Bruders Carl dazu ge⸗ hörte, um Euch für ſeinen Sohn zu halten Ihr könnt gar nicht glauben, wie ähnlich Ihr dem guten Oberſt ſeyd— ſo⸗ gar bis auf dieſe kleine Warze, die Ihr da in dem Geſicht habt. Ha! ha! ha! An eurer Miene ſehe ich wohl, daß ich ſehr klug daran gethan habe Euch die Hände auf den Rücken binden zu laſſen. Was zum Teufel habt Ihr auch eine ſolche Bedingung angenommen? Konntet Ihr Euch nicht ſelbſt ſa⸗ gen, daß ich für euer abſcheuliches Manifeſt Revanche nehmen würde? Jetzt, nachdem dies geſchehen iſt, können wir uns trennen; wir haben nichts mehr mit einander zu ſprechen.« „Ihr irrt Euch, Sire,« ſagte Monmouth mit einer unerwarteten Ruhe und Würde,„Ihr irrt Euch; mir wenig⸗ ſtens bleibt noch ein Wort zu ſprechen übrig. Ich werde mir nicht einmal die Mühe nehmen, die unwürdigen Schmähun⸗ gen zurückzuweiſen, welche Ihr gegen meine Mutter ausgeſto⸗ ßen. Ihr ſeyd ein Feigling und Feiglinge können ſich derglei⸗ chen erlauben. Was ich Euch zu ſagen habe, iſt das: Heute haben Onkel und Reffe einander gegenübergeſtanden, mor⸗ gen wird ein anderer Verwandter meine Stelle eingenommen haben und der Schwiegerſohn wird dem Schwiegervater ge⸗ genüber ſtehen. William von Oranien wird Jacob dem Zwei⸗ ten entgegentreten. Dann wird die Reihe des Sturzes an Euch ſehn, Sire.* „Ach, jetzt verwandelt er ſich gar in einen Propheten!“ rief der König mit unſicherem Lächeln.»Wohlan, mein lieber 7 Crofts, mein lieber Sidney, bekümmert Euch etwas weniger um Andere und etwas mehr um Euch. Bedenket, daß Ihr ſterben müßt. Verſuchet durch euren Tod den Makel eurer Geburt und die beklagenswerthen Verirrungen eures Lebens zu ſühnen!— Gehet!« Jacob der Zweite klingelte. Chifſinch erſchien und führte Monmouth aus dem Cabinet. Diesmal fand man es nicht ge⸗ rathen, ihn die Gallerien von Whitehall durchſchreiten zu laſ⸗ ſen, ſondern führte ihn auf der geheimen Treppe in das Boot zurück, welches ihn wieder nach dem Tower von London zu⸗ rückbringen ſollte. Als man nach Verlauf von ungefähr einer Viertelſtunde wieder die Themſe hinabzurudern begann, war Grey wieder bei ihm. „Habt Ihr den Tiger geſprochen, Mhlord?s fragte ihn der Herzog. „Nein, aber den Fuchs, gnädigſter Herr,« antwortete Greh. „Was wollt Ihr damit ſagen?“ „Daß man mir nicht das Leben nimmt, daß man mei⸗ nem Golde vor meinem Blute den Vorzug gibt. Ich habe dem Oberſchatzmeiſter der Krone auf dem Bureau des Königs ſelbſt eine Anweiſung auf vierzigtauſend Pfund Sterling unterſchrie⸗ ben. Dies iſt der Preis, für den ich mich losgekauft habe.« 76 VI. Die Vorſtellung. Am Tage nach dem, wo Monmouth in Whitehall em⸗ pfangen worden, befand ſich Suſanne gegen Mittag in ihrem kleinen Salon in Montaguſtreet in Geſellſchaft der Lady Wentworth. „Alſo, ſagte Henriette zu der Irländerin,»nachdem Mon⸗ mouth zu Jacobs des Zweiten Füßen geſeußt und geweint, hat er ſich endlich mit dem Muth eines Mannes von Herz auf⸗ gerichtet und dem Zorne des Ungeheuers Trotz geboten?* „Ja, Mylady— Chiffinch hat mir verſichert, daß er gegen das Ende der Unterredung eine beiſpielloſe Kühnheit und Entrüſtung gezeigt hat.« „Ach, warum hat er nicht begriffen, daß er gleich damit hätte beginnen ſollen. Doch laſſen wir alles eitle Bedauern und begnügen wir uns mit dem, was Gott uns ſchenken will. Da er dem Herzog dieſe edle Haltung eingegeben hat, ſo will er ihn auch in ſeinen letzten Augenblicken aufrecht halten. Ja, Suſanne, ich habe die Hoffnung, daß mein unglücklicher Mon⸗ mouth muthig ſterben wird.* „Davon bin ich ebenfalls feſt überzeugt, Mylady.« „Ich,« hob Henriette wieder an, indem ſie einen Blick unüberwindlicher Entſchloſſenheit auf ihre Gefährtin heftete, 77 „ich darf nicht hinter ihm zurückbleiben. Ich werde das Ver⸗ ſprechen zu erfüllen wiſſen, welches ich ihm gegeben. Ich werde ihm in das Grab nachfolgen. Die Herzen, welche Mitgefühl mit meinen Schmerzen haben, werden mich nicht tadeln. Das weiß ich gewiß.* „Von mir, geehrte Lady, werdet Ihr ſicherlich keinen Tadel hören, wie leicht derſelbe auch ſey. Ich kenne eure Lei⸗ den. Ich weiß, daß ſie auf dieſer Erde nicht höher geſteigert werden können, ich weiß, daß Ihr bald, vielleicht morgen ſchon von dem letzten Schlage, dem entſetzlichſten von allen⸗ getroffen werdet. Um Euch von dem letzten Mittel abzurathen, um Euch von dem Tode abwendig zu machen, müßte man ein feiges und verworfenes Herz beſitzen, und Gott ſey Dank, das meinige ſchlägt im Einklange mit dem euren.“ „Ich ſehe ſchon, Ihr habt mit Mr. Hutchins ge⸗ ſprochen.* „Er kam geſtern Abends auf meine Einladung hier⸗ her.* „Und er hat eingewilligt?« „Ja. Mylady. Jetzt iſt die Stunde, zu welcher er mir heute wiederzukommen verſprochen hat.“ „Mit dem, was Ihr von ihm verlangt habt?“ „Ja, Mylady; er hat verſprochen mir dieſen Freund⸗ ſchaftsdienſt zu leiſten. Die Wahl, welche er getroffen haben wird, muß uns zufriedenſtellen, wenn man ihm glauben darf, und ich glaube ihm. Er iſt ein redlicher Mann und ein ge⸗ ſchickter Arzt.* „Wie gut Ihr ſeyd, meine liebe Suſanne! Noch nie⸗ mals hat ein einer Dame geſchenkter Diamantenſchmuck ihr 78 mehr Vergnügen bereitet, als mir das Geſchenk bereiten wird, was Ihr mir machen werdet.« In dieſem Augenblicke öffnete die Dienerin Anna die Thür des Salons, um den Doctor Hutchins zu melden, und unſer alter Bekannter von Newgate, der Käufer von Fitzge⸗ rald's Cadaver, trat ein und verneigte ſich tief vor Suſannen und Henrietten. »Ich bringe Euch,« ſagte er zu der Herrin der Woh⸗ nung gewendet,„was Ihr geſtern von mir zu verlangen be⸗ liebtet. Hättet Ihr wohl die Güte, mir eine kurze Unterre⸗ dung unter vier Augen zu gewähren?« „Warum eine Unterredung unter vier Augen, lieber Doctor?« »Weil— weil—« ſtotterte der Arzt, der entweder nicht mehr ſagen konnte oder nicht mehr ſagen wollte. „Ich verſtehe,« entgegnete Suſanne.„Ihr wollt mir nicht gern in Gegenwart einer dritten Perſon überreichen, was Ihr die Güte habt mir mitzubringen. Dieſe Vorſicht iſt überflüſſig, lieber Doctor. Ihr könnt in Gegenwart dieſer Dame ſprechen, denn eben für ſie bat ich Euch, mir—* „Ah, das iſt etwas Anderes!« unterbrach ſie der Doc⸗ tor.„Alſo, Mhlady,« fuhr er fort, indem er ſich zu Lady Wentworth wendete,„ſo ſchön Ihr ſehd wollt Ihr dennoch fterben?* „Ich erfülle blos eine Pflicht, Sire.« „Aber zum Teufel, das iſt eine Heldenthat, die Ihr da vollbringt. In jetziger Zeit gibt es nicht viel Männer, die ſo otwas thäten!* „O, auch die Männer wiſſen zu ſterben,* antwortete 59 Henriette, indem ſie mit einem lebhaften Ausdruck der Hoff⸗ nung die Augen gen Himmel wendete. „Allerdings ja; es gibt deren, aber nicht viele. „Nun, wer ſind denn die, welche in unſerer Zeit nicht zu ſterben gewußt haben?“ „Ich ſpreche nicht von denen, welche geſtorben ſind, ſondern von denen, welche ſterben werden.« „Nun und wer wird denn von dieſen nicht mit Muth und Seelengröße ſterben?* „Wer? Ach mein Gott, ich wette zehn gegen eins, daß der Herzog von Monmouth—* „Schweigt Doctor!« rief Suſanne, indem ſie dem Arzte die Hand auf den Mund hielt. „Warum ſoll ich denn ſchweigen? Mylady fragt mich — ich antworte. Was iſt da weiter Unrechtes dabei? Aller⸗ dings bin ich nicht der Meinung des Volkes.« „Worüber?« fragte Lady Wentworth mit Bewegung. „Ueber die Art und Weiſe, auf welche der Herzog von Monmouth ſterben wird.* „Wie lautet denn die Meinung des Volkes?« „Es glaubt, er werde als Held ſterben, aber es irrt ſich.« „Nein, es irrt ſich nicht.“ „Ich, der ich als Mann der Wiſſenſchaft denke und ſpreche, ich glaube das Gegentheil.* „Warum? was veranlaßt Euch, dies zu glauben?“ „Der Herzog beſitzt den Muth des Schlachtfeldes, da, wo die Bewegung ihn hinreißt, wo das Gefecht ſein Blut erhitzt und es ihm raſcher durch die Adern treibt. Aber er wird nicht den Muth des Blutgerüſtes haben, weil man hier 80 ruhig ſeyn muß und weil vor dem kalten Henker das Blut, anſtatt ſchneller zu circuliren, oft in den Adern gerinnt.« „Alſo, Doctor,« ſagte Henriette nachdenklich,„wenn der Herzog von Monmouth mit Muth auf dem Schaffore ſtirbt, ſo wird er nach eurer Anſicht um ſo größer, um ſo hochherziger daſtehen.* „Ganz gewiß, Mylady. Denn um ſo zu ſterben müßte er eine unermeßliche moraliſche Kraft beſitzen. Und wenn es ihm gelingt, ſo geſtehe ich, daß er meine Bewunderung und mein Erſtaunen in um ſo höherem Grade erwecken wird.« „Ich danke Euch für das, was Ihr mir ſo eben geſagt habt, Doctor!« rief Henriette mit Begeiſterung.„Ihr habt mich allerdings einen Augenblick lang mit Schrecken erfüllt, jetzt aber fühle ich mich glücklich, Euch gehört zu haben.« „Ich freue mich, Mylady, daß ich ſelbſt ohne es zu wol⸗ len, die Urſache der Zufriedenheit geworden bin, welche ich jetzt in euren Zügen leſe. Werdet Ihr mir aber wohl erlau⸗ ben, in meiner Eigenſchaft als Arzt, wenn auch nicht als Freund, eine einfache Frage an Euch zu richten?« „Sprecht, mein Herr.“ „Warum wollt Ihr denn durch Gift ſterben?« „Ich bitte um Erlaubniß, hierüber ſchweigen zu dürfen, Doctor.* „Die Neugier iſt meiner Frage fremd, Mylady. Wenn ich ſie an Euch gethan habe, ſo iſt es geſchehen, weil ich die Urſachen eures muthigen Entſchluſſes errathen zu haben glaube und weil ich eben ſo wohl den Willen als auch die Macht beſitze, Euch und dem Herzoge von Monmouth einige Dienſte zu leiſten.“ ———— 81 »Mir und dem Herzoge von Monmouth?« rief Lady Henriette.„Wißt Ihr denn, wer ich bin?« »Ich kenne euren Namen nicht, aber an eurem feuri⸗ gen und hochherzigen Wunſche, den Gefangenen Sr. Majeſtät des Königs von England muthig ſterben zu ſehen, habe ich erkannt, daß er Euch nicht gleichgiltig iſt. Nun bin ich der Arzt des Thürhüters in dem Thurme, deſſen erſtes Stockwerk der Herzog bewohnt. Dieſer Mann iſt mir ſehr ergeben.* Lady Wentworth fühlte, indem ſie dieſe Worte hörte, ſo plötzliche und ſo ungeſtüme Hoffnungen in ſich erwachen, daß ihr ganzer Körper davon durchſchauert ward und ſie ſich ſetzen mußte. „Ihr könnt ihn retten?« ſagte ſie vor innerer ſtürmi⸗ ſcher Bewegung kaum eines Wortes mächtig. »Ach, wie ſehr bedaure ich mich ſo ungeſchickt ausge⸗ drückt zu haben, daß ich dadurch weit mehr angedeutet habe, als ich ſagen wollte! Ach, ich bitte Euch um Eurer ſelbſt wil⸗ len, verbannet dieſe thörichten Hoffnungen, die durch nichts gerechtfertigt werden. Andere Gefangene haben den Kerkern des Tower von London entrinnen können, aber ich weiß nicht, ob ein Einziger von denen, welche mit den Waffen in der Hand nach dem Titel eines Königs getrachtet haben, jemals im Stande geweſen iſt, die Wachſamkeit ſeiner Hüter zu täuſchen. Der Herzog von Monmouth wird eben ſo wie ſeine Vorgänger ſeinen Kerker blos verlaſſen, um das Schaffot zu beſteigen. Aber vielleicht wünſcht Ihr ſeine letzten Augenblicke zu verſüßen, vielleicht wäre es Euch lieb, wenn Ihr zu jeder Stunde des Tages mit ihm correſpondiren könntet. Ihr wünſcht ihm vielleicht irgend ein Andenken zuzuſenden, welches die Liebenden— verzeihet mir dieſen Ausdruck— ich weiß Der Tiger von Tanger. VI. 6 82 nicht ob er richtig iſt, zuweilen ſo lebhaft wünſchen, einander überſenden zu können— in allen dieſen Beziehungen ſtehe ich zu Dienſten, denn ſo weit erſtreckt ſich meine Macht.“ „Lady Wentworth dankt Euch von Herzensgrunde,* ſagte die edle Dame zu Hutchins, indem ſie ihm die Hand reichte. „Lady Wentworth!“ „Ja, ſie ſelbſt, welche von euren gütigen Anerhietungen Gebrauch macht. Hier, Doctor, nehmet dieſes kleine, an die⸗ ſer goldenen Kette hängende Kreuz. Ich trage es ſchon ſeit langer Zeit an meinem Halſe. Gebt es meinem armen Freunde. Sagt ihm, er ſolle es um den Hals hängen und nicht wieder abnehmen, als um es mir in dem verhängnißvollen Augen⸗ blicke zurückzuſenden, wo— 0 mein Gott, erhalte mir den Muth bis ans Ende. Doctor, Ihr habt auch etwas an mich abzugeben—* „Mylady,« antwortete Hutchins, indem er mit der Hand in die Taſche fuhr,»ich habe ſelbſt nach Miß Suſannens in⸗ ſtändigen Bitten lange gezögert, für ſie etwas zu thun, was ſie von mir verlangte. Indem ich mit dieſem Gift hierherkam, war ich noch ungewiß, ob ich es ihr geben ſollte. Jetzt aber, nachdem ich weiß, wer Ihr ſeyd, nachdem ich beſonders euern Namen gehört, iſt all mein Zögern zu Ende. Ich glaube, in⸗ dem ich Euch dieſe Phiole übergebe, eine That zu vollbringen, die ich vor Gott verantworten kann. Oft habe ich mich be⸗ müht, die Schmerzen der Menſchen zu lindern, aber niemals habe ich ein wirkſameres Mittel auf eine tiefere Wunde in An⸗ wendung gebracht.“ Hutchins überreichte Lady Wentworth die Phiole, em⸗ pfing von ihr die goldene Kette und das Kreuz, und nachdem 83 er verſprochen, Abends wiederzukommen, grüßte er und lenkte ſeine Schritte nach der Thür, während Suſanne ihm folgte. »Hier, guter Doctor.“ ſagte ſie zu ihm,„nehmt dies da. Betrachtet es als eine kleine Unterſtützung zur Beförde⸗ rung eurer anatomiſchen Studien.« Indem die Irländerin dies ſagte, ließ ſie dem Arzt eine Rolle Guineen in die Hand gleiten. Dieſer wollte ohne Zwei⸗ fel einige Einwendungen machen, aber man drängte ihn ſanft hinaus und die Thür, welche ſich hinter ihm ſchloß, verſetzte ihn in die Unmöglichkeit, ſeinen Bedenklichkeiten Worte zu leihen. Er verließ Suſannens Haus und ſchlug den Weg ein, welcher nach dem Tower von London führte. Seine tief in die Taſche hineingeſteckte Hand zählte die Goldſtücke, welche er ſo eben empfangen. »Fünfundzwanzig,“ ſagte er plötzlich, während ein glück⸗ ſeliges Lächeln ſeine Lippen umſpielte.„Fünfundzwanzig! das iſt eins jener ſeltenen Honorare, die man niemals zurückwei⸗ ſen muß. Und warum ſollte ich es auch zurückweiſen? Scheint es nicht, als ob die Schweſter mir die fünfundzwanzig Guineen hätte zurückgeben wollen, welche der Bruder mir ſchuldig iſt? Aber iſt er mir ſie denn auch ſchuldig? Vor dem Geſetz, dem geſchloſſenen Vertrage gegenüber, allerdings nicht, aber da⸗ durch, daß Fitzgerald— ich weiß nicht auf welche Weiſe— ſeine Begnadigung zu erlangen wußte, etwas was mir bei Jeffreys ſo unmöglich erſchien— hat er nichtsdeſtoweniger mein Intereſſe verletzt. Ich weiß wohl, daß er in ſeinem Rechte war, aber dennoch habe ich fünfundzwanzig Guineen an ihm verloren, die ich heute auf dieſe Weiſe wiedererſtattet bekomme. 84 Ha! wenn ich nur gleich einen ſchönen Verurtheilten zu kau⸗ fen bekäme! Ganz gewiß wird es deren iu der nächſten Zeit mehre geben, und deshalb iſt es gut, wenn man Geld in der Taſche hat. Man kann deſſen nie zu viel haben, wenn man ſo häufige Einkäufe machen muß. Durch Geduld und Studium werde ich doch zuletzt noch jene Unglücklichen über⸗ zeugen, welche heute noch die unſterblichen Entdeckungen Wil⸗ liam Harvey's, meines berühmten und vielgeltebten Meiſters, in Zweifel zu ziehen wagen. O, ich weiß es wohl, wenn ſie erführen, daß ich Gift verkaufe, würden ſie ein ſchönes Ge⸗ ſchrei erheben! Was aber können ſie antworten, wenn ich ihnen ſage: Das, was ich hier gethan, habe ich für die Wiſ⸗ ſenſchaft gethan.« Während Hutchins ſo unterwegs das Murren ſeines Ge⸗ wiſſens ſo gut als er konnte beſchwichtigte, ſah er in Montagu⸗ ſtreet Fitzgerald in Begleitung einer Perſon daherkommen, welche ihm ſelbſt von Geſicht vollſtändig unbekannt war. Er achtete weiter nicht ſehr darauf denn er ward bei⸗ nahe ſofort durch die Betrachtung des Irländers in Anſpruch genommen. Uebrigens begegnete ihm dies unabänderlich jedesmal, wo er den Bruder Suſannens aufder Straße oder anderwärts erblickte. Sein Auge folgte allen Bewegungen deſſen, den er ſchon beinahe unter dem Secirmeſſer gehabt hatte. Er hatte nach dieſem jungen Manne Gelüſte, die von ganz ande⸗ rer Art, aber ſicherlich eben ſo heftig waren als die, welche Perch Kirke für die Tochter des alten Puritaners empfand. Der Arzt würde, wenn er den herrſchſüchtigen Charakter des Ge⸗ neralmajors gehabt hätte, ſich ganz gewiß zu denſelben Aus⸗ ſchreitungen haben hinreißen laſſen, wie er, um in den Beſitz 85 des Gegenſtandes ſeiner wiſſenſchaftlichen Leidenſchaft zu ge⸗ langen. »Geduld! Geduld!« dachte Hutchins;„eine innere Stimme ſagt mir, daß er mir früher oder ſpäter doch noch unter die Hände kommen wird. Es handelt ſich einfach darum ihn nicht aus den Augen zu verlieren.« Als der Arzt und Fitzgerald, die auf einander zu kamen, ſich einander gegenüber ſahen, grüßten ſie, ohne jedoch mit ein⸗ ander zu ſprechen, und Jeder ſetzte ſeinen Weg weiter fort— Hutchins nach dem großen Staatsgefängniſſe. der Irländer bis zu dem Hauſe ſeiner Schweſter. Als er ſich Suſannens Thür bis auf einige Schritte ge⸗ nähert hatte, drehte er ſich nach ſeinem Begleiter herum und ſagte zu ihm: »Habt die Güte, auf einige Augenblicke in dieſes Wirths⸗ haus zu treten. Ich will ſehen, ob meine Schweſter allein iſt und ob Ihr ſie indieſem Augenblickein aller Sicherheit beſuchen könnt. Ich werde bald wieder bei Euch ſehn.« Der Unbekannte fügte ſich der an ihn ergangenen Auf⸗ forderung und trat in ein Wirthshaus dem Schilde des„ſil⸗ bernen Löwen« gegenüber, während Fitzgerald ſich in Suſan⸗ nens Wohnung begab. Als Suſanne ihren Bruder, den ſie ſeit ihrer Rückkehr nach London noch nicht wiedergeſehen, vor ſich ſtehen ſah, ſtieß ſie einen lauten Schrei aus und warf ſich weinend in die Arme, die ihr entgegengebreitet wurden. »Ihr werdet mir dieſe Aufwallung verzeihen, Myladh,* ſagte ſie zu Lady Wentworth gewendet.»Es iſt mein geliebter 86 Bruder, den ich Euch vorſtelle. Was mich ſo plötzlich an ſein Herz drängte, war nicht Freude, ſondern Schmerz. Henriette begrüßte Fitzgerald mit einer leichten Vernei⸗ gung und wendete ſich dann zu Suſannen: „Ich laß Euch mit eurem Bruder allein,« ſagte ſie, „und werde meinen Thränen ungehemmten Lauf laſſen, indem ich den verhängnißvollen Augenblick erwarte.« Sobald Lady Wentworth ſich entfernt hatte, zog der Irländer, welcher den Ausdruck in Suſannens Geſicht mit ru⸗ higem Blick erforſcht hatte, ſie abermals an ſeine Bruſt. „Du leideſt meine theure Schweſter,« ſagte er,»Du leideſt viel und um es zu ſehen, brauchſt Du mir nicht von deinem Schmerze zu erzählen. Was fehlt Dir, Suſanne?“ „Fitzgerald,«antwortete Suſanne, indem ſie ihre Thrä⸗ nen trocknete und ihrer Stimme einen feſteren Ausdruck zu ge⸗ ben ſuchte,„ich bin von demgrößten Unglück betroffen worden, welches mir begegnen konnte. Ich weiß nicht einmal, ob der Tod unſers geliebten Bruders James— verzeihe mir, daß ich dies ſage, Bruder!— mir einen bitterern Schmerz bereitet hat als den, welcher meine Seele in dieſem Augenblicke erfüllt.“ „Du machſt mich zittern, Suſanne! Erkläre Dich raſch, ich beſchwöre Dich darum.« „Unterbrich mich nicht, Freund, ich bedarf meines gan⸗ zen Muthes, Dir eine ſolche Schmach zu erzählen und ich fühle, daß er mir mangeln wird, wenn Du mich nicht ſofort ſprechen läſſeſt. Fitzgerald, ich liebte mit unermeßlicher Liebe einen edeln, guten, großmüthigen und edelherzigen Mann. Es war 3 87 vielleicht thöricht von mir, aber ich hoffte, daß er mich wieder lieben würde, ſo groß waren die Dienſte, die ich ihm ſchon geleiſtet, ſo weit ſollten die, welche ich ihm noch zu leiſten ge⸗ dachte, die erſten übertreffen. „Du ſprichſt von Lord Henry Lisle, Suſanne,* ſagte der Irländer mit unruhiger Stimme. „Ja, mein Bruder, von ihm ſelbſt.“ Fitzgerald ſenkte den Kopf und eine düſtere Traurigkeit malte ſich auf ſeinem Geſichte. „Fahre fort, Suſanne,« ſagte er in dumpfem Tone; „fahre fort, ich höre Dich.« „Wenn meine Liebe zu Lord Henrh Lisle Dir jemals Kummer bereitet hat, mein geliebter Bruder, ſo kannſt Du Dich fortan beruhigen. Dieſe Liebe exiſtirt nicht mehr, oder ich habe ſie wenigſtens für immer auf den Grund meines Herzens zurückgedrängt. Ich bin nicht mehr würdig. ſie kundzugeben.* „Was willſt Du damit ſagen, Suſanne?s „Ich will ſagen, Fitzgerald, daß ein Mann, ein nichts⸗ würdiger roher Soldat mich beſchmutzt, entehrt, mit einem Worte der Liebe dieſes Mannes, den ich vergöttere oder den ich wenigſtens vergötterte, unwürdig gemacht hat.* „O mein Gott!“ rief der Irländer, indem er Augen und Hände gegen Himmel erhob,„war denn eine Rache wie die, welche ich zu vollbringen habe, für einen einzigen Mann nicht genug? Mußte mir auch noch eine zweite, nicht minder ſchreck⸗ liche aufgebürdet werden! Doch gleichviel— ich fühle Kraft in mir, ſie zu vollbringen. O mein James, o meine Suſanne, Ihr ſollt gerächt werden! Ihr ſollt zufrieden mit mir ſehn! 88 Wer iſt dieſer Mann, dieſer Soldat, dieſer rohe Barbor, wer iſt er?« »Fitzgerald,« antwortete Suſanne in einem Tone, deſ⸗ ſen Zittern durch Willenskraft niedergehalten ward,„vor kaum wenigen Wochen weigerteſt Du Dich mir den Namen des Mörders unſers Bruders zu nennen, weil Du die ganze Sache für Dich allein behalten wollteſt. Ich habe dieſen Mangel an Vertrauen ſchmerzlich empfunden, Freund, aber ich habe ge⸗ ſchwiegen— ich will Dich nicht leiden laſſen, wie ich gelitten habe, und deshalb ſage ich Dir den Namen des Mannes, der mich entehrt hat— den fluchbeladenen Namen des ſcheußlichen Percy Kirkel« »Perch Kirke!s heulte Fitzgerald, indem er das Geſicht mit beiden Händen bedeckte.„Perch Kirke! O mein Gott, und dieſer Menſch hat nur ein einziges Herz, welches ich ihm durchbohren kann!“ Der Irländer ſprach kein Wort weiter. Er ſetzte ſich, ohne die Hände von ſeinen Augen wegzunehmen nieder und verſank in tiefes Hinbrüten. Nachdem einige Minuten verfloſſen waren, richtete er ſich aus ſeiner Unbeweglichkeit auf, hob langſam den Kopf empor und heftete einen gleichzeitig lächelnden und furchtbaren Blick auf ſeine Schweſter. »Dieſe Rache,« ſagte er,„die Du mir ſchon einmal aus den Händen gewunden, werde ich nun bald auf's Neue erfaſſen können. Sie iſt es, von der ich mit Dir ſprechen wollte. Ich gedachte über den Plan, den ich Dir mittheilen wollte, in ziemlich lange Details einzugehen, weil, als ich zu Dir kam, mein Gemüth noch frei und ruhig war. Das aber, 89 was Du mir ſo eben mitgetheilt, hat mir meine Koltblütig⸗ keit geraubt. Ich verlaſſe mich nur auf deinen durchdringen⸗ den Scharfſinn, damit Du raſch undbeinahe ohne weitere Er⸗ klärungen die Dinge verſtehſt, welche ich Dir mittheilen werde. Eine umfaſſende Verſchwörung, weit furchtbarer als die, welche heute Monmouth auf's Schaffot führt, beginnt ſich in den tiefen Abgründen der politiſchen Welt zu entſpinnen. Sie hat ganz einfach den Zweck, Jacob II. vom Throne zu ſtür⸗ zen und ſeinen Schwiegerſohn Wilhelm von Oranien an ſei⸗ ner Statt darauf zu ſetzen. Es handelt ſich, wie Du ſchon jetzt begreifen wirſt, nicht mehr um etwas. was nahe oder ent⸗ fernte Aehnlichkeit mit dem blutigen Poſſenſpiele hätte, welches in dieſem Augenblick in den Grafſchaften des Weſtens aufgeführt wird. Es handelt ſich vielmehr um eine ernſte Revolution, welche ganz gewiß England eine andere Geſtalt geben wird. Du, Suſanne, biſt berufen, an dieſer großen politiſchen That⸗ ſache mitzuarbeiten. Ich habe von Dir mit einem geheimen Agenten des Statthalters geſprochen, der aber binnen Kurzem von ihm bei der engliſchen Regierung anerkannt und beglau⸗ bigt werden wird. Er kennt deine Beziehungen zu dem erſten Pagen des Königs und findet ſie— beiläufig geſagt— ſehr originell. Er kennt deinen Einfluß auf Chiffinch. Er kennt auch deine wunderbare Schönheit, deinen Muth, deine Thã⸗ tigkeit, deine Kühnheit, ganz beſonders deinen erfinderiſchen Witz und behauptet, Du ſeyeſt das Werkzeug, deſſen er zur Durchführung ſeiner großen Pläne bedarf. Verſtehe Dich dazu ihn anzuhören und ganz beſonders, mit ihm den Vertrag zu unterzeichnen, den er Dir vorlegen wird. Dann gibt es auf Erden nichts, was ſo mächtig wäre, daß es unſerer Rache entrinnen könnte.“ 90 „Ich bin bereit, Fitzgerald,« ſagte Suſanne;»wo iſt dein Agent?* »Nur wenige Schritte von hier.« »Geh' und hole ihn.« Fitzgerald ging hinaus, kehrte bald darauf zurück und ſtellte Suſannen den Mann vor, mit welchem Hutchins ihm begegnet war. „Hier iſt Mr. Dykvelt,« ſagte er. VII. Der Pertrag. Unter der dicken kalten Rinde des claſſiſchen Holländers barg Dykvelt eine Phyſiognomie, welche, wenn er ſie ent⸗ ſchleierte, von Witz und Scharfſinn funkelte. Er war ein Mann von ſchon reifem Alter. In der poli⸗ tiſchen Schule Johanns de Witt erzogen, hatte er ſich nach dem Sturze dieſes großen Miniſters Wilhelm von Oranien angeſchloſſen und glaubte ſich daher um die Republik große Verdienſte erworben zu haben. Von allen Diplomaten, welche ſich in den beiden Hemi⸗ ſphären mit den umfaſſenden Plänen der vereinigten Provin⸗ zen beſchäftigten, glich ihm faſt keiner an Thätigkeit, an Kalt⸗ blütigkeit, an ausgeſuchter Feinheit des Benehmens und vollen⸗ deter Geſchicklichkeit. Ganz beſonders aber beſaß er nicht ſeines Gleichen in ſeiner tiefen und gründlichen Kenntniß der Ange⸗ legenheiten Englands. Er begrüßte Suſannen in höflicher, ele⸗ ganter Weiſe. 91 Fitzgerald neigte ſich zu ſeinem Ohr. „Sie nimmt an, ſagte er leiſe.»Und wenn Ihr wüß⸗ tet, welcher entſetzliche Sturm ſo eben noch ihr Gemüth be⸗ wegte, ſo würde ſchon ihre Ruhe an und für ſich Euch das größte und unbedingteſte Vertrauen einflößen.* Dykvelt ſchien den letzten Worten Fitzgerald's nur ſehr geringe Aufmerkſamkeit zu widmen. Er wendete ſich zu der Ir⸗ länderin und ſagte: „Mit großem Vergnügen, Miß, höre ich, daß Ihr be⸗ reit ſeyd, unſere Verbündete und Freundin zu werden. Auf Euch geſtützt, wird mein Vorhaben gelingen, denn euer Bru⸗ der iſt, wie ich zu meiner Freude ſehe, indem er mir von den Reizen eurer Perſon erzählte, weit hinter der Wahrheit zurück⸗ geblieben, wie übertrieben mir auch übrigens ſeine Art und Weiſe ſich auszudrücken erſcheinen mochte.* Suſanne verneigte ſich erröthend und das leichte Run⸗ zeln ihrer Stirn mußte Dykvelt beweiſen, daß dieſe ſo unum⸗ wundenen Complimente von Seiten eines Mannes, der ihr erſt in dieſem Augenblick vorgeſtellt worden, ſie überraſchten, ihr faſt zweideutig erſchienen und ihr mit einem Worte miß⸗ fielen. Es war indeſſen dies nicht das letzte Erſtaunen, es war auch nicht das letzte Mißvergnügen, welches der Diplomat für ſie in Bereitſchaft hatte. „Aber, fuhr er in traurigem, theilnehmendem Tone fort,„erlaubt einem Freund, mit Euch das Unglück zu bekla⸗ gen, welches Euch kürzlich in Weſton Zohland betroffen und welches ich aus dem Bericht des Oberſt Trelawney, des Waf⸗ fengefährten Perch Kirke's, erfahren habe.* 92 Suſanne verlor plötzlich ihre Röthe und ward leichen⸗ blaß. Außerdem aber verrieth an ihr nichts ihre ſchmerzliche Bewegung und den Zorn, der in ihrem Herzen grollte. »Was wollt Ihr damit ſagen, mein Herr?s fragte ſie in kurzem Tone.„Welches Unglück hat mich denn in Weſton Zoyland betroffen?« »Ah, um ſo beſſer, wenn nichts Wahres daran iſt,« entgegnete Dykwelt.„Mit welcher Vorſicht muß man persle chen Gerüchte aufnehmen! »Habt Ihr, um mich von dergleichen Geſchwätz zu un⸗ terhalten, Euch mir vorſtellen laſſen, mein Herr, und habt Ihr mir nichts Anderes zu ſagen?« unterbrach ihn die Irlän⸗ derin mit ruhiger Würde.»In dieſem Falle bitte ich um die Erlaubniß, mich entfernen zu dürfen.* »Nein, bleibet, Miß Suſanne, bleibet!s rief der Diplo⸗ mat,»und verzeihet mir die ſchmerzliche Prüfung, welcher ich Euch unterzogen habe. Ichwollte mich ſelbſt überzeugen, welche Haltung Ihr dieſen Gerüchten gegenüber behaupten würdet, welche wohl eher als alle andern geeignet ſind, eine Dame ihrer Kaltblütigkeit zu berauben. Ich erkläre mich vollſtändig be⸗ friedigt, und wenn Ihr wir verzeihen wollet, ſo bin ich be⸗ reit, mit Euch über den ernſten Gegenſtand zu ſprechen, der mich zu Euch führt.« »Hier iſt meine Hand, mein Herr, es iſt die einer redli⸗ chen, treuen Freundin— es iſt auch die einer unverſöhnlichen Feindin, wenn gerechte Urſache dazu vorhanden iſt. Habt die Güte Platz zu nehmen, mein Herr. Setz Dich, Fitzgerald.« Die drei Perſonen nahmen Platz und Dhkwelt lächelte Suſannen mit einem Blick an, in welchem ſich Theilnahme und Bewunderung verſchmolzen. 93 „Diogenes,« ſagte er,„ſuchte lange einen Menſchen und die Geſchichte ſagt uns nicht, daß er ihn auch gefunden. Ich bin glücklicher geweſen als er. Ich habe gefunden was ich ſuchte, wenigſtens hoffe ich es. Miß Suſanne, hat euer Bruder Euch ſchon einige Worte in Bezug auf den Gegenſtand meines Beſuches bei Euch mitgetheilt?“ „Ja, mein Herr. Fitzgerald hat mit mir ſo eben davon geſprochen, aber auf ſo allgemeine Weiſe, daß ich Euch bitten muß, etwas näher in die Einzelnheiten der Sache einzu⸗ gehen. „Das werde ich auch thun. Vorher aber laſſet mich eine Frage an Euch richten. Wie kurz euer Bruder ſich auch gefaßt haben mag, Miß, ſo beſitzet Ihr doch zu viel Scharfſinn, um nicht ſofort die Rolle begriffen zu haben, welche ich Euch zuzu⸗ theilen gedenke.— Vor allen Dingen antwortet mir: Sagt Euch dieſelbe zu?* „Ob ſie mir zuſagt!« rief Perch Kirke's Opfer.„Sie ſagt mir in ſo hohem Grade zu, mein Herr, daß ich mir ſie ſelbſt angemaßt haben würde, wenn ſie mir nicht angeboten worden wäre.« Bei dieſem Ausbruche, der aus Suſannens innerſtem Herzen kam, empfand Dykwelt eine Freude, die er kaum zu verbergen vermochte. „Ha!« dachte er,»ich hatte mich alſo nicht getäuſcht. Zu ſo viel ſeltenen Bedingungen des Gelingens geſellte ſich alſo auch noch ein gieriger Wunſch nach Rache. Das iſt be⸗ wundernswürdig!* Dann erhob er die Stimme und ſagte: „Habt Ihr auch dieſe Rolle wohl erfaßt— in ihrer ganzen Größe? in ihrer ganzen Macht?“ 94 »Ich verſtehe ihre Tragweite vollkommen, mein Herr, aber ich fühle, daß ich in Bezug auf alles, was ſo verwickelte Einzelnheiten betrifft, nähere Inſtructionen bedarf.« »Nun, ſo ſchenket mir einen Augenblick lang eure Auf⸗ merkſamkeit und Ihr werdet ſofort einſehen, wie einfach die Mittel ſind, die Ihr anzuwenden haben werdet, um das große Reſultat herbeiführen zu helfen, nach welchem wir ver⸗ eint ſtreben. Wenn wir einen andern Monarchen als Se. Majeſtät König Jacob II. vor uns hätten, ſo geſtehe ich, daß der einzuſchlagende Weg weit ſchwieriger und ermüdender ſehn würde. Mit dieſem Manne aber iſt die Sache ein Kinderſpiel. Sein vollſtändiger Charakter iſt gegeben, und die Handlun⸗ gen, welche ganz natürlich daraus hervorgehen, werden von ſelbſt unſern Wünſchen entgegenkommen. Die Siege, die er in Schottland und in den weſtlichen Grafſchaften errungen, be⸗ rauſchen ihn ſchon und werden ihn bald ganz den Kopf ver⸗ lieren machen. Der Herzog von Monmouth und der Grafvon Argyle hatten die Waffen ganz beſonders gegen die Religion des Landes und gegen die Jacobs von York ergriffen. Indem er über ſie triumphirt hat, iſt Se. Majeſtät überzeugt, daß er über die proteſtantiſche Religion triumphirt hat. Er glaubt ſich jetzt ſtärker als die Geſetze, welche England regieren, unddenkt ſchon darüber nach, wie er ſie eines nach dem andern verle⸗ tzen will, um an ihre Stelle ſein Gutdünken und ſeine Reli⸗ gion zu ſetzen. Dieſer verhängnißvolle Weg iſt es, auf welchem man ihn unaufhörlich weiter zu drängen ſuchen muß.« Dykwelt bemerkte einen leichten Ausdruck von Erſtaunen in Suſannens Miene. Er ſchwieg deshalb einen Augenblick, betrachtete lächelnd die junge Irländerin und hob nach einer kurzen Pauſe wieder an: * 95 „Die Mittel, welche wir haben werden, um dieſes Ziel zu erreichen, werden Euch, Miß, wie ich mir wohl denken kann, vor der Hand noch nicht ſogleich einleuchten, obſchon Ihr bereits recht wohl begreifen werdet, daß Ihr in Folge der Vermittlung des Pagen Chiffinch auf gewiſſe Entſcheidungen des Königs nicht ohne Einfluß ſeyn könnt. Dies iſt aber von allen euren künftigen Mitteln zum Gelingen das am wenigſten große. Ich trage kein Bedenken, Euch zu erklären, daß euer Verhältniß zu dem erſten Pagen des Königs die erſte Urſache iſt, welche mich bewogen hat, an Euch zu denken. Dennoch aber füge ich hinzu, daß, wenn ich nicht noch andere Garan⸗ tien des Erfolgs in eurer Schönheit, in eurem Charakter, in eurem Geiſte gefunden hätte, ich mich dafür entſchieden haben würve, mich an Jemand anders zu wenden. Was ich von Euch und den Mitteln, die ich Euch in die Hände geben werde, er⸗ warte, werde ich Euch ſogleich ſagen, Ihr müßt aber vorher auf genaue Weiſe die Fehler kennen lernen, welche man Jacob II. einen nach dem andern begehen laſſen muß und zu welchen er ſchon allzu geneigt iſt. Es wird Euch bekannt ſeyn, Miß Suſanne, daß, als vor zehn oder zwölf Jahren die engliſche Nation zu fürchten begann, daß der Herzog von York in Folge des Mangels von legitimen Kindern ſeines Bruders des Königs Carl II., auf den Thron gelangen möchte, man hauptſächlich gegen dieſen Herzog von York das berühmte Geſetz zu Stande brachte, welches unter dem Namen der Teſtacte bekannt war und welches jedem öffentlichen Beamten, Civiliſten ſowohl als Militär, ſo wie auch Jedem, der engliſcher Bürger werden wollte, die Verpflichtung auf⸗ legte, der herrſchenden Landesreligion den Eid der Treue und unverbrüchlichen Anhänglichkeit zu leiſten. Ihr wißt auch, daß 96 der Herzog von York und andere Katholiken welche damals hohe Staatsämter bekleideten, genöthigt waren, dieſelben nie⸗ derzulegen. Der Bruder des Königs mußte ſeiner Würde als Großadmiral entſagen und that es mit Zähneknirſchen. Ihr könnt Euch denken, wie ſehr er dieſes Geſetz, welches vor allen Dingen ihn und mit ihm ſeine Glaubensgenoſſen traf, verab⸗ ſcheuet und wie gern er es aufheben möchte. Und er muß es aufheben, Miß Suſanne, er muß wenigſtens beginnen, unauf⸗ hörliche Angriffe darauf zu machen, indem er zu den bürgerli⸗ chen und militäriſchen Aemtern eine Menge Katholiken ernennt, die er von dem durch die Verfaſſung und die Geſetze Groß⸗ britanniens verlangten Eide dispenſiren wird. Dies wird ein erſtes und ſicheres Mittel ſeyn, um in den Maſſen des Volkes. im Unterhauſe und ſelbſt im Oberhauſe eine gewaltige Aufre⸗ gung hervorzurufen. Und bemerket wohl, daß dies auch die Maßregel ſeyn wird, deren Annahme die geringſte Schwierigkeit darbietet. »Allerdings halten ſich die vornehmſten Katholiken, die früher durch die Teſtacte getroffen worden ſind, glücklicherweiſe entfernt. Zwar ſind William Herbert, der Graf von Powis und John Lord Bellaſyſe, beide Anführer der katholiſchen Ariſtokratie, der Meinung, daß ſie, wenn ſie vorzeitig verſuchen wollten, ſich in den Cabinetsrath und in das Oberhaus einzu⸗ drängen, ihre Schlöſſer und ihr Vermögen aufs Spiel ſetzen würden. Dieſen zollt der Papſt Innocenz XI. unverhohlen Bei⸗ fall. Es gibt aber auch noch Andere, welche, durch die Agen⸗ ten der mächtigen Geſellſchaft der Jeſuiten angetrieben und in deren Herzen noch die Erinnerung an frühere Wunden lebt, den König Jacob unaufhörlich mit ihren grimmigen Beſchwer⸗ den belagern. Da ſie nichts zu verlieren haben, ſo machen ſie — 97 ſich nichts daraus, wenn ſie nicht reuſſiren Alles mit ſich zu⸗ gleich über den Haufen werfen, wogegen ſie, wenn das Glück ſich für ſie entſcheidet, die höchſten Staatswürden zu erobern und zu behalten gedenken, während ſie zugleich mit dem von dem Geſetze geforderten Schwure verſchont bleiben. »Zu dieſer Zahl gehören der Graf von Caſtelmaine, Gemal des ſchamloſeſten Weibes in der ganzen Chriſtenheit, der Herzogin von Cleveland,— Mhlord Dower, der Marquis von Albeville und der Graf von Threconnell. Dieſe vier Männer ſind es ganz beſonders, welche man in die einflußreichſten Stellungen bringen muß, worüber der König Jacob verfügen kann. Jeder dieſer glühenden Feinde der engliſchen Kirche und Freiheiten muß bald einen hervorragenden Poſten einnehmen, wo er dem, der ihm denſelben verliehen hat, ein nicht wieder gut zu machendes Uebel zufügen kann Threconnell muß Vice⸗ könig von Irland und Caſtlemaine Geſandter in Rom werden.* »Geſandter in Rom?s fragte Suſanne mit dem größ⸗ ten Erſtaunen. »Ja, und eine officielle, koſtſpielige, prachtentwickelnde Geſandtſchaft muß es ſeyn welche jedem wahrhaft engliſchen Munde ein Wuthgeſchrei entlockt, beſonders wenn man er⸗ fährt, daß ſie den Zweck hat, den Cardinalshut für den Beichtvater des Königs zu erlangen. Wir werden ſpäter Sorge tragen über dieſe Geſandtſchaft einen ganz ausgezeich⸗ neten Bericht zu erſtatten und das demſelben beizugebende Ti⸗ telbild wird den engliſchen Geſandten vorſtellen, wie er demü⸗ thig auf den Knien liegt und das Maulthier des Papſtes küßt. Wenn dieſes Bild nicht das ganze vereinigte König⸗ Der Tiger von Tanger. VI. 7 reich zur Wuth aufſtachelt, dann ſollt Ihr mich nennen wie Ihr wollt.« Dykvelt machte, wie mit ſich ſelbſt zufrieden, eine kurze Pauſe und hob dann wieder an: „Später werden wir ſehen wozu man Dower und Al⸗ beville gebrauchen kann. Doch da fällt mir ein— dieſen Letz⸗ teren kann man ja gleich an Skelton's Stelle als Geſandten nach Holland ſchicken. Während man auf dieſe Weiſe dieſe von der Nation verabſcheuten Papiſten anſtellt, muß jeder gute und ehrliche proteſtantiſche Beamte abgeſetzt werden. Jacob II. muß noch mehr katholiſche Capellen bauen; er muß fertige dergleichen der anglikaniſchen Geiſtlichkeit abnehmen, um ſie den römiſchen Prieſtern zu geben. Dies iſt aber noch nicht Alles. Die Habeascorpusacte, dieſes koſtbare Bollwerk der perſönlichen Freiheit, muß er auch mit Füßen treten. Er muß das ſtehende Heer fortwährend vermehren. Die Solda⸗ ten, mit welchen er ſich umgeben wird werden nur für ihn furchtbar ſehn, und die ungeheuren Summen, die er genöthigt werden wird, zu ihrem Unterhalt von dem Parlament zu ver⸗ langen, werden den Haß des engliſchen Volkes gegen ihn fort⸗ während entzünden und nähren. Es iſt nicht nöthig, ihn zu noch abſcheulicheren Grauſamkeiten gegen die armen Bewoh⸗ ner der weſtlichen Grafſchaften anzureizen, denn dazu iſt er leider ſchon allzu ſehr geneigt. Sobald er den Oberbefehl über die Truppen dem Generalmajor Percy Kirke überträgt, ſobald George Zeffreys morgen ſeine richterliche Rundreiſe in jenen unglücklichen Gegenden antritt, kann man überzeugt ſeyn, daß die Sachen nichts mehr zu wünſchen übrig laſſen werden. Jeffreyhs muß aber auch noch zum Großkanzler von England gemacht werden. Ich kenne kein wirkſameres Mittel, um die Sachen aufs Aeßerſte zu treiben.« Der holländiſche Diplomat ſchwieg plötzlich und ſah Suſanne mit größerer Aufmerkſamkeit an, als er bis jetzt gethan. „Verſteht Ihr, Miß Suſanne,« ſagte er,„alle Einzeln⸗ heiten des ſchwierigen Unternehmens, deſſen Führung Euch zum Theil anvertraut iſt?* „Ich habe bis jetzt meine Ernſthaftigkeit bewahrt, mein Herr,« antwortete die Irländerin,„und ich bewahre ſie noch. 1 Glaubet jedoch nicht, daß es ohne Mühe geſchehe. Ich geſtehe, daß ich, während Ihr ſprechet, gern mehr als einmal gelacht hätte, wenn ich nicht daran gewöhnt wäre, alle Perſonen, welchen Fitzgerald mein geliebter Bruder, ſeine Achtung 11 ſchenkt, ebenfalls mit Ehrerbietung zu betrachten. Aber ich bitte Euch, laßt mich Euch fragen, ob Ihr nicht eines armen Mädchens ſpottet, welches durch das Unglück allerdings eine für ihre Jahre ungewöhnliche Reife des Verſtandes haben mag, die aber ſicherlich nicht im Stande iſt, auch nur den hundert⸗ ſten Theil der ſchönen Dinge auszuführen, welche Ihr von ihr verlangt.“ „Suſanne,« unterbrach ſie Fitzgerald,»ſey ſo gut, Mr. Dykvelt ausreden zu laſſen, und halte weder ihn für einen 4 Narren, noch mich für einen Dummkopf.“ l„Sprecht weiter, mein Herr,« ſagte Suſanne zu Dhk⸗ t, velt,„ich werde Euch nicht wieder unterbrechen.« ſe„Miß Suſanne,« fuhr der geheime Agent Wilhelms von Oranien und ſeines vertrauten Rathgebers Gilbert Burnet n fort,„Miß Suſanne, weit entfernt Euch wegen deſſen, was n Ihr ſoeben geſagt zu tadeln, ſchenke ich Euch im Gegentheil Beifall. Es überzeugt mich dies immer mehr und mehr, daß 6 100 die hohe Meinung, die ich mir von Euch gebildet, auf einer feſten Grundlage beruht. Die Klarheit und die Richtigkeit eures Blickes haben für mich einen größeren Reiz als eure Schönheit. Ja, Ihr ſeyd in der That das Genie, welches bei einem ſolchen Project nothwendig iſt. Es handelt ſich nun nur noch darum, Miß Suſanne, Euch die Mittel in die Hände zu geben, deren Ihr bedürft, um dieſes Project bis in ſeine geringſten Einzelnheiten auszuführen. Erſtens müßt Ihr die⸗ ſes Haus verlaſſen, welches für Euch fortan zu beſcheiden iſt. Ihr werdet ein bequemeres Hotel in Soho⸗Fields bewohnen, welches ſoeben einem Anhänger Monmouth's mit ſeinen übri⸗ gen Beſitzungen confiscirt worden iſt.« „In Soho⸗Fields, ſagt Ihr?s rief Suſanne mit beweg⸗ ter Stimme.„In Soho⸗Fields? Wem hat dieſes Hotel denn gehört?* „Sir Charles Murray.« „Und dieſes Haus will man mir geben? „Ja, Miß Suſanne.* „Niemals, niemals!« murmelte die Irländerin mit dumpfer Stimme.„Niemals werde ich dieſes Haus an⸗ nehmen.* „Aber warum nicht? Es iſt ſehr gut eingerichtet, es iſt ſogar ſehr ſchön, die Gärten ſind die prächtigſten, die es in London gibt. Ihr könnt dort auf glänzende Weiſe alle Perſo⸗ nen empfangen, an deren Bekanntſchaft Euch liegen wird.« Dykvelt hätte noch lange ſprechen können— Suſanne hörte ihn nicht mehr. Der Name Soho⸗Fields und Sir Char⸗ les Murray hatten in ihr eine Menge peinlicher Erinnerungen erweckt. Ihr Auge war ſtarr, ihre Lippen bewegten ſich, brachten aber kein Wort hervor.* 101 Dieſer Zuſtand dauerte indeſſen nicht lange. Plötzlich ſchüttelte ſie den ſchönen Kopf, fuhr ſich mit der Hand über die Stirn und richtete auf Mr. Dhkvelt einen Blick, der gleichzeitig mit ihrem Munde fragte: „Und dieſes ſchöne Haus gebt Ihr mir zum Eigen⸗ thum?« Dykvelt irrte ſich in dem Beweggrunde zu dieſer Frage vollſtändig. Ein kaum bemerkbares Lächeln umſpielte ſeine Lippen. „Ha, um ſo beſſer!“ dachte er.»Sie iſt eigennützig. Ganz gewiß iſt es ein Fund ohne Gleichen, den ich da ge⸗ macht habe.* Dann erhob er die Stimme und ſagte: „Allerdings wird man es Euch als Eigenthum geben.« „Ich nehme es anl« rief Suſanne mit freudeſtrahlen⸗ dem Blick. „Aber dies iſt bei Weitem noch nicht Alles,« fuhr Dyk⸗ velt fort.„Um ein großes Haus zu führen, um viel Geſell⸗ ſchaft, und zwar eine oft ziemlich difficile, zu empfangen, müßt Ihr Geld und zwar viel Geld haben. Ich werde Euch alle Monate tauſend Pfund Sterling zuſtellen oder zuſtellen laſſen. Wenn dies nicht langt, ſo wird man die Summe vermehren. Erlaubt mir indeſſen, Euch zu ſagen Miß Suſanne, auch dies iſt noch nicht Alles, und mit einem Hotel und ſchönen Renten ſind wir erſt auf der Hälfte des Weges angelangt— Ihr müßt nun auch einen Namen haben— Ihr müßt Euch vermälen.* „Aber wozu?« wendete die Irländerin lebhaft ein; „warum ſoll ich mich vermälen? Darauf rechnet nicht! Wenn 102 ich frei herausſprechen ſoll, ſo glaube ich, daß Ihr eine glück⸗ liche Hand hattet, als eure Wahl zur Ausführung eurer gro⸗ ßen Pläne auf mich fiel. Aber laßt mich Euch es ſagen, wählt ein anderes Werkzeug, wenn meine Vermälung eine unerläß⸗ liche Bedingung iſt.* Fitzgerald näherte ſich ſeiner Schweſter, faßte ſie bei den Händen und zog ſie in eine Fenſterbrüſtung. »Du wirſt Dich vermälen, Suſanne,« ſagte er in ſchmei⸗ chelndem Tone zu ihr„Du wirſt Dich vermälen, wenn Dir an unſerer doppelten Rache liegt. Du wirſt Dich vermälen, wäre es auch blos um der Form willen— um einen Namen, einen Titel zu haben. Und wenn Du deinen künftigen Gatten kennen wirſt, ſo bin ich überzeugt, daß Dir vor dieſer Heirath nicht mehr bange ſeyn wird. v „In der That, Du ſetzeſt mich in Erſtaunen, Fitzgerald! Was ſoll dieſe ſeltſame Miene bedeuten? Wer iſt denn der Gatte, den man mir zu geben gedenkt?s „Ich bin nicht beauftragt, es Dir zu ſagen, liebe Su⸗ ſanne. Er wird ſich von ſelbſt vorſtellen. Weiſe ihn nicht ab geliebte Schweſter, wenn Du nicht deinen armen Fitzgerald ſehr unglücklich machen willſt. Ha, ich ſehe ſchon, was in Dir vorgeht! Wie, Suſanne, kannſt Du noch eine ſo thörichte Hoffnung bewahren? Sagteſt Du nicht ſoeben ſelbſt—6 »Schweig, ſchweig, Fitzgerald! Du brauchſt mir nicht zu wiederholen, was ich ſage, ich weiß es leider nur zu gut!“ »Bedenke, Suſanne, daß Du, wenn Du Macht erlangſt, in einem gegebenen Augenblick Lord Henry auf weit wirkſa⸗ mere Weiſe zu Hilfe kommen kannſt, als Du es heute könnteſt.« 103 „Dieſe Heirath wird mir alſo Macht in die Hände ge⸗ ben, Fitzgerald und Du haſt mir geſagt daß ſie blos um der Form willen vollzogen werden würde?s „Alles, was ich geſagt habe, ſage ich nochmals, meine Schweſter.* „Wohlan, Fitzgerald, ich ſage nicht Ja, aber auch nicht Nein.* Der Irländer verließ Suſannen, näherte ſich Dykvelt und ſagte: »Sie willigt ein.* „Nun, dann iſt Alles abgemacht und der Vertrag zwi⸗ ſchen uns unterzeichnet,« ſagte der Holländer zu Suſannen. Dieſe rüttelte ſich aus den tiefen Betrachtungen auf, in welche ſie verſunken war, und murmelte: „Ja, mein Herr, und hier iſt meine Hand zum Pfande.* Dykvelt ergriff Suſannens Hand und drückte einen Kuß darauf. „Auf ihr,« ſagte er,„ruhen die Geſchicke einer großen Revolution.* Dann verließ er, von Fitzgerald begleitet, das Haus. Noch waren nicht fünf Minuten vergangen, als Chif⸗ finch in das Zimmer trat, in welchem Suſanne, den Kopf in die Hände ſtützend, ſitzen geblieben war. Der erſte Page Ja⸗ cobs II. ſchien ſeine Traurigkeit und ſeine düſteren Gedanken verbannt zu haben. Seine Augen ſtrahlten von Freude, ein triumphirendes Lächeln umſpielte ſeine Lippen und ſein Gang war wie früher leicht und ungezwungen. Er näherte ſich Suſannen, die von dieſer ſo radicalen Veränderung höchlich betroffen war, und faßte ihre Hand mit 104 einer Keckheit, die ſchon ſeit langer Zeit nicht mehr zu ſeinen Gewohnheiten gehörte. »Ihr ſeht in mir, Suſanne,« ſagte er,„den glücklichſten aller Menſchen, wenn Ihr nemlich eben ſo großmüthig ſehd als Se. Majeſtät König Jacob II. Denkt Euch, daß der König mir ein Hotel ſchenkt, welches in Soho⸗Fields ſteht und einem der Anführer des Aufſtandes im Weſten abgenommen worden iſt, daß er mir den Titel Esquire verleiht und, um ſeiner Gnade die Krone aufzuſetzen, mir erlaubt, Euch meine Hand zu bie⸗ ten. Ich komme deswegen ſofort herbeigeeilt, Suſanne, um Vermögen, Titel und mich ſelbſt zu euren Füßen niederzule⸗ gen. Wollt Ihr den Mann, den Ihr als Geliebten ſtets zu⸗ rückgewieſen, zum Gatten annehmen?« Suſanne ſtand auf und ſagte: »Ja, Mr. Chiffinch.* Der vetrliebte Page ſank auf die Knie nieder, erfüllt von einer Freude, die an Wahnſinn grenzte. VMI. Die hinrichtung. Dinſtag, am 15 Juli 1685, wenige Minuten vor zehn Uhr Vormittags, wendete eine unzählige in den Straßen beiſammenſtehende. an den Fenſtern hängende, auf den Dächern der in der Nähe des Tower von London ſtehenden Häuſer ſitzen⸗ de Menſchenmenge ihre zweihunderttauſend Augen auf ein Ge⸗ rüſt, welches mitten auf dem zu dieſem blutigen Zwecke beſtimm⸗ ten Platze aufgeſchlagen war. Dieſes von den Soldaten, welche die Beſatzung der alten Feſtung bildeten, umgebene Schaffot war das, welches der Beſiegte von Sedgemoore beſteigen ſollte. Die neugierige Menge erwartete von Augen⸗ zu Augen⸗ blick den Mann, den ſie als den Märtyrer der proteſtantiſchen Religion betrachtete, und viele mit Thränen benetzte Geſichter verriethen, wie ſehr dieſes Volk den»guten Herzog« liebte, welcher der naiven Ueberzeugung dieſer Leute gemäß für ihre Sache ſterben ſolite. Aber was waren dieſe Schmerzen im Vergleich zu denen, welche ſich in einem Zimmer des weißen Thurmes kundgaben, deſſen durcheinen Vorhang von grobemgrünen Stofffaſt ganz geſchloſ⸗ ſenes Fenſter ſich nur wenige Schritte von dem Schaffot und in derſelben Höhe wie der rothe Fußboden desſelben öffnete? 106 Welche Seele ward unter dieſem ganzen Ocean von Köpfen von ſo entſetzlichen Schlägen getroffen, wie die Henriettens, die ſich nur mit Hilfe von Suſannens Armen aufrecht zu erhal⸗ ten vermochte? „Muth, Mylady,« ſagte die Irländerin zu Lady Went⸗ worth.»Bedenket, daß Ihr die Erlöſung in euren Händen habt. Bedenket, daß einige Stunden, nachdem der Herzog den letzten Seufzer ausgehaucht hat, das Gift auch euren Qualen ein Ende gemacht haben wird!“ „Suſanne, meine Freundin, meine Schweſter,« mur⸗ melte Henriette,„wißt Ihr, weshalb ich ſo weine, ſo ächze und zittere?— Nein, nicht um des blutigen Todes meines geliebten James willen. Entſchloſſen zu ſterben, beſitze ich nicht mehr jene weibliche Furchtſamkeit, welche uus ſo oft zwingt, vor dem Blitzen des Henkerbeils die Augen zu verſchließen. Meine ganze Seele würde in der jetzigen Stunde unerſchrocken und unverzagt ſeyn, wenn ich gewiß wüßte, daß Monmouth muthig ſterben wird.“ „Wie, Mylady, höret Ihr nicht in Euch jene Stimme, welche mir zuruft: Er wird ſterben wie ein König und wir werden einem unausſprechlich erhabenen Schauſpiel bei⸗ wohnenl* Lady Wentworth ſchlang ihre beiden Arme um Suſan⸗ nens Hals und drückte einen glühenden Kuß auf ihre Stirn. „Dank, o meine begeiſterte Tröſterin!« rief ſie mit plötz⸗ lich überwallendem Herzen,»Dank für eure edlen Worte, Dank für euern Glauben! Dennoch aber glaubet mir, ſelbſt wenn er als Feigling ſterben ſollte, werde ich doch nicht auf⸗ hören, ihn zu lieben.— Nein, nein, meine Liebe würde ſtär⸗ ker ſeyn als ſeine Schmach. Aber welchen Dank würde ich 107 Dir, mein Gott, in einem einzigen Wort, in einer einzigen Geberde ſingen, wenn Monmouth als Held ſtürbe!⸗ In dieſem Augenblick erhob ſich ein gewaltiges Brauſen. Es war ein dumpfes, heiſeres Murmeln des Fluches und der Verwünſchung, welches aus dem Schooß der unzähligen Men⸗ ſchenmenge von dem Straßenpflaſter bis zu den Dächern em⸗ por grollte. Die beiden Frauen ſchauten bebend hinaus. „Es iſt der Henker!« ſtammelte Henriette, deren blaue Lippen zu zittern begannen. „Es iſt Jack Ketch,« ſagte Suſanne.»Welche Rache haͤuft dieſer Mann auf Jacob von York und au Jeffreys! Und welch ein entſetzlicher Tag für ſie, wenn der Sturm des Haſſes ſich auf ihre fluchbeladenen Häupter entladen wird!« Der Beſieger Roſe's hatte in der That ſo eben das Ge rüſt des Todes betreten. Den linken Arm auf den Rücken le⸗ gend, wie der farneſiſche Herkules die rechte Hand auf den Stiel ſeines Beiles ſtützend, deſſen Eiſen auf dem Block ruhie, den Kopf emporgerichtet, bot Keich ſtolz und frech ſein häßli⸗ ches, widerwärtiges Antlitz den Blicken der Menge dar. Die Uhr des Tower ſchlug die zehnte Stunde. Aller Blicke wendeten ſich mit Abſcheu von dem Nachrichter hinweg und richteten ſich thränenvoll auf einen Wagen, der ſo eben einige Schritte von dem Schaffot Halt gemacht hatte und an deſſen Schlage der Doctor Hutchins und der Lieutenant des Staatsgefängniſſes einherſchritten. Drei Geiſtliche, drei Würdenträger der proteſtantiſchen Kirche Englands, ſtiegen zuerſt aus dem Wagen. Es waren Turner, Biſchof von Ely, Ken, Biſchof von Bath, und der Doctor Tennyſon, Vicar des Kirchſpiels von St. Martin. 108 Endlich erſchien auch der Herzog, und ſein Blick, der ſich ſofort nach dem Fenſter des Gefängniſſes richtete, in welchem Thomas Wentworth, Graf von Strafford, eingeſperrt gewe⸗ ſen, begegnete dem Blick Henriettens, die jetzt ſo nahe bei ihm war und ihr Geſicht dicht an die eiſernen Gitterſtäbe drückte. Was die beiden Liebenden ſich in dieſem raſchen Blicke ſagten, welche Fülle von Liebe und Gedanken, Schmerz und Boffnung ſie austauſchten, läßt ſich nicht in Worte faſſen. »Ha, Suſanne,« murmelte Lady Wentworth, ohne die Augen von Monmouth abzuwenden, welcher mit ſicherem Schritt ſich dem Blutgerüſt näherte,„nun bin ich ruhig. Er wird einen heldenmüthigen Tod ſterben, der durch nichts ge⸗ ſtört werden kann. Wie Recht hattet Ihr, meine edle Freundin! ia, ja, wir werden einem edlen Schauſpiel beiwohnen. Se⸗ het, wie er lächelnd die Soldaten begrüßt, welche das Gerüſt beſetzt halten. Sehet, mit wie feſtem Fuße er die Stufen hin⸗ aufſteigt, welche ihn dem Tode nähern, ohne daß er, wie ich fürchtete, auf denſelben ſtrauchelte. Hört Ihr das Seußen und Schluchzen des Volkes, welches bis zu uns dringt? Ach⸗ Suſanne, das iſt ein Ton, welcher viele Klagen ſtillt, und zahl⸗ reiche und große Opfer als eine Kleinigkeit betrachten lehrt. Doch er gibt zu verſtehen, daß er ſprechen will. Hören wir, Suſanne. Hören wir, was er ſagen will.« Henriette hatte ſich nicht geirrt. Der Herzog von Mon⸗ mouth wendete, in einfacher, aber dennoch ſtolzer Haltung auf dem Schaffot ſtehend, den dreiGeiſtlichen, welche mit ihm das verhängnißvolle Gerüſt erſtiegen hatten, den Rücken, ſo daß er dem Volke das Geſicht und dem Fenſter des weißen Thurmes das Profil zukehrte. ———— — 109 „Ich werde nur einige Worte ſprechen,« rief er.»Ich bin nicht hierhergekommen, um zu ſprechen, ſondern um zu ſterben. Ich ſterbe als Proteſtant und treuer Anhänger der anglikaniſchen Kirche.* »Ich muß mir erlauben, Euch eine Bemerkung zu ma⸗ chen, mein lieber Sohn,« unterbrach ihn Turner;»Niemand — Ihr wißt dies wohl— Niemand, welcher nicht anerkennt, daß jeder Widerſtand gegen den König ſtrafbar iſt, kann als Mitglied der anglikaniſchen Kirche betrachtet werden.« „Ihr wiſſet, mein Vater,« entgegnete der Verurtheilte mit großer Ruhe,„daß wir uns hierüber eben ſo wenig ver⸗ ſtändigen werden, als über die Frage meiner Liebe zu Lady Henriette Wentworth. Ja, ich werde ſie lieben bis zu meinem letzten Seufzer, und ich würde glauben, eine abſcheuliche Feig⸗ heit zu begehen, wenn ich nicht vor meinem Tode die Gefühle ausſpräche, von welchen mein Herz erfüllt iſt.« „Mein guter, mein edler James!« ſagte Henriette leiſe. »Ach, wie unwürdig bin ich Deiner, ich die ich an deinem Muthe zweifelte!« Mittlerweile hatten die Biſchöſe den Herzog von Mon⸗ mouth abermals unterbrochen und das Volk, welches dieſem blutigen Drama beiwohnte, ſah jetzt einen Auftritt, der noch nie auf einem Schaffot vorgekommen war und ſich auch nicht wieder erneuern ſollte— einen Auftritt den man unmöglich glauben würde, wenn nicht alle Geſchichtſchreiber der dama⸗ ligen Zeit uns die ſeltſamen und entſetzlichen Einzelnheiten desſelben übereinſtimmend überliefert hätten. »Denket, gnädigſter Herr,« ſagte Ken,„denket an den feierlichen Augenblick, der Euch bevorſteht, und beleidigt die Majeſtät desſelben nicht durch unpaſſende Reden.« 110 „Ich glaube nicht, Mylord,« antwortete der Verur⸗ theilte mit heiterem Antlitz,„daß der Ausdruck einer Liebe wie der meinigen ſelbſt in einem ſolchen Augenblick und an einem ſolchen Orte unzeitig ſeyn könne. Iſt die Liebe nicht ſtärker als der Tod?« »Schweiget, gnädigſter Herr,« rief Turner:„ſolche Worte dürfen wir nicht anhören. Hoͤret auf, dergleichen Grundſätze auszuſprechen, welche von allen Religionen und von jeder Moral mit gleichem Abſcheu verworfen werden. Um ein von Gott und ſeinen heiligen Propheten ver⸗ fluchtes Verbrechen auf dieſe Weiſe zu rühmen, müßt Ihr den Verſtand verloren haben, noch ehe euer Kopf gefallen iſt, und Ihr wuͤrdet verdienen, daß er fällt, ſelbſt dann, wenn alle eure andern Verbrechen durch die Barmherzigkeit Gottes und die Gnade des Königs verziehen würden.« »Lady Wentworth—« wollte Monmouth antworten. »Schweigt, ſage ich Euch! Es iſt dies ein unerträgli⸗ ches Aergerniß, welches Ihr da gebet und wir können es nicht länger dulden,« unterbrach ihn der Biſchof von Ely im Tone der Entrüſtung.»Lady Wentworth, gnädigſter Herr, iſt eine Seele, die Ihr ins Verderben geſtürzt habt.« »Ha, Suſanne, ruft doch dieſem ſtrengen Prälaten zu, daß James mich gerettet hat,« murmelte Henriette. »Und ſie iſt nicht die Einzige, ie Ihr in ewiges Unglück geſtürzt habt, fuhr Turner fort.„Wie viele andere Seelen, unter denen jene eifrigen Anhänger, welche Euch auf das Schlachtfeld gefolgt ſind, find, ohne daß ſie es erwarteten, in die furchtbaren Hände des lebendigen Gottes gefallen! Zittert Ihr nicht, wenn Ihr an die furchtbare Rechenſchaft denkt, welche ſie zu geben haben, ohne darauf vorbereitet zu ſehn?« ——— ————— 111 Monmouth ſenkte das Haupt und ſein Geſicht nahm den Ausdruck tiefer Trauer an. »Leider ja,« ſagte er mit matter Stimme,„und meine Seele iſt erfüllt von Schmerz darüber. s »Beten wir denn für ſie, fuhr der Biſchof von Ely fort. Alle, welche auf dem verhängnißvollen Gerüſt ſtanden, mit Ausnahme des Nachrichters Ketch, machten es wie Tur⸗ ner und beteten einige Augenblicke lang mit Inbrunſt und Sammlung. „Und jetzt,« fuhr der Prälat fort,„rufen wir auf Se. Majeſtät den König Jacob II. den Segen Gottes herab.« Der Verurtheilte, welcher bis jetzt ſein Gebet mit dem der Prieſter vereinigt hatte, ſchwieg und wendete das Ge⸗ ſicht ab. „Wollt Ihr nicht, mein Sohn, mit uns für den König beten?“ fragte ihn der ehrwürdige Vicar von St. Martin. »Das iſt die Stunde des Pardons,« murmelte Lady Wentworth;»wie glücklich wäre ich, wenn Monmouth ſie verſtünde!« Der Herzog hatte anfangs dem Doctor Tennyſon nicht geantwortet. Er war in Gedanken verſunken und es war klar, daß widerſtreitende Gefühle in ſeiner Seele einen heſti⸗ gen Kampf mit einander beſtanden. »Ich habe Euch gefragt, mein theurer Sohn,s hob in ſanftem Ton der gute Vicar wieder an,„ob Ihr nicht mit uns den himmliſchen Segen auf den König, euren Onkel, herab⸗ rufen wollt?« »Amen!“ antwortete der Verurtheilte mit gewaltiger Selbſtüberwindung. 112 »Um das Erbarmen Gottes auf Euch herabzuflehen, mein Sohn,“ fuhr Tennhſon fort, vrichtet einige Worte an die Soldaten und an das Volk über die Pflicht des Gehor⸗ ſams gegen die Regierung.« „Das verlanget nicht von mir, mein Vater,* antwortete Monmouth.»Ich mag keine Rede halten.* „Sagt nur einige Worte.« Der Herzog wendete ſich ab, ohne zu antworten, und näherte ſich dem Gouverneur des Tower. »Mein Herrs ſagte er zu dieſem,„der Doctor Hut⸗ chins, der mich während meiner kurzen Gefangenſchaft bei Euch ärztlich behandelt hat, iſt ſo freundlich geweſen, mich auch bis an dieſes Schaffot zu begleiten. Ich möchte mich für dieſe Hingebung dankbar beweiſen und bitte Euch, ihn zu mir herauftommen zu laſſen.* Hutchins ward ſofort durch den Gouverneur gerufen und ſtand einen Augenblick ſpäter vor dem Prinzen. Dieſer nahm eine goldene Kette, an welcher ein kleines Kreuz von demſelben Metall hing, vom Halſe und legte ſie in die Hände des Arztes. „Gebt ſie der bewußten Perſon,« ſagte er leiſe. „Ihr werdet ſie mir nach meinem Tode umhängen, Su⸗ ſanne,« murmelte Lady Wentworth der Irländerin ins Ohr, vund mich damit begraben laſſen, nicht wahr?“ „Ich verſpreche es Euch, Mylady.« Während Hutchins, nachdem er ſich tief verneigt, ſich von Monmouth entfernte, näherte dieſer ſich dem Nachrichter. »Hier habt Ihr ſechs Guineen,« ſagte er in ruhigem Tone, indem er ihm eine kleine Börſe einhändigte,„ſehet zu, daß Ihr mich nicht ſo hinmetzelt, wie Lord Ruſſell. Ich habe 113 ſagen hören, daß Ihr drei⸗ oder viermal nach ihm geſchlagen habt. Ich habe Befehl hinterlaſſen, daß Ihr noch einige Goldſtücke bekommen ſollt, wenn Ihr euer Werk gut ver⸗ richtet.* Jack Ketch, welcher das Geſchenk des Prinzen mit ſiol⸗ zer, frecher Geberde in Empfang genommen, war unruhig geworden, ſo wie die furchtbaren Worte, die mit ſo wohlwol⸗ lender Miene an ihn gerichtet wurden, an ſein Ohr ſchlugen. »Der Sohn Carls II., der König Monmouth, verachtet mich,« dachte er, indem er die Arme über der Bruſt kreuzte und den Kopf ſenkte.„Er wirft mir dieſelbe Beleidigung ins Geſicht, wie Roſe. Er fürchtet, weil meine Hand einmal un⸗ ſicher geweſen iſt, daß ſie auch heute zittere. Ruſſell! Ruſſell! immer muß ich dieſelbe Beleidigung hören. Aber man ſoll nicht„Monmouth! Monmouth!« hinzufügen, denn jetzt wird meine Hand nicht zittern, man hat nicht alle Tage ſchwache Stunden.* Der Nachrichter faßte, indem er dies ſagte, den Stiel ſeines Beiles und ſchien verſuchen zu wollen, ob er es auch recht feſthalten und ſich ſeiner auf eine Art bedienen würde, welche des hohen Begriffs würdig wäre, den er ſich von ſeiner maestria machte. In dieſem Augenblick kehrte der Verurtheilte, welcher ſeinen Rock und ſeine Weſte ausgezogen, zu dem Nachrichter zurück, nahm ihm das Beil aus den Händen und fuhr mit dem Finger über die Schneide des Eiſens »Wißt Ihr auch gewiß, mein Freund, daß euer Beil gut geſchliffen iſt?s fragte er im ruhigſten Tone. Ketch's Blick war beinahe verſtört und er flüſterte in heiſerem, dumpfem Tone: Der Tiger von Tanger VI. 114 „Wenn ein Unglück geſchieht, ſo habt Ihr es nur Euch ſelbſt zuzuſchreiben, gnädigſter Herr.« „Ein Unglück? Was wollt Ihr damit ſagen?« »Nichts!« entgegnete mit düſterer Miene der Mörder Roſe's. „Wohlan,« ſetzte Monmouth hinzu,»Ihr müßt Muth faſſen, mein Freund, und eure Pflicht ſo gut als möglich thun.« Indem der Herzog dieſe Worte ſprach, kniete er nieder, warf noch einen letzten Blick auf das Fenſter des weißen Thur⸗ mes und legte ſein Haupt auf den Block. „Möge Gott eure Reue annehmen, gnädigſter Herr! möge Gott eure unvollkommene Reue annehmen!« riefen die Prälaten, indem ſie ſich einige Schritte von dem Henker und dem Delinquenten entfernten. „Gott möge unſere beiden Seelen aufnehmen!« ſagte Henriette, indem ſie das Giftfläſchchen an die Lippen ſetzte. Ein dumpfer Schlag dröhnte auf dem Block. Das Blut ſpritzte und ein lautes Geſchrei hallte von der Menge empor und übertäubte einen herzzerreißenden Ausruf, der aus dem Thurme kam. Der Herzog hatte den Kopf emporgerichtet und Jack Ketch bot, mit einem Fuße auf dem Block ſtehend, alle ſeine Kräfte auf, um das Eiſen des Beils aus dem Holze heraus⸗ zureißen, in welches es tief eingedrungen war. „O gnädigſter Herr,« ſagte er,„ſehet mich nicht mit dieſer vorwurfsvollen Miene an! Ihr bringt mich aus der Faſſung!« Der Verurtheilte ließ, ohne ein Wort zu ſprechen, ſeinen Kopf abermals auf den Block niederſinken und Ketch führte einen zweiten Streich ———— Der Kopf rollte nicht auf die Breter und der Körper fuhr fort ſich zu bewegen. *Ich habe dieſes erlöſende Gift bis auf den letzten Tro⸗- pfen getrunken und nun erbarme ſich Gott meiner Seelel« ſtammelte Lady Wentworth indem ſie ohnmächtig in Suſannens Arme ſank. Ketch, der wie von Sinnen war, hieb, während ihm der Schweiß vom Geſicht troff und ſeine Glieder zuckten wie die des halben Cadavers, den er gemacht, mit verſtörtem Blick immer und immer wieder auf den Hals, der ſich gleichwohl nicht vom Rumpfe trennte. Ein Geheul der Wuth und des Entſetzens erfüllte das ungeheure Amphitheater, auf welchem dieſer furchtbare Auf⸗ tritt ſtattfand. »Werft uns Ketch über das Geländer herunter!« ſchrien die Zuſchauer, welche dem Schaffot am nächſten ſtanden. Nun verlor der Henker vollends die Beſinnung. »Bei allen Teufeln!« rief er, indem er das Beil von ſich warf,„ich kann es nicht thun— ich habe nicht den Muth dazu.« »Nimm dein Beil, Elender!« rief ihm der Gouverneur des Tower zu,„und thue was deine Pflicht iſt.« Der Nachrichter gehorchte und noch zwei Hiebe trennten endlich den Kopf vom Rumpfe. Das Volk durchbrach ſchon von allen Seiten das von den Soldaten um das Schaffot ge⸗ bildete Spalier. „Zwanzig Mann,« ſagte der Gouverneur zu dem Offi⸗ zier, der ihm am nächſten ſtand,»zwanzig Mann ſollen den Nachrichter in die Mitte nehmen und ihn nach Hauſe escor⸗ tiren.* 116 »Ich habe nicht nöthig nach Hauſe zu gehen,« rief Ketch, der ſich mittlerweile wieder gefaßt hatte.»Man führe mich zu dem Lord Oberrichter, mit welchem ich in einer Stunde nach den weſtlichen Grafſchaften abreiſe.« Indem der Nachrichter dieſe Worte ſprach, entfernte er ſich, von ſeiner Escorte umgeben, von dem Tower, während Tauſende von Männern und Frauen aus dem Volke ſich her⸗ beidrängten, um ihre Tücher in das Blut des Märthrers ihres Glaubens zu tauchen. »Glaubt Ihr denn,« ſagte eine wackere Fiſchhändlerin zu dem Beſitzer der Brauerei zum„goldenen Hopfen,« indem ſie ihr von Monmouth's Blute getränktes Tuch zeigte,„glaubt Ihr denn, Jack Ketch habe aus Ungeſchicklichkeit oder zu ſeinem eigenen Vergnügen ſo gehandelt? Das glaubt ja nicht, lieber Nachbar! Begreift Ihr denn nicht, daß Mylord Jeffreys ihm befohlen hat, alles dies zu thun?« »Und wer hat Euch denn geſagt, daß ich das nicht be⸗ greife?« entgegnete der Brauer ein wenig verletzt.»Bin ich vielleicht dümmer oder blinder als andere Leute?« »Nein, das nicht, aber Ihr ſehet doch nicht Alles; Ihr wißt nicht Alles.* „Nun, was gibt es denn noch?« »Seht, Nachbar, eher will ich glauben, daß man Wall⸗ fiſche in den Gräben des Tower fangen kann, als ich mir den Glauben nehmen laſſe, daß Jacob der Papiſt hinter dieſer gan⸗ zen Schändlichkeit ſteckt.« »Na,« ſagte ein Gerbergeſell,„der König wird Jack Keich doch nicht umſonſt begnadigt haben!« »Er hat,“ ſetzte ein Fleiſchergeſell hinzu,„ihn nur un⸗ See ter der Bedingung begnadigt, daß er dem guten Herzog zehn Hiebe mit dem Beile verſetzte, ehe er ihn tödete.« »Na, was iſt da weiter dabei zu verwundern, wenn Einer einmal Godfroy umgebracht hatls ſetzte mit leiſer Stimme ein kleiner Tuchhändler aus der City hinzu. »Und wenn man Eſſex erdroſſelt hat.« »Und den König Carl II. vergiftet.« »Und London angezündet.« »Und wenn man keine beſſeren Freunde hat als Jeffrehs und Jack Ketch. Es wird noch ein ſchlechtes Ende nehmen. das werdet Ihr ſehen!« »Wer zuletzt lacht, lacht am beſten.« »Dieſer letzte Lacher wird aber Jacob nicht ſehn.« »Wer denn? Wißt Ihr es vielleicht?« »Ich, ich wette auf Wilhelm von Oranien. »Das iſt wahr— das wäre wenigſtens ein proteſtanti⸗ ſcher König, den wir da hätten. „Und ein ganz anderer König als dieſer Jacob.« »Er würde England nicht an Frankreich verkaufen.« »Warum geht Jacob nicht in ein Mönchskloſter? Da könnte er jeden Tag ſo viel Meſſen hören als er dem guten Herzog hat Beilhiebe geben laſſen.« Dergleichen Reden wurden in hundert Gruppen um das Schaffot herum gewechſelt, während der Sacriſtan der St. Pe⸗ terscapelle den Körper und den verſtümmelten Kopf des Soh⸗ nes Carl II. in einen mit ſchwarzem Sammet ausgeſchlage⸗ nen Sarg legte. So wuchs und ſteigerte ſich der Haß des engliſchen Vol⸗ kes unter dem letzten König aus dem Hauſe Stuart. e Unter den Steinplatten. Obſchon die St. Peterscapelle im Tower zu London in einem der großen Jahrhunderte der gothiſchen Architektur, un⸗ ter der Regierung Eduards I., eines Zeitgenoſſen des heil. Ludwig, erbaut worden, ſo bietet ſie doch nichts Bemer⸗ kenswerthes dar, weder in Beziehung auf ihre Geſtaltung, noch hinſichtlich ihrer Verzierungen. Die Vorſtellung, die man, nachdem man ſie beſucht, davon mit hinwegnimmt, iſt die einer armſeligen Einfachheit und traurigen Nacktheit. Der dürftige Anblick dieſer Gruft ſtimmte jedoch mit ihrer traurigen Beſtimmung vollkommen überein. Wenn das ſchöne prachtvolle Schiff der Weſtminſterabtei wie ein Pantheon die Aſche der berühmteſten Söhne Englands birgt, ſo ſcheint dagegen das kalte Gewölbe der St. Peters⸗ capelle die ſterblichen Ueberreſte der größten Verbrecher und der beklagenswertheſten Opfer ſeiner Geſchichte mit düſterem Ingrimm zu bewachen. Auf dieſen Richtplätzen der Revolution und politiſchen Umgeſtaltungen ſind von Jahrhundert zu Jahrhundert die blutigen Ueberreſte von Männern begraben worden, welche im Kriege, im Parlamente, am Hoſe geglänzt, oder von Frauen, welche durch ihre Schönheit, ihre Leidenſchaften oder die ————— 119 Rechte ihrer Geburt ins Verderben geſtürzt wurden. Hier unter dieſen eiskalten Steinplatten liegen Eduard Seymsur, Herzog von Somerſet, Protector des Königreichs, und der Bruder, den er ermordete; Fiſher, Biſchof von Rocheſter, John Dudley, Herzog von Northumberland und Thomas Cromwell, Graf von Eſſex und mehre Norfolk und Arundel. Hier ruhen Margarethe von Salisbury, die Letzte, welche den großen Namen der Plantagenets trug, und die beiden reizen⸗ den Frauen, welche ein gekröntes Ungeheuer dem Henker überlieferte. In dieſe Capelle ward etwa eine halbe Stunde nach der Hinrichtung durch einige Schließer des Tower der Sarg ge⸗ tragen, in welchem der Körper und der Kopf des Herzogs von Monmouth lagen. Nachdem die Träger ihre Laſt nicht weit von dem Al⸗ tare niedergeſetzt und ſich entfernt hatten, nahm der Sacriſtan, der ſie nach der Begräbnißecapelle geführt, eine Zange, und begann den Communiontiſch abzuſchrauben. Er hatte Befehl erhalten, den Sarg unter die große Steinplatte zu ſetzen. Sobald er mit dieſem erſten Theile ſeiner traurigen Ar⸗ beit fertig war, ſetzte er ſich auf den Rand des Mauerwerks, auf welchem die Steinplatte ruhte, kreuzte die Arme über der Bruſt und ſchien zu warten. »Was machen ſie denn noch im weißen Thurme, dieſe beiden Damen?“ ſagte er, mit ſich ſelbſt ſprechend.»Mr. Chif⸗ finch hatte mir doch geſagt, daß ſie ſich nur wenige Minuten nach der Hinrichtung hier einfinden würden. Jetzt iſt ſchon ſeit beinahe einer Stunde Alles beendet, und ich ſehe ſie im⸗ mer noch nicht kommen. Doch gleichviel. Man bezahlt mich 120 dafür, daß ich geduldig bin, und wenn meine Zeit mir immer ſo viel eingebracht hätte, ſo befände ich mich gegenwärtig nicht mehr in der elenden Stellung, in der ich bin. Uebrigens iſt die Ausſicht, bald Sacriſtan der Capelle von Saint⸗James oder von Whitehall zu werden, eine ſehr gute und warum hat ſie ſich mir eröffnet? Weil ich mich dazu verſtanden habe, ein wenig zu warten, ehe ich dieſe Platte über dieſen Sarg befeſtige. Mylord Zeffreys iſt weder ſo höflich noch ſo freige⸗ big geweſen, wie Mr. Chiffinch. Der Oberrichter ſagte ganz einfach mit ſeiner groben Stimme zu mir: Ich verbiete Dir, Martins den Sarg des Hingerichteten eher in ſeiner Gruft zu verſchließen, als bis ich komme! Was wollen ſie aber nun Alle hier machen? Wollen ſie ſich vielleicht von dem Tode des guten Herzogs überzeugen? Sie können ruhig ſeyn. Ketch hat viel zu gut gearbeitet, als daß man in dieſer Beziehung etwas zu fürchten brauchte. Ah, da kommen Leute!« Der Sacriſtan drehte ſich herum und ſah in der That zwei ganz ſchwarz gekleidete Damen, welche außerordent⸗ lich langſam auf ihn zukamen. Ein Mann ging neben ihnen her. Es waren Lady Wentworth und Suſanne von Hutchins begleitet. Die Irländerin führte ihre Begleiterin, welche tau⸗ melnd mit vorwärts geneigtem Haupte, glanzloſem Auge, kaum noch das Gefühl des Daſehns bewahrend, ſich nur durch die gewaltige Anſtrengung des Willens der Liebe einher⸗ ſchleppte. »Hier ſind wir in der St. Peterscapelle, meine theure Lady,« ſagte Suſanne;»wir ſind zur Stelle.« »Wo iſt er?s fragte Henriette wie Jemand, der plötzlich aus dem Schlafe emporfährt. — 121 »Hier,« antwortete Fitzgerald's Schweſter, indem ſie mit der Hand auf den mit ſchwarzem Sammt überzogenen Sarg zeigte. Ein Strahl des Lebens zuckte wieder in den Augen der Geliebten des Todten und beſeelte ihren Blick, während ihr ganzer Körper ſich aufrichtete. Ja, ja.« murmelte ſie,»ich ſehe; gehen wir.« Und ſie zog Suſanne mehr mit ſich fort, als ſie derſel⸗ ben folgte. »Es iſt der letzte Triumph der Seele!« ſagte Hutchins bei ſich ſelbſt.„Der Tod kann nicht mehr lange auf ſich war⸗ ten laſſen. Je gewaltſamer die Gemüthsbewegungen ſind, die nun folgen, deſto raſcher wird das Ende herbei⸗ kommen.* An der Bahre angelangt, kniete Lady Wentworth nieder und drückte ihr Geſicht auf den Sammt. Ihr langes, durch die raſche Bewegung, die ſie gemacht, losgegangenes blondes Haar breitete ſich über die düſtere Hülle des Sarkophags. Es war als ob die von dem Herbſte gelb gefärbten Blätter des Epheus auf dem ſchwarzen Marmor eines von der Pflanze umrankten Grabmals ruhten. »Wie!* ſagte ſie plötzlich, indem ſie den Kopf empor⸗ richtete,„dieſer Sarg iſt verſchloſſen— Könnt Ihr nicht den Deckel öffnen?« Der Sacriſtan, an welchen dieſe Worte gerichtet waren, machte eine verneinende Geberde. »Verlangt von mir, was Ihr wollt,« fuhr Henriette immer noch auf den Knien liegend fort,„und ich werde es Euch geben, wenn Ihr Euch dazu verſteht, den Sarg zu öffnen.« 122 »Wenn ich es thäte, Mylady,« entgegnete Martins, »und dabei ertappt würde, ſo verlöre ich ſicherlich meinen Poſten, abgeſehen von der ſchweren Strafe, die mir obendrein 1 aufgelegt werden würde.« »Wie viel bringt Euch euer Poſten ein, mein Freund?“ »Zehn Guineen jährlich, Mhlady.« »Suſanne, bezahlt ihm zehn Jahre, damit ich, ehe ich den letzten Seufzer aushauche, auf die Lippen meines todten Geliebten noch einen letzten Kuß drücken könne.« Zum erſten Male, ſeitdem die Irländerin ſich Lady Went⸗ worth gewidmet, zögerte ſie. Sie hatte ihr das Gift gegeben, welches ſie tödten ſollte, ſie hatte ſie bis an Monmouth's Schaffot begleitet, ſie hatte ſie aufrecht erhalten und ermu⸗ thigt, während ſie ſich anſchickte, den tödtlichen Trank zu ſich zu nehmen, aber vor der Forderung, welche jetzt an ſie geſtellt ward, wäre ihr Muth beinahe wankend geworden. Lady Wentworth bemerkte dies Zögern. »Iſt es möglich, Suſanne,« rief ſie,„daß Ihr Euch weigert, meine letzte Bitte zu erhören? Ach, wie gern möchte ich, ehe ich ſterbe, von der Unerſchrockenheit eures Gemüthes eben ſoüberzeugt ſeyn, wie ich von der Güte eures Herzens über⸗ zeugt bin! Suſanne, meine Schweſter, meine Stütze, mein Schutzengel, ich bitte Euch auf den Knien darumls »Hier ſind hundert Guineen, Mr. Martins,« ſagte Su⸗ ſanne,„und ich verſpreche Euch überdies, daß Ihr die St.⸗ Peterscapelle nicht verlaſſen werdet, als um die von St.⸗Ja⸗ mes oder Whitehall zu betreten. Oeffnet dieſen Sarg.« Der Sacriſtan beeilte ſich zu gehorchen. Der Deckel ward gehoben und der Körper und der Kopf des Sohnes Carls II. zeigte ſich den Blicken der Umſtehenden. 123 Das Geſicht des enthaupteten Prinzen hatte die matt⸗ weiße Farbe des Elfenbeins, und dieſe Farbe ward noch mehr durch die Blutflecken gehoben, welche es an mehren Stellen bedeckten. Der Tod hatte, indem er dieſes Menſchenantlitz berührte, deſſen ſanfte und ein wenig weibiſche Züge bei mehr als einer Gelegenheit das Gepräge der Unentſchiedenheit, der Schwäche, ja der Feigheit getragen, der Tod, ſagen wir, hatte alle Gebrechen des Fleiſches davon verſchwinden und nur eine unerſchütterliche, heitere Ruhe, eine ſanfte und doch gebietende Maſeſtät darauf zurückgelaſſen. Henriette heftete auf dieſes Antlitz einen von Thränen verſchleierten Blick, in welchem ſich ihre ganze Seele mit all ihren unenblichen Qualen ſpiegelte. Dann beugte ſie ſich dar⸗ auf nieder und berührte mit ihren Lippen und benetzte mit ihren Thränen die Hände, den Mund, die Wangen, die Augen, die Stirn, das Haar dieſer andern Hälfte ihres Seyns. »Ja, Du hatteſt Recht, mein Vielgeliebterls murmelte ſie, indem ſie die Augen gen Himmel richtete,„ja, die Liebe iſt ſtärker als der Tod. Trotz des Giftes, welches mich tödtet, fühle ich in meiner Bruſt noch jene Liebe ſchlagen, welche un⸗ ſterblich iſt, wie unſere Seele.« Die Trauernde ſchwieg und legte ihre Hand aufs Herz, wie um einen Schmerz zu beſchwichtigen. »Und dann, o mein Gott, Vater der Barmherzigkeit!« fuhr ſie fort,„wenn dieſer theure Todte und ich, wenn wir Uebles gethan haben, ſo hört dieſes mit unſerem Leben auf und ich bitte Dich, zur Sühne unſerer Vergangenheit die na⸗ menloſen Schmerzen anzunehmen, welche wir Beide gelitten und die ich noch in dieſem Augenblick leide.« 124 Nachdem Lady Wentworth dieſe Worte geſprochen, neigte ſie ſich abermals über den Sarg, um ihre Liebkoſungen und ihr Schluchzen wieder zu beginnen und Suſanne wußte nicht, ob ſie ſie aufheben ſollte oder ob es nicht menſchlicher wäre, ſie auf dem Todten, den ſie in ihre Arme drückte, ſterben zu laſſen, als plötzlich die ganze Scene eine andere Geſtalt gewann. »Bei allen Furien der Hölle!« ſchrie Jeffreyhs, indem er plötzlich in die Capelle hereinſtürmte,„was geht denn hier vor? Was machen dieſe Frauen hier und warum iſt dieſer Sarg geöffnet worden? Und vor allen Dingen, wer hat ihn geöffnet? Ohne Zweifel biſt Du es geweſen, erbärmlicher Mar⸗ tins! Gut. Ich werde Dir zu geben wiſſen, was Dir gehört. Was Euch betrifft, Ihr ſchönen Betrübten, wer hat Euch denn erlaubt hierherzukommen? Ha, beim Gott Cupido, es iſt Suſanne! Ja, meiner Treu, ſie iſt es ſelbſt! Nun brauche ich freilich weiter nicht zu fragen, wie Ihr hierherkommt und wer Euch das Thor dieſer Kirche geöffnet hat. Ha, Chiffinch, Chiffinch, mein Freund, Du fängſt an, mit deinen Schwächen deiner Geliebten gegenüber ein wenig gefährlich zu werden. Doch, es mag ſeyhn— um euretwillen, Suſanne, will ich ein Auge zudrücken. Aber dieſe andere Dirne, welche da auf der Leiche liegt und weint, wer ſie iſt, wenn ich fragen darf? Ich will wiſſen, wer ſie iſt! Ich würde etwas Anſehnliches darum geben, wenn ſie die Perſon wäre, die ich in ihr vermuthe.« Indem er dieſe Worte ſprach, näherte er ſich mit ſeiner gewohnten Rohheit Henrietten, legte trotz des Widerſtandes, den die Irländerin ihm entgegenzuſetzen bemüht war, ſeine Hand auf Lady Wentworth's Schulter, rüttelte ſie und rief in drohendem Tone: 125 »Na, meine Schöne, werdet Ihr Euch ein wenig empor⸗ richten, damit ich ſehen kann, wer Ihr ſeyd?« Anſtatt dieſer brutalen Aufforderung zu gehorchen, ſchloß die Geliebte Monmouth's die blutige Leiche ihres Geliebten nur noch feſter in ihre Arme, wie um ſie gegen eine ihr dro⸗ hende Gefahr zu ſchützen oder bei ihr Zuflucht zu ſuchen. Ein eigenthuͤmliches Lächeln flog über Jeffreh's Geſicht. Er richtete ſich in die Höhe, kreuzte die Arme über der Bruſt und fuhr fort: »Nun, habt Ihr mich vielleicht nicht verſtanden, Ihr hartnäckig Weinende? Richtet Euch doch aufl« Henriette rührte ſich nicht. »Ha!* dachte der Oberrichter,„als meine Spione mir die Anweſenheit der beiden geheimnißvollen Freundinnen des Hingerichteten meldeten, war ich weit entfernt, an einen ſo ſchönen Fang zu denken.— Sie verbirgt ſich— ſie fürchtet erkannt zu werden. Ja, ſie iſt es— es iſt wirklich Lady Wentworth. Ha! die reiche Familie der Wentworth und Strafford hat faſt weiter nichts zu thun, als ihre Guineen zu zählen. Welch ein glänzendes Löſegeld werde ich ihnen abver⸗ langen!— Und ſie müſſen es bezahlen, denn Lady Henriette iſt im höchſten Grade ſtrafbar. Sie hat der Armee Mon⸗ mouth's Waffen und Geld geliefert— es wird nicht ſchwer ſehn, dies zu beweiſen. Ich weiß ja Beweiſe für noch weit verborgenere Dinge zu finden.* Dieſe Betrachtungen riefen einen ſanften Strahl von Freude auf dem Antlitz des vortrefflichen Jim hervor, da aber ſeine Geduld niemals ſehr groß war, ſo ſagte er in gebieteri⸗ ſchem Tone zu dem zitternden Saecriſtan: 126 »Thut mir den Gefallen, Martins, dieſe Dame aufzu⸗ richten und zeigt mir ihr Geſicht.« »Hier iſt es, das Geſicht, welches Ihr ſo begierig zu ſehen wünſcht, Mylord,« ſagte Lady Wentworth, indem ſie ſich auf⸗ richtete und einen funkelnden Blick aufZeffrehs heftete.„Kennt Ihr mich?« „Ja,« antwortete der Oberrichter, indem er durch eine Geberde das Erſtaunen verrieth, welches die außerordentliche Bläſſe der jungen Frau in ihm erweckte,„ja, Ihr ſehd Lady Wentworth.« »Und Ihr freuet Euch, nicht wahr,« ſagte Henriette mit wehmüthigem Lächeln,„Ihr freuet Euch des Gedankens, mir den Kopf abſchlagen zu laſſen wie— wie dieſem Prinzen, zu deſſen Füßen Ihr jetzt liegen würdet, wenn ſein Unternehmen vom Sieg gekrönt worden wäre. Wohlan, nehmt mir denn meinen Kopf und nachdem Ihr mich getödtet, ſo ſehd wenig⸗ ſtens einmal in eurem Leben menſchlich— laßt meine Leiche neben dem Herzog von Monmouth begraben und ich werde Euch noch ſegnen, wenn Ihr dies thut. Aber beeilt Euch, ich beſchwöre Euch. Wie ſchnell auch eure Todesurtheile ſehn mö⸗ gen, ſo habt Ihr doch einen furchtbaren Nebenbuhler, der mich noch vor Euch tödten wird, wenn Ihr Euch nicht beeilt.« »Was wollt Ihr damit ſagen und warum taumelt Ihr ſo?« rief Jeffreys, indem er die Stirn mehr vor Unruhe als vor Zorn runzelte. »Sagt, Mylord, verſprecht Ihr mir, mich hier neben ihm begraben zu laſſen?« fragte Henriette, ohne die Frage des Oberrichters zu beantworten. »Laßt doch dieſe ſentimentalen Abgeſchmacktheiten!« rief dieſer mit immer höher ſteigender Unruhe, vund ſagt mir, was 127 Euch ſo todtenbleich macht und weshalb Ihr Euch auf Miß Suſanne ſtützt?« „Ihr weigert Euch alſo, meine Bitte zu erfüllen, Mhlord? Dennoch ſcheint mir als ob ein einziges Wort von Euch hin⸗ reichend wäre. Bin ich ſtrafbar? Habe ich nicht den Aufſtand im Weſten angefacht? Ihr ſehet, daß ich ein Recht habe in der St. Peterscapelle begraben zu werden.* „Wir werden ſehen— wir werden ſehen— aber vor⸗ her ſagt mir, was Euch fehlt.“ „Welch rührende Theilnahme gebt Ihr für mich kund und wie ſehr danke ich Euch dafür, Mylord!“ „So antwortet Ihr mir doch, Suſanne,« heulte der Oberrichter,„was fehlt ihr?“ „Mhlady Wentworth hat Gift genommen.* „Sie hat Gift genommen!— Ha! Fluch und Ver⸗ dammniß!« „Ich begreife Euch, Mylord,« ſagte die Irländerin mit verächtlichem Lächeln.„Ihr Löſegeld entgeht Euch und das ſetzt Euch ſo in Wuth, nicht wahr?“ Ohne ein einziges Wort auf dieſe herausfordernde Anrede zu entgegnen, wendete Jeffrehs ſich gegen Hutchins. „Ihr ſeyhd der Doctor Hutchins,« fragte er,„nicht „wahr?* „Ja, Mylord, Euch zu dienen.* „Wohlan, höret mich, wenn Ihr dieſe Frau nicht rettet—* „Es iſt zu ſpät, Mhlord,« antwortete der Arzt mit zit⸗ ternder Stimme. »„Es iſt zu ſpät, ſagt Ihr? Hal es iſt zu ſpät!— Was nützt dann eure Kunſt? Ihr Aerzte habt ſtets nur dieſes 128 Wort im Munde. Wohlan, ich werde Euch zeigen, daß es nie zu ſpät iſt, um einen Schurken wie Ihr ſeyd, hängen zu laſſen, denn ich ſchwöre bei den Furien der Hölle, daß euer Leben mir für das ihre haſtet.« Während Jeffreys dieſe Drohungen hervorſchrie, hatte Lady Wentworth's Todeskampf begonnen. Suſanne hatte ſie auf die kalten Steinplatten der Begräbnißcapelle niedergelegt und hielt auf ihren Knien das zurückgelehnte Haupt dieſes Opfers einer verhängnißvollen Liebe. Fitzgerald's Schweſter erwartete jeden Augenblick ſie ihren letzten Seufßzer aushau⸗ chen zu ſehen. Nicht ohne großes Erſtaunen hörten alle Zeugen dieſes feierlichen Auftritts die Sterbende mit matter erlöſchender Stimme Worte murmeln, die indem ſie aus ihrem Munde kamen, die geheimnißvolle Autorität eines Wunders zu haben ſchienen. »Doctor,« ſtammelte ſie,„fürchtet nichts. Meine ſter⸗ bende Stimme iſt es, die es Euch ſagt: Dieſer Menſch, dieſer Freund Jacob Stuart's und des Henkers, wird eher ſterben als Ihr. Gott iſt gerecht— den Platz, den er mir heute unter dieſen Steinplatten an Monmouth's Seite verweigert, wird er morgen ſelbſt einnehmen.« »Welch ein unpaſſender Scherz!« rief der Oberrichter mit einem Hohngelächter, welches das leichte ſanfte Flüſtern übertäubte, als Lady Wentworth ihren letzten Seufzer aus⸗ hauchte. Jeffreys betrachtete nach dieſem Ausruf Monmouth's Leiche lächelnd, die ſeiner Geliebten mit gleichgiltigem Blick und die Irländerin endlich mit einem leicht ſpöttiſchen Ausdruck. »Da ſehd Ihr nun in eine ſchöne Verlegenheit gerathen, Suſanne,« ſagte er.»Aber in der That, Ihr habt blos, was 129 Ihr verdient. Wer hieß Euch denn die Geliebte dieſes Narren in euren mächtigen Schutz zu nehmen? Was wollt Ihr denn nun mit dieſer Leiche anfangen?« „Das iſt meine Sache, Mylord. Lebend gehörte Lady Wentworth Euch, wenn ſie in eure Hände gefallen wäre. Sie iſt aber todt und ich hoffe, daß Niemand mich hindern wird, ſie ihrer Familie zurückzugeben.« »Ich wenigſtens werde Euch daran nicht hindern— ja ich will ſogar, wenn Ihr es wünſchet, Befehl geben, daß man Euch eine Tragbahre bringe. Ich glaube, daß ich mich dadurch meinem Freunde Chiffinch nicht unangenehm machen werde.* Suſanne gab zu verſtehen, daß ſie das Anerbieten des Oberrichters annehmen würde und er hob mit zweideutigem Lächeln wieder an: »Wenn Ihr Euch derPflichten eures übergroßen Mitleids entledigt habt, können wir, wenn Ihr es wünſchet, mit einan⸗ der nach den Grafſchaften des Weſtens abreiſen wohin ich mich von hier ſofort begebe. Ich weiß, daß ich mich auch meinem Freunde Perch Kirke nicht unangenehm machen werde, wenn ich Euch dorthin zurückbringe.« »Nehmet Euch in Acht, Mhlord!« rief Suſanne mit zornfunkelndem Blick. „Ihr bleibt alſo in London. Dann ſehe ich, daß von euren beiden Geliebten Chiffinch es iſt, dem Ihr den Vorzug gebt— das heißt heute.* Der flüchtige Blitz, welcher in Suſannens Augen leuchtete, verwandelte ſich in ein verzehrendes Feuer und Fitzgerald's furchtbare Schweſter trat dicht vor Jeffreys hin und rief mit vor Zorn bebender Stimme: Der Tiger von Tanger. VI. 130 »Mylord, Ihr habt ſoeben die Prophezeiung der ſter⸗ benden Lady Wentworth gehört. Wohlan, höret auch meine Worte— ich bin noch lebendig und mein Geiſt iſt noch nicht die Beute eines Traumes des Todeskampfes. Ihr ſehet dieſe Steinplatten, auf welche ich mit dem Fuße ſtampfe. Eines Ta⸗ ges, und dieſer Tag iſt nicht mehr fern, werden ſie euern Kör⸗ per aufnehmen und nicht ein einziger Freund wird zur Stelle ſeyn, um Euch zu beweinen, wie Lady Wentworth und ich den Herzog von Monmouth beweint haben. Entfernt Euch nur la⸗ chend, Ihr könnt nichts Beſſeres thun. Wenn Ihr aber jetzt über meine Worte lacht, ſo werdet Ihr Euch doch ihrer an dem Tage erinnern, wo ſich der Zorn Gottes über Euch ent⸗ laden wird.“ Der Oberrichter entfernte ſich in der That mit lachendem WMunde und triumphirendem Herzen. Er fühlte, daß er die⸗ ſem verwegenen Mädchen, welches er gleichzeitig haßte und fürchtete, eine grauſame Wunde verſetzt hatte. Eine Stunde nach dieſem Auftritt während Suſanne und Hutchins Lady Wentworth begruben und Monmouth unter die Steinplatte des Communiontiſches betteten, reiſte Jeffreys nach dem Weſten ab, indem er den Advocaten Birch und den Henker Jack Ketch als Begleiter mitnahm. Ender. Druck und Papier von Leop. Sommer in Wien. ————— 14 15 16 * . —