Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Vierundfünfzigſter Theil. Stuttgart: Scheible, Rieger a Sattler. 1845. Die Fran, der Mann und der Liebhaber. Von Paul de Rock. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Vierter Theil. So Stuttgart: Scheible, Bieger s Sattler. 1845. Erſtes Kapitel. Der Mann bei dem Liebhaber. Ich bleibe bei dem Anblick Jenneville's unbeweg⸗ lich ſtehen und weiß nicht, ob er meine Bläſſe und meine Beſtürzung bemerkt; aber er lächelt höhniſch⸗ indem er zu mir ſagt:„Ich bin entzückt, Sie zu Hauſe zu treffen.“ Er tritt herein und ſetzt ſich in den Lehnſtuhl, welchen einen Augenblick zuvor ſeine Frau einnahm, die ſich zwei Schritte von da hinter der Glasthüre befindet. Ich habe nicht die Kraft, ihn zurückzuhal⸗ ten; ich folge ihm, bleibe aber vor ihm ſtehen und entgegne:„Es iſt wirklich ein Zufall, daß Sie mich getroffen haben, denn ich wollte eben ausgehen.“ „Ihr Portier hat mir geſagt, Sie ſeien krank... Sie wären fürchterlich geſtürzt!“ „Ja, das iſt wahr, aber ich bin wieder geneſen ich glaube, daß mir die friſche Luft gut thun wird.“ „Sie ſcheinen übrigens noch bedeutend geſchwächt Ich finde Sie ſehr blaß.“ „O, das iſt eine Folge meines Sturzes... Ich will zu meinem Arzte gehen und...“ „Ich werde Sie begleiten, denn ich habe mit Ih⸗ nen zu ſprechen.“ 6 Er wird mich begleiten, denke ich in meinem Sinne, ich kann mich alſo ſeiner nicht entledigen! Somit wird es das Kürzeſte ſein, wenn ich ihn an⸗ höre. Die arme Auguſtine! wie ent niß es ihr in dieſem Augenblicke ſein! Ich werfe mich mit einer Miene der Ungeduld, die ich nicht zu verbergen ſuche, auf einen Stuhl. Jenneville ſcheint nicht darauf zu achten und ſagt in ſpöttiſchem Tone zu mir;„Nun, mein lieber De⸗ ligny, haben Sie immer noch Luſt, mich mit meiner Frau zu vereinigen?“ Ich fühle, daß mir das Blut in's Geſicht ſteigt, und ſuche vergebens eine gleichgültige Miene zu heu⸗ cheln, als ich erwiedere:„Ich? das iſt mir ganz einer⸗ tei; ich denke, Sie ſind Herr Ihrer Handlungen.. „Allerdings; aber erinnern Sie ſich nicht auf welche eindringliche Weiſe Sie zu Gunſten mei⸗ ner ehrenwerthen Gemahlin ſprachen, als ich Ihnen Blagnards Bankerott mittheilte?. welch' ſchöne Rede Sie hielten, um mich zu überzeugen, daß ich Unrecht gehabt, mich von ihr zu trennen, und daß ich nur mit ihr glücklich ſein könne?“ „Ich erinnere mich deſſen in der That, und ich glaube nicht, daß ich Ihnen damals ſchlecht gerathen habe, Herr Jenneville!“ „Das ſage ich auch nicht! Ihr Rath war im Gegentheil vortrefflich. Ich verſichere Sie ſogar, daß ich im erſten Moment davon gerührt war. Aber als ich, ich weiß nicht bei welcher Gelegenheit, mit Frau von Remonde von Ihnen ſprach⸗ hat ſie mich von Etwas unterrichtet, welches meine Achtung für Ihre Rathſchläge ſehr verminderte...“ Es liegt mir wenig daran, was dieſe Dame Ihngu geſagt haben mag. Sie laſſen mich Nichts mehr von Blagnard wiſſen... hat man Nachricht von ihm 2.. und wie ſteht's mit dem Gelde, deſſen Sie bedürfen?“ „Ich danke, ich habe Geld erhalten; ſprechen wir wieder davon, was Frau von Remonde zu mir ge⸗ ſagt hat. Potz Tauſend! es hat mich ſehr beluſtigt, beſonders wenn ich an die ſchönen Reden dachte, die Sie mir in Betreff meiner Frau gehalten haben!“ „Ich habe Eile, Herr Jenneville, ich habe Ihnen bereits geſagt, daß ich ausgehen müſſe.. „O, Sie müſſen mir noch einige Augenblicke gön⸗ nen. Wohlan, mein Lieber, Frau von Remonde hat mir geſagt hah ha, ha! ich muß noch drüber lachen. ſie hat mir geſagt.. Sie ſeien der Ge⸗ liebte meiner Frau!“ „Frau von Remonde hat Sie falſch berichtet,“ erwiederte ich mit bebender Stimme.„Ich habe aller⸗ dings öfters das Vergnügen gehabt, mit Madame Luceval zuſammenzukommen.. ich habe ſie nur unter letzterm Namen gekannt und wußte damals nicht, daß ſie Ihre Gemahlin war... aber ich kann Sie beſtimmt verſichern...“ „Nun, mein lieber Deligny, wozu wollen Sie idigen? Ei, mein Gott! was liegt mir oder ein Anderer ihr Geliebter ſind! ine verlaſſen, kann ſie thun, was 8 ſie will.. dastſt ganz natürlich... Unſere Weiber 1 hintergehen uns, während ſie mit uns leben, e wäre alſo ſehr ſonderbar, wenn ſie uns trev bliebe nachdem wir uns von ihnen getrenut habgh.. es ſei daß es aus ge⸗ ſchähe. 3 Sie, mein Herr, daß man Sie. hinſichtlich des Verhältniſſes zwiſchen mir und Ma⸗ dame.. Luceval falſch berichtet hat.“ „O, ich weiß, daß ſie ſich Madame Luceval heißen läßt.. das iſt ſehr rückſichtsvoll von ihr... Aber Sie vergeſſen, mein Lieber, daß Sie, ehe Sie den ſchönen Plan hatten, mich mit meiner Frau auszu⸗ ſöhnen, mir geſtanden haben, Sie Eien verliebt, und zwar leidenſchaftlich verliebt!“ 4. „Ich kann verliebt geweſen ſe hre Frau G⸗ mahlin geliebt haben, ohne daß ſes einen Beweis liefert, daß ich erhört worden vi.⸗ „Ach, Sie ſind allzu beſcheiden! aber mir müſſen 3 Sie keine ſolche Geſchichten weiß machen. Wir ſind nicht mehr in dem Jahrhuͤndert der platoniſchen Liebe wenn je ein ſolches exiſtirt hat, woran ich jedoch ſehr zweifle. Wir wollen etwas Reelles, Poſitives und gehen gerade auf das Ziel los. Meins Frau iſt außerdem feinfühlend. ſehr feinfühlend, ich kann davon reden... Bringt man, wenn man Nichts von einer Frau ethar hat, den ganzen Tag bei 6 und bleibt ſogar bis Morgens ein Uhr beshr He? Sie ſehen, daß ich als Gat 6 genau in. terrichtet bin.“ .„Ich verſichere Sie, daß der Schein trügt. Wer, der dieſe Verbindung kennt, kann läugnen, daß Ihre * Frau mich nur empfing, um von Ihnen mit mir zu ſehen?“ „Wie! von mir haben Sie alle Morgen und alle Abende mit meiner Frau geſprochen!... Da hatten Sie allerdings einen hübſchen Gegenſtand der Unter⸗ haltung, und er wundert mich jetzt nicht mehr, warum Sie ſo lange bei ihr blieben.“ „Es ſteht zu Ihnen, daran zu zweifeln; ich rede übrigens die Wahrheit.“ „Mein lieber Deligny, ich habe eine zu gute Mei⸗ 1 nung von Ihnen, als daß ich Ihnen glauben könnte.“ „Mein Herr, wir haben bereits zu viel über die⸗ ſen Geg.„ geſprochen, und ich bitte Sie, davon abzubreche „Ach, jetzt erden Sie böſe!... Parbleu! das iſt wirklich komiſch 1... Ich bin der Anſicht, daß, wenn ſich Jemand darüber ärgern könnte, ich es ſein müßte, nicht aus dem Grunde, weil Sie Auguſtinens 6 zärtlicher Freund ſind, ſondern weil Sie mich dazu eranlaſſen wollten, diejenige zurückzunehmen, deren Geliebter Sie ſind.“ S5 „Ich wiederhole Ihnen noch einmal, Herr Jenne⸗ ville.„ *„O, ärgern Sie ſich, wenn es Ihnen Spaß macht, vir. fällt es nicht ein. Ich gehöre nicht zu jenen eifer⸗ ſücn, empfindlichen Männern, die, nicht zufrieden, daß man ve rogen, auch noch von dem erſtochen wer⸗ 3 den wollen,. Stelle vertreten hatz ich, mein Herr, würde mich zwar für eine Geliebte zehn bis zwanzig Mal ſchlagen... aber für meine Frau, nein, ſo dumm bin ich nicht. Ich habe nicht im Sinn, mit Fingern auf mich deuten zu laſſen. Sie werden auch zugeben, daß es ſehr lächerlich wäre.. ſich für eine Frau zu duelliren, die nicht beſſer iſt als alle übrigen!“ In dieſem Augenblick dringt ein ſchwaches Stöh⸗ nen aus dem Cabinet, worin Auguſtine ſich ver⸗ vorgen, und gleich darauf erfolgt ein ſtarkes Ge⸗ räuſch. Jenneville ſieht mich an. Ich zittere. Sie braucht vielleicht Hülfe, und ich darf ihr, aus Furcht, ihre Anweſenheit zu verrathen, nicht beiſpringen. Jenneville erhebt ſich kalt mit den Worten:„Sie haben Beſuch.. Ich bedaure unenli⸗ geſtört zu haben... „Ich es iſt Niemand bei im. Was tegt jedenfalls Ihnen daran?“ 6 „Ich glaube, mein Lieber, daß Ihre Dame Luft ſchöpfen muß.“ Damit öffnet er, ehe ich Zeit finde, ihm in den Weg zu treten, die Thüre des Cabinets und deutet auf Auguſtine, welche leblos auf dem Boden liegt. Ich ſehe nur noch die Frau, die ich anbete; ich eile auf ſie zu, hebe ſie auf und trage ſie mit dem Ausrufe:„Sehen Sie, in welchem Zuſtande ſie ſch vefindet!.. ſie ſtirbt! und Sie haben ihren Tod verſchuldet!⸗ in das vordere Zimmer „Ach! ich ſoll daran Schuld— iſt auf Ehre & t * 1¹ köſtlich! Nun, wollen Sie noch behaupten, Sie hät⸗ ten kein Verhältniß mit meiner Frau?“ „Ach, helfen Sie mir um's Himmels Willen, ihr Beiſtand zu leiſten; wenn dieß geſchehen, werden Sie mich bereit finden, Ihnen jede beliebige Satis⸗ faktion zu geben.“ „Ei, ich ſage es Ihnen noch einmal, ich hege keinen Groll gegen Sie!... Wer Teufels will Händel mit Ihnen anfangen? Beruhigen Sie ſich, die Ohn⸗ machten ſind nie gefährlich! Ich verlaſſe Sie, denn wenn Auguſtine die Augen aufſchlüge, müßte ich wieder eine tragiſche Scene mit anſehen, und dieſe ſind mir zuwider. Adieu.. Es freut mich nur, Ihnen bewieſen zu haben, daß ich mich nicht von Ihnen an der Naſe herumführen laſſe.“ Er hat ſich entfernt, aber in dieſem Augenblicke ſehe ich nur ſie. Sie iſt immer noch beſinnungslos. Ich gieße friſches Waſſer und Eſſig auf ſie.. ich weiß nicht mehr, was ich thue.. ich fühle, ſelbſt kaum geneſen, daß mich die Kräfte verlaſſen.. ich knie vor ihr nieder, lege ihr Haupt auf meine Bruſt, ſchleppe mich mit ihr zum Fenſter und mache es auf. Ich ſchreie, ich rufe um Hülfe. Man öffnet meine Thüre und tritt ſingend zu mir ein. Es iſt Dubvis, der, als er mich neben dem Stuhle knieen ſieht, worauf Auguſtine ſitzt, ausruft:„Wie, es iſt eine Dame bei Dir, und Du läßt die Thüre offen ſtehen!“ „Ach, komm', komm', hilf mir ihr beiſtehen... Sie iſt ohnmächtig, ich weiß nicht, was ich anfangen 12 ſoll. Ach, Dubois, wenn Du früher gekommen wäreſt, hätte ſie ihren Gatten nicht geſehen!“ „Der Teufel! wenn der Gatte da war, begreife ich die Ohnmacht. „Du biſt Schuld, daß Jenneville ſie hier getrof⸗ fen hat!“ „Jenneville... Wie! wäre es möglich. „Aber gib mir doch Etwas her... „Ich finde Nichts hier.. da ſieht es noch ſchlim⸗ mer aus als bei mir.. „Geh', hole mir einen Arzt.. geh', ich beſchwöre Dich „Man ſollte ihr etwas Fleiſchbrühe eingießen...“ „Dubois, ſchaff' um Gottes Willen Hülfe herbei ſie kann unmöglich in dieſem Zuſtande gelaſſen werden.“ „Wohlan, beruhige Dich, ich will Dir alle Aerzte des Quartiers herbeiholen.“ Er geht. Ich kniee immer vor Auguſtinen und wende keinen Blick von ihr. Endlich färbt eine leichte Röthe ihre Wangen ſie ſchlägt die Augen auf ihr Erſtes war, ihre Blicke auf mich zu richten, dann bedeckt ſie das Geſicht mit ihren Händen und ruft aus:„Er iſt fort! aber nicht wahr.. er hat mich geſehen?... O mein Gott! ich bin verloren..“ „Auguſtine, faſſen Sie ſich.. wozu wollen Sie verzweifeln?... Hat er Ihnen nicht durch ſein Be⸗ tragen das Recht gegeben, unabhängig zu handeln? Ueberdieß wiſſen Sie ja, daß Sie nicht ſtrafbar „ 3 „Ich bin es in den Augen der Welt. Sie ſehen ja, daß man behauptet, Sie ſeien mein Liebhaber!“ „Ei, was kann Ihnen daran liegen, was eine Frau wie die Remonde ſagt... die bloß befürchtet, Ihr Mann möchte wieder zu Ihnen zurückkehren?“ „Ach, ich ſehe jetzt die ganze Unvorſichtigkeit mei⸗ nes Betragens ein, und wie ſehr weiß ich das Ihrige jetzt zu würdigen, Paul... Sie wollten ihn alſo wieder mit mir vereinigen?“ „Ich wollte Sie glücklich machen und glaubte da⸗ mals, Sie könnten es nicht ſein ohne ihn...“ „Jetzt glauben Sie das nicht mehr... Jetzt ver⸗ achten Sie mich auch!“ „Ich Sie verachten, Auguſtine! Faſſen Sie ſich doch.. „Wie er mich behandelt hat!... O mein Gott! bin ich genug gedemüthigt?“ „Sie gedemüthigt!“ Sie hört mich nicht mehr an und weint ſchmerzlich. Ich ſehe ein, daß der Anblick Dubois' und der Per⸗ ſonen, die er mit ſich bringen wird, ihren Kummer nur vermehren muß; ich ſage ihr daher, daß man kommen werde, weil ich um Beiſtand für ſie ausge⸗ ſchickt habe. Alsbald reicht ſie mir die Hand, ſagt mir ſchluchzend Lebewohl und entfernt ſich, ihr Ta⸗ ſchentuch vor's Geſicht haltend, raſch von mir. Arme Auguſtine! Die Anweſenheit ihres Gatten, die Art, wie er ſich über ſie äußerte, mußten ihr wehe thun! Doch ich hoffe, daß ſich bei ruhigem Paul de Kock. LIV. 2 14 Nachdenken ihr Schmerz legen wird. Sie wird ein⸗ ſehen, daß ſie einem Manne, der ſich aufführt wie„ Jenneville, keine Treue ſchuldig iſt. Ueber die Treu⸗ loſigkeit, der er ſie fähig glaubt, zu ſerzen und zu lachen!.. Er empfindet alſo gar keine Liebe mehr für ſie. Wir iſt, als ob er mir darum nur noch mehr zuwider wäre; ich hätte ihn geachtet, wenn er Händel mit mir angefangen haben würde. Während ich an dieſe peinliche Scene denke, ver⸗ geſſe ich die reizende Unterhaltung nicht, die ihr vorangegangen war. Auguſtine liebt mich! Warum ſollte das eben Vorgefallene ihre Gefühle verändern? Nein, ich will ſie tröſten... ihre Thränen trocknenz und da ich, ohne es zu ſein, für ihren Geliebten angeſehen werde, watum ſollte ich nicht auch den Lohn für meine Treue und Liebe erhalten?... In den Augen der Welt iſt ſie deßhalb nicht ſtrafbarer, und kann ſie ſich jetzt noch ein Verbrechen daraus machen, ihren Mann nicht mehr zu lieben? Ich werfe mich auf einen Stuhl und denke an das, was ſie mir vor dieſem unheilvollen Beſuche geſagt hat; ich habe meine Thüre nicht aufmachen hören, aber als ich die Augen erhebe, bin ich ganz erſtaunt, eine kleine, mir unbekannte Frau, die neugierige Blicke im Zimmer herumwirft, vor mir ſtehen zu ſehen.« „Wo iſt denn die Dame, die meiner be⸗ darf?“ fragt ſie. „Ihrer Hülfe, Madame?“ „Allerdings, mein Herr; man hat mich geholt „„man hat mir die Klingelſchnur heruntergeriſſen, „ 15 ſo heftig hat man geläutet!... Dieſes Logis hat man mir genau bezeichnet... Wohlan, mein Herr, führen Sie mich zu der Perſon... Seit wann fühlt ſie ſich unwohl? iſt es das erſte Mal der Fall? iſt die Dame noch jung?“ Jetzt geht mir ein Licht auf: Dubvis hat mir dieſe Frau zugeſchickt!„Sind Sie vielleicht...“ „Hebamme, mein Herr, und ich darf mich rüh⸗ men, in dieſem Quartier ſehr bekannt zu ſein.“ „Mein Gott, Madame, ich bedaure unendlich, daß man ſie geſtört hat, aber ich bedarf Ihrer Dienſte durchaus nicht.“ „Ich kann mir wohl vorſtellen, mein Herr, daß Sie meines Beiſtandes nicht bedürfen, aber man hat mich doch vermuthlich aus irgend einem andern Grunde kommen laſſen.“ „Man hat ſich getäuſcht, Madame, es iſt ein Irrthum!“ „Was ſoll das heißen, mein Herr, läßt man eine Frau, wie ich bin, bloß kommen, um ſie für Narren zu haben? Meine Zeit iſt koſtbar, beſter Herr... und die Klingel, die man mir herabgeriſſen hat.. „Ich verſtehe Sie, Madamen“ Ich drücke der Hebamme einen Fünffrankenthaler in die Hand, worauf ſie mich in Ruhe läßt. Kaum iſt ſie fort, kommt Dubvis mit einem halb Dutzend Fläſchchen im Arme zurück; er ſtellt ſie auf den Tiſch und ſagt:„Das iſt für Nervenleiden... das für Ohn⸗ machten. das für Anfälle Lon das für Schwäche. 16 „Es iſt Alles überflüſſig, mein lieber Dubois; ſie iſt wieder zu ſich gekommen und hat ſich ent⸗ fernt.“ „Dann war es wohl der Mühe werth, mich eine ganze Apotheke kaufen zu laſſen.“ 5 „Du biſt doch ein Narr, daß Du mir eine Heb⸗ amme ſchickſt!“ „Du wollteſt ja um jeden Preis Beiſtand, Hülfe . Ich ſah im Vorbeigehen einen Schild und unten eine Glocke. Ich war ſogar der Meinung, es ſei ein Zahnarzt, aber ich dachte, ich will ihn immerhin ſchicken.. Doch, gleichviel, ich ſtecke meine Arznei⸗ mittel wieder ein und verſchenke ſie in meinem Quar⸗ tier, obgleich meine jungen Eroberungen nicht die Gewohnheit haben, in Ohnmacht zu fallen... Allein man kann nicht wiſſen, es kann ſie auch anwandeln. Ei! laß uns ein wenig plaudern, weißt Du, daß Du ſo verſchwiegen biſt, wie ein Eunuche? Wiel Jenneville's Frau iſt der Gegenſtand Deiner Leiden⸗ ſchaft, und Du ſagteſt mir nichts?“ „Ach ſchweig', Dubois, ſchweig'!... Dieſes Ge⸗ heimniß ſoll nie über Deine Lippen kommen...“ „Dieſes Geheimniß!... Da es der Mann weiß, begreife ich nicht, was ihr zu befürchten hättet... Iſt er außerdem nicht von ſeiner Frau geſchieden!... Das geht ihn nichts mehr an!“ „Ich wiederhole es Dir, ſprich nie ein Wort da⸗ von, wenn Du nicht willſt, daß ich ernſtlich böſe auf Dich werde... Alles, was ich Dir jetzt ſagen kann, iſt das, daß der Schein trügt, und obgleich es Au⸗ .— ———— 17 guftinens Gatte nicht verdient, war ſie ihm doch immer treu.“ „Höre, mein Junge, wenn es Dir Spaß macht, ſo will ich glauben, eine Ratte ſei ein Ochſe, damit Du ſiehſt, daß ich gefällig bin. Wenn Du aber in der langen Zeit, die Du ſchmachteſt und ſeufzeſt, nicht weiter gekommen biſt, ſo muß ich Dich bloß bedauern. Laß uns jetzt von Dir reden; Du haſt Dich ver⸗ wundet, Du biſt krank geweſen.. ich habe es erſt heute Morgen erfahren... ich bin ſeither wieder aus⸗ gezogen. wie geht es Dir denn?“ „Ach, mein Freund!.. ich fühlte mich eben ganz geneſen! Sie hatte mir endlich geſtanden, daß ſie mich liebe.. Aber das unerwartete Erſcheinen ihres Gemahls hat all ihren Schmerz wieder aufgerührt, und ich fürchte, daß.. „Du fürchteſt immer!. Pfui! ſieh' mich an... ich habe nie gewußt, was Furcht iſt. Ich laſſe mich aber auch meine Liebſchaften nicht ſo angreifen!... Ei! biſt Du kräftig genug, eine Cotelette und ein Huhn mit mir zu eſſen?“ „Nein, mein Freund, heute noch nicht, ich bin zu ſchwach, und die Erlebniſſe dieſes Tages haben ſo mächtig auf mich eingewirkt, daß ich der Ruhe bedarf.“ „Wie Du wünſcheſt... Ich gehe zum Eſſen; heute will ich Dich noch Deinen Seufzern und Dei⸗ ner Liebe überlaſſen; aber morgen mußt Du eine Julienne und ein Beefſteak dazu eſſen, das iſt zwar nicht ſo romantiſch, aber deſto nahrhafter.“ — 18 Dubvis verläßt mich und ich werfe mich auf mein Bett. Zweites Kapitel. Vierzehn Tage Geduld. Der Tag ging, obgleich ich allein war, ſchnell vorüber. Ich weiß, daß ich von Auguſtinen geliebt werde, und dieſe ſüße Gewißheit zeigt mir Alles in roſigem Lichte. Es ſcheint mir ſogar, als ob mir das Abenteuer vom Morgen vortheilhaft wäre, denn unmöglich kann Auguſtine ferner an einem Manne hängen, von deſſen Liebloſigkeit ſie nun allzugewiß überzeugt iſt, und der ihre Treue ſo wenig zu ſchätzen weiß. Am folgenden Morgen fühle ich mich vollkommen wiederhergeſtellt, und ohne die Wunde, die wohl lange nicht vernarben wird, würde ich gar nicht glauben, daß ich krank geweſen wäre. Ich nehme mir beim Frühſtück feſt vor, bald zu Madame Luce⸗ val zu gehen... Madame Luceval! ja, ich nenne ſie gerne ſoz der Name Jenneville war nicht gut genug für ſie! Ich will eben ausgehen, als mein Portier mit einem Briefe in der Hand zu mir eintritt. Er will ſich nach meiner Geſundheit, nach meiner Wunde, nach meiner Zufriedenheit mit ſeiner Schweſter, die mir abgewartet hat, erkundigen, ich laſſe ihm aber keine Zeit, ſondern reiße ihm den Brief, den er mir, erſt in fünf Minuten überreicht hätte, aus der Hand; 19 ein geheimes Vorgefühl ſagt mir, daß er von ihr ſei, und ich ſehe es an den Schriftzügen, vaß ich mich nicht getäuſcht habe. Ich entlaſſe meinen Por⸗ tier und öffne den Brief... Was kann ſie mir heute ſchreiben, wo ſie ſich vorſtellen kann, daß ich ſie be⸗ 8 ſuchen werde?... Ich will einmal leſen: „Mein Freund!...“ Ihr Freund... dieſes Wort verleiht mir wieder Muth, ſie iſt alſo nicht böſe... „Die Scene von geſtern hat einen ſchmerz⸗ lichen Eindruck auf mich gemacht; ich kann mich nicht an den Gedanken gewöhnen, daß mein Mann jetzt das Recht habe, mich zu verachten...“ Sie verachten, welcher Einfall! Iſt nicht er allein ſtrafbar, verdient nicht er allein ver⸗ achtet zu werden?...„Um die Unvorſichtigkeit meines Betragens wieder gut zu machen, und beſonders um die Schwäche zu beſie⸗ gen, wovon ich Ihnen Geſtändniß gemacht habe, wird es das Beſte ſein, wenn ich Sie nicht mehr ſehe...“ Mich nicht mehr ſehen!... ach, warum nicht gar! das iſt ſehr ſtark...„Geſte⸗ hen Sie, mein lieber Paul, daß es das Klügſte iſt, was ich thun kann, denn wer 6 ſteht mir dafür, wennich Sie noch ferner ſehe, daß ich am Ende nicht ganz ſtrafbar zn werde?...“ Zum Henker! ich hoffe es auch.. aber ſie nennt das ſtrafbar!...„Ich wage jetzt nicht nehr, auf meine Kraft mich zu verlaſſen, noch auf meine Vernunft...“ Ihre Vernunft! ihre Vernunft!... Dieſe Frau macht, daß ich die 20 meinige verliere..„Allein vollſtändig dar⸗ auf zu verzichten, Sie zu ſehen, ſcheint mir ein ſehr grauſames Opfer, und die Welt, der ich es bringe, wird mir keinen Dank dafür wiſſen..“ O, gewiß wird man es ihr nicht. danken!...„In der Unruhe, die michverzehrt, 3 iſt Alles, was ich weiß, daß ich Sie 6.. Zeit fliehen muß, bis mein Herz wieder einige Kraft über ſich ſelbſt errungen hat. Wir ſehen uns wieder, ich verſpreche es Ihnen. Ich reiſe augenblicklich auf das 1 Land ab; ſuchen Sie nicht, mir zu folgen, ich bitte Sie inſtändig darum, geben Sie 6 mir dieſen letzten Beweis Ihrer Zunei⸗ 3 gung.“ Sie flieht mich! das heißt, ſie will mich erſt dann wieder ſehen, wenn ſie mich nicht mehr liebt!... Das alſo iſt der Lohn für meine' Liebe! Nun ich es end⸗ lich dahin gebracht habe, daß man mich liebt, ent⸗ fernt ſie ſich von mir, weil ſie mich fürchtet. In der That, dieſe Frau wird mir am Ende noch lächerlich erſcheinen. Ihr Mann verläßt ſie, findet es in der Ordnung, daß ſie einen Liebhaber hat, und die Frau iſt troſtlos darüber, daß es mir gelungen iſt, ihr Herz zu rühren! Bin ich nicht ſehr unglücklich, daß ich gerade an eine Frau gerieth, die tugendhaft ſin 1 will, wenn man ihr erlaubt, es nicht zu ſein; man hat ganz recht, wenn man ſagt, daß die Frauen 6 rade das lieben, was man ihnen verbietet. ze Es iſt mir ſehr leid, Madame, allein ich werde 6 2¹ der letzten Bitte ihres Briefes keine Folge leiſten, ich will ſie nicht ruhig abreiſen laſſen und deßhalb da⸗ mit anfangen, ſie zu beſuchen. Wenn ſie das be⸗ trübt, gut! ſo werden wir uns ganz entzweien, da ich lieber gar nicht von den Leuten geliebt ſein will, als ſo aus der Ferne. Mein Entſchluß iſt gefaßt und ich begebe mich zu Auguſtinen; allein wie ich zu ihr hinaufgehen will, hielt mich ihr Portier an und ſagt mir:„Der Herr vef alſo nicht, daß Frau Luceval mit ihrem Mäd⸗ ſi chei heute früh um ſieben Uhr abgereist iſt?“ „Sie iſt abgereist.., wohin?“ 6„Auf ihr Landgut, wie ich vermuthe. Es ſcheint, ¹ Madame habe alle Zurüſtungen ſchon am Abend zu⸗ vor getroffen gehabt, und.. „Wo liegt denn dieſes Landgut?“ „Ah! Madame hat es mir nicht geſagt... Es ſcheint, als wolle ſie dört keine Beſuche annehmen, denn ich fragte ſie, ob.. „Was für einen Wagen hat ſie genommen?“ 46„Einen einfachen Lohnkutſcher.“ — 3„Und wann kommt ſie zurück?“ Wos dieſes anbetrift, das weiß ich nicht.“ ½ Aber was ich weiß, iſt, daß ihr Landgut in der § Nähe von Luciennes liegt... Aber in welcher Rich⸗ * tung?... Ich habe nie daran gedacht, ſie darnach zu fragen; ſie iſt morgens um ſieben Uhr abgereist!.. Sie fürchtete alſo, ich möchte vor ihrer Abreiſe noch kommen. Vielleicht hätte meine Ankunft ihren Ent⸗ ſchluß geändert; aber ſie iſt fort! *= Wie ſoll ich erfahren, wo ihr Landhaus iſt? Und doch muß ich ihren Aufenthalt entdecken; ich habe nicht ſo lange geſeufzt, um ihr Zeit zu laſſen, mich in dem Augenblick zu vergeſſen, wo ſie anfängt, empfänglich zu werden. Ah! Juliette kennt ihr Land⸗ gut, ſie war ſchon dort, ich habe ſie davon ſprechen hören, Juliette kann mir ſagen, wo es iſt; allein ob ſie es mir auch ſagen will? Ja, Juliette iſt gut, theil⸗ nehmend und mitleidig; ſie iſt hübſch und muß alſo die Liebe kennen; nach Allem, was ich höre, verab⸗ ſcheut ſie Jenneville, während ſie mir immer ſehr viel Freundſchaft bewieſen hat!... Suchen wir Ju⸗ lietten auf: zum Glück weiß ich ihre Adreſſe. Juliette iſt Wittwe, ich kann mich alſo ohne Um⸗ ſtände bei ihr einführen. Ich zittere, ſie möchte auch auf dem Lande ſein! Dem Himmel ſei Dank, ich treffe Frau Darbelle — ſo ſchreibt ſich Juliette— zu Hauſe; man führt mich zu ihr und ſie lächelt, als ſie mich ſieht. „Ich erwartete Sie,“ ſagt ſie zu mir. „Sie erwarteten mich?“ „Ganz gewiß. Sie haben einen Brief von Augu⸗ ſtine erhalten?“ „Ja, Madame.“ „Sie ſetzt Sie von ihrer Abreiſe in Kenntniß und Sie ſind eiligſt zu ihr gerennt, in der Hoffnung, ſe noch zu treffen.“. „Jü Madame.“ „Endlich haben Sie erfahren, daß ſie auf ihrem 23 „ Landgute iſt, und Sie kommen nun, mich zu fragen⸗ wo dieſes liegt?“ „Ja, Madame, aber woher wiſſen Sie?... „Ich habe geſtern Auguſtine geſehen, ſie weinte und war troſtlos; ich verſuchte, ſie zu tröſten und 6 ich mußte es, denn, daß ſie geſtern bei Ihnen war, iſt meine Schuld. Ich wiederholte ihr unaufhörlich, daß Sie verwundet, leidend, in Verzweiflung ſeien.“ „Ach, wie gut Sie ſind!“ „Kurz, ich fand ſie alſo ganz in Verzweiflung; ſie wollte ſterben, wollte vor Allem Sie nie mehr ſehen; ich hatte viele Mühe, ihr begreiflich zu machen, daß ihr Schmerz gar keinen Sinn und ſich in ihrer Lage gar nichts geändert habe, als etwa das, daß ſie die Ueberzeugung gewonnen, daß ihr Mann ein elender Menſch ſei, während Sie ſich dagegen ſehr edel betragen haben, indem Sie Allem aufgeboten, ihren Gemahl wieder in ihre Arme zurückzuführen.“ „Ach, Madame, wie gütig Sie ſind!“ „Schweigen Sie doch. Es gelang mir, ſie etwas ruhiger zu machen... was ihr Herz anbelangt, ſo kann ich Ihnen nicht recht ſagen, was es denkt. Ich habe ihr bemerklich gemacht, daß Sie nicht mehr zu O ſehen den Edelmuth Ihres Betragens ſchlecht ent⸗ gelten hieße; dann hat ſie ſich bedacht, geſeufzt und endlich gemurmelt:„Wir wollen in einiger Zeit ſehen. „Ach, Madame, morgen! heute!“ Aber, mein Herr, laſſen Sie mich doch ausreden. Als ich ſah, daß ſie ganz entſchieden war, auf ihr 24 Landgut zu gehen, verſuchte ich nicht mehr, ihren Entſchluß zu bekämpfen, aber ich verſprach ihr, ſie zu beſuchen, und obgleich ſie mir keine Erlaubniß dazu gegeben hat, ſo werde ich Sie doch mitnehmen.“ „Sie nehmen mich dahin mit? Wie viel Dank ſchulde ich Ihnen! Wann reiſen wir ab, Madame?“ „O! Geduld, wir müſſen Auguſtine in ihrer Ein⸗ ſamkeit Langeweile empfinden laſſen. In drei Wochen wollen wir ſie beſuchen.“ „In drei Wochen!.. aber das ſind drei Jahr⸗ hunderte.. ich kann unmöglich ſo lange warten!“ „Nun, in vierzehn Tagen!“ „Und warum nicht morgen?“ „Weil ich Auguſtine kenne: ſie iſt etwas über⸗ ſpannt; ſie hatte die Abſicht, Sie gar nie mehr zu ſehen; wollten Sie ſich nun augenblicklich bei ihr melden laſſen, ſo könnten Sie möglicher Weiſe gar nicht angenommen werden; aber eine vierzehntägige Einſamkeit wird ihren Gedanken viele Ruhe geben.“ „Das heißt, ich werde ſie ſehr vernünftig, ſehr kalt, ſehr gleichgültig finden!“ „Ach, mein Herr, nicht auf den Feldern, nicht unter dichten Lauben wird eine junge Frau gleich⸗ gültig. Uebrigens habe ich es Ihnen geſagt, in vier⸗ zehn Tagen, bälder nicht, und das iſt mein letztes Wort.“ „Und. wenn. wenn ich allein zu ihr ginges“ Zunächi würde ich Ihnen nicht ſagen, in wel⸗ cher Gegend ihr Landhaus liegt; allein, ſelbſt wenn Ihnen dieſe Entdeckung gelänge, bin ich überzeugt, 25 daß, da ſie allein in ihrem Landhauſe iſt, ſie Sie gar nicht annehmen, oder ſogar über Ihren Beſuch ſehr böſe werden würde.“ „Indeſſen iſt ſie doch zu mir gekommen!“ „Weil ſie überzeugt war, daß Sie ſehr krank ſeien.“ „Nun, Madame, meinetwegen... weil Sie es durchaus ſo haben wollen, in vierzehn Tagen alſo; Sie ſind ſehr grauſam!“ „Es ſcheint mir im Gegentheil, als ſei ich ſehr gütig; allein ich verabſcheue dieſen Jenneville, der meine arme Auguſtine ſo unglücklich gemacht hat, ſo ſehr, als ich Sie liebe, daß Sie ſie endlich von ihrer unwürdigen Thorheit geheilt haben... ach! wenn mein Mann es mir nur zum vierten Theil ſo ge⸗ macht hätte!... Allein, leben Sie wohl, Herr De⸗ ligny, faſſen Sie ſich in Geduld und kommen Sie in vierzehn Tagen wieder.“ So bin ich alſo dazu verurtheilt, vierzehn Tage fern von ihr zubringen zu müſſen, und das in dem Augenblick, wo ich gewiß bin, daß man mich nicht mehr mit Gleichgültigkeit ſieht, wo ich das Glück zu erfaſſen glaubte. Ach, ich weiß nicht, wohin mich meine Verbindung mit Frau Luceval noch führen wird; allein das kann ich ſagen, daß ſie bis heute mir mehr Schmerz als Vergnügen verurſacht hat. Ich habe Julietten ohne Zweck, ohne Abſicht ver⸗ laſſen; ich habe nur einen Wunſch, vierzehn Tage älter zu ſein. Arme Sterbliche, die wir ſind!... wir fürchten den Tod, und doch wünſchen wir oft, die 26 wenigen Tage, die uns auf dieſer Erde zu weilen vergönnt ſind, möchten verſchwunden ſein! Als Kin⸗ der wünſchen wir groß zu ſein; als Jünglinge bren⸗ nen wir vor Verlangen, unter den Männern Platz zu nehmen; und dann laſſen uns, die wir weit ent⸗ fernt ſind, mit unſerem Looſe zufrieden zu ſein, Liebe, Ehrgeiz, Eigennutz tauſend Pläne für die Zukunft machen und mit Sehnſucht den folgenden Tag her⸗ beiwünſchen, der uns viel glücklicher machen ſoll, als der vorhergehende. Der Familienvater will ſeine Kinder verſorgt ſehen, der Liebhaber wünſcht das Herz desjenigen Mädchens zu erobern, die er liebt, der Ehrgeizige will ein Amt, der Dichter, der Maler, der Muſiker träumt von glänzenderen Erfolgen, als die, welche er bis jetzt erlangt hat!... alle dieſe Mor⸗ gen können kommen und finden uns ſeufzend nach dem nächſten Morgen! Was mich in dieſem Augenblicke betrifft, ſo möchte ich ein Murmelthier werden und vierzehn Tage lang fortſchlafen. Ich habe Luſt, den Verſuch zu machen und ich ſchlage deßhalb den Weg nach Hauſe ein, als ich mich am Arme angehalten fühle: es iſt Jo⸗ livet, der eleganter ausſieht, als ich ihn je geſehen habe. „Guten Tag, mein Kleiner, wie geht es mit der Geſundheit?... es iſt ein Jahrhundert her, ſeit ich Dich nicht mehr geſehen habe.. ich habe ſo viel zu thun!..ich weiß nicht, wo mir der Kopf ſteht!“ Ich erinnere mich, daß ich Jolivet ſeit jenem Tage nicht mehr geſehen habe, wo ich ihm mittheilte, daß ich das Opfer des Bankerottes des ſchändlichen —,— —,— — 27 Blagnards ſei; ich weiß nicht, ob er mich deßwegen jetzt für einen armen Teufel anſieht, allen ich finde an ihm einen ſo hochtrabenden, faſt Protectors⸗ Ton, den er nie gegen mich gehabt hatte. Ich lache inner⸗ lich über dieſen neuen Beweis der Dummheit und Armſeligkeit Jolivets, und nehme mir vor, dieſen Ton umzuſtimmen. „Seitdem Du mich nicht mehr geſehen haſt, mein Kleiner, glaubſt Du gar nicht, wie ſehr meine Ge⸗ ſchäfte ſich ausgebreitet haben... ich wage gegen⸗ wärtig Alles ich habe ein Cabinet genommen und muß ſogar einen Commis halten, den ich ſehr theuer bezahle! Allein ich mußte einen haben.. ich habe ſehr wichtige Geſchäfte gemacht... ich habe Geld ausgeliehen„ ich, ich habe Anleihen unter⸗ handelt; allein ich gehe mit außerordentlicher Klug⸗ heit zu Werke.. man muß mir Bürgen oder gute Unterpfänder ſtellen.“ „Ich verſtehe, das heißt, Du leihſt nie an Un⸗ glückliche oder arme Teufel?“ „Mein Lieber, die Unglücklichen zahlen nicht heim man muß nie mit ſolchen Leuten Geſchäfte machen. Nun! und Du, haſt Du Deinen Bankervttirer ſeither nicht getroffen.. Du kommſt um Deine dreißigtau⸗ ſend Franken dabei... das iſt hart!“ „O, dieſen kleinen Unfall habe ich ſchon lange vergeſſen. Ein Oheim von mir von mütterlicher Seite, der außerordentlich reich iſt, hat mir das Doppelte jener Summe zugetheilt, um mich ſchadlos zu halten und dieſen Ausfall zu decken.“ 28 Teufel! das Doppelte!.. das iſt ſchr artig, d Und Foltvet, der bisher nur neben mir herge⸗ gangen war, hängt ſeinen Arm in den meinigen. „Und was treibſt Du mit dieſem Gelde?... Du ſollteſt es umſetzen, das würde Dir viel eintragen!“ „Du weißt wohl, daß ich mich ſchlecht auf Ge⸗ ſchäfte und daß ich bloß ungili gewe⸗ ſen bin. „Ja; n wenn man klug iſt, oder wenn man ſich mit einem verſtändigen Manne aſſocirt. „O nein... und dann habe ich auch nicht nö⸗ thig, mir ſo viele Mühe zu geben: jener Oheim wird mir wenigſtens fünfzehntauſend Franken Renten hinterlaſſen... und dann kann ich mit dem, was ich noch habe, und mit dem Vermögen meines Vaters, das ich gar nicht rechne, wenn ich eine Frau hei⸗ rathe, die eben ſo viel hat, fünfzigtauſend Franken Renten bekommen, und damit kann man leben.“ Dier ſtützt ſich Jolivet noch mehr auf meinen Arm und ruft aus:„Ja, mein Freund, fünfzigtauſend Franken Renten, das iſt ſehr hübſch; aber wenn Dir doch am Ende die Luſt ankäme, ſie zu vermehren, ſo bitte ich Dich, gib mir den Vorzug. Mit mir laufſt Du keine Gefahr, zu verlieren! Zudem, weißt Du, die alte Freundſchaft, die wir für einander ha⸗ ben und an der Du nie gezweifelt haben wirſt... Ah, bei Gelegenheit, was weißt Du von Dubvis? Es iſt ſchon ſehr lange her, daß ich ihn nicht mehr geſehen habe ohne Zweifel verbraucht er — — 29 Alles mit Mädchen, wie gewöhnlich Aus dem Burſchen wird nie Etwas werden!“ „Im Gegentheil, Dubvis hat ſeit einiger Zeit ſehr hübſche Geſchäfte gemacht; er hat ſein Geld in ein Handelshaus geſteckt, woran er Antheil hat, und ich weiß, daß er viel beſſer ſteht, als er ſich das Anſehen gibt.“ „Ach! ſehr wohl ich verſtehe.. das thut er, daß man kein Geld von ihm entlehneu ſoll... das iſt nicht ſo dumm... Dieſer Teufels⸗Dubois! ich hätte das nie von ihm geglaubt!... Im Ganzen iſt er ein ſehr guter Kerl!... ein Lebemann! ich muß ihn doch beſuchen.“ Ich habe Jolivet bereits ſatt und ziehe meinen Arm aus dem ſeinigen, da er ihn ziemlich feſthält. „Adje, Jolivet, ich muß Dich verlaſſen... ich gehe zu einer Marguiſin, die in der Nähe wohnt... Ich hoffe, eine reizende junge Gräfin bei ihr zu treffen, der ich den Hof mache.“ Jolivet reißt die Augen, in denen ſich Erſtaunen und Achtung malen, weit auf und ruft:„Bah!.. wirk⸗ lich. Du beſuchſt Marquiſinnen und Gräfinnen?“ „Warum nicht?“ „Ach, das iſt ſehr gut, mein Freund, das kann Dir einen Platz verſchaffen. einen...“ „Auf Wiederſehen!“ Jolivet will mich nicht mehr loslaſſen; er hält mich bei der Hand zurück und ſagt mir noch:„Ich werde Dich beſuchen... Du wohnſt, meine ich, in der Charlot⸗Straße?“ Paul de Kock. LIW. 3 30 „Ja, aber ich bin nie zu Hauſe.“ „Wir müſſen uns aber ſprechen. Wo ſpeiſeſt Du zu Mittag?“ „O, ich habe für jeden Tag zehn Einladun⸗ gen.“ „Das iſt recht unangenehm, nicht wahr?... Ich, ich bin untröſtlich, wenn ich zwei Einladungen für denſelben Tag habe, weil dann immer eine verloren iſt. doch, wir werden uns wieder ſehen...“ „Ja, ja.“ So bin ich endlich frei. Armer Jolivet! Sonſt machte mich ſeine Nichtigkeit lachen, jetzt flößt mir ſeine Art, groß zuthun, Mitleiden ein. Ein Dumm⸗ kopf iſt ein ſehr langweiliges Weſen; allein wenn er reich wird, iſt er unerträglich. Um zu ſehen, wie weit die Dummheit der Leute gehen kann, braucht man ſie nur reich zu machen. Mit Leuten wie Jolivet würden mir gewiß meine vierzehn Tage nicht kurzweiliger vergehen!... Ach, Juliette, Sie ſind ſehr grauſam!... Allein, ſie be⸗ hauptet, es geſchehe zu meinem Vortheil... vielleicht hat ſie auch recht... Hat nicht Auguſtine während der Zeit, wo ich ſie nicht mehr beſuchte, bemerkt, daß meine Gegenwart ihr nicht gleichgültig iſt? Man muß alſo die Sachen entbehren, wenn man fühlen ſoll, was ſie werth ſind. Ich bin zu Hauſe angekommen; man befindet ſich wohler, wenn man allein iſt, als in der Geſellſchaft von Leuten wie Jolivet. Doch Dubois kommt, und mit dem kann ich wenigſtens plaudern. 6 — 31 „Nun, edler Freund, wie geht es mit der Ge⸗ ſundheit und der Liebe?“ „Schlimm, ſehr ſchlimm!“ „Befindeſt Du Dich unwohl?“ „Nein. ich befinde mich ganz gut.. allein ſie iſt abgereist!.. abgereist, ohne mich zu ſehen... und ich muß vierzehn Tage fern von ihr zubringen!“ „Nun, mein Freund, man nimmt auf vierzehn Tage eine Andere, das vertreibt wenigſtens die Zeit. Ich führe Dich heute Abend in einen Kreis, wohin auch zwei Nähterinnen kommen, die einen Curſus der franzöſiſchen Sprache nehmen wollen, um in die Chöre der italieniſchen Oper einzutreten; wir werden ſie Signores tituliren, das wird ſie beſtechen.“ „Nein, Dubvis, ich gehe nicht in Deinen Cirkel; ich will nichts von Deinen Nähterinnen... Ach, Du weißt nicht, was es heißt, verliebt zu ſein!“ „Ich weiß nicht, was das heißt! Ich, der ich gar nichts Anderes treibe!.. Indeſſen komm' mit zum Mittageſſen; man kann wohl verliebt ſein, allein man muß doch eſſen. es iſt zwar unangenehm, allein es iſt einma ſo.“ Während ich mit Dubois eſſe, erzähle ich ihm meine Unterhaltung mit Jolivet; Dubois lacht über meine Idee, ihn reich werden zu laſſen, und wünſcht, Jolivet zu begegnen, um auf ſeine Koſten zu lachen. Trotz der inſtändigen Bitten meines treuen Ge⸗ fährten gehe ich Abends nicht mit ihm in die Geſell⸗ ſchaft, wo die beiden Nähterinnen ſich einfinden ſollen. Klugheit iſt vielleicht nicht die einzige Urſache meiner 32 Weigerungz allein wenn man eine durch ihren Geiſt und ihre Manieren ausgezeichnete Frau liebt, em⸗ pfindet man nicht mehr ſo viel Vergnügen bei Gri⸗ ſetten; es ſcheint ſogar, als finde man ſich bei ihnen nicht mehr heimiſch. Alles iſt Gewohnheit im Leben; allein das beſte Mittel, ſich gut aufzuführen, iſt, ſeine ₰ Neigung an einem guten Platz unterzubringen; un⸗ glücklicher Weiſe iſt man nicht immer Herr ſeiner Neigungen. Acht Tage ſind vorbei! noch ſieben, und ich werde ſie ſehen... Aber wie wird ſie mich empfangen?... Kurz, ich werde ſie wieder ſehen, das iſt die Haupt⸗ ſache, und über die Zukunft muß man ſich nie graue Haare wachſen laſſen.. Dubois war während der vergangenen acht Tage oft bei mir; auch heute werden wir zuſammen zu Mittag ſpeiſen. Er dringt nicht mehr in mich, eine Bekanntſchaft für den Augenblick zu machen, aber er nennt mich Amadis, Tanered, Palmerin. Er be⸗ hauptet, daß alle Paladine des Alterthums die Segel vor mir ſtreichen müßten. Wir gehen plaudernd im Garten der Tuilerien ſpazieren, als ein Mann auf uns zukommt und Jeden von uns bei der Hand nimmt. Es iſt Jolivet. ₰ „Guten Tag, liebe Freunde... guten Tag, Du⸗ bois und der liebe Deligny.. ich habe euch von Weitem geſehen und bin ſchnell gelaufen, um euch noch zu boffen.. Meine lieben Freunde, es freut mich ſehr, euch zu ſehen...“ „Gott verzeihe mir, Jolivet, ich glaube, Du haſt —=— 33 einen neuen Rock... Sonſt, weißt Du noch, kaufteſt Du Deine Röcke im Trödel.“ „Unſer Dubois iſt noch der alte Spaßvogel!... immer noch der Alte!... Meine Herren, wollen wir Eis nehmen?“ „Er bietet uns Eis an!... Biſt Du krank, Jo⸗ livet?“ „Ich biete euch keines anz ich ſage bloß, wir wollen Eis nehmen...“ „Wir haben ſchon genommen, ZJeder drei Mal; ah! Du biſt alſo ſehr reich geworden, daß Du Dir Eis erlaubſt... Ohne Zweifel, ſeitdem Du auf Pfän⸗ der leihſt?“ „Ich leihe auf Pfänder? ich!“ „So heißt es wenigſtens.“ „Ich leihe ſo wenig auf Pfänder, daß ich eben erſt ſelbſt entlehnt habe, das heißt, eine Anleihe von ſechszigtauſend Franken an Jenneville habe abſchließen helfen.“„ „An Jenneville?“ „Nicht gerade an ihn, allein an eine gewiſſe Frau von Remonde, für die er gut geſtanden iſt... Ich hatte anfangs keine große Luſt, dieſes Geſchäft zu machen, allein die Zinſe ſind ſo ſchön, und dann iſt Jenneville ein Freund von mir...“ „Mein armer Jolivet, ich glaube, daß Deine ſechszigtauſend Franken in großer Gefahr ſind.“ Jolivet erblaßt und betrachtet Dubois mit Schre⸗ cken, während er ausruft:„Was willſt Du damit ſagen?“ ₰ „Ich will damit ſagen, daß Jenneville überſchul⸗ det iſt, oder ruinirt, wenn Du lieber willſt...“ „Machet keine ſo dumme Späſſe! Wiſſet, daß ich dadurch ebenfalls überſchuldet wäre...“ „Was geht das Dich an, da Du nicht das An⸗ lehen gemacht haſt!“ 2 „Ich bin bei dem Geſchäfte betheiligt.“ „Wie, ein geſcheidter Mann wie Du macht ſolche Geſchäfte!“ „Ei, meine Herren.. der Reiz der Intereſſen... man läßt ſich manchmal verleiten... Aber nein, nein wir haben ein Unterpfand... wir haben... o, ich bin ganz ruhig... Dennoch will ich aber zu mei⸗ nem Aſſocié eilen und mich überzeugen... Leben Sie wohl, meine Herren.“ „Nun, Jolivet, Du nimmſt kein Eis?“ „O, ich habe kein Verlangen mehr darnach.“ Jolivet verläßt uns eiligſt und Dubois lacht, als er ihn ſo ſich entfernen ſieht. „Ohne Zweifel haſt Du das bloß geſagt, um ihn etwas zu quälen?“ frage ich Dubvis. „Nein, wahrlich nicht. Nach dem, was man noch heute an der Börſe ſagte, ſtehen die Angelegenheiten Jenneville's ſehr ſchlecht; ſeine Geliebte koſtet ihn ₰ unfinnig viel Geld; es ſcheint, daß, je weniger er hat, ſie um ſo mehr will. So machen es die Damen immer: wenn ſie ſehen, daß ein Mann ſich zu Grunde richtet, ſchonen ſie ihn nicht mehr, ſondern geben ihm das, was ſie den Gnadenſtoß nennen.“ Die Lage Jenneville's geht mir zu Herzen; wenn 35 ich noch reich wäre, ſo würde es mir, ich fühle es, Freude machen, ihn zu verpflichten; allein jetzt iſt mir das unmöglich! Ach, dieſer Mann verdient in⸗ deſſen ſein Unglück wohl. Ich habe Dubois verlaſſen. Den ganzen Abend denke ich an Jenneville und Frau von Remonde. Auch ſetze ich voraus, daß Auguſtine ihren Gemahl nie im Unglück verlaſſen wird. Endlich iſt der Zeitpunkt da: die vierzehn Tage ſind geſtern zu Ende gegangen, und um zehn Uhr Morgens gehe ich zu Juliette. Ich finde ſie ganz angekleidet und gerüſtet, die Reiſe anzutreten. „Sie ſehen, daß ich Sie rtete⸗ ſagte ſie zu mir. Statt aller Antwort ergreife ich ihre Hand, die ſie mir reicht, ein Cabriolet erwartet uns unten und wir reiſen ab. Drittes Kapitel. Die Liebe auf dem Lanbe. Ich habe ein Cabriolet auf den ganzen Tag ge⸗ miethet und fahre ſelbſt wie der Wind. Juliette ſagt jeden Augenblick zu mir:„Richt ſo ſchnell, mein Herr!“ „Madame, ſeit vierzehn Tagen ſterbe ich faſt vor Ungeduld; ich bin endlich froh, 4 es bald ein Ende hat.“ „Mein Herr, wenn wir ſo fahren, werden wir umwerfen, oder den Wagen zerbrechen, oder wird das Pferd ſtürzen, Eines oder das Andere von uns, vielleicht auch Beide werden verwundet, und dann meine ich, könnte das, ſtatt Ihre Ungeduld zu un⸗ terſtützen, den Augenblick, nach dem Sie ſo unge⸗ duldig verlangen, noch um ein Bedeutendes ver⸗ zögern.“ Juliette hat recht, und ich höre auf, das Pferd zu ſchinden. „Ah, Madame, haben Sie ſeit dieſen vierzehn Tagen keine Nachricht von ihr erhalten?“ „Bitte um Entſchuldigung, mein Herr.“ „Sie hat Ihnen geſchrieben?“ „Ja, mein Herr.“ „Und Sie ſagten mir nichts davon?“ „Wie können Sie verlangen, daß ich Ihnen Et⸗ was ſage, Sie ſind ja ganz närriſch! Sie hören ja nicht auf mich!“ „Ach, verzeihen Sie, Madame. „Nach Verfluß dreier Tage hat man mir geſchrie⸗ ben, um mir zu ſagen, daß man mich zu ſehen wünſche, daß man mich erwarte; dann fragte man mich, ob ich Sie geſehen hätte?“ „Und was haben Sie ihr geantwortet?“ 2„Nichts; ich habe mich wohl gehütet, ihr Antwort zu geben! Vier Tage darauf ſchrieb ſie mir, daß das Land ihr düſter vorkomme... daß es ſehr unrecht ſei, ſie zu vergeſſen... daß Sie ohne Zweifel nicht mehr an ſie denken.“ —— + 37 „Ach, ich hoffe, Sie werden ihr dieſe falſche Mei⸗ nung benommen haben.“ „Nicht doch, mein Herr, ich habe ihr gar nicht geantwortet. Ich bin ſicher, daß ſie jetzt ganz raſend auf mich iſt, und vielleicht auch auf Sie!“ „Wie, Madame, ſo haben Sie ſie auf meinen Empfang vorbereitet?“ „Was für ein Kind Sie ſind!... Je mehr man fürchtet, von denen vergeſſen zu werden, die man liebt, um ſo größere Freude verurſacht ihre Anwe⸗ ſenheit. Ich hätte in der That nicht erwartet, daß ich Ihnen dieſe Sächelchen beibringen müßte!“ Ich ſage nichts mehr, allein ich peitſche von Neuem auf das Pferd los; wir eilen durch Neuilly, Nan⸗ terre, Malmaiſon... Ach, da iſt Bouginal. „Sind wir an Ort und Stelle, Madames“ „Nein, mein Herr, noch nicht, aber bald; wir müſſen den Weg dort einſchlagen, der in die Höhe führt und der Prinzeſſinnenweg heißt; er wird uns nach Luciennes führen. Das Landhaus Auguſti⸗ nens iſt ganz in der Nähe der Waſſerleitung, die Sie da vorne ſehen können.“ Wir fahren bergan; man kann nicht mehr Ga⸗ lopp fahren, denn der Weg nach Luciennes iſt nicht ſehr eben. Endlich ſind wir da. „Dort iſt es,“ ſagt mir Juliette,„jenes Haus in der Ecke, links.“ Wir ſind abgeſtiegen. Mein Herz ſchlägt, wie wenn ich ein Verbrechen begehen wollte, oder eher noch, wie weni ich ein großes Unglück befürchtete, denn ich glaube, daß das Herz des Unſchuldigen viel eher in Aufruhr geräth, als das Herz des Ver⸗ brechers. Juliette hat Mitleiden mit meiner Unruhe; ſie nimmt lächelnd meine Hand und ſagt zu mir:„Seien Sie ruhig; können Sie denn glauben, daß Ihre Gegenwart ihr nicht angenehm ſein wird?“ „Ach, Madame, wenn man ſehr liebt, fürchtet man immer.“ „Deßhalb ſeid ihr Herren gewiß gewöhnlich ſo dreiſt.“ Eine alte Bäuerin hat uns das Hofthor aufge⸗ macht.„Madame Luceval iſt im Garten,“ ſagt ſie uns; ſie will ſie holen. Juliette gibt das nicht zu und will ſie lieber im Garten aufſuchen; ich folge ihr. Der Garten kommt mir ziemlich groß vor. Wir ſind ſchon durch zwei Alleen gegangen, und ich ſehe keine Auguſtine. Plötzlich bleibt Juliette ſtehen und deutet auf eine Laube.„Da iſt ſie,“ ſagt ſie,„ver⸗ ſtecken Sie ſich einen Augenblick hinter dieſes Buſch⸗ werk.“ Ich thue, was ſie mich heißt; allein ich bin bloß zwei Schritte von ihr entfernt und kann alſo die ge⸗ liebte Stimme hören. „Du biſt es!“ ruft Auguſtine beim Anblick ihrer Freundin aus.„Ach, wie froh bin ich.. und doch bin ich recht böſe auf Dich!. mir gar nicht zu ant⸗ worten!... Umarme mich immerhin.„ich will Dich nachher auszunte.—* „Liebe Freundin, Du hatteſt ſo große Eile, Paris⸗ 39 Deine Freunde, die ganze Welt zu verlaſſen, daß ig Dich die Einſamkeit genießen laſſen wollte, nach der Du ſo großes Verlangen trugſt.“ „Ach ja, allerdings.. ich mußte wohl... ich hätte immer in derſelben leben ſollen, ſeitdem mein Mann mich verließ!“ „Wie ſo!... Eigentlich hätteſt Du Dich ganz in eine Wüſte zurückziehen und nur von Wurzeln leben ſollen, weil Dein Mann Dich verließ und ſein Ver⸗ mögen mit Andern durchbrachte!... das wäre noch viel erbaulicher geweſen.“ „Ach, Juliette, ich bitte Dich, rede mir nicht von Jenneville.“ „Nein, Du haſt recht, wir wollen nie von ihm ſprechen, das wird beſſer ſein. Allein ich bin nicht allein gekommen. ich habe Dir Geſellſchaft mit⸗ gebracht.. „Geſellſchaft?.. wen denn?“ „Jemanden, der es nicht wagt, ſich zu zeigen... aus lauter Furcht vor Dir.“ Juliette gibt mir ein Zeichen: ich trete vor... Auguſtine hatte an mich gedacht.. ſie erröthete... dann nahm ſie wieder ihr freundliches, liebenswür⸗ diges, heiteres Geſichtchen an und ſagte zu mir:„Sie wagten es nicht, ſich zu zeigen?“ „Wenn Sie mich ſchlimm empfangen hätten, wäre ichsſehr unglücklich geweſen!“ Statt aller Antwort reicht ſie mir die Hand, die ich in den meinigen drücke, und Juliette ruft aus: „Schlecht empfangen!.. ach, ich hätte ſehen mögen, doaß man Jemanden ſchlecht empfängt, den ich vor⸗ ſtelle.“ Im Augenblick iſt aller Zwang Ich finde Auguſtine noch eben ſo liebenswürdig, ja faſt noch liebenswürdiger als zuvor, denn ich leſe in ihren Augen den Ausdruck jenes Gefühls, das ſie mir ein⸗ geſtanden hat. Juliette will, daß man mir das Haus und die Gärten zeigen ſolle. Ich ſolge den Damen: mir liegt wenig daran, wohin man mich führt, werde ich doch immer bei Auguſtine ſein. Das Landhaus iſt hübſch, bequem, mit Geſchmack eingerichtet. Der Garten iſt groß und hat ſchöne und breite Alleen; allein vor Allem iſt eine kleine, dicht verwachſene Laube da, in der es ſich herrlich ruhen muß; ich habe ſie bereits lorgnettirt. Mehrere Stunden ſind ganz unbemerkt vergangen: unter Leuten, die ſich kennen, ſich lieben, vergeht die Zeit ſo ſchnell! Juliette hat Auguſtine verſprochen, einige Zeit bei ihr zu bleiben. Mir ſagt man nicht, daß ich bleiben ſoll; allein man ladet mich ein, wieder zu kommen. Nach einem Tage, der mir wie einige WMinuten verging, fahre ich wieder nach Paris zurück. Am andern Tage miethe ich kein eigenes Ca⸗ briolet, das würde mich zu theuer zu ſtehen kommen. Ich nehme einen Platz auf dem Omnibus, der nach Saint⸗Germain führt, ſteige in Marly aus und bin dann bald in Luciennes., Man erwartete mich zum Frühſtück. Wie reizend ₰ ₰ 41 mir das Eſſen mit ihr vorkommt! Allein Alles iſt Vergnügen mit ihr: Leſen, Muſik, Spazierengehen. Ich finde bloß, daß der Tag zu ſchnell vorüber geht. und am Abend muß ich wieder fort... es wäre wohl viel angenehmer, wenn ich nicht fort müßte. Juliette erräth ohne Zweifel meine Wünſche; als es Abend iſt, ſage ich traurig:„Ich muß nun nach Paris zurück!“ Da ruft ſie aus:„Wie wollen Sie 3 denn fortkommen?... Sie haben ja kein Gefährt?“ „Ich werde in Marly warten, bis eins durch⸗ kommt.“ „Und wenn kein Platz mehr darin iſt?“ „Dann kehre ich zu Fuß zurück.“ „Zu Fuß... das wäre luſtig!... drei lange Stunden zu Fuß zu machen!... Es ſcheint mir, daß Sie viel beſſer daran thun würden, wenn Sie hier blieben... Auguſtine hat gewiß noch ein Schlafzim⸗ mer für Sie.“ Ich ſehe Auguſtine an: ſie hat die Augen zu Bo⸗ den geſchlagen und antwortet zögernd:„Hier zu blei⸗ ben.. Was wird die Welt ſagen... „Die Welt!... die Welt!... ach, liebe Freun⸗ din, beunruhige Dich doch nicht immer darüber, was die Leute ſagen, die manchmal ſo verkehrt urtheilen. Biſt Du nicht Deine eigene Herrin?... Was iſt es denn für ein Unrecht zu Allem hin, wenn man Ge⸗ ſellſchaft auf dem Lande hat?... Bin nicht ich auch hier? Außerdem haſt Du keinen Mann im Hauſe hier, als Deinen alten Gärtner, und ich fürchte mich — F— des Nachts. künftig über uns wachen!“ Gute Juliette!... ach, wenn ich den Muth hätte, ich würde ihr um den Hals fallen. Ich bleibe, das iſt ausgemacht, die Magd erhält Befehl, ein Zimmer herzurichten. Ich werde mit ihr unter einem Dache ſchlafen!... Es liegt etwas Köſtliches in dieſem Ge⸗ danken und gibt gewiſſermaßen Hoffnung. Ich bin alſo Hausgenoſſe, und das macht mich ganz munter, ſo daß die Damen entzückt über mich ſind. Am Abend kann man gar nichts mit mir anfan⸗ gen; Spiel, Muſik, Leſen— Alles thue ich verkehrt; mein Glück macht mich ganz zerſtreut. Man verzeiht mir, weil ich verſpreche, künftig vernünftiger zu ſein. Jedes hat ſein Licht genommen, und wir haben uns gute Nacht geſagt; das hat nichts Peinliches, wenn man weiß, daß man nur einige Schritte von der entfernt ſchläft, die man anbetet, allein es iſt auch ſchwer, einzuſchlafen, wenn man denkt, daß man ganz nahe bei ihr iſt. Das empfinde ich in dem hübſchen Zimmer, das man mir gegeben hat. Ich drehe und wende mich in meinem Bett herum... kann kein Auge zumachen und bin doch ſehr glücklich!... Aber ich bin es noch nicht genug... erſt, wenn man keine Wünſche mehr hat, ſchläft man gut!... und mich verzehren ſie faſt! Der Gedanke, daß ich in ihrem Hauſe ſchlafe⸗ iſt nicht geeignet, dieſelben zu beruhigen. Ich ſtehe mit dem Tage auf: ich will meine Träumereien im Garten ſpazieren führen. Ich möchte 3 Sie bleiben, mein Herr, und vewen . — — 43 wohl Auguſtinen begegnen, allein ſie ſollte allein ſein. bis jetzt war ich noch nicht allein mit ihr; Juliette war immer um den Weg... Jetzt, wo ich im Hauſe wohne, hoffe ich ſchon Gelegenheit zu be⸗ kommen. Gut! ſie zeigt ſich ſchon: ich ſehe Auguſtinen in den Garten kommen, gehe ihr entgegen und drücke ihr meine Freude darüber aus, daß ich bei ihr wohne. Sie hört mich gütig, ſelbſt mit Vergnügen an, wenn ich dem Ausdruck ihrer Augen trauen darf. Allein wir plaudern noch keine zehn Minuten mit einander, ſo kommt ſchon Juliette zu uns. Ach, Juliette! Sie ſind ſehr gut, ſehr liebenswürdig, allein Sie ſollten nicht ſobald aufſtehen. Heute führen mich die Damen in die ungegend. Es gibt bei Luciennes reizende Wäldchen, die ich noch nicht kannte, dichte Schläge, in die die Sonne kaum eindringen kann, durchhauene Wege, von de⸗ nen aus man eine prächtige Ausſicht genießt, wo man Paris und die Umgegend beherrſcht. Wir finden ſelbſt einen kleinen Teich, den man mit dem Namen eines Sees beehrt hat, in deſſen Mitte ſich eine kleine, an⸗ gepflanzte Inſel befindet, die entfernt an Rouſſeau zu Ermonville erinnert, Alles das iſt ſehr hübſch, ſehr maleriſch; dieſe Wäldchen machen die Schönheit der Einſamkeit noch vollſtändiger, denn nur ſelten kom⸗ men die Bewohner von Paris hieher; die guten Bür⸗ ger, die Kaufleute, die Griſetten gehen lieber nach Prés⸗Saint⸗Gervais, was näher an der Stadt liegt, und wo man eine Maſſe kleiner r Vinshaushen 44 mit kleinen Zimmerchen findet. Hier iſt die Natur wilder, hier kann man ganz nach Belieben träumen, nachdenken, ſeufzen... Ach, ich fühle, daß dieſe Wäldchen mir noch angenehmer vorkämen, wenn ich allein mit Auguſtinen darin ſpazieren gehen könnte.. Da man nicht immer ſpazieren gehen kann, ſo ſind wir nach Luciennes zurückgekehrt. Zu Hauſe nun arbeiten die Damen, während ich ihnen vorleſe. Ich thue das manchmal gut, manchmal ſchlecht. Ich bin oft zerſtreut; wenn meine Augen denen Augu⸗ ſtinens begegnen, halte ich inne und verwirre mich, oder leſe dieſelbe Stelle drei Mal, ohne es zu bemer⸗ 8 ken; dann ruft Juliette:„Gott, welch ein ſchlechter ₰ Vorleſer! Woran denken Sie denn, mein Herr?“ Auguſtine lächelt: ſie weiß wohl, an was ich denke. Die Tage, die Abende vergehen eilends bei Au⸗ guſtine; indeſſen bieten ſich die Gelegenheiten, Augu⸗ ſtinen allein zu treffen, wie ich gehofft hatte, nie; Juliette iſt faſt immer bei uns, und wenn ſie nicht da iſt, wenn ich Auguſtinen ohne Zeugen begegne, verläßt ſie mich ſchnell, um ihre Freundin aufzuſuchen. Sie fürchtet ſich, allein bei mir zu ſein... Alles ſcheint es mir anzudeuten. Mich fürchten, heißt das nicht, daß ſie fühlt, ſie könne mir nicht Widerſtand leiſten! Man flieht den Menſchen nicht, in deſſen Gegenwart das Herz ſtumm iſt; das iſt alſo ein wei⸗ terer Beweis ihrer Liebe. Wenn ich auch nicht wage, mich zu beklagen, ſo ſeufze ich doch häufig. Erräth ſie wohl die urſache? O gewiß! die Frauen errathen Alles, was ſich 45 auf die Liebe bezieht. Es ſind nun vierzehn Tage, ſeit ich bei ihr bin, und noch bin ich nie längere Zeit allein mit ihr geweſen. Ich bin nicht mehr ſo munter, wie in den erſten Tagen, und Juliette ſpottet mich lachend deßhalb aus; ſie behauptet, man werde mich fortſchicken, wenn ich nicht unterhaltender werde. Auguſtine entſchuldigt mich und ergreift meine Partei ſie weiß wohl, was mich ſeufzen macht. Ich mag MWorgrns aufſtehen, oder nicht, die Da⸗ men kommen ſaſt immer gleichzeitig in den n. Heute bin ich fauler geweſen, ich gehe en 8 und richte meinen Schritt nach einer hübſchen Laube, einem Lieblingsplatze Auguſtinens... Sie iſt da, ſie iſt allein! Ich eile, mich neben ſie zu ſetzen; ſie will auf⸗ ſtehen, ich halte ſie zurück.„Wollen Sie mich denn dieſes Augenblicks berauben, nach dem ich ſeufze, ſeitdem ich bei Ihnen bin!... Es iſt das erſte Mal, daß ich Sie allein antreffe.“ „Und warum wünſchen Sie, mich allein zu tref⸗ fen? ſind Sie nicht den ganzen Tag bei mir?... können Sie nicht unaufhörlich mit mir ſprechen, mich ſehen?“ „O ja! allein ich kann nicht von meiner Liebe mit Ihnen ſprechen, kann Ihnen nicht ſagen, nicht wiederholen, daß ich Sie anbete.“ „Genügt es Ihnen nicht, daß ich es weiß.. daß ich es glaube?“ „Nein, wenn man leidenſchaftlich liebt, ſo genügt Paul de Kock. LIV. 4 46 das nicht, und wenn ich ſehen muß, wie Sie mich immer fliehen, ſo muß ich wohl annehmen, daß ich Ihnen nicht mehr ſo angenehm bin und meine Gegen⸗ wart Sie ermüdet...“ „Paul, Sie bedenken nicht, was Sie ſprechen... ich habe Sie in meinem Herzen leſen laſſen in dieſem Herzen, das ſich nicht genng verſtellen kann! Das Gefühl, das Sie mir eingeflößt haben, iſt— leicht ein Verbrechen; allein, wenn ich auch die Kraft habe, es Ihnen zu verbergen, ſo wi h Sie voch nicht des Vergnügens berauben, das Ihnen die Gewißheit, geliebt zu ſein, verurſacht.“ „Es iſt alſo wahr!... Sie lieben mich!“ „Ja ich liebe Sie... allein ich flehe Sie an, mich nicht noch ſtrafbarer zu machen; die Gewißheit, daß Ihr Bild immer hier ſein wird, muß Ihnen genügen!“ „Sie lieben mich!... und wollen, daß dieſer Ge⸗ danke nicht alle meine Sinne feſſle... daß ich nicht wünſche, den ſtärkſten Beweis davon zu haben!“ „Es iſt alſo nicht der ſtärkſte Beweis, daß ich Ihnen geſtehe: ich liebe Sie? Ach, mein Freund! was Sie weiter wünſchen, iſt nicht immer ein großer Beweis von Liebe!“ „Wenn es in Ihren Augen weniger iſt, als das, was Sie mir ſchon gewährt haben, warum verwei⸗ gern Sie es mir?“ „Mein Freund, Sie wollen alſo, daß ich ganz ſchuldig werde?“ „Wie können Sie denn ſagen, daß das Sie ganz — 47 ſchuldig mache?.. Wer war denn je freier als Sie 7 „Paul, ich mag Sie nicht mehr anhören.“ Sie flieht mich. allein ſie iſt bewegt, erweicht Eitwoas ſagt mir, daß ſie mich nicht immer flie⸗ hen wird... Hoffen wir alſo... man muß ſich der Hoffnung überlaſſen, denn ſonſt wäre es ſehr troſt⸗ a nun faſt ein Monat her, ſeit ich auf dem Lande wohne; während dieſer Zeit ging ich alle zwei oder drei Tage einmal nach Paris. Heute will ich ebenfalls dahin; die Damen geben mir jedes Mal mehrere Aufträge. Ich beeile mich immer, ſie ſchnell zu beſorgen, um ſobald als möglich nach zurückzukehren. Ich gehe einen Augenblick nach meiner Wohnung in der Charlot⸗Straße, und man ſagt mir, daß Dubvis ſchon mehrere Male da warz er hat mir, wie man mir ſagt, Etwas zu ſagen. Es iſt in der That ſchon länger als ein Monat, daß ich ihn nicht geſehen habe; allein was kann er mir denn ſo gar Eiliges zu ſagen haben? Zu ihm zu gehen, würde mich nichts nützen, und er iſt nicht zu Hauſe... und zudem, wo wohnt er gegenwärtig? Mit dieſem Gedanken ſteige ich die Treppe hinauf und kleide mich um; ich will eben wieder ausgehen, als Dubois meine Thüre öffnet. „Zum Henker! Du biſt in Paris. es iſt mir lieb, daß ich Dich treffe; es ſcheint, der Herr hat gegenwärtig über ein Landhaus zu gebieten... 48 „Mein Freund, man hatte die Güte, mich auf einige Tage einzuladen, und...“ „Und Du bringſt da Monate zu, das iſt nicht ſo übel; das beweist, daß man Dich nicht auf einem Strohſack ſchlafen läßt. Uebrigens haſt Du recht: man muß die Gelegenheit benützen... Ich habe ſelten ein Landhaus, wo ich mich erholen könnte; die Griſetten beſitzen gewöhnlich keine Schlöſſer. Allein gewiß weißt Du, ſeit Du auf dem Lande wohnſt, nicht, was in Paris vorgeht... es gibt viel Neuigkeiten hier.“ „Was denn?“ „Jolivet iſt durch Jenneville ruinirt... Ich ahnte nicht, daß ich es ſo genau errieth, als ich es ihm vorausſagte; Du erinnerſt Dich vielleicht jenes Ta⸗ ges, wo wir ihn trafen...“ „Wie?.. ſpreche deutlicher.“ „Nun, zum Kukuk! Du weißt doch, daß er Jen⸗ neville ſechszigtauſend Franken geliehen hat... das heißt, der Frau von Remonde, aber Jenneville hatte ſich verbürgt.“ „Nun?“ „Nun! was kommen mußte, iſt nicht ausgeblie⸗ ben: Frau von Remonde iſt eines ſchönen Morgens mit einem jungen Ruſſen, oder Engländer, oder Türken abgereist... Sie hat den armen Jenneville da gelaſſen, um ihre Schulden zu bezahlen. Als man zu ihr kam, um zu verſiegeln, fand man, daß Nichts ihr eigen war und daß ſie ſelbſt den Eigenthümer des Hauſes, das ſie bewohnte, betrogen hatte. Als Jolivet dieß erfuhr, bekam er die Gelbſucht; allein 49 dieſes hinderte ihn nicht, bei Gericht zu klagen; kurz, da Jenneville nicht zahlen kann, weil er ſich mit die⸗ ſer Frau zu Grunde richtete, hat ihn unſer Freund, ohne mehr der Mittageſſen zu gedenken, die ihm ſein Schuldner gab, in's Gefängniß abführen „Wäre es möglich! Jenneville wäre. „Im Schuldthurm... in S Viertel des Gewächsgariens.⸗ „Und Jolivet hat ihn verhaften laſſen?“ „Ja, allein ſeitdem ſind noch viele andere Gläu⸗ biger gekommen und haben Jenneville gleichfalls in das Gefangenen⸗Regiſter eintragen laſſen. er ſoll mehr als hunderttauſend Franken Schulden haben! und da er Alles verkauft, Alles verfreſſen hat, ſo wird er wahrſcheinlich lange ſitzen müſſen. So weit bringt man es, wenn man eine Geliebte mit Federn, mit Equipage und Cachemirſhawls hält! Man verzehrt nie hunderttauſend Franken mit einem Frauenzimmer, das ſich mit Franſenſtricken beſchäftigt.“ Ich höre nicht mehr auf Dubois; ein einziger Gedanke beſchäftigt mich: Jenneville iſt im Gefäng⸗ niß. er iſt unglücklich und deßhalb verlaſſen von der Welt, in der er lebte, und wo die Freunde nur Ge⸗ noſſen des Vergnügens ſind und uns fliehen, ſobald wir nicht mehr im Stande ſind, tolle Streiche mit ihnen zu machen. Ach! wenn ich noch reich wäre! allein mir bleibt nur noch ſo viel übrig, daß ich leben kann, wenn ich ſpare; mein ganzes Vermögen könnte Jenneville nicht die Freiheit geben, und mein Vater. o, es iſt keine Gefahr, daß er mir jetzt 50 Geld ſchickt. hunderttauſend Franken... das iſt un⸗„ geheuer viel! „An was denkſt du denn?“ fragt Dubois. „Ich denke, daß Jenneville ſehr zu beklagen iſt er, der ſo glücklich ſein könnte!“ „Das iſt wahr! allein, das iſt ſeine eigene Schuld. Trotz dem kennſt Du mich; wenn ich ihm helfen könnte.. wenn es ſich nur um fünfzig Carolin handelte, würde man ſich anſtrengen. allein hun⸗ derttauſend Franken!... das iſt gerade, als ob ich eine ägyptiſche Pyramide umarmen wollte.“ „Dubvis, weißt Du, wo Jolivet wohnt?“ „Immer in der alten Wohnung, in der Cadran⸗ Straße! Das iſt ein Burſche, der nicht oft auszieht, weil es den Möbeln ſchadet. Willſt Du für Jenne⸗ ville bezahlen?.. Haſt Du vielleicht in der Lotterie gewonnen?“ „Nein, allein ich will Jolivet beſuchen... ich will ihn bitten, für einen alten Bekannten Bürgſchaft zu leiſten.“ „Ich verſichere Dich, daß das vergebliche Mühe iſt.“ Dubois mag indeſſen ſagen, was er will, ich 8 verlaſſe ihn ſchnell, um ein Cabriolet zu nehmen und mich zu Jolivet führen zu laſſen. Ich treffe den neuen Geſchäftsmann in einem klei⸗ nen Verſchlage, den er wahrſcheinlich ſelbſt in der Ecke ſeines Schlafzimmers angebracht hat. Dieſer Verſchlag iſt ſein Cabinet; allein ich denke an den Glanz, die Eleganz, die Blagnard um ſich verbrei⸗ tete, und das beweist mir auf's Neue, daß man nie* ———— 51 nach dem Scheine urtheilen muß, denn Jolivet iſt wirklich reich und Blagnard wollte es ſcheinen. Jolivet kommt mir mit Zuvorkommenheit entge⸗ gen, er führt mich ſogar in ſein Cabinet, wo man unmöglich mehr als zwei Seſſel ſtellen kann. Doch, er hält mich für reich und ſetzt voraus, ich komme In eigenen Angelegenheiten. So wie ich nur den Namen Jenneville's aus ſpreche, zieht ſich ſein Geſicht in die Länge. „Jenneville!.. ach, der Schurke!... der Elende er hat uns ſchön in die Klemme geführt.. mich und meinen Aſſoeis... ſechszigtauſend Franken, mein lieber Freund.. und dieſes verdammte Weib mit einem prächtigen Mobiliar... Alles war verſchuldet verpfändet.“ „Allein, ich meine, Du habeſt Jenneville eben⸗ falls in die Klemme gebracht, denn man hat mir ge⸗ ſagt, er ſei im Schuldthurm.“ „Ja, gewiß iſt er dort, und er ſoll ihn auch nicht verlaſſen, bis ich bezahlt bin... „Und wenn er nichts mehr hat?“ „Das iſt mir gleich.“ „Du vergißſt, daß er Dein Freund war.. daß Du oft bei ihm zu Mittag aßeſt.“ „Das macht Alles Nichts! Als er mich zum Eſſen einlud, entlehnte er kein Geld von mir hätte er damals von mir entlehnt, würde ich ſeine Einladun⸗ gen nicht angenommen haben, weil das ſchmutzig ge⸗ weſen wäre, und wenn ich recht darüber nachdenke, ſo ſehe ich in jenen Einladungen nur eine Liſt, 52 zic⸗ zu hintergehen... kurz, Jenneville iſt nie mein Freund geweſen.. er war der Deinige, nicht der meinige; er brancht zu viel Geld, um meine Ach⸗ tung und meine Freundſchaft zu haben.“ „Wenn er aber durchaus nicht zahlen kann, was nützt Dich denn ſeine Gefangenſchaft?“ „Er hat ſchöne Bekanntſchaften!... Uebrigens wiederhole ich Dir, daß er Saint⸗Pelagie nie ver⸗ laſſen wird, außer gegen baare Bezahlung.“ „Und wie viel iſt er im Ganzen ſchuldig?“ „Mir zunächſt ſechszigtauſend Franken und dann die Unkoſten, die auch bereits zehntauſend Frayken betragen.“ „Und den andern Gläubigern?“ „Beiläufig eben ſo viel, wie ich glaube.. allein Manche würden mit ſich abhandeln laſſen. Wäreſt Du zufällig im Stande, für Jenneville zu zahlen? das wäre ein herrlicher Zug...“ „Wenn ich es könnte, würde ich es mit Vergnü⸗ gen thunz da Du jedoch findeſt, daß es ein herrlicher Zug wäre, warum ſcenb Du ihm denn Deine Schuld nicht?“ „Ich kann es auch nicht, lieber Freund. Zudem ſehe ich nicht ein, warum ich die Geliebte und das Cabriolet dieſes Herrn bezahlen ſoll, während ich keines gebraucht habe.“ Ich verlaſſe Jolivet, beſorge eilends meine Auf⸗ träge und die Einkäufe, und bin bereits zwei Stun⸗ den vor dem Mittageſſen wieder in Luciennes. Die Damen ſind im Garten; ich gehe zu ihnen 53 und lege Rechnung über die Einkäufe ab, allein Au⸗ guſtine bemerkt, daß ich aufgeregt und eingenommen bin. Sie verläßt die Laube, in der ſie ſaß, und kommt zu mir.„Was haben Sie denn?“ fragt ſie mich halblaut;„was haben Sie in Paris erfahren, das Sie ſo trübſinnig ſtimmt?... Haben Sie Nach⸗ kichten von Ihrem Vater erhalten?“ „Nein, nicht um mich handelt es ſich.“ „Und doch fehlt Ihnen Etwas, ich ſehe es Ihnen an.“ „Ja ich weiß nicht, wie ich es Ihnen mitthei⸗ len ſoll... indeſſen glaube ich, Ihnen das Ereigniß nicht vorenthalten zu dürfen.“ „Sprechen Sie doch „Herr Jenneville... „Nun! Herr Jenneville?“ „Iſt im Gefängniß.“ „Im Gefängniß!“ „Er iſt überſchuldet... er hatte bereits all' ſein Vermögen verpfändet... kurz, er ſchuldet gegen hun⸗ dertzwanzigtauſend Franken, und es ſcheint, als habe er ſeinen Gläubigern nichts mehr zu bieten... „Im Gefängniß... mein Gemahl!“ Auguſtine denkt einige Minuten nach; dann ſagt ſie zu mir:„Mein Freund, erwarten Sie mich hier.“ Sie entfernt ſich eilends in der Richtung des Hau⸗ ſes. Was wrill ſie thun? Ich gehe langſam im Garten ſpazieren. Juliette iſt in der Laube ſitzen geblieben, weit entfernt, zu errathen, was uns Beide beſchäftigt. Nach etwa zehn Minuten kommt Auguſtine mit 54 einem Briefe in der Hand zurück und nimmt mich auf die Seite. „Lieber Freund, Sie haben mir ſchon Beweiſe Ihrer aufrichtigen Anhänglichkeit gegeben, ich bitte Sie heute noch um einen neuen.“ „Was ſoll ich thun?“ „Ich kann meinen Gemahl nicht im Gefängniſſe laſſen... mein Vermögen iſt nicht beträchtlich, alle“ ich opfere gerne die Hälfte, um Herrn Jenneville zu befreien... Ach, wenn es ſein müßte, wollte ich Alles hingeben, was ich habe!... der Reichthum kann mich nicht glücklich machen! Hier, nehmen Sie dieſen Brief an meinen Notar; ich gebe darin Ihnen die dazu gehörige Vollmacht, die nöthigen Gelder in Empfang zu nehmen und die Angelegenheiten zu be⸗ endigen. Ich glaube, Sie werden ſo gut ſein und ſich mit Bezahlung aller Schulden des Herrn Jenne⸗ ville abgeben. Indeſſen will ich nicht, daß er nicht wiſſen ſoll, daß ich es bin, die ſeine Schulden be⸗ zahlt. Ich werde hier keine falſche Großmuth heu⸗ cheln: Herr Jenneville glaubt, ich fühle mich ſchuldig gegen ihn; er ſoll ſehen, daß wenigſtens nicht alles großmüthige Gefühl in mir erſtorben iſt. Ich habe auch meinem Notar aufgetragen, ihm zu ſagen, daß ich ihm jährlich eine Penſion von tauſend Thalern ausſetze.. die gleiche Summe bleibt mir auch noch iſt das nicht mehr als genug.. namentlich wenn Sie mir manchmal Geſellſchaft leiſten?“ Welch eine Frau!... allein ich wußte wohl, daß ſie ſo handeln werde. 55 „Mein Freund,“ nimmt ſie wieder das Wort, „Sie wiſſen, daß ſchnell Jemanden verbinden ihn doppelt verbindlich machen heißt; wann kehren Sie nach Paris zurück?“ „Auf der Stelle. Geben Sie mir dieſen Brief... ich werde erſt zurückkommen, wenn Alles beſorgt iſt. Leben Sie wohl!“ „Ach, wie liebenswürdig Sie ſind. allein um⸗ armen Sie mich, ehe Sie fortgehen.“ Was thäte man nicht um eine ſolche ſüße Gunſt! Ich umarme ſie... mit aller Macht... denn ich reiſe ab. Ich kehre langſam nach Bouginal zurück, treffe dort ein Retour⸗Gefährt, und ſo bin ich nun wie⸗ der auf dem Wege nach Paris. Ich weiß nicht, warum ich eine geheime Befrie⸗ digung bei dem Gedanken empfinde, daß Frau Luceval nicht mehr ſo reich iſt... es ſcheint mir, als nähere dieſer Unfall ſie mir mehr; ſie wird zwar dadurch nicht freier und doch... Allein wenn man immer die Urſachen der Gefühle zergliedern wollte, die uns be⸗ wegen, ſo würde man nie fertig werden. In Paris angekommen, eile ich zu dem Notar; er verſpricht mir, die Gläubiger Jenneville's im Na⸗ men ſeiner Frau zu bezahlen, und ich begebe mich wieder auf den Weg, um ihm ſo ſchnell als möglich Alle zuzuſenden, die den Gemahl Auguſtinens gefangen halten. Ich gönne mir keinen Augenblick Ruhe, bis ich die Namen und die Adreſſen der Gläubiger habe, nnd laſſe ihnen ſagen, ſie ſollen ſich zum Notar der Frau Luceval begeben. Allein ich will nicht ſelbſt 56 mit ihnen ſprechen, ich will nicht, daß Jenneville er⸗ fahren kann, daß ich mich in dieſe Sache gemiſcht habe. Ich fürchte, es möchte dieß ſein Zartgefühl verletzen, obgleich er mir nicht bewieſen hat, daß er viel beſitzt. Endlich am vierten Tage ſtellt mir der Notar Auguſtinens alle Quittungen von Seiten der Gläu⸗ biger zu und ſagt mir, daß ſeit heute Morgen Jenne⸗. ville frei iſt und weiß, was ſeine Frau für ihn ge⸗ than hat. Ich nehme die Quittungen in Empfang und reiſe als⸗ bald nach Luciennes ab. Ich habe nur vier Tage ge⸗ braucht, um dieſe Angelegenheit zu Ende zu bringen und bin gewiß, daß Auguſtine mit mir zufrieden ſein wird. Die Damen ſind in dem Saale; ich weiß nicht, ob ich vor Juliette ſprechen ſoll. Aus meinem zufrie⸗ denen Geſichte wird Auguſtine ſchließen, daß ich ihre Aufträge erfüllt habe; allein Juliette ſagt zu mir: „Sie können ſprechen, Herr Delignpz ich weiß, warum man Sie ſo eilig nach Paris gejagt hat... man hat mir Alles geſagt... ich habe ſie ausgezankt.. und dann umarmt... was mich jedoch nicht hindert, zu . ſagen, daß das Geld hinausgeworfen iſt.“ „Ach, Juliette, Du würdeſt an meiner Stelle ebenſo gehandelt haben; ich weiß es gewiß.“ „Meiner Treu', nein, ich glaube nicht, oder we⸗ nigſtens hätte ich meinen Gemahl einige Monate im* Gefängniſſe ſitzen laſſen, um ihn etwas zu beſſern.“ „Nun, Herr Deligny?“ „Hier ſind alle Quittungen, Madame; Herr Jenneville iſt frei gelaſſen.“ 57 Auguſtine drückt mir, während ſie die Papiere nimmt, leiſe die Hand und ihre Augen danken mir noch zärtlicher, während Juliette murmelt:„Was iſt es doch Schönes um einen Gemahl, der Einen zu Grunde richtet!“ Weit entfernt, daß dieſes Ereigniß die gute Laune Auguſtinens ſtört, ſcheint ſie im Gegentheil heiterer und zufriedener, ſeitdem ihr Einkommen ſich um drei Viertheile vermindert hat. Nie war ſie liebenswür⸗ diger, zärtlicher gegen mich geweſen; wenn ich allein mit ihr ſein könnte, ſo glaube ich, würde ich der glücklichſte Menſch ſein. Seit einigen Tagen kündigt Juliette ihre bevor⸗ ſtehende Rückkehr nach Paris an; ich wünſche dieſen Augenblick eben ſo ſehr herbei, als ich ihn fürchte. Wird Auguſtine mir erlauben, bei ihr zu wohnen, wenn ihre Freundin nicht mehr da iſt? Endlich hat Juliette Auguſtinen Lebewohl geſagt; ſie kehrt nach Paris zurück. Ich werde ſie dieſen Mor⸗ gen dahin begleiten; werde ich aber am Abend wie⸗ der zurückkehren? Nein, Auguſtine ſagt mir ebenfalls Lebewohl, indem ſie mich einladet, manchmal zu kommen und den Tag bei ihr zuzubringen. Ach! das heißt mit andern Worten: daß ich nicht mehr zur Hausgenoſſenſchaft gehöre. Einerlei, Juliette iſt des Vorgens nicht mehr da, und wenn man nur die Magd zu entfernen weiß, ſind wir ja allein. Ich finde in Paris einen Brief meines Vaters vor. Sehen wir, was er ſchreibt: „Lieber Sohn, ich habe Dir keine Vorwürfe darüber gemacht, daß Du in Paris das Vermögen Deiner Mut⸗ ter verſchwendet haſt, weil Vorwürfe das Unglück doch nicht wieder gut gemacht haben würden, allein ich bin hier beſchäftigt, Dir eine Frau zu ſuchen. Ich habe ein Mädchen von achtzehn Jahren, geiſt⸗ reich, gut, hübſch und reich für Dich gefunden, die Dich gerne heirathen will, weil ich ihr geſagt habe, daß Du ein artiger Burſche ſeieſt, und weil ih Eltern ihre Einwilligung dazu gaben, indem ich fur Dein künftiges Betragen eingeſtanden bin. Eile alſo, Paris zu verlaſſen, und bringe ja Deinen Freund Dubois nicht mit. Lebewohl, mein Freund, ich erwarte Dich; beeile Dich, die Sache lohnt ſich ſchon der Mühe.“ Er will mich verheirathen!... Ich hätte es er⸗ warten können nach dem, was er mir bei ſeiner Ab⸗ reiſe ſagte. Eine hübſche, liebenswürdige und reiche Frau! Ich geſtehe, daß viele junge Leute an meiner Stelle ſich Glück zu ſo Etwas wünſchen würden, allein mir iſt es ſehr leid, mein Vater, denn ich werde Ihr Fräulein nicht heirathen; wäre ſie Millionärin und ſchön wie Venus, ſo thäte ich es doch nicht. Ich will nicht heirathen, das iſt ausgemacht, denn ich müßte mich von Auguſtine entfernen, müßte darauf verzich⸗ ten, ſie zu ſehen, und das iſt mir unmöglich. Ich ſtecke den Brief meines Vaters in die Taſche und nehme ihn am andern Morgen mit nach Luciennes. Ich will bei Auguſtine nicht thun, als bringe ich ihr ein Opfer; allein wenn dieſer neue Beweis meiner Liebe ſie dennoch entſcheiden fönnte, mich glücklich zu ———.————— 59 machen, warum ſollte ich keinen Gebrauch davon machen? Erſt wenn man Alles erhalten hat, muß man die Zartheit auf's Aeußerſte treiben. Auguſtine iſt im Garten und ich weiß gewiß, daß ich ſie allein treffen werde; dieſer Gedanke regt mich zärtlich auf. Als ich Auguſtine anrede, meinte ich zu ſehen, daß ſie meine Unruhe theile, und das ſcheint nir eine glückliche Vorbedeutung. ſetze mich neben ſie unter die friſchen Stau⸗ den, wir ſeit ſechs Wochen faſt alle Morgen bei⸗ einander waren. Aber wie viel ſchöner erſcheint mir heute dieſe Laube; die Blumen, das Grüne, das Säuſeln der Blätter haben in meinen Augen ein viel zarteres Weſen; das kommt daher, weil ich heute allein mit ihr im Garten bin. Ach! Juliette hatte recht, als ſie mir ſagte: Nicht auf dem Lande findet ein liebendes Herz ſeine Gleichgültigkeit wie⸗ der; die reine Luft, die man hier einathmet, die ſtille Ruhe der Wälder, Wieſen und Felder, Alles auf auf dem Lande ladet zur Liebe ein. Wenn ich hier nicht über Auguſtine ſiege, wird ſie nie die Meinige werden. Ich habe bereits zwei Stunden bei ihr zugebracht und von nichts als meiner Liebe mit ihr geſprochen; oft hat ſie mich unterbrochen, oft wollte ſie den Ge⸗ genſtand des Geſprächs ändern; allein ich kam immer wieder auf das zurück, was allein mich beſchäftigt, und obgleich ſie mit mir ſchmollt, ſo ſehe ich doch, daß es ſie nicht erzürnt, mich anzuhören. Die Stunde des Eſſens iſt da; ſie will, daß ich mit 60 ihr ſpeiſe und dann abreiſe.„Sie können mir das nicht verübeln,“ ſagt ſie zu mir,„daß ich Sie nur einlade, hier zu bleiben, wenn Juliette da iſt. Was würde man denken, lieber Freund, was hätte man nicht Alles zu ſagen das Recht, wenn Sie hier, wo ich allein wohne, bei mir bleiben würden 2... das hieße alle Rückſichten auf die Seite ſetzen.“ Sie kann recht haben, allein ich will es nicht zugeben; ich begnüge mich damit, zum Eſſen zu drängen, denn bei Tiſche, wo jeden Augenblick ihre Magd um uns iſt, kann ich ihr nichts von Liebe ſagen. Nach dem Eſſen erhalte ich noch einen Spazier⸗ gang im Garten. Die Luft iſt ſchwül, ſie kündigt einen Sturm an; um Kühle zu finden, führe ich Au⸗ guſtine gegen jenes hübſche Wäldchen, das ich ſeit langer Zeit im Auge hatte; ſie will nur unter der Bedingung hineingehen, daß ich nicht von Liebe mit ihr rede. Ich verſprach Alles und nun ſind wir unter den Bäumen, deren Aeſte uns um die Köpfe ſchla⸗ gend, den Sonnenſtrahlen keinen Durchgang laſſen. Auguſtine ſtützt ſich auf meinen Arm, wir gehen einige Minuten lang weiter. Ich ſpreche nicht, allein das Schweigen iſt manchmal beredt. „Ei, mein Herr, warum ſprechen Sie nicht?“ ſagt ſie zu mir. „Sie haben mir verboten zu ſprechen, Madame.“ „Können Sie nur von einem Gegenſtande reden?“ „Bei Ihnen nimmt nur ein einziger meinen Geiſt ein.“ 61 „Und ich will, daß Sie von Paris ſprechen; ha⸗ ben Sie etwas Neues dort erfahren? Was macht Ihr Vater, daß er Ihnen nicht ſchreibt?“ „Er hat mir geſchrieben, Madame; ich habe heute einen Brief von ihm erhalten.“ „Und was ſagt er Ihnen? Iſt er recht böſe auf Sie2“ „Nein, allein er will...“ „Nun, er will ohne Zweifel, daß Sie ihn beſu⸗ chen ſollen.. da hat er Recht.“ „Ich werde doch nicht kommen.“ „Und warum nicht, mein Herr? Warum wollen Sie nicht einige Tage bei Ihrem Vater zubringen? Iſt man ſeinen Eltern nichts ſchuldig?“ „Er verlangt nicht nur auf einige Tage nach mir „er will...“ „Er will.. vollenden Sie doch„ „Mich verheirathen.“ Auguſtine ſchrickt zuſammen; ſie zieht ihren Arm aus dem meinigen, ich bemerke ihre Aufregung, wäh⸗ rend ſie ſich Mühe gibt, ruhig zu erſcheinen und zu mir ſagt:„Er hat alſo ſchon eine Frau für Sie ge⸗ funden?“ „Er ſagt es wenigſtens.“ „Und.. wie iſt ſie, dieſe Frau?“ Statt aller Antwort gebe ich ihr den Brief mei⸗ nes Vaters. Sie nimmt ihn, ſetzt ſich in einiger Ent⸗ fernung auf eine Raſenbank, ich folge ihr, ſetze mich neben ſie und erwarte ſtillſchweigend, bis ſie ihn zu Ende geleſen hat. Endlich gibt ſie mir, ohne ſich ge⸗ Paul de Kock. LIV. 5 62 gen mich zu kehren, den Brief zurück, und ſagt mit erſtickter Stimme:„Sie müſſen abreiſen, Sie müſſen diejenige heirathen, die man Ihnen beſtimmt hat.“ „Abreiſen!.. mich von Ihnen entfernen... ach! nie, nie!“ Sie dreht ſich nun gegen mich um, be⸗ trachtet mich mit Zärtlichkeit und ſagt:„Allein be⸗ denken Sie doch, lieber Freund, daß das Frauen⸗ zimmer jung iſt und hübſch.“ „Es gibt in meinen Augen nur Eine hübſche Frau!“ „Sie beſitzt Tugenden, Geiſt.. ſie wird Sie lieben.“ „Aber ich werde ſie nicht lieben.“ „Sie iſt reich, und Sie werden auf's Neue alle Ihre Wünſche befriedigen können.“ „Ich habe nur noch einen, einen einzigen, der iſt: Ihnen zu gefallen, von Ihnen geliebt zu werden, Sie immer zu ſehen, und Sie nie mehr zu verlaſſen.“ „Bedenken Sie doch, daß unauflösliche Bande... daß ich nicht Ihre Gemahlin werden kann.“ „Ach! gehören Sie mir mit Ihrem Herzen, mit Ihrem Willen allein an. Glücklich in Ihrer Liebe, werde ich da noch andere Wünſche haben?“ Ich liege ihr zu Füßen, drücke ihre Kniee und ſie ſtößt mich nicht zurück; ich ergreife ihre Hände, be⸗ decke ſie mit Küſſen, umarme ſie, und ſuche auf ihren Lippen noch ſüßere Küſſe. Sie kann ſich nicht mehr vertheidigen, ihr Kopf ruht auf meiner Schulter und ſie will vergebens meinen Liebkoſungen ausweichen. Ich bin im Begriffe, glücklich zu ſeyn, als eine Stimme erſchallte: es iſt die ihrer Magd, die ſie beim Namen ruft; die Stimme kommt näher, ich muß von ihr hinweg und eine ruhige Haltung annehmen ver⸗ wünſchter Zufall! Auguſtine iſt aufgeſtanden und ihrer Magd einige Schritte entgegen gegangen.„Was gibt es denn?“ fragte ſie,„warum rufen Sie mich jetzt? Was iſt geſchehen?“ „Mein Gott, Madame, es iſt Jemand aus Paris angekommen: ein Herr, der nach Ihnen fragt, der Sie durchaus ſprechen will... und als ich ſagte, daß Madame da ſei...“ „Das iſt irgend ein langweiliger Beſuch, der zu Ihnen kommt.., ſie braucht nur zu ſagen, daß ſie ſich getäuſcht hat, daß Sie nicht da ſind, daß ſie Sie nicht gefunden Jat.“ Auguſtine drückt mir die Hand und ſagt leiſe zu mir:„O nein, mein Freund, was würde das Mäd⸗ chen denken? allein wer kann denn auch kommen.. ich erwarte Niemanden... wie ſieht der Herr aus, Marianne?“ „Ei, Madame, er iſt gut gekleidet, allein er hat etwas ſehr Ungezwungenes an ſich; er ſagte zu mir: Iſt Ihre Frau zu Hauſe?“ Ja, mein Herr, antwor⸗ tete ich, im Garten.„Nun gut, hat er geſagt,„ich will ſie ſuchen. Nachdem iſt er umgekehrt und in den Saal gegangen, indem er ſagte: Nein, es iſt mir eigentlich lieber, wenn Sie ihr meine Ankunft melden. Sie könnte nicht allein ſein und ich will ſie nicht ſtören. Gehen Sie und ſuchen Sie ſie; ſie ſoll aber ja nicht eilen, ich habe Zeit.“ Und wie er das 8 ſagte, ſtreckte er ſich wahrhaftig in einem großen 64 Lehnſtuhl aus, gerade ſo, wie wenn er zu Hauſe wäre.“ Je mehr Marianne ſagt, um ſo unruhiger und blaſſer wird Auguſtine; ſelbſt ich kann mich einer gewiſſen Unruhe nicht erwehren. „Und hat Ihnen jener Herr ſeinen Namen nicht geſagt?“ fragt Auguſtine ängßtlich. „Ach, verzeihen Sie, Madamel ich dachte nicht mehr daran. Er hat mir geſagt: Sie werden ihrer Frau ſagen, daß Herr... Herr Jene... Jenneville ſie zu ſprechen wünche.“ 8 Auguſtine zittert und ſtützt ſich auf meinen Arm, während ſie leiſe ſagte:„Er iſt es, ich hatte es er⸗ rathen! O mein Gott, was will er hier von mir?“ „Er will Ihnen für das danken, was Sie für ihn gethan haben; das ohne Zweifel führt ihn zu Ihnen. Warum zittern, warum erſchrecken Sie über einen ſo natürlichen Schritt?“ „Obgleich ich verſuche, Auguſtine zu beruhigen, ſo fühle ich doch auch, daß mein Herz beklommen iſt. Die Ankündigung, daß Jenneville ſeine Frau beſuche, hat mich ſchmerzlich berührt. Die gute Marianne, die bemerkt, daß die Ankunft des Fremden uns Beide betrübt, ruft aus:„Lieber Gott, Madame, wegen des Herrn da brauchen Sie ſich nicht ſo zu geniren! Ich will ihn wieder fortſchicken; ich werde ihm ſagen, daß Sie nicht da wären!“ „Nein, nein! unterſtehe Dich ja nicht,“ ruft Au⸗ guſtine, Marianne aufhaltend.„Gehe im Gegentheil 65 zu ihm, und ſage ihm, daß ich augenblicklich komme ſage ja nicht, daß Jemand bei mir war.“ „Ja, ja, Madame, das iſt genug. O! er wird warten, weil er ſagt, daß es keine Eile habe.“ Marianne geht fort und Auguftine bedeckt die Augen mit ihrem Taſchentuch, während ſie ausruft: „Ach! wer mir geſagt vätte, daß ich einſt den An⸗ blick meines Mannes fürchten würde? Ach, Paul, ich bin ſchon ſehr ſtrafbar, er allein trägt nicht die Schuld, daß ich aufgehört habe, ihn zu lieben; hat er mich nicht gezwungen!“ „Beruhigen Sie ſich, kommen Sie zu ſich. Jenne⸗ ville will Ihnen bloß für die Opfer danken, die Sie ihm gebracht haben.“ „Opfer!... könnte ich doch Alles hingeben, was ich beſitze, und Sie ohne Gewiſſensbiſſe lieben!... Aber, lieber Freund, er erwartet mich; gehen Sie fort, entfernen Sie ſich eiligſt durch jenes Thürchen, das auf das Feld führt, gehen Sie ja nicht am Hauſe vorbei, ich bitte Sie.“ „Warum ſchicken Sie mich fort? Ohne Zweifel wird der Beſuch Jenneville's nicht lange dauern; erlauben Sie mir, im Garten zu bleiben, um den Ausgang zu erfahren.“ „O nein, ich würde nicht die Kraft haben, zu ſprechen, Antwort zu geben auf die Fragen des Herrn Jenneville, wenn ich wüßte, daß Sie noch im Garten ſind. Gehen Sie fort, ich will es, ich bitte Sie darum; ich zittere ſchon, er möchte uns begeg⸗ nen.“ „Nun, weil Sie es haben wollen, ſo gehe ich; allein wie ungern verlaſſe ich Sie!“ „Und ich... glauben Sie, daß ich nicht leide!“ „Doch es muß ſein; alſo, mein Freund, hier iſt die Thüre. Leben Sie wohl.“ „Ich werde Sie morgen ſehen.“ „Ja, ja.“ Ich habe die Thüre geöffnet, die auf das Feld führt und Auguſtine die Hand gedrückt; ich will fort, ſie hält mich zurück, reicht mir noch einmal die ge⸗ liebte Hand und ſagt mir, in Thränen zerfließend: „Leben Sie wohl, mein Freund, es iſt mir, als wäre es zum letzten Mal!“ Ich drücke ſie an mein Herz; allein ſie nimmt ihren Muth zuſammen, entwindet ſich meinen Armen, und die fatale Thüre trennt uns von einander. Viertes Kapitel. Der Mann bei ſeiner Frau. Als Jenneville für Frau von Remonde für ſechs⸗ zigtauſend Franken Bürge wurde, war er bereits ſelbſt in ſeinen eigenen Angelegenheiten bedeutend gehemmt. Seit einiger Zeit hatte die ſchöne Her⸗ minie, die zu Anfang ihrer Verbindung durchaus nichts von ihrem Liebhaber annehmen wollte, ſich in ihrem Benehmen gegen ihn ganz geändert: ſie war wunderbar kokett geworden, und um ihre täglich wiederkehrenden Launen zu befriedigen, brauchte er 67 jeden Tag mehr Geld. In der That entlehnte ſie nur bei Jenneville; ſie wollte ihm Alles zurückgeben, wenn ſie einen angeblichen Prozeß gewinnen würde, der nie anhängig geworden war. Jenneville hielt keine Ordnung, er haßte alles Rechnen und ebenſo das Sparen; gewohnt, alle ſeine Phantaſien zu befriedigen, war er durchaus nicht gewohnt, ſeine Ausgaben nach ſeinen Einnahmen zu richten. Dem ſchon durch ſeine eigenen Thorheiten in der Klemme Befindlichen hatte der Bankerott Blagnards den Todesſtoß verſetzt; aber nun hatte er, ſtatt ſeine Ausgaben zu mäßigen, verkauft, entlehnt, und ſelbſt durch das Spiel ſeine Verluſte zu erſetzen verſucht. Mehr als je von Frau von Remonde eingenommen, von der er ſich angebetet glaubte, wollte er ihr nichts abſchlagen, in der Ueberzeugung, daß ſie eines Tags ihre Güter, von denen ſie ihm unaufhörlich vor⸗ ſchwatzte, wieder erhalten, und ſie dann mit ihm theilen werde. Aber bald, nachdem er für ſie Bürge geworden war, glaubte er ihr geſtehen zu können, daß er ſelbſt ſich in Verlegenheit befinde und Geld nöthig habe. Er wünſchte, ſie möchte ihm etwa zwanzigtauſend Franken von den ſechszigtauſend, für die er Bürge geworden, leihen; die ſchöne Herminie antwortete auf dieſes Verlangen Jenneville's nur mit einem verächtlichen Lächeln. Sie ſagte ihm, daß er ein ihrer Liebe unwürdiges Ungeheuer ſei und drehte ihm den Rücken zu. Nun begann Jenneville an der außeror⸗ dentlichen Zärtlichkeit ſeiner Herminie zu zweifeln, und am andern Tage, als er erfuhr, daß ſie Paris mit einem jungen Fremden verlaſſen habe, ſah er endlich ein, daß er nur der Eſel einer feilen Buh⸗ lerin geweſen war. Durch die Klage Jolivets in's Gefängniß geſetzt, verwünſchte er nun alle Frauen und namentlich die, die ihn ſo unwürdig betrogen hatte. Manchmal kam die Erinnerung an ſeine Gattin ihm in's Gedächtniß zurück; dann ſah er ſich gezwungen, zu geſtehen, daß ſie beſſer ſei, als Frau von Remonde; er kannte das Herz Auguſtinens, er wußte, daß ſie ihm zu Hülfe eilen werde, wenn er ihr ſein Unglück mit⸗ theilte; allein inmitten ſeiner Fehler und ſelbſt ſeiner Laſter beſaß Jenneville Stolz und er wollte nicht die um Etwas bitten, die er verlaſſen hatte. Als man ihn wieder freiließ, ging er zu einem ſeiner Gläubiger, und als er dort erfuhr, daß alle ſeine Schulden auf Befehl ſeiner Frau bezahlt worden ſeien, empfand er faſt eben ſo viel Schmerz dar⸗ über als Dankbarkeit. Bald darauf erhielt er ei⸗ nen Brief vom Notar, worin dieſer ihm mittheilte, daß ſeine Frau ihm eine jährliche Rente von drei⸗ tauſend Franken ausgeſetzt habe. Dieſer neue Be⸗ weis der Großmuth Auguſtinens vermehrte noch ſeine üble Laune. Er begab ſich zu dem Notar und be⸗ nachrichtigte ihn, daß er die Penſion nicht wolle, die ſeine Frau ihm ausſetze, und bat ihn, ihr dieß mit⸗ zutheilen. Allein zwei Stunden ſpäter kam er wieder zu dem Notar zurück, um ihm zu ſagen, daß er ſelbſt ſeine Frau beſuchen wolle, und es alſo unnö⸗ 69 thig ſei, ihr zu ſchreiben. Endlich nachdem er noch einmal geſchwankt hatte, kam er nach einem Nach⸗ denken von mehreren Tagen in die Wohnung ſeiner Frau zu Paris. Man ſagte ihm, daß ſie auf ihrem Landgute ſei; er kannte ihre hübſche Wohnung zu Luciennes und begab ſich noch denſelben Tag dahin. Auguſtine hatte mich eben verlaſſen, ihre Augen waren noch geröthet von den Thränen, die ſie ver⸗ goſſen hatte, ihr Buſen wogte, ihr Gang war ſchwan⸗ kend und ſie trat zitternd in den kleinen Saal im erſten Stocke, wo ihr Gemahl ſie, nachläßig auf eine Ottomanne ausgeſtreckt, erwartete. Als Jenneville ſeine Frau eintreten ſieht, ſteht er auf und grüßt ſie anmuthig, während Auguſtine un⸗ beweglich bleibt und die Augen nicht zu ihm zu er⸗ heben wagt. „Bitte tauſend Mal um Verzeihung, Madame, wenn ich Sie geſtört habe. Sie hatten vielleicht Ge⸗ ſellſchaft; übrigens hatte ich Ihrem Kammermädchen geſagt, daß ich durchaus keine Eile hätte... mein Beſuch überraſcht Sie?“ „Ja, mein Herr, ich geſtehe es, ich war weit ent⸗ fernt, ihn zu erwarten.“ „Ah⸗ Madame, ich hoffte, Sie würden mich für ſo höflich halten, daß ich komme, und Ihnen für die Großmuth danke, womit Sie mich behandelt haben.“ „Mein Herr, ich habe nur meine Pflicht gethan.“ „Ihre Pflicht! nein, wahrlich nicht; Sie waren nicht im Mindeſten verpflichtet, meine Schulden zu bezahlen; Ihr Gut gehört Ihnen und Sie hatten ſich nicht für mich verbürgt.“ „Mein Herr, es gibt manchmal Pflichten, die unſer Gewiſſen allein uns auferlegt.“ „Madame, was Sie da ſagen, iſt ſehr hübſch; allein wenn wir uns ſetzen würden, meine ich, wür⸗ den wir eben ſo gut plaudern können, vorausgeſetzt, Madame, daß Niemand auf Sie wartet.“ „Nein, mein Herr, Niemand wartet auf mich.“ Jenneville ergreift ſeine Frau bei der Hand und führt ſie zu einem Lehnſeſſel; Auguſtine nimmt Plat, ohne ihren Gemahl anzuſehen, der ſich neben ſie ſetzt und die Unterhaltung in demſelben leichten und zutraulichen Tone fortführt, mit dem er begonnen. „Ich ſagte Ihnen alſo, Madame, daß ich ohne Sie noch im Gefängniſſe, und vielleicht noch lange Zeit darin wäre! denn wer zum Henker würde mich gelöst haben? Meine guten Freunde gewiß nicht, die mich zu Grunde richten halfen, eben ſo wenig die Koketten, die mich betrogen. Ach, die Frauen! die Frauen! ich habe ein Entſetzen vor ihnen. Ich ſage das nicht Ihretwegen, Madame; aber wahrlich, ich habe da eine ſchreckliche Lection erhalten. Die Welt iſt nicht viel werth! Sie ſagten mir das früher ſchon und Sie hatten recht! Zu Grunde gerichtet... in ſo kurzer Zeit! Man könnte Menſchenfeind über ſo etwas werden! Sie haben ſich wegen meiner der Hälfte Ihres Vermögens beraubt!“ „Mein Herr, ich bitte Sie, ſprechen wir nicht mehr davon!“ 71 „Verzeihen Sie, Madame, ich muß daran den⸗ ken... und nicht nur zahlten Sie meine Schulden, ſondern Sie wollten mir noch ein Einkommen im Betrage der Hälfte des Reſtes Ihres Vermögens aus⸗ ſetzen! das werde ich nie zugeben.“ „Wie, mein Herr, Sie wollten es ausſchla⸗ gen?“ „Ja, Madame, ich kann das wahrlich nicht annehmen, von Ihrem Vermögen zu leben, da ich Sie doch verlaſſen, ſchmählich verlaſſen hatte, denn ich fühle jetzt wohl, daß mein Betragen nicht ganz muſterhaft war.“ „Ach! mein Herr, ſprechen wir nicht mehr von der Vergangenheit, und ich bitte Sie inſtändigſt, nehmen Sie an, was ich Ihnen anbiete. Wenn Sie damit nicht zureichen ſollten, ſo könnte ich noch mehr thun; es wäre ſo ſüß für mich, wenn ich Sie in Betreff Ihrer Lage beruhigen könnte. Mein Herr, ich be⸗ ſchwöre Sie darum, verweigern Sie mir es nicht: es iſt eine Gefälligkeit, um die ich Sie erſuche; wenn es ſein muß, ſo bitte ich Sie auf den Knieen.“ „Auguſtine, was machen Sie! Bedenken Sie doch, mir zu Füßen, während vielmehr ich es ſollte; ſte⸗ hen Sie doch auf, Madame! Wie, Sie weinen nun? Ich bin doch gewiß nicht in der Abſicht zu Ihnen gekommen, Sie zu betrüben.“ „Nein, mein Herr, ich weine nicht mehr; allein Sie willigen ein, nicht wahr?“ „Es gibt nur einen Weg, Madame, auf dem ich Ihr Anerbieten ohne Erröthen annehmen könnte.“ „Nennen Sie ihn, mein Herr. Ach! ich nehme ihn im Voraus an.“ „Geben Sie Acht, theure Auguſtine, Sie könn⸗ ten es vielleicht bereuen, ſo weit zum Voraus zuge⸗ ſagt zu haben; allein ſeien Sie ruhig, theure Freun⸗ din, ich gehe ohne weitere Umſchweife zur Sache. Ich habe Sie verlaſſen, ich habe vielleicht Unrecht gehabt! Während wir Jedes allein gelebt haben, hat Jedes gethan, was es wollte, das iſt in der Ord⸗ nung! Ich, ich habe dumme Streiche gemacht, ich geſtehe es, und der Beweis davon iſt, daß ich zu Grunde gerichtet bin. Sie, Sie haben von der Frei⸗ heit Gebrauch gemacht, die ich Ihnen ließ; das war ganz natürlich!“ „Mein Herr, ich geſtehe, daß der Anſchein, daß mein Betragen inconſequent war, allein...“ „Ei, mein Gott, meine liebe Freundin, ich wie⸗ derhole Ihnen: als ich Sie verließ, entband ich Sie von Ihren Schwüren; ſo wenigſtens denke ich. Aber es handelt ſich nicht im Mindeſten davon. Jetzt habe ich Nichts mehr, und Sie ſetzen mir noch, nachdem Sie ſchon meine Schulden bezahlt haben, eine Pen⸗ ſion aus! Ich kann ſie nicht annehmen; allein ich kann zu Ihnen zurückkehren, ich kann wieder mit der Ge⸗ mahlin leben, die ich einſt verlaſſen habe; dann wird Alles wieder gemeinſchaftlich zwiſchen uns und ich brauche nicht zu erröthen, daß ich von Ihren Wohlthaten lebe. Die Vergangenheit iſt nichts mehr für uns! kein Vorwurf wird je einem von uns ent⸗ wiſchen; denn da wir Beide ſchuldhaft ſind, hat Kei⸗ 73 nes das Recht, dem andern welche zu machen. Ich kenne Sie zu gut, als daß ich nicht überzeugt wäre, daß Sie, ſo lange Sie bei mir wohnen, jede Ver⸗ bindung abbrechen werden, die mein Wegziehen allein erlaubt hatte. Ich wiederhole es Ihnen, kein Wort mehr über die Vergangenheit, und wir werden wie⸗ der zuſammen leben... nicht wie ein Liebespaar, denn ich meine, das ginge jetzt ſchwerlich, aber doch wie gute Freunde, was noch beſſer iſt. Das iſt, Ma⸗ dame, der Vorſchlag, den ich Ihnen zu machen hatte; allein, bedenken Sie wohl, daß es nur ein Vorſchlag iſt! Obgleich ich immer noch Ihr Gemahl bin und ich mit dieſem Titel(da wir uns einſt ohne alle richter⸗ liche Scheidung trennten) heute wieder kommen und mit Ihnen leben könnte, ohne daß Sie das Recht hätten, etwas dagegen einzuwenden, ſo dürfen Sie doch überzeugt ſein, Madame, daß das nicht meine Abſicht iſt und nie ſein wird. Wenn mein Vorſchlag Ihnen nicht anſteht, nun, ſo ſprechen wir nicht mehr davon. Dann verlaſſe ich Frankreich und wandere aus; ich verſuche, ob ich unter einem andern Himmel das Vermögen wieder ſammeln kann, das ich in Paris ſo leichtſinnig durchbrachte, oder ſterbe ich un⸗ bekannt in irgend einem Winkel der Erde, was ge⸗ rade kein großes Unglück iſt, wenn man nichts Gutes mehr darauf hat. Wohin ich übrigens auch gehe, ſeien Sie überzeugt, Madame, daß ich daran denken werde, daß ich Ihnen meine Freiheit verdanke.“ Auguſtine hat ihren Gemaal nicht unterbrochen. Sobald ſie ſeine Abſicht erfahren hat, daß er zu ihr 74 zurückkehren will, hat ſich eine plötzliche Bläſſe über ihre Züge verbreitet; ſie hat auf's Neue ihre Blicke zu Boden geſchlagen und fährt fort, Stillſchweigen zu beobachten, allein die heftigen Bewegungen ihres Buſens verrathen die Aufregung ihres Herzens. Jenneville wartet einige Minuten auf die Ant⸗ wort ſeiner Frau; da er ſieht, daß ſie fortwährend ſchweigt, ſagt er:„Nun, Madame! welches iſt Ihr Entſchluß? In einem ſolchen Fall, meine ich, ſoll man auf der Stelle wiſſen, was man thun will. Sie antworten nicht... nun, ich errathe, daß mein Vor⸗ ſchlag Ihren Beifall nicht hat; eigentlich hätte ich das vorher wiſſen können. Leben Sie alſo wohl, Madame, und für lange Zeit, wie ich mir vorſtelle ich ſehe, daß ich auswandern muß.“ Jenneville will aufſtehen, Auguſtine hält ihn zu⸗ rück und ruft aus:„Sie auswandern! o nein, mein Herr, nein.. Verzeihen Sie, wenn ich lange über Ihren Vorſchlag nachgedacht habe, allein ich dachte, daß Sie bei mir jetzt ſchwerlich das Glück finden würden. Sie lieben die Welt, die Vergnügungen; ich, ich liebe die Zurückgezogenheit, die Einſamkeit. Um mir angenehm zu ſein, würden Sie vielleicht Ihren Neigungen Zwang anthun. Und doch würde es bloß von Ihnen abhängen, frei zu ſein, ohne wieder Ketten tragen zu müſſen, die Sie ſo ungerne tragen. Mein Vermögen gehört Ihnen, mein Herr, gehört ganz und gar Ihnenz ich wiederhole es Ihnen, gebieten Sie darüber; das wird mir beweiſen, daß Sie noch einige Freundſchaft für mich haben. Die ——— 75 Geſchenke einer Gattin können nicht beſchämen... aber ſollten Sie ſich, um ſie anzunehmen, jener Frei⸗ heit berauben, die ſo viele Reize für Sie hat? Nein, mein Herr, ſeien Sie glücklich, ohne daß Sie ein Opfer bringen.“ „Meine liebe Auguſtine, Sie ſind im Irrthum: wenn ich mit Ihnen lebe, werde ich mich weder in die Welt, noch nach dem Leben, das ich führte, zu⸗ rückſehnen; ich habe einen Abſcheu vor alle dem... Wenn mich etwas quält, ſo iſt es der Gedanke, daß ich von Intriganten zum Beſten gehalten und von Koketten ausgeplündert worden bin. Was Ihren Vor⸗ ſchlag anbelangt, daß ich über den Reſt Ihres Ver⸗ mögens verfügen ſoll, ohne zu Ihnen zurückzukehren, ſo iſt das abſolut unmöglich; mein Stolz gibt das nicht zu. Es iſt genug, daß, indem ich mit Ihnen lebe, das Geld nur von Ihrer Seite kommt... aber alle Tage heirathet ein Mann, der Nichts hat, eine reiche Frau, ohne daß man ihn deßhalb tadeln könnte. Mein Entſchluß iſt daher unabänderlich. Sehen Sie, was Sie thun wollen; ich bitte Sie übrigens, thun Sie nur, was Ihnen am liebſten iſt.“ Mit dieſen Worten ſteht Jenneville auf und macht einige Gänge im Saale. Während dieſer Zeit ſucht Auguſtine, lebhaft aufgeregt, über die Gefühle zu ſiegen, die ihr Herz bewegen. Endlich geht ſie auf Jenneville zu und ſagt mit zitternder Stimme zu ihm:„Ich bin Ihre Frau, mein Herr; welcher Art auch die Urtheile ſein mögen, die Sie über mich ge⸗ fällt haben, ich hatte es nie vergeſſen; unter dieſem 76 Litel muß ich immer bereit ſein, Ihren Willen zu erfüllen.“ „Noch einmal, meine liebe Freundin, es handelt ſich hier nicht um meinen Willen, ſondern um den Ihrigen. Wollen Sie wieder zu mir ziehen, oder nicht?“ „Ich will es, mein Herr.“ „In dieſem Fall iſt Alles abgemacht. Ich kehre nach Paris zurück, um meine Effekten zu packen, und komme morgen und richte mich hier ein.“ „Hier? Aber mein Herr, ich wollte morgen nach Paris zurückkehren.“ „Nun, meinetwegen auch, wie Sie wollen; in Paris alſo werde ich das Vergnügen haben, Sie wieder zu ſehen. O! ich bin jetzt der beſte Mann von der Welt; Sie werden ſehen, daß das Unglück auch zu etwas gut iſt. Leben Sie wohl, meine theure Freundin, auf Morgen.“ Jenneville nimmt ſeine Frau bei der Hand, küßt dieſelbe ziemlich zärtlich und verläßt dann nachläßig das Haus. Sobald er fort iſt, fällt Auguſtine auf ihren Seſſel zurück und läßt ihren Thränen, die ſie faſt erſticken, freien Lauf. Fünftes Kapitel. Ein Freund und eine Freundin. Ich war nach Paris ſehr in Unruhe über das Reſultat der Unterredung zurückgekommen, die Jenne⸗ 77 ville mit ſeiner Frau hatte. Indeſſen war ich weit davon entfernt, daſſelbe zu errathen, allein ich hatte Auguſtine zitternd und beſtürzt verlaſſen, und deß⸗ halb Eile, ſie wieder zu ſehen, um auf's Neue ihr Herz zu ermuthigen und in ihren Augen die Liebe, die Antwort auf die meinige zu leſen. 5 Ich habe ſchlecht geſchlafen und ſtehe bald auf; noch wage ich nicht, mich ſchon nach Luciennes zu be⸗ geben. Ich denke, ich muß zuerſt meinem Vater ant⸗ worten, da ich ihn nicht beſuchen will, und fange einen Brief an; allein ich kann keine zwei Redens⸗ arten zuſammenſetzen, die einen Sinn hätten: ich bin unaufhörlich im Geiſte bei Jenneville und ſeiner Frau. Ich zerreiße den Brief; ich werde ein ander Mal antworten; allein nun kann ich wohl abreiſen, es iſt neun Uhr vorüber und ehe ich angekommen bin. Ich will eben fortgehen, da gibt mir mein Por⸗ tier einen Brief, den man gerade erſt abgegeben habe, und ſagt mir, daß er äußerſt preſſant ſei. Ehe er ihn noch überreicht hat, habe ich die Handſchrift Auguſtinens erkannt. Was iſt geſchehen, daß ſie mir ſchon ſo frühe ſchreibt? Ich weiß nicht, warum ich zittere, es iſt mir, als enthalte dieſer Brief mein Schickſal, meine Zukunft, mein ganzes Glück. Ich ſchließe mich ein und erbreche das Siegel. „Meine Ahnungen hatten mich nicht getäuſcht, mein Freund; die Traurigkeit, die ich geſtern empfand, als ich Ihnen Lebewohl ſagte, ſchien mich zu be⸗ Paul de Kock. LIV. 6 78 nachrichtigen, daß es das letzte Mal ſei, wo ich Sie ſehen und ſprechen könnte. Alles iſt zwiſchen uns aus: Herr Jenneville kehrt zu mir zurück, er iſt unglück⸗ lich, das iſt Ihnen genug geſagt, daß ich ſeinen Vor⸗ ſchlag annehmen mußte, ſelbſt dann, wenn die Pflicht mich nicht dazu genöthigt hätte. „Jetzt iſt eine unüberſteigliche Schranke zwiſchen uns; verſuchen Sie nie, ſie zu überſteigen; denn trotz des tiefen Schmerzes, den ich empfinde, und von dem ich nie geheilt werden kann, kennen Sie mich hin⸗ länglich, um zu wiſſen, daß alle Ihre Bemühungen vergeblich ſein und ich künftig eben ſo viel Sorgfalt anwenden werde, Ihre Gegenwart zu vermeiden, als es mir früher Vergnügen machte, ſie aufzuſuchen. Warum habe ich Sie kennen gelernt... warum haben Sie mich geliebt! Ich würde jetzt über die Rückkehr meines Gatten glücklich ſein und muß erröthen, in⸗ dem ich mir geſtehe, daß es nun nicht ſo iſt. Ach! glauben Sie nicht, daß dieß Vorwürfe ſeien, die ich Ihnen mache.. ich allein bin ſchuldig, doch ich pin hinlänglich geſtraft. Unſere Liebe war nur ein Traum, den das Erwachen nie verwirklichen ſollte! Vergeſſen Sie mich, das iſt die letzte Bitte, die mir erlaubt iſt, an Sie zu richten; vergeſſen Sie mich und ſeien Sie glücklich. Aber ich bitte Sie inſtändigſt, richten Sie es, falls der Zufall uns einander begegnen laſſen würde, ſo ein, daß meine Augen Sie nicht ſehen können... das wird mir ein Beweis ſein, daß Sie noch Mitleiden mit meinem Herzen haben. Leben Sie wohl für immer.“ Ich habe dieſen Brief geleſen und kann mich nicht überreden, daß ſein Inhalt wahr ſei; ich leſe ihn auf's Neue mehrere Male und werfe ihn dann mit Heftigkeit auf den Boden. In dieſem Augenblicke empfinde ich nicht Kummer, nicht Schmerz: es iſt Zorn und Wuth. In dem Momente, wo ich glücklich werden ſoll, ſcheint es mir unmöglich, die Hoffnung, Auguſtinen zu beſitzen, auf immer aufzugeben. Ich gehe in mein Zimmer, ſchlage mit Händen und Füßen auf meine Möbel, zerbreche und zerſchmettere Alles, und ſtürze dann eiligſt zu meinem Portier hinab. Ich weiß nicht, ob ich eine Bewegung machte, ihn wie meine Möbel zu behandeln, aber der arme Mann rettet ſich aus ſeiner Lage und ſetzt ſich mit ſeinem Beſen zur Wehre, indem er mir zurief:„Herr, hal⸗ ten Sie ein, halten Sie ein... ich will Ihnen den Arzt holen!“ Ich komme zu mir ſelbſt, erröthe über meine Hef⸗ tigkeit und ſage ihm in ruhigem Tone:„Ich möchte nur wiſſen, wer Ihnen den Brief zugeſtellt hat?“ „Ach! verzeihen Sie, mein Herr, Sie machten beim Herabſteigen ſo große Augen, daß ich mich fürchtete.“ „Dieſen Brief?“ „Mein Herr, ein Commiſſionär, der nicht wie ein Pa⸗ riſer ausſah. Ich glaube faſt, daß er vom Lande war.“ „Gut, beſorgen Sie mir einen Lohnkutſcher.“ Ich gehe wieder in mein Zimmer, denn ich war ohne Hut herabgeſtürzt, hebe den unglückſeligen Brief, den ich auf den Boden geworfen hatte, wie⸗ der auf und will mich nie mehr von ihm trennen. 80 Ich leſe ihn noch einmal durch: ſie will mich nicht mehr ſehen. Ach! und ſollte ich ihren Zorn erregen: ich will ſie ſehen, ich, ich will ſie noch einmal ſpre⸗ chen; es iſt nicht wohl möglich, daß ihr Gemahl ſchon bei ihr wohnt... Ein Anderer! ach! wenn es nicht ihr Gemahl wäre, welches Vergnügen würde es mir machen, ihn herauszufordern, ihn zum Duell zu eitiren! allein ich muß Alles ertragen und ſchweigen; ich muß ſelbſt ihre Blicke vermeiden, aus Furcht, Verdacht zu erregen, und das, ohne glücklich geweſen zu ſein; allein ſie mag ſagen, was ſie will, ich muß ſie ſehen. Der Lohnkutſcher erwartet mich; er fragt, wohin wir fahren. „Nach Luciennes.“ „Nach Luciennes! Zum Henker, ein ſchöner Weg!“ „Mach' geſchwind, ich zahle Dir, was Du verlangſt.“ „O, dann im Galopp!“ Wir ſind unterwegs... ich denke, ſie wird ſich vielleicht weigern, mich zu ſehen, aber einmal im Hauſe, gehe ich nicht wieder, ohne ſie zu ſprechen. Der Weg, den ich ſo oft gemacht habe, ſcheint mir heute ewig lange; indeſſen peitſcht mein Kutſcher tüch⸗ tig auf ſein Pferd. In Bouginal ſteige ich ab, da ich bälder zu Fuß ankommen werde. Ich laufe, ohne anzuhalten; ich bin bei ihr, dringe in den Hof, will in den Garten eilen, wo ich meine, daß ſie ſein muß und höre nicht auf die alte Gärtnerin, die mir zu⸗ ruft:„Mein Herr, Madame iſt nicht da, ſie iſt nach Paris zurückgekehrt.“ 81* Ermüdet von dem vergeblichen Suchen im Hauſe komme ich zu der alten Bäuerin zurück.„Wo iſt denn Eure Frau.“* „Aber, mein Herr, hätten Sie mich doch bei Ihrem Eintritt angehört; ich rief Ihnen ja zu, daß Madame in aller Frühe abgereist iſt; aber bah! Sie hören Einen nicht, Sie rennen fort.“ „Sie iſt abgereist!... und was hat ſie geſagt, als ſie ging?“ „Nichts, Herr... allein Madame ſah ſo traurig aus, daß es Einem wehe that. Eine ſo gute Frau ſollte keinen Schmerz haben!“ Sie iſt nach Paris zurück; ſie war mir nahe und ich entfernte mich!... Ich kehre nach Bouginal zurück, ſteige wieder in die Miethkutſche und ſage zu dem Kutſcher:„Fahre, was Du kannſt, nach Paris zurück.“ „Zum Kukuk, Herr, wir können fahren, wie wir wollen; aber mein Pferd iſt müde und kaum konnte es ausſchnaufen.“ Sie hat ihr Landhaus am frühen Morgen ver⸗ laſſen. Wozu dieſe Eile, nach Paris zurückzukehren? Sie ſah ſehr traurig aus, ſagte die alte Gärtnerin; o ja, ſie muß leiden... ſie leidet, denn ſie liebt mich; noch geſtern ſagte ſie es mir, und um es zu ſagen, mußte ſie es wohl empfinden! Künftig kann ſie mit ihrem Gatten nicht mehr glücklich ſein!1.. ſie bringt mich zur Verzweiflung... und das für einen Mann, der ſie nicht liebt, der ſie verlaſſen, vergeſſen hatte, um ſich mit andern Frauen zu Grunde zu 82 richten. Sie behauptet, das ſei ihre Pflicht! Warum haben denn die Männer das Vorrecht, zu thun, was ſie wollen, und die Frauen ſollen nur das haben, immer zu verzeihen! Wir ſind in Paris, ich ſteige aus und eile nach der Boucherat⸗Straße; ich fühle, wie es mir das Herz zuſammenzieht, als ich das Haus ſehe, wo ich ſie zum erſten Mal ſprach, wo ich ſo ſüße Stunden an ihrer Seite verbrachte. Der Gedanke, daß dieſe Augenblicke nie wiederkehren werden, iſt grauſam, ich kann ihn nicht ertragen, will mich nicht einmal davon überzeugen. Zitternd gehe ich in das Haus und frage den Portier:„Madame Luceval iſt vom Lande zurückge⸗ kommen?“ „Ja, mein Herr, Madame iſt dieſen Morgen zu⸗ rückgekehrt. Ach, mein Herr, Madame hat mir ge⸗ ſagt, daß ſie jetzt Frau Jenneville heiße, weil ihr Gemahl, der auf Reiſen war... denn es ſcheint, daß ſie nicht Wittwe war... weil ihr Gemahl nun wieder angekommen iſtz ſie erwartet ihn heute noch. Ferner hat ſie mir geſagt:„Ich bin künftig für die Perſonen, die nach Frau Luceval fragen, da ich jetzt Frau Jenneville bin, nicht zu ſprechen.. Daher be⸗ merken Sie, mein Herr, zu wem Sie wollen: wenn. Sie zu Frau Jenneville wollen, ſo iſt ſie da; wollen Sie zur Frau Luceval, die iſt nicht mehr da.“ Meine innere Pein nimmt bei dieſen Worten des Portiers noch zu. Allein der Name Frau Jenneville ſchreibt mir meine Pflicht vor: ich bin gewiß, daß 83 Auguſtine für mich dieſen Befehl gegeben hat; ſie hat gedacht, daß ich ſie verſtehen werde. In der That: Frau Jenneville ſoll ich nicht ſehen, und Frau Luce⸗ val iſt für mich nicht mehr vorhanden. Eiligſt verlaſſe ich das Haus und entferne mich ſo ſchnell als möglich. Ich kehre nach Hauſe zurück und überlaſſe mich da ungezwungen meinem Schmerze. Ich weiß nicht, wie viel Stunden verfloſſen ſind; im Uebermaß der Schmerzen gibt es Augenblicke, wo man nicht mehr denkt, wo man nicht weiß, ob man noch lebt. Plötzlich kommt das Andenken an Juliette mir in den Sinn und belebt meinen Geiſt wieder. Ju⸗ liette konnte Jenneville nicht leiden und behandelte mich als Bruder; gehen wir zu ihr und theilen wir ihr meine Schmerzen mit. Der Gedanke, daß ich Jemand ſehen werde, der meine Schmerzen theilt, ſcheint mir ſchon wieder etwas Hoffnung zu geben. Ich eile zu Julietten, ſie iſt allein ich dringe zu ihr. „Armer Junge!“ ſagt ſie, als ſie mich erblickt, und gibt mir die Hand. Aus dieſem Empfang, aus dieſem Seufzer, den ſie entſchlüpfen läßt, erſehe ich, daß ſie bereits Alles weiß. Ich habe nicht die Kraft mehr, zu ſprechen. Ich ſetze mich zu ihr, reiche ihr Auguſtinens Brief und hülle dann meine Augen in mein Taſchentuch. Ein Mann fürchtet ſich, Thränen ſehen zu laſſen; allein ich hatte in dieſem Augenblicke nicht die Kraft, ſie zurückzuhalten. Nachdem ſie den Brief geleſen hat, nimmt ſie mich bei der Hand, drickt ſie in der ihrigen und ſagt:„Je mehr ich ſehe, wie ſehr Sie lieben, um ſo größere Unmuth verſpüre ich bei dem Gedanken, daß ſie für dieſen Jenneville ſich opfert! Indeſſen können wir ſie nicht verdammen: er iſt ihr Gemahl und nicht mehr glücklich. Trotz dem geſtehe ich, daß ich nicht ſo viel Tugend gehabt haben würde! Ich würde ihm ganz offen geſagt haben: Mein lieber Herr, ſie haben mich verlaſſen, als ich ſie liebte; ſie kommen zurück, nun ich Sie nicht mehr liebe; das iſt mir leid, allein wir wollen Jedes für ſich bleiben, und ich werde Ihnen Ihren Unterhalt ausſetzen.“ „Von wem haben Sie denn alle dieſe Begeben⸗ heiten erfahren?“ „Von Auguſtine ſelbſt; kaum war ſie dieſen Mor⸗ gen in Paris angekommen, ſo ſchrieb ſie mir Alles, und ich begab mich auf der Stelle zu ihr; ich wollte verſuchen, ihren Entſchluß wankend zu machen. Ich ſagte ihr, daß ſie auf immer ſich und Sie unglück⸗ lich mache. Zwar die Männer!... das wäre nicht ſo gefährlich, die tröſten ſich immer; ich habe ihr vorgeſtellt, daß ſie wohl nachdenken ſolle, ehe ſie ſich mit einem Manne verſöhne, der fähig iſt, ſie jetzt auch zu Grunde zu richten, wie er ſich ſelbſt zu Grunde gerichtet hat. Sie ſagte mir, daß ſie Alles geprüft, Alles berechnet habe; daß ſie zu gut wiſſe, daß ſie nicht mehr glücklich ſein könne, daß aber ihr Ent⸗ ſchluß gefaßt ſei und ſie vor ihrer Pflicht nicht zu⸗ rückſchrecken dürfe; daß es ihr ſehr gleichgültig ſei, wenn Herr Jenneville ſie auch noch zu Grunde richte; 85 daß ſie ihn frei walten laſſe und ihr einziges Ver⸗ gnügen von nun an ſei, ferne von der Welt, ferne von Paris in tiefer Zurückgezogenheit zu leben, und dort zu hören, daß Sie glücklich ſeien.“ „Glücklich! und ich ſoll ſie nicht mehr ſehen? Ach! Madame, das iſt unmöglich! meine Leidenſchaft für ſie wird mein Leben verbittern.“ „Mein lieber Deligny, die Zeit iſt der beſte Arzt: ſie heilt Krankheiten, die man anfangs für unheilbar hielt, und das iſt ſehr gut. Das Schickſal war blind, daß es Sie nicht zum Gemahl Auguſtinens gemacht hat, allein es täuſcht ſich oft in den Heirathen, die es anordnet. Sie müſſen doch Ihren Entſchluß faſſen, denn Sie kennen Auguſtine ſo gut wie ich, und Sie müſſen wiſſen, daß ſie hält, was ſie beſchloſſen hat.“ „Sogar ſich zu weigern, mich zu ſehen!“ „Was das betrifft, ſo werden Sie zugeben, daß ſie recht hat; wozu würde es führen, wenn ſie jetzt Sie ſähe? Es würde alle ihre Schmerzen erneuern; ferner bedenken Sie, daß ſie nicht mehr frei iſt, daß Jennevilte überzeugt iſt, Sie ſeien ihr Liebhaber ge⸗ weſen, und daß, wenn er wüßte, daß ſie Sie noch ſieht, das zwiſchen ihnen ſehr unangenehme Scene herbeiführen könnte.“ „In der That, Madame, ich fühle, daß ich ſie nicht mehr ſehen kann; ihrer Ruhe muß ich dieſes Opfer bringen. Aber Sie, Madame, werden ſie immer ſehen, und durch Sie werde ich wenigſtens manchmal Etwas von ihr erfahren.“ „Ja, ich werde ſie ſehen, weil ich ſie ſehr liebe; „ 86 ich verabſcheue aber ihren Mann ſo ſehr, daß die Furcht, ihm zu begegnen, mich faſt hindern würde, Auguſtine zu beſuchen, allein ich hoffe ſehr, ihm nicht zu begegnen, beſonders da Jedes ein eigenes Zimmer haben wird.“ „Sie wollen Jedes allein wohnen... wiſſen Sie das auch gewiß, Madame?“ „Wie! ob ich es gewiß weiß! Selbſt wenn Au⸗ guſtine es mir nicht geſagt hätte, dürfen Sie glau⸗ ben, mein Herr, daß ich weiß, wie eine Frau in ihrer Lage ſich betragen muß! Glauben Sie vielleicht, die Liebe habe dieſe Ausſöhnung herbeigeführt? Nein, ſelbſt wenn Auguſtine Sie nicht kennen gelernt haben würde, würde ihr Herz, das mit Recht verwundet iſt, nie mehr für den Ungetreuen wieder geſchlagen haben, der ſie ſo herabgewürdigt hat! O, wir ſind ſtolz, mein Herr, und wenn die Pflicht Auguſtinen auch zwingt, zu ihrem Gemahl zurückzukehren, ſo zwingt ſie ſie doch nicht, ihm eine Liebe zu heucheln, deren er ſelbſt ſie entbunden hat. Und nun, mein Herr, Ihre Stirne iſt nicht mehr ſo traurig; nicht wahr, was ich Ihnen da ſage, macht Ihnen Ver⸗ gnügen?“ „O ja, Madame, es macht mir außerordentlich viele Freude!“ „Ich wußte es wohl.“ „Allein, warum iſt ſie ſo ſchnell nach Paris zu⸗ rückgekehrt?“ „Weil ſie ſich mit Herrn Jenneville nicht in jenem Landhauſe ausſöhnen wollte, wo wir ſo angenehme — 87 Tage miteinander verlebt hatten. Aus dieſem näm⸗ lichen Grunde wird ſie auch bald ihre Pariſer Woh⸗ nung verlaſſen; ſie will Alles aus ihren Augen ent⸗ fernen, was ſie an Sie erinnert. Unnöthige Vorſicht! Arme Auguſtine, ſie wird Sie nie vergeſſen!“ „Wie, Madame, wollten Sie, daß ſie mich ver⸗ geſſen ſoll?“ „Gewiß wollte ich es; würde ſie nicht glücklicher ſein? Allein Sie, Sie wünſchen, daß ſie Sie immer lieben ſoll, obgleich ſie das nur noch quälen kann. Sie ſehen wohl, daß die Männer egoiſtiſcher ſind als wir, die wir ihnen erlauben, unbeſtändig zu ſein, wenn wir ihr Glück nicht mehr machen können. Allein tröſten Sie ſich, mein Herr; Auguſtine wird verge⸗ bens die Orte verlaſſen, an denen ſie Sie kannte: das Herz ſieht doch, was die Augen nicht mehr ſehen und meine arme Freundin wird immer unglücklich ſein! Ich werde ſie tröſten, ſo gut ich kann; ich werde bei ihr von Ihnen und umgekehrt bei Ihnen von ihr ſprechen, und das wird ihnen Beide das Ange⸗ nehmſte ſein.“ Ich verlaſſe Juliette etwas weniger troſtlos. Wenn man überzeugt iſt, daß man auf alle Hoffnung ver⸗ zichten muß, ſo ſtrengt man ſich an und nimmt ſei⸗ nen Muth zuſammen, um das Unglück zu ertragen, das man nicht ändern kann. Indeſſen ſuche ich vergebens, mich zu zerſtreuen; die Tage ſcheinen mir jetzt unerträglich lang zu ſein. Ich kann mich nicht daran gewöhnen, ſie nicht mehr zu ſehen. Bei mir zu Hauſe iſt es mir noch am wohl⸗ 88 ſten: ſie iſt in dieſes Zimmer gekommen, iſt auf jenem Seſſel geſeſſen; hier hat ſie mir an den Tag gelegt, daß ſie mich liebt. Ach! ich will meine Wohnung nie verlaſſen. Ich denke zuweilen an Dubois; ich weiß nicht, wo er gegenwärtig wohnt und habe nicht den Muth, ihn aufzuſuchen: die Traurigkeit drückt uns darnieder und nimmt uns ſelbſt die Luſt, uns zu zerſtreuen. Aber eines Morgens tritt Dubois herein und über⸗ raſcht mich, den in Träumereien Verſunkenen. „Du biſt hier!“ nuft er;„ich wollte es nicht glauben! Dein Portier ſagt ſogar, Du ſeieſt ſchon ſeit vierzehn Tagen in Paris; iſt es möglich? Du hätteſt in vierzehn Tagen alle Freundſchaft vergeſſen? Aber, was iſt Dir? Wie bleich und entſtellt ſiehſt Du aus; haſt Du dieſen Morgen Arznei genommen?“ „Ach, mein lieber Dubois, ich habe großes Leid gehabt, ſeit ich Dich nicht mehr geſehen habe!“ „Du haſt Kummer und beſuchſt mich nicht; das ſollſt Du mir wahrhaftig bezahlen. Aber wo fehlt es denn? Abermals ein Bankerott?“ „Die Frau, die ich liebte, die ich anbetete... Au⸗ guſtine iſt zu ihrem Gemahl zurückgekehrt!“ „Wie, die Liebe plagt Dich, magert Dich ab! und in dem Jahrhunderte des Lichts biſt Du ein ſolcher Eſel! He, Paul, komme zu Dir ſelbſt, mein Freund. Zum Teufel! ſonſt warſt Du doch nicht ſo gar ſentimental! Fehlt es Einem in Deinem Alter, bei Deiner Geſtalt an Frauenzimmern? Uebrigens weißſt Du wohl, daß ich meinen Freunden immer 89 mit zwei oder drei meiner Liebſchaften dienen kann? Du hörſt nicht... gehſt von mir weg...“ „Dubois, Du weißſt nicht, was das heißt, wahr⸗ haft zu lieben; wenn Du es erfahren hätteſt, wür⸗ deſt Du nicht über meine Leiden ſpaſſen.“ „Nun, lieber Freund, werde nur nicht böſe; es iſt wahr, ich habe immer als Schmetterling und nie lange an einem Orte geliebt; aber da es Dir unan⸗ genehm iſt, daß ich Dich zum Lachen bringen will, ſo laſſen wir es. Rede mit mir von Deiner Liebe, ſo viel Du willſt, ich werde Dich anhören, Dich bekla⸗ gen⸗ ja ſelbſt, wenn es ſein muß, mit Dir weinen; ich heule wie ein Kalb, wenn ich einmal anfange, ich bin nicht umſonſt Dein Freund. Aber wie zum Teufel kommt es, daß dieſe Liebe, die Dich vor kur⸗ zer Zeit noch ſo glücklich machte...“ „Ich ſage Dir ja, daß ſie zu ihrem Gemahl zu⸗ rückgekehrt iſt.“ „Ihr Gemahl iſt Jenneville und war im Ge⸗ fängniß.“ „Er iſt nicht mehr dort: ſie hat alle ſeine Schul⸗ den bezahlt.“ „Sie liebte ihn alſo doch immer noch?“ „Nein, nach dem Betragen, das er gegen ſie ſich erlaubt hatte, konnte ſie ihn nicht mehr lieben.“ „Wie? ſie liebt ihn nicht mehr und reißt ihn aus dem Gefängniß und verſöhnt ſich mit ihm?“ „Ja, Dubvis; beurtheile darnach das Herz, die Tugenden Auguſtinens.“ „Ich muß geſtehen, daß ich mehrere Frauen kenne, 90 die nicht im Geringſten betrübt darüber ſind, daß man ihre Männer einſteckte. Aber, mein Freund, wenn Du darüber traurig würdeſt und den Spleen be⸗ kämſt, ſo wäre das ein ſchlimmes Mirakel. Madame iſt mit ihrem Herrn ausgeſöhnt... nun gut, was macht das, man ſieht ſich dennoch und die Stelldich⸗ ein ſind nur um ſo intereſſanter.“ „Du kennſt Auguſtinen nicht! Sie iſt unfähig, ihren Gemahl zu hintergehen.“ „Ah bah, Du willſt mir doch nicht glauben machen, daß ſie eine Penelope iſt und während der ganzen Zeit, die Du mit ihr auf dem Lande lebteſt... „Da biſt Du ſehr auf dem Holzwege; ich hatte noch nichts erhalten, als das Geſtändniß, daß ſie mich liebe, und in dem Augenblick, wo ich endlich ihren Widerſtand beſiegen ſollte, ſah ich mich auf ewig von ihr getrennt!“ „Wie, mein armer Burſche, wäre das möglich! Das nenne ich eine Sprödigkeit! Da mag man ſeuf⸗ zen. eine Leidenſchaft lange verfolgen... und subito kommt ein Gemahl, ein Vormund, ein Zu⸗ fall, und guten Abend, da ſitzt man mit ſeinen Lieb⸗ koſungen; das iſt luſtig! Eine ſolche Geſchichte würde mir nie vorkommen: ich muß gleich wiſſen, woran ich bin. Doch, Scherz bei Seite, komm', ziehe Dich an und gehe mit. Ich verlaſſe Dich ſechs Wochen lang nicht! O, Du magſt ſagen, was Du willſt, ich bin Dein Pylades, Dein Caſtor, Dein Ajax. Ich verlaſſe keinen Freund im Unglück. Komm', wir wollen 91 frühſtücken und weinen, während wir Chokolade trin⸗ ken, weinen, während wir Beefſteak eſſen, ſogar wei⸗ nen, während wir heute Abend beim Punſch bei ein⸗ ander ſitzen; wenn wir ſo den ganzen Tag weinen, werden wir bälder damit fertig ſein.“ Es iſt unmöglich, Dubois zu widerſtehen. Zudem fühle ich wohl, daß er recht hat; ſowie eine Lei⸗ denſchaft hoffnungslos iſt, iſt es Th orheit, ſie zu nähren, man muß im Gegentheil Alles thun, um ſie aus dem Herzen zu verbannen. Man ſagt ſich das, allein nicht immer iſt man im Stande, es zu thun. Ich gehe mit Dubois aus und verlaſſe ihn einen Augenblick, um Juliette zu beſuchen; ſeit vierzehn Tagen habe ich ſie nicht geſehen und ich muß Etwas von Auguſtinen hören. Juliette empfängt mich mit gewohnter Freund⸗ lichkeit. Sie wartet nicht, bis ich ſie frage, denn ſie weiß wohl, daß ich Nachrichten zu erhalten wünſche. „Ich habe ſie vor zwei Tagen geſehen,“ ſagt ſie zu mir;„man wohnt nicht mehr in der Boucherat⸗ Straße, ſondern iſt in die St. Germain⸗Vorſtadt gezogen; man geht nie aus, nimmt keine Beſuche an, lebt in der abſoluteſten Einſamkeit; man kann ſich nicht mehr im Mindeſten über den Herrn bekla⸗ gen: er läßt die Frau nach ihrem Willen machen und er ſelbſt ſcheint die Welt zu haſſen; er iſt finſter geworden, ſieht manchen ganzen Tag lang die Frau nicht und verläßt ſein Zimmer nicht. Da ſie meint, ſeine Traurigkeit ſei ein Grund des Bedauerns, das er verſpüre, weil er nicht mehr auf dem alten großen 92 Fuße leben, nicht mehr treiben könne, was er vor⸗ her getrieben, ſo hat ſie geſagt, daß ihr Vermögen zu ſeiner Verfügung ſei und er darüber gebieten könne wie über ſein Eigenthum; allein bis jetzt hat er von dieſer Erlaubniß noch keinen Gebrauch ge⸗ macht. Das iſt das Leben, das man führt, und Sie können ſich denken, daß es traurig ſein muß. Man hat mir geſagt, daß man Allem aufbiete, Sie zu vergeſſen; allein ich glaube es nicht und meine faſt, daß die Erinnerung an Sie ihr einziger Troſt iſt. Man hat mich gefragt, ob ich Sie geſehen habe und Sie ſich in die neue Sachlage ſchicken. Ich habe mit nein geantwortet und geſagt, daß Sie ſie immer lie⸗ ben wollen! Man hat erwiedert, daß das unvernünf⸗ tig ſei!.. allein ich habe wohl bemerkt, daß es ihr großes Vergnügen mache. Das iſt, was ich weiß, mein Herr, und ich kann Sie verſichern, daß es die reine Wahrheit iſt.“ Die gute Juliette! Wie glücklich iſt man, wenn man eine ſolche Freundin hat! Ich danke ihr tauſend Mal und bitte ſie, oft Auguſtine zu beſuchen. Ich bin überzeugt, daß ſie ihr all das Vergnügen mittheilen wird, das ich empfinde, wenn ich von ihr ſpreche. Ich verlaſſe Juliette und ſuche Dubvis wieder auf. Der iſt auch mein Freund, er hat es mir be⸗ wieſen, und er thut von Neuem, was er kann, mich zu tröſten, zu zerſtreuen und das Lächeln auf meine Lippen zurückzuführen. Um ihn zufrieden zu ſtellen, ſtelle ich mich manchmal, als hätte ich Alles ver⸗ geſſen, und lache und ſcherze mit ihm. Allein meine 93 eiterkeit iſt gezwungen und mein Herz theilt ſie nicht. Sechstes Kapitel. Das Wirthshans zur goldenen Sonne. Drei Monate ſind verfloſſen, ſeit ich Auguſtinen nicht mehr geſehen habe. Meine Liebe iſt noch nicht erloſchen und ich meine, dieſe Frau nie vergeſſen zu können, aber ich ſpreche nur noch mit Juliette von. ihr. Bei Dubvis ſtelle ich mich, als ſei ich getröſtet, und um ihm zu gefallen, begleite ich ihn in mehrere Geſellſchaften, wo er meint, daß ich eine neue Lieb⸗ ſchaft anfangen werde. Ich wünſche eigentlich, eine andere Frau möchte mich die vergeſſen machen, die ich nicht beſitzen kann, und zu dieſem Zweck knüpfe ich auch einige neue Bekanntſchaften an; allein dieſes Mittel heilt mich nicht! Was iſt eine Laune gegen ein wahres Gefühl? Und alle dieſe Frauenzimmer ſtehen Auguſtinen ſo weit, ſo ſehr nach! Ich meine ſie allemal mehr zu lieben, wenn ich mich an eine Andere anſchließe. ² Dubois, der bemerkte, daß ich eine ſolche neue Bekanntſchaft nie länger als acht Tage unterhalte, hält mich für noch flatterhafter, als er ſelbſt iſt. Er begreift nicht, daß ich aus Treue wechsle. Nur bei Juliette gefällt es mir noch; allein ich wage nicht zu oft dahin zu gehen, aus Furcht, ſie zu beläſtigen. Paul de Kock. LIv. 7 94 Mein Vater hat mir drei andere Briefe geſchrie⸗ ben; er begreift mein Betragen nicht. Aus jeder Epiſtel ſehe ich, daß er zornig war, als er ſchrieb, denn er fängt immer damit an, mich ſtark auszu⸗ zanken, indem er mir ſagt, daß ich des Glückes un⸗ würdig ſei, das mir aufbewahrt werde, und daß er mich nicht mehr ſehen wolle; dann wird er allmälig ruhiger, zankt weniger und ſchließt mit der Bitte, Paris ſchnell zu verlaſſen, indem er Mittel gefunden habe, mein Ausbleiben bei den Eltern derjenigen zu entſchuldigen, die er mir beſtimmt habe, und daß Alles noch gut gehe, wenn ich bald komme. Ich habe ihm einen ſehr unterwürfigen Brief da⸗ gegen geſchrieben, worin ich ihm verſpreche, ihn bald zu beſuchen; allein ich ſchreibe kein Wort von der Heirath, die er mit mir vorhat, denn in Betreff dieſes Kapitels kann ich mich noch nicht entſchließen, ihm zu gehorchen, und doch wäre dieß das Geſcheid⸗ teſte, was ich thun könnte. Wie kommt es doch, daß ich, obgleich ich durchaus keine Hoffnung mehr in Bezug auf Auguſtine habe, ja nicht einmal ſo viel, ſie zu ſehen, wie kommt es, daß ich dennoch meine Freiheit bewahren will? Fort zu Juliette: ſie war ge⸗ ſtern, als ich dort war, nicht zu Hauſe, und ich habe ſie alſo zwei Tage lang nicht geſehen... und zwei Tage lang keine Nachricht von Auguſtine zu haben, das iſt wahrlich ſehr lang! Ich treffe Juliette an; allein ihre Züge ſind nicht ſo heiter wie gewohnlic: Wolken ſind auf ihrer ——— 95 Stirne gelagert. Ich will ſie fragen, allein ſie läßt mir keine Zeit dazu. „Sie waren geſtern hier,“ ſagt ſie;„ich war ge⸗ rade bei Auguſtine.“ „Was iſt ihr begegnet? Ihre Traurigkeit...“ „Nichts, nichts, beruhigen Sie ſich doch, nehmen Sie Platz und hören Sie zu. Es iſt nicht Traurig⸗ keit allein, es iſt Aerger, Zorn, daß ich ſehen muß, wie eine ſo ſanfte Frau an einen Mann ſich hängt, der „O Gott, Jenneville macht ſie unglücklich! Hätte er den Muth, ſie zu mißhandeln?“ „Nein, mein lieber Deligny, werden Sie nicht zornig; es iſt nur etwas ſehr Einfaches paſſirt, was ich längſt vorausſah. Die Sache iſt die: ich habe Ihnen geſagt, daß Auguſtine ihrem Manne Vollmacht gegeben hatte, nach Belieben mit dem Reſt ihres Vermögens zu ſchalten. Das war eine Dummheit; aber ſie wollte es einmal ſo haben. Eine Zeitlang machte Jenneville keinen Gebrauch von dieſer Erlaub⸗ niß; allein Auguſtine hatte richtig geurtheilt, daß ſein Menſchenhaß, ſeine Zurückgezogenheit von der Welt nur davon herkäme, daß er mißlaunig war, weil er nicht mehr das alte Leben führen konnte. Der liebe Herr hat ihr nun den Beweis davon geliefert; er dachte, das Glück könnte, nachdem es ihm lange genug den Rücken geboten, ihm nun endlich zulächeln, und er wollte wieder gewinnen, was er verloren hatte; er war an der Börſe und ſpielte auf das Fallen der Staats⸗ papiere, wollte agiotiren was weiß ich? Gewiß 66 iſt, daß er in ſehr kurzer Zeit ſechszigtauſend Franken verloren hat.“ „Sechszigtauſend Franken!“ * „Ja, gerade die Hälfte von dem noch übrigen Vermögen ſeiner Frau. Dann, das muß ich geſtehen, iſt er zu ſeiner Frau gekommen und hat ihr offen den Verluſt angekündigt und geſagt: Für die Zu⸗ kunft, Madame, laſſen Sie mich nicht mehr über Ihr Vermögen verfügen, denn ich wäre unglücklich genug, Sie zur Bettlerin zu machen.“ Sie kennen Auguſtine: keine Klage, kein Vorwurf iſt ihr entſchlüpft; weit entfernt davon, ſagte ſie vielmehr zu ihrem Gemahle, daß ſie noch ſparſamer leben wollen; deßhalb haben ſie denn beſchloſſen, da Jenneville nicht mehr in Paris bleiben will(indem hier mit tauſend Thalern Ren⸗ ten zu leben ihm eine Unmöglichkeit und eine QOual zugleich zu ſein ſcheint und ihm die Stadt überhaupt unausſtehlich vorkommt, Auguſtine dagegen ihrerſeits nicht nach Luciennes zurückkehren will, weßhalb ſie das Landhaus vermiethet hat), auf ein Dorf zu zie⸗ ghen, wo ſie ein kleines Häuschen bewohnen wollen, das von Auguſtine herkommt und ganz hinten in der Beauce liegt; das Häuschen ſteht ganz einſam und weit umher wohnen nur Bauern und geringe Leute. Dahin wird Jenneville ſeine Frau führen und zwar jetzt, beim Anfang des Winters! Dort wird unſere arme Freundin künftig ihre Tage zubringen!“ „Was, Madame! Auguſtine hat ihre Zuſtimmung gegeben?“ „Sie hat nicht nur ihre Zuſtimmung gegeben, — d 97 ſondern ſie behauptet auch, daß dieſes Ergebniß ihr willkommen ſei, daß ein unbekannter Aufenthalt künf⸗ tig für ſie tauge, und ſie ſchmeichelt ſich, dort leichter den Frieden ihres Herzens finden zu können; ſie ſagt, daß ſie in Paris keinen Schritt zu thun wage, aus Furcht, Ihnen zu begegnen.“ „Sie haßt mich alſo jetzt?“ „Sie haſſen!.. ach! wenn ſie Sie nicht noch immer liebte, würde ſie Ihren Anblick nicht fürchten; allein Ihre Gegenwart würde ihr den Muth nehmen, ihre gegenwärtige Lage zu ertragen. Arme Augu⸗ ſtine!... ich ſehe Alles, was ſie duldet, obgleich ſie mir es verbergen will. Sie hat mir auch aufgetra⸗ gen, eine Bitte an Sie zu thun, die letzte, die ſie an Sie thun wird, und ſie hofft, daß Sie nicht un⸗ empfindlich dafür ſein werden.“ „Ach, ſprechen Sie, Madame, ein Wunſch Augu⸗ ſtinens iſt mir Befehl; ſprechen Sie.“ „Sie weiß, daß Sie noch frei ſind und ich habe ihr nicht verhehlt, daß ihr Bild noch immer in Ihrem Herzen wohnt: ſie wünſcht, daß Sie endlich den Wunſch Ihres Vaters erfüllen und in die Heirath einwilligen möchten, die er Ihnen vorſchlägt.“ „Sie will, daß ich heirathe!.. ſie will alſo nicht mehr, daß ich ſie liebe, weil ſie mir befiehlt, an eine Andere zu denken. Ach, Madame! ſie kann ſich ſelbſt nicht mehr lieben!“ „Sie ſind ungerecht, Herr Deligny. Dieſer letzte Wunſch Auguſtinens iſt ein neuer Beweis von ihrer Theilnahme an Ihrem Glück; ſie wünſcht, ſie hofft, — 98 daß Sie glücklich ſein mögen und deßhalb will ſie ſogar, daß Sie aufhören ſollen, an ſie zu denken. Ach! dieſes Opfer iſt das peinlichſte, das ſie ſich auf⸗ erlegen kann.. wir ſind ſo froh, wenn wir geliebt werden, daß ein großer Muth dazu gehört, zu bitten, uns untreu zu werden!“ „Nun, Madame, weil ſie es wünſcht, werde ich ihren Willen erfüllen und meinem Vater gehorchen. Dieſe Heirath wird mich unglücklich machen; allein ſie hat ſie gewollt.. und wenigſtens werde ich auf dieſe Weiſe noch für ſie leiden. Das wird mir ein Troſt ſein.“ „Nein, mein lieber Deligny, wenn Ihre Frau ſanft und hübſch iſt, werden Sie nicht unglücklich ſein, und eines Tages zugeben, daß Auguſtine recht hatte. Wenn ich morgen Abſchied von ihr nehme, will ich ihr Ihren Entſchluß mittheilen.“ Ich verlaſſe Juliette ſehr übel gelaunt. Ich muß alſo heirathen!.. ja, ich muß, weil ich es verſpro⸗ chen habe und Auguſtine es wünſcht. Wenn ich Alles bedenke, ſehe ich auch nicht ein, was ich Beſſeres thun könnte. Eine Heirath wird mich vielleicht von dieſer verdammten Leidenſchaft heilen.. aber nein, ich weiß gewiß, daß ich meine Frau nicht lieben werde. Nach dieſer Unterhaltung mit Julietten kehre ich zu Dubvis zurück; er bemerkt, daß ich auf's Neue niedergeſchlagen bin und ſagt:„Dein Geſicht iſt noch länger als gewöhnlich; was iſt denn paſſirt?“ „Du weißt nicht, was man von mir verlangt, — — 669 Dubois! Rathe, welches Opfer mir die Frau auf⸗ erlegt, die ich anbete, die ich immer noch anbete, obgleich ich ſie nicht mehr ſehen kann!“ „Ein Opfer! warte einmal.. will ſie vielleicht, daß Du wie Abälard werdeſt?“ „Sie will, daß ich heirathe.“ „Ach, das iſt ein Unterſchied. ſie hat alſo eine Frau in petto, die ſie Dir geben will?“ „Nein, mein Vater dringt ſeit drei Monaten in mich, und bittet mich, zu ihm zu kommen, um ein junges Mädchen aus Chartres zu heirathen, welches reizend und reich iſt, kurz alle vortrefflichen Eigen⸗ ſchaften hat, wie er mich verſichert, und ſo gut iſt⸗ zu warten, bis ich komme und ſie heirathe.“ „Bah! Dein Vater hat Dir ſo ein kleines Weib⸗ chen auf die Seite gethan? Das iſt nicht ſo übel! Ich kann meinen Oheimen und Tanten ſchreiben, ſo oft ich will, ſie ſollen mir eine artige Schürze mit etlichen Thalern Mitgift ſuchen, ſie finden doch keine Frau für mich. Warum haſt Du mir denn nie Etwas von den Abſichten Deines Vaters mitgetheilt?“ „Wozu auch, da ich nicht einwilligen wollte, mich zu verheirathen?“ „Ach, lieber Freund, Du hatteſt ſehr unrecht. halt' einmal, ich will als edler Vater zu Dir ſpre⸗ chen: Du haſt vier Fünftheile Deines Vermögens in Paris verzehrt, das iſt wahrlich genug, und Du brauchſt nicht auch noch den Reſt draufgehen zu laſſen. Außerdem biſt Du auch nicht mehr derſelbe: ſeit Deiner ritterlichen Leidenſchaft biſt Du nicht mehr 100 heiter und munter wie ſonſt, ich ſehe, daß Du über⸗ all Langeweile haſt, daß Du ſeufzſt, ſtatt zu ſingen; das muß einmal aufhören. Dieſe Reiſe, dieſe Heirath werden Dich von Deiner alten Liebe heilen. Alſo abgemacht; verſtanden? Deine Dame befiehlt es, ich vereinige mich mit ihr. Komm', wir wollen abreiſen, Deinen Vater aufſuchen und heirathen. Ich begleite Dich natürlich, da Dein treuer Freund der Braut⸗ führer bei Deiner Hochzeit ſein muß, und Du ſollſt ſehen, wie ich Alles anzuſtellen weiß, wie ich das Eſſen, den Ball, die Ceremonien anordnen will! Du haſt nichts weiter zu thun, als zu heirathen... dann kehren wir nach Paris zurück; wenn Du dann glück⸗ lich mit Deiner Frau und Deinem Gelde lebſt, und wenn dann je ein Strolch ſich erlaubt, Deine Frau zu nahe zu betrachten, ſo bin ich es, der ihn zur Ord⸗ nung bringen wird!“ Es bedurfte des Zuſpruchs Dubvis nicht; ich hatte verſprochen, der Bitte Auguſtinens nachzukommen, und das war genug. Als ich indeſſen Dubois ent⸗ gegne, daß ich geſonnen ſei, in dieſe Heirath zu willigen, meint er, ſeine Beredtſamkeit habe meinen Entſchluß herbeigeführt, drückt mich in die Arme, küßt mich, trocknet ſich die Stirne und ſagt:„Wenn ich mich in Etwas miſche, ſo bin ich immer meiner Sache gewiß. Jetzt muß man die Sache ſchnell ab⸗ machen; Du wirſt Deine Vorbereitungen treffen und ich die meinigen.. dazu braucht man nicht viele Zeit. Wir ſind im November; allein das Wetter iſt ſchön, es ſind noch Blätter auf den Bäumen, wenn 3 101 ſie auch etwas gelb ſind, das macht nichts, man ſieht doch wenigſtens noch Etwas, man muß das be⸗ nützen und reiſen, ehe ſie vollends abfallen... Wann biſt Du fertig?“ „Heute iſt es Dienſtag... am Samſtag können wir abreiſen.“ „Das iſt etwas ſpät; doch alſo am Samſtag... ich will gleich meinen Geliebten Schwämme bringen, damit ſie ſich die Thränen während meiner Abweſen⸗ heit abtrocknen können.“ Dubois verläßt mich. Da fällt mir noch Etwas ein ich halte ihn zurück; allein ich weiß nicht recht, wie ich es ihm beibringen ſoll... zum Glück habe ich alle Briefe meines Vaters bei mir. Ich nehme den, worin er mir ſo ſehr empfiehlt, Dubois nicht mitzubringen, und zeige ihm denſelben mit den Wor⸗ ten:„Da ſieh', mir würde es große Freude machen, Dich mitzunehmen; allein ich habe nicht an das ge⸗ dacht. lies ſelbſt!“ Dubvis liest, fängt dann an zu lachen und ſagt: „Wie, das macht Dir Sorgen? Sei ruhig! der Papa iſt mir etwas böſe, weil er an den Abend auf den elyſäiſchen Feldern denkt; wenn er aber erfährt, daß Du auf meinen Zuſpruch hin in die Heirath willigſt, daß ich es bin, der den Sohn in die Arme des Va⸗ ters zurückbringt, glaubſt Du, daß er mir auch dann noch böſe ſein wird? Und wenn er ſieht, daß ich Verſe auf ſeine Söhne, Verſe für die Mutter und Verſe für den Schwager mache, wie ich den alten Tanten, wenn welche da ſind, die Hände drüce und 102 mit der Großmutter den Canergo tanze, da wird er ganz entzückt ſein und Dir danken, daß Du mich mitgebracht haſt.“ „Ich denke auch, daß mein Vater zufrieden ſein wird, wenn er mich ſieht, und Dir keinen Groll nach⸗ trägt, wenn Du mir verſprichſt, klug zu ſein.“ „Ich werde mich ſo klug benehmen, daß Du kaum nachkommen ſollſt. O, ich habe eine Art, mich in der Provinz zu benehmen, daß Du ſtaunen wirſt.“ „In dieſem Fall treffe Deine Vorkehrungenſnuf Samſtag.“ „Auf Samſtag, abgemacht. Du kaufſt die Billete und ich werde Dich um acht Uhr Morgens abholen.“ Meine Zurüſtungen ſind bald getroffen. Ich nehme von Juliette Abſchied, die mir ſagt, daß Herr und Madame Jenneville dieſe Woche ebenfalls an ihren neuen Beſtimmungsort abgehen werden. Jetzt alſo wird unſer Schickſal ſich erfüllen: Auguſtine lebt auf dem Lande mit ihrem Gemahl, und ich heirathe und wohne dann, wo meine Frau will!... was macht das? So alſo ſollte dieſe Verbindung ausgehen, die anzuknüpfen mich ſo viele Mühe koſtete! Ach, wenn ich das hätte vorherſehen können, wäre ich ſchwerlich der Dame mit dem veilchenblauen Mantel gefolgt. Der Samſtag iſt da und Dubois pünktlich um acht Uhr mit ſeinem Felleiſen unter dem Arme bei mir. „Nun, reiſen wir?“ „Im Augenblick... ſieh', ich ſchließe eben meinen Koffer.“ „Haſt Du Dich hier verabſchiedet?“ „ 103 „Nein, gewiß nicht... Ich bin noch nicht verhei⸗ rathet... Wer weiß, ob das Mädchen mir gefällt, ob ich ihr anſtehe! Bei Angelegenheiten dieſer Art muß man nicht ſo ſehr eilen.“ „Es ſcheint mir nicht, als eileſt Du ſo ſehr, da man Dich ſchon ſeit drei Monaten erwartet.. Haſt Du Deinem Papa geſchrieben und ihn von unſerer Ankunft in Kenntniß geſetzt?“ „Nein, ich will ihn überraſchen.“ Fnn haſt Du Plätze auf dem Eilwagen nach Chartres genommen?“ „Nein, nicht ganz... aber ich habe kleine, hübſche Wagen aufgefunden, die nach Epernon gehen, und in einem ſolchen habe ich zwei Plätze gemiethet.“ „Ich glaubte, Dein Vater wohne in der Nähe von Chartres?“ „Ja, aber Epernon iſt nur zehn Stunden von da, die wir entweder zu Fuß, oder in eben ſolchen kleinen Wagen zurücklegen werden; man hat mir ge⸗ ſagt, daß es nie an Gelegenheit fehle.“ „Meinetwegen; doch ſcheint es mir, als wäre es einfacher geweſen, wenn wir direkt nach Chartres gegangen wären.“ „Wir brauchen ja nicht zu eilen! Wenn man ſich verheirathen will, mein Freund, muß man immer den längſten Weg einſchlagen.“ Wir nehmen einen Miethkutſcher, der uns an den Epernoner Wagen führt. Man wartet auf uns. Wir wa⸗ ren unſer ſechs im Wagen. Dubvis verzieht das Geſicht, als er bemerkt, daß er neben einen alten Landmann 104 und hinter eine alte Bäuerin zu ſitzen kommt. Da er vorausſetzt, er werde wenig Vergnügen unterwegs haben, ſo verſpricht er dem Kutſcher ein gutes Trink⸗ geld, wenn er ſchnell fahre. Dieſer peitſcht auf ſeine Pferde und wir verlaſſen Paris... Ach, ich verlaſſe es gerne weiß ich doch, daß auch ſie nicht mehr dort wohnt. Wir legen den Weg ziemlich ſchnell zurück; man hat nur einmal angehalten, und um drei Uhr Nach⸗ mittags ſind wir in Epernon. Wir haben auf der erſten Station gefrühſtückt, und Dubois will alsbald nach Chartres abreiſen: er will abſolut in dieſer Stadt eine Paſtete zu Mittag eſſen; allein es gibt nicht ſo oft Gelegenheit dahin, als man mir ge⸗ ſagt hatte. Der Wagen, der dahin geht, iſt ſchon abgefahren, und man räth uns, bis Maintenon zu gehen, wo wir einen andern antreffen werden. Es ſind nur drei Stunden bis Maintenon und ich mache den Weg dahin gern zu Fuß; ich meine dadurch ſchon wieder Zeit zum Nachdenken zu gewinnen. Wir nehmen einen kleinen Bauern, um uns den Weg zu zeigen und unſere Ranzen zu tragen. Die Landſchaft iſt nicht heiter, die Felder ſind kahl und die Bäume fahl; doch ſieht man noch von Zeit zu Zeit einen angenehmen Punkt, eine Anſicht, die nicht ganz ohne Reiz iſt. Dubvis macht große Schritte, weil es ſchon kalt iſt, und plaudert mit unſerm Füh⸗ rer.„Wie nennt man dieſe Landſchaft, Burſche?“ „Die Beauce, Herr... O, das iſt eine ſchöne Gegend.“ ———————————— —— ———— 405 Bei dem Namen Beauce entfährt mir ein Schrei der Ueberraſchung, denn ich erinnere mich, daß Ju⸗ liette zu mir geſagt hat, in der Beauce liege das kleine Eigenthum, wo Auguſtine mit ihrem Gemahl leben wolle. Dubois fragt mich, was mir ſei. Aber ich gebe ihm keine Antwort, ſondern denke über dieſe ſonder⸗ vare Schickung nach, welche mich abermals auf die Fährte jener Frau bringt, die mir befohlen hat, ſie zu fliehen. Es ſcheint, als ziehe mich immer eine geheime Sympathie zu ihr hin. Dubois ſchreit mir in die Ohren und zieht mich ſo aus meinen Betrachtungen:„Gehe doch ſchneller, ſiehſt Du denn nicht, daß es regnet; wenn wir vol⸗ lends dieſen Wagen auch verfehlen würden, das wäre hübſch.“ Der Regen ſtrömt ſtärker herab. Die Stunden in der Beauce ſind groß, denn unſer Führer ſagt uns, daß wir noch weit von Maintenon ſind. Aber wir bemerken zu unſerer Linken einen ziemlich anſehnlichen Flecken und halten es für gerathen, dort eine Zu⸗ fluchtsſtätte zu ſuchen. „Wie heißt jener Ort?“ frage ich unſern Führer. „Das da, Herr, iſt Hanches, ein Marktflecken.“ „Gibt es ein Wirthshaus in Hanches?“ „O ja, Herr, das Wirthshaus zur goldenen Sonne man iſt da ſehr gut bedient, und die Frau iſt ſehr hübſch.“ Dieſe letzten Worte verfehlen ihre Wirkung auf Dubvis nicht, der ausruft:„Halt, mein Freund, 106 nach Chartres kommen wir heute doch nicht mehr... zudem ſpüre ich einen wahren Wolfshunger, wir wollen in der goldenen Sonne einkehren.. da eſſen wir Etwas, und wenn man ſich gut befindet, ſo wol⸗ len wir bis morgen früh dort bleiben, das wird das Beſte ſein, denn das Wetter wird immer ſchlimmer.“ Ich nehme den Vorſchlag mit Vergnügen an. In wenigen Minuten haben wir den Flecken erreicht, und unſer Führer verläßt uns erſt, nachdem wir im Wirthshaus zur goldenen Sonne angekommen ſind. Dieſes ſo gerühmte Wirthshaus wäre in Paris nur eine kleine Kneipe, aber in einem Dorfe braucht es wenig, um den Bauern zu imponiren; indeſſen ſcheint das Haus ziemlich reinlich gehalten zu wer⸗ den, und das iſt ſchon Etwas. Der Hof, in den wir treten, ehe wir an's Haus kommen, iſt nicht mit Miſt beſtreut, wie faſt alle Wirthshaushöfe auf dem Lande, und die Magd, die unſere Ranzen in Em⸗ pfang nimmt, iſt nicht ſo ekelhaft anzuſehen, wie die Marnitornen in der Umgegend von Paris. Kaum haben wir dem Mädchen unſere Ranzen übergeben, ſo kommt uns ein kleiner junger Mann in Jacke und Schürze und mit baumwollener Mütze grüßend entgegen. 5 „Die Herren wollen bei uns einkehren, ſeien Sie willkommen... Marie, rufe meiner Frau ich habe Alles, was man hier nur wünſchen kann.. wo iſt denn meine Frau, Marie?.. ich habe Heu, Haber, Streu und Alles, was man braucht für die Pferde„ * — 107 „Das iſt ein kleiner, munterer Wirth, der mir ganz ausſieht, als wäre er werth, Heu zu freſſen,“ ſagt Dubvis lachend zu mir; dann klopft er dem Wirthe, der immer noch beſchäftigt iſt, ſeine Frau zu ſuchen, auf die Achſel:„Herr Wirth, wenn Sie ſo Vieles für Pferde haben, ſo werden Sie doch wohl auch Etwas für uns zu eſſen haben?“ „O ja, meine Herren, gewiß.. meine Frau wird Ihnen das ſagen... ſie weiß beſſer als ich, was wir haben... Ach, da iſt ſie endlich.“ Eine junge Frau kam aus dem Hintergrunde auf uns zu; allein wie groß war mein Erſtaunen, als ich unter dem garnirten Häubchen und dem indiani⸗ ſchen Kleide in der Wirthin Ninie, meine kleine Franſenſtrickerin, erkannte. Ich ſtoße einen Schrei der Ueberraſchung aus, Du⸗ vois ebenfalls, und Ninie ihrerſeits iſt voller Freude. .„Das iſt Ninie!“ „Herr Paul!“ „Das iſt die junge Freundin Charlottens.“ „Ach, wie froh bin ich!... umarmen Sie mich doch, mein Herr!“ Ich folge einer ſo angenehmen Einladung, Dubvis ebenfalls, und während wir die Frau Wirthin um⸗ armen, ruft ihr Gemahl:„Dieſe Herren kennen meine Frau!... Ach Gott! das iſt ſchön.“ „Ja, gewiß,“ entgegnet Duvois,„wir kennen Ihre Frau. und ſchon lange.. Mein Freund, hier iſt ihr Pathe!“ „Ihr Pathe!“ 108 „Wenn Sie erlauben, jä. Ich ſtoße Dubois, aber er ſagt mir in's Ohr: „Man muß ſich immer zum Pathen einer ſchönen Frau machen. man darf ſich dann mehr erlauben.“ Ninie lacht über den Einfall Dubois' und ſagt zu mir:„Sie erwarteten nicht, mich als Wirthin von Hanches zu finden...“ „Meiner Treu', nein... Indeſſen erinnere ich mich, daß Sie mir Ihre bevorſtehende Heirath mit einem Herrn Benin, einem Paſtetenbäcker, anzeigten.“ „Der iſt es, mein Herr; es iſt mein Mann.“ Nun nimmt Herr Benin ſeine baumwollene Mütze ab, verbeugt ſich bis zur Erde und ſagt zu mir mit re⸗ ſpektvoller Miene und niedergeſchlagenen Augen:„Ja, mein Herr, ich bin Benin, derjenige, welcher Ihre Pathe heirathete; ich kann ſagen, daß ich mir deß⸗ halb alle Tage Glück wünſchte, wenn ich es im Stande wäre, und ich hoffe, daß Sie gleichfalls mit ihrer Wahl zufrieden ſein werden, die ich zu rechtfertigen mich bemühen werde... Wollen Sie wohl erlauben?“ Herr Benin umarmt mich, Dubois zieht ihn aus meinen Armen und drückt ihn in die ſeinigen, Ninie ſieht mich an und lacht etwas malitiös; ich bemerke, daß der Eheſtand ihren Zügen bereits mehr Ausdruck verliehen hat. „Meine liebe Ninie,“ ſage ich zu ihr,„ich gratu⸗ lire Ihnen zu Ihrer Heirath.. Ich bin überzeugt, daß Ihr Gemahl Sie ſehr glücklich macht.“ Bei dieſem Complimente will Herr Benin mich abermals umarmen, allein Dubvis hält ihn an ſei⸗ 109— ner Schürze zurück, während Ninie mir enigegnet: „O ja, ja, er iſt ein ſehr guter Menſch er thut Alles, was ich haben will... Wir haben uns in dieſen Flecken geſetzt, weil dieſes Wirthshaus ei⸗ nem Oheim von Benin gehörte, der es ihm abtratz unſere Geſchäfte gehen gut... Benin macht ſehr gute Paſteten; wir haben das ſenone wegen unſerer kleinen Kuchen.“ „Ja, meine Herren, und ic hoffe, dem Tauf⸗ pathen meiner Frau einen ausgezeichneten zu machen Da die Paſtetenbäckerei immer meine Beſchäfti⸗ gung war, ſo wollte ich, als wir dieſes Wirthshaus übernahmen, den Schild zur goldenen Sonne abneh⸗ men und ſtatt deſſen eine große goldene Paſtete dar⸗ auf machen laſſen, allein meine Frau litt es nicht.“ „Ah, Sie ſind Paſtetenbäcker, Herr Benin!“ ruft Dubois aus. „Ja, Herr, und ein famoſer; fragen Sie meine Frau, 8 vergeht kein Tag, wo ich nicht backe. Aber was mir einfällt!.. liebe Frau, warum war denn Dein Taufpathe auf unſerer Hochzeit?“ „Wir waren zu jener Zeit in Rußland, von wo wir mit dem Dampfbvote ankommen.“ Ninie bricht die Unterhaltung ab, führt uns in ein Zimmer und befiehlt ihrem Manne, uns Wein zu bringen und zwar vom beſten. Während Herr Benin in den Keller ſpringt und die Magd Gläſer herbei⸗ vringt, betrachtet mich Ninie, lacht und ruft von Zeit zu Zeit aus:„Mein Gott, wie komiſch das iſt Paul de Kock. LIV. 8 — 110 Welcher Zufall!... an demſelben Tage in meinem Wirthshauſe!... Ach, aber Sie!... das macht mir großes Vergnügen!“ Ich will Ninie um Erklärung dieſer Worte bitten, als Herr Benin mit drei Flaſchen zurückkommt, deren jede ein anderes Siegel hat. Er ſchenkt uns aus der grün geſiegelten ein und ſagt:„Verſuchen Sie einmal.. alle drei ſind köſtlich.. wählen Sie ſich einen aus. „Wir werden aus allen dreien trinken,“ ſagt Dubois. Wir trinken den mit dem grünen Siegel, dann den mit dem rothen, dann den mit dem gelben. Herr Venin iſt überglücklich, daß der Taufpathe ſeiner Frau bei ihm einkehrt. Indeſſen nimmt mich Ninie bei der Hand und ſagt zu mir:„Mein Herr, Sie ſollen auch mein Haus, meinen Garten und meinen Hof ſehen...“ „Gerne,“ ſage ich, während Dubvis ſich an den Tiſch mit Benin ſetzt und ſagt:„Wir werden uns während deſſen eines von den drei Siegeln ausſuchen— ich glaube, das gelbe wird es gewinnen... Herr Benin, ich denke, Sie werden ohne Furcht Ihre Frau mit ihrem Tauſpathen ſpazieren gehen laſſen?“ „Ah, Herr, Sie beleidigen mich!... Ich weiß gottlob, wen ich geheirathet habe! Bei dieſer Frau habe ich Alles gefunden... gar Alles. Liebe Frau, gehe und zeige Deinem Pathen unſer Beſitzthum. Laß ihn Alles ſehen, was wir haben, ich erlaube es Dir.. ja, ich befehle es Dir ſogar.“ „ —,.— 11 RNinie hatte die Erlaubniß ihres Mannes nicht abgewartet, um mich mit fortzunehmen, und bereits waren wir im Garten. Als wir allein ſind, ſagt ſie mir:„Es freut mich ſehr, daß Sie in mein Gaſt⸗ haus gekommen ſind; aber rathen Sie einmal, wen wir in dieſem Augenblick beherbergen 2. „Reiſende ohne Zweifel.“ „Jemand, deſſen Anblick mir einen Stich in's Herz gegeben hat!.. Daher yütete ich mich auch, da ich ihn von Weitem erkannte, mit ihm zu ſprechen, und trug Sorge, daß er mich nicht ſähe, obgleich er mich vielleicht nicht einmal erkannt haben würde. Und dann eine Wirthsfrau!... ſo eine ſicht er nicht einmal an, er iſt ſo ſtolz!“ „Aber von wem ſprechen Sie denn, Ninie?⸗ „Von Herrn Adolph, der eine Stunde vor Ihnen hier ankam.“* „Wäre es möglich! Jenneville iſt hier?⸗ „Ja, Adolph.. Jenneville.. wie Sie wollen. Er reiste in einer Poſtchaiſe mit einer Frau... ſei⸗ ner Frau, wie es ſcheint; es iſt Etwas an ihrem Wagen gebrochen, ſie wurden gezwungen, anzuhal⸗ ten, und ſie werden wohl bis morgen früh bleiben müſſen, weil der Wagen nicht bälder fertig ſein wird „Nun, Herr Paul, was iſt Ihnen denn? Sie werden ganz bleich.„ Was ich eben erfahre, regt mich ſo ſehr auf, daß ch meiner nicht mehr Herr bin. Der Gedanke, daß h wüber in der Nähe auguſtinens bin, erneuert neine Qualen, meine Schmerzen. Ninie überhäuft 1¹² mich mit Fragen; ich weiß, daß ich mich ihrer Freund⸗ ſchaft, ihrer Discretion anvertrauen kann; ich ſetze mich daher neben ſie, erzähle ihr meine Liebe zu Au⸗ guſtinen und die Ereigniſſe, die uns trennten. Ninie iſt erweicht, ſie bedauert mich, bedauert namentlich Auguſtinen und fragt, was ſie für mich thun könne. Ich möchte von dem Zufall profitiren, der mich die⸗ ſer angebeteten Frau nahe bringt, um ihr ein letztes Lebewohl zu ſagen, allein dazu wäre nöthig, daß Jenneville mich nicht ſieht, denn ich wäre untröſtlich, wenn meine Anweſenheit ſeiner Frau Unannehmlich⸗ keiten verurſachen würde. „Wo ſind ſie jetzt?“ frage ich Ninie. „In einem Zimmer, in das man ihnen bald das Eſſen bringen wird.“ „Glauben Sie, daß ſie uns in Ihr Haus haben eintreten ſehen?“ „Nein, die Fenſter des Zimmers, in dem ſie ſich befinden, gehen auf die andere Seite hinaus. Außer⸗ dem richtet man ihnen, da die Frau geſagt hat, daß ſie zwei Zimmer und zwei Betten brauchen, zwei hübſche Gemächer im zweiten Stock ein, die in ein⸗ ander führen.“ „Sehr gut... Geben Sie uns ein Zimmer auf der andern Seite. Zweifelsohne wird Jenneville nach dem Eſſen herabkommen in dieſem Augen⸗ blick muß man dann, liebe Ninie, Mittel finden, 6 ſeiner Frau dieſes Papier zuzuſtellen auf das s ich einige Worte ſchreiben will.“ ₰ „Seien Sie ruhig... ich will es ſelbſt beſorgen 113 ich werde wohl Gelegenheit finden die Männer ſind nicht immer um den Weg.“ Ich ſchreibe mit Bleiſtift folgende Worte:„Der Zufall hat mich hieher geführt, allein ich werde nicht gehen, ehe ich Ihnen zum letzten Mal Lebewohl ge⸗ ſagt habe; ich erwarte dieſe Gunſt als den Preis meines Gehorſams gegen Ihre letzte Bitte. Heute Nacht, während Ihr Gemahl ſchläft. in dem un⸗ tern Saale. in der Gegenwart der Frau vom Hauſe, der ich mich anvertrauen kann, und die Sie ohne Zweifel erkennen werden... Wenn Sie mir dieſe Bitte abſchlagen, haben Sie mich nie geliebt.“ Ich gebe das Papier Ninie, die es in ihren Buſen eckt und zu mir ſagt:„Ich verſpreche Ihnen, daß es bekommt.“ Wir kehren in das Haus zurück; beeile mich, Dubvis in mei Zimmer zu führen, nn ich zittere, Jenneville möchte Einen von uns be⸗ erken. Wir waren faſt eine Stunde abweſend geweſen;z Herren haben beinahe die drei Flaſchen gelcert, Dubvis betrachtet mich, indem er Hörner über Kopf Benins macht. Ich nehme ihn am Arme und ziehe ihn mit fort:„Mein Herr, auf unſer Zim⸗ mer, es iſt Zeit zum Eſſen„ „Zum Henker! mein Junge, es ſcheint, Du habeſt Hunger ich begreife es aber... man läßt mich eine Stunde mit dem Gemahl allein.. das iſt nicht dumm!... Herr Benin, machen Sie uns ein gutes Eſſen; der Pathe Ihrer Frau hält etwas darauf!“ „Seien Sie ruhig, meine Herren, ich will Ihre ⸗ 114 Mägen ſchon wieder in Ordnung bringen!... ich gehe an den Herd.“ Ninie läßt uns in ein Zimmer mit zwei Beiten führen, das ſich am Ende eines Ganges im erſten Stock befindet. Hier will Dubois ſeine Scherze weiter fortſetzen; allein ich mache denſelben ein Ende, in⸗ dem ich ihm die wirkliche Urſache meiner Unruhe mit⸗ theile. „Hol' der Teufel den Jenneville!“ ruft Dubvois, „er hatte auch nöthig, mit ſeiner Frau in dieſes Wirths⸗ haus zu kommen, um Dir noch einmal den Kopf zu verdrehen... Bedenke, daß Du auf dem Wege biſt, Dich zu verheirathen...“ „Ich denke, daß Auguſtine hier iſt und ich ſie abreiſen laſſe, ohne ſie einen Augenblick geſproc zu haben... „Da haben wir es... wir ſpielen wieder Tr gödie.“ „Dubvis, ich bitte Dich nur um Etwas; das daß Du dieſes Zimmer nicht verläſſeſt, bis Jenne zu Bett gegangen iſt.“ „Wie unterhaltend das iſt... und was ſoll es ſchaden, wenn Jenneville mich ſieht?“ „Dann wird er ſelbſt ſeiner Frau ſagen, daß wir„ hier ſind, und ſie wird mir die Unterredung nicht gewähren, um die ich ſie bitte.“ „Sie wird wohl daran thun...“ „Wenn Du Dich Jenneville zeigſt, ſo kehre ich nach Paris zurück und heirathe nicht...“ „Hm!. eigenſinniger Menſch Nun, ich will n 115 da bleiben, weil es Dir ſo lieb iſt; allein man ſoll wenigſtens ein gutes Eſſen auftragen und ein gutes Feuer aufmachen, denn man friert in der goldenen Sonne.“ Ninie kommt und deckt uns ſelbſt; ihre Magd macht uns Feuer an. Es iſt bereits dunkel, denn im November ſind die Tage nicht mehr lang; aber wir ſetzen uns zu Tiſche, und ich verſpreche Dubois, ſo lange er nur will, dabei zu bleiben. Herr Benin hat ſich ſelbſt übertroffen: unſer Eſſen iſt ſehr gut. Von Zeit zu Zeit kommt Ninie, um ſich zu verſichern, daß uns Nichts abgeht. Ich ſehe ſie allemal an, um zu erfahren, ob mein Auftrag ausgerichtet iſt, ein kleines Neigen des Kopfes ſagt mir: noch nicht. Beim Nachtiſch kommt Hexr Benin zu uns, und ich zwinge ihn, Platz am Tiſche neben uns zu nehmen; er iſt ſo empfänglich für dieſe Ehre, daß er eine Flaſche alten Malaga holt, die er auf den Tag der Geburt ſeines erſten Sohnes hatte auf⸗ bewahren wollen, obgleich ſeine Frau nicht ſchwan⸗ Endlich gibt mir Ninie beim Hereinkommen in unſer Zimmer ein Zeichen, das ich verſtehe: mein Billet iſt beſorgt, und ich wollte jetzt, es wäre be⸗ reits Zeit, in's Bett zu gehen. Zum Glück bleibt man auf dem Lande nicht lange auf. In Folge zu vielen Trinkens fangen Dubois und Herr Benin be⸗ reits an, ſich zu verwirren. „Geh' ins Bett, lieber Freund,“ ſagte Ninie zu ihrem Gemahl,„geh', Du mußt müde ſein, und mor⸗ chen, wo ſie mich hinthun ſolle. Nachdem ich ſie ſe 116 gen muß man bald wieder aufſtehen; ich will no einmal nachſehen, ob der Herr und die Dame nicht. mehr nöthig haben und dann nachkommen.“ „Du haſt recht, liebe Frau,“ ſagte Benin, ein Licht nehmend.„Ich habe heute mehr als hundert Küchlein gemacht und das macht warm. Meine Her⸗ ren, ich wünſche Ihnen eine angenehme Ruhe, und hoffe, daß der Pathe meiner Frau mir die Ehre an⸗ thun wird, gut bei mir zu ſchlafen.“ Mit dieſen Worten entfernt ſich Herr Benin grüßend und etwas ſchwankend. 3 Dubois verlangt nichts mehr, als dem Beiſpiel des Herrn Benin zu folgen. Ninie ſagt mir gute Nacht, indem ſie mir bedeutſam winkt und ſich ent⸗ fernt. Dubois legt ſich nieder, mir eine glückliche Un⸗ terredung wünſchend, und iſt nach einigen Minuten bereits eingeſchlafen.* Ich verlaſſe leiſe und ohne Licht mein Zimmer und gehe in den untern S al, wo ich Ninie allein treffe.„ „Ich habe meine Dienßboten ſchon zu Bette ge⸗ ſchickt,“ ſagt ſie,„damit Niemand Ihre Zuſammen⸗ kunft mit dieſer Dame bemerke.“ „Glauben Sie, Ninie, daß ſie kommen wird?“ „Das kann ich nicht wiſſen; ich benutzte einen Augenblick, wo ihr Gemahl hinausging, und trat in ihr Zimmer. Sie hatte mich noch nicht geſehen, be⸗ trachtete mich mit Aufmerkſamkeit und ſchien zu ſu⸗ 2 höflich gefragt hatte, ob ſie nichts bedürfe, übero 3 h ihr Ihr Papier mit den Worten: eiſender, der hier iſt, hat mich gebet tzuſtellen. Sie nahm es, leich und zitterte ſo ſehr, in Ohnmacht; endlich ſagte alſo pier⸗ Ich antwortete »Madame, ein en, Ihnen das las es, wurde dann ſo daß ich meinte, ſie falle ſie leiſe zu mir:„Er iſt ihr und bat ſie, Ihnen aus Furcht, ihm zu begegnen.“ wiſſen wir alſo nicht, ob ſie kommen wird!“ „O, ich glaube doch. Kann man Ihnen Etwas abſchlagen 2“ „Dieſe Ninie!“ „Das iſt komiſch! Und Sie ſagen doch, daß ſie Sie liebe.“ Ninie verläßt mich, um ſich zu überzeugen, daß Alles in ihrem Hauſe gut verſchloſſen und in Ord⸗ nung iſt. Ich ſetze mich in von wo aus ſich meine Augen au ak faſt ſo viel Lärmen macht wie eine Mühle. Eine einzige Lampe erhellt das große Gemach; allein ich kann die Zeiger ſehen und das iſt Alles, was ich brauche. Nach einer halben Stunde ke ſſich zu mir und ſagt: ſchon.“ „Und oben?“£ „Ach, verdammt! es iſt noch immer Licht in den Frau hat mir immer Alles verweigert, hrt Ninie zurück, ſetzt „Alle meine Leute ſchnarchen beiden Zimmern; vielleicht plaudert man, denn ich habe Bücher bei ihnen geſehen... warten Sie, ein wenig Geduld, am Ende geht man doch in's Bett.“ 3„Und Ihr Gemahl, Ninie, wenn er merkt, daß Sie nicht bei ihm ſind?“ „O, der ſchläft für Viere!.. ſeien Sie unbeſorgt; zudem würde, wenn er auch aufwachte, er ſich ge⸗ wiß nicht erlauben, nachzuſehen, was ich mache.“ 1 Die Zeit vergeht; wir wechſeln nur ſelten einige Worte. Ich horche immer und Ninie begreift, daß ich es geſchlagen, dann halb elf... und immer Niemand. „Sie wird nicht kommen,“ ſage ich ſeufzend. Lielleicht; man muß noch warten.“ In einem Dorfe ſtört nichts die nächtliche Ruhe; dieſe tiefe Stille geſtattet mir nicht einmal, falſche Ninie fallen die Augen zu; ſie erwartet ihren Lieb⸗ 5 haber nicht. Ich gebe alle Hoffnung auf, als ein Geräuſch, wie das Rauſchen eines Kleides, zu meinen Ohren dringt; ich ſtehe auf und gehe in den Gang hinaus, um zu lauſchen... man kommt.. ich höre leichte Tritte, die ſich nähern... mein Herz ſchlägt.. ſie iſt es ohne Zweifel. Ninie iſt verſtändiger als ich und kommt mit der Lampe herbei; ja, es iſt Auguſtine... ich ſehe ſie wieder; wiederum ſtützt** ſich auf meinen Arm. Sie iſt ohne Licht gekommen und doch hat ſie it Schritte beeilt. Bei meinem Anblic ſcheinen it . Kräfte ſie zu verlaſſen; ich halte ſie in meinen Arm 1 . keine große Luſt zum Schwatzen habe. Zehn Uhr Hoffnungen zu hegen. Even ſchlägt es elf Uhr und 3 S———— 119 führe ſie in den Saal, ſetze ſie nieder und mich neben ſie. Ninie geht hinaus mit den Worten:„Ich will bei Ihnen wachen, damit Sie ſich nicht zu fürchten brauchen.“ Wir ſind mehrere Minuten bei einander und kei⸗ nes hat noch ein Wort geſprochen. Ich halte Augu⸗ ſtinens Hände, ihr Kopf ruht an meiner Bruſt und ſie vergießt Thränen, die ich traurig fließen ſehe. „Sie haben mich noch einmal ſehen wollen,“ ſagt ſie endlich zu mir,„da bin ich.. ich glaubte nicht, Ih⸗ nen dieſe unbedeutende Gunſt verweigern zu müſſen.“ „Unbedeutende Gunſt! Können Sie ſo das Ver⸗ gnügen bezeichnen, das ich habe, indem ich wieder bei Ihnen bin, theure Auguſtine!... Ach, verzeihen Sie, Madame, ich weiß, daß ich Sie nicht mehr ſo nennen darf.“ „Nein, jetzt bin ich nicht mehr frei... ach! ich war es nie! Wenn ich immer daran gedacht hätte, wäre ich jetzt nicht ſo unglücklich!“ „Wie können Sie ſich Vorwürfe machen? Sie, die immer einem Manne treu blieb, der ſie verlaſſen hatte. der nur zu Ihnen zurückkehrte, als...“ „Herr Deligny, vergeſſen Sie nicht, daß er mein Gemahl iſt.“ „Ach, ich weiß es nur zu gut, allein das kann mich nicht abhalten, Sie anzubeten.. ja, Madame, obgleich ich nie die Liebe erwiedert erhielt, die mich quälte, ſo werde ich Sie doch ewig lieben.. werde Sie nie vergeſſen. Ach, werden Sie nicht böſe, ent⸗ fernen Sie ſich nicht von mir! Bedenken Sie, daß ich Sie zum letzten Male ſehe, Ihnen zum letzten Male ſagen kann, wie ſehr ich Sie liebe, und daß die Gunſt, mit Ihnen von meinen Gefühlen zu reden, die einzige iſt, die Sie mir gewährten!“ „Wenn ich gewußt hätte, daß Sie ſo mit mir reden würden, wäre ich nicht zu dieſer Unterredung gekommen. Wozu ſollen wir unſere Schmerzen er⸗ neuern?... Sie wollen alſo, daß ich mich noch un⸗ glücklicher fühle?“ Sie legt ihre Hand auf ihre Augen; in dieſem Augenblick läßt ſich ein leichtes Geräuſch im Gang vernehmen. Auguſtine fährt zuſammen und ſagt zu mir:„Es iſt mir, als laufe Jemand außen.. ach, mein Gott! wenn Jenneville mich hätte heruntergehen hören, wenn er erführe...“ „Fürchten Sie nichts; dieſes Geräuſch kommt von der Frau des Hauſes.. ſie wacht über uns... Sie können ruhig ſein... Laſſen Sie Ihre Furcht nicht mein Glück vergiften. Liebe Auguſtine, welch' ein Unterſchied zwiſchen dieſer Zuſammenkunft und der letzten, die ich mit Ihnen in Luciennes hatte!“ „Ach! ſchweigen Sie, ich bitte Sie, erinnern Sie mich nicht an jene Augenblicke, die nie mehr zurück⸗ kehren dürfen. Sie reiſen zu Ihrem Vater, um ſich zu verheirathen?“ „Ja, Sie haben es gewünſcht, ich will Sie zu⸗ frieden ſtellen; aber glauben Sie ja nicht, daß dieſe Heirath mir Sie vergeſſen machen wird. Ich hei⸗ rathe, allein nie wird mein Herz das für eine andere fühlen, was es für Sie empfindet.“ S 12¹ „Paul!.. Herr Deligny... wie grauſam Sie ſind! Ach, laſſen Sie mich hoffen, daß Sie glücklich ſein werden!“ „Und Sie, Madame, Sie wollen ſich in eine dunkle Zufluchtsſtätte begraben?“ „Ja, ich wollte, wir hätten die Poſt dahin ge⸗ nommen; allein aus alter Gewohnheit konnte Herr Jenneville ſich nicht dazu entſchließen; er miethete einen Hauderer und dieſem verdanken wir, daß wir hier zurückgehalten ſind. Die Wohnung, in der wir künftig leben wollen, iſt weit von der Welt entfernt und ſagt mir deßhalb nur um ſo mehr zu. Welches Vergnügen könnte ich jetzt mitten unter gleichgültigen und leichtſinnigen Weſen finden, die die Neigungen des Herzens nur in's Lächerliche ziehen können! Die Einſamkeit wird für mich Reize haben; ich kann mich ganz nach Belieben meinen Erinnerungen überlaſſen, denken und träumen von dem... und denen, die ich nie mehr ſehen werde.“ „Und Juliette? wollen Sie ſie auch nicht mehr ſehen? Werde ich durch ſie nicht wenigſtens erfahren, wie es Ihnen in Ihrem neuen Wohnort geht?“ „Ich werde oft an Julietten ſchreiben, und ihr Alles ſagen, was ich treibe; ſie hat mich darum ge⸗ beten. Wenn Sie ſie ſehen, ſo können Sie von ihr manchmal von mir hören.“ „Ol ich werde ſie ſtets aufſuchen. Ach, das wird mein einziges Glück ſein! Mit ihr wenigſtens kann ich von Ihnen ſprechen, kann ihr meine Gedanken, meine Schmerzen mittheilen; ſie zwingt mich nicht zu 122 ſchweigen, wenn ich ihr von meiner Liebe zu Ihnen erzähle... und ich ſpreche unaufhörlich davon mit ihr! Ach, ich bitte Sie, ſchreiben Sie ihr oft... und möge manchmal ein Ihrer Feder entſchlüpftes Wort mir beweiſen, daß ich nicht ganz und gar vergeſſen bin!“ Sie antwortet nicht; allein ihre Hand ruht in der meinigen und ein leichter Druck ſagt mir, daß ſie mich verſtanden. Ich lege dieſe geliebte Hand auf mein Herz, wir ſprechen nicht mehr; welche Worte könnten auch ausſprechen, was wir in dieſem Augen⸗ blick empfinden! Endlich ſteht Auguſtine auf und murmelt:„Wir müſſen uns trennen.“ „Schon?“ „Je länger wir beiſammen bleiben, um ſo größern Schmerz verurſacht uns die Trennung. Mein Freund, nehmen Sie mir nicht noch das Bischen Muth, das mir bleibt, laſſen Sie mich fort... ich fühle, daß es Zeit iſt.. Leben Sie alſo wohl, mein Herz bricht.“ „Was! ich ſoll Sie für immer verlaſſen.. ich ſoll dieſe Augen nie mehr ſehen, deren Ausdruck mein Herz vor Wonne beben macht... ſoll dieſe ſo geliebte Stimme nicht mehr hören!... Auguſtine, werden Sie an mich denken?“ „Er fragt mich.. o mein Goit! er ſieht nicht, wie ſehr ich leide... Leben Sie wohl!.. Wenn Sie nur etwas Mitleiden mit mir haben, ſo halten Sie mich nicht länger zurück!“ Sie ſtürzt in den Gang hinaus. Ich nehme die 3 123 Lampe, um ihr zu leuchten, und wir bemerken einige Schritte von uns Ninie tief eingeſchlafen auf einem Stuhle ſitzend. „Sie ſehen,“ ſagt Auguſtine,„wie man über uns wachte.. zum Glück hat man mich nicht herunter⸗ gehen hören... Leben Sie wohl... leben Sie wohl!“ Und ohne meine Antwort zu erwarten, ſteigt ſie leicht die Treppe hinauf. Es iſt geſchehen ich ſehe ſie nie mehr!... Ich wecke Ninie auf und erreiche traurig mein Zimmer. Siebentes Kapitel. Unverhofftes Zuſammentreffen. Ich habe mich auf einen Seſſel geworfen und mein Schmerz macht ſich in Klagen und Seufzern Luft: ich klage das Schickſal, die Liebe, ich klage ſelbſt Auguſtinen an; in meiner Verzweiflung finde ich, daß ſie gegen mich ſich barbariſch gezeigt hat, und daß ſie mich nicht einem Mann opfern dürfe, der ſie verlaſſen hatte. Von Zeit zu Zeit ſtehe ich auf, gehe mit großen Schritten im Zimmer auf und ab und ſtampfe mitunter heftig mit dem Fuße auf den Boden. Dubvis, der immer wieder durch meine Klagen ind den Lärmen, den ich mache, aufwacht, dreht ich herum und ſtößt ſeinerſeits tauſend Flüche gegen ie Verliebten aus. Dann ſetzt er ſich im Bette auf, —————————— 124 räth mir, mich niederzulegen, fängt an, mir vorzu⸗ predigen und ſucht mir begreiflich zu machen, daß ich nach einer ſchlafloſen Nacht morgen bei der An⸗ kunft bei meinem Vater ſehr ſchlecht ausſehen werde; da er aber ſieht, daß ich nicht auf ihn höre, hält er mitten in ſeiner Rede inne, wünſcht mich zu allen Teufeln und legt ſeinen Kopf wieder auf das Kiſſen. So iſt die Nacht vergangen. Ich ſehe den Tag anbrechen und mit den erſten Strahlen der Morgen⸗ röthe ſcheint es mir, mein Blut werde ruhiger und mein Kopf kälter. Man ſagt, daß die Nacht Rath bringe, allein für Unglückliche iſt ein ſolcher Rath nie günſtig, während der Anblick des Tages dagegen alle traurigen Gedanken vertreibt und unſerer Seele mehr Stärke gibt. Ich denke, Auguſtine iſt mir mit dem Beiſpiele des Muths vorangegangen, ich muß ihr nachahmen und mich nicht einer Schwachheit überlaſſen, die mich nichts hilft. Zuerſt kommt mir der Gedanke, in aller Frühe mit Dubois abzureiſen und den Flecken vor Jenneville und ſeiner Frau zu verlaſſen, allein mög⸗ licher Weiſe könnte Jenneville ebenfalls ſehr bald auf⸗ ſtehen und uns im Wirthshauſe begegnen; ich glaube alſo, daß es geſcheidter iſt, wenn ich ihn zuerſt ab⸗ reiſen laſſe, und wir in unſerm Zimmer bleiben, bis er fort iſt. Ich höre gehen und kommen im Hauſe; bereits eilt Alles an ſein Geſchäft. Ich erkenne die Stimme Ninie's, die mit ihrem Gemahle wegen ſeiner Faul⸗ heit zankt, dann auch die Benins, der ſich bei ſeiner 125 Frau entſchuldigt. Bald klopft es leiſe an unſere Thüre: es iſt Ninie, die ſich erkundigt, ob wir wachen. Ich öffne unſerer artigen Wirthin, während Du⸗ bois ſich die Augen reibt und ſagt:„Sie fragen, ob wir ausgeſchlafen haben; fragen Sie lieber, ob wir überhaupt geſchlafen haben! Der Menſch da hat die Nacht damit zugebracht, Ihren Boden zu meſſen und mit Fußſtößen zu begrüßen! Er rächte ſich an den Fenſterſcheiben wegen des Verluſts ſeiner Schönen! Er hat für keinen Pfennig Philoſophie im Leibe... Schlafen Sie doch neben einem Dummkopf, der die ganze Nacht die Raſereien der Liebe“ ſpielt!“ „Vorwärts, Dubvis, ſei ruhig, ich werde künftig⸗ hin vernünftiger ſein...“ „Ol das iſt mir eins; Du bekommſt mich nie mehr zum Schlafkameraden.“ „Ninie, denken Sie, daß... der Herr und die Dame bald abreiſen werden?“ „Ja; ihr Wagen iſt ausgebeſſert und ich vermuthe, daß ſie ſich nach dem Frühſtück auf den Weg machen werden. Der Herr iſt ſchon in den Garten hinunter⸗ gegangen und ſpaziert herum, während man das Frühſtück zubereitet.“ „Gut; ſobald ſie fort ſind, ſagen Sie es uns, ich bitte Sie.“ „Ja, mein Herr! O, Sie werden ſie übrigens gut hören.“ „Das heißt,“ rief Dubvis aus,„daß Du mich abermals ſo lange in dieſem Zimmer eingeſperrt hal⸗ Paul de Kock. LIV. ten willſt, bis der Herr und die Frau abgereist ſind; es iſt wirklich ſehr angenehm mit Dir zu reiſen!“ „Jetzt wollen wir frühſtücken, und bis das vorbei iſt, ſind ſie fort.“ „Madame Benin, ein reichliches Frühſtück, wenn es beliebt; ich habe unendlich Appetit bei Ihnen.“ Ninie geht, unſer Frühſtück zuzubereiten. Dubois ſteht auf, ich trete an das Fenſter, das auf den Hof führt, und wage nicht, den Kopf zum Fenſter hin⸗ auszuſtrecken, allein wenn ich eine Ecke des Vor⸗ hangs lüpfe, kann ich, ohne geſehen zu werden, Je⸗ den ſehen, der im Wirthshaus ein- und ausgeht. Man bringt uns unſer Frühſtück und ich habe mich eben an den Tiſch geſetzt, als ich Peitſchenhiebe und das Rollen eines Wagens höre, der vor dem Wirths⸗ hauſe anhält. Ich meine, es ſei der, der Auguſtine mitnehmen will und eile, um durch das Fenſter ſie noch einmal zu ſehen, allein ich habe mich getäuſcht: es ſind neue Reiſende, die eben ankommen. Ich ſehe zwei Poſtillons, einen Jokey, einen Kammerdiener; dann ſteigt ein Herr, deſſen Kopf mit einer großen Reiſemütze bedeckt iſt, aus dem Wagen, und geht in das Haus. Ich kehre zum Frühſtück zu Dubois zu⸗ rück, da dieſer neue Ankömmling mich nicht intereſſirt. Nach einiger Zeit tritt Herr Benin in unſer Zim⸗ mer, grüßt uns ehrfurchtsvoll, fragt nach meinem Befinden, nimmt dann ein Glas Wein, das Dubois ihm präſentirt und ſpricht:„Ich hoffe, daß mein Gaſt⸗ haus eine gute Einkehr hat!“ „Ja, es ſcheint, daß noch mehr Leute ankommen.“ 127 „Ich denke wohl!.. und Leute, die was aufgehen laſſen, ich habe das gleich geſehen! Das iſt ein Mann aus den höchſten Ständen, vielleicht ein Fürſt, der incognito reist mit ſeinem Kammerdiener. Gewiß iſt, daß es eine anſehnliche Perſon iſt! Das macht aber auch einen Lärmen.. man muß es hören.. und der Bediente:„Das ſchönſte Zimmer für den Herrn! Zum Frühſtück, was Sie Gutes haben; der Preis iſt gleichgültig, wenn wir nur zufrieden ſind!“ He? ſa⸗ gen Sie einmal, das heißt geſprochen, daher begrei⸗ fen Sie auch, daß ich ihm eine Paſtete machen will, wie er in ſeinem Leben noch keine gegeſſen hat; er wird zwar etwas warten müſſen, allein um ſo ſchlim⸗ mer, mein Ofen muß zuerſt heiß ſein!“ „Frühſtücken der Herr und die Dame, die hier geſchlafen haben?“ „O, mein Gott, Sie erinnern mich eben recht daran, ich habe ſie vergeſſen, ich habe das Geflügel noch nicht auf den Roſt gethan; aber der neue An⸗ kömmling hat mich auch ſo ganz in Anſpruch ge⸗ nommen..“ „Gehen Sie doch, Herr Benin, Sie müſſen Ihre andern Gäſte nicht ſo ſehr vernachläßigen.“ „Das iſt wahr, Herr Pathe. Ich bitte Sie um Erlaubniß, daß ich Sie ſo nennen darf, es geſchieht aus Anhänglichkeit für meine Frau, wenn das Sie nicht beleidigt.“ „Keineswegs, Herr Benin.“ „Ich will mein Geflügel auf den Roſt thun. Aber warten Sie; unter uns will ich Ihnen meine Schwach⸗ ———————— 128 heit geſtehen: die Leute, die keine Paſteten eſſen mö⸗ gen, für die bin ich gar nicht ſehr eifrig im Bedie⸗ nen; dieſer Herr und dieſe Dame wollten nicht einmal einen meiner kleinen Kuchen verſuchen, das hat mich erzürnt; während der Neuangekommene zum Früh⸗ ſtück eine große Paſtete, kleine Törtchen und einen aufgezogenen Pfannkuchen haben ſoll! Das iſt ein Mann, der zu leben weiß! Auf Wiederſehen, Herr Pathe!“ Herr Benin hat uns envlich verlaſſen und wir ſind eben mit dem Frühſtück fertig, als ich im Hofe eine ſehr bekannte Stimme höre: es iſt die Jenneville's; er ſchreit und beklagt ſich über die Langſamkeit, wo⸗ mit man ihn bedient. Ich bin an's Fenſter getreten, das ich halb öffne, und kann ſo Alles hören, was im Hofe geſprochen wird. „Werden Sie mir endlich mein Frühſtück bringen? Seit einer Stunde warten wir ſchon!“ „Mein Herr, ich bitte um Entſchulvigung⸗ aber mein Ofen war nicht heiß.“ „Wozu brauche ich Ihren Ofen zu meinen Cote⸗ lettes und dem Geflügel?“ „Mein Herr, das iſt wahr; allein es iſt eben ein neuer Reiſender angekommen, ein großer Herr, der Backwerk haben will, und das nimmt uns ganz in Anſpruch.“ „Was kümmert das mich, wenn andere kommen? Iſt mein Geld nicht ſo viel werth W das Ihres großen Herrn?“ „Ja, mein Herr, allein...“ „Sie ſind ein Flegel!“ „Mein Herr, ich„ „Ich habe Eile, Ihre Kneipe zu verlaſſen, daher denken Sie daran, mich zu bedienen, ohne mich län⸗ ger warten zu laſſen!“ Ich weiß nicht, was Benin Jenneville antworten witd, der fortfährt, zornig im Hofe auf und ab zu gehen, als eine andere Perſon dazukommt: es iſt der zuletzt angekommene Reiſende. „Nun, Wirth, werde ich bald bedient?“ ſagt er, Benin auf die Schulter klopfend. Dieſer neigt ſich tief, verſichert, daß man zufrieden ſein werde und läuft in die Küche. Die Stimme des Neuangekommenen hat mich frappirt, ebenſo Jennevillez ich mache den Laden auf, um den Reiſenden zu betrachten, und da ſein Kopf nicht mehr von der ungeheuren Reiſemütze bedeckt iſt, ſo kann ich leicht in dieſem Menſchen, der mit ſo viel Aufwand reist, den Schuft erkennen, der mir dreißig⸗ tauſend Franken abgeführt hat. Jenneville, der eben⸗ falls Blagnard erkannt hat, ſtellt ſich vor ihn hin in dem Augenblick, wo dieſer in den Garten treten will. Herr Blagnard ſcheint zuerſt etwas betroffen zu ſeinz allein bald hat er ſich wieder geſammelt und grüßt Jenneville wie damals, als er uns zum Eſſen ein⸗ lud. „Ach, ich täuſche mich nicht: es iſt der liebe Jen⸗ neville; wahrlich, ich glaubte nicht, das Vergnügen zu haben, Sie in dieſem Dorfe wiederzufinden!“ „Sie ſind es alſo, mein Herr, der mit ſo viel Aufwand reist und Urſache iſt, daß ich nicht bedient werde!“ „Mit Aufwand, mein Lieber? Ganz und gar nicht: eine einfache Reiſe⸗Berline, zwei Poſtillone, um ſchnel⸗ ler vom Flecke zu kommen... man hat Geſchäfte... Allein verzeihen Sie, ich habe etwas Eile.. ich muß vor Mittag noch in Paris ſein und will ſehen.. „Einen Augenblick, Schuft! Wir haben zuerſt ei⸗ nige Rechnungen mit einander abzumachen!“ Die Stimme Jenneville's iſt aufgeregt; ich ſtrecke den Kopf etwas vor und ſehe, daß der Zorn in ſeinen Augen blitzt. Blagnard iſt erblaßt; indeſſen verſucht er in der Antwort ſeinen leichten Ton beizubehalten. „Wie, was bedeutet dieſe ſchreckliche Miene, mein lieber Jenneville; was, zum Teufel! kommt Sie an? Scherz bei Seite, ſie paßten nicht hieher.“ „Sie haben mir achtzigtauſend Franken genommen, Sis ſind Schuld, daß ich, um dieſen Verluſt einzu⸗ bringen, den Reſt meines Vermögens verkauft und verpfändet habe, kurz, Ihnen verdanke ich meinen Ruin; Sie müſſen mir zurückgeben, was Sie von mir haben.“ „In der That, ich begreife Ihre Vorwürfe nicht! Ich habe meine Zahlungen eingeſtellt: es iſt nicht mein Fehler, wenn meine Geſchäfte ſchlecht gegangen ſind; ich habe weit mehr dabei verloren, als Siez ich bin alſo mehr zu beklagen!“ „Zu beklagen! und Sie reiſen wie ein Graf und haben einen Jokey, einen Kammerdiener! Sie ſind ein Schurke!“ — „Mein Herr!“ „Sie ſind ein Schurke, ſage ich Ihnen!“ „Sie wiſſen, daß man täglich ſeine Zahlungen einſtellen und doch nachher immer wieder andere Ge⸗ ſchäfte anfangen kann.“ „Ja, elende Menſchen wie Du! Aber müſſen nicht Leute, die Ehre im Leibe haben, wenn Ihnen das Glück wieder lächelt, die Unglücklichen entſchädigen, die ſie zur Verzweiflung gebracht haben?“ „Mein Herr, das iſt Sache der Notare!... Ver⸗ zeihen Sie, aber ich habe nicht Zeit zu „Nein, Schuft, Du ſollſt nicht ſo von dannen kommen.“ Jenneville hat Blagnard am Arme gefaßt und drückt denſelben heftig, während er ausruft:„Ich muß mein Geld haben!“ „Sie ſind toll, mein Herrz keine Gewalt, oder ich müßte...“ „Elender! Du wagſt mir zu drohen!“ In dieſem Augenblick gibt Jenneville in ſeiner Wuth Blagnard eine Ohrfeige, deren Schall bis hin⸗ ten in unſer Zimmer dringt; Dubvis fährt von ſei⸗ nem Seſſel auf und ruft:„Der hat eine.“ Blägnard iſt nun auch raſend geworden; ich höre nur noch einige ganz leiſe gewechſelte Worte:„Ihre Piſtolen... da unten.. ich erwarte Sie.. ſchnell!“ Sie werden ſich ſchlagen, das unterliegt keinem Zweifel; ich kehre mich ganz verduzt gegen Dubvis um und ſage zu ihm:„Sie wollen ſich ſchlagen!“ „Wer denn?“ „Jenneville und Blagnard.“ „Bah! Wie.. dieſer Reiſende 2...“ „Iſt Blagnard; er iſt heraufgekommen, ſeine Pi⸗ ſtolen zu holen und bald...“ „Nun, ſo laſſe ſie ſich ſchlagen, was geht das uns an?“ „Nein, ich kann es nicht zugeben! Dieſer Blag⸗ nard hat mich auch beſtohlen und ich will...“ „Nun, das nenne ich einen ſchönen Gedanken. Du willſt Dich auch darein miſchen, Du? Wenn man ſich mit Allen ſchlagen wollte, die Einem Geld ſchul⸗ dig ſind, ſo würde Mancher nie fertig!“ Ich gebe Dubois keine Antwort, ſondern öffne meinen Ranzen und ziehe meine Piſtolen heraus. Du⸗ bois, der bemerkt, was ich thue, kommt auf mich zu und wirft ſich in dem Augenblick, wo ich hinausgehen will, in meine Arme. „Wo willſt Du hin?“ „Laß mich, Dubois.“ „Ich leide es nicht, daß Du ausgehſt.“ „Laß mich, ſage ich Dir.“ „Noch einmal, miſche Dich nicht in dieſen Streit. Bedenke zudem, daß Dich Jenneville nicht ſehen darf, daß Du ſeine Frau compromittirſt.“ „Ich muß jetzt über ihren Mann wachen, oder ihn rächen; laß mich, oder fürchte ſelbſt meinen Zorn.“ Es iſt mir gelungen, mich von Dubois los zu machen, indem ich ihn auf den Boden werfe; ich gehe eiligſt hinaus und ſteige hinab, allein Jenneville iſt nicht mehr im Hofe; ich ſehe nur Ninie, der meine Aufregung, meine Waffen große Furcht einflößen. 133 „Ninie, wo ſind ſie? Haben Sie ſie geſehen?“ „Wen denn, mein Herr?“ „Jenneville und den neuen Reiſenden.“ „Sie ſind ſo eben ausgegangen.“ „Großer Gott! und wohin, auf welche Seite?“ „Da, durch unſern Garten.“ „Ach, wenn ich nur noch zu rechter Zeit komme!“ „Aber was hat es denn gegeben, Herr?“ Ich antworte nicht mehr, ſtürze auf dem Wege nach, den ſie eingeſchlagen haben und ſehe mich rings um. ich erblicke ſie nicht, allein vielleicht verbergen ſie Bäume oder Geſträuche vor mir. Großer Gott! ich höre einen Schuß.. es iſt zur Linken.. ſchnell! Ein zweiter Schuß trifft bald mein Ohr und führt mich auf die rechte Stelle... dieſem Fußweg nach. Ich renne; ein fliehender Menſch kommt an mir vorbei: es iſt Blagnard! O Himmel! und Jenneville? Ich will Blagnard anhalten, ich rufe ihm; er iſt ſchon weit. Ach, in dieſem Augenblick denke ich nur daran, ſeinem Opfer zu Hilfe zu eilen. Ich ſchlage einen von Bäumen beſchatteten Weg ein und habe noch keine dreißig Schritte gemacht, ſo ſehe ich Jenneville auf der Erde liegen. Ich ſpringe * auf ihn zu; der Unglückliche liegt in ſeinem Blute: 3 die Kugel iſt ibm in die Bruſt gedrungen. O mein Gott, wie ſoll ich ihm helfen! Ich nehme ſeinen Kopf, richte ihn auf und lege ihn auf meine Kniee; ich rufe, ſchreie, verlange nach Hilfe und verſuche mit meinem Taſchentuche das Blut aufzuhalten, das aus ſeiner Wunde dringt. Aber ich höre Geräuſch, Rufen, beſchleunigte Tritte; es iſt Dubvis.. es ſind alle Bewohner des Wirths⸗ hauſes, Auguſtine iſt bei ihnen. Ach, Unglückliche! warum hat man Dich hieher gelaſſen? Im Nu ſind ſie bei mir. Auguſtine iſt auf die Kniee geſunken; ſie hilft mir ihren Gemahl halten; ſie ſchreit und jammert nicht, allein Thränenſtröme fließen über ihre Wangen. Endlich öffnet Jenneville halb die Augen; er betrachtet ſeine Frau, dann heften ſich ſeine Blicke auf mich; er nimmt meine Hand und ſagt zu mir:„Ich wußte, daß Sie hier ſind, mein Freund; ich bin ſehr erfreut, Sie noch einmal zu ſehen.“ Wir wollen verſuchen, ihn fortzutragen, man will einen Verband auf ſeine Wunde legen, er weist alle Hülfe mit den Worten zurück:„Es iſt vergebens, der Schuß iſt tödtlich; ich fühle, daß ich nur noch einige Augenblicke zu leben habe. Laſſen Sie mich mit meiner Frau und meinem Freunde reden.“ Er gibt den Leuten vom Wirthshauſe und den Bauern ein Zeichen, ſich zu entfernen; Auguſtine und ich, wir bleiben allein bei ihm. Auguſtine hält ſeine Hand, die ſie mit Thränen badet und ich ſtütze ſeinen Kopf auf meine Bruſt. Jenneville ſammelt das Bischen Kraft, das ihm bleibt, um noch mit uns zu ſprechen; zuerſt wendet er ſich an ſeine Frau:„Meine liebe Auguſtine, ich verdiene Deinen Schmerz nicht; ich habe Dich in's Unglück gebracht, während ich bei Dir ein ſo angenehmes Leben hätte führen können! Ich weiß, daß Du trotz meines Unrechts mir treu geblieben biſt! — Dieſe Nacht war ich Dir gefolgt und habe Deine Unterredung mit Deligny gehört. Lebet wohl, meine Geliebten, weinet nicht... Paul, machen Sie ſie glücklich, machen Sie ihr den Kummer vergeſſen, den ich Er kann nicht weiter ſprechen, ſeine Augen ſchließen ſich für immer. Als Auguſtine bemerkt, daß ihr Ge⸗ mahl nicht mehr iſt, fällt ſie in Ohnmacht; Dubois nimmt ſie in ſeine Arme und trägt ſie in die Her⸗ berge, während ich unter Mitwirkung einiger Bauern den Leichnam des unglücklichen Jenneville ebenfalls dahin bringen laſſe. Bei der Ankunft im Wirthshauſe iſt meine erſte Sorge, nach Blagnard zu fragen, allein er iſt ſchon lange fort; er hat Gold ausgeſtreut, daß man ſo ſchnell als möglich ſeine Pferde anſpanne. Alles, was man mir ſagen kann, iſt, daß er Paris zu gefahren iſt; mag er ſich verbergen, wo er will, ſo hoffe ich dennoch ihn aufzufinden. Man kann ſich vorſtellen, daß ich nicht mehr daran dachte, zu meinem Vater zu gehen. Dieſes unver⸗ hoffte Ereigniß läßt ſo viele neue Gedanken in meiner Seele aufkeimen, allein ich würde erröthen, mich jetzt ſchon denſelben zu überlaſſen; ich will mich nicht ein⸗ mal bei Auguſtine zeigen. Indeſſen kann ſie nicht allein hier bleiben; ich glaube, daß es ihr lieber ſein wird, wenn ſie bei Julietten iſt, wenn ſie wieder zu ſich kommt; ich trage daher Dubvis auf, ſie dahin zu bringen. Der Wagen, der ſie gebracht hat, iſt bereit. Du⸗ bois und Ninie gehen zu Auguſtinen. Sie will die Reſte ihres Gemahls noch nicht verlaſſen; allein Ninie beſteht darauf, ſie bittet ſie inſtändigſt, abzureiſen, und Dubvis führt ſie in dem Wagen fort, in dem er ſich neben ſie ſetzt und den ich mit Freuden abfahren höre. Ich habe jetzt nur noch traurige Pflichten zu er⸗ füllen. Ich bringe deßhalb einige Tage in Hanches zu, laſſe Jenneville auf dem Kirchhofe des Fleckens begraben und einen Stein mit ſeinem Namen ohne alle weitere Inſchrift auf ſein Grab ſetzen. Endlich habe ich Herrn Benin Lebewohl geſagt und Ninie umarmt, indem ich ihr alles mögliche Gute und keine ſo tragiſchen Ereigniſſe mehr in ihrem Wirthshauſe wünſche. Ich verſpreche ihnen, ſie, ſo oft ich zu meinem Vater reiſe, zu beſuchen, und kehre nach Paris zurück. Wer hätte mir geſagt, daß ich ſobald dahin zurückkehren würde? Ach, wie wohl habe ich daran gethan, meine Wohnung in der Charlot⸗ Straße zu behalten! Wie viele Erinnerungen knüpfen ſich an ſie, wie viele Hoffnungen! Ja, ich muß ge⸗ ſtehen, für mich iſt die Zukunft auf's Neue voll Reiz. Meine erſte Sorge iſt, Dubois aufzuſuchen. Er ſagt mir, daß er Auguſtinen zu Julietten gebracht hat, der er das in Hanches vorgefallene Unglück mittheilte. Er weiß, daß ſeither Madame Jenneville bei Julietten geblieben iſt. Soll ich ſie beſuchen? Nein, ich darf noch nicht, ich will ihren Schmerz achten; ſie wird mir für dieſe Entbehrung danken, die ich mir auflege. Ich 137 werde mich damit begnügen, mich nach ihr zu er⸗ kundigen. Allein Jemanden will ich ſehen und ſuchen: den elenden Blagnard. Mehrere Tage lang fahnde ich unausgeſetzt nach ihm. Ich verlange, Dubois ſoll mir in meinen Nachforſchungen helfen, allein Dubois, der erräth, warum ich dieſen Schurken finden möchte, be⸗ hauptet, er habe ſich nach Sibirien geflüchtet und es ſei alſo vergebens, ihn aufzuſuchen. Es ſind nun ſechs Wochen, ſeit ich nach Paris zu⸗ rückgekehrt bin und ich ſchicke alle Tage, um Etwas von Auguſtinen zu erfahren; allein ehe drei Monate verfloſſen ſind, will ich mich nicht bei ihr einſtellen. Dubois ſagt, daß ich bereits wieder Dummheiten mache und daß ich warten werde, ſie zu beſuchen, bis ſie wieder verheirathet ſei. Aber ich fühle zu gut, daß ich nicht bei Auguſtinen ſein kann, ohne ſie meine Liebe ſehen zu laſſen, und es kommt mir vor, als wäre es noch zu bald, mit ihr von derartigen Dingen zu ſprechen. Eines Abends begegnen Dubvis und ich, vom Eſſen kommend, Jolivet, den ich ſeit langer Zeit nicht mehr geſehen hatte. Nach den erſten Begrüßungen fängt er nach ſeiner Gewohnheit an, von ſeinen An⸗ gelegenheiten zu erzählen, beklagt ſich und behauptet, es gehe ihm kein Geld ein. Einer von ſeinen Gläubigern iſt ſogar eben geſtorben. „In St. Pelagie?“ fragt Dubvis. „Nein, im Spital. O! bei dem lohnt es ſich nicht der Mühe, ihn in's Gefängniß zu ſetzen; da war keine Hoffnung mehr! Sie haben ihn gekannt, meine Herren, jenen Menſchen, der einen ſo großen Lärmen von ſich machte, der keine aufgezogenen Pfannkuchen eſſen wollte, weil das zu klaſſiſch ſei! Offenbar hat er es romantiſcher gefunden, im Spital zu ſterben.“ „Von wem ſprichſt Du denn?“ „Ei, zum Henker, von Blagnard.“ „Blagnard iſt geſtorben... geſtorben im Spital? Vor etwa ſechs Wochen habe ich ihn noch mit zwei 3. Bedienten geſehen.“ „Die er ohne Zweifel nicht bezahlte. So viel iſt gewiß, daß er zwei Tage vor ſeiner Krankheit Alles, was er hatte, im Spiele verlor, ſo daß ſein Mieths⸗ herr ihn nicht einmal bei ihm ſterben ließ.“ „Blagnard iſt todt!“ ruft Dubois aus;„das macht zwei Duelle weniger, denn Deligny wollte ſich mit ihm ſchlagen, und ſicherlich hätte ich, da ich ohne Zweifel ſein Sekundant geweſen wäre, dieſem Schufte auch ein Paar Worte geſagt; aber nun iſt es nur um ſo beſſer, daß es ſo abgegangen iſt.“ Da ich mich nun nicht mehr damit zu beſchäftigen habe, Jenneville zu rächen, ſo kann ich mich ganz dem Vergnügen hingeben, das ich mir verſpreche, wenn ich Auguſtine wiederſehe. Die drei Monate ſind endlich vorüber und ich ftelle mich bei ihr ein. Ich ſehe ſie wieder! Ein einziger Blick von ihr entſchädigt mich für mein langes Warten. Auguſtine iſt zu aufrichtig, um das Vergnügen zu verbergen, das ſie bei meinem Anblick empfindet. Ihr Herz kann nicht jene Schmerzen heucheln, den der Verlußt einer Perſon, die man nicht 139 geliebt, nicht verurſacht. Wir ſprechen nicht von Liebez allein wir wiſſen wohl, daß wir uns das ganze Leben lang lieben werden. Auguſtine wohnt ferner noch bei Julietten bis zur Rückkehr ver ſchönen Jahreszeit. Jetzt ſehe ich ſie jeden Tag; warum ſollten wir uns nun des Vergnügens, bei einander zu ſein, berauben? Wenn der Monat Mai dem Felde ſeinen Schmuck wieder gegeben hat, kehrt Auguſtine nach Luciennes zurück. Hier in dieſem geliebten Landhauſe ſoll ich den Lohn der Liebe empfangen. Jene Gebüſche, jenes dichte Gehölz, die Zeugen meiner Seufzer, ſind jetzt die meines Glücks. Auguſtine gehört mir an, ſie wird meine Frau. Ich habe an meinen Vater geſchrieben; er mußte wohl ſeine Einwilligung geben. Außerdem hat Auguſtine tauſend Franken Renten; iſt das mit dem, was ich noch habe, nicht mehr als genug, um glücklich zu leben? Endlich iſt ſie meine Frau. Ich habe ſie zu meinem Vater geführt, der ſie reizend fand und mir zu meiner Wahl Glück wünſchte. Auguſtine weiß die ganze Welt in ſich verliebt zu machen und will nur mich lieben. Im Winter wohnen wir in Paris und im Sommer verlaſſen wir Luciennes nicht. Juliette beſucht uns oft: ſie iſt glücklich in unſerm Glück. Auch Dubvis beſucht uns manchmal und erzählt uns ſeine Tollheiten und meine Frau entſchuldigt dieſelben mit ſeinem guten Herzen. O S Fünftes Kapi Inhalt des Erſtes Kapitel. Erſte Vorſtellung eines Melodrama's.— Der veilchenblaue Mantel..... Zweites Kapitel. Das Kaffeehaus 1 Drittes Kapitel. Die zwei Griſetten „ erſten Theils. Seite 50 Viertes Kapitel. Jenneville, Jolivet und i tel. Abendunterhaltung bei Griſetten.— fen. ſ 91 Krap Sechstes Kapitel. Die Dper Inhalt des zweiten Theils. Erſtes Kapitel. Betrachtungen.— Anvertrauen.— Brüch 1 Zweites Kapitel. Frau von Remonde und ihre Geſellſchaft 12 Drittes Kapitel. Wieder die unbelannte Dane 29 Viertes Kapitel. Ich mache itſchat Fünftes Kapitel. Ich Sechstes Kapitel. Ich thue Alles, was ſie will 80 Siebentes Kapitel. Der Ball im Auteuil Inhalt des dritten Theils. Erſtes Kapitel. Alles klärt ſich auf... Zweites Kapitel. Eine Scene am Hhſth Drittes Kapitel. Was man vorausgeſchen hatte 144 Viertes Kapitel. Die Unterhaltung im S Funftes Kapitel. Mein Vater in Paris.— SonderbareLage 75 Sechstes Kapitel. Das Haus in der Allee des Veuves. 105 Siebentes Kapitel. Mein Vater und Dubvis.— Der kranke Achtes Kapitel. Die Beſtthe Inhalt des vierten Theils. 4 Erſtes Kapitel. Der Mann bei dem Liebhaber.... 5 Zweites Kapi Drittes Kapitel. Die Liebe auf dem Lande 35 Viertes Kapitel. Der Mann bei ſeiner Frau 6 6 Fünftes Kapitel. Ein Freund und eite Freunbdin 276 Sechstes Kap Siebentes Ka 6. tel. Vierzehn Tage Geduld 1418 itel. Das Wirthshaus zur goldenen Sonne 93 pitel. Unverhofftes Zuſammentreffen 123 — 6 * , . 8 9 10 11 12 13 14 18 16