Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Dreiundfünfzigſter Theil. — Stuttgart: Scheible, kieger 2 Sattler. 1845. 8 Die Frau, der . Mann und der Liebhaber Von Paul de Rock. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Dritter Theil. G Stuttgart: Scheible, Bieger« Sattler. 1845. —— 7 ————— Erſtes Kapitel. Alles klart ſich auf. Auguſtine und ihre Freundin haben ſich entfernt; ich weiß nicht, ob ſie uns geſehen haben, allein ſie ſind plötzlich unter den Bäumen, welche den Tanz⸗ platz umgeben, verſchwunden. Ich bleibe immer auf der nämlichen Stelle, die Augen auf den Ort, wo ich ſie eben geſehen habe, geheftet; ich kann mich nicht rühren, kann nicht reden, drücke mit aller Kraft Jenneville's Arm zuſammen und falle beinahe in Ohnmacht. „Nun,“ ſagte Jenneville zu mir,„wie gefällt ſie Ihnen?“ „Wer?“ „Ei, wer denn? meine Frau!“ „Ihre Frau?“ „Freilich, dieſe, die ich Ihnen gerade gezeigt habe „ Was fehlt Ihnen denn, lieber Deligny? Sie ſcheinen unpäßlich zu ſein?“ „Ja, ich habe wirklich einen Schwindel bekom⸗ men. ich fühle mich nicht wohl.“ „Nehmen Sie Etwas zu ſich.“ „Nein, es wird ſchon beſſer... ich will mich ein wenig ergehen weiter von dem Tanzplatz entfernt Paul de Kock. Li. 1 iſt es ruhiger... Geniren Sie ſich wegen meiner nicht, Jenneville; die Frau von Remonde ſucht Sie ohne Zweifel... ich werde Sie ſogleich wieder ein⸗ holen... „Wie Sie wollen; ich will mit Herminie tanzen.“ Jenneville verläßt mich; es iſt mir ſehr lieb, daß ich allein bin, um mich meinen unruhigen Gefühlen überlaſſen zu können. Auguſtine iſt Jenneville's Frau; in einem Nu klärt ſich Alles auf, leuchtet mir Alles ein. Ich begreife, warum ſie mich aufgenommen hat, warum ſie mich unaufhörlich ausfragte; ich ſehe ein, daß ſie ſich bloß deßwegen nach meinem Thun und Laſſen erkundigte, um zu erfahren, was Jenneville „— treibt. Dieſe Entdeckung thut mir wehe, ſie preßt mir das Herz zuſammen, ſie hat alle meine beglückenden Träumereien verſcheucht!... Ich, der ich mich geliebt glaubte, war bloß ein gleichgültiges Weſen, deſſen ſie ſich bediente, um von den Handlungen ihres Gatten unterrichtet zu werden.. und jene Briefe von Frauen⸗ zimmern, die ſie ſehen wollte.. ja... Frau von Remonde... Ninie., ſie wußte, daß dieſer Adolph tein Anderer als ihr Gatte war... Ja, Alles iſt auf⸗ geklärt und ſie liebt mich nicht.. ach, das iſt ſchrecklich! Ich gehe unruhig um den Tanzplatz herum, ſtoße und ſtreife mehrere Perſonen, die ich nicht ſehe: die! Pariſer brummen mir nach, die Bauern ſchelten mich⸗ ich höre aber nichts. Ich habe bloß einen Gedanken: ſie liebt mich nicht.. all meine Hoffnung iſt ver⸗ ſchwunden. In meinem Zorn heiße ich ſie treulos, undan⸗ 3 bar. Bin ich aber dazu berechtigt? Nein, ſie hat mir nichts verſprochen; im Gegentheil, ſie verbot mir, mit ihr von Liebe zu reden... Aher mir zu erlauben, ſie alle Tage zu beſuchen, mir Freundſchaft zu bezeugen und nicht geſtehen, daß ſie die Gattin Jenneville's ſei... ach, das iſt niederträchtig, das verzeihe ich ihr nicht. Es iſt beſchloſſen: ich will ſie nicht mehr beſuchen, nicht mehr an ſie denken. Im Grunde werde ich tauſend eben ſo hübſche Frauen treffen, ja noch hüb⸗ ſchere. Die Liebe ohne Hoffnung erliſcht ſchnell, ſagt man, die meinige wird alſo bald vorüber ſein. Doch will ich ſie noch einmal beſuchen, ſie muß wiſſen, daß ich von Allem unterrichtet bin, daß es mir nicht mehr unbekannt iſt, daß ſie ſich meiner als eines für ihre Anſchläge nöthigen Werkzeugs bediente; wenn ich aber mein Herz gegen ſie ausgeleert habe, dann werde ich ſie nie mehr beſuchen. Ich will ſehen, ob ich ihr nicht begegne, will mich dem Tanze, Jenneville nähern; ohne Zweifel beobachtet ſie ihn, verliert ihn nicht aus dem Ge⸗ ſichte; aber traurig darf ich nicht ausſehen. Ich werde im Gegentheil den Liebenswürdigen, den Galanten gegen die Frau von Remonde ſpielen.. das wird ihr vielleicht wehe thun.. ach nein, ſie wollte ja immer, daß ich zu ihr gehe!.. Ich kehre in den Kreis des Tanzplatzes zurück, nähere mich der Frau von Remonde und finde Ge⸗ legenheit, mich an ihre Seite zu ſetzen, worauf ich Alles, was mir in Sinn kam, zu ihr ſagte. Herminie betrachtet mich mit ſtaunender Miene, fängt an zu lachen und ſagt dann leiſe zu mir:„Was kommt Sie denn an, mein Herr? Wie, Sie lieben, verehren mich heute Abend? Wählen Sie dieſen Augen⸗ blict, mir es zu ſagen?“ „Wie, Madame! habe ich Ihnen geſagi⸗ ich ver⸗ ehre Sie?“ „Ich glaube, ja, und zwar in ziemlich klaren Worten.“ „Ach, verzeihen Sie, Madame, d'rum wußte ich nicht.. das heißt, ich hätte nicht ſollen...“ „Nun gut, ſeien Sie ſtille, hier iſt der Ort nicht, ſich zu entſchuldigen... morgen früh erwarte ich Sie wir wollen ſehen, wie Sie Ihr Betragen recht⸗ fertigen werden, und ob Sie noch werth ſind, daß man einige.. Achtung für Sie hat.“ Ich weiß nicht, was ich antworte, denn ſeit eini⸗ gen Augenblicken hörte ich kaum; ich glaubte Auguſtine im Schatten unter dem Laubwerk zu erkennen und folgte ihr mit den Augen. Aber die Frau von Re⸗ monde ſteht auf, nimmt mich bei der Hand und ſagte zu mir:„Nun, kommen Sie zum Tanze.. Haben Sie auch vergeſſen, mich dazu einzuladen?“ „Ach, das iſt wahr, Madame.“ „Ich weiß wahrhaſtig nicht, was Ihnen heute Abend fehlt! Sie ſind ganz ſonderbar!“ Die Frau von Remonde zieht mich fort; ich muß tanzen. Ich befinde mich gegenüber von einer Mode⸗ vame und einem Fashionabel, die übrige Quadrille iſt aus ächten Philiſtern zuſammengeſetzt. Ich habe — 5 meine Gedanken nicht beim Tanze, ſehe unaufhörlich rechts und links; meine Augen möchten unter die Bäume oder in die Gruppen, die mich umgeben, dringen; jeder Strohhut bringt meine Nerven in Zuckungen. Herminie muß immer zu mir ſagen:„Es iſt an Ihnen... gehen Sie doch. nicht ſo. geben Sie doch Acht.“ Jenneville, der uns zuſah, brach bei jedem Fehler, den ich mochte, in lautes Gelächter aus und rief: „Das kommt von ſeinem Schwindel her.“ Meine Tänzerin nimmt es nicht im Mindeſten übel, va ſie glaubt, ſie ſei an all dieſen Nachläßig⸗ keiten Schuld. Dem Fashivnabel und der Dame allein mißfalle ich. Ich weiß gewiß, ſie nehmen es ſich vor, nicht mehr gegenüber von mir zu tanzen. Endlich ſchließt der Contretanz; ich freue mich unendlich darüber, begleite Herminie an ihren Sitz und laſſe ſie bei Jenneville allein, während ich fern vom Tanz mich zu beruhigen ſuche. Uebrigens iſt Auguſtine nicht mehr da, ich bin's feſt überzeugt; wahrſcheinlich verſteckt ſie ſich ſeitwärts unter dem Laubwerk. Ich gehe einige Schritte in das Wäldchen hinein man nimmt mich beim Arme. Ich zittere am ganzen Körper, in der Meinung, ſie ſei es.. Nein, es iſt Ninie. „Nun?. hat mich Adolph geſehen? hat er mit Ihnen von mir geſprochen 2 „Nein, Ninie, er hat kein Wort von Ihnen ge⸗ ſprochen.“ „Ach, um ſo beſſer.. ich verſichere Sie, ich habe keine Luſt mehr, ihm zu begegnen... Sie haben ſo eben getanzt, Herr Paul.“ „Ja.“ 3 „Und zwar mit Adolphs Dame.. ſind Sie auch in dieſe Dame verliebt?“ „O nein, ich verſichere Sie.“ „Man hätte es doch an der Art, wie Sie mit ihr gelacht und geſchwatzt haben, geglaubt!... Ach⸗ ich will nun fortgehen, meine Tante wartet auf mich, wir kehren nach Paris zurück.. ich habe wenig Unterhaltung hier gehabt!... Leben Sie wohl, He Paul.“ „Leben Sie wohl, Ninie.“ „Sie werden mich beſuchen, nicht wahr?“ „Ja, ich werde kommen.“ Ninie geht traurig von mir fort. Ich gehe in das Wäldchen hinein und laufe vorwärts, wohin mich der Zufall gerade führt.. ich ſuche immer Auguſtine. Plötzlich vernehme ich ein Geſchrei, doch nicht aus der Gegend des Tanzplatzes her; ich ging dem Orte zu, woher es kam, und erblickte bald Dubvis, der ſich mit vier Bauernburſchen herumſtritt, wovon zwei ihre Stöcke gegen ihn aufhoben⸗ Ich eilte Dubois zu, der bei meinem Anblick den demüthigen Ton ablegte und ſich wüthend geberdete. „Was gibt es denn und warum drohet ihr dem Herrn?“ ſagte ich zu den Bauernburſchen. „Weil er ſich's einfallen läßt, unſere Mädchen foppen zu wollen.“ 63 — — E „Das iſt nicht wahr... ich ſpielte das Katzenſpiel mit ihnen und dieß iſt Alles.“ „O, wir haben Sie wohl dort unten mit der Magdalene, die Sie auf den Boden geworfen haben, geſehen.“ „Ich bin im Laufen ausgeglitſcht.. überdieß braucht Magdalene euch nicht zu ihrer Vertheidigung, wie ich mit meiner Wange beweiſen kann.“ „Sie verdienten wohl noch mehr Beweiſe...“ „Was ſoll das heißen... wußte ich denn, daß dieß eure Mädchen ſind? Zudem ſeid ihr bloß vier und ſie ſind zu fünf:..“ „Seht, dieſer Pariſer Stutzer will unſere Mäd⸗ chen übertölpeln!... und wenn wir Dich herumprü⸗ geln würden, ſag' einmal, Herr Kater...“ „Hört, wiſſet, ich ſchlage mich bloß auf Piſtolen oder Säbel.. ich prügle mich nicht mit dem Stocke; kommt morgen früh zu mir nach Paris. ich werde allen Vieren Genugthuung geben.“ „Ja, ich glaube es; Du würdeſt uns einen ſchö⸗ nen Streich mit Deinen Piſtolen ſpielen!“ Ich führe Dubois von den Bauernburſchen weg; er ſchreit ihnen, als er in der Nähe des Tanzplatzes war, nach:„Ich erwarte euch alle Vier morgen früh; wenn ihr Herz habt, ſo werdet ihr es mir beweiſen Die feigen Kerls, ſie waren Vier gegen mich, glücklicher Weiſe habe ich ihnen aber Stand gehalten.“ „Ja, zum Glücke bin ich dazu gekommen.“ In der Helle bemerkte ich, daß das Geſicht Du⸗ bvis' ganz zerkratzt war. „Es ſweint mir,“ ſagte ich zu i„daß Du nicht immer den Kater gemacht haſt.. „Ach, dieſe kleinen Kretze kommen von der dicken Magdalene her; als ich ſie nämlich fangen wollte, brachte ich meine Hand unter ihren Rock, anſtatt ſie an demſelben zu packen; dieſe Borfmächen können mit den unſchuldigen Spielen gar nicht umgehen! Wenn ich aber dieſe erbärmlichen Bauernburſche je wieder treffe...“ Dubois hatte noch nicht ausgeredet, kamen die fünf Bauernmädchen mit ihren vier Geliebten an uns vorbei; auf der Stelle ließ er meinen Arm fahren und verſchwand unter den Bäumen. Ich beſchäftige mich nicht länger mit Dubvis und durchlaufe auf's Neue alle Eingänge zu dem Tanz⸗ platze. Sie iſt nicht mehr hier, ich weiß es gewiß. Jenneville iſt mit ſeiner Geſellſchaft fortgegangenz der Tanz iſt bereits nicht mehr ſo belebt. Nichts hielt mich in Auteuil auf. Ich war wohl mit Dubois hie⸗ hergekommen, aber ich ſehe ihn nicht mehr; er iſt wahrſcheinlich auch fortgegangen; ich will ebenfalls heimkehren. Ich hatte kein Gefährt beſtellt und war feſten Sinnes, zu Fuß heimzugehen. Ich glaubte Bewegung zu bedürfen, die mir gut bekommen würde. Viel⸗ leicht wird mir die Ermüdung auch einige Stunden Schlaf verurſachen. Ich finde den Weg nicht lange ich habe zu viel zu denken! Schon bin ich in Paris auf dem Bonlevard. Wenn ich den Muth hätte, ſo würde ich ſie ½ Abend 9 noch beſuchen. Doch nein, es iſt elf Uhr vorbei; es wäre zu unſchicklich. ich muß bis morgen warten. Woher kommt es doch, daß ich vor Ungeduld meinen Beſuch bei ihr kaum abwarten kann, obgleich ich jetzt überzeugt bin, daß ich nicht geliebt werde? Nach einer Nacht, deren Stunden ich alle gezählt habe, ſehe ich endlich den Tag grauen, welcher mir zwar kein Glück bringen wird, der aber hoffentlich das Ende einer Verbindung ſehen wird, die mir bloß Qualen verurſachen kann. Ich ſtehe auf, kleide mich an, gehe aus, ich finde nirgends Ruhe. Ich begebe mich in ihre Straße, unter ihre Fenſter: Alles iſt noch geſchloſſen. Ach! ich glaubte nicht, daß ich ſie ſo ſehr liebte! Wenn ſie wüßte, wie ſehr ich ſie liebe, ſo wäre ſie viel⸗ leicht mitleidig gegen meine Qualen. Man liebt, weil es Einem gefällt; aber man liebt nie, um Je⸗ mand Vergnügen zu machen. Ich kehre auf die Bouledards zurück und gehe in ein Kaffeehaus. Es ſchlägt endlich neun Uhrz ich mache mich auf den Weg, um ihr meinen Beſuch abzuſtatten, wiewohl es noch etwas früh iſt. Ich frage ihre Magb. ob ſie auf ſei. „Ja, mein Herr, meine Frau iſt ſchon lange auf.“ „Fragen Sie ſie, ob ich eintreten darf. Die Magd geht fort, kommt aber bald zurück und meldet mir, ihre Frau erwarte mich in ihrem Zimmer. Ich ſuche meine Unruhe zu bemeiſtern, aber es iſt mir nicht möglich; ſie kommt auf mich zu. „Heute ſfind Sie frühe, Herr Deligny,“ ſagte ſie 10 zu mir, indem ſie mir einen Seſſel hinfiellt;„wollen Sie mit mir frühſtücken?“ Ich ſehe ſie an: ihre Augen ſind roth, aufge⸗ ſchwollen, ſie hat geweint. Ich fühle meine Auf⸗ wallung ſich legen, bleibe beſtürzt ſtehen und weiß nichts zu antworten. Auguſtine betrachtet mich eben⸗ falls und ſagt:„Was fehlt Ihnen denn? Sind Sie krank? Iſt Ihnen etwas Widerwärtiges begegnet?.. Ihnen fehlt Etwas, ich ſehe es wohl.“ Ich ſetze mich neben ſie und ſtottere:„Sie find geſtern in Auteuil geweſen, Madame?“ „Geſtern, ja; ich bin einen Augenblick mit Juliette dort geweſen... wer hat es Ihnen geſagt?“ „Ich habe Sie geſehen.“ „Ich habe Sie nicht bemerkt... ich bin freilich zu kurze Zeit dort geblieben... und bei wem waren Sie?“ „Bei Jenneville; er hat mich auf Sie aufmerk⸗ ſam gemacht... „Er?“ Auguſtine erröthet und ſchweigt; die Stille dauert ziemlich lange; endlich nimmt ſie mich mit den Wor⸗ ten bei der Hand:„Nun, jetzt wiſſen Sie, wer ich „Ja, Madame; es wäre mir aber lieber geweſen⸗ wenn ich es von Ihnen erfahren hätte.“ „Ach, Herr Deligny, ſeien Sie mir doch nicht vöſe, ich bitte Sie. Schon lange wollte ich es Ihnen ₰ anvertrauen, aber ich wagte es nicht. Mein Gatte hat mich ohne Zweifel mit ſehr ungünſtigen Farben — 14 geſchildert!.. Da Sie nun aber wiſſen, daß ich die Frau bin, mit der ihr Mann nicht leben konnte, ſo hören Sie mich an, ich beſchwöre Sie ach, es würde mir leid thun, wenn ich Ihre Freundſchaft verlöre.. hören Sie mich an, dann ſollen Sie über mich urtheilen.“ Bereits ſind alle meine Entſchlüſſe verſchwunden Ich betrachte Auguſtine, ſeufze, erwarte zitternd, was ſie mir ſagen wird, nicht um zu urtheilen, ob ſie der ſchuldige Theil war, ſondern um zu wiſſen, ob ſie den, welcher ſie verlaſſen hat, immer noch liebt. „Jenneville wird Ihnen geſagt haben, Herr De⸗ ligny, daß er ſich mit vierundzwanzig Jahren ver⸗ heirathet hat; ich war zwanzig Jahre alt, als ich ihn heirathete. Ich war eine Waiſe und weilte bei meinem Oheim, der mein Vormund war. Manch⸗ mal habe ich Jenneville in Geſellſchaft geſehen. Mein Oheim erlaubte mir wenig Vergnügungen und in der Einſamkeit dachte ich gerne darüber nach, wie ich mir eine Zukunft nach meinem Geſchmack ſchaffen wolle. Ich ſah kein größeres Glück, als einen Mann nach eigener Wahl zu heirathen, bloß für ihn zu leben, keine anderen Gedanken, keine anderen Wünſche zu haben als die ſeinigen. Dieſe meine Jugend⸗ träume, glaubte ich, würden ſich verwirklichen, als Jenneville mir den Hof machte. Er gefiel mir, und ſchwor, mich ſein ganzes Leben lang zu lieben. Da⸗ mals war er ſo zärtlich, ſo liebenswürdig, ſo ver⸗ liebt.. Jeder Augenblick, den er fern von mir zu⸗ vringe, ſagte er, ſei für ihn eine Ewigkeit von Qualen, er finde ſich bloß an meiner Seite glück⸗ lich; ich theilte ſeine Liebe und die Zukunft ſtrahlte mir unter den lachendſten Farben entgegen. Endlich heiratheten wir einander. Mein Vermögen und das Jenneville's war gleich groß und mein Oheim glaubte ſo mein Glück geſichert. „Während der erſten ſechs Monate nach unſerer Hochzeit zeigte Jenneville dieſelbe Zärtlichkeit gegen mich, dieſelbe Inbrunſt, dieſelbe Liebe. Nach Ver⸗ fluß dieſer Zeit fing er an, Luſtpartien zu machen, an denen ich nicht Theil nahm. Ach, ich wußte nicht, daß dieß ſo ſein mußte und daß ein Gatte ſich bei ſeiner Frau nicht immer unterhalten kann. Ich kannte die Menſchen nicht und noch weniger das menſchliche Herz. Ich wußte nicht, daß man, um von ſeinem Gatten wohl gelitten zu werden, ihm volle Freiheit laſſen muß. Dieſe Idee hatte ich mir nicht von der Ehe gemacht, ſondern ich hatte mir einen Roman eingebildet, der ſich nicht verwirklichte. Ich hatte das Unrecht begangen, mich bei meinem Gatten zu beklagen, ihm übel zu nehmen, daß er ſich ohne mich unterhalten könne. Das war mein erſter Fehler.. ich habe ihn theuer büßen müſſen. „Meine Vorwürfe machten meinen Gatten miß⸗ launig; er war nicht mehr ſo liebenswürdig gegen mich. Aus Furcht, irgend ein anderes Frauenzimmmer raube mir ſein Herz, wollte ich ihn überall hin be⸗ gleiten, beſtändig ihm zur Seite ſein, kurz⸗ ich war eiferſüchtig! Das war mein zweiter Fehler und zwar — ——— 13 ein ſehr großer!... gerade nicht das, daß ich eifer⸗ ſüchtig war, ſondern daß ich es nicht verbergen konnte. „Jenneville nahm mich in Geſellſchaften mit, aber nur gegen ſeinen Willen. Er gab vor, ich ſei eine Kokette, ſei eine zu große Liebhaberin von Vergnügun⸗ gen. Ich ſuchte aber keine Vergnügungen, ſondern wollte bloß bei ihm ſein, und er vergnügte ſich nicht mehr in ſeinem Hausweſen. „Bald kam es zu Beſchwerden, Auftritten, Hän⸗ deln. Oft im Augenblicke, wenn wir miteinander in eine Soirée gehen ſollten und ich meine Toilette bereits gemacht hatte, entſchloß ſich Jenneville anders und wollte nicht mehr ausgehen, oder auch, wenn er vorher ausgegangen war und mir verſprochen hatte, mich abzuholen, ließ er mich ganz angekleidet ven Abend mit Warten zubringen, verbarg mir die Einladungen, die an mich ergingen, und gab mir im Gegentheil zu verſtehen, meine Gegenwart ſei in vielen Geſellſchaften lächerlich; kurz, er bot Allem auf, um mir zu entleiden, mit ihm zu gehen. Ver⸗ zeihen Sie, Herr Delignp, dieſe Einzelnheiten ſchei⸗ nen Ihnen vielleicht kleinlich, aber bei einer Frau machen gerade alle dieſe Kleinigkeiten das Glück oder Unglück ihres Lebens aus. „Jenneville erklärte mir endlich, er wolle ſein eigener Herr ſein und werde ohne mich hingehen, wo es ihm beliebe, weil es ihn anekle, beſtändig eine Frau mit ſich zu ſchleppen. Dieß ſind ſeim eigenen Worte. Ich weinte, klagte.. beging wieder einen Fehler; übrigens macht man immer Fehler, wenn man nicht mehr geliebt wird. „Kaum war ein Jahr nach unſerer Hochzeit ver⸗ ſtrichen, und bereits hatte jenes Glück, das ich mir verſprochen, den Thränen, Qualen und der Reue Platz gemacht. Mein Oheim ſtarb; Jenneville, der nun wohl wußte, daß ich meinen Kummer Niemand mehr mit⸗ theilen könne, hatte auch keine Rückſicht mehr für mich. Bald ſteigerte er meinen Schmerz auf's Höchſte; ich er⸗ fuhr, daß er mir untreu ſei.. er huldige einer An⸗ dern. Ich machte ihm die bitterſten Vorwürfe, was ihn noch mehr gegen mich aufbrachte. Ich wußte nicht⸗ daß es den Herren erlaubt iſt, untreu zu ſein, daß es uns aber nicht erlaubt iſt, uns darüber zu be⸗ klagen. „In den Geſellſchaften hatte ich Juliette, eine meiner Penſionsfreundinnen, wieder getroffen; ſie war Wittwe und beſuchte mich oft, um mir Geſellſchaft zu leiſten. Mein Gatte ſah nicht gut dazu; er be⸗ hauptete, ſie gebe mir böſe Rathſchläge. Armes Julchen! Sie forderte mich bloß auf, nicht ſo viel — zu weinen. Endlich kam ein entfernter Verwandter meines Oheims, ein junger Menſch von achtzehn Jah⸗ ren, nach Paris, wo er meinen Oheim noch zu ſin⸗ den geglaubt hatte. Er beſuchte mich, kannte Nie⸗ mand in der Stadt und wünſchte an meinem Manne eine Stütze zu erhalten, aber Jenneville empfing ihn —— ſo kalt, daß der arme Jüngling nicht mehr vor ihm zu erſcheinen wagte, und ſich, um mich zu beſuchen, immer vorher genau erkundigte, ob mein Gatte nih —— 15 mehr zu Hauſe ſei. Ich wußte nichts hievon und vermuthete nicht im Geringſten, daß Jenneville dieß verlangte, er möchte mich keinen Augenblick verlaſſen! Indeſſen wagte er es, mir vorzuhalten, daß die Be⸗ ſuche meines Verwandten ſehr beleidigend für ihn ſeien. Empört über dieſen Verdacht, ließ ich dem jungen Menſchen ſagen: er dürfe mich nicht mehr beſuchen, verbarg aber Jenneville auch nicht, welchen Kummer mir ſeine Aufführung, ſeine häufige Ab⸗ weſenheit und Untreue verurſachen. Was ſoll ich Ihnen endlich ſagen... ich wurde meinem Gatten unausſtehlich; er erklärte mir feierlich: daß er un⸗ möglich mehr mit mir leben könne und wir uns tren⸗ nen müßten. „Uns trennen!... nach zweijähriger Ehe!. nach⸗ dem die Liebe unſere Bande geknüpft hatte!.. Ach, mein Herr, Sie können nicht begreifen, wie weh' mir dieſer Vorſchlag that... Ich liebte Jenneville immer noch, und trotz ſeinen Vergehen ſchmeichelte ich mir, er würde wieder zu mir zurückkehren. Aber Hoffnungen zunichte, er zerbrach mein Herz. Ich fühlte, wie ſehr ich den Undankbaren liebte ich ſchwamm in Thränen. Ich war im Begriff, vor ihm auf die Kniee niederzufallen und die Gnade von ihm zu erflehen, daß ich ihn nicht verlaſſen dürfe, und ihm zu ſchwören, er werde nicht die geringſte Klage mehr aus meinem Munde vernehmen, aber er war 16 nicht mehr da, er hatte ſich ſogleich entfernt, nach⸗ dem er mir ſeine Abſicht mitgetheilt hatte. „Als ich mich allein ſah, ließ ich meinen Thränen freien Lauf, entſchloß mich aber, mich dem Wunſche meines Gatten nicht entgegenzuſetzen. Ach! ich hätte meine Unfügſamkeit in ſeinen Willen theuer büßen müſſen! Weil ihm meine Gegenwart unerträglich war, ſo ergab ich mich in dieſe Scheidung und ſchrieb ihm, ich wolle mich in ſeinen Wunſch ſchicken. „Jenneville erſchien ſeit jener Zeit nicht mehr vor mir. Ein Rechtsgelehrter wurde mit der Vertheilung unſeres gegenſeitigen Vermögens beauftragt. Ich wurde wieder frei und konnte nach Belieben ſchalten und walten, was mir mein Gatte eines Tages ſagen ließ; zu gleicher Zeit erfuhr ich, daß er nicht mehr bei mir wohne. Ich verließ die Wohnung, die wir miteinander inne hatten; ſie rief mir glückliche Augen⸗ blicke in's Gedächtniß, die nur zu kurze Zeit gedauert hatten! Auch dachte ich, ich dürfe, da Herr Jenne⸗ ville mich nicht mehr zur Frau haben wolle, ſeinen Namen ebenfalls nicht mehr führen, weßhalb ich meinen Familiennamen Luceval annahm, und ließ mich, unter dem Scheine einer Wittwe, in dieſem, von der Wohnung meines Gatten entfernten Stadt⸗ viertel nieder. Ich nahm mir feſt vor, in keine Ge⸗ ſellſchaft mehr zu gehen, Niemand als meine treue Juliette und die ehrbare Frau Dermont zu beſuchen die jederzeit den innigſten Antheil an mir genom⸗ men hat. „Auch machte ich es mir zum Grundſatz, mich 7 nicht mehr mit einem Gemahl, der für mich bloß ein Fremder ſein wollte, zu beſchäftigen, aber ich liebte ihn immer noch; und trotz aller meiner Einwendun⸗ gen, trotz dem Rathe meiner beiden treuen Freun⸗ dinnen ſpazierte ich vft allein, in einen großen Mantel eingehüllt, den Kopf mit einem ungeheuern großen Hut und einem dicken Schleier bedeckt, ganze Stun⸗ den lang vor dem Hauſe meines Gatten auf und ab. Ich ſah ihn ein⸗ und ausgeben.., manchmal konnte ich es nicht über das Herz bringen, ihm nachzugehen, um zu wiſſen, was er thuc. Ach, was ich erfuhr, vermehrte noch meinen Kummer; aber wir können jener Neugierde des Herzens nicht widerſtehen, wel⸗ ches gar oft gerne wiſſen möchte, was uns nur noch unglücklicher macht. „Ich erfuhr den Namen mehrerer Maitreſſen Jen⸗ neville's: unter dem Namen Adolph hatte er ein junges Mädchen, Namens Ninie, zu ſich genommen; endlich theilte man mir auch ſeine neue Liebesgeſchichte mit der Frau von Remonde mit. Ich wußte, wer die vertrauteſten Freunde Jenneville's waren; auf dieſe Art wurde ich mit Ihrem Namen bekannt. Ich kannte Sie nicht, man ſagte mir aber, Sie ſeien einer von den luſtigen Kameraden meines Mannes, und noch dem, was man mir von Ihnen erzählt haite, hielt ich Sie weder für ſittſamer, noch für vernünftiger als ihn. Verzeihen Sie, damals kannte ich Sie nicht. „Doch nach und nach, Dank meinem guten Jul⸗ chen, hörte ich auf, die Schritte meines Gatten zu Paul de Fot. 1M. 2 18 belauern. Ich wurde vernünftiger und ſuchte mich zu überzeugen, daß Jenneville für mich nichts mehr ſei. Um dieſe Zeit etwa begegnete ich Ihnen im Theater. Durch Ihren Namen, der in meiner Nähe ausgeſprochen wurde, erfuhr ich, daß ich mich neben einem Freunde meines Gatten befinde, worauf ich Sie aufmerkſam muſterte. „Später ſah ich Sie wieder in der Oper; denken Sie ſich aber mein Staunen, als ich Sie bei jenem jungen Mädchen ſah, die ich auch bei meinem Manne bemerkt hatte. Ich hatte darüber tauſenderlei Ver⸗ muthungen, kam aber nie hinter die Wahrheit. End⸗ lich traf ich Sie wieder im Theater frangais. Ich hatte bemerkt, daß Sie mit mir zu reden wünſchen und glaubte, Sie wiſſen ſehr gut, daß ich Jenne⸗ ville's Gattin bin, und er habe Sie aufgefordert, mir den Hof zu machen, um mich auf die Probe zu ſtellen. Dieſer Gedanke ſchmerzte mich, und ich be⸗ ſchloß bei mir, Ihnen zu zeigen, daß ich mich nicht von Ihnen hintergehen laſſe. Sie werden ſich meiner Worte erinnern, als ich Ihnen Zutritt bei mir ver⸗ ſprach.. Ich war überzengt, daß Sie mich verſtan⸗ den und daß Sie ein Abgeordneter von meinem Manne wären. „Aber bald merkte ich, daß ich mich getäuſcht hatte und daß Sie nicht wußten, wer ich ſei; ich merkte ebenfalls, daß Sie nicht ſo ſind, wie ich Sie beurtheilt hatte. Man hatte Sie mir mit ſehr grellen Farben geſchildert, und ich glaubte, Sie haben die nämlichen Grundſätze wie Jenneville Als ich Sie 19 beſſer kennen lernte, wußte ich die guten Eigenſchaften Ihres Herzens zu würdigen. Nun hätte ich Ihnen allerdings Alles anvertrauen, hätte Ihnen mitthei⸗ len ſollen, daß ich jene Frau bin, mit der Ihr Freund nicht hatte leben können. Indem ich Ihnen aber dieß verborgen hielt, erfuhr ich von Ihnen eine Menge Sachen, die Sie mir nicht geſagt haben wür⸗ den, wenn Sie meinen wahren Namen gewußt hätten: die Liebſchaft Jenneville's mit der Frau von Remonde, die dummen Streiche, die er ihr zu lieb macht, ſein inconſequentes Betragen, alles dieß hätten Sie mir ſicherlich nicht mitgetheilt, wenn Sie gewußt hätten, daß ich ſeine Frau wäre; denn aus Furcht, mir Schmerzen zu verurſachen, hätten Sie mir die Wahr⸗ heit verſchwiegen. „Nun wiſſen Sie die Urſache meines Schweigens. Wenn ich gefehlt habe, indem ich Ihnen mein Ge⸗ heimniß nicht bälder entdeckte, ſo verzeihen Sie mir, Herr Deligny, und entziehen Sie mir deßhalb Ihre Freundſchaft nicht. Sie kennen meine traurige age in der Welt. Von dem, den ich verehrte, ver⸗ ſtoßen, habe ich Unrecht gehabt, wenn ich Ihnen ſagte, ich dürfe die Liebe nicht mehr kennen? Söll ich deßhalb aber auch keinen Freund mehr haben?“ Sie ſchweigt; ich habe ihr zugehört, ohne ſie zu unterbrechen und verharre in meinem Schweigen. Wos ſollte ich ihr ſagen? Ich fühle wohl, daß ſie gegen mich nicht im Geringſten ſich verfehlt hat, denn ſie hat meine Liebe nie angefeuert, aber ich bin deß⸗ halb nicht weniger unglücklich. 2* 20 Als Augufline ſieht, daß ich immerfort flille ſchweige, ſagt ſie lächelnd zu mir:„Sie zürnen mir noch?“. „Zürnen? nein, Madame, ich zürne Ihnen nicht, aber ich bin troſtlos, in Verzweiflung!.. Ehe ich wußte, daß Sie Jenneville's Gattin waren, lebte ich immer in der Hoffnung, ich ſei Ihnen nicht gleich⸗ zültig... Ihre Erlaubniß, käglich Sie beſuchen zu dürſen, die Güte, mit der Sie mich aufnahmen, Ihr Intereſſe, zu wiſſen, was ich treibe, ſelbſt daß Sie die Briefe leſen wollten, die ich von Frauenzimmern erhielt, ſollte dieß Alles mich nicht davon überzeu⸗ gen, daß ich Ihr Herz gewonnen habe?.. Sagen Sie ſelbſt, Madame, ob, nach Ihrem Benehmen gegen mich zu urtheilen, meine Vermuthung ſo albern war?“ B „Nein, nein, allerdings, ich habe gefehlt, ſehr geſehlt; ich überlegte nicht, was ich that.“ „Jetzt ſehe ich wohl ein, daß ich mich durchaus läuſchte... daß bloß Jenneville Sie beſchäf Jenneville! ein Mann, der Sie verrathen, verla hat, der den Schatz, den er beſaß, verachten konnte und Sie lieben noch dieſen Mann!“ „Er iſt mein Gatte.“ „Er iſt es nicht mehr, da er ſich von Ihnen ſchei⸗ ven wollte. Durch ſeine Handlungsweiſe hat er Ihnen Freiheit gegeben; was geht es ihn alſo an, wen Sie lieben!... Indem er Sie verließ, hat er Sie nicht aller Ihrer Schwüre entbunden?“ „Ach nein, nein! ich denke nicht! 24 „Und ich, ich verſichere Sie, daß er ſich um Alles⸗ was Sie thun, ſehr wenig bekümmert; daß ſein Blick und ſeine Gedanken bloß auf die Frau von Remonde gerichtet ſind; daß dieſe Frau mit ihm anfangen kann, was ſie will, weil.. Ach! verzeihen Sie, Madame, verzeihen Sie! ich betrübe Sie, indem ich dieß ſage, aber ich ſehe nun, Jenneville iſt nicht zu entſchuldigen, daß er Sie nicht liebt, daß er Sie nicht anbetet... ach! das iſt ſchändlich, ich werde ihm ſein Betragen gegen Sie nie verzeihen; von nun an will ich ihn nicht mehr beſuchen, nie mehr mit ihm reden.“ „Herr Deligny, ich bitte Sie, entzweien Sie ſich meinetwegen nicht mit Jenneville; er war IhrFreund.“ „Mein Freund.. nein, Madame, er ift nie ge⸗ weſen, was man einen Freund nennt, es war ein Bekannter von mir, und weiter nichts. aber mein Freund.. ich ſchwöre Ihnen, er wird es nie ſein ich kann nie der Freund eines Mannes ſein, der Ihr Unglück verurſacht hat.. und trotz dem lieben Sie noch immer ihn, den Unſinnigen.“ „Können Sie es mir zum Verbrechen anrechnen, daß ich meinen Gemahl zu mir zurückwünſche? Ja, iſt nicht Jenneville immer mein Gatte, ſelbſt dann, wenn ich für ihn nicht mehr dieſelbe Liebe hegte, und wenn mein Herz ein Recht dazu hätte, da es durch ſeine Verachtung gekränkt iſt?“ „Ihr Gatte! Sie ſehen ja wohl, daß er es nicht mehr ſein will, weil er Sie verlaſſen hat. Ich fühle übrigens, Madame, daß Alles, was ich Ihnen 22 ſagen kann, vergeblich iſt; die Liebe wird nur durch eine andere Liebe geheilt... Ich will von dieſem Nittel Gebrauch machen... und da, wenn ich meine Beſuche bei Ihnen fortſetzen würde, meine Liebe zu Ihnen nie aufhören, ich alſo auch keine neue Liebe anfangen könnte, ſo will ich Sie von nun an nicht mehr beſuchen, denn Sie werden zugeben, daß es Thorheit von mir wäre, wenn ich mich nicht von einer hoffnungsloſen Liebe zu heilen ſuchte... nicht wahr, Madame?“ „Ich kann es Ihnen nicht verdenken, mein Herrz indeſſen mich gar nicht mehr zu beſuchen! Ich denke, es wäre genug, wenn Sie nur ſeltener...“ „Nein, Madame, neinz o! die Liebe geſtattet keine halben Maßregeln!... ich muß meine Beſuche bei Ihnen ganz einſtellen; das wird für Sie kein großer Verluſt ſein. in der That, Sie werden von Ihrem Gatten nicht mehr ſo viel hören. Doch in Paris iſ es mit Geld ſo leicht, alle Handlungen einer Perſon kennen zu lernen: Sie werden eine Menge gefälliger Leute ſinden, die Ihnen dieſen Dienſt leiſten werden.“ Auguftine antwortet nicht; ſie läßt den Kopf auf die Bruſt ſinken und ſcheint nachzuſinnen; ich kann ihre Augen nicht ſehen!.. warum aber wünſche ich⸗ ſie noch einmal zu ſehen, jene Augen, welche mein Herz entflammen? ——— —— Ziemlich lange bleiben wir Beide in Stillſchwei gen verſunken. Endlich ermanne ich mich⸗ nehme ſchnell meinen Hut und verſchwinde mit den Worten „Leben Sie wohl, Madame!“ aus dem Zimmer⸗ Zweites Kapitel. Eine Scene am Hafen. Ich bin ſtolz auf den Muth, den ich gezeigt, und feſt entſchloſſen, nicht mehr zur Frau... Frau Lu⸗ ceval zu gehen; ich kann mich nicht daran gewöhnen, ſie Frau Jenneville zu nennen. Um aber meinen Entſchluß zu befeſtigen, muß ich ſie mir aus dem Sinne ſchlagen, mich zerſtreuen. Ich bin wie jene Feiglinge, die ſich vor der Schlacht betrinken. Ich kehre nach Haus zurück, will arbeiten, irgend ein Geſchäft anfangen... Aber nein, ich bin zum Arbeiten nicht ruhig genug, ich muß Lärmen, Bewe⸗ gung haben. ich will wieder ausgehen. da tritt Jolivet herein. „Ei, Paul, habe ich letzthin nicht einen Regen⸗ ſchirm bei Dir liegen laſſen 2.. Sonſt befindeſt Du Dich gut? Einen braunen Regenſchirm.. ſtock⸗ artig.“ „Es freut mich ſehr, daß Du mich beſuchſt, Jo⸗ livet; was treibſt Du heute?“ „Ich?. wie Du ſiehſt, ſpringe ich überall herum und ſuche dieſen verdammten Regenſchirm.... „Sei ßlill mit Deinem Regenſchirm und ant⸗ worte mir.“ „D'rum mußt Du wiſſen, daß er nicht mir ge⸗ hört: ein Herr hat ihn mir vor drei oder vier Mo⸗ naten geliehen, ich hatte immer vergeſſen, ihn zu⸗ rüczugeben heute Morgen regnete es, und da — 24 kam er dann zu mir und verlangte ihn zurück; es iſt mir ſehr unangenehm, ich werde ihn bezahlen müſ⸗ ſen... Er iſt alt, und ich werde ihm einen neuen dafür geben müſſen.“ „Jolivet, ich habe im Sinne, mich heute zu be⸗ luſtigen oder es wenigſtens zu probiren. Bleibe bei mir, ich regalire Dich, führe Dich in's Theater, kurz, wohin Du willſt.“ „Bah! wirklich!.. das iſt ſehr verführeriſch. Und Du wirſt mich mit der Rechnung nicht im Gaſthof fitzen laſſen?“ „Jedenfalls habe ich Dich, glanbe ich, wieder bezahlt.“ „O, freilich!. ich ſagte dieß nur aus Spaß. Nun, ich will mich verführen laſſen, will bei Dir vleiben. Auch ſehe ich wohl ein, daß der Regen⸗ ſchirm verloren iſt. ich werde ſchon gelegenheitlich einen andern finden.“ In dieſem Augenblick läutet man ſtark an meiner Thüre. Es iſt Dubois; er hätte nicht geſchickter kom men können. „Oweh! ich kann nicht mehr, ich komme gerate von Auteuil,“ fagt Dubvis, ſich in einen Lehnſeſſel werfend. „Wie, Du haſt dort übernachtet?“ „Ich habe wohl müſſen, ich habe immer auf Dich gewartet. Es wurde ſpät, ein Gefährt war nict mehr zu haben... Allein heimkehren.. es iſt ein ſo langweiliger Weg... dann vachte ich; in Auteuil gibt es eben ſo gute Betten als anderswo 30 eine Luſtpartie, das iſt die Hauptſache... Paul, haſt Du über Deine Schöne triumphirt? Du übernachtete in einem Wirthshaus, wo ich eine Wagd traf, die nicht wurmffichig iſ!„ „Aber Du wurdeft von Etwas geſtochen,“ ſagte Jolivet zu Dubvis, deſſen Geſicht muſternd. „Das da. o, das ift nichts das ſind die Lieb⸗ foſungen der Sittſamkeit!... Ei, meine Kinder, ihr ſcheint zum Ausgehen bereit.. Habt ihr für heute enre Pläne gemacht?“ „Du gehſt mit uns, Dubois, ich will mich zer⸗ ſtrenen, beluſtigen, wenn es möglich iſt.“ „Er hält frei,“ ſagte Jolivet. „Ah! er will frei halten... deßhalb biſt Du da, Du Filz! Wenn Du Deinen Theil bezahlen müßteft, ſo würdeſt Du nicht mithalten!“ „Ah! warum nicht gar das iſt Verläumdung!“ „Was mich betrifft, ſo geſtehe ich offen, daß es mir für den Augenblick ſehr ſchwer fiele, meinen Theil zu bezahlen, ich habe nichts mehr.. Aber ich werde mich wieder verſehen!... Wir machen alſo „Dubois, habe ich keinen Regenſchirm bei Dir liegen laſſen?“ „Geh' mir doch mit Deinem Geſchwätz... Ei, willſt Deinen Sieg feiern!... „Sprich nur nicht davon, Dubois, ich bitte Dich.“ „Du ſeufzeſt, armer Burſche! Man hat Dich zum Beſten gehabt, ich war es überzeugt. Du haft wie ein Minneſänger ans dem dreizehnten Jahrhundert gehanvelt, und das iſt heutzutage nicht mehr Mope. Nun, wir wollen miteinander zum Eſſen gehen und Jeder ſoll zwei Bouteillen Champagner trinken, und ich ſtehe dafür, daß, wenn wir vom Tiſche aufſtehen, Du nicht mehr weißt, was für eine Farbe die Haare Deiner Geliebten haben.“ „Hoffentlich vergeſſe ich ſie ohne dieß.“ „Meine Herren,“ ſagt Jolivet,„wollen wir nicht Jenneville abholen?“ „Nein, nein, es iſt unnöthig,“ ſagte ich ſogleich; „Jenneville kann ohne Zweifel die Frau von Remonde nicht verlaſſen.“ „Ei, wir brauchen ihn nicht zu unſerer Unter⸗ haltung,“ ſagt Dubvis;„Jenneville iſt nicht ſo heiter, ſo cordial, wie wir. Aber Jolivet iſt ein merkwür⸗ diges Burſche! Sobald er nicht bezahlen muß, will er alle Bekannten einladen und ihnen weiß machen⸗ er gebe ihnen ein Eſſen. Auf, fort! das Wetter iſ ſchön. Wir wollen eine flotte Citadine nehmen und auf's Land fahren... Was ſagſt Du dazu, Paulk“ „Alles, was ihr wollet, meine Herren, ſchonet meine Börſe nicht... Vor einigen Tagen wollte ich ſparen, reich werden... aber heute liegt mir nichts daran, es bleibt mir immerhin genug.“ „Nun, ſei ruhig, Du haſt zwei Burſche mit Dir, die Deinem Wunſche entſprechen werden.“ Wir ſteigen alle Drei in die Citadine, und Dubois ſagt zu dem Kutſcher:„Wir behalten Dich den gan zen Tag; führe uns auf das Land.“ „Wohin, meine Herren?“ „Wohin Du willſt, uns liegt nichts daran; dis 27 geiſtreichen Leute unterhalten ſich überall... Wenn es nur Bäume, hübſche Mädchen und gebackene Fiſche gibt, weiter wollen wir nicht.“ „Nun, fahr' zu,“ ſagt Jölivet,„Du erhältſt Dein gutes Geld.“ Die Citadine rollt fort, Dubvis und Jolivet bie⸗ ten Allem auf, um mich zu erheitern. Sie treiben alle möglichen Tollheiten, die ihnen in den Sinn kommen; Jpolivet wird faſt liebenswürdig, wenn man ihm ein Eſſen bezahlt. Ich thue mein Möglichſtes, mit ihnen zu ſcherzen, aber mein Lachen iſt erzwun⸗ gen, es liegt mir et6 zentnerſchwer auf dem Her⸗ zen, was ich ſogar während unſerer Späſſe immer fühle. Dubois hat die Rollvorhänge des Wagensher⸗ untergelaſſen, um uns angenehm zu überraſchen, indem wir ſo ganz dem Willen des Kutſchers über⸗ laſſen ſind. Endlich hält die Eitadine an, wir ſtei⸗ gen aus und Dubvis bricht in ein lautes Gelächter aus: wir befinden uns am Hafen, wo der Wein an's Land gebracht wird. Mir iſt es einerlei, wo wir eſſen, aber Jolivet ſchneidet ein böſes Geſicht und ſagt:„Eine hübſche Landpartie wo man nichts als Weinfäſſer ſieht!“ „Sind Sie nicht zufrieden, meine Herren?“ fragt der Kutſcher.„Beim Teufel! Sie haben nach grü⸗ nem Laubwerk und gebackenen Fiſchen verlangt: ich habe Sie in den Grünen Baum“ geführt, wo man famoſe Matelotten ißt.⸗ „Es ißt ſchon recht, mein Alter,“ ſagt Duhvis, 28 „es kann uns am Haſen eben ſo gut geſallen, als wo anders!.. Wir können an dem Ufer ſpazieren gehen, was den Appetit vermehren ſoll. Kutſcher⸗ Du bleibſt in der Nähe⸗ wir behalten Dich bis auf den Abend bei uns, und Du mußt uns nach Paris zurückführen.. Ei, meine Herren, es iſt noch zu bald zum Mittageſſen, wir wollen an der Seine auf und ab gehen, luſtig ſein und ſehen, ob wir keinen Sirenen begegnen.“ Wir machen uns auf den Weg, aber Jolivet iſt nicht damit zufrieden⸗ daß Dubvis den Kutſcher uns nach Bercy führen ließ, weil wir hier ein ſchlechtes Mittageſſen bekommen und zum Nachtiſch bloß Käſe erhalten werden; er hängt den Kopf und hält ſich ſern von uns. „Wie kindiſch iſt doch Jolivet!“ ſagte Dubvis zu mir, indem er mich am Arme nahm.„Er möchte gerne ein Diner zu zwanzig Franken per Kopf, weil Du bezahlſt; er iſt böſe, weil er keine ruffiſchen Char⸗ lotten zum Nachtiſch bekommen wird.. Ah, ich will ihm einen Streich ſpielen, um uns über ſeine Knickerei luſtig zu machen.“ Vir ſetzten unſern Spaziergang an den Ufern der Seine ziemlich lange fort, obgleich Jolivet uns alle Augenblicke zurief:„Meine Herren, es iſt Zeit zum Diniren.“ Endlich kommen wir in die Nähe von la Rapée. Als wir uns der Barriere näherten, ſahen wir drei Frauenzimmer unweit vor uns, wovon die Eine einen Hut, die zwei Andern Hauben trugen⸗ „Ich will ſehen, wer dieſe Damen ſind,“ ſagie S W Dubois, verließ uns plötzlich und halte die drei Per ſonen, die vorausgingen, bald eingeholt. Zu unſerm Erſtaunen ſehen wir, wie er ſie grüßte und mit ihnen ſprach. „Der Dubvis da kennt alle Frauenzimmer,“ ſagle Jolivet;„ſogar in la Rapeée findet er Bekannte!..“ Dubvis kommt bald mit einer gleichgültigen Miene zurück.. „Nun, was iſt es?“ fragte Jolivet. „O, da iſt nichts zu machen!... es wäre vergeb⸗ lich, unſere Zeit damit zu verlieren..“ „Doch kennſt Du dieſe Frauen?“ „Gerade deßwegen ſage ich, es iſt nichts zu ma⸗ chen. Die mit dem Hute iſt die Wittwe eines Groß⸗ händlers in der Straße la Verrerie.. dieſe Frau mit ihrem einfachen Anzuge hat ungefähr fünfzigtau⸗ ſend Franken Renten!“ „Beim Henker!.. das iſt hübſch!“ „Wenn man ſie hört, ſo würde man es nicht ver⸗ muthen.. Sie iſt ganz ſchlicht, anſpruchslos.. Sie heirathet nicht mehr, weil ſie auf dieſe Weiſe ſehr glücklich lebt. Indeſſen glanbe ich doch, daß ſie et⸗ was verliebter Natur iſt.“ „Und Du haſt Dich nicht um ſie beworben, Du⸗ bois; ſie iſt demnach häßlich?“ „Nein, ſie iſt im Gegentheil ſehr hübſch und hat viel Lebhaftigkeit in ihrer Phyſiognomie. Einige be⸗ haupten, ſie ſchiele, wenn ſie aber die Augen nieder⸗ ſchlägt, ſo ſieht man es nicht... Ich habe ihr den Hof machen wollen, aber es gelang mir nicht. O, 30 wenn ich ihr gefallen hatte, ſo würde ſie mir es plötz⸗ lich zu verſtehen gegeben haben... ſie macht keine umſtände. Uebrigens wäre es mir ziemlich lieb ge⸗ weſen.. dieſe Frau iſt ſehr freigebig... ganz un⸗ eigennützig: wenn man ihr gefällt, ſo wird man von ihr mit Geſchenken überſchüttet. Ich kenne einen jun⸗ gen Menſchen, dem ſie achtzehn Geldbörſen und zwei⸗ undvierzig Cravatten geſchenkt hat. Sie geht hier mit zwei Bäschen ſpazieren, die ſie wahrſcheinlich mit einer Matelotte regaliren wird.“ Jolivet hört Dubvis ſehr aufmerkſam zu, verlor aber während deſſen die drei Frauenzimmer nicht aus dem Geſicht. Bald darauf ſahen wir ſie zu einem Weinwirth hineingehen. Jolivet blieb vor dem Hauſe, wo die drei Spa⸗ ziergängerinnen eingetreten find, ſtehen, und ſagte: „Wir wollen hier hineingehen, ich glaube, daß man hier gut ißt.“ „Hier warum ſollen wir nicht in den„Grü⸗ nen Baum“ gehen,“ ſagte Dubvis,„welches der erſte Gaſthof des Orts iſi „Ei, mein Gott, meine Herren, am Hafen wird man überall gut bewirthet!.. Die Matelotten weiß Jedermann hier zu machen! Ferner glaube ich, daß es im„Grünen Baum“ ſchrecklich theuer iſt.“ „Ah, Du willſt jetzt für Deligny ſparen?“ „Warum nicht? Wozu ſoll man, wenn man eben ſo gut bewirthet wird, ſo viel Geld ausgeben?“ Ich gehe zuerſt hinein, und will einmal in die Küche einen Blick werfen. 31 „Wollen wir hier diniren?“ ſagte ich zu Dubvis, „dieß ſieht mir wie eine Garküche aus.“ „Mein Lieber, wenn wir nichts als Fiſchgräten und Brodkrumen ſpeiſen wollen, ſo können wir hier hineingehen Unſer Geizhals geht in die Falle, ich wußte es wohl!“ „Was iſt es denn?“ „Dieſe Frau mit dem Hute, von der ich ihm ſagte, ſie beſitze fünfzigtauſend Franken Renten und ſei die Wittwe eines Spezereihändlers en gros, weißt Du, wer ſie iſt?“ „Nein.“ „Haſt Du ſie nicht an ihrem Anzug erkannt?. das iſt Charlotte.“ „Charlotte! „Sie iſt es leibhaftig mit zwei Jungfern, welche Knöpfe fabriziren. Charlotte wohnt jetzt in der Vor⸗ ſtadt Saint⸗Antvine; alle Montag gehen dieſe Jung⸗ fern zur Barriére hinaus ſpazieren und kaufen ſich bei einem Weinhändler ihr Getränke für die Woche, welches ſie in Blaſen füllen, die unter ihrer Schürze hängen. Die Mauth koſtet ſie auf dieſe Art nichts, als einen Reif um die Hüfte.“ „Wie, beim Teufel, weißt Du dieß Alles?“ „Charlotte hat es mir vor acht Tagen ſelbſt er⸗ zählt.“ „Ich glaubte, Du ſeieſt mit ihr entzweit.“ „Mein Freund, ein Frauenzimmer kann mit mir nie entzweit bleiben. Ich habe ihr zwei Pfund Zucker ngeſchict. Als ich dieſe Jungfern erblickte, kam ich 5 * 32 ſogleich auf den Gedanken, uns über Jolivet luſtig zu machen. Charlotte kennt ihn zwar nicht, ich ſagte ihr aber gerade, daß wir mit einem Knicker ſpazie⸗ ren gehen, welcher täglich ſechszig Franken zu ver⸗ zehren habe... die Griſetten haben dieſe Knicker ſehr gerne. Charlotte wird ſich bemühen, ſeine Be⸗ kanntſchaft zu machen; ſie ſind dort hineingegangen⸗ um ihr wöchentliches Getränke zu kaufen; laſſe mich nun machen und ſage nichts.“ Ich folgte Dubvis. Wir gehen in die Schenke hinein! Es riecht nach Knoblauch, daß man faſt wei⸗ nen muß. Jolivet iſt in der Küche. Während er ſich ſtellt, als ob er in die Kacheln hinein ſchaue, wirft er ſeine Blicke öfter auf den Garten hinter dem Haus, wo er unſere drei Griſetten in ein Gartenhäuschen im Hintergrunde eintreten ſah. Ein dicker Mann mit einer baumwollenen Kappe und einem karmoiſinrothen Geſichte ſtellte Jolivet alle Kaſtrole vor die Naſe hin, während zwei Mägde⸗ welche wie Türken ſchnupfen, mit ihren Händen die Portionen Braten zurechtlegen, die ſie ſofort auf⸗ tragen, während ſie ihre Finger lecken. „Beim Teufel!“ ſagte ich leiſe zu Dubois,„wir wollen lieber nicht hier diniren.“. „Sei doch zufrieden; was ſchadet es denn ein einziges Mal!.. Du willſt Dich zerſtreuen; Du mußt auch etwas Reues ſehen“. „Es wäre mir lieber geweſen, wehn ich nicht ge⸗ ſehen hätle, wic die Mägde die Siſen mit den Händen anrühren.“ 33 „Mein Freund, das macht man in den erſten Gaſt⸗ häuſern von Paris nicht anders, nur mit dem Un⸗ terſchied, daß dort Niemand in die Küche hineinge⸗ laſſen wird, und zwar mit Recht. Nun, Jolivet, denkſt Du, wir werden Etwas zum Mittageſſen bekommen?“ „O wohl, meine Herren... Da iſt der Herr des Hauſes, welcher für uns ſorgen wird.“ „Wohlan, Herr Oberkoch, eine flotte Matelotte und gebackene Fiſche; weiter brauchen wir nichts. Nicht wahr, Paul?“ „Ja. bringen Sic doch ja kein Fricandeau!“ „Wenn die Herren eine Treppe hoch in den gro⸗ ßen Saal ſpazieren wollen... man wird gleich dort decken.“ „Wir wollen in keinem Saal diniren,“ ſagte Jo⸗ livet,„es gibt ja Gartenhäuschen.“ „Ja, meine Herren, ſehr freundliche, ſehr lieb⸗ liche Gartenhäuschen...“ „Meine Herren, es wird uns im Garten beſſer behagen, wir haben friſche Luft dort... Ei, Dubois, dieſe Damen ſind in einer Laube dort unten.“ Ach, was thut dieß.. ich ſage Dir, es iſt nichts mit dieſen Damen zu machen.“ Wir begeben uns in den Garten, der eher einem Hofe gleicht. Eine Magd öffnet uns eines der freund⸗ lichen Gartenhäuschen, die bloß aus vier nackten Wänden beſtehen, worin ein Tiſch ohne Diſchtuch und zwei hölzerne änke ſind, und von wo aus man bloß eine Ausſicht zuß Abtritte hat. Paul de Kock. LII. 34 „Dieſe Gartenhäuschen ſind in der That ländlich!“ ſagt Dubois,„es herrſcht kein zu größer Luxus darin, aber die Hauptſache iſt, daß die Matelotte gut iſi.“ „Darauf kommt's an,“ ſagt Jolivet,„man muß ſich in Alles ſchicken!... Ah, Dubois.. dieſe Da⸗ men öffnen ihr Cabinet.“ Charlotte erſchien wirklich auf der Thürſchwelle. Jolivet verbeugt ſich tief tief vor ihr, was ſie mit einem höchſt einladenden Lächeln erwiedert. Bald ſehen wir eine Magd mit einer ungeheuer großen Kanne Wein in ihr Cabinet gehen, worauf Dubois mich anſieht, während er ſich in die Lippen beißt. „Was Teuſels wollen dieſe Damen mit der Kanne Wein, die wenigſtens zehn Litres hält, thun?“ rief Jolivet, der die Magd mit leeren Händen zurück⸗ kommen ſah. „Ach, der iſt für ihre Hühneraugen,“ ſagte Dubvis. „Für ihre Hühneraugen?“ „Gewiß; kennſt Du dieſes Mittel für die Hühner⸗ augen nicht?“ „Welches Mittel?“ „Ei, welches! ſie mit Wein zu waſchen.. Wahrſcheinlich ſind dieſe Damen deßhalb dort hinein gegangen. Jedenfalls weiß ich, daß die Wittwe Hühneraugen hat. ich habe ſie ſehr oft hinken ſehen.“ Jolivet wendet ſeinen Blick nicht von dem Cabinet der Damen weg, aber die Thüre bleibt geſchloſſen Niemand zeigt ſich. Man bringt unſer Diner, wir ſetzen uns zu Tiſche. Die Erinnerungen an die Küche, — 35 verfolgen mich immer noch, aber Dubvis zündet die Matelotte an, welche wie eine Bowle Punſch flammt. Ich denke, durch das Feuer werde Alles geläutert, und wir machen uns an die Matelotte, deren Sauce dem Gaumen behagt, die aber zum Trinken noth⸗ . wendig Luſt machen muß. „„Sonderbar,“ ſagte Jolivet während des Diners, „ich ſehe den Damen Nichts auftragen außer dem Kruge Wein, den man ihnen gebracht hat.“ „Bah!“ entgegnet Dubvis,„ich ſah einen unge⸗ heuern Karpfen und prächtiges Geflügel hineintragen.“ „Wann denn?“ „Während Du Deine Gräte ſuchteſt. Aber der Himmel umwölkt ſich; wir haben wohl daran gethan, die Citadine bei uns zu behalten, denn hier kann man nicht wohl ein Gefährt bekommen.“ Wir ſind an den gebackenen Fiſchen, und der Re⸗ gen ergießt ſich gewaltig, als die Thüre des Cabi⸗ nets jener Damen ſich öffnete und Charlotte erſchien. Ich bemerke, daß ſie um die Hüften herum viel ſtärker iſt als vor unſerm Diner. Jolivet, der wahrſchein⸗ lich nicht darauf achtet, ſteht vom Tiſche auf und geht im Garten herum, wie wenn er nach dem Wet⸗ ter ſehen wollte. „Es regnet,“ rief Charlotte aus,„das iſt ſehr är⸗ gerlich!“ „Sie können unmöglich zu Fuß nach Haus zurück⸗ kehren, meine Damen,“ ſagte Jolivet, indem er ſich ihnen mit freündlicher Miene näherte. „Freilich, wenn man mit einer andern Gelegen⸗ 6 36 heit zurückkommen könnte... ſo würde man ſich nicht voll Koth machen... Der Himmel iſt ganz bedeckt.. es ſcheint nicht, daß es aufhören wolle.“ Jolivet kommt zu uns zurück und ſagt:„Meine Herren, wir haben ein Gefährt, es wäre nicht ſchön, wenn wir bei dieſem Wetter dieſe Damen zu Fuß heimgehen ließen, namentlich, da wir wiſſen, daß ſie Hühneraugen haben... Was meinen Sie?“ „Scherzeſt Du?“ ſagte Dubois.„Du willſt zu uns Drei noch dieſe drei Damen ſetzen... Sieh' ſie doch an.. ſie ſind eben nicht hager...“ „Es iſt wahr; ſie ſchienen vorhin erſt nicht ſo dick.“ Die zwei Freundinnen von Charlotte hatten ſich ebenfalls ungeheure Hüften gemacht, und dieſe drei Frauenzimmer ſtanden unter der Thüre ihres Cabi⸗ nets, wo ſie das Gewölke und Jolivet belorgnettir⸗ ten. Dieſer, außer ſich vor Freude, von der vor⸗ geblich reichen Wittwe bekorgnettirt zu werden, kommt wieder zu uns und ſagt mit entſchloſſener Miene: „Meine Herren, ich habe eine Bitte an Sie.“ „Willſt Du hier zu Nacht eſſen?“ „Nein... aber wenn Sie ſo gut wären und mir die Citadine abtreten wollten... Ich geſtehe Ihnen, ich habe die größte Luſt, dieſe Damen heimzuführen; unter uns geſagt, die Wittwe ſieht mich mit viel⸗ ſagenden Augen an, und ich glaube, ſie wird meine Huldigungen nicht übel aufnehmen.“ „Laß doch dieſe Damen gehen, Jolivet; Du biſt ja noch nicht einmal mit Deinem Diner fertig.“ „Mich hungert nicht mehr.“ 4 37 „Du wirſt tauſend Hübſchere finden.“ „O, die Wittwe iſt allerliebſt...⸗ „Wenn Du unſer Gefährt nimmſt, ſo bedenke, daß Du es ganz bezahlen mußt.“ „Das iſt mir einerlei.. ich bezahle baar... ich bin verliebt... Ich ſchlage nichts an... Nun, Paul, was ſagſt Du dazu?“ „Er ſoll das Gefährt nehmen, wenn er will, ich habe nichts dagegen.“ „Ich danke Dir, mein lieber Deligny... Ich laſſe euch zurück, meine Kinder.. entſchuldigt mich... ihr wiſſet aber wohl, wie es iſt: wenn man gefeſſelt wird, verliert man den Kopf. Adieu.“ Jolivet verläßt uns, außer ſich vor Entzücken, und eilt zu Charlotten mit den Worten:„Eine Ci⸗ tadine ſteht zu Gebot: wollen Sie mir nicht gefälligſt meinen Vorſchlag, Sie und Ihre Bäschen nach Haus zu führen, annehmen?“ Charlotte ſieht ihre Kamerädinnen an, als Jolivet mit ihr von ihren Bäschen ſprach. Aber die Jung⸗ fern nehmen ohne Umſtände den Vorſchlag an und verlaſſen alle Drei das Gartenhäuschen. Jolivet bietet ſeinen Arm anz man iſt nicht Willens, ihn anzu⸗ nehmen, aus Furcht, er fühle beim Gehen die unter den Röcken befindlichen Gegenſtände. Man entſchul⸗ digt ſich mit der Beſorgniß, ihn mit Koth zu be⸗ ſpritzen, und dieſe Jungfern gehen in ſo gemeſſenen Schritten von dem Weinwirthe fort, wie wenn ſie auf Eiern liefen. Die Citadine wartete vor dem„Grünen Baum⸗ 38 auf uns. An dem langſamen Gang dieſer Jungfern, deren Füße zuſammengebunden ſcheinen, ſieht Jolivet, daß ſie, bevor ſie daſelbſt ankommen⸗ durchnäßt wer⸗ den, und eilt voraus, um das Gefährt ihnen entge⸗ genzuführen. Auf den Verlauf der Sache begierig, beendigten wir ſchnell unſer Diner; ich bezahle, und wir gehen einige Minuten nach dieſen Damen fort. Charlotte und ihre zwei Freundinnen laufen erſt etwa fünfzig Schritte vor uns. Der Weg war ſehr moraſtig und die Jungfern hatten ſchon ganz kothige Kleider, weil ſie dieſe aus guten Gründen nicht in die Höhe hoben. Endlich kommt Jolivet mit der Ci⸗ tadine an. Aber beim Einſteigen in den Wagen ver⸗ bittet ſich jede dieſer Damen ſowohl Jolivets als des Kutſchers Hülfe, und voch ſcheinen ſie große Mühe dabei zu haben. Kaum erreichen ſie den Fußtritt⸗ ihre ungeheuren Hüften ſchwanken beſtändig hin und her, was Jolivet der Schüchternheit jener Jungfern zuſchrieb. Endlich ſitzen ſie im Wagen, Jolivet ſteigt ein und ſetzt ſich neben Charlotte, die ſchnell rückt, um ihm Platz zu machen, und zu ihm ſagt:„Geben Sie Acht, mein Herr⸗ ſetzen Sie ſich nicht zu dicht neben mich.. ich muß in einem Wagen frei ſitzen.“ Jolivet kauert ſich unterthänigſt in ein Eckchen⸗ der Kutſcher fragt, wohin er fahren ſoll:„In die Straße de la Verrerie, zu Madame,..“ ſagte Jolivet, auf Charlotte blickend. 1 „In die Straße de la Verrerie?... nein. — wohne in der Vorſtadt Saint⸗Antvine, neben dem Boulevard.“ „Sie haben alſo die Wohnung gewechſelt?“ „Ja, mein Herr... O, ich wechsle ſehr oft... Kutſcher, in das Haus des Fleiſchers... es hat einen rothen Eingang.“ Jolivet fällt es endlich auf, daß die Wittwe mit fünfzigtauſend Franken Renten in einem Hauſe mit einem rothen Eingang in der Vorſtadt Saint⸗An⸗ toine wohne. Der Kutſcher macht ſeinen Schlag zu und fährt fort... Dubois und ich folgten von ferne der Citadine. Angekommen an der Barriere hält der Wagen. Jolivet hört während der Fahrt die etwas frechen Reden der Jungfer Charlotte und ihrer Freundinnen mit Verwunderung an; der Zollwächter öffnet den Kutſchenſchlag mit den Worten:„Haben Sie nichts zu verzollen?“ „Nein, gar nichts,“ entgegnet Jolivet, während die drei Jungfern ſich ſo aufrecht als möglich ſetzen und zum andern Schlag hinausſehen. Aber der Zoll⸗ wächter hat die drei jungen Frauenzimmer erkannt, deren Aufzug ſeit einiger Zeit den Verdacht der Mauth⸗ beamten erregt hat. Man hat bemerkt, daß die Jung⸗ fern, welche mit einem ſchlanken Wuchs und keinem auffallend ſtarken Körper aus Paris hinausgehen, mit dem Umfang einer hottentottiſchen Venus dahin zu⸗ rückkehren. Dik Zollwächter kamen auf den ſcharſ⸗ ſinnigen Gedanken, daß der Hintere ſelbſt nach dem Diner nicht ſo ſehr erſtarken könne; ſie hatten alſo 40 ihre ganze Aufmerkſamkeit auf die Geſtalt dieſer Jung⸗ fern gerichtet, und beſchloſſen, ſie zu unterſuchen, ſo⸗ bald ſie wieder auf der Heimkehr nach Paris erſchei⸗ nen würden. Demzufolge und trotz der lakoniſchen Antwort Jo⸗ livets wendet ſich der Zollwächter mit einer boshaf⸗ ten Miene an Charlotte und ihre Freundinnen mit den Worten:„Und Sie, meine Damen, haben Sie nichts, nichts zu verzollen?“ „Nicht das Geringſte,“ ſagte eine der Jungfern. „Was ſoll man ihm denn angeben?“ rief Char⸗ lotte,„ſehen wir denn Schmugglern gleich?“ „Herr Zollwächter, ich habe die Ehre, in Geſell⸗ ſellſchaft dieſer Damen zu ſein,“ ſagte Jolivet,„es iſt nicht unſere Sache, zu defraudiren.“ „Ich weiß nicht, was Ihre Sache iſt, mein Herr,“ ſagte der Zollwächter;„aber ich weiß, daß dieſe Jungfern die Güte haben werden, auszuſteigen und auf das Bureau zu gehen, um ſich unterſuchen zu laſſen.“ „Ach Gott! wie ſchauerlich!.. uns unter⸗ ſuchen, uns!.. rief Charlotte;„wiſſen Sie, un⸗ verſchämter Weinviſitator, daß man uns noch nie viſitirt hat, weder mich, noch meine Freundinnen, und man wird uns auch nie viſitiren!..“ „Verzeihen Sie mir, meine Damen, wir werden Sie viſitiren!“ „Ach, welche Unſchicklichkeit!... Dulden Sie es, mein Herr, daß man Frauenzimmer in Ihrer Be⸗ gleitung anrührt, antaſtet?,.. — — 41 „Herr Zollwächter,“ fuhr Jolivet fort,„ich ver⸗ ſichere Sie, Sie irren ſich. Suchen Sie den Wagen, die Kiſten durch, ſo viel Sie wollen; was aber dieſe Damen betrifft, ſo ſtehe ich für ihre Unſchuld.“ „Wenn dieſe Damen unſchuldig ſind, ſo ſollen ſie ſich an dem Hiütertheile anfühlen laſſen „Ach, wie ſchändlich! Sie unſer Hintertheil an⸗ rühren!.. Darf ein Frauenzimmer nicht mehr nach Paris zurückkehren, ohne daß ſie ihren Hintern auf, der Mauth zeigt?“ M „Davon iſt keine Rede, allein Ihre dicken Hüfte ſind uns verdächtig.“ „Es ſcheint, Sie haben nie andere als ſehr ma⸗ gere geſehen!.. wir ſind von Natur ſo dick und „Wenn Sie von Paris herauskommen, ſind Sie nicht ſo fett.“ „Weil uns die Landluft ſo aufbläst.“ „Nun, meine Damen, nicht ſo viel Umftände, ſteigen Sie aus.“ „Wir ſteigen nicht aus.“ „Dann werden wir Sie im Wagen mit der Sonde viſitiren.“ Der Zollwächter wink ſeinen Kollegen, worauf ſich zwei mit Viſitireiſen nähern. Beim Anblicke dieſer Inſtrumente ſtoßen Charlotte und ihre Begleiterinnen ein lautes Geſchrei aus; Jolivet will die ſchrecklichen eiſernen Spitzen abwenden, und die Mädchen flüchten ſich, aus Furcht, ſondirt zu werden, zu hinterſt in den Wagen, vergeſſen aber in ihrem Schrecken ihre 42 gewöhnliche Vorſicht, werfen ſich aufeinander, und zerberſten die mit Wein gefüllten Blaſen, die ſie unter ihren Röcken trugen. Auf einmal ſind die Sonden nicht mehr nöthig, denn die Reize jener Jungfern ſind verſchwunden und die Eitadine iſt mit Wein überſchwemmt. Die Thorwächter lachen, der Kutſcher flucht, und Jolivet, deſſen Rock und Hoſen theilweiſe vom Wein benetzt wurde, ſieht mit verſteinerter Miene Char⸗ lotte und ihre Gefährtinnen an und ruft:„Wie! eine Frau mit fünfzigtauſend Franken Renten gibt ſich damit ab, daß ſie unter ihren Röcken Wein ein⸗ ſchmuggelt!“ Auf dieſe Worte brechen die Jungfern in ein lautes Gelächter aus, machen ihre falſchen Hüften los, ſprin⸗ gen flüchtig aus dem Wagen, gehen nach Paris und laſſen Jolivet ſich mit den Zollwächtern und dem Kut⸗ ſcher herumſtreiten. Jolivet ſah nun ein, daß er von Dubvis für Nar⸗ ren gehalten worden war, und rief aus:„Ich war nicht in Geſellſchaft dieſer Damen... ich kenne ſie nicht.. Ich begleitete ſie aus bloßer Höflichkeit...“ „Mein Herr,“ ſagte der Zollwächter,„Sie wer⸗ den auch die Höflichkeit haben, die Geldſtrafe zu be⸗ zahlen... Zudem haben Sie uns gerade vorhin ge⸗ ſagt, Sie ſtehen für die Unſchuld dieſer Frauenzimmer.“ „Und mein Wagen, in dem der Wein herum⸗ ſtießt.. Glauben Sie, Sie werden mir den Schaden nicht bezahlen müſſen, Landsmann?“ Jolivet will ſich äu ßerſt beſtürzt vertheidigen⸗ aber „ 43 umſonſt: man führt ihn auf das Mauthamt. Wir, Dubois und ich, gingen gerade vorbei, als Jolivet durch den Kutſcher, die Zollwächter und Gaffer, welche dieſer Auftritt herbeigeführt hatte, fortgeſchleppt wurde. Er bemerkt uns, ruft uns, zeigt mit dem Finger auf Dubois, aber wir ſtellten uns, als ob wir ihn nicht hören; ein Cabriolet, in das wir an der Barriére ſtiegen, führte uns ſchnell vom Hafen zurück. Ich habe mich des Lachens über die Lage Jolivets und den Zuſtand ſeines Anzugs nicht enthalten kön⸗ nen, als er, von Wein triefend, aus der Citadine ſtieg. Aber nach meiner Ankunft zu Hauſe verſchwin⸗ den dieſe Bilder ſehr ſchnell; ich empfinde ſogar eine größere Freude, daß ich wieder allein bin und mich ungeſtört mit Auguſtine beſchäftigen kann. Meine Magd gibt mir einen Brief. Ich breche das Siegel haſtig auf... wenn ſie mir ſchreiben, mich einladen würde, ich ſolle ſie beſuchen, ſo dürfte ſie nur ein Wort ſagen, und ich wäre an ihrer Seite. Aber nein! er iſt nicht von ihr... das Billet iſt „Herminie“ unterzeichnet. Ach Gott! jetzt fällt es mir ein... Hatte ſie mir geſtern in Auteuil kein Rendezvous auf heute Vormittag gegeben?... Nun, was ſchreibt ſie? „Mein Herr, Ihr Betragen iſt niederträchtig; ſo hat man keine Frau zum Beſten. Wenn Sie es werth wären, ſo würde ich mich wegen Ihres ungebühr⸗“ lichen Benehmens gegen mich rächen. Aber ich verbiete Ihnen, jemals wieder vor mir zu erſcheinen und mich wieder zu beſuchen.“ 44 Sie iſt wüthend! ich begreife es; ich brauchte ihr Verbot, ſie nicht mehr zu beſuchen, nicht. Ich beſuchte ſie bloß aus Gefälligkeit. bloß um den Wunſch der Frau Luceval zu erfüllen... Von nun an werde ich aller dieſer Gefälligkeiten los ſein.. von nun an werde ich nichts mehr für ſie thun! Ich zerriß das Billet Herminiens. Ach, ich hatte mir geſchmeichelt, es ſei von einer andern, und dieſe getäuſchte Hoffnung ſchmerzt mich auf's Neue. Au⸗ guſtine wird mir nicht ſchreiben.. es iſt ihr einerlei, wenn ich ſie auch nicht mehr beſuche. ich bin ihr gleichgültig. Wie wunderbar!.. jene Frau von Re⸗ monde, die von Jenneville angebetet wird, iſt in mich verliebt, und diejenige, welche ich liebe, denkt bloß an Jenneville, der ſie verlaſſen hat!... Man ſagt, Alles hat eine gute Seite, aber ich ſuche ſie umſonſt in jener Verkehrtheit des Herzens, welche unſern Leidenſchaften einen ſo unrechten Ort anweist. Drittes Kapitel. Was man vorausgeſehen hatte. Ueber vierzehn Tage ſind verſtrichen, ich habe meinen Vorſatz, ſie nicht zu beſuchen, feſtgehalten. Während dieſer Zeit, die mir ſehr lange ſchien, habe ich mich in Geſellſchaften, Schauſpielen, Concerten herumgetrieben, habe mir ſie aus dem Sinne zu ſchlagen geſucht, aber es iſt mir nicht geholfen. Dubois iſt oft bei mir geweſen. Er führt einen ſchlechten Lebenswandel, hat aber ein gutes Herz; E 45 überzeugt, daß ich wirklich einen geheimen Kummer trage, thut er ſein Möglichſtes, um mich zu zerſtreuen. Jolivet haben wir ſeit der Partie an den Hafen nicht mehr geſehen. Ich ſchmeichelte mir mit einem Einladungsſchreiben von ihr; ich hoffte, ſie würde ſich erkundigen, ob ich krank ſei, kurz, warum ich ſie nicht mehr beſuche; aber nein, kein Wort, keine Erinnerung!... Ach, ſie bekümmert ſich wenig darum, was ich treibe, was aus mir wird.. Ich bin für ſie Nichts. wenn ſie, wie ſie ſagte, Freundſchaft für mich gehabt hätte, würde ſie ſich jetzt ſo gleichgütig gegen mich betragen? Ninie hat nicht ſo gehandelt, ſie hat mir meh⸗ rere Male geſchrieben, ich ſolle ſie beſuchen; ich ſoll ihr wahrſcheinlich ſagen, woher ich ihren Adolph kenne aber ich werde mich hüten, ſobald von dieſem Menſchen mit ihr zu reden... Die Jahreszeit iſt ſchön. ich ſollte bei meinem Vater auf dem Lande ſein.. Was hält mich zoch in Paris zurück, da ich nicht mehr zur Frau Luceval gehe? Als ich Morgens allein in meinem Zimmer mich mis Vergnügen der ſo angenehmen Augenblicke erin⸗ nerte, die ich bei Auguſtinen zugebracht hatte, als ich noch von ihr geliebt zu werden glaubte, läutet man ſtark an meiner Thüre, und bald darauf tritt Jenneville in mein Zimmer. Ich hatte ihn ſeit jenem Abende in Auteuil nicht geſehen. denn jetzt ſchmerzt mich ſein Anblick... Was will er bei mir? Jenneville ſcheint heftig bewegt, ſeine Haare ſind 46 verwirrt, ſeine Züge verſtört. Er wirft ſich auf einen Seſſel und ſagt:„Nun, Deligny, wiſſen Sie, was uns begegnet?“ Ich ſehe ihn unruhig an und warte, bis er fortfährt, worauf er mit der Fauſt auf den Tiſch, der neben ihm ſteht, ſchlägt, und ausruft:„Dieſer erbärmliche Blagnard iſt durchgegangen!...“ „Blagnard?“ „Ja, Blagnard, dem wir unſer Geld anvertraut haben... Ich achtzigtauſend Franken und Sie drei⸗ ßigtauſend. Er macht Bankerott... Entweder iſt er durchgegangen, oder hat er ſich verſteckt... Kurz⸗ er ſchuldet über viermalhunderttauſend Franken... und man verſichert, er könne keine hundert Thaler bezahlen. Nun! Sie ſagen nichts. Sie haben eine gute Natur, eine ſolche Schändlichkeit mit ſo viel Ruhe erfahren zu können!“ „D'rum wundere ich mich nicht über die Nachricht, daß dieſer Menſch ein Spitzbube ſei... Ich verſichere Sie, ich hatte immer ein geheimes Vorgefühl.“ „Warum haben Sie ihm dann Geld anvertraut?“ „Ich ließ mich verleiten... wünſchte mich in kur⸗ zer Zeit zu bereichern... ich ſah überdieß Ihr großes Zutrauen zu ihm!“ „Ei! wer hätte auch dieß nicht zu ihm gehabt? Ein ſo glänzendes Auftreten, einen ſo ſichern Takt in 3 den Geſchäften... ein prunkvolles Gefolge. Groß⸗ artigkeit in den kleinſten Dingen.. immer bereit, ſeine Freunde zu bewirthen, was mit dem größten Aufwand geſchah!“ —— 47 „Gerade dieß hätte Beſorgniß in uns erregen ſollen. Der Mann, der ſeinen Verbindlichkeiten Ehre machen will, regelt ſeine Ausgaben beſſer; die wirklich reichen Leute prangen nicht damit, aber der Betrüger verſchwendet ſein Geld im Ueberfluß, und warum ſollte er es ſparen? Er verzehrt ja nicht ſein Geld, ſondern das Anderer; er hält Geſellſchaften, bewir⸗ thet, ſpielt den großen Herrn... Aber wir müſſen die Diners theuer bezahlen, die er uns gibt. Er glänzt, beluſtigt ſich mit dem Sparpfennige einer armen Wittwe, mit der Frucht der Arbeit eines Künſt⸗ lers, mit den Erſparniſſen des beſcheidenen Handels⸗ mannes. Ach, ſolche Subjekte ſind tauſendmal ſchlech⸗ ter, verächtlicher, als der Straßenräuber, welcher wenigſtens ſein Leben wagt, wenn er Ihnen die Börſe abverlangt, während dieſe gleißenden Salon⸗ diebe, dieſe unverſchämten Bankerottirer über die, welche ſie in's Verderben ſtürzen, lachen, und ſich auf Koſten der Unglücklichen, welche ſie ruinirt haben, luſtig machen.“ „Ja, Sie haben vollkommen recht... Aber mit dieſen Betrachtungen werden wir unſer Geld nicht zurückerhalten... achtzigtauſend Franken verloren, während ich hoffte, bald noch einmal ſo viel zu er⸗ halten!„ „Dieſer Verluſt ruinirt Sie wenigſtens nicht... Sie haben noch Vermögen genug... Aber ich... Nun bleiben mir höchſtens noch achtzehnhundert Fran⸗ ken Renten übrig.. denn ſeit einiger Zeit brauche ich auch mehr als ich ſollte... Aber man muß 48 ſich darein ſchicken... Es wird mir immer genug bleiben.“ „Welch glückliches Gemüth um einen Philoſophen Ich geſtehe, mich bringt dieſer Vorfall in Ver⸗ zweiflung!... Ich bin nicht ſo reich, als Sie meinen Mein gewöhnlicher großer Aufwand... und dann meine Hoffnung auf Zuwachs durch den erbärmlichen Blagnard. haben mich zu unverhältnißmäßigen Ausgaben veranlaßt... Ich rechne nicht gern.. Pfui! Wie wird man da angeſehen? beſonders von einem Frauenzimmer.“ „Ich glaubte, die Frau von Remonde verurſache Ihnen keinerlei Koſten.“ „Keine Koſten?... Was ſagen Sie da!.. Sie wiſſen wohl, daß es tauſend Geſchenke gibt, die eine Frau nie zurückweist. Es ſind Kleinigkeiten, aber dieſe Kleinigkeiten koſten viel Geld. Was mir am leidſten thut, iſt, daß Herminie gerade auch ihren Prozeß verloren hat. Dieß wird ſie ebenfalls ſchreck⸗ lich in Verlegenheit bringen.. Sie will es mir nicht ſagen! Sie treibt das Zartgefühl mit mir zu weit.. Aber ich habe es erfahren, ſo wie, daß ſie einem veutſchen Millionär, der ſein Vermögen ihr zu Füßen legte, einen Korb gegeben hat... Meinetwegen hat ſie es gethan⸗ daran iſt kein Zweifel!... Wenn eine Frau uns ſo viel Beweiſe von Liebe gibt, ſo werden Sie zugeben, daß ſie es wohl verdient, wenn man ihr auch einige Opfer als Belohnung hiefür vringt. In dieſem Augenblick praucht ſie hunderi⸗ tauſend Franken zur Bezahlung der Unkoſten dieſes 49 verdammten Prozeſſes und des Schadenerſatzes an ihre Gegenpartei. Ich beſitze zum Glück ein Landgut von dieſem Werthe und laſſe wahrlich Herminie nicht ſtecken.“ „Sie wollen Ihr Landgut aus Liebe zu Frau von Remonde verkaufen?“ „Gewiß... Mein Vermögen kommt freilich da⸗ durch ſehr herunter, aber Herminie iſt bloß für den Augenblick in Verlegenheit und wird mir die Summe, die ich ihr vorſtrecke, zuverläßig zurückerſtatten.“ „Jenneville, nehmen Sie ſich in Acht!“ „Was wollen Sie ſagen?“ „Die Frau von Remonde iſt bloß Ihre Maitreſſe Bedenken Sie, dieſe Frauenzimmer ſind launiſch; die, für die wir viel thun, lieben uns nicht immer am meiſten.“ „Herminie hat mir Beweiſe genug von ihrer Liebe gegeben, und ich befürchte nicht, daß ſie ihre Geſin⸗ nung ändert.“ Es lagen mir ſchon einige vertrauliche Worte, die ich ihm mittheilen wollte, auf der Zunge... Aber nein! Ich kann mich nicht entſchließen, ihm Herminie aus dem Kopfe zu bringen, er würde mir doch nicht glauben; überdieß kann ſie eine Leidenſchaft für mich gefaßt haben und doch Jenneville immerfort lieben.. Dos geſchah ſchon oft, namentlich bei Frauen von Herminiens Schlag. Wir ſchweigen eine Zeitlang ſtille. Ich weiß je⸗ doch, daß ich ihm einen großen Dienſt erweiſen würde, Paul de Kock. TLII. 4 50 wenn ich ihn von dieſer Geliebten erlöstel... Aber wie ſoll ich es beginnen?... Wenn ich ihn mit ſeiner Frau ausſöhnen würde 1... Auguſtine wäre glücklich und ich hätte es bewerkftelligt. Dieſer Gedanke kann mich zum Verſuche dieſes Planes ermuthigen... ihr Glück gründen, würde mir ihre Erkenntlichkeit zu⸗ ſichern... dann wäre ich ihr nicht mehr gleichgültig!“ Ich nähere mich Jenneville wieder, der ohne Zwei⸗ ſel über den Verluſt ſeiner achtzigtauſend Franken nachdenkt. Ich weiß nicht, wie ich zum Ziel komme de kürzeſte Weg ſcheint mir, es ihm frei her⸗ aus zu ſagen.„Jenneville, denken Sie nicht manch⸗ mal daran, daß Sie verheirathet ſind?“ Jenneville ſieht mich mit Verwunderung an und antwortet mir ſofort:„Daran denke ich am wenig⸗ ſten! „Haben Sie denn Ihre Frau ganz vergeſſen?“ „O! vollſtändig.. warum fragen Sie mich aber dieß?“ „Weil ich es für unmöglich halte, daß man nicht bisweilen an Diejenige denkt, an welche man ſein Leben gekettet hat!“ „Gekettet! das ärgert mich gerade.. aber Sie ſehen, daß Jedes von uns trotz dem lebt, wie wenn dieß nicht der Fall wäre...“ „Ja, Sie; aber vielleicht Ihre Frau...“ „Sie thut, was ſie will, das iſt mir ganz gleich“ „Wandelt Sie alſo nicht bisweilen die Luſt an⸗ ſich mit ihr auszuſöhnen?“ 6 „Mich mit ihr ausſöhnen?... Gott bewahre mich K 5 davor; bisweilen denke ich an den Eheſtand zurück.. wie unterhaltend das iſt!.. „Sie waren aber doch in ſie verliebt, als Sie Ihre Gemahlin heiratheten?“ „Ich glaube, ja.. aber das hat nicht lange ge⸗ dauert.“ „Wenn es fortgedauert hätte, wären Sie dann nicht eben ſo glücklich geweſen, ja noch glücklicher, als Sie es jetzt ſind 2... Sehen Sie, Jenneville, über kurz oder lang wird man der Liebe für das ſchöne Geſchlecht im Allgemeinen überdrüſſig.. man fühlt, daß es angenehmer, natürlicher iſt, bloß Eine zu lieben.. Sie empfinden dieß bereits, da Sie der Frau von Remonde treu anhängen.. aber es wäre beſſer, glaube ich, ſeiner Frau treu zu ſein als ſeiner Geliebten, ja, ich bin es überzeugt, daß man glücklicher leben würde.“ „Mein lieber Deligny, Sie ſprechen wie ein noch nie verheirathet geweſener Mann!... Wenn Sie wüßten, wie dieſe Damen anſpruchsvoll, beſchwer⸗ lich, langweilig werden, ſobald ſie mit Einem ver⸗ bunden ſind! Ihr Hauptverlangen iſt vor Allem, un⸗ umſchränkt zu gebieten und uns zu ihren Sklaven zu machen. Wenn wir einen feſten Charakter zeigen und uns nicht an der Naſe herumführen laſſen wollen, dann ſind wir Thrannen! Ungeheuer!... O, beim Henker! wenn ich vom Morgen bis zum Abend dem Willen meiner Frau hätte folgen wollen, dann hätten wir ſehr gut mit einander gelebt; ſie hätte mich viel⸗ leicht angebetet!“ 52 „Glauben Sie, ſie habe Sie nicht geliebt?“ „Meiner Treu, mein Lieber, ich glaube nie, daß man mich liebt, wenn man mich unglücklich macht... ich kenne nichts Abſcheulicheres, als jene Frauen, welche Einen wüthend machen, indem ſie behaupten⸗ ſie lieben Einen... Ei, veim Teufel! haſſet mich⸗ aber laſſet mich in Ruhe!“ „Sie legen alle Fehler Ihrer Gemahlin zur Laſt; haben Sie ſich nie gegen dieſelbe verfehlt?“ „Mich verfehlt... gegen meine Frau?... Ah! Deligny, was kommt Sie heute an?. Sie ver⸗ fechten die Sache meiner Frau mit einer Wärme... Sie, der nie mit mir davon redete.. ſind Sie viel⸗ leicht in ſie verliebt, ſeitdem ich ſie Ihnen in Auteuil gezeigt habe?“ Ovgleich Jenneville dieſe Worte lachend ſagte, ſo erröthete ich dennoch und wurde verlegen, aber er bemerkte es nicht und fuhr fort:„Haben Sie Au⸗ guſtine ſeither wieder geſehen? hat dieſelbe Sie zu ihrem Advokaten angenommen?“ „In der That, ich habe... einmal... in Geſell⸗ ſchaft Ihre Frau Gemahlin getroffen, und ich geſtehe, daß ſie mir ganz anders vorgekommen iſt, als Sie mir ſie geſchildert haben.“ „Ei, beim Teufel!. in Geſellſchaft ſind dieſe Damen allerliebſt! in ihrem Hausweſen muß man ſie aber ſehen... Doch genug hievon.. wir haben viel zu viel von meiner Frau geſprochen. ich muß jetzt ſehen, daß ich Geld bekomme. Elender Blag⸗ nard! ein Mann, in den ich ein Vertrauen ſetzte⸗ —— * ——— 53 weil er ſich ſo artig zu benehmen wußte... ſich im⸗ mer nach der neueſten Mode kleidete!... Wohlan... ich muß mein Landgut verkaufen.“ Jenneville ſteht auf und will fortgehen, worauf ich ihn bei der Hand nehme und nochmals Allem aufbiete.„Jenneville, überlegen Sie vorher noch, ehe Sie es auf's Aeußerſte treiben.“ „Was ſoll ich überlegen?. ich brauche Geld, ich muß durchaus Geld haben... können Sie mir hunderttauſend Franken verſchaffen?“ „Nein leider, wenn ich es könnte.. „Nun, mein Freund, ſo laſſen Sie mich mein Landgut verkaufen.. „Aber... Sie würden nicht nöthig haben, ſich Ihres Vermögens zu berauben, wenn Sie ſich mit Ihrer Frau wieder vereinigten. „Mit meiner Frau! wieder meine Frau!.. ach, mein Freund, das iſt zu arg.. Bedenken Sie, daß, wenn Sie von meiner Frau reden, Sie mir einen Stich durch's Herz geben; Sie wollen mich vertreiben...“ „Nein, ich möchte im Gegentheil Ihnen zureden, dieſelbe beſſer kennen zu lernen, Sie bewegen, ihr Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen... Ich bitte, hören Sie mich noch einen Augenblick an... Sie haben Ihre Gemahlin falſch beurtheilt: ſie verehrte Sie. ſie ver⸗ ehrt Sie immer noch, ich weiß es gewiß; ſie hat Ihnen anſpruchsvoll, eiferſüchtig ſcheinen können, weil eine Frau im Anfang der Ehe nicht weiß, daß ſie ihrem Gatten viel Freiheit laſſen muß, aber von nun an, ſeien ſie es überzeugt, würde ſie Ihr Glück 54 machen, nachſichtiger gegen Ihre Schwächen ſein und dieſe Ihrer guten Eigenſchaften wegen entſchuldigen, die zärtlichſte, aufrichtigſte Freundin für Sie werden. Glauben Sie mir, kehren Sie zu ihr zurück, Sie werden mir bald für den Rath, den ich Ihnen jetzt gebe, danken.“ Jenneville ſieht mich ſehr kaltblütig an und gibt mir kurz zur Antwort:„Mein lieber Freund, ich werde mein Landgut verkaufen.“ Er iſt fort!... meiner Treu', ich habe mein Mög⸗ lichſtes gethan... Er tritt das Glück, das ich zu meinem größten Leid nicht erringen kann, mit Füßen! er ſoll ſich ruiniren, er mag ſich wegen einer ſei⸗ ner Liebe unwürdigen Frau entblößen, um ſo ſchlim⸗ mer für ihn!... Da er ſich weigert, in Auguſtinens Arm zurückzukehren, ſo verdient er auch nicht glück⸗ lich zu ſein. Bei all dem bin ich auch ruinirt. In der Hoff⸗ nung, meine dreißigtauſend Franken zu verdoppeln⸗ verſchwendete ich ſeit einiger Zeit das Geld, ohne daß ich mir Rechnung ſtellte!.. Höchſtens bleiben mir achtzehnhundert Franken Renten... Wenn mein Vater wüßte, wie gut ich mein Vermögen ange⸗ wendet habe!... Doch⸗ ich hege keinen Ehrgeiz⸗ keine eitlen Wünſche mehr.. dieſes beſcheidene Einkom⸗ men muß mir genügenz; da ich aber bei meinen Freunden nichts entlehnen und keine abgetragene Klei⸗ der anziehen will, ſo werde ich viel ordentlicher und ſparſamer leben müſſen. Ich bin gerade im Begriff, ein neues Budget zu 55 machen, als Dubois tanzend in mein Zimmer tritt. Es fällt mir bei, daß wir heute bei Vefour diniren ſollten. Ich reichte ihm die Hand und ſagte ſeufzend zu ihm:„Mein lieber Dubvis, ich kann Dich zu kei⸗ nem Diner mehr einladen, noch meine eigene Zeche bei Vefour bezahlen... Hinſichtlich der Schmausge⸗ lage, Reit⸗ und Landpartieen zähle nicht mehr auf mich.. das hat ein Ende, mein Freund, ich bin zu Grunde gerichtet!“ „Geh' mir doch!.. Du ſcherzeſt!“ „Nein, ich ſage Dir die Wahrheit... Herr Blag⸗ nard bringt mich um dreißigtauſend Franken, die er mir verdoppeln ſollte...“ „Blagnard!.. weißt Du, wohin er gegangen iſt? Ich eile ihm nach, ich finde ihn... und wenn er Dir Dein Geld nicht zurückgibt, ſo ſtoße ich ihm meinen Degen durch den Leib.“ „Sch danke Dir, aber man könnte eher einen Spitzbuben zehnmal erſtechen, als daß man einen Heller von dem, was er ſtiehlt, zurückerhielte. Ich muß mich darein fügen; es bleiben mir noch acht⸗ zehnhundert Franken Renten, womit ich noch leben kann, aber Du begreifſt wohl, daß ich nicht mehr alle Tage um zehn Franken per Couvert diniren kann.“ „Achtzehnhundert Franken und ein hübſches Geſicht Ah! wenn Du wollteſt, wie ſchnell würde ich für Dich eine reiche Wittwe finden... eine empfind⸗ ſame Frau mit vierzig bis fünfzig Jahren, die Dir alle Genüſſe des Lebens gewähren würde, ohne daß Du Dein Vermögen anrühreſt!“ 56 „Ich danke Dir, ich will mich lieber mit meinen achtzehnhundert Franken begnügen.“ „Dann wirſt Du mit der ſentimentalen Griſette fürlieb nehmen müſſen, die, inſofern ihr Liebhaber nur ein ſchöner Mann iſt, zufrieden iſt, wenn man mit ihr Sonntags ſpazieren geht und ihr mit einer Flaſche Bier und einem Halbdutzend Flammkuchen aufwartet, weil man ihr an Liebe erſetzt, was man ihr an Eßwaaren entzieht.“ „Ich will keine Griſette und keine reiche Wittwe ich werde mäßig und klug ſein... und bloß an diejenige denken, die ich nicht vergeſſen kann.“ „Ach, warum nicht gar! die platoniſche Liebe iſt freilich das Beſte, wenn man nicht bei Geld iſt; in⸗ deſſen wirſt Du aber mit mir diniren.“ „Ich habe Dir ſchon geſagt, daß ich es nicht mehr kann.“ „Ich ſage Dir, Du gehſt mit mir. Nun bewirthe ich Dich.. Ich habe ein herrliches Zuckergeſchäft gemacht und fünfzig Louisd'or gewonnen... ich werde ſie mit Dir bis auf den letzten Heller durchjagen, das iſt nicht mehr als billig... Du haſt mir lange ge⸗ nug Diners gegeben, nun iſt die Reihe an mir.“ „Dubois, ich will nicht, daß...“ „Du willſt nicht.. ſchämſt Du Dich an mir? hältſt Du mich für einen Filz, für einen Jolivet?... Du haſt für mich bezahlt, da ich nichts hatte, heute iſt die Reihe an mir... Ich will Dich ſpazieren füh⸗ ren, unterhalten, bewirthen vierzehn Tage hinterein⸗ ander* * 6 — 57 „Aber.. „Aber wenn Du Dich weigerſt, werde ich böſe und muß mich mit Dir ſchlagen... Du weißt, ich gerathe leicht in Aufwallung.“ Ich nehme lachend Dubvis beim Arm; er führt mich in das Palais-royal, läßt das Beſte auftragen, beſtellt die theuerſten Weine, und gibt fünfzig Fran⸗ ken für unſer Diner aus. Die fünfzig Louisd'or wer⸗ den nicht von langer Dauer ſein. Viertes Kapitel. Die Unterhaltung im Schatten. Mit achtzehnhundert Franken Einkommen darf ein unverheiratheter Mann kein Logis um ſechshundert Franken bewohnen, auch keine Magd halten. Ich habe dieß auf der Stelle eingeſehen, und um mei⸗ nen Entſchluß ſchneller auszuführen, namentlich um alle unangenehmen Fälle zu vermeiden, kündigte ich meinem Hausherrn und meiner Magd auf. Da ich von meiner verſchwundenen Größe keine Erinnerun⸗ gen mehr vor Augen haben wollte, ſo verkaufte ich einen Theil meiner Möbeln, um mehrere dringende Schul⸗ den zu bezahlen... überdieß werde ich in einem klei⸗ nen Logis nicht ſo viele Möbeln brauchen, denn ich werde in der Straße Charlot ein beſcheidenes Quar⸗ tier miethen. Auf dem Marais ſind die Logis nicht ſo theuer und die Straße Charlot liegt ganz nahe an der Straße Boucherat... ich werde glle Tage an ihren Fenſtern vorbeigehen... Meine Wohnung be⸗ daure ich nicht; ich gefalle mir ſehr in meinen zwei kleinen Zimmern im dritten Stock... dieß iſt we⸗ nigſtens ein Erſatz für meinen Kummer. Wenn ich nicht immer mit meiner unglücklichen Liebe beſchäftigt wäre, ſo könnte ich die Flucht Herrn Blagnards nicht ſo philoſophiſch ertragen. Dubois hat mir noch keinen freien Augenblick ge⸗ laſſen, ſeitdem er das Unglück, das mich getroffen hat, weiß: er führt mich alle Tage in die erſten Reſtaurationen der Stadt und bewirthet mich dort wie einen Fürſten; ich mag ihm zuſprechen, wie ich will, er ſolle ſein Geld ſparen, er entgegnet mir immer: wir müßten flott leben, damit ich nicht an meinen Vermögenswechſel denke; er würde mir ſo⸗ gar Maitreſſen anſchaffen, wenn ich es zugäbe. Jo⸗ livet iſt mir bloß einmal begegnet, und als er den Bankerott, bei dem ich betheiligt war, erfuhr, hat er mir plötzlich ein Dutzend hergezählt, in die er an⸗ geblich verwickelt iſt: er hatte vielleicht Angſt, ich möchte bei ihm Geld entlehnen; kurz, er erzählte mir von unglücklichen Spekulationen, fehlgeſchlagenen Un⸗ ternehmungen, ſo daß ich Mitleid mit ihm haben mußte. Darauf fiel es ihm ein, er habe einen ſehr dringenden Gang zu machen. Er wird mich wahr⸗ ſcheinlich nicht mehr beſuchen, was mir aber ſehr lieb iſt. Am meiſten wundert es mich, daß die Frau Luce⸗ val mich ganz vergißt. Ich weiß zwar wohl, daß ich meine Beſuche bei ihr aufgegeben und ihr geſagt — ½ habe, ich wolle ſie nicht mehr beläſtigen.. aber doch hoffte ich, ſie würde mich aus irgend einem Grunde zu ſich rufen laſſen. Wenn ſie wüßte, was ich zu Jenneville geſagt, was ich verſucht habe, um ihn zu ihr zurückzuführen... aber ſie weiß es nicht! Seit zehn Tagen bewohne ich mein kleines Logis in der Straße Charlot, und ſeit zwei Tagen hat mich Dubvis allein diniren laſſen, denn die fünfzig Louis⸗ d'or ſind verzehrt, was bei ſeiner Lebensweiſe nicht glänger dauern konnte. Allein er iſt deßhalb nicht traurig und ſobald er wieder bei Geld ſein wird, fängt er die nämliche Lebensart von Neuem an. Du⸗ bois iſt ein ſehr glücklicher Menſch, wenn die Sorg⸗ loſigkeit wirklich ein Glück iſt. Ich komme von meinem beſcheidenen Speiſewirth zurück, wo ich mich für meine zwei Franken ganz ſatt gegeſſen habe; es wundert mich, daß man um einen ſo mäßigen Preis und zwar gut zu Mittag ſpeiſen kann, und ich ſagte bei mir ſelbſt, daß man, ſo leicht es in Paris iſt, viel Geld zu verzehren, dort eben ſo gut mit wenig Geld angenehm leben könne, ein Vortheil, den man nicht in allen großen Städten findet. Ich denke, daß ich noch reich wäre, wenn ich alles Geld, das ich unnöthig vergeudet habe, beſäße. Es iſt doch ſonderbar, wie Vermögenszer⸗ fälle uns zu vernünftigen Betrachtungen veranlaſſen. Bevor ich nach Haus zurückkehre, mache ich einen Umweg in den türkiſchen Garten; meine Blicke ſuchen dort meine Nachbarin, finden ſie aber nirgends. Da⸗ gegen ſehe ich oft dieſelben Geſtalten wieder. Die 60. alten Eheleute, die ſich auf der Terraſſe vor Aller Augen hinſetzen; die jungen Verliebten, die ſich in den Luſthainen verbergen; den häuslichen Bürger, der mit Frau und Kinder vier Stunden vor einer Bou⸗ teille Bier ſitzt, während einige leichtſinnige Jüng⸗ linge in zehn Minuten Kaffee, Punſch und Gefrore⸗ renes zu ſich nehmen; den täglichen Gaſt, der auf dem Heimweg die Damen belorgnettirt und im Vorbei⸗ gehen vor der Kaſſierin mit einem lieblichen Lächeln den Hut abzieht; jene Familie, die bloß aus Frauen⸗ zimmern beſteht, welche den ganzen Sommer wie Diogenes ſpazieren gehen, als ob ſie einen Menſchen oder Mann ſuchten; jene alten Liebhaber, die frü⸗ her ſchön waren und ſich noch dafür halten, ſich um es immer zu ſein, jedes Jahr ausgeſuchter klei⸗ den und ſo viel als möglich wieder zuſtutzen; jene Mutter mit einer Haube, welche ihrer Tochter einen ungeheuren Hut aufgeſetzt hat, unter dem man kaum ihr Geſicht ſieht; jene fünfundfünfzigjährige Frau, die beſtändig ein ganz junges Kind an der Hand führt, daß man glauben ſoll, es ſei das ihrige; jene Fa⸗ milie, die durch ihre Sprache ihren Geburtsort ver⸗ räth und nach Liſch zum Deſſert Bavarviſe mit Cho⸗ kolade trinkt; jenen Herrn und jene Dame, die den ganzen Abend ſpazieren gehen, ohne ein Wort mit einander zu reden; jene großen Jungfern, welche alle Vorübergehenden von Kopf bis zu Fuß betrachten, wie wenn ſie mit der Beſchreibung ihres Signalements beauftragt wären, und tauſend andere Originale, wie es von jeher gegeben hat und wie es glücklicher Weiſe —,————.— —,————— 6½ immer geben wird, denn die öffentlichen Orte wür⸗ den an Reiz verlieren, wenn man dort nichts zu kri⸗ tiſiren fände. Ich habe meinen Gang durch den Garten bald gemacht, und da ich nichts ſehe, was mich interefſirt, ſo gehe ich friedlich nach Haus zurück. Mein Portier ſitzt mit ſeiner ganzen Familie vor der Hausthüre, was bei den Portiers auf dem Marais allgemein der Brauch iſt; dieß gibt unſerer Straße ein patri⸗ archaliſches und ganz ländliches Ausſehen. Uebrigens iſt mein Portier gegen mich ſehr dienſtfertig, weil er mein Zimmer beſorgt, und ſobald er mich in der Ferne erblickte, rief er mir zu:„Ich habe einen Brief für Sie, mein Herrz ich will ihn gleich holen.“ Einen Brief!... Er iſt wahrſcheinlich von Ninie, die ich ſeit dem Ball von Auteuil nicht mehr geſehen habe; ich wunderte mich, daß ſie mich nicht bereits beſucht oder mir geſchrieben hatte. Vielleicht iſt er von meinem Vater.. er wird böſe über mich ſein. Ich ging mit meinem Portier in ſein Stübchen. Er gab mir den Brief, indem er mir zeigte, daß er in mein früheres Logis geſchickt und von dort hieher gebracht worden ſei. Ich nehme den Brief, betrachte die Handſchrift: er iſt weder von meinem Vater, noch von Ninie; aber ich wollte wetten, er iſt von einer Frau.. Dieſe Damen haben eine beſondere Art, ihre Billete zu⸗ ſammenzulegen und zu verſiegeln. Ich öffne den Brief, ſehe ſogleich auf die Unter⸗ ſchrift. iſt's möglich, ſie iſt es Auguſtine ſchreibt mir!... Ja, Auguftine ſteht unten, und dieſe herrliche Handſchrift ſollte die ihrige ſein?... Ach! leſen wir ſchnell: „Ich habe ſo eben das Unglück erfahren, das Sie getroffen hat und den Bankerott jenes Mannes, wel⸗ cher Sie, ſowie Jenneville betrogen hat. Sie wollten mich nicht mehr beſuchen, ich hätte Ihren Vorſatz gebilligt, aber ein ſolches Unglück darf mir wohl erlauben, mich Ihnen zu nähern; bedürfen Sie Ihrer Freunde nicht? Trotz dem, daß Sie böſe über mich ſind, hoffte ich doch, würden Sie an meiner aufrichtigen Freundſchaft für Sie nicht zweifeln. Ich wünſche, daß Sie mich perſönlich über Ihre Lage beruhigen; werden Sie dieſe letzte Gefälligkeit nicht mehr gegen mich haben? Auguſtine.“ Tauſendmal küſſe ich den Brief und drücke auf tauſenderlei Weiſe meine Freude aus, ohne zu be⸗ merken, daß mein Portier mit ſeinem Licht in der Hand vor mir ſteht und mich mit einer ſonderbaren Miene anſieht. Als ich endlich etwas ruhiger wurde, ſagte er zu mir:„Dieſe Nachricht ſcheint nicht ſchlimm zu ſein!... Es freut mich ſehr, daß der erſte Brief, den Sie in unſerem Hauſe empfangen...“ „O ja, er entzückt mich! er macht mir ein unbe⸗ ſchreibliches Vergnügen...“ „Es iſt vielleicht eine Erbſchaft, die Sie nicht erwarteten?“ Alle dieſe Leute glauben, bloß das Geld mache glücklich! Aber der Portier iſt alt!... man muß ihn entſchuldigen... Von welchem Datum iſt der Brief? 63 Ich öffne den Brief nochmals, mein Portier hält mir das Licht unter die Naſe, indem er zu mir ſagt: „Es iſt ſonderbar.. es gehen von dieſen Lichtern bloß ſechs auf das Pfund, und ſie leuchten nicht ſehr helle.../ „Wie? dieſer Brief iſt von vorgeſtern datirt... und ich erhalte ihn erſt heute?“ „Die Spezereihändler ſtehen alle mit den Lichter⸗ ziehern auf gutem Fuße.. „Antworten Sie mir doch auf meine Frage. Haben Sie dieſen Brief zwei Tage in Ihrem Zimmer be⸗ halten?“ „Ich! mein Herr.. Ach! was denken Sie er iſt erſt ſeit hente Morgen hier... aber Sie ſind ſo ſchnell fortgegangen, daß ich Sie nicht einholen konnte... Dann dachte ich, er wird ihn heute Abend bekommen, es i6 non „Ge und ſeit heute Morgen wäre ich glöw. Ich wäre bei ihr geweſen... Aber es iſt ezehn Uhr, ich kann noch heute Abend hingehen... ſchon lange habe ich mir Gewalt angethan, nicht zu beſuchen, jetzt werde ich nicht mehr ſo oumm ſein!... Da ich mich durch die Beraubung die⸗ ſes Glücks doch nicht von meiner Liebe geheilt habe, ſo will ich ſie nun beſuchen, ſo oft als ſie es mir erlaubt, in ihrer Nähe weilen.. Aber nie, nein, nie werde ich mit ihr ein Wort von Liebe reden. Während ich mir dieſen neuen Lebensplan mache, habe ich die kleine Strecke, die mich von der Woh⸗ nung Auguftinens trennt, zurückgelegt. Ich bin in ihrem Haus, ihre Magd hat mir geöffnet und ruft an 64 bei meinem Anblick:„Ach, mein Herr, man hat Sie ſchon lange nicht mehr geſehen!... O das gute Mädchen! es fiel ihr auf.. Ich drüke ihr die Hand ſie öffnet mir ſchnell die Thüre des Salons; denkt ſie wohl, da ſie ſo dienſtfertig iſt, daß meine Gegenwart ihrer Frau Vergnügen machen werde?.. Endlich ſagte ſie:„Madame, Herr Deligny iſt da.“ Ich trete in den Salon, deſſen Thüre ſie hinter mir zumacht. Der Salon iſt groß, eine einzige Lampe hängt über dem Kamine, die dieſes Gemach nur theilweiſe und ſchwach beleuchtet. Das Wetter iſt herrlich, ein ſchöner Mondſchein verleiht dieſem Abend etwas Feierliches; ein Fenſter des Salons ſteht offen, an O und de i ihrer vehent Sie ter ſe treten. Wahrſcheinlich hat ſie nicht gehört, weyre Magd mich meldete, ſie glaubt ſich noch allein.. Ich bleibe in der Mitte des Salöns unbeweglie ſtehen, und bin ſo vergnügt, in ihrer Nähe zu ſein, daß ich kaum zu athmen wage. Ich glaube einen ſchönen Traum zu haben, aus dem mich die geringßte Bewegung erwecken könnte. An was denkt ſie in dieſem Augenblick?.. Wenn man in der Seele derer, die man liebt, leſen könnte!... Nein, es iſt, glaube ich, beſſer, daß man dieß nicht kann. Aber ſie hat ihr Taſchentuch zu ihren Augen er⸗ hoben.. ſie trocknet ſie ab.. ſie weint!... Ach! ſie denkt an ihren Mann! 5 65 Gegen meinen Willen mache ich eine Bewegung, worauf ſie ihren Kopf gegen mich wendet. „Ach, mein Gott!.. wer iſt denn da?“ „Ich bin es, Madame.“ „Herr Deligny, Sie ſind es!...“ „Ja, Ihre Magd hatte mich gemeldet, aber Sie haben ſie nicht gehört...“ „Und Sie bleiben da ſtehen, ohne mit mir zu reden?“ „Ich ſah Sie, ich war ſchon glücklich!“ „Und doch, wenn ich Ihnen nicht geſchrieben hätte allein nun ſind Sie da.. Ach!. es freut mich ſehr, daß ich Sie wiederſehe.“ Sie reicht mir die Hand, ich drücke ſie zärtlich und ſetze mich ſofort neben ſie an das Fenſter. Wir ſind ferne von dem Licht; der Schatten, der uns um⸗ hüllt, ſcheint aber dieſer Zuſammenkunft noch mehr Reiz zu geben. 6 „Ich habe Sie ſchon ſehr lange nicht mehr ge⸗ ſehen!.. Ich war ſo an Ihre Beſuche gewöhnt, daß ich die Abende ſehr lange gefunden habe.. „Ja, man gewöhnt ſich an Alles.“ „An Alles!.„. Es war auch zugleich ein Ver⸗ gnügen, mein Herrz ich glaube, ich habe es Ihnen zu erkennen gegeben...“ „Gewiß, Madame; ich war jederzeit mit Ihrer Aufnahme zufrieden... Aber, mein Gott! was ma⸗ hen wir Complimente!... Sie erlaubten mir frü⸗ per einen freundſchaftlichern Ton gegen Sie... Ich Paul de Kock. Lm. 6 5 66 K ſchmeichle mir, Sie werden noch eben ſo gütig gegen mich ſein.“ „Ja, gewiß, ich bleibe mir immer gleich. Reden Sie aber doch mit mir von dem, was Sie intereſſirt Sie ſind das Opfer eines Betrügers gewor⸗ den?“ „Ja, Madame.. das iſt heutzutage gar häufig der Fall!... Ich hätte ihm jevoch nicht trauen ſollen. Er war Alles, was einen Intriguanten charakteriſirt: unverſchämt, ein Schwätzer, anmaßend im Geſpräch, affeftirt im Benehmen, kurz, ein Mann, der Andere hinter das Licht zu führen ſucht!...“ „Und Sie haben ſich von ihm hinter das Licht führen laſſen?“ „Was hätte ich thun ſollen?... man wird über⸗ drüſſig, immer auf ſeiner Hut zu ſein... Am Ende überläßt man ſich dem Zufall... Ich wollte meine dummen Streiche wieder gut machen, wollte mich ſchnell bereichern...“ „Hat er Sie um viel betrogen?“ „Um dreißigtauſend Franken.“ „Und Sie haben keine Hoffnung, dieſen Mann wieder zu finden.“ „Man kann ihn wohl wieder finden, abe nie wieder Etwas von ihm erhalten. Die Bankerot ver treffen ihre Anſtalten ſo gut, daß eher ihre Gläur⸗ ger ihnen etwas ſchuldig ſind.“ „Und dieſer Verluſt... ſetzt er Sie in keine Ver⸗ legenheit?... Verzeihen Sie mir dieſe Frage. eine Freundin darf wohl dieſe Frag —,—— 67 Ich weiß, daß Sie ſich nicht an Ihren Vater wenden wollten.“ „O nein! ich will im Gegentheil dieſen Vorfall vor ihm geheim halten; doch bin ich, Gottlob! nicht ganz zu Grund gerichtet; es bleiben mir noch Mittel zu leben. und jetzt, da ich keinen Wunſch mehr habe, da ich mein Schickſal nicht mehr ändern kann, müſſen meine achtzehnhundert Franken Renten hin⸗ reichen. Nichts deſto weniger bin ich Ihnen für den Antheil, den Sie mir bezeigen, dankbar... Ich muß mir ſogar zu dem Verluſt, den ich erlitten habe, Glück wünſchen, da er mir einen Brief von Ihrer Hand eingetragen hat... Ohne dieß Ereigniß hätte ich wahrſcheinlich nichts von Ihnen erfahren.“ „Sie wollten mich ja nicht mehr beſuchen., ſollte ich Sie dazu zwingen?“ „Ja, es iſt wahr... Ich wollie Sie nicht mehr beſuchen, oder vielmehr ich hatte dieß in meiner ver⸗ drießlichen Stimmung geſagt.. ich habe übrigens ſeither wohl gefühlt, daß ich Unrecht hatte... Von nun an werde ich mich nicht mehr des Vergnügens be⸗ rauben, in Ihrer Geſellſchaft zu ſein.. wenn Sie, wie früher, meine Beſuche gerne annehmen wollen.“ „Gewiß, ich habe keine Urſache, ſie mir zu ver⸗ bitten.“ Auguſtine pal Pir auf eine ſonderbare Art dieß geantwortet. Es liegt in ihrem Benehmen, in ihrer Stimme etwas Gezwungenes; ich vermiſſe ihre frü⸗ here Hingebung und Offenheit gegen mich; ich möchte in ihren Zügen leſen können.. Aber wir befinden . ———— 68 uns im Schatten, ich kann den Ausdruck ihrer Augen nicht gewahren. Wir ſchweigen eine Zeitlang ſtille. Und doch habe ich ihr tauſenderlei zu ſagen... aber ich ſuche.. man ſollte meinen, ſit ſuche auch; indeſſen muß ſie nicht die nämliche Verlegenheit wie ich empfinden. „Wie haben Sie es denn erfahren, daß ich bei dem Bankerott dieſes Blagnards betheiligt ſei?“ „Zuerſt habe ich von Julchen gehört, daß Herr Jenneville viel dabei verliere... Julchen hat einen Verwandten, der ebenfalls etwas bei dieſem Betrü⸗ ger einbüßt... Sie hat mir dann auch geſagt, daß Sie zu den Gläubigern gehörten, wenn gleich mit einer kleinern Summe als Jenneville.“ „Ja, Ihr Gatte verliert achtzigtauſend Franken.“ „Wenn dieß ihn wenigſtens vernünftiger machen würde. „Ich pefürchte ſehr, daß er es wird... Die Frau von Remonde wird ihn zu einem dummen Streich verleiten. Voll Ränke, ſucht ſie, unter dem Schein der Uneigennützigkeit, ihn ohne Zweifel zu ruiniren!“ „Was wollen Sie machen, wenn ihm dieß be⸗ hagt!... Er iſt Herr über ſein Vermögen und kann nach Gutdünken darüber verfügen.“ „Wenn er meinen Rath hätte anhören wollen.“ „Sie haben ihn alſo in neueſter Zeit geſehen?“ „Er hat mich beſucht und von der Flucht Blag⸗ nards unterrichtet... Er war raſend... um ſo mehr, als er um jeden Preis Geld haben ſollte. und 69 zwar, weil Frau von Remonde einen Prozeß verloren hat!.. Aber... verzeihen Sie, ich ſollte Ihnen dieß vielleicht nicht ſagen.. da Sie jedoch gern wiſſen wollen, was Ihr Gatte thut...“ „O! was Sie mir da ſagen, wundert mich nicht, ich hatte es ſchon lange vorausgeſehen! Ich habe über jene Frau von Remonde bereits mein Urtheil gefällt; die Frauen täuſchen ſich ſelten hinſichtlich ihres Ge⸗ ſchlechts. Dieſe Herminie wird Herrn Jenneville ganz oder beinahe zu Grund richten.“ „Sie ſagen dieß mit ſolcher Ruhe!.. „Da man ihn nicht davon ſo muß man ſich wohl darein ergeben.“ „Wenn dieſe Frau ihn nur auch liebte!... Ich laſſe es mir gefallen, wenn man für eine Frau, de⸗ ren Liebe zu uns erprobt iſt, Opfer bringt.“ „Warum glauben Sie, daß Sie ihn nicht liebt?“ „Weil ich davon überzeugt bin...“ „Sie ſind davon überzeugt? Ah! dieſe Dame hat es Ihnen geſagt?“ „Sie hat es mir zwar nicht geſagt.. aber allem Anſcheine nach wäre es leicht, ſie Jenneville untreu zu machen.“ „Ah! ich begreife es.. Sie haben ihre Erobe⸗ rung gemacht!...“ „Eine ſolche Eroberung hat nichts Schmeichel⸗ haftes für ſich; ſolche Koketten ſind immer in die Männer, die ihnen den Hof am wenigſten machen, vernarrt... ſie wollen dieſe zwingen, die Herrſchaft ihrer Reize mzuer 70 „Und Frau von Remonde hat Sie gezwungen, die ihrigen anzuerkennen...“ „Nein, ich werde mich nie in dieſe Frau verlie⸗ ben... Als ich jedoch die Verblendung Jenneville's bemerkte, dachte ich, daß das beſte Mittel, ihn zur Erkenntniß ſeiner Narrheit zu bringen, vielleicht das wäre, ihm ſeine Geliebte zu verführen.“ „Ach, mein Gott! Tauſende könnten es darauf anlegen, ohne daß Herrn Jenneville die Augen dar⸗ über aufgingen. Dieſe Frau muß mit dem Betrügen gut umgehen können, das iſt ihre ſtarke Seite!... Wenn er zu Grund gerichtet ſein wird, dann wird ſie ihn nicht mehr täuſchen; aber ich halte es nicht für nöthig, daß Sie ſich aufopfern, um Ihrem Freunde von Nutzen zu ſein, jedoch nicht aus dem Grunde, daß ich Sie von einer Eroberung, die für Sie manche Reize haben kann, abwendig machen möchte!...“ „Sie hat keinen Reiz für mich, ich ſchwöre es Ihnen, und ich habe Ihnen dieß bloß deßwegen an⸗ vertraut, weil es mir ſehr leid thut, Ihren Gaiten von dieſer Frau beherrſcht zu ſehen!“ „Wir wollen die Frau von Remonde gehen laſſen ich habe mich ſchon zu viel mit ihr beſchäftigt. Iſt es wahr, daß Sie Ihr Logis in der Vorſtadt Poiſonniére verlaſſen haben?“ „Ja, Madame.“ „Ich habe es wieder durch Juliette erfahren... ſie iſt ſo gut... Vor zwei Tagen habe ich Ihnen geſchrieben, und da Sie mich nicht veſuchten, fürch⸗ tete ich, Sie hätten meinen Brief nicht erhalten„. 71 nun habe ich Julie, die heute früh an Ihrem Hauſe vorbeiging, gebeten, ſie möchte ſich nach Ihnen er⸗ kundigen.“ „Ich habe Ihren Brief erſt heute Abend erhalten Sie ſehen, daß ich ungeſäumt darauf geantwor⸗ tet habe.“ „Wo wohnen Sie denn jetzt?“ „Hier in der Nähe.. in der Straße Charlot... ich bin Ihr Nachbar.“ „Ach! ſchön, daß Sie auf dem Marais wohnen diecß iſt ein Anfang Ihrer veränderten Lebens⸗ weiſe.“) „Deßhalb bin ich nicht hieher gezogen!... ſon⸗ dern ich glaubte, Ihnen bisweilen auf dem Spazier⸗ gang in der Umgegend zu begegnen... es ſcheint aber, Sie gehen ſehr wenig aus... Da ich weiß, daß Sie in Lucienne ein Landgut haben, ſo vermuthete ich Sie dort.“ „Ich ſollte auch in der That dort ſein... die Jahreszeit iſt herrlich.. Ich weiß nicht, was mich zurückgehalten hat; ſeitdem Sie mich nicht mehr be⸗ ſucht haben, alſo beinahe ſeit einem Monate, bin ich faſt nicht aus dem Hauſe gekommen; und Sie? haben Sie ſich viel unterhalten?“ „Unterhalten? o nein!.. aber ich bin da und dorthin gegangen... Dubois war faſt immer bei mir das iſt ein ganz guter Kerl. Seit dem Banke⸗ rott, der mich getroffen, hat er mir unzählige Pro⸗ ben von ſeiner Anhänhlichkeit gegeben.“ „Das iſt ſehr ſchön. vieß entſchuldigt ſeine 2 Fehler, denn ich glaube, er iſt etwas ausſchweifend er lauft allen Frauenzimmern nach...“ „Ja, er ſagt, man müſſe Alle lieben, um nicht eine einzelne zu ſehr zu lieben... Er könnte wohl recht haben...“ „Ach! Sie denken jetzt auch ſo... die Geſell⸗ ſchaft des Herrn Dubois hat Ihnen eine andere An⸗ ſicht als Ihre frühere beigebracht.“ „Wenn dem ſo wäre, ſo würde es ſehr gut für mich ſein.“ Auguſtine antwortet nichts, ſteht auf, ſetzt ſich aber wieder an das Fenſter... Ich mache es ebenſo, dann betrachten wir einige Minuten lang den Mond. Aber nicht mit dem Mond beſchäftigte ich mich, ſondern ich dachte über die Veränderungen nach“ die ich in Auguſtinens Benehmen bemerkte; ich finde ſie nicht mehr ſo heiter in ihrer Unterhaltung, nicht mehr ſo freundlich gegen mich... Was hat ſie denn?... was geht in ihrem Herzen vor?... Wie ſonderbar! je mehr ſie mir zur Melancholie geneigt ſcheint, deſto mehr glaube ich der meinigen los zu werden, und ein frohes Gefühl, das ich mir ſelbſt nicht erklären kann, bemächtigt ſich meiner Seele. Plötzlich mußte ich laut lachen; Auguſtine fragt mich:„Worüber lachen Sie denn?“ „Weil wir alle Beide ſchon eine Viertelſtunde den Mond betrachten, ohne ein Wort zu ſprechen.“ „Mein Gott! wie luſtig ſind Sie jetzt!“ „D'rum freue ich mich, in Ihrer Nähe zu ſein.“ „Dieſes Vergnügen ſtimmte Sie früher nicht ſo — —————— — 73 heiter... übrigens wünſche ich Ihnen Glück zu dieſer Veränderung; ein Beweis, daß Sie keinen Kummer mehr haben.“ Ohne hierauf Etwas zu antworten, ſehe ich auf die Straße; es ſchien mir, ein Mann ſtehe vor un⸗ ſerem Hauſe, und hefte ſeinen Blick auf uns. Ich täuſche mich nicht, es ſteht allerdings Jemand untenz ich betrachtete dieſes Individuum eine Zeit lang; die Perſon geht langſam auf und ab, entfernt ſich aber nicht von der Wohnung der Fran Luceval. Auguſtine bemerkte es ebenfalls, denn ſie ſagte nach einer Weile zu mir:„Man ſollte meinen, es laure uns Jemand auf der Straße auf.“ „Ich bemerke es auch.“ „Es iſt vielleicht eine Geliebte von Ihnen, die ungeduldig wird, daß Sie ſo lange bei mir bleiben.“ „Es iſt keine Frau, ſondern ein Mannk. und zwar ein Mann mit einem ziemlich ſchlechten Anzug, ſo viel ich ſehen kann... aber wahrſcheinlich geht er nicht unſertwegen hier ſpazieren, er hat ohne Zweifel ein Rendezvous in der Gegend.“ „Sie haben, glaube ich, recht. Ei, weil gerade von Rendezvous die Rede iſt, was machen Sie mit der kleinen Ninie?“ „Ich mache nichts mit ihr.. ich habe ſie ſeit dem Ball in Auteuil nicht geſehen... indeſſen hat ſie mir mehrere Male geſchrieben, ich ſolle ſie beſuchen.. ſie will ohne Zweifel mit mir von ihrem Adolph reden, mit dem ſie mich ſprechen ſah. Armes Mädchen!.. ſie war äußerſt erſchrocken über ſeinen Anblick ſie vefürchlete, er mache ihr Grobheiten. Ich will ge⸗ legentlich einmal nach ihr ſehen, was ſie macht.“ „Hat ſie gegenwärtig keinen andern Liebhaber?“ „Ich weiß es nicht, aber ich glaube nicht. Ninie iſt wirklich arbeitſam, ordentlich, und wäre ohne die Rathſchläge einer ihrer Freundinnen gewiß ſittſam ge⸗ blieben.“ „O ja ſittſam! wie es alle dieſe Jungfern ſind.“ Auguſtine ſcheint mir früher nachſichtiger geweſen zu ſein; ich möchte nur in ihrem Blicke leſen können in dieſem Momente beleuchtet ein Mondſtrahl ihr Geſicht... ich ſehe ſie ſchnell an, allein wahrneh⸗ mend, daß meine Augen auf die ihrigen gerichtet ſind, zieht ſie ſich vom Fenſter zurück und ſiellt ſich wieder in den Schatten. Bald darauf ſchlug die Uhr in dem Salon die zwölfte Stunde. „Zwölf Uhr!“ rief Auguſtine. „Wie die Zeit in Ihrer Nähe ſo ſchnell verſtreicht.“ „Das heißt, Sie ſind ſehr ſpät gekommen... doch glaubte ich nicht, daß es ſchon Mitternacht wäre, Sie müſſen jetzt fortgehen... Was wird man in dem Hauſe denken 2... Gehen Sie fort. machen Sie ſchnell... es iſt mir ſehr lieb, daß Sie ganz in der 6 Nähe wohnen, denn jener Mann, der in der Straße auf und ab ging, würde mich ängſtigen.“ „Ach, welche Thorheit! überdieß iſt er ſchon lange nicht mehr da. Leben Sie wohl, Madame, Sie er⸗ lauben mir, daß ich Sie bald wieder beſuche?“ „Gewiß, wenn es Ihnen angenehm iſt. Leben — —. natürlich ſcheint. 75 Sie wohl, Herr Deligny, gehen Sie ſchnell über die Straße, ich werde Ihnen mit den Augen folgen.“ Welch liebenswürdiger Antheil!... ich habe ſie nie ſo zärtlich, ſo beſorgt für mich geſehen! Ich nehme Abſchied von ihr und ſehe ſie von der Straße aus noch am Fenſter ſtehen... auch glaube ich im Schatten eben denſelben Mann wahrzunehmen, den wir be⸗ reits bemerkt haben; ohne aber weiter hierauf zu achten, komme ich ohne Unfall in meiner Wohnung an. Ich kann nicht wohl alle Gedanken, die mir im Kopfe herumgehen, ausdrücken, aber ich weiß, daß ich nie ſo glücklich geweſen bin. Fünftes Kapitel. Mein Vater in Paris.— Sonderbare Lage. Im Laufe des folgenden Tages habe ich Augu⸗ ſtine wieder beſucht und Abends noch einmalz mit welchem Vergnügen gewöhne ich mich wieder an die⸗ ſen angenehmen Zeitvertreib!... ſie nimmt mich ſo gut auf, ihre Unterhaltung hat ſo viel Anmuth!... Indeſſen beſtärkt Alles meine erſten Beobachtungen: ſie iſt nicht mehr ſo unbefangen, nicht mehr ſo offen gegen mich; ihr Blick ruht, wenn ich mit ihr ſpreche, nicht mehr ſo freundlich auf dem meinigen; wenn unſere Augen einander begegnen, ſo dreht ſie ſchnell den Kopf weg; oft iſt ſie zerſtreut, tiefſinnig, und wenn ich ſie damit aufziehe, bemüht ſie ſich umſonſt, zu lachen, heiter zu ſcheinen, was mir in keinem Falle 76 Meinem Vvrſatze geiren habe ich kein einzigess„ Wort von Liebe mit ihr geſprochen; man meint bis⸗ weilen, ſie ſuche das Geſpräch auf dieſes Kapitel zu führen; dann weiche ich aber aus, und ſpreche ſo⸗ gleich von gleichgültigen Dingen. Ich bemerke ſofort etwas wie Ungeduld oder Ueberdruß in Auguſtinens„ Zügen. Die Frauenzimmer haben überhaupt ein ſo ſon⸗ derbares Gemüth, daß es mich nicht wundern ſollte, wenn ſie, ſelbſt nicht geneigt, mich zu lieben, über meine Gleichgültigkeit geärgert würde. Ach nein! ein ſo frivo⸗ les Gefühl kann die Melancholie Auguſtinens nicht ver⸗ urſachen. Bisweilen ſchmeichle ich mir, daß... aber nein! wir wollen uns nicht ſchmeicheln; es iſt zu ſchmerzlich, ſpäter getäuſcht zu werden. Es fällt mir auch auf, daß ſie nicht mehr mit mir von ihrem Gatten ſpricht. Wenn ich den Namen Jen⸗ neville ausſpreche und Etwas von ihm erzählen will, ſo fängt ſie jetzt ein anderes Geſpräch anz ſie nimmt mich alſo nicht mehr auf, um ſeine Handlungen zu erfahren, jetzt erlaubt ſie mir wegen meiner eigenen Perſon(und zwar nicht, um ihr Dienſte zu leiſten), daß ich ſie täglich beſuche. Ich glaube, dieß ohne Eigenliebe annehmen zu können. Ihre alte Freundin, die Frau Dermont, bringt„ den Sommer auf einem ihrer Landgüter zu, wo Au⸗ guſtine ihr einen Beſuch verſprochen hat. Ich fürchte, ſie halte ihr Verſprechen, aber ſie ſcheint nicht daran zu denken. Julchen beſucht ſie oft und wir finden uns alle drei zuſammen. Julchen ift ſehr freundſchaftlich gegen michz ſie iſt munter, liebenswürdig, ſehr ſpaßhaft; ich ſehe, daß die Melancholie Auguſtinens ſie nicht beunru⸗ higt: im Gegentheil ſcheint ſie darüber zu ſcherzen, wenn dieſelbe zerſtreut odex tiefſinnig iſt: ſie bricht in Lachen aus, wenn Auguſftine ſeufzt, worauf dieſe zornig, unwillig wird und ihre Freundin nur um ſo mehr lacht. 5 Eines Morgens habe ich Frau Luceval beſucht, und fand ſie tiefſinniger als gewöhnlich, da kam Julchen ebenfalls. Sie hatte von Frau Dermont Nachrichten erhalten, die Auguſtine ſehnlichſt auf ihrem Landgut erwartet. „Nun!“ fragte Julchen lächelnd,„was ſoll ich ihr antworten?“ „Was Du willſt,“ entgegnete Auguſtine mürriſch; „es muß Dir viel daran liegen, daß ich Paris ſchnell verlaſſe!.... „Nein, es nimmt mich aber Wunder, daß Du nicht auf Dein Landgut gehſt.“ „Ach Gott! ich werde ja hingehen... habe ich nicht noch Zeit genug dazu?“ „Es iſt bereits Ende Juni!... früher lebteſt Du ſo gerne auf dem Lande!“ „Ich lebe noch gerne dort, allein es iſt noch nicht ſchattig genug!“ „Ah! dieß iſt etwas Anderes!... ich hatte nicht daran gedacht. Soll ich der Frau Dermont antwor⸗ ten, Du werdeſt ſie erſt beſuchen, wenn die Wäldchen recht belaubt ſind?“ „Vie ſpöttiſch ſind Sie, Julchen; ich weiß nicht, 78 was ich Ihnen gethan habe, allein ſeit einiger Zeit ſuchen Sie mich bloß zu kränken.“ Bei dieſen Worten bedeckte Auguſtine ihre Augen mit dem Taſchentuch, ſtoßt ſchwere Seufzer aus und weint wegen eines Scherzes ihrer Freundin heftig; ich begreife nichts davon... Juliette ſpringt ihr zu, um ſie zu umarmen, aber Augußine ſteht auf/ ver⸗ läßt(wahrſcheinlich ſich ſchämend der Thränen, die ſie eben vergoſſen hat) ſchnell den Salon und ſchließt ſich in ihr Schlafzimmer ein. Ich bin bei Julchen geblieben. „Begreifen Sie ihren Schmerz?“ ſagte ich zu ihr. „Doch ja. ich glaube ſie zu verſtehen, und ich verſichere Sie, es iſt mir lieber, wenn ich ſie ſo ſehe, als in ihrer früheren Stimmung.“ „Früher war ſie jedoch heiterer.“ „Ja, bei Ihnen... vor den Leuten, aber wenn ſie allein war, ſo beſchäftigte ſie ſich bloß mit ihrem Gemahl! ſie wollte Alles wiſſen, was er trieb; kurz⸗ ſie liebte ihn immerfort, und ich geſtehe, dieß that mir wehe, weil ein Mann, der ſich ſo niederträchtig wie Jenneville aufführt, der eine junge Frau ver⸗ läßt, die keinen andern Fehler hat, als daß ſie ihn zu ſehr liebt, gewiß nicht verdient, daß man nur einen einzigen Seufzer um ihn ausſtößt.“ „Ah! Sie haben rechtz glauben Sie demnach, Frau Luceval beſchäftige ſich weniger u ihrem Manne?“ „Dieß ſcheint mir offenbar.. „Aber zürnen, weinen, wegen eines Wortes, das Sie im Scherz geſagt haben?“ 79 „Ich habe vielleicht unrecht gehabt, alleines gibt Tage, wo die Frauen weinen müſſen, und Augu⸗ ſtine hatte, glaube ich, gerade einen ſolchen Augen⸗ blick. Ich kenne übrigens ihr Herz und werde mich mit ihr ausſöhnen... Leben Sie wohl, Herr Delignp, beſuchen Sie ſie heute Abend wieder, ich ſtehe Ihnen dafür, daß ſie nicht mehr weinen wird.“ Bei dieſen Worten lächelte mich Julchen mit einer boshaften Miene an und ſuchte ihre Freundin auf. Ich gehe fort und denke über das ſo eben Gehörte nach, wage aber noch nicht, mich der Hoffnung hin⸗ zugeben, daß meine Liebe endlich erwiedert werde, doch durch das, was ich geſehen, beglückt genug. Die Männer ſind eben ſo gefallſüchtig wie die Frauen⸗ zimmer; ſeitdem ich mit Auguſtine nicht mehr von Liebe rede, ſcheint ſie um Alles in der Welt wiſſen zu wollen, ob ich immer noch Liebe zu ihr hege, aber ich werde es ihr nicht ſagen, ohne daß ich ihrer Gegenliebe ganz gewiß bin. Ich begebe mich nach Hauſe, mein Portier hält mich an, übergibt mir einen Brief und ſagt mit einer freundlichen Miene zu mir:„Dieſen habe ich erſt ſeit heute Morgen, ich kann Sie verſichern.“ „Es ſcheint mir aber dem Stempel nach, daß er ſchon geſtern in Paris angekommen iſt.“ „Ach! mein Herr, d'rum hat man ihn wieder in Ihr früheres Logis getragen, daher kommt die Ver⸗ zögerung.“ Ich erkannte die Handſchrift meines Vaters, und ging, um den Brief zu leſen, ſchnell in mein Zim⸗ mer hinauf, zur großen Verwunverung meines Por⸗ tiers, der ſtehen blieb, wahrſcheinlich, um zu ſehen, ob dieſer Brief mich eben ſo fröhlich ſtimmte als der letzte, den er mir übergeben hatte. Ich dachte, mein Vater werde mich zanken, daß ich ihn ſo lange nicht beſuche. Ich hatte nie ſo lange gezögert!... wie könnte ich mich aber jetzt entſchließen, mich von Auguſtine zu entfernen, und wäre es auch nur auf drei Tage... von ihr, die meinetwegen in zu bleiben Ich öffne ruhig den Brief meine Vatrrs, aber ſchon nach den erſten Zeilen war i nicht mehr ſo gelaſſen.. Mein Vater kommt nach Paris! ach, mein Gott! ich will noch einmal leſen:„Mein lieber Sohn, da Du keine Zeit haſt, mich zu beſuchen, da Deine vielen Geſchäfte, Deine glänzenden Spekulationen alle Deine Stunden in Anſpruch nehmen, ſo will ich auf einige Tage nach Paris kommen, wo es mich ſehr freuen wird, mich von Deiner glücklichen Lage und Deinem Reichthum ſelbſt zu überzeugen. Ich wollte Dich zuerſt überraſchen, da ich aber Dein ſchönes Paris, wo ich bloß zweimal in meinem Leben und zwar vor zwanzig Jahren das letzte Mal geweſen bin, ſehr wenig kenne, ſo iſt es mir lieber, wenn ich bei dem Ausſteigen aus dem Eilwagen Dich ſogleich antreffe. Mache mir daher das Vergnügen, mich im Hofe der Fahrpoſten zu erwarten, unſer Eilwagen kommt Abends fünf Uhr in Paris an, wo ich den Tag nach meinem Briefe mich einfinden werde.“ Den Tag nach meinem Briefe! und geſtern iſt 81 er angekommen, alſo kommt mein Vater heute um fünf Uhr an, um ſich über meine Glücksumſtände per⸗ ſönlich zu überzeugen, um die glänzende Rolle, die ich in Paris ſpiele, mitanzuſehen!.. Mein armer Vater! wenn er das Reſultat meiner Spekula⸗ tionen erfahren wird, wenn er hören wird, daß meine vielen Geſchäfte mich in ein kleines Logis im dritten Stock auf dem Marais verſetzt haben... und keine Dienerſchaft, kurz nichts mehr, was Reichthum ver⸗ räth, um mich her iſt! Ach, mein Gott, was wird er ſagen? er wirß alſo die Wahrheit erfahren müſſen, daß ſein lieber Sohn beinahe ruinirt iſt... Armer Väter!. ihm dieß ſagen müſſen, wenn er zur Be⸗ luſtigung, zur Unterhaltung nach Paris kommt... wie wird es ihn ergötzen, wenn er erfährt, daß ich in weniger als ſieben Jahren faſt zehntauſend Fran⸗ ken Renten verzehrt habe. O! ich muß ihm meine Lage durchaus verbergen.. aber wie kann ich das? Mit großen Schritten gehe ich in meinen zwei kleinen Zimmern auf und ab, ſehe mich um und muſtere mein Logis genauer als je; ich ordne meine Möbel beſſer, ſtäube ab, ſtelle einige Seſſel hin und her; ich mag aber thun, was ich will, all dieß macht meine Wohnung nicht ſchöner, nicht geräumiger. Mein Vater, der für ſich allein ein ganzes Haus hat, wird ſich in meinen zwei manſardenartigen Stübchen nicht umdrehen können, was ich bisher gar nicht beachtet hatte, weil ich von meinem Fenſter aus bloß an die Straße Boucherat dachte. Paul de Kock. LI. 82 Schreckliche Verlegenheit! Mein Vater iſt freilich gut, aber um ſo mehr wünſchte ich, ihm keinen Aerger zu verurſachen, was in hohem Grade der Fall wäre, wenn er erführe, daß ſein Sohn, den er für ſehr ordentlich gehalten, ſein Vermögen ſo ſchlecht ver⸗ waltet hat!... und dann wird er, wenn er dieß hört, mich bewegen, Paris zu verlaſſen und meinen Wohnſitz in ſeinem Städtchen zu nehmen, damit ich ſparen lerne. Paris verlaſſen, das will ich nicht... Ein Logis unter dem Dache genügt mir, wenn ich nur Auguſtine täglich ſehe... Mein Vater wird dieß nicht verſtehen, Er wird wi mir vom Heirathen reden hat bereits einige Worte davon erwähnt; wenn ich ihm geſtehe, ich ſei in eine reiche Frau ver⸗ liebt, ſo wird er zu mir ſagen:„Heirathe ſie!“.. Sie heirathen iſt aber rein unmöglich, ſelbſt wenn wir Beide es gerne möchten. Um alle dieſe Verdrieß⸗ lichkeiten zu vermeiden und von meinem Vater keine Vorwürfe zu bekommen, muß ich ihn auf irgend eine Art über meine Lage zu täuſchen ſuchen. Ich ſehe auf meine Uhr: es iſt noch nicht ein Uhr; mein Vater kommt erſt um fünf Uhr an, i habe noch drei Stunden vor mit und in Paris kan man in drei Stunden noch viele Veränderungen tref⸗ fen. Ich mache mich auf und fahre in einem Cab⸗ riolet zu Dubois. Das letzte Mal, als ich ihn ge⸗ ſehen habe, ſagte er zu mir, er wohne in der Straße des Lombards, wenn er nur noch dort logirt. Ich habe ihn ſeit mehreren Tagen nicht geſehenz in die⸗ v 8³ ſem Augenblick kann er mich allein aus der Verle⸗ genheit ziehen. Ich treibe meinen Kutſcher und endlich kommen wir in der erwähnten Straße an. Mein Cabriolet ſchicke ich zurück und gehe in ein Haus, das ſchon unter König Johann gebaut worden ſein muß; hier fragte ich bei der Pförtnerin, die eben ſo alt als das Haus zu ſein ſcheint, nach Herrn Dubois. „Er iſt zu Haus, im zweiten Stock, hinten.“ Er iſt zu Haus!.. beim Teufel! das iſt ein glück⸗ licher Zufall!... Eilends ſpringe ich hinauf und klopfe bei Dubois an. Man öffnet mir nicht... ſollte ich mich in der Thüre getäuſcht haben? Ich klopfe an der Seite, eine alte Frau erſcheint... Es befinden ſich alſo in dieſem Hauſe bloß alte Perſonen. „Herr Dubois?“ „Mein Herr, dort iſt die Thüre.“ „Ah! verzeihen Sie, Madame.“ Ich hatte mich nicht getäuſcht, ich will noch ein⸗ mal klopfen... Die Pförtnerin weiß vielleicht nicht, daß er ausgegangen iſt... vielleicht hat Dubois ge⸗ rade ein Frauenzimmer bei ſich und will nicht öffnen. Ich ärgerte mich, und machte vor ſeiner Thüre ein ſolches Geräuſch, daß er mir wohl eine Antwort ge⸗ ben mußte. Ah! endlich höre ich Jemand und erkenne die Stimme Dubvis', der ruft:„Nur einen Augenblick!. preſſirt es denn ſo 2... wer iſt da?“ „Ach! ich bin es, Paul, öffne doch!“ 84 „Du biſt es, mein lieber Freund?“ Bei dieſen Worten öffnet Dubois ſeine Thüre und ſteht im Hemd vor mir. „Wie, Faullenzer!... Du liegſt noch im Bette!“ „Ja, mein Freund.“ „Um ein Uhr Nachmittags noch im Beite?“ „O! das iſt mir einerlei!“ „Haſt Du denn die Nacht auf einem Ball zuge⸗ bracht?“ „Nein! ich habe in meinem Bette geſchlafen.“ Während deſſen legte ſich Dubvis wieder nieder. „Ei, Dubvis, was dentſt Du?... Du liegſt wie⸗ der in's Bett?“ „Ja, mein Freund.“ „Biſt Du krank?“ „Nein, wahrhaftig nicht., ich erfreue mich im Gegentheil einer herrlichen Geſundheit.“ „Und Du legſt Dich um ein Uhr wieder nieder?“ „Ich muß wohl, mein Freund... Ei, haſt Du meine Thüre geſchloſſen?“ „Ja, Deine Thüre iſt geſchloſſen, aber ich bitte Dich, Dubvis, ſteh' auf, Du mußt mir helfen, muß mich aus einer Verlegenheit reißen.. die Zeit iſt kurz.“ 5 „Mein Freund, ich würde herzlich gerne aufſe⸗ hen.. glaubſt Du denn, ich liege zum Vergnügen in's Bett!.. ich, der ich tauſend Ausgänge zu machen bätte.. heute Vormittag zu zehn Rendezvous.. un ter andern zu einer Spitzenklöpplerin eingeladen bin! Ach! wenn ich nur nicht die Thorheit begangen hätte, davon zu ſprechen!“ — — 85 „Nun, Dubois, keinen Scherz, kleide Dich an, ich bitte Dich.“ „Ach, mein Lieber, wie kann ich mich denn an⸗ kleiden.. ich habe keine Unterhoſen.“ „Keine Unterhoſen?“ „Oder beſſer geſagt, keine Hoſen.“ „Du haſt keine Hoſen hier?“ „Ach! kein einziges Paar.“ „Wenn Du keine Sommerhoſen haſt, ſo ziehe Winterhoſen an!“ „O, ich bin nicht gewohnt, meine Wintergar⸗ derobe über den Sommer aufzubewahren, aus Furcht, ſie möchte von den Schaben gefreſſen werden; in⸗ deſſen würde ich trotz der Hitze ſogar Biberhoſen an⸗ ziehen, wenn ich welche hätte.“ „Du biſt aber doch geſtern nicht ohne Hoſen nach Hauſe gegangen?“ „Nein, ſicherlich nicht, ich hatte geſtern ein Paar geköperte Hoſen mit Lilaſtreifen an, die mir wie an⸗ gegoſſen waren, ferner hatte ich drei andere Paar in dieſem ehrwürdigen Schrank, den Du dort unten ſiehſt.“ „Man hat Dich alſo peute Nacht beſtohlen?“ „Ah! ah! ah! es iſt der lächerlichſte Spaß.“ „Es lächert Dich, daß Du keine Hoſen haſt?“ „Mein Freund, wenn man eingerichtet iſt wie ich, ſo kann man nur dabei gewinnen, und wenn man meine Lage kennen würde, ſo ſtehe ich Dir da⸗ für, daß ich heute von vielen Frauenzimmern Beſuch erhalten würde!“ 86 „Dubois, ich muß eilen, erkläre Dich, ich bitte Dich.“ „Nun, ſo hör' einmal: Geſtern Nacht gegen elf Uhr beſuchte mich ein verliebtes Frauenzimmer, eine Nähterin ihres Handwerks, die in meiner Einſiedelei bei mir übernachtete, während man glaubte, ſie wache bei einer ihrer Tanten, welche ſie, um zu mir zu kommen, alle Woche von einer Miſerere-Kolik be⸗ fallen läßt. Meine Nähterin iſt aber eiferſüchtig wie Othello, und heute Nacht ſprach ich unvorſichtiger Weiſe im Scherze mit ihr von einer gewiſſen hübſchen Spitzenklöpplerin, bei der ich heute zu thun hätte. Meine Ariane ſprach nichts; aber weißt Du, was ſie gethan hat?... Heute früh ging ſie fort, wäh⸗ rend ich ſchlief, und um mich an meinem Rendez⸗ vous zu verhindern, hat die Grauſame alle meine Hoſen fortgenommen... O! ſie hat mir kein ein⸗ ziges Paar gelaſſen... Als ich mich ankleiden wollte, ſah ich, daß ich in meinem Zimmer ein Gefangener bin, ich kann nicht einmal als Bäckerburſche aus⸗ gehen, weil dieſe Herren gegenwärtig auch nicht mehr wie Wilde auftreten.“ „Das iſt ein abſcheulicher Streich! aber Du könnteſt Dir durch Deinen Portier ein Paar Hoſen 4 kaufen laſſen.“ „O ja, kaufen!.. das iſt gut ſagen.. ich habe aber, glaube ich, höchſtens zwölf Sous im Hauſe, und damit kann man kaum papierne Hoſen kaufen!“ „Wie! Du haſt kein Geld und verlangteſt keines von mir?“ 87 „Du haſt ja kaum genug für Dich; auch glaube ich nicht, ſo bald Geld zu bedürfen... Bei meinem Koſtherrn habe ich Kredit, und von heute über acht Tage ſchließe ich drei herrliche Geſchäfte ab. Außer⸗ dem weiß ich gewiß, daß mein verliebtes Frauenzim⸗ mer heute Abend mit meinen Hoſen wieder kommen wird, ſie hat bloß mein Stelldichein für heute Abend vereiteln wollen.“ „Ich brauche Dich auf der Stelle. Mein Valer kommt nach Paris und wird bereits um fünf Uhr da ſein... Ich möchte ihm auf irgend eine Art meine Lage verbergen, möchte ihn auf dem Glauben laſſen, ſein Sohn ſei immer bei Geld und ſpiele eine glän⸗ zende Rolle.. Ich dürfte ihn bloß einige Tage täu⸗ ſchen, denn mein Vater, der das Landleben liebt, bleibt höchſtens fünf Tage in Paris. Wenn ich ihn fünf Tage lang hintergehen kann, wird er vergnügt wieder abreiſen und mich hier ruhig lebem laſſen. Nun, Dubois, ſuche Etwas ausfindig zu machen.. Du kannſt Dir einbilden, daß ich meinen Vater nicht in einen Gaſthof logiren kann... wie ſoll ich es aber machen? Wenn Du Jemand wüßteſt, der uns eine ſchöne Wohnung mit Bedienung abtreten könnte ich würde alle röthigen Opfer bringen.“ „Warte, warte, ih will mich beſinnen.. Ei, Du kannſt meine Wohnuig haben.“ „Danke ſchön, die meinige iſt ein Palaſt gegen dieſes alte Zimmer!“ „Beim Teufel!.. ich kenne wohl mehrere Künſt⸗ ler, welche ſehr große Arbeitszimmer haben. Dein 88 Vater fände alle Bequemlichkeiten darin, aber ſie ſind nicht möblirt. Ich habe auch mehrere Geliebten, die ſich ein Vergnügen daraus machen würden, Deinen Vater zu beherbergen, aber ſie haben bloß ein Beit.“ „Biſt Du ein Narr? Meinen Vater bei einem Frauenzimmer einzulogiren!... bedenke doch, daß er glauben muß, er wohne in meinem Hauſe, er logire bei mir, in einem anſtändigen Hauſe und in einem ſchönen Gemache.“ „Ja, das iſt ſchwer zu machen... Ah! warte, ich glaube, ich weiß Etwas für Dich. ja... die Frau vom Hauſe wirft mir verliebte Blicke zu.. Dieß führte mich nicht ſehr in Verſuchung, da ſie ſchon ihre volle neun Luſtra auf ſich hat, aber für einen Freund opfere ich mich gerne: wenn ſie über ein Logis zu verfügen hat, ſo ſind wir gerettet.“ Bei dieſen Worten ſpringt Dubois aus ſeinem Bette und rief:„Leihe mir Deine Hoſen.“ „Meine Hoſen... was willſt Du damit?“ „Beim Teufel, damit ich ausgehen kann... Wenn es Winter wäre, ſo würde ich mich wohl im Mantel über die Straße wagen, aber in Sommer... zudem habe ich auch keinen Mantel. Nun, leihe mir Deine „Ich kaufe Dir lieber ein Jaar Hoſen.“ „Aber bis dahin verſtreicht die Zeit, Dein Vater kommt an und wir wiſſen nicht, wohin wir ihn füh⸗ ren ſollen. Leihe mir Deine Haſen, ſage ich Dir, und ſei ruhig, in einer halben Stunde bin ich wieder da. Ich eile zu der Perſon, die us einen Dienſt keiſten Hoſen; ſoll ich nicht für Dich einen Ausgang machen?“ ——„. 89 kann, hole auf dem Rückwege bei meiner Nälherin meine Kleider und in zehn Minuten bin ich zurück.“ Dubvis ſcheint ſeiner Sache ſo gewiß, daß ich mich überreden laſſe. Ich ziehe meine Hoſen aus und frage ihn, während er ſich ankleidet, was er zu thun Willens ſei. Er ſagt mir, er kenne eine Frau, die in der Wikren⸗Allee ein herrliches Logis beſitze; obwohl ſie keine vollſtändig möblirte Wohnungen abgibt, ſo hat ſie doch manchmal ſehr ſchöne möblirte Zimmer, die ſie an Engländer vermiethet und wovon ſie wohl auf einige Tage ein Paar wird abtreten können, wodurch eine Täuſchung möglich wird, denn ſie iſt gegen junge Leute ſehr nachſichtig. Der Gedanke ſcheint mir nicht ſo gar übel, wenn nur das Haus nicht in der Wikren⸗Allee läge; aber Dubvis verſichert mich, daß dieſes Stadtviertel gegen⸗ wärtig von den vornehmſten Leuten in Paris be⸗ wohnt werde; zudem dürfen wir nicht lange wählen. Alſo fort in die Wikren⸗Allee!... Ich gebe Dubvis Geld, damit er in einem Cabriolet fahren kann, und meine Uhr, damit er die Stunde nicht vergißt; kurz, ich präge ihm ſcharf ein, daß mein Vater bereits um fünf Uhr im Poſthofe ſein dürfte, worauf er mir betheuert, daß er in drei Viertelſtunden zurück ſein werde, und ſich mit den Worten entfernt: ich möchte auf ihn warten... Beim Teufel: er weiß wohl, daß ich nicht fortgehen kann. Unterdeſſen gehe ich allein in Dubvis' Zimmer in meinen Stiefeln und noch übrigem Anzug, ohne Hoſen, auf und ab, und lache über meine Lage und 90 das Geſicht, das ich ſchneiden würde, wenn irgend Jemand Dubois beſuchen wollte, nehme mir jedoch feſt vor, nur ihm zu öffnen. Zum Zeitvertreib ſtelle ich mich an das Fenſter, von dem aus man in einen kleinen, dunklen, ſchmutzigen Hof, und dieß kaum, ſieht. Dann ſehe ich mich auf's Neue in dem großen Zimmer, wo ich mich befinde, um. Armer Dubvois! es iſt nichts Ueberflüſſiges hier; ſtreng genommen findet man eigentlich nicht einmal das Nothwendigſte, wie ich in dieſem Augenblicke ſelbſt erfahren muß. Ich ſetze mich in einen alten Lehnſeſſel und denke an Auguſtine, an die Worte Juliettens, an die ver⸗ änderte Gemüthsſtimmung der Frau Luceval.. mein Herz faßt neue Hoffnung, und da Einem die Zeit bei den Gedanken an eine Lieblingsſache ſchnell ver⸗ ſtreicht, ſo trage ich geduldig die Abweſenheit Dubvis'. Indeſſen ſcheint mir doch Dubois ſchon lange fort zu ſein; ich kann nicht aufſchauen, ohne an meine Verlegenheit zu denken, wenn er vor fünf Uhr nicht zurücktäme. Ich ſtehe auf und gehe wieder im Zimmer auf und ab.. ich werde ungeduldig... ich weiß nicht, wie viel Uhr es iſt.. es ärgert mich jetzt, daß ich Dubvis meine Uhr gegeben habe, denn ich kann in meinem Anzug nicht einmal bei einer Nachbarin nach der Uhr fragen... das hätte ich doch bedenken ſollen. Ich habe mich zwar bloß mit Auguſtinen beſchäf⸗ tigen wollen, aber mein flatterndes Hemd und der Zephir, der meine Schenkel umweht, erinnern mich unaufhörlich an meine Lage... Wenn ich nur auch einige Bücher hätte.. wir wollen ſehen, ſuchen 94 Ich öffne zwei Schränke: der eine iſt leer, in dem andern liegen einige Fläſchchen Kölniſch Waſſer und parfümirte Seife von Demarſon... Beim Henker! Herr Dubois verſagt ſich nichts! er nimmt ſeine Bedürfniſſe bei einem unſerer erſten Parfumeurs aus. Ah! auf dem Brette dort bemerke ich einige Bände. wir wollen einmal ſehen:„Abhandlung über die Verachtung des Reichthums von Seneka.“ Es iſt zwar ſehr ſchön, wenn man den Reichthum verachtet, allein dieß erſtreckt ſich nicht auf die Ver⸗ achtung der Hoſen, und Seneka wird mit all ſeiner Philoſophie mir nicht beibringen, daß man ihrer ent⸗ behren kann. Wovon handelt dieſes Bändchen:„Von dem Nutzen der Geißelung' von Mirabeau dem Jün⸗ gern; beim Henker, wenn ich mich überzeugen wollte, ob der Verfaſſer recht hat, ſo würde mich in dieſem Augenblicke nichts hindern. Noch ein anderes ent⸗ hält„den Menſchen in ſeinem Urzuſtande.“ Alle dieſe Werke ſcheinen auf meine Lage anzu⸗ ſpielen. Ich werfe die Bücher zornig weg, will alle Augenblicke auf meine Uhr ſehen!.. aber Uhr und Hoſen ſind fort!... Verfluchter Dubois!... wenn er mich vergeſſen würde!... O nein, die Wikren⸗ Allee iſt ſehr entfernt von hier, man braucht viel Zeit. Aber er ſcheint mir ſchon eine Ewigkeit fort zu ſein. ich muß durchaus wiſſen, wie viel Uhr es iſt. ah! man kann auch fragen, ohne daß man hinausgeht. Ich liege zum Fenſter hinaus, um bei den Nach⸗ barn nachzuſehen, und erblicke eine alte Frau, die 92 auf Dubvis Boden wohnt. Sie arbeitet an ihrem Fenſter; gut, ſie wird mich hören. Ich rufe:„Ma⸗ dame, Madame, könnten Sie mir gefälligſt ſagen, wie viel Uhr es iſt?“ Die alte Frau richtet ihren Kopf auf, legt ihre Brille ab, ſieht mich an und gibt mir zur Antwort: „Mein Kukuk geht ſchon lange nicht mehr. Gehen Sie aber zur Frau Bertrand hier oben, ſie weiß immer die Zeit auf's Genaueſte... ſie hat eine Uhr von Breuguet.“ Nun weiß ich ſo wenig wie vorher, bedanke mich aber und gehe vom Fenſter weg. In meinem ſchot⸗ tiſchen Anzug kann ich nicht bei der Frau Bertrand nach der Uhr fragen... wenn ich nur einen Ueber⸗ rock hätte... elender Dubois! Wenigſtens drei Stun⸗ den iſt er ſchon fort!. es muß jetzt Zeit ſein, mei⸗ nem Vater entgegen zu gehen... und mich läßt er hier ſitzen.. er iſt im Stande und läuft einem lum⸗ pigen Mädchen nach, und denkt nicht mehr an meine Lage ich halte es nicht mehr aus... ich muß wiſſen, wie viel Uhr es iſt... kann man hier wohl nicht einen Schlafrock, einen alten Ueberrock finden ich will einmal ſuchen. Ich viſitire die Schubladen der Komode, kehre 8 das Bett um, ſuche überall, endlich ſehe ich in einem Cabinetchen an einem Mantelträger etwas hängen Es iſt ein alter Reiſerock.. ich reiße ihn her⸗ unter, ſo haſtig, wie wenn ich das goldne Vließ ge⸗ funden hätte. Wie ich den Schatz aber näher unter⸗ ſuche, bemerke ich, daß ihn Dubois nicht ohne Grund P P — 93 auf die Seite gehängt hat: der Reiſerock iſt ganz abgetragen und verſchoſſen, der Kragen ſo kurz, wie wenn man ihn abgeſchnitten hätte. Gleichviel, jeden⸗ falls wird er mich beſſer bedecken als ein Frack. Ich will ihn einmal probiren. Ich ziehe meinen Frack aus, lege den alten Reiſe⸗ rock an, und ſehe mit Vergnügen, daß er mir bis an die Knöcheln geht; hinten iſt er nicht offen, ein großes Glück für meine Lage, ich darf ihn jetzt nur noch vornen feſt zumachen. Aber es ſehlen mehrere Knöpfe, die zudem bloß bis an die Lenden gehen; bis unten werde ich ihn vollends mit Stecknadeln zuheften. Ich beſehe mich im Spiegel... ach Gott! ich ſehe gerade wie die alten Juden aus, welche mit Fern⸗ gläſern und Bernſteinhalsbändern handeln. Gleich⸗ viel, die Hauptſache iſt, daß ich, ohne den Anſtand zu verletzen, ausgehen kann. Schnell nach Steckna⸗ deln! Aber findet Stecknadeln bei einem jungen Herrn! Das iſt gerade, wie wenn man bei einer Jungfer ein Federmeſſer ſuchen wollte!... Keine einz zige Steck⸗ nadel! Um ſo ſchlimmer für Frau Bertrand! Uebri⸗ gens werde ich auf mich Acht geben und meinen Reiſe⸗ rock ſorgfältig elten Nun bin ich beinahe in der Lage des Nachbars Fougoux, über den wir bei Char⸗ lotte ſo gelacht haben, allein ich werde mich hüten, niederzuſitzen. Ich verlaſſe Dubois' Zimmer, ſchließe die Thüre nicht ab und gehe in den obern Stock hinauf. Ich ſehe eine Thüre halb offen ſehh höre ſingen, es 94 ſind Frauenſtimmen, deren jede eine andere Melodie ſingt, was eine ganz beſondere Harmonie hervor⸗ bringt. Ich ſtrecke den Kopf vor und ſehe, wie einige Jungfern einſeifen, andere bügeln. Frau Bertrand ſcheint eine Wäſcherin zu ſein. Ich bin zwar nicht ſo genirt, daß ich nicht zitlien zwiſchen dieſe Jungfern zu treten wagte, allein ich werde nicht eintreten. Ich öffne die Thüre ganz und frage ſehr höflich, ob man mir nicht ſagen könne, wie viel Uhr es ſei. Alle Mädchen drehen ſich um, ſehen mich an und flüſtern; eine dicke Mutter von friſchem, anziehendem Ausſehen, die mit Wäſche⸗Auswinden beſchäftigt war, antwortet mir:„O wohl, mein Herr.. meine Uhr geht immer richtig... das ganze Haus richtet ſich nach ihr... hat der Herr das kleine Zimmer oben gemiethet?“ „Nein, Madame, nein ich bin bei Dubvis, er hat mich gebeten, bei Ihnen anzufragen.“ „Ah! Herr Dubois... das iſt ein Poſſenreißer, wenn er uns beſucht, ſo tehiter dieſe Jungfern immer Liedchen ſingen; das letzte Mal hat er uns das Lied: „Du ſollſt meine Roſe nicht bekommen!“ gelehrt. Gott! welch' ſchöne Melodie; wie ſchön er ſie!“„ „Madame, vhen ie wir haben ein Stell⸗ dichein und. „Ah, mein iPerr gut! ich dachte nicht mehr da⸗ ran; Viktorie, ſieh nach, wie viel Uhr es iſt.“ Die Jungfer Viktorie läßt ihr Bügeleiſen liegen und geht in das anſtoßende Zimmer, aus dem ſie v—— ————— 95 herausruft:„Madame, wenn der große Zeiger unten iſt und der kleine auf der Seite, wie viel iſt es dann?“ „Ach mein Goit! wie dumm iſt dieſes Mädchen! ſie weiß noch nicht, was es bedeutet, wenn die Zei⸗ ger unten ſtehen. Geh' Du, Fränzchen.“ Jungfer Fränzchen geht von ihrem Kübel fort in das andere Zimmer und ruft:„Mein Herr, es iſt drei Uhr nein, vier Uhr.. das heißt, es iſt mehr. es iſt noch nicht fünf Uhr.“ Ich nehme mir vor, ſelbſt nach der Uhr zu ſehen, wozu die Frau Bertrand mich auch auffordert und begebe mich in die Mitte dieſer Jungfern, während ich meinen Rock vornen feſt zuhalte, was zu neuem Flüſtern und leiſem Lachen Anlaß gibt; ohne ſchein⸗ bar darauf zu achten, ſchaue ich auf die Uhr. „Ach Gott! drei Viertel auf fünf Uhr! Und Sie befinden ſich immer wohl, Madame?“ „Ganz gut, mein Herr.“ Ich habe keinen Augeßblick zu verlieren!... gehe nach der Thüre zurück, danke der Frau Bertrand, und will mich entfernen... ich nähere mich aber wie⸗ der der Wäſcherin. „Madame, wollten Sie die Güte haben, und mir vier Stecknapeln leihen?“ „„Vier Stecknadeln?. mit Vergnügen. nun, ihr Jungfern, warum lacht ihr? wenn dieſe Herren vier Stecknadeln brauchen, ſo weiß man wohl, daß ſie nicht für ſie ſind, aber man bekommt alle Tage Beſuche, zerreißt das Kleid einer Dame und muß dieß 96 wieder zuſammenheften, nicht wahr, mein Herr? Hier haben Sie vier ſtarke Stecknadeln, mein Schatz.“ Ich danke der Frau Bertrand, die mir die Steck⸗ nadeln mit einer boshaſten Miene einhändigt, und begebe mich eilends fort. Ich gehe in Dubvis' Zim⸗ mer zurück, hefte die Stecknadeln vorne hin, ſo, daß der Reiſerock ſich nicht öffnen kann, und gehe die Treppen hinunter. Ich habe noch ein Fünffranken⸗ ſtück in der Taſche, mehr, als ich brauche, um einen Fiaker zu nehmen. Ich fahre auf die Poſt, werde dort meinen Vater treffen, und der Fiaker wird uns in mein Logis in die Straße Charlot zurückführen; dieſer elende Dubvis läßt mich ſitzen, weil er bei ſeiner Dame in der Allee des Veuves kein Logis erhalten hat, und mein Vater ſoll nun die Wahrheit erfahren. In keinem Fall kann ich ihn vergebens auf der Poſt warten laſſen. Mein Vater iſt gut und liebt mich; wenn er ſich aber beleidigt fühlt, ſo wird er ſehr böſe; und wenn man ſeinen Vater bloß ein bis zwei Mal des Jahrs ſieht, ſo muß man ihn nicht zu erzürnen ſuchen.* Nun ſtehe ich vor dem Hauſe. wie kann ich einen Fiaker bekommen? Wenn ich die Pförtnerin fortſchicke, ſo wird ſie vor einer Stunde nicht zuric kommen, und ich habe keine Zeit zu verlieren.. Selbſt einen zu ſuchen, fürchte ich mich! Trotz mei⸗ ner Stecknadeln könnten alle Perſonen, die an mir vorbeigehen, errathen, daß ich keine Hoſen anhabe. Ich ſetze mich einen Augenblick auf die Thür⸗ ſchwelle und bete in Gedanken zu Gottt, er möchte 97 einen leeren Fiaker in dieſe Straße ſchicken; aber Gott ſchickt bloß Karren. Endlich ſehe ich ein Ca⸗ briolet, ich winke dem Kutſcher, er kommt zu mir her und ich ſteige eben ſo vorſichtig ein, wie damals Charlotte, als ſie Wein unter ihrem Rocke einſchmug⸗ gelte. Nun ſitze ich doch in einem Gefährte und athme leichter.„Schnell, Kutſcher, auf die Eilwagenpoſt!“ Wir fliegen über das Pflaſter hin; hoffentlich komme ich zeitig genug an. Wenn ich aber an mei⸗ nen Anzug denke.. was wird mein Vater ſagen 2... Verfluchter Dubois! wenn ich Dich da hätte!.. über⸗ dieß werde ich meinen Vater in die Straße Charlot führen, ihn mit meiner Lage bekannt machen müſſen; er witd mich von Paris fortnehmen wollen! Was aber dieß betrifft, ſo bin ich feſt entſchloſſen, ihm nicht zu gehorchen. Wir ſind auf dem Poſtplatze angekommen. Ich heiße den Kutſcher fragen, ob der Eilwagen von Chaͤrtres angekommen ſei, bleibe wie angenagelt auf meinem Platze ſitzen und! chließe das Cabriolet ſorg⸗ fältig zu. Mein Kutſcher kommt zurück. Der Eilwa⸗ gen iſt noch nicht ängekommen; aber er fährt durch einen andern Hof ein, wohin die Wagen von Paris ſich nicht begeben dürfen. Beim Teufel, nun muß ich ausſteigen.. den Kutſcher kann ich doch meinem Vater nicht entgegen⸗ ſchicken, er kennt ihn nicht! Ferner würde es mein Vater ſonderbar finden, wenn ich mir nicht die Mühe nähme, ihn ſelbſt zu empfangen. Wenn man auf Paul de Kock. LII. 7 98 dem Lande wohnt, ſo iſt man für alle Beweiſe von Achtung empfindlich, und mein Vater hat immer das Land bewohnt. Ich ſteige aus, aber ſo vorſichtig, 4 der Kutſcher zu mir ſagte:„Haben Sie das Gliederweh, mein Herr?“ „Ja, ich leide am Podagra... Warten Sie hier auf mich.“ Ich begebe mich in den mir bezeichneten Hof und ſetze mich in eine Ecke auf eine ſteinerne Bank, um die Ankunft des Eilwagens abzuwarten. Meinen Hut drückte ich in's Geſicht, aus Furcht, es möchte mich Jemand erkennen; in meinem alten Reiſerock muß ich äußerſt poſſierlich ausſehen. Auf dem Stappelplatz der Eilwagen ſieht man immer höchſt lächerliche Scenen, aber in dieſem Au⸗ genblick habe ich keine Luſt, mich mit deren Beob⸗ achtung zu unterhalten; ich habe Mühe genug, mei⸗ netwegen ſelbſt auf der Hut zu ſein. Kaum ſitze ich einen Augenblick da, fährt der er⸗ 8 wartete Eilwagen in den Hof ein. Das Herz klopft mir; ich werde meinen Vater ſehen. Ich will warten, bis die Reiſenden ausſteigen. Während ich meinen Blick auf den Wagen hef⸗ tete, brach neben mir Jemand in ein lautes Geläch⸗ ter aus. Ich drehe mich um, es iſt Dubois... Du⸗ bois in meinen Hoſen, der bei meinem Anblick bis zu Thränen lacht O! wenn ich mich nicht zuſam⸗ mennehmen müßte, wenn ich nicht fürchtete, die Auf⸗ merkſamkeit auf mich zu ziehen, ſo würde ich ihn in's Geſicht ſchlagen. — — 99 „Biſt Du da, Tropf?“ „Ha! ha! ha!... Ich habe von ferne den alten Reiſerock meines Oheims erkannt!... Ah, mein Lie⸗ ber, er ſteht Dir herrlich!“ „Du lachſt jetzt, aber Du wirſt Dich ſchon über Dein Betragen bei mir verantworten müſſen.“ „Ach, Paul, laſſe mich ein Bischen lachen.. wenn Du Dich ſehen könnteſt... du biſt mit Deinen Stecknadeln nicht zu bezahlen... Ah! ah! ich wette hundert Franken, Du tanzſt nicht im Hof herum.“ „Ich muß nun meinem Vater entgegengehen, aber ich werde Dich wiederfinden.“ „Nun, beruhige Dich Alles geht auf's Beſte ich habe ein prächtiges Logis... Bediente. 1 das ganze Hotel ſteht, wenn Du es willſt, zu Deiner Verfügung... und eine ſo liebenswürdige Hausfrau was glaubſt Du, beim Teufel! man bringt all dieſes nicht in zwei Minuten zu Stand... glaubſt Du, mir ſei die Galle nicht auch überlaufen, wie Dir?.. und meine verfluchte Nätherin hat meine Hoſen einen Pompier anprobiren laſſen... Ich werde Dir all dieß erzählen.“ „Da iſt mein Vater.“ „Geh' und umarme ihn, ſchütze dann einen Ge⸗ ſchäftsgang vor und laß mich ihn in unſer Hotel in die Allee des Veuves führen. Du gehſt dann nach Hauſe, kleideſt Dich an und kommſt ſpäter zu uns.“ „Gut, Dubvis, kann ich aber dießmal auf Dich zählen?“ „Geh' doch, klemme die Füße nicht ſo zuſammen, 100 wenn Du gehſt; man meint ſonſt, Du ſeieſt zuſam⸗ mengebunden.“ I†ch laſſe mich fortziehen; was er mir gerade mit⸗ getheilt hatte, ſtimmte mich wieder heiterer. Mein Vater iſt ausgeſtiegen, ich ſehe ihn, gehe auf ihn zu, er bemerkt mich, und ſtreckt die Arme nach mir aus. Wir umarmen einander, Dubvis wirft ſich auch an die Bruſt meines Vaters und umarmt ihn, ob⸗ gleich er ihn zum erſten Mal ſieht. Mein Vater kann ſich kaum den Armen Dubois' entwinden und ſieht mich an, wie wenn er mich fragen wollte:„Was iſt das für ein Herr, den ich nicht kenne, und der mich ſo ſehr zu lieben ſcheint?“ Ich ſagte ihm in aller Eile:„Lieber Vater, ich ſtelle Ihnen hier einen guten Freund von mir, Herrn Dubois, Waaren⸗ mäkler, vor; er ſehnte ſich ſehr nach Ihrer Bekannt⸗ ſchaft.“ „Ja, ich ſehnte mich außerordentlich, den Vater meines Freundes kennen zu lernen! ach, mein Herr, ich freue mich ſo ſehr, daß ich nicht umhin kann, Sie wieder zu umarmet wir erwarteten Sie voll Ungeduld!“ „Sie ſind zu gütigz ich dachte bei mir ſelbſt, da mein Sohn nicht kommt, ſo muß ich ihn beſuchen.“ „Ach! dieß iſt ſehr vernünftig; gerade wie Mo⸗ hamed zu dem Berge geſagt hat!“ „umarme mich doch noch einmal, lieber Paul!“ „Umarme doch Deinen Vater, mein Freund!... Du ſtehſt da!.. ach! er iſt über Ihre Gegenwart ſo vergnügt, daß er an Leib und Seele zittert.“ 101 Dubois drängte mich auf's Neue zu meinem Vater hin, worauf mein Vater einen Schrei ausſtieß und ſagte:„O weh!. was Teufels hat mich geſtochen?“ Ich erröthete. Eine meiner Stecknadeln hat mei⸗ nen Vater in die Wade geſtochen. Dubvis beißt ſich in die Lippen, während mein Vater meinen Anzug betrachtet und ſagt:„Ah ha! aber Deine Kleidung kommt mir ganz ſonderbar vor.“ Ich ſtottere:„Lieber Vater.. d'rum eilte ich„ Dubvis fiel mir ſchnell in die Rede:„Das iſt ſeine Sommertracht; auf den erſten Blick ſollte man mei⸗ nen, man müſſe unter dieſem langen Ueberrock ſehr ſchwitzen, aber ich verſichere Sie, es iſt ſehr luftig unter demſelben.“ „Warum aber dieſe Stecknadeln ſtatt der Knöpfe?“ „Ah! ſo trägt man es immer.“ „Wie, immer?“ „Ja, wir haben in Paris immer Stecknadeln ge⸗ tragen.“ n „An dem Hemde, aber nicht an den Röcken!“ „An den Röcken; das iſt die neueſte Mode.“ „Ich glaube aber, früher haben bloß die Frauen⸗ zimmer ihre Kleider mit Stecknadeln zugeheftet und die Männer haben ſie zugeknöpft.“ „Es iſt möglich, vor der Revolution; aber ſeit den Fortſchritten der Aufklärung hat das männliche Geſchlecht die Knöpfe abgelegt und trägt jetzt Steck⸗ nadeln, weil es anſtändiger iſt und auch wegen des Sprichworts: Verbrannte Kinder fürchten das Feuer.“ Ich trat Dubois auf die Füße, um ihn zum Schwei⸗ 102 gen zu bringen, und ſuchte ein anderes Geſpräch an⸗ zufangen, indem ich entgegnete:„Wir wollen ſpäter von der Toilette reden; mein Vater wird müde ſein; er bedarf der Ruhe.“ „Du haſt recht, lieber Sohn, führe mich ſchnell in Dein Logis.“ 3 „Ja, wir werden Sie dahin führen,“ ſagte Du⸗ bois, indem er meinen Vater am Arm nahm,„das heißt, ich werde Sie dahin begleiten, wenn Sie es gütigſt erlauben. Ich habe dort unten ein Gefährt, das uns in ein Paar Minuten an Ort und Stelle führen wird.“ „Wie, gehſt Du nicht mit uns, Paul?“ „Lieber Vater, verzeihen Sie mir doch aber ein ſehr dringendes Geſchäft... „Ja, es handelt ſich um nicht weniger, als um den Gewinn von etwa tauſend Thalern. O! Ihr Sohn iſt ein Held, der ſich prächtig auf die Geſchäfte„ verſteht. Wenn Sie nur ſeine Lage in dieſem Au⸗ genblicke kennen würden. Es gibt keine zwei Männer auf der Börſe, die eben o vermöglich ſind wie er.“ „Wirklich, der liebe Pel... Sie ſagen mir viel Erfreuliches, mein Herr...“ „Lieber Vater, ehe eine halbe Stunde vergeht, 6½ werde ich mich bei Ihnen einfinden.. Dubois, Du wirſt meinen Vater nicht verlaſſen.. „Ich, Deinen Vater verlaſſen! Ich laſſe mir lie⸗ ber hundert Stockhiebe geben, ehe ich ihn nur eine Minuten verlaſſe.. Kommen Sie, Herr Deligny. Haben Sie Ihren Reiſeſack?“ ———— — S 3 103 „Ja, mein Herr.“ „Sie haben keine andern Effekten?“ „Nein, mein Herr.“ „Wenn dieß der Fall iſt, ſo wollen wir fortgehen. Ich führe Sie in ein Hotel, das Ihrem Sohne ge⸗ hört. und Sie werden mir Neuigkeiten erzählen.“ Dubois zieht meinen Vater fort, ich bin frei, kehre zu meinem Cabriolet zurück, ſteige ein und laſſe mich in die Straße Charlot führen. Ach, wie ſehr verlangt es mich nach andern Kleidern! Endlich find wir in unſerer Straße angekommen; ein verfluchter Karren ſteht vor meiner Hausthüre. Mein Kutſcher ſchrie, man ſolle ihn zurückſchieben, aber ich ſehnte mich zu ſehr nach Hauſe, als daß ich das Ende eines Streits zwiſchen ihm und dem Kärcher abwarten mochte; ich ließ daher meinen Kutſcher halten und ſtieg etwa zehn Schritte von meinem Hauſe aus. Ich gehe ſehr ſchnell mit niedergeſchlagenen Au⸗ gen fort, indem ich den Blicken meiner Nachbarn ausweichen möchte.. abtr im Augenblick, als ich in mein Haus treten wollte, ſtoße ich auf zwei Damen, die ich nicht geſehen hatte; ich blicke auf. Ach Gott! es iſt Auguſtine und Julchen. Ich erröthete bis über die Ohren; Auguſtine ſieht mich mit Verwunderung an und ſagt:„Wie, Sie ſind es!“ Julchen bricht in ein Gelächter aus und ruft:„Ach, wie poſſirlich iſt Herr Deligny! wo ha⸗ ben Sie dieſen alten Ueberrock ohne Kragen geholt? wollen Sie dieß zur Mode machen?“ S 104 Ich wußte nicht, wie ich mich aus dieſer Ver⸗ legenheit ziehen ſollte und ſtotterte:„Madame... ich war Geſchäfte halber genöthigt.. ſehr ſchnell aus⸗ zugehen. es iſt ein Hausrock., ich hatte keine Zeit, mich anders anzukleiden.“ Auguſtine betrachtet mich aufmerkſam, lacht aber nicht; meine Verlegenheit, mein Erröthen ſcheinen ihr zu mißfallen, weßhalb ſie zu mir ſagt:„Als Sie mich heute morgen beſuchten, waren Sie nicht ſo angekleidet.“ „Nein, Madame, als ich aber nach Hauſe kam, habe ich Julchen unterbrach mich und lachte noch viel lau⸗ ter, als ſie meine Stecknadeln gewahr wurde, die ſie ihrer Freundin mit den Worten zeigte:„Sieh', meine Theure, das iſt noch viel hübſcher als alles Uebrige! „Eine Garnitur mit Stecknadeln!.. Ach, das iſt gewiß eine Wette?“ „Ja, Madame. es gilt eine Wette.“ „Und mit wem denn?“ entgegnete Auguſtine mür⸗ riſch.„Eben ſagten Sie, Sie ſeien Geſchäfte halber ausgegangen.“ „Madame... das iſt wahr... Ich ich werde es Ihnen ein ander Mal auseinander ſetzen. Ma⸗ dame. verzeihen Sie, man erwartet mich.... „Man erwartet Sie?“ „Nein man erwartet mich nicht aber ich muß Sie verlaſſen. Ich kann nicht länger ſo ſtehen bleiben.“ Ich verbeuge mich vor dieſen Damen und trete 105 ſchnell in mein Haus ein. Was wird Auguſtine den⸗ ken? Meiner Treu', ſie mag denken, was ſie will, aber ich hielt es nicht mehr aus; ich mußte zu lange in dieſer gräßlichen Lage verharren. Ach, nun bin ich doch zu Hauſe! Ich reiße die Stecknadeln heraus.. werfe den alten Rock auf die Seite, ziehe ein Paar Hoſen an.. ich freue mich auf die Hoſen. wie wohl iſt es mir darin! Wie machen es doch die Frauenzimmer in einem Anzuge, wie ich ihn gerade trug?. Aber die Gewohnheit! Nun ſchnell hinunter und fort in die Allee des Veuves. Sechstes Kapitel. Das Haus in der Allee des Veuves. Während ich nach der Allee des Veuves fuhr, dachte ich an das ſonderbare Geſicht, welches Auguſtine machte, als ich ſie verließ; ſie ſchien mejnen Worten keinen Glauben beizumeſſen. Ich mußte auch in der That ganz dumm und verlegen ausgeſehen haben. Ich werde mich wegen meines plötzlichen Verabſchiedens bei ihr entſchuldigen und ihr mittheilen, daß mein Vater in Paris iſt. Aber doch lag in ihrem Miß⸗ vergnügen, in ihrer Ungläubigkeit Etwas, das mir Vergnügen machte. Endlich ſind wir in der Allee des Veuves ange⸗ kommen. Der Kutſcher fragt mich nach der Nummer. „Meiner Treu', ich weiß ſie nicht.. Aber es iſt eine Art Hotel garni... 106 „Ah! ich weiß ſchon; dort, wo der berühmte fremde Arzt wohnt, der alle Krankheiten mit ſeinen Kräu⸗ tern heilt.. O, ich habe ſchon viele Leute dahin ge⸗ führt...“ „Ich weiß nicht gewiß, ob es dort iſt, aber wir wollen anfragen.“ Mein Kutſcher hält vor einem ſchönen Hauſe, vor welchem ſich ein mit jungen Bäumen beſetzter Hof befindet. Ich ſehe Dubois in dem Vorſaale, der in den Hof geht, auf und ab ſpazieren. „Ja, hier iſt es,“ ſagte ich zu meinem Kutſcher. „Nicht wahr, ich irrte mich nicht, hier logirt der fremde Arzt.“ Ich bezahlte meinen Kutſcher und begab mich in den Hof des Hauſes. Dubvis kommt mir entgegen, indem er mit einer vergnügten Miene die Hände reibt. „Nun, Paul, wie gefällt Dir dieſes Haus?“ „Sehr gut, wenn das Innere dem Aeußern ent⸗ ſpricht...“ „O, das iſt noch ſchöner!... Du wirſt entzückt ſein...“ „Es wohnt alſo ein berühmter Arzt in dieſem Hotel?“ „Das heißt, er wohnte hier, iſt aber auf vier⸗ zehn Tage, glücklicher Weiſe für uns, auf dem Lande; ſo lange haſt Du ſeine Wohnung bekommen.“ „Bah! „Im erſten Stock ein prächtiges Logis... Dein Vater iſt freudetrunken. Ich habe ihm geſagt, das Haus gehöre Dir.“ 107 „Das war nicht nöthig.“ „Warum? das macht ihn glücklich... Er ſcheint ein guter Mann zu ſein, Dein Vater.“ „Wo iſt er gegenwärtig?“ „In Deiner Wohnung... er ruht aus, während er Deine Gemächer bewundert.“ „Ich glaube auch wohl daran zu thun, wenn ich mich mit meinem Logis bekannt mache.“ „Warte ein wenig, mein Freund, Du mußt vor Allem Deine Hausfrau begrüßen.. ſie hält viel auf Complimente... Ich mußte, um Deinen Vater hier zu logiren, Vieles thun. Madame Ledour verehrt mich ſchon lange, wenn ſie Dir aber gefällt, ſo genire Dich nicht, im Gegentheil, Du erweiſeſt mir einen Gefallen dadurch.“ Dubois führte mich ſofort in ein Zimmer zu ebener Erde, wo wir ein dickes Mütterchen von vierundvier⸗ zig bis achtundvierzig Jahren treffen, die ſich mit dem Glaciren von Rahmtöpfchen beſchäftigt. Sie em⸗ pfängt uns mit einem ſehr lieblichen Lächeln. „Frau Ledoux,“ ſagte Dubois,„ich ſtelle Ihnen meinen Freund Paul Deligny vor, welcher vor Sehn⸗ ſucht, Sie zu ſehen, und Ihnen für die Güte, die Sie ihm erweiſen, zu danken, brennt.“ „Es freut mich ſehr, dem Herrn einen Gefallen zu erweiſen,“ ſagte Frau Ledoux, mich anlächelnd und Dubvis immer von der Seite anſehend.„Ich weiß wohl, man muß die jungen Leute Etwas entſchuldigen.“ „Sie ſind ſehr gütig, Madame; ich habe, wie Ihnen Dubois geſagt hat, Gründe, meinem Vater 108 weiß zu machen, daß ich ſchon ſeit langer Zeit in dieſem Hauſe wohne. Was den Preis der Wohnung betrifft, ſo hoffe ich.. „Ach, reden Sie nicht hievon, mein Herr; es iſt von einem ſpaniſchen oder italieniſchen Arzte gemie⸗ thet, einem Charlatan, ſo viel ich glaube, der aber viel Geld verzehrt. Man hat ihn zu einem Englän⸗ der geholt... die Engländer beſuchen ihn oft und ſuchen ſeine Hülfe; man hat ihn aber dießmal weit fort in ein Schloß geholt, von wo er vor wenigſtens vierzehn Tagen nicht zurückkommen kann.“ „Und ich, ich weiß, daß mein Vater keine acht Tage in Paris verweilen wird.“ „Nun, mein Herr, ſeien Sie ganz beruhigt.“ „Ich will meinen Vater aufſuchen.“ Ich verbeuge mich vor meiner Hausfrau, Dubois will mir folgen, als Frau Ledoux affektirt zu ihm ſagte:„Herr Dubvis, ich möchte Sie gerne.. nach dem Preis der Colonialwaaren fragen.“ Dubois machte eine kleine Grimaſſe und ſagte mir in's Ohr:„Mein Freund, ich glaube, ich muß die Hausmiethe bezahlen... Mache, daß Dein Vater bald wieder abreist.“ Ich laſſe Dubvis allein bei der Frau Ledour ſtehen und gehe in meine neue Wohnung hinauf. In einem ſchönen Vorzimmer treffe ich einen ſehr höflichen Bedienten, welcher mir ſagte, er werde zu meinen Dienſten ſtehen, ſo lange der Signor Del⸗ zini abweſend ſei. Dieſer Bediente iſt beſtändig im Hauſe und iſt, wie ich ſehe, von der Hausfrau mit 109 1 meiner Lage bekanni gemacht worden. Wirklich iſt die Madame Ledouv eine allerliebſte Frau, man kann nicht wohl gefälliger ſein. Ich danke Lapierre(ſo heißt der Bediente, den man mir leiht), und nachdem ich durch mehrere ſehr koſtbar möblirte Zimmer gekommen bin, finde ich meinen Vater auf einem Sopha in meinem Salon ſitzend. Er kommt auf mich zu und umarmt mich mit einer vergnügten Miene, indem er ausruft: „Mein lieber Sohn, ich gratulire Dir...“ „Wozu denn, mein Vater?“ „Ei, beim Teufel! zu dem glücklichen Erfolg Dei⸗ ner Geſchäfte. Weißt Du, daß es bei Dir präch⸗ „O, mein Vater, in Paris iſt es, wie Sie wiſſen, eicht, Alles zu bekommen, was man will.“ „Ich weiß, daß in Paris Ordnung und Spar⸗ ſamkeit dazu gehört, um ein ſchönes Logis, Möbel und Dienerſchaft zu haben.“ „Das iſt nicht immer ein Beweis, mein Vater.“ „Nun, willſt Du Dich jetzt arm ſtellen?... Aber DDein Freund hat Dich verrathen... Ich weiß auch, daß dieſes Haus Dein iſt.“ 2„Mein.. nicht ganz... „Kurz, daß Du herrliche Geſchäfte machſt, daß Du Dein Kapital verdreifacht haſt..“ „Ah, mein Vater, warum nicht gar...“ „Schon gut. ich frage Dich nichts mehr, weil Du den Verſchwiegenen ſpielen willſt... Aber Du wirſt mich nicht hindern, mit Dir zufrieden und auf das Vertrauen, das ich Dir geſchenkt habe, ſtolz zu ſein denn, ſiehſt Du, in meinem Städtchen hat man mich manchmal aufgezogen und geſagt:„Ah, glauben Sie, Ihr Sohn lebe ſolid in Paris, er verpraſſe ſein Vermögen nicht? Sie werden ſchon ſehen!... und gerade dieſe Aeußerungen haben mich, ich geſtehe es Dir, auch veranlaßt, nach Paris zu gehen... Wie werde ich all' dieſe Leute nach meiner Rückkunft beſchämen! Ah! ah!“ „Ei, mein Vater, wir wollen dieß ruhen laſſen Sie werden Hunger haben.. ich habe auch nicht zu Mittag gegeſſen... Ich will fragen. He! Lapierre!“ Mein Bedienter kommt und Dubvis zu gleicher Zeit. Ich frage meinen Bedienten, ob man uns ein Mittageſſen zubereitet hätte, worauf er mir entgeg⸗ nete, man erwarte bloß meine Befehle, und Dubvis rief:„O, ich habe an Alles gedacht. Du warſt Dei⸗ nem Vater ſo ſchnell entgegengeeilt, daß Du ver⸗ geſſen haiteſt, Deinem Haushofmeiſter die nöthigen Befehle zu geben.“ „Wie, Du haſt einen Haushofmeiſter?“ rief mein Vater. „Und zwar einen der erſten Köche Frankreichs,“ ſagte Dubois,„dem er tauſend Thaler Beſoldung dibt „Tauſend Thaler einem Koch!“ ſagte mein Va⸗ ter;„dießmal wirſt Du mir geſtehen, mein lieber Paul, daß Du ſehr ſchöne Spekulationen machen„ mußt, wenn Du einen Koch ſo hoch beſolden kannſt. Aber ein ſolcher Aufwand... 111 „Dubois ſcherzt, lieber Vater „Ich will es Ihnen ſogleich erklären,“ rief Dubois. „Ihr Sohn gibt ihm tauſend Thaler, aber der Koch muß Alles anſchaffen.“ „Ach dann! das iſt ein Unterſchied, ſo iſt es nicht zu viel.“ Wir ſetzen uns an den Tiſch; man wartet uns mit einem prächtigen Mahle auf. Dubois ißt und trinkt für Viere, indem er mir in's Ohr ſagt, er habe das Mittageſſen wohl verdient. Mein Vater läßt es ſich auch gut ſchmecken; er zecht tapfer, und ich ſehe, daß Dubois berauſcht wird und be⸗ fürchte, daß er den Kopf verliere und dann irgend Dummheiten ſage. Ich habe ihn bereits mehrere Male auf die Füße getreten, um ihn zum Schwei⸗ gen zu bringen, wenn er von meinem Vermögen, meiner Dienerſchaft und meinen Pferden ſpricht; glücklicher Weiſe ſchöpft mein Vater nicht den ge⸗ ringſten Verdacht. Dieſer gute Vater ſieht mich freudig an und ruft ſofort aus:„Jetzt laſſe ich es mir ge⸗ fallen; dieſe Kleider gefallen mir beſſer, als mit denen ich Dich in dem Poſthofe getroffen habe.. „Wirklich, lieber Vater?“ „Offen geſagt, Dein Rock mit Deinen Stecknadeln gefiel mir gar nicht.“ „Ich aber, Herr Deligny, ich bin nicht Ihrer An⸗ ſicht,“ entgegnet Dubois, während er mit meinem Vater anſtoßt;„ich verſichere Sie, daß ſein Anzug von heute Morgen ſehr hübſch war.“ „Dieß kann ich nicht ſagen!... Aber, meine Kin⸗ 112 der, ich kann nicht lange in Paris bleiben... die wenigen Tage, die ich euch widmen werde, muß ich gut anwenden.. ihr müßt mir das Merkwürdigſe zeigen... auch wäre es mir ſehr lieb, wenn wir in's Theater gingen...“ „Ich werde Sie dahin führen, lieber Vater.“ „Seien Sie ganz ruhig, Papa Deligny, wir werden Sie unterhalten. Wenn wir Ihnen Alles an Einem Tage zeigen könnten, ſo würden wir es thun, um Sie ſchneller zu ergötzen!“ „Aber dieſes Stadtviertel ſcheint mir von der Mitte von Paris ziemlich entfernt zu ſein.“ „Entfernt!... nein, es iſt im Gegentheil die Mitte!. Sie befinden ſich zwiſchen der Altſtadt Beauſon ſit der Stadt Franz I.; Sie haben hier Alles in der Nähe... den Priinppbogen d Kugelſpiel... die Santiätshäuſer. den Weg nach dem Boulogner Wald!... Man kann nicht wohl i in einem gelegenern Stadtviertel wohnen!... „Aber das Palais-royal... Wir Landsleute ken⸗ nen in Paris nichts Anderes als dieß. „Nun, das Palais-royal liegt hier ſeitwärts... zwei Schritte von da, wenn man etwas ſchnell geht.“ „Nun, meine Kinder, was werdet ihr mir heute Abend zeigen?.. iſt es noch Zeit in das Theater?“ „Ja wohl; in welches wollen Sie gehen?“ „In das beſte.“ „In das beſte.. das hängt von dem Geſchmacke, ab. Sind Sie romantiſch oder klaſſiſch?“ „Was bedeutet dieß, mein Sohn?“ S 3 113 „Das ſind zwei verſchiedene Arten, lieber Vater.“ „Ach, Vater Delignp, Sie ſind etwas zurück.. leſen Sie in Ihrem Städtchen die Journale nicht?“ „Ja, das Journal der Landwirthſchaft, worin nichts davon ſteht.“ „Nun, wir müſſen Deinen Vater in die Oper führen... man gibt die Stumme von Portici; das Stück wird Ihnen gewiß gefallen, es iſt die einzige kurzweilige Oper... dabei herrliche Tänze.. Tänzerinnen, die ſich im Kreiſe herumbewegen, ohne die Füße auf den Boden zu bringen... und Stel⸗ lungen... ach!... Haben Sie ein gutes Fernglas? in der Opera gibt es Theaterfreunde, die faſt der Telescopen ſich bedienen, um die Gegenſtände beſſer betrachten zu können.“ „Dubvis, gib doch Deine Dummheiten auf.. wir ſollten ein Gefährt haben.“ „Beim Henker, ich werde das Deinige beſtellen.“ „Das Seinige!“ rief mein Vater;„wie, mein lieber Sohn, Du haſt eine Equipage?“ „Nein, mein Vater, das iſt nur Scherz.“ „Wenn ich ſein Gefährt ſagte, Herr Delignp, ſo verſtand ich darunter dasjenige, in dem er gewöhn⸗ lich ausfährt, was auf daſſelbe herauskommi.“ Bei dieſen Worten befiehlt Dubois Lapierre ganz leiſe, ſich nach einer Citadine für uns umzuſehen. Ich ſehe wohl, daß ich heute Abend meinen Vater unmöglich verlaſſen und folglich Frau Luceval nicht beſuchen kann. Ich muß darauf verzichten; morgen Paut de Kock. 1I. . 114 werde ich wohl einen Augenblick frei haben, ihr ei⸗ nen Beſuch zu machen; zudem wird meine heutige Abweſenheit mir vielleicht mehr nützen, als meine beſtändige Aufwartung... die Frauenzimmer ſind ſo ſonderbar, man feſſelt ſie nicht immer durch Beweiſe der innigſten Liebe. Wir warten ſchon über zwanzig Minuten auf ein Gefährt, da dieſe ſich nicht in der Nähe der Allee des Veuves aufſtellen. Zum Glücke ſind wir am Tiſche ſitzen geblieben, und Dubois unterhält ſich mit meinem Vater, der indeſſen mehrere Male äu⸗ ßerte:„Dein gewöhnliches Gefährt war demnach nicht in der Nähe?“ Endlich kommt Lapierre zurück; er ſagte mir in's Ohr, er habe keine Citadine gefunden, und deßhalb einen Fiaker mitgenommen, womit wir uns natürlich begnügten. Wir machen uns auf den Weg, die Frau Ledour ſteht im Hof und verbeugt ſich höflich vor uns; mein Vater fragt mich, was dieß für eine Frau ſei, wor⸗ auf Dubvis entgegnet, es ſei meine Haushälterin. Mein Vater will ihr für die gute Beſorgung meines Hausweſens ſein Compliment machen; ich eile aber mit ihm dem Gefährt zu, indem ich ſagte, das 4 Schauſpiel werde im Augenblick beginnen. Wir ſind auf den ſchmutzigſten Fiaker und die magerſten Roſſe von Paris gefallen; mein Vater äußert ſich, daß mein gewöhnliches Gefährt ſehr lang⸗* ſam fahre. Dubois erwiedert ihm, man fahre Vor⸗ ſichts halber ſo langſam, weil ſich ſo viel Leute un⸗„ 11¹5 terwegs befinden und Jemand niedergefahren werden f könnte. Mein Vater ſchaut zum Kutſchenſchlag hin aus; wir fahren gerade durch die Champs⸗Eliſées. Nie⸗ mand geht vorbei; ich rufe dem Kutſcher zu, er ſolle ſchneller fahren, er peitſcht aber umſonſt auf ſeine Pferde. Doch bekommt mein Vater in der Nähe von mir keine Langweile, da er mich ſchon ſo lange nicht geſehen hat, und nach drei Viertelſtunden kommen wir endlich in der Oper an. Wir nehmen auf dem Orcheſter Platz; mein Vater hat Auge und Ohr auf das Schauſpiel; Dubois plau⸗ dert unaufhörlich: er ſpricht ſo laut, daß er der ganzen Nachbarſchaft beſchwerlich fällt, und wenn man darüber brummt, ſo ſieht er Jedermann mit einer ſo frechen Miene an, als ob er das Publikum in Maſſe herausforderte. Ich ſuchte ihn zum Schwei⸗ gen zu bringen, denn es wäre mir nicht lieb, wenn er uns unangenehme Auftritte verurſachte. Ich ſagte ihm, er ſolle doch daran denken, daß mein Vater bei uns ſei, worauf er mir ganz laut ant⸗ wortet:„Dein Vater darf wohl ſehen, daß Du Helden zu Freunden haſt, die man nicht ſo leicht ängſtigen kann.“ Nach dem zweiten Akt ging ich mit Dubois hin⸗ aus und führte ihn abſichtlich in die Gänge der vierten Galerie, wo wir wirklich zwei hübſche Geſichtchen treffen, welche Dubvis irgendwo geſehen haben will. ls er ſieht, daß dieſe Jungfern ſich auf das Amphi⸗ theater der vierten Galerie begeben, und hinter ih⸗ 116 nen noch Platz iſt, läßt er meinen Arm los und ſagt zu mir:„Mein Freund, ich habe Dir den ganzen Tag geweiht, Dein Vater ſitzt gut im Orcheſter, erlaube mir, daß ich dieſen Abend vollends auf Lieb⸗ ſchaften ausgehe. Hier ſind zwei Mütterchen, die wohl zu wiſſen ſcheinen, daß man die Kinder nicht aus Koth macht; ich will mich neben ſie ſetzen.. das ärgert Dich hoffentlich nicht.“ „Nein, wahrhaftig... Leb' wohl, bis auf Morgen.“ Ich entfernte mich, herzlich froh, daß Dubvis auf der vierten Galerie geblieben war. Bevor ich zu meinem Vater zurückging, trat ich einen Augenblick in's Foyer. Kaum machte ich zwei Schritte, ſah ich Jenneville und Frau von Remonde vor mir. 1 Ich kann nicht vorbeigehen, ohne ihnen einen guten Abend zu wünſchen. Die Augen der ſchönen Herminie würden mir Angſt machen, wenn wir allein wären: denn wenn ſie den Blitz auf mich ſchleudern könnten, ſo wäre es unfehlbar um mich geſchehen. Ich ſtelle mich, als ob ich ihren Grimm nicht ſehe; allein ich merke wohl, daß mich Jenneville ganz ſpöttiſch anſchaut, er empfängt mich mit einer ganz andern als freundſchaftlichen Geſinnung. „Wie! Sie ſind in der Oper!“ ſagte Jenne⸗ ville in einem höhniſchen Tone zu mir,„welcher Zu fall.. Sie, den man in keiner Geſellſchaft mehr ſieht... der die geräuſchvollen Freuden flieht, um ſich ganz der Dame ſeines Herzens zu widmen!“ „Ach, es ſcheint, daß die Dame, welche den Herrn einnimmt, ihm erlaubt hat, heute Abend ins„ —— — „ 117 Theater zu gehen,“ fügt Herminie mit erzwungenem Lächeln bei, worauf ich ziemlich barſch antwortete: „Wenn ich nicht mehr ſo oft in Geſellſchaft gehe, ſo geſchieht dieß augenſcheinlich, weil es mir nicht behagt.. Wenn ich für irgend ein Frauenzimmer ein⸗ genommen bin, ſo glaube ich, wird dieß Niemand Etwas angehen, und ich werde unumſchränkt nach meinem Belieben handeln können.“ „Man iſt auch keineswegs Willens, mein lieber Freund, Sie von Ihrem Liebesgegenſtand abwendig zu machen.“ „Der Herr weist ſeiner Liebe einen zu guten Platz an, als daß man je den Gedanken haben könnte, ſie zu ſtören!...“ „Ich glaube, Madame, es wäre für viele Per⸗ ſonen ein Glück, wenn ſie ſie eben ſo gut anbrächten.“ Frau von Remonde beißt ſich in die Lippen und erröthet. Jenneville lacht und fährt fort:„O, mein Lieber, Ihre Liebſchaft macht mehr Lärmen, als Sie glauben.“ Ich wurde unwillkürlich verlegen, denn ich ſah wohl ein, daß man mir all dieß abſichtlich ſagte; allein man hat den dritten Akt begonnen, Herminie zieht Jenneville fort, der beim Weggehen noch zu mir ſagt:„Ich werde mich bei Ihnen höflichſt dafür be⸗ danken.“ Sollte er wohl wiſſen, daß ich alle Tage ſeine Frau beſuche?... wer hat es ihm ſagen können... ihm, der ſich ſo wenig um ſie bekümmert? Ach, wenn er davon unterrichtet iſt, ſo iſt's durch die 118 Frau von Remonde... Disſe Frau haßt mich, nun wird ſie mir Alles zum Trotze thun... Wie hat ſie aber vieß erfahren? doch wird man mit Geld in Paris nicht Alles inne, was man will? Ich ging zu meinem Vater zurück; während er alle ſeine Aufmerkſamkeit auf das Schauſpiel rich⸗ tete, dachte ich nur über die Unterredung nach, die ich ſo eben mit Jenneville und ſeiner Geliebten ge⸗ habt hatte, die ich aber mit keinem Worte bei Au⸗ guſtine zu berühren mir vornehme. Das wird mir leicht ſein, da ſie mich gegenwärtig nicht mehr über ihren Mann ausfragt. Gegen die Mitte des letzten Aktes unterbricht ein Geſchrei von der vierten Galerie herab das Schau⸗ ſpiel. Man zankt ſich und lärmt, woran die ruhigen Opernbeſucher nicht gewohnt ſind. Ich dachte gleich, Dubvis ſei bei dieſem Lärmen betheiligt und glaubte ſelbſt ihn an der Stimme zu erkennen, wie er ſich gegen Jedermann geberdet und droht. Endlich iſt das Schauſpiel zu Ende. Ich entferne mich ſchnell mit meinem Vater und fahre mit ihm in die Allee des Veuves. Mein Vater will durchaus haben, daß ich bei ihm ſchlafe; daheim hat er ſeine Magd zur Bedienung und in Paris iſt er gar nicht orientirt. Ich ſehe wohl ein, daß ich unmöglich in der Straße Charlot ſchlafen kann, aber morgen... ah! morgen werde ich wohl einen Augenblick finden, Auguſtine zu beſuchen. Beim Auskleiden unterhielt ich mich mit Lapierre über den Signor Delzini, deſſen Wohnung wir inne — — 119 haben, und der, wie mir mein Kutſcher geſagt hat, alle Krankheiten mit ſeinen Kräutern heilt. Lapierre beſtätigt, daß dieſer fremde Doctor wirklich bloß ein⸗ fache Mittel bei ſeinen Kranken anwende und man ihm viel Geſchicklichkeit zutraue, da er ſich ſehr gut bezahlen laſſe. Ich ſchlafe mit dem Gebete ein, daß der gelehrte Doctor doch vor der Abreiſe meines Vaters nicht nach Paris zurückkehren möchte. Wenn ich ſehr frühe aufſtehe, dachte ich, werde ich Zeit bekommen, in mein Logis zu gehen, bevor mein Vater aufwacht. Aber als Landbewohner iſt er immer vor Tag auf: mein Vater iſt, als ich zu ihm komme, bereits aufgeſtanden und beſchäftigt ſich damit, wie er den Tag anwenden ſoll. Ich höre ihn unaufhörlich wiederholen:„Du mußt mich dahin führen, dann dorthin führen!...“ Dieß macht mir einen Strich durch meine Rech⸗ nung; hoffentlich wird mich Dubois ablöſen. Ich ſehe ihn ſchon voller Freude ankommen.„ Mein Vater fragte ihn, warum er im Theater nicht bei uns geblieben ſei? „Mein lieber HerrDeligny,“ſagte Dubois,„ich habe zwei Bäschen in den obern Logen getroffen, und Sie wiſſen wohl, man iſt ſeiner Familie immer verbunden.“ „Haſt Du einen ſolchen Lärmen gemacht?“ ſagte ich ganz leiſe zu Dubois;„das ganze Schauſpiel wurde dadurch geſtört.“ „Was Teufels, mein Freund, bin ich ſchuldig? jene zwei Zieraffen, welche nicht geſtatten woll⸗ ten, daß ich meine Hände auf ihre Hüften legte!“ 120 „Heute wirſt Du hoffenilich artiger ſein, beim Diner weniger trinken und meinen Vater nicht ver⸗ laſſen.“. „Sei ruhig; heute wird mich Dein Vater für einen zweiten Kato halten.“ Mein Vater will den Jardin des Plantes, den Luxembourg, die Tuilerien, das Palais-royal be⸗ ſuchen, alle Paſſagen ſehen und auf dem Kanal Schiff fahren. Dazu braucht man wenigſtens einen ganzen Tag, doch werde ich mich, denke ich, ein wenig ent⸗ fernen können. Ich ſchlug meinem Vater vor, das Frühſtück im Palais-royal einzunehmen. Wir machten uns auf den Weg, als Frau Ledoux Dubois ſagen ließ, ſie wünſche den Preis der Colonialwaaren zu wiſſen. Dubvis ſchneidet ein ſchreckliches Geſicht und ſagt uns, wir ſollen nur vorausgehen, worauf wir uns entfernten. Es iſt entſetzlich mit den Landleuten; ſie wollen Alles ſehen, Alles in der Nähe muſtern. Mein Vater zwingt mich, alle Augenblicke zu halten. Es iſt leicht begreiflich, daß Perſonen, die bloß vierzehn Tage in Paris zugebracht haben, alle Denkmäler und Merk⸗ würdigkeiten der Stadt beſſer kennen, als die, welche ſeit dreißig Jahren dort wohnen. Wir kommen bei den Tuilerien an. Dubois hat uns noch nicht eingeholt. Frau Ledoux ſcheint die Unterredung gerne in die Länge zu ziehen. Wenn Dubois mich den ganzen Tag meinen Vater ſpazieren führen ließe! Ich habe faſt Luſt, in die Allee des 3 Veuves zurückzukehren, aber mein Vater will nicht. Wir frühſtücken; ich habe Dubois geſagt, bei welchem Traiteur wir ſeien, und denke, er werde bald zu uns ſtoßen. Ich ziehe das Frühſtück ſo lange als möglich hinaus, aber mein Vater iſt ſchon lange mit dem Eſſen fertig; er drängt in mich und will den Tag gut anwenden. „Wir ſollten Dubois abwarten,“ ſagte ich zu meinem Vater. „Mein lieber Paul, Dein Freund wird uns ein⸗ holen.“ „In Paris findet man einander nicht ſo leicht.“ „Dann müſſen wir ihn entbehren; wenn nur Du bei mir biſt, weiter brauche ich nichts.“ Was ſoll ich darauf antworten? Nichts; ich muß mich darein fügen und gut dazu ſehen. Wir gehen fort: ich führe meinen Vater in alle Ecken der Stadt. Insgeheim wünſche ich Dubois zum Teufel! Der Treuloſe verläßt mich, da er doch weiß, daß ich ſeiner ſo ſehr bedarf. Ach, wie lange ſcheint mir der Tag! Wahrhaftig, ich liebe meinen Vater herzlich, aber wenn man verliebt iſt... wenn man aus tauſenderlei Gründen wünſcht, diejenige, die man verehrt, zu ſehen.. die Verliebten können ſich meinen Mißmuth wohl erklären. Wenn ich wenigſtens meinem Vater ſagen könnte, ich ſei verliebt.. mit ihm von Auguſtine reden könnte, aber es iſt unmöglich. Endlich um ſechs Uhr Abends kommen wir im Palais-royal zum Diner an. Ich bin abgemattet, ſchlaff; nie haite ich an einem Tage ſo viel Gegen⸗ 122 ſtände geſehen; mein Vater ſcheint dagegen nicht müde. Die Landbewohner ſind beſſer auf den Füßen als die Städter. Wir ſind an den nämlichen Ort, wo wir früh⸗ ſtückten, zum Mittageſſen zurückgekehrt. Ich ſetzte noch eine ſchwache Hoffnung auf Dubvis: wirklich tritt er, als wir eben die Suppe aßen, in den Speiſeſaal und ſetzt ſich an unſern Tiſch. „Ah, biſt Du endlich da!“ „Ja, mein Freund.. Deligny, Sie blühen wie eine Roſe.“„ „Warum haſt Du uñs ſihl heute Morgen ein⸗ geholt? wir haben auf Dich gewartet.“ „Ach, warum? Zuerſt hat mich Frau Ledoux... Du weißt, Deine Haushälterin, mit einer Unter⸗ redung hingehalten, die ich gerne vermieden hätte, dann erinnerte ich mich an ein wichtiges Rendezvous (Dubvis neigt ſich zu mir herüber und ſagte mir in's Ohr:„Bei einem Polizeikommiſſär) wegen einer bedeutenden Sache...(wegen meiner Hoſen) deren Verluſt mich etwas in Verlegenheit geſetzt hätte.. (gerne gebe ich einer Sn mein Herz, aber min Hoſen nicht).“ Dieſen Umſtand benit fiel ich Dubois in die Rede und ſagte:„Ich habe auf heute Abend auch ein Rendezvvus wegen einer ſehr Ange⸗ legenheit, da aber mein Vater da iſt.. „Du darfſt Dich nicht geniren, mein Lireh ent⸗ gegnete mein Vater;„wenn Du dieſen Abend ein Geſchäft zu beſorgen haſt, ſo mußt Du Dich zu Deinem ich bin nur auf ihren Empfang begierig. 123 Rendezvous begeben. Herr Dubois wird ſo gut ſein und mir Geſellſchaft leiſten.“ „Wie!.. mit dem größten Vergnügen. Heute Abend ſtehe ich ganz zu Ihren Dienſten.“ „Suche jedoch, mein lieber Sohn, ſuche, daß Du ſobald als möglich wieder zu uns kommſt.“ „O, ich verſpreche es Ihnen, lieber Vater.“ „Seien Sie ruhig, Herr Deligny, ich ſtehe Ihnen dafür, wir werden uns gut unterhalten... wir wer⸗ den unſere Späſſe machen. Seien Sie ganz getroſt!“ Die Gewißheit, heute Abend Auguſtine beſuchen zu können, verſetzt mich wieder in die heiterſte Stim⸗ mung; wir werden während des Eſſens ſehr luſtig. Dubvis erzählt uns eine Menge toller Streiche, mein Vater lacht und zecht tüchtig; Dubois, der ſich mit ihm meſſen will, iſt ebenfalls ſchon benebelt wie Tags zuvor. Nach dem Nachtiſch trinken wir den Kaffee. Ich gebe ihnen auf neun Uhr ein Rendez⸗ vous in der neuen Galerie und empfehle meinen Vater Dubvis, der mir zuruft:„Laß uns nur machen und beunruhige Dich nicht unſertwegen.“ Endlich bin ich frei und kann thun, was ich will. Ich ſehe auf meine Uhr: es iſt halb acht Uhr, eile auf einen Fiakerplatz, ſteige ein, verſpreche dem Kutſcher ein gutes Trinkgeld und dieſer peitſcht ſofort ſeine Pferde tüchtig. Es ſcheint mir eine Ewigkeit, daß ich Auguſtine nicht geſehen habe!... Geſtern hatte ich ſie ſo plötzlich verlaſſen!... Sie hat wohl be⸗ merkt, daß meine Verlegenheit nicht natürlich war; 124 Ich bin bereits in ihrem Hauſe, eile die Treppe hinauf, wie wenn ich verfolgt würde, läute; man öffnet mir. Ich habe kaum vernommen, die Frau ſei zu Hauſe, ſo befinde ich mich ſchon in dem Salon. Julchen iſt bei ihr; ach, wie unerträglich ſind manch⸗ mal die Freundinnen! Man empfängt mich höflich, aber wie kalt iſt dieſe Höflichkeit, wie ſpröde dieſer Gruß! Man ſieht mich kaum an, erwiedert meine Complimente ganz trocken... um ſo beſſer, das iſt ein gutes Zeichen. Ich kann mich gut entſchuldigen, wenn ich ihr ſage, mein Vater ſei hier, aber zuvor möchte ich gerne wiſſen, ob man ſich wirklich darum beunruhigte, was aus mir geworden ſei. Julchen ſcheint auch zurückhaltender gegen mich, ſieht mich ſchief an und betrachtet dann wieder Augu⸗ ſtine. Eine Zeit lang wechſelten wir bloß gleichgültige Worte; man fragt mich nicht, was ich ſeit dem geſtri⸗ gen Tag gethan habe, aber ich ſehe wohl, daß man vor Neugierde faſt vergeht. Endlich ſagte Julchen lächelnd zu mir:„Sie ha⸗ ben Ihren hübſchen Dollmann mit den Stecknadeln abgelegt... ach, Sie hatten unrecht, wahrlich, er ſtand Ihnen gut!“ „O,“ ſagte Auguſtine in einem bittern Tone, „Herr Deligny hat einen zu guten Geſchmack, als daß er ſich ſo kleidet, ohne dazu genöthigt zu wer⸗ den.. ohne Zweifel mußte er ſich verkleiden, um die Wachſameit irgend eines Eiferſüchtigen zu i ſchen.“ 12⁵5 „Sie ſind weit entfernt, die Wahrheit zu errathen, meine Damen.“ „Sie würden, glaube ſch, ſehr in Verlegenheit kommen, uns dieſe mitzutheilen!“ „Nein, Madame, nichts iſt leichter.“ Ich erzählte dieſen Damen meine Abenteuer vom vorigen Tage. Als Auguſtine hörte, mein Vater ſei in Paris, beliebte es ihr endlich, mich anzuſehen; ein leichtes Lächeln zeigte ſich wieder auf ihren Lip⸗ pen, obgleich in ihren Blicken der Ausdruck des Zwei⸗ fels zurückblieb. Julchen lacht bis zu Thränen, als ich ihr meine Lage erzähle, wie ich bei Dubvis warten mußte, bis er mir meine Hoſen wieder bringt. Ich endete meine Erzählung mit der Schilderung der Sehnſucht, die ich ſeit geſtern empfunden habe, und ich ſehe, wie die ſchöne Auguſtine ihre Blicke mit einem lieblichern und zärtlichern Ausdruck als je auf die meinigen heftete. „Da ſieht man,“ rief Julchen,„wie es geht, wenn man nach dem Scheine urtheilt. Wir hielten Sie ſchon für einen liederlichen Menſchen. Auguſtine hatte ſich ſogar vorgenommen, Ihnen keinen Zutritt mehr zu geſtatten.“ „Was? Madame!“ „Allerdings; ein junger Menſch, der ſich verkleidet der nicht zu Hauſe ſchläft...“ „Ach, Sie haben gewußt...“ „Ja; Auguſtine wollte heute morgen einen Spazier⸗ gang auf das Land machen und hat es Ihnen durch die Magd ſagen laſſen, aber der Portier ſagte, Sie 126 ſeien ſeit geſtern nicht nach Hauſe gekommen, und er ſei wegen Ihnen ſehr in Sorgen.“ Ich begreife nun, warum man mich ſo kalt empfing. Wenn ich ihr gleichgültig wäre, würde ſie ſich darum kümmern, daß ich nicht zu Hauſe ſchlafe? Nun habe ich wieder Hoffnung, ich werde ſie ſchon nöthigen, daß ſie ſich gegen mich aus⸗ ſpricht. Nachdem Julchen über meine Abenteuer vom vori⸗ gen Tag tüchtig gelacht hatte, entfernt ſie ſich und läßt mich allein bei Auguſtine. Dieſe nähert ſich mir wieder, ihre Stimme ſcheint mir ſanfter als gewöhn⸗ lich, vielleicht weil ich ſie ſchon lange nicht mehr ge⸗ hört habe; ihre Augen lächeln mir gütig zu. Ach, wenn ich mich nicht zurückhielte, würde ich vor ihr niederknieen, aber nein, nein, ich muß ihrer Liebe gewiß ſein, es wäre zu ſchrecklich für mich, wenn ich mich abermals getäuſcht hätte. Schon mehr als eine Stunde befinden wir uns allein; wir ſprechen wenig... ich weiß nicht, was wir reden.. aber gleichviel, wenn man einander nur gefällt. Auguſtine ſeufzt von Zeit zu Zeit; ich ſtelle mich, als ob ich es nicht bemerke. Endlich ſagt ſie zu mir:„Warum wollen Sie es denn Ihrem Vater nicht wiſſen laſſen, daß Sie einen Theil Ihres Ver⸗ mögens verloren haben?“ „Weil es ihm Kummer machen würde.“ „Wird er aber nicht früher oder ſpäter die Wahr⸗ heit erfahren?“ „Gewiß; wenn er ſie aber jetzt erführe, ſo würde er mich zur Abreiſe von Paris veranlaſſen... haupt⸗ ſächlich würde er mich zu verheirathen ſuchen.“ „Sie verheirathen? ach! Sie⸗ glauben, er denke daran... In der That, Sie werden ſich einmal ver⸗ heirathen!...“. Dieſe letzten Worte hatte ſie ſehr traurig ausge⸗ ſprochen, und ließ ſofort ihren Kopf auf ihren Buſen herabſinken. Ich ſchweige ſtill und athme kaum. Nach einer Weile fuhr ſie fort:„Warum wollen Sie jetzt nicht heirathen?“ „Weil im Augenblicke die Ehe nichts Anziehendes, nichts Verführeriſches für mich hat.“ „Indeſſen werden Sie doch Ihrem Vater einmal gehorchen müſſen... iſt dieß zudem nicht immer der Zweck?... Sie werden heirathen!... Möchten Sie in Ihrer Ehe glücklicher ſein als ich!“ Kaum hat ſie dieſe Worte ausgeſprochen, ſo ſirö⸗ men Thränen über ihre Wangen herab, Schluchzen erſtickt ihre Bruſt faſt und ſie bedeckt ihr Geſicht mit ihrem Taſchentuch. Was erpreßt ihr aber dieſe Thrä⸗ nen? Das Andenken an ihren Gatten? der Gedanke, daß ich mich verheirathen werde? Ich nehme ſie bei der Hand und drücke dieſe in der meinigen, während ſie ſich einem Schmerz überläßt, deſſen Haupturſache ich wohl wiſſen möchte. Wir bleiben einige Minuten in dieſer Lage; endlich trocknet Auguſtine ihre Augen und ſagt zu mir:„Ich bin recht verdrießlich, nicht wahr? Verzeihen Sie mir... aber das Andenken an meine Ehe.. reden wir nicht mehr davon... es iſt ſehr ſpät.. gehen Sie heute 1²8 Abend in die Allee des Veuves zurück? Ei, hören Sie, der Regen gießt in Strömen herab!“ Es iſt wirklich ein ſchreckliches Wetter und ſchon Mitternacht vorüber; an ihrer Seite merkte ich auf keine Zeit. Mein Vater muß bereits im Bette liegen und ſchlafen. Ich kann wohl in die Straße Charlot gehen und morgen werde ich ihm ſagen, ich habe vor ſeinem Erwachen einen Ausgang gemacht; auf dieſe Art werde ich morgen früh Auguſtine wieder beſuchen können, ehe ich mich in die Champs⸗Elyſoée's begebe. Sie billigt meinen Einfall. Ich verweile noch eine halbe Stunde bei ihr und beim Forigeßin ſagt ſie wiederholt zu mir:„Auf morgen alſo!“ 8 Siebentes Kapitel. Mein Vater und Dubvis.— Derkranke Engländer. Während ich liebes⸗ und hoffnungstrunken den angenehmſten Abend an der Seite Auguſtinens zu⸗ brachte, und meinen Vater und Dubois, denen ich bis neun Uhr ein Rendezvous gegeben hatte, vergaß, hatten ſie ſich ihrerſeits auch nicht pünktlicher einge⸗ funden. Dubois, der mit meinem Vater allein im Kaffee⸗ haus geblieben iſt, will ihn alle Liköre verkoſten laſſen. Unglücklicher Weiſe iſt er bei Geld; er hat in der Frühe Geld gefaßt und bekanntlich iſt er ein eben ſo großer Verpraſſer, als Jolivet ein Filz. — 6 „ 129 Aber die Leute vom Lande ſind gewöhnlich ſo eigenliebig, daß ſie den Pariſern an Höflichkeiten nichts nachgeben wollen. So oft Dubois etwas be⸗ zahlt hat, will es mein Vater erwiedern und bezahlt dann ſeinerſeits; Dubois läßt wieder etwas kommen, weil er die letzte Zeche zahlen will; mein Vater will nicht weniger freigebig ſein; kurz, dieſe Herren haben einen ſolchen Eigenſinn, daß er ſie am Ende unter den Tiſch werfen könnte. Glücklicher Weiſe erweckten der heiße Kaffee und die verſchiedenen Getränke, die ſie zu ſich genommen, Wetter war damals noch herrlich. Wohlan, wir wollen ſpazieren gehen,“ ſagte mein Vater. „Ja, wir wollen die Frauenzimmer auf dem Bou⸗ levard beſichtigen,“ erwiederte Dubvis. Die Herren machen ſich auf den Weg. Mein Vater untertag den vielen Likörkelchen, Dubois war ſchon lange betrunken und erlaubte ſich während des Spaziergangs auf dem Boulevard mit allen Frauen, die ihm etwas hübſch ſchienen, zu reden. Mein Vater ſagte auf naive Weiſe zu ihm:„Sie kennen dem⸗ nach faſt alle Pariſer Frauenzimmer?“ „Ich, ehrwürdiger Greis, bin bei dem ſchönen Geſchlechte ſo bekannt, wie den Malern der Apollo des Belvedere.“ Indeſſen haben ſich mehrere ſogenannte Bekannte von Dubois durch ſeine Worte beleidigt gefühlt. Paul de Kock. LMi. 9 in ihnen den Wunſch, friſche Luft zu ſchöpfen. Das 130 Mehrere Herren haben ſich darein gemiſcht, worauf Dubois mit ſeinem Gefährten die Schritte verdoppelt. Die Herren flüchten ſich in die kleinen Buden, wo⸗ mit gegenwärtig die Boulevards überſäet ſind: ſie werfen die Waaren auf den Boden, die Händler ſchelten, und mein Vater, von dieſem Spaziergange ganz betäubt, ſagte zu ihm:„Warum ſchreien denn all dieſe Leute uns nach?“ „Weil dieſe Narren wünſchen, daß ich ſie durch⸗ prügle, aber ich werde es heute Abend nicht thun, weil Sie bei mir ſind.“* Es iſt ſchon lange Nacht. Mein Vater, von ſeinem Spaziergange ermattet, wünſcht nach Hauſe zu gehen und ſich ſchlafen zu legen, aber Dubois ſagt zu ihm: „Was denken Sie! es iſt noch nicht zehn Uhr, und in Paris geht kein ehrlicher Menſch vor Mitternach zu Bette.“ „Wenn ich aber gerne ſchlafen möchte?“ „Nein, ehrpürdiger Greis, Sie haben keine Luſt zu ſchlafen.. ich dulde nicht, daß Sie ſchlafen; wir nehmen einen Fiaker und fahren an einen allerlieb⸗ ſten Ort, der überdieß nicht weit von Ihrem Logis entfernt iſt, was für uns beim Heimgehen ganz be⸗ quem ſein wird.“ Die Herren ſteigen in einen Fiaker. Dubois befiehlt dem Kutſcher, ſie in den Floraſaal in den Champs⸗Elyſée's zu führen. „Was iſt denn der Floraſaal?“ fragte mein Vater, während der Fiaker fortrollte. „Das iſt ein ländlicher Tanzſaal in der Haupt⸗ 13¹ ſtadt, wo der liebenswürdige Mann die meiſten Freu⸗ dengenüſſe trifft.“ „Was ſoll ich auf einem Balle thun? ich tanze nicht mehr.“ „Sie können dort thun, was Sie wollen; unſere ländlichen Bälle ſind ſehr angenehm: man treibt dort Allerlei.“ „Zu meiner Jugendzeit war ich indeſſen ein großer Liebhaber vom Tanzen. ich war äußerſt gelenkig.“ „Wie alt ſind Sie jetzt?“ „Achtundfünfzig Jahre.“ „Dieß iſt das ſchönſte Alter zum Tanzen, wo man am wenigſten ſteif iſt; Sie werden heute Abend ihren Rigodon tanzen, und wenn es Ihnen Ver⸗ gnügen macht, ſo tanzen Sie noch andere Touren mit.“ Man kommt endlich im Floraſaal an. Dubois nimmt meinen Vater am Arme und führt ihn überall herum, indem er mit ihm vor jeder Dame hält und ihn nöthigt, den Frauenzimmern, die er hübſch findet, mit einer Priſe Tabak aufzuwarten. Mein Vater, in der Meinung, dieß ſei in Paris üblich und zudem etwas benebelt, geht, mit ſeiner offenen Tabaksdoſe in der Hand, auf und ab ſpazieren. Dubois ſchlägt Punſch vor, um ſich zu erfriſchen, mein Vater iſt damit zufrieden; man ſetzt ſich in ein Bosket, von wo aus man dem Tanze zuſehen kann. Aber bald treibt der heftige Regen alle Spaziergänger in den Saal, wo ſich mein Vater und Dubois mit einer zweiten Bowle Punſch ebenfalls feſtſetzen. Nach einer Weile ſagte Dubvis zu meinem Vater: 132 „Nun, da wir uns erfriſcht haben, wollen wir tanzen.“ „Ich würde lieber in's Bett gehen.“ „Was denken Sie? Es regnet, als wenn man es mit Eimern göße; bei dieſem Wetter kann man unmöglich fortgehen... Tanzen wollen wir..“ „Ich kenne keine Dame.“ „O, man hat bald Bekanntſchaft gemacht! Laden Sie die ein, die Ihnen am beſten gefällt.“ „Ladet man zum Tanzen auch mit einer Priſe Tabak ein?“ „Nein.. Sie machen ein Compliment, wie es Ihnen beliebt.. nun, Herr Deligny, muthig. ich werde mich Ihnen gegenüber ſtellen.“ Mein Vater nimmt ſeinen Hut in die Hand, faßt Muth, und nachdem er ſich im Saale umgeſchaut hat, fordert er eine fünfzigjährige Dame auf, welche bloß ihre Kinder auf den Ball geführt hatte. Die gute Dame, erfreut über eine Einladung, die ihr ſchon lange nicht mehr zu Theil wurde, ergreift die Hand, welche ihr mein Vater reicht, und Beide ſtellen ſich zum Contretanz auf. Dubvis ſtellt ſich meinem Vater mit einer Jungfer gegenüber, die unter ihrer Haube einen ſechs Zoll hohen Kamm trägt. Als Dubois die Tänzerin mei⸗ nes Vaters ſah, rief er:„Wenn dieſe die Stellun⸗ gen noch nicht weiß, ſo iſt es traurig!... Geben Sie Acht, junges Paar, Alles ſchaut auf Sie.“ In der That ſcheinen viele junge Leute, welche nicht tanzen, darauf begierig zu ſein, wie das junge Paar 133 ſeine Sache machen werde. Das Orcheſter gibt das Signal; bekanntlich dient das erſte Ritornell den Tänzern bloß zum Zeichen. Mein Vater, der dieß nicht mehr weiß, tritt mit ſeiner Dame vor, alle Beide hüpfen gegen Dubvis, der meinen Vater an ſeinem Frackflügel hält und ihm zuruft:„Einen Au⸗ genblick Geduld, munteres Pärchen.. noch nicht... jetzt. ſo iſt's recht, nun wollen wir alle unſere Künſte zeigen.“ Dubois, vom Punſche erhitzt, tanzt wie ein Be⸗ ſeſſener; mein Vater und ſeine Tänzerin haben ſich in der engliſchen Chaine verloren, tanzen aber im⸗ merfort und fallen auf Jedermannz ihr Anblick ver⸗ urſacht allgemeines Gelächter. Dubois erzürnt ſich, daß man über ſeine vis-à-vis lacht, flucht und ſagt meinem Vater, wie er an ihm vorbei tanzt, in's Ohr:„Geben Sie allen dieſen Schlingeln Fußtritte.“ Mein Vater und ſeine Tänzerin theilen keine Fuß⸗ tritte aus, verirren ſich aber von Neuem in einer Figur und beſchließen eine Paſturelle mit Walzen. Die jungen Leute, die ſie umgeben, lachen noch ſtär⸗ ker, Dubois wirft ihnen ſeinen Hut an den Kopf und ruft ihnen zu:„Ihr ſeid Flegel!... Ihr ſeid nicht bei Troſt, ſo zu tanzen! Ich fordere euch Alle heraus.“ Plötzlich ſtürzen mehrere auf Dubois los, der Tanz wird unterbrochen, die Frauenzimmer ſchreien, die Kinder heulen, man ſtoßt ſich, droht einander; mein Vater, von Jedermann geſtoßen und ſich ſelbſt nicht bewußt, daß er an dieſem Lärmen Schuld iſt, verliert ſeine Tänzerin und ſein Taſchentuch. Aber 134 Dubois, der ſich von einem Dutzend Individuen be⸗ droht ſieht, nimmt meinen Vater am Arme und be⸗ dient ſich ſeiner Perſon wie eines Schilds, um die Hiebe abzuhalten. Die Wache kommt; man wirft Dubois und mei⸗ nen Vater vor die Thüre hinaus, weil ſie erwieſener Maßen an dieſem Tumulte Schuld ſind, und ohne zu wiſſen wie, weil das Gefecht ſie ziemlich be⸗ täubt hat, befinden ſich Beide gegen Mitternacht, bei einem ſchrecklichen Wetter, mitten auf den elyſäi⸗ ſchen Feldern. „O! wo ſind wir?“ ſeufzt mein der nichts als Finſterniß um ſich herum ſieht. „Ah! die Lumpen! die Tropfen! zu dreißig über zwei herfallen... trotz dem hätte ich Alle durchge⸗ prügelt, wenn die Wache nicht gekommen wäre.“ „Mir iſt es lieb, daß ſie gekommen iſt und wir fortgegangen ſind. Ich weiß gar nicht, wie dieſer Streit angefangen hat, allein ich weiß wohl⸗ daß ich mich mitten im Gefecht befand, und da Sie mich nicht los ließen, habe ich, glaube ich, mehrere Hiebe bekommen.“ „Sie haben Hiebe bekommen?“ „Ja wohl.“ „Kommen Sie mit mir, braver Alter; man ſoll den Vater meines Freundes nicht ungeſtraft geſchla⸗ gen haben.“ „Wohin wollen Sie?“ „Wir kehren auf den Ball zurück und prügeln ſie gerade wieder ſo.“ 135 „Nein, nein, ich habe genug daran.“ „Kommen Sie doch, ich ſage Ihnen nochmals, wir zwei können alle dieſe Laffen zu Boden ſchlagen.“ „Und ich ſage Ihnen, ich will Niemand ſchlagen, ſondern ich will ſchlafen gehen; es iſt hohe Zeit.“ „Ich folge Ihnen, weil Sie der Vater meines Freundes ſind und dieſer Sie mir anvertraut hat... aber ſonſt.. Donnerwetter! ach! wie es ſchüttet.“ „Ach ja!“. „Und ich habe im Handgemenge meinen Hut ver⸗ loren.“ „Eilen wir doch nach Haus, mein Freund; kennen Sie den Weg?“ „Seien Sie nur ruhig, ich kann mich nicht verirren!“ „Aber man ſieht gar nichts.“ „Gleichviel, nur herzhaft vorwärts.“ „O weh!“ „Was gibt es?“ „Ich bin in ein Loch getreten.“ „Gleichviel.“ „Das Waſſer geht mir bis an die Kniee.“ „Das trocknet wieder. Geben Sie mir den Arm, wir wollen einander führen.“ „Werden wir bald zu Hauſe ſein? Wir werden wohl bald ankommen müſſen. Sie ſagen, dieſes Stadtviertel ſei das ſchönſte in Paris; warum iſt es denn nicht beleuchtet?“ „Gerade deßhalb; bloß die garſtigen Stadttheile, wo ſich Diebe aufhalten, ſind beleuchtet.“ „Aber dieſer ſcheint mir ſehr öde,“ 156 3 „Bah! Sie ſehen die Vorübergehenden nicht, weil es Nacht iſt.“ „Man ſtolpert bei jedem Schritt.“ Weil wir nicht auf dem Trottvir gehen; warten Sie, ich will es ſuchen.“ „Ach mein Gott! Sie ſchleppen mich fort!“ Auf einmal fielen dieſe Herren in einen Gr voll Waſſer und Koth. Dubois flucht ganz beſeſſen, mein Vater eben ſo arg, indem er das ſchöne Vier⸗ tel, wo ſein Sohn wohnt, verwünſcht. Endlich haben ſich Beide wieder aus dem Graben herausgearbeitet, aber ihre Kleider und Hände ſind mit Koth bedeckt. Sie müſſen ſo ihren Weg fortſetzen. Zuletzt kommen ſie nach einem einſtündigen Irrweg in den elyſäiſchen Feldern in der Allee des Veuves und vor dem Hauſe der Frau Ledoux an. Der Portier, der ihnen die Thüre öffnete, erſchrack über ihr Ausſehen; Dubois hieß ihn ſchweigen und ver⸗ langte ein Licht. Während der Portier ihm eine Kerze reichte, ſagte er zu Dubojs:„Die Frau Ledvux hatte mir den Auftrag gegeben, dem Herrn zu ſagen, wenn ich ihn heute Abend ſehe: ſie wünſche mit ihm zu reden, um den Preis der Colonialwaaren zu er⸗ fahren.“ „Die Frau Ledour ſoll mir zum Henker gehen!“ rief Dubois, das Licht nehmend.„Ich werde ihr nicht einmal den Preis der Bohnen ſagen!... Das Müt⸗ terchen iſt etwas zu naſchhaft. Nun wollen wir ſchla⸗ fen gehen, Vater meines Freundes.“ Mein Vater wünſcht nichts ſehnlicher; von ſeiner — —— . * 137 Abendunterhaltung betäubt, bedurſte er ſehr der Ruhe. Er legte ſich alsbald nieder und ſchlief ein. Nicht ſo Dubois; da er noch nicht weiß, in wel⸗ ches Bett er ſich legen ſoll, läuft er mit einem Licht durch das ganze Haus, um ein Zimmer zu ſuchen. Es war ſchon Mitternacht vorbei; Jedermannſchlief. Dybois, der nirgends in Verlegenheit kommt, geht in den Gängen herum und öffnet mehrere Thüren, kam aber bisher bloß in Zimmer ohne Betten. Nach langem Suchen kommt er in ein Zimmer⸗ chen, wo er eine Schlafſtätte ohne Vorhang ſieht. Er geht vorwärts: das Bett iſt beſetzt, und Dubois er⸗ kennt die Jungfer Girard, die Köchin vom Hauſe, welche wie ein altes Roß ſchnarcht. Die Jungfer Girard iſt weder ſehr jung, noch ſehr hübſch; ſie hat eine große Naſe voll Schnupftaback, ihre Haut gleicht einer fetten Fleiſchbrühe; wenn man aber viel gegeſſen, Punſch getrunken, getanzt hat und in einen Graben gefallen iſt, ſo weiß man nicht mehr recht, was man thut. Schnell kleidet ſich Dubvis aus, löſcht das Licht ab und legt ſich neben die Jungfer Girard nieder, in⸗ dem er ſagte:„Es freut mich, zu probiren, ob ſie ſich auf die Liebe eben ſo gut verſteht, wie auf die Nudeln.“ Als mein Vater in der Frühe des andern Tags erwacht, ruft er alle Ereigniſſe des vorigen Tags in ſein Gedächtniß zurück: er iſt mit ſich nicht zufrieden, vegreift gar nicht, wie er in ſeinem Alter ſo viele tolle Streiche hat machen können, iſt aber nament⸗ lich gegen Dubvis ſehr ergrimmt, der ihn zum Tan⸗ zen im Floraſgale aufgemuntert hat. Willens, mir 138* wegen meines Freundes ſein Compliment zu machen, ruft mich mein Vater, ich antworte ihm nicht, aus dem guten Grunde, weil ich, anſtatt neben ihm geſchlafen zu haben, in meinem Logis in der Straße Charlot war. Mein Vater ruft Lapierre; dieſer iſt aber auch ſchon wegen Commiſſionen ausgegangen. Er ſteht auf, kleidet ſich an, brummt während deſſen, grollt, und wird ſehr übel geſtimmt. Erſtaunt, mich nirgends zu ſehen, will mein Va⸗ ter hinausgehen, um ſich nach mir zu erkundigen, als er an der Thüre leiſe klopfen hört; er öffnet: ein junger, ſehr elegant gekleideter Menſch ſteht vor ihm und verbeugt ſich tief. „Maſter Dezini?“ ſagte der Fremde mit einem Accent, der ſogleich einen unſerer überſeeiſchen Nach⸗ barn verrieth. Mein Vater, in der Meinung, der junge Engländer frage nach ſeinem Sohne, weil der Name, den er ausgeſprochen hat, faſt wie der ſeinige lautet, ſtellt dem Fremden einen Seſſel hin und ſagte zu ihm:„Mein Sohn iſt bereits ausgegangen, wenn Sie mir aber ſagen wollen, was Sie hieherführt, ſo iſt es ganz daſſelbe.“ Der junge Engländer ſcheint meinen Vater ſehr gut verſtanden zu haben und wiederholt, während er ſich ſetzt:„Sein Sie der Signor Dezini?“ „Ja, Deligny, ſo muß man es ausſprechen, aber ich ſehe wohl, Sie ſind ein Ausländer, und man kann die Namen im erſten Augenblick nicht gut aus⸗ drücken. Sie ſind ein Engländer?“ „Bes, und Sie waren ſehr viel nützlich geweſen 0 —— — . 139 mehreren Landsleuten zu mir, welche die Adreſſe von Ihnen mir gegeben hatten.“ „Ah! ich verſtehe Sie, mein Sohn hat mit Ihren Landsleuten Geſchäfte gemacht! Das wundert mich nicht, ſein Ruf iſt in der Welt verbreitet; vhe Jüngling wird es noch weit bringen!“ „Yes, Sir, ich komme auch, daß Sie mir es teich⸗ ter machen. Ich bezahle ſehr arg viel, ohne zu han⸗ deln 5 „Ah! jS gut. der Herr will ihn um Rath fragen.. „Bes, et fragen.“ „Wenn der Herr die Gefälligkeit haben möchte, ſich näher zu erklären.“ Der junge Engländer rückt ſeinen Seſſel näher zu dem meines Vaters und ſagt mit einem ſehr ern⸗ ſten Tone zu ihm:„Ich hatte Ver tout seul.*“ Mein Vater neigte ſein Ohr zu dem jungen Engländer mit den Worten:„Verzeihen Sie, ich habe es nicht recht gehört.“ „Ich hätte den Ver tout seul.“(Der Engländer will eigentlich ſagen: den Ver solitaire.) Mein Vater machte große Augen und kratzte ſich auf dem Kopf, während er murmelte:„Sie haben den ver!... Ach! Sie wollen ſagen, Sie machen Verſe! „Yes, yes, ich machte... *Unüberſetzbar wegen des Wortſpieles; ver heißt Wurm, vers, Vers; ver solitaire eigentlich der einzelne Wurm. oder Bandwurm. 140 „Wollen Sie ſich wegen Verſen bei meinem Sohne Raths erholen? Meiner Treu', ich weiß nicht, ob er ein Dichter iſt, da er aber viel Verſtand und Geiſt beſitzt, ſo iſt es auch möglich, und in Paris iſt es vielleicht üblich, daß man die Bankiers ſogar wegen literariſcher Arbeiten um Rath fragt. Geben Sie mir Ihre Verſe, ich will ſie meinem Sohne einhändigen.“ Der Engländer ſieht meinen Vater ungeduldig an und wiederholt ihm:„Ich ſagte Ihnen, daß ich nicht mehr haben wollte den Ver sout seul.“ „Ah, gut, ich verſtehe... Sie wollen ſie nicht allein machen, das heißt, mein Sohn ſoll Ihnen helfen. es handelt ſich von einem Gedicht, das Sie gemeinſchaftlich ausarbeiten möchten.“ Der Engländer ſteht zornig auf und ruft aus: „Ich hatte den Ver tout seul... God dam... Sie ſollen ihn von da vertreiben.“ Bei dieſen Worten nimmt der Engländer meinen Vater bei der Hand und legt dieſe auf ſeinen Bauch. Mein Vater findet dieſes Benehmen zu frei, zieht ſeine Hand ſchnell zurück und ruft nun ſeinerſeits aus:„Gehen Sie zum Teufel mit Ihrem Vers.. Glauben Sie, es ſei hier der Brauch, ſich an die Hoſentaſchen greifen laſſen, zum Beweiſe, daß man die Bankiers bezahlen könne? Ich ſehe wohl, daß Sie Geld haben aber Sie können ſich mit meinem Sohn verſtändigen.“ Der Engländer wird ganz blau vor Zorn, ſtampft auf den Boden und geht meinem Vater nach, indem 4 er ihm in die Ohren ſchreit:„Ich hatte den Ver„ 1 4 141 tout seul... Sie ihn vertreiben... Sie Arznei mir geben Sie mich heilen müſſen.“ Meinem Vater geht endlich die Geduld aus; er ſchreit eben ſo laut als der Engländer(weil viele Leute glauben, ſie machen ſich durch das Schreien verſtändlicher). In dieſem Augenblick wurde ein an⸗ deres Geſchrei in dem Hauſe hörbar; der Schauplatz iſt das Zimmer der Köchin. Die Frau Ledoux, nicht wiſſend, warum die Jungfer Girard nicht herunter⸗ kommt, um das Frühſtück zu machen, ging in ihr Zimmer hinauf, wo ſie Dubois traf, wie er ſie über den Preis der Colonialwaaren unterrichtete. Die Frau Ledour wird raſend; ſie war nicht deßhalb gefällig gegen Dubois geweſen, daß die Jungfer Girard den Vortheil davon genieße. Sie lärmt, tobt, heißt ihre Köchin ſich packen und ſagt zu Dubois, er ſolle mir melden, ſie könne mir ihr Logis nicht länger leihen. Dubois kam halb angekleidet herunter, um mir dieſe Neuigkeit mitzutheilen; er findet meinen Vater im Handgemenge mit dem jungen Engländer, der ihn durchaus nicht loslaſſen will, bis er ihm ein Arzneimittel verſchrieben hat. Dubvis, welcher das Quiproquo auf der Stelle merkt, wirft ſich unter lautem Gelächter in einen Lehnſeſſel, und, um dem Auſtritte die Krone aufzuſetzen, erſcheint Frau Ledour am Eingange des Zimmers und wirft wüthende Blicke auf Dubois. „Um Gottes Willen, Herr Dubois,“ rief mein Vater,„erlöſen Sie mich doch von dieſem Herrn, und Sie, Madame, die Sie die Haushälterin meines 142 Sohnes ſind, warum haben Sie denn dieſen Eng⸗ länder heraufgehen laſſen, da doch mein Sohn nicht zu Hauſe iſt?“ „Ich, Haushälterin!“ ſagte die Frau Ledoux, ſich meinem Vater nähernd,„was ſoll dieß heißen, mein Herr? Erlauben Sie, ich bin in meinem Hauſe, dieß Haus gehört mir! ich habe aber das Logis des Signor Delzini Ihrem Sohne nicht geliehen, daß man meine Köchin verführt und ſich erlaubt, bei ihr... Ach pfui... welches Scheuſal!... ein gebildeter Mann ſich mit einem ſchmutzigen Weibsbilde abgeben!... Dieß hätte ich nicht geglaubt!“ „Wie, Madame, mein Sohn iſt hier nicht in ſei⸗ nem Hauſe?“ „Nein, er iſt in dem meinigen, und zwar aus Gefälligkeit von mir.. aber Sie kamen an, man wollte Ihnen weiß machen, man ſei reich, und wollte Ihnen ſeinen ſchlechten Vermögensſtand verhehlen. Ich habe mich dazu hergegeben, weil ich geglaubt habe, man habe Bildung; aber man muß mir das Logis heute Vormittag noch räumen. Der Signor Delzini wird zurückkommen... eine Köchin.. eine Jungfer Girard!... wie unſchicklich!...“ „Warum Sie mich immer nicht heilen wollen?“ ſagte der Engländer wieder grimmig, während mein Vater, dem theilweiſe ein Licht aufgeht, aufgeregt in dem Salon auf und ab geht. Ei,“ ſagt Dubois,„was fehlt Ihnen denn?“ „Ich habe es bereits dem Herrn geſagt: ich habe den Ver tout seul.“ F— 143 „Ah! ah! ich verſtehe ſchon... Sie wolſen ſagen den Ver solitaire(Bandwurm)?“ „Yes, hes.. den solitair tout seul!“ „Sie wollen ihn heilen laſſen?“ „Ja wohl, ich wollte den solitaire nicht länger mehr behalten!“„ „Nun, Mylord, haben Sie die Güte und kommen Sie in einigen Tagen wieder, dieſer Herr iſt nicht der fremde Arzt, den Sie zu ſprechen wünſchen; der geſchickte Doktor iſt abweſend, er kehrt aber wieder zurück, und dann wird er Sie von Allem befreien, was Sie wollen. Indeſſen gehen Sie mit Ihrem so- litaire gefälligſt fort; dieß iſt das Beſte, das Sie thun können.“ Nachdem man endlich dem Engländer mit vieler Mühe begreiflich gemacht hat, daß der Doktor ab⸗ weſend ſei, ging er fort und Frau Ledoux begleitet ihn ſelbſt bis vor die Hausthüre. In dieſem Augenblicke komme ich zurück. Ich war außer mir vor Freude, da ich gerdde von Auguſtinen kam. Alles deutete darauf hin, daß ich geliebt werde, und ich dachte ſchon, auf den Abend irgend einen Vorwand zu erſinnen, um zu ihr zurückzukehren. Aber bei dem Eintreten in das Zimmer meines Vaters bemerkte ich, daß ſeit meiner Abweſenheit die Ver⸗ hältniſſ ſich ganz anders geſtaltet hatten. Dubois winkt mir, macht Grimaſſen, von denen ich nichts verſtehe; mein Vater kommt mit ernſter Miene auf mich zu, ich ſehe, daß er mir dießmal keine Complimente machen will. warum haſt Du mir geſagt, dieß Haus gehöre Dir? Warum haſt Du mich in ein Logis geführt, das nicht das Deinige iſt? Iſt es wahr, daß Du, weit entfernt, behaglich leben zu fönnen, all Dein mütterliches Vermögen verpraßt haſt? Nun, ſprich und ſage mir jetzt die Wahrheit!“ Ich war ſo wenig auf dieſen plötzlichen Ausgang gefaßt, daß ich verſtummte und nicht zu antworten wußte. Aber endlich gewann die Wahrheit die Ober⸗ hand und ich ergriff das Wort:„Ja, lieber Vater, ich habe Sie getäuſcht.. Wenn aber gleich das Schickſal mir zuwider war, ſo kann ich Sie doch verſichern, daß es nicht meine Schuld iſt: ich wurde von Betrügern hintergangenz ich vertraute auf Tau⸗ genichtſe, und daher rührt all' mein unglück! Ich bin wenigſtens Niemand etwas ſchuldig, und Ihr Sohn hat die Ehre Ihres Namens nicht gebrängmarkt.“ „Ja, mein Herr,“ fuhr Dubois fort,„Sie beſitzen in Ihrem Sohne einen der bravſten Jünglinge auf der Welt. Eine unbeſcholtene Rechtſchaffenheit, ein unbe⸗ fleckter Ruf iſt ſo viel werth als dreißigtauſend Franken Renten. Wahrlich! wenn Ihr Sohn es hätte machen „Mein Sohn, warum haſt Du mich getäuſcht, wollen wie ſo Viele, die in den Geſellſchaften glänzen⸗ ſo hätte er eigene Equipage, Haus und Dienerſchaft!.. Aber wie hätte er all dieß erworben?.. Bei ſo viel Lug und Trug in den Geldgeſchäften! Gegenwärtig iſt arm ſein ein Beweis, daß man eine ſtrenge Tugend be⸗ wahrt hat. und anſtatt Ihrem Sohne vöſe zu ſein, ürften Sie ihm gratuliren, daß er nichts mehr hat.“ c 145 „Ich rathe Ihnen, Herr Sohn, mir zu geſtehen, wie Sie ſich betkagen! Aber ich muß ſchweigen, ich bin nicht vernünftiger geweſen als Sish und da ich an einem einzigen Tage ſelbſt ſo viel tolle Streiche ge⸗ zmacht habe, ſo würde es mir ſehr übel anſtehen, . Andern Vorwürfe zu machen. Paul, ich werde gleich abreiſen.“ 8 Wie! Vater, jetzt ſchon?“ „Ja, auf der Stelle, ich habe genug an Paris. Willſt Du mit mir gehen?“ „Lieber Vater, es bleibt mir noch ſo viel Ver⸗ mögen, daß ich hier ordentlich leben kann, aber dabei muß ich natürlich mäßig, eingeſchränkt und ſparſam ſein auch fühle ich mich auf dieſe Weiſe glücklicher.“ „Ganz gut, hoffe aber keine Hilfe, verlange kei⸗ nen Heller von mir. Du haſt zehntauſend Franken Renten verpraßt, das iſt wahrhaftig genug; wenn Du nichts mehr haſt, ſo nehme Deinen Wohnſitz bei mir, in meinem Städichen, Du wirſt ſehen, daß man dort eben ſo glücklich als in Paris ſein kann, und zwar um einen viel geringern Aufwand. Laß mir einen Fiaker beſtellen und dann ſchnell dem Eil⸗ wagen zu. Er fährt erſt um neun Uhr ab; wenn es noch Platz gibt, ſeKeiſe ich auf der Stelle ab. An dieſe + Reiſe und an meinen geſtrigen Tag werde ich denken.“ Ich ſuche meinen Vater nicht aufzuhalten, und Du⸗ bois ſagt mir in's Ohr:„Mein Freund, dieſe plötz⸗ liche Abreiſe verdankſt Du mir. Dein Vater hat ſich bei mir geſtern ſo gut unterhalten, daß er an einem* Paul de Kock. LII. 10 5 Mal genug hat. Das kommt zudem ganz geſchickt, weil Frau Ledoux uns aus dem Hauſe jagt.“ Ich habe keine Zeit, ihn nach den näheren Um⸗ ſtänden zu fragen. Mein Vater hat ſeinen Reiſeſack bereits gepackt, der Fiaker iſt gekommen, ich ſteige mit ihm ein, wir langen bald auf der Poſt an, wo ich mit Vergnügen erfahre, daß es noch Platz gibt. Ich habe meinem Vater meine neue Adreſſe gege⸗ ben, verſpreche ihm, ihn dieſen Sommer zu beſuchen, er umarmt mich und ſteigt in den Eilwagen. Vor ſeiner Abreiſe ſagte er aber noch zu mir:„Mein lieber Sohn, Du haſt zwar dumme Streiche gemacht, aber ich muß Dir verzeihen; ich habe auch welche nachgemacht, woran Dein liederlicher Dubois ſchul⸗ dig iſt. Um Dich aber zur Ordnung zu bringen, mein Sohn, gibt es bloß ein Mittel: daß Du Dich nämlich verheiratheſt; ich will ſehen, daß ich eine Partie für Dich finde.“ Ich gab meinem Vater keine Antwort und ließ ihn in den Eilwagen ſteigen. Mein Grundſatz iſt⸗ den Leuten ſo wenig als möglich zu widerreden, ſelbſt wenn man nicht geſonnen iſt, ihren Willen zu erfüllen. Achtes Kapitel. Die Beſuche. Nun bin ich wieder vollkommen frei; nie habe ich, offen geſtanden, das Glück, Herr ſeiner ſelbſt zu ſein, ſo lebhaft empfunden. Ich kann Auguſtine be⸗ ſuchen, ſo oft als es mir beliebt, und wenn ich ihren —— — Augen, ihrer Stimme und tauſend Kleinigkeiten glauben darf, die bloß ein Verliebter errathet, ſo werde ich bald das ſüßeſte Geſtändniß erhalten; von dieſem iſt es dann nicht mehr weit bis zum Gipfel meines Glücks. Ich werde endlich der bloßen Hoff⸗ nungen überdrüſſig. Ich muß aber auch Dubois beſuchen, damit ich erfahre, wie ich mit der Frau Ledoux ſtehe. Er hat mir verſprochen, er wolle mich in ſeiner Wohnung erwarten, wo ich ihn auch wirklich treffe, während er ſich durch eine ſeiner benachbarten Wäſcherinnen die Haare auf Papilloten wickeln läßt. Dubvis erzählt mir Alles, was er mit meinem Vater geſtern gethan hat; ich will ihn zanken, kann mich aber des Lachens nicht enthalten. Ferner theilt er mir den Auftritt mit dem Engländer mit und die Wuth der Frau Ledoux, welche die Jungfer Girard fortgejagt hat; endlich gibt er vor, wir ſchulden der Frau Ledoux nichts, er habe ihr mehr als zehnfach die Miethe ihres Logis bezahlt. Ich laſſe Dubois ſich ganz behaglich friſiren und begebe mich in mein Logis zurück. Ich war bloß noch einige Schritte von meiner Wohnung entfernt, als ein junges Frauenzimmer, einen Schrei ausſtoßend, vor mir ſtehen bleibt. Es iſt Ninie, die ich ſeit Langem nicht mehr geſehen hatte, und die mit viel größerem Putz als ſonſt an⸗ gekleidet war. „Ah! es freut mich ſehr, Herr Paul, daß ich Ihnen begegne! Ich komme gerade von Ihrem Hauſe.“* 148 „So, Sie kommen von meinem Hauſe?“ „Ja, ich habe Sie ſchon lange nicht mehr ge⸗ ſehen.. Sie würden mich nie bei meiner Tante veſuchen.“ Ich habe wirklich keine Zeit gehabt, Ninie; in⸗ deſſen habe ich oft an Sie gedacht, ich wunderte mich, daß ich Nichts von Ihnen erfuhr. Sie ſind aber prächtig aufgeputzt.. welche Koketterie in Ihrem Anzuge! Ah! Ninie, Ihnen iſt irgend ein Liebes⸗ abenteuer begegnet, ſeitdem ich Sie nicht geſehen habe.“ „O ja! ich habe Ihnen Manches zu erzählen... Deßwegen hatte ich Sie beſucht... Sie gehen doch nach Haus? Ich werde Sie begleiten, wenn es Sie nicht genirt.“ „Nein, gewiß nicht.“ Es iſt mir lieber, wenn Ninie mit mir nach Hauſe geht, als daß ich mit ihr auf der Straße ſchwatze. Wir begeben uns in mein Logis, das bloß zwei Schritte von da entfernt iſt. Mein Portier ſchreit mir zu:„Mein Herr, es iſt eine Jungfer ge⸗ kommen, um.. Er hatte noch nicht ausgeſprochen, als er Ninie hinter mir die Treppe hinaufgehen ſah, worauf er mit einer boshaften Miene lächelt und ſeinen Kopf in ſein Stübchen zurückzieht, während er ſagt:„Ah! ver Herr kennt die Perfon, die ihn beſuchen wollte.“ Angelangt in meinem Zimmer heiße ich Ninie ſitzen⸗ ich umarme ſie.. aber bloß aus Freundſchaft, denn ich bin zu ſehr mit Auguſtine beſchäftigt, als daß ich —9. — 149 mich zerſtreuen könnte, und bitte die kleine Blondine, mir zu erzählen. „Sie wiſſen, Herr Paul, daß ich mit mkiner Tante ausgeſöhnt bin, Charlotte nicht mehr beſuche, ſehr ſittſam und ruhig lebe, und die ganze Woche unauf⸗ hörlich arbeite.“ „Ja, Ninie, Sie haben mir all' dieß geſagt und ich glaube es Ihnen.“ „Wir waren mit meiner Tante und einigen ihrer Freundinnen auf den Ball nach Auteuil gegangen.. ich hatte mich jedoch nicht gut unterhalten.“ „Nun, Ninie?“ „Nun ſind wir, da meine Tante müde war, in einem Kukuk(eine Art Omnibus) heimgefahren; ich ſaß neben einem jungen Mann, und da der Kukuk uns ziemlich ſchüttelte, ſo fiel ich bei jedem Stoß auf ihn; aber der junge Menſch war ſehr artig, er bat immer um Entſchuldigung, daß ich auf ſeine Kniee falle. Man ſchwatzte während des ganzen Wegs; der junge Menſch ſagte uns ſoßleich, er ſei ein Paſteten⸗ bäckergehülfe, ſein Vater müſſe ihm aber Mittel geben, daß er ſich als Traiteur etabliren könne, wann er geſonnen ſei, ſich zu verheirathen. Wir haben uns hierauf nach Haus begeben, und am folgenden Tag begegnete ich, als ich eben ausgehen wollte, dieſem nämlichen jungen Menſchen. Er redete mich mit den Worten an, er habe die ganze Nacht von mir ge⸗ träumt, und möchte wohl noch in dem Kukuk ſitzen. Dann fragte er mich um die Erlaubniß, ob er mich im Hauſe meiner Tante beſuchen dürfe, weil er bloß 150 ehrbare Abſichten hege, und auch wohl ſehe, daß ich kein ſolches Frauenzimmer ſei, das Thorheiten an⸗ hören würde.“ „Nun, Ninie, haben Sie ihm Zutritt zu Ihnen geſtattet?“ „Potz Tauſend! obgleich er nicht gar groß und nicht wie Sie gekleidet iſt, habe ich mir doch, da Herr Benin ſtets vom Heirathen ſpricht, Gedanken gemacht Kurz, er kam zu meiner Tante und ſeit der Zeit macht er mir in allem Ernſt den Hof. Meine Tante, die ſich nach ihm erkundigt hat, ſagt, es ſei ein recht⸗ ſchaffener Menſch, der mich glücklich machen werde. Ich finde ihn etwas dumm und bin nicht gar ſehr in ihn verliebt, indeß wäre es mir aber doch angenehm, wenn er mich heirathete. Ich habe ihm geſagt, daß ich kein Vermögen beſitze, worauf er mir antwortete, er begnüge ſich mit meiner Unſchuld. Ich war ſchon Willens, ihm meine Verbindung mit Adolph und Ihnen mitzutheilen, aber meine Tante hat es mir verboten.“ „Ihre Tante hat nach meiner Anſicht Recht gehabt: die Mittheilung ſolcher Geheimniſſe hört man nicht gerne. Wenn Herr Benin Sie liebt, ſo wird er ſehr vergnügt in⸗ Sie ſo, wie Sir ſind, zu heirathen.“ „Herr Benin iſt ſehr gefällig, ſehr freigebig, er bringt mir jeden Tag ein kleines Präſent, das ich nach dem Wunſche meiner Tante annehme; allein ich wollte ihn nicht heirathen, ohne Sie um Erlaubriß gefragt zu haben.“ „Mich? Ninie! habe ich über Sie zu * —— — ——— „Ich glaube ja.“ Arme Kleine! ſie ſagt mir dieß mit einer gerührten Miene; es liegt in dieſen wenigen Worten mehr Ge⸗ fühl als in langen Reden. Ich nehme Ninie bei der Hand, drücke ſie freundſchaftlich und ſage zu ihr: „Wenn ich Sie alſo erſuchen würde, Herrn Benin nicht zu heirathen, würden Sie ihm einen Korb geben?“ „O, mein Gott, ja! mir liegt nicht viel daran, ich verſichere Sie.“ „Und mir, Ninie, mir liegt daran, Sie glücklich und verſorgt zu ſehen: heirathen Sie dieſen jungen Menſchen; da er Ihnen ſeine Hand anbietet, obwohl Sie nichts beſitzen, ſo liebt er Sie wirklich. Ich bin überzeugt, daß Sie in Ihrem Hausweſen glücklich ſein werden und daß Ihr Gatte ſeine Wahl nie bereuen wird.“ 8 „Meiner Treu! ich werde ihm gewiß, wenn ich ihn heirathe, treu ſein.. ferner ſcheint Herr Benin ſehr ſanft und hat mir verſprochen, er erfülle alle meine Wünſche, und ich würde die Gebieterin ſein.“ „Heirathen Sie doch, meine liebe Freundin; ich fordere Sie ernſtlich dazu auf.“ „Nun, in dieſem Fall werde ich Herrn Benin heirathen, ſobald er die Zuſtimmung ſeines Vaters erhalten haben wird, und wir werden uns in der Umgegend von Paris etabliren. Ich werde Ihnen meine Adreſſe ſchicken, und Sie werden mich beſuchen, wenn Sie vorbeigehen. Nicht wahr?“ „Gewiß, ich werde Sie als Freund beſuchen.“ „So meine ich es auch; wenn Sie auf meine 152 Hochzeit hätten kommen können, ſo würde es mich äußerſt gefreut haben... O! ich darf bloß ſagen, Sie ſeien ein Freund von uns, und Benin wird nichts dagegen haben. Er ſieht durchaus nicht weiter, als ich haben will.“ „Meine Theure, ich halte es für weit ſchicklicher, wenn ich nicht bei Ihrer Hochzeit bin.“ „Dann werde ich ohne Sie Hochzeit haben. Und Sie, Herr Paul, wann heirathen Sie?. Sie ſagen nichts. Setzen Sie kein Vertrauen in mich?“ „Ach, Ninie, ich kann nicht heirathen.“ „Indeſſen empfinden Sie doch Liebe.“ „Ja, aber ich kann dieſe Liebe nicht heirathen. Ich werde es Ihnen einmal erzählen, Ninie.“ Ninie bleibt noch lange bei mir; ſie erzählt mir umſtändlich ihre Plane, und wie ſie ſich benehmen werde, wenn ſie verheirathet iſt; ich höre ihr mit dem Vergnügen zu, das man jederzeit empfindet, wenn man Perſonen, die man geliebt hat, glücklich ſieht. Endlich denkt Ninie, es ſei Zeit, zu ihrer Tante zurückzukehren, und ich fühle, daß es Zeit zum Mittageſſen iſt. Die Kleine ſteht auf und nimmt von mir Abſchied; ich küſſe ſie auf die Stirne und betrachte ſie ſchon wie verheirathet. Ich weiß nicht, ob ihr dieß gefällt, denn ſie dreht ſich immer um mich herum und geht nicht fort, bis ich ihr wiederholt ſage:„Adieu, Ninie!“ Endlich eilt ſie raſch fort, während ſie ein dumpfes Lebewohl murmelt. Ach! Herr Benin... ich fürchte ſehr.. Doch dieß geht mich nichts an⸗ Nun ſchnell zum Mittageſſen, um bälder zu Au⸗ —————— ——— guſtinen zu kommen. Mein Portier lächelt mir bos⸗ haft zu, als er mich erblickt; dieſe Portiers vom Marais ſind alſo nicht daran gewöhnt, daß ein junger Menſch Beſuche von Frauenzimmern erhält. Ich war bald mit dem Mittageſſen fertig; ich eile zu Auguſtinen mit dem Gedanken, es werde ihr nicht unlieb ſein, zu erfahren, daß mein Vater nicht mehr in Paris ſei, und gehe heiter in ihr Zimmer hinauf. „Die Frau iſt nicht da,“ ſagt die Magd zu mir, indem ſie mir die Thüre öffnet. „Die Frau iſt nicht da? Hat ſie Ihnen nicht ge⸗ ſagt, mir mitzutheilen, wohin ſie gegangen ſei? Wo werde ich ſie treffen können?“ „Nein, mein Herr.“ Ich begreife dieß nicht; ſie, die faſt nie ausgeht! „Und doch durfte ſie wohl denken, daß ich kommen werde. Ich entferne mich traurig und gehe mit dem Gedanken fort: wenn ich nur wüßte, wo ich ſie treſſen könnte. Dieſe Abweſenheit ſcheint mir nicht natürlich, ich will nochmals ſehen, ob ſie noch nicht nach Haus zurückgekehrt iſt. „Die Frau iſt nicht da,“ wiederholte die Magd. Dieſe Leute ſagen dieß mit einer Kaltblütigkeit, die nicht zum Aushalten iſt! Die Frau iſt nicht da... das iſt lächerlich... ich muß mich wieder entfernen, ohne ſie zu ſehen. Und nicht einmal die Güte haben, mir ſagen zu laſſen, wohin ſie gegangen iſt. Nun, vor vierzehn Tagen werde ich nicht mehr kommen. Es iſt noch keine Viertelſtunde verfloſſen, ſehne ich mich bereits wieder nach der Wohnung Anguſtinens, um zu wiſſen, ob ſie noch nicht nach Haus gekommen iſt. Ich wartete jedoch die Nacht ab, ſah dann an ihre Fenſter hinauf... es brennt ein Licht in ihrem Schlafzimmer. Dießmal wird man nicht zu mir ſagen⸗ ſie ſei ausgegangen. Ich gehe hinauf, läute, laſſe der Magd keine Zeit, mit mir zu reden und rufe:„Madame Luceval iſt zu Hauſe, ich weiß es gewiß, ich habe ſie an ihrem Fen⸗ ſter geſehen.“ „Ja, ſie iſt da... aber ſie will Niemand empfangen.“ „Niemand empfangen!... Aber ich bin nicht der Niemand; dieſes Verbot kann mich nicht berühren.“ „Doch, mein Herr, gerade auf Sie bezieht ſich dieſes Verbot.“ „Auf mich?... Ich bin verloren!... Sie will mich nicht mehr empfangen.. Was habe ich denn gethan? Womit habe ich wieder ihren Zorn verdient? Ach!.. welcher Gedanke!... Wenn es wäre.. wenn ſie geſehen hätte.. ich will ſogleich meinen Portier verhören. Im Nu bin ich in meinem Hauſe, nehme meinen Porlier auf die Seite und ſage zu ihm;„Hat eine Dame nach mir gefragt, während jenes junge Mädchen bei mir war?“ Mein Portier zieht zuerſt mit einer ernſthaften Miene ſeine Doſe aus der Taſche und nimmt eine ungeheure Priſe, ehe er mir antwortete:„Mein Herr, warten Sie... man iſt gekommen.. ja. nein⸗ man iſt nicht wegen Ihnen gekommen.“ „Sie wiſſen es gewiß?“ 155 „Ach! man hat wohl den Brief, der da liegt, für Sie gebracht... aber dieß iſt ſeit...“ „Einen Brief? Für wen?“ „Für den Herrn. „Und Sie geben ihn mir nicht?“ „O! ich hatte immer noch Zeit.. ich wußte ge⸗ wiß, daß ich den Herrn noch treffen würde, wenn er heute Nacht nach Hauſe käme.“ Ich war ſchon Willens, den Schlingel am Hals zu nehmen, halte mich aber zurück und laſſe mir den Brief geben. Es iſt ihre Hand.. ach! nun werde ich den Grund ihres Benehmens erfahren. „Ich reiſe morgen auf das Land ab; bemühen Sie ſich nicht mehr in meine Wohnung, Sie würden mich doch nicht mehr dort finden. Ich bin es überzeugt, daß Sie während meiner Abweſenheit keine Langeweile bekommen werden; denn wenn man Beſuche von Damen erhält, ſo vergeht die Zeit ſchnell. Leben Sie wohl, ich gratulire Ihnen zu Ihrer Liebſchaft. Auguſtine.“ Beſuche von Damen!.. Meine Liebſchaft!... Alles liegt nun am Tage! ſie weiß, daß Ninie mich beſucht hat und deßhalb verbittet ſie ſich meine Be⸗ ſuche. Die Eiferſucht verurſacht alſo ihren Zorn... Ach! ich athme wieder freier! dieſe Enideckung thut mir wohl; aber ich muß mich rechtfertigen. Sie ſoll nicht auf das Land verreiſen, ohne mich angehört zu haben... ich will ihr auf der Stelle ſchreiben, heute Abend wird ſie meinen Brief haben. Ich nehme das Licht meines Portier, gehe in mein . 156 Zimmer hinauf und ſchreibe bloß folgende zwei Linien: „Wollen Sie mich gütigſt anhören, Madame, dann 7 werden Sie ſehen, daß man mir nicht aus Liebe einen Beſuch gemacht hat.“ Ich ſetzte die Adreſſe darauf, eilte hinunter, und zwar immer vier Stufen auf einmal; ohne daran zu denken, das Licht mit zu nehmen, will ich den Brief meinem Portier einhändigen. Unten renne ich raſch gegen ſein Stübchen, und da ich nicht ſah, daß die Kellerthüre offen ſtand, ftürzte ich hinunter und ſtieß mit der Stirne ſo heftig an eine Ecke, daß ich be wußtlos auf das Fflaſter niederfiel. Als ich wieder zur Beſinnung komme, liege ich in meinem Bett, mein Zimmer iſt ſchwach beleuchtet, eine alte Frau, in der ich die Schweſter des Portier erkenne, ſitzt neben meinem Lager, der Kopf thut mir furchtbar weh. „Man hat Ihnen zur Ader gelaſſen,“ ſagt die alte Frau zu mir,„es war die höchſte Noth. Suchen Sie, daß Sie ſchlafen können, denn Sie haben einen fürchterlichen Stoß erhalten.“ Ach! ich erinnere mich jetzt; ich muß mich alſo in mein Schickſal ergeben und liegen bleiben. Ich hatte eine ſehr unruhige Nacht, ein ſtarkes Fieber, das durch meinen Mißmuth noch wuchs. Am folgenden Tag werden jedoch meine Gedanken wieder klarerz ich erinnere mich an meinen Brief... laſſe meinen Portier kommen. Ach! er hat ihn zu meinen Füßen gefunden und ihn in ſeine Taſche geſteckt, anſtatt ihn an ſeine Adreſſe zu überbringen; er behauptet, es ſei 157 8 nothwendiger geweſen, daß man mir Hülfe geleiſtet habe; ich muß ihm leider Recht geben. Sie wird auf das Land abgereist ſein.. wenn ſie aber ihre Ab⸗ reiſe verſchoben hätte? Ich ſende auf gut Glück meinen Portier zu Frau Luceval. Wenn ſie noch da ſei, empfahl ich ihm, ihr ſelbſt den Brief einzuhändigen, und das Unglück, das mir zugeſtoßen, zu erzählen. Wenn es ſich vom Plaudern handelt, ſo bin ich überzeugt, daß er ſich ſeines Auftrags gut entledigt. Ich zähle die Minuten ſeiner Abweſenheit; er bleibt lange aus... um ſo beſſer.. er kommt zurück, er hat ſie gefunden... ſie iſt nicht verreist... ſie hat meinen Brief und weiß, was mir begegnet iſt. „Und was hat ſie geſagt auf dieſe Nachricht?“ „O! mein Herr, ſie erblaßte, ich glaubte, ſie werde auch in Ohnmacht fallen.“ „Ganz gut.“ „Dann zitterte ſie am ganzen Körper.“ „Sehr gut.“ „Dann ſah ſie ſo bekümmert aus.“ „Gut, gut!“ „O ja, gut, gut, daß ſie wohl erkranken könnte; endlich habe ich Sie Ihretwegen beruhigt. Deſſenun⸗ geachtet wird ſie aber, wie ſie äußerte, ſich alle Tage nach Ihnen erkundigen.“ Alle Tage!. ſie Leist alſo nicht fort... dieſer Gedanke tröſtet mich ein Bischen. Ich kann noch nicht ausgehen; ich habe Fieber und fühle mich ganz ab⸗ gemattet; ich muß mich gut pflegen, wenn ich nicht ernſtlich krank werden will; dieß ſagt der Arzt. 158 Ich will mich alſo recht gut halten, um ſchneller zu geneſen. Wie langweilig iſt es, wenn man krank und bloß von Leuten, die uns gleichgiltig ſind, umgeben iſt, und von gedungenen Krankenwärtern verpflegt wird; wie ſehr vermißt man dann das elterliche Haus und die ſüße Abwartung einer Mutter oder Schweſter. Vier Tage gehen vorüber, ſie ſchienen mir eine Ewigkeit, aber ſie hat ſich alle Tage nach mir er⸗ kundigen laſſen. Endlich fühle ich mich viel beſſer; ich ſtehe auf, übermorgen hoffe ich ausgehen zu können. Von meinem Haus bis zu ihr iſt es ſo nahe... Wie kann ich bis dahin die Zeit zubringen? Ei! ich will an Dubois ſchreiben: er ſoll mich beſuchen; dadurch werde ich mich zerſtreuen. Ich habe Dubvis geſchrieben, aber man fand ihn nicht zu Hauſe. Der Tag geht herum, der folgende auch; ich verabſchiede meine alte Wärterin, denn ich fühlte mich ſo wohl, daß ich Niemand mehr brauchte; ich hatte ſogar Luſt, auszugehen, ob es mir gleich der Arzt verboten hat; ich bin unſchlüſſig und will ſchon meiner Sehnſucht nachgeben, als man leiſe an meiner Thüre klopfte. Das iſt ohne Zweifel Dubois.. ich öffne. O⸗ Glück!... ſie iſt es!... Madame Luceval ſteht vor mir, und ſtößt einen Schrei der Verwunderung aus, als ſie mich außerhalb des Bettes trifft, da mein Portier zu ihr geſagt hat, es ſtehe ſehr ſchlimm mit mir. „Ach, Madame! wie gütig ſind Sie! Ihre Ge⸗ genwart wird meine Geſunvheit vollends herſtellen.“ 159 „Ich habe gedacht, mein Beſuch würde Ihnen vielleicht ein Vergnügen machen; deßhalb habe ich mich über gewiſſe Förmlichkeiten hinweggeſetzt. Wenn man wahre Freundſchaft für Jemand hegt, ſo iſt man ihm nach meiner Meinung einige Opfer ſchuldig. allein ich glaubte wirklich nicht, daß Sie ſchon auf⸗ ſtehen könnten; man hat Sie für zu krank erklärt.“ „Thut es Ihnen leid, daß Sie mich auf dem Weg der Geneſung treffen?“ „Nein, aber..„ Ich führe ſie zu einem Seſſel hin, ſetze mich neben ſie, und bin ſo vergnügt, daß ich ſie einige Augenblicke bloß anſehen kann, und dieß öfters wie⸗ derhole. „Sie beſuchen mich; ach! wie glücklich macht mich das Unglück, das mir zugeſtoßen iſt!“ „Gewiß, ſonſt. „Wären Sie auf Ihr Landgut abgereist und hätten mir verboten, Sie zu beſuchen... Was hatte ich denn gethan, Madame, daß ich eine ſolche Strenge ver⸗ diente?“ „Ei, ſprechen wir nicht mehr hievon; ich bin manch⸗ mal ſo wunderlich, ſo lächerlich.. ich weiß nicht, was mir einfiel... Ihr Herr Vater iſt alſo nicht mehr in Paris2“ „Nein, Madame, er hat erfahren, daß ich ihn über meine Lage täuſchte, dann wurde er böſe und iſt ſo⸗ fort plötzlich abgereist. Ich fühlte mich wieder glücklich, frei zu ſein und wollte Ihnen dieß mittheilen; wie groß iſt meine Verwunderung geweſen, als man mir 160 ſagte, Sie wollten mich nicht mehr empfangen; was hatte ich denn gethan? wo konnte Ihr Groll her⸗ rühren?“ „Mein Groll... Sie täuſchen ſich... ich hatie keinen Groll.“ „Sie verbaten ſich alſo ohne allen Grund meinen Beſuch?“ Sie ſchweigt, erröthet, und will nicht geſtehen, daß ſie mich bei Ninie geſehen hat; ich werde ſie wohl dazu zwingen. „Hoffentlich werden Sie mir wenigſtens über den Inhalt Ihres Briefes nähere Auskunft geben.“ „Mein Brief... ich weiß wahrhaftig nicht mehr, was ich Ihnen geſchrieben habe; ich weiß nicht, woran ich in jenem Augenblicke dachte; ich hatte Sie auf der Straße mit jenem Mädchen, das ich ſehr gut er⸗ kannt habe, ſchwatzen geſehen und wie Sie ſie in Ihr Haus mitgenommen haben, ſchien es mir ſehr ſon⸗ derbar... beſonders nach dem, was Sie mir geſagt hatten. Ich habe Ihnen aber mit Unrecht in meinem Briefe Vorwürfe gemacht; Sie ſind ganz unabhängig und ich weiß nicht, was Sie hindern ſollte, dieſes junge Mädchen für Ihre beſtändige Geliebte zu be⸗ halten.“ Sie will ihre Eiferſucht verbergen... ſie will mir alſo nicht ſagen, daß ſie mich liebt. Aber ich konnte mich nicht mehr halten und ſagte daher zu ihr:„Nein⸗ Madame, nein, dieſes junge Mädchen iſt meine Ge⸗ liebte nicht mehr; ſie hat mich bloß beſucht, um mich von ihrer bevorſtehenden Hochzeit in Kenntniß zu ſetzen 161 und ſich bei mir als einem Freunde Raths zu erholen. Ich weiß, daß es Ihnen ſehr gleichgiltig iſt, ob ich Jemand liebe, wofern nur Sie es nicht ſind, da Sie mir verboten haben, mit Ihnen von Liebe zu reden. Sie dürfen zufrieden ſein, Madame, ich habe Ihnen gehorcht; um Ihnen aber noch mehr Genüge zu thun, will ich alle Frauenzimmer lieben, will zu gefallen ſuchen, heirathen, dann werden Sie mich vielleicht mit all' Ihrer Freundſchaft beehren.“ Auguſtine will lächeln, aber ihre Stimme iſt be⸗ wegt, und ſie ſteht ſchnell auf, indem ſie mir zur Antwort gibt:„Sie thun ſehr wohl daran, ich fordere Sie dazu auf.“ Sie will fortgehen, ich halte ſie zurück, knie vor ſie nieder und ſage leiſe:„Wiſſen Sie nicht, daß ich keine andere mehr lieben kann als Sie! Bloß aus Gehorſam gegen Sie zwinge ich mich, Ihnen meine Empfindungen zu verſchweigen! Sollten Sie mich aber auch von ſich verbannen, ich muß Ihnen doch wieder⸗ holen, daß ich Sie liebe.. daß ich Sie verehre... daß ich bloß Sie lieben will.“ Sie blickt mich an, aber mit keinem Grolle. Ihre Augen ſchwimmen in Thränen, ſie lächelt mir zärtlich zu:„Was! Sie lieben mich noch immer?“ „Seitdem ich Sie kenne, habe ich meine Geſin⸗ nung nicht geändert.“ „Ach! ich habe im Gegentheil die meinige geän⸗ dert: ich, die ich glaubte, nicht mehr lieben zu kön⸗ nen, ich, die ich anfangs durch Ihre Beſuche bloß Paut de Kod. IIn. 1 162 Neuigkeiten über eine andere Perſon erfahren wollte, ich weiß nicht, wie es kam, ich gewöhnte mich an Ihre tägliche Beſuche; ich glaubte bloß Freundſchaft für Sie zu hegen... aber die Zeit, während der ich Sie nicht ſah, ſchien mir eine Ewigkeit. Schon be⸗ fürchtete ich, ich liebe Sie als Freund zu innig. Jul⸗ chen ſprach oft mit mir von Ihnen und behauptete, ich hätte zu hart gegen Sie gehandelt... da beſuchten Sie mich wieder, ſprachen aber kein Wort mehr von Ihren Gefühlen... ich überzeugte mich, daß Sie nicht mehr an mich denken, und dieß machte mir Kummer. Ich wollte Sie nicht lieben, und wollte doch von Ihnen geliebt ſein; das iſt ſehr lächerlich, nicht wahr? Ich fühle, daß ich meinen Kräften zu viel zugetraut habe. In meinem Alter darf man kei⸗ nen Freund wie Sie haben; unſer Herz täuſcht ſich manchmal hierin!“ „Wenn ein Anderer den Schatz, den er beſaß, nichtzu würdigen gewußt hat, müſſen Sie ſich deßhalb Ihr Le⸗ ben lang zu einer kalten Gleichgültigkeit verdammen?“ „Aber, wenn ich Sie liebe, bin ich dann nicht ſehr ſtrafbar?“ Sie liebt mich! Eben iſt ihr dieſes Geſtändniß entſchlüpft und in ihrer Verwirrung verbirgt ſie ihre ſchönen Augen und will ſich von mir wegwenden. Ich ergreife ihre Hand und bedecke ſie mit Küſſen.. Auf einmal klopft man an meiner Thüre. Verfluchter Beſuch! Auguſtine erblaßt, ſteht auf und ſieht mich mit Schrecken an.„Ich öffne nicht,“ ſagte ich leiſe zu ihr. 163 „Aber Ihr Portier, der mich zu Ihnen herauf⸗ gehen ſah... „Ach! das iſt gewiß Dubois.“ „Oeffnen Sie, ich gehe in dieſes Cabinet. Ich möchte nicht haben, daß er mich bei Ihnen träfe.“ „Nun, gehen Sie hinein.. ol ich verſichere Sie, ich werde ihn bald wieder verabſchieden.“ Auguſtine geht in das Cabinetchen, das ſich am Kopfe meines Bettes befindet, und ich ſchließe die Glasthüre zu. Ich nehme mir vor, Dubvis durch ein Zeichen begreiflich zu machen, daß ich Beſuch habe, damit er ſogleich wieder fortgeht. Ich öffne.. o unglückſeliger Irrthum! Jenneville tritt in mein Zimmer. 6 — 6 * , . 8 9 10 11 12 13 14 18 16