Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, 3 ſ deutſch bearbeitet von 34 Dr. Heinrich Elsner. Zweiundfünfzigfter Theil. —— Stuttgart: Scheible, ieger a Sattler. 1845. Die Frau, der Mann und der Liebhaber. Von Paul de Roch. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Zweiter Theil. G Stuttgart: Fcheible, Kieger a Sattler. 1845. 6 Erſtes Kapitel. Betrachtungen.— Anvertrauen.— Bruch. Meine Operpartie mit Ninie hat mich zu ziemlich ernſthaften Betrachtungen veranlaßt. Zuerſt dachte ich bei mir ſelbſt: ein Mann von Erziehung und Lebensart, der in der großen Welt einen gewiſſen Rang einnimmt, ſollte ſich der Gefahr nie ausſetzen, über die Wahl ſeiner Bekannten zu erröthen. In⸗ deſſen will ich wohl zugeben, daß die Liebe, oder iene Launen, welche ihr gleichen, zu Thorheiten ver⸗ leitet; in dieſem Fall iſt man nie linkiſch und ver⸗ legen, denn wenn man verliebt iſt, ſo ſcheint der Gegenſtand unſerer Glut uns jede andere zu über⸗ wiegen, und ſicherlich hätte ich mich, wenn ich in Ninie ſehr verliebt geweſen wäre, ſehr wenig darum bekümmert, ob ſie nach Koblauch gerochen oder zu laut geſprochen haben würde. Wenn wir uns aber nicht mit dieſem gebieteriſchen Gefühl entſchuldigen können, welches das menſchliche Geſchlecht zu ſo viel Tollheiten verleitet, ſo ſehe ich ſelbſt ein, daß ein vertrautes Verhältniß mit Perſonen nicht zu entſchul⸗ digen iſt, deren Ton, Erziehung und Benehmen mit dem unfrigen durchaus nichts gemein hat; was in⸗ Paul de Kock. LI. 1 veſſen nur zu vft bei uns der Fall iſt und wir ſpäter bereuen. Das Reſultat dieſer Betrachtungen iſt für meine kleine Franſenfabrikantin nicht günſtig; ich beſuche ſie ſeltener und hätte wohl Luſt, ſie gar nicht mehr zu beſuchen; allein man muß gegen alle Frauenzim⸗ mer jene Rückſichten beobachten, die man nie außer Auge ſetzen darf. Nach meiner Anſicht hat die geringe Arbeiterin ebenſoviel Recht darauf, als die vornehme Dame, denn die Thränen ſind in dem Dachſtübchen eben ſo bitter, als in einem Boudvir, ja ſie ſind dort oft aufrichtiger. Ach, wenn ich mit jener hübſchen Dame ein Freund⸗ ſchaftsband hätte knüpfen können!.. Der veilchen⸗ blaue Mantel kommt mir immer wieder in den Sinn Welche Anmuth, welcher Reiz, welche verführe⸗ riſche Haltung!.. Das iſt ſicherlich ein vornehmes Frauenzimmer, ich wollte eine Wette eingehen... Die alte Dame, welche ſie in die Oper begleitete, hatte ein ſehr ehrwürdiges Ausſehen.. Als ich ſie im Gaits⸗ Theater allein geſehen habe, wartete man ihrer an der Thüre. ich bin's überzeugt. Wenn jener ver⸗ fluchte Dubvis nicht geweſen wäre, ſo wüßte ich Nähe⸗ res darüber. Der Zufall, welcher mich ſchon zwei Mal neben ſie geſetzt hat, verſchafft mir vielleich dieſes Glück nicht mehr. Die Ankunft Jenneville's hat meinen Betrachtun⸗ gen ein Ende gemacht; Freude ſtrahlte in ſeinen Augen; ſeine ganze Perſon kündet den Mann an⸗ welcher gerade einen ſchmeichelhaften Triumph ge⸗ 3 feiert hat. Das Glück malt ſich auf dem Geſicht eines Verführers, wie auf dem eines Dichters. „Ach mein lieber Deligny, es freut mich ſehr, Sie zu treffen,“ ſagte Jenneville zu mir, indem er auf mich zulief;„ich meine, ich habe Sie ſchon eine Ewigkeit nicht geſehen... fünf Tage wenigſtens, und wenn Sie wüßten, wie glücklich ich ſeit dieſer Zeit bin!. „Sie ſehen ſehr vergnügt aus... welches Glück iſt Ihnen widerfahren?“ „Mein Freund, ich habe triumphirt, ich habe ge⸗ ſiegt, ſie iſt mein, jene Herminie, jene verehrungs⸗ würdige Frau. „Ach, die Wittwe eines Generals..“ „Die ſchönſte, geiſtreichſte Frau, die ich je geſehen habe. ach, ich habe ihren Widerſtand, ihre Angſt, ihre Weigerung überwältigt, kurz, ich bin der Glück⸗ lichſte auf der Welt...“ Ich weiß nicht, warum mir die vertrauliche Mit⸗ theilung Jenneville's in keinem Verhältniß zu dem Entzücken, das er äußert, zu ſtehen ſcheint, und ich kann mich des Lächelns nicht enthalten, als ich ihm antworte:„Aber ich glaube, mein lieber Jenneville, Sie durften das, was Ihnen widerfahren iſt, vor⸗ ausſehen.. Sind Sie an ſolche Triumphe nicht ge⸗ wöhnt?“ „An ſolche Triumphe? O, mein Freund, man ſieht wohl, daß Sie Frau von Remonde nicht kennen, dieß iſt der Name Herminiens; Sie ſtellen ſich dieſe Frau wie jede andere vor, welcher man den Hof —— 4 macht, und welche ſich bloß weigert, um uns mehr zu feſſeln; dem iſt nicht ſo: Herminie macht eine Aus⸗ nahme; ihr Herz erglüht, weiß aber die Schwächen ihres Geſchlechtes zu überwinden und ihre Gefühle zu beherrſchen. Um über ſie den Sieg davonzutra⸗ gen, mußt ich ihr eine äußerſt heftige Liebe einflößen, eine Liebe, welche den Stolz ihres Charakters über⸗ wiegen konnte... Ich hatte viele Nebenbuhler.. und wenn Sie Herminie ſehen werden, ſo werden Sie meine Furcht, man möchte mir dieſen Schatz entfüh⸗ ren, gerechtfertigt finden.“ „Mein lieber Jenneville, Sie ſind höchſt ver⸗ liebt.“ „Ja freilich! Ich habe viele Schönen gekannt, aber keine hat mir noch eine ſo heftige, ſo aufrichtige Liebe eingeflößt... Gewöhnlich ſah ich nach Befriedi⸗ gung meiner Wünſche meine Glut erkalten, dießmal iſt es das Gegentheil. Je mehr ich Herminie ſehe, deſto mehr bin ich in ſie verliebt! Auf Ehre, dieſe Frau könnte Alles, was ſie wollte, aus mir machen Aber Sie werden ſie ſehen, Deligny, Sie müſſen ſi ie ſehen!“ „Sie erweiſen mir alſo die ay nicht mehr mich zu fürchten, oder ſetzen Sie in meine Freundſchaft mehr Vertrauen?“ „Der letztere Grund iſt es, mein Lieber; zudem glaubte ich Herminie zu beleidigen, wenn ich ſie zu jenen Frauenzimmern rechnete, welche einen hübſchen Mann nicht ſehen können, ohne in ihn verliebt zu werden. Ich habe zu viel Mühe gehabt, ihre Gegen⸗ 5 wehr zu überwältigen, als daß ich von ihrer Treue nicht überzeugt ſein dürfte.“ Ich könnte Jenneville darauf erwiedern: daß aus dem langen Verzug, von einer Frau geliebt zu wer⸗ den, die lange Dauer der Liebe nicht erfolge, aber ich bin ſtill, denn es gibt Dinge, welche man nicht ſagen ſoll, ſelbſt ſeinen Freunden nicht. „Morgen iſt bei Frau von Remonde Empfangs⸗ tag,“ entgegnete Jenneville,„ich will Sie ihr vor⸗ ſtellen. wir wollen miteinander diniren.. ich will Sie abholen; dann führe ich Sie Abends zu meiner Herminie... Es bleibt dabei, leben Sie wohl. Ich gehe zu meinem Juwelenhändler und laſſe ihr einen Ring machen, worin ſie Haare von mir legen wird ſie hat mir auch von den ihrigen verſprochen... Mein Freund, gegenſeitige Anbetung iſt entzückend, nie hatte ich es empfunden.“ Jenneville entfernt ſich ſingend; er iſt ſehr ver⸗ liebt, denkt aber nicht daran, daß er es ſchon hun⸗ dertmal ſo war, und daß dieß immer ewig dauern ſollte. Indefſen füple ich ſelbſt das Angenehme, ſich von einer liebenswürdigen, hübſchen, geiſtreichen Frau bevorzugt zu ſehen, deren Eroberung uns Ehre macht, und mit der man ſich ohne Furcht im Amphi⸗ theater der Oper oder ſonſtwo zeigen darf. In dieſem Augenblick bringt man mir einen Brief; ich kenge die Handſchrift nicht, die Adreſſe iſt kaum lesbar.. Wir wollen ihn öffnen... Ach, mein Gott! was für Buchſtaben, welche Orthographie! Wie kann man dieß entziffern? Glücklicherweiſe iſt er nicht lang: . „Mein Her, es iſt unrecht, mich nemmer zu be⸗ ſuchen, wen Sie mich nemer liebe, ſo miſſe Sie mers ſage, ich warte heut auf Sie, daß ich ſieh⸗ woran ich bin. Ninie.“ Das iſt ein Billet, welches weder nach Sevigné noch nach Heloiſe riecht; Ninie iſt in ihrem Style weder romantiſch, noch in ihrer Orthographie klaſ⸗ ſiſch; ſie ſpricht beſſer als ſie ſchreibt. In der That verfehlte ich mich gegen dieſe Kleine; ſeit acht Tagen habe ich ſie nicht mehr beſucht, ich hätte ihr frei her⸗ ausſagen ſollen: ich wolle ihr Geliebter nicht mehr ſein, und ich laſſe ihr freie Wahl, dann hätten wir uns als gute Freunde getrennt, denn ich glaube nicht, daß Ninie je ſehr in mich verliebt geweſen iſt. In⸗ deſſen muß ich mich über dieſes Brieſchen wundern; ſie hat einen zu ruhigen Charakter, als daß ſie ein ſolches Billet ſchreiben konnte, ohne dazu bewegt wor⸗ den zu ſein; ſie wird Charlotte wiedergeſehen haben. Ich muß aber mit ihr abmachen und will nun in die Straße Aubry⸗le⸗Boucher gehen. Ich komme bei meiner kleinen Franſenmacherin an; wie ich an die Thüre klopfe, höre ich hitzig reden; ich vernehme die Stimme Charlottens; da das Zim⸗ mer klein iſt, ſo iſt es ſchwierig, nichts zu hören. „Du biſt eben eine Gans, Ninie, Du kannſt mit den Herren nicht umgehen. Sieh', dein Paul ſpielt Dir ſchöne Streiche, und anſtatt daß Du Dich rächſt, pleibſt Du in Deinem Zimmer an der Arbeit ſitzen; auf dieſe Art verderbt man die Männer. Du ſiehſ daß er trotz des Briefes, den ich Dich ſchreiben hieß — . nicht kommtz er unterhält ſich mit irgend einem Frauen⸗ zimmer ſonſt, während Du weinen möchteſt. Du be⸗ ſitzſt keinen Funken Muth im Herzen.“ Ninie blieb ſtill; ich klopfe, man öffnet mir. Jungfer Charlotte geberdet ſich ſüßlich; Ninie iſt ver⸗ legen und zerkrümpelt ihre Franſen, ohne mich an⸗ zuſehen. Ich hatte ihr die Zuſammenkunft mit Char⸗ lotten verboten, es thut ihr leid, daß ich dieſe bei ihr getroffen habe. Wenn man ſich aber nicht mehr mit den Leuten abgibt, ſo brauchen ſie auch nicht mehr auf unſere Warnung zu hören. Ich nehme einen Seſſel und ſetze mich; um gegen Ninie zu erklären, warte ich, bis Jungfer Charlotte ſich entfernt hat. Ninie ſagte endlich mit ſtotternder Stimme:„Char⸗ lotte kam... um mir ein wenig Geſellſchaft zu leiſten denn da ich gegenwärtig faſt immer allein bin... habe ich Langeweile.“ „Ja,“ ſagte Charlotte,„ich ſuchte ſie zu tröſten und gebe ihr ſicherlich keinen böſen Rath, obwohl man von mir Uebels zu denken ſcheint... Nicht wahr, Ninie, ich habe Dich nie zu ſchlechten Handlungen angeleitet?“ Ninie erwiederte nichts. „Mein Gott!“ ſagte ich zu Charlotte,„Ninie kann Beſuche annehmen von wem ſie will, und ich ſehe nicht ein, warum Sie ſich bemühen, ihre Abſichten zu rechtfertigen.“ 8 „Ach, ich weiß ſehr gut, daß Sie Rinie jede Zuſammenkunft mit mir verboten haben. Indeſſen —ůů——— 8 glaube ich, meine Bekanntſchaft könne ihr keine Blöße geben.“ „Ich habe ihr nichts verboten.“ „Verzeihen Sie mir, Sie haben es ihr verboten, ſie hat es mir vor der Frau Mattour geſagt, bei der ich mich beklagte, daß ſie mich nicht mehr be⸗ ſuche.. ich werde es Ihnen durch die Nachbarin und Frau Lebveuf beweiſen laſſen, und ℳ. „Um Gottes Willen, Jungfer Charlotte, verſcho⸗ nen Sie mich mit Ihrem Geſchnatter... mit Ihren Worten...“ „Ich habe kein Geſchnatter, mein Herr; ſoll ich Frau Mattoux rufen?“ „Nein, Sie brauchen Niemand zu rufen. Uebri⸗ gens konnte ich zu Ninie ſagen, was mir beliebte; es mag Ihnen mißfallen oder nicht, mir iſt es einerlei. Ich bin nicht hiehergekommen, um mit Ihnen zu plaudern.“ Charlotte erwiedert nichts; ſie beißt ſich in die Lippen. Ich hatte wohl Luſt, über das Geſicht, das ſie ſchnitt, zu lachen, aber ich faßte mich, weil ich ſie nicht in Wuth ſetzen wollte. Ninie rührt ſich nicht aus Furcht vor mir und vor Charlotten. Nach einiger Zeit ſagte Charlotte zu mir:„Haben Sie Ihren Freund, Herrn Dubois, ſchon lange nicht mehr geſehen?“ „Vor mehreren Tagen ſah ich 4. „Wenn Sie ihn ſehen, ſo wollen Sie ihm ge⸗ 1 fälligſt ſagen, ich halte ihn für einen Gaſſenjungen; man beträgt ſich gegen ein Frauenzimmer nicht ſo⸗ ——— — ——— 9 wie er es mir gemacht hat; ich weiß in der That nicht, was er von mir meint... mich drei Abende hintereinander vor dem Brunnen auf dem marchéè des Innocens ſchmachten laſſen, das geht über Alles. Er ſollte mich zu einem Glas Biſchoff führen; an⸗ ſtatt deſſen habe ich mich erkältet, daß ich noch da⸗ von einen ſteifen Hals habe; ich bekümmere mich zwar ſicherlich nicht um ihn!... er iſt gerade nicht ſo ſchön, allein ich ſehe auf Lebensart. Außerdem, wenn er mich nicht mehr beſuchen will, ſo wollen Sie ihm gefälligſt ſagen, er möchte mir meine Zahnbürſte zu⸗ rückſenden, die er mir genommen hat. Wenn er artig geweſen wäre, ſo hätte ich ſie nicht von ihm zurückverlangt; aber gegen einen ſo unhöflichen Mann kann man nicht großmüthig verfahren, und ich ſehe nicht ein, warum ich ihm eine Zahnbürſte zum Ge⸗ ſchenk machen ſoll.“ „Ich will es ihm ſagen, ſobald ich ihn ſehen werde.“ „Ich danke Ihnen verbindlichſt. Lebe wohl, Ninie, unterhalte Dich gut und ſei nicht mehr ſo dumm.“ Charlotte iſt fortgegangen; ich nähere mich Ninie, welche eine beißende Miene angenommen hat und ſage ganz luſtig zu ihr:„Meine liebe Freundin, ich gebe zu, daß ich mich gegen Sie verfehlt habe.“ „Ei gut; da Sie es zugeben, ſo iſt es vorbei, ich zürne Ihnen nicht mehr... Charlotte hat mich veranlaßt, Ihnen zu ſchreiben; ich für mich hätte es nicht gewagt.“ „Ich vermuthete es wohl, aber We Sie mich 10 an: Ich beſuche Sie nicht, um Ihnen zu ſchwören, daß ich Sie noch liebe... das hieße Sie täuſchen.“ „Wie, Sie lieben mich nicht mehr und ſagen es mir ſo offen hin?“ „Ich bin der Anſicht, man brauche keine Um⸗ ſchweife, um die Wahrheit zu ſagen.“ „Das iſt einmal ſehr artig, den Frauenzimmern 4 zu ſagen, man liebe ſie nicht mehr.“ „Halten Sie es für beſſer, Ihnen weiß zu machen, es ſei dem nicht ſo?... Sehen Sie, Ninie, ich hege viel Freundſchaft für Sie, weil Sie in der That ein braves Mädchen ſind; Sie haben gute Eigenſchaften⸗ ſind ſanft, nicht gefallſüchtig, arbeitſam...“ „Nun, wenn Sie zugeben, daß ich dieß alles ſei, warum lieben Sie mich denn nicht 2 „Ich ſage Ihnen, daß ich viel Freundſchaft für Sie hege; allein gerade da Sie ſo artig ſind, ſo verdienen Sie, Jemand zu finden, der Sie von Her⸗ zen liebt und Sie glücklich macht.“ „Ich war glücklich mit Ihnen, ſo lange Sie lie⸗ benswürdig waren und mich ſpazieren führten... ich ſprach mit Ihnen kein Wort mehr von Adolph, be⸗ ſuchte Charlotte nicht mehr, kurz, ich that Alles, was Sie wünſchten.“ „Sie ſehen wohl, daß ich undankbar bin, weil alles dieß mich nicht an Sie feſſeln kann; aber Ninie, wir wollen ſtets gute Freunde bleiben, jedoch keine Liebſchaft fortſetzen.“ „Das iſt das erſte Mal, daß man mir ſo Etwas vorſchlägt!“ 11 „Jung und hübſch, wie Sie ſind, werden Sie tauſend liebenswürdigere Liebhaber finden... werden mich bald vergeſſen haben.“ „Sie glauben, Jedermann ſei ſo flatterhaft wie Sie!. Charlotte hat wohl recht, wenn Sie ſagt: alle Herren miteinander ſeien keine Bohne werth!“ Sie kennt dieſelben beſſer als ich. Hätte ich ſie an⸗ gehört, ſo würde ich Sie zuerſt aufgegeben haben.“ „Ninie, ich wiederhole es Ihnen, Charlotte gibt Ihnen ſehr ſchlimme Rathſchläge. Wenn Sie ſie an⸗ gehört hätten, ſo wären Sie mir untreu geworden, was wäre die Folge davon geweſen? Ich hätte Sie verachtet, während ich jetzt Ihrer ſtets mit Vergnügen gedenke und Sie bitte, als Pfand unſerer zukünftigen Freundſchaft dieſes kleine Geſchenk anzunehmen.“ Bei dieſen Worten zog ich ein ſchwarzes Band, an dem ein goldenes Uehrchen hing, aus meiner Taſche. Ich legte das ſchwarze Band um Ninie's Hals, welche ihre zornige Miene nicht ablegen wollte, jedoch halbwegs lächelte, während ſie ſprach:„Gibt man den Frauenzimmern, die man nicht mehr liebt, auch Geſchenke?“ „Warum denn nicht, Ninie?“ Ich küßte ſie zärtlich, nachdem ich das Band um ſie geſchlungen hatte, worauf ſie fortfuhr:„Küßt man auch die Frauenzimmer, die man nicht mehr liebt?“ „Dieß hindert nicht, Vergnügen daran zu finden.“ Ninie läßt mich ſie abermals küſſen, während ſie von Zeit zu Zeit murmelt:„Wartet man den Frauen⸗ — 12 zimmern, die man nicht mehr liebt, auch mit derlei Sachen auf?“. Endlich machte ich Ninie begreiflich, daß wir ſehr gute Freunde bleiben könnten; ich mußte ihr ver⸗ ſprechen, ſie bisweilen zu beſuchen, und wir trennten uns höchſt zufrieden miteinander. Iſt nicht ein ſolcher Bruch den Vorwürfen, Thränen, Beleidigungen, die man in dergleichen Fällen wechſelt, vorzuziehen? Soll man für Diejenigen, denen man ſo glückliche Stun⸗ den verdankt, nicht immer Freundſchaft bewahren? Aber in der Welt kommt es ſtets darauf an, wer ſeine Fehler einſieht; man ſetzt oft in lauter Lang⸗ weile ein Verhältniß fort, weil man ſich für treu hält, und doch handelt es ſich bloß davon, daß man ſich miteinander verſtändigt.“ Zweites Kapitel. Frau von Remynde und ihre Geſellſchaft. Heute Abend komme ich alſo zu jener von Jenne⸗ ville ſo gerühmten Dame... allein er iſt in ſie ver⸗ liebt und ich werde ohne Zweifel viel Uebertriebenes in dem Gemälde, welches er mir von ſeiner Herminie gemacht hat, finden; man darf dem Lobe eines Ver⸗ liebten keinen Glauben ſchenken; es verhält ſich hie⸗ mit gerade wie mit den Liebhaberconzerten, mit dem ſelbſigebauten Weine und mit den einmüthig aufge⸗ nommenen Theaterſtücken. — 13 Ich habe mit Jenneville im Palais-roval, vor der Rotonde, ein Rendezvous. Im Augenblick, wo ich fortgehe, ſehe ich Jolivet ankommen, den ich ſeit der Zeit, wo wir bei Champeau dinirt hatten, nicht wieder geſehen hatte. „Guten Tag, mein Freund; Du willſt einen Aus⸗ gang machen, wie es ſcheint?“ „Ja, ich gehe in's Palais-royal, wo ich Jenne⸗ ville treffen werde.“ „Speißt ihr miteinander zu Mittag?“ „Wahrſcheinlich.“ „Ach, meiner Treu', ich weiß nicht, wo ich heute diniren ſoll, ich. ich war faſt Willens, mit Dir zu diniren.“ „Du ſiehſt, daß dieß unmöglich iſt... Gehſt Du meinen Weg?“ „Ja, ich will Dich bis vorthin begleiten.“ Ich genire mich bei Jolivet nicht und gehe mit ihm hinunter. Auf ſeinem Geſicht ſehe ich, daß es mißſtimmt iſt; er rechnet, er werde heute ſein Diner ſelbſt zahlen müſſen. „Ei,“ ſagte er unterwegs zu mir,„haſt Du Du⸗ bvis ſchon lange nicht mehr geſehen?“ „Nein, ich muß mich ſelbſt wundern... im Vor⸗ beigehen will ich ſehen, ob er krank iſt.“ „O, er iſt nicht krank, denn ich bin mehrere Mal bei ihm geweſen, und immer ſagte man mir, er ſei aus⸗ gegangen. Weißt Du ſein Abenteuer im Colloſeum?“ „Im Collyſeum.. nein, ich weiß nichts; was iſt es denn?“ * 14 „Sonntag vor vierzehn Tagen begegnete ich Du⸗ bvis Abends auf den Bvulevards. Er ſagte zu mir: Ich gehe in's Collyſeum, komm' auch mit. Ich machte mir nichts daraus... Ich bin zwar kein gro⸗ ßer Liebhaber von den Bällen, doch ließ ich mich fortziehen. Auf dem Ball fing Dubois an zu lachen und mit den anweſenden Frauenzimmern zu ſchwatzen. Er kannte ſie faſt alle, tanzte, walzte, tobte entſetz⸗ lich; man hörte ihn aus Allen heraus und er überſchrie die größte Trommel. Bald darauf ſagte er zu mir: „Wir wollen Punſch trinken. Mir lag nichts daran; aber er wollte mich durchaus damit regaliren; ich gab nach. Wir ſetzten uns an einen Tiſch; kaum hatten wir ein Glas Punſch getrunken, ſo gab man das Zeichen zum Contretanz. Dubois ſteht auf und verläßt mich mit den Worten: Ich tanze und treffe Dich hier wie⸗ der. Er geht zu einer dicken, rothbackigen Mamſelle hin, welche neben uns ſaß, und engagirt ſie.„Mein Herr, ſagte ſie,„ich bin bereits engagirt.—„Sie ſehen aber doch, daß man Sie nicht abholt,“ ſagte Dubvis zu ihr, und der Contretanz beginnt; man hat Sie vergeſſen, es wäre ja mörderiſch, wenn Sie nicht tanzen würden... Kommen Sie, mein Fräulein, überdieß ſtehe ich Ihnen für Alles gut; wenn Der⸗ jenige, welcher Sie eingeladen hat, böſe wird, ſo ſoll er ſich nur an mich wenden.“ Die dicke, roth⸗ backige Mamſelle gab aus Furcht, nicht tanzen zu dürfen, nach und folgte Dubvis. Während ich die Flamme unſeres Punſches unterhielt, ſah ich ſie vvn meinem Tiſche aus tanzen. Aber im Augenblick des 4 3 15 „Balancez“ trat ein Herr mit einem Schnurrbart und einem Ehrenzeichen vor Dubvis hin und ſagte zu ihm: „Mein Herr! ich hatte das Fräulein engagirt, Sie können nicht mit ihr tanzen.. Dubois balancirte immerfort und rief: Sie ſehen, daß es doch ſein ſein kann.— Fräulein, Sie tanzen mit mir,“ ſchrie der Soldat. Aber Dubois zog die dicke, rothbäckige Mamſelle mit ſich fort und ließ ſie jenem den Rücken bieten, indem er zu ihr ſagte:„Rühren Sie ſich, ſeien Sie luſtig, Schöne.. Der Soldat, welcher durchaus nicht will, daß die Schöne mit einem An⸗ dern herumhüpft, ſpringt ihr nach und will ſie am Arme nehmen; Dubois, der immer forttanzt, tritt dem Soldaten auf die Füße. Augenblicklich hebt dieſer die Hand auf, um ihm eine Ohrfeige zu geben, aber Dubvis bückte ſich und die rothbäckige Mamſelle er⸗ hält die Ohrfeige. Dieſer Vorfall zieht Aller Augen auf ſich. Der Tanz hört auf, man umringt unſere beiden Helden; die dickbackige Mamſelle weint, Du⸗ bois ſchreit, der Soldat ſchwört, er werde ihm die Ohrfeige, welche dieß Mädchen erhalten habe, mit dem Säbel fühlen laſſen. Der Adjutant kommt und will den Frieden herſtellen, aber Dubvis iſt nicht mehr da, ſein Gegner drängt durch die Menge und hat ſich ebenfalls fortgemacht. Wir glaubten, ſie wer⸗ den ſich ſchlagen oder deßhalb ein Rendezvous geben. Nach einer Viertelſtunde kommt der Soldat wüthend zurück; er hat Dubois nicht gefunden und an der Thüre vergebens erwartet. Zuletzt lachte man über dieſes Abenteuer, ausgenommen das rothbackige Mäd⸗ „ 16 chen, welche ihre Wange anfühlte und ſagte: Dieſer Herr hatte mir doch verſprochen, für Alles gut zu ſtehen.“ Kurz, der Soldat hat geſchworen, Dubois zu durch⸗ ſpalten, wenn er ihm begegne, und ich mußte die halbe Bowle Punſch bezahlen, aber Dubois muß es mir wiedererſetzen, weil er mich eingeladen hatte.“ Was Jolivet mir ſoeben erzählt hatte, wunderte mich gar nicht; dieß iſt nicht das erſte Abenteuer, welches Dubois zuſtößt. Wir kommen im Jardin du palais-royal anz Jolivet wendet und dreht ſich um mich herum, indem er murmelt:„Halten Sie ein Piknik?“ „Ja wohl.“ „Ach ja!... aber Sie übertreiben es, meine Herren; Sie bezahlen zwölf, fünfzehn Franken per Kopf!.. ich gebe gerne einen kleinen Thaler, wenn man mich dafür zechfrei halten will.“ Ich werde des Bezahlens für Jolivet müde, und da er ſieht, daß ſein Vorſchlag mich nicht in Ver⸗ führung bringt, ſo entſchließt er ſich endlich zum Fort⸗ gehen, indem er ausruft:„Beim Kukuk, ich befinde mich unweit der Wohnung meiner Tante.. ich dachte nicht daran! ich werde ihr einen kurzen Beſuch machen es iſt noch nicht halb ſechs Uhr. ich komme gerade zu rechter Zeit. Lebe wohl, Deligny; wenn wenn Du Dubois ſiehſt, ſo ſage ihm, daß er mir fünfzig Sous für Punſch ſchuldet.“ Er eilt fort; da ſieht man die eigennützigen Leute: ſie erinnern ſich nie ihrer Schulden, vergeſſen aber keinen Heller, den man ihnen ſchuldet. 17 Ach, ich bemerke Jenneville, aber er befindet ſich bei einem Herrn... es iſt Blagnard. Dieß iſt mir zuwider; ich wäre lieber allein mit Jenneville geweſen. Dieſe Herren kommen mit offenen Armen auf mich zů. „Mein licber Freund,“ ſagte Jenneville zu mir, „Sie werden mir böſe ſein; ich hatte nicht daran gedacht, daß Herr Blagnard mich heute zum Dini⸗ ren eingeladen hat; aber er macht meinen Fehler gut, indem er Sie erſucht, ebenfalls ſeine Einladung anzunehmen und hoffentlich werden Sie es nicht abſchlagen.“ Herr Blagnard verſichert mich in den höflichſten Ausdrücken, wie ſehr es ihn freuen würde, wenn ich ſeine Einladung annähme. Ich kann es unmög⸗ lich abſchlagen. Der Herr regalirt außerordentlich gern. Iſt es wohl Eitelkeit oder kluge Berechnung? Herr Blagnard bewirthet uns bei Beauvilliers; ein Zimmer war für uns frei gehalten worden. Zwei ſehr elegante Herren fanden ſich dort bald bei uns ein. Man wartet uns auf. Wir ſind bloß zu fünf; das Diner würde für fünfzehn Perſonen hinreichen. Welcher Aufwand, welche Verſchwendung, welche ausgedachte Auswahl von Gerichten! Und Herr Blag⸗ nard bittet uns noch um Verzeihung, daß er uns ſo einfach bewirthe; das ſcheint mir denn doch etwas ironiſch zu ſein. Während des Eſſens ſpricht man von Geſchäften, Luſtbarkeiten, vom Zinsfuß, dem neuen Theaterſtück, Paul de Kock. LI. 2 18 von der Lage Europa's und dem letzten Calembourg Odry's. Herr Blagnard ſpricht über Alles mit großer Zuverſicht; ſeine Urtheile ſind oft irrig, allein er ſpricht wie ein Mann, der überzeugt iſt, daß man mehr weiß als alle Andern, wenn man ſeine Taſchen mit Geld geſpickt hat, welcher Anſicht in der That auch ſehr viele Leute find. Jenneville vergeht vor Ungeduld, bis er bei ſei⸗ ner Herminie iſt, und was mich betrifft, ſo unter⸗ halte ich mich nicht gar ſehr an dem Geſpräch des Herrn Blagnards; wir trinken daher ſchnell unſern Kaffee und trennen uns von unſerm Gaſigeber, um Frau von Remonde zu beſuchen. Dieſe Dame wohnt in der Straße le Pelletier in einem ſehr ſchönen Hauſe, deſſen Hof mit Gas beleuchtet wird. „Mein Freund,“ ſagte ich zu Jenneville, während ich mit ihm eine Treppe hinaufging, die wie mein Salon gewichst war,„in ein ſolches Haus geht man nie vor neun Uhr.. es iſt erſt halb acht Uhr. Ich werde zu viel ſein; denn wir werden Frau von Re⸗ monde allein finden.“ 11„Nein, nein, an den Tagen, wo ſie Geſellſchaft gibt, ſpeiſen immer einige Perſhner mit P ſie iſt. alſo nicht allein.“ „Dann iſt man noch bei ui ich wollie An „Nein, ſie erwartet uns... ſie wird das ii veſchleunigt haben.“ Wir kommen im zweiten Stocke an. Ein Be⸗ dienter nimmt uns die Mäntel ab, fragt uns nach unſern Namen, öffnet die Thüre eines ſchönen Sa⸗ lons und meldet:„Herr Jenneville, Herr Deligny.“ Wir treten in den Salon ein. Ich mußte lachen, als ich Niemand ſah, und daß der Bediente uns den Seſſeln und Fauteuils angemeldet hat. „Wie, Niemand hier?“ ſagte Jenneville,„man iſt alſo noch bei Tiſche?“ „Ich hatte es Ihnen geſagt; Sie wiſſen wohl, daß man gegenwärtig erſt um halb ſieben Uhr ſpeist doch wird es bald vorbei ſein.“ „Indeſſen hatte ich Herminie verſprochen, bald zu kommen.“ „Wenn ich nicht bei Ihnen wäre, ſo würde ich fortgehen, das Ballet in der Oper ſehen und dann wieder kommen.“ Jenneville gibt mir keine Antwort; er geht in dem Salon auf und ab, offenbar übelgelaunt. Ich errathe ſeine Gedanken: er findet es nicht am Platz⸗ daß Frau von Remonde ſo lange tiſchelt, da ſie ſeine Anweſenheit wiſſen muß; aber die Thüre, durch die wir eingetreten ſind, geht auf. Der Bediente mel⸗ det; dießmal wenigſtens ſpricht er nicht mehr zu den Möbeln des Salons:„Frau von Saint⸗Julien, Herr Melinv.“ Der Herr und die Dame treten ein; ich mache ihnen die Honneurs, biete der Dame einen Lehnſeſſel an und verbeuge mich vor dem Herrn. Es iſt ſehr komiſch, die Honneurs in einem Hauſe zu machen, wohin man ſelbſt das erſte Mal kommt und deſſen Gebieterin man nicht kennt, aber in Paris ſieht man noch viel ſonderbarere Sachen. 5 Karten für die Spieler bereit liegen. Es wundert Die eben angekommene Dame iſt ziemlich hübſch, doch dürften ihre Reize, wie ich glaube, den hellen Tag zu fürchten haben. Jür ſie hat Voltaire den Vers „Die Kunſt iſt nicht für Dich gemacht, Du brauchſt ſie nicht!“ nicht gedichtet. War es in Folge der Toilette oder des Licht⸗ ſchimmers? gleichviel: ihre Phyſiognomie wie ihr Anzug— beide glänzten. Ich ſetzte mich neben ſie und wir plauderten miteinander. Ich mag die Da⸗ men ſehr guteleiden, mit denen man ohne Weiteres plaudern kann, und die ihre Antworten nicht in ge⸗ zwungenem Tone, ſchüchtern und in einſilbigen Wor⸗ ten, welche ſie uns nur aus Gunſt zu ſchenken ſchei⸗ nen, abgeben. Ich möchte wiſſen, ob der kleine, dicke, kurze Mann, der zu gleicher Zeit mit Frau von Saint⸗ Julien eingetreten iſt, zu ihr gehört. Seit ſeiner Ankunſt ſitzt Herr Melino auf einem Lehnſeſſel und rührt ſich nicht, ſondern ſchaukelt ſich ſeelenvergnügt und ſpielt dabei mit ſeinem Uhrengehänge. Die Thüre des Salons geht von Neuem auft der Bediente meldet an. Frauenzimmer, ſämmtlich in großem Staate, worunter ich aber wenig junge und hübſche ſah, Herren von jedem Alter füllen den Salon, wo bloß noch die Frau vom Haus fehlt. Man ſcheint ſich um ihre Abweſenheit nicht groß zu be⸗ kümmern; man grüßt ſich, ſetzt ſich und plaudert. Bereits ſitzen zwei junge Herren an einem Tiſche, ww ——— mich nicht, daß viele Leute ſo den Abend zubringen, ohne ſich um die Perſonen, bei welchen ſie ſich be⸗ finden, zu bekümmern. Habe ich doch ſchon oft geſehen, daß bei ſolchen lärmenden Zuſammenkünften, die man Reunions nennt, die Frau vom Hauſe die Hälfte der Perſonen, welche ſie empfing, gar nicht bemerkte, und ſpäter zu einer ihrer Freundinnen ſagte:„Führen Sie doch den und den Herrn bei mir ein; er ſoll ſehr liebenswürdig ſein!“ worauf die Freundin erwiederte:„Ich habe ihn bereits eingeführt: er war in der letzten Abend⸗ unterhaltung anweſend!“ „Bah!.. wahrlich, ich habe ihn nicht geſehen... Nun! nehmen Sie ihn wieder mit und ſtellen Sie mir ihn vor.“ Endlich ging eine andere Thüre, die jener, durch die wir eingetreten waren, gerade gegenüber war, auf, und eine neue Geſellſchaft füllt vollends den Salon. An ihrer Spitze ſteht eine Dame, und aus dem Anſtand, womit ſie Jedermann begrüßt, aus ihren verſchwenderiſchen Höflichkeitsbezeugungen gegen die Damen, aus ihrem Lächeln gegen die Herren ent⸗ nehme ich, daß es Frau von Remonde ſein wird. Ich täuſche mich nicht, denn Jenneville nähert ſich ihr bereits und drängt ſich zu ihr durch.. Dieſe Frau iſt ſehr ſchön, hat einen zierlichen, ſchlanken Wuchs und ſehr anziehende Züge; ſie iſt brünett und ihre großen, ſchwarzen Augen haben einen Glanz, welcher durch die Lebhaftigkeit ihrer Blicke noch zuzunehmen ſcheint; ferner einen ſehr zier⸗ lichen Mund, der bald zärtlich, bald malitiös lä⸗ chelt; auch ihre Naſe iſt ziemlich ſchön— mit Einem Worte: Frau von Remonde iſt hübſch.. Aber ich werde mich in ſie nicht verlieben, und zwanzig un⸗ regelmäßige Lärvchen würden mir mehr gefallen als dieſe ſchöne Dame. Jenneville iſt endlich bei ihr angelangt. Er ſpricht leiſe mit ihr... Wahrſcheinlich beklagt er ſich, ſcheint aber kaum angehört zu werden. man bricht in ein lautes Lachen aus dieß iſt eben kein Beweis, daß man von ſeinen Vorwürfen niedergeſchlagen iſt. Er zürnt und enifernt ſich man hält ihn zurück, ſagt ihm ein Wort und ſieht ihn dabei auf beſon⸗ dere Art an.. nun wird er ruhig, entzückt... Frau von Remonde kennt ihre Gewalt über dieſen Mann. Jenneville denkt in ſeinem Entzücken nicht mehr an mich. Indeſſen kann ich mich doch nicht allein vorſtellen, und ich bin nicht gewohnt, mich in einem Salon wie in dem Foyer eines Theaters zu finden; doch wollen wir noch warten, bis die Dame Zeit findet, mit der ganzen Geſellſchaft zu reden. Ach! Jenneville kommt zu mir, und wir benützen einen Augenblick, wo Herminie frei iſt. „Ich ſtelle Ihnen, Madame, Herrn Deligny vor, meinen beſten Freund, von dem ich ſchon oft mit Ihnen geſprochen habe.“ „Ihre Freunde ſind auch die meinigen; es wird mich ſehr freuen, wenn der Herr, ſo oft es ihm be⸗ liebt, mich beſuchen wird.“ Auf dieſes Compliment antworte ich mit einer, —,— 23 tiefen Verbeugung, während ich ſtammle:„Madame ſicherlich. ich ſchätze mich ganz glücklich...“ Ich glaube, ich habe meine Rede nicht ausgeſagt, aber in der Regel ſpricht man die Worte, durch die man ſich gegenſeitig becomplimentirt, nie ganz aus, eine Verbeugung macht den Schluß, und die Frau vom Hauſe geht zu andern Perſonen. Nun, da ich ein Mitglied der Geſellſchaft der Frau von Remonde bin, ſo wollen wir ſehen, aus wem dieſe beſteht. Wenn man nach dem Aeußern urtheilt, ſo ſind alle dieſe Leute reich oder machen glänzende Geſchäfte; ich ſtand zufällig neben einer Gruppe von Perſonen, die ich bloß nach Millionen rechnen hörte! Dieſer hatte eben ein herrliches Landgut gekauft, Jener gerade ein Unternehmen gegründet, welches den Aktiv⸗ nären fünfzig Procent einträgt, der Dritte wußte nicht, was er mit ſeinen Kapitalien anfangen ſoll. Allein ich weiß nicht, warum all' dieſe Leute mir vorkommen, als lügen ſie. In dem Tone, dem Betragen dieſer Herren liegt etwas, das auf Intriguen ſchließen läßt. Es iſt möglich, daß ich mich in Einigen täuſche, aber auf die Hälfte wollte ich wetten. Man ſpielt Ecarté und Bouillotte; von Letzterem bin ich kein Freund, weil man, wofern man nicht Charlemange macht, was den Verlierenden nie behagt, ſeinen Platz nie verlaſſen kann, ohne ſein Geld ver⸗ ſpielt zu haben. Drei alte Damen ſpielen Bouillotte; ſie ſagen:„Ich paſſe!“ wie wenn ſie ihr Leben lang nichts Anderes gethan hätten. Herr Melino, der mit dieſen Damen ſpielte, hat ſo eben ſeinen Durch ge⸗ 24 nommen, man bietet mir den Platz an: ich bin be⸗ reit. Der Einſatz iſt bloß fünf Franken und ich bin entſchloſſen, nur einen zu wagen. In der erſten Tour entlehnt eine Dame bei mir einen Spielpfennig, in der zweiten ſchuldet mir eine andere eine Marke. Ich bin zu höflich, als daß ich mein Guthaben zurückver⸗ lange; ferner bittet mich eine Dame öfters, für ſie zu ſetzen, da ſie nur ein Goldſtück habe, und es ihr ſehr unangenehm ſei, es wechſeln zu laſſen. Kurz⸗ ich hatte meinen Einſatz bald verſpielt, weßhalb ich aufſtand, ohne daß man mir jedoch meine Ausſtände zurückgegeben hätte. „Sie ſetzen nicht mehr?“ ſagt ſehr verbindlich die Dame, welche nicht wechſeln laſſen wili. Ich dankte ihr, denn ich hatte nicht weiter Luſt, ihr meine Marken zu leihen. Sie war wenigſtens fünfzig Jahre alt. Ich gehe um den Spieltiſch herum, da man ſich ihm wegen der Maſſe von Wettenden, die ihn um⸗ ringten, nicht wohl nähern konnte. Der Teppich war mit Gold bedeckt... Soll ich da Fünffrankenſtücke wagen?... Indeſſen bemerkte ich einige und warf deßhalb ebenfalls zwei vor einen jungen Mann hin, deſſen Aeußeres mir Glück zu verrathen ſchien. Aber man läßt dieſen armen jungen Mann ſeine glücklichen Eingebungen nicht verfolgen; jeder Wettende ſteht hinter ihm und ruft ihm gebieteriſch zu:„Spielen Sie dieß, mein Herr!“ „Nein; ſpielen Sie das.. ſpielen Sie dieß da!“ „In der Mitte?“ „Nein, links.“ . — 25 „Ich rathe Ihnen, das da zu ſpielen!“ Betäubt von dieſen Zumuthungen, welche Befehlen gleichen, weiß der arme junge Mann nicht mehr, woran er iſt; er ſpielt ſchlecht, verliert und wird von denen, die auf ihn gewettet haben, ausgezankt, obwohl ihr Zureden an dem Verſpielen eigentlich Schuld iſt. Wahrlich, es iſt nichts ſehr Angenehmes daran, in einer großen Abendunterhaltung Ecarté zu ſpielen. Ich für meinen Theil werde die Karten nicht nehmen, denn unter den Herren, die wetten, ſind einige, die Einem rathen oder ſo unverſchämt ausſchelten, daß ich wenigſtens ihre Ausdrücke nicht geduldig anhören konnte; ich ergriff daher das Klügſte, entfernte mich von dem Tiſche, ließ die Herren ſpielen, die ausſahen, wie wenn ſie ein Gewerbe daraus machten, und ſuchte mich anderswo ſo gut als möglich zu unterhalten. In einem andern Zimmer iſt ebenfalls ein Ecarté⸗ tiſch, woran ich Frauenzimmer ſehe; hier ſpielt man niedriger, allein im Ganzen genommen ſcheint das Spiel auch hier das Hauptgeſchäft, der einzige Zweck der Geſellſchaft zu ſein. Kein Pianoſpiel, kein Tanz, wenig Unterhaltung, und auf allen Geſichtern liegt ein Ausdruck von Wichtigkeit, Anſpruch oder Abge⸗ ſchmacktheit; es iſt etwas Trauriges um eine Geſell⸗ ſchaft, die man bloß beſucht, um Geld zu verlieren oder zu gewinnen! Ich weiß gewiß, daß Frau von Remonde mich nicht oft bei ſich ſehen wird. Die Frau des Hauſes kommt zu mirz ſie ſieht, daß ich nichts treibe und errathet vielleicht meine Langeweile. „Nun, mein Herr, Sie treiben nichts?“ 26 „Ich habe ſo eben noch geſpielt, Madame.“ „Waren Sie glücklich?“ „Bis jetzt nicht.“ „Ich bin Herrn Jenneville vielen Dank ſchuldig, daß er mir das Vergnügen gemacht hat, Sie kennen zu lernen.“ „Ich, Madame, bin ihm ſehr verbunden.“ „Kennen Sie Herrn Jenneville ſchon lange?“ „O ja. nein.. nicht gar ſo lange.“ „Wenigſtens weiß ich, daß Sie Beide ſehr ver⸗ traute Freunde ſind; er liebt Sie außerordentlich; es wird mich freuen, wenn Sie mich recht oft beſuchen. Ich hoffe, Sie werden ihn häufig begleiten.“ „Madame, ich... „Zwei Mal in der Woche, an meinen Geſellſchafts⸗ tagen, habe ich einige Freunde beim Eſſen; Sie müſſen mir verſprechen, deren Zahl vermehren zu wollen.“ „Sie ſind zu gütig, Madame.“ „Sie ſehen, daß man bei mir keine Complimente macht; Jeder treibt, was er will. Ich liebe es nicht, wenn man ſich genirt.. ich laſſe auch meinen Freun⸗ den volle Freiheit.“ „Es fehlt ein Bouillotteſpieler!“ ruft die alte Dame, welche nicht gerne wechſeln laſſen will, und Frau von Remonde drängt mich gegen den Tiſch mit den Worten:„Herr Deligny, an Ihnen iſt die Reihe.“ „Nein, ich habe bereits mitgeſpielt.“ „Es muß Jemand mitſpielen ſetzen Sie 9 hierher.“ „Aber ich möchte lieber...“ W „Setzen Sie ſich, ich bin überzeugt, der Platz iſt köſtlich, Sie werden gewinnen.“ Unmöglich, mich dagegen zu wehren, muß ich mit jenen alten Damen wieder Bouillotte ſpielen, welche betrügen und mir die Marken nicht mehr zurückgeben. Die Frau von Remonde hat eine ganz beſondere Art, ihren Bekannten volle Freiheit zu laſſen, aber ſie hat mich mit Höflichkeiten überhäuft, und ich muß mich deren würdig machen, indem ich gerne mein Geld verſpiele. Dießmal ſitze ich wenigſtens in der Nähe der Frau von Saint⸗Julien; ſie iſt ſehr liebenswürdig. Während des Spiels ſchwatzen und lachen wir, wir ſind, glaube ich, die Einzigen in der Geſellſchaft, die lachen, was den drei alten Damen, die mit uns ſpielen, zu miß⸗ fallen ſcheint. Die, welche nicht wechſeln laſſen will, ſagt mehrere Male zu mir:„Mein Herr, geben Sie Acht, Sie ſind nicht bei Ihrem Spiel.“ Ich glaube aber ziemlich dabei zu pleiben, denn ich verliere mein Geld; augenſcheinlich iſt es nicht erlaubt, zum Verlieren noch zu lachen. Mein Einſatz iſt abermals verſpielt; ich verlaſſe meinen Platz und ſetze mich neben Frau von Saint⸗ Julien, wäre es auch bloß, um die alten Damen, die mein Geld gewonnen haben, zu erzürnen. Wir ſchwatzen und lachen immerfort; ich kenne dieſe Dame nicht, allein ſie iſt ſehr heiter, ſehr freundlich, und eine ſolche Geſellſchafterin in einem Salon iſt ein Glück. Man fühlt ſich in ihrer Nähe bald wie bei einer alten Be⸗ kannten. Ich war ſchon im Begriff, ihr meinen Arm 28 anzubieten, um ſie nach Haus zu begleiten; ſie lacht laut auf und entgegnet:„Und was werden wir mit Herrn Melinv anfangen?“ „Wie, dieſer Herr iſt mit Ihnen „Ja wohl.“ „Und er begleitet Sie wieder nach Hauſe?⸗ „Er muß wohl.“ Wie ſonderbar! ſeit ihrer Ankunft im Salon haben ſie kein Wort mit einander gewechſelt. Nun vollends, da Herr Melino der Begleiter der Frau von Saint⸗ Julien iſt, ſehe ich nicht ein, warum ich in einem Haus, wo ich mich durchaus nicht ergötze, länger bleiben ſollte. Ich habe dreißig Franken verloren, wahrlich genug für einen jungen Mann, der bloß dreitauſend ſechshundert Franken Renten beſitzt; ich glaube ſogar, es iſt zu viel. Zudem habe ich es an Leute verloren, die nichts weniger als liebenswürdig ſind, und mich armen Tropfen, der nicht mit Gold ſpielte, kaum an⸗ geſehen haben; Grund genug, nicht zu ſingen: „Welche Ehre! Welch' ein Glück!“ Jenneville unterhält ſich mit der ſchönen Herminie, und achtet nicht auf mich. Ich verſchwinde aus dem Salon; aber im Vorzimmer muß ich mich noch fünf Minuten aufhalten, bis ich meinen Mantel unter dem Haufen von Kleidern herausfinde, welche dieß Zimmer in eine Schneiderbude verwandeln. Ah! endlich habe ich meinen Mantel, ich wiclle mich darein und verlaſſe die Geſellſchaft der Frau von Re⸗ monde, ipermalz das Lied von dem Senator trillernd 29 Drittes Kapitel. Wieber die unbekannte Dame. Nein, ſagte ich einige Dage nach der Abendunter⸗ haltung bei der Frau von Remonde abermals zu mir, dieſe Geſellſchaft wird mich nicht oft ſehen. Wenn ich einen Rückblick auf die Art werfe, wie ich mein Ver⸗ mögen, ſeitdem ich darüber Herr bin, vergeudet habe, ſo reut mich das am Meiſten, daß ich mich um mein Geld nicht immer ergötzt habe. Das reut mich nicht, welches mir wirklich Vergnügen machte, aber ſich zu Grunde richten, und dabei noch ſich langweilen müſſen, das iſt wahrhaftig zu dumm; indeſſen begegnet das vielen Leuten. Habe ich mich zum Beiſpiel en bei der Frau von Remonde für meine dreißig Franken unter⸗ halten? Sehr im Gegentheil; und außer der Unter⸗ haltung mit der Frau von Saint⸗Julien, welche mich etwas zerſtreut hat, hätte ich wahrlich keine Gelegen⸗ heit zum Lachen gefunden. Ich weiß wohl, daß man aus Wohlanſtändigkeit, aus gutem Ton und aus Gefälligkeit in die großen Geſellſchaften geht; aber von nun an bin ich feſt entſchloſſen, bloß das zu thun, was mir gefällt; überhaupt iſt es eine Thorheit, ſich für Andere, die nie dafür erkenntlich ſind, aufzuopfern. Ich ſehne mich nach der ſchönen Jahreszeit; ſo⸗ bald die Bäume wieder zu grünen anfangen, und die Gefilde ihren Frühlingsſchmuck annehmen, will ich meinen Vater beſuchen und einige Monate bei ihm zubringen. Er wird darüber ſehr vergnügt ſein und ich werde mir viel erſparen; denn auf dem Lande Jagd, Fiſcherei, Spazierengehen... Ja, dieſer Ent⸗† 30. gibt es kauſenderlei Beluſtigungen, die nichts koſten: ſchluß gefällt mir; ich habe ihn zwar ſchon vft gefaßt, aber immer hielt mich ein eitler Beweggrund, eine Liebſchaft in Paris zurück; dieſes Jahr wird ſich hoffent⸗ lich ſeiner Ausführung Nichts entgegenſetzen. Aber heute iſt es herrliches Wetter, die Temperatur iſt mild und zu einem Spaziergang ſehr einladend; wir wollen einen Ausflug machen; ich weiß aus Er⸗ ſahrung, daß man an den erſten ſchönen Tagen immer einer Menge hübſcher Frauenzimmer begegnet. Wie die Blumen, die ſich den Winter über verbergen⸗ ſcheinen ſie auch auf die Sonne zu warten, um ſich wieder zu zeigen. Ich befand mich auf dem Bvulevard, meinem Lieblingsſpaziergang; ein Herr kommt lachend auf mich zu ich hatte ihn nicht mehr erkannt. „Wie, Du biſt es, Dubois! Beim Teufel, wie haſt Du Dich in den mehr als vier Wochen, ſeit ich Dich nicht ſah⸗ verändert? ich erkannte Dich nicht! Aber ja jetzt ſehe ich es... Dein Backenbart gibt Dir ein ganz anderes Ausſehen... früher trugſt Du keinen.“ „Nun, das iſt wahr, aber er ſteht mir gut, nicht wahr?“ „Meiner Treu, Dugefielſt mir ohne ihn eben ſo gut.“ „O doch, es ſteht mir beſſer.. es gibt ein männ⸗ licheres Ausſehen. Zudem habe ich eine neue Geliebte, welche ſehr viel auf die Backenbärte hält. Sie ſchenkte mir ihr Herz und einen Schildkrötenkamm, um ihn immer hübſch glatt zu kämmen und ſagte mir:„Mein * 31 Geliebter, wenn Du Dich raſiren läßtaſo zähle nicht mehr auf meine Treue.““ „Beim Teufel! dieſes Frauenzimmer ſollte einen, Sapeur zum Geliebten nehmen.“—* „Ich finde es ganz bequem, denn wenn ſie mir nicht mehr gefällt, ſo laſſe ich ihn wegraſiren, und dann gute Nacht! unſere Freundſchaft hat ein Ende.“ „Was haſt Du denn aber ſeit einem Monak, während deſſen ich Dich nicht geſehen habe, gethan?“ „Mein Freund, ich habe den Hof gemacht, wie ge⸗ wöhnlich.“ „Gelegenheitlich: Charlotte erſucht Dich, Du möch⸗ teſt ihr ihr Zahnbürſichen wiederbringen.“ „Ah gut! mit ihrer Bürſte.. das iſt eine Liſt, mich wieder zu ſehen! Aber ich habe auf die Liebe am Brunnen der Unſchuldigen verzichtet; ich habe für den Augenblick Verbindungen mit den Poliſſeuſinen; es ſind köſtliche Mädchen und weniger lecker als die Franſenfabrikantinnen... das iſt ſehr zu berückſichtigen ich werde ſparſam ſo wie Jolivet.“ E „Weil Du gerade von Jvlivet ſprichſt: er hat mir Dein Abenteuer im Collyſeum erzählt.“ „Welches Abenteuer?“ „Erinnerſt Du Dich nicht an jenes arme Mädchen, welches eine Ohrfeige erhielt, die man Dir geben wollte?“ „Ah! ja... Ein Mann mit einzm Schnurt⸗ bart, der mir im Tanzen Hinderniſſe in den Weg legen wollte.. Ei, beim Henker! ich habe ihm gezeigt, daß man mir nicht in den Weg kommen darf.“ 32 „Ich weißonicht, was Du ihm gezeigt haſt, allein nach ſeiner Rückkunft auf den Ball war er, wie Jv⸗ livet äußert, wüthend, Dich vor der Thüre nicht ge⸗ troffen zu haben, und ſchwor, Dich beim erſten Zu⸗ ſammenſtoßen zuſammen zu hauen.“ „Er ſagte dieß? Erwagte zu ſagen, daß er mich. Dubois hält mitten in ſeiner Rede inne und ſcheint beunruhigt zu ſein; ich forſche nach der Urſache ſeines Schreckens, und ſehe einen dekorirten Mann mit einem Schnurrbart vorbeigehen; als Dubvis bemerkt, daß dieſer Herr ſeines Weges geht, ohne auf ihn zu achten, fährt er fort:„Vor Allem erzählt Jolivet Alles anders, als es ſich wirklich zugetragen hat... Er trank Punſch und konnte nicht ſehen, wie es zuging.“ „Er ſagt auch, Du ſeieſt ihm den Punſch ſchuldig“ „Der Filz!.. Der Kerl iſt ein Wucherer: ich habe ſchon zundertma für ihn im Theater, in der Re⸗ ſtauration bezahlt, und wenigſtens zehnmal hat er bei meiner Pförtnerin hinterlaſſen, ich ſolle ihm fünfzig Sous zurückerſtatten! Wenn der nicht reich wird, ſo liegt die Schuld nicht an ihm. Solche Freunde ſollte man in Gurken einmachen, dann würde er gewiß..“ Dubois hält von Neuem inne, renntmir auf die Füße und ſchneidet ein Geſicht, das ihn unkenntlich ma weil eben ein Offizier an uns vorbeigeht. „Ah! mein lieber Freund,“ ſagte ich zu ihm,„ich glaube, dernblick eines Geſichts mit einem Schnurt⸗ bart macht Dir jetzt Nervenzufälle.“ „Mir? bah!.. und warum denn?“ „Warum, meiner Treu', ich weiß es wi 33 doch, beim Henker!... ich komme hun darauf.. ah, ah, ah!. der arme Dubois!“ „Was lächert Diy ſo?“ „O, ich errathe“ warum Du gegenwärtig einen Schnurrbart trägſt... ah, ah!“ „Ich weiß nicht, was Du denkſt, aber ich habe Dir den wahren Grund geſagt... nämlich um meine Geliebte zufrieden zu ſtellen.“ „Und damit Dich Dein Gegner vom Collyſeum nicht mehr erkennt.“ „Ah! zum Beiſpiel.. wenn mir dieß ein Anderer ſagen würde als Du, ſo könnte ich grob werden.. Komm, wir wollen auf die andere Seite des Boulevard gehen, es iſt hier zu ſonnig.“ „Ja, und man begegnet hier bloß Militärper⸗ ſonen.“ „Komm mit in das Palais-royal, ich bin auf Mus⸗ katwein und Cacao dahin beſtellt.“ Da ich keinen beſtimmten Spaziergang im Sinne hatte, ſo ließ ich mich in das Palais royal führenz. zudem wird dieſer Platz auf's Neue von der guten Geſellſchaftbeſucht, und ſeit mandie Omnibus⸗Nymphen dort ausſchließt, nehmen auch ehrbare Frauenzimmer keinen Anſtand, dort ſpazieren zu gehen. Wir waren in dem Garten; Dubvis ſprach mit mir von ſeinen Eroberungen und von dem Preis der Zuckerwaaren; plötzlich bleibe ich ſteher und drücke ihm nun meinerſeits den Arm ſo ſehr, faſt convulſi⸗ viſch, daß er zuſammenſchrickt. »Paul de Koc Ln. 34 „Was fehlt Dir denn?“ ſagte er zu mir,„Du haſt mich beinahe geängſtigt...“ „Ach, mein Freund, da iſt ſie o, freilich iſt ſie es„ „Wer denn?“ „Jene herrliche Frau, welche ich zuerſt im Gaité- Theater, dann in der Oper geſehen habe, die ich aber noch nicht näher kennen lernen konnte... Halt, ſiehſt Du, vor uns. ſie trägt zwar ihren veilcen⸗ blauen Mantel nicht, allein ich habe ihr Geſicht ge⸗ ſehen. eben geht ſie am Baſſin vorbei und gibt einer andern Dame ihren Arm...“ „Ja, ja. ich ſehe jene Dame im grünen Kleide; ſie hat eine elegante und angenehme Haltung. „O, dießmal garantire ich, werde ich Ihre Adreſſe erfahren.. „Höre, wir wollen unſere Schritte verdoppeln; wenn wir hinter dieſen Damen ſein werden, ſo gehen wir mit ihnen in gleicher Linie.. ſo können wir ein Ge⸗ ſpräch anknüpfen.. oder auch ſtoßſt Du mich, ich falle auf eine von ihnen, und Du fängſt Streit mit mir an.“ „Mein Freund, Du wirſt nichts von all dem thun, ſondern ſo gut ſein und Dich von mir trennen und mich allein laſſen. Dann mache ich, was ich will; Du warſt ſchon einmal Schuld, daß ich dieſe Dame nicht einholen konnte; heute ſol es nicht wieder ſo gehen.“„ „Wie! Du willſt nicht?.. „Leb' wohl „Wie Du willſt, der Wille iſt frei. Morgen werde. 35 ich Dich beſuchen, um das Reſultat Deines Aben⸗ teuers zu erfahren.“ Er hat mich verlaſſen und ich kann mich unge⸗ hindert allen meinen Gefühlen überlaſſen. Woher kommt denn die Unruhe, welche der bloße Anblick jener Dame in mir hervorbrachte? Welche Kinderei! eine Perſon, die ich nicht kenne, die ich vielleicht nie kennen lernen ſoll; iſt es Neugierde, oder Vorgefühl? es kann doch keine Liebe ſein, die ich für jene Un⸗ bekannte hege. Es mag ſein, was es will, geben wir Acht, daß wir ſie nicht aus dem Geſicht verlieren. Sie hat bereits die Galerien erreicht; um ſie nicht aus dem Geſicht zu verlieren, nähere ich mich ihr; man hält vor den Buden und betrachtet die Kleider⸗ ſtoffe. Ich muß nun auch ſtehen bleiben und mich ſtellen, als ob ich etwas ſehe; man muß dumm aus⸗ ſehen, wenn man Jemand verfolgt; iſt, es aber eine Frau, in die man verliebt iſt, ſo kümtert man ſich wenig darum, wie man ausſieht. Sie hat mich nicht geſehen, ſie weiß nicht, daß ich bloß zehn Schritte von ihr entfernt bin... wer weiß überhaupt, ob ſie ſich meiner erinnert?. Nun, jetzt ſtehen ſie wieder vor der Bude eines Juwelen⸗ händlers. ich kann meiner Sehnſucht, ihre Züge zu ſehen, nicht widerſtehen.. wenn ich mich aber in dem Garten getäuſche hätte, wenn ſie es nicht wäre, ſo würde es zu lächerlich ſein, einer andern Dame nachzufolgen. Im Nu ſtand ich neben ihr und ſtellte mich auch, wie wenn ich die Juwelen betrachtete, warf aber in „ 36 Wirklichkeit meinen Blick unter einen großen weißen Hut. Ach, ich hatte mich nicht getäuſcht.. ſie iſt es freilich!... ſie hat mich geſehen, ſie konnte nicht umhin.. hat ſie mich wieder erkannt? ich weiß es nicht, aber ich höre ſie zu ihrer Freundin ſagen: „Kommen Sie, meine Theuerſte, hier werden wir nicht finden, was Sie wünſchen.“ Sie entfernen ſich, ich folge ihnen auf's Neue. Man verläßt das Palais-royal, lenkt in die Straße Vivienne, nach dem Börſenplatz ein... es ſchien mir, als werfe man im Vorbeigehen an den Buden manchmal Blicke auf die Seite hin, vielleicht um zu wiſſen, ob ich noch in der Nähe ſei? Nun geht der Weg über die Boulevards.. wen⸗ dei ſich rechts; gut, das iſt mein Viertel... man geht an den Thoren Saint⸗Denis, Saint⸗Martin vorbei, was ſchon nicht mehr mein Viertel iſt; allein ich würde ihr bis Vincennes nachfolgen, wenn ſie dorthin ginge... nach ihrer Ankunft bei Chateau⸗ d'Eau halten die beiden Damen und trennen ſich ſofort. Die Eine geht die Straße Bondy hinunter; ſie mag hingehen, wo ſie will, ich folge ihr nicht; die Andere iſt jetzt allein; ſoll ich mir die Freiheit nehmen, mit ihr zu ſprechen!... O nein... aber ſie geht immer auf den Boulevards fort, an dem Café Turc vorbei, lenkt in die Straße Charlot, dann in die Straße Boucherat ein, tritt endlich in ein Haus in dieſer Straße, und ich bleibe an der Straßenecke ſtehen. Wohnt ſie wohl dort? Sie kann auch dort einen * * p „ 37 Beſuch machen; wenn ich mich jetzt entferne, ſo werde ich ihr umſonſt gefolgt ſein. Ich entſchließe mich ſchnell und gehe ebenfalls in das Haus hinein. Mit einem Fünffrankenſtück in der Hand wandte ich mich ohne Zögern an den Portier, da ich noch keinen getroffen habe, der ein ſolches Geldſtück ausgeſchlagen hätte. „Ich glaube, jene Dame in einem weißen Hut, die ſo eben in das Haus getreten iſt, zu kennenz iſt es nicht Frau. Frau... Benoit?“ „Nein, mein Herr; jene Dame, welche ſo eben nach Haus gekommen, iſt Madame Luceval. „Ah!.. wiſſen Sie ganz gewiß, daß ſie Luceval heißt?“ „Freilich wiſſen wir es gewiß; ſie wohnt ja hier in der Miethe.“ „Ah! ſie wohnt in dieſem Haus?“ „Und.iſt ſie nicht an einen... an einen alten Offizier verheirathet?“ „Nein, ſie iſt Wittwe.“ „Ah! ſie iſt Wittwe... hat ſie nicht Zwillings⸗ töchter?“ „Nein, ſie hat gar keine Kinder.“ „Nun, dann habe ich mich getäuſcht... ich danke, mein Freund.“ „Ihr Diener.“ Der Pförtner hat mein Fünffrankenſtück, und ich bin außer mir vor Freude, denn ich weiß jetzt, hier wohnt, Wittwe iſt und Frau Luceval eißt. 38 Was helfen aber die Erkundigungen, die ich ſo eben eingezogen habe? Ich weiß im Grunde eigent⸗ lich noch nichts, doch iſt ſie mir nicht mehr ganz un⸗ bekannt. Sie iſt Wittwe... bereits Wittwe! und höchſtens ſcheint ſie dreiundzwanzig Jahre alt zu ſein Gleichviel! der Wittwenſtand erlaubt große Frei⸗ heit.. Ein Frauenzimmer kann dann ganz nach ih⸗ rem Willen handeln, und darf ſich weder von einem Vater noch Vormund einen Zwang auferlegen laſ⸗ ſen; es freut mich wirklich außerordentlich, daß ſie Wittwe iſt. Wie dumm bin ich! ich habe vergeſſen, den Por⸗ tier zu fragen, ob ſie vornen heraus wohne, und in welchem Stocke.. Soll ich umkehren.. o nein.. das könnte ſonderbar ſcheinen... der Portier könnte es dieſer Frau vielleicht wieder ſagen und ſie ſich darüber aufhalten... Es iſt mir bereits bange, ſie erzürnt zu haben!... Sich in ein Frauenzimmer zu verlieben, das man erſt dreimal ſah!... Manche ſieht man aber auch dreimal des Tags, ohne ſich in ſie zu verlieben; dieß hebt ſich gegenſeitig auf. Den ganzen Tag kann ich mich nicht in der Straße Boucherat aufhalten, zudem befinden ſich hier keine Buden, vor denen man ſtehen bleiben könnte. Fer⸗ ner wird Frau Luceval, die ſo eben nach Haus ge⸗ kommen iſt, wahrſcheinlich dieſen Vormittag daheim bleiben.. Wir wollen weiter gehen, ich weiß genug für heute.. Ich entfernte mich, während ich beſtändig nach den Fenſtern des Hauſes, worin ſie wohnt, blickte.. 39 Wenn Dubvis bei mir wäre, ſo würde er mir rathen, Steine an die Scheiben zu werfen, um die Mieths⸗ leute an die Fenſter zu zlehen. Aber ich will nicht durch derartige Mittel mit jener hübſchen Frau Be⸗ kanntſchaft zu machen ſuchen, denn es handelt ſich hier weder von einer Franſenfabrikantin, noch von einer Poliſſeuſe. Ich gehe in Gedanken weiter und tappe auf dieſe Art oft in Pfützen; allein ich war zu ſehr mit mir ſelbſt beſchäftigt, als daß ich darauf achtete. Da nimmt mich Jemand lachend und mit den Worten am Arm:„Mein Lieber, wenn Sie Dichter wären⸗ ſo würde ich Sie für begeiſtert halten, denn Sie be⸗ merken ja gar nicht, daß Sie voll Koth werden.“ „Ah, Sie ſind es, lieber Jenneville; ich habe Sie, meiner Treu, in der That nicht geſehen...“ „Was Teufels machen Sie in der Meslay⸗Straße?“ „In der Meslay⸗Straße... Wie! ich bin der Meslay⸗Straße?... „Er wußte es nicht!.. O o! nun... mein Freund, ſo ſind Sie verliebt?“ „In der That, ich läugne es nicht.. Eine ge⸗ wiſſe Dame hat mich ſehr für ſich eingenommen... „Sie iſt allerliebſt!...“ „Ich hoffe, Sie werden mich auch mit ihr bekannt machen.. wenn es nicht unbeſcheiden iſt...“ „O, ich bin noch nicht ſo weit gekommen⸗ ich muß ſie vor Allem ſelbſt erſt kennen lernen. „Vie! Sie ſind in ſie verliebt und kennen ſie den, vielverſprechenden Unternehmung Antheil nehmen 40 nicht.. Ah! das iſt köſtlich.. Uebrigens kenne ich mich hierin aus. werden Sie zur Frau von Remonde zemment „Sobald es mir ſein wird. „Sie iſt Ihnen ſehr gewogen,—— ſie hat mit mir von Ihnen geſprochen und erwartet Sie, ſo oft ſie Geſellſchaft gibt, was, wie Sie wiſſen, alle Montag und Freitag geſchieht, beim Eſſen.“ „O ja, ich werde die Ehre haben, mich einzu⸗ finden... „Nun, mein Freund, ich will Ihre Liebesträume nicht länger ſtören... Ich beſuche gerade einen Ge⸗ ſchäftsmann, den Herr Blagnard mir empfohlen hat. Weil eben von Blagnard die Rede iſt! Der will mich mit achtzigtauſend Franken an einer glänzen⸗ laſſen. wobei man in einem Jahr ſein Kapital auf das Dreifache erhöht... Wollen nicht wir Beide ihm dieſe Summe geben?“ „Wir wollen ſehen... ich will v nachden⸗ ken und es Ihnen ſpäter mittheilen.. „Gut, es iſt hier ohnedieß nicht der platz, von Geſchäften zu reden.. Leben Sie wohl! beſuchen Sie Herminie, oder wird Ihnen böſe.“ Es liegt mir wenig daran, ob Herminie mir böſe wird oder nicht! Um Jenneville und der Frau von Remonde angenehm zu ſein, ſoll ich alle Montag und Freitag mein Geld bei ihr verlieren? Zwar re⸗ galirt man mich mit einem Eſſen, aber ich bezahle es reichlich! 4¹ Gelegenheitlich des Eſſens, ſo muß es Zeit ſein, daran zu denken... Warum aber ſollte ich nicht, ſtatt wie gewöhnlich im Palais—royal zu Mittag zu eſſen, dießmal auf den Boulevard du Temple gehen?... Ich werde mich da viel beſſer befinden! Zur Verdauung gehe ich dann in der Boucherat⸗ Straße auf und ab. Erfreut über meinen Einfall kehre ich nach dem Boulevard du Temple zurück. Wie ſchade, daß in der Boucherat⸗Straße ihrem Hauſe gegenüber kein Gaſtwirth wohnt!... Ich hätte dort meine Koſt ge⸗ nommen. Nun, ich will in's Cadran⸗Bleu gehen, das zunächſt liegt. Ich trete in's Cadran⸗Bleu und verlange ein Cabinet; die Ausſicht geht auf den Boulevard, denn es gibt kein Zimmer mit der Ausſicht auf die Bou⸗ cherat⸗Straße. Gleichviel, bin ich doch auch ſo ganz in ihrer Nähe, und dieß iſt Wonne genug für mich. Das Eſſen ſchmeckt nicht gut, wenn man verliebt iſt, und beſonders, wenn die Liebe nicht befriedigt wird. Während ich einſtweilen gedankenlos die Speiſe⸗ karte betrachtete, konnte ich mich nicht enthalten, über den Grund zu lachen, der mich in das Cadran⸗Bleu geführt hat!... Wie närriſch ſind die Menſchen!. ſich in ein angenehmes Geſichtchen zu verlieben und beſtändig an ein Frauenzimmer zu denken, das Ei⸗ nen vielleicht nie erhört!... Und man über die Kinder, die Häuschen vauen! Es iſt immer langweilig, allein zu ſpeiſen, noch beſonders aber, wenn man keinen Hunger hat. Ich 42 bin mit meiner Mahlzeit bald fertig. Den Kaffee werde ich in der Boucherat⸗Straße trinken.. Aber ach! es iſt kein einziges Kaffeehaus in dieſer Straße, während in den andern eins am andern ſteht. Ich begebe mich in das einige Schritte von da entfernte türkiſche Kaffeehaus. Schade, daß wir nicht im Monat März find, denn gewiß ergeht ſich dieſe Dame an ven ſchönen Frühlingstagen im Garten dieſes Café, der an ihre Wohnung ſtößt. Im türkiſchen Cafe trinke ich eine halbe Taſſe, kann aber nicht ruhig ſitzen bleiben, weil ich in die Boucherat⸗Straße zurückkehren muß. Vielleicht geht ſie in das Theater! Ich gehe ſchon eine Viertelſtunde ſpazieren und be⸗ trachte den Himmel; ein junges Mädchen kommt zu mir her Heute läßt man mir doch auch gar keine Ruhe! „Guten Abend, Herr Paul!“ „Ah, Sie ſind es, Ninie...“ „Ja, ich trage Arbeit in die Antonius⸗Straße.“ „Nun, ich will Sie nicht aufhalten.“ „Sie hatten mir verſprochen, mich bisweilen zu beſuchen, und nie kommen Sie. Wir ſind doch einander nicht böſe, nicht wahr? Sie wollen ja mein Freund bleiben.“ „Ja, ja, ich werde Sie beſuchen... Ich habe keine Zeit gehabt... Guten Abend.“ „Ah! Sie wiſſen es noch nicht... ich bin Adolph vegegnet; der Lügner iſt nicht in England. Ich habe ihn wohl erkannt, mit einer ſchönen Dame am Arme. Ach, wenn ich es gewagt hätte. * 43 „Vollen Sie mir dieß nur erzählen, wenn ich — Sie beſuche.“ „Ja, ich habe auch eine kleine Bekanntſchaft im Werke. allein ich will nicht, es iſt ein Raucher... ich mag keinen Raucher...“ .„Sagen Sie mir alle Ihre Angelegenheiten ein anderes Mal.. ich muß eilen; leben Sie wohl, Ninie.“ „Leben Sie wohl, Herr Paul... Wann werden Sie kommen?“ „Die nächſte Woche.“ Endlich entfernt ſie ſich. Wenn Frau Luceval ge⸗ rade aus ihrem Hauſe herausgekommen wäre, ſo hätte ſie mich wieder bei einer Griſette geſehen, was mir gar nicht angenehm geweſen wäre. Allein ſie geht nicht aus... Arme Ninie, wie grob bin ich Dir begegnet!.. Die Liebe macht uns unbillig, egvi⸗ ſtiſch, dumm... ach, ſehr dumm, beſonders.. Ich werde endlich des Wachſtehens in der Bou⸗ cherat⸗Straße überdrüſſig. Es iſt ſchon lange Nacht; die Zeit, in's Theater zu gehen, iſt vorbei; ſie wird heute Abend nicht ausgehen; ich ſtehe umſonſt Wache, allein ich weiß, daß ſie hier wohnt, und habe deß⸗ wegen meinen Tag nicht verloren. Viertes Kapitel. Ich mache Bekanntſchaft. . Sechs Tage lang gehe ich in der Boucherat⸗Straße ſpazieren, was eben nicht gar ergötzlich iſt. Manch⸗ * —————— 44 mal gehe ich ſogar bis in die Vendäme⸗Straße und wieder zurück bis in die Ludwigs⸗Straße. Deſſen⸗ ungeachtet ſcheint mir dieſer Spaziergang etwas ein⸗ ſilbig, denn ſeit ſechs Tagen iſt Frau Luceval nicht ausgegangen, es wäre denn, daß ſie am früheſten Morgen, oder während ich im Cadran⸗Bleu zu Mittag ſpeiste, einen Ausgang gemacht hätte; ich muß aber doch auch zu Mittag eſſen! So weit bin ich denn doch noch nicht verliebt, daß ich mich mit einem Wecken während des Spaziergangs in der Straße begnügte. Ich weiß, daß ſie im zweiten Stocke logirt, und daß ihre Fenſter auf die Straße gehen; allein dieſe Frau ſetzt ſich nie an das Fenſter, und die kleinen Vorhänge ſind faſt immer geſchloſſen. Jeden Tag ſage ich zu mir ſelbſt:„Heute will ich zum letzten Male auf dem Marais Wache ſtehen!“ und doch komme ich dann immer wieder, was eben ſo gut Eigenſinn als Liebe ſein mag. Es iſt mir wohl etwas eingefallen: in dem Hauſe, wo Frau Luceval wohnt, iſt ein Logis zu vermie⸗ then; ich könnte im zweiten Stock bei ihr anläuten, mich ſtellen, als wenn ich mich getäuſcht hätte und die leere Wohnung einſehen wollte. Aber wahrſchein⸗ lich wird mir eine Magd öffnen, der ich mein An⸗ liegen ſagen müßte, und dieſe wird mir zu wiſſen thun, wo das Zimmer zu vermiethen iſt und ſofort wieder die Thüre hinter ſich ſchließen, ohne daß ich ihre Frau geſehen habe; ſomit bliebe es auf dem alten Standpunkte. 1 5 4⁵ Ich will jedoch dieſe Dame durchaus wieder ſehen, ohne in der Straße ſpazieren zu gehen. Heute habe ich mehrere Bedienten aus dem Hauſe kommen ſehen. Es iſt erſt Mittag, und um dieſe Zeit beſorgen, glaube ich, die Mägde ihre Kücheneinkäufe; meiner Treu', ich wage es!... wir wollen ſehen, was daraus folgt. Ich renne in das Haus, will die Treppe hinauf gehen... der verdammte Portier hält mich an. Ich dachte, er werde mich nicht ſehen. „Wohin geht der Herr?“ Ich wollte ihm nicht ſagen, daß ich das Logis einſehen möchte, weil er mich dahin begleiten würde, und entgegnete ihm, ſchnell entſchloſſen:„Zu Ma⸗ dame Luceval...“ „Madame Luceval iſt ſo eben, glaube ich, aus⸗ gegangen.“ „Ausgegangen. ach!“ Ich wußte aber gewiß, daß dieß nicht der Fall iſt, und ich wollte dem Portier bereits erklären, daß ich ſchon eine Stunde in der Straße gewartet habe, als er fortfuhr:„Ach nein, nein, ich täuſchte mich... Madame Luceval iſt zu Haus, ihre Magd iſt ausgegangen.. die Thüre links, mein Herr.“ Die Magd iſt ausgegangen, um ſo beſſer!... Ich gehe in den zweiten Stock hinauf... läute.. das Herz klopft mir.. bei meinem erſten Rendezvous klopfte es mir weniger; aber damals war ich meines Siegs gewiß, und heute ſchließt man mir vielleicht die Thüre vor der Naſe zu; das iſt ein großer Unterſchied. Man öffnet. ſie iſt es„ſie iſt es freilich — 46 ihr Kopfputz und ihr Negligs iſt ſehr geſchmackvoll... Ah! ſo deutlich und genau hatte ich ſie noch nie ge⸗ ſehen, weil immer ein großer Hut mir den Anblick ihres Geſichts theilweiſe raubte.. ſie iſt tauſendmal hübſcher, als ich glaubte. Bei meinem Anblick macht ſie eine Bewegung der Ueberraſchung; ich meinerſeits bin überglücklich, ſie zu ſehen, und ſpreche kein Wort. Da man aber bei den Leuten gewöhnlich nicht läutet, bloß um ſie zu betrachten, ſo ſagte ſie zu mir:„Mein Herr, darf ich wiſſen, was Ihr Begehren iſt?“ Ich ſuchte meine Verwirrung zu verbergen, blieb aber gegen meinen Willen mit der Rede ſtecken; ich ſagte:„Madame.. verzeihen... ich wollte. ich komme. ich glaube, ich habe.. ich habe mich ge⸗ täuſcht... Sie hatte die Güte, mir Zeit zum Beſinnen zu laſſen, vielleicht errieth ſie den Grund meiner Ver⸗ legenheit! Endlich fuhr ich etwas geſammelter fort: „In dieſem Haus iſt ein Zimmer zu vermiethen, ift es vielleicht das Ihrige, Madame?“ „Nein, es befindet ſich hier oben...“ „Ach, verzeihen Sie doch, daß ich Sie geſtört habe Jenes Zimmer iſt groß, wie man mir ge⸗ ſagt hat?.. „Sie werden es einſehen können, es iſt hier oben.“ Man verbeugt ſich äußerſt höflich und ſchließt die Thüre hinter ſich zu. Sie konnte auch wirklich nicht die Stelle des Portiers vertreten und mir über das zu vermiethende Logis nähere Auskunft ertheilen. 6. — 47 Gleichviel, ich habe ſie doch geſehen, habe mit ihr geſpro⸗ chen, eine gütige Antwort von ihr erhalten. Es lag ſogar in ihrem Aeußern Etwas, welches nicht zu ſagen ſchien, daß mein Verſehen ihr mißfiel.. Ich entfernte mich voll Freude, und ſeitdem ich ſie in bloßer Friſur ge⸗ ſehen habe, bin ich tauſendmal mehr in ſie verliebt. Ich kehrte nach Haus zurück, denn ich konnte an einem Tage nicht mehr ausrichten. Ich ſinne über ein neues Mittel nach, wie ich ſie wieder beſuchen kann, und gleiche hierin jenen Schriftſtellern, welche eine Scene, eine Auflöſung ausſtudiren... Eine Auf⸗ löſung!.. ach, ich bin noch nicht ſo weit⸗ und wer weiß, ob der Liebeshandel, den ich anknüpfen will, für mich ein gutes Ende nehmen wird! Meine Pförtnerin übergibt mir ein Billet von Jenneville; er hat perſönlich mehrmals nach mir gefragt und hinterlaſſen, man erwarte mich heute beim Eſſen in der le Pelletier⸗Straße, das heißt bei Frau von Remonde, bei der heute, als am Montäg, Ge⸗ ſellſchaftstag iſt. Man ſoll nur auf mich warten; ich werde nicht kommen, ich kümmere mich wenig darum, ob dieß Jenneville und ſeine Herminie er⸗ zürnt. Seine Herminie, von der er mir ein ſo ver⸗ führeriſches Gemälde entwarf; ach! wie viel fehlt ihr gegen Frau Luceval! Bei Jener iſt Alles Kunſt, Schmuck, Gefallſucht; bei Dieſer iſt Alles Natur, An⸗ muth, Reiz; wenn Jenneville ſie ſehen würde, er würde eben ſo verliebt in ſie, ich bin es überzeugt. Dubvis war da. Es iſt mir leid, daß er mich nicht getroffen pat; er hat allerlei tolle Einfälle, und 48 nichts ſchreckt ihn zurück, wenn es ſich davon han⸗ delt, ein Frauenzimmer zu gewinnen; er bedient ſich zwar nicht immer der anſtändigſten Mittel, doch hätte er mir irgend eine Anleitung geben können. Meine Pförtnerin übergibt mir auch einen Brief von mei⸗ nem Vater: er erwartet mich unverzüglich; die Jah⸗ reszeit wird ſchön, die Tage werden länger, er erinnert mich an mein Verſprechen, bei ihm einige Monate zuzubringen, wenn meine Geſchäfte mich nicht daran hindern. Der gute Vater! wenn er wüßte, was für Ge⸗ ſchäfte mich in Paris zurückhalten... Ja, ich werde einige Zeit bei ihm zubringen, wofern ich ſie nicht hier, in der Nähe der Frau Luceval verleben kann „„O nein, ich werde doch wohl nicht meine Fflich⸗ ten wegen einer Liebſchaft, wegen eines Frauenzim⸗ mers vergeſſen, das ich nicht kenne... doch iſt ſie in bloßem Kopfe ſo hübſch... Ach, ſeit acht Tagen betrage ich mich ganz kindiſch; ſich in eine Unbekannte zu verlieben, wie wenn man in Geſellſchaft keine Gelegenheit dazu fände!... Ich will meinem Vater antworten... Was für Briefe hat mir meine Pfört⸗ nerin noch übergeben; Einladungen zu Mittageſſen zu Abendunterhaltungen. Man wirft mir mein rückſichtsloſes Betragen gegen meine Freunde vor.. Ich beſuche auch in der That ſeit einiger Zeit die gro⸗ ßen Geſellſchaften weniger, und je weniger ich ſie beſuche, deſto mehr Einladungen bekomme ichz es iſt gewöhnlich ſo; man ſehnt ſich immer nach den Leu⸗ ten, welche ſich nicht aufdringen. 49 Mein Vater ſchreibt mir nie, ohne daß er mir einige Aufträge gibt. Ich muß ihm Pulver und Blei für die Jagd, Leinen, Angeln und Tabak ſenden. Dieſe Aufträge werden mich zerſtreuen und mir Be⸗ ſchäftigung geben; wenn man viel zu thun hat, denkt man weni an Narrheiten. Ein Arbeiter oder ein Künſtler bringt gewiß ſeinen Tag nicht damit zu, einem Frauenzimmer nachzurennen oder an ihren Fenſtern hinaufzuſchauen; zuerſt muß er ſein Eſſen verdienen, und dieß iſt ein Glück für ihn und ver⸗ hindert ihn, dumme Streiche zu Fain den Be⸗ weis hiezu liefert der Sonntag und der Montag. Ich bin für meinen Vater bis fünf Uhr herum⸗ gelaufen und nun unſchlüſſig, wohin ich mich begeben ſoll. Man erwartet mich in zwei Häuſern beim Eſſen ich habe die Wahl. was ſoll ich im Cadran⸗ Bleu thun?. Das Eſen iſt dort eben nicht wohl⸗ feil, und immer allein zu ſpeiſen iſt ſehr traurig. Ich ſtehe vor meiner Wohnung und beſinne mich, welchen Weg ich einſchlagen ſoll, als ich Jolivet an⸗ kommen ſehe. „Ei, ich komme immer, wenn Du ausgehſt.“ „Ja, ich wollte zum Eſſen gehen.“ „Du weißt noch nicht, was mir begegnet iſt: mein Oheim hat mich vor acht Tagen auf heute ein⸗ geladen; ich komme ſo eben von ſeinem Hauſe; ge⸗ ſtern iſt er auf das Land abgereist... Wie artig... und ich hatte zwei Einladungen für heute abgelehnt!“ „Willſt Du mit mir ſpeiſen? Du biſt mein Gaſt.“ Paul de Kock. LI. 50 „Bah! wirklich.. meiner Treu', mit Vergnügen.“ „Ich bin auf heute auch zweimal eingeladen, aber„ es geht da viel zu ſteif und langweilig her... man würde mich vielleicht zwiſchen zwei anſpruchsvolle Frauenzimmer ſetzen oder zwiſchen zwei Herren, welche von Politik reden, und für ein ſolches Vergnügen bin ich nicht aufgelegt.“. „O, Du haſt ganz recht, nichts iſt langweiliger als dieſe Gaſtereien.“ „Wir wollen in's Cadran⸗Bleu gehen.. man wird dort ſehr gut bedient...“ „Ja, man wird dort vortrefflich bedient; wir plaudern, lachen und ſind heiter. Ei, haſt Du Dubois nicht geſehen? ich kann ihn nirgends treffen.. er ſchuldet mir immer noch die halbe Bowle.“ „Ach, mir gehen andere Sachen im Kopf herum, als Dubois;„ während des Eſſens will ich ſie Dir erzählen.“ Wir begeben uns auf den Boulevard du Temple. Ich war ſehr guter Laune, denn ich ſehnte mich im Stillen nach dem Cadran⸗Bleu, um dort zu ſpeiſen, und freute mich äußerſt, daß Jolivet mir die Gelegen⸗ heit dazu an die Hand gab. Dieſer aber iſt immer ſehr heiter, wenn ein gutes Mittageſſen, das nichts„ koſtet, auf ihn wartet. Endlich kommen wir dort an. Es iſt mir, als ob ich in dieſem Stadtviertel leichter athme. Ich verlange ein Zimmer mit der Ausſicht auf den Bou⸗ levard, weil ich während des Eſſens nach den Vor⸗ übergehenden ſehen will, um, wenn ſie heute Abend zufällig ausginge, ſie vorbeigehen zu ſehen. Ich überlaſſe Jolivet die Auswahl der Gerichte, und finde Alles gut, Alles vortrefflich; den Tiſch hatte ich an das Fenſter ſtellen laſſen, und hielt meine Blicke auf immer auf den Boulevard gerichtet. Das bekümmert Jolivet, der bloß ſeinen Teller betrachtet, nicht im Mindeſten. „Hier iſt es ſehr gut,“ ſagte Jolivet.„Der Kell⸗ ner bedient Dich wie einen täglichen Gaſt.“ „Ja, ich komme ſeit einiger Zeit öfters hieher... Mir gefällt dieſes Viertel ſehr, ſeit ich weiß, daß hier ein Frauenzimmer wohnt, in das ich ſterblich verliebt bin, ſo daß mich alles Sträuben dagegen nichts hilft.“ „Warum wollteſt Du Dich dagegen ſträuben? iſt ſie nicht reich?“ „Ich weiß nicht, ob ſie reich oder arm iſt. was liegt daran!“ „Mein lieber Deligny, ich verſichere Dich, es iſt immer beſſer, Bekanntſchaft mit einem vermöglichen Frauenzimmer zu haben, welches nichts koſtet...“ „Wenn Du wüßteſt, wie ſchön ſie iſt... Es iſt kein erkünſtelter Zauber, kein nachgemachter Reiz, der Alles der Kunſt verdankt...“ „Nun, ich verſtehe ſchon, es iſt natürliche Schön⸗ heit.. baar Geld...“ „Ach, wie ekelſt Du mich mit Deinem Gelde an! Mein Freund, ich will damit ſagen, daß es keine ſchlechte Münze ſei, ſondern Reize von Gehalt. vollwichtig..“ 5 Ich erzählte Jolivet mein Zuſammentreffen mit Frau Luceval; er hörte mit um ſo größerer Aufmerk⸗ ſamkeit auf, als er dadurch nicht am Eſſen geſtört wurde: im Gegentheil ißt er, während ich immerfort rede, für Zwei. Ein Leckermaul ißt gerne mit einem Schwätzer. Wir ſind am Nachtiſch, und Jolivet hat gerade zum zweiten Male Compote genommen⸗, als mir ein Freudenſchrei entſchlüpft und ich alsbald das Fenſter, woran ich lehnte, verlaſſe, aufſtehe und meinen Hut nehme. „Was haſt Du denn?“ fragt mich Jolivet. „Mein Freund, ich habe ſie eben geſehen.. o⸗ ſie iſt es gewiß!... ſie ging über den Boulevard... vielleicht in das Theater... ich muß es erfahren...“ „Gut, ſo eile, doch bleibe nicht zu lange aus... ich will einſtweilen den Koffee beſtellen...“ Ich hörte Jolivet nicht mehr; bereits bin ich auf der Straße und verfolge auf dem Boulevard den Weg, den ich ſie nehmen ſah... ſchon fürchte ich, ſie verloren zu haben... doch nein, ich ſehe ſie.. langſam jetzt... es iſt ein Landmädchen bei ihr... ohne Zweifel ihre Magd... wohin werden ſie wohl gehen? gleichviel, ich werde ſie nicht aus dem Ge⸗ ſicht verlieren... Ach, ſie gehen zu Franconi. Herrlich! ich werde dieſen Abend in ihrer Nähe zubringen. Nach ihrem Eintritt nehme ich ein Billet. Wie groß iſt dieſer Saal!... aber ich werde ſie ſchon finden, müßte ich mir auch alle Logen öffnen laſſen Ah! ſie iſt auf der erſten Galerie ſeitwärts. — Ich eile auf die erſte Galerie, die Logenſchließerin weist mir vornen einen Platz an.. „Nein, ich will dahin, wo bereits zwei Perſonen ſind.“ „Aber, mein Herr, Sie gehören auf den vordern Platz.“ „Mein Gott! laſſen Sie mich doch da hinten hin⸗ ſitzen, dann iſt der Streit zu Ende.“ Man weist mich endlich an den gewünſchten Platz. Ich ſteige ſchnell über die Bänke, damit man mir meinen Platz nicht ſtehle. Endlich ſitze ich; ſie hat ſich umgedreht und mich erblickt... ich wage es, ſie zu grüßen.. ſie nimmt mir es nicht übel, denn ſie erwiedert meinen Gruß ſehr freundlich; ich würde meinen Platz nicht um tauſend Thaler geben. Jetzt iſt der günſtige Augenblick und die Gelegen⸗ heit, mit ihr zu ſprechen, für mich gekommenz ihre Magd ſperrt Mund und Augen auf, um den Saal und die Pferde zu betrachten. Ich befinde mich wie allein bei ihr... Ach, warum aber kann man, wenn man tauſenderlei Sachen zu ſagen hätte, kein ein⸗ ziges Wörtchen finden! „Ah, Sie ſind es, Madame! ich habe Sie heute Morgen geſtört, als ich ein Logis in ihrem Hauſe einſehen wollte?... „Ja, mein Herr, Sie haben bei mir geläutet...“ „Es iſt heute ein glücklicher Tag für mich: zwei⸗ mal hat der Zufall mich mit Ihnen zuſammenge⸗ führt. Sie antwortet nichts darauf.. dieß iſt ein Com⸗ pliment. Es war nicht klug von mir, ihr eines zu machen, denn wenn man bloß von gleichgültigen Dingen ſpricht, erhält man eher eine Antwort. Nach einer kleinen Weile fuhr ich weiter fort: „Ich habe mich auch einmal im Gaſte⸗Theater in Ihrer Nähe befunden. ℳ“ „Ja, mein Herr; ich war, wie heute, mit mei⸗ ner Magd dahin gegangen: ſchon ſeit langer Zeit hatte ich ihr verſprochen, ſie in das Theater zu füh⸗ ren; ſie hatte noch gar keinen Begriff davon, da ſie erſt von ihrem Dorfe herkam. Ich hatte zwei Billete gekauft, aber an der Thüre wurden wir getrennt; ich trat allein ein, in der Hoffnung, im Saale meine Magd wiederzufinden, allein ich ſuchte ſie umſonſt.. das arme Mädchen hatte unter dem großen Haufen ihr Billet verloren, und wartete den ganzen Abend an der Thüre auf mich. Seit der Zeit habe ich mir feſt vorgenommen, in kein ſolches Gedräng mehr zu gehen.“ Dieſe Erklärung gefiel mir äußerſt; ich ſollte dar⸗ aus entnehmen, warum ſie ſich allein im Theater befand; ſie wünſchte, daß ich keine ſchlechte Meinung von ihr faſſe... ſie hält alſo viel auf meine Mei⸗ nung. dieß ſcheint mir eine ſehr günſtige Vorbe⸗ deutung. „Wir haben uns auch einmal in der Oper ge⸗ toffen,“ fuhr die Frau lächelnd fort. Es wäre mir lieber geweſen, wenn ſie ſich an dieſes Zuſammen⸗ treffen nicht erinnert hätte. Indeſſen ſpricht ſie mit mir, und ich will die Unterhaltung mit ihr nicht aufgeben. ₰ * —— — — — „Ja, Madame, ja, ich erinnere mich.“ „An jenem Abend waren Sie in Geſellſchaft.“ „Ja, wahrhaftig, ich befand mich bei einer jun⸗ gen Dame vom Lande, welche das Pariſer Leben noch nicht kennt.“ „Ah, die Dame war vol Lande?“ Und ſie lächelt ſpöttiſch. Ich kann mir wohl den⸗ ken, daß ſie ſich von mir nicht hinter das Licht füh⸗ ren läßt, aber warum dieſe Frage?. ſollte ſie auf die Perſon, die ſie bei mir geſehen hat, vereits eiferſüchtig ſein... das wäre köſtlich. Wir beobachten eine Zeitlang Stillſchweigen; ſie beſchäftigt ſich mit dem Schauſpiele, mit ihrer Magd; ich ſtellte Betrachtungen an⸗ „Beſuchen Sie das Theater oft, Madame?“ „Ziemlich oft, mein Herr, es iſt meine einzige Zerſtreuung im Winter... ſeit ich nicht mehr in Ge⸗ ſellſchaften gehe.“ „Sie gehen in keine Geſellſchaft mehr?.. Sie verzichten frühzeitig auf die Vergnügungen, welche man da genießt.“ „Ol ich habe keinen Kummer deßwegen.“ „Ohne Zweifel, ſeit Sie Ihren Herrn Gemahl verloren haben...“ Sie ſieht mich ſonderbar an und wiederholt die Worte:„Ja, ſeit ich meinen Gemahl verloren habe.“ „Sie ſind eine ſehr junge Wittwe.“ Abermals macht ſie eine ſonderbare Miene und antwortet mir nicht. Habe ich etwa eine Dummheit geſagt?. Es war vielleicht nicht recht von mir, daß ich von ihrem Manne mit ihr geſprochen habe, den fie ohne Zweifel ſehr liebte und nun bedauert... ich habe ihren Schmerz erneuert; was Teufels ſpreche ich mit ihr von ihrem Manne?.. Nach einer Weile ſieht ſie mich an und ſagt:„Von wem wiſſen Sie denn, daß ich Wittwe bin, mein Herr?“ „Madame. von Ihrem Portier...“ „Von meinem Portier?...“ Sie lächelt mit einer etwas ungläubigen Miene. Ich war meiner nicht mehr mächtig, meine Gefühle länger zu verbergen, und fuhr fort:„Ja, Madame, ich habe mir erlaubt, Ihren Portier auszufragen... mich zu erkundigen, ob Sie wirklich in dem Hauſe, in das ich Sie eintreten ſah, wohnen, denn Sie dürften ſich erinnern, daß ich Ihnen vor einigen Ta⸗ gen im Palais-royal begegnet bin.. Ihr Andenken war meiner Seele unaufhörlich gegenwärtig; außer mir vor Freude, Sie wieder zu treffen, bin ich Ih⸗ nen gefolgt. Sie verließen Ihre Freundin, und ich ſah Sie in ein Haus in der Boucherat⸗Straße treten allein da Sie hier nicht hätten wohnen können, habe ich mir die Freiheit genommen und Ihren Portier gefragt. So habe ich erfahren, daß Sie Wittwe ſind und ſich Frau Luceval nennen; ſeit jener Zeit habe ich faſt alle Tage in Ihrer Straße zugebracht und an Ihr Fenſter hinaufgeſchaut, in der Hoffnung, Sie zu ſehen; endlich habe ich heute Morgen unter dem Vorwande, ein Logis zu miethen, bei Ihnen geläutet. das habe ich gethan; ich weiß nicht, ob —— —— ——— Sie mein Betragen tadeln werden, aber Sie können mir nicht verbieten, heute Abend der glücklichſte Menſch auf der Welt zu ſein, da ich mich in Ihrer Nähe befinde.“ Sie hört mich aufmerkſam an; ich bemerkte kei⸗ nen Groll in ihren Augen. Sie ſieht gedankenvoll aus, ſpricht aber kein Wort, gibt mir auch keine Antwort. es wäre mir lieber, wenn ſie mich ſchel⸗ ten würde. „Meine Offenherzigkeit hat Ihnen mißfallen, Ma⸗ dame! es würde mir unendlich leid thun.. es lag nicht in meiner Abſicht, Sie zu beleidigen.“ „Ihre Offenherzigkeit... mein Herr...“ Sie lächelt ironiſch. Ich verſtehe nicht, was ſie will. „Sie ſcheinen, Madame, an meiner Aufrichtig⸗ keil zu zweifeln; da ich das Glück nicht habe, von Ihnen gekannt zu werden, ſo begreife ich wohl, daß Sie mich mit jenen Unbeſonnenen verwechſeln könn⸗ ten, die ſich in alle hübſchen Frauenzimmer verlie⸗ ben, welche ihnen zu Geſicht kommen, aber...“ „Ich bitte um Verzeihung, mein Herr, ich habe die Ehre, Sie zu kennen; wenigſtens weiß ich, wer Sie ſind;z wenn ich das nicht gewußt hätte, ſo wollen Sie gütigſt glauben, daß ich mit Ihnen nicht reden würde, wie es ſeit einer Weile der Fall iſt. Sie ſind Herr Deligny.“ „Ja, Madame.“ „Ich habe Sie, als ich das erſte Mal in Ihrer Nähe mich befand, nennen hören... Ihr Name iſt mir aufgefallen, weil ich ihn ſonſt oft nennen ge⸗ hort hatte. Sie gehen oft in Geſellſchaft?“ „Ja Madame... aber ich erinnere mich nicht, Sie dort getroffen zu haben⸗ ich hätte Sie ſicherlich bemerkt.“ „Nein, wir haben uns in Geſellſchaft noch nicht getroffen... aber ich kenne Perſonen, die Sie eben⸗ falls kennen...“ „Wen denn, Madame?“ „Ach! ich erinnere mich im Augenblick ihrer Na⸗ men nicht mehr... Sie haben Ihre Mutter verloren und Ihr Herr Vater wohnt auf dem Lande.“ „Ja wohl, Madame.“ „Ich habe Ihnen, wie Sie ſehen, die Wahrheit geſagt, daß Sie für mich kein Unbekannter ſind.“ „Ich würde mich ſehr glücklich ſchätzen⸗ Mädame, wenn Sie mir aus demſelben Grunde erlauben wür⸗ den, Ihre Bekanntſchaft cultiviren zu dürfen.“ „Da Sie meinen Namen und meine Lage ken⸗ nen, ſo hat man Ihnen auch ſagen müſſen, mein Herr, daß mit Ausnahme einiger Freundinnen Rie⸗ mand Zutritt bei mir hat... Hat Ihnen mein Por⸗ tier dieß nicht geſagt, mein Herr?“ Darauf lächelte ſie mit einer ſpöttiſchen Miene, die mir ziemlich ungelegen ſchien, weßhalb ich ihr in etwas beißendem Ton antwortete:„Madame, ich erlaubte mir einzig deßhalb mit Ihrem Portier zu reden, um zu erfahren, ob Sie da wohnen; übri⸗ gens bitte ich Sie, mir zu glauben, daß ich trotz meines ſehnlichſten Wunſches, Sie kennen zu lernen, — 59 für gewöhnlich nicht darauf ausgehe, zu erfahren, was mich nicht angeht.“ Sie ſchweigt, ich ebenfalls; ſie ſieht dem Schau⸗ ſpiel zu und ſcheint an mich nicht mehr zu denken. Ich aber vetrachte einzig und allein ſie, bin über ihren Anblick freudetrunken, und ſuche, wie ich das Geſpräch wieder anknüpfen kann. Da dreht ſie ſich gegen mich um und ſagt mit freundlicher Miene zu mir:„Wie meine Magd ſo vergnügt iſt! das arme Mädchen! ich entſchädige ſie für jenen Abend, den ſie am Thore des Gaſté⸗ Theaters mit Warten zugebracht hat... Erſt ſeit drei Monaten hat ſie ihr Dorf verlaſſen... Alles in Paris iſt noch neu für ſie... es braucht nicht viel, um ſie glücklich zu machen.“ Mir lag ſchon die Antwort auf der Zunge: ſie iſt zu glücklich, daß ſie in Ihren Dienſten iſt... allein ich hielt mich zurück... Das hätte wieder einem Com⸗ plimeni geglichen, un immerwährende Complimente zu ſagen, iſt ſo fade. Ich muß mich eine Zeitlang mit der Unterhal⸗ tung über gleichgültige Dinge begnügen. Frau Lu⸗ ceval iſt geiſtreich und fein; ſie drückt ſich mit An⸗ ſtand, doch ohne Anſpruch aus; je mehr ich ſie höre, je länger ich ſie ſehe, deſto mehr nimmt das Gefühl, das ſie mir einflößt, zu. Nie habe ich eine Frau getroffen, welche mir ſo ſehr gefallen hat! Ich möchte wohl wiſſen, ob ſie mir Zutritt bei ihr geſtattet... doch bin ich nicht ſo frei, ſie zu fragen. Es war mir peinlich, wie ſchnell die Zeit — — verſtrich; jeder Akt ſchien mir bloß eine Minute zu dauern... ich bin ſo glücklich in ihrer Nähe.. dieſer Abend geht ſo ſchnell vorbei. „Wie finden Sie dieſes Stück?“ ſagte ſie zu mir. „Dieſes Stück. ich habe wahrlich nicht darauf gehört... ich bin ſo glücklich, in Ihrer Nähe zu ſein, und Sie mir erlauben, mit Ihnen zu ſprechen, daß.. mein Herr, ich wiederhole es wenn ich nicht wüßte, wer Sie ſind, ſo würde ich Ihnen zürnen; ich bin durchaus nicht gewohnt, dergleichen Reden zu hören, allein ich entſchuldige Sie, weil... „Weil... ſprechen Sie doch gefälligſt aus, Ma⸗ dame.“ „Ich halte es für unn Sie werden es ſehr gut errathen.“ „Ich errathe es nicht, Madame, ich verſichere Sie, ich weiß nicht, was Sie ſagen wollen...“ Sie ſieht mich an und zwar immer mit einer ungläubigen Miene... Ich verſtehe mich nicht dar⸗ auf. Nach einer Weile ce ſie lächelnd zu mir: „Sie haben Ihre junge Dame uz Lande heute nicht in das Schauſpiel geführt?.. Ich fühlte, daß ich erröthete ſtot⸗ ternd:„Ich hielt Sie nicht für bösartig, Madame.“ „Bösartig. wie, liegbdenn in dieſer Frage Bös⸗ artigkeit?... Sie iſt hübſch, dieſe junge.. Dame.“ „Ich erinnere mich nicht mehr, Madame.“ „Sie haben ein ſchlechtes Gedächtniß.. aber Andere haben vielleicht ein beſſeres als Sie„ — „Andere.. wahrlich, Madame, entweder verliere ich aus Freude über Ihre Nähe meinen Kopf, oder ſind Ihre Worie ſehr räthſelhaft... Ich geſtehe Ihnen, daß ich noch nicht weiß, was Sie ſagen wollen.“ Sie wendet ſich mit einer Bewegung, die etwas üble Laune verräth, von mir weg; was will ſie mir denn ſagen? macht die Liebe mich blödſinnig... da⸗ von hat man ſchon Beiſpiele... zum Glück wird man mitunter auch wieder geheilt. Wir reden nicht mehr miteinander, die Zeit flieht es iſt bloß noch ein Akt!. ſie haben alſo die⸗ ſen Abend keine drei Melodrame gegeben! Ich ſuche das Geſpräch wieder anzuknüpfen, ſie ſcheint mir zurückhaltender... ſie überläßt ſich weni⸗ ger ihrer glücklichen Gemüthsart. Ich muß mich auf einige Worte über das Stück, über die Schauſpieler, über die Bühne beſchränken... ich rede aber gewiß ganz verkehrtes Zeug; denn ſie ſieht mich bisweilen mit Staunen an und ein leiſes Lächeln ſpielt um ihre Lippen. In dem Theater entſteht aber eine allgemeine Bewegung, Jedermann ſteht auf... Ach, mein Gott! ſollte es ſchon vorbei ſein!... ach! ja... Dieſer köſtliche Abend hat nur einen Augenblick gedauert... während manche Abende eine Ewigkeit zu ſein ſchei— nen... Ach! bloß unſere Gefühle geben oder nehmen der Zeit Flügel! Frau Luceval iſt ebenfalls aufgeſtanden; ich merke wohl, daß man fortgehen muß, und gebe ihr die Hand, um ſie aus der Loge zu führen. Dann gehe ich ihr zur Seite, ſie nimmt ihre Magd am Arm... aber ich ſpreche immer mit ihr und ſie antwortet mir. Wir verlaſſen auf dieſe Weiſe das Theater und ich ſetze meinen Weg neben ihr fort. Nach einer Weile ſagte ſie zu mir:„Wohnen Sie in dieſem Stadtiheil, mein Herr?“ „Nicht zunächſt, aber ich denke, Sie nicht zu be⸗ leidigen, wenn ich Sie nach Hauſe begleite.“ „Wenn es Jemand anders wäre, ſo würde es mir mißfallen, da Sie mir aber nicht fremd ſind, ſo kann ich mich nicht darüber aufhalten.“ Ich begreife wirklich die Bekanntſchaft nicht, die ſie zwiſchen uns vorgibt; gleichviel, ich glaube, ſie benützen zu müſſen. Der Gedanke, ſie wohnt bloß einige Schritte von da und ich werde ſie bald ver⸗ laſſen müſſen, flößt mir den Muth ein, ſie mehr zu fragen. „Weil ich für Sie, Madame, nicht mehr fremd vin, da Sie meine Familie und Perſonen, mit denen ich bekannt bin, kennen... darf ich Sie um die Er⸗ laubniß bitten, Ihnen meine Huldigung darzubringen.“ Sie antwortet mir nicht... ſie ſcheint in Gedan⸗ ten vertieft... ich zittere... ihre Worte werden über mein Lebensglück entſcheiden, denn ich kann wirklich unmöglich glücklich leben, ohne dieſe Frau zu ſehen. „Wenn dieß Ihnen angenehm iſt, mein Herr⸗ ſo werde ich Ihren Beſuch mit Vergnügen annehmen.“ Großer Goit! ich bin nicht mehr bei Sinnen!.. ſie iſt es, ihre liebliche Stimme iſt es, welche gerade dieſe Worte ausgeſprochen hat... ſie wird meine 63 Beſuche mit Vergnügen annehmen. ich weiß nicht mehr, woran ich bin; ich weiß nicht mehr, was ich ihr antworte!... ich werde dummes Zeng machen Zum Glück ſind wir an ihrer Thüre angekom⸗ men und ſie tritt in ihr Haus ein, nachdem ſie ſich höflichſt vor mir verbeugt hatte!... In dieſem Au⸗ genblicke iſt es mir lieb, glaube ich, nicht mehr in ihrer Gegenwart zu ſein... ich kann mich meiner Freude überlaſſen, ich renne und hüpfe in der Straße herum!... Ach! ich bin ſchon oft verliebt geweſen, aber ſo noch nie, nein, nie!... wahrſcheinlich weil ich noch nie wirklich verliebt geweſen bin. Ich befinde mich auf den Boulevards, trete in ein Kaffechaus und weiß nicht, was ich will; aber ich verlange Etwas... Ich ſehe Jedermann mit triumphirender Miene an... man achtet nicht dar⸗ auf!.. Die Gäſte leſen die Zeitungen... Ich begreife in dieſem Augenblicke nicht, wie man die Zeitungen leſen kann... aber das kalte Benehmen hier iſt mir zuwider. Ich ſtehe gerade, als der Kellner mir Punſch bringt, auf, bezahle und gehe fort. Ich gehe nach Haus, es wird das Beſte ſein, da ſie mir geſagt hat, ſie empfange meine Beſuche mit Vergnügen. Dieſe Worte„mit Vergnügen“, kommen mir nicht aus dem Sinne.. kann ich ſie auf dieſe Einladung hin, ohne den Unverſchämten zu machen, ſchon morgen beſuchen... Ja, ich werde Sie morgen während des Tages beſuchen, und um den morgen⸗ den Tag bälder zu erleben, muß ich mich ſchnell ſchlafen legen. Ich gehe nach Haus und lege mich in's Beit. Man kann aber nicht ſchlafen, wenn man eine neue Lieb⸗ ſchaft im Kopfe hat, noch viel weniger, wenn man ſie im Herzen trägt; denn das Herz hält ſie noch wacher als der Geiſt. Ich hüpfe in meinem Bette auf, wie wenn ich drei Flaſchen Champagner ge⸗ trunken hätte. Da ich nicht ſchlafen kann, ſo wollen wir die Vorfälle dieſes glücklichen Tages in unſer Gedächtniß zurückrufen... Ach Gott.. wenn ich an den Zufall denke, der mir heute Abend Frau Luceval vor die Augen führte, ſo erinnere ich mich, daß ich mit Jo⸗ livet im Cadran⸗Bleu geweſen, und gerade als man uns den Kaffee brachte, fortgegangen bin... dieſer arme Jolivet!... Ich hatte ihn eingeladen, er wird haben bezahlen müſſen!... Er iſt wohl im Stande, daß er bei dem Gaſtwirth noch auf mich wartet... Wenn es nicht ſo ſpät wäre, ſo würde ich dahin zu⸗ rückkehren... doch nein, er wird bezahlt haben; ich werde es ihm pünktlich zurückgeben... Ich kann mich des Lachens nicht enthalten, wenn ich an die Miene denke, die Jolivet gemacht haben wird. Dieſer Vorfall beſchäftigt mich bald nicht mehr. Ich kann an nichts mehr denken, als an jene herr⸗ liche Frau, die ich verehre, die mir erlaubt, ſie be⸗ ſuchen zu dürfen. Wenn ich heute Abend, im Theater neben ihr ſitzend, ſo glücklich geweſen bin, wie wird mir erſt ſein, wenn ich ihr allein, ohne Zeugen, meine Gefühle mittheilen kann?... Ich ſuche mir Alles was ſie des Abends zu mir geſagt hat, ſelbſt die 65 geringfügigſten Worte, die ſie geſprochen, in's Ge⸗ dächtniß zu rufen.. in ihrem Munde gibt es keine Silbe ohne Reiz... ja, dieß hat ſie geſagt.. und wieder dieß... Aber endlich werden meine Erinnerungen undeut⸗ lich, meine Gedanken verwickeln ſich. ich vermenge den geſtrigen und heutigen Tag... denn ich ſchlum⸗ mere wahrſcheinlich ein. Fünftes Kapitel. Ich beſuche ſie. Es war kaum acht Uhr Morgens, ich ſchlief noch, was ganz natürlich war, denn ich war ſehr ſpät eingeſchlafen... Ich dachte über Frau Luceval nach, und dieß war wieder ſehr natürlich; der Schlaf iſt nichts Anderes, als die Ruhe der Gedanken; wenn uns aber ein Gedanke unaufhörlich beſchäftigt, ſo ſchlummert dieſer nicht ganz und muß uns nothwen⸗ dig wieder in unſern Träumen erſcheinen. Ein ſtarkes Getöſe hat mich aufgeweckt, ich glaube, man hat geläutet... Bald höre ich in meinem Vor⸗ zimmer ſehr laut reden; meine Magd zankt ſich mit der ſo eben angekommenen Perſon und will es nicht haben, daß man ſich erfreche, mich ſchon aufzuwecken. Man hört aber nicht auf meine Magd, öffnet halb die Thüre.. es iſt Jolivet... ich hatte es errathen.* Paul de Kock Ln. — 66 Ich breche in ein ſchallendes Gelächter aus, wor⸗ auf er ausruft:„Da ſehen Sie, er iſt wach... Ich wußte es wohl.. Deine Magd iſt eigenſinnig... ſie meint, Du wolleſt ſchlafen wie ein Murmel⸗ hier „Und Du, mein Lieber, beſuchſt mich vor acht Uhr, offenbar aus Furcht, ich beabſichtige nach Bel⸗ gien abzureiſen und werde Dir die Zeche von Cavran⸗ Bleu nicht erſetzen.“ „Ah! was denkſt Du? Es ärgert mich ſehr, wenn Du ſo etwas ſagſt!... Im Vorbeigehen ging ich berauf.. Zudem geſtehe ich Dir, daß ich deinetwe⸗ gen ſehr in Sorgen war, Du haſt mich geſtern allein gelaſſen.. biſt verſchwunden... auf einmal ſieht man Dich nicht mehr... Ich habe im Gaſthof bis neun Uhr auf Dich gewartet... und da ich weiß, daß es Deine Sache nicht iſt, mich zum Beſten haben zu wollen, fürchtete ich, es ſei Dir irgend etwas zu⸗ geſtoßen. ein Wortſtreit... Händel... ich ſah Dich bereits getödtet...“ „Du armer Jolivet!... Ich danke Dir für den Antheil, den Du an mir nimmſt; aber, lieber Freund, mir iſt nichts als Glück wiederfahren. wenn Du es wüßteſt. ich bin außer mir vor Freuden.“ „Bah! erbſt Du?“ „Es handelt ſich von keiner Erbſchaft!... Ah! Jolivet, Du ſetzſt alſo Dein Glück bloß in das Geld!“ „Meiner Treu', mit Geld kann man ſich, glaube ich, das höchſte Glück erkaufen!“ 3 „Es gibt Genüſſe, die man ſich nicht erkaufen — —,——— „— 67 kann... die ſich nicht bezahlen laſſen.. wozu auch diejenigen gehören, welche dieſer Tag mir verſpricht!“ Ich erzähle Jolivet, was ich geſtern Abend aus⸗ gerichtet habe und einen Theil meiner Unterhaltung mit Frau Luceval. Aber der Verräther hört mich mit zerſtreuter Miene an; ſofort zieht er ſachte ein Zet⸗ telchen aus ſeiner Taſche und liest es, während ich ihm meine Liebesgeſchichte erzähle, durch. Ich kann nicht mehr an mich halten, ſpringe aus meinem Bette, reiße ihm das Papier aus der Hand und rufe aus: „Geh' mir! Du biſt nicht werth, daß Du ſie kennen lernſt!. „Was haſt Du denn?“ ſagte Jolivet. „Was ich habe? Ich rede von einer allerliebſten Frau mit Dir, und Du beſchäftigſt Dich bloß mit* dieſer erbärmlichen Zeche.. „Ich verſichere Dich, vut, ich hörte auf Dich. „Eine ſo hübſche Frau.. „D'rum habe ich ſo bemerkt, daß ſie ſich verrechnet haben.“ „Voll Geiſt.. Anmuth.. „Es iſt eine Portion zün zu viel gerechnet.“ „Ein prächtiger Fuß und „Ich habe nichts geſehen. „Eine ſo liebliche Stimmn „Es war! tit Citronen und ich verlangte es mit Chocplade.“ „Und ſo weiße Zähne. „Acht Sous ſind abzuziehen.⸗ Ich nahm ſchnell meinen dem Betrag der Zeche und zählte Jolivet fünfzehn Franken mit den Worten hin:„Hier haſt Du das Geld, hoffentlich wirſt Du aber jetzt ſo gut ſein und kein Wort mehr von Deinem Mittageſſen reden.. „Deßhalb bin ich nicht gekommen.. aber es iſt einerlei.. ſie haben ſich um acht Sous getäuſcht, die ich zurückfordern werde.“ Dieſer Menſch wird mich nie verſtehen; allein gleichviel! Während ich mich ankleide, ſpreche ich von Frau Luceval, ohne jedoch im Geringſten ihren Na⸗ men auszuſprechen; ein Verliebter muß von ſeinem Liebesgegenſtand reden, es iſt ein Bedürfniß für ſein Herz. waos ſchadet es auch, wenn man mit Tauben ſpricht. redet man bisweilen nicht auch Bäume, Blumen, lebloſe Gegenſtände an? Ich ziehe Beinkleider an, bleibe eine Weile ruhig ſtehen, um mir Etwas vom vergangenen Tag zurück⸗ zurufen, dann lege ich meine Weſte verkehrt an⸗ binde meine Cravatte um und ſeife mich endlich zum Raſiren ein. Jolivet ſieht mich mit ſeinen kleinen Augen ſcharf an: er begreift nicht, daß man aus Liebe ſeine Sinne verlieren kann. Wir hören trällern, lachen, und bald erſcheint Dubois. Ich war ſehr vergnügt über ſeinen Be⸗ ſuch; Dubvis begreift wenigſtens die Liebſchaften, er machte wegen der Frauenzimmer ſchon viele dumme Streiche, und hört mir mit ſtau⸗ nendem Munde zu. Ah, kift man Dich nblichs“ ſagte Dubois bein Hereintreken;„das iſt ein großes Glück!.. Ich kam — — ſchon zehn Mal, und glaubte, Du beſitzeſt bloß noch 69 der Form halber eine Wohnung... wie die Mode⸗ damen.. Ei! jener Liebeshandel... jenes göttliche Weſen im grünen Kleide?... Ich ſtürzte auf Dubois zu, wollte ihn in meine Arme ſchließen... er trat erſchrocken zurück. Ich wußte nicht, daß ich mein Raſirmeſſer offen in der Hand hielt! „Gib doch Acht... ſei nicht ſo hitzig, ich bitte Dich. raſire Dich, dann wollen wir mit einander reden.“ „Ah! lieber Sutt ich bin der glnlichhe Menſch auf der Welt.. „Nehme 8 i Acht, daß Du Dich nicht ſchneideſt.“ „Ich habe ſie wiedergeſehen, Du weißt es? eben Jene, die ich Dir gezeigt habe.“ „Ja, das heißt, deren Kleid ich geſehen habe, denn ihr Geſicht...“ „Ich mache ihr heute einen Beſuch... „Dann iſt es wahrſcheinlich, daß morgen... con- summatum est!“ „Ach! ich denke nur an die Wonne, ſie zu ſehen und Zutritt bei ihr zu haben; ich verſichere Dich, in dieſem Augenblick hege ich keinen andern Wunſch!...“ „Das iſt nicht mehr als billig, allein Du wirſt nicht bloß Bekanntſchaft mit ihr machen, um ihren Bedienten zu machen.. Ach! Dubvis, wenn Du wüßteſt, wie ſchön ſie iſt. wie geiſtreich wie fein ihr Benehmen! „Ich kenne dieß Alles; im Anfang iſt eine Ero⸗ berung immer etwas Göttliches, in der Folge etwas Menſchliches, und am Ende nichts mehr als ein Unheil.“ „Schweig', Dubois, Du weißſt nicht, was Du ſagſt, Du begreiſſt nicht, was die Liebe iſt?... „Ah, Du gefällſt mir; ich weiß nicht, was Liebe iſt? ich, der ich ſie von innen und außen kenne! Liebe und Handel ſind doch mein Leben.“ Ich antworte nicht und denke ernſtlich an das Ankleiden, denn ich ſehe, daß alle dieſe Leute keine ſolche Liebe wie ich empfinden. Dubois klopfte Jo⸗ livet auf die Kniee und ſchrie:„Und Du, mein Alter. bei Dir darf das Vergnügen und die Liebe keine anderthalb Franken koſten; nicht wahr?“ „Ei, Dubois, ich habe Dich ſeit dem Abend, wo Du Händel hatteſt, nicht mehr geſehen...“ „Was für Händel?... Ich habe alle Tage, mit meinem hitzigen Kopfe!... Indeſſen nehme ich mir alle Morgen vor, mich zu mäßigen „Deine Händel im Collyſeum... „Ah ja, wo ich einen Grobian prügeln wollte!...“ „Nein, Dich wollte man prügeln... doch gleich⸗ viel.. um auf die halbe Bowle Punſch zu kom⸗ men, die Du verlangt haſt und die ich bezahlen mußte... ferner drei Makronen, die Du gegeſſen haſt, das macht...“ „Das macht... Jolivet, Du biſt ein Filz, ein Geizhals.“. „Ei, nun bin ich ein Filz, weil ich mein Gutha⸗ ben von wenigſtens ſechs Wochen her an ihn ſordere.“ „Du haſt die Unverſchämtheit, mich an eine halbe Bowle Punſch zu mahnen... und wenn ich Dich dar⸗ an erinnerte, wie oft ich für Dich ſchon bezahlt habe! Als wir auf den Champs⸗Elyſées ſpeisten, hatteſt Du Deine Börſe vergeſſen; Abends, als wir nach Mit⸗ ternacht von Roſette in einem Fiaker heimfuhren, hatteſt Du, wie Du vorgabſt, Alles im Ecarté verloren, ſeither habe ich Dich nicht mehr ſpielen ſehen; damals, als wir das neue Stück im Theater frangais ſahen, reichte Dein Geld für ein Billet nicht hin; tauſend andere Fälle könnte ich Dir noch er⸗ wähnen! Sieh', mein Freund, wenn man nicht an das Heimbezahlen denken will, ſo muß man auch nichts ent⸗ lehnen. Nun, da haſt Du ſechsundfünfzig Sous für Deine halbe Bowle Punſch und Deine Makronen, aber glaube mir, ich ſtrecke Dir keinen Heller mehr vor.“ Jolivet ſchnitt ein langes Geſicht Und murmelie einige Worte, während er die ſechsundfünfzig Sous, die Dubois ihm gab, in die Taſche ſteckte. Unter⸗ deſſen bin ich endlich mit meiner Toilette fertig ge⸗ worden. Es iſt noch nicht zehn Uhr, und Anſtands halber darf ich erſt Nachmittags der Frau von Luce⸗ val meinen Beſuch abſtatten; wie ſoll ich mir bis da⸗ hin die Zeit vertreiben 2... Ich erſuchte die Herren, im Kaffeehaus mit mir zu frühſtücken. Dubois nimmt es an, aber Jolivet ſchlägt es unter dem Vorwande von Geſchäften aus und verläßt uns. Dieß iſt das erſte Mal, daß ich ihn ein Frühſtück ausſchlagen ſehe; vielleicht fürchtet er, ich laſſe ihn wieder Pfand im Kaffeehaus ſitzen. Ich frühſtückte alſo mit Dubois allein. Er erzählt mir ſeine Liebesabenteuer, deren er immer neue hat, und bringt mich manchmal zum Lachen. Indeſſen höre ich nur zerſtreut auf ſeine Worte; ich ſehe auf meine Uhr, auf die Standuhren, ſeufze, und Dubvis lacht mit dem Ausrufe:„So iſt es!“ Endlich haben wir unter lauter Schwatzen, Eſſen, Durchblättern der Zeitungen den Mittag erlebt, wor⸗ auf ich Dubois mit den Worten verlaſſe:„Jetzt darf ich ihr meine Aufwartung machen.“ „Nun, geh' doch, aber benimm Dich nicht ſo ſchüchtern, drehe und wende Dich nicht ſo! Du biſt wie ein Kind; man meint, Du macheſt das erſte Mal einen Beſuch.. das kann Dir viel ſchaden... Komme um fünf Uhr in die Rotonde, dann wollen wir miteinander diniren und Du erzählſt mir das Reſultat Deines Beſuchs.“ „Ja ch komme.“ Dubois hat recht; es ſchien bei der Verwirrung meines Herzens, als habe mein Herz noch nie für ein Frauenzimmer geſchlagen. Ich muß ruhiger wer⸗ den und mein linkiſches, verlegenes Weſen ablegen... Ich muß daran denken, daß man, wenn man Einem freien Zutritt geſtattet, nicht mißfallen hat, und mich darnach zu benehmen wiſſen. Ich ſtehe ſchon vor der Thüre... Wie ſtolz bin ich, in dieß Haus treten zu dürfen, während ich dem Portier zurufe:„Zu Frau Luceval!“ Hoffentlich wird mich der Portier oft hineingehen ſehen. Ich befinde mich in ihrer Wohnung. Ihre Magd —— 7³ hat mir geöffnet; es iſt die geſtrige Magd, ich erkenne ſie, ſie mich ohne Zweifel auch, denn ſie lächelt mir zu. Das iſt ſicherlich ein gutes Mädchen. Man ſagt mir, die Frau ſei da... öffnet mir eine Thüre, ich trete in einen kleinen, hübſch verzierten Salon; aber im Augenblick kann ich meiner Umgebung keine Auf⸗ merkſamkeit ſchenken.. ich ſehe nur auf ſie; ſie iſt allein. ſitzt neben dem Kamine.. ſteht auf und verbeugt ſich freundlichſt vor mir. Ich bin anfangs verlegen, faſſe mich aber bald und entſchuldige meinen ſo frühzeitigen Beſuch mit meiner heftigen Sehnſucht, ſie wieder zu ſehen. Ein⸗ mal im Gange, wurde mir meine Zunge ganz ge⸗ läufig. Ich weiß nicht, ob ich mich geiſtreich aus⸗ drücke, aber jedenfalls war ich im Reden nicht mehr verlegen, und doch möchte ich ihr noch tauſenderlei Sachen ſagen, die ich noch nicht wage. 1 Frau Luceval hört mich ſehr freundkch an, doch ſcheint es mir, als ob ihre Aufmerkſamkeit erkalte, was mich ziemlich kränkt. Ich habe bald Gelegenheit gefunden, das Geſpräch auf die Liebe zu lenken, denn ich möchte nur hievon reden; ſie unterbricht mich, indem ſie mit ernſter Miene zu mir ſagt:„Mein Herr, Sie haben geſtern mit mir von Liebe geſpro⸗ chen; ich hielt es bloß für Scherz. Indeſſen hätte ich, als ich Ihnen Zutritt zu mir erlaubte, wie ich ſehe, hinzufügen ſollen, daß dieß nur unter der Be⸗ dingung ſein dürfe, daß Sie keine ſolche Sprache mehr gegen mich führen. Ihre Beſuche freuen mich, mein Herr, ja, ich wiederhole es, ſie ſind mir ſogar angenehm, wenn Sie nie mehr auf dieſen Gegen⸗ ſtand zurückkommen wollen.“ Wie! eine junge, hübſche Frau erlaubt mir Zu⸗ tritt, aber bloß unter der Bedingung, daß ich ihr den Hof nicht mache.. und zwar nachdem ich ihr be⸗ reits hinlänglich zu verſtehen gab, daß ich ſie anbete!... Dubvis würde dieß für eine bloße Liſt, für eine Koketterie halten... aber in den Augen der Frau Luceval ſehe ich nichts Aehnliches. „Wie, Madame,“ ſagte ich nach einer Weile, „Sie find ſo grauſam und verbieten mir die einzige Sprache, die ich gegen Sie führen möchte?...“ „Grauſam!... Ei, Herr Deligny, laſſen wir dieſe großartigen Worte bei Seite!... Sie wiſſen ſehr gut, daß ich Ihre Gefühle nicht erwiedern kann!“ „Ich, Madame, ich weiß es?... und wie ſoll ich es wiſſen?... Sind Sie nicht Wittwe, frei, Gebie⸗ terin über ſich ſelbſt?... Worin könnten denn meine Gefühle Sie beleidigen?...“ Sie ſieht mich einige Augenblicke aufmerkſam an. Ich weiß nicht, was in mir vorgeht... aber ich ſehe ſie nacheinander erröthen, erblaſſen und ver⸗ wirrt werden. Endlich fährt ſie mit zitternder Stimme fort:„Wie, Herr Deligny, Sie kennen mich nicht.. Sie hatten nicht oft von mir reden hören?... Ach! ich bitte Sie, belügen Sie mich nicht!..“ „In der That, Madame, ich weiß nicht, was Sie ſagen wollen. Ich habe ſie im Gaité⸗Theater das erſte Mal geſehen. Wo ich Ihnen ſeither begeg⸗ net bin, wiſſen Sie. Ich erlaubte mir, bei Ihrem 1 . . 55 Portier nach Ihrem Namen zu fragen, und dieſer hat mir geſagt, Sie ſeien Wittwe. Das iſt Alles, was ich weiß, ich ſchwöre es Ihnen; vorher hatte ich nie von Ihnen reden gehört, Sie nie in Geſell⸗ ſchaften geſehen. Wenn man mich getäuſcht hat, wenn Sie keine Wittwe ſind, ſo iſt es mir unbekannt. Ich habe zwar noch kein Recht auf Ihr Vertrauen, wenn Sie mich aber beſſer kennen werden, ſo werden Sie einſehen, daß man zerſtreut, unbeſonnen, inconſequent ſein kann, ohne daß dieß die guten Eigenſchaften des Herzens gänzlich ausſchließt.“ Frau Luceval hat mich angehört, ohne mich zu unterbrechen. Als ich nicht mehr redete, ſenkte ſie traurig den Kopf und murmelte:„Ich hatte mich alſo getäuſcht!“ Ich verſtehe dieſe Aenderung, dieſe Traurigkeit nicht. Dieſe Frau wird mir ganz unbegreiflich.. aber immer iſt und bleibt ſie ſchön; ihre Melancholie hat etwas Beſonderes, was auf mich Eindruck macht und mich rührt; ich bin aber nicht ſo frei, ſie um die Urſache derſelben zu befragen. Ziemlich lange beobachteten wir Beide ein Stillſchweigen. Ich bin wenigſtens in ihrer Nähe, ich ſehe ſie, und ſelbſt dieſe Lage hat Reiz. Frau Luceval bricht zuerſt das Schweigen, indem ſie zu mir ſagt:„Mein Herr, ich muß Ihnen ſehr ſonderbar vorkommen.. ſogar ſehr lächerlich. „Lächerlich! ach, Madame, das können Sie nicht ſein. Wenn ich, ohne mein Wiſſen, Etwas zu Ihnen geſagt habe, welches Ihnen ein heimliches Andenfen zurückrufen konnte, ſo würde es mir unendlich leid thun... Mir iſt es aber unbekannt, wie!... „Nein, mein Herr, Sie haben mir nichts Belei⸗ digendes geſagt... Nur glaubte ich.. ja, ich war ſogar überzeugt, Sie kennen mich dem Namen nach ſchon lange, Sie ſeien von irgend Jemand zu mir geſchickt worden... an den ich gebunden bin... ich habe mich geirrt. Ich muß Ihnen auch geſtehen, daß bloß dieſer Gedanke meine Aufmerkſamkeit im Theater auf Sie zog, und mich bewog, Sie geſtern Abend anzuhören und Ihnen Zutritt zu mir zu ge⸗ ſtatten.“ Dieſe Mittheilung iſt durchaus nicht angenehm für mich; ich glaubte, ihre Eroberung gemacht zu haben ich ſchmeichelte mir, ihr zu gefallen, und ſie eröffnete mir, ſie habe mir nur aus Gründen, die mir ganz fremd ſind, Zutritt geſtattet. Was ſoll ich auf ein ſolches Compliment erwie⸗ dern?. Nichts; ich bleibe wie ein Dummkopf ſtehen und ſchweige. Frau Luceval bemerkte ohne Zweifel, welchen Eindruck ihre Mittheilung auf mich gemacht hat, denn ſie fügte mit einer freundlichern Miene hinzu: „Wenn es Ihnen indeſſen Vergnügen macht, mich zu beſuchen, ſo werde ich Sie immerhin aufnehmen.. vorausgeſetzt, daß Sie mich künftighin mit Sachen, die ich nicht hören darf, auch nicht mehr unterhalten, weil ich nichts darauf erwiedern kann, und mit dem förmlichen Verſprechen, daß Sie mit keinem von Ihren Bekannten von mir reden. vor keinem Ihrer Freunde meinen Namen ausſprechen vor keinem, verſtehen Sie, mein Herr!“ „Um Ihren Anblick genießen zu dürfen, Madame, werde ich mich jeder Bedingung unterwerfen. Mit Niemand von Ihnen zu reden, dieſes Verſprechen iſt leicht zu erfüllen. Zudem iſt man gewöhnlich nur hinſichtlich ſeiner Eroberungen vorlaut, ich kann mir aber, wie Sie ſelbſt zugeben werden, nicht ſchmei⸗ cheln, die Ihrige gemacht zu haben. Die erſtere Be⸗ dingung iſt ſchwerer zu erfüllen... nicht mehr mit Ihnen von der Liebe ſprechen, nicht mehr ſagen dürfen, daß ich Sie liebe. während ich von dem erſten Augenblick, wo ich Sie ſah, durch einen un⸗ widerſtehlichen Reiz mich zu Ihnen hingezogen fühlte, während ich ſeit dieſer Zeit unaufhörlich an Sie vachte. mich bemühte, Ihnen...“„ „Mein Herr! mein Herr!“ ½ „Ach, es iſt wahr, Madame... ich will es nicht mehr ſagen.. ich will ein Gefühl für Sie verber⸗ gen... welches jetzt das Unglück meines Lebens aus⸗ machen wird!.. allein ich werde Sie beſuchen, ich werde manchmal das Glück haben, in Ihrer Nähe zu verweilen... Dieß iſt ſchon viel, ich fühle es!. ich muß mich Allem unterwerfen, um dieſer Gunſt würdig zu werden.“ Frau Luceval ſucht das Geſpräch auf gleichgül⸗ tige Dinge zu leiten; aber ich bin nicht mehr zum Reden aufgelegt, ich ſinne gegen meinen Willen über ihre Worte nach; ſie hingegen ſchien mir von etwas Anderem eingenommen, und ſo wurde unſere Unter⸗ haltung bald ſchleppend, worauf ich aufſtand und mich ziemlich traurig von ihr verabſchiedete. Beim Weggehen von Frau Luceval war ich viel weniger vergnügt als beim Hingehen. Ich verſprach mir ſo viel Glück von dieſem Beſüche!... Ich ſah ihr Herz bereits dem meinigen entgegenſchlagen, ſie liebte mich, ſie gab meiner Liebesglut nach, ich war ſchon der Glücklichſte der Sterblichen... Alles dieß hat eine andere Wendung genommen, als ich hoffte! Sie hat mich empfangen ich weiß nicht warum ich begreife nicht, was ſie ſagen wollte, wenn ſie dachte, ich ſei von einem Andern zu ihr geſchickt wor⸗ den.. einem Andern, den ſie, wie vorauszuſetzen iſt, liebt... und mich will man wohl nur aus Mit⸗ leiden, aus Barmherzigkeit aufnehmen... Wenn ich die Kraft hätte, ſo würde ich dieſe Frau nicht wieder beſuchen!... Ich gehe mißlaunig nach Hauſe. Während ich immerfort bei mir ſelbſt ſagte, ich würde wohl daran thun, nicht mehr an Frau Luceval zu denken, be⸗ ſchäftigte ich mich doch unaufhörlich mit ihr... Nun will ich mich zu Dubois an den beſtellten Ort be⸗ geben, er wird mich zerſtreuen. Dubois kommt hüpfend auf mich zu; er hat ſei⸗ nen Backenbart wegraſiren laſſen. „Nun, mein Lieber, die Liebſchaft?.. kennſt Du jetzt die unbekannte Schöne2. „Es ſteht ſchlecht. ich bin nicht vergnügt.“ „Deßhalb haſt Du ein ſo aufgeblaſenes Geſicht! „Seid ihr ſchon mißvergnügt miteinander. Beim ℳ 6 3 zweiten Beſuch iſt dieß oft der Fall, aber beim erſten ſelten.“ ð „Ich hatte mir zu viel geſchmeichelt, Dubvis, dieſe Dame liebt mich nicht. Sie will durchaus nicht dulden, daß ich mit ihr von Liebe ſpreche, und zwar bei Verluſt ferneren Zutritts.“ „Hat ſie Dich empfangen, damit Du ihren Zeiſig reden lehrſt?... Laß dieſes Frauenzimmer fahren, das iſt eine Zierpuppe.“ „O nein, ſie iſt ſehr liebenswürdig, aber... „Aber ſie will Dich am Narrenſeil herumführen Gehe nicht mehr hin, ſie wird Dich holen laſſen, oder bei Deiner Pförtnerin auf Dich warten... Ah, ich kenne dieſe Sachen!.. Nein, nein, Du irrſt Dich. es iſt eine Frau, die. „Ei, mein Gott! es iſt eine Frau, und ſie gleichen einander alle. Ueberdieß iſt mein Grundſatz: verliert man die eine, ſo bekommt man zehn andere dafür. Wir wollen diniren; beim Nachtiſche will ich Dir von einer kleinen Poliſſeuſe erzählen, die gegenwärtig vakant iſt; ſie geht Dir bloß bis an die Ellbogen, ibr Füßchen iſt nicht größer als eine Haſelnuß, ihre Hüften ſind wie die der züchtigen Venus.. herrlich.. Ich habe auf einem Gang zu den Thieren in dem Jardin des Plantes mit ihrer Freundin Bekanntſchaft gemacht; die Jungfern blieben vor den Affen ſtehen, welche ihnen ſehr bezeichnende Geberden machten.„ „Haſt Du ſeit jener Zeit Deinen Backenbart weg⸗ raſirt?.„ „Ich habe ihn Zenobia geopfert... aber ich werde ihr ihn heute Abend mit einem Fläſchchen kölniſch Waſſer bringen.“ Wir ſpeiſen zu Mittag. Dubois bietet Allem auf⸗ mich zu zerſtreuen. Während er aber von Zenobia und ihrer kleinen Freundin mit mir ſpricht, denke ich an Frau Luceval. Endlich weigerte ich mich Abends, ihn zu begleiten, er mochte mir auch ſagen, was er wollte, und ging in der Straße Boucherat ſpazieren! Dieſe Frau hat mich ganz und gar bezaubert. Sechstes Kapitel. Ich thue Alles, was ſie will. Zwei Tage beſuchte ich ſie nicht; aber wie lang ſind mir dieſe zwei Tage vorgekommen! Der dritte Tag kommt, ich kann es nicht länger aushalten.. Ich will ſie beſuchen... Indeſſen hat ſie mir ja ihre Thüre nicht verboten; ſie hat mir ſogar geſagt, mein Beſuch mache ihr Vergnügen, wenn ich mit ihr nicht mehr von meiner Liebe rede; nun! weiß ich von nichts Anderem mehr zu reden, als hievon?... Ach! wenn ſie mir es nicht verböte, hätte ich vielleicht weniger Luſt. Ich befinde mich bereits in ihrem Haus, die Magd öffnet mir die Thüre des Salons... Ach, Gott! ſie iſt nicht allein... welch' Unglück! Zwei Tage lang ſie nicht ſehen und nun ſie nicht allein treffen... doch vefindet ſich wenigſtens nur eine Dame bei ihrz dieß 81 iſt mir lieber, als wenn ſie in Geſellſchaft eines Herrn, vielleicht eines Nebenbuhlers, geweſen wäre. Man nimmt mich ſehr höflich auf. Die nämliche Dame, welche ſie begleitete, als ich ihr nachfolgte, befand ſich bei ihr. Wir ſprachen eine Zeitlang von Allerlei, muſterten das Neueſte der Moden, der Ver⸗ gnügungen und der Literatur. Ihre Freundin heißt Juliette, und wenn ſie mit der Frau Luceval ſpricht, ſo nennt ſie ſie Auguſtine. Ah! ſie heißt Auguſtine werde ich ſie wohl nie als in Gedanken ſo nen⸗ nen dürfen? Ihre Freundin iſt ſehr heiter; Auguſtine beſitzt Geiſt, unſere Unterhaltung iſt belebt. Dieſe Damen ſcheinen mich gerne anzuhören. Frau Luceval, welche keine Geſellſchaften mehr beſucht, ſcheint doch gerne davon reden zu hören. Sie fragt mich mehrere Mal, was ich ſeit drei Tagen gethan habe, ob es immer viele Bälle, Abendunterhaltungen gebe, welche Geſell⸗ ſchaften ich vorziehe?.. Warum erkundigt ſie ſich bei mir über all dieß, wenn ich ihr gleichgüliig bin? Ich begreife es nicht, aber es macht mir Vergnügen, und ich befriedige alle ihre Fragen. Indeſſen muß ich auch lügen, weil ich ihr nicht ſagen will, daß ich ſeit drei Tagen meine Abend⸗ ſtunden mit Spazierengehen vor ihren Fenſtern zuge⸗ bracht habe; ſie würde ſich über mich luſtig machen und dieß mit Recht!... Ich führte, wie ſie mir ge⸗ rade einfielen, einige meiner Geſellſchaften an, ſprach von ſolchen, in denen man bloß tanzt, von andern, Paul de Kock. ILII. 6 82 wo man nichts als ſpielt, wie bei Frau von Re⸗ monde... Frau Luceval erblaßte. 1 „Befinden Sie ſich unpäßlich?“ fragte ich ſie. „Nein, mein Herr, nein.. es iſt bloß ein Schwin⸗ del... dieß begegnet mir manchmal; Sie ſprachen, glaube ich, von der Geſellſchaft bei... Frau von Remonde; ich habe ſchon viel von dieſer Dame reden gehört. ſie ſoll ſehr hübſch ſein... iſt es wahr?“ „Ich finde nichts Außerordentliches an ihr!... Es iſt eine ſchöne Frau, aber es gibt tauſend Andere, die ſchöner ſind.“ „Sie kennen Sie ſchon lange?“ „Nein... ich wurde durch einen meiner Freunde Namens Jenneville bei ihr eingeführt... O! dieſer findet nichts im Vergleich mit der Frau von Re⸗ monde... Mein Gott, Madame, es iſt Ihnen wahr⸗ haftig unwohl...“ Juliette eilt auf Frau Luceval, die in Ohnmacht zu fallen ſcheint, zu, nimmt ſie am Arm und ſagt ihr einige Worte in's Ohr; ich öffne das Fenſter, in deſſen Nähe wir Auguſtine führen, worauf ſie bald wieder zu ſich kommt. Sie vrückte ihrer Freundin die Hand⸗ welche zu ihr ſagte:„Wahrlich, Auguſtine, wenn ich es wagen würde, ſo würde ich Sie recht zanken.%, „Was wollen Sie!.. Sie wiſſen wohl, daß es nicht meine Schuld iſt... aber es wird mit der Zeit vergehen. Verzeihen Sie, Herr Deligny, daß ich Sie beunruhigt habe! Sie ſind zu gütig.“ 3 „Sie bedürfen vielleicht der Ruhe, Madame, ich will mich entfernen.“ — 83 „O nein, nein... noch nicht... es iſt vorbei... ich fühle mich nun ganz wohl, und weiß gewiß, daß es mir nicht mehr übel werden wird.“ Sie will es durchaus haben, daß ich bleibe, und ich wünſche nichts Anderes. „Sie ſagten uns, einer Ihrer Freunde finde die Frau von Remonde ganz nach ſeinem Geſchmack.. er iſt alſo in ſie verliebt?“ „Ich denke es.“ „Und glauben Sie auch, daß ſeine Liebe erwie⸗ dert wird?“ „Man hat allen Grund, es zu glauben... Ich war indeſſen zu ſelten bei Frau von Remonde, um mit ihren Geſinnungen bekannt werden zu können.“ „Ah, ich glaubte, Sie kommen ſehr oft mit Herrn Jenneville hin?“ „Nein, Madame, ich war erſt einmal dort, und wiewohl die Frau von Remonde die Güte gehabt hat, mich ſehr dringend einzuladen, ſo wird ſie mich doch ſelten ſehen, weil mir ihre Geſellſchaft durchaus nicht gefällt.“ „Hören Sie, Herr Deligny, ich'gehe in keine Ge⸗ ſellſchaften mehr, allein es freut mich recht, wenn ich erfahre, was dort vorgeht. Wollen Sie für mich hingehen und mich auf dem Laufenden halten Wollen Sie es2“ „Ich thue Alles, was Ihnen angenehm iß, Madame.“ Wir unterhalten uns noch einige Zeit, aber ich ſehe wohl, daß ihre Freundin nicht vor mir fort⸗ geht, zudem iſt es beſſer, man findet meine Beſuche „ zu kurz als zu lang. Ich nehme Abſchied und ent⸗ ferne mich dießmal vergnügter, als das erſte Mal Ich hatte alſo Unrecht, zu verzweifeln.. Aber bei der Liebe braucht es ſo wenig, uns wieder Hoff⸗ nung zu machen. Vierzehn Tage verfließen. Ich kam oft zur Frau Luceval und habe das Glück gehabt, mehrere Mal allein bei ihr zu ſein... Ich machte jedoch in meiner Liebſchaft keine Fortſchritte, aber, wie ich glaube, in ihrer Freundſchaft, und das iſt immer Etwas. Nie ſchienen ihr meine Beſuche läſtig; ſie ſieht mich immer mit Vergnügen. Wir beobachten ſchon weniger den ceremoniellen Ton; denn bei liebenswürdigen Leuten legt man viel ſchneller das ſteife Weſen ab. Die an⸗ muthige Auguſtine verlangt immer, ich ſolle ihr er⸗ zählen, was ich gethan und Neues in der Welt ge⸗ ſehen habe; ſie horcht mit einer Aufmerkſamkeit, die mich entzückt, auf mich, wenn ich von mir, meinem täglichen Leben, meinen Freunden und von den Leu⸗ ten, die ich gerne ſehe, mit ihr rede. Manchmal muß ich ihr die unbedeutendſten Einzelnheiten nochmals erzählen.. Iſt dieſe Luſt, womit ſie mich anhört, nicht ein Beweis von den Fortſchritten, die ich über ihr Herz gewonnen habe?... Ich ſchmeichle mir im Stillen damit. Einmal vergaß ich mein Verſprechen; als ich ihre ſo zärtlichen, milden Augen betrachtete, entſchlüpften mir einige Worte von Liebez alsbald machte ſie eine ernſthafte Stirne und unterbrach mich mit den Wor⸗ ten:„Herr Deligny, ſoll ich böſe über Sie werden? 85 ſoll ich Ihnen den Zutritt zu mir verbieten müſſen? Ach! es würde mir wirklich leid darum thun, denn je mehr ich Sie kennen lerne, deſto mehr ſehe ich ein, daß man mich über Sie getäuſcht hatte. Man hatte Sie mir als einen blödſinnigen, ſehr.. jungen Mann beſchrieben.“ „Als einen Taugenichts, nicht wahr, Madame?“ „Ich wagte dieß nicht zu ſagen... aber ich ſehe jetzt wohl ein, daß Sie viel beſſer ſind als Ihr Ruf.“ „Ihnen, Madame, den Gefühlen, die Sie mir eingeflößt haben, verdanke ich die Veränderung, die in mir vorging.“ „Was auch die Urſache davon ſein mag, es ſoll mich freuen, in Ihnen einen Freund zu befitzen; ach! glauben Sie mir, dieſer Titel hat ſo viel Werth als der eines Liebhabers, ja noch mehr... denn die wahre Freundſchaft iſt nicht unbeſtändig!...“ 6 Ihnen, Madame, kann es die Liebe nicht ſein.. , mein Herr, ich bin nur zu ſehr vom Ge⸗ gentheil überzeugt!...“ Sie wendet ſich weg und hält ihr Taſchentuch vor die Augen... Nun have ich wieder Etwas geſagt, was ihr Kummer verurſacht hat. Ich bin in Ver⸗ zweiflung und ſchwöre ihr, von keiner Liebe mehr mit ihr zu reden, bloß dahin zu ſtreben, ihre Ach⸗ tung und Freundſchaft zu verdienen, ſie, wenn ſie es verlange, bloß ſelten zu beſuchen.. ſie vergießt Thrä⸗ nen, ach! in dieſem Augenblicke würde ich alle mög⸗ lichen Schwüre thun, um ſie zu tröſten. Sie kehrt ſich gegen mich, lächelt mir zu und reicht mir mit den Worten die Hand:„Ja, wir wer⸗ den Freunde ſein, und Sie werden eines Tags den ganzen Werth, den ich auf Ihre Freundſchaft lege, erfahren.“ 1 Ich nehme die Hand, die ſie mir reicht, und drückte ſie in die meinige... ohne Zweifel zu feſt für einen Mann, der bloß ein Freund ſein darf, denn Augu⸗ ſtine zieht ſie ſchnell mit den Worten zurück:„Ich will aber nicht haben, daß Sie über der Freund⸗ ſchaft, die Sie für mich hegen, und über der Be⸗ ſuche, die Sie mir abſtatten, Ihre alten Freunde vernachläßigen, es würde mir ſogar ſehr leid thun, wenn Sie meinetwegen weniger mit ihnen verkehr⸗ ten.. Sie ſtanden früher mit Herrn Jenneville auf einem ſehr freundſchaftlichen Fuße; man hat mir geſagt, ſie ſeien immer beiſammen geweſen; ſeit einiger Zeit reden Sie kein Wort mehr von ihm... Sie ſehen ihn alſo nicht mehr ſo oft?“ „Er iſt faſt immer bei der Frau von Remonde und ich habe Ihnen ſchon geſagt, daß ich dieſes Haus nicht gerne habe...“ „Warum?... Ein junger Mann muß aber doch die Geſellſchaften beſuchen und ſich unterhalten.“ „Ich finde keine Unterhaltung bei Frau von Re⸗ monde.“ „Sie ſind erſt einmal dort geweſen.. nicht wahr? heute iſt Geſellſchaftstag?.... „Mein Gott! ja. Geſtern Abend habe ich wieder ein Einladungsbillet zum Diner auf heute erhalten.“ —. 87 „Ein Billet von Frau von Remonde?“ „Ja, ich denke, ſie hat es ſelbſt geſchrieben..“ „Haben Sie es bei ſich?“ „Ich weiß nicht.. ja.. da iſt es. „Ah! wir wollen voch ſehen, wie ätſ dieſe Dame ſchreibt... Es wird kein Geheimniß dahinter ſtecken.“ „O nein, Madame!... Es iſt nichts als eine Einladung zum Diner.“ Ich gab das Billet der Frau von Remonde der Frau Luceval; ſie betrachtete es lange und mit einer Aufmerkſamkeit, die mir auffällt, und gibt es mir endlich mit den Worten zurück:„Ihre Handſchrift iſt nicht ſchön...“ „Sie iſt zwar leſerlich, aber weiter nichts.“ „Ihr Styl ſcheint mir nicht gar geiſtreich.“ „Soll der Inhalt eines Einladungsbilleis auch geiſtreich ſein?“ „Ah! Sie haben recht... Ich weiß nicht, woran ich dachte. Nun, man erwartet Sie heute beim Diner, Sie werden doch hingehen?“ „Nein, meiner Treu', nein.“ „Ach! Herr Deligny, es Färe nicht ſchön von Ihnen, wenn Sie es wieder ausſchlügen.. Sie gehen... ich will es haben, und morgen werden Sie mich beſuchen und mir erzählen, was Sie gethan und ob Sie ſich gut unterhalten haben.“ „Sie wünſchen es, dann habe ich nichts einzuwen⸗ den. Ich dinire alſo bei Frau von Remonde. Aber Sie. erlauben mir, daß ich Sie morgen wieder be⸗ * 88 ſuchen darf, und in dieſer Hoffnung werde ich auch heute nicht viel Langeweile bekommen.“ Die Frau Luceval ſcheint über meine Bereitwil⸗ ligkeit, bei der Frau von Remonde zu diniren, höchſt erfreut, was ich nicht begreife, aber ich bin beglückt, ihr etwas zu Gefallen zu thun. Ich verabſchiede mich von ihr; ſie verlangte von mir ſelbſt das Verſpre⸗ chen, daß ich am folgenden Tag wieder komme.. Mein Beſuch macht ihr alſo wirklich Vergnügen, und doch darf ich mit ihr von keiner Liebe reden... O! wir wollen ſehen. Da ich durchaus bei der Frau von Remonve diniren ſoll, ſo will ich meine Toilette machen. Welche ſon⸗ derbare Laune kann die Frau von Luceval bewegen, mich zu erſuchen, in dieſes Haus zu gehen? Sie meint es vielleicht gut mit mir. Sie ſieht wohl ein, daß ich ſie liebe, daß ich mich nur mit ihr beſchäf⸗ tige, und ſie will haben, daß ich in Geſellſchaften gehe, um mir jenes Gefühl, das ſie nicht anfeuern will, aus dem Kopf zu ſchlagen. Ach ja, dieß iſt ohne Zweifel ihr Beweggrund, allein ſie mag mich zu Andern ſchicken, wie ſie will, ich werde dort bloß ſie ſehen, an Niemang als an ſie deuken. Je mehr ich ſie kennen lerne, deſto mehr liebe ich ſie... Was wird aus mir werden, wenn ich immer allein lieben muß! Um ſechs Uhr begebe ich mich in das glänzende Hotel in der Straße le Pelletier. Man meldet mich an, aber dießmal nicht lauter Lehnſeſſeln: ich ſehe die Frau von Remonde von einem Halbdutzend Herren 7 — 89 umgeben, unter denen ich Jenneville und Blagnard erkenne.„ Die ſchimmernde Herminie kommt mit einem ſehr liebenswürdigen Ausruf auf mich zu:„Herr De⸗ ligny!... Aber welches Wunder! wir zählten nicht auf ein ſo großes Glück... In der That, Sie wer⸗ den ſo ſelten, daß ich Ihren heutigen Beſitz als eine große Gunſt betrachten muß.“ Ich antwortete, ſo gut ich konnte, auf dieſe ſchmei⸗ chelhaften Vorwürfe. Herr Blagnard drückt mir herz⸗ lich die Hand; Jenneville klopft mir auf die Schul⸗ ter und ruft:„Mein lieber Deligny... was treiben Sie denn 2... Spielen Sie den Eremiten? man ſieht Sie nirgends!.. und doch bleiben Sie nicht zu Hauſe, denn ich wollte Sie mehrmals abholen, allein vergebens.“ „Es iſt nicht ſchön, ſeine Freunde ſo auf die Seite zu ſetzen,“ ſagte Blagnard zu mir. „O, ich erinnere mich nun an das, was ihn beſchäftigt,“ fuhr Jenneville lachend fort,„er iſt ver⸗ liebt.. er hat eine neue Liebſchaft.“ „Was ſpricht man von Liebe, von Verliebtheit?“ ſagt ein kleiner Herr von fünfzig bis ſechszig Jahren mit einer ſchwarzen Perücke und ſonſt grauen Haa⸗ ren, der aber faſhionable gekleidet iſt und zu lächeln ſucht, ohne den Mund zu öffnen, weil er keine Zähne mehr hat.„Die Liebe, das iſt meine ſtarke Seite, meine Herren.“ 8 „Ich glaube eher, es iſt ſeine ſchwache Seite,“ ſagt Frau von Remonde lächelnd;„der arme Herr 90 Breillard, immer will er jung ſein.. Ihnen⸗ Herr Deligny, Ihnen bin ich böſe o, ſehr böſe!... Iſt es recht, daß eine neue Geliebte Ihre Freunde in Vergeſſenheit bringt?“ „Aber Madame, ich verſichere Sie, ich weiß nicht, was Jenneville ſagen will, und was...“ „Sie ſind verſchwiegen, mein Herr, das iſt ſehr ſchön, ich lobe Sie darum; aber Jenneville ſpricht nicht ohne Grund...“ „Ich beſchwöre Sie...“ „Sind Sie ſtille, ich will zudem nicht Ihre Ver⸗ traute ſein... dieſe Rolle hätte keinen Reiz für mich.“ Bei dieſen Worten legt man eine Hand auf mei⸗ nen Arm, läßt ſie ſogar eine Zeitlang darauf liegen... vermuthlich aus Zerſtreuung... Aber Neuangekom⸗ mene treten ein, welche die ſchöne Herminie ſofort empfängt. Es iſt Frau von Saint⸗Julien und Herr Me⸗ lino; ich freue mich darauf, daß dieſe Dame mit⸗ ſpeist, weil ſie, wie ich weiß, ſehr liebenswürdig iſt und gerne ſich unterhält. Von Damen ſehe ich bis jetzt bloß ſie und die Frau vom Hauſe, während wir ſchon unſer acht Herren ſind; allein Frau von Re⸗ monde iſt eine Kokette und erntet gern allen Bei⸗ fall allein: ſolche Damen laden bloß ſolche Frauen⸗ zimmer ein, welche ihre Eiferſucht nicht rege machen können. Man wartet ohne Zweifel auf noch mehr Perſo⸗ nen, denn man trägt immer noch nicht auf und doch iſt es ſchon halb ſieben Uhr vorbei... Ich würde 91 ₰ mit Herzensluſt eſſen, allein es iſt nun einmal Mode, ſich erſt an den Tiſch zu ſetzen, wenn der Appetit vergangen iſt. Ah! da kommt wieder eine Dame... ſie iſt ſchrecklich häßlich.. das Gegentheil hätte mich in Staunen geſetzt; ich wundere mich ſogar, daß man die Frau von Saint⸗Julien eingeladen hat; man hält ſie offenbar für keine gefährliche Nebenbuhlerin. Endlich, um drei Viertel auf ſieben Uhr, meldet ein Diener, daß aufgetragen ſei; zum großen Glücke! Die Frau von Remonde befindet ſich neben mir, ich biete ihr die Hand: ſie nimmt ſie an, indem ſie mir ſehr freundlich zulächelt; während wir uns von dem Salon in den Speiſeſaal begaben, drückt ſie mit ih⸗ ren Fingern ſanft die meinigen... dieß iſt vielleicht eine Gewohnheit 1... Ich habe eine Dame gekannt, welche Allen, mit denen ſie bekannt war, die Hand drückte, und doch konnte ſie nicht wohl Alle lieben. Die Frau von Remonde ſetzt mich bei Tiſch ne⸗ ben ſich. Augenſcheinlich will man mich beehren; aber Jenneville, wird ſie den nicht wenigſtens auf ihre andere Seite ſetzen 2... Nein: Herr Melino, der Begleiter der Frau von Saint⸗Julien, erhält die⸗ ſen Platz. Dieſer Mant iſt ſicherlich reich und ſpielk hoch; er muß alſo wohl etwas Einnehmendes haben. Man ſetzt Jenneville zwiſchen Herrn Breillard und der Dame, die Joko“ gleicht. Gewiß wird er ſich wenig zerſtreuen. Endlich bekommt die Frau von Saint⸗Julien zu Nachbarn zwei kleine unwichtige junge Leute, die man ihr wahrſcheinlich gerne über⸗ läßt. Ich bewundere die Art, wie eine geiſtvolle Frau ihre Gäſte zu ſetzen weiß. Gegenüber von mir ſitzt ein hagerer, vlaß aus⸗ ſehender Herr, der ſpöttiſch lachen will und kein Wort ſagt, ohne demſelben einen doppelten Sinn zu un⸗ terlegen. Ich bemerke, daß man, ſo oft er ſpricht, zum Voraus lacht. Da ich noch nichts Lächerliches von ihm vernommen habe, ſo fragte ich ganz leiſe Frau von Remonde, wer dieſer Herr ſei. „Das iſt ein geiſtvoller, ſehr liebenswürdiger, äußerſt ſcherzhafter Mann... O! Sie werden ſe⸗ hen, wie er uns zum Lachen bringt, was für ein Spaßmacher er iſt. Mit unzerſtörbarem Ernſte er⸗ zählt er die heiterſten Sachen.“ „In der That, ich hätte keinen Lacher in ihm geſucht.“ „Er weiß immer eine Menge Anekdoten, anzie⸗ hender Abenteuer... Beim Nachtiſche wird er uns einige erzählen.“ Da dieſer Herr ein Lacher, ein Spaßmacher iſt, ſo will ich den Uebrigen nachmachen und ſeinen Er⸗ zählungen viel Aufmerkſamkeit ſchenken. Da ich ihn aber bis jetzt bloß die Worte ſagen gehört habe: das iſt gut.. das iſt ſehr gut, oder das iſt ausneh⸗ mend gut,“ ſo glaube ich, daß er noch nicht recht im Gange iſt, und will einſtweilen die andern Gäſte muſtern. Die Frau von Saint⸗Julien unterhält ſich und lacht bereits mit ihren zwei jungen Nachbarn; Hert Melino ſcheint durchaus nicht eiferſüchtig zů ſein, und 1 93 ſich, außer der Her⸗ und Hinbegleitung ſeiner Dame, um das Uebrige nicht zu kümmern; er iſt ein koſt⸗ barer Mann, und ich begreife wohl, warum Frau von Remonde ihn neben ſich geſetzt hat. Er verhält ſich übrigens an der Tafel wie im Salon: er ißt, und ſpricht nichts. Blagnard ſpricht mit einem ſei⸗ ner Nachbarn von Geſchäften, von Ein⸗ und Ver⸗ käufen. Herr Breillard will zu gefallen ſuchen und wirft ſeine Brodkruſte unter den Tiſch, weil man nicht bemerken ſoll, daß er aus Mangel an Zähnen bloß die Krume ißt. Die Dame neben Jenneville ißt für Vier und bewegt ihren Kinnbacken mit der Behendigkeit eines Affen. Jenneville ſpricht wenig und ſcheint nicht aufgelegt zu ſein; ſeine Nachbar⸗ ſchaft zieht ihn nicht ſehr an. Aber Frau von Re⸗ monde achtet nicht auf dieß Geſicht, das er macht; im Gegentheil iſt ſie ſehr zuvorkommend und gefällig gegen mich. Will ſie Jenneville eiferſüchitg machen? Dieß iſt ganz das Benehmen einer Kokette. Ah! der ſpaßhafte Herr ſagt Etwas, aufgepaßt! „Madame von Remonde, Ihr Koch hat uns heute auf engliſche Manier bewirthet... dieß Beafſteak iſt noch ganz blutig!.. „Eſſen Sie es ſo nicht gerne?“ „Verzeihen Sie mir... ſonſt würde ich ſagen, daß. daß Sie uns hier einen blutigen Streich ſpielen!.„ Jedermann lacht, ich thue ebenfalls ſo, geſtehe aber, daß ich dieſen Anfang nicht gar witzig finde, und glaube zudem, daß dieſer Herr ſeit dem Anblick des Lendenbratens ſich darauf beſann. Ah! er ſpricht weiter; Achtung! vielleicht iſt ihm jetzt die Zunge gelöst. „Das iſt eine Sauce, die wahrlich zum Trinken einladet.. dieſem Schelmen von Fiſch muß es ſehr lieb ſein, daß er in einer ſolchen Sauce zubereitet wurde... wenn dieſer Wagehals ſein Glück voraus⸗ geſehen hätte, ſo hätte er ſich wahrſcheinlich bälder fangen laſſen.“ 37 Abermaliges Lachen!.. ich muß doch recht un⸗ verſtändig ſein, daß ich all dieß nicht lächerlich finde... Ei, ich fühle aber Etwas, das mir viel lächerlicher vorkommt als die Witze dieſes Herrn. Seit dem Beginne der Mahlzeit habe ich bemerkt, daß Frau von Remonde ihr Knie oft an das meinige drückt; allein immer rückte ich weg, aus Furcht, meine Nach⸗ varin zu hindern; jetzt ſtellt die ſchöne Herminie ih⸗ ren Fuß auf den meinigen und zieht ihn nicht mehr zurück, während ſie doch fühlen muß, daß ſie ihn nicht auf dem Boden hat. Was Teufels!.. was bedeutet dieß Alles? es handelt ſich nicht mehr darum⸗ Jenneville eiferfüchtig zu machen, er kann nicht ſe⸗ hen, was unter dem Tiſche vorgeht. Ich bin etwas verlegen, laſſe mir aber auf den Fuß ſtehen, weil man ſich zu benehmen wiſſen muß, beſonders wenn man in Geſellſchaft ſpeist. Madame von Remonde begnügt ſich nicht, ih⸗ ren Fuß auf den meinigen zu ftellen, ſie hat ſich mit dem Knie ebenfalls wieder genähert und wirft mir glühende Blicke zu. Man iſt am Rachtſche; 95 der Champagner geht herum.. das iſt der Augen⸗ blick, wo man noch mehr entbrennt, zum Lachen auf⸗ gelegter iſt und ſich leichter verſtändigt. Ich wünſche ſehnlichſt, daß man vom Tiſche aufſtände, aber Frau von Remonde ſcheint großen Gefallen daran zu fin⸗ den; ſie fordert den ſpaßhaften Herrn auf, Etwas zu erzählen, worauf er, mit ernſter Miene auf ſeinem Seſſel hin- und herſchwankend, das Wort nimmt: „Ich, ich weiß nichts, Madame.. ich habe ein ſehr ſchwaches Gedächtniß!... und dann... etwas nur ſo zu erzählen... wenn man darum bittet, ſo macht es keinen Effekt mehr... eine Geſchichte muß einge⸗ leitet.. vorbereitet werden... Ich weiß wohl, es gibt Leute... die ſich das Anſehen geben, als woll⸗ ten ſie etwas erzählen... welche die Zuhörer lange mit künſtlichen Redensarten hinhalten... die Andern horchen geſpannt auf... und endlich, wenn ſie lange genug gehorcht haben, merken ſie, daß man ihnen eigentlich Nichts geſagt hat!...“ Nach dieſen Worten ſchweigt der luſtige Erzähler; er erwartet, daß man lacht, aber dießmal lacht man nicht, denn man weiß nicht, was er hat ſagen wol⸗ len, noch ob er gerade einen Scherz gemacht hat. „Heute iſt er nicht aufgelegt,“ ſagt die Frau von Remonde zu mir,„aber er hat Tage, wo wir ob ihm vor Lachen berſten möchten.“ Während ſie dieß ſagt, ſteht ſie auf; ich gebe ihr die Hand und beim Zurückgehen in den Salon flü⸗ ſtert ſie mir in's Ohr:„Hoffentlich werde ich Sie jett öfter ſehen; wenn gleich bloß Montags und Freitags Geſellſchaftstag bei mir iſt, ſo trifft man mich Morgens zwiſchen elf und zwölf Uhr auch an den andern Tagen.“ Ich mache eine tiefe Verbeugung vor ihr, die ſie nach Belieben auslegen kann; wir befinden uns im Salon, wo bereits eine zahlreiche Geſellſchaft anwe⸗ ſend iſt, und ich ſchmeichle mir, Frau von Remonde werde mir das Vergnügen machen und ſich nicht mehr mit mir beſchäftigen. Armer Jenneville! dieß alſo iſt die Frau, die Du anbeteſt!... über deren Sprö⸗ digkeit zu ſiegen Dich ſo viele Mühe koſtete!... Un⸗ erachtet ich dieſe Laune nicht begreife, kann ich mir doch nicht verhehlen, daß ich die Eroberung der ſchö⸗ nen Herminie gemacht habe, und wahrlich, ich habe ſie nicht geſucht!“ Ich ſehe Jenneville ſich ihr nähern, er ſpricht ei⸗ nen Augenblick mit ihr, ſie antwortet ihm mit ge⸗ bieteriſcher Miene, wovon ich bloß die Worte unter⸗ ſcheiden kann:„Es muß ſein, ich will es, es ſoll ſein!“ dann entfernt ſie ſich von ihm und widmet ſich ihrer Geſellſchaft. Ich näherte mich Jenneville, begierig, ob er noch immer in ſeine Schöne ſo ver⸗ liebt iſt. „Nun, mein lieber Jenneville 2.. „Nun, mein lieber Deligny?.. „Wir haben uns ſchon geraume i nicht mehr geſehen?“ „Sie find gar nicht zu finden, aber hoffentlich wiz man Sie jetzt öfter ſehen; Herminie findet Sie, wie ſie mir eben ſagt, ſehr liebenswürdig; ſie weiß, 97 daß wir Freunde ſind, weßhalb Ihre Gegenwart ihr noch mehr Vergnügen macht.“ „Das iſt ſehr ſchön von ihr.. Es ſcheint mir, daß Sie dießmal beſtändig ſind.. und daß Ihre beiderſeitige Liebe...“ „Sie ſehen, wie ich ſelbſt davon überraſcht bin! dieſe Frau hat mich gefeſſelt... ich bin in ſie vernarrt!.. ſie iſt wohl etwas launiſch, bisweilen etwas trotzig, aber ſelbſt in ihren Launen iſt ſie an⸗ betungswürdig! Ueberdieß bin ich überzeugt, daß ſie Niemand als mich liebt und mir unendlich erge⸗ ben iſt; ſie hat mir Beweiſe davon gegeben!... ich bin nicht ſehr reich.. und wenn ſie Prinzen, Mil⸗ lionäre zu Liebhabern haben wollte, würden Tauſende ihr Vermögen ihr zu Füßen legen, aber ſie hat ihre Huldigungen zurückgewieſen; in ihren Augen gilt der Reichthum nichts, und ſie folgt nur ihrem Herzen.“ Ich weiß hierauf nichts zu antworten; laſſen wir Jenneville ſeine Freude über die Treue der Frau von Remonde; ich werde ſeine Seligkeit nicht zu ſtören ſuchen. Wozu eine Täuſchung, die ſelig macht, auf⸗ decken! Um mich mit der Frau vom Hauſe nicht mehr allein unterhalten zu dürfen, ſetze ich mich zu einem Spiele, und denke zur Verkürzung dieſes langwei⸗ ligen Abends an Auguſtine; ich ſage mir, daß ſie es iſt, die mich in dieſe Geſellſchaft geſchickt hat, ein Gedanke, der meine Langweile etwas vermindert. I†ch verliere mein Geld, das muß ſo ſein; ich bin Paul de Kock. LII. zerſtreut und ſpiele mit Perſonen, die aus dem Spiele ihre einzige Beſchäftigung machen; ich bin bald ausgebeutelt. Darauf ergehe ich mich einen Augenblick in dem Salon; ſie will haben, daß ich 1 ihr von Allem, was ich geſehen habe, Rechenſchaft ablege; ich muß daher ein wenig Beobachtungen an⸗ ſtellen. Aber was werde ich Anderes ſehen, als was man ſiets in denjenigen Häuſern ſieht, wo Niemand einander kennt? An den Ecartétiſchen drücken und preſſen ſich die jungen Leute zuſammen, um zu wetten und zu rathen; an einem mit Gold bedeckten Tiſch und um den Teppich herum lungern einige gemeine Geſichter, einige pöbelhafte Geſtalten, über deren An⸗ weſenheit man ſtaunen muß! und dieſe Leute ſpielen gerade am höchſten; ich begreife das nicht. Herr Breillard ſitzt am ſogenannten kleinen Tiſche vei Damen; der arme Mann iſt ſo vergnügt, weil er gepreßt und vom ſchönen Geſchlechte umringt iſt⸗ daß er mit aller Freude ſein Geld verſpielt; er würde ſelbſt um ſeine Perücke ſpielen, wenn die Damen es verlangten. In einer Ecke ſitzt der luſtige Erzähler des Mah⸗ les auf einer Ottomane; abgeſondert von der Ge⸗ ſellſchaft ſcheint er in tiefes Nachdenken verſunken. Und das iſt nicht mehr als billig; ein Mann, der ſich für geiſtreicher als die Andern hält, muß immer in Gedanken vertieft erſcheinen!... dieß iſt, glaube ich, ſein beſter Scherz für heute. Die dem Joko“ ähnliche Dame hat einen Jüng⸗ ling mit Beſchlag belegt und ſpielt nun„Imperiale 99— mit ihm: der arme junge Mann ſcheint auf der Fol⸗ ter zu ſitzen; er iſt dem Weinen nahe; an dieſe Abendunterhaltung wird er wohl lange denken. Blagnard ſpricht ſehr eifrig mit Jenneville, der ihm aufmerkſam zuhorcht. Frau von Remonde gewinnt Herrn Melino das Geld ab, und achtet unterdeſſen nicht auf mich. Es iſt nahe an Mitternacht; auf, fort! ich habe übergenug. Welcher Unterſchied zwiſchen dieſer Abendunter⸗ haltung und auch nur einer Stunde bei Auguſtine! Beim Fortgehen von der Frau von Remonde meine ich den ganzen Werth der Frau von Luceval beſſer zu empfinden; aber nein, es bedarf, um ſie gehörig zu würdigen, dieſer Vergleichung nicht einmal; ihr Wiederſehen wird ein Feſt für mich ſein, ſo wie man nach einem Gewitter die Schönheit des Sonnenſcheins beſſer fühlt. Meine Pförtnerin übergibt mir einen Brief, an deſſen Handſchrift und Orthographie ich ſehe, daß er von Ninie iſt; was will ſie denn noch von mir? „Mein Freund, denn ſe habe mer geſagt, ſe ſeie es, bſuche Se mi doch, ich, bitte ſe, ich bin Adolf wieder begegnet; er fiehrt ſe ſähr ſchlecht gegen mi auf; J brauch ihren Rat. Ihre freunden Ninie.“ Ich ſtecke das Billet in die Taſche mit dem Vor⸗ ſatze, das Mädchen zu beſuchen; aber bald verſchwin⸗ det ihr Andenken aus meinem Gedächtniß, und bloß an das Glück, Auguftinen zu beſuchen, denkend, ſchlum⸗ mere ich ein. Sobald am folgenden Tage die Stunde es mir 100 erlaubte, meinen Beſuch bei der Frau Luceval zu machen, machte ich mich auf den Weg nach der Bou⸗ cherat⸗Straße. Vor meiner Thüre begegne ich Du⸗ bois; er will mich veſuchen, allein ich habe keine Zeit, mich aufzuhalten. „Du gehſt aus!“ ſagt er. „Ja, ich muß eilen. „Nun! macht ſich Deine Prinzeſſin immer noch ſo koſtbar 2... „Es iſt eine herrliche, verehrungswürdige Frau! ich gehe gerade zu ihr „Es geht alſo jetzt gut.. ſie hat nachgegeben...“ „Ich will es Dir ein ander Mal erzählen.“ „Ei, Paul! ſuche doch Zenobie unterzubringen...“ Ich bin bereits weit weg von Dubvis; auf Flügeln gelange ich zur Frau Luceval. Sie empfängt mich mit einem Lächeln, das nur ihr eigenthümlich iſt. „Ich erwartete Sie mit ungeduld,“ ſagte ſie zu mir. Sie erwartete mich!... und es iſt doch noch nicht Mittag!... Darf ich dieſe Sehnſucht nach mir nicht für eine gute Vorbedeutung halten?*.. Ich bin ihr alſo nicht mehr gleichgültig, denn man er⸗ wartet Jemand, für den man nichts empfindet, nicht mit Ungeduld. In einer Sekunde kamen mir alle vieſe Gedanken, und ich ſetzte mich neben ſie hin. „Nun! geſtern haben Sie bei der Frau von Re⸗ monde geſpeist?“ „Ja, Madame, weil Sie mich dazu veranlaft haben.“ 8 „Haben Sie ſich gut unterhalten? waren vielt 101 Gäſte da?.. Erzählen Sie mir Alles, was man gethan hat.“ Um ihr Alles zu erzählen, rückte ich meinen Seſſel näher an den ihrigen, ſie wich aber nicht zurück. Ich ſitze ſo nahe bei ihr, daß ich ihren Körper hätte um⸗ faſſen können, wenn ich meinen Arm ausgeſtreckt hätte.. Meine Kniee berühren beinahe die ihrigen.. Ah! wie herrlich lebt es ſich ſo! „Nun! Sie reden nicht, mein Herr?“ „Ach, verzeihen Sie, Madame, ich ſammelte meine Gedanken... Die Geſellſchaft, welche ich bei der Frau von Remonde geſehen habe, war faſt die näm⸗ liche, welche ich das erſte Mal dort getroffen hatte... wenige Damen... keine hübſche, dagegen aber viele Herren jeden Alters, jeder Gattung und vielleicht jeden Standes.“ „Herr Jenneville war anweſend?“ „Er iſt immer noch in dieſe Dame verliebt?“ „Mehr als je!.. „Mehr als je2... ich hielt dieſen Herren für ſehr ſlatterhaft...⸗ „Die Unbeſtändigſten werden am Ende manchmal die Treueſten... „Ja. manchmal!“ Sie ſenkt ſeufzend den Kopf. ich ſeufze auch... So verweilten wir eine Zeitlang, ohne zu reden. „Hat er es Ihnen geſagt, oder haben Sie be⸗ mertt, daß er immer ſehr verliebt iſt?“ „Er hat es mir ſelbſt geſagt.“ 102 „uUnd ohne Zweifel betet man auch ihn an?...“ „Sie wiſſen, daß dieß nicht immer der Fall iſt; wenn man viel liebt und wenn man viel geliebt wird. es ſchien mir im Gegentheil...“ „Es ſchien Ihnen.. was denn?.. was haben Sie bemerkt 2... „Ich wollte bloß ſagen, daß die Frau von Re⸗ monde eine große Kokette iſt, und dieſe Frauen ſind ſelten ſehr verliebt.. „Ja, aber dieſe Frauen liebt man am meiſten.. „Nicht immer, Madame!“ „Nun, haben Sie Etwas geſehen, das Sie ver⸗ muthen läßt, dieſe Dame liebe Herrn Jenneville nicht?“ „Nein, Madame, nein, ich ſprach im Allge⸗ meinen.“ Es fiel mir nicht entfernt ein, der Frau Luceval von dem Kniedrücken, den Fußtritten unter dem Tiſche und von der Einladung auf den Vormittag ein Wort zu ſagen; es iſt überhaupt durchaus nicht ſchön, die Schwachheiten einer Frau preiszugeben. Endlich zu ſagen, ich habe eine Eroberung gemacht, wäre dieß nicht läppiſch von mir geweſen? Ich erzähle ihr A⸗ les auf's Genaueſte, was man bei der Frau von Re⸗ monde gethan hat, und verhehle auch nicht, daß ich achtzig Franken verſpielt habe, weil ſie mich zu dem Gange dahin aufgemuntert hat. Auguſtine hört mich aufmerkſam an. Nachdem ich fertig war, ſagt ſie mit freundlicher, wiewohl etwas melancholiſcher Miene zu mir;„Ich danke 10³ Ihnen, Herr Deligny; aus bloßer Gefälligkeit gegen mich ſind Sie in dieſem Haus geweſen... Ich bin Ihnen ſehr verbunden; könnte ich doch auch Etwas thun, das Ihnen angenehm wäre!... „Wenn Sie könnten!... Ach, Madame! Sie dür⸗ fen nur ein Wort ſagen, um mich zum Glücklichſten auf der Welt zu machen!... Wenn ich nur Hoffnung hätte, einmal Ihre Gleichgültigkeit zu überwinden...“ „Herr Deligny, ich bitte Sie, ſprechen Sie mir nicht von Liebe. ſie darf, ſie kann nicht mehr in mir wohnen.“ „In Ihnen!.. und Sie ſtehen noch in der Blüthe der Jahre! Sie vereinigen Alles in ſich, um zu ge⸗ fallen und diejenigen zu feſſeln, welche Sie zu ken⸗ nen das Glück haben!...“ „Ich werde Ihnen wieder die Bedingungen un⸗ ſerer Freundſchaft in's Gedächtniß rufen müſſen!.„ „Ich ſchweige, Madame!...“ Ich ſagte auch wirklich nichts mehr, ſeufzte bloß und ließ die Unterlippe hängen.. das gewöhnliche Hülfsmittel des Liebhabers, deſſen Wunſch nicht er⸗ füllt wird; übrigens ein ſchlechtes Mittel, ſich Liebe zu gewinnen, wenn man ein trauriges Geſicht macht; wenn man aber wirklich verliebt iſt, iſt man unge⸗ ſchickt. Nach einer Weile ſagt Frau Luceval in heiterem Tone zu mir:„Nun, mein Herr, werden Sie nie aufhören, zu ſeufzen, ſprechen Sie nicht mehr? Sie ſollen mit mir plaudern und nicht ſo traurig ſein. Ei! ich wollte Sie ſchon lange Etwas fragen.. denn ich frage ſehr gerne, wie Sie wiſſen... über jenes hübſche junge Mädchen, mit dem ich Sie in der Oper geſehen habe.“. „Seit ich das Vergnügen habe, zu Ihnen zu kommen, ſehe ich ſie nicht mehr.“ „Mein Gott! ſeitdem Sie zu mir kommen, ſehen Sie alſo Niemand mehr! Wiſſen Sie, daß ich dieß nicht haben will; ich ſehe nicht ein, warum Sie meinetwegen ein Miſantrop werden ſollen... Wa⸗ rum beſuchen Sie jene junge Perſon nicht mehr?“ „Weil. ich ſie nicht ewig kennen kann... ſolche Verbindungen dauern nicht ewig... Zudem konnte jenes junge Mädchen mich nicht... und dann. kurz ich beſuche ſie nicht mehr.“ „Wie gut heißt dieß geantwortet!... Warum ſa⸗ gen Sie nicht: ich liebe ſie nicht mehr, das wäre offenherziger... und weil Sie ſie nicht mehr lieben, müſſen Sie ſie deßhalb ganz verlaſſen? nicht einmal mehr ſich erkundigen, was ſie thut, und ob ſie glück⸗ lich oder unglücklich lebt?... Aber ſo ſind die Her⸗ ren: ganz Feuer, wenn ſie verliebt ſind, und ganz Kälte, wenn man ihnen nicht mehr gefällt. 6 „Madame, ich glaube dieſe Vorwürfe n verdienen.. dieſes junge Mädchen gehört einem Stande an... „Ja, ſie macht Franſen, ich weiß es.“ „Sie wiſſen dieß?“ .„Ich weiß ſogar, daß ſie Ninie heißt.. oder * Fanny „Wie kommt dieß?.„ 105 „O! ich weiß Alles; ich habe oft Dinge erfah⸗ ren, die ich nicht habe wiſſen wollen!... Ich hatte wohl Grund, zu lachen, als Sie mir ſagten: es ſei eine junge Dame vom Lande.“ „Wahrhaftig, ich kann mich nicht genug wundern, nein!.. wie wiſſen Sie das Alles?.. „Das bleibt bei mir.“ „Sie kennen augenſcheinlich dieſes junge Mädchen.“ „Nein. ich habe nie mit ihr geſprochen.“ „Da Sie von Allem ſo gut unterrichtet ſind, ſo wiſſen Sie ohne Zweifel auch, daß Ninie mir geftern geſchrieben hat.“ „Sie hat Ihnen geſchrieben? dieß wußte ich nicht und was hat Sie Ihnen denn geſchrieben?“ „Sie lud mich ein, Sie zu beſuchen...“ „Sie liebt Sie noch?“ „Nein, ſie will im Gegentheil mit mir von ihrem erſten Liebhaber reden... von jenem, den ſie vor mir kannte, und an den ſie, wie ich glaube, immer denkt.“ „Wirklich!.. und doch iſt ſie ihm wegen Ihnen untreu geworden.“ „Er hatte ſie aufgegeben!“ S„Sie haben den, welchen ſie vor Ihnen liebte, nicht gekannt?“ „Nein, ohne Zweifel... „Sie hat Ihnen ſeinen Namen nicht geſagt?“ „Er nannte ſich Adolph.. dieß iſt aber vermuth⸗ lich bloß ein angenommener Name.“ „Ah! er ließ ſich Adolph nennen?“ „Aber Madame, ich meine, die Liebſchaften der 106 Jungfer Ninie ſollten uns nicht ſehr intereſſiren und wir könnten...“ „Verzeihen Sie, mein Herr, das intereſſirt mich im Gegentheil ſehr... Herr Deligny... Sie werden mich ſehr ſonderbar finden... aber ein Freund ſoll nachſichtig ſein, und Sie werden mich entſchuldigen...“ „Was iſt's denn?“ „Haben Sie den Brief dieſes Mädchens?“ „Ja, Madame...“ „Wollen Sie mir ihn zeigen?“ „Ihnen Ninie's Brief zeigen?2... „Ich bitte Sie darum.“ „Ich habe Ihnen den Brief der Frau von Re⸗ monde zeigen können, er war wenigſtens franzöſiſch geſchrieben, aber den Ninie's.. ich kann wahrhaftig nicht!.. „Verzeihen Sie, ich ſehe, daß in dem Briefe Sachen ſtehen, die ich nicht wiſſen ſoll!...“ „Die Sie nicht wiſſen ſollen!... Sie!... da haben Sie den Brief!“ Ich gebe ihr Ninie's Billet; ſie nimmt es ſchnell und liest es eben ſo aufmerkſam als das der Frau von Remonde. Ich begreife dieſe Frau nicht. Aber ich muß Alles thun, was ſie will. Sie gibt mir das Billet mit den Worten znit „Sie hat dieſen Adolph wieder geſehen; er beträgt ſich ſchlecht gegen ſie... ſie will Ihnen dieß Alles erzäh⸗ len. Sie müſſen zu ihr hingehen, mein Herr; Sie können dieſem Mädchen, das in Sie Vertrauen ſetzt⸗ Ihren Rath nicht vorenthalten... 107 „Was ſoll ich ihr aber rathen, ich? Kenne ich denn ihren Adolph? Uebrigens hat er ſie geliebt, und liebt ſie nicht mehr; darin ſehe ich nichts Außer⸗ ordentliches...“ „Verzeihen Sie mir, Sie wird Ihnen die Urſache ihrer Klagen mittheilen...“ „Ah! wenn ich alle Klagen der Jungfern, welche treuloſe Liebhaber haben, anhören müßte...“ „O! ich weiß wohl, Sie finden dieß ganz natür⸗ lich; aber ich, ich bin ſehr begierig, zu erfahren, ob ſie jenen Adolph wiederſieht.. kurz, was Sie Ihnen ſagen will. Sie werden ſie beſuchen, nicht wahr? Ich wage es nicht, Ihnen zu ſagen, daß ich es ha⸗ ben will, das wäre lächerlich, ich weiß wohl, daß ich keine Macht über Ihren Willen habe... „Keine Macht!.. Ach Madame, ich wetde hin⸗ gehen, ich würde bis an das Ende der Welt gehen, wenn Sie es wünſchten. Doch geſtehe ich Ihnen, daß ich nicht begreife, warum Sie mich ſo gerne zu allen Frauenzimmern, die mir ſchreiben, ſchicken.“ „Ich werde Ihnen einmal den Grund hievon ſa⸗ gen.. Es iſt noch nicht zwei Uhr, Sie können dieß Mädchen heute noch ſehen; heute Abend werden Sie mich beſuchen und mir mittheilen, was ſie Ihnen ſagen wollte...“ „Was! ich ſoll ſogleich hingehen!... „Und heute Abend werden Sie mich wieder be⸗ ſuchen... „Nun, Madame, ſo will ich denn fortgehen und mich zu Jungſer Ninie begeben. 108 Auf dem Wege nach der Straße Aubry⸗le⸗Boucher denke ich über das ſonderbare Benehmen der Frau Luceval nach: ſie kann, wie ſie ſagt, nicht mehr lie⸗ ben, und empfängt faſt alle Tage einen Mann, von dem ſie weiß, daß er ſie anbetet. Sie verbietet mir, mit ihr von meiner Liebe zu reden; doch ladet ſie mich, wenn ich Vormittags gehe, zu einem Beſuch auf den Abend ein. Sie will mir gar keine Hoff⸗ nung geben, erkundigt ſich aber bis auf's Kleinſte nach Allem, was ich treibe, nach allen Perſonen, die ich beſuche, ſie hört gerne, wie ich mir die Zeit vertreibe; endlich will Sie die Billete leſen, welche mir andere Frauenzimmer ſchreiben... Ach! Augu⸗ ſtine verbietet mir umſonſt die Hoffnung. Alles ver⸗ räth mir, daß ſie mich liebt... vielleicht, ohne daß ſie bis jetzt es ſich ſelbſt bekennt; aber durch heiße Liebe werde ich fie wohl dahin bringen, daß ſie mir ihre Gefühle nicht mehr verbirgt. Da iſt die Wohnung Ninie's; das Haus ſcheint mir noch häßlicher geworden zu ſein als vor zwei Monaten, denn damals zog mich noch Etwas da⸗ hin... Ich ſtehe vor der Thüre. Wenn nur Ninie nicht bei Madame Ballü ſich befindet; ich hätte das Herz nicht mehr, ſie dort zu beſuchen, noch das Ge⸗ ſchwätz der Madame Mattoux anzuhören. Doch Ninie iſt zu Hauſe; ſie ſtößt einen Freuden⸗ ruf bei meinem Anblick aus. „Ah! Sie find es, Herr Paul... Gottlob! daß Sie einmal kommen! ich mußte Ihnen deßhalb ſchreiben. 109 „Was wollen Sie, meine liebe Ninie; ich bin nicht immer Herr über meine Zeit.“ „Ach freilich! es iſt nicht mehr wie früher... Setzen Sie ſich doch.. Warten Sie, bis ich einen Seſſel finde, auf dem nichts liegt... früher ſaßen Sie auf mein Bett, wenn kein leerer Platz da war.“ „Ich werde mich wieder darauf ſetzen, Ninie.“ „O nein! jetzt ſchickt es ſich nicht mehr... hier iſt ein Seſſel, mein Herr.“ Die Kleine ſtellt mir mit halb ernſthafter, halb lächelnder Miene einen Seſſel hin, wirft ihre Arbeit auf die Seite und ſetzt ſich mir gegenüber. Ich ſehe ſie eine Zeitlang an und bemerke, daß ſie ganz rothe Augen hat. „Waos fehlt Ihnen denn, Ninie?... Sie haben geweint.“ „O ja, ich weine gegenwärtig oft.“ „Und warum denn?“ „Ach! um mich zu zerſtreuen.“ „Das iſt eine ſonderbare Zerſtreuung; erzählen Sie mir Ihren Kummer... Wenn ich Sie auch lange nicht beſucht habe, ſo dürfen Sie mir doch glauben, daß ich deßhalb nicht weniger Ihr Freund bin... Nun, ſagen Sie mir, warum Sie geweint haben?“ „Weil mich die Sehnſucht quält.“ „Sie quält die Sehnſucht, und nach wem?“ „Ich weiß nicht, ob nach Ihnen oder nach Adolph.“ „Ich bin es überzeugt, nach Adolph.. Sie ha⸗ ben mir geſchrieben, er habe ſich gegen Sie ſehr ſchlecht betragen.. Was hat er denn gethan?“ „ „Gleich anfangs hat er mir, wie Sie wiſſen, geſagt, er reiſe nach England und heirathe mich viel⸗ leicht nach ſeiner Rückkehr.“ „Ja, wenn Sie recht vorſichtig geweſen wären, allein derlei Verſprechungen verpflichten zu Nichts.“ „O doch, weil Herr Adolph der Erſte war, den ich kennen lernte... Seinetwegen habe ich meine Tante verlaſſen; er hat mich entführt.“ „Das heißt, Sie haben ſich ſehr gerne entführen laſſen.“ „O! das iſt einerlei; er hat mich dazu ver⸗ führt, und Charlotte ſagte, daß, wenn ein Mann der Erſte war, der.. der zuerſt.. kurz, daß unſer Verführer uns jederzeit Rückſicht und Dank ſchul⸗ dig iſt.“ „Jungfer Charlotte hat Ihnen oft Sachen ge⸗ ſagt, auf die Sie nicht hätten hören ſollen; doch gebe ich zu, daß Ihr Herr Adolph Rückſichten für Sie haben ſollte. Man muß für alle Frauenzimmer welche haben, namentlich für ſolche, die uns glück⸗ lich gemacht haben; und Herr Adolph hat ſich deß⸗ halb ſchlecht betragen?“ „Vor einiger Zeit, zwei Tage vorher, ehe ich Ihnen in der Bouch erat⸗Straße begegnete, als ich eben in die Petit⸗Champs⸗Straße ging, um Arbeit zu holen, begegnete ich Herrn Adolph in Begleitung einer ſchönen Dame mit einem Federnhut, welche er am Am führte.. bei ſeinem Anblick ging mir ein Stich durch's Herz!... mir, die ich ihn in England glaubte!... Ich blieb ganz erſtaunt ſtehen, und weiß „ 441 nicht, ob er mich geſehen hat, allein er ſetzte ſeinen Weg fort, ohne nur anzuhalten oder ſich umzudre⸗ hen... Ich konnte mich nicht mehr auf den Füßen halten!... ganz beſtürzt über dieſes Begegnen kam ich nach Hauſe zurück und erzählte es ſofort Char⸗ lotte. Dieſe ſagte zu mir:„Du biſt eine dumme Gans; Dein Adolph iſt ein Gauner, ein Treuloſer, Du hätteſt ihm nachlaufen, auf der Straße Grob⸗ heiten machen und mit Deinen Eltern drohen ſollen, wenn er Dich nicht von Neuem unterhalte.““ „Jungfer Charlotte hat Ihnen einen ſehr ſchlim⸗ men Rath ertheilt.“ „Ach! ich war nicht Willens, ihn zu befolgen; Sie wiſſen es wohl, ich bin nicht im Stande, Je⸗ manden Grobheiten zu machen, ſei es nun auf der Straße oder in einem Hauſe!... Indeſſen war ich mir ſelbſt böſe, daß ich Adolph nicht nachgelaufen bin, ich hätte wiſſen mögen, wo er wohnt und ob er mit der ſchönen Dame, die er am Arme führte, verheirathet iſt. Mehrere Tage verſtrichen; ich hoffte, er werde mich beſuchen, weil er in Paris iſt, aber er iſt nicht gekommen; endlich vor vier Tagen bin ich Adolph auf dem Siegesplatze wieder begegnet: dießmal war er allein, und ich ſagte bei mir ſelbſt, er wird mich wohl ſehen müſſen. Er ging ſehr chnell, aber ich holte ihn ein und hielt ihn mit den Worten an:„Gottlob! daß ich Ihnen begegne, mein Herr, denn ſeit Ihrer Zurückkunft aus England beſuchen Sie mich nicht oft.. Er erröthete, ſtellte ſich übelgelaunt und antwortete mir: Meine liebe Freun⸗ „ vin, ich habe es nicht gerne, wenn man mit mir auf der Straße ſpricht, ich verbiete Ihnen für die Zu⸗ kunft, mich anzuhalten und ſich zu ſtellen, als ob Sie mich kennen; ich habe für Sie eine Caprice faſſen können, allein ſie iſt verſchwunden, und von nun an wird nie mehr wieder irgend eine Gemein⸗ ſchaft zwiſchen uns beſtehen. Meine Reiſe nach Eng⸗ land war bloß ein Vorwand, Sie los zu werden; Sie hätten das errathen ſollen; ich wiederhole Ih⸗ nen, unterſtehen Sie ſich nicht mehr, mit mir zu reden; wo nicht, ſo werde ich Sie behandeln, wie man Mädchen Ihres Schlags behandeln muß!... Nachdem er mir dieß geſagt hatte, entfernte er ſich; ich blieb eine Zeitlang unbeweglich auf derſelben Stelle ſtehen, ich konnte nicht mehr gehen, ich meinte, ich müſſe erſticken!... Dann ging ich weinend zu Charlotte, welche mich abermals eine dumme Gans hieß und ſagte, ich hätte meinem Verführer das Ge⸗ ficht ſo zerkratzen ſollen, daß er lange daran gedacht hätte. Seit dieſer Zeit habe ich oft geweint... man hatte nie mit mir auf dieſe Art geſprochen... die Mädchen meines Schlags!.. von welchem Schlage bin ich denn, daß ich ſo behandelt werde?“ „Ihr Herr Adolph hat ſehr Unrecht gehabt; er hätte Ihnen ſein„ich liebe Sie nicht mehr“ ſagen können, ohne daß er hätte grob zu werden brauchen. Das iſt durchaus nicht ſchön.⸗ „Freilich iſt das nicht ſchön; als Sie, Herr Paul, mir ſagten, Sie lieben mich nicht mehr, da haben Sie mir wenigſtens keine Grobheiten geſagt!“ — 113 „Sie müſſen dieſen Mann vergeſſen, nie mehr an ihn denken und ſich tröſten, Ninie.“ „Gewiß; ich liebe ihn nicht mehr... denke nicht mehr an ihn... aber die Dinge, die er mir geſagt hat, liegen mir auf dem Herzen.. weil ich ihn ge⸗ liebt.. ihm geglaubt habe... ſagt er mir, ich ſei ein Mädchen von meinem Schlag hi, hi, hi!... mir drohen... mir verbieten, ihn zu kennen... hi⸗ hi, hi!.„ „Nun, Ninie, weinen Sie doch nicht länger ſo...“ „Ach!.. doch!.. drum. es iſt. ſchrecklich!⸗ „Sie haben verſprochen, nicht mehr an ihn zu denken!“ „Sie haben mir nicht verboten, Sie wieder zu er⸗ kennen, Sie!... wenigſtens!.. und Sie ſind doch nicht mein Verführer.. Sie.. hi, hi, hi!“ „Ninie, es iſt nicht vernünftig, ſo zu weinen, Ihre Augen werden dadurch nur roth und krank.“ „Das iſt mir gleich.. Niemand liebt mich jetzt! das verdrießt mich, daß man mich nicht liebt.. hi, hi, hi!.../ Dieſes Mädchen will nicht aufhören, zu weinen; um ſie zu tröſten, ziehe ich ſie auf meine Kniee, drücke ſie in meine Arme und küſſe ſie.. kurz, es gibt nichts, das ich nicht thue.. Sie iſt tief be⸗ trübt, und ich hatte viele Mühe, bis ich ſie endlich beſänftigte; doch ſie weint nicht mehr, im Gegen⸗ theil, ſie lächelt mich an.. ich weiß nicht, wie es kommt, daß wir Beide auf dem Bette ſitzen, das Paul de Kock. LII. 8 1¹4 ich früher bei ihr einnahm, wenn kein Seſſel va⸗ cant war. „Nun, Rinie, Du weinſt nicht mehr?“ „O nein, es iſt vorbei... ich will keinen Kum⸗ mer mehr tragen, ich werde nicht mehr an Adolph denken. aber Du liebſt mich!.. Sie werden mich doch immer ein wenig lieben, nicht wahr?“ „Gewiß; dagegen werden Sie nie mehr zu Char⸗ lotte gehen; denn ſehen Sie, Ninie, in dieſem Fall wäre ein Mann berechtigt, Sie zu verachten und mit Ihnen zu reden, wie es dieſer Adolph gemacht hat.“ „Oljetzt gehe ich nicht mehr zu ihr, ich arbeite den ganzen Tag und am Sonntag gehe ich zu mei⸗ ner Tante zurück, mit der ich wieder ausgeſöhnt bin.“ „Das iſt ſehr ſchön! Aber ſagen Sie mir, Ninie, tennen Sie eine Dame Namens Luceval?“ „Nein, mein Freund.“ „Sind Sie manchmal wegen einer Arbeit oder aus einem andern Grunde in einem Hauſe der Bou⸗ cherat⸗Straße geweſen?“ „Nein. ich kenne Niemand in dieſer Straße.“ „Das iſt doch ſonderbar.“ „Warum denn?“ „Ach! Etwas.. das mich angeht.. Adien, Ni⸗ nie, ich muß mich von Ihnen trennen. Seien Sie recht artig.. gehen Sie nicht mehr zu Charlotte⸗ und weinen Sie nicht mehr.“ „Aber Sie werden mich von Zeit zu Zeit beſu chen, damit ich mich nicht zu ſehr langweile“ 4¹5 „Ja, ich verſpreche es Ihnen.“ Ich umarme ſie noch einmal und gehe fort. Soll ich heute Abend der Frau Luceval Alles ſagen, was ich bei dieſem Mädchen gethan habe?. Nein, Etwas werde ich vor ihr verſchweigen. Allem nach iſt es doch eigen von Frau Luceval, daß ſie mit aller Gewalt haben will, ich ſoll andere Frauenzimmer beſuchen; vielleicht, um die Leidenſchaft, die ſie mir eingeflößt hat, zu zerſtreuen, oder um meine Feſtig⸗ keit auf die Probe zu ſetzen 2... Wenn ich, wie heute Morgen zum Beiſpiel, unterliegen würde, was würde dieß beweiſen? Kann man nicht untreu ſein, und doch nicht aufhören, beſtändig zu ſein? Abends kehre ich zu Auguſtinen zurück und erzähle ihr Alles, was ich ihr von meinem Beſuch bei Ninie mittheilen kann. Sie hört aufmerkſam auf das, was Herrn Adolph berührt, und ruft endlich aus:„Das iſt nicht ſchön, wirklich nicht ſchön, ein junges Mäd⸗ chen, das ſich ihm geopfert hat, ſo zu behandeln!... es wäre mir, glaube ich, lieber geweſen, wenn er ſie ewig geliebt hätte.“ Ich ſehe nicht ein, was das Benehmen Adolphs, den zu kennen ich nicht die Ehre habe, ſie angehen kann. Auguſtine dankt mir mit liebreicher Miene für meine Gefälligkeit, wie ſie es nennt, als ob ich mich nicht zu glücklich fühlte, Alles zu thun, was ſie wünſcht; und im Grunde war mein Beſuch bei Ni⸗ nie nicht ſo gar unangenehm. Als ich ſie endlich ver⸗ laſſe, reicht ſie mir die Hand und nennt mich ihren Freund!.. Ach! möchte ſie von nun an befehlen 116 und nach Belieben über alle meine Augenvlice ver⸗ fügen! 5 Siebentes Kapitel. Der Ball im Aute uil. Wir ſtehen im Monat Mai, die Bäume ſchmücken ſich, die Gefilde grünen, die Wieſen prangen mit ihren lachenden Farben. Mein Vater hat mir meh⸗ rere Male geſchrieben, er erwarte mich; ich habe ihm geantwortet, ich werde mich bald in ſeine Nähe be⸗ geben, und immer bin ich noch in Paris; ich wage es nicht, mich von der Frau, die ich verehre, auch nur auf einige Tage zu entfernen. Bin ich aber in meiner Liebſchaft vorgerückt?.. habe ich das Herz Auguſtinens mehr gewonnen?... ſie hat zwar noch nichts, was mich dieſes hoffen ließe, zu mir geſagt, allein ſie iſt gegenwärtig ſo gütig gegen mich! ich kann nicht zweifeln, daß meine Be⸗ ſuche ihr Freude machen; wenn ich zu ihr komme, ſo ſehe ich deutlich, daß meine Gegenwart ihr an⸗ genehm iſt... keine kalte Höflichkeitsformen, keine Complimente und Umſtände mehr, die das Herz er⸗ ſtarren machen, ſondern ein liebliches Lächeln, ein freundlicher Blick, freundliche Worte warten auf mich und bringen mein Herz in eine köſtliche Bewegung. Es vergeht auch ſelten ein Tag, ohne daß ich ſie⸗ Abends oder Morgens, beſuche. Ich kenne jetzt die Perſonen, welche Zutritt bei ihr haben; dieſes ſind ihre Freundin, jene Juliette, 17 die ich bereiis geſehen hatte, ferner die ältere Dame, mit der ich ihr in der Oper begegnet bin. Dieſe zwei Damen ſind die einzigen Perſonen, die ich zu ihr kommen ſehe, die ältere Dame überdieß nur ſehr ſelten. Ich bin alſo der einzige Herr, den ſie auf⸗ nimmt.. der einzige.. ach! wie glücklich muß ich mich durch den Vorzug, den ſie mir ſchenkt, ſchätzen, denn ohne Zweifel haben ſich Viele um die Gunſt, Zutritt bei ihr zu erhalten, beworben. Bisweilen ſcheint Auguſtine erſchrocken, wenn ſie darüber nach⸗ denkt, was die Leute über meine häufigen Beſuche bei ihr denken müſſen. Aber bald darauf beruhigt ſie ſich mit den Worten:„Die Leute beſchäftigen ſich nicht mehr mit mir!... Ich nehme bloß Sie und zwei treue Freundinnen auf; ſoll ich denn auch dieſe letzte Freude den albernen Reden der Leute aufopfern, die überall Böſes erblicken, weil die Verläumdung ihre Unterhaltung anziehender macht? Nein, kommen Sie immerhin, Herr Deligny; von nun an darf die Meinung der Menſchen auf meine Handlungen keinen Einfluß mehr ausüben; ich habe ſie in ihren Urthei⸗ len zu oft ſich täuſchen ſehen, als daß ſie mich noch anſtecken können.“ Ich ſetze alſo meine Beſuche bei ihr fort; aber ſie will auch haben, daß ich meine Freunde oft be⸗ ſuche, und bloß unter dieſer Bedingung erlaubt ſie mir den häufigen Zutritt bei ihr. Ich täuſche ſie manchmalz ich komme ſeit dem Tag, wo ich dinirt habe, nicht mehr zur Frau von Remonde. Ich begeg⸗ nete Jenneville im Theater mit der ſchönen Herminie, 118 welche mich ſehr kalt empfing und meine tiefen Ver⸗ beugungen kaum zu erwiedern geruhte. Ich weiß, weßhalb dieſe Dame ihr Benehmen gegen mich ge⸗ ändert hat. Ich habe mir ihren Zorn zugezogen, weil ich ihren Antrag nicht angenommen und dadurch ein großes Verbrechen begangen habe! das iſt die größte Beleidigung, der man ſich gegen die Frauen⸗ zimmer ſchuldig machen kann; dieſe verzeihen ſie nie. Sonderbares Betragen dieſer Damen!... Sie ver⸗ zeihen es einem Manne, der ihnen gefallen hat, nicht, wenn er ſich nicht in ſie verliebt. Ach! wenn wir gegen alle Frauenzimmer, die uns gefallen und uns nichts gewähren, Haß tragen müßten!... Freilich iſt der Mann gewöhnt, den Hof zu machen, und die Frau, daß er ihr gemacht wird; das Gegentheil muß viel unangenehmer ſein. Die Liebe, die mich unaufhörlich beſchäftigt und welche die Triebfeder aller meiner Handlungen ge⸗ worden iſt, verſetzt mich bisweilen in ein ernſthaftes Nachdenken über meine Lage. Da ich Auguſtine ver⸗ ehre, da ſie Wittwe iſt und von keinem Verwandten abhängt, wäre es nicht ganz natürlich, ſie, wenn ich ihre Gegenliebe gewänne, um ihre Hand zu bitten? Ich fühle wohl, daß meine Liebe zu ihr keine leere Aufwallung iſt, noch eine jener unüberlegten Leiden⸗ ſchaften, die kein Hinderniß kennen, die aber, ſobald ſie befriedigt ſind, erlöſchen. Auguſtine meine Frau heißen und bloß für ſie leben, würde alle meine Wünſche erfüllen. Aber Frau Luceval iſt reich; nach dem, was ich entnehmen konnte und nach einigen 11¹9 Worten, die ihr entſchlüpften, vermuthe ich, vaß ſie wenigſtens zwölftauſend Franken Renten beſitzt. Und ich. ich habe faſt bloß noch den vierten Theil dieſes Vermögens. Während ich alle Tage ſparen will⸗ brauche ich mehr, als ich ſollte; gehe ich Auguſtine zuliebe in Geſellſchaft, ſo verſpiele ich mein Geld; kurz, ich ſehe mein Vermögen ohne Hoffnung von Zuwachs ſtets abnehmen. Dieſer Gedanke beunru⸗ higt, quält mich; da ich bei Weitem nicht ſo reich bin, wie Frau Luceval, kann ſie, wenn ich ihr den Hof mache und ſie um ihre Hand bitte, nicht auch glauben, es geſchehe aus Intereſſe? O nein! Au⸗ guſtine wird dieß nicht glauben... ſie wird beſſer von mir denken!... ſie wird in meinem Innern le⸗ ſen... Aber mein Stolz wird gekränkt, wenn ich bedenke, daß ich dieſer herrlichen Frau nicht alle Freuden und Annehmlichkeiten des Lebens gewähren kann. Gleichviel, ich möchte allen ihren Wünſchen entgegenfliegen können und nicht jenen Gatten glei⸗ chen, die zu der Börſe ihrer Frau Zuflucht nehmen müſſen, um ihr Geſchenke zu machen. Ach! wenn ich Auguſtine bei meiner Ankunft in Paris kennen gelernt hätte, würde ich von meinem Vermögen keine zwei Drittel gebraucht haben. Wozu dient es aber, auf das Vergangene zurückzukommen! Zu dem Geſchehenen muß man das Beſte ſagen.. das Uebel wieder gut machen, iſt ein ſchwieriger Punkt!... Ich denke jetzt an Blagnard, jenen Mann, der ſo gute Geſchäfte macht, dem es ſo leicht iſt, Geld 120 zu gewinnen.. Wenn ich verwegener geweſen wäre, ſo hätte er vielleicht mein Kapital vermehrt; ja viel⸗ leicht!... Aber ich begegne ihm nicht mehr, ſeitdem es mir lieb wäre, ihn zu ſehen. Dieſe Gedanken beſchäftigen mich bisweilen in Auguſtinens Nähe; wenn ſie meine Zerſtreuung oder mein Nachfinnen bemerkt, ſo fragt ſie mich liebreich um den Grund davon, den ich ihr aber nicht mit⸗ theilen mag. Es ſcheint mir eine Schande, ſagen zu müſſen, man ſei nicht reich, doch liegt oft mehr Schande in der OQuelle eines Vermögens. Eines Morgens nehme ich mir vor, mich zu Jen⸗ neville zu begeben; er kommi mit Blagnard oft zu⸗ ſammen und wird mir Rath ertheilen können. WMorgens neun Uhr kam ich zu Jenneville. Ich ſetzte voraus, er liege noch im Bette, ſah ihn aber zu meiner Verwunderung in aller Eile ſeine Toilette machen. „Sie kleiden ſich ſehr frühe zum Ausgehen an,“ ſagte ich zu ihm. „Ja, mein Lieber, ein wichtiges Geſchäft... es handelt ſich um Geld. Das Teufelsgeld! man hat nie genug, wie Sie wiſſen.. ich brauche viel und möchte einmal von Ungefähr gewinnen. Blagnard bietet mir eine Gelegenheit an, in einem Jahre acht⸗ zigtauſend Franken zu verdoppeln, ich will ſie er⸗ greifen.“ „Ich möchte wohl auch eine ſolche Gelegenheit fin⸗ den ich geſtehe Ihnen, daß ich gerade unterwegs daran dachte.“ 121 „Blagnard iſt für Sie der Mann, ich beſuche ihn ietzt, kommen Sie mit, vielleicht kann er Sie an unſerer Operation Theil nehmen laſſen.“ Ich nehme den Vorſchlag Jenneville's an. Wir gehen fort, ſein Cabriolet hat uns ſchnell zu Herrn Blagnard geführt, welcher ein prächtiges Haus in der Antin⸗Straße bewohnt. Der Geſchäftsmann empfängt mich auf's Beſte. „Mein lieber Freund,“ ſagte Jenneville zu ihm, „dieſer junge Mann möchte auch eine gute Speku⸗ lation machen könnten Sie ihm nicht dazu be⸗ hülflich ſein?“ „Warum nicht?... Jedenfalls macht es mir ein großes Vergnügen, Herrn Deligny einen Gefallen zu erweiſen; wir wollen gleich ſehen.“ Herr Blagnard betrachtet Banknoten, ſchreibt Zah⸗ len hin und gibt uns eine unendlich lange Auskunft über eine Schuldforderung, die man verkaufen will und deren Liquidation innerhalb einiger Monate un⸗ fehlbar iſt. Jenneville und ich verſtehen uns ſchlecht auf dieſe Geſchäfte und begreifen von Allem, was uns Herr Blagnard ſagt, bloß das, daß man vor⸗ treffliche Schuldforderungen wohlfeil kaufen und ſo ſeine Kapitale verdoppeln könne. „Ach, mein Freund,“ ſagte Jenneville,„ich ver⸗ ſtehe nichts von den Worten Hypothek, Rückſtand, Nachlaß!.. aber ich ſetze mein ganzes Vertrauen in Sie, und ebenſo Deligny; was hat er dabei zu thun?“ „Herr Deligny kann ſich in dieſe Operation ein⸗ laſſen.. Ich hätte zwar keine Gelder mehr gebraucht, * um ihm aber einen Gefallen zu erweiſen, will ich die ſeinigen annehmen.. er ſoll mir etwa ſechszig⸗ tauſend Franken geben, ich hoffe, wir werden ſie noch vor einem Jahr um das Doppelte erhöht haben.“ Trotz meines Vertrauens auf Herrn Blagnard dachte ich darüber nach, daß ſechszigtauſend Franken faſt mein ganzes Vermögen ausmachen, und dieß will ich nicht auf einmal riskiren. Ueberdieß bin ich nicht ſo ehrgeizig als Jenneville, und für das erſte Mal denke ich, iſt es ſehr ſchön, die Hälfte dieſer Summe zu gewinneu. Ich entgegnete daher Herrn Blagnard, daß ich bloß über dreißigtauſend Franken verfügen könne. „Nun gut, dreißigtauſend Franken! So gewinnen Sie weniger, aber ein anderes Mal werden Sie mehr wagen.“ Wir kommen überein. Ich werde dieſen Abend zu einem Notar gehen, und am andern Tag Herrn Blagnard dieſe Summe zuſtellen. Nach Beendigung dieſes Geſchäfts wartet uns Blagnard mit einem Dejeuner auf, während deſſen wir nichts mehr von Geſchäften reden. Jenneville fragt mich, wie es mit meiner Lieb⸗ ſchaft gehe; ich ſeufze und ſchweige, denn dieſe Herren würden doch nicht an meine unſchuldige Verbindung mit Frau Luceval glauben; er zieht mich mit den Worten auf:„Sie machen den Verſchwiegenen⸗ mein lieber Deligny, aber man weiß wohl, daß Sie gegenwärtig alle Ihre Zeit bei Ihrer Mai⸗ treſſe zubringen; ſie muß ſehr hübſch ſein, daß Sie 123 ſich ſo unter ihren Pantoffel geben... Es iſt nicht ſchön von Ihnen, daß Sie uns nicht mit ihr bekannt machen.“ „Ich liebe allerdings, meine Herren, eine ſehr hübſche Frau, aber wenn ich Ihnen ſage, daß ſie trotz meiner zweimonatlichen Bekanntſchaft mit ihr und trotz meiner täglichen Beſuche bei ihr mir noch nichts gewährt hat... ſo werden Sie über mich lachen!. „Nein, wir werden Ihnen nicht glauben,“ ent⸗ gegnete Blagnard. „Nein, ſicherlich nicht,“ fuhr Jenneville fort;„Sie, Deligny, den ich gewiſſe Liebeshändel ſchon ſo ſchnell zu einem Reſultat führen ſah!“ „Ja, ſolche Liebeshändel, wo das Herz nicht be⸗ theiligt iſt... dieſe kommen ſchnell in's Reine.“„ „Wie, mein Lieber, haben Sie ſich auf die pla⸗ toniſche Liebe gelegt 2.. „Ach! meine Herren, wenn Sie wüßten... wenn Sie liebten, wie ich!„ „Demnach iſt es eine Kokette, die mit Ihren Seuf⸗ zern ein Spiel treibt.“ „Eine Kokette? v nein! wenn ſie es wäre, wäre ich nicht in ſie verliebt.“ „Ei, mein Freund, am Ende ſiegt man doch. Sehen Sie, wie Herminie, welche alle ihre Ver⸗ chrer zur Verzweiflung brachte!... Ich habe bei mir geſagt: ich werde über die Stolze ſiegen... und es gelang mir... Ein Sieg, der mir jeden Tag noch viele Eiferſüchtige zuzieht!“ 124 „Ich glaube es.“ „Sehen Sie, Deligny, wenn ein liebenswürdiger Mann, kurz, ein Mann wie wir, die Liebe einer Frau erwerben will, ſo kommt er unfehlbar immer zum Zweck.“ „Mein lieber Jenneville, ich kenne Ihre verführeri⸗ ſchen Mittel nicht, und traue mir ſelbſt nicht ſo viel zu.“ „Beim Teufel! wenn ich Ihre Schöne kennen würde, ſo wollte ich ihr auch den Hof machen, und wir würden ſehen!.. Ich lachte bei mir ſelbſt über die Abgeſchmackt⸗ heit Jenneville's, der glaubt, es könne ihm kein Frauen⸗ zimmer widerſtehen, beſonders ſeitdem er über die Frau von Remonde triumphirt hat. Welcher Triumph! . Es wagen, eine ſolche Frau mit Auguſtine zu vergleichen!... Aber er kennt ſie nicht, er iſt nicht werth, daß er ſie kennt. Die Stunde der Börſe trennt uns. Wir geben uns für den folgenden Tag ein Rendezvous. Ich be⸗ gebe mich zu meinem Notar; er verſpricht mir die nöthigen dreißigtauſend Franken. Nach dieſem Geſchäft gehe ich zur Frau Luceval, der ich dießmal nicht mit⸗ theile, was ich gethan habe. Sie kennt die Lage meines Vermögens nicht.. hält mich vielleicht für reich.. Ich verdenke es ihr nicht, wenn dieß Etwas zu dem Wohlwollen, das ſie mir bezeugt, beiträgt, ſondern es freut mich ſogar, wenn man mich für ver⸗ möglicher hält, als ich es bin; wenn die Liebe nicht befriedigt iſt, ſo muß es wenigins die Eitelkeit ſein⸗ Am folgenden Tag übergibt mir mein Notar die 6 125 verlangte Summe, die ich nun Blagnard bringen will. Ich empfand eine geheime Bangigkeit, als ich ihm die dreißigtauſend Franken einhändigte, während Jenneville ihm mehr als das Doppelte heiteren Sinnes zuſtellte... Ohne meinen Wunſch, mein Vermögen dem Auguſtinens mehr zu nähern, hätte ich dieſe Summe nicht gewagt; doch es iſt nicht eigentlich ge⸗ wagt, da die Spekulation zuverläßig iſt. Zudem ver⸗ pflichtet ſich Blagnard, uns zwölf Procent von unſe⸗ rem Geld zu bezahlen, und Blagnard iſt ſolid. Ein Mann, der ein Cabriolet, Bediente, ein herrliches Logis hat und ſo flott bewirthet!.. Kurz, das Ge⸗ ſchäft iſt abgemacht und bloß ein glückliches Reſultat läßt ſich erwarten. Ich verlaſſe Blagnard mit Jenneville, der mir vorſchlägt, am folgenden Tag eine Landpartie nach Auteuil mitzumachen; man ſeiert dort ein Feſt: die Eröffnung der ländlichen Bälle, und wiewohl die Wälder noch nicht gar belaubt ſind, hat Frau Re⸗ monde doch den Wunſch geäußert, ſich mit einigen Perſonen ihrer Geſellſchaft dorthin zu begeben. Ich hatte keine Luſt, in Geſellſchaft der Frau von Re⸗ monde eine Landpartie zu machen, ſchützte ein Geſchäft vor und dankte Jenneville für ſeine Einladung. Gegen meinen Willen kommen mir die dreißig⸗ tauſend Franken oft in den Sinn. Bloß in der Nähe Auguſtinens werde ich mich zerſtreuen können, vei ihr iſt es mir allein wohl. Jene Herren können ſich über mich luſtig machen!... Sie begreifen die Liebe nicht, die ſie mir einflößt. 126 Frau Luceval iſt allein. So oft ich mich unter vier Augen bei ihr befinde, habe ich die Hoffnung, ſie werde weniger ſpröde gegen mich ſein und mir erlauben, von meiner Liebe mit ihr zu reden... Es muß einmal ein Ende nehmen. Obgleich ich in ihrer Nähe ſehr glücklich bin, brenne ich doch vor Sehn⸗ ſucht, es noch mehr zu ſein.. Es kann nicht länger ſo dauern... ſonſt dürften jene Herren ſich mit Recht über mich luſtig machen. Aber die ſchönſten Entſchlüſſe verſchwinden vor einem ihrer Blicke. Wenn ſie mir verböte, ſie zu be⸗ ſuchen!. Wenn ich in ihrer Nähe jene Stunden, die ſo ſchnell verſtreichen, nicht mehr zubringen dürfte! dann würde ich es bedauern, gegen ſie ungehor⸗ v ſam geweſen zu ſein.. Doch glaube ich, daß ich nach und nach zu ſchüchtern werde!... Wenn ſie mich nicht liebte, ſo würden ihr meine häufigen Beſuche kein Vergnügen machen. Voll von dieſen Gedanken ſetzte ich mich näher als gewöhnlich neben ſie. Ich nehme ihre Hand, die ich zärtlich in die meinige drücke; einige Minuten lang läßt ſie mir ſie; da ich ſie aber an meine Lippen bringen wollte, zog ſie ſie plötzlich mit den Worten zurück:„Was machen Sie, Deligny? man küßt die Hand ſeiner Freundin nicht..“ „Sind Sie bloß dieß für mich!“ „Ich will bloß dieß ſein!“ „Und Sie werden immer ſo ſpröde bleiben?“ „Ich werde immer ſo bleiben.“ „Und ich, Madame, kann es unmöglich über mein 3 127 Herz bringen, mit Ihnen von meiner Liebe nicht zu reden, und eine ſo kalte Gleichgültigkeit gegen Sie beizubehalten... „Dann werde ich mir Ihren Beſuch verbitten müſſen„ „Sie müſſen ſich ihn verbitten!.. dieß wird Sie wahrſcheinlich keine Ueberwindung koften... da Sie mir wegen einiger Worte den Zutritt zu Ihnen ver⸗ bieten...“ „Sie ſind unbillig, Herr Deligny; ich hoffte, Sie würden an meiner Freundſchaft nicht zweifeln.“ „Ihrer Freundſchaft!... es wäre mir, glaube ich, lieber, wenn Sie mich haßten. Freundſchaft zwiſchen einer dreiundzwanzigjährigen Frau und einem ſieben⸗ undzwanzigjährigen Manne!.. wie klingt dieß ſo„ angenehm!... Mit ſechszig Jahren hegt man Freund⸗ ſchaft, aber in unſerem Alter empfindet man Liebe. Kurz, Madame, wenn ich Ihnen nicht gehäſſig bin, was hindert Sie, mich zu lieben? Sind Sie nicht frei, ſind Sie nicht Ihre eigene Herrin?... Sie ſeuf⸗ zen, antworten mir nicht. „Ich werde Ihnen ſpäter einmal antworten... aber ich bitte Sie, Deligny, ſprechen Sie nicht mehr davon.. Und Ihre Freunde, wie ſtehen Sie mit dieſen? Sie erzählen mir nichts von ihnen?“ „Ach! Madame, ich bin ihrer überdrüſſig, über⸗ drüſſig der ganzen Welt; ich finde an Nichts Ge⸗ ſallen, wenn ich nicht bei Ihnen bin!.„ „Es iſt nicht ſchön von Ihnen, diejenigen, welche Sie lieben, zu vernachläßigen.“ „Was liegt mir daran, von Andern geliebt zu werden wenn ich bloß von einer Perſon geliebt ſein möchte, die mich nicht ausſtehen kann!.. „Welche Sie nicht ausſtehen kann! deßhalb nimmt ſie alle Tage Ihre Beſuche an?“. „Dieß geſchieht vielleicht aus Mitleiden!...“ „Jetzt ſind wir in der Jahreszeit, wo man auf f das Land geht.. Madame Remonde wird ohne Zwei⸗ fel in der Umgegend von Paris einen Landſitz haben.“ „Ich weiß es nicht, auch iſt es mir ſehr gleich⸗ gültig, denn ich werde ſicherlich nicht auf ihren Land⸗ ſitz gehen.“ „Warum denn?“ „Weil ich dort Langeweile hätte.“ „Sie glauben?“ „Ich weiß es gewiß, werde es aber nicht probiren. Auch habe ich bereits eine Landpartie auf morgen mit Jenneville und dieſer Dame ausgeſchlagen.“ „Eine Landpartie auf morgen. und wohin gehen ſie 2 1 „Näch Auteuil.“ „Ah!. iſt dort ein Feſt?“ „Ich glaube, ja.“ „Und Sie gehen nicht mit.. Sie haben Unrecht, Sie müſſen hingehen.“ „Nein, Madame, ich bin feſt eniſchloſſen⸗ nicht mitzugehen.“ Auguſtine beſteht nicht darauf. Wir fangen ein anderes Geſpräch an; envlich kommt die Stunde, wo ich ſie verlaſſen muß, worauf ſie beim Hinausbegleiten — 129 zu mir ſagt:„Morgen werde ich den ganzen Tag bei Juliette zubringen... ich habe es ihr ſchon lange verſprochen.. „Das heißt ſo viel, als morgen darf ich Sie nicht beſuchen.... „Ich will Ihnen einen vergeblichen Gang er⸗ ſparen.“ „Schon gut, morgen werde ich Sie nicht ſehen“ „Bloß morgen.. hoffentlich?“ Mit bangem Herzen entfernte ich mich, dieß ein⸗ zige Wort gab mir wieder Leben; ſchon glaubte ich, ſie wolle mich nicht mehr ſehen, ihr Beſuch bei ihrer Freundin ſei ein bloßer Vorwand, mir nach und nach den Zutritt zu verbieten, aber ſie ſelbſt hat zu mir geſagt, ich werde ſie hoffenilich übermorgen wieder beſuchen, und dieß erleichtert mir das Herz. Wie lange wird dieſer Tag, an dem ich ſie nicht beſuchen ſoll, mir vorkommen!.. ſeit einiger Zeit pflegte ich ſie alle Tage zu beſuchen; nun weiß ich nicht, was aus mir werden würde, wenn ich ſie nicht mehr ſehen dürfte. Aber in ihrer Nähe ſein und mit ihr nicht von Liebe ſprechen dürfen.. das iſt eine Tantalusqual! kann man denn bei ihrem An⸗ blick gleichgültig bleiben? Dieſer Tag iſt prächtig; was ſoll ich thun, um mich zu zerſtreuen? Allein ſpazieren gehen iſt nicht gar unterhaltend.. ich bin faſt böſe, vie Partic nach Auteuil ausgeſchlagen zu haben. O! nein ich würde in Geſellſch Paul de Kock 1n. aft der ſchönen Herminie kein 130 großes Vergnügen haben... Beim Henker! ich gehe zu Ninie, dort werde ich mich zerſtreuen, zudem habe ich ihr verſprochen, ſie von Zeit zu Zeit zu beſuchen Auguſtine ſelbſt fordert mich dazu auf.. wäre mir lieber, wenn ſie es mir verböte! Ich gehe in die Straße Aubry⸗le⸗Boucher, klopfe aber umſonſt an die Thüre Ninie's: fie iſt nicht zu Hauſe; heute iſt ein Feſt, es iſt ſehr ſchön Wetter, Ninie iſt ſpazieren gegangen. Dieß kommt mir ganz ungelegen!... Wenn ich zu Dubvis ginge.. Ja, bei ihm muß man immer lachen, und es wäre mir lieb, wenn er mich zur Fröhlichkeit aufmunterte. Ich gehe in das Logis, das er ſeit Monaten in der Straße de la Lune bewohnt. „Herr Dubvis iſt nicht mehr im Hauſe,“ ſagte der Portier zu mir,„er wohnt gegenwärtig in der Straße du Petit⸗Lion Saint⸗Sauveur.“ Ich begebe mich in die Straße du Petit⸗Lion in das Haus mit der bezeichneten Nummer; aber hier heißt es wieder:„Herr Dubois iſt ausgezogen und wohnt gegenwärtig in der Straße Godvot⸗de⸗Mauroi.“ Was iſt das für ein Unſinn, ſo oft zu wechſeln? Zu Fuß dahin zu gehen, iſt etwas zu weit, aber„ mit einem Omnibus oder einem Cabriolet kommt man derzeit in Paris wohlfeil von einem Ort zum andern. Ich fahre in die Straße Godot. Hier ſagt der Portier zu mir:„Seit vierzehn Tagen wohnt Herr Dubois nicht mehr bei uns.“ „Er wohnt alſo nirgends,“ 131 „Sie werden ihn jetzt Cour ve Harlay, auf dem Pontneuf treffen.../ „Beim Teufel, wenn ich ihn dort ſuchen ſoll!.. Zornig kehrte ich nach Haus zurück, als ich ihm gegenüber von den Bains Chinvis begegnete. „Ich komme ſo eben von Deinem Haus,“ ſagte Dubvis zu mir, mich am Arm nehmend. „Und ich komme gerade von drei Deiner Logis „ Du wechſelſt demnach alle halb Vierteljahre?“ „Mein Freund, ich wechsle gerne, weil man da⸗ durch neue Bekanntſchaften macht... man bekommt andere Nachbarinnen, und wenn man Abends ſein Licht anzündet, ſo knüpft man ſchnell eine Liebſchaft an.“ „Du haſt alſo Deine Poliſſeuſe verlaſſen?“ „Ach, was ſagſt Du! Seither habe ich vierzehn gehabt!.. 4 „Und Deine Zenobia 2“ „Dieſe habe ich bei einem Weinhändler unterge⸗ bracht, der mit ihr ſehr zufrieden iſt... Aber Du, Deine Liebe, Deine Leidenſchaft für jene Dame, der Du überall wie ein kleines Hündchen nachliefeſt, macht ſie ſich?. Nun! Du ſeufzſt..„ „Ich kann nicht recht damit zufrieden ſein.. Wenn ich Dir ſagte, Dubvis, ich ſei mit jener ver⸗ ehrungswürdigen Frau noch nicht weiter vorgerückt erſten Tag, ſie hege bloß Freundſchaft für mich.„ „Dann würde ich Dir erwiedern, mein Lieber, Du ſeieſt ein Schwachkopf.. Seit zwei Monaten noch nicht weiter vorgerückt! und Du beſuchſt ſie oft?“ 132 „Ach! wenn Du wie ich verliebt wäreſt!...“ „Wenn es Dir Spaß macht, dann iſt es etwas Anderes.“ „O nein, ich glühe für ſie.. Aber ſie iſi 0 ſpröde!“ „Prrr! das ſind leere Worte! Mein Freund, wenn Du ſie beim zweiten Beſuch gehörig in das Hintertheil gekneipt hätteſt⸗ ſo wüßteſt Du jetzt, woran Du wäreſt.“ „6 ſie hätte mich auf der Stelle zur Thüre hinausgejagt.“ „O nein! die Frauenzimmer lieben die Kühn⸗ heit. zudem entſchuldigt man ſich nachher.“ „Du beurtheilſt alle Frauenzimmer nach Deinen Poliſſeuſen.“ „Mein Freund, Du irrſt Dich; ich habe unter einer Bauernhaube oft mehr e gefunden als unter einem Blondenhut.. „Sprechen wir von etwas Dubois; was treibſt Du heute?“ „Meiner Treu', nichts.. Ah! ich bekomme viel⸗ leicht Luſt, heute Nachmittag nach Auteuil zu gehen⸗ man eröffnet einen Ball, wir werden ländliche Schön⸗ heiten und Staub dort finden.. es iſt unterhaltend, man tanzi und ſchmaust. Willſt Du mitgehen?“ Auguſtine wollte, denke ich, daß ich Jenneville's Einladung annehme; wenn ich dahin gehe, werde ich demnach ihren Wunſch erfüllen; dieſer Gedanke veßimmt mich, den Vorſchlag Dubvis' anzunehmen. Wir diniren in Paris, obgleich man bei Forrier, am Thore von Auteuil, ſehr gut ſpeist. Aber an Feſttagen 133 iſt es ſo voll, daß wir keinen Platz finden würden⸗ Nach dem Diner nehmen wir ein Cabriolet, und kommen gegen halb ſieben Uhr in Auteuil an. Wir laufen dem Balle zu. Es ſind ſchon viele Leute da: hübſche Frauenzimmer, Zieraffen von Paris und einige Bauernmädchen. Ich habe Dubvis ge⸗ ſagt, Jenneville werde ſich mit ſeiner Geliebten dort einfinden, wir haben ſie aber noch nicht bemerkt. Dubois will ſchon fünf Bauernmädchen, die Arm in Arm ſpazieren gehen, nachlaufen. Ich habe keine Luſt, jenen runden Hauben, unter denen ich nichts Hübſches ſehe, nachzufolgen. „Laß doch dieſe Bauernmädchen gehen!“ ſagte ich zu ihm;„willſt Du allen Fünfen den Hof machen?“ „Mein Freund, man hat die Wahl.. Siehſt Du, wie ſie ſich umdrehen und uns lachend an⸗ ſchauen.“ „Beim Henker! Du ſtreckſt ſchon eine Stunde die Zunge gegen ſie heraus.“ „Ich verſichere Dich, mit dieſen Dorfmädchen läßt ſich Etwas machen. Wir bieten ihnen Eſel an und ſetzen ſie hinten guf.“ „Ich habe wenig Luſt, auf einem Eſel mit einem dieſer Mädchen hintendrauf ſpazieren zu reiten.“ „Du kennſt dieſe Wonne nicht! Wenn man ein Wädchen hinter ſich hat, ſo läßt man ſein Thier etwas traben, dann ſchließt einen die Reiterin in die Arme, wie wenn ſie einen erſticken wollte.“ t „Das mag ſehr angenehm ſein; wenn Du dieſen 134 Mädchen durchaus folgen willſt, ſo kehre ich zu dem Tanze zurück, wo Du mich wieder finden wirſt“ Ich ließ eben den Arm Dubois los, als mir eine Stimme zurief:„Guten Tag, Herr Paul.“ Ich drehe mich um und erblicke Ninie mit einem jungen Mädchen ihres Alters an Arm. „Sie ſind es, Ninie.“ „Ja, mein Herr, ich bin mit meiner Tante und einigen ihrer Freundinnen nach Autenil gekommen; meine Tante ſitzt dort unten, wir, ich und Louiſe, machen einen kleinen Spaziergang.“ „Das iſt ſehr ſchön.“ „Sie tanzen nicht, Herr Paul?“ „Nein, Sie wiſſen wohl, daß ich kein Liebyaver vom Tanze bin.. Leben Sie wohl, Ninie, unter⸗ halten Sie ſich zut!⸗ Ich entfernte mich mit Dubvis, weil ich an einem Orte, wo ich Bekannten von Paris begegnen kann, mit ſolchen Jungfern keine Geſellſchaft machen will. Ninie ſiehk mir lächelnd nach, und Dubois, der ſeine fünf Balernmädchen nicht aus dem Geſicht ver⸗ liert, zieht mich mit fort und ſagte u mir:„Dieß iſt die gute Freundin von Charlotte.. Ja aber ſie iſt keine ſo ſhlechte rſon wie Charlotte.“ „Ah! weil ſie vielleicht in der Stille ihr Weſen treibt, während Charlotte ihre verführeriſchen Ab⸗ ſichten öffentlich preisgibt... Aber eilen wir ein we⸗ nig ſieh! meine fünf Schäferinnen verſchwinden im Wäldchen.“ —— 135 „Willſt Du durchaus ihr Schäfer ſein?“ „Mein Freund, ich muß heute einen ländlichen Genuß haben: ich bin nicht über die Barriére hin⸗ ausgegangen, um einem Frauenzimmer aus der Straße Saint⸗Denis den Hof zu machen.. Halt. Sieh' wie ſie uns anſchauen... Gut! ſie laſſen ſich los ſie ſind aus irgend einem Grund in das Wäld⸗ chen gegangen. ſie ſpielen... Verſtecken... köſt⸗ lich! ich will auch mitſpielen.. „Sie ſind ſchon zu fünf und brauchen Dich nicht.“ „Das iſt gleichviel, wir machen mit, komm⸗ doch.“ Dubvis nähert ſich den Mädchen und ſagt lächelnd zu ihnen:„Erlauben Sie gefälligſt, allerliebſte Schä⸗ ferinnen, daß wir mit ihnen ſpielen?“ Die Schäferinnen ſehen uns ſpöttiſch an und ant⸗ worten bloß mit lautem Gelächter; endlich ſagt eine von ihnen zu uns:„Nun, ſpielen Sie mit, wenn Sie wollen, wir machen uns nichts daraus!“ „Sie nehmen es an.. wir ſpielen mit ihnen,“ ruft Dubvis aus,„was wollen Sie ſpielen 2“ „Das Katzenſpiel.“ „Gut, ich bin die Katze, ſpringen Sie, ich will Sie fangen.“ Die Bauernmädchen ſetzen ſich unter lautem Ge⸗ ſchrei in Bewegung; eine der Schäferinnen hat ein⸗ mal, während ſie der Katze ausweichen wollte, ihre Hand auf meine Achſel gelegt und mir faſt den Arm verrenkt; ich hatte ſchon genug und keine Luſt mehr, mit dieſen Mädchen herumzuſpringen; ich laſſe daher 136 Dubvis nach Herzensluſt die Katze machen und 6 mich auf den Ball zurück. Es waren viele Leute auf dem Tanzplatze. Bald bemerkte ich Jenneville und Frau von Remonde; neben ihnen erblickte ich drei junge Herren, die ich in dem Hauſe der ſchönen Herminie geſehen habe. Es wäre lächerlich, wenn ich nicht mit ihnen reden würde, da dieſer Ort nicht ſo groß iſt, daß man einander nicht wieder begegnen könnte; ich nähere mich daher der Geſellſchaft. „Wie! Du biſt da?“ ſagte Jenneville zu mir„Du konnteſt doch, wie Du geſtern verſicherteſt, nicht hie⸗ her kommen?“ „Das heißt, Herr Deligny konnte nicht mit uns hieher kommen,“ fügte Frau von Remonde ironiſch hinzu. „Dem iſt nicht ſo, Madame. Geſtern glaubte ich in der That, heute Abend nicht frei zu ſein, allein ich bin mit meinen Geſchäften in Paris bälder, als ich dachte, fertig geworden, und entſchloß mich dann, hieher zu gehen.“ Herminie hört kaum auf meine Antwort und ſieht mit einer verächtlichen Miene anderswohin, als ob ihr mein Anblick zuwider wäre. Dieſe Frau iſt immer noch böſe auf mich, was mir aber ganz gleichgültig iſt. Um ihr die Qual meines Anblicks zu erſparen, entfernte ich mich, nachdem ich mit Jenneville, der neben ihr ſaß, noch einige Minuten geſprochen hatte⸗ unter dem Vorwande, eine Tour auf dem Balle zu tanzen. 137 Ich hatte keine dreißig Schritte gemacht, als man mich beim Arm nahm. Es iſt Ninie.. ich will ſie zanken aber ſie iſt blaß, zittert.. ihr Zuſtand thut mir wehe. „Was fehlt Ihnen denn,“ ſagte ich zu ihr, wäh⸗ rend ich ſie an einen einſamen Ort fortziehe. Das arme Mädchen zittert ſo, daß ſie kaum ſpre⸗ chen kann. Endlich ſagte ſie zu mir:„Er iſt da!.„ „Wer denn?“ „Adolph „Adolph.. Nun, müſſen Sie deßhalb ſo zittern? Zeigen Sie mir dieſen Herrn.“ „Sie kennen ihn ja, da Sie gerade mit ihm ge⸗ ſprochen haben.“ „Ich habe gerade mit ihm geſprochen?“ „Ja wohl, es iſt der Herr neben der Dame mit dem weißen und rothen Hute...“ „Was? das wäre!.. „Ja, er ſitzt bei der Dame, mit der ich ihm ſchon mehrere Male begegnet bin... Mein Gott! er hat geſagt, er würde mich, wenn er mich erblickte, wie ein Mädchen.. meines Schlags es verdiente. be⸗ handeln.. Ich wage jetzt nicht mehr zu tanzen... Ach! Herr Paul, wenn er mir Grobheiten machen würde, nicht wahr, ſo würden Sie ſich meiner an⸗ nehmen?“ „Beruhigen Sie ſich, Ninie, ich garantire Ihnen dafür, er wird. ſich, wenn er Sie ſieht, gewiß nicht das Anſehen geben, als kenne er Sie, und wird Sie auch nicht am Tanzen hindern. Aber Sie müſſen —— 138 ebenfalls nicht dergleichen thun, als ob Sie ihn be⸗ merkten.“ 6 „Ol ich habe keine Luſt dazu! Gehen Sie. im Gegentheil, denn. ach Gott! da kommt er zu uns her! hat er mich geſehen?“ RNinie ſtößt einen Schrei aus und läuft eilends davon. In der That kommt Jenneville auf mich zu, ſcheint aber auf das junge Mädchen, die ſich entfernt, nicht zu achten. Jenneville iſt heftig bewegt, er nimmt mich beim Arm und ſagt, während er mich auf eine andere Seite des Wäldchens zieht, zu mir:„Mein Freund, Sie wiſſen nicht, wem ich ſo eben hier begegnet bin meiner Frau...“ „Ihrer Frau?. „Ja, meiner Frau. O! beim Kukuk, ich habe ſie gut erkannt, obwohl ſie einen großen Hut auf hat und ſich verbergen zu wollen ſcheint... Ich weiß nicht, ob ſie nach Auteuil gekommen iſt, um mich zu beobachten.. oder ob ſie dort einen verliebten Freund ſucht, was mich wenig kümmert; aber ich muß ſie Ihnen zeigen... wenn wir ſie nur wiederfinden wer⸗ den; ſie führte eine ihrer Freundinnin, die ich eben⸗ falls kenne, am Arme.. in dieſer Gegend, unter jenen Bäumen ſtanden ſie.. Ich laſſe mich von Jenneville fortführen; ich weiß nicht, warum mein Herz bei dem Gedanken, ſeine Frau zu ſehen, ſchneller ſchlägt. Jenneville bleibt vald ſtehen und ſagt zu mir:„Sehen Sie, dort ſind ſie. Schauen Sie, dort unten links von mir 139 „meine Frau hat einen Strohhut auf... Halten Sie.. jetzt können Sie ſie recht gut von Angeſicht ſehen.“ Ich habe nur zu gut geſehen und vleibe vor Schrecken unbeweglich ſtehen, indem ich Auguſtine in Jenneville's Frau erkannte. — 6 * , . 8 9 10 11 12 13 14 18 16