Leipbiblivrhet 1 deutſcher, engliſcher framzöſiſcher Literatur Ednard ottmunn in Gießen, Schloßgaſſe Lit. 2 Lit. A. Nr. 256. cſeih- und Teſehedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ Pitnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von ees 7 1b hr bis Abends 8 Uhr offen 2. Leseprois. Bei ie eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. 3 S eit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe veſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgab e von mir zurückerſtattet * onnenent. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eteige für mchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 4 1 Menat: ———— 1 Wr. 50 Pf.— Pf. 5. Auswärtigé onnenten baben für Hin und Sur der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen.§ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe i auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das der Bücher nicht ſtattfinden varf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —————— Paul de Kock's humoriſtiſche Romane, * — deutſch bearbeitet —, von Dr. Heinrich Elsner. Einundfünfzigſter Theil. Stuttgart: Scheible, Bieger a Fattler. Die Frau, der Mann und der Liebhaber. Von Paul de Bock. Das menſchliche Herz iſt eine dauernde Pflanzſtätte von Leidenſchaften; verſchwindet die eine, ſo taucht faſt immer eine andere auf. Maximes de la Rochefoucauld. Deutſch bearbeitet von Dr. Heinrich Elsner. Erſter Theil. Go- Stuttgart: Scheible, Bieger x Sattler. 1845. Erſtes Kapitel. Erſte Vorſtellung eines Melodrama's.— Der veilchenblaue Mantel. „Rücken Sie ein wenig links, meine Damen!... und Sie, meine Herren, nähern Sie ſich mehr den Damen.. hier iſt noch Platz.. die Loge iſt für Zehn und Sie ſind erſt zu Neun... die Zahl muß voll⸗ ſtändig ſein.“ „Die Zahl?.. Geht man in das Theater, um ſich wie Häringe zuſammenpreſſen zu laſſen?.. Sie ſehen doch, daß wir bereits gehörig eingezwängt ſind, wo wollen Sie beim Teufel noch Jemand hinſetzen? Ich für meinen Theil rücke nicht von der Stelle.“ „Nun, Logenſchließerin, laſſen Sie uns in Ruhe. Es gibt keinen Platz mehr...“ „Ich ſage Ihnen, mein Herr, es müſſen Zehn hin⸗ eingehen.“ 6 „Sehen Sie nicht, daß der Herr und die zwei Damen dort in der Ecke wenigſtens für Vier gelten?“ „Das geht mich nichts an... Treten Sie nur hin⸗ ein, Madame... es gibt ſchon noch Platz; wenn die Derren nicht rücken wollen, ſo werde ich den Theater⸗ Inſpector rufen,.. Gehen Sie doch zu, Madame; 33 wenn Sie dieſen Platz nicht wollen, ſo gebe ich ihn Jemand anders.“ Bei dieſth Worten drängte eine alte, hagere Frau mit näſelnder Stimme, die ſich bereits als Logen⸗ ſchließerin zu erkennen gegeben und ſich um das Ge⸗ 3 murmel nicht bekümmerte, das die Perſonen auf der erſten Bank des Balkons verlauten ließen, ein junges Frauenzimmer zu uns hinein, welches Anſtand zu nehmen ſchien, den ihm angewieſenen Platz einzu⸗ nehmen.— Ich ſaß auf der zweiten Bank und hatte, da ich — mich nicht auf die vordere wünſchte, den Platz nicht begehrt, welchen die Logenſchließerin der zuletzt an⸗ gekommenen Perſon anwies; allein ich wandte mich nach dieſer Dame um, denn man beſucht das Thea⸗ ter oft mehr, um die Leute zu betrachten, als das Stück anzuhören; ich drehte mich alſo um und er⸗ lickte ein ſehr hübſches Frauenzimmer, was zwar in Paris nichts Seltenes iſt, aber zugleich ein Frauen⸗ zimmer, welches mir ſehr gefiel, was ein ſgroßer Unterſchied iſt, denn der Geſchmack iſt ſehr Lerſchie⸗ den und man zieht manchmal der Schönheſt, weit entfernt, ſie nicht in ihrem vollen Werthe zu laſſen, eine Phyſiognomie vor, deren Züge nichts Regelmäßi⸗„ ges haben, deren Ausdruck aber uns mehrahſpricht. Dieſe Fran vder dieſes Fräulein(es würde mir ſchwer fallen, dieſe Frage zu entſcheiden) ſcheint etwa vierundzwanzig Jahre alt zu ſein, iſt weder groß noch klein, weder eine Brünette noch eine Blondine, hat, ich weiß meiner Treu' nicht, ſchwarge vher blaue — und ve würcht an einem Stücke fort die erſten Vor⸗ Augen, und einen Hut auf; es iſt nicht meine Ge⸗ wohnheit, einer Dame ſogleich ſcharf in's Geſicht zu ſehen, allein ſo viel iſt gewiß, daß ſie ſehr hübſch iſt. Ich bot der Dame meine Hand, damit ſie über die zweite Bank ſteigen konnte; ſie ſtützte ſich leicht. auf mich. Ich ſah bei dieſer Gelegenheit ihre kleinen, wohlgeſtalteten Füße, ſowie ihre ſehr ſorgfältige Fuß⸗ bekleidung, worauf ich außerordentlich viel halte, denn ich ſetze nichts Gutes von den Frauenzimmern voraus, die einen ſchönen Fhawl und ſchmutzige Strümpfe tragen. Aber jener Herr, welcher der Logenſchließerin er⸗ klärt hat, er wolle nicht wie ein Häring gepreßt wer⸗ den, obwohl man nach ſeinem hagern Körper und nach der zugeſpitzten Länge ſeines Profils glauben konnte, man habe ihn in einer Tonne zuſammenge⸗ drückt, jener Herr, ſage ich, hat, ohne ſich umzu⸗ wenden, ſeinen Hut zwiſchen die Füße genommen un ſcheint keinen Zoll breit von ſeinem Platze weichen zu 3 Sein Nachbar, ein junger Mann von freundücherem Aeußern, hat ſich ebenfalls wie ich 2 umgedrht, um die Perſon, welche man neben ihn ſetzen wil, anzuſchauen; wahrſcheinlich findet er, eben ſo wie ih, dieſe Dame nach ſeinem Geſchmack, denn er rückt ke macht ein wenig Platz, worauf die langeZeit unſchlüſſige junge Frau auf die vordere Vank gelaigt und ſich mit furchtſamer Miene zwiſchen die beiden Herren ſetzt. Der Herr mit dem Kupfergeſicht murmelt, klagt kellungen. Der Egoiſt!... Sich beklagen, weil dieſe junge Frau ihm zunächſt ſi ſitz, weil ihre Arme und vielleicht ihre Füße die ſeinigen berühren... ach⸗ ich möchte wohl an ſeiner Stelle ſein!... allein ich bin noch keine dreißig Jahre alt und dieſer Herr beinahe ſechszig; indeß glaube ich, daß die Schönheit auch in meinem ſpätern Alter noch einen füßen Einfluß auf mich ausüben wird. Vielleicht wird nichts dar⸗ aus.. doch muß man die Hoffnung nicht aufgeben. Die Dame hat einige Worte gemurmelt:„Meine Herren, es thut mir ſehr leid; wenn ich Sie zu ſehr genire, ſo bleibe ich nicht.“ Der große trockene Mann wagt es jedoch nicht, ſie zurückzuweiſen, während der junge Herr noch mehr rückt, um ihr Platz zu machen, und ihr betheuert, er ſitze ganz bequem. Sicherlich fand er ſie auch nach ſeinem Geſchmacke. Die Dame ſcheint allein zu ſein, denn ich ſehe Niemand in ihrer Begleitung. Allein im Theater und in der Loge.. hm! Wir wollen indeſſen nicht zum Voraus urtheilen; ſie kann einen Mann, Ver⸗ wandten oder Freund im Parterre haben; vielleicht wartet man an der Thüre auf ſie. Der Saal füllt ſich. Wir befinden uns im Theater de la Gaitö; man ſpielt die erſte Vorſtellyng eines Melodrama's: etwas Wichtiges für alle n Theatergäſte, für die Liebhaber des Borlevard du Temple und ſogar der andern Stadtviertl. In der That, warum ſollte man nicht eben ſo gut die Me⸗ lodramen der kleinen Theater wie die depgroßen be⸗ — —— ——— — ——— ſuchen? Führt man nicht ſeit einiger Zeit überall Me⸗ lodramen auf? Das Jahr 1829 wird hierin Epoche machen, und wir leben gerade in dieſem Jahre. Neben mir ſind noch zwei leere Plätze; doch die Thüre der Loge öffnet ſich: zwei Damen treten oder ſtürzen vielmehr herein; dieſe warten nicht, bis die Logenſchließerin ihnen einen Platz anweist, ſie neh⸗ men keine gewöhnlichen Schritte, ſondern machen gleich Sprünge und laſſen ſich nach ihrem Belieben auf die Bank nieder. Die neben mir hat ſich beinahe auf meine Kniee geſetzt und wirft mit dem Ellbogen meinen Hut auf den Bodenz weit entfernt, auf all' dieß zu achten, ſcheint ſie ganz unbekümmert, ob ſie ihre Nachbarn genirt; einen Platz zu haben, iſt die Hauptſache für ſie. Als ſie ſich geſetzt hatte, ſtieß ſie ein„au!“ aus, das ein Quinquet hätte auslöſchen können, und fuhr dann fort:„Nun ſind wir einmal hereingedrungen... ach, das koſtet Mühe!.. Marie, wie wird man an der Thüre herumgeſtoßen. es iſt ein wahres Scharmützel!.. ich mußte beinahe meinen Buſen an dem Geländer zurücklaſſen... von Duck⸗ mäuſern wird man herumgeworfen und während deſ⸗ ſen gekneipt. Haſt Du es geſehen, wie ich mit jenem garſtigen Rothhaarigen, welcher hinter mir ſtand, geſprochen habe? Er hatte beſtändig ſeine Hand an meiner Hüfte und ſagte, er wolle mich beſchützen, worauf ich ihm erwiederte:Wenn Sie mich mit Ihrem Schutze nicht in Ruhe laſſen wollen, ſo laſſe ich Sie durch den Gendarmen ergreifen!... Rücke ein wenig zurück, Marie, damit wir bequem ſitzen können.“ Ich ſehe voraus, wir werden während der Zwi⸗ ſchenakte und vielleicht während des Stückes das Ver⸗ gnügen haben, das Geſpräch dieſer zwei Damen zu hören, welche zwar nicht geſtoßen ſein wollen, ſich aber durchaus nicht geniren, Andere zu ſtoßen. Es ſind übrigens zwei junge Frauenzimmer, deren Züge ziemlich angenehm ſind; doch welch Unterſchied zwi⸗ ſchen jener Dame, welche vorher kam! Ganz rothe Wangen, glänzende Augen, glühender Mund, bei all dem aber ein gemeiner Ausdruck, nichts Geiſi⸗ volles, nichts Feines. Ich beuge mich mit dem Kopfe ein wenig vor und möchte gerne von Zeit zu Zeit jene ſchöne Dame, welche ich bloß halb geſehen habe, betrachten. Ich ſitze gerade hinter ihr: ſie trägt einen Hut, was für die Theaterbeſucher das größte Leid iſt; ich verwünſche den Hut, nicht weil ich vor ihm einen großen Theil der Scene nicht ſehe, ſondern weil er mir den An⸗ vlick jenes Antlitzes raubt, deſſen Ausdruck mir auf der Stelle gefallen hat. Ich möchte gerne wiſſen, ob der Reiz, mit Muße betrachtet, immer derſelbe iſt: es gibt ſo viele Dinge, welche, um zu gefallen⸗ nicht lange gemuſtert ſein wollen. Man rührt ſich nicht und bleibt ruhig ſitzen; ich glaube zu bemerken, daß man nur einſilbig dem jungen Nachbar links antwortet, welcher ein Geſpräch anzufangen ſucht, aber gekränkt durch die geringe Erkenntlichkeit für den von ihm abgetretenen Platz der Dame am Ende den Rücken kehrt und ander⸗ wärts hinlorgnirt. — 11 Der bloße Anblick des Hintertheils eines veilchen⸗ vlauen Mantels langweilte mich ebenfalls, weßhalb ich meinen Blick auf meine Umgebung richtete. Neben dem großen trockenen Herrn ſitzt eine junge Frau mit einem Häubchen nach Art der Leinwandhändlerinnen, mit einem muthwilligen Geſicht, kleinen, ſchwarzen, lebhaften Augen und aufgeworfener Naſe; ſie lächelt beſtändig und betrachtet die übrigen Frauen mit einer gewiſſen ſpöttiſchen Miene; ſie ſcheint von der ge⸗ ringern arbeitenden Klaſſe zu ſein und iſt von einem fünfzehn⸗ bis ſechszehnjährigen, in demſelben Geſchmack gekleideten kleinen Mädchen begleitet welches zwar nicht hübſch iſt, allein ſehr laut ſpricht und immer mit ſeiner Gefährtin lacht. Nach dem jungen Manne links kommt ein Stutzer, wenigſtens ein Vierziger, in einem ausgeſucht affek⸗ tirten Anzug, mit Opalknöpfen, einer Fernröhre, glacirten Handſchuhen, ſchwarzen, gelockten Haaren (man ſieht wohl, daß der Friſeur darüber gegangen iſt), zugeſtutztem Backenbart, noch ſchwärzer als die Haare, ſchmelzenden Augenbrauen. Alles dieß konnte zwar gefärbt ſein, es ſollte mich ſogar nicht wun⸗ dern, wenn er eine Perücke trug, die man derzeit ſo gut anpaßt, dabei einen herrlichen Teint! Es wäre ein ſehr hübſcher Jüngling, wenn ſeine außerordent⸗ lich gebogene Habichtsnaſe nicht zum Lachen klein wäre; im Ganzen ſieht er eben ſo dumm als einge⸗ bildet aus. Nach dieſem wohlgefälligen ſüßen Manne kommt ein Herr und eine Frau.. von jenem gewöhnlichen 12 Schlage, ächte Bürgersleute, die lieber nicht eſſen wollen, als vie erſte Vorſtellung eines Melodrama's verſäumen. Der Hut der Frau ſicht ſchneckenförmig aus; wahrſcheinlich hat er hinterhalb einige Stöße erhalten, wodurch er ſeine Form verloren hat, und man ſpottet zu gerne über Andere, als daß Jemand ſo gefällig wäre, dieſer Frau zu ſagen, ihr Mantel bilde oben eine Rinne. Ihr Mann ſieht dieß nicht, weil er ſeine Frau nie anſchaut.. In der Loge hinter mir befindet ſich ein Herr mit einer Dame, deren Anzug für ein Boulevard⸗Theater zu ausgeſucht iſt; ein großer Abſtich gegen jene In⸗ dividuen, die ſich zwei Stockwerke höher ohne Kamiſol befinden, ihre Hemden bis an den Ellbogen hinauf⸗ geſtülpt haben und ihre mit Fiſchotternkappen bedeck⸗ ten Köpfe hinausſtrecken, um mit ihren auf der entgegengeſetzten Seite des Saales ſich befindlichen Freunden mehr als luſtige Scherze zu treiben. Aber dieſe Herren ſind auf dem Juchhe, wo man ſich, wie es ſcheint, Alles erlaubt. Ich kenne bereits die beiden nebetmir ſitzenden Frauen; ich weiß, die eine heißt Marie und die andere legt alle Augenblicke ihren Arm auf meine Schulter und ihre Schenkel auf die meinigen, was immer ſehr angenehm iſt. Hinter mir endlich ſind zwei Männer, wovon der eine ſehr jung iſt, Mund und Augen ſo weit als möglich aufreißt, ſtaunend umhergafft und für die Freuden des Theaters und die Sitten von Paris noch ein Reuling ſcheint; der andere, ein hal⸗ ver Kahlkopf, hat die wenigen Haare, welche ſein 13 Hinterhaupt bedecken, mit vieler Mühe nach vornen gerichtet; er ſpielt den Galanten, lächelt und trillert unaufhörlich, ſchielt die Damen an und ſucht wo möglich ſeine Kniee ganz an dem Rücken meiner be⸗ leibten Nachbarin anzuſtemmen. „Sag' mir doch, Marie, ſiehſt Du unſere Männer? ſie müſſen im Parterre ſein... ſie ſind eine Stunde vor uns fortgegangen und werden einen guten Platz haben.“ „Ich ſehe ſie ſo wenig als unſere Katze.“ „Das iſt ſonderbar; haben ſie ſich in den Hinter⸗ grund verloren, oder haben ſie durch dieſes Gedränge nicht durchkommen können?“„ „O, wegen Gerards bin ich gatz ruhig, er weiß ſich ſchon Platz zu machen.. Koyimt man nicht über⸗ all durch, wenn man ſo ſtark Und nervenfeſt iſt wie „Mein Mann iſt ebenfalls ſtark, der arme Bribri; da er aber nicht groß iſt, ſo befürchte ich immer, man könnte ihn erſticken... ach wart', ich glaube, ich ſehe ſie unter dem Kronleuchter...“ „Geben Sie doch Acht, Madame, Sie legen ſich ja ganz auf mich,“ ſagt der alte Herr vornen, auf den ſich meine Nachbarin lehnte, um beſſer auf das Parterre hinabzuſehen. „Potz Tauſend, ich muß meinen Mann ſuchen... Ja, er iſt's, es iſt Bribri.. er hat ſeine ſchwarz⸗ ſeidene Kappe auf... Gerard ſteht neben ihm..“ „Aber, Madame, Sie erſticken uns...“ „Ach, mein Gott! darf man ſich hier nicht rühren?“ 4 6 14 Die Nachbarin wirft ſich nun auf mich, legt ihre Hand auf meine Schulter, um ſich gegen das Par⸗ terre vorzuneigen, während der alte Herr ſich um⸗ wendet und auf dieſe Frauen grimmige Blicke wirft, die ſie aber nicht beachten, indem ſie immerfort reden, wie wenn ſie zu Haus wären. „Wenn uns doch Gerard ſehen würde!“ „Wie dumm, daß ſie nicht zu uns heraufblicken... wart', ich will die Hand in die Höhe halten. Hm!... hm! Zum Glück für mich bemerkten die Herren Gerard und Bribri die Signale ihrer Frauen, ſonſt hätten dieſe ihre Manöver nicht unterlaſſen; allein ſie be⸗ ruhigten ſich auf das Lächeln, das man ihnen erwie⸗ derte und ſaßen auf ihre Plätze zurück, worauf ich wieder frei athmen und vor mich hinſehen konnte. Der veilchenblaue Mantel verhält ſich immer gleich ruhig, rührt ſich nicht, ſieht weder rechts noch links und ſpricht kein Wort mit den Nachbarn. Für eine Dame, die allein in's Theater geht, iſt dieſes Be⸗ tragen ſehr auffallend. Ich befinde mich gerade hinter ihr, könnte meine Kniee an ſie anlehnen und mit meiner Hand ihr Kleid ſtreifen, welches Vergnügen ſich ſo viele Theaterfreunde machen. Aber Gott be⸗ wahre mich vor einem ſolchen Betragen! es iſt eben nicht gar artig, einer Dame durch Stoßen mit den Knieen und Kneipen in die Hüften zu erkennen zu geben, daß ſie uns gefällt, was man ſich bloß gegen öffeni⸗ liche Mädchen erlauben mag, mit denen man folg⸗ lich die Frguenzimmer, welchen man ſolche Beleidi⸗ 15 gungen zufügi, gleichzuſtellen ſcheint. Wann werden denn die Männer ſich ehrſam aufzuführen wiſſen 2... Ach, mein Gott, ich glaube, ich predige Moral!... Nein, ich ſage nur, was mein Herz denkt. Das Publikum wird ungeguldig, daß man ſo lange nicht anfangt, und das Publikum des Byule⸗ vard du Temple pflegt ſeine Langeweile mit vielem Lärmen kund zu thun. Im Parterre ſtampft man auf den Boden, auf den Galerien pfeift man, auf dem Juchhe ſchreit man unter Fluchen:„Den Vorhang auf!“ Während dieſes Getöſes bemerke ich, wie der Herr mit dem Kahlkopf, welcher hinter meiner be⸗ leibten Nachbarin ſaß, ein Schildkrötenkämmchen aus der Taſche gezogen hat und auf ſeine Stirne etliche dreißig Haare kämmte, welche beſtändig wieder zu⸗ rückfallen wollen und dann in langen Schlicken hin⸗ abhängen, was dem Kopfe dieſes Herrn das Anſehen jener Federbüſche gibt, womit die Elſäßer Weiber handeln. Meine zwei Nachbarinnen, welche wahrſcheinlich geſchworen haben, keine zwei Minuten ruhig zu blei⸗ ben, ſtehen von Neuem auf und ſehen auf das Par⸗ terre hinunter. „Ach, Marie! ſieh', wie Dein Mann ſich mit ſei⸗ nen Nachbarn unterhält... er iſt nicht auf den Kopf gefallen, Gerard; er plaudert ſehr lange, wann er will. „Schau, wie Bribri ebenfalls ſchwatzt! Bemerkſt Du ſeinen feſten Blick, wenn er ſpricht? Er gibt ſich hiedurch einen gewiſſen Ausdruck. Sie lachen, dieſe 16 Herren. ach, die Schelmen!... Gott! ich möchte wiſſen, was ſie lächert... hm.. hm...“ Meine Nachbarin hängt ganz über mich her, ftreckt ihren Arm vor und ſchwingt ihr Taſchentuch, ſo daß ſie damit das Geſicht des Stutzers ſtreift, welcher den Arm dieſer Frau mit den Worten zurückſtoßt:„Geben Sie doch Acht, Madame, Sie nehmen mir alle Aus⸗ ſicht.. Schon eine ganze Stunde geniren Sie Jeder⸗ mann; Sie ſind hier nicht in Ihrem Zimmer.“ „Schaut, welche Neuigkeit! wenn ich in meinem Zimmer wäre, wüßte ich wohl, was ich thun würde darf man nicht mit ſeinem Gatten reden?“ „Man redet nicht von der Galerie auf das Par⸗ terre hinunter.“ „Verbietet dieß ein Polizeibefehl?“ „Wenn Sie mit Ihrem Manne reden wollen, ſo gehen Sie zu ihm hinunter.“ „Ich habe ſo gut und vielleicht mehr als Sie be⸗ zahlt.. ich werde reden, wenn es mir beliebt. Es iſt unartig von Ihnen, daß Sie ſich ſo gegen Frauen äußern; wenn Bribri bei mir wäre, ſo wür⸗ den Sie gelindere Saiten aufziehen. Man weiß dieß!“ Der Herr mit den Locken zuckt die Achſeln und dreht ſich auf die andere Seite, indem er murmelt: „Was iſt doch das für eine Einrichtung in dieſen Theatern!... Ich begreife nicht, wie man ſie betre⸗ ten kann. Wenn in einer Loge Platz geweſen wäre, ſo wäre ich wahrhaftig nicht hier. Allein Alles iſt vermiethet, Alles zum Voraus beſetzt!“ „Man rühmt das neue Stück ſehr,“ entgegnet — 17 der Gatte der Frau mit dem Schneckenhut, an den ſich der wohlgefällige ſüße Herr gewandt hatte. „Ach, man rühmt es.. beim Henker! dieſe Me⸗ lodrame ſind immer daſſelbe: ein Tyrann, ein Dummkopf und eine verfolgte Waiſe. Ich habe es ſchon ſechszig Mal geſehen!... Es iſt immer dieſelbe Geſchichte.“ „Sie ſind demnach ein täglicher Gaſt dieſer Thea⸗ ter?“ „Ein täglicher Gaſt? nein, ſondern ich beſuche fie bloß, weil ich doch Etwas treiben muß.“ „Das Stück, welches man aufführt, beſteht aus ſechs Veränderungen.“ „Bald werden ſie ſechsunddreißig daraus machen Es iſt wie eine wahre Zauberlaterne: Erſcheinen! Verſchwinden!“ „Ich für meinen Theil ſehe die Stücke mit Ver⸗ änderungen gerne; ſie ſind unterhaltender und haben mehr Abwechslung in dieſer Art.“ „Ja, durch dieſe Art wird mehr als ein Theater⸗ Direktor zu Grunde gerichtet... allein es iſt, wie Sie ſagen, ziemlich ergötzlich. Man ſieht einen Salon, dann einen Wald, ſofort eine Höhle... Tage, Jahre verſtreichen in einem und demſelben Akte. In der That, man wird dadurch etwas verwirrt; man weiß nicht, woran man iſt, noch was es bedeutet, aber dieß iſt nach der Art von Shakeſpeare, Schiller; man braucht es nicht zu verſtehen.“ „Sie ſtoßen mich ungufhörlich, meine Fräulein... Paul de Kock. LI. 2 „„ es iſt unausſtehlich... Sie verwickeln Ihre Füße mit den meinigen; bald kann ich die Arme nicht mehr rühren, um eine Priſe Tabak zu nehmen.“ Alſo redet der große trockene Herr die zwei Gri⸗ ſetten an, welche zu ſeiner Rechten ſitzen und von denen die Aeltere ihm, in's Geſicht lachend, erwie⸗ dert:„Wir rühren uns nicht!“ Dann drehen ſich die jungen Mädchen um⸗ ziſchen auf's Neue unter lautem Gelächter, betrachten den jungen Mann mit der ſtau⸗ nenden Miene und dem offenen Munde, der hinter ihnen ſitzt, ſchneiden Geſichter, ſtrecken die Zunge gegen ihn heraus und deuten zuletzt mit dem Finger auf den ſchneckenförmigen Mantel. Man läutet drei Mal. Meine Nachbarinnen ſetzen ſich wieder; das kleine Stück beginnt. Die zwei Ar⸗ peiterinnen, welche unter den Schauſpielern wahr⸗ ſcheinlich eine Liebſchaft und ſich auf den Balkon geſetzt hatten, um ihren Gegenſtand näher zu ve⸗ trachten, halten den Kopf vor und neigen ſich auf die Vorbühne mit den Worten:„Ah, wie ſchön nimmt er ſich aus! wie herrlich ſteht ihm dieſe Kleidung!... Er trägt die Stecknadel, welche ich ihm vorgeſtern gegeben habe.. Ach⸗ er ſieht uns er ſchaut auf uns.. ich bin ganz in ihn ver⸗ narrt.“ „Ich kann vor Ihnen gar nichts ſehen, meine Fräulein,“ ſagt der große Herr;„Sie beugen ſich mit dem halben Körper über das Geländer hinaus.“ „Sonſt würden wir nichts ſehen; es iſt noch ein Glück für Sie, daß wir keine Hüte aufhaben.“ 19 „Still doch,“ ſagte Frau Gerard,„ſpricht man auch ſo, wenn der Vorhang aufgezogen iſt?“ „Zur Thüre hinaus!“ ſchreit man vom Parterre. „Wollt ihr ſchweigen, Gauner!“ ruft eine Stimme vom Juchhe. Es wird wieder ruhig; das kleine Stück geht zu Ende. Sobald der Vorhang fällt, ſetzen ſich meine Nachbarinnen auf's Neue in Bewegung und winken ihren Gatten. Der wohlgefällige Herr geht hinaus, indem er an ſeinem Platz einen Handſchuh zurückläßt; die bei⸗ den Griſetten ſteigen aus den Sitzen hinaus; der neben der hübſchen Dame ſitzende junge Mann ent⸗ fernt ſich ebenfalls; ich glaubte, die Damen Bribri und Gerard würden deßgleichen thun, allein ſie blie⸗ ben zu meinem Leidweſen. Als jene Dame auf dem Vorderſitze es ſich für den Augenblick bequem machen kann, ſieht ſie ſich in dem Saale um, was mich ihre Züge näher betrach⸗ ten läßt. Ich hatte mich nicht getäuſcht: ſie iſt ſehr ſchön! Je mehr man ſie betrachtet, deſto mehr gefällt ſie... wenigſtens mir. Schöne, mandelartig geſchlitzte Augen, obwohl ſchwarz, doch vom lieblichſten Aus⸗ druck, kaſtanienbraune Haare, mittelmäßige, aber angenehm geformte Naſe, weder großer noch kleiner Mund und Zähne(ihr geſchloſſener Mund erlaubt es zwar nicht, ſie zu ſehen, allein ich wollte wetten, ſie muß ſchöne Zähne haben; überdieß muß man immer für ſchön halten, was man nicht ſieht: dieß koſtet nicht mehr und befriedigt doch); freilich hat ſie ſehr 20 wenig Teint, iſt eher blaß und von ernſthafter Miene, aber ich liebe die ernſten Frauenzimmer ſehr: ein ernſthafter Mund wird ſo verführeriſch, wenn er lächelt, während ein Mund, der immer lacht, be⸗ ſtändig einerlei iſt. Dieſe Dame hat wahrſcheinlich die Aufmerkſam⸗ keit, womit ich ſie betrachtete, wahrgenommen, denn ſie dreht ſich ſo, daß ich ſie nicht mehr ſehen kann. Beim Teufel! das iſt ſehr widerlich.. ich bin nicht ſo frei, mit ihr zu reden.. ihre Miene erlaubt auch nicht wohl, ein Geſpräch mit ihr anzuknüpfen. Wozu würde es im Grunde auch dienen, mit dieſer Dame zu reden? Was treibt mich, ihre Vekanntſchaft zu machen? Bleiben wir ruhig, das wird viel beſſer ſein. Habe ich mir nicht das Verſprechen gegeben, artig zu ſein, auf keinen Ball mehr zu gehen, die Griſetten nicht mehr zu beſuchen, bei dem Gaſtwirth mit Freunden, die den Champagner eben ſo gern als ich trinken, nicht mehr ſo oft zu diniren, nicht mehr zu reiten, noch Ecarté zu ſpielen? Es iſt indeſſen ein ſchrecklicher Gedanke, man werde vielleicht eine Perſon nicht mehr ſehen, welche uns gefällt, uns mit Liebe erfüllt, zu der uns eine geheimnißvolle Sympathie hinzuziehen ſcheint; freilich faßt dieſe Sympathie ſehr oft zwiſchen einem ſchönen Frauenzimmer und einem hübſchen Jüngling feſten Fuß. Habe ich es nicht ſchon hundert Mal empfun⸗ den? Ich will hiemit nicht ſagen, daß ich ſchön bin, aber ich bin von ganzem Herzen verliebt. „Ach, verzeihen Sie mir doch, mein Herr!.... Die Schöne, welche in der Loge hinter mir ſaß, hatte mit ihrer Hand meinen Kopf leicht berührt. Ich ſehe auf und verbeuge mich: Es iſt auch eine ſehr ſchöne Dame; Viele halten ſie vielleicht für hüb⸗ ſcher als die blaſſe, ernſthafte Dame; ſie feſſelt jedoch mein Herz nicht ſo, wie der veilchenblaue Mantel, vielleicht, weil dieſer mich nie anſchaut, während ich die andere ganz behaglich betrachten kann. Die Menſchen ſind ſo ſonderbar, oder die Natur hat ihnen vielmehr ein ſo ſonderbares Herz gegeben, denn wir ſind ſicherlich nicht mit unſerem Willen ſo und lieben eher das, was wir nicht haben können; wenn wir uns ſelbſt gemacht hätten, ſo würden wir wahrſchein⸗ lich alle dieſe kleinen Unannehmlichkeiten nicht haben. „Ah!.. piff. paff. Schau', wie man ſich im Parterre ſchlägt... Ach, mein Gott, Marie, gerade unter dem Kronleuchter... neben unſern Männern; wenn ſie ſich nur nicht darein verwickeln.. Miſche Dich nicht darein, Bribri, miſche Dich nicht darein, hörſt Du!. Du verlierſt Deine ſchwarzſeidene Kappe!“ Meine Nachbarin legte ſich auf das Geländer und erſtickte mich faſt mit ihrem ſchweren Körperz ich hob ſie ſachte mit den Worten zurück:„Beruhigen Sie ſich, Madame; Sie ſehen ja wohl, daß Herr Bribri ganz ruhig iſt und der Streit ihn nicht berührt.“ „Ach, ich kenne meinen Mannz ein Wort⸗ würde hinreichen, um ihn darein zu verwickeln. Er iſt zwar klein, aber das iſt einerlei, er iſt ein Raufer wie ein Geier.“ Die Dame mit dem veilchenblauen Mantel dreht 2 78 ſich ein wenig um, lächelt ein Bischen, ich lächelte ebenfalls, unſere Blicke begegneten einander, es ſchien mir, als habe ſich von nun an ein geheimes Ver⸗ ſtändniß zwiſchen uns gebildet; ich glaube wenigſtens gerne daran, weil ich es ſehnlichſt wünſche. Die Perſonen, welche hinausgegangen waren, kehrten auf ihre Plätze zurück. Die beiden jungen Mädchen haben Pomeranzen und Kuchen in den Hän⸗ den, ſtopfen ſich mit letzterem voll und ſaugen die Pomeranzen auf der Seite ihres Nachbars aus, wel⸗ cher in ſeiner peinlichen Lage beſtändig wiederholt: „Sie baecken mich, Fräulein! Geben Sie Acht, die Pometanzen nehmen die Farbe.“ „Eine halbe Stunde Zwiſchenakt und ſie fangen noch nicht an!“ ſagte der Stutzer, in die Logen lorgni⸗ rend;„das iſt ſehr unſchicklich.. uns wegen eines vielleicht gehaltloſen Stückes ſo lange wartenzu laſſen!“ „Höre, Marie, dieſes artige Stumpfnäschen mit gewichstem Backenbarte ſagt, daß das Stück, welches man aufführen wird, unſchicklich iſt.“ „Bah! man ſagte zu Gerard, es ſei herrlich; der erſte Arbeiter unſers Nachbars, des Lampiſten, hat die Probe geſehen 3 verſichert, es ſei prächtig.. großartiger an Verbrechen als„die Henker“, die Räuber“, die Mandarinen“ und Alles, was man der Art ſchon geſehen hat. Das Ende, ſagt er, ſei ſo ſchrecklich, daß die Pompiers in der Probe geweint hätten und zwei Maſchinenmeiſter fortgetragen wer⸗ den mufßten.“ „Wie viele ſterben in dem Stücke, Marie?“ Der Akt iſt zu Ende.„Das iſt prächtig!“ ſagen meine Nachbarinnen. „Das iſt ſehr ſchlecht!“ ſagt der Stutzer. „Es iſt ſehr unterhaltend!“ behaupten die kleinen Arbeiterinnen, indem ſie von Neuem über die Bänke hinwegſteigen, wahrſcheinlich um wieder Proviant zu holen. Der junge Mann hinter uns hat allein ſeine Mei⸗ nung nicht abgegeben. Ich denke, er hält das Melo⸗ drama für die Fortſetzung des kleinen Stücks, wie jener Landbewohner, welcher nach einer Vorſtellung der Andromache und den Plaideurs zu Racing ſagte: „Der Schmerz der Prinzeſfin hat mich ſehr betrübt, aber die Auflöſung iſt äußerſt hübſch, die kleinen Hunde haben mich ſehr gelächert. Ich ſuche in dem Saale, ob ich nicht einen Bekannten bemerke, als eine Stimme von der Loge hinter mir ruft;„Wie vefindet ſich Herr Deligny?“ Dieſen jungen Mann habe ich einige Mal in Ge⸗ ſellſchaft geſehen; er trat in die Loge, um mit dem darin befindlichen Herrn und ſeiner Frau zu plaudern. Er hat mich erkannt, wir wechſeln jene täglichen Redensarten, die man Unterhaltung zu nennen pflegt; ſofort wünſcht er mir guten Abend und verläßt die Loge, um an ſeinen Platz zurückzukehren. Ich ſetze mich wieder; aber zu meiner Verwun⸗ derung begegnen meine Augen denen der Dame mit dem veilchenblauen Mantel. Sie hat auch ihre frühere Stellung wieder eingenommen; während ich aber rechts und links in dem Saale lorgnire, bemerke ich, —— wie die hübſche Dame ſich ſachte dreht und mich auf⸗ merkſam muſtert. Ja, ich bin es, den ſie betrach⸗ tet.. dieß ſcheint mir gerade auffallend... Seitdem man meinen Namen genannt hat, bemüht ſich dieſe Dame, mich zu ſehen; wenn ich ein berühmter Künſt⸗ ler wäre, wenn man mich unter die Dichter, Maler oder Componiſten rechnete, ſo würde ich dieſe Neu⸗ gierde begreifen, allein ich bin Nichts von all' dem; ich denke nicht daran, daß man ſich in der großen Welt mit mir beſchäftigt 1... Ich habe freilich manche dumme Streiche gemacht, ſeit vier Jahren faſt das ganze Vermögen, welches mir meine Mutter hinter⸗ laſſen hatte, durchgebracht, viele Liebesabenteuer ge⸗ habt, allein dieß ſieht man täglich und kann mich vor den andern Perſonen meines Alters nicht beſonders auszeichnen. Da dieſe Dame mir Aufmerkſamkeit zu ſchenken ſcheint, warum ſollte ich mich nicht erkühnen, mit ihr zu reden? Vielleicht wünſcht ſie es auch, und ſie kann natürlich nicht den Anfang machen. Nun, wir wol⸗ len es verſuchen... ein altes, aber immerhin geſchick⸗ tes Mittel. Ich gebe vor, von meiner Nachbarin geſtoßen worden zu ſein und ſtoße plötzlich an den Arm der hübſchen Dame. Sie dreht ſich um, ich ergieße mich in Entſchuldigungen:„Ich bitte Sie ſehr um Verzeihung, Madame... es thut mir unendlich leid.. man iſt aber ſo gepreßt... ſo genirt hier.“ Man antwortet mir ganz kurz und trocken:„Es hat nichts zu bedeuten, mein Herr!“ und kehrt mir ſchnell den Rücken. Man will ſich alſo entſchieden in kein 29 Geſpräch einlaſſen; warum werde ich aber verſtoh⸗ lener Weiſe ſo gemuſtert? Ich verſtehe dieß nicht. Die beiden jungen Mädchen kommen zurück und haben dießmal Fladen in einem Papier. Die Aeltere läßt beim Riederſitzen ein Stückchen auf die Hoſe ihres alten Nachbars fallen; nun kann er ſich nicht mehr halten und geräth in Wuth:„Das iſt zu arg, Fräulein!... Sie thun es mit Abſicht, Sie beflecken meine Hoſe mit allen Ihren Naſchereien. Ich will einen Inſpector, einen Commiſſär holen, daß man Sie zur Ruhe bringt.“ Die kleinen Mädchen lachen bis zu Thränen; die Aeltere antwortet:„Ich glaube nicht, daß der Com miſſär berechtigt iſt, uns das Fladeneſſen zu verbieten.“ „Wenigſtens dürfen Sie mir aber keine auf meine Hoſe werfen.“ „Geſchah dieß mit Fleiß?“ „Ja, ſeit dem Beginne des Schauſpiels ſuchen Sie mich zu beflecken, bald mit Kaſtanien, bald mit Pomeranzen, Aepfeln...“ „Das iſt nicht wahr, wir haben keine Aepfel ge⸗ geſſen.“ „Iſt denn das Theater eine Küche?“ „Ach, man ſieht wohl, daß Sie nicht um zwei Uhr zu Mittag geſpeist haben, um Platz zu bekommen...“ Das Klingeln machte dieſem Streit ein Ende. „Gott ſei Dank! nun wird es doch bald aufhören,“ ſagte der alte Herr. Der letzte Akt beginnt, allein der Ausgang findet Tadler; einerſeits wird ausgepfiffen, andererſeits ge⸗ 30 klatſcht; die Schauſpieler machen immer fort. Frau Bribri liegt faſt beſtändig auf mir, weil ſie befürchtet“ ihr Mann werde von der einen oder andern Partie ge⸗ prügelt. Gott ſei Dank, das Stück iſt beendigt; es war Zeit, ich erſtickte faſt. Man nennt den Verfaſſer; ich vleibe noch, und weiß nicht, welcher Reiz mich an die Dame mit dem Mantel feſſelt. Ich wollte gerne,wiſſen, ob irgend Jemand ſie abholt. Nein, ſie ſteht auf... ich viete meine Hand an, um ihr über die Bänke hinüber zu helfen, ſie nimmt es aber nicht an, und leicht wie eine Feder iſt ſie bereits hinausgeflogen. ich folge ihr, aber einige Perſonen trennen uns... indeſſen verliere ich ſie nicht aus dem Geſichte.„ ach! verflucht ſeien die Röcke, welche mir unter die Füße kommen, ich kann nicht ſo ſchnell, als ich gerne wollte, hinuntergehen, und die Menge nimmt immer zu; jeden Augenblick trennt mich eine größere Menge von dieſer Dame. Wir befinden uns unter dem Säu⸗ lengang; ich bemerke ſie noch. als man mich plötz⸗ lich am Arme nimmt und zu mir ſagt:„Da biſt Du!. ich vermuthete wohl, Dich hierzutreffen.. gehe doch nicht ſo ſchnell, Du erftickſt ja in dieſem Gewühl.“ Derjenige, welcher mir dieß ſagte, hielt mich am Arm zurück, und während dieſer Zeit verſchwand die unbekannte Dame vor meinem Blicke. Ich mache mich von meinem Bekannten mit den Worten los:„Warte auf mich! ich ſinde mich gleich wieder ein.“ Dar⸗ auf ſtürze ich mich in den Haufen, dränge, ſof Jedermann; aber ach! ich komme zu ſpät an dem Thore an. Ich ſehe die, welcher ich folgte, nicht 31 mehr; ich blicke rechts, links, renne auf dem Bou⸗ lebard nach verſchiedenen Seiten hin und her. umſonſt: ich habe die Dame mit dem veilchenblauen Mantel verloren! Zweites Kapitel. Das Kaffeehdus. Ich ſtand noch auf dem Boulevard vor dem Kaffte⸗ haus des Theaters, blickte nach allen Seiten, un⸗ ſchlüſfig, welchen Weg ich nehmen ſollte, umher, als ich neben mir lachen hörte; es war Dubois, der junge Mann, welcher mich unter dem Säulengang des Theaters angehalten und mich gerade unter dem Arme nahm, indem er ſagte:„Das Frauenzimmer ſcheint Dir, mein Freund, ſehr am Herzen zu liegen und der Mühe werth zu ſein, daß man auf dem Boulevard eine Wache aufſtellt, denn ſeit fünf Mi⸗ nuten bewundere ich Dich, armer Deligny, wie Du nach allen Hüten, welche Du wahrnimmſt, rennſt.“ „Ja, gewiß iſt ſie reizend, es thut mir unendlich leid, daß ich ſie verloren habe!... Du biſt Schuld daran, Du haſt mich unter dem Säulengang zurück⸗ gehalten...“ „Du hätteſt mir nur ſagen dürfen, daß Du einen Gegenſtand verfolgeſt.. dann hätte ich Dich unter⸗ ſtützt, im Gegentheil. unter Freunden kommt dieß täglich vor... Gib mir ihr Signalement, ich will mich bei allen Obſthändlerinnen erkundigen, ob ſie ſie Yorbeigehen ſahen.“ ——i— 32 „Ah, Du ſpotteſt immer...“ „Komm' in's Kaffeehaus; das iſt ein ſeyigeſchla⸗ gener Liebeshandel, wir wollen einen andern an⸗ knüpfen... Ich habe zwei kleine Mädchen lorgnettirt, welche Reis eſſen.., hübſch wie die Liebesgöttinnen, namentlich von der Seite betrachtet; wir ſind aber nicht gezwungen, S ihnen gegenüber zu ſetzen. Wohlan, komm'. „Nein, ich will. warten...“ „Du ſiehſt wohl, daß Niemand mehr als die Lo⸗ genſchließerinnen herauskommen werden, und ich ver⸗ muthe nicht, daß uiſt dieſen Dein Whessegtüſet iſt. Komm' alſo.. Dubvis hat e es befindet ſich Niemand neh im Theater, und wenn ich auf dem Bouleyard an⸗ genagelt bliebe, ſo würde ich jene hübſche Dame nicht wieder finden; denken wir nicht mehr an ſie und ge⸗ hen wir in das Kaffeehaus. Dubvis, welcher mit mir geht, iſt ein junger Mann meines Alters, etwa ſiebenundzwanzig Jahre alt, nicht groß, aber ſchön gewachſen und hält den Kopf ziemlich zurück. Er iſt ein hübſcher Jüngling mit ſehr ſchwarzen Haaren, ſchönen, ebenfalls ſchwarzen Augen, welche ſeiner ſehr beweglichen Phyſiognomie noch mehr Lebhaftigkeit geben, hat ziemlich iche Zähne, gefällt aber durch ein angenehmes Lächeln; es iſt ſchade, daß in ſeinem ſonſt gar nicht üblen Aeußern etwas Kanaillöſes liegt: ein Komiker von ſchlechtem Ton, welcher auf der Stelle einen Tauge⸗ nichts zweiten Rangs verräth. Das Benehmen Dubois' 33 iſt der Ausdruck ſeines Aeußern: Anſprüche, Zierereien eines Stutzers, die aber, erkünſtelt oder übertrieben, beſtändig einen gewichtigen Charakter annehmen; endlich die Gewohnheit, ſehr laut zu reden, um ſich vor ſeiner ganzen Umgebung bemerklich zu machen, während er ſich, ſo oft er Gelegenheit hat, in dem Spiegel betrachtet. Dubvis fehlt es nicht an Geiſt; er iſt luſtig, un⸗ terhaltend, nöthigt zu lachen, obwohl ſeine Scherze nicht immer von gutem Geſchmack ſind; aber er weiß Alles in's Komiſche zu ziehen. Indeſſen ziehen ihm ſeine Sucht, ſich bemerklich zu machen, ſeine Anſprüche und die Gewohnheit, lauter als die Andern ſprechen zu wollen, manchen Streit zu; dann macht er viel Lärmen, ſchreit, droht, will Jedermann ſchlagen, ſchlägt aber Niemand, und wenn die Händel ernſt⸗ lich werden, ſo findet er irgend einen Vorwand, zu verſchwinden und nicht mehr zu erſcheinen. Trotz dieſer Fehler, welche von einer vernachläßigten Er⸗ ziehung und von zu häufigen Beſuchen ſchlechter Ge⸗ ſellſchaften herrühren, iſt Dubois ein ganz guter Kerl, verbindlich, dienſtfertig, hat aber nie etwas Verfüg⸗ bares, wenn es ſich davon handelt, ſeinen Freunden Dienſte zu leiſten. In dieſer Welt, wo die Egviſten ſo überwiegend find, muß man, wenn man eine gute Seele trifft, ihr viele Fehler verzeihen. Wie Manche haben Fehler, welche durch keine andere gute Eigen⸗ ſchaft gut gemacht werden! Dubois iſt ein Mann, den man nicht in gute Geſellſchaft einführen darſ, Paul de Kock. LI. 3 aus Furcht, er mache oder ſage irgend etwas Un⸗ artiges, aber in einem kleinen Kreiſe iſt er gerne gelitten, iſt die Seele der Landpartieen oder der Schmausgelage der Junggeſellen. Wenn er ſie drei Mal geſehen hat, duzt er ſie, und es ſcheint ihnen ſelbſt, als kennen ſie ihn ſchon Jahre lang. Immer heiter, ohne Sorgen, ſo lange ſeine Perſon nicht Gefahr läuft, lebt er ſo unabhängig, als ein Ma⸗ ronen⸗Unterhändler es nur immer kann, verſchwendet an einem Abend, was er in einem Monat verdient hat, opfert die Geſchäfte dem Vergnügen auf, rennt, wenn er keinen Heller mehr hat, zu Fuß in die Hand⸗ lüngshäuſer, durchſtreift, mit Zucker- und Kaffee⸗ Muſtern in der Taſche, Paris von einem Ende zum andern, nachdem er mit einer Griſette oder Tänze⸗ rin der kleinen Theater acht Tage lang in einem Lil⸗ bury herumgefahren iſt. Ferner iſt er ein großer Liebhaber der Frauenzimmer: erfreut darüber, in dem Rufe eines Roué und eines vermöglichen Man⸗ nes zu ſtehen, hat er ſich zum Grundſatz gemacht, keinen Tag vorübergehen zu laſſen, ohne eine Er⸗ oberung zu machen; auch geht er faſt beſtändig dar⸗ auf aus, ſeine ſogenannten krais zu machen, das heißt, eine neue Bekanntſchaft anzuknüpfen, auf welche Art er ſeine Gefühle oft am ganz unrechten Orte ergießt. Es ſteht mir zwar nicht wohl an, Andere zu tadeln, mir, der ich mich ſo eben in ein Frauenzim⸗ mer verliebt habe, das ich nicht kenne, ihr ſo weit als möglich nachgefolgt bin, und endlich in der Welt 35 in keinem großen Rufe der Sittſamkeit ſtehe!.. Wollen Sie aber gefälligſt glauben, daß ich nicht ſo oberflächlich wie Dubois handle, und bevor ich ein Band knüpfe, wiſſen will, mit wem ich zu thun habe. Jene Dame in dem veilchenblauen Mantel ſah ſehr vornehm aus, und obwohl ſie allein im Theater war, verrieth doch ihr Benehmen, ihre Hal⸗ tung, kurz Alles eine Perſon von Stand; trotzdem hätte ich, wenn ich auch ihre Bekanntſchaft hätte ma⸗ chen können, es nicht bei dem äußerlichen Anſehen beruhen laſſen, ſondern hätte mich überzeugen müſ⸗ ſen, ob ich, ohne zu erröthen, ihr den Arm geben könnte. Vergeſſen wir jedoch jene Dame, die ich ohne Zweifel nicht wiederſehen werde, denn ich bin noch nicht ſo romantiſch, als daß ich lange Zeit in eine Unbekannte verliebt wäre. Das Kaffeehaus iſt geſteckt voll. Hier verſam⸗ meln ſich nach dem Schauſpiel die täglichen Theater⸗ gäſte, die Müßiggänger, die Angeſtellten des Thea⸗ ters, welche über das neue Stück ihre Meinung geben; Jeder bringt vor, man hätte ihm folgen, die ausgepfiffene Scene weglaſſen und die Stelle, welche einen ſchlechten Eindruck gemacht hat, verändern ſol⸗ len. Wenn man alle dieſe Leute hört, ſollte man glauben, ſie können ſich unmöglich täuſchen; ſie haben eine ſo große Bekanntſchaft mit der Bühne und ken⸗ nen den Geſchmack des Publikums vollkommen!... Sogar die alten Dominoſpieler zucken die Achſeln und rufen aus:„Gewiß! das iſt ſchlecht, abſcheulich, ich hatte es geſagt!...“ Und dieſe Herren haben * während der Vorſtellung des Schauſpiels, das ſie tadeln und von dem ſie nie eine Probe ſahen, ihr Spiel nicht verlaſſen. Arme Schriftſteller! von wem werdet ihr beurtheilt! All⸗ dieſe Leute, welche euer Stück nach der Aufführung ſo gut zuſchneiden, wä⸗ ren nicht im Stande geweſen, ein Wort zu ändern, noch vor der Vorſtellung eine mangelhafte Stelle zu bemerken. Boileau hat ganz recht: „Das Tadeln iſt wohl leicht, die Kunſt iſt aber ſchwer.“ Beim Eintritt in das Kaffeehaus bemerke ich jene zwei kleinen Mädchen meiner Loge, welche mit einem jungen Manne, den ich in dem kleinen Stücke ſpie⸗ len ſah, Bier trinken und Spritzkuchen eſſen, an deren zweitem Dutzend ſie ſchon ſind. Ich fürchtete wirklich für ſie, und hatte Luſt, Thee für ſie zu be⸗ ſtellen. Dubvis zieht mich mit in den Hintergrund des Kaffeehauſes, indem er aus allen Kräften ruft: „Komm' doch hieher. „Ich ſehe keinen Platz.“ „Komm' immerhin.., ich will mir Platz machen laſſen„ Wir kommen zu zwei Jungfern hin, welche ſich Milchreis ſchmecken laſſen. Neben ihnen ſitzen zwei Männer, welche Likör trinken und Domino ſpielen. Dubvis ſetzt ſich ohne Umſtände an ihren Tiſch, in⸗ dem er ſagt:„Dieſe Herren werden es wohl erlau⸗ ben und uns ein wenig Platz machen!“ Die Dominvſpieler ſehen Dubvis mit einer böſen 37 Miene an, allein er achtet nicht darauf, ſetzt ſich zwiſchen dieſe Herren und ihre Nachbarinnen und ruft dem Kellner mit den Worten:„Kellner. hieher. bedienen Sie uns... Die Herren werden ſo gefällig ſein, ein wenig zu rücken... Was trinkſt Du, De⸗ ligny 2.. Nicht wahr, Punſch mit Rhum? Das iſt das Beſte. eine halbe Bowle mit Rhum... „Biſt Du ein Narr?... Eine Viertelsbowle iſt genug für uns Beide.“ „Nein, nein, wir können wohl eine halbe trin⸗ ken.. Ueberdieß wollen wir dieſen Damen mit ei⸗ nem Glas aufwarten, wenn ſie es gütigſt annehmen wollen.. Kellner, eine halbe Bowle... aber gut, wie gewöhnlich.“ Die beiden kleinen Frauenzimmer haben ſich auf den Vorſchlag Dubvis' gegenſeitig angeſehen; die Eine lächelte, die Andere ſenkte ihren Blick, ohne zu antworten. Ich ſtoße ihn mit dem Knie, indem ich ihm in's Ohr ſage:„Du kennſt ſie alſo, weil Du ihnen ſogleich Punſch anträgſt?“ Dubvis antwortet mir ſehr laut:„Ich habe nicht das Glück, dieſe Damen zu kennen, aber ſie ſehen zu liebenswürdig aus, als daß man nicht wünſchen ſollte, ihre Bekanntſchaft zu machen.“ „Mein lieber Freund,“ ſagte ich leiſe zu ihm, der mir immerfort ſehr laut antwortete,„ich geſtehe Dir, daß ich eben keine ſehr gute Meinung von die⸗ ſen Frauenzimmern habe.“ „Und ich, ich habe die beſte von ihnen... Es würde mir auch ein überaus großes Vergnügen ma⸗ chen, ihr Cavalier zu werden, wenn anders man meinen Arm annehmen würde.“ Bei dieſen Worten beſah ſich Dubois im Spiegel, ließ ſeine Zunge über die Lippen gleiten und warf ſofort ſeine Blicke auf ſeine Nachbarinnen. „Aber ſie ſind nicht hübſch.“ „Ach, was ſagſt Du da! Herrliche Geſichter, Naſen à la Niobée, Korallenmund, Alabaſterzähne, und über all' dieß ein Erguß von jungfräulicher Scham.“ Ich fand einen nicht gar jungfräulichen Ausdruck auf den Zügen jener Frauenzimmer, welche bei den Worten Dubvis ſich anlächelten. „Die Eine von ihnen ſchielt,“ ſagte ich ihm in's Ohr. „Gerade dieſe würde mir am meiſten gefallen.. Ich bin jedoch ein guter Kerl, wähle: nimm die Brünette oder die Blondine, ich ſchicke mich ſogleich in die Andere; das iſt hoffentlich als Freund ge⸗ handelt.. „Ich will weder die Eine noch die Andere. „Bah! wenn Du ein Glas Punſch getrunken haſt, wirſt Du ſchon zärtlicher werden.. Denkſt Du noch an die Dame, welche Du bis zum Thore verfolgteſt?⸗ „Sei doch ſtill, Dubvis!„ „Nun! was iſt es für ein Fehler, dem ſchönen Geſchlecht den Hof zu machen wer ſtreut Blu⸗ men auf den Pfad unſeres Lebens 2 Hin Ach Gott! die hübſche Hand! wenn ich ein Maler wäre, ſo würde ich ſie ſogleich abzeichnen„ 39 Das junge Frauenzimmer, an welche dieſes Com⸗ pliment gerichtet war, konnte ſich des Lachens nicht enthalten; indeſſen ſah ich, wie ihre Freundin ſie unter dem Tiſche wit dem Fuße ſtieß, wahrſcheinlich um ſie aufmerkſam zu machen, mehr Decorum zu beobachten. „Ah! Vivat! da kommt der Punſch!... Kell⸗ ner, hieher... ſtellen Sie ihn hiehet... Dieſe Her⸗ ren werden die Güte haben, ihre Domino ein wenig zuſammenzurücken.“ „Ich ſehe nicht ein, warum wir uns geniren ſoll⸗ ten,“ ſagte einer der Spieler, indem er eine unge⸗ duldige Bewegung machte.„Es gibt jetzt Platz an anderen Tiſchen, warum ſetzen Sis ſich nicht dahin?“ „Wir haben hier einen zu guten Platz, als daß wir ihn ändern wollten. Ein Magnet zieht uns hier Kellner, Makronen.“ Die Spieler ſetzen ihre Partie fort, während ſie gegen Dubois murmeln, der nicht darauf achtet und zu unſern Nachbarinnen, welche eben mit ihrem Reis fertig geworden ſind, ſagt:„Dürfen wir ſo frei ſein, und Ihnen mit einem Glas Punſch aufwar⸗ ten?„ „Nein, mein Herr, ich danke Ihnen.“ „Er. ſehr ſüß, ſehr leicht, ein ächter Damen⸗ punſch.. „Wir nie Punſch.. Dubois hatte zwei Gläſer eingeſchenkt, welche er vor die zwei Frauenzimmer ſtellte. „Kellner, zwei reine Gläſer!“ 40 „Sie bemühen ſich umſonſt, wir trinken dieſen Punſch nicht.. 3 „Ach, meine Damen, koſten Sie ihn wenigſtens Er bekommt Ihnen gut nach dem Reis...“ „Aber, mein Herr..“ „Mit einer Makrone...“ Dubvis warf in jedes Glas eine Makrone. Ich ſah, wie eines dieſer Frauenzimmer Luſt hatte, es anzunehmen, und wie das andere unter dem Tiſche abermals mit dem Fuße ſtieß. „Wir ſollten ſchon längſt fortgegangen ſein,“ ſagte die eine dieſer Jungfern, welche nicht ſchielt,„und wir wären nie in das Kaffeehaus eingetreten, wenn der Vetter meiner Freundin ihr nicht geſagt hätte, er wolle uns abholen.“ „Freilich,“ erwiedert die Andere,„wenn wir ge⸗ dacht hätten, er komme nicht, ſo wären wir nicht hier; denn wofür hält man zwei Frauenzimmer al⸗ lein in einem Kaffeehauſe?“ „Man hält dafür, daß ſie Reis eſſen, und nichts Anderes! Trinken Sie doch ein wenig Punſch!“ „Sag' doch, Charlotte, wenn Alexander nicht kommt, ſo müſſen wir fortgehen, denn es muß ſchon ſpät ſein.“ „Nein, meine Damen, es iſt noch nicht elf Uhr.“ „Warum nicht gar, wenn mein Vetter mir einen ſolchen Streich ſpielte, uns im Stich zu laſſen, ſo würde ich ihm in meinem Leben nicht verzeihen.“ „Dieſe kleinen Böſewichte von Vettern ſind bis⸗ weilen ſehr treulos!„ aber wenn er nicht kommt, „————,———— 41 ſo hoffe ich, Sie werden uns, meinen Freund und mich, gefälligſt als Begleiter annehmen.“ Ich ſtoße Dubois mit dem Fuße, weil ich durch⸗ aus keine Luſt habe, dieſe Jungfern nach Hauſe zu begleiten; aber er hört nicht auf mich und fährt fort: „Mein Freund iſt eben ſo galant wie ich, und wenn er Ihnen in dieſem Augenblick etwas ernſthaft vor⸗ kommt, ſo hat dieß ſeinen Grund darin, daß er an eine gewiſſe Dame denkt, in die er ſich im Theater verliebt und die er unter dem Säulengang verloren hat.“ Die beiden Frauenzimmer fangen an zu lachen; ich hätte mich gerne erzürnt, aber bei Dubvis iſt es nicht möglich; ich gab ihm ſomit bloß zur Antwort: „Lieber Frennd, ich habe Dir nicht geſagt, ich habe mich verliebt man kann Jemand an dem Thore erwarten, ohne daß dieß ein Beweis iſt, daß. „Laß', laß'!. ich habe Dich über die Boulevards rennen geſehen; ſtellen Sie ſich vor, er ſah aus, als ob er Kämmerchen ſpielte. Mein Freund iſt nämlich ſehr verliebt, faſt eben ſo arg wie ich.. Das Vet⸗ terchen kommt nicht, ich hoffe, wir werden das Ver⸗ gnügen haben, Sie nach Hauſe zu führen. 4 „Wir wohnen ſehr weit weg, mein Herr.“ „Um ſo beſſer, das Vergnügen wird darum nur länger dauern, und zudem ſind die Fiaker nicht für die Figuren von Curtius da... Ah, meine Damen, betrachten Sie doch den Mann, der ſo eben herein⸗ getreten iſt!... Welcher Kopf!... Sollte man nicht glauben, es ſei ein angekleideter Affe?“ Das beſte Mittel, mit den Frauenzimmern und beſonders mit den Griſetten ſchnelle Bekanntſchaft zu machen, iſt: ſie zum Lachen zu bringen; dieſe Damen wollen gerne unterhalten ſein. Dubois hatte hierin Takt und namentlich eine große Uebung. Die Frauen⸗ zimmer drehten ſich um, den Mann, über den ſich Dubvis luſtig machte, zu betrachten, und lachten laut auf über ſeinen Scherz; in dieſem Augenblick vergaß diejenige, welche ſchielte und die es ſchon lange nach dem vor ihr ſtehenden Glas Punſch gelüſtete, die Beſcheidenheit, welche ſie beobachten wollte, ver⸗ ſchlang ohne Mühe das Getränk und die Makrone, und ihre Freundin, die das leere Glas auf den Tiſch ſtellen ſah, entſchloß ſich, ihrem Beiſpiel zu folgen. Darauf neigte ſich Dubois zu mir und ſagte blin⸗ zelnd:„Sie haben getrunken, ſie gehören uns.“ „Uns! Dir, das laß ich mir gefallen! aber ich, ich habe Dir geſagt, ich gebe mich nicht mit Der⸗ artigen ab.“ „Ei, mein Freund, man muß auch abwechſeln! Ich liebe die vornehmen Damen, die Spröden, die menſchenſcheuen Tugenden auch, aber von Zeit zu Zeit ein Häubchen, eine ſchwarzſeidene Schürze, kurz, eine Griſette, das iſt nicht übel, das weckt auf Im Grunde können wir ſie immerhin nach Haus be⸗ gleiten, dieß verpflichtet zu Nichts... Sie trinken ja nicht, meine Damen. Kellner, Punſch. vom näm⸗ lichen, doch dürfte er beſſer ſein!.„ „Geben Sie doch Acht, mein Herr, Sie werfen meine Dominoſteine auf den Boden,“ ſagte einer 43 unſerer Nachbarn, welchen Dubois, während er den Frauenzimmern einſchenkte, mit dem Ellbogen ge⸗ ſtoßen hatte. „Das thut nichts,“ antwortet Dubois, mit ſpöt⸗ tiſcher Miene lachend,„Sie hatten den doppelten Sechſer nicht.“ „Sie haben nicht nöthig, mein Herr, in mein Spiel zu reden. „Um Sie zu uößen, meine Damen... eine Makrone. das nimmt man wie eine Pille. ich kenne dieß, ich habe ſchon viele Pillen in meinem Leben verſchluckt... Ich will damit ſagen, ich habe mich ſchon oft fangen laſſen; das iſt eine Metapher.“ Ich neigte mich wieder zu Dubois hin und ſagte ihm in's Ohr:„Wir wollen dieſe Bekanntſchaft nicht weiter kommen laſſen.. es iſt ſpät; bezahlen wir und laſſen wir dieſe Damen ihren Vetter erwarten.“ „Ach, warum nicht gar! Du ſcherzeſt, ich bin in alle Beide verliebt.“ „Willſt Du wirklich dieſe Mädchen nach Haus be⸗ gleiten?. das wäre zu arg...“ „Ich muß mir durchaus Erholung machen.. Ich brauche alle Tage eine Liebſchaft; eher würde ich die Gerſtenzuckerhändlerin nach Haus führen, als allein fortgehen.“ Die beiden jungen Mädchen, welche ſeit einiger Zeit einander anſahen und unſchlüſſig ſchienen, machen eine Bewegung, um aufzuſtehen; Dubvis hält ſie mit den Worten zurück:„Wohin gehen Sie denn?“ „Wir gehen fort... es iſt ſpät es wird — meinem Vetter unmö holen.„ „Es iſt nicht ſpät, die Uhr geht vor... Zudem können Sie ohne uns nicht fortgehen; Frauenzimmer allein ſetzen ſich Nachts in den Straßen von Paris allerlei Gefahren aus. Wir dulden es nicht. Trinken Sie doch ein wenig Die beiden Freundinnen ſetzen ſich wieder, ich muſtere ſie. Sie ſehen indeß nicht ſo frech aus wie jene Frauenzimmer, welche ſonſt die Kaffeehäuſer be⸗ ſuchen. Sie haben ſogar etwas Bürgerliches, Ehr⸗ bares in ihrem Anzuge; allein junge ehrſame Mäd⸗ chen wären nicht allein hier um halb zwölf Uhr Nachts. „Gelegentlich, Deligny, Du weißt nicht, daß ich heute im Cadran⸗Bleu dinirt habe„ Ich winkte Dubois und bat ihn, meinen Namen im Kaffeehaus nicht ſo laut zu nennen: umſonſt, er hört nicht auf mich, weil er während des Geſprächs ſich im Spiegel beſieht oder unſern Nachbarinnen zu⸗ lächelt. „Wir haben ein flottes MWittageſſen gehabt. Ich war mit Saint⸗Germain zuſammen. Du weißt, jenem dicken Papa, welcher Commiſſionsgeſchäfte macht. Er hat ein Bureau, welches Gold trägt! „Immer Leute genug... man muß warten, bis die Reihe zum Eintritt an Einen kommt... Es iſt etwas Angenehmes um einen ſolchen Geſchäftsmann aber für mich würde es nicht paſſen, weil man man zu ſehr gebannt iſt. Ich, der ich meine Frei⸗ heit ſo ſehr liebe.. Es leben die Waarenverſtellun⸗ glich geweſen ſein, uns abzu⸗ 45 gen!... Die Gläſer Zuckerwaſſer koſten mich nichts Ich verbrauche bloß meine Muſter, und Gottlob! es fehlt mir nicht daran... Ich gehe auf Zucker und trete den Farinzucker mit Füßen... Meine Damen, noch ein Bischen Punſch.. dieſe halbe Bowle iſt beſſer als die erſte... O! ſehen Sie immerhin auf die Uhr, Sie müſſen nicht mehr an den Vetter den⸗ ken aber wir werden ſeine Stelle vertreten.. Wir wollen Ihre Oheime, Ihre Pfleger, Ihre Gat⸗ ten, kurz Alles, was Sie wünſchen, ſein.. Ich ſagte Dir alſo, mein Freund, daß ich im Cadran⸗ Bleu mit Saint⸗Germain, Jolivet und Jenneville dinirt habe. Dieſer liebenswürdihe und unglückliche junge Mann, welcher ſich von ſeiner Frau getrennt hat, weil ſie ihm wahrſcheinlich.. hm! beim Teu⸗ fel! man darf dieſes Wort nicht ſagen... dieſe Da⸗ men könnten böſe werden... Gleichviel, Jenneville iſt ein guter Kerl.. er treibt ſeine Sachen gut, er bezahlte das Diner... aber Du weißt es ja, denn er hatte Dich, ſo viel ich glaube, zu uns eingeladen⸗ Er liebt Dich ſehr, denn er war äußerſt mißſtimmt, daß Du nicht kommen konnteſt; warum biſt Du denn nicht gekommen? Meine Damen, etwas Rheimſer Biscuit.. das iſt, in Punſch getaucht, ſehr gut.“ Die jungen Mädchen, treu dem Grundſatze, daß bloß der erſte Schritt Ueberwindung koſtet, fügen ſich, nachdem ſie unter dielen Umſtänden das Glas Punſch angenommen hatten, nun in Alles, was Dubois ihnen vorſchlägt. Dieſer ſtieß, indem er den Ga⸗ lanten ſpielen und graziös einſchenken wollie, einem 46 der Dominoſpieler mit ſeinem auh Geſicht, welcher, über die Nachbarſchaft und das Geplauder Dubvis' längſt verdrießlich, auf's Höchſte aufgebracht wird. „Hören Sie bald mit Ihren Geberden auf, gehen Sie nicht anderswohin, um zu ſchwatzen und zu trinken?“ „Wie, ich verſtehe Sie nicht!“ „Und ich erſuche Sie, ſich ruhig zu verhalten, oder ich werde mich verſtändlich machen...“ „Was iſt das?. werden wir böſe?„ „Sie ſcheinen immer noch zu ſpotten, glaube ich... „Ich ſcheine, was ich will; wenn es Ihnen nicht beliebt, ſo dürfen Sie nur reden.“ „Nun, es beliebt mir nicht! Seit zwei Stun⸗ den ſitzen Sie mir auf dem Rücken „Das hätten Sie mir bälder ſagen ſollen, dann wäre ich auf Ihren Schooß gefeſſen.“ „Der Herr hat ſich ohne Umſtände an unſern Tiſch geſetzt.. Er ſtößt unſere Domino um.„ „Sie hätten uns ſogleich ſagen ſollen, Sie wollen das Kaffeehaus für ſich allein.. man hätte es viel⸗ leicht an Sie vermiethet „Ah, meine Herren,“ ſagte ich,„all dieß iſt nicht der Mühe werth, daß man ſich deßhalb zankt. Mein Freund hat Sie nicht abſichtlich geſtoßen.⸗ Der Streit hört auf, es wird ruhig, als Dubois, welcher durch ſein entſchloſſenes Auftreten ſeinen Gegner erſchreckt glaubt, ausruft:„Dieſer Herr gibt vor, meine Miene gefalle ihm nicht!. Das iſt ein großes Unglüc 47 Man muß ein anderes Ausſehen annehmen, das nach ſeinem Geſchmack iſt.“ 6 Der Dominoſpieler ſteht darauf auf, ſieht Dubois ſehr ſcharf an und ſagt zu ihm auf eine ganz hand⸗ greifliche Art:„Ja, Sie haben das Ausſehen eines Prahlhanſes; ich wiederhole Ihnen, daß Sie mich langweilen, und wenn Sie das Maul nicht halten, ſo werde ich Sie zum Schweigen bringen.“ Dubois wird gewahr, daß ſein Gegner ein gro⸗ ßer Raufbold von fünf Fuß ſechs Zoll iſt, welcher ſich durch ſeine Prahlereien durchaus nicht einſchüch⸗ tern läßt; er erröthet bis über die Ohren, ſchreit aber noch lauter:„Mein Herr, man macht mir nicht bange ich habe Proben abgelegt.. ich bin be⸗ kannt.. „Ich würde ſehr begierig ſein, Sie auch kennen zu lernen.. „Wenn Sie wollen; Jedermann weiß, wie ich auf Piſtolen ſchieße.. Aber ich ſage Ihnen zum Voraus, daß ich mich nie anders als auf drei Schritte Entfernung ſchieße, und daß ich den erſten Schuß habe, weil Sie der angreifende Theil ſind.“ Ich ſuche Frieden zu gebieten, und Dubvis, der ſehr ſtark ſchreit, um ſeinen Muth zu zeigen, zum Schweigen zu bringen. Der Kaffeewirth tritt mit ſeinem Anſehen auch in das Mittel, er will keinen Streit in ſeinem Hauſe. „Wir wollen hinausgehen,“ ſagte der Dominv⸗ ſpieler. „Ja, hinaus,“ antwortet Dubois, und läuft nach 4⁸ der Thüre, durch welche er alsbald verſchwindet. Die zwei Herren vezahlen ihre Zeche, und folgen darauf Dubvis; ich gehe ihnen in Begleitung einiger täg⸗ lichen Gäſte des Kaffeehauſes nach, um dieſen Handel beizulegen. Allein nach unſerer Ankunft auf dem Boulevard ſuchen wir umſonſt Dubois, und können ihn unmög⸗ lich auffinden. Ich rufe ihn mehrere Male.„O! Sie rufen umſonſt,“ ſagte ſein Gegner zu mir,„ich bin überzeugt, daß er ſchon weit fort iſt!... Dieß wundert mich auch nicht: die Leute, welche ſo viel Lärmen machen, führen ſich faſt immer ſo auf.“ „Meine Herren,“ ſagte ich zu den zwei Fremden, „das Betragen meines Freundes ſcheint mir in der That ſehr auffallend; allein ich war bei ihm, es iſt nun meine Pflicht, ſeine Stelle einzunehmen. Hier iſt meine Adreſſe.. Ich erwarte Sie morgen und ſtehe zu Ihrem Befehl.“ Der Gegner von Dubois, der ſeine böſe Galle etwas verloren hat, weist meine Adreſſe mit den Worten zurück:„Nein, mein Herr, das iſt über⸗ flüſſig. Sie haben uns nicht beleidigt, und wenn Ihr Freund ſo wie Sie geweſen wäre, ſo hätten wir wahrſcheinlich nicht den geringſten Wortwechſel mit einander bekommen. Reden Sie ihm nur zu, für die Zukunft weniger Lärmen zu machen, es iſt ſein ei⸗ genes Intereſſe.“ Nach dieſen Worten nahmen dieſe zwei Herren Abſchied von mir und entfernten ſich. Die Gaffer, welche uns gefolgt waren, gingen ebenfalls aus⸗ 49 einander, und ich blieb allein auf dem Boulevard ſtehen. Verfluchter Dubois!.. ich werde an dieſes Aben⸗ teuer denken, welches übrigens nicht das erſte der Art iſt, das ihm in meinem Beiſein begegnet; ich habe ihn ſchon hundert Mal gebeten, vorſichtiger zu ſein. Es iſt nicht Jedermann gegeben, ſein Leben kaltblütig auf's Spiel zu ſetzen; aber wenn ihr Muth nicht Stich hält, beleidigen ſie wenigſtens Niemand und machen nicht unaufhörlich den Prahl⸗ hans. Es iſt ſpät, der Boulevard iſt leer... die Kaffee⸗ häuſer ſind geſchloſſen... es bleibt mir nichts, als nach Haus zu gehen. Ich ſchlage den Weg nach der Vorſtadt Poiſon⸗ niöre ein, in der ich wohne. Ich war bereits an dem Wachtpoſten des Boulevard Chateau⸗d'Eau vor⸗ beigegangen, als mir plötzlich der Punſch einfiel, den wir noch nicht bezahlt haben, und jene zwei junge Mädchen, die mit uns tranken und nun viel⸗ leicht zum Bezahlen für uns angehalten werden. Vor dem Streit Dubvis' vergaß ich Alles dieß. Ich kehre alsbald um und laufe in das Kaffeehaus zurück Niemand mehr dort als die zwei Frauen⸗ immeß welche um uns äußerſt beſorgt ſind und nicht ie ſie fortkommen können. Verfluchter Du⸗ ſt es wieder, welcher mir dieſe zwei Frauen⸗ zimmer anhängt... ich habe mich beinahe für ihn geſchlagen, und nun werde ich ſie noch nach Haus Paul de Kock. LI. 4 — begleiten müſſen. Es iſt Mitternacht vorbei, ich kann dieſe kleinen Mädchen, welche auf ſeinen Arm gerech⸗ net haben, nicht zurücklaſſen!... Ich muß einen Ent⸗ ſchluß faſſen.„Wenn es Ihnen beliebt, meine Da⸗ men, ich ſtehe zu Ihren Dienſten.“ Ich habe bezahlt und wir verlaſſen das Kaffee⸗ haus. Drittes Kapitel. Die zwei Griſetten. Wir befinden uns auf dem Boulevard, die zwei iungen Mädchen blicken rechts und links und ſcheinen erſtaunt, daß ſie Niemand ſehen; endlich ſagte die⸗ jenige, welche ſich, wie ich glaube, Charlotte nennt, zu mir:„Wo iſt denn aber der andere Herr?“ „Wer, Fräulein?“ „Ihr Freund; mein Gott! hat er ſich geſchlagen?“ „Nein, meine Damen, beruhigen Sie ſich; er macht viel Lärmen, ſchlägt ſich aber niemals. dieß iſt nicht ſeine Art. er iſt wahrſcheinlich ſchlafen gegangen „Ah, was ſagen Sie! Nachdem er un gen hat, zu bleiben, um uns nach Hausz be Das iſt faſt eben ſo unhöflich von ihm, als nem Vetter Alexander...“. „Hieraus lernen Sie, daß man auf keuen Bekanntſchaften eben ſo wenig rechnen kann, als auf die alten. Allein ich werde meinen Freund erſetzen, 51 welcher über dem Streit ſein Verſprechen vergeſſen haben wird.“ Die Gefährtin von Fräulein Charlotte ſagte etwas leiſe zu mir:„Es thut uns ſehr leid, daß wir Ihnen ſo viel Mühe machen.“ Dieſes junge Frauenzimmer hat eine ſanftere Stimme und ein ſchüchterneres Ausſehen als ſeine Freundin; es iſt die Blondine, welche nicht ſchielt, im Kaffeehaus ihre Kamerädin mit dem Fuße ſtieß, um ſie zum Fortgehen zu veranlaſſen, und keinen Punſch annehmen wollte. Jedenfalls würde ſie mir beſſer als die Andere gefallen, wenn ich unter den Beiden zu wählen hätte. Ich führte dieſe Frauenzimmer nach der Chauſſee zu, aber es war kein einziger Fiaker mehr da.. ich werde ſie zu Fuß heimbegleiten müſſen, zudem iſt es ſehr nebelig, der Weg iſt ſchlecht, wir ſind im Monat Februar.. es iſt durchaus nicht mehr ergötzlich. „Kein Gefährt mehr!“ ſagte ich übelgelaunt. „O, das iſt uns einerlei,“ ſagte die kleine Blon⸗ dine,„wir machen den Weg eben ſo gut zu Fuß.“ „Ich für meinen Theil würde lieber fahren,“ ſagte Jungfer Charlotte,„es iſt viel angenehmer, zudem iſt es ein furchtbar weiter Marſch von hier bis in unſere Wohnung!“ „Wo wohnen Sie?“ „Ich,“ ſagte Charlotte,„wohne in der Straße aux Fers vor dem Markte des Innocens, und Ninie logirt in der Straße Aubry⸗le⸗Boucher, zwei Schritte davon.“ 52 In dieſes Viertel würde ich mich wegen einer Liebſchaft nicht bemühen, ob es gleich dort eben ſo hübſche Frauenzimmer wie anderswo geben kann; allein ich liebe dieſen Stadttheil, welcher die Hallen umgibt, nicht; es ſcheint mir, man athme dort be⸗ ſtändig den Fleiſch⸗ und Fiſchgeruch ein. Wenn jedoch jene Dame mit dem veilchenblauen Mantel dort woh⸗ nen und mir erlauben würde, ſie zu beſuchen... mit welchem Vergnügen würde ich dorthin rennen, wenn ſie ſogar in der Straße des Précheurs oder de la Huchette logiren würde! Allein es handelt ſich nicht von jener Dame; ich muß die zwei Griſetten nach nach Hauſe begleiten, welche Herr Dubois mit an⸗ gehängt hat. „Wollen Sie gefälligſt, Fräulein, jede einen Arm annehmen!“ Charlotte nimmt meinen rechten, Ninie meinen linken Arm, und nun ſchreite ich zwiſchen der Brünette und der Blondine nach dem Viettel des lnnocens. Es iſt ganz natürlich, daß man auch gerne wiſſen möchte, mit wem man zu thun hat. Ich frage daher zuerſt meine Dame zur Rechten, was ſie treibe, und Charlvtte, welche ſchon lange gerne zu reden wünſchte, antwortet mir auf der Stelle:„Ich ſtricke Franſen und mache Shawlgarnituren und bin ſehr geſchickt es iſt ſchade, daß es nicht viel einträgt fünf⸗ undzwanzig Sous täglich, bisweilen dreißig) wenn man ſich blind arbeiten will; ach, die Frauenzimmer haben viele Noth, ihr Brod zu verdienen... und dabei darf man ſich nur ſelten ein wenig ergötzen, was in „ 53 unſerm Alter doch natürlich iſt! Ich geſtehe es offen, daß ich das Schauſpiel und den Ball leidenſchaftlich liebe... Ach! wenn ich meinem Beruf gefolgt wäre, ſo ſtünde ich jetzt auf dem Theater; ich würde die Prinzeſſinnen⸗ oder Liebhaberinnen⸗Rollen ſpielen.. man würde mich belorgnettiren, beklatſchen, ich wäre prächtig gekleidet, und das wäre viel beſſer, als Franſen zu ſtricken! Nicht wahr, mein Herr?“ „Aber, Fräulein, man macht auf dem Theater nicht immer ſein Glück; man darf nicht bloß ſagen: ich will Schauſpielerin werden!“ denn um zu trium⸗ phiren, muß man Talent haben, ſonſt wird man, anſtatt beklatſcht zu werden, wie Sie gerne zu wün⸗ ſchen ſcheinen, ausgeziſcht und ausgepfiffen, was nicht ſo angenehm iſt; bei dem Franſenfabriziren haben Sie dieß nicht zu befürchten.“ „O, ich hätte Talent gehabt, ich weiß es gewiß, ein Herr hat es mir oftmals geſagt.“ „Ihr Vetter Alexander?“ „Nein, Alexander iſt ein Ebeniſt, zwar ein guter Kerl, aber dumm, und beſchäftigt ſich nur mit ſei⸗ nem Handwerke. Ich weiß gewiß, er hat uns deß⸗ wegen nicht abgeholt, weil er in ſeiner Werkſtätte noch zu arbeiten hatte.. O! dieſer Jüngling hat durchaus keine Lebensart. Der Herr, welcher mich talentvoll fand, war ein ſehr angeſehener Mann; er kannte alle Schauſpieler des Melodrama's, die Ver⸗ faſſer ebenfalls, und trank mit ihnen Kaffee!.. Der Kuk „Seine Bekanntſchaften hätten mir vielleicht dazu 54 verholfen, aber er iſt nach Lhon abgereist.. Das hat mir viel Kummer gemacht! Dann kannte ich einen Schreiber. wie ſchön ſang dieſer Mann!... gerade wie ein Vaudeville; ich mußte mit ihm immer kleine Stücke zu Zwei ſingen.. wie nannte er es doch?. ach! Octurnes, ja, ſo. das machte mir viel Vergnügen! Ferner lehrte mich ein junger Unteroffizier, ein Freund meines Vetters Ale⸗ rander, die Töne dehnen... ach Gott! wie ſchön zog er ſie in die Länge! er hatte eine herrliche Schlei⸗ fung; eben dieſer ſagte, ich halte die Note in der Höhe eben ſo feſt, als die Sänger in der großen Oper, wohin er jedesmal ging, wenn er auf der Wache war. Dann habe ich gekannt. Ich ſehe voraus, daß Charlotte, welche der Punſch ſehr geſprächig gemacht hat, alle Perſonen, die ſie kennen gelernt hat, mir vorführen will, und befürchte, es daure ſehr lange. Ich will mich nun zu der klei⸗ nen Ninie, welche gar nichts geſagt hat, wenden und ſie auch zum Schwatzen bringen, als in der Ecke der Straße Meslay, in die wir gerade kommen, ein Herr vor uns hinſteht und ſingt:„Komm, hübſche Dame, komm, ich harre Deiner längſt!...“ Es iſt Dubois, welcher, uns erblickend, ausruft:„Ei nun, meine Geliebte, wo ſtecken Sie denn ſeit einer Stunde? ich ſuche Sie überall.“ „Was! das iſt zu arg,“ ſagte ich.„Du ſuchß uns ſeit einer Stunde warum biſt Du verſchwunden, als jene Herren und ich aus dem Kaffeehaus heraus⸗ gekommen find. warum habe ich Dir umſonſt ge⸗ 55 63 rufen? Dubois, bei dieſer Gelegenheit macht Dir Dein Betragen keine Ehre.“ „Wie! was ſoll das ſagen?... was haben Sie denn gedacht?. ich habe Sie verlaſſen, um Piſto⸗ len zu holen, weil ich keine Schlafhaube bin und die Sache nicht in die Länge ziehe; ich wollte mich auf der Stelle ſchlagen, und da ich hier in der Nähe einen Freund kenne, welcher Waffen hat, lief ich zu ihm, um ſie zu entlehnen... das ſcheint mir nicht das Benehmen eines Feiglings zu ſein. In dieſem Augen⸗ blick kehrte ich in das Kaffeehaus zurück, um meinen Gegner aufzuſuchen...“ „Das Kaffeehaus iſt geſchloſſen, und Du wußteſt ſehr gut, daß man Deinetwegen nicht aufbleiben werde Wo ſind denn dieſe Piſtolen?“ „Ich will Ihnen gleich ſagen, wie hinderlich es mir ging! Ich renne zuerſt zu meinem Freund.. er wohnt in der Straße Saint⸗Martin, wohin ich gewiß keine drei Minuten gebraucht habe. Ich komme in ſeiner Wohnung an. Der Portier ſagt zu mir: Er iſt noch nicht nach Haus gekommen, kann aber nicht mehr lange ausbleiben. Nun, ſo will ich auf ihn warten. Ich warte alſo, die Zeit vergeht⸗ ich bekomm' ein böſes Blut!.. ich ſtampfte mit den Füßen. Nach einer guten Viertelſtunde ſagte der Dummkopf von Portier zu mir:„Ah! ich erinnere mich jetzt, Ihr Freund iſt auf den Ball gegangen, und wird ohne Zweifel außer dem Hauſe übernach⸗ ten. Sie können ſich meinen Zorn denken; ich hatte Luſt, den Schurken von Portier vtt End⸗ „ lich bin ich zurückgekommen, in der Hoffnung, mei⸗ nen Gegner auf dem Boulevard zu treffen... Du ſagſt aber, er ſei fortgegangen... Hat er Dir wenig⸗ ſtens ſeine Adreſſe gelaſſen?“ „Nein, er dachte, es ſei nicht der Mühe werth.“ „Schon gut, ich erkenne ihn ſchon wieder! ich werde ihm einige Worte an's Herz legen, wenn ich ihm begegne!... Für jetzt aber iſt's aus, kein Wort mehr hievon!.. Die Schönheit nimmt all unſere Zeit in Anſpruch.“ „Ja, ſprich kein Wort mehr hievon, ich glaube auch, daß Du nichts Beſſeres thun kannſt.“ „Hoffentlich wirſt Du mir eine von dieſen Damen abtreten?“ „Mit viel Vergnügen!...“ Bei dieſen Worten laſſ ich den Arm von Charlotte fahren, deren los zu ſein ich mich durchaus nicht gräme; ſie nimmt Dubois am Arm, indem ſie zärtlich zu ihm ſagt: „Ich hatte in der That große Furcht, Sie würden ſich ſchlagen.“ „Sie ſind zu liebenswürdig! man darf aber nie für mich fürchten, ich ziehe mich ehrenvoll aus allen Händeln. Ei, haben wir noch weit zu gehen?“ „Auf den marché des Innocens.“ „Herrliches Stadtviertel.. prächtiger Brunnen; unter den Pfeilern, die ihn umgeben, habe ich des Abends oft Rendezvous gegeben; aber ein Gefährt ſcheint mir unerläßlich zu ſein.“ „Wir haben keines getroffen.“ „O, wir werden ſchon auf eines ſtoßen.. Hal⸗ — ten Sie, dort unten ſteht ein Fiaker, ſo viel ich be⸗ merke. hurtig.“ Ich ſehe Dubois mit Charlotte fortſpringen und eile ihnen mit der kleinen Ninie, mit der ich noch keine Zeit hatte, ein Geſpräch anzufangen, haſtig nach; wir kamen bei einem Fiaker, der vor einem Hausthor ſtand, an. Dubvis ſtritt ſich mit dem Kutſcher. „Du mußt fahren.“ „Ich kann nicht.“ „Ich ſage Dir, Du fahrſt.“ „Ich ſage Ihnen, daß ich gemiethet bin.“ „Dieß iſt nicht wahr.“ „Doch.“ „Wo iſt die Perſon, welche Dich gemiethet hat? „Dole ſie, damit ſie mich davon überzeugt.“ „Ah! Sie kommen mir ſchön! Seit wann holen die Kutſcher in den Häuſern die Leute zum Beweis, daß ſie beſtellt ſind?“ „Ich will nichts von all' dieſen Ausflüchten Steigen Sie ein, meine Damen.“ „Ich ſage Ihnen, daß Sie nicht einſteigen. Be⸗ finde ich mich denn hier auf dem Fiakerplatz? Würde ich zu meinem Vergnügen nach Mitternacht vor einem Hausthor halten, wenn ich nicht beſtellt wäre?. „Ei,“ ſagte ich zu Dubois,„dieſer Mann hat recht, Du haſt kein Recht, ihn zu nehmen; es iſt ganz umſonſt, daß wir uns hier aufhalten.“ „Umſonſt Ach, beim Henker! wenn ich dieſe Damen nicht bei mir hätte, ſo würde ich ihn ſchon vorwärts bringen...“ „Schweigen Sie doch, Landsmann; Sie würden nichts thun!...“ „Du biſt ein Schlingel!...“ „Sie ſind ein Schlingel, daß Sie ſo ſchreien...“ „Ich ſchneide Dir die Ohren weg...“ „Bah! Sie ſchneiden mir nichts weg; Sie ſind nicht ſo bösartig, als Sie ausſehen!.... Dieſes Auftritts überdrüſſig, ſetzte ich mit der kleinen Ninie den Weg fort, welche zitternd zu mir ſagte:„Ach, mein Gott! werden ſie ſich ſchlagen?“ „Nein, haben Sie keine Angſt, es hat keine Folgen!“ Nach einigen Minuten hat uns Dubvis und ſeine Jungfer eingeholt.„Nun!“ ſagte ich zu ihm. „Ach, ich habe ihn zum Glück zurückgehalten!“ ſagte Charlotte;„wenn ich nicht geweſen wäre, hätte er den Kutſcher angepackt.. Sie haben wirklich, mein Herr, ein ſehr hitziges Blut!.. Sie gerathen auf der Stelle in Zorn und wollen ſich ſchlagen!... Es iſt etwas Schreckliches um einen ſolchen Mann.“ „Es iſt wahr,“ entgegnet Dubvis,„ich geſtehe es, ich habe ein hitziges Blut, es kocht mir auf der Stelle; ich habe mir ſchon hundert Mal Lorgenom⸗ men, anders zu werden, aber ich bin ärger als je. Ich kann mich nicht überwältigen. Das geringſte Wort, die unbedeutendſte Sache bringt mich in Aufwallung!... „Als ich Dich zurückſpringen ſah,“ ſagte ich zu Dubvis,„glaubte ich, Du wolleſt irgendwo einen Degen ſuchen, um Dich mit dem Kutſcher zu ſchlagen.“ 59 Dubvis gibt mir keine Antwort und entfernt ſich von uns, ohne Zweifel, um mit Charlotte behag⸗ licher reden zu könnenz; ich meinerſeits knüpfe mit Ninie ein Geſpräch an. „Arbeiten Sie auch in Shawlgarnituren?“ „Ja, ich treibe das nämliche Geſchäft wie Char⸗ lotte.“ „Haben Sie auch, wie ſie, Neigung zur Schau⸗ ſpielerkunſt?“ „O nein, ich würde es nie wagen, auf einem Theater aufzutreten.“ „Sie würden es nicht wagen? Dieſe Furcht gefällt mir.“ Indeſſen hat ſie es doch gewagt, ſich von einem Manne, den ſie nicht kennt, nach Hauſe be⸗ gleiten zu laſſen, und dieß verräth eben keine große Schüchternheit. Ich fuhr nun fort:„Sie logiren allein?“ „Ja, ſeit ſechs Monaten.“ „Und zuvor?“ „Zuvor wohnte ich bei einer meiner Tanten. weil meine Eltern nicht von Paris ſind, ſondern auf dem Lande wohnen... Ich bin von Noisy-leSec, kennen Sie dieſen Ort?“ „Ja, ich kenne Ihren Heimathort. Noisyele-Sec iſt ein ziemlich großes Dorf, wo einige ſehr ſchön gebaute Häuſer, eine kleine Kirche von ziemlich zier⸗ licher Bauart und ein hübſches Schloß ſich befinden.“ „Ganz recht.“ „O, ich kenne die Umgegend von Paris Und was treiben Ihre Eltern in Noisy-e-Sec 4 „Es ſind Bauersleute. Meine Tante ließ mich nach Paris kommen, erziehen und ein Geſchäft lernen.“ „Warum haben Sie ſie verlaſſen?“ „D'rum habe ich die Bekanntſchaft von Char⸗ lotten gemacht. und Charlotte, welche ſehr viel Verſtand beſitzt, ſagte zu mir, eine junge Perſon mache in Paris nie ihr Glück, ſo lange ſie nicht ihr eigenes Zimmer bewohne. Sie begreifen nun wohl, daß ich Ideen gefaßt habe.. Charlotte nahm mich oft mit in's Theater, wohin ich zuvor faſt nie ging. Wir unterhielten uns dort ſtets mit ſehr liebenswür⸗ digen jungen Leuten; anfangs wagte ich nicht, den Herren, welche ich nicht kannte, zu antworten, aber Charlotte hat mir immer geſagt, ich benehme mich ſo dumm, ſo einfältig, ich ſolle mit den Herren reden, dadurch gewöhne ich mich an den Weltton. Ich habe ihre Lehren befolgt, weil ſie zu meinem Beſten galten.“ „Ich ſehe, daß Ihnen Charlotte in der That ſehr guten Rath gegeben hat.“ „Sie hat, wie ſie mir ſagte, meine Ideen noch geſteigert; ehe ich ſie kannte, hielt ich fünfundzwanzig Sous für einen ſehr ſchönen Verdienſt für ein junges Mädchen; aber Charlotte gab mir zu verſtehen, daß dieß nicht hinreicht, daß man mit fünfundzwanzig 3 Sous nicht oft in das Theater gehen, ſich keine Ohren⸗ ringe kaufen, noch Modehauben tragen kann. Ich berechnete dieß Alles nicht, bevor ſie mich davon unterrichtete.“ „Hat ſie Ihnen auch das Mittel geſagt, ſich eine bequemere Lage zu verſchafſen?“ 61 „Sie ſagte mir, alle braven jungen Mädchen müſ⸗ ſen eine kleine Bekanntſchaft haben, weil dieſe dann für ſie bezahlt und ihnen erſetzt, woran ſie Noth leiden.. Sie hatte bereits fünf kleine Bekanntſchaf⸗ ten gehabt, welche ihr alle Etwas eingebracht haben.“ „Sie haben Charlotte nachgeahmt?“ „O, ich... bin etwas ungeſchickt, wie Charlotte ſagt... Wenn mir ein junger Mann nicht gefällt⸗ ſo kümmere ich mich auch wenig um ſeine Bekannt⸗ ſchaft.“ „Charlotte ſcheint von dieſer Kleinigkeit keine Notiz zu nehmen?“ „Ich weiß nicht, wie es kommt, aber man gefällt ihr ſogleich, wofern man gut gekleidet iſt und ſie be⸗ wirthet.“ „Sie iſt wahrſcheinlich ſehr verliebt und hat einen guten Magen.“ „Mehrmals ſchon, als wir miteinander im Thea⸗ ter waren und Herren mit uns redeten, ſagte ich leiſe zu Charlotte: Dieſer Menſch ekelt mich an, er iſt häßlich, alt, mißfällt mir durchaus!“ worauf ſie mir ſtets antwortet:„Er hat einen ſehr guten Ton, ich verſtehe mich beſſer darauf als Du.““ „Nun, Sie haben ſich doch in Ihrem Zimmer nicht mit dem Ertrag Ihrer Arbeit beholfen?.. Sie hatten alſo Etſparniſſe?“ „Nein, aber ich traf einen ſehr liebenswürdigen jungen Mann, einen ſehr wohlgefälligen, ſüßen, hüb⸗ ſchen Jüngling; er bot ſich mir an, mich aus dem Hauſe meiner Tante zu entführen, indem er ſagte, —— 62 ich ſei geboren, um in einem Palaßte zu glänzen. Charlotte rieth mir, mich entführen zu laſſen... Dieſer junge Mann gefiel mir ſehr nun ich ich gab nach. „Ich verſtehe wohl.“ „Er hat mich in das Zimmer, das ich bewohne, im fünften Stock, Straße Aubry⸗le⸗Boucher, ge⸗ führt.“ „Der Teufel! der Palaſt ſcheint mir ziemlich hoch zu ſein.“ „Die Möbeln, welche von Mahagoniholz ſein ſoll⸗ ten, ſind bloß nußbaumen; aber mein guter Freund hat mir geſagt, daß dieß moderner ſei. Ich fand in meinem Zimmer bloß vier Seſſel anſtatt eines Du⸗ zends, wie er mir verſprochen hatte; allein er ſagte mir, daß wir, die wir nie mehr als zu vier auf ein⸗ mal in meinem Zimmer ſeien, an vier Seſſeln genug hätten⸗“ „Das heißt räſonniren wie Diogenes.“ „Drogenes? o nein! er hieß Adolph und hatte noch einen andern Namen, den er mir aber nie ſagen wollte, weil er ſich, wie er vorgab, dadurch eine Blöße geben könnte. Ich war mit meinem Zimmer, das ich prächtig fand, ſehr zufrieden!... Charlotte ſagte zu mir, es hätte beſſer ſein können, ſei indeſſen für den Anfang ſauber genug.“ „Und was haben Sie mit Herrn Adolph gemacht?“ „Sechs Wochen lang hat er mich alle Tage be⸗ ſucht. Er führte mich manchmal in's Theater und dinirte mit mir in der Stadt, aber wir fuhren bloß 63 aus und gingen nur in vergitterte Logen.. v, das war ſehr unterhaltend, und Charlotte ſagte zu mir, ich ſei glückſelig! Aber nach dieſer Zeit kam er ſel⸗ tener; er führte mich ſpäter nirgends mehr hin; end⸗ lich kündigte er mir eines Morgens an, er müſſe nach England, wohin ihn ſeine Geſchäfte riefen, ab⸗ reiſen; er fügte jedoch hinzu, er werde ſo bald als möglich wiederkommen und mich nach ſeiner Rück⸗ kehr vielleicht heirathen, wenn ich mich ſittſam be⸗ tragen hätte.“ „Seine Abreiſe hat Ihnen ohne Zweifel viel Kum⸗ mer verurſacht?“ „Ja, im Anfang.. nachher ſuchte ich mich zu zerſtreuen; Charlotte hat mich von Neuem in das Theater geführt.“ „Und das, was Ihnen Herr Adolph anempfohlen haben Sie es vergeſſen?“ „Charlotte bedeutete mir, dieß ſeien Thorheiten, die Herren ſagen alle das Nämliche; man habe ihr ſchon fünfzig Mal verſprochen, man werde wiederkom⸗ men und ſie heirathen, es ſei aber nie Einer zurück⸗ gekommen; endlich rieth ſie mir, indeſſen eine andere Bekanntſchaft zu machen, ſie aber aufzugeben, wenn Adolph zurückkehrte.“ „Jungfer Charlotte hat ſehr gute Grundſätze! Und Sie haben Ihrem Rathe gefolgt?“ „Bis jetzt nicht, denn ich traf noch Riemand, der nir gefallen hätte; und wenn gleich Charlotte be⸗ hauptet, man unterhalte ſich viel beſſer mit einem Manne, den man nicht liebe, ſo bin ich doch nicht ihrer Anſicht und ich will bloß mit Jemand, den ich liebe, ein Verhältniß anknüpfen.“ Das Geplauder der kleinen Ninie hat viel Inter⸗ eſſe für mich; dieſes junge Mädchen wäre vielleicht immer züchtig geblieben, wenn ſie die Bekanntſchaft mit Charlotte nicht gemacht hätte, welche mir als eine ſehr unſittliche Perſon verkommt. Es liegt in dem Tone der Ninie, in ihrer Ausdrucksweiſe etwas Naives, welches Freimüthigkeit und Offenheit verräth. Vielleicht iſt dieß Alles bloß einſtudirt; in Paris weiß man ſehr gut allerlei Saiten aufzuziehen, alle mög⸗ lichen Manieren zu erkünſteln! Man muß dort vor ſolchen einfachen Mittheilungen auf der Hut ſein, welche bisweilen bloß das Reſultat kluger Berechnung und ausſchweifender Lebensweiſe ſind. In der Schule der Jungfer Charlotte kann man, wie ich glaube, Vielerlei lernen. Indeſſen iſt dieſe kleine Ninie noch ſehr jung, höchſtens achtzehn Jahre alt. es wäre ſchade, ihr ſo viel Falſchheit beizumeſſen. Es lag in der Erzählung, welche ſie mir gerade mitgetheilt hatte, viel Natürliches. Wir befinden uns oben in der Straße Saint⸗ Martin. Dubois und Jungfer Chaärlotte ſind ſeit ei⸗ niger Zeit immer etliche zehn Schritte vor uns, wir hören ſie jedoch lachen; ihre Unterhaltung ſcheint 4 ſehr lebhaft, Dubois geberdet ſich, wie gewöhnlich⸗ ſehr ſtark. Seine gebückte Stellung läßt mich ver⸗ muthen, daß er die Hand ſeiner Gefährtin zärtlich vrückt, und Charlotte ſtößt ein ſo lautes Gelächter aus, daß es alle Hunde der Nachbarſchaft aufwecken — 65 könnie. Plötzlich dreht ſich Dubois gegen uns um und ruft uns zu:„He da, ihr geht wie die Schnecken, aber ich ſehe nicht ein, warum wir warten ſollen, da dieſe zärtlichen Freundinnen nicht zuſammenwohnen. Nun, gute Nacht, viel Vergnügen... Die Innocens rufen uns; morgen werde ich Dich im Verlaufe des Tages beſuchen, Deligny... Wir werden mit ein⸗ ander zu Mittag ſpeiſen...“ „Charlotte!... Charlotte...“ ſchreit die kleine Blondine ihrer Freundin,“ Du hatteſt mir verſprochen, mich bis an meine Thüre zu begleiten.“ Charlotte geht flüchtig mit Dubois fort, während ſie kurz antwortet:„Gute Nacht, gute Nacht!...“ Bald verlieren wir ſie aus dem Geſicht und ich bin allein mit Jungfer Ninie. „Charlotte macht es immer ſo!“ ſagte das junge Mädchen mit böſer Miene.„Sie läßt mich da bei Jemand zurück, den ich faſt nicht kenne...“ „Und vielleicht bei Jemand, der Ihnen mißfällt?“ Bei dieſen Worten glaube ich den Arm der Klei⸗ nen ziemlich zärtlich an mich gedrückt zu haben. Das junge Mädchen iſt eine Zeitlang ſtille; end⸗ lich ſagte ſie ziemlich leiſe:„Nein, mein Herr, ich ſage nicht, daß Sie mir mißfallen... im Gegen⸗ theil Nun einmal ein„Im Gegentheil“, welches mir ſo viel zu bedeuten ſcheint, als das„Oefter“ der Klei⸗ nen Danaiden. Wir ſetzen unſern Weg ſort und kommen eben in Paul de Kock. LI. 5 ver Siraße Aubry⸗le⸗Boucher, einer ſchmutzigen, häß⸗ lichen Straße an, deren Häuſer nichts Anmuthiges haben, die aber ſehr bevölkert und ſchr beſucht iſt und durch die faſt die ganze Nacht hindurch Waaren⸗ wägen nach der Halle fahren, was für die, welche gerne ruhig ſchlafen möchten, äußerſt angenehm ſein muß. In dieſem Vieriel muß man aber einen har⸗ ten Schlaf haben. Ich laſſe mir durch Jungfer Ninie den Weg zei⸗ gen, welche, etwa mitten in der Straße vor einem an der obern Hälfte vergitterten Alleenthor ſtehen bleibend, zu mir ſagt:„Hier iſt es, mein Herr.“ „Ah! hier wohnen Sie?“ „Ja, mein Herr, im fünften Stockwerk vornen heraus, die Thüre im Hintergrund des Ganges.“ „Sie haben doch den Schlüſſel zu dieſem Thor?“ „Nein, aber es wohnt ein Portier im Halbge⸗ ſchoß, er wird mir öffnen, ſobald ich klopfe. O, das iſt ein ganz ſicheres und ſehr ehrbares Haus. Ich danke Ihnen für Ihre Mühe und wünſche Ihnen gute Nacht.“ Die Kleine klopfte, ich halte ſie an der Hand mit den Worten:„Werde ich Sie wohl nicht mehr ſehen?“ „Doch, wenn es Ihnen Vergnügen macht.“ „Und Sie, werden Sie mich gütigft aufnehmen?“ „Aber. ich glaube wohl.“. „Nun, ich werde Sie morgen beſuchen; find Sie unter Tags zu Hauſe?“ „Ja wohl, ich arbeite den ganzen Tag, ich gehe faſt nie aus.“ „Auf Wiederſehen, wenn dieß der Fall iſt.⸗. Ei⸗, nach welchem Namen darf ich fragen, denn Sie heißen ohne Zweifel anders als Ninie?“ „Ich heiße Fannyz man nennt mich Ninie, weil dieß hübſcher iſt... Wollen Sie nach Fräulein Boiſſard oder Fanny Boiſſard fragen, wie Sie wol⸗ len. Uebrigens ſage ich Ihnen, daß mein Zimmer im fünften Stock im Hintergrund des Ganges iſt und ich werde Ihnen das Thor öffnen.“ „Es bleibt dabei bis morgen.. darf ich Ih⸗ nen nich einen Kuß gee 2. „Ab doch, mein Herr.“ ie niheir ihr Geſicht und läßt ſich herzlich gerne küſſen, dann klopft ſie, man öffnet ihr⸗ ſie geht hin und reicht mir noch durch das Gitter die Hand mit den Worten:„Bis auf Wiederſehen!“ Nun habe ich doch ein Liebesband mit einer Gri⸗ ſeite geſchloſſen, welcher ich den Arm nicht geben wollte. Der verfluchte Dubois iſt an all dem Schuld. Da ſieht man, wohin man durch die ſchlechten Be⸗ kanntſchaften geſchleppt wird: ſie verderben die jun⸗ gen Leute beiverlei Geſchlechts... Aber dieſe kleine Rinie iſt artiger, als ſie mir anfangs geſchienen hatte; im Grund kann ich ſie beſuchen oder nicht. Dieß iſt bloß ein Scherz ohne Bedeutung, nichts bin⸗ 8 det mich an dieſes junge Mädchen... Ich kann ſie ſogar aus bloßer Neugierde, ohne weitere Folgen, beſuchen!.. Nun wollen wir aber ſchlaſen gehen; morgen wird es Tag werden. 68 Viertes Kapitel. Jenneville, Jolivet und ich. gerne wiſfen was ich dort treibe, ob ich Rentier, Künſtler oder Handelsmann bin, denn in merhin muß man wiſſen, mit wem man zu thun 9 Ach! ich thue eigentlich gar nichts, eben nicht aus Faulheit, nein, denn ich habe mich ſchon in einige Unternehmungen eingelaſſen; aber immer mein Geld und meine Zeit n daß ich es ungeſchickt angegrißßen oder meine eiés ſich zu gut dabei befunden haben. Man verſichert indeſſen, daß ich kein Dummkopf ſei; einige behaup⸗ ten ſogar, daß ich Geiſt beſitze, weil ich ein Verschen leicht reime und ziemlich geſchmackvoll finge... Es gehört nicht viel dazu, in der Welt für geiſtvoll zu gelten! überhaupt gehört es zur Höflichkeit, die Leute, welche uns unterhalten, liebenswürdig zu finden. Ich ſah in einer Geſellſchaft einen Herrn, den alle Da⸗ men allerliebſt fanden, weil er ſie im Augenblick zu ſilhouettiren verſtand; wenn aber dieſer arme Mann ſeine Scheere nicht bei ſich hatte, ſo blieb er in einer Ecke ſitzen und ſprach den ganzen Abend kein Wort. Man bemerkte ſofort, daß er bloß für das Ausſchnei⸗ den Talent beſitze. Im nebrigen ſind die Leute, welche am leichte⸗ ſten Geld zu verdienen wiſſen, eben nicht die geiſt⸗ reichſten; jeder Tag liefert uns Beweiſe vom Gegen⸗ „— ———— 69 theil, und die Geſchichte lehrt uns, daß es jederzeit ſo war. Homer, arm und blind, wanderte von Stadt und ſagte ſeine Verſe her, um ſein Leben zu friſten; Plautus verdiente ſein Brod mit Mühlſtein⸗Treiben; Hilander verkaufte um etwas Suppe ſeine Bemerkungen über Caſſius; Agrippa beſchloß ſein Leben im Spital; Michael Cervantes ſoll Hungers geſtorben ſein; Paul Borgheſe, ein italieniſcher Dichter/ welcher ein befreites Jeruſalem verfaßt hat, verſtand vierzehn Metiers und hatte keinen Lebensunterhält; der Cardinal Bentivoglio, die Bürde Italiensund der ſchönen Künſte, der Wohlthäter aller Unglücklichen, mußte in ſeinem Al⸗ ter ſeinen Palaſt verkahfen, um ſeine Schulden zu bezahlen, und ſtarb, öhne die nöthigen Mittel zu ſeiner Beerdigung zu hinterlaſſen; André Duchesne, ein gelehrter franzöſiſcher Geſchichtſchreiber, Vauge⸗ las, de l'Eivile ſind in der größten Dürftigkeit ge⸗ ſtorben; und Taſſo, der aus Mangel an Geld kein Licht kaufen konnte, mußte, um bei Nacht zu ſchrei⸗ ben, ſeine Katze bitten, ihm das Licht ihrer Augen zu leihen. Ich muß jedoch zugeben, daß heutzutage die Schrift⸗ ſteller vom Glücke mehr begünſtigt ſind, aus ihren Produkten einen beſſern Gewinn ziehen, und um bei Nacht zu ſchreiben, keiner Katzenaugen bedürfen, was mir ziemlich unbequem zu ſein ſcheint, obwohl man mit Lichtputzen verſchont wird. Das iſt aber ein langer Abſchweif, um darauf zu kommen, daß ich Paul Deligny heiße, daß mein Vater, ein guter Landphiliſter und mein einzig noch lebender Verwandter, ein kleines Haus in der Gegend von Chartres bewohnt und dott glücklich und v uhig mit ſeinen dreitanſend Livres Renten, ſeinem Gar⸗ ten, ſeinem Jagdhunde, ſeiner Angel, ſeiner Magd, ſeiner Flaſche und ſeinen Nachbarn lebt. Nachdem er mich in einem Pariſer Colleg hatte ſtudiren und eine ziemlich gute Erziehung genießen laſſen, gab er mir mit einundzwanzig Jahren mein mütterliches Ver⸗ mögen und ließ mich unumſchränkt ſchalten und wal⸗ ten, weil ich damals ſo geſetzt ausſah, d uß mi für gar nicht fähig hielt, Thorheiten zu Dieſer gute Vater!... Er hält mich immer dentlich, ſparſam, vorſchti I†ch machte mich in Paris anſäßig, was er ſehr natürlich fand, weil dieſe große Stadt der Mittelpunkt der Geſchäfte und der Vergnügungen iſt. Mein mütterliches Vermögen belief ſich auf zweimalhunderttauſend Franken, was mir gute zehntauſend Livres Renten eintrug. Das erſte Drittel vergeudete ich mit meinen Maitreſſen und Freunden; um dieſes Drittel wieder zu gewin⸗ nen, wollte ich mich in Spekulationen einlaſſen und zu Unternehmungen aſſociren, bin aber bis auf mein letztes Drittel zurückgekommen, mit welchem ich, wie ich glaube, wohl daran thun werde, nicht mehr nach den zwei erſten zu jagen. Seit ſechs Jahren übri⸗ gens, während ich in Paris wohne und Herr mei⸗ nes Vermögens bin, weiß mein Vater nicht, wie ſehr es abgenommen hat, er kommt nie nach Paris, während ich ihn in ſeiner friedlichen Einſamkeit be⸗ ſuche, und wenn er mich fragt, wie die Geſchäfle gehen, ſo antworte ich ihm immer: ſehr gut. Ich wette, er glaubt gegenwärtig, meine Kapitale haben ſich um das Doppelte vermehrt! Iſt es nicht beſſer, ihn auf dieſem Glauben zu laſſen, als ihm die Wahr⸗ heit zu ſagen? Wenn ich ihn nicht getäuſcht hätte, wäre er ſchon ſechs Jahre wegen meiner in Sorgen; anſtatt deſſen lebt er zufrieden und ruhig über das Schickſal ſeines Sohnes. Ich habe alſo wohl daran gethan, zu lügen; eine Lüge, welche Andere beglückt⸗ iſt zu entſchuldigen. Es iſt nur ſchade, daß man ſich nicht ſelbſt anlügen kann. Es bleiben mir eiwa vreitauſendſechshundert Liv⸗ res Renten; kann ein Junggeſelle hiemit nicht glück⸗ lich leben? Ja, wenn er verſtändig, ſparſam lebt, was aber, wie ich bereits geſagt habe, meine ſchwache Seite iſt. Man gewöhnt ſich ſo leicht an das Geld⸗ verſchwenden, und entwöhnt ſich deſſen ſo ſchwer! Thut nichts, ich werde mich einſchränken und am Ende eine gute Heirath treffen; dann gute Nacht, Thor⸗ heiten, Liebſchaften, Gelage! Ein verheiratheter Mann muß beſtändig auf Sparſamkeit ſchen und das Geld nie dem Vergnügen aufopfern. Das iſt zwar für ſeine Frau nicht gar ergötzlich, aber wir haben uns ja ledig erluſtigt, und daran iſt's genug. Ich bin gerade vom Bett aufgeſtanden, es iſt etwa zehn Uhr, ganz in der Ordnung: ein Mann, der von ſeinen Renten lebt, kann ſpät aufſtehen, wenn es ihn freut; überdieß kann man im Bett eben ſo gut über die Vorfälle des vorigen Tages und 72 parüber, was man den Tag über thun will, nach⸗ denken. Ich muß über unſer geſtriges Abenteuer, über den Streit Dubois' und über die beiden Gri⸗ ſetten, welche er mir angehängt hat, lachen. Da mir gerade die Griſetten einfallen, ſoll ich jene kleine Ninie beſuchen?... Sie iſt hübſch, hat viel Naives in ihren Reden und Benehmen; ja ſie iſt eine Perle gegenüber von Charlotte. Aber warum ſoll ich dieſes junge Mädchen wiederſehen?... Ich bin wahrhaftig nicht in ſie verliebt, wozu ihr es weiß machen? Ich weiß wohl, man braucht in eine Maitreſſe nicht ſehr verliebt zu ſein. Wenn man ſehr verliebt iſt, iſt man nothwendig eiferſüchtig? Furcht, Argwohn, Zank ſind die Folgen, man lebt nicht glücklich, während man mit einer Frau, welche man vernünftig liebt, d. h. nicht gar ſehr, wofern ſie bei unſerm Anblick nur zufrieden ſcheint, und beim Abſchied„auf mor⸗ gen!“ zu uns ſagt, immer auf dem beſten Fuße ſteht und ſich nicht darüber beunruhigt, was ſie in unſerer Abweſenheit thun kann; das heiße ich philoſophiſch lieben. Soll ich aber die kleine Ninie zu meiner Maitreſſe machen? Nein, ich könnte ſie zufälliger Weiſe wohl in das Theater oder in eine Reſtauration führen, müßte ihr aber vorher Hut und Shawl kaufen!.. Es nimmt kein Ende: man wählt ſich eine Griſeite aus Sparſamkeit und muß ihr alle Tage etwass ge⸗ ben. Ich beſuche alſo unter keinen Umſtänden Fanny Boiſſard, und wiewohl ſeit einiger Zeit mein Herz frei ſeori ich mit meiner letzten Maitreſſe ab⸗ — — 7 73 gebrochen habe und die früheren ganz kalt anſehe, ſo werde ich doch kein neues Verhältniß anknüpfen. Zudem empfinde ich einen gewiſſen Widerwillen in mir, auf eine Liebſchaft in der Straße Aubry⸗le⸗ Boucher einzugehen... Ah! wenn ich jene Dame mit dem veilchenblauen Mantel kennen gelernt hätte! Was für ein Unterſchied!... Welche hübſche Hal⸗ tung, welch vornehmes Benehmen, welcher Ausdruck in jenem Blick, der einen Augenblick mir galt!... Jenes Frauenzimmer hat Erziehung genoſſen und iſt, ich wollte wetten, geiſtreich. Ihre Unterhaltung muß allerliebſt ſein... dieß iſt von großem Werth bei einer Freundin und von noch größerem bei einer Maitreſſe, denn man kann nicht immer verliebt thun und die Worte aus dem hübſcheſten Munde: Ich liebe Dich, ich bete Dich an!“ werden am Ende ein⸗ filbig, wenn ſie nicht durch eine andere Unterhaltung unterbrochen werden. Was Ninie betrifft, ſo kann ihre naive Ausdrucksweiſe einen Augenblick gefallen, aber ſie hat dann und wann pöbelhafte Worte nach Art der Jungfer Charlotte entſchlüpfen laſſen, was unter vier Augen angehen mag, vor einer Geſell⸗ ſchaft aber ſehr anſtoßen würde. Ich hatte eben gefrühſtückt, als ich an meiner Thüre läuten hörte; meine Dienerin öffnet, worauf Jenneville eintritt. Jenneville iſt ein Mann von ſechs⸗ bis ſieben⸗ undzwanzig Jahren, groß, ſchön gewachſen und hat eine hübſche Haltung. Seine Züge find angenehm, ſein anmuthiges Lächeln macht eine Reihe der ſchön⸗ 74 1 ſten Zähne ſichtbar, ein Wald blonder, von Natur gelockter Haare überſchattet eine Stirne, die nicht ohne edlen Ausdruck iſt. Indeſſen liegt in ſeiner Phyſiognomie etwas Sorgloſes, welches von wenig Gefühl zeugt, und etwas Anſpruchvolles, das zu viel Eigenliebe verräth; endlich ſcheint, obwohl ſein An⸗ zug immer ſehr gewählt iſt, doch die Nachläßigkeit⸗ die in ſeinem Betragen und in ſeinem ganzen Aeu⸗ ßern herrſcht, ſeiner Toilette ſich mitgetheilt zu haben, welche, wenn ſie ohne Sorgfalt gemacht wird, einen Mann zu erkennen gibt, der ſich für vergewiſſert hält, zu gefallen, ohne ſich deßhalb die geringſte Mühe geben zu dürfen. Uebrigens hat Jenneville einen guten Geſchmack, er hat Geiſt und weiß, ob⸗ gleich ſeine Grundſätze ſehr locker ſind, ſeine Anſich⸗ ten ſo darzuſtellen, daß man ihm das Unanſtändige daran gerne verzeiht. Ich kenne Jenneville erſt ſeit drei Monaten, wir leben aber ſchon wie alte Freunde miteinander. Wenn man mir Freundſchaft erzeugt und ein mir wohlge⸗ fälliges Aeußeres hat, ſo befreunde ich mich leicht, vielleicht nur zu leicht!... Aber ich weiß, daß Jen⸗ neville von einer achtbaren Familie abſtammt, er hat, ſo viel ich glaube, zwölſtauſend Franken Renten; ſeinem Lebenswandel und ſeiner Sucht nach Vergnü⸗ gen und Veränderung gemäß befürchte ich, ſein Ver⸗ mögen werde für ihn nicht hinreichen. Er hatte ſich, wie ich hörte, mit einer Frau, welche eben ſo viel Vermögen als er beſaß und die er anbetete, verhei⸗ rathet; ſie konnten aber nach zweijährigem Eheſtand —. — „„ 75 ſich nicht mehr miteinander vertragen, und Jenneville ſteht ſeit acht Monaten wieder auf Junggeſellenfuß; dieß habe ich wenigſtens ſagen gehört, denn über Familien⸗ und eheliche Verhältniſſe erlaube ich mir nie eine Frage und weiche ſogar oft der Anvertrauung eines Geheimniſſes aus. Ich habe Jenneville in der Geſellſchaft getroffen, unſer Geſchmack für die Ver⸗ gnügungen und eine gewiſſe Gleichheit unſerer Lau⸗ nen hat uns näher verbunden, und ſelten vergeht nun ein Tag, ohne daß wir uns ſehen. „Guten Morgen, mein lieber Deligny,“ ſagte Jenneville zu mir, die Hand mir reichend;„geſtern haben Sie unſerm Diner im Cadran⸗Bleu nicht an⸗ gewohnt. Ach! das iſt nicht ſchön, ich bin ſehr böſe über Sie; ſagen Sie mir, warum Sie es nicht mit Ihrer Gegenwart beehrt haben? Irgend ein Rendez⸗ vous, ein Liebeshandel, ich wette, war Schuld daran, denn Sie wechſeln, wie ich, gerne mit Ihren Er⸗ oberungen.“ „Nicht ſo ſehr wie Sie, mein lieber Jenneville; in dieſer Bezichung, glaube ich, ſind Sie mir über⸗ legen. Ich bin empfindſam, ich erglühe, ich liebe leidenſchaftlich; dieß dauert zwar nie lange, aber gleichviel, ſo oft ich verliebt werde, bilde ich mir ein, es dauere ewig!“ „Meiner Treu', Freund, wir dürfen uns wohl luſtige Tage machen!... Wir ſind noch jung, uns ſteht Alles zu Gebot, womit man gefallen, verfüh⸗ ren kann... warum ſollten wir unſere Vortheile nicht benützen? Die Zeit verſtreicht ſo ſchnell! 76 Namentlich, mein Freund, heirathen Sie nicht!. Ach! begehen Sie dieſe Thorheit nicht, warten Sie damit, bis ſie achtundvierzig Jahre alt ſind... bis Sie ruhiger, gelaſſener werden...“ „Wenn ich aber ſo lange warte, wie werde ich mir ſchmeicheln dürfen, die Liebe eines jungen Frauen⸗ zimmers zu gewinnen? und nach meiner Anſicht muß man, um in glücklicher Ehe zu leben, gleiches Alter, gleiche Gemüthsart und gleichen Geſchmack haben, kurz, man muß ſich gegenſeitig lieben.“ „O nein, mein Freund, machen Sie ſich keine ſolche Grillen! Ich war auch Ihres Glaubens; ich habe mich, vierundzwanzig Jahre alt, mit einem Frauenzimmer verheirathet, welches ich anbetete und das mich, wie es ſagte, ebenfalls anbetete; ſie war zwanzig Jahre alt... die Altersgleichheit war alſo da. Aber gleich anjanss wußte ich mir nicht zu er⸗ klären, warum ich ſie geliebt hatte, denn ſie beſaß nichts Liebenswürdiges, ein Aeußeres.. meiner Treu', ſo ausdruckslos, daß man nichts, weder Gutes noch Schlechtes, darüber fagen kann. Zuerſt hatte ich ſie für geiſtreich gehalten... allein ſie war es nicht; ihre Gemüthsart ſchien mir ebenfalls gut... wie ſehr hatte ich mich getäuſcht! Nach kaum einjähriger Ehe habe ich wahrgenommen, daß ſie widerwärtig, maulhängeriſch, eiferſüchtig iſt, furchtbar abſtoßend und ſehr gefallſüchtig, dabei eine leidenſchaftliche Liebhaberin der Vergnügungen! Meine Frau wollte mich auf den Ball, in die Theater begleiten, ich hätte unaufhörlich an meinen Arm hängen ſollen. Denken Sie, mein Lieber, wie ekelhaft dieß war; und wenn ich mich dagegen ſträubte, gab es ein Ge⸗ ſchrei, Geheul, Nervenanfälle, kurz Auftritte... zum Henker, es war unmöglich mehr zum Aushalten. Ich erfuhr auch, daß ſie, wenn ich nicht zu Hauſe war⸗ ein junger Vetter in der Regel beſucht hat, welcher ſich bei dem Portier nach der Zeit meines Ausgangs erkundigte, um mich nicht zu treffen... Sie ſehen wohl ein, mein Frennd, daß ich dieß nicht ertragen konnte, und zwar nicht, weil meine Frau mir un⸗ treu geweſen iſt, ſondern weil ſie ſich deſſen zu ver⸗ dächtig gemacht hat; und überzeugt, nicht länger miteinander leben zu können, haben wir uns ohne auffallenden Lärm und ohne Prozeß getrennt, wie man es von Leuten von Stand erwarten kann. Meine Frau hat ihr Vermögen, ich das meinige, ſie wohnt ich weiß nicht wo; es kümmert mich wenig, ich werde ſie nicht holen, denn ſeitdem ich wieder ledig bin, bin ich der glücklichſte Menſch auf der Welt, und das Leben iſt für mich eine ununterbrochene Reihe von Luſt und Freude.“ „Wenn man nicht mehr miteinander leben kann, ſo thut man freilich am Beſten daran, ſich zu tren⸗ nen, und wenn Ihre Frau wirklich ſo iſt, wie Sie mtr ſie ſo eben geſchildert haben...“ „O, noch viel ſchlimmer!... ich habe ihr noch geſchmeichelt; wir wollen aber dieſes Kapitel ruhen laſſen und von meiner Frau nicht mehr reden, denn ich habe ſie nicht verlaſſen, um mich ferner mit ihr zu beſchäftigen. Sie haben mir immer noch nicht geſagt, was Sie von unſerem geſtrigen Mittageſſen ab⸗ hielt!“ „Ich hatte von meinem Vater einen Brief erhal⸗ ten, worin er mir einige dringende Aufträge gab; ich wurde zu lange damit hingehalten, als daß ich mich beim Rendzvous einfinden konnte.“ „Ich bin jetzt nicht mehr auf Sie böſe, mein. Freund, es iſt ganz in der Ordnung und Pflicht ei⸗ nes Sohnes, vor allem Andern die Wünſche eines Vaters zu erfüllen... Sie ſind ſehr glücklich, noch einen Vater zu haben, der meinige iſt drei Monate nach meiner Heirath geſtorben, an welcher er theil⸗ weiſe Schuld war... Er wollte mein Glück grün⸗ den... der arme, liebe Mann.. glücklicher Weiſe war er nicht Zeuge der ſüßen Folgen dieſes Hymens!... Ihr Vater wohnt auf dem Lande?“ „Ja, in der Umgebung von Chartres. Wenn die Jah⸗ reszeit ſchöner wird, bin ich Willens, ihn zu beſuchen.“ „Ich will Sie begleiten, lieber Deligny, es würde mir ein großes Vergnügen ſein, die Bekanntſchaft Ihres Herrn Vaters zu machen; ferner wäre ein kurzer Aufenthalt auf dem Lande meiner Geſundheit ſehr zuträglich.“ „Sie werden einen braven, offenherzigen, ſchlich⸗ 3 ten, in ſeinem Benehmen und ſeiner Lebensweiſe höchſt einfachen Landbewohner ſehen.“ 5„Er darf ſtolz auf einen Sohn ſein, den man in guter Geſellſchaft ſieht und wegen ſeines feinen Be⸗ nehmens, ſeines Geiſtes und ſeiner unterhaltenden Talente rühmt.“ — — —————— 79 „Mein lieber Jenneville, ich habe Ihnen ſo eben geſagt, daß mein Vater auf feines Betragen ſehr wenig hält, und ich zweifle, ob er auf ſeinen Sohn ſtolz ſein darf, der vor ſechs Jahren zehntauſend Franken Renten beſaß und nun auf das Drittel die⸗ ſer Summe zurückgebracht iſt.“ „Zum Kukuk! lieber Deligny, liegt an uns die Schuld, daß die Freudengenüſſe ſo viel Geld koſten? Mir geht es wie Ihnen: ich finde auch, daß dieß Teufelsgeld im Fluge abnimmt.. Ich habe indeſſen ſeit einiger Zeit meine Ausgaben ſparſamer einge⸗ richtet... Ich mache weniger dumme Streiche; ſo⸗ bald mir früher eine kleine Brünette gefiel, unterhielt ich ſie in Koſt und Wohnung, die ich koſtbar möblirte... Dieſen Jüngferchen gefällt das ſo ſehr; aber all' dieß koſtet Geld.. O jetzt ſehe ich es ein! Wenn mir wieder Etngs der Art im Kopf kommt, ver⸗ ſchwende ich, meiner Treu', mein Geld nicht mehr in Mahagonimöbel; nußbaumene ſind gut genug für eine ſo kurze, vierzehntägige Liebſchaft. Zudem iſt es ſehr unangenehm, immer rechnen... knauſern... und doch ſehen zu müſſen, daß trotzdem unſer Ver⸗ mögen abnimmt... Es iſt eine Frende, ſo reich zu ſein, daß man ſich nichts verſagen darf... Wir ſollten, mein lieber Deligny, ein Mittel finden, unſer noch übriges Vermögen um das Dreifache zu erhöhen.“ „Ich habe bereits Spekulationen verſucht, war aber nicht glücklich damit.“ „Sie ſind in der nämlichen Lage wie ich Sie —— 8⁰ verſtehen ſich nicht viel auf den Gang der Geſchäfte; wenn man ſich aber mit einem einſichtsvollen, rei⸗ chen Mann aſſociren würde.. Nehmen Sie an, jener luſtige Blagnard, den Sie bei mir geſehen haben, behauptet, es ſei nichts leichter, als reich zu werden; vor zwei Jahren hatte er keinen Heller im Vermögen, nun beſitzt er ein Cabriolet, gibt koſt⸗ ſpielige Diners, lebt wie ein Fürſt, Er hat mir bereits angeboten, mich an einer ſeiner Unterneh⸗ mungen Theil nehmen zu laſſen, und wenn Sie 3 wünſchen, wird er Sie auch dabei betheiligen.“ „Wir wollen ſehen.. vor Allem müßte ich mich verſichern. Sind dieſe Leute, welche ſo ſchnell reich werden, auch ſolid?“ „O! mein Freund, da iſt nicht die geringſte Gefahr.. Ein Mann von ſo ungeheurem Aufwand muß auch Geld haben, um ihn machen zu können.“ „Bisweilen geſchieht dieß auf Koſten der Andern⸗ Wir wollen übrigens ſehen... Ihr Herr Blagnard gefällt mir nicht gar ſehr; er ſieht ſo ſüß aus, be⸗ nimmt ſich ſo ſchmeichleriſch.. All' dieß riecht ſo nach Falſchheit; ich weiß jedoch wohl, daß man nicht nach dem äußern Anſchein urtheilen darf.“ 3 Unſer Geſpräch wurde durch die Ankunft eines andern meiner Freunde, Namens Jolivet, unter⸗ brochen. Dieſer iſt mein Schulkamerade geweſen; wir haben ſpäter unſere Bekanntſchaft fortgeſetzt, obwohl wir ziemlich verſchiedener Sinnesart ſind. Jolivet ſteht in dem Rufe eines geordneten, artigen M nes, er macht wenigſtens bloß Luſtparthieen mit, 81 wenn es ihn nichts koſtet. Er iſt ſehr häuslich, und treibt vielleicht dieſe Tugend zu weit: Einige ver⸗ ſichern, daß er ein karger, ſchmutziger Filz iſt; ich ſelbſt habe wohl auch wahrgenommen, daß er, wenn man einen Piknik mit ihm macht, immer die Andern ſeine Zeche zahlen läßt, und wenn man mit ihm in das Theater geht, er bittet, ein Billet für ihn zu nehmen, aber wie daran denkt, den Betrag hiefür wieder zu erſtatten; ebenſo macht er es im Kaffeehauſe und wenn man mit ihm fährt. Ich habe dieß für Vergeßlichkeit gehalten, aber man verſichert, daß Jolivet klug berechnet und umſonſt zu trinken, zu eſſen und ſich zu beluſtigen ſucht; er ſteht indeſſen gut, wird einmal ſehr reich und doch beklagt er ſich bisweilen über Noth. Ich ſehe ein, daß wir bei Klei⸗ nigkeiten unſern Charakter gründlich zu erkennen ge⸗ ben; ein Mann weiß ſich vielleicht wohl in einer bebeutenden Angelegenheit anſtändig zu benehmen, denn er ſieht ein, daß man ihn bei unordentlichen Handlungen bemerken würde, aber in unbedeuten⸗ den Sachen beobachtet er nicht immer den Anſtand, weil er denkt, man achte nicht darauf. Man kann alſo das Herz der Menſchen am Beſten nach den ſcheinbar geringfügigſten Sachen beurtheilen. Ungeachtet dieſer kleinen Fehler iſt Jolivet ein ziemlich guter Kerl; nicht groß, noch klein, nicht ſchön, noch häßlich, macht er ſich bloß durch ſeinen ſtarken Appetit bemerklich. Man geht gerne mit ih um, obwohl er durchaus nicht geiſtvoll und ebenſowenig Paul de Kock. LI. 8 82 aufgereimt iſt; aber er thut Alles, was man will⸗ und ſolche Leute ſind in der Geſellſchaſt willkommen. „Guten Tag, meine Herren,“ ſagte Jolivet, wäh⸗ rend er ſeine Hände rieb und ſich zu wärmen ſuchte. „Ach! es iſt heute Morgen ſehr kalt... das Holz wird aufſchlagen. Haſt Du ſchon gefrůhfückt⸗ Paul?“ „Aufzuwarten, warum?... „Ah!.. darum.“ „Wolteſt Du mit mir frühſtücken?“ „Nein... wenn Du aber noch nicht gefrühſlückt hätteſt... hätte 5 vielleicht können...“ „Soll ich Dir Etwas bringen laſſen?“ „Meiner Treu', ich wende nichts dagegen ein, es fällt mir gerade bei, ich bin ſehr preſſirt, habe noch fünf Ausgänge zu machen und die Zeit iſt zu kurz, als daß ich zum Frühſtück nach Haus gehen könnte... aber zu mir nehmen ich faſt nichts, nur ganz wenig, eine Omelette. Ich rufe meiner ʒriiltt man ſtellt eiwas von einer Paſtete, Geflügel, Rahmkäſe, Confekt und Wein auf. Jolivet ſetzt ſich an den Tiſch mit den Worten:„Das iſt viel zu viel... es hungert mich dieſen Morgen nicht gar ſehr... wir haben geſtern im Cadran⸗Bleu ſo herrlich dinirt!.. Ei, Herr Jenneville, denken Sie noch an den Lendenbraten mi 2 Trüffeln?“ Ah! Du warſt auch bei dem Diner im Cadran⸗ Bleu, Jolivet?“ „Freilich, Herr Jenneville hatte die Güte, mich einzul den. Dubvis war guch dabei.“ 8³ „Ich weiß es, ich habe ihn Abends im Theater de la Gaité geſehen.“ „Ah! Sie waren in la Ggiié, meine Herren; was gab man für ein Stück?“ „Ein neues Melodrama.“ „Ich habe dort nie eine Contremarque kaufen können.“ „Ich war anch Willens, Dubvis dahin zu beglei⸗ len,“ ſagte Jenneville,„aber ein Brieſchen, das ich erhielt, hatte mein Vorhaben geändert.“ „Ich wollte wetten, ein Liebesbriefchen!“ rief Jo⸗ livet, während er das Geflügelſtückchen verſchlang. „Sicherlich, meine Herren, und zwar von einem göttlichen Frauenzimmer!... O! es verdient wohl, daß man ihm Opfer bringt!... Zudem habe ich dieſe Dame noch nicht ganz gewonnen, Sie ſehen alſo wohl ein, daß ich nichts verſäumen darf, zum Zwecke zu kommen.“ „Das iſt richtig,“ ſagte Jolivei,„erſt dann, wenn ſie Alles für uns gethan haben, dürfen wir uns nicht mehr geniren...“ „Was iſt es für ein Frauenzimmer?“ „Vom beſten Schlag!... es bezaubert nicht bloß vurch ſein Aeußeres, ſondern hat zudem einen köſt⸗ lichen Wuchs, entzückende Formen, Anmuth in den geringſten Bewegungen und Verſtand ſogar in den Fingerſpitzen.“ „Gut,“ ſagte Jolivet,„dieß nennen wir Kaufleute ſilbernen Verſtand... Meiner Treu', da ich im Zuge bin, will ich doch auch die Paſtete verkoſte. Die Schilderung, welche Jenneville ſo eben ge⸗ macht hat, erinnerte mich an jene Dame mit dem veilchenblauen Mantel; ich konnte mich nicht enthalten, einen kleinen Seufzer auszuſtoßen. „Sind Sie auch verliebt, Deligny?“ ſagte Jen⸗ neville lächelnd zu mir. „Nein, aber ich bin es beinahe geworden. Ich befand mich geſtern in dem Schauſpiel in der Nähe einer ſehr hübſchen Dame; ihre Haltung war ziem⸗ lich vornehm... Ich hätte gerne mit ihr Bekannt⸗ ſchaft gemacht.“. „Befand ſich ein Mann, ein Liebhaber bei ihr?“ „Nein, ſie war allein.“ „Allein... und Sie konnten nicht mit ihr reden! Ah! mein Freund, Sie haben ſich verändert! Was Teufels genirte Sie denn?“ „Dieſe Dame hat auf meine Worte immer nur einſilbig geantwortet... ich ſah wohl, daß es ihr nicht an der Unterhaltung lag.“ „Bah! dieß iſt nur eine Liſt, um ihre Leute beſſer zu fangen; ein Frauenzimmer, das allein in das Theater geht, läßt ſich immer nach Haus begleiten.“ „Gewiß,“ ſagte Jolivet, während er ein Stück Paſtete wegſchnitt,„läßt es ſich immer heimbegleiten.“ „Und ich glaubte, man warte am Thor auf ſie und hätte mich auch davon überzeugt, wenn der ver⸗ fluchte Dubois mich nicht aufgehalten hätte, wodurch ich meine hübſche Dame aus dem Geſicht verlor.“ „Ei, tröſten Sie ſich, mein Freund, Sie finden noch viele ſolche. Wenn Sie aber meinen neuen — Liebesgegenſtand ſehen könnten, ſo weite ich, würden Sie darein verliebt werden. Ich werde mich auch hüten, Sie damit bekannt zu machen... wenigſtens für jetzt; zudem iſt es kein ſolches Frauenzimmer, das man in die Geſellſchaft ſeiner Freunde führt.“ „O! der Teufel!“ „Ich muß ſogar ſehr behutſam zu Werke gehen! die Wittwe eines Generals, welche die beſte Ge⸗ ſellſchaft von Paris in ihrem Hauſe empfängt!“ „Iſt es eine reiche Frau?“ fragte Jolivet, wäh⸗ rend er die Paſtete von Neuem angreift. „Ohne Zweifel; ſie könnte noch reicher ſein, aber ſie hat viel Verluſt erlitten: ſie führt gegenwärtig einen großen Prozeß um ein Landgut in der Normandie,“ „Man muß bei einer Maitreſſe ſtets auf ihren Reichthum ſehen,“ ſagte Jolivet,„es iſt angenehmer man ſpeist bei ihr... Die Paſtete iſt gut, ſehr gut!„ „Dieſe Frau empfängt angeſehene, hochgeftellte Leute. O! wenn ſie wollte, wenn ſie ränkeſüchtig wäre, ſo dürfte ſie nur ein Wort ſagen, um für ihre Schützlinge Stellen zu erhalten.. ſie gab mir bereits zu verſtehen, daß ſie mir gerne einen Dienft erweiſen wolle... aber ich will kein Amt, das würde mich geniren, anekeln.“ „Hören Sie, Jenneville, ich möchte wohl ein Amt,“ ſagte Jolivet;„ich treibe Handels⸗ und Wech⸗ ſelgeſchäfte, wenn ich aber einen guten, einträglichen Platz erhielte, ſo wäre es mir ſehr erwünſcht.“ Jenneville gibt Jolivet, der nicht aufzumerken 86 ſchien, keine Antwort. Im Augenblick höre ich in meinem Vorzimmer fingen; man öffnet plötzlich die Thüre des Salons: Dubois tritt ein. „Ei, hier treffe ich meine theuren Freunde! Prächtige Geſellſchaft; es fehlte bloß noch an mir. Ich dachte mir, ich würde Jolivet am Eſſen finden... Guten Tag, Jenneville! Nun, mein lieber Deligny... wie ging es mit der Kleinen? er⸗ zähle es mir doch!“ „Wie! eine Kleine iſt im Spiel, und Deligny hat uns nichts davon geſagt?“ rief Jenneville.„Ah! das iſt nicht artig!...“ „Das iſt gar nicht ſchön,“ wiederholt Jolivet, in⸗ dem er mit der Paſtete vollends aufräumte. 6 „Meine Herren, wenn ich Ihnen nichts davon ge⸗ ſagt habe, ſo geſchah es bloß, weil es nicht der Mühe werth iſt. Wir trafen zwei Griſetten im Theater, welche Dubois durchaus nach Haus beglei⸗ ten wollte; er hing mir die eine an und entfernte ſich mit der andern, welche ich bis an ihre Haus⸗ thüre begleitete, worauf ich ihr gute Nacht wünſe dieß iſt die ganze Geſchichte.“ „Bah! wirklich!“ ſagte Dubois,„dieß war das Ende!.. O! bei mir war es ganz anders! Beim Teufel!.. ich kam, ſah, ſiegte, wie Pompejus! ℳ „Sind dieß die Worte von Pompejus oder Cäſar?“ „Es iſt einerlei!. eine neue Perle für meine Krone!“ „Wenn Du dieß eine Perle nennſt, ſo biſt Du nicht wählig“ 6. 87 „Mein Freund, ich verſichere Dich, ſie iſt. viel ſchöner, als Du glaubſt... Man hat Schönheiten, die den verborgen ſind! Und ſie i ſo heiter!... Ach Gott... haben wir gelacht!... Die Kleine, welche Sie nach Haus geſührt war alſo nicht ſchön?“ ſagte Jenneville zu mir. „Verzeihen Sie mir, ſie war aber ich war nicht verliebt, und meiner Treu'.... „Du haſt recht gehabt,“ ſagte indem er ſich an die Käſe machte,„mit allen den kleinen Gri⸗ ſetten vergendet man fortwährend ſein Geld.“ „O da ſieht man wieder den Filz!“ rief Dubois⸗ „ich bin überzeugt, wenn dieſer Geizhals mit ſeiner Maitreſſe bei einem Gaſtwirth dinirt, ſo läßt er ſie die halbe Zeche zahlen, und ſie darf ſich noch glück⸗ lich ſchätzen, wenn ſie für ihn nicht zahlen muß!.„ „O! Dubois.“„„ „O! Du biſt ein Filz!... das iſt bekannt... Ich will Ihnen, meine Herren, einen Zug von Jolivet erzählen: Letzthin kam er mit einer Dame von der Vorſtadt St. Antvine zurück; es überfällt ſie ein Regen, die Dame will ſich nicht begießen laſſen. Jolivet läßt ſie in einen Omnibus einſteigen, wäh⸗ rend er ſelbſt in eine Dame⸗Blanche ſtürzt, um die ſünf Sous nicht für ſie bezahlen zu dürfen.“ „Meine Herren, es verhielt fich nicht genau ſo; ich ſtieg in einen andern Wagen, weil in jenem, wo meine Gefährtin ſaß, kein Platz mehr war.“ „Es gab noch Platz,“ rief Dubovis,„ich weiß es vön der Dame ſelbſt, die mir es erzählt hat und 88 hinzufügte, ſie werde ſich wohl hüten, ferner mit Dir ſpazieren„ „Ei, um ſo beſſer! ſie ſoll nur nicht mehr zu mir kommen; ich werde mich nicht um ſie reißen. Sie hatte fortwährend Durſt!... ich mußte ſie immer⸗ fort in das Kaffeehaus führen!... ich kenne keine ſchlimmere Gewohnheit als dieſe.“ „Aber, meine Kinder,“ ſagte Dubvis,„man darf der Vergnügungen halber die Geſchäfte nicht ver⸗ geſſen, beſonders wenn die Geldbörſe auf der Neige iſt; ich will daher eine Partie Zucker und Kaffee an Smnige Kleinhändler in der Straße de la Verrerie zu verſchließen ſuchen... dann werde ich einem Schlingel einen derben Verweis geben, welchem ich drei Pfund Vomille zu verkaufen gab, worein er Oel goß, damit ſie ſchwerer wägen ſoll... aber um fünf Uhr bin ich frei; werden wir mit einander zu Mittag ſpeiſen?“ „Mit Vergnügen,“ ſagte Jenneville,„ich habe erſt um acht Uhr Abends Geſchäfte.“ „Hältſt Du auch mit uns, Jolivet?“ „Gerne, aber ich weiß nicht, ob ich komme.. zudem hat man, wenn man mit Ihnen ſpeist, meine Herren, einen tollen Aufwand... Sie find nicht ſolid!“ „O! wir werden heute ſehr häuslich ſein: hin dert Sous per Kopf, darüber gewiß nicht.“ „Beim Henker! das iſt haufengenug... ich bes fürchte nur, es werde mich nicht hungern.“ „Das glaube ich gerne, wenn Du, wie ſeit zwei Stunden, immer fort ißſt.“ 3 — 89 „In der That hatte Jolivet, welcher bloß ein wenig eſſen zu wollen vorgab, das Geflügel, die Paſtete, die Käſe und ſo eben auch vollends das Confekt verſchlungen. „Fürwahr, ich habe ganz in Gedanken gegeſſen,“ ſagte Jolivet;„Ihre Geſellſchaft hat mir Appetit ge⸗ macht.. überhaupt eſſe ich viel mehr in Geſellſchaft zu Haus hungert es mich nie. Nun, um welche Zeit werden Sie diniren?“ „Um halb ſechs Uhr; wir treffen einander im Panoramagang... wir diniren bei Champeau.“ „Gut, ich werde mich einfinden... dieſes Con bleibt mir im Hals hängen. Deligny, haſt Du mir nichts zum Hinunterflößen 2“ „Willſt Du ein Gläschen Kirſchenwaſſer?“ „Ah ja, Kirſchenwaſſer: das iſt gut zur Verdauung.“ „O! der Vielfraß,“ rief Dubois;„er trinkt noch Kirſchengeiſt... Gieb mir auch ein Kelchchen, Paulz bei mir iſt es angelegt, ich bedarf toniſcher Mittel; der verliebte flatterhafte Menſch muß Hammelscote⸗ leltes und geiſtige Getränke genießen, ohne dieſes, iſt er auf dem Hund!... Lebt wohl, junge Freunde, 35 ich werde nun Zucker und Martinique⸗Kaffee ver⸗ kaufen. Um halb ſechs Uhr im Panorama; dort werde ich Ihnen in einem Modemagazin zwei Veſta⸗ linnen zeigen, deren heiliges Feuer ich ausgelöſcht habe.“ Dubois geht fort. Jolivet entſchließt ſich endlich, vom Liſch aufzuſtehen; er ſicht auf ſeine Uhr und auf — 5. 0 eilf Uhr beſtelli.. Hert Senue ich glaube, ich habe Ihr Cabriolet auf der Straße geſehen?“ „Ja, es wartet auf mich.“— „Wohin fahren Sie?“ „In die Vorſtadt St. Germain.“ „Eben recht, ich habe in der Seine⸗Straße Geſchäfte... Wenn ich mit Ihnen dahin fahren könnte?“ „Gerne. Gehen wir... Anf Wiederſehen, De⸗ ligny!“ „Auf baldiges meine Herren Nach ihrem Abgang ſchrieb ich an meinen Va und machte darauf ebenfalls einen Ausflug, inde ich mich mit jenem Herrn Blagnard beſchäftigte, v dem Jenneville mit mir geſprochen und der in zw Jahren ſich ein Vermögen geſammelt hat, wä ich in ſechs Jahren zwei Drittet von dem mein verloren habe. Doch ſpart dieſer Blagnard nicht, macht großen Aufwand und bricht ſich Nichts ab. Es gibt wirklich geſchäftsgewandt gibt auch Spitzbuben, die den C und die in der Welt eine große Rolle beneide jene Gewandtheit nicht, welch daß man auf den Untergang Anderer ſeine Bere nungen gründet, in flottem Prunke auſtritt, ſeine Nebenmenſchen zu betrügen und ſich auf K von zwanzig Familien, die man in's Elend ſetz reichert... Dieſe Art, reich zu werden, iſt in ſehr 94* ernſte Gedanken. Wenn man aber voy Ränkemachern ſchon hintergangen wurde, ſo iſt man nicht zufrieden, und wenn man nicht zufrieden iſt, ſo iſt man nicht immer Philoſoph. Fünftes Kapitel⸗ Abendunterhaltung bei Griſetten— Krapſen. Alle ſinden ſich pünktlich ein, mit Ausnahme von Jolivet, welcher immer auf ſich warten läßt. Vor dem Mittageſſen bin ich mehrere Male im Begriff geweſen, mich zu der kleinen Ninie zu be⸗ geben, bekämpſfte aber dieß Verlangen; wenn ſie in einem etwas weniger ſchmutzigen Viertel wohnte, hätte ich wahrſcheinlich der jungen Franſenſabrikantin bereits einen Beſuch gemacht. Wir gehen einige Augenblicke in dem Gang des Panorama auf und ab ſpazieren, Jenneville ſpricht mit mir von ſeiner neuen Liebſchaft; er ſieht ſehr verliebt aus: wenn man ihn hört, hat er nie eine ſo ſchöne, liebenswürdige, verführeriſche Frau ge⸗ kannt. Anfangs ſcheinen ſie uns immer ſo. Dubvis ſieht ſich in den Buden um, lorgnettirt die Ladenjungfern und macht uns mehrere bemerklich! Dieſer junge Menſch iſt unverbeſſerlich. Endlich erſcheint Jolivet mit dem Regenſchirm in der Hand, zieht ſeine Uhr heraus, wie er ſich uns nähert und uft:„Ich vin nicht Schuld daran,. meine Uhr geht zu ſpät und die eurigen voraus.“ Sofort 92 nimmt er Jenneville am Arm, zeigt ſich ſehr freund⸗ ſchaftlich gegen ihn, was er ſtets gegen Perſonen beobachtet, die ein Cabriolet beſitzen und Diners geben. Wir begeben uns zu Reſtaurateur; im Au⸗ genblick, als wir dort ankamen, ſtieg ein ſehr elegant gekleideter junger Mann aus ſeinem Cabriolet. „Ah! Sie ſind es, Blagnard,“ ſagte Jenneville. „Und da treffe ich meinen theuern Jenneville,“ erwiederte Herr Blagnard. Darauf verbeugte er ſich höflich vor einem Jeden von uns mit den Wor „Sie werden zu Mittag ſpeiſen, meine Herren?“ „Ja. und Du auch?“ ſagte Jennevill „Ja wohl.. wenn Sie mir erle n Sie anzuſchließen, meine Herren, ſo angenehm ſein.“ Ein ſolcher Vorſchlag läßt ſich unmö weiſen, zudem ſcheint Jenneville vertrauten Fuß mit Herrn Blagne Dubois rief bereits aus;„ mehr Gelächter. Nach unſerm Eintritt in de des Gaſtwirths fragte mich Jolivet ge iſt jener Herr, der mit uns zu ſpeiſen „Ich kenne ihn wirklich ni weiß ich, daß er viel Veſen kurzer Zeit ein Vermögen geſamt „Er hat ſich Vermögen geſammelt? vac dumm... Gehört ihm das ſchöne Cabriolet, 3 vn Eingang ſtand?“ 93 7 „J⸗ Jolivet hat keine Zeit, mich hr über ihn zu fragen; wir Km uns, und er wählt ſich ſeinen Platz neben Herrn Blagnard. Herr Blagnard verlangt zuerſt Oſtender Auſtern und Sauterne⸗Wein dazu, ferner Beaune, erſte Sorte, über Tiſch. Ich ſehe voraus, daß unſere Zeche, wenn wir in dieſem Tone fortfahren, unſern Voran⸗ ſchlag bei weitem überſteigen wird; aber weder ich, noch Jenneville halten uns darüber auf; wir wür⸗ den uns ſchämen, wenn wir vor zu großem Auf⸗ wand irgend eine Furcht äußerten. Im Gegentheil ſpielen wir, da wir nicht zurückbleiben wollen, eben⸗ falls den reichen Kapitaliſten. Es geht nichts über die Eigenliebe, um Tollheiten zu machen; allerdings iſt ſie auch manchmal die Triebfeder zu guten Hand⸗ lungen. Dubois, welcher nie rechnet, läßt ſich in großen Zügen den Sauterne und Beaune ſchmecken. Bei Jolivet iſt dieß nicht der Fall; er hängt das Maul, weiß nicht, ob er trinken ſoll, und während Blag⸗ nard Schnecken mit Trüffeln und gebratene Faſanen verlangt, langt er nach der Speiſekarte und ruft aus:„Warten Sie einen Augenblick, meine Herren, wir wollen zuerſt nach dem Preiſe ſehen!... „Pfui!... Sieht man jemals nach dem Preis““ ſagte Blagnard.„Was bekümmert uns das? Wir bezahlen, dann iſt es fertig...“ „Ja wohl,“ ſagte Dubvis,„man bezahlt, dann iſt man im Reinen.. aber bei Jolivet verhält es ——— es ſchon an der Art, wie er ſein Roſtbeaf anſieht, 54 ſich anders: wenn er bei einem Gaſtwirih ſpeist, ſo ſucht er nicht nach den Namen der Gerichte, ſon⸗ dern nach den wohlfeilſten Speiſen, und verlangt nur von dieſen.“ 2 „Ich begehre, was ich gerne eſſe,“ ſagte Jolivet. „Sehen Sie, meine Herren, ich glaube z. B. zwei Portionen Pökelfleiſch mit Kohl wäre...“ Ein all⸗ gemeines Murren erfolgte auf den Vorſchlag Joli⸗ vets, welcher ganz betroffen die Speiſekarte auf ſeinen Knieen hält und fortißt, ohne ein Wort zu reden. „Können Sie Ihren Seſſel nicht etwas rücken?“ 3 ſagte Dubois zu einem Herrn mit rothen Haaren, der an einem Tiſche hinter uns ſaß, und deſſen Seſſel an den ſeinigen ſtieß. Der Herr antwortet nicht und ſcheint ſeine Gedanken in ein Roſtbeaf, das vor ihm ſtand, ganz vertieft zu haben. 5 „Wollen Sie gefälligft etwas rücken, mein Herr,“ wiederholte Dubvis ſo laut, daß er Aller Aufmert⸗ ſamkeit auf ſich zog. Der Herr mit den rothen Haaren dreht ſich mit dem ganzen Körper um und antwortet Dubvis mit dem Phlegma und dem Accent eines Engländers:„Danke ſchön! Sie mir gar nicht geniren.“ „Das iſt ein Engländer,“ ſagte Dubois;„ich hätte 3 vermuthen können.“ „Laß dieſen Engländer in Ruhe und beleidige ihn nicht, ſagte ich zu Dubvis.„ Es handelt ſich hier von keiner Beleivigung⸗ „ — e— aber ich will bequem ſitzen... Er lehnt ſeinen Seſſel an den meinigen.“ „Rücke etwas vor.“ „Ich mag nicht vorrücken, ich mache gewöhnlich Niemand Platz... Soll man ſich wegen eines Eng⸗ länders geniren?“ Eine Zeitlang ſpricht Dubois nichts mehr; er ſchaut von Zeit zu Zeit ſeinen Nachbarn bloß über die Achſeln an, der jedoch, ohne im Geringſten dar⸗ auf zu achten, ißt und trinkt. Wir warten auf den Nachtiſch. „Wenn wir einen Eierauflauf eſſen würden?“ ſagte Jolivet, der nach und nach wieder ins Geleis kam, wor⸗ auf Herr Blagnard unter lautem Gelächter ausrief: „Einen Eierauflauf! Ah, pfui! das iſt ein wenig zu klaſ⸗ ſiſch!, dieß iſt etwas für Griſeiten und Ladendiener! Eis und Blanes-mangers laß ich mir noch gefallen... Aber, meine Herrn, vor Allem Champagner; ein Mann von Stand kann ein Diner nicht ohne Cham⸗ pagner beſchließen.“ Es wird Champagner verlangt. Jolivet wagt nichts mehr vorzuſchlagen, trinkt aber viel; wir An⸗ dere machen es ebenſo. Während wir den Cham⸗ pagner hinunterſchütteten, ſprach Jenneville von Nichts als von ſeiner Schönen: wir erfuhren, daß ſie Her⸗ minie heißt, denn dieſer Name entſchlüpſte ihm mehr⸗ mals, während er ſein Glas an den Mund ſetzte. Herr Blagnard zeigt ſich ſehr freundſchaſtlich gegen mich und bietet mir tauſendfache Dienſte an, unier der Verſicherung, er werde ſich ſehr glücklich ſchätzen, 96 meine Bekanntſchaft zu kultiviren. Es iſt möglich, ich will es gerne glauben: beim Nachtiſch glaubt man aber Alles ſo leicht! Jolivet ſagt nichts, ſon⸗ dern ſtürt beſtändig in ſeinen Taſchen: ich wette, er zählt ſein Geld. Dubois drehte ſich um, als der Engländer im Augenblick, wie er ſein Glas an den Mund ſetzte, ſeinen Seſſel rückte, und ſchrie ihm in die Ohren:„Hören Sie, ich habe Sie gebeten, etwas zurückzuſitzen, Herr John Bull; Sie geniren mich und hindern mich am Trinken. God dam!“ Auf das God dam ließ der Engländer ſeinen Plumb⸗pudding liegen, drehte ſich um und ſagte zu Dubois, ihn ſcharf anſehend:„Wie heißen Sie mich?“ „Setzen Sie ſich zurück!“ „Wie heißen Sie mich?“ 5 „Es handelt ſich nicht davon; ich ſage Ihne Sie mich geniren... Wenn Sie nicht zufriepen ſind, ſo nehmen Sie einen Zahnſtocher!...“ Der Engländer wird ſo roth wie ein welſcher Hahn und ſcheint zornig werden zu wollen; ich ſuche ihm begreiflich zu machen, daß mein Freund bloß wünſche, er möchte ſeinen Stuhl zurückrücken. Aber der Herr mit den rothen Haaren hält ſich für belei⸗ digt, klopft Dubois, der Champagner in ſich hineinſchüt⸗ tet, auf die Achſel und ſagt zu ihm;„Wenn Sie wollen hinausgehen auf der Stelle mit mir, ich bereit bin. Ich ſoll ſogleich mit Ihnen hinausgehen h was thun, Mylord?... Uns mit den Fäuſten ſch 8e nicht wahr?... Ich bin kein Reffträger, ſshen Sie. Wälzen Sie ſich mit den Comm 97 nären herum, wenn Sie Vergnügen daran finden. Das iſt nicht meine Sache.“ Ich weiß nicht, ob der Engländer Dubois ver⸗ ſtanden hat; nachdem er aber noch einige Minuten gewartet hatte und ſah, daß dieſer nicht vom Tiſche aufſtand, rief er dem Kellner, bezahlte ſeine Rech⸗ nung im Zorne und ſagte:„Ich nie mehr reſtau⸗ riren mich bei dieſem Gaſtwirth.“ Dubois, froh über die Entfernung ſeines Nach⸗ bars, klopfte mit ſeinem Glas auf den Tiſch und rief:„Sehen Sie, wie der Leopard den Schwanz zwiſchen die Füße klemmt und fortgeht!... Ich habe mich hoffentlich nicht genirt, ihm die Wahrheit zu ſagen!... Nicht wahr?“ Wir antworteten nichts auf dieſe Prahlerei. Der Champagner iſt getrunken; wir verlangen die Rech⸗ nung. Der Kellner bringt ſie, Blagnard nimmt ſie zur Hand, bezahlt und ſteht auf. „Einen Augenblick,“ ſagte ich zu ihm,„das kannnicht ſo gehen; wie viel muß ein Jeder von uns bezahlen?“ „Ach, meine Herren, wir wollen ein ander Mal rechnen!“ 6 „Nein, wenn es gefällig iſt; ein altes Sprüch⸗ wort ſagt: Zahlen macht gute Freunde!“ und ich habe dieß immer bewährt gefunden... Die Rechnung, ich bitte, oder ich werde böſe.“ Blagnard gibt nach und übergibt mir unſere Rech⸗ nung, die ſich auf hundertfünfundſechszig Franken beläuft. Für Fünf! das iſt nicht übel, dreiunddreißig Paul de Kock. 1LI.— ——— —— 98 ſeinen Taſchen und dreht einige Sous in ſeiner Hand herum, ſo daß wir Alle aufſtanden, um den Kaffee zu trinken, bevor er noch an Blagnard ſeinen ſchul⸗ digen Theil bezahlt hatte. Wir begeben uns in das Palais-royal; Jolivet hingegen ſchaut, während wir das Kaffeehaus betra⸗ ten, auf die Uhr und verläßt uns unter dem Vor⸗ wande eines Rendezvous. Er wird befürchtet haben, man werde beim Bezahlen des Kaffees ſich ſeiner Zeche vom Mittageſſen erinnern. Das Kaffeehaus war von ſeinen täglichen Gäſten angefüllt, die über die Journale ſprachen und politi⸗ Franken per Kopf; ich bezahle, Jenneville und Du⸗ bois bezahlen ebenſoviel; Jvlivet ſtürt lange in all ſirten: aber alle Geſpräche werden mit Ruhe geführt, Niemand erhitzt ſich, man würde eine Mücke fliegen hören. Unſere Ankunft ändert Alles. Da wir viel getrunken haben, machen wir viel Lärmen, ohne es jedoch zu wiſſen: wir lachten, ſprachen ganz kaut, hielten uns für ſehr liebenswürdig, fielen aber, ich wette, den friedlichen Gäſten des Kaffechauſes be⸗ ſchwerlich; denn die Menſchen ſehen nicht ein, was ſie ſind, wenn ſie ruhigen Sinnes ſind, wie ſollten ſie ſich alſo erkennen, wenn ſie nicht mehr kaltblüt ſind? Glücklicher Weiſe muß Jenneville uns verlaſſe um ſeine Dame zu beſuchen, und Herr Blagnard hat ebenfalls ein Rendezvous, ſonft könnte unſer Au enthalt in dem Kaffeehaus noch einige Abenteuer her⸗ veiführen: Dubvis hatte ſchon zwei Mal den Hut ein tüglichen Gaſtes auf den Boden geworfen und 99 ſah demſelben in den Augen an, daß er das dritte Mal keine Entſchuldigung annehmen würde. Jenneville und Blagnard haben uns verlaſſen, ich bleibe mit Dubois in den Galerien des Palais- royal, und wir Beide ſind zu ſehr zum Lachen auf⸗ gelegt, als daß wir nicht eine luſtige Abendunter⸗ haltung aufſuchten. „Beim Teufel, was wollen wir thun?“ ſagte ich zu Dubvis;„ich habe keine Luſt, mich in einem Schauſpiel einzuſchließen, zudem glaube ich unmög⸗ lich an meinem Platze bleiben zu können. In Geſell⸗ ſchaft darf man nicht wohl lachen und wir baben bereits zu viel dumme Streiche gemacht, als daß ich ein Imperialſpiel mitmachen könnte.“ Dubvis ſchlägt ſich vor die Stirne, ſpringt aus Freude in die Höhe und ruft:„Ach, mein Freund! ich dachte nicht mehr daran!... Ich weiß ſchon, was wir thun!.. ich hatte es beinahe vergeſſen... die armen Kleinen.. wir werden den unterhaltendſten Abend zubringen; wir können dumme Streiche ſagen und ſogar machen... kurz Alles, was wir wollen! Finis coronat... Ei, wenn ich eine Stelle anfüh⸗ ren will, ſo füut mir immer bloß die Hälfte ein.“„( „Sprich deutſch mit mir und ſag' mir, wie w uns unterhalten wollen.“ „Wie wir uns unterhalten wollen, mein Freund?. Und die ſüße, zärtliche, anziehende Charlotte, die guf mich wartet, um Krapfen bei ihr zu eſſen! und ich ich dachte nicht mehr daran! „Krapfen?“ ————— 100 „Ja wohl, Krapfen! Befinden wir uns nicht im Carneval, in jener wollüſtigen Jahresperiode, wo die Krapfen und Küchlein eine ſo große Rolle ſpie⸗ len?. Heute morgen ſagte ſie zu mir beim Fort⸗ gehen, denn ich verließ Charlotte erſt dieſen Morgen: „Mein Lieber, heute Abend werden drei Freundinnen von mir mich beſuchen; wir wollen Krapfen machen, weil wir ſie ſehr gerne eſſen; es wäre ſehr liebens⸗ würdig von Ihnen, wenn Sie auch kämen.. wollen Sie nur Kaftanien mitbringen... Denk' Dir, Kra⸗ pfen und Kaſtanien, lauter leichte Sachen!... Ich habe es zugegeben. Acht Uhr iſt's vorbei, vorwärts zu Charlotte.. Es leben die Griſetten!“ Zu jeder en Zeit hätte ich mich wohl in Acht genommen, Dubois zu begleiten, aber unſer Diner hatte uns auf's Heiterſte geſtimmt, und der Gedanke, den Abend bei Griſetten zuzubringen, ſchien mir da⸗ her ſehr anziehend. „Nun, ſo wollen wir zu Charlotte gehen,“ ſagte ich zu Dubvis,„aber denkſt Du, es werde ihr recht ſein, wenn Du Jemand mitbringſt?“ „Ei, was ſagſt Du! Darf die Liebe je der Freund⸗ ſchaft in den Weg treten? Wenn ich fünf bis ſechs Freunde mitbrächte, ſo würde es ihr nur um ſo lieber ſein, weil ſie, wie ich Dir ſchon ſagte, auch Beſuche von ihren Freundinnen hatz wir welden neue Geſichter ſehen. wir fangen vielleicht irgend eine neue h ſchaft an, man kann es nicht wiſſen.“ „Ich bitte Dich aber, erweiſe mir den Geftlen, mich vor dieſen Mädchen bloß bei meinem Taufnamen „ 5 101 zu nennen... ſie brauchen meinen Familiennamen nicht zu wiſſen.“ „Sei ganz ruhig, es bleibt dabei. Schon geſtern oder heute früh, als ich mit Charlotten von Dir redete, habe ich Dich bloß Paul genannt und ge⸗ ſagt, Du heißeſt nicht Deligny, dieß ſei ein Faß⸗ nachtsſpaß, den ich mit Dir getrieben... Ich für meine Perſon kann unmöglich mehr das Incognito ſpielen, denn mich kennen alle hübſchen Geſichtchen von Paris nur zu gut!“ „Glaubſt Du, Ninie werde bei Charlotte ſein?“ „Wahrſcheinlich.“ „Es würde mich freuen, ſie wiederzuſehen. fie wird mir ein Geſicht ſchneiden.“ „Du machſt ihr einen Krapfen, dann verzeiht ſie Dir.“ „Ach ja, Du ſprichſt immer von Krapfen eſſen und wir ſtehen gerade vom Tiſche auf.“ „Das iſt einerlei, es befördert die Verdauung.“ Während wir ſo ſprachen, liefen wir ſtarken Schrittes durch die Straße Saint⸗Honoré bis zur Halle fort und erreichten die Straße aux fers. Du⸗ bois blieb vor der Thüre eines Hauſes ſtehen, die er öffnete, indem er eine geheime Feder, die man ihm früher ſchon gezeigt hatte, aufdrückte; ſofort gingen wir in dem rußſchwarzen Gange weiter. „Wir werden Hals und Beine brechen,“ ſagte ich zu Dubois. „Du haſt recht,“ ſagte er zu mir,„überdieß lo⸗ girt meine Dulcinea unter dem Dache. es iſt hier gar ekeine Luft zum Athmen; warte ein Bischen auf mich.“ „ Dubois entfernt ſich alsbald aus dem Gang und läßt mich allein. Wo iſt er hin? was wird er thun? Aber ich war nicht lange in meine Gedanken vertieft, als Dubois ſchon wieder mit einem angezündeten Taſchenlaternchen in der Hand zurückkam. „Nun werden wir,“ ſagte er,„unſern Weg leichter finden;„ich habe in der Regel ein Laternchen in der Taſche; das iſt ein höchſt nothwendiges Möbel, wenn man Abends oft zu Griſetten geht: man zündet es in der Bude eines Nachbars an und geht dann ſeines Wegs, wie wenn man in ſein eigenes Haus ginge.“ Wir ſteigen eine ſchaudervolle Stiege hinauf und hören, als wir im dritten Stocke ankommen, lautes Gelächter. „Hörſt Du die kleine Närrin?“ ſagte Dubois zu mir;„es ſcheint, ſie find ſchon beiſammen.“ „Sind ſie hier?“ „Nein, noch zwei Stock höher... ich höre Char⸗ lottens Stimme... ſie macht gewiß den Teig!.. dieß Mädchen iſt in den häuslichen Geſchäften be⸗ wandert.“ Wir kommen im fünften Stock an, und wenn Dubvis Charlottens Zimmer auch nicht gewußt hätte, ſo hätte uns der Lärmen darin auf die Thüre ge⸗ wieſen. Wir klopfen an, man öffnet uns: Charlotte ſtößt bei unſerm Anblick einen Freudenruf aus:„Ach, da ig er!.. wie hübſch! Dieſe Jungfern ſagten immer zu mir: Dein Herr wird nicht kommen! und ich wettete das Gegentheil.“ 103 „Und Sie, meine Jungfern, ſehen hier, daß ich Ihnen einen Freund zuführe.. er fürchtet zwar, es möchte unſchicklich ſein, aber ich nahm es auf mich, ſeine Bedenklichkeiten zu beſeitigen.“ „Ach, was ſagen Sie? machen denn wir auch Umſtände 2.. zudem war Herr Paul geſtern in un⸗ ſerer Geſellſchaft, ich erkenne ihn ſehr gut.. treten Sie doch herein, meine Herren.“ Wir kommen in ein ziemlich großes Zimmer, wo die Möbeln den Platz nicht im Geringſten verſperren. Im Ganzen befinden ſich ein Bett ohne Vorhänge⸗ eine alte Komode und ſechs Seſſel, worunter zwei zerbrochene, darin. Eine halboffene Thüre im Hin⸗ tergrunde führt in ein zweites Zimmer, deſſen In⸗ neres ich jedoch noch nicht betrachtete, weil ich ge⸗ rade die Geſellſchaft muſterte. Dieſe beſteht außer der Jungfer Charlotte aus noch drei Frauenzimmern: die eine, von großer, hagerer Statur, hat eine ſo ſpitzige Naſe und dergleichen Ellbogen, daß man geſtochen zu werden glaubt, wenn man ſich ihr nähert: ſie heißt Amata; die zweite, faſt eben ſo groß, iſt wenigſtens verhältnißmäßig dick, hat ein volles, blühendes Geſicht, ungeheure Arme und Hände, iſt, wie Charlotte uns ſagte, noch keine ſechszehn Jahre alt, und würde ſchon einen ſchönen Grenadier geben: dieſe heißt Manette; die dritte endlich iſt eine kleine Perſon, achtzehn Jahre alt, ziemlich hübſch, ſehr ſpöttiſch, und bleibt keinen Augenblick auf einer und derſelben Stelle: ſie heißt Laura. Ninie hingegen ſehe ich nicht, was mir ſehr zu⸗ wiver iſt. So find wir; heute morgen habe ich ſie nicht ſehen wollen und heute Abend erzürne ich mich, nicht bei ihr zu ſein; aber vom Morgen bis zum Abend ändert ſich Vieles in unſerm Kopf, nament⸗ lich wenn man Champagner getrunken hat. „Wo find die Kaſtanien, die Sie bringen ſollten?“ ſagte Charlotte zu Dubvis. „Ach, liebenswürdiges Täubchen, wir haben ſie vergeſſen!... könnte man ſie aber nicht mit etwas Geiſtreicherem erſetzen? denn Kaſtanien und Krapfen zuſammen ſcheinen mir zu ſehr vollzuſtopfen... Was denken Sie zu den Krapfen zu trinken?“ „Wir wollten Moſt trinken, aber die Obſthändle⸗ rin hat keinen.“ „Nun, meine Geliebten, wir warten Ihnen mit weißem Weine auf... das iſt viel beſſer als Ihr Moſt.. Nicht wahr?“ „O gewiß!“ „Aber,“ ſagte die kleine Laura lachend,„vom weißen Wein werden wir ein Räuſchchen bekommen ich wenigſtens bin toll, ſobald ich nur einen Fingerhut voll Wein getrunken habe!... „Gut, um ſo beſſer,“ ſagte Charlotte,„wir wol⸗ len Laura ein Räuſchchen anhängen.“ „O, ich, ich will mich nicht betrinken,“ ſagte die große Amata,„weil ich Herzweh darauf bekomme, und Alles, was ich genoſſen habe, von mir geben muß.“ „Dann werden wir Sie nicht trinken laſſen.“ „Meine Kinder, wer bemüht ſich, etwas Naſſes zu holen?“ * . 105 „Ei, Manette, gehe Du fort... Du biſt ein gut⸗ müthiges Kind.“ „So, ich muß immer die Magd machen!“ „Du mußt aber auch Eier und Mehl mitbringen. „Wie, iſt der Teig noch nicht gemacht?“ rief Dubvis. „Nein, wir warteten auf Sie.“ „Nun, ich will ihn machen, Sie werden mein Talent bewundern... und wenn ich einen Klumpen mache, ſo dürfen Sie mich einen Dummkopf heißen.“ Die dicke Manette entfernt ſich mit einer Salat⸗ ſchüſſel und leeren Flaſchen; während Laura ihr leuchtet, fragte ich Charlotte:„Wird Ninie nicht kommen?“ „Doch, ich habe es zu ihr Weiß ſie, daß Sie hier ſind?“ „Wie ſollte ſie es wiſſen? Ich S. ſie ſeit geſtern Abend nicht mehr geſehen und damals wußte ich noch ni was ich heute thun würde.“ „O, ſie wird gewiß kommen, ſie hatte noch Etwas fertig zu machen... Ei, ich glaube, ich höre ſie auf der Treppe.. o, verſtecken Sie ſich, wir wollen ſie überraſchen.“ „Ja, man muß ſie überraſchen,“ ſagten alle Frauenzimmer. „Ich will mich gerne verſtecken, aber wo?“ „In dem andern Zimmer,“ ſagte Charlotte, in⸗ dem ſie mich hineinſtieß.„Wir wollen ihr weiß machen⸗ ihr Adolph ſei zurückgekommen.“ Man ſchließt mich in das Zimmer im vintergrnd 106 ein, wo ich mich in einer totalen Finſterniß befinde. Ich ſuche mich zu orientiren, tappe herum, und be⸗ mühe mich, bis zum Augenblick der Ueberraſchung einen Sitz zu finden; mit meiner linken Hand kam ich in eine Pfanne, mit der rechten in einen Schmalz⸗ hafen, woraus ich ſie ſo gut als möglich wieder her⸗ auszog, und während ich immer ſuchte, traf ich end⸗ lich mitten im Zimmer eine Stuhllehne.„Gut,“ ſagte ich bei mir ſelbſt,„nun iſt mir geholfen, ich kann jetzt bequemer warten.“ Darauf that ich meine Frack⸗ flügel auseinander und ließ mich auf den Stuhl nie⸗ der, aber plötzlich krachte etwas unter mir; ich fühlte mich ganz durchnäßt und ziemlich ſtark verwundet. Auf einen Schrei, den ich ausſtieß, öffnete man die Thüre: dieß war der Augenblick der Ueberraſchung; die Jungfern erſchienen mit einem Lichte und fanden mich auf den Scherben eines Nachtgghirres ſitzend, welches ich beim Niederſitzen zerbrochen und deſſen Inhalt den Boden überſchwemmt hatte. Anfangs konnte man ſich des Lachens über meine Lage nicht enthalten, da man aber bemerkte, daß ich ein böſes Geſicht machte, befürchtete man, ich ſei verwundet, lachte nicht mehr und half mir auf⸗ ſtehen. „Mein Gott, mein Gott! wie dumm ſind wir,“ rief Charlotte,„wir hatten vergeſſen, daß ſich dieſes Geſchirr hier befand. Die Jungfern ſind auch daran Schuld. ſie gaben vor, es wäre bequemer.“ „Wie, das iſt der Herr?“ ſagte Ninie, ein wenig erröthend,„und Sie ſprachen mit mir von Adolph... „ 107 vas iſt ein ſchöner Streich, den ſie ihm dadurch ge⸗ ſpielt haben!“ „Biſt Du verwundet?“ fragte mich Dubvis. „Ich glaube nicht gar ſtark verwundet zu ſein⸗ doch etwas... „Wir wollen es unterſuchen, mein armer Freund Nun, meine Jungfern, wer hält das Licht, wer gibt ſich dazu her? In einem ſolchen Falle geht die Menſchlichkeit vor Allem, da ſieht man nicht mehr auf das Geſchlecht!“ Die Frauenzimmer verzogen alle das Geſicht, was ſie für Scham ausgeben wollten. Die große Amata allein ging voran und ſagte:„Ich werde Alles hal⸗ ten, was man will! Wenn es ſich um Wunden han⸗ delt, ſo muß man kein Kind ſein!“ Man gibt ihr das Licht, die Andern gehen in das Wohnzimmbr zurück. Dubois unterſuchte hierauf meine Wunde, die ich ſelbſt unmöglich ſehen konnte, und Jungfer Amata leuchtet uns mit einem Stoicis⸗ mus, welcher einer Lacedämonierin Ehre gemacht hätte. Glücklicher Weiſe hatte mir dieſer Fall, welcher für mich die gefährlichſten Folgen haben konnte, bloß einen unbedeutenden Schnitt verurſacht. Dubvis ver⸗ langt Leinwand und Lumpen zum Verbinden; Char⸗ lotte öffnet kaum die Thüre und reicht ihm ein altes Kamiſol und zwei halbverzierte Perkalbänder. Nach⸗ dem Dubvis mit dem zum Schmuck des Saums eines Kleides beſtimmten Bändern das Blut geſtillt hatte, zerriß er ganz unbarmherzig das Kamiſol, legte ein 108 Stück davon auf meine Wunde, und Jungfer Amata machte ſelbſt Alles feſt, weil das männliche Geſchlecht mit den Stecknadeln nicht gut umgehen könne. Nach beendigter Operation kleidete ich mich wieder an und kehrte, wiewohl etwas hinkend, zu der Geſellſchaft zurück. Die Mädchen fragen mich mit der größten Be⸗ ſorgtheit, ob es gefährlich ſei, wurden aber von mir ganz beruhigt. „Nein, die Wunde hat keine Folgen,“ ſagte die große Amata,„es iſt ein großes Glück; wäre ſie aber etwas weiter unten...“ „Das ſoll eine gute Lehre für üns ſein,“ ſagte Laura. In dieſem Augenblick kam Manette mit dem Pro⸗ viant zurück, worauf Dubois rief:„Laßt uns dieſen Vorfall vergeſſen; Paul kommt mit einer Kleinigkeit, die ihn im Gehen nur intereſſanter macht, weg; dieſe Jungfern werden das nothdürftigſte Möbel nicht mehr mitten im Zimmer ſtehen laſſen. Nun wollen wir bloß an Freud' und Luſt denken!... Ich mache den Teig! Dubvis zieht ſeinen Frack aus, ſtülpt ſeine Aermel hinauf und legt die Ueberbleibſel des zerriſſenen Ka⸗ miſols vor ſich hin; ich möchte, obwohl etwas hin⸗ kend, ihm helfen, allein es befindet ſich bei Charlotte weder ein Tiſch, noch ein Gefäß, vas groß genug wäre, den Teig zu faſſen, noch ein großer Löffel, um denſelben in die Pfanne zu ſchöpfen. Jedes macht einen Streifzug, um ſich das Fehlende zu verſchaffen. — 109 Während Dubois die Komode, woraus er einen Tiſch macht, in die Mitte des Zimmers zieht, holen Ma⸗ nette und Charlotte Teller und Gläſer bei den Nach⸗ barn, Laura macht in dem Kamine das Feuer an, die große Amata reinigt die Pfanne und Ninie ſpült einige eiſerne ſchlechte Gabeln. Ich ſuche eine Stampf⸗ büchſe, oder wenigſtens einen Hammer, um den Zucker zu zerſtoßen, damit man die Krapfen damit beſtreuen kann, öffne ohne Umſtände die Schränke, finde in dem einen einen alten Waſſerkrug, mehrere alte Schuhe und eine Kerze; in einem andern etliche Lum⸗ pen, ein ziemlich hübſches Halstuch und eine Flaſche engliſche Wichſe; endlich erblickte ich ein Bügeleiſen, womit ich den Zucker zerſtieß. Bald darauf kam Charlotte mit einem ſehr großen Keſſel, worin man den Teig machen wird, und einem Punſchlöffel zurück. Manette bringt einen Senftopf, um den Zucker hineinzuthun, und zwei Gläſer, wor⸗ unter eines mit Füßen, woran es nun mit Einſchluß deſſen, welches Charlotte beſitzt, der Geſellſchaft nicht mehr fehlt, zudem man wohl aus einem und dem⸗ ſelben Glas trinken kann, wenn man keine Compli⸗ mente macht. Die Patriarchen der guten alten Zeit theilten ihr Nachtlager mit ihren Gäſten; es dünkt mir, eine Griſette könne ihr Glas ganz gut mit ihren Freunden theilen. Endlich hatte man Alles, was man brauchte, und bei jedem Gegenſtand, den man auf die Komode ſtellte, erfolgte ein unendliches Gelächter; die Armuth hat glſo bisweilen auch ihre komiſche Seite. Wenn bei Charlotte Alles, was man bedurfte, gefunden zu dieſem Schmaus nichts fehlen würde und man hätte, ſo würde man viel weniger lachen; der Tiſch und alle Gegenſtände, die ihn bedeckten, würden jenen Frauenzimmern keinen Spaß verurſachen. Die Griſetten ſind wirklich Philoſophen; eine augenblick⸗ liche Freude entfernt den folgenden Tag weit von ihnen und bringt den vergangenen Tag in Vergeſſenheit. Dubois hat ein Tuch um ſeinen Kopf gebunden, um ſich vollends das Ausſehen eines Teigverderbers zu geben; während er ſeine Eier und ſein Mehl unter dem Beifallsklatſchen vieſer Jungfern unter einander ſchaffte, ſetzte ich mich neben Ninie, welche mit einem mürriſchen Mäulchen mich anſah und nichts mit mir redete. Wie? keinen Vorwurf, daß ich ſie nicht be⸗ ſucht habe!... Dieſes Gänschen ſpielt ſchon die große Kokette; wenn ſie ihr Bedauern geäußert hätte, daß ſie mich nicht mehr geſehen habe, ſo würde ichmich ganz gleichgültig entſchuldigen; ſie ſpricht kein Wort davon, ich muß alſo mich zuerſt entſchuldigen. „Sind Sie heute Morgen ausgegangen, mein Fräulein?“ „Nein, mein Herr.“ „Ich hatte große Luſt, Sie zu beſuchen. aber Geſchäfte. 5 „O, Sie haben wohl daran gethan, daß Sie Ihren Geſchäften nachgingen... wenn ich ein hübſche Frauenzimmer wäre, dann wäre es etwas Anderes. „Sie meinen alſo, eine hübſche Dame gefalle mir beſſer als Sie?“ 1¹¹ „Iſt das nicht wahr?“ Ich weiß nicht, was ich antworten ſoll, indeſſen ziehe ich in dieſem Augenblick Ninie vielen ſchönen Frauenzimmern vorz ich finde ſie viel hübſcher als geſtern: doch iſt ſie weniger im Putz, trägt ein ganz einfaches Häubchen, ein dunkles Kleid, eine Alepin⸗ ſchürze, und ſieht in dieſem Anzuge viel gefälliger, bürgerlicher aus, als in dem Staate, den ſie Tags zuvor trug. Ich nahm ſie lächelnd bei der Hand und ſpielte mit jener weißen und fleiſchigen, obgleich beim An⸗ fühlen rauhen Hand, die ſie mir entriß. Darauf be⸗ trachtete ich Ninie von der Seite; umſonſt bemühte ſie ſich, ihre mürriſche Miene beizubehalten, und bald werden wir, wie ich wohl einſehe, uns ausgeſöhnt haben.. In dieſem Augenblick zieht ein lautes Ge⸗ lächter unſere Aufmerkſamkeit auf ſich. Der obere Theil der alten wurmſtichigen nußbaumenen Komode bricht unter dem Gewicht des mit Eiern, Mehl und Milch angefüllten Keſſels, worin Dubois den Teig ſo kräftig ſchlug, daß dieſer in die obere Schublade lief, zuſammen. „Alle tauſend Wetter!.../ ſagte Dubois,„es ſcheint. mir, meine Theuerſten, bei Ihnen iſt Alles morſch!... Wenigſtens ſind ſechs Krapfen verloren gegangen.“ „Das iſt wüthend ärgerlich,“ fuhr Manette fort. Man ſchöpft mit dem Punſchlöffel ſo viel als möglich den Teig wieder auf, erſetzt das Deſicit mit Waſſer, und um dem Ganzen einen beſſern Geſchmack zu geben, ſtürt Dubois in ſeinen Fracktaſchen, zieht „ 112 ein Stückchen Vanille heraus, das er der Geſellſchaft verehrt, und wirft es in den Teig. Das Feuer flammt; Dubois will ſich die Ehre nicht nehmen laſſen, den erſten Krapfen zu machen; man gibt ihm die Pfanne in die Hand, die haſtige Laura reicht ihm das Schmalz, Ninie gießt den Teig hinein! Während Dubois den Krapfen macht, ſchenkt Charlotte drei Gläſer Wein ein; Amata ſucht in allen Ecken ein wenig Salz, das ſie dem Zucker vorzieht, um ihren Krapfen zu würzen. Der Augen⸗ blick iſt da, wo derjenige, welcher die Pfanne hält, ſein Talent zeigen muß; der Teig raucht, Alles deutet darguf hin, daß der Krapfe auf einer Seite gebacken iſt und umgekehrt werden mußz Dubvis, welcher an Nichts zweifelt, hört den vorſichtigen Rath Char⸗ lottens nicht an, ſeine Pfanne über dem Feuer zu⸗ rückzuziehen und den Krapfen im Zimmer umzudrehen; mit der Sicherheit eines alten Koches wirft er den Krapfen in die Höhe: er verſchwindet, wurde aber beim Zurückfallen in die Pfanne durch einen Ruß⸗ überzug unkenntlich gemacht. Es entſteht neues Gelächter. Dubois legt die Pfanne hin und trinkt; die dicke Manette nimmt ſeine Stelle mit den Worten ein:„Sie werden ſehen, wie ich es umdrehe.“ Man erwartet ungeduldig den entſcheidenden Augenblick, worauf Manette mit d Pfanne in das Zimmer geht und mit einem kräft gen Armſchwung der großen Amata den Krapfen in Geſicht wirft: dieſe ſchrie nicht wenig, man zog ihr ſchnell die Maske vom Geſicht, konnte ſich aber des 11¹3 Lachens über die Grimaſſen, welche das arme Mäd⸗ chen machte, nicht enthalten; zu ihrem Troſte tritt man den Krapfen an ſie ab, um den ſich übrigens Niemand geſtritten hat. „Wenn es ſo fortgeht,“ ſagte Charlotte,„ſo wer⸗ den wir umſonſt Teig gemacht haben. Es iſt aber recht ſchade, Krapfen mit Vanille müſſen ſehr gut ſein!... Iſt er gut, Amata?“ „Die Vanille gibt ihr einen komiſchen Geſchmack.“ „Ah, ich glaube es wohl, Du ſtreuſ Salz darauf, das paßt nicht zu Vanille.“ „Gebt mir die Pfanne,“ ſagte die junge Laura, „ich ſehe wohl, ich muß Euch zeigen, wie man dgmit umgeht.“ Laura hält wirklich den Pfannenſtiel mit einer ganz beſondern Zierlichkeit, und wenn es Zeit iſt, den Krapfen umzudrehen, wirft ſie ihn in die Höhe und fangt ihn mit großer Geſchicklichkeit und unter allgemeinem Bravorufen wieder auf. Laura, efreut über die Beifallsbezeugungen, macht mehrere Kra⸗ pfen nacheinander. Dubvois ſetzt ſich jedes Mal, wenn Laura ſie umdreht, in Verwunderung und machte am Ende Charlotte ungeduldig, die ihn mit den Worten kneipte:„Mein Gott! wie mögen Sie dem Umdre⸗ hen ſo zuſehen!... Sie ſollten ſich in die Pfanne ſetzen, um ihre Geſchicklichkeit beſſer zu beurtheilen!“ Charlotte nimmt Laura's Platz ein, fängt aber beim Umdrehen der Krapfen nie mehr als die Hälſte auf, worüber die kleine Laura ſich in die Lippen Paul de Kock. LI. 8 6 % 114 beißt und mit ſpöttiſcher Miene lächelt, denn die Frauenzimmer ſpotten über ihre beſte Freundin, wenn ihre Eigenliebe im Spiel iſt. Ninie ſagte, ſie eſſe gerne Krapfen, könne ſie aber nicht machen, was bei mir ebenfalls der Fall iſt. Indeſſen circulirt ein Theil der Krapfen, man begießt ſie mit weißem Weine, welcher zu Auſtern gut wäre, mit dem die Jungfern aber ſehr zufrieden waren, und den ſie durchaus nicht ſparten. Ich trinke aus Ninie's, Dubois aus Charlottens Glas, die drei Andern bedienen ſich des dritten noch übrigen Glaſes. Zur Würze des Mahls ſingt Dubois Schelmenlieder, denn eine Romanze hätte in dieſem Augenblick keinen Genuß verſchafft; nach Dubois mußte ich ſingen, und jede Jungfer gab der Reihe nach ein Liedchen Preis: auch hier trägt die muthwillige Laura den Sieg davon, denn Ninie hat faſt keine Stimme, die dicke Manette hat einen tiefen Tenor, die große Amata näſelt und Charlotte ſingt falſch. Ueber dem Concert wird aber das Gaſtmahl nicht vergeſſen. Jemand hält beſtändig den Pfannenſtiel; die Griſetten haben immer guten Appetit! ſie kennen jenen guten Ton nicht, nach welchem man einen deli⸗ katen Magen vorgibt, ſie ſtopfen ſich mit Krapfen voll, Dubois ſchenkt ihnen unaufhörlich ein, und bald wirkt der weiße Wein, alle die jungen Mäd⸗ chen wollen ſprechen, und da keine von ihnen Ge⸗ duld hat, zu warten, bis die andere ſchweigt, ſo ſpre⸗ chen, ſingen, ſchreien, ſpringen ſie alle auf einmal; man hört ſein Ser Wort nicht mehr und lacht immerfott. 115 Dubvis ſchlägt einen Contretanz vor; aus Man⸗ gel an Inſtrumenten muß Jemand von uns ſingen. Manette übernimmt das Orcheſter; ſie begleitet ſich mit der Feuerzange, womit ſie an die Pfanne ſchlägt, was, wie Charlotte ſagte, eine türkiſche Symphonie hervorbrachte; da wir bloß zwei Herven, aber vier Damen waren, ſo meint Dubvis, ein Jeder von uns ſolle zwei nehmen und beſtändig die Paſturelle machen. Zehn Minuten lang tanzen wir die Paſturelle, Manette ſchlägt mit der Feuerzange an die Pfanne; unſer Tanz wirdendlich ſo ausgelaſſen, daß das ganze Haus zittert. Auf einmal hören wir unter dem Boden klopfen. „Ah! das iſt der alte Nachbar, Herr Fougour,“ ſagte Charlotte;„gebt Acht, er ſchwatzt uns eine Dummheit vor... ſollte man das Tanzen aufgeben, damit er ſchlafen kann!.. nein, wir tanzen ſtärker, das ſoll ihm eine Lehre für ſein Klopfen an die Decke ſein.“ Charlotte brauchte uns übrigens kein Getöſe an⸗ zuempfehlen. Man klopft von Neuem, wir machen Luftſprünge, daß der Boden einſtürzen möchte. Das Getöſe hört unten auf, und Charlotte glaubt, der Nachbar habe ſich drein ergeben, aber bald darauf klopft man ſtark an die Zimmerthüre. „Wie, man wagt, zu mir zu kommen,“ ſagte Charlotte,„warum nicht gar!.. der Nachbar genirt ſich nicht!.. Glaubt er, mich änſtigen zu können 2 man muß ihn an der Thüre ſtehen laſſen.“ „Nein, man muß ihm öffnen,“ ſagte Dubvis, „ 116 wir wollen uns über ihn luſtig machen!... das iſt weit unterhaltender.“ „Ah! ja, ja,“ ſagten ſämmtliche Frauenzimmer, „man muß Herrn Fougour hereinkommen laſſen.“ Charlotte öffnet die Thüre: wir erblicken einen kleinen, etwa ſechszig Jahre alten Mann, ganz run⸗ zelig und eingeſchrumpft, von orangenfarbiger Haut und mit einer mit kleinen Sproſſen bedeckten Naſe; eine baumwollene Kappe, die mit einem breiten grün⸗ lichten Bande auf ſeinem Kopfe befeſtigt war, ging über ſeine Augen herunter; ſein Körper war in einen alten Schlafrock, der bis an die Knöchel reichte, ein⸗ gewickelt; wir nehmen wahr, daß er ſich keine Zeit genommen hat, Strümpfe anzuziehen; ſeine na Füße ſtecken in weiten, früher mit Pelz ausgefüt⸗ terten Pantoffeln; in der einen Hand hat er ſeinen Leuchter, während er mit der andern ſeinen Schlaf⸗ rock zuhält. Der Nachbar wirſt einen zornigen Blick in das Innere, ſcheint aber doch vor der Geſellſchaft Ach⸗ tung zu haben; mit der Hand, in der er ſeinen Leuchter hält, langt er an ſeine baumwollene Kappe und hätte ſich beinahe durch dieſe Bewegung ſeine Naſe verbrannt, worauf er mit einer ſchwachen, krei⸗ ſchenden Stimme ſagte„Mein Fräulein, es iſt...“ „Kommen Sie doch herein, Herr Fougoux,“ ſagte Charlotte mit freundlicher Miene. „Mein Fräulein, ich komme...“ „Ich kann es nicht mit anſehen, daß Sie auf der Schwelle ſtehen bleiben!...“ — 117 „Kommen Sie doch herein,“ wiederholten ſämmi⸗ liche Frauenzimmer, worauf der alte Nachbar, voll Staunens, ſich entſchließt, zwei Schritte in das Zim⸗ mer zu treten. Alsbald ſchloß man die Thüre hinter ihm zu, und Dubois holte einen Seſſel und bot ihn Herrn Fougour an, während er ſich tief vor ihm verbeugte. „Bemühen Sie ſich doch, Platz zu nehmen.“ „Ich danke Ihnen, mein Herr... Fräulein, auf Sanct Euſtach und Sanct Maglor hat es zwölf Uhr geſchlagen.. „Darf ich Ihnen mit etwas auſwarten, Herr Fougoux...“ „Verſteht der Herr Krapfen zu machen?“ ſagte Dubvis, indem er dem alten Herrn die Pfanne ehr⸗ furchtsvoll hinhielt. „Nein!. Fräulein, Sie wiſſen, daß der Hauseigen⸗ thümer es nicht gerne ſieht, wenn nach Mitternacht „Wollen Sie Ihren Leuchter nicht hinſtellen, Herr Fougoux?“ „Es iſt vergebens, Fräulein, ich. „Nähern Sie ſich doch dem Feuer, Sie werden ſonſt den Schnupfen bekommen.“ Der Nachbar merkt, daß man ihn zum Beſten haben will, runzelt die Stirne, wird böſe und geht bereits nach der Thüre zurück, als Dubvis ſich ihm näherte und ihn aufhielt, indem er mit einer gut⸗ müthigen Miene zu ihm ſagte:„Ei, mein Herr, Sie werden böſe über uns, weil wir ſo ſpät noch tanzen und Sie durch dieſen Lärmen im Schlafe ſtören?. 118 „Allerdings.“ „Wir ſehen wohl ein, daß ihre Forderung billig iſt, und um Sie im Frieden ruhen zu laſſen, werden wir uns Alle vor zehn Minuten zurückziehen.“ „Das wäre ſehr ſchön, und ich„ „Allein Sie müſſen uns beweiſen, daß Sie nicht böſe find und deßhalb ein Glas weißen Wein mit uns trinken. „Meine Herren, ich verſichere Sie.. „O, Sie müſſen durchaus!... Setzen Sie ſich zwei Minuten lang, um dem letzten Contretanz bei⸗ zuwohnen, wir laſſen Sie ſonſt nicht fortgehen 1...“ Herr Fougoux, den inſtändigen Bitten Dubois und der Jungfern nachgebend, und in der Hoffnung, er werde ſich durch ſeine Herablaſſung baldige Ruhe verſchaffen, läßt ſich zu einem Seſſel hinführen, den ihm Dubvis immerfort anbietet, ſtellt ſeinen Leuchter, ohne ſeinen Schlafrock fahren zu laſſen, auf die Ko⸗ mode und ſetzt ſich nach einer tiefen Verbeugung. Allein Dubois hatte für den Nachbarn einen von jenen in die Zimmerecken zurückgeſtellten Seſſeln ge⸗ wählt; im Augenblick, wo Herr Fougour ſich nieder⸗ ſetzt, brechen die hintern Füße zuſammen und der Nachbar rollt auf den Boden; während er ſich zu halten ſuchte, ließ er ſeinen Schlafrock, der ſich bei ſeinem Falle öffnete, los, und Herr Fougour zeigt ſich der ganzen Geſellſchaft wie Adam im Paradies. Beim Anblick des auf dem Boden liegenden Nach⸗ bars brechen ſämmtliche junge Mädchen in ein tolles Ge⸗ lächter aus. Herr Fougoun ſteht voller Wuth auf, zicht ——— 1¹9 ſeine baumwollene Kappe bis über die Ohren herunter, nimmt ſeinen Leuchter und läuft der Thüre mit den Worten zu:„Das iſt ſchaudervoll!... dieß iſt ein abſcheulicher Streich!... Schon gut, morgen werde ich mich zu dem Polizeicommiſſär und dem Haus⸗ eigenthümer begeben!... Dann wird man ſehen, ob man die Leute zu Boden werfen darf.“ Die jungen Mädchen lachten zu ſehr, als daß ſie antworten konnten; Dubois allein folgte dem Nach⸗ bar und rief ihm nach;„Herr Fougour, wenn man zu Damen kommt, ſollte man wenigſtens Unterhoſen anziehen. wir wären berechtigt, uns zu beklagen Sie ſind ein ſehr gefährlicher Mann, Herr Fougour!. Der Nachbar ging die Stiege wieder hinunter, ſchwor, man werde von ihm hören, und ſchlug ſeine Thüre ſo heftig zu, daß das Haus zitterte. „Ach Gott! wie poſſierlich lag er auf dem Bo⸗ den!“ ſagte Laurg. „Mir träumt es heute Nacht gewiß von ihm,“ ſprach Manette. „Es iſt keine Urſache dazu vorhanden,“ entgegnete die große Amata. „Dieſer arme Herr Fougoux,“ ſagte Charlotte, „von nun an werde ich ihn bloß Herr Fouilli heißen!.. Wenn er ſich indeß auch beim Hausbeſitzer beklagt, ſo kümmere ich mich nichts darum; ich ziehe auf den nächſten Termin aus, man hat mir ſchon aufgekün⸗ det; ich darf mich wegen des Lärmens nicht im Min⸗ deſten geniren!.. Ah!. meine Herren, tanzen Sie 120 mit uns die Boulangére... wir müſſen uns aber auf den Abſätzen halten.“ Die Boulangére wird angenommen, darauf wird ein Walzer vorgeſchlagen, ich walze mit Jungfer Ninie, während Dubois mit Charlotte und Laura mit der Amata ſich herumdreht. 6 Allein der Walzer betäubt vollends die Jungfern, Amata fühlt ſich bereits unwohl und fängt an zu weinen, da die Andern ſie ausſpotten. ₰ „So iſt's immer,“ ſagte die kleine Laura,„wenn ſie recht zu Nacht geſpeist hat, ſo muß ſie weinen!... wie ergötzlich!.. Wenn die große Amata durch den Genuß Weins traurig wird, ſo wird Lgura dadurch ſehr luſtig, Manette äußerſt zänkiſch, Charlotte wirft ſich auf einen Seſſel und ſtreckt gähnend die Arme aus; ich bemerke, daß Ninie, die indeſſen am wenigſten von Allen getrunken hat, zärtlicher und ſentimentaler iſt als gewöhnlich; ich ſaß neben ihr in einer Ecke des Zimmers und habe ihr bereits mehrere Küſſe gegeben, worauf ſie mir bloß mit Seufzern geant⸗ wortet hat, die mich zu wiederholten Küſſen be⸗ wegten. Während Manette mit der Amata zankt, die ihr unter Weinen antwortet, lorgnirt Dubois ſchon ge⸗ raume Zeit Laura, und benützt den Augenblick, wo er Charlotte im Schummer meint, um der kleinen Spötterin einen Kuß zu geben; dieſe reißt ſich aber aus den Armen Dubois und flieht lachend in die Kammer, wo mir der Unglücksfall begegnet iſt; Du⸗ * 12 bois ſpringt Laura nach und ſchlägt aus Verſehen oder mit Fleiß die Thüre hinter ſich zu. Ich plauderte mit Ninie und bekümmerte mich ſehr wenig darum, was Laura und Dubois ohne Licht in dem andern Zimmer treiben könnten; Ma⸗ nette und Amata ſind durch ihren Streit zu ſehr er⸗ hitzt, als daß ſie dieß bemerkt hatten, aber Char⸗ lotte, die allem Möglichen aufbietet, um nicht ein⸗ zuſchlafen, ſchaute, nachdem ſie ſich lange die Augen ausgerieben hatte, um, und rief:„Nun!... wo iſt er denn... ſollte er ſchon fort ſein?... Das wäre ſauber... und Laura ſehe ich auch nicht... Ah! die„ Beſtie, hat er ſie nach Haus begleitet?“ Dieſer Gedanke treibt ihr den Schlaf aus den Augen, ſie ſteht auf, dreht ſich im Zimmer herum, öffnet ſchnell die Thüre im Hintergrund, worauf Jungfer Laura etwas verzerrt heraustritt, und Du⸗ bois, um die Faſſung nicht zu verlieren, ſich walzend nähert. „Ah! ſie ſind Beide ohne Licht da drinnen!“ ruft Charlotte voller Wuth,„hört. das iſt etwas zu arg!“ „Wir kamen während des Walzens hinein,“ ſagte Dubois. „Während des Walzens!... und um beſſer zu walzen, habt ihr die Thüre geſchloſſen!... welche Abſcheulichkeit!...“ „Meine theure Freundin,“ 6pie die kleine Laura ſtotternd,„hoffentlich glaubſt Du nicht.. denkſt Du nicht. es iſt gewiß nicht meine Sache den Ge⸗ liebten meinen Freundinnen zu entführen! 5* . 122 „Ah! Sie ſpielen die Spröde, Sie ſind die Tu⸗ gend vielleicht ſelbſt!.. Es iſt ſchrecklich; nun, was trieben Sie da drinnen chne Licht mit dem Herrn?...“ „Ich ſage Ihnen, wir walzten,“ antwortete Di⸗ bvis. „Welche Lüge!.. Warum ſollten Sie da drinnen walzen?“ „Ich wollte Laura eine Poſſe zeigen, um ſie zu überraſchen.“ „Sie wollen mir da einen Bären aufbinden!.. Gut, Jungfer Laura, ich werde es Herrn Eduard erzählen.“ Laura macht ein zorniges Geſicht und ruft aus: „Ich habe durchaus nichts Schlechtes gethan und lache über Alles, was Sie ſagen werden. Wenn ich er⸗ zählen wollte, was ich über Sie weiß, ſo könnte ich wochenlang davon reden.“ „Und was könnten Sie reden? kleine Schnippe!“ „Ah! beleidigen S mich nicht, ſonſt ſclage ich Sie in's Geſicht!.. Dieſe Jungfern ſchreckliche Augen gegen⸗ einander; ich dachte, man müſſe ſie ſchnell von ein⸗ ander trennen und bemerkte daher, daß es ſehr ſpät ſei, man müſſe jetzt an das Heimgehen denken. Ma⸗ nette zieht Laura fort, ich nehme Ninie am Arm, Amata, die im Hauſe wohnt, geht in ihr Zimmer und Dubvis laſſen wir mit Charlotte ſich ausſöhnen. Es war bald v ends ein Uhr, als wir das Haus verließen. Laura unb Manette wohnen nur einige Schritte davon; wir begleiteten ſie nach Hauſe und . ₰— 123 ich und Ninie ſetzten unſern Weg in die Straße Aubry⸗le⸗Boucher fort. Ich bemerkte mit Vergnügen, daß meine kleine Blondine ſich in all' dieſe Händel nicht gemiſcht hatte und im Allgemeinen artiger und ruhiger als die An⸗ dern war; dieſe Bemerkungen und Küſſe, welche ich dem Mädchen gegeben hatte, haben mich ebenfalls in das zärtlichſte Verhältniß mit ihr gebracht: wir wurden unterwegs äußerſt vertraut, und als ich an ihrer Thüre ankam, konnte ich mich nicht entſchließen, ſie ſo ſchnell zu verlaſſen!... Wie ſehr können ſich unſere Gedanken in vierundzwanzig Stunden än⸗ dern! Allein ſo dachte ich nicht, als ich mit Ninie die Treppe hinaufging; damals lief mir etwas An⸗ deres im Kopfe herum. Sechstes Kapitel. Die Oper. Bei meiner Rückkehr nach Haus am folgenden Tage ſtellte ich meine Betrachtungen an. Nun war ich nüchtern; der Dampf von dem Mittag⸗ und Abendeſſen des vorigen Tags verwirrte meinen Ver⸗ ſtand nicht mehr, und jetzt will ich mir Moral pre⸗ digen... Allein wozu? Was iſt es im Grunde für ein Verbrechen, wenn Ninie mgne Maitreſſe iſt 1... Sie iſt vielleicht beſſer als eine Andere. Sie iſt hübſch; ich halte ſie für ſanſt und offenherzig. Frei⸗ 124 lich hat ſie weder einen großen Verſtand, noch Er⸗ ziehung; allein ich werde ſie nicht in Geſellſchaften führen. In einem Shawl und einem Hut wird ſie„ ſich an meinem Arme nicht lächerlich ausnehmen; überdieß geht man mit einer Griſette erſt in der Abenddämmerung aus. Sie äußerte ſich gegen mich, daß ſie mich ſehr liebe... dieſes ſehr hat ſich gar 5 ſchnell gemacht... Ich halte ſie einer glühenden Liebe nicht fähig; ſie glaubt, ſie liebe, wenn man ihr ge⸗ fällt. So geht es faſt in der ganzen Welt; aber ich bin von ihr überzeugt, daß ſie demjenigen, den ſie zu lieben glaubt, treu iſt, und ſo ſind die Menſchen nicht immer. Acht Tage hintereinander beſuchte ich ſie und traf ſie jederzeit zu Haus und beſchäftigt an. Ihre we⸗ nigen Möbeln ſind ärmlich, allein ihr Zimmer iß reinlich und in Ordnung. Ich verbot ihr, Char⸗ lotte zu beſuchen, ſie betrat deren Wohnung mit keinem Fuße mehr. Ninie iſt in der That ein gut⸗ müthiges Mädchen; ſie erröthet nicht, wenn ſie mich ſieht, ſeufzt nicht, wenn ich mich von ihr trenne, aber ſie hegt, wie ich glaube, Freundſchaft für mich. Indeſſen ſpricht ſie etwas zu oſt von ihrem Herrn Adolph mit mir. Wenn ich ihr Etwas ſage, ruft ſie ſogleich aus:„Adolph ſagte mir dieß eben⸗ falls!“ oder:„Adolph machte es wie Sie!“ oder: „Adolph liebte dieß auch nicht!“ „Meine liebe Ninie,“ ſagte ich eines Morgens zu ihr,„können Sie die beſtändige Anführung Ihres Adolphs nicht unterlaſſen? Es iſt nicht angenehm . 125 für mich, wenn ich ſehe, daß Sie immer an ihn denken.“ „Ach, mein Golt!... ich ſagte dieß wie etwas Anderes,“ antwortete Ninie;„da es Dir aber miß⸗ fällt, ſo werde ich ihn nie mehr in Mund bringen, mein Lieber; ich denke wahrlich nicht mehr an Adolph, welcher mich ſauber ſitzen ließ!... Ol er hat ſchlecht an mir gehandelt!... Jetzt liebe ich Dich, aber ihn nicht mehr!... Du kannſt ganz ruhig ſein.“ Ich geſtehe, daß ich nicht im Mindeſten mich be⸗ unruhigte und daß meine Liebe zu Ninie mich nicht am Schlafe hinderte. Uebrigens legte mir die Be⸗ kanntſchaft mit der Kleinen nichts in den Weg, und ich beſuchte meine gewöhnlichen Geſellſchaften jetzt wie früher. Wohl ſah es Ninie ſehr gerne, wenn ich ſie in das Theater führte oder mit ihr bei einem Gaſtwirth dinirte, wenn ich ihr aber ſagte, es könne heute nicht ſein, ich habe Geſchäfte, ſo antwortete ſie mir auf's Liebreichſte:„Nun, mein Freund, dann iſt's ein anderes Mal, nicht wahr?“ Ich gab ihr das Nothwendigſte: einen Shawl, Hut, ein Kleid und kleinere Halstücher, aber in ſo einfachem Geſchmack, daß ich dadurch meiner Börſe nicht zu wehe that; doch fand ſie Alles herrlich, und der beſcheidene halbſeidene Shawl hatte ihr eben ſo viel Freude gemacht, als ein Caſchemir; ſie iſt nicht gefallſüchtig, mit jedwedem Geſchenke zufrieden und ſchont ihren Putz. Dieſes junge Mädchen hat wirk⸗ lich gute Eigenſchaften. Seit einigen Tagen führe ich ſie nicht aus ihrem 126 Zimmer, ſie beklagt ſich aber nicht und bezeugt ſich nicht weniger liebreich gegen mich; heute will ich ſie dafür entſchädigen und ihr ein Vergnügen, nach dem ſie ſich ſchon längſt geſehnt, gewähren. Oftmals hat Ninie mir geſagt, ſie ſei noch nie in der Oper ge⸗ weſen, ſie möchte gerne die Oper ſehen, es müſſe ſehr unterhaltend ſein!... Ich habe mich nicht be⸗ eilt, ſie dahin zu führen, denn in der Oper ſind alle Logen offen, außer gerade vor der Bühne, und dort iſt es zu theuer, oder oben; allein von dem Juchhe aus hätte Ninie keinen Genuß von den Decorationen. Ich muß ſie in das Amphitheater, hinter das Parterre führen, hier iſt die Täuſchung am vollſtändigſten, und gerade dieß ſucht man ja dort. Ich mache mir wenig daraus, mit dieſem Frauenzimmer im Amphitheater von meinen Bekannten geſehen zu werden.. jeden⸗ falls behält ſie ihren Hut auf... im Grunde weiß man ja nicht, wer ſie iſt, und bin ich nicht mein eigener Herr? Mein Wunſch, die Freude Ninie's mitanzuſehen, die vor Sehnſucht nach der Oper glüht, beſeitigt alle andern Rückſichten. Ich beſuchte ſie am Morgen und theilte ihr mit, daß ich ſie auf den Abend in jenes Schauſpiel, wo⸗ nach ſie ſich ſo ſehr ſehne, führen werde; vor Freude ſprang ſie in die Höhe und war ganz außer ſich. Mit Vergnügen bemerkte ich, daß ihr Geſchmack an Beluſtigungen noch nicht abgeſtumpft ſei, denn es gibt ſo viele Leute, denen man gar keine Unterhal⸗ tung mehr machen kann! Ich empfahl Ninie, ſich ſehr ſchön und ihre Toilette ſorgfältig zu machenz — 127 ſie wird es nicht daran fehlen laſſen, und ich ver⸗ ſprach ihr, ſie um halb ſieben Uhr mit einem Cabriv⸗ let abzuholen. Um die beſtimmte Stunde begab ich mich in die Straße Aubry⸗le⸗Boucher, ſtieg aus dem Cabriolet und ſprang die Treppe hinauf, welche zum Glück et⸗ was heller als die der Jungfer Charlotte war. Ich klopfe an Ninie's Thüre... man öffnet nicht... ſie iſt alſo ausgegangen, ſonſt würde ſie mich hören; zwei Zimmer hat ſie nicht! Ich begreife ihre Abwe⸗ ſenheit nicht.. bemerkte ich einige Worte, mit Kohle geſchrieben, fol⸗ genden Inhalts:„Je cuis chez ma voisine au- dessous.“(„Ich bin bei der Nachbarin im untern Stocke.“) Je auis(ſtatt Je suis) im untern Stocke... Was ſoll das bedeuten 2... Ah! ich verſtehe es! Die arme Kleine weiß nicht, daß man das c an⸗ ders als ein s ausſprechen kann!... Nun, ſo wollen wir zu der Nachbarin hinunter gehen. Ich klopfe an; eine Frau mit einem Tuch um den Kopf öffnet mir. „Verzeihen Sie, iſt Fräulein Boiſſard nicht bei Ihnen?“ „Ja, bemühen Sie ſich nur, hereinzutreten.“ „Bitte, wollen Sie ihr bloß ſagen, man frage nach ihr.“ „Treten Sie doch herein, mein Herr... ich werde Sie wahrlich nicht an der Thüre ſtehen laſſen.“ Der Teufel hole die Nachbarin mit ihrer Höflich⸗ heit; muß ich gar noch bei einer ganz unbekannten Während ich die Thüre betrachtete, — ———— 128 Perſon eintreten, wo ſich zwei andere Weiber, die wenigſtens Wäſcherinnen oder Flickerinnen ſind, be⸗ finden; ſie ſitzen um den Ofen herum, ſtehen aber bei meinem Anblick auf, während die Nachbarin mir einen Seſſel anbietet. „Setzen Sie ſich gefälligſt, mein Herr.“ „Madame, bemühen Sie ſich nicht; ich will bloß ein Wort mit Ninie ſprechen und... „Setzen Sie ſich doch, es wird Sie keine größere Mühe koſten!...“ In dieſem Augenblick kommt Ninie halb angeklei⸗ det aus einem anſtoßenden Zimmer und ſagt zu mir: „Da bin ich, mein lieber Freund, ich bin bald fer⸗ tig; ich ziehe mein neues Kleid an, und konnte mich nicht ganz allein ankleiden.. es muß zugeſchnürt werden, und Frau Ballü hat die Güte und hilft mir.“ Ich mußte mich darein ſchicken, und ſetzte mich, während Frau Ballü Ninie vollends ankleidete, machte aber ein furchtbar ſaures Geſicht. Man fühlt ſich ſo — unbehaglich, wenn man nicht an ſeinem Platze iſt! Die zwei Klatſchbaſen, welche bei meinem Ein⸗ treten aufgeſtanden waren, ſetzten ſich wieder und fuhren in ihrem Geſpräche fort:„Wie ich die Ehre hatte, Ihnen zu ſagen, Madame Mattoux, meine Tochter iſt dort wie im Paradies! wEin köſtlicher Platz!... faſt nichts zu thun, als Kinder ſpazieren zu führen, zu putzen und zu wiegen. Wenn ſie ſchla⸗ fen, begibt ſich Roſa zu der Geſellſchaft im Vor⸗ zimmer; alle Herren und Damen ſind, wie ſie mir ſagte, ſehr liebevoll gegen ſie.,. Ihre Frau iſt frei⸗ 129 lich etwas hitzig, ſie ruſt ihr oft drei Mal in einer Sekunde; aber ſie iſt im Grunde nicht böſe und hat meiner Tochter bereits zwei von ihren Kleidern gegeben.“ „Ah! das freut mich ſehr für Sie, Madame Lebveuf, um ſo mehr, als ich aus Erfahrung weiß⸗ wie ehrenvoll es iſt, ſeine Kinder an einem ſo guten Platze zu haben!.. und um ſo mehr, als Roſa ein⸗ mal Kammerjungfer werden kann, wenn ſie ſich im⸗ mer gut aufführt!... „Ja, Madame Mattoux, ihre Frau hatte die Güte, ihr eine gute Ausſicht zu verſprechen... und wie Sie ſagen, für eine Mutter iſt dieß ſehr angenehm.. Nun haben meine drei Kinder Plätze und zwar alle drei in guten Häuſern; das hat man davon, wenn man ſelbſt mit gutem Beiſpiel vorangeht ich ſchmeichle mir damit!... Kindsmädchen mit ſechszehn Jahren!. das iſt hübſch!... Madame Leboeuf ſah mich bei dieſen Worten an und ſchien das Wort an mich zu richten. Ich drehte mich mißlaunig um und betrachtete die Gemälde, welche das Zimmer zieren. Als die Damen ſahen, daß ich auf ihr Geſpräch durchaus nicht achte, fuhr Madame Mattoux wieder fort:„Ich habe mit meinen Söhnen auch ziemlich Glück. Nichlaus macht ſich als Schuhmacher, ſein WMeiſter iſt ſehr zufrieden. Von ihm ſind die Schuhe der Frau Balluͤ; er hat auch eine neue Art, die Veberſchuhe zu befeſtigen, erfunden.“ Paul de Kock. 1I. 5 130 „Wirklich?“ „Ja, meine Theure, o! er hat einen erſtaun⸗ lichen Erfindungsgeiſt... Auch mein Aelteſter macht uns viele Freude, um ſo mehr, als er Gendarme iſt. Letzthin ſtand er am Ambigu⸗Comique⸗Theater auf dem Poſten und hat uns gegen den Pöbel in Schutz ge⸗ nommen! Wir haben Carl XlI. geſehen, und um ſo größeres Vergnügen gehabt, als das Stück ein hiſtvri⸗ ſches iſt. Anfangs erſchrack ich ein wenig über den Anblick einer ganzen Familie, von der kein Mitglied ein Hemd anhatte; allein ein Herr neben mir hat geſagt, daß die Trachten aus jener Zeit gut nachge⸗ ahmt ſeien.“ „Ah, wahrhaftig! Carl KII.! wer kennt den nicht?.. Es iſt aus der Mitrologie der Götter... Kommen Sie doch näher zum Ofen, mein Herr, es iſt für Alle Platz.“ „Ich danke, Madame, es friert mich nicht,“ ſagte ich, während ich zornig aufſtand und mit großen Schritten im Zimmer auf und ab ging. Es fror mich wirklich nicht, das Blut ſtieg mir in den Kopf, ich glühte vor Ungeduld!... Endlich zeigte ſich Ninie wieder und rief mir zu:„Da bin ich, mein Lieber!“ Ich ließ ſie nicht ausreden, nahm he am Arm, zog ſie fort und führte ſie plötzlich aus dem Zimmer der Nachbarin. Jene Frauen werden mich ohne Zwei⸗ fel ſehr ungalant finden: thut nichts, ich bekümmere mich nichts darum. Ninie mußte noch einmal in ihr Zimmer zurückgehen und ihren Hut und Shawl holen. Wie ſie meine zornige Stimmung bemerkte, 131 ſagte ſie zu mir:„Was fehlt Ihnen denn, mein Lie⸗ ber, Sie ſehen ganz zornig aus?.. Es iſt nicht meine Schuld, daß das Zuſchnüren meines Kleides ſo lange dauerte.“ „Wenigſtens ſollten Sie in Ihrem Zimmer blei⸗ ben. Glauben Sie, es mache mir ein Vergnügen, Ihre Nachbarin zu beſuchen... zuſammen zu kommen mit.. ich weiß nicht, wem... die Frauen Mattour und Leboeuf können ſehr ehrbare Perſonen ſein, ich zweifle nicht daran, allein ihre Geſellſchaft ſagt mir nicht zu.“ „Mein Gott! mein Lieber... Es thut mir ſehr leid.. ein ander Mal werde ich mich allein an⸗ kleiden.“ Es war ſpät, wir mußten eilen, ſonſt hätten wir einen ſchlechten Platz bekommen. Wir gehen alſo die Treppe hinunter, ſteigen in das Cabriolet und fahren in das Theater. Kaum ſaß ich im Gefährt neben meiner kleinen Blondine, deren Toilette ich muſterte, als ich vor einem äußerſt durchdringenden Geruch zurückbebte... es roch furchtbar nach Knoblauch. Ach Gott! kam es von dem Kutſcher oder von Ninie her?... Ich näherte michßbem Kutſcher, rieche aber nichts mehr; ich neigte mich zu Ninie ſie ſpricht mit mir.. ach! es war zum Umfallen... „Was fehlt Ihnen denn, mein Lieber?“ „Ninie, was haben Sie heute gegeſſen?“ „Was ich gegeſſen habe 2... Bohnen und Salat.“ „Sglat mit Knoblauch?“ * 132 „Ah, ja, das war die Beilage; man legt ein mit Snoblauch eingeriebenes Stückchen Brod darein, man nennt das, wie Sie wohl wiſſen, einen Chapon... ich habe davon gegeſſen, denn ich eſſe dieſes Gericht für mein Leben gerne.“ „Ach, Unglückliche!... aber Sie vergiften!...“ „Wie, ich vergifte?“ „Ja, Sie riechen ſchrecklich nach Knoblauch...“ „Riechen Sie ihn nicht gerne2... Mein Gott, ich hätte es vermuthen können... Adolph roch ihn auch nicht gerne.“ „Knoblauch eſſen! und Sie wußten doch, daß ich Sie Abends in die Oper führe!... das zeigt nicht von geſundem Menſchenverſtand... Sie begehen in der That nichts als Dummheiten!“ „Mein Gott! es thut mir ſehr leid... wenn ich gewußt hätte. ich habe nicht daran gedacht... Deſ⸗ ſenungeachtet wegen eines Stückchens Chapon mir ſo zu zürnen!... Sie ſind heute ſehr böſe!... Ich bemerkte, daß ſie im Begriff war, zu wei⸗ nen; bereits verzog ſich ihr Mund, ihre Augen trüb⸗ ten ſich. Ich tröſtete ſie, drückte ihr die Hand, dachte aber dabei immer, wie ich wohl dieſen Geruch, der alle unſere Nachbarn in der Oper aufmerkſam auf uns machen mußte, vertreiben könne.. Ah!... gut.. ich glaubte, ein Mittel gefunden zu haben⸗ „Kutſcher, halt an dem erſten beſten Gynditor⸗ laden, den Du bemerkſt.“ „Gut, Herr!“. Es ſtand nicht lange an, ſo hielten wir an einem * — 133 Conditorladen. Ich ſtieg aus und kaufte Pfeffermünz⸗ tüchlein, füllte meine Taſchen damit an, ſtieg wieder in das Cabriolet und ſagte zu Ninie:„Hier nimm dieß in den Mund und behalte immer davon darin, hoffenklich wird dieſer Geruch den erſten vertreiben... und wenn wir im Theater ſind, ſprich nicht zu viel.“ „Nein, mein Lieber.“ Wir kommen in der Oper an. Es befinden ſich ſchon viele Leute im Amphitheater; indeſſen werde ich noch leere Plätze gewahr. Ich nehme Ninie bei der Hand, denn ſie wird über den Anblick der Leute und der Toiletten ängſtlich. Sie unterließ es nicht, ihren Mund mit Pfeffermünzküchlein anzufüllen, was ihr eine poſſierliche Miene gab. Endlich ſetzten wir uns, ich links von Rinie; gerne hätte ich mich rechts geſetzt, damit ſich ihr Niemand als ich hätte nähern können, da aber dieß nicht möglich war, empfahl ich ihr ruhig ſitzen zu bleiben, ſich nicht zu rühren⸗ beſonders ihren Kopf nicht gegen ihre Nachbarn zu wenden, worauf ſie, ihre Küchlein verbeißend, mir kurz antwortete:„Ja, mein Lieber!“ Auf der Bank vor uns waren noch zwei leere Plätze; ich hätte gerne gewünſcht, daß man ſie nicht einnähme, wir würden abgeſonderter bleiben, und der verfluchte Knoblauchgeruch, welcher trotz den Küchlein immer durchdringt, würde nicht ſo leicht auffallen; man darf aber nicht hoffen, daß Niemand kommen werde, wenn es anderswo keinen Platz mehr gibt, und ſchon ſehe ich zwei Damen nach dieſer Seite kommen. Luſche ich mich nicht!... Von dieſen Damen, h ſich vor uns ſetzen, gent ich die erſte. Ja, fie iſt's, ſie iſt es wirklich jene hübſche Dame, die ich im Gaſté⸗Theater geſehen habe, der ich fol⸗ gen wollte, die ich wegen Dubvis aus dem Geſichte verlor. ſie iſt die Dame mit dem veilchenblauen Mantel! Ah! ich kann mich nicht irren... Es ſind ihre herrlichen Züge, ihre zierliche Haltung, der nämliche Hut, wie an jenem Abend! Wie, ich treffe ſie wieder! Der Zufall ſetzt mich wieder neben ſie hin, und ich bin nicht allein, ich kann meine Neu⸗ gierde nicht befriedigen!... Ach, arme Ninie, wenn Du wüßteſt, wie ſehr ich in dieſem Lug die Bekanntſchaft mit Dir bereué! Das hübſche Frauenzimmer, welches von einer alten Dame von vornehmem Aeußern begleitet war, ließ ſich gerade vor mir nieder. Ich glaube nicht, daß ſie mich bemerkt hat, überdieß iſt es zweifelhaft, ob ſie mich erkennen wird. Obwohl ſie ſich erſt vor vierzehn Tagen meinem Blicke gezeigt hat, ſo iſt es doch nicht wahrſcheinlich, daß ſie mich im Andenken behalten hat... Indeſſen hatte ſie mich, ſo viel ich mich erinnere, lange und aufmerkſam gemuſtert. Ninie, welche nichts thut, als Pfeffermünzküchlein eſſen, ohne daß ſie es wagt, rechts oder links zu ſehen, weil ich ihr verboten habe, den Kopf zu drehen, fragte mich endlich:„Mein Lieber, fängt es bald an?“ „Ja, im Augenblick,“ erwiederte ich. Ich weiß nicht, ob jene Dame meine Stimme wieder erkannt hat, allein ſie dreht ſich etwas um, ſieht mich an und 135 ich leſe in ihren Augen, daß ſie mich wieder erkennt. Ich empfinde eine geheime Freude hierüber. Ich bin ihr alſo nicht ganz fremd! Wozu wird dieß führen? Ich weiß nicht, allein es macht mir Vergnügen. Jene Dame wendet ſich nochmals um, und zwar gegen Ninie... Sie will alſo auch die Perſon, welche ſich bei mir befindet, ſehen... Ach Gott! ſo kurze Zeit ſie auch meine Begleiterin muſtern mag, ſo wird ſie ſich doch bald überzeugen, welche Art von Frauenzimmer ich bei mir habe. Aber warum be⸗ trachtet ſie Ninie ſo lange?.. kennt ſie dieſes kleine Mädchen?.. Ah! es iſt zum Glücke vorbei! Es ſcheint beſtimmt zu ſein, daß ich, ſo oft ich dieſer Dame begegne, immer ſo ſitzen muß, daß ich nichts als das Hintertheil ihres Hutes ſehe. Es iſt mir jedoch heute lieb, daß ſie mich nicht ſehen kann, denn ich muß neben Ninie ſehr widerlich ausſehen! Aber wir befinden uns ſo nahe bei ihr, daß ſie, wenn wir ſchwatzen, nothwendig alle unſere Worte hören muß; ich werde alſo gar nicht plaudern, aus Furcht, ſie möchte Ninie reden hören. Kaum waren wir fünf Minuten anweſend, ſo riefen bereits mehrere Perſonen hinter Ninie:„Ach Gott! was riecht ſo?.. Es iſt unbegreiflich, wie dieß in den Kopf, in den Hals ſteigt! „Es iſt wahr,“ ſagte der Herr, der neben mei⸗ ner kleinen Blondine ſaß;„'s iſt wie eine Miſchung von Knoblauch und Pfeffermünz!... das iſt ein ab⸗ ſcheulicher Geruch.“ Ich erröthete bis über die Ohren, Rinie fieht mich an und wagt nicht mehr, den Mund zu ver⸗ drehen, weil man ſonſt ſehen würde, daß ſie Pfef⸗ fermünzküchlein ißt. Armes Mädchen! ich glaube nicht, daß es ſich in der Oper ſehr ergötzt. Zum Glücke beginnt man, wodurch die Aufmerk⸗ ſamkeit zerſtreut wird. Ninie iſt ganz Aug' und Ohr, ſpricht kein Wort mit mir, weiter verlangte ich nicht; ich achtete nicht auf das Schauſpiel, ſondern ſann nach und ſeufzte. Indeſſen konnte Ninie ihr“ Sinnen nicht bemei⸗ ſtern. Es entſchlüpfen ihr mehrere Ausrufe, als; „Das iſt grauſam ſchön!... Ah! wie dieſe ſo prächtig gekleidet iſt!.. Aber warum ſingen ſie immer und ſprechen nie?... Ich verſtehe kein Wort, mein Lieber!“ Ich ſuche Ninie zum Schweigen zu bringen, denn jene Dame hat ſich ſachte gegen ſie umgedreht, und ich bemerkte auf ihren Lippen ein Lächeln, deſſen Ausdruck mir wehe that. Ach, ich wollte ſchon, das Schauſpiel wäre vorbei! Das erſie Stück iſt vorbei, es folgt bloß noch das Ballet. Während des Zwiſchenakts ſteht Jeder⸗ mann um uns herum auf, ich ebenfalls, heiße aber Ninie ſitzen bleiben. Der Herr neben ihr geht hin⸗ aus, indem er äußerte, er könne vor dem Knoblauch⸗ geruch nicht länger bleiben. Jedermann lacht um uns herum; mir allein vergeht das Lachen. Die Damen ziehen ihre Fläſchchen heraus, die Herren ſchnupfen, Ninie rührt ſich nicht, ich ſitze wie guf der Folter. Jene Dame iſt ebenfalls aufgeſtanden und hat 137 ſich nun gegen uns gewandt; ſie muſtert uns genau und richtet ihren Blick abwechſelnd auf mich und Ninie. Ich ſtellte mich, als ob ich dieß nicht bemerkte, und ſah im Saale herum. Auf einmal zeigte mir Ninie, welche mein Stillſchweigen gegen ſie wahrſcheinlich gelangweilt hatte, eine ihrer Hände mit den Wor⸗ ten:„Siehſt Du, wie weiß ſie heute ſind; ich habe ſie dieſen Morgen geſeift.“ Dießmal wollte ich mich unter die Bank verſtecken ich kann nicht mehr.. ich erſticke und höre hinter mir ſagen:„Nun iſt es kein Wunder mehr, wenn man Knoblauch riecht.“ Ich ſetzte mich wieder, ohne daß ich aufzuſchauen wagte. Ohne Zweifel wird man auf meinem Ge⸗ ſichte meine Empfindungen geleſen haben, denn Ninie fragte mich, was mir fehle, ob es mir übel ſei? „Mir fehlt nichts.“ „Sie wurden roth, blaß...“ „Mir fehlt nichts, ſage ich Ihnen.“ „Ich ſehe aber doch, daß.. „Seien Sie ſtill.“ Ninie verzieht das Geſicht und ſpricht kein Wort mehr. Vie ſehr muß dieſe Dame ſich über mich luſtig machen, wie ſehr mich auslachen!.. Ich will mich davon überzeugen, und betrachte ſie.. Aber nein, ich ſehe in ihren Augen nicht jenen ſpöttiſchen Aus⸗ druck, den man in den Augen unſerer Nachbarn le⸗ ſen kann; in dieſem Augenblick ſcheint ſie eher mit meiner Lage Mitleiden zu haben ach, wie dank⸗ har bin ich ihr für dieſen geringen Antheil! 138 Gottlob! man gibt das Zeichen zum Ballet. Jeber nimmt ſeinen Sitz wieder ein, Jedes beſchäftigt ſich mit dem Tanz und der Pantomime, man denkt nicht mehr an uns. Ninie ſieht ebenfalls zu und ſpricht kein Wort mehr; ich dachte bei mir ſelbſt:„Nun wird es bald vorbei ſein.“ Es iſt zu Ende, Goit ſei Dank! Alles ſteht auf. Ninie, die ebenfalls im Begriff aufzuſtehen iſt, heiße ich ſitzen bleiben. Jedermann geht fort. Jene Dame entfernt ſich auch mit ihrer Begleiterin; bevor ſie hinausging, hat ſie noch einen Blick auf uns gewor⸗ fen. Ach, dieſes Mal gelüſtet es mich nicht, ihr zu folgen. Endlich war Jedermann fortgegangen, der Saal leerte ſich, man ließ den Kronleuchter herunter, und Ninie, die immer noch ſaß und ſich nicht zu rühren wagte, ſagte mit ziemlich leiſer Stimme:„Werden wir hier über Nacht bleiben?“ „Nein, wir können jetzt fortgehen.“ Wir begegneten wirklich Niemand mehr, als den Logenſchließerinnen und den Landjägern. Ach, an dieſen Abend in der Oper werde ich denken! In unſerem Verlage iſt erſchienen: Abälards u. Heloilens Brieke. Pracht⸗Ausgabe, mit den Bildniſſen der beiden Liebenden in herr⸗ lichem Stahlſtiche. Lerikvn⸗Octav. 2 fl. oder 1 Rthlr. 6 gr. Daſſelbe Werk ohne Stahlſtiche. kl. Oetav. 54 kr. oder 12 ggr. G— —— Ariolts ralender Roland. Neu überſetzt von Hermann Kurtz. 3 Bände mit 3 Stahlſtichen. 1 fl. 36 kr. oder 1 Rthlr. o Go W. Blumenhagens ſämmtliche Schriften. Pracht⸗Ausgabe. Sechszehn Bände mit 17 Stahlſtichen. 19 fl. 12 kr. oder 12 Rthlr. — M. Cervantes de Saavedra. Don Quixote von la Mancha. Miniatur⸗Ausgabe mit 82 Holzſchnitten. 20 Bändchen. 2 fl. vder 1 Rthlr. 6 ggr. 0 Go⸗ M. Cervantes de Saavedra lämmtliche Romane u. Novellen. Mit vielen vorzüglichen Holzſchnitten. Zehn Bände in Schiller⸗Format. 3 fl. 36 kr. oder 2 Rthlr. 6 ggr. Go Dante's göttliche Komödie. Ueberſetzt von Bernd von Guſſeck. Mit einem Stahlſtiche. 1 fl. 48 kr. oder 1 Rthlr. —B Go — 6 * , . 8 9 10 11 12 13 14 18 16