Gräfin Chateaubriant. Roman von Heinrich Laube. Zweite Auflage. Dritter Band. Leipzig. Druck und Verlag von B. G. Teubner. 1846. 13. Die Sonne war untergegangen nach einem heißen Herbſt⸗ tage, eine leichte Abendluft hatte ſich erhoben und wehte anmuthig durch die hohen Buchsbaumhecken, welche ein uraltes Thurmgemaͤuer umwucherten. Aus dieſem Thurme, welcher ringsum verſchloſſen waͤhrend der Tageshitze kein Lebenszeichen verrathen hatte, ſtiegen jetzt zwei Diener die ſteinerne Treppe herab in einen Gartenraum, der durch undurchdringliche Hecken des wilden Feigenbaums und der Aloe an den Seiten abgeſchloſſen war von tiefen Abgründen und der im Hintergrunde begrenzt wurde durch einen uralten ſpaniſchen Palaſt. Hinter dieſem Palaſte dachte ſich die Landzunge ab und das Terrain verband ſich gleichfoͤrmiger mit der tiefer liegenden Stadt. Dieſe Stadt war Madrid, jener Palaſt ward bewohnt vom Herzoge von Infantado, jener Thurm war der Alcazar, eine Feſte aus der Maurenzeit, wie ſie ſich in jeder bedeutenden Stadt des mittlern und ſuͤdlichen Spanien vorfand. Hierher hatte der ſpaniſche Koͤnig und roͤmiſch deutſche Kaiſer Karl ſeinen Gefangenen von Pavia bringen laſſen, und erſt ſeit er ihn hier hatte, hielt er ſich des Gefangenen fuͤr verſichert. Daß es ſo weit gekommen war lag vorzuͤg⸗ lich in den ſo ganz von einander verſchiedenen Charakteren der beiden Herrſcher: Karl der Funfte, ein nuͤchterner Po⸗ litikus, verſtand es wohl, den poetiſchen Koͤnig Franz zu berechnen, dieſer aber, koͤniglichen Sinnes phantaſirend, koͤniglichen Stil auch im ſiegreichen Gegner vorausſetzend irrte ſich voͤllig in dieſem Kaiſer, und gab ſich ihm dadurch voͤllig in die Haͤnde. Dies hatte ſich folgendermaßen zugetragen. Lannoy hatte nach dem Siege von Pavia den Koͤnig Franz, um ihn dem Enthuſiasmus der kaiſerlichen Trup⸗ pen und einem aus ſolchem Enthuſtasmus leicht moͤglichen Befreiungsverſuche zu entruͤcken, nach der Feſtung Pizzig⸗ hetone gefuͤhrt. Dieſe liegt an der Adda zwiſchen Lodi und Cremona. Es kam dieſem verſchlagenen Wallonen Alles darauf an, den gefangenen Koͤnig den Einfluͤſſen Pesca⸗ ra's und Bourbon's zu entziehn, und er huͤtete ihn deshalb ſo unſcheinbar, aber auch ſo ſorgfaͤltig wie moͤglich vor aller Beruͤhrung mit dieſen Heerfuͤhrern, die ſich mit vol⸗ lem Rechte vorzugsweiſe den Erfolg von Pavia zuſchrie⸗ ben, und huͤtete ihn ebenſo vor der Verbindung mit Fran⸗ zoſen, welche ſich unter allen Geſtalten herzudrängten. An dieſer Vorſicht ſcheiterte auch die Hoffnung der Regen⸗ tin, ihrem Sohne in der Schweſter, der Geliebten und dem Freunde Troſt und Rath zu ſenden. Umſonſt blieb Nargaretha nach reiflicherer Ueberlegung in Marſeille zu⸗ rick, und ließ Frangoiſe und Budé vorausziehn gen Piz⸗ zighetone, um auszukundſchaften, ob es für die Schweſter 7 des Koͤnigs rathſam ſei, ſich unter die Feinde des Reichs zu wagen, und ob ein unmittelbarer Verkehr mit dem Koͤ⸗ nige von Lannoy zu erlangen ſei. Lannoy war zu ſehr auf ſeiner Hut, um dem Koͤnige Rathſchlaͤge zukommen zu laſſen, und Budé hatte Wochen⸗ ja Mondenlang die Her⸗ zogin zu vertroͤſten. Er ſelbſt und Frangoiſe konnten nicht zu dem Gefangenen durchdringen, und erfuhren am 8. Juni zu ihrem großen Schrecken, daß der Koͤnig zur Nachtzeit hinweggebracht worden ſei von Pizzighetone. Es war naͤmlich Lannoy gelungen, Koͤnig Franz in dem ritterlich phantaſtiſchen Glauben zu beſtaͤrken, Kaiſer Karl betrachte des⸗Gefangenen Lage vom edelſten Stand⸗ punkte, und es gebe fuͤr den Koͤnig nichts Rathſameres, als ſich ohne Ruͤckhalt der Großmuth des Kaiſers anzuver⸗ traun. Die Art, wie Kaiſer Karl die Nachricht von der Schlacht bei Pavia aufgenommen, war allerdings geeignet, auch einen nuͤchternen Gefangenen in falſche Hoffnung einzu⸗ wiegen. Er hatte nicht geſtattet, daß Siegesfeuer angezuͤndet und daß die Glocken gelaͤutet wuͤrden. Der Sieg ſei ſo groß, hatte er erklaͤrt, daß Gott allein die Ehre gebuͤhre, und daß er die ſchoͤnſte Veranlaſſung ſei, durch Milde gegen den Feind ſich dankbar zu erweiſen. Noch mehr! ſetzte Lan⸗ noy hinzu, indem er dies dem Koͤnige berichtete: der Bi⸗ ſchof von Osma hat dem Kaiſer gerathen, Eure Majeſtaͤt ſo bald wie moglich und ſo billig wie moͤglich frei zu ge⸗ ben; denn— hat er bemerkt— man kann ihn doch nicht in immerwaͤhrender Gefangenſchaft halten, und wenn man ihm zu harte Bedingungen auferlegt, ſo wird er ſie bre⸗ chen und den Krieg wieder anfangen mit Aufbietung aller 8 Kraͤfte Frankreichs, welches trotz des Siegs bei Pavia noch unberührt von uns geblieben iſt. So war's gekommen, daß Franz in der erſten Zeit ſeiner Gefangenſchaft den hingebendſten Brief an den Kai⸗ ſer geſchrieben hatte.„Ich habe“, hieß es darin,„keinen andern Troſt in meinem Leide als die Hoffnung auf Eure Güte. Seid Sieger Eures Sieges!— Der Wille eines Fuͤrſten wie Ihr kann nur ein ehrenvoller und großmuͤthiger ſein. Und fuͤr ſolche Ehrenhaftigkeit und ſolches Erbar⸗ men mit mir koͤnnt Ihr aus einem unnuͤtzen Gefangenen Euch einen Sklaven fuͤr immerdar in mir umtauſchen.“ Solche Hingebung war dem Charakter des Koͤnigs Franz vollkommen angemeſſen: das etwa Erniedrigende darin war fuͤr die Geſinnung, aus welcher es entſprang, keineswegs erniedrigend. Er war durchdrungen von dem ritterlichen Gedanken, der erbetenen Großmuth dankbar zu entſprechen, und um ſo groͤßere Opfer zu bringen, je freier man die Wahl des Opfers ihm ſelbſt uͤberließe. Seine Be⸗ fangenheit und ſein Irrthum uͤber die Zeitverhaͤltniſſe be⸗ ſtanden eben darin, daß er eine Zeit der bereits uͤberall noͤ⸗ thig gewordenen gewinnluſtigen Politik ſo behandelte, als ob die europaͤiſchen Staaten in ſcharf gezogenen Grenzen und auf unwandelbaren Grundpfoſten vorlaͤgen, und als ob er und der Kaiſer, zwei Hauptperſonen im Kampfe fuͤr europaͤi⸗ ſches Gleichgewicht oder Uebergewicht eines Staates, zwei Privatperſonen werden koͤnnten um einer ritterlichen Wal⸗ lung halber, die ihm eigenthuͤmlich war. Außerdem fuͤhlte ſich ſein Naturel durch die Gefangenſchaft zu ausſchweifen⸗ den Schritten gedraͤngt. Dies Naturel, an freie Bewe⸗ EEEE 9 gung, an große Unternehmung gewoͤhnt, ward durch die Gefangenſchaft bis zur Verzweiſtung gepeinigt, und ward dadurch zu uͤbertriebenen Entſchluͤſſen für ſich und gegen — ſich gedraͤngt. Die letztere Richtung machte ſich denn auch in eben ſolchem Uebermaaße geltend, als die Antwort des Kaiſers eintraf, und die bitterſte Enttaͤuſchung für ihn brachte. Der Kaiſer verlangte nicht weniger als: Bur⸗ gund und die Pikardie für ſich, die Provence und das Dau⸗ phiné außer den fruͤhern Bourbonſchen Läͤndern fuͤr Karl von Bourbon, und die Normandie, die Guyenne und Gaskogne fuͤr den Koͤnig von England, ſo daß alſo das bereits ſo ſtolze Koͤnigthum Frankreich auf ein eingeengtes Binnen⸗Fürſtenthum zuruckgebracht worden wäͤre. Franz riß ſein Schwert aus der Scheide, ſchrie dem Geſandten des Kaiſers zu„Sagt Eurem Kaiſer, daß ich lieber ſter⸗ ben als darein willigen wolle“ und war im Begriffe, ſich zu entleiben. Mit großer Mühe ward er daran verhindert. — Auf die Ueberſpannung nach dieſer Seite folgte denn nach einigen Wochen neue Abſpannung, und er ließ dem Kaiſer antragen, daß er all ſeine Rechte auf Italien und Flandern aufgeben, daß er Bourbon in alle verlornen Rechte und Beſitzthümer einſetzen und ihm ſeine Schweſter 3 Margaretha zur Gattin geben wolle— der Herzog von 4 Alengon naͤmlich war vor Scham und Gram einige Wochen nach der Schlacht von Pavia geſtorben— daß er endlich des Kaiſers Schweſter, die Koͤnigin⸗Witwe von Portugal ehelichen und Burgund als die ihr gehoͤrige Mitgift, welche den Kindern aus dieſer Ehe verbliebe, anerkennen wolle. 10 Dies that er, obwohl er Francoiſe in ſeiner Naͤhe wußte, denn Lannoy hatte ihm dies, um ſein Verlangen nach Freiheit zu ſtacheln, keineswegs verſchwiegen, er that es, denn er lechzte nach Freiheit. Aber dem Kaiſer genugte dies bei Weitem nicht; nach wochenlangem ungeduldigem Harren kam wieder ein ableh⸗ nender Beſcheid, und Lannoy ſah nun ſein Opfer ſo weit zermalmt, als er es wuͤnſchte, um den ihm zugedachten Hauptſchlag mit Erfolg verſuchen zu koͤnnen. Er redete ihm vor, dieſe Schwierigkeiten entſtuͤnden nur durch die einrathenden und zwiſchentragenden Miniſter und Ge⸗ ſandte, und wuͤrden auf der Stelle verſchwinden, wenn die beiden Herrſcher perſoͤnlich mit einander unterhandeln konnten. Dieſer Vorſchlag war nur zu gut auf den Cha⸗ rakter des Koͤnigs Franz berechnet: mit einer maͤchtigen und ihrer Macht ſich bewußten Perſoͤnlichkeit begabt hoffte er, in Spanien ſelbſt, Aug' in Auge mit dem Kaiſer leichtlich an's Ziel zu kommen. Er ſah ſchon die großher⸗ zigen ſpaniſchen Granden um ſich, denen die ritterlichen Traditionen noch in Fleiſch und Blut lebten, und die ihm ſicherlich beiſtehn wuͤrden, es reizte ihn, auf eine ſo ei⸗ genthuͤmliche Weiſe Spanien ſelbſt zu ſehen, und dieſem ſtolzen Volke einen auch im Ungluͤcke ſtolzen Koͤnig zu zei⸗ gen; er lechzte uͤberdies nach einer Abwechſelung ſeines unertraͤglich einformigen Zuſtandes in der Feſte Pizzighe⸗ tone. Jeder Gefangene glaubt, etwas Anderes werde auch etwas Beſſeres ſein. Haͤtte Franz nur ein einziges Mal mit Bude ſprechen koͤnnen, der neben Francoiſe in einem Landhauſe an der Adda wohnte und harrte, er waͤre 11 von ſeinem unſeligen Vorhaben ſchnell abgewendet worden. Bude hatte ſich uͤberall Verbindungen eroͤffnet, außer Lan⸗ noy zeigten ſich ihm alle Fuͤhrer zugaͤnglich, ja es bildete ſich bereits unter Pescara's Leitung und unter ganz be⸗ ſtimmter Form ein Abfall Italiens vom Kaiſer, kurz, es war mit Sicherheit darauf zu rechnen, daß Koͤnig Franz uͤber kurz oder lang in Italien befreit werden koͤnne. Von alle dem erfuhr der Koͤnig nichts, und Lannoy wußte ihm im Gegentheile die romantiſche Idee einer Reiſe nach Spa⸗ nien ſo wuͤnſchenswerth„darzuſtellen, daß Koͤnig Franz ritterlichen Stiles ſogar alle wahrſcheinlichen Mittel einer Befreiung, die ſich ihm auf der Ueberfahrt bieten konnten, ſelber unmoͤglich machte, um nur die Reiſe msglich zu machen. Der Befehl der Regentin naͤmlich, mit den Ga⸗ leeren an der italiſchen Kuͤſte zu kreuzen, um einer Be⸗ freiung des Koͤnigs bereit zu ſein, war ſorgfaͤltig in's Werk geſetzt worden: Doria, im Dienſte Frankreichs, und Lafayette uͤberwachten ſcharf das liguriſche und das tyrr⸗ heniſche Meer; Lannoy haͤtte die Ueberfahrt nach Spanien mit dem Koͤnige nicht wagen koͤnnen, haͤtte ihm nicht der Koͤnig ſelbſt einen Befehl an ſeine Admirale ausgeſtellt, einen Befehl des Inhalts: daß ſie der Ueberfahrt Lan⸗ noy's nicht nur durchaus nicht hinderlich ſein, ſondern ſo⸗ gar ſechs franzoͤſiſche Galeeren zum ſicheren Geleit bis an die ſpaniſche Kuͤſte mitſenden ſollten! Unter ſolchen Umſtaͤnden verließ der Vicekönig von Italien Lannoy mit ſeinem verblendeten Gefangenen in der Nacht des 7. Juni die Feſte Pizzighetone, ging mit ihm nach Genua und ſchiffte ſich dort ein nach der kataloniſchen Kuͤſte. Es war eine jener zauberiſchen Naͤchte Italiens: un⸗ ter dem beginnenden Mondſcheine ſchwamm ein weißer Duft, welcher die Gegenſtaͤnde phantaſtiſch einhuͤllte, und die von der Hitze des Tages befreiten Menſchen ſchwaͤrmten ſingend umher zwiſchen Weinbergen und Maisfeldern. Frangoiſe und Budé waren unter ihnen, als ein großer Trupp walloniſcher Reiter aus der Feſtung heraus die Straße entlang gezogen kam. Sie huͤllten wie in einen ehernen Mantel den koſtbaren Gefangenen ein, aber die ahnende Liebe, Francoiſe, meinte uͤber all die verdeckenden Reiterkoͤpfe hinweg die weiße Feder, die eigenthuͤmliche Kopfhaltung ihres Koͤnigs zu entdecken, ſie verließ haſtig den Arm Bude's und rief„Frangois!“— die weiße Fe⸗ der wendete ſich, aber der Zug ſetzte ſich in Trab, Budé trat zu ihr, und ſchalt ſie eine Thoͤrin.— Am andern Morgen wurde es kundig, daß die Liebe ganz recht geſehn, und daß Koͤnig Franz Pizzighetone ver⸗ laſſen habe. Budé flog mit Francoiſe zu Pescara nach Mailand— dorthin, hieß es, ſei der Koͤnig, obwohl er zum Thor von Piacenza heraus gefuͤhrt worden ſei. Der Koͤnig war nicht in Mailand, und Pescara ſtellte ſich, wie Budè glaubte, ebenfalls uͤberraſcht. Lannoy, ſagte er nachdenkend zu der eindringlich bittenden Frangoiſe, hat davon geſprochen, den Koͤnig nach Neapel zu bringen— Nach Neapel, Budé! Umſonſt eilten ſie dahin, Pescaire und Bourbon wa⸗ ren ebenfalls getaͤnſcht, auch ihnen wurde der Koͤnig entfuͤhrt! In Valencia ward er gelandet, und dort von den ſchoͤ⸗ mEò² 13 nen Frauen des Landes, von den ritterlichen Granden mit mannigfachen Zeichen von Theilnahme, ganz wie er erwar⸗ tet hatte, empfangen. Er ſtach auch ſo vortheilhaft ab von dem wortkargen, ernſten Karl, der immer mit ſtillen politiſchen Plaͤnen beſchaͤftigt war, und um Glanz und Schimmer der Erſcheinungswelt ſich wenig kuͤmmerte. Aber Karl hatte natuͤrlich kein Wohlgefallen an den Aeu⸗ ßerungen der Valencianer, und ließ ihn vom Schloſſe Ra⸗ tiva bei Valencia, wo auch ein Handſtreich vom Meere her fuͤr Befreiung des Gefangenen zu fürchten war, nach Ma⸗ drid fuͤhren. Ein Thurm des Alcazar nahm ihn hier auf, ein Gartenplatz, wie er oben beſchrieben iſt, war ihm zum Spaziergang angewieſen, ein Maulthier, welches er der Erwartung gemaͤß ausſchlug, ward ihm zu jeweiligem wohlbegleitetem Ritt angeboten, und der ſpaniſche Koͤnig, der roͤmiſch deutſche Kaiſer, auf deſſen perſoͤnliche Be⸗ kanntſchaft Franz ſo große und theure Hoffnung geſetzt, Karl ließ ſich nicht blicken, nicht in Madrid, nicht im Alca⸗ zar. Er blieb in Toledo, und entſchuldigte ſich mit drin⸗ genden Regierungsgeſchaͤften; denn er fuͤrchtete mit Recht, bei perſoͤnlicher Unterhandlung zur Großmuth gensthigt zu werden, und er trachtete, ein nuͤchtern politiſcher Mann, nach groͤßtmoͤglichem politiſchem Gewinn. So war dem getaͤuſchten Koͤnige in herbem Jammer der Sommer und Herbſt uͤberaus traurig vergangen, ſchwere Melancholie hatte ſich ſeines ſanguiniſchen Tempera⸗ mentes bemaͤchtigt, ſein Antlitz war blaß, ſein Auge ein⸗ gefallen, ſein ſonſt ſo ſtolzer Gang ſchwankend, als er an jenem Herbſtabende in ſeinen Garten heraustrat. Die 14 Gefäͤngnißwaͤrter trugen ein Ruhelager hinter ihm her, und ſetzten es in's Freie, denn er war ſo abgemattet, der ſonſt ſo ungeſtüme Mann, daß er nach einigen Gaͤngen ſich immer niederlaſſen mußte. War es ein Wunder? Voͤllig vom Gluͤck verlaſſen, ein Mann, der des Gluͤckes bedurfte wie die Pflanze der Sonne bedarf, ſah er uͤberall das gelingen, was er fuͤr niedrig hielt, ſah er ungeſtraft das verachten, was ihm die Seele des Lebens war. Die Felonie Bourbons war ſiegreich, der unköͤnigliche Kaiſer — denn wie er einen ſo vertrauensvollen Gefangenen be⸗ handelte, das mußte dieſem Gefangenen unkoͤniglich er⸗ ſcheinen— ſchritt unaufhaltſam vorwaͤrts zur alleinigen Herrſchaft in Europa! Die Gemeinheit regiert die Welt, und das Ritterthum wird Chimaͤre! In dieſen Worten druͤckte er bitterlich aus, was ihm die Seele zerfraß. Dieſe Abendſtunden waren ſeit Monden ſein einziger geringer Lebensreiz; die Freunde, welche mit ihm ge⸗ fangen waren, Chabot de Brion und Anne de Montmo⸗ rency ſahen es ungern, daß er ſich ſtets um dieſe Zeit von ihnen trennte, weil ſie meinten, er ergaͤbe ſich in dieſen Stunden voͤlliger Einſamkeit noch ruͤckſichtsloſer der Sorge und Verzweiflung. Dem war aber nicht ſo: ſein überaus beweglich Herz hatte ein romantiſches Intereſſe gefun⸗ den, und zeßrte daran mit der Unbefangenheit und ge⸗ dankenloſen Hingebung eines Edelknaben. Allabendlich namlich vernahm er einen Geſang, der ihm von Blois her theuer war, eine Nomanze, die Frangoiſe oft auf dem Balkone ſeiner Schweſter geſprochen, und welchem er, da⸗ mals vom erſten, lieblichen Liebeszauber fuͤr die ſchuͤchterne 15 Graͤfin gefeſſelt, mit Entzuͤcken auf der Teraſſe gelauſcht hatte. Stammte die Romanze aus der halbſpaniſchen Heimath Francoiſens, und war ſie deshalb auch in Ma⸗ drid bekannt, oder lag noch eine naͤhere Beziehung zum Grunde, er wußte es nicht, er empfand nur, daß ſie ihn anfaͤnglich wie vergangenes Gluͤck und mehr und mehr wie ein neu erreichbares Gluͤck gemahnt hatte. Die Altſtimme der Saͤngerin war ſo geheimnißvoll kraͤftig und innig, und das Geheimniß, in welches ſie ſich huͤllte, verdraͤngte von Tag zu Tage mehr die Anknuͤpfung an Francoiſe, erhoͤhte den Reiz des Abenteuers, das keinen weiteren Zweck zu haben ſchien. Die Stimme kam aus dem alten Palaſte, der ſeinen Garten begrenzte, und zuweilen erſchien auf kleinem Balkone am linken Fluͤgel des Palaſtes eine Frauengeſtalt; ſie ſchien die Saͤngerin zu ſein, ſang aber nie, wenn ſie ſich zeigte, und zeigte ſich nur bei dunklen Abenden, niemals im Mondesſchimmer. Mehrmals ſchon hatte Franz ſie angeredet, denn es trennte ihn nur ein eiſernes Gitter von dem ſchmalen Vorplatze des Palaſtes, niemals aber hatte ſie ihm geantwortet, immer war ſie vom Balkon verſchwunden, wenn er an's Gitter t und die Stimme erhob. Es ſtanden keine Wachen hinter dieſem Gitten ad es war ihm frei geſtellt, in jenen Palaſt einzutreten in welchem Brion und Montmorency ihr weniger behindertes Gefan⸗ genleben fuͤhrten. Aber er hatte, da denn der Kaiſer ein⸗ mal ihn ſtreng wie einen Gefangenen angeſehn wiſſen wollte, von vorn herein trotzig darauf beſtanden, dieſer Gefangenſchaft auch alles Anſehn einer kleinlichen Be⸗ 16 handlung zu geben: er hatte mit Entruͤſtung das angebo⸗ tene Maulthier ausgeſchlagen, und niemals mit einem Schritte den Palaſt betreten. Er wußte, daß in den jenſei⸗ tigen Hoͤfen des Palaſtes, ja unter ihm am Fuß der Ab⸗ gruͤnde Trabanten und Spaͤher in Menge Wache hielten, und daß der Herzog von Infantado, wenn auch nicht unter offteiellem Namen ſein Huͤter ſei. Wie oft ihn dieſer auch einlud, das Mittagsmahl bei ihm einzunehmen, oder ſeine Schachpartie bei ihm zu ſpielen, immer hatte es der Koͤnig ſtolz abgelehnt mit dem Bemerken, er ſei des Kai⸗ ſers Gefangener im Alcazar, und er wolle den Schlummer des roͤmiſchen Kaiſers dadurch nicht beunruhigen, daß er einen Fuß aus ſeinem Gefaͤngniſſe ſetze; wenn ein Grand von Spanien mit dem Koͤnige von Frankreich ſpeiſen wolle, ſo moͤge er ſich nach dem Alcazar bemuͤhn. Brion und Montmorency, die taͤglich zu ihm kamen, wußten ihm uͤber die Saͤngerin keine weitere Auskunft zu geben, als daß der Herzog wohl eine ſchoͤne Tochter ha⸗ ben, daß er ſie aber in der Einſamkeit eines Kloſters ver⸗ ſteckt halten ſolle, weil er ſie nicht liebe, und ſie, wie man das zu thun pflege, mit Dingen, die man der Welt nicht zutraͤglich erachte, fuͤr den Himmel beſtimmt habe. Im Palaſte werde nie eine Dame geſehn, der man eine ſo junge, ſchoͤne Stimme zutraun koͤnne. Koͤnig Franz war an jenem Abende mehr als gewoͤhn⸗ lich erſchöpft; der Arzt, welchen ihm der Herzog von In⸗ fantado ſeit, einiger Zeit taͤglich ſandte, hatte erklaͤrt, es leide der Koͤnig an einem verzehrenden Fieber, und es ſei wahrſcheinlich, daß ſeine Lebenskraft voͤllig erliege. 17 wenn man nicht ein Mittel faͤnde, ſeinen geſunkenen mo⸗ raliſchen Muth aufzurichten. Auf der Stelle hatte der Her⸗ zog von Infantado, welcher ohnedies wie die ſaͤmmtliche Grandezza Spaniens mit der Behandlung des Koͤnigs un⸗ zufrieden und dem leidenden Ritter zugethan war, einen Reitenden nach Toledo geſendet, und dem ſpaniſchen Koͤ⸗ nige melden laſſen: er ſei in Gefahr, alle Vortheile einer ſo ungewoͤhnlichen Gefangenſchaft mit dem Gefangenen ſelbſt, der ſichtlich dem Tode entgegen gehe, zu verlieren. — Das Geruͤcht von dieſem Zuſtande hatte ſich in Madrid verbreitet, und es waren an jenem Tage alle Kirchen an⸗ gefüͤllt geweſen mit edlen Spaniern und Spanierinnen, die eingeſtandenermaaßen fuͤr den Koͤnig von Frankreich bete⸗ ten. Ganz Madrid mißbilligte das Benehmen des Kai⸗ ſers, und man erzaͤhlte ſich mit einer gewiſſen Genug⸗ thuung, daß derſelbe vor einigen Tagen einen flammenden Brief von Erasmus, dem gelehrteſten Manne in der Chri⸗ ſtenheit, erhalten habe, worin der tapfere, allen Kuͤnſten und Wiſſenſchaften ſo foͤrderſame Koͤnig Franz dem ſpani⸗ ſchen Koͤnige ſtarken Ausdruckes an's Herz gelegt, ja wor⸗ in dieſer letztere vor Europa verantwortlich gemacht wor⸗ den ſei, wenn durch ſeine Haͤrte die Welt einen aller hoͤ⸗ heren Bildung ſo guͤnſtigen Herrſcher verlieren ſollte. Vielleicht war dieſe Steigerung der beſorglichen Lage des Koͤnigs ein Grund, daß jene romantiſche Frauen⸗Er⸗ ſcheinung im Palaſte Infantado heute zum erſten Male zei⸗ tiger und deutlicher erſchien als je vorher. Das erſte Mond⸗ viertel ſtand am wolkenloſen Himmel, die Luft war unge⸗ woͤhnlich klar; der Koͤnig lehnte ermattet auf ſeinem Ruhe⸗ Laube, Chateaubriant, III. 2 18 lager, und die traurigſten Gedanken erfuͤllten ihn: in der Fuͤlle ſeiner Kraft und ſeines Schaffens, in der Fuͤlle ſei⸗ ner Lebensluſt ſo lange gefangen, unabſehbar lange ge⸗ fangen zu ſein! Denn er beſaß, wenn auch nicht die Macht, doch den Trotz des Eigenſinns, und hatte in ſol⸗ cher Stimmung ſchon zu wiederholten Malen den Gedan⸗ ken gefaßt, das Gefaͤngniß nie wieder zu verlaſſen, wenn es nur mit ſo ungeheurem politiſchem Opfer, wie der Kai⸗ ſer es begehrte, geſchehen koͤnne. Ueberkam ihn der Trotz, dann fuͤhlte er ſich wohl eine Zeitlang erhoben, aber die Melancholie nahm ihn bald darauf nur um ſo maͤchtiger ein. Er war eine jener ſonnigen Naturen, die zur Er⸗ tragung ihrer Exiſtenz immer in irgend einem Winkel der⸗ ſelben eine kleine Freude ſehn muͤſſen, denen voͤllige Reiz⸗ loſigkeit des Lebens der Tod ſelber iſt. Jene kleine Freude ward dann, unbekuͤmmert um alle uͤbrige Konſequenz ſei⸗ ner Lage, von ſeiner Phantaſie groß gezogen, und immer groͤßer gebildet, bis ſie alles Uebrige deckte und verbarg, und dem ganzen Leben eine neue Geſtalt verliehn hatte. Es mochte dies wohl eben die bildende Kuͤnſtlernatur in ihm ſein. Und zwar die bildende; denn es zeigte ſich kein lyriſcher Beſtandtheil dabei, wie ungetruͤbt ſein Wohl⸗ wollen fuͤr Frangoiſe von Chateaubriant war, ſeine Phan⸗ taſte ging nicht zuruͤck zu ihr, ſeine Phantafie— ſoll man ſie eine egoiſtiſche oder eine ſtets ſchoͤpferiſche nennen?— ſchuf ihre Geſtalten und Verhaͤltniſſe immer in vortheilhaf⸗ tem Zuſammenhange mit dem, was vor ihm lag. Zu einer dauernden Gefangenſchaft in Spanien brauchte ſie die Liebe einer vornehmen ſpaniſchen Dame, welche mit 19 den Gelegenheiten des Landes und der Landesſitte ver⸗ traut, welche in den ihm zunaͤchſt liegenden Kreiſen maͤch⸗ tig ſei, ihm wenigſtens ein beſchraͤnktes Paradies zu ſchaf⸗ fen, welche vielleicht, denn Phantaſie will keinen Zuͤgel, aus dem Herzen des ſpaniſchen Landes heraus ungewoͤhn⸗ liche und deshalb mit der Ehre verträgliche Befreiung er⸗ ſchaffen koͤnne. So waren ſeine Traͤume ſchon bei der un⸗ bekannten Saͤngerin, und ſein Auge ruhte unwillkühr⸗ lich auf jenem Balkone, als in der That eine Frauenge⸗ ſtalt dort erſchien, und ihn unwillkuͤhrlich von ſeinem Sitze emporzog, wie man von den Mondesſtrahlen ſagt, daß ſie den toͤdtlich getroffenen Menſchen⸗Vampyr wieder beleben und zu voller Lebenskraft wieder aufrichten. Franz war vielleicht der Frauenliebe gegenuͤber eine ſolche Vam⸗ pyr⸗Natur, und eine Atmoſphaͤre neuer Frauenliebe hatte die Kraft uͤbernatuͤrlicher Belebung fuͤr ihn. Er ſchritt wie von Geiſtern getragen leiſe aber unaufhaltſam nach der linken Ecke des Eiſengitters, wo er dem Balkone und der weißen Frauengeſtalt am Naͤchſten, bis auf einige Schritte nahe war. Das Herz ſchlug ihm in lange entbehrter Freude, als er im Mondesſchimmer eine feine jugendliche Geſtalt zu erkennen glaubte, und mit einer Stimme, die ſuͤße Erregung verrieth, ſprach er kaſtiliſch: Wer biſt Du Engel, der mich in tiefem Leid erquickt? Koͤnnt' ich Euer Leid vermindern!— klang die Er⸗ widerung im reinſten Franzoͤſiſch— waͤr' ich ein Engel, Euch waͤre ſchon geholfen! Ich bin nur ein Bote, der Euch verkuͤndigt, die beſſere Zeit ſei unterweges— Sie iſt ſchon da mit der Verkuͤndigung! 24 Der ſpaniſche Koͤnig wird kommen, er muß kommen auf die Berichte, die man ihm abgeſtattet hat von Euch. Ihr werdet Euch ſprechen, und Euer Loos wird ſich wenden. Wer biſt Du? Hoͤrt mich weiter, koͤniglicher Herr! Eure Schweſter, die Herzogin Margaretha hat von unſerm Koͤnige verlangt, daß er ihr Zutritt geſtatte nach Spanien und in den Alca⸗ zar; ſie hat ihn erlangt, ſie kommt, Euch zu troͤſten, Euch zu pflegen, Euch zu befrein, und ſie fuͤhrt mit ſich— Fuͤhrt ſie Dich mit ſich, wenn ſie mit mir von hinnen zieht?— Gutes Kind, der Weg uͤber die Pyrenaͤen iſt weit und ſchwer von Madrid fuͤr einen gefangenen Koͤnig von Frankreich, und der Kaiſer in Toledo iſt weit und ſein Herz liegt tief, die kleinen Mittel ſinden es nicht aus, für mich lebt nur Troſt im Herzen des Weibes! Nun, dies Weib, deſſen Herz euch gehoͤrt, naht— Waͤre ſie da! Morgen veelleicht iſt ſie ſchon da! Warum nicht heute, warum nicht jetzt? Ich habe keine Zeit zu warten, mein Leben verſiegt— laß ſie da ſein, reich mir Deine Hand, Euer Kaiſer hat mir ſo viel Frei⸗ heit gelaſſen, daß ich gerade Deine Fingerſpitzen berühren und in der Beruͤhrung mein erſtarrtes Blut wieder beleben kann! Und Ihr fragt mich nicht, wer mit Eurer Schweſter kommt? 3 Ich habe keine Zukunft, ſchenk mir die Gegenwart! Man kommt! Mit dieſen Worten trat die Dame raſch in's Zimmer 21 zuruͤck.— Der Koͤnig ſah und hoͤrte nichts; der Wieder⸗ kehr harrend ſtand er unbeweglich am Gitter; die Luft war ruhig, nicht das mindeſte Geraͤuſch ſtoͤrte die naͤchtliche Stille, aber eine Viertelſtunde verging, und kein Lebens⸗ zeichen ließ ſich vernehmen von dem Balkone. Da erklang endlich die Laute, die er ſchon oft gehoͤrt, aus dem dunklen Balkonzimmer, und die Stimme, welche er bereits liebte, erhob ſich, aber es war nicht das wohlbekannte Lied, es war eine kaſtiliſche Romanze, die langſam geſungen Wort fuͤr Wort zu ihm drang: „Kam der Koͤnig vom Gebirge, Ritt ein rabenſchwarzes Roß, War der ſchoͤnſte, ſchwarz von Augen, Unter einem ſchoͤnen Troß, War ein Koͤnig, ganz ein Koͤnig!“ „Hielt er ſtill am Felſenſchloſſe Unter ſteinernem Balkone: Warum, rief er, blaſſes Maͤdchen, Bleibſt Du fern von meinem Throne, Von den Armen Deines Koͤnigs?“ „Niemand ſah das blaſſe Maͤdchen, Und nur er vernahm die Stimme: „„Ach ich fuͤrchte mich, mein Koͤnig, Vor der Liebe Luſt und Grimme, Vor der Liebe eines Koͤnigs!““ „„Denn der Koͤnig und die Sonne Sehn zu Viel, um treu zu ſein, Und der Herzen gar zu viele Hoffen auf den goldnen Schein Einer Sonne und des Koͤnigs!““ „„Zieh voruͤber, zieh voruͤber, Treue brichſt Du allerwegen— Meine Arme ſind verſchloſſen; Doch mein Herz iſt voller Segen Ach fuͤr Dich, Du biſt der Koͤnig!““ Die Abweſenden haben Unrecht! Das lag ſo tief im Blute des Koͤnigs Franz, daß ihm gar kein beſonderes Nachdenken erweckt wurde uͤber die Gleichguͤltigkeit, welche er gegen Frangoiſen's verkuͤndigte Ankunft bewieſen hatte. Denn verſtanden hatte er es ganz wohl, daß ſie es ſei, von welcher die geheimnißvolle Dame ſprach, als ſie auf eine Begleiterin Margarethens hindeutete. Aber was da wei⸗ ter? Sie war noch nicht da, ſie war ſeit einem Jahre fern von ihm, was kann ſich Alles in einem Jahre veraͤndert haben an Schoͤnheit, an Verſtand, an Intereſſe! Nicht daß er gedacht haͤtte: Du liebſt Francoiſe nicht mehr, oder: ſie wird nicht mehr ſchoͤn, ſie wird Dir in dieſem Au⸗ genblicke laͤſtig ſein! Nichts von alle dem! Aber ſie war nicht da, die Liebe zu ihr ſchwieg; vielleicht wird ſie wie⸗ der laut ſprechen, wenn er ſie erblickt; er beſchaͤftigt ſich aber nicht mit einem Vielleicht des Intereſſes, er braucht unmittelbares Leben, er iſt in vollem Antheile für die ge⸗ heimnißvolle Dame, die ihm geſtern nach Beendigung der wunderlichen, aber himmliſch geſungenen Romanze kein weiteres Lebenszeichen gegeben hat. Die ganze Nacht hin⸗ durch hat er die eigenthuͤmliche, wunderbar wohllautende Betonung gehoͤrt„Ach fuͤr Dich, Du biſt der Koͤnig!“ Es giebt keinen feineren Reiz als den der Stimme, er 23 weckt die zarteſten, verborgenſten Kraͤfte unſrer Phantaſie und unſrer Sehnſucht. Menſchen, denen keinerlei Schoͤn⸗ heit und Kunſt einen edleren Eindruck machen kann, oͤffnet ein Ton das Herz, die Trivialſten fuͤhlen von der Muſik Empfindungen und Richtungen in ſich angeregt, die ihnen ſonſt wildfremd geblieben ſind, und wohl auch mit dem Verklingen der Toͤne wieder wildfremd werden, kurz der Ton iſt uns noch immer der groͤßte Zauberer, weil wir den Nerv nicht bezeichnen koͤnnen, den er, und er allein be⸗ ruͤhrt. Es iſt ein Nerv eigenthuͤmlichen Denkens, eines Denkens, das von der hergebrachten Logik kaum die Klei⸗ dung entlehnt, und in unerhoͤrten Kreiſen, halb Folge⸗ rung, halb Schoͤpfung, ſich bewegt. Dieſer Magnetis⸗ mus des Tons, wenn man verſchiedene Elemente in eine Bezeichnung zuſammenmiſchen darf, erfüͤllte dem Koͤnige den ſiebzehnten September 1525 mit jenem ſcheinbar grund⸗ loſen Rauſche wohliger Phantaſie, die nicht Rede ſteht uͤber das Behagen, das ſie durch alle Adern ſtroͤmt. Es draͤngte ihn, Chabot de Brion, der ſeit Bonnivets Tode und durch die Mitgefangenſchaft ihm am naͤchſten ſtand, das Abenteuer und die daher ſtammenden Wallungen ſei⸗ nes Weſens mitzutheilen, als Brion wie gewoͤhnlich des Vormittags aus dem Palaſte heruͤber kam in den Alcazar, um Geſellſchaft zu leiſten, die politiſche Lage zu beſpre⸗ chen oder Schach zu ſpielen mit dem Koͤnige. Brion war ein edles Gemuͤth, aber er konnte ſich doch einer freudigen Regung nicht erwehren, als er den Koͤnig zum erſten Male ſo innerlich abgewendet ſah von Francoiſe. Er wußte wohl, daß ſich aus einer ſinnlichen Untreue bei dem 24 lebhaften Naturel des Koͤnigs keine Folgerung ziehn laſſe auf deſſen wirkliches Herzensintereſſe, aber er ſah mit freudigem Erſtaunen, daß ſich die jetzige Untreue des Koͤ⸗ nigs auf eine viel bedeutendere Art ankuͤndigte. Und wenn ihm dabei der Schmerz Francoiſens vor die Seele trat, ſo erſchien ihm auch daneben die eigne Liebe zu ihr, eine un⸗ endliche Liebe, die Erſatz bieten koͤnne fuͤr den Verluſt einer noch ſo reichen Welt. Denn zuverſichtlich und ſtolz war der Liebling eines Koͤnigs Franz. Er theilte alſo dem Koͤnige bereitwillig mit, was er uͤber die geheimnißvolle Dame zu vermuthen ſich berechtigt glaube. Der Koͤnig werde ſich erinnern, daß die Graͤfin Chateaubriant in der letzten Zeit zu Fontainebleau eine junge Dame neben ſich gehabt habe— Foi de gentilhomme, ihh habe ſie am letzten Abende geſehn, und erinnere mich, daß ſie wie ein Engel aus⸗ ſah! Aber— Dieſe Dame war, ſo viel ich weiß, dieſelbe, welche auf Schloß Foir erzogen worden, eine Chimene von In⸗ fantado, die Tochter unſers Wirths des Herzogs von In⸗ fantado, der eine unerklaͤrliche Abneigung gegen ſie he⸗ gen ſoll. Wie? Ich weiß durch Meiſter Marot, daß ſie mit der Graͤ⸗ fin Schloß Fontainebleau verlaſſen hat, um nach Spanien heimzukehren, es ſcheint mir alſo, da ſie auch der Graͤ⸗ fin Lieder ſingt, ziemlich ſicher zu ſein, daß dieſe Unbe⸗ kannte und Chimene von Infantado eine und dieſelbe 25 Perſon iſt. Warum ſte der Herzog uns allen ſorgfältig verbirgt, mag Gott wiſſen, vielleicht eben um ihrer Schoͤn⸗ heit und ihres Reizes willen, die keinem Franzoſen be⸗ ſtimmt ſein ſollen.— Es war der erſte gluͤckliche Tag, den der Koͤnig in ſeiner Gefangenſchaft verlebte, er hoffte mit Ungeduld auf den Abend; das ſchwankende Bild Chimenens, welches er aus der Erinnerung hervorzuholen trachtete, verſchoͤ⸗ nerte ſich noch in ſeinen ungewiſſen Zuͤgen mit dem Nebel ſpaniſcher Mondnacht, mit den Steigerungen, welche ihm der durch Leid uͤberſpannte Koͤnig beilegte, und nahm all ſein Sinnen und Traͤumen ein. Er beachtete die officiell eingehende Nachricht nicht, daß ſeine Schweſter wirklich unterwegs zu ihm ſei, er beachtete nicht, daß der Herzog von Infantado, der Biſchof von Osma und andere Gran⸗ den ihm mit ungewoͤhnlicher Zuvorkommenheit an dieſem Tage aufwarteten, und mit ungewoͤhnlicher Zuverſichtlich⸗ keit verſicherten, der Koͤnig von Spanien werde nicht laͤn⸗ ger ſaͤumen, ſich perſoͤnlich in Madrid einzuſtellen und die mißlichen Umſtaͤnde des Koͤnigs von Frankreich zu ſchlich⸗ ten— er harrte nur des Sonnenuntergangs, und beklagte ſich nur uͤber die Hitze des Tages. Dieſe Stimmung ſchlug indeſſen in die entgegengeſetzte uͤber, als der Abend kam, als eine Stunde nach der an⸗ dern dem einſam am Gitter harrenden Koͤnige verging, ohne daß die Balkonthur ſich geoͤffnet, ohne daß der mit Sehnſucht erwartete Geſang ſich irgendwo erhoben haͤtte. Aus der Stadt heruͤber klangen leiſe die Serenaden ver⸗ liebter Kaſtilier, aber um den alten Palaſt her regte ſich 26 kein Ton als das Fluͤſtern des Nachtwindes in einem hohen Cypreſſenbaume, an welchem der Koͤnig lehnte. Dieſe Enttaͤuſchung wirkte auf den überreizten Franz mit unerhoͤrter Gewalt: genöͤthigt ſeit ſo langer Zeit an ſeinem guten Gluͤcke zu verzweifeln, ſah er auch hierin wieder nichts als die harte Ungunſt des Schickſals. Sie liebt Dich, nicht! rief er ingrimmig aus, als er nach Mit⸗ ternacht verzweiflungsvoll die Treppe zum Alcazar hinauf⸗ ſchritt,— ſie iſt ein bloͤdes, thoͤrichtes Kind, das nur ein duͤrftig Mitleid fuͤr den Geliebten ihrer Freundin empfun⸗ den hat, und das kindiſch erſchrocken iſt vor dem Ausdrucke meines lebhaften Gefuͤhls. Es iſt aus mit mir! Auch das kleinſte Gluͤck wendet mir den Ruͤcken, ich bin machtlos, und ſterbe klaͤglich bemitleidet im Lande romantiſcher Liebe! Sterben, ſterben will ich auch, denn todt bin ich be⸗ reits!—— Nach dieſer Erregung brach das Fieber, welches ſeit langer Zeit in ſeinen Adern einher ſchlich, mit heftiger Gewalt aus; die Diener eilten noch in der Nacht nach dem Arzte, denn der Koͤnig, der ſich auf ſein Lager geworfen, redete in wilden Phantaſicen und war beſinnungslos. Unter ſolchen Umſtaͤnden brach der achtzehnte September an. Brion und Montmorency verließen das Zimmer des Koͤnigs nicht, und waren in der groͤßten Beſorgniß um ihn. Mit der Abſpannung, welche der Gluth des Fiebers am Morgen gefolgt, war ihm die Beſinnung wieder ge⸗ kehrt, aber er war von einer Theilnahmloſtgkeit und Ab⸗ geſtorbenheit, daß Alles um ihn her in qualvolle Angſt ge⸗ rieth. Der enge Raum, welchen dieſe noch in mauriſcher ——— 27 Einrichtung beſtehenden Gemaͤcher des Alcazars gewaͤhr⸗ ten, erhoͤhte nur das Peinliche der Lage: das Schlafzim⸗ mer des Koͤnigs war ungemein ſchmal, und empfing nur wenig Licht von der Gartenſeite. Dem Beduͤrfniſſe heiße⸗ ſter Laͤnder gemaͤß waren auch in Spanien die arabi⸗ ſchen Haͤuſer ſo eingerichtet, daß ſie üͤberall faſt eben ſo breites Mauerwerk als Zimmerbreite enthielten, und ſchon zu damaliger Zeit, als doch erſt die Uebergaͤnge vom engen Feudalſchloſſe zum Palaſte ſich bewerkſtelligten, fand der von Italien nach Spanien verſetzte Seigneur oder Kunſtler ſelbſt die beruͤhmte Alhambra in dieſem Betracht unter ſeiner Erwartung. Der Alcazar zu Madrid aber konnte gar keinen Anſpruch machen auf einen Vergleich mit den vorzüglicheren Bauwerken der mauriſchen Zeit; die Mauren hatten der duͤrren kaſtiliſchen Hochebene Madrids durchaus nicht die Wichtigkeit beigelegt, welche ſie unter den ſpaͤteren chriſtlichen Koͤnigen erhielt, und welche ſie auch, in Deutſchland der Mark vergleichbar, viel mehr dem energiſchen Charakter der Bewohner als ihren natuͤrlichen Vorzügen verdankte. Dazu waren die kleinen Fenſter des Alcazars ringsum durch hoͤlzerne Schirme geſchloſſen, und es herrſchte in den kleinen Zimmern und ſchmalen Gaͤn⸗ gen ein immerwaͤhrendes Halbdunkel, welches die truͤbe Stimmung Brions und Montmorency's noch erhoͤhte. Es war um die Mittagszeit, als ſie durch Kanonen⸗ ſchuſſe uͤberraſcht wurden. In kleinen Pauſen folgten ſich dieſe regelmaͤßig, und von ihren Sitzen auffahrend riefen die beiden Seigneurs einſtimmig: Das muß der Kaiſer ſein! 28 Koͤnig Franz zeigte nicht die geringſte Theilnahme an dieſer wichtigen, ſo lange ſchmerzlich erſehnten Nachricht. Brion erſchrack bis in's Innerſte bei der Bemerkung, daß der verhaßte Gegner nun gerade in einem Augenblicke ein⸗ treffen ſolle, da die ſonſt ſo maͤchtige Perſöoͤnlichkeit des Kö⸗ nigs von Frankreich voͤllig zerbrochen und unmaͤchtig ſei, um von einer perſoͤnlichen Zuſammenkunft, für welche ſo Viel geopfert worden, nur den geringſten Vortheil zu ziehn.— Haſtig eilte er hinaus, um im Palaſte Infan⸗ tado genauere Kunde einzuholen. Es war der Kaiſer! Als Brion in die Halle des Pa⸗ laſtes trat, von wo man die Hoͤfe und den Platz nach der Stadt hin uͤberſehen konnte, erblickte er ſchon den Zug rei⸗ tender Trabanten, welche in der roth und ſchwarzen Tracht und mit den blank gezogenen Pallaſchen in der Mittags⸗ ſonne ſchimmerten, und langſam in den erſten Hof einritten auf ihren koloſſalen pechſchwarzen Hengſten aus Nieder⸗ land. Hinter ihnen kam uͤber den Platz eine breite Schaar berittener Herren—„Es iſt der Koͤnig von Spanien!“ rief der eilig zu ihm tretende Herzog von Infantado— „eilt hinuͤber, Herr Chabot de Brion, es Eurem Koͤnige anzuſagen.“ Dies iſt Sache des ſpaniſchen Koͤnigs! erwiderte die⸗ ſer nach kurzer Pauſe, waͤhrend welcher er ſtarr auf die naͤher kommende Schaar blickte, um die Perſon des Kai⸗ ſers heraus zu finden— der Koͤnig von Frankreich wird ſchwerlich heute zu ſprechen ſein. 1 „Um Chriſti willen, Herr Chabot de Brion, in die⸗ ſem wichtigen Augenblicke keine kleinliche Empfindlichkeit! 29 Wir wuͤnſchen wie Ihr ein ehrenvolles Ende dieſer mißli⸗ chen Gefangenſchaft; gebt unſerm Koͤnige nicht gerechten Anlaß zu neuer Verzoͤgerung!“ Brion ging haſtig nach dem Alcazar zuruͤck—„Gat⸗ tinara iſt neben dem Koͤnige, wie ich ſehe“— rief ihm der Herzog von Infantado nach—„und er hat dem Koͤ⸗ nige bemerkt, wenn er ſeinen Gefangenen ſaͤhe, ſo ſei der Gefangene dadurch ſo gut wie frei, denn es kaͤme ein Koͤ⸗ nig zum andern“— Brion hoͤrte das Ende dieſer Rede nicht; er hatte den bekannten ſchwarzen Hut Bourbon's in der Schaar erblickt, ihm ſchwoll das Herz vor Zorn und Angſt, daß ſein ge⸗ feierter Koͤnig zerſtoͤrt, perſoͤnlich nichtig in ſo entſcheiden⸗ dem Augenblicke erſcheinen ſolle, in einem Augenblicke, der wenigſtens gewiß eine perſöͤnliche Genugthuung zu Wege gebracht haͤtte, wenn Koͤnig Franz in der ihm ſonſt eigenthuͤmlichen vornehmen Gewalt erſchienen waͤre. Und doch ſah er wohl ein, daß die Freiheit Aller auf dem Spiele ſtand, ach, Montmorency und er duͤrſteten darnach wie Wuͤſtenwanderer nach einer Quelle! In dieſer zwieſpaͤltigen Stimmung, welche den dar⸗ gebotenen Vortheil ausgebeutet und doch auch den franzoͤ⸗ ſiſchen Stolz nicht ausgeſetzt ſehn wollte, trat er wieder in des Koͤnigs Gemach, und beſtaͤtigte mit krampfhaftem Haͤn⸗ dedrucke dem fragenden Montmorency, es ſei der Kaiſer. Noch mehr, ſetzte er mit gepreßter Stimme hinzu, er iſt ſchon an der Schwelle! Was thun mit unſerm kranken Herrn, der ein Bild des Jammers darſtellt, ſtatt zunſern ſtolzen Koͤnig darzuſtellen!? 30 Was thun? entgegnete barſch Montmorency, ein in Fuͤlle der Geſundheit und Jugend ſtrotzender Kriegsmann, er muß ſich ermannen, und er wird ſich ermannen, unſer Koͤnig! Er beherrſcht Frankreich, er wird doch ſeinen Leib beherrſchen koͤnnen! Mein Koͤnig! rief er mit ſtarker Stimme, und ergriff des Koͤnigs Hand, der Kaiſer Karl iſt vor der Thuͤre, um endlich ſeiner Schuldigkeit nachzu⸗ kommen, und Euch zu ſprechen! Der Kaiſer Karl! erwiderte Franz mit ſchwacher Stimme und ſtieß einen tiefen Seufzer aus. Wollt Ihr Euch nicht erheben, und ihm das ſtolze Herrſcherantlitz Frankreichs zeigen? ſetzte Montmorency hinzu. Ich bin krank und kraftlos, und— muthlos, Mont⸗ morency, ſprecht ſtatt meiner! Heilige Jungfrau Montmorency's! der blaſſe duͤrftige Kaiſer iſt endlich in unſrer Naͤhe, und unſer ſtattlicher Koͤnig iſt ſchwaͤcher, denn ein Fieber! Da trat ein Diener ein, und meldete des Kaiſers Kanzler Mercurin von Gattinara— Er komme! rief haſtig Brion— Er warte! rief mit ſtaͤrkerer Stimme Montmorency. Soll der Spanier, ſetzte er gegen Brion hinzu, unſern Koͤnig in ſolchem Zuſtande ſehn?! „Der Koͤnig von Spanien tritt in den Alcazar!“ ſcholl es ſpaniſch aus einer donnernden Trabantenſtimme durch den Gang herauf,„der Koͤnig von Spanien tritt in den Alcazar“ ward es in derſelben Mundart dicht an der Thuͤr des Krankengemaches mit ſchallender Stimme wiederholt, 31 und eine druͤckende Stille herrſchte hierauf in dieſem Ge⸗ mache. Man ſah, daß es Koͤnig Franz verſtanden hatte, eine hohe Roͤthe flog ſchnell uͤber ſein eingefallenes, vom ſtarken Barte beſchattetes Antlitz; aber die Roͤthe ging raſch voruͤber wie ſie gekommen war, regungslos blieb Franz auf ſeinem Lager, man ſah nur am zitternden Hemd, daß ſeine Bruſt maͤchtig arbeitete, die koͤrperliche Ermat⸗ tung ſchien den moraliſchen Schwung nicht aufkommen zu laſſen. Wohl denn! ſprach Montmorency, ſo werd' ich ihn abweiſen an der Thuͤr, und ihm ſagen, daß er zu ſpaͤt komme! Weh uns! ſeufzte Brion, waͤhrend Montmoreney ſein Vorhaben auszufuͤhren nach der Thuͤre ſchritt. Montpezas, ein franzoͤſiſcher Edelmann, der ſich mit ritterlicher Hin⸗ gebung ſeit dem Tage von Pavia zum Leibdiener des Koͤ⸗ nigs gemacht hatte, trat in dieſem Augenblicke ein, und rief: der Kaiſer folgt mir auf dem Fuße! Fuͤhr ihn in den Sternenſaal, Montmorency! rief jetzt ploͤtzlich und Allen zum Erſtaunen Koͤnig Franz, waͤh⸗ rend er ſich krampfhaft aufrichtete— dort werd' ich ihn ſelber empfangen! Kein Andrer vielleicht als Montmoreney haͤtte dieſem Befehle eine Folge zugetrant, denn Koͤnig Franz, vom Lager auf den Teppich tretend und ſich aufrichtend zitterte und ſchwankte wie ein vom Winde bewegter Baumzweig, und er mußte mit beiden Haͤnden nach dem hinzu eilenden Brion faſſen, um ſich aufrecht zu erhalten. Aber Montmorency ging, und Koͤnig Franz, obwohl 33 Montmorency, von hoͤchſtem franzoͤſiſchem Stolze in dieſem Saale, hatte den Kaiſer ſtumm begruͤßt und in die⸗ ſen Salon geleitet. Auch der Kaiſer hatte geſchwiegen, bis ſie eingetreten waren; dann wendete er ſich mit einem hoͤflichen Ausdruck des Antlitzes an den einfach gekleideten Seigneur, deſſen Geſicht, einfach ſtarke Zuͤge und For⸗ men zeigend, ſtockernſthaft drein ſah, und ſprach: Euer Name, Herr? Montmorency. Ah, es freut mich, den Herrn eines ſo alten und be⸗ ruͤhmten Namens kennen zu lernen. Es freut mich nicht, daß Eure kaiſerliche Majeſtaͤt ihn unter ſolchen Umſtaͤnden kennen lernt. Euer Köoͤnig iſt unwohl? Langeweile macht krank; er und ich nehmen uns beſſer aus, wenn wir zu Pferde ſitzen und die Trompete ſchmet⸗ tert— Wie bei Pavia! J hweiß es— ſetzte er raſch hinzu mit einer leichten Handbewegung, welche ein Zucken der Haͤnde Montmorency's beſchwichtigen zu ſollen ſchien— daß die franzoͤſiſchen Herrn mit einer bewundernswerthen perſoͤnlichen Tapferkeit gefochten haben, und daß ich den Erfolg des Tages nur ihrem Ungluͤcke und Gottes Gnade fuͤr mich ſchuldig bin— ich will nicht hoffen, daß es mein königlicher Bruder Franz von Frankreich iſt, welcher dort der Stuͤtze eines Fuͤhrers bedarf!? Ihr ſeht den Koͤnig von Frankreich! erwiderte barſch Montmorency. Laube, Chateaubriant. III. 3 32 an allen Gliedern zitternd, ließ ſich trotz Montpeza's Er⸗ innerungen die Kleider anlegen, und ſagte, als dies Ge⸗ ſchaͤft muͤhſam vollendet war und er eine Minute um Kraͤfte zu ſammeln geſeſſen hatte, zu Brion: Leih mir Deine Schulter, Brion, und ſtehe feſt! Damit erhob er ſich, legte ſeine Hand auf Brion's Schulter, und verſuchte es ſolchergeſtalt, hinauszugehn. Schon an der Thuͤrſchwelle mußte er ruhn, aber mit der Hand feſter in Brion's Schulter greifend, ſchritt er weiter. Es hatte jener Sternenſaal ſeinen Namen davon, daß er, den ganzen Raum eines Thurmes in ſich begreifend, zu ſeiner Decke die Sterne des Himmels ſelber hatte, die man am Tage ſelbſt erblicken konnte. Kuppelartig hoch oben zugehend blieb eine runde Oeffnung in der Hoͤhe uͤbrig, welche nur in der rauhen Jahreszeit verdeckt, ſonſt aber dem freien Eindrange der Luft und des Lichtes offen ge⸗ laſſen wurde. Da dies Thurmgemach, unten etwa zehn Schritte breit, ſehr hoch und in ſeiner Luft⸗ und Licht⸗ offnung ſehr ſchmal war, ſo drang in Ermangelung jegli⸗ chen Fenſters der Tagesſchein nur duͤrftig zum Boden her⸗ ab, und die nackten, aber mit phantaſtiſcher Stuckarbeit verzierten Waͤnde waren an fuͤnf Stellen mit Armleuchtern verſehen, deren Kerzenſchein den Bewohnern dieſes eigen⸗ thuͤmlichen Raumes das Tageslicht erſetzte. Und inſoweit war doch die Gefangenſchaft eine koͤnigliche, daß in den Lebensbeduͤrfniſſen koͤniglicher Stil obwaltete und daß die Kerzen dieſes Geſellſchaftsſaales Tag und Nacht brannten. 34 Verzeiht, mein koͤniglicher Bruder, ſprach der Kaiſer, indem er dem eintretenden⸗Konige einige Schritte entgegen ging, verzeiht, daß ich ſo ſpaͤt meiner Schuldigkeit nach⸗ komme, Euch in Spanien zu begruͤßen. Ihr kommt, mein Herr, Euren Gefangenen zu ſehn. Nein, ich komme, meinen Bruder und Freund zu ſehn, den ich in Freiheit ſetzen will. Die beſten Fruͤchte reifen am Langſamſten! erwiderte Franz mit einem melancholiſchen Laͤcheln. Fuͤr meinen Wunſch und Euren Ruhm, ſetzte er hinzu, moͤge Gott geben, daß es fuͤr mich nicht zu ſpaͤt geworden iſt, die langſam gereifte Frucht zu genießen. Ihr findet meinen ſonſt gar tuͤchtigen Koͤrper durch die Luft des Aleazars zer⸗ ſtoͤrt— Das wolle die heilige Jungfrau zum Beſten wenden! Es waͤre uns ein ewiger Vorwurf, Euch in Spanien ir⸗ gendwie an Leibeskraͤften gefährdet zu wiſſen, und ich hoffe zu Gott, die Erledigung unſrer Geſchaͤfte, welche nun wohl in glatten Gleiſen zu ſchleunigem Ende gehen wird, ſolle Euch bald wieder Kraſt und Lebendigkeit ver⸗ leihn. Solche Wendung des Geſpraͤchs war die gefaͤhrlichſte fuͤr Koͤnig Franz, der nicht nur ein ſanguiniſcher, leicht zu unbegründeter Hoffnung geneigter Charakter, ſon⸗ dern ein wirklich großmuͤthiger Menſch war, welcher edle Abſichten bereitwillig vorausſetzte, und das Ver⸗ haͤltniß zwiſchen zwei Herrſchern von einem zu ho⸗ hen Standpunkte anſah, als daß ihm ein Gedanke kaufmaͤnniſcher Ausbeutung ſolch einer Zuſammenkunft in die Seele gekommen waͤre. Da er alſo den Kaiſer koͤniglichen Stils ſich aͤußern hoͤrte, ſo gab er ſich alsbald ſeinem ritterlichen Naturel hin, auf keinerlei Einzel⸗Be⸗ dingung einzugehn, ja durch vornehmes Ueberbieten alles deſſen, was von Seiten des Kaiſers wie Zugeſtäͤnd⸗ niß oder Opfer ausſah, den koͤniglichen Ton in hoͤchſter Hoͤhe zu erhalten. Dies war aber gerade die Richtung des Geſpraͤchs, welche Kaiſer Karl am Lebhafteſten wuͤnſchte. Er fuͤrchtete eben, Franz werde genau und ſcharf die Bedingungen ſeiner Freilaſſung eroͤrtern wollen, und damit haͤtte er den Kaiſer, der außer von Gattinara noch von drei Granden des Reichs begleitet war, in die übelſte Lage verſetzt. Denn er konnte es wohl wagen, mit⸗ ten unter der großſinnigen und ſtolzen Grandezza das ver⸗ deckte, unuͤberſehbare Spiel der Politik mit mancherlei kleinen Mitteln zu treiben, dieſe Mittel erſchienen niemals officiell oͤffentlich; aber er konnte den ſtolzen Sinn der Gran⸗ dezza nicht ohne Gefahr ſo beleidigen, daß er einem beſiegten, und von aller Ariſtokratie Europa's hochgeachteten Koͤnige uͤbertriebene Bedingungen der Freilaſſung aus Kriegsge⸗ fangenſchaft muͤndlich wiederholt haͤtte, oder billige For⸗ derungen des Koͤnigs maͤkelnd und feilſchend abgeſchlagen haͤtte. Er war ohnedies in allem was königliche Erſchei⸗ nung betrifft, und was ſeinen moraliſchen Eindruck nie verfehlt, gegen dieſen franzoͤſiſchen Koͤnig im Nachtheile, obwohl dieſer krank war. Die Lebenskraft des Koͤnigs Franz erhoͤhte ſich mit den Anſpruͤchen, welche auf ihn ein⸗ 3* 36 drangen, mit den Ausſichten, welche ihm des Kaiſers Aeußerungen oͤffneten, und als man zwei offene Stuͤhle in die Mitte des Saals rückte, damit die beiden Herrſcher nahe bei einander ſich niederlaſſen moͤchten, da beeintraͤchtigte die hohe breitſchultrige und doch fein gebildete Figur des franzoſiſchen Koͤnigs, der einen Augenblick ohne Brion's Stuͤtze aufrecht neben dem Kaiſer ſtand, dieſen blaſſen Kaiſer gar ſehr. Die roͤthliche Kerzenbeleuchtung erhoͤhte dem Koͤnige die dunkeln Schatten des baͤrtigen Antlitzes, der dunklen Augen, der gebieteriſchen Naſe, und faͤrbte guͤnſtig die augenblickliche Blaͤſſe des uͤbrigens energiſch gebildeten Antlitzes, waͤhrend ſie das roͤthliche Blond des Kaiſers in Haar und Bart, und das verwaſchene Weiß von deſſen blaſſem Geſichte nicht zu heben vermochte. Seine unſchoͤn zugeſchnittene Mittelfigur erſchien unvor⸗ theilhaft neben der des Koͤnigs, und nur das dunkelblaue, ſtillfeſte Auge konnte ihm für den aufmerkſamen Beobachter den Gedanken an eine Ueberlegenheit ſichern, die er wirk⸗ lich beſaß, und auch in jener Unterredung wirklich geltend machte. Als ſie ſich geſetzt hatten, ruhte dies Auge eine Weile, welche Franz mit leichter Hoͤflichkeitsrede ausfuͤllte, auf dem Koͤnige, als wollte es an dem ſchoͤnen Gegner die offne Stelle, durch welche einzudringen, und den Mittel⸗ punkt, an welchem feſtzuhalten waͤre, entdecken. Dennoch war etwas ungewoͤhnlich, nicht bloß verſtaͤndig Maͤchtiges bei mancher Gelegenheit in dieſem Auge Kaiſer Karl's, es wurde zuweilen ſtarr, trat in ſich zuruͤck mit dem Blicke, und war dann von unheimlicher Anmuthung. Naſch wie — der Gedanke flog nur einen Augenblick lang dieſe wunder⸗ liche Blendung uͤber des Kaiſers Auge, er hob ein Wenig das Haupt, als jage er dies Erbtheil der wahnſinnig ge⸗ wordenen Mutter von dannen, und als beſinne er ſich, daß er dieſem poetiſchen Koͤnige der Illuſionen nur nuͤch⸗ ternen Verſtand entgegen zu ſetzen habe. So geſchah es denn auch: er machte den fieberhaft aufgeregten Koͤnig reden, und hielt durch ſparſame und immer zuvorkommende Einrede den angefangenen allgemei⸗ nen Ton der Unterredung feſt wie den Zuͤgel eines in be⸗ ſtimmte Gangart geſetzten Roſſes. Allerdings blieb der Eindruck der Liebenswuͤrdigkeit, des großen koͤniglichen Stils fortwaͤhrend auf Seiten des Koͤnigs Franz, auch fuͤr die Spanier, welche mit gerunzelter Stirn und Augen⸗ braue dem kargen Weſen ihres Herrſchers zuſahen. Aber der endliche Sieg mußte dem Kaiſer bleiben, deſſen Worte und Verſprechungen alle gewogen waren.. Eine feine Hand— ſagte er mit der angedeuteten Ab⸗ ſicht, die Zwieſprache zu endigen— kommt uns zu Hilfe, uns freundlich und ſanft auseinander zu bringen: die verwit⸗ wete Frau Herzogin von Alençon, Eure Schweſter hat an mich geſchrieben um freies Geleit, und ich denke, dieſe geiſtreiche Dame in den naͤchſten Tagen kennen zu lernen, und Euch zuzufuͤhren. Dabei erhob ſich der Kaiſer, und wenn je ſo war jetzt der Augenblick gekommen, irgend eine beſtimmte Zuſage von ihm zu verlangen. Koͤnig Franz, dem die Nervenanſpan⸗ nung wie immer wohlgethan, und der ſich bereits wieder ſol kraͤftig fühlte, daß er keine Stuͤtze mehr bedurfte, empfand denn auch wohl die Nothwendigkeit, aus den allgemeinen Formeln herauszutreten. Er druͤckte dem Kaiſer ſeine Freude uͤber die Ankunft der Schweſter aus, und ſetzte hinzu, daß er nun der ſchließlichen Forderungen fuͤr ſeine Freilaſſung gewaͤrtig ſei. Zweifelt nicht, entgegnete der Kaiſer ſchnell, an meiner aufrichtigſten Bereitwilligkeit. Die Frau Herzogin, die von nun an eine mir gefaͤhrliche Geſchaͤftstraͤgerin zwi⸗ ſchen uns ſein wird, bringt Euch die neuſten Nachrichten aus Frankreich, und dieſen gemaͤß werdet Ihr mir Eure letzten Vorſchlaͤge machen. Die Ketzerei in Deutſchland, deren unvermeidliche Folge, ein roher Bauernkrieg, denn auch bis uͤber Eure lothringiſche Grenze losgebrochen iſt, macht es uns zur dringenden Pflicht, zuſammenzuhalten, und ich hoffe, Euch bald mit mir verbuͤndet zu ſehn gegen die hereinbrechende Barbarei des gemeinen Gedankens. Durch dieſe Wendung war das naͤhere Eingehn in Unterhandlungen wiederum beſeitigt, und unter beſten Wuͤnſchen fuͤr des Koͤnigs Geſundheit verließ der Kaiſer den Alcazar. Der Koͤnig, Montmorency und Brion waren allein im Sternenſaale zuruͤckgeblieben. Alle drei, innerlich zu⸗ frieden mit der vornehmen, ja uͤberlegenen Haltung, welche gegen den anfäͤnglichen Anſchein Frankreich in die⸗ ſer Zuſammenkunft behauptet hatte, ſahen einander an, und brachen gleichzeitig in ein ſchallendes Gelaͤchter aus. Wir haben wiederum gar nichts gewonnen, rief Brion mitten im Gelaͤchter, als die Ehre! Dieſer weiſe roͤmiſche Kaiſer, rief Montmoreney in 39 dem naͤmlichen Tone, ſchluͤpft um ſeinen Raub umher wie der Fuchs, der ſich ebenſo fuͤrchtet, die ſtachliche Beute anzugreifen, wie ſie fahren zu laſſen! Foi de gentilhomme, ſagte der Koͤnig, der Jammer iſt nun aber doch dem Ende nahe! Er ſieht, daß er uns nicht zur Bettelei und Pflichtvergeſſung herunter bringt, und die oͤffentliche Stimme noͤthigt ihn zum Anſtande. Die eitel⸗leichtſinnigen Franzoſen waren in vollſtaͤndi⸗ gem Irrthume. Koͤnig Franz war durch die Aufregung wieder voll⸗ kommen belebt, und hatte ſich durch ein heitres Mahl mit ſeinen Leidensgefaͤhrten hinreichend geſtaͤrkt, ſo daß ihn der hereinbrechende Abend wieder eben ſo aufgelegt fand zum Liebesabenteuer, wie er es vor dem heftigen Krank⸗ heitsanfalle geweſen war. Alle Kriſen in ihm waren heftig und raſch, und ſeine Wuͤnſche und Begierden waren von hartnaͤckiger Dauer, ſo lange ihnen die Befriedigung ver⸗ ſagt wurde.— Als Brion und Montmorency bei einbre⸗ chender Dunkelheit den Alcazar verlaſſen und ſich nach dem Palaſte zuruͤckgezogen hatten, erwachte ihm von Neuem das unwiderſtehliche Verlangen, die geheimnißvolle und im geheimnißvollen Dunkel ſo zauberiſch lockende Dame an ſein Herz zu druͤcken. Es lebe das galante Abenteuer! Es lebe der Zauber des Weibes! rief er, aufgeweckt durch Mahl und Wein, vor ſich hin, und ſtieg mit dem Vorſatze, heute den Balkon zu erſtuͤrmen, in den Garten hinab. Ungewoͤhnliches Hin⸗ und Hereilen mit Lichtern, un⸗ gewoͤhnliche Bewegung in dem Palaſte ſchrieb er der An⸗ weſenheit des Kaiſers zu, von deſſen Begleitung vielleicht einige Gaͤſte beim Herzoge von Infantado zuruͤckgeblieben ſeien. Er wußte durch Brion's Mittheilungen, daß er⸗ dadurch nicht behindert werden konnte, weil die Wohnung ſeiner Schönen eine voͤllig abgeſonderte Ecke des Palaſtes bilde, und man, vom Alcazar in den Flur des Palaſtes tretend, uͤber die erſte kleine Treppe linker Hand jedenfalls ungeſtoͤrt in dieſen geheimnißvollen Bereich des Hauſes ge⸗ langen koͤnne. Er war entſchloſſen, dies zu verſuchen, ſo⸗ bald die Anweſenheit ſeiner Dame im Balkonzimmer vor⸗ auszuſetzen ſei, und ſich keine andre Gelegenheit durch Entgegenkommen der Dame oder vermittelſt des nicht eben hohen Balkons darbiete. Den Eigenſinn alſo, durchaus nicht das Gitter zu uͤberſchreiten, hatte er hinter ſich ge⸗ worfen. Dieſe trotzige Periode ſeiner Gefangenſchaft ſei nun mit dem Beſuche des Kaiſers geſchloſſen. Es gab nichts, was ihn mehr und unangenehmer haͤtte ausſetzen koͤnnen als dieſer Vorſatz! Namentlich an einem Tage, der ganz Madrid, der den Palaſt Infan⸗ tado ſo ungewoͤhnlich in Bewegung ſetzte! Aber es gab auch nichts Dreiſtères als des Koͤnigs Nuͤckſichtsloſigkeit, wenn ſein Verlangen von Ungeduld geſtachelt wurde. Er mußte dann haben, was er heiſchte, er mußte es auf der Stelle haben, und wenn es Wohl und Wehe einer Welt auf's Spiel geſetzt haͤtte, und einen Tag ſpaͤter ohne die mindeſte Gefahr zu haben geweſen waͤre. Nur dazu hatte er Geduld, auf der ſteinernen Treppe 1 — 41 vor dem Alcazar zu ſitzen, und irgend eines Lebens⸗ zeichens im Balkonzimmer zu harren. Da er des Ent⸗ ſchluſſes ſicher war, ſo reizte ihn das Harren auf ein Signal. Romantiſche Maurin, fluͤſterte er laͤchelnd vor ſich hin, Du irrſt Dich, wenn Du meinſt, mich un⸗ geſtraft herausfordern zu koͤnnen! Ich gehoͤre nicht zu den unthaͤtig ſchmachtenden Troubadours. Oder— ſpaniſch Blut iſt heißes Blut!— iſt es vielleicht gar die hoͤchſte Zeit? Hat ſie mir geſtern ſchon gezuͤrnt, daß ich vorge⸗ ſtern die dargebotene Gelegenheit nicht entſchloſſener er⸗ griffen, den Balkon nicht erſtiegen habe, durch das Git⸗ ter, uͤber die Treppen nicht hinauf gedrungen bin? foi de gentilhomme, ich bin wohl klaͤglich und furchtſam ge⸗ worden in meinem heilloſen Kerker! So wird es ſein, und ich habe Eile, meine Ehre als romantiſcher Abentenrer aufrecht zu erhalten!— In dieſem Augenblicke zeigten ſich Lichter auf der lin⸗ ken Seite des Palaſtes, ſte leuchteten und verſchwanden an mehreren Fenſtern voruͤber, ſie wurden feſt im Bal⸗ konzimmer— der Koͤnig ſprang auf, er eilte an's Gitter, er ſah eine Dame, ſie verſchwand aber wieder, und die Balkonthuͤren waren geſchloſſen, es zeigte ſich nichts wei⸗ ter, es verlautete nichts. Die Ungeduld ſchlug uͤber ihm zuſammen, er riß das Gitter auf, er eilte unter den Bal⸗ kon! Aber es war von dieſem Balkon aus nicht der ge⸗ ringſte Anhalt nach unten hin geboten, er war nicht zu er⸗ reichen! Der Koͤnig wendete ſich raſch und trat in den Flur des Palaſtes, deſſen Thuͤr nur angelehnt war, wem aber begegnete er da?— dem Herzoge von Bourbon, der eben die Haupttreppe rechts herabgekommen war, und ſich nach den Hoͤfen zu gewendet hatte. Der Koͤnig erkannte ihn, der im vollen Lampenlichte des Flurs dahinſchritt, auf der Stelle, Bourbon, der nur halb ihm zugewendet war, ſchien ihn nicht ſogleich zu erkennen, wohl aber ſchien ihm die Figur des Koͤnigs aufzufallen, die im Dunkel der Flurthuͤre ſich bewegte. Er hemmte ſeinen Schritt, unentſchloſſen that der Koͤnig einen Augenblick desgleichen, faßte ſich aber ſchnell und betrat die ganz an der Thuͤr belegene Treppe linker Hand. Er bemerkte, daß Bourbon nicht weiter ging— der ſchwere Schritt des ſtarken Kriegers hatte vorher ſtark ge⸗ nug auf dem Marmorboden des Flurs geklungen— und außerſt unangenehm beruͤhrt von dieſer Begegnung, ſchritt der Koͤnig, an lauter widerwaͤrtige Folgen denkend, die dunkle, ihm unbekannte Treppe langſam aufwaͤrts. Ach was! Spreche er, zu wem er moͤge! Die Dinge dahier ſind von heute an geaͤndert, und meiner Gunſt be⸗ darf er doch, wenn er auch durch Friedensartikel in ſeinen Beſitz wieder eingeſetzt wird; ſein Bourbonnais wachſe noch ſo ſehr in die Breite, er bleibt mein Vaſall, und iſt meines guten Willens beduͤrftig! Alſo denkend war der Koͤnig in einen matt erleuchte⸗ ten Vorſaal gekommen, ſeiner Berechnung nach konnte ihn nur noch eine Mauerbreite von etwa drei Fenſtern trennen vom Balkonzimmer, welches er ſuchte. Er ſtand vor einer niedrigen Fluͤgelthuͤr, die ſeinem leiſen Drucke wich, und ihn in ein großes, eben ſo matt wie der Vor⸗ ſaal erleuchtetes Zimmer fuͤhrte. Aber o Himmel, in dem daran ſtoßenden Gemache, welches ſeiner Berechnung nach das Balkonzimmer ſein mußte, und deſſen halbe Thuͤr ein wenig geoͤffnet war, hoͤrte er eine Frauenſtimme ſprechen! Seine reizende Unbekannte war alſo nicht allein. Und wenn es nur ihre Kammerfrau war, ſo war es eine uͤble Verlegenheit fuͤr ihn, denn wahrſcheinlich nahm ſie ihren Ausgang durch das Gemach, in deſſen Mitte er eben ſtand, und— was ihm noch uͤbler duͤnkte als dies: die Unbekannte hatte alſo wohl, da ſie ſich nicht allein verhielt, ſchwerlich auf einen ſolchen Ausdruck ſeiner romantiſchen Sinnesart, wie das dreiſte Eindringen in ihr Zimmer, gerechnet. In dieſer Verlegenheit glaubte er auch obenein hin⸗ ter ſich auf dem ſchmalen Vorſaale Schritte zu hoͤren, ſo daß ihm alſo auch ein ſichrer Ruͤckzug abgeſchnitten war. „So iſt denn jeder Gran von Gluͤck,“ knirſchte er in ſich hinein,„aus meinem Leben gewichen! Der erſte Schritt, den ich aus dem ſtieren Leide heraus ſetze, wirrt mich in die unwuͤrdigen Nothwendigkeiten des Taͤuſchens und Luͤ⸗ gens. Daß Dich die Peſt! Brion und Montmorency muß ich geſucht haben— man kommt!“ Die Stimme aus dem vermeintlichen Balkonzimmer naͤmlich hatte ſich der halbgeöffneten Thuͤr genaͤhert, er hoͤrte die Worte„Muth, es wird Alles gut werden!“ und erwartete mit wieder gewonnener Zuverſicht, ſeine Unbe⸗ kannte auf der Schwelle erſcheinen zu ſehn, er hatte in die⸗ ſen Worten ihre Stimme erkannt. Aber nein, auf der entgegengeſetzten Seite, mehr nach rechts, nach den Hö⸗ fen zu hoͤrte er eine Thuͤr oͤffnen und ſchließen, und bemerkte, daß es ſtill in dem Zimmer wurde, daß ſeine Dame alſo allein ſein muͤſſe. Leiſeſten Schrittes, wie er ihn auf der Jagd erlernt, ſchlich er bis an den halb offenen linken Fluͤgel der Thuͤr, um in's Zim⸗ mer blicken zu koͤnnen. Er ſah die Dame, wunderſchoͤnen Wuchſes, den Ruͤcken ihm zukehrend, an einem Tiſche be⸗ ſchäftigt, wie es ſchien mit Ordnen von Schmuckſachen. Der uͤppigſte Nacken, die ſchoͤnſten Arme hoben ſich vom dunklen Haare, vom ſchwarzſeidnen Gewande, der Koͤnig ſtand vor einem Reize, der ihm ſo lange entzogen worden, der ihm wunderbar traulich und maͤchtig verführeriſch winkte, er ſtand eine Zeitlang unbeweglich, und ſchwelgte in dem Anblicke, und folgte begierig den leichten Bewegungen der ſchoͤnen Arme. Dann trat er, der lebhaften Neigung ſeines Naturels⸗ſich hingebend, raſch in's Zimmer. Die Dame wen⸗ dete ſich eben ſo raſch und zeigte ſich in Aufhebung der Arme, in Raſchheit und Heftigkeit der Bewegungen ſo ungeſtuͤm, daß er ihr Antlitz nicht ſogleich unterſcheiden konnte, aber mit Ueberraſchung ſah und füͤhlte, daß ſie an ſeine Bruſt flog. Es war Francoiſe. Franz war gutmuͤthig genug, ſich dieſer unerwarteten Begegnung zu freuen. Warum ſollte er auch nicht! In Liebe, wenn auch nicht eben in herzlicher Treue war er von ihr geſchieden, fluͤchtige Treuloſigkeiten abgerechnet hatte nichts ſein Grundverhaͤltniß zu Frangoiſe geſtoͤrt, und die Kriegsunfälle konnten doch nur geeignet ſein, ihm eine hingebende Frauenliebe werther und theurer zu machen. Die romantiſche Neigung zu der geheimnißvollen Dame dieſes Palaſtes ferner war doch bis jetzt nur ein tändelndes Spiel ſeiner Phantaſie, einer durch Einſamkeit uͤberreizten Phantaſie geweſen. Am Ende mußte ſolche phantaſtiſche Reizung zum Vortheile Francoiſens ſelber gedeihn, da ſie das zufaͤllige Gluͤck hatte, ſeiner liebeſuͤchtigen Stim⸗ mung im entſcheidenden Augenblicke ſelbſt entgegen zu tre⸗ ten, und reizend entgegen zu treten! Denn der Koͤnig fand ſie ſchoͤn, ſchoͤner als je, liebenswuͤrdig, ja liebenswuͤr⸗ diger als je in den Erguͤſſen eines wahrhaft liebenden, ſich ſelbſt verlaͤugnenden, ſeinen Liebesgegenſtand uͤber Alles verherrlichenden Herzens. Der ſo lange aufgedaͤmmte Strom voller Liebe ergoß ſich jetzt uͤber ihn, den ſo tief Verarmten, mit voller berauſchender Fluth. Alles Gluͤck hatte ſich ihm ſeit langer Zeit verſagt, nur dies engel⸗ gleiche Geſchoͤpf war ihm unerſchuͤtterlich ergeben geblie⸗ ben, und erſchien jetzt wie ſein guter Genius, ihm lang vermißte Lebensfreude, farbige Hoffnungen, herzliche Zu⸗ verſicht in vollem Maaße wiederzubringen. Ja, die Innigkeit ihres Weſens, die Heiterkeit einer Laune, die ihr neben dem Geliebten in vollem Schwunge liebenden Uebermuthes ſprudelte, gewaͤhrten ihm eine ſe⸗ lige Stunde; aber wenn dieſes Gluͤck von Dauer ſein ſollte, ſo mußte dies endlich wieder vereinigte Liebespaar auf der Stelle nach Frankreich abreiſen koͤnnen. Dann vielleicht kam nie zur Reife, was in dem Charaktergange des Koͤnigs leider vorbereitet war zum Verderben dieſes Liebesverhaͤltniſſes. So erſcheint wohl ploͤtzlich ein Gewit⸗ ter am Himmel, und ſcheint durch Donner und Blitz und fruchtbaren Gußregen die verzehrende Schwule einer hei⸗ ßen Jahreszeit umzuaͤndern, aber das Wetter erſchoͤpft 46 ſich, die herrſchende Stimmung der Atmoſphaͤre iſt nicht grüͤndlich uͤberwaͤltigt worden, und mit der neu aufgehen⸗ den Sonne iſt die vorige Schwuͤle und Duͤrre wieder maͤch⸗ tig, als ob keine Unterbrechung ſtattgefunden haͤtte. Franz war wohl gutmuͤthig, aber nur in beſtimmter Lage, die Gutmuͤthigkeit war nicht ausgeſchloſſen von ſeinem Charakter, aber ſie war kein herrſchender Grund⸗ zug deſſelben. Seinem Unternehmungsſinne, und dieſer war ſeinem Herzen wie ſeinem Geiſte eigen, durfte nicht unmittelbar neben der gutmuͤthigen Regung ein Wink, eine Verſuchung erſcheinen, ſie wirkten immerdar ſtaͤrker als die gutmuͤthige Regung. So haͤtte er die romantiſche Lo⸗ ckung ſeiner geheimnißvollen Dame vielleicht vergeſſen, oder ſie waͤre untergegangen in ſolcher Freude des Wieder⸗ findens, wenn Francoiſe dafuͤr geſorgt haͤtte, daß ihn an dieſem Abende nichts mehr daran erinnert haͤtte. Und es waͤre ihr ſo leicht geworden! Sie durfte ihn nur hinuͤber⸗ führen zur Schweſter Margaretha, mit der ſie angekom⸗ men war, und die im andern Fluͤgel wohnte, ſie durfte ihn nur eiligſt entfernen aus dieſen Gemaͤchern ſeiner Ge⸗ faͤngnißromantik, in welchen die Urheberin dieſer Roman⸗ tik wohnte und jeden Augenblick erſcheinen konnte. Denn Niemand anders als ſie war es geweſen, welche kurz vor Eintritt des Koͤnigs Francoiſe verlaſſen, auf kurze Zeit verlaſſen hatte. Aber wie konnte Francoiſe daran denken! Nach ſo langer Trennung den Geliebten wieder im Arm haltend ſollte ſie klug ſein, wo nicht einmal Aufforderung zur Klugheit vorlag! Doch ſollte ſie's! Hierin, und hierin allein lag das Geheimniß, einen Mann wie Koͤnig —, 47 Franz dauernd zu feſſeln. Koketterie im guten, vielleicht auch ein wenig im ſchlimmen Sinne war dieſer Kuͤnſtler⸗ Natur gegenuͤber unerlaͤßlich; durch unerwartete V gerſa⸗ gung, unvorhergeſehene Wendun mußte ihm das Sichere immer wieder unſicher, das Einfache mannigfaltig, das Liebesleben ein Roman werden, den nicht ſeine Laune und der Zufall, ſondern die Geliebte erfand. Leider glauben gerade die beſten Frauen ſo ſelten, daß die Liebe, wenn ſie dauernd ſein will, auch eine Kunſt ſein muß, ja ſie rechnen ihrem Herzen zur Ehre, was ſie der Kunſt zum Schaden thun. Francoiſe, ein reich begabtes Frauen⸗Na⸗ turel hatte einen Moment lang die Idee, den Koͤnig in⸗ mitten des Liebestaumels hinweg zu fuͤhren, damit er die geliebte Schweſter begruͤße. Gleichguͤltig, ob dieſe Abſicht nur zur Haͤlfte aus einem kuͤnſtleriſchen Gedanken und zur andern Haͤlfte aus ihrem guten Herzen, Margarethen den Bruder eiligſt zuzufuͤhren, ſtammen mochte; es waͤre ihr Glüͤck geweſen, wenn ſie ſelbige ausgeführt haͤtte, ihr Schickſal ſtand in dieſer ſcheinbaren Kleinigkeit auf dem Spiele. Aber der Koͤnig war ſo olüanlu und ſo lieb in ihren Armen, er ſchalt ſo lieblich, daß ſie an etwas Anderes denken könne! Dennoch kam ſie darauf zuruͤck, und traf die am Eindringlichſten klingende Saite, indem ſie er⸗ zaͤhlte, daß Budé und Meiſter Cleͤment mitgekommen waͤren, und daß der letztere ſeine in der Gefangenſchaft ausgebildeten Talente der Intrigue vortrefflich gepflegt habe. Liebenswuͤrdig und geiſtreich habe er ſie ununter⸗ brochen von Station zu Station dergeſtalt in Bewegung 48 geſetzt, daß der Koͤnig, auf Marot's Vorbereitungen ein⸗ gehend, mit ziemlicher Sicherheit ſogleich entfliehn koͤnne. Die Pferde, ſetzte ſie hinzu, ſtehn bis Navarra bereit— Fuͤr den Koͤnig von Frankreich? Nicht doch, fuͤr ihn, der als deutſcher Fuͤrſt uns her⸗ geleitet hat im Auftrage des Kaiſers und der mit neuen Auftraͤgen für die Regentin flugs wieder zuruͤckkommen werde. In ſeinem Gefolge, das er als ziemlich zahlreich angeküͤndigt hat, koͤnnteſt Du in 36 Stunden an der Grenze, und ſomit in Freiheit ſein. Waͤre ich aus dieſem ſorgfäͤltig bewachten Palaſte her⸗ aus, und waͤre ich meines eignen Verſprechens, des Kai⸗ ſers Gefangener ſein zu wollen bis zum Friedensſchluſſe, entbunden!— Komm! Dieſer Poet iſt unerſchoͤpflich, er wird auch fuͤr dieſen zweiten, mißlichen Punkt eine Auskunft wiſſen. Hoͤr' ihn wenigſtens. Fuͤr den erſten Punkt weiß er ſicher⸗ lich, und fuͤr dieſen giebt es heute, da man ſchaarenweiſe ſeit unſrer Ankunft hier aus⸗ und eingeht, am Erſten Rath. Vielleicht kehrt die Gelegenheit nicht mehr ſo guͤn⸗ ſtig wieder. Der Poet blendet Dich; das nimmt ſich in der Schil⸗ derung artig aus, aber in der Wirklichkeit hat Marot zu wenig Uebung. Und bedenke die entſetzliche Lage, wenn es mißlingt! Wenn ich wie ein klaͤglicher Sunder vor die⸗ ſen ſtolzen Spaniern wieder erſcheinen muͤßte, oh! Aber es kann gelingen! Und da der Kaiſer unbegreif⸗ lich niedrig all ſeinen Vortheil des Tags von Pavia dar⸗ auf geſtellt hat, Dir, dem gefangenen Helden Opfer 49 abzupreſſen, da er mit ſeinem ſiegreichen Heere nicht ein Dorf Frankreichs waͤhrend der anderthalb Jahre erobert und Deiner klugen Mutter hinreichende Zeit gelaſſen hat, neue Buͤndniſſe zu ſchließen, neue Truppen zu werben, und die Grenzen zu ſichern, ſo verliert er, betritt erſt Dein Fuß ohne zuruͤckgelaſſene Bedingungen und Verſprechungen die Grenze, allen bisherigen Vortheil! Komm, hoͤre, uͤber⸗ lege! Seit wann biſt Du denn ſo politiſch geworden, Fran⸗ goiſe? Mein Gott, ſeit ich nichts Beſſeres zu thun hatte, ſeit mein Liebhaber mich verlaſſen! Sie kuͤſſend erhob ſich der Koͤnig, um ihr wirklich zu folgen— da ging die Thuͤr hinter ihnen auf, dieſelbe Thuͤr nach dem vorderen Theil des Palaſtes, durch welche vorher die geheimnißvolle Dame ſich entfernt hatte, und dieſe ſel⸗ bige Dame trat in's Zimmer. Koͤnig Franz, umſchauend und ſie erblickend ſtand wie verzaubert ſtill: die Frau, welche er am Arme hielt, und welcher er noch eben vollen Herzens zugethan geweſen war, ſie war vergeſſen, ſeine Seele flog dieſem jugendlichen Ge⸗ ſchoͤpfe zu, und haftete in dieſen großen dunklen Augen, an dieſem die lieblichſte Melancholie ausdruͤckenden Mund e, an dieſer feinen, in edlen weißen Stoff gekleideten Geſtalt. Das glaͤnzend ſchwarze Haar, in langen Locken ringsum wallend, die dichten ſchwarzen Augenbrauen, und die uͤber⸗ aus leiſe aufgehauchte Rothe verliehen dieſer Jugend einen Ausdruck von Ernſt und Beſtimmtheit, welcher jede leicht⸗ ſinnige Regung zuruͤckwies, und welcher jegliche Regung zu Laube, Chateaubriant. III. 4 „* ———— 50 erheben ſchien. Ja, es war daſſelbe Maͤdchen⸗Antlitz, welches er an jenem Abende in Fontainebleau fluͤchtig ge⸗ ſehen hatte, es war Chimene. Aber das Maͤdchen war volle Jungfrau geworden. Die dunklen Augaͤpfel auf dem blauweißen Grunde hatten Energie, der Mund Feſtgkeit, der Hals Fuͤlle, die Schultern Rundung gewonnen, ſie uͤber⸗ traf ſelbſt das Bild phantaſtiſcher Traͤume des Königs, und die tiefe aber milde Stimme, die er nun in der Naͤhe wieder vernahm, bewegte ihm das Herz in lieblichſtem Wohlbehagen. Vergebt, ſprach ſie, ich habe, unbedacht heran tretend, Eure letzten Reden gehoͤrt, und moͤchte mit allem moͤglichen Nachdruck den Rath meiner Freundin Francoiſe unter⸗ ſtutzen. Flieht, Koͤnig Franz! Wollt Ihr uns begleiten auf unſrer Flucht? Ich habe erfahren— ſetzte ſie erroͤthend hinzu, ohne die Frage des Koͤnigs zu beantworten— was der Kaiſer nach ſeinem Beſuch im Alcazar geaͤußert hat: es benimmt Euch jede Ausſicht auf die geringſte Nachgiebigkeit und Billigkeit von ſeiner Seite, und giebt Euch ein Recht, alle ritterliche Ruͤckſicht, durch welche Ihr Euch ohne foͤrmlichen Friedensſchluß zur Haft verpflichtet glaubt, bei Seite zu ſetzen.. Sprich, Chimene, was hat er geaͤußert? fragte Fran⸗ coiſe, da der Koͤnig dergeſtalt in den Anblick des Maͤdchens verſunken war, daß er ſelbſt bei dieſer wichtigen Behaup⸗ tung keine Frage ſtellte. Er hat meinem Vater anbefohlen, die Wachſamkeit zu verdoppeln, da der Koͤnig von Frankreich in wunderlichen 51 Illuſtonen befangen ſei, und ſicherlich, wenn jetzt nach An⸗ kunft der Herzogin von Alençon die Bedingungen wieder blank zur Sprache kaͤmen, heftige Enttaͤuſchung empfinden werde. In Folge derſelben koͤnne er irgend einen verwe⸗ genen Entſchluß zur Selbſtbefreiung faſſen.— Mein Gott! ſetzte ſie leiſe und haſtig hinzu, indem ſie nach der Thuͤr zuruͤckeilte und dieſe leiſe oͤffnete, um hinaus zu blicken. Was iſt? rief der König, Ihr verlaßt uns doch nicht!. Ich glaubte Geraͤuſch zu hoͤren; dieſer Theil des Hau⸗ ſes iſt durchkreuzt und durchbrochen von geheimen Gaͤngen und Thuͤren, daß man nirgends ſicher iſt vor Horchern. Und ſeit Abend ſind, wahrſcheinlich auf Befehl des Kaiſers, lauter neue Geſichter im Hauſe erſchienen; eilen wir hin⸗ uͤber zu den Eurigen, dort ſind wir ſichrer. Sie hatte vollkommen recht gehabt. Ihr eigner Va⸗ ter, der ſie von ihrer Jugend auf mit Grauen und Miß⸗ trauen betrachtet, der von ihrem Geſangs⸗Verkehr nach dem Alcazar hinuͤber etwas bemerkt, und von dem weggehenden Bourbon erfahren hatte, Koͤnig Franz ſei in dieſen Theil ſeines Hauſes getreten, zeigte ſich, als ſie hinweggegangen waren, einen Augenblick an einer Oeffnung der Tapete, die neben einem lebensgroßen Bilde Chimenens angebracht und bis dahin vollkommen unſichtbar geweſen war. Das vertrocknete gelbe Geſicht des alten Spaniers blickte un⸗ heimlich von dorther, aus der halben Hoͤhe des Zimmers uͤber das Gemach herab, als ob er ſich überzeugen wolle, daß er zu ſpaͤt gekommen und daß Niemand mehr zugegen 4* ——— 52 ſei. Es verſchwand nach einer Minute wieder ſpurlos wie die Oeffnung ſelbſt. Dieſer Mann war keinesweges geneigt, den gemeinen Waͤchter oder gar Spion des ſpaniſchen Koͤnigs abzugeben. Ihm war es ſogar zuwider, daß der Koͤnig von Frankreich ſo behandelt werde, und er hatte, als Kaiſer Karl zu ſol⸗ chem Ende den Palaſt Infantado in Anſpruch genommen, ganz wie ein ſpaniſcher Grand die merkwuͤrdige Antwort gegeben: mein Haus iſt meinem Koͤnige zu Dienſt, aber ich werde es verlaſſen oder niederreißen, ſobald es den gefor⸗ derten Dienſt eines Gefängniſſes ſolcher Art erfuͤllt hat.— Von dieſer Seite alſo haͤtte Koͤnig Franz nichts zu beſorgen gehabt, aber durch Chimenens Hinzutreten wurde dies Ver⸗ haͤltniß aͤußerſt nachtheilig fuͤr Koͤnig Franz geaͤndert. Jede Beruͤhrung, auch die entfernteſte, mit dieſer Tochter, die er fuͤr ſein Ungluͤckskind hielt, und von der aus er ſich mit ir⸗ gend einer ſchrecklichen Kataſtrophe bedroht glaubte, beob⸗ achtete er mit argwoͤhniſchem Argusblicke, beſonders ſeit ſie ſich mit auffallend feſtem Eigenſinne geweigert hatte, in ein Kloſter zu gehn, und mit unerhoͤrter Entſchiedenheit darauf beharrt war, die Zimmer ihrer verſtorbenen Mutter zu be⸗ wohnen. Eine heimliche Flucht des koͤniglichen Gefangenen fer⸗ ner, die des Herzogs Fahrlaͤſſigkeit zugeſchrieben werden konnte, haͤtte er um jeden Preis verhindert, wenn die Beab⸗ ſichtigung derſelben ihm bekannt wurde. Das Amt eines ſolchen Waͤchters war ihm zwar tief verhaßt, aber einmal halb und halb dazu verpflichtet, haͤtte er es im Nothfalle auch mit unerbittlicher Strenge ausgeuͤbt.— Die beiden Damen und der Koͤnig kamen indeß unbe⸗ hindert zu den neuen Ankoͤmmlingen hinuͤber, die in Be⸗ ſuͤrzung geweſen waren, daß auf geſchehene Nachfrage der Koͤnig im Alcazar vermißt worden war, und die nun um ſo lebhafter die Freude des Wiederſehens ausdruͤckten. In ſeiner aufgeregten Stimmung begruͤßte Franz die geliebte Schweſter vielleicht noch inniger, und beharrte er noch laͤn⸗ ger bei dem Ausdrucke perſoͤnlicher Theilnahme, als es ſonſt geſchehen waͤre, aber Margaretha ſelbſt drang endlich auf Erledigung der politiſchen Frage, welche ſie nach Spa⸗ nien gebracht hatte, und fuͤhrte damit bald die entſcheidende Frage:„Flucht oder nicht Flucht?“ herbei. Hoffe nichts, rief Margaretha, von dieſem bleichen Manne, der nichts empfindet, der nur rechnet wie der Kaufmann. Ich habe ihn geſprochen, am Thore der Stadt empfingen mich ſeine Leute und fuͤhrten mich zu ihm; er iſt wie eingemauert in ſeine unbilligen Forderungen, und hat mich mit einer Ei⸗ ſeskaͤlte, deren ich Zeit meines Lebens mit Schrecken geden⸗ ken werde, verſichert, daß ich den Zweck meiner Herkunft, Dein Wohl, Franz, nur dann erreichen würde, wenn ich Dich bewoͤge, dieſe Forderungen zu bewilligen. Denn nur nach dieſer Bewilligung wuͤrdeſt Du frei. Und welche ſinds? fragte der Koͤnig, der nicht eben arg davon betroffen, ſondern zerſtreut zu ſein ſchien. Burgund, Flandern, Artois ſollſt Du abtreten, Deine Freunde, den Koͤnig von Navarra, den Herzog von Gel⸗ dern, den La Marck ſollſt Du ihm preisgeben, den Conne⸗ table und deſſen Genoſſen in alle alten Rechte und Beſitzun⸗ gen einſetzen, eine halbe Million Ekuͤ's zahlen, ja— Noch mehr? Ja, die bisher dem Connetable verſprochene Schweſter des Kaiſers— Eleonore? Eleonore heirathen. 3 Foi de gentilhomme, das geht uͤber Alles! Ein leiſer Ausruf Frangoiſens und Chimenens hatte die letzte Bedingung begleitet, und der König, leichtſinnig laͤchelnd, denn er gedachte nimmermehr ſolche Bedingungen einzugehn, ſetzte hinzu, indem er ſich dieſen Damen zuwen⸗ dete: Sie ſoll außerordentlich blond ſein und eine eben ſo hervortretende Unterlippe haben wie ihr Bruder. Scherze nur, ſprach Margarethe, es iſt nur zu bittrer Ernſt. Bourbon, dem ſie beſtimmt war, und dem nun da⸗ fuͤr das Herzogthum Mailand verſprochen worden i*ſt, hat mich hierher begleitet, und mich nur zu tief in den Abgrund um uns her blicken laſſen. Sei er wie er ſei, er iſt doch Franzoſe, und ſein Herz ging ihm auf, als er uns ſah; er iſt ungluͤcklich, grenzenlos ungluͤcklich, ſein Verrath am Va⸗ terlande und an Dir zerfrißt ihm das Herz, und von dieſem Kaiſer ſieht er ſich fortwaͤhrend hingehalten und getaͤuſcht. O, dieſer ſpaniſche Karl, dieſer fuͤhlloſe Kaiſer iſt undank⸗ bar ſelbſt gegen den einzigen Franzoſen, dem er ſein Gluͤck bei Pavia verdankt. Bourbon ſchied von mir mit dem Rathe, Dir um jeden Preis zur Flucht zu helfen, es ſei Dein einzig Heil, und auch ihm werde es eine wohlthuende Rache an dieſem Kaiſer ſein. Eines Verraͤthers Rache! murrte der Koͤnig in ſeinen Bart, die Strafe iſt ihm gerecht. Was ſagt Europa, wenn ich fliehe, ich, der ich mich ſelbſt geſtellt, der ich alſo mein eigner Waͤchter bin. Clément Marot, der jetzt ganz ſtattlich kriegeriſch aus⸗ ſah und mehr Sicherheit als ſonſt verrieth, nahm auf dieſe Aeußerung des Koͤnigs ein wenig vorlaut das Wort, und rief: Ueberlaͤßt er Euch die Wache, Sire? Im Gegentheile, ſprach Brion. Was ſagſt Du dazu, Budé, Du haſt ein fein gebildet Rechtsgefuhl. Ich ſage, je fruͤher Eure Majeſtaͤt das rechte Ufer der Bidaſſoa betreten, deſto eher wird Frankreich wieder gluͤck⸗ lich— Deſto weniger verliert es Provinzen. Du weichſt aus, nun denn Montmorency, Du biſt der Mann dazu, entſchei⸗ de, die Damen hier haben mich ſchon losgeſprochen, und eine iſt ſelbſt Spanierin, entſcheide Du! Sire, wer mir nicht traut, dem bin ich nichts ſchuldig! Topp! ſo gehen wir an's Werk! Eine Todtenſtille trat ein nach dem Ausſpruche dieſes Entſchluſſes, und Koͤnig Franz ſetzte nach einer Pauſe hin⸗ zu: Und ſo geſchehe es denn im Nothfalle auf Tod und Le⸗ ben! Macht Eure Schwerter locker, Ihr Herrn! Tritt man uns entgegen, ſo brechen wir durch eine Mauer von Lanzen. Wir ſind alſo einbegriffen? rief Brion. Natuͤrlich! Wer zurückbliebe, könnte ſchlimm gebettet ſein. Wie viel haſt Du Pferde bereit, Clément? Zehn gute Pferde, Sire. Vortrefflich, dann wird auch unſre ſchoͤne ſpaniſche Alliirte verſehen, die uns doch nicht verlaſſen wird, hoffe 56 ich?! Ihr Damen moͤgt nach der erſten Station die Straße nach Katalonien einſchlagen, damit Ihr nicht zu ſolcher Eile genoͤthigt ſeid; denn verfolgen wird man nur uns. Verzeiht, Sire, unterbrach ihn hier Chimene— wenn auch die Seigneurs eingeſchloſſen ſind, ſo reichen unſre Paß⸗ muͤnzen nicht aus; ich will aber verſuchen, deren beim Haus⸗ hofmeiſter des Palaſtes auf unverfaͤngliche Weiſe noch einige zu erwerben. Dieſe Paßmuͤnzen waren alte Goldſtuͤcke vom Umfange eines doppelten Quadrupels mit dem Infantado'ſchen Wappen, alſo aus einer Zeit, da dieſe Familie noch das Recht beſeſſen hatte, eigne Muͤnzen zu ſchlagen. Daß fuͤr ſolchen Zweck des bloßen Ausweiſes ſo werthvolle, dem Ver⸗ luſt leicht ausgeſetzte Goldſtuͤcke gewaͤhlt wurden, war ein aͤch⸗ ter Zug ſpaniſchen Grandenſtolzes, und der Herzog hatte ſei⸗ nem Haushofmeiſter ausdruͤcklich eingeſchaͤrft, bei⸗ Austhei⸗ lung derſelben durchaus nicht ſparſam zu ſein, ſo weit ſie von Perſonen gefordert wuͤrden, denen die Abſicht eines Befreiungsattentates nicht eben zugetraut werden duͤrfe. In dieſem Betracht alſo haͤtte die Erlangung neuer Paßmuͤnzen fuͤr Chimene keine Schwierigkeit gehabt. Sie erhielt ſte denn auch, wie ſie vorgab, fuͤr einige Herren aus dem Gefolge Bourbons, welche der Herzogin von Alengon aufwarten wollten, und der Haushofmeiſter hielt es nicht fuͤr noͤthig, gegen die Tochter des Hauſes zu erwaͤhnen, daß der Herzog ſelbſt heute bei ihm geweſen ſei, um ſich nach der Zahl der ausgegebenen Paßmuͤnzen zu erkundigen und daß er ſtrengere Vorſicht als bisher bei Austheilung neuer em⸗ pfohlen habe. —— „,„— 57 Chimene ſelbſt war uͤbrigens keinesweges Willens, der Aufforderung Koͤnigs Franz gemäß die Flucht bis nach Frankreich zu theilen. Sie wollte den Koͤnig befreit, und ihre Freundin Francoiſe, der ſie mit faſt religioͤſer Anhaͤng⸗ lichkeit ergeben war, an der Seite des Koͤnigs gluͤcklich ſehn. Nachzuweiſen, woher dieſe Anhaͤnglichkeit an eine Dame, die ihr oft genug herb begegnet, entſtanden ſei, dies moͤchte große Schwierigkeit haben. Jugendliche Gemuͤther edlen Stoffes weihen ſich ſo gern ſolchen Perſonen ihres Geſchlechts, die ihnen einige Jahre an Alter voraus ſind, und deren Lebensweiſe und Schickſale etwas Beſonderes darbieten. Sie bilden ſich aus ſolchen Perſonen verkör⸗ perte Ideale, und ordnen ſich ihnen unter ſelbſt in den wich⸗ tigſten Empfindungen und in den fur ſie ſelbſt wichtigſten Intereſſen. Ob Chimene den Koͤnig Franz liebenswerth und deſſen Neigung fur ſich ſelbſt wünſchenswerth gefun⸗ den, das kam ihr in ſo deutlicher Faſſung niemals zur Frage. Francoiſens Nebenbuhlerin zu ſein waͤre ihr eine verbrecheri⸗ ſche Stellung geweſen, und je entſchiedener ihr der Koͤnig ſeine Vorliebe bekundete, deſto feſter wurzelte ſich ihr Vorſatz, nach der Befreiung deſſelben in den Palaſt des Vaters zu⸗ ruͤckzukehren, und die Schuld des Attentates auf ſich zu neh⸗ men. Unter eitel truͤben Verhaͤltniſſen erzogen, war ihre Seele ſtets dem Opfer zugewendet, und Opfer zu bringen ſchien ihr das natürlichſte Loos zu ſein. Auch hatte ſie eine innere Scheu vor dem Leichtſinne des Koͤnigs, und waͤre wahrſcheinlich zuruͤckhaltend gegen ihn geblieben, ſelbſt wenn ſie eine ſiegreiche Nebenbuhlerſchaft mit Francoiſe fuͤr moͤglich gehalten, ſelbſt wenn ſie die bereits erwaͤhnte ———— 58 hingebende Geſinnung für die Freundin nicht in ſo hohem Grade empfunden haͤtte. Es war uͤbrigens Alles vorbereitet zur Flucht, als ſie zu den Franzoſen zuruͤckkéhrte. Fuͤr den Koͤnig war der weite Sammetmantel gebracht worden, den er im Lager von Pavia zu tragen gewohnt geweſen, den man aber in Madrid, wo er nur waͤrmere Jahreszeit verlebt, nie an ihm geſehen hatte, und Montmorency, der ſtets in grober prak⸗ tiſcher Kriegskleidung einherging, hatte ihm einen breit⸗ krempigen, das Geſicht tief beſchattenden Hut gegeben. Auch ſollte er groͤßerer Sicherheit wegen nicht ſelbſt ſeine Paßmuͤnze vorzeigen, ſondern Marot ſollte dies fur ihn thun. So war denn der Augenblick des Wagniſſes da, der Herbſtabend war bis gegen die neunte Stunde vorgeruͤckt, und die zur Flucht Entſchloſſenen waren alle an die Fenſter getreten, durch welche man nach den Hoͤfen hinaus, alſo auf das zu betretende Kampfesfeld blickte. Eine allge⸗ meine Stille war unter ihnen eingetreten, Jeder ſchien zu wuͤrdigen, wie viel vom Gelingen oder Mißlingen abhaͤnge. Das Mißlingen war nicht ſo gefährlich, als uberaus pein⸗ lich, und das empfand Jeder, obwohl Keiner gegen den Plan aufgetreten war. Die Ueberlegenheit Koͤnigs Franz im Alcazar⸗Gefaͤngniſſe war bis jetzt eine moraliſche gewe⸗ ſen, der adlige Sinn hatte ſich erhaben und ſtolz fuͤhlen koͤnnen neben dem Kaiſer, der das Kriegsgluͤck in ungroß⸗ muͤthiger Weiſe ausbeutete. Dieſe moraliſche Ueberlegen⸗ heit ward jetzt auf's Spiel geſetzt. Im Fall des Gelin⸗ gens, nun, da konnte man ſie entbehren, man gewann die 59 Freiheit dafuͤr, und mit der Freiheit den Raum, vor aller Welt zu beweiſen, es ſei ſolch ein Schritt gegen die unedle Behandlungsweiſe des Kaiſers nothig geweſen. Im Fall des Mißlingens aber?— dieſe duſtere Wolke lag auf allen Geſichtern eben ſo ſchwarz, wie ein dunkles Wolkengebirg aufgethuͤrmt lag auf den Guadarrama⸗Bergen, die man jenſeits Madrid im lichten Vollmondſcheine von den Fenſtern aus erblickte, ſo hoch und feſt gethuͤrmt, daß man nicht mehr unterſcheiden konnte, was Berg, was Wolke ſei. Die Maͤnner wußten eben auch nicht mehr, was Gefäͤngniß⸗Hy⸗ pochondrie, was gegründete Beſorgniß in ihnen waͤre. Ge⸗ demuͤthigt zu ſein, iſt viel ſchmerzlicher, als gefangen zu ſein, und gedemüthigt waren ſie, wenn es mißlang. Auf denn, rief der Koͤnig endlich, haben wir den Muth gehabt, es zu beſchließen, ſo müſſen wir auch den Muth ha⸗ ben, es auszuführen. Gott weiß, daß ich auch lieber in einen Regen von Kugeln hineinſchritte, als in dieſe Pforten ſpaniſcher Waͤchter. Vorwaͤrts! Ich mache den Anfang mit unſerem ſpaniſchen Schutzengel und Marot, mir folgt Montmorency mit Margaretha, dann Brion mit Graͤfin Francoiſe, und der bedaͤchtige Budo ſchließt den Zug. So geſchah's. Was gegen die Zerſtreuung zutraͤglich war, daß naͤmlich Franz ſeine neue Neigung, Brion ſeine alte Liebe am Arme fuͤhrte, das war freilich der Vorſicht nicht eben förderlich. Und Vorſicht war doch gar ſehr vonnothen. Chimene vor Allen haͤtte unbefangen ſein ſollen, ſie ſchauerte aber in Angſt und ungekannter Regung zuſammen, als ſie des Koͤnigs Arm feſt an dem ihrigen, als ſie den immer dringender werdenden Druck deſſelben fühlte, als ſie im Flur 60 des Palaſtes ſchon leiſe Reden des Koͤnigs hoͤrte, welche ihr alles Blut zum Herzen trieben. Koͤnig Franz beſaß dieſe Macht des Muthes, oder ſoll man in dieſem Falle ſa⸗ gen: dieſe Macht des Leichtſinns, die Gefahr, welche er ſelbſt fuͤr entſetzlich erkannte, im entſcheidenden Augenblicke zu verachten, zu vergeſſen. Iſt dies blos eine gluͤckliche Miſchung der Galle, wie der Phyſtolog behauptet, oder iſt es eine vom Koͤrper unabhaͤngige moraliſche Kraft? Was i*ſt denn aber vom Koͤrper unabhaͤngig? Und zeigt ſich nicht dieſe, deshalb brutal genannte Verachtung der Gefahr ſo oft bei gedankenloſen, ſcheinbar jedes moraliſchen Schwun⸗ ges unfaͤhigen Menſchen? Die meiſten Gattungen des Muthes ſind wohl eben ſo wenig wie die Seele an einzelnen Orten des Koͤrpers, in einzelnen Eigenſchaften des inneren Lebens aufzuſuchen, ſondern gehoͤren untrennbar jener Ge⸗ ſammtheit der Perſon an, welche wir Charakter nennen, damit wir doch fuͤr etwas Unbeſtimmbares einen unbeſtimm⸗ ten Ausdruck haben. Und ſo gehoͤrte es zu des Koͤnigs Charakter, ſich in ſo gefährlichem Augenblicke einer auf⸗ lodernden Liebesneigung hingeben zu können. Am Ausgange des Flurs unter dem Hauptportale des Palaſtes war der erſte Wachtpoſten und in dieſem Falle der gefaͤhrlichſte zu paſſiren. Hier beſonders waͤre ein Weg⸗ wenden des koͤniglichen Antlitzes am Noͤthigſten geweſen, denn dieſer Pfoͤrtner konnte am Erſten den Koͤnig geſehen haben, da er nur in muͤßigen Abendſtunden bis an den hin⸗ teren Ausgang des Flurs gewandelt ſein durfte, um den fremden Koͤnig im Alcazar⸗Garten zu erblicken. Wie groß auch die Gleichguͤltigkeit eines Pfoͤrtners zu ſein pflegt, bei 61 dieſem einzigen Falle, der den Anblick eines gefangenen Koͤnigs von Frankreich bot, war doch wohl zu erwarten, daß der alte Pförtner ein Uebriges an Neugier gezeigt haben wurde. Und ſo war es; der Pfoͤrtner hatte den Koͤnig zu wiederholten Malen geſehn, und hatte zu wiederholten Ma⸗ len geaͤußert, daß er es gar nicht nobel faͤnde, wenn ein Koͤnig ſo hoch gewachſen ſei wie ein galiziſcher Gebirgs⸗ bauer. Ein vornehmer Mann, hatte er hinzugeſetzt, den vorherrſchenden Wuchs unter der ſpaniſchen Grandezza vor Augen habdend, duͤrfe nicht uber Mittelgroͤße ſein; man kaͤ⸗ me ſonſt auf den Gedanken, er habe ſich die Glieder durch Leibesarbeit ausdehnen müſſen. Dieſer alte Perez war alſo ein uͤberaus gefaͤhrlicher Poſten; ſein Aufenthaltsort war auf der rechten Seite des Flurs gelegen, wenn man aus dem Palaſte hinausſchritt. Der Koͤnig alſo wendete ihm, wenn er ſich ſeiner Dame zuneigte, geradezu das Antlitz entgegen. Die Wohnung des Pfoͤrtners war keller⸗ artig einige Stufen tief, und Chimene hoffte, mit ihrem Be⸗ gleiter durch den nur angelehnten Thorfluͤgel ohne des Pfortners Zutritt hinaus zu kommen, da er nicht wie ge⸗ woͤhnlich an ſeiner Thuͤr zu ſehen, und die Paßmuͤnze an ihn nicht vorzuzeigen war. Dazu naͤmlich waren an den Ausgaͤngen der vor dem Palaſt liegenden Hoͤfe noch zwei Pfoͤrtnerpoſten errichtet. Sie bat alſo, ihre Verwirrung bemeiſternd, als ſie in der Naͤhe von Perez Thuͤr waren, den König mit haſtigem Worte, jetzt zu ſchweigen und den Kopf nach der andern Seite zu wenden. Der Koͤnig aber dachte in ſeiner Leidenſchaftlichkeit, welche durch unmittel⸗ bare Beruͤhrung Chimenens aufgeregt war, nur an ſeine Liebeserklaͤrung, und das Gebot des Schweigens und Ab⸗ wendens bezog er nur darauf. Er neigte ſich alſo nur naͤ⸗ her zu ihr, und ſprach nur noch lauter, ſie moͤge nicht ſo hartherzig ſein— Um Gotteswillen ſchweigt, Perez ſitzt auf der Treppe, und kennt Eure Stimme wie Euer Antlitz. Wer iſt Perez? Der Pfoͤrtner, ſeinen Namen hoͤrend, wendete ſich mit dem Geſicht nach dem Flur, denn er hatte ſeitwaͤrts auf der erſten Stufe geſeſſen, und hatte geſchlummert. Ohne die⸗ ſes laute Wort des Königs waͤren die Fluͤchtlinge alſo wahr⸗ ſcheinlich unbemerkt vom Pfoͤrtner aus dem Palaſte ge⸗ kommen. Jetzt hing Alles davon ab, daß er wieder beruhigt und vom Aufſtehn abgehalten wurde. Chimene wollte alſo den Austritt beſchleunigen und den angelehnten Thor⸗ fluͤgel raſcher aufmachen, als Marot, der auf des Koͤnigs linker Seite ſchritt, thun konnte. Aber theils war das Thor fuͤr ihre ſchwachen Haͤnde und fuͤr raſche Oeffnung zu ſchwer, theils duldete dies des Koͤnigs Galanterie nicht. Er wollte ſelbſt zugreifen und konnte dies doch auch nach franzoͤſiſcher Weiſe nicht thun, ohne dabei zu ſprechen, wel⸗ ches in dieſem kritiſchen Augenblicke von groͤßter Gefahr ſein mußte. Gluͤcklicher oder ungluͤcklicher Weiſe ſprach er dabei den Namen Chimenens aus, und der ſchlaͤfrige Perez mochte dadurch verſichert werden, es handle ſich um ſeine Herrſchaft, deren Austritt durch Zuvorkommenheit zu er⸗ leichtern ſei. Er traf alſo allerdings Anſtalt, ſich zu erhe⸗ ben, um den Thorfluͤgel ſelbſt zu oͤffnen, wurde aber bald inne, daß er doch zu ſpaͤt komme; dem kraͤftigen Griffe des —— ⏑⏑⏑O——— — 63 Koͤnigs war die Thuͤr raſch gewichen, und er war mit ſeiner Dame und Marot hinaus, ehe Perez aufgeſtanden war. Die Thuͤr blieb weit offen, und da Montmoreney mit Mar⸗ garetha dicht hinter dem Koͤnige gingen, ſo kamen ſie eben⸗ falls unbefragt durch das Thor. Leider war Brion dadurch, daß er die fuͤr den Koͤnig zitternde Frangçoiſe am Arme führte, eben ſo unpaſſend betheiligt und befangen, wie der Koͤnig an Chimenens Seite, und obwohl er nicht ſo laut und ruckſichtslos ſprach, ſo zoͤgerte er doch mehr als rath⸗ ſam war, und kam erſt in dem Augenblicke an den Ausgang, als Perez von der offen ſtehenden Thuͤr den hereindringen⸗ den Zug der Abendluft in ſeinen rheumatiſchen Gliedern verſpuͤrte, und dadurch erweckt und zu dem Entſchluſſe ge⸗ bracht wurde, die Thuͤr wieder anzulehnen. Brion aber, der im Palaſte wohnte, war dem Pfoͤrtner ganz genau be⸗ kannt, das Licht einer Fackel, welche am Eingange der Pfortnerwohnung loderte, fiel voll auf den Ausgang, durch welchen Brion eben mit Frangoiſe ſchreiten wollte; ein Blick des Pfoͤrtners konnte das Unternehmen vernichten, den Perez wuͤrde ſicherlich, Brion erkennend, ſolchen Laͤrm erhoben haben, daß ſein Ruf uͤber den Hof hinuͤber bis zum naͤchſten Wachtpoſten gedrungen waͤre, und dort geſteigerte Aufmerkſamkeit erweckt, alſo auch den Durchgang der uͤbri⸗ gen Fluͤchtlinge erſchwert haͤtte. Buds, vollſtandig beſonnen, und die Groͤße der morali⸗ ſchen Gefahr des Mißlingens vollkommen wüuͤrdigend, hatte ſich mit aller erdenklichen Aufmerkſamkeit ausgeruͤſtet. Er ging abſichtlich einige Schritte hinter Brion und Francoiſe, und rief Perez ſogleich an, als dieſer aus ſeiner Thuͤr in den Flur trat. Dadurch ward deſſen Blick rückwaͤrts in den Flur gerichtet und von Brion abgelenkt. Ehe Budé nun dem Pförtner die unverfaͤngliche Mittheilung gemacht, daß er zu den Fremden gehoͤre, die heut erſt angekommen ſeien, und zu uͤberfluͤſſigem Ausweis die Paßmuͤnze vorge⸗ zeigt hatte, war Brion bis gegen die Mitte des Hofes hinaus. 1 Beim Aufbruche war noch fluͤchtig beſtimmt worden, daß kein Paar auf das andere Ruͤckſicht nehmen ſolle; auch an der Stelle, wohin Marot die Pferde beſchieden, ſollte der zuerſt Ankommende keine Minute Zeit verlieren. So war denn, waͤhrend dieſe Zoͤgerung zu einiger Beſorgniß Brion's und Frangoiſen's mit Budé vorging, der Koͤnig mit Chi⸗ mene und Marot bereits dicht vor der zweiten Wachtſtation, wenn wir den Pfoͤrtner als erſte bezeichnen. Dieſer innere Hof, der Stierhof genannt, ward durch zwei Gebaͤude⸗Fluͤ⸗ gel gebildet, welche noch mit dem Hauptpalaſte zuſammen⸗ hingen, und welche vom Hauptpalaſte aus halbkreisfoͤrmig gebaut waren mit der Ausbeugung nach außen, als ſollten ſie einen Cirkus bilden. In der That wurde der alſo ent⸗ ſtehende runde Hof auch oͤfters zu Stiergefechten benutzt, welche die Herzoͤge von Infantado zu ihrem und ihrer Freunde Vergnuͤgen in's Werk ſetzten, und trug davon ſei⸗ nen Namen. Dieſe Fluͤgelgebaͤude wurden im untern Geſchoß von der Dienerſchaft des Hauſes bewohnt, das obere Geſchoß bildete halbkreisfoͤrmige Gallerien bis zu dem Punkte, wo ein Raum von etwa dreißig Schritt zu offenem Thor uͤbrig geblieben war. Da endigte dieſe Fortſetzung des Palaſtes, und es zeigten ſich links und rechts einſtockige ſchmale Wachthaͤuſer, die jetzt mit Trabanten angefuͤllt waren, und an deren Schwelle Tag und Nacht zwei Waͤchter ſaßen. Dieſe Haͤuschen klebten wie Neſter links und rechts an den Enden der Fluͤgel⸗Gebaͤude, nah⸗ men ſich nicht eben vortheilhaft aus, und ſtammten offen⸗ bar aus neuerer Zeit. Wahrſcheinlich benutzte man ſie ſonſt zu Aufenthaltsorten fuͤr die Kampfſtiere, wenn ein ſolches Gefecht vorbereitet wurde. Wenigſtens hatten ſie Thuͤren, die unmittelbar in den eben beſchriebenen Hof gin⸗ gen, und welche alſo ſonſt zum Eintritt der Stiere benutzt werden konnten. Jetzt aber waren dieſe Thuͤren, obwohl Trabanten vor ihnen ſaßen, nicht von ſo großer Wichtig⸗ keit, ſondern die breite Front dieſer Wachthaͤuſer, und zwar vom Palaſte aus das letzte Fenſter derſelben war fuͤr die Fluͤchtlinge der entſcheidende Punkt. Jedes dieſer Eckfen⸗ ſter naͤmlich ſowohl im Wachthauſe rechter, als in dem lin⸗ ker Hand war zu einer Thuͤr erweitert worden, und in dem ſchmalen Gemache, zu welchem dieſe neue Thuͤr unmittel⸗ bar führte, ſaßen eben Tag und Nacht die Waͤchter. Dicht vor dieſer Thuͤr war der eigentliche Verſchluß des Hofes, der von einem Wachthauſe zum andern hinuͤber ging, und aus drei Abtheilungen beſtand. Wie oben geſagt, war dieſer Austritts⸗Raum etwa dreißig Schritte breit. Zwan⸗ zig davon nahm in der Mitte der Hauptzugang ein, durch welchen Wagen und Pferde einpaſſirten. Er war durch ein kunſtvoll gearbeitetes, mit breitgeſchmiedeten Roſen verziertes eiſernes, ſehr hohes Thorgitter geſchloſſen. Die breiten Roſen waren vergoldet, und ein zierlicher Mauer⸗ bogen, mit breiten Ausſichtsloͤchern durchbrochen woͤlbte Laube, Chateaubriant. III. 5 ſich daruͤber hin. Er ruhte auf Pfeilern von dunklem Mar⸗ mor, die mit dem Wappen des Hauſes bedeckt waren, und rechts wie links von dieſen Pfeilern ſchloſſen zwei ſchmaͤlere, eben ſo wie das große gearbeitete, aber nicht uͤberdachte Eiſengitter den offenen Raum. Dieſe letzteren gingen bis an die Ecke der Wachthaͤuſer, bildeten im Ganzen je eine Thuͤr, und waren fuͤr die Fußgaͤnger beſtimmt. Es war her⸗ kommlich geworden, daß Jedermann, der in den inneren Hof von der Stadt aus hinein wollte, an der Pforte, die ihm zur linken Hand lag, klingelte, und daß Jedermann, der aus dem inneren Hofe hinauswollte nach der Stadt, ebenfalls die Glocke des ihm links liegenden Wachthauſes zog, ſo daß ſich Aus⸗ und Eingehende nie begegnen konnten. Chimene, dieſe Sitte kennend, richtete alſo mit dem Koͤnige und Marot ihre Schritte nach der linken Pforte, und empfahl dem Koͤnige, mit ihr in den Schatten des Bo⸗ genpfeilers zu treten, ſobald Marot die Paßmuͤnzen dem Waͤchter zeigen werde. Wie ſehr ſie durch die unermuͤdliche Befliſſenheit des Koͤnigs fuͤr ſie befangen und geſtoͤrt wurde, ſo fiel es ihr doch auf, als ſie den Gittern des Stierhofes nahe kamen, daß hinter dieſen Gittern eine ungewoͤhnliche Helle ſchimmerte. Durch die Gitter hindurch uͤberſah man den anſtoßenden zweiten Hof, welcher der Vorhof hieß und von noch viel groͤßerem Umfange war. An deſſen fernem Ausgange— ein plumper Thurm, durch welchen ein zwei⸗ mal gewendetes Thorgewoͤlbe fuͤhrte, bildete ihn— ſah ſie ebenfalls ungewoͤhnlichen, den Mondſchein uͤberleuch⸗ tenden Lichtſchimmer, und ſie blieb erſchreckt ſtehn, und unterbrach den Koͤnig mit der Bemerkung, daß dieſe Er⸗ leuchtung etwas ganz Neues und fuͤr ihre Flucht uͤberaus bedenklich ſei. Der Koͤnig aber, niemals geneigt, das einmal Begonnene aufzugeben, und jetzt mehr als gewoͤhn⸗ lich aufgeregt, erwiderte raſch: es muͤſſe jetzt durchgeſetzt werden, und ſie werde ihm Gluͤck bringen. So griff denn Marot nach der Glocke; Chimene ſiel ihm aber in den Arm, und auf den Waͤchter deutend, der in dem offnen ſchmalen Zimmer ſtand, fluͤſterte ſie Marot zu: es ſei beſſer, den weithin ſchallenden Glockenklang zu vermeiden, und den Waͤchter zu rufen. Sie rief alſo ſelbſt, und der Waͤchter kam. Marot trat ihm entgegen und zeigte die drei Paßmuͤnzen; Chimene blieb mit dem Koͤnige einige Schritte zuruͤck im Schatten des Pfeilers. Das konnte nicht auffallen, da das Gitter ſich nach dem Stierhofe zu, alſo ihnen entgegen oͤffnete. Ihr Zuruͤcktre⸗ ten konnte alſo darnach ausſehn, als waͤren ſie damit ver⸗ traut, und blieben der Gitterthuͤr aus dem Wege. An den offnen Fenſtern des Wachthauſes ſtanden Trabanten, und betrachteten ſie und Marot, den der Waͤchter mit Beſichti⸗ gung der Paßmüunzen aufhielt. Wozu dieſe ſorgfältige Pruͤfung? dachte Chimene in ſteigender Angſt—„Seit einer Viertelſtunde“, ſagte endlich der Waͤchter,„iſt ver⸗ ſchaͤrfte Ordre da, Jedermann der hinaus will zum Kaſtel⸗ lan druͤben im Vorhofe begleiten zu laſſen, geduldet Euch alſo einen Augenblick, Sennor, daß ich Trabanten zu Eurem Geleit rufe!“ Laßt meinen Arm, Sire! fluͤſterte Chimene— Nicht doch! * 68 Um Chriſti willen, laßt mich, ich muß vortreten, Ihr muͤßt im Schatten bleiben, ſonſt ſind wir verloren, der Kaſtellan kennt Euch— Dadurch war ſo viel Zeit verloren, daß der Waͤchter zum Fenſter der Trabanten gelangt war, und wegen der noͤthigen Begleitung zu ſprechen angefangen hatte— die vortretende Chimene unterbrach ihn mit der Bemerkung, ob er ſie, die Tochter des Hauſes nicht kenne, und ob er nicht einſehe, daß in ihrer Begleitung ſolche Vorſicht und Weitlaͤuftigkeit nicht noͤthig ſei? Der Waͤchter verbeugte ſich, winkte abwehrend den ſchon heraustretenden Trabanten, und ſchritt zur Pforte, um ſie zu oͤffnen. Waͤhrend deß trat der Koͤnig unvorſich⸗ tig aus dem Schatten hervor, um Chimenens Arm wieder zu nehmen—„bleibt an meiner rechten Seite, um Got⸗ tes willen an der rechten Seite!“ flüſterte ſie,„und buͤckt Euch!“ Sie ſah, daß ein neuer Fuͤhrer die Trabanten be⸗ fehligte, er war nahe herzu getreten, er konnte den Koͤ⸗ nig erkennen, denn Alles deutete auf erweckten Verdacht. „Gehoͤren die Herrſchaften alle zu Eurer Herrlichkeit Geſellſchaft?“ fragte der Waͤchter, indem er das Gitter offnend zur Seite trat, und Marot, Chimene und der König eben hindurch ſchreiten wollten. Chimene wollte nicht einen Augenblick auf dem gefaͤhrlichen Punkte verwei⸗ len, weil ſie fuͤrchtete, der Koͤnig bliebe auch ſtehn in der verraͤtheriſchen Beleuchtung, die von einer Fackel an der Außenſeite des Pfeilers ausging; ſie antwortete alſo nicht ſogleich, und erzeugte dadurch eine bedenkliche Pauſe. „Zwei Paare und ein Garçon!“ rief Marot, der ſie un⸗ —— — 69 terſtͤtzen wollte— Was iſt ein Gargçon! entgegnete muͤr⸗ riſch der Waͤchter, den die ſchlechte Ausſprache des Spa⸗ niſchen, das fremde Wort, und das unordentliche Verfah⸗ ren, zu dem er ſich aus unſichrer Reſpektsruͤckſicht herbei⸗ gelaſſen hatte, verdrießen mochten. Der Koͤnig lachte üͤber die Erkundigung nach dem Begriffe Gargon und uͤber Marot's Lage, wendete ſich um, und ſprach: Ein Gar⸗ oon iſt ein weltlicher Moͤnch. Chimene ſchrack zuſammen uͤber dieſe Unvorſichtigkeit, welche ſo ganz unſpaniſch den Waͤchter ſtoͤrriſch machen konnte, und den Koͤnig ſeinem Schickſale in der grellen Fackelbeleuchtung uͤberlaſſend ging ſie die bereits gewonne⸗ nen Schritte wieder zuruͤck zum Waͤchter und ſagte ihm mit zutraulichem Ausdrucke: es gehoͤrten die folgenden fuͤnf Perſonen zu ihrer Geſellſchaft. Hiermit war aber was ſie eben hatte vermeiden wollen, ein laͤngeres Hin⸗ und Herreden erzeugt, welches Zeitver⸗ luſt und erhoͤhte Aufmerkſamkeit herbeifuͤhrte, denn der Waͤchter fragte nun ausdruͤcklich, ob ſie die Verantwort⸗ lichkeit wegen Unterlaſſung des Trabantengeleits uͤber⸗ nehme. Ich uͤbernehme ſie. „Seine Herrlichkeit der Herr Herzog ſind ſelbſt vor Kurzem hinaus, vielleicht nur der neuen Ordre wegen nach dem Vorhof⸗Thurme, und die Nichtbeachtung des neuen Befehls konnte alſo ſogleich zur Sprache kommen“— Ich verantworte es, erwiderte Chimene mit Zuſam⸗ menraffung all ihrer Kraft, denn jene Nachricht, es ſei ihr Vater wahrſcheinlich am Eingangsthurme, war die ſchrecklichſte, welche es gab; die Kniee bebten dem ſpani⸗ ſchen Maͤdchen, die ſich des Verbrechens gegen ihren Va⸗ ter, das ſie zu begehn vorhatte, und der ohnedies wider⸗ willigen Stellung welche zwiſchen ihm und ihr herrſchte, gar wohl bewußt war. Jetzt bedurfte ſie ſelbſt der unterſtuͤtzenden Hand des Koͤnigs, und beachtete es nicht, daß die ganze Geſellſchaft wohlbehalten bis in die Mitte des Vorhofs gekommen war. Hierher ſchimmerte der Fackelſchein, der vor und hinter ihnen ſtrahlte, am Schwaͤchſten, hier blieb ſie ſtehn, und ſagte, all ihrer Umgebung zum groͤßten Schrecken: Wir ſind verloren! Das war eine entſetzliche Ueberraſchung fuͤr Alle, denn Alle hatten ſich gluͤcklich geſchaͤtzt, unaufgehalten bis zum letzten Wachtpoſten vorgedrungen zu ſein. Zudem hielt man dieſe Thurmwacht am Vorhofe fuͤr oberflaͤchlicher und deshalb unwichtiger, da dieſer von einſtoͤckigen Wirth⸗ ſchaftshaͤuſern und Staͤllen in weitem Kreiſe gebildete Hof durchweg nur von niedrigſter Dienerſchaft und dem Stall⸗ geſinde bewohnt wurde, und auch um des Verkehrs mit Pferden und Maulthieren willen, mit Schlachtochſen und Schlachthammeln groͤßerer Freiheit im Ab⸗ und Zugange bedurfte. Im Thorwege des Thurms wurde zwar gewoͤhn⸗ lich auch ein hoͤlzernes, aus Spitzbalken grob zuſammen⸗ gefuͤgtes Fallgitter vorgeſtellt, aber man wußte, daß das Außziehn und Niederlaſſen dieſes Gitters einem halbblin⸗ den Knechte des Kaſtellans anvertraut war, der ſich ge⸗ woͤhnlich aus ſeinem Stuͤbchen, welches in halber Treppen⸗ höhe am Thorgewoͤlbe angebracht war, gar nicht erſt herab — 71 bemühte, um die Berechtigung deſſen, der hinaus wollte, zu pruͤfen, ſondern den oft ein Peitſchenknall oder ein haſtiger Zuruf veranlaßte, daß er am Mechanismus, welcher das Fallgitter aufzog, drehte, und ſo den Ausgang oͤffnete. Man war alſo ganz und gar nicht geneigt, Chimenens Anſicht, hier drohe die groͤßte Gefahr, wahrſcheinlich zu finden, noch weniger billigte man ihren Rath, an der Schwelle der Freiheit umzukehren. Wie? So unverhofft, ſo ſchnell, ſo leicht nach halbjaͤhriger Gefangenſchaft vor dem letzten, ſchwachen Hinderniſſe, vor einem hoͤlzernen Gitter, welches ein ſchwachſinniger Knecht aufheben kann, zu ſtehen, ein Koͤnigreich, ſein Koͤnigreich dahinter zu er⸗ blicken, und da umzukehren?! Nein, das war nicht Sache Koͤnigs Franz! So weit ging ſeine Verblendung nicht für ein anziehend Maͤdchen! So nahe am Ziele er⸗ wachte der unternehmende Koͤnigsſinn mit Ungeſtuͤm, und er hoͤrte jetzt nicht mit liebender, ſondern mit herriſcher Un⸗ geduld, was Chimene Beſorgliches vorzubringen hatte. Chimene aber war ihrer Sache nur zu gewiß: Fa⸗ ckeln leuchteten am Thurmthore, das war nie dage⸗ weſen— Ein Tag wie der heutige, entgegnete ihr Brion, iſt auch noch nicht vorgekommen! Der Kaiſer hat den Alcazar be⸗ ſucht: vielleicht hat man erwartet, er werde erſt ſpaͤt zu⸗ ruͤckkehren, man hat die Fackeln vorbereitet, und hat, da ſie einmal vorhanden waren, Gebrauch davon gemacht, da ohnedies der Beſuch aus Frankreich im Palaſte eingetrof⸗ fen iſt. Und der Befehl, jeden Auspaſſirenden dem Kaſtellan 72 vorzuſtellen? Und der Herzog von Infantado, der ſelbſt die Wachtpoſten unterſucht? Uebertreibung des Waͤchters! Der Herzog von Infantado geht nie um dieſe Stunde aus, er iſt nirgend anders als dort im Thurme, in der Wohnung des Kaſtellans, die heute gegen Gewohnheit finſter iſt wie das Grab, ſicherlich damit man ungeſehen von da den erleuchteten Theil des Hofes uͤberblicke. Wahr⸗ ſcheinlich beobachtet er uns ſchon, und tritt uns in den Weg, ſobald wir im Thorwege erſcheinen. Wir waͤren hinaus, ehe er herab käͤme! Wird nicht der kurzſichtige Schließer heut ſtrengere An⸗ weiſung haben? Seht, um Gotteswillen ſeht, da zwiſchen den Mauerzacken des platten Thurmdaches bewegt ſich et⸗ was! Dort wird gewacht! Es iſt der Federhut des Her⸗ zogs— eilen wir zuruͤck! durch die linke Pforte des Stier⸗ hofes eintretend, raſch an Perez voruͤber kommen wir un⸗ bemerkt zuruͤck— Nimmermehr! rief der Koͤnig, Ihr ſeht Geſpenſter, ich entdecke auf dem Thurmdache nichts als die unbewegli⸗ chen Mauerpfoſten, und die Schießſcharten ſind alle licht vom Mondesſcheine. Ein Paar Holzſtuͤcke ſind uns nur noch im Wege, wir waͤren kindiſch jetzt umzukehren. Spuͤrt der Herzog wirklich umher, iſt er wirklich in der Naͤhe, und ſieht er uns hier, ſo haben wir auch ohne den letzten Verſuch die uͤble Nachrede verwirkt, haben alles Uebel ohne die Moͤglichkeit des Gewinns. Vorwaͤrts! Brion und Montmorency bemaͤchtigen ſich des bloͤdſichtigen Schließers, 73³ wenn er die Oeffnung verweigert, machen ihn unſchaͤdlich und oͤffnen ſtatt ſeiner. Vorwaͤrts! Es wurde nicht beachtet, daß Chimene bemerkte, es ſei vom Thorgewoͤlbe aus gar kein Aufgang zur Wohnung des Schließers, und raſch und ordnungslos eilte die Ge⸗ ſellſchaft uͤber den lichten Platz vor dem Thurme, ohne Verweilen in das Thorgewoͤlbe hinein. Auch hier brannte oben am dunklen Fenſterloche des Schließers eine Fackel, und beleuchtete die Eichenbohlen, welche kurz vor der Windung des Gewoͤlbes den Weg ver⸗ ſperrten— Oeffne, Schließer! rief der Koͤnig ſelbſt in ſpaniſcher Sprache. Eine kurze Weile zeigte und regte ſich nichts, dann erſchien aus dem Loche ein Kopf mit buſchigem Haar, ein magres, graͤmliches Geſicht, welches mit vorgehaltner ſchmutziger Hand die Geſellſchaft erſt betrachten zu wollen ſchien. Oeffne, Pedro! rief Chimene. Gebt das Wort! rief mit roſtiger Stimme der Schließer. Welches Wort? entgegnete muthlos Chimene. Das Wort, welches Euch der Kaſtellan geſagt. Eine aͤngſtliche Stille trat ein; das Ungewoͤhnliche war alſo wirklich eingetreten: es war eine Parole noͤthig. Der Koͤnig betrachtete fragend Chimenen, Chimene zit⸗ terte und ſchuͤttelte das Haupt. „Der Koͤnig!“ rief Franz auf gutes Gluͤck hinauf. 74 Neue Pauſe. War es unter tauſend moͤglichen Worten gluͤcklicherweiſe das richtige? Der Schließer, ſeinen Kopf zurückziehend, ſprach end⸗ lich: So heißt es nicht! Zuruͤck! zuruͤck! fluͤſterte Chimene, ich hoͤre, daß es die Treppen im Thurme herabpoltert, das iſt der rieſen⸗ große Kaſtellan, er kennt Euch, Sire. Wo iſt der Zugang zum Lo ees Schließers? fragte der Koͤnig eben ſo leiſe, aber n.— fuͤhrt Brion und Montmorency dahin! 1 Unmoͤglich! der Weg geht durch das Zimmer des Ka⸗ ſtellans— Der Kaſtellan kann ſterben wie jeder Andere, fluͤſterte Montmorency mit rauher Stimme. Eure Hand fuͤr meinen Fuß, unterbrach Brion Mont⸗ morency— wenn ich den eiſernen Ring an der Mauer er⸗ reiche, ſo ſchwinge ich mich hinein, feßle und oͤffne. Das Alles folgte ſich zwar ſchnell, aber ſobald das letzte Wort geſprochen war, ſah man auch am Fenſter des Schließers einen andern Kopf erſcheinen, es war der Kopf des Herzogs von Infantado. Buͤckt Euch, Sire, fluͤſterte Chimene, mit dem Hute, damit er Euch nicht erkennt! Meine Herren von Frankreich, es iſt meinen Leuten nicht angezeigt worden, daß unſer Koͤnig heut Abend Eu⸗ ren Gegenbeſuch erwartet, und wenn Ihr darauf beſteht, ſo will ich den Herrn Kanzler Gattinara fragen laſſen, ob geoͤffnet werden ſolle— heda, Trabanten! Auf dieſen Zuruf regte es ſich jenſeits der Windung im Thurmgewoͤlbe, und droͤhnend marſchirte eine ſtarke Abtheilung Trabanten heran bis an's Holzgitter. Als ſie ſtill ſtanden, ſprach der Herzog weiter: Be⸗ ſteht Ihr darauf, ſo ſende ich ſogleich einige dieſer Leute zum Kanzler, ich riethe aber unmaßgeblich, da der Koͤ⸗ nig von Spanien laͤngere Zeit in Madrid bleibt, die An⸗ frage bis auf paſſendere Zeit zu verſchieben, der Koͤnig iſt des Abends gern allein. Marot fragte leiſe den Koͤnig: Iſt's aufzugeben, Sire? Was bleibt denn uͤbrig? fragte dieſer muͤrriſch zuruͤck. Wir danken Eurer Herrlichkeit, unterbrach denn Ma⸗ rot die peinliche Pauſe, und zeigte ſich nach aufwaͤrts in vollem Lichte— und wollen dankbar Eurem Rathe folgen, unſre Angelegenheit bis morgen zu verſchieben. Nach Eurem Gutduͤnken! entgegnete der Herzog und zog ſich zgruͤck. Die Fluͤchtlinge, denen die feine Wendung des ſtolzen Grand, der kein Gefangenwaͤchter und Anzeiger ſein wollte, die fehlgeſchlagene Unternehmung einigermaaßen verſuͤßte, thaten desgleichen. Stumm, niedergeſchlagen gingen ſie dahin, wohin ſie der Wachtpoſten an der linken Seite un⸗ geſtoͤrt, Perez unbeachtet gehen ließ. Als ſie im Palaſte angekommen waren, begann Bude, in eine maͤnnliche Wehklage uͤber das Mißlingen den Troſt zu miſchen, daß doch unter ſolchen Umſtaͤnden der Verſuch ewig geheim bleiben werde, da der Herzog den Koͤnig ent⸗ weder gar nicht bemerkt, oder nicht habe bemerken wollen— 76 Er hat ihn nicht bemerkt— er ſchweigt Zeitlebens — er iſt von aͤchtem Adel! ſprach Dieſer, ſprach Jener. Nur der Koͤnig, der ſich in einer Zimmerecke, das Hinterhaupt an die Wand ſtuͤtzend, die Arme uͤbereinander ſchlagend niedergelaſſen, hatte fortwaͤhrend geſchwiegen, und erſt bei den letzten Aeußerungen ſah man ihn mit den Schultern eine mißbilligende Bewegung machen. Alles ſchwieg, und blickte auf ihn. Von der Leichtfertigkeit ei⸗ ner ploͤtzlichen Neigung, wie er ſie beim Aufbruche gezeigt hatte, war keine Spur mehr zu entdecken; ſein Auge ſuchte Chimenen nicht, und wenn es ihr begegnete, ſo war es un⸗ wandelbar ernſt und nachdenkend. Ihr preiſ't und klagt, begann er langſamen Tons und in ſich gekehrten Blicks, leider unrichtig. Iſt es einem Koͤnige angemeſſen, ſeine Schritte gefällig verſchwiegen zu ſehn, der artigen oder unartigen Ruͤckſicht eines Mannes ausgeſetzt zu ſein, eines Mannes, der nicht einmal ſein Vaſall oder Unterthan iſt?— Weg da! Wir ſind auf un⸗ paſſender Bahn! Entweder wir mußten den Schritt nicht unternehmen, oder wir muͤſſen ihn ruhig in unſer Auge faſſen, da er uns einen hoͤckerigen, gemeinen Ruͤcken zeigt. Wie anders? Wollen wir dieſe junge Dame, die uns ge⸗ leitet hat, füͤr uns buͤßen laſſen? Pfui! Sie hat den Zorn ihres Vaters auf ſich geladen, es iſt unſere Schuldigkeit, dieſen Zorn auf uns zu ziehn. Ich bitte alſo das Fraͤu⸗ lein, den zuͤrnenden Vater, der ſie um Rechenſchaft an⸗ ſpricht, zu mir zu ſenden, damit ich ſie vertrete, ſo gut ich kann.— O Gott, tauſchen wir uns doch nicht! Dieſe leichtſinnige Stegreif⸗Unternehmung hat die letzte Hoffnung 77 zerſtoͤrt, die Gefangenſchaft wird von nun an immer foͤrm⸗ licher, der Kaiſer, der davon wiſſen wird, wenn er auch nie davon ſprechen ſollte, der ſeine bisherige und ſeine kuͤnf⸗ tige Unritterlichkeit damit beſchoͤnigen wird, der Kaiſer laßt von morgen an keinen Fuß breit ſeiner grauſamen Be⸗ dingungen fahren, wir ſind auf dem traurigen Punkte an⸗ gelangt, uns entweder mit niedergeſchlagenen Augen aller ſchmäͤhlichen Friedensbedingung zu unterwerfen, oder— hier erhob ſich der Koͤnig, und machte eine Pauſe— Oder? fragte aͤngſtlich Margaretha— oder auf die Krone Frankreichs zu verzichten, ſprach der Koͤnig mit feierlichem Nachdruck, und Zeitlebens Gefangener im Al⸗ cazar zu bleiben. Ein allgemeiner Schrei der Entgegnung, der Vernei⸗ nung folgte dieſen unerwarteten Worten, und Alle draͤng⸗ ten ſich proteſtirend um den Konig. Er machte aber mit vorgeſtreckter Hand und unveraͤndert feierlicher Miene eine ablehnende Bewegung gegen Alle, ſanft gebieteriſch, aber dergeſtalt, daß Jedermann tief erſchrocken ſchwieg, zu⸗ ruͤcktrat, und ihn hinaus gehen ließ nach dem Alcazar. Er hatte die Thuͤren hinter ſich offen gelaſſen, man hoͤrte ſeinen Schritt weithin und die Treppe hinab; Mar⸗ garetha und Francoiſe eilten an's Fenſter, und brachen in ſchmerzliches Weinen aus, als ſie den hohen ungluͤck⸗ lichen Mann allein durch den Garten nach dem ſchwarzen Alcazar, dem vielleicht lebenslaͤnglichen Gefangniſſe ſchrei⸗ ten ſahn. Das Schickſal ergreift jedes Wort von Bedeutung und verwirklicht es; denn wir ſelbſt, die wir das Wort uns zum Gericht geſprochen, ſind die Hauptſchoͤpfer unſers Schickſals, und wir fuͤhren uns uͤber das Haupt herauf, was wir ſelber fuͤrchten, ja was wir vergeſſen zu haben ſcheinen; wir ſind in allen Dingen unſre eignen Anklaͤger, Richter und Urtheils⸗Vollſtrecker. So hatte ſich auch Koͤnig Franz an jenem verhaͤngniß⸗ vollen Abende ſein weiteres Schickſal in Spanien vorge⸗ zeichnet: es lag in ſeinem Charakter, welcher einer heroi⸗ ſchen Suͤhne bedurfte fuͤr den leichtfertigen Flucht⸗Verſuch, er hatte dies Beduͤrfniß des Charakters ausgeſprochen, und es dadurch genothigt, ſich zu verwirklichen. Nicht die Un⸗ terirdiſchen hoͤren und ergreifen unſre prophetiſchen Worte, wir ſelbſt und unſre Nachbarn hoͤren ſie, unſer Charakter, unſere Stellung in der Welt nehmen ihr Verhaͤltniß dazu ein von Stunde an, und ſo fugt ſich wie Stein zu Stein unſer Geſchick. Wie lebhaft die Friedensunterhandlungen folgenden Tages begannen durch die Vermittelung Margarethens, wie lebhaft die Raͤthe des Kaiſers zur Billigkeit riethen, wie befliſſen zur Ausgleichung der Herzog von Bourbon er⸗ ſchien, der eine innige Verbindung mit der verwitweten Margaretha wuͤnſchen mochte, es ſcheiterte Alles an dem harten Sinne des Kaiſers. Kein perſoͤnlicher Einfluß, keine Stimmung draͤngten ihn um eine Linie hinter die Be⸗ dingungen zuruͤck, welche er von vornherein nach der Schlacht von Pavia zwiſchen ſich und Frankreich gezogen hatte.. —— —x — 79 So vergingen zwei Monate, und wie die Jahreszeit immer rauher und truͤber wurde, ſo ſteigerte ſich auch die herbe und trübe Stimmung im Palaſte Infantado, den der Koͤnig Franz jetzt alle Abende betrat. Auch das gegen⸗ ſeitige Verhaͤltniß zwiſchen den Perſonen dieſes Kreiſes ſelbſt hatte ſich mehr und mehr unerquicklich, ja peinlich ausge⸗ bildet. Das Verhaͤltniß, welches ſich zwiſchen der Herzogin Margaretha und Bourbon zu bilden begann, ward vom Koͤnige entſchieden gemißbilligt, und kam deshalb zu keiner rinenilühen Bluͤthe, da in Margaretha keine lebendige Neigung, welche durch Hinderniſſe gereizt werden konnte, ſondern nur eine freundſchaftliche Theilnahme an dem un⸗ gluͤcklichen Manne, eine durch deſſen Entgegenkommen ge⸗ ſchmeichelte Eitelkeit, und die politiſche Abſicht vorhanden war, durch eheliche Verbindung mit dieſem wichtigſten Vaſallen und Feinde der Krone der Krone ſelbſt und dem ohnedies ſo arg geſtoͤrten Regimente des Bruders eine Hilfe zu bringen. Es ward denn immer ſorgfaͤltig vermieden, daß Bourbon, der faſt taͤglich nach dem Palaſte kam, jemals mit dem Koͤnige zuſammentraͤfe. Wie eifrig er ſich auch zeigte, den Frieden, welchen Franz ſo lebhaft wuͤnſchte, abſchließen zu helfen, ja wie deutlich er ſich, wo eine Wahl geſtellt wurde zwiſchen ſpaniſchem und franzoſiſchem Vortheil, der Wortführung fur den letzteren zuwendete, Koͤnig Franz war in dieſer Angelegenheit unbengſam, un⸗ erbittlich. Fuͤr Bourbons Felonie unb es in ſeinem Her⸗ zen keine Verzeihung. Frauen gegenuͤber nennt man freilich die Untreue nicht Felonie, und iſt man nachſichtiger gegen ſich wie gegen . Andere. Zuweilen ſchien es wohl, als ob er die ihm ſtets arglos ergebene Francoiſe mit mitleidiger Theilnahme be⸗ trachtete. Mitleidige Theilnahme iſt in ſolcher Lage ein erſchreckliches Wort, und es druͤckt auch nicht ganz richtig aus, was hier auszudruͤcken iſt: ſeine Neigung zu dem ſchoͤnen, liebenswuͤrdigen, ihm unwandelbar treuen Weibe war nicht erſtorben, er fand ſie nach wie vor ſchoͤn, er fand ſie liebenswuͤrdig, aber er haͤtte ſie wahrſcheinlich reizender gefunden, wenn er ihrer Treue weniger ſicher geweſen waͤre. Er betrachtete ſie wie eine Ehefrau, deren Schoͤnheit und Vorzuͤge man anerkennen muß, und der man es zum Vorwurfe machen moͤchte, daß ſie keinen Grund zu Vorwuͤrfen giebt, weil dies ein Mangel an Le⸗ ben in ihr ſei, und weil aus dieſem Mangel die traͤge Theilnahme des Mannes entſpringe. In der That litt der Koͤnig, Zeit ſeines Lebens an ſtete Bewegung in freier Luft gewoͤhnt, um jene Zeit an Traͤgheit der Organe, Traͤgheit der Lebens⸗Verlangniſſe, welche uͤble Laune und egoiſtiſches Zuſammenziehn zur Folge haben, und welche den Menſchen doppelt undankbar und unempfindlich machen gegen das, was ihm leicht erreichbar von außen geboten wird. Zaͤrtlichkeit bedarf vor Allem einer gewiſſen Friſche des Bluts. Sein Blut ſtockte, und ſo war auch die raſche Befliſſenheit, welche er bei erſter Begegnung gegen Chi⸗ mene gezeigt hatte, in dieſer truͤben Zeit ſtiller geworden. Aber er ſah ſie ſeltener, er hatte ſie noch zu erobern, und ſie beſaß die herbe Friſche der Jugend, welche auch dem traͤg⸗ ſten maͤnnlichen Organismus gleichſam wie ein Erſatz deſ⸗ ſen was ihm fehlt lockender iſt als die aufgebluͤhte weibliche 81 Schoͤnheit. Sie belebte ihn alſo, auch wenn er jetzt nicht geſtimmt war, dies lebhaft wie ſonſt auszudruͤcken. Chimene hatte uͤbrigens nach dem Abende des 18. Sep⸗ tember nur eine fluͤchtige Unterredung mit ihrem Vater ge⸗ habt, worin ihr dieſer, die Abſicht und das Einzelne jener abendlichen Expedition mit keiner Sylbe beruͤhrend, ange⸗ kuͤndigt hatte, daß er es lieber ſaͤhe, ſie bezoͤge ſein Haus in Toledo ſo lange die Franzoſen in Madrid waͤren— Die Graͤfin Chateaubriant, hatte ſie darauf erwidert, iſt meine einzige Freundin auf der Welt, warum wollt Ihr mich von ihr trennen? Ich halte es nicht fuͤr noͤthig, Dir zu bemerken, daß dieſe Dame eine ungeſetzliche und nicht loͤbliche Stellung ein⸗ nimmt, und alſo fuͤr eine junge Dame, fuͤr eine Prinzeſſin Infantado ein unpaſſender Umgang iſt. Ihre Stellung iſt eine ungluͤckliche, und es waͤre un⸗ loͤblich, wenn ich, die ich ſie liebe, ihr das entzoͤge, was ihr die gleichguͤltige Welt verſagt. Die Welt iſt nicht gleichguͤltig, ſondern es heißt, Koͤnig Karl werde ſie moraliſchen Aergerniſſes halber nachdruͤck⸗ lich bitten laſſen, ſich aus Madrid zu entfernen. O mein Gott, wie gemein ſind die Gedanken der herr⸗ ſchenden Maͤnner! Was ſagſt Du?! Ihr Vater war todt, Ihr Gatte war roh, Ihre Mutter war hart, Ihr Bruder iſt kalt, Ihr Geliebter iſt— ſie ſprach das Wort nicht aus, ſetzte aber, in ſolcher Weiſe vor ſich hinſprechend hinzu— das iſt der Schutz und Troſt fuͤr einſame Frauen! 3 Laube, Chateaubriant. III. 6 8²2 Der Herzog ging hinweg, ohne das Thema weiter zu beruͤhren, ohne auf die Entfernung der Tochter wieder zu⸗ ruͤckzukommen: ſo wie ihn aberglaͤubiſche Furcht einerſeits von ſeiner Tochter entfernte, ſo verhinderten ihn auf der andern Seite Vorwuͤrfe des Gewiſſens, gebieteriſch ſtreng mit ihr zu verfahren. Da er ihr keine Liebe ſchenken konnte, und eben wieder aus ſolchen Aeußerungen nur zu deutlich erſah, wie ſchmerzlich ſie dies empfand, wie ſehr ſie ſich ih⸗ rer unnatuͤrlichen Lage bewußt war, ſo brachte er keinen Vorwurf uͤber ſeine Lippen. Erkannt hatte er ſie gar wohl an jenem Abende unter dem Thorgewoͤlbe des Thurmes! Jener Vorfall und dieſe Unterredung dienten nur dazu, ſein Weh uͤber dieſes Kind, ſeine Wel thüſs Furcht vor dem⸗ ſelben zu verſtaͤrken. Wenn Chimene kein Herz zu ihm faßte, ſo entſprang dies wohl aus derſelben Urſache: von Jugend auf entfernt von ihm hatte ſie in der Kaͤlte, mit welcher er ſie endlich empfing, nicht einmal den Namen„Tochter“ heraus hoͤren koͤnnen, denn er nannte ſie weder Tochter, noch nannte er ſich Vater. Sie hatte ſich gefliſſentlich zuruͤckgehalten von den jen⸗ ſeitigen Zimmern der Herzogin Margaretha, wohin der Koͤnig ſtets bei untergehender Sonne ſich begab, um zuerſt die politiſchen Unterhandlungen zu beſprechen, dann zu Abend zu ſpeiſen, dann mit Montmorency, Brion oder Budé eine Partie Schach zu ſpielen, wenn er, wie dies jetzt ge⸗ woͤhnlich der Fall war, zu anderer Unterhaltung ſich nicht aufgelegt fuͤhlte. Aber dieſe Zuruͤckhaltung erreichte auch den Zweck nicht, welchen ſte dabei im Auge hatte, dem Koͤ⸗ 83³ nige naͤmlich auszuweichen, und ihrer Freundin Frangoiſe alleinigen Raum zu laſſen fuͤr Aufheiterung des Koͤnigs. Er ließ dann nach ihr fragen, ließ den kleinen David, wie er ſich ausdruͤckte, bitten, mit der Zither zu kommen und dem ſchwermuͤthigen Saul die Melancholie zu verſcheuchen durch Spiel und Geſang. Oder er kam auch ſelbſt heruͤber in ihre Gemaͤcher, welche ſie mit Francoiſe getheilt hatte, und Francgoiſe ſelbſt mußte ſie in's Balkonzimmer holen, Letzteres ſtets zu peinlichſter Empfindung fuͤr Chimene. Verrieth auch Frangoiſe noch nichts von der ſchmerzlichen Eiferſucht, die ihr erregt werden konnte— und ſie war engelsgut genug, um ihrem Geliebten fuͤr jeden Preis Freude zu goͤnnen, und ſpaͤter als jede andere Frau Neid zu em⸗ pfinden— Chimene, in taͤglichem Kampf mit den eigenen Gefuͤhlen ſo ſchmeichelhaft erweckter Neigung, fuͤhlte fuͤr ſie das Druͤckende der Verhaͤltniſſe und war unaufhoͤrlich be⸗ muͤht, Abhilfe dafuͤr zu ſuchen. Sie ermunterte Francoiſe, den Geſang zur Harfe, den ſie waͤhrend ihrer Jugendzeit unter Anleitung eines Moͤnchs der Abtei betrieben hatte, wieder aufzunehmen. Aber die Stimme war vernachlaͤſ⸗ ſigt, die Friſche derſelben war verloren, und das Gehoͤr war nicht geuͤbt genug, um halb falſche Toͤne zu erkennen und zu vermeiden. Der Koͤnig, mit dem feinſten Sinne fuͤr den kuͤnſtleriſchen Ton begabt, ſchrie erſt ungeduldig und lachend auf, hielt ſich beim zweiten Male, wiederum lachend, die Ohren zu und bat ſie beim dritten Male, dieſe Verſuche aufzugeben. Am Ende waren die beiden Freundinnen denn doch auch nur Frauen, nur Menſchen! Chimene mochte ſich's 6*¾ — ſelbſt und Andern noch ſo ſorgfältig verbergen, der Honig des Behagens, welchen jede Bevorzugung, jede erregte Neigung in das Herz deſſen traͤufelt, der ausgezeichnet und begehrt wird, durchdrang ſie doch, und erzeugte manche un⸗ bedachte Aeußerung der uͤberlegenen Kraft, wenn nicht des Uebermuthes. Namentlich die muſikaliſche Uebung war“ dazu gar zu herausfordernd, und Francoiſe, welche niemals große Neigung fuͤr Chimene empfunden hatte, wurde end⸗ lich ungeduldig, und wurde, Gott ſei Dank! wie Marot ſtill fuͤr ſich hin ſagte, endlich eiferſuͤchtig. Es war an einem regneriſchen, ſtockfinſtern November⸗Abende, als ſie ihren Unmuth uͤber die ſtets herbe Aeußerungsweiſe des Koͤnigs endlich einmal dadurch zeigte, daß ſie ploͤtzlich aufſtand, auf eine herbe Anrede des Koͤnigs das Zimmer verließ und uͤber Treppen und Flur in ihre Gemaͤcher hinuͤber eilte. Marot folgte ihr verſtohlen und fand ſie in Thraͤnen. Aber ſie beweinte nicht nur ihr Geſchick, ſie beweinte auch, daß ſie ihrer Empändlichkeit nachgegeben und dadurch den Koͤnig verletzt haͤtte. Wollte Gott, rief Marot ungeduldig daruͤber, Ihr haͤttet ihn längſt verletzt, dann wäre er laͤngſt liebevoller gegen Euch! Wie? Thut ihm die Welt nicht weh genug? Waͤre es nicht entſetzlich, wenn die, welche ihn lieben, ihm noch Ver⸗ druß bereiten wollten!? Solcher Verdruß iſt ihm erſprießlicher als ſtete Nach⸗ giebigkeit, denn ſolcher Verdruß belebt ihn, waͤhrend ihn die ſtete Nachgiebigkeit langweilt. Langweilt? Meiſter Clement, was waͤre das für ein Herz, das von einem liebenden Herzen gelangweilt werden koͤnnte? Das waͤre das Herz eines unternehmenden Mannes, welches in Athem erhalten ſein will, das Herz unſers Koͤnigs. Francoiſe ſah ihn ſchweigend und fragend an mit ihren großen, noch thraͤnenfeuchten Augen, und ſprach langſam nach dieſer Pauſe: Du verwechſelſt, Marot, die Gefallſucht alltaͤglicher Neigungen mit einem tieferen Liebesbedurfniſſe. Nicht doch! Der erhabenſte Menſch braucht Speiſe und Trank, die edelſte Frucht braucht die richtige Abwechſelung von Sonnenſchein und Regen. Eure Herzen ſind nicht allein, ſind nicht abgeſondert von den Beduͤrfniſſen Eures uͤbrigen Menſchen, Eures Geiſtes, Eures Koͤrpers, alſo muͤßt Ihr Eure Herzen, wenn deren Wohlſein gedeihen ſoll, durch ein richtiges Gleichgewicht Eurer uͤbrigen Kraͤfte und Verlangniſſe unterſtuͤtzen. Zeigt dem Koͤnige, daß Ihr ihn entbehren koͤnnt, und es wird ſich zeigen, daß er Euch nicht entbehren kann. Dann muͤßte ich anders handeln, als meine Natur, als mein Charakter mich zu handeln draͤngt? Allerdings, und dies nennt man eben, wie Koͤnig Franz ſagt, Bildung. Macht ein Kunſtwerk aus Eurer Neigung. Seinem natuͤrlichen Weſen uͤberall folgen, das iſt, verzeißt mir, aͤußerſt leicht, das leiſtet Jedermann. Du biſt ein Schalk, Clément! Das auch. Ich wollte, Ihr entwickeltet die Schalk⸗ haftigkeit, welche in Euch ruht, und welche von Eurer ein⸗ toͤnigen Liebe niedergehalten wird. Du magſt nicht ganz Unrecht haben, ich werde mich gleichguͤltig zeigen. Ich habe ganz Recht, und Ihr muͤßt viel mehr thun, als Euch gleichguͤltig zeigen. Gleichgultigkeit verletzt, Ihr muͤßt aber reizen. Neigung müßt Ihr zeigen nach der Seite hin, von welcher ſie Euch geboten wird. Marot! Nehmt's nicht ſo religids! Iſt Brion nicht der Muͤhe werth? Ihr ſollt's bald am Koͤnige ſehn, ob dem ſo iſt. Mißverſteht mich nicht! Was will ich denn? Euch gluͤcklich an der Seite des Koͤnigs, vielleicht einſt auf dem Throne Frankreichs ſehn. Euch und den Koͤnig will ich gluͤcklich ſehn. Brion iſt ein braver Seigneur, dem ich alles Gluͤck goͤnne, aber von Euch nur eine fluͤchtig erſcheinende und wieder verſchwindende Flagge des Gluͤcks. Die Lebenskunſt beſteht darin, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterſchei⸗ den, das Dauernde vom Voruͤbergehenden. Ich kenne den Koͤnig von früh auf, und was ich an ſeiner fruͤhſten Jugend nicht geſehn, das hat mir mein Vater, der in den Schloͤſſern herum geſtoßen wurde, berichtet. Nun, demnach habe ich von Eurer erſten Begegnung des Koͤnigs an gewußt, daß Ihr ſeine wahre und einzige Liebe ſeid. Es iſt meine Schul⸗ digkeit, ihm zu erhalten, was ihm gebuͤhrt. Dergleichen Spielereien, wie das Zitherſpiel und der ſchoͤne Augenauf⸗ ſchlag der kleinen ſpaniſchen Prinzeß beacht' ich ſo wenig wie ſchwarze Wolken am Morgenhimmel, dieſe Wolken ma⸗ chen aus Tag nicht Nacht, dergleichen romantiſche Liebha⸗ bereien, deren unſer Herr Zeit ſeines Lebens bedurft hat und beduͤrfen wird, vernichten die eigentliche Sonne in ihm nicht, und gehn voruͤber wie Wolken. Das ſind Kleinigkei⸗ ten, nach denen man nicht hinſehn darf, obwohl ich eben — 87 hoͤre, daß die Frau Regentin Jean Couſin herſchickt, um die kleine ſpaniſche Prinzeß, welche den Koͤnig troͤſte, zu malen. Wir wollen ſie in Eurem Zimmer im Louvre aufhaͤngen, wenn wir nach unſrer Ruͤckkunft das Louvre gebaut haben werden, und wollen einſt, wenn der vaterlaͤndiſche Regen — und unſer kothiges Paris wird nie daran Mangel lei⸗ den— an die Lousrefenſter ſchlaͤgt, wie heut der ſpaniſche an dieſe ſchlecht verwahrten Fenſter, wir wollen dann, mit Zufriedenheit das Bild betrachtend, ausrufen: Es war doch recht huͤbſch, daß der Koͤnig im Alcazar ein ſo aller⸗ liebſtes Geſchoͤpf mit der Davidsharfe fand. Das wollen wir, aber jetzt wollen wir von dieſer Nebenſache zu unſrer Hauptſache uͤbergehn. 2 Zudringlicher Rath der Freunde fuͤr Veraͤnderung unſrer Lebensweiſe iſt eine Lebensgefahr fuͤr Leute, die eine Eigenthuͤmlichkeit haben, und deren Werth und Macht in dieſer Eigenthuͤmlichkeit beruht. Frangoiſe empfand das, aber ſie empfand es nur, ſie wußte es nicht, deshalb wider⸗ ſetzte ſie ſich ſchwach und ſchwaͤcher, und gab leider am Ende nach. War ſie doch über die groͤßere Weltklugheit Marot's und über wohlmeinende Geſinnung fur ſie außer Zweifel, und hatte ſie doch zu eignem Nachtheile bisher immer ſehn muͤſſen, daß die bloß herzliche und aller Berechnung entzo⸗ gene Hingebung ihrer Macht keine Dauer zu Wege braͤchte. Ach, es war ihr Geſchick, daß die traurigſte Wendung deſſelben von ihren Freunden ausgehn ſollte! Brion naͤm⸗ lich, von einer ſtets unerwiderten Neigung verzehrt, hatte ebenfalls den Moment ergreifen zu muͤſſen geglaubt, in wel⸗ chem ſie zum erſten Male dem Koͤnig charaktervoll entgegen zu treten ſchien, und war ihr ebenfalls nach einiger Zeit ge⸗ folgt. Es war ihm gelungen, unbemerkt von der Geſellſchaft die Thuͤr und den Ausgang zu gewinnen, das Blut draͤngte ihm nach Kopf und Herzen, er wußte ſelbſt nicht was er wollte, aber er fuͤhlte die unwiderſtehliche Nothwendigkeit, der Geliebten die hilfreiche und die in ſchwaͤrmeriſcher wie ſinnlicher Liebe zitternde Hand zu bieten. So eilte er, be⸗ taubt und faſt taumelnd über den Flur und die Treppe hin⸗ auf. Unterdruͤckte Leidenſchaft bricht ſich oft ploͤtzlich Bahn, es koſte was es wolle, jahrelange Ruͤckſicht verſchwindet oft vor einer einzigen dargebotnen Gelegenheit, vor einer ein⸗ zigen Ueberwallung des Bluts, welche in Schwindel und Ungeſtuͤm zum Verwegenſten treibt.— Als er in's Vor⸗ zimmer trat, vernahm er durch die nur angelehnte Thuͤr Marot's Stimme, und hoͤrte ſeinen Namen, hoͤrte die Worte „Iſt Brion nicht der Muͤhe werth?“ Er wußte ſich Marot geneigt, er war verwirrt, es flog ihm durch den Sinn, daß dieſer entſcheidende Augenblick ergriffen werden muͤſſe. Das durfte nicht geſchehn unter offenbarem Mitwiſſen Ma⸗ rot's, dieſer durfte ihm alſo hier nicht begegnen! Er eilte auf den Vorſaal zuruͤck, er kannte dieſe Gemaͤcher ganz ge⸗ nau, er war zu wiederholten Malen, wenn Frangoiſe und Chimene druͤben bei der Herzogin neben dem Köoͤnige ſaßen, hierher geeilt mit gequaͤltem, übervollem Herzen, um wie ein aͤchter ſchwaͤrmeriſcher Liebhaber ſich an den Orten zu laben, welche ſonſt der Geliebten zum Aufenthalte dienten, ſein Haupt in die Kiſſen zu druͤcken, auf welchen ſie zu ru⸗ hen pflegte. Wer weiß, ob nicht der kuͤhne Wagegeiſt des 89 franzöſiſchen Seigneur in dieſen Stunden gepflegten Liebes⸗ ſchmerzes einſtige Abenteuer und die Hilfsmittel zu denſel⸗ ben in's Auge gefaßt hatte! Wer weiß, ob der bloße Zu⸗ fall, die bloße Neugier des Liebhabers ihm zu Entdeckungen in der Raͤumlichkeit verholfen hatte. Daß ſolche zu machen waren, hat die geheimnißvolle Erſcheinung des Herzogs von Infantado gezeigt, welche am Abende der Flucht neben dem Bildniſſe Chimenens an der Wand des Balkonzimmers ge⸗ ſpenſterhaft hervorgetreten war. Kurz, Brion hatte den Ort entdeckt, an welchem der Herzog damals geweſen war, um wahrſcheinlich die ungluͤckliche Tochter, von welcher er Schmach und Ungluͤck fuͤr ſein Haupt furchtete, zu belau⸗ ſchen. Leider waren er und Brion nicht die Einzigen, welche dieſen Ort kannten. Seit der Ankunft des Kaiſers in Madrid war unter andrer Benennung ein Aufſeher im Pa⸗ laſte erſchienen, wie es ſchien, um dem ſtolzen Herzoge den mißlichen Wachtdienſt zu erleichtern, das heißt im Grunde, abzunehmen. Dieſer Brabanter hatte mit voller Goldes⸗ hand den Haushofmeiſter hinter des Herzogs Ruͤcken bewo⸗ gen, alle Schlupfwinkel des alten Palaſtes aufzudecken, und ſo war dieſer ſchlimmſte Feind ebenfalls zur Kenntniß eines Verſtecks gekommen, den Brion nur zum kleinſten Theile kannte. Im Schlafzimmer Francoiſens naͤmlich an der Wand nach einem Kleidungsſtuͤcke derſelben in verliebtem Spiele langend war er ausgleitend mit der nach Anhalt greifenden Hand auf eine verborgene Feder gerathen, und hatte dadurch zu ſeiner großen Ueberraſchung eine Tapeten⸗ thüͤr geoffnet. Es war nicht gleich zu erkennen, was ſie zu bedeuten habe, denn ſie zeigte keinen Durchgang nach einem andern Raume, ſondern in ganz ſchmalen Stufen ſtieg da⸗ hinter die Mauer aufwaͤrts zu halber Zimmerhoͤhe, dann erſt kam links und rechts hohler dunkler Raum. Neugierig klomm er hinauf, und fand, daß gegenuͤber eben ſolche Stu⸗ fen abwärts fuͤhrten, und daß auf der andern Seite eine eben ſo verſchloſſene Tapetenthuͤr in die Zimmer fuͤhrte, welche Chimene jetzt bewohnte. Ihm lagen zunaͤchſt nur Francoiſens Zimener am Herzen, er ſtieg alſo wieder hin⸗ auf, und tappte in dem dunklen Gange in der Richtung vor⸗ waͤrts, welche nach der Seite des Alcazar zu füͤhrte, und in welcher das Balkonzimmer, hart an das Schlafzimmer ſto⸗ ßend, kommen mußte. Eine ſchmale Lichtſpalte verrieth ihm die Oeffnung neben dem Bildniſſe im Balkonzimmer, er entdeckte, daß man ſie handbreit oder ganz oͤffnen und ſchließen konnte, und jubelte üͤber dies entdeckte Mittel, Francoiſe gelegentlich von da belauſchen zu koͤnnen. Dorthin nun eilte er jetzt durch Chimenens Zimmer, um das Geſpraͤch der Geliebten mit Marot, welches ihn ſelbſt zu betreffen ſchien, anzuhoͤren, und ſobald Marot ſie verlaſſen und ihm der Muth bliebe wie jetzt, die Zimmer der Geliebten durch die Tapetenthuͤr zu betreten. Chimene war noch druͤben neben dem Koͤnige, der Eintritt hatte alſo keine Schwierigkeit. Dem gewoͤhnlichen Hergange nach blieb ſie noch lange, ſaͤnke ihm alſo der Muth, oder hinderte ihn Marot's laͤngere Anweſenheit, ſo konnte er deſſelben Weges ſeinen Ruͤckzug bewerkſtelligen.— Raſch kam er in ſeinen Verſteck, und hoͤrte, daß ſie lachend Marot verſprach, von ſeiner Lebenskunſt ſich aneignen zu wollen, ſo viel ihr erreichbar ſei— 4 91 Still, unterbrach ſie dieſer, und trat an die nur ange⸗ lehnte Thuͤr des Balkonzimmers,— ich hoͤre maͤnnliche Schritte die Treppe heraufkommen, ich hoͤre eine maͤnnliche Stimme— es iſt der Koͤnig, welcher Chimene heruͤber⸗ fuͤhrt! Da iſt unerwartet ſchnell die Wirkung Eures erſten Widerſtandes! Zum erſten Male habt Ihr Euch unwillig gezeigt uͤber ſeine Tyrannei, und da iſt er auch zum erſten Male ſeit langer Zeit auf dem Wege, Euch aufzuſuchen— ſtill! Er wird ſein Puͤppchen auf dem Vorſaale beim Ein⸗ tritte in ihr Zimmer verabſchieden! Benüuͤtzt die Gelegen⸗ heit, ſeid karg! Aber laßt mich auf der andern Seite hin⸗ aus, er darf mich hier nicht finden, ſonſt wuͤrde er hinter Eurem neuen Benehmen ſogleich meine Einmiſchung erken⸗ nen, und dadurch verloͤre es ſeine Wirkung. Es giebt keinen zweiten Ausgang als den durch Chi⸗ menens Zimmer, und der iſt im jetzigen Augenblick nicht 3 einzuſchlagen, Ihr muͤßt alſo bleiben! Unmoͤglich. Wer weiß ob nicht gar die thoͤrichte Ver⸗ laͤumdung von Fontainebleau wieder aufgeregt wuͤrde. Wie wenig wahrſcheinlich mein Anſtrich auch iſt, daß ich ein Lieb⸗ haber der ſchöͤnen Graͤfin Chateaubriant ſein koͤnne, die Verlaͤumdung Eures Geſchmacks fand doch einigen Glauben, weil ſie zugleich eine Verlaͤumdung Eures Rufes war, und— Ihr übertreibt in der Beſcheidenheit, Meiſter Clément! Nicht mehr als Ihr in der Artigkeit— und wenn der Koͤnig auch das erſte Mal gelachthat, das zweite Mal koͤnnte es ihm nicht laͤcherlich ſein. Nun, dann ſpielt Ihr die Rolle, welche Ihr Brion zu⸗ gedacht habt, iſt ſie Euch ſo mißfaͤllig? .8 ☚—— — b —= 9² Scherzt nicht! Mir, einem Emporkoͤmmlinge, koͤnnte ſie uͤbel bekommen. Je weniger man an Euren Geſchmack fuͤr meine Liebhaberrolle glaubte, deſto mehr wuͤrde man an meine Zudringlichkeit glauben, und mir eine Züchtigung fuͤr noͤthig erachten— er tritt in's vordere Zimmer! Um's Himmels willen wo ſoll ich hin? Bleibt Marot! Um keinen Preis; ich kenne das Stirnrunzeln meines Herrn! 4 Bei dieſen Worten hatte er die Balkonthuͤr geoͤffnet, und weil er vielleicht hoffte, von da hinab zu kommen, ſchluͤpfte er hinaus, und zog raſch die mit ſeidnen Vorhaͤn⸗ gen bedeckte Glasthuͤre hinter ſich zu. Kaum war das geſchehn, ſo ſtand auch der Koͤnig im Zimmer, und richtete herzliche Worte an Francoiſe zur Entſchuldigung fuͤr ſein jetzt ſo oft muͤrriſches und heftiges Weſen, das von der quäleriſchen Lebensweiſe im Gefaͤngniſſe herruͤhre. Ich entfremde mir, ſetzte er hinzu, indem er ſich zu Marot's Schrecken auf einen Seſſel niederließ, ich ent⸗ fremde mir durch dieſen widerwaͤrtigen Kaiſer, der meine Laune ſo verdrießlich macht, am Ende auch noch meine beſten Freunde. Auch Brion hatte ſich entfernt, Budé war unwohl weggegangen und das Geſpraͤch war nicht loszubringen von der ungluͤcklichen politiſchen Lage. Margarethe erwartet heut Abend noch einen Kourier von der Mutter, in deſſen Begleitung vielleicht die neuen Gaͤſte, die ſie uns zuſenden will, eintreffen, Couſin und Florentin— Du liebſt dieſen Prieſter nicht? Er liebt mich nicht mehr— 93 Nicht mehr? Und Du biſt erſchrocken bei ſeinem Na⸗ men, als ob er eine Gefahr fuͤr Dich ſei? Er iſt ein intriguanter Menſch. Was thut Dir's, wenn er keine Veranlaſſung hat zu Intriguen gegen Dich! Die Mutter ruͤhmt ihn als ſehr klug und geſchickt, und ſolche Leute brauch ich, um aus des Kaiſers Schlingen zu kommen, gegen welche unſre Tapfer⸗ keit ſo wenig ausrichtet als ein ſtarkes Roß auf ſumpfigem Boden: ein leichter, vielgeſpaltener Krallenfuß ſchluͤpft hoffentlich beſſer daruͤber hin.— Aber wer kommt ſo ſpaͤt noch zu Dir? Man hoͤrte naͤmlich Gerauſch herannahender Schritte im Vorzimmer, und gleich darauf die Stimme der Herzogin Margaretha, welche fragte, ob ſie mit Montmorency eintre⸗ ten koͤnne. Nachdem der Koͤnig bejaht, trat ſie haſtig ein, und ſprach, indem ſie ihm Briefe uͤberreichte: Der Kourier iſt da, und der Prieſter und Maler mit ihm. Sie bringen bedenkliche Warnungen der Mutter, Brion ſoll davon wiſ⸗ ſen, aber er iſt nirgends aufzuſinden, Marot muß alſo ſo⸗ gleich zu Bourbon eilen, wo iſt Marot? ich meinte er ſei hier; Budè iſt ſchon zu Bett, ich kann ihn nicht in dem Wetter hinaustreiben— hier, hier ſind die wunderlichen Warnungen! Dabei zeigte ſie dem Koͤnige eine Stelle des Briefs und ging dann unruhig im Zimmer auf und ab, jedesmal wenn ſie an die Balkonthuͤr kam, die Gardinen derſelben ein we⸗ nig luͤftend, als wollte ſie nach dem Wetter ſehn, jedesmal aber davon ablaſſend und fragenden, unruhigen Blickes nach dem Sitze des leſenden Koͤnigs zuruͤckkehrend. —— - — m Unglaublich! rief endlich der Koͤnig. Was waͤre noch unglaublich an dieſem Handelsmanne, den ſie Kaiſer nennen! Iſt Dir denn wirklich ein Termin anberaumt in Dei⸗ nem Geleitsbriefe? Du haſt ja nie davon geſprochen. Allerdings. Ich habe Dir nicht davon geſprochen, weil ich Dich nicht beunruhigen wollte mit der Idee dieſer kraͤmerhaften Strenge. Denn was hat ein gefangener Koͤ⸗ nig fuͤr Ausſicht, wenn er ſieht, daß man ſeiner leiblichen Schweſter vorſchreibt: So und ſo viel Tage darfſt Du den Bruder ſehn, und keinen Tag laͤnger, und der Tag, welchen Du länger verweilſt, bedroht Dich, Mitgefangene zu wer⸗ den?! Sollte ich Dir dergleichen erzäͤhlen, als ich kam, um Dich mit Hoffnungen aufzurichten?! Und ich hielt es ſelbſt fuͤr bloße Foͤrmlichkeit— Das iſt es auch nur! Verblenden wir uns doch nicht laͤnger! Gattinara hat ſchon warnend davon zu Brion geredet, ich habe Brion's Mittheilung in den Wind geſchlagen! Bourbon hat mich aufmerkſam gemacht, ich habe nicht darauf geachtet! Sind wir etwa ſo klug und vorſichtig wie unſre Mutter, welche alle Nachrichten der Prieſterſchaft auszuſpaͤhen verſteht, welche uͤber jeden Schritt und Gedanken des Kaiſers beſſer unterrichtet iſt, als wir es ſind hier in Madrid ſelber? Und die Mutter ruft: Mache Dich auf! Der Prieſter, den ſie ſendet, und der eingeweiht iſt in alle Geheimniſſe Europa's, ſpricht: Die Gefahr iſt vor der Thuͤr! Sie iſt's, wenn dieſer Kaiſer ſeinen Geleitsbrief woͤrtlich anwenden laͤßt. Dar⸗ nach habe ich nicht mehr volle drei Tage Friſt, und wenn ich 5gga4ba9& 4 dun 61n,at Hunzepb⸗ a5 1plu up uog. ,Guv 2n aog e e eee e: u i ee pl e eege eee e ie e uobv e e ee e ee eeee 3rlgab u peae uelle ae a e e e d e =v ne qun*u⸗o ae d p e i aw ee Spp uao⸗ Juo gun Genazomzuadſl cppach uobvalcpvu 1uuv u a uto cplol loq dun quoſe uorvd ir ae e aegun 98 1v e e bae e -u 1g S. vavun zuv Auxol aul qaun a⸗qnuus ol a 1u alne za0u. 20 49 1ob e dun e e he ne „u oq a gu z va unn ne ee 198 uuv 1Goat v h a z cav e ie ae e vog rolbo= vroavbave 1014(M o1b0! avais gaun — uogvh llunjon]s daoco nee unaee y ie e e ahamsbunfande 12elg al e enat eig e e ee e Hundan u 3(p ap veG ao0og n un i e oguc. 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Als zum erſten Male nach Marot gefragt wurde, ſchwieg ſie, weil er ſte einmal darum gebeten, und weil er doch einmal ſich verborgen hatte; ſie ahnte nicht, daß auf ſeine Abweſenheit ſo viel Nachdruck gelegt, daß ſein Verſteck unter ſo feierlich arten⸗ den Umſtaͤnden ungewoͤhnlich auffallend, ja ihrem Rufe ge⸗ faͤhrlich werden koͤnne. Weil ſie bei der erſten Nachfrage geſchwiegen hatte, war ſte mitſchuldig geworden, und es ward ihr nun ſchon ſchwerer, einen Verſteck aufzudecken, den ſie ſelbſt durch Verſchweigung gebilligt hatte. Das Blut ſtieg ihr in die Wangen, denn ſie wußte, daß der koͤrperlich nicht eben verwegene Poet nicht fuͤglich vom Balkon hinab kaͤme, und daß jeden Augenblick eine Entdeckung moͤglich ſei, weil die Herzogin wegen einer Sendung in die Stadt hinuͤber nach dem Wetter ſehn und deshalb auf den Balkon hinaustreten duͤrfte. Ihre Verwirrung ward dadurch er⸗ hoͤht, daß ihr der letzte Abend, den ſie in Fontainebleau zu⸗ gebracht, grell in's Gedaͤchtniß trat. Dort war es ebenfalls Marot geweſen, deſſen unſchuldigen Beſuch man zu ihrem Nachtheil gedeutet hatte, und zu alle dem erſchien wie damals Florentin, der Ungluͤcks⸗Prophet für ſie. Sein ſpoͤttiſch forſchender Blick war es auch, der auf ſie fiel, als ſie ſich ein Herz faſſen, ſich erheben und einfach ſagen wollte: Marot iſt hier, er ſteht auf dem Balkone drau⸗ ßen. Dieſer Blick erbitterte ſie; vor ſolchem Zeugen wollte ſie nicht eine zweideutige Scene veranlaßt ſehn, und außerdem erhob ſich in dieſem Augenblick der Koͤnig, in den Alcazar zuruck zu kehren, weil er ſich angegriffen Laube, Chateaubriant. III. 7. fühle. Damit ſchien ja die erwuͤnſchte Erloͤſung einzutre⸗ ten, denn mit dem Koͤnige entfernten ſich jedenfalls auch die Uebrigen aus Frangoiſens Zimmer. Leider geſchah es nicht ſo, und leider ward durch dieſe Aeußerung des Koͤnigs auch Brion zu einem Schritte ver⸗ anlaßt, den er ohne dieſe Aeußerung wohl nicht gewagt ha⸗ ben wuͤrde. Er war naͤmlich ſchon durch die Ankunft des Konigs im Balkonzimmer in große Verlegenheit gerathen, denn dieſe Ankunft ſchloß ein, daß auch Chimene bereits in ihre Zimmer zuruͤckgekehrt und ihm dadurch der Ruͤckzug ab⸗ geſchnitten ſei. Wirklich entdeckte er durch den erhoͤhten Lichtſchimmer, welchen ihr Eintritt veranlaßte, daß auch nach dieſer Seite eine Oeffnung in der Mauer dem Spaͤ⸗ herauge geboten ſei, und erblickte durch dieſe Oeffnung Chi⸗ menen ſelbſt, die ſich eines Theils ihrer Ueberkleider entle⸗ digte, und ſich nachdenklich auf einen Ruheſitz lehnte. Zu jeder andern Zeit wuͤrde den jungen heitern Seigneur die⸗ ſer verſtohlene Anblick eines halb entkleideten ſchoͤnen Maͤd⸗ chens, die keinen Lauſcher ahnte, vortrefflich unterhalten haben, jetzt aber blickte er nur nach dieſer Seite, weil er einem quäͤleriſchen Anblicke auf der andern Seite auswei⸗ chen ſollte. Denn er mußte erwarten, dort ſeine geliebte Francoiſe in den Armen des Koͤnigs zu ſehn, da dieſer of⸗ fenbar gekommen war, ſein Unrecht gut zu machen, und da eine Verſoͤhnung zwiſchen entzweiten Liebenden nur um ſo lebhaftere Zaͤrtlichkeit zu bringen pflegt. Im erſten Augen⸗ blicke alſo war es ihm eine aͤußerſt willkommene Ueberra⸗ ſchung, als er die Stimme der Herzogin Margaretha im Balkonzimmer vernahm. Er wendete ſich nun raſch wieder 99 nach dieſer Seite, und verfolgte mit großem Intereſſe, was ſich da ereignete. Daß er ſelbſt vermißt wurde war ihm wohl unangenehm, aber daß Marot's Verſteck zu einer ſo bedenklichen Verlegenheit fuͤr Frangoiſe ſtieg, hatte einen halb komiſchen und noch einen unausgedachten andern Reiz fuͤr ihn. Das beſte Herz entledigt ſich, wo ſeine geheimſten und lebhafteſten Wuͤnſche einer Moglichkeit des Gelingens nahe kommen, es entledigt ſich nicht ganz des Eigennutzes. Und Brion hatte doch auch etwas von allen Eigenſchaften eines leichtfinnigen Seigneurs: er hoffte, Francoiſe troͤſten zu koͤnnen, wenn die Scene da unten zu ihrem Nachtheil ausginge, und ihr Verhaͤltniß zum Koͤnige ſtoͤre. Denn auch er erinnerte ſich gar wohl des Geruͤchtes, welches da⸗ mals in's Lager vor Pavia gekommen war, und von einem geheimnißvollen Umgange der Graͤfin Chateaubriant mit Marot erzaͤhlt hatte, und er erkannte ganz wohl, daß da⸗ durch die Scene, welche ſich da unten vorbereitete, viel ern⸗ ſter werden könne, als ſie ſonſt es zu werden verdient haͤtte. Es war die ploͤtzliche Abreiſe Frangoiſens von Fontainebleau ihren Feinden und Freunden niemals ganz aus dem Sinne gewichen, und jede Anknuͤpfung daran konnte mit Begierde aufgegriffen werden. Daß Brion's Mitleid für Frangoiſe nicht alle andere Regung uͤberwog, ſollte ihm indeß auf der Stelle eine Zuͤch⸗ tigung herbeifuͤhren. Ehe naͤmlich die Wendung der Scene ſo weit gekommen war, daß Montmorency zur Aufſuchung Marot's ſich entfernte, hoͤrte Brion in ſeinem dunklen Gange zu ſeiner erſchreckendſten Ueberraſchung Geraͤuſch, und zwar ein Geraͤuſch, welches ſich ihm naͤherte. 7* Um den Zuſammenhang genauer zu uͤberſehn iſt ein näheres Eingehn auf dieſen Theil des Palaſtes noͤthig. Wahrſcheinlich war dieſer Fluͤgel der aͤlteſte Theil deſſel⸗ ben, und war fruͤher in unmittelbarer Verbindung mit dem Alcazar geweſen. Wenigſtens entdeckte man am weſtlichen Abgrunde des Alcazargartens damals noch Grundgemaͤuer, und die Mauern in dieſem Palaſt⸗Fluͤgel waren von einer ſo außerordentlichen Dicke, daß ſie ſich auffallend von den Mauern im andern Fluͤgel unterſchieden. Es ſteht zu ver⸗ muthen, daß von der inneren Ecke im Stierhofe bis zum Balkonzimmer und vielleicht von dieſem bis zum Alcazar der Harem der mauriſchen Fuͤrſten, welche einſt hier reſi⸗ dirt, geweſen war, und daß zur heimlichen Beobachtung der Frauen die obere Aushöhlung der Wand bewerkſtelligt worden ſei. Die alten Romanzen erzaͤhlen uns hinreichend von der Neigung dieſer Frauen, Abenteuer mit chriſtlichen Rittern anzuknuͤpfen, und was der Moslem im Morgen⸗ lande ſelbſt nicht noͤthig hatte fuͤr Bewachung des Harems, das mochte ihm hier bei gemiſchter Bevoͤlkerung noͤthig ſcheinen. Kurz, in der jetzt halb abgerundeten Ecke des Stierhofes, links wenn man aus dem Palaſte trat, und da wo ſich der eine halbkreisfoͤrmige Fluͤgel an das Hauptge⸗ baͤnde anſchloß, zeigte ſich, unſymmetriſch gegen die andre Seite, ein niedriger Thurm mauriſcher Form zwiſchen Hauptgebaͤude und Fluͤgel. Er war von ſehr geringem Umfange und glich einem Minaret. Dieſer Thurm war der eigentliche Schluͤſſel zu dem geheimen Wandgange, und mit dieſem Schluͤſſel war fuͤr gutes Gold der Brabanter Agent des Kaiſers durch den Haushofmeiſter bekannt gemacht 101 worden. Der Thurm hatte oben am Dache eine eiſerne Thuͤr, die ein bloß Neugieriger, wenn er ſie offen geſehen, nicht leicht überſchritten haͤtte, denn ſie ſchien in einen dunk⸗ len Rauchfang hinabzufuͤhren. Der damit Vertraute ließ ſich aber getroſt hinab, ſein Fuß beruͤhrte in der Tiefe einer Manneshoͤhe feſten Grund. Dort begann naͤmlich eine Wendeltreppe, welche hinableitete bis zum Beginn des Mauerganges, der fruͤher alſo wohl alle Zimmer bis zum Alcazar berührt hatte, jetzt aber nur noch die vier Zimmer Chimenens und Francoiſens Preis gab, naͤmlich das Zim⸗ mer Chimenens, in welchem ſie eben war, und das Schlaf⸗, Balkon⸗ und große Vorzimmer Francoiſens. Der Brabanter mochte von der Ankunft neuer Franzo⸗ ſen und davon unterrichtet ſein durch ſeine Spaͤher, daß ſich der Koͤnig und einer der Ankoͤmmlinge in dieſen Theil des Palaſtes begeben habe, er mochte alſo den Augenblick als einen beſonders guͤnſtigen zum Horchen ergriffen haben, denn er war es, den Brion die Wendeltreppe im Thuͤrm⸗ chen herabſteigen hoͤrte. Der ſchwere Niederlaͤnder trat nicht allzu leiſe auf, und der Schall, welcher nirgends anders hinaus konnte, draͤngte ſich Brion ſtark entge⸗ gen. Dieſer, obwohl mit dem geheimen Zugange durch den Thurm nicht bekannt, wurde doch unzweifelhaft inne, daß Jemand von dieſer Seite ſich nahe, und da er um keinen Preis hier als Lauſcher uͤberraſcht ſein mochte, der Nahende ſei wer er wolle, ſo dachte er ſogleich an Flucht. Denn ein Verbergen ſchien nicht moͤglich, oder doch aͤußerſt mißlich. Brion wußte nicht, wie weit ſich der Gang, wel⸗ cher oberhalb der niedrigen Zimmerthuͤren hinlief, nach der ——— —— — Gartenſeite zu erſtreckte, und ob nach dorthin auch noch eine Oeffnung zum Lauſchen vorhanden ſei. Wenn er ſich alſo nach dieſer Richtung zuruͤckzog, ſo konnte ihm der neue Ankoͤmmling leicht dorthin folgen, um eine andre Oeffnung zu benutzen, und konnte ſolcherweiſe auf ihn ſtoßen. Ge⸗ ſchah dies aber auch nicht, ſo war eine vollkommene ge⸗ raͤuſchloſe Ruhe, die ihm beim Verbergen auferlegt gewe⸗ ſen waͤre, faſt unmoͤglich neben einem ſtill Lauſchenden, denn man hoͤrte in dieſem engen Raume den Athemzug ei⸗ nes Andern auf große Entfernung. Dies Alles uͤberdachte er haſtig, waͤhrend die Schritte des Brabanters unerbitt⸗ lich naͤher kamen, und er entſchloß ſich denn zur Flucht. Aber ſie mußte augenblicklich geſchehn, denn ſie fuͤhrte eine Strecke dem heran ſchreitenden Feinde entgegen, da die Tapetenthuͤren rechts zu Chimene, links zu Francoiſens Schlafgemach von Brion aus nach der Richtung zu lagen, von welcher die Schritte ſich naͤherten. Und wohin dann? Rechts oder links? Chimene in das Geheimniß ziehn? Nur im aͤußerſten Nothfalle! Sie konnte auch dergeſtalt erſchrecken, daß ſie um Hulfe rief, und Alles aufſtoͤrte. Auf der andern Seite aber war Francoiſens Schlafgemach, ſo lange der Koͤnig bei ihr blieb, der bedenklichſte Zufluchts⸗ ort. Sekunde auf Sekunde verſtrich uͤber dieſer Wahl, der Angſtſchweiß trat ihm auf die Stirn, er ſtand noch immer an der Oeffnung neben dem Bildniſſe, der Brabanter mochte an den letzten Stufen der Wendeltreppe ſein— da hoͤrte Brion, daß der Koͤnig nach dem Alcazar hinuͤber wolle! Dies entſchied ſeine Wahl, er eilte an die Tapeten⸗ thuͤr links, kroch haſtig hinab, oͤffnete, und trat in Frangoi⸗ 103 ſens Schlafgemach. Raſch druͤckte er die Tapetenthuͤr wie⸗ der zu auf die Gefahr, von dem nahenden Feinde gehoͤrt zu werden; und nun, nachdem er Athem geſchoͤpft, wendete er ſich gegen das Balkonzimmer. Seines Erachtens muß⸗ ten dort nur Frangoiſe und Marot noch zugegen ſein; er wollte horchen, ob Marot nicht auch ſchon ſeinen Abſchied vorbereite. Aber o Himmel, mannigfaches Geraͤuſch von Stimmen verrieth ihm, daß der Koͤnig nicht hinweggegan⸗ gen, daß die ganze Geſellſchaft noch zugegen ſei. Margaretha naͤmlich hatte ihres Bruders Ankuͤndi⸗ gung, daß er ſich ermattet fuͤhle, und nach dem Alcazar ſich zurüͤckziehen wolle, mit Unwillen aufgenommen, und ihm entgegnet, es ſei jetzt wahrlich nicht der Augenblick, koͤrper⸗ licher Schwaͤche nachzugeben und eine Angelegenheit zu verſchieben, welche fuͤr ihn wie fuͤr ſie von den gefaͤhrlich⸗ ſten Folgen werden koͤnne. Es müͤſſe in der naͤchſten Stunde entſchieden werden, ob ſie unbekuͤmmert um den Termin des Geleitsbriefes noch laͤnger hier bleiben, oder ob ſie noch in dieſer Nacht aufbrechen muͤſſe— Nun ſo ſchafft den Marot, und endigt! hatte der Koͤnig ungeduldig ausgerufen, und ſich wieder niedergelaſſen. Erbittert uͤber den Bruder, der ſo wenig Theilnahme bewies, rief Margaretha aus, indem ſie ſich nach der Bal⸗ konthuͤr wendete: Nun, ſo wird denn nichts uͤbrig bleiben, als daß ich ſelbſt Bourbon aufſuche! Warum nicht gar! murmelte der Koͤnig. Es faͤllt ein dichter und eiskalter Regen, bemerkte Florentin. Wenn ich ſliehen muß, ſo werd' ich nicht nach Regen oder Kaͤlte fragen duͤrfen, rief Margaretha, und riß die Balkonthuͤr auf, um dennoch nach dem Wetter zu ſehn. Der Balkon war uͤberdacht, ſie mußte alſo, um ihre Hand pruͤfend in die freie Luft hinausſtrecken zu koͤnnen, hinaustreten bis an das Gelaͤnder— Man hoͤrte ſie einen Schrei des Schreckens ausſtoßen, man ſah ſie in's Zimmer hereinſtuͤrzen, und mit der Hand auf die offene Balkonthuͤr deuten. Francoiſe ſchrie auf; was iſt? rief der Koͤnig— Marot erſchien an der Balkonthuͤr! Ein peinliches Stillſchweigen trat ein, und weder Ma⸗ rot, noch Frangoiſe hatten die Geiſtesgegenwart es zu be⸗ nutzen, und die einfache Wahrheit vorzutragen. Jenen verließ die gute Laune, die hier am Ort geweſen waͤre, vor dem furchtbar fragenden Blicke des Königs, der ſich auf ſeinem Seſſel nach ihm herumgewendet hatte, und Fran⸗ goiſe ſtand blutroth da vor dem hoͤhniſchen Blicke Floren⸗ tin’s, vor den Augen Margarethens, welche halb unglaͤubig, halb entſetzt mit bohrender Frage auf ſie eindrangen. Was der Verleumdung Florentin's fruͤher nicht gelun⸗ gen war, das ſchien jetzt dem Zufalle zu gelingen, und der aberglaͤubiſche Prieſter nahm dies für eine Rechtfertigung ſeines damaligen Verdachtes, ſeiner damaligen Verleum⸗ dung, und er allein benutzte die lange Pauſe, um die ab⸗ ſcheulich wirkſamen, weil erklaͤrenden Worte zu ſprechen: „Gerade ſo wie im vorigen Herbſte zu Fontainebleau!“ Der Koͤnig wendete ſeine Augen auf ihn, und dann auf Frangoiſe, welche durch Florentin's Worte vom Zorne mit noch hoͤherer Roͤthe uͤbergoſſen wurde, und nun im Zorne ſprechen wollte. Aber um den Grund anzugeben, aus wel⸗ 105 chem ſich Marot verſteckt, mußte ſie— wenigſtens ſtand ihr in ſolcher Verlegenheit nichts als die nackte Wahrheit vor Augen— erzaͤhlen, daß Marot ihr Koketterie ange⸗ rathen, oder doch— ſie fand ſich nicht zurecht, ſie ſtotterte und ſtammelte, und eben weil ſie unſchuldig und fuͤr ſolche Lage unerfahren war, erſchien ſie im hoͤchſten Grade ver⸗ daͤchtig. Dadurch wurde auch Marot in qualvoller Befan⸗ genheit erhalten, und als er endlich ſo weit geſammelt war, um einen geordneten Vortrag zu verſuchen, ging die Thuͤr des Vorzimmers auf, und Montmorency trat haſtig ein mit der Nachricht, Bourbon ſelbſt ſei im Vorzimmer, und be⸗ gehre, unverzuͤglich bei der Frau Herzogin eingefuͤhrt zu werden, die Freiheit derſelben ſtaͤnde wirklich auf dem Spiele— Er trete ein! rief Margaretha. Halt da! ſprach der Koͤnig, und erhob ſich. Ich habe nichts mit ihm zu thun! Hindern will ich Euch nicht, aber Angeſicht gegen Angeſicht ſollen der Koͤnig von Frankreich und Karl von Bourbon nicht geſehn werden. Mit dieſen Worten ging er nach der Thuͤr, welche zum Schlafgemache Francoiſens fuͤhrte, da er nicht an Bourbon voruͤber durch das Vorzimmer ſchreiten wollte. Als er die Thuͤr oͤffnete, ſah er Brion ſtehn— foi de gentil- homme, ſchrie er auf und griff an's Schwert,— das iſt zu Viel! Alle eilten herbei. Francoiſe erſtarrte zur Bildſaͤule — der Mann, deſſen gluͤhende Neigung zu ihr allgemein bekannt war, wurde bei einbrechender Nacht in ihrem Schlafzimmer gefunden! 106 „Der arme Poet hat alſo wohl nur vor Ueberfall war⸗ nen wollen, und hat ſelbſt nicht mehr zuruͤck gekonnt!“ ſprach mit halber Stimme Florentin zur Herzogin Margaretha, ſolcherweiſe wiederum die jetzt viel ſchrecklichere Pauſe aus⸗ fuͤllend. Brion war muthiger als Marot, und redete haſtig zum Koͤnige: Uebereilt Euch nicht, Sire, es iſt hier nur ein boͤſer Zufall im Spiele, der eine unſchuldige Dame in fal⸗ ſches Licht ſtellt— die Graͤfin weiß nichts von meiner An⸗ weſenheit— Schweig! rief grimmig ausbrechend der Koͤnig, und indem er ſich zu faſſen ſuchte und ſich zu der Geſellſchaft wendete, ſetzte er ſtockend hinzu: Bourbon wartet Eurer, und ihn kuͤmmern dieſe Vorfaͤlle, deren Zuſammenhang von mir ausgeht, hoͤrt Ihr? nicht im Mindeſten— geht an Euer Geſchaͤft! Damit trat er in's Schlafgemach, und winkte Brion es zu verlaſſen. Dieſer hatte vernommen, daß es ſich um einen wichtigen politiſchen Beſchluß handelte, und hatte die Faſſung, daran zu denken, daß der Horchverſteck von einem Fremden, wahrſcheinlich dem Kaiſer Angehoͤrigen einge⸗ nommen ſein koͤnne. Er wollte alſo anempfehlen, daß man die Berathung im andern Fluͤgel des Palaſtes vornaͤhme, konnte aber vor der heftigen Geberde des Koͤnigs nicht zu Worte kommen. Ja er bewirkte durch ſeinen wiederholten Verſuch der Einrede noch obenein den zwar leiſe, aber mit gefaͤhrlichſtem Zornesanzeichen ausgeſprochenen Befehl des Koͤnigs: ſich flugs nach dem Alcazar hinuͤber zu begeben, und dort des Koͤnigs Ruͤckkehr zu erwarten. Brion kannte den 107 Koͤnig genau, und wußte, daß jetzt auf eine noch ſo beſchei⸗ dene und vernuͤnftige Einrede der ſchrecklichſte Ausbruch, vielleicht blitzſchnelles Niederſtoßen des Widerſprechenden durch das Schwert des Koͤnigs bevorſtuͤnde. Er ſchwieg und entfernte ſich. Der Koͤnig warf die Thuͤr des Schlaf⸗ gemachs hinter ihm zu, und ſank wie zerbrochen in einen Seſſel. Franz war nicht mehr der zuverſichtliche maͤchtige Herr, den Eiferſucht gelockt haͤtte, der gleichguͤltig geweſen waͤre gegen eine Geliebte, die ſeine ungeſtuͤme Neigung uͤberlebt hatte. Er ſah ſich ſeit langer Zeit vom Gluͤck verlaſſen, getaͤuſcht in aller Zuverſicht, gedemuͤthigt! Nichts gelang, nirgends bewaͤhrte ſich der perſoͤnliche Zauber, der ihn ſonſt ſo ſicher und uͤbermuͤthig gemacht, ſogar Chimene entwich ihm. Francoiſe allein war ihm ein immerwaͤhrender Troſt geweſen: ſie hatte ſich ſeiner Macht unverbruͤchlich unter⸗ than gezeigt, und jetzt, jetzt erſchien ein ſo grelles Zeug⸗ niß, daß auch ſie, auch ſie ihm untreu ſein koͤnne. Auch ſie! Was fragte er, ein verwoͤhnter Herrſcher, ob er hundertfach Veranlaſſung dazu gegeben, ob er ſelbſt ihr läͤngſt nicht mehr angehoͤrte! Handelte ſich's um ihn? Es handelte um ſie! Alſo auch uͤber ſie hatte er ſeine Macht ver⸗ oren! So fruͤh gehſt Du zu Grabe! ſeufzte er in tieſem Weh, und die Melancholie, mit der ihn das Gefaͤngnißleben ſo lange und ſo eng umſponnen, bemaͤchtigte ſich ſeiner bis zu Thraͤnen, und er, der nie im Kleinen entſagen konnte, er ſteigerte ſich in eine Entſagung hinein, die wenigſtens in ihrer Groͤße ſeinem Naturel angemeſſen war, und die 108 wenigſtens in ihrer Größe ihm eine Genugthuung gewaͤhrte. Gluͤcksnaturen ſind im Ungluͤck entweder klein oder heroiſch, das Mittelmaaß nur tragen ſie nicht: bei hereindringendem Verluſte Alles, aber Alles wegzuwerfen aus eignem An⸗ triebe, das ſchmeichelt doch ihrem Stolze, denn ſie haben Stolz nicht bloß Eitelkeit. Nachdem er ſo eine Viertelſtunde mit ſich gerungen, erhob er ſich raſch, richtete ſich zuſammen zu heldenmaͤßigem Entſchluſſe, und trat in das Balkonzimmer. Er war jetzt gleichgultig gegen Bourbon's Gegenwart, er hatte Groͤ⸗ ßeres vor als dasjenige war, was Raum hatte im Maaße des Vaſallen und Lehnsherrn. Alle waͤren beſtuͤrzt geweſen uͤber ſeinen Eintritt, wenn nicht die Mehrzahl der Anweſenden ſchon ohnedies mit be⸗ ſtuͤrzter Seele zu ringen gehabt haͤtte. Frangoiſe ſaß lei⸗ chenblaß zur Seite auf einem Seſſel, Marot ſtand verſtoͤrt neben ihr, Montmorency lehnte an der Wand, und ſeine zuſammengedruͤckten Zuͤge deuteten auf verhaltenen Grimm, Bourbon, der in zwei Jahren unter der Laſt des Landesver⸗ raths um zehn Jahre gealtert war, und graue Haarſpitzen um die breiten Schlaͤfe zeigte, ſtand mitten im Zimmer, und trat erſchreckt einen Schritt ruͤckwaͤrts als der Koͤnig er⸗ ſchien; Margaretha ging in hoͤchſter Aufregung auf und nieder, und ſtuͤrzte ihrem Bruder mit den Worten entgegen: O, Franz, welch eine Welt! Alles iſt niedrig und gemein! Iſt Eure Frage entſchieden? fragte dieſer im ruhigſten Tone. Entſchieden zur Schmach des Kaiſers! Er harrt nur 10⁰9 der Stunde, da mein Geleitsbrief abgelaufen ſei, um auch mich in Gefangenſchaft zu ſchlagen. Danke dem Herzoge, und nimm Abſchied von ihm. Du haſt Eil', und ich auch, denn es bleibt uns noch Wichtiges zu erledigen. Auf Bourbon's hartem Antlitze bewegte ſich's wie eine Schlacht unter ſchneidenden Gefuͤhlen, der Ausdruck wurde ſchmerzlich, die weicheren Regungen ſchienen zu ſiegen, und er trat ſchwankend einige Schritte auf den Koͤnig zu, als ob er Willens ſei, ſich ihm zu Fuͤßen zu werfen; Koͤnig Franz machte eine ablehnende Bewegung, die mehr Hoheit als Stolz aus⸗ drückte und Bourbon feſſelte in dem Drange, der ihn trieb. Er ſtand ſtill, zwei dicke Thraͤnentropfen rollten ihm uͤber die gefurchte braune Wange in den ſchwarzen krauſen Bart, er raffte ſich zuſammen, daß ſein Schwert klirrte, trat haſtig zur Herzogin, ergriff deren Hand, kuͤßte ſie, und ging eilig hinweg. Gott ſei mit Euch, Bourbon, rief ihm Margaretha mit bewegter Stimme nach, und betrachtete eine Weile ſchmerz⸗ lichen Ausdrucks die Thuͤr, hinter der er verſchwunden war, und hinter der man ſeinen ſchweren Schritt abwaͤrts toͤnend hoͤrte. Sorge fuͤr Roſſe, Marot! In einer Stunde reiſ't die Herzogin, ſprach der Koͤnig.— Setzt Euch zum Schreiben, Pralat, füͤgte er in derſelben feierlichen Ruhe hinzu, indem er ſich zu Florentin wendete. Was haſt Du vor, Franz? Das Nothwendige, Schweſter. 110 Marot war hinweg; Florentin trug Lichter zu einem Schreibtiſch, der in einem Winkel des Zimmers ſtand. Der Koͤnig folgte ihm zu dieſem Tiſche und ſprach meh⸗ rere Minuten lang leiſe zu ihm; Margaretha und Mont⸗ morency ſahen in ſteigender Spannung hin, als Florentin's Geſichtszuͤge das lebhafteſte Erſtaunen ausdruͤckten, und als der Koͤnig einen Einwand mit erhobener Stimme kurz abwies. Francoiſe blickte ſtarr vor ſich an die Erde, ſie ſchien an nichts Theil zu nehmen. Setzt Euch und ſchreibt wie folgt ohne Widerrede! hoͤrte man den Koͤnig ſagen. Florentin gehorchte, und wer dieſes Charakters genau kundig war, mochte an den Mienen des Gleißners erkennen, daß er gar nicht ungern gehorchte. Koͤnig Franz, ſich auf die hohe Stuhllehne des Praͤlaten ſtuͤtzend, ſprach ihm leiſe zu, was er ſchreiben ſollte. Es war bald geſchehn; Florentin ſtand auf und bot dem Koͤnige eine eingetauchte Feder. Franz nahm ſie, trat vor den Tiſch, uͤberlas ſtehend die Schrift, beſann ſich eine Zeitlang, und legte die Feder hin. Er ging nach der offnen Balkonthüͤr, und ſah eine Zeitlang ſchweigend in die finſter ſtuͤrmiſche Nacht hinaus. Was haſt Du vor? rief Margaretha noch einmal, und eilte zu ihm. Das Nothwendige! erwiderte er noch einmal, wendete ſich nach dem Zimmer, und ging, einen Augenblick auf Fran⸗ goiſe blickend, von Neuem zum Schreibtiſche. Er ſetzte ſich, und unterſchrieb die Schrift. Macht eine Abſchrift davon, Praͤlat, und leſ't ſie dann vor, ſagte er aufſtehend, und ging wieder zur Balkonthuͤre, diesmal ſeine Schweſter am Arme mit ſich fuͤhrend. Du wirſt dieſe Schrift der Mutter mitnehmen, ſprach er zu ihr, während er ſtarr in die Nacht hinaus blickte, und wirſt ihr von mir ſagen, ſie ſolle unverzuͤglich darnach handeln. Was befiehlt die Schrift? Du erfaͤhrſt es ſogleich. Habe Dank fuͤr die Liebe, welche Du mir bewieſen, bewahre ſie mir ferner, Margaretha, ach, ich bin ihrer gar beduͤrftig. Franz, mein Franz, was iſt Dir? Seid Ihr fertig, Praͤlat?— So leſſt. Florentin ſchrieb haſtig die letzten Worte, ſtand dann auf, und las, wie folgt: Wir haben gewollt und durch ein danerndes und unwi⸗ derrufliches Edikt hiermit beſtimmt, daß unſer ſehr werther und geliebter Sohn Franz, Dauphin des Vienner Landes, von jetzt an erkläͤrter ſehr chriſtlicher Koͤnig von Frankreich ſei, und als Koͤnig gekrönt, geſalbt, geweiht und daß ihm allein als wahrem Koͤnige gehorcht werde.“ Jeſu Maria! war der gemeinſchaftliche Schrei der drei Zuhoͤrer noch ehe der Praͤlat geendigt hatte, und alle drei, Margaretha, Francoiſe und Montmorency waren zu ihm geſtuͤrzt, die Schweſter an ſeine Bruſt, die andern zu ſeinen Fuͤßen, ihm die Kniee umklammernd, und in unbeſchreibli⸗ cher Verwirrung Klagen, Bitten, Beſchwoͤrungen rufend in herzzerſchneidender Inbrunſt. Der Koͤnig blieb unerſchuͤtterlich; ſeine Thronentſa⸗ gung blieb unveraͤndert.— Margaretha wurde uͤberwaͤl⸗ 11² tigt vom Schmerze, und ſank beſinnungslos zu Boden. Fran⸗ goiſe, deren Antlitz in Thraͤnen gebadet war, griff krampf⸗ haft nach ſeinen Haͤnden, die er ihr entziehn wollte, und ſprach mit einem Tone, der durch die Seele ging: O, ſo laß mich wenigſtens bei Dir, daß ich Dein Leid theile bis in den Tod! Auch Franz ſchien davon erſchuͤttert zu ſein, er faßte ſich aber gewaltſam, ſtreifte ihre Haͤnde ab, und ſprach: Madame, Ihr habt Euch des Koͤnigs Franz nicht wuͤrdig gezeigt; ich bitte Euch, dies Haus vor dem naͤchſten Mor⸗ gen zu verlaſſen; ich will allein ſterben. Mit dieſen Worten ging er hinaus, zuſammenzuckend bei dem gellenden Schrei des Weh's, welchen er die fallende Graͤfin ausſtoßen hoͤrte. 14. Im ſudweſtlichen Frankreich muͤndet unterhalb Rochefort ein ſelten genannter Fluß in den Ocean. Er iſt von großem Verdienſt, denn er iſt, obwohl ſchmal, tief und von gleichmaͤ⸗ ßiger Stroͤmung, und ſchwere Schiffe koͤnnen uͤber eine ſtarke Tagereiſe in ihm aufwaͤrts ſegeln. Die Ufer ſind uͤberaus lieblich: ſaftige Wieſen ſteigen links und rechts huͤgelan und verlieren ſich in Laubwaldungen; Ritterſchloͤſſer aus der aͤlteſten Zeit, eine gar ſeltne Erſcheinung in Frankreich, ſpiegeln ſich mit breiter uxalter Form, ganz verſchieden von unſern rund aufgethuͤrmten Burgen, in ſeinem gruͤnen, rei⸗ nen Gewaͤſſer. Die alte Taillebourg, welche in den Ro⸗ — — 113 manzen aus Ludwigs des He ſich mit ihren bleichen Sandſteinmauern wie eine ſteinerne Romanze in die Fluth. Charente iſt der Name des Fluſ⸗ ſes; Saintonge iſt der Name dieſer Gegend, Saintes iſt die Hauptſtadt, lauter Namen, die von den alten Santo⸗ nen, deren Bekanntſchaft uns die Roͤmer uͤberliefert, her⸗ ſtammen. Das Roͤmerleben hat in dieſem Landſtriche vie⸗ lerlei Zeugniſſe hinterlaſſen, und dies alles zuſammen: die Erinnerungen an verſchiedenartige uralte Geſchichts⸗ epochen, die Abgelegenheit von großer Heerſtraße, der be⸗ ſcheidene und doch maͤchtige Fluß, die dunklen Laubwaͤlder weihen dieſen Landſtrich vorzugsweiſe zu einer poetiſchen Exiſtenz. Mehr als anderswo ſcheint es hier natuͤrlich, daß ein romantiſcher Held aufwachſe, und daß er hierher zuruͤckkehre aus Stuͤrmen und Taͤuſchungen der Welt; oder daß ein gepruͤftes Liebespaar hier ſeine Wohnung aufſchlage unter den weitſchattenden Zweigen der ſchoͤner als anders⸗ wo gedeihenden Laubholzbaͤume, an den grünen Ufern die⸗ ſer tiefen Charente, in welche die Fluth des Oceans taͤg⸗ lich heraufſteigt, wie ein Gruß gnaͤdiger Gottheit. Drei Meilen aufwaͤrts von Saintes lag in dieſem ſcho⸗ nen Flußgelaͤnde das Schloß Cognae auf einem Huͤgel dicht uͤber der Charente. Man ſah nordwaͤrts aus den ſchmalen Fenſtern dieſes Schloſſes uͤber den Fluß auf Wieſen, die ſich langſam hinaufzogen zu rings geſchloſſenen Buchenwaͤldern. Suͤdwaͤrts lief der Huͤgel in weicher Naſenſenkung hinab in einen mit uralten Baͤumen geſegneten weiten Park, durch welchen eine Ulmenallee in der Mitte dem Blicke unabſehbar ſich hinzog in neue Waldfernen. Das Staͤdtchen Cognae ſelbſt Laube, Chateaubriant. III. 8 iligen Zeit zu Hauſe iſt, neigt ſ 114 lag unter Baͤumen verſteckt rechts unter dem Huͤgel vom Schloſſe aus. Unter einer Ulme dieſes Parks war Koͤnig Franz ge⸗ boren, in dieſem Schloſſe hatte er ſeine fruͤhſte Jugend ver⸗ lebt, und hierher richteten ſich ſeine Gedanken in der einſamen Gefangenſchaft, welche nach jener entſcheidenden November⸗ nacht noch ſo viel einſamer und trauriger geworden war. Wenn wir am Ende unſers Lebenskreiſes zu ſtehn glauben, dann wenden ſich unſere Blicke gern auf den Anfang unſers Lebens zuruͤck, wie das zum Tod verwundete Jagdthier mit letzter Anſtrengung das Gebuͤſch zu erreichen trachtet, in welchem es ſeit Jahren Ruhe und Schutz gefunden. Wenn eine Zeit kaͤme, dachte der Koͤnig, in welcher man ihn, deſſen Herrſchaft übertragen und von keiner Ge⸗ fahr mehr ſei, ruhig ziehn ließe, dann wollte er in ſeiner gruͤ⸗ 3 nen Heimath zu Cognac ein zertruͤmmertes Leben beſcheiden zu Ende fuͤhren. Deshalb waren im Winter Befehle auf die⸗ ſem Schloſſe eingetroffen, daß Alles in wohnlichem Stande erhalten, die Forſten gepflegt, das Wild geſchont werden ſolle. 1 8 Die alten Diener wußten nicht recht, was davon zu halten ſei, denn Koͤnig Franz galt fuͤr einen verlorenen Mann, und — der alte Haushofmeiſter auf Cognac, der ſeit einiger Zeit ofters Briefſchaften erhielt, war von muͤrriſcher Verſchwie⸗. genheit; von ihm war nichts zu erfahren. Aber man ſah mit 3 Erſtaunen, daß er jetzt— es war gegen die Mitte des Maͤrz 1526— die Arbeiten zum Empfang von Herrſchaften ver⸗ doppeln ließ, und man ſah mit noch groͤßerem Erſtaunen, daß ein ergrauter Diener in unbekannte Farben gekleidet ankam, daß er hoͤflich vom Haushofmeiſter aufgenommen — 115 wurde, und daß dieſer Fremde die Befugniß erhielt, die Zimmer am weſtlichen Thurme nach ſeinem Gutduͤnken ein⸗ zurichten. Wer da weiß wie peinigend ſolche Neugier fuͤr alte Diener iſt, und wie jede Kleinigkeit als Beweis fuͤr irgend eine Vermuthung ausgebeutet wird, der wird gern glauben, daß die alten Diener auch ohne weitere Hilfsmit⸗ tel bald inſoweit auf dem Reinen waren, es gaͤlten dieſe Vorbereitungen der Aufnahme von Damen. Nun kam au⸗ ßerdem aus dem fuͤnf Meilen entfernten Angoulème die Kunde, es ſei die Regentin Louiſe mit großem Gefolge nach Bordeaux hinab gereiſ't; die Diener ſchloſſen alſo ihre Vermuthungen dahin ab, ſie werde bei ihrer Ruͤckreiſe nach Paris in Cognac einen Fruͤhlingsaufenthalt nehmen. Nur der fremde Diener, deſſen Farben keineswegs die der Angoulème's waren, ſtörte dieſe Berechnung noch immer einigermaaßen. Auch fuͤr einen Wohlunterrichteten mochte es damals ſchwer ſein, üͤber die naͤchſte Zukunft irgend etwas mit Wahrſcheinlichkeit zu beſtimmen: die Novembernacht in Madrid hatte nicht nur plötzliche und tiefe Veraͤnderungen herbeigefuͤhrt, ſondern dieſe Veraͤnderungen waren bereits am naͤchſten Morgen wieder innerlich ganz und gar umge⸗ ſtaltet. Der Koͤnig naͤmlich, nach der Thronentſagung in den Alcazar zuruͤckkommend, ließ Brion, welcher dort ſei⸗ ner harrte, nicht ſogleich vor ſich, ſondern blieb noch meh⸗ rere Stunden allein. Er hatte die ungeheure Aufgabe vor ſich, eine Gedankenwelt der Entſagung, welche ſeinem natuͤrlichen Weſen durch und durch zuwider war, ſeinem Weſen einzuverleiben. In allen Theilen ſeiner Seele 8*† 116 zuckten die ſchmerzhaften Flaͤmmchen auf, welche ihm ſein wahres Innere beleuchteten, und ihn daruͤber belehrten, es ſei nur ein erkünſtelter Zuſtand der Reſignation, in welchem er ſich befinde. Haͤtte er ſich im Schmerz uͤber dieſe Zuckungen ſogleich entſchloſſen, Brion anzuhoͤren, es haͤtte noch Alles anders werden koͤnnen. In dieſen Stunden aber erfullte ſich das, was er gegen die aͤchte Wahrheit ſeines Charakters eingeleitet hatte. Francoiſe naͤmlich erhob ſich vom Boden, und hatte nicht nur Weh und Verzweiflung, ſondern Erbitterung im Herzen, Er⸗ bitterung, daß der Mann ihrer grenzenloſen Liebe und Verehrung auf ein Paar nichtige Zufaͤlle hin ſie ungehoͤrt verdammen köͤnne. Das Foir'ſche Blut ſiedete in ihrem Herzen, wie es damals am Todestage der Koͤnigin Claude 9 in Paris aufgewallt war, und es ſiedete jetzt in noch viel i heftigerem Maaße, denn auch unſere ſeltenſten Gefuͤhle bewegen ſich in Steigerungen nach aufwaͤrts oder nach ab⸗ waͤrts, ſie wiederholen ſich niemals in gleichem Maaße. Margaretha's Naͤhe war auch nur geeignet, dieſe Stei⸗ gerung im Zorne zu beguͤnſtigen. Margaretha, die ihr ſtets wohlgeſinnte Freundin, war durch Alles was vorge⸗ gangen in ſieberhafte, fuͤr jede beſonnene Pruͤfung unfaͤ hige Heftigkeit verſetzt; Margaretha zog den unſeligen 1 Entſchluß der Thronentſagung auf die ſchreienden Zeuge niſſe untreuen Lebenswandels der Graͤfin, welche den Kd⸗ nig in Verzweiflung getrieben; Margaretha zeigte Fran⸗ goiſe ſchweigende Verachtung. Dieſe aber war viel zu ſtolz, nur den geringſten Verſuch der Rechtfertigung zu machen. Sie verließ ihr eignes Zimmer vor der Herzogin und ging zu 5 — Chimene. Obwohl ſie auch zu dieſer, welche offenbar die ungetheilte Neigung des Koͤnigs zu ihr beeintraͤchtigt, kein guͤnſtiges Zutrauen hatte, ſo war ſie doch bei dieſem lau⸗ teren Maͤdchen eines unbefangenen Sinnes gewiß. Sie bat Chimene, welche erſchreckt aus dem Schlummer auf⸗ fuhr, ihr durch den Haushofmeiſter ſogleich Pferde und zwei maͤnnliche Diener zu verſchaffen, damit ſie binnen ei⸗ ner Stunde ſich auf die Reiſe begeben koͤnne. Chimene ſchrie auf, und fragte entſetzt, was vorgefal en ſei; Fran⸗ coiſe aber haͤtte in dieſer Stimmung nicht einem Gott er⸗ zaͤhlen moͤgen, was ſie ſo eben erfahren und erlitten habe; ſie wies dieſe Theilnahme Chimenens hart zuruͤck, und wie⸗ derholte nur kalt ihre Frage, ob Chimene ihr zu Reiſemit⸗ teln und Reiſebegleitung auf der Stelle verhelfen koͤnne, ſonſt verließe ſie zu Fuße Madrid. Chimene, den Mangel an Vertrauen mit liebender Seele uͤberſehend, war bereit, und ſetzte im Hinausgehn hinzu: Ich hoffe, Du wirſt mich nicht verſtoßen, weil Dir Andere weh gethan, und wirſt mich an Deiner Seite be⸗ halten! O nein, Chimene, Du biſt dem Koͤnige ein Troſt, Du wirſt hier bleiben. Ich bedarf keines Troſtes. Aber ich bedarf Deiner, und verwehrſt Du mir, ne⸗ ben Dir zu ziehn, ſo ziehe ich hinter Dir! entgegnete ſie und ging zu ihrem Vater. Dieſer war entſetzt uber die Idee, daß ſeine Tochter ſich wieder oͤffentlich der uͤbel beru⸗ fenen Graͤfin anſchließen wolle: er moͤge waͤhlen— ſprach ſie feierlich— zwiſchen großem und kleinem Uebel. Bleibe ſie hier, ſo widerfahre dem Namen Infantado ein großes 118 Unheil; gehe ſie, ſo bliebe das Haus Infantado unbe⸗ troffen.— Der Herzog wußte nicht, was ſie meinte, aber er wich ſeiner geſpenſtiſchen Furcht, und ließ ſte gewaͤhren. Um die zweite Stunde der Nacht ritten Francoiſe und Chimene mit zwei Dienern uͤber die Hoͤfe des Palaſtes, und das Fallgatter des Thorthurmes erhob ſich vor ihnen dies⸗ mal ohne Weiteres. Ein ſchneidender Wind von der Gua⸗ darrama herabfegend uͤber die Madrider Hochebene trieb ihnen den Regen in's Antlitz; erſt eine halbe Stunde nach ihnen kam die Herzogin Margaretha mit ihrem Gefolge, zu welchem Marot und Budo gehoͤrten. Nicht bei dieſem, nicht bei jenem Zuge wurde ein Wort gewechſelt. Der Koͤnig hatte fuͤr Jedermann ſeine Thuͤr unterſagt, er ſah auch ſeine Schweſter nicht mehr; erſt gegen Mor⸗ gen, als ihm die Oede unertraͤglich wurde, ließ er Brion zu ſich. Er hatte ſich vorgeſetzt, dieſer ſolle das eigentliche Thema mit keinem Worte beruhren, und ihm anzukuͤndigen, daß er ſelbigen Tages auf ſeine Auswechſelung beim Kaiſer antragen wolle, daß Brion alſo nach Frankreich heimkehren koͤnne. Den undankbaren Freund mit Wohlthaten zu uͤber⸗ haͤufen, dies war die Art der Genugthuung, welche das erſchuͤtterte Naturel des Koͤnigs damals brauchte. Wenn alle Reize verſagen, der Reiz, welchen Großmuth und Stolz auf uns ausuͤben, bleibt dem gefeſſelten Lowen. So wurde es aber nicht: Brion uͤberfiel ihn, der im geheimſten Grunde des Herzens einer befriedigenden Er⸗ klärung bedurfte, er uͤberraſchte ihn, den ſchwach Verbie⸗ tenden, mit einer einfachen, den Stempel der Wahrheit tragenden Erzaͤhlung. Darin verſchwieg er nicht, daß 119 ihn Liebesdrang zum Abenteuer getrieben, betheuerte aber einfach und ohne Prunk, daß Francoiſe keine Ahnung da⸗ von gehabt habe.. Der Koͤnig lebte auf bei dieſer Erzählung; ſie trug in ihrem romantiſchen Detail, welches der augenblicklichen Pruͤfung ſich darbot, fuͤr den Sinn des Koͤnigs eine über⸗ zeugende Kraft der Wahrheit. Er kannte Brion auf und nieder, und ſetzte alſo nur hinzu, ob dieſer ſein ritterliches Wort zur Bekraͤftigung ſolcher Ausſage einſetzen koͤnne— laß mich ausreden, unterbrach er den raſch auf die Forde⸗ rung eingehenden, ich verzeihe Dir jedenfalls fuͤr die ro⸗ mantiſche Erfindung, ich behalte Dich an meiner Seite, auch wenn Du Dein Wort nicht darauf legen kannſt, auch wenn Du nur obenhin verſicherſt, ich könnte mich auf Deinen guten Willen verlaſſen! Ich ſchwoͤre Euch, Sire, bei meinem ritterlichen Eh⸗ renworte, daß ich Euch reine Wahrheit berichtet habe. Mein Gott, was haben wir fuͤr thorichte Dinge ge⸗ macht! rief der Koͤnig aufſpringend, und eilte aus dem Zimmer, aus dem Alcazar. Er war ſich ſelbſt wiederge⸗ geben, er wollte zu Francoiſe eilen und abbitten, um Auf⸗ legung ſchwerer Buße bitten, um Verzeihung flehn. Es war zu ſpaͤt; ſie war hinweg, Chimene mit ihr! Auch Chimene! 1— Sich ſchreienden Unrechtes bewußt zu ſein gegen die Geliebte, das iſt fuͤr jeden edlen Menſchen ein Sporn, der zu ſtaͤrkerem Ausdrucke, zu lebhafteren Beweiſen der Nei⸗ gung treibt, als unſern natuͤrlichen Wuͤnſchen entſprechend iſt. Solch ein künſtlich erzeugter Gegenſatz tauſcht gar oft 120 ein Liebespaar uͤber die wirkliche Staͤrke der Empfindungen. Hier wurde des Koͤnigs Leid uͤber den Verluſt Chimenens zuruͤckgedraͤngt durch den Schmerz, welchen er uͤber die Kraͤnkung Francoiſens empfand, und vielleicht genuͤgte er ſeinem Weh uͤber Chimenens Verluſt gleichzeitig, indem er Kourier auf Kourier, Brief auf Brief der beleidigten Graͤ⸗ fin nachſandte, um deren Verzeihung und Ruͤckkehr zu er⸗ bitten. Chimene war ja mit ihr, es konnte ja auch ihrem Herzen gelten, daß er ſein ſchreiendes Unrecht gegen Fran⸗ coiſe zu entſchuldigen trachtete. Zu dieſer Auslegung indeſſen iſt keine aͤußere Veran⸗ laſſung vorhanden, die Briefe und das Benehmen des Koͤ⸗ nigs zeugen im Gegentheile von einer innigen poetiſchen Zaͤrtlichkeit fuͤr Frangoiſe, wie ſie im ganzen Verlaufe der Liebesgeſchichte noch niemals von ſeiner Seite bekundet worden war. Und gerade jetzt, da ihre innere Vereinigung mit dem Koͤnige den Punkt poetiſcher Innigkeit erreichte, den ſie ſtets ſo ſehnſuͤchtig herbeigewuͤnſcht hatte, gerade jetzt war ſte den Worten des Koͤnigs unzugaͤnglich. Die Briefe des Koͤnigs erreichten ſie noch in Urgel auf der Reiſe, fanden ſie in Foix, wo ſie ihren Aufenthalt wieder genommen hatte, aber es wurde kein einziger von ihr geleſen. Die erſten ſandte ſie unberuͤhrt zuruͤck, und um die folgenden huͤllte ſie einen Umſchlag, auf welchen ſie durch Chime⸗ nens Hand ſchreiben ließ:„Die Graͤfin Frangoiſe an Koͤ⸗ nig Franz.“ So gab ſie ihm all die verſtegelten Worte und Schwuͤre zuruͤck. Er ſelbſt war in den erſten Wochen nach dieſer Tren⸗ 8 121 nungskataſtrophe zu beſſeren politiſchen Ausſichten gelangt, denn der Brabanter hatte dem Kaiſer die Nachricht von der Thronentſagung hinterbracht, und dies war fuͤr den Kaiſer eine Schreckenskunde geweſen. Den gefangenen Koͤnig von Frankreich, der ſeine Gefangenſchaft mit großen politi⸗ ſchen Opfern loͤſen mußte, in einen gefangenen Privatmann verwandelt zu ſehn, der fuͤr ſeine Befreiung nichts mehr bieten konnte, das war natuͤrlich nicht des gewinnluſtigen Kaiſers Rechnung. Er zeigte ſich alſo flugs nachgiebiger als bisher, um eine Verzoͤgerung oder einen Widerruf die⸗ ſes Aktes herbeizufuͤhren, und ſo wurde dem Koͤnige Franz die Hoffnung genaͤhrt, das Ende ſeiner Gefangenſchaft ſei nahe, und er werde bald perſoͤnlich auf Schloß Foir ſagen konnen, was die Geliebte ſich brieflich nicht ſagen laſſen wolle. Dieſe Stimmung erhielt ſich bis gegen das neue Jahr, 1526. Kaiſer Karl hatte trotz der Abdankungsakte gezoͤgert, in allen Hauptſachen nachzugeben und ſolchergeſtalt den Freiheitsvertrag abzuſchließen, weil er bei ſchaͤrferem Hinblick auf Perſonen und Verhältniſſe folgende Zweifel und Bedenken nicht abweiſen konnte: Die Regentin Louiſe — ſagte er ſich— liebt ihren Sohn ſehr, ſie wird ihn nicht leicht einer ewigen Gefangenſchaft ausſetzen, ſie wird ihn, den Herrſchbegierigen, den zum Herrſchen ſo wohl Ausge⸗ ruͤſteten, welcher in der Bluͤthe der Jahre ſteht, ſie wird ihren Caͤſar François nicht ſo ohne Weiteres vom Throne ſteigen laſſen, ſie wird zuwarten, ob ich mich nachgiebiger zeige, wenn ich etwas verlauten hoͤre von dieſer verzwei⸗ felten Abſicht; ſie wird mich am Ende ſelbſt unterrichten vom Vorhandenſein einer Abdankungsakte, und dann iſt 122 es eben auch noch Zeit fuͤr mich, nachzugeben. Oder die Ab⸗ ſicht iſt noch ſchlauer, und da ich bis jetzt, fuͤnf Wochen nach Abfaſſung der Akte, noch keine andere Kunde als die durch meinen ſicheren Spaͤher erhalten habe, ſo iſt dieſe ſchlauere Abſicht die wahrſcheinlichere: ſie laſſen zu derſel⸗ ben Zeit, in welcher ich hier den Befreiungstraktat mit dem Koͤnige abſchließe, unter dem Siegel vorlaͤufiger Ge⸗ heimhaltung dem Parlamente die Abdankungsakte mitthei⸗ len, und veroͤffentlichen ſie erſt, ſobald mein Gefangener in Freiheit iſt, und den franzoͤſiſchen Boden betritt. Dann heißt es, ich habe mit einem Koͤnige Traktate abgeſchloſſen, der im Augenblicke des Abſchluſſes nicht mehr Koͤnig ge⸗ weſen, alſo auch fuͤr Vollziehung des Traktats nicht verant⸗ wortlich ſei. Die Abdankungsakte alsdann nach erlangter Freiheit zu vernichten, iſt einem Kinde, dem kleinen Dau⸗ phin gegenuͤber formelle Kleinigkeit, und der Betrogene bin ich! In dieſer Zeit und in Folge dieſer Umſtaͤnde faßte der, Kaiſer wahrſcheinlich zum erſten Male den Gedanken, den Friedenstraktat jedenfalls nur unter der Bedingung abzu⸗ ſchließen, daß Koͤnig Franz mit ſeiner Perſon fuͤr gaͤnzliche Vollziehung deſſelben einſtuͤnde, und das Verſprechen ab⸗ lege, im entgegengeſetzten Falle zuruͤck zu kehren in ſeine Gefangenſchaft. Die Franzoſen wurden dieſes Mißtrauens waͤhrend der fortgeſetzten Unterhandlungen natuͤrlich inne, und ſo erkläͤrt es ſich, daß unter einem Koͤnige, welcher ritterliches Weſen aufzufriſchen trachtete, Winkelzuͤge, Zweideutigkeiten und be⸗ ſchoͤnigter Wortbruch, kurz Unritterliches aller Gattung bei 5 12³ dieſer wichtigen Angelegenheit zum Vorſchein kam, und daß doch König Franz nicht allein dafuͤr verantwortlich zu machen iſt. Sein ritterlicher Schwung, der eben nichts Organiſches der Zeitverhaͤltniſſe war, hatte ſich dem nuͤchtern politiſchen Kaiſer gegenuͤber fortwaͤhrend getaͤuſcht und benachtheiligt geſehn, und es entſchloß ſich der Koͤnig am Ende, den ge⸗ bieteriſchen Forderungen ſeines Landes und ſeiner Umge⸗ bungen nachzugeben. Dahin war Koͤnig Franz nach Eintritt des Jahres 1526 gebracht, und hierdurch wurde auch in all ſeinen in⸗ neren Lebensverhaͤltniſſen eine neue Wendung herbeige⸗ fuͤhrt. Abgeſehn vom Verhaͤltniſſe zur Graͤfin, welches er auf des Koͤnigs Geheiß mit keiner Sylbe beruͤhren durfte, mochte wohl Florentin, der in Madrid geblieben war, einen wichtigen Einfluß auf den Konig ausgeuͤbt haben. Obwohl Franz den Prieſter nicht liebte, ſo konnte er ſich doch dem ge⸗ wandten Verſtande deſſelben nicht entziehn, und der poetiſche Aberglaube deſſelben, dem jeder Gefangene Thuͤren und Thore bereitwillig oͤffnet, ward dem Koͤnige bald eine anzie⸗ hende Beſchaͤftigung. Was giebt es denn auch Verlockenderes fuͤr einen Ungluͤcklichen als das weite Reich aberglaͤubiſcher Traͤume, welche aus dem Munde eines ſonſt überlegenen Verſtandesmenſchen entgegen treten! Außerdem hatte Flo⸗ rentin die nie ruhende Moͤnchspoſt fuͤr ſich, welche den Koͤ⸗ nig genauer als je vorher ein anderes Mittel uͤber alle ge⸗ heimen Abſichten und Gedanken Europa's unterrichtete. So kam es, daß im Koͤnige Franz eine ſtrenge Stimmung gegen alle Kirchenform ſich vorbereitete, und daß die Unterhandlun⸗ gen mit dem Kaiſer von jetzt an den oben bezeichneten unlau⸗ 124 teren aber praktiſchen Charakter annahmen. Die Idee einer ſo weit ausſehenden Regentſchaft der Herzogin Louiſe, wie ſie die Abdankungsakte zuſicherte, war dem Prieſter allerdings noch viel reizender geweſen, als die ſchwierigere, jetzt dar⸗ gebotene Moͤglichkeit, ſich des Koͤnigs ſelbſt zu bemaͤchti⸗ gen, aber jene Idee ward durch die Mutterliebe der Re⸗ gentin gar zu ſehr beeintraͤchtigt, als daß der ſchlaue Prie⸗ ſter auf ihr haͤtte beharren moͤgen. Die Regentin hatte ihm angezeigt, daß ſie, wenn noch irgend ein anderes Mittel uͤbrig ſei, durchaus nicht auf Koſten ihres Sohnes Regen⸗ tin bleiben wolle: er ſetzte alſo, auf dieſer Abdankung ſteif verharrend, ſowohl die Gunſt der Regentin als die Dul⸗ dung des Koͤnigs auf's Spiel, und deshalb arbeitete er fuͤr die Befreiung des Koͤnigs um jeden Preis. Mochte es der Koͤnig empfinden, daß er in ſolchen Kreiſen der Rathſchlaͤge, daß er innerhalb der ihn umſtel⸗ lenden Netze eines Florentin ſeine Einheit des Charakters verloͤre? Iſt es zu verkennen, daß Koͤnig Franz gegen das Ende ſeiner Gefangenſchaft Schritte und Zuͤge entwickelte, die nicht mit ſeinem fruͤheren Weſen in Einklang zu brin⸗ gen ſind, und ſeinem ſpaͤteren Charakter und Lebensſtile etwas Unruhiges und Jaches mittheilen? Nein, es iſt offenbar, daß die widrigen Lebenshemmniſſe ihn außer ſich trieben, und daß er, die Politik Karls uͤberbietend, in Verzerrung gerieth. Gewiß empfand er damals eine um ſo groͤßere Sehnſucht, denjenigen Lebenstheil fruͤherer Zeit, mit welchem er noch zuſammenhing, ſorgſam zu pflegen und fuͤr die unſichere Zukunft zu retten. Er vertiefte ſich inniger als er jemals gethan in ſein Liebesverhaͤltniß mit Frangoiſe. „ 12⁵ War er doch hier ſicher, daß nie ein unedler Mißton wie in andern Verhaͤltniſſen ihn erroͤthen machen wuͤrde! Er ſchrieb ihr von Neuem, er ſchilderte ihr, daß er ſeine Zu⸗ kunft mit ihr dort wieder aufnehmen moͤchte, wo ihm Welt und Liebe einſt idealiſch vorgeſchwebt habe, unter den Baͤumen zu Cognac, wo er ſeine Jugend verlebt. Sie moͤge noch einmal Vertrauen zu ihm faſſen, dort unter den alten Ulmen werde er gewiß beſſer und liebenswuͤrdiger ſein als jemals anderswo⸗„Ich empfinde es ſchmerzlich“, ſetzte er hinzu,„daß ich niemals Deine ſchoͤne Liebe wuͤrdig er⸗ widert habe. Ich war ſtets zu eigennutzig, zu zerſtreut, zu außerlich, zu undankbar! Im Parke meiner Jugend denke ich mein beſſeres Selbſt, das mir die wirre Welt ſo lange entwendet, wieder zu finden. Du kennſt es noch gar nicht, Francoiſe, ach ich kenne es ſelbſt kaum noch, aber ich weiß: dies beſſere Selbſt iſt es allein, was Dich zu mir gezogen hat. In unſrer gluͤcklichen Zeit wehte es noch zu⸗ weilen um mich wie eine eigenthuͤmliche Atmoſphaͤre. Laß mir den Glauben, daß ich ſie in Cognae wieder gewinnen werde. Begieb Dich, ich bitte herzlich, begieb Dich nach Cognac! Ich laſſe die noͤthigen Anſtalten fuͤr Deine dor⸗ tige Wohnung treffen. Unterſtütze mich in dem ſußen Glau⸗ ben, das Haus meiner Jugend werde mich wiedergebaͤren. Ich habe herbe, ach fuͤr mein Gewiſſen herbe Opfer zu bringen, daß ich dieſem Spanien entrinne— ich werde ſie bringen, und hoffe mit dem Fruͤhlinge an Deinem Her⸗ zen mich zu troͤſten. Erzähle mir von meinem Schloß an der Charente! ich ſehne mich ſo ſehr darnach, Dich dort zu wiſſen, Deine Worte, Deine Gedanken von dort zu vernehmen!“ acr. Auch dieſer Brief kam uneroͤffnet in den Alcazar zu⸗ ruͤck mit der neuen Aufſchrift„Graͤfin Frangoiſe an Koͤnig Franz.“ War es Francoiſens Unſtern, der ſie veranlaßte, den Geliebten hartnaͤckig von ſich zu weiſen, da er hingebender und liebender geſinnt war als je vorher? Es ſchmerzte den Koͤnig, aber er zuͤrnte nicht. Darin war er edel bis in die geheimſten Falten des Herzens: be⸗ leidigter Stolz wie er Francoiſe nach jener Scene zukam hatte ihm eine ſo volle Berechtigung, daß ſich ein gewiſ⸗ ſes Etwas in ihm ſogar freute uͤber ihren ſtandhaften Zorn. b So muß das Weib Koͤnigs Franz empfinden! fluͤſterte dies Etwas, und er ſetzte ſich von Neuem an den Schreibtiſch, legte all die zuruͤckgeſandten Briefe auf einander, ſchrieb einen neuen an Chimene, legte ihn hinzu und richtete Al⸗ les an dieſe. Er theilte ihr in kurzen Worten mit, was er der Freundin geſagt, wie und warum er ſie gebeten habe, nach Cognac zu gehn. Chimene moͤchte ihr die Briefe einhaͤndigen, und moͤchte ſie, wenn auch dieſe Verſuch fehlſchluͤge, zur Ueberſiedelung nach Cognac be⸗ wegen. Vielleicht ſchon in einigen Wochen komme er ſelbſt dahin, und vielleicht gelaͤnge es dann ſeiner perſoͤnlichen Bitte, die beleidigte Freundin zu verſoͤhnen. Chimene glaubte nicht mehr an eine gluͤckliche Verei⸗ nigung zwiſchen dem Koͤnige und ihrer Freundin; ſie wußte zu gut, wie ſich der Koͤnig ihr gegenuͤber benommen hatte, und wie ein Mann ſolchen Weſens Francoiſe uͤber Kurz oder Lang grenzenlos ungluͤcklich machen muͤſſe. Sie wollte auch keine Gemeinſchaft mit ihm hinter dem Ruͤcken Fran⸗ goiſens, ſie hatte erfahren, wie empfindlich dieſe dafur war. Aus dieſen Gruͤnden öͤffnete ſie das Paket nicht, ſon⸗ dern uͤbergab es der Freundin mit dem Bemerken, es ent⸗ halte jedenfalls die zuruͤckgeſandten Briefe, und ſie moͤge beſtimmen, ob es zu offnen ſei. Wie kann ich? entgegnete Francoiſe, die Aufſchrift lautet an Dich! Ich habe nichts mit dem Koͤnige zu ſchaffen, und es iſt unzweifelhaft, daß er nur meine Vermittelung fuͤr Dich nachſucht. Beſtimme. Es bedarf keiner Vermittelung zwiſchen mir und ihm! ſagte Frangoiſe, deren Empfindlichkeit ſtets gereizt wurde durch eine Erinnerung an des Koͤnigs Theilnahme fuͤr Chi⸗ mene— und es giebt keine Vereinigung mehr zwiſchen mir und ihm! ſetzte ſie hinzu, indem ſie ſich abwendete und an's Fenſter trat, als wolle ſie zu ihrer Zerſtreuung das ſchneebedeckte Thal der Arriege betrachten. Die Win⸗ terſonne glaͤnzte auf den Schieferdaͤchern des Staͤdtchens Foix, und zwei große Bergadler ſchwebten langſam dar⸗ uͤber hin. Jacques, der Rabe, welcher am Fenſter ſaß, ſchrie ſein„Frangois!“ Francois!“ den Raubvoͤgeln nach. Chimene mochte das Stillſchweigen nicht unterbre⸗ chen; ihr Auge ruhte zerſtreut bald auf dem Briefpaket, bald auf der von ihr abgewendeten Freundin. Ploͤtzlich kehrte ſich dieſe zu ihr und ſiel ihr ſchluchzend um den Hals. Zum erſten Male ſeit der Kataſtrophe in Madrid fand Fran⸗ goiſe wieder Thraͤnen, ſtromweis floſſen ſie, als ſollte ſie nun mit einem Male von dem Monate lang krampfhaft zu⸗ ſammen gehaltenen Schmerze befreit werden. O Chimene! 128 ſprach ſie endlich unter immerwaͤhrendem Schluchzen, es zerreißt mir das Herz, ihm zuͤrnen und entſagen zu müſſen; aber ich muß es! Hinter jeder neuen Verſoͤhnung mit ihm liegt neue, noch tiefere Schmach, liegt voͤllige Verzweif⸗ lung und Tod!— Entferne dieſe Briefe, ich koͤnnte unter⸗ liegen und ſie oͤffnen, und wenn ich ſeine Worte laͤſe, ſo waͤre meine Kraft des Widerſtandes dahin! Mit dieſen Worten eilte ſie hinweg, in Chimenen die traurige Ueberzeugung zurücklaſſend, daß fuͤr ſolche Liebe Trennung wie Vereinigung gleich großes Elend bringe. Der Koͤnig aber wurde um dieſe Zeit ſo lebhaft von den zum Abſchluß eilenden Unterhandlungen in Anſpruch genommen, daß er weniger ſchmerzlich die erwartete Ant⸗ wort vermißte. Je naͤher ihm die Freiheit kam, deſto le⸗ bendiger wurde ihm auch wieder das Vertrauen auf ſeine perſoͤnliche Macht, und die ſanguiniſche Vorſtellung ge⸗ ſtaltete ſich ihm taͤglich feſter: Frangoiſe und Chimene harr⸗ ten ſeiner bereits in Cognac. Florentins Horoskop⸗Stel lung hatte ihm verkuͤndet, daß ihn die Heimath mit einer Schoͤnheit und Liebe begruͤßen werde, deren Freudenquelle bis an das Ende ſeines Lebens nicht mehr verſiege. Der Koͤnig laͤchelte uͤber den Propheten, der den Sieg ſeiner Gegnerin voraus verkuͤnde, und der Prophet lächelte uͤber den kurzſichtigen Koͤnig, der nicht ahnte, daß man auf⸗ merkſam den geheimſten Regungen ſeines Herzens gefolgt, und mit Aufwand aller koketten Kraͤfte dafuͤr beſorgt gewe⸗ ſen war. Florentin hatte an demſelben Tage, es war der 13. Januar, in einem Briefe der Regentin die Nachricht 129 erhalten, das Geſuchte ſei uͤber alle Erwartung glucklich gefunden, er moͤge nun, es koſte was es wolle, die Unter⸗ handlungen abſchließen. Es ſei Alles bereit fuͤr ihre Ab⸗ reiſe nach Bayonne, und ſobald er das Signal gebe, breche ſie auf.— Er eilte alſo ſogleich zu Gattinara, und brachte noch an demſelben Abende die Abſchrift des endlichen Trak⸗ tats dem Koͤnige in den Alcazar mit der officiellen Nach⸗ richt, daß der Kaiſer bereit ſei, ihn morgen zu unterſchrei⸗ ben, wenn der Koͤnig mit ſeiner Unterſchrift das feierliche Verſprechen gewiſſenhafter Erfuͤllung des Traktates geben wolle. Endlich! rief der Koͤnig. Nun ſo uͤbernimm denn Dein Amt! Du biſt verantwortlich als Diener der Kirche fuͤr Alles was Du bindeſt und loͤſeſt. Das bin ich! erwiderte der Prieſter mit frecher Zuver⸗ ſicht, und geleitete den Koͤnig in den Sternenſaal, wohin er ſchon Montmorency, Brion und zwei neue Abgeſandte der Regentin beſchieden hatte. Einer dieſer Abgeſandten war ein Adept Duprats, ein Parlaments⸗Praͤſident de Selve, der um ſeiner ſcharfen Augen und Ohren willen dazu er⸗ wählt war; der zweite war ein eisgrauer Biſchof, der um ſeiner ſtumpfen Sinne halber die Sendung erhalten hatte. Dieſer alte Mann verließ ſich in alle dem, was ihm zu thun auferlegt werden mochte, auf den beruͤhmten Praͤlaten Flo⸗ rentin, welcher bei aller hohen Geiſtlichkeit in hohem An⸗ ſehn ſtand. Der Koͤnig erſchien raſchen Schrittes in dem kleinen Saale, der diesmal ſchwaͤcher erleuchtet war als bei der Zu⸗ ſammenkunft mit dem Kaiſer, und befahl Florentin, ſogleich Laube, Chateaubriant. III. 9 13⁰ an's Werk zu gehn. Eure Schreiber, ſetzte er hinzu, indem er ſich zu Selve wendete, ſind bereit?— Zu Befehl, Sire! erwiderte dieſer, und deutete auf zwei in ſchwarze Roben gehuͤllte Menſchen, welche ſich abſeits an der Wand mit Schreibzeug bereit hielten.— Daß ſie genau Regiſter hal⸗ ten, ſprach der Koͤnig halblaut zu Selve, von Allem, was der Kaiſer verſpricht! Es ſind die feinſten Notare von Paris, Majeſtaͤt! Sie hoͤren und ſehen, was kein Menſch hoͤrt und ſieht. An's Werk, Pralat! rief der Koͤnig, und ließ ſich nie⸗ der, und bat leiſe, waͤhrend Florentin ſchon begann, den al⸗ ten Biſchof, ſich ebenfalls niederzulaſſen, da fuͤr ein ſo hohes Alter die aufrechte Stellung beſchwerlich ſei. Der alte Mann wollte proteſtiren, der Koͤnig beharrte auf ſeinem Vorſchlage, und ſo waͤre dem Biſchofe, auch wenn er nicht ſchwerhoͤrig geweſen waͤre, der Eingang des Florentinſchen Vortrags, welcher mit ſchwaͤcherer Stimme als die weitere Folge deſſelben geſprochen wurde, ohnedies entgangen. Dieſer Vortrag lautete aber dahin: daß im Namen des ge⸗ genwärtigen hoͤchſt wuͤrdigen Herrn Biſchofs von Tarbes die folgende Verhandlung volle Sanktion der heiligen Kir⸗ che habe, daß die heilige Kirche den folgenden Vertrag, als einen durch Gefangenhaltung und Marter dem allerchriſt⸗ lichen Koͤnige von Frankreich abgepreßten, vor Gott und Gewiſſen fuͤr unverbindlich und nichtig erklaͤre, und dem ge⸗ mißhandelten Koͤnige von Frankreich frei ſtelle, in wie weit er ihm Folge geben wolle. Nachdem Florentin dieſe Worte von einer Pergament⸗ rolle verleſen, und nachdem ſich waͤhrend dieſer Leſung nichts — 131 weiter ereignet hatte als ein Geräuſch, welches Montmo⸗ rency mit ſeinem Schwerte verurſachte, nahm Florentin von der kleinen Tafel, die vor ihm ſtand, eine eingetauchte Fe⸗ der, und legte die Pergamentrolle dem Biſchofe von Tarbes auf die Kniee, indem er ihm mit der einen Hand die Feder reichte, mit der andern aber, dergeſtalt, daß der Schatten dieſer Hand die eigentliche Schrift verdeckte, ihm die Stelle anzeigte, wohin er ſeinen Namen ſchreiben ſolle. Mit zit⸗ ternder Hand that dies der Biſchof, es unterſchrieb alsdann Florentin ſelbſt, und es unterſchrieben der Reihe nach alle Anweſende außer dem Koͤnige. Nachdem dies erledigt war, verlas der Praͤlat den Frie⸗ denstraktat. Er enthielt im Weſentlichen dieſelben Bedin⸗ gungen, welche Margaretha bei ihrer Ankunft dem Koͤnige mitgetheilt, und an welchen der Kaiſer unerbittlich feſtge⸗ halten hatte. Die beiden aͤlteſten Soöhne des Koͤnigs ſollten fuͤr Erfuͤllung des Traktates als Geiſeln ausgeliefert wer⸗ den, und Koͤnig Franz mußte ſich verbindlich machen, in die Gefangenſchaft zuruͤckzukehren, falls nach vier Monaten nicht alle Bedingungen des Vertrags erfuͤllt ſeien. Auch die Heirath Eleonorens war darin ausbedungen. Nach beendigter Vorleſung herrſchte Todtenſtille. Der Köonig unterbrach ſie endlich, und ſtand auf. Florentin trat zu ihm, und ſagte leiſe: Das beſte Zeichen winkt Eurer Majeſtat, der Jupiter ſteht ſenkrecht uͤber Eurem Haupte! Franz blickte aufwaͤrts nach der offnen Kuppel des Saa⸗ les, und betrachtete den tief glaͤnzenden Stern. Darauf ſprach er: Die Kirche hat uns in Schutz genommen, es ſteht uns nicht mehr an, zu zaudern! 9* 13² Und damit trat er an den Tiſch und unterzeichnete den Traktat. Am andern Morgen erſchien Florentin damit bei Gat⸗ tinara, damit ihn dieſer in des Kaiſers Kabinet trage. Gattinara betrachtete den Prieſter mit forſchenden Augen, und ſagte: Der Kaiſer muͤßte Burgund beſetzen und dieſen Traktat zerreißen. Ein Vertrag, der zu viel fordert, ſchadet beiden Theilen— ſeid Ihr nicht der Meinung, Praͤlat? Warum beiden Theilen? fragte dieſer ausweichend zuruͤck. Weil ihn der allzu bedruͤckte Theil nicht haͤlt! entgeg⸗ nete Gattinara, ein ſcharfſichtiger Italiener, und betrachtete unverwandt den Praͤlaten. Wenn Koͤnig Franz ihn nicht halten wollte, warum haͤtte er ihn nicht vor einem halben Jahre unterſchrieben? Er enthaͤlt dieſelben Bedingungen, die Ihr damals machtet. Glaubt Ihr, unſer Koͤnig habe die Gefangenſchaft ſo ver⸗ gnuͤglich gefunden, um ſie um ihrer ſelbſt willen ſo lange zu genießen? Ich war nicht fuͤr die Gefangenſchaft, ich bin nicht fuͤr den Traktat! ſprach Gattinara, und ging in des Kaiſers Kabinet. Aber der Kaiſer war nicht hier, nicht dort Gattinara's Meinung, und an demſelben Tage, dem 14. Januar, ward der Form nach dieſe Angelegenheit erledigt. Auch hierin ließ indeß der Kaiſer zu ſtiller Freude der auflauernden franzöͤſiſchen Juriſten ſeine zaͤhe Vorſicht nicht aus den Au⸗ gen, und beſtimmte zum Tage der Befreiung erſt den zehn⸗ ten Maͤrz. Die Juriſten und Florentin beruhigten den hier⸗ 13³ über ergrimmten Franz mit dem Bemerken: Der Kaiſer ſei ja hiermit der erſte, welcher den Vertrag breche. Der Winter erſchöpfte ſich in jenem Jahre ungewoͤhn⸗ lich zeitig. Schon Ausgangs Februar wehten öſtlich und weſtlich von der Pyrenaͤenkette warme Luͤfte, und der ſtrenge Lautree ließ ſich vielleicht dadurch mit beſtimmen— denn die weichen Fruͤhlingsluͤfte mildern jedes Herz— Chime⸗ nens wiederholten Bitten nachzugeben, und endlich einmal die einſame Schweſter auf dem vaͤterlichen Schloſſe aufzu⸗ ſuchen. Chimene hatte ihm immer wieder nach Toulouſe geſchrieben, Frangoiſe zehre ſich auf in ungluͤcklichſter See⸗ lenſtimmung, und es müſſe durchaus etwas fuͤr ihre Zer⸗ ſtreuung und Erheiterung geſchehn. Als er eben durch das Stäͤdtchen Pamiers geritten war, und ſein Pferd in vollem Schein der wohlthaͤtigen Mittags⸗ waͤrme den Berg uͤber dem Orte langſam erklimmen ließ, hoͤrte und ſah er einen Reiter geſtreckten Laufs hinter ſich her kommen. Es war ein ihm nachgeſendeter Kourier, wel⸗ cher als eilig bezeichnete Depeſchen der Regentin brachte. Sie enthielten den Befehl, Lautrec ſolle ſich in den naͤchſten Tagen zu Bordeaur einfinden, die Regentin werde ſelbſt dort ſein, und ihm die weiteren Auftraͤge ertheilen. Sie betraͤfen den Empfang des Koͤnigs, welcher gegen Mitte des naͤchſten Monats auf franzoͤſiſchem Boden anlangen werde. Lautrec, ein ſehr ſtolzer Mann, gehorchte in allen Din⸗ gen der ihm verhaßten Regentin ungern; er hatte ihr nie vergeben, daß ſie ihm ſeinen italieniſchen Feldzug durch Unterſchlagung der Hilfsgelder vernichtet, und ſeine weit ausſehende Kriegslaufbahn beeintraͤchtigt hatte. Es ver⸗ droß ihn jetzt, in ſo anmaaßendem Tone mehrere Wochen fruͤher als noͤthig ſchien nach Bordeaur beſchieden zu wer⸗ den. Ihre letzten Tage der Alleinherrſchaft verherrlichen zu helfen war keineswegs nach ſeinem Geſchmacke. In ſolcher Stimmung kam er auf ſein Schloß Foix, und ward von Chimene in der Halle empfangen. Die leidende Francoiſe verlaſſe ſelten ihr Zimmer, wiſſe noch nichts von ſeiner Ankunft, und bleibe auch beſſer ſo lange daruͤber in Unkenntniß, bis er uͤber alle Einzelnheiten ihrer Lage un⸗ terrichtet und zu irgend einem Vorſchlage der Aenderung ausgeruͤſtet ſei. Eine ſolche Aenderung ſei unerlaͤßlich: Francoiſe verzehre ſich; ſie liebe den Koͤnig jetzt wie ſonſt, verſchließe dies gewaltſam vor ſich ſelbſt, und habe hart⸗ naͤckig bisher alle Verbindung mit dem Koͤnige, deren ſie wie der Lebensluft beduͤrftig ſei, zuruͤckgewieſen. Auch ich war der Meinung, ſetzte Chimene hinzu, daß ſie mit dem Koͤnige, der ihre Liebe mißhandelt, fuͤr immer brechen muͤſſe, aber jetzt bin ich rathlos, ſeit ich ſehe, daß dieſer Bruch ſie unzweifelhaft toͤdtet. Beſſer ſterben, als unwuͤrdig um Leben betteln! So ſteht es nun wohl ſeit unſrer Abreiſe von Madrid nicht, ſondern der Koͤnig hat fortwaͤhrend die Stellung des Bittenden eingenommen: er hat zu drei Malen geſchrieben, und Francoiſe hat keinen Brief geoͤffnet, ſie hat alle an den Koͤnig zuruͤckgeſchickt. Ihr koͤnnt alſo nur vermuthen, daß der Koͤnig darin um 135 Gunſt bitte. Um die Lage vollſtändig zu beurtheilen muͤßte man die Briefe kennen. Sie ſind wahrſcheinlich in dieſem Paket enthalten, wel⸗ ches der Koͤnig ſpaͤter an mich geſendet hat. Warum habt Ihr es nicht geoͤffnet? Chimene erroͤthete: ſie haͤtte ſich ſelbſt und Lautree ge⸗ ſtehn muͤſſen, daß es nicht geſchehen ſei, um Frangoiſens Ei⸗ ferſucht zu verhuͤten. Sie berief ſich alſo nur darauf, daß ſie nicht habe Vermittlerin ſein moͤgen, wo die Freundin keine Vermittelung gewünſcht habe. Ihr wißt ja aber nicht zuverlaͤſſig, daß die Briefe des Koͤnigs an Frangoiſe darin enthalten ſind! Es kann ſonſt ein wichtiger Auftrag des Königs, vielleicht eine politiſche Mittheilung an mich, der ich hier an der Grenze befehlige, darin eingeſchloſſen ſein. Ich bitte Euch, öffnet raſch. Das waͤre ein Verrath an meiner Freundin! So erlaubt mir, daß ich oͤffne! Und ohne ihre Erlaubniß abzuwarten hatte er bereits das Paket entſiegelt, ihr den obenauf liegenden offenen Brief gereicht und die Briefe des Koͤnigs an Francoiſe herausgenommen. Als Regent eines kleinen Koͤnigreichs, wie Guyenne und Languedoc eins bilden konnten, war er vor dem ſtolzeſten Siegel nicht ſchuͤchtern, er offnete alſo auch ohne Weiteres des Koͤnigs Briefe, waͤhrend Chimene den ihrigen las, und vertiefte ſich in dieſelben. Er hatte nie geliebt, nicht einmal galant war er jemals geweſen; er hatte mit dem Koͤnige nie anders als geſchaͤft⸗ lich verkehrt, was Wunder! wenn ihm dieſe Sprache der Briefe hoͤchſt uͤberraſchend und erſtaunlich vorkam. An 136 eine andere Perſon als an ſeine Schweſter gerichtet haͤtte er ſie vielleicht thoͤricht gefunden. Unter dieſen Umſtaͤnden fand er ſie ruͤhrend; ſie ſchmeichelte ſeinem Foirſchen Stol⸗ ze; denn ſie war der innigſte Ausdruck liebevoller Theil⸗ nahme und Achtung, welche Koͤnig Franz jemals einer Da⸗ me gewidmet hatte, und er hatte auch niemals im Einfluſſe einer Situation geſchrieben, welche fuͤr den Eindruck auf einen ſtrengen Mann gleich Lautree ſo guͤnſtig geweſen waͤre als die damalige in Madrid. Lautrec ſtand lange wortlos, nachdem er die Briefe beendigt: ſie wirkten nicht nur auf ſeinen Rath für die Schweſter, ſie wirkten auf ſeine eigene Welt. Ein leiſes Weh flocht ſich um ſein Herz, und er ſprach unwillkuͤhrlich und mit ungewoͤhnlich milder Stimme: Warum habe ich nie etwas davon erfahren? Nie? fragte Chimene. Was iſt's Beſonderes? Mir ſpricht er nur davon, ſie nach Cognac zu fuͤhren— Lautrec läͤchelte und betrachtete mit aufmerkſamem Auge, wie ernie vorher gethan, die blaſſe Spanierin. Fuͤhrt mich zu Frangoiſe! ſprach er nach kurzer Pauſe.— Wir wollen mit ihr berathſchlagen! Das iſt nicht moͤglich, Graf! Sie iſt feſt entſchloſſen, ihn nicht wiederzuſehn. Haltet Ihr's fuͤr rathſam, ſie nach Cognac zu geleiten, ſo darf ſie nicht ahnen, daß es des Koͤ⸗ nigs Schloß ſei, und daß der Koͤnig ſelbſt es betreten koͤnne. Bedenkt auch, daß ſie kuͤnftig mehr als fruͤher Eures vollen Schutzes gegen die ihr uͤbelwollende Regentin beduͤrfen wuͤrde— Gott helfe mir! daran ſoll's ihr nicht fehlen! Solch 2 137 eine Liebe iſt ja wie ich ſehe das Ruͤhrendſte auf der Welt, und mit ſolchen Geſinnungen Koͤnigs Franz und an meinem Arme ſoll die Raͤnkeſucht der Angouléme wohl niederzuhal⸗ ten ſein. Der gute Lautrec kannte den Zuſammenhang der Dinge nicht, und war geblendet wie ein Juͤngling von der Sprache des Koͤnigs. Ueber den Friedenstraktat wußte er nichts Genaues, alſo auch nicht uͤber die darin einbegriffene Hei⸗ rath Eleonorens, von der es allgemein hieß⸗ ſie ſei vom Kai⸗ ſer dem Connetable verſprochen. Er hatte alſo dem Aus⸗ drucke der Briefe nach nichts weniger als das vor Augen, was alle Welt läͤngſt aus dem Reiche der Moͤglichkeit geſtri⸗ chen hatte: eine Erhebung ſeiner Schweſter auf den Thron von Frankreich. Und nun ſah er in dieſer ihm neuen poetiſchen Stim⸗ mung die von Schmerz gepeinigte abgehaͤrmte Schwe⸗ ſter, welche im Kampfe zwiſchen Stolz und Liebe um viele Jahre gealtert war, die um nichts in Thraͤnen ausbrach, was fehlte zu ſeinem Entſchluſſe, hier die Zuͤgel in die Hand zu nehmen, welche ſeines Erachtens nur durch Ungeſchick verworren ſeien? Sanſt wie er nie gethan ſchalt er Frangoiſe, daß ſie die rauhe Jahreszeit in ſo rauhem Gebirgslande verbringe bei ihrer offenbar angegriffenen Geſundheit, er ordnete Al⸗ les zur Reiſe an, er ſchickte insgeheim Guernard nach Cog⸗ nac voraus, er verſprach der Schweſter, die ach ſo gluͤcklich war über die ſo warme Theilnahme des Bruders! ſie in milde Luft zu fuͤhren, er ließ eine Senfte ruͤſten, er fuͤhrte ſie nach Toulouſe, er geleitete ſie, nachdem er ihr dort Ruhe 138 und Erholung gegoͤnnt, nach der Charente hinab. Mit kei⸗ ner Sylbe verrieth er ſeine Kenntniß der Briefe: ſie ſollte vom Gluͤck uͤberraſcht werden. Es war ihr Schickſal, daß der gute Wille ihrer Freunde ſie uͤberall in's Ungluͤck fuͤhrte. Oder iſt dies immer das Schickſal guter Menſchen, wenn das Gluͤck ihnen abhold iſt? 4 Am fuͤnften Maͤrz um die Mittagsſtunde ſahen die neu⸗ gierigen Diener des Schloſſes Cognac einen Reiſezug die Ulmenallee heraufkommen. Es war voller Sonnenſchein, und vom hohen Schloſſe aus entdeckte man am Gipfelſaume des Parkwaldes ſchon jenen gelbgruͤnen Schimmer, welcher die erſten Blätterknospen des Jahres verraͤth, und den wirk⸗ lichen Eintritt des Fruͤhlings verkuͤndet.— Neugierig folg⸗ ten ſie alle dem fremden Diener— es war Guernard— auf die Rampe, und betrachteten forſchend die Ankoͤmmlin⸗ ge. Neben einer Senfte ritt ein baͤrtiger Seigneur, und neben ihm ſaß auf kleinem navarriſchen Pferde ein ſchoͤner Knabe mit afrikaniſch brauner Geſichtsfarbe. Auf der andern Seite der Senfte ritt eine baͤuerlich gekleidete, wohlgenaͤhrte Frau, die ganz nach der Landes⸗ ſitte im Saintonger und Rocheller Lande wie ein Mann zu Pferde ſaß, und ſich mit beſonderem; Wohlgefallen das hoch liegende ſtattliche Schloß zu betrachten ſchien. Ein Rabe ſaß vor ihr auf dem Sattelknopfe. Hinter der Senfte folgte ein ſtattlicher Trupp Reiter, dem Anſcheine nach theils aus Seigneurs, theils aus Kriegsleuten beſtehend. Eine hoch gewachſene, ganz ſchwarz gekleidete Dame ſtieg aus der Senfte, als der Zug auf der Rampe angelangt war. Der ſchwarze Hut, das ſchwarze Lockenhaar mochten 139 ihr blaſſes Geſicht noch blaſſer erſcheinen laſſen, ihr großes Auge aber, welches auf den Diener fiel, als dieſer hinzutrat, um ihr behilflich zu ſein und ihr Gewand zu kuͤſſen, dies Auge hatte einen engelguten Blick, und ihre Stimme, die ſie zu dem bärtigen Seigneur erhob, klang wie melancholi⸗ ſche Muſik.—„Wo ſind wir Lautrec?“ fragte ſte. An der Charente! „O hier iſt's ſchoͤn und traulich(Hier moͤcht' ich blei⸗ ben! Es iſt mir, als kennt' ich dies Alles, und doch kann ich es nur aus Schilderungen oder Traͤumen kennen; denn ich bin nie hier geweſen. Dieſe rieſenhohe Ulme da an weichem Abhange zum Beiſpiele— Dies iſt die Koͤnigsulme— ſprach ein vorlauter Die⸗ ner des Schloſſes. Schweig! unterbrach ihn Lautrec. Der Diener hatte erzahlen wollen, daß dieſe Ulme von der Geburt des Koͤnigs den Namen habe, und ſo waͤre das Geheimniß voreilig ver⸗ rathen worden. Lautrec wollte aber, daß dies erſt geſchehen ſollte— wenn er an Chimene— ſie war der mauriſch ge⸗ faͤrbte Knabe— einen Boten ſendete mit der Nachricht, es ſei der Koͤnig nahe bei Cognac. Dann ſollten ihr des Koͤ⸗ nigs offne Briefe gereicht, und ſie ſollte unterrichtet werden, dies Schloß ſei nicht eine neue Beſitzung Lautrec's, ſondern ſei das Geburtshaus des Koͤnigs, welches er fuͤr ſie ge⸗ ſchmuͤckt habe. Lautrec konnte nun auch füglich nicht laͤnger ſäumen, die Regentin in Bordeaur einzuholen. Er verließ alſo noch an demſelben Abend Schloß Cognac, nachdem er Frangoiſe baldige Rückkehr gelobt, Chimene herzlich gegruͤßt und 6 140 Margot— dieſe Mutter Florentin's und Amme Frangoi⸗ ſens war die maͤnnlich reitende Baͤuerin geweſen— genau aufgegeben hatte, Francoiſe vor aller Zudringlichkeit der Schloßdiener aufmerkſam zu bewahren. Sie war zu dem Ende ſammt Guernard ſo weit in's Geheimniß gezogen worden, daß Graͤfin Frangoiſe einer Ueberraſchung wegen den Namen dieſes Schloſſes nicht kennen ſollte. Leider war Francoiſens ſchweigſame Theilnahmsloſigkeit von der Art, daß Niemand genoͤthigt wurde, ihr einen falſchen Namen zu nennen: ſie ſprach Wenig, ſie fragte gar nicht.— Lautrec fand die Regentin in Bordeaur ſehr ungehalten daruͤber, daß er ſich ſo wenig beeilt habe. Der Koͤnig hat befohlen, ſagte ſie unwillig, daß Ihr mit ſeinen Soͤhnen an der Bidaſſoa ſeid, wenn er ankomme; Ihr ſollt ihn em⸗ pfangen und den Dauphin und Herzog von Orleans, die armen Geiſeln, den Spaniern uͤberantworten. Die Kinder ſind ſchon in Bayonne. So machte ſich denn Lautrec eben⸗ falls unverweilt eben dahin auf den Weg. Der Hofſtaat dieſer Regentin, den ſie zu Lautrec's Verwunderung mit ſich im Lande herumzog, war ihm ohnedies zuwider. Dieſe geputzten Damen und Herren machten ihm, da er eben die Soͤhne des Koͤnigs dem Erbfeinde ausliefern ſollte, einen unangenehmen Eindruck. Die Regentin wollte auch nach Bayonne aufbrechen, und er nahm ſich alſo vor, die Prinzen ſogleich mit ſich uͤber Bayonne hinaus nach St. Jean de Luz, der letzten franzoͤſiſchen Stadt zu nehmen, um dieſer Hofgeſellſchaft zu entgehn. Hatte ſich doch auch die Herzo⸗ gin Margaretha, welche ſonſt immer wuͤrdig und freundlich gegen ihn geweſen, diesmal kalt gezeigt! Vielleicht Fran⸗ 141 goiſens halber? War auch die edle Margaretha neidiſch geworden uͤber die dauernde Herrſchaft Frangoiſens im Her⸗ zen des Koͤnigs? Er wußte es nicht, aber es war ihm dies ein Grund mehr, dieſen Weiberhof in Bayonne nicht abzu⸗ warten. Nur ein junges Maͤdchen, ein neues Hoffraͤulein neben der Regentin hatte ſeine beſondre Aufmerkſamkeit erregt, ſie hatte ihn auffallend an Chimene erinnert. Die abenteuerliche Spanierin konnte doch nicht Frangoiſe ploͤtz⸗ lich verlaſſen, die Knabenkleider, die mauriſche Hautfarbe abgeſtreift haben, um eine neue unbegreifliche Maskerade als Hoffraͤulein aufzufuͤhren?! Dies Hoffraͤulein hatte ſich ihm nicht genaͤhert, er hatte ſie nicht ſprechen hoͤren, er hatte nicht nach ihrem Namen gefragt. Unterdeß war Koͤnig Franz wirklich auf dem Wege nach der ſpaniſch franzöͤſiſchen Grenze, begleitet von Lannoy und Alarcon, einem Kriegsführer des Kaiſers, und einer ſtarken Truppenabtheilung Reiter und Fußgaͤnger. Der letzteren halber machte man kurze Tagereiſen, und erſt am 17. Maͤrz brachte ein ſpaniſcher Bote Lautrec die Nachricht, der Koͤnig ſei bereits dieſſeits Toloſa und naͤhere ſich Font⸗ arabia, ſeiner letzten Station auf ſpaniſchem Gebiet; fuͤnf⸗ zig Reiter wuͤrden ihn bis an's linke Ufer der Bidaſſoa ge⸗ leiten, eine gleiche Anzahl nur moͤge franzoͤſiſcher Seits am rechten Ufer erſcheinen. Auf dieſe Nachricht hin hielt Lautrec am Morgen des 18. Maͤrz vor dem letzten franzöſiſchen Flecken Andaie im Bidaſſoathale, und erwartete den endlich entſcheidenden Mo⸗ ment. Die funfzig gewaffneten Reiter ſchimmerten in der Morgenſonne, welche in ihrem Ruͤcken uͤber die franzoͤſiſchen Berghoͤhen heraufſtieg und die blauen Nebel der Strom⸗ ſchlucht zertheilte. Nur links von ihnen, ſuͤdlich aufwaͤrts in's Pyrenäengebirg bot die Gegend dieſes Gebirgsſchau⸗ ſpiel eines dampfenden Stroms, der tief unten zwiſchen ho⸗ hen Bergen hervorbricht. Rechts von ihnen erweiterte ſich das Land zu einer kleinen Huͤgelebene, in deren Mitte das unſcheinbare Staͤdtchen Irun liegt. Die Bidaſſoa wird hier ruhig, und durch die herauf ſteigende Meeresfluth maͤchtig, denn der Ocean iſt noͤrdlich nur noch eine Viertelmeile ent⸗ fernt, und man ſieht ihn an der Muͤndung des Fluſſes her⸗ einglaͤnzen in zwei ſchmalen Streifen; inmitten der Bidaſ⸗ ſoa⸗Muͤndung ſteht naͤmlich ein hoher Fels und zertheilt die Ausſicht. Lautrec hatte ſich ein Zelt am Ufer aufſchlagen laſſen, und ſaß am Eingange deſſelben mit den kleinen Soͤh⸗ nen des Koͤnigs, Franz und Heinrich, Knaben von acht und ſechs Jahren, die ſich freuten, den Vater wiederzu ſehn, und arglos von ihrer Luſtreiſe nach Madrid ſprachen. Neben dem Zelte ſcharrten und wieherten die Roſſe der koͤniglichen Dienerſchaft, und vor allen ein feuriger tuͤrkiſcher Hengſt, welcher prächtig aufgeſchirrt und fuͤr den Koͤnig beſtimmt war. Man erzaͤhlte heimlich, und nicht ohne ſich zu bekreu⸗ zigen, es habe die Regentin, Alles zur Befreiung ihres Sohnes in Bewegung ſetzend, auch mit dem Großtuͤrken, dem Sultan, Unterhandlungen angeknuͤpft, und der habe unter Anderem auch dies wilde Pferd geſendet mit dem Be⸗ merken, es werde den Koͤnig befreien. Damals gab's noch keine Bruͤcke uͤber die Bidaſſoa, der geringe Verkehr von einem Lande zum andern wurde durch Kaͤhne bewerkſtelligt. Jetzt lag in der Mitte des Fluſſes 143 eine Barke vor Anker, die von der heraufſteigenden Meeres⸗ fluth immer hoͤher gehoben wurde. Neutrales Gebiet vor⸗ ſtellend war ſie ganz leer, und hatte ein geſpenſtiſches An⸗ ſehn. Ihr gegenuͤber war auf ſpaniſcher Seite ein Boot mit der rothen kaſtiliſchen, auf franzöſiſcher Seite ein glei⸗ ches mit der weißen franzoͤſiſchen Flagge angelegt. Die Schiffer lagen auf dem Boden ihrer Fahrzeuge, und keiner⸗ lei Volksmenge, keinerlei ſonſtige Anſtalt verrieth auf ſpa⸗ niſcher Seite, daß ein ſo wichtiges Ereigniß von dort bevor⸗ ſtehe. Lautree's Blick ſah von Zeit zu Zeit forſchend hinauf uͤber die Irunſche Ebene, welche nach der Meeresfeſte Font⸗ arabia aufſteigt, und von dort aus links im Halbkreiſe, ein Wall gegen den Ocean und das tiefere Spanien, von Berg⸗ hoͤhen eingeſchloſſen iſt. Wie klar die Fruͤhlingsſonne ſchien, und die Mauern des eine Viertelmeile entfernten Fontara⸗ bia, die Berge hinter Irun beſtrahlte, er konnte nichts ent⸗ decken. Gegen die Mittagsſtunde endlich ſchimmerten Waf⸗ fen von der Feſte herab, und kamen naͤher. Es trat eine dunkle Wolke vor die Sonne, man ſah die Reiter Lannoy's— denn ſie waren es— im Thale nicht mehr, aber uͤber Irun blitzte ein feuriger Schein und ein weißer Pulverdampf auf, ein Kanonenſchuß droͤhnte, der Konig Franz war im An⸗ zuge. Lautrec erhob ſich und naͤherte ſich mit den Prinzen dem Boote, des Signals zum Einſteigen gewaͤrtig. Das ſpaniſche Reitergeſchwader, Irun zur rechten Seite unberuͤhrt laſſend, kam im Trabe daher, hinter ihm der Koͤ⸗ nig, Brion, Florentin, Lannoy und Alarcon— Mont⸗ morency war ſchon früher mit dem unterzeichneten Traktate nach Frankreich entlaſſen worden. Der Koͤnig ſprang raſch — — ——— 144 vom Pferde und trat in den ſpaniſchen Kahn, nach dem franzoͤſiſchen Ufer mit der Hand heruͤberwinkend. Lannoy und Alarcon folgten ihm, und acht Reiter ſtiegen von den Pferden und traten ebenfalls in's Boot. Auf Lautrec's Wink geſchah daſſelbe von acht franzoͤſiſchen Reitern, welche zu ihm und den Prinzen in das Fahrzeug hinabſtiegen. Lannoy winkte mit der Hand, gleichzeitig ſtießen die Boote von beiden Ufern, und nach Verlauf einer Minute hatten beide die Barke inmitten des Fluſſes von beiden Seiten er⸗ reicht, und die Schiffer befeſtigten ſie mit eiſernen Haken an dieſen neutralen Punkt, der jetzt belebt wurde: Der Koͤ⸗ nig, Lannoy und die acht ſpaniſchen Soldaten ſtiegen zuerſt hinein, ihnen folgten die acht franzoͤſiſchen. Alarcon blieb im ſpaniſchen, Lautrec mit den Prinzen im franzoͤſiſchen Fahrzeuge. Eine ſekundenlange Pauſe trat ein, waͤhrend der Koͤnig ſeine Soͤhne aufmerkſam und ſchmerzlich betrachtete. Dann machte er eine leichte Bewegung mit dem Haupte, als wollte er die Sorge verſcheuchen, und Lannoy nahm aus Lautrec's Haͤnden den Dauphin, und reichte ihn Alarcon in das ſpa⸗ niſche Boot. Alsdann nahm er den Herzog von Orleans und that Desgleichen. Der Koͤnig blickte hinweg. Als Lannoy mit halber Stimme ſprach: Es iſt geſchehn! trat der Koͤnig raſch, die Hand auf Lautree's Schulter ſtuͤtzend, in das Boot ſeines Landes, ſagte ohne umzublicken den Spaniern ein kurzes Lebewohl, und rief den Schiffern, die auf Lautrec's Wink den Kahn von der Barke loͤſ'ten, mit lauter Stimme zu: Vorwaͤrts. Er ſah nicht mehr zuruͤck nach ſeinen Soͤhnen, ſein 145 Blick ſchweifte die Höhen von Andaie aufwaͤrts, er bebte vor Begierde, den Fuß auf ſeines Reiches Boden zu ſetzen, und ehe der Kahn angelegt war, ſprang er an's Ufer.„Nun bin ich wieder Koͤnig!“*) rief er aus, ſprang ohne Huͤlfe des Steigbuͤgels auf das vorgefuͤhrte tuͤrkiſche Pferd, und jagte in vollem Roſſeslaufe den Berg uͤber Andaie hinauf, ohne die Ueberfahrt ſeiner Begleiter, ohne Lautrec und deſ⸗ ſen Geleit abzuwarten. 3 Lannoy ſah ihm vom andern Ufer nach, und ſchuͤttelte das Haupt, er mochte in dieſem Augenblicke wenig Ver⸗ trauen haben zum Traktate von Madrid, und hielt es fuͤr rathſam, ihm ſogleich einen Abgeſandten nach Bayonne nachzuſchicken, um an die Vollziehung des Traktates mahnen zu laſſen. Koͤnig Franz ritt in einem Roſſeslaufe den maleriſchen Weg, der bergauf bergab mehrere Stunden weit nach St. Jean de Luz fuhrt, und dort erſt griff er dem ſchweißtriefen⸗ den Thiere in den Zuͤgel. Dort an der Bruͤcke, wo die Mee⸗ resfluth herauftritt bis an einen hohen Berg hinter der Stadt, wartete er Lautrec's und der Uebrigen, und ließ ſich anreden und begluͤckwuͤnſchen von ſeinen Franzoſen, indem er lachelnd und ſchweigend ſie betrachtete und von den Er⸗ friſchungen genoß, welche ſie herbeitrugen, als ob ein Heer zu ſpeiſen und zu traͤnken ſei. Die Sonne ſtand im Mittage und ſchien heiß herab auf dieſe erſte Stadt Frankreichs, die ſich an den Fuß des Gebirgs und Meeres zugleich lieblich gebettet hat. *)„Me voici roi derechef!? Laube, Chateaubriant. III. Als Lautree kam, ritt der Koͤnig weiter, um noch zum Abende in Bayonne zu ſein; er goͤnnte dem Pferde wenig Ruhe, und fragte den Marſchall in dieſen ſeltenen Pauſen nur nach politiſchen Dingen.— Endlich ſahen ſie die Ka⸗ thedrale von Bayonne, die allein uͤber die Graswaͤlle dieſer einfach gelegenen Stadt emporragte. Die Nachmittagsſonne ſpiegelte ſich noch auf den Fenſterſcheiben der Kirche. Unter zwei großen Platanen⸗Baͤumen, denen freilich das Laub noch fehlte, war ein Zelt aufgeſchlagen, und der Koͤnig erkannte von Weitem Mutter und Schweſter, die auf die Straße her⸗ vortraten. Er ſprang vom Pferde, umarmte ſie lange, und ſah ſich dann im Kreiſe der Herren und Damen um, Bekannte zu begrüßen—„foi de gentilhomme, Chimene!“ rief er ploͤtzlich vor einer jungen Dame aus, welche laͤchelnd zuruͤcktrat, und ſchelmiſch erwiderte, ſie hoffe nicht, eine Chimaͤre zu ſein! Chimene von Infantado! Nein?— Nein— Nein, mein Sohn, ſprach die Regentin, welche mit dem Ausdrucke laͤchelnder Genugthuung zugeſehn, dieſe Dame iſt eine gute Franzoͤſin meines Hofes, Anna von Piſſeleu, Fraͤulein von Heilly genannt. Nicht moͤglich?! Ich bin ganz erſchrocken, daß Eure Majeſtaͤt mir durch⸗ aus keine Exiſtenz zugeſtehn wollen! ſagte die Dame luſti⸗ gen Tones. Sie hatte in der That eine uͤberraſchende Aehnlichkeit mit Chimene, und es waltete hierbei kein Zufall. Von des Koͤnigs Vorliebe fuͤr dieſe Spanierin unterrichtet, hatte die Regentin den Maler Jean Couſin bloß darum mit Floren⸗ —— 147 tin nach Madrid geſendet, daß er dort das Bildniß Chime⸗ nens kopire und ihr bringe. Mit dieſer Abbildung forſchte ſte in ganz Frankreich umher und ließ Florio uͤberall umher⸗ ſpaͤhen, ob nicht eine naͤhere oder entferntere Aehnlichkeit in Antlitz und Figur eines jungen Fraͤuleins aufzufinden ſei. Die Uebelwollenden haben immer gutes Gluͤck: das Fraͤu⸗ lein von Heilly, jung, geiſtreich, lebensluſtig und ſchoͤn, eine Franzoͤſin in verfuͤhreriſcher Bedeutung des Wortes, im Beſitz aller Anlagen zur Gefallskunſt dieſer Nation ward entdeckt, ward ſogleich an den Hof und in der Regentin Schule gezogen. Sie ſollte die naͤchſte Frauenzukunft ihres Sohnes, deſſen Geſchmack die Mutter vortrefflich kannte, bilden, ſiie ſollte dem erſchuͤtterten Regimente der verhaß⸗ ten Chateaubriant ein voͤlliges Ende machen. Die Aehn⸗ lichkeit mit dem Bildniſſe Chimenens war auf den erſten Hinblick wunderbar, und bei naͤherem Zuſehn hatte die Franzöſin friſchere Farben, vollere Formen, raſcheres Auge, belebteren Mund und ein keckes Naturel zum Entzuͤcken fuͤr den Koͤnig. Gegen Ende Maͤrz kam der Dienertroß der Regentin nach Cognac, und Chimene erfuhr dadurch die unmittelbar bevorſtehende Ankunft des Koͤnigs. Es uͤberfiel ſie eine große Angſt, Lautree's Anweiſungen Folge zu leiſten, Fran⸗ goiſen die Briefe zu uͤberreichen, und ſie, die uͤber den Auf⸗ enthaltsort unbekuͤmmerte aufzuklaͤren. Hatte ſie doch ſchon in Foir ihre eigne Verkleidung bloß darum vorgenommen, um vom Koͤnige nicht erkannt und nicht beachtet zu werden. Ob ſie ſelbſt bei dieſer Entſagung litte, das lies ſie nicht 10 — zur Betrachtung in ſich aufkommen; ſie faßte nur in's Auge, daß die eigentliche Chimene der Freundin Frangoiſe beein⸗ traͤchtigend im Wege ſei neben Koͤnig Franz. Dieſe Chi⸗ mene ſollte verſchwinden; aber Chimene, die Freundin Frangoiſens, Chimene, die als ſolche Freundin an keine Kleidung, keine Geſichtsfarbe gebunden ſei, ſie ſollte neben Francoiſe bleiben, denn ſie fuͤhlte und ahnte nur zu deutlich, daß Francoiſe gar ſehr einer maͤnnlich erſcheinenden Freun⸗ din beduͤrfe und beduͤrfen werde. Uebergab ſie aber jetzt nicht die Briefe, unterrichtete ſie nicht Frangoiſe, ſo wurde die Freundin von der Ankunft des Koͤnigs uͤbereilt. Oder ſollte ſie unter irgend einem Vor⸗ wande das Schloß mit ihr verlaſſen? Ach, es war und blieb nur zu deutlich, daß Frangoiſe trotz alles Ortswechſels und aller Zerſtreuung zu Grunde ging in ihrem entſagenden inneren Kampfe. Frangoiſe verbarg wohl die Thraͤnen, aber nur um ſich zur Nachtzeit dem Strome derſelben wi⸗ derſtandslos hinzugeben. Chimene entſchloß ſich denn ihrem Charakter gemaͤß eines Morgens zur entſcheidenden Handlung, und uͤbergab der Freundin die offnen Briefe mit den Worten: Lautrec hat ſie geoffnet, und hat verlangt, Du ſolleſt ſie leſen. Die Aufregung Frangoiſens war außerordentlich, und doch hielt Chimene es fuͤr rathſam, ſie allein zu laſſen. Die Kaͤmpfe des Herzens wollen Einſamkeit! dachte ſie und ging hinaus auf den Soͤller des Schloſſes, von welchem man ſud⸗ lich hinab uͤber den Park blickte, wohl eine Wegſtunde weit nach der Gironde⸗Abdachung hinunter. Sie achtete nicht auf die Ausſicht, ſie vertiefte ſich in die Zukunft der Freundin, denn die Zukunft der Freundin war die ihrige. So mochte wohl eine halbe Stunde verſtrichen ſein, da wurde ihr Blick plötzlich gefeſſelt: am aͤußerſten Ende der Ulmen⸗Allee ſtieg eine Staubwolke auf! Es iſt ein Zug von Reitern, es wird der Koͤnig ſein! Raſch eilte ſie zu Francoiſe. Dieſe ſtand mitten im Zimmer, einzelne Zaͤhren rollten ihr uͤber die blaſſen Wan⸗ gen, aber ein ſanft heitrer Ausdruck der Zuͤge verkuͤndigte Chimenen, die Wirkung der Briefe ſei eine günſtige gewe⸗ ſen. Wie haͤtte es auch anders ſein koͤnnen! Eine ſolche Liebe, auch wenn ſie ſich auf dem ſtolzeſten Standpunkte der Entſagung glaubt, bedarf der Hoffnung, greift nach der Hoffnung, wie das Herz, welches ein im Herzen verzweifeln⸗ der Menſch erſticken will, nach Lebensluſt ringt. Wir ſind in Cognac, Chimene? fragte ſie mit halblau⸗ ter Stimme, und die Stimme bebte, als ob ſie ſchwankte zwiſchen Furcht und Gluͤck. In Cognac. Haſt Du es nicht geahnt? Ach, ich habe es gewußt, daß er ſo ſchreiben wuͤrde, und ich habe mich vor dieſer Freude gefuͤrchtet, und fuͤrchte mich noch davor, denn ſie hat keine Dauer zwiſchen ſo verſchiede⸗ nen Charakteren, wie wir verſchieden ſind, Franz und ich! Die Groͤße des Gluͤcks wird ja nicht nach der Dauer des Gluͤcks geſchaͤtzt! Rein, nein! Aber der neue Schmerz, der hinter der Verſöhnung harrt, wird mich toͤdten! Mag er's! Nein, Chi⸗ mene, nein! So ſoll es endigen das Verhaͤltniß, wie es jetzt ſteht, ſo iſt es ſchoͤn und edel, und ich kann ruhigen Herzens den Tod erwarten. Dies will ich ihm ſchreiben, und dann * ——————— wollen wir fliehn, und uns unnahbar verbergen. Jetzt iſt Alles gut, auch Lautrec, der gute Lautree iſt fuͤr mich, ich werde mein Leben im ſtillen Gluͤck der Seele beſchließen. Nur Eins will ich mir noch goͤnnen, ich will dieſen Park ge⸗ nießen, der ſeine Jugend geſehn, der ihm ſo theuer iſt, den Ulmenbaum will ich ſehn und umarmen, unter welchem er geboren wurde, und mit dieſen Eindruͤcken will ich ſcheiden! Bei dieſen Worten war ſie hinaus geeilt auf den Sol⸗ ler, um jetzt mit Bewußtſein dieſe Gegend, die ihrem Ge⸗ liebten ſo werth, zu uͤberblicken. Ehe Chimene aber ſie ein⸗ holen konnte, hoͤrte ſie einen befremdlichen Ausruf Frangoi⸗ ſens, und ſah dieſe in groͤßter Aufregung zuruͤckkommen. Gerade als ſie auf den Soͤller hinaus getreten, war die Re⸗ gentin mit Florentin und großem Gefolge auf der Rampe angelangt, und hatte zu ihr heraufgeblickt. Es iſt zu ſpaͤt zur Flucht, Chimene! Sie wird nicht noͤthig ſein. Der Koͤnig! Der Koͤnig, Frangoiſe! rief Margot, die in's Zimmer ſtuͤrzte. Nun raſch an die ſchoͤnen Kleider! Er ſteigt ſchon vom Pferde! Mein ſchlechter Florentin iſt auch da! Stille Jacques! Der Koͤnig war in unſteter Stimmung, das ſpaniſche Gewiſſen peinigte ihn: er hatte Lannoy's Geſandten in Bayonne erwidert, die Burgunder müßten doch erſt befragt werden, ehe ſie einem neuen Herrſcher uͤbergeben wuͤrden! Er hatte gleich nach ſeiner Ankunft in Bayonne an Heinrich von England geſchrieben, und eine lebhafte Verbindung mit dieſem gegen den Kaiſer, welche Louiſe vorbereitet, feurig angenommen. Er hatte die ebenfalls vorbereiteten Intri⸗ 151 guen in Italien gegen den Kaiſer ſogleich ſeiner Theilnahme verſichert, kurz er hatte Alles gethan gegen den Kaiſer, und nicht das Geringſte fuͤr Erfuͤllung des Traktats von Madrid. Des Kaiſers Geſchaͤftstraͤger folgten ihm von Station zu Station, und bedraͤngten ihn wie ſein Gewiſſen. Als er auf der Rampe in Cognac vom Pferde ſtieg, holte ihn ein Bote von Bordeaur ein mit der Nachricht, Lannoy ſelbſt ſei auf dem Wege nach Cognac. Was Wunder, daß er unſtet war, daß er ſich zu betaͤuben ſuchte, daß ihn das fröͤhliche Weſen des Fraͤu⸗ lein von Heilly, die er eben vom Pferde hob, die erwuͤnſchteſte Zerſtreuung war, daß er endlich in dieſem Tumult ſeiner Briefe nicht gedachte, die er vor einem Vierteljahre an Francoiſe geſchrieben, die Francoiſe nicht beantwortet und an deren Folge ihn Lautrec, der ſtolze Lautrec nicht erinnerthatte. Dieſer Kriegsmann war in ſeiner Herzens⸗ einfalt der Meinung, Dergleichen habe der Koͤnig ſo deut⸗ lich vor Augen, wie er ſelbſt noch zehn Jahre ſpaͤter die Ge⸗ ſtalt Chimenens und die Worte derſelben in der Halle von Schloß Foix vor Augen haben wuͤrde. Der Koͤnig rief, man ſolle die Tafel ruͤſten, und die Da⸗ men, welche am Raſcheſten ihre Kleider gewechſelt haͤtten, ſollten belohnt werden. Womit? rief Fraͤulein Heilly. Mit Erfüllung der Wuͤnſche, die ſie ausſprechen werden. geh uns! Wir wuͤnſchen immer das Thoͤrichte. Was Thoͤrichtes? Wenn's uns nur Freude macht! Die Freude iſt theuer! Weil unſre Schwerfaͤlligkeit wohlfeil iſt. Ich hoffe, Ihr ſollt andrer Meinung werden auf Cog⸗ — — —— —,— nac, mein Fraͤulein! Aber das Schloß iſt klein; Montpe⸗ zas! Die Jaͤger ſollen Stunde fuͤr Stunde den Wald ab⸗ ſpuͤren, der Wald iſt groß, ſein Moos iſt weich, und ſollen Stunde fuͤr Stunde die Jagd bereit halten. Fuͤr morgen fruh? Ach was! Ein ſchlechter Jaͤger, der ſein Wild nur ein⸗ kreiſet, wenn es ruht! Fuͤr jeden Augenblick! Fuͤr den Abend, fuͤr die Nacht, was weiß ich, wann die Stunde des Verlangens ſchlagen wird! Lautrec mußte dem Koͤnige folgen zu politiſcher Be⸗ rathſchlagung, und die Regentin, welche Francoiſe geſehn hatte, und deren Bruder nicht aus dem Auge laſſen wollte, folgte ihnen, und trieb den Koͤnig vom Rathe zur Tafel. Sie uͤberſah den Zuſammenhang und die wahrſcheinliche Folge noch nicht, ſie wollte zunaͤchſt die unvermeidliche Be⸗ gegnung Frangoiſens mit dem Koͤnige verzoͤgern. Das ſchien nicht ſchwer zu ſein; der Koͤnig hatte das heitere Fraͤulein Anna neben ſich bei Tafel ſitzen, war guter Dinge, und trank in vollen Zuͤgen den Wein von Burgund, den er ſo lange entbehrt hatte. Er vergaß daruͤber, daß der habſuͤchtige Kaiſer den Boden dieſes Weines in Anſpruch nehme, daß Lannoy vor der Thuͤr ſein, daß die eigentliche Liebe ſeines Herzens, die arme Frangoiſe in ſchmerzlicher Verlaſſenheit ſein koͤnne. Ach, das war ſie! Sie wußte den Koͤnig im Schloſſe, wußte ihn umgeben von ihren Feinden, erfuhr, daß er zur Tafel gegangen ſei mit all dem gleichguͤltigen Troß des Ho⸗ fes, und erhielt kein Lebenszeichen, nicht das geringſte Zei⸗ chen des Andenkens von ihm! Hatte er ihrer geſpottet, 153 indem er ſie hierher beſchieden? Die Diener, offenbar von der Regentin herab veranlaßt, deckten und verſahen ihren Tiſch nicht, und bemerkten groblich auf Guernard's Nach⸗ frage: heut ſei keine Zeit, und wenn ſeine Dame nicht zur Tafel des Koͤnigs gezogen werde, ſo muͤſſe ihr Einzug in's Schloß Cognar wohl auf einem Irrthum beruhen. Muth, Francoiſe, Lautrec wird den Koͤnig verfehlt, und ihn nicht unterrichtet haben von Deiner Anweſenheit auf Cognae; bedenke, daß Du nicht geantwortet haſt. Graf Lautrec von Foix iſt drüben bei der Tafel, be⸗ merkte ſchuͤchtern Guernard und ging hinaus.— Der alte Diener war ſo tief gekraͤnkt, wie es nur ein Graf von Foir ſein konnte, und er ging in ſeinem Zorn uͤber die Vorſaͤle hinuͤber gerade hinein in den Speiſeſaal des Koͤnigs, um ſeinen Grafen zu ſprechen uͤber dieſe ſeiner Herrin unwuͤr⸗ dige Lage. Anfangs wurde er nicht bemerkt unter den vie⸗ len Dienern, welche Speiſen ab⸗ und zutrugen, und welche es dann nicht ſogleich wagten, den fremden, an der großen Tafel umherſuchenden Diener wegzuweiſen. Bald trat in⸗ deſſen der Tafelmarſchall, von einem Diener der Regentin aufmerkſam gemacht, in dieſer Abſicht auf ihn zu; jetzt aber hatte Guernard des Grafen Lautree ſinſter blickendes Antlitz dem Koͤnige gegenuͤber bemerkt! Er hörte alſo nicht auf den Tafelmarſchall, und ging gerades Weges nach dem Sitze Lautrec's. Der Tafelmarſchall wollte ſeine Anrede vor der aufmerkſam gewordenen Dienerſchaft nicht ſo achtungslos behandelt ſehn, ſchritt ihm eilig nach, faßte ihn am Arme, und ſprach lauter als vorher in ihn hinein. Guernard, dem es ganz recht war, in der Naͤhe des Koͤnigs Aufmerk⸗ — ——— ——— 4 154 ſamkeit zu erregen, antwortete dem Tafelmarſchall eben ſo laut, und zog wirklich den Blick des Koͤnigs auf ſich, da er bereits in der Naͤhe von Lautrec's Stuhle war. Lautrec, die Stimme Guernard's vernehmend, wendete ſich um, ſein braunes Antlitz wurde dunkelroth, der Saͤbelhieb, der ihm bei Ravenna das Geſicht geſpalten hatte, blieb erſchreckend blaß, und Guernard erkannte mit Entſetzen, daß er nicht im Foix'ſchen Sinne gehandelt habe. Was iſt Euch, Lautrec? Nichts, Sire! Dadurch wurde Brion, der an der andern Seite Fraͤu⸗ lein Heilly's ſaß, aufmerkſam; er erkannte Guernard auf der Stelle, und rief unbedacht und ſo laut, daß es der Koͤ⸗ nig hoͤren konnte: Guernard, Graͤfin Frangoiſens Diener! Graͤfin Frangoiſens? Wie kommt der hierher? rief der Koͤnig. Mit meiner Gebieterin, Eurer Majeſtaͤt zu dienen! ſprach Guernard dreiſt, ſich ehrfurchtsvoll verneigend vor dem Koͤnige. Graͤfin Francoiſe iſt auf Cognac? fragte erſtaunt und haſtig Franz, indem er ſeinen Pokal unſanft auf die Tafel ſetzte. Schon ſeit einiger Zeit! entgegnete Guernard. Mein Gott! rief der Koͤnig, und ſprang von ſeinem Stuhle auf. Meine Briefe! ſetzte er leiſer hinzu— Aber Lautrec—?! Sire! Habt Ihr davon gewußt? Allerdings, Sire! 155 uUnd habt mir kein Wort davon geſagt?! Ihr habt nicht gefragt, Sire. Fuͤhre mich! rief der Koͤnig Guernard zu, und ging hinweg. Jedermann war aufgeſtanden, die Tafel war un⸗ terbrochen, die erſtaunten Hofleute traten in Gruppen zu⸗ ſammen. Die Erſcheinung der Graͤfin Chateaubriant und dieſer bewieſene Antheil des Koͤnigs waren aber auch etwas Au⸗ ßerordentliches. Man muß bedenken, daß die Ungnade der⸗ ſelben und die gemeine Veranlaſſung dieſer Ungnade in Frankreich allgemein bekannt geworden war, daß aber die Rechtfertigung derſelben, ein Ergebniß der Privatunterhal⸗ tung zwiſchen Brion und dem Koͤnige, keine Gelegenheit gehabt hatte, ſich zu verbreiten. Brion hatte zuerſt nicht davon geſprochen, weil er die ihm zufaͤllig dadurch naͤher geſtellte Geliebte nicht gefliſſentlich wieder den gemeinſchaft⸗ lichen Freunden des Koͤnigs und Frangoiſens empfehlen wollte zu Aufnehmung der alten Pläͤne einer Heirath zwi⸗ ſchen Frangoiſe und dem Koͤnige. Und als er endlich er⸗ fuhr, wie tief und gefaͤhrlich Frangoiſens Ruf durch dies Mißverſtaͤndniß beſchaͤdigt worden ſei, als er endlich in Briefen nach Frankreich die unſchuld Francoiſens in Schutz nahm, da glaubte man ihm nicht, da nannte man ſeine Rechtfertigung der Graͤfin eine zartſinnige Verleugnung ſeines Liebeserfolges, und nicht die Graͤfin, ſondern er ge⸗ wann in der guten Meinung der Zuſchauer. Der König aber hatte kein Wort daruͤber geaͤußert. Die Rechtfertigung der Graͤfin wirkte einerſeits auf ſein perſoͤnliches Verhaͤltniß zu ihr, und erzeugte jene liebevollen —— Briefe, und wirkte andrerſeits nur auf den Akt ſeiner Thronentſagung. Dieſer hatte den letzten entſcheidenden Anſtoß dadurch erhalten, daß er ſich auch in ſeiner perſoͤn⸗ lichſten Welt machtlos geglaubt hatte. Als er erfuhr, daß dies ein Irrthum geweſen ſei, verſank auch die Idee der Ab⸗ dankung mehr und mehr vor ſeinem wieder auflebenden Selbſtvertrauen. Er erinnerte die Regentin nicht daran, die Akte dem Parlamente vorzulegen, und fand es doch auch natuͤrlich nicht fuͤr noͤthig, dieſer Regentin, welche er Fran⸗ goiſen abgeneigt wußte, auseinander zu ſetzen, aus welchen inneren Gruͤnden er zur Abdankung getrieben worden, aus welchen inneren Gruͤnden er jetzt davon zuruͤckgekommen ſei. So erfuhr Louiſe nur durch Florentin, daß wieder Bo⸗ ten nach Foix geſchickt wuͤrden, und daß das Verhaͤltniß wohl noch nicht ganz beendigt ſei. Sie huͤtete ſich wohl, davon etwas verlauten zu laſſen, ſie beharrte unwandelbar dabei, Graͤfin Frangoiſe habe ſich unwuͤrdig betragen, und ſei eine verlorene Frau. Kein Menſch zweifelte daran, ſelbſt Nar⸗ garetha nicht, ja ſelbſt Budé gewann durch Marot's Verſi⸗ cherung nicht eine beſtimmte Ueberzeugung von der Unſchuld Frangçoiſens. Marot war auch ihm ein verdaͤchtiger Zeuge, theils weil das Geruͤcht, welches ihn damals in Fontaine⸗ bleau in die zweideutige Aufführung und Abreiſe verwickelt hatte, jetzt wieder Bedeutung gewann, theils weil er als heiterer Poet das Vertrauen auf gewiſſenhafte Wahrhaftig⸗ keit nicht für ſich hatte. Und außer gegen Budé durfte Ma⸗ rot gar nicht wagen, eine Rechtfertigung der Graͤfin zu ver⸗ ſuchen: die Regentin war allmaͤchtig, und haͤtte ihn zer⸗ malmt. Aus alle dem erklaͤrt ſich, mit welchen Augen die Tafel⸗ geſellſchaft in Cognac die Erſcheinung der Graͤfin Frangoiſe anſah. Außer Brion und Lautrec nahm Niemand im Saale freundlichen Antheil an ihr. Dieſe Beiden blieben denn auch ganz vereinzelt, und Brion, der in Verlegenheit war, trat zu jenem. Es bedurfte ganz des kriegeriſchen Stolzes eines Lautrec, um dieſem Ge⸗ fluͤſter, dieſen Blicken Trotz zu bieten, um einen lauten Aus⸗ bruch beſonders in der Gruppe zu verhindern, welche ſich um die Regentin gebildet hatte. Lautrec war der Mann dazu: ſeine ſtrengen, feurigen Augen hielten Alle im Zuͤgel, ja, die Verſtaͤrkung durch Brion's Zutritt ſchien ihm faſt unerwuͤnſcht zu ſein. Die zahlreiche Geſellſchaft erſchrack ſogar trotz ihrer Uebermacht, als Lautree ploͤtzlich die Stimme erhob und der Regentin zugewendet ſprach: Wuͤnſcht die Frau Herzogin von Angoulöme etwas von mir, daß ſie mich ſammt ihrer Umgebung ſo aufmerkſam betrachtet? Selbſt die dreiſte Herzogin ward durch dieſe Heraus⸗ forderung beſtuͤrzt. Lautree war vielleicht der einzige Mann, vor dem ſie Scheu hegte, und bei deſſen Anblick ſich etwas von Gewiſſen in ihr erhob. Sie geſtand ſich's kaum, daß ſie ihn haßte wie ihren ſchlimmſten Feind, die Scham uͤber die Semblangayſche Erinnerung hielt dies Geſtaͤndniß in ihr zuruͤck. Dennoch erwiderte ſie nach einer Pauſe: Man fragte ſich allgemein, ob auch Ihr uͤberraſcht ge⸗ weſen ſeid von der Nachricht, daß die Graͤſin Chateaubriant auf Cognac ſei. Nein. Ihr wußtet alſo davon? Ja. Ich ſelbſt habe ſie herbegleitet. So?— Deshalb alſo kamt Ihr ſo ſpaͤt nach Bordeaur? Zum Theil deshalb, Frau Herzogin. Des Koͤnigs Dienſt war Euch weniger wichtig! Ich war in des Koͤnigs Dienſte, als ich die Graͤfin Frangoiſe nach Cognac begleitete. Wie das? riefen die Herzogin Louiſe und Margaretha gleichzeitig. Der Koͤnig hatte die Graͤfin zu wiederholten Malen dringend gebeten, Schloß Cognae zu beſuchen. Unbegreiflich! rief Margaretha, waͤhrend die gehalte⸗ nere Louiſe ſich die Lippen zuſammenpreßte. Was findet Ihr unbegreiflich, Frau Herzogin von Alen⸗ gon? ſprach Lautrec barſch, und trat einige Schritte naͤher. Es muß uns verwundern, nahm die Herzogin Louiſe raſch das Wort, daß der Koͤnig dieſes Beſuchs mit keiner Sylbe erwähnt, und daß er ihn bei ſeiner Ankunft vergeſ⸗ ſen hat. Woher wißt Ihr, daß er ihn vergeſſen hatte, daß uͤber⸗ haupt dabei etwas zu vergeſſen war? Graͤfin Francoiſe hat ihm nicht ſchriftlich geantwortet, und ſagt ihm jetzt erſt muͤndlich ihre Antwort. Graf Lautrec, Ihr nehmt einen Ton an, den— Den Semblangay hätte annehmen ſollen, ehe es zu ſpaͤt dafuͤr wurde. Dieſe uͤberdreiſte Anſpielung fiel wie ein Donnerſchlag in die Geſellſchaft, und die Herzogin Louiſe ward purpur⸗ roth. Ehe ſie indeſſen etwas erwidern konnte, trat der Koͤnig in den Saal. Er fuͤhrte die Graͤfin Frangoiſe am Arme, und indem er raſchen Wortes ſein Bedauern ausdruͤckte, daß durch ſeine Schuld die Tafel unterbrochen worden, ge⸗ leitete er Frangoiſe zu ſeinem Sitze und winkte mit der Hand, daß man ſich wieder niederlaſſen moͤge. Waͤhrend dies von allen Seiten geſchah, fluͤſterte die Herzogin Louiſe dem Fraͤu⸗ lein von Heilly einige Worte zu, und verließ den Saal. Die Herzogin Margaretha und Fraͤulein von Heilly folgten ihr. Der Koͤnig that, als ob er es nicht bemerkte, und ſprach angelegentlich zu Frangoiſe. Er hatte es aber ſehr wohl bemerkt, und er ſprach nur um ſo eifriger, je ſchwerer es ihm von Minute zu Minute wurde, der peinlichſten Empfin⸗ dungen Herr zu werden. Er hatte Frangoiſe zum Erſchre⸗ cken veraͤndert gefunden: der tiefe Gram, die ſchmerzlich errungene Entſagung waren wie ein zerſtoͤrender Winter⸗ reif uͤber ihre Schoͤnheit dahin gegangen, und von der fruͤ⸗ heren Heiterkeit ihres Weſens war jede Spur ausgeloͤſcht. Koͤnig Franz bedurfte in ſeiner jetzigen Lage vor allen Din⸗ gen munterer Anregung, denn er hatte ein ſchlechtes Gewiſ⸗ ſen. Die erhoͤhte Innigkeit, dieſe tragiſche Innigkeit Fran⸗ Foiſens war ihm jetzt wie ein unmittelbares Ungluͤck: er wollte nicht an die tiefer liegenden Kreiſe des Herzens er⸗ innert ſein, innerhalb dieſer Kreiſe gab es nur ſchmerzliche Vorwürfe fuͤr ihn. Deshalb verkuͤrzte er die erſte Begeg⸗ nung mit Francoiſe ſo ſehr, und fuͤhrte die Widerſtrebende ſo eilig unter die Tafelgeſellſchaft. Er hatte nicht nach Chimenen gefragt, er hatte auch nicht uͤberlegt, daß fuͤr Frangoiſe und fuͤr ſein eignes Verhaͤltniß zu ihr dieſe un⸗ vorbereitete Einfuͤhrung derſelben in einen feindlichen Ge⸗ ſellſchaftskreis die allermißlichſte von der Welt ſei. Und daß er allein noch einen; jetzt erſt erkannte er am Weggange der ihm wertheſten Perſo⸗ nen, an der verlegenen ſtummen Haltung aller uͤbrigen, Werth lege auf dieſe Graͤfin Fran⸗ goiſe, auf dieſe obenein ſo traurige Frangoiſe. Er allein! In Sachen des Geſchmacks allein zu bleiben, das kann den feſte⸗ ſten Mann beirren. Und dabei noch vom Gegenſtande ſeiner Wahl ſo unangenehme Eindruͤcke zu empfinden, wie Franz ſie ſo eben empfand, das iſt Qual, nichts als Qual. Er war wie auf der Folter, und trank haſtig einen Becher Burgun⸗ derweins nach dem andern, theils aus Zerſtreutheit, theils Aus Pietat eine Geliebte neben ſich um ſich aufuheitern.„2 erhalten!“ dieſer Gedanke, dieſer ihm widerwaͤrtige Gedanke tanzte wie ein Irrlicht vor ſeinen Augen umher. Da wurde angekuͤndigt, Lannoy, der Vicekoͤnig von Nea⸗ pel ſei auf Cognac eingetroffen. Faſt haͤtte der Koͤnig aus⸗ gerufen„Gott ſei Dank!“ ſo beduͤrftig war er eines aͤuße⸗ ren Anſtoßes nach andrer Richtung, mochte auch das Thema Lannoy's ein noch ſchwierigeres ſein. Er hob die Tafel auf, und entſchuldigte ſich bei der Graͤfin, ſie der neuen Geſchaͤfte halber nicht zuruͤck begleiten zu koͤnnen. Brion uͤbernahm dieſes Amt der Galanterie, und der Koͤnig bemerkte mit immer ſteigendem Mißbehagen, daß ſaͤmmtliche Anweſende fluͤſternd auf Brion und Francoiſe blickten, und daß offen⸗ bar Jedermann in dieſem Augenblicke an das Madrider Ge⸗ ruͤcht einer Liebſchaft zwiſchen dieſen beiden Leuten dachte. Foi de gentilhomme, murmelte er vor ſich hin, das geht nicht laͤnger! Ich nehme mich aus wie ein gutmuͤthiger Narr, der nur darum von ſeiner Geliebten nicht verlaſſen ſei, weil er Koͤnig iſt. Das ſtünde mir an! Keine Freude zu haben, und wie ein Betrogener mich verlacht oder be⸗ dauert zu wiſſen! Das muß ein Ende nehmen! Heda Praͤlat! Dieſer Ruf galt Florentin, welcher ſich eben mit den Uebrigen aus dem Speiſeſaale entfernen wollte. Der Koͤnig trat in ein anſtoßendes kleines Zimmer, und ſtellte ſich unter das Bogenfenſter, welches eine ſchoͤne Ausſicht bot nach der tief unten fließenden Charente und nach den jenſeits aufſteigenden Wieſen und Waͤldern, welche mit dem erſten Gruͤn des Fruͤhlings uͤberflogen wa⸗ ren. Die Welt wird wieder ſchoͤn, dachte er, nur mir ſoll kein neuer Fruͤhling vergoͤnnt ſein. Ihr muͤßt Lannoy empfangen, Florentin! ſagte end⸗ lich der Koͤnig, indem er ſich umwendete, und mit haſti⸗ gen Schritten im kleinen Zimmer auf⸗ und niederging. Muͤßt ihn hinhalten, ſetzte er hinzu, ich will ihm Feſte geben, um ihn zu zerſtreuen. Sagt ihm, er ſollte mit mir nicht vom Traktate ſprechen, ich waͤre ſehr aͤrgerlich, bei den Burgundern und allen uͤbrigen Franzoſen ſo große Schwierigkeit in Betreff des Traktats zu finden, aber er ſollte mich nur nicht uͤberdraͤngen, ich wuͤrde es ſchon dahin bringen, daß die weſentlichen Punkte gehalten wuͤrden, obwohl ich eigentlich durch die Kirche vom ganzen Traktate dispenſirt ſei. Gaͤb's keine andern Schwierigkeiten, Sire, dann waͤre unſre Sorge nicht groß. 8 So?— Was giebt's denn ſonſt? Eure Majeſtaͤt peinigen ſich unbegreiflicherweiſe mit todter Neigung und eingebildeter Verpflichtung. Laube, Chateaubriant. III. 11 —————— ——— 162 Praͤlat! Die Wahrheit iſt immer nackt, aber ſie allein hilft! — So ſtört Ihr, Sire, Euer Wohlſein, ſtoͤrt Euch da⸗ durch den freien Blick, welcher jetzt ſo überaus noth thut, ſtoͤrt die Eintracht und den einigen Eifer Eurer Umgebun⸗ gen, ſtoͤrt die Unterhandlung mit Spanien am empfind⸗ lichſten Punkte. Ich weiß genau, daß der Kaiſer, ein buͤr⸗ gerlicher Familienvater, vor allen Dingen einen Beweis zarter Ruͤckſicht fuͤr Eleonore ſeine Schweſter, Eure traktat⸗ maͤßige Braut erwartet. Darin beſonders, hat er zu ſei⸗ nem Beichtvater geaͤußert, werde er Euren guten Willen erkennen, und wenn der vorhanden ſei, hat er hinzuge⸗ ſetzt, ſo finde ſich alles Uebrige leichter. Dann konne er Euch Zeit laſſen, Euch mit dem Lande zu einigen uͤber die Opfer, welche der Traktat heiſche, und mit einem ruͤck⸗ ſichtsvollen Schwager gaͤbe es in allen Dingen eine leichtere Einigung. Der Kaiſer nun, Ihr muͤßt Euch deſſen erin⸗ nern, wurde auch von dem Augenblicke an zugaͤnglicher, als die Graͤfin Chateaubriant Madrid verlaſſen hatte, und als die Kunde laut wurde, Euer Verhältniß mit dieſer Dame ſei aufgeloͤſ't. Trotz dem wurde mir damals ſchon durch dritte und vierte Hand, vom Kaiſer und der Koͤnigin Eleonore ausgehend, mitgetheilt, daß letztere nicht an Eure aufrichtige Abſicht eines ehrenvollen Ehebündniſſes glau⸗ ben koͤnne, bevor Ihr nicht ein gewiſſermaaßen officielles Zeugniß Eures Bruches mit der Graͤfin an den Tag gelegt haͤttet. Es ſei mit dieſer Dame ein ganz anderes Verhaͤlt⸗ niß, als mit irgend ſonſt einer, welcher ſich Euer lebhaftes Temperament in leichter Neigung zuwende. Dieſe Graͤfin habe man eine Zeitlang als wahrſcheinliche Koͤnigin be⸗ trachtet, dieſe Graͤfin ſei vermaͤhlt, ihre Stellung zu Euch ſei alſo der ſtrengeren ſpaniſchen Sitte gegenuͤber ein Skan⸗ dal, dieſe Graͤfin habe einen gefuͤrchteten und maͤchtigen Bruder, dieſe Graͤfin endlich ſei bereits oͤffentlich der Hin⸗ neigung zur Ketzerei beſchuldigt worden. Nun, wo ſoll das hinaus? Dahinaus, daß wir Lannoy, der ſie zu ſeinem groͤß⸗ ten Erſtaunen jetzt wieder an Eurer Seite findet, einen Beweis geben muͤſſen, Ihr ſeiet keineswegs Willens, das Verhaͤltniß mit der Graͤfin wieder aufzunehmen. Mit die⸗ ſem Beweiſe werden wir leichtes Spiel mit ihm haben, ohne dieſen Beweis freilich moͤchte ich nicht dafür ſtehn, daß wir nicht zu einer unumwundenen Erklaͤrung uͤber den Traktat genoͤthigt wuͤrden, wie ſte doch wahrlich vor einem feſteren Abſchluſſe mit England und Italien nicht an der Zeit iſt. Auch Eures Rufes wegen brauchen wir Zoͤgerung. Jetzt richtet ganz Europa die Blicke auf Euch und auf den Traktat, nach einem halben Jahre aber iſt tauſenderlei Anderes geſchehen, und man hat die Anſicht uͤber den Trak⸗ tat verwirrt. Aber was ſollte das fuͤr ein Zeichen ſein? Ich kann die unſchuldige Graͤfin doch nicht aus Cognae und aus mei⸗ ner Naͤhe verbannen?! O nein! Jede Gewaltſamkeit braͤchte uns auch Lautrec auf den Hals, der ohnedies ſehr ſtark auftritt, und jetzt eben erſt, waͤhrend Ihr die Graͤfin holtet, Eurer Frau Mutter eine beleidigende Scene uͤber die vergeſſene Sem⸗ blangayſche Angelegenheit aufſpielte. Und dieſer Lautree . 11*† 164 iſt gefuͤrchtet und maͤchtig, Ihr werdet nicht ohne Noth ſei⸗ nen Stolz herausfordern wollen! Zur Sache, Praͤlat, und rede nicht, als ob ich mich vor einem Seigneur fuͤrchtete. Die Sache, Sire, wäͤre etwa folgende: Im Begriff, die Schweſter des Kaiſers zu ehelichen— wenigſtens ſagt doch der Traktat ſo— ſeid Ihr durch den politiſchen An⸗ ſtand genoͤthigt, von der Graͤfin Frangçoiſe dasjenige zu⸗ ruͤck zu verlangen, was ſie als unzweideutige Zeugniſſe Eures Liebesverhaͤltniſſes beſitzt, und was ſie zu aͤrgerlicher Verhoͤhnung der ſpaniſchen Braut gelegentlich aufzeigen koͤnnte. Aber ſie hat ja nie eine groͤßere Schenkung von mir angenommen! O, die groͤßeren Schenkungen haͤtten nichts zu ſagen. Schloͤſſer und Waͤlder ſprechen nicht von Liebe; aber die kleineren Dinge, Ringe und Spangen, Deviſen und Briefe, ſie ſind die gefaͤhrlichen Zeugen zaͤrtlicher Neigung, ſie ſpre⸗ chen zu deutlich und ſprechen unumwunden— Hier wurde das Geſpraͤch unterbrochen durch den Ein⸗ tritt der Herzogin Louiſe. Sie war in großer Bewegung, daß Margaretha noch heut Abend Cognac verlaſſen, und daß Fraͤulein von Heilly ſie begleiten werde. Thoͤrichte Weiber! Vor allen Dingen aber, ſetzte die Herzogin hinzu, gieb Befehl, wer Lannoy empfangen, und was mit ihm ge⸗ ſchehen ſoll; er geht unten in der Halle auf und nieder, und Niemand empfaͤngt ihn, alle Welt iſt verſtoͤrt von dem geſpenſtiſchen Wiedererſcheinen der Chateaubriant. Foi de gentilhomme, das wird eine Laſt, Koͤnig zu ſein! rief der Koͤnig, und ging nach der Thür. Warum biſt Du auch ſo buͤrgerlich, alle alten Liebha⸗ bereien mit heiligem Reſpekt zu behandeln! rief ihm die Herzogin nach. Florentin unterrichtete ſie nun auf der Stelle, in welche Bahn er die wieder noͤthig gewordene Intrigue geleitet, und ſie billigte den Weg vollkommen. Denn— bemerkte ſie haſtig— entweder widerſetzt ſie ſich mit Hilfe Lautrec's, und dann wird durch deſſen rohen Seigneur⸗Ton der Koͤnig zu durchgreifender Haͤrte getrieben, oder ſie nimmt es ſen⸗ timental, und weicht unter Thraͤnenwolken großer Ge⸗ fühle; jedenfalls werden wir ſie los! Dein Bisthum, Flo⸗ rentin, erwartet Dich in Paris, wenn Du dieſen Streich bis zum Gelingen durchführſt. Sage dem Koͤnige, ich ſei zur Herzogin Margaretha und der kleinen Heilly, um Ab⸗ ſchied zu nehmen, das thut auch ſeine Wirkung, Anna's Lebensluſt iſt ihm bereits unentbehrlich. Sie war kaum hinweg, ſo kam der Koͤnig zuruͤck, und zwar aufgeregt in hohem Grade. Er hatte Lannoy zudring⸗ lich, und Lautree bei ihm gefunden. Lautrec iſt die Urſache der Zudringlichkeit geweſen; denn Lannoy weiß, daß die Foir' Eurer Majeſtaͤt ein Haupt⸗ hinderniß des Traktates ſind. Ach was Foir's; Was bedeuten mir die Foir'!? Zeigt das dem Vicekönige, Sire, und Ihr werdet ſo⸗ gleich ſehn, wie er den Ton andert. Der Koͤnig fragte nach ſeiner Mutter, und eilte ihr auf der Stelle nach, als Florentin mittheilte, was ſie hin⸗ 166 terlaſſen.„Das fehlt noch“ rief er beim Hinausgehn, „daß ich mit der Langweiligkeit allein in Cognac bliebe!“ Kaum war er hinaus, ſo ſetzte ſich Florentin an den Schreibtiſch, welcher in der Fenſterbruͤſtung ſtand, und entwarf den Brief, welchen der Koͤnig an die Graͤfin Fran⸗ goiſe ſchreiben ſollte. Er wußte gar wohl, daß es leichter ſei, ihn zur Unterſchrift fuͤr ſolch einen Brief als zur Ab⸗ faſſung deſſelben zu bewegen. Ein Federzug kann ohne Ue⸗ berlegung geſchehn, aber der kleinſte Brief kann auf hundert Gedanken fuͤhren, und am Ende waͤre die Liebenswurdig⸗ keit des Koͤnigs im Stande, ein ſolches Opfer dergeſtalt von Francoiſe zu verlangen, daß dieſe nichts weiter darin erblickte, als ein durch die Politik abgenoͤthigtes aͤußerli⸗ ches Opfer.. Als der Koͤnig zuruͤckkam, dunkelte es bereits. Die Herzogin Louiſe hatte ihm rund heraus erklaͤrt, daß er die ſchoͤne Anna in ſeinem Leben nicht wiederſehn wuͤrde, wenn er nicht ein Ende mache mit dieſem uͤberlebten Chateau⸗ briantſchen Verhaͤltniſſe, und wenn er dieſer ſo harmloſen Anna, die ihm vom erſten Tage ihrer Bekanntſchaft an ſo anmuthig offen zugethan geweſen ſei, nicht ein Pfand wirklicher Zuneigung einhaͤndige, ſei es auch nur der ein⸗ zige Ring, welchen Graͤfin Francoiſe noch heute bei Tafel zur Schau getragen habe. Des Koͤnigs Salamander, um-⸗ ſchloſſen von einer Deviſe koͤnne doch auch in der That nur von einer Dame am Finger getragen werden, wenn dieſe Dame des Koͤnigs volle Liebe und die volle Achtung der Welt genieße. Nur unter ſolcher Bedingung, hatte die Kupplerin hinzugeſetzt, koͤnne ſie dies ihr anvertraute 167 Maͤdchen der Neigung des Koͤnigs überlaſſen. Sie iſt mein Schützling— hatte ſie geſchloſſen— und ich habe ſie des⸗ halb auch vor Dir bisher wie einen Augapfel behuͤtet; ich werde nun mehr thun, als ſie behuͤten, ich werde ſie Dei⸗ nem Blicke für immer entziehn, wie ſehr es auch weinen mag das ſonſt ſo luſtige Geſchoͤpf!— Und in der That hatte der gewaltſam in's naͤchſte Zimmer eindringende Koͤ⸗ nig das heitere Maͤdchen in Thraͤnen beim Einpacken ihrer Putzſachen gefunden.—„Wartet bis zum naͤchſten Mor⸗ gen!“ hatte der Koͤnig geſagt,„ich werde einen Ausweg ſuchen. Wo iſt Margaretha 20— Man hatte es nicht ge⸗ wußt. Wahrſcheinlich ſei ſie ſchon nach Angoulème voraus. Mit dieſen Eindruͤcken kam der Koͤnig zuruͤck nach dem Zimmer, in welchem Florentin mit dem fertigen Briefe ſeiner harrte. Was haſt Du da geſchrieben? Das i*ſt an die Graͤfin? Prieſter, das iſt ja meine Handſchrift! Bin ich bloͤdſich⸗ tig, oder biſt Du ein Verbrecher? Ich bin ein Verbrecher, Sire. Oder vielmehr meine Hand iſt's, denn ich habe es abſichtslos gethan. Ich hatte mich in Euer Verhaͤltniß zur Graͤfin vertieft, und in Ge⸗ danken auf das Papier geworfen, was bei einer ſo mißli⸗ chen Situation, dem Herzen nicht zu allergroßtem Leide und der Politik doch zum Vortheile, geſagt werden muͤſſe; und dabei war mir ſelbſt die Taͤuſchung ſo groß geworden, daß die Handſchrift der Eurigen ahnlich gerathen iſt. „Mehr als aͤhnlich— und das wird nicht Dein Vor⸗ theil ſein.“— Dies vor ſich hinſprechend ſchrieb der Koͤ⸗ nig gleichſam um die Handſchriften zu vergleichen, ſein 168 „Frangois“ unter den Brief, betrachtete die Schrift und ſchuͤttelte das Haupt. Er ſchien den Sinn der Worte g nicht zu beachten, es war auch ſchon zu dunkel, um mit Leichtigkeit leſen zu koͤnnen, er ſchien nur die Aehnlichkeit der Schriftzuͤge zu pruͤfen. Dann legte er den Brief auf den Tiſch und ging an das entgegengeſetzte Fenſter, durch welches man auf den Hof und die Rampe des Schloſſes blickte. Der dreiſte Florentin benutzte den Augenblick, um den Brief zu falten und ihm die Aufſchrift zu geben. Wo iſt Brion? Wahrſcheinlich noch bei der Graͤfin Frangoiſe! Er muß ihr doch treu ergeben ſein. Solche Treue troͤſtet jede Frau. Sag ihm, wie die Umſtaͤnde mit Lannoy liegen, und was mich zu dem Schritte genoͤthigt. Er ſoll der Graͤfin den Brief uͤbergeben, und ſie in liebevoller Weiſe auf die Nothwendigkeit der Maßregel aufmerkſam machen. Setze in einer Nachſchrift hinzu, daß ich ihr fuͤr die Bagatellen, welche ich zuruͤckerbaͤte, Schloß Chenonceaur ſchenkte am Cher in der Touraine, baſta! Che er dieſe entſcheidenden Worte geendigt hatte, riß er das Fenſter auf, und rief in den Hof hinab nach ſeinem Montpezas, der voruͤberſchritt: Montpezas, beſtelle Roſſe, Fackeln und Jaͤger, in einer halben Stunde brechen wir auf zur Jagd. Florentin hatte die dreiſte Abſicht, der Graͤfin Fran⸗ coiſe den Brief mit der entſetzlichen Forderung ſelbſt zu uͤberreichen. Man kann nicht wiſſen, dachte er, wie ſolch 169 eine Liebhaberin auch das Giftigſte unſchaͤdlich zu machen wiſſe. Noch eins! fuhr es ihm durch den Sinn: damals in Fontainebleau hatte ihm durch Vermittelung der Herzo⸗ gin Louiſe Florio ein Flaͤſchchen italieniſchen Giftes einge⸗ haͤndigt fuͤr den Fall, daß Frangoiſe in der Verzweiflung ſelbſt nach einem ſolchen Endmittel verlange. Er fuͤhrte 1 es ſeit der Zeit immer wohlverwahrt bei ſich, und eilte jetzt nach ſeinem Zimmer, um es einzuſtecken. Vielleicht ver⸗. langte ſie's heut! Und ihr ſei wohler, dachte er aufrich⸗ tig, ſie ſei hinweg aus dieſer Welt, die nach ſo voͤlligem Bruche mit dem Koͤnige ihr nur Entſetzen und Trauer biete. Er dachte noch weiter: dieſe Neigung zwiſchen Koͤnig Franz und Frangoiſe hatte ihm das Anſehn, als ſei ſie fuͤr beide Theile nur durch den Tod zu endigen. Wie ungleich in der Laune Franz auch gegen Francoiſe ſei, ſein Herz gehoͤre ihr doch immer und immer wieder, und Francoiſe ſei ſeine einzige wahre Liebe. Ueber Kurz oder Lang koͤnne er ſie wieder aufſuchen, und dieſer Kampf gegen ein ungelegenes Weib muͤßte von Neuem Zeit und Kraͤfte in Anſpruch nehmen. Er wollte ſie ja auch nicht vergiften, er wollte ſie nur fuͤr den Fall rettungsloſer Verzweiflung mit einem Hilfsmittel ausruͤſten!— Mit Grundſaͤtzen bloßen Eigennutzes und 8 ohne irgend eine religiöſe Ueberzeugung kommt man ja in⸗ mitten großer Intriguen am Ende immer unverſehens dicht an die Seite des unmittelbaren Verbrechens. Und man kleidet ſich's und ſtreichelt ſich's, je laͤnger man's neben ſich hat, ſo artig zurecht, daß man es zuletzt ſelber nicht mehr erkennt, und es fuͤr ein harmloſes, von der unkundigen Welt nur verſchrieenes Weſen haͤlt. 170 Margot kam ihm entgegen, als er in das Vorzimmer der Graͤfin trat, und fragte ihn ziemlich unwirſch, was er wolle. Du bringſt der Francisca immer nur Trauriges, ſetzte ſie hinzu, und findeſt jetzt eben die Seigneurs Lautrec und Brion bei ihr, welche Dich ebenfalls nicht leiden koͤn⸗ nen. Was treibſt Du denn eigentlich, daß Du Dich mit aller Welt verfeindeſt? Vor Lautree fuͤrchtete ſich Florentin; in deſſen Gegen⸗ wart den Brief zu uͤberreichen ſchien ihm lebensgefährlich, denn wenn dieſer eiſerne Menſch einmal in Zorn gerieth, ſo war ein Degenſtoß durch den Leib fuͤr jeden verdaͤchtigen Nachbar zu beſorgen. Florentin entſchloß ſich alſo ſogleich, die eigne Abgabe des Briefes und den ſie begleitenden Kommentar aufzugeben. Lautree's Zorn, meinte er, wird mich wohl erſetzen!— Er bevollmaͤchtigte alſo ſeine Mut⸗ ter, den Brief an Brion einzuhaͤndigen, und dieſem im Namen des Koͤnigs die Ueberreichung deſſelben an die Graͤ⸗ fin aufzutragen. Das iſt wohl wieder ein Ungluͤck? fragte Margot angſtlich. Gott bewahre! der Koͤnig will eine Jagd bei Fackel⸗ ſcheine veranſtalten! erwiderte Florentin, und zog den Brief ſammt dem Flaͤſchchen aus ſeiner Bruſttaſche. Was iſt in dem Flaͤſchchen? Still, das iſt nicht fuͤr Euch Frauen! Aber es kann Dich belehren, wie Unrecht Du mir thuſt, indem Du mich immer uͤblen Willens gegen Francisca zeihſt. Mit großer Gefahr hab ich dies Flaͤſchchen den Spaniern entriſſen, die um ihrer Koͤnigin von Portugal willen, welche der Koͤnig — 171 heirathen ſoll, unſre Francisca aus dem Wege raͤumen wollten— Gerechter Gott! Still! Die Gefahr iſt nun voruͤber, wir haben's in Haͤnden das Gift! Gift! Um Gotteswillen, gieb her, daß ich's ver⸗ nichte! Nein, nein! Du koͤnnteſt Schaden damit anrichten. Ich! laß los! Befaſſe Dich nicht mit ſolcher Gefahr, Mutter! Auch um es zu verſchütten, bedarf es der groͤßten Vorſicht, ein zufaͤllig vergoſſner Tropfen kann ein Geſchoͤpf toͤdten, und es iſt ſtark genug, um die Charente zu vergiften. Aber er hatte ſich's ganz gern entreißen laſſen, und blickte ſchadenfroh der hinwegeilenden Margot nach. Wie ſollte man die Scene beſchreiben, welche der Ue⸗ berreichung des Briefes folgte! Francoiſe fiel aufſchreiend von ihrem Seſſel, und waͤhrend Margot und die auf den Schrei herbeieilende Chimene damit beſchaͤftigt waren, ſie in das zerſtoͤrte Leben zuruͤckzurufen, laſen die Maͤnner den Brief. Unterdeß war es dem Koͤnige leid geworden, daß er ſich zur Zurückforderung der Liebespfaͤnder hatte bewegen laſſen. Florentin hatte Recht: Franz liebte Frangoiſe dauernd. Gewiſſenspein, erhoͤht durch die ſpaniſche An⸗ gelegenheit, welche ebenfalls ſeinen Charakter unaufhoͤr⸗ lich quaͤlte, trieb ihn umher, und machte es Martin faſt unmoͤglich, ihm die Jagdkleider anzulegen. Der beſſere Menſch behielt im Koͤnige die Oberhand, und er eilte hin⸗ 172 uͤber nach Francoiſens Zimmern, um die Forderung zu⸗ ruͤckzunehmen, ſein Unrecht zu erklaͤren und abzubitten. Im Vorzimmer aber trat ihm Lautrec ſchon entgegen, der ſeinerſeits auf dem Wege war, in die Gemaͤcher des Koͤnigs zu dringen, und ſeinem Zorne furchtbaren freien Lauf zu laſſen. Dieſe Begegnung zerſtoͤrte alle Hoffnung für Frangoiſe, denn Lautree uͤberſiel den Koͤnig mit einer ſolchen Fluth von Vorwurf und Schmaͤhung, daß dieſer ebenfalls erzuͤrnt und auf ganz andre Gedanken als Ge⸗ danken der Abbitte kommen mußte. Eine kurze Weile hatte des Konigs perſoͤnliche Stimmung den Vorwuͤrfen Lautrec's widerſtanden, als dieſer aber auf keine Beſchwichtigung hoͤren wollte, und dem Koͤnige den Weg mit den Worten vertrat:„Franz von Valois iſt unwuͤrdig, die Schwelle einer Graͤfin von Foir wieder zu betreten!“ und dabei die Hand an den Degen legte, da war des Koͤnigs verſöhnliche Geduld am Ende, und er riß das Schwert aus der Scheide. Auch ihm ſchwollen die Adern des Antlitzes auf, wie Lau⸗ trec, und mit grimmiger Stimme rief er dieſem zu: Tritt zur Seite, frecher Lautrec, oder ich trete auf Deine Leiche! Lautree war nicht der Mann, einer Drohung ſich zu beugen, am allerwenigſten im Zorne, und in einer ſolchen Herzensangelegenheit. Denn der Stolz des Foir'ſchen Hauſes war ſeinem Herzen ein Lebensintereſſe, und die Schweſter war ihm ſeit Kurzem theurer als je. In einem Nu alſo war ſein Schwert blank, und hier war Koͤnig Franz in groͤßerer Gefahr als damals im Schwerterſtreite mit Chateaubriant: Lautree war ein furchtbarer Fechter, furcht⸗ bar, weil er außerordentliche Geſchicklichkeit, und weil er die praktiſche Kriegsuͤbung beſaß, welche ohne Firlefanz der Hand⸗ und Armſtoͤße geradeaus auf des Gegners Bruſt eindringt, endlich, weil der Koͤnig, der bereits zur Jagd geruͤſtet, nur das kürzere Jagdſchwert gegen Lautree's lan⸗ gen Degen hatte. Francoiſe ſelbſt, ſein ſtets von ihm gemißhandelter Schutzengel mußte es wieder ſein, welche ihn rettete. Aus ihrer Betaͤubung erwachend hoͤrte ſie die heftigen Worte der Streitenden. Und wenn ſie vom Todesſchlafe erwacht waͤre, haͤtte ſie aus tauſend Stimmen die des Koͤnigs er⸗ kannt. Schwerterklirren folgte; ſie ſprang auf! Wo iſt Lautrec? Brion, entruſtet uͤber den Koͤnig, und von widerſtrei⸗ tenden Gefuͤhlen hin und her geworfen, deutete ſchweigend nach der Thuͤr zum Vorzimmer. Er mochte keine Partei nehmen. Er ſicht mit Franz! rief Frangoiſe, und eilte aus der Thuͤr. Haltet ein! ſprach ſie mit ruhiger Stimme, und trat zwiſchen die Schwerter, als ob es ihr Wunſch gewe⸗ ſen waͤre, durchbohrt zu werden. Die Käͤmpfenden fuhren beide erſchreckt mit den Schwer⸗ tern zuruͤck. Frangoiſe war todtenbleich. Dies iſt Dein Koͤnig, Lautrec! ſprach ſie, ohne den Koͤnig anzuſehn. Ich bitte ihn fuür Dich um Verzeihung; er wird ſie mir gewaͤhren— Mehr als das! Mehr als das, Frangoiſe— er war ploͤtzlich gefaßt, und vom Anblicke der todtenbleichen Fran⸗ goiſe bis zu Thraͤnen geruͤhrt.— Gebiete uͤber mich! Ich danke Euch. Mehr will ich nicht. 174 Gebiete, Frangoiſe! und hierbei warf er ſich vor ihr auf die Kniee, und weinte wirklich,— gebiete, fordre, damit ich meine Scham vergeſſen kann, ich flehe zu Dir, fordre meine Krone! Ich danke Euch! Es iſt zu ſpaͤt. Und hiermit wandte ſie ſich nach ihrem Zimmer. O mein Gott! rief der Koͤnig, und ſtreckte die Arme nach ihr aus, mein Gott, Du haſſeſt mich, Frangoiſe! Nein, Franz! erwiderte ſie mit derſelben ruhigen Stimme, immer ohne ihn anzublicken, und trat in ihr Gemach. Der Koͤnig und Lautree hoͤrten, daß ſie es hinter ſich verſchloß. Franz erhob ſich, aufgelöſ't wie man ihn nie geſehn, und ſtuͤrzte Lautrec um den Hals: Oh, Ihr ſeid edel und gut, und nur ich, auf deſſen Schultern ein gefaͤhrdet Koͤ⸗ nigreich laſtet, nur ich werde zu Verirrungen getrieben, die meiner Seele fremd ſind, Lautree, fremd, wildfremd. Erhalte mir meine Francoiſe, meinen guten Engel, Lau⸗ trec, ſonſt bin ich verloren, ſonſt ſind wir alle verloren. In dieſem Augenblicke toͤnten die Fanfaren der Jagd⸗ hoͤrner von der Rampe herauf, und Florentin trat in das Vorzimmer. Dem Koͤnige nachſpaͤhend hatte er mit Schre⸗ cken entdeckt, daß dieſer zur Graͤfin geeilt ſei; der Daͤmon trieb ihn, endlich einmal zu ungluͤcklicher Stunde, dem Koͤ⸗ nige nach, und als der Koͤnig von den Fanfaren aufge⸗ ſchreckt ſich von Lautrec abwandte, war der Praͤlat der erſte Gegenſtand, welcher ihm in's Auge fiel. Ha Du, rief Franz, und der wunderbar jache Wech⸗ ſel der Stimmungen bewerkſtelligte ſich in ihm wie ein Blitz, — 175 Du an meinen Ferſen, ſchlechtes Gewiſſen! Du, der Du des Koͤnigs Handſchrift nachahmſt!— Lautree, dieſer Schleicher hat den abſcheulichen Brief an Frangoiſe ge⸗ ſchreiben!— Du boͤſer Daͤmon ſollſt fertig ſein mit mir. Wenn Du in fuͤnf Minuten noch auf Cognac biſt, wenn Du auf hundert Meilen noch einmal meinem Hofe nahe kommſt, ſo ſoll Dich Deine farbige Kutte vor empfindlicher Zuͤchtigung nicht ſchuͤtzen. Marſch! Aber auch noch im Sturze war dieſer Prieſter der Graͤ⸗ fin Francoiſe ſchaͤdlich geweſen: er hatte die einer mißhan⸗ delten Liebe gerechte Reue des Koͤnigs unterbrochen.— Ohne dieſen Wechſel waͤre es dem Koͤnige vielleicht nicht moͤglich geweſen, jetzt auf's Pferd zu ſteigen, und zur Jagd bei Fackelſcheine und luſtigem Hoͤrnerklange hinaus zu reiten in die Waͤlder. Ach, in Frangoiſens Seele gab es keine Unterbre⸗ chung mehr fuͤr die Erkenntniß des Ungluͤcks. So ſteht der Beſitzer eines Palaſtes vor der Feuersbrunſt, welche dies ſein Haus verzehrt, und die helle Lohe laͤßt ihm nicht den geringſten Zweifel mehr uͤbrig, daß Alles, Alles verloren gehe, daß kein Schmuck, kein ſtiller Winkel von ſeinem Beſitzthum uͤbrig bleibe, und er nichts zu thun habe, als einſam hinauszuwandern in die unwirthliche, bedrohliche Nacht. Aber ſie war ſo gruͤndlich vorbereitet worden fuͤr das entſcheidende Ungluͤck, und ſie hatte eine zum großen Opfer ſo reiflich ausgebildete große Seele, daß ſie keine Ausflucht ſuchte, daß ſie den Muth, ja das Beduͤrfniß hatte, ihr Schickſal nicht nur ganz und ohne Zucken hinzunehmen, 176 ſondern es auch in ganzer Schwere uͤber ihrem Haupte zu verſammeln. Das Gluͤck iſt unmoͤglich— ſprach ſie leiſe zu ſich— das Gluͤck, fuͤr welches Du heilige Pflichten hintangeſetzt, ſo ergieb Dich nun auch ganz den Pflichten und deren dro⸗ hender Rache. Sie entfernte Brion und Lautrec, ſie wehrte Chimene und Margot von ſich, und ſaß eine halbe Stunde im dun⸗ klen Zimmer allein. Sie weinte keine Thraͤne, die Zeit der Thraͤnen war voruͤber, ach, ſie haͤtte ſagen koͤnnen: die gluͤckliche Zeit der Thraͤnen. Denn als ſie noch weinen konnte, da konnte ſie ſich auch noch in Taͤuſchungen, in Hoffnungen fuͤr die Zukunft ſchaukeln. Nach jener letzten Taͤuſchung, nach jenem letzten Schritte des Koͤnigs gab es keine Hoffnung, keine Zukunft mehr fuͤr ſie. Der Koͤnig mochte verleitet ſein, ſei's durch was es ſei, daruͤber war kein Zweifel moͤglich: der Koͤnig iſt lieblos! Sie faßte in jener halben Stunde einen unwiderruflichen Beſchluß, ſie verfaßte ihr Teſtament wie ein Menſch, der in naͤchſter Stunde den Tod erwartet. Darauf rief ſie Guer⸗ nard. Er brachte Licht, und ſie reichte ihm ein prachtvol⸗ les Kaͤſtchen, welches aus Elfenbein geſchnitzt und mit Golde ſtrotzend ausgelegt war. Dies Kaͤſtchen enthielt alle Ringe, Spangen und Ketten, welche ſie vom Koͤnige be⸗ ſaß. Nimm all den Schmuck heraus— befahl ſie in einem Tone, der keinen Widerſpruch duldete— und ſchmilz ihn uͤber dem Feuer zu einem Klumpen. Dann ſchrieb ſie an den Koͤnig. Und als dies geſchehn war, ſchlug ſie ihre nothwendigſten Habſeligkeiten in ein —— — 177 ſeidenes Tuch. Es fiel ihr dabei auch das Flaͤſchchen in die Haͤnde, welches Margot in der Angſt um ihre ohnmaͤchtige Herrin auf den Teppich geworfen hatte. Sie ſah, daß mit italieniſchem Worte auf dem Boden des Flaͤſchchens geſchrie⸗ 7 geſch ben ſtand:„Gift.“ Ihre Hand zuckte—— Aber ſie wollte ſich ihrer Pflicht nicht entziehn. Sie hatte es um Liebe gethan, ſie wollte es nicht thun um des Leids willen, das ihrer harrte. Ach, ihr Mutterherz hatte wohl ſchweigen koͤnnen, aber gelebt hatte es immer. Wie willkommen ihr ein raſcher Tod geweſen waͤre, er iſt mir nicht geſtattet, fluͤſterte ſie, ich gehoͤre meinem Kinde, ich gehoͤre meinem— Gatten! Sie wollte allein nach Schloß Chateaubriant; nur Guernard ſollte ſie begleiten, und noch in dieſer Stunde wollte ſie auf den Weg. Koͤnig Franz ahnte dies nicht. Allerdings gab er ſich der Jagd nicht hin, wie er es vorgehabt hatte bei Anbefeh⸗ lung derſelben: er entfuhrte die ſchoͤne Anna wohl in ein⸗ ſame Waldthaͤler, doch nicht um mit ihr zu koſen, ſondern weil ein zerſtreuter unruhiger Geiſt ihn trieb, und raſtlos, ſchweigend führte er das durch ſein Schweigen verſtoͤrte Maͤdchen in ungehemmtem Roſſeslaufe weglos und ziellos hierhin und dahin. Sie war zum Oefteren nahe daran, zu verunglücken, denn in dieſen abgelegenen Theilen des Wal⸗ des fehlte der Fackelſchein. Am Ende rief ſie dem Koͤnige zu, ſie konne ſich nicht mehr auf dem Pferde erhalten— Dies geſchah um dieſelbe Zeit, da Chimene Frangoi⸗ ſens Abſicht einer heimlichen Flucht entdeckte, Lautrec her⸗ beirief, und die Graͤfin beſchwor, ihre Begleitung anzuneh⸗ Laube, Chateaubriant. III. 12 178 ſchien unmoͤglich, Lautrec und Chimene beſtanden auch nicht darauf, ſie fuͤhlten daß es ſich um eine dem Gewiſſen noth⸗ wendige Buße, um einen feierlichen Lebensſchluß handle, ſie baten nur dringend um Erlaubniß des Geleits bis an die Pforte von Chateaubriant, ſie beſtanden darauf, als Fran⸗ coiſe erwiderte: allein bin ich geflohn, allein will ich heim⸗ kehren. Dadurch ward ihre Abreiſe ſo weit verzoͤgert, daß Franz noch Zeit hatte zur Ruͤckkehr nach Schloß Cognac, bevor ſie men. Sie abzuhalten von der Reiſe nach Chateaubriant ſelbiges verließen, wenn er einer plöͤtzlich in ihm aufſchreien⸗ den inneren Stimme folgte. Er hielt naͤmlich ſein Pferd nicht an, um der erſchoͤpften Anna beizuſtehn, nein, er that's, ohne auf dieſe zu achten, er that's vor ſich hinſtarrend in den ſchwarzen Wald, als ob er Geiſter ſaͤhe, die um ſein Haupt herum ſchwebten, als ob er einem Gefluͤſter derſelben, das ſchwer zu verſtehen ſei, aufmerkſam horchte, mit halb geoͤffnetem Munde horchte.„Sie verlaͤßt mich?!“ ſchrie er auf einmal mit entſetzlicher Stimme. Sie hallte ſchauer⸗ lich im finſtern Buchenwalde wieder, und Anna fuͤrchtete ſich bis zum Zittern vor ihm, der ihr den Verſtand zu ver⸗ lieren ſchien. Eine Minute horchte er nach dieſem Ausrufe noch un⸗ beweglich, dann ſtieß er einen unartikulirten ſchmerzlichen Ton aus, und flog mit ſeinem Pferde in den wegloſen hohen Wald hinein, als ob Roß und Reiter ſich das Haupt zerſchel⸗ len ſollten an den harten Buchenſtaͤmmen. Wenn er ſo fortreitet, ſindet er Frangoiſe noch auf Cognac, und vielleicht gelingt es ihm gut zu machen, was — freilich nur durch eine ſtrenge Umwandlung ſeines Weſens gut zu machen iſt. Schon war er dicht am Ausgange des Waldes, und ſah die Lichter des hochgelegenen Schloſſes Cognae ſchimmern; da war die Kraft des Roſſes erſchopft: es ſtrauchelte, indem es einem Stamme ausbiegen wollte, und flog mit dem Koͤnige voller Wucht gegen eine andre Buche, alſo daß Roß und Reiter ſchwer verwundet zu Bo⸗ den ſtuͤrzten. Die Verwundung des Koͤnigs war ſtark und gefährlich: er konnte nicht wieder aufſtehn, ja er konnte nicht rufen, er wurde von Zeit zu Zeit ohnmäͤchtig vor Schmerz.— Es dauerte uͤber eine Stunde, eh das Geſchrei der ſich zu Tode fuͤrchtenden, verlaſſenen Anna Jaͤger herbeizog, es dauerte noch viel laͤnger, ehe man den Koͤnig auffand. Der Fruͤh⸗ lingsmorgen ſtieg ſchon über die Baumkronen empor, als er auf einer Tragbahre unter heftigen Schmerzen auf Cog⸗ nac ankam. Seine erſte Frage war dennoch nach Frangoiſe. Sie hat dies elfenbeinerne Kaͤſtchen geſendet— Und? Man ſagt, ſie ſei gegen Mitternacht mit Graf Lautrec fortgeritten. O, mein Gott! mein Gott!— Oeffne das Kaͤſtchen! Was enthaͤlt's? Einen Klumpen Gold, und dieſen Brief— Oeffne ihn, ich kann meine Haͤnde nicht bewegen, raſch! Halt ihn mir zum Leſen vor! „Dies ſind die Ringe, Spangen und Ketten, welche mir der König geſchenkt; es fehlt nicht der kleinſte Reif daran. Die Briefe und Deviſen, welche er mir geſchrie⸗ 12* ——— — — ben, ſind in mein Herz gegraben, wie ſoll ich ſie ihm wie⸗ dergeben, da er mein Herz verſchmaͤht hat, oder nicht ver⸗ ſteht? Moͤge er gluͤcklich ſein! Auf Gottes weiter Welt wuͤnſcht es vielleicht Niemand ſo von Herzen als Francoiſe von Chateaubriant.“ O mein Gott, mein Gott, welch eine Perle hab' ich blind und frevelhaft mit Füßen getreten! rief ſchluchzend der Köoͤnig, und verhuͤllte ſein Haupt. Moraliſche und koͤr⸗ perliche Schmerzen ſchuͤttelten ſeinen Leib, daß er jammer⸗ voll ſtoͤhnte. Laßtzwanzig reitende Boten gen Barbezieur, gen Pons, gen Angoulème jagen— ſchrie er ploͤtzlich mitten in ſeinen Schmerzen auf— jeder Fußpfad, der nach der Garonne hinabfuͤhrt, ſoll verfolgt werden, und weiter immer weiter, wenn man ſie nicht einholt bis nach Foix hinauf! Der Koͤ⸗ nig ließe ſie fußfaͤllig bitten, ſie moͤge nach Cognac zuruͤck⸗ kehren, ich waͤre am Tode, ich koͤnnte nicht ohne ſie ſterben! Louiſe von Angouléème war zugegen, und ſie litt wie unter tauſend Schwertern: ihr Florentin verbannt, ihr Sohn in Lebensgefahr, und die verhaßte Chateaubriant in des Soh⸗ nes Herzen maͤchtiger als je. Denn auch ſie wußte nicht, daß Frangoiſe, die man nach Suͤden hin ſuchte, nach Norden hinabritt. 15. Graf Chateaubriant wartete in ſeinem Thurme. Es war Florentin's Werk geweſen, daß er nach des Koͤnigs Abreiſe — 181 von Fontainebleau nichts mehr unternommen hatte. So willkommen der Herzogin und dem Prieſter ein ſolcher Ver⸗ buͤndete geweſen waͤre, nach den heftigen Schritten, welche er gewagt, und nach dem Antritte der Regentſchaft Seitens der Herzogin ſchien es ihnen doch nicht mehr rathſam, die vom Koͤnig empfohlene Graͤfin ihm Preis zu geben. Die unſchicklichkeit waͤre zu groß geweſen, und jedes ſolche Atten⸗ tat auf die Graͤfin haͤtte den Koͤnig zu ſehr füͤr dieſe aufge⸗ Man erwartete ohnedies zuverlaͤſſig, daß Francoiſe ſchnoͤder Behandlung ſatt uͤber Kurz oder Lang Fontaine⸗ bleau verlaſſen werde; dann erſt, wenn ihrem Rufe hier⸗ durch ein heftiger Stoß verſetzt worden, wuͤrde es an der Zeit ſein, ſie auf eine geſchickte Weiſe dem Grafen zu uͤber⸗ antworten. Daß dieſe Flucht aus Fontainebleau nur eine halbe Wirkung haben, durch die Schlacht bei Pavia aus den Augen geruͤckt werden, und daß deren erwartetes Ver⸗ haͤngniß ſich erſt in Madrid erfüllen werde, das Alles konnte man nicht vorausſehn. In jener Nacht alſo, da der Koͤnig nach Italien zog, war Florentin im Getuͤmmel zu Chateau⸗ briant getreten, und hatte ihn gewarnt vor laͤngerem Ver⸗ weilen. Obwohl der Regentin die Neigung des Koͤnigs zur Graͤfin widerwaͤrtig und ſie vielleicht eben ſo lebhaft wie er eine Beendigung des Verhaͤltniſſes wuͤnſche, ſo muͤſſe ſie doch jetzt des Anſtandes halber die Graͤfin ſchuͤtzen. Der Graf haͤtte alſo ſtrenge Maaßregeln gegen ſich zu erwarten, wenn er läͤnger hier verweile. Dagegen moͤge er verſichert ſein, daß man raſtlos in ſeinem Intereſſe handeln werde. Allmonatlich ſolle er Nachricht erhalten, und der Prieſter wußte es ihm einleuchtend zu machen, daß man ſo ohne ſein regt. — Zuthun zu einer paſſenderen und leichteren Loͤſung des Ver haͤltniſſes gelangen werde, als wenn er, unbekannt mit de feineren Faͤden, ſich hinein miſche. Chateaubriant war da⸗ mals unfaͤhig zu neuen Plaͤnen, er litt von dem Sturze hef⸗ tige Schmerzen am Kopfe, und was die Ueberredung des Prieſters nicht vermocht haͤtte, das haͤtte das ſchwindlichte Gefuhl perſoͤnlichen Unvermoͤgens, das Beduͤrfniß augen⸗ blicklicher Ruhe bewirkt: er beſchied ſich, und ging nach der Bretagne zuruͤck. Die monatlichen regelmaͤßigen Nachrich⸗ ten, welche ihm ein Moͤnch aus Angers brachte, uͤberzeugten ihn, daß ſeine Angelegenheit in ſorgfaltigen Haͤnden ſei, und daß er zuwarten könne. Auch fuͤhlte er ſich waͤhrend der Abweſenheit des Koͤnigs weniger getrieben, und er un⸗ ternahm nichts gegen die Graͤfin, als man endlich erfahren hatte, ſie ſei in Foix, weil ihm Florentin ſagen ließ: das Verhaͤltniß ſei bereits durch der Graͤfin Flucht aus Fontai⸗ nebleau ſo gut wie aufgeloͤſ't, er moͤge ſeine endlichen Maaßregeln aber ja ſo lange verſchieben, bis der Koͤnig zu⸗ ruͤckgekehrt ſei. Waͤre dies erſt geſchehn, und haͤtte ſich die⸗ ſer ohne die Graͤfin wieder in Frankreich eingerichtet, ſo haͤtte es keine Bedeutung, was mit der alsdann vergeſſenen Francoiſe geſchehe. Widerfuͤhre ihr aber jetzt etwas Auf⸗ fallendes, ſo koͤnnte es noch bewegend auf den Koͤnig wir⸗ ken, in Theilnahme fuͤr die Graͤfin, in thatſaͤchlichem Haſſe gegen den Grafen. Nach der Kataſtrophe von Pavia waren die Moͤnchsnachrichten lange ausgeblieben, aber von Madrid aus war im Winter die Mittheilung gekommen, es ſei jetzt Alles zwiſchen dem Koͤnige und der Graͤfin zu Ende, und ſobald Florentin mit dem Koͤnige aus Spanien heimgekehrt, 183 dann werde er dem Grafen den Zeitpunkt bezeichnen, von welchem an er ruͤckſichtslos gegen ſeine Gattin verfahren koͤnne. Auf Bezeichnung dieſes Zeitpunktes wartete jetzt Graf Chateaubriant mit Geduld: er hatte hinreichende Proben gehabt, daß er ſich auf Florentin verlaſſen koͤnne. Floren⸗ tin aber war durch die Ereigniſſe in Cognac überraſcht worden, und ſo hielt die Graͤfin Frangoiſe mit Chimene, Lautrec und Margot vor dem Schloſſe Chateaubriant, ohne daß der Graf eine Ahnung von ihrer Ankunft hatte. Es war ein lieblicher Fruͤhlingsmorgen, und der Graf war in den Wald hinaus geritten, um ſeine Falken ſteigen zu laſſen. Gillover bewachte das alte Thurmſchloß, in wel⸗ chem Louiſon mit Conſtance am noͤrdlichen Fenſter ſaßen, und üͤber die Chere nach dem Forſte hinuͤber blickten, in welchen der Graf geritten war. Sie ſahen alſo die An⸗ kömmlinge nicht, denn dieſe kamen von Suͤden. Es war todtenſtill im neuen Schloſſe, vor welchem ſie abſtiegen, und der Graͤfin, welche hier von ihren Begleitern Abſchied neh⸗ men wollte, ſchlug das Herz lebhaft. War es das Herz der Mutter, welche ihr Kind wiederſehen ſoll, oder war es das Herz der Gattin, welche vor ihren Richter treten und ſich deſſen Gericht unterwerfen wollte? Sie hatte eiſern darauf beſtanden, geraden Wegs da⸗ her zu reiten. Umſonſt hatten Lautrec und Chimene gebe⸗ ten, ſie moͤge ſich in ein Kloſter zurückziehn. Und meine Tochter? Und meine Pflicht? hatte ſie unerſchuͤtterlich er⸗ widert. Das aber hatten ſich Lautrec und Chimene hinter ihrem Ruͤcken gelobt, ſie an der Schwelle von Chateaubriant 184 nicht zu verlaſſen, ſondern ſie einzufuͤhren und ihr laͤn⸗ geres oder kuͤrzeres Bleiben von dem Benehmen des Grafen abhaͤngig zu machen. Das erklaͤrten ſie ihr jetzt, als ſie von den Pferden ge⸗ ſtiegen waren. Sie widerſprach, aber man ſah, daß ihre Glieder zitterten, und daß ihr Widerſpruch ſchwach war. Es zeigt ſich kein Menſch? rief Lautrec. Ah, da iſt Baptiſte, der mich verlaſſen hat! ſagte die Graͤfin mit halber Stimme, auf den Diener blickend, der haſtig hinter dem alten Schloſſe hervorkam, und auf ſie zu⸗ eilte. Er maͤßigte indeß plotzlich ſeine Eile, indem er nach dem Fenſter im Mittelſtocke des alten Schloſſes verſtohlen hinaufſah, und kam nun langſam naͤher zur ſteinernen Bruͤ⸗ cke, auf welcher die Ankoͤmmlinge ſtanden. Nun, Baptiſte, Du haſt mich verlaſſen! So komm' ich nun ſelbſt, zu fragen nach Conſtance.„Wie geht's meiner Tochter? ſprach die Graͤfin ſanft. Oh, ohl entgegnete ſtockend Baptiſte, und wiſchte ſich die Augen— treten Sie nicht hinein! Jetzt iſt's noch Zeit; er iſt nicht da, der Herr Graf! Das Schloß iſt leer wie eine Kirche— kehren Sie um! Nein, nein, das iſt am Ende der Angenblick, Conſtance zu nehmen! Wir ſchlagen die Thuͤre ein zum alten Gillover, und eh' er zuruͤckkommt, ſind wir fort. Jetzt nicht mehr, Baptiſte! Das iſt zu ſpaͤt— Du haͤtteſt mich fruͤher nicht verrathen ſollen! Oh— gnaͤdigſte Frau Graͤfin! wenn ich Ihnen— und dies ſagte er ihr ganz leiſe— in meinem Leben noch was nützen ſollte, ſo mußt; ich's wohl ſo machen. Sonſt haͤtte er mir nie wieder getraut, und zu helfen war damals doch nicht. Thun Sie auch ja garſtig gegen mich, wenn Sie hier bleiben— aber's iſt beſſer, Sie bleiben nicht hier. Ich muß bleiben, Baptiſte— geh, und melde uns! Gillover oͤffnet nicht, wenn er Sie erblickt, das iſt ein Satan! So geſchah es denn auch: Gillover oͤffnete die Bruͤcken⸗ pforte nicht, und Francoiſe konnte ihr Kind nicht ſehen. Man mußte auf die Rückkehr des Grafen warten, und da dieſe erſt gegen Abend erfolgen konnte, ſo mußte man ſich in dem verodeten Schloſſe einrichten auf die Gefahr, daß der heimkehrende Wirth die ungeladenen Gaͤſte aus der Thuͤr weiſe. Dieſe Unſicherheit machte den Tag zu einem uͤberaus qualvollen fuͤr alle Theile: wie in ſchwuͤler Ge⸗ witterluft, die jeden Augenblick mit zerſtoͤrendem Blitze ſich entladen konne, bewegten ſie ſich einher. Francoiſe fand ihre Zimmer ſo, wie ſie ſelbige bei ih⸗ rer ſchnellen Abreiſe nach Blois verlaſſen: das Kleid, wel⸗ ches ſie damals abgelegt, um den Reitrock anzuthun, hing noch uͤber dem Seſſel. Ach, ſeufzte die Angſt in ihr, haͤtteſt Du es doch nie vertauſcht! Dicker Staub lag auf allen Ge⸗ raͤthen, keines Menſchen Fuß ſchien ſeit jener Zeit in dieſen Naͤumen geweſen zu ſein. Ein Voͤglein, welches ſie ſich im Bauer gepflegt, waͤr dabei zu Grunde gegangen: kaum noch kennbar lag es als halbverweſte Leiche am Boden des Bauers. Uebler, ſtockiger Geruch erfuͤllte die Zimmer, ſo wie er aus ſchlimmen Gefaͤngniſſen entgegen dringt. Es hatte fur ſie etwas beſonders Qualvolles, daß ſie ſich jetzt hier einrichten ſolle, um vielleicht bei der Ruͤckkehr 186 des Grafen ſogleich wieder ausgewieſen zu werden. Aber die Frauen⸗Natur geſtattete es doch nicht anders: Margot half luͤften, abſtaͤuben und ordnen„und ein ununterrichteter Zuſchauer haͤtte glauben konnen, es handle ſich hier um nichts weiter, als um haͤusliche Behaglichkeit. Waͤhrend dem gingen Chimene und Lautree in der praͤch⸗ tigen Gallerie dieſes neuen Schloſſes auf und nieder. Dieſe Gallerie ward durch vierzig Arkaden gebildet, und galt fuͤr ein Wunder des Lurus in der anſpruchsloſen Bretagne. Chimene war wieder in Frauenkleidung: im letzten Nacht⸗ quartiere hatte ſie ſich der Knabentracht entledigt, doch nicht ohne ein demüthigendes Gefuͤhl. Des Koͤnigs wegen, der ſie nicht erkennen, der durch ſie nicht wieder gehindert wer⸗ den ſollte in ſeiner Aufmerkſamkeit fuͤr Francoiſe, hatte ſie die Verkleidung gewaͤhlt, und hatte auf Cognac erfahren, daß dies eine ganz uͤberfluͤſſige Sorge geweſen ſei. Franz hatte mit keiner Sylbe nach Chimene gefragt. Ein Mäd⸗ chen ſei noch ſo aufopfernd fuͤr ihre Freundin, ſie weiſe noch ſo tapfer den Liebhaber ihrer Freundin zuruͤck, wenn er ſtatt der Freundin ihr ſelbſt den Hof macht ſie wird doch einer aͤrgerlichen Empfindung nicht entgehn, wenn der Liebhaber ſich ihr gehorſam zeigt und die Aufmerkſamkeit fuͤr ſie ver⸗ gißt. Und Chimene war ein edles Geſchoͤpf und war von melancholiſcher Art: was einem gewoͤhnlichen Maͤdchen aͤrgerliche Empfindung erregen mußte, das hatte tiefere Folgen fuͤr die Infantado, welche ſich von Jugend auf ver⸗ ſtoßen geſehn hatte. Du biſt nicht beſtimmt zu irgend einem Gluͤck, ſagte ſie ſich, nicht zu ſtillem Genuſſe des ſchwaͤchſten Freudeſchimmers, Dein Vater hat Recht. Ziehe Dich zu⸗ — —— rück, Du ſtoͤrſt nur! Frangoiſe haſt Du beeintraͤchtigt, und warſt doch nur das Intereſſe eines voruͤbergehenden Spiel⸗ werkes fuͤr Franz! Dein Vater hat Recht! Ach, wenn Dein Herz ſich haͤtte offnen duͤrfen der Neigung des Koͤnigs, oh, wie waͤre die Welt ein unabſehbarer Himmel geworden! Still! Nun ſei dies unerbluhte und doch überall ſchaͤdliche Leben beendigt, damit es nicht durch halbe Gefühle, durch halbe Unwahrheit befleckt werde in ſeiner Traurigkeit. Dieſe Gedankenrichtung bezog ſich auf Lautrec, deſſen Herz ſich ihr hingab mit einer liebenswuͤrdigen Treuherzig⸗ keit. Sie furchtete ſich vor einer unmittelbaren Erklaͤrung, denn ſie war feſt entſchloſſen, Liebe und Hand des ihr uͤbri⸗ gens werthen, tuͤchtigen Mannes abzulehnen. Konnte ſie nicht fuüͤr immer an Francoiſens Seite bleiben— und ſie fuͤrchtete vom Grafen Chateaubriant das Schlimmſte—, dann war es ihr Vorſatz, in einem Kloſter ihr Leben zu be⸗ ſchließen. Solche Naturen, unter ſolchen Umſtaͤnden auf⸗ wachſend, ſind die Perlen des Kloſters, und fuͤr ſie iſt das Kloſter eine wirkliche Zuflucht. So draͤngte ſie Lautrec's Geſtaͤndniß, welches dem na⸗ türlichen Manne fortwaͤhrend entſchluͤpfen wollte, immer eifrig zuruͤck, und ſprach immer wieder nur von der Gefahr Frangçoiſens— da bellten Hunde und wieherten Pferde, der entſcheidende Augenblick war da, Graf Chateaubriant kehrte mit ſeinen Falken heim, er hielt auf der Bruͤcke, und hoͤrte Baptiſte's Bericht. Frangoiſe kam eilig zu Lautrec und Chimene in die Gallerie, ihre Haͤnde, mit denen ſie die der Freunde ergriff, flogen, die Angſt war uͤbermaͤchtig ge⸗ worden. — 188 Chateaubriant reichte ſeinen Falken dem Jaͤger, und nahm aus deſſen Hand die Jagdbeute, wahrſcheinlich um ſie ſeiner Tochter zu zeigen, einen Brachvogel, der mit dem Fruͤhlinge aus dem Suͤden gekommen war. Dann ſtieg er vom Pferde, und erwiderte nichts auf Baptiſte's Anzeige. Er verbarg ſeine Aufregung unter Schweigen, und trat in’'s Schloß. Francoiſe, nach Faſſung ringend, ſah mit ſtarrem Auge nach der großen Thur der Gallerie, durch welche ſie ſeinen Eintritt erwartete. Sie ſtand mit Lautrer und Chimene un⸗ weit dieſer Thuͤr, welche ungefaͤhr in der Mitte des Schloſ⸗ ſes war, da ſich weſtlich nach dem alten Schloßthurme hin die Gallerie ſelbſt in halber Schloß⸗Laͤnge erſtreckte bis zum Ausgange auf die Bruͤckenpforte, und auf der oͤſtlichen Seite, alſo jenſeits der Galleriethuͤr die Zimmer lagen, welche ſie ehedem mit dem Grafen bewohnt hatte. Die Thuͤr oͤffnete ſich nicht, aber Chimene fluͤſterte ihr zu: da hinten iſt er! Francoiſe wendete ſich, und blickte die Gallerie entlang. Der Graf war dort am Ende des Saa⸗ les durch eine Seitenthuͤr eingetreten, und ſchritt, ihnen halb den Ruͤcken zukehrend, nach dem Ausgange der Bruͤ⸗ ckenpforte. Er oͤffnete dieſe, und verſchwand hinter der zu⸗ geworfenen Thuͤr. Hat er uns nicht geſehn? Will er ſich vorbereiten?— Sie harrten faſt eine Stunde lang, es regte ſich nichts in dem oͤden Schloſſe. Endlich rief Lautrec, das ſei unertraͤg⸗ lich, und er werde hinuͤbergehn. Um Gottes willen verlaß mich nicht! ſprach Francoiſe. Nun, ſo gehen wir alle drei! Sie gingen. Als ſie auf —,——— 189 der Luft⸗Bruͤcke zwiſchen dem alten und neuen Schloſſe ſtanden, klopfte Lautrec. Niemand antwortete, Niemand offnete. Lautrec drückte auf das Schloß: zu ſeiner Ueber⸗ raſchung gab es nach, die Thuͤr oͤffnete ſich, und ſie ſahen den Grafen und Conſtance inmitten des Zimmers am Spei⸗ ſetiſche, Louiſon hinter dem Stuhle des Kindes, Gillover hinter dem des Grafen. Conſtance! rief Frangoiſe, und eilte an Lautrec vor⸗ über nach ihrem Kinde, es in ihre Arme ſchließend und mit Kuͤſſen bedeckend. Das Kind kannte ſie nicht, und ſtraͤubte ſich. Es iſt Deine Mutter, Conſtance, ſprach der Graf.— Darauf erhob er ſich, und begrüßte mit Kaͤlte, aber leidli⸗ cher Höflichkeit Lautrec und Chimenen.— An Francoiſe richtete er keine Frage, und beantwortete die ihrigen, welche ſich auf Einrichtungen des Hauſes bezogen, ohne Empfind⸗ lichkeit, ohne Haͤrte, aber freilich eiſeskalt. Daß Conſtance zu ihr in's neue Schloß hinuͤberziehe, das verweigerte er ganz einfach, und ohne einen Grund dafür anzugeben. Der Grund war allerdings einleuchtend genug: Das Kind liebte den Vater, und kannte die Mutter nicht. Kurz, nach Verlauf einer Woche war Lautrec beruhigt über die Angſt vor irgend einer gewaltſamen Kataſtrophe, welche vom Grafen uͤber Francoiſe hereinbrechen koͤnne, und er waͤre abgereiſ't, wenn ihn nicht Chimene zu laͤnge⸗ rem Bleiben aufgefordert haͤtte. Nicht weil er deren Hand noch zu gewinnen hoffte, blieb er laͤnger auf Chateaubriant, nein, ſie hatte ihm mit trauriger Offenheit ihr Herz enthuͤllt; ſondern weil Chimene immer noch fuͤr Frangoiſe fuͤrchtete. 190 Dieſer Graf Chateaubriant, ſagte ſie zu Lautree, iſt wie ein unreines dunkles Gewaͤſſer, ich weiß ſeine Tiefe nicht, ich kenne ſeinen Grund nicht. Sagt immerhin, daß er ſich von Tag zu Tage gebeſſert habe, daß er bereits auf manches Geſpraͤch eingehe, ich kann ihm nicht trauen: ſein Auge, ſeine Seele ſind verhuͤllt. Das waren ſie. Chateaubriant hatte einen ausgebil⸗ deten Plan der Rache gehabt vor Ankunft ſeiner Gattin. Aber in dieſen Plan gehoͤrte nicht die freiwillige Ruͤckkehr derſelben, es gehoͤrte nicht der gefuͤrchtete Lautrec, es ge⸗ hoͤrte nicht dazu, daß ein wochenlanger friedlicher Umgang zorneslaͤhmend einwirken wuͤrde. Denn die Graͤfin betrug ſich wie die Ergebung ſelbſt in jegliche Strafe, Lautree ver⸗ kleinerte das Unrecht ſeiner Schweſter durchaus nicht, wenn im Geſpraͤche mit dem Grafen dieſem eine herbe Wendung entfuhr, und um Chimene war ein ſo ſtreng keuſches Etwas ausgebreitet, daß der Graf ſelbſt keinerlei rohe Gedanken in ſich auffommen ließ, ſo lange dieſe blaſſe Spanierin ne⸗ ben Francoiſe war. In dieſer Weiſe gingen die gefuͤrchteten Tage ohne ir⸗ gend ein bedrohliches Ereigniß voruͤber: auch Chimene mußte am Ende ſicher werden, und Lautrec, welchen politi⸗ ſche Pflichten riefen, ziehn laſſen. Er verſprach, bald wie⸗ derzukehren, und troͤſtete damit ſeine Schweſter, welche ſeit ihrer Ankunft in Chateaubriant und trotz aller friedlichen Zeichen trauriger und ſchwermuͤthiger war als damals, da ſie ohne aͤußere Noth den gefaͤhrlichen Entſchluß der Ruͤck⸗ kehr gefaßt und ausgeführt hatte. Ruͤhrte dies vielleicht daher, daß ſie ſich uͤberfluͤſſiger ſah im Hauſe des Gatten, 191 als ſie geglaubt hatte? Daß ſie in Haß oder Liebe auf lei⸗ denſchaftlichere Aeußerung gefaßt geweſen war? Daß ſie ihr Kind, ein blaſſes eigenſinniges Geſchoͤpſchen, ſich voͤllig entfremdet fand? In der That, ſie konnte glauben, ihre Gegenwart auf Chateaubriant ſei nicht fuͤr Haß, nicht fuͤr Liebe, nicht für Strafe, nicht fuͤr Vergebung noͤthig. Als Lautrec hinweg war, veraͤnderte ſich nichts. Ein früͤhzeitiger heißer Sommer drückte auf die Bretagne, und das Leben auf Schloß Chateaubriant war matt und ſtill. Da fuhrte ein einziger Abend eine ploͤtzliche Veraͤnderung herbei. Chimene hatte einen Brief von Lautrec erhalten, worin ihr dieſer aus Blois meldete, der Koͤnig habe vor, wegen engerer Vereinigung der Provinz Bretagne mit der Krone perſönlich in dieſe Provinz zu kommen, damit er das Parlament in Rennes zu einer ihm alle Beſitzesrechte uͤber⸗ tragenden Akte bewegen koͤnne. Montmorency, welcher guͤnſtige Verbindungen mit dem Parlamente der Bretagne angeknuͤpft, werde ihn begleiten. Man moͤge ſich alſo in Chateaubriant vor einem Beſuche ſicher ſtellen, welcher nur neue gefäͤhrliche Stoͤrung bringen koͤnne, und welchen der Köͤnig jedenfalls beabſichtige, denn er ſpreche fortwaͤhrend mit hingebender Sehnſucht von Frangoiſe.— Chimene ſuchte ſogleich den Grafen auf, um ihm dies mitzutheilen, und ihn auch im Namen Francoiſens um Vorſichtsmaaß⸗ regeln zu bitten. Sie fand ihn im dritten Stockwerke des Thurmſchloſſes, er genoß die Abendkuͤhle und ſah zum Fen⸗ ſter auf den Fluß hinab, wo Gillover und Louiſon auf einem Kahne die kleine Conſtance hin⸗ und herfuhren. Er war alſo ganz allein im alten Schloſſe, und nachdem er die Nach⸗ —— 192 richten, wie es ſchien, gleichguͤltig angehoͤrt und die davon erhitzte Chimene lange betrachtet hatte, ſchlang er ploͤtzlich ſeine Arme um ſie, und riß ſie an ſich. Das ſchwache Maͤd⸗ chen ſchien verloren zu ſein gegen die Gewalt ploͤtzlich er⸗ wachter brutaler Sinnenluſt. Aber es brach zu ihrer Hilfe ein neues Ungluͤck uͤber dies Haus herein, als ob des Gra⸗ fen Frevel auf der Stelle gezuͤchtigt werden ſolle. Man hoͤrte durch die offene Fallthuͤr aus dem zweiten Stock her⸗ auf Thuͤren werfen und das Klaggeſchrei Louiſon's, welches zu wiederholten Malen„Conſtance! Conſtance!“ hoͤren ließ. Nicht bloß der Storung wegen alſo, ſondern weil die⸗ ſem einzigen Lieblinge, den er auf Erden hatte, ein Unheil zugeſtoßen zu ſein ſchien, gab der Graf die im Widerſtande faſt erſchoͤpfte Chimene frei. Was iſt? Was iſt mit Con⸗ ſtance? ſtuͤrzte er ſchreiend die Treppe hinab. Das Kind, vielleicht durch Waſſer⸗ und Abendluft er⸗ kaͤltet, war im Kahne ohnmaͤchtig geworden, und war jetzt noch beſinnungslos. Offenbar hatte die eingeſperrte Lebens⸗ weiſe, welcher das Kind um der Sicherheit vor Raub ſo lange unterworfen worden, einen gefaͤhrlichen Krankheits⸗ keim in demſelben entwickelt, und es lag jetzt wie eine kleine Leiche auf dem Lager, als Chimene voruͤbereilte, um Fran⸗ goiſe herbeizurufen. Sie ſelbſt verließ im erſten Entſetzen uͤber die Frechheit des Grafen augenblicklich das Schloß, und eilte mit Bap⸗ tiſte, deſſen ſie habhaft geworden war, und der ihrem Vor⸗ geben nach einen Arzt holen ſollte, nach einem Kloſter, wel⸗ ches nordwaͤrts hinter den Waͤldern Chateaubriant's lag. Von dort wollte ſie wirklich auf ihrem Pferde einen der Arznei kundigen Geiſtlichen mit Baptiſte ſenden, ſie ſelbſt aber wollte hinter den Kloſtermauern zuruͤck bleiben. Sie wagte es nicht, Frangoiſe den Grund ihres Wegbleibens anzugeben, als Baptiſte noch in der Nacht mit dem Arzte ſie verließ; aber ſie ſetzte voraus, die Krankheit des Kin⸗ des werde ja jetzt alle Aufmerkſamkeit derſelben in An⸗ ſpruch nehmen. 193 So war es auch. Frangoiſe war acht Tage lang Tag und Nacht am Lager ihrer Tochter. Am neunten Tage ſtarb Conſtance, und als Francoiſe, die von koͤr⸗ perlicher und moraliſcher Anſtrengung bewußtlos hinge⸗ ſunken war, wieder zu ſich kam, fand ſie ſich im Thurm⸗ ſchloſſe, und zwar im dritten Stockwerke auf ihrem Lager, welches mit andern nothwendigen Geraͤthſchaften aus ihren Zimmern im neuen Schloſſe hierher gebracht worden war. Der Graf hatte beſtimmt, ſie werde kuͤnftig hier wohnen. — Er war furchtbar veraͤndert; das Kind allein ſchien ſeine menſchliche Verbindung mit dem Leben gebildet zu haben. Alle die Jahre lang aufgehaͤuften Vorwürfe ge⸗ gen die Graͤfin brachen jetzt in roher, entſetzlicher Macht hervor. Auch füͤr den Verluſt des Kindes machte er ſie jetzt, und ach, nicht ohne Grund verantwortlich. Verſuch es, rief er, wie lange die Gefangenſchaft in dieſem Raume einem weiblichen Geſchöpfe zutraͤglich iſt. Dein theurer Valois wird naͤchſtens voruͤberreiten, und wenn Du Luſt haſt, Deiner Gefangenſchaft ein ſchleuniges Ende zu ma⸗ chen, ſo brauchſt Du dann nur an's Fenſter zu treten: ich werde fuͤr das Ende ſorgen. Demüthig und ohne Widerſpruch nahm ſtie Alles hin; die Marter war ihr faſt willkommen. Nach einiger Zeit ſchien es, als ob des Grafen Zorn an dieſer Widerſtandsloſigkeit ermattete: er ſchwieg meh⸗ rere Wochen, ja er ließ ſein Bett in das Zimmer Fran⸗ goiſens ſetzen. Wurde dies auch in der Ecke, welche von dem Platze des ihrigen am entfernteſten war, aufgeſtellt, und wurde es auch wie das ihrige von einer Tapetenwand eingeſchloſſen, ſo war ihr doch dieſe Einrichtung und ſolche Naͤhe die peinlichſte aller bisherigen Beſchraͤnkungen. Eine Zeitlang ergab ſich daraus keine unmittelbare Stoͤrung fuͤr ſie: nur zuweilen hoͤrte ſie in der Nacht ein unterdruͤcktes Schluchzen des Grafen. Er weint um ſein Kind! Und Du kannſt ihn nicht troͤſten! Du haſt alles Ungluͤck uͤber ihn gebracht, und biſt außer Stande, ihm irgend einen Erſatz zu bieten! dachte ſie in Verzweiflung. Laube, Chateaubriant. III. 13 Wer da weiß, wie uͤberwaͤltigend das Weinen eines Mannes auf die ſchuldbewußte Gattin wirkt, der wird es begreifen, daß Françoiſe von ihrem Lager aufſtehn, 2 ein Nachtgewand umwerfen, und zu ſeinem Bette treten konnte, daß ſie davor niederknien, und ihn bruͤnſtig um Verzeihung bitten konnte. Vielleicht, ſagte ſie, beruhigt es Dich, wenn Du Dich uͤber den gerechten Zorn gegen mich erhoben haſt, wenn Du ſiehſt und glaubſt, daß ich Dein Leid mitempfinde in unſaͤglichem Schmerze! Es brannte uͤber ſeinem Haupte ein ſchwaches Nacht⸗ flaͤmmchen, und bei deſſen Scheine blickte er, ſich auf⸗ richtend, mit unverhehltem Erſtaunen auf Frangçoiſe. Die verſchiedenſten Empfindungen durchkreuzten ſeinen Sinn und flogen uͤber ſein Antlitz; es iſt die Hauptſchwaͤche mittelmaͤßiger Menſchen: in geruͤhrter Stimmung alle Ge⸗ genſaͤtze für ausgleichbar zu halten. Die Ruͤhrung nimmt bei ihnen den alltaͤglichen Lauf der Zaͤrtlichkeit, die Zaͤrt⸗ lichkeit ſteigert ſich mit alltaͤglichem Drange der Sinne, und zwiſchen gleich mittelmaͤßigen Naturen bewerkſtelligt ſich ſolchergeſtalt eine Verſoͤhnung, welche ſo lange taͤuſcht, als die Anſpannung der Nerven dauert, und als der tiefer liegende Zwieſpalt durch keinen aͤußeren Zufall beruͤhrt wird. Alſo war es im Grafen Chateaubriant. Unmittelbar hinter Leid und Thraͤnen ſteht bei ſolchen Naturen die Zaͤrtlichkeit, welche in ſchwammigem Herzen raſch auf⸗ ſchießt und von bereitwilliger Sinnlichkeit raſch aufge⸗ nommen wird.— Er legte eine Hand auf das herabwal⸗ lende Haar der Graͤfin, die andre auf die Schulter, von welcher das Nachtgewand zuruͤckgeglitten war, er meinte, großherzig zu ſein, und es war auch vielleicht etwas da⸗ von in ſeiner Abſicht, bis die elektriſche Sinnenmacht ei⸗ ner ſeit Jahren entbehrten Beruͤhrung die moraliſche Re⸗ gung jach uͤberholte, bis er, dieſer Regung folgend, als ob ſte nur ſeinen moraliſchen Aufſchwung vervollſtaͤndige, die Gattin umfaßte und zu ſich heraufzog auf's Lager⸗ Aber Francoiſe war anderer Natur: fuͤr ſie war der Abgrund zwiſchen ihr und dem Gatten durch nichts auf 195 der Erde auszufuͤllen, am Wenigſten durch eine ſinnliche Wallung, ſie war geſchieden von ihrem Gatten, und ſolch eine taͤuſchende Suͤhne war ihrem edleren Sinne ein Graus. Schreiend riß ſie ſich mit aller Gewalt aus den Ar⸗ men des Grafen, und ſtürzte hinweg— Von da an war ein gewaltſamer Untergang kaum noch von ihr abzuwenden: vergebende Liebe, wie der Graf ſeine dargebotene Umarmung nannte, ſchnoͤde abgewieſen zu ſehn, das iſt ein Dolchſtoß fuͤr jegliche Eitelkeit, und dagegen ſchlaͤgt dieſe mit geſchloſſenen Augen, bis ſie keinen Widerſtand mehr verſpuͤrt, und bis ſie die heuch⸗ leriſche Undankbarkeit, wie ſie den Gegner bezeichnet, ge⸗ toͤdtet zu haben glaubt zum Wohle der Menſchheit. Viel⸗ leicht war es fuͤr Steigerung der Wuth gar nicht noͤthig, daß der Graf am Morgen nach jener Nacht durch den Moͤnch aus Angers einen Brief Florentin's erhielt, in welchem ihn dieſer mit Spott und Vorwuͤrfen uͤberhaͤufte.„Wie?“ hieß es darin,„Himmel und Erde ſetzt Ihr in Bewe⸗ gung, um die Ehebrecherin in Eure Gewalt zu bekom⸗ men, und nun, nachdem dies endlich gelungen, nachdem wir ſie Euch mit unermeßlichen Opfern ausgeliefert— ich ſelbſt habe mir dadurch den Haß des Koͤnigs und Ver⸗ bannung zugezogen— nachdem wir ſie Euch in's eigene Haus gebracht, ohne daß Ihr einen Fuß darum zu ruͤh⸗ ren gehabt, nachdem Ihr muͤßig den Triumph einer ven ſelbſt reuig heimkehrenden, der Strafe beduͤrftigen Gattin genoſſen habt, nun gebt Ihr uns zum Danke das Schau⸗ ſpiel eines mattherzigen Hahnrei's, der zufrieden iſt, das geſtohlene Eigenthum beſudelt und entwerthet wieder zu erhalten?! Iſt das Euer Seigneur⸗Stolz neben einem despotiſchen Koͤnige? Iſt das die Lehre, die Ihr ihm ge⸗ ben wollt?! Wahrhaftig, er wird den Bretonen mit Recht in's Antlitz lachen, wenn er jetzt nach Rennes kommt, und erzaͤhlen hört, daß Alles wieder in Ordnung ſei auf Schloß Chateaubriant—“ Der Brief war ohne Ortsbezeichnung und Namens⸗ 13* unterſchrift; aber Chateaubriant kannte die Handſchrift nur zu wohl, und die raſchen Maaßregeln, welche er nun er⸗ griff, zeigten nur zu deutlich, wie richtig dies Oel auf die Gluth ſeines Grimmes getraͤufelt ſei. Margot, welche bisher auch in den Thurm zur Be⸗ dienung der Graͤfin zugelaſſen worden war, mußte nun das Schloß gaͤnzlich meiden, und fluͤchtete weinend in's Kloſter hinuͤber zu Chimene. Die Graͤfin ſelbſt ward durch Gillover in das unterſte Stockwerk des Thurmes gefuͤhrt, und dort eingeſchloſſen. Dieſer Raum war dunkel und feucht, und die Fenſter deſſelben waren mit Eiſenſtaͤben vergittert. Nur Gillover ward vom Grafen in das Geheim⸗ niß gezogen, ſelbſt Baptiſte nicht, obwohl der Graf gegen dieſen ziemlich vertrauensvoll war. Er trug ihm auf, unter den uͤbrigen Dienern und in der Umgegend zu verbreiten, der Graf habe die Graͤfin fortgejagt, weil ſie die Ehre des Cha⸗ teaubriantſchen Namens befleckt. Sonſt kuͤmmere Dich um nichts! hatte der Graf hinzugeſetzt,— und ſchwatze nicht mit Louiſon, Weiber ſind weinerlich! Louiſon war ſeit Conſtance's Tode zur uͤbrigen Die⸗ nerſchaft im Erdgeſchoſſe des neuen Schloſſes geſchickt wor⸗ den. Offenbar wollte alſo Chateaubriant Baptiſte's Theil⸗ nahme ſich vorbehalten, ohne ihn doch voͤllig in die Sache einzuweihn. Baptiſte aber wußte gar bald, daß die Graͤ⸗ fin nicht fort ſei: er hatte bemerkt, daß Gillover eine reichlichere Mahlzeit aus der Kuͤche empfinge als fuͤr den Grafen allein erfordert werde, und er hatte ſpaͤt am Abende im unterſten Stocke des Thurmes Licht geſehn. Wer ſollte dort wohnen? Gillover ſchlief auf einer Decke, die er ſich des Abends innen im Thurme vor die Bruͤckenpforte breitete, und wozu haͤtte er Licht gebraucht, wenn ihm ſeine Wohnung da unten angewieſen waͤhre! Zu trauri⸗ gem Anzeichen ſaß auch Jacques der Rabe vor dem Gitter. Er nahm ſich alſo vor, gleich in der naͤchſten Nacht mit dem Kahne, der unter der Bruͤckenpforte angehaͤngt war, bis unter das Fenſter des unterſten Thurmgeſchoſſes zu fahren, man konnte zur Noth die Eiſenſtaͤbe erreichen — 197 vom Kahne aus, und ſich an ihnen ſo weit in die Hoͤhe ziehn, um in das Zimmer hineinzublicken. Am gegen⸗ uͤberliegenden Fenſter dieſes Geſchoſſes auf der Landſeite war das Terrain abſchuͤſſig, und das Fenſter alſo hoͤher. Außerdem waren aber auch dort die Hundehuͤtten, die Ausgaͤnge der Wirthſchaftsgebaͤude, und deshalb groͤßere Schwierigkeiten einer geheimen Verbindung. Der laue Nachtwind war unruhig, und ſo glaubte Baptiſte unbemerkt bis unter das Fenſter gekommen zu ſein, er hemmte den Kahn mit dem vorſtauenden Ruder, und griff mit der andern Hand nach einer Eiſenſtange⸗ Wirklich ſah er ſeine blaſſe Herrin im ſchwarzen Kleide, bleich ausſehend, ein Bild des Jammers,— da ſchob ſich ihm aus der andern Hand das Ruder, der Kahn glitt ihm unter den Fußſpitzen, mit denen er ihn bloß beruͤhrte, in der Stroͤmung von dannen, und im Eifer darum fiel er in den Strom. Er war indeß mit dem Waſſer vertraut, und holte den Kahn ein unterhalb des Thurmes. Er wußte genug, und nachdem er ihn raſch wieder hinauf gerudert, rannte er in den naſſen Kleidern flugs nach dem Walde, nach Chimenens Kloſter. Ach, auch durch ſie war Hilfe ſchwer erreichbar, am Wenigſten raſche. Lautrec war am andern Ende Frank⸗ reichs, vielleicht gar ſchon, wie verlautet hatte, mit einem Kriegsauftrage nach der Grenze Italiens, und uͤber des Koͤnigs Stimmung hatte ſie die uͤbelſten Nachrichten ge⸗ hoͤrt: die beſten Freunde Francoiſens ſchienen unter ſchwe⸗ rer Ungnade zu leiden. Bude ſollte wegen ketzeriſcher An⸗ ſichten zu ſtrenger Unterſuchung gezogen, Marot eben des⸗ halb ſogar in den Kerker geworfen ſein. Obwohl ver⸗ bannt, ſchien Florentin und deſſen Daͤmon doch noch fort⸗ zuwirken. Dennoch mußte etwas geſchehn! Baptiſte meinte unverholen, es ſei im Thurme auf eine ſtille Ermordung der Graͤfin abgeſehn. Und ſo ſandte denn Chimene die einzige Perſon, uͤber welche ſie verfuͤgen koͤnnte, die wei⸗ nende Margot mit einem Kloſterknechte gen Paris, daß ſie ſich dort an Brion und im Nothfalle an den Koͤnig ſelbſt wende. Wie mißlich und langſam erſchien aber dies Mittel ge⸗ ———— 198 gen das, was ſich in ſelbiger Nacht vorbereitete im Thurm⸗ ſchloſſe Chateaubriant's. Dort ſaß der Graf im Mittel⸗ geſchoß dem greiſen Gillover gegenüuͤber am eichenen Tiſche, den eine kupferne Lampe matt beleuchtete. Er hatte dem alten Diener einen Sitz geſtattet, weil er ſich vertrau⸗ lich zeigen, und den Alten um Rath fragen wollte. Er war nicht von ſo feſtem Kern, den Tod der Graͤfin, wel⸗ chen er wirklich begehrte, frank und frei auf ſeine Schul⸗ tern zu nehmen, und er war uͤberhaupt noch nicht im Kla⸗ ren, wie er mit ihr endigen ſolle. Gillover, alter Ueber⸗ lieferungen kundig, ſollte beirathen. Ich thaͤte, ſprach dieſer langſam, wie mir mein Groß⸗ vater oft erzaͤhlt hat, daß die alten Bretonen bei ſolchem Unheil in der Ehe gethan haben. Was haben ſie gethan, Gillover? Wenn ein Herr ſein Weib um Chebruch zuchtigen wollte, ſo beſchied er zwoͤl! Herrn aus der Umgegend zu ſich mit der Bitte, ſie moͤchten um Ehegericht zu halten in ſein Haus kommen. Es ware eine Schande geweſen fuͤr jeden Eheherrn, dies abzuweiſen, denn in fruͤherer Zeit war man darin gewiſſenhaft, und es giebt auch Gott ſei Dank noch zwoͤlf Seigneurs in der Bretagne, welche den alten Brauch genau kennen, und welche ſich einſtellen, wenn man ſie richtig fordert. Weißt Du, wie die Forderung lautete? So gut wie mein Paternoſter. Nun, wenn nun die zwölf Herren kamen— 2 Ja, wenn ſie kamen, ſo kamen ſie in braunen Maͤn⸗ teln, die eine Kapnze hatten über's ganze Geſicht, ſo daß nur Augen und Mund frei blieb. Am Thor ſagten ſie „ich bin bretoniſcher Eherichter“, und traten ein, und ſetzten ſich ſchweigend im Halbkreiſe nieder. Der Klaͤger fuͤhrte dann ſein Weib vor ſie, und erzaͤhlte, weſſen er ſie anzuklagen habe, und forderte Vollmacht zur Strafe— Dieſe Strafe war der Tod—? Der Tod. Des Eheherrn Leibdiener oͤffnete der Ehe⸗ brecherin die Adern an beiden Armen und an beiden Fü⸗ — — ßen, ſobald die zwoͤlf Richter ihre Haͤnde kreuzweis auf den Tiſch gelegt, und geſprochen hatten:„es geſchehe bre⸗ toniſch Eherecht!“ Es geſchehe alſo! rief Graf Chateaubriant, und ſprang vom Tiſche auf. Dies, Valois— ſetzte er hinzu— der Du die Provinzen und die Macht der Seigneurs vernichten willſt, ſei Dir ein Stoß in's übermuͤthige Herz! Darauf holte er Schreibmaterial, und ließ ſich von Gillover die briefliche Forderung vorſagen, um ſie zwoͤlf⸗ mal aufzuſetzen. Das Schreiben ging ihm langſam von der Hand, und er brachte die halbe Nacht damit zu. Un⸗ terdeß hatte Gillover, aller alten Seigneur⸗Charaktere der Bretagne kundig, zwoͤlf Namen vorbereitet, an welche die Schreiben mit Sicherheit auf Erfolg gerichtet werden konnten. Darunter war der letzte der Name Ma⸗ tignon, welcher damals in Blois vergebens von Duprat dem Koͤnige zur Begnadigung vorgeſchlagen worden war, als ein halb normaͤnniſcher, halb bretoniſcher Edelmann, der mit Bourbon ſich verſchworen hatte. Man flüſterte im Lande, er ſei damals dem Henker entflohn, und lebe verſteckt auf ſeinem Schloſſe. Ihm mußte ſolch eine Ge⸗ legenheit zur Rache am Valois doppelt willkommen ſein, und wenn das Geruͤcht log, und er nicht mehr am Leben war, ſo durfte man von ſeinem Bruder die groͤßte Bereit⸗ willigkeit erwarten zu ſolch' einem Racheſtreiche gegen den König. Die letzte Adreſſe ward alſo ohne Vornamen „an den regierenden Herrn von Matignon“ abgefaßt, und Gillover ging nun ſogleich, da der Tag eben graute, in die Wirthſchaftsgebaͤude hinab, um ein halbes Dutzend Knechte zu beſtellen, die ſogleich Pferde ſatteln und die Briefe beſorgen ſollten. Baptiſte war bereits wieder zu⸗ ruͤck, und ihm als dem zuverläͤſſigſten ward der Brief an Matignon aufgegeben, weil der am Weiteſten an der Nord⸗ grenze der Bretagne aufzuſuchen, und weil bei dem Zwei⸗ fel, welcher Matignon jetzt regiere, mit einiger Umſicht zu verfahren ſei. So wurde der einzige Freund Fran⸗ LCoiſens in den entſcheidenden Tagen von ihr entfernt: auf 200 Mitternacht nach dem Tage des heiligen Aegidius war das Gericht anberaumt. Fuͤnf Tage waren noch bis da⸗ hin, und zum Ueberfluß trug der Graf dem traurigen Bap⸗ tiſte noch auf, als ſich dieſer eben auf's Pferd ſchwingen wollte: er moͤge Herrn von Matignon, der vielleicht nur des Nachts reiſe, ſelber begleiten, da jener als halber Normann der Wege in der Bretagne wahrſcheinlich nicht genau kundig ſei. Durch dieſen Zufall wurde die Graͤfin der letzten Hilfe beraubt. Die ſchrecklichen fuͤnf Tage vergingen ihr in vollſtaͤn⸗ diger Einfoͤrmigkeit: hatte Gillover von der Annäherung mit dem Kahne etwas bemerkt, oder wollte er nur ihre Qual haͤufen, kurz, er vernagelte die Fenſter ihres Ge⸗ faͤngniſſes mit Brettern, und entzog ihr ſomit das Ta⸗ geslicht.— Sie verlor kein Wort daruͤber, ſie ſprach uͤber⸗ haupt keine Sylbe: ihre Seele war wund und voll ſte⸗ chenden Schmerzes in allen, ach in all ihren Organen; die Welt war ihr verleidet bis in's Innerſte, ſie wunſchte den Tod, und das Giftflaͤſchchen von Cognac, welches ſich unter ihren Geraͤthſchaften in dies ſchreckliche Thurmſchloß mit verirrt hatte, war ihr jetzt ein Troſt. Durch die ſchlecht ſchließende Fallthuͤr hatte ſie vom mittleren Stock⸗ werke herab ſo viel vernommen aus Chateaubriant's und Gillover's Reden, daß ihr ein ſchreckliches Gericht bevor⸗ ſtehe. Das wollte ſie erdulden als letzte Sühne fuͤr ihr Vergehen, dann aber wollte ſie ſich den brutalen Haͤnden eines Henkersknechtes durch das Gift entziehn. Sie be⸗ ſchönigte ſich dies dadurch, daß ſie ſolcherweiſe dem Gra⸗ fen eine Toͤdtung erſpare, die ihm doch vielleicht ſpaͤter das Gewiſſen beunruhige— er ſolle von ihr nicht das Mindeſte mehr zu leiden haben. Die Sophiſterei des Egois⸗ mus, die uns bis zum letzten Augenblicke nicht verlaͤßt, fluͤſterte ihr auch zu: Angeſichts des Henkers iſt ja der Selbſtmord nur eine Selbſthilfe der Ehre! In dieſer Faſſung erwartete ſie die Mitternacht nach Aegidius, die Giftphiole an ihrem Buſen verborgen hal⸗ 201 tend. Die Fallthuͤr an ihrer Decke war geoͤffnet, und ſie hoͤrte zahlreiche Maͤnnertritte über das Eſtrich des Mittel⸗ geſchoſſes hinſchreiten; ſie zweifelte nicht daran, daß ihre entſcheidende Stunde gekommen ſei, und wandte ſich im Gebet zu Gott. Waͤre ſie weniger ſtolz geweſen, ſo haͤtte die letzte Wendung ihres Schickſals wohl eine zerknirſchte Froͤmmigkeit in ihr hervorbringen koͤnnen, aber theils die Religionsanſichten, welche Bude in ihr geweckt hatte, theils der Foix'ſche Zug ihres Charakters hatten dies verhindert. Sie laͤugnete ſich nimmer, daß ſie der Barmherzigkeit Gottes beduͤrftig, aber ſie hoffte getroſt, daß ſie deren nicht unwuͤrdig ſei. Was ſie verlockt habe, ſeien ja Ei⸗ genſchaften geweſen, welche Gott ebenfalls in ſie und An⸗ dere gelegt, und wenn ihr Widerſtand nicht hinreichend geweſen, ſo moͤge ihn Gott ihrer menſchlichen Schwaͤche verzeihn und zum Theil den Wettern der menſchlichen Ge⸗ ſellſchaft zurechnen, welche ſich zerſtoͤrend gerade auf ihr armes Herz entladen haͤtten. „Frangoiſe von Chateaubriant, ſteig herauf und er⸗ ſcheine vor Deinen Richtern!“ ſcholl ploͤtzlich durch die lichte Oeffnung der Fallthuͤre die Stimme des Grafen herab in ihre Finſterniß. Sie folgte unweigerlich. Der mit Kienfackeln erleuch⸗ tete weite Raum blendete Anfangs ihr an Dunkelheit ge⸗ woͤhntes Auge, ſie erkannte nicht gleich was ſie umgab, und ſchwankte einen Augenblick. Aber ſie faßte ſich, und blickte bald mit ruhigem und beſcheidenem Blicke auf die verhuͤllten Geſtalten, welche hinter einer Tafel ſaßen. Die Tafel war inmitten des Raums, und die ihr zugekehrte Seite derſelben war frei. Dort ſtand ihr Gemahl, ſeine Fauſt auf die Tafel ſtützend und ihr das Antlitz nur halb zukehrend. Sie fragte nicht, ſie harrte. Nach einer minuten⸗ langen Stille begann der Graf: Dies, bretoniſche Herren, iſt die Frau, welche mir vor Gott und meinem Wappen als Gemahlin zugeſegnet wor⸗ den iſt. Sie hat ihren Schwur gebrochen, leider vor aller Welt, und es bedarf keiner Zeugen und keines Beweiſes 3 — — — 202 fuͤr ihren Ehebruch. Es iſt der frechſte, den ein bretoniſch Gericht noch erfahren hat: dem Franz von Valois hat ſie ſich ergeben wie eine Magd, ſie iſt in ſein Haus gezogen, ſie iſt bei ihm geweſen bei Tag und bei Nacht, ich fordre, bretoni⸗ ſcher Graf von Chateaubriant, gegen ſie bretoniſch Eherecht! Alles ſchwieg. Da erhob ſich unter einer der Kapuzen eine alte, roſtige Stimme: Wer iſt der Aelteſte unter uns, daß er die Angeklagte frage? Ich lebe ſiebzig Jahre. „Ich lebe achtzig!“ entgegnete eine tiefe Stimme, ſchauerlich klingend wie ein Ruf des jüngſten Gerichts.— „Francoiſe von Chateaubriant, geborne von Foix! Iſt die Anklage gerecht, oder iſt ſie's nicht? So ſprich, daß ſie es ſei, oder warum ſie's nicht ſei?“ Die Graͤfin, bleich und ſchoͤn, zoͤgerte mit der Ant⸗ wort nur einen Augenblick, dann ſprach ſie mit feſtem Tone: Die Anklage iſt gerecht! Solche unbedingte Ergebung ſchien die Richter ſelbſt zu uͤberraſchen, und ein Geraͤuſch an der Bruͤckenpforte, vor welcher draußen Gillover Wache hielt, verzoͤgerte au⸗ ßerdem das Urtheil. Aber das Gerauſch hörte auf, und Chateaubriant, ſich mit vollem Antlitze gegen die Richter wendend, rief noch einmal: Ich fordre bretoniſch Eherecht! Wie ein Wetterſtreich ſielen mit einem Male die Arme der Richter kreuzweis auf den Tiſch, und der Aelteſte des Gerichts wollte eben den Spruch rufen, und begann ſchon „Es geſchehe“— da unterbrach ihn ein Richter mit dem Schrei: Halt ein! Der zwoͤlfte Richter neben mir ver⸗ ſagt! Seine Arme ſind am Schwert, ſtatt auf der Tafel. Er iſt kein Bretone! 4 „Nein!“ rief dieſer mit furchtbarer Stimme, und ſprang in die Hoͤhe, ein hochgewachſener Mann, und ſchlug die Kapuze von ſeinem Haupte,„nein, es iſt kein Bretone! Es iſt Euer Koͤnig, der Euch frevelnde Seigneurs mit dem Schwerte richten wird!“ Die Verwirrung war unbeſchreiblich bei dieſer Erſchei⸗ nung Koͤnigs Franz, die bretoniſchen Seigneurs fuhren 203 ſchreiend von ihren Sitzen auf, und zogen ihre Schwerter. Der Koͤnig war mit augenblicklichem Tode bedroht, und Niemand bemerkte es, daß die Veranlaſſerin dieſer Scene, daß die jetzt unbeachtete Frangoiſe gerade jetzt den Tod freiwillig umarmte, und ihre Giftphiole mit einem Zuge leerte. Qual und Schmach hatte ſie ſtandhaft ertragen bis an die außerſte Graͤnze: nicht um die Krone des Erd⸗ kreiſes haͤtte ſie von Neuem beginnen moͤgen, und um ſo weniger, je tiefer ſie beim ploͤtzlichen Anblicke des Koͤnigs empfand, daß ſie ihn noch mit aller Kraft ihrer Seele liebe. Dieſer aber, der hiervon keine Ahnung hatte, zog nicht einmal ſein Schwert gegen die ſchreienden und ihre Schwer⸗ ter zuͤckenden Seigneurs. Er war nach der Bretagne ge⸗ kommen, dies Land ſich unmittelbar anzueignen, er war hier erſchienen, ſowohl fuͤr Francoiſe als gegen dieſen Akt der eigenmaͤchtigen Seigneurs. Nicht nur Margot war ihm begegnet, ſie konnte ihm nur unbeſtimmte Andentungen geben— durch Matignon ſelbſt und Baptiſte war er einge⸗ weiht und hergeführt worden. Matignon war in der That damals hinter des Koͤnigs Ruͤcken von Duprat verſchont wor⸗ den. Die Herzogin Louiſe hatte die Verantwortlichkeit üͤber⸗ nommen, und ihn waͤhrend ihrer Regentſchaft freigelaſſen, weil Duprat verſicherte, die Sache des Koͤnigs ſei bei aͤhnlich vorkommenden Faͤllen verloren, weil Niemand mehr eine Verſchworung oder ſonſtigen Berrath entdecken wuüͤrde, wenn der Koͤnig die dafuͤr zugeſtandene Belohnung hinterher nicht leiſtete. Matignon ſollte ſich indeſſen nicht offentlich zeigen, bis die Herzogin Louiſe in einer guͤnſtigen Stunde des Sohnes Zuſtimmung erwirkt habe. In dieſem Zuſtande eines halb Geaͤchteten erhielt Matignon die Ladung nach Chateaubriant, und erfuhr gleichzeitig, daß am naͤchſten Tage der Koͤnig Franz auf ſeiner Reiſe. nach Rennes in La⸗ val erwartet werde. Er faßte einen herzhaften Entſchluß⸗ Des Koͤnigs Stimmung gegen die Anmaaßungen der Seig⸗ neurie kennend, hoffte er beſonders in dem vorliegenden Falle des ſelten gewordenen Ehegerichts, und weil des Koͤnigs Ge⸗ liebte davon bedroht war, dem Koͤnige einen weſentlichen, ko⸗ 204 niglicher Belohnung werthen Dienſt zu erweiſen, und ritt Tag und Nacht mit Baptiſte nach Laval, den Koͤnig dort zu erwarten. Er traf ihn, er entdeckte ihm Alles, und erhielt Verzeihung. Der Koͤnig uͤbernahm Matignon's Rolle, und trat, von Baptiſte bis an die Bruͤckenpforte geleitet, uner⸗ kannt und unverdaͤchtig mit dem Loſungsworte unter die Richter. Brion und Montmorency folgten ihm mit einer gro⸗ ßen Zahl anhänglicher Seigneurs, und ſie hatten das Ge⸗ raͤuſch verurſacht, welches einen Augenblick die Verhandlung geſtoͤrt hatte. Die Erwuͤrgung Gillovers hatte das Geraͤuſch hervorgebracht. Sie harrten an der Pforte auf des Koͤnigs Signal zum Eintritte. Er aber wollte der Gefahr trotzen, und weder dasSchwert ziehn, noch bewaffnete Hilfe zeigen, um die moraliſche Macht ſeines Koͤnigthums im Aeußerſten zu erproben, oder zu be⸗ gruͤnden—„Nieder mit den Schwertern“, rief er alſo mit donnernder Stimme,„und höͤrt Euren Koͤnig, der gekommen iſt, Eurer Barbarei Einhalt zu thun!“ Wir ſind keine Barbaren, wir ſind Bretonen! war die drohende Antwort. „Iſt es nicht barbariſch, das Herz eines Weibes, die Liebe, das edelſte und maͤchtigſte Gefuͤhl des Menſchen nach groben, aͤußerlichen Anzeichen richten zu wollen? Was wißt Ihr greiſen Maͤnner von der Macht der Neigung? Von wannen kommt die Neigung? Von Gott der in uns wohnt. Und mit Spießen und Stangen wollt Ihr fahn, was in un⸗ ſerm geheimſten Innern Gott ſelbſt regiert? Und gegen ein Weib richtet Ihr das Henkerbeil, gegen ein Weib, wel⸗ ches aus eigenem Antriebe, aus herbem Pflichtgefuͤhle zu dem Manne zuruͤckgekehrt iſt, der ſie mißhandelt hat von An⸗ beginn, deſſen brutale Rache ſie zu gewaͤrtigen hatte? Nim⸗ mermehr wuͤrd' ich dies dulden, auch wenn dieſes ſelbige Weib nicht mein Herz beſaͤße. Gegen Derlei bin ich Koͤnig von Frankreich! Das Edelſte im Menſchen hab' ich zu ſchuͤ⸗ ten gegen rohe Form barbariſchen Geſetzes. Durch Derlei verwirkt Ihr Eure veralteten Provinz⸗Geſetze! Frankreich ſoll nicht werden, wie unſer Nachbarland, jenſeits der Voge⸗ 205 en, wo hundert Herren regieren, und durch gegenſeiti⸗ gen Widerſpruch die Macht des Reiches verhindern. Es ſoll werden wie ein Mann; dazu bin ich nach der Bretagne gekommen— gerechter Gott, was geſchieht mit Frangoiſe?! Sie ſinkt zu Boden!“ Bei dieſen laut aufgeſchrieenen Worten wendeten ſich die immer noch verhuͤllten Seigneurs, welche nur eine Pauſe zum Ausbruche erwarteten, mit ihm nach Francoiſe und riefen droͤhnend:„der bretoniſche Gott hat ſie gerichtet!“ und ſtuͤrzten auf den Koͤnig. Aber die Thuͤr hatte ſich auch geoͤffnet bei dem erneuten Aufſchreien, und die Freunde des Koͤnigs, Brion und Montmorency an der Spitze, drangen uͤber Gillovers Leiche herein mit dem Schlachtſchrei Mittelfrank⸗ reichs:„Hier St. Denys!“ Dies beſtuͤrzte die Bretonen, und des Koͤnigs furchtba⸗ res„Halt!“ feſſelte ſie noch einmal. Daß er unbekuͤmmert um die Gefahr an der ſterbenden Francoiſe niederfiel, daß Brion und der Knecht Baptiſte unter Schluchzen Desglei⸗ chen thaten, haͤtte auch ſteinerne Herzen rüͤhren muͤſſen. Frangoiſens Auge brach nach dem letzten unbeſchreibli⸗ chen Blicke auf den Koͤnig; ihre Lippen bewegten ſich ton⸗ los, ihre Hand druͤckte mit krampfhafter Anſtrengung noch einmal des Koͤnigs Hand und ſie verſchied. Alles war todtenſtill. Dem Könige liefen die Thraͤnen ſtromweis uͤber die Wangen— er winkte endlich, ohne auf⸗ zublicken, den Vermummten, welche auf einem Haufen eng bei einander ſtanden, mit der Hand abwehrend zu, und ſprach mit von Thraͤnen erſtickter Stimme: Geht! Ich kenne Euch nicht! Möge Gott meinen Frevelan dieſem Engel nicht kennen! Sie gingen, Chateaubriant in ihrer Mitte, unbehin⸗ dert hinweg. Dieſer unglückliche Graf floh fuͤr laͤngere Zeit von ſei⸗ nem Hauſe; ſpaͤter verhalf ihm Montmorency, der die Bre⸗ tagne zu ordnen hatte, zu ſtiller Ruͤckkehr auf ſein fuͤr immer gezeichnetes Schloß, in welchem das Grabmal Frangoiſens mit einer Grabſchrift Marot's noch heute zu ſehen iſt. Louiſon hat ſie in's Grabgewand gehuͤllt, ihr treuer Baptiſte hat den Dienſt des Koͤnigs und Brion’s ausgeſchla⸗ gen, und iſt nach Genf gewandert. Nur der Rabe Jacques iſt dem Schloſſe treu geblieben, und hat den nach Jahren zu⸗ ruͤckkehrenden Grafen mit ſeinem Schreckensrufe„Fran⸗ gois“ begruͤßt. Bemerkungen. Ueber das rein Hiſtoriſche des vorliegenden Stoffes iſt fuͤr die Leſer, welche auch den thatſaͤchlichen Boden ſolcher Roman⸗ tik pruͤfen wollen, noch Folgendes anzufuͤhren. Das Schickſal der Graͤfin Chateaubriant iſt trotz aller neuen Forſchungen noch ganz ſo in ſagenhaftes Dunkel gehuͤllt, wie ich es vor drei Jahren in meinen„Franzoͤſiſchen Luſtſchloͤſſern“ ſkizzirt habe. Das ſcheint befremdlich bei einer nicht ſo fern abliegenden Zeit und bei Franzoſen, welche fuͤr ihre Geſchichte der letzten drei Jahrhunderte ſo viel Hilfsmittel haben und ver⸗ wenden. Es iſt aber ſo: ſogar Jacob le Bibliophile(P. Lacroir), der in ſolchen hiſtoriſchen Details große Kenntniß beſitzt, und der ſich neuerdings mit Aufhellung dieſer Chateaubriant⸗Mythe beſchaͤftigt hat, iſt nicht auf's Reine gekommen. Die Graͤfin ſoll erſt 1537, elf Jahre nach dem Bruche ihres Verhaͤltniſſes mit dem Koͤnige geſtorben ſein; ſogar den Monat— Oktober— ihres Todes bezeichnet man. Sie ſoll waͤhrend dieſer elf Jahre noch einige Male am Hofe erſchienen, und der Koͤnig ſelbſt ſoll 1531 und 32 zweimal zum Beſuche auf Schloß Chateaubriant geweſen ſein.„Dennoch’— ſagt Henri Martin, der neuſte gruͤnd⸗ liche Geſchichtsſchreiber dieſer Epoche—„bleibt uͤber das Ende der ſchoͤnen Graͤfin ein tiefes Dunkel, und wir koͤnnen die Tra⸗ dition daruͤber nicht mit Beſtimmtheit zuruͤckweiſen.“— In der hiſtoriſchen Angabe und Folge haͤlt ſich der Roman fuͤr alles Weſentliche treu an die Geſchichte, ſo weit ſie aufge⸗ klaͤrt iſt. Nur Lautrec's Niederlage in Italien und Bourbon's Abfall vom Koͤnige ſind des Roman⸗Organismus halber der Zeit nach umgeſtellt worden. Sie liegen naͤmlich in der Geſchichte um ein Jahr auseinander, und zwar iſt Lautree's Niederlage 1522 207 alſo ein Jahr fruͤher erfolgt, als Bourbon's Abfall.— Auch Semblangay's Tod iſt fuͤr das Roman⸗AIntereſſe zeitiger herbei⸗ gefuͤhrt worden: der ungluͤckliche Mann hat bis zum Jahre 1527 im Gefaͤngniſſe geſchmachtet, und iſt dann hingerichtet worden wie der Roman beſchreibt.— — Ueber die Schlacht von Pavia, deren Beſchreibung ich ſonſt uͤberall unklar gefunden, bin ich Martin gefolgt, der au⸗ ßer franzöſiſchen, italieniſchen und ſpaniſchen Quellen auch unſern tapfern Landsmann Frundsberg benutzt, und den Hergang der Schlacht deutlich und landsmannſchaftlich⸗unbefangen entwickelt. — Daß ich des Koͤnigs weltberuͤhmten Brief„Madame, tout est perdu, fors l'honneur“ nur als eine Pariſer Sage habe erſcheinen laſſen, dazu bin ich leider gezwungen worden durch die ganz poſitiven Nachrichten, welche man neuerdings,— be⸗ ſonders in den Staatspapieren des Kardinal Granvella auf der Bibliothek in Beſangon— aufgefunden hat. Die ſcharfen Glaͤ⸗ ſer der Forſchung vernichten uns eine Sage nach der anderen. Jener Brief naͤmlich Koͤnigs Franz, der an die Regentin in's Hôtel des Tournelles vom Kourier gebracht wird, und welcher von dem beruͤhmten lakoniſchen Texte nur den Anklang enthaͤlt„de toutes choses ne m'est demeuré que l'honneur et la vie sauve“:, jener in Faſſung und Satzfolge ſchlotternde Brief iſt aͤcht, und weil er um ſeiner Faſſungsloſigkeit im Deutſchen ſich faſt un⸗ verſtandlich ausnimmt, gebe ich ihn hier in ſeiner urſpruͤng⸗ lichen Sprache: „Madame, pour vous avertir comme je porte le ressort de mon infortune, de toutes choses ne m'est demeuré que l'honneur et la vie sauve; et, pour ce que mes nouvelles vous seront de quelque peu de reconfort, j'ai prié qu'on me lais- sât vous ecrire. Cette grace m'a été accordée, vous priant ne vouloir prendre Pextrémité de vos fins, en usant de votre ac- coutumée prudence, car j'ai espérance à la fin que Dieu ne m'abandonnera point, vous recommandant vos petits enfans et les miens; vous suppliant faire donner sür passage, pour aller et retourner en Espagne, au porteur, qui va devers l'empe- reur pour savoir comment il veut, que je sois traité.“ — Gleichfalls aͤcht iſt die Abdankungsſchrift, welche Franz dem Praͤlaten Florentin in Madrid diktirt, und ſie lautet im Originale wie folgt:„Nous avons voulu et consenti par edit perpetuel et irrévocable, que notre trèés-cher et amé flls François, dauphin de Viennois, soit dès à présent declaré roi trèés-chrétten de France, et comme roi, couronné, oint, sacre, et qu'il soit à lui seul, comme à vrai roi, obéi.“— Chateaubriant, mit t, iſt die richtige alte Schreibart, die Graͤfin wird nirgends anders, und die Stadt Chateaubriant noch heute ſo geſchrieben.— — Die Familie Budè iſt der Reform wegen ſpaͤter aus⸗ gewandert nach der Schweiz und nach Deutſchland. Die Schwei⸗ zer Linie fuͤhrt noch den alten Namen, und Voltaire's Beſitzung Ferney unweit Genf gehoͤrt jetzt einem Grafen Budé; die deut⸗ ſche Linie hat nach damaliger Art ihren Namen lateiniſch ge⸗ macht, und heißt Budäͤus oder Buddeus.— In der Kirche des Mathurins zu Chateaubriant ſieht man das Grabmal der Graͤfin Frangoiſe mit ihrem Bildniſſe in Marmor, errichtet, wie es heißt, von ihrem Gemahle. Dar⸗ auf ſteht Folgendes geſchrieben: Epitaphe + 1 1525. Peu de telles. Sous ce tombeau git Françoise de Foix, 7 5 8 De qui tant bien chacun voulait en dire 1 2 8 Et le disant onc une seule voix 2 V Ne s'avança d'y vouloir contre dire. 0 5 De grand beauté, de Graâce, qui attire 5 De bien savoir, d'intelligence prompte, 2 2 De bien d'honneur, et mieu que ne raconte 2 3 Dieu éternel richement L'étoffa. 8 . 0 Viateur, pour Tabreger le compte F. F. Cy git un Rien, La od tout triompha. F. F. Tnuuu 17 ſnffſiſnſſiiſſſſiſſſſſf 17 8 9 10 11 12 13 14 15 16