Gräfin Chateaubriant. Roman von Heinrich Laube. Zweite Auflage. Zweiter Band. Leipzig. Druck und Verlag von B. G. Teubner. 1846. Das ungeſtoͤrte Gluͤck hat keine Geſchichte. Was waͤre zu ſagen uͤber die erſten Monate, welche Franz und Fran⸗ goiſe im Schatten von Fontainebleau neben einander ver⸗ lebten! Koͤnig Franz beſaß die überaus begluͤckende Faͤhig⸗ keit in hohem Grade, die Faͤhigkeit, ganz und gar und le⸗ diglich einem einzigen Intereſſe zu leben und zu dienen, und die ganze uͤbrige Welt daruͤber hintanzuſetzen. Er dachte nicht daran, daß es ein Ende nehmen würde, obwohl er ſchon ſo oft erfahren, daß ſeine ſtaͤrkſten Neigungen ein Ende genommen hatten; er dachte nicht daran, weil ſein Naturel ſich der Energie bewußt war, auch am Ende eines Intereſſes neue Lebensreize zu ſchaffen. Und Francoiſe dachte noch weniger daran; ſie war eben das poetiſche Weib, welches keine halben Verhaͤltniſſe eingehen kann, und welches, einmal entſchloſſen und hingebend, ruͤckhaltlos ſich hingiebt, keine andere Grenze vor Augen ſehend als den Tod. Je lebhafter ſie gekämpft fuͤr Pflicht und Sitte, deſto voͤlliger hatte ſich die Leidenſchaft ihrer bemaͤchtigt, da der Gedankenkampf fuͤr Pflicht und Sitte ihr verwirrt worden und Pflicht und Sitte unterlegen war, da ferner ihr Koͤrper durch die Nervenkrankheit eine Wendung erlebt hatte, welcher Florentin's Umarmung unvertilgbar einge⸗ praͤgt blieb. Denn auch die Sinne haben ihr hartnaͤckig Gedaͤchtniß. So ward ſie in Fontainebleau, wohin der Koͤnig ſie von der Genofeven⸗Abtei fuͤhrte, die freie, ruͤckhaltloſe Gefährtin des Königs, und ihr Betragen gegen alle Um⸗ gebung und die ganze uͤbrige Welt erlitt demgemaͤß eine voͤllige Umwandlung. Sie war nicht mehr ſchuͤchtern und beſcheiden, denn ihrem Sinne nach ſtahl ſie keineswegs die hohe und maͤchtige Stellung, nein, dieſe Stellung und Macht kam ihr zu durch das hoͤchſte Recht der Erde, durch die Liebe. Louiſe von Angoulème, des Koͤnigs Mutter, empfand dies natuͤrlich zuerſt und empfand es mit dem groͤßten Wi⸗ derwillen, und ward zuerſt die Feindin Frangoiſens, dieſer hochmuͤthigen Kreatur, wie Louiſe ſie nannte, dieſer ver⸗ ſtellungskundigen Schlange, welche mit Sanſtheit und Un⸗ ſchuld kokettirt habe und ſich jetzt geberde wie eine geborene Koͤnigin. War doch ſogar Duprat in den erſten Monaten ſchwankhaft geweſen, ob er nicht beſſer thaͤte, ſich dieſer aufgehenden Sonne anzuſchließen, ſtatt ihr, wie Louiſe von Angouléme ſtuͤrmiſch verlangte, Schatten werfend entgegen zu treten. Frangoiſe naͤmlich, welcher auch die Verwandten Semblangay's bittweiſe genaht waren, wie politiſches Un⸗ gluͤck an jede neue Macht ſich klammert, Francoiſe hatte dieſen wie der Diana von Breze ihre Hilfe verſprochen und war dadurch ſogleich auf den Boden Duprat's gerathen. Duprat, die kuͤhne Logik der Liebe nicht begreifend, ſuchte hinter dem koͤniglich ſicheren Auftreten der Graͤfin irgend ein anderes geheimnißvolles Verhaͤltniß der Sicherheit, und zoͤgerte deshalb mit dem Widerſtande. So geſchah es, daß er dem Koͤnige nicht nachdruͤcklich abrieth von irgend einer Milde fuͤr St. Vallier und Semblangay, ſondern daß er, um der Graͤfin gefaͤllig zu ſein, Aufſchub des Gerichtes und Erleichterung der Haft zulaͤſſig fand. Dadurch ward aber auch die Feindſchaft der Angoulème gegen Frangoiſe zur unerbittlichen Schlacht geſteigert, denn ihr Duprat ab⸗ wenden hieß: ihr die Hauptſtuͤtze entziehen, und Semblan⸗ gay retten hieß: ihren frechen Betrug an's Tageslicht foͤrdern.. Nach dieſer Seite alſo ward die Graͤfin ſogleich vom Aeußerſten bedroht, denn es konnte der Herzogin von An⸗ goulème nicht ſchwer werden, Duprat zu erweiſen, daß die Zuverſichtlichkeit der Graͤfin nichts weiter ſei als Mangel an Erfahrung und die Unverſchaͤmtheit einer Guͤnſtlings⸗ natur. Die politiſchen Verhaͤltniſſe kamen dieſem Erweiſe zu Hilfe. Duprat mußte einſehen, daß der Koͤnig, ringsum von Spanien, Deutſchland und England bedroht, unmoͤg⸗ lich ſo unpolitiſch ſein koͤnne, im Falle einer Wiederverhei⸗ rathung allem politiſchen Vortheile zu entſagen und eine unmaͤchtige Graͤfin des eigenen Landes zu ehelichen, die er bereits ohne eheliche Verpflichtung bei ſich habe. Iſt denn mein Sohn, ſetzte ſie hinzu, von buͤrgerlicher Art, daß er des Reichs und des anmuthigen Wechſels vergeſſen koͤnne? Iſt denn etwa bisher die buͤrgerliche Treue ſein Fehler ge⸗ weſen? Waͤhlt raſch, Duprat, oder ich uͤberhebe Euch der Wahl, indem ich Euch vernichte. Ich kann einen Theil meiner bedenklichen Handlungen meinem Sohne eingeſte⸗ hen, er iſt mein Sohn und vergiebt mir, aber was dabei auf Eure Rechnung zum Vorſchein kommt, das vergiebt er nimmermehr einem Manne, dem er ohnedies nicht zuge⸗ than iſt. 4 Dieſe Logik war entſcheidend fuͤr Duprat, und die Graͤ⸗ fin war demnach noch nicht zwei Monate in Fontainebleau, als dieſes gefaͤhrliche Paar bereits mit aller Kraft an ihrem Sturze arbeitete. Florio, der noch am Degenſtiche Cha⸗ teaubriant's ſiechte und deshalb ſeinen Herrn nicht zum Feldzuge nach Italien begleitet hatte, ward unverzuͤglich nach Mailand geſendet. Auf Bonnivet konnte ſich die Her⸗ zogin verlaſſen; im Herzen leer und gleichguͤltig wie der Stutzer aller Zeiten hatte er fuͤr keine Regung Gedaͤchtniß. Ob ihm die ſchoͤne Graͤfin Chateaubriant jemals gefallen oder nicht gefallen, ob ſie ihn erhoͤrt oder nicht erhoͤrt, das kam nicht in Betracht. Oder doch! Ein ganz kleiner Sta⸗ chel zur Feindſchaft war dem eitlen Manne doch im Sinne haͤngen geblieben, daß dieſe Dame, welche er entdeckt und um welche er ſich bemuͤht hatte, ſtets gleichguͤltig, ja hoch⸗ fahrend gegen ihn verharrt war. Dies machte ihn doppelt geſchickt zu der Aufgabe, die uͤbrigens ganz in ſeine Guͤnſt⸗ lingsrolle paßte. Waͤre der Koͤnig beſtaͤndig und treu ge⸗ weſen, ſo haͤtte der Guͤnſtling am meiſten darunter gelitten. Er lebte vom Launenwechſel des Herrn; je mehr er Beduͤrf⸗ niſſe im Koͤnige erwecken konnte, deſto mehr Gelegenheit fand er, ſich thaͤtig und nothwendig fuͤr deren Befriedigung zu erweiſen, und je thaͤtiger und nothwendiger er ſich er⸗ wies, deſto reichlicher belohnte ihn der Koͤnig. Bonniyet, dem der eiferſuͤchtige Adel die Fahigkeit abſprach, eine Ar⸗ mee zu fuͤhren, war ganz gewiß der Mann, eine dem Ge⸗ ſchmacke des Koͤnigs gefaͤhrliche Schoͤnheit in Italien zu entdecken. Und dies verlangte die Herzogin von ihm. Ganz anders verfuhr ſie in Betreff Brion's, deſſen Neigung zur Graͤfin ihr wohlbekannt war. Die alltaͤgliche Intrigue wuͤrde getrachtet haben, dieſe Neigung zu naͤhren und zu irgend einem Ausbruche zu treiben, welcher die Graͤ⸗ fin in Verlegenheit bringen und den Koͤnig eiferſuͤchtig machen koͤnne. Die Herzogin Louiſe verſtand die Intrigue beſſer: ſie wußte ſehr wohl, daß Eiferſucht die Pein iſt, welche das Leben der Neigung am ſicherſten friſtet. Ihr Plan war auf eine ganz entgegengeſetzte Anſchauung ge⸗ baut: Brion wurde zum Heere nach Italien geſendet. So verlor die Graͤfin nicht nur einen Freund und Beſchützer, ſondern, was der Herzogin von viel groͤßerer Wichtigkeit war, einen Bewunderer. Sie kannte ihren Sohn auf und nieder; nicht dadurch, daß man ihm eine Sache ſtreitig machte, verleidete man ſie ihm, ſondern dadurch, daß man die Sache werthlos und wohlfeil darſtellte. Das durfte nicht unmittelbar geſchehen, aber ſie konnte dafur ſorgen, daß ihr Sohn uͤberall, wo von den Vorzügen der Graͤſin die Rede war, nur jenes gefäͤllige Zuſtimmen ſah, welches dem Gebieter gar bald verräͤth, man lobe nur mit, weil er ſel⸗ ber lobe. Raſche, kunſtleriſche Menſchen ſind aber auf den Beifall der Umgebung geſtellt, dieſer Beifall iſt ihnen die zum Leben, das heißt zum Genuſſe noͤthige Atmoſphaͤre, und ſolche Menſchen werden ſtets eine Neigung in ſich er⸗ blaſſen ſehen, welche Niemand beneidet, ja die Neigung 2 wird ihnen mehr und mehr entſchwinden, je deutlicher ſie erkennen, daß Niemand ihren Geſchmack theilt. Die Herzogin ſorgte dafuͤr, daß ihr Sohn dies an ſich erfahre, und ſtimmte alle Hofleute auf Toͤne, die in dieſen Accord ausgingen, wie man eine Laute ſtimmt. Es ſollte keineswegs ein Ton wie der andere klingen. Die ſchwierigſte Aufgabe hatte ſie bei ihrer Tochter, welche weder hier noch ſonſt wo lebhafte Partei nahm, welche aber der Graͤfin herzlich zugethan blieb; denn ſie verſtand das Herz und den Werth Francoiſens. Nach einigen Verſuchen kam auch die Herzogin Louiſe zu der Ueberzeugung, ſie dringe hier nicht gerade aus zum Ziele, und es muͤſſe ein Umweg verſucht werden, um das Urtheil Margarethens, das weniger be⸗ ſtechlich war als irgend eines, und das den groͤßten Werth fuͤr den Koͤnig hatte, verdaͤchtig zu machen. Sie ſprach alſo mit ihrem Sohne von dem uͤbeln Einfluſſe, welchen die ketze⸗ riſchen Grundſaͤtze auf Margarethe gewoͤnnen; es braͤchten ſie dieſe Grundſaͤtze mehr und mehr um den großen Blick, welcher fuͤrſtlichen Perſonen zieme, ja ſie waͤre bereits ſo in kleinbuͤrgerlicher Moralitaͤt befangen, daß ſie blos deshalb noch immer an der ſo zu ihrem Nachtheil veraͤnderten Cha⸗ teaubriant hielte, weil ſie dieſelbe ihm zugefuͤhrt. Sie ſei Schuld, pflege ſie zu ſagen, daß dieſe Frau ihr haͤusliches Gluͤck geopfert habe, und muͤſſe nun zeitlebens fuͤr ſie ſorgen. Dieſe Wendung war doppelt gefährlich. Franz war von Natur undankbar für veraltete Dienſte, und hier wurde er an Dankbarkeit fuͤr Liebe erinnert! Daß Francoiſe ret⸗ tungslos ungluͤcklich ſein wuͤrde, wenn ſie ſeine Neigung 11 verloͤre, daß ſie alſo ganz und gar und nur auf ſeine Nei⸗ gung angewieſen ſei, das war ihm eine unangenehme Ge⸗ dankenfolge. Sie muͤßte dich alſo ſchon um ihrer ſelbſt wil⸗ len lieben! war ſeine naͤchſte Idee; pfui doch, ſo umarmt man das Waſſer mit aller Kraft, um ſich oben zu erhalten und nicht zu ertrinken! k Herzogin Louiſe blieb bei dieſen Vorbereitungen nicht ſtehen, ſte wußte, daß ſie noch zwei Hauptſtuͤtzen der Graͤfin zu erſchuͤttern hatte: Bude und Florentin, den ſchoͤnen Prie⸗ ſter, welchem bald nach Francgoiſens Abreiſe von Foir die erwartete Befoͤrderung nicht entgangen und der als reich dotirter Pralat nach Paris gekommen war. Mit irgend einer Verdaͤchtigung der Graͤfin bei Budé durchzudringen, das erwartete ſie nicht, denn ſie empfand ſehr wohl, daß dieſer einfache und unbefleckte Charakter außerhalb ſolcher Kreiſe lag. Aber eben die Gewiſſenhaftigkeit, welche ihn fuͤr ſolche Zwecke unnahbar machte, konnte benutzt werden gegen ihn und gegen die Graͤfin; denn was koͤnnte nicht durch geſchickte Zuthat und Wendung zu Gift gemacht wer⸗ den in dieſer Welt! Wenn Budé veranlaßt wurde, immer und immer wieder den Koͤnig an ſeine Eheverheißung zu mahnen, ſo machte er ſicher recht bald ſich, die Verheißung und die Graͤfin, welcher die Verheißung gewidmet worden, dem Koͤnige laͤſtig. Ferner mußte Budé tugendhafter Weiſe vor dem Beichtvater Frangoiſens, vor dieſem klugen Floren⸗ tin, gewarnt werden, damit er ſeinerſeits ſeinen Schützling, die Graͤfin, warne vor dieſem bedenklichen Menſchen. Je⸗ denfalls wurde dadurch wenigſtens Mißtrauen geſaͤet, und die Graͤfin mußte von ihren unter einander entzweiten * Freunden widerſtreitende Rathſchlaͤge und irgend welches Unheil aͤrnten. Florentin, Anhaͤnger der beſtehenden Kirche, war bereits ein natuͤrlicher Gegner des ketzeriſch geneigten Budé; in dieſer Richtung mußte die Gegnerſchaft geſchuͤrt, und damit ſie nachdruͤcklicher wuͤrde, Florentin, der zugaͤng⸗ lichere, zu hoͤherer Stellung befoͤrdert werden. Wenn Flo⸗ rentin wußte, woher ihm die Befoͤrderung kaͤme und ferner kommen koͤnne, ſo durfte ſich die Herzogin von dieſem Lebe⸗ prieſter dauernder Dienſte verſehen. Weil er klug war, ſollte er jetzt von der Gegnerin befoͤrdert werden, und eben weil er klug ſei, meinte die Herzogin, wuͤrde er wohl bald zu waͤhlen wiſſen zwiſchen der Freundſchaft mit einer Heldin voruͤbergehender Koͤnigsliebſchaft und der Freundſchaft mit der dauernd maͤchtigen Mutter des Koͤnigs. Daß er neben⸗ her ein ſchoͤner Mann ſei, uͤberſah die Herzogin Louiſe auch nicht. So viel Faͤden nach allen Richtungen wurden gelegt und geknuͤpft, um nach einiger Zeit die harmlos in Liebe dahinlebende Francoiſe feſtzufangen in lauter Situationen und Verhaͤltniſſen, die ihr des Koͤnigs Gunſt entziehen muß⸗ ten. Da aber dies Alles Zeit brauchte und die Herzogin von den Aerzten die beſtimmte Verſicherung erhielt, das lange Siechthum der Koͤnigin Claude im Höôtel des Tournelles zu Paris nahe ſchleunigem Ende, nach dem Hintritte der Koͤ⸗ nigin aber von der jetzt ſo leidenſchaftlichen Neigung des Koͤnigs ein voreiliger fuͤr die Zukunft verpflichtender Schritt zum Vortheile der Graͤfin zu befuͤrchten ſtand, ſo mußten außer dieſen ſicheren, aber langſamen Mitteln ſogleich einige raſche Streiche verſucht werden. Der erſte fiel mit dem Auftrage Bonnivet's zuſammen und war auf des Kö⸗ nigs Reizbarkeit in Betreff eines ſchoͤnen Weibes berechnet, der zweite betraf die Sicherheit der Herzogin ſelbſt in Be⸗ treff des Semblangay'ſchen Proceſſes. Wurde dieſer bis über den Tod der Koͤnigin hinaus verzoͤgert, ſo konnte die ſchon ſo deutlich an den Tag gelegte fuür Semblangay guͤn⸗ ſtige Einmiſchung der Graͤfin verderblich werden in einem Augenblicke, wo der Koͤnig des einzigen aͤußerlichen Hin⸗ derniſſes einer foͤrmlichen Erhebung der Graͤfin ledig wurde. Die Herzogin ſchickte alſo auf der Stelle Duprat, den ſie nach Fontainebleau berufen hatte, um ihn zur entſchiedenen Parteinehmung zu beſtimmen, nach Paris zuruͤck, indem ſie als thatſaͤchliche Probe ſeiner dauernden Anhaͤnglichkeit von ihm verlangte: binnen drei Tagen muͤſſe Semblangay's Verurtheilung in ihren Haͤnden ſein, um durch ſie und durch ſie allein dem Koͤnige zur Beſtaͤtigung vorgelegt zu werden. Ferner ſchickte ſie einen Boten nach der Normandie. Er trug einen Brief an Diana von Breze, die ſie vorigen Som⸗ mer in Blois, da ihr Sohn nichts ſah als die widerſtre⸗ bende Frangoiſe, geſehen und ſehr ſchoͤn gefunden hatte. Dieſer Brief verſicherte Diana des lebhafteſten Mitgefuͤhls Seitens der Herzogin fuͤr das bedrohte Schickſal des gefan⸗ genen Grafen St. Vallier, und beklagte es, daß Diana ihr Gnadengeſuch fuͤr den Vater durch die Graͤfin Chateaubri⸗ ant an den Konig gebracht habe. Dieſe ſei von Gluͤck und Zerſtreuung berauſcht und habe der Angelegenheit ſchwer⸗ lich die noͤthige Theilnahme gewidmet. Diana moͤge unver⸗ zuͤglich nach Fontainebleau kommen, am beſten ohne Vor⸗ wiſſen ihres Gemahls, und bei ihr, der Herzogin, abtreten. Die Herzogin werde dann zu⸗ guͤnſtiger Stunde, und nach⸗ dem der Konig paſſend vorbereitet ſei, ihr Audienz, und, wenn nicht Alles truͤge, die Begnadigung des Vaters ver⸗ ſchaffen. Jean von Poitiers Graf von St. Vallier hatte kein beſonderes Intereſſe fuͤr die Herzogin; es war ihr alſo einer⸗ lei, ob er am Leben bliebe, wenn mit dieſer Bitte um ſein Leben ihr ſonſtwie gedient werden konnte. Alle dem hatte Francoiſe nichts entgegenzuſtellen als ihre Liebenswuͤrdigkeit und ihre Liebe! Freilich die zwei maͤchtigſten Waffen, aber doch nur maͤchtig regelmaͤßigen Naturen gegenuͤber. Koͤnig Franz war auch in der Liebe eine voͤllig unregelmaͤßige Natur; geliebt zu werden ſchmei⸗ chelte ihm allerdings, wie jeder menſchlichen Natur, aber er war ein verwoͤhnter Koͤnig und hatte ſein Naturel zu ſehr an Undankbarkeit gewoͤhnt, als daß Francoiſe aus Liebe zu ihm auf irgend eine ihm ungewoͤhnliche Milde haͤtte rechnen durfen. Was aber die Macht ihrer Liebenswuͤrdig⸗ keit betraf, ſo hing dieſe ganz davon ab, daß Frangoiſe all jener feindſeligen Abſichten gegen ihr Liebesverhaͤltniß nicht gewahr wurde, daß ſie uͤberhaupt in Allem, was von aͤuße⸗ ren Intereſſen den Koͤnig mit berühren konnte, voͤllig unbe⸗ fangen blieb. War dies nicht der Fall, zeigte ſie ſich geſtoͤrt oder nur betroffen, ſo gewann ſie nicht nur nicht,— wie dies zwiſchen gleichmaͤßig Liebenden eintritt,— fuͤr ihren Geliebten an erhoͤhter Lebenstheilnahme, weil ihr eigen Lebensgluͤck bedroht erſchien, ſondern ſie verlor fuͤr Franz den hoͤchſten Reiz, den Reiz der Uneigennutzigkeit, oder, wenn man es ſo ausdruͤcken darf, der Unperſoͤnlichkeit. Es ſtoͤrte ſeine Illuſton, es war dieſem bis in die unſichtbaren Faſern ausgebildeten Egoismus laͤſtig, wenn die Geliebte auch außer ihm noch Sorgen haben koͤnne, obenein Sorgen, welche bei Gelegenheit ſeine eigene Aufmerkſamkeit und Hilfe in Anſpruch nehmen moͤchten. Dies darf nicht dahin mißverſtanden werden, als ob er nicht bereit geweſen waͤre, der Dame ſeines Herzens zarte und begluͤckende Aufmerkſamkeit zu widmen; im Gegen⸗ theile zeigte ſich ſein koͤniglich⸗ritterliches Weſen verſchwen⸗ deriſch darin, und er ſchenkte wie ein Gott. Aber er mußte es ſchenken koͤnnen, es mußte ihm nicht der leiſeſte Anſpruch von der anderen Seite ſichtbar werden; er ſchenkte mit Freu⸗ den eine Krone, aber es verſtimmte ihn, die Sorge auch nur für einer Stecknadel Werth unter der Form moraliſcher Ver⸗ pflichtung auf ſich zu nehmen. Frangoiſe war im geraden Gegenſatze hierzu Hinge⸗ bung und Aufopferung ſelbſt in allen Gedanken der Liebe; es war ihr Seele der Liebe, in Allem, aber in Allem, auch in Sorge und Leid, ja ganz beſonders in Sorge und Leid dem Geliebten einverleibt und— wenn dies Wort geſtattet wuͤrde— eingeſeelt zu ſein. Es war vorauszu⸗ ſehen, daß ihre poetiſche Unbefangenheit auch im Gelieb⸗ ten ſolche Stimmung vorausſetzen wuͤrde, und daß juſt dieſe liebenswürdige Vorausſetzung üͤber Kurz oder Lang dem Koͤnige einen unangenehmen Eindruck herbeifuͤhren moͤchte. So lag alſo auch in ihrer Liebe und Liebenswurdigkeit, welche allein ſie ſchutzen ſollten, neue Gefahr fuͤr ſie, und dieſe Gefahr trat zuerſt in's Werk. Der Koͤnig hatte ihr an einem der letzten Juniabende angekuͤndigt, er werde am naͤchſten Morgen nach Paris reiſen, und es waͤre ihm an⸗ genehm, wenn ſie ihn begleitete. Der druͤckend warmen Jahreszeit wegen ſollte die Reiſe auf der Seine gemacht werden.„Du ſollſt mich erheitern, Frangoiſe,— ſetzte er hinzu,— es dringen von allen Seiten unguͤnſtige Nach⸗ richten auf mich ein, und der Gang nach Paris iſt mir ohnedies ein ſchwerer. Die Aufloͤſung Claude's iſt nahe be⸗ vorſtehend, und ich habe die peinliche Aufgabe, ein Weſen, das ich hochſchäͤtze, noch einmal zu ſehen. Es wird mir gar zu übel ausgelegt, wenn ich mich dieſer Form entziehe, und man hat Recht, auf Erfuͤllung einer ſolchen Lebensform zu beſtehen. Aber peinlich iſt ſie mir im hoͤchſten Grade, denn die von der Krankheit zerſtoͤrte Frau iſt kaum noch ein Schatten von dem, was ich an ihr geehrt habe, und wir wollen uns auch das Gebot der Form ſogleich zu einem an⸗ regenden Lebensacte ausbilden, wir wollen, nachdem ich den kurzen Beſuch erledigt, nach St. Denys hinuͤberreiten zu Jean Juſte, der noch am Grabe Ludwigs beſchaͤftigt iſt. Ich will den Eindruck des Sterbebettes zu Vorſtellungen uͤber ein Grabmal Claude's benutzen, damit wir den Plan dafuͤr ſogleich mit Jean Juſte feſtſtellen können. Du magſt bei Vincennes an's Land ſteigen, damit Du dort die Kleider wechſeln und Dich zu Pferde ſetzen kannſt. Reiteſt Du dann langſam durch die Stadt, ſo hole ich Dich bald hinter Paris wieder ein.“ Frangoiſe hatte von dieſer Mittheilung lauter uͤble Eindruͤcke. Sie hatte bisher immer, ſo weit es an⸗ ging, eben der Koͤnigin Claude wegen Paris vermieden, 17 ſie fand es unſchicklich fuͤr ihre Stellung, gerade jetzt am bevorſtehenden Todesaugenblicke mit dem Koͤnige hinzuge⸗ hen, und den Koͤnig gewiſſermaßen nur auf eine Viertel⸗ ſtunde zu beurlauben fuͤr eine ſo heilige Pflicht! Noch mehr: des Koͤnigs alſo an den Tag gelegte Geſinnung fuͤr eine Gattin, welche ihm ſo lange treu und ergeben und auch werth geweſen war, dieſe erſchrecklich gleichguͤltige, ja liebloſe Geſinnung ſiel ihr wie ein beaͤngſtigender Nebel auf das Herz. Nicht daß ſie dabei ſogleich an ihre eigene Zukunft, welche ſich hierin ſpiegeln koͤnne, gedacht haͤtte; ach nein, ſie war noch zu hingebend in Liebe, um ihres ei⸗ genen Vortheils oder Nachtheils eingedenk zu ſein. Aber die Liebe hat einen weiten Horizont um ſich und dieſer Ho⸗ rizont iſt rein und ſchoͤn, und jede Wolke, welche aufſteigt, ſei es auch noch ſo weit ab, iſt ihr augenblicklich ſichtbar und bedrohlich, auch wenn dieſe Wolke niemals mit Regen und Sturm heraufſteigen koͤnnte. Daß Franz ſo denken und empfinden, oder vielmehr ſo gedankenlos und unem⸗ pfindlich ſein koͤnne, war fuͤr Francoiſe die Wolke, und ſie 1 erlaubte ſich zum erſten Male mit ſanften Worten anderer Meinung zu ſein als er, und abzurathen von ſeinen An⸗ or dnungen. 4 Koͤnig Franz war nicht eben eigenſinnig; er ließ ſich leicht beſtimmen, wenn er ſelbſt noch keine ausgebildete Abſicht hatte; hatte er aber eine ſolche, ſo war ſie ihm feſt und werth, wie eine Skizze dem Maler, wie das Mo⸗ dell dem Bildner, und der Vorſchlag zur Aenderung, der nicht von ſeinem Standpunkte ausging, war ihm verdrieß⸗ lich. Er wurde bei ſolcher Gelegenheit ganz Koͤnig und Laube, Chateaubriant. II. 2 7 Herr, und mit einer kurzen, ſchneidenden Handbewegung wurde jeder abweichende Vorſchlag zerſchnitten. F ancoiſe beſtand laͤnger, als der guten Laune des Koͤnigs vortheil⸗ haft war, auf der Idee, ihm das Unpaſſende einleuch⸗ tend zu machen und ihn dadurch von den Planen abzu⸗ wenden. So ſah ſie zum erſten Male, wie ſich die hohe Stirn des Koͤnigs uͤber der ſchmalen, vorſpringenden Naſe in eine Falte zuſammenzog, welche dem Ausdrucke des Ge⸗ ſichts eine bedrohliche Schaͤrfe verlieh. O pfui doch, Fran⸗ cois! rief ſie, und der weibliche Genius, welcher ſich mit dem gluͤcklichſten Talente an aͤußerliche Erſcheinungen heftet, half ihr uͤber die entſtehende erſte Entzweiung hin⸗ weg, pfui doch Frangois! das entſtellt ja Dein ſchoͤnes Antlitz wie ein Saͤbelhieb. Ei ei! ich ſehe du kannſt gar keinen Widerſpruch ertragen, auch nicht den der Liebe. Gute Francoiſe, das Leben iſt viel breiter und geſchaͤf⸗ tiger, als die Liebe glaubt; in allen Winkeln harren die Anſpruͤche! Wenn ich auf Viertelſtunden beſchraͤnkt bin fuͤr ernſte Pflicht, ſo ſieht die Liebe nur auf die kurze Spanne Zeit, welche ich zu vergeben habe; wodurch aber die Spanne Zeit bedingt iſt, das ſieht ſie nicht. Ich fuͤrchte, es wird ſchlimmer kommen! Was jetzt dem Tode gegenuͤber geſchieht, das kann gar bald aulch dem Leben gegenuͤber eintreten; wenn die Nachrichten vom Heere in Italien ſo fortfahren, wie ſie heut begonnen haben, ſo wird der truͤbe Morgen unerwartet da ſein, an welchem mir kaum eine Viertelſtunde uͤbrig ſein wird zum Abſchiede fuͤr Dich.— O nein, Franz, Du wirſt nicht von mir Abſchied neh⸗ 8 19 men, wenn Du in den Krieg ziehſt; Du weißt, ich daure zwei, drei, ja wohl auch mehr Tage hinter einander zu Pferde aus; Du nimmſt mich mit nach Italien, Du zeigſt mir Mailand und Bologna, vielleicht gar Rom, wo NRaphael noch vor Kurzem gemalt hat—. 4 Nein, liebe Frangoiſe, das geht nicht.— Oh! Es geht nicht, ſo lange der Krieg dauert. Was man thut, thue man ganz. Schwert und Kuß hinter einander, nicht neben einander, und wenn der Kuß ſich hinzudraͤngt, ſo ſei er ein gedankenloſer und fluͤchtiger, wie er dem Weibe erprobter Neigung nicht gebuͤhrt. Laß Dir von Buds erzaͤhlen, wie der tapfre Antonius, ſeine Cleopatra mit in die Seeſchlacht fuͤhrend, daran zu Grunde ging. Nein, in Fontainebleau ſollſt Du mich erwarten, wenn mich die Trommete ruft, und uͤber die Alpen ſollſt Du erſt reiten, wenn ich geſiegt habe und gen Rom ziehe, Ra⸗ phael's Wandgemaͤlde zu betrachten. Das wird eine traurige Zeit ſein, wenn Du nicht da biſt! Ach Deine Mutter, die ich gern lieben möchte, ſieht mich mit unfreundlichem Auge an!— 4 Halte Dich an meine Schweſter, die iſt Dir hold! Klage nicht, Frangoiſe, Weinerlichkeit verdirbt dem Weibe die Schönheit, dem Manne den Muth! 3 Nein, ich will nicht klagen, Franz, mit Dir habe iche auch immer Muth, aus Deinen Augen leuchtet er mir, aus Deinen Geberden fliegt er mir entgegen. Aber was bin ich ohne Dich? Hilf mir darum zu einem Troſte! Ich habe geſtern erfahren, daß meine Mutter endlich ganz 2* dem Schlage in der Genofevenabtei erlegen, daß ſie ge⸗ ſtorben iſt, ohne mich geſegnet zu haben. Sie hat mich mißhandelt, aber ſie that es wohl aus Liebe; ſie war meine Mutter und ihr Daſein war doch immer fuͤr mich ein Troſt, wenn auch ein ſchauerlicher. Ich wußte doch, daß Jemand in der Welt ſei, dem ich zur Strafe angehoͤrte, wenn ich Dich uͤberlebte.— Ich ſterbe früher denn Du, Francoiſe, und langes Leben iſt auch ein Ungluͤck, wenn man nicht einen zaͤhen Leib hat wie die Eiche des Waldes. Den habe ich nicht, leider nicht! Es lauert ein feines Gift in irgend einem ver⸗ borgenen Winkel meines Blutes und mahnt mich zuweilen in ſtillen Naͤchten mit den Schauern der Ohnmacht. Dies treibt mich dann zu einer Haſt und Ungeduld, welche ich ſelbſt verwunſche, die ich aber nicht uͤberwinden kann. Vergieb mir, wenn Du— und Du wirſt es zumeiſt, denn Dich allein liebe ich und verletze ich deshalb am tiefſten— wenn Du oft jählings betroffen wirſt von dieſer Haſt meines Weſens. Es iſt dieſe Haſt der krampfhafte Verſuch mei⸗ nes von Hauſe aus ſo geſunden Naturels, den fremden Krankheitsſtoff auszuſcheiden und zu zerſtoͤren. Ach, der Verſuch gelingt nicht! Es kauert ſich der feindliche Daͤ⸗ mon zu unſichtbarer und ungreifbarer Kleinheit zuſammen, ſo lange ich tobe, und wenn mein Toben erſchoͤpft iſt, da erhebt er ſich wieder langſam, aber mit entſetzlicher Si⸗ cherheit.— Du erſchrickſt davor, gute Frangoiſe, Du wirſt blaß! Beruhige Dich! Ich uͤbertreibe, weil ich nicht den kleinſten Krankheitsſtoff vertragen kann, weil ich eine kindiſche Furcht habe vor dauernden Schmerzen, vor — 21 ſiechender Unmacht. Ich weiß es, daß ich uͤbertreibe, faſſe Muth, Frangoiſe, es wird voruͤbergehen, und große Erſchuͤtterungen, die mir wahrſcheinlich nahe ſind, wie ein Kampf um Krone und Leben, werden mich über dieſe Bagatellen hinausbringen. Was biſt Du ſchoͤn, Fran⸗ goiſe! Deine Schultern und Arme ſind voll geworden, ſeit Du in Fontainebleau, Dein Haar ſtrahlt taͤglich groͤ⸗ ßeren Glanz, Deine Lippen ſchwellen taͤglich ſchoͤner und Dein großes Auge, immer noch unſchuldig, zeigt doch in ſeinem aufſteigenden Feuer, daß es immer kundiger ge⸗ worden ſei der ſuͤßen Liebe! Es freut ſich, daß Du mich ſchoͤn findeſt! O Gott, welch ein Gluͤck iſt Schoͤnheit! Man wohnt in einem golde⸗ nen, uͤberall harmoniſchen Palaſte, und jede Bewegung unſeres Leibes wird uns ſelbſt ein Reiz! An einem mondhellen Abende ward dies geſprochen. Franz und Frangoiſe kamen luſtwandelnd aus dem Wald⸗ garten uͤber jene Teraſſe herauf, wo im Vorfruͤhlinge der Koͤnig die Kukkuksrufe gezaͤhlt hatte. Fuͤnf Marmorſtufen von der Teraſſe aufwaͤrts begann, ſieben Bogenfenſter breit, die erſte und ſchoͤnſte Gallerie, welche der Koͤnig in Fontainebleau angelegt und nach ſeinem Namen be⸗ nannt hatte. Dieſe Gallerien, lange, mit allem Auf⸗ wande jeglicher Bildnerei geſchmuͤckte Saͤle, waren der verſchwenderiſchſte Ausdruck eines wiedergeborenen Kunſt⸗ ſinnes. Alle wiedererweckte Beziehung auf das elaſſiſche Alterthum wurde darin in Gemaͤlden, Statuen und Ver⸗ zierungen angebracht; von jedem Sims herab, aus jedem “ Knauf oder Schnoͤrkel des Holzſchneiders entwickelte ſich ein Gedanke an antike Vorſtellungen, ja die zweite große Gallerie, welche der Koͤnig außer dieſer Franz⸗Gallerie anlegen ließ, verſinnlichte nur das Leben und die Aben⸗ teuer des Homeriſchen Helden Odyſſeus, war eine Ver⸗ bildlichung der Odyſſee und hieß auch die Gallerie des Ulyſſes. Eine ſo uüͤberreich aufquellende neue Kunſtzeit, welche ſich, wie die Renaiſſance that, einem vergangenen Geſchmacke anſchloß und welche ſo maſſenhaft alle einzelnen Theile hervorbrachte und anbrachte, Thuͤren und Thore, Treppen und Balkone, Geſimſe und Bogen, Karyatiden und Schnoͤrkel, Chiffern und Wappen, Kreiſe und Flaͤchen, Bilder und Statuen, Farben und Metalle, eine ſolche Kunſtzeit, ſollte man glauben, haͤtte leicht zur Ueberla⸗ dung verleitet ſein köͤnnen, da es ihr doch offenbar an ei⸗ nem ausgebildeten geiſtigen Principe gebrach. Aber das ſpeeifiſch ausgebildete Geſchmackstalent ſpottet hier wie anderswo unſrer theoretiſchen Vorausſetzungen. Ihr wer⸗ det immer wieder, fluͤſtert es uns ſpoͤttiſch zu, einen neuen Kreis der Nothwendigkeit ausfinden, in welchen ſich alle menſchliche Hervorbringung fügen, von welchem ſie ausgehen müſſe, und das inſtinctmaͤßig bildende Ta⸗ lent wird doch immer wieder, unbekuͤmmert um euren Nothwendigkeitskreis, ſeine Formen erfinden, und dieſe Formen werden laͤnger dauern in ihrer Vollkommenheit, als eure weiſeſte Theorie dauert. Gott offenbart ſich eben mannigfaltiger, als der nur mit dem Talente des Den⸗ kens begabte und vom Talente des Bildens verlaſſene 23 Theoretiker glauben oder doch ſagen mag. Und daß die Talente auf einander neidiſch ſein koͤnnen, eine Unwuͤr⸗ digkeit, welcher ſie nie und nirgends entgangen ſind, dies iſt ein traurig Zeugniß, wir ſeien in der Menſchenge⸗ ſchichte noch niemals auf jener Hoͤhe der Anſchauung ge⸗ weſen, auf welcher alle Arten goͤttlicher Offenbarung im Menſchen gleich hoch gewuͤrdigt werden. Oder war es in jener Renaiſſance⸗Zeit nicht bloß die Kraft der Talente, war es die Jugend und der jugendliche Enthuſiasmus derſelben, welche die üͤbervolle Hervorbrin⸗ gung vor Schwulſt bewahrte? Ach, es iſt ſo leicht, irgend eine neue Erklaͤrung hinzuwerfen! Und daneben bleibt das Wunder ſtehen, unberührt, unerklaͤrt in ſeiner Seele, das Wunder der Raphael'ſchen Zeit. Mitten aus einer bis zum Tode uͤberreifen, durch bloßes Raffinement uͤber⸗ reifen Welt, welche allen Glauben erſchoͤpft hat, und nur mit einem Aberglauben taͤndelt, deſſen ſie ſich bewußt iſt, mitten in einer im höchſten Princip bereits aufgeloͤſten und durch die aufſtehende Reformation am Leben bedrohten Welt erwachen die Kuͤnſte in hoͤchſter, noch niemals wie⸗ der erreichter Vollendung, mitten in jener principiellen Nichtigkeit malt Raphael mit einer bezaubernden Reinheit des Geſchmackes, mit einem himmliſchen Zauber der Schoͤnheit! Und zwar einer Schoͤnheit, die zuͤchtig und ſinnlich zugleich den Moͤnch und den Lebemann gleichmaͤßig entzuͤcken kann, als ob Gott ſelbſt ſeine Menſchen gemalt haͤtte mit dem Reize der Keuſchheit und Sinnlichkeit, welche er beide in ſie gelegt. Woher ward dieſem ſanft leichtſinnigen Kuͤnſtler, der laͤchelnd und genießend unter 24 luſtigen Praͤlaten Rom's lebte, woher ward ihm die Offen⸗ barung? Eben ſo tadellos in Geſchmack war des Koͤnigs Gal⸗ lerie, obwohl ſie den weiten Raum bis an die Decke ange⸗ fuͤllt hatte mit Schmuck und Zierde aller Art, mit Wap⸗ pen und Trophaͤen, mit Saulenverſchlingung und buntem Getaͤfel. Der Geſchmack, den alle Bildung ſteigert und vervollkommnet, iſt ein ſo urſpruͤnglich Talent wie das Talent des Denkers und des Zeichners, und Koͤnig Franz, dem es in hohem Grade eigen war, haͤtte ohne ſeine Pri⸗ matice und Le Rour und wie ſie weiter hießen, Palaͤſte entworfen und Gallerien geſchmuͤckt eben ſo ſchoͤn, als er es mit ihnen that. Er war darin ſo fein organiſirt, daß er, mit Frangoiſe in die Gallerie eintretend und mit ganz anderen Gedanken beſchaͤftigt, dennoch bemerkte, daß die aus Nußbaumholz geſchnitzte, mit Moſaiken verſehene Fel⸗ derdecke Vergoldungen brauchte, um in Harmonie zu ſein mit den bunt gefuͤllten Waͤnden. Das Mondlicht glitt wie ein Traum auf dem ſpiegelglatten Eſtrich des unabſehba⸗ ren Raumes dahin und beleuchtete hier einen der brennen⸗ den Salamander, des Koͤnigs uͤberall angebrachtes Sinn⸗ bild, dort einen glaͤnzend aufgeſchirrten Elephanten, wel⸗ cher den Triumph von Marignano ausdruͤcken ſollte. Und unhoͤrbar glitt das ſchoͤne Menſchenpaar, Franz und Fran⸗ goiſe, auf dem glatten Eſtrich dahin Arm in Arm bis zu einem ſchmalen Wandfelde, welches mit dem Bas⸗ relief eines ſchlafenden Nymphs angefuͤllt war, und vor welchem der Koͤnig ſtehen blieb. Ein Druck auf die Wand, und das Wandfeld oͤffnete ſich als Thuͤr, und man ſah in 25 ein erleuchtetes Cabinet, auf deſſen Flaͤche Semele gemalt war, Semele im Feuer Jupiters vergehend. Da hinein trat das Paar, das Wandfeld ſchloß ſich hinter ihnen, und, aus dem Cabinet einige Stufen niederſteigend, kamen ſie in die ebenfalls erleuchtete Zimmerreihe, welche Frangoiſe bewohnte. Es harmonirte mit ihrem Sinne und dem Geſchmacke des Koͤnigs, daß ſie, offentlich uͤberall als Herrin behan⸗ delt, geheimnißvoll und entfernt vom Koͤnige wohnte. Denn des Koͤnigs Zimmer lagen auf der andern Seite der Gallerie, und noch geſchieden von dieſer durch Vorzimmer, Treppen und Gaͤnge, und die Thuͤre, welche der ſchlafende Nymph deckte, war unbekannt. Das obige Geſpraͤch verlor ſich bei'm Eintritt in Lieb⸗ koſungen, und erſt als der Koͤnig Abſchied nahm, gedachte Francoiſe wieder der Sorgen, welche die mögliche Abreiſe des Koͤnigs erregt hatte. Nur eine kurze Zeit war der Liebesrauſch im Stande geweſen, die Sehnſucht nach ihrer Tochter in den Hintergrund zu drängen; jetzt erhob ſich dieſe Sehnſucht in voller Kraft. Ach nicht zu ihrem Heile! Haͤtte ſie gewußt, daß ein neuer Wendepunkt ihres Lebens nahe bevorſtünde, und daß es fuͤr dieſen von groͤßter Wich⸗ tigkeit ſei, Alles zu vermeiden, was dem Koͤnige in Be⸗ zug zu ihr einen verſtimmenden Eindruck geben koͤnne, ſie haͤtte geſchwiegen mit der Bitte um Entfuͤhrung ihres Kindes von Chateaubriant.— Ach das Kind! erwiderte er, den Kinder als unfer⸗ tige, immerdar fordernde Weſen gar nicht intereſſirten, und dem das Geſchoͤpf aus fruͤherer Umarmung ſeiner Ge⸗ liebten faſt widerwaͤrtig war,— laß es doch aufwachſen, wie es mag! Es wird ſich jetzt von Dir entwoͤhnt haben, und die Entfuͤhrung deſſelben von Chateaubriant, ohne⸗ dies mit großen Schwierigkeiten verbunden, wuͤrde einen Laͤrm verurſachen, der mir im jetzigen Augenblicke ſehr nachtheilig waͤre. Jetzt eben brauche ich die gute Stim⸗ mung der Seigneurs. Kinder ſind uͤberall im Wege! Erſt beeintraͤchtigen ſie Eure Schoͤnheit, dann Eure Theil⸗ nahme, und am Ende erinnern ſie uns groͤblich, daß wir alt werden und Platz machen moͤchten. Wo wollteſt Du denn hin mit dem Geſchoͤpfe, wenn es dem brutalen Gra⸗ fen gluͤcklich entriſſen waͤre? „Wohin—?“ Doch nicht hierher nach Fontainebleau? Nicht doch! Solcher familienmaͤßige Anhang erinnert unangenehm an die Schattenſeite der Liebe, an Sorge und Zukunft— das folgenloſe Geheimniß iſt auf der Stelle zerſtoͤrt! Wo das Kind geſehen wird, giebt's ein Verwundern, ein Fragen und Fluͤſtern und Erzaͤhlen! Denke nur an meine Mutter.— „So will ich's nach Foix bringen, damit ich's zuweilen beſuchen kann.“— Beſuchen! Die Lebensplaͤne kreuzen laſſen fuͤr ein ſo kleines, noch unbedeutendes Weſen,— ſchlag Dir's aus dem Sinne, Francoiſe, und ſchlafe wohl! Zum erſten Male hatte ſie mit Thraͤnen des Leides dem Koͤnige gute Nacht geſagt; ſie dachte nicht uͤber den 27 Charakterzug nach, welcher ſich darin ausdruͤckte, ſie fol⸗ gerte nicht, ſie empfand nicht einmal in voller Staͤrke die alſo enthuͤllte Liebloſigkeit, aber ſie empfand Trauer. Sie liebte mit unbedingter Neigung, welche die Eigenſchaften des Geliebten wie das Schickſal ſelbſt hinnimmt; es lag ihr der Gedanke unendlich fern, daß es von den Eigen⸗ ſchaften des Geliebten abhaͤngen koͤnne, ob die Neigung Dauer und Berechtigung habe. Eben ſo felſenfeſt war aber auch ihr muͤtterliches Gefuͤhl, und ehe ſie am ande⸗ ren Morgen nach der Seine hinabritt, wo das Fahrzeug ſie erwartete, ſchrieb ſie an Baptiſte jenen Brief, welchen dieſer dem Grafen von Chateaubriant mittheilte. Leider wurde ſie waͤhrend der Waſſerfahrt ihrer trau⸗ rigen Stimmung nicht ſo weit Herr, um ſie dem Koͤnige zu verbergen. Er war ohnedies nicht guter Laune; der Gang zum Sterbelager, die bedrohte Politik, die Ein⸗ wendungen, welche ihm Francoiſe gemacht, und die ihm um ſo unbequemer waren, je mehr er einen Theil ihrer Richtigkeit anerkennen mußte, die laͤſtige Mutterſorge endlich ſeiner Geliebten, die ihr nicht kommen ſollte an ſeiner Seite, Alles das belegte ſeinen Sinn. Niemals noch haͤtte Frangoiſe, um ihm zu gefallen, iyres Antheils an heiterem Naturel ſo ſehr bedurft, als auf dieſem mit bunten Teppichen und Flaggen ausgeſchmuͤckten Schifflein, welches zwanzig Ruderer pfeilſchnell den Strom hinab⸗ trieben, und welches außen ſo luſtig, innen ſo traurig er⸗ ſchien. Unter einem Baldachin ſaß der Koͤnig, abgeſon⸗ dert vom Gefolge, ſeiner Herzdame gegenuͤber und blickte mit halb geſchloſſenen Augen pruͤfend auf ſie. Wer ihn kannte, mochte ihm anſehen, daß der Groll, jener alltaͤg⸗ liche, das Behagen zerſtoͤrende Umgangsgroll immer hoͤher und breiter in ihm aufſtieg und bei erſter Gelegen⸗ heit ſchneidend hervorzubrechen drohte. Ein froͤhlich Laͤ⸗ cheln auf dem Geſichte Francoiſens, eine lebensfriſche Bemerkung von ihren Lippen waͤre hinreichend geweſen, dieſen Groll auf der Stelle zu zerſtreuen; denn ſo ſehr ihn zuſammengekauerte Traurigkeit an Leuten, die ihm lieb waren, quaͤlte und verſtimmte, ſo ſehr war er der gering⸗ ſten heiteren Wendung zugaͤnglich. Ja, ſein Weſen, der Heiterkeit wie der Lebensluſt bedürfend, griff oft um jeden Preis nach ſolcher Wendung, weil es ſich gar zu ſehr ge⸗ druͤckt fuͤhlte von truͤber Luft des Umganges. Frangoiſe wußte das nicht, und ſie fuͤhlte ſich ihm zu eng verbunden, und war zu natuͤrlich, als daß ſie an eine Koketterie gedacht haͤtte. So kamen ſie ſchweigſam nach Melun, an deſſen Haͤuſern die Seine hinſtroͤmt. Aerger⸗ lich ſah der Koͤnig, daß Boten und Seigneurs ſeiner harr⸗ ten, und daß deshalb einen Augenblick angehalten wer⸗ den muͤſſe. Waͤhrend er die uͤberreichten Depeſchen auf⸗ riß, traten Budé und Florentin an Bord, eines Blicks vom Koͤnige harrend, damit ſie ihm vortragen koͤnnten, was ſie von Paris auf den Weg nach Fontainebleau ge⸗ trieben und in Mälun angehalten hatte bei der Kunde, Koͤnig Franz komme den Waſſerweg herab. 5 Ungluͤcklicherweiſe benutzte Budé die Pauſe, um der Graͤſin zuzufluͤſtern, Semblangay's Schickſal ſei auf dem Punkte der Entſcheidung, und zwar einer fuͤr den alten ehrlichen Diener lebensgefaͤhrlichen Entſcheidung. Budeé — 3 29 ſetzte mit leiſem Vorwurfe hinzu, ob ſie denn des ungluͤck⸗ lichen Mannes bei'm Koͤnige vergeſſen habe. Sie hatte das nicht, aber es gab keinen uͤbler gewaͤhlten Augen⸗ blick, den Koͤnig in dieſer Angelegenheit anzutreten, als den jetzigen, keinen uͤbleren fuͤr die Bitte und fuͤr den Bittenden. Das gute Herz Frangoiſens ließ ſie aber keine Ruͤck⸗ ſicht darauf nehmen, und als Budé und Florentin durch eine Handbewegung des Köonigs eingeladen waren, in das wieder in Bewegung geſetzte Fahrzeug einzuſteigen, erinnerte ſte mit ſanfter Stimme den König daran, daß er ihr gnaͤdige Ruͤckſicht auf Semblangay's Schickſal ver⸗ ſprochen habe, ſie aber eben von Bude erfahre, er ſei mehr als je in Gefahr.— „Madame,“ unterbrach ſie der Koͤnig,„Ihr habt zu allen Dingen groͤßeres Talent als zur Politik; denn Poli⸗ tik heißt: das Noͤthige zu richtiger Zeit thun. Luſtig ſein, wenn Andere luſtig ſind, wird nicht zum Verdienſt ange⸗ rechnet, verſtimmt ſein, wenn Andere verſtimmt ſind, und Segel wie Steuer gehen laſſen, wie es dem Winde gefaͤllt, das iſt Jedermann erreichbar; in ſolchem Zu⸗ ſtande aber von dem gelangweilten Nachbar noch eine Ruͤckſicht in Anſpruch nehmen, welche leicht unabſehbare Mißlichkeiten in ſich ſchließen kann, dies, Madame, iſt ſo uͤbar die gebraͤuchliche Politik hinaus, daß Ihr ſelbſt unmoͤglich auf ein Gelingen rechnen koͤnnt.“ Ich verſtehe Euch nicht mein Koͤnig. „Das wird mir einleuchtend!“ Eure Rede iſt dergeſtalt eingehuͤllt in Gewaͤnder von Vorausſetzungen und Nebenblicken, daß mir mein ſchwe⸗ res Verſtaͤndniß ſehr naturlich ſcheint. — Auf dieſem Wege konnte König Franz zum Aeu⸗ ßerſten getrieben werden. Denn er wollte es ſich ſchon als etwas Beſonderes angerechnet ſehn, daß er ſeinen Un⸗ muth nur in einer verdeckten Rede ausgeſprochen; dieſe Rede nun auch noch richtiger Weiſe unklar nennen zu hoͤren, das brachte ihn zum Zittern vor Unleidlichkeit. Wie wir denn immer da am ungezogenſten werden, wo es zur Haͤlfte unſere eigene Schuld iſt, daß eine urſpruͤnglich gute Lage ſich in Pein verkehrt hat; aus tiefem Hinter⸗ grunde hoͤren wir ſchon die Vorwuͤrfe unſeres Gewiſſens, und, um ſie zu betaͤuben, entruͤſten wir uns ungebuͤhrlich. Fehler, die uns ganz fremd ſind, laſſen uns immer kalt. Koͤnig Franz ſuchte zitternd nach einem all ſeinen Aerger ſattſam und giftig ausdruͤckenden Worte fuͤr Frangoiſe; denn er gehoͤrte zu den jaͤhen Naturen, welche im Zorne nicht nur keinen Unterſchied machen, gegen wen ſich der Zorn aus⸗ ſchuͤtte, ſondern welche im Gegentheile juſt die ſonſt ge⸗ liebten Perſonen am Empfindlichſten treffen wollen. Ehe er indeß dies Wort finden konnte, ſprach Florentin, wel⸗ cher das Gefaͤhrliche der Situation vollſtaͤndig uͤberſah, dazwiſchen und leitete den Aerger des Koͤnigs auf ſich, oder vielmehr— denn er war von raffinirter Klugheit— auf Budé. Er ſchilderte naͤmlich mit ſalbungsvoll geiſt⸗ lichen Worten Semblangay's Lage, eine Lage unſchuldig wie die des Kindes in Mutterleibe, und ſchilderte den be⸗ vorſtehenden Juſtizmord, und Alles dies, wie er weislich hinzuſetzte, auf Bude's Bericht. Natuͤrlich fuhren die 31 Wetter des Koͤnigs auf dieſen in Fragen und Vorwuͤrfen⸗ die hinter einander herſtuͤrzten wie Donner und Blitz. Budè aber, oft zu ſanft und unentſchloſſen, hielt immer Stand, wo offenbarem Unrecht gegenuͤber zu treten war, und dieſe gemeſſene und wohl begruͤndete Oppoſttion brachte den Koͤnig in die alleruͤbelſte Stellung. Nachzu⸗ geben war ihm nicht mehr moͤglich, denn er war in all ſeinen Behauptungen allzu maßlos geſteigert worden, und es miſchte ſich in die Rechtfertigung Semblangay's allzu viel Suͤnde ſeiner Mutter und Suͤnde ſeines eignen, gar oft leichtſinnigen Regimentes. Dieſe Suͤnden aufzuhaͤkeln wie ein verworrenes Gewebe, das war am wenigſten in ſol⸗ cher Stimmung des Koͤnigs Abſicht, wohl aber ward es von Minute zu Minute ſeiner Stimmung angemeſſener, mit einem einzigen blutigen Streiche all dieſen laͤſtigen Kram zu erledigen, und mit einem ſchneidenden Worte der Ungnade und Verbannung die laͤſtigen Umgebungen abzu⸗ ſchuͤtteln. Wer die unbeſchraͤnkte Gewalt hat, iſt gar leicht in der Verſuchung, alle laͤſtige Logik mit einer ty⸗ ranniſchen Geberde zu erſticken. Genug! rief denn endlich auch Koͤnig Franz, und es lag in dieſem Worte und in dem Geſtus, der ſie begleitete, und der von den Augenbrauen herabzuckte uͤber Schulter und Arm bis in die ſtarr ſich ausſpreizenden Finger,— es lag darin eine Wuth, und es ging davon ein Schrecken aus, daß Frangoiſe ein ſchmerzliches„Ach!“ ausſtieß, und daß Budé wie Florentin entſetzt einen Schritt zuruͤcktraten. Keiner wagte es mehr, die eintretende Todtenſtille zu un⸗ terbrechen. Sie ſahen ſchuͤchtern— denn die Gewaltſam⸗ 32 keit des Koͤnigs wirkte gebieteriſch durch deſſen vornehme und maͤchtige Perſoͤnlichkeit— und ſchlimmer Dinge ge⸗ waͤrtig auf den Herrn, welcher Niemand anblickte, ſon⸗ dern ſtarren Auges hinabſah auf die Waſſerflaͤche, als ob er den Wald von Vincennes heranziehen wolle, um ſo⸗ gleich dieſer unangenehmen Fahrt und Geſellſchaft ledig zu werden. So ſtieg er auch ohne ein Wort zu ſprechen an's Ufer und zu Pferde, und ritt ohne ein Wort zu ſprechen von dannen, nur begleitet von den Leuten des unmittelbaren Dienſtes. Frangoiſe ſah ihm lange Zeit nach, und erſt als Flo⸗ rentin fragte, ob es verabredet geweſen ſei, daß ſie nicht mit dem Koͤnige nach Paris reite, deutete ſie mit der Hand auf das Schloß von Vincennes, welches fernher aus dem Eichen⸗ und Buchenwalde ſchimmerte, und ſchritt langſam, geſenkten Hauptes voraus in den Waldesſchatten, denn die Sonne brannte blendend auf dem Ufer. Waͤhrend die Freunde Francoiſens dieſe um Aufklaͤ⸗ rung uͤber das Betragen des Koͤnigs und mit Rathſchlaͤgen fuͤr die naͤchſte Zukunft beſtuͤrmten, ritt Koͤnig Franz in grimmigſter Stimmung nach Paris hinein. Die Depeſchen, welche er in Melun erhalten, berichteten nichts Geringeres, als daß Bonnlvet, wie fruͤher Lautrec, allein auf dem Wege ſei, ihm den Verluſt des Heeres anzuzeigen, und daß die Feinde, von Bourbon und dem Marquis de Pescaire ge⸗ fuͤhrt, gerades Weges auf die Provence marſchirten. Es 33 mußte von ſeiner Seite Entſcheidendes geſchehen; aus den Truͤmmern des zerſtreuten Heeres und mit energiſchen Maß⸗ regeln mußte ein neues Heer errichtet, er ſelbſt mußte an der Spitze deſſelben geſehen werden, um die Macht der fran⸗ zoͤſiſchen Waffen wieder herzuſtellen. Solche Verhaͤltniſſe, die raſcheſten Entſchluͤſſe heiſchend, waren nicht geeignet, dem ergrimmten Manne viel zarte Ruͤckſicht irgend einer Art zu geſtatten, nicht gegen ſterbende, nicht gegen lebende Weiber. Die Koͤnigin Claude fand er auch in einem Zuſtande, daß weder Hilfe, noch Unterredung angebracht ſein konnte; er entfernte ſich alſo auch ſchnell wieder von einem Anblicke menſchlicher Klaͤglichkeit, der ihm unter allen Umſtaͤnden zuwider war, und ließ Duprat rufen. Bevor dieſer erſchien, fertigte er Befehle aus nach allen Seiten des Reichs, und ordnete leider in dieſer ublen Stimmung gegen Francoiſe und deren Freunde bereits alles Weſentliche, was die Re⸗ gierung des Landes waͤhrend ſeiner nun ſicher bevorſtehen⸗ den Abweſenheit anging. „Wer genießt das meiſte Anſehen im Lande,“ rief er Duprat entgegen,„um die Regentſchaft kraͤftig zu führen, wenn ich ploͤtzlich ſtuͤrbe oder außer Landes muͤßte?“ Das Parlament, Sire. „Ach was! Und wer regierte das Parlament am leich⸗ teſten?“ Die Koͤnigin Mutter, die Frau Herzogin von Angouléème. „Deren rechte Hand Du biſt, gaͤlte es Recht oder Unrecht; — das Pergament in Deiner Hand iſt gewiß nichts Gerin⸗ geres als Semblangay's Todesurtheil, deſſen meine Mutter ſo beduͤrftig iſt?“ Laube, Chateaubriant. II. 3 34 Der Parlamentshof fragt nicht nach Beduͤrftigkeit, ſondern nach Recht.— „Biſt Du— und bei dieſen Worten nahm der Koͤnig das Pergament und hielt, es mit ſeinen Augen uͤberfliegend, in ſeiner Rede inne— biſt Du von der Schuld Semblan⸗ gay's uͤberzeugt?“ Sire— „Warte mit Deiner Antwort, bis ich vollſtaͤndig gefragt. Ich werde dieſen Proceß, der meine Mutter ſo nahe betrifft, unterſuchen laſſen von drei unparteiiſchen und gewiſſenhaf⸗ ten Leuten, die Ihr Alle nicht kennen ſollt, dies ſage ich Dir voraus, nun gehe mit Deinem Gewiſſen und Deiner Zu⸗ kunft zu Rathe, denn ſie ſtehen beide auf dem Spiele bei Deiner Antwort; Du haſt Zeit, bis ich das Urtheil ſorg⸗ faͤltig geleſen, dann erſt erwarte ich Deine Antwort!“ Der Koͤnig las, der bleiche Duprat verrieth durch keine Miene, was in ihm vorging. Als der Koͤnig nach ſorgfaͤl⸗ tiger Durchleſung den Blick wieder auf ihn richtete, fand er daſſelbe ſtarre Antlitz des Parlamentspraͤſidenten. „Jetzt ſprich!“ Das Urtheil iſt zu Recht! „Was Recht! Das Recht macht Ihr, je nachdem die Thatſachen zugerichtet ſind— haſt Du hier ehrlich zuge⸗ richtet?“ Sire—! „Iſt der alte Semblangay der peinlichen Frage unter⸗ worfen geweſen?“ Nicht mehr als der Rechtsgang geſtattet.— 35 „Und der geſtattet ſo viel als noͤthig iſt zu einem Ge⸗ ſtaͤndniſſe, das man braucht!“ Unſere Mittel, die Wahrheit zu erforſchen, ſiud aller⸗ dings beſchraͤnkt— „Beſchraͤnkt! Sie ſind ſo unbeſchräͤnkt, daß Ihr die Angeklagten auch zum Geſtaͤndniſſe der Unwahrheit bringen koͤnnt! Beſchraͤnkt! Grauſam ſind ſie— aber darum han⸗ delt ſich's nicht in dieſem Augenblicke, ſondern um Deinen Schwur bei Leib und Leben— und unter dieſen Worten ſtand der Koͤnig auf und trat dicht vor Duprat, ihm in die grauen Augen blickend, als wollte er thm bis in's Innerſte blicken— um Deinen Schwur, ob Du Semblangay fuͤr ſchuldig haͤltſt!“ Ich halte ihn fuͤr ſchuldig. „Und zwar des Verbrechens, deſſen er angeklagt iſt? Antworte ohne Winkelzug!“ Es war auf ſolche Frage allerdings kein Winkelzug, wie ihn das jeſuitiſche Gewiſſen Duprat's bisher geſucht und gefunden, mehr uͤbrig, das Verbrechen mußte ganz und blank begangen ſein und ohne verdaͤchtiges Saͤumen. Du⸗ prat, nie auf halbem Wege ſtehen bleibend, war der Mann dazu, und nach einem kaum bemerkbaren Zucken des Hal⸗ ſes, als ob eine Voreiligkeit hinabgeſchluckt werde, wieder⸗ holte er des Koͤnigs Worte: ſchuldig des Verbrechens, deſſen er angeklagt iſt. Es entſtand eine lange Pauſe. Dann ſprach der Koͤnig wie fuͤr ſich:„Armer Semblangay! Muth iſt die groͤßte Tugend und beherrſcht die Welt!“— Dann ſetzte er fuͤr 3*¾ Duprat hinzu:„Ich gratulire meiner Mutter zu Deiner Freundſchaft.“— Ich bin erſt Richter, ehe ich Freund ſein darf. „Laß das! Wir kennen uns. Bewahre ihr ſo nach⸗ druͤckliche Freundſchaft auch wenn ich fern bin, Entſchloſſen⸗ heit giebt ein ſtarkes Regiment, und ein ſtarkes Regiment iſt, wenn auch nicht das beſte, doch das ſicherſte. Wirſt Du meiner Schweſter ebenſo zugethan ſein, wenn ſie Regentin wird?“ Sire, die Frau Herzogin von Alengon iſt Gemahlin eines Vaſallen, und forderte als ſolche und als mißtrauiſch angeſehene Katholikin zum Widerſpruche heraus.— „Seitens Deiner?“ Seitens der Vaſallen des Reichs; ich ſelbſt wider⸗ ſpreche keiner Wahl meines Herrn. „Auch der Frangoiſens von Foix nicht?“ Wenn es nur eine Francoiſe von Foir gaͤbe! Noch aber giebt's nur eine Frangoiſe von Chateaubriant, und Eure Majeſtaͤt werden nicht einen bretoniſchen Boudeur zum Li⸗ tularregenten machen wollen. 3 „Poſſen! Die Foix ſind ein energiſch Geſchlecht!“ Man ruͤhmt die Liebenswuͤrdigkeit der Graͤfin, ich kenne weder ihre Energie, noch ihre politiſchen Faͤhigkeiten— „Das weiß Gott, ich kenne ſie auch nicht.“ Und Sie ermeſſen, Sire, welch eine Erfahrung, welch eine Sicherheit noͤthig ſein werden, ein Reich zu verwalten, welches ſeit beinahe zehn Jahren alle Faͤden in die ſtarke Hand eines einzigen Mannes gegeben hat.— „Du meinſt, meine Mutter kenne allein den Zuſam⸗ menhang der Faͤden?“ 37 Unerlaͤßlich waͤre es jedenfalls, Sire, daß die Sem⸗ blangay'ſche Angelegenheit erledigt würde, bevor die hohe bei dieſem Proceß betheiligte Perſon an die Spitze des Regiments traͤte. „Und ihren Gegner ſelbſt hinrichten ließe?“ Sie koͤnnte ihn ja auch begnadigen. „Eins waͤre ſo unſchicklich wie das andere. Und wenn ich ihn begnadigte?“ Dann ſetztet Ihr Euere Mutter mit einem garſtigen Flecken des Mißtrauens auf den hoͤchſten Platz in Frankreich!- „Biſt Du ſo gewiß, daß ich ſie dahin ſetze?“ Ich bin Euerer Weisheit gewiß. Halb zerſtreut, denn er betrachtete bald Duprat, bald die Bilder im hohen Zimmer des Hotel des Tournelles, wo dieſe Scene ſich begab, ergriff der Koͤnig die Feder und zeichnete ſtehend, langſamen Zuges ſeinen Namen unter das Todesurtheil. Dann ging er raſch aus dem Gemache, ohne Duprat oder das Papier weiter anzublicken. — Waͤhrend ſich dies begab, waren Frangoiſe und ihre Freunde in einem mit Hirſchgeweihen ausgeſchmuͤckten Par⸗ terreſaale in ſorgenvoller Betrachtung über das Benehmen des Koͤnigs und uͤber die Zukunft der Graͤfin. Florentin war am tiefſten niedergeſchlagen, und wiederholte, ſo wie es egoiſtiſche Freunde zu thun pflegen, ſeine ſtehende Klage, daß Frangoiſe im Kapitelſaale der Genofevenabtei den Contract zerriſſen habe. Großmuth der Jugend, ſetzte er predigend und argerlich hinzu, bezahlt die Schulden der Welt und darbt dafuͤr im Alter! Wer ſich Wallungen hin⸗ 38 giebt, iſt des Bettelſtabes gewiß! Nichts bindet und dauert als gerichtlich niedergeſchriebenes Wort.— Francoiſe ſah ihn gleichguͤltig an, waͤhrend Thraͤnen über ihre Wangen liefen. „Nach dieſer Probe uͤbler Laune und Gleichguͤltigkeit — fuhr Florentin fort— ſind wir kaum noch eines locken⸗ den Erfolges gewiß, wenn ich Dich mitnehme zu unſeren Nonnen in Paris und dem Koͤnige vorenthalte, bis er den zerriſſenen Contract erneuert. Wer weiß, ob er nachfragt!“ Jedenfalls, gnaͤdige Frau, ſprach Bude, der im Saale auf⸗ und niedergegangen war und jetzt vor ihr ſtehen blieb, jedenfalls muͤßt Ihr ihm ein Zeichen Eures Unwillens geben und nun Eurer erſten ganz richtigen Regung folgen, Paris in dieſem Augenblicke zu vermeiden. Dies Schloß iſt ein wuͤrdiger Aufenthalt; verweilet hier; ich werde alle unſere Freunde unterrichten, und von morgen an ſollen die Duchatel, Marot, Primatice, Juſte und Lascaris einen Hof um Euch bilden mit mir und Couſin, der druͤben in der Minimenkirche malt, daß der Koͤnig mit Scham erkennen ſoll, wie wir ihm zum Trotz Anmuth, Schoͤnheit und Ver⸗ dienſt zu wuͤrdigen wiſſen, und wie wir in Euch ſo gut wie in ihm den Mittelpunkt unſeres geiſtigen Lebens verehren. Herzogin Margarethe, die ich ſogleich unterrichten werde, zoͤgert gewiß nicht einen Augenblick, neben Euch an die Spitze des Vincenner Hofes zu treten, und nur was lang⸗ weilig und abſichtsvoll iſt, ſoll in Fontainebleau bleiben. Unſer ſanguiniſcher Herr bereut jetzt ſchon, was er gethan, und einſehend, wo ſein beſſeres Leben weile, wird er buͤßend zum Hofe von Vincennes kommen wie ein Troubadour, der 39 gegen die Deviſe ſeiner Dame gefehlt. Dies iſt dann der Augenblick, Semblangay's Begnadigung als Suͤhne zu hei⸗ ſchen und eine wuͤrdige Stellung Euch auszubedingen neben der uͤbelwollenden Frau von Angouléme fur den Fall, daß der Koͤnig ſelbſt in den Krieg zoͤge. Nicht wahr, Ihr billigt meine Anſicht und folgt meinem Rathe, gnaͤdige Frau? „Ich danke Euch,“ erwiederte dieſe, indem ſie Budé die Hand reichte,„lieber Bude, aber ich finde weder in meinem Herzen noch in meiner Stellung ein Recht zu ſolcher Oppo⸗ ſition gegen den Koͤnig. Was Florentin ſagt, begreife ich kaum, und was ich davon begreife, das iſt mir zuwider. Ich liebe den Koͤnig und bin von ihm geliebt. Er iſt uͤbler Laune geweſen und hat mich des Anſehens nicht gewuͤrdigt, als er ſchied. Die Maͤnner ſind doch wohl alle mitunter rauh; mein Gott, wie viel ſchlimmer war ohne Veran⸗ laſſung oft Chateaubriant und hatte doch nicht die tauſend Regierungsſorgen, und meinte doch auch, mich zu lieben! Ihm fuͤgte ich mich, und ſollte Franz die Uebereinkunft bre⸗ chen um einer herben Stimmung, um einer Grille willen? Nicht doch! Wie moͤchte ich ihm wehe thun, der zu einer ſterbenden Gattin ging und beſtuͤrmt iſt von allerlei ſchwe⸗ rer Sorge und Pflicht! Wie naͤhme ich mich aus neben einer Gattin, die ihm ſo viel wird verziehen haben, auch um meine Schuld wird verziehen haben?! Zu ſeinem Troſte bin ich da, in ſolchem Augenblicke mehr als je; und auch wenn er mich ſo unwillig empfaͤngt wie er mich verlaſſen, es iſt ihm doch eine kleine Genugthuung, daß ich ihm folge und angehoͤre auch bei truͤber Zeit.“ Dabei winkte ſie nach den Pferden, und Bude kͤßte ihr geruͤhrt die Hand und fuͤhrte ſie hinaus, Florentin's miß⸗ billigende Aeußerungen und Gegenvorſtellungen aber blie⸗ ben theils unbeachtet, theils erfolglos. Als ſie mit ihrem Dienergefolge die Allee nach Paris hinabritt und er und Budoè ihre Maulthiere beſtiegen hatten, um ihr zu folgen bis an's Thor von St. Denys, da ſagte jener mehr erbit⸗ tert als verdrießlich zu dieſem:„Sie wirft ſich ihm derge⸗ ſtalt an den Hals, daß es mich nicht im Geringſten verwun⸗ dern ſoll, wenn er ſie eines Tages wegwirft wie etwas, das er am Wege gefunden!“ O nein, hochwuͤrdiger Herr, ein gutes Weib uͤbertrifft eben ſo weit einen guten Mann an Hoͤhe des Sinnes, als ein ſchlechtes Weib den ſchlechten Mann in niedriger Ge⸗ ſinnung uͤberbietet. Und unſer Koͤnig verſteht ſich auf hohen Sinn. Was iſt's im ſchlimmſten Falle? Ein Weib wie un⸗ ſere Freundin kann ungluͤcklich, aber niemals elend werden. Florentin ſah den Sprecher halb veraͤchtlich uͤber die Schulter an und erwiederte nichts. Erſt nach einer Weile, als Bude ſein Thier antrieb, um die Graͤfin einzuholen, ſprach er aͤrgerlich:„Nehmt doch den Zuͤgel an, ich kann nicht füglich in dieſem Augenblicke, da die Koͤnigin im Ver⸗ ſcheiden liegt, mit der Geliebten des Koͤnigs durch die Straßen meiner Gemeinden reiten!“ Troͤſtet Euch! Am Thore von Bercy nimmt die Graͤfin ihre Maske vor! „Als ob man nicht die halbkoͤniglichen Farben ihrer Leute erkennte!“ Ihr ſchämt Euch, deſſen ſich der Koͤnig nicht ſchaͤmt? „Der Koͤnig iſt ein weltlicher Herr!“— 41 — Die Pariſer, damals wie jetzt politiſch aufmerkſam bis in die Geheimniſſe der Schlafzimmer und dem Fami⸗ lienanſtande ſtrenger zugethan als jetzt, empfanden es aller⸗ dings unwillig, daß im Augenblicke des Verſcheidens ihrer Koͤnigin die Graͤfin Chateaubriant mit koͤniglichem Gefolge durch die Hauptſtadt reite. Und ſie waren im Voraus un⸗ terrichtet davon: die Herzogin von Angouleme, welcher eine Beleidigung der Graͤfin auf offner Straße hoͤchſt er⸗ wuͤnſcht geweſen waͤre, hatte am Morgen einen Eilboten mit dieſer Nachricht an ihre Freunde geſendet. Zahlreiche Menſchenmaſſen waren von der Baſtille an nach der damals erſt im Entſtehen begriffenen Place royale vom Mittage an verſammelt und geruͤſtet geweſen, ihr Beleidigungen zuzu⸗ rufen. Zum Erſtaunen der Maſſe war dagegen der Koͤnig allein erſchienen, und die Maſſe, halb geſchmeichelt von einer Aenderung, welche ſie ihren Maßnahmen zuſchreiben mochte, halb geaͤrgert durch ſolche Entziehung des anzugreifenden Gegenſtandes, um deßwillen ſie Stunden lang gewartet, entſchaͤdigte ſich durch ein Vive le roi, welches zur Haͤlfte gutmuͤthig war, zur Haͤlfte nur gerufen wurde, damit man doch, einmal zum Schreien verſammelt, etwas rufen koͤnne. Koͤnig Franz, ein Koͤnig der Seigneurs, liebte den Zu⸗ ruf der Maſſe nicht, auch wenn er ein beifaͤlliger war. Er hatte die ſeinem Charakter gemaͤße Empfindung, daß man auch zum Zeichen des Mißfallens berechtige, wenn man das Zeichen des Beifalls erkenntlich hinnehme. Er war alſo ganz wie immer vornehm und ohne das geringſte Wohlge⸗ fallen daruͤber auszudruͤcken durch die Menge hindurch ge⸗ ritten. Nur darin, daß er obenhin und leicht, kaum merkbar 42 einige Male mit Augenliedern und Kopfe gegruͤßt hatte, war er von ſeiner gewoͤhnlichen Weiſe abgewichen. Denn gewoͤhnlich gruͤßte und dankte er einer Volksmenge oder einzelnen Manans, wie man Jahrhunderte lang die Nicht⸗ Edelleute nannte, gar nicht. Es war dies nicht Hochmuth, es war jene egoiſtiſche Gleichguͤltigkeit gegen Alles, was nicht eine charakteriſtiſche Beziehung zu ihm hatte. Und was nicht Seigneur war oder ſonſtwie bevorzugtes Geſchoͤpf, das hatte keine Bedeutung fuͤr ihn. Dennoch war ihm der Zuruf des Volkes an jenem Tage von einiger Bedeutung geweſen; er hatte ihn daran erinnert, daß Francoiſe mit ihrer Bedenklichkeit Recht gehabt, denn er empfand jetzt ſelbſt, daß ein ſo aufmerkſam beachteter Einzug mit ihr an ſolchem Tage etwas Unpaſſendes geweſen waͤre. Was Francoiſe dadurch fuͤr die Zukunft vielleicht ge⸗ wann im Sinne des Koͤnigs, das verlor ſie thatſaͤchlich durch die Ueberreſte der Volkshaufen, welche ſich noch in den Straßen herumtrieben und welche ſie ſogleich erkannten. Zweideutige und mitunter auch groͤbliche Zurufe empfingen ſie an der Rue royale, und verletzten nicht nur ihr Scham⸗ gefuͤhl, ſondern auch ihren Stolz bitterlich. Das Volk haßt mit einer wunderlichen Hartnaͤckigkeit uͤberall die Finanz⸗ beamten, als ob dieſe allein die Veranlaſſung ſeien, daß es Steuern bezahlen muͤſſe. In Frankreich beſonders iſt es ſeit vielen Jahrhunderten dem Volke immer eine Genugthuung geweſen, wenn ein hoher Finanzbeamter geſtuͤrzt wurde. Semblangçay's, eines wuͤrdigen, rechtlichen Mannes pein⸗ licher Proceß war den Pariſern alſo auch ein ſehr willkom⸗ menes Ereigniß geweſen, und die Chateaubriant hatte ſich 43 ihnen unmittelbar dadurch verhaßt gemacht, daß ſie dem alten Manne bei'm Koͤnige das Wort geredet habe. Sie wollten ihn haͤngen ſehen den alten Fuchs, an den ſie ſchon ſo viele Taillen bezahlt, ja der ihren Vaͤtern ſchon Geld abgenommen! Darauf bezuͤgliche Verhoͤhnungen mußte denn Fran⸗ Loiſe in reichlichem Maße anhoͤren. Entſetzt von dieſer Lage blickte ſie hinter ſich, um Budé's und Florentin's, welche ſie nahe bei ſich glaubte, Schutz in Anſpruch zu nehmen. Sie waren nicht da; wohl aber ſchloß ſich die vom Geſchrei anwachſende Volksmenge hinter ihr zuſammen und trennte ſie immer weiter von Budè, der gleich darauf um die Ba⸗ ſtillenmauer bog, und ſich der nicht ausweichenden Menge halber nicht mit ihr vereinigen konnte. Sie litt unerhörte Pein, beſonders da ſich in der enger werdenden Gaſſe rohe Maͤnner bereits an ihr Pferd draͤngten und der Augenblick perſoͤnlicher Mißhandlung nahe zu ſein ſchien. Wie in Traumbildern, die vom Winde gepeitſcht gleich Wolkenſchatten einander jagen, ſo flog ihr Leben der letzten Zeit an ihren faſt geſchloſſenen Augen voruͤber. Alles Entſetzen ihrer Stellung ſchaute ihr ſo erſchrecklich daraus und aus dieſem oͤffentlichen Skandale, dem Hoͤhe⸗ punkte ihres Schickſals, wie ſie meinte, entgegen, daß ſie einen Augenblick allen Willen und alle Thatkraft ver⸗ lor und unmerklich ſelbſt ihr Pferd anhielt, als ob es ihre Beſtimmung ſei, ſich zur Suͤhne den Mißhandlungen des Volkshaufens preiszugeben. Zwei der verwegenſten Maͤn⸗ ner des Haufens benutzten dieſen Moment, und der eine vertrat dem langſam ſchreitenden Pferde den Weg, der 44 andere ſtreckte die Hand nach ihr ſelbſt aus.„In die Seine! In die Seine mit ihr! Damit die gute Koͤnigin Claude eine Kammerfrau finde unterwegs!“ ſchrie der Haufe mit wildem Gebruͤll, als er ſah, daß ſich der Ge⸗ genſtand der Entruͤſtung ſo gutwillig ergab.„Ein gutes Pferd iſt Goldes werth, wenn man's zu füͤhren weiß!“ ſang in dem Augenblicke, da die ſchwere Hand des Hand⸗ werkers ſte beruͤhrte, eine ſchallende Stimme neben ihr, und Francoiſe fuhr aufgeweckt wie eine Nachtwandlerin, ſei es von der ſie entſetzenden Beruͤhrung, ſei es von dem Geſange, mit Kopf und Hand in die Hoͤhe. Das Blut der Foir war in ihr erregt, und der Entſchluß ſchoß auf in ihrer Seele wie ein gluͤhender Wetterſchein, der Ent⸗ ſchluß, den Kampf anzunehmen auf Leben und Tod mit dem Schickſale. Mit aller Gewalt ſchlug ſie ihre Reitgerte raſchen Streiches einmal dem Bürger, der nach ihr griff, in's Angeſicht, das andere Mal auf den Kopf ihres Pfer⸗ des. Der Mann, in die Augen getroffen, taumelte zuruͤck, waͤhrend das Pferd in heftigem Satze den anderen umwarf und vollen Laufes auf der ſchlecht gepflaſterten Straße da⸗ hinflog, daß die Funken ſpruͤhten und die Menſchen aus einander ſtoben. Die Diener, laͤngſt mit Ungeduld dieſes Tempo's harrend, ſtuͤrmten ihr nach, und bei der ploͤtzlich eingetretenen Ruhe in der Rue royale hoͤrte man das Stampfen der galoppirenden Roſſe bald ferner und ferner. „Marot's Chanſon hat ſie gerettet!“ rief lachend der Buͤrger, welcher umgeworfen worden war und ſich unbe⸗ ſchaͤdigt aufrichtete.„Wo iſt er?“ ſetzte er hinzu,„der Schelm war doch eben neben uns!“ 45 „Aber ſchoͤn iſt ſie, und reiten kann ſie wie die Koͤnigin Iſabeau!“ rief die Stimme des Saͤngers aus einem Haufen. „Das iſt wahr!“ ſchrieen Andere, und ein allgemeines Gelaͤchter folgte. Es war ſchwer zu ſagen, ob man den Buͤrger auslachte, der ſich die gepeitſchten Augen in unge⸗ ſchickter Stellung rieb, oder ob es dem Attentate aus dem Stegreife galt, welches durch die Entſchloſſenheit einer ſchoͤnen Frau ſo ploͤtzlich geendigt war. Francoiſe aber jagte unaufhaltſam durch Paris, bis ſie dergeſtalt verirrt war, daß ſie halten und einen Diener um Rath fragen mußte. Es war ſpaͤter Nachmittag, als ſie außerhalb der Stadt den Thurm von St. Denys vor ſich ſah. Einer jener heißen Sonnentage war es, an welchen die Luft des Tages verdickt und dunſtig, gegen Sonnen⸗ untergang aber in rothgelbem Scheine wunderbar durch⸗ ſichtig erſcheint. Es wandelt dann Alles unter dem Him⸗ mel in dieſer Beleuchtung einher, wie man es auf alten Heiligenbildern zu ſehen gewohnt iſt: ſcharf abgeſchnitten von der Luft und wie angehaucht von einer gewiſſen ſteifen Feierlichkeit. In dieſer wunderbaren Beleuchtung ſah ſie weithin uͤber die Ebene von St. Denys den Koͤnig reiten, der bereits auf dem Ruͤckwege begriffen und nur von wenig Cavalieren begleitet war. Sein Anblick hatte bei dem grellen Himmelslichte etwas Geſpenſtiſches; auf unge⸗ woͤhnlich hohem ſchwarzem Roſſe erſchien er, ein ſehr hoch gewachſener Mann und den Begleitern weit voraus, wie ein unterirdiſch Weſen, das im Brande der Sonne aus den 46 Erdkluͤften an die Oberflaͤche heraufgeſtiegen ſei, um in unheilvoller Abſicht einen Theil der Welt zu beſehen. Er ritt auch wirklich ohne Weg und Steg guerfeldein, weil es ſeinem Naturel zuwider war, denſelben Weg zwei Mal hinter einander zu machen, und Francoiſe hatte Muͤhe, uͤber Graͤben und allerlei Hinderniſſe zu ihm zu kommen. Trotz ihrer Vorliebe fuͤr ihn empfand auch ſie jenen geſpen⸗ ſtiſchen Eindruck, welchen ſo oft ein unerwartetes Zuſam⸗ mentreffen innerer und aͤußerer Umſtände hervorbringt. Aber dieſer geſpenſtiſche Eindruck uͤbte keine Macht aus auf ihre jetzt eben hoch geſteigerte Stimmung; einen Au⸗ genblick zerſchmettert von dem Attentate in Paris hatte ſich der ihr angeborene Muth ein⸗für allemal zu der Ein⸗ ſicht und dem Entſchluſſe erhoben: ſie wandle am Abgrunde und ſie muͤſſe ſich wehren auf Tod und Leben gegen jegliches Hinderniß, das ihr bedrohlich in den Weg trete. Schwaͤr⸗ meriſch und wie alle Schwaͤrmerei uneigennützig liebend, hatte ſie bis dieſen Tag ihre Stellung neben dem Koͤnige niemals vom politiſchen Standpunkte betrachtet; was kuͤm⸗ merte ſie aͤußeres Anſehen und aͤußere Macht! Jetzt hatte ſie ploͤtzlich dicht nach einander ihre Liebeswelt bedroht ge⸗ ſehen von innen her durch den launiſchen Koͤnig, der offen⸗ bar durch politiſche Verwickelung zu liebloſer Laune getrie⸗ ben war, und von außen her durch Zudringlichkeit der Volksmaſſen. Hier wie dort war es alſo, wie ſie glaubte, Mangel an politiſcher Macht, der ſie bedrohte, und ſo bil⸗ dete ſich in ihr mit einem Male der auffallende Wechſel, daß ſie fuͤr ihre Liebe und trotz ihrer Liebe von Stunde an eine maͤchtige politiſche Stellung erzwingen wollte. 47 Dadurch war ihr Weſen außerordentlich veraͤndert und der Koͤnig zeigte ſich bald davon betroffen. Als er ihrer auf dem Felde anſichtig geworden, hatte er nicht eben mit wohlwollendem Auge auf ſie geblickt; daß ſte nach den Scenen am Vormittage dennoch ſeinem Vorſchlage von geſtern gefolgt ſei und ſich nach ſo herber Behandlung den⸗ noch ſtreng gehorſam zeige, das machte ihm, dem eigenſin⸗ nigen Manne, keinen guͤnſtigen Eindruck. Was ſich ſo widerſtandslos be andeln laͤßt, das reizt denjenigen Mann nicht, welcher keiner ſich ſelbſt verlaͤugnenden Liebe fähig iſt. Er empfing die Graͤfin alſo hochmuͤthig und lieblos, und machte ihr Vorwuͤrfe, daß ſie ſo ſpaͤt eintreffe. Wie war er verwundert, als ſie erwiederte: „Das iſt Eure Schuld, Koͤnig Franz, der Ihr Euer Volk in Paris ſo ſchlecht im Zuͤgel habt, daß es ſelbſt Eurer naͤchſten Freundin mit Brutalität den Weg vertreten und ſie mit Hohn und Spott, ja ſelbſt mit Mißhandlung bedro⸗ hen kann.“— Die Pariſer?! „Die Pariſer, die Eurem Regimente ſo wenig Ehre machen. Doch davon handelt ſich's nicht eben, denn man kann ſchwach regieren und doch ein ſtarker Freund ſein. Aber daß ein als ritterlich geprieſener Koͤnig die Dame ſeines Herzens gedankenlos einem offenbar vorbereiteten Attentate des Poͤbels ausſetzt, das, Sire, iſt erſtaunlich!“— Frangoiſe?! „Graͤfin von Foix iſt mein Name, Koͤnig von Frank⸗ reich, ſeit ich dem Namen meines Gemahls entſagt, und 48 ſeit ich eingeſehen habe, daß die vertrauliche Benennung, welche ich Euch geſtattet, nicht nur keine Liebe, nein, nicht einmal alltaͤgliche, jeder Dame gebuͤhrende Achtungsbezei⸗ gung mit ſich bringt.“ Man ſollte glauben, die Graͤfin habe ſich nur mit gro⸗ ßer Muͤhe eine Zeit lang in dieſem Tone erhalten koͤnnen, da er ihrem Weſen fremd, und da er ihr, dem Koͤnige gegen⸗ uͤber, den ſie liebte wie nur jemals vorher, außerſt ſchwer geweſen ſei. Aber dem war nicht ſo. Ihre Liebe blieb un⸗ geſtoͤrt davon; die Liebe haͤtte ihr mitten in dieſem Ge⸗ ſpraͤche, welches ſich durch des Koͤnigs beſchwichtigende Ge⸗ genrede immer mehr belebte,— die Liebe haͤtte ihr in die⸗ ſer halb zornigen Aufregung jedes Opfer moͤglich gemacht, wenn ein ſolches im Augenblicke nothwendig geworden waͤre, denn die Liebe zum Koͤnige war eben ſo friſch und ſtark in ihr wie je vorher. Die Weltdame nur, die Frau der Geſellſchaft war zum erſten Male, war endlich in ihr zum Bewußtſein gekommen. Daß ſie ſich der rohen Gemeinheit ausgeſetzt geſehen, dies hatte endlich all das in ihr wach gerufen, was von Seiten ihrer Freunde immer und immer neben ihr geſprochen worden und was immer ohne Wieder⸗ hall in ihren Sinn gefallen war. Jedes dieſer Worte wachte wie von langem Schlummer in ihr auf; was Budè, was Brion, was Florentin von Stellung und Schutz jemals geſagt, die ihr der Koͤnig ſchuldig ſei, das Alles erhob ſich jetzt geſammelt und geſchloſſen in ihr. Es war leblos ge⸗ blieben, ſo lange die Liebe ohne Arg vertraut hatte auf den liebenden Koͤnig; es wurde lebendig, da ſich von allen Sei⸗ ten die Ueberzeugung aufdraͤngte, dies Vertrauen koͤnne 49 getaͤuſcht und in dieſe Taͤuſchung des Vertrauens koͤnne wohl auch die Liebe ſelbſt mit hineingeriſſen werden. Vielleicht auch war ſie durch Florentin und durch das Hofleben ſo weit verdorben worden, daß der Ehrgeiz in ihr Macht gewann neben der Liebe, daß der Eigennutz eine Stelle fand in dieſem ſonſt ſo uneigennutzigen Herzen. Oder ſind nicht all dieſe Ausdruͤcke zu hart? That es denn ihrem Herzen und ihrer Liebe irgend einen Eintrag, daß ſie ſich eines Stolzes bewußt wurde, welcher ihr zukam durch Geburt und Erziehung, und welchen ſie hegen durfte nach ſo viel ruͤckſichtsloſer Hingebung, als ſie dem Koͤnige be⸗ wieſen? Koͤnigliche Herrin zu ſein war ja den Anſpruͤchen eines Herzens nicht fremd, welches Liebe zum und Liebe vom Koͤnige klar und feſt in ſich trug und welches Leib und Leben fuͤr dieſe koͤnigliche Liebe ohne Weiteres hingegeben haͤtte! Im Grunde konnte nur der oberflaͤchliche Zuſchauer von dieſer endlich eintretenden Wendung im Weſen eines Weibes uberraſcht ſein, eines Weibes, welches uͤberall, ſo⸗ wohl in Gehorſam, als in Kraft zur Selbſtopferung, als in endlicher voller und offener Hingebung an ihre Liebes⸗ welt, ſtark ausgepraͤgte Züge offenbart hatte. Der Koͤnig freilich war ein ſo oberflaͤchlicher Zuſchauer geweſen; denn ſeine Eitelkeit, durch Mannesſchoͤne und hohe Stellung beganſtigt, hatte ihn uͤber die geheimen Wi⸗ derſtandskraͤfte des Weibes voͤllig ſorglos und gedankenlos gelaſſen. Voͤllig unerwartet traten ſie ihm jetzt entgegen, und beſtuͤrzten ihn, ſo weit ſie ihm gegruͤndete Vorwuͤrfe unritterlichen Betragens vor's Angeſicht hielten. Denn ein ritterlicher Koͤnig, ein ritterlicher Herr in aller Aus⸗ Laube, Chateaubriant. II. 4 50 dehnung des Wortes zu ſein, dies war der Grundton ſeines Stolzes. Deshalb war er Anfangs zum Aeußerſten beſtuͤrzt, und verwirrte ſich in der Scham vor ſeinen eigenen klein⸗ lauten Erwiderungen, eine Scham, die ihm neu und em⸗ pfindlich peinigend war. Er achtete nicht auf Weg und Richtung und ritt planlos neben der Graͤfin dahin, welche uͤberaus praͤchtig ausſah in dieſer ſtolzen Wallung auf ſchaum⸗ und ſchweißbedecktem Zelter. Von Aufregung und Tageshitze gluͤhte ihr Angeſicht, der runde Federhut mit breiter Krempe war aus dem Geſichte nach hinten zuruͤck⸗ gewichen, das ſchoͤne ſchwarze Haar draͤngte ſich hervor, die Wangen gluͤhten, und die Spange des gruͤngoldenen Reitgewandes, welche es uͤber der Bruſt zuſammenhielt, war ausgeſprungen, ſo daß die Oberbruſt, von raſtlos ſtroͤ⸗ mender Rede und Erhitzung gehoben, dem Blicke entge⸗ gentrat. Solche Schoͤnheit verdraͤngte ihm in etwas die Pein der Erniedrigung, und ſobald dieſe Pein ein Wenig zuruͤck⸗ trat, gewann auch das Intereſſe die Oberhand, das Inter⸗ eſſe, eine ſo uͤberraſchende Wendung in dem Charakter ſei⸗ ner Herzdame zu erleben.„Warum haſt Du nicht einige Stunden fruͤher ſo geſprochen!“ rief er unwillkuͤrlich und ohne weitere Erklaͤrung aus. „Erſt ſeit einigen Stunden,“ erwiderte Frangoiſe raſch,„haſt Du ſolche Worte noͤthig gemacht!“ Lediglich mit ſich beſchaͤftigt, waren ſie ſolcherweiſe abſichtslos auf eine Anhöhe vor Paris gekommen, die man ſonſt nicht gern betrat, und die der Koͤnig an jenem Tage um jeden Preis vermieden haͤtte, waͤre er frei und der Um⸗ 51 ſicht faͤhig geweſen. Jetzt war es zu ſpaͤt dem Anblicke zu entgehen, der ſich entgegendraͤngte. Dichte Volksmaſſen waͤlzten ſich von Paris den Berg herauf, und in ihrer Mitte zeigte ſich, umgeben von berittenen Trabanten, ein baͤrtiger Menſch mit blutrothem Mantel und auf ſchwarzem Karren ein alter, todtenbleich ausſehender Mann.— Der Koͤnig fuhr ſich mit der Hand uͤber die Augen, wie um ſich zu beſinnen, wo er ſei und was dies zu bedeuten habe. Unterdeß war die Menge, die ihn geſehen und er⸗ kannt, haſtig naͤher geruͤckt mit wildem, die Luft erſchuͤttern⸗ dem Geſchrei. Franz hatte ſich mit Entſetzen uͤberzeugt, er ſei auf Montfaucon, der Hochgerichtshoͤhe bei Paris, und der bleiche arme Suͤnder mit ſchneeweißem Barte, der ihm die magern Haͤnde entgegenſtrecke, ſei Niemand anders als Semblangay, den Duprat ſchleunigſt zum Galgen befoͤr⸗ dern laſſe.— „Was iſt das? rief Frangoiſe,— ſchon wieder dieſe brutalen Toͤne, dieſe erſchrecklichen Maſſen!—“ „Hinweg! hinweg!“ rief der Koͤnig und griff nach dem Zuͤgel ihres Pferdes.— „Horch! einen Augenblick noch!“ ſagte haſtig Frangoiſe und beugte ſich nach dem Halſe des Thieres, als ob ſie deut⸗ lich hoͤren wolle, was die Leute ſchrieen,—„um Gottes⸗ willen! Franz, hoͤrſt Du? Sie ſchreien Dir Vivat für— fuͤr— das Todesurtheil,— dieſer Greis, wer iſt's?“ „Hinweg! hinweg!“ Und mit dieſen Worten ſpornte er ſein Pferd bis auf's Blut, und riß Francoiſen's Zelter am Zuͤgel mit hinab, ſeitwaͤrts biegend von der Volksmaſſe und uͤber Stock und Stein dahin jagend nach der Stadt, 4* uͤber welcher eben die letzten Strahlen der untergehenden Sonne zitterten. Aber auch hier fand er keine Ruhe; in den dunkelnden Straßen war Alles in Bewegung, und ſaͤmmtliche Glocken laͤuteten, daß man in der Naͤhe der Kirchen wie betaͤubt war. Frangoiſe, oͤfter in Gefahr vom Pferde zu fallen, und fieberiſch aufgeregt durch alle Vorgaͤnge des Tages, rief ihm umſonſt zu wiederholten Malen zu, was vorgehe? und wer der Ungluͤckliche geweſen ſei? was die Aufregung und das Glockengelaͤute bedeute? Er antwortete nicht, und im Laͤrm der galoppirenden Pferdetritte und der uͤberall toͤnen⸗ den Glocken ging es fort und fort durch die immer finſterer werdende, brauſende Stadt. Am jenſeitigen Thore aber, welches nach Corbeil hin⸗ ausfuͤhrte, war der Koͤnig genoͤthigt, einen Augenblick zu halten, weil das Thor ſchon geſchloſſen war. Waͤhrend die Diener vorritten und ſchrieen:„Oeffnet das Thor fuͤr den Koͤnig!“ fand ſie Zeit, einen Trabanten zu fragen.— „Semblangay wird gehenkt, und die Koͤnigin Claude iſt geſtorben,“ antwortete eintoͤnig der Trabant. 10. Die Dinge waren ihrer Entſcheidung nahe geruͤckt; Bourbon belagerte Marſeille, Bonnivet ſelbſt war ange⸗ kommen in Fontainebleau, des Koͤnigs Abreiſe zum Heere ſtand vor der Thuͤr, und vor dieſer Abreiſe mußte das Wich⸗ 5 53 tigſte entſchieden werden. Die Regentſchaftsfrage und die Stellung der Chateaubriant erſchien aber allen Leuten am Hofe das Wichtigſte, und Niemand wußte daruͤber etwas voraus zu ſagen, ſelbſt die Herzogin von Angoulème nicht, obwohl ſie, vom Hötel des Tournelles aus am Sterbetage der Koͤnigin Claude datirt, eine ziemlich poſitive Zuſchrift ihres Sohnes in Haͤnden hatte, daß ſie in ſeiner Abweſen⸗ heit die Zuͤgel der Regierung führen ſolle. Sie kannte ihren Sohn zu gut, als daß ſie ſich mit dieſer Zuſchrift des Aus⸗ gangs ſicher geglaubt haͤtte. Er bindet ſich nicht, ſelbſt nicht durch ſeine eigenen Ausſpruͤche und Beſchluͤſſe, er ge⸗ ſtattet jedem Tage ein neues Recht, und die letzte Stunde vor ſeiner Abreiſe wird erſt entſcheiden, wer die Herrſchaft an ſeiner Statt erhalten wird. So ſprach ſie zu Duprat, der ihr uͤber Semblangay's Ende berichtet hatte, und trug ihm auf, den feinen Praͤlaten Florentin ihr unverzuͤglich nach Fontainebleau zu ſchicken. Sie wußte, daß er in Vin⸗ cennes mit der Graͤfin geweſen, und ſie war der Meinung, von ſeinen Rathſchlaͤgen ruͤhre es her, daß ſich von jenem Tage an eine ſo auffallende, der Graͤfin guͤnſtige Aende⸗ rung zeige im Verhaͤltniſſe des Koͤnigs zu ſeiner Herzdame, eine Aenderung, von welcher die Herzogin in der entſchei⸗ denden Stunde das Schlimmſte befuͤrchtete. Dieſer Flo⸗ rentin alſo muͤſſe um jeden Preis gewonnen werden, damit er eiligſt wieder vernichte, was er geſchaffen. Ach! und das war ſo leicht! Er hatte in Vincennes nicht gerathen, er war ſeiner Milchſchweſter bereits ſo gut wie abtruͤnnig, weil er die Unmacht derſelben zu erkennen glaubte, er hatte von da an den hoͤflichen Verſicherungen 54 der Herzogin bereits ein gefäͤlliges Ohr geliehen, er harrte nur ihrer poſitiven Auftraͤge. Den vollen Grund zu ſagen: Florentin ward durch den Aberglauben, welcher damals mehr als je unter dem hoͤheren Klerus ſyſtematiſch herrſchte, von ſeiner Milch⸗ ſchweſter abgedraͤngt. Alle geheimnißvollen Zeichen waren gegen ſie; je tiefer er eingeweiht wurde durch die Kundig⸗ ſten ſeines Standes in Paris, je feſter und ſicherer er ein Horoskop ſtellen lernte, deſto hoffnungsloſer wurde er fuͤr Francoiſe, und in Folge deſſen auch deſto kaͤlter; denn er verband ſich nur mit dem, was Erfolg verhieß in der Welt. Als er nun auf Duprat's Mittheilung ſogleich hinuͤber⸗ eilte nach Fontainebleau, und, zuerſt in Frangçoiſen's Zim⸗ mer eintretend, den Raben Jacques wieder bei ihr fand, den er ſeit dem Aufenthalte in der Heimath nicht wieder geſehen, da gab der Anblick dieſes Vogels den letzten Aus⸗ ſchlag, wenn es noch eines ſolchen Ausſchlages bedurfte. Jacques, welcher damals die Graͤfin und den Koͤnig nur eine Strecke Wegs begleitet hatte, war jetzt mit Chi⸗ mene nach Fontainebleau gekommen, als dieſes verlaſſene Maͤdchen nach dem Tode der alten Graͤfin Foix eine Zu⸗ flucht bei Frangoiſe geſucht hatte. Bemerkte ſie's nicht, oder wollte ſie es nicht bemerken, daß Frangoiſe ihr abge⸗ neigt, wenigſtens mißtrauiſch gegen ſie geſinnt ſei? Sie ſah und hoͤrte nicht darauf, ſie liebte Frangoiſe, wie ein junges Maͤdchen im Stande iſt, ein aͤlteres mit Schwaͤrme⸗ rei zu lieben. Und wenn ſie ihr den Raben mitbraͤchte, der ihr von Jugend auf angehoͤrt hatte, ſo glaubte ſie ihr eine beſondere Freude zu machen. 5⁵ Florentin, der zuerſt bei der Graͤfin eingetreten war, um ſich erſt an der aufrichtigen Quelle uͤber den jetzigen Stand der Verhaͤltniſſe zu unterrichten, fand weder Fran⸗ goiſe noch Chimene, aber er fand den Raben. Er kannte die verborgene Thuͤr in der Gallerie, und war durch das Semele⸗Cabinet eingetreten; denn wir durfen nicht ver⸗ geſſen, daß er Frangoiſen's Beichtiger war. Als er in den leeren Zimmern zu ſeinem Schrecke nur von Jacques be⸗ gruͤßt wurde, deſſen Ankunft ihm unbekannt geblieben, da fühlte er ſich auf einmal zweifellos beſtimmt, und ging von da ſtehenden Fußes zur Herzogin. Iſt es ſo gar wunderlich, daß ein mit großen Verſtan⸗ deskraͤften ausgeruͤſteter Menſch dergeſtalt gemeinem Aber⸗ glauben unterworfen war? Der herrſchende Ton unter den damaligen Prieſtern erklärt es hinreichend. Außer denen, die immer beſtehen und alle Revolutionen uͤberdauern, das heißt außer den gedankenloſen, welche der hergebrachten Formel blindlings folgen, zerfielen ſie in zwei Theile: ein Theil neigte zur Reform, und der andere Theil entſchaͤdigte das geheimnißvolle Beduͤrfniß, welches den Menſchen in⸗ wohnt und welches die Buͤrgſchaft unſerer hoͤheren Bedeu⸗ tung und ewigen Beſtimmung iſt, durch Hingabe an die Glaubenskuͤnſte aller Zeiten. Solche Glaubenskuͤnſte wer⸗ den Magie und Zauberei genannt, ſobald ſie nicht zu einer gelaͤuterten, das heißt auf einfache Satze zurückgeführten und allgemein angenommenen Religionsform gediehen ſind, oder ſobald ſie ſich in verwegener Speculation von der allgemein angenommenen Religionsform trennen. Solche Parteiung iſt bei allen Volkern, denen eine ausge⸗ bildete Geiſteswelt erreichbar geweſen, und iſt zu allen Zei⸗ ten eingetreten. Prometheus und Siſyphus hat man mit Recht die Fauſte der alten Welt genannt, und Hekate wurde mit ihrem Hofſtaate von Hunden, Schlangen und Scheu⸗ ſalen eine vom Dogma abliegende Koͤnigin der Unterwelt fuͤr die Griechen, eine Zaubermutter, deren Reich Horaz in dem bekannten Verſe meint: Wenn ich die Ueberirdiſchen nicht ruͤhren kann, ſo werd' ich die Unterwelt bewegen! Die Unterwelt wurde uͤberall das weite, unfaßbare Reich der Zaubergewalten. Wie tief hatte Moſes dieſe Gefahr fuͤr den beweglichen Menſchenſinn erkannt, und wie ſtreng hatte er die Theilung der Gottheit, in welcher Theilung er all dieſe Gefahr erblickte, in ſeiner Lehre verdammt. Aber auch ſein Volk entging dieſem Dualismus nicht, welcher im ganzen Oriente herrſchte, und aus der babyloniſchen Ge⸗ fangenſchaft brachten die Juden das Heer der Daͤmonen mit, denen Satan gebietet. Durch allerlei Hinterthuͤren ſtahlen ſich dieſe unmoſaiſchen boͤſen Geiſter in die juͤdiſche Religion, und ſie finden ſich als anerkannte Gewalten vor, als das Chriſtenthum auftritt, welches die Daͤmonen aus⸗ treiben, der alten Schlange, dem Satan, den Kopf zertreten will, und ſie alſo unmittelbar anerkennt. Mehr und mehr traten dieſe feindlichen Gewalten unmittelbar hervor in den ſich ausbildenden Glaubensbekenntniſſen des Chriſten⸗ thums, und der Satan heißt bald uͤberall der Fuͤrſt der Welt. Mit dieſem Gedankengange erbten ſich hundert Tra⸗ ditionen in der Prieſterſchaft fort, wie dieſe boͤſen Maͤchte zu beherrſchen ſeien. Was wir beherrſchen, das iſt uns dienſtbar, was uns dienſtbar iſt, das wollen wir ausbeu⸗ 57 ten,— alſo iſt die Folge im Menſchengeiſte. Die Magie alſo, die Kenntniß geheimnißvoller Gewalten, ward wieder er⸗ richtet unter dem erlaubten Titel der Teufelsbeherrſchung und Teufelsaustreibung, und gegen Ende des fuͤnfzehnten Jahrhunderts war bereits eine ganz ausgebildete Theorie des Zauberweſens vorhanden, deſſen Adepten beſonders aufgeklaͤrte Prieſter waren. Der ſogenannte„Hexenham⸗ mer,“ ein Criminalcodex, nach welchem man Hexen richtete, und aus welchem man ſich zu ſeinem Privatzwecke unter⸗ richtete, iſt ein Zeugniß, wie ausgebildet und bis in's Ein⸗ zelne ausgebildet dieſe Theorie damaliger Zeit war. Und es war dies Zauberweſen damals eines von jenen öͤffent⸗ lichen Geheimniſſen, deſſen Benutzung nur unter gewiſſen beſchwerenden Umſtaͤnden beſtraft wurde. Der aufgeklaͤrte italieniſche Klerus, welcher den Ton angab fuͤr Europa, machte aus ſeinen derartigen Neigungen gar kein Hehl, und Pomponazzi lehrte in Padua und Bologna oͤffentlich Magie, das heißt: die Wiſſenſchaft, das verſiegelte ſymbo⸗ liſch magiſche Hieroglyphen⸗ und Wunderbuch Natur zu entſtegeln. Die bibliſchen Wunder zum Beiſpiel ſchrieb er der natuͤrlichen Magie zu, und die bizarrſten Vorſtellungen, wie man ſich in ein Thier verwandeln oder ſeinen Geiſt ei⸗ nem Thiere einhauchen könne, waren gaͤng und gaͤbe. Daß ſich Adam und Eva an der Schlange verſehen und dadurch den jetzigen Menſchenleib erhalten haͤtten, das war keinem Adepten zweifelhaft. Der Menſch ſei viel ſchoͤner geweſen, und die Schlange wohl auch. Wenigſtens habe ſie auch Haͤnde und Fuͤße gehabt, die ihr nun in die Haut einge⸗ wickelt ſeien wie einem Wickelkinde. Zur Zeit der Wieder⸗ 58 herſtellung aller Dinge, und wenn wir erſt den vollſtaͤndigen Hoͤllenzwang gefunden, dann wuͤrde Alles wieder in ſeine ſchoͤnſte Geſtalt zuruͤckkehren. Tiefſinnige Gedanken alter und moderner Philoſophen waren in Beiſpielen geläͤufig, wie die Vorſtellung vom Baſtlisk zeigt, der durch ſeinen bloßen Blick todtet. Er toͤdte naͤmlich bloß durch die Be⸗ gierde zu toͤdten, welche er in ſeinen Blick zuſammendraͤnge, wie denn der philoſophiſche Gedanke, daß Gedachtes da⸗ durch, daß es gedacht worden, auch zur wirklichen Eriſtenz gekommen ſei, ſchon von Plotin herab der magiſchen Wiſſen⸗ ſchaft eigen war. Wie mußte dies Alles einen von ſonſtigem Glauben entbloͤßten, aber an Phantaſie und Verſtand reichen Mann wie Florentin locken, da er es halb verſchleiert und von den ſtattlichſten Praͤlaten hoch geachtet in Paris vorfand! Mit ſolch einem Glauben fand man ein Beduͤrfniß des Glau⸗ bens ab, deſſen man ſich doch dem ſtets gefürchteten Schick⸗ ſale gegenuͤber nie ganz entſchlagen kann, und tauſchte doch nur einen Glauben ein, den man ſeinem Beduͤrfniſſe an⸗ maß, den man erweiterte oder verengte, je nach Belieben! Florentin wurde ein eifrigſter Adept, um ſo eifriger, je neuer ihm dies Gebiet noch war, je tiefer er es verwachſen glaubte mit der Hierarchie. Und in dieſem erſten Stadium ſeines Glaubens fand er jetzt den Raben bei Frangoiſe, denſelben Raben, der ihr in der Abtei, das wußte er, ſo verhaͤngniß⸗ voll geweſen war. Der Rabe war von erſchrecklicher Wich⸗ tigkeit in aller magiſchen Kunſt!„Dr. Johann Fauſtens Miracul-, Kunſt- und Wunderbuch, oder der ſchwarze Nabe, auch der Dreifache Höllenzwang genannt, womit ich —— —— 59 die Geiſter gezwungen, daß ſie mir haben bringen müſſen, was ich begehret habe, es ſei Gold oder Silber, Schätze groß oder klein, auch die Spring-Wurzel, und was ſonſt mehr dergleichen auf Erden“— dieſes wichtige Buch war in Frankreich und auch ihm bereits nicht bloß dem Titel nach bekannt, und mit Schauer floh er vor dem ihn erken⸗ nenden und verfolgenden Jacques durch die Tapetenthuͤre in die Franz⸗Gallerie hinaus. Die Herzogin Louiſe von Angouléème bewohnte die ab⸗ gelegenſte Seite des damaligen Schloſſes; Florentin hatte über einen Hofplan zu ſchreiten, welcher nach der jetzigen Stadtſeite zu die Wohnung des Koͤnigs begrenzte, und mußte dann durch einen kurzen, aber duͤſteren Bogengang hindurch, um in das von der Herzogin eingenommene Sei⸗ tengebaͤude zu kommen. Sie wohnte gern abgeſondert, denn ſie hatte immer beſondere Dinge vor, welche die neu⸗ gierigen Hofleute nicht ſehen ſollten. Sonſt haͤtte man nicht gewußt, warum ſie dieſen aͤlteſten und engſten Theil des Jagdhauſes von Fontainebleau mit ſchmalen Fenſtern und ſchmalen Gemaͤchern ſich auserwaͤhlt, der vielleicht ſchon von Ludwig dem Heiligen zur Herberge benutzt wor⸗ den war, und der ſpaͤter in dem fuͤnffach eingeſchachtelten Gehaͤuſe von Schloͤſſern Fontainebleau's verſchwunden iſt. Als Florentin eintrat, verabſchiedete ſie eben Bonni⸗ vet, welcher eine junge ſchoͤne Dame an der Hand führte. Bonnivet war es durchaus nicht anzuſehen, daß er eben aus einem hoͤchſt ungluͤcklichen Feldzuge, deſſen übler Aus⸗ gang beſonders ihm zugeſchrieben wurde, heimgekehrt war; der heitre Leichtſinn war ihm eigen wie ſonſt, er kußte der 60 Herzogin bedeutungsvoll die Hand wie ehedem, und fragte mit einem unnachahmlichen Seitenblick auf die junge Dame nach den Befehlen der ihm ſtets gnaͤdigen Louiſe. „Keinen Leichtſinn!“ fluͤſterte dieſe raſch, als ob ſie un⸗ mittelbar auf jenen Seitenblick antwortete,„der Augen⸗ blicke ſind wenig und der guͤnſtige will ergriffen ſein. Mein Sohn badet im rothen Pavillon, und er iſt am guͤnſtigſten geſtimmt fuͤr das Geſuch dieſer Dame, wenn er im Begriff iſt, den Pavillon zu verlaſſen. Seid muthig, Madame, und ſprecht mit voller Hingebung. Adieu! Ihr moͤgt mir Be⸗ richt erſtatten, Bonnivet, ich gehe nicht aus vor Tafelzeit.“ Als Bonnivet mit ſeiner Dame das Zimmer verlaſſen hatte, wendete ſich die Herzogin mit einem lange forſchen⸗ den Blicke zu unſerem jungen Prieſter. Sie ſprach nicht, als ob ſie gefuͤrchtet haͤtte, durch Sprechen die Prüͤfung zu ſtoͤren. Und der verſchmitzte Florentin hatte nicht ſo viel dreiſte Haltung des Auges, wie ſie Kraft der Herausforde⸗ rung beſaß; er ſchlug es nieder und begann das Geſpraͤch gegen ſeine Abſicht. Denn von zwei Unterhaͤndlern iſt der⸗ jenige im Nachtheile, welcher die Rede anfaͤngt, auch wo es ſich nur um Abſchluß laͤngſt beſprochener Dinge handelt. „Die Frau Herzogin haben befohlen“— ſagte denn Florentin, um ihr wenigſtens ſolcherweiſe die erſten Schritte zuzuſchieben. Nicht daß ich wuͤßte! entgegnete ſie läͤchelnd. „Dann bitte ich um Verzeihung, denn es iſt dann ein Mißverſtändniß von Seiten des Herrn Kanzler, auf deſſen Einladung ich heute nach Fontainebleau und hierher ge⸗ kommen bin!“ * — — Habt Ihr Euer Beichtkind ſchon geſprochen? Ihr wer⸗ det ſie ſehr befriedigt gefunden haben von der neuen Koket⸗ terie, die ſie angewendet hat gegen meinen Sohn, und deren Erfindung ich Euch zuſchreibe, um weßwillen Ihr mich er⸗ ſtaunt ſeht uͤber Euren Beſuch. Florentin fuͤhlte nach dieſen Worten keinen Boden un⸗ ter ſich. Frangoiſe war alſo in voller Macht, und er ſelbſt, im Begriff, ſie zu verrathen, war im Begriff, eine Thorheit zu begehen.— Er ſcotterte ungeſchickt einige ablehnende Worte. Die Herzogin huͤtete ſich wohl, ihn zu unterbrechen, und als er ſeine unvollſtändige Phraſe beendigt hatte, fuͤhlte er wiederum den zudringlich pruͤfenden Blick auf ſich ruhen, und die Pauſe dehnte ſich wieder. Ihr ſeid nicht unterrichtet, Herr Praͤlat, ſagte ſte dar⸗ auf langſam, und kommt, mir Euren Rath anzubieten! Ihr ſeid nicht entſchieden, welche Partei Ihr ergreifen ſollt, und kommt, Euch als mein Parteinehmer die Belohnung auszubedingen!— Laßt es gut ſein mit halben Worten, Ihr braucht noch Uebung, um damit zu taͤuſchen, Ihr braucht noch Uebung, nicht getaͤuſcht zu werden. Wenn die Graͤfin wieder in voller Macht waͤre, würde ich Euch, den Schwan⸗ kenden, mit ſolcher Nachricht empfangen? „Ich ſchwanke nicht mehr,“— entgegnete Florentin, der ſich dahin gefaßt hatte, rein mit der Sprache herauszu⸗ gehen,—„ſeit ich am Todestage der Koͤnigin die politiſche Unfaͤhigkeit meines Beichtkindes geſehen, und ſeit ich in der Zukunft geleſen, daß ſie ungeſchuᷣtzt vom Koͤnige zu Grunde gehen werde!“ 62 Ei, find Eure Buͤcher der Zukunft in ſo deutlicher Sprache geſchrieben? „Ich ſchwanke nicht mehr, erlaubt, daß ich endige, ob ich ſie verlaſſen muͤſſe, denn ich diene nur dem, was Macht und Erfolg hat, und nicht dem Vergeblichen. Aber ich weiß noch nicht, wo ich die dauernde Macht an dieſem Hofe ſu⸗ chen ſoll.“ So? Euren Mangel an Klugheit bedeckt Ihr mit Un⸗ hoͤflichkeit. Vielleicht war dieſe Dame, welche eben mit Bonnivet hinwegging, vielleicht war ſie die Maͤchtige der Zukunft? „Der Zukunft? Das iſt wohl moͤglich, aber einer Zu⸗ kunft, die noch zwanzig Jahre Zeit hat, und das iſt Zukunft für den Schwaͤrmer, nicht fuͤr uns.“ Was? Zwanzig Jahre! Das iſt wenigſtens originell, wenn es ſich bloß um Waffen der Jugend und Schoͤnheit handelt! Ihr habt heute keinen guten Tag, Herr Florentin. „Dieſe ſechszehnjaͤhrige Dame hat große Anlagen, aber ſie werden langſam reifen, und jetzt hat ſie nichts als den augenblicklichen Reiz der ſechszehn Jahre.“ Kennt Ihr ſie denn? „Diana von Breze war bei mir, ehe ſie nach Fontaine⸗ bleau kam, und zwar ſchon vor acht Tagen, ehe ich das weltliche Schickſal meines Beichtkindes aufgegeben hatte. Ich hielt ſie aber fuͤr ſo ungefaͤhrlich, daß ich ihr ſelbſt drin⸗ gend gerathen, hierher zu gehen, und daß ich ſie mit guten Nathſchlaͤgen ausgeruͤſtet habe, an den Koͤnig zu kommen, dem Koͤnige zu gefallen, den Koͤnig zu bewegen.“— ———— 63 Hiermit war die Reihe der Ueberlegenheit an Floren⸗ tin gekommen, er hatte das Geheimniß und die Maßregeln der Herzogin uͤberholt. Ihr Stillſchweigen war alſo jetzt von anderer Art, und als ſie es enden wollte, winkte ſie Florentin, einen Seſſel einzunehmen und ſetzte ſich ſelbſt, indem ſie ſprach: Es iſt Schade, daß eine ſichere Ueberein⸗ kunft mit Euch ſo ſchwer, faſt unmoͤglich iſt! „Sicher iſt nur der Tod, und ich bin ſicherer als die Mehrzahl der Menſchen, weil ich mich keinen Leidenſchaften hingebe, und die einzige Neigung, welcher ich nachhaͤnge, von meiner Herrin befriedigt werden kann.“ Welche Neigung iſt's? „Eine hohe Stelle im geiſtlichen Regimente, zunaͤchſt eine biſchofliche.“ Und wer ſie Euch verſpricht, dem dient Ihr treu, bis Ihr ſie habt? „Wer ſie mir verſchafft, dem diene ich treu, ſo lange er mir mit Wahrſcheinlichkeit eine hoͤhere verſchaffen kann.“ Und glaubt Ihr nicht, daß dies die Regentin von Frank⸗ reich koͤnne? 4„Gewiß glaub' ich's.“ Und zweifelt Ihr, daß ich in wenig Tagen Regentin ſein werde? „Nein.“ Ihr habt alſo die Chimaͤre, daß Eure Graͤfin ſo raſch und hoch erhoben werden koͤnne, aufgegeben? „Ich will ſorgen helfen, daß dieſe Hoffnung eine Chi⸗ maͤre geweſen!“ —y 8— Iſt da noch Sorge nöthig? Ich begreife mich ſelbſt nicht, daß ich ſo uͤberſpannte Furcht einen Augenblick habe beruͤckſichtigen können. Mein Sohn ſelbſt hat mich poſitiv daruͤber beruhigt. „Der Koͤnig ſelbſt weiß noch nicht, wie der entſchei⸗ dende Moment auf ihn wirken wird, und was er Euch ver⸗ ſprochen, iſt um ſo unſicherer, wenn Eure vorige Bemerkung aufrichtig gemeint und die Liebesgewalt der Graͤfin neue Gewalt errungen hat. Das kann nur dadurch geſchehen ſein, daß ſich die Tochter der Foir energiſch erhoben, daß ſie die Hinopferung Semblangay's als ein unwuͤrdig Betragen gegen ſie, die ſtets beſchwichtigte Bittſtellerin, geltend ge⸗ macht, daß ſie Erſatz oder Trennung geheiſcht hat. In alle dem iſt der Koͤnig des Irrthums und der Schwaͤche uͤber⸗ wieſen; er ſieht ſie kraͤftiger als er geglaubt, und ſieht ſich in beſchaͤmendem Fehl gegen ſie in Betreff Semblangay's. Er hat alſo gut zu machen, und ein Liebhaber, der gut zu machen hat, uübertreibt immer, keine Entſchaͤdigung iſt ihm groß genug, und hier liegt die groͤßte Entſchaͤdigung zur Hand, die Verleihung der Regentſchaft. Was der Nuͤchterne Chimaͤre nennt, das iſt dem in Leidenſchaft Befangenen das Willkommenſte, eben weil es uͤber das Maß des Herkom⸗ mens hinausragt. Rechnet dazu den Tod der Koͤnigin, der von unermeßlicher Wichtigkeit iſt fuͤr den Charakter und alſo fuͤr den Anſpruch der Graͤfin. Dieſer Tod hat wahr⸗ ſcheinlich zu Wege gebracht, daß ſie, die bis daher ſchuͤch⸗ terne Geliebte, das Haupt erhoben hat, und daß ſie es erſt nach dieſem Todesfalle gethan, muß dem Koͤnige die vor⸗ hergehende ſchuͤchterne Hingebung doppelt im Preiſe ſtei⸗ gern! Nein, Frau Herzogin, die Chimaͤre kann Euch bei dem poetiſchen Sinne des Koͤnigs gefaͤhrlich werden, ſobald noch irgend eine uͤberſpannende Gelegenheit hinzutritt, oder ſobald wir nicht eine herabſtimmende Gelegenheit herbei⸗ fuͤhren.“ Ihr muͤßt Euren Uebertritt werthvoll machen, Praͤlat. „Das iſt er auch, ſelbſt wenn ich Euch nur abrathen wollte von dem Experimente mit der ſechszehnjaͤhrigen Diana, welches Admiral Bonnivet ohne Zweifel vortrefflich leiten wird.“ Und warum abrathen? „Dieſe noch bedeutungsloſe Diana, welche ſich ohne Widerſtand hingiebt, wird im Koͤnige keine andere Neigung erwecken, als wie er die fluͤchtig begangene Untreue der wahrhaft Geliebten beſchoͤnigen und vergelten koͤnne durch blendende Zeichen der Ergebenheit.“ Bei dieſen Worten trat Bonnivet allein in's Zimmer, und ſein faunenhaftes Laͤcheln verkuͤndigte, daß Alles wohl gelungen ſei. 4 Erzaͤhlt! rief die aufſtehende Herzogin, dieſer Prieſter iſt mit uns! „„Das Gluͤck war aͤußerſt guͤnſtig,““ ſprach Bonnivet mit Selbſtgefaͤlligkeit.„„Florio hatte das Bad des Koͤnigs und den Spaziergang der Chateaubriant ſo paſſend einzu⸗ richten gewußt, daß der Koͤnig eben aus dem Pavillon trat, als die Chateaubriant hinten aus dem Walde trat. Sie hat es alſo aus der Ferne geſehen, wie ich die ſchoͤne Brezẽ dem Koͤnige zufuͤhrte, wie ſie ihm zu Fuͤßen fiel und wie er ſte aufhob und in den Pavillon geleitete. Ich habe mir das Laube, Chateaubriant. II. 5 —-— Vergnuͤgen gemacht, ihr den Zuſammenhang zu erklaͤren, die Schoͤnheit der liebenden Tochter Valliers, die gnaͤdige Stimmung des Koͤnigs zu ſchildern, und ihr auf eine, ich ſchmeichle mir, intereſſante Weiſe auseinanderzuſetzen, warum die junge Dame denn doch ganz richtig am Ende vorgezogen habe, ihr Heil ſelbſt zu verſuchen fuͤr die Be⸗ gnadigung ihres Vaters, ſtatt ſich laͤnger auf eine unwirk⸗ ſame Fuͤrſprecherin zu verlaſſen. Solch eine Herzdame iſt aber einzig! Sie bittet fuͤr Semblangay, und er wird ge⸗ henkt, ſie bittet fuͤr Vallier, und wir muͤſſen deſſen ſchoͤne Tochter zur Unterſtuͤtzung der Bitte herbeiholen.““ Ich fuͤrchte, unterbrach hier die Herzogin mit erhobener Stimme den etwas geckenhaft ſich geberdenden Admiral, ich fuͤrchte, Florentin, Ihr habt Recht, und wir haben einen thoͤrichten Streich gemacht! „Den gefaͤhrlichſten von der Welt,“ ſprach dieſer mit Nachdruck,„da er in ſo frivoler Weiſe die Tochter Vallier's groͤblich bloßgeſtellt und die Graͤfin auf die gerechteſte Weiſe entruͤſtet hat. Das war eine paſſende Veranſtaltung, wenn es dem Koͤnige darum zu thun war, eine laͤſtige Geliebte zu verabſchieden. Da aber ſeine Liebe fuͤr ſte in vollſter Kraft ſteht, ſo fuͤhrt dieſe Scene unfehlbar zu nichts Ande⸗ rem, als daß es ihn den leidenſchaftlichſten Scenen mit Francoiſe ausſetzt, Scenen, die mit überſchwenglichen Lie⸗ besopfern Seitens des Koͤnigs, Hand und Krone einbegrif⸗ fen, endigen koͤnnen.“ Mein Gott, Bonnivet, Ihr habt ſeit einiger Zeit kein Gluͤck! Eilt, und beſtimmt den Koͤnig zu eiliger Abreiſe, damit er ohne Verſoͤhnung mit der Chateaubriant und ohne 67 den Einfluß dieſer Verſoͤhnung ſcheide und die letzten ent⸗ ſcheidenden Anordnungen treffe. „„Aber ich verſtehe nicht““— Eilt, erfindet Nachrichten, laßt Marſeille gefallen, Bourbon vor Avignon angekommen ſein, macht, daß mein Sohn heut Abend reiſ't! Hab' ich nicht Recht? fragte die Herzogin beſorgten Ausdruckes Florentin, als Bonnivet das Gemach verlaſſen; denn die Klugheit des Prieſters hatte ihr bereits durch dieſe Proben richtigſter Bemerkung eine Achtung eingefloͤßt, wel⸗ cher ſie bereitwillig ihre eigene Faͤhigkeit unterordnete. Sie wich dem Manne, der klug und ſchoͤn zugleich war, und Florentin war ſcharffinnig und verwegen genug, vorherzu⸗ ſehen, daß er auf dieſem Wege ſelbſt Regent von Frankreich werden koͤnne. Er kuͤßte alſo feurig die dargebotene Hand, und öͤffnete all ſeine Kenntniſſe und Rathſchlaͤge fuͤr gluͤckliche Erledi⸗ gung der bevorſtehenden Kataſtrophe. Und ſeine Kennt⸗ niſſe, taͤglich genaͤhrt durch die Moͤnchspoſt aus allen Thei⸗ len des Reiches, waren unſchaͤtzbar in dieſem Augenblicke; denn er wußte, daß binnen vierundzwanzig Stunden wich⸗ tige und ganz unerwartete Bundesgenoſſen gegen die Graͤ⸗ fin in Fontainebleau eintreffen wuͤrden, Brezeé und Cha⸗ teaubriant. Deshalb billigte er den Plan, des Koͤnigs Ab⸗ reiſe möglichſt zu beſchleunigen. Wenn die entruͤſteten Seigneurs nur einige Stunden freien Zutritt im Schloſſe haͤtten, meinte er, ſo gaͤbe dies einen fuͤr den Koͤnig ſo wi⸗ derwaͤrtigen und namentlich die Graͤfin ſo bloßſtellenden Laͤrm, daß ihm der Gedanke einer Regentſchaft Prursolſen 6 68 voͤllig verleidet und er nur darnach trachten wuͤrde, aus dieſem Chaos hinwegzukommen. Und das Gluͤck des Aberglaubens, das Gluͤck der Ver⸗ wegenheit war auch an dieſem Tage in beſter Laune! Waͤh⸗ rend er noch ſprach, meldete man der Herzogin, welche be⸗ reits die naͤchſten Sorgen der Schloßwacht und Schloßherr⸗ ſchaft verſah, daß die beiden Seigneurs in Fontainebleau eingetroffen ſeien, und daß der Hauptmann der Trabanten um Verhaltungsmaßregeln bitte uͤber Zutritt oder Nicht⸗ zutritt dieſer Herren. Man hindere ſie in nichts, und den Seneſchal Herrn von Brezé führe man zu mir, entgegnete ſie und verabſchie⸗ dete den Diener.— Noch Eins] ſetzte ſie hinzu, Florio, Bonnivet's Diener, ſoll zu mir kommen. Entwickelt mir, ſprach ſie hierauf zu Florentin, Eure Vorſtellungen, wie der Hergang im Einzelnen am beſten zu veranlaſſen ſei. Ich erkenne den Vortheil nicht, welchen Chateaubriant's Anweſenheit bringen kann,— Breze iſt ein Hofmann und hat weder als Widerſtand noch als Foͤr⸗ derung viel zu bedeuten,— aber es iſt mit Chateaubriant's Anweſenheit auch unmittelbare Lebensgefahr verbunden! „Glaubt Ihr, daß die todte Francoiſe gefaͤhrlich ſei?“ Ach!— 3 „Da ſie nicht ſiegen konnte neben dem Koͤnige, ſo er⸗ wartet ſie jedenfalls fruͤh oder ſpaͤt Jammer und Elend; ein raſches gewaltſames Ende iſt ihr eine Wohlthat.“ Nicht doch, was kuͤmmert ſie mich! Mein Sohn kann aber gefaͤhrdet ſein von der Brutalitaͤt des bretoniſchen Grafen! 69 „O nein! Nach alle dem, was ich hoͤre, iſt dieſer Seig⸗ neur zur Haͤlfte Polterer und ermangelt des nachdruͤcklichen Kerns. Er raͤcht ſich an ſeinem Weibe, das iſt Alles. Und wir koͤnnen zuthun, daß er dem Koͤnige nicht zu nahe komme.“ Und der Hergang? „Ich denke mir ihn ſehr einfach: die Graͤfin, entruͤſtet üͤber den Koͤnig, laͤßt dieſen um keinen Preis zu ſich, und erfaͤhrt nichts von der bevorſtehenden Abreiſe, wir aber laſ⸗ ſen den Grafen Chateaubriant zu ihr, und erwarten, was ſich zwiſchen ihnen begiebt.“ Die Herzogin, belebt und geroͤthet durch die Verhand⸗ lung einer fuͤr ſie ſo wichtigen Intrigue, bat Florentin, ihr in ein kühleres Gemach zu folgen, und ſchritt ihm voraus, laͤchelnd und heiter. 3 Frangoiſe war um dieſelbe Zeit in Verzweiflung. In Folge der Todestage der Koͤnigin und Semblangay's war unerwartet ein neues Leben in ihr Verhaͤltniß zum Koͤnige gekommen. Dem Aufſchwunge ihres Charakters gemaͤß, welchen ſie an jenem Tage gewonnen hatte, war ſie, obwohl tief verletzt durch die Nichtbeachtung ihrer Semblangay'⸗ ſchen Fuͤrbitte, zu ſtolz geweſen, auch nur ein Wort der Klage gegen den Koͤnig auszuſprechen. Er dagegen, ſeines Unrechts ſich bewußt, und erniedrigt durch die ſtolze Hal⸗ tung Frangoiſen's, hatte all die ſchoͤnen Anlagen ſeines ritterlichen Herzens erregt gefuͤhlt, hatte ſich dem Tadel gegen ſich ſelbſt mit der liebenswuͤrdigſten Aufopferung 70 hingegeben, hatte mit Uebertreibung und mit poetiſcher Erfindung ihr aufgezaͤhlt, was er Alles gegen ſie unterlaſ⸗ ſen, was er Alles gegen ſie begangen habe, war mit einem Worte hinreißend geweſen. Du ſollſt mir nicht vergeben, hatte er ſie unterbrochen, als ſie ſeinen Selbſtanklagen Ein⸗ halt thun wollte, Du ſollſt mir wenigſtens nicht ſogleich vergeben! Buße ſollſt Du mir auferlegen, ſtrenge und ſchwere, und erſt wenn ich ſie wuͤrdig ertragen, moͤgeſt Du meine Bitte anhoͤren und entſcheiden, ob ich wieder zu Gna⸗ den aufgenommen werden koͤnne an der Pforte des Semele⸗ Zimmers! Francoiſe war ſelig geweſen. Ihr Ideal zeigte ſich ge⸗ rechtfertigt, fuͤr Vergangenheit und Zukunft glaubte ſie nun zu wiſſen, alle Stoͤrungen ihrer Liebe ſeien nur aͤußerliche! Und der Aufſchwung ihres weiblichen Stolzes war ihr nun auch gerechtfertigt. Sie hatte wohl mitunter gezweifelt, ob er aus ihrem reinen Herzen, oder ob er nicht vielmehr aus eigennüͤtzigem, ihrer Liebe unwuͤrdigem Triebe ent⸗ ſprungen ſei! Aber ſie ſah nun eine ſo ſchoͤne Wirkung deſ⸗ ſelben, ſie hoͤrte vom Konige ſelbſt, daß dieſer Aufſchwung ihm ein praͤchtiges Gluͤck ſei, das ihn vor Selbſtvergeſſen⸗ heit jetzt und in Zukunft bewahren ſolle. Wie liebte ſie ſich deshalb, daß auch in ſchlimmer Lage und bei gewaltſamem Anſtoße, den ſie ſich ſelbſt gebe, nur Wuͤrdiges von ihr aus⸗ gehe! Und was iſt es ein Gluͤck, ſich ſelbſt lieben, ſeinem Naturel, des Adels ſicher, vertrauen zu koͤnnen! Haͤtte nicht der Koͤnig, dem Alles eine kuͤnſtleriſche Rundung erhalten mußte, mit Entſchiedenheit darauf ge⸗ drungen, von ihrer Huld mindeſtens eine Woche lang aus⸗ geſchloſſen ſein zu muͤſſen, o, ſie haͤtte ihn ja feuriger als je in die Arme geſchloſſen bei jener naͤchtlichen Ruͤckkehr nach Fontainebleau! So war das Verhaͤltniß geweſen bis zu jenem entſchei⸗ denden Tage. Franz hatte bis zu dieſem Tage ſtreng Wort gehalten mit anſpruchloſer Befliſſenheit, und noch am Mor⸗ gen dieſes Tages hatte er ihr ein zaͤrtlich Billet geſchrieben in naiven Verſen Marot'ſcher Gattung, welche die Bitte ſchuͤchtern genug ausdruͤckten, ob er heute Abend nach der Tafel die Pforte des ſchlafenden Nymph befreit vom inne⸗ ren Riegel finden, und ihr ſein reuiges Herz zu Fuͤßen legen duͤrfe. Die Ankunft Chimenen's, welche Guernard vom Schloſſe Foix bis Fontainebleau begleitet hatte, war der Graͤfin in ſolcher Stimmung ganz willkommen geweſen. Es draͤngte ſie, Jemand wohlzuthun. Sie vergaß ihr Miß⸗ trauen gegen das in der That unſchuldige Maͤdchen, welches mit ſchwaͤrmeriſcher Neigung an ihr hing, und lieber zu ihr, die ſie immer zuruͤckgedraͤngt, als heim nach Spanien gewollt hatte, da ihr Aufenthalt im Schloſſe Foix ſeit dem Tode der alten Graͤfin unpaſſend geworden war. Chimene, ein ſonſt verſchloſſenes, ſchweigſames Kind, druͤckte ihre Hingebung an Francoiſe ſo ſtark und innig aus, und zeigte ſich ſo gereift, daß Francoiſe eine Vertraute, die ſie bis daher nicht gehabt und freilich auch nicht entbehrt hatte, gefunden zu haben glaubte. Das uͤberſchwengliche Gluͤck draͤngt ja am Meiſten zur Mittheilung. Daß Koͤnig Franz aber am letzten Tage liebeheißer Erwartung, mit der es ſeinem Herzen innigſter Ernſt war, 72 daß er an ſolchem Tage freche Untreue begehen konnte, wer erklaͤrte es nicht aus der koͤrperlichen Leichtfertigkeit ſinn⸗ licher Maͤnner, die am Schwaͤchſten ſind, je laͤnger ſie des Kuſſes ihrer Geliebten entbehrt haben, und je naͤher ſie die heiß erſehnten Kuͤſſe der Geliebten vor ſich ſehen! Uebri⸗ gens muß zu des Koͤnigs Entſchuldigung bemerkt werden — wenn ſein, ſolcher Untreue ganz angemeſſenes Naturel der Entſchuldigung bedarf— daß Niemand mit Gewißheit hat behaupten koͤnnen, Koͤnig Franz habe Diana von Brezo in jenem Pavillon aufgenommen, wie Bonnivet es dar⸗ ſtellte. Man weiß nur, daß er ihr die Begnadigung ihres Vaters Jean von Poitiers, Grafen von St. Vallier an je⸗ nem Tage bewilligte, und man weiß nur, daß ſie ſich ſpaͤter der Umarmung eines Koͤnigs nicht abgeneigt zeigte. Den Namen ihres Gemahls aufgebend, iſt ſie als Diana von Poitiers unwandelbare Lebensgefäͤhrtin Heinrich's des Zweiten, Koͤnigs von Frankreich geworden, welcher ein Sohn war Koͤnigs Franz. Ob ſie um deßwillen eine Um⸗ armung dieſes Letzteren ſtets in Abrede geſtellt hat, da eine ſolche jeglichem moraliſchen Gefuͤhle peinlich und dem Koͤ⸗ nige Heinrich doppelt peinlich ſein mußte, das iſt nicht zu entſcheiden. Frangoiſe von Chateaubriant aber, welcher die Begnadigung Jean von Poitier's bisher verſagt wor⸗ den, und welche unter ſolchen Umſtaͤnden erfuhr, ſie ſei der Diana von Breze bewilligt, Francoiſe, ſelbſt in leiden⸗ ſchaftlicher Liebe, konnte nicht zweifeln an ſchreiender Un⸗ treue, und verbrachte die andere Haͤlfte jenes Tages in faſt beſinnungsloſer Verzweiflung. Als der Tag ſich neigte und es dunkel wurde, lag ſie — 73 auf einem Ruheſitze in jenem Zimmer, welches an das Se⸗ mele⸗Cabinet grenzte. Ihre Thraͤnen waren verſiegt, auf⸗ geloͤſ't hing ihr ſchwarzes Haar uͤber das verweinte und von Schmerz entſtellte Geſicht, uͤber die ſtuͤrmiſch arbeitende Bruſt herab. Chimene, welche Bonnivet's giftigen Bericht unten im Garten mit angehoͤrt hatte, war zu ihr getreten, und hatte um irgend etwas Troͤſtliches zu ſagen, ihre Hand ergriffen. Aber jetzt war ihr, der Unglücklichen, wiederum gegenwaͤrtig, was ihr in den Tagen des Gluͤcks keiner Be⸗ achtung werth geſchienen hatte: daß ihr naͤmlich dieſe Chi⸗ mene uͤberall Ungluͤck gebracht habe, uͤberall! Entſetzt ſtieß ſie die Hand des armen und ihr ſo wohlwollenden Maͤd⸗ chens von ſich! Ach, und wir ſind alle ſo, und die tiefſinni⸗ gen Gruͤbler weiſen uns nach, daß wir ein Recht zu dem Glauben an glüuͤckliche und unglͤckliche Haͤnde neben uns haben. Denn der Rapport zwiſchen den Menſchen wirke ringsum in der Welt wie auf elektro⸗magnetiſcher Kette, und die zuſammen paſſenden Geſchoͤpfe foͤrderten, die un⸗ paſſenden verduͤrben einander das Schickſal. Waͤhrend deſſen klopfte es an der Thuͤr, welche das Zimmer mit den andern Gemaͤchern der Graͤfin verband. Traurig ging Chimene hin um nachzuſehn; Frangoiſe aber ſprang auf, eilte in das Semele⸗Cabinet hinein, und druͤckte den Riegel an der Tapetenthuͤr, der uͤbrigens vorgeſchoben war, wo moͤglich noch feſter in ſeine hemmende Lage. Nicht um die Welt mochte ſie den Mann, welcher ihr Herz und ſeine eigene Liebe ſo arg verrathen, jemals wieder durch dieſe ihr bis dahin ſo reizende Thuͤr eintreten ſehen. In der That war es eine Nachricht vom Koͤnige, welche 74 Chimene im vorderen Zimmer gefunden hatte, die Einla⸗ dung zu einem naͤchtlichen Gaſtmahle, und die Kunde, von dieſem Gaſtmahle hinweg mitten in der Nacht gehe der Koͤnig zum Heere. „Sage dem Diener, ich ſei krank— nein, nicht krank! Ich will nicht krank ſein, ich will ihm wenigſtens nicht ſel⸗ ber ſagen laſſen, daß ich krank ſei um ſeinetwillen. Sage einfach, ich koͤnne nicht! Sage, was Du magſt, es iſt nichts mehr zu verderben, das Leben iſt aus!“ Als Chimene die Thuͤr oͤffnete, um hinaus zu gehen, ſtand Budè, der unterdeſſen angekommen, auf der Schwelle, und Francoiſe, die ſeiner anſichtig geworden, ſtuͤrzte ihm entgegen, fiel an ſeine Bruſt und weinte bitterlich. Bude ſuchte ſie zu beruhigen, aber er ſteigerte dadurch nur ihren Schmerz.— „Ihr fragt nicht— ſchrie ſie auf— Ihr fragt nicht, warum ich weine? Ihr wißt es alſo, es iſt alſo oͤffentlich! Jedermann weiß es! O Barmherzigkeit!“ Nein, liebe Graͤfin, nein, es iſt nicht oöͤffentlich! Bon⸗ nivet, dem es ein Vergnuͤgen iſt, mich zu kraͤnken, und der Euch abgeneigt iſt, weil Ihr Euch niemals ihm geneigt be⸗ wieſen habt, Bonnivet hat es mir mit ſeiner gemeinen Schadenfreude zugefluͤſtert. Frangoiſe, hoͤret den Koͤnig! Es iſt wahrſcheinlich nicht wahr, es iſt wahrſcheinlich nur eine Kriegsliſt Eurer Gegner, um Euch wenige Stunden vor der Abreiſe des Koͤnigs mit dieſem zu entzweien, damit er keinerlei Anordnungen fuͤr Euch treffe waͤhrend ſeiner Abweſenheit.— „O guter Budé, ſo iſt es nicht. Mit meinen eigenen Augen hab' ich ſie zu ſeinen Fuͤßen geſehen unten vor dem Pavillon! Er erfuhr ihre Bitte, er ſah ihr Flehn, er kennt die Angelegenheit Jean von Poitier's bis auf die geringſte Nebenſache— was braucht er ſie in den Pavillon zu fuͤh⸗ ren, wenn nicht— geht, geht, laßt mich allein! Es toͤdtet mich davon zu reden!“ Ich gehe zu ihm und dringe auf Wahrheit! Damit entfernte ſich Budé nach der Seite, von welcher er gekommen war, und Francoiſe lag wieder regungslos und vor ſich hinſtarrend auf dem Ruheſitze. Es war all⸗ maͤhlig ganz dunkel geworden, Chimene, nicht ſowohl ver⸗ letzt als traurig, kam nicht wieder zu ihr, die Graͤfin blieb eine lange Zeit allein im finſtern Gemache, deſſen hohe Fenſter erſt oben am Geſims leiſe gefaͤrbt wurden vom auf⸗ gehenden Monde. Der Mond kam immer ſpaͤter in die Ge⸗ maͤcher von Fontainebleau, weil er erſt den hohen Wald zu uͤberſteigen hatte. Ach, dieſe beneidete Graͤfin, welcher die politiſchen Zuſchauer nach Claude's Hintritte die Krone Frankreichs zutheilten, ſie war die ungluͤcklichſte Creatur im koͤniglichen Luſtſchloſſe Fontainebleau. Sie dachte nichts, die Gedanken fuhren kreuzweis wie Schwerter in ihrem Sinne umher, und vernichteten einander, ſie empfand nur, und ſie empfand nur Schmerz. Da— was begegnet ihr? — da weicht mit einem Male das Zittern aus ihren Glie⸗ dern, ſie ſpannen ſich, und der ganze Koͤrper ſpringt auf, geſpannt horchend.— Der Tritt des Koͤnigs iſt es, der eiligſt uͤber die Franz⸗ Gallerie ſchreitet, und den ſie erkennt, ach ſo genau erkennt. Jetzt iſt er am ſchlafenden Nymph, er druͤckt an der Feder, umſonſt!— er ruͤttelt, umſonſt!— Da ruft er, und durch die Spalte kommt ihr deutlich die Stimme zu, der Name, den er ruft, ihr Name, Frangoiſe! Wunderbar war ſie anzuſchaun bei dem ſchwachen Monddaͤmmer, der ſich allmaͤhlig im Zimmer verbreitete: vorgebogenen Leibes, den nur ein leichtes weißes Gewand duͤrftig verhuͤllte, vorgeſenkten Armes, der eine ſchoͤne Linie bildete von der laͤnglichen, glaͤnzenden Schulter herab, die kleine Hand zur Fauſt geballt, das Auge blitzend, man weiß nicht, ob von Zorn allein, der Koͤrper leiſe, kaum merklich bebend! Wer aber das Antlitz deuten konnte, auf welches mehr und mehr ein blaſſer Ruͤckſchein des Mondſchimmers fiel, dem wurde es offenbar: dieſe ſchmerzlichen Linien um den Mund ſie verrathen mitten durch allen Zorn hindurch die unzerſtoͤrbare Liebe, und wenn der Koͤnig noch mehr⸗ mals ruft, ſo ſiegt die Liebe, und Francoiſe oͤffnet;— der König wiederholt ſeinen Ruf, und pocht dabei an die Thuͤr! Dies Pochen verletzt ſie, ihre Augenbrauen ziehen ſich zu⸗ ſammen, das Beben der Glieder erſtarrt zur Unbeweglich⸗ keit.— Da oͤffnet ſich die Thuͤr zu den innern Gemaͤchern, und Guernard leuchtet mit Kerzen Florentin voraus, der unge⸗ meldet hinter ihm eintritt. Die Graͤfin ſchreit auf, und be⸗ deckt ſich das Geſicht mit den Haͤnden:„Hinweg mit den Kerzen! Sie zerſtoͤren mir das Augenlicht!“ Florentin hatte nichts dagegen, im Mondesdaͤmmer mit der Graͤfin allein zu ſein, obwohl ihn nichts weniger als Liebesgedanken daher fuͤhrten. Einmal zur Partei⸗ 77 nahme gegen ſie getrieben, hatte er nur raſche, ent⸗ ſcheidende Mittel vor Augen, und er hatte Viel erfah⸗ ren und Viel vorbereitet in der letzten Viertelſtunde; zuerſt die Nachricht, es ſeien nicht bloß Bonnivet's er⸗ kuͤnſtelte Beſorgniſſe vorhanden, um den Koͤnig noch in dieſer Nacht zum Heere zu rufen, ſondern Brion ſei eingetroffen von Lyon mit der beunruhigenden Kunde über die Fortſchritte der Feinde, uͤber die unerlaͤßliche Nothwendigkeit, daß der Köoͤnig ſelbſt in Lyon, dem Sam⸗ melpunkte eines neuen Heeres, erſcheine, wenn dieſes Heer überhaupt zuſammen komme, und wenn der Adel in Beaujolais, Bourbon und der Auvergne nicht offen auf⸗ treten ſolle fuͤr den heranruͤckenden Konnetable. Daß der Koͤnig alſo ſcheide, war nicht mehr zweifel⸗ haft; daß er vor ſeiner Abreiſe ferner durch einen nun oͤffentlich ausgedruͤckten Machtſpruch die Regentſchaft be⸗ ſtimmen werde, war ebenfalls gewiß: die Feierlichkeit und das Bankett waren bereits angeſagt. Daß man in Betreff der Graͤſin des Ausgangs nicht ſicher ſei, ſobald noch eine Viertelſtunde uͤbrig bleibe zur Verſoͤhnung zwiſchen zwei Liebenden wie Franz und Frangoiſe, das war dem Prieſter nur allzu deutlich, ſeit er im Voruͤbergehen wenige Worte einer Scene zwiſchen dem Könige und Bonnivet angehoͤrt hatte. Es waren noch nicht fuͤnf Minuten verfloſſen, ſeit er durch die offenſtehende Thuͤr jene Worte gehoͤrt, und des Koͤnigs furchtbare Stimmung daraus erkannt hatte, furcht⸗ bar gegen Bonnivet, furchtbar fuͤr alle die, welche mit all ihrem Heile an die Regentſchaft der Herzogin gefeſſelt waren. Der Koͤnig naͤmlich zeigte ſich unterrichtet von der Mittheilung und Deutung, welche Bonnivet der Graͤfin uͤber das Rendezvous mit Diana gemacht, wahrſcheinlich war er im Augenblicke vorher durch den von der Graͤfin kommenden und noch neben ihm ſtehenden Budoé unterrichtet worden, er war purpurroth vor Zorn geweſen und hatte die Hand an den Degen gelegt, als wolle er Bonnivet uͤber den Haufen ſtoßen.— Er wird nun zu ihr dringen, hatte Florentin weiter eilend gedacht, er wird ſie, verſoͤhnt oder nicht verſoͤhnt, auf den Thron ſetzen, um ihr einen außerordentlichen Be⸗ weis ſeiner Neigung zu geben, und wenn dies nicht ver⸗ hindert oder in gefaͤhrliches Zuſammentreffen anderer Art verwandelt werden kann, ſo iſt die Schlacht für uns ver⸗ loren! Alſo denkend war er durch die Vorzimmer geeilt, um uͤber Hof und Garten— denn es gab außer durch die Franz⸗Gallerie keine andere unmittelbare Verbindung mit den Gemaͤchern, die Frangoiſe bewohnte— in die Woh⸗ nung der Graͤfin zu dringen und dieſe zu ſtimmen und der⸗ geſtalt unnahbar zu machen, wie es ihm paſſend erſcheinen wuͤrde. In den Vorzimmern hatte er Florio angetroffen, mit welchem er ſchon bei der Herzogin den Hauptſchlag der Intrigue eingeleitet, und hatte ihn beauftragt, nach Ver⸗ lauf einer Viertelſtunde an's Werk zu gehn, denn nach Verlauf einer Viertelſtunde werde die Tapetenthuͤr am Se⸗ mele⸗Cabinet geoͤffnet, das heißt zum Oeffnen aufgerie⸗ gelt ſein. Florio naͤmlich, deſſen Verſchmitztheit in wenig Wor⸗ ten ein hinreichender Ueberblick im Zimmer der Herzogin 79 gegeben worden, hatte es uͤbernommen, den Grafen Cha⸗ teaubriant durch die Franz⸗Gallerie an die Tapetenthuͤr, durch die Tapetenthuͤr in die Gemaͤcher der Graͤfin einzu⸗ führen, wenn ihm von Herrn von Breze's eigener Hand⸗ ſchrift ein Zettel ausgeſtellt würde, des Inhalts:„Ver⸗ traue dieſem Manne, er iſt auf unſerer Seite.“ Dieſen Zettel hatte der Seneſchal auf die Verſicherung der Herzogin, er ſolle nur dafuͤr dienen, den Grafen in die Gemaͤcher ſeiner Frau zu bringen, ausgeſtellt, beſon⸗ ders da man hinzuſetzen konnte, das Verhaͤltniß zwiſchen dem Koͤnige und der Graͤfin ſei in dieſem Augenblicke der⸗ maaßen zerſtoͤrt, daß die perſoͤnliche Erſcheinung des Gra⸗ fen Chateaubriant bei ſeiner Frau wahrſcheinlich hinrei⸗ chend ſein werde, dieſe zur augenblicklichen Ruͤckkehr mit ihm nach der Bretagne zu veranlaſſen. Mit dieſem Zettel und einer Maske vor dem Geſichte, welche bei ſo gefaͤhrlichem Dienſte nicht auffallen konnte, und welche wegen des fruͤheren Zuſammentreffens zwiſchen ihm und Chateaubriant dem Italiener noͤthig ſchien, hatte dieſer Florio es uͤbernommen, den bretoniſchen Seigneur anzutreten, ſobald ihm Florentin den Zeitpunkt bezeichnen wuͤrde, und ihn an Ort und Stelle zu fuͤhren. Der Tod der Koͤnigin, die bevorſtehende Abreiſe des Koͤnigs und die damit verbundene Regentſchaftsernennung hatte eine große Menge Seigneurs nach Fontainebleau geführt, und Graf Chateaubriant konnte ſich wohl von irgend einem derſelben eines ſolchen Freundſchaftsdienſtes verſehen, und es auch begreiflich finden, daß ein Edelmann die Hand böte zur 80 Schlichtung eines den Haus⸗ und Landesfrieden ſtoͤrenden Verhaͤltniſſes, ohne doch dafuͤr ſeine perſoͤnliche Mitwir⸗ kung offenen Geſichtes eingeſtehen zu wollen. Es bedurfte alſo nicht einer uͤbergroßen Courage Florio's zur Ueber⸗ nahme dieſes Auftrags, und ſeigneurmaͤßig aber un⸗ ſcheinbar gekleidet, machte er ſich alſo flugs nach Floren⸗ tin's letzter Ordre auf, den Grafen Chateaubriant aus einem der Sommerhaͤuſer, welche ſeit einigen Jahren fuͤr Unterkunft fremder Herren nahe am Schloſſe entſtanden waren, rufen zu laſſen, und ihm mit halber Stimme, ge⸗ ſtuͤtzt auf den Empfehlungszettel, ſeinen Dienſt anzutragen. Er war vorſichtig genug, ſeinen Herrn, den der Ko⸗ nig eben verlaſſen hatte, von dem zu unterrichten, was vorgehn ſolle, und dieſer, obwohl voller Wuth uͤber den ſchmaͤhlich ausgedrückten Zorn des Koͤnigs, war doch Guͤnſt⸗ ling genug, dieſe Gelegenheit fuͤr einen dem Koͤnige wahr⸗ ſcheinlich nothwendigen Dienſt zu ergreifen. Denn er hatte geſehn, daß der Koͤnig von ihm hinweg ſeinen Weg gegen die Franz⸗Gallerie hin genommen, und ſetzte voraus, da er ſoeben von Florio die Exiſtenz der Tapetenthuͤr erfuhr, der Koͤnig ſei zur Chateaubriant geeilt, und es koͤnne ſich ein gefaͤhrliches und ihm, dem Bonnivet, doch willkom⸗ menes Zuſammentreffen zwiſchen dem Koͤnige und dem Grafen Chateaubriant ereignen. Willkommen, denn es ſetze den Koͤnig in einige Gefahr und in ſichre Verlegen⸗ heit, ſtrafe ihn alſo auf der Stelle fur ſeine Schmaͤhung⸗ gegen Bonnivet, und es gebe ferner Gelegenheit fuͤr Bon⸗ nivet, ſich unerwartet und hoͤchſt erwuͤnſcht fuͤr den Koͤnig dienſtbar und hilfreich zu erweiſen. — —e e 81 Dies Alles bereitete ſich vor, als Florentin bei der Graͤfin eintrat. Da mit dem Verſchwinden Guernards, der die Lich⸗ ter wieder mit ſich nahm, eine Pauſe eintrat, ſo hoͤrte er das wiederholte Rutteln an der Tapetenthuͤr. Vermuthend dies ſei der Koͤnig und eines Vorwandes beduͤrftig, hin⸗ aus an den Riegel zu kommen und dieſen fuͤr die ſpaͤtere Ankunft des Grafen Chateaubriant zuruͤck zu ſchieben, er⸗ griff er dieſe Veranlaſſung und trat in das Cabinet, in⸗ dem er leiſe zu Frangoiſe ſprach: „Du wirſt ihn doch nicht ſehen wollen, nachdem er ſich ſo unwuͤrdig betragen?!“ Um Gotteswillen nicht! Um Gotteswillen laß den Riegel unberuͤhrt! 4 „Sei ohne Sorge; ich will die Thuͤr unterſtuͤtzen, daß ſie nicht einer Gewaltſamkeit weiche.“ Und ſo trat er hinauf dicht an die Thuͤr, ſein Ohr daran lehnend und horchend, ob der Koͤnig ſich entferne, waͤhrend Frangoiſe, über des Prieſters Abſicht beruhigt, in das groͤßere Zimmer zuruͤckgegangen war.— Er hoͤrte den ſich entfernenden und ſchallenden Schritt des Koͤnigs, welcher nach der gegenuͤberliegenden Fluͤgelthuͤr der Galle⸗ rie ſich verlor, und als Florentin vernahm, daß dieſe Fluͤ⸗ gelthuͤr in's Schloß geworfen wurde, da zog er leiſe den Riegel auf, und ging zuruͤck in's Zimmer der Graͤfin. Eine nochmalige Ruͤckkehr des Koͤnigs war ihm unwahr⸗ ſcheinlich, und das Ziel der Ueberredung, welche er vor⸗ hatte, glaubte er nun dahin ſtecken zu muͤſſen, daß es un⸗ vertraͤglich mit der Wuͤrde Frangoiſens ſei, in der naͤchſten Laube, Chateaubriant. II. 6 82 Zeit oͤffentlich zu erſcheinen. Daß damit nur der heu⸗ tige Abend und die einbrechende Nacht gemeint ſei, brauchte nicht erwaͤhnt zu werden. Fuͤr den Fall, daß Frangoiſe die ſo nahe bevorſtehende Abreiſe des Koͤnigs ſchon erfahren hatte oder noch erfuhr, durfte ſeines Er⸗ achtens nur das unverzeihliche Betragen des Koͤnigs in grelles Licht geſtellt werden. Er ſetzte alſo in ſeiner An⸗ rede die Untreue des Koͤnigs und die ſkandaloͤſe Oeffent⸗ lichkeit derſelben am heutigen Tage wie eine unzweifelhafte Sache voraus, und fuͤgte die Frage hinzu, was die Graͤ⸗ fin in ſolcher zum Aeußerſten geſteigerten Lage zu thun ge⸗ denke? Frangoiſe ſchwieg. Sie lag mit dem Haupte auf der Lehne des Ruhefitzes, und der finnliche Prieſter ſah mit Neid und Luͤſternheit auf den ſtolzen Nacken, der von dem unterdruͤckten Schluchzen der armen Frau zu zucken ſchien. Mit Neid, weil er dieſe junge, kraͤftige Schoͤnheit mit der welkenden Louiſens von Angouleème verglich. Die Hoffnung tauchte ihm wieder auf, welche er in der Geno⸗ feven⸗Abtei ſo raſch hatte aufgeben muͤſſen, und er fing an zu bedauern, daß er dem rohen Grafen die Bahn ge⸗ ebnet— vielleicht koͤnnte er die zerſchmetterte Frau, wenn ſie heute noch einige Stunden vom Koͤnige getrennt gehal⸗ ten wurde, dahin bewegen, hinter Kloſtermauern von Neuem eine Zuflucht zu ſuchen, und vielleicht gelaͤnge es ihm mit der Zeit— Aber er unterbrach ſeinen eigenen Gedankengang; denn die Zeit der Einwirkung war ihm karg zugemeſſen. 83 „Frangoiſe“— hob er feierlich an—„was beſchlie⸗ ßeſt Du fuͤr Deine Zukunft?“ Francoiſe ſchwieg. „Ich habe das Ungluͤck gehabt“— fuhr er fort— „bei dem Eintritte in Deinen jetzigen Lebenskreis wirkſam geweſen zu ſein; ich werde Zeitlebens daran buͤßen. Aber ich that's, weil ich einen großen Wirkungskreis Dir geoͤff⸗ net glaubte, und weil man ein Unrecht gegen Einzelne wohl begehen darf, um große Zwecke zu foͤrdern. Es iſt anders geworden: Du haſt Deinen Gatten gefaͤhrlich ver⸗ letzt, haſt alle haͤuslichen Pflichten hinter Dich geworfen, haſt das Aergerniß der Geſellſchaft aufgeweckt, haſt durch uͤbles Beiſpiel unberechenbar geſchadet, und— haſt fuͤr alle das keinerlei Erſatz geboten. Du haſt Deine Aufgabe nur als eine Aufgabe Deiner perſoͤnlichen Neigung, Dei⸗ nes perſoͤnlichen Vortheils angeſehen, und haſt nicht der Kirche, nicht dem Staate, nicht einmal ungluͤcklichen Bittſtellern irgend einen Vortheil, irgend eine Hilfe zu verſchaffen gewußt; ja, in dieſer beſchraͤnkten, in dieſer eigennuͤtzigen Auffaſſung Deiner Lage haſt Du ſogar die Sicherheit und Dauer Deines perſoͤnlichen Verhaͤltniſſes ganz und gar nicht zu ſchuͤtzen verſtanden. Frangoiſe, Du biſt Deiner Aufgabe nicht gewachſen! Wo man keine Tu⸗ gend ſucht, da erwartet man wenigſtens Klugheit, wo man weder Tugend noch Klugheit findet, da erwartet man wenigſtens Gluck, das beſchwichtigende Gluͤck der Welt! Nichts von alle dem iſt hier vorhanden;— was iſt nun allein noch uͤbrig, um vor dem gemeinen Looſe der Gedan⸗ kenloſigkeit zu bewahren? Der Stolz, Frangoiſe, der 6* Stolz allein! Habe ihn! Wiſſe zu endigen! Rie ſehe dieſer Koͤnig Dein Antlitz wieder, und kein gleichguͤltiger Zuſchauer ſei im Stande, Dir ſein laͤchelndes Bedauern auszudruͤcken. Hier iſt meine Hand, um dieſem Stolze, welcher Dir Noth thut, behilflich zu ſein! Ich fuͤhre Dich von hinnen in eine ſtille Verborgenheit, wohinein kein Ton dringen ſoll, kein Hauch dieſer fuͤr Dich vergifteten Welt! Ergreife meine Hand! Je fruͤher Du fliehſt, deſto edler, deſto leichter iſt Deine Flucht!“ Francoiſe hatte ſich erhoben, und ſie ſchien bereit, ſich mit ihm nach der Thuͤr zu wenden, welche durch ihre Ge⸗ maͤcher hinausfuͤhrte in's Freie; aber wer moͤchte entſchei⸗ den, welche Regung in ihr die vorherrſchende geweſen ſei bei jener Wendung nach der Thuͤr! Ihr Stolz war aller⸗ dings aufgeregt, aufgeregt ohne Florentin's Rede; der trotzige Gedanke, ſich raſch und für immer dem unwürdi⸗ gen Geliebten zu entziehen, dieſer Trotz war ihr willkom⸗ men;— aber auch der andere Pol magnetiſcher Kraft zog ſie nach jener Thuͤr! Sie hoͤrte Tritte, Geraͤuſch, unver⸗ ſtändliche Rede, ſie ſchrie auf— denn der Koͤnig trat aus jener Thuͤr in ihr Zimmer. Von der Tapetenthuͤr abge⸗ wieſen war er uͤber den Hof geeilt, um durch den aͤußeren, oöͤffentlichen Eingang zu ihr zu dringen, und an Guernard wie an Chimene haſtig voruͤbereilend war er unaufhaltſam bis in das letzte, ihm wohlbekannte Gemach geſchritten. Als Francoiſe aufſchrie und zuruͤcktrat, wollte er ſie ergreifen; aber Florentin, der alle bisherigen Bemuͤhun⸗ gen auf's Spiel geſetzt ſah, ſtellte ſich verwegen zwiſchen ihn und ſie und ſprach:„Sire, dieſe Dame gehoͤrt von 8⁵ heute an der Kirche und will von keinem weltlichen Arme mehr beruͤhrt ſein!“ Du biſt von Sinnen, Prieſter! Francoiſe! Frangoiſe ſchwieg, aber ſie erhob abwehrend ihren Arm, und es lag ein Ausdruck in dieſer Bewegung, der ſo Zorn wie Abſcheu ausdruͤcken konnte, ein Ausdruck, wel⸗ chen der Koͤnig niemals an ihr erfahren hatte. Des Koͤnigs Verrath an ihrer Liebe und Florentin's Rede hatten die gewaltſamſten Entſchluſſe in ihr aufgeregt. Bei der erſten Nachricht durch Bonnivet war ſie betaͤubt wor⸗ den; es hatte ihr ſolch eine Untreue, ſolch eine rohe Untreue unmoͤglich geſchienen, und doch hatte ſie nach ſo greller An⸗ zeige keine ſichere Kraft zum Zweifel gehabt. Das liebende Herz hatte indeſſen bald die Oberhand gewonnen, und hatte ihr zugeflüſtert, eben weil di ntreue ſo roh waͤre, ſei ſie un⸗ moͤglich oder ſie ſei— ſo ſophiſtiſch iſt ein der Liebe beduͤrf⸗ tiges Herz!— von keiner Bedeutung. Bude hatte dieſe Beſchwichtigung, welche ein furchtſames, unerfahrenes Herz ſich zurechtlegen wollte, ganz ihrem Beduͤrfniſſe ge⸗ maͤß in einen leidlichen Zuſtand eingewiegt, und wenn der Koͤnig zu ihr gedrungen waͤre vor Florentin's Ankunft, ſo haͤtte er ſie wahrſcheinlich beruhigen koͤnnen, ja ſie haͤtte ihm vielleicht ſogar verziehen, wenn er ihr eine gedanken⸗ loſe Untreue der Sinne eingeſtanden haͤtte. Jetzt aber war durch Florentin's Wendung des Geſichtspunktes Alles in ihr veraͤndert, jetzt war aller Gegenſatz der Liebe in ihr aufgeregt, der Zorn loderte, der Haß, bis dahin uner⸗ hoͤrt in ihrer Seele, erhob ſeine Alles uͤbertaͤubende 86 Stimme, und es war in dieſem Augenblicke keine Verſoͤh⸗ nung moͤglich. Der Koͤnig vermochte entweder im unſicheren Mondes⸗ daͤmmer nicht, ſolche Stimmung im Antlitze einer Frau zu erkennen, welche ihn bis dahin ſtets hingebend geliebt hatte, oder der Gedanke an die Msglichkeit ſolcher Stim⸗ mung lag ſeinem hochmuͤthigen Sinne uͤberhaupt zu fern, kurz er verſah ſich in ſeiner Geliebten durchaus nicht einer auf's Aeußerſte getriebenen Gegnerin, und veranlaßte durch eine ſeiner unwiderſtehlich befehlenden Handbewe⸗ gungen, welche die Schulter des Prieſters ſtreifte, die⸗ ſen Prieſter, ſeine trennende Stellung zwiſchen ihm und der Graͤfin zu verlaſſen und ſich nach der Thuͤr zuruͤckzu⸗ ziehen. Eine zweite Handbewegung noͤthigte ihn, der doch den unmittelbaren Tpſe Koͤnigs nicht auf ſich zie⸗ hen mochte, aus der Thuͤr zu weichen und das Paar allein zu laſſen. Komme was mag! dachte der weichende Kle⸗ riker, welcher bei einem jaͤhen Tode des Koͤnigs eine lange Regentſchaft der Herzogin nicht ungern vorausſah. Sobald er hinaus war, eilte der Koͤnig auf Francoiſe zu, und war des Glaubens, als dieſe ihm eben ſo haſti⸗ gen Schrittes entgegenkam, die Scene der Ausſoͤhnung beginne mit jener leidenſchaftlichen Umarmung, welche der⸗ gleichen Scenen zu ſchließen pflegt. Wie war er erſtaunt, als Frangoiſe ihm den Dolch, welchen er neben dem Schwerte an der Huͤfte trug, aus der Scheide riß und einen Schritt zuruͤcktretend ihm die im Mondeslichte bli⸗ tzende Waffe entgegenhielt mit dem Ausrufe: 87 „Es iſt Dein Tod, Verraͤther, wenn Du es wagſt, auch nur den Saum meines Gewandes zu beruͤhren!“ Frangoiſe! war das einzige Wort, welches der wirk⸗ lich erſchrockene Koͤnig hervorbrachte. Er ſtand wie einge⸗ nurzelt, und bedurfte einer minutenlangen Sammlung fur eine weitere Frage. Ehe er dieſe ausgeſprochen, hoͤrte er die Tapetenthuͤr des Semelekabinets oͤffnen, hoͤrte er den ſporenklirrenden Tritt eines Mannes, ſah er eine lange dunkle Geſtalt hinter Frangoiſe eintreten.—„Wer iſt da?“ ſchrie er auf und zeg ſein Schwert.. Chateaubriant! ſchrie Frangoiſe, welche ſich entſetzt von dieſen Schritten wie von der Annaͤherung eines Ge⸗ ſpenſtes umgewendet hatte nach, einer Seite, die ihres Wiſſens fuͤr einen Menſchen unzugaͤnglich war. Sie ſchrie's mit einem gellenden Laute, und der Dolch fiel da⸗ bei aus ihrer Hand klirrend auf den Fußboden. Mit em⸗ porgehobenen Armen blieb ſie wie erſtarrt ſtehen, ihre Augen draͤngten ſich aus den Hoͤhlen, als ob ſie mit aller menſchlichen Kraft des Sehens unterſcheiden wollten, ob es das Geſpenſt oder der irdiſche Leib ihres Gemahls ſei, ihr Mund war halb geoͤffnet, keine Miene, keine Fieber zuckte an ihr.— Da ſah ſie, daß auch er das Schwert zog, da hoͤrte ſie die ihr, ach ſo traurig! wohlbekannte Stimme: „Chateaubriant, der Euch zu richten kommt, Ehe⸗ brecher!“ Und mit einem herzzerſchneidenden Wehrufe ließ Fran⸗ Foiſe ihre Arme und ihr Haupt ſinken, ohne einen Schritt zu weichen. Toͤdtet mich, ſagte ſie nach der Pauſe einer Sekunde, und ſagte es mit ſchwacher, aber deutlicher Stimme, todtet mich, Chateaubriant, und Ihr werdet wohlthun Euch und mir! Als Koͤnig Franz in dieſem Augenblicke das Schwert Chateaubriant's ſich erheben ſah, trat er eiligſt vor und ſtellte ſich, das ſeine ausſtreckend, zwiſchen Frangoiſe uind den Grafen, ſprach aber kein Wort. Er hatte gleich nach dem Eintritte Chateaubriant's die Sammetmaske, velche er im Bruſtkleide getragen hatte, vor das Antlitz geſteckt, theils aus ritterlicher Achtung fuͤr die Dame, bei velcher er betroffen wurde, theils aus dem ihm eigenthuͤnmlichen ritterlichen Uebermuthe, welcher in Sachen der Galante⸗ rie Niemand hindern wollte, ſich an ſeine Perſon zu halten. Es konnte Chateaubriant nichts erwuͤnſchter ſein, als mit dem Schwerte gegen einen Mann einzudringen, der ſich nicht als ſein Koͤnig und Lehensherr ihm gegenuͤberſtellte, ſondern als einfacher Edelmann. Dennoch uͤberſiel ihn die eingeborene Scheu des Vaſallen vor dem Lehensherren, und als ob er dieſe beſchwichtigen wollte— denn er erkannte die Geſtalt des Koͤnigs vollkommen—, rief er noch, als ſich ſchon ihre Degen kreuzten: „Frangçoiſe von Chateaubriant, iſt dies der Ver⸗ raͤther?“ Francoiſe ſchwieg einen Augenblick und ſagte dann mit feſter Stimme: Es iſt der Verraͤther! Dies war das Signal zu einem Kampfe, der bei dem unſicheren Mondlichte und in einem mit den hohen Seſſeln 89 und langen Tiſchen damaliger Sitte angefüͤllten Gemache nicht regelmaͤßig, aber leicht moͤrderiſch werden konnte, und in welchem gleich nach den erſten Paraden und Wen⸗ dungen der Graf im Nachtheile erſchien, weil er mit der Raͤumlichkeit unbekannt und dem Koͤnige an Geſchicklich⸗ keit in der Fechtkunſt nicht gewachſen war. Die Graͤfin war Anfangs, als gehoͤre ſie nicht zu die⸗ ſer Welt des blutigen Zwiſtes, unbeweglich ſtehen geblie⸗ ben wie eine bewußtloſe Klippe im Meere, um welche herum ſich die Wogen brechen. Nach jenem jaͤhen Anlaufe, wel⸗ chen zum erſten Male Zorn und Haß in ihrem Herzen ge⸗ nommen hatten, war ſie aufrechtſtehend beſinnungslos ge⸗ worden, oder vielmehr es hatte ſich eine Vergeſſenheit alles Irdiſchen ihrer bemaͤchtigt, daß ſie wie ein gleichguͤl⸗ tiger Zuſchauer inmitten eines Kampfes bleiben konnte, der ſich ſo dicht um ſie her bewegte, daß Arme und Schwer⸗ ter oft an ihrem Gewande hinſtreiften. Sie ſah und hoͤrte nicht nach außen, ſie hatte ein Geſicht in ihrer inneren Welt, das all ihre Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm. In der Genofevenabtei ſah ſie die Graͤfin Frangoiſe ſchla⸗ fen im Mondenſcheine, und bei ihr ſtand die alte Graͤfin Foir, die ſtrenge, ach die lieblos geſcholtene Mutter, und ſie ſprach langſam der Schlaͤferin in's Ohr: Du wirſt nir⸗ gends Ruhe finden, weil Du all Deine Pflichten verlaſſen haſt, um Deiner Luſt nachzugehen; der Mann, dem Du Dich hingiebſt, wird Dich lachend verrathen und wird Dein Herz mit dem unſauberen Dampfe des Rachegefühls erfuͤllen, und Du wirſt die Menſchen zu gegenſeitigem Morde treiben, und wirſt elend ſterben eine von Gott, von der Hoffnung und jedem troͤſtlichen Gefuͤhle verlaſſene Kreatur. 3 Dieſe Stimme des Inneren wurde aber hier unterbro⸗ chen, weil ſie uͤbertaͤubt ward durch den droͤhnenden Fall eines der Kaͤmpfer, ein Fall von ausgeſtoßener Verwuͤn⸗ ſchung begleitet, und durch das aufklirrende Schwert ſo verſtaͤrkt, daß Frangoiſe dadurch in die ſie umgebende Welt zuruͤckgebracht wurde, und daß ſie, entſetzt uͤber in⸗ neren und aͤußeren Graus, aufſchrie und entfloh. In dem Augenblicke, da dies geſchah, trat auch, von der Graͤfin indeſſen unbeachtet, durch das Semelekabinet ein neuer Kaͤmpfer ein mit blankem Schwerte und mit dem Rufe:„Hierher, Bretone, hierher mit dem Schwerte der Felonie!“ Dies war Bonnivet, welcher in der Franzgallerie das Klirren der Schwerter gehoͤrt und für nothig erachtet hatte, ſeinem Herrn beizuſpringen. Der Koͤnig aber fand dies Nachſchleichen und Beiſpringen ſehr vorwitzig, und ſagte dem Guͤnſtlinge, der ſeinen ſchwarzen Tag zu haben ſchien, unſaubere Worte. Der Koͤnig naͤmlich war aufrecht und Chateaubriant lag am Boden, regungs⸗ und lautlos. Als Koͤnig Franz ſeinen Degen einſteckte und nach der Franzgallerie hinausſchritt, ohne ſich des Geringſten um den erlegten Gegner zu kuͤmmern, wagte Bonnivet, der im daͤmmrigen Gemache nirgends, auch nicht am Fußbo⸗ den den Gegner des Koͤnigs entdecken konnte, eine beſchei⸗ dene Anfrage, ob Chateaubriant entflohen ſei—? „Woher weißt Du, daß es Chateaubriant war?“ Durch Florio, der ihn hergefuͤhrt, entgegnete zoͤgernd 91 Bonnivet, der in der Haſt eine Kenntniß verrathen hatte, die er in der Beſonnenheit nicht gezeigt haͤtte, der aber, einmal ſo weit, die Wahrheit fuͤr zweckmaͤßiger hielt als eine ſchwer zu ſchuͤrzende Luͤge. „Woher weiß Florio dieſe Thuͤr? Und wer hat ihn be⸗ auftragt, den Grafen hier einzufuͤhren?“ So viel ich weiß, Eurer Majeſtaͤt Mutter. „So viel Du weißt? Als ob Du nicht wahrſcheinlich Alles wuͤßteſt, da Du ſelbſt hier im Finſtern herumgekro⸗ chen und mir beigeſprungen biſt wie einem Pagen, der ſei⸗ nen Degen noch nicht feſthalten kann. Segne Dein Ge⸗ ſchick, daß er geworfen war, ehe Du neben mir warſt— und laß Dich nie wieder in einer Intrigue meiner Mutter betreffen, in einer Intrigue, welcher ich nicht ſelbſt wild⸗ fremd bin. Hierbei bin ich ſelbſt ein genarrter Theil.“— Mein Koͤnig!— „Laß! foi de gentilhomme, ich ſehe nun ein, daß ich in einem Labyrinthe umhertappe, und doch habe ich wahrhaftig keine Zeit, mich zurechtzufinden.— Daß Euch die Peſt! So habt Ihr mir doch Alles verwirrt mit Fran⸗ goiſe!“— und nachdenkend blieb der Koͤnig bei dieſen Worten inmitten der Gallerie ſtehen, welche ihrer ganzen Läͤnge nach vom Monde beſchienen wurde, ſo daß die glat⸗ ten Eichenholzvierecke des Bodens und die goldenen Ver⸗ zierungen der Waͤnde und Deckenflaͤchen zauberiſch ſchim⸗ merten. „Ich begriff ſie nicht, ich verſtand ſie nicht,“— fuhr er fort,—„ihr Benehmen war von einer Heftigkeit, die — — —— ich nie an ihr geſehen! Was mag da Alles vorgegangen ſein?! O Mutter!“ „Sage,“— ſetzte er nach einer Pauſe und in anderem Tone hinzu, indem er hinausſchritt aus der Gallerie,— „iſt ein Beſuch bei der Graͤfin? Eine junge Dame mit wunderſchoͤnen Augen?“ Ich glaube, ja. „Wer iſt's?“ Eine Infantado. „Eine ſpaniſche Familie?“ Zu Befehl, Sire. „Sie wird ſehr ſchoͤn.— Was macht ſie hier? Uns behorchen im Dienſte des Kaiſers?“ Sie iſt mit den Foir verwandt. „So? Die Graͤfin iſt mir unerklaͤrlich!“ Was Schoͤnheit betrifft, ſo werden Majeſtaͤt zu Mai⸗ land in der Signora Clariſſa ein Wunder der Welt ſe⸗ hen.— „Warum biſt Du denn nicht in Mailand geblieben bei dieſem Wunder der Welt?“ Sire— „Laß nachfragen, ob der Erzbiſchof und die Deputa⸗ tionen von Paris gekommen ſind, in der Franzgallerie ſoll der Abſchied geruͤſtet werden!“ Mit dieſen Worten ſchritt der Koͤnig in die Zimmer ſeiner Schweſter, zu der er immer fluͤchtete, wenn ſein Herz beunruhigt war. Dies war es aber in hohem Grade über Francoiſe, deren geheimnißvolle Leidenſchaftlichkeit ihn uͤberaus beſchaͤftigte. Herriſche Gleichguͤltigkeit dieſes 93 Mannes! Kein Gedanke, kein Auftrag fuͤr den niedergeſtreck⸗ ten Grafen Chateaubriant kam ihm! Das war fuͤr ihn erle⸗ digt. Aber innigſte Theilnahme fuͤr Frangoiſe war in ihm lebendig, denn ſeine Seele war viel reicher als ſeine Hand⸗ lungsweiſe darzuthun ſchien. Waͤhrend der Unterredung des Koͤnigs mit ſeiner Schwe⸗ ſter unterrichtete Bonnivet die Herzogin von Angouléeme von dem, was vorgefallen, und von der bedenklichen Stim⸗ mung des Koͤnigs. Dieſe Dame war damals nur von zwei Gedanken beſchaͤftigt, naͤmlich von dem, welcher ſie ſeit der Geburt ihres Sohnes beherrſchte, von dem Gedan⸗ ken an ſein Gluͤck und Wohlſein, und von dem Gedanken, es koͤnne ihr die Graͤfin Chateaubriant als Regentin des Reiches vorgezogen werden. Sie gerieth alſo bei Bonni⸗ vet's Mittheilung, nachdem ihre Angſt wegen des Zwei⸗ kampfes beruhigt war, von Neuem in quaͤlende Unruhe uͤber ihres Sohnes Abſichten mit der Graͤfin, und eilte, Bonnivet mit den Vorbereitungen des Abſchiedsfeſtes be⸗ auftragend, nach den Gemaͤchern des Koͤnigs. Daß der Erzbiſchof von Paris nach Fontainebleau beſchieden ſei, ſchien ihr eine geheimnißvolle und uͤberaus bedenkliche Vor⸗ bereitung. Der Koͤnig war noch nicht zuruͤckgekehrt in ſeine Zim⸗ mer, und ſie wollte deshalb eilig wieder hinweg, um ihn bei Margaretha aufzuſuchen. Der Kammerdiener verſi⸗ cherte aber, es ſei ſo eben Befehl gekommen, den ſchoͤn⸗ ſten Anzug des Koͤnigs bereit zu halten, er werde ſogleich erſcheinen und die Kleider wechſeln. Mit dieſen Worten legte der Diener einen dunkelrothen mit goldenen Lilien be⸗ ſaͤeten, mit goldenen Franzen umſaͤumten Sammetmantel über die Stuhllehne, ſtellte die Schuhe zurecht und legte das Barett auf einen Marmortiſch.„Eure Hoheit,“ ſetzte er hinzu,„koͤnnen ihn auch leicht auf dem Wege zu der Frau Herzogin verfehlen; Seine Majeſtaͤt laͤßt alle Wo⸗ chen neue Geheimtreppen und Geheimthuͤren in dieſem Schloſſe anbringen, und erſcheint immer unerwartet bald von dieſer, bald von jener Seite.“ Waͤhrend ſie noch ſchwankte, trat Budé ein und Cha⸗ bot de Brion, lauter Parteinehmer für die Chateau⸗ briant, wie die Herzogin mit immer ſteigender Unruhe be⸗ merkte. „Seid Ihr hierher beſchieden?“ fragte ſie haſtig. Die Maͤnner machten eine bejahende Verbeugung. Brion, von der ſuͤdlichen Frühlingsſonne ſtark gebräunt, hatte ein melancholiſches Anſehen. Auch dies ſteigerte die Beſorgniß der Herzogin. Er liebt ſie— ſprach ſie zu ſich — und weiß vielleicht, daß ſie ihm heute noch fuͤr immer entriſſen wird. Denn wenn der Koͤnig ſie wirklich erhebt, ſo hat ein junger Liebhaber keine Ausſicht auf Verzweiflung ſeiner Schoͤnen, und keine Ausſicht, im Troͤſten der Ver⸗ zweiflung endlich ſelbſt an die Reihe zu kommen. „Kanzler Budé,“— fragte ſie plötzlich,—„iſt's von Euch ausgegangen, daß der Erzbiſchof von Paris für heute nach Fontainebleau beſchieden iſt?“ Nicht daß ich wuͤßte! „Was ſoll er hier?“ Wohl nicht mehr und nicht weniger als die uͤbrigen Großwuͤrdentraͤger des Reichs, welche alle herbeſchieden find, damit ihnen der Koͤnig die Sorge fuͤr's Land, welches er auf unbeſtimmte Zeit verlaͤßt, an's Herz lege.— „Budé!“— und dabei winkte ſie ihm mit den Augen, nahe an ſie heranzutreten, und ſprach leiſe,—„ſagt mir die Wahrheit, und betrachtet mich nicht im entſcheidenden Augenblicke als eine vom Neide ganz verblendete Feindin. Wenn mein Sohn die Frangoiſe dergeſtalt liebt, ſo wird ſie auch mir lieb werden als Freude meines Sohnes, und wird in mir die treueſte Stuͤtze finden. Hat der Koͤnig mit ihr und dem Erzbiſchofe etwas vor?“ Was koͤnnte er?! Sie iſt ja noch Graͤfin Chateau⸗ briant und gute Katholikin, und zu ihrer Scheidung be⸗ duͤrfte es ja erſt eines Dispenſes vom heiligen Vater in Rom. „Stellſt Du Dich ſchwerfaͤllig? Was in den Formen fehlte, das kaͤme hintennach; es gaͤbe bloß eine Art ſpiri⸗ tueller Verlobung, um der Dame eine officielle Anwart⸗ ſchaft zu verleihen.— Aber, Bude, es waͤre ein Miß⸗ griff, der beiden Theilen Schaden braͤchte, Frangoiſe und dem Koͤnige; das ganze Land wuͤrde aufſchreien, denn Claude hat kaum die Augen geſchloſſen.“ Und doch waͤre es ein Ungluͤck, wenn der Koͤnig gar nichts fuͤr die Graͤfin thaͤte. In welch einer bedraͤngten Lage ließe er ſie zuruͤck?! „Weshalb bedraͤngt?“ Sie iſt durch ihre offen bewieſene Neigung dem ge⸗ rechten Vorwurfe aller Welt bloßgegeben, der Hof, den Ihr, koͤnigliche Frau, bis daher geleitet, iſt ihr nicht guͤnſtig geſinnt, denn Ihr ſeid es nicht, und man iſt einer bevorzugten Perſon nicht leicht aus freiem Antriebe ge⸗ neigt, hier hat die Graͤfin alſo nach der Abreiſe des Koͤ⸗ nigs kein Bleiben, wenigſtens hat ſie kein Heil zu er⸗ warten. „Habt Ihr nicht gehoͤrt, daß ich ihr nicht abhold ſein werde, wenn ſie nicht unzeitige Anſpruͤche erhebt?!“ Der Graf, ihr Gatte, iſt bekannt als harter, ſcho⸗ nungsloſer Mann. „Ach was! das iſt vorbei!“ Wie?— Thut der Koͤnig nichts fuͤr ſie, bevor er, vielleicht auf Jahre, ſcheidet, ſo hat ſie keine Staͤtte in Frankreich. „Uebertreibung; das hinge Alles von ihr allein ab. Und waͤre ihr Beſcheidenheit unerreichbar, ſo gaͤbe es ja Kloͤſter genug für anſtaͤndiges Zuwarten, und Schloß Foir ſteht ihr ja jetzt ebenfalls offen.“ Koͤnigliche Frau! Euer Sohn der Koͤnig verlangt uͤberall fuͤr die Krone eine Macht und Bedeutung, wie ſie bisher in Frankreich unbekannt waren.— „Darin helf' ihm Gott weiter!“ Ich wuͤnſche es auch;— ſoll dies aber gelingen, ſo muß Alles, was mit dem Koͤnige zuſammenhaͤngt, großmuͤthig und großartig erſcheinen. Das Weib, welches der Koͤ⸗ nig liebt, muß ſchon durch dieſe Liebe den Widerwaͤrtigkei⸗ ten der Geſellſchaft enthoben ſein, und wer da vollends 97 raͤth, ſolch ein Weib ruͤckſichtslos in dieſe Widerwaͤrtigkeiten hinauszuſtoßen, der iſt kein Freund des neuen Koͤnigthums. „Schulweisheit! Ihr koͤnnt doch Euer Lebtag nicht verlaͤugnen, daß Ihr ein buͤrgerlicher Gelehrter ſeid!“ Das will ich auch nicht. „Nun, es ſei daran etwas Wahres! Will ich denn Widerwaͤrtigkeiten für ſte? Ich will ihr im Gegentheil ein Aufſehen verhuͤten, das ihr Widerwaͤrtigkeiten bringen muͤßte, ich will ſie ſchuͤtzen, ich! Ihr thaͤtet viel kluͤger, dieſen meinen guten Willen, der aus der Liebe für meinen Sohn erwaͤchſt, in Anſpruch und dankbar hin zu nehmen. Denn aller politiſche Geſichtspunkt ſpricht gegen Euch; ein Vernichtungsſtreich gegen die Chateaubriant traͤfe ja auch den uͤbermuͤthigen Adel, welcher auf gleicher Hoͤhe mit dem Koͤnige zu ſtehen meint, und für jede ſeiner damen die Krone paſſend findet!“ Solcher Streich traͤfe aber den Adel an einer Stelle, an welcher er tuͤchtig und ehrenhaft, er traͤfe die Hausehre. Die beneidet der Buͤrger dem Adel nicht, denn auch der Buͤrger will ſie und hat ſie. Wen verwundete alſo der Streich? Den, von dem er ausginge. Und wer waͤre das? „Der Koͤnig!“ rief es aus den Vorzimmern, und man ſah ihn raſchen Schrittes durch die Gemaͤcher daher kommen. „Mein Sohn! mein Sohn!“ rief die Herzogin, und eilte ihm entgegen und umarmte ihn, wie eine Braut einen Braͤutigam, deſſen Ankunft verzoͤgert worden iſt, umarmt. —„Mein Sohn, was haſt Du vor?“ ſetzte ſie hinzu, nachdem er ihre Zaͤrtlichkeit erwidert. Laube, Chateaubriant. II. 7 98 Was ich vorhabe?— Woher dieſe Aufregung, Mutter? Was iſt geſchehen?. „Thu' nichts, Franz, was Deine Mutter kraͤnken muͤßte!“ Wie ſollte ich! Aber was iſt vorgefallen? „Nichts, Frangois. Ich bin nur in Sorge, ich ſehe in allen Vorbereitungen zu Deinem Abſchiede uͤble An⸗ zeichen fuͤr mich— was ſoll der Erzbiſchof?“ Er ſoll mich verheirathen!— Du wirſt blaß? Ver⸗ gieb meine gute Laune, wenn ſte Dich erſchreckt, und ver⸗ liere Deine Zeit nicht, Dein Anzug verlangt ſie heute ge⸗ bieteriſch, denn Du mußt heute in voller Pracht erſcheinen, und ſpaͤteſtens in einer halben Stunde. Wer von den Damen zu ſpaͤt kommt, wird's bereuen! Adieu, Mama, ich kuͤſſe Deine Haͤnde, Adien! Du wirſt mit mir zufrieden ſein. Schweizer Boten haben zwei Prachtgewaͤnder aus Genua mitgebracht, eins iſt ſchon verſchenkt— biſt Du neidiſch?— das andere erwartet Dich auf Deinem Zimmer. Du weißt, wie gern ich Dich in italiſchem, in koͤniglichem Glanze ſehe, Du haſt ſo koͤniglichen Wuchs, Adien!— Martin, meine Kleider! Bei dieſen Worten führte er die Herzogin hinaus aus ſeinem Zimmer und kehrte ſogleich zuruͤck, Angeſichts der Naͤnner ſeine Oberkleider zu wechſeln. Brion, an den er einige Fragen und Befehle uͤber militairiſche und Reiſean⸗ gelegenheiten richtete, ward bald entlaſſen.—„Noch eins!“ rief er ihm nach,„Du haſt die guͤnſtigſten Augen fuͤr die Graͤfin Chateaubriant!“ Sire!— 99 „Wie liebenswuͤrdig, er wird roth daruͤber, Bude. Sieh dieſe beneidenswerthe Jugend! Und Du haſt die Dame ſeit Deiner Ruͤckkehr noch nicht geſehen?“ Nein, Sire! „Ah, ich muß Dich belohnen fuͤr Deine Kriegesmuͤhen! Eile zu ihr, es wird ihr einen guten Eindruck machen, Dich zu ſehen, denn ſie iſt Dir ſehr gewogen, ſage ihr, und ſage es ihr herzlich, daß ich ſie inſtaͤndig bitten ließe, zur Ab⸗ ſchiedsaudienz und zum Bankett in die Franzgallerie zu kommen. Sie waͤre im Unrecht gegen mich, und ich wollte ihr ausdruͤcken, wie ſehr ich ihr verziehe. Kaͤme ſie nicht, ſo muͤßte ich glauben, ihr Unrecht waͤre nicht aus einem Drange ihres Herzens entſtanden, ſondern aus unlauterer Quelle entſprungen, und ſie ſollte mich nicht mit ſo trau⸗ rigen Gedanken von ihr ſcheiden laſſen, der Himmel weiß auf wie lange, denn wir haͤtten einen Krieg vor uns auf Tod und Leben, und nur Ausſicht auf Sieg, wenn wir Alles einſetzten und Alles Tag fuͤr Tag. Gutes Gluͤck für Deine Botſchaft, Brion!“ „Nun, Kanzellar,“— wendete er ſich, als Brion alſo verabſchiedet war, zu Budé,—„was bringſt Du? Du willſt Anweiſungen fuͤr Deine Schulen und Anſtalten während meiner Abweſenheit, Du willſt Geld? Nicht wahr?— Ja, lieber Freund, es iſt boͤſe Zeit, Kuͤnſte und Wiſſenſchaften ſind fuͤr den Augenblick abgeſetzt, denn es handelt ſich um's Beſtehen des Reiches. Ein Mann mit dem Schwert iſt auf ein Vierteljahr mehr werth als mein Primatice und Dein Kollegium. Die Lanzknechte wollen Sold, und ſelbſt wenn ich uns gerettet habe, ſo muß ich 7*† —— 100 mir Truppen halten, um von den hochmuͤthigen Vaſallen unabhaͤngig zu werden,'s iſt wenig Ausſicht fuͤr unſere Plaͤne, Budé, das weiß Gott, aber wir wollen hoffen, das koſtet nichts und troͤſtet doch! Runzle nicht die Stirn, ich kann's im Augenblicke nicht aͤndern. Deine Seele weiß, wie ich unſerem Plane anhaͤnge, einen dritten Stand her⸗ außzubilden als Widerhalt gegen die großen Seigneurs, laß mir nur Ruhe, bis ich den Kaiſer beſiegt und Italien in Haͤnden habe, friſte Dein Kollegium, ſo gut es gehen will! Ich kann doch nicht meine Kuͤnſtler verabſchieden, die alle in voller Arbeit ſind.“ „Sieh mal genau zu, Martin, ob Flecken am Wamſe ſind und ob ich's wechſeln muß!— Nein?— Das wun⸗ dert mich!— Uebrigens, Budé, freu' ich mich doch ſehr, Italien wiederzuſehen, und ich denke, wiederum reichlich Kuͤnſtler und Kunſtſchaͤtze mitzubringen.“ Ich bewundere Euren guten Muth, Sire, da jetzt noch Frankreich ſelbſt in Gefahr und der Weg nach Italien von einem ſiegreichen Feindesheere verlegt iſt. „Foi de gentilbomme, die Welt ſagt immer, ich ſei zu zuverſichtlich, und Du thuſt desgleichen. Ihr moͤgt Recht haben, aber Zuverſicht iſt mein ſtaͤrkſtes Schwert, ich kann's nicht miſſen. Du ſollſt Dich wundern, wie dieſer Bourbon, den Gott ſtrafe, und Pescaire aus Frankreich eilen werden ohne einen Schwertſtreich von meiner Seite, ja ohne daß ſie mich und Frankreichs Heer geſehen haben. Nicht doch, man ſoll die Zukunft nicht berufen und ſeine Erwartungen nicht ausſprechen, die Zukunft ſieht's nicht gern, errathen zu ſein, und aͤndert dann ihr Antlitz uüͤber Nacht. Martin, ſchlage drei Kreuze vor meinen Mund, damit das leicht⸗ ſinnige Wort gebannt ſei, und ſieh nicht unglaͤubig drein, Budé, Du ſtehſt ohnehin im Verdachte der Ketzerei.“ Moͤge das Gluͤck Euch ſo ſtattlich kroͤnen wie Ihr's zu nutzen wißt, mein Koͤnig, der Ihr ein Koͤnig des Glͤckes ſeid. Aber Ihr werdet doch einige V liches Ungluͤck treffen? „Warum nicht gar!— Den linken Schuh zieh' ſchaͤrfer an, Martin!— Wer das Ungluͤck bedenkt, der beleidigt das Gluͤck!“ Auch fuͤr die Oberverwaltung des Reiches trefft Ihr keine beſondere Anordnung? „Du erwarteſt eine ſolche?— Ich weiß, wo Du hin⸗ aus willſt, Buds, und tadle es nicht. Du haͤltſt unter allen Tugenden die Ehrlichkeit am hoͤchſten, darum biſt Du der Kanzler meiner Volkserziehung. Glaubſt Du, daß Du ein beſonderer Herrſcher waͤreſt mit der Ehrlichkeit um jeden Preis? Ich fuͤrchte, mir iſt die Liebe ſo gefaͤhrlich an der Spitze des Regiments, wie es Dir die Ehrlichkeit waͤre. Wer kennt die Weiber! Wer mag etwas uͤber ſie voraus⸗ ſagen! Weiber und Wetter, wer iſt ihrer Herr?!“ Es giebt doch ſtetige, Sire. „So? Ich glaube, in dieſem Punkte iſt meine Wiſſen⸗ ſchaft reicher und wichtiger als die Deine. Frankreich regieren, wenn der Ko reich wird's brauchen. Gallerie!“ orſorge gegen moͤg⸗ Nun, Gott mag nig außer Landes, Frank⸗ Auf Wiederſehen, Budé, in der — — Unterdeß war es in und um Francoiſe gar wechſelvoll hergegangen; der raſche Wechſel iſt ja das Loos aller un⸗ erlaubten Liebesverbindung, iſt die Pein und die Lebens⸗ quelle derſelben! Frangoiſe war aus dem Zimmer des Kampfes durch alle ihre uͤbrigen Gemaͤcher an Chimenen vorüber geeilt, als fluͤchtete ſie vor lebensgefaͤhrlicher Ver⸗ folgung. Chimene folgte ihr hinaus uͤber den Hof, durch den Garten in den Wald hinein; ſie draͤngte ſich ihr nicht auf, ſie ließ die Gepeinigte, welche endlich unter einer Eiche niederſank, eine Zeitlang ungeſtoͤrt; aber ſie wollte ihr fuür den Fall der Noth nahe ſein. So ſtand das mit⸗ leidende ſpaniſche Maͤdchen geduldig und furchtlos im ſchauernden Walde, den die Mondesſtrahlen geiſterhaft be⸗ leuchteten, und blickte auf die ungluͤckliche Freundin, welche regungslos am Eichenſtamme lehnte, und nur erkennbar war durch ihr weißes Gewand. Dieſe Lage haͤtte wohl Stunden lang dauern konnen, wenn nicht der nach dem Schloſſe zu wehende Wind einen Trupp Wildpret ungeſtöoͤrt haͤtte daher kommen laſſen bis in die unmittelbare Naͤhe der beiden Frauen. Das Wild ſuchte naͤchtlicher Weile die ſaftigen Wieſen um's Schloß, und wurde des Windes wegen der Menſchennaͤhe erſt inne, nachdem es zum Theil ſchon an Francoiſen voruͤber war. Nun ſtuͤrzte es mit heftigem Gepolter erſchreckt zuruͤck, und ſchreckte Françoiſe auf, in deren quaͤleriſchen Phantaſieen die ſchwarzen, ungeſtuͤmen Wildgeſtalten augenblicklich eine fuͤrchterliche Bedeutung fanden. Dies war der Augen⸗ blick fuͤr Chimene, deren Naͤhe die überreizte Graͤfin zu⸗ naͤchſt gar nicht befremdete. Erſt als ſie wieder in der 103 Naͤhe des Schloſſes waren, zeigte ſich Frangoiſe gefaßt, uͤberſah den Zuſammenhang, dankte ihr mit krampfhaftem Haͤndedrucke, erzaͤhlte ihr, was vorgefallen, und bat ſie, mit Guernard nachzuſehen, was der Kampf fuͤr einen Aus⸗ gang gehabt habe, und ob vielleicht ein Verwundeter oder gar Getoͤdteter im Zimmer geblieben ſei. Ich ſelbſt habe nicht den Muth dafuͤr, ſetzte ſie fieberhaft zuſammen⸗ ſchauernd hinzu, als ſie wieder in den vorderen Gemaͤchern angekommen waren. Chimene war von Natur herzhaft, und erbot ſich, allein nachzuſehen, damit auch Guernard, obwohl ein erprobter Foir'ſcher Diener, nicht ohne Noth in ein ſolches Geheim⸗ niß gezogen wuͤrde. Die Wohnung war naͤmlich ſo be⸗ ſchaffen, daß bis jetzt die Dienerſchaft der Graͤfin unbethei⸗ ligt von den Vorfaͤllen geblieben ſein konnte. Sie bildete einen abgeſonderten Fluͤgel, der ſeitwaͤrts der Franz⸗Gal⸗ lerie von einem Hauptgebaͤnde des Schloſſes abſtand, und erſt ſpaͤter in ſtumpfwinkliger Verlaͤngerung einen inneren Hof bilden half. Jetzt war er ein verlorenes Ende des Schloſſes, welches nur nach der ſuͤdlichen Seite durch ein im Bogen ſich hinziehendes Gitter mit dem Gartenzugange oder Gartenhofe des Hauptgebaͤudes in Verbindung ſtand. Die Treppe zur Eintrittsthür theilte dieſen Fluͤgel in zwei ungleiche Theile, den rechten Theil bewohnte Chimene und die Dienerſchaft der Graͤfin, den linken nach dem Semele⸗ Cabinet hin die Graͤfin allein. Das Eintrittszimmer an der Treppe bildete das Vorzimmer fuͤr beide Theile, und dort hielt ſich an jenem Abende nur Guernard auf. An ihm voruͤber war Florentin eing etreten, und er hatte durch errn — 1— 104 Chimenens Fürſorge den bald darauf ankommenden Koͤnig nicht geſehen. Chimene naͤmlich, in einem der vorderen Zimmer Frangoiſen's am Fenſter ſtehend, hatte den Koͤnig, deſſen Geſtalt ſie aus Tauſenden heraus erkannt haͤtte, eili⸗ gen Schrittes uͤber den mondhellen Gartenhof kommen ſehn. Dieſer Weg führte nirgends anders hin als zur Graͤfin, ſie wollte aber nicht, daß Guernard, der ernſthafte, mit den Verhäͤltniſſen des Hofes noch unbekannte Diener, den Koͤnig, der ohne Begleitung war, zu ſolcher Stunde in der Graͤfin Zimmer erblickte; ſie lief alſo haſtig in's Vorzimmer, ſchickte Guernard unter einem raſch erdachten Vorwande in ihr eigenes Zimmer, und war ſolchergeſtalt allein bei'm Eintritte des Koͤnigs zugegen. So hatte Guernard, der den Prieſter wieder hinweggehn geſehn— denn Florentin hatte keinen Beruf gefuͤhlt, einem wahrſcheinlich blutigen Ausgange dieſer Dinge nahe zu bleiben— keine Ahnung, daß noch ſonſt jemand in den Zimmern ſein koͤnne, und des⸗ halb wollte ihn Chimene erſt im Falle der Noth in An⸗ ſpruch nehmen. Sie nahm alſo einen Armleuchter und ging muthigen Schrittes bis an die letzte Thuͤr vor dem Kampfgemache. Die Thuͤr war durch Frangoiſe in’s Schloß geworfen— Chimene horchte; ſie hoͤrte nichts. Sie faßte ſich ein Herz die Thuͤr zu oͤffnen, gewaͤrtig, daß der Anblick eines Verwundeten oder gar der eines Todten ihr entgegenſtarren werde. Nichts iſt ſchauerlicher, als Nachts mit Licht in ein finſteres Gemach treten, und einen blutigen Gegenſtand erwarten zu müſſen. Es überrieſelte ſie auch kalt, als die Thuͤr in Schloß und Angeln knarrte; aber ſie trat ein mit vorgehaltenem Lichte: es war todten⸗ 10⁵ ſtill, kein Seufzer, kein Roͤcheln war zu hoͤren, kein Menſch war zu ſehen! Ein Tiſch, ein Stuhl waren umgeſturzt, die Vorhangthuͤr zum Semele⸗Cabinet war geoͤffnet— ſie wagte ſich leiſen Schrittes auch dahin, auch hier war es leer! Haͤtte ſie gewußt, daß ſie nur ſorgfaͤltiger zu ſuchen brauchte, um eine erſchreckende Entdeckung zu machen, der Muth waͤre ihr wohl geſunken und ſie haͤtte Guernard zu Hilfe gerufen. Aber wenn wir zu finden fuͤrchten, ſo ſuchen wir auch oberflaͤchlich. Raſch eilte ſie zuruͤck, und theilte fliegenden Wortes der Graͤfin mit, daß es gluͤcklich abgelaufen zu ſein ſcheine; dann ging ſie zu Guernard, zweideutig fragend, ob etwas vorgefallen? Denn ſie wollte wiſſen, ob einer der Kaͤmpfer waͤhrend ihrer Abweſenheit im Walde den Ausgang durch die Zimmer geſucht habe. Guernard verneinte ohne Arg. Sie mußten alſo beide nach der Gallerie hinaus ſein. Waͤhrend ſte noch neben Guernard im Eintrittszimmer ſtand, leuchtete Fackellicht uͤber den Gartenhof daher, zwei Pagen ſchritten vor einer Dame die Treppe herauf, die Dame war Margarethe, Herzogin von Alengon. Es waͤre die wuͤrdige Aufgabe eines ganzen Buches, alle die Uebergäͤnge im Herzen Francoiſens zu beſchreiben, welche im Zeitraume einer halben Stunde vor ſich gingen, und welche noͤthig waren, ihr beſtuͤrmtes Weſen wiederum ruhig, vertrauensvoll und harmoniſch zu ſtimmen. Gelang dies, ſo war es eine natuͤrliche und leicht zu bewerkſtel⸗ ligende Folge, daß ſie einwilligte, bei der großen Abſchieds⸗ ceremonie zu erſcheinen. Und Margaretha war die geeig⸗ nete Dame, ſolche Uebergaͤnge zu leiten, die Umſtaͤnde —2 waren verwickelt und unklar genug, die in der Tiefe maͤchtig herrſchende Neigung Francoiſen's, welche ſtets zur Verſoͤh⸗ nung mit dem Koͤnige und zum Koͤnige trieb, maͤchtig zu unterſtuͤtzen. Die groͤßere Beweglichkeit des weiblichen Charakters macht ihn ja eben ſo reizend, ſo ſchwach und ſo unerſchoͤpflich zugleich. Was war denn auch— fluͤſterte die Neigung in Frangoiſe— fuͤr ſichrer Grund zum Zorn gegen den Koͤnig vorhanden? Die Scene mit Diana von Brezé war offenbar durch Bonnivet, der gegen die Stellung der Chateaubriant arbeitete, verlaͤumderiſch uͤbertrieben worden, um Franz und Frangoiſe im entſcheidenden Augen⸗ blicke zu entzweien. Wuͤrde die in ſolchem Punkte gegen ihren Bruder ſtrenge Margaretha davon ſprechen wie von einer Nichtigkeit?! Und war nicht vorauszuſetzen, daß ſie genau unterrichtet ſei, ſie, welche inmitten aller Parteiungen des Hofes ſtand, und das Vertrauen Aller beſaß, ſie, welche der Koͤnig ſelbſt ausgeruͤſtet hatte mit ſeinen Entſchuldi⸗ gungen und Wuͤnſchen?! Wuͤrde er den Hauptgrund der Entzweiung unbeachtet gelaſſen haben? Gewiß nicht! Und doch ſprach Margaretha nur in gleichguͤltigem Tone und beilaͤufig von Diana, und alle Entſchuldigung des Koͤnigs war dahin gerichtet, daß er ſein Verſprechen gebrochen und vor Ablauf der acht Tage ohne Erlaubniß zu ihr gedrungen ſei. Mein Gott, ſprach Francoiſe zu ſich, darnach waͤre ja ich mit meiner Haͤrte, mit meinem Widerſpruche in ſchreiendem Unrechte! Die Liebe nur hat ihn zu mir ge⸗ trieben, iſt das ein Grund des Zornes fuͤr mich? Ja, nach⸗ dem ich ihn dem racheluſtigen Chateaubriant in meiner Verblendung wie einen Verraͤther bezeichnet, tritt er vor 107 mich und ſchuͤtzt mich gegen das ausgeſtreckte Schwert des blind eindringenden Grafen, und nachdem ein ſo gefähr⸗ licher Kampf beendigt iſt, hat er keine andre Sorge, als mich, die ungerecht Zuͤrnende, zu verſoͤhnen! Er ſendet die Schweſter, er ſendet Brion, der mir ſo zugethan, der mir ſo werth, und den wiederzuſehn nach langer Trennung mir eine Freude iſt! Noch mehr: ein genneſiſches Kleid ward gebracht, wel⸗ ches der Koͤnig geſendet fuͤr die Graͤfin, ein prachtvolles Gewand von braunrothem Sammte!— Haͤtte Frangoiſe nuͤchtern hinzugedacht, daß im Be⸗ tragen des Koͤnigs Alles von übertriebener Buße ſei fuͤr ein ſo kleines formelles Vergehen, welches die Liebe ſtets entſchuldigt, ſie waͤre wahrſcheinlich der Wahrheit naͤher gekommen. Aber ſie war nicht in der Lage, nuͤchtern zu pruͤfen! Der Augenblick draͤngte: wenn der Mond un⸗ terging, dann war der Koͤnig fort vielleicht auf Jahre, und ſte hatte ihn aus Eigenſinn nicht mehr geſehn, hatte ſich in Liebloſigkeit von dem Manne getrennt, der ihre einzige Liebe und Hoffnung auf Erden war, hatte verſcherzt, daß er ihr eine Stellung anwies waͤhrend ſeiner Abweſenheit, eine wuͤrdige Stellung unter neidiſchen Widerſachern! War es nicht natuͤrlich, daß ſie aufſprang, Margarethen um⸗ armte, und mit Chimene hinwegeilte, um ſich zu ſchmuͤcken fuͤr die Audienz, zu ſchmuͤcken mit allem Glanze wie er paßte fuͤr ſolche Feierlichkeit und für ein ſo prachtvolles genueſiſches Gewand! Schoͤne Frangoiſe, freue Dich des ſchimmernden Augenblicks, Du haſt der Freuden ſo wenige im Leben! ——— — Chabot de Brion war gluͤcklich, die Koͤnigin ſeines Herzens zum Feſte zu fuͤhren: er haͤtte gern ein gutes Zeichen fuͤr die Zukunft darin geſehn, wenn er nicht eine zu wahrhafte Liebe fuͤr Francoiſe gehegt haͤtte. Ach, er wußte nur zu gut, daß ihr Gluͤck geſcheitert ſein mußte, wenn das ſeinige ſich erhoͤbe. In den Gartenhof herab ſchimmerte die Franz⸗Gallerie wie von tauſend Kerzen erleuchtet: die Fenſterthuͤren und Fenſter nach dieſer Seite ſtanden offen, und als ſie die Marmortreppe vom Gartenparterre hinauf geſtiegen wa⸗ ren, dehnte ſich der prachtvolle Raum vor ihnen aus in un⸗ abſehbarer Laͤnge wie ein Feengedanke. Darin erhebt ſich jene Renaiſſance⸗Epoche beſonders in Bauwerken, daß ſie darnach trachtete, Ungedachtes, bloß Geahntes durch Grup⸗ pirung von Maſſen anzudeuten, und das lockende Geheim⸗ niß, dieſe Seele der Romantik, in der Fuͤlle und unerhoͤrten Wendung klaſſiſcher Formen, lebendig und wirkſam zu erhalten. Dieſe Gallerieen der Renaiſſance waren nicht nur die Saͤulengaͤnge der Alten, ſie boten in ihrer lang aufſteigen⸗ den, dem Auge entweichenden Flucht, in ihrem kuͤhnen Stile der Verzierung und in ihrer uͤberladenen, aber durch Vollendung jedes einzelnen Theils gebieteriſchen Fuͤlle des Schmucks, ſie boten in alle dem einen Zauber der Phan⸗ taſtik, welcher die verwegenſten Gedanken und Plaͤne im ſinnigen Beſchauer weckt. Die Menge der Hofleute und Wuͤrdentraͤger des Rei⸗ ches, welche zum Feſte beſchieden waren, wandelte in unre⸗ gelmaͤßigen Gruppen auf und nieder, denn der Koͤnig war 109 noch nicht eingetreten, und der ſchimmernde Thron, den eine koloſſale Lilienkrone uͤberragte, ſtand noch leer. Fuͤnf⸗ zig Pagen umgaben ihn mit Kerzen, denn Menſchen waren damals noch wohlfeiler als Geraͤthe, und der ungeheure Raum nahm außer andern fuͤnfzig Kerzenpagen auch noch hundert Kandelaber in Anſpruch. Die Gruppen ordneten ſich und begruͤßten achtungsvoll die Schweſter und die Geliebte des Koͤnigs: Einer fluͤſterte dem Andern zu, in der naͤchſten Stunde werde ſich verwirk⸗ lichen, was bisher als ſchuͤchternes Geruͤcht umhergewan⸗ delt ſei, die Graͤfin werde zur Herzogin von Romorantin erhoben und zur Regentin des Reichs eingeſetzt werden, der Erzbiſchof von Paris werde ihr die Herzogskrone und außerdem einen Marmorblock ſegnen, den Grundſtein eines neuen Wunderſchloſſes, welches ihr der Koͤnig in der So⸗ logne bauen wolle. Alle Kuͤnſtler, welche ſie fruͤher in Blois geſehen, dräͤngten ſich zu ihr, um ihr zu huldigen: ſie waren alle voller Freude, daß eine der Kunſt ſo guͤnſtige, des Ge⸗ ſchmacks ſo kundige, daß eine ſo wunderſchoͤne Dame ihre gebietende Herrin werden ſolle— da rauſchte ſchmetternde Muſik aus dem innern Hofe herauf, die Fluͤgelthuͤren oͤffne⸗ ten ſich, und der Koͤnig erſchien, ſeine Mutter an der Hand führend, der Erzliſchof im vollen Ornate, umgeben von farbigen Prieſtern und Chorknaben, folgte ihm auf dem Fuße. Der Koͤnig führte ſeine Mutter bis an die Stufen des Thrones, dann machte er ihr eine Verbeugung, und ging auf ſeine Schweſter zu, welche mit Frangoiſe inmitten der Kuͤnſtler ſtand, dankte ihr, daß ſie ihn mit ſeiner Freundin verſoͤhnt und dieſe hergefuͤhrt habe, und richtete dann an Francoiſe ſelbſt die liebevollſten Worte. Die Macht ſolcher Worte war immer außerordentlich, denn es lag ein ſeltener Zauber in ſeiner Freundlichkeit und eine unwiderſtehliche Kraft maͤnnlicher Zuverſicht in all ſeinem Benehmen und all ſeiner Geberde. Mochte er auch der That nach oft leichtfertig werden, er hatte nie den Anſchein der Leicht⸗ fertigkeit, und er hatte, um noch mehr zu ſagen, auch nicht die Abſicht der Leichtfertigkeit. Jeder Wunſch, der ihm aufſtieg, war ihm wichtig, und deshalb betrieb er eige tlich auch die leichteſte Galanterie, ſobald ſie ihm eben von einem ernſtlichen Wunſche geboten war, mit Gewiſſenhaftigkeit. Das heißt allerdings nur: mit Gewiſſenhaftigkeit fuͤr den Zweck ſeines Wunſches. Und darin lag ſeine Macht. Es kam aber bei ſolcher Eigenſchaft nur darauf an, ihm mit geiſtiger Ueberlegenheit den Wunſch niemals ganz zu er⸗ fuͤllen, und immer durch neue Wendung zu beleben. Mit ſolcher geiſtigen Gewalt war er dauernd zu feſſeln, wie in ſeiner ſpaͤteren Zeit die Mademoiſelle de Heilly bewieſen hat. Bloße Liebe freilich, aͤchte, weil hingebende Liebe, Liebe wie ſie Frangoiſe fuͤr ihn hegte, war mit dieſem Manne in groͤßter Gefahr des Ungluͤcks. Sie mußte ihm zum Beiſpiele an jenem Abende widerſprechen, da er ſie bat, ihm zu ſeiner Mutter zu folgen, ſie dieſer Mutter für die Dauer ſeiner Abweſenheit empfehlen zu duͤrfen wie ſeine Braut— denn in dieſem Schritte lag dasjenige, was man ſtets mit ihm vermeiden mußte: das Abthun einer Angelegenheit, einer Verpflichtung. Mit dieſem Abthun 111 befreite er ſich, und es war von da an ein neues Gluͤck, eine neue Eroberung noͤthig, um ſeines Antheils ſicher zu werden. Die Herzogin von Angouléme, welche eben gegen Flo⸗ rentin, der im Geleite des Erzbiſchofs gekommen war, in haſtigen Worten ihre toͤdtliche Beſorgniß ausdrüͤckte vor dem, was bevorſtehn konne, wurde bleich wie der Tod, als ſie den Koͤnig, die Graͤfin an der Hand fuͤhrend, gerade auf den Thron zuſchreiten ſah, an deſſen Stufen ſie ſtand. Und ihre Beſorgniß war ganz gerecht, ſie war gerecht, auch wenn ſie wußte, daß ihr Sohn fuͤr den Augenblick nicht mit der Abſicht, die Geliebte hinauf zu fuͤhren, auf den Thron zuſchritt. Eine ploͤtzliche Wallung war hinreichend, daß der Koͤnig that, was er ſelbſt nicht beabſichtigt hatte, was ſich aber als Gelegenheit ſeinem romantiſchen Sinne ſo verfüͤhreriſch darbot. Geuͤbt in küͤhner Faſſung, fand ſie, als das Paar noch etwa fuͤnf Schritte vom Throne entfernt war, als die Ver⸗ ſammlung, todtenſtill werdend, den Koͤnig ſelbſt aufmerk⸗ ſam zu machen ſchien, ſte erwarte etwas Außerordentliches, als dem Koͤnige wirklich die Hand unter dem Drucke der geliebten Hand zuckte und die Wallung zum Herzen ſtieg, für ſeine Francoiſe die allgemeine Erwartung nicht zu taͤuſchen— die Herzogin von Angouléme fand in dieſer be⸗ drohten Lage augenblicks den Muth, dem Paare entgegen⸗ zugehen und ſolcherweiſe den Weg nach dem Throne zu vertreten. Waͤre dies herb oder irgendwie proteſtirend ge⸗ ſchehn, es haͤtte die Wallung des Koͤnigs zu Gunſten Fran⸗ Koiſens befluͤgelt. Aber die Mutter kannte ihren Sohn: ſie that ſich die aͤußerſte Gewalt an, und trat mit Honig auf den Lippen zu der verhaßten Graͤſin, mit kluger Be⸗ rechnung deren beide Haͤnde ergreifend, und ſie dadurch vom Koͤnige trennend. Als der Koͤnig die Liebesverſiche⸗ rungen der Mutter fuͤr die Geliebte, die eifrigſten Verſiche⸗ rungen derſelben in Betreff der bevorſtehenden Zukunft hörte, entſchwand ihm die Wallung, denn der Drang des verborgenen Antriebs und Widerſtandes hoͤrte auf, es war erreicht, was er in Voraus beabſichtigt hatte: die beiden Frauen, die er vereinigt wiſſen wollte, ſah er Hand in Hand, und allein, in ritterlich koͤniglicher Majeſtaͤt ſchritt er auf den Thron hinauf, und winkte mit der Hand dem Erzbiſchofe, welcher mit ſeinem Gefolge auf einer dafuͤr er⸗ richteten, mit Purpur bedeckten Eſtrade Platz genommen hatte. Der Erzbiſchof, ein ehrwuͤrdiger Greis, trat einen Schritt vor und erhob beide Arme, ein Zeichen, daß er ſprechen wolle. Es trat eine lautloſe Stille ein, und der Erzbiſchof ſprach in kurzen wuͤrdigen Worten aus, daß es Befehl des Koͤnigs und eine Aufgabe ſeines heiligen Amtes ſei, in ſo verhaͤngnißvollem Augenblicke, da der Koͤnig das bedrohte Reich verlaſſe und in moͤrderiſchen Kampf ziehe, Jeder⸗ mann zu ermahnen, im Namen Gottes zu ermahnen zur leutſeligſten Eintracht. Aller Neid, fuhr er fort, aller Zwiſt moͤge abgethan und unter die Fuͤße geworfen ſein auf dieſer Stelle, und Gott moͤge unſer Geluͤbde, welches wir hiermit feierlich ablegen, gnaͤdig aufnehmen, das Geluͤbde, all unſre perſoͤnlichen Abſichten und Wuͤnſche abthun zu wollen zum Beſten des Reichs, ſo lange der geſalbte Herr⸗ ſcher deſſelben fern von uns weilet. 113 Bei Ausſprechung des Geluͤbdes hatte ſich der Erz⸗ biſchof auf die Kniee niedergelaſſen, und die ganze Ver⸗ ſammlung in der Gallerie war dieſem Beiſpiele gefolgt, es herrſchte eine feierliche Pauſe. Die uͤberraſchendſte Erſcheinung unterbrach dieſelbe: aus der Tapetenthuͤr des Semele⸗Cabinets, welche mehr nach der Gartenſeite der Gallerie und frei von der im oberen Theile der Gallerie verſammelten und jetzt knieen⸗ den Geſellſchaft war, trat mit Geraͤuſch ein verſtoͤrt aus⸗ ſehender Mann. Seine Kleidung war in Unordnung und beſtaͤubt, ſein Antlitz bleich und mit Blut befleckt, er hatte keine Kopfbedeckung, und hielt ein blankes Schwert in der Hand— es war der Graf Chateaubriant. Ueber einen Stuhl ruͤcklings fallend waͤhrend des Kampfes mit dem Koͤnige, hatte ſich ſein Kopf gegen die Stufe des Himmelbettes geſchlagen, welches in einer mit ſeidenem Vorhange verſehenen Niſche ſtand. Der Schlag hatte ihm die Beſinnung geraubt, der wieder zufallende Vorhang hatte den groͤßten Theil ſeines Koͤrpers verdeckt, und der umgeſtüͤrzte Seſſel hatte den Augen der oberflaͤch⸗ lich ſuchenden Chimene die unter dem Vorhange hervorra⸗ genden Fuͤße entzogen. So hatte er unentdeckt und ohne Hilfe Stunden lang beſinnungslos gelegen, bis die Er⸗ ſchuͤtterung der von Chimenen im Hinweggehn zugewor⸗* fenen Thuͤr die Lebensgeiſter wieder in ihm erweckt hatte. Allmaͤhlig, aber ſehr langſam, waren ſtie wiedergekehrt, und jetzt erſt war er zu der Faſſung gekommen, daß er wie⸗ der gehn und die Thuͤr, durch welche er eingetreten, bei'm Mondeslichte wieder aufſuchen konnte. Laube, Chateaubriant. II. 8 114 Die blendend erleuchtete Gallerie ſiel ihm wie Blitzes⸗ feuer auf die geſchwaͤchten Augen, und er ſtand eine lange Zeit, ohne zu wiſſen, was um ihn her ſich begaͤbe. Der Verſammlung aber erſchien er als ein drohend Herausfordernder; die Wirkung der frommen Worte des Erzbiſchofs war augenblicks vernichtet, Jedermann erhob ſich, und ſah bald auf den Grafen, bald auf den Koͤnig, welcher letztere eine Stufe herunter ſchritt vom Throne, ſtarr hinblickend auf die fuͤr ihn dreifach uͤberraſchende Er⸗ ſcheinung. Er hatte den Grafen erſtochen geglaubt, und als er vorhin mit Frangoiſe Hand in Hand ging, hatte er ſich vorgeſetzt, Bonnivet vor der Abreiſe noch zu befehlen, daß der Leichnam in dieſer Nacht ohne Wiſſen der Graͤfin durch Florio's Fuͤrſorge beſeitigt werde. Jetzt aber ſah er dieſen Mann in vollem Kerzenſcheine aufrecht ſtehend vor ſich— iſt er Geſpenſt? iſt er lebendig? Uneingedenk deſſen, daß alle Blicke auf ihn gerichtet ſeien, zog der Koͤnig ſeinen Degen um nachzuſehen, ob denn kein Blut an der Klinge hafte, die ſeines Erachtens den Grafen durchbohrt. Saͤmmt⸗ liche Seigneurs aber, dieſen Grund nicht errathend, zogen ebenfalls ihre Degen, und es gewaͤhrte einen prachtvollen Anblick, all die geſpannten, gläͤnzend geſchmuͤckten Men⸗ ſchen mit blanken Schwertern zu ſehn, denen unbeweglich ein einziger todtenbleicher Mann gegenuͤber ſtand. Da ſchmetterten die Kriegsfanfaren des kriegeriſchen Reiſege⸗ folges, welchem der Koͤnig die Stunde beſtimmt und als Sammelpunkt den Gartenplatz vor der Gallerie angewieſen hatte, durch die offenen Thuͤren und Fenſter herein, und brachten Bewegung in die geſpannte Scene: man ſah 115 Fackellicht den Platz vor der Gallerie erfuͤllen, hoͤrte das Wie⸗ hern der Pferde, das Klirren der Waffen, und bemerkte, daß der Koͤnig den Degen wieder einſteckte, und ſich weg⸗ wandte, zum Zeichen, daß er die Erſcheinung des Grafen nicht weiter beachten, und die Erledigung des Abſchieds⸗ aktes nicht weiter verzoͤgert ſehn wollte. Alles kam in Be⸗ wegung, vermiſchte ſich und draͤngte ſich nach dem Throne, und kaum gewahrten es Einzelne, daß auf einen Wink der Herzogin von Angoulèͤme der Praͤlat Florentin die Hand der beſtuͤrzten Graͤfin Chateaubriant ergriff, und die willen⸗ loſe dem jetzt gefaßten und ihr entgegentretenden Grafen Chateaubriant zufuͤhrte. Francoiſe ſah und hoͤrte nichts, bis ihr Gemahl ſie anrief: Graͤfin Chateaubriant! „So nennt man mich“— ſprach ſie, nachdem ſie tief Athem geholt, kaum hoͤrbar. So wird man Euch nennen bis zu Eurem Tode— hoͤrt, was ich Euch zu ſagen habe, und blickt mich an da⸗ bei, wenn Ihr es koͤnnt! „Ich kann es nicht“— Gott iſt gerecht! „Ich kann's!“ rief ſie ploͤtzlich, und richtete ſich auf. Weh Dir! Ich erwarte Dich auf Schloß Chateau⸗ briant, damit Du Deine Tochter ſegneſt und Dein Gericht erleideſt. Bei dieſen Worten trat Chabot de Brion, wahrſchein⸗ lich ohne Auftrag, aber getrieben vom Drange, der Graͤfin beizuſtehen, hinzu und ſprach: „Der Koͤnig fragt, was Euch hierher gefuͤhrt“— 8* —— — — 116 Sagt dem Koͤnige: ein bretoniſcher Edelmann brauche keine beſondere Veranlaſſung, um vor den Thron zu treten, denn er ſei Pair des Reichs. Ich aber ſuchte nicht den Koͤnig von Frankreich, ſondern Franz von Valois, der mir Rede zu ſtehn habe. Waͤhrend deſſen war der wichtigſte Akt am Throne vor ſich gegangen, die Herzogin von Angouléme war zur Re⸗ gentin des Reichs ernannt, der Herzog von Vendéme zum General⸗Lieutenant von Ile de France, der Herzog von Guiſe zum Statthalter der Champagne und Burgunds, der Groß⸗Seneſchal de Brezé zum Statthalter der Nor⸗ mandie, der Graf de Laval zum Statthalter der Bretagne, und der Marſchall Lautrec zum Statthalter von Guyenne und Languedoc. Dieſe letzte Ernennung allein ſchien einige Ruͤckſicht auf Francoiſe zu verrathen. Alles draͤngte ſich nach dem Ausgange, von welchem her auf's Neue Kriegs⸗ fanſaren ſchmetterten, und welchem auch der Koͤnig ſich zuwendete. Der Graf Chateaubriant wurde durch die her⸗ zudraͤngende Menge getrennt von ſeiner Gemahlin, und dieſe ward an Brion's Arme hinaus auf die Treppe gefuͤhrt. Der Koͤnig, an der Hand ſeiner Mutter nach dem Aus⸗ gange ſchreitend, ſchien ſie uͤberall unruhig mit den Augen zu ſuchen, und als er ihrer endlich bei'm heraufdringenden Fackelſcheine anſichtig wurde, eilte er auf ſie zu, ergriff ſie, die auf den Fuͤßen Schwankende, bei der Hand, und legte ſie an die Bruſt der laͤchelnden Mutter, mit Blick und Handbewegung eindringlicher als Worte es vermocht häͤt⸗ ten, die verlaſſene Frau der mit dem Reiche belehnten an⸗ empfehlend. 4 117 Dann wendete er ſich raſch, warf Allen mit der Hand einen Kuß des Abſchiedes zu, umarmte die herbeieilende Margaretha fluͤchtig, aber herzlich, und ſtieg die Treppe hinab nach dem harrenden Roſſe, unter unaufhoͤrlichem Rufe der Verſammlung:„Es lebe der Koͤnig! Es lebe der Koͤnig!“ und ſich aufſchwingend und hineinſprengend in den ſchwarzen Wald, den viele hundert Fackeln nur um ſo ſchwaͤrzer erſcheinen ließen. 11. Der AMarſchall Luutrec an Francoiſe Gräfin von Chateaubriant. Du fragſt mich zum erſten Male um Rath, Francoiſe, und fragſt mich um Nachrichten uͤber den Koͤnig. Die eine wie die andere Frage iſt erſtaunlich. Neben der Regentin des Reiches lebend biſt Du ohne zuverlaͤſſige Nachricht vom Schickſale des Koͤnigs und Heeres, und nachdem Du mit groͤßter Verwegenheit aus dem wohlanſtaͤndigen Kreiſe Deines Lebens herausgetreten biſt, nachdem Du das Aeu⸗ ßerſte gethan, fraͤgſt Du mich um Rath! Ich wuͤrde meinen Augen nicht trauen, ſaͤhe ich nicht aus einzelnen Aeußerun⸗ gen Deines Briefes, daß Du uͤber Deine Lage und uͤber die Lage der Dinge unklar und in Taͤuſchung befangen biſt. Vom Koͤnige haſt Du Vorſtellungen und Erwartungen, als ob er ein Juͤngling von ſiebzehn Jahren und in den Wal⸗ lungen ſeiner erſten Liebe begriffen ſei. Armes Geſchoͤpf! Koͤnig Franz iſt der grauſamſte Liebhaber, weil er der leichtſinnigſte iſt! An das Abenteuer mit Diana von Brezé haſt Du nicht glauben moͤgen, und biſt der Meinung ge⸗ weſen, es ſei der Koͤnig treuen Herzens zu Dir von Fon⸗ tainebleau gegangen, und eben dieſes treuen Herzens halber duͤrfeſt Du ihm nicht zuͤrnen daruͤber, daß er Dir keine an⸗ dere als eine vertrauliche Stellung neben ſeiner Mutter hinterlaſſen. Das Herz koͤnne doch nicht mehr thun, als die Geliebte an's Herz der Mutter legen, und wenn die Mutter dies Vertrauen zu Deinem Schaden mißbrauche, ſo ſei dies doch nicht die Schuld des Koͤnigs. Armes Ge⸗ ſchoͤpf! Wußte denn etwa der Koͤnig nicht, daß ſeine Mut⸗ ter Dir immer abhold war bis zum Vergiften, daß dieſe Mutter nichts liebt als ſich und ihn, daß ſie ihm wohl eine anſpruchsloſe Maitreſſe, nicht aber eine anſpruchsvolle Ge⸗ liebte wie Dich fuͤr erſprießlich haͤlt?! Was that er alſo, als er Dich ſeiner Mutter empfahl? Er uͤberantwortete Dich Deinem Schickſale. Willſt Du zur Beſtaͤtigung meiner Anſicht hoͤren, wie er ſich einige Tage nach ſeinem Abſchiede von Dir benommen hat, der Mann, welchem Du ſo zarte Empfindung zuſchreibſt? Als er durch Manosque ritt, ſah er eine junge Dame von großer Schoͤnheit, ein Fraͤulein von Voland, und hielt auf der Stelle an und bewarb ſich auf die zudringlichſte Weiſe um die Gunſt derſelben, und überließ das Heer in der ſchwierigſten Lage von der Welt gedankenlos ſeinem Schickſale, denn er, Dein treuer Lieb⸗ haber, hatte alle Gedanken auf Eroberung eines ſchwachen Maͤdchens geſtellt. Dieſes Fraͤulein von Voland war keuſch, und beſaß ſelbſt einen heroiſchen Sinn der Keuſchheit; 119 dadurch iſt ein Abenteuer, deſſen Gleichen Koͤnig Franz dutzendweiſe ſucht, landkundig geworden. Sie hat naͤmlich nichts Geringeres vorgenommen, als ihr ſchoͤnes Geſicht ſtechendem Schwefeldampfe auszuſetzen, damit es entſtellt werde, und dem Manne, welchem jedes Laͤrvchen gefaͤhrlich, nicht mehr begehrenswerth erſcheine! Dieſer Skandal hat alle Welt entruͤſtet, aber Deinen Liebhaber nicht gebeſſert und deſſen Kuppler Bonnivet nicht entmuthigt. Nun, man ſpricht, es ſei unmoͤglich, verliebten Leuten die Wahrheit zu ſagen uͤber den Gegenſtand ihrer Nei⸗ gung; wenn dieſe Wahrheit ihnen nicht wohlgefaͤllig ſei, ſo glaubten ſie nicht daran, moge ſie von der heiligen Jung⸗ frau Maria ſelber kommen. Das muß wohl ſo ſein, denn es wird Dir doch wahrhaftig nicht an Gelegenheit gefehlt haben— basta, ich verſtehe mich nicht auf dergleichen Dinge; glaube Du Gutes oder Uebles von Deinem Goͤtzen, aber hoͤre nun auch den Rath eines in der Welt erfahrenen Bruders zu Ende, da Du ihn doch einmal begehrt haſt. Du haͤtteſt ihn nur fruͤher begehren ſollen! Uebrigens habe ich gar nichts dawider, daß Du Dich an mich gewendet haſt und daß Du Dich wieder an mich wendeſt, wenn es Dir ein Beduͤrfniß iſt. Helfen freilich werd' ich Dir nicht konnen, wie Du im Verlauf dieſes Schreibens aus meinem Tempe⸗ rament in Betreff Deiner Lage erkennen wirſt. Deine Lage haͤngt genau zuſammen mit der des Reiches und des Koͤnigs, denn Du haſt Dich dem Koͤnige und Reiche preisgegeben— um alſo uͤber Deine Lage etwas Gruͤnd⸗ liches zu beſtimmen, muß ich Dir zeigen, was meinen Er⸗ fahrungen nach aus Koͤnig und Reich werden wird. — ———— —— Der Koͤnig iſt von gar viel ſchoͤn geputzten Herren um⸗ geben bei dieſem Feldzuge; es ſind darunter ſehr wuͤrdige Fuͤhrer, wie der Graf von Saint⸗Pol, der Herr von La Trémoille und die Marſchaͤlle La Paliſſe, unſer Bruder Lescun und Montmorenci, welche letztere nur noch etwas jung und vielleicht nicht hinreichend umſichtig ſein moͤgen. Aber wie ſie auch ſeien, ſie haben in den Anordnungen nichts zu bedeuten neben dem ſchwatzhaften und vorlauten Bonnivet, welchem leider der Koͤnig mit einer unbegreif⸗ lichen Verblendung zugethan iſt— ach, was ſag' ich„zu⸗ gethan,“ das thaͤte ja nichts! aber der Koͤnig folgt ihm, und dies wird zum großten Unglüͤck fuͤhren; denn⸗dieſer Bonnivet, welcher uͤbrigens nicht ohne vielfache Geſchick⸗ lichkeit iſt, hat keine gruͤndlichen Kenntniſſe des Krieges und hat keinen gruͤndlichen Charakter. Deswegen faſelt er, und verfaͤhrt bald nach dieſem, bald nach jenem Sy⸗ ſteme und hat nirgends Nachdruck. Der Koͤnig neben ihm wird zwar Manches ergaͤnzen an dieſen mangelhaften Eigenſchaften, denn im Kriege iſt Franz durchaus nicht flatterhaft, ſondern eigenſinnig und halsſtarrig tapfer. Aber er iſt, was ihm kein Menſch wird ſagen moͤgen, weil er beſonders ſtolz darauf iſt, er iſt des großen Krieges nicht maͤchtig, weil er deſſen nicht kundig iſt. Es mag ſchwer ſein, dies einleuchtend auseinanderzuſetzen. Er hat naͤm⸗ lich oft, und beſonders aus der Ferne einen großen Blick fuͤr die Kriegsplaͤne, weil er ein ſehr lebhafter und geſchick⸗ ter Geiſt iſt. So hat mich der Beginn des jetzigen Feld⸗ zuges, der mich nach den erſten Nachrichten beſtuͤrzte, doch bald uͤberraſcht durch das kuühne Manoeuvre, den Feind in 121 der Provence als Nebenſache zu behandeln, und links uͤber die Alpen nach der Lombardei hinabzuſteigen, als fuͤhrte dort eine Landſtraße und als waͤre der Feind in der Lom⸗ bardei. Dies ging offenbar vom Koͤnige aus und gelang vortrefflich; Pescaire und Bourbon mußten, um nicht von Italien abgeſchnitten und in den Ruͤcken genommen zu werden, eiligſt uͤber die liguriſchen Alpen zuruͤck, und der Koͤnig war bereits in Verceil, als ſie in's Monferrat hinab kamen. Gutes Gluͤck lohnte den geſcheidten Plan; das ge⸗ faͤhrliche Mailand war durch eine moͤrderiſche Epidemie erſchoͤpft und konnte ſich nicht vertheidigen, Pescaire und Bourbon konnten nur eiligſt ſchwache Beſatzungen in's Schloß von Mailand, nach Aleſſandria und nach Pavia werfen und mußten bis an den Oglio zuruͤck. Nun kommt's, was ich vorhin ſagte: mitten im Kriegsgetuͤmmel verlaͤßt der große Ueberblick den Koͤnig; da fehlt's an Ruhe, da fehlt's an Erfahrung und an Einſicht in den neuen Krieg. Denn der Krieg iſt ſeit Karl dem Achten in immerwaͤhren⸗ der Umwandelung begriffen, und es iſt ein Ungluͤck, daß der Koͤnig gerade unſern Gaſton und den braven Bayart zu ſeinen Vorbildern erwaͤhlt hat, denn die Vorzüͤge dieſer ausgezeichneten Maͤnner gehoͤren eben zu einer Kriegsme⸗ thode, welche alle Tage unwirkſamer wird. Der Koͤnig inmitten der Manveuvres fuͤhlt, daß er der Uebung erman⸗ gele, und wirft ſich, um doch etwas Tuͤchtiges zu thun, auf den Stil des Ritterthums. Die geputzten Herren neben ihm— Gott gebe, daß es nicht verderblich wird, dem un⸗ fähigen Herzog von Alengon ein Kommando anvertraut zu haben, und unſer Vetter von Navarra braucht auch Gottes 122² Hilfe!— dieſe Krieger von Gnaden des Fechtmeiſters haben ihn nun unſeliger Weiſe darin beſtaͤrkt, und da hat es denn links und rechts geheißen: Nein, wir duͤrfen das Mallaͤnder Schloß und Pavia nicht ungenommen hinter uns laſſen, und das hat in ſeinen Ritterkram gepaßt, und nun verliert er Zeit und Muͤhe und ſetzt Himmel und Erde in Bewegung, Pavia zu nehmen, und laͤßt den Feinden alle erſinnliche Muße, daß ſie ſich wieder ſammeln und er⸗ holen. Ich zittere, ich zittere, wenn ich daran denke, wie Pescaire und Bourbon mit aufgeloͤſ'ten Truppen aͤngſtlich dem Augenblicke entgegen geſehen haben, an welchem der Koͤnig kommen, ſie angreifen und tief in's Venetianiſche hinauf werfen wuͤrde! Oh! Das iſt nun nicht geſchehen, der guͤnſtige Augenblick iſt verloren, der famoͤſe ſpaniſche Capitain Antonio de Leyva vom Schlage der Cortez und Pizarro vertheidigt Pa⸗ via mit grauſamer Zaͤhigkeit, eine Woche nach der andern vergeht, Pescaire faßt ſich in Lodi, Bourbon wirbt friſche Lanzknechte in Deutſchland und der Franche⸗Comts, trennt Savoyen von der Allianz mit uns, und mit Entſetzen ſehe ich den Tag kommen, da unſere Armee eine Schlacht an⸗ nimmt zwiſchen Pavia, dem Teſſino und dem anruͤckenden Pescaire und Bourbon. Denn die Karouſſel⸗Krieger wer⸗ den dem Koͤnige den Kopf anfuͤllen mit den altmodiſchen Phraſen: man duͤrfe ſich nach ſolchen Anſtrengungen nicht zuruͤckziehen! Gott bewahre uns vor einer Kataſtrophe! Und ſie iſt nur gar zu wahrſcheinlich, da der Koͤnig obenein lauter ausgreifende abenteuerliche Erpeditionen angeordnet hat, als handelte es ſich darum, durch haltloſe Eroberungen 123 die Welt und ſich ſelbſt uͤber das Mißliche ſeiner Lage zu taͤuſchen; ſo hat er den Marquis von Saluces gegen Ge⸗ nua, und den Herzog von Albanie gar gegen Neapel ge⸗ ſendet und ſich geſchwaͤcht, daß meine Eingeweide ſich vor Angſt zuſammenziehen, wenn ich denke, daß er in dieſer Lage zu einer Schlacht getrieben werde. Alſo: wenn es gut geht, ſo iſt nichts gewonnen, denn alles bis jetzt Errungene iſt hohl, und an Frieden und Sieg und Ausſichten fuͤr Dich iſt auch im guͤnſtigen Falle nicht zu denken. Geht es aber ſchlecht, und dies iſt leider wahr⸗ ſcheinlich, ſo muß der Koͤnig an eine politiſche Heirath denken, und ich, Dein leiblicher Bruder, wuͤrde ihm dazu rathen, waͤre Deine Anwartſchaft auf die eheliche Verbin⸗ dung mit dem Koͤnige auch noch ſo ſicher, denn Frankreich iſt gaͤnzlich erſchopft und kann kein neues Heer aufbringen. Was ſteht Dir alſo jeden Falles bevor? So liegen die Dinge von außen, armes Geſchoͤpf! Wie ſehen ſie innerlich aus? Deine Hoffnung iſt auf Wind gebaut, Deine Ehre iſt beſchaͤdigt, Deine Pflichten ſind auf's Groͤblichſte verletzt, dergeſtalt, daß der Fehl nicht wegzuwiſchen waͤre, auch wenn morgenden Tages der hei⸗ lige Vater Deine Ehe mit Chateaubriant loͤſte und Dich einſegnete zur Koͤnigin von Frankreich. Eine Foix wird um nichts erhoben dadurch, daß ſie Koͤnigin von Frankreich wird. Ich mag rechts, ich mag links hin ſehen, ich ſehe Dich verloren, arme Frangoiſe! Ich ſehe fuͤr Dich nur die traurige Wahl zwiſchen zwei Abgruͤnden, denn ich bin ge⸗ wohnt, die Dinge bei ihren nackten Namen zu nennen: ent⸗ weder Du mußt nach Chateaubriant zuruͤck und uͤber Dich 124 ergehen laſſen, was Dein Gemahl uͤber Dich verhaͤngt, oder Du mußt Dich in's Kloſter zuruͤckziehen und fuͤr immer aus der Welt verſchwinden. Dies iſt Deine Lage, waͤhle! Und da ich rathen ſoll, ſo rathe ich das Letztere; denn es iſt wuͤrdiger, Du fuͤhreſt mit Entſchloſſenheit zu Ende, was Du mit verwegenem Leichtſinn begonnen, als daß Du klaͤglich auf halbem Wege umkehreſt und Dich und unſern Namen der Rache eines gekraͤnkten Bretonen ausſetzeſt. Das muͤtterliche Stoͤhnen um Dein Kind muß dann freilich aufgegeben werden; ich begreife es auch nicht. Haſt Du es fuͤr Dein Gluͤck aufgeben koͤnnen, ſo magſt Du es auch im Ungluͤcke miſſen! Und es iſt ein Maͤdchen; ſchlag Dir's aus dem Sinn. Es zu rauben iſt unehrenhaft gegen einen Gemahl, deſſen Ehre Du preisgegeben. Haſt Du den Muth, meinen Rath anzunehmen, ſo will ich in der Genofevenabtei Deine anſtaͤndige Aufnahme vor⸗ bereiten, und Dir Gefolge ſenden, welches Dich von Fon⸗ tainebleau ſicher nach der Heimath bringt. Dieſer Brief war fuͤr die Graͤfin ein neuer Schmerz; nicht bloß weil er neue Anklagen des Koͤnigs enthielt, ſon⸗ dern auch⸗ weil er leidenſchaftslos ein herbes Urtheil uͤber den König fallte, eine ruhmloſe Zukunft für ihn voraus⸗ ſagte, und weil er ihre Liebe zu ihm wie ein entſchiedenes ungluͤck behandelte, fuͤr welches ohne Umſchweife Abhilfe geſucht werden muͤſſe. Wie entſchloͤſſe ſich ein liebendes Herz, das heißt mit anderen Worten ein auf Gluͤck hoffen⸗ 125 des Herz, ſeine Welt ploͤtzlich und mit einem Male zu ver⸗ nichten! Dazu bedarf's eines langen Kampfes, denn die Hoffnung iſt des Menſchen gewaltigſte Lebenskraft, man lebt nur vermoͤge derſelben, und die Kriſen der Verzweif⸗ lung bewegen ſich immer darum, daß man in der Unfaͤhig⸗ keit, ſich ein neues Ziel der Hoffnung zu errichten, dem Selbſtmorde verfaͤllt, oder daß man eben das Ziel der Hoffnung wechſelt. Niemand will das Letztere glauben, weil es herkoͤmmlich iſt, im Beharren auf einer Hoffnung die Einheit und Staͤrke des Charakters zu finden, aber es i*ſt dies im menſchlichen Herzen die ſtete belebte Scene der Taͤuſchungen. Der ſtaͤrkſte, aber des Lebens beduͤrftige Charakter iſt ſo reich und erfinderiſch darin! Kein Wun⸗ der, daß man ſo zuverſichtlich immer von Daͤmonen und kleinen Teufeln in uns geſprochen hat; dieſe Akte der Taͤu⸗ ſchung, welche das Leben verlaͤngern und wohl auch be⸗ leben, ſo lange es ſich nicht um einen Wechſel zwiſchen grellen Gegenſützen handelt, dieſe Akte der Taͤuſchung wer⸗ den oft in uns bewerkſtelligt unter immerwaͤhrendem Pro⸗ teſtiren von Seiten unſeres alten Menſchen und deſſen ab⸗ ſterbender Hoffnungswelt, ja unſer Geiſt und Charakter, kurz Alles, was unſere hoͤhere Seele ausmacht, ſcheint ſich ununterbrochen und doch erfolglos jenem Wechſel der Hoff⸗ nung zu widerſetzen, und doch bewerkſtelligt ſich dieſer Wechſel wie ein Lebensakt gleich dem Schlafe, welcher un⸗ ſeren moraliſchen Widerſtand unmerklich, aber voͤllig ent⸗ waffnet. Ein ſolcher Wechſel entwickelte ſich ſeit laͤngerer Zeit in Francoiſe, und was ihm hinderlich entgegen trat, das konnte ſie wohl ſchmerzlich betruͤben, aber es konnte den Gang des Wechſels nicht hemmen. Er hatte begonnen mit der erſten Entdeckung, daß der geliebte Franz in dieſer und jener Einzelnheit anders ſei als das Ideal, welches ſie von ihm im Herzen getragen. Der erſte gewaltige Ruck war eingetreten am Todestage der Koͤnigin Claude; wie jeder tapfere und tuͤchtige Charakter thut, ſo hatte Frangoiſe da⸗ mals verſucht, durch Gegenhandeln das ſie beſtimmende Geſtirn anders zu ſtellen. Die Taͤuſchung wurde ihr auch gefaͤllig erleichtert: Franz, das maͤchtigere und im Verhaͤlt⸗ niſſe zu ihr durchweg beſtimmende Weſen, hatte ihren Wi⸗ derſtand dadurch gebilligt, daß er ihn liebenswuͤrdig fand und ſich ihm ſcheinbar nachgiebig erwies. In der That aber war es nur ein Uebergang fuͤr ſie geworden, geringere oder doch andere Anſpruͤche an den Koͤnig zu machen. Sie hatte nur ihre eigene Perſon geltend gemacht, aber die feinere Forderung, die Forderung, Franz ſolle zartere Ruͤck⸗ ſicht fuͤr ſie im Herzen tragen, die hatte ſie ſchon aufgegeben, als ſie ihm Vorwuͤrfe machte wegen ihrer Preisgebung in den Straßen von Paris, als ſie ihm unter ſchmerzlichem Weh den Tod Semblangay's verzieh. Und welche Rieſen⸗ ſchritte im Wechſel mußte ſie von da an machen! Duͤrfen wir denn glauben, daß ſie ganz und gar an die Nichtigkeit des Abenteners mit Diana von Brezé geglaubt habe? O nein. Aber die Liebe war ſtaͤrker als der Zorn. Die Liebe war nur einer Verſicherung des Koͤnigs beduͤrftig: das Abenteuer ſei eine Verlaͤumdung. Mit dieſer Verſicherung — alſo gebot die Liebe in ihr— muß Alles beendigt und vergeſſen ſein! Nach dieſem großen Schritte ward es dem 127 reißend fortſchreitenden Wechſel ſchon leichter, nach der Ab⸗ reiſe des Koͤnigs zu ſagen: Moͤgen die Menſchen es deuten wie ſie wollen, er hat mir doch den ſchoͤnſten Beweis ſeiner Neigung gegeben, daß er mich an das Herz der mir abge⸗ neigten Mutter gelegt hat! Iſt dies nicht viel mehr als ein Diadem?! Die Weſen, welche ihm die theuerſten ſind auf Erden, will er liebevoll einig unter einander ſehen; kann er dafuͤr, daß ich die Neigung ſeiner Mutter nicht ge⸗ winnen kann? Der Erfolg richtet doch nicht über die Ab⸗ ſichten. Und das Maͤrchen von Manosque und dem Fraͤu⸗ lein von Voland, welches Lautrec erzaͤhlt, wie unverkenn⸗ bar iſt dies von Mund zu Mund uͤbertrieben und dem Koͤ⸗ nige zur Laſt ausgelegt worden! Was hat er denn gethan? Er hat ſie ſchoͤn und begehrenswerth gefunden! Mein Gott, ſoll er uͤber der Liebe zu mir den Sinn fuͤr Schoͤn⸗ heit verlieren, welcher ihn von jeher ſo wunderbar befaͤhigt hat fuͤr Schoͤpfungen des Geſchmacks? Geſchaͤhe dies, ſo waͤre es ja meine Pflicht, die Ueberſpanntheit des Fraͤulein von Voland nachzuahmen und mich ihm widerwaͤrtig zu machen, damit er ſeinem koͤniglichen Berufe wiedergegeben wuͤrde. Was weiß denn auch der Kriegsmann Lautrec von der Liebe? Behandelt er ſie nicht wie eine Frage des Standrechts, wenn ein Lanzknecht angeklagt iſt?! Nein! Ich habe mich auch nur an ihn gewendet, um uͤber den Krieg genaue Auskunft zu erhalten, da Franz nicht Zeit hat, mir Briefe zu ſchreiben, ich habe mich an Lautrer ge⸗ wendet, um einmal zu verſuchen, ob mir der Bruder in irgend etwas behilflich ſein koͤnne. Ich habe mich geirrt, und ich weiß es nun genau, daß Niemand außerhalb des Liebespaares eine richtige Einſicht in das Liebesverhaͤltniß hat und einen richtigen Rath geben kann. Florentin hat mich ſtets uͤbel berathen, und Margaretha wie Budé und Marot uͤbertreiben, wenn ſie fortwaͤhrend verſichern, ich duͤrfte nicht, was auch des Koͤnigs Mutter thue, aus dem koniglichen Schloſſe weichen. Ich gaͤbe die Stellung auf, welche mir der Koͤnig ſelbſt angewieſen, ſobald ich weg⸗ ginge! Als ob es ſich zwiſchen mir und Franz um ſolch eine Aeußerlichkeit handelte! Und Lautrec wuͤrde bald ein⸗ ſehen, daß ich auf dem Schloſſe von Foix eben ſo gut aufge⸗ hoben ſei als in der Genofevenabtei. In dieſem Gange bewerkſtelligte ſich der Wechſel in Francoiſe. Er verſtellte zunaͤchſt Alles um ſie her, damit fuͤr jeden Preis der Glaube an die Liebe des Koͤnigs ge⸗ rettet werde. Von dieſem Glauben allein lebte ihre Seele. Nicht bloß aus dem Grunde, welchen ſie jetzt nannte, hatte ſie an Lautree geſchrieben, nein, ein Reſt ihrer alten Sin⸗ neswelt, des Foir'ſchen Stolzes, hatte ſie dazu getrieben, ſie verlaͤugnete ihn aber nur gegen ſich ſelbſt, da ſie ihren Liebeshalt durch Lautree's Auffaſſung bedroht ſah, ſie be⸗ handelte nun die peinigende Handlungsweiſe der Herzogin von Angoulème, welche ſie zum Schreiben an Lautree ge⸗ draͤngt, wie eine aͤußerliche Nebenſache, ſie wollte ihr nun aus dem Wege gehen, als ob Lautree nur geantwortet haͤtte: geh' in unſere Heimath! All das Andere, was er geſagt, war gegen das Herz ihrer jetzt einzigen Lebenshoffnung ge⸗. richtet, ſie konnte nichts davon annehmen, wenn ſie nicht verzweifeln wollte. Es war wieder ſpaͤt im Jahre, und ein kalter Wind 129 trieb die trocknen Baumblaͤtter uber den Gartenhof vor ihrem Fenſter in Fontainebleau. Sie ſaß an dieſem Fen⸗ ſter und ſah in die ſchwarzgrauen Wolken, welche haſtig über den Wald hinwegzogen. Ihr Geiſt lebte in fernen Hoffnungen, und der Brief Lautrec's, welcher neben ihr lag, konnte ihr keine weitere Aufmerkſamkeit abgewinnen. Auch das Urtheil uͤber den Krieg, welches darin enthalten war, bekuͤmmerte ſie nicht ſehr: ſo wie er den Koͤnig uͤbrigens einſeitig beurtheilt— dachte ſie—„ſo wird es auch in der Kriegsangelegenheit geſchehen, denn Lautrec i*ſt ein wenig rechthaberiſch und pedantiſch. Im Schloſſe zu Fontainebleau war es todtenſtill; der Hof war laͤngſt nach Paris, und nur Francoiſe war allein zuruͤckgeblieben, um der Herzogin von Angouléème und de⸗ ren boͤswilliger Behandlungsweiſe nicht länger ausgeſetzt zu ſein. Ihre Freunde waren damit einverſtanden, blieb ſie doch nach ihrer Meinung ſolchergeſtalt in des Koͤnigs Hauſe. Zu dieſen Freunden gehoͤrte jetzt mehr als je der wunderliche Marot, der ihr bei dem Attentate in Paris ſo erfolgreich durch einen geſungenen Vers zu Hilfe gekom⸗ men war. Sie wußte nicht, daß er damals der Saͤnger geweſen, aber ſie ſah ihn ohnedies gern, weil er ein auf⸗ geweckter, aͤußerſt mannigfaltiger Kopf war, der in leich⸗ ten, oft frivolen Formen ein ſelbſtaͤndiges Gedankenleben fetzenweiſe um ſich warf. Seine Lebensſtellung, obwohl vom Koͤnige beguͤnſtigt, blieb doch eine mißliche; der Kö⸗ nig naͤmlich hatte wohl den freien Sinn, das Talent Ma⸗ rot's unbekuͤmmert um die niedrige Geburt des ſcherzhaften Dichters auszuzeichnen, aber er war doch ſeiner Zeit nicht ſo Laube, Chateaubriant. II. 9 130 weit voraus, daß er Marot gegenuͤber jemals deſſen nie⸗ drige Geburt ganz aus den Augen gelaſſen haͤtte. Marot blieb ihm des Kammerdieners Sohn, den ſeine Gunſt al⸗ lein erhoben haͤtte und hielte. Die franzoͤſiſche Dichtkunſt hatte damaliger Zeit noch keinen Stil, ſie hatte ihn weder im buͤrgerlichen Leben, noch in ihrer literariſchen Form, und Marot, ſo unguͤnſtig zum Leben geſtellt, war nicht geeig⸗ net, einen ſolchen zu ſchaffen. Der Geiſtliche Rabelais, wel⸗ cher ſich einige Jahre ſpaͤter zu regen begann, konnte dies in ſeiner unabhaͤngigen klerikaliſchen Stellung viel eher, und e aat es in einer ſatiriſchen Oppoſition, welche Ma⸗ rot Kopf und Kragen gekoſtet haͤtte. Und doch war ſich die⸗ ſer eines uͤberlegenen ſelbſtaͤndigen Berufes bewußt, und der an den Hofnarren erinnernde Ton, welcher ihm gar oft begegnete, haͤtte ihn boshaft machen koͤnnen, waͤre er nicht mit einem aͤußerſt gutmuͤthigen und heiteren Naturel begabt geweſen. Francoiſe aber und deren Stellung mußte ihn vorzugsweiſe vielfach intereſſiren, da es ſich bei dieſer Stellung ebenfalls um ein ungewoͤhnliches Emporkommen durch perſoͤnliche Vorzuͤge handelte, und da Francoiſens Weſen dem Talent gegenuͤber voͤllig frei war von Vorur⸗ theilen des Standes. Vielleicht ſeiner verborgen liegenden Oppoſition halber gegen das Herkommen hatte Marot der immer weiter um ſich greifenden Reform eine lebhafte Theilnahme zugewendet, und er fuhlte ſich auch von dieſer Seite zu Francoiſe hingezogen, weil er mit ihr frei uͤber dies Thema ſprechen konnte. Ja er hatte einmal die Aeu⸗ ßerung hinzuwerfen gewagt, daß ſie vermittelſt der Reform eine hochwichtige Rolle für Frankreich ſpielen koͤnne: 131 machte ſie den König der Reform geneigt, ſo waͤre nicht nur ihre Scheidung vom Grafen ohne die von vielen guͤn⸗ ſtigen Umſtaͤnden abhaͤngige Dispenſation durch den Papſt uͤberfluͤſſig, ſondern ſie wuͤrde auch wie einſt Koͤnig Chlod⸗ wigs Gemahlin von unabſehbarem Einfluſſe auf Bildung und Seelenheil der Franzoſen. Mochte dies auch laͤchelnd von ihr zuruͤckgewieſen wer⸗ den, einem Weſen wie dem ihrigen, welches bereits in Allem nur noch auf die leidenſchaftliche Neigung geſtellt war, blieb dieſe Beziehung dennoch haften, und die Re⸗ form, obwohl niemals ausgeſprochen zur gemeinſche ichen Fahne erhoben, war vielleicht ihr und Margaretha und Budé und Marot das gemeinſchaftliche Band der Vereinigung. Dieſe drei Perſonen waren denn auch in dieſem einem Rathe fuͤr ſie einig: ſie duͤrfe der Regentin zum Trotz das Haus des Koͤnigs durchaus nicht mehr verlaſſen. Sobald ſie dies thaͤte, wuͤrde die Regentin alle Minen des Wi⸗ derſtandes und der Verläumdung in Wirkſamkeit ſetzen, und in dieſem Falle mit gutem Erfolge. Die Graͤfin gaͤlte naͤmlich uͤberall nach der letzten Scene in der Franzgallerie fuͤr gewiſſermaßen verlobt mit dem Koͤnige und der Mutter des Koͤnigs zur Obhut uͤbergeben. Daß ſie in dem einſa⸗ men Fontainebleau bliebe, verzeihe man, entferne ſie ſich aber von da anderswohin als in's Hétel des Tournelles zu Paris, wo die Regentin Hof hielt, ſo ſei dies fuͤr die Re⸗ gentin eine erwuͤnſchte Gelegenheit, die ihr uͤbertragene Be⸗ ſchuͤtzungsrolle unter großem Laͤrmen aufzugeben, und zwar unter einem Laͤrmen, welcher Frangoiſe die Ruͤckkehr an den Hof, ſobald der Ko nig heimkomme, zum Aeußerſten erſchwere. 9* Und doch war Francoiſe geneigt, faſt genothigt, Fon⸗ tainebleau zu verlaſſen. Bei'm Abgange des Hofes nach Paris hatte die Regentin nichts zum Unterhalte der Graͤfin angeordnet, ſondern Alles, was darauf Bezug und dafuͤr Dienſt hatte, mit nach Paris genommen. Wer heißt ſie in Fontaineblean bleiben! Wenn es ihr neben des Koͤnigs Mutter nicht gefaͤllt, weil dieſe ihr nicht immer gefaͤllig iſt, ſo mag ſte zuſehen, wie ſie beſtehe! Die arme Francoiſe konnte aber wirklich nicht neben der Regentin beſtehen; denn dieſe war nicht nur unfreund⸗ lich, ſondern ohne Unterlaß beleidigend, um Francoiſe den Aufenthalt neben ihr unertraͤglich zu machen, und Francoiſe konnte und wollte doch neben dieſer feindlich ge⸗ ſinnten Frau den angemeſſenen Stolz nicht verlaͤugnen.— In dieſer Lage, am Gewöoͤhnlichſten Mangel leidend, und durch rauhes Wetter ſchon ſeit Wochen ohne Nachricht von ihren Freunden in Paris, hatte ſie an Lautree geſchrieben und jetzt eben die obige Antwort erhalten. Noch im Nach⸗ ſinnen daruͤber ward ſie durch Marot's Ankunft erfreut, welchen Guernard, der einzig uͤbrig gebliebene Diener vom fruͤheren Koͤnigstroſſe zu Fontainebleau, bei⸗ ihr ein⸗ fuͤhrte.. Dergleichen Beſuche waren nicht ohne Gefahr für den Dichter, welcher nur von der Gunſt des Koͤnigs und in Ab⸗ weſenheit deſſen von der Gunſt der Regentin lebte. Budé ſchon forderte ungern das Mißwollen derſelben heraus durch offene Parteinahme fuͤr die Graͤfin, denn der Stand der Dinge hatte ſich durch die dauernde Abweſenheit des Koͤnigs ſehr veraͤndert, und war durch den ſich in die Laͤnge 133 ziehenden Krieg immer mißlicher geworden fuͤr diejenigen, deren Gewiſſen nicht ganz rein war in der Geſinnung fuͤr Louiſe von Angouléme. Eine dauernde Oberherrſchaft iſt ja wie dauernder Sonnenſchein oder dauernder Regen: ſie entdecken jede Ritze, dringen in den verborgenſten Ort, werden zudringlich, werden unerbittlich. Es war tapfer genug, daß Budé und Marot ſo lange an der verfehmten Graͤfin hielten in einer Zeit, da jeder Tag ein neues, be⸗ drohliches Geruͤcht verbreitete. Bald ſollte der Koͤnig eine große Schlacht verloren haben, bald an der Epi⸗ demie, welche in Mailand herrſchte, toͤdtlich erkrankt, bald ſchon geſtorben ſein. Niemand traute den Nachrich⸗ ten, welche von der Regentin ausgingen, und doch hatte nicht leicht Jemand außer ihr unmittelbar Nachricht vom Kriegsſchauplatze. Es war alſo Marot nicht zu verargen, daß er ſich immer ſehr vorſichtig nach Fontainebleau begab, und um keinen Preis von irgend Jemand, der mit dem Hofe zuſammenhing, geſehen ſein wollte, und es war alſo wohl verzeihlich, daß er diesmal ſehr beſtuͤrzt vor ihr erſchien, denn bei jaͤher Wendung des Wegs um die letzte Waldecke dicht vor dem Schloſſe war er unvermuthet in die Naͤhe ei⸗ niger auf Maulthieren reitenden Kleriker gerathen, und glaubte unter ihnen Florentin erkannt zu haben, dem er trotz Frangoiſen'sGegenverſicherungen durchaus nicht traute. Er hatte ſeinen Klepper ſogleich in einen Fußweg abgelenkt, hatte ihn bei einem Koͤhler eingeſtellt, und kam nun erſt gegen Abend zaghaft zum Vorſchein, bei Guernard genau ſich erkundigend, ob der Praͤlat angekommen ſei. Guer⸗ nard hatte verneint, und ihm zugeſagt, daß der gasko⸗ 134 niſche Landsmann, falls er kaͤme, nicht eingeführt werden ſolle, ohne daß Herr Marot benachrichtigt und außer den Geſichtskreis deſſelben gebracht worden ſei. Frangoiſe war der Meinung, Marot habe ſich geirrt, da Florentin ſeit der Abreiſe des Hofes nicht mehr nach Fontainebleau gekommen ſei, und ſich einige Mal brief⸗ lich bei ihr mit Mangel an Zeit entſchuldigt habe, ſie ſtets zur Ueberſtedelung nach Paris auffordernd. „An Zeit mag es ihm wohl auch fehlen,“ entgegnete Marot, der ſich am Kaminfeuer zurecht geſetzt hatte, „denn man wird nicht durch Muͤßiggang in ſo jungen Jah⸗ ren ſichrer Kandidat des zunaͤchſt ledigen Biſchofſitzes, und unſere Frau Herzogin⸗Regentin verlangt Arbeit für Gunſt— Und was ſollte ihn jetzt ploͤtzlich bei ſo rauhem Herbſt⸗ wetter hierher ſprengen zu mir? „Ich habe hinten am Stalle einen Reiter geſehn, deſ⸗ ſen Leibbinde die Foix'ſchen Farben zeigte“— Und Ihr wißt, daß ich nicht den Luxus eines Reiters erſchwingen kann, und verwundert Euch— es iſt Lautrec's Kourier, welcher mir eben den Brief, von dem ich Euch geſprochen, uͤberbracht hat— „Und welcher die Ankunft des Praͤlaten ganz wohl ver⸗ urſacht haben kann. Ich habe naͤmlich dieſe Foir'ſche Leib⸗ binde geſtern Abend im Hôtel des Tournelles irgendwo— ich weiß nicht mehr, wo? denn es faͤllt mir erſt jetzt ein, weil ſie mir jetzt erſt eine Bedeutung gewinnt— ſchimmern ſehn, und ich bin jetzt uͤberzeugt, daß Lautrec in ſeinen Depeſchen an die Regentin auch Eurer erwaͤhnt hat, und daß darauf irgend etwas erfolgt. Jetzt haltet nur um Gotteswillen feſt, und laßt Euch nicht bereden, Fontaine⸗ bleau zu verlaſſen, da Euch kein Freund rathen kann, dies Fegfeuer dahier mit der Hoͤlle ſelbſt im Hétel des Tour⸗ nelles zu vertauſchen.“ Dies Feſthalten, lieber Marot, wird immer unwahr⸗ ſcheinlicher, da ich ſelbſt zu denen uͤbergetreten bin, welche meine Abreiſe von hier fuͤr noͤthig erachten. Sie beſchwichtigte ſeinen hierauf erfolgenden Ausruf des Erſchreckens, und fuhr fort: Erſtens halte ich dieſe Beſorgniß, mein Ruf und meine Zukunft hingen ab von meinem Ausharren hier oder im Schloſſe zu Paris, fuͤr ungegruͤndet. Ich glaube vielmehr, daß dieſe Anſicht ge⸗ fliſſentlich von der Regentin aufgebracht und verbreitet worden iſt, um mich zu quaͤlen, mich ungeduldig zu ma⸗ chen und in der Ungeduld zu irgend einer fur ſie beleidigen⸗ den Scene zu treiben, in Folge deren ſie mich unter einem Scheine des Rechts aus dem Hauſe des Koͤnigs entfernen konne. Mein Verhaͤltniß zum Köonige iſt ja ſo tief innerlich begruͤndet, daß es nicht von ſolchen Aeußerlichkeiten ab⸗ haͤngt, ob ich waͤhrend ſeiner Abweſenheit hier oder da wohne. Ferner iſt es meiner Stellung am Ende doch un⸗ wuͤrdiger als ſonſt etwas, daß ich mich laͤnger dem gemei⸗ nen Mangel der alltaͤglichen Lebensbeduͤrfniſſe ausgeſetzt ſein laſſe— ich bin kaum im Stande, ſetzte ſte halb laͤ⸗ chelnd hinzu, guter Marot, Euch ein genuͤgendes Abend⸗ eſſen auftragen zu laſſen, der Ihr vom weiten Ritt ein Verlangen nach Speiſe mitbringen muͤßt, wie es uns da⸗ 136 hier in unſrer ausgehungerten Feſtung faſt gefaͤhrlich wer⸗ den kann— „Aber, gnaͤdigſte Frau, entgegnete Marot halb la⸗ chend halb entruͤſtet, warum erlaubt Ihr mir nicht, daß ich der Herzogin von Alengon nur einen Wink gebe in die⸗ ſem Betracht“— Nein, Marot, man muß eine Tochter nicht in die Lage ſetzen, daß ſie uͤber ihre Mutter erroͤthen, oder daß ſie in Widerſtreit mit ihrer Mutter gerathen muͤſſe. Und außerdem, lieber Marot, iſt noch ein Grund vorhanden — aber was war das? War das nicht ein Geraͤuſch von der Gallerie her? Und doch wohnt kein Menſch auf jener Seite! Sie befanden ſich naͤmlich in demſelben Zimmer, wel⸗ ches den Zweikampf zwiſchen dem Koͤnige und dem Grafen geſehen hatte, und welches an das jetzt ebenfalls halb offen ſtehende Semele⸗Cabinet ſtieß. Die Graͤfin liebte es vorzugsweiſe, weil ſie immer hier den Koͤnig geſehn hatte. Die verborgene Thuͤr nach der Gallerie war feſt verriegelt; dennoch hatte Frangoiſe ganz recht gehoͤrt, es war Jemand an dieſe Thuͤr gekommen, und hatte an der Feder gedruͤckt. Und Marot hatte bei ſeiner Ankunft auch recht geſehn, es war dieſer Ankoͤmmling vor der verborgenen Thuͤr Niemand an⸗ ders, als Florentin, der auf der andern Seite des Schloſ⸗ ſes bei den Geiſtlichen der Kapelle abgeſtiegen war, um bei dieſen erſt Erkundigungen uͤber die Lebensweiſe der Graͤſin einzuziehen, und der jetzt, um eines Regenſchauers halber den freien Hof zu vermeiden, von dieſer Seite den Zugang geſucht hatte. Der ihm eingeborne und ausgebildete —. — 137 Zug, auf unerwarteten Wegen zu nahn um zu uͤberraſchen oder zu horchen, hatte auch vielleicht nur den Regen zum Vorwande genommen, un ſich ſelbſt zu genuͤgen. Dieſer Drang, Verborgenes zu ſammeln, und dabei oder damit wunderbar zu uͤberraſchen, dieſer Drang nach wunderba⸗ rem Anſcheine iſt ja eben ſo ſehr hoch poetiſchen wie tief intriguirenden Menſchen eigen, und Florentin, welcher durch ſeine Neigung zum Aberglauben jenen nahe zu kom⸗ men trachtete, hatte zu dieſen die beſte Anlage. Ueber die finſtre Gallerie mit einer erborgten Laterne nach dem Bilde des Nymphen ſchreitend wollte er dieſem Naturel gemaͤß kei⸗ neswegs ſo ohne Weiteres zur Graͤfin eintreten, ſondern er wollte ſpaͤhen, ob das Getaͤfel der Geheimthuͤre nicht eine Spalte zum Durchblicken, oder ob das Semele⸗Cabi⸗ net nicht eine Zeitlang Raum zum Horchen darboͤte. Keins von Beiden war der Fall, die Spalte fehlte und in's Se⸗ mele⸗Cabinet konnte er nicht gelangen. Da erſt verſuchte er's, durch heftigen Druck die vielleicht nur im Getaͤfel ver⸗ quollene Thuͤr zu öffnen, und verſchaffte ſich durch das hierdurch erregte Geraͤuſch, was in dieſem Falle dem lei⸗ ſen Schleichen nicht erreichbar geweſen war. Francoiſe naͤmlich, uͤber das Geraͤuſch erſchreckend, war an die ſei⸗ dene Faltenthuͤr, welche zwiſchen ihrem Zimmer und dem Cabinet war, geeilt, und hatte die obigen Worte geſpro⸗ chen, indem ſie die Schnur dieſes Vorhanges zog, und die Verbindung zwiſchen dem Zimmer und Cabinet ganz oͤff⸗ nete. Dadurch ward ein ſchnurrendes Geraͤuſch hervorge⸗ bracht, welches bis zu Florentin drang, und zwar deutli⸗ cher als die aͤngſtlich geſprochene Frage Frangoiſen's. Er vermuthete nun, ſie ſei nahe bei ihm, und hoͤrte denn nun auch, da ſie bald darauf noch etwas ſprach, ſie ſei nicht allein. Sogleich ſchloß er die Laterne— denn ſeine Kennt⸗ niß dieſer Thuͤr ſollte nicht unnoͤthig verrathen werden— und horchte mit verhaltenem Athem. Er hoͤrte die Stimme eines Mannes; Marot war ebenfalls auf das Kabinet zu⸗ gegangen, um die erſchrockene Frangoiſe nicht ohne Schutz zu laſſen, und hatte nach dem Kabinet hinein ſprechend ſie zu beruhigen geſucht. Florentin kannte dieſe Stimme, aber ſie war doch durch die Tapetenthuͤr ſo gedaͤmpft, daß er ſie nicht erkennen konnte. Frangoiſe und Marot zogen ſich auch, nachdem ſie ihrerſeits gleichfalls eine Weile ge⸗ horcht und nichts weiter vernommen hatten, vom Kabinet in's Zimmer zuruͤck, aber auch dieſe bis jetzt ſo unſchein⸗ bare Entdeckung ſchien fuͤr Florentin von Werth zu ſein. Er ſtellte ſeine Laterne, nachdem er ſie verloͤſcht, an den Boden, und zwar gerade ſo, daß ſie umgeſtoßen werden mußte, wenn Jemand aus der Tapetenthuͤr traͤte. Dies ſollte ihm ein Zeichen ſein, ob Jemand von dieſer Seite ſich entfernt habe, waͤhrend er durch den regelmaͤßigen Eingang zur Graͤfin eingetreten. Nach dieſem hin richtete er nun im Dunkeln ſeine Schritte, indem er mit dem Hauptſchluſſel, welchen er nach Auftrag der Regentin beſaß, die unmittel⸗ bar auf den Gartenhof fuͤhrende Fluͤgelthuͤr der Gallerie oͤffnete. Hurtig ſchluͤpften ihm während dieſes Ganges allerlei Plaͤne durch den Kopf, die bald davon ausgingen, Frangoiſe koͤnne einen Liebhaber außer dem Koͤnige haben, oder es koͤnne ihr auf einleuchtende Weiſe einer angedichtet werden. Es handelte ſich im Hintergrunde dieſer Plaͤne — — nicht darum, Eiferſucht bei'm Koͤnige zu erregen, ſondern darum, den guten Ruf der Graͤfin ſo zu beflecken, daß ihre Auffuͤhrung dem Koͤnige einen Grund zum Bruche bie⸗ ten koͤnne. Marot's war er da, wo dieſer ihn geſehn, nicht anſichtig geworden, Budé wußte er in Paris— wer konnte es ſein? Mit ſolchen Gedanken trat er vor Guer⸗ nard in’'s Vorzimmer, und redete dieſen ſogleich mit der verfänglichen Frage an:„Ich ſtoͤre die Graͤfin?“ Der alte geuͤbte Diener, Marot's Bitte eingedenk, erwiderte mit Geſchicklichkeit, er wolle nachſehn, und ſeine Hochwuͤrden moͤchten einen Augenblick verziehn. Seine Hochwurden waren aber nicht dieſer Meinung, ſondern erwiderten:„Ich kann ſelbſt nachſehn, der Die⸗ ner Gottes hat zu ſeinem Beichtkinde immer Zutritt, wenn dies Beichtkind nicht— es iſt ja doch Niemand Fremdes bei der Frau Graͤfin?“ Nicht daß ich wuͤßte, entgegnete Guernard, welchem die Wuͤrde und landsmannſchaftliche Bekanntſchaft des Praͤlaten im Beſtehn auf ſtrenger Form hinderlich waren. „Und das muͤßteſt Du doch wiſſen, es ſteht alſo nichts im Wege“— ſagte Florentin und ſchritt auf die Thuͤr zu. Ich bitte um Vergebung, ſprach Guernard, der doch um keinen Preis ſein Amt und das ſeinem Amte angemeſ⸗ ſene Verſprechen gegen Marot vernachläſſigen wollte— Es ſteht mir nicht zu, ohne ausdruͤcklichen Befehl meiner . Gebieterin Jemand zu ihr eintreten zu laſſen, und ich muß mich in dem vorliegenden Falle doch lieber ihrem Unwillen ausſetzen, daß ich mein Amt Eurer Hochwuͤrden gegenuͤber 8ℳ 1 4 140 zu peinlich beobachtet haͤtte, als daß ich— gedulden ſich Eure Hochwuͤrden nur eine Minute. Und damit vertrat er ihm den Weg zur Thur, deutete hoͤflich auf einen Seſſel und ging hinein, die Thuͤr ſorgfaͤl⸗ tig hinter ſich ſchließend. Florentin war nun uͤberzeugt, daß ein den Verhaͤlt⸗ niſſen nach unerlaubter oder bedenklicher Beſuch bei der Graͤfin ſei, und mit der ihm eigenen Frechheit folgte er nach kurzem Beſinnen dem Diener. Waͤhrend er durch das erſte Zimmer ſchritt, ſiel ihm wohl die Beſorgniß auf, ſei⸗ nem dreiſten Beginnen konne der Degen eines verwegenen Seigneurs entgegenblitzen, aber, wunderlich genug! eine gehaͤſſige Eiferſucht trieb ihn eben ſo weiter wie die politi⸗ ſche Neugier. Er hatte die Schoͤnheit der Graͤfin und das Feuer, welches ihm in der Abtei die Umarmung derſelben erregt, niemals vergeſſen, er war der Politik und dem Koͤnige gewichen, daß er aber auch jedem Anderen weichen ſollte, erweckte in ſeiner unreinen Seele den argerlichſten Neid. Er griff entſchloſſen an die zweite Thuͤr, bis zu welcher er gekommen war— ſie oͤffnete ſich nicht; Guer⸗ nard, dies Nachdringen des Prieſters befuͤrchtend, hatte ſie hinter ſich verriegelt. Nun war es Florentin unzweifel⸗ haft, daß er ein Liebesrendezvous ſtoͤre, und die Triebe in ihm wurden uneins, denn der politiſche Trieb wollte ſich uͤber eine ſo folgenreiche Entdeckung freuen, welche der alten Sinnenneigung eine eiferſuͤchtige Pein verur⸗ ſachte. Darin aber waren Politik und Eiferſucht einig, daß dieſe Entdeckung vollſtaͤndig ausgebeutet werden ſolle zum Verderben der Graͤfin. 141 Guernard's Anmeldung beſtuͤrzte Marot zum Aeußer⸗ ſten und ſetzte auch Francoiſe in Verlegenheit; ſie war na⸗ tüͤrlich entſchloſſen, den Dichter nicht dem Zorne der Re⸗ gentin auszuſetzen, und verſah ſich uͤberhaupt von dem Be⸗ ſuche Florentin's keiner guten Abſicht. Das Betragen die⸗ ſes ihres Milchbruders war denn doch am Ende ſeit der Abreiſe des Koͤnigs ſo unzweifelhaft parteinehmend fuͤr die Regentin geworden, daß ſelbſt die argloſe Frangoiſe ihm nicht mehr vertrauen konnte. Es war indeſſen nicht rathſam, ihn abzuweiſen und durch dieſe Beleidigung ge⸗ radezu herauszufordern, Marot ſelbſt rieth davon ab, und Guernard bemerkte ſchuͤchtern, als eine Pauſe eintrat: der Herr Praͤlat habe ſich ſehr argwoͤhniſch gezeigt, und es waͤre wohl gut, wenn er angenommen werden ſollte, daß dies ſo raſch als moͤglich geſchehe. Die Wohnung hatte außer der verborgenen Thuͤr kei⸗ nen anderen Ausgang als den, welchen Florentin durch ſeine Gegenwart ſperrte, und das Geheimniß der Tape⸗ tenthuͤr an irgend Jemand zu verrathen, ſchien Francoiſe unzulaͤſſig, Marot mußte alſo verſteckt werden. Wohlan denn, rief ſie, Meiſter Clement, ſetzt Euch hier in das Semele⸗Cabinet und verhaltet Euch geduldig und ruhig, ich ſchließe den Vorhang. Guernard, fuͤhre den Herrn Praͤ⸗ laten bis in's anſtoßende Zimmer— „Aber, gnaͤdigſte Frau Graͤfin“— Raſch, raſch, Guernard, ich will eben ſo raſch mit ihm endigen! Guernard ging, Marot ließ ſich im dunklen Cabinet nieder, Frangoiſe, nachdem ſie ihm ſcherzhaft empfohlen, 142 ein Gedicht in dieſer Einſamkeit zu machen, und nachdem ſie die ſeidene Faltenthuͤr zugezogen hatte, nahm den Leuch⸗ ter und trat in das anſtoßende Zimmer. In demſelben Augenblicke ward Florentin durch die gegenuͤberliegende Thuͤr durch Guernard eingefuhrt, und jetzt erſt ſah Fran⸗ goiſe, daß ſie eine Vorſicht vergeſſen, und wahrſcheinlich Guernard's Erinnerung daran uͤberhaſtig abgewieſen hatte. Der Tiſch zum Nachteſſen war in dieſem Zimmer gedeckt, und es waren drei Couverts aufgeſtellt. Guer⸗ nard glaubte, es damit gut machen zu koͤnnen, daß er ſich ſogleich nach dem Anrichtetiſche wendete, und uͤberfluͤſſi⸗ ges Geraͤth von da zur Tafel truͤge, als haͤtte er jetzt erſt nach Ankunft des Gaſtes ein drittes Couvert aufgelegt. Aber er taͤuſchte den Praͤlaten nicht, und als Guernard das Zimmer verlaſſen hatte, wies Florentin ſogleich mit ausgeſtreckter Hand auf die Tafel, und druͤckte ironiſch ſein Bedauern aus, daß er ein Nachteſſen ſtoͤre, welches ſo einladend vorbereitet ſei. „Du ſiehſt, daß Guernard nicht Deiner Meinung iſt, er hat ein Couvert fuͤr Dich aufgelegt!“ erwiderte die Graͤfin aͤrgerlich, daß ſie dadurch genothigt war unwahr zu ſpre⸗ chen, und ihn zu einem Mahle einzuladen, welches der arme Marot hungrig abwarten muͤſſe. Guernard ſcheint fuͤr einen Geiſtlichen anders zu de⸗ cken als fuͤr einen Seigneur, ſagte er laͤchelnd. „Wie denn? Das dritte Couvert iſt fuͤr Chimene.“ Dann werden wir ein viertes brauchen. „Haſt Du Jemand mitgebracht?“ 143 Nein, er iſt allein gekommen. „Wer iſt's?“ Du fragſt fuͤr mich!— Aber endigen wir dies Spiel, das ich, wie Du ſiehſt, durchſchaue. Dein ſtraͤflich welt⸗ licher Sinn macht reißende Fortſchritte, Frangoiſe, und Du ſcheinſt nicht zu ahnen, daß Dein Leben, welches jetzt nur am duͤnnſten Faden einer bereits zweifelhaften Koͤnigs⸗ gunſt haͤngt, rettungslos hinausgeſchleudert wird in's To⸗ ben der Elemente, ſobald dieſer duͤnne Faden zerreißt. „Biſt Du von Sinnen, Mann, was willſt Du mit dieſer unverſtaͤndlichen Predigt?“ Ich will Dir ſagen, daß Du luͤgſt und truͤgſt— „Unverſchaͤmter Mann, verlaſſe mich auf der Stelle, und laſſe Dich nie wieder vor meinem Angeſicht ſehn! Nachdem er mir in der Genofeven⸗Abtei unter allen moͤg⸗ lichen Lockfarben den dreiſten Schritt meines Lebens vorge⸗ ſtellt und mich dazu gedraͤngt hat ohne eine Ahnung zu ha⸗ ben von dem Gefühle, welches allein ihn rechtfertigte oder doch entſchuldigte, ohne eine Ahnung zu haben von Liebe und Hingebung, nachdem er ferner mich verlaſſen, ja befein⸗ det hat, als ihm anderswo raſcherer Gewinn winkte, kurz, nachdem er alle Winkelzuͤge eines unlauteren Herzens vor mir entfaltet hat, tritt er frech mit moraliſcher Anforde⸗ rung vor mich hin! Hinweg! Du biſt ein gemeiner Menſch, und im hoͤchſten Grade unwuͤrdig des Kleides, welches Du traͤgſt!“ Florentin war einen Augenblick uͤberraſcht von dieſem Zornesausbruche, der ihm ſeiner Wuͤrde wegen unange⸗ nehm ſein mußte. Er laͤchelte nicht mehr, ſondern ſah 144 finſter nnd grimmig auf die Gräfin, und ſchwieg ſo lange, bis dieſe ſich zum Gehen wandte— dann ſprach er raſch, und bannte ſie bald durch den Sinn ſeiner Worte an den Platz, welchen ſie verlaſſen wollte:„Ein boͤſes Gewiſſen taͤuſcht ſich gern uͤber ſich ſelbſt, indem es Steine ſtrafen⸗ der Tugend auf Andere ſchleudert. So ſteht es mit Dir; und ich will Dir's nun deutlich ſagen, warum? Auf Liebe berufſt Du Dich, ſie ſoll Dich entſchuldigen oder gar rechtfertigen! Gute Werke allein entſchuldigen, nicht aber ein Gefuͤhl, welches das wohlfeilſte auf Erden iſt, weil es ſich durch die Sinne aufdraͤngt, und berauſchendes Ver⸗ gnuͤgen mit ſich fuͤhrt. Wahrhaftig,'s iſt ein erſtaunlich Verdienſt: zu lieben und der Liebe ſich hinzugeben! Jedes leichtſinnige Geſchoͤpf erwirbt ſich dies Verdienſt. Deine Liebe aber konnte Verdienſt werden, wenn Du Verſtand und Menſchenliebe beſeſſen haͤtteſt, ſie neben dem Throne zu begruͤnden; darum war ich ihr Anfangs behilf⸗ lich. Aber Du haſt aus Deiner Liebe nichts zu machen ge⸗ wußt, als ein vergaͤngliches Spiel der Sinne, und darum biſt Du nichtig und ſtrafbar geworden. Wo ſind Deine gu⸗ ten Werke? Was Du beſchuͤtzen ſollteſt, das haſt Du in's Verderben geſtuͤrzt. Semblangay iſt der Raben Futter am Galgen, und Jean von Poitier's Freilaſſung iſt ſchmäͤhlich bezahlt worden mit der Ehre ſeiner Tochter! Die leichte Lebensweiſe des Koͤnigs, die Du beendigen ſollteſt durch die Macht Deiner Liebe, iſt ſchlimmer geworden als je, und das Fraͤulein von Voland hat neben Dir eine Maͤrty⸗ rerin ihrer jungfraͤulichen Ehre werden muͤſſen. Die Einig⸗ keit des Koͤnigshauſes iſt durch Dich zerſtoͤrt, da Du Dich 145 ungeſchickt zwiſchen Mutter und Sohn geſtellt haſt; die Einheit des Landes iſt durch Dich bedroht, da Du die Wort⸗ fuͤhrer der Ketzerei beguͤnſtigſt. Das ſind Deine Werke! Und womit kroͤnſt Du das große Gefuͤhl, einen Gemahl verrathen, ein Kind verlaſſen zu haben fuͤr eine Neigung, die ihrer Ueberſchwenglichkeit und Macht kein Opfer zu groß erachtet, womit? Mit der leichtſinnigſten Untreue an dieſer gewaltigen Neigung, mit einer Untreue, die Dich, wie ich Dir vorhin ſagte, den rohen Elementen zum Raube hinauswirft aus dem Hauſe des Koͤnigs, ſobald ich von hier nach Paris zuruͤckkehre und erzaͤhle, daß Du zur Nachtzeit einen Mann in Deinen Zimmern verbirgſt, und ſolcherge⸗ ſtalt den ſogenannten Brautſtand mit dem Koͤnig von Frank⸗ reich feierſt! Nun wiederhole, daß ich von Sinnen ſei, wenn ich Dich des Lugs und Trugs zeihe! Oeffne doch die Thuͤren vor mir bis zur Gallerie hinuͤber, und ich will Dir beweiſen, daß Du gelogen und betrogen.“ Es war in dieſer ſophiſtiſchen Rede ſo viel nieder⸗ ſchlagend Wahres fuͤr Frangoiſe, daß ſie nichts zu erwidern fand: Entruͤſtung, daß dieſer gewiſſenloſe Mann alſo ſprechen konnte, und Pein, daß der brave Marot preisge⸗ geben werden muͤſſe, um eine allerdings gefaͤhrliche Ver⸗ leumdung abzuwenden, beſchaͤftigten ihren Sinn und ver⸗ ſagten ihr die Rede. Und doch ſah ſie wohl ein, daß ein laͤngeres Schweigen den Verdacht gegen ſie nur rechtfer⸗ tigte. Was ſollte ſie thun? Marot's Schickſal der rache⸗ luſtigen Regentin ausſetzen? Nimmermehr; lieber wollte ſie ſelbſt leiden. Ja, jegliche Rechtfertigung vor dieſem Prieſter, den ſie nun verabſcheute, ſchien ihr unwuͤrdig, Laube, Chateaubriant. II. 10 ſchien ihr demuͤthigend zu ſein fuͤr ihren Stolz! Mag er hingehn, und meinen Namen beſudeln vor ganz Frankreich! dachte ſie, da ihre Entruͤſtung raſcher wuchs als ihre Be⸗ ſorgniß, und mit einer unnachahmlich großartigen Bewe⸗ gung des Koͤrpers, der vor einer Schlange auszuweichen und das giftige Thier gleichzeitig von ſich zu ſchleudern ſchien, mehr aus Abſcheu denn aus Furcht, wandte ſie ſich nach der Thuͤr, durch welche Florentin eingetreten war, offnete ſie weit, deutete mit vorgeſtreckter Hand darauf, und befahl ihm mit blitzenden Augen, dahinaus zu gehn. Es war eine ſolche Gewalt darin, daß der ſonſt ſo freche Prieſter dieſem wortloſen Befehle wich, und daß er keine Erwide⸗ rung verſuchte, als er an der Schwelle die leiſe geſprochenen Worte Francoiſens hinter ſich hoͤrte:„Gemeine Kreatur!“ Die Graͤfin war ſo außer ſich, daß ſie Guernard, welcher eben aus dem Vorzimmer in's Gemach trat, durch welches Florentin ſchritt, mit lauter Stimme zurief:„Dieſer Mann wird nie wieder bei mir eingefüͤhrt!“ Ach, die Entruͤſtung ließ ſie nicht daran denken, daß dieſer Mann wirklich mit Waffen hinwegging, die ihr fuͤr alle Zukunft den Eintritt in das Koͤnigshaus verwehren konnten! Was war aber das? Florentin blieb im vor⸗ deren Gemache horchend ſtehn wie ſie im daran ſtoßenden Zimmer: zahlreiche Hufſchlaͤge, als wie von einer großen Schaar Reiter herruͤhrend, drangen vom Gartenhofe her⸗ auf! Was konnte ſie in dieſen ſo lange verlaſſenen Ort fuͤhren? War es eine Botſchaft vom Koͤnige? Kehrte er ſelbſt unerwartet zuruͤck? Selbſt Florentin hatte dieſen Gedanken, und es entging ſeinem raſchen Verſtande nicht, 147 daß dann die Lage leichtlich gefahrvoll fuͤr ihn geaͤndert werden koͤnne. Die wahrhafte Entruͤſtung Francoiſens hatte ihn wohl belehrt, daß der Verdacht mit einem Galan kaum richtig ſein koͤnne. Vielleicht war der Koͤnig ſelbſt in den hinteren Zimmern, und ſein Gefolge kam jetzt erſt! Kurz, er wendete ſich zuruͤck, und naͤherte ſich mit einigen verſoͤhnlichen Worten der Schwelle des Zimmers, in welchem Frangoiſe an's Fenſter geeilt war. Sie wies ihn aber, ſeiner anſichtig werdend, ebenſo beleidigend hinaus, wie ſie kurz vorher gethan, und er ging nun mit dem Vorſatze, dies reichlich zu vergelten, ſei auch der Koͤnig ſelbſt in Fon⸗ tainebleau. Es mag auffallen, daß Frangoiſe mit einem Male und ſo uͤberaus ploͤtzlich ein Verhaͤltniß brach, deſſen mißlichen Grund und Boden ſie bis daher nicht einmal gegen ihre warnenden Freunde zugegeben hatte. Aber der Hergang war doch natuͤrlich: edle und liebende Gemuͤther, welche fern von der mannigfach zuſammengeſetzten,„Welt“ ge⸗ nannten Geſellſchaft auferwachſen ſind, glauben durchaus nicht eher an eine berechnete Bosheit, als bis ſie ſelbſt da⸗ von zur Verzweiflung getrieben werden. Bis dahin halten ſie auch die deutlichſten Proben ſchlechten Betragens fuͤr Ergebniſſe halb des Zufalls, halb einer dreiſten Laune des Urhebers, der ſeinem Geiſte zur Abwechſelung Verwegenes in Bewegung ſetzt, und am Ende ſelbſt nicht mehr im Stande iſt, das in Bewegung geſetzte Verhaͤltniß zu hem⸗ men. Ein ſolcher verwegener Spieler war Florentin für Frangoiſe geweſen, und jetzt erſt, da ſie ihn das fuͤr Spiel gehaltene Betragen gar darſtellen ſah als ein durchdacht es 10*† und mit Tugendfedern geſchmuͤcktes Werk, da ſie mit Schrecken uͤberblickte, wie dies raffinirte Betragen gerade ihr Schickſal von Schritt zu Schritt immer uͤbler verwickelt habe, und wie es eben die unſchuldigſte Veranlaſſung be⸗ gierig ergriff, um eine Schnur zu ihrer voͤlligen Erdroſſe⸗ lung daraus zu drehen, jetzt erſt erſchien auf einmal wie in grellem Blitzesleuchten die Summe dieſes Menſchen, das Bild vorbedachter Bosheit vor ihren Augen, und ſie haͤtte jetzt jaͤhlings und groͤblichſt mit ihm brechen muͤſſen, wenn auch ihr Leben ſelbſt mit dieſem Bruche auf's Spiel geſetzt worden waͤre. Es war Alles empoͤrt in ihr, und ihre Em⸗ pfindungen wurden denn auch mehr und mehr, je laͤnger ſie im ſtuͤrmiſchen Verkehre der Welt umhergetrieben war, in raſche Aeußerung uͤbertragen, in raſche Handlung verſetzt. Sie war keineswegs noch die zaghafte bretoniſche Graͤfin, welche auf dem Schloſſe Blois erſchien und vor jedem be⸗ deutungsvollen Worte erſchrack: die Liebe war taͤglich in ihr gewachſen, und weil dieſe Liebe nie einen Augenblick ihres Lebens ſicher war, ſo waren auch alle handelnden Kraͤfte der jungen Frau unmerklich mit der Liebe gewachſen. Denn die Kraͤfte der Seele entwickeln ſich wie die der Natur nur dem Anſpruche gemaͤß, welchen das Beduͤrfniß macht. Das Wild der Haiden erhaͤlt ein laͤngeres und dichteres oder ein ſchwaͤcheres Winterhaar, je nachdem der Winter ſtrenger oder gelinder hereinbricht. Die moraliſche Genugthuung draͤngt allen aͤußeren Nachtheil, den ſie mit ſich fuͤhren mag, in den Hintergrund, und Francoiſe fuͤhlte ſich leicht und frei, daß ſie ein⸗ fuͤr allemal mit dieſem heuchleriſchen Menſchen gebrochen und 149 ſich ſeiner wenigſtens als ſogenannten Freundes entledigt hatte. Sie dachte nicht an die Zukunft mit ſolcher Feind⸗ ſchaft, und, wieviel ſie nothgedrungen erfahren und gelernt hatte vom eigennüͤtzigen und unſauberen Treiben der Welt⸗ leute, die ſuͤßen Vorſpiegelungen der Liebe hatte ſie doch noch nicht verloren, in Sachen der Liebe glaubte ſie doch noch getroſt, wenn ſie auch bereits manche Schwaͤche ge⸗ ſchloſſenen Auges hinzunehmen gelernt hatte, an Dauer und Reinheit der Empändung, an uneigennützige und edle Haltung. Wie haͤtte ſie anders gekonnt, da ſie ſelbſt mit voller Kraft liebte! Anſichten und Urtheile, die unſerem Denk⸗ und Empfindungskreiſe fremd ſind, koͤnnen uns durch gewaltſame Zudringlichkeit aufgenoͤthigt werden, wie die Kreiſe Florentin's ihr gewaltſam aufgenoͤthigt wurden zur Erkenntniß und Verabſcheuung; aber uͤbrigens und weſent⸗ lich erwarten wir von der Welt nur dasjenige, was wir ſelbſt zu bieten geneigt ſind. So konnte Francoiſe leicht und getroſt einen neuen Feind in den Hof hinabtreten, die von den Roſſen ſteigenden Reiter anſprechen ſehen und mit Zuverſicht erwarten, was ihr dieſe befremdlichen Ankomm⸗ linge bringen moͤchten. Florentin ſelbſt, von der ſpaniſchen Grenze ſtammend, hatte zu ſeiner Verwunderung bald erkannt, daß es Spa⸗ nier ſeien, welche zur Graͤfin Chateaubriant wollten, aber die natuͤrliche Zuruͤckhaltung dieſer Nation hatte ihm keine weitere Auskunft gewaͤhrt. Der franzoͤſiſche Fuͤhrer, deſſen ſie ſich bedient, und den er ausfragte, als ſie groͤßtentheils in's Vorzimmer der Graͤfin eingetreten waren, wußte nichts zu ſagen, als daß ſie ihn in Pithiviers geworben, daß ſie ſehr reich zu ſein ſchienen und zwei große Maulthiere mit Damenſaͤtteln mit ſich führten.— Sollte die Graͤfin ent⸗ fuͤhrt werden? Das konnte ſie fuͤr den Konig nur im Preiſe ſteigern. Ließ ſie ſich entfuͤhren, entfloh ſte den Haͤnden der Regentin? und zwar mit Spaniern, den jetzigen Feinden des Reiches? Das war unwahrſcheinlich. Jedenfalls aber war Stoff in Fuͤlle geboten, aus all dieſen Beſtandtheilen, welche mit dem uͤberraſchten Rendezvous zuſammentrafen, einen Roman zu bilden, der ein geheimes Verſtaͤndniß mit dem Kaiſer und ſonſtige uͤble Abenteuerlichkeit im Hinter⸗ grunde zeigen und die Graͤfin verderben koͤnne. Er eilte nach ſeinem Abſteigequartier bei den Geiſtlichen, um einen Boten nach Paris zu ſenden, der eine Abtheilung bewaff⸗ neter Reiter auf's Eiligſte herbeſcheiden koͤnne, damit er den Umſtaͤnden gemaͤß im Stande ſei, auch gewaltſam ein⸗ zuſchreiten. Auf dem Wege durch die Gallerie, den er einſchlug, um nach ſeiner Laterne zu ſehen, ſiel es ſeinem umherſpaͤhenden Geiſte ein, daß es wohl eine Geſandtſchaft des Herzogs von Infantado ſein koͤnne, um Chimene aus einem Lande abzuholen, welches in blutigem Kriege mit Spanien begriffen ſei. Dies war das Wahrſcheinlichſte. Er fand ſeine Laterne unverruͤckt, und horchte eine Zeit⸗ lang an der Tapetenthuͤr. Er unterſchied in der That Francoiſens Stimme, er hoͤrte, daß ſie den Namen„Chi⸗ mene,“ den Namen„Infantado“ ausſprach, dann war es ſtill, die Behorchten hatten ſich vom Kabinet entfernt.— Es iſt ſo, wie ich mir vorgeſtellt, dachte Florentin, indem er hinwegging, und ſie wird mitgehen, wenn paſſend auf ſie eingewirkt wird! — — 151 Raſchen Schrittes eilte er nach ſeiner Wohnung, be⸗ ſtellte, daß ſich ein berittener Förſter aus dem anſtoßenden Jagdhauſe fertig machte zum eiligſten Ritte nach Paris, und ſchrieb an die Regentin und an Francoiſe. Waͤhrend deſſen hatten ſich Frangçoiſe, Chimene und Marot zum Nachteſſen geſetzt, und es wurde über die Ab⸗ reiſe berathſchlagt, welche der Herzog von Infantado ſeiner Tochter vorgeſchrieben. Der Kaiſer, hieß es in dem Schrei⸗ ben des Herzogs, habe es ungnaͤdig bemerkt, daß die ein⸗ zige Tochter eines ſpaniſchen Grands im Augenblicke ſolcher Kriegskriſis am Hofe des feindlichen Koͤnigs verweile; er werde ſehr dankbar ſein, wenn die Frau Graͤfin ſeiner Tochter eine weibliche Begleiterin bis an die Grenze mit⸗ gebe. Chimene war ſehr betroffen von dieſem Verlangen; ſie liebte Frangoiſe innig, und fiel ihr weinend um den Hals, weinend uͤber eine Trennung von dieſer aͤlteren Freundin, welche ſeit der Abreiſe des Koͤnigs zutraulicher und liebe⸗ voller gegen ſie geworden war als ſie je vorher geweſen. „Gute Chimene,“ erwiderte küſſend die Graͤfin,„ich werde Dich bis Foir begleiten.“— Um GCottes willen nicht, rief Marot, das hieße der Regentin den Sieg in die Haͤnde geben! „Nicht doch, Marot! Dieſer Florentin wuͤrde mich von nun an dergeſtalt peinigen, daß ich in Kurzem doch ent⸗ wiche, und das geſchaͤhe dann nur unbequemer und auffal⸗ lender als jetzt, da ich meiner kleinen Pflegbefohlenen das Geleit bis an die Grenze ihrer Heimath gebe. Und dann — hierbei neigte ſie ſich zu Marot, und fluͤſterte ihm das Folgende wie aus politiſchem Inſtinkte leiſe in's Ohr— de Brion hat mir etwas mitgetheilt, was mich nach jener Gegend zieht, und was die Intriguen der Herzogin mit einem Streiche vernichten wuͤrde, weil es mich fruͤher als alle meine Widerſacher in die Naͤhe des Koͤnigs braͤchte. Ich wurde vorhin unterbrochen, als ich Dir's ſagen wollte: der Koͤnig hat eine Landung in Catalonien vor, und wenn dies geſchieht, ſo fuͤhre ich ihm Lautrec und den Arriere⸗ Bann des Languedoe und der Guyenne uͤber Figueras zu Hilfe,— wird das nicht ſchoͤn ſein?! Und iſt nicht— ſetzte ſie laut hinzu— mein vaͤterliches Schloß Foir unter allen Umſtaͤnden ein paſſender Aufenthalt fuͤr mich?!“ Marot ließ ſich indeß nicht irre machen. Er kannte die Lage der Dinge und die Eigenſchaften der in Rede kom⸗ menden Perſonen zu gut, als daß er uͤber die große Gefahr eines ſolchen Schrittes einen Augenblick in Zweifel geweſen waͤre. Wie ſehr auch Chimene auf ihn ſchalt, wie geiſtreich Francoiſe Gruͤnde entwickelte, er blieb dabei, nachdruͤcklich abzurathen. Da brachte Guernard Florentin's Brief, der ganz darauf berechnet war, die Graͤfin in ihrem Vorſatze der Abreiſe zu beſtaͤrken. Er ſagte darin, daß ſie ihn gar nicht zur Mittheilung des Befehls habe kommen laſſen, der ihn von Paris nach Fontainebleau gefuͤhrt. Die Frau Re⸗ gentin, unterrichtet von zweideutigen Beſuchen, welche ſich oͤfter bei der Frau Graͤfin von Chateaubriant einſtellten, befoͤhle ihr, unverzuͤglich, das heißt noch morgenden Tages, nach Paris zu kommen und ihre Wohnung im Hötel des Tournelles zu nehmen. Frangoiſe, hochroth von Zorn, nachdem ſie dieſen Brief 153 geleſen, reichte ihn ſtumm an Marot, erhob ſich vom Seſſel und gab an Guernard Befehl, auch ihre Abreiſe zu ruͤſten. Auch Marot verſtummte nach Durchleſung des Briefes, und ſo ſchien denn das in's Werk geſetzt zu ſein, was die Gegner der Graͤfin als entſcheidenden Schritt zu deren Sturze her⸗ beigewuͤnſcht hatten. Marot hatte einen ſo richtigen Blick, daß ihn keinerlei Ueberredung uͤber das Gefährliche des Schrittes taͤuſchen konnte; auf das Zeit raubende Einpacken weiblicher Hab⸗ ſeligkeiten, denen nur Packpferde zu Gebote ſtanden, rech⸗ nend, eilte er nach ſeinem Pferde, um bis zum Morgen Paris erreicht und die Herzogin Margaretha um perſoͤn⸗ liches Einſchreiten erſucht zu haben. Wie auf einem Ge⸗ maͤlde ſah er den Gang vor ſich, den das Schickſal Fran⸗ Loiſens nehmen wuͤrde vom Tage der Flucht aus Fontaine⸗ bleau: die Regentin wird dieſe Flucht darſtellen unter den abſcheulichſten Farben, und die Graͤfin vor aller Welt be⸗ zeichnen als eine nach Abenteuern und ſinnlicher Unterhal⸗ tung luͤſterne, anſtaͤndigen Umganges von nun an unwuͤr⸗ dige Frau. Er ſah den Brief vor ſich, den ſie ihrem Sohne nach Italien ſchreiben werde! Mein Sohn, mein Sohn — werde es darin heißen—, wie haben wir uns getaͤuſcht in dieſer heuchleriſchen Chateaubriant! Herrſchſuͤchtig, ge⸗ fallſuͤchtig, zuͤgellos im Drange nach Zerſtreuung hat ſie nach Deiner Abreiſe alle meine Geduld auf die Probe ge⸗ ſtellt. Ich war ihr zuwider, weil meine Naͤhe ſie in Schran⸗ ken einengte, und mit frecher Stirn erklaͤrte ſie mir, daß ſie mir nicht nach Paris folgen werde. Alle meine Bitten waren umſonſt, ſie blieb in Fontainebleau, um dort unge⸗ 154 ſtoͤrt ihre Stelldichein mit Liebhahern aller Gattung ab⸗ halten zu koͤnnen. Ich ſchickte, ich ſchrieb, ich beſchwor un⸗ aufhoͤrlich, denn die ſkandaloͤſeſte Nachrede erhob ſich be⸗ reits uͤberall offen um mich her, und alle ehrenwerthen Leute beſchworen mich, die Hand von ihr abzuziehen, Du wuͤrdeſt ja doch in aller Zukunft ein ſolches Geſchoͤpf keines Blickes mehr wuͤrdigen. Auch ich war der Meinung, aber ich wollte doch ſtreng erfuͤllen, was Du mir aufgetragen. Es war umſonſt. Als ich endlich entſchieden befahl, ſie ſolle nach Paris zuruͤckkehren, da kroͤnte ſie ihr ſchamloſes Betragen dadurch, daß ſie mir ſagen ließ: was kuͤmmere ſie das Haus Valois! Und bei hellem Tage zog ſie mit Gott weiß wie viel Galanen nach Spanien hinuͤber zu Deinen Feinden. Du waͤrſt nicht mein Sohn, waͤrſt nicht Koͤnig von Frankreich, wenn Du uns und Deinem koͤnig⸗ lichen Hauſe jemals die Schmach anthaͤteſt, ſolch ein Ge⸗ ſchoͤpf wieder uͤber unſere Schwelle zu fuͤhren! So wird dieſe Flucht vor dem Koͤnige erſcheinen, ſagte Marot vor ſich hin, als er ſich im Dunkeln ſelbſt ſein Pferd ſattelte. Und der Koͤnig, ſprach er weiter, ach unſer leicht⸗ ſinniger Herr, der ſo ſchnell vergißt, der wird halb lachend, halb aͤrgerlich ſagen: Souvent femme varie Fou qui s'y fie! und einen Tag lang wird er trauern, daß die Ritterſitte uͤberall die Welt verlaſſe und nirgends mehr Treue zu finden ſei, den Tag darauf aber, nachdem dies uͤberwunden iſt— denn Trauer haftet nicht in ihm—, wird er ein verbor⸗ genes Behagen empfinden, von einer Verpflichtung erloͤſ't 155⁵ zu ſein, denn er iſt nicht gewiſſenlos und empfindet eine ſolche gegen Frangoiſe, und muß irgendwie davon losge⸗ ſprochen werden, um die ungluͤckliche Graͤfin ihrem Schickſale zu uͤberlaſſen. Ja wohl, ungluͤckliche, Du ſelbſt hilfſt ihn losſprechen.— Dieſe Gedanken ausſpinnend hatte Marot die Vorſicht in Betreff Florentin's außer Acht gelaſſen, und war von ſeiner Köhlerherberge aus dicht auf den Gartenhof des Schloſſes, an welchem der naͤchſte Weg vorüberfuͤhrte, zu⸗ geritten. Jetzt ſah er ſich ploͤtzlich im Lichtſcheine der Fenſter Francoiſens neben einem Manne, der aufmerkſam nach jenen Fenſtern hinuͤberſah. Als ſein Pferd auf das Pflaſter des Hofes trat, wendete ſich der Mann nach ihm zu, und Marot ſah mit Schrecken, daß es Florentin ſei.— So war denn zu all dem widerwaͤrtigen Verdachte An⸗ laß gegeben worden, ohne daß Marot auch nur den Vortheil davon gehabt haͤtte, nicht erkannt zu werden! Er verſuchte indeß auch hier noch das Letzte und warf ſein Pferd zuruͤck, um den verbergenden Wald wieder zu gewinnen. Aber ach, er hoͤrte hinter ſich des Prieſters Ruf:„Marot, heda, Marot!“ Herr Marot war kein Held, und hatte etwas vom Strauße, der ſich geſichert glaubt, wenn er den Feind nicht ſaͤhe. Die ſtrafende Regentin vor Augen, welche durch den Prieſter unterrichtet ihn zur Rede ſtellen wuͤrde, ſpornte er ſein Pferd und ritt trotz aller entgegenſchlagenden Aeſte der⸗ geſtalt mitten in den Wald hinein, daß er nach einer Vier⸗ telſtunde vollſtaͤndig verirrt war, und daß ſeine beabſich⸗ tigte Hilfsleiſtung fuͤr Frangoiſe im entſcheidenden Augen⸗ blicke ganz verloren ging. Als der unfreundliche Tag graute, fand er erſt nach einigen Stunden einen Weg, und nachdem er dieſem wieder einige Stunden gefolgt war, kam er todtmuͤde in dem Flecken Malesherbes an, und ward von Bauern belehrt, dieſer Ort ſei ebenſoweit von Paris ent⸗ fernt als Fontainebleau, nur mit dem Unterſchiede, daß von Fontainebleau aus eine Straße nach Paris fuͤhre, von Malesherbes aber nicht, daß er alſo am beſten thaͤte, nach Fontainebleau zuruͤckzureiten, wenn er anders den hoͤchſt ſchwierigen Weg dahin durch den Wald wieder finden koͤnne. Marot, im hoͤchſten Grade abgeſpannt, erſchrack vor dem Gedanken, wieder nach Fontainebleau zu kommen, und uͤberließ, deutlich ausrechnend, daß nun doch jede Hilfs⸗ leiſtung von ſeiner Seite zu ſpaͤt eintreffe, die Graͤfin mit einem tiefen Seufzer ihrem Schickſale. Des Poeten ſan⸗ guiniſche Natur gab ſich dem Drange des Augenblickes hin, und entſchlief in einer Bauernhuͤtte zu Malesherbes, waͤh⸗ rend die unheilvolle Wendung in Francoiſen's Leben bei Fontainebleau vor ſich ging. Als er erwachte, war der kurze Lauf der Spaͤtherbſtſonne ſchon wieder zu Ende, und die Bauern erklaͤrten, es ſei bei dem drohenden Regenwetter und dem uͤblen Wege nach Etampes hinuͤber rathſamer, er warte noch bis zum naͤchſten Morgen. So kam er denn erſt nach Paris, als dies ſchon in allen Winkeln erfuͤllt war von der Neuigkeit: die Graͤfin Cha⸗ teaubriant ſei von einem ſpaniſchen Herzoge, den ſie ſchon ſeit einiger Zeit bei ſich in Fontainebleau verborgen habe, von da entfuͤhrt worden. Eine kleine Schaar koͤniglicher Trabanten, von der Frau Regentin abgeſchickt, um dieſen 157 Skandal zu verhindern, habe ſich den Entweichenden auf dem Wege von Fontainebleau nach Pithiviers entgegenge⸗ ſtellt, ſich aber zuruͤckziehen muͤſſen, da der Herzog ein großes Reitergefolge bei ſich gehabt und die Graͤfin jede Aufforde⸗ rung zur Ruͤckkehr ſchnoͤde abgewieſen habe. Es ſeien nun Kouriere an alle Statthalter bis an die ſpaniſche Grenze abgeſendet, um den Fluͤchtigen den Weg zu verlegen, da man auch politiſche Verraͤtherei dahinter vermuthe, und ſo nehme denn die Liebſchaft des Koͤnigs mit dieſer ausge⸗ laſſenen Dame ein Ende mit Schrecken. 6 12. Grüfin Françoiſe an den Kanzler Bude. 1 Schloß Foix 15. Februar 1525. Es waͤre Alles gut, mein lieber Freund, wenn ich ihm nur jede Woche einmal in's Auge ſehen, einmal eine Mi⸗ nute lang am Herzen ruhen koͤnnte. Ach, er iſt ſo weit und ſo gefaͤhrdet, und Alles zwiſchen ihm und mir iſt ſo nebel⸗ haft unſicher! Nicht doch, ich will nicht undankbar ſein: die ſtille Wintereinſamkeit hier im Schloſſe meiner Kind⸗ heit war mir gar wohlthaͤtig, und Lautrec, der zweimal hier geweſen iſt, war immer gut, wenn auch herb. Er iſt nun einmal in Stahl und Eiſen aufgewachſen, und kann's nicht begreifen, wie man ſo lieben kann, um Alles daruͤber zu vergeſſen. Er hat auch ganz Recht, daß ich dem Grafen unverzeihliches Weh anthue; aber du lieber Gott, ich will — 158 es ja auch nicht verziehen haben, ich will ja gern ſpaͤter dafuͤr buͤßen, und es iſt ja doch auch nicht meine Schuld al⸗ lein. Warum hat Gott dem Koͤnige Franz die großen braunen Augen, den ſchalkhaften Mund, den ſtolzen Bart, die hohe Stirn, den maͤchtigen Wuchs, die koͤnigliche Hal⸗ tung, das ſinnige Wort, die unerſchoͤpfliche Regſamkeit ge⸗ geben, welche jeden Augenblick anders, jeden Augenblick unerwartet anſpricht und feſſelt! Er iſt eben mein Leben, und ich bin ihm nun einmal begegnet, iſt das nicht auch Gottes Sache, und kann ich gegen Gott? Mit meiner Conſtance aber thut mir Lautrec geradezu Unrecht, wenn er ſagt, ich ſei eine gefuͤhlloſe Mutter. Ach nein, Budè, das bin ich nicht! Was habe ich Alles aufgeboten, mein Kind zu haben, aber ach, die zuverlaͤſſigſten Menſchen haben mich dabei im Stich gelaſſen, vielleicht gar verrathen. Ihr erinnert Euch des breitſchultrigen Dieners mit roͤthlichem Haar, Namens Baptiſte, ſolltet Ihr ihn nicht in Blois ge⸗ ſehen haben? Der ſchien mir treu ergeben, und wollte mir meine Conſtance um jeden Preis zufuͤhren, er hat aber nicht Wort gehalten und wie ich hoͤre auf meine Koſten ſeinen Frieden gemacht mit dem Grafen. Was ſoll ich thun? Auch hierin muß ich wie in Allem auf meinen Franz war⸗ ten, er wird ſchon Rath wiſſen. Ach, Franz! Ich ſchreibe ſo haſtig hin, lieber Budé, um eine Angſt zu verbergen, die mich peinigt, und die ich Euch doch erſt am Ende des Briefes ſagen will, damit ich Euch, dem ich ſo unbeſchreib⸗ lich dankbar bin, doch in einiger Ordnung Nachricht von mir gebe. Nun ja, man hat mir's nicht geſchenkt, was Alles uͤber meine Flucht aus Fontainebleau ausgeſprengt, 159 ja mit abſcheulicher Sicherheit behauptet worden iſt, um mich bei meinem Koͤnige und vor aller Welt zu verderben. Gott vergebe es ihr, ſie hat ihn ja geboren! Und was waͤre ich ohne ihn? Ein nichtiges Ding, das Gottes Reich⸗ thum nimmer erkannt haͤtte. Denn ob ich ihn auch mit vielen Schmerzen erkenne, ich bin doch unendlich reicher, ja gluͤcklicher in dieſen Schmerzen als ich vorher war in der Armuth und Dunkelheit des Friedens. Alſo laß mich ſchwei⸗ gen, Bude, von den erſten Monaten dahier, als mir Lautrec und der Abt unten Alles das mittheilten, was ein Weib toͤdten mag, wenn ſie nicht liebt uͤber alles Weh hinaus. Das Schlimmſte waren die Aeußerungen des Koͤnigs, die man erfahren haben wollte, und die gewiß erlogen waren. Meiſter Clément, der gute, half mir von dieſer Pein. Wie viel gute Menſchen giebt es doch! Er entwich gewiß nicht bloß um der Regentin und um ſeinetwillen aus Paris, der gute Marot hatte gewiß auch meine Noth vor Augen, als er, der ſchuͤchterne Poet, ſeinen Weg in's Kriegslager nahm mitten in Gefahren hinein, deren er ſo ungewohnt. Und ſiehſt Du, Budé, daß ich Franz beſſer kenne als Ihr Alle ihn kennt: läͤchelnd und gnaͤdig hat er ihn, den die Mutter ſo angeſchwaͤrzt, aufgenommen und angehoͤrt, und hat ihm auf die Wangen geklopft und geſagt: Ja, ja, ſte moͤgen ihr arg mitgeſpielt haben!— Ich werd's dem vor⸗ trefflichen Clément nie vergeſſen, daß er mir damals aus dem Lager vor Pavia gleich geſchrieben hat, und ſeit der Zeit regelmaͤßig ſchreibt mit den Kourieren„die an Lautrec kommen. Wie koͤnnte ich es von Franz verlangen, der ſo üͤberhaͤuft iſt mit den wichtigſten Sorgen! So erfahre ich 160 doch immer woͤrtliche Aeußerungen von ihm, mitunter ſo⸗ gar einen Gruß, und erfahre genau, wie er ausſchaut und wie ihm zu Muthe iſt. Ach ja, nun muß ich es ſagen, Budé! Ich habe ſeit vierzehn Tagen keinen Brief von Marot, und in der hieſigen Gegend und uͤberall, von wo man eine Kunde hoͤrt, laͤuft wie unterirdiſches Donnern ein Geruͤcht umher, deſſen Urſprung kein Menſch zu be⸗ zeichnen weiß, und das in ſeiner Unbeſtimmtheit entſetzlich klingt: es ſei mitten in zauberhaften Gaͤrten Italiens bei Sonnenſchein und bei Mondenſchein eine ſchreckliche Schlacht geſchlagen worden zwiſchen Franzoſen und Spaniern, und es ſeien alle Franzoſen getoͤdtet worden, ſo daß ihre Leichen haͤuſerhoch geſchichtet laͤgen, und auf dem hoͤchſten Haufen laͤge der Koͤnig ſelber ausgeſtreckt, das todte Antlitz und die am Schwert erſtarrte Hand gen Himmel gerichtet!— Ein entſetzliches Geſpenſt, das gewiß unſere Moͤnche aus⸗ gebreitet haben; denn ſie ſprechen hier ſchon uͤberall von der ſtraͤflichen Nachſicht, die der Koͤnig gegen die Ketzer hege. Sagt mir doch mit dem ruͤckkehrenden Boten, was fuͤr Nachrichten aus Italien gekommen ſind: ich verharre in großer Angſt die zehn Tage, welche der Reiter braucht. Wie undankbar bin ich doch! Faſt haͤtte ich Euch zu danken vergeſſen fuͤr die Schriften, welche Ihr mir in meine Einſamkeit geſendet habt, und welche ich mit Hilfe eines ſprachkundigen Praͤlaten der Abtei, eines alten wuͤrdigen Herrn, großentheils verſtanden zu haben glaube. Freilich ſind meine Verſtandeskraͤfte nicht ſtark genug, um ſich mit einiger Zuverſicht des Reformplanes bemeiſtern zu koͤnnen. Ich muß meine Schwaͤche ſo weit eingeſtehen, daß ich noch 161 gar keinen einigen Plan herausfinden kann; freilich habe ich auch Alles durch einander geleſen, was die Schweizer, was die Wiedertaͤufer, was die Bauernapoſtel und was Luther ſelbſt geſagt haben. Der Letztere ergreift es fur mich am tiefſten, und wenn er uns den„freien Willen“ abſpricht und die„guten Werke“ nicht fuͤr nothwendig er⸗ klaͤrt, ſo ſtimme ich ihm von ganzer Seele bei. Wie bin ich zu meinem Schickſale gekommen? Doch wahrlich nicht aus freiem Willen! Ein Gott hat mich ergriffen, wie Dein Freund Lascaris ſo ſchoͤn ſagt, ein Gott iſt mein Wille. Und nach dem Urtheile der Welt habe ich nur uͤble Werke gethan, und fuͤhle mich doch nicht belaſtet! Aber wie kann Luther gegen Kreuzzuge wider die Unglaͤubi⸗ gen ſprechen! Es iſt ja unſer Beruf, das geltend zu ma⸗ chen, was uns theuer iſt: dadurch ja allein handelt unſere Seele. Der Reformator iſt ſchuͤchtern, weil er durch den Zweifel gegangen iſt und den Zweifel nur in der Wallung überwunden hat. Habe ich Recht, Budé? Was wuͤrde Franz ſagen, wenn man den ritterlichen Glaubenskampf verbieten wollte! Ich meine, wer nicht fuͤr ſeinen Glau⸗ ben kaͤmpfen will, der hat keinen Glauben. Und das iſt es wohl eben: die Dinge haͤngen alle eng, unglaublich eng zuſammen, und die Folgerungen beſtuͤrzen uns bis in's Herz hinein, und erſchuͤttern uns den Glauben, welchen wir uns mühſam auferzogen. Es iſt ein furchtbar Werk, das da angefangen worden iſt: die Bauernapoſtel haben mich entſetzt mit ihrem Schrei nach Gutergemeinſchaft, Abſchaffung aller Rechte und Pflichten! Heilige Jungfrau, ich bin wohl auch ſchon auf verwegene Ideen gekommen, Laube, Chateaubriant. II. 11 162 von der Natur zu Allem berechtigte Menſchen geſehen habe — Baptiſte war beinahe ſo, Guernard iſt es ganz und gar, denn er hat außer der Begabung eine Faſſung und Enthaltſamkeit, wie ſie wenigen Seigneurs erreichbar iſt — aber ich wage mich darin nicht weiter, und die Bauern⸗ ſcenen in Deutſchland haben mir allen Muth geraubt. Dem Koͤnige wuͤßte ich dies auch in keiner Form gefaͤllig darzuſtellen. Und noch Eins: wie kann man die Fuͤrbitte der Heiligen ausſtreichen wollen! Darin liegt ja das in⸗ nerſte Geheimniß der Liebe, der wunderbare Zauber, wel⸗ chen ein Menſch fuͤr den andern in Bewegung ſetzen kann durch bloße Kraft des Herzens. O nein! Ich weiß, daß ich vor Franz von dieſer Erde ſcheiden werde, und ich weiß, daß es mich noch in einer andern Welt begluͤcken wird, wenn ſich ſeine Gedanken zu mir wenden, und Hilfe hei⸗ ſchen von mir hierhin oder dahin. Das wird ja eben mein Geiſt, mein neues Leben ſein, daß ich wirke für das, was mir theuer geweſen iſt vom Beginn meines Gedaͤcht⸗ niſſes. Schilt nicht, Budé! Was waͤre die neue Lehre, wenn ſie nicht auch vom Geſichtspunkte oder wenn Du willſt vom Herzenspunkte des Weibes beleuchtet und gebildet worden waͤre. Und von dieſem aus muß ich denn auch billigen, daß mein Praͤlat der Reform eine zu groͤbliche Ruͤckkehr zu den rohen Tendenzen und Traditionen des alten Teſtamen⸗ tes Schuld giebt. Ich finde in alle dem, was er mir da mittheilt von Iſaak und Jakob und von der fanatiſchen Lei⸗ denſchaftlichkeit der Juden wenig Erbauliches und Evan⸗ wenn ich unter dem Volke vollſtaͤndig begabte und dadurch 163 geliſches, und glaube ihm gern, daß dieſe Dinge, zum erſten Male in's Volk gebracht, garſtige Leidenſchaften aufſtacheln helfen. Belehre mich daruͤber, Budeé! Aber vor allen Dingen ſprich mir von ihm, denn er iſt meine Welt, und alles Andere beſchäftigt mich nur in Bezug auf ihn. Daß Ihr keine Bilder mehr wollt in den Kirchen, das vergebe ich Euch ſo wenig wie er es Euch vergiebt. Keine Bilder! Und doch ſehen wir Alles, das Beſte nur im Bilde! Was haͤtten die Gluͤcklichen fuͤr ein Gluͤck ohne die Kunſt? Platten Vortheil. Und wie er⸗ truͤgen die Unglücklichen ihr Schickſal ohne ſie?! Dieſer Brief kam viel ſpaͤter als Frangoiſe gehofft hatte nach Paris, und an dem verhaͤngnißvollen 24. Februar, an welchem ſie bereits eine Antwort erwartete, war er noch nicht in Budé's Haͤnden. Das mochte zum Theil an Lautrec liegen, der ſich von Toulouſe, der Hauptſtadt ſei⸗ ner Statthalterei, eben entfernt hatte, als Frangoiſe den Brief dahin ſandte, damit er von dort mit den Depeſchen nach Paris geſendet werde. Lautrec ritt um jene Zeit öfterer als noͤthig war an den Rhone hinuͤber, welcher die Grenze ſeiner Statthalterei bildete„ um den Nachrichten aus Ita⸗ lien naͤher zu ſein. Jedermann war darauf geſpannt, und wie dies bei großer Spannung zu geſchehen pflegt, beaͤng⸗ ſtigt durch boͤſe Ahnungen. Denn jede verſchobene Ent⸗ ſcheidung erregt krampfhaft die Phantaſte. Zum Theil mochte aber auch die ſpaͤte Ablieferung des Briefes in Pa⸗ ris ſelbſt ihren Grund haben: einem Frauenregimente 11* 164 maß man die gefaͤhrliche Einführung bei, Briefe zu eroff⸗ nen und allenfalls zu unterſchlagen, deren Inhalt Beden⸗ ken erwecken koͤnnte. Die Regentin Louiſe von Angoulème mochte in dem damals uͤberreizten Zuſtande des Landes Ver⸗ anlaſſung finden zu ſolchen unlauteren Eingriffen, denn namentlich Paris ſtrotzte von bedrohlicher Stimmung. Man hielt es dort fuͤr unzweifelhaft, daß die Regentin uͤble Nach⸗ richten vom Heere zuruͤckhalte, und beſonders einige Prieſter benutzten den vorhandenen Unruheſtoff, um eine ſchallende Willensaͤußerung aufzubringen gegen die Ketzerei, welche in Frankreich noch nicht das geringſte Hinderniß erfahren hatte, welche ſogar am Hofe durch die Herzogin Margare⸗ tha und den Kanzler Budeè begunſtigt ſein ſollte, und welche offenbar vom Rheine her mit einem gefaͤhrlichen Einbruche der aufruͤhreriſchen ſchwaͤbiſchen Bauermaſſen drohte. Kurz, erſt am zweiten Maͤrz in der Mittagſtunde er⸗ hielt Budé jenen Brief und gleichzeitig eine Ladung, ſich im Höôtel des Tournelles bei der Frau Regentin einzuſtellen. Er achtete nicht auf den Diener, der ſich ohne Weiteres zuruͤckzuziehen ſchien. Nachdem er den Brief geleſen, weggelegt und ſich zum Ausgange angeſchickt hatte, ſprach er traurig vor ſich hin: Ungluͤckliche Francçoiſe, Du hoffſt noch, wo keine Hoffnung mehr vorhanden iſt! Nach der erſten Jugend⸗ liebe brauchen wir immer einen aͤußeren Anreiz, wenn un⸗ ſere Neigung maͤchtig und dauernd ſein ſoll: der Gegen⸗ ſtand unſerer Neigung muß dann ſchwer erreichbar oder hoͤher geſtellt ſein als wir, oder muß Glanz und Ehre oder b 4 165 Reichthum mit ſich bringen. Ohne ſolchen Anreiz er⸗ mattet gar bald unſere Phantaſie, denn nur einmal kommt unſere Neigung aus reinem Herzen. Und Koͤnig Franz! Weiß er Dich auch gerechtfertigt vor den Luͤgen ſeiner „ Mutter, was iſt ihm das! Entſchaͤdigen und belohnen kann er uͤberall, das iſt ihm kein Reiz. Erobern will er, Widerſtand lockt ihn, die erſte Ergebung berauſcht ihn— Dein entſcheidender Moment, Francoiſe, iſt dahin, iſt verloren, ſelbſt wenn er Dich ſchoͤn und liebenswuͤrdig wiederfaͤnde! Traurig ſchritt er über die hoͤlzerne Bruͤcke, welche damals oberhalb des Louvrethurmes uͤber die Seine fuͤhrte — denn das Kollegium, welches er gegruͤndet hatte und bewohnte, lag am linken Ufer, und war noch abgeſon⸗ dert von der mehr aufwaͤrts angebauten und bevoͤlkerten Stadt—, traurig bog er in der Gegend der alten Kirche St. Germain l'Auxerrois nach der St. Honoré⸗Straße in den belebteren Theil von Paris, und ſah mit Beſorgniß, daß die Buͤrger in ungewöoͤhnlichen Gruppen verſammelt waren, heftig redeten, und da, wo ſie ihn erkannten, fin⸗ ſter auf ihn blickten. Die Regentin hatte ſich lange nicht um ihn gekuͤmmert, er hielt es fuͤr rathſam, erſt bei der Herzogin Margaretha vorzuſprechen, um uͤber Stimmung der Mutter und Stand der Dinge nachzufragen, und es konnte ihm nichts er⸗ 4 wuͤnſchter ſein, als daß er im Gardenſaale einen Diener Margarethens fand, der bereits ſeiner harrte. ⸗Er ahnte nicht, daß jener Diener der Regentin, Florio, welcher ihm den Brief uͤberbracht, die Zerſtreuung des keine Thuͤr 166 ſchließenden Gelehrten benutzt, ſich im Vorzimmer verbor⸗ gen und den Brief an ſich gebracht hatte, ehe Budé noch aus dem Hauſe war. Er ahnte nicht, daß dieſer Menſch eben mit ſeiner Beute an ihm voruͤberſchritt nach den Zim⸗ 1 mern der Regentin hinuͤber, als die Herzogin Margaretha ihm ſelbſt an ihrer Thuͤrſchwelle entgegentrat. „Wir ſind in unglaublicher Pein, Budé,“— ſprach ſie,—„noch immer keine Nachrichten vom Heere, und Paris in kindiſcher Aufregung, und meine Mutter in beſter Laune, dies Alles uns entgelten zu laſſen.“ Uns? „Uns, und zwar unter dem Vorwande, daß wir die Ketzerei beguͤnſtigten. Ich habe eben eine ſchmerzliche Scene mit ihr gehabt: ſie behauptet, das Volk rotte ſich zuſammen, weil es durch die fuͤrchterlichſten Prophezei⸗ hungen in Angſt und Schrecken geſetzt ſei, dieſe Prophe⸗ zeihungen gruͤndeten ſich aber darauf, daß vom Throne herab die Ketzerei geduldet werde, und daß dem Throne und Lande deshalb die aͤrgſte Zuͤchtigung bevorſtehe. Ihr ſeid's, rief meine Mutter, Du, Budé, Marot und was ſonſt zu der heilloſen Chateaubriant haͤlt, die Ihr dieſe Gaͤhrung durch Euer Geſchwaͤtz erzeugt habt. Ich weiß„ —— 64 es, ſetzte ſie hinzu, daß Budé mit der Chateaubriant 5 Briefe wechſelt im Intereſſe der ſogenannten Kirchenreform, 8 und ich werde ihn ſammt ſeiner Graͤfin dem Volke zum Suͤhnopfer hinwerfen— heiliger Gott, ſeht nur, welche drohende Menſchenmaſſe aus allen Straßen quillt und ſich um das Hötel zuſammendraͤngt! Was iſt die Welt kindiſch! Du haſt doch nichts ſchriftliches ausgehn laſſen, was Duprat 64 5 4 167 in die Haͤnde geliefert werden koͤnnte? Denn er iſt verhaßt wie die Peſt, und ergriffe begierig die Gelegen⸗ heit, ſich durch ein Ketzergericht beliebt zu machen. Mein Bruder kann Dich jetzt nicht ſchuͤtzen, Gott weiß ob er nicht ſelbſt des Schutzes bedarf!“ Ehe Budeè antworten konnte, erſchien ein neuer Die⸗ ner der Regentin mit der Anfrage, ob Kanzler Budé den Befehl erhalten habe.— Ich bin zu Befehl! unterbrach ihn Budé und folgte dem Zuruͤckeilenden. „Ich folge Dir auf dem Fuße, Bude, meine Gegen⸗ wart iſt Dir von Nutzen— à propos! ſie machte ſich ge⸗ ſtern Abend luſtig daruͤber, daß unſer deutſcher Reforma⸗ tor nichts eiligeres zu thun habe als zu heirathen. Offen geſtanden, ſie hat Recht; er haͤtte die Aufgabe nicht ſo buͤrgerlich faſſen und einſam ohne trivialen Zuſammenhang mit der Alltagswelt bleiben ſollen.“— Solche Bemerkung konnte wohl der Koͤnigsſchweſter, die ſich ungefährdet wußte und einen dreiſten Charakter be⸗ ſaß, in ſolchem Augenblicke kommen. Budé war ſchwer⸗ lich geſtimmt dafuͤr, und eilte nicht ohne Beſorgniß in den Saal, welchen ihm der Diener zeigte. Wenn auch nicht für ſeine Perſon, für ſein Lebensintereſſe fuͤrchtete er eine ſolche Zorneskriſis, wie ſie jetzt durch den ungluͤcks⸗ ſchwangern politiſchen Zuſtand zu gefaͤhrlicher Hoͤhe ge⸗ ſteigert werden konnte. Das regneriſche Wetter, wie es dem noͤrdlichen Frank⸗ reich heute noch eigen iſt und damals, als noch die Waͤlder in aller Ausdehnung beſtanden, in noch hoͤherem Grade eigen war, huͤllte an jenem Tage Paris wie in ein graues Tuch. Als Bude in den ſteinernen Saal trat, war es ſo dunkel, obwohl um Mittagszeit, daß er mit ſeinem etwas kurzſichtigen Blicke zunaͤchſt nur die Regentin erkannte, welche mit haſtigen Schritten auf den ſteinernen Flieſen umherſchritt. Dies Höôtel, welches der Koͤnig vorzugs⸗ weiſe in Paris bewohnte, da vom Louvre erſt der uralte Thurm beſtand und die Tuilerieen, vierzig Jahre ſpaͤter erſt erbaut, damals dem Namen und der That nach nur Ziegeleien waren, dies Hötel, genannt des Tournelles, von der alten Mode, uͤberall Erkerchen und thurmartige Vorſpruͤnge und Thuͤrmchen anzubringen, und von dem alten Verſammlungsorte der zwoͤlf Parlamentsrichter, der lange Zeit aus einem Thurmzimmer dieſes Hauſes beſtand, war dem Koͤnige Franz niemals angenehm. Der alte fraͤn⸗ kiſche Geſchmack, welcher winklige Raͤume, kleine Fen⸗ ſter, ſchmale Treppen liebte, herrſchte darin trotz aller angebrachten Aenderungen, und dieſer Geſchmack beſchei⸗ dener Lehnsherrſchaft war dem modernen Koͤnige zuwi⸗ der. Er brauchte weite und große Verhaͤltniſſe, ſein Bau⸗ geſchmack hing eng zuſammen mit ſeinem ſouverainen Re⸗ gierungsgeſchmacke, uͤber welchen er ſich freilich, Ritter⸗ thum und neues Koͤnigthum kraus durcheinander miſchend, nicht ſo klare Rechenſchaft zu geben wußte als uͤber den Stil ſeiner Bauten. Hoͤlzernes Getaͤfel bis an die Haͤlfte der Wandhoͤhe lief um die Mauern dieſes Saals herum, und war rings⸗ um einige Fuß hoch vom Boden zu Sitzen mit hoͤlzernen Armlehnen aus Eichenholz ausgearbeitet, ſo daß das ———— * ———— ————— — . 169 Ganze theils an eine Kapelle, theils an uralte Rathhaus⸗ ſaͤle erinnerte. In einem Winkel ſtand vor dieſen Sitzen ein ſchmaler Tiſch, und hinter dieſem Tiſche ſaßen, auch fuͤr einen nicht Kurzſichtigen kaum erkennbar drei Maͤnner in talarartigen Gewaͤndern. Der eine war Florentin im violetten Präͤlatentalar, der andere Duprat im rothen Richtergewande, der dritte deſſen Schreiber, welcher zum Protokoll die Feder geſpitzt hielt, im langen Kleide von ſchwarzer Serge. An der einzigen Eingangsthür ſtanden zwei rieſenhohe Trabanten mit Spießen, am mittleren der drei Fenſter, welche in den Hof des Hötels fuͤhrten, lehnte der Leibdiener der Regentin, welcher beauftragt ſein mochte, zu berichten, was ſich da unten ereigne. Der rieſelnde Nebel naͤmlich, welchen Budé bei ſeinem Aus⸗ gange kaum bemerkt, hatte ſich in einen vollſtaͤndigen fran⸗ zoͤſiſchen Winterregen verwandelt, und hatte die Buͤrger aus den Straßen hereingetrieben unter die niedrigen Arkaden, welche innerhalb des Hofes um das erſte Stockwerk des Hö⸗ tels umherliefen. Dies heftige Regenwetter und das Herein⸗ draͤngen der Maſſe war ſo ploͤtzlich geſchehn, daß man dem Zudrange durch Schluß des Thors nicht hatte vorbeugen können, und dieſe aufrühreriſche Maſſe der Buͤrgerſchaft, de⸗ ren wirrender Stimmenlaͤrm von Zeit zu Zeit mitten durch das Plaͤtſchern des Regens hindurch heraufdrang, ſchien die Haſt der im ſchwarzen Gewande umherſchreitenden Re⸗ gentin beſonders zu ſteigern. Nach den erſten Fragen und Aeußerungen ſah die Lage Bude's ſehr uͤbel aus, und Margarethens Meinung, er koͤnne zum Suͤhnopfer fuͤr das aufruͤhreriſche Volk auserſehen ſein, ſchien ſich zu beſtaͤ⸗ 170 tigen. Da er Duprat und deſſen Schreiber nicht erkannte, und keines foͤrmlichen Verhoͤrs, noch deſſen gewaͤrtig war, daß jener Schreiber all ſeine Worte zu Papier braͤchte, ſo antwortete er Anfangs unbefangen und unvorſichtig auf die Fragen der Regentin: welchen Theil er bisher genommen habe an der Reform? Es war uͤberhaupt nicht ſeine Ab⸗ ſicht, allen Antheil daran abzulaͤugnen, und daß er dieſe Abſicht nicht hatte, war in dieſem Augenblick von unmittel⸗ barer Lebensgefahr fuͤr ihn. Die Regentin, der Liebe wie des Haſſes in ausgedehntem Maaße maͤchtig, haßte ihn, weil er ihre Lebensweiſe zum Oefteren öffentlich getadelt hatte, und weil er unwandelbarer Beſchuͤtzer der Chateau⸗ briant war. Sie wußte wohl, daß der König außer ſich ſein wuͤrde über den Verluſt ſeines Studienkanzlers, aber ſie meinte, in ſo drohendem politiſchen Augenblicke die Staatsraiſon für ſich zu haben, und ſie war ſelbſt, viel⸗ leicht nicht bloß durch die politiſche Gewitterſchwuͤle, in dieſem Augenblicke krankhaft geſteigert. Kurz, ſie fragte in ihn hinein, mit dem Vorſatze, ihn zu verderben. „Du giebſt Dir alſo gar nicht die Muͤhe zu laͤugnen“ — erwiderte ſie dann auf Bude's Zugeſtaͤndniſſe—„daß Du thaͤtigen Antheil an der ketzeriſchen ſogenannten Re⸗ form nimmſt?“ 3 3 Wenn Ihr es thaͤtigen Antheil nennt, daß ich meine Kenntniſſe gebrauche, um die ſchwierige Aufgabe loͤſen zu helfen— „Und daß Du die ketzeriſchen Grundſätze muͤndlich und ſchriftlich verbreiten hilfſt! Das haſt Du gethan! Du haſt der Schweſter Deines Koͤnigs die Ohren damit erfuͤllt, 171 Du haſt eine Perſon, welche eine Zeitlang wichtig war in dieſem Reiche, ja welcher eine Zeitlang mit der ſtolzeſten Ausſicht auf Erhebung geſchmeichelt wurde, welche alſo um ihres Einfluſſes auf Frankreich willen allen Neuerern eine Hauptperſon wurde, Du haſt die Graͤfin Chateau⸗ briant ſyſtematiſch der katholiſchen Kirche abtruͤnnig zu machen geſucht! Kannſt Du es laͤugnen?“ Ich habe das Thema mit ihr beſprochen— „Du haft ſie ſogar ſchriftlich damit beſtuͤrmt, nachdem ſie ſich bereits der ihr von voreiligen Freunden zugedachten hohen Stellung unwuͤrdig gemacht und in luͤderlicher Le⸗ bensweiſe aus unſerer Naͤhe entfernt hatte, Du haſt“— Dergleichen hat die Graͤfin Chateaubriant, welche eine verehrenswerthe Dame iſt, nie gethan— „Wir fragen Dich nicht um Deine befangene Meinung uͤber dieſe verlorene Frau, wir beſchuldigen Dich, daß Du beſtrebt geweſen und beſtrebt biſt, ſie zur Konigin des Ketzerthums in Frankreich zu machen, und daß Du jetzt noch, da das Land in ſchwerer Beſorgniß, dieſen verraͤ⸗ theriſchen Verkehr durch aufreizende Briefe mit ihr unter⸗ halten haſt, kannſt Du es laͤugnen?“ Dies kann ich laͤugnen. „Verraͤther, heute erſt haſt Du einen Brief von ihr erhalten, der von ausbuͤndigen Praͤtenſionen und von Ke⸗ tzereien ſtrotzt! Kanzler Duprat, haltet dieſen Beweis dem luͤgneriſchen Manne unter die Augen!“ Als Kanzler Duprat vortrat, und Bude den entwen⸗ deten Brief Frangoiſens in deſſen Haͤnden ſah, war er ei⸗ nen Augenblick ſo beſtuͤrzt, daß ihm das Wort verſagte, 172 und er nicht auseinanderſetzen konnte, wie er ſein Ablaͤug⸗ nen verſtanden wiſſen wollte. Die Regentin deutete dies Schweigen als Eingeſtaͤndniß, und, da eben vom Hofe herauf Steine in die Fenſter des Saales flogen, und der Stimmenlaͤrm zu droͤhnendem Tumulte anſchwoll, ſo rief ſie mit erhoͤhter Stimme Florentin zu, er ſolle an's Fenſter treten, und dem Pariſer Pack verkuͤndigen: der Vater aller Ketzerei ſei ſoeben entlarvt worden im Kanzler Guil⸗ laume Budé, und er ſolle dem Gerichte und der allgemei⸗ nen Suͤhne noch in dieſer Stunde zugefuͤhrt werden hinaus nach Montfaucon— noch Eins! Seine Helfershelferin ſei die Graͤfin Chateaubriant, und noch in dieſer Stunde ſollten bewaffnete Reiter von Paris abgehn, um dieſelbe zum Spruche des geiſtlichen Gerichts, welches von jetzt an in dieſer Stadt errichtet werde, herbeizuholen, die Buͤr⸗ ger der St. Honoré⸗Straße duͤrften ſich auf ein intereſſantes Schauſpiel freuen! Waͤhrend Florentin nach dem Fenſter ſchritt, befahl ſie den Trabanten, Bude zu ergreifen.— Ehe aber der Praͤlat das Fenſter oͤffnen, und die Tra⸗ banten Hand anlegen konnten, war die Herzogin Marga⸗ retha, welche bei den letzten Worten eingetreten war, ha⸗ ſtig bis zu Budé vorgeſchritten, hatte dieſen bei der Hand gefaßt, und mit eben ſo ſtarker Stimme gerufen: hal⸗ tet ein! „Zuruͤck Margaretha!“ rief die Regentin, und ſtreckte die Hand nach ihr aus, als ob ſie Budé von ihr trennen wollte; Florentin ferner, dem ſolche Stoͤrung unnüͤtz 173 ſchien, oͤffnete ohne auf Margaretha's Ruf zu achten das Fenſter. 4— Ich beſchwoͤre Dich im Namen unſeres Familiengluͤcks, liebe Mutter, ſagte Margaretha haſtig, aber leiſe zur Regentin, regiere Deinen Zorn, er iſt Franz theuer, und Franz vergiebt Dir nie, wenn Du dem Ungeſtuͤme einer boͤſen Stunde folgſt, und ihm einen Mann toͤdteſt, der ihm Freund und von unſchaͤtzbarem Werthe, und den er auch um das groͤßte Verbrechen nicht toͤdten ließe— Du verlierſt Deinen Sohn, wenn Du jetzt Deinem Zorne folgſt! „Schweig!“ entgegnete Louiſe, und blickte nach dem geoͤffneten Fenſter, von welchem ſich Florentin ſo eben ei⸗ lig zuruͤckzog, weil er mit einem Hagel von kleinen Stei⸗ nen dergeſtalt begruͤßt worden war, daß er nicht ſchnell genug hatte beiſeit kommen koͤnnen, und daß Blut uͤber ſein Antlitz herunter ſchoß.„Kanaillen von Manants!“ ſchrie die Regentin auf und wandte ſich, eine leidenſchaft⸗ lich beherzte Frau, ſelbſt nach dem Fenſter. Unerwartet wurde ſie von einer magern Hand feſtgehalten. Der ehr⸗ wuͤrdige Biſchof Pierre Duchatel war eingetreten und hatte ſie ergriffen; er genoß damaliger Zeit bei allen Parteien des groͤßten Anſehns, und dies Anſehn war auch fuͤr die Regentin von Ehrfurcht gebietender Macht. Seine plöͤtz⸗ liche Erſcheinung, die ſie in ihrer Zornesbewegung nicht bemerkt hatte, trug dazu bei, daß ſie einen Augenblick verſtummte, und ihm zum Sprechen Zeit ließ. „Gnaͤdigſte Herrin,“ ſprach er langſam,„Euer Leben darf nicht ſo gefaͤhrlichem Zufalle ausgeſetzt werden, es iſt 174 zu koſtbar, es iſt dem Lande doppelt koſtbar in dieſem Au⸗ genblicke, da ganz Frankreich zittert für Euren Sohn, un⸗ ſern Koͤnig. Wiſſet Ihr denn, was fuͤr eine Nachricht durch Paris fliegt wie ein gefluͤgelter Bote des Todes? Kein Menſch weiß, wo ſie her gekommen ſei, und doch lautet ſie in Worten Eures Sohnes, die Euch wie mir von erſchrecklicher Aechtheit erſcheinen muͤſſen“— Welche Nachricht? „Ihr habt keinen Brief vom Koͤnige?“ Nein. „Aber Paris hat einen, und er iſt kurzen und ſchreck⸗ lichen Inhalts!“ Welches Inhalts? „„Alles iſt verloren, nur die Ehre nicht,““„hat Koͤ⸗ nig Franz nach Paris geſchrieben.“ Gerechter Gott! Von allen Seiten begleitete ein Schreckensſchrei dieſen Ausruf der Regentin, und eine Pauſe trat ein. Habt Ihr ſelbſt dieſe Worte geleſen? fragte endlich zitternd die Regentin. „Nein, gnaͤdigſte Frau,“ erwiederte Duchatel,„kein Menſch hat ſie geleſen, und doch zweifelt kein Menſch an ihrer Richtigkeit, und als ob ſie am Firmament geſchrieben ſtuͤnden fuͤr Jedermann, ſo hoͤrt man von Jedermann die entſetzlichen Worte: Tout est perdu fors l'honneur!“ Es war eine Zeitlang todtenſtill im Saale; auch im Hofe des Hôtels war es unter den Volksmaſſen ploͤtzlich todtenſtill geworden, man hoͤrte nur den Regen plaͤtſchern, und den reißend ſchnell herannahenden Hufſchlag eines 175 Roſſes. Dieſer Hufſchlag ſchien die Pariſer Buͤrger in ge⸗ ſpannte, ſchweigende Aufmerkſamkeit verſetzt zu haben. Ein uͤber und uͤber mit Koth beſpruͤtzter Reiter flog um die Ecke, bog in's Thor des Hötels, und ſtuͤrzte mit dem er⸗ ſchoͤpften Pferde inmitten des Hofes, deſſen große Steine waſſerglatt waren, raſſelnd zu Boden. Ehe man ihm bei⸗ ſpringen konnte, war er ſchon auf den Fuͤßen und auf dem Wege nach der ſchmalen Treppe, das arme Thier ſeinem Schickſale uͤberlaſſend, und an ſeiner ledernen Botenta⸗ ſche heftelnd, als muͤſſe ſie geoffnet ſein, ehe er die Treppe erſtiegen. Lautlos aber einmuͤthig draͤngten ſich alle Buͤr⸗ ger hinter ihm her die Treppe hinauf— man ſah dies Alles vom Saale herab kommen, denn auch dort war Je⸗ dermann an's Fenſter geeilt, und weder Regentin noch ſonſt Jemand achtete in dieſem Augenblicke auf die nach⸗ dringende Maſſe oder auf ſonſt etwas: die Botſchaft des Kouriers verſchlang allen andern Antheil, und auf einen Wink der Regentin, welche uͤbrigens, ſchrecklicher Nach⸗ richt gewaͤrtig, regungslos ſtehen blieb, wurde der be⸗ ſudelte Reiter ſogleich mitten in den Saal gelaſſen. Er uͤberreichte der Regentin einen breit gefalteten Brief, und waͤhrend dieſe, ihn oͤffnend, ausrief: Er lebt, Gott ſei Dank! es iſt die Schrift meines Sohnes!“ fragte er, wo er ein zweites, fuͤr den Herrn Kanzler Budé beſtimmtes Schreiben abgeben koͤnne. Waͤhrend Budé es in Empfang nahm, und die Pariſer Buͤrger in den Saal drangen, hatte die Regentin den Brief geoͤffnet, und wollte ihn eben mit begierigen Augen überleſen, als wiederum die magre Hand Duchatels ſie beruͤhrte, und dieſer unter 176 allgemeinem Zuruſe das Verlangen ausſprach, daß ſolche für ganz Frankreich gleich wichtige Nachricht laut verleſen werde. Die hierbei zurufenden Volksmaſſen, denen die ebenfalls patriotiſch betheiligten Trabanten den Eingang nicht ernſtlich gewehrt hatten, verhielten ſich uͤbrigens ach⸗ tungsvoll und mit abgenommenen Mutzen, als ob ſie mit dem Eintritte in den Palaſt ſelbſt ganz andere Leute ge⸗ worden ſeien. Die Regentin, unter dem Einfluſſe der Ueberraſchung und der Mutterſorge— und am Ende haͤtte auch die Poli⸗ tik nichts dagegen zu ſagen gehabt— las das Schreiben des Koͤnigs mit lauter aber heftig zitternder Stimme wie folgt: „Madame! Um Euch in Kenntniß zu ſetzen, wie ich den Druck meines Mißgeſchicks trage, ſo iſt mir von allen Dingen nichts uͤbrig geblieben als die Ehre und das ge⸗ rettete Leben, und ich habe, damit Euch die Nachrichten über mich doch von einigem Troſte ſeien, gebeten, daß man mich ſchreiben laſſe an Euch. Dieſe Gnade hat man mir bewilligt, und ich bitte Euch, keinem verzweifelten Schritte Euch hingeben zu wollen und Eurer gewohnten Klug⸗ heit eingedenk zu ſein; denn ich hoffe, daß mich doch am Ende Gott nicht ganz verlaſſen wird, und empfehle Euch Eure Enkel, meine Kinder, Euch bittend, dem Traͤger Dieſes freies Geleit nach und von Spanien zu ge⸗ ben, wohin er zum Kaiſer geht um Nachricht, wie er wolle, daß mit mir verfahren werde.“ Dieſer faſſungsloſe Brief furchtbaren Inhalts ſiel wie ein langer, zerſchmetternder Donnerſchlag auf alle Perſonen im Saale. Gerade die Faſſungsloſigkeit der Worte, die man am Wenigſten gewohnt war bei Aeußerungen des Koͤnigs Franz, ſteigerte den Eindruck des Ungluͤcks bis zum Aeußerſten. Die Regentin, welche kaum noch im Stande geweſen war, die letzten Zeilen auszuſprechen, fiel mit ſchreiendem Schluchzen ruͤcklings uͤber, und in die Arme des Mannes, den ſie eben vernichten gewollt, Guillaume Bude's. Margaretha ſtand lautlos, ihre Glieder flogen zitternd, als ob ſie der ärgſte Fieberfroſt ſchuͤttelte, und Thraͤnen rollten ſtromartig uͤber ihre Wangen. Alle uͤbri⸗ gen Anweſenden ſtießen nur vereinzelt erſchreckende Seufzer des Weh's aus, und ſchwiegen. Auch die Buͤrger von Paris ſtanden wie feſtgebannt und ſchweigend. Der Biſchof Duchatel ermannte ſich zuerſt, und rief ihnen mit gebrochener Stimme zu, indem er den Praͤlat Florentin durch Hand und Blick aufforderte bewerkſtelligen zu helfen, was er anriethe:„Geht in die Kirchen, und betet fuͤr Koͤnig und Land, betet inbruͤnſtig wie die Iſraeli⸗ ten es thaten, als der Aſſyrier an der Grenze war und ihren Koͤnig gefangen hatte. Und alle Glocken ſollen laͤuten, und alle Welt ſoll zu Gott ſchreien um Hilfe!“ Mein Sohn, mein Sohn! ſchrie mit einem Male in herzzerſchneidendem Tone die Regentin, die ſich aus halber Ohnmacht empor riß, mein Sohn gefangen! Barmher⸗ ziger Himmel ſchuͤtze ihn! Eilt beten, beten, alle Welt ſoll beten!. Und waͤhrend ſich die Buͤrger, beſtuͤrzt von der Nach⸗ richt und von dem leidenſchaftlichen Schmerzesausdrucke dieſer Mutter, die man immer nur als ſtolze Herrin geſehn Laube, Chateaubriant. II. 2 2 — 178 hatte, aus dem Saale hinausdraͤngten, faſt eilig hinaus⸗ draͤngten, als waͤre es hier, wohin ſie noch kurz vorher ge⸗ waltſam geſtrebt hatten, ſchauerlicher denn anderswo, ſah ſich die Regentin ſtarren Auges im Kreiſe um, und fiel, in⸗ dem ſie die Hand nach Budeé ausſtreckte, ihrer Tochter Mar⸗ garetha, von Neuem laut aufſchluchzend, in die Arme.— Dieſe Bewegung gegen Budé hin war keine unwill⸗ kuͤhrliche geweſen: ſie gehoͤrte zu den Naturen, welche un⸗ bekuͤmmert um das, was im Wege ſtehen könnte, jederzeit da, wo es ſich um Weſentliches handelt, dem natuͤrlichen Drange folgen, und fuͤr welche es in Augenblicken der Kriſis keinerlei Convenienz, keinerlei Ruͤckſicht giebt. Sie bat Budè nicht um Verzeihung, daß ſie ihn kurz vorher mit dem Tode bedroht hatte, nein, ſie dachte jetzt, als ſie ihm die Hand hinſtreckte, mit keiner Sylbe an das, was der ſchreck⸗ lichen Nachricht vorausgegangen war, ſie wußte nur noch dieſe Nachricht und Bude's Anblick erinnerte ſie daran, daß er einer der treuſten Freunde ihres Sohnes, und fur dieſen ſtets werth und belebend ſei. Meinem Sohne muß auf jede moͤgliche Weiſe geholfen werden! Das allein war ihr Ge⸗ danke, und zu dieſem Gedanken gehoͤrten Budé und Mar⸗ garetha.— „Eilt zu ihm!“ rief ſie denn auch, als ſie vor Schluch⸗ zen wieder ſprechen konnte,„damit ihm einiger Troſt werde, damit er ſich nicht der Melancholie hingebe— ach, mein armer Franz!— Nehmt die Chateaubriant mit Euch, ihr Anblick wird ihn erfreun— ich ſelbſt, ich will auf der Stelle an den Kaiſer ſchreiben, und ihn beſchwoͤren— da ſteht ja der Ungluͤcksbote noch“— 179 Gnaͤdigſte Frau— unterbrach ſie Bude, der in der Groͤße ſeines Herzens ihr ohne Weiteres das Attentat auf ſein Leben vergeben hatte— erholt Euch erſt, ehe Ihr etwas anordnet. „Und er wartet, er ſchmachtet in Gefangenſchaft!“ Wir können ihm erſt nützen, wenn wir genau unter⸗ richtet ſind— „Da haſt Du Recht, Budeé, ganz Recht“— Und der Kourier hat mir ein Schreiben, der Aufſchrift nach von Chabot de Brion mitgebracht, ordnet nichts an, bis ich nachgeſehn habe, ob es uns naͤhere Aufſchluͤſſe bringt— „Oeffne, ſo oͤffne doch— lies! lies!“ Bude ſah bei Croͤffnung des Briefes, daß der Eingang ſich auf ihn und die Graͤfin Frangoiſe perſonlich bezog, und wollte dies uͤberſchlagen, er winkte alſo dem Diener der Regentin, einen Seſſel fuͤr die erſchoͤpfte Herrin herbeizu⸗ bringen, und ſuchte haſtig mit den Augen, wo der Brief die Darſtellung der allgemeinen Angelegenheiten aufnaͤhme. „Lies um Gotteswillen!“ rief ungeduldig die Regentin, „all Euer Perſoͤnliches iſt ja jetzt gleichguͤltig, es iſt ja Alles veraͤndert, Alles ſchrecklich neu, lies, lies, wir billigen ja jetzt Alles was Ihr wuͤnſcht, wenn mein Sohn dabei ge⸗ rettet werden kann, lies!“ 3 So las denn Budeé, ohne ein Wort zu unterſchlagen, Folgendes: „Im Ungluͤcke denkt man ſeiner Freunde am lebhaf⸗ teſten, lieber Bude. Ach, nicht damit ſie uns helfen ſollen, das erneuerte Andenken an ſie iſt uns ſchon eine Hilfe. Ich 12*† habe ſeit unſerer Abreiſe von Fontainebleau weder an Euch noch an Francoiſe geſchrieben, weil ich Herr meiner un⸗ glücklichen Sehnſucht zu werden hoffte durch hartnaͤckiges Abweiſen derſelben von meinem Gedaͤchtniſſe. Es gelang mir nicht, und waͤre mir auch ohne Marot's Ankunft nicht gelungen, der uns die unwuͤrdige Handlungsweiſe der Her⸗ zogin von Angouléme in Betreff Francoiſen's enthuͤllte. Dadurch wurde die Theilnahme des Koͤnigs fuͤr eine Liebe, die er nicht zu ſchaͤtzen weiß, wieder angeſchuͤrt und meine Eiferſucht, meine Sehnſucht ward von Neuem entflammt. Ich hab' es zuweilen— warum ſoll ich es Euch nicht ge⸗ ſtehn, braver Budé?— ich hab es zuweilen verwuͤnſcht, daß Franz mein Koͤnig und Lehensherr ſei, und daß ich ihm deshalb nicht mit Herz und Schwert einen Schatz ſtreitig machen koͤnne, den er nicht verdient. Wo fruͤge aber die Neigung nach Verdienſt, ſie iſt despotiſch wie es der Koͤnig von Frankreich ſein moͤchte. Glaubt uͤbrigens den gebraͤuch⸗ lichen Reden nicht, daß ich zu denen gehoͤrte, welche ihn in dieſem Beſtreben unterſtuͤtzten, nein, ich bin nur einmal gleichen Schrittes und Weges mit Bonnivet gegangen, und dies eine und letzte Mal freilich habe ich dadurch zum allge⸗ meinen Verderben beigetragen. Wir haben eine Schlacht vor Pavia geliefert, Budé, wir haben ſie total verloren, und ſind alle gefangen. Die Bluͤthe unſeres Adels iſt ge⸗ todtet, unſer Heer exiſtirt nicht mehr, unſer Koͤnig und was ihm treu, iſt in den Haͤnden habſuͤchtiger und raͤnkeluſtiger Feinde“— Ein allgemeiner Schrei des Schmerzes unterbrach hier den Vorleſer. 181 „Ich ſchreibe dies, Budé, auf die Gefahr hin, daß man meinen Brief, welchen der Feind abſenden muß, oͤffne. Was iſt an meinem Schickſale gelegen! Ich habe nichts zu hoffen auf der Welt. Ihr ſollt, ſo viel an mir liegt, ein getreues Bild unſeres Ungluͤcks erhalten, es wird fuͤr die Zukunft lehrreich ſein, und ſo habe ich doch vielleicht vor Pavia einigen Nutzen geſtiftet.“ „Wir haben keinen Fuͤhrer gehabt, der gleichzeitig ge⸗ nial und erfahren geweſen waͤre. Daher kam uns die Ka⸗ taſtrophe, denn daher kamen uns die Spaltungen und der ſtarre Eigenſinn. Der Koͤnig iſt ein genialer Kriegsmann, er iſt ungemeiner Plaͤne und einer raſchen ungemeinen An⸗ ſtrengung faͤhig, des Muthes gedenke ich nicht erſt, denn der iſt ihm zweifellos im hoͤchſten Grade eigen. Aber der Koͤnig hat zu wenig Uebung im großen Kriege, der jetzt all⸗ jaͤhrlich neu ausgebildet wird, ſeine juͤngeren Lieblinge unter den anfuͤhrenden Seigneurs, Bonnivet, Montmorency, St. Marſault und ich, hatten nicht viel mehr Uebung als er, und die geuͤbteren wie La Trémoille, La Paliſſe, Foir⸗ Nescun, Louis d'Ars verſtanden nicht, in die kuͤhnen Ideen des Koͤnigs einzugehn, und ſo waren wir innerlichſt eigent⸗ lich immer ohne Zuſammenhang. Das brach ſchrecklich zu Tage am 24. Februar.“ „Der Feind ruͤckte ſchon vor vier Wochen von Lodi her⸗ über gegen uns an, Pescaire, Lannoy und Bourbon fuhrten ihn. All unſre aͤlteren Fuͤhrer, den alten Marſchall Cha⸗ vannes La Paliſſe an der Spitze, ſchrieen in den Koͤnig hinein, er ſolle ſich nicht einſperren laſſen zwiſchen Pavia und das anruͤckende kaiſerliche Heer, er ſolle die Belage⸗ 182 rung Pavia's für den Augenblick aufheben, auf Mailand zuruͤckgehn und dort eine feſte Stellung einnehmen. Wir jungern aber waren der Meinung, es ſtuͤnde uns ſchlecht an, eine ſo lange betriebene Unternehmung wie dieſe Be⸗ lagerung Pavia's vor dem heranziehenden Landesverraͤther Bourbon aufzugeben, Bonnivet beſonders ſprach voll krie⸗ geriſchen Uebermuthes dagegen, und der Koͤnig hatte ſich in Voraus verſchworen, lieber zu ſterben, als die Belage⸗ rung von Pavia aufzuheben. So blieben wir denn, und verſchanzten uns nach Kraͤften am linken Ufer des Teſſino, welcher dem Feinde den Zutritt zu Pavia verſperrte. Dort⸗ hin lehnte ſich unſer rechter Fluͤgel; die Front unſeres La⸗ gers von der Seite nach Lodi ward durch einen Wallgraben vertheidigt, und unſer linker Fluͤgel ſtuͤtzte ſich auf den Park von Mirabello, der von Mauern eingeſchloſſen iſt. Ach, Budé, dort hab' ich neben dem unſeligen Herzog von Alen⸗ gon gefochten.“— Mein Gott! rief bei Nennung ihres Gemahls die Her⸗ zogin Margaretha. „Dieſe Villa, dieſer Park, deſſen Straͤucher und Baͤume bereits im hieſigen fruͤhen Frühling zu knospen begannen, i*ſt ein zauberiſcher Aufenthalt. Sie ſind lange der Lieb⸗ lingsſitz der Herzoͤge von Mailand geweſen, und hatten früher nur Dichter und Liebende geſehen und gehoͤrt. Zum erſten Male ſollten ſie die donnernden Kanonenſchlaͤge und den mannigfachen Todesſchrei vernehmen. Ich wohnte mehrere Wochen in der praͤchtigen Villa unangefochten mit dem Herzoge von Alengçon; wir bildeten die Arrieregarde unſeres Heeres, und waren am wenigſten darauf gefaßt, 183 Mittelpunkt einer entſcheidenden Schläͤcht zu werden. Die weiten Mauern des Parks waren auch ihres großen Um⸗ fanges wegen nicht vollſtaͤndig zu decken, und es hieß allge⸗ mein, der Feind leide an großem Geldmangel und halte nur mühſelig ſeine Soldner zuſammen. Wie thöricht! Dieſe Spanier haben ja in Amerika unerſchoͤpfliche Quel⸗ len, man ſagt, es wuͤrde das Gold dort gegraben wie bei uns der Eiſenſtein; kurz, gegen all unſer Vermuthen hatte der Feind die Abſicht, gerade durch unſeren Park ſich einen Weg nach Pavia zu bahnen. Und wie der Erfolg gezeigt hat, war dieſe Abſicht ganz klug berechnet, denn der Koͤnig mußte ſein verſchanztes Lager verlaſſen, um uns in Mira⸗ bello zu unterſtuͤtzen. In der Nacht zum 24. Februar, als ich mit dem Herzoge am Bretſpiele ſaß, hoͤrten wir eine lebhafte Kanonade vom Lager des Koͤnigs her. Wir ſchick⸗ ten Reiter aus, um Erkundigung einzuziehen, und freuten uns, daß ſich der Feind die Koͤpfe einrennen wolle an den Palliſaden des alten Galiot de Genouillac, der unſere Ver⸗ ſchanzungen geleitet hatte und unſere Batterieen befehligte. — Wir Ungluͤcklichen ſpielten ruhig weiter im Bret, und unſere einfaͤltigen Reiter berichteten auch weiter nichts, als daß ſich der Feind gegen den Wallgraben im Schirme der Nacht nutzlos verſuche. Waͤhrend deſſen arbeiteten die Spanier mit allen Kraͤften an unſerer Parkmauer, die Ka⸗ nonade ſpielte nur auf, um das Geraͤuſch der Picken und Hacken zu uͤbertauben, und als der Tag graute, erfuhren wir zu unſerem Erſtaunen, es ſei eine Breſche von dreißig bis vierzig Toiſen Breite in der Parkmauer niedergeworfen, und die ſpaniſche Armee ziehe im Sturmſchritt durch den ———— —, — 184 Park nach Pavia hinuͤber. Ihr koͤnnt denken, wie haſtig wir dreinfuhren in die Reihen, welche jenſeits unſerer aͤußerſten Linken wie ein dunkler Wald voruͤberzogen. Das ging auch Anfangs vortrefflich, und der Feind ſchien ſich Alles ſo eingerichtet zu haben, um gliederweiſe niederge⸗ maͤht zu werden. Wir fielen mit voller Wucht in ſeine Flanke, und der alte Galiot hatte ſeine Schluͤnde vom Lager aus meiſterhaft gegen einen breit ausgehauenen Waldfluͤgel gerichtet, welchen die Spanier uͤberſchreiten mußten. Dieſen Fluͤgel entlang warf er denn Alles nieder, was der ſpa⸗ niſchen Avantgarde, die wir unter den Haͤnden hatten, in Maſſe nachdruͤckte. O, wie verheißungsvoll war die herbe Morgenluft und die roth aufſteigende Sonne: man ſah nur Koͤpfe und Arme der Spanier fliegen in der breiten Wald⸗ ſchneiße von Galiot's Kugeln, ihre Reihen loͤſ'ten ſich, und ſie liefen zerſprengt nur noch einer nach dem anderen, um das kleine Thal hinter dem Fluͤgel zu gewinnen. Da, ach, daß ich es ſagen muß! trat die unheilvolle Wendung ein: ich hatte dem Koͤnige anzeigen laſſen, daß ich ſo eben dieſ⸗ ſeits des Fluͤgels im Park ein ſpaniſches Bataillon zerriſſen und einige Kanonen genommen haͤtte, und der Koͤnig ſah ſelbſt, daß der Feind nur noch einzeln und fluͤchtig ſich zeigte, er hielt alſo voreilig den Sieg für geſichert, gab ſeinem Ungeſtuͤme vorzeitig nach, und ſtuͤrzte ſich mit der Gensdarmerie hervor aus dem Lager zum niederwerfenden Angriff. Bourbon und Pescaire ſollen gejubelt haben bei dieſem Anblicke, denn der Koͤnig gab damit nicht nur ſeine feſte Stellung auf, ſondern er maskirte auch unſer Geſchuͤtz dadurch, daß er ſich gerade vor ihm herauswarf und es 185 ſolchergeſtalt ſelbſt zum Schweigen noͤthigte. Die Gar⸗ niſon von Pavia benutzte denn auch dieſen Augenblick, her⸗ vorzubrechen unter Anfuͤhrung des furchtbaren Antonio de Leyva, der uns ſo lange getrotzt hatte. Er draͤngte am La⸗ ger voruͤber, das nicht mehr Truppen genug hatte, ihn zu hemmen, und ſchloß ſich an den langſam vor uns weichen⸗ den ſpaniſchen Vortrab, der ſich auf die eiligſt aufmarſchi⸗ renden Schlachtreihen Pescaire's und Bourbon's zurüͤckzog. Nun begann die volle Schlacht: wir hatten einen weſent⸗ lichen Vortheil unſerer Stellung verloren, aber wir hatten den vollen Muth des Gelingens, und es waͤre vielleicht Alles gut geworden, wenn Jedermann ſeine Schuldigkeit gethan haͤtte. Leider geſchah das nicht, und leider trat der ſchreiendſte Mangel gerade neben mir ein. Ich bildete mit dem Herzoge von Alencon alſo den linken Flugel nach der Mallaͤnder Straße zu, an uns ſtieß zu unſerer Rechten ein ſtarkes Korps Schweizer, nach dieſem kam der Koͤnig im Mittelpunkte der Schlacht und umgeben von der Bluͤthe des Landes; zwiſchen ihm und dem rechten Fluͤgel kam eine verwogene Truppe deutſcher Lanzknechte, gegen 5000 an der Zahl, die letzten Ueberreſte der alten Banden aus Geldern und Weſtphalen, maſſive Leiber mit ruhiger, durchgreifender Courage, das Kaiſerhaus haſſend allerwege und im Reichs⸗ banne von Kaiſer Karl; den rechten Fluͤgel endlich fuͤhrte La Paliſſe. So ſtanden wir, ach in meiner letzten Stunde werde ich's noch ſehen, wie die Morgenſonne uüber unſere Schlachtlinie vom alten Paliſſe heruͤber, der vorgeritten war, um ſich umzuſchauen, die Reihen entlang ſchien bis zu dem gleichguͤltigen Gemahle Margarethens, der am 186 außerſten Fluͤgel hielt, als denke er bei erſter Gelegenheit umzukehren. Zwei Figuren ragten über Alle aus der Mitte hervor: die eine war Koͤnig Franz, auf deſſen prachtvollem Helme und Harniſche die Morgenſonne mit beſonderem Wohlgefallen zu ruhen ſchien, wie froͤhlich wehten ſeine weißen Federn im Morgenwinde zu uns hin, wie ſchrie ſein Hengſt, aus Tauſenden heraus erkennbar! Die zweite war der dunkle Herzog von Suffolk, der letzte Sproß des könig⸗ lichen Hauſes York in England, den das regierende Haus Tudor geaͤchtet hatte, und der bei uns die deutſchen Lanz⸗ knechte fuͤhrte, ein finſter ausſehender langer Herr von er⸗ ſtaunlicher Tapferkeit, deſſen Beiname„Weiße Roſe“ in grellem Widerſpruche ſtand mit der ihm eigenen duͤſteren Erſcheinung. Auf ihn und ſeine Schaar fiel wie ein Ha⸗ gelwetter der erſte Angriff des Feindes: Bourbon warf ſeine deutſchen Lanzknechte auf unſere Deutſchen, und dieſe Leute wuͤrgten einander, als ob Baͤren an einander ge⸗ riethen. Die unſrigen, von den dazu beſtimmten Schwei⸗ zern nicht unterſtuͤtzt, erlagen dem uͤbermaͤchtigen An⸗ drange, die hohe„weiße Roſe“ fiel, und Bourbon konnte ſich ſiegreich gegen unſeren rechten Fluͤgel kehren. Sieg⸗ reich! Das Schickſal war dieſem uͤbeln Bourbon fort⸗ dauernd guͤnſtig, auch unſer rechter Fluͤgel ward geworfen, und der alte Paliſſe hat es nicht erlebt. Sein Pferd iſt toͤbtlich getroffen worden, die Maſſe iſt uͤber ihn hergeſtuͤrzt und ein neapolitaniſcher Kapitain hat ihm den Degen ab⸗ genommen. Ein gemeiner Spanier aber, dem Italiener das gute Gluͤck ſolch einer Gefangennehmung beneidend, hat ſeine Buͤchſe angeſchlagen und unſeren alten Krieger 187 niedertraͤchtiger Weiſe erſchoſſen. Es war ein grauenvoller Tag! Ihr könnt uͤbrigens denken, daß unterdeſſen der Koͤnig ſelbſt nicht muͤßig war, er wie wir waren in volle Arbeit getreten. An der Spitze ſeiner Gensdarmerie riß er die feindlichen Reiterreihen nieder immer eine nach der anderen; einen Marquis von St. Ange, der vom großen Skanderbeg abſtammen ſoll, und vier, füͤnf andere Fuͤhrer des Feindes toͤdtete er mit eigener Hand; hier war furia francese, hier war glorreicher Kampf! Hoch Koͤnig Franz! ſchrieen die Seigneurs in ſeiner Naͤhe, und maͤhten und warfen ſo ſchön, ſo gewaltig! es waͤre um die Spanier ge⸗ ſchehen geweſen, haͤtte Pescaire nicht ein Mittel ergriffen, das unritterlich genug war gegen ſolche Ritter, das aber freilich furchtbaren Erfolg hatte. Er verſtreute wie man eine Hand umwendet gegen zweitauſend baskiſche Buͤchſen⸗ ſchuͤtzen unter ſeine Reiter, eine unerhoͤrte Art, die Reiter⸗ ſchlacht zu vernichten! und ließ nun dieſe furchtbar ge⸗ wandten und wie die Fuͤchſe geſchmeidigen Schutzen ſchießen und laden, laden und ſchießen auf unſere glaͤnzendſten Ruͤſtungen und Wappenrocke, daß es nur zu bald ein Ent⸗ ſetzen wurde fuͤr Frankreich. Die Kerle ſollen bis mitten unter uns geweſen ſein, um in groͤßter Naͤhe unſere Seig⸗ neurs von aͤlteſtem Kriegsruhme von den Pferden zu ſchießen, wie man das widerſtandsloſe Wild niederwirft auf der Jagd. Grauenvoll, grauenvoll ging es her, raſch nach einander ſah man von den Pferden verſchwinden Louis de la Treémoille, und Ihr wißt ein Tremoille iſt immer ein halbes Heer; Louis d'Ars, Bayart's Lehrer und Freund; San Sevèrino, des Koͤnigs Großſtallmeiſter; den Baſtard von Savoyen; den Marſchall Foir⸗Lescun, Francoiſens zweiten Bruder— nun iſt nur Lautree noch uͤbrig von dieſem Kriegsgeſchlecht!— ach, und immer neue und neue! Nur die Helmfedern des Königs blieben immer noch hoch, und es gelang ihm noch einmal, mit voller Wucht vorzudringen. Pescaire ward geworfen und verwundet, Lannoy mußte zu⸗ ruͤck, es hat einen Augenblick in der Mitte ausgeſehen, als ſei der Sieg noch moͤglich, aber ach! wie ſoll ich's beſchrei⸗ ben?! Ich hatte mich mit meinen Leuten mehr und mehr nach rechts zuruͤckgedraͤngt, in die keilfoͤrmige Oeffnung hin⸗ ein, welche der Koͤnig in die Feinde bohrte, da werd' ich auf einmal mit Schrecken inne, daß es links neben und hinter mir leer iſt, leer! Der Herzog von Alengon hatte bei den Nachrichten: die Lanzknechte ſeien erwuͤrgt, der rechte Fluͤgel geworfen, La Paliſſe todt, Trémoille, Foix todt, und die Mitte kaͤmpfe nur noch für ihr Leben, er hatte den ſchwachen Kopf verloren, und ſich mit der ganzen Gens⸗ darmerie des linken Fluͤgels zu ſchmaͤhlicher Flucht ver⸗ haͤngten Zuͤgels gewendet, und das entſetzliche sauve qui peut—“ Unterbrecht Euch einen Augenblick, bat hier mit ſanf⸗ ten Worten der Biſchof Duchatel,— die Frau Herzogin von Alengon iſt beſinnungslos! Solch ein Wicht von Gemahl, der den Koͤnig und Frank⸗ reich in’s Verderben geſtürzt, verdient keine Theilnahme, mein Kind, ſchrie die Regentin, indem ſie ihrer Tochtet beiſtand. Nicht aus Theilnahme fuͤr ihn, aus Scham, Alengon zu heißen, vergingen mir die Sinne, Mutter.— 189 Und der Koͤnig! mein Sohn, mein tapfrer Sohn, was wird mit ihm, fahrt fort, Budé, ich ermanne mich an ſeinem Muthe! „und das entſetzliche sauve qui peut“— fuhr Budé im Vorleſen fort—„hatte die Schweizer neben und hinter mir weggeriſſen, ich ſah nichts als Staub und einzelne Fluͤchtige nach der Straße von Mailand zu, und hiermit waren wir verloren; denn nun ſiel die ganze ſchwere Schlacht auf den Koͤnig allein und die Seigneurs, die ſich um ihn draͤngten!“ Mein Sohn, mein Sohn, wie hab' ich ſtatt zu klagen nur Gott zu danken, daß Dein Leben erhalten worden iſt in ſolcher grauſamen Noth! rief die Regentin. „Es entſtand ein Gemetzel, denn von rechts und links ſchwenkte der ſiegreiche Feind auf dieſen unſeren letzten Kriegshaufen zuſammen, es wurde ein Schlachten, mein Herz zittert, wenn ich daran denke, was alles Entſetzliches in einer Viertelſtunde um mich her geſchah! Ich ſah Bon⸗ nivet, den Unglücklichen, auf den die Hauptverantwort⸗ lichkeit des Tages fiel, und der ihn nicht uͤberleben wollte, ich ſah ihn barhaͤuptig, beſtaͤubten, blutigen, ſtarren Ant⸗ litzes dem biederen Diesbach, dem Anfuͤhrer der treulos ge⸗ wordenen Schweizer, zuwinken und zurufen, ſah wie ſie, beide den Tod ſuchend, vorgeſtreckten Hauptes in die Spieße der Bourbon'ſchen Lanzknechte hinein rannten, und ruͤck⸗ lings üͤberſtuͤrzten, ſah wie die Schaar um den Koͤnig ge⸗ ſpalten wurde, wie der Koͤnig, voll Blut von oben bis unten, allein focht, wie ſein Hengſt endlich hoch aufbaͤumte und mit ihm zuſammenſtuͤrzte“— 190 Jeſu Maria! „und ich flog in dem Augenblicke ebenfalls mit meinem getroffenen Roſſe zu Boden. Ach, verwundet und matt konnte ich nicht hervor unter der Laſt des Thiers, und mußte wehrlos dreinſchaun, wie Bourbon umher ſuchte nach Bonnivet, um ihn zu erſchlagen, und wie er laͤſterte, als er das Racheopfer ſich entzogen fand. Der Tod be⸗ ruhigt: Ungluͤcklicher, hat er ausgerufen, Du biſt ſchuld am Ungluͤcke Frankreichs und an dem meinigen! Als ob Bonnivet ihm gerathen haͤtte, Landesverraͤther zu werden!“ „Als man mich hervorzog war Alles vorbei. Der Koͤnig hatte ſich vom ſtuͤrzenden Pferde zu befreien gewußt, und zu Fuß weiter gefochten wie ein Loͤwe. Umſonſt hatten ihm die Soldaten zugerufen, ſich zu ergeben; er haͤtte das Schickſal La Paliſſe's gehabt, waͤre nicht Pomperant, der Gefährte Bourbon's, dazu gekommen, und haͤtte ihn er⸗ kannt und angerufen. Er hat ihn gebeten, ſich Bourbon anzuvertrauen, Koͤnig Franz hat zornig erwidert, daß er mit dieſem Verraͤther nichts zu ſchaffen habe“— O, mein Caͤſar! „und da iſt denn Lannoy, der Vicekönig von Neapel herbeigerufen worden, und hat knieend das blutige Schwert des Koͤnigs in Empfang genommen, das ſeinige dafuͤr dem Koͤnig bietend.“ „ „So verlief, lieber Bude, die ungluͤckliche Schlacht bei Pavia. Die Bluͤthe Frankreichs iſt dahin: was nicht todt iſt, das iſt gefangen, und wir ſind unſrer ſo viele hier unter den Feinden— der Koͤnig von Navarra, Graf St. Pol, Fleuranges, Montmorency, auch der kleine Marot, der 191 dicht neben dem Koͤnige verwundet und gefangen worden iſt— und die feindlichen Soldaten ſelbſt ſind ſo berauſcht von der Tapferkeit des Koͤnigs, daß es uns manchmal vor⸗ kommt, als ſei das Alles ein Traum, und als ſeien wir noch unter unſern Leuten. Aber ach, die Wunden brennen, und erinnern uns an die herbe Wirklichkeit, und ſo eben hoͤre ich, daß der Koͤnig, damit er dem gefaͤhrlichen En⸗ thuſiasmus der deutſchen Lanzknechte, die ihn zum Fuͤhrer haben wollen, entzogen werde, in eine Feſte gebracht wer⸗ den ſoll. Ich ſchließe, um dieſe Blaͤtter dem Boten mit⸗ geben zu koͤnnen, welcher ein Schreiben des Koͤnigs an die Frau Regentin bringen darf. Der Sieg unſrer Feinde iſt ſo groß, daß es ihnen gleichguͤltig iſt, was wir daruͤber in die Heimath berichten. Troͤſtet die Graͤfin! Das Herz bricht mir, wenn ich an ihren Schmerz denke.“ „Euer Chabot de Brion.“ Es trat eine Pauſe nach dieſer Vorleſung ein: Der ſchreiende Schmerz hatte ſich bereits in Ausrufungen Luft gemacht, und der traurige Moment war nun gekommen, in welchem Jedermann in weher Verzichtleiſtung all die be⸗ vorſtehenden traurigen Folgen an ſeinem Geiſte voruͤber⸗ ziehen laͤßt. Dieſe Folgen konnten entſetzlich werden, denn die Exiſtenz Frankreichs ſtand auf dem Spiele. Kein Heer, kein Führer, kein Koͤnig war mehr vorhanden, und der Sieger von Pavia, Kaiſer Karl der Fuͤnfte, der von den flandriſchen und brabantiſchen Staͤdten im Norden den Rhein aufwaͤrts bis in die Franche Comts, ja jetzt bis in's Nittelmeer hinein Frankreich umſchloß wie eine Schlange, der als Koͤnig von Spanien uͤber die Pyrenaͤen eben ſo 19²2 ungehindert eindringen konnte, der im Buͤndniſſe mit Eng⸗ land war, und dieſem Erbfeinde Frankreichs die Küſten⸗ provinzen von Bayonne bis Dünkirchen uͤberlaſſen mochte, der mit dem ſuͤdlichen Hochlande Frankreichs den Sieger Bourbon entſchaͤdigen wuͤrde, dieſer furchtbare Kaiſer er⸗ ſchien nach dieſer Niederlage der Franzoſen wie ein Daͤmon des juͤngſten Gerichts fuͤr Alles, was bis daher in Frank⸗ reich geherrſcht hatte. Ein Wink von ihn ſchien hinreichend, um dies bereits ſo ſtolze Koͤnigreich auszuſtreichen. Die Regentin, wie lebhafte Mutter ſie war, hatte auch die volle politiſche Einſicht, und fand vielleicht deshalb raſcher als jeder Andere die Kraft zum Handeln. Denn politiſche Noth treibt, waͤhrend andere Noth oft nur laͤhmen mag. Sie winkte dem Diener, einen kleinen eichenen Tiſch aus einem Winkel des Saales in die Mitte herzubringen vor den Lehnſeſſel, in welchen ſie geſunken war, und das Schreibematerial vom Gerichtstiſche, welcher jetzt ſeine Bedeutung verloren hatte, herbeizuholen. Ihr Buſen flog, ihre Lippen zuckten, aber dennoch ſchrieb ſie mit feſter Hand. Bude ſah die Ueberſchrift„Mon bon fils“ und glaubte deshalb, und weil die Feder ohne Stockung dahinflog, es ſchriebe die Regentin an Koͤnig Franz. Sie ſchrieb aber an den Kaiſer, und beſchwor dieſen, ihren Sohn koͤniglich zu behandeln, und ſchrieb an den Hafenkapitain von Mar⸗ ſeille, Galeeren abzuſenden an die italiſche Kuͤſte, und ſchrieb an den Herzog von Geldern um Lanzknechte, und ſchrieb an Lautrec und an den Herzog von Vendöme: ſie zeigte in dieſem furchtbaren Angenblicke die volle Kraft der Regierungsfäͤhigkeit. Sie bedurfte deren aber auch 193 ganz und gar, denn die Proben draͤngten ſich nun einzeln herbei, da die Nachricht vom grenzenloſen Unglück wie ein Sturmwind durch Paris gefahren war. Noch ſtand oder kauerte vielmehr die Herzogin Margaretha an der Eichen⸗ bank, welche um den Saal herumlief, in unbeſchreiblichem Schmerze, denn ſie hatte ihren Gemahl, der jetzt Frankreich und ihren Bruder aufeine ſo nichtswuͤrdige Weiſe in's Ver⸗ derben ſtuͤrzte, nicht einmal geliebt, ſie hatte ſich einer Kon⸗ venienzheirath mit ihm geopfert und erntete nun ſo entſetz⸗ liche Fruͤchte von dem Opfer. Noch ſtand Duprat regungs⸗ los neben ſeinem Schreiber: als ſcharffinniger Mann uͤber⸗ ſah er mit innerem Grauen, welch Unheil ihm perſoͤnlich aus dieſem Unheil des Landes erwachſen koͤnne. Er hatte bis daher Alles auf die Gunſt des regierenden Koͤnigshauſes geſtellt, und dem Koͤnige wie der Regentin zu Gefallen das Parlament tyranniſch genug behandelt. Nur zu gut kannte er die eigentliche Stimmung des Parlamentes, und durfte nicht zweifeln, daß dieſe jetzt drohend hervorbrechen, und ſeine Stellung, wenn nicht ſeine Freiheit und ſein Leben bedrohen werde. Ebenſo harrte Florentin regungslos der Dinge, die da kommen ſollten; auch er hatte nur Nach⸗ theil zu erwarten, und die Aeußerung der Regentin, Frangoiſe dem Koͤnige als Troͤſterin zu ſenden, bedrohte ihn unmittelbar. Nur fuͤr Budé, welchen des Landes Un⸗ gluͤck tiefer betruͤbte als irgendwen, weil er am Lande ſelbſt, am Koͤnige und an den mit dem Koͤnige beſchloſſe⸗ nen und nun in's Unberechenbare hinaus geſchobenen Plaͤ⸗ nen einer gruͤndlichen Bildung des Landes mit ganzer Seele hing, nur fuͤr ihn eroͤffnete ſich mit jener Aeußerung der Laube, Chateaubriant. II. 13 — — pr — 194 Regentin doch eine guͤnſtige Ausſicht. Frangoiſe wieder zur Macht zu bringen, war ihm nicht nur eine Herzensan⸗ gelegenheit, ſondern auch von verheißungsvoller Bedeu⸗ tung fuͤr all ſein Lebensintereſſe. Der Sinn fuͤr Reform in der Kirche, der Sinn fuͤr neue Bildung aller Art kam ſeines Erachtens mit ihr zur Herrſchaft, und wie ein ſan⸗ guiniſcher Gelehrter in ſeiner theoretiſchen Vorliebe die naͤchſten politiſchen Hinderniſſe fuͤr unbedeutende materielle Hinderniſſe erachtet, welche dem hoͤheren Geiſte ohne Wei⸗ teres weichen muͤßten, ſo ſchlug er es gering an, daß der Fanatismus des herrſchenden Glaubens die Landes⸗Cala⸗ mitaͤt ausbeuten koͤnne bis zur Ausrottung aller Spur von Reform, und daß jetzt mehr als je dem Koͤnige eine poli⸗ tiſche Heirath unabweisliches Beduͤrfniß, ja vielleicht ein⸗ ziges Rettungsmittel werden koͤnne. Er ſah geſpannten Blickes auf die haſtig und unablaͤſſig ſchreibende Regentin; ſobald ſie nur das erſte Mal aufblickte, wollte er ihr vor⸗ ſchlagen, mit der Herzogin Margaretha die Graͤfin Fran⸗ coiſe abzuholen, und mit dieſen beiden dem Koͤnige ange⸗ nehmſten Frauen nach Italien, und ſo weit es irgend er⸗ reichbar, in des Koͤnigs unmittelbare Naͤhe zu eilen. Aber die Regentin ſchrieb und ſchrieb, die quaͤlende Stille im Saale des Höôtel des Tournelles ward von keinem andern Geraͤuſche unterbrochen als dem, welches die eilig getriebene Feder und der außen plaͤtſchernde Regen verur⸗ ſachten. Der Koͤnig und Frankreich ſollten verloren ſein, und doch hatte es hier im Schoße der oberſten Landesmacht das Anſehn, als ſei uͤberall tiefſte Ruhe. Budé, halb mit dem Ruͤcken nach der Eintrittsthuͤr gekehrt, bemerkte es * 195 erſt an der auffallend entſtehenden Unruhe des ſonſt ſo unveraͤnderlichen Duprat, daß von jener Thuͤr her eine Verwandelung der Scene ſich ankuͤndige. Sich umwen⸗ dend ſah er, daß in ſchwarzer Amtstracht die Raͤthe des Parlaments geraͤuſchlos, geiſterhaft einer nach dem an⸗ dern eintraten, und im weiten Halbkreiſe ſchweigend ſich aufſtellten. Die Regentin wurde ihrer nicht gewahr und ſchrieb und ſchrieb. Duprat verſuchte es, ſich ſeinen Amtsgenoſſen zu naͤ⸗ hern, aber es gelang ihm nicht. Wollte er die Regentin durch kein Geraͤuſch ſtoͤren, oder entſetzten ihn die eiskal⸗ ten Blicke der Parlamentsraͤthe? Dieſe Leute, welche er bis daher ſo leicht gefuͤhrt und beherrſcht hatte in unbefan⸗ gen tyranniſchem Stile, dieſe Leute ſchienen ihn gar nicht mehr zu kennen— veraͤndert ein politiſches Ereigniß die Menſchen wie ein Luftwechſel das Wetter? Denn auch Duprat war ganz veraͤndert, und je geſcheidter er ſonſt war, deſto wichtiger war dieſe Veraͤnderung an ihm, deſto wichtiger fuͤr ihn ſelbſt: Es mußte doch plotzlich gewaltig viel Grund der Beſorgniß fuͤr ihn vorhanden ſein. Aus welchen See⸗ lentheilen iſt das Gewiſſen zuſammengeſetzt? dachte Bude, der ihn betrachtete. Es nehmen doch gewiß alle daran Theil, und der Herzloſe und Kluge wird verlegen und be⸗ treten, ja geraͤth vom bloßen Gewiſſen aus in Verzweif⸗ lung, wenn ihm ſein eigner Verſtand die Gelegenheit auf⸗ dringlich zeigt, uͤber ſich ſelbſt beſchaͤmt zu ſein. Das Wiſſen unſrer Schwaͤche bildet das Gewiſſen. Endlich ſah die Regentin von ihrem Schreiben auf, und erblickte die drohenden ſchwarzen Geſtalten. Es durch⸗ 3*† — 196 zuckte ſie wie ein Dolchſtich; denn ſie wußte wohl, daß hiermit die Auflehnung gegen ihr Regiment begann, und daß die Revolution jetzt von allen Seiten uber ſie herein⸗ brechen werde. Aber ſie beſaß ein maͤchtig Naturel: Keine Schwaͤche zu zeigen war jetzt die Hauptſache, und ſie ſah auf die duͤſteren faltenreichen Geſichter der Parlamentsräͤthe mit großen, feſten Augen, und ſo lange, daß mancher von ihnen ſeinen Blick ſenken mußte. Die Gewohnheit des Herrſchens iſt zur Haͤlfte die gerechte Faͤhigkeit des Herr⸗ ſchens: die Parlamentsraͤthe waren im Rechte, und der fragend ſtrafende Blick der Regentin ſetzte doch einige in die Verlegenheit des Unrechts. Sie ſprach kein Wort zu ihnen, ſondern winkte dem Diener. Dieſer ſchien ſie zu ver⸗ ſtehen, und ging hinaus. Unterdeß faltete ſie die Briefe; als ſie damit fertig und der Diener noch nicht zuruͤck war, ſtand ſie auf, und ſchritt auf die Parlamentsraͤthe zu. Der Vicepraͤſident derſelben hielt dies fuͤr den erwarteten Augenblick, und begann zu reden— Geduld! unterbrach ſie ihn, noch iſt Wichtigeres zu erledigen, als Euer Beileid anzuhoͤren! Nicht unſer Beileid allein auszudruͤcken ſind wir ge⸗ kommen— Es iſt Euer Amt, Alles in Beſchwerden einzuhullen, unterbrach ſie ihn von Neuem— und ſo werdet Ihr denn auch im Augenblicke großer Landesgefahr die Erſten ſein, welche mit Klage und Beſchwerde Entzweiung erheben werden, ſtatt auf doppelt noͤthige verſtaͤrkte Einigung zu denken. Dies Klappern Eures Handwerks hat Euch bis⸗ 197 her immer weiter vom Platze der Herrſchaft entfernt, und wird Euch, wenn Ihr ſo fortfahrt, noch weiter davon ent⸗ fernen— Bei dieſen Worten kam der Diener mit brennenden Wachskerzen zuruͤck, ſtellte ſie auf den S chreibtiſch der Re⸗ gentin und legte Siegelwachs, Seidenfaden und Petſchaft daneben. Aber es folgten ihm auf dem Fuße eine Menge halb herrenmaͤßig halb buͤrgermaͤßig gekleideter Maͤnner, die ſich hinter den Parlamentsraͤthen aufſtellten. Es war dies die Municipalitaͤt von Paris, und auch von dieſer mochte die Regentin kein bloßes Beileid erwarten, das Zucken ihres Antlitzes verrieth, daß ſie der fortgeſetzten Vorbereitung ſolcher Maſſenangriffe ſchwerlich laͤnger die Spitze bieten koͤnne, und eine neue Wendung des Beneh⸗ mens ſuchen muͤſſe. Im Stile ihres ſtolzen Benehmens wenigſtens Zeit fuͤr Ueberlegung zu gewinnen, wendete ſie ſich zum Diener, der das Siegelwachs ſchon bereit hielt, und reichte ihm den erſten Brief. Er traͤufelte das Wachs darauf und uͤberreichte ihn dann wieder der Regentin, welche, nachdem ſie das Petſchaft darauf gedruͤckt, nach dem italieniſchen Boten rief. Dieſer Ungluͤcksbote, mit Schweiß und Koth bedeckt, hatte in einem Winkel des Saals geharrt. Als er hervortrat, ſtreckte die Regentin ein offnes Blatt dem Diener hin, mit dem Finger den Ort andentend, wohin das Wachs zu traͤufeln ſei, und ſprach gleichzeitig zu dem Kourier: Dein Dienſt ſoll Dir koͤniglich belohnt werden. Du haſt uns eine Ungluͤcks⸗Nachricht gebracht, aber eine Nach⸗ richt, daß das Ungluͤck geringer ſei als unſre aufgeſchreckte 198 Einbildungskraft ſich vorſtellte. Hilf nun durch Deine Eile, daß dem Konige raſch geholfen werde. Je ſchneller Du dieſen Brief nach Madrid befoͤrderſt, deſto eher iſt der Koͤnig von Frankreich wieder in Paris. Hier— und da⸗ bei ſiegelte ſie das offene Blatt— iſt Dein Geleitsbrief. Gott ſchuͤtze Deine Eil! Der ſteif gewordene Bote polterte hinaus, und die Regen⸗ tin ſiegelte ſchweigend weiter. Dann uͤbergab ſie drei Briefe dem Diener, bei jedem langſam die Auſſchrift vorleſend: An den Herzog von Geldern— der Reiter ſoll fliegen und dem Herzoge mündlich wiederholen, daß er ſeine Lanz⸗ knechte geradeaus uͤber Paris fuͤhren ſoll;— An den Her⸗ zog von Guiſe— er ſoll die Truppen aus der Champagne ebenfalls über Paris fuͤhren;— An den Grafen Lautrec von Foir, der die ſavoyiſche Grenze zu beſetzen hat— fuͤr die beiden erſten die beſten Pferde aus meinem Stalle! Als der Diener hinausging, blieb ſie nachdenkend, von den Deputationen abgekehrt vor dem Tiſche ſtehn, ei⸗ nen noch ungeſiegelten Brief, wie es ſchien bloß mechaniſch ergreifend. Es fing an, bei dem ununterbrochen ſtroͤmen⸗ den Regen zeitig dunkel zu werden, und die zwei Kerzen auf dem Armleuchter erhellten den duͤſtern Saal nur noth⸗ duͤrftig. Der Vicepräſident unterbrach jetzt zum zweiten Mal die Stille, und jetzt hatte die Regentin keine Veranlaſſung mehr, ihn wiederum zu unterbrechen. Er trug in nach⸗ drücklichen und an Kraft immer wachſenden Worten die Beſchwerden des Parlamentes vor, welches ſeit Jahren 199 vom Konige beeintraͤchtigt worden ſei. Das Parlament habe das Konkordat nicht einregiſtrirt, und doch nehme die Regierung fortwaͤhrend Bezug darauf, als waͤre es ein unbeſtrittenes Geſetz. Das Parlament beſtehe darauf, daß die frühere Ordnung der kirchlichen Dinge, der alten Pragmatika gemaͤß, allein geſetzlich ſei. Das Parlament verlange ferner, daß die Stellen im Staatsdienſte, vor allem die Richterſtellen nicht fuͤrder kaͤuflich ſein ſollten für Geld; es werde der Richterſtand auf's Gemeinſte dadurch entwuͤrdigt. Das Parlament verlange nachdruͤcklich, daß die außerordentlichen Kommiſſionen fuͤr immer abgeſchafft wuͤrden. Sie entzoͤgen den Angeklagten alle Sicherheit freien Richterſpruches, ſie entwuͤrdigten das Recht zum Liebediener der Gewalt. So iſt Semblangay— ſetzte der Praͤſident hinzu— auf eine unrechtmaͤßige Weiſe verur⸗ theilt worden, ein Mann, der uns Allen fuͤr tugendhaft gilt, iſt von einer der Parteilichkeit verdaͤchtigen Kommiſſion ge⸗ radezu gemordet worden, und unſer Kanzler, mit Entruͤ⸗ ſtung muͤſſen wir es ſagen, ſteht all dieſen Ungeſetzlichkei⸗ ten an der Spitze! Er wird von uns Allen ſeiner Stellung fuͤr unwuͤrdig erklaͤrt, und wir beſtehen darauf, daß er von dieſer Stunde an ſein Amt niederlege und vor Gericht: geſtellt werde. Der Kanzler Duprat? Duprat! DupratV ſchrieen die Raͤthe alleſammt. Er werde gerichtet zur Suͤhne Semblangay's! riefen die Kuͤhnſten, als der erſte Ruf verhallt war. Jedermann vernahm dieſe Worte, und Duprat zitterte in Todesangſt. 1 200 Iſt dies Alles, was Ihr in ſo guͤnſtiger Stunde ver⸗ langt? ſprach nach einer Pauſe die Regentin. Die ungluͤckliche Stunde des Landes ſei wenigſtens eine guͤnſtige fuͤr das buͤrgerliche Recht, entgegnete der Praͤſident, welches Gefahr laͤuft, in einem willkuͤhrlichen Regimente des Koͤnigs unterzugehn. Der Himmel hat den Koͤnig ge⸗ ſtraft, das Schwert, worauf er uͤberall allein ſich geſtuͤtzt, iſt zerbrochen, es iſt alſo jetzt der richtige Augenblick fuͤr uns, zuruͤckzufordern, was man uns mit Gewalt entriſſen hat, unſre Rechte und Freiheiten! Der Himmel hat ein Zeichen gegeben, daß es anders werden muß, wenn Frank⸗ reich beſtehen ſoll. Die ſchreckliche Niederlage bei Pavia iſt Strafe des Himmels: Ihr laßt die Ketzerei uͤberall un⸗ geſtraft ihr Haupt erheben; worauf ſollen wir ſchwoͤren und ſchwoͤren laſſen, wenn die Regierung uns die Reli⸗ gion anbrechen und verdaͤchtigen laͤßt? Wir verlangen Ge⸗ richt gegen die Ketzer! Gericht gegen die Ketzer! ſchrieen die Raͤthe, und die Municipal⸗Deputation ſtimmte donnernd ein in dieſen Ruf. Die Scene ward tumultuariſch, und die Regentin hatte die Uebermacht vornehmer Ruhe hiermit verloren. Alles draͤngte ſich naͤher an ſie heran. Auf Duprat und Bude blickend ſchien ſie zu uͤberlegen, ob es nicht gerathen ſei, dieſe beiden Maͤnner zu opfern, um den ausbrechenden Sturm zu beſchwichtigen. Bude erkannte mit Schrecken, daß Alles wieder zu ſeinem Nachtheil geaͤndert ſei, und das Entſetzen, welches ihm vorher, da fuͤr ſeine Freundin keinerlei Ausſicht vorhanden ſchien, fremd geblieben war, 201 ergriff ihn jetzt, da er wieder hoffen durfte, ſie dem Koͤ⸗ nige zuzufuͤhren. Er griff wie ein Ertrinkender um ſich, und faßte die Hand des greiſen Duchatel. Dieſer alte wuͤrdige Mann folgte auch ſogleich der Aufforderung, und muͤhſam den leeren Seſſel der Regentin erſteigend gebot er mit maͤchtiger Prieſterſtimme Ruhe. Er war ein allgemein verehrter Mann: Einer nach dem Andern ſchwieg, als man ihn erblickte und hoͤrte, und er gewann Raum, zu ſprechen und zum Frieden zu mah⸗ nen. Ehe dies indeß wirkſam geſchehen konnte, ſchrie einer der Municipalmaͤnner, welcher hinten im Getuͤmmel ver⸗ blieben war, und welcher den zur Ruhe winkenden und ſprechenden Biſchof noch nicht geſehn und gehoͤrt hatte: Greift zu, Ihr Herren! Es kommt eben Botſchaft vom Gouverneur, daß er ſich zu uns ſchlaͤgt, und uns Waffen ausliefert. Die Valois koͤnnen Frankreich und Paris nicht mehr ſchuͤtzen, wir muͤſſen es ſelber thun! Greift den Budé, der unſre Soͤhne verderben laͤßt durch kauderwel⸗ ſchen Unterricht, und der als Hauptketzer die Noth uͤber uns heraufgebracht hat. Er iſt zwar mager genug— ſetzte der dicke Mann, ein Kupferſchmied, der ſein Viertel mit Nachdruck zu regieren wußte, mit einem Anfluge guter Laune hinzu— mager genug, um einen ſchlechten Braten abzugeben, aber bei ſchlechter Zeit und zur Faſtenzeit ſchickt ſich's nicht anders, greift ihn! Die Municipalherrn draͤngten ſich hinzu, dieſem Auf⸗ rufe zu folgen, die Regentin zog ſich ſo gut es anging aus dem Tumulte zuruͤck, und ſchien die beiden bedrohten Maͤn⸗ 2⁰2 ner aufzugeben; Florentin, der ihr zur Seite geweſen, hatte ſtch davon gemacht. Da erhob ſich Margaretha, die bis daher theilnahmlos verblieben war, und draͤngte ſich durch die Menge zu Budé und Duchatel, und griff, als ſie ihre Stimme und ihre Geberden ungehoͤrt und unbeachtet ſah, einem der Parlamentsherrn nach dem Degen, zog ihn raſch aus der Scheide und ſchwang ihn verwegen um die Koͤpfe der nahe zuſammengedraͤngten Aufruͤhrer, ſo daß dieſe theils vom Blitzen, theils vor der leicht verwunden⸗ den Beruͤhrung zuruͤckwichen, und ein leerer Raum, ſo wie eine augenblickliche Stille entſtand. Seid Ihr Fran⸗ zoſen?! rief ſie heftig, dieſen Augenblick der Stille benu⸗ tend,— Nimmermehr ſeid Ihr das! Ihr zeigt Euch roh im Ungluͤcke, roh gegen Frauen, roh gegen Leidende! Kennt Ihr mich? Wißt Ihr, daß ich des Koͤnigs Schwe⸗ ſter, daß ich eine Valois bin, daß ich das grenzenloſe Elend erlebe, von meinem unwuͤrdigen Gatten zu hoͤren, ſeine Feigheit ſei ſchuld am Unglucke bei Pavia! Deſto ſchlimmer fuͤr uns, ſchrie der Kupferſchmied, wenn die Prinzen von Gebluͤt hinter dem Hochmuthe die Feigheit verbergen.— Iſt's ein Grund, groͤßere Ruͤckſicht zu verlangen, wenn man das Ungluͤck hat, groͤßere Schuld zu haben? ſetzte ein Parlamentsrath hinzu, und die Dazwi⸗ ſchenkunft der Herzogin ſchien die Aufregung nurzu ſteigern. Umſonſt rief der Biſchof Duchatel mit gewaltiger Stimme uͤber den Laͤrm hinweg, und ermahnte zum Frieden, die Parlamentsraͤthe ergriffen eigenhaͤndig den ihnen verhaß⸗ ten Duprat, die Municipalherren ergriffen Budé, und in politiſcher Meinung vereinigten ſich alle zu der offenbar 203 vorgefaßten Abſicht, dem Frauen⸗Regimente der Valois ein Ende, und den nach Alengon naͤchſten Prinzen von Gebluͤt, den Herzog von Vendome zum Regenten zu machen. Da, als ſie ſich bereits mit ihren Gefangenen zum Ruͤckzuge wendeten, aͤnderte ſich die Scene: droͤhnenden Schrittes marſchirten die Trabanten des koͤniglichen Hauſes, auf Befehl der Re⸗ gentin heimlich durch Florentin herbeſchieden, in den Saal, durchbrachen mit vorgehaltenen Hellebarden die er⸗ ſchreckt auseinanderfahrenden Aufruͤhrer, und theilten das große Gemach, zwei Mann hoch aufgeſtellt von der Thuͤr bis an die entgegengeſetzte Wand und linkshin wie rechts⸗ hin die Spieße ſtreckend, in zwei Theile. Die Regentin, dies vorausſehend, hatte ſich hinter den Schreibertiſch Du⸗ prat's der Thuͤr gegenuͤber aufgeſtellt, und erhob nun, da der Schrecken vollſtaͤndiges Stillſchweigen herbeigefuͤhrt, ihre Stimme: Das Parlament von Paris liefert ſeinen Vicepraͤſi⸗ denten, der unehrerbietig und aufruͤhreriſch geſprochen, als Geiſel aus, damit er im Chatelet den Ausgang der Klage, welche Ihr gegen den Kanzler Duprat erhoben, abwarte! Die Municipalitaͤt von Paris thut Desgleichen mit Darennes, dem Kupferſchmiedmeiſter, und darf ſich ver⸗ ſichert halten, daß ſein Kopf faͤllt, ſobald die Municipa⸗ litaͤt noch einmal einen nur entfernt dem heutigen aͤhneln⸗ den aufruͤhreriſchen Schritt verſucht. Der Herzog von Vendôme wird Euch weitere Nachricht von mir geben, wenn Ihr vor Ankunft der Geldernſchen Lanzknechte und 204 Guiſe's Truppen noch eine naͤhere Auskunft begehrt. Pre⸗ voſt, thut, wie ich befohlen! Der Anfuhrer der Trabanten verhaftete ohne irgend einen Widerſtand zu finden, die beiden bezeichneten Maͤn⸗ ner, und alle übrigen entfernten ſich eilig, als auf einen Wink der Regentin der durch die Trabanten beſetzte Aus⸗ gang frei gegeben wurde. Noch in derſelben Nacht reiſ'ten die Regentin, die Herzogin und Budé gegen Lyon: dieſe, um dem Suͤden naͤher alle moͤglichen Anſtalten zur Unterſtuͤtzung oder Be⸗ freiung ihres Sohnes und zur Deckung der Landesgrenzen zu treffen, letztere beide um mit der Graͤfin Francoiſe, welche durch einen Eilboten nach Avignon beſchieden wurde, dem Koͤnige Geſellſchaft und Troſt in die Gefangenſchaft zu bringen. Die Regentin erhob ſich in dieſer ſchrecklichen Lage zur Hoͤhe einer umſichtigen, maͤßigen und doch ener⸗ giſchen Herrſcherin, und zur Hoͤhe einer Mutter, welche alle Vorurtheile zum Opfer brachte, die ſchmerzhafte Lage ihres Sohnes zu erleichtern. Es iſt gleichguͤltig, ſagte ſie zu Budé, was ich bisher von der Chateaubriant gedacht, und wie ich in ihrem Betreff gehandelt habe, ſie iſt mei⸗ nem Sohne werth, und fern ſei es von mir, ſie ihm von nun an, da er des Troſtes ſo beduͤrftig iſt, zu entziehn. Mit dieſer Aenderung der Lage verſchwindet auch mein Groll gegen Euch, und Ihr koͤnnt meines Schutzes ſicher ſein. Ihr ſeid meinem Sohne ebenfalls werth, Ihr ſeid welterfahren, ſeid im Vatikan von Eurer fruͤheren Ge⸗ ſandtſchaft her bekannt, ſeid vertraut mit den hundertfaͤl⸗ „ 205 tigen Verhaͤltniſſen Italiens, die jetzt bei der ungebuͤhrlich aufſchießenden, den Italienern unbequemen Uebermacht des Kaiſers leicht fuͤr einen Umſchwung zu handhaben ſein werden, geht, und arbeitet für Befreiung meines Sohns, für Milderung der Niederlage. Ihr werdet die Italiener bereit finden, ſie haſſen den Spanier; huͤtet Euch vor Lannoy, dieſer Wallone gehoͤrt dem Kaiſer, aber ſchließt Euch an Pescara, er iſt zugaͤnglich und begabt, und re⸗ det Bourbon in's Gewiſſen. Vor allen Dingen befreit meinen Sohn, und ermahnt ihn, ſich als Gefangener Ita⸗ liens, nicht des Kaiſers zu zeigen. Sucht eine Kuͤſtenſtadt fuͤr ſeinen Aufenthaltsort auszuwirken, und eilt, eilt! Schluß des zweiten Bandes. Tnuuu 17 ſnffſiſnſſiiſſſſiſſſſſf 17 8 9 10 11 12 13 14 15 16