Leihbibliothek f deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 8 Eduard Ollmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Deih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 1 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen..— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für acPehentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monae: 2 M= Sf. 1 Nr. 55 Ff. 2 k. Ff. 5. Auswörtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Funr beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird Gräfin Chateaubriant. Roman von Heinrich Laube. Zweite Auflage. Erſter Band. Leipzig. Druck und Verlag von B. G. Teubner. 1846. „Ihr ſeid doch die wunderlichſten Leute, Ihr Gelehrten! Quaͤlt Euch Tag und Nacht um Dinge, die unerreichbar ſind, bildet Euch ein, durch kuͤnſtliche Formeln ausrechnen zu koͤnnen, was den Menſchen verſagt iſt, und verliert dar⸗ über den ſonnigen Tag und die warme Nacht, kurz Alles, was der geſunde Menſch haben und genießen kann!“ — Woher wißt Ihr denn, daß es den Menſchen ver⸗ ſagt iſt, uͤber die Erde hinaus zu ſehen und zu reichen?— „Woher ich es weiß? Aus mir ſelber weiß ich's! Bin ich denn etwa verwahrloſ't von der Natur, bin ich ſchwächer ausgerüſtet als Ihr? das hat noch Niemand behauptet, Herr Kanzellar, und ganz Frankreich wuͤrde den auslachen, welcher Dergleichen von mir behaupten wollte“— — Von Euch, dem begabteſten, gewandteſten und gluͤcklichſten Manne des Koͤnigreichs, der Admiral werden konnte, ohne den Seedienſt zu verſtehen— „Spottet! Ich habe unter vier Augen nichts dagegen, daß Ihr meine Admiralfähigkeit in Zweifel zieht. Koͤnnet Ihr aber auch meine Verſtandesfaͤhigkeit in Zweifel zieh'n? ———— — Wie kaͤme mir ſolche Verblendung, ja ſolche Be⸗ leidigung gegen Koͤnig Franz, der Euch auszeichnet!— „Nun, Bude, ich waͤre alſo der Mann, uͤber Dinge, welche die Moͤglichkeit des Menſchengeiſtes betreffen, eine Stimme zu haben nicht wahr? Und ich verſichre Euch, ich habe niemals, wie ſehr ich all' meine Kraͤfte anſtrengte, jenſeits dieſes Lebens etwas Anders ſehen koͤnnen als un⸗ durchdringliche Finſterniß! Unterbrecht mich nicht! Ich habe all' Eure Formeln und Argumente und Schluͤſſe vor Augen, ich habe ſie alle zur Hand, Ihr habt oft genug in langen Winterabenden den Koͤnig und uns damit regalirt, ich handhabe ſie, ſtelle und ordne ſie trotz einer Weberfrau, die hundert Fäden ordnend durch einander wirrt, ich erweiſe und beweiſe Euch Eure Reſultate und noch andre ſo augen⸗ ſcheinlich wie das fertige Gewebe die Weberkunſt erweiſ't, und— ſags Euch immer wieder: es wird nichts damit gewonnen, was nur eine Handbreit uͤber die Erde hinaus reichte, und was ein einfacher Verſtand nicht ohne Eure Formeln wiſſen kann,'s iſt muͤſſiger Plunder!“ — Warum reitet Ihr Eure Pferde zu? Werden Sie nicht vollkommner dadurch, auch wenn ſie Pferde bleiben nach wie vor?— „Horch! Klang das nicht wie Jagdgetoͤſe?“ Er hielt ſein Pferd an, und horchte nach der linken Seite hinuͤber. Das Roß, von feuriger andaluſiſcher Nace ſchuͤttelte den Zaum und hieb mit dem Fuße an eine Baumwurzel, ſo daß es ihn ſtoͤrte und ungeduldig machte. Das Thier des andern Reiters dagegen, einem Maulthiere aͤhnlich, verhielt ſich ſtill und geduldig. So verſchieden — 7 wie die Thiere, erſchienen auch die Reiter: der Unphi⸗ loſophiſche auf dem Andaluſier war ein hochgewachſener ſehr ſchoͤner Mann mit kurzgeſchorenem braunem Haar und vollem Kinnbarte, wie ihn damals die franzoͤſtſchen Edelleute nach dem Vorbilde ihres Koͤnigs zu tragen pflegten. Sein Anzug, obwohl beſtaͤubt und befleckt von der Reiſe zu Roß, war von edlen farbigen Stoffen, und bildete einen hellen Kontraſt zu dem braunſchwarzen Tuch⸗ gewande und dem uͤber der Kroupe des Maulthiers haͤn⸗ genden grob haͤrenen braunſchwarzen Mantel des andern Reiters, welcher in ſeinem gelbbleichen Antlitze einem baͤr⸗ tigen Kleriker glich. Sie waren ſeit mehreren Stunden in einem alten Buchenwalde daher geritten, wie er heutiges Tags in Frankreich zu einer Seltenheit gehoͤrt, und wie er ſelbſt in der noch am reichlichſten damit verſehenen Normandie von ſolcher Ausdehnung nicht mehr anzutreffen iſt. Auch gab es damals noch wenig große Heerſtraßen, am Wenig⸗ ſten in einer einſam abliegenden Kuͤſtenprovinz, und zu einer ſolchen, zur Bretagne naͤmlich, gehoͤrte dieſer Wald. Auf Raſenwegen, welche zuweilen unkenntlich im bemoos⸗ ten Boden der alten Buchenſtaͤmme verſchwanden, einher reitend, ſchienen ſie ſich nur nach dem Stande der Sonne zu richten. Dieſe bewies ſich ihnen denn auch gefaͤllig, und ſchien hell und klar, nach des aͤlteren Herrn Verſicherung ein ſeltnes Glüͤck in der nebligen Bretagne, wo man wie in England die Sonne meiſt nur verſchleiert erblicke. Sie neigte ſich in dieſem Augenblicke gegen Abend, im Ruͤcken der Reiter, und ſchimmerte in rothgelber Pracht durch die Buchenkronen einen unabſehbaren Waldesabhang hinab. Die Voͤgel zwitſcherten noch einzeln, denn es war nicht nur ſpaͤt am Tage, ſondern auch ſpaͤt im Sommer, und minutenlang herrſchte jene Waldesſtille, welche in leiſem Fluͤſtern und Saͤuſeln dem Horchenden ſo Viel und ſo Ungewoͤhnliches zu verrathen ſcheint. Ich habe nichts gehoͤrt! unterbrach endlich der dunkle aͤltere Reiter die Pauſe. „Aber ich!“ entgegnete der Andere, ein Wenig aͤr⸗ gerlich uͤber die Stoͤrung.„Ihr ſeid das Buͤcherleben und nicht das Waldleben gewohnt, Ihr hoͤrt ſie nicht die fernen, vereinzelten Laute, welche dem Kundigen eine fernab liegende Scene mit einem einzigen Hauche ſchildern.“ — Es geht mir wie Euch mit dem Gedankenleben, und Ihr antwortet hiermit auf Eueren vorigen Angriff gegen die Macht der denkenden Forſchung. Die Denker erfahren auch mehr als Leute, die nicht im Denken geuͤbt ſind.— „Meinethalben! Nur bringt uns damit nicht neue Verwirrung in's Land; wir haben bereits genug damit zu thun, den widerſpenſtigen Adel zu regieren, bringt uns nicht auch die Prieſter auf den Hals, und macht uns nicht gar die einfaͤltigen Buͤrgers⸗ und Landleute kopf⸗ ſcheu. Dies Element wollen wir den gruͤbelnden, kopf⸗ haͤngeriſchen Deutſchen von Herzen goͤnnen; je mehr ſie ſich daruͤber die Haare zerzauſen, und dem unreifen Spanier, ihrem blaſſen Kaiſer zu ſchaffen machen, deſto lieber ſoll's uns ſein. Finden oder erfinden Sie was Apartes, ſo wollen wir's uns anſehn, wenn's fertig iſt; 9 es wird uns zurecht kommen, wenn's was Gutes iſt, was ein ſaͤchſiſcher Moͤnch ausbruͤtet.“ — Es iſt aber nicht zu kaufen, wie auf dem Jahr⸗ markte, Jeder, der's haben will, muß es in ſich erleben und durchleben.— „Nehmt Euch in Acht, Kanzellar, den Koͤnig zu ſol⸗ chen Dingen zu verleiten! Er hoͤrt auf Euch und hoͤrt Euch gern, und iſt Euch leidlich zu Willen fuͤr ein Wag⸗ ſtuck, denn das Wagen lockt ihn. Aber geht es ſo in's Weite und Unabſehbare, verſchleppt ſich das Ende, dann wehe Euch, wenn Ihr nicht auf die bitterlichſte und gele⸗ gentlich furchtbar dreingreifende Ungeduld des Koͤnigs gefaßt ſeid.“ — Habt keine Sorge, Admiral, wir ſind nicht un⸗ geſtüm, und wenn man geneigt iſt, zu pruͤfen und zu waͤgen, ſo iſt man deshalb noch nicht geneigt, in's Werk zu ſetzen. Zwiſchen Wiſſen und Thun liegen tiefe Kluͤfte, welche nur das Genie ruͤckſichtslos uͤberfliegt— „Und ſeid Ihr kein Genie?“ Der Kanzler machte eine halb verneinende Bewegung mit dem Haupte. Sie waren unterdeß langſamen Schrit⸗ tes weiter geritten, und die Sorge um Weg und Obdach verdraͤngte allmaͤhlig ein ſolches Geſpraͤch. Sie kamen von der Kuͤſte, und wollten nach der Loire hinab. Ihre Diener hatten ſich von ihnen verirrt, und Diener wie Herrn waren in der damals noch ſehr unwegſamen Bre⸗ tagne der wenigen Wege nicht kundig. Wenn nicht in Nantes, doch in Tours oder Blois hofften ſie den Koͤnig zu finden. „Das iſt eine Jagd, ſo wahr ich lebe!“ rief der juͤn⸗ gere Reiter, indem er von Neuem ſein Pferd anhielt,„ich hoͤre den keifenden Laut eines Hundes, und es iſt nicht der gewoͤhnliche Bracken⸗Laut, der hinter dem Hirſche herjohlt, es iſt ein andrer, ſtaͤrkerer, als ob Saupacker Angeſichts eines Ebers jagten!“ Der Abhang, an welchem ſie hinritten, wendete ſich ploͤtzlich in einen ſcharfen Winkel, und ſie ſahen etwa tau⸗ ſend Schritte abwaͤrts zwiſchen den hohen Baͤumen einen Waſſerſpiegel ſchimmern. Nur einzelne Sonnenſtreifen draͤngten ſich durch die dichtbelaubten Buchen hinab auf die ſchwarze Waſſerflaͤche, und dieſe gewann dadurch einen geheimnißvollen Reiz. Die alten Celten, ſagte der Kanzellar, welche ſich am Laͤngſten und Maͤchtigſten hier in der melancholiſchen Bre⸗ tagne gehalten haben, begruben ihre Goͤtter in ſolchen Waldſeen, wenn die profane Macht der Eindringlinge uͤberdraͤngte, wahrſcheinlich ſchlummert auch da unten eine geſtuͤrzte Gottheit— „Sie regt ſich, ſie erhebt ſich, horcht!“— Wirklich wurde die Waldesſtille durch ein ploͤtzliches Plaͤtſchern des Waſſers unterbrochen, und zwar ward das Plaͤtſchern immer heftiger und ſtaͤrker, und kam wie vom Sturmwinde getrieben den Reitern immer naͤher; die Pferde ſtutzten und ſpitzten die Ohren, der Kanzler ſchlug ein Kreuz vor ſeiner Bruſt, und der andre Reiter ſah geſpannten Auges nach dem halb verdeckten, in Gruͤn und rothes Gold verhuͤllten Waſſer hinab. Das Geraͤuſch im — — 11 Waſſer hoͤrte an einer Stelle des Ufers auf, die undurch⸗ blickbar mit jungem Gebuͤſch verwachſen war, und ver⸗ wandelte ſich in ein Trampeln und Knicken und Knacken, als ob ein Reiterregiment im Anzuge ſei. Der juͤngtre Reiter zog ſein Schwert, eine freudige Spannung lag auf ſeinem Antlitze, er ſchien errathen zu haben, was ſich nahe — es war ein Trupp hochgeweihter Hirſche, welche den Abhang herauf gerade auf die Reiter zu trollten, alte, ſchwere Hirſche mit dunklen, ſtarkbemaͤhnten Haͤlſen und bemoosten Kronengeweihn. Er hielt das Schwert ihnen dergeſtalt entgegen, daß die Sonne darauf fiel, und ein Strahl aufblitzte mit uͤberraſchendem Schimmer. Die Hirſche ſtutzten, und betrachteten die regungslos harrenden Reiter. Hoi ho! rief auf einmal der juͤngere Reiter und ſchwenkte die blitzende Waffe, und als ob eine Windsbraut unter ſie gefahren waͤre, prallten die Hirſche auseinander, und jagten links und rechts an den Reitern voruͤber, ſie ſolcherweiſe einen Augenblick einhuͤllend wie in ein Schlachtgetümmel. Dieſem Schrecken widerſtand das Maulthier des Kanzlers nicht, es machte einen unver⸗ mutheten Seitenſprung, entledigte ſich damit des Reiters, der auf Moos und Wurzeln unſanft niederflog, und jagte von dannen. Der juͤngere Reiter aber wurde deſſen kaum inne, da der Laut von Hunden deutlich naͤher gekommen, neuer Laͤrm im Waſſer entſtanden, und ein maͤchtiger Kei⸗ ler aus dem See hervorgebrochen war in derſelben Rich⸗ tung, welche die Hirſche eingeſchlagen hatten, gerade auf den Kanzler los, welcher am Boden lag. Raſch war der Reiter von dem unruhigen Pferde herab und dem heran⸗ 12 ſchnaubenden Thiere einige Schritte entgegen geſprungen, hatte das rechte Knie auf den mooſigen Boden und ſein Schwert, ſchief nach vorwaͤrts geneigt, auf dies rechte Knie geſtemmt, um ſolchergeſtalt das wilde Thier ſich aufſpießen zu laſſen. Wie ſchnell dies auch geſchah, noch ſchneller war all' dieſe Anſtalt der Vertheidigung uͤber den Haufen geworfen. Die Waffe war zum ſichern Aufſpießen zu lang geweſen, war abgeglitten von der harzigen Bruſt des ungeſtuͤmen Thieres, und ſtatt ſich toͤdtlich aufzuren⸗ nen, hatte der Keiler unſern Reiter um und um gerannt. Der Moment war bedrohlich genug: das Thier, aus mehreren Wunden blutend, und in jener vollen Wuth, welche dieſen Thieren, ſobald ſie ſchmerzlich verwundet ſind, eigen iſt, ſchien einen Augenblick zu ſtutzen und zu waͤhlen, ob es dem ſeitwaͤrts geſchleuderten juͤngern oder dem vor ihm liegenden aͤlteren Herrn ſeine Hanzaͤhne einbohren ſolle. Der Juͤngere zog es auf ſich: er hatte ſich ſchnell wieder aufgerichtet, und obwohl er ſein Schwert eingebuͤßt, ſo ſchrie er doch den uͤbermüthigen Jagdruf ihm entgegen„hier Sau! hier Sau!“ Der Keiler ſtuͤrzte ſogleich auf ihn ein, der gewandte Mann aber ſprang zur Seite, und das leidenſchaftliche Thier ſchoß voruber. Der Umkehr ſicher wollte er dieſen Augenblick benutzen, das niedergeworfene Schwert aufzuheben; aber das Her⸗ umſuchen mit den Augen, wie eifrig es auch geſchah, das Gehen und Greifen nach der Waffe dauerte doch laͤnger, als der Eber zum Umkehren und Wiederangriff Zeit gebraucht hatte, und die von Neuem ausweichende Bewe⸗ gung des gewandten Mannes gelang nicht zum zweiten „ 13 Male, er ſtuͤrzte auf den Ruͤcken, die unglüͤcklichſte Art des Falls, welche ihm begegnen konnte, und das grimmige Thier trat ſogleich auf ihn und ſchlug ihn mit jenen ent⸗ ſetzlichen Zaͤhnen, welche der Jaͤger Gewehr und Waffen nennt, und welche uͤberaus gefaͤhrlich verwunden. Obwohl dies Alles im Laufe einer halbe Minute vorgegangen war, ſo hatte dieſe kurze Zeit doch hingereicht, die verfolgenden Hunde heran zu laſſen, und zwei große Saupacker von ſchmutzig gelber Farbe ſtuͤrzten ſich ploͤtzlich mit voller Wucht und von beiden Seiten auf den Kopf des Ebers, ihre ſcharfen Faͤnge an den Gehoͤren des Thieres tief einſchlagend. Der Eber ſtieß einen grunzenden Ton aus, der furchtbar klang, da er Schmerz und Wuth zugleich bezeichnete. Der Schmerz ſchien ſo groß zu ſein, und die Hunde ſchienen ſo feſt zu halten, daß das Schwein mit erhobenem Kopfe bewegungslos ſtehen blieb, nur mitunter klappte es ohnmaͤchtigen Grimmes Ober⸗ und Unterkiefer auf einander, gleichſam ein Zeichen, daß der Grimm in ihm noch Herr werden koͤnne uͤber den Schmerz. Neue Hunde kamen an, und griffen es feſt an den Hinterlaͤufen, ſo daß es nach dem Jagdausdruck vollkommen gedeckt war, ein Krieger, der in voller Kraft und Waffenruͤſtung ohn⸗ maͤchtig erſchien. Der juͤngere Reiter arbeitete ſich nun hervor, und ſtand bald, wenn auch uͤbel zugerichtet, auf den Beinen. Sein Wams war zerſchlitzt, ſein Angeſicht mit Koth und Blut beſprengt, ſein Muth aber ſchien ungebrochen, denn nach⸗ dem er ſich mit einem Ausdrucke von Genugthuung das gefeſſelte Thier betrachtet hatte, raffte er das Schwert 5 wieder auf, und ſchickte ſich an, es dem Eber durch Lunge und Herz zu ſtoßen. Haltet ein! rief der Kanzler, hoͤrt und ſeht Ihr nicht, Admiral, daß der Jagdherr gerades Weges daher kommt! Wir beduͤrfen ſeiner Gunſt, denn wir ſind beide verwundet, und unſere Thiere ſind entflohn; wollt Ihr ihn muthwillig auf's Aeußerſte erzuͤrnen, daß Ihr das muͤhſam erjagte Thier vor ſeinen Augen toͤdtet?— „Das will ich, Kanzellar! Ich habe die Noth der Eberjagd empfunden, nun ſei auch die Freude mein, ſol⸗ chem Hauptſchweine den Fang zu geben. Dem Trotze eines bretoniſchen Lehnsherrn iſt ſolcher Aerger heilſam, und der Koͤnig ſoll daruͤber lachen!“ Unter dieſen Worten war die reitende Jagd bis auf hundert Schritte heran gekommen, die Huͤfthoͤrner blieſen das jubelnde Signal, welches den Anblick des gefangenen Jagdthiers verkuͤndet, und der Jagdherr ſprengte voraus, um ſein Vorrecht eigenhaͤndig auszuuͤben. Er ſah zu aͤußerſtem Erſtaunen, daß ihm ein Fremder vorgriff, und daß der gewaltige Eber zuſammenbrach unter dem wohl⸗ gefuͤhrten Fangſtoße deſſelben. Verwegener Menſch, was thuſt Du? rief er entruͤſtet. Hundejungen, von den Pferden herunter, entreißt ihm bas Schwert und gebt ihm die Peitſche! Der Admiral war im Nu von einer Schaar Jagd⸗ burſchen umringt, und hatte Eile, ſich den Ruͤcken an einer Buche zu decken, und die zudringlichen Buben ſich mit dem Schwerte vom Leibe zu halten. „Seid Ihr ſo unbekannt mit der Welt,“ rief er, die 15 Waffe wie ein fliegendes Rad ſchwingend, dem Jagdher⸗ ren entgegen,„daß Ihr mir nicht anſehn koͤnnt, ich ſei kein Hinterſaſſe, ſondern ein Edelmann?“ Und wenn Ihr der Koͤnig ſeid, Ihr ſollt mir nicht in's Jagdrecht eingreifen, bevor ich's geſtattet! „Der Koͤnig ſoll Euch empfindliche Antwort geben auf dieſe unziemliche Aeußerung!“ Der Koͤnig muß wiſſen, und wenn er es nicht weiß, ſo ſoll er's lernen, daß dieſe Außerung nicht unziemlich iſt im Munde eines bretoniſchen Seigneur, der auf ſeinem Grund und Boden ſteht, und der alleiniger Herr iſt auf ſeinem Grund und Boden. Jungens, thut Euere Schul⸗ digkeit und entreißt ihm das Schwert! Die Zahl der Jagdleute, welche herbeigekommen und von den Pferden geſtiegen war, hatte ſich unterdeß ſo ver⸗ mehrt, daß der Jagdfrevler von den Seiten bedraͤngt, an den Armen gefaßt und entwaffnet werden konnte. Es miſchten ſich auch die Hunde darein und es entſtand ein Gewirr und Gelaͤrm betaͤubender Art, in welchem der dreiſte Fremde nicht eben zart behandelt wurde. Waͤhrend dem war eine Dame auf munterem Zelter neben dem Jagd⸗ herrn angekommen, und hatte neugierig und beſorgt ſich erkundigt, was dieſer Auftritt zu bedeuten habe, und wer dieſer von den Jagdleuten umher geſtoßene Fremdling ſei. Eiin Valois⸗Affe ſcheint's zu ſein, ſagte der Ge⸗ tster, und wandte kein Auge von dem bedraͤngten Admi⸗ ril. Es ſchien, als ob ſein blaſſes, verlebtes Geſicht von einer beſondern Genugthuung belebt werde, und als oh ihm die Gegenwart der jungen ſchoͤnen Dame dieſe Genugthuung noch erhoͤhe. Er hoͤrte nicht darauf, als ſie ihn dringend bat, dem Auftritte ein Ende zu machen, ja es lag eine gewiſſe rohe Luͤſternheit in dem Ausdrucke der ſchwarzen Augen, die er einen Augenblick auf ſie richtete, indem ſeine ſchmalen Lippen langſam die Worte betonten: Das iſt dem Schranzen heilſam, und ich kann ihm die Lection nicht angedeihen laſſen, ſobald ich ſeinen Namen gehoͤrt habe— Dies geſchah denn auch ſo eben: Wie es ſchien mit großem Schmerze hutte ſich der Kanzler aufgerichtet, und er ſchrie aus Leibeskraͤften uͤber das Getuͤmmel hinweg: Im Namen des Koͤnigs von Frankreich, Friede! Mehr neugierig als gehorſam hielten die Jagdleute inne, und gaben ihm Raum, allgemein verſtaͤndlich fort⸗ zufahren: Admiral Bonnivet iſt's, ein naher Diener und Freund des Koͤnigs, den ein bretoniſcher Edelmann dahier unedel behandeln laͤßt! Hierauf machte der Jagdherr eine leichte Handbewe⸗ gung gegen ſeine Leute, und wandte das fünnbirige Geſicht halb veraͤchtlichen Ausdrucks nach der Miuzler Wer ſeid Ihr ſelbſt, der ſo Unwahrſcheinliches unge uhrlich vorbringt? Admiral Bonniyet iſt zwar von außerſt j jungem Seigneur⸗Blute, aber er hat neben dem Koͤnige ſo viel Jagdbrauch und Jagdrecht gelernt, daß er ſich nimmer⸗ mehr alſo vergehen wird, wie dieſer Nann. Auch iſt e ſo viel wir hier zu Lande vufa 3 Dienſte des Koͤnig nach England geſendet mit Kanzellarius Bude, fann alſt nicht in Fanii ich betroffen warden auf fremder Wildhaßn —xqÜx— — — ꝗ¾ nen Admiral Bonniyet ſolche 17 Wer biſt Du alſo, braunkuttiger Mann, der Du mir in's Angeſicht lügſt? Ich bin der Kanzler Bude, von welchem Ihr ſprecht, und dies mag Euch beweiſen, wie voreilig Ihr Luͤgen ſtraft. Ich bin untroͤſtlich, wenn Ihr recht habt! ſprach hierauf der Seigneur, und die Augen zuſammenkneifend, als ob er ſchaͤrfer ſehen wollte, ritt er dem Kanzler einige Schritte naͤher, ohne den veräͤchtlich lächelnden Ausdruck ſeines Geſichtes zu veraͤndern. Wahrhaftig! ſetzte er nach einer kurzen Pauſe hinzu, jetzt erkenne ich Euch! Seid mir gegruͤßt auf Chateaubriants Boden, der Euch ſo garſtig bewillkommt hat. 44 Nun veraͤnderte er in allen Stuͤcken ſein Benehmen gegen die Fremden, ließ nach den Thieren ausſenden, welche entlaufen waren, ſorgte dafuͤr, da welcher beim Falle auf eine Wurzel ſich ſchmerzhaft am Fuße verletzt hatte, eine Tragbahre bereitet wurde, und druͤckte dem Admiral in wohlgeſetzten Worten ſein Be⸗ dauern aus, daß er ihn in ſo unangenehme Beruͤhrung mit den Faͤuſten ſeiner Jaͤger verſetzt habe. Bei alle dem verſchwand indeſſen vom bleichen Antlitze dieſes Grafen Chateaubriant jenes ſchlimme Laͤcheln nicht, welches deut⸗ lich genug verrieth, er freue ſich recht ſehr, daß dem ſchoͤ⸗ Mißhandlung widerfahren ſei. Beſonders deutlich zeigte ſich dies, als er ihn ſeiner Gemahlin vorſtellte, und ſeine Entſchuldigungen mit großer Weitlaͤufigkeit wiederholte. ABonniyet ſchien alle uͤble Abſicht in voller Ausdeh⸗ nung zu uͤberſehn, mußte aber gute Miene zum boͤſen Laube, Chateaubriant, 1. 2 5 ß dem Kanzler, 18 Spiel machen, und der Anblick der jungen Graͤfin ſchien ihm dies zu erleichtern. Sie war eine nicht blendende, aber ſehr anziehende Erſcheinung in dunkelm Gewande auf weißem Roſſe. Ihr Antlitz, obwohl es nicht bluͤhend und friſch und nur leicht geroͤthet war von der Bewegung in freier Luft, zeugte von Jugend und hatte jene weichen verſchwimmenden Zuͤge, welchen noch keinerlei Erfahrung Schaͤrfe aufgepraͤgt hat. Dennoch ſchwebte um die brau. nen Augen und um die feſt geſchloſſenen Lippen ein Schat. ten von Melancholie, welchen man fuͤr Anlage zu Schwaͤr merei gehalten haͤtte, waͤre er nicht jeweilig von einem raſchen Eintreten geiſtiger Geſpanntheit, pruͤfender Schaͤrfe verjagt worden. Er zeigte ſich in dem Augenblicke, da der Graf ihr Bonnivet vorſtellte, und ſchien zu fragen: wan es nicht etwa Deine Abſicht, bleicher Gemahl, mir die Bekanntſchaft dieſes ſchoͤnen Mannes und den Eindruch deſſelben zu verleiden, dadurch daß Du ihn zerzauſ't und erniedrigt von Diener⸗Faͤuſten zum erſten Male vor mir erſcheinen ließeſte 1 Bonnivet dagegen vergaß bei ihrem Anblick fuͤr die naͤchſte Weile ſeinen Groll, und gab ſich raſch den Aeuße rungen einer befliſſenen Galanterie hin, wie ſie damal durch Koͤnig Franz unter den hoͤheren Staͤnden in Frank reich Mode wurde. Die Graͤfin nahm ſie zuruͤckhaltend und vornehm, aber mit Freundlichkeit auf; unter den rauhen Seigneurs der Bretagne, in deren Mitte ſie ſchon fuͤn Jahre lebte, war ſie an ſolchen Stil des Umgangs, wel⸗ cher fuͤr jede Frau gefäͤllig iſt, nicht gewoͤhnt worden, und in ihrer Heimath, dem Pyrenaͤenlaͤndchen Foir, war er ihr ebenfalls nicht begegnet, denn ſie hatte es mit vierzehn Jahren verlaſſen, um Gattin des ihr noch unbekannten Grafen von Chateaubriant zu werden. Die Galanterie hatte alſo fuͤr ſie allen Reiz der Neuheit. Nachdem die Geſellſchaft des Kanzlers wegen langſam eine Viertelſtunde abwaͤrts durch den Buchenwald geritten war, ſah ſie in einer rings von Wald umſchloſſenen und nur von niedrigen Huͤgeln unterbrochenen Ebene das Schloß Chateaubriant auf einer kleinen Anhoͤhe liegen. Die Abendſonne beleuchtete es eben vollen Glanzes, und hob die Kontraſte, welche es auszeichneten, grell hervor. Es beſtand naͤmlich aus einem alten und einem neuen Schloſſe, welche nur im oberen Stockwerke durch eine ſchmale Bruͤcke verbunden waren. Das alte Schloß, faſt nur aus einem weiten runden Thurme beſtehend, an den ſich unregelmaͤßig einige niedrige Gebaͤude klammerten, ſah vermooſt, verwittert und ſchwarz aus. Das neue dagegen, in halb antikem, halb romantiſchem Stile, eine Ehe, wel⸗ che damals die ſogenannte Renaiſſance hervorzubringen begann, vor Kurzem erbaut, ſchimmerte heiter in friſchem Geſteine. Plattes Dach, Arkaden, Gallerien und zier⸗ liche Thuͤrme gaben ihm ein lockendes Anſehn. Eine breite Wieſe, uͤber welche man weglos hinritt, zog ſich ununterbrochen aufwaͤrts bis ans Portal des Gebaͤundes, und der Fluß Chere, welcher links aus dem Forſte hervorkam, wendete ſich hier dergeſtalt, daß er ſich hinter dem neuen Schloſſe hinab ſchlaͤngelte, und erſt zwiſchen ihm und dem alten Schloſſe unter jener Luftbruͤcke nach Nordweſt wieder hervorkam, um nun in voller Breite den Ankoͤmm⸗ 2*† lingen ſichtbar an dem ſchwarzen Thurme des alten Feu⸗ dalhauſes hinabzugleiten zu einzelnen duͤrftigen Haͤuſern, aus denen ſpaͤter die Stadt Chateaubriant ſich gebildet hat. Ah, rief Bonniyet, als er deſſen anſichtig wurde, da iſt ja das ſtattliche Haus, von deſſen Beendigung Ihr uns vor fuͤnf Jahren in Paris ſo Viel erzaͤhltet, Graf Chateau⸗ briant! Ihr ſpottetet damals uͤber den alten Louvre⸗ Thurm, um welchen her ein Schloß entſtehen ſolle und wegen Mangels an Geldmitteln noch immer nicht entſte⸗ hen koͤnne, ſo daß der Koͤnig mitten unter Gerichtsleuten und Buͤrgerpack in winkligem Palais wohnen muͤſſe. Ein bretoniſcher Herr, ſagtet Ihr luſtig, wohnt beſſer als der ſogenannte Herr von Frankreich, beſſer als der junge Herr von Valois! „Iſt denn dieſer Ausdruck ſo gar auffallend, Herr Admiral, daß Ihr ihn nach fuͤnf Jahren noch nicht ver⸗ geſſen habt? Wenn der junge Herr von Valois von Hauſe aus nicht reich und maͤchtig war, und unſrer Herzogin von Bretagne Brautgabe bedurfte fuͤr haͤusliche Einrichtung, iſt's da verwunderlich, daß er als Koͤnig von Frankreich ſchlechter wohnt als hundert andre Seigneurs des Landes? Ihr bemuͤht Euch umſonſt, den Koͤnig auf Koſten der Seig⸗ neurie in die Hoͤhe zu ſchrauben, er iſt oberſter Lehnsherr und nichts weiter, und Ihr macht ihm nur boͤſes Blut mit Euren Praͤtenſionen.“ Ihr geht nicht mit der Zeit fort in der abgelegenen Provinz, Graf. Der Kanzler dort traͤgt einen Brief des Koͤnigs von England in ſeinem Gewande, welcher in ſeiner Ueberſchrift das Zeichen traͤgt, daß das Koͤnigthum in Europa zu groͤßerer Macht kommt, als Euch Seigneurs von Schwert und Sporn begreiflich iſt.— „Wir ſind Seigneurs von Land und Leuten, und gehen um mit denen von Schwert und Sporn, wenn wir gaſtfrei ſind gegen Diener des Koͤnigs.“ Und ſeid Ihr nicht ſelber Diener des Koͤnigs? „Ich diene Gott, meiner Ehre und meiner Dame; dem Koͤnige des Reichs aber folg' ich nur, wenn er als Oberlehnsherr mein Schwert und meine Reiter fordern darf gegen die Feinde des Reichs— und was iſt's fuͤr eine neumodiſche Ueberſchrift im Briefe des Koͤnigs von England an den von Frankreich?“ Er nennt ihn„Majeſtaͤt!“ „Was iſt das? Iſt dies daſſelbe Wort, welches der Prieſter gebraucht, wenn er von Gottes Groͤße und Allmacht redet?“ Daſſelbe Wort. „Gott ſchuͤtz Euch in Hochmuth! Was wuͤrde der Graf von Tremouille ſagen, wenn ich morgen an ihn ſchriebe„Eure Seligkeit, Graf von Tremouille?“ Er wuͤrde Euch die Seligkeit ebenfalls geben. „Schwerlich, und thaͤte er's, ſo haͤtten wir doch beide um kein Haar Seligkeit mehr als vorher, und der Valois ſoll um kein Haar Majeſtaͤt mehr haben, weil ihn der Tudor jenſeits des Aermels ſo nennt, verlaßt Euch darauf in den abgelegenen Provinzen ſind die Herren des Landes noch nicht geſtorben!“ 22 Der Koͤnig will ſich davon uͤberzeugen, und reitet deshalb die Loire abwaͤrts, die Touraine, das Saumur⸗ land, Anjou und Bretagne zu beſuchen— Ihr ludet ihn damals ein, Euer Schloß ſich anzuſehn für den Fall, daß er einmal ſelbſt eins bauen wolle. Ich glaube, er iſt jetzt in dem Falle, und wenn Ihr erlaubt, wiederhole ich ihm jetzt Eure damalige Einladung. Bei dieſen Worten ſahen der Graf und Bonnivet gleichzeitig auf einander und auf die Graͤfin, als ob man von dieſer eine Aeußerung erwartete. Vielleicht verhin⸗ derte der zornige Blick des Grafen eine ſolche, wenigſtens ſchwieg die Dame, und er ſelbſt erwiderte nach kurzer Pauſe: Der Geſchmack fuͤr Architektur iſt ſeit fuͤnf Jahren ſo verbreitet und vervollkommnet worden, daß das Schloß Chateaubriant nicht mehr ſo viel Anſpruͤche machen kann wie damals. Man war unterdeſſen am Portal des Schloſſes ange⸗ kommen, und ein Maͤdchen von etwa vier Jahren, welches mit großer Dreiſtigkeit den Reitern entgegen lief, nahm die Aufmerkſamkeit des Grafen und der Graͤfin ausſchließ⸗ lich in Anſpruch. Es war deren einziges Kind, ein ſehr wohlgebildetes anmuthiges Geſchoͤpf Namens Conſtance, an welches der Graf alle Zaͤrtlichkeit, deren er uͤberhaupt fähig war, zu verſchwenden ſchien. Er hob das Kind zu ſich auf's Pferd, und ritt mit ihm auf der Wieſe herum. Eine ſolche Abwechſelung war aber auch ſeinem Sinne vonnoͤthen, wenn er die Pflicht der Gaſtfreundſchaft mit nur einigermaßen ertraͤglicher Laune gegen unwillkom⸗ mene Gaͤſte ausüben wollte. Es fehlte denn auch, als man des Abends in der Halle zu Tiſche ſaß, wiederum nicht an herben Gegenreden, und Bonnivet entſchloß ſich, am nächſten Morgen weiter zu reiten, da das fortdauernd zuruͤckhaltende Benehmen der Graͤfin keine Ausſicht auf Eroberungen zuließ. Dergleichen Abſicht hegte er aber, ein verwoͤhnter Gluͤcksritter, jeder ſchoͤnen Dame gegen⸗ uͤber. Ein tieferer Blick in das Weſen dieſer jungen Frau ſchien ihm verſagt zu ſein, denn ein ſolcher haͤtte ihm vielleicht beſſere Hoffnungen eroͤffnet. Sie ſaß im weißen Gewande lange ſchweigſam zwiſchen den Maͤnnern, konnte aber wohl durch einzelne Antworten, durch plöͤtzlich erweckte und wieder verſchwindende Heiterkeit an jene Windharfen erinnern, die lange lautlos in verſtecktem Thale ſtehn, jedoch Ton und Antwort lieblichſter Art haben fuͤr jeden ſtaͤrkeren Lufthauch, der ſie auffindet. Der Kanzler Budé fand dies beſſer aus, und es gelang ihm auch um ſo mehr, ſie in's Geſpraͤch zu ziehn, je weniger der offenbar eiferſüchtige Graf ihn, den aͤlteren unſcheinbaren Mann, in der Unter⸗ haltung mit der Graͤfin ſtoͤrte. Er erzaͤhlte ihr von der Gedankenwelt in Paris, von den Streitigkeiten der Ge⸗ lehrten uͤber Kirche und Glauben, von den Nachrichten, welche man aus Deutſchland erhielt uͤber die von einem Moͤnche angeſtiftete Kirchenrevolution, von den italieni⸗ ſchen Künſtlern, welche der Koͤnig nach Frankreich berufen hatte, vom Koͤnige ſelbſt, von der geiſtreichen Schweſter, von der lebensluſtigen Mutter deſſelben, von den intereſſanten Geſpraͤchen an der Tafel des Koͤnigs, und ſie hoͤrte auf das Schwere wie auf das Leichte mit gleich großer Aufmerkſam⸗ keit; ſie ſchlug ein Kreuz, wenn ſie nach dem inneren Weſen der deutſchen Ketzeer fragte, aber ſie fragte darnach, und horchte geſpannt auf Bude's Erklaͤrung, und ſchien nicht abgeneigt, der Oppoſition gegen die Lehre vom Ablaß beizutreten.„Wenn ich den Meinigen untreu wuͤrde,“ ſagte ſie naiv, als ob es das zunaͤchſt liegende Beiſpiel waͤre,„wer anders koͤnnte mich entſuͤndigen, als ich ſelbſt! Giebt es nicht Dinge, die kein Menſch vergeben, und die nur der ſchuldige Thaͤter in ſich ſelbſt erledigen kann?“ Bei dieſen Worten erhoͤhete ſich die feine Roͤthe, welche ihrem Antlitze eigen war, und welche der uͤberaus reinen und zarten Haut deſſelben jene Anziehungskraft der matten, ſogenannt ſchmachtenden Farben gab. Denn dies leichte Roth ſchimmerte nicht auf dem blendenden Weiß, wie es die bleichende Luft des Nordens den Frauen verleiht, ſondern auf einem dunkleren Tone der Hautfarbe. Was an durchſichtiger Lichtheit dadurch für uns verloren zu gehen ſcheint, das wird dem geuͤbten Auge hierbei durch Kraft des Tones erſetzt, ja uͤbertroffen, beſonders da dieſe junge Graͤfin in Form und Bewegung alle Fuͤlle und Lieb⸗ lichkeit der Jungfrau und jungen Frau noch in ſich ver⸗ einigte. Nacken, Schultern und Arme waren voll, und doch nur voll in laͤnglich geſchweiften Linien, wie ſie der jungfraͤulichen Schoͤnheit, nicht in runden Umriſſen, wie ſie der reiferen Frauen⸗ Schoͤnheit eigen ſind. Nur Hals und Oberbruſt— la gorge, worauf die ſonſt nicht eben ſchoͤnen Franzoͤſinnen ſo ſtolz ſind— verriethen in Kraft und Fülle das ausgebildete ſuͤdliche Weib, deren hohe Geſtalt von kraͤftigen Huͤften getragen wurde. All dieſe Vermittelung zwiſchen Jungfrau und Frau zeigte ſich 25 geſammelt in dem zugleich fragenden und ſchmelzenden Blicke des lebhaften und doch ſinnigen Auges, in dem keuſchen Schluſſe der Lippen, welche ſich zuweilen raſch oͤffneten und eben ſo raſch wieder ſchloſſen, als ob das Wort der Frage, welches auf ihnen geſchwebt hatte, ihrem Sinne ploͤtzlich zu dreiſt erſchienen waͤre. Dies geſchah namentlich, wenn ſie den Kanzler nach der Lebensweiſe und den Hauptperſonen des Hofes— eines Begriffs, der damals erſt in Frankreich entſtand— wenn ſie nach den Aeußerungen des Koͤnigs, des Connetables von Bourbon und aͤhnlicher durch Schoͤnheit und Kraft ausgezeichneter Maͤnner fragte. Ihr Gemahl hatte ihr unguͤnſtige Schil⸗ derungen davon gemacht, aber obwohl ſie deſſen Anſichten auf Treu und Glauben hinnahm, ſo ſchien ſie doch auch nach Andrer Meinung uͤber dieſe Perſonen und Gegen⸗ ſtaͤnde begierig zu ſein. Dieſer ernſthafte Kanzler ließ ja auch keine unbedachte Schilderung erwarten, und ſie glaubte, ſich ſeinem Urtheile und ſeiner Beſchreibung hin⸗ geben zu duͤrfen. So dachte indeſſen der Graf nicht, dem das ſtockende Geſpraͤch mit Bonnivet Muße ließ, der Unterhaltung zwiſchen Budé und der Graͤfin zu folgen. Er miſchte ſich ploͤtzlich hinein, und verwies dem Kanzler ziemlich herbe die einſeitige Schilderung des neuen Hoflebens.„Wir ſind,“ ſprach er,„Gott ſei Dank in der Provinz noch nicht ſo weit, die Sittenreinheit und anſpruchsloſe Welt des ver⸗ ſtorbenen Koͤnigs Ludwig vergeſſen zu haben,“ und je weiter der Todestag deſſelben zuruͤcktrete, deſto allgemeiner werde das Beiwort„Volksvater“ für Koͤnig Ludwig. Sind denn— unterbrach ihn Bonnivet— die Seig⸗ neurs in der Bretagne zu den Wuͤnſchen und Anſichten der gemeinen Leute herabgeſtiegen, daß ein ſolcher Beiname ihnen beſſer gefuͤllt, als der Beiname des„ritterlichen Koͤ⸗ nigs“, wie er unſerm Koͤnige Franz aus allen Enden Eu⸗ ropa's entgegenfliegt? Bei was ſchwoͤrt unſer Koͤnig und Herr? Bei Edelmanns Treu und Glauben! Foi de gen- tilhomme! iſt ſeine hoͤchſte Betheurung! Und dafuͤr ſollte ihm nicht der Adel des Landes dankbar und ergeben ſein? Jetzt beſonders, da die gemeinen Leute ſich aller Orten und Enden breit zu machen anfangen? „Wie ſieht jenes Hofleben,“ fuhr der Graf fort, als ob Bonnivet gar nicht geſprochen,„im Innern aus? Derge⸗ ſtalt, daß jeder auf Zucht und Sitte haltende Seigneur Weib und Tochter davor ſchuͤtzen muß wie vor Unrath und Verderbniß. Oder iſt des Koͤnigs Mutter, die luſtige Louiſe, jene Savoyardin, die gegen unſern Wunſch zur Herzogin von Angouléme erhoben worden, iſt jene Dame, welche den Staat hinter des Koͤnigs Ruͤcken zu Grunde richtet, iſt ſie etwa eine Heilige mit ihrem Schweif von Ehrenfraͤuleins? Freudenfraͤuleins wuͤrden ſie wahrhaftig paſſender ge⸗ nannt!“ Nun in der That, rief Bonnivet lachend, es wird den Pariſern ſchwer werden, den noch vor fuͤnf Jahren ſo luſtigen Grafen Chateaubriant wieder zu erkennen! Ihr geltet im Hötel des Tournelles noch fuͤr einen der Seig⸗ neurs vom heiterſten Grundſatze, und man wird Euch dort uͤber die Maaßen veraͤndert finden— „Das ſoll man auch. Ich mißbillige durchaus das dortige raffinirte Leben, ich mißbillige des neuen Regi⸗ mentes Richtung, das ganze Leben auf bloße Anmuth und Zierlichkeit zu ſtellen, malen und bauen zu laſſen, als ob dieſe Nebenſache der Mittelpunkt des Lebens ſein muͤſſe, an Trachten und Meublen verſchwenderiſch zu aͤndern, als ob es ſich um Puppen ſtatt um Edelleute handle, das Kuͤnſtlervolk in den Kreis der Edelſten des Landes zu ziehn, es mitreden zu laſſen, als waͤre es unter ſeines Gleichen, ja wohl gar die aufgeputzten Phraſen deſſelben dem ſchlichten Ausdrucke eines Seigneurs vorzuziehen!“ Verzeiht mir, Graf, erwiderte hierauf die Graͤfin, und die leichte Roͤthe ihres Antlitzes erhoͤhte ſich, verzeiht mir einen beſcheidenen Widerſpruch: Iſt es nicht eben Aufgabe des Koͤnigthums, das zu ſchuͤtzen und zu foͤrdern, was nicht auf den alltaͤglichen Erwerb angelegt iſt, was von dem alltaͤglichen Erwerbe nicht beſtehen könnte, und was doch durch ſeine Gedanken und Thaten den menſch⸗ lichen Sinn zu veredeln und zu erhoͤhen berufen iſt? So verhaͤlt es ſich ja wohl mit Kunſt und Kuͤnſtlern, und des⸗ halb ſollte ich glauben, es ſei dem Koͤnige angemeſſen— „Sieh da, Frau Graͤfin, wie dieſe aufgebauſchten Redensarten Euch ſchon gelaͤufig ſind! Stammen ſie noch aus der ſtrengen Erziehung vom Schloſſe Foix, oder ſind ſie ganz friſch Gebaͤck? Der Kreis einer Ehefrau iſt ab⸗ geſchloſſen von der Mauer ihres Hauſes; der Gott uͤber den Wolken und Gatte und Kind auf Erden bilden ihre Welt! Was druͤber hinausgeht, iſt fuͤr ſie vom Uebel, und 28 ich werde ſorgen, daß Euch der Vorwitz nicht gefaͤhrlich werde.“ Hier wurde Graf Chateaubriant in einer Rede unter⸗ brochen, welche die Graͤfin ſchmerzlich zu treffen ſchien, vielleicht doppelt ſchmerzlich, weil ſie in Gegenwart ſolcher Fremden und mit beleidigend hoͤhniſchem Tone an ſie gerichtet wurde. Die Unterbrechung ruͤhrte von einem Diener her, welcher eiligſt eintrat, und dem Grafen berich⸗ tete, es kaͤmen auf der Straße von Nantes Reiter mit bren⸗ nenden Fackeln auf das Schloß zu geſprengt. Waͤr' es der Koͤnig? rief Bonnivet und ſprang an's Fenſter. Aufgeregten Anſehns folgte ihm der Graf. Wahr⸗ haftig, rief Bonnivet, ich erkenne beim ſchwankenden Schimmer der Fackel den Wappenrock der koͤniglichen Leute, es ſind die goldnen Lilien, welche ſo weit leuchten! Madamo, ſprach der Graf ſich raſch umwendend, Sie ſind krank, ziehen Sie ſich auf Ihr Zimmer zurück! „Sie irren ſich, Graf, ich befinde mich wohl!“ Ich irre mich nie, wenn ich Ihnen rathe— gehorchen Sie mir! Und mit dieſen Worten nahm er ſie bei der Hand, und führte ſie hinaus, ihr ſanfter zuſprechend waͤhrend des Gehens, als die barſche Anrede erwarten ließ. Die Graͤ⸗ ſin aber weinte dennoch. —d 2. Tags darauf konnte man in Blois erfahren, daß es ein Irrthum geweſen ſein mußte mit der Ankunft des Koͤnigs auf Schloß Chateaubriant: die Bewohner des freundlichen Staͤdtchens hatten ihn erſt noch am Morgen uͤber die Loire hinuͤber reiten ſehen nach den Waͤldern in der Sologne, welche er von Jugend auf liebte, und in denen er am Lieb⸗ ſten den Hirſch jagte und dem Wolfe nachſtellte. Die So⸗ logne war ein ziemlich duͤrftiger, aber dicht bewaldeter Landſtrich, welcher am linken Loire⸗Ufer oͤſtlich von Blois begann, und welcher ſich zwiſchen dem Beuvron⸗ und Coſ⸗ ſon⸗Fluſſe und weiter hinauf gegen Romorantin nach dem Lande Berry hin erſtreckte. In Romorantin hatte Koͤnig Franz unter den Augen ſeiner zaͤrtlichen Mutter Louiſe von Savoyen, welcher damals der Hofhalt Koͤnig Ludwigs durch deſſen ſtrenge Gattin Anna von Bretagne verleidet war, einen Theil ſeiner Jugend zugebracht, und von daher ſchrieb ſich vielleicht ſeine Vorliebe für dieſe Gegend. Ueberhaupt aber lebten die damaligen Koͤnige von Frank⸗ reich noch nicht ſo ausſchließlich in Paris, wie dies ſpaͤter geſchah, obwohl„die gute Stadt“ Paris ſchon Jahrhun⸗ derte lang unzweifelhafte Hauptſtadt des Landes war. Der Vorſchlag, Tours in der Mitte des Landes zur Hauptſtadt zu machen, war wohl zu wiederholten Malen aufgetaucht, und die Koͤnige vor Franz hatten ſich vorzugsweiſe gern und lange an der Loire haͤuslich eingerichtet, Ludwig XI. auf dem Schloſſe Pleſſis les Tours, einen Kanonenſchuß ſüdlich von Tours, und Ludwig XII. auf dem Schloſſe von Blois, aber Paris hatte ſein Recht und ſeine Stellung da⸗ durch nicht verloren, und verlor ſie auch ſpaͤter nicht, obwohl ein Valois, Heinrich III., Paris prinzipienmaͤßig von der wichtigen Stellung entſetzen, und von Blois aus die auf⸗ rühreriſche Hauptſtadt, die Stadt der Guiſen, ſeiner Feinde, regieren wollte. Es iſt dies wichtig gewordene Blois amphitheatraliſch am rechten Loire⸗Ufer an ziemlich ſteilem Abhange in die Hoͤhe gebaut, enge Straßen fuhren links zum Schloſſe der alten Grafen von Blois, rechts zur Kathedrale hinauf, welche von terraſſenfoͤrmigen Gaͤrten umgeben iſt, ein lieb⸗ licher Ort der Roſen und der Fernſicht, ein anmuthiges Stelldichein der Liebenden im ſechszehnten wie im neun⸗ zehnten Jahrhunderte. Das Schloß hatte auch damals ſchon nur noch einen ſchwarzen Thurm aus der gothiſchen Zeit. Ludwig XII. hatte die Morgenſeite des Hauſes, welche man, von der unteren Stadt aufſteigend, zuerſt betritt, neu erbauen laſſen, und Franz war im Begriff, gegen Mitternacht einen neuen Fluͤgel zu errichten, und einen jener beruͤhmten Treppenthuͤrme zwiſchen beide Fluͤgel zu lehnen, welcher mit ſeiner à jour gefaßten Treppe Aufgang und Verbin⸗ 31 dung beider Schloßtheile bildete. Maurer und Steinmetzen waren in großer Anzahl daran beſchaͤftigt, und es gab auf dem Hofe, deſſen Mittagsſeite frei auf die Stadt, und deſſen weſtliche Seite frei auf den Strom unterhalb der Stadt hinabſah, ein klapperndes Geraͤuſch der Handwerker. Die⸗ ſes einen Triangel bildende Schloß war um die Zeit, welche wir vergegenwaͤrtigen, mit den Leuten des koͤniglichen Hof⸗ lagers angefuͤllt. In dem aͤlteren öͤſtlichen Fluͤgel wohnte Margaretha, die Schweſter des Koͤnigs, welche gegen ihre Neigung mit dem unbedeutenden Herzoge von Alengon ver⸗ maͤhlt war; in dem noͤrdlichen neuen Fluͤgel aber wohnte der Koͤnig und deſſen Mutter Louiſe, die ſtatt ihres Ge⸗ burtsnamens den einer Herzogin von Angoulème fuͤhrte. Der Luxus begann damals erſt in Frankreich, und man noch nicht ſo verwoͤhnt, um das Geraͤuſch der am Dache »an dem Thurme arbeitenden Handwerker allzu be⸗ werlich zu finden. Ja, die Herzogin Louiſe trat zu wie⸗ cholten Malen auf den Korridor heraus, und blickte auf n laͤrmenden Hof hinab, als ob ſie beſonderen Antheil den Bauleuten naͤhme. Das war es indeſſen nicht, was aus dem Zimmer trieb, ſondern ſie erwartete Jemand, d wie es ſchien mit großer Ungeduld, denn ſie war auch ihrem Zimmer ſehr unruhig. Die Ausſicht, welche das oße Fenſter dieſes Zimmers bot, bildete einen Gegenſatz dieſer Unruhe. Das Plateau des Schloßplatzes zieht ſich tter dem Schloſſe noch einige hundert Schritt in den Ufer⸗ eg hinein, und hatte gegen die zerſtreuende Ausſicht und sGetreibe auf der Vorderſeite etwas traulich Heimliches. n Raſenplatz mit alten Nußbaͤumen zog ſich bis zu dem Kirchlein hinuͤber, welches in den Winkel des aufſteigen Berges gebaut und mit Ahorn⸗ und Platanen⸗Baͤun beſchattet, ja halb verdeckt war. Das Gebuͤſch ging uü dem Kirchlein weiter ſteil in die Hoͤhe, und ein Chriſti Bild ſah traurig aus dem Gezweige hernieder auf Kir lein, Raſenplatz und Schloß. Die Nordſeite des Schloſſ warf tiefen Schatten hierher, und wenn nicht einige Kind geſpielt haͤtten, ſo waͤre auf dieſer Seite die vollkomment Stille geweſen. Herzogin Louiſe aber warf keinen Blick da hinau⸗ von Viertelſtunde zu Viertelſtunde rief ſie ihren Dien, und fragte, ob jenſeits der Loire von Romorantin her noc keine Reiter zu ſehen ſeien oben vom neuen Thurme. De Diener mußte es immer verneinen, und ſo kam der Abent herbei, und die Sonne ging unter, ohne daß ſich Reiter ge⸗ zeigt haͤtten. Herzogin Louiſe war eine volle, ſtattliche Frau, welche noch einige Anſpruͤche auf Schoͤnheit hatte, und noch alle Anſpruͤche darauf machte, obwohl ſie ſchon uͤber vierzig Jahre alt und ein wenig ſtark geworden war. Scharfe For⸗ men des Geſichtes, ſchwarzes Haar, brennende Augen, raſcher Gang und raſche Bewegung der Arme gaben ihr etwas Herausforderndes und Herriſches, welches allerdings durch einen einſchmeichelnden Ausdruck des Mundes, der hinter vollen Lippen ſchoͤne Zaͤhne wies, gemildert wurde, ſobald ſie ſchmeicheln wollte.— Sie liebte den Luxus, und hatte noch bei Lebzeiten des verſtorbenen Koͤnigs Ludwig, eines buͤrgerlich beſcheidenen Mannes, und zu großem Miß⸗ vergnuͤgen der wirthſchaftlichen Koͤnigin Anna Sammet 33 und Seide getragen ohne feſtliche Veranlaſſung; wie denn aller aͤußere Schimmer und Glanz und der leichte vergnuͤg⸗ liche Sinn des franzoͤſiſchen Adels von italieniſchen Prin⸗ zeſſinnen beſonders geweckt und gefoͤrdert wurde, ſo daß erſt dieſe ſavoyardiſche Prinzefſin und ſpaͤter die beiden Medi⸗ caͤerinnen Catharina und Maria, die Gemahlinnen Hein⸗ richs des Zweiten und des Vierten, in dieſem Betrachte einen unberechenbaren Einfluß auf die franzoͤſiſche Nation geuͤbt haben. Man kann ſagen, daß vor dem jungen Frank⸗ reich, welches unter Koͤnig Franz aus italieniſchen Ein⸗ fluͤſſen ſich emporbildete, das fraͤnkiſch⸗germaniſche Element bei Weitem das vorherrſchende in Frankreich war, und daß erſt von der unter Franz allgemein, nicht bloß in einzelnen Kunſttheilen bewirkten Renaiſſance die franzoͤſiſche Nation eine vorherrſchend romaniſche wurde. Louiſe war in ſchwarzen Sammt gekleidet und trug die Schultern und Arme gegen altfranzoͤſiſche Sitte ent⸗ bloͤßt. Ihre vollen Leibesformen boten ſich dafuͤr ganz gefaͤllig, und als der wieder eintretende Diener melden mußte, die Dunkelheit geſtatte ihm nicht ferner auszu⸗ ſchauen vom Thurme, und Kerzen auf den Tiſch ſetzte, da machte die uͤbrigens ſchlimm ausſehende Frau bei dem röthlichen Kerzenlichte wohl noch den Eindruck, welchen das Tageslicht vermindern mochte, den Eindruck einer ge⸗ bieteriſchen Schoͤnheit. „Rufe den Herrn Kanzler Duprat!“ ſprach ſte hierauf zum abgehenden Diener und ſetzte ſich haſtig auf einen jener hohen Stuͤhle mit ſteifer Lehne, wie ſie in neuerer Zeit wieder in Mode gekommen ſind, und blieb unbeweglich Laube, Chateaubriant. I. 3 ſitzen, bis Duprat, der Kanzler des Parlamentes, die erſte juriſtiſche Perſon des Landes, eintrat. „Er kommt nicht, Duprat!“ Er wird kommen! entgegnete dieſer, ein kleiner blaſſer Mann, mit braunrothem Haar und Barte, auf deſſen Ant⸗ litze eine unangenehme veraͤchtliche Gleichguͤltigkeit und unwandelbare Selbſtgenuͤgſamkeit ausgepraͤgt waren, der⸗ geſtalt, daß das Antlitz wie eine ſtehende Maske durch kei⸗ nerlei Wendung des Geſpraͤchs oder deſſen, was ſich ereig⸗ nete, veraͤndert wurde— er wird kommen, denn er fuͤhlt die Schlinge um den Hals, und er fuͤhlt, daß ſie ſich enger und enger zieht, je weiter er ſich von Blois entfernt. „Er iſt zu vornehm, um an die Kraft einer juriſtiſchen Schlinge zu glauben.“ 2 Ich habe ſchon lange genug das Parlament geleitet, um den vornehmen Seigneurs den Glauben einzupraͤgen, es ſeien die Formen des Rechts von Eiſen, das wir ſchmie⸗ den, und gegen welches kein Hochmuth aufkomme, ſei er noch ſo herrlich. „Wird denn auch Chabot de Brion den Stand des Prozeſſes ihm uͤberzeugend genug entwickelt haben? Brion iſt leichtſinnig“— Ich habe ihm zu deutlich gemacht, daß des Connetables Erbe verloren ſei, wenn er ſich nicht mit Euch verbuͤnde, und ſolchergeſtalt der Prozeß niedergeſchlagen werde. Des⸗ gleichen hab ich Matignon, den bretoniſchen Herrn und des Connetables vertrauteſten Freund unterrichtet, er muß uͤberzeugt ſein, und iſt ſicherlich bereits auf dem Wege hierher. 35 „Ach was! Er hat einen Kopf von Buchenholz dieſer Connetable, juriſtiſche Ueberzeugung dringt nicht hinein — und das Recht auf die Erbſchaft, welche wir ihm neh⸗ men wollen, es iſt ſpitzfindig und zweifelhaft“”— Je ſpitzer es iſt, deſto ſchaͤrfer verwunden wir damit, je zweifelhafter, deſto mehr iſt es in unſrer Gewalt. Wenn Sie, gnaͤdigſte Frau, ſich nicht zutraun, ihn zu— „Was, Antoine Duprat?“ Ihn zu Ihren Fuͤßen zu ſehen vermittelſt bloßer Schoͤn⸗ heit, Liebenswuͤrdigkeit und Drohung, ſo gedulden Sie ſich vier Wochen; ich verſpreche, in dieſer Zeit den Spruch her⸗ aus zu bringen. Dann iſt dem Connetable kein Zweifel mehr uͤbrig, und mit Eurer Hand gewinnt er den verlornen Prozeß und die verlornen Guͤter wieder. „Ihr verſteht Euch ſchlecht auf Lebensformen und Charaktere, Duprat. Der Connetable empoͤrt ſich eher, als daß er ſich geſchmeidig einem ſo harten Spruche unterwerfe und— ein erzwungener Mann, mein Freund, iſt nicht mein Mann!“ Bei dieſer Rede trat ein beſtaͤubter Reitersmann auf die Schwelle des Zimmers. Es war Chabot de Brion, ein Liebling des Koͤnigs, welcher von der Herzogin Louiſe nach dem Bourbonnais geſchickt worden war, um den Connetable Karl von Bourbon, deſſen Hand und Liebe ſie erzwingen wollte, nach Blois zu noͤthigen. Er verkuͤndigte ihr jetzt läͤchelnd, daß der Connetable eben vom Pferde ſteige und binnen einer Viertelſtunde bei ihr ſein werde. Sie verabſchiedete ſogleich die beiden Manner, nach⸗ dem ſie ſich noch von Duprat eine Pergamentrolle hatte 3*%⅞ 1 einhaͤndigen laſſen. Darauf ſtand in kurzen Worten ver⸗ zeichnet, unter welchen Rechtstiteln ſie und der Koͤnig die Hauptbeſitzungen Karls von Bourbon in Anſpruch nahmen. Karl von Bourbon naͤmlich war von Hauſe aus nur Graf von Bourbon⸗Montpenſier, und war als ſolcher keineswegs im Beſitz der Herzogthümer Bourbon und Auvergne gewe⸗ ſen, welche einen großen, gebirgigen Theil des ſüdlichen Frankreich einnahmen und eine der maͤchtigſten Seigneu⸗ rieen des Landes bildeten. Aber das ſaliſche Geſetz, wel⸗ ches nur maͤnnlichen Nachkommen die Erbſchaft geſtattet, war in der Familie herkoͤmmlich, und da Peter, der letzte Herzog von Bourbon, nur eine Tochter, Suſanne, hinter⸗ laſſen hatte, ſo trat Graf Karl als naͤchſter Vetter nach Pe⸗ ters Tode in deſſen Rechte. Dieſes Beſitzrecht war noch feſter dadurch genietet worden, daß Karl Suſanna heira⸗ thete, und blieb denn auch unangetaſtet, ſo lange die Hei⸗ rath beſtand. Aber Suſanne ſtarb, und obwohl ſie ein Teſtament hinterließ, in welchem ſie all ihre Rechte und außer dieſen auch alle Beſitzthümer, welche anderen Ur⸗ ſprungs und nicht dem ſaliſchen Geſetze unterworfen wa⸗ ren, ihrem Gatten zuſchrieb, ſo war doch mit dieſem Tode allen Widerſachern Bourbons das Signal zum Angriffe gegeben. Unter dieſen Widerſachern ſtand oben an Louiſe von Angoulème, welche vor zwanzig Jahren wohl eine Zeit⸗ lang auf vertrautem Fuße mit ihm geſtanden, dieſe Ver⸗ traulichkeit aber voͤllig eingebuͤßt hatte durch ihren leicht⸗ ſinnig wechſelhaften Lebenswandel und durch die Verhei⸗ rathung Bourbon's. Bourbon war ein ſtrenger, herber Mann, welcher den munteren Sinn der Jugend zeitig ab⸗ 37 legte und ſich zum Oefteren nachtheilig uͤber die Vergnuͤ⸗ gungsluſt der Madame von Angoulèͤme aͤußerte. Dieſe nun machte ſelbſt Anſpruch auf die Erbſchaft, da ſie eine leibliche Couſine Suſanna's, und deshalb von naͤherer Verwandtſchaft mit dem Bourbon'ſchen Herzogshauſe war als Karl von Bourbon. Die Nebenbeſitzungen waren ihr auch ſchwer zu beſtreiten, nur fuͤr die Hauptbeſitzungen ſtand ihr das ſaliſche Geſetz im Wege, und gegen dies Hin⸗ derniß hatte ihr der juriſtiſch uͤberaus verſchmitzte und im Weſentlichen gewiſſenloſe Duprat Verfahren und Beweis⸗ gruͤnde aufgezeichnet, welche ſie jetzt in der Hand hielt und betrachtete. Sie wuͤnſchte nicht, daß es zu den aͤußerſten Formen des Prozeſſes kommen moͤchte, und hoffte einerſeits durch Schrecken, andrerſeits durch Hinweis auf ſichern Ge⸗ winn und auf fruͤhere Neigung den Connetable zu der vor⸗ geſchlagenen Ausgleichung durch Heirath zu bewegen. Zum Erſchrecken naͤmlich diente ihr ein vages Gerücht, welches bereits entſtanden war, und welches dahin lautete, der Connetable ſei, mißvergnugt über das franzoͤſiſche Re⸗ giment, in Unterhandlung getreten mit Kaiſer Karl, dem Erbfeinde Frankreichs. Eine Hindeutung, daß der Koͤnig dies Geruͤcht kenne, und bereits näͤher erforſche, mußte dem Connetable die groͤßte Gefahr zeigen, denn er war des Landesverraths ſchuldig, ſobald es ſich beſtaͤtigte. Der ſtaͤmmige, baͤrtige Mann, welcher in unſcheinba⸗ ren Kleidern bei der Herzogin als Connetable, Herzog von Bourbon eingefuͤhrt wurde, ſah indeſſen nicht aus wie ein Mann, der ſo leicht etwas fürchtete, oder leicht ſich ein⸗ ſchüchtern ließe, oder auch den Verfuͤhrungen der Liebe 1 leicht zugänglich ſei. Er war von mittler Groͤße und von jenem Wuchſe, welchen die Franzoſen viereckig, und wel⸗ chen wir vierkantig nennen. Das verbrannte, halb im Barte verſteckte Geſicht hatte grobe Zuͤge, und draͤngte ſich uͤber den Augen finſter zuſammen; als der Diener die Thuͤr oͤffnete, zog der Connetable langſam den breitkraͤmpigen Filzhut, den er gegen die Gewohnheit der damals moder⸗ nen Art ſelten und ungern mit dem Barett vertauſchte, vom buſchigen Haar, und trat langſam und ohne beſonders zu gruͤßen ſporenklingend bis in die Mitte des Zimmers, wel⸗ ches der wohlunterrichtete Diener auf einen Wink der Her⸗ rin ſorgfaͤltig hinter ihm geſchloſſen hatte. Karl von Bourbon war nicht geiſtreich, aber er beſaß die Kraft des Schweigens. Die Herzogin hatte viele Wen⸗ dungen und Worte zu verſchwenden, ehe ſie ihn zu naͤherem Eingehen bewegen konnte, und es wurde dies Eingehen nicht ein freundliches, vertrauliches oder gar zaͤrtliches, wie dies eine Jugendgeliebte, welche noch ſchoͤn in Formen, und welche im einſamen Zimmer allein iſt mit dem Manne früherer, wenn auch nur fluͤchtiger und ſinnlicher Neigung, erwarten konnte, nein, es wurde ein heftiges und zorniges, welches endlich aus dem Connetable ervorbrach wie ein verhaltenes Gewitter. Es wird Euch nimmermehr gelingen, Madame von Angoulème— rief er aus— das Parlament zu juriſti⸗ ſchen Kniffen und ſchreiender Ungerechtigkeit herabzuwuͤr⸗ digen. „Gott bewahre uns auch vor ſolchem Verſuche!“ ent⸗ gegnete ſie. 39 Nun, auf was hofft Ihr denn ſonſt? Koͤnnt Ihr das ſaliſche Geſetz, welches von den fraͤnkiſchen Zeiten her in unſrer Familie herrſcht, koͤnnt Ihr's aus dem Gedaͤchtniſſe des Parlaments und der Franzoſen wiſchen, wie man mit einem Schwamm geſchriebene Worte von einer Tafel wiſcht? „Im Gegentheile, wir wollen das ſaliſche Geſetz zu Ehren bringen.“ Das heißt?— „Der Koͤnig, mein Sohn, wird als ſaliſcher Herr auf⸗ treten. Herzog Peter, Suſanna's Vater, war ja doch ver⸗ maͤhlt mit Anna von Frankreich aus dem koͤniglichen Hauſe, mit ihr zeugte er Suſanna, nachdem im Ehekontrakte ver⸗ ſprochen war“— Was? „Die Bourboniſchen Domainen ſollten an's koͤnigliche Haus fallen, wenn aus dieſer Ehe keine maͤnnliche Nach⸗ kommenſchaft erwuͤchſe. Iſt es nicht ſaliſch, wenn morgen der General⸗Advokat im Namen des Koͤnigs vom Parla⸗ mente das Herzogthum in Anſpruch nimmt?“ Bei dieſen Worten ſtand der Connetable heftig von ſeinem Stuhle auf, und die Hand ausſtreckend, die Lippen offnend, als wollte er etwas Arges ſprechen, blieb er vor der ſitzenden Herzogin ſtehen, und ſeine flammenden Augen ruhten verzehrend auf ihr. Aber er ſprach die Worte nicht aus, die auf der Lippe ſchwebten, und die Herzogin ergriff ſanft ſeine Hand, und bat ihn, ſich wieder zu ſetzen, ruhig zu ſein, ruhig zu pruͤfen; man werde jetzt nicht haͤrter ſein gegen das Haus Bourbon als Ludwig XII. es geweſen, wenn der Chef des Hauſes ſich nicht in feindſeligem Wider⸗ willen vom koͤniglichen Hauſe zuruͤckziehe.— Die ſchoͤne volle Hand der Dame üͤbte noch etwas von ihrer früheren elektriſchen Kraft auf den Connetable, der Zorn entwich ihm, und er kuͤßte die ſtreichelnde Hand. In der That ſtand das Gedeihn oder Nichtgedeihn ſeines ganzen uͤbrigen Lebens auf dem Spiele, bei dieſer Zuſammenkunft. Mehr grollend als zornig warf er dem Koͤnige vor, daß er ihn vernachlaͤſſige, daß er junge unerfahrne Emporkoͤmmlinge wie Bonnivet und Brion mit den wichtigſten Auftraͤgen und Unternehmungen betraue, daß er ihn, die erſte mili⸗ taͤriſche Wuͤrde Frankreichs, daneben in Unthaͤtigkeit und Nichtachtung laſſe, ja daß es im ganzen Reiche nicht einen geringen Diener gebe, dem der Sold ſo unregelmäͤßig aus⸗ gezahlt, ſo hartnäckig vorenthalten werde wie ihm, dem Connetable von Frankreich! „Und doch hat Euch mein Sohn zum Connetable ernannt! Stellt Euch doch nicht ſelbſt ſo herunter, Karl, daß Ihr um Sold fragt und klagt. Dem Diener eben zahlt man, mit dem Freunde des Hauſes rechnet man nicht“— Freund des Hauſes?— Nimmt der Freund dem Freunde Hab und Gut? „Er nimmt es, um das Genommene dem Freunde zu ſchenken—— hat Euch Brion nicht davon geſprochen, wie wir unſere Herzogthuͤmer vereinigen wollen unzer⸗ trennbar, gleich wie jetzt unſere Haͤnde vereinigt ſind? Erſchwert es mir nicht dergeſtalt, Karl, Euch Hand und Gut entgegen zu tragen!“ Madame— 8 3 Das Taſchentuch glitt ihr bei dieſen Worten vom Schooße hinab, und fiel ihr auf den vorgeſtreckten Fuß. Der Connetable war kein galanter Mann, er gehoͤrte nicht zur Renaiſſance der anmuthigen Formen in Ritterſitte, aber er war doch in den Ueberlieferungen des untergehen⸗ den mittelalterlichen Ritterthumes erzogen, und buͤckte ſich nach dem Tuche. Die großen Reiterſtiefeln, welche er unhoͤflich genug zu dem Beſuche nicht abgelegt, erſchwerten ihm das Buͤcken, und er mußte ſich auf ein Knie nieder⸗ laſſen. Die gewandte Dame nahm dieſe Huldigung ſogleich wichtiger auf als ſte gemeint war, legte ihm die Haͤnde auf die Schultern, ſo daß ihre Arme ſein Haar berührten, ſagte ihm einige ſuͤß dankende Worte, und hielt ihn dergeſtalt laͤnger in ſolcher Stellung feſt, als ſeiner urſprüͤnglichen Abſicht gemaͤß und als ſeinem unzaͤrtlichen Blute foͤrderlich war.„Ihr wißt es, Karl“— ſetzte ſie ihr Haupt zu ihm niederbeugend hinzu—„daß mich mein Sohn der Koͤnig wie ein guter Sohn gewaͤhren laͤßt auch in den großen Fragen der Regierung, wir werden zuſam⸗ men, ein gluͤckliches Kleeblatt, das Land beherrſchen, unſre Freunde foͤrdern, unſre Feinde zuͤchtigen!“ Aber Eure Freunde ſind meine Feinde! „Das wird ſich aͤndern; Leute wie Bonnivet werden ſich Euch in anderm Lichte zeigen“— Nimmermehr verkehr' ich in Gutem mit dieſen geleck⸗ ten Emporkoͤmmlingen rief der Connetable aufſpringend. Der Name Bonnivet's, den er grimmig haßte, zerriß mit einem Male das Netz, welches ſich zu ſeinem Vortheile leiſe um ihn ſchlang. Hiermit war alle beginnende guͤnſtige Stimmung zerſtoͤrt. Die Herzogin, welche Bonnivet ebenfalls als einen ihr ſtets gefaͤlligen Liebling und ſchoͤnſten Mann des Hofes lebhaft beſchuͤtzte, war auch aufgeſprungen bei dieſem barſchen Ausdrucke, und erwiderte in der erſten Wallung des Unmuthes dem Herzoge nicht minder em⸗ pfindliche Worte. Rede und Gegenrede wurde immer heftiger: ſie warf ihm vor, daß er durch Aufwand in Gefolge und Schmuck, den er an ſeinen Leuten in's Hofla⸗ ger bringe, den Koͤnig zu uͤberbieten trachte, daß er einen zweiten Koͤnig ſpielen wolle, und damit gerechten Zorn und gerechte Strafe herausfordere. Er erwiderte ungeſtuͤm, daß ihm Niemand darein zu reden habe, daß der Koͤnig ſein Lehnsherr, nicht ſein Souverain ſei, daß die gerechte Strafe, von der zu reden ſie ſich erlaube, nichts ſei als niedrige Rache fuͤr beleidigte Eitelkeit, und daß es ihm nicht im Entfernteſten zu Sinn ſtehe, durch Kuppelei ſeinem guten Rechte etwas zu vergeben. Dies letzte groͤbliche Wort entſchied fuͤr immer: es trieb der Herzogin die Zornesgluth in's Antlitz, und ſie befahl ihm, auf der Stelle aus ihren Augen zu gehen. Moͤge die Lection Euch beſſern! ſagte der ubel berathene Mann noch im Hinausgehen, und befahl dem Ritter ſeines Gefolges, welcher auf dem Korridor ſeiner harrte, die Pferde ſogleich wieder vorführen zu laſſen. Das Geruͤcht uͤber Unterhandlungen, in welche er mit Kaiſer Karl getreten ſei, trieb ihn, ein Zuſammentref⸗ fen mit dem Koͤnige, der von der Jagd zurüͤck erwartet wurde, zu vermeiden; denn er wußte nur zu gut, wie begruͤndet dieſes Geruͤcht war, und wie er hier mitten im Hoflager einer heftigen Wallung des Koͤnigs, welche die Herzogin Louiſe zu erregen nicht ermangeln wuͤrde, preis gegeben ſei. Es gelang ihm nicht, hinwegzukommen: ſchon hatte er den Fuß im Steigbuͤgel, da ſchmetterten die Jagdhoͤrner durch den Thorweg herein, und in der rothen Beleuchtung von Kienfackeln erſchien auf hohem Roſſe Koͤnig Franz. Sieh da, Vetter— rief er— Ihr in Blois! Und wollt ſchon wieder fort? Nicht doch! Seid mir will⸗ kommen! Und bei dieſen Worten war er vom Pferde geſprungen, und hatte dem ſich verbeugenden Connetable die Hand entgegen geſtreckt. Er ließ die Hand nicht wieder los, und ſprach lachend: Ihr ſollt ſogleich dafuͤr beſtraft werden, daß Ihr ſo ſelten kommt, und bei ſeltnem Beſuche ſo eilig entweichen wollt, Ihr ſollt die Spiele, welche meine Schweſter veranſtaltet und welche Euch herbem Kriegsmanne von keinem Reize ſind, Ihr ſollt ſie auf der Stelle mitmachen. Dies ſei Eure Strafe, ſchlimmer Vetter und Lehnsmann!'s iſt eben die Zeit, in welcher meine Margarethe ihre Zunft verſammelt, der Abend iſt windſtill und warm, wir werden ſte im Freien hinter dem Schloſſe finden; gebt mir Euren Arm! So fuͤhrte er den widerſtandsloſen Connetable, der dieſe theils ironiſche, theils gutmuthige Sorgloſigkeit halb um Teufel wuͤnſchte und halb ruͤhrend fand, zum Thore — hinaus und links um die Schloßecke nach jenem heimlichen Plateau hinter dem Schloſſe, welches vom Fenſter der Herzogin Louiſe geſehen wurde. Er war ſehr guter Laune, der Koͤnig, und ſtand damals in voller Bluͤthe jugend⸗ licher Kraft und Pracht, ein hoher, ſchoͤner Mann voll Lebens⸗ und Thatendrang, voll Sinn fuͤr Alles, was Geiſt und Herz beſchaftigen kann. Die vortrefflichen Bilder, welche von ihm auf uns gekommen, und welche alle dem Meiſter⸗Portrait Titian's nachgebildet ſind, ſchildern kei⸗ nesweges den Franz damaliger Zeit, welcher noch in auf⸗ ſteigender Jugend und Köonigsherrlichkeit begriffen war. Im Titianſchen Bilde ſchmeckt ſich ſchon das Anſaͤuerliche ſpaͤterer Sorge hindurch, die erlebten Taͤuſchungen haben ſchon einen leiſen Hohn uͤber die Zuͤge gebreitet, die ſchoͤne Naſe iſt ſchon ſchaͤrfer und groͤßer wie trotzend hervorge⸗ treten, und die Sinnlichkeit um Augen und Mund, fruͤher nur dreiſt, hat im Bilde bereits etwas Freches und Fau⸗ nenhaftes. Der ſtille Platz unter den Nuß⸗ und Ahornbaͤumen hatte ſich artig verwandelt mit der einbrechenden Nacht: Pechpfannen erleuchteten ihn uͤber und uͤber, Teppiche bedeckten den Erdboden, und ein rothſeidenes Zelt, in deſſen Hintergrunde Erfriſchungen aufgeſtellt waren fuͤr das Belieben eines jeglichen hinzutretenden Gaſtes, lockte in den Winkel unter dem Kirchlein. Neben dem Zelte aber ſtand oder ſaß eine Gruppe Damen und Herren, und die Sitzenden, welche nicht auf Stuͤhlen, ſondern auf Kiſſen mehr ruhten als ſaßen, gemahnten den Fremdling an die Märchen⸗Geſellſchaften des Morgenlandes. Wirklich hatte auch dieſe Geſellſchaft einen Zweck, wie Sheherzade's Kreis der tauſend und einen Nacht. Margaretha, des Koͤnigs Schweſter, eine hochgewachſene, wohlgebildete Dame ſaß in der Mitte, und war die Herrin und Seele dieſer Zuſammenkuͤnfte. Sie war eine Frau von gebie⸗ teriſchem und doch lieblichem Ernſte, welche die munterſten Dinge laͤchelnd gewaͤhren ließ, obwohl ſie ſelbſt den ernſt⸗ hafteſten und ſtrengſten Dingen nachtrachtete. Sie war um einige Jahre aͤlter als ihr Bruder, und war durch eine ihr unerwuͤnſchte Vermaͤhlung und durch ein gedanken⸗ volles Naturel frühzeitig zum Verkehr mit Gelehrten und Kuͤnſtlern und zur vorherrſchenden Theilnahme an deren Intereſſe gedraͤngt worden. Damals ſchon wurde ihr ſcherzhaft nachgeſagt, ſie ſei auf Seiten der in Deutſchland und der Schweiz begonnenen Reformation, und der oberflaͤch⸗ liche Sinn wußte es nur nicht zu reimen, wie ein und dieſelbe Dame die Reize des ſinnlichen Lebens und der daraus ent⸗ ſtehenden Kuͤnſte mit Vorliebe ſchildern und doch einer reli⸗ gioſen Richtung zugethan ſein koͤnne, welche all jenen Lebensreizen den Untergang drohte. Darin aber beſtand eben ihr reiches Naturel, daß ſie, ihrem Bruder uͤberlegen, ſolche Gegenſätze friedlich in ſich verbinden konnte. Sie begruͤßte anmuthig die Hinzatretenden und lud ſie zum Sitzen ein.„Unſer wuͤrdiger Freund Duchatel“— ſagte ſie, auf einen alten Herrn deutend, welcher ſich verneigte —„ hat heute zuerſt das Wort, um uns eine Erzählung vorzutragen.“ 3 Es geht alſo heute ernſthaft zu— ſagte hierauf Koͤnig Franz— denn Freund Pierre befaßt ſich nicht mit 46 luſtiger Waare. Ich hoffe, Meiſter Clement, Du wirſt uns ſpaͤter Deine leichtfertigen Dinge nicht vorenthalten! Dieſe Worte waren an einen kleinen, verſchloſſen und liſtig ausſehenden Mann gerichtet, dem der Schalk hinter den leicht beweglichen Naſenfluͤgeln ſitzen mochte, und der ſich bei der Anrede des Koͤnigs außerordentlich tief verbeugte. Der Connetable, welcher in dieſen Kreis ganz dem Alltagsausdruck gemaͤß wie die Fauſt auf's Auge paßte, und welchen in dieſem Augenblicke nichts in der Welt weniger intereſſirte, als ein Geiſtes⸗Turnier mit Erzaͤh⸗ lungen und Phraſen, er war in peinlicher Stimmung. Er kannte Koͤnig Franz von deſſen Jugend auf, er wußte ſehr wohl, daß dieſes jungen Koͤnigs Manieren aͤußerſt ſchwer zu durchſchauen, aͤußerſt ſchwer zu berechnen waren. Nie⸗ mand in der Welt konnte ſagen: dies iſt jetzt des Koͤnigs eigentlichſte Stimmung und Laune und Abſicht; obwohl frank und frei in ritterlicher Geradheit, war Koͤnig Franz doch ein immerwaͤhrender Kuͤnſtler ſeiner ſelbſt, wie er im Allgemeinen eine Kuͤnſtlernatur war durch und durch. Nicht daß er falſch und verſtellt geweſen, nein, aber das ein⸗ fache und gedankenloſe Benehmen war außer ſeiner Natur, er genuͤgte ſich ſelbſt nicht, wenn ſein Verhaͤltniß zu Freund „ und Feind nicht fortwaͤhrend eine mannigfach bedeutungs⸗ volle Form hatte, es gehoͤrte zu ſeiner künſtleriſchen Exi⸗ ſtenz, nach allen Seiten und fortwaͤhrend eine neue, uner⸗ wartete Bedeutung fuͤr ſich ſelbſt zu erſchaffen. In dieſer unberechenbar ſchoͤpferiſchen Laune ſeines Naturels lag der Widerſpruch gegen eine Wiedergeburt des mittelalterlichen — 47 Ritterthums, die er zu bezwecken glaubte. Er hegte irr⸗ thuͤmlich ſolchen Glauben, weil er reicher war als die Vor⸗ ſtellung, die er von ſich ſelbſt und von der Welt zu faſſen wußte. Und wie mußte des Connetables Beſorgniß geſteigert werden, als Peter Duchatel im Beginn ſeiner Erzählung unterbrochen wurde durch die Ankunft eines Mannes, den der Koͤnig zu heimlichem Geſpraͤch ſogleich bei Seite fuͤhrte, und der Niemand anders war als des Connetables Tod⸗ feind, der Admiral Bonnivet. Bonnivet kam ſpornſtreichs aus der Bretagne, wo ihn auf Chateaubriant einer der entgegen geſchickten Boten des Koönigs aufgefunden und eiligſt nach Blois beſchieden hatte. Bourbon war üunterrichtet, daß Bonnivet in der Bretagne geweſen ſei, er hatte, ganz wie die Herzogin Louiſe ange⸗ deutet, ein uͤbles Gewiſſen in Betreff einiger bretoniſchen Edelleute, die mit ihm unter einer Decke gegen den Koͤnig ſpielten, er durfte vermuthen, daß Alles in einem genauen uſammenhange zu ſeiner Lage und Perſon ſtehe, und daß er nur durch Hoflichkeit zuruͤckgehalten werde, bis der Koͤnig den Verrath klar uͤberſehe, um alsdann ſtracks gegen die Perſon des aufruͤhreriſchen Vaſallen zu verfahren. Er blickte einen Augenblick forſchend umher, ob es moͤglich ſei, ſich ungeſehn aus dem laͤſtigen Kreiſe zu entfernen. Aber ſein ſtolz⸗trotziger Sinn haͤtte dies ohnehin nicht geſtattet, wenn auch die Pechpfannen weniger hell geleuchtet haͤtten. Zudem redete ihn die Herzogin Margaretha bereits zum zweiten Male an; er war ſo mit ſeiner Lage beſchaͤftigt, daß er ohne die Vermittelung Meiſter Cléments auch dieſe — — ————— 48 zweite Anſprache uͤberhoͤrt haben wuͤrde, und daß er unpaſſend genug antwortete, auf's Neue verſtoͤrt durch die Ruͤckkehr des Koͤnigs und Bonnivet's zur Geſellſchaft. Kennt Jemand die junge Graͤfin Chateaubriant? ſagte der Koͤnig. Bonnivet ruͤhmt ſie als ein Ideal von Anmuth und Liebenswuͤrdigkeit. Uebertreibt er? Gewiß nicht! erwiderte raſch Meiſter Cléͤment. Du kennſt ſie? Was Du nicht Alles kennſt! Und ich weiß nichts von dieſer ſchoͤnen Blume in meinem Reiche? Graf Chateaubriant gehoͤrt wohl zu den mißvergnuͤgten kleinen Koͤnigen Frankreichs? 4 Alles ſchwieg. Ich hab ihn ſeit der Kroͤnungsnacht in Rheims nicht wieder geſehn.— Ihr werdet ihn wohl kennen, Vetter Bourbon? Nein! erwiderte der Connetable barſch. Nicht?— Und bei dieſem Worte ruhte des Köͤnigs Blick forſchend auf dem Antlitze des Connetables, waͤhrend ſein Mund die gleichguͤltigen Worte ſprach: Wir hoͤren, lieber Duchatel! 4 Peter Duchatel begann auf dieſes Zeichen ſogleich ſeine Erzaͤhlung folgendermaaßen: „Es handelt ſich um die abſonderliche Art Erfindung eines Edelmanns, ſeine Liebe einer Koͤnigin zu erklären, und wie dies ablief. Am Hofe von Kaſtilien war ein Edelmann, ſo voll⸗ kommen an Schoͤnheit und guter Beſchaffenheit, daß man in ganz Spanien ſeines Gleichen nicht finden konnte. Jedermann bewunderte ſeine Vorzuͤge, und noch mehr die — — 49 abſonderliche Faſſung derſelben. Denn man kannte nicht eine einzige Dame, die er geliebt oder ausgezeichnet haͤtte. Und doch waren an dem Hofe ſolche, vor denen Eis ſchmolz. Eliſor hieß jener Nann. Die Koͤnigin, eine Dame von großer Tugend, aber keineswegs von jener Flamme ausge⸗ nommen, die um ſo aͤrger brennt, je weniger ſie ſich zeigt, verwunderte ſich ſehr uͤber Eliſor, und fragte ihn eines Tages, ob er wirklich ſo lieblos wäre, wie es den An⸗ ſchein habe. Koͤnntet Ihr, erwiderte er hierauf, mein Herz ſehn, wie Ihr meine Haltung ſeht, Ihr wuͤrdet mich nicht alſo fragen. Nun wuͤnſchte ſie zu wiſſen, wie er das meine, und draͤngte ihn ſo lange, bis er geſtand, daß er allerdings eine Dame liebe, und zwar ſeines Erachtens die tugendhafteſte der ganzen Chriſtenheit. Aber alle Bitten und Befehle vermochten es nicht uͤber ihn, daß er den Namen dieſer Dame genannt haͤtte, ſo daß die Köonigin that, als ob ſie hoͤchlich erzuͤrnt ſei gegen ihn, und ihm ſchwor, ſie wuͤrde nie wieder mit ihm reden, wenn er den Namen ihr nicht verriethe. Nun blieb ihm denn nichts üͤbrig, als zu wei⸗ chen, und er ſagte nicht ohne Beſorgniß: Madame, wenn Ihr das erſte naͤchſte Mal auf die Jagd geht, werde ich ſie Cuch zeigen, und ich bin uͤberzeugt, daß Ihr ſie fuͤr die ſchoͤnſte und vollendetſte Frau der Welt halten werdet. Auf dieſe Antwort hin ging die Koͤnigin ſo bald als moͤglich auf die Jagd, und Eliſor folgte ihr wie gewoͤhn⸗ lich. Er hatte ſich einen großen Stahlſpiegel machen laſſen in Form eines Küraſſes, ſchnallte ihn vor ſeine Brnſt Laube, Chateaubriant. I. 4 ſſ 50 und bedeckte ihn ſorgfuͤltig mit einem Mantel von ſchwar⸗ zem Fries, welcher aͤußerſt reich verbraͤmt war mit Silber⸗ und Goldtuch. Er ritt ein mauriſch Pferd mit vergol⸗ detem Geſchirr, und zog alle Blicke auf ſich, denn er ritt mit unglaublicher Geſchicklichkeit. Nachdem er die Koͤ⸗⸗ nigin bis an die Jagdtuͤcher gefuͤhrt hatte, ſtieg er ab, um die Koͤnigin vom Pferde zu heben, und bei dieſer Gelegen⸗ heit, da ſte ihm die Arme entgegenſtreckte, oͤffnete er ſeinen Mantel und ſprach: Madame, ich bitte Sie, hierher zu blicken! Und ohne eine Antwort abzuwarten, hob er ſie ſanft auf die Erde. Die Jagd wurde beendigt, und die Koͤnigin kehrte in's Schloß zuruͤck, ohne daß ſie etwas zu Eliſor geſagt haͤtte. Aber nach dem Abendeſſen rief ſie ihn und ſprach, er ſei der groͤßte Luügner von der Welt, denn er haͤtte ihr ja nicht gezeigt, was er doch zu zeigen verſprochen haͤtte. Des⸗ halb werde ſie künftighin gar nichts mehr von ihm halten. Eliſor, fürchtend, die Königin habe nicht verſtanden, was er angedeutet, erwiderte feſt: es habe an ihm nicht gefehlt, denn er habe ihr die Frau gezeigt, welche er am Meiſten liebe. 3 Die Koͤnigin ſpielte die Unverſtaͤndige weiter, und er mußte ſie fragen, was ſie denn in dem Stahlſpiegel erblickt habe?—„Nichts als mich ſelbſt!“ entgegnete die Koͤ⸗ nigin.— Nun, Madame, es wird nie ein ander Bild in meinem Herzen geben, als das, welches Ihr auf meiner Bruſt geſehen habt, und dies Bild will ich lieben, verehren und anbeten, nicht wie eine Frau, ſondern wie Gott auf Erden, in deſſen Haͤnde ich Leben und Tod befehle. Laßt 51 meine große Neigung, die mein Leben war, ſo lange ich ſie verborgen trug, nicht meinen Tod ſein, da ich ſie enthuͤllt— Die Koͤnigin, ſei's um ſich zu verſtellen, ſei's um ihn zu pruͤfen, oder ſei's, daß ſie eben noch eine andre Neigung hegte, erwiderte hierauf mit einem Antlitz, welches weder erzuͤrnt noch befriedigt ausſah, Folgendes: Eliſor, ich will nicht fragen, welche Thorheit Euch bewogen hat, eine ſo hohe und ſchwierige Zuverſicht zu faſſen— ich moͤchte nur wiſſen, wie lange Ihr dieſe Neigung ſchon in Euch tragt? Eliſor durfte von ihrer ernſten und wuͤrdevollen Hal⸗ tung nicht viel Gutes hoffen, und ſagte ſchuͤchtern, daß ſchon von früͤher Jugend auf dieſe Liebe in ihm Wurzel geſchlagen habe, ohne ihm jedoch Schmerzen zu machen. Seit ſieben Jahren aber waͤre es ihm, nicht eine Pein, ſondern eine Krankheit ſo reich an Genuͤge, daß er die Ge⸗ neſung fuͤr den Tod erachten muͤßte. Da dem alſo iſt, ſagte die Koͤnigin, und Ihr ſchon eine ſo große Feſtigkeit bewieſen habt, ſo darf ich nicht leicht⸗ ſinniger im Glauben ſein, als Ihr im Geſtaͤndniſſe geweſen ſeid. Ich will alſo eine Wahrheitsprobe verſuchen, deren Ausgang keinen Zweifel uͤbrig laͤßt, und nach beſtandener Probe werde ich Euch fuͤr den annehmen, fuͤr welchen Ihr Euch ſelbſt ausgebt. Finde ich Euch alſo ſo, wie Ihr ſagt, ſo werdet Ihr mich finden, wie Ihr begehrt. Eliſor bat ſehr um die Beſtimmung dieſer Probe, denn es ſei ſeiner Liebe nichts zu ſchwer! Alſo, ſprach ſie, ſollt Ihr von morgen an dieſen Ort und dieſe Geſellſchaft verlaſſen und an einen abgelegenen Ort gehn, der in keinerlei Verbindung iſt mit meinem Aufent⸗ 4* haltsorte, ſo daß Keines Nachricht von dem Andern haben kann ſieben Jahre lang.— Ihr habt an Euch ſchon die Probe von ſieben Jahren gemacht, und wißt daher, daß Ihr mich liebt, wenn ich nun auch ſieben Jahr zur Probe habe, dann werd' auch ich wiſſen, was ich zu wiſſen und zu glauben habe. Eliſor, im Begriff, ſich darein zu ergeben, ſetzte nur hinzu: Aber Madame, welche Hoffnung gebt Ihr mir, mich nach Verlauf der ſieben Jahre als treuen Diener anzuerkennen? Hier, ſagte die Konigin, indem ſie ihm einen Ring reichte, brecht ihn entzwei, ich werde die eine Haͤlfte, Ihr die andre bewahren, damit— wenn etwa die lange Zeit mir Euer Antlitz aus dem Gedaͤchtniß braͤchte— ich Euch an dieſer Ringhaͤlfte erkenne. Eliſor zerbrach den Ring, und ſchied mehr todt als lebendig, ruͤſtete ſeine Abreiſe, verabſchiedete all ſeine Leute, und verſchwand mit einem einzigen Diener dergeſtalt, daß Niemand ſieben Jahre lang eine Spur zu ihm wußte. Sieben Jahre! Wer da liebt, mag ermeſſen, welch ein Zeitraum dies iſt. Und dieſe ſieben Jahre waren mit der Minute um, da ging die Koͤnigin zur Meſſe, und es trat zu ihr ein Eremit mit einem großen Barte. Ihr die Hand küſſend uͤberreichte er eine Bittſchrift, die ſie nicht augenblicklich naͤher betrach⸗ tete, gewohnt wie ſie war, dergleichen taͤglich zahlreich ent⸗ gegen zu nehmen und daheim zu erledigen. Doch offnete ſie dieſe inmitten der Meſſe, und fand darin die Haͤlfte des Eliſorſchen Ringes. Sie war ſehr erſtaunt und nicht 53 minder erfreut, und ohne zu leſen, was in dem Briefe ſtand, befahl ſie ſogleich ihrem Almoſenier, den Eremiten holen zu laſſen. Der Almoſenier ſuchte uͤberall und uͤberall, konnte aber nichts weiter ausfinden, als daß der Eremit weggeritten ſei, es wiſſe Niemand, wohin. Da es lange dauerte, eh' der Almoſenier dieſe uner⸗ wuͤnſchte Gewißheit zu berichten hatte, ſo las die Koͤnigin unterdeß, was neben der Ringhaͤlfte geſchrieben ſtand, und dieſes klang denn folgender Weiſe: „Die Zeit hat wunderbare Kraft, Sie hilft ſelbſt uͤber Leidenſchaft; Denn ſie noͤthigt zur Pruͤfung der Dinge Und zeigt, was halte, und was ſpringe. So pruͤft' ich mein Herz im innerſten Triebe, Was der Grund wohl ſei von meiner Liebe, Und mußte mir denn wohl hald bekennen, Cure Schoͤnheit ſei's, um's Ueim Namen zu nennen, Schoͤnheit, von Grauſamkeit nicht zu trennen! Die Grauſamkeit aber ſei nicht boͤſe, Denn ſie ſei's allein, die mich erloͤſe: Sie ließ mich die Schoͤnheit nicht mehr ſehn, Und ſo war's um die Macht der Schoͤnheit geſchehn. Fuͤr die Schoͤnheit ſind auch der Jahre ſieben Noch nirgends ohne Nachtheil geblieben; Mir aber ſind ſie zu Statten gekommen, Sie haben mir alle Unruh genommen, Und mich daruͤber aufgeklärt—: Daß eine Frau, die ſo ſich wehrt, Die ſo erprobet und verſchiebt, Daß ſolche Frau, Madame— n icht liebt. Nach ſiebenjäͤhr'ger Pruͤfungsfriſt Denn alſo nichts zu ſagen iſt, Als dies: Auf Nimmerwiederſehn, Madame,'s iſt Viel zu Viel geſchehn, Ob wir uns meiden oder ſehn, Madame, auf Nimmerwiederſehn!““ Dieſer Brief ward nicht ohne großen Thraͤnenſtrom und großes Erſtaunen geleſen, dem ein unglaubliches Be⸗ dauern folgte, denn der Verluſt eines ſolchen Mannes ſchien ihr jetzt ſo außerordentlich groß, daß ſie ſich trotz ihrer Koͤnigskrone wie die aͤrmſte Frau des Reichs vorkam, weil ſie das Beſte verloren habe, und verloren durch eigene Thorheit. Sie legte tiefe Trauer an; kein Thal, keine Hohle, kein Buſch, kein Strauch blieb undurchſucht, um den Eremiten aufzufinden— es war umſonſt, und die ſchoͤne Koͤnigin hatte ihr Spiel verloren.“ Die Geſchichte ſpielt wohl in fruͤher Zeit, Duchatel 2 fragte der Koͤnig. Wegen der ſieben Jahre, ſchalt Meiſter Clément ein, und der Koͤnig lachte ſehr. Clément, Clement, ſetzte er hinzu, Du wirſt alle Tage ſchlimmer, oder willſt Du nur die boͤſen Zungen, welche Dich ketzeriſcher Gedanken zeihn, Lugen ſtrafen? Ich hoffe nicht— nahm die Herzogin Margareth das Wort— ein Dichter wie Clément Marot werde die Moͤg⸗ lichkeit einer dauernden Treue bezweifeln! Aber, Margareth, ſteben Jahre! und nicht in wach⸗ ſender Jugendzeit, nein, in voller Fülle der Kraft und des Verlangens und mit der Erkenntniß, wenn der Termin verſtrichen, dann ſei auch unſre beſte Lebenskraft bereits im Abnehmen begriffen, nein, Schweſter, das iſt uͤber die Ritterlichkeit hinaus, das iſt thoricht: Papa Lascaris, 55 was ſagte man in Griechenland und Rom zu ſolcher Liebe? Daſſelbe, was Du ſagſt, o Koͤnig! erwiderte hierauf der ſchneeweiße Alte, welcher noch ein Fluͤchtling vor den eindringenden Tuͤrken die Alterthumskunde aͤcht nach dem Abendlande gebracht, welcher Guilläume Bude, die Stuͤtze derſelben in Frankreich, ſelbſt unterrichtet hatte, und wel⸗ cher vom Koͤnige Franz auf das Sorgfaͤltigſte gepflegt und ausgezeichnet wurde. Um ſo ſorgfſaͤltiger hielt er dieſen griechiſchen Weiſen im Ange, ſeit ihm plötzlich vor einigen Jahren ſein geliebter Leonardo da Vinci einige Meilen unterhalb Blois an der Loire, bei Amboiſe zum Tode er⸗ frankt, ja in ſeinen Armen verſchieden war. Dieſer Ge⸗ Lankengang erinnerte ihn an Budé, und er fragte eilig Bonnivet, ob er jenem auch vollſtaͤndige Abwartung ſeiner Fußwunde auf Chateaubriant empfohlen habe. „Das hab ich zwar nicht, gnaͤdiger Koͤnig“— Du biſt und bleibſt doch der leichtſinnigſte Menſch— „Aber der wißbegierige und vorgebildete Geiſt der jungen Graͤfin ſchien ihn ſo zu feſſeln“— Alſo ſte hat auch ſolchen Geiſt? „Sie unterhielt ſich mit ihm wenigſtens uͤber eitel ſchwierige Dinge, und fand kein Ende mit Fragen, ſo daß ich wohl begreife, wie dem einfachen bretoniſchen Grafen dabei Angſt werden kann.“ Das klingt immer beſſer, wenn wir Zeit behalten, wollen wir morgen oder uͤbermorgen ein Paar Pferde dran ſetzen— ah, unſre Mutter, Margareth! — — Der Koͤnig und deſſen Schweſter und mit ihnen die ganze Geſellſchaft erhob ſich, die Herzogin zu begruͤßen, welche von einigen Pagen begleitet, heranſchritt. Koͤnig Franz umarmte ſie, und Bourbon ſah mit Entſ etzen, daß ſie, den Koͤnig feſthaltend, heftig, wenn auch leiſe in ihn hineinredete, und dabei wiederholt mit ſchießenden Blicken die Geſtalt des Connetable aus der Geſellſchaft heraus⸗ ſuchte. Es war ihm unzweifelhaft, daß der Hohepunkt der Gefahr vorhanden ſei. Wirklich wandte ſich auch Koͤnig Franz jaͤhlings zu ihm mit der Frage: Und was meint Ihr, Connetable, zu ſieben Jahren achter Treue? Der Connetable, nicht raſch von Gedanken, aber feſt von Muthe, antwortete nicht ſogleich, ſondern beſann Ich bin auch in dem Falle, fuhr der Koͤnig fort, jetzt nach ſieben Jahren Rechnung abzuſchließen mit meinen Getreuen oder— Nichtgetreuen. Koͤniglicher Vetter, ſprach langſam und deutlich Bour⸗ bon, wenn das Verhaͤltniß richtig begrüͤndet und von beiden Seiten gerecht behandelt iſt, da dunken mir ſieben Jahre Treue nicht mehr zu ſein als ſiebzig Jahre, und wo der Grund und die Gerechtigkeit fehlen, da iſt der ſchwuͤchere Theil nicht ſieben Stunden ſicher, und er lebt nicht mehr in Zuverſicht, ſondern iſt bloßer Laune preisgegeben. Bravo, Vetter, ſprach haſtig Margareth, Ihr kommt als geſunder Krieger unſern ſchwankenden Troubadours zu Hilfe. Setzen wir uns wieder, und Meiſter Clément, der darauf zu harren ſcheint, ergreife das Wort. 57 Ohne Seitenſpruͤnge, Clement, rief der Koͤnig, den der Anblick Marot's immer zu erheitern ſchien, laß eine Deiner nichtswuͤrdigen Geſchichten heraus. Unmoraliſch ſind ſie doch alle, ſorge dafuͤr, daß wir wenigſtens lachen koͤnnen, denn es iſt ſchlechte Zeit. „In der gaskoniſchen Grafſchaft Aleth“— begann Clément Marot mitegroßer Ernſthaftigkeit,„hatte Einer Namens Bornet eine anſtaͤndige Frau geheirathet, und er liebte deren Ehre und guten Ruf, wie dies allen Ehemaͤn⸗ nern eigenthuͤmlich ſein ſoll. Er ſelbſt indeſſen wuͤnſchte ſein Nebenvergnuͤgen; denn dafuͤr bin ich der Mann, pflegte er zu ſagen, mir ſteht mehr zu. Dies Nebengeluͤſt richtete er auf das Kammermaͤdchen ſeiner Frau; aber dies war ein ordentliches Maͤdchen, und er war kein beſonderer Held. Er hatte zum Beiſpiel den ſehr ſchlimmen Fehler, daß er ſeinem Nachbar, der ein Schneider und ſein vertrauter Freund war, Alles erzaͤhlen mußte, was er vorhatte. Dies ſoll nie von Nutzen ſein, und dieſer Schneider und Freund war noch obenein juͤnger als er, und ließ ſich von ihm ver⸗ ſprechen, daß er ihm auch etwas von Liebkoſung ablaſſen müſſe, wenn er ſich hinreichend an dem ſchoͤnen Maͤdchen geletzt habe. Das will ich wohl thun, ſprach Bornet, und ſie gaben ſich die Hand darauf. Aber das Maͤdchen blieb ganz andrer Meinung und ging zu ihrer Herrin und ver⸗ rieth ihr, wie ſie von ſolchen unerlaubten Nachſtellungen des Hausherrn gepeinigt werde! Madame Bornet war ſehr betreten, und wuͤnſchte ihren Gemahl hl zu heilen von ſolcher Verirrung. Sie ſagte alſo zu dem Maͤdchen: Du biſt ſehr brav, und es ſoll Dein Schade nicht ſein, aber mit der Groͤblichkeit erſticken wir Dergleichen nicht! Zeige Dich jetzt von Tage zu Tage geneigter, und erlaube ihm endlich, Nachts in Dein Zimmer kommen zu duͤrfen. Aber ſag mir genau, an welchem Tage Du das gethan, und mache aus, daß er nicht ein Wort ſprechen duͤrfe, weil ich es hoͤren kam, und Bornet und ſein Freund der Schneider waren der beſten Dinge und thaten ſich guͤtlich. Die tugendhafte Hausfrau aber entließ, waͤhrend die Maͤnner zechten, das brave Maͤdchen aus der Hinterthüͤr, damit ſie zu den Ihri⸗ gen auf's Land hinaus gehn koͤnne, und erwartete ihren leichtſinnigen Gatten im Zimmer des Maͤdchens. Er kam denn auch, verhielt ſich der Vorſchrift gemaͤß ganz ſchweig⸗ ſam, und ſchied inmitten der Nacht ſehr gluͤcklich von ihr, ohne ein Wort zu ſagen. Er wußte, daß ſein Freund der Schneider mit Ungeduld wartete, und ließ dieſen ein. Die Frau war der Meinung, er kehre wieder, und widerſetzte könnte. So that Weiete und der beſtimmte Abend ei ſich nicht, als ihr dieſer beim Scheiden den Ring vom Fin⸗ ger ſtreifte, auf den die Ehefrauen dortiger Gegend ſehr viel halten, und woran ſich maͤchtiger Aberglaube knuͤpft. Sie dachte, juſt mit dem Ringe will ich ihn morgen ſchoͤn aufziehn, den Boͤſewicht! Als Bornet ſeinen Freund, den Schneider mit dem Ringe kommen ſah, ging ihm ein ſchreckliches Licht auf, denn er haͤtte dieſen Ring aus tauſenden heraus erkannt, und er lief mit dem Kopfe gegen die Wand und ſchrie: O, ich unglaublicher Eſel! Wie denn? ſagte ſein Freund der Schneider. 59 Was alle Welt wie den hoöchſten Schatz behutet, das hab ich ſelbſt— nein, es giebt keinen dummern Menſchen auf Erden! Aber wie denn, Bornet? Wie denn! Wie denn! Gieb her den Ring, und pack 6 Dich zum Teufel!“ SHoͤr' auf, Clement, rief unter ſchallendem Gelaͤchter ſaͤmmtlicher Maͤnner Koͤnig Franz, Du verdirbſt die Ju- gend— was iſt? 1 Ein Courier aus Italien, berichtete ein Sekretair und uͤberreichte dabei das Paket, iſt ſo eben mit Depeſchen an⸗ 6 gekommen, die als ſehr dringend bezeichnet ſind! Der Koͤnig riß ſie haſtig auf, und als er einige Zeilen davon geleſen hatte, ſtieß er einen unartikulirten Ruf aus, und ſtampfte mit dem Fuße, ſo ſchmerzlich wie grimmig ausrufend: O Lautrec! Lautrec!. So rief Auguſtus: Varus, Varus, gieb mir meine Legionen wieder! fluͤſterte Marot zu Duchatel. Der Koͤnig, auch fuͤr ſich kuͤnſtleriſch maͤchtigen Sinnes, V und wohl im Stande, ſich zuſammen zu halten, hatte die Worte gehoͤrt, und blickte auf Marot, halb zerſtreut, halb im fortgaͤhrenden Grimme uͤber die Nachricht, ſo daß dem vorlauten Dichter uͤbel zu Muthe wurde— Was iſt, mein Sohn? rief die Herzogin von Angou⸗ lème. Was iſt? Italien iſt verloren, weil Lautrec keine Un⸗ terſtuͤtzungen geworden ſind; die Aufgabe meines Lebens iſt geſcheitert. Wehe dem, der kein gut Gewiſſen, und Lau⸗ trec im Stich gelaſſen hat, ich werde ein unerbittlich Ge⸗ 60 richt halten und Niemand ſchonen, traͤfe die Strafe auch meine eigene Mutter! Die Herzogin Louiſe erbebte ſichtlich, und wollte ſpre⸗ chen, der Koͤnig machte aber eine ſo entſcheidende Bewew⸗ gung, daß Alles ſich auf der Stelle entfernte, und er allein 3 blieb an dem zu luſtiger Rede erleuchteten und geſchmuͤckten Orte— Connetable von Frankreich! rief er ploͤtzlich, und die⸗ ſer, welcher ſich eilig in der beſtuͤrzten Menge fortdraͤngte, war genoͤthigt, zuruͤckzukehren. Der einen halben Kopf hoͤher gewachſene Koͤnig ſtand mit untergeſchlagenen Armen mehrere Minuten ſtumm vor dem der Anrede gewaͤrtigen Kriegsmanne, und begann endlich mit langſamer Betonung folgende Worte: Connetable, es liegen die uͤbelſten Zeugniſſe gegen Euch vor— Ihr ſteht mit Kaiſer Karl in Verbindung— Der Connetable ſchwieg. 1 So ſagen die Zeugniſſe. Als Connetable des Reichs, als Prinz des koͤniglichen Hauſes haͤttet Ihr damit Ehre, Land und Leben verwirkt. Ihr thut wohl, nicht darauf zu antworten, denn ich hoffe, Ihr koͤnnt nicht luͤgen— Koͤniglicher Herr— Laſſen wir das! Ihr ſeid uͤbel behandelt worden, Ihr ſeid gereizt worden, man hat gefehlt auch von koͤniglicher 4 Seeiite. Wir wollen einen Schleier werfen uͤber die letzten Monate und Schritte, wir wollen Beide gut machen, was 1 wir ſchlimm gemacht, die Ehre und Groͤße Frankreichs iſt in Gefahr, ſei ein wuͤrdiger Bourbon, und zieh das Schwert des Connetables, um es nicht eher wieder einzuſtecken, bis —— —,— 61 wir am Po unſre ſiegreichen Lilien aufgepflanzt haben. Sammle Deine Truppen, und erwarte mich mit ihnen in Lyon. Biſt Du bereit? Zu Eurem Dienſt, mein Koͤnig! Der Koͤnig reichte ihm die Hand, und ſie gingen nach dem Schloſſe, welches Bourbon fuͤnf Minuten darauf mit ſeinem Gefolge verließ. 3. Dieſe Verſoͤhnung war bereits nicht mehr moͤglich gewe⸗ ſen: Bourbon fand auf ſeinem Schloſſe Chantelle ſchon zum zweiten Male den deutſchen Grafen Reuß mit Vollmacht, die gereiften Unterhandlungen zu einem feſten Vertrage abzuſchließen. Er verließ ſich nicht auf die großmuͤthigen Wallungen ſeines Köoͤnigs, er hatte zu tief hineingeſehn in den boͤſen Willen der Valois, und glaubte einer dauernden ſichern Exiſtenz im Bunde mit ihnen nicht mehr verſichert ſein zu duͤrfen, er ſchloß den Vertrag mit dem Grafen Reuß. Darin verſprach er, im Bourbonnais, in der Auvergne, in der Marche, im Forez, Beaujolais, den Domainen, welche ihm der Köoͤnig beſtritt, und in allen Provinzen, in welche er reichen koͤnne, Vorbereitungen zum Kriege gegen den Koͤnig zu treffen, waͤhrend eine ſpaniſche Armee nach der Gaskogne und dem Languedoe, eine engliſche und nieder⸗ laͤndiſche nach der Picardie, eine deutſche nach Burgund dringen ſollte. Die Bourboniſchen Domainen ſollten mit dem Lyonnais, Dauphine und der Provence zu einem Koͤ⸗ nigreiche für ihn errichtet, und das ubrige Frankreich ſollte getheilt werden zwiſchen Kaiſer Karl und Koͤnig Hein⸗ rich VIII. von England, welchem der Titel eines Koͤnigs von Frankreich zufiele. Franz hatte ſchon in Blois einige vage Andeutungen von dieſem gefaͤhrlichen Pakt gehabt, und ſeine Mutter hatte ihm an jenem Abende mitgetheilt, daß der Großſene⸗ ſchal der Normandie, Herr von Breze, ihr geſchrieben, zwei Seigneurs haͤtten in der Beichte ausgeſagt, ein wichtiger Mann von koͤniglichem Blute habe ſie angeworben gegen den jetzigen Beſtand des Staates. Aber Franz hielt es ſei⸗ nem Naturel gemaͤß fuͤr beſſer, Dergleichen durch ritter⸗ liches Vertrauen im Keime ſelbſt zu erſticken, und hatte vor ſeiner Abreiſe nach Lyon nur den Befehl hinterlaſſen, jene Seigneurs zu fangen und an ſeine Mutter zu ſenden. Er ſelbſt aber ging mit gutem Geleite nach dem Bourbonnais, und uͤberraſchte den Connetable in Moulins. Hier wieder⸗ holte ſich die Scene von Blois, nur mit dem Unterſchiede, daß der Konig freier mit der Sprache herausging, und ihm fuͤr den Fall des Unrechts Verzeihung, und, der Prozeß moͤge vom Parlamente entſchieden werden wie er wolle, das ſichere Eigenthum der Bourboniſchen Herrſchaft zu⸗ ſicherte. Es war zu ſpaͤt; Bourbon konnte nicht mehr zu⸗ ruͤck, und konnte auch verſichert ſein, daß kein Verſprechen im Voraus ihn vor aͤrgſter Strafe des Koͤnigs retten koͤnne, wenn der Vertrag ſelbſt jemals aufgedeckt wuͤrde. Er that alſo ſeinem harten Charakter alle moͤgliche Gewalt an, ſich 63 eingehend zu beweiſen, geſtand, daß ihn der Kaiſer ge⸗ ſucht habe, daß er aber auf nichts eingegangen ſei, ent⸗ ſchuldigte ſich mit augenblicklichem Unwohlſein, welches allein ihn hindere, auf der Stelle mit dem Koͤnige nach Lyon außzubrechen, verſicherte aber, in einigen Tagen bei ihm einzutreffen in Lyon. So ſchieden ſte. Der Koͤnig ließ einen Edelmann zur Aufſicht und zum Antreiben zuruͤck, und Bourbon machte ſich wirklich langſam auf den Weg. In La Paliſſe aber riß er das Netz, und kehrte ſtracks uͤber den Allier zuruͤck nach ſeinem Schloß Chantelle, dem Koͤ⸗ nige ſagen laſſend: er werde ihm dienen bis an den Tod, wenn er flugs ihm die Bourboniſchen Domainen wieder gaͤbe und den Prozeß niederſchlage.— Es war die hoͤchſte Zeit fuͤr ihn geweſen: eben hatten die Boten der Herzogin Louiſe und des Kanzlers Duprat dem Koͤnige die ausführlichen Geſtaͤndniſſe jener Seigneurs Matignon und Argouges, welche in Blois auf Leib und Leben verhoͤrt worden waren, nach Lyon gebracht, und der Koͤnig ließ bereits Truppen gegen Bourbon marſchiren, eh' deſſen Brief von Chantelle nach Lyon kam. Der Conne⸗ table war im Handumkehren daran, auf ſeinem Schloſſe belagert zu werden, mußte uͤber Hals uͤber Kopf ſeine An⸗ haͤnger entlaſſen und nach entfernten Rendezvous⸗Plaͤtzen vertheilen, und ſelbſt mit einem Begleiter, dem Seigneur von Pomperant, und zwar als deſſen Diener, hinauf in die Berge der Auvergne entfliehen, um ſpaͤter unter tauſend⸗ facher Gefahr wieder zuruͤck uͤber den Rhone durch's Dau⸗ phiné nach Savoyen zu entweichen. War nun auch vor dem Anſehn und der Naͤhe könig⸗ licher Macht dieſer furchtbar angelegte Aufruhr wunderbar ſchnell unmaͤchtig geworden, ſo war doch dies Gelingen da⸗ mals nicht ſogleich zu überſehen, und die ſcheinbar noch unſichre Lage noͤthigte den Koͤnig, vom perſoͤnlichen Zuge nach Italien abzuſtehn. Von außen ferner hatte der ange⸗ legte Aufruhr rings herum die drohendſten Wetterwolken fuͤr Frankreich zuſammen gezogen, und kein Menſch mochte damals beſtimmen, bis zu welchem Grade dies ohne Scha⸗ den fuͤr das Koͤnigreich abzuwenden ſein werde. Eins aber bekuͤmmerte Koͤnig Franz uͤber Alles: die Untreue und der Verrath des maͤchtigſten Pairs der Krone, des Vetters, des Waffenbruders, des ſchlichten Mannes, der ſchon inmitten des Trugs ihm Anhaͤnglichkeit geheuchelt! Dieſer ſchreiende Widerſpruch gegen die Wiedergeburt einer Ritterswelt, wie ſie Leben und Seele des Koͤnigs beſchaͤftigte, dieſe Fe⸗ lonie beſtuͤrzte ihn außerordentlich. Er war kein ſo zerglie⸗ dernder Denker, daß er ſich jemals das ihm ſelbſt inwoh⸗ nende moderne Element, das Element des Wechſelluſtigen, in allen moͤglichen Folgerungen vorgeſtellt häͤtte; dies wuͤrde ihm die Idee ſeiner eignen ganzen Lebensexiſtenz ſehr erſchwert, dieſen vorliegenden Fall aber ſehr erleich⸗ tert haben. Ohne dieſe Ueberſicht zu gewinnen, war er melancho⸗ liſch nach Blois zuruͤckgekommen, und hatte ſich gegen Ge⸗ wohnheit allein in ſ ein Gemach zuruͤckgezogen. Der Diener hielt ihn fuͤr krank, und da ihm der Septemberabend ohne⸗ dies ein wenig kühl vorkam, ſo machte er ein knatternd Feuer in dem Kamine, welcher nach damaliger Sitte eine 65 große, den Eintritt geſtattende Niſche des Zimmers bildete. Der Koͤnig ſaß lange einſam im Schimmer dieſer Flamme, und ſtarrte truͤbſinnig hinein.— Als endlich der Diener fragte, ob der Koͤnig zur Abendtafel groͤßere oder kleinere oder gar keine Geſellſchaft befaͤhle, fragte nach einigem Beſinnen der Koͤnig zuruͤck: Wer iſt hier in Blois von mei⸗ nen gelehrten Herrn? Iſt Kanzler Budeé gekommen, und noch nicht nach Paris? Zu Befehl, Majeſtaͤt, er iſt heut gekommen und noch hier. Ah, ſchoͤn. Alſo Er— wer iſt ſonſt noch da? Se. Hochwuͤrden, der Herr Biſchof von Tulle und Ma⸗ con, Herr Pierre Duchatel, der mit Ew. Majeſtaͤt zuruͤckge⸗ kommen.— Natuͤrlich! Herr Jean Juſte, der Sculpteur, und Herr Jean Cou⸗ ſin, der Maler, die morgen nach Paris gehn, und zuſammen mit Herrn Primatice reiſen wollten, der nach Fontainebleau will.— Primatice iſt noch da? Schoͤn! Und— Herr Lascaris, Herr Marot— Marot laß weg, bin heute nicht luſtig, doch nein, warum nicht! und vorher beſtelle mir den Kanzler des Parlaments, Herrn Duprat hierher! So wie er dies geſagt, nahm er Papiere, welche auf dem Tiſche lagen, und ging ſie ſorgfaͤltig durch. Es war eigenthuͤmlich an ihm, daß er eine große Kunſt des Ueber⸗ blicks in allen Geſchaͤften hatte, und daß er ſich ununterbro⸗ chen beſchaͤftigt hielt, wenn auch keineswegs immer mit Laube, Chateaubriant. 1. 5 Staatsangelegenheiten. Langeweile kannte er nicht; etwas lernen, oder etwas thun, oder etwas genießen zu jeder Stunde, war ihm Beduͤrfniß, deshalb waren immer Kuͤnſt⸗ ler und Gelehrte um ihn, er mochte treiben was er wollte, und wenn er auf der Jagd umher ritt. Man ritt doch hie und da langſam, und da knuͤpfte er ein Geſpraͤch an, oder es gab einen Halt, da wurde es verbreitet und erſchoͤpft. Und gar beim Mahle! Das wuͤrzten ihm ſeine Gelehrten, wie er ſie kurzweg alle nannte. Er verbrauchte deren außer⸗ ordentlich viele, weil er jeden neuen ſo lange ausfragte und gleichſam preßte, bis er nichts mehr von ihm zu gewinnen glaubte. In dieſem Betrachte hielt er Duchatel ſehr hoch, den er lange Zeit als Vorleſer benutzte und von dem er zu ſagen pflegte, es ſei der Einzige, deſſen Wiſſen er nicht in zwei Jahren erſchöpft habe.— Allerdings verwendete er auch gar viel Zeit auf ſeine Neigungen, aber dieſe Zeit hielt er am allerwenigſten fuͤr verloren. Leb' ich nicht dann erſt ganz, wenn ich genieße! rief er aus; alles Uebrige hilft mir dazu: je mehr ich kenne, je mehr ich weiß, deſto mehr hab ich Anknuͤpfung und Mittel zum Genuſſe, deſto eher er⸗ halte ich mir die Geſundheit an Leib und Seele, dies uner⸗ laͤßliche erſte Beduͤrfniß zum Genuſſe.— Bei alle dem war der Verkehr mit ihm nicht leicht, weil er raſches oder doch charaktervolles Eingehn auf ſeine Anregungen heiſch⸗ te, und ſchwankende Unſicherheit oder Halbwahrheit groͤb⸗ lich bei Seite ſtieß, und weil er Richtungen, die ſeinem Ge⸗ ſchmacke abſeits lagen, leicht mit gleichguͤltiger Gering⸗ ſchaͤtzung behandelte. In ſolcher Gefahr, welche Duchatel immer abzuwenden ſuchte, war von den oben Genannten Jean Couſin, ein ſehr mannigfaltiger Kuͤnſtler, in Mannig⸗ faltigkeit der einzige Franzoſe, welcher dem genialen Ita⸗ liener Primatice die Wage zu halten begann, denn er war wie dieſer Maler, Baumeiſter und Geometer in einer Per⸗ ſon, und nur die Skulptur und den feineren Geſchmack hatte der Fremde vor ihm voraus. Couſin, der von der Glas⸗ zur Oelmalerei uͤberging, war von uͤberkraͤftigen Vorſtellungen im Geiſte Michel Angelo's, und dies Ungeheuerliche war dem Sinne des Koͤnigs, der Raphael thurmhoch uͤber Alles ſtellte, nicht genehm.„Der Menſch iſt das groͤßte Kunſt⸗ werk, Jean,“ ſagte er oͤfters zu ihm,„verlaß nicht deſſen Ausdehnungen und Kreiſe.“ Couſin malte bei den Mini⸗ men in Vincennes das juͤngſte Gericht, und beſchwerte ſich, daß ihn der Koͤnig ſeltner als Andre beſuche.„Warum malſt Du Hoͤllenfratzen, die mir die Phantaſie verunreini⸗ gen, ſtatt zu laͤutern!“ erwiderte er ihm darauf. Ungefaͤhr ſo viel Zeit, als dieſe Worte einnehmen, mochte vergangen ſein, da trat Duprat unter tiefer Ver⸗ beugung in's Zimmer. Der Koͤnig ſah auf, und las dann weiter, bis die Schrift ganz zu Ende war. Deine Darſtellung der Verſchwörung, Duprat, iſt ſehr klar gefaßt, und Deine Maßregeln, Dich ihrer zu bemaͤch⸗ tigen, ſind ſehr geſchickt geweſen. Ich danke Dir.'S iſt abſcheulich, daß ſo tiefe Nichtswuͤrdigkeit moͤglich iſt, und unſre Zeit und Thaͤtigkeit in Anſpruch nimmt. Um ſo we⸗ niger Umſtaͤnde will ich damit machen, es muß den Seig⸗ neurs Dergleichen auf ewige Zeit verleidet werden. Die ſolcher Felonie uͤberführt ſind ſollen ſchmaͤhlichen Todes ſterben. Du haſt ihrer hier in Blois? 5*† Zu Befehl, Majeſtaͤt, und ich muͤßte unterthaͤnigſt be⸗ merken, daß ich zweien, die ich als Werkzeuge der Ent⸗ deckung benutzt, denen von Matignon und von Argouges des Koͤnigs Gnade verſprechen mußte, um ſie redſelig zu machen. Das Verſprechen iſt Deine Sache, die Gnade oder Ungnade iſt mein. Wer iſt der dritte? Jean von Poitiers, dem nichts verſprochen iſt. Eure Majeſtaͤt wiſſen, daß ich nicht weich und milde bin, aber es iſt wegen der Zukunft— Man wird in Zukunft nicht mehr Dergleichen wagen, wenn man die raſchen bittern Folgen einmal geſehn. Und thaͤten Ew. Majeſtaͤt nicht beſſer, um aller Ver⸗ antwortung baar zu ſein, Verhandlung und Urtheil, wie es der Sache angemeſſen iſt und vom Lande erwartet wird, dem Parlamente zu uͤberweiſen. Damit ſie verſchleppt werde in's Nachdruckloſe, denn dies Parlament hat mir bis jetzt nur Hinderniſſe bereitet, und man muß das Land daran gewoͤhnen, daß der Koͤnig entſcheidet und nicht das Parlament., Ew. Majeſtaͤt entſchieden denn am Ende doch uͤber Leben und Tod, auch nachdem das Parlament geſprochen, und ich moͤchte vorausſagen, daß das Parlament in dieſem Falle nicht wie in manchem andern hinter den Wuͤnſchen des Koͤnigs zuruͤckbleiben wird; denn in dieſem Falle haben wir, Eurer Majeſtaͤt ergebene Leiter deſſelben, feſteren Boden als in andrer Frage, hier iſt der Hochverrath offenbar. Ich brauche die Wirkung raſch! 69 Ich werde den Spruch nach Kräften beeilen, und das Vertrauen, welches wir hier dem Parlamente gewaͤhren, traͤgt uns bei andrer Gelegenheit Fruͤchte.— Sind die Großſeigneurs der Normandie und Bretagne hierher beſchieden, wie ich von Lyon aus befohlen? Sie ſind großentheils bereits angekommen. Moͤgen Ew. Majeſtaͤt eine Form finden fuͤr die Remonſtranz, welche Sie ihnen zugedacht um der wenigen Schuldigen, die bis jetzt aus dieſen Provinzen entdeckt worden ſind.— Sei unbekümmert um die Form, was der Koͤnig thut iſt Form. Auf morgen! Hiermit war der Kanzler entlaſſen. Es gelang dieſem Manne nie, und doch war es die raſtloſe Abſicht deſſelben, mit dem Koͤnige auf vertraulichen Fuß und Ton zu kom⸗ men: er that Alles fuͤr ihn, drehte und peinigte Recht und Form ihm zu Gefallen, und ward allerdings dafuͤr von der Herzogin Louiſe in allen Dingen gefördert, aber vom Ko⸗ nige unwandelbar behandelt wie ein Mitglied jener ver⸗ haßten Oppoſition im Parlamente, welche dem despotiſchen Geluͤſte des Koͤnigs bald hier, bald dort entgegen trat. Ein ſolcher Parlamentsrath war er nun gar nicht, das konnte der Koͤnig ſehr gut wiſſen, aber der Koͤnig wollte es vielleicht nicht wiſſen, und wollte wahrſcheinlich einem Manne nicht dankbar ſein, den er innerlich verachtete. Franz ſchaͤtzte den Unabhaͤngigkeits⸗ und Rechtsſinn an Anderen wenig, er dachte ſich uͤberhaupt nicht in Andere, er war gleichguͤltiger Egoiſt, aber wer ihm zu Allem feil diente, den behandelte er eiskalt, und füͤr all' ſolche und aͤhnliche Verhaͤltniſſe hatte er eine demuͤthigende Herren⸗ ——— 70 Manier des Betragens. Wie er denn uͤberhaupt, eben weil⸗ er ſo gleichguͤltig egoiſtiſch und eine praͤchtige aͤußere Er⸗ ſcheinung war, durch ſtolze Majeſtaͤt den Franzoſen impo⸗. nirte, wie nie vorher ein Koͤnig, und wie nach ihm nur Ludwig XIV., deſſen imponirende Majeſtaͤt aber viel mehr ein Ergebniß von Grundſaͤtzen als wie bei Franz die Frucht eines ruͤckſichtsloſen Naturels war. Holla! rief ploͤtzlich der Koͤnig noch hinterdrein, als der Kanzler ſchon aus der Thur geſchritten— Herr Kanz⸗ ler! Die Seigneurs der Bretagne und Normandie ſollen ſich augenblicks in der Kirche verſammeln und meines Be⸗ fehls harren! Es kann ihnen zur Vorbereitung eine Meſſe geleſen werden! und auf einen Wink oͤffnete der Diener eine zweite Thuͤr, welche in den neu gebauten Fluͤgel des Schloſſes fuͤhrte und einen quadratfoͤrmigen, hell erleuchteten Saal zeigte, in deſſen Mitte eine gedeckte Tafel ſtand, und in welchem die geladenen Gelehrten und Kuͤnſtler umher gin⸗ gen. Der Koͤnig trat ein, und gruͤßte ohne ſie anzuſehen mit der Hand, ſeine Augen gingen pruͤfend an den Waͤnden und an der Decke umher, deren Farben und Schmuck ganz neu und Gegenſtand ſeiner Pruͤfung waren. Iſt Primatice da? fragte er, ohne den Augen eine andre Richtung zu geben. Zu Befehl, Majeſtaͤt, ſagte ein wohlgebauter Mann von edlem, ſchoͤnbaͤrtigem Antlitze, und trat zum Koͤnige. Immer noch in den Anblick der Waͤnde verſunken reichte er ihm die Hand, und ſagte leuchtenden Antlitzes: Du haſt das wieder ſehr ſchoͤn gemacht, Meiſter! Weißt 71 Du, daß die Narren ſagen, wir trieben unſere Kuͤnſte un⸗ chriſtlich ſinnlich? Die Sirenen und Faune in Simſen und Verzierungen ſeien allzu heidniſch! Aber die Kunſt, ſprach Primatice in gebrochenem Fran⸗ zoͤſiſch, iſt ja Gott in ſinnlichen Formen! Nicht wahr? Gott erhalte uns ſcharfe Sinne! Daß wir uns wieder den volleren Formen eines flei⸗ ſchigen Koͤrpers zugewendet in Bild und Bau, daß wir die langgereckten ſchmalen Linien, die mageren Kreuzesecken des Mittelalters verlaſſen, dies bildet ja eben ſeit Brunel⸗ leschi das Weſen unſrer Renaiſſance, und Eure Majeſtaͤt werden aus dem Plane Bramante's von Urbino zur neuen Peterskirche erſehen haben, daß es ſich in dieſer außer⸗ ordentlichen Kompoſition uͤberall um volle Rundungen, um heidniſche Fleiſchesform handelt: die Kuppel des griechi⸗ ſchen Pantheon ſoll das Ganze kroͤnen. 3 Ich moͤchte das Werk beendigt ſehen, Primatice! Aber es ſchwebt mir eine andere Miſchung der Stile vor, die mich noch mehr intereſſirt. Du magſt mich morgen fruͤh hinuͤber begleiten nach der Sologne in den Wald von Chambord, da liegt von den alten Bleſiſchen Grafen ein duͤrftig gothiſches Schloͤßlein am Saum eines unabſehbaren Eichenwaldes. Vom ſchmutzigen Thurme deſſelben ſah ich zuweilen hinaus in das gruͤne Waldmeer, es giebt nichts Schoͤneres, Primatice, als meilenweit uͤber lauter Baum⸗ kronen, uͤber die ſchwarzgrüne See von ſchwerer Sammt⸗ maſſe zu blicken! Dorthin wollen wir ein Schloß bauen mit ſchlanken mauriſchen Zinnen, mit breiten, fleiſchigen Flaͤchen und armrunden Schwingungen des wohlthuenden 72 Geſchmacks, mit lockend aufſteigenden offen gehaltenen Thurmtreppen— noch weiter, noch freier, Meiſter als die, welche Du mir hier angelegt haſt!— mit ſuͤdlichem Dache zum Luſtwandeln, zum Waldgenuſſe hoch in der Luft; laß Deine Phantaſie kreiſen, Meiſter, und zeig mir morgen einen Entwurf!— Sieh da, Guillaume, da biſt Du ja! Iſt Dein Fuß heil, und Deine ſchoͤne Wirthin mit Dir in Blois? Mein Fuß iſt heil, antwortete Budé, und folgte dem Konige in eine Fenſtervertiefung, aber meine ſchoͤne Wirthin iſt in der Bretagne geblieben. Pfui doch! Iſt Chateaubriant hier? Ja, Eurem Aufrufe an die Barone gemaͤß; aber er hutet die Gattin vor Aller Blicken wie einen Iuwel, und er hat Recht, ſie iſt ein Juwel. Den ich ſehen will, foi de gentilhomme! mich dürſtet nach dem Anblicke eines ſchoͤnen Weibes wie den Hirſch an duͤrrem Tage nach einer friſchen Quelle. Wir wollen in der Nacht aufbrechen, und die ſchoͤne Schloßherrin uͤberraſchen. Thut das nicht, koͤniglicher Herr! Laßt die Zeit bilden, vielleicht bildet ſie ein edles, dauerndes Verhaͤltniß. Aber reißt nicht dies ſchoͤne und edle Geſchoͤpf in wilde Kreiſe! Ich ſehe, Du haſt Deine theologiſchen Auftraͤge fuͤr England noch im Kopfe! Du biſt zu gewiſſenhaft, Bude, das haſt Du in Rom erfahren, als Du Dich Jahrelang wegen des Konkordats von den heiligen Leuten taͤuſchen ließeſt! 3 Beſſer getaͤuſcht als taͤuſchend mit dem Cdelſten! Meine Nachforſchungen in England, königlicher Herr, 73 haben uͤbrigens dahin geführt, daß über den Gang des Kirchenlebens, das taͤglich verworrener wird, keine Ge⸗ meinſchaft mit Koͤnig Heinrich zu finden ſein dürfte. Es ſind unlautere Elemente in ihm: die Paͤpſte moͤchte er wohl allenfalls los ſein, aber die Kirche will er nicht beſſern. Und in unſeren Schul⸗ und Lehrplaͤnen ſind wir ihm vor⸗ aus, haltet nur feſt, Herr, an unſern neuen Einrichtungen in Paris, ſo wollen wir die Wiſſenſchaft wohl aufbringen. Schafft mir nur die Mittel, noch zehn Lehrer zu beſolden— Die Mittel, die Mittel! Ich habe ſelbſt kein Geld, und Alles hat ſich bedrohlich, und neue Summen in An⸗ ſpruch nehmend veraͤndert. Deshalb jagte ich Euch Boten nach der Bretagne entgegen, weil die Plaͤne, um derent⸗ willen ich Euch nach England geſchickt, uͤber Nacht veraltet waren. Rathen und helfen ſollt Ihr! Du magſt morgen nach Tours hinabgehen, und pruͤfen, ob es ohne allzu gro⸗ ßen Skandal moͤglich iſt, das ſilberne Gitter vom Grab⸗ mahle des heiligen Martin wegzunehmen. Ludwig XI. verſtand ſich auf Politik und nicht auf Kunſt, und Du mußt den Leuten von Tours begreiflich machen, daß ein ſchoͤnes Gitter fuͤr ihren Heiligen noͤthig und in Arbeit ſei— Jean Juſte, reite morgen fruͤh mit dem Kanzler nach Tours, vermiß das Grabmahl des heiligen Martin, und entwirf mir eine Skizze, wie ein Gelaͤnder von gutem Marmor anzubringen ſei!— Komm mit hinaus, Guillaume, ich habe noch Anderes mit dir zu berathen. Er nahm ihn an der Hand und fuͤhrte ihn in's Freie an den Abhang, der nach der Loire hinab ſieht. Die Diener waren hierdurch genothigt, die Speiſen wieder abzutragen, damit ſie nicht kalt wuͤrden; ſie waren's am Koͤnige gewohnt, daß er keine Stunde, nicht die eigen befohlene hielt, und wehe ihnen doch, wenn dann die Speiſen weniger gut und friſch erſchienen. Er war ein gar ſchwer zu befriedigender Herr. Und nicht etwa weil heute nur Ge⸗ lehrte und Kuͤnſtler des Mahles harrten, zeigte er ſich darin ſo gleichguͤltig, o nein, alle Großen des Reichs moch⸗ ten geladen ſein und vor Hunger und Harren vergehen, er nahm darauf keine Ruͤckſicht, wenn ihn zur feſtgeſetzten Stunde irgend etwas Anderes intereſſirte. Drang der Geſchaͤfte war es ſelten, war es eigentlich nie, was ihn dazu vermochte; auch die Geſchaͤfte ließ er warten, ſchob er bei Seite, wenn ſeinem Sinne ein Reiz entgegen trat. Noch weniger war es Abſicht, den Herrn zu ſpielen, die ihn zur Ruͤckſichtsloſigkeit jeder Art bewogen haͤtte, nein, immer und uͤberall war es der fragloſe Egoismus ſeines Weſens, dem nur eben lebendig anzugehoͤren, was ihn eben am Lebendigſten ergriff. So verzogerte er oft hundert Men⸗ ſchen und hunderterlei Anſtalt um eine Stunde, damit er ein Geſpraͤch, welches ihn ſpannte, zu Ende braͤchte. Es war eine finſtre Nacht, und der Wind ſtrich hohl aber warm das Loirethal herauf. Der Koͤnig ſetzte ſich auf einen Bauſtein und ſchwieg lange— Ich halte Dir's hoch, Guillaume, daß Du der Koͤnigin Claude ſtets das Wort redeteſt, wenn ich haſtig war. Jetzt fehlt ſie mir mit ihrem ſtillen, richtigen Maaße, und ihrem beſchwichtigen⸗. den ſanften Auge. Sie konnte ſchoͤner ſein, wie oft hab' ich's bitterlich ausgeſprochen! aber ſie liebte mich feſt, und war ſtets lieb, ich mochte kommen wann ich wollte, ich mochte ſein wie ich wollte. Ich ſpreche von ihr wie von einer todten Frau, Budé, denn die Aerzte ſehen täglich ihrer Aufloͤſung entgegen, ſie ſoll kaum noch einem menſch⸗ lichen Weſen aͤhnlich ſehn.— Ich bedarf wieder eines Weibes. Eines Weibes, das mich gewähren laͤßt und doch mich liebt.— Und jetzt iſt doch dies Frankreich wie ausgeſtorben, ich begegne keinem ſchoͤnen Geſchoͤpfe mehr. Mein Gott, wenn ich an meinen Aufenthalt und mein Zuſammenſein mit dem Papſte in Bologna denke nach der Marignano⸗Schlacht, in welchem Ueberfluſſe ſchwelgte ich da! es war, als ob ich nicht Augen und Haͤnde genug haͤtte die Schoͤnheitsblumen, welche die Erde bot, zu pfluͤcken! 7 Ihr wart mehr denn ſieben Jahr juͤnger, mein Koͤnig! Sage nicht, daß es dies allein war, die Schoͤnheit iſt in Frankreich duͤnne geſaͤt, und ſchon deshalb waͤre ich gern wieder nach Italien gezogen, und verwuͤnſche dieſen Con⸗ netable, deſſen Umtriebe mich hier feſtbannen, und Ihr Alle wollt nun einen ſeltnen Schatz in der jungen Foix ent⸗ deckt haben, und wollt ihn mir verſchließen, was habt Ihr? Wie gluͤcklich waͤre ich mein Koͤnig, koͤnnte ich Braut⸗ führer ſein fuͤr dieſe liebliche Frangoiſe, könnt ich ſie fuͤr die Dauer des Lebens meinem Koͤnige entgegen bringen! Ach, es hat mich dieſer Gedanke auf Chateaubriant fort⸗ waͤhrend beſchaͤftigt, denn nie iſt mir noch ein Naturel begegnet, welches dergeſtalt wie fuͤr Euer Weſen angelegt und ausgebildet worden waͤre: heiter und doch innig, ſchwaͤrmeriſch und doch witzig, talentvoll in Allem, was ihre Hand beruͤhrt, was ihre Seele nur einen Augenblick auf⸗ nimmt, ſinnvoll für alles Gedanken⸗ für alles Formen⸗ leben, und ſchoͤn wie ein Engel— Bude, hoͤre auf, dies Weib muß mein ſein, ſo wahr die Loire zu ihr hinabfließt nach der Bretagne! Ich wuͤrde der Stunde ſluchen, in welcher ich Euch alſo von ihr geſprochen, wenn Ihr nach ihr trachtetet in leichter, galanter Weiſe! Und kann ich nicht ernſthaft nach ihr trachten? Bin ich nicht heut oder morgen Wttwer? Wird nicht der Papſt um ein Wort ein Weib fuͤr mich ſcheiden? Mein Koͤnig! Ich heirathe nicht mehr aus Politik, ſeit die politiſche Heirath mich auf den Thron gebracht— O mein Koͤnig, koͤnnte es jemals alſo werden zwiſchen Euch und ihr! Ach nein, Ihr ſeid ein zu raſcher, Viel ver⸗ brauchender Herr, Ihr ſeid nicht zu feſſeln, Ihr ſeid nicht— Nun, was bin ich nicht? Nicht treu! Budé, Du wirſt dreiſt. Das werd ich, mein Gebieter, ich weiß es. Und Du irrſt Dich! Iſt nicht Treue der Mittelpunkt alles Ritterthums, und bin ich nicht ein Ritter von ganzem Herzen? Das ſeid Ihr, Herr! Alſo!— Gehen wir naͤher auf die Sache ein, es iſt mir hoher Ernſt, und ich will ſie ſehen, ſo wahr ich ein Ritter bin. Den Grafen Chateaubriant liebt ſie ſchwerlich— Nein, ſie ward, ein noch nicht fünfzehnjährig Maͤd⸗ — chen, dem verlebten wuͤſten Grafen zugefuͤhrt; doch ſie iſt ihm ſtrenge Gattin. Wie bewegen wir ihn, ſie daher nach Blois zu ru⸗ fen? Das beduͤrfte wunderbarer Kuͤnſte. Er verſieht ſich ſchlimmer und frecher Maaßregeln von Bonnivet, und hat ſie unter ſtrenger Hut zuruͤckgelaſſen und unter dem abſon⸗ derlichen Gebote, das Schloß nur zu verlaſſen, wenn er ihr das verabredete Zeichen ſendete— Was iſt das fuͤr ein Zeichen? Es iſt die Haͤlfte eines Ringes, der zur andern Haͤlfte, welche er ihr gegeben, ganz genau paſſen muß. Er fuͤhrt alſo die eine Haͤlfte bei ſich! Wenn man ſie nur auf 24 Stunden haben koͤnnte, meine Kuͤnſtler ſollten ſte ſchon zu Stande bringen— genug davon, ich werde hungrig, komm zur Tafel Guillaume. Die Kirche druͤben iſt ja erleuchtet, koͤniglicher Herr! Der Koͤnig lachte und rief: Faſt haͤtt' ich's vergeſſen, die Normaͤnner und Bretonen beten dort, bis ich komme, unſer Ringherr iſt darunter, was iſt? Die letzte Frage galt einem ihm auf der Schwelle des Schloſſes entgegentretenden Edelmann des Hofhaltes, der zu berichten hatte, die Meſſe druͤben waͤre lang zu Ende, und die Seigneurs— Die Seigneurs werden warten, bis ich geſpeiſ't habe! Und in den Saal der Garden tretend ſchwenkte er die Hand, und die Trompeten blieſen ſchmetternd das Signal: der König ſetze ſich zur Tafel, und die Diener flogen, als habe der Blitz in's Haus geſchlagen. 4. Geich bei Beginn der Tafel war Bonnivet, der geubteſte Mann in galanten Unternehmungen, vom Koͤnige, welcher Bude's Worte trotz alles Gegenſcheins nicht einen Moment aus den Augen verloren, unterrichtet, um welche Aufgabe es ſich handle; und die Diener griffen noch nicht an den Abhub des erſten Ganges, da war Bonnivet's Diener ſchon auf dem Wege, der ſchwierigen Aufgabe nahe zu treten. Dieſer Diener, Namens Florio, war eine Eroberung, welche ſich Bonnivet aus dem Kriege in Italien mit heim gebracht hatte. Italien war damals, was heute Frank⸗ reich iſt: das raffinirte Leben war dort unvergleichlich weiter ausgebildet als in einem Lande Europa's, die An⸗ ſtelligkeit der Italiener zur Intrigue war und iſt die groͤßte, und Florio, aus Rom ſtammend, war einer der abgefeimte⸗ ſten Italiener. Die innerlichen Fragen, welche die euro⸗ paͤiſche Welt bewegten, waren ihm vom Mittelpunkte der damaligen Welt her oberflaͤchlich gelaͤufig, und in der Wahl der Mittel war er durchaus nicht bloͤde. Er hatte einem Prälaten gedient, und in welchen Gedankenkreiſen ſich damals die hohe Geiſtlichkeit bewegte mag daraus erſichtlich werden, daß die Paͤpſte ſchon vor zehn Jahren — 79 auf einem Lateran⸗Konzilium fuͤr noͤthig befunden hatten, die„ketzeriſche Lehre von Sterblichkeit der Seele“ zu bekaͤmpfen. Der Platonismus, der fruͤhere Schoͤpfer ſo mancher intereſſanten logiſchen Schwaͤrmerei, war bereits ganz aus dem Trachten der Geiſttlichkeit verdraͤngt, und hatte ſkeptiſchen und epicuraͤiſchen Syſtemen Platz gemacht. Jagd, Concerte, Dichtkunſt, und Theater beſchaͤftigten außer den bildenden Kuͤnſten den genialen Papſt Leo, und man ſpielte vor ihm im Vatikan Machiavelli's Luſtſpiel „la Mondragore,“ worin das Moͤnchthum verlacht, und Leichtfertigkeit in ausgelaſſenſter Art vorgeſtellt wurde. Wie der Herr, ſo die Diener: die Praͤlaten eiferten dem Papſte nach, und die Diener der Praͤlaten waren die raffi⸗ nirteſten Burſchen der Welt. Zu Bologna bei der beruͤhm⸗ ten Zuſammenkunft des Koͤnigs mit dem Papſte, welche den Koͤnig mitten unter Kuͤnſte und Kuͤnſtler gebracht hatte, war Bonnivet zur Werbung Florio's gekommen, und er hatte ihn ſeitdem haͤuftg genug zur Betreibung von Abenteuern des Koͤnigs benutzt. Florio ſtieg in die dunkle Stadt hinab, um die Diener⸗ ſchaft Chateaubriant's kennen zu lernen. Alle Schenken waren mit Trabanten der Seigneurs angefullt, denn ein Seigneur damaliger Zeit war ein kleiner Koͤnig, und reiſ'te mit großem Troß. Alles war noch lebendig, da die Pairs in der Kirche noch immer des Koͤnigs harrten, und auszufinden wußte ſich Florio in dem kleinen Orte Blois gar bald. Er wußte nach Verlauf einer Viertelſtunde, daß ein ſtaͤmmiger Bretone Namens Baptiſte, ein ſchon bejahrter Burſche mit roͤthlichem Haar und finſtrer Miene der Hauptdiener Chateaubriant's ſei, und nachdem die erſten Uebelſtaͤnde des ſchwer verſtaͤndlichen Patois, welches Baptiſte redete— denn ein allgemeines Hochfranzoͤſiſch lag auch bei dem hoͤheren Stande noch gar ſehr im Argen— überwunden waren, ſaß er ihm bei der Kanne Wein ver⸗ traulich gegenuͤber. Er kannte bereits durch zehnjaͤhrigen Aufenthalt die Eigenthuͤmlichkeit jeder einzelnen franzoͤſi⸗ ſchen Voͤlkerſchaft, und wußte vortrefflich, wie insbeſondere ein Bretone zu behandeln ſei. Dieſe Volkerſchaft hat am Meiſten germaniſche Art, und iſt wohl am Dauerndſten und Allgemeinſten von engliſchen Volkstheilen genaͤhrt worden. Ihr nebliges Land macht ſie zur Melancholie, zu gruͤbelndem Nachdenken und zum Trunke geneigt. Baptiſte horchte mit Theilnahme Florio's Schilderungen des roͤmi⸗ ſchen Praͤlatenlebens, das dieſer, der ſich des Zutrauens halber fuͤr einen gebornen Franzoſen ausgab, in der Kriegsgefangenſchaft kennen gelernt haben wollte, und ſprach im eifrigen Zuhoͤren eifrig dem burgundiſchen Weine zu, welchen Florio an die Stelle des leichten Tou⸗ raine⸗Weines geſchoben hatte. Bald gluͤhte der Zuhoͤrer, und folgte bereitwillig dem Vorſchlage Florio's, ſich aus der laͤrmenden und ſtoͤrenden Geſellſchaft zuruͤckzuziehn, um freier uͤber Gott und Kirche ſprechen zu koͤnnen. Frei genug waren zwar ringsum die Aeußerungen der Fremden, aber nur auf Koſten des Koͤnigs, den ſie in Schatten ſtellten neben ihren, wie ſie zweifellos meinten, eben ſo koͤniglichen Gebietern. Aber Florio hatte für Baptiſte eine Schilde⸗ rung der deutſchen Ketzer und eine offne Beſprechung ſolcher Lehren begonnen, und Baptiſte, darauf ſehr begierig, ſchlug das Erwuͤnſchte ſelbſt vor, und füͤhrte Florio in das Haus, welches Graf Chateaubriant zu ſeinem Abſteigequartier erwaͤhlt hatte. Pruͤfend warf dieſer ſeine Blicke unter den umherliegenden Mantelſaͤcken umher, und zehnmal ver⸗ ſuchte er es auf andere Weiſe, Baptiſte fuͤr einige Zeit aus dem Zimmer zu entfernen. Dies gelang nicht, wohl aber wirkte bei vorruͤckender Nacht der Burgunderwein, und der bretoniſche Diener, die Arme auf den Tiſch, den Kopf auf die Arme ſtützend, entſchlief, und ſchlief mit allen Zeichen ſchwer gebundener Kraͤfte, Stirn und Augen immer tiefer hineinwuͤhlend in die ledernen Aermel des Wamſes. Die Wohnung des Grafen beſtand aus Zimmern, deren Verbindungsthuͤr offen ſtand, und die eine Treppe hoch nach dem Hofe hinaus gelegen wa ren. Es blieb den Seigneurs keine beſondere Wahl in Blois, da ihre Anzahl den Ort uͤberfuͤllte. Unten im Hofe ſtanden die Pferde des Grafen, wohl zehn an der Zahl, und es ſchliefen die uͤbrigen Leute ſeines Gefolges theils im freien Hofraume, theils in den Staͤllen. Man machte damals keine Umſtaͤnde mit der Dienerſchaft: ſie bekam reichlich zu eſſen, und mochte ſich uͤbrigens nach einem Kopfkiſſen umthun. Wer nicht Herr war, freier Seigneur auf ſeinem Erbe ſitzend, oder auf ſein Schwert pochend, der war kein Gegenſtand irgend welcher Beachtung. Nur der Le ib⸗ diener ward zu groͤßerer Sicherheit und Bequemlichkeit des Herrn naͤher und deshalb auch beſſer gehalten. So hatte Baptiſte in dem einen Zimmer ein Lager von Decken an der Erde.— Habſeligkeiten des Grafen waren wohl auch hier umhergeſtreut, Waͤſche, Kleidungsſtuͤcke, Sporen, aube, Chateaubriant. I. 6 zwei kleinen Waffengeraͤth, aber ein Schmuckſtuͤck wie den halben Ring, nach welchem Florio aus war, ſuchte er hier nicht, ſondern darnach richtete er ſogleich ſeine Schritte in des Grafen Zimmer, nachdem er ſich pruͤfend durch einige laute Tritte uͤber Baptiſte's feſten Schlaf vergewiſſert hatte. Auf Flur und Treppe war es ruhig, vom Hofe herauf war ein gleichmaͤßig Geraͤuſch der Reitknechte zu hoͤren, die nicht zur Ruhe durften, bevor der Herr daheim ſei, und ſo durch⸗ ſtoͤberte Florio beim Schein der Lampe, welche er Baptiſte entfuͤhrt, die offenen Mantelſaͤcke, die Schublaͤden und Schränke. Er fand nichts verſchloſſen, denn der damalige Seigneur war vertrauensvoll, und führte wenig Geld bei ſich; aber er fand auch nicht, was er ſuchte, und wieder⸗ holte ſich, verdrießlich vor einem Kaͤſtchen mit Ketten und Waffenſchmuck des Grafen ſtehend, was er ſich ſchon bei Einleitung des Unternehmens immer im Stillen vorgeſagt hatte: der Graf werde ſolch ein werthvolles Kleinod am eignen Leibe verwahrt tragen. Dieſer ihm nicht troͤſtliche Gedankengang ward obenein durch das bedenklichſte Ge⸗ raͤuſch unterbrochen: er hoͤrte die Hausthuͤr oͤffnen, und ſporenklirrende Tritte die Stiege herauf kommen. Das war allem Vermuthen nach der Graf. Florio eilte haſti⸗ gen leiſen Schrittes zu Baptiſte zuruͤck, ſchuͤttelte dieſen heſtig und loͤſchte die Lampe. Waͤhrend dieſer im Dunkeln ſich nur unvollſtaͤndig ermunterte, ſchluͤpfte Florio unter die Decken von Baptiſte's Lager— denn er wollte nicht nur ungeſehn ſein, ſondern er wollte auch da bleiben— und der Graf trat ein, groͤblich ſcheltend, daß er kein Licht faͤnde. Es war noch ein anderer Seigneur bei ihm, und 83 er führte dieſen ſo mer hindurch, waͤhrend „er wuͤrde ſie nicht eher ilnehmer an der Bourbon⸗ ovinzen ausfindig gemacht ſchen Verſchwoͤrung in ihren Pr und ausgeliefert haͤtten— „Sind wir denn,“ rief Graf Chateaubriant in großer Entruͤſtung,„Diener und Unterthanen dieſes uͤbermuͤthigen Valois geworden! Verdient er nicht, daß wir den Lehns⸗ eid ihm kuͤndigen, da er als ſo uͤbergreifender Lehnsherr ſich betraͤgt! Ich beharre dabei, daß wir bei Anbruch des Tages heim reiten, wir alle nach Rennes, Ihr alle nach Rouen, und ihm vom Seneſchal jedes unſrer Reiche ſagen laſſen, er habe ſich uͤbler Dienſte von uns zu verſehen, wenn er ſeinen formloſen Uebermuth nicht herabſtimme.“ Ich kann leider fuͤr die Normandie nicht dazu rathen, ſprach der andre Seigneur, den man, einen kleinen zier⸗ lichen Mann, bei endlich angezuͤndeter Lampe mit dem Grafen auf und nieder ſchreiten ſah— denn mein Schwie⸗ gervater iſt in Lebensgefahr, und unterliegt, wenn ich zum Trotze der Provinz helfe, und mich dadurch der Fuͤrſprache beim Koͤnige begebe. „Habt Ihr ihm nicht zur Kenntniß des Bourbonſchen 6* 84 Unternehmens verholfen— Gott gebe, daß Ihr's nie bereuen moͤgt!— iſt er Euch nicht zu Dank verpflichtet?“ Er ſcheint's fuͤr bloße Lehnspflicht anzuſchlagen, und es ward mir nicht einmal der Zutritt zum Gefaͤngniß des Grafen von Vallier geſtattet; meine Frau wird außer ſich ſein. Sorget, daß der Eurigen nicht aͤhnliches Herzeleid bevorſteht, ich hoͤre, ihr Bruder Lautrec iſt auf dem Wege daher, und hoͤre, daß er zu ſchonungsloſer Verantwortung gezogen werden ſoll. Unſere Schritte muͤſſen wohl erwo⸗ gen ſein, denn der Koͤnig hat weit ausſehende Plaͤne, ſcheut wie Ludwig XI. keine Mittel, und wird wahrſcheinlich durch den ſchlimmen Duprat Herr des Pariſer Parlamen⸗ tes, das in juriſtiſchen Wendungen unſern Landesherrlich⸗ keiten am Liebſten uͤberall abzwackt! „Ach was! haben wir nicht auch Parlamente! Was ſchiert uns das Pariſer, aber die Spitze muͤſſen wir ihnen bieten, ſonſt wachſen uns dieſe hoͤrigen Menſchen zu Kopfe. Ihr thut Unrecht, Breze, durch Anſchluß an dies Regiment der Valois irgend eine guͤnſtigere Wendung, irgend ein Heil zu erwarten! Wer ſind ſie? Arme Ritter durch gluͤck⸗ liches Ausſterben auf den Thron gebracht! O Anna, Anna, wie thoͤricht war's, Koͤnig Ludwig zu heirathen, und uns Bretonen an dies falſche Koͤnigshaus zu bringen, Deine liebliche Claude, unſers Landes Blume an dieſen frechen Valois zu opfern, der Dich und Deine Erbſchaft Bretagne nicht zu ſchaͤtzen wußte. Wie viel beſſer waͤre uns, wir waͤren allein geblieben, oder hätten uns an England geſchloſſen!“ 4 Nicht doch, Chateaubriant, das iſt unfranzöſiſch! — „Franzoͤſiſch! Was iſt franzoͤſiſch! Es iſt eben der Kram, den ſie aufbringen moͤchten, um uns unterzubrin⸗ gen; denn Alles unter dieſem Namen geht auf Beein⸗ traͤchtigung unſrer Herrenrechte hinaus. Was Franzos! Ich bin Bretone! Seid Ihr Normann! Nur wenn wir auf uns halten, haͤlt man auf uns und achtet unſre Rechte.— Lautree! Lautree! Es waͤre abſcheulich, wenn er an ihn griffe!“ Er hat ihm ein Heer und ein Land verloren! „Das Ungluͤck hat ihm Beides verloren, Lautrec iſt brav und von Foirſchem Blute, ich denke, er ſoll ihm die Zaͤhne weiſen! Aber wir muͤſſen uns ruͤſten, Breze, es thut bitterlich Noth.“ Wir ſprechen noch daruͤber, gute Nacht Graf. Waͤhrend dieſes Geſpraͤchs hatte Baptiſte, welcher ſeines Beſuches vollig vergeſſen zu haben ſchien, den Nachttrunk des Grafen, einen ſtarken Pokal mit Wein zurecht gemacht, und auf den Tiſch geſtellt, und hatte ſich, der eignen Nachtruhe eingedenk, ſeinem Lager genaͤhert, um die Decken aufzuſchuͤtteln. Dabei entdeckte er natuͤrlich Florio, und da er deſſen gar nicht gewaͤrtig und nicht ſchnell von Begriffen war, ſo ereignete ſich dieſe Entdeckung nicht ohne Ruf des Erſtaunens und nicht ohne hervorgeſtoßene Fragworte. Ungluͤcklicherweiſe geſchah dies gerade, als der Graf den Herrn von Brezé in Baptiſte's Zimmer gelei⸗ tete, um ihn durch dieſen einzigen Ausgang nach Vorſaal und Treppe zu fuͤhren, und Florio's Anweſenheit wurde dabei entdeckt. Bei des Grafen heftigem Dreinfahren prang Florio in die Hoͤhe, und verſuchte es, in eiligen 86 Worten ſein Daſein der Wahrheit gemaͤß zu erklaͤren und zu entſchuldigen, ehe er aber damit zu Ende kommen und die Ungeduld des Grafen es anhoͤren konnte, ſagte Herr von Brezé mit halber Stimme zum Grafen: Er hat uns behorcht!—„Ach was!“ entgegnete dieſer,„was wir ſprechen kann die ganze Welt hoͤren!“— Es iſt aber, ſetzte Breze hinzu, ich kenne ihn, der Diener Bonnivet's!— „Was?“ ſchrie bei dieſen Worten der Graf laut auf, und ſprang nach einem mit Geraͤthſchaften angefuͤllten Tiſche, „wo iſt die Peitſche!?“ Ehe er ſie indeſſen hervorziehn konnte, war Florio wie der Blitz an der Ausgangsthuͤr, war hinaus, und war ver⸗ ſchwunden, bevor die einander hindernden Maͤnner mit Licht ihm folgen konnten.— Es war dieſer Italiener in Ver⸗ folgung ſeiner Zwecke von erſtaunlicher Frechheit: er hatte im Nu uͤberſehn, daß er, einmal erkannt, ſeinem Ziele nie wieder ſo nah kommen wuͤrde als eben jetzt, und er fluͤchtete mit dem Vorſatze, das Haus um keinen Preis zu verlaſſen, richtig vorausſetzend, daß man ihn am Wenigſten jetzt in der Naͤhe vermuthen und ſuchen werde. Der Vorſaal beſtand, wie bei den meiſten Haͤuſern jener Zeit, aus einer offnen Gallerie, welche um die Winkel des Hauſes umher lief. Statt alſo gerade aus nach der in Hof und Hausflur hinab führenden Treppe zu fluͤchten, wendete ſich Florio ſogleich rechts nach der Seite, auf welcher die Gallerie keinen Ausgang bot, und druͤckte ſich hinter den naͤchſten Pfeiler. Wirklich ſtürmten auch die Verfolger gerade aus nach der Treppe zu, und die Treppe hinab. So wie Florio inne wurde, daß ſie bis zur Treppenwendung vor⸗ 87 uͤber waren, ſchluͤpfte er behende durch die offen ſtehende Thuͤr in's Zimmer zuruͤck, und eilte ſicheren Schritts im Dunkeln nach dem Tiſche, auf welchen Baptiſte den Nacht⸗ trunk des Grafen geſtellt hatte. Mit der einen Hand ergriff er den Pokal, mit der andern holte er aus dem Wamſe ein Flaͤſchchen hervor, zog mit den Zaͤhnen den Pfropf ab, und goß den Inhalt in den Pokal. Dann taſtete er im Zimmer umher, einen Verſteck ſuchend, welchen er ſich ſchon vorher von Baptiſte's Lager aus erkoren hatte. Es war der Winkel rechts vom Eingange: ein Vorhang von alter Serge war dort ausgeſpannt, um die dahinter haͤngenden Kleider vor Staub zu ſchuͤtzen. Auf dem Wege dahin verließ ihn einen Augenblick das Gluͤck, er fiel uͤber einen Stuhl, und verlor das geleerte Flaͤſchchen aus der Hand. Darnach umher taſtend hoͤrte er, daß der Graf und Baptiſte die Treppe herauf zuruͤck kamen, und es blieb ihm nun nichts uͤbrig, als das Flaͤſchchen im Stiche zu laſſen, und eiligſt hinter den Vorhang zu fluͤchten. Der Graf war in großem Zorne und verſetzte ſeinem Diener einen empfindlichen Peitſchenhieb. Baptiſte ertrug ihn ruhig, und machte ſchweigend Alles zurecht, was zur Nachtruhe ſeines Herrn gehoͤrte. Dieſer, welcher ſich ſelbſt die Kleider herunter riß, griff im Voruͤbergehn nach dem Pokale, und trank in vollem Zuge. Da trat Baptiſte mit ſeiner ſchweren Sohle auf das Flaͤſchchen, daß es knirſchend zerſprang— Was iſt da? rief der Graf, den Pokal abſetzend und hinzutretend— Ich weiß nicht, murmelte Baptiſte, die Scherben zuſammen ſuchend. Der Graf riß ihm eine der Scherben aus der Hand, betrachtete ſie bei der Lampe, und entdeckte eine klebrige Feuchtigkeit daran. Er hielt ſie an die Naſe und roch dann in den Pokal hinein, als ob ihm ein Zuſammenhang auftauche. Dann rief er Baptiſte nahe zu ſich, und ſah ihm eine Minute lang ſtarr und forſchend in's Auge, gleich als ob er die Moͤglichkeit eines Falſch's in dem Diener ergruͤnden wollte. Baptiſte zuckte nicht mit der Augenwimper.„Trink den Reſt!“ ſprach hierauf der Graf und hielt ihm den Pokal hin. Baptiſte verſtand nichts davon, trank aber ohne Zoͤgern, ja behaglich den Becher leer bis auf den Grund. Darauf legte ſich der Graf ſchweigend zur Ruhe, und Baptiſte, nachdem er die Lampe in des Grafen Zimmer getragen, und deren Schein durch einen vorgeſchobenen Seſſel vom Bette des Herrn abgewendet hatte, that des⸗ gleichen. Nach Verlauf einer Viertelſtunde ward Florio bei der eintretenden Todtenſtille inne, daß der roͤmiſche Schlaftrunk auch auf die erregten Gemuͤther ſeine Wirkung nicht verſage, und als Baptiſte erſt leiſe, dann laut zu ſchnarchen begann, öͤffnete er den Vorhang, neſtelte behut⸗ ſam ſeine Schuhe auf, ſtreifte ſie ab, trug ſie an die Aus⸗ gangsthuͤr, und ſchlich nun an die offne Thuͤr des Ge⸗ machs, in welchem der Graf ſchlief. Wohl eine Viertel⸗ ſtunde lang blieb er regungslos an der Schwelle ſtehn, mit geſpannter Aufmerkſamkeit horchend, ob die Athemzuͤge des Schlaͤfers tief und regelmaͤßig ſeien. Als daran nicht mehr zu zweifeln war, trat er leiſe an den Fuß des Bettes, und betrachtete mehrere Minuten unverwandt den Grafen. Je laͤnger er hinſah, deſto muͤrriſcher wurde das Ge⸗ ſicht des Italieners; denn wie ſehr ſich ſein Auge an die truͤbe Beleuchtung gewoͤhnt, und alle Bloͤße am Grafen betrachtet und gepruͤft hatte, es zeigte ſich keine Ringes⸗ haͤlfte. Florio hatte darauf gerechnet, ſie wuͤrde an einer Kette auf der Bruſt haͤngen, aber die ſchwarz behaarte Bruſt des Seigneurs war ziemlich unbedeckt vom Nacht⸗ hemd, zeigte aber nicht Kette noch Ring. Es bedurfte keines geringen Grades von Entſchloſſenheit, um noch naͤher zu treten, noch naͤher zu pruͤfen: das bleiche Geſicht, von ſchwarzem Barte und von tief hinter die hohe Stirn und die breiten Schlaͤfe zuruͤcktretendem ſchwarzem Haare duͤnnen Wuchſes umſaͤumt, die tiefliegenden Augen, die ſcharfe Adlernaſe, das ſtarre Zucken in den Zuͤgen, die uͤber die Decke heraus geſtreckte magre Hand„Alles das wirkte wie eine drohende Macht. Zuweilen ſchwollen ſogar Adern und Muskeln des halb entbloͤßten vorgeſtreckten Armes zuſehends an, und die Hand erhob und kruͤmmte ſich, als ob ſie ſich ballen wollte. Aber Florio war verwegen, er wußte, daß es fuͤr den Koͤnig galt, und daß Schutz wie Lohn groß ſein wuͤrden, er ſchritt vor am Bette, um das Hemd noch weiter zuruͤckzuſchlagen von der Bruſt. Erſt hielt er die Hand eine Weile erhoben uͤber jener, um zu pruͤfen, ob der Schlaͤfer gegen ſolche Naͤhe irgendwie empfindlich ſein und zuruͤckwirken werde. Er ſchlief in gleichen Zuͤgen weiter; nun legte Florio die Hand an, und ſchob das Hemd nach der rechten Seite des auf dem Ruͤcken liegenden Schlaͤfers zurüͤck— es war kein Ring zu ſehn, wohl aber kam von der Schulter herab ein ſeidnes Schnürchen zum Vorſchein! Haſtig ſchob er nun links das Gewand zuruͤck, und da hing der halbe goldne Reif, juſt auf dem unruhig klopfenden Herzen ruhend. Da es nicht die erwartete Kette, ſondern nur eine ſeidene Schnur war, ſo ſtand es in ſeiner Macht, ſich durch einen Schnitt des Ringes ſelbſt zu bemaͤchtigen, was von Hauſe aus nicht ſeine Abſicht geweſen war. Er uͤberlegte auch einen Augenblick, ob er's nicht thun ſolle, entſchied ſich aber doch fuͤr den urſpruͤnglichen Plan, richtig überlegend, daß der Graf ſchon am naͤchſten Morgen den Verluſt bemerken und gegen etwaigen Mißbrauch Vor⸗ kehrungen treffen werde. Florio zog alſo lieber, wie er's vorbereitet, ein rundes Stuͤck Wachs aus ſeiner Taſche, hob langſam am Schnuͤrchen den halben Ring von der Bruſt des Schlaͤfers und druͤckte ihn ſorgfaͤltig in das Wachs, bis er um keine Linie mehr uͤber die Oberfläͤche deſſelben hervorragte. Dieſe Verrichtung war die ſchwie⸗ rigſte, denn er mußte ſich bis dicht an den Leib des Grafen bengen, und der Athem deſſelben, der ihn getoͤdtet, wenn er ihn betroffen haͤtte, ſtreifte ihm die Stirn. Wirklich erſchrack er auch vor einem Zucken der Augenlieder des Schlaͤfers dergeſtalt— er ſah ſie mit Entſetzen ſchon offen — daß er an dem Ringe, den er eben wieder aus dem Wachſe gezogen, zuckte, und dadurch mit dem Schnuͤrchen am Halſe des Grafen einen Ruck veranlaßte. Haſtig hob ſich die Hand des Grafen, griff nach der Bruſt, und ergriff krampfhaft die Hand Florio's, und die geſchloſſenen Augen offneten ſich zur Haͤlfte. Der verwegene Italiener bebte, aber beſtand dieſen Moment regungslos: der geringſte Widerſtand haͤtte wahrſcheinlich den Grafen voͤllig erweckt, der Mangel jedes Widerſtandes ließ die noch nicht zum Sehen erwachten Augen wieder ſchließen, die Muskeln der — — A 91 Hand loͤſ'ten ſich wieder, ſo daß die Hand auf die Decke zuruͤckfiel, und Florio, der ſeine Wachsform zufaͤllig in der andern, der linken Hand gehalten, alſo unverletzt erhalten hatte, war ſomit frei, und zog ſich auf den Zehen in Bap⸗ tiſte's Stube und nach der Ausgangsthür zuruͤck. Hier ſteckte er erſt ſorgfaͤltig ſeine Wachsform ein, trocknete ſich dann den Angſtſchweiß, welcher ihm die Stirn bedeckte, und glitt vorſichtig in ſeine Schuhe. Die Thuͤr knarrte zwar, aber jetzt war er ſchon zu ſehr im Vorſprunge, als daß ein Mißlingen noch wahrſcheinlich geweſen waͤre— nur durfte die Hausthuͤr nicht verſchloſſen ſein. Dies war indeß damals ſelten der Fall: man war nicht ſo verſchwenderiſch mit Schloͤſſern und begnuͤgte ſich mit Riegeln. So fand's auch Florio, ſchob leiſe die Riegel zuruͤck, horchte noch ein⸗ mal nach der Treppe, vernahm nichts, ſchlug ein Kreuz nach ruͤckwaͤrts, und entſchluͤpfte. Koͤnig Franz erfuhr von dergleichen gewaltſamen Hilfsmitteln nichts. Er war leidenſchaftlich und despo⸗ tiſch genug, ohne naͤheres Zuſehn Alles fuͤr erlaubt zu halten, was ſeinem Willen dienlich ſei, und doch hatte er im Widerſpruche damit ſo viel ritterliche Scham, den groͤb⸗ lichen Mitteln nicht in's Auge blicken zu moͤgen, ein Wider⸗ ſpruch, dem wir überall bei begehrſamen, moraliſch nicht durchgebildeten Herrſchernaturen begegnen. Bonnivet, eine aͤchte Guͤnſtlingsnatur, welche nicht auf guten, ſondern nur auf gefaͤlligen Rath bedacht iſt, kannte das Weſen ſeines Herren ganz und gar, und erwaͤhnte bei ſolchen halb 9² ertheilten Auftraͤgen des Gegenſtandes nicht eher wieder, als bis er ihn als reife Frucht dem Koͤnige zum Pfluͤcken bieten konnte. In's große reizende Suͤndennetz, genannt „gutes Gluͤck“ ſchlug dann lachend Koͤnig Franz die müh⸗ ſam und oft verbrecheriſch gereifte Avantuͤre, und genoß ihrer leichtſinnig, und wuͤrdigte ohne woͤrtlich ausgefproche⸗ nen Dank ſeinen Gluͤcksritter Bonnivet. Dieſer, mit Florio berathſchlagend, erkannte wohl, daß mit Gewinn der Ringform, welche binnen 24 Stunden den halben Goldreif zu Stande bringen half, noch weiter nichts als der erſte Schritt gewonnen, und daß es ſehr ſchwierig ſei, dies Berufungszeichen auf unverdaͤchtige Art nach Chateaubriant zu bringen, den Grafen ferner, ſobald die Graͤfin Blois ſich nähere, aus dieſer Stadt zu entfernen, dieſer ein unverfaͤngliches Abſteigequartier zu bieten, und ſie wenigſtens eine kurze Zeit in der Taͤuſchung, es ſei Alles von ihrem Gatten veranlaßt, zu erhalten. Zu ſolchem Ende mußte Florio mit Baptiſte wieder in Verbindung treten; denn es war wahrſcheinlich, daß der Graf ſeiner Gemahlin Nachricht ſenden werde uͤber die bedrohte Lage ihres Bruders Lautrec, und der desfallſige Bote mußte den falſchen Halbreif mitnehmen. Lautrec ſelbſt konnte auch den natuͤrlichſten Anhalt fuͤr die eintref⸗ fende Schweſter bieten. Aber freilich war Lautrec, gegen welchen der Koͤnig furchtbar aufgebracht war, bis zum Tode gefährdet, und inſofern ein gar mißlicher Anhalt füͤr die Schweſter. Auch wuͤnſchte Bonnivet, nach erſter Kriegsſtelle luͤſtern, gar ſehr einen uͤblen Ausgang der Anklage, welche auf Lautree laſtete, und ſah keineswegs — 9³ voraus, wie ſo widerſtreitende Aufgaben zu vereinigen ſein wuͤrden. Ein Gluͤcksritter indeſſen verlaͤßt ſich auf den Zufall, und verlangt nicht, die Dinge bis in's Einzelne vor ſich ausgerechnet zu ſehen. Zunaͤchſt hatte Florio den halben Reif paſſend an Ort und Stelle zu beſorgen, und zu dem Ende zechte er 24 Stunden nach dem vollfüͤhrten Raube wieder mit Baptiſte, und erfuhr, daß am fruͤhen Morgen ein Reiter mit Briefſchaften nach Chateaubriant abgehn werde. Dieſes Reiters habhaft zu werden, war ihm eine leichte Aufgabe. Ein Paar Meilen unterhalb Blois auf halbem Wege nach Amboiſe war ein durch Raͤubereien beruͤchtigter Wald: dort ließ er den armen Teufel durch drei Leute Bonnivet's uͤberfallen, auspluͤndern und knebeln. Waͤhrend der unſchuldige Bote gefeſſelt mit dem Antlitze am Boden lag, brachte der Leibdiener Bonni⸗ vet's, welcher dabei thaͤtig und allein von der Abſicht unter⸗ richtet war, dem im nahen Dickicht harrenden Florio den Brief des Boten. Er war zwar verſeegelt, und mit ſeide⸗ nem Faden zugeſchnuͤrt, aber ſo kunſtlos, daß es dem geſchickten Florio mit leichter Muͤhe gelang, ohne Verletzung des Siegels eine Ritze zu gewinnen, den halben Ring hinein zu ſchieben, und mit dem gelockerten ſeidnen Faden das Ganze wieder feſt zu verſchließen. Darauf machte er ſich ſelbſt das Vergnuͤgen, nach der Landſtraße zu reiten, und nachdem er den Brief beiſeit an die Erde geworfen hatte, den Boten anzureden und der Feſſeln zu entledigen. Dieſer erwies ſich ſehr dankbar, fand bei Durchſuchung ſeiner Taſchen, daß ihm eigentlich nichts fehle, entdeckte den großen Brief, verwahrte ihn auf Florio's Rath ſorgfaͤl⸗ tig auf der Bruſt, entdeckte ſogar, daß ſein Pferd in der Naͤhe an einen Baum gebunden war, und theilte vollkom⸗ men des nach Blois zu reitenden Florio Meinung, der An⸗ griff muͤſſe eine Verwechſelung geweſen und er muͤſſe ſtatt eines Anderen durchgehaun worden ſein. So ritt er, ſein Geſchick preiſend, vorſichtig weiter nach der Bretagne hinab. Waͤhrend dies geſchah traf auf dem Schloſſe von Blois die beſtimmte Nachricht ein, Lautrec ſei mit mehreren Kriegsoberſten bereits in Romorantin eingetroffen, ſei in einer verzweifelten, aber keineswegs furchtſamen Laune, und drohe mit Eroͤffnung von Dingen, welche ſeine Nieder⸗ lage erkläͤren, und hoffentlich einige der gewiſſenloſen Die⸗ ner des Koͤnigs an's Meſſer liefern wuͤrden. Eine Perſon in Blois verſtand dieſe Drohung vollkommen. Dies war die Mutter des Koͤnigs. Sie ließ auf der Stelle den Ober⸗ intendanten der Finanzen Jacques de Beaune, Seigneur von Semblangay rufen, und fragte ihn, ob er die Quittung noch beſitze, welche ſie ihm Ausgang vorigen Jahres uͤber 400,000 Eku's ausgeſtellt— Koͤnigliche Hoheit meinen die Summe, welche fuͤr die italieniſche Armee beſtimmt war? fragte Semblangay, ein ſchlichter, aber puͤnktlicher Geſchaͤftsmann langen, ſchmalen Wuchſes und unbeholfener Manieren, ergraut und gebeugt im Dienſte. Ja doch! zeigt mir die Quittung! Die Quittung iſt vorhanden, koͤniglihe Hoheit. Zeigt ſie mir! 95 Semblangay, mit den gefaͤhrlichen Manieren dieſer Dame wohl bekannt, trug Bedenken, ein fuͤr ihn ſo wichti⸗ ges Dokument dergeſtalt auszuſetzen, und war ein zu ehr⸗ licher Mann, um auf Vorſchläͤge der Herzogin einzugehn, welche darauf hinausliefen, auf irgend eine unlautre Weiſe den Beweis vorzuſpiegeln, daß jene 400,000 Ekuü's nach Italien abgeſchickt worden ſeien. Die Herzogin hatte dieſe Summe unterſchlagen, und es ſtand zu erwarten, daß Lautree das Mißlingen des Feldzuges auf den Mangel die⸗ ſes ihm verſprochenen Geldes waͤlzen, und daß eine ſtrenge Unterſuchung in Betreff dieſer Summe eintreten werde. Der arme Semblangay ahnte nicht, daß unter ſolchen Um⸗ ſtaͤnden und mit ſolchen Perſonen ehrlich Verfahren und gut Gewiſſen kein hinreichender Schutz ſei, und daß er un⸗ klug handle, im Gefuͤhl ſeines Rechtes ein mit der Herzogin gemeinſchaftliches Verfahren zuruͤckzuweiſen. Sie entließ ihn aͤußerſt ungnaͤdig und ſchickte nach Duprat, welcher da⸗ mals in hoͤchſter Inſtanz das ganze innere Staatsweſen verwaltete, und der nie um einen Ausweg verlegen war. Duprat war es auch, welcher um jene Zeit die Idee einer nicht auf Abzahlung, ſondern auf die Dauer errichteten Staatsſchuld erfand, und von dem ſich die Herzogin wohl eines genuͤgenden Raths in dieſer bedenklichen Lage verſehn durfte. Sie blieben lange zuſammen, und der erſte Schritt, nachdem ſie ſich getrennt, beſtand darin, daß ſie zum Koͤnige ging, und ſich üͤber unregelmäßige Auszahlung ihrer Gel⸗ der Seitens Semblangay's beſchwerte. Auch Duprat, ſetzte ſie hinzu, iſt ſeit einiger Zeit ſehr unzufrieden mit ihm, der Himmel weiß, was dem alten Manne, deſſen Gei⸗ ſtes⸗ und Gedaͤchtnißkraͤfte offenbar ſchwaͤnden, begegnet ſein muͤſſe. Nicht doch! erwiderte Koͤnig Franz, Ihr irrt Euch wohl: Vater Semblangay iſt mir ſtets ein braver und tuͤch⸗ tiger Diener geweſen. Ich ſage Dir aber, mein Sohn, er iſt ſeit einiger Zeit wie umgewandelt, und hat mir eben eine Summe als ſchon gezahlt abſtreiten wollen, über welche er bei naͤherem Zu⸗ fragen keine Quittung beſaß. Da ging die Nachricht ein, Lautrec ſei in Blois ange⸗ kommen, eingeholt bis kurz vor Cour Cheverny von breto⸗ niſchen und normaͤnniſchen Seigneurs, an deren Spitze ſich Graf Chateaubriant hervorgethan habe, und zwar hervor⸗ gethan habe durch Zuverſichtlichkeit gegen den wahrſchein⸗ lichen Zorn des Koͤnigs. Es habe allen Anſchein, als woll⸗ ten ſich die gereizten Staͤnde der Bretagne und Normandie um dieſen vom Koͤnige uͤbel angeſehenen Kriegsoberſten wie um einen Mittelpunkt ſchaaren— Sie ſind nicht vom Pferde geſtiegen in der Stadt— hieß die neue Kunde— ſondern reiten in Wehr und Waffen und beſtaubten Reiſekleidern den Schloßberg herauf. Das Ganze hatte in der That den Anſchein einer dro⸗ henden Oppoſition: der ganze offene Hof des Schloſſes wimmelte bald von Reitern und Pferden, und unter Vor⸗ austritt Lautrec's wurde gleich darauf der Gardenſaal in gleicher Weiſe angefüͤllt. Es ſchien auf eine abſichtliche Verletzung der durch Koͤnig Franz eingeführten Formen abgeſehn zu ſein: Niemand fragte darnach gemeldet zu 97 werden, und die fragend entgegen tretenden den Leibdienſt beim Koͤnige verſehenden Edelleute wurden ohne weitre Erklaͤrung bei Seite geſchoben. Lautree ſelbſt verhielt ſich dabei am Nuhigſten, und ſchritt ſchweigend und ſtreng ernſthaften Ausdrucks unter den Seigneurs einher. Er war ein Mann von ſchlanker Mittelgroͤße, tief gebraͤuntem Antlitze und glänzend ſchwarzen, großen Augen. Jede Be⸗ wegung an ihm zeigte von kriegeriſcher Geſchmeidigkeit und Feſtigkeit und von uͤberlegener Faſſung. Das Geſchlecht der Foir, aus dem ſchoͤnen Pyrenaͤenlaͤndchen gleiches Na⸗ mens ſtammend, war damals ein ausgezeichnetes Helden⸗ geſchlecht: Gaſton de Foir war zur Zeit Koͤnig Ludwig's der erſte Kriegsheld Frankreichs, das bewunderte Vorbild Koͤnigs Franz, und ſein Todesfall bei Ravenna war wie ein Landesungluͤck beklagt worden. Das jetzt lebende Ge⸗ ſchlecht der Foir hatte dem Koͤnige drei Helden geboten, die mit einander an Tapferkeit und kriegeriſcher Umſicht wett⸗ eiferten. Der juͤngſte von ihnen, André de Foir, Sire de l'Esparre war im Juni 1521 in Navarra den Heldentod fuͤr den Koͤnig von Frankreich geſtorben; der mittlere von ihnen, Lescun, Marſchall von Foir hatte neben Lautrec mit untadelhafter Tuͤchtigkeit in Italien gefochten, und Lautrec ſelbſt, der äͤlteſte, hatte ſich bis zu dem letzten ungluͤcklichen Feldzuge durch üͤberlegenes Heerführertalent ausgezeichnet. Daß er in dieſem Feldzuge ein dem franzoſiſchen Heere un⸗ gewoͤhnliches Zaudern vor entſcheidender Schlacht an den Tag gelegt, und damit mehrere günſtige Gelegenheiten fuͤr entſcheidende Schlaͤge verabſaͤumt hatte, dies ſchrieb man bereits allgemein dem Mangel an noͤthiger Unterſtüͤtzung Laube, Chateaubriant. I. 7 3 98 zu, welchem er von Frankreich aus Preis gegeben worden ſei, und eben deshalb war man uͤberaus begierig, was Lautree zu ſeiner Rechtfertigung vorbringen werde, ja man war unerwarteter Anklagen von Lautrec's Seite gewaͤrtig. Es war alſo vielleicht eben ſo viel Neugierde als Trotz gegen den despotiſchen Koͤnig, was die Seigneurs die Treppen des Schloſſes hinauf draͤngte. Am Ende der Treppe und vor dem Eingange in den großen Saal ſtellte ſich ihnen Chabot de Brion entgegen, und fragte im Namen des Koͤnigs, was dieſer ungemeldete Zudrang bedeuten ſolle? Fuͤr die Seigneurs des Landes, junger Herr— rief Graf Chateaubriant— haben die Thuͤren des Koͤnigs und Lehensherrn in Frankreich noch allezeit offen geſtanden, und die Staͤnde des Reichs haben ſich nie durch Bediente melden laſſen! Seid Ihr— rief der aus dem Saal tretende Admiral Bonnivet— als Korporation der Staͤnde von Bretagne und Normandie hier zugegen? Auf dieſe Frage entſtand ein Murmeln der Unſchluͤſ⸗ ſigkeit unter den Seigneurs. Dann mogen die Seneſchals der beiden Provinzen— fuhr Bonnivet fort— vortreten, auf daß ich ſie vor den Koͤnig fuͤhre! Es trat Niemand vor, und Lautrec ergriff das Wort: Wenn dies Euer Dienſt iſt, Herr Admiral von Bonnivet, ſo meldet mich dem Koͤnige, und ſagt ihm, daß Lautrec von Foir an der Thuͤr ſtehe, um dem Koͤnige von Frankreich Bericht zu erſtatten uͤber das franzoͤſiſche Heer in Italien. 99 Du redeſt unwahr, Lautrec von Foir! ſprach ploͤtzlich zu allgemeiner Ueberraſchung der Koͤnig ſelbſt, vor dem die Fluͤgelthuͤren des Saales aufgeflogen waren, und der mit drohender Miene auf der Schwelle ſtand. Kein Foir ſpricht unwahr, Koͤnig von Frankreich! ent⸗ gegnete unerſchrocken Lautrec. Wo giebt's ein franzoͤſiſches Heer in Italien, Kriegs⸗ oberſt ohne Krieger? Du haſt mein Heer vernichten laſſen, es exiſtirt nicht mehr. Und jetzt erſcheinſt du in meinem Hauſe, umringt von ungebuͤhrlich auftretenden Edelleuten, die hier nichts zu ſuchen haben, und deren Gegenwart Deine Rechtfertigung erſchwert, ſtatt ſie zu erleichtern. Ich habe dieſe Seigneurs nicht aufgefordert, mich zu begleiten— Nein, Koͤnig Franz, wir haben uns zu ihm gedraͤngt, rief jaͤhzornig Graf Chateaubriant, weil wir ringsum die edelſten Haͤupter des Landes bedroht, und namenloſe Em⸗ porkoͤmmlinge in Macht ſehn.— Dadurch iſt ſchon Bour⸗ bon zu Aeußerſtem getrieben worden, dadurch ſehen wir Pairs des Reiches ungeziemender Behandlung uns ausge⸗ ſetzt— Es ſoll Dir, bretoniſcher Graf, geziemend erwieſen werden, daß Du Dich in Blois ungeziemend gegen Deinen Koͤnig und Herrn betragen haſt;z denn Du wirſt ſpornſtreichs von hier nach unſrer Stadt Paris reiten, und vor dem Par⸗ lamente erſcheinen, um Dein Recht zu hoͤren. Das Parlament von Paris iſt nicht mein Gerichtshof, erwiderte Chateaubriant, gleichzeitig mit dem Koͤnige ſpre⸗ chend, der auf dieſe Erwiderung nicht achtete, ſondern zu 7* Lautreec gewendet ohne Unterbrechung fortfuhr: Und Du, Lautrec von Foix, wirſt in dieſer Stadt verharren, bis ich Dich rufen laſſe zur Rechenſchaft. Ihr aber, Seigneurs der Bretagne und Normandie, die Ihr Euch unwürdig gezeigt fuͤr Berathung mit Eurem Koͤnige und Herrn, die Ihr Euch trotzig erwieſen habt in einem Augenblicke, da die abſcheu⸗ lichſte Felonie gegen den Koͤnig von Frankreich verbrochen worden iſt, und da jeder brave Edelmann hierdurch aufge⸗ fordert ſein ſollte, ſich betruͤbt und hingebend zu beweiſen, Ihr werdet dieſe Stadt verlaſſen, bevor die Sonne unter⸗ gegangen iſt, und werdet auf Euren Schloͤſſern erwarten, was Euer Koͤnig und Herr uͤber Euch und nicht mehr mit Euch beſchließt! Nach dieſen mit ſchallender Stimme geſprochenen Worten trat der Koͤnig zuruͤck, und die Saalthuͤren ſchloſſen ſich wieder. Wahrhaftig, Budé, ſagte er am folgenden Tage, als ihm die Anzeige gemacht wurde, die Graͤfin Chateaubriant ſei nur noch eine Stunde von Blois entfernt und Lautrec werde in naͤchſter Stunde auf dem Schloſſe erſcheinen zu ſeinem Gericht,— wahrhaftig Guillaume, wir Menſchen bleiben uns ſelbſt, jeder ſich ſelbſt, die groͤßten Raͤthſel! Sprich nicht ferner jenen deutſchen Moͤnchen das Wort, welche ſich anheiſchig machen, die religioͤſen Schleier zu luͤften. Die Vorwitzigen! Wo bliebe mir der Lebensreiz, wenn ich nur von den verborgenen Geiſtern in meiner eig⸗ nen Perſon die Huͤlle wegziehen koͤnnte! Und ich kann es nimmermehr. Du mußt mir's glauben, Bude, denn ich weiß es ſelbſt nicht anders, daß ich ohne Kalkuͤl meinen geſtrigen Zorn zu meinem Vortheile ausgebeutet habe. Bei meinem Degen ſag' ich Dir, ich habe ohne weitere Ueber⸗ legung Chateaubriant gerade von hinnen gejagt, da die Ankunft ſeiner Frau nahe bevorſtand, und habe Lautrec's Gericht verſchoben ohne den Gedanken, es koͤnne wohl, wie es nun geſchehen wird, mit jener Ankunft zuſammenfallen, und koͤnne die Schweſter dem Bruder nach unmittelbar in mein Haus fuͤhren. Das Alles hat vielleicht wie ein nur mit ſchwachen Umriſſen angefangenes Gemaͤlde in irgend einem verborgenen Winkel meines Inneren geſtanden, aber gekannt habe ich's nicht, auch wenn ich darnach gehandelt habe. Nun, was haſt Du mit Deinem truͤbſeligen Ernſte? Koͤniglicher Herr, ich fuͤrchte, Ihr behandelt mir dies ſeltne Frauenbild im Stile einer gewoͤhnlichen Liebſchaft, wie ſehr ich Euch— An Dir iſt wirklich ein Beichtvater verdorben, Budé! Es iſt mir, mein Koͤnig, in dieſem Falle ſo ſtrenger Ernſt mit alle dem, was ich geſagt habe und ſage, daß ich getroſt Eure Ungnade auf mich nehmen und meiner Graͤfin rathen werde, Augenblicks wieder umzukehren— Thoͤrichter Menſch, habe ich's denn zuruͤckgenommen, daß ich der edelſten Eindruͤcke gewaͤrtig bin, und daß ich, wenn mir ſolche Eindruͤcke werden, die ehrenhafteſten Schritte vorhabe? Holla, Bonnivet, ich habe mir das an⸗ ders uͤberlegt, Du darfſt die Graͤfin nicht empfangen, wenn ſie, erſchreckt uͤber die Abreiſe ihres Gemahls, ihren Bruder ſucht, Du wuͤrdeſt das zu leichtfertig betreiben, und ſie wuͤrde nur noch aͤrger eingeſchuͤchtert. Bude mag es thun, und mag ſie zu meiner Schweſter füͤhren. Dies ward geſprochen im Saale von Blois um die Mittagsſtunde, und bei den letzten Worten wurden dem Koͤnige Briefſchaften uͤberreicht, welche Bezug hatten auf die mißlichen Kriegsverhaͤltniſſe, und welche den Koͤnig in eine ganz andere nicht eben erfreuliche Stimmung verſetz⸗ 3 ten. Er ging mit großen Schritten im Saale umher, und ſchien es nicht zu beachten, als Lautrec eingefuͤhrt wurde von Chabot de Brion. Lautree ſchritt vor bis in die Mitte des Saales, verbeugte ſich ſtumm und verharrte ſtumm, ernſthaften aber ruhigen Blickes dem umhergehenden Koͤ⸗ nige zuſehend. Dieſer ging mehrmals dicht an ihm vor⸗ uͤber, und blieb endlich dicht vor ihm ſtehn— Du biſt Lautrer von Foixr, den ich mit einem praͤchtigen Heere nach Italien ſandte? Der bin ich. Wo haſt Du mein Heer? Es iſt verloren. Wo iſt meine Mallaͤnder Erbſchaft? Sie iſt verloren. Wer hat ſie verloren, ungluͤcklicher Mann? Ich nicht! „ Verwegener, wer ſonſt? Du haſt ſie ſelbſt verloren, Koͤnig, denn Du haſt uns im Stich gelaſſe V Was? — —— ——— Ein Heer braucht Sold, denn es beſteht nicht aus Edel⸗ leuten, ein Heer braucht Nahrung, und nicht fuͤr das Eine, — 103 nicht fuͤr das Andere wurde von Frankreich aus auch nur im Mindeſten geſorgt. Erinnere Dich, mein Koͤnig, daß ich nicht abreiſen wollte, bevor ich die Mittel zur Kriegfüh⸗ rung in Haͤnden haͤtte. Reiſe getroſt, hieß es, man wird ſie Dir ſenden, ich reiſ'te und— was geſchah? Die Gendar⸗ merie hat achtzehn Monate gedient ohne einen Denar zu erhalten, und die Schweizer desgleichen, die Schweizer, welche nur um Geld dienen. Sie verließen mich denn am Ende großentheils, und die noch blieben, zwangen mich zur unguͤnſtigſten Annahme der Schlacht an der Bicocca, denn ſie wollten wenigſtens Beute machen, und ſie verſagten, als der erſte Anlauf mißlang— Wie kannſt Du Dich auf Mangel an Sold berufen, da ich Dir doch die verſprochenen 400,000 Eku's gewiſſenhaft geſendet?— Du haſt ſie nicht geſendet! Frecher Lautrec! Maͤßige Dich Koͤnig von Frankreich! Ein Foix, der Jahrelang Heere geführt, traͤgt Ungluͤck groß wie das Al⸗ pengebirg, aber keinerlei Schimpf, ſei er nur ſo groß wie das Sandkorn am Meere, und ein Foix luͤgt nicht! Deinen koniglichen Brief, welcher die Abſendung der Summe an⸗ kuͤndigte, hab ich erhalten, niemals aber die Summe ſelbſt— Lautrec!?— Brion, rufe Semblangay! Bis dieſer erſchien, ging der Koͤnig wieder umher, und zwar in noch groͤßerer Aufregung als vor Beginn des Ge⸗ ſpraͤchs. Als der alte Semblangay eintrat, rief er ihm hef⸗ tig entgegen: Hab ich Dir nicht befohlen, 400,000 Ekü's an's italieniſche Heer zu ſenden? 104 Zu Befehl, Majeſtaͤt. Nun? Die Summe war auch bereits zur Abſendung verpackt, als Ihre koͤnigliche Hoheit, Madame von Angouléème zu mir trat, die Summe in Anſpruch nahm— Biſt Du mein Diener im wichtigſten Geſchäͤfte, und weißt nicht, wer Dir befiehlt? Doch, Majeſtaͤt! Ich widerſtrebte, ſo weit es ſchicklich war gegen die Mutter meines Koͤnigs; Eure Majeſtuͤt wa⸗ ren abweſend, und es blieb mir nichts uͤbrig, als gegen eine gute Quittung— 4 Es bleibt mir nichts uͤbrig gegen ſolche Dummheit als Schwert und Strick, weißt Du, grauer Thor, was Du an⸗ gerichtet?— Brion, die Frau Herzogin von Angoulème ſei gebeten— was hilft mir nun das Papier, das in Dei⸗ ner Hand zittert wie das Gewiſſen in Deinem Buſen? Mein Gewiſſen, koͤnigliche Majeſtaͤt, iſt gut, denn dies Papier iſt die Quittung, welche mir die Frau Herzogin aus⸗ geſtellt hat uͤber Empfang der 400,000 Ekü's— Zeig her!— Der Koͤnig las, und ein konvulſiviſcher Schmerz fuhr wie ein zackiger Blitz durch ſein Angeſicht. Er betrachtete den ungluͤcklichen Semblangay von unten bis oben, und ſchwieg, und ſah nach der Thuͤr, durch welche die Herzogin eintreten ſollte. Vielleicht bereute er's ſchon, daß er ſeine Mutter einem Verhoͤre vor ſolchen Zuhoͤrern ausſetzte; wenigſtens ging er ihr, da ſie eintrat, hoͤflich ent⸗ gegen, fuͤhrte ſie vor Semblangay, und ſprach mit ſchwaͤ⸗ cherer Stimme als vorher: Madame, dieſer Mann behaup⸗ 1 tet, Euch auf Euren Befehl eine Summe von 400,000 Eku's eingehaͤndigt zu haben! Und womit unterſtuͤtzt er dieſe Behauptung? Hiermit!— Der Koͤnig hielt ihr dabei die von ihr eigenhaͤndig unterſchriebene Quittung vor die Augen.— Die Herzogin, vorbereitet auf dieſen kritiſchen Augenblick und wohl berathen durch Duprat, las aufmerkſam, und ſagte gleichguͤltig: Dies i*ſt in der Ordnung. Ich habe dies Geld erhalten, und habe den Empfang beſcheinigt, was iſt ſonſt dabei, mein Sohn? Was ſonſt? Mein Heer, mein Italien haſt Du mir verloren durch Wegnahme dieſer Summe! Das wolle Gott verhuͤten, mein Sohn! Warum hat man ſie nicht zu dieſem Ende von mir verlangt? Ich wuͤrde ſie gern geopfert haben, obwohl ich ſie mit mancher Ent⸗ behrniß erſpart hatte— Wie das? rief der Koͤnig. Oh, Madame! rief Semblangay, dem große Schweiß⸗ tropfen auf der Stirne ſtanden, weil er wohl einſah, wie gefaͤhrlich ihm dieſe Wendung werden konnte. „Derr Koͤnig aber hielt dieſen Ausruf des alten Man⸗ nes fuͤr einen Ausruf der Bitte um Schonung, und drang auf naͤhere Erklaͤrung. Die Herzogin gab ſie dahin ab, das Geld ſei ihr erſpartes geweſen, das Semblangay zur Aufbewahrung gehabt, und das alſo nichts als die gleiche Zahlenhoͤhe mit der fuͤr Italien beſtimmten Summe ge⸗ mein habe. Semblangay! rief hierbei der Koͤnig, alter grauer Suͤnder! Mit welcher Geſchicklichkeit haſt Du mich ſo viele Jahre uͤber Deine Ehrlichkeit getaͤuſcht!— Semblangay, die Hand auf's Herz legend, wollte betheuern, ward aber von der Herzogin unterbrochen, welche ſagte: Wenn der Koͤnig von Frankreich ſeine Mutter Luͤgen ſtra⸗ fen laͤßt, ſo ſollte er es doch in gemeſſener Form thun, die⸗ ſen Mann vor Gericht ſtellen und die Sache ſtreng unter⸗ ſuchen laſſen; denn es iſt gegen meine Wuͤrde, einem Be⸗ truͤger zu widerſprechen! Oh, oh, wir waren unwuͤrdig, ein Land ſchoͤn wie Ita⸗ lien zu erobern! rief der Koͤnig, zweifelnd bald die Mutter, bald Semblangay anſehend. In dieſem Augenblicke trat Bonnivet zu ihm, und machte ihm leiſe eine Mittheilung. Der Koͤnig ging ſogleich an's Fenſter, riß es auf, und ſah aufmerkſam in den Hof hinab, ruͤckwaͤrts die Hand aus⸗ ſtreckend und mit langſamer Betonung ſagend: Geh hin⸗ unter, Buds, und empfange den Gaſt, wie ich Dir befohlen! Beſchaͤftigt Euch mit Lautrec, Majeſtaͤt, fluͤſterte Bon⸗ nivet dem Koͤnige zu— er ſteht unbeſchaͤftigt noch in der Mitte des Saales; ſobald er an's Fenſter tritt und ſeiner Schweſter anſichtig wird, ſo bemaͤchtigt er ſich auch ihrer, und unſre Plaͤne werden erſchwert, wenn nicht gar vernichtet! Der Koͤnig aber war in den Anblick verſunken, der ſich ihm bot: die junge Graͤfin auf weißem Zelter, erhitzt von der Reiſe, unſicher in der Fremde ſah halb neugierig, halb zaghaft umher, und begruͤßte mit großer Freude den aus dem Schloſſe tretenden Budeé, ja ſie reichte ihm beide Haͤnde, und auf die ſeinigen geſtuͤtzt ſprang ſie mit anmuthiger Ge⸗ ſchicklichkeitvvom Pferde.—„Ihr habt ganz recht gehabt— ſagte der Koͤnig, immer noch hinabſehend, nicht eben leiſe zu Bonnivet—„dies ſcheint ein reizendes Geſchoͤpfzu ſein’”— —Bʒʒ 107 Wenn aber Majeſtaͤt Lautrec nicht beſchaͤftigen, ſo ge⸗ nießen Sie nichts davon als den jetzigen Anblick— die Frau Herzogin naͤhert ſich eben dieſem Fenſter, und Lautrec dem andern, nur das gleichguͤltige Schlachtopfer Sem⸗ blangay bleibt unbeweglich in der Mitte— Da wendete ſich der Koͤnig, winkte Lautrec, und ging mit ihm an die entgegengeſetzte Fenſterreihe des Saals, welche nach dem ſtillen Margarethen⸗ Platze mit Nußbaͤu⸗ men und Kirchlein hinaus ging, und ſprach mit halber Stimme zu ihm: Kannſt Du mir Deine Hand darauf ge⸗ ben, Lautree, daß der Mangel des Geldes allein die Ver⸗ luſte herbeigeführt hat? Nein, mein Koͤnig, das kann ich nicht; ich habe ein Syſtem vorſichtigen Krieges verſucht, welches den beſten Vorzug unſrer Edelleute und Gensdarmen nicht zur vollen Wirkung kommen laͤßt, ich meine den Ungeſtuͤm, welchen die Italiener furia francese nennen, dies Syſtem hat uns ge⸗ ſchadet, und der Mangel des Geldes hat nur den entſchei⸗ dend ungluͤcklichen Ausſchlag gegeben. Wir haben alſo doch gelernt, obwohl wir verloren? Das haben wir. Beſſern wir uns alſo! Wir haben Gelegenheit, und Du mußt ſogleich wieder— wenn Du mir anders, lieber Lautrec, meine heftige Wallung verziehen haſt— in den Steigbuͤgel! Gieb mir Deine Hand! Deine Aufrichtigkeit hat mein Herz erfreut; Fortſchritt iſt nur moͤglich, wenn man aufrichtig iſt gegen ſich ſelbſt. Wenn wir das naͤchſte Mal Mailand ſehen, ſo werden wir neben einander ſein, und Ungeſtuͤm und Vorſicht neben einander ſollen zum guten 108 Ziele kommen, nicht wahr?— Herr Kanzler Duprat, die⸗ ſer ungluͤckliche Semblangay wird ſich vor dem Gerichtshofe des Parlamentes in Paris um Hals und Kragen verant⸗ worten ob Unterſchlagung der 400,000 Ekuͤ's, ſorgt dafuͤr! Ich bin unſchuldig, Majeſtaͤt! Das wollen wir ſehn. 5. So war denn die Intrigue gegen die Graͤfin bereits inſo⸗ weit gelungen, daß ſie allein und dem Anſcheine nach ſchutz⸗ los in's Haus des Koͤnigs gerathen war. Trotz dringender Nachfrage erfuhr ſie erſt nach und nach, daß ihr Gemahl ſchon vor einigen Tagen, ihr Bruder vor einigen Stunden Blois verlaſſen habe. Aber ihr Gemahl werde wahrſchein⸗ lich binnen Kurzem zuruͤckkehren, denn ſonſt haͤtte er Nach⸗ richten fuͤr ſie, die ja auf ſein Geheiß ankam, hinterlaſſen, und die wenigen Tage werde ſie in dem Schutze der liebens⸗ wuͤrdigen Margaretha Beſtens aufgehoben ſein. Die Graͤfin zeigte ſich allerdings wie ein etwas ver⸗ ſchuͤchtertes Reh. Haͤtte ſie den Boden nur etwas feſter, haͤtte ſie nur irgend ein Zeichen von ihrem ſtrengen Gatten vorgefunden, ſie haͤtte ſich ja ſo gern gefreut, plötzlich ein⸗ mal aus der unwandelbaren bretoniſchen Einſamkeit in ſo lebhafte Umgebungen gekommen zu ſein. So lange Bude, der ihr großes Vertrauen einfloͤßte, bei ihr blieb, drang auch einige Male die helle Aeußerung des Vergnügens mit⸗ ten durch ihre tauſend Fragen der Beſorgniß, wie ein Son⸗ nenblick durch umwoͤlkten Himmel. Aber Budé konnte nicht fortwaͤhrend bleiben, die Herzogin Margaretha uͤberhaͤufte ſte mit Zuvorkommenheit, Bonnivet ließ fragen, ob er auf⸗ warten koͤnne, ja der Koͤnig ließ ſie willkommen heißen, und die Angſt uͤberwaͤltigte ſie dergeſtalt, daß ſie in Thraͤnen ausbrach, und unter dem nicht ungegründeten Vorwande des Krankſeins ſich auf ihre Zimmer zuruͤckziehn mußte. Sie wußte nicht, was ihr bevorſtand, denn ſie war in der Welt unerfahren, aber ſie begriff mit jenem den Frauen eigenthuͤmlichen Inſtinkte, der wie ein ſechſter Sinn ſie un⸗ terrichtet, daß ihrem Leben eine entſcheidende Kriſis nahe. Und jede Frau, auch die unzufriedene, auch die gelangweilte ſcheut einen kritiſchen Wendepunkt. Sei es ihr angeboren — was die Emancipation Begehrenden laͤugnen—, ſei es ihr anerzogen: die Frau entſcheidet ſich, auch wenn ihr die Wahl gelaſſen wird, viel eher fuͤr fernere Ertragung einer drückenden Exiſtenz als fuͤr das Wagniß einer Aenderung. Die junge Graͤfin hatte in ihrem einſamen Schloſſe oft bit⸗ terlich geweint uͤber die Rohheit eines Gatten, der all ihre feineren Gedanken nicht verſtand und mit den Fuͤßen bei Seite ſtieß, der eben deshalb keine auf edlere Weiſe ver⸗ mittelte, ſondern nur die gedankenloſe aͤußerliche Zaͤrtlich⸗ keit bieten konnte, eine Zaͤrtlichkeit, welche immer zudring⸗ lich erſcheint und Widerwillen erweckt, ſobald ſie nicht Sei⸗ tens der Frau mit dem unbegreiflichen Schauer der Nei⸗ gung empfangen wird. Solche Neigung war der Graͤfin bis dahin fremd geblieben; aber ſie war ſo weiblich erzogen und in der Che ſo unterwuͤrfig gewoͤhnt worden, daß ſie ſelbſt nicht wußte, wie widerwaͤrtig ihr der Gemahl war. Ertragen wir doch oft Jahre lang das Unangenehmſte, weil wir erſt durch einen ploͤtzlich ſich bietenden Vergleich oder Gegenſatz entdecken, wie groß die uns aufgebuͤrdete Unan⸗ nehmlichkeit ſei.— Sie hatte alſo in den erſten Tagen auf Schloß Blois kein anderes Trachten deutlich vor ſich, als wie ſie aus dieſer ihrem Gemahl verhaßten Welt hinweg und nach Chateaubriant zuruͤckkommen koͤnnte. Daß ſie ſchon um ihres ſo unverſchuldeten Eintritts in dieſe Welt der herbſten Behandlung vom Grafen entgegenſehn durfte, das wußte ſie wohl, aber ſie wollte ſich lieber ſolcher Strafe unterwerfen, als der wachſenden Pein des Gewiſſens. Denn obwohl ſie mit einem pruͤfenden und den banalen Moral⸗ phraſen, welche der Graf hoͤren ließ, weit uͤberlegenen Geiſte ausgeruͤſtet war, ſo bildeten doch all jene Phraſen ein Gewiſſen in ihr, neben welchem ihr Geiſt, ſchuͤchtern und ohne Erfahrung, bei Weitem nicht aufkam. Hinweg! hinweg! draͤngte alſo Alles in ihr. Aber ſie war eben auch in Blois nach wenig Tagen nicht bloß durch aͤußere Bande gefeſſelt. Nicht etwa, daß ſie ihr ſchuͤchternes Auge zu einem der ſchoͤnen und geiſtvollen Maͤnner erhoben und einer ra⸗ ſchen Neigung ſich ergeben haͤtte, o nein, einem wie ſie ge⸗ arteten Weſen war fuͤr den Uebergang in andre Lebenskreiſe eine Frauenmacht viel gefaͤhrlicher oder doch wirkſamer. Die Herzogin Margaretha war ganz dazu geeignet, das Vertrauen der bedraͤngten jungen Frau ſchnell zu gewin⸗ nen, und den zu bewerkſtelligenden Wechſel vortrefflich zu leiten; denn Margaretha hatte die Ehe mit der Mittel⸗ — — 111 maͤßigkeit ſelbſt zu ertragen und zu verbeſſern gehabt, ſie war lebhaft, ſie war geiſtig hochbegabt, ſie beſaß ein ſtarkes Beduͤrfniß wahrhaftiger Tugend neben dem ſtarken Be⸗ duͤrfniſſe genußreicher Exiſtenz, und ſie war vielleicht in allem, was die Wuͤnſche ihres geliebten Bruders betraf, weniger gewiſſenhaft als ſonſt in irgend welchem Kreiſe. Und Galanterie war das junge Schooßkind jener Zeit! Es fand ſeine halbe Rechtfertigung im wiedererweckten Stile der als wuͤrdig geprieſenen Ritterlichkeit, und wurde uͤbri⸗ gens beſchuͤtzt von dem ſchmeichelnden Drange abenteuer⸗ licher Erfindung, der mit einer Wiedergeburt ſchoͤner Kuͤnſte und Verhaͤltniſſe Hand in Hand gehn muͤſſe. Es iſt alſo gar wohl erklaͤrlich, daß die Verfaſſerin der„Geſchichte begluͤck⸗ ter Liebhaber“, jener ſchalkhaften Novellen, es nicht ver⸗ ſchmaͤhte, dieſe unerfahrene Graͤfin ſyſtematiſch den Provin⸗ zial⸗Grundſaͤtzen abwendig zu machen. Dieſe begabte Ver⸗ führerin, ein aͤußerſt ſchwer zu beurtheilender Charakter, war uͤbrigens niemals gemeint, die alltäͤgliche Libertinage ihres Bruders zu unterſtuͤtzen, im Gegentheile verbarg ihr Franz die unſaubern Seitenwege, welche er gar oft wan⸗ delte, ſorgfältig, denn ſie nannte ſolche Abenteuer trivial und verzieh ſie nicht. Die alten Romane der Chevalerie waren ihre Lieblingslektuͤre geweſen, und hatten in ihr ein Syſtem zu Wege gebracht, von welchem viele Kenner den Geiſt und das Weſen der ſeit drei Jahrhunderten mannig⸗ fach ausgebildeten, zuweilen entarteten, immer aber inter⸗ eſſant ſich darſtellenden franzoͤſiſchen Geſellſchaft herleiten. Ruͤckſichtsvolle und aufopferungsluſtige Freundſchaft ſollte Grund und Boden alles Verkehres ſein, auch des Verkehrs 2.2* 112 zwiſchen den verſchiedenen Geſchlechtern, denen auf dieſem Grunde eine zarte und naive Vertraulichkeit geſtattet ſei. Margarethe erfand dafuͤr jene ſogenannten„Alliancen“, welche Freund und Freundin wie Bruder und Schweſter angeſehn wiſſen wollten, und welche, auf geiſtiger Zunei⸗ gung beruhend, den oͤffentlichen Ausdruck gegenſeitiger Liebe geſtatteten, und ſolcherweiſe ſyſtematiſch Tadel und Ver⸗ dacht entfernen ſollten. Schon an ihrem kleinen Hofe von Alengon hatte ſie ſolchen Lebensſtil eingefuͤhrt, und neben ihrem Bruder konnte ſie ihm eine ſo große Ausdehnung ge⸗ ben, daß er Vorbild fuͤr Frankreich wurde. Natuͤrlich blie⸗ ben dieſe„Alliancen“ nicht ſo ſpirituell, wie ſie gemeint waren, ja Brantome ſagt von der Stifterin ſelbſt,„ſie habe in Sachen der Vergnuͤglichkeiten und Galanterien gezeigt, daß ſie mehr davon verſtuͤnde, als ihr taͤgliches Brot“; aber es bildeten ſich doch Formen und Verhaͤltniſſe, welche Geiſt und zierlichen Anſtand zur Grundbedingung hatten und das Unvermeidliche vor Rohheit bewahrten. Hierin zeigt ſich ein intereſſanter Kontraſt des ſechzehnten und des neunzehn⸗ ten Jahrhunderts in Frankreich: im neunzehnten naͤmlich wurden dieſe Alliancen durch Simoniſten und Sozialiſten dergeſtalt wieder aufgenommen, daß man ſie auf die ganze buͤrgerliche Geſellſchaft ausdehnen und das bloß anmuthige Spiel mit Formen in ein ernſthaftes Grundgeſetz fuͤr freien 4 Verkehr zwiſchen den Geſchlechtern umwandeln wollte. 4 Margaretha, dem reformirenden Kalvinismus mit großer Theilnahme, ja einige Jahre ſpaͤter mit Parteinahme zuge⸗ hoͤrend, haͤtte wahrſcheinlich, wenn der Simonismus neben ihr entſtanden waͤre, einzelne Theile deſſelben ſyſtematiſch aufgenommen und in's Werk geſetzt, und darin die Grund⸗ verſchiedenheit von ihrem ihr oft ſo aͤhnlich erſcheinenden Bruder an den Tag gelegt. Denn Franz als entſchiedener Egoiſt war allem verbindlich machenden Syſteme abhold, und fand ſeinen Lebensreiz juſt im Gegentheile, im Will⸗ kührlichen und Augenblicklichen. Es iſt nicht bekannt geworden, in wie weit Margaretha von ihrem Bruder eingeweiht worden ſei in die Abſicht, welche er damals vorhatte mit der Graͤfin Chateaubriant. Wahrſcheinlich i ſt die Verſtaͤndigung nicht weiter gegangen als bis zu den allgemeinen Redensarten, daß es ſich darum handle, ein liebenswuͤrdiges und begabtes Geſchoͤpf den rohen Haͤnden eines Seigneurs zu entwinden, der ſolchen Sdelſtein nicht zu wuͤrdigen wiſſe. Und das war hin⸗ reichend, das Intereſſe und die Beiwirkung Margaretha's zu erwecken. Koͤnig Franz konnte auch in den erſten Tagen guten Gewiſſens ſich ſolcher allgemeinen Ausdruͤcke bedie⸗ nen, denn er hatte die Graͤfin nur von Weitem geſehn, und erſt am dritten Tage verſchaffte ihm Margaretha, welche die Aufgabe als reizende pſychologiſche behandelte und um keinen Preis uͤbereilt ſehn mochte, Gelegenheit, die ſchoͤne Francoiſe naͤher zu beobachten. Nicht daß ſie ihn zu ihr geführt haͤtte, ſo weit war die verſchuͤchterte Graͤfin noch keineswegs ermuthigt, ſondern dadurch, daß ſie ihm im offnen Nebenzimmer an einem Fenſter, welches in der Zwiſchenwand angebracht war, einen Platz anwies. Es war das Glas dieſes Fenſters eine Beute aus Italien, und hatte den damals in Frankreich noch unbekannten Spiegel⸗ Vorzug, daß es nur von einer Seite, natuͤrlich von der, Laube, Chateaubriant. I. 8 114 welche der Koͤnig einnahm, durchſichtig war, von der andern aber bis zur Undurchſichtigkeit blendete. Dort ſah und hoͤrte Koͤnig Franz die junge Frau in all ihrer lieblichen und reizenden Naturlichkeit, welche ſie der freundlichen Margaretha gegenuͤber bereits gewonnen hatte. Margare⸗ tha galt wirklich in ganz Frankreich fuͤr diejenige Perſon der koͤniglichen Familie, welche ſittlich am Hoͤchſten zu achten ſei, und dieſer Ruf erleichterte ihr uͤberaus die ſogenannte Bekehrung der Graͤfin—„Aber es iſt doch unerlaͤßlich,“ ſagte die Letztere, daß ich meinem Gemahle wenigſtens ausführliche Kunde abſtatte, wo ich mich befinde und wie ich lebe, wenn Ihr denn durchaus unveraͤnderlich darauf beharrt, meine Ruͤckkehr nach Chateaubriant ſei ohne Weiteres unpaſſend“— Und ich denke, erwiderte Margaretha, Ihr gebt mir darin endlich Recht! Euer Gemahl befiehlt Euch, hierher zu kommen, und achtet Eurer, ich will nicht einmal ſagen Eures Rufs, ſondern nur Eurer Sicherheit und Bequem⸗ lichkeit ſo wenig, daß er unbekuͤmmert um Eure Ankunft ſich von Blois entfernt und Euch dem Zufalle Preis giebt. Verdient ſolche Unritterlichkeit Ruͤckſicht von Eurer Seite? Strafe verdient ſie. Die Maͤnner ſind das, wozu wir ſie machen. Sie ſind leidenſchaftlich, aber roh und gedanken⸗ los uns gegenuͤber, denn in dem eingeriſſenen Wahne, dem erſten und allein wichtigen Geſchlechte anzugehoͤren, ſind ſie eigenſuͤchtig bis zum Grade der Gedankenloſigkeit. Wir muͤſſen ſyſtematiſch Formen erfinden und aufrecht erhalten, wir muͤſſen die Maͤnner taͤglich daran erinnern, wir muͤſſen darin zuſammenhalten wie fuͤr einen Kultus und jede 115 Einzelne muß in ihren Verhaͤltniſſen Wohl und Wehe ihres ganzen Geſchlechts vor Augen haben, daß wir nichts Ge⸗ ringeres ſind, denn ſie. Glaubt nur, dies iſt auch zum Beſten der Maͤnner: ohne ſtrenge Schranken und Bil⸗ dungsmittel nuͤtzen ſie den Zauber ab, welchen weibliche Schoͤnheit gewaͤhren mag! Sie vernichten durch plumpen, eintoͤnigen Verkehr alle Moͤglichkeit unerwarteter Wen⸗ dung, allen Reiz eines Gluͤcks, das nur Glück iſt, ſo lange wir deſſen nicht ſicher ſind. „Aber die Frau hat ja kein Recht zu ſolchen Maaß⸗ regeln, welche die Herrſchaft des Mannes untergraben, denn es heißt ja ſelbſt in der Religion: Er ſoll Dein Herr ſein!“ O pfui doch, Graͤfin, das iſt ein altmodiſches Mißver⸗ ſtaͤndniß— „Kann denn die Religion auch altmodiſch werden?“ Wenigſtens die Deutung derſelben. „Das mag ſein. Aber heißt es nicht eine andre Gefahr heraufbeſchwoͤren, wenn man uns raͤth, ein Syſtem zu errichten auch zwiſchen Ehegatten? Die Gefahr der Verſtellung und Luͤge? In meiner Erziehung iſt Alles darauf hingeleitet worden, ich ſolle wahr und offen ſein, dies ſei die Grundbedingung aller Tugend und alles gluͤck⸗ lichen Gewiſſens, und ich ſollte nun demjenigen Manne gegenuͤber, dem ich mit Leib und Seele zugeſprochen worden bin, wohl uͤberlegt eine Kunſt der Verſtellung uͤben, ein Getriebe der Taͤuſchung! Wie reimt ſich das?“ Unſchuldig Maͤdchen, das Ihr geblieben ſeid! Habt Ihr noch nie zugeſehn, welchen Gang jegliche Erziehung nimmt? Bei groben Gegenſäͤtzen beginnt ſie, um bis zu 8*† — 88888 —— — — 116 feinen und feineren Unterſchieden hinaufzufuͤhren und dann den allmaͤhlig geuͤbten Menſchen dem eigenen Urtheile zu uͤberlaſſen. Der junge unerfahrne Menſch iſt wie ein Kran⸗ ker in der Geſellſchaft, man gibt ihm Kruͤcken, an denen er geht, bis er ſich ſelbſtaͤndig fuͤhlt und ſie hinter ſich wirft! „Aber ich fuͤhle mich noch nicht ſelbſtaͤndigz und iſt es denn uͤberhaupt Beſtimmung des Weibes ſelbſtaͤndig zu werden?“ Dieſer Zweifel iſt ein Frevel gegen Gott, der in uns ſo vollkommene Menſchen geſchaffen hat, wie in den Maͤnnern— „Erlaubt! Vollkommen in anderen Kreiſen, nicht aber in denen, welche Kraft und Muth und alle Vorzuͤge der Selbſtaͤndigkeit erfordern. Wozu denn zwei Geſchlechter, wenn ein jedes ſelbſtändig, das heißt unabhaͤngig vom andern leben koͤnnte und ſollte? Und unabhängig von ein⸗ ander koͤnnen wir nicht leben, unſre Sinne verbieten es, und der ſuͤße Zwang des Gebaͤrens, der uns auferlegt iſt zur Fortpflanzung des Menſchengeſchlechtes, ſpottet unſrer Unabhaͤngigkeit; Selbſtaͤndigkeit, meine ich, ſoll nicht die Deviſe des Weibes ſein!“ Sieh da, rief Margaretha und umarmte halb laͤchelnd, halb erſtaunt ihren Gaſt, der ſich eine ſchoͤne Roͤthe in's Antlitz geſprochen hatte, ſieh da, meine Liebe, Ihr ſeid ja geuͤbter in Entwickelung von ſelbſtaͤndigen Gedanken als all unſre Damen am Hofe es ſind! Ihr werdet ſie alle uͤberſtrahlen durch ein lauteres und begabtes Naturel. Und was hat Euch ſo fruͤhzeitig zu ernſthaftem Gedanken⸗ leben gebracht? Das ſtille eheliche Gluͤck auf behaglichem, einſamem Schloſſe? 117 „Ach, nein—“ Das Gluͤck ſoll nicht zum Nachdenken fuͤhren. „Das weiß ich nicht. Aus Euren Reden entnehme ich die Beſtaͤtigung eines Wunſches, der ſich mir ſelber oft aufgedraͤngt hat, und der auch vielleicht unpaſſend fuͤr mich nach einem Syſteme ſchmeckt: Gaͤbe es nicht unſchuldige Mittel in unſerm, das heißt in der Frauen Vermoͤgen, die Maͤnner zarter und edler zu machen, ohne daß ihnen an Kraft und Staͤrke etwas geraubt wuͤrde?“ Arme Graͤfin, wie gern moͤchtet ihr verbergen, daß Eure Jugend an rohe Haͤnde Preis gegeben iſt.— Wider⸗ ſprecht nicht, und uͤberzeugt Euch nach und nach, daß es das Weib Preis geben heißt, wenn man ihre Abhaͤngigkeit vom Manne hingehen laͤßt, wie es der großen Mehrzahl gleichguͤltiger und des ſinnigen Weibes unwuͤrdiger Maͤn⸗ ner beliebt. „Und doch geht auch ſo viel feines und zartes Werk von den Maͤnnern aus, es iſt doch wohl nur einzelnes Un⸗ gluͤck, nicht gerade ſolchen Maͤnnern begegnet zu ſein! Welch eine wunderbar erhebende Welt iſt nicht von Maͤn⸗ nern ausgedruͤckt worden in Gemaͤlden, wie deren ſeit eini⸗ ger Zeit aus Italien nach Frankreich gekommen ſind, und wie ich deren, als ich von Foir nach Chateaubriant uͤber Fontainebleau reiſ'te, geſehen habe. Da habe ich ſtaunend vor dem heiligen Michael Raphael's geſtanden, und habe mich entzuͤckt in den edlen, ach ſo erhebenden Reizen einer heiligen Familie deſſelben Malers. Seht, da iſt mir Kraft und Anmuth, Groͤße und Zartheit, Schwung und Einfach⸗ heit in Einem zum erſten Male in meinem Leben entgegen getreten, und es iſt nie wieder aus meiner Seele geſchwunden, daß ſolche Vollkommenheit nur von dem Genius eines Mannes ausgehn koͤnne, und daß uns Frauen wohl immer die Macht einer ſo mannigfach bedingten Erfindung gebrechen moͤge— hoͤrt mich! Und weiter: war es nicht ein Mann, welcher den neuen großen Sinn fand, ſolche unerhoͤrte Kunſt auch unerhoͤrt zu feiern? Zahlte er dem Kuͤnſtler nicht erſtaunliche Summen, und was mehr ehrte und erregte— wir begegneten damals in Montargis dem Zuge, der von Lyon herauf kam— er empfing ein Bild, wie man bis dahin nur die wichtigſten Reliquien aus dem heiligen Lande empfangen hatte; unter Fanfaren mit allem Pomp und mit aller Pracht der Feier, die all unſre Einbildungskraft belebte, ließ er das neue Wunder ent⸗ huͤllen und zum erſten Male anſchauen. Dieſer küͤhne Sinn konnte nur von einem Manne kommen, denn er ſchloß ein neues, ſeines Rechts ſich bewußtes Urtheil, er ſchloß die Kraft einer Neuerung in ſich, die uns Frauen von der Natur verſagt iſt“— Und dieſer Mann? „Es war Euer Bruder, es iſt der Koͤnig“— Den Ihr nicht ſprechen wollt, und doch ſo zu ſchaͤtzen wißt! „Mein Gott, was haͤtte ich ihm zu ſagen in meiner unpaſſenden Lage“— Waͤhrend der letzten Rede war Koͤnig Franz ungeſtuͤm aufgeſtanden, hatte dem neben ihm ſtehenden Budé die Hand gedruͤckt, und zugefluͤſtert:„Dies Weib iſt wuͤrdig einer Krone, Guillaume, ich danke Dir,“ und hatte einen Schritt gegen die mit ſeidner Gardine verhangene Verbin⸗ 119 dungsthuͤr gethan, als wollte er zu den Frauen eintreten. Bude hatte ſich erlaubt, die Hand feſt zu halten, und ihn dadurch und durch Bittworte daran zu verhindern, als aber die Graͤfin ſprach:„Was haͤtte ich ihm zu ſagen,“ da übermannte ihn der Drang ſeiner Galanterie, er ſchob alle vorgezeichneten Plaͤne bei Seite, und trat in's Zimmer zu den Damen. Schon im Kommen, gerade auf die Graͤfin zugehend, ſprach er zu ihr:„Der Koͤnig hat aber Euch zu ſagen, daß er von allen Großen ſeines Reichs noch nicht ſo ſchoͤn verſtanden worden iſt, als von Euch, meine gnaͤdige Graͤfin,“ und dabei ergriff er ihre Hand und kuͤßte ſie, und bat um Entſchuldigung, daß er, das lebhafte Geſpraͤch ver⸗ nehmend, einen Augenblick vor ſeinem Eintritt an der Thuͤrſchwelle ſtehen geblieben ſei, um zu hoͤren, ob er auch ungelegen komme.„Aber ich hoͤrte,“ ſetzte er laͤchelnd hinzu, „ein ſolch Uebermaaß meines eigenen Lobes, daß ich darauf hin ſogleich einen Fehler begehn, und Euch ſtoͤren durfte.“ Mit dieſer Ueberraſchung ſchien der Koͤnig den Beſtre⸗ bungen ſeiner Schweſter, die Graͤfin zu ermuthigen, weſent⸗ lich geſchadet zu haben. Dieſe entzog ſich eher kalt als ſchuͤchtern den Artigkeiten des Koͤnigs, und ſie war offenbar davon betroffen, daß ſie ein Aufpaſſen, Behorchen uͤber⸗ haupt und ein berechnetes Verfahren zu entdecken glaubte. Wie ſehr ihr auch in dem ihr ſelbſt verborgenen Innern der Antheil und Beifall des Koͤnigs ſchmeichelte, wie ſehr ſie auch in dieſer ihr ſelbſt verſchleierten inneren Welt ihres Herzens ein Theilnehmen an dieſen Lebenskreiſen 120 wuͤnſchte, ja wie ſehr ſie mit Schauer an ihre Ruͤckkehr nach Chateaubriant dachte: Erziehung, Pflichtgefuͤhl und weib⸗ liche Zaghaftigkeit hielten ſie doch entfernt von jeder, auch der kleinſten Hingebung an dieſe lockenden Verhäͤltniſſe, und trieben ſie zuruͤck in den einſamen, freudeleeren Kreis des bretoniſchen Schloſſes. Sie ſah voraus, daß ſie ſchon fuͤr den unverſchuldeten Eintritt in's koͤnigliche Schloß zu leiden haben wuͤrde, aber ſie beſaß jenen Muth der Frauen, den Muth, allen Leiden gebückten Hauptes entgegen zu gehn. Bis dahin von der ſanften Macht der Herzogin zuruͤckgehalten, ſah ſie nun keine dringendere Pflicht vor ſich, als ihren Gemahl zu unterrichten. Eine treue Dienerin Louiſon, welche aus der Pyrenaͤenheimath der Braut ge⸗ folgt und der jungen Graͤfin treu verblieben war, uͤber⸗ nahm es, einen Boten uͤber Paris nach Chateaubriant zu ſenden. Denn es war der Graͤfin nicht verſchwiegen worden, daß ihr Gemahl eiligſt nach Paris gegangen ſei eines dringenden Geſchaͤftes wegen, aber obwohl man hinzuge⸗ ſetzt, er werde unverweilt nach Blois zuruͤckkehren, ſo war ſie doch bereits mißtrauiſch, und dehnte die Sendung aus bis nach der Heimath. Louiſon hatte ſich dies indeſſen leichter gedacht als es war. Sie fand zwar bald einen Boten, aber Florio, bereits vortrefflich bezahlt fuͤr das bisherige Gelingen der Intrigue und auf der Wacht fuͤr den weiteren gluͤcklichen Fortgang derſelben, hatte ſein Standquartier beſchaulichen Muͤſſigganges im Thorhuͤter⸗Saale des Schloſſes aufge⸗ ſchlagen, wo Alles was kam und ging voruͤber mußte, und wo eine Niederlage ſaͤmmtlicher Dienerſchaft und aller auf — 121 gelegentliche Auftraͤge harrender Lungerer war. Es war ihm ein Leichtes, der ſuchenden Louiſon nachzuſpuͤhen, und die Abſendung des Briefes zu unterſchlagen. Louiſon war klug, und theilte ihrer Herrin offen mit, daß ſie einigen Zeichen nach die richtige Abſendung des Briefes nicht fuͤr hinlaͤnglich geſichert halte, und daß ſie rathen muͤſſe, einen zweiten zurecht zu machen, wenn der Frau Graͤfin beſonders Viel an zuverlaͤſſiger Beſtellung deſſelben liege. Nur war zu befuͤrchten, daß es dem zweiten nicht beſſer ergehn wuͤrde als dem erſten, und die Graͤfin, durch dieſes neue Anzeichen verborgener Umtriebe in noch groͤßere Aufregung verſetzt, entſchloß ſich zu einem ungewoͤhnlichen aber ihrem kindli⸗ chen Charakter allerdings ganz angemeſſenen Wege. Sie hatte ſich naͤmlich, nachdem der Koͤnig ſie uͤberraſcht, nicht mehr aller Maͤnner⸗Geſellſchaft entziehn koͤnnen, welche ſich des Abends bei der Herzogin Margaretha einſtellte. Der Koͤnig war auf Anrathen ſeiner Schweſter nicht wieder gekommen, und es hatten ſich zu Anfange nur die Kuͤnſtler und Gelehrten eingeſtellt, die der Graͤfin weniger Scheu erregten, und unter denen ihr der gewandte Marot eine Erheiterung, der wuͤrdige Budè ein Troſt war. Aber auch einige der luſtigen Ritter aus des Koͤnigs unmittelbarer Umgebung hatten ſich allmaͤhlig eingefunden. Unter ihnen Bonnivet und Chabot de Brion. Letzterer, ein ganz jun⸗ ger, bildſchoͤner Mann, zeigte ſich ſehr zurüͤckhaltend und außerſt achtungsvoll gegen die Graͤfin, ganz verſchieden von Bonnivet, welcher die vorgefaßte Abſicht der Zuruͤckhaltung nicht lange durchſetzen konnte, und ſich bald in froͤhlicher, kühner Galanterie gehen ließ. Es war ihm wohl zuzu⸗ ———ö 122 trauen, daß er's im gluͤcklichen Falle auf die Gefahr der königlichen Ungunſt gewagt haͤtte, eine Eroberung zu machen, welche, wie er am Beſten wußte, der Koͤnig ſelbſt beabſichtigte. Aber dieſe freie Zuverſicht, welche vom Betragen aller Uebrigen auffallend abwich, wirkte nicht mehr verſchuͤchternd auf die Graͤfin. Eben weil ſie hier keinen Ruͤckhalt ſah, ging ſie bald unbefangener ein auf das Spiel der Phraſen und Wendungen, und entwickelte darin eine unerwartete Munterkeit, ſo daß ſie eine Viertelſtunde lang ihre peinliche Lage zu vergeſſen ſchien. Einem Frau⸗ en⸗Naturel iſt eine ſolche Hingebung an den gefahrlos reizenden Augenblick viel leichter erreichbar als einem maͤnnlichen, und ein ſo geſchmeidiges weibliches Naturel iſt auch gar wohl im Stande, mitten in ſolcher Bedraͤngniß und in augenblicklicher ſcheinbarer Selbſtvergeſſenheit den⸗ jenigen Mann zu bemerken, welcher ihr innerlichſt zuneigt, und welchem ſie um jeden Preis vertrauen kann. So erſchien ihr Chabot de Brion, und ihm beſchloß ſie ſich anzuvertrauen, ſeit ſie in Budé fur alles entſchloſſene Han⸗ deln eine gewiſſe Unſicherheit entdeckt zu haben glaubte. Es war dies einem jungen Lieblinge des Koöͤnigs gegenuͤber ein Entſchluß des unberechenbaren weiblichen Genius. Nicht der ſicherſte Freund wuͤrde ihr dazu gerathen haben, auch wenn er gleich ihr entdeckt haͤtte, daß in Brion eine poetiſche Neigung fuͤr die Graͤfin im raſchen Aufſchuß begriffen war. Sie that es. Bei der erſten Gelegenheit, da ſie ſich mitten in der Geſellſchaft allein mit ihm ſah in einer Fen⸗ ſtervertiefung, ſchilderte ſte ihm mit fliegenden Worten ihre Lage, und die Nothwendigkeit, ſichre Nachricht an den Gra⸗ fen Chateaubriant gelangen zu laſſen. Sie ſprach nicht einmal von dem Vertrauen, welches ſie fuͤr ihn hege, ſie ſprach's in der Bitte ſelbſt aus, und Brion, ein unverdor⸗ benes Gemuth, glücklichſt uͤberraſcht durch dies Vertrauen, verſprach die Beſorgung des Briefes, den ihm Louiſon ein⸗ haͤndigen wuͤrde. Von dieſem Augenblicke an fuͤhlte ſich die Graͤfin frei und ſorglos, und ward gegen alle Umgebung die ruͤckhalt⸗ loſe Liebenswuͤrdigkeit ſelbſt. Die Herzogin glaubte ſogar, ſich dieſer Umwandlung nicht freuen zu duͤrfen, weil ſie ſelbige dem Einfluſſe des ſchoͤnen Bonnivet zuſchrieb, ein Einfluß, welchen ſie von ihrem Bruder erwartet und gehofft hatte. Sie ſagte alſo, als die Geſellſchaft entlaſſen war, ziemlich unbedacht zur Graͤfin: es ſchienen die ſchoͤnen Maͤnner ihr beſſere Laune zu erwecken als die geiſtreichen. „Die ſchoͤnen?“ erwiderte die Graͤfin lachend,„ei na⸗ tuͤrlich! was wirkt lieblicher auf unſere Stimmung als die Schoͤnheit!“ Und ihr zieht die ſchimmernde Schoͤnheit der ernſteren vor? ſetzte die Herzogin hinzu, welche ſich des falſchen Gegenſatzes, den ſie aufgeſtellt, bewußt geworden war, da ihr Bruder fur einen ſtattlich ſchoͤnen Mann galt. „Allerdings, wenn es ſich, wie Ihr Euch ſo fein aus⸗ drückt, nur um Erweckung guter Stimmung und Laune handelt. Aber was iſt gute Stimmung und Laune gegen den Eindruck, welcher den ganzen Menſchen auf die Dauer des Lebens erregen und bewegen ſoll! Ich glaube nicht, daß ein ſchoͤner Mann ſo tiefe und dauernde Neigung erweckt, als ein unſchoͤner. Die glatte, tadelloſe Schoͤn⸗ heit, die wir in den Bildern wiederfinden, geht eben wie ein Bild an uns voruͤber; aber das Eigenthuͤmliche praͤgt ſich unſrer Seele ein, und verlaͤßt uns nicht mehr, wenn es einmal durch eine Neigung uns zugeführt worden iſt.“ Dieſe Erklaͤrung hatte fuͤr die Schweſter des Koͤnigs nicht viel Troͤſtlicheres als die erſte frohliche Aeußerung, und von dieſem Abende an wurde dieſe Graͤfin das unver⸗ ſtandene, aber um ſo lebhafter geſuchte Geheimniß fuͤr den Hof. Ihre Schuͤchternheit war verſchwunden, und zeigte ſich nur noch, wenn der Koͤnig unerwartet zu ihr trat. Dieſer ſelbſt war in immer groͤßere Haſt und Bewegung gerathen, je unwahrſcheinlicher es ſeiner Schweſter und ihm erſcheinen mußte, dieſes raͤthſelhafte junge Weib ohne Weiteres für ſich zu erobern. Er war eiferſuͤchtig, ehe er noch die geringſte Ausſicht auf Beſitz hatte, und dieſe Lei⸗ denſchaft war ihm, dem zuverſichtlichen, durch Gluͤck bei Frauen verwoͤhnten Koͤnige bis daher voͤllig fremd geblie⸗ ben. Sie ſteigerte alſo auch ſeine Wuͤnſche und Abſichten zum Hoͤchſten, und was er früͤher unbedacht, und zur Haͤlfte luͤgenhaft gegen Budé geaͤußert hatte von Erhebung dieſer Dame auf den Thron, das war ihm jetzt vollſtaͤndiger Ernſt fuͤr den Fall, daß er nicht ohne ein ſolches den Stolz mehr als die Liebe weckendes Verſprechen die Neigung der Graͤfin gewinnen koͤnne. — Unter ſolchen Umſtaͤnden war eine Woche vergangen, und ein aufmerkſamer Zuſchauer haͤtte ſagen muͤſſen, die 125 Graͤfin zeigte Bonnivet den meiſten Antheil: mit ihm unterhielt ſie ſich am Oefterſten, mit ihm lachte ſie am Heiterſten. Gegen Brion konnte man ſie undankbar ſchel⸗ ten, denn ſie ſprach Wenig zu ihm, und vermied bei dieſen kurzen Unterredungen, wie es ſchien, gefliſſentlich alle tiefere Wendung des Geſpraͤchs. Die Kuͤnſtler liebten ſie alle, denn ſie hatte ſelbſt Geſchick fuͤr Zeichnenkunſt, und kopirte eifrig und ſchnell die Skizzen, welche man ihr zeigte, ſo die Skizze des Grabmahls Ludwig's XII., mit deſſen Ausfuͤhrung in St. Denis damals der Bildhauer Jean Juſte beſchaͤftigt war. Von Lascaris und Budé ließ ſie ſich die Geſaͤnge des Homer erzaͤhlen, und war dieſen aͤlteren Herren Stunden lang die andaͤchtigſte Zuhoͤrerin, die ſich auch nicht weniger angeſprochen zeigte, wenn der alte Grieche auf Schilderung des griechiſchen Religions⸗ und Gedankenlebens uͤberging, oder wenn Budé ſein Thema vom Schloſſe Chateaubriant wieder aufnahm, und die taͤg⸗ lich fortſchreitende Entwickelung der kirchlichen Reform in Deutſchland und der Schweiz ſchilderte. Kam der ſchalk⸗ hafte Meiſter Clément dazu, der uͤbrigens auffallend genug den Streitpunkten kirchlicher Reform eifrig nachfragte, ſo endigte ſie mit irgend einer anmuthigen Wendung das ernſthafte Thema, und bat Marot, ſie franzoͤſiſche Verſe machen zu lehren, ſinnige Deviſen, welche damals in hoͤch⸗ ſter Gunſt und Mode waren. Eines Nachmittags trat der Koͤnig unerwartet zu dieſem Kreiſe, ſetzte ſich, und bat, Theil nehmen zu duͤrfen. Auf der Stelle wurde ſie ſchweig⸗ ſam und zuruͤckhaltend, und hier wie ſonſt erfuhr er mehr von Anderen als von ihr ſelbſt, daß ſie Talent und Geiſt ——— 126 mannigfachſter Art beſitze. Was braucht aber die Neigung ſolcher Zeugniſſe! Auch die des Koͤnigs achtete nicht dar⸗ auf, und all die desfallſigen Verſicherungen Budé's, Ma⸗ rot's und der Uebrigen hielt er fuͤr Artigkeiten, die man ſeiner ſichtbaren Vorliebe fuͤr den Gaſt und der ſchoͤnen Dame erweiſen wolle. Indeſſen war er doch diesmal bereits ſo klug, die Galanterie bei Seite zu ſetzen und auf die ernſt⸗ haften Gegenſtaͤnde des Geſpraͤchs einzugehn, hoffend, die Graͤſtn werde dadurch unbefangener und freier neben ihm werden. Und die Berechnung war ganz richtig. Disputiren und durch hundertfache Gedanken⸗Wendung erpruͤfen lag nicht im Weſen des Koͤnigs, dies ging vielmehr darauf hinaus, gegebene Verhaͤltniſſe, auch gegebene Spekulatio⸗ nen zu gruppiren, Plaͤne großen Stiles zu entwerfen, mit ſchoͤpferiſcher und kuͤnſtleriſcher Genauigkeit auszuführen bis in den Reiz und Werth jeder Einzelnheit, und ſich all⸗ maͤhlig in Zuſammenſtellung mehrerer ſolcher Plaͤne etwas uͤberſpannt aber immer geiſtreich zu berauſchen, dergeſtalt, daß nach einer halbſtuͤndigen Hingebung an ſolche wohl gegliederte Erſtaſe nicht nur Frankreich, ſondern Europa ein ganz veraͤndertes Anſehn erhielt. Ein veraͤndertes An⸗ ſehn, denn er hatte keinen Zug revolutionairen Sinnes der von innen und von Grund aus umgeſtalten will in ſich, er wollte nichts Vorhandenes vernichten, er wollte nur hinzu thun und neu ſtellen, er wollte eben nur das Anſehn der Welt veraͤndern, und was er dafuͤr an innerem Geiſte der Welt veraͤndert zu brauchen glaubte, das ſuchte er vielmehr in der Vergangenheit, im Mittelalter, als in der Zukunft. Ach— ſchloß er ſolch einen Erguß, indem er aufſtand 127 und den Maͤnnern durch eine fluͤchtige Handbewegung anzu⸗ deuten ſchien, ſie moͤchten ſich entfernen— die Alltaͤglich⸗ keit hemmt mich aller Wege! Es iſt nichts vorbereitet, und uͤber den Vorbereitungen verliere ich die Haͤlfte der Hilfs⸗ mittel, und verliere im klaͤglichen Getuͤmmel die eignen Geſichtspunkte, von denen ich ausging, und Niemand iſt neben mir, der meine Plaͤne in Liebe hindurch truͤge durch all die Stoͤrungen, welche das Regiment mit ſich bringt, und der mich in gluͤcklicher Stunde daran erinnert, ſie wieder aufzunehmen! „Aber Eure Schweſter, koͤniglicher Herr!“ erwiderte die Graͤfin, welche ſolchen Kreis der Schoͤpfung nur dem begabten Manne zugaͤnglich glaubte und welche dafuͤr ein gluͤhendes Intereſſe, die eigentliche Seele ihrer Liebe zum Manne in ſich trug. Aufgeregt davon, daß ſie dieſen Kreis ihres Ideals ploͤtzlich von dem maͤchtigſten Manne neben ſich beruͤhrt ſah, achtete ſie im Anſchaun des Koͤnigs und in der Hingebung an dieſe Welt zum erſten Male nicht dar⸗ auf, daß ſie allein gelaſſen war mit dem Koͤnige— Meine Schweſter?! ſagte dieſer, zur Haͤlfte wirklich mitten in der Empfindung des Thema's, zur Haͤlfte Em⸗ pfindung kokettirend, um das unſchuldige Weib ſicher zu machen— meine Schweſter iſt ein ſuchender Geiſt, die mich mit Einwendungen ermüͤdet, und ich will bilden! Und was mehr ſagen will, ſie iſt nur meine Schweſter, die einen Gatten und eine noch ganz andere Welt hat außer mir, ſie iſt nicht mein Weib! Nur wo Leib und Seele eins ſind erſchafft man gemeinſchaftlich mit einander! Die Graͤfin ſchwieg, der Koͤnig ſchwieg. Sie ſtand im 128 weißen Gewande „ es war ein warmer Herbſtnachmittag, neben dem Lehnſt uhle, den ſie eingenommen hatte, ihr Arm ruhte auf der Lehne deſſelben, ihr Kopf war gedanken⸗ und theilnahmsvoll vorgebeugt und, wie ſich verlierend, blickte ſie auf das maͤnnlich ſchoͤne Antlitz des Koͤnigs, welches ſich zu Linien herber Trauer zuſammengezogen hatte, und den Blick ſtarr auf den Teppich des Fußbodens oder auf die Fuͤße der dicht bei ihm ſtehenden Graͤfin geheftet hielt. Helft mir! rief er auf einmal, richtete ſich auf, und ergriff mit beiden Haͤnden die Haͤnde der Graͤfin. Dieſe erzitterte am ganzen Leibe, und betonte kaum hoͤrbar die Worte: Wie koͤnnte ich, koͤniglicher Herr! Ihr koͤnnt; die Koͤni ihr mein Weib! Ich bin, erwiderte leiſe wie vorher die Graͤfin, welche zuſammen geſchrocken war, als ob ein Blitzſtrahl vor ihr in die Erde fuͤhre— ich bin die Gattin des Grafen Chateaubriant! Ihr ſeid da nicht am Orte, er iſt Eurer nicht werth, Ihr ſeid zu hoͤherer Wirkung berufen! 4 Der Wille meiner Eltern, d haben mich ihm verbunden— Was die Kirche bindet, kann die Kirche loͤſen— nicht dort liegen die Hinderniſſe; aber Ihr wendet Euer Haupt von mir, Ihr liebt mich nicht, Ihr fuͤrchtet mich— Ja, ich fuͤrchte Euch, ſagte die Graͤfin, und große Thraͤ⸗ nen rollten ihr uͤber die Wangen, gebt meine Haͤnde frei! Wenn Euer Herz mir in Wahrheit zugethan iſt, hoͤrt meine gin liegt am Tode— werdet nach as Sakrament der Kirche 129 Bitte! die Lage macht mir Pein, daß ich des Todes ſein kann jeden Augenblick— ich danke Euch! Gott helfe uns! Bei dieſen letzten Worten hatte ſie dem ſie freigebenden Koͤnige mit zitternder, brennender Lippe die Hand gekuͤßt, und war hinweg geeilt.— Der Koͤnig hielt ſie nicht auf, ſo ſchnell und ungewoͤhnlich uͤberkam ihn dies Alles, ſo unge⸗ woͤhnlich war ihm, dem ſonſt immer verwegenen, jede Gele⸗ genheit ausbeutenden Frauenhelden zu Sinne. Auf den folgenden Tag war ein Feſt angeſetzt fuͤr die Vollendung des Schloßbaues, und der Koͤnig ließ durch Brion bei der Graͤfin anfragen, ob ſie ihm die Freude machen wolle, bei der Tafel zu erſcheinen. Schluͤge ſie's ab, dann werde das Feſt ſo lange vertagt, bis ſie zuſage. Brion, der in etwas melancholiſcher Weiſe den Auftrag ausrichtete, fand die Graͤfin in großer Aufregung. Aber ſie druͤckte ihm mit ſieberhafter Feſtigkeit ihre Antwort dahin aus, daß ſie vor Ankunft ihres Gemahls nicht oͤffentlich erſcheinen koͤnne. Graf Chateaubriant, entgegnete Brion, kann nicht mehr weit von Blois ſein— Mein Gott! Der Bote, welcher Euren Brief beſorgt hat, bringt mir ſo eben die Nachricht, daß er ihm auf dem Fuße folge. Leider muß ich, ein treuer Berichterſtatter, der nichts weiter als Treue zu Euren Dienſten hat, hinzuſetzen, daß ſich der Graf ſehr entrüſtet bewieſen uͤber die Kunde, Ihr wohntet hier auf dem Schloſſe, und daß er den Brief ungeleſen bei Seit geworfen habe. Laube, Chateaubriant. I. 9 — Weh mir! Gebietet uͤber meine Dienſte, gnaͤdige Frau, wenn Ihr die unuͤberlegte Heftigkeit Eures Gemahls fuͤrchten zu muͤſſen glaubt! Ich will ihm entgegen, ich will ihn em⸗ pfangen, ich will ihm erklaͤren, wie zufaͤllig Ihr daher gera⸗ then— denn ich weiß, oder vermuthe doch den ganzen Zu⸗ ſammenhang— ich will, wenn das offene Wort eines Edel⸗ mannes nichts uͤber ihn vermag, ihn mit dem Degen in der Hand noͤthigen, ein edles Weib edel zu behandeln! Um Gottes Willen nicht, Brion, das erhoͤhte ja nur ſeinen Arg—, ſeinen Unmuth, will ich ſagen, das ver⸗ ſchlimmerte nur meine Lage, ich danke Euch von ganzeu Herzen— Bei dieſen Worten trat Graf Chateaubriant ſelbſt in's Zimmer: er war erhitzt, daß ihm der Schweiß uͤber das Antlitz troff, aber todtenbleich, er hielt den Degen blank in ſeiner Hand, und dieſer Degen war mit Blut beſpruͤtzt, denn er hatte damit Florio, welcher ſich ihm am Eingange zu den Zimmern der Herzogin von Alengon entgegen geſtellt, uͤber den Haufen geſtoßen— Ich ſtoͤre? rief er beim Eintritte, als er ſeine Frau und Brion nahe bei einander in ſo bewegter Unterredung ſah. Der GrafW! rief ſie ſchreienden Tones, der mehr Ent⸗ ſetzen als Freude auszudruͤcken ſchien, und eilte auf ihn zu. Euer Gemahl, ſprach er, mit der unbewehrten Hand die ihrige heftig ergreifend, dem Ihr folgen ſollt auf der Stelle! Auf der Stelle; eilen wir hinweg, eh' uns ein Hin⸗ derniß in den Weg tritt. Was gaͤb's fuͤr ein Hinderniß, ſagte er, ſich halb zum 131 Gehen wendend und mit halb verwendetem Kopfe Brion ufprechend, wenn Graf Chateaubriant ſein verlocktes Weib aus dem Hauſe der Gewalt fuͤhren will?! N Brion naͤherte ſich den Gehenden raſchen Schrittes, und den Grafen am Arme faſſend ſagte er mit unterdruͤckter Lebhaftigkeit: Dies iſt des Koͤnigs Haus, kein Haus der Gewalt, Graf Chateaubriant, und dem Koͤnige wie allen ritterlichen Edelleuten Frankreichs werdet Ihr verantwort⸗ lich ſein fuͤr ein geziemend Betragen gegen dieſen Ort und dieſe von aller Welt hochgeachtete Dame! Junger Edelmann, der ſein Gluͤck ſucht, dieſe Dame iſt mein Weib, und ſo wie Du ſie nicht ſchmaͤhen ſollſt, ſo ſollſt Du ſie auch nicht loben, oder gar ihren Beſchuͤtzer ſpie⸗ len gegen mich, der ich ihr Herr bin! Laßt uns, Brion, rief die Graͤfin, ich beſchwoͤre Euch, und wollt Ihr mir Gutes erweiſen, ſo eilt voraus, und ſorgt, daß Niemand uns in den Weg trete! Auf dieſe Worte ging Brion, ſich gegen die Graͤfin ver⸗ neigend, eiligſt an ihnen voruͤber, und nach dem Ausgangs⸗ ſaale hinaus, von wo der Graf gekommen war. Dieſer aber ſchien durch jene Worte in noch erhoͤhteren Grimm verſetzt zu ſein, er preßte die Hand der armen Frau derge⸗ ſtalt, daß ſie wimmerte, und fuhr ſie wuͤthend an, als Brion die Thuͤr hinter ſich hatte: Vortrefflich ſcheint Ihr bereits hier bekannt zu ſein, unwuͤrdiges Weib, das meinen Namen und meine Ehre befleckt, und die ich mit dem Degen in der Bruſt in dieſen Zimmern der Schmach zuruͤcklaſſen moͤchte ein ſchreiendes Maalzeichen fuͤr Mit⸗ und Nachwelt! 9* 3 4 7 13² r thut mir entſetzliches Unrecht, Graf, ich habe ja nichtperbrochen— eib! „uf Euer Geheiß bin ich hierher gekommen—. So frech haſt Du luͤgen gelernt in ſo kurzer Zeit! Und damit ſtieß er ſie von ſich, daß ſie zu Boden ſtuͤrzte, und ohn⸗ maͤchtig liegen blieb. 5 Unterdeß war durch Florio's Geſchrei das ganze Schloß in Aufruhr gerathen; man eilte ſchon von allen Seiten dem heraustretenden Brion entgegen, und er ward von den Rit⸗ tern des Koͤnigs, Bonnivet an der Spitze, wieder in die Thuͤr zuruͤckgedraͤngt in dem Augenblicke, da die Graͤfin zu Boden gefallen war. Bei dieſem Anblicke zog er wie Bon⸗ nivet den Degen, und ſtuͤrzte auf den Grafen los, der ſie mit Schmaͤhungen und vorgehaltener Waffe empfing, aber ſchnell von der Ueberzahl entwaffnet und uͤberwaͤltigt wurde. Der Koͤnig! Der Koͤnig! ſcholl es die Treppe herauf, und ehe noch Jemand ſich zu der regungslos daliegenden und fuͤr todt gehaltenen Graͤfin wenden konnte, ſtand Koͤnig Franz bei der Gruppe.. — E⸗ war in den letzten Tagen des Monat Maͤrz, alſo bei⸗ nahe ein halbes Jahr nach der Kataſtrophe, welche der Graͤ⸗ fin Chateaubriant auf dem Schloſſe in Blois begegnet war, da ſaß der Koͤnig an der Mittagsſeite des Schloſſes voen 133 Fontainebleau, und ſah den Arbeitern zu, welche ihm ſlan⸗ zungen und Erdarbeiten fuͤr ein eigenhaͤndig von ihr ab⸗ geſtecktes Garten⸗Parterre machten. Die Gebaͤnde Fon⸗ tainebleau's, damals von viel geringerem Umfange als jetzt— denn Franz, nur ein duͤrftiges Waldſchloß mit Ka⸗ pelle und Gotteshauſe vorfindend, iſt als eigentlicher G. an⸗ der des Schloſſes zu betrachten— waren damals ſcheu in ſo ungewoͤhnlicher Wendung in einander verſchlungen, und Kirche, Kapelle, Gallerie und Hof zeigten ſich von Anfange an ſo verſchraͤnkt zu einander geſtellt, daß dieſer Aufenthalt ein noch eigenthüͤmlicher romantiſches Weſen hatte als heu⸗ tiges Tags. Und viel mehr denn ſpaͤter beherrſchte ihn der Wald, welcher wie ein dunkelgruͤnes Meer ringsum thurm⸗ hoch wogte, und ſich trotz zahlreicher Artſchlaͤge gar nicht abdraͤngen laſſen wollte von dem alten Jagdhauſe der Koͤ⸗ nige. Es drangen die Winde nicht hindurch und keinerlei Geraͤuſch der Menſchen, dierSonne fand dieſen meilenbreit von tiefem Forſte umgebenen Schloßplatz erſt einige Stun⸗ den nach ihrem Aufgange, ein zauberhaft gruͤner Schein ſtrahlte in den Morgenſtunden heruͤber auf die niedrige Grasterraſſe, welche Konig Franz hier auf der Mittagsſeite vor einem großen Gallerieſaale angelegt hatte, und die Voͤgel des Fruͤhlings ſangen ihre kurzen, luſtigen Weiſen, welche die Stille nur unterbrechen, aber nicht ſtoͤren. Auch der Kukkuk war in der Nacht angekommen, und der Koͤnig blickte heiter auf daruͤber, ihn in guter Stunde das erſte Mal wieder zu hoͤren. Er zaͤhlte aberglaͤubiſch, wie viel⸗ mal er ununterbrochen rufe, denn das bedeutet die Zahl der Lebensjahre, und als der Kukkuk ſchon vor Berechnung des fünfzigſten Lebensjahres abſetzte, da rief Koͤnig Franz halb betroffen, halb luſtig: Nicht laͤnger? Lange genug, wenn in Kraft und Staͤrke! Der viereckige Raum, welchen er dem Walde ausge⸗ haun und ausgerodet hatte zu einem Gartenplane, war be⸗ reits in den vier Eckpunkten mit Pavillons geziert, welche † 4 dieſes Fruͤhjahr ihre Ausſchmuͤckung erwarteten, und dicht dahinter im noch hoch prangenden, jetzt mit den erſten Knos⸗ pen geſchmuͤckten Buchenwalde leuchtete ein Waſſerſpiegel und der ſchwarze Schein tief behangener Tannen und Fich⸗ ten hervor, in deren Schatten er eine Grotte angelegt hatte. Wie dies Alles im Einzelnen zu vollenden ſei, dies beſchaͤf⸗ tigte ihn eben, und er bat die aus dem Saale zu ihm tre⸗ tende Mutter und Schweſter um Vorſchlaͤge. Es geſchah dies mehr aus Artigkeit, denn aus Beduͤrfniß: ſelten gelang es, ihn fuͤr unbedingte Annahme eines Plans, der nicht von ihm ſelbſt ausgegangen, zu bewegen. Im Bereiche des Ge⸗ ſchmacks war er von hartnaͤckiger Selbſtaͤndigkeit, und er hatte das Recht dazu, denn er war all ſeinen Umgebungen darin uͤberlegen. Die Schweſter neigte mehr zu Plaͤnen in der Gedankenwelt, und hatte einen bei Weitem weniger ausgebildeten Sinn fuͤr Plaſtik als Mutter und Bruder. Die Mutter aber, in jener Zeit noch verdrießlich durch das Scheitern ihrer Abſichten auf den Connetable, durch den immer noch ſchwebenden Prozeß Semblangay's, welcher zu ſeiner Vertheidigung allerlei Uebles von ihr ausgeſagt und ihr ſonſt ſo vortreffliches Verhaͤltniß zum Sohne doch eini⸗ germaaßen getruͤbt hatte, endlich auch durch Bonnivet's Leichtſtnn, der ſich ihr als Galan nur allzu oft nachlaͤſſig 13⁵ und treulos erwies, und ſeit Erſcheinen der Graͤfin taͤglich unaufmerkſamer geworden war, die luſtbeduͤrftige Mutter erwiderte: Was fragſt Du uns, die wir doch nicht im Stande ſind, Dir etwas zu Dank zu rathen, beſonders ſeit die eigen⸗ ſinnige Chateaubriant mit ihrem Geſchmacke Dir alles An⸗ dere in Schatten ſtellt— Ach ja! ſagte der Koͤnig haſtig aufſtehend, die Chateau⸗ briant! Und ſie kommt nicht, und Brion bringt nichts zu Wege— Du biſt mir unbegreiflich, Franz, ſagte die Mutter halb ſpoͤttiſch, wie Du ſo viel Muͤhe an ein kindiſch Weib ver⸗ ſchwenden kannſt! Was willſt Du? Ich habe die letzten Monate in Paris nicht an ſie gedacht, und Du machſt mir in dieſem Augen⸗ blicke deutlich, daß ich ſie doch nicht im Geringſten vergeſſen, ſondern im Herzen getragen habe, wenn auch gedankenlos — wunderlich, daß ich ihrer ſcheinbar ſo ganz vergeſſen konnte, ohne daß ſich mir die Neigung im Geringſten ver⸗ andert haͤtte! Nachdem der Koͤnig eine Weile ſchweigend da geſtan⸗ den, wendete er ſich ploͤtzlich nach dem Schloſſe und verließ haſtig die angefangenen Arbeiten und die Damen. Es lag in ſeiner Natur, Dasjenige voͤllig aus den Augen verlieren zu köͤnnen, was ihm aus den Augen geruͤckt war. Dies wußten die Seinigen, und es mußte ihnen auffallen, daß eine bloße Erinnerung ihn dergeſtalt in Bewegung ſetzen konnte, Erinnerung hatte ſonſt keine Macht über ihn. Dieſe Graͤfin wird laͤſtig— ſagte die Herzogin von Angöuléme nach einer Pauſe— er muß ſie beſitzen, damit wir ſie los werden; dies unbefriedigte Hangen und Ver⸗ langen erhaͤlt ſie maͤchtig. Die Herzogin von Alengon ſchwieg. Nach jener Kataſtrophe naͤmlich in Blois war die Graͤ⸗ fin in eine heftige Krankheit verfallen, die lange Zeit fuͤr ihr Leben oder ihre Geiſteskraft fürchten ließ. Die Herzo⸗ gin von Alengon hatte ſich ihrer mit liebenswurdiger, ja aufopfernder Sorgfalt angenommen, der Koͤnig hatte, ſo lange die Gefahr nicht beſeitigt war, die groͤßte Aufregung und einen Antheil gezeigt, deſſen ihn Niemand faͤhig ge⸗ glaubt hatte, und war nach Beſeitigung der Gefahr mit ſo viel Ruͤckſicht und Innigkeit taͤglich am Bette der Kranken erſchienen, daß von ſeinen naͤheren Umgebungen Niemand mehr an einer bei ihm ungewoͤhnlich tiefen Neigung zwei⸗ feln, und Niemand dem Geruͤcht widerſprechen mochte, es werde Budé mit dem Fruͤhjahre nach Rom geſendet werden, um die Scheidung der Chateaubriantſchen Ehe und den Segen fuͤr eine neue Koͤnigin von Frankreich zu erwirken. Nur die Graͤfin ſelbſt wußte nichts davon: auch nachdem ſie ſo weit wieder hergeſtellt war, um am Geſpraͤch wieder Theil zu nehmen, war ſie einer tief melancholiſchen Stim⸗ mung, ſobald von Mann und Weib geſprochen wurde, nicht wieder ledig geworden, und hatte mit ſichtbarer Angſt ver⸗ mieden, nur einen Augenblick mit dem Koͤnige allein zu ſein. So war die rauhe Jahreszeit herein gebrochen, welche den Koͤnig und den Hof nach Paris rief. Die Graͤfin war ſo weit wieder hergeſtellt geweſen, um mit der Herzogin von 137 Alengon dieſe Reiſe machen zu koͤnnen, und es ſchien aller Welt unzweifelhaft, daß es alſo geſchehn, und daß ſie dauernd dem Hofe angehoͤren wuͤrde. Denn nur unter un⸗ verkennbaren Zeichen tiefſten Erſchreckens und Abſcheu's hoͤrte ſie ſeit jener Kataſtrophe den Namen des Schloſſes Chateaubriant und ihres dorthin wieder entlaſſenen Ge⸗ mahles nennen. So kam der Tag des Aufbruches von Blois: der Koͤnig war zu Pferde ſchon mehrere Stunden voraus, die Mutter des Koͤnigs war ihm unmittelbar ge⸗ folgt, und die von Maulthieren getragenen Saͤnften der Herzogin von Alengon und der Graͤfin waren um die Mit⸗ tagsſtunde bereit geweſen, auch dieſe Damen zum erſten Nachtlager in Orleans zu bringen. Als aber die Saͤnften bei dunkler Nacht in Orleans angekommen waren, hatte man die der Graͤfin leer gefunden. Alle naͤchſte Nachfrage war vergeblich geblieben, und erſt nach Verlauf einiger Wochen hatte man entdeckt, daß ſie ſich durch einen Diener des Grafen, welchen dieſer in Blois zuruͤckgelaſſen, Pferde zu verſchaffen und ſich vom Reiſezuge des Hofes zu trennen gewußt hatte. Wohin ſie gegangen? war noch laͤnger ein Raͤthſel. Man entſetzte ſich vor dem Gedanken, ſie ſei nach Chateaubriant. Florio's Kundſchafter berichteten endlich, in Chateaubriant ſei ſie auch nicht, ſelbſt nicht in dem alten Thurme des Schloſſes. Auch fehle Baptiſte, der Diener des Grafen, welchen man kurz vor Abreiſe des Hofes noch in Blois geſehn. Die Graͤfin war aber mit Baptiſte ſüdlich hinab gerit⸗ ten, und zwar uͤber Limoges nach den Pyrenaͤen, nach ihrer Heimath Foix. Es war dieſer Entſchluß das ſchmerzliche Ergebniß ihrer damaligen Charakterrichtung, einer Rich⸗ tung, welche nach Opfern duͤrſtete, um ſich aller Maͤnner⸗ Nohheit zu entziehn, um ſich der Mannes⸗Welt uͤberlegen zu zeigen. Denn die Brutalitaͤt ihres Gemahls hatte ſie nicht nur fuͤr immerdar von aller naͤheren Gemeinſchaft mit ihm geſchieden, und ihre frühere ſklaviſche Ergebenheit an dies Verhaͤltniß mit einem Streiche beendigt, ach, der lange Aufenthalt in Blois hatte auch die ſchlummernde Neigung ihres Herzens aufgeweckt. Sie liebte den Koͤnig. Und ſie erkannte mit durchdringendem geiſtigem Inſtinkte gar wohl, daß hinter dieſer ſtuͤrmiſchen Befliſſenheit des Koͤnigs Franz der gefaͤhrlichſte Leichtſinn, die gefaͤhrlichſte Moͤglichkeit des treuloſen Wechſels hoͤhniſch laͤchelnd ruhe, ein Element, das ihr noch fuͤrchterlicher duͤnkte als die Rohheit des Gatten. Welch eine Pein hatte ſich da in ihrer Seele erhoben! Daheim in Chateaubriant hatte ſie ihr Kind, nach welchem ſie ſchmerzlichſt verlangte, und von welchem ſie durch einen ausgeſprochenen Bruch mit dem Gemahle wahrſcheinlich fuͤr immer geſchieden wuͤrde; rings um ſich wußte ſie eine Welt, welche ihr die alſo herbeigefuͤhrte Trennung von ih⸗ rem Gatten nimmer vergeben, oder ſelbige doch unwuͤrdi⸗ geren Beweggruͤnden zuſchreiben wuͤrde; in ſich ſelbſt fand ſie, in ſtrengen Sitten auferzogen, keine vollſtaͤndige Frei⸗ ſprechung für ihr voͤlliges Losſagen vom ehelichen Bande, welches von der Kirche geknuͤpft und geweiht war fuͤr die Dauer dieſes Lebens, und in dem glaͤnzenden Erſatze, der ſich fuͤr alles dies darbot, in der Liebe des Koͤnigs und zum Koͤnige erkannte ſie Rauſch und Unſicherheit und volligen Mangel an Halt und Kraft! Das Herz trieb ſie, dem Augen⸗ —,— 139 blicke und der Neigung ſich hinzugeben, und flüͤſterte ihr zu, das hoͤchſte Gefuͤhl frage nicht nach Dauer und Zukunft, ſondern bethaͤtige ſich auch in der Dauer eines Augenblicks; das Gewiſſen aber ſprach, es ſei ihre Pflicht unter alſo uͤbel verſchlungenen Umſtaͤnden: zu entſagen und zu leiden. Und die weibliche Groͤße draͤngt nach Opfern hin: von der Na⸗ tur nicht auf's Handeln angewieſen ſucht das Weib ihre hoͤchſte Genugthuung im Entſagen— die Graͤfin entfloh, um ſich in den heimathlichen Bergen, und wenn es Noth thaͤte hinter Kloſtermauern der beunruhigenden Welt zu entziehn. Der ſtrengen Mutter, die einſam auf dem Schloſſe Foix lebte, wollte ſie ſich unterwerfen, nachdem ſie ihr das gepeinigte Herz ausgeſchuͤttet. Und doch ſchlug ihr das Herz mehr in Angſt als Freude, da ſie auf der letzten Hoͤhe an⸗ kam, und das maleriſche Heimathland in rauher Faͤrbung des herein brechenden Winters vor ſich ſah. Der Wind flog ſtreng und ſtuͤrmiſch hinter ihr her, und eilte in die Schlucht von Foir hinab, ſich an deren Felſen und Felſen⸗Schloſſe zu brechen und den einzigen Ausweg nach Suͤden hinunter, wohin ſich die Grafſchaft erweiterte und abplattete, trockne Blaͤtter hoch aufjagend, zu ſuchen. Die in dunkle Trauer gekleidete Graͤfin hielt ihr Pferd an, ſchlug den Schleier vom blaſſen Geſicht, und folgte mit ihrem Blicke dem Stur⸗ meszuge, leiſe vor ſich hinſprechend: Gluͤcklicher Sturm⸗ wind, wenn mich der einſame Fels von St. Sauveur zuruͤck⸗ ſtoͤßt, wo iſt mein Ausweg?! Der damals noch duͤrftige kleine Ort Foir lag ſchwarz⸗ grau zu ihren Fuͤßen, die entlaubten Weinberge darum her ſahen duͤrr und troſtlos aus wie ein zerſtoͤrtes Menſchen⸗ bild, das ſein Leben vergeudet hat. Schwarz und drohend erhob ſich weſtlich uͤber dem Oertchen und deſſen Weinber⸗ gen das Schloß Foix mit zwei viereckigen und einem runden Thurme, hinten hoch uͤberragt vom Berge St. Sauveur, dem ein leichter Schneereif ſchon den Scheitel ſaͤumte. Und hinter dem St. Sauveur thuͤrmten ſich pyramidaliſch hoͤher und hoͤher, weißer und eiſiger bis an den Horizont die ſchon eingewinterten Pyrenaͤen nach der unnahbaren Maladetta hinauf. Alles ſchien ihr furchtbar und ſtarr, und auch die Arriege, der Hauptfluß des Laͤndchens, welcher von Nord⸗ oſten in dies Thal herabkommt, um den das Schloß Foix beſpuͤlenden Arget aufzunehmen, kam ihr drohend entgegen mit hochgeſchwollenen Waſſern und mit Eisſchollen. Ihr Blick haftete unwillkuͤhrlich auf einem großen Kloſterge⸗ baͤude, welches am Zuſammenfluſſe der beiden Stroͤme im Schutze des Thalwinkels lag. In dieſer Abtei wurde die heilige Genofeva verehrt, und der Gedanke an dies ungluͤck⸗ liche Weib und an dieſe Zuflucht, wenn auch die Mutter da oben ſich ihr entzoͤge, ermuthigte ſie allein, ihr muͤdes Roß zum Hinabſteigen in das Thal anzutreiben. Baptiſte war ihren Blicken gefolgt, und glaubte, ſie verſtanden zu haben. Er ſchuͤttelte das Haupt. Nicht daß er um ſeine Zukunft beſorgt geweſen waͤre, wenn die Her⸗ rin, für welche er dem Herrn untreu geworden, ihn an der Kloſterpforte verabſchiedet haͤtte, nein, er waͤre nach Genf gewandert, die neuen Prediger zu hoͤren, und ſich bei ihnen unterzubringen, denn auch die Graͤfin hatte auf dem Wege daher uͤber die neue Glaubensfrage geſprochen, und durch Aufflaͤrung ihn nur begieriger darnach gemacht. Aber eben ⸗ 141 dieſe Richtung eines naiv ſuchenden Geiſtes, welche ihn ſchon in Chateaubriant zu der leutſeligen Graͤfin gezogen, hatte ihm die Kloͤſter verdaͤchtig gemacht, und ließ ihn fuͤr die geliebte Herrin nichts mehr fuͤrchten als den Entſchluß, ſich in ein Kloſter zuruͤckzuziehn. Seht nicht da rechts hinuͤber, gnaͤdigſte Graͤfin— ſprach er denn halblaut— in dieſen Haͤuſern wohnt Gott nicht mehr! Aber Ruhe wohnt da, und im Nothfalle Schutz, Bap⸗ tiſte— In der That feylte ihr die ſichre Zuverſicht, bei der Mutter da oben im ſchwarzen Schloſſe Schutz oder Troſt zu finden, denn ſte kannte die rauhe Strenge der alten Dame nur zu gut, und ſie erinnerte ſich nur zu deutlich, wie herb deren Aeußerungen gelautet, da Chateaubriant um ihre Hand gefreit und die kaum fuͤnßehnjaͤhrige Tochter einige Abneigung gezeigt hatte. Arme Francoiſe! Arm, denn ſie konnte ſich gegen ihr uͤbles Schickſal nicht mit dem Gedan⸗ ken waffnen, daß es durch Liebloſigkeit herbeigefuͤhrt ſei, und daß es alſo dagegen nur eines geraden Widerſtandes beduͤrfe. Nein, die alte Mutter liebte ihr letztes Kind, ſie liebte es wenn auch nicht ſo zaͤrtlich wie die drei Soͤhne, welche alle drei in's rauhe Kriegsleben ihr zeitig entfuͤhrt worden waren. Aber die Formen der Welt waren dieſer alten Graͤfin eherne Mauern, ſie vergab auch nicht die ge⸗ ringſte unehrerbietige Beruͤhrung derſelben. Und dieſe Rich⸗ tung war ſehr natuͤrlich entſtanden: vornehmen Standes hatte ſie eine auf dieſe Kreiſe beſchraͤnkte Erziehung genoſ⸗ ſen, und war durch Heirath und Verlauf ihrer Ehe darin beſtaͤtigt worden. Phoͤbus Graf von Foir ihr Gemahl ſtammte aus einem uralten Geſchlechte, welches Jahrhun⸗ derte lang die Krone von Navarra getragen hatte; ein Koͤ⸗ nig von Frankreich war im alten Schloſſe von Foir nichts ſo Beſonderes, daß man deſſen Stellung und Range auch nur die geringſte Unwurdigkeit nachgeſehn haͤtte, und eine geborene Foix war in dieſem Schloſſe nicht im Geringſten entſchuldigt, daß ſie um des Koͤnigs von Frankreich willen eine Linie von ihrem pflichtgemaͤßen Gange abgewichen ſei. Und konnte ſie ſich, die gepeinigte junge Graͤfin, konnte ſie ſich darauf ſtuͤtzen, daß ſie nicht abgewichen ſei? Nein; denn der Schein war gegen ſie, und ſie wußte nur zu gut, wie ihre Mutter ſtreng und unerbittlich das Weib verantwort⸗ lich machte auch fuͤr den bloßen Schein. Noch mehr: Ge⸗ danken und Herz der jungen Graͤfin waren nur allzu ge⸗ neigt geweſen, ſich abzuwenden von der reizloſen Welt ihrer Pflicht in der Bretagne, ſich hinzugeben der reizenden Welt des Koͤnigs Franz; ſie hatte kein freies Gewiſſen, und konnte nicht beſtehn, ſie wußte es voraus, vor dem ernſten Blicke der großen lichtgrauen Augen ihrer Mutter. Als Witwe hatte dieſe Mutter alle Schranken um ein Weib nur um ſo höher errichtet, und die Regeln des Anſtandes, deren ſie zum eignen Schutz bedurfte, waren ihr im Intereſſe des Selbſt⸗ ſchutzes aufgewachſen zu unerbittlichen Regeln einer geſell⸗ ſchaftlichen Religion. Welches Empfangs durfte ſich die in üble Stellung gerathene Tochter verſehen?! Ach, und ſchlimmer und entſetzlicher als alle die Fragen und Be⸗ draͤngniſſe lag auf dem Grunde ihres Herzens ein Gedanke, den ſie verabſcheute, und der doch nicht entwich. Sie wußte 143 nicht, woher er gekommen ſei, ſie entſetzte ſich davor, und doch begegnete es ihr zu wiederholten Malen, daß ſie ihre Phantaſie uͤberraſchte, welche ſich in die Konſequenzen die⸗ ſes Gedankens wollüſtig vertieft hatte. Der Gedanke war: Graf Chateaubriant, der ſtoͤrende Gemahl ſei todt, todt— Mein Gott, mein Gott, ſchrie ſie auf, dies iſt der Teufel, und ſo ergreift er die Menſchen, um ſie verbrecheriſch zu machen! Sie hieb auf ihr Pferd hinein, als entfloͤhe ſie bei ſchnellerer Bewegung den daͤmoniſchen Einfluͤſſen. Es war auch Alles von ſo uͤbler Vorbedeutung! Im Städtchen Foix, durch welches der Weg nach dem Schloſſe hinauf fuͤhrte, fand ſie die engen ſteil aufſteigenden Straßen menſchenleer, und die wenigen Menſchen, denen ſie begeg⸗ nete, ſtarrten ſie an, und waren ihr unbekannt. Sie ver⸗ gaß, daß ſie eine Reihe von Jahren, ſeit ihrer Verheira⸗ thung nicht mehr daheim geweſen war, und daß ſo mancher Bekannte waͤhrend deſſen geſtorben oder verdorben ſein mußte, ſie vergaß, daß ſie von Niemand erwartet wurde, daß ſie den Schleier wieder uͤber das Antlitz geſchlagen hatte, und daß deshalb kein neugieriger Kopf aus dieſen rußigen Häuſerchen der Blech⸗ und Eiſenſchmiede zum Vorſchein kam, ſie vergaß, daß der hereinbrechende Winter in dieſem rauheren Klima die Handwerksleute bereits von der Straße in die Haͤuſer hinein getrieben hatte. Traurig ritt ſie den Schloßberg hinauf, und ſchrie plötzlich auf, hielt ihr Pferd an, ſchlug den Schleier zuruͤck und ſtreckte die Arme aus: ſie glaubte ihre Mutter im oͤſtlichen auf den Weg herab ſehenden Thurmzimmer bemerkt zu haben.„Ach, ſie erkennt mich nicht,“ ſprach ſie halblaut, und die Arme ſanken ihr ſchlaff auf den Sattel,„ſie geht hinweg von ih⸗ rem Fenſter! Das Alter mag ſie druͤcken, denn ſonſt ſah ſie ſcharf wie der Falke auf unſern Bergen!“ Langſam ritten ſie in den von Thuͤrmen umeckten Schloßhof: Alles war menſchenleer, nur die Kettenhunde bellten, auch ſie erkannten die alte Freundin nicht. Ohne einem Menſchen zu begegnen kam ſie in die Halle, einen hohen und weiten, mit grauem Marmor des Landes beklei⸗ deten Raum, in welchem ſonſt der Fremde empfangen, und ſonſt Mahl⸗ und Erholungszeit verbracht wurde, als die Bruͤder noch das Schloß mit Geſang und Waffenlaͤrm er⸗ fuͤllten. Die Halle war todtenſtill, nur ein zahmer Rabe kam von einem entfernten Pfeiler herab auf ſie zugeflogen, und erſchreckte ſie durch unerwartetes und zudringliches Herbeifliegen. Ja er rief, waͤhrend er ſie kreiſend umflat⸗ terte, mit ſeiner grellen Stimme unaufhoͤrlich„Frangois! Frangois!“ und rief ihr damit Entſetzen in's Herz, denn ihr erſter Gedanke war, ihr peinigendes Geheimniß werde bereits von allen Daͤchern und im Mutterhauſe drohend ausgerufen. Bald ſah ſie wohl den Irrthum ein: Jacques, ſo hieß der Rabe, war ebenfalls ihr Jugendfreund, und er hatte ſie ſogleich erkannt, und rief ihr freudig ihren eigenen Namen entgegen, deſſen Endſylbe er von fruͤhauf nicht aus⸗ ſprechen konnte. Guter Jacques, Du bedeuteſt wohl Unheil! ſagte ſie traurig, als ſie ſich beruhigt hatte, ihn auf den Handſchuh treten ließ und ihn ſtreichelte. Indeſſen verſuchte es doch die ihr inwohnende geſunde Kraft, alle die uͤblen Anzeichen auf den Zufall zu ſchieben: Man wird Dich nicht geſehn haben, fluͤſterte ſie, die Diener 145 werden beſchaͤftigt, es wird die Mutter nicht geweſen ſein oben am Thurmfenſter, und in jetziger Jahreszeit iſt man keines Beſuches gewaͤrtig, am wenigſten des meinigen! Dieſen Ermunterungen ſich hingebend eilte ſie haſtig die ſteinerne Treppe hinauf, den gewoͤlbten Korridor entlang auf das Eckzimmer der Mutter zu, ſo daß Jacques ſich kaum auf der Hand erhalten konnte und hin und her ſchlug mit den Fluͤgeln, unaufhoͤrlich kraͤchzend„Frangois! Frangois!“ Dieſer Ruf ſchlug allen Muth wieder darnieder, ſie blieb athemlos ſtehn, eh' ſie noch die Thuͤr von dunklem Eichen⸗ holze erreicht hatte. Da that ſich die Thuͤr auf, ſie ſah ihre Mutter, eine hohe in Schwarz gekleidete Dame mitten im Zimmer ſtehn, rechts neben ihr einen Prieſter in violettem Talare, links ein ſchlankes Maͤdchen. Der Haushofmeiſter, ihr den Ruͤcken kehrend, verbeugte ſich vor der alten Graͤfin, wendete ſich dann, und trat aus dem Zimmer, welches un⸗ mittelbar hinter ihm geſchloſſen wurde, ihr entgegen. Sie hatte verſucht, ihrer Mutter entgegen zu eilen, aber der eiſige Blick derſelben hatte ſie gefeſſelt; ſie ſtand re⸗ gungslos und ſtarrte dem ihr wohlbekannten Diener, der ſich jetzt vor ihr verbeugte ohne ihr in's Auge zu ſehen, in das faltenreiche Angeſicht. Die gnaͤdige Frau Graͤfin von Foir, ſprach er mit faſt tonloſer Stimme, laſſen ſich erkundigen, was der Dame, welche in den Schloßhof geritten, zu Dienſten ſei. Guernard! Ihr kennt mich nicht mehr?! Die gnaͤdige Frau Graͤfin haben gemeint, es muͤſſe ein Irrthum, durch außerliche Aehnlichkeit erzeugt, obwalten: die erlauchte Tochter des Hauſes Foir reiſe nicht allein durch Laube, Chateaubriant. I. 10 —— das Land, ſondern lebe auf ihrem Schloſſe in der Bretagne neben ihrem Gemahle dem Herrn Grafen von Chateau⸗ briant.— Die Graͤfin, regungslos ſtehend, fand kein Wort der Erwiderung, und Guernard, der Haushofmeiſter, ſetzte nach einer Pauſe mit faſt weinerlicher Stimme hinzu: wenn die fremde Dame erlaube, ſolle ein Imbiß in der Halle aufge⸗ tragen, und der Diener mit den Pferden verſorgt werden fuͤr die Weiterreiſe— Fuͤr die Weiterreiſe?— Mit dieſen Worten ſchwankte die Graͤfin auf einen der ſteinernen Sitze am Korridorfen⸗ ſter, und verhuͤllte ſich das Geſicht. Jacques war bei dieſer Bewegung aufgeflogen und war auf den Fenſterſims getre⸗ ten, und Guernard hatte ſich, da die Graͤfin verhuͤllten Ant⸗ litzes verharrte, in eine entfernte Fenſtervertiefung begeben, wo er den Entſchluß der Dame abwarten zu wollen ſchien; dicke Thraͤnen rollten ihm uͤber die gefurchten Wangen. Wodurch hab ich dies verſchuldet? fragte ſich die un⸗ gluͤckliche Frau, und indem ſie die Ereigniſſe der letzten Mo⸗ nate an ihrem Geiſte und vor einem Richterſtuhle wie er im Schloſſe Foir geltend war voruͤber gehen ließ, brach ſich die verhaltne Thraͤnenfluth freie Bahn, und es gewann die Selbſtanklage von Minute zu Minute feſteren Boden. Daß ſie nicht unverweilt, als ſie ihren Gatten am Hoflager ver⸗ fehlt, umgekehrt ſei, dies hielt ſie jetzt fuͤr einen unverzeih⸗ lichen Fehler, fuͤr einen Fehler, der ihr ganzes Leben zer⸗ ſtoͤrt habe. Aber ihre Seele hatte etwas vom granitnen Kerne der Foir, und ſie fand nach einer viertelſtuͤndigen verzweiflungs⸗ vollen Noth jenen wunderbaren Muth, welcher die Frauen ſo ganz und gar von den Maͤnnern unterſcheidet, den Muth voͤlliger Entſagung. Alles Gluͤck, allen Reiz des Lebens gab ſie auf, und wollte leiden von dieſer Stunde an ſchweig⸗ ſam und hoffnungslos. Um dies zu koͤnnen bedurfte ſie aber eines verborgenen Bewußtſeins der Unſchuld und Selbſtaͤndigkeit, wie ihr, ei⸗ ner fuͤr damalige Zeit aufgeklaͤrten Frau, auf dem Wege logiſchen Raiſonnements ganz wohl erreichbar war. Dar⸗ auf ſtuͤtzte ſte ſich wie auf einen Halt, den ihr kein Ungluͤck rauben koͤnne. Auch dieſer Halt wurde ihr genommen. Als ſie nach langer Pein zum erſten Male wieder aufſah, erblickte ſie ne⸗ ben ſich den Prieſter in violettem Gewande. Ein leiſer Aus⸗ ruf der Freude— ſo nahe hatte ſie die Freude nicht ge⸗ glaubt— drang von ihren Lippen: Florentin, Du kennſt mich noch, und verlaͤſſeſt mich nicht! Ich danke Dir!— Und mit dieſen Worten reichte ſie ihm die Hand. Die Kirche verlaͤßt kein verirrtes Lamm! Bringt Dich bloß die Kirche? Bloß die Kirche? Frangoiſe, was giebt es Groͤßeres auf Erden? Groͤßeres vielleicht nicht, Florentin, aber— das Herz des Freundes iſt wohl noch weicher und lieber— Nicht Jedermann kann einen Freund haben, aber die Arme der Kirche ſind Jedermann offen. Francoiſe, erinnere Dich unſrer Jugend, erinnere Dich, was Dir unſer Beichti⸗ ger ſo oft zu ſagen pflegte! Wovor warnte er Dich zu wie⸗ derholten Malen? Vor ſuͤndigem Selbſtvertrauen auf 3 10* 148 menſchliche Kraͤfte. Die Menſchen ſind Schilfrohr, das im Schlamme wurzelt; wie wenig braucht's, Schilfrohr zu ver⸗ nichten! Du haſt Dich Deines Gatten, Du haſt Dich Dei⸗ ner Verhaͤltniſſe uͤberhoben in demſelben falſchen Vertrauen auf eigene Kraft— Das habe ich nicht, Florentin, ich bin vom Schickſal ergriffen und umhergeſchleudert worden— Schickſal iſt ein heidniſches Wort, und eine gute Chri⸗ ſtin ſoll es nicht kennen. Du trachteſt nach Ungewoͤhnlichem, und nun ergreift Dich das Ungewoͤhnliche in erſchrecklichſter Geſtalt. Du haſt den Gemahl verlaſſen fuͤr die Freuden des Hoflagers, wie die Kunde, welche, Deinen guten Namen ſturmesſchnell in Nord und Suͤd zertruͤmmernd, uns verkuͤn⸗ digt hat, Du haſt Dich in eitler Einſicht uͤber unſern heili⸗ gen Glauben geaͤußert wie uͤber etwas von Menſchen Er⸗ fundenes— Niemals, Florentin! Sind nicht auf dem Schloſſe von Blois unter Anfuͤh⸗ rung eines Bude, eines Marot, einer Herzogin von Alengon die Frevelgedanken deutſcher Ketzer mit Wohlgefälligkeit be⸗ ſprochen worden, beſprochen worden wie etwas, was ganz in der Ordnung menſchlicher Beſprechung ſei? Habt Ihr nicht dergeſtalt unſern goͤttlichen Glauben herabgewuͤrdigt bis zum pruͤfenden Maaßſtabe unvollkommener und ſuͤndi⸗ ger Menſchen? Bleibt das Göttliche goͤttlich, wenn der Menſch es richtet? Und warſt Du nicht dabei? Ja, warſt Du nicht Allen voraus in den ſündigen Spielereien mit heidniſcher Kunſt, denen der Koͤnig ſi ſich hingiebt in Bauten und Bildnerei? War dies nicht der ſchluͤpfrige Weg, auf 149 welchem Du Dich verloren haſt vom Wege der Pflicht und Ehre? Florentin, ich bin unſchuldig! Unſchuldig? Unſchuldig an Leib und Seele? Francoiſe ſchwieg. Iſt der Leib mehr, denn die Seele? War Deine Seele unverruͤckt bei dem Gemahle, den Dir das Sakrament der Kirche zugeweiht, bei dem Glauben, fuͤr welchen Dich die Mutter erzogen? Siehſt Du nicht, daß die Mutter ihr Kind nicht mehr erkennt, und warum ſie es nicht mehr erkennt? Was ſind Bande der irdiſchen Natur gegen die Bande mit dem Himmel! Und wo ſind die Bande irdiſcher Welt, die Dich halten und ſchuͤtzen? Ein Lufthauch hat ſie geloͤſ't: wie ein Kind der Wuͤſte irrſt Du umher im ſchoͤnen Frank⸗ reich, und verdirbſt in Verzweiflung und Reue, wenn Du noch die Kraft haſt, der groͤblichſten Suͤnde auszuweichen, verdirbſt fuͤr Zeit und Ewigkeit, wenn Du ſchwach genug biſt, bei der Suͤnde, welche augenblickliche Zuflucht und Luſt verheißt, augenblickliche Rettung zu ſuchen. Dies iſt Deine Lage, und dieſe Lage iſt entſprungen aus dem Uebermuthe Deines Sinnes, welcher die göttlich geoffenbarten Formen entbehren zu konnen freventlich geglaubt hat. Was ſoll ich thun? Beten und buͤßen! Ich büße und bete— Und glaubſt doch, Unrecht zu leiden! Du leideſt aber Recht, und Dich trennt noch eine ganze Welt von der Buße und Vergebung. Ungluͤckliche Francoiſe, der Boden dieſer Welt iſt von tauſend Abgruͤnden durchkreuzt, und Du huͤpfeſt daruͤber hin, als ob er ein glatter und wohlgeſchloſſener Tanzſaal waͤre! Du behaupteſt, unſchuldig zu ſein, und ſcheinſt nicht zu wiſſen, daß kein Menſch an Deine Unſchuld glaubt— Florentin! 3 Kein Menſch! Nicht einmal Deine Mutter, nicht einmal ich! Entſetzlich! Nun denn, ſo ſeid ihr grauſam, und mein Herz verliert Wenig, wenn es Euch verliert— Bei dieſen Worten erhob ſich Francoiſe, zum erſten Male unterſtutzt von einer Wallung des Zorns, und ſchickte ſich an, indem ſie den Schleier uͤber ihr verweintes Antlitz zog, den Prieſter und das Schloß der Ihrigen zu verlaſſen. Dein Herz verliert das Theuerſte auf Erden, es ver⸗ liert die Mutter! Es hatte ſie, jetzt weiß ich's, verloren, ehe ich hierher kam; heute verliert die Mutter ihr Kind. Es iſt Dir beſſer, ſagt die Schrift, kein Kind zu haben, als ein verworfenes. Das Muͤdchen, welches Du neben Dei⸗ ner Mutter ſtehen ſahſt, iſt ein lebendiger Beweis dafuͤr— Wer iſt ſie? Deines Vetters, des Herzogs von Infantado Kind iſt ſie. Du haſt ihn in Deiner Jugend geſehn dieſen mit tiefer Trauer gezeichneten Mann; er iſt zu dieſer Trauer gekom⸗ men, weil er die Rathſchlaͤge der Gottſeligen verſchmaͤhte. Als er zwanzig Jahr alt war verfolgte er mit ſeinem Freunde auf einem Maskenballe in Sevilla eine in ſchwarze Seide verhuͤllte Dame. Sie hatte einen ſchoͤnen Wuchs, einen ſchönen Fuß und einen, wie ſich die leichtſinnigen jun⸗ — 151 gen Maͤnner ausdruͤckten, verfuͤhreriſchen Nacken. Alles Uebrige war an ihr verhuͤllt, und in der Ferne war ſie von aͤhnlichen ſchwarzen Damen nur durch eine karminrothe Schleife zu unterſcheiden, welche ſie an der Bruſt trug. Das Gewuͤhl trennte ihn von ſeinem Freunde, und es gelang ihm, von der ſchoͤnen Dame die Zuſage eines Rendezvous zu erhalten unter der Bedingung, kein Wort bei der Zuſam⸗ menkunft zu ſprechen, und nicht die geringſte Erkundigung uͤber Namen und Stand einzuziehn. Was kuͤmmerte ihn Name und Stand, wenn er ſeine ſinnliche Luſt befriedigen konnte: er verſprach feierlich, was verlangt war, und ſuchte, da das Rendezvous erſt in einer Stunde ſtatt finden konnte, im Maskengewuͤhl nach ſeinem Freunde, um dieſem die gelungene Eroberung mitzutheilen. Denn die gedankenloſe Jugend iſt auch immer indiskret im Gelingen wie im Miß⸗ lingen. Nachdem er ein Paar falſche Domino's angeſpro⸗ chen, fand er endlich den richtigen des Freundes, welcher ihn eben ſo dringend und in eben ſo indiskretem Drange ſuchte. Kurz, die Worte Beider fanden kaum neben einan⸗ der Platz: dem Freunde war ebenfalls von der ſchwarzen Dame mit karminrother Schleife ein Rendezvous nach Ab⸗ lauf der naͤchſten Stunde zugeſagt. Wir ſind genarrt! rie⸗ fen Beide, und ſie machten ſich eiligſt auf, die ſpoͤttiſche Dame zu ſuchen, und zur Rede zu ſtellen. Aber ſie fanden die Dame nirgends mehr, und da waͤhrend des Suchens die Stunde verfloſſen war, ſo beſchloſſen ſie, trotz der wahr⸗ ſcheinlichen Taͤuſchung die von der Dame beſtimmten Orte der Zuſammenkunft— es waren zwei verſchiedene Orte— aufzuſuchen. Denn Jeder dachte bei ſich ganz im Sinne der weltlichen Freundſchaft: Mir wird ſie Wort halten, und mit dem ſtets uͤberzuverſichtlichen Freunde wird ſie geſcherzt haben. In der That fand der junge Herzog von Infantado ſeine Dame, aber er fand auch als er am Morgen nach Hauſe kehrte die Leiche ſeines Freundes an der naͤchſten Gar⸗ tenecke. Eine tiefe Dolchwunde hatte ihm das Herz durch⸗ bohrt, und neben der Wunde lachte wie ein Zeichen der Hoͤlle die karminrothe Schleife, zierlich angeheftet an die Bruſt des Ungluͤcklichen. Wie hing das zuſammen? Denn die jugendliche Suͤndhaftigkeit des Herzogs war ſo groß, daß er weniger dem Tode ſeines Freundes, als der Frage nachdachte, wie dieſer zur karminrothen Schleife gekommen, und ob er, der Herzog, nicht dieſe Schleife noch beim Stell⸗ dichein ſelbſt am Buſen ſeiner Schoͤnen geſehn habe. Daheim fand er indeſſen den Befehl ſeines Vaters vor, auf der Stelle nach Madrid an den Hof zu eilen, wo er eingefuhrt und befoͤrdert werden ſollte, und da ihm dies viel wichtiger war als die Sorge um den verblichenen Freund und um Aufklaͤrung eines bereits genoſſenen Abenteuers, ſo reiſ'te er auf der Stelle, und vergaß zu Madrid in einer an Zerſtreuung reichen Lebensbahn das Abentener von Sevilla ganz und gar. Als beliebter Held der Damen dachte er, ſo lange ihm Liebesfreuden ohne Verpflichtung hinreichend zum Genuſſe erreichbar waren, durchaus nicht an ein Eheband, und erreichte ſein vierzigſtes Jahr in ledi⸗ gem Zuſtande. Nun wurde es Zeit, fuͤr rechtmaͤßige Erben und Huͤter des Herzogshutes zu ſorgen, und er ſuchte unter den ſchoͤnſten Toͤchtern des Landes eine Gattin. Die Suͤnde der frivolen hoͤhern Geſellſchaftswelt nennt die verſchwelgte Jugend bloß eine galante Jugend, und findet die Helden derſelben als geſaͤttigte und erfahrene Kenner beſonders empfehlenswerth fuͤr die Ehe. Es hatte alſo keine Schwie⸗ rigkeit fuͤr den Herzog von Infantado ein ſchoͤnes andaluſi⸗ ſches Maͤdchen hohen Ranges und großen Vermoͤgens heim⸗ zufuͤhren. Vater, Mutter und Schweſter waren ihr geſtor⸗ ben, und ſolche Unabhaͤngigkeit empfahl ſie ihm obenein. Wie haͤtte es ihm nach ſo viel Erfahrung an Geſchick und Faͤhigkeit fehlen ſollen, ein neunzehnjaͤhrig Maͤdchen füͤr ſich zu gewinnen! Beſonders nachdem ſie ihm eine Tochter geboren, oͤffnete ſie ihm alle, auch die kleinſten Geheimniſſe ihres Herzens. Unter dieſen war ein leichtſinniges Abenteuer ihrer Mutter und Tante in Sevilla. Mutter und Tante ſeien Zwillinge und unintereſſant verheirathet geweſen; gemeinſchaftlich alſo haͤtten ſie ſich zu entſchaͤdigen gewußt, und waͤren eines Nachts in gleicher Kleidung auf einen Maskenball gegangen— In gleicher Kleidung? fragte der Herzog, dem eine Erinnerung und ein unbeſtimmter Schatten von Argwohn aufſtieg— Ja, ſchwarz wie es die Landestracht in Andaluſien, und wie es einen ſchoͤnen Fuß, ſchoͤnen Wuchs und ſchoͤnen Hals am Guͤnſtigſten heraushebt. Und um ſich zu erkennen ſteckte Jede eine karminrothe Schleife— Vor die Bruſt?! Ja, mein Gemahl, vor die Bruſt— es intereſſirt Euch abſonderlich! Abſonderlich! Weiter! Wunderlich genug fanden ſie auch zwei junge Galane, die ihnen geſielen von gleichem Alter, gleicher Groͤße, glei⸗ cher Maske— Schwarze Domino's? Schwarze Domino's! Ihr rathet vortrefflich. Ach rich⸗ tig, Ihr ſeid ja um jene Zeit ſelbſt in Sevilla geweſen, und habt wahrſcheinlich davon gehoͤrt! Nicht das Mindeſte hab ich gehoͤrt! Nun, der andaluſiſche lebhafte Sinn ſchloß raſch ein fluͤchtiges Buͤndniß: Meine Mutter mit dem einen, meine Tante mit dem andern ſchwarzen Domino. Sie begegnen ſich des Nachts, wie ſie meinen, in vollkommner Sicherheit. Aber mein Vater, oder mein Onkel oder ſonſtwer, denn die ſchoͤnen jungen Frauen waren viel umworben, hatten doch Verdacht geſchoͤpft, und einer der Domino's, als er am Morgen von dannen ging, wurde ermordet— Der Galan Deiner Mutter, oder der Deiner Tante? Hierin lag die Pein: ſie wußten es nicht! O GSott! Meines Vaters und meines Oheims Haus liegen neben einander, hundert Schritte entfernt von beiden war der Ermordete gefunden worden. Als Mutter und Tante vom Morde erfuhren, war der Ungluͤckliche ſchon beerdigt, und der zweite, wahrſcheinlich nicht getoͤdtete Galan war trotz aller Aufmerkſamkeit Seitens der Mutter und Tante nir⸗ gends mehr in Sevilla zu ſehn. Unbegreiflicherweiſe be⸗ maͤchtigte ſich beider Frauen von Stunde an eine ſtete Trau⸗ rigkeit, ſte zogen ſich von der Welt zuruͤck— Sie hatten beide Kinder? 2* — 4 Ihr meint, ob meine Tante deren hatte, denn Ihr werdet meine Eriſtenz doch nicht bezweifeln? Ja wohl, mein Couſin war gleichen Alters mit mir, und mein Spiel⸗ genoſſe, bis ihn in einem unerklaͤrlichen Anfalle uͤbler Laune mein Oheim hinwegnahm aus unſrer Mitte. Die Nach⸗ richt ſeines Todes brach das Leben meiner Tante, und meine Mutter, nach dem Kloſter ſich ſehnend, welches mein Vater ihr verſchloß, ſiechte ihr nach; ich verlor ſie, als mich mein Vater zum erſten Male in die Welt fuͤhrte. Am letz⸗ ten Abende ihres Lebens erzäͤhlte ſie mir dieſe Begebenheit, und als uns der Vater, der mich abzuholen kam, dabei uͤberraſchte, erſchrack ſte heftig, ja ohne daß wir es ahnten, zum Tode. Sie war geſtorben, als wir vom Feſte heim⸗ kehrten. Aber was iſt Euch, mein Gemahl, Ihr ſtarrt mich an mit entſetzlichen Augen! Er hatte wohl Urſache. Ehe⸗, Familien⸗ und Lebens⸗ gluͤck war mit einem Streiche zerſtoͤrt: denn es war moͤg⸗ lich, daß er ſein eigen Kind ſuͤndlich in den Armen hielt. Er entſetzte ſich vor der Tochter, welche ihm die Gattin geboren, und entfernte ſie fuͤr immer aus ſeinen Augen: von Schloß zu Schloß, von Verwandten zu Verwandten, von Verwand⸗ ten zu Fremden irrt die arme Chimene umher, gezeichnet von der Suͤnde des Vaters. Ihre Mutter hat ſich zu Tode gegraͤmt uͤber das geheimnißvolle, erſchreckende Betragen ihres Gatten, der Herzog ſelbſt ſchwankt wie ein Geſpenſt umher, tiefſinnig und bis in's Innerſte zerſtoͤrt. So, Frangoiſe, fuͤhren die Wege der Welt! Vergnuͤg⸗ lich und lockend erſcheinen ſie Anfangs, und fuͤhren von Konſequenz zu Konſequenz in unendlich Verderben. Man beginnt nicht mit Fehltritten, man beginnt mit leiſen Wuͤn⸗ ſchen, die harmlos, ja unſchuldig ausſehn; Frangoiſe, der Weg zum Tode, der Weg zu Gottes Schooße führt an tau⸗ ſend Abgruͤnden voruͤber, und wer dies weiß, dem iſt es nicht zu vergeben, wenn er von der geoffenbarten ſicheren Straße abweicht, um dieſer, oder jener fluͤchtigen irdiſchen Neigung zu genuͤgen. Nicht die Neigung, Florentin, hat mich aus meiner Bahn geſchleudert— Und doch iſt's geſchehn! Hilf mir! Du mußt Hilfe wuͤnſchen um jeden Preis! Um jeden Preis wuͤnſch ich ſie! Du mußt abſchließen konnen mit Deinem Leben! Es iſt zu Ende fuͤr mich in dieſem Augenblick, hilf mir! Unſer Haus, das Haus zur heiligen Genofeva iſt Dir offen, wenn Du ernſtlich der Welt entſagen willſt. Ich will's. So folge mir! Francoiſe, in uͤberſpannter Stimmung des Leides und der Furcht vor einer brutalen Welt, wollte, wie die Ver⸗ zweiflung immer will, um jeden Preis endigen. Um nicht eine Schaar peinlicher Scenen zu ſehn ſchließt der ſchwache Menſch die Augen voͤllig, und meint, voͤllige Blindheit ſei beſſer. Die hohle Phraſe wohnt nicht bloß in der theatrali⸗ ſchen Sprache, ſie wohnt in allen, auch wortloſen Ent⸗ ſchluͤſſen der Schwaͤche. Als der Prieſter und Frangoiſe den Korridor entlang gingen nach der Treppe hin, ward der raſche Huſſchlag —„»—— 157 mehrerer Pferde im Schloßhofe vernehmbar, und der Prie⸗ ſter trat an's Fenſter, waͤhrend die zerſtoͤrte arme Frau mit⸗ ten im Gange ſtehen blieb, und ſtarr vor ſich nieder ſah auf die ſteinernen Flieſe. Auch wenn ſie hinabgeſehn, ſie haͤtte nicht erkannt, daß ein Retter fuͤr ſte angekommen ſei, Chabot de Brion, der mit dem Inſtinkt einer romantiſchen Neigung ihre Fußtapfen gefunden hatte von Blois bis Foir. Nur in der Entſagung ſah ſie in dieſem Augenblicke Hilfe, jeg⸗ liche Liebe war ihr in dieſem Augenblicke erſchrecklich, Floren⸗ tin's Erzaͤhlung machte ihr ſelbſt Eltern⸗ und Kindesliebe ſchauerlich. Einſamkeit, voͤllige Einſamkeit fur immer war ihr ganzer und einziger Wunſch. Der Prieſter Florentin haͤtte alſo gar nicht noͤthig gehabt, ſie durch abgelegene Gaͤnge zur Hinterſeite des Schloſſes hinaus, und von da durch den dichten Tannenwald hinab zur Abtei zu führen. Chabot de Brion wuͤrde nichts uͤber ſie vermocht haben, auch wenn er ihr begegnet waͤre, und Baptiſte war doch nicht zu taͤuſchen: er hatte auf der Treppe geſtanden und gelauſcht, er folgte ihnen durch alle Gaͤnge wie das Gewiſſen, und an der Abtei⸗Pforte trat er ſeiner Herrin entſchloſſen in den Weg. Umſonſt! Frangoiſe war der geiſtlichen Macht Floren⸗ tin's voͤllig anheimgegeben, ja ſie drang dem beſtuͤrzten Die⸗ ner das Verſprechen ab, ſie und die Gegend zu verlaſſen, und Niemand, aber Niemand mitzutheilen, wohin ſie ſich gerettet. Die Pforte ſchloß ſich knarrend, und der alte Baptiſte, Thraͤnen im Auge, ſtand mit gefalteten Haͤnden vor den grauen, im tiefen Schatten hohen Waldes verborgenen Klo⸗ ſtergebaͤuden. Der Arget und die Arriege, welche hier zuſammenſtroͤmen, rauſchten hoch auf mit ihren vollen Waſſern, und Baptiſte warf einen ſcheuen Blick auf die Gegend, von wo die Fluthen, verdeckt durch die Abtei und den dichten Wald, heruͤber toſ'ten, als ahnte er, es werde ſich dort das Schickſal ſeiner Herrin eben ſo geheimnißvoll als ſchauerlich entwickeln. Seine Neuerungs⸗Gedanken in Sachen des Kirchenglaubens waren nicht ausgebildet genug, um ihm eine ſicher begruͤndete Anſicht uͤber den ver⸗ fehlten Zweck kloͤſterlicher Einrichtungen zu gewaͤhren, aber die Neigung ſeiner Gedanken war ſchon ſtark genug fuͤr den leiſen Ausſpruch: Arme Herrin, zu großen Dingen berufen laͤſſeſt Du Dich opfern der Furcht und dem todten Hinſtarren! Traurig ſtieg er den⸗Berg zum Schloſſe wieder hinauf — was ſollte er thun? Nach Genf will ich reiten, murmelte er vor ſich hin, und wenn wir in unabſehbaren Haufen ein⸗ fallen in Frankreich, den Glauben und die Kirche zu reini⸗ gen, da will ich das Heer der Unſrigen auch hierher geleiten vor die Genofeven⸗Abtei, und will meine Herrin befreien. Ein Paar Jahre wird's wohl dauern, eh wir ſo weit kom⸗ men, und meine arme Frau Graͤfin wird wohl in dieſer Zeit ihres Irrthums inne werden. Als er in den Schloßhof kam, begegnete er Herrn Cha⸗ bot de Brion, der lebhaft und erfreut ihm entgegen trat, erfreut, nun endlich ein unzweifelhaftes Zeichen von der Naͤhe des geliebten Fluͤchtlings zu ſehn. Die Graͤfin von Foix hatte ihm ſo eben die herbſten Dinge ſagen, ja ziemlich unverbluͤmt die Thore weiſen laſſen, Baptiſte war ihm alſo die erwuͤnſchteſte Begegnung. Aber ach, Baptiſte hatte ſeiner Herrin zugeſagt, ihren Aufenthalt ſtreng zu verſchwei⸗ gen! Wie gern haͤtte er dem jungen Edelmanne, den er um 159 die ſchoͤne Neigung fuͤr die Graͤfin und um die anmuthigen ritterlichen Formen liebte, wie gern haͤtte er ihm Alles mit⸗ getheilt, ja wie gern ihn aufgefordert zur Rettung der Herrin! Die Zunge war ihm gebunden, und er war gewis⸗ ſenhaft: er ertrug ſogar die Schmaͤhungen, welche Brion gegen ihn ausſtieß, ohne ein Wort der Widerrede. Denn daß Baptiſte die Wahrheit verſchwieg war durch das abge⸗ triebene Pferd der Graͤfin, welches neben dem ſeinen in einem Thurmwinkel des Hofes angekoppelt ſtand, nur allzu offenbar, und der Vorwurf Brion's, Baptiſte habe die Graͤfin truͤgeriſch vom Hoflager hinweggelockt, um ſie an unerwarteter Stelle einem Hinterhalte des Grafen Cha⸗ teaubriant auszuliefern, hatte nur gar zu große Wahrſchein⸗ lichkeit. Ich werde dich binden, und Dir mit dem Steigbuͤ⸗ gel⸗Riemen das Geſtaͤndniß oͤffnen laſſen, rief der junge Edelmann, den die hartnaͤckige Schweigſamkeit des alten Dieners in immer groͤßere Wuth verſetzte. Aber waͤhrend dieſe Scene inmitten des Schloßhofes vor ſich ging, ſammelten ſich in der Halle alle Diener und Knechte des Hauſes, welche vom Haushofmeiſter eiligſt dorthin beſchieden waren, und dieſer ſelbſt trat in den Far⸗ ben des Hauſes Foir, den großen Stab in der Hand tragend, ihnen voran, und füͤhrte ſte in den Hof. Dort, in einiger Entfernung von den Fremden, hieß er ſie warten, und ſchritt feierlich zu Chabot de Brion, ihn im Stile eines Herolds fragend, ob er inne geworden ſei, daß man ihn auf dem Gebiete der Foir nicht willkommen geheißen, und ob er die⸗ ſem Nichtwillkommen gemaͤß handeln werde? „Auch dieſem alten Diener wurde es ſchwer, die wahr⸗ ſcheinlichen Freunde der jungen Graͤfin hinweg zu jagen, und diplomatiſcher als Baptiſte ſetzte er auf eigne Verant⸗ wortung hinzu: dem Seigneur, welchen das Haus der Foix aus ihm unbewußten Gruͤnden nicht aufnehmen koͤnne, werde die reiche Genofeva⸗Abtei unten im Thale eine Her⸗ berge nicht verſagen. Brion aber, voller Zorn, achtete nicht auf dieſen wich⸗ tigen Zuſatz, ſondern warf ſich auf's Pferd, noͤthigte den gutwillig folgenden Baptiſte ſich mit den beiden Roſſen ſeinen Dienern anzuſchließen, und ritt hinab nach dem Staͤdtchen. Die alte Graͤfin von Foixr, Frangoiſens Mutter, war bei der Geburt dieſes ihres letzten Kindes gefährlich erkrankt, und dies Kind hatte zur Aufſaͤugung einer Amme anver⸗ traut werden muͤſſen. Dies blieb nicht ohne wichtige Fol⸗ gen: Frangoiſe, der Bruſt ihrer Mutter fern bleibend, wurde auch noch durch ein anderes Ungluͤck derſelben ent⸗ fremdet. Die Graͤfin naͤmlich genas erſt nach Jahren von dieſer Niederkunft, und genas nur auf Koſten ihrer Schoͤn⸗ heit. Ihr Antlitz war fuͤr immer bleich geworden, und der Arzt kuͤndigte ihr an, daß eine fernere Umarmung ihres Gemahls den Tod fuͤr ſie zur Folge haben wuͤrde. Der Graf von Foir war aber ein noch ruͤſtiger und lebensſtarker Mann zu jener Zeit, und nicht dafuͤr angethan, ſeine Ge⸗ mahlin ſolchen Verluſt durch zarte Entſagung vergeſſen zu machen. Es erwuchs ihr daraus mannigfache Kraͤnkung und Pein, und die Graͤfin, ein ſtolzer Charakter, ließ es, vielleicht ohne klares Bewußtſein der Haͤrte, die Tochter * entgelten. Sie war kalt gegen das Kind und erzog es hart und ſtreng. Dennoch liebte ſie es, liebte es eben dieſer hemmenden Umſtaͤnde halber eigenſinnig, und gewaltſam. Um ſo weicher ward es von Margot, der Amme, welche ihr mit Frangoiſe gleichaltriges Kind durch den Tod verloren hatte, behandelt. Dieſe Margot war eins von jenen weib⸗ lichen Geſchoͤpfen, die bloß Weib und Mutter ſind, und denen man nachſagt, daß ſie aus bloßer Gefaͤlligkeit im Stande ſeien, das zu thun und zu leiden, was charakter⸗ vollen Weibern eine Frage des Lebens, und was charakter⸗ vollen wie charakterloſen der entſcheidende Punkt wird fuͤr gluͤckliche oder ungluͤckliche buͤrgerliche Exiſtenz. Solche Margot's ſcheinen vorhanden zu ſein, um die gedankenloſe natuͤrliche Menſchlichkeit zu vertreten neben aller Konveni⸗ enz. Mit vollſtaͤndiger Gutmuͤthigkeit ausgeruͤſtet entwaff⸗ nen ſie zuweilen auch den Zorn des berechtigten aber billi⸗ gen Moraliſten. Schoͤn wie ein Madonnenbild war Mar⸗ got ſchon als junges Maͤdchen, wie es hieß, von einem Seigneur von Foir, aus einer Nebenlinie der Grafen, ver⸗ führt worden, und hatte ohne die geringſte Heimlichkeit einen Sohn geboren, den ſie Florentin taufen ließ, und uͤber deſſen Vater ſie bei dringender Nachfrage lachend zu ſagen pflegte, es muͤſſe ein vornehmer Prinz ſein, denn er habe wunderſchoͤn ausgeſehn, als er am Heuſchober auf der Wieſe, an dem ſie geſchlummert, zu ihr getreten und ſie bei der Hand genommen habe. Weiter wiſſe ſie nichts von ihm; aber daß ihr Florentin auch ſehr ſchoͤn ſei, das koͤnne doch Jedermann ſehn. Dieſer Florentin war fuͤnf Jahr aͤlter als Frangoiſe, Laube, Chateaubriant. I. 11 162 und wuchs mit ihr auf. Weil er wie ein Heiliger ausſaͤhe, ſagte Margot, muͤſſe er auch ein Prieſter werden, und ſo ward er denn bis zum fuͤnfzehnten Jahre Frangoiſen's und bis zu ſeinem zwanzigſten neben ihr theils auf dem Schloſſe, theils in der Abtei unterrichtet, und war ganz wie ein Milch⸗ bruder mit der jungen Comteſſe befreundet. Als Gra⸗ Chateaubriant ſie hinweg fuhrte, betruͤbte es ihn ſehr, und in dieſer Stimmung trat er dem Plane Margot's gemaͤß ganz in die Abtei, und wurde Prieſter. Frangoiſe durfte ſich alſo von ihm der aufrichtigſten Theilnahme verſehn, als ſie in ſo ungluͤcklicher Lage ihm wieder begegnete, und es war natuͤrlich, daß ſie ſich ihm ſo ſorglos üͤberließ. Sie ahnte nicht, in welcher Richtung ſich das? Veſen dieſes Florentin ausgebildet hatte. Florentin war auch nicht boͤſe geworden. Aber was bei ſeiner Mutter gedankenloſe Gutmüthigkeit, ſinnliche Unbe⸗ fangenheit geweſen, das hatte ſich in ihm zu gedankenvoller Sinnlichkeit und zu berechnetem Genußtriebe ausgebildet. Erwar ein offner Kopf, welcher dem theologiſchen Kreiſe gewoͤhnlicher Prieſter bald uͤberlegen, und deshalb von den überlegenen Prieſtern der Abtei bald in die hoͤheren Ver⸗ haͤltniſſe der Prieſterſchaft eingeweiht wurde. Nicht ſowohl durch die um ſich greifende Reformation, welche hier an der ſpaniſchen Seite noch wenig Eindruck hervorgebracht hatte, als durch das lururioͤſe Papſtthum der letzten Jahrzehnte war ein Stamm aufgeklaͤrter Prieſter in viele Theile der Chriſtenheit verbreitet worden, welcher eine Art eſoteriſchen Prieſterthums darſtellte. Es war dies ein Jeſuitismus ganz andrer Art, welcher dem aͤchten Jeſuitismus vorausging, 163 ein ſinnlicher und kuͤnſtleriſcher Jeſuitismus, der nicht fuͤr die Kirche ſondern fuͤr ſich, fuͤr die Schaar der Auserwaͤhl⸗ ten taͤuſchen und erobern wollte. Er wendete ſich auch vor⸗ zugsweiſe an die Großen und Maͤchtigen der Erde, aber nicht um durch dieſe den Maſſen beizukommen, ſondern um mit den Maͤchtigen die Reize des Lebens zu genießen. Die Glaubenswelt war dieſer Gattung eine Welt der Formel, welche durch gewandten Geiſt nach außen hin lebendig und wirkſam erhalten werden muͤſſe, welche aber mit den intime⸗ ren Beduͤrfniſſen des aufgeklaͤrten und geſchmackvollen Prie⸗ ſters nichts zu ſchaffen habe.. So geartet trachtete Florentin ſchon ſeit einigen Jah⸗ ren, aus dem Pyrenaͤenwinkel hinaus in die offnere Welt, ſei's nach Rom, ſei's nach Paris zu kommen. Er war viel eher als die alte Graͤfin von der Anweſenheit Francoiſen's am Hoflager des Koͤnigs unterrichtet, denn er war Sekretair des Abtes, und der Abt verlor den Koͤnig nicht einen Augen⸗ blick aus den Augen. Florentin kannte alſo auch die Gei⸗ ſtesrichtung der Umgebungen des Koͤnigs, den aufgeklaͤrten Sinn Margarethen's und Budée's, und konnte den Einfluß derſelben auf Frangoiſe ermeſſen. Ihm war es alſo zunaͤchſt ſchon aus vielfaͤltigem politiſchem Grunde darum zu thun, ſich dieſer politiſch ſo wichtig werdenden Dame zu bemaͤchtigen. Aber die Gegenwart behauptet uͤberall ihr Recht auch uͤber die ſorgfaͤltigſt gepflegten Plaͤne für die Zukunft, und jede Leidenſchaft iſt beredſamer als aller Verſtand. Floren⸗ tin hatte nicht gewußt, wie ſchoͤn ſeine Milchſchweſter als Graͤfin Chateaubriant geworden ſei, und als ſie ihm im ſtaubigen, zerdruͤckten Reitkleide, halb verſchleiert und von 11* 164 Thraͤnen und krampfhafter Bewegung entſtellt zum erſten Male wieder erſchienen war, da hatte er es nicht bemerkt, erfüllt von Plaͤnen, welche das junge Weib in andre Arme liefern ſollten. In ſolcher Stimmung hatte er ihr das Zimmer angewieſen, nach ihrem Mantelſacke im Schloſſe geſendet, und dem Abte Bericht abgeſtattet. Aber als er nun bei einbrechender Dunkelheit ſie in haͤuslicher Kleidung am Kaminfeuer fand, eine bildſchoͤne Frau, deren in Erge⸗ bung gefaßtes edles Antlitz von der hellen Flamme beleuch⸗ tet wurde, da kam ihm raſch der verwegene Gedanke, er ſei ein eben ſo ſchoͤner und zum Gluͤcke eben ſo berechtigter Mann als der Koͤnig. Baptiſte hatte es mit ſeiner Zuſage des Stillſchweigens an die Graͤfin vereinbar geglaubt, daß er den hoͤchſt ver⸗ drießlichen Seigneur Chabot de Brion, der ihm wirklich die Steigriem⸗Hiebe angedeihn laſſen wollte, auf die Aeuße⸗ rung des Haushofmeiſters, der Seigneur ſollte bei der Ge⸗ nofeven⸗Abtei anfragen, aufmerkſam mache. Brion, im Staͤdtchen Foix anhaltend, hatte ſich vorgenommen, dort jedenfalls den Reſt des Tages und die folgende Nacht zu bleiben, da es ihm unzweifelhaft war, die Graͤfin ſei wenig⸗ ſtens auf dem Schloſſe geweſen, und ſei entweder noch dort oder nicht weit entfernt, und da er auf irgend einen gluͤck⸗ lichen Zufall hoffte, ſie zu entdecken und ihr nahe zu kommen. Der Wirth der Herberge erzaͤhlte denn auch auf Nachfrage, es ſei kurze Zeit vor ihm eine Dame mit einem Diener den Schloßberg hinaufgeritten. Brion warf einen drohenden Blick auf Baptiſte, und fragte den Wirth, wie weit die Abtei vom Orte entfernt ſei. Einen Buͤchſenſchuß, Seigneur; wenn Ihr hinuͤber geht bis an die Waldecke am Strome, und links hinum⸗ ſchaut, ſo ſeht Ihr ſie. Der Pförtner iſt ein freundlicher Bruder, und wird Euch fuͤr eine hoͤfliche Zumuthung hoͤflich Rede ſtehn, ob eine Novize, oder eine Fremde eingetroffen ſei. Brion machte ſich ſogleich auf den Weg, und zog zehn Minuten darauf die Glocke an der Abtei. Der feiſte Pfoͤrt⸗ ner oͤffnete den Schieber halb, um zu ſehn, ob es der Muͤhe werth ſei, ihn ganz aufzuſchieben. Der ſtattliche Herr im Federhute ſah allerdings darnach aus, und der Pfoͤrtner zeigte ſich entgegen kommend. Wahrſcheinlich haͤtte Brion auf eine einfache Anfrage genuͤgende Auskunft erhalten, da dem Pfoͤrtner kein beſonderes Stillſchweigen von Florentin auferlegt worden war, aber er begann damit, dem laͤchelnden Thorhuͤter eine Handvoll Silbermuͤnze in die verſtaͤndig entgegen kommende Hand zu druͤcken, und ſo erhielt die un⸗ verfaͤngliche Frage fur dieſen ſeines Poſtens kundigen Mann ſchnell eine Bedeutung. Hat die Auskunft ſolchen Werth, philoſophirte der Pfortner in Eile, ſo wird der Werth ſtei⸗ gen, wenn die Auskunft ſchwierig iſt. Er antwortete alſo ausweichend, und um Zeit fur ſeine Politik zu gewinnen, bat er um naͤhere Beſchreibung der Dame, die einpaſſirt ſein ſollte, und um den Namen derſelben. Kurz, Brion zeigte ſo unpolitiſchen Eifer, daß er vom Pfoͤrtner nichts 166 als die Verſicherung erhielt, er werde ſich erkundigen, und dem Seigneur am andern Morgen Bericht erſtatten. Brion hatte indeß doch ſo viel entdeckt, daß die Graͤfin wahrſchein⸗ lich im Kloſter ſei, und war auf dem Ruͤckwege nach dem Staͤdtchen zu der Ueberzeugung gekommen, daß er hier raſch verfahren müſſe, wenn er auf irgend ein Gelingen hoffen wolle. Die ungeſchickte Behandlung des Pfoͤrtners, deren er inne geworden, hatte den kundigen Mann des Hofes in ihm erweckt, und ſich mit aller Zuverſicht und Behendigkeit eines ſolchen wappnend kehrte er an der Waldecke haſtig um, und ſchritt haſtig wieder nach der Abtei zuruͤck. Diesmal klingelte er ſcharf, und rief dem ob ſolchen ſcharfen Zugs üͤberraſcht heraus ſchauenden Pförtner gebieteriſch zu: Oeffne! Dieſer oͤffnete auch wirklich in der erſten Beſtuͤr⸗ zung die kleine Thur, welche zwar zunaͤchſt nur in ſeine Thor⸗ zelle, aus dieſer aber in den erſten Hof der Abtei fuhrte, und ſah fragend und verwundert dem eintretenden Seigneur in's Angeſicht. Melde mich, den Seigneur Chabot de Brion, bei Sei⸗ ner Hochwuͤrden dem Herrn Abte! Naſch! Melden? Ich? Ich bin bloß Pfoͤrtner— So ruf einen Laienbruder, oder wer ſonſt dafuͤr be⸗ ſtellt iſt! Aber ich darf meinen Pförtnerpoſten nicht verlaſſen.— Obwohl er nicht wußte, ob etwas zu verbergen, und ob die⸗ ſem Manne der Zutritt zu verſagen ſei, ſo machte er doch, nicht bloß in der Abſicht, ein neues Trinkgeld zu erhalten, ſondern aus dem Inſtinkte der Verbruͤderung, welcher alles — 167 Ungewoͤhnliche abhaͤlt von der Verbruͤderung, dem Seigneur den Eintritt ſo ſchwer als moͤglich. Ich werd' ihn verſehn bis Du wiederkommſt, Deinen Pförtnerpoſten— Ich bitte; Ihr koͤnntet wohl nach ungewoͤhnlichen Grundſaͤtzen oͤffnen und ſchließen— Holla, ſchnell, ich bin nicht gewohnt, zu warten! Haͤtte Brion gewußt, wie ſehr hilfreiche Eile ſeiner ge⸗ liebten Graͤfin Noth war, er haͤtte ſich auf keinerlei Meldung eingelaſſen, ſondern haͤtte mit gezogenem Degen den Pföͤrt⸗ ner ohne Weiteres genoͤthigt, ihn nach dem Zimmer der fremden Dame zu führen. Mit Brion's Hin⸗ und Wieder⸗ kommen war es naͤmlich Abend geworden, und Florentin war in vollem Zuge, ſeine Ueberlegenheit als dialektiſcher Prieſter und junger Mann uͤber die verſtoͤrte und verlaſſene Graͤfin geltend zu machen. Waren auch die Gruͤnde ſeiner Rede jetzt himmelweit verſchieden von denen, die er ſelbigen Tages oben im Schloſſe entwickelt hatte— und ſie mußten es ſein, denn dort wollte er Furcht vor den Freuden der Welt, hier wollte er Zutraun zu verſtohlener Freude einfloͤ⸗ ßen— erſchreckte auch die unerwartete Wendung in Weſen und Wort Florentin's die Graͤfin einen Augenblick bis in's Innerſte, ach, ſie war doch ſo ungluͤcklich, daß ſie ihrer eig⸗ nen logiſchen Kraft nicht mehr traute, und daß ſie ſich um jeden Preis eines liebevollen Entgegenkommens beduͤrftig fuͤhlte. Es liebt das Weib, dem aller wuͤrdige Gegenſtand der Theilnahme entzogen wird, am Ende auch das Aus⸗ drucksloſe und Unbedeutendſte; waͤre es ein Wunder gewe⸗ ſen, wenn Frangoiſe dem ſchoͤnen Jugendfreunde vertraulich und entgegen kommend die Hand gereicht haͤtte? Seine maͤnnliche Schoͤnheit war um ſo vertraulicher, da ſie im Kleide prieſterlicher Wuͤrde, alſo ohne den verſchuͤchternden Anſpruch der Schoͤnheit erſchien, da ſie das Zutraun auf eine uneigennuͤtzige Freundſchaft des Milchbruders fuͤr ſich hatte, und— was mehr war als Alles!— da ſie aus dem ſichern Hafen einer wuͤrdigen Stellung heraus dem gepeitſch⸗ ten Lebensſchifflein der armen Frau Worte und Signale zu⸗ rufen konnte. Der ſogenannte Teufel lebt davon, daß er die Hilfe, welche man braucht, wirklich leiſtet, aber auch ver⸗ giftet. Kurz, es gelang Florentin, die laſtende Melancholie von Francoiſens Stirn zu ſcheuchen, denn er wußte ihr in ſchmeichelnder Entwickelung darzuſtellen, daß ſie eben nur um reizender Vorzuͤge willen in ſo peinliche Situationen verſetzt worden ſei, und daß die Pein dieſer Situationen viel mehr in ihrem furchtſamen Sinne als in den Situationen ſelbſt liege.— Willſt Du den grauen Stein beneiden, fuhr er fort, um die ungeſtoͤrte Ruhe, welche er ſeiner Unſchein⸗ barkeit und Reizloſigkeit verdankt? Beſteht nicht Leben, wirkliches Leben bloß aus Furcht und Verlangen, und aus dem geſteigerten, ſich gegenſeitig im Gleichgewicht halten⸗ den Fuͤrchten und Verlangen? Und doch, Florentin, riethſt Du mir ſelbſt, die Welt zu fliehn, weil ſie gefaͤhrlich— Weil Du fur den Augenblick das Gleichgewicht Dei⸗ ner Seele verloren haſt! Waͤrſt Du ſonſt nach Foir ge⸗ kommen, wo Du bei einer liebloſen Mutter der trockenſten und ungenuͤgendſten Anſichten und Grundſeͤtze gewaͤrtig ſein 8 * 169 mußteſt? Du brauchſt Sammlung, und es iſt ein gutes Zei⸗ chen, daß Du Dich bis zum Beduͤrfniſſe dieſer Sammlung haſt verſtören laſſen, denn Du biſt verſtoͤrt worden, weil Du nicht in wuͤſter Gedankenloſigkeit beherrſcht ſein wollteſt, und doch auch im Tumult eines neuen Lebenskreiſes nicht die Ruhe und die Macht in Dir fandeſt, zu herrſchen. Du biſt zum Groͤßten beſtimmt: Du willſt Macht und Ruhe zu⸗ gleich, und Du taͤnſcheſt Dich nur einen Augenblick uͤber dieſe Ruhe, und verwechſelſt ſie mit der Lebloſigkeit. Wenn Du Dich einen Winter und einen Sommer in der Einſam⸗ keit unſrer Thaͤler geſammelt haben wirſt, dann wirſt Du mit weitblickenden ſicheren Augen die Herrlichkeiten von Blois wiederſehn, wirſt die Angouléme und Alengon uͤber⸗ ſehn, und wirſt verſtehn zu genießen, indem Du herrſcheſt, zu herrſchen, indem Du genießeſt und zu ſchaffen im Herr⸗ ſchen und Genießen. O eile, eile, Chabot de Brion! Frangoiſe iſt geiſtvoll genug, um in die Gefahr ſolcher Wendung einzugehn, und ſie iſt gerade jetzt aufgeregt genug, um der Gefahr zu erlie⸗ gen. Errette ſie heut von dieſem Florentin, vielleicht iſt er ihr morgen ſchon nicht mehr gefaͤhrlich, wenn ſie ſich gefaßt und durch Deine Naͤhe, dies Zeichen ſchoͤner und ſtarker Theilnahme, geſtaͤrkt hat. Leider war dies ungemein ſchwer. Nicht weil der Abt, dem Anſcheine nach ein gutmuthiger Mann, der ſtrengen Meinung geweſen waͤre, jeglichen Edelmann von der ſchoͤ⸗ nen Graͤfin entfernt zu halten, ſondern nur weil der Abt noch nicht wußte, welcher Meinung er ſein ſollte. Die An⸗ kunft der Graͤfin in Foix, mit einiger Wahrſcheinlichkeit, aber doch nur mit Wahrſcheinlichkeit angekuͤndigt durch ei⸗ nen Prieſter in Blois, der die Dinge am Hofe beobachtete, und dem Abte des Genofevenſtiftes ſeit einiger Zeit unge⸗ woͤhnlich haͤufig Mittheilungen machte, weil der Abt durch ſeinen Bezug zum Hauſe Foix wichtig werden konnte, jene Ankunft der Graͤfin, ſo fein vorausgeſehen durch den Prieſter in Blois, war dem Abte doch uͤberraſchend gekommen, und Florentin, welcher jener moͤglichen Ankunft halber ſeit Wo⸗ chen taͤglich die alte Graͤfin beſuchte, hatte die junge Graͤfin ſo überraſchend ſchnell in die Abtei ſelbſt gebracht, daß der Abt, ein Mann von langſamen und vorſichtigen Entſchluͤſ⸗ ſen, nicht im Stande geweſen war, einen Plan auszubilden fuͤr alle einzelnen Faͤlle dieſer eingefangenen wichtigen Dame. Und Chabot de Brion, deſſen nahes und gunſtiges Verhaͤltniß zum Koͤnige er ſehr wohl kannte, kam ihm ſo ploͤtzlich und ſo heftig wie ein Sturzbach uͤber den Hals. Er wollte ſich ihm ſo gern gefaͤllig zeigen, und doch nichts vor⸗ eilig gewaͤhren, was den Preis des eingefangenen Kleinodes im Geringſten herabſetzen koͤnnte! Dieſer Preis konnte aber durch den ſchoͤnen Seigneur zweifach bedroht ſein: erſtens konnte dieſer auf eigne Rechnung die Gunſt der Graͤfin ſu⸗ chen, und zweitens konnte er den Lohn füͤr ſich allein beim Koͤnige in Anſpruch nehmen, die ſcheue Dame wieder zur Ruͤckkehr ermuntert zu haben. Dieſer Lohn ſollte ja den Prieſtern zukommen! Und dieſer Lohn wuchs, je laͤnger die Ruͤckkehr auf ſich warten ließ, und je unabhaͤngiger von au⸗ ßerer weltlicher Unterſtützung die Abtei allein die ſchuͤchterne Dame geſtaͤrkt und ermuthigt hatte, den Kampf mit den Freuden der Welt wieder aufzunehmen und zu beſtehn— 4— 171 kurz, ſchloß mit einiger Ungeduld der Abt ſeine lange Rede, in welcher er von allem Obigen das Gegentheil zu ſagen getrachtet, kurz, mein Seigneur de Brion, dieſe Angelegen⸗ heit iſt eine aͤußerſt ſchwierige, und ganz und gar nicht an⸗ gethan, um im Handumkehren entſchieden zu werden. Im Gegentheile, hochwuͤrdiger Herr, es iſt hier nicht die geringſte Schwierigkeit fuͤr Euch und fuͤr die Abtei, da es ſich in keiner Weiſe um Eure und um die Meinung der Abtei handelt, ſondern um die Meinung der Graͤfin, einer ſelb⸗ ſtaͤndigen Dame, die Ihr mich hoͤren laſſen ſollt. Mich duͤnkt, die Graͤfin habe dieſe Meinung deutlich genug dadurch ausgeſprochen, daß ſie das Hoflager aus eig⸗ nem Antriebe und ſelbſt fluͤchtig verlaſſen. Kurz und gut, Ihr beſteht darauf, die Graͤfin wie eine Gefangene zu betrachten? Im Gegentheile: wie einen Schuͤtzling, der Zuflucht bei uns geſucht hat gegen die Zudringlichkeiten der Welt! Ihr beſchuldigt den Koͤnig Franz der Zudringlichkeit? Der heilige Voluſtan bewahre mich! Er bewahrt Euch nicht, denn Ihr habt's gethan, und werdet's vertreten; bei meinem Schwert verſichere ich Euch deſſen! Aber Herr Chabot de Brion— Ihr ſollt's an Euch zuerſt erfahren, daß das Konkordat kein leerer Schall und Name iſt, und daß der Koͤnig von Frankreich von nun an die Prioren, Aebte und Biſchoͤfe waͤhlt, ja daß er die kuͤrzlich geſchehenen Wahlen ſeiner Be⸗ ſtaͤtigung unterwirft! Wie lange heißt Ihr Abt, Hochwuͤr⸗ diger Herr? — 172 Der Abt antwortete nicht auf dieſe direkte Frage, denn er war gerade in der Zeit gewaͤhlt worden, als das beruͤch⸗ tigte Konkordat abgeſchloſſen, wenn auch noch nicht bekannt gemacht worden war. Er wendete ſich aber in ſeiner Gegen⸗ rede unmittelbar auf die Zuſicherung, daß der Koͤnig in Be⸗ treff dieſer Dame kein Hinderniß an der Genofeven ⸗Abtei finden werde, da ja die ernſte Abſicht des Koͤnigs, dieſe aus⸗ gezeichnete Dame zur Koͤnigin von Frankreich zu erheben, hinläͤnglich bekannt ſei. Es moͤge nur der Koͤnig und der Bote deſſelben geſtatten, daß die Formen im Weſentlichen beobachtet wuͤrden. Sie wuͤrden allen Theilen von guten Dienſten ſein; namentlich wuͤrden ſie allein die eingeſchuch⸗ terte Graͤfin ermuthigen— Durch dieſe Wendung ward Brion wieder zuruͤckgewor⸗ fen, und genothigt, von Neuem auszuholen, ein Zeitverluſt, welcher Florentin zu ſtatten kam. Florentin, der ſich auf Frauenherzen verſtand— der zweite Hof der Abtei war von Nonnenzellen umſaͤumt, und dieſem jungen Prieſter lag es ob, die Novizen uͤber ihre Pflichten und ihren Beruf zu belehren— Florentin ging ohne Umſchweif an die Hauptfrage, welche auf dem Wege ſeiner Jugendfreundin laſtete. Einige ſalbungsvolle Phi⸗ loſophie, pflegte er zu ſagen, den verborgenen Wuͤnſchen des Weibes eingefloͤßt, und dieſe Wuͤnſche werden muthig und luſtig, denn die Weiber haben keinen Charakter, ſondern nur Furcht und Verlangen, Furcht vor Grundſätzen und Verlangen nach Freude. Macht man ihnen die Grundſaͤtze zuſtimmend, ſo ſind ſie dankbar wie die Kinder: ſie kuͤſſen den Lehrer, der ſie zum Spiele hinaus laͤßt. Nur nicht als — 173 gedankenloſe Weſen wollen ſie behandelt ſein, und das ſind ſie auch nicht, wie beherrſchten wir ſte ſonſt durch Gedanken⸗ folge! Gedanken haben ſie ſo viel als wir, aber jagt ihnen dieſe Gedanken durch einander wie eine Schaar wilder Pferde, und dann zeigt ihnen, daß ihr ſie fangen und feſſeln koͤnnt, die ungeſtuͤmen; dies iſt ihnen gegenuͤber der Cha⸗ rakter, dem ſie ſich beugen. Francisca, hob er an in dem halb ſpaniſchen Patois je⸗ ner Gegend, welches die Graͤfin ſeit ihrer Verheirathung nicht wieder gehoͤrt hatte, Francisca, liebſt Du den Koͤnig Franz? Florentin! ſchrie die Graͤfin auf, un Seſſel in die Hoͤhe, als ob ſie ein haͤtte. Du bejahſt meine Frage ſtaͤrker, als mit Worten, ſprich nicht, erwidre nichts, es waͤre Umſchweif, verweile ruhig auf Deinem Sitze, und ſieh mir in's Auge! Furchtſames Kind, wie Deine Hand zittert, und Dein Herz klopft. Ich hatte geglaubt, Du ſeiſt ein ſtarkes Weib geworden, und es handelte ſich bei Dir um ein mannigfach durchkreuztes Ge⸗ wiſſen, darum trat ich Dich an mit greller Rede und grellem Bilde, vergieb mir, Francisca, ich ſehe, daß ich Dich unnuͤtz gepeinigt habe, Du biſt ja noch das unerfahrene Maͤdchen, das mit dem rohen Grafen von uns ging vor fuͤnf Jahren. Arme Francisca, Du leideſt Pein fuͤr eingebildete Suͤnden, Deine Seele iſt uͤberreizt durch eine brutale Ehe, welche nicht vermoͤgend geweſen iſt, Deine Seele zu naͤhren, und nicht vermoͤgend, Deine Seele zu erniedrigen. So iſt die Welt verworren! Sie mißt Alles mit gleichem Maaßſtabe, nd flog von ihrem Schuß in's Herz getroffen 174 und vergißt zu waͤgen: andere Frauen mit weniger reizba⸗ rer Seele koͤnnten Alles das thun, was Du nur in der Ein⸗ bildung vor Dir ſiehſt, und lebten gluͤcklich und in gutem Gewiſſen, waͤhrend Du Dich peinigſt um die bloße Moglich⸗ keit, die Dir nahe getreten! Und muß ich's nicht? entgegnete leiſe die Graͤfin, wenn meine Seele empfindlicher iſt als Anderer, ſind nicht auch meine Pflichten feiner und ſtrenger als die Pflichten An⸗ derer? An Deiner Uebung im Philoſophiren, Francisca, er⸗ kenn' ich, wie ſehr Du gelitten, wie ſehr Du gerungen. Arme Freundin! In falſchen Skrupeln wirſt Du vielleicht die Zeit Deiner ſchoͤnen Jugendkraft verlieren, und wirſt zu ſpaͤt zu der Einſicht kommen, daß es nur Skrupel geweſen, die Dich von der hoͤheren Ueberſicht uͤber die Fragen Gottes getrennt, die Dich getrennt von dem Gluͤcke, welches Dir Gott beſchieden, indem er Dich eben ſo reich begabte, wie er's gethan, eben ſo reich wie es noͤthig war, um einen ſin⸗ nigen Koͤnig zu feſſeln, um ihn zu begluͤcken, und mit ihm ein großes Reich, das ſchoͤne Frankreich! Was iſt das, Florentin? Du redeſt einer ſuͤndigen Nei⸗ gung das Wort? Du verſuchſt mich! Deine Hand bebt in der meinigen. Meine Hand bebt, weil ich im Zorn bin gegen die ſchwache Welt, welche ſo allgemeine Grundſaͤtze braucht, um ſich im Gleichgewicht zu erhalten, ſo allgemeine, daß ſte bei begabteren Menſchen hundertfach Luͤge werden und eine das Beſte zerſtoͤrende Entſagung werden muͤſſen. Denn dieſe allgemeinen Grundſaͤtze können nur fuͤr die Mittel⸗ maͤßigkeit berechnet ſein. Meine Hand bebt, Francisca, weil ich zornig bin gegen mich ſelbſt, gegen meine Unfaͤhig⸗ keit, geſchloſſen und uͤberzeugend auszudruͤcken, was ich als unumſtoͤßlich richtig vor meinem Geiſte ſehe. Ich habe nicht genug Schule der Welt; ich habe nur genug Schule des Kloſters, um einzuſehn, der Lebenswandel tugendhafter Wahrheit liege nicht in den allgemeinen Maaßſtaͤben, nach welchen die Welt richtet, und liege noch weniger in der Flucht vor der Welt. Dieſe Flucht iſt Ohnmacht, und dieſe iſt unwuͤrdig eines Geſchoͤpfes, welches Gott reichlich aus⸗ geruͤſtet mit ſegensvollen Mitteln fuͤr ſich und die Welt. Dieſe Flucht iſt Undank gegen Gott, der den fruchtbaren Obſtbaum nicht gegeben hat, daß er in voller Fruchtbarkeit umgehaun und zu Zaunholz verwendet werde. Mir ſchwindelt vor Deinem Gedankengange, Florentin! Mir auch, weil ich ihn vor Dir ausbreite ohne die Ueberzeugung, Dir ihn einleuchtend zu machen. Und Du biſt Prieſter?! Ich bin es, weil ich dazu beſtimmt war, ehe ich ſelbſt entſcheiden konnte, ich bin es, weil ich arm, und weil es der einzige Stand iſt, der den Armen eine Laufbahn der Macht eröffnet, ich bin es, weil die Macht uͤber Geiſt und Gewiſſen der Menſchen die groͤßte auf Erden iſt— Und Du gehoͤrſt zu den Reformatoren, deren Grundſaͤtze aus Beutſchland kommen? Nein. Die Formen ſind gleichguͤltig, doch deren Wech⸗ ſel iſt gefaͤhrlich. Jede Form, eine Huͤlſe des Geiſtes, ver⸗ trocknet, und wird uͤber Kurz oder Lang zu enge; es mag ſich dafuͤr intereſſiren, wem ſein Leben feil iſt, und wer an 176 die Vollkommenheit einer menſchlichen Erfindung glaubt. Ich gehoͤre nicht zu den in ſo gluͤcklicher Taͤuſchung Befan⸗ genen, ich kenne nichts Erdachtes, das nicht auch ſeinen Tod in ſich truͤge, ich arbeite nur fuͤr eine perſoͤnliche Welt, denn deren Ausdehnung allein iſt unberechenbar— Stirbt nicht die Perſönlichkeit auch, und ſicherer und fruͤher als die Form? Sie ſtirbt, denn ich ſterbe, aber meine Praͤtenſion ſtirbt mit mir, und ſo iſt mir der Tod eine Garantie gegen die Taͤuſchung. Und wenn Deine Perſoͤnlichkeit verdirbt? Sind ihr die Arme des Todes nicht jede Stunde offen? Du biſt ſchrecklich. Schrecklicher iſt die Tyrannei der Form! Aber außer der Form iſt die Barbarei! Du mißverſtehſt mich: ich geſtatte, ja ich fordre ſie ſuͤr Jeden, der kein ſelbſtaͤndiges Beduͤrfniß hat, und ich bewege mich ſtreng in der beſtehenden; ich finde einen ſchoͤnſten Le⸗ bensreiz darin, aus ihr zu machen, was mir gefaͤllt, und ich finde die herrſchende kirchliche Form, die geiſtreiche Erfin⸗ dung eines Jahrtauſends, unendlich intereſſanter als den kahlen Verſuch der Neuerer. Auch Du haſt nicht vor ihr zu erſchrecken: ſie geſtattet dem Menſchen die Freuden der Welt, ſie verlangt nur, daß er ſich dafuͤr abfinde durch Bekenntniß und Buße. Und Du, arme Francisca, übertreibſt, Du be⸗ kennſt und buͤßeſt noch bevor Du genoſſen, Du ſorgſt wie ein üͤbermaͤßig guter Wirth fuͤr ein Kapital an Buße, von deſſen Rente Du ein ganzes Leben unbeſorgt zehren kannſt in Wohl⸗ behagen. Denn Du wirſt mir nicht vorreden wollen, daß 177 ein Weib Deines Verſtandes bloß aus beſchraͤnkter Anſicht und bloß aus Furcht vor dem Urtheile beſchraͤnkter Anſicht ſeine ſchoͤnſte Lebenszeit kaſteie— Florentin! Sage nichts! Ich habe Dich bewundert, daß Du die Staͤrke hatteſt, den Koͤnig ſo lange entfernt von Dir zu hal⸗ ten, Du haſt dadurch fuͤr die Hoͤhe der Neigung und fuͤr Deine buͤrgerliche Stellung meiſterhaft geſorgt, Du biſt jetzt ſicher, einen feſten Platz an ſeiner Seite zu gewinnen, und wenn Du Koͤnigin von Frankreich biſt, ſo magſt Du's mit Stolz ſagen, daß Du es nicht nur der Schoͤnheit verdankeſt, welche Dir Gott geſchenkt, ſondern auch der geiſtigen Ge⸗ ſchicklichkeit, welche Du Dir ſelbſt erworben. Aber Du entſetzeſt mich zum Aeußerſten, Florentin! Das glaub' ich wohl, ſagte er lachend und ihr die Hand kuͤſſend, welche ſie hinweg ziehn wollte, und welche er feſt⸗ hielt,— denn dies habt Ihr Weiber vor uns voraus, daß Ihr ohne Raiſonnement handelt. Die Klugheit, welche wir muͤhſam in ein Syſtem ſtellen, iſt Euch Inſtinkt, und deshalb heißt es auch ſo zierlich: die Weiber denken mit dem Herzen. Laſſen wir alſo die allgemeinen Phraſen, es gehoͤrt zum weiblichen Inſtinkte, fuͤr ſich keine allgemeine Regel einzu⸗ geſtehn, und, wie es heißt, dem Herzen, dem ſyſtemloſen nach zu handeln. Verliere Dich nur nicht zu weit in der Selbſtpeinigung, welche Dir die formelle Tugend auferlegt, beuge Dich dieſer Tugend nicht gar zu furchtſam, erinnere Dich, daß Dein wahrhaftiger Menſch anders in Dir ſpricht, und erinnere Dich, daß Du mit fortgeſetzter Selbſtpeinigung den Tempel, welchen Gott in Dir errichtet, den ſchoͤnen Leib Laube, Chateaubriant. I. 12 178 zerſtoͤreſt oder doch beeintraͤchtigſt. Hinweg mit der Falte zwiſchen den reizend geſchwungenen ſchwarzen Augen⸗ brauen, und ziehe die vollen Lippen, die zum Kuſſe beſtimmt ſind, nicht ſo peinlich nach innen— Die arme Frau wußte nicht, was mit ihr geſchah; die frechen Worte des Mannes, dem ſie ſchweſterliche Neigung und Vertrauen gewaͤhrte, hatten ſie ſo beſtuͤrzt, daß ſie wie ſtarrend, und alles Leben nach innen dräͤngend nur dieſen Worten nachdachte. Sie ſah und hoͤrte und empfand in die⸗ ſen Augenblicken nicht, was mit ihrem Leibe vorging, und daß Florentin das Tuch von ihren Schultern ſchob, ihre Bruſt mit Kuͤſſen bedeckte, mit ſtarken Armen ſie ganz an ſich zog; ihre Seele war himmelweit entfernt vom Neize der Sinne, der ſich doch koͤrperlich ihren Nerven und ihrem Blute mittheilte, und ſie war durch die ſeltene Lage, in welche ihr Geiſt geſtuͤrzt war, in unmittelbarer Gefahr, widerſtandslos und fuͤr das, was ſich zutrug, gedankenlos dieſem Manne zu verfallen, als an die Thuͤr geklopft, und ſte durch Florentin ſelbſt, da er ſie aus ſeinen Armen ploͤtz⸗ lich los ließ, aus Starrheit und unwillkuͤhrlicher Hingebung geweckt wurde. Damit riß auch der Nebel, in den ſie ver⸗ huͤllt geweſen, ſie war ſich ploͤtzlich der ganzen Situation be⸗ wußt, und ſprang mit einem gellenden Schrei vom Seſſel auf, ihr Geſicht mit den Haͤnden bedeckend. In einer andern Richtung außer ſich ſtieß ſie ſchreiend den Kopf und die Haͤnde von ſich, welche ſich ploͤtzlich wieder unter Kuͤſſen ih⸗ rer Arme bemaͤchtigt hatten, und ward erſt nach einer Weile inne, daß ſte Margot, ihre zaͤrtliche Margot von ſich geſtoßen hatte. Sie hatte geklopft, ſie war mit einer Dame in's 179 Zimmer getreten, und hatte ihre geliebte Francisca um⸗ armen wollen. Francisca blieb noch lange ſprach⸗ und regungslos, und wendete ihre Augen nicht von Florentin, der Anfangs ihren Blick zu vermeiden ſuchte, aber bald die Kraft uͤber ſich gewann, ihn mit einem fuͤr die Graͤfin entſetzlichen Laͤ⸗ cheln auszuhalten. Das ſchoͤne jugendliche Antlitz des Prieſters, dunkel geroͤthet in dieſem Augenblicke, erſchien ihr wie ein tuͤckiſches Gewaͤſſer, welches an der Oberflaͤche geglaͤttet, Klippen und nirgends geſehene ungeheuerliche Thiere verberge. Ein Fieberſchauer ergriff ſie, und ſchuͤt⸗ telte ihren Leib wie eiſiger Froſt. Margot, die gutmuͤthige, V. war aͤußerſt beſtuͤrzt, von ihrer Francisca ſo empfangen zu werden, und ſah verlegen bald auf die junge Dame, welche ſie mitgebracht, um ſie mit der Graͤfin bekannt zu machen, bald auf ihren Sohn— Ich fuͤrchte, Florentin, ſagte ſie endlich langſam zu dieſem, Du haſt Deine leichte Stunde am falſchen Orte gehabt— Dies iſt Fraͤulein Chimene von Infantado, nahm Flo⸗ rentin haſtig das Wort, um ſeine Mutter zu unterbrechen, — Eure Mutter, die Frau Graͤfin ſendet ſie ohne Zweifel als ein Zeichen, daß ihr Sinn gegen Euch milder geſtimmt worden ſei! Ach leider nein, rief Margot, Gott weiß was die Frau Graͤfin fuͤr falſche Vorſtellungen von ihrem ſchoͤnſten Kinde hat, ſie will nichts— Gott vergeb's ihr!— von ihm wiſ⸗ ſen. Vornehme Leute muͤſſen doch eben anders ſein, als wir; ich habe auf eigne Hand die kleine Chimene herge⸗ fuͤhrt, die Dich kennen und troͤſten wollte, Francisca— 1216 ——ÿ—ÿ—ÿ—ꝛ—ꝛ́:x-— Dabei naͤherte ſich Chimene, ein ſchlankes Maͤdchen blaſſen Ausſehens der Graͤfin, und blieb verlegen ſtehn, als dieſe, den Blick noch immer nicht von Florentin verwen⸗ dend, ſich nicht zu ihr kehrte. Ruͤhrend traurig war der An⸗ blick dieſer Chimene, deren große ſchwarze Augen ſtets in Thraͤnen zu ſchwimmen ſchienen, deren Lippen nur blaßroth waren. Ein blaßgelber Hauch lag uͤber dem edlen kleinen Antlitze mit hoher Stirn und runden Schlaͤfen, ein Hauch wie er jungen Maͤdchen eigen zu ſein pflegt, wenn ſie aus dem Maͤdchenalter in jungfraͤuliche Reife treten. Knapp ſaß ihr das ſchwarze Kleid gewoͤhnlichen Stoffes bis an den Hals verſchloſſen, und nur der theure Schleier, die edle Form des kleinen Hauptes, die ſchmalen laͤnglichen Haͤnde und der ſchmalſte, feinſte Fuß verkuͤndigten eine Herkunft edlen Stammes und vornehmer Lebensweiſe, welche die Glieder ſchont und verfeinert. Wie es ſchien mehr belei⸗ digt als verlegen blieb ſie einige Schritte vor der ſie noch immer nicht anblickenden Grafin ſtehn, und ſchwieg. Da offnete ſich die Thuͤr, und der Abt erſchien mit Chabot de Brion— Brion, mein Erretter, ſchrie die Graͤfin auf, flog die⸗ ſem entgegen, faßte ihn bei beiden Haͤnden und rief wie aus tiefſter gepeinigter Seele: O, mein Gott, mein Gott, Du haſt mich nicht verlaſſen! So gluͤcklich Brion uͤber dieſen Empfang, ſo beſtuͤrzt war der Abt und trat eilig zu Florentin, und nahm ihn zur Ruͤckſprache in die Fenſterbruͤſtung. Waͤhrend deſſen ſagte die Graͤfin haſtig mit halber Stimme zu Brion, er ſolle ſie ſogleich hinweg fuͤhren aus dieſem Hauſe, wohin es ſei — 181 und koſte es was es wolle. Was haͤtte Brion lieber ver⸗ ſprochen! Thut's auf der Stelle! Hier iſt mein Arm, Frau Graͤfin— Ehe ſie aber bis zur Thuͤr kommen konnten, hatte ſich Florentin, ihre Abſicht bemerkend, mit unprieſterlicher Haſt zwiſchen ſie und den Ausgang geſtellt, und in demſelben Augenblicke auch eine an der Thuͤr haͤngende Schnur gezo⸗ gen. Waͤhrend davon eine Glocke in ungewoͤhnlicher Ton⸗ folge durch die Bogengänge der Abtei läͤutete, ſprach er ſelbſt zu Brion: Seigneur, dieſe Dame bleibt in der Abtei! Prieſter, dieſe Dame verlaͤßt die Abtei. Nicht an Eurem Arm, nicht jetzt, Seigneur. Warum nicht? Es iſt nicht der Augenblick, Euch die Gruͤnde zu ſagen. Wenn es Euch gefaͤllig iſt, uns zum Sprechzimmer Seiner Hochwuͤrden des Herrn Abt zu folgen— Das iſt mir nicht gefaͤllig. Seine Hochwuͤrden wiſſen bereits, in welcher Abſicht ich hier bin— Und bin ich, rief die Graͤfin Chateaubriant, und ſah dem beſtuͤrzt herzutretenden Abt in's Auge, bin ich denn eine Gefangene in der Genofeven⸗Abtei, daß ich nicht gehen koͤnnte, wenn es mir beliebt? Der Abt, durchaus nicht ſicher in der verwickelten Lage, erwiderte mit Hoͤflichkeit, waͤhrend ſein Auge fragend an Florentin hing, und ſeine volle Geſtalt ſich würdevoll nach der Thuͤrſchwelle an die Seite Florentin's bewegte: Ihr ſeid nicht Gefangene, gnaͤdige Graͤfin, unſre Abtei, welche 182 die heilige Jungfrau ſegnen moge, iſt kein Gefaͤngniß, ſon⸗ dern fuͤr bedraͤngte Frauen eine Zufluchtsſtaͤtte! Doch nur fuͤr ſolche, die ſie in Anſpruch nehmen, ent⸗ gegnete die Graͤfin, und zu denen gehoͤre ich nicht. Alſo gebt Raum, fromme Vaͤter, ſetzte Brion hinzu, und that mit der Graͤfin einen Schritt gegen die Thuͤr. Florentin hatte die kurze Erwiderung der Graͤfin benutzt, um dem Abte zuzufluͤſtern: es iſt Alles fuͤr uns verloren, wenn ſie jetzt das Haus verlaͤßt, unterſtuͤtzt mich und beſtaͤ⸗ tigt Alles, was ich anordne! und nach dieſen Worten ſtreckte er ihnen den Arm entgegen und rief: Entfernt Euch von dieſer Dame, Seigneur, wer Ihr auch ſeid. Sie iſt uns anvertraut, damit ſie geſchuͤtzt ſei gegen die Zudringlichkeit jeglichen Mannes! Wer hat mich Euch anvertraut, luͤgneriſcher Mann? rief die Graͤfin, welche jetzt in der Entruͤſtung Staͤrke fand. Eure Mutter die Frau Graͤfin von Foir! Dieſe Er⸗ widerung beſchaͤmte die Graͤfin und machte ſie ſtumm, ver⸗ anlaßte aber Brion zu der heftigen Aeußerung: Was hat die Graͤfin Foir zu gebieten uͤber die Graͤfin Chateaubriant? Iſt es nicht genug, daß ſie uͤber ihr Kind einmal beſtimmt hat ohne Ruͤckſicht auf das Gluͤck deſſelben? Ihr Mutter⸗ recht iſt dahin, und dieſe Dame iſt ſelbſtaͤndig! Dieſe Dame heißt Graͤfin Chateaubriant, und ihr Herr iſt der Graf, deſſen Namen ſie fuͤhrt. Und er gebietet, daß ſie in dieſer Abtei bleibe, bis er ſie abfordere. Die Graͤfin fuhr zuſammen bei dieſer Aeußerung Flo⸗ rentin's, und ein ſchmerzlicher Ruf drang aus ihrer Bruſt. Brion aber druͤckte ihren Arm feſt an den ſeinigen, und rief heftiger als zuvor: Gebt Raum, luͤgneriſche Prieſter, oder ich ziehe das Schwert aus der Scheide, und ſichre Euch zu bei meines Namens Schwur, der Koͤnig Franz, in deſſen Namen ich hier handle, ſoll Euch und Eurer Ab⸗ tei dafuͤr einen Denkzettel ſenden fuͤr ewige Zeiten. Der Abt war außer ſich, daß es zu ſolcher Scene kam, und verſuchte es, beſchwichtigend einzuſchreiten, Floren⸗ tin aber wich keinen Fuß breit, und zum zweiten Male an der Glockenſchnur ziehend, erwiderte er kaltbluͤtig: Koͤnig Franz iſt unterrichtet von dem, was wir thun, noch ehe Euer Roß Euch nach Paris getragen; er kennt uns und vertraut uns, und achtet das Recht der Kirchen⸗Mauern. Sagt ihm, wir ſeien ſeiner Worte gewaͤrtig, und hielten es nicht fuͤr paſſend, eine um mangelnden Schutzes willen fluͤchtige Dame dem erſten jungen Edelmanne anzuver⸗ trauen, der ohne nachweisbaren hoͤhern Auftrag ſie ohne Weiteres von uns in Anſpruch nehme. Begeht nicht unnütz Frevel, Seigneur, dadurch daß Ihr Euer Schwert in Gottes Hauſe aus der Scheide zieht, die Thuͤr iſt offen fuͤr Euch, und wenn Ihr hinausblicken wollt, ſo werdet Ihr entdecken, daß Kreuzgaͤnge und Pforten beſetzt ſind von unſern ruͤſtigen Kloſterknechten, um Niemand paſſiren zu laſſen, als den, welchem wir die Thuͤre weiſen. Bei dieſen Worten offnete Florentin die Thuͤr, und man ſah, daß er wahr geſprochen, und daß der Kreuz⸗ gang, welcher den einzigen Weg zu dieſem Zimmer bil⸗ dete, durch bewaffnete Leute verſperrt war. Es entſtand eine peinliche Pauſe. Dann wendete ſich Brion ploͤtzlich, die Graͤfin feſt am Arme fuͤhrend, nach dem Innern des Zimmers, und als er weit genug von den an der Thuͤr bleibenden Prieſtern entfernt war, um nicht von ihnen ge⸗ hoͤrt zu werden, ſprach er leiſe und haſtig zur Graͤfin: Ich kann Euch nicht ohne Euch Leib und Leben zu gefuͤhrden durch jene Bewaffneten hindurch bringen. Bleibt, gnaͤdige Frau, bis ich Euch ſagen kann: jetzt iſt es Zeit. Sei's mit Liſt, ſei's mit Gewalt, ich befreie Euch aus dieſer Haft. Gelingt es mir nicht, wie ich hoffe, den Abt fuͤg⸗ ſam zu machen— Der Prieſter tritt zu uns, Brion! Wenn ein weißes Tuch an einem der Baͤume vor die⸗ ſem Fenſter flattert, dann iſt der Augenblick da— Als Florentin neben ihm ſtand, ſchwieg er, kuͤßte der Graͤfin die Hand und ging nach der Thuͤr, dem Abte ein Zeichen gebend, daß er von ihm begleitet ſein wolle. Es lag Florentin Alles daran, ihm auch den Abt nicht zu uͤberlaſſen! Wenn Frangoiſe mit den jetzigen Eindruͤcken die Abtei verließ, und zum Koͤnige kehrte, ſo war er nicht nur perſöͤnlich gefaͤhrdet— dies fuͤrchtete er nicht, da er von Francoiſe keine perſönliche Anklage fuͤrchtete— ſondern die Abtei, das Prieſterthum und die Laufbahn, welche er vor ſich hatte, war gefaͤhrdet. Fransoiſe durfte alſo bevor ſich ihr Sinn geaͤndert um keinen Preis aus der Abtei entlaſſen werden. Deshalb verließ er auch das Zimmer augenblicklich, um ſich dem Abte anzuſchließen. Die Graͤfin in fieberhafte Aufregung verſetzt durch all dieſe Vorfaͤlle vollendete nun durch einen unbedachten Schritt das Unheil ihrer Lage. Sie ſtuͤrzte Margot, der Mutter Florentin's, in die Arme und beſchwor dieſe, ihr aus der Abtei zu helfen. Margot, die Gutmuͤthigkeit ſelbſt, war auf der Stelle b ereit: ſie gelobte Verſchwie⸗ genheit gegen ihren Sohn, und verſprach Herrn Brion mit Rath und That an die Hand zu gehn. Da die Abtei ihr offen ſtand bei Tag und Nacht, und da ſie Francisca liebte wie ihr eigenes Kind, und nicht unterrichtet war, wie ſehr ihr leibliches Kind durch dieſe Flucht beeintraͤch⸗ tigt werden koͤnnte, ſo ſchien ſie allerdings das geeignetſte Hilfsmittel fuͤr dieſen Zweck zu ſein. Sie folgte auch darin der draͤngenden Graͤfin, daß ſie gleich, noch dieſe Nacht an's Werk gehn, und deshalb auf der Stelle Brion nacheilen ſolle; denn ſie nahm die unbeachtete Chimene bei der Hand, und vor ſich hinſprechend, wie das am Kluͤgſten anzufangen ſei, eilte ſie aus dem Zimmer und den Kreuzgang hinab... Es war unterdeſſen voͤllig Nacht geworden, und das Feuer im Kamine war am Verloͤſchen. Draußen ſtuͤrmte der Wind, und jagte die Wolken unter dem Monde ein⸗ her. Die Baͤume des Waldes, hundertjaͤhrige Tannen, knarrten, und einzelne Aeſte ſchlugen unweit des Fenſters, vom Winde getrieben, von Zeit zu Zeit unheimlich an die Mauer. Frangoiſe war, ohne die Thuͤr zu ſchließen, an's Fenſter getreten; fieberhaft beſchaͤftigte ſte nur der Ge⸗ danke an Flucht, und fie wollte ſich zum erſten Male um⸗ ſehn, wie ihr Zimmer nach außen gelegen ſei. Es war ein einfenſtriges Eckzimmer des Vordergebaͤudes der Abtei, und die von der Thuͤr aus linke Seitenwand bildete das Ende der Vorderfront, welche nach Schloß Foir zu blickte, und in deren Mitte der große Eingang mit dem Pfoͤrtner⸗ 186 zimmer war. Nach dieſer Seite hin konnte ſie nicht ſehen, es konnte alſo auch andrerſeits von der Vorderſeite nicht be⸗ merkt werden, wenn es ihr moͤglich wurde, aus dem Fenſter hinabzukommen. Das Fenſter war nicht vergittert, und es war nur einen Stock hoch. Offenbar hatte man bei der Wahl des Zimmers durchaus nicht an die Moͤglichkeit einer gewaltſamen Entweichung gedacht, denn dieſe war noch ungemein dadurch unterſtutzt, daß die uralte verwitterte Mauer, welche ſaͤmmtliche Hoͤfe der Abtei umſchloß, hier dem Gebaͤude bis auf einen Schritt weit nahe trat, daß dieſe Mauer hinreichend breit war, um auch einen Uner⸗ fahrenen darauf Fuß faſſen zu laſſen, und ſo hoch, daß ſie beinahe bis an den Fenſterſims reichte. Es war alſo, da auch die Fenſterfluͤgel bis an den Fußboden des Zimmers ſich offneten, nur ein wenig gefahrvoller Schritt uͤber den ſchmalen Abgrund zwiſchen Haus und Ringmauer abwaͤrts zu machen, und von der Ringmauer hinab boten die Tan⸗ nenbaͤume, welche gerade an dieſer Ecke bis dicht heran⸗ reichten, leichte Gelegenheit den Erdboden zu gewinnen. Frangoiſe, obwohl zitternd vor Furcht, erkannte doch mit augenblicklicher Freude, daß dies Zimmer das guͤnſtigſte ſei, denn gleich hinter dieſer Ecke hoͤrten die Baͤume auf, und es breitete ſich, ſo weit ſie an den rundhin ſich wen⸗ denden Abteigebaͤuden hinabſehen konnte, eine freie Wieſe aus, die von Zeit zu Zeit grell erleuchtet war durch den Vollmond, und auf welche herab geſpenſtiſch weiß der St. Sauveur⸗Berg blickte. Francoiſe oͤffnete das Fenſter, der Wind ruhte eben eine Zeit lang, und das Freie athmete ihr ſchweigend ent⸗ gegen. Das Freie, denn es war ihrem Geiſte, als ob ſte ſchon viele Jahre lang gefangen ſei. War es nicht auch eine Gefangenſchaft, ſprach ihre Seele, als ich heimge⸗ fuͤhrt wurde als Graͤfin Chateaubriant hinab in die Bre⸗ tagne? Und waren es nicht die um mich klirrenden Ketten der Gefangenſchaft, welche mich in Blois inmitten der Freiheit verfolgten und hetzten bis daher, wo die Klo⸗ ſterpforten ſich hinter mir zugeſchlagen haben? Und ach, war nicht die Erziehung da oben auf dem Schloſſe eben⸗ falls eine Gefangenſchaft? Hielt mich nicht die ſtrenge, die— jetzt darf ich's wohl ſagen, da ſich's ſo ſchmerzlich beſtätigt— die rauhe Mutter in eiſernem Gitter der Vor⸗ ſchriften? O, meine Conſtance, mein Kind, mein Kind, nach welchem mein Herz ſchmachtet wie der Wuͤſtenwan⸗ derer nach einer Quelle, nein, meine Conſtance, ich will Dich leiten und führen, aber Dich nicht in Wege zwingen, die— o mein Gott, mein Gott, verſtoße mich in die Wuͤſte, aber gieb mir mein Kind und ſchuͤtze mich vor der Welt! Sie war zuſammen geſunken am Fenſter, und ihr Geiſt vertiefte ſich in die Moͤglichkeiten, ihr Kind zu holen und mit ihm fern von der Welt aber frei zu leben. Sie bemerkte es nicht, daß der Wind ſich wieder erhoben hatte, und in ſcharfem Zuge durch das offene Fenſter uͤber ſie weg ſtrich nach der offenen Zimmerthuͤr. Nicht daß ſie kalt wurde durch und durch, ſondern ein Gedanke ſchreckte ſte auf: Chimene, ein ihr ganz fremdes Geſchoͤpf, ein Maͤd⸗ chen, welches neben ihrer Mutter lebte, und das ſie nicht ng gewuͤrdigt hatte, war Zeuge geweſen einer Begruͤßu 188 ihrer Unterredung mit Margot uͤber Befreiung und Flucht. Dies Maͤdchen, unerfahren und beleidigt, konnte kein Geſchick und kein Intereſſe haben, gegen die Graͤfin Foir zu ſchweigen 1 Weh mir! rief Frangoiſß, das Ungluͤck haͤngt ſich an meine Ferſen! Ich bin verloren, wenn ich dies Haus nicht ver⸗ laſſen kann, ich verfalle dem ſchrecklichen Florentin! Dieſe traurige Ueberzeugung in Betreff Florentin's entſtand daher, daß Frangoiſe die leiſen Schauer ſinnli⸗ cher Erregung, welche ihr Florentin wie eine Schlinge um den Hals geworfen, von Zeit zu Zeit auch in den eben verfloſſenen Scenen zornigen Streites am Arme de Brion's immer wieder empfunden hatte, ja daß ſie ihr der Durch⸗ kaͤlteten ſelbſt jetzt halb wie Schmerz halb wie Verlangen an's Herz traten. Wie der Ruf des Rabens oben im Schloſſe klangen ſie ihr wie Verkuͤndigung des Unter⸗ gangs. Starr blickte ſie umher in dem leeren hohen Gemache, blickte zuſammenſchauernd nach der offnen Thuͤr, durch welche der Schreckliche eintreten konnte, blickte hoffnungs⸗ los nach den Baͤumen vor dem Fenſter, auf welchen das Rettungszeichen erſcheinen ſollte— Himmel, das weiße Tuch wehte von der naͤchſten Tanne, eine maͤnnliche Ge⸗ ſtalt ſtand auf der Ningmauer! Es wird de Brion ſein, und die Graͤfin, zitternd vor Freude, iſt eben im Begriffe, an's Fenſter zu eilen, da hoͤrt ſie den Kreuzgang herauf raſche Fußtritte. Sie horcht, ob die Fußtritte naͤher kommen, ja! Sie verwuͤnſcht ihre Unbedachtſamkeit, die Thuͤr nicht geſchloſſen zu haben, ſie zoͤgert, ob ſie es noch thun ſolle, denn ſie hoͤrt in dieſem Augenblick Brion's Stimme, welche unter dem Fenſter leiſe ihren Namen ruft, ſie fliegt nach der Thuͤr, um ſie zu ſchließen, und ſteht vor Florentin, der eben auf die Schwelle tritt, und den ſie nur zu gut er⸗ kennt trotz des erloſchenen Kaminfeuers und des nur damm⸗ rigen Mondlichtes. Sie hat die Kraft, den Schreckensruf, welcher ſich aus ihrer Bruſt heraufdraͤngt, zu erſticken, um Brion nicht irre zu leiten, aber es vergeht eine Minute, ehe ſie einen Entſchluß faſſen kann, was zu thun, und wie die Entdeckung ihres Retters zu verhindern ſei. Unterdeſſen hoͤrt ſie nur zu gut das kniſternde Geraͤuſch außen am Fen⸗ ſter, und um dies fuͤr Florentin zu uͤbertaͤuben, beginnt ſie inſtinktmaͤßig laut zu ſprechen. Sie weiß anfaͤnglich ſelbſt nicht, was ſie ſpricht, denn ſie will nur Geraͤuſch machen, aber alle ihre Organe ſcheinen unterrichtet zu ſein, daß gegen dieſen Mann nur Zorn auszuſchuͤtten ſei, und ihr Geiſt wird bald inne, daß ſie dem ſchweigend zuhoͤ⸗ renden Prieſter die ſchreiendſten Vorwuͤrfe macht. Dabei iſt ſie inſtinktmäͤßig an der Thuͤrſchwelle ſtehen geblieben, und macht nun den Verſuch, die Thuͤr zu ſchließen. Da aber iſt die Grenze ihrer Macht: Florentin ergreift ihre Hand, und mit dieſer Beruͤhrung dringt jenes gefuͤrchtete Erdbe⸗ ben der Sinne von Neuem zu ihrem Herzen; ſie bedarf aller moraliſchen Anſtrengung, um nur ihre Hand hinwegzu⸗ ziehn und zuruͤck zu fluͤchten in die Mitte des Zimmers. Florentin, der bis dahin nicht geſprochen, zieht die Thuͤr hinter ſich zu, und tritt zu ihr. Francisca, ſagt er, Du haſt Recht, alſo zu ſprechen, aber Du thuſt mir Unrecht mit der Anklage, daß ich auf Dein Ungluͤck und Verderben b trachtete. Ich trachte nach Gluͤck fuͤr Dich, aber nach dauerndem. Ich habe Dich verſucht, weil ich Dich nicht mehr kannte, und ich habe eingeſehn, daß ich Dich ver⸗ kannt. Du biſt reiner, aber auch unerfahrener als ich glauben mußte. Deshalb iſt Dein Sieg uͤber die Hinder⸗ niſſe der Welt ſchwerer, und Du bedarſſt meiner Hilfe mehr, als Du jetzt einzuſehen vermagſt. Nachdem ich Dich ſo falſch beurtheilt und unter ſo falſchen Geſichtspunkten empfangen und angeredet, erwarte ich nicht, daß Du mir zunaͤchſt glauben und mein Beſtreben um Dich anerkennen werdeſt. Und doch bedarf's dieſes Glaubens an mich, wenn Du ſiegen ſollſt. Deshalb, Francisca, mußte ich jetzt auf Deinem Hierbleiben beſtehn. Aber auch wenn ich Dich nicht aufklaͤren und unterrichten muͤßte, nimmermehr wuͤrde ich Dich mit einem leichtbluͤtigen Seigneur ziehn laſſen. Das hieße allen Vortheil in die Winde ſtreun, allen Vortheil, welchen Dein furchtſam tugendhaftes We⸗ ſen bis jetzt zu Wege gebracht. Wie, Francisca, Du liebſt den Koͤnig, und— Frangoiſe, die unmoͤglich wollen konnte, daß Brion Dergleichen hoͤrte, unterbrach den Prieſter mit ſtarker Stimme: Was berechtigt Dich, Prieſter, zu ſolcher dreiſten Vorausſetzung? Du liebſt ihn ſchwaͤrmeriſch, fuhr Florentin ruhig fort, den ritterlichen Koͤnig Franz, Du ſiehſt ihn bemuͤht, entbrannt fuͤr Dich, und fliehſt ihn um jeden Preis, kurz, du handelſt ſo tugendhaft und klug zu gleicher Zeit, daß man Deine Tugend fuͤr klug, Deine Klugheit fuͤr tugend⸗ haft halten muß, und allgemein dem Augenblicke entgegen 191 ſieht, da der Koͤnig, welcher eine Geliebte geſucht hat, ausrufen muß: ich habe eine Koͤnigin gefunden, ziehet hin mit allem Pomp der Herrlichkeit nach den Pyrenaͤen ihr Wuͤrdentraͤger des Throns, und werbt fuͤr mich um die Hand der Graͤfin Frangoiſe, und wartet am Thor der Ge⸗ nofeven⸗Abtei bis der Abt Euch verkuͤndet: der heilige Va⸗ ter in Rom hat ſie entbunden von fruͤherer Verpflichtung, fuͤhret heim zu Koͤnig Frangois die Koͤnigin Frangoiſe! Das Alles haſt Du weiſe bereitet durch bloße Tugend, Francisca, und wollteſt es mit einem Streiche vernichten, bloß weil der Jugendfreund Dich, und weil Du den Ju⸗ gendfreund mißverſtanden einen Augenblick lang? Oder waͤre es nicht vernichtet, wenn Du Dich auf gut Gluͤck einem jungen Seigneur anvertrauteſt, daß er Dich hin⸗ bringe, wohin er wolle, mit Dir beginne was er wolle, und jedenfalls, er ſei noch ſo gutmuͤthig, Deinen Ruf ge⸗ fäͤhrde durch abenteuerliches, aller Deutung ausgeſetztes Geleit? Dieſe geradeaus auf ihn zielende Wendung des Ge⸗ ſpraͤches mochte Brion, welcher von ſeinem Wachtpoſten aus Alles anhoͤren mußte, da er das Gerauſch eines Ruͤckzugs nicht wagen konnte, ſie mochte ihn dergeſtalt entruͤſten, daß er eine raſche, im Zimmer hoͤrbare Bewegung machte. Florentin, der eben weiter ſprechen wollte, hielt inne, ſah und horchte nach dem Fenſter, und ging, die unwillkührlich zwiſchen ihn und das Fenſter tretende Fran⸗ Loiſe bei Seite ſchiebend, leiſen Schrittes darauf los. Es ſchien von dieſer Seite fuͤr die Graͤfin Alles verloren zu ſein, denn der Mond glaͤnzte eben in voller Reinheit des Himmels, und einmal auf die bedenkliche zur Flucht ſo geeig⸗ nete Lage des Zimmers aufmerkſam gemacht, zoͤgerte Flo⸗ rentin wahrſcheinlich keinen Augenblick, den unſichern Gaſt anders zu beherbergen. Der vordere Theil der Abtei, zwei Stockwerke hoch, war ganz zur Verfuͤgung des Abts und der Prieſter, da erſt der zweite viel groͤßere Theil hinter dem erſten Hofe von den Nonnen bewohnt wurde. Die Abtei naͤmlich war von ihrem Urſprunge an einem unpopulaͤr ge⸗ wordenen Heiligen, des Namens Voluſianus, errichtet, und als ein Sitz fuͤr Maͤnner begruͤndet worden. Die hei⸗ lige Genofeva, deren Kultus moderner, hatte ihn ver⸗ draͤngt, aber aus Ruͤckſicht fuͤr das alte Herkommen war ein kleiner Stock geiſtlicher Herren in dieſem vorderen, aͤl⸗ tern Hauſe an der Spitze der Abtei herrſchend geblieben, welche denn, je weniger ſie fuͤr das eigentliche Kloſter Ge⸗ ſchaͤft und Dienſt zu verrichten hatten, um ſo eifriger den Dingen der Welt im niedrigen und hohen Sinne ihre Auf⸗ merkſamkeit zuwenden konnten. Florentin, die unpaſſende Lage des Zimmers bemerkend, waͤre alſo nicht einen Au⸗ genblick um einen Wechſel verlegen geweſen, und es ſchien auch, als ob ihn bereits ſolch ein Gedanke beſchaͤftige, denn als er an dem offenen Fenſterfluͤgel, den er mit einer Hand faßte, angekommen war, ſah er noch einmal mit einem pruͤfenden Blicke ruͤckwaͤrts, maß das Zimmer mit den Augen von oben bis unten, und verweilte dann mit dieſen Augen, welche der Graͤfin feurig zu leuchten ſchienen, eine lange Weile auf dieſer armen Frau, ehe er den Kopf nach dem Freien zu kehrte, um ihn langſam und vorſichtig hinaus zu ſtrecken. Fuͤrchtete er vielleicht, Frangoiſe koͤnne 4 — 193 in Zorn und Verzweiflung ihn ruͤcklings hinabſtuͤrzen in die Spalte zwiſchen Abtei und Ringmauer? Wenigſtens fuhr er raſch wieder zuruͤck in's Zimmer, als er eine heftige Bewegung derſelben vernahm— was giebt es? Man kommt den Kreuzgang herauf— Die Thuͤr oͤffnete ſich wirklich, das Licht einer Blend⸗ laterne fiel in's Zimmer, und beleuchtete die aufgeregte, blaſſe Graͤfin und den Prieſter im violetten Gewande. Margot war's mit einer Dienerin vom Schloſſe, welche ein Paket trug. Sie benahm ſich ziemlich geſchickt, in⸗ dem ſie den um das Paket ſogleich beſorgten Florentin mit lebhaften Vorwurfen antrat, daß er die von langer Reiſe und fortwaͤhrenden Aufregungen erſchoͤpfte Graͤfin keinen Augenblick in Ruhe laſſe, und wie es ſcheine wohl auch noch laͤnger, ſogar in dem nothwendigen Wechſeln der Leibwaͤſche, welche das Maͤdchen herbeigetragen, ſtoͤ⸗ ren wolle. Waͤre Margot nur auch auf dem Schloſſe eben⸗ ſo geweſen! Aber ihr gutes Herz hatte ſte trotz wiederholten Abwehrens der verſchwiegenen Chimene ſchwatzhaft ge⸗ macht gegen die alte Graͤfin. In beſter Abſicht allerdings, naͤmlich um die Graͤfin zu ſofortiger Aufnahme ihrer Toch⸗ ter im Schloſſe zu beſtimmen, da Francoiſe in der Abtet nicht beſtehn könne und verderben oder fliehn muͤſſe. Dieſe Abſicht aber hatte zur unmittelbaren Folge, daß die alte Graͤfin argwoͤhniſch, und ſogleich veranlaßt wurde, ſelbſt Kenntniß zu nehmen, von der Lage ihrer Tochter, und ob eine Flucht derſelben moͤglich ſei. Wie ſtarr und gleichguͤltig ſie ſich bisher uͤber das Schickſal der Toch⸗ ter gezeigt, ſie war nur inſofern gleichguͤltig, als ſie Laube, Chateaubriant. I., 13 —ÿy— der Feſthaltung des entarteten Kindes in der Abtei verſichert ſein zu können glaubte, ſie war aber nicht daruͤber gleichguͤl⸗ tig, daß der ohnedies erſchütterte Ruf ihres Kindes durch neue Flucht noch aͤrger betroffen werden koͤnnte. Nicht fuͤr ihre Tochter, ſondern fuͤr den Ruf derſelben war ſie be⸗ ſorgt, und Chimene, ſonſt uͤberaus ſtill und zuruͤckhaltend, hatte es umſonſt verſucht, nachdem Margot die alte Graͤ⸗ fin verlaſſen, ſie hatte es mit ungewoͤhnlicher Lebhaftigkeit umſonſt verſuchz, die alte Dame von einem noch ſo ſpaͤten Hinabſteigen nach der Abtei abzuwenden. Die Lebhaftig⸗ keit Chimenens hatte den Verdacht der alten Graͤfin erhoͤht, ſie hatte gebieteriſch ihren Mantel gefordert, und Chime⸗ nen befohlen ſie zu begleiten. Guͤnſtiger ſchien es ſich mit dem gefaͤhrlichſten Gegner der Flucht zu geſtalten: Florentin, welcher ſeiner einge⸗ ſchuͤchterten Milchſchweſter wieder eine freundlichere Mei⸗ nung von ſich beibringen wollte, ſtand ab von naͤherer Un⸗ terſuchung des Pakets, und verließ unter einigen guͤtigen Worten das Zimmer. Sein Augenmerk war nur auf eine moͤgliche Flucht durch das Fenſter gerichtet, und er ging alſo unverweilt zum Pfoͤrtner hinab, und ließ den Außen⸗ waͤchter der Abtei, welcher von Stunde zu Stunde in der Nacht die Runde um die Ringmauer zu machen hatte, herbeirufen. Nachdem er ihm eingeſchaͤrft, dieſe Nacht vorzugsweiſe jenes Eckfenſter in Obacht zu neh⸗ men, erinnerte er auch beilaͤufig den Pföͤrtner, ſeines Amtes ſorgfaͤltiger zu wachen, und nicht wieder, wie er gethan, zudringliche Seigneurs geradezu eindringen zu laſſen. t 195 Sobald Florentin das Zimmer der Graͤfin verlaſſen hatte, ſchickte Margot die Magd hinweg, und draͤngte Francoiſe, unverzuͤglich das Kleid anzulegen, welches ſie aus dem Pakete zum Vorſchein brachte. Es war das weite haͤrene Gewand einer Laienſchweſter, und waͤhrend Margot es der Graͤfin uͤberwarf, zuhaͤkelte und zuband, erklaͤrte ſie ihr, daß ſie als Laienſchweſter Martha, be⸗ kannt in der Abtei als kundigſte Krankenwaͤrterin, flugs mit ihr die Abtei verlaſſen werde, um wie s heißen ſolle, der erkrankten Frau Graͤfin von Foir Dienſtleiſtung zu bringen. So käme ſie hinaus, und bei der Waldecke an der Arriege warte Baptiſte mit drei Pferden, das dritte iſt fuͤr mich, mein Herzblatt, ſetzte ſie hinzu, denn ich ver⸗ laſſe dich nicht eher wieder, als bis Du wieder gluͤcklich biſt. Fuͤrchte Dich nicht, in zehn Minuten iſt's abge⸗ macht; gieb mir nur noch Dein Reitkleid, damit ich es in dies Tuch ſchlage, denn Du brauchſt es— Leider verloren ſie einige Minuten Zeit, weil das dunkle Zimmer nur mit der Laterne durchſucht werden konnte, und ſie das Kleid nicht augenblicks fanden. Endlich waren ſie ſo weit, und Frangoiſe, ſchon an der Thur, wollte noch einmal zum Fenſter eilen, um Brion, den ſie noch an der Mauer vermuthete, mit zwei Worten zu un⸗ terrichten. Margot aber hielt ſie feſt, und zog ſie mit den Worten hinaus: der fremde Herr iſt nicht im Geheimniſſe, nur Baptiſte und ich ſind es, willſt Du ihn haben, ſo ge⸗ nuͤgt ein Wort im Staͤdtchen an ſeine Leute, daß er uns zu finden wiſſe. Wir haben die groͤßte Eile, wenn wir nicht die Nacht verlieren wollen, es iſt nahe an zehn Uhr, 13*† —— 196 um zehn Uhr wird das Thor des Staͤdtchens geſchloſſen, und wir koͤnnen dann nicht an die Arriege⸗Bruͤcke, die Ar⸗ riege iſt aber jetzt ſo groß und gefäͤhrlich, daß man ſie nir⸗ gend anderswo paſſiren kann. Unter dieſen Worten waren ſie, die Thuͤr hinter ſich angelweit offen laſſend, bis an die Treppe gekommen, wo der Kreuzgang des erſten Stocks endigte, und wo man hinabſtieg in den Kreuzgang des Erdgeſchoſſes, deſſen eine Richtung geradeein auf die Wohnung des Pfortners fuͤhrte. Francoiſe hielt Margot an der Treppe einen Augenblick feſt, um Athem zu ſchoͤpfen, Angſt und ſchneller Gang hatten ihr die Bruſt zugeſchnuͤrt. Es war Alles ſtill rings⸗ um; durch breite Bogen, welche von viereckigen Pfeilern getragen wurden, und den Kreuzgang nach dem Hofe off⸗ neten, ſah man in den erſten Hof der Abtei hinab. Der Mond beſchien ihn klar, Kiemand war zu ſehn. Da, als ſie eben hinabſteigen wollten, da hoͤrten die Frauen hinter ſich, und ſie ſchracken zitternd zuſammen, ein Geraͤuſch, und den gellenden Namensruf der jungen Graͤfin, der ſich in dem gewölbten Gange, in der todtenſtillen Nachtzeit und in ſolcher Lage entſetzlich durch die Luft verbreitete. Jeſu Maria! rief Margot und ſah ſich um, waͤhrend die Graͤfin in die Kniee ſank, ohne das Haupt zu wenden. Gott ſteh uns bei! ſtoͤhnte ploͤtzlich Margot, und fiel ebenfalls auf die Stufen nieder; ſie hatte keinen Menſchen geſehn, aber ein Rauſchen, ein naͤher kommendes, und eine dunkle Maſſe unter der Decke des Gewoͤlbes bemerkt, und die für ſie uͤbernatürliche Erſcheinung, welche bereits naht uͤber ihrem Haupte war, warf ſie zu Boden. Der 197 Namensruf gellte ploͤtzlich dicht an ihren Ohren, und Margot ſprang auf, und griff in die Luft,„Abſcheuliches Thier“ halb aͤrgerlich halb befriedigt ausrufend,„dum⸗ mer Jacques, der uns die ganze Abtei aufruͤhren kann!“ Es war der Rabe, welcher wahrſcheinlich durch das offene Fenſter eingedrungen und durch die offene Thuͤr ihnen nachgekommen war. Margot hatte ihn ergriffen, und hielt den mehrmals Knarrenden feſt, damit er ohne großen Laͤrm hinausgebracht wuͤrde.„Vorwaͤrts! Vor⸗ waͤrts, Francisca!“ rief ſie, weiter ſchreitend. Margot trug ihre Laterne verdeckt, und ſie kamen unge⸗ hindert bis in die Mitte des unteren Kreuzganges, der wie der obere durch offene Bogen und Pfeiler vom Hofe geſchieden wurde. Da inmitten des Ganges hoͤrten ſie Fußtritte von der Wohnung des Pfoͤrtners her kommen, und blieben un⸗ entſchloſſen ſtehn.„Zieh die Kapuze dicht in's Geſicht“, flüſterte Margot,„und ſprich unter keiner Bedingung. Es iſt uns Niemand gefaͤhrlich als Florentin und er wird es nicht ſein. Still! Dies iſt ein raſcher Schritt, dies iſt Florentin's Schritt, er darf Dich nicht ſehn, er wuͤrde mir mißtraun— kaure Dich hier in den Schatten des Pfeilers“— Als Frangoiſe Dies that, machte Margot ihre Laterne zurecht, um Florentin damit zu blenden, ließ aber dabei Jae⸗ ques außer Acht, und konnte es nicht verhindern, daß dieſer aufflog und ſein gewoͤhnliches„Frangois! Francois“ ſchrie, obenein um den Pfeiler herumfliegend, an welchem Fran⸗ Coiſe ſich verbarg. Margot, ihrem Sohne gegenuͤber von ſicherer Geiſtesgegenwart als vielleicht ſonſt, rief ihm ent⸗ ———— gegen, und ſtellte ſich ſo, daß ſie in der Entfernung von einigen Schritten vor Frangoiſe gerade zwiſchen ihm und der Fluͤchtigen, dieſe decken koͤnne: Biſt Du es Florentin? Ja. Mit Aufzaͤhmung dieſes Beeſtes von Jacques haſt Du uns einen ewigen Schreckvogel aufgebuͤrdet, eben iſt er oben zum groͤßten Schreck Francisca's in deren Zimmer durch's Fenſter gekommen geradezu in's Bett, in welches ich die arme Erſchoͤpfte gebracht hatte. So Viel hatte ſie geſprochen, als Florentin inſoweit bei ihr war, daß ſie der Deckung Francisca's halber ſein Stehen⸗ bleiben wuͤnſchte, und deshalb ihm ploͤtzlich den ſchmalen Schein der Laterne in's Geſicht fallen ließ, hinzuſetzend: Ihr quaͤlt mir mein Kind ungebührlich, laßt ihm jetzt einige Tage Ruhe, damit es ſich erhole. Florentin wollte der Blendung ausweichen, und ſchritt deshalb weiter fort, aber Margot, mit ihm zuruͤckgehend blieb ihm zur Seite, bis er uͤber Francoiſe hinaus war. Dann blieb ſie ſtehn, und ſandte ihm dem Weiterſchrei⸗ tenden noch eine Weile den Lichtſchein nach, wohl wiſ⸗ ſend, daß dadurch ihre Nähe in ſtaͤrkeres Dunkel gehullt wurde, und ſich mit Scheltworten gegen Jacques den An⸗ ſchein gebend, als bliebe ſie deshalb ſtehn. Sobald Florentin im Daͤmmer des Ganges ſo weit war, um nicht mehr geſehn zu werden, ſchloß ſie die Laterne und reichte Frangoiſe die Hand, dieſe eilig fortziehend nach der Pfoͤrtnerei. Jacques flog zu ihrer Zufriedenheit ſchweigend. Unweit der Thuͤr zum Pfoͤrtner fluͤſterte ſte: Muth, Francisca, hier warte eine Minute, damit ich nicht in Deiner Gegenwart dem 199 Pfoͤrtner die Erklaͤrung zu geben brauche, und er keine Zeit hat, Dich zu betrachten und Argwohn zu ſchoͤpfen. Francoiſe, die Richtigkeit dieſer Maaßregel einſehend, blieb unter Zittern und Zagen zuruͤck, denn an der Hand Margot's hatte ſie viel groͤßeren Muth. Dieſe aber trat gleich mit der muͤrriſchen Frage beim Pfoͤrtner ein, ob denn die Martha noch nicht da ſei?— Wozu Martha?— Mein Gott, unſrer alten Graͤfin iſt uͤbel geworden von der heutigen Alteration— Wegen der Graͤfin Francisca?— Freilich, und da hilft die Martha immer am Beſten, ich begreife nicht, wo ſie bleibt! Sie wollte doch gleich kom⸗ men, und ich hab' mich noch mit meinem Sohne im Kreuz⸗ gange aufgehalten— Die dumme Magd vom Schloſſe hat mir ja kein Wort davon geſagt— Was weiß die Gans! Da endlich kommt Martha! Margot eilte der eintretenden Francoiſe ſogleich ent⸗ gegen, und ſchritt an der dem Pfoͤrtner zugewendeten Seite neben ihr durch's Zimmer. Nun, ſagte dieſer, nach dem Riegel greifend, hat die Martha heute keinen Gruß fuͤr mich? Laßt ſie doch, ſie iſt erſchreckt von der Krankheit, die ſich uͤbel anläßt— Habt Ihr denn, ſagte der Pfoͤrtner indem er ſich zu⸗ ruͤckwendete nach der innern Eintrittsthuͤr und das Auſſchie⸗ ben des Riegels ſo lange verzoͤgerte, habt Ihr denn noch Jemand hinter Euch, der an der Thuͤr herumtappt und den Griff nicht finden kann? Niemand mehr, mach nur auf! In dieſem Augen⸗ blicke aber hoͤrte man hinter der innern Eintrittsthür 200 den gellenden Ruf„Frangois“, und der Pfoͤrtner, nicht ſo vertraut damit, oder wenigſtens im Augenblicke ſich nicht darauf beſinnend, lief hinweg vom Riegel, der noch immer nicht aufgezogen war, um erſt zu ſehn, wer noch von in⸗ nen herein wolle. Margot war im hoͤchſten Grade unge⸗ duldig uͤber die durch„das Beeſt“, wie ſie ſich ausdruͤckte, verurſachte Zoͤgerung, konnte ſie aber nicht abkuͤrzen, da ein ausgeformter Druͤcker, den der Pfoͤrtner in der Hand trug, zur Beſeitigung des Riegels noͤthig war, und mußte denn mit der fortwaͤhrend abgewendeten ſchwer ge⸗ aͤngſtigten Graͤfin, deren Schweigen am Ende doch auf⸗ fallen und zur Entdeckung fuͤhren konnte, in Geduld har⸗ ren, bis der Pfoͤrtner all ſeine Verwunderung uͤber den Raben, und ſein Erſtaunen uͤber deſſen ungewoͤhnlichen Be⸗ ſuch ausgeſchuͤttet hatte. Dieſer Zeitverluſt wurde aller⸗ dings entſcheidend, denn als der Pfoͤrtner nun endlich den Riegel hob, wurde eben auch von außen geklingelt, und ſo wie die Thuͤr ſich oͤffnete, ſtanden Francoiſe und Margot der alten Graͤfin von Foix und Chimenen auf der Schwelle gegenuͤber, und zwar bis zur letzten Moͤglichkeit des Gelingens nachtheilig für die junge Gräfin. Die Thuͤr naͤmlich oͤffnete ſich nach innen, Frangoiſe und Margot hatten deshalb einige Schritte zuruͤcktreten muͤſſen, und es war ſomit auch fuͤr ein raſch entſchloſſenes Entrinnen der Weg verſtellt. Francoiſe war auch, tief erſchoͤpft von den immerwaͤhrenden Erſchuͤtterungen, weit entfernt von dieſer Entſchloſſenheit: ſie that entſetzt einige Schritte rückwaͤrts, und ehe ſie irgend einen Entſchluß gefaßt, war die Thuͤr wieder verſchloſſen, denn der Pfoͤrtner, die krank genannte 201 Graͤfin erblickend erachtete theils den Beſuch Martha's hiermit fuͤr erledigt, theils folgte er einer Handbewegung der alten Graͤfin, welche den Schluß der Thuͤr zu befehlen ſchien. Es folgte eine Pauſe, welche zuerſt von der alten Graͤfin gebrochen wurde, indem dieſe Margot zurief: Geh voraus mit Deiner Begleiterin!— Und dabei deutete ſie auf die innere Eintrittsthuͤr. Hierbei allein, denn es waren dieſe Worte von dem veraͤchtlichſten und hochmuͤthigſten Ausdrucke des ſteinernen Antlitzes der alten Frau begleitet, ſchwoll der ungluͤcklichen jungen Frau der Zorn einen Augenblick lang das Herz, und ihre Verkleidung außer Acht laſſend, und ſich hoch aufrich⸗ tend ſagte ſte mit ſtarker Stimme: Oeffne, Pfoͤrtner! Aber dieſer, einigen Zuſammenhang ahnend, und ſich jedenfalls mit der ſogenannten Martha betrogen ſehend, machte keine Anſtalt zum Oeffnen, und nach einer neuen aber kürzeren Pauſe ſprach die Graͤfin von Foix: Scheint es rathſamer, Madame, Gegenſtaͤnde der Schmach zu verhandeln in Gegenwart von Zeugen und in einer Pfoͤrtnerſtube? Und als Frangoiſe darauf ſchwieg, ſetzte jene hinzu: Gehorche, Margot, und führe uns, woher Du gekommen! Während ſich dies ereignete, hatte Chabot de Brion— denn er war es ſelbſt, welcher die Rettungsflagge an die Tanne geheftet, und welcher auf die Mauer hinaufgeſtie⸗ gen war, um der Graͤfin Flucht zu bewerkſtelligen— mit erſtaunlicher Geduld geharrt auf den guͤnſtigen Augenblick. 202 Florentin, den er bereits haßte, hatte ihn mit ſeinen Erobe⸗ rungsplaͤnen auf Koͤnig Franz tief erbittert, denn wenn er auch ein Liebling des Koͤnigs und ſeinerſeits ein Verehrer des ritterlichen Koͤnigs war, ſo ging doch die Hingebung nicht ſo weit, daß er ihm die ſchoͤne Graͤfin neidlos gegoͤnnt haͤtte. Ja, es war ein romantiſcher Zug der Uneigennuͤtzig⸗ keit in ſeiner Neigung, aber was dieſer Zug an Opfer foͤrdern konnte, das mußte auf eine ſchoͤne Weiſe in Anſpruch genommen, nicht aber in den gewinnſuͤchtigen Kalkuͤl eines Anderen eingerechnet werden. Dieſer offen ausgeſprochene Kalkul Florentin's ergrimmte Brion dergeſtalt, daß es den Prieſter wahrſcheinlich das Leben gekoſtet haͤtte, wenn er, aus dem Fenſter ſpaͤhend, dem zornigen Seigneur nahe gekommen waͤre. Denn dieſer hatte das Schwert gezogen, als die Stimme Florentin's ſich dem Fenſter naͤherte, und die damals herzukommende Margot hatte ſomit ihrem Sohne das Leben gerettet. Als ſie mit Frangoiſe allein war hoͤrte Brion das Gefluͤſter fremder Stimme, und verhielt ſich ruhig, da er nicht mit Beſtimmtheit wiſſen konnte, es ſei dies die befreundete Margot. Sobald das Fluͤſtern auf⸗ hoͤrte, rief er leiſe den Namen der Graͤfin; es erfolgte keine Antwort, und es kam dem durch die lange Spannung auf⸗ geregten Manne ein unerwarteter Schrecken: ein großer Vogel nämlich rauſchte mit ſchwerem Fluͤgelſchlage dicht äber ſeinem Haupte in das Zimmer hinein, und unmittelbar darauf drang der Name Francois gellend an ſein Ohr. Brion war nicht beſonders aberglaͤubiſch, aber er war nicht frei von dem Aberglauben ſeiner Zeit und aller Zeiten. Die Erſcheinung und der Name des Koͤnigs, der von Zeit 2⁰3 zu Zeit aus dem tieferen Inneren der Abtei immer wieder heraufdrang, erſchreckten und befingen ihn ſo, daß eine lange Zeit verging, ehe er einen Entſchluß faſſen konnte. Endlich, da Alles ruhig blieb, rief er von Neuem leiſe den Namen der Graͤfin, und rief ihn nach langer Pauſe wieder, da keine Antwort erfolgte, und entſchloß ſich am Ende jaͤhlings, in das Zimmer hinein zu ſteigen. In demſelben Augenblicke aber, da er es betrat, erſchienen die vier Frauen auf der Schwelle deſſelben, und das volle Licht von Margot's La⸗ terne fiel auf den erſchreckten Seigneur. Francoiſe ſchrie entſetzt auf: Brion! und die alte Graͤfin, welcher Name und Beziehung des Mannes wohl bekannt waren, erhielt damit einen nur zu gerechten Grund fuͤr geſteigerte Entruͤſtung. Zuͤnde die Lichter an, Margot, ſagte ſie hierauf mit ſcheinbarer Ruhe. Schließe die Fenſter, und leuchte dieſem Herrn, der mit dem richtigen Wege nicht bekannt zu ſein ſcheint, zum Pfoͤrtner hinab! Brion, das Zweideutige ſeiner Stellung ſchmerzhaft empfindend, und nicht in Zweifel daruͤber, daß die befehlende Dame die alte Graͤfin von Foir ſelber ſei, fand nicht ſogleich eine Wendung, vermittelſt welcher er die verdaͤchtige Lage haͤtte aufflaͤren können— romantiſche Neigung iſt arm an Ausſlucht— und gab auch den Verſuch einer Entgegnung auf, als er ſah, daß Frangoiſe ihm mit der Hand zu winken ſchien, er moͤge ſich ohne Weiteres entfernen. So ging er denn ohne ein Wort geſprothen zu haben mit Margot von dannen, und der Pförtner, ſchon uͤberbeſchaͤftigt mit Unge⸗ woͤhnlichkeiten, mußte nicht wenig erſtaunt ſein, einen Mann hinauszulaſſen, den er nicht herein gelaſſen hatte. Ddie alte Graͤfin aber begann ein Gericht, welches eine minder ehren⸗ und tugendhafte Tochter denn Frangoiſe ſchwerlich erduldet und ſicherlich zu gluͤcklicherem Ausgange gewendet haͤtte als Frangoiſe es vermochte. Denn dieſe un⸗ gluͤckliche Frau richtete ſich ſelbſt nach feinerem, und deshalb ſtrengerem Geſetze als es dem Sinne ihrer Mutter gelaͤufig war, und waͤre deshalb ungeſchuͤtzt gegen Angriffe roher Gattung geweſen auch ohne die korperliche Ohnmacht, welche ſich ihrer in dieſem Augenblicke mit reißender Schnelligkeit bemächtigte. Was ſollte ſie erwidern, da ihr die Mutter mit ſchneidender Kaͤlte ihr Leben ſchilderte von dem Augenblicke an, als ſie nach luſtigem Leben luͤſtern Schloß Chateaubri⸗ ant verlaſſen habe hinter dem Ruͤcken ihres Gemahls! Pfui über Dich, ſprach die alte Frau, und das magere gelbe Ge⸗ ſicht derſelben von ſcharfen Formen einſtiger regelmaͤßiger Schoͤnheit zog ſich in all ſeinen Falten um einen faſt lippen⸗ loſen Mund veraͤchtlich zuſammen, waͤhrend die lange, trockene, ſchneeweiße Hand quer durch die Luft ſtrich, als ſtreife ſte alle Blaͤtter herunter von einem Zweige, pfui uͤber Dich herzloſe Mutter, die ihr Kind gleichguͤltigen Leuten uͤberlaſſen konnte, um dem Kitzel ihrer Sinne nachzulaufen, die ihren Gemahl zu Spott und Hohn ausſtellen konnte vor einem leichtfertigen Hofe, die ihm frech die Stirn bieten konnte, als er, der die Ehebrecherin zu toͤdten berechtigt war, nur ihre Ruͤckkehr zu Haus und Kind heiſchte, die, um den Preis ihres verworfenen Lebens nicht einzubuͤßen, kokett ſich entfernt von einem Koͤnige, der keine Anſtalt macht, ſie mit aͤußerlichen Ehren zu bezahlen, pfui uͤber Dich! Bis dahin hatteſt Du genug gethan, Dich des Namens Foix und 205 Deiner Mutter unwuͤrdig zu zeigen, genug um einer langen und ſchweren Buͤßung beduͤrftig zu ſein. Aber Dein entar⸗ teter Sinn vertrug noch mehr! Auch die letzte Hoffnung Deiner Mutter wußteſt Du zu taͤuſchen: als ich Dich hin⸗ weggewieſen hatte von der Schwelle Deines Vaterhauſes, und Deine Schritte hierher nach dem Hauſe Gottes gerichtet ſah, da hoffte ich, Du wuͤrdeſt wenigſtens die Kraft der Reue und Buße zeigen, welche meinem Kinde, das ich verloren, das aber doch mein geweſen, eigen ſein muͤſſe. Wie taͤuſchte ich mich! Der Galan niedrigeren Ranges, wahrſcheinlich der aͤchte Liebhaber neben dem hochgeſtellten— ich haͤtte mich ehedem geſchaͤmt, Dergleichen nur denken zu muͤſſen von wildfremden zuͤgelloſen Weibern, und muß es jetzt aus⸗ ſprechen vor dem Weibe, das ich ſelber geboren!— der Galan folgte ihr ſchon auf dem Fuße, es war darauf abge⸗ ſehn, im Vaterhauſe das ſchamloſe Treiben fortzuſetzen, und da ſich dies verſchloß, und das Gotteshaus ſich nicht zugaͤnglich erwieſen hatte, ſo verſucht ſie eiligſt zu entwei⸗ chen, ehe noch dem Galan das Rendezvous abgeſagt worden iſt. Ueber Mauern und durch Fenſter kletternd, im Hauſe Gottes, in der erſten Nacht, welche die reuig Geglaubte darin zubringen will, ſucht er ſie auf, die Verworfene! Ich ſelbſt, von Gott ſo hart geſtrafte Mutter, muß ihn uͤberra⸗ ſchen! Dies iſt Dein Leben, unſeliges Kind meiner Schmer⸗ zen, und wenn Du vor dieſem Spiegel zum Tode erſchrickſt, wie Dein Antlitz und Dein zitternder Leib zu verkuͤnden ſcheinen, ſo werde ich Gott danken, daß er Dich und mich erloͤſ't habe! Damit wendete ſich die alte Graͤfin von Foix zum Hin⸗ — —— 206 weggehn, und die Hand der bebenden Chimene ergreifend nahm ſie keine Kenntniß davon, daß Francoiſe mit einem Laute entſetzlichen Schmerzes zu Boden ſtürzte, und mit der Laͤnge des Leibes aufſchlug auf den ſteinernen Eſtrich des Gemaches. Sie ſchien es auch nicht zu bemerken, daß Chi⸗ mene ihre Hand zuruͤckſtieß und im Zimmer blieb, ſondern ging hinaus und warf die Thuͤr in's Schloß, daß es weithin ſchallte durch die Kreuzguͤnge der Abtei. 8. Chabot de Brion hatte den folgenden Tag mit nur zu zwei⸗ felloſer Sicherheit erfahren, daß die Graͤfin Chateaubriant lebensgefaͤhrlich erkrankt darnieder liege. Sie habe ſich im Fallen nicht nur ſchwer verletzt, ſondern ſie ſei auch von einem ſo furchtbaren Nervenfieber ergriffen, daß ſie von den raſendſten Phantaſieen gepeinigt fortwaͤhrend beſinnungslos und vom Tode oder einer Verſtandeszerruͤttung bedroht ſei. Margot erzaͤhlte ihm dies unter ſolchem Schluchzen, daß er an der Wahrheit nicht zweifeln konnte, ja ſie ſetzte von Seiten Florentin's hinzu, daß dieſer uͤber die Liebloſig⸗ keit der Graͤfin von Foir tief entruͤſtet, und nun ganz auf die Seite Frangoiſens getreten ſei, Herr de Brion wuͤrde ihn heute ſogar verpflichten, wenn er ſich zu ihm in die Abtei bemühn wolle, um fuͤr den freilich unwahrſcheinlichen Fall der Geneſung Francoiſens Ruckſprache zu nehmen, und des⸗ fallſige Nachrichten fuͤr den Koͤnig zu beſprechen. Chabot 2⁰7 de Brion, ein noch unverdorbenes Herz, vergaß uͤber Krank⸗ heit der Graͤfin alles Uebrige, und eilte zu Florentin, dem es denn auch wirklich gelang, ſein Benehmen am Tage vor⸗ her leidlich zu rechtfertigen, beſonders dadurch, daß er Brion zugeſtand, er ſehe ſich jetzt getaͤuſcht in ſeinen Vor⸗ ſtellungen von Charakter und Lage der jungen Graͤfin, und glaube nicht mehr, daß ein Zuruͤckdraͤngen derſelben in die alten, ſo gefährlich fur ſie ausgehenden Verhaͤltniſſe rathſam und moͤglich ſei. Im Gegentheile ſchiene ihm fuͤr den Fall einer Geneſung unerlaͤßlich, daß die Graͤfin ſich nachdrucks⸗ voll geſchuͤtzt ſaͤhe gegen ihren Gemahl und gegen ihre Mutter, und wenn der Koͤnig nach dem bevorſtehenden Tode der Koͤnigin Claude vom heiligen Vater eine Scheidung erlangen könne, ſo wuͤrde dies der ungluͤcklichen Frau unfehl⸗ bar die ſicherſte Stuͤtze zur Wiedererlangung der Geſund⸗ heit werden. Herr de Brion moͤge dies dem Koͤnige vorſtel⸗ len, und ihn, der als Prieſter bis jetzt ſtreng und vorſichtig habe handeln muͤſſen, Seiner Majeſtaͤt als einen Mann empfehlen, der nun nach ſo heftigen Anzeichen bereit ſei, die Graͤfin von einer ihr ſo gefährlichen Vergangenheit loſen zu helfen. Er ſei zu dieſem Ende bereit, Herrn Brion all⸗ woͤchentlich genaue Nachricht vom Zuſtande der Graͤfin zukommen zu laſſen, und, falls ſich dieſer beſſere, Verhal⸗ tungswinke vom Koͤnige und Herrn Brion entgegen zu nehmen. Chabot de Brion, jung und gut genug, um uneigennutzig zu ſein, faßte nur in's Auge, daß der Graͤfin alle mogliche Hilfe bereitet werden müſſe, und bat nur, die Ungluͤckliche vor ſeiner Abreiſe nach Paris noch einmal ſehen zu duͤrfen. —— —-—— Obwohl dies Florentin nicht wuͤnſchenswerth ſchien, ſo ver⸗ weigerte er es doch nicht, und fuͤhrte ihn, nachdem Margot über die Thunlichkeit des Eintrittes befragt worden, in das Zimmer, deſſen verhaͤngnißvolles Fenſter jetzt verhuͤllt war, und in deſſen dunkelſtem Winkel jetzt die vor Kurzem noch ſo ſchoͤne Frau durch Röthe und Krampf entſtellt und der Be⸗ ſinnung unmaͤchtig auf dem Bette lag. Chimene ſaß neben ihrem Haupte, Margot, verweinten Antlitzes, ſtand neben dem Lager, und ſah angſtvoll in das Geſicht der nun wirklich herzugerufenen Martha, ob Hoffnung vorhanden und was anzuwenden ſei gegen die hitzige Krankheit. Brion litt große Pein: die Graͤfin, obwohl die Augen offen haltend, erkannte Niemand, und ſprach nur von Fran⸗ gois, ihrem herrlichen Koͤnige, ihrem geliebten Herrn— traurig ritt er noch ſelbigen Tages gen Paris. Ein wilder Schneeſturm flog durch das Thal der Arriege, als er auf jener Hoͤhe angekommen war, von welcher die Graͤfin und Baptiſte die Schluchten und Berge von Foix betrachtet hatten. Vom St. Sauveur herab rauſchte der Winterſchnee wie ein Leichentuch uͤber das hohe, gethuͤrmte Schloß, uͤber die tiefe Abtei und das dunkle Staͤdtchen. Baptiſte war bei ihm, und hielt auf dieſer Hoͤhe ſein Roß an, um noch einmal zuruͤckzuſchauen. Der Schnee fiel ſo dicht, daß er bald den forteilenden Seigneur und deſſen Geleite nicht mehr ſah, die winterliche Einſamkeit uͤber⸗ mannte ihn, er wendete ſein Roß zuruͤck, hinab nach Foir, um dort in eine Schmiedewerkſtatt einzutreten, und das Schickſal ſeiner Herrin abzuwarten. 209 Es war in damaliger Zeit, welche noch eines ausge⸗ bildeten Poſtweſens ermangelte, beſonders unter den hoͤher geſtellten oder berufenen Ordens⸗Geiſtlichen ein ſyſtemati⸗ ſcher Verkehr im Gange, welcher ihnen ein gewiſſes Ueber⸗ gewicht ſelbſt uͤber den maͤchtigen Adel verlieh. Dieſer un⸗ terhielt wohl mit Leichtigkeit eine rege Mittheilung in der Provinz, aber dieſe auch nur bei außerordentlicher und wichtiger Gelegenheit, waͤhrend der geiſtliche Stand durch die wandernden Moͤnche, durch die Wallfahrer und durch aͤhnliche Verbindungsmittel, welche unter den zu hoͤherer Leitung berufenen Klerikern ganz ſyſtematiſch geordnet waren, in regelmaͤßigem Verkehr ſtand mit der ganzen chriſt⸗ lichen Welt. Auf dieſe Weiſe hatte Florentin fruͤher allwoͤ⸗ chentlich Nachricht von der jungen Graͤfin gehabt, um dann der alten Graͤfin mitzutheilen, was er fuͤr dienlich erachtete, und auf dieſe Weiſe unterrichtete er jetzt allwoͤchentlich Herrn de Brion uͤber die Entwickelung und den Gang der Krankheit, uͤber das was ſie aͤußerte, und uͤber das, was er erwartete. Nachdem er wochenlang die Phantaſieen Fran⸗ Foiſens angehoͤrt, ſchien ihm de Brion nicht mehr gefaͤhr⸗ lich, und er war auch unbeſorgt, daß Brion dem Koͤnige nicht Alles mittheilen konne, theils weil das Verhaͤltniß wie es eben lag und ſtand unverfaͤnglich war auch fuͤr die ſtill einhergehende Nebenbuhlerſchaft Brions, theils weil er noch auf anderen Wegen den Koͤnig benachrichtigen und bearbeiten ließ. Die Geiſtlichkeit mißtraute Guillaume Bude, welcher den Unterricht der hoͤheren Wiſſenſchaften leitete, ſo weit dieſer vom Klerus nicht unmittelbar abhaͤn⸗ gig war, aber ſie hielt ſich eben deshalb in um ſo lebhafterer Laube, Chateaubriant. 1.. 14 2 Verbindung mit ihm, mit kirchlicher Klugheit ſchließend, daß der Feind der gefährlichſte ſei, von dem man nichts wiſſe, und mit dem man nicht verkehre. Deshalb erhielt Bude, wenn auch nicht direkt von Florentin, ebenfalls zum Oefteren Nachricht uͤber die Graͤfin Chateaubriant; denn Florentin wußte, daß dieſer gutmuͤthige Gelehrte ein ein⸗ flußreicher Vermittler ſei zwiſchen Koͤnig Franz und Fran⸗ goiſe. Florentin, laͤngſt daruͤber mit ſich einig, daß er beim Empfange Francisca's eine Thorheit begangen und dieſe um jeden Preis durch Wiedergewinn ihres Zutrauens aus⸗ zuloͤſchen habe, Florentin brachte in dieſen Wintermonaten, waͤhrend das Werkzeug ſeiner Plaͤne zwiſchen Tod und Leben ſchwebte, die Angelegenheit in Paris ſo weit zur Reife, daß ihm eine hohe Befoͤrderung in Paris ſelbſt gewiß war, wenn er dieſe Dame zur Macht am Hofe bringe, und für ſeinen ferneren Einfluß auf ſie haften koͤnne. Man nahm dabei wenig Notiz von ihrer Neigung zu philoſophi⸗ ſchen Religionsgeſpraͤchen, weil man eben durch den vor⸗ ausgeſetzten Einfluß Florentin's, der in Paris ihr Beicht⸗ vater werden konnte, Dergleichen geſichert wußte, und weil man jedenfalls durch eine geiſtreiche, neben dem Koͤnige waltende Dame die bereits entſchieden ausgebildete refor⸗ matoriſche Richtung der Herzogin von Alengon vom Koͤnige abhalten wollte. Ob der etwas chimaͤriſch klingende Plan, ſie zur Gemahlin des Koͤnigs zu erheben, ernſthaft aufzu⸗ nehmen und zu foͤrdern ſei, das ließ man vor der Hand auf ſich beruhn, und das mußte natuͤrlich davon abhaͤngen, wie eifrig oder nicht die erhobene Dame ſich der beſtehenden Kirche erweiſen werde. 211 Waͤhrend ſo in der Stille uͤber ſie verfugt wurde lag die Graͤfin zwei Monate lang in einem hitzigen Fieber, deſſen Ausgang nicht abzuſehen war, und welches mitunter ſo heftige Parorismen mit ſich führte, daß die Vernichtung des Lebens zu befuͤrchten ſtand. Aber die Politik rechnet auf Leben, wenn ihr Leben eintraͤglicher ſcheint, und die Politik gewann ihr Spiel: die Iungendkraft der Graͤfin uͤberdauerte den Angriff der Krankheit. Als die Sonne wieder ihre erſten warmen Strahlen auf die Suͤdweſtſeite der Abtei warf, und die ringsum ſteilen Hoͤhen wieder ſo weit erſtie⸗ gen hatte, um ihren breiten Glanz unten auf die Wieſe vor Frangoiſen's Fenſter zu werfen, ja bis in's Zimmer ſelbſt, bis an's Bett der dem Leben wieder Gewonnenen zu kom⸗ men, da wurde die Seele der Geneſenden wieder lebendig, und ſie begann geordnet zu ſprechen, und ſah ſich um nach ihrer Umgebung. Der Anblick Chimenens, die ununter⸗ brochen bei ihr gebkieben war, ſchien ſie unangenehm zu beruͤhren. Wachte denn der Verdacht wieder mit ihr auf, dies unſchuldige Kind habe damals das Geheimniß der Flucht verrathen, und die Mutter herabgefuͤhrt vom Schloſſe? Hatte die Erwachende denn uͤberhaupt nach ſo verwuͤſten er Krankheit, welche das Gedaͤchtniß fuͤr die letzte Lebens⸗ ſepoche zu ſchwaͤchen pflegt, eine deutliche Ruͤckerinnerung? Sie hatte dieſe nicht, aber auf uͤberraſchende Weiſe war Alles, was ſie in den letzten Tagen vor ihrer Krankbeit erlebt, thaͤtig in ihr geweſen, unerwartete Neigungen und Abneigungen in ihr zu begruͤnden. Es war als ob alles, was ihr vor der Krankheit begegnet, Samenkorn geworden und ohne Zuthun waͤhrend der Unbewußtheit des Geiſtes 14*† aufgewachſen ſei, ein wunderbar Beiſpiel, wie der menſch⸗ liche Organismus, der auch waͤhrend unſrer Gedankenloſig⸗ keit geiſtig arbeitet, und deſſen Thaͤtigkeit waͤhrend unſers Schlafes von Niemand bezweifelt wird, ſelbſt waͤhrend einer ſcheinbar alle Seelenwelt vernichtenden Krankheit gearbei⸗ tet, gefoͤrdert, gebildet und ausgebildet hatte. Und zwar mußte er von den feinſten Spitzen des Eindrucks ausgegan⸗ gen ſein, denn die Reſultate wichen ab von dem, was man haͤtte erwarten duͤrfen. Francoiſe hatte vor der Krankheit mit keinem Worte ausgedruͤckt, daß ſie Chimenen mißtraue, und doch war ein Verhaͤltniß ſcheuen Mißtrauens in ihr auf⸗ gewachſen; Francoiſe hatte ferner die deutlichſten Beweiſe des Abſcheu's vor Florentin an den Tag gelegt, und doch war jetzt ein Wohlwollen zaͤrtlicher Art fuͤr dieſen bedenkli⸗ chen Menſchen in ihr vorhanden; ſie war in kindlicher Scheu und ergebener Furcht vor ihrer Mutter zuſammengeſtuͤrzt, und erwachte jetzt mit einer ſo eiſigen Gleichguͤltigkeit gegen dieſelbe, daß ſie mit keinem Worte nach ihr fragte, und daß ſie, da nach Verlauf von Wochen der Mutter erwaͤhnt wurde, theilnahmlos zuhoͤrte, als ſei von einer wildfremden Per⸗ ſon die Rede. Noch mehr: ſie fragte mit vollſtaͤndiger Un⸗ befangenheit nach dem Köoͤnige, und wie er ſeinen Antheil ausgedruͤckt habe an ihrer gefährlichen Krankheit, ja ob er nicht einmal da geweſen ſei, um ſelbſt nach ihr zu ſehen. Florentin war entzuͤckt. Er hatte ſich darauf gefaßt gemacht, es wuͤrde der feinſten Ueberredungskünſte beduͤrfen, die Graͤfin wieder in dieſe Bahn zu lenken, beſonders nach einer ſo erſchoͤpfenden Krankheit, nach welcher die Sinne, ein ſo gewaltiges Hilfsmittel fuͤr moraliſche Hingebung, — 213 ſchweigen wuͤrden. Mit Erſtaunen ſah er, daß ein ſchmach⸗ tender Zug allem Andern voraus dieſen noch ſchwachen, ſchoͤnen Koͤrper beherrſche, und daß nach den erſten Spa⸗ ziergaͤngen auf die ſonnige Wieſe hinab an warmen, alles Leben aufweckenden Maͤrztagen dieſer ſchmachtende Zug alle Pulſe, des raſch wieder aufbluͤhenden Weibes erfuͤlle. Sie erſchien ihm wie eine Braut, die alle Freuden der Liebe ahne, und die in braͤutlichem Stolze dieſe Ahnungen gar nicht zu verhuͤllen trachte! Er hatte Muͤhe, ſich zurecht zu finden! Und doch war ihm Eins deutlich genug: dieſe auf⸗ bluͤhenden Wangen, dieſe meiſt geſenkten und dann ſo tief aufgluͤhenden dunkeln Augen, dieſer oft leiſe geoͤffnete Mund, der ſich taͤglich hoͤher roͤthete uͤber den kleinen friſch⸗ glaͤnzenden Zaͤhnen, dieſer Schmelz, der auf Schultern und Arme wiederkehrte, alles das war ſo wenig als fruͤher ihm, dem ſie jetzt freundlich laͤchelte, auch nur einen Augenblick zugedacht, es bluͤhte eben darum ſo raſch wieder auf, weil es einer entſchiedenen Neigung entgegenbluͤhte wie einer aufgehenden Sonne. Deshalb huͤtete er ſich auch wohl, ſeine eigne ſinnliche Freude nur im Mindeſten wahrnehmen zu laſſen, er hielt ſich fuͤr hinreichend gewarnt, um noch ein⸗ mal einer Wallung zu Liebe Alles auf's Spiel zu ſetzen. Ein Moͤnch nach dem andern trug dagegen die zuverſicht⸗ lichſten Nachrichten nach Paris, ja er ſah ſich bald auf dem Punkte, der ſo wunderbar plotzlich entſchiedenen Francisca Vorſicht und Zöͤgerung anzuempfehlen. Denn mit tiefer Geringſchätzung wies dieſe jedes ſchuͤchterne Wort Chime⸗ nens zuruͤck, welche zuweilen Beſorgniſſe aͤußerte, und Furcht ausdruͤckte vor hohen, herausfordernden Stellungen im Le⸗ 214 ben. Die Graͤfin war wie entruͤckt aller irdiſchen Ruͤckſicht, und ging in den Plaͤnen bald viel weiter als Florentin fuͤr gut hielt. Dieſem war es ſehr darum zu thun, nur unter wohlverbrieften Bedingungen in dieſer Sache vorzuſchrei⸗ ten, und je ruͤckſichtsloſer die Graͤfin die Zukunft hingab, deſto vorſichtiger aͤußerte er ſich nun in den Briefen nach Paris, deſto beſtimmter drang er nun darauf, daß genau verzeichnet werde, wozu der Koͤnig ſich verpflichte fuͤr den uͤbeln Fall, daß eine Erhebung Francisca's zur Gemahlin unuͤberſteigliche Schwierigkeiten finde, und daß eine ſolche Schrift als unumſtoͤßlich guͤltiger Kontrakt vom Koͤnige unterſchrieben und zur Aufbewahrung im Archive der Ge⸗ nofeven⸗Abtei ihm eingehaͤndigt werde. Sie laͤchelte, wenn er ihr nur annaͤhernd davon erzaͤhlte, denn er hatte gar nicht den Muth, ſo verwirrte ſte ihn mit ihrer Anſchauungsweiſe, ihr etwas Beſtimmtes und Ge⸗ naueres daruͤber mitzutheilen. Und doch wußte er genau, daß eine ſolche Sicherung fuͤr ihre Zukunft unerlaͤßlich ſei, und es verſicherten ihn ſeine Korreſpondenten in Paris, des Lebens und der menſchlichen Charaktere tief kundige Kleri⸗ ker, daß mit dem Koͤnige Franz ein feſt verbrieftes Abkom⸗ men durchaus noͤthig bleibe. Von Tage zu Tage naͤmlich zeigte ſich immer deutlicher, daß der leichtſinnige Wechſel, die gedankenloſe Vergeßlichkeit eine Grund⸗ Eigenſchaft dieſes Koͤnigs, nicht bloß eine Eigenſchaft ſeiner Jugend ſei. Er hat viel Gutes in und an ſich, hieß es immer wieder, aber er hat keine Treue. Deshalb beharrte Floren⸗ tin auf der Forderung eines feſten Kontraktes, und nahm ſich vor, Francoiſe nichts davon wiſſen zu laſſen. So ſtanden die Sachen in der Mitte des Monats Maͤrz, und Florentin ſchickte diesmal, denn die Frucht ſchien ihm nun vöolliger Reife nahe, einen Reitenden an Chabot de Brion mit den beſtimmteſten Forderungen und der beſtimm⸗ ten Verſicherung, die Graͤfin Chateaubriant werde jetzt unzweifelhaft dem Koͤnige folgen, wenn er ſie einholen wolle wie ſeine Geliebte und Braut. Letzteres war Florentin von großer Wichtigkeit: es war nicht zu berechnen, wie lange noch Frangoiſe mit dem Aufenthalte in der Abtei ſich be⸗ gnuͤgen werde, ſie fragte taͤglich, ob Koͤnig Franz nicht bald komme, und es waͤre ihm ſehr mißlich geweſen, ſie noch ein⸗ mal gegen ihren Willen zuruͤck zu halten. Doch haͤtte er um keinen Preis geſchehn laſſen moͤgen, was gewiß in Kurzem geſchehn waͤre: daß ſie ſich allein nach Paris begeben haͤtte. Als ſchlauer Handelsmann wußte er, wie ſehr dadurch ihre anſpruchsvolle Stellung erniedrigt worden waͤre. Um Brion's aufrichtige Vermittelung blieb er unbe⸗ ſorgt: eine ſo einfache romantiſche Neigung war leicht aus⸗ zurechnen in ihren Wendungen. Sie traf zuſammen mit Brion's Hingebung fuͤr den Koͤnig und mit der Hoffnungs⸗ loſigkeit in Betreff Frangoiſens. Florentin war geuͤbt genug, dem jungen Seigneur uͤberzeugend darzuſtellen, daß der Graͤfin Liebe zu Koͤnig Franz uͤber alle Vorſtellung und Schranken gehe, nur in Erfuͤllung dieſer Liebe habe er Ausſicht, die Graͤfin jemals wieder zu ſehn, und nur jen⸗ ſeits der Erfüllung dieſer Liebe habe er Seitens der Graͤfin eine freundliche Beachtung ſeiner eignen Anhaͤnglichkeit zu erwarten. Chabot de Brion benahm ſich denn auch, wie Florentin 8 *½ erwartet: er hatte keinen ausgebildeten Plan, als ihn der Koͤnig nach Fontainebleau rufen ließ und zum erſten Male wieder dringend um die Graͤfin befragte, aber er liebte den Koͤnig, er wollte Frangoiſens Gluͤck, er war noch ziemlich unverdorben und wahr, die Fragen des Koͤnigs ſelbſt riſſen ihn fort, er ſagte die Wahrheit, und wirkte damit um ſo tiefer auf den Koͤnig, je zoͤgernder und unwillkührlicher er ſie ſagte, je mehr er ſelbſt erſchrack vor den lichterloh aus⸗ brechenden Flammen der koͤniglichen Paſſion. In der Abtei trieben unterdeſſen Francoiſens entſchie⸗ dene Hingebung an ihr Ideal und eine Woche ſpaͤter zwei Ereigniſſe das Verhaͤltniß nach dem naͤmlichen Ziele: ein reitender Bote brachte naͤmlich einerſeits einen Brief an die Graͤfin Chateaubriant, und die alte Graͤfin von Foir andrerſeits folgte zum erſten Male einer uͤberwaͤltigenden mütterlichen Regung, und ſtieg von ihrem Schloſſe hinab zur Abtei, um ihre Tochter wiederzuſehn. Es war ein lieblicher Vormittag, die Luft wehte warm von einem leicht bedeckten Himmel, den die durchſchimmernde Sonne jeden Augenblick durchbrechen zu wollen ſchien; vom St. Sauveur herab rauſchten die Waſſer geſchmolzenen Schnees in zahlreichen Kaskaden. Graͤfin Frangoiſe in leichtem weißen Kleide ſaß am offenen Fenſter, und ſah nach der Wieſe hinab, auf welche einige Rehe herausgetreten waren, die erſten Grasſpitzen des Früͤhlings aufzuſuchen. Da ward ihr durch Margot ein Brief uͤberreicht. Er lau⸗ tete folgendermaaßen: „Es iſt eine Bitte der Verzweiflung, Madame, die ſich hiermit an Sie wendet. Sie allein in ganz Frankreich koͤn⸗ 1 217 nen uns helfen, denn auf Ihr Fuͤrwort allein wird der Ko⸗ nig uns erhoͤren. Mein Vater, Johann von Poitiers, Graf von St. Vallier iſt unſeligerweiſe in den Aufſtand des Con⸗ netable von Bourbon verwickelt worden, und der harte Kanzler Duprat hat ihm ein Todesurtheil ſprechen laſſen. Alle Bitten meines Gemahls, meiner Verwandten und zahlreicher Pairs des Reichs ſind abgeprallt an dem eher⸗ nen Willen des Koͤnigs, er verweigert den Gnadenſpruch, er will meinen Vater hinrichten laſſen, meinen Vater! Denken Sie meine Qual, meine Verzweiflung. Die Her⸗ zogin von Angouléme hat mein Flehen zuruͤckgewieſen, die Herzogin von Alengon hat umſonſt ihren Bruder gebeten, es giebt keinen Menſchen in Frankreich, der uns retten koͤnnte als Sie, denn der König liebt nur Sie. Retten Sie uns, ſolche That der Barmherzigkeit wird Ihre Liebe ſegnen. Diana de Brezeé.“ Und Francoiſe ſchrieb auf der Stelle zwei Zeilen an den Koͤnig, er moͤge einer liebenden Tochter den Vater ſchenken, und ſchrieb dieſer Tochter, ſie moͤge dieſe Zeilen dem Koͤnige uͤberreichen. Eben war ſie damit fertig, und hatte Margot die zuſammen gefalteten Papiere fuͤr den Boten gegeben, als die Thuͤr aufging, und die Graͤfin von Foir mit Chimenen eintrat. Frangoiſe, einen Augenblick von uͤbler Erinnerung und von dem Gedanken erregt, daß die Mutter, die harte Urſache ihrer Krankheit, nicht ein einziges Mal zu ihrem Schmerzenslager gekommen ſei, im naͤchſten Augenblicke aber von einem Reſte kindlicher Nei⸗ gung und von dem Strome der Stimmung, welchen der Brief üͤber ſie gebracht, überwaͤltigt, ging ihr entgegen, verſoͤhnen, Mutter, und ich danke Dir dafuͤr! Solche Worte aus dem Selbſtgefuͤhl eines Gluͤcks ent⸗ ſprungen, welches alle Frage und Unterſuchung ſtolz hinter ſich geworfen, waren nur geeignet, die ſanftere Regung der alten Graͤfin auf der Stelle wieder zu vernichten. Indeſſen blieb ſie doch der wohlwollenden Abſicht ihres Beſuches noch ſo weit eingedenk, daß ſie nur erwiderte:„Dich verſoͤhnen? Eine Mutter vergiebt, wenn ſie ihr verirrtes Kind beſtraft ſieht.“ Was haſt Du mir zu vergeben? „Francoiſe!“ Du haſt mich mit liebloſen Worten an den Boden und in ſchwere Krankheit geworfen— „Dein Gewiſſen hat Dich dahin geworfen!“ Mein Gewiſſen? Ja, es war verwirrt, weil alle Welt ſo heftig und ſo verſchieden in mich hinein ſprach. Jetzt iſt es ruhig; laſſen wir die Vergangenheit abgethan ſein. „Wohl Dir, wenn Dir die Pruͤfung ſo wohl gediehen iſt, ich hoffe, Du wirſt nun auch thatſaͤchlich Dein Leben in's alte Gleis der Ordnung bringen; ich habe einen reitenden Boten unten gehoͤrt, der die Sprache des Nordens redet; ich freue mich, wenn er vom Schloß Chateaubriant kommt, und Du im Begriff ſteheſt, Verzeihung Deines Gemahls und Frieden mit ihm zu erhalten.“ Er kommt nicht vom Schloſſe Chateaubriant, und ich habe nicht die Verzeihung eines Mannes zu ſuchen, der mich gemißhandelt hat, und den ich nicht liebe— „Frangoiſe!“ hielt ihr die Hand hin, und ſprach: Du willſt Dich mit mir —— 219 Der Bote kommt aus der Normandie vom Schloſſe des Seneſchal de Brezé, deſſen Tochter mein Fürwort beim Koͤ⸗ nige fuͤr ihren zum Tode verurtheilten Vater in Anſpruch nimmt. „Was haſt Du mit dem Koͤnige zu thun?“ Ich habe ihn gebeten, der ungluͤcklichen Tochter das Leben des Vaters zu ſchenken— „Was haſt Du mit dem Köͤnige zu thun?“ Ich liebe den Koͤnig, und der Koͤnig liebt mich. „Iſt das— Deine Beſſerung?“ Ich befinde mich wohl. „Du biſt von Sinnen! Die entfernteſte Beruͤhrung mußt Du vermeiden, den Namen nicht mehr ausſprechen, Deinen Namen nicht mehr vor ihm ausſprechen laſſen, wenn Du geneſen willſt!“ Ich bin nicht krank, Mutter! „Schweig, Du redeſt und handelſt kindiſch, und es that Noth, daß ich herabſtieg, um für Dich zu handeln. Heute noch kannſt Du in's Schloß hinaufziehn, damit ich ſichrer fuͤr Dich ſorgen kann— hat der Bote ſchon Antwort?“ Er hat Antwort. .„Eile hinunter, Chimene, und fordre ſie zuruͤck, ich werde Antwort ſchreiben!“ Nicht doch, der Brief war an mich, und von mir wird die Antwort erwartet. „Eile Chimene, eh' es zu ſpaͤt wird, Deine Antwort iſt thoͤricht! Es iſt zu antworten, daß die Graͤfin Chateau⸗ briant mit dem Koͤnige von Frankreich nichts zu ſchaffen habe und nichts zu ſchaffen haben wolle“— Das waͤre die Unwahrheit, Mutter— bleibt, Fraͤu⸗ lein von Infantado! „Die Unwahrheit?!“ Ich habe Dir ja geſagt, daß ich den Koͤnig liebe und daß er mich liebt— „Sprich ſolche frevelnde Worte nicht mit ſo herausfor⸗ dernder Gleichguͤltigkeit, wenn Du denn doch nicht das Schamgefuͤhl haſt, ſte zu verbergen. Wenigſtens iſt die Zeit voruͤber, daß ſolche verbrecheriſche Neigung durch Worte oder Verkehr genaͤhrt werde—“ Sie iſt nicht verbrecheriſch dieſe Neigung, und ſie wird im Gegentheile jetzt erſt offen— „Nicht mehr verbrecheriſch? Iſt die Koͤnigin begra⸗ ben? Graf Chateaubriant todt?“ Fuͤr mich iſt er todt. Du verſtehſt mich nicht, Mutter, ſprechen wir von andern Dingen. „Wehe Dir, wenn Du bei Sinnen biſt, und ich Dich verſtehe! Wehe Dir, wenn—“ Hier wurde die alte Graͤfin unterbrochen durch ihren Haushofmeiſter Guernard, welcher eintrat und berichtete: Es ſei eine unmittelbare Geſandtſchaft des Königs von Frankreich im Schloſſe von Foix angekommen, und wuͤnſche der Graͤfin von Foir vorgeſtellt zu werden.— Die alte Graͤfin— ihrer Tochter, wie ſie glaubte, auch ſpaͤter noch ſicher— wendete ſich nach der Thuͤr, und man ſah in die⸗ ſem durch Rede und Plan zum erſten Male belebten blei⸗ chen Antlitze eine Abfertigung der koͤniglichen Geſandtſchaft aufſteigen, wie ſie Bonnivet ſicher nicht erwartet hatte. Bonnivet naͤmlich ſtand an der Spitze jener Geſandtſchaft. 221 Ehe die alte Dame indeß bis auf den Kreuzgang hinaus kam, trat ſchon wieder eine neue Botſchaft in's Zimmer, und zwar gebracht durch Florentin ſelber: Ein Abgeſandter des Koͤnigs von Frankreich bitte um Gehoͤr bei der Frau Graͤfin Frangoiſe von Chateaubriant— Er werde abgewieſen auf der Stelle! rief die Graͤfin von Foir, an der Thuͤr ſich umwendend— und ich begreife Euch nicht, Prieſter Florentin, daß Ihr da noch ein Ankuͤn⸗ digen erhebt, wo nur— In einer Viertelſtunde, Frau Graͤfin von Foix, werd' ich auf Schloß Foir Euch meine Rechtfertigung vorlegen; handelt nicht eilig mit der Geſandtſchaft des Koͤnigs, denn Euer Sohn Lautree, der eben an mich geſchrieben, bittet Euch dringend, dem Koͤnige dankbaren und freundlichen Sinn zu zeigen, wie ihm der Koͤnig ſeit Monaten einen freundlichen Sinn zeige, obwohl er ihm das ſchoͤnſte Heer und ſchoͤnſte Land nicht ohne Schuld verloren. Mein Sohn Lautrec moge ſorgen, daß er keiner Gunſt mehr beduͤrfe— ich erwarte, Prieſter, daß Du hier die Thuͤren ſchließeſt, und mir auf dem Fuße folgeſt. Dies ſagend ſchritt ſie den Kreuzgang hinauf, und ſah mit Erſtaunen, daß dieſer Vorderhof der Abtei von den Kloſterknechten geſchmuͤckt wurde, als bereite ſich eins der großen Kirchenfeſte vor. Schwere Teppiche hingen bereits von den Gallerieen der Kreuzgaͤnge, mit Baumzweigen wurde der Boden belegt, das große Eingangsthor war ge⸗ oͤffnet, und von ihm aus uͤber den erſten Hof bis zur mar⸗ mornen Freitreppe, welche nach dem Kapitelſaale der Abtei im Mittelgebaͤude fuͤhrte, und die Freitreppe ſelbſt hinauf lag ein Fußteppich, als ob der Erzbiſchof erwartet wuͤrde. Ja hinter den großen Fenſterthuͤren des Kapitelſaales, welche auf die Freitreppe und den Vorderhof gingen, glaubte ſie den Abt ſelbſt in großem Ornate einherſchreiten zu ſehn mit einem weltlich gekleideten Manne, den ſie nicht erkennen konnte hinter dem vorſchreitenden ſtattlichen Leibe des Abtes. Es befiel die alte tapfre Frau eine ihr unge⸗ woͤhnliche Angſt, die Angſt des Alters, die Angſt der Unzu⸗ laͤnglichkeit fuͤr geheimnißvolle Angriffe, welche undeutlich, unkenntlich fuͤr altersſchwache Kraͤfte von allen Seiten auf ſie eindraͤngen; ſie hatte keine klare Vorſtellung von dem was drohte, ſie empfand nur bis in's Innerſte die Drohung, und ſie war zu ſtolz und zu eilig, um bei Nebenperſonen nach den Urſachen ſolcher Vorbereitung zu fragen. Ein Vorgefuͤhl ſagte ihr, als Herrin des Landes werde ſie auf ihrem Schloſſe den officiellen Zuſammenhang erfahren, und als Herrin befehlend daruͤber entſcheiden muͤſſen. Aber auch Florentin fuͤhlte ſich gedraͤngt und uͤbereilt, und zwar durch die Graͤfin von Foix, von welcher er ſtoͤren⸗ den Einſpruch befuͤrchtete in das, was ſich vorbereitete, ei⸗ nen Einſpruch, den er beſchwichtigen zu koͤnnen hoffte durch perſoͤnliche Ueberredung. Deshalb ſprach er nur mit hal⸗ ben und eiligen Worten zu Francoiſe: daß des Koͤnigs Vollmacht eingetroffen ſei, und daß ſie die kontraktliche Form derſelben ohne beſondere Pruͤfung hinnehmen dürfe, weil er ſelbſt den Inhalt genau vorher erwogen und aus⸗ bedungen habe. Francoiſe verſtand nichts von alle dem, als daß der Koͤnig ſende, und daß die Vollendung ihres Schickſals nahe ſei. Florentin, der ein liebendes Weib am Ende doch nur nach gemeinen Verhaͤltniſſen berechnete, weil ſein Herz oder ſeine Erfahrung nichts Hoͤheres kannte, Florentin konnte nicht vorausſehn, daß er all ſeine Vorſorge und all ſeine Eroberung fuͤr das weltliche Wohlergehn Francoiſens auf's Spiel ſetze, wenn er nicht zugegen und thaͤtig oder im Nothfalle hinderlich ſei bei Ueberreichung des ſo muͤhſam vorbereiteten Kontrakts. Er hielt ſich alſo nicht auf, ſondern eilte nach dem Schloſſe, wo er ſeine Naͤhe fuͤr die ſtoͤrrige alte Dame noͤthiger glaubte. So verließ er Frangoiſe in dem Augenblicke, da der Abt bei ihr eintrat, um ſie abzuholen nach dem Kapitelſaale. Denn dort ſollte ihr die Botſchaft des Koͤnigs uͤberreicht werden. Chabot de Brion und einige Ritter des Koͤnigs harrten ihrer dort, und der erſtere, dem eine leichte Melancholie Auge und Stirn zu verſchleiern ſchien, naͤherte ſich ihr unter ehrerbietigeren Formen, als dies fruͤher geſchehen war, und entledigte ſich unter einer gewiſſen Feierlichkeit des Auftrages, mit welchem ihn der Koͤnig betraut habe. Es hielt die Rede, welche er vortrug, und welche genau vorge⸗ ſchrieben zu ſein ſchien, mit großer Feinheit die Mitte zwi⸗ ſchen einer formellen Brautwerbung und einer ſchmeichel⸗ haften Einladung, an's Hoflager des Koͤnigs zuruͤckzukeh⸗ ren, des Koͤnigs— und dies war unumwunden ausgeſpro⸗ chen— der ſie liebe, und der ihr die Ehren zu erweiſen wuͤnſche, welche ſein Herz und ihr hoher Werth ihn draͤng⸗ ten, der Dame ſeines Herzens und der ſchoͤnſten wie begab⸗ teſten Frau des Koͤnigreichs zu erweiſen. Dies Dokument — ſetzte er hinzu, indem er ihr eine zuſammengefaltete Schrift uͤberreichte— ſichert Euch, gnaͤdigſte Frau, die Zukunft auch fur den unwahrſcheinlichen Fall, daß weltliche oder kirchliche Hinderniſſe ſich unuͤberſteiglich zeigen ſollten. Frangoiſe entfaltete das Papier und las. Eine hohe Roͤthe ſtieg auf ihr Antlitz, und als ſie kaum die Haͤlfte der Schrift durchflogen, ſah ſie davon auf, und rief: Wer hat die Schrift verfaßt? Eure beſten Freunde, erwiderte haſtig der Abt, der die ſichtbare Unzufriedenheit der Dame einer Urſache zuſchrieb, welche der wirklichen Urſache ganz entgegengeſetzt war— und Ihr mogt ſicher ſein, daß alle moͤglichen Wechſelfaͤlle der irdiſchen Welt und Gunſt darin zu Eurem Vortheile reiflich vorgeſehn und bedacht ſind. Dann bin ich ſehr zu beklagen, daß meine beſten Freunde ſo unwuͤrdig für mich geſorgt. Aber ich habe Gott ſei Dank einen Freund, der alle uͤberragt: es iſt der Koͤ⸗ nig; zwiſchen ihm und mir bedarf's keines Vertrags uͤber die Sorgen meiner ſonſtigen Freunde, und ich genieße be⸗ reits einer Gunſt ind eines Vortheils, die keines Vertrags bedarf: ich liebe de Koͤnig, Bei dieſen Worten faßte ſie das Dokument mit beiden Haͤnden, und ehe der Abt, deſſen ſchweres Verſtaͤndniß nicht zeitig genug den Ausgang vorherſah, ihr mit einem Schre⸗ ckensrufe in den Arm fallen konnte, hatte ſie die Schrift zerriſſen. In dieſem entſcheidenden Augenblicke wurde aber auch alle Aufmerkſamkeit von außen her in Anſpruch genommen: die Glocken der Abtei erklangen mit einem Male alleſammt, und ein volles Trompetengeſchmetter drang durch den Haupteingang der Abtei, einem gewoͤlbten Thore, welches — — 225 den geoͤffneten Glasthuͤren des Kapitelſaales gerade gegen⸗ über lag. Alle Blicke richteten ſich dahin, und man ſah eine Schaar Trabanten in den Hof einreiten, welche auf hohen Pferden die Trompeten blieſen, daß es in dem von offenen Kreuzgaͤngen eingeſchloſſenen Hofe ſchallte wie der Ruf zum juͤngſten Gerichte. Ihnen folgten Herolde mit himmelblauen Wappenroͤcken, von denen die goldnen Lilien blitzten, und hinter den Herolden hoch auf ſchwarzem Roſſe erſchien bluͤhenden Ausſehns und praͤchtiger Miene der Koͤnig Franz, dem ſo viel ſtattliche Reiter folgten, daß der Hof, bis an die Freitreppe mit berittenen Noſſen erfuͤllt, ſie nicht faſſen konnte. Francoiſe ſah ahnungsvoll von der Mitte des Saales hinab, als die blaſenden Trabanten er⸗ ſchienen, und bemerkte es nicht, daß durch alle Thuͤren des Kapitelſaales die Praͤlaten eintraten und rings den Raum erfuͤllten einfarbig aber praͤchtig mit ihren violetten Tala⸗ ren, ſie ſah aber mit ſteigender Spannung die Herolde mit den wohlbekannten Wappenzeichen einreiten, ſie erzitterte vor Freude, als, nachdem ſich dieſe Vorreiter ſeitwaͤrts an den Bogen der Kreuzgaͤnge geordnet, das glaͤnzende ſchwarze Roß im Thorgewoͤlbe ſichtbar wurde— er iſt's! er iſt's! mein Koͤnig Frangois! rief ſie jubelnd und eilte bis an die Glasthuͤren der Freitreppe. Dort blieb ſie einen Augenblick bebend, wie uͤberwaͤltigt von Freude ſtehen; der Koͤnig ſah ſte, er winkte ihr mit beiden Haͤnden, ſprang vom Roſſe und eilte die Treppe herauf. Sie aber, hingegeben an Gluͤck und Freude, breitete die Arme aus, flog ihm entgegen und ſank vor Aller Augen auf dem Balkon der Treppe in ſeine Arme. Die Trompeten ſchmetterten, die Glocken laͤu⸗ Laube, Chateaubriant. I. 5 15 226 teten, und die zahlreichen Begleiter, welche hinter dem Koͤ⸗ nige einritten, ſchwenkten ihre Barets und riefen froͤhliche Worte dazu. Sogar Jacques, der Rabe, welcher auf dem Kreuzgang⸗Bogen des erſten Stocks geſeſſen, und durch den ploͤtzlichen Laͤrm aufgeſtoͤrt war, flog kreiſend uͤber den Rei⸗ tern und dem ſchoͤnen Paare im Hofe umher, und ſchrie heftiger als jemals„François! Frangois!“ Der Koͤnig fuͤhrte Francoiſe in den Saal, und machte dem ſich zum Reden anſchickenden Abte eine freundliche Handbewegung, die entweder ausdruͤckte, es ſei die Foͤrm⸗ lichkeit nicht noͤthig, oder er moͤge warten, bis der Laͤrm ſich gelegt. Der Abt, einigermaßen in ſeiner Faſſung geſtoͤrt dadurch, folgte dem eintretenden Paare auf dem Fuße, und bemerkte, daß der Koͤnig gerade den Pergamentſtuͤcken zu⸗ ſchritt, welche am Boden lagen, und welche Ordnung und Sauberkeit des Raumes beleidigten. Er machte alſo eine Anſtrengung, dem Paare voraus zu kommen, und die Fetzen zu beſeitigen. Di ging nicht von ſtatten, ohne daß der Koͤnig, welcher die Verſammlung der Praͤlaten gruͤßte, es bemerkt haͤtte, und ſich ein Wenig niederbeugend zu dem mühſam beſchaͤftigten Abte fragte er denn haſtig„Was iſt?“ Ehe aber der Abt ſo viel Haltung und Athem gewinnen fonnte, ausfuͤhrlich zu antworten und die entgegen geſtreck⸗ ten Pergamentſtreifen zu erklaͤren, hatte Francoiſe ſchon den Koͤnig auf ihre Seite gezogen, und es war von der Frei⸗ treppe herauf Bonnivet in groͤßter Haſt und ſehr erhitzt ein⸗ getreten, und hatte dem Koͤnig leiſe, aber lebhaft etwas mitgetheilt. Dieſe Mittheilung ſchloß mit den Worten: zoͤgert nicht, Sire, da kommt der Zelter! 227 Dies war das Pferd, welches Frangoiſe mit dem Koͤ⸗ nige hinwegfuͤhren ſollte: kaum aber hatte er ſie darauf gehoben und mit einem leichten Purpurmantel, der auf dem Pferde bereit gelegen, ihre Geſtalt von der Huͤfte an eingehuͤllt, ſo erſchien, wie Bonnivet voraus verkuͤndigt, die alte Graͤfin von Foir. In jaͤher Haſt ſchritt ſie auf dem Teppich uͤber den Hof der Abtei und richtete ihren Gang gerad' auf den Koͤnig los. Dieſer ſtieg eben an der Frei⸗ treppe auf ſein Pferd— Halt, rief die Graͤfin, und trat auf die erſten Stufen der Treppe, als wollte ſie ſo hoch ſein wie er, und ſtreckte den langen magern Arm nach ihm aus, als wollte ſie ihn greifen und halten— hierher ſieh, Franz von Valois, und gieb Rechenſchaft— Bonnivet, welcher dies vorher geſehn, war unmittel⸗ bar vom Koͤnige zu den Trabanten geeilt, und hatte ihnen befohlen, zu blaſen Fanfare auf Fanfare, daß kein menſch⸗ licher Ton hoͤrbar bliebe auf dem Hofe der Abtei. Bei jenen Worten der alten Graͤfin ſetzten ſie dies in's Werk, und umſonſt erhob nun die alte Frau ihre Stimme aus Leibeskraͤften, man ſah nur mit Entſetzen, daß ſie ſprach, und ahnete, daß es ein Fluch ſein moͤge gegen ihr Kind und gegen den Koͤnig, die unbekuͤmmert darum unter dem ſchmetternden Trompetenſchalle hinausritten aus der Abtei. Als ihre Geſtalten unter dem Thorwege verſchwanden, ſturzte die alte Graͤfin auf der Freitreppe zu Boden vom Schlage geruͤhrt um Zorn, Unmacht und Verzweiflung. Die Glocken laͤuteten ununterbrochen weiter, und hoͤrten erſt auf, als der konigliche Zug uͤber die Arriegebruͤcke ge⸗ zogen, und jenſeits derſelben hinter der Hoͤhe verſchwunden 15 228 war. Als man ſchon keinen Reiter mehr erblicken konnte, da ſah man noch den Raben, welcher hoch in der Luft den Zug begleitete.. Im Sommer 1524 hatte ein ſchweres Gewitter das Schloß Chateaubriant rundum eingehuͤllt wie in einen ſchwarzen Mantel. Es war gegen Abend, und die dichten, tief herabhaͤngenden Wolken brachten eine graue Finſterniß hervor, die viel unheimlicher wirkte, als die Finſterniß der Nacht. Der Donner grollte ununterbrochen rings um das Schloß, und einzelne heftige Schlaͤge, von breiten Blitzen begleitet, zeigten an, es ſtehe ein furchtbarer Ausbruch des Wetters unmittelbar bevor, um ſo furchtbarer, da kein Tropfen Regen die Wolken erleichterte. In alſo drohender Stunde ſaß der Graf Chateaubriant in dem alten Thurmſchloſſe, welches durch die fruͤher be⸗ ſchriebene ſchmale Bruͤcke mit dem neuen Schloſſe verbun⸗ den war. Dieſe Bruͤcke fuͤhrte unmittelbar in das Mittel⸗ geſchoß des Thurmes, welches einen einzigen Saal bildete, und die Thuͤr an der Bruͤcke war der einzig gangbare Ein⸗ tritt zu dieſem jetzt ſo düͤſteren Raume. In fruͤherer Zeit war eine der Bruͤckenpforte gegenuͤberliegende Thuͤr der Ein⸗ und Ausgang dieſes Saales geweſen und hatte einige Stufen abwaͤrts zu niedrigen Gebaͤnden geführt, welche ſich von der Weſtſeite an den Thurm anlehnten. Aber ſeit Er⸗ bauung des neuen Schloſſes hatte man dieſe Gebaͤude, mit 229 Ausnahme der Staͤlle, verfallen laſſen und die Thuͤr war vermauert worden. Der Thurm ſelbſt beſtand aus drei Etagen, welche immer durch verkleidete Treppen von ge⸗ ſchwaͤrztem Eichenholze mit einander verbunden waren. Fallthuͤren am Gipfel dieſer Treppen ſchieden oder ver⸗ banden, je nachdem man ſie oͤffnete oder ſchloß, die drei Stockwerke. Das unterſte, etwa zehn Ellen uͤber dem Waſ⸗ ſerſpiegel der Chere, welche den Thurm von der Oſt⸗ und Nordſeite beſpuͤlte, war das duͤſterſte, denn es hatte nur kleine Fenſter und dieſe waren mit Eiſenſtaͤben vergittert. Graf Chateaubriant hatte es zu ſeinem Schlafzimmer er⸗ waͤhlt, ſeit die Graͤfin ihn verlaſſen hatte. Das neue, ſchoͤne Schloß war ihm von da an verleidet und das Thurmzimmer im Mittelſtocke war ſeit der Zeit ſein Wohnzimmer gewor⸗ den. Im dritten Stocke hatte er ſein einziges Kind, die kleine Conſtance mit Louiſon, welche damals von Blois nach Chateaubriant heimgekehrt war, als die Graͤfin ſich nach den Pyrenaͤen begeben hatte, wohnhaft eingerichtet. Er wollte das Kind nicht nur vor jeder moͤglichen Entfuͤhrung Seitens der Mutter, welche es zu wiederholten Malen ver⸗ langt hatte, ſicher ſtellen, ſondern er wollte es auch in ſeiner unmittelbaren Naͤhe wiſſen, denn er liebte es ſehr. Louiſon war ihm durch die damalige Ruͤckkehr aus Blois und durch ihre Aeußerungen nach der Ruͤckkehr werth geworden. Er wußte nicht, daß ſie der Graͤin viel mehr anhing als ihm, und daß ſie bei der Heimkehr nur darum ſtrenges Urtheil uͤber die Graͤfin geaͤußert hatte, um den Grafen und die Naͤhe des Kindes zu gewinnen. Aber obwohl er dies und ihre Abſicht, bei erſter guter Gelegenheit das Kind der 230 Mutter zuzufuͤhren, nicht kannte, ſo hielt er doch an der Vorſicht feſt, ſie und Conſtance nicht ohne ſeine Begleitung aus dem Thurme zu laſſen. Wenn er allein hinausging, ſo ſchloß er ſtets die Bruͤckenpforte, und vertraute den Schluͤſſel nur dann, wenn er eine laͤngere Abweſenheit vor⸗ hatte, einem erprobten Diener. In den erſten Monaten verließ er den Thurm gar nicht, weil ihn die Untreue Bap⸗ tiſte's mißtrauiſch gemacht hatte gegen Jedermann. Erſt als Baptiſte zuruͤckgekehrt war— denn er hatte ſich in Foix dem koͤniglichen Zuge und ſeiner Herrin wieder angeſchloſ⸗ ſen und hatte es von Fontainebleau aus auf Gefahr ſeines Lebens, ſeiner Herrin zu Liebe und zur Vereinigung mit Louiſon gewagt, ſich auf Chateaubriant einzuſtellen— erſt als dieſer verwegene Schritt Baptiſte's ihn uͤber Diener⸗ treue wieder in etwas beruhigt hatte, vertraute er einem alten Diener, deſſen Vorfahren den Chateaubriant'’s ge⸗ dient, ſo weit man ſich der Chateaubriant's erinnerte, den Schluͤſſel zur Bruͤckenpforte fuͤr den Fall, daß er uͤber Nacht ausbleiben koͤnnte. Ungluͤcklicher Graf! Eine einfache, be⸗ ſchraͤnkte Dame haͤtte ihm all das Gluͤck eines Ehelebens bieten koͤnnen, deſſen er beduͤrftig war. Die Vorzuͤge Fran⸗ coiſens, vollkommen uͤberfluͤſſig fuͤr ihn, ſtuͤrzten ihn nicht nur in eheliches Ungluͤck, ſondern verwirrten ihm auch alle uͤbrigen Grundbedingungen eines geſicherten Lebens. Er hielt es nicht fuͤr moͤglich, daß dieſer Baptiſte durch die Heimkehr ſein Leben einſetzen koͤnne fuͤr etwas anderes als fuͤr die das Gewiſſen beſtimmende Dienerpflicht, er glaubte den Verſicherungen des alten Lebensgenoſſen, daß er es fuͤr Schuldigkeit eines Chateaubriant'ſchen Dieners gehalten, — die Graͤfin Chateaubriant nicht mutterſeelen allein in der Fremde zu laſſen, und daß er bei ihr geblieben ſei, weil ſie geſagt, der Herr habe es befohlen. Erſt in Fontainebleau ſei er unſicher geworden, denn dort habe er zum erſten Male gehoͤrt, die Frau Graͤfin wolle gar nicht mehr Graͤfin Cha⸗ teaubriant heißen, und da habe er ſich ein Herz gefaßt, heimzureiten und bei ſeinem Herrn anzufragen, wie er ſich zu verhalten habe. Graf Chateaubriant glaubte dieſen Verſicherungen auch darum, weil er Baptiſte immer brav und beſonders immer einfach, keiner beſonderen Klugheit faͤhig geſehen hatte, er glaubte ihm und ließ ihm nur die ordinaͤre Peitſchenſtrafe, die Strafe fuͤr eine alltaͤgige Un⸗ geſchicklichkeit zukommen,— aber er war in ſeiner Herren⸗ ſicherheit doch erſchuͤttert durch das Betragen dieſes Dieners. Kurz, der arme Graf fhlte ſich uͤberall in Rand und Band des Lebens gelockert, und er muß deshalb nachſichtiger be⸗ urtheilt werden, wenn er im Verlauf der Dinge immer grimmiger und uͤbergreifender ſich geberdet. Er ſaß waͤhrend des grollenden Wetters im Mittel⸗ ſaale des Thurmes und ſpielte mit den Locken ſeiner Toch⸗ ter, die ſich ihm auf den Knieen ſchaukelte und ſich immer enger an ihn ſchmiegte, in je tieferes Dunkel der weite, oͤde Raum gehuͤllt wurde, von deſſen dicken Waͤnden lebens⸗ große, aͤußerſt groͤblich gemalte Bildniſſe der verſtorbenen Grafen Chateaubriant geſpenſtiſch herabſtarrten. Der Stammvater des Hauſes beſonders, welcher dem Stuhle des Grafen gegenüuͤber hing und wahrſcheinlich nur nach der Phantaſie der genealogiſchen Vollſtaͤndigkeit zu Liebe gemalt war, hatte bei der dunklen, gewitterhaften Beleuch⸗ tung ein entſetzliches Anſehn durch ein Paar Augen, welche wie Raͤder rund aus der Hoͤhe herabſtarrten. Dieſer Mann, welcher ſich an ſeinem Kinde letzen wollte, aber offenbar zerſtreut und mit ſeinen Gedanken anderswo beſchaͤftigt war, mochte ſehr unglücklich ſein. Wer mag entſcheiden was am ſchmerzhafteſten in ihm fraß! Ob der eigenthuͤmliche Grad von Neigung, welchen er doch fuͤr ſeine ſchoͤne Frau gehegt und welcher ſich verworfen ſah; ob der beleidigte Mannesſtolz, der ſich bei oͤffentlicher Weibesuntreue rieſengroß und ſchmerzhaft in dem Manne zu erheben pflegt; ob der Stolz des Edelmannes, der ſeine Hausehre preisgegeben ſah? Wenn alles das zuſammen ihn peinigte, jetzt war eine ſehnſuͤchtige Wehmuth vorherr⸗ ſchend: ſein trauriges Auge druͤckte den Wunſch aus, der Gattin vergeben, ſie wieder aufnehmen, ihr ein Loos berei⸗ ten zu koͤnnen, welches ſanfter und lieblicher wäͤre, als ſie es vor der Entfernung vom Schloſſe Chateaubriant erfah⸗ ren hatte. Da oͤffnete Gillover, der eisgraue Diener des Hauſes, welchem der Graf die beſondere Wacht des Thurmes uͤber⸗ tragen hatte, die Bruͤckenpforte und ließ einen Fremden eintreten, der hoͤflich gruͤßend auf den Grafen zuſchritt. Dieſer erkannte in dem beſtaubten, uͤbrigens fein gekleide⸗ ten Manne, ſchmalen, geſunden Angeſichtes erſt am Tone der Stimme ſeinen Freund Brezé, den Seneſchal der Nor⸗ mandie.„Wißt Ihr, was in der Welt vorgeht?“ fragte dieſer nach den erſten Begruͤßungen. Nichts weiß ich ſeit faſt einem halben Jahre, erwiderte der Graf. Seit drei Monaten peinigt mich eine Melan⸗ cholie, die Gott weiß woher kommt gehalten hat in dieſem Zimmer, fern den ich haͤtte fragen koͤnnen nach der Welt. her geſchehen war, hatte ſeinen Weg noch in die ſtille Bretagne. Erzäͤhlt mir, wenn's was Troͤſtliches iſt, und verſchweigt mir das Schlimme, ich bin jetzt klaͤglich wie ein Weib fuͤr alle ſchreckhaften Eindruͤcke. „Troͤſtlich iſt's freilich nicht, Leidensgenoſſe.“ Leidens⸗ genoſſe? Iſt Diana von Breze—„Wir ſprechen ſpaͤter von den Weibern!“ Iſt Euer Schwiegervater frei oder todt? „Weder frei noch todt. Davon ſpaͤter! Gluͤck hat's nirgends gegeben, auch fuͤr Frankreich nicht. Vielleicht er⸗ freut's Euch aber doch, daß unſer Aller Freund Bonnivet die Schuld traͤgt am neuen Landesunglucke, und Lautrec's Scharte ausgewetzt hat durch groͤßere Scharte. Der Koͤnig, den Gott erleuchten moͤge uͤber ſeine Lieblinge alltaͤglicher Herkunft, hatte ihn dieſes Frühjahr an die Spitze der neu errichteten Armee von Italien geſtellt, und Bonnivet hat dieſe neue Armee wie ein Schuͤler verloren. Nicht etwa in einer tapfern Schlacht, nein, auf Ruͤckzuͤgen und Ruͤckzuͤgen, und an der Seſia hat er die Blume unſerer Ritterſchaft dem Verderben ausgeſetzt”“— Bayart? 3 „Bayart ſelbſt, der Ritter ohne Furcht und Tadel, lebt nicht mehr. Nachdem er wie ein Lowe den uͤber den Fluß ang aufgehalten, hat ihm r Buͤchſe den Ruͤckgrat zerſchmettert. ich bin todt! hat er gerufen, hat das „ und die mich daheim von jedem Edelmanne, Und was vor⸗ nicht gefunden nachdringenden Feind eine Zeitl die Steinkugel eine Jeſus, mein Gott, ——— Kreuz ſeines Degens gekuͤßt und ſich unter einen Baum ſetzen laſſen, das Antlitz gegen den Feind zugekehrt, denn auch im Tode ſollte der Feind ſeinen Ruͤcken nicht ſehen. Und Bourbon iſt der erſte geweſen, der in der Begierde Bonnivet zu fahen, bis an den Baum gekommen iſt. Ach Herr von Bayart, hat er ausgerufen, wie jammert's mich, Euch ſo zu ſehen, Ihr, der Ihr ein ſo muſterhafter Ritter wart!— Mein Herr, hat Bayart erwidert, uͤber mich iſt nicht zu jammern, denn ich ſterbe in Ehren, aber mich jam⸗ mert Eurer, den ich fechten ſehe gegen ſeinen Fuͤrſten, gegen ſein Vaterland und gegen ſeinen Schwur!— So iſt er geſtorben unter den Wehklagen der Feinde Frankreichs, die ihn liebten wie wir ob ſeiner Tugenden.“ Es ſterben alle Tugenden in dieſem Lande, Brezé! „O es iſt eine grenzenloſe Klage uͤber das ganze Land ausgebrochen, als man Herrn Bayart's Leiche uͤber die Alpen gebracht hat in ſeine Heimath, das Dauphiné. Einen Monat lang iſt jegliches Spiel und jeder heitere Zeitver⸗ treib von ſelbſt unterblieben, und alle Welt ſagt, es bedeute dieſer Tod dem Lande ſchweres Unheil.“ Er bedeutet, was ſchon iſt: die Rittertugend geht zu Grabe, des Koͤnigs Laune erhebt ſich uͤber Brauch und Ge⸗ ſetz, und die Emporkoͤmmlinge, die Menſchen der Gunſt, ſtrecken ihre ſchmutzigen Haͤnde aus uͤber die Seigneurs des Landes. Und Ihr ſpracht mir noch in Blois von einem großen Frankreich, das ſich bilden werde! Ein Frankreich der Avantuͤriers, ein Schattenſpiel weniger Jahre! „Leider ſcheint Ihr Recht zu behalten; Bourbon iſt mit den Spaniern und Italienern durch die Corniche herab uͤber den Var gegangen, in die Provence eingedrungen und geht gerades Weges auf Lyon. Dort, fuͤrchtet man, werden alle Seigneurs aus Bourbonnais, Auvergne, Forez, ſelbſt Languedoc ihm zufallen, und die Mehrzahl des Adels aus den uͤbrigen Provinzen wird ihm förderlich ſein zum Sturze des Koͤnigs, dem Bonnivet das letzte und einzige Heer ver⸗ loren. So ſoll der Plan, um deß willen Bourbon fluͤchtig geworden, mit reißender Schnelligkeit ſich verwirklichen und Frankreich getheilt werden unter England, Spanien und Bourbon. Wir im Norden kämen an England“— Und dieſe Nachrichten nennt Ihr nicht troͤſtlich, de Brezé? rief Chateaubriant und ſprang vom Seſſel auf. „Nein, Chateaubriant.“ 3 Willkommen ſei mir der Tag der Nache gegen dieſen frechen Valois! „Vielleicht bedarf ich in Kurzem der Rache eben ſo gegen ihn, und dennoch“— Was iſt mit Diana von Brezé? „Sie iſt wie Frangoiſe von Chateaubriant gegen mei⸗ nen Willen nach Fontainebleau gereiſ't.“ Auch vernarrt in den Mann mit der großen Naſe? Sie wird mir zu meiner Frau verhelfen, und eine Dritte wird dann die Eure wieder nach der Normandie bringen, denn der Sultan von Frankreich liebt zum Troſte fuͤr die Seigneurs den Wechſel! „Ich hoffe, Ihr uͤbertreibt. Diana will ihren Vater befreien, der noch immer unter dem aufgehobenen Schwerte im Louvrethurme ſchmachtet. Das Fuͤrwort der Graͤfin 236 Chateaubriant hat ihm die Strafe aufgeſchoben, aber nicht aufgehoben.“ Kluger Valois, der gewußt hat, mit der Gnade ein⸗ traͤglichen Handel zu treiben; ſo hat er doch fuͤr die ſchoͤne Diana auch noch einen Preis! „Um dies zu verhindern will ich ſelbſt an den Hof, und da dort die Umſtaͤnde ſo peinlich geworden ſind, hab' ich Euch vorſchlagen wollen, mich zu begleiten.“ Ich, nach Fontainebleau—? „Hoͤrt mich zu Ende. Die Noth dort iſt nicht allein um des vordringenden Bourbon halber groß, es draͤngen noch andere Ereigniſſe; die Koͤnigin Claude liegt in den letzten Zuͤgen.“ 1 Todt?! „So gut wie todt. Den Phantaſieen des Koͤnigs iſt nichts mehr im Wege, und da ein Kampf auf Leben und Tod bevorſteht, in welchem der Koͤnig ſelbſt das Schwert ziehen muß, ſo koͤnnt Ihr ermeſſen, wie die uͤblen Rathgeber der Graͤfin, die Budé und Florentin und Conſorten, den Koͤnig mit Zumuthungen beſtuͤrmen. Er ſoll ſie, da eine Scheidung jetzt ſchwer zu erlangen iſt, ſo lange der Papſt mit dem Spanier verbuͤndet bleibt, zur Regentin des Reichs ernennen waͤhrend ſeiner Abweſenheit, ſolcherweiſe voraus verkuͤndigend, was ſich ereignen werde nach Erlangung des Scheideconſenſes und nach Verlauf des Trauerjahres. Ihr ſeht, nach dem Tode der Koͤnigin ſteht Alles auf dem Spiele, und jetzt oder nie muß gehandelt werden, wenn Ihr Euer Weib nicht fuͤr immer aufgeben wollt. Und mich duͤnkt, Eurem Charakter nach muͤſſe es Euch widerwaͤrtiger 237 ſein, ſie als Koͤnigin von Frankreich denn als reuige Graͤfin Chateaubriant zu ſehen.“ So iſt's. O, Breze, ich ſchaͤme mich meiner Schwaͤche, ich liebe mein Weib noch, auch da ſie ſich und mich entehrt⸗ hat, und mein Herz iſt ſo ſchwach, daß es noch immer auf ein duͤrftiges, wenn auch ein ganz duͤrftiges Familieuglüͤck hoffen will;— es iſt ſchmachvoll! „Wir brauchen unſere Weiber fuͤr's Haus und fuͤr die Ehre, wir koͤnnen nicht gegen das Schickſal.“ Nein, Breze, ich werde meiner Herr werden, ich habe mir eine Grenze geſteckt, ich habe mir geſchworen und ich wiederhole dieſen Schwur bei Gottes Blitzen, die meine Ahnenbilder beleuchten: wenn mein Weib noch einmal die Hand zuruͤckweiſ't, die ich ihr noch einmal biete, dann laß ich Gericht halten uͤber ſie, wie die Bretonen gethan in grauer Vorzeit gegen die Chebrecherinnen, und laſſe ſie toͤdten von der Hand meiner Knechte, ſo mir Gott helfe! Es war unterdeß immer finſterer geworden, und bei den letzten Worten Chateaubriant's krachte Donner und Blitz zuſammen uͤber dem Schloſſe, daß alles Bewegliche erbebte und die kleine Conſtance ſchreiend ſich an den Vater klammerte, der ſelbſt todtenbleich geworden war. Denn vor ſeinen Augen hatte ſich im grellen Lichte des Blitzes das Bild des aͤlteſten Ahnherrn an der Wand bewegt und es ſtuͤrzte jetzt praſſelnd vor ihm auf den Boden. In dem⸗ ſelben Augenblicke oͤffnete Gillover die Bruͤckenpforte und führte im Scheine einer Kienfackel Baptiſte in's Gemach. Baptiſte trug einen Brief in der Hand und uberreichte ihn dem Grafen mit den Worten: Gnaͤdigſter Herr Graf, es iſt nicht meine Schuld, daß die Frau Graͤfin heimlicherweiſe dieſen Brief an mich ſendet, hier iſt er— Der Graf riß ihn auf, ohne auf das Siegel zu achten. Er enthielt die Nachricht, daß die alte Graͤfin Foir geſtor⸗ ben ſei, und Baptiſte um jeden Preis die kleine Conſtance nach Schloß Foir bringen und Margot uͤbergeben moͤge, die deſſen gewaͤrtig ſei. Schluß des erſten Bandes. Tnuuu 17 ſnffſiſnſſiiſſſſiſſſſſf 17 8 9 10 11 12 13 14 15 16