otl Aeih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. „2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entg egennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 2 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher. 6 Bücher: 4 A auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 30 Pf. 2 Mr.— Pf. J e 3 7„—„,„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 8 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 3 6. Solladenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeare Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. v— 2.4 7, Kleine 4 Nomane und Erzahlungen. von Langbein. 3 A. F. E. Erſtes Baͤndehen. Berlin in der Schuͤppelſchen Buhandts 1812 — Inhal e. 4 Seite. I. Der luſtige Tiſchrath... 3 II. Die Lehrſtunde.... 51 1 III. Die Mäuſefalle. 74 IV. Das Geſtift der frommen Bertha 85 V. Der unverſöhnliche.... 152 VI. Der Heirathsvertrag.. 175 VII. Der kluge Mann... 201 VIII. Der Todte zu Roß—.. 259 IX. Das Roſenmädchen... 292 Kleine Romane und Erzaͤhlungen. Erſtes Baͤndchen. 111 1. 8 Der luſtige Tiſchrath. 1. In der guten Vorzeit, da die Menſchen † 4. noch froͤhlicher waren, als wir es jetzt, leider! ſeyn koͤnnen, gab es bekanntlich an den meiſten fuͤrſtlichen Hoͤfen Schalksnarren „ oder ſo genannte luſtige Tiſchraͤthe. Dieſe Sitte war in mancher Ruͤckſicht nicht ohne Nutzen, und mit Recht ſagt Logau zu ihrer Vertheidigung: — Ein Herr, der Narren hält, thut gar nicht übel dran, Weil, was kein Weiſer darf, ein Narr ihm ſagen kann. — 4 Der Herzog Hilarius von Granaten— wie wir ihn und ſein Land hier nennen wollen— war vielleicht in Deutſchland der letzte Fuͤrſt, der foͤrmliche Hofnarren im Sold hatte. Er konnte nicht ohne ſolche Luſtigmacher leben; ſie wurden aber in ſei⸗ nem Dienſte nicht alt. Es entlief oder ſtarb einer nach dem andern; und da ſich der⸗ gleichen Poſſenreißer von Handwerk, bey der ſteigenden Sittenverfeinerung, immer ſeltener machten, ſo war Hilarius ſehr be⸗ ſtuͤrzt, als ein kurzweiliger Rath, den er vor allen andern geliebt hatte, ploͤtzlich ſchlafen ging, ohne einen Nachfolger in ſei⸗ nem Amte zu hinterlaſſen. Der Herzog forderte ſeine Raͤthe zu⸗ ſammen, und verlangte von ihnen die An⸗ gabe eines wuͤrdigen Hauptes, auf das man die erledigte Schellenkappe wieder pflanzen koͤnnte. Aber die alten Peruͤcken verſicherten, ſie wuͤßten keinen Pickelhering aufzutraiben, — 5— . immaßen es ihnen an Bekanntſchaft mit der⸗ gleichen muthwilligen Perſonen gaͤnzlich er⸗ mangele. Das war freylich gegruͤndet; doch, haͤtten ſſe auch dem Herzog mit Rath und That an die Hand gehen koͤnnen, ſie wuͤrden es nicht gethan haben: denn ein Dorn in ihren Augen waren die vermaledeiten Tiſch⸗ raͤthe, die vor den hoͤchſten Staatsbeamten weder Furcht noch Scheu hatten, und den Herzog mit vielen Dingen, die er nicht — wiſſen ſollte, bekannt machten. Unzufrieden, daß ihm die Rathsverſamm⸗ lung keinen Troſt gab, war er eben im Begriff, ſie wieder aus einander gehen zu laſſen, als ein Hofdiener ein verſiegeltes Schreiben uͤberreichte. Hilarius erbrach es, und blickte hinein.„Hm! eine ſeltſame Erſcheinung!“ ſprach er:„Ich bekomme da einen Brief in Verſen, der alſo wahrſchein⸗ lich kein Geheimniß enthaͤlt. Nehmt ihn hin, Herr Kanzler, und leſet ihn lautl“ 5 — 6— Der Kanzler, ein abgeſagter Feind der Poeſte, zog mit verbiſſenem Unwillen die Brille aus der Taſche, und las: Durchlauchtigſter Herr, ich habe vernommen, Ihr ſeyd um Euren Narren gekommen. Der Klappermann hat in verwichener Nacht Dem armen Teufel das Garaus gemacht. Ach! ihn, der ſo luſtige Poſſen geriſſen, Was werdet Ihr ihn bey der Tafel vermiſſen! Wie Stroh wird Euch ſchmecken der zarte Faſan, Und der Wein wie ein Trunk aus dem Ocean. Drum müßt Ihr, um Euch nicht mit Grillen zu quälen, Stracks einen neuen Tiſchrath erwählen. Verleiht mir das Aemtchen! Es ſoll Euch nicht 4 reun; Ich will Euch mit herrlichen Schwänken erfreun. Mein Vater, ein ehrlicher Ludimagiſter, Erzog mich zu einem ſtockſteifen Philiſter: — 6— Sobald er mich ſpringen und kurzweilen ſah, Gleich war er mit ſeinem Schulzepter da. Ich ſollte mich immer als Sauertopf zeigen, Und gar einſt die Kanzel des Dorfes beſteigen: Allein, trotz allen Pedanten der Welt, Behält die Natur in dem Menſchen das Feld. Zwar zog ich nach Leipzig, um dort zu ſtudiren, Zahlt' auch den Profeſſorn ihre Gebühren, Doch hielt ich’s nicht lang' in den Hörſälen aus,— und wählte dafür das Komödienhaus. Da ſaß ich mit offnen Augen und Ohren, Es ging mir kein Wort, kein Geſichtszug verloren, Und mehr als die trockne Dogmatik gefier Mir ſonderlich Harlekins fröhliches Spiel. Ich jammerte laut, als den drolligen Buben Gottſched und die Neuberin förmlich be⸗ gruben.*) *) Auf den ſeichten Rath des Profeſſors Gottſched veranſtaltete die N. eeuberin, die damals einer Schau⸗ ſpielergeſellſchaft in Leipzig vorſtand, dieſe pedanti⸗ ſche Feverlichkeit im Jahre 1757. —ͤ Nun wurde mir Leipzig ein trauriger Ort, Ich machte des folgenden Tages mich fort; Doch thät ich zuvor in der Nacht mich erfrechen, Den Tod meines Lieblings am Mörder zu rächen: Sch. warf mit manchem gewaltigen Stein Dem düſtern Profeſſor die Fenſter ein. Seitdem durchvilgert⸗ ich Deutſchlands Pro⸗ vinzen, Erbot mich zu Dienſten bey Grafen und Prinzen; Allein mich floh das geflügelte Glück, Und überall wies man mich ſchnöde zurück. Je nun, ich werde mich drob nicht erhenken, Wenn Ihr geruht, Eure Gunſt mir zu ſchenken. Ernennt mich zu Eurem kurzweiligen Rath, Und rechnet auf Nutzen für Euch und den Staat! Nicht ſelbſt Narr, mach“ ich Jagd auf die Narren, Und auf die plumpen, zweybeinigen Farren, Die gegen die Söhne der Klugheit das Horn Der Dummheit aufwerfen, mit ſchnaubendem Zorn. Ich denke, dieß Kampfſpiel ſoll baß Euch ergetzen; Doch werd' ich die Wölfe des Landes auch hetzen, — 9— Die Placker des Volks, deren trotziger Schritt, Wie Gewürm, die Armen zu Boden tritt. Ihr ſollt, Herr, durch mich manches Schelmſtück erfahren, Das Andre vor Euch als Geheimniß bewahpen! Das Völklein der Hofſchranzen mummelt gar fein Die Wahrheit in Schleyer und Mäntelchen ein: Ich aber werde ſie nackend Euch zeigen, Und freymüthig reden, wenn Duckmäuſer ſchweigen. Ein plaudernder Hofnarr nutzt mehr, in der That, Als ein zur unzeit geheimer Rath! „Bey Gott! da hat er Recht!“ rief der Herzog mit einem ſchallenden Gelaͤchter, das den Naͤthen durch die Seele ging.„Wie heißt der ehrliche Kerl?“ „Peter Schoͤnbart hat er ſich unter⸗ ſchrieben,“ ſagte der Kanzler. „Er ſoll mein Hofnarr ſeyn!“ ſprach Hilarius, und klingelte. Schnell kam der Diener, der den Brief uͤberreicht hatte. Der Herzog fragte, wie er in ſeine Häͤnd⸗ ge⸗ kommen ſey. 7 — 10— 4* 4 f einen Fremden, der en. d Durch⸗ ucht Antwort im Vorſaal ermartet.⸗ „Laß ihn herein treten!“ 3 Da erſchien ein kleiner, dicker, ungefaͤhr vierzigjaͤhriger Mann. Er trug eins runde,. verwitterte Peruͤcke, ein ſchwarzes Kleid, und von gleicher Farbe einen kurzen Mantel, der ihm nur bis an die Kniee reichte.„Ich bin Peter Schoͤnbart,“ ſprach er mit Gra⸗ vitaͤt, und ſtrich, ohne ſich eben ſtark zu ver⸗ beugen, mit dem rechten Fuße weit hinter ſich aus. Der Herzog lachte uͤber die e Geſtalt. Die Naͤthe ſahen einander ernſt und ſchweigend an. „Du haſt wohl ein wenig den Sonnen⸗ ſchuß?“ fragte der Fuͤrſt. „Ey, ey!“ verſetzte Schoͤnbart:„Ihr haltet Euch alſo fuͤr eine Sonne?“ „Wer ſagt das?“ Ihr ſelbſt!— Ein Pferd, das lange in der Sonne ſteht, bekommt den Koller, — 11— den man den Sonnenſchuß nenniund ſo, denkt Ihr, mußt' es auch mir ergehen, ſo⸗ bald ich von Euch und Eurem Glanze be⸗ ſtrahlt wurde.“ „Dein Gleichniß hinkt. Biſt du ein Gaul?“ 3 40, ich finde mich ſehr geehrt, wenn Ihr mich nicht tiefer im Range ſtellt! Ich kenne große Herren, die jeden armen Schlucker fuͤr nichts weiter, als einen Hun d halten. 2 u nimmſt kein Blatt vor den Mund!“ „Das ſind auch verdammte Blaͤtter! Damit verdirbt man euch Fuͤrſten!“— Der Herzog, der in dieſem Wortgefechte nicht laͤnger den Kuͤrzern ziehen wollte, entließ die muͤrriſchen Beyſitzer, um Peters Beſtallung mit ihm allein abzumachen. Die RNaͤthe brachen mit Vergnuͤgen auf; denn das Geſpraͤch, das ſie anhoͤren mußten, war ihnen hoͤchſt aͤrgerlich. Auf der Schloßtreppe — — ſchuͤttelten ſie die großen Wollkenperuͤcken, und fluͤſterten einander zu:„Da hat uns der boͤſe Feind wieder eine rechte Neſſel in den Hofgarten gepflanzt!“— 2. Schhoͤnbart begnuͤgte ſich, ohne Widerſpruch, mit dem maͤßigen Jahrgehalte, den ihm der Herzog anbot; doch bedung er ſich, als Zugabe, eine taͤgliche Weinlieferung, die ſo anſehnlich war, daß Hilarius, daruͤber ſtaunend, ſie abſchlug.„Entweder— oder!“ ſagte Peter, und ſah ſich nach der Thuͤr um.„Glaubt ihr denn, ihr Großen, der Weinſtock wachſe bloß fuͤr Euch?— Ich pegehr' auch meinen Theil von der edlen Gottesgabe.“— „Du forderſt nur zu viel!“ verſetzte der Herzog.„Denn koͤnnte und wollte man — 13.— allen Wein, der auf Erden waͤchſt, unter das lebende Menſchengeſchlecht vertheilen, ſo kaͤme gewiß Tag fuͤr Tag auf deine Perſon nicht mehr als ein Stutzglaͤschen.“ „Das iſt moͤglich;“ ſprach Peter:„allein ich habe von hundert Bauern, von funfzig gemeinen Soldaten, von dreyßig Dorfſchul⸗ meiſtern, und von mehrern ſolchen Waſſer⸗ voͤgeln Eures Landes, Vollmacht erhalten, die ihnen gebuͤhrenden Weinportionen zu trinken.“ „Aber auf meine Kellerey,“ ſagte der Herzog,„konnten dich doch dieſe Leute nicht anweiſen.“ „Das thaten ſie allerdings!“ erwiederte Peter.„Sie ſagten einſtimmig: Ihr naͤh⸗ met den Wein, der ihnen von Rechts wegen gehoͤre, Jahr aus Jahr ein in Beſchlag.“— Lachend bewilligte der Herzog die For⸗ derung. Aber nun erhob ſich ein neuer Streit uͤber des Tiſchraths kuͤnftige Tracht. — 144— Hilarius verlangte: er ſolle, nach dem Bey⸗ ſpiel ſeiner Vorfahren, eine bunte, abenteuer⸗ liche Narrenjacke anlegen, und eine Schellen⸗ kappe mit Eſelsohren auf den Kopf ſetzen. Doch Peter verbat dieſes Schandzeichen der Dummheit, weil er, wie er ſagte, mit dem grauen Muͤllerthiere nicht im entfernteſten Grade verwandt ſey. Er beſtand darauf, ihm ſein bisheriges Gewand(das er von den vormaligen Meiſterſaͤngern und Spruch⸗ ſprechern in Nuͤrnberg entlehnt hatte) un⸗ angetaſtet zu laſſen; und der Herzog bequemte ſich auch zu dieſer Bedingung. Peter trat ſein Aemtchen an, gewann durch luſtige Einfaͤlle, die ſich uͤber die nie⸗ drige Poſſenreißerey gemeiner Stocknarren erhoben, die Gunſt ſeines Herrn, und war ehrlich genug, die Pfeile ſeines Witzes immer nach einem guten Ziele zu ſchießen. Nie verwundeten ſie den Buſen eines Bieder⸗ mannes; aber ſchwarze Herzen waren vor — 15— ihnen keinen Augenblick ſicher. Seine Poſſen hatten felten bloß die kahle Abſicht, zu be⸗ luſtigen und Lachen zu erregen. Es lag gemeiniglich eine ſcharfe Nuͤge, oder eine nuͤtzliche Lehre im Hinterhalte. Mit lachendem Munde war er ein ſtrenger Sittenrichter der Hoͤflinge und Raͤthe, die beyderſeits, von des Fuͤrſten blinder Nachſicht verzogen, mancher⸗ ley thaten, was nicht recht war. Von Schoͤnbarts Schwaͤnken dieſer Art ließe ſich ein dickes Buch ſchreiben; wir wollen hier aber nur einige Blaͤtter darauf verwenden. Peter war des Herzogs Schatten. Er begleitete ihn ſogar ins Conferenz⸗Zimmer, wo ſich die geheimen Naͤthe verſammelten. Man kann ſich vorſtellen, daß ihnen der ſchwarze Narr— ſo nannten ihn ſeine Haſſer— kein angenehmer Ohrenzeuge ihrer zum Theil argliſtigen und auf Eigennutz abzielenden Vortraͤge war. Doch was half's? Sie mußten ihn dulden. Einſt brachten ſie, in ſeiner Gegenwart, eine neue Auflage in Vorſchlag Sie war, wie damals gewoͤhnlich, bloß auf den Buͤrger⸗ und. Bauerſtand berechnet; der Adel ſollte davon befreyt bleiben. Der Herzog, im Ganzen kein ſchlimmer Regent, verweigerte ſeine Genehmigung, weil er dem ſchon genug Bedruͤckten Volke keine neue Laſt aufbuͤrden wollte. Doch die Herren Naͤthe ließen fort. 8 und fort friſche Huͤlfstruppen ſtaatswirth⸗ ſchaft⸗ — 17— ſchaftlicher Bewegungsgruͤnde anruͤcken; der Herzog ſtand im Begriff, ſich zu ergeben. Schoͤnbart war indeſſen an den Waͤnden herum geſchlichen, und hatte Fliegen ge⸗ haſcht, als ob er ſich um das, was an der gruͤnen Tafel vorging, nicht bekuͤmmere. Aber ſeine nicht muͤßigen Ohren erlauſchten jedes Wort, ungeachtet die Naͤthe, die immer unter den grauen Augenwimpern hervor nach ihm hin ſchielten, mit moͤglichſt ge⸗ daͤmpften Toͤnen ſprachen. Sie waren dieß⸗ mal ſehr zufrieden mit dem ſchwarzen Narren, weil er ſich nicht, wie er wohl ſonſt that, in die Sache miſchte; und ſchon glaubten ſie gewonnenes Spiel zu haben, als der Herzog die Feder ergriff, um den ihm vor⸗ gelegten Steuerplan durch ſeine Unterſchrift zu beſtaͤtigen. Aber jezt ſtimmte ploͤtzlich Herr Peter, ſeine Fliegenjagd fortſetzend, im tiefen Baßtone eines Kirchenſaͤngers, folgen⸗ des alte Volkslied an: 1 121 1 — 18— „Wo der Geyer auf dem Dache ſitzt, Da gedeihen die Küchlein ſelten. Es dünkt mich fürwahr ein Narrenſpiel, Wenn der Herr ſeinen Räthen gehorcht zu viel, Und der Unterthan muß es entgelten.“ Der Herzog legte horchend die Feder aus der Hand, und fragte am Ende:„Bin Ich damit gemeint?— „Nehmt's, wie Ihr wollt!“ antwortete Schoͤnbart, 3 „Ich befehle dir, Peter, dich deutlicher 8 zu erklaͤren!“ „Ach, ſprecht doch dort mit Euren Hochweisheiten! Ich habe ſchon wieder ver⸗ geſſen, was ich ſang, und denke jetzt an einen gewiſſen Bauer und ſein Pferd. Es war eine tragiſche Geſchichte.“ „Erzaͤhle ſie!“. „Ich ging einſt im Winter uͤber Land. Da begegnete mir ein Bauer, der einen duͤrren, mit vier großen, ſchweren Saͤcken —— — 19— beladenen Gaul am Zaume hinter ſich her ſchleppte. Ich beklagte das arme Thierz aber der rohe Kerl antwortete: dieſe Kreatur ſey geſchaffen, ihn zu ernaͤhren, und das gehe auch trefflich von Statten; er fuͤhre Tag fuͤr Tag anſehnliche Frachtladungen von einem Orte zum andern, und ſtehe ſich wohl dabey.— Aber, mein Freund, fiel ich ein, Ihr ſolltet doch das gute Thier, das Euch naͤhrt, dankbar und menſchlich behandeln; Ihr ſolltet es beſſer fuͤttern, und mehr ſcho⸗ nen: denn, vom Hunger entkraͤftet, muß es uͤber kurz oder lang unter ſolchen Kamehl⸗ buͤrden erliegen.— O, das hat keine Noth! ſagte der Klotz. Die Maͤhre gewöoͤhnt ſich taͤglich mehr an die ſchwere Arbeit, und ſie muß froh ſeyn, wenn ich ihr Heu und Haͤk⸗ kerling reiche.— Indem er ſo ſprach, ſchlug er das ungluͤckliche Pferd mit einem Zaun⸗ pfahle, um es zu einem ſchnellen Gange zu treiben. Angſtvoll und muͤhſelig trabt' es . — 20— einige Schritte; aber es ſtzauchelte bald, ſtuͤrzte einen mit Eis bedeckten Huͤgel hinab, die ungeheuern Saͤcke ſchoſſen ihm auf's Ge⸗ nick, und es verſchied vor meinen Augen.— Nun wollte ſich der Bauer die Haare ausraufen; aber ich beklagt' ihn nicht: er hatte ſich ſelbſt durch Geitz und Grauſamkeit um das nuͤtzliche Hausthier gebracht.“— „Ich verſtehe dich, ehrliche Haut!“ ſagte der Herzog, und ſchnell zerriß er den Steuerplan, warf die Stuͤcke unter ſeinen Seſſel, und gebot zornig den Naͤthen: ſie ſollten, ſo lang⸗ Er regiere, keine neue Volks⸗ ſteuer auf's Tapet bringen. 4 2 Der Oberjaͤgermeiſter des Herzogthums Granaten, ein rauher Weidmann, liebte die Hirſche und wilden Schweine mehr als die Menſchen. Jene hegt' und pftegt' er nach Noͤglichkeit, und dieſen fuhr er, wie ſelbſt ein grimmiger Eber, auf den Hals, wenn ſie uͤber unertraͤgliche Wildſchaͤden klagten. Die werthen Sauen wurden von ihrem Pa⸗ tron ſogar gegen den Landesherrn geſchuͤtzt, und waren ihm unverletzlich. Vergebens ging er bisweilen auf die Jagd, um einige Saatenverwuͤſter zu erlegen. Denn der Ober⸗Nimrod ließ ſie durch ſeine Unterge⸗ benen freundſchaftlich warnen, und aus den Gegenden, wo fuͤr ſie Gefahr zu beſorgen war, hinweg weiſen. Dieſer Vorſicht ungeachtet, gerieth einſt ein hauendes Schwein, das den Wink ſeines Goͤnners und Freundes entweder nicht ver⸗ ——— — 22— ſtanden oder nicht befolgt hatte, unter die herzoglichen Hunde, und ward von hoͤchſter Hand mit dem Fangeiſen getoͤdtet. Einige Tage ſpaͤter prangte ſein ſchwarz geſengter Kopf, mit Gold und Blumen geſchmuͤckt, auf der fuͤrſtlichen Tafel. Der Oberjaͤger⸗ meiſter, der eben bey Hofe ſpeiſ'te, betrach⸗ tete dieſes Schaugericht ſchweigend und finſter, und trocknete zuweilen ſeine von Na⸗ tur etwas thraͤnenden Augen. „Beſter Herr Oberjaͤgermeiſter,“ begann Schoͤnbart,„laßt Euch dieſes edlen Ebers Tod nicht zu ſehr zu Herzen gehn! Bedenkt, daß er eine zahlreiche und bluͤhende Nach⸗ kommenſchaft hinterließ, die eben ſo ruͤſtig, wie weiland er ſelbſt, die Aecker der Bauern bearbeitet, damit dieſes ungeſchlachte Volk durch geſegnete Ernten nicht ſtolz und uͤber⸗ muͤthig werde!— Doch will ich gar nicht tadeln, wenn Ihr, wegen des Euch betruͤ⸗ benden Todesfalles, Waldtrauer anlegt; und .* ³ ——— — 23— ich bin erboͤtig, Euch dazu auf acht bis vier⸗ zehn Tage meinen ſchwarzen Mantel zu leihen.“— Der Oberjaͤgermeiſter gab, nach ſeiner gewoͤhnlichen Art, einen Kernfluch zur Ant⸗ wort; der Herzog und ſeine Gaͤſte lachten; uͤbrigens aber blieb der Scherz ohne Wir⸗ kung. Die Keiler und Bachen, und ihre lieben Kinder; die Friſchlinge, ſpielten fort und fort auf den Getreidefeldern den Meiſter. Doch Schoͤnbart hatte ſich's in den Kopf geſetzt, die ſeufzenden Landleute von dieſen ungeladenen Gaͤſten zu befreyen. Eines Tages, als der Oberjaͤgermeiſter wieder vom Herzog zur Tafel gezogen war, ging Peter ſtumm und kopfhaͤngend im Speiſeſaale auf und gb. Hilarius fragte, was er fuͤr Grillen habe. „Sorgen der Nahrung, gnaͤdigſter Herr!“ „Seltſamer Menſch, dagegen ſchutzt dich doch dein guter Gehalt!“ „Ich reiche damit nicht aus: ich muß mir durch einen Nebengewinn unter die Arme greifen, und damit beſchaͤftigen ſich eben meine Gedanken.— Was meint Ihr, gnaͤdigſter Herr, wuͤrde ſich wohl durch einen Handel mit Bildern ein Erkleckliches ver⸗ dienen laſſen?”“ „»Warum nicht? Wenn die Gemaͤlde gut ſind.“ „O, das verſteht ſich! 3ch entwerfe ſie ſelbſt, waͤhle lauter ſpaßhafte Gegenſtaͤnde, laſſe ſie in Kupfer ſtechen, mit lebendigen Farben ausmalen, und verkaufe ſie an die Bilderkraͤmer, die an den Straßenecken feil haben.— Ich will Euch doch hier zur Probe das Blatt zeigen, womit ich mein Geſchaͤft anzufangen gedenke.“ Er zog eine Leinwandrolle unter dem Mantel hervor, und wickelte ſie auf. Der Herzog blickte kaum hin, ſo brach er in ein Gelaͤchter aus; und das Bild war drollig —-— — 25— genug. Es ſtellte, zum Sprechen getroffen, den Oberjaͤgermeiſter in ganzer Figur vor, wie er eine große ſchwarze Sau freundſchaftlich— umarmte. Sie ſtand auf den Hinterfuͤßen, und hatte die vordern auf ſeine Schultern gelegt. In dieſer Stellung kuͤßte ſich das zaͤrtliche Paar, und unten las man die Worte: „Zum Schaden und zum Trotz den Bauern, Soll unſre Freundſchaft ewig dauern.“ Das Bild ging bey der Tafel von Hand zu Hand, und jedermann lachte daruͤber. Nur der Held des Luſtſpiels griesgramte, und ward vor Aerger im Geſichte ſo ſchwarz, wie ſeine umarmte Freundin. Nach aufgehobener Tafel zog er den Hofnarren traulich bey Seite.„Was geb' ich Euch,“ ſprach er,„daß Ihr dieſes Spottbild vernichtet?“— 1 „Das geſchieht nicht um all' Euer Gold!“ antwortete Peter.„Laßt Ihr aber 4ℳ — 26— 4 innerhalb vier Wochen zweyhundert Sruͦck wilde Schweine im Lande niederſchießen, ſo ſchenk' ich Euch das Bild. Widrigen Falls haͤngt es naͤchſtens, in Kupfer geſtochen, und mit Naturfarben illuminirt, an allen Stra⸗ ßenecken, und iſt fuͤr wenige Groſchen zu kaufen.“— Der Oberjaͤgermeiſter ſtraͤubte ſich ge⸗ waltig gegen dieſen Bluthandel; doch, unter des Herzogs Vermittelung, kam er zu Stan⸗ de, und wurde von beyden Theilen puͤnktlich erfuͤllt. Die Landleute frohlockten daruͤber, — 27— 5⸗ Ein anderer Feind des gemeinen Beſten, den Schoͤnbart auf's Korn nahm, war der Kammer⸗ und Bergrath von Muff, der Oberaufſeher der Landſtraßen. Dieſe befanden ſich in der jaͤmmerlich⸗ ſten Verfaſſung. Der Herzog wies zum Bau derſelben jaͤhrlich ſtarke Summen an; doch damit beſſerte Herr von Muff nicht die Straßen, ſondern ſeine Vermoͤgensumſtaͤnde. Jene mochten ſich verſchlimmern, ſo viel ſie nur ſelbſt wollten: er ſtoͤrte ſie nicht. In allen Reiſebeſchreibungen ſtanden die Mord⸗ wege des Herzogthums Granaten am Pran⸗ ger. Wer in ſeinem Leben nicht geflucht hatte, der lernt' es auf dieſer Folterbank. Hillarius las keine Reiſebeſchreibungen, und reiſ'te ſelbſt nicht; der Heerſtraßen Graͤuel blieb ihm alſo verborgen. Die kurzen Wege, die er nach ſeinen Luſtſchloͤſſern 23— befuhr, waren glatt und eben wie ein Tiſch.— Dafuͤr ſorgte der ſchlaue Herr von Muff. Schoͤnbart hatte ihn ſchon oft, wegen ſeiner treuloſen Amtsfuͤhrung, beſtichelt; allein es fruchtete nichts. Wer nicht hoͤren will, muß fuͤhlen! dachte der Tiſchrath, und traf, mit Bewilligung des Herzogs, geheime Vorkehrungen, dieſes Sprichwort mit dem Herrn von Muff zu ſpielen. Doch war die⸗ ſem nur eine leidende Rolle dabey zugetheilt. Wohlgedachter Herr und ſein Buſen⸗ freund, der Pater Euſebius,(ein ſelbſtſuͤch⸗ tiger Bauchpfaff, aber, als herzoglicher Beichtvater, bey Hofe viel geltend) begleite⸗ ten meiſtens den Fuͤrſten, wenn er auf ein Luſtſchloß fuhr, um ſich dort einen halben oder ganzen Tag mit der Jagd zu vergnuͤ⸗ gen, Bey dergleichen Landreiſen ſaßen jene Herren immer ſelbander in einer fuͤr ſie beſonders gebauten, ſehr geraͤumigen und bequemen Karoſſe: denn ſo beſchaffen mußte ———— — 29— ſie ſeyn, weil beyde ungemein wohlbeleibt waren, und neben einander viel Platz brauchten. Einſt hatte ſie, im Gefolge des Herzogs, ihr ſanfter Leibwagen auf's Land hinaus geſchaukelt. Die Ruͤckreiſe verzog ſich bis zum Anbruch der Nacht. Sie ſchwankten, ein wenig berauſcht, zu ihrem Fuhrwerke hin, und freuten ſich auf ein Schlaͤfchen, das ſie unter Weges zu machen geſonnen waren. Als ſie aber von dem Wagen Beſitz genom⸗ men hatten, ſchien er ihnen ungewoͤhnlich enge. Wie Heringe zuſammen gepreßt, aͤußerten ſie mit ſtammelnden Zungen ihre Verwunderung daruͤber, und wollten die Urſache dieſes Drangſals unterſuchen; doch der Hofbediente, der ſie hinein gehoben hatte, verlaͤugnete ſeine Ohren, warf den Schlag zu, und ſechs ſchnaubende NRoſſe fuͤhrten die beſtuͤrzten Freunde im Fluge fort. Plötzlich fuͤhlten ſie ſich von ihren Sitzen Hempor geſchleudert. Sie ſtießen mit den Koͤpfen an die Decke, ſielen zuruͤck, flogen wieder auf, und waren ſo, wie ein Poch⸗ werk, in einer raſtloſen, wilden Bewegung. Der Wagen rollte nicht; er huͤpft und ſprang, gleich einer Aelſter, auf dem Stein⸗ damme hin. Sie riefen um Huͤlfe; kein Menſch hoͤrte ſie, oder wollte ſie hoͤren. Die Dorreiter jagten, wie Sturmwinde, durch die oͤde Nacht. Die ungluͤcklichen Freunde! Sie hielten ſich fuͤr bezaubert, und baten einander tauſend Mal um Verzeihung wegen der grauſamen Stoͤße, die ſie ſich mittheilten. Um dieſem Uebel abzuhelfen, warf ſich einer auf den Nuͤckſitz; doch die Sache ward da⸗ durch ſchlimmer. Ihr feindliches Geſchick bekam nun um ſo mehr Naum und freye Hand, mit ihnen ſchrecklich zu ſpielen. Es ſchuͤttelte ſie, wie Wuͤrfel in einem Becher, — 31— drunter und druͤber, bis die unbegreifliche Hoͤllenmaſchine im Schloßhofe ſtill hielt. Mehr todt als lebendig ward der jaͤm⸗ merlich zerſtauchte Pater Euſebius zuerſt heraus gehoben. Ihm folgte Herr von Muff in einem nicht viel beſſern Zuſtande. Deſſen ungeachtet war der haͤrtere Weltmann noch beſonnen genug, daß er den Marterwagen zur Unterſuchung ziehen wollte: allein man hatte mit gutem Bedacht die Fackeln und andre Leuchten entfernt, und in dem Augen⸗ blick, da ſein Fuß den Wagentritt verließ, raſſelte das teufliſche Fuhrwerk von dannen. Er entdeckte alſo nicht, was auf Anſtiften des luſtigen Rathes geſchehen war. Man hatte naͤmlich der dicken Freunde herrlichen, auf Springfedern ſchwebenden Wagen mit einem andern vertauſcht, deſſen Kaſten feſt auf der Achſe ſaß; und um dieſe drehten ſich, ſtatt der Raͤder, ſtumpfeckige Sterne⸗ Daraus entſtand fuͤr die beyden Maͤrtyrer — 32— A b eine Erſchuͤtterung, die einem anhaltenden Erdbeben glich. War es ſo ein Wunder, daß ſie aus der Haut fahren wollten? „ Am folgenden Morgen klagten ſie dem Herzog, wie es ihnen ergangen war, und baten dringend, den ihnen geſpielten Streich ſcharf unterſuchen zu laſſen, und die Thaͤter hart zu beſtrafen. „Wer ſind ſie?“ fragte, mit Scheinzorn, Hilarius. „Gott kennt die Buben!“ ſeufzte der Pater, und trug menſchenfreundlich darauf an, die beyden Stallknechte, die ihn und den Herrn von Muff gefahren hatten, allen⸗ falls durch die Folter zum Bekenntniß der Wahrheit zu zwingen: denn die Mißhandlung eines Geiſtlichen, ſprach er, ſey ein himmel⸗ ſchreyendes Verbrechen, das, unbeſtraft, gleich einer Blutſchuld auf dem Lande hafte. „Ich hielt bereits im Hofmarſtalle vor⸗ laͤufige Nachfrage,“ ſiel der Kammerrath ein: „Aber — 33— 8* 2 „Aber man ſtellt ſich unwiſſend, man be⸗ hauptet: der hochwuͤrdige Herr und ich waͤren in unſerm gewoͤhnlichen Wagen ge⸗ fahren. Dieſen nahm ich in Augenſchein, und er ſtand, wie ſonſt, ganz unverdaͤchtig da.“— „Iſt's moͤglich?“ ſagte Schoͤnbart. „Er ſteht noch?— Steht noch unzertruͤm⸗ mert?— Und auch die Pferde, die ihn geſtern zogen, haben nicht Hals und Beine gebrochen?“— Herr von Muff verſicherte, ſie befaͤnden ſich, wie der Wagen, im beſten Wohlſeyn. „Welche Kette von Wundern!“— rief Schoͤnbart.„Ich wollte ſie verſchweigen, die grauſen Erſcheinungen, die ich ſah; aber ich muß reden, damit nicht, auf den Antrag Sr. Hochwuͤrden, Unſchuldige gefoltert wer⸗ den.— Geſtern Abend im Zwielicht, ehe noch Befehl zum Anſpannen der Wagen gegeben war, wandelte ich einſam zwiſchen 131 34— den ſchanellichen Felſenwaͤnden, die ſich hin⸗ ter dem herzoglichen Luſtſchloß erheben. Ploͤtzlich hoͤrte ich uͤber mir ein Rauſchen gewaltiger Fluͤgel, und ſiehe, der Schutzgeiſt des Landes, den ich recht wohl zu kennen die Ehre habe, ſchwebte aus den Wolken herab. Er ſtampfte drey Mal mit dem Fuß auf die Erde, und rief: Nemeſis, ſtrafende Nemeſis, ſteig empor, mit vierzig giganti⸗ ſchen Dienern, um dein Amt an einem Schuldigen zu verwalten!— Schnell oͤffnete ſich der Felſengrund, und mit Flammen⸗ blicken entſtieg ihm eine furchtbare weibliche Geſtalt, die mir die Haare zu Berge trieb. Sie hatte, ſtatt des Faͤchers, eine maͤchtige Geißel von Drathſtricken in der nervigen Fauſt, und an ihrem Guͤrtel blickte Dolch an Dolch. Ihr folgten vierzig Soelaven, vom Schlage jener Rieſen, die in der Ur⸗ welt die groͤßten Berge wie Pappenſchachteln zuſammentrugen, und auͤber einander ſtellten, um mit Huͤlfe dieſer Sturmleiter den Olymp zu erobern.— Willkommen, Nemeſis! ſprach unſer Schutgeiſt. Ich klage den Oberaufſeher der Land⸗ und Heerſtraßen im Herzogthum Granaten, wegen Pflichtvergeſ⸗ ſenheit, an, und fordere dich auf, ihn zu beſtrafen. Beſiehl deinen Dienern, die naͤchſte ungebaute Straße vom Nuͤcken der Erde loszubrechen, und mit derſelben den Weg zur Hauptſtadt zu bedecken, damit Muff, auf dieſem Chaos dahin fahrend, am eignen Koͤrper empfinde, welche Martern er, der verſtockte Unterlaſſungsſuͤnder, allen Reiſen⸗ den in dieſem Lande bereitet.— Beyfall nickend winkte Nemeſis den aufhorchenden Sclaven. Sie eilten fort, und brachten bald eine graͤßliche, mit Steinklippen und Untie⸗ fen beſaͤte Straße, die ſie, um beſſer damit fortzukommen, in zwanzig ungeheure Tafeln zertheilt hatten. Jede derſelben, tauſend Schritte lang, und vier Ellen im Durch⸗ — 5 6— ſchnitt, trugen zwey Sclaven, wie ein leich⸗ tes Bret; und dieſe zwanzig Tafeln reichten gerade hin, den Weg vom Luſtſchloſſe bis zur Hauptſtadt zu belegen. Doch geſchah dieß nur auf der halben Breite deſſelben. Die andere Seite blieb, wegen unſerer Schuld⸗ loſigkeit, verſchont. Drum fuhren wir ſanft und bequem, wie immer; aber Euer Geſpann, Herr von Muff, ward von der Nemeſis ge⸗ lenkt und gezwungen, mit Euch, auf Leben und Tod, uͤber die Berg' und Thaͤler der aufgeſchichteten Landſtraße zu rennen.— Das alles ſah und hoͤrte freylich niemand, als ich, der ich ein Sonntagskind bin.“— * Deer Erfolg dieſes Scherzes, bey dem wir uns nicht laͤnger aufhalten wollen, war ernſthaft. Herr von Muff mußte, nach einer wider ihn angeordneten fiskaliſchen Unter⸗ ſuchung, die in ſeinen Nutzen verwandten Gelder herausgeben; der Straßenbau ward einem treuern Stgatsbeamten uͤbertragen, und die Reiſenden dankten dem Himmel und dem Herzog dafuͤr. 6. „Mein Gott! wie ausgehungert ſind dieſe Menſchen!“ rief Hilarius, als er, nach dem ſiebenjaͤhrigen Kriege, ſein kleines Reichs⸗ kontingent, das Friedrich dem Großen wenig Schaden zugefuͤgt hatte, aus dem Felde zuruͤck kehren ſah.„Es iſt mir unbegreiflich!“— fuhr er fort.„Ich habe nichts geſpart, meine Leute gut verpflegen zu laſſen, und dennoch gleichen ſie Gerippen!“— „Gnaͤdiger Herr,“ ſprach Peter,„ich wette darauf, daß wir wenigſtens Einen Dickbauch darunter finden.“— Und er hatte Recht. In einem ſchwer⸗ bepackten Reiſewagen, der den Zug ſchloß, ſaß ein runder, bluͤhender Mann, ein leib⸗ haftes Bild des Ueberfluſſes und Wohllebens. Es war der Herr Proviantkommiſſar. „Seht,“ ſagte Peter,„das iſt der Schwamm, der alle Nahrung, die dem gan⸗ zen Haͤuflein beſtimmt war, in ſich ſog!“— „Meinſt du?“— ſprach Hilarius.„Ich werde den Burſchen vor Gericht ſtellen.“— Es geſchah, und der Rundbauch ward uͤberwieſen, daß er die ihm anvertrauten Verpflegungsſummen unterſchlagen, ſie an uͤppig beſetzten Tafeln, und in Spiel⸗ und Buhlhaͤuſern vergeudet, und die armen Sol⸗ daten dem Hunger Preis gegeben hatte. „Rathe mir, Peter,“ ſagte der Herzog, „wie ſtraf' ich dieſen Verbrecher?“ „Uebergebt ihn der raͤchenden Neme⸗ fis!- Der Herzog verſtand Peters Antwort, und verurtheilte den untreuen Haushalter: drey Monate lang, bey Commißbrot und Waſſer, gefangen zu ſitzen, und dann, als gemeiner Musketier, der Trommel zu folgen. Dieſes gerechte Urtheil— das ſich viel⸗ leicht noch bisweilen anwenden ließe— ward vollſtreckt, und in kurzer Zeit war der dick⸗ baͤuchige Schwelger eben ſo ſchlank, als ſeine jetzigen Cameraden, die keine Gelegen⸗ heit verſaͤumten, ſich durch Hohn und Spott an ihm zu raͤchen. — 4⁰— Herr Wiedehopf, ein altes, aus Geitz und „Eitelkeit zuſammengeſetztes Maͤnnchen, war einer der ſeltſamſten Menſchen in der Haupt⸗ ſtadt. Er aß taͤglich, bey verſchloſſenen Thuͤren, ſo ſchlecht als ein Bettler; doch nachher fuhr er in einem praͤchtigen Wagen ſpazieren, und legte ſorgfaͤltig eine Hand, an welcher ein halbes Dutzend koſtbare Ninge funkelten, auf den offnen Schlag zur Schau. Kein Armer bekam von ihm einen Biſſen Brot; aber er gab verſchwenderiſche Gaſt⸗ maͤhler, um ſagen zu koͤnnen:„Die und die Grafen und Barone ſpeiſ'ten bey mir.“— An feyerlichen Hoftagen warf er ſich in ein Staatskleid, ging mit Pfauenſchritten ins Schloß, ſchlich einige Stunden auf dunkeln Treppen und Gaͤngen umher, beſuchte hoͤch⸗ ſtens einen Kammerdiener, und machte, wenn er zuruͤck kam, einfaͤltigen Leuten weis: er — 441— habe der Aſſemblee beygewohnt, und lange mit dem Herzog geſprochen. Luͤſtern nach der Wirklichkeit dieſes er⸗ dichteten Gluͤcks, bewarb er ſich um ein Hofamt; da er aber nicht von Adel war, wies man ihn zur Ruhe. Er wandte ſich nun an den Tiſchrath, und bat um deſſen Fuͤrſprache. Schoͤnbart machte mit dem uͤbel beruͤchtigten Filz wenig Umſtaͤnde.„Wun⸗ derlicher Menſch!“ fuhr er ihn an:„wie koͤnnt Ihr Euch ſo hohe Dinge in den Kopf ſetzen? Ihr ſeyd ja ein armer, lumpichter Teufel!“ Wiedehopf erſchrak und betheuerte, er ſey ein ſehr beguͤterter Mann. „Wie?“ rief Schoͤnbart:„Ihr ſeyd reich, und nicht wohlthaͤtig gegen die Ar⸗ muth?— Ich weiß, daß kein Huͤlfsbeduͤrf⸗ tiger von Euch einen Pfennig erhaͤlt.“— „Liebſter Herr Schoͤnbart,“ flehte Wie⸗ dehopf,„helft mir zu einem Hofaͤmtchen, — 42— ſo will ich das Verſaͤumte nachhohlen. Ich erbiete mich, ein Kapital von mehrern tau⸗ ſend Thalern zur Armenkaſſe zu zahlen.“ „ Nun, das iſt ein vernuͤnftiges Wort! Dieſer Vorſchlag verdient Ueberlegung.“ „Aber”“— ſetzte Wiedehopf geſchwind hinzu—„aber das Hofamt muß auch ſeyn, wie ich's wuͤnſche. Es muß mir, mit einem gut ins Ohr fallenden Titel, Freyheit und Gelegenheit verſchaffen, mich der hoͤchſten Perſon zu naͤhern.“ „Das wird ſchwer halten! Ihr ſeyd kein Edelmann. Doch— da faͤllt mir gleich etwas ein. Man muͤßte fuͤr Euch eine neue Bedienung erfinden.“ 4 „Deſto beſſer! Das macht um ſo mehr Aufſehen.” „Wollt Ihr Oberhof⸗Lichtputzer wer⸗ den?“ „Oh!— Herr Schoͤnbart ſcherzen mit Dero gehorſamſtem Diener!“ — 45— . „Ganz und gar nicht. Duͤnkt's Euch denn keine Ehre, an Gallatagen hinter dem Herzog zu ſtehen, und die Wachskerzen des Tiſches, woran er ſpielt, mit einer goldenen Lichtſcheere zu ſchneuzen?*. „Ey ja!“ „Und man koͤnnt' Euch allenfalls das Vorrecht ertheilen, das Zeichen Eurer Wuͤr⸗ de, die goldene Lichtputze, wie die Kammer⸗ herren den Schluͤſſel, am Rocke zu tragen.” „O, eine goͤttliche Idee! Nur der Ti⸗ tel— der Titel will mir nicht klingen.“ „Nun, ſo verſchoͤnert man ihn. Wie gefaͤllt Euch Oberhof⸗Kerzenrath?— Wiedehopf fiel vor Entzuͤcken und Dank⸗ barkeit auf die Knie. Zufrieden, wie ein Gott, erbat er ſich nur noch das Vorwöͤrt⸗ chen„Geheim,“ weil es, wie er ſagte, gleichſam auf Adlersfluͤgeln uͤber den Poͤbel erhebe. „Gut!“ ſagte Schoͤnbart.„Ihr ſollt — 44— Geheimer Oberhof⸗Kerzenrath wer⸗ den, wenn Ihr ſogleich zehntauſend Thaler zur Armenkaſſe zahlt, und Euch uͤberdieß noch zu einem jaͤhrlichen Almoſen⸗Beytrage von fuͤnfhundert Thalern verpflichtet.“ Wiedehopf ſtutzte und wollte von dieſen Summen etwas abdingen; da aber Schoͤn⸗ bart durchaus nichts nachließ, und lieber die ganze Sache ruͤckgaͤngig machen wollte, ſo fuͤgte ſich der eitle Thor in die harten Be⸗ dingungen. 4* Der Herzog genehmigte, zum Beſten der Armen, den geſchloſſenen Handel, und am naͤchſten Gallatage verwaltete Wiedehopf ſein Amt. Der Hofmarſchall wies ihm, um ihn dem oͤffentlichen Spott auszuſtellen, mitten im Prunkſaale, vier Schritte hinter des Herzogs Seſſel, ſeinen Poſten an. Hier ſtand er, von muthwilligen Kammerjunkern und Edelknaben geneckt, einige Stunden, wie ein Fels im Meere, richtete ſeine Augen —— ſtarr auf die pflegbefohlenen Kerzen, und erlauerte den ſeligen Augenblick, da er ſich, um ſie zu bedienen, dem Fuͤrſtentiſche naͤhern konnte. Es war anmuthig zu ſehen, mit welcher Zierlichkeit und Vorſicht er die gold⸗ ne Lichtſchere handhabte. Nur ein einziges Mal widerfuhr ihm das Ungluͤck, eine Kerze, die er putzen wollte, auszuloͤſchen. Doch der Unfall verwandelte ſich ploͤtzlich in ein uͤberſchwengliches Gluͤck. Der„Herzog ſchlug ihn laͤchelnd mit der Karte auf die Hand. Welche Gnade! Er war außer ſich; Freu⸗ denthraͤnen ſtuͤrzten ihm aus den Augen, und hundert Mal kuͤßte er die geſchlagene Stelle. Die Hofzeitung verkuͤndigte ſeine Stan⸗ deserhoͤhung, mit der Anzeige, was er da⸗ fuͤr zur Armenkaſſe bezahlt, und noch ferner zu bezahlen verſprochen hatte. Auch ließ der Herzog zugleich bekannt machen: er ſey nicht abgeneigt, mehrere dergleichen Hof⸗ — 46— aͤmter fuͤr denſelben Preis, zum Vortheil des Armenweſens, zu errichten. Doch fand Wiedehopfs Beyſpiel keine Nachfolger. Koͤnnte man nicht heutiges Tages ſeinen Titel fuͤr reiche Leute etwas anlockender machen, wenn man ihn in Aufklaͤrungs⸗ Rath umbildete?— Denn jetzt iſt man doch wohl an den Hoͤfen dem Worte„Auf⸗ klaͤrung“ nicht mehr ſo feind, wie hier und da in fruͤheren Jahren. 8. An einem Weihnachtstage machte Schoͤnbart verſchiedenen hohen Perſonen ſatyriſche Chriſtgeſchenke, die er in einem Zimmer des Schloſſes aufgeſtellt hatte. Dahin fuͤhrte er den Herzog, und ſaͤmmtliche Herrſchaften, denen Beſcherungen zubereitet waren. Einem alten General, der ſich durch mi⸗ litaͤriſche Pedanterey laͤcherlich machte, ſchenkte er eine große Puppe, die einen Grenadier vorſtellte.„Hier Papachen!“ ſprach er:„Setz dich an deinen warmen Ofen, und ſpiele mit dieſem Burſchen! Kleid' ihn aus und an, und laß ihn, mit Huͤl⸗ fe dieſes Drahtzugs, marſchiren. Uniform, Hut, Locken und Zopf ſind vollkommen mu⸗ ſtermaͤßig geſchnitten; die Kamaſchen ſitzen, wie ſich's gebuͤhrt, und haben keinen Knopf zu wenig oder zu viel.— Ach! hielten ſich ganze Armeen ſo ſchoͤn in Ordnung: was — 48— koͤnnte man fuͤr Thaten damit thun!— Nicht wahr, Papachen?“— Der gute Wackolkovf nickte freundlich, und ſchaͤmte ſich nicht, f der Stelle die Kamaſchenknoͤpfe zu zaͤhl „Gnaͤdige Frau,“ ſaor Schoͤnbart hierauf zu einer bejahrten Hofdame, die eine ſcharfe Zunge beſaß, und bey der Her⸗ zogin eine gefaͤhrliche Ohrenblaͤſerin war— „Ihnen verehr' ich eine Fliegenklatſche.“— Er uͤberreichte zugleich eine von zierlicher Arbeit, und erregte beſonders dadurch ein lautes Gelaͤchter, daß er, als er den Nahmen des Geſchenks ausſprach, die beyden erſten Sylben kaum hoͤren ließ, die letztern aber laut und ſtark betonte. Mit feuerblitzendem Geſicht ergriff die Dame das Inſtrument, gab ihm damit einen derben Schlag, und warf es bey Seite. Einige Hofherren, die ſich als ſchamloſe Schmeichler auszeichneten, begabte er mit Fuchs⸗ Fuchsſchwaͤnzen; und ſie blieben ſich auch jetzt ſo gleich, daß ſie ihm mit der lieblich⸗ ſten Freundlichkeit viel Artiges daruͤber ſagten. Einem Oberſten, der einſt, unter dem Beyſtande ſeines ganzen Regiments, drey Kriegsgefangene gemacht hatte, und von dieſer That unaufhoͤrlich großſprach, uͤber⸗ reichte der Tiſchrath eine Guckguckspfeife, die des genannten Vogels Stimme taͤuſchend nachahmte. Der Held verſtand den Sinn der Gabe nicht. Er nahm die Pfeife hoͤf⸗ lich in Empfang, und ſagte: er wolle ſich von ſeinem Soͤhnlein ein Stuͤckchen darauf vorblaſen laſſen.„Da thut Ihr ſehr wohl!“ verſetzte Schoͤnbart.„Denn es heißt im Sprichwort: Wie die Alten ſungen, zwit⸗ ſchern auch die Jungen.“— Dem habſuͤchtigen Finanzminiſter ſpen⸗ dete er einen ungeheuern Sack, der von der Decke des Zimmers bis zum Boden herab 141 — 50— hing.„Ich werde den Herrn Schoͤnbart zuerſt hinein ſtecken,“ ſagte der Miniſter. „O, gewiß nicht!“ war die Antwort: „Ich bin ein zehrendes Kapital, und Ihr liebt nur die naͤhrenden.“— Mehrere ſolche Geſchenke vertheilte der luſtige Tiſchrath. Doch die ihm beſtimmten Blaͤtter ſind voll, und es iſt nun Zeit, von ihm Abſchied zu nehmen. 1 II. † Die Lehrſtunde. Nach Philander von Sittewald.*) * 8 3 3 In meiner Jugend, ſagt Philander, war ich ein luſtiger Springinsfeld, vergeudete *) Sein wahrer Nahme war Hans Michael Moſcheroſch. Er lebte im ſiebzehnten Jahrhun⸗ dert, und ſchrieb Satyren, unter dem Titel: Wunderliche und wahrhaftige Geſichte, (Erſcheinungen) von welchen er in der Vorrede ſagt:„Ich will nicht meynen, daß ich je dadurch einem Menſchen geſchadet, vielen aber hoffe ich trefflich genutzt zu haben. Darum diejenigen, denen meine Schriften nicht gefallen, ſelbige ent⸗ weder aus Mangel an Verſtand nicht begreifen, mein vaͤterliches Erbgut, und ſah mich end⸗ lich gezwungen, den freyen Nacken unter das Joch eines Nahrungsgeſchaͤftes zu beu⸗ gen. Das Hofleben lachte mich an; ich bekam Luſt, ein Staatsmann zu werden, und einem auswaͤrtigen Fuͤrſten meine Dienſte anzutragen. Ich machte mich ſchnell auf den Weg, und wanderte raſtlos, bis ich in einem Walde vor Muͤdigkeit niederſank und einſchlief. Nach einiger Zeit fuͤhlte ich einen ſanf⸗ ten Schlag auf die Schulter. Ich oͤffneie die Augen, und erblickte vor mir einen ſelt⸗ ſam gekleideten Greis, mit einem langen filberweißen Barte.„Steh auf!“ redete er mich an:„Ich will dich an einen Ort bringen, wo du in einer Stunde die Staats⸗ oder ſich im Gewiſſen übel ſtaffirt befinden. Ei⸗ nem Biedermann iſt in allen meinen Schriften nichts zuwider geredet.”“ — kunſt erlernen kannſt.“— Dieſer Antrag erfreute mich, und ich folgte dem Alten auf dem Fuße nach. Er fuͤhrte mich uͤber ein ſteiles, mit Nebel bedecktes Gebirge in eine anſehnliche Stadt, die mit vielen Thuͤrmen prangte. „»Hier, mein Sohn,“ ſprach er,„iſt das Hoflager eines maͤchtigen deutſchen Fuͤrſten, der gern mit ſeinen langen Haͤnden raſch zugreift, wenn er in der großen Reichsſchuͤſſel einen Leckerbiſſen bemerkt.— Du wirſt ihn ſogleich von Perſon kennen lernen. Es iſt vor wenigen Tagen einer ſeiner Geheimen Raͤthe geſtorben; die Wahl eines neuen ſoll eben vor ſich gehen; wir wollen bey dieſer Feyerlichkeit zugegen ſeyn.. Er benetzte hierauf ſeine Stirn und die meinige mit einem Tropfen Balſam, und verſicherte, wir waͤren nun beyde ſo unſichtbar als der Wind. Uns ſelbſt ſahen wir. Doch, unbemerkt von allen Andern, ſchluͤpften wir, gleich Sommerluͤftchen, durch eine dichte Volks⸗ menge, die in den Straßen auf und nieder wogte. So kamen wir in die Hofburg und in den Saal, wo der Fuͤrſt, von ſeinen Staatsraͤthen umgeben, im vollen Glanze ſeiner Herrlichkeit auf dem Throne ſaß. Vor ihm ſtanden drey Maͤnner. Sie waren aus einem halben Hundert Candidaten, die ſich um das Amt beworben hatten, ausgehoben worden, und der Fuͤrſt ſelbſt wollte ſie pruͤ⸗ fen. „Was iſt die erſte und vornehmſte Tu⸗ gend eines Geheimen Rathes?“ fragte er den, der ihm mit geſenkten Augen und ge⸗ falteten Haͤnden zunaͤchſt ſtand, und wie ein Herrenhuther ausſah. „Die Gottesfurcht, antwortete Dieſer, und legte mit einer tiefen Verbeugung die Hand auf's Herz. „Was iſt die zweyte Tugend?“ „Die Gottesfurcht.“— ——— „Und die dritte?“ „Die Gottesfurcht.— Dabey blieb er. Der Fuͤrſt lachte, hieß ihn abtreten, und ſagte zu den Geheimen Raͤthen:„Ver⸗ ſorget dieſen frommen, einfaͤltigen Tropf mit einem Schulmeiſterdienſte!“ Er wandte ſich nun zu dem Zweyten mit der Frage:„Welches ſind die Haupt⸗ eigenſchaften eines guten Regenten?“ Der Candidat(dem ein gewiſſer, mit pedantiſchem Eigenduͤnkel verſchmolzener Hochſinn aus den Augen blickte) beugte ſich minder tief als der Vorige, raͤuſperte ſich, machte ſonſt noch allerhand Anſtalten zu einer weitſchweifigen Rede, und begann hierauf:„Plato, Ariſtoteles und— Ich behaupten: ein Fuͤrſt ſey nichts anders als der erſte Diener des gemeinen Weſens, und es liege daher ihm ob, Recht und Gerech⸗ tigkeit zu handhaben, des Landes Wohlfahrt auf alle Weiſe zu befoͤrdern, und ſeine Un⸗ terthanen ſo zu behandeln, wie er ſelbſt wuͤnſchen wuͤrde, behandelt zu werden, wenn Er ein Unterthan waͤre. Was Du von Andern ungern haſt, Damit thu niemand Ueberlaſt! Dieſer Sittenſpruch iſt die untruͤgliche Goldwage menſchlicher Handlungen, die uns die Natur ans Herz haͤngte.— Waͤgt ein Fuͤrſt ſeine Thaten darauf ab, ſo wird er von ſeinem dankbarem Volke wie ein Vater verehrt und geliebt. Herrſcht er aber ſtreng und nach Willkuͤhr, druͤckt er die Staats⸗ buͤrger, und verſchwendet den ihnen abge⸗ preßten Schweiß durch eitlen Prunk; ſo trifft ein, was ein alter Poet ſagt: Die Menſchen können's nicht laſſen, Wen ſie fürchten, den müſſen ſie haſſen.“— Mit einiger Beſtuͤrzung ſah der Fuͤrſt, waͤhrend dieſer Rede, den verſammelten Staatsrath nach der Reihe ſcharf an, als wollt' er ſagen: Wie klingt das; Dieſer Vogel pfeift anders als Ihr, meine lieben Getreuen!— 3 Herr Pakomus, der Ober⸗Heimliche, (wie unſere Altvordern den Vorſitzer einer Geheimenrathsſtube nannten) war ein alter ſchlauer Hoͤfling, der ſich in dieſer bedenk⸗ lichen Lage recht gut zu benehmen wußte. Er verlarvte ſeine Verlegenheit durch ein hohnlaͤchelndes Antlitz, ſchuͤttelte mißbilligend die große Wolkenperuͤcke gegen den Redner hin, und fiel ihm, indem ſchon der Fuͤrſt, um ſeine Befremdung laut auszuſprechen, mit den Lippen zuckte, ſchnell ins Wort: „Genug der Anmaßung!— Sr. Durchlaucht hohe Weisheit und Edelherzigkeit beduͤrfen keiner Regierungslehren.“— Dieſe entſchloſſene Schmeicheley hatte die beabſichtete Wirkung: ſie brachte bey dem Fuͤrſten alles wieder ins Gleiche. Er warf einen finſtern Blick auf den Frey⸗ — 58— muͤthigen, und befahl ihm, ſich zu ent⸗ fernen. Der dritte Amtsbewerber, ein kaum bebarteter Juͤngling, behandelte, nach dem Beyſpiele des Ober⸗Heimlichen, ſeinen Vor⸗ gaͤnger wie einen Pinſel, und maͤkelte durch Achſelzucken und Kopfſchuͤtteln jedes ſeiner Worte, um ſich mit dieſer ſtummen Kritik dem Fuͤrſten zu empfehlen. Er bekam zu ſeinem Antheile die Frage:„Worauf hat ein Monarch ſeine hoͤchſte Sorge zu richten?“— „Auf drey Punkte;“— ſprach er raſch, und buͤckte ſich ſo tief, als wollt' er auf dem Kopfe ſtehen oder ein Rad ſchlagen:— „Erſtens, auf Vermehrung der fuͤrſtlichen Einkuͤnfte; zweytens, auf Erweiterung der Landesgraͤnzen; drittens, auf Erhaltung ſei⸗ ner Wuͤrde als Erdengott.“— „Sehr vernuͤnftig geſprochen!“ rief der Fuͤrſt, und ernannte ihn auf der Stelle zum Geheimen Nath. —— — Wir Unſichtbaren ſahen einander an, und der Greis raunte mir ins Ohr:„Der junge Gleißner, der ſo geſchmeidig nach dem Herzen des Fuͤrſten ſprach, iſt der Ei⸗ dam des Ober⸗Heimlichen. Dieſer unter Hofraͤnken ergraute Schalk legte dem Fuͤrſten die Frage und ſeinem Tochtermann die Ant⸗ wort in den Mund; drum paßten Topf und Deckel ſo gut zuſammen. Er wird ſeinem Schwiegerſohne nachher bey verſchloſſenen Thuͤren eine Lehrſtunde geben, der wir bey⸗ wohnen wollen; denn ſie war der eigentliche Zweck unſerer Reiſe.“ Der Fuͤrſt entließ die Verſammlung. Pakomus faßte ſeinen neuen Collegen am Arm.„Komm, mein trauter Sohn!“ ſprach er:„Ich will dir gus vaͤterlicher Zuneigung die verborgenſten Geheimniſſe der Staats⸗ kunſt und Staatswirthſchaft enthuͤllen.“— Hiermit fuͤhrte er ihn durch enge dunkle Gaͤnge in den entlegenſten Fluͤgel der Hof⸗ — 60— burg, wo ſich ein Saal befand, deſſen eherne Pforte mit ſieben Schloͤſſern verwahrt war. Dieſes Heiligthum ſchloß er behutſam auf, und zwaͤngte ſich mit ſeinem Begleiter durch eine ſchmale Oeffnung der Thuͤr, da⸗ mit kein Ungeweihter hinein blicken oder gar einſchleichen moͤchte. Wir aber waren laͤngſt neben ihnen durchgewiſcht, und hoͤr⸗ ten und ſahen folgende wunderliche Dinge. Pakomus öͤffnete einen Schrank, worin verſchiedene Mantel von Sammt oder fei⸗ nem Tuch in bunter Reihe hingen. Sie waren von außen koͤſtlich verbraͤmt, inwendig aber mit rauhen wollenen oder haͤrenen Futtern verſehen, und zum Theil mit Wolfs⸗ und Fuchsbaͤlgen ausgeſchlagen. „Iſt das die Gewandkammer des Fuͤr⸗ ſten?“ fragte der junge geheime Rath. „Mit nichten!“ ſprach der Alte:„Es ſind Staatsmaͤntel, die gebraucht werden, wenn man dem Volke eine widrige oder — — — 62— mißliche Sache vorzubringen hat. Einem ſolchen haͤkligen Dinge muß man ein zier⸗ liches Maͤntelchen umgeben. Darum heißt dieſer mit goldenen Franſen beſetzte Schar⸗ lachmantel: Volksgluͤck; der zweyte von gruͤnem Sammet: Flor des Landes; der dritte, mit Silber bordirte: Das gemeine Beſte; und ſo weiter. Mit ernſtem Geſichte beſah der Lehrling einen nach dem andern. Aber am Ende konnte er ſich des Lachens nicht enthalten, als ſeine Augen eine ganz abgetragene und verblichene Huͤlle trafen.„Himmel!“ rief er aus,„wie kommt dieſes alte Faͤhnlein unter die praͤchtigen Staatsmaͤntel?“ „Laß dich das nicht wundern!“ verſetzte Pakomus.„Dieſer Mantel glaͤnzte vor⸗ mals eben ſo herrlich als ſeine Nachbarn; ihn haben nur die ungeheuern Strapazen, die er ausgeſtanden hat und noch immerfort erdulden muß, ſo klaͤglich entſtellt. Er heißt: 6 ute Abſicht, und iſt an Srſtenhöfen gleichſam das taͤgliche Brot. Sitzt, zum Beyſpiel, einmal ſtatt der Klugheit die Thorheit am Ruder, und treibt unbeſonnen das Staatsſchiff an Klippen: dann wickelt man ſich, indem es kracht und bricht, in dieſen Mantel, und ruft: die Abſicht war gut!— Damit bringt man Jeden, der auf den Truͤmmern des Schiffbruchs ein Klagelied anſtimmt, zum Schweigen.— Mancher Staatsfehler iſt freylich ein ſo gewaltiger Rieſe, daß Ein Mantel nicht hin⸗ reicht, ihn zu bedecken. In dieſem Falle. wirft man ſie alle zugleich uͤber ihn, und begraͤbt ihn darunter.“— Die Muſterung der Maͤntel war nun vorbey. Pakomus oͤfnete einen Schrank voll Larven. „Ah, herrliche Nasken!n rief der neue Rath.„Sie werden wohl bey Mummereyen und feyerlichen Aufzuͤgen gebraucht?“ ——— — 63— „Ja wohl!“ antwortete laͤchelnd der Schwaͤher:„Ja wohl zieht man damit auf! Es ſind Staatslarven, und ſie haben mit jenen Maͤnteln eine gleiche Beſtimmung. Darum gleichen ſie natuͤrlichen Menſchen⸗ geſichtern, und Biederſinn ſpricht aus allen ihren Zuͤgen.“— Er bedeckte jetzt mit einer Larpe ſein Geſicht.„Sieh!“ ſprach er: 3„Hab' ich nicht ſo recht die ehrliche Miene eines braven Patrioten, der freudig dem Vaterlande Gut und Blut opfert?“— „Auf meine Ehre!“ rief der junge Herr, und klatſchte jubelnd in die Haͤnde. Sie gingen dann in eine Nebenkammer, die mit einer Bad⸗ und Barbierſtube die vollkommenſte Aehnlichkeit hatte. Schermeſ⸗ ſer, Lanzetten und Schroͤpfkoͤpfe lagen uͤberall umher.„Dieſer Kram,“ ſagte Pakomus, „iſt das Handwerksgeraͤth der Finanzbeam⸗ ten, Rentmeiſter und Schoͤſſer. Damit ſche⸗ ren ſie ihre Schaͤfchen, die Buͤrger und Bauern, zapfen ihnen Mark und Blut ab, und ſchroͤpfen ſie tuͤchtig. Haben aber dieſe Schwaͤmme genug in ſich geſogen, ſo druͤckt eine hoͤhere Hand ſie wieder aus, und wirft ſie bey Seite.“— Jetzt fuͤhrte der Meiſter ſeinen Juͤnger in den Saal zuruͤck, und ſchlug den Deckel eines mit Brillen angefuͤllten Kaͤſtchens auf. „Von dieſen Staatsbrillen,“ ſprach er, „haben wir drey verſchiedene Sorten. Die erſte Gattung macht die Gegenſtaͤnde wun⸗ derbar groß: die Muͤcke wird ein Elephant, der Silberpfennig ein harter Thaler. Mit dieſen Vergroͤßerungsglaͤſern waffnet man die Augen der Unterthanen, wenn ſie, zum Beyſpiel, ein ihnen geſchenktes Staͤmmchen Holz fuͤr einen ganzen Forſt anſehen, und uͤberhaupt ein Senfkorn von Wohlthat als ein unermeßliches Gluͤck betrachten ſollen.— Die zweyte Gattung verkleinert Berge zu Maulwurfshuͤgeln, und iſt daher bey neuen Steu⸗ Steuern und Gaben ſehr nuͤtzlich zu brau⸗ chen.— Die dritte Art verwandelt Schwarz in Weiß, und verbreitet uͤber alles einen blendenden Schimmer.“— 4 „Koͤſtliche Brillen!“ rief der Rath, und verſuchte einige derſelben mit lebhaftem Bey⸗ fall. Des Ober ⸗ Heimlichen Falkenaugen machten jetzt, wie unſicher vor Lauſchern, eine Runde durch den Saal, und mit leiſer Stimme fuhr er fort:„Dieſe Brillen— beſonders die verkleinernden— empfehlen wir Raͤthe, im Vertrauen geſagt, bisweilen ſogar Sr. Durchlaucht zu hoͤchſteigenem Ge⸗ brauche, ohne den guten Herrn mit einer langweiligen Erklaͤrung der Beſchaffenheit ſolcher Glaͤſer zu belaͤſtigen. Wir thun das, zum Exempel, wenn uns daran liegt, daß dem Fuͤrſten ein friſcher Griff in den Volks⸗ ſeckel minder bedeutend erſcheine, als es der Fall ſeyn wuͤrde, wenn wir ihn dieſe Dinge 151 — 66— mit ſeinen natuͤrlichen geſunden Augen be⸗ trachten ließen.“— „Und das Mittel ſchlaͤgt an?“ fragte der Rath mit einer bedenklichen Miene. „Probatum est!“ rief Pakomus mit Nachdruck, und ſie ſchuͤttelten ſich froͤhlich die Haͤnde. „Aber wofuͤr haͤltſt du dieß roſenfarbene Puͤlverchen?“ fragte der alte Herr. „Mich duͤnkt's Zahnpulver,“ war die Antwort. „Falſch gerathen, Herr Sohn! Wie kannſt du glauben, daß ſich der Staat um die Zaͤhne ſeiner Unterthanen und Diener bekummere?— Es waͤre beſſer, ſie haͤtten gar kein Gebiß: ſo wuͤrden ſie weniger eſſen.“— „Nun, was iſt's denn ſonſt?“ ſagte der Beſchaͤmte.. „Augenpulver!— Ein nunſchaͤdlicher Staub, den man den Menſchen gelegentlich 8 *⁴ in die Augen ſtreut.— Eine gleiche Be⸗ wandniß hat es mit jener feſt zugepfropften und verſiegelten Flaſche. Sie enthaͤlt den beruͤhmten blauen Dunſt.“— „Ich muß geſtehen,“ ſprach der Rath, „hier iſt fuͤr wohlthaͤtige Blindheit trefflich geſorgt!“ Pakomus laͤchelte ſchlau, und wiegte bejahend den Kopf. 1 Indeſſen bemerkte ſein Soͤhnlein einen großen ſammtenen Beutel, und zog aus dem⸗ ſelben einen koloſſalen goldenen Stimmham⸗ mer, der ſchier eine Elle lang und verhaͤlt⸗ nißmaͤßig dick war. „Laß liegen!“ ſchalt der Alte vekdrieß lich, und wollte das Inſtrument bey Seite bringen; aber Jener hielt es feſt, und forſchte dringend, wie es damit bewandt ſey. Der Ober⸗ Heimliche wollte Anfangs mit der Sprache nicht heraus; doch endlich begann er ſo zu beichten:„Vor einiger Zeit — 68— wuͤnſchte eine auswaͤrtige Macht, von un⸗ ſerm gnaͤdigſten Herrn eine gewiſſe Gefaͤllig⸗ keit zu erhalten; allein er war wenig geneigt dazu, weil er Nachtheile fuͤr ſich und den Staat beſorgte. Bey dieſer Gelegenheit empfing ich von dort her dieſen koſtbaren Stimmhammer, nebſt einem huldvollen Schreiben, worin ich ſcherzhaft erſucht ward, mit beyfolgendem Werkzeuge das Gemuͤth meines Fuͤrſten zum Einklang mit jenem Hofe zu ſtimmen.— Wer kann ſolchen Artig⸗ keiten widerſtehen?— Und wer oͤffnet nicht gern die Herzenspforte, wenn mit einem ſolchen Hammer angeklopft wird?“— „Ey, das verſteht ſich!“ ſprach der hoffnungsvolle Sohn. Hierauf zeigte Pakomus ein Faͤßchen voll Erbſen vor, und aͤußerte dabey: dieſe ſonſt unſchuldigen Koͤrner wuͤrden bisweilen, in der Hand eines heimtuͤckiſchen Hofſchran⸗ zen, gefaͤhrlicher als Flintenkugeln.—„Aber ich trage faſt Bedenken, dir dieſes Schelm⸗ ſtuͤck zu entdecken;“ fuhr er fort.„Ich muß befuͤrchten, daß du es einſt, wenn ich dir zu lange vor den Augen herum gehe, wider mich ſelbſt anwendeſt.“— Der Eidam ſchlug an ſeine Bruſt, und betheuerte hoͤchlich, er ſey ein Biedermann. „Verſteh doch Scherz!“ verſetzte der Alte.„Nur ein Erzboͤſewicht macht von dieſen Erbſen Gebrauch. Er ſtreuet ſie in der geheimen Nathsſtube, in der Kanzelley, und uͤberhaupt auf den ſpiegelglatten Fuß⸗ boden der Hofgemaͤcher umher, damit die⸗ jenigen, ſo dem buͤbiſchen Saͤemanne ver⸗ haßt ſind oder im Wege ſtehen, ausgleiten und ſtuͤrzen. Und das begegnet am erſten denen, die ihre Bahn ſtracklich wandeln, und aller Vorſicht uͤberhoben zu ſeyn glau⸗ ben, wenn ſie mit dem Fuße des guten Ge⸗ wiſſens feſt auftreten.“— Mich uͤberlief ein Schauer. Ich ſeufzte mit dem ehrlichen Froſchmaͤusler: „Hofſuppen, ſo lieblich ſie ſchmecken, Sind ſtark gewürzet mit Schrecken!»— Und ploͤtzlich verſchwand vor meinen Augen der ganze Ruͤſtſaal der Staatskunſt, ſammt dem Ober⸗Heimlichen und ſeinem Eidam. „Nun, wie geſiel dir dieſe Lehrſtunde?“ fragte mich mein alter Gefaͤhrte. Ich zuckte die Achſeln, und wußte nicht, was ich antworten ſollte. „Meinſt du etwa,“ fuhr er fort,„ich haͤtte dich hierher gefuͤhrt, damit du lernteſt, Mantelrollen ſpielen, Trugbrillen ſchleifen, und goldne Stimmhaͤmmer verdienen?— Nein, da ſey Gott vor! Ich lehrte dich im Gegentheil Gifte kennen, um ſie zu meiden; ich enthuͤllte dir die verborgenen Kuͤnſte unredlicher Staatsdiener, damit du ver⸗ —-ES ſtaͤndiger und billiger, als die blinde Menge, manchen guten edelherzigen Fuͤrſten beurthei⸗ leſt, der nach dem ſchoͤnen Ziele, ſein Volk zu begluͤcken, auf der Bahn der Tugend und Gerechtigkeit hinſtrebt, aber von taͤuſchenden Irrlichtern boͤſer und unweiſer Rathſchlaͤge, die ſein argloſer Sinn fuͤr treue Wegweiſer haͤlt, auf falſche Pfade geleitet und an Ab⸗ gruͤnde gefuͤhrt wird.— Fluch Jenen und Segen dir, Juͤngling, wenn du dem Herr⸗ ſcher, der einſt das Heil ſeines Volkes auf deine Schultern legt, redlicher dieneſt!— Greif muthig in der Selbſtſucht und Hab⸗ gier geheimes Raͤderwerk, und bring' es zum Stocken! Aber huͤthe dich dann auch vor den Fallkugeln, womit man deinen Weg reichlich beſaͤen wird!“— Mit dem letzten Hall dieſer Worte zer⸗ floß die greiſe Geſtalt wie ein Dunſtbild, und ich befand mich unter dem Baume, wo — 72— ich geruht hatte. Ich ſtand auf. Da war mir, als fuͤhlt' ich ſchon die Hoferbſen unter meinen Fuͤßen, und das benahm mir Luſt und Muth, meine Reiſe fortzuſetzen. . 6 ₰ . III. Die Naͤuſefalle, oder die Predigt fuͤr Kunſtrichter. „Nein, ich halt' es nicht laͤnger aus!“ rief der Dichter Ottkar, und warf ein ge⸗ lehrtes Zeitungsblatt, das er durchlaufen hatte, verdrießlich auf den Tiſch.„Dieſe Menſchen fahren fort, mich durch uͤberſpannte Schmeicheleyen zu aͤrgern.“ „Ey, ſo laſſen Sie ſich doch loben!“ ſagte Hugo, ein Gelehrter, der ihn eben beſuchte.„Wer wird ſich daruͤber er⸗ hitzen!“ — 74—* „Man entzieht mir mehr Ehre, als man mir zuwendet; man macht mich laͤcherlich, wenn man die fluͤchtigſte Taͤndeley meiner Feder als ein unuͤbertreffliches Meiſterwerk ausruft. Muß die Welt nicht glauben, ich fuͤttere dieſe Staarmaͤtzchen, um mich Jahr aus Jahr ein von ihnen loben zu hoͤren?“ „Sorgen Sie nicht! Man kennt Ihren anſpruchloſen Charakter.“— „Sie, Hugo, kennen mich; aber wie wollen Sie mir fuͤr den Wahn der Menge buͤrgen?— Und koͤnnten Sie es auch, es Mſeellte mich nicht zufrieden. Ich ſchaͤme mich in meine eigene Seele, immer und immer von einer gewiſſen kunſtrichterlichen Genoſſenſchaft als Dichter vergoͤttert zu werden. Aller Menſchen Geiſt hat ſeine ſchwachen Stunden, und dem meinigen haͤngt uͤberdieß die Unart an, daß er bis⸗ weilen gerade in ſolchen Stunden nichts 4 0 F „Ich, mein Freund!“ ſprach Ottkar. — 3— 75— lieber, als leichte Verſe, macht. Sie ſind freylich im ſchlimmſten Falle ertraͤgliches Mittelgut, und gefallen wohl auch, wenn man ſie mit Beſcheidenheit dem Publikum darbringt: wird aber daruͤber in die Po⸗ ſaune geſtoßen, ſo ſchuͤtteln Kunſtverſtaͤndige den Kopf, und ſagen mit Spottlaͤcheln: Viel Laͤrm um nichts!— „Ja, von dieſer Seite betrachtet iſt Ihre Unzufriedenheit nicht ohne Grund. Aber koͤnnen Sie dem Unweſen ſteuern? „Ich hoff' es. Das Haupt jenes Bun⸗ des iſt Herr Flaus, den Sie kennen. Dieſer Menſch hat ſich, auf eine mir unbegreifliche Weiſe, zu einem kritiſchen Tonangeber auf⸗ geſchwungen; denn alle ſeine Ausſpruͤche plappert ein Chor von Papageyen getreulich nach. Er iſt's, der des verhaßten Weih⸗ rauchs ſo viel an mich verſchwendet, daß ich beynahe im Dampfe erſticke. Aber warum thut er s?— Meinen Sie etwa, 4 2— 76— ⸗ er umraͤuchere mich immer aus reiner Ueber⸗ zeugung, daß ich dieſer Ehre werth ſey?— Keinesweges! Er handelt bloß aus Egois⸗ mus und Eigennutz; er ſucht ſich bey mir einzuſchmeicheln, weil er meine Tochter hei⸗ rathen will.“— „Das erſte Wort, das ich davon hoͤre.“ „Auch wahrſcheinlich das letzte.— Herr Flaus will mich durch Weihrauchwolken blenden, daß ich den Unwerth ſeiner Perſon und ſeines ganzen Weſens nicht bemerken und genau unterſuchen ſoll. Meine Sidonie verraͤth nicht die geringſte Neigung zu ihm; aber ſie liebt, wie ihr ganzes Geſchlecht, alles Glaͤnzende, und folglich auch den Ruhm. Sie kommt jederzeit ungemein froͤhlich nach Hauſe, wenn man ihr in Geſellſchaften ge⸗ ſagt hat: ich ſey wieder in irgend einem Journal tapfer herausgeſtrichen worden. Drum waͤr' es moͤglich, daß ſich Flaus auf dieſem Wege bey ihr beliebt machte. Um —O—-ęDnxʒʒʒ; dem Dinge vorzubeugen, will ich der Maus, die ſich bey mir einzuniſten ſucht, eine Falle ſtellen, und Sie, Freund Hugo, ſollen ſie mir bauen helfen.“ Ottkar hohlte jetzt aus ſeinem Schreibe⸗ pulte einige Blaͤtter.„Hier ſind ſechs Ge⸗ dichte,“ ſprach er:„drey gute, und drey ſchlechte. Leſen Sie, Freund, und ſondern Sie die Spreu von den Koͤrnern; dann wollen wir weiter daruͤber ſprechen.“ Hugo las, und entſchied, nach ſeinem Gefuͤhl, ſehr richtig. „Dieſe drey Gedichte halten Sie alſo fuͤr gut?“ fragte Ottkar. 4 „Es ſind die vortrefflichſten, die ch jemals von Ihnen geleſen habe. „Und das andere Kleeblatt?“— „Gleicht jenem ſo wenig, als die Nacht dem Tage.“ 3 „Sie ſprechen viel zu ſanft von dieſen unreifen Fruͤchten ſchwacher Stunden. Es 8 ſind jugendliche Stuͤmpereyen, die ſeit zwan⸗ zig Jahren in meinem Pulte begraben liegen, und ſchon laͤngſt von mir zur Vernichtung beſtimmt waren.— Doch jetzt haben wir es hauptſaͤchlich mit jenen zu thun. Seyn Sie ſo gefaͤllig, ſie in dieſen Bogen Papier einzuſchlagen, und mit dem Petſchafte, das an Ihrer Uhr haͤngt, zu verſiegeln.“ Hugo that es, und uͤberſchrieb dann, auf Ottkars Verlangen, den Umſchlag mit fol⸗ genden, ihm in die Feder geſagten, Worten: „Ich bezeuge, daß ich inliegende Ge⸗ „dichte, deren Verfaſſer Ottkar iſt, am „heutigen Tage mit eigener Hand in „ſeinem Zimmer eingeſiegelt habe.“ „Aber wozu dieſe Anſtalten?“ fragte der Geheimſchreiber, als er noch das Datum und ſeinen Nahmen hinzugeſetzt hatte. „Erlauben Sie mir, Ihnen die Antwort fuͤr jetzt ſchuldig zu bleiben;“ erwiederte Ottkar.„In zwey oder drey Monaten wird ſich das Naͤthſel loͤſen. Indeſſen er⸗ bitte ich mir die ſtrengſte Verſchwiegenheit uͤber dieſen Vorgang unter unſern vier Augen.“ Hugo gab ſein Wort darauf, und ſie ſprachen nun von dieſer Sache nicht weiter. Am folgenden Tage uͤberſandte Ottkar eine ſchon bereit liegende Abſchrift der drey eingeſiegelten Meiſterſtuͤcke, mit dem erdich⸗ teten Nahmen Rolf unterzeichnet, dem Her⸗ ausgeber eines Muſenalmanachs; und einige Tage ſpaͤter ließ er auch die drey ſchwachen Lieder, mit ſeinem eigenen vollen Nahmen unterſchrieben, denſelben Weg gehen. Der Almanach erſchien zu ſeiner Zeit. Herr Flaus fiel geſchwind uͤber das Buͤchlein her, und zog es durch die kritiſche Hechel. Ottkarn erhob er, wie gewoͤhnlich, bis in den Himmel; aber den Neuling Rolf fuhr er grimmig an, und bedeutete ihn ernſtlich, ſich nie wieder auf dem Parnaß blicken zu —————— — 80— laſſen, weil er ſich eher zum Schuſter, als zum Dichter, ſchicke. Ottkar hatte dieſe erwuͤnſchte Recenſion kaum geleſen, als ihm Herr Flaus ſeine Aufwartung machte. „Boͤſer Mann!“ ſprach der Dichter, im Tone eines ſcherzhaften Vorwurfs:„Ich erſuchte Sie mehrmals, mich nicht durch uͤbertriebene Lobſpruͤche dem Neide der Welt ploßzuſtellen; aber deſſen ungeachtet geſchah's wieder! Denn dieſe noch preßfeuchte Re⸗ cenſion des neuen Muſenalmanachs, den ich eben auch erhalten habe, iſt doch unſtreitig von Ihnen.“ Er legte ihm die Recenſion vor. Flaus bekannte ſich laͤchelnd dazu, und betheuerte bey ſeinem Kunſtrichtergewiſſen, er habe ihm, dem goͤttlichen Saͤnger, ein viel zu geringes Ruhmopfer gebracht. 3 „Das ſey dahin geſtellt!“ ſagte Ottkar. „Aber — — 31— „»Aber dem armen Wicht„ dem Rolf, ſpielen Sie doch gar zu uͤbel mit.“ „Verdient er's beſſer?“— fuhr der Krittler auf.„Zeigt er wohl die geringſte Anlage zu Dichtkunſt? Und iſt er nicht dop⸗ pelter Streiche werth, da er ſich offenbar erfrecht, den großen Ottkar nachzuahmen?— O des armſeligen Nachtlaͤmpchens, das einen Wettſtreit mit der Sonne beginnen will!»— „Rolf iſt und bleibt alſo ein ausgemach⸗ ter Stuͤmper?“ fragte Ottkar. „Mein Urtheil iſt unwiderruflich;“ er⸗ wiederte Flaus. „Ich halte Sie beym Worte!“ ſagte der Dichter, und uͤberreichte ihm das von Hugo verſiegelte Paͤckchen, mit dem Erſuchen, es zu erbrechen, vorher aber die Aufſchrift zu leſen. Flaus las, und eine Ungluͤcksahnung ergoß eine feurige Roͤthe uͤber ſeine Wangen. Als aber, nach geoffnetem Umſchlage, des 161 — 82— gemißhandelten Rolfs Mantel und Larve plötzlich fielen, und er als Ottkar hervortrat, da uͤberzog Todtenblaͤſſe des Kunſtrichters Antlitz, und ſtumm und ſtarr glich er einer Bildſaͤule der beſchaͤmten Einfalt. „Sehen Sie, mein Herr,“ ſagte Ottkar, „Sie haben durch dieſe Recenſion, wie ſchon durch mehrere, beurkundet, daß es Ihnen an allen Eigenſchaften eines guten Kunſtrichters mangelt. Ein ſolcher, wenn er Achtung verdienen ſoll, muß ein eben ſo redlicher als verſtaͤndiger Mann ſeyn. Sie ſind beydes nicht. Mir hoͤfeln Sie kriechend wegen ge⸗ haltloſer Reime, die ich laͤngſt verworfen hatte, und jetzt bloß in der Abſicht drucken ließ, um Sie zu beſchaͤmen; und gegen den Luftmann Rolf, den ich mit drey Gedichten, die ich fuͤr die ſchoͤnſten Bluͤthen meines Geiſtes erklaͤre, in den Almanach ſtellte, gegen dieſen fuͤhren Sie, wie Don Quixotte im Kampf mit den Nebelrieſen, gewaltige —— ——— Schwertſtreiche, und wollen ihn auf ewig vernichten, weil ein ſolcher Strohkopf in der poetiſchen Welt nicht zu leben verdiene.— Zeugt dieſe That von Kunſtkenntniß? Zeugt ſie von Rechtſchaffenheit?— Ich vermiſſe jene wie dieſe, und ich begreife nicht, wie Sie in dem Falle, daß ein Dichter Rolf wirklich lebte, das ihm zugefuͤgte Unrecht, Stirn gegen Stirn, verantworten wollten. Ich vergeb' es Ihnen, an ſeiner Statt, von Herzen; aber ich rathe wohlmeinend, ent⸗ ſagen Sie der Kritik, weil ſich weder Ihr Geiſt noch Ihr Gemuͤth dazu eignet. Ver⸗ ſchonen Sie wenigſtens mich von nun an mit Ihrer laͤſtigen Lobhudeley; Sie wuͤrden mich ſonſt reitzen, die Geſchichte dieſes Vor⸗ falls, theils zu meiner Nothwehr, theils zur Lehre und Warnung fuͤr andere partey⸗ liche Kritiker Ihres Schlages, drucken zu laſſen.“— Unter dem Donner dieſer Strafrede ging Herr Flaus, zerknirſcht und keines Lautes maͤchtig, einen allmaͤhligen Krebs⸗ gang vom Fenſter nach der Thuͤre, und druͤckte ſich bey dem letzten Worte hinaus. Er wagte ſich ſeitdem nicht wieder uͤber Ottkars Schwelle, und mit Kraͤnkung erfuhr er, daß ihn die ſchoͤne Sidonie ganz und gar nicht vermiſſe. — — IV. Das Geſtift der frommen Bertha. 1. Bertha. Ein biederber Ritter, Osmund von Roſen⸗ berg, der vor laͤnger als vierhundert Jahren mit dem Tode turnierte und von dem Un⸗ bezwinglichen in den Sand geſtreckt ward, erfreute ſich auf ſeiner irdiſchen Pilgrimſchaft einer ſchoͤnen, ſittigen und treuen Gefaͤhrtin. Doch haͤtte ſich Bertha— dieß war ihr 4 Nahme— mit den vornehmen Frauen der heutigen Welt in vieler Betrachtung nicht — — 36— meſſen koͤnnen. Sie redete nicht in fremden Zungen, wetteiferte nicht mit den Taͤnzerin⸗ nen der Schaubuͤhne, ſpielte weder den Fluͤgel noch die Guitarre, that ſich in der Mahlerey nicht hervor, und fuhr vollends nicht in der Hochgelahrtheit dunkle Schach⸗ ten hinab, um mit der Ausbeute in Geſell⸗ ſchaften zu glaͤnzen. Ihr Acker und Pflug war das Hausweſen und ihrer Ehepflaͤnzchen ſorgſame Wartung. Auch nahm ſie ſich mit einer Aengſtlichkeit, die man jetzt an manchen Theetiſchen verlachen wuͤrde, wohl in Acht, den Spiegel ihrer Tugend vom Hauch boͤſer Geruͤchte rein zu erhalten. Inſonders zeichnete ſich Bertha durch Wohlthaͤtigkeit und huͤlfreiche Theilnahme an den Schickſalen der Ungluͤcklichen aus. Sie war in einem weiten Umkreiſe des Blinden Auge, des Lahmen Fuß, der Waiſen Nutter, der Armuth Schatzmeiſterin. Ein „Gott vergelt's Euch!“ klang ihr —— —— — — 37— lieblicher als die melodiſchen Kunſttoͤne eines waͤlſchen Saͤngers, deren fluͤchtiger Hall oft von Haͤnden, die der Armuth einen Kupfer⸗ pfennig verweigern, mit Gold bezahlt wird. Le Das alte Schloß. Nicht unerhoͤrt blieb der dankbare Wuͤnſch, der fuͤr Bertha und ihren Gemahl taͤglich gen Himmel ſtieg. Goldene Ernten bedeckten Osmunds Gefilde, und die Trefflichkeit ſeiner weidenden Heerden war ein Dorn im Auge der Schelſucht. 2 Sein Schloß nur, die Wiege der Ahnen, Sah ruhig der ſchielende Neid, Denn ihr Zerſtörungsrecht übte Daran die gewaltige Zeit. — 35— Sie ſtürzte die Zinne des Thurmes Vom Berge nieder ins Thal; Sie wandelte, Mauern zerſpaltend, 1 Durch Hallen, Gemacher und Saal⸗ Ein Volk geflügelter Mäuſe Bewohnte jeglichen Ritz, und Käuzlein nahmen in Schaaren Die Trümmer des Thurms in Beſitz. Auch unter des Schloſſes Geſinde Begann die Sage zu gehn:. Es ließen oft, ſpielend und lachend, Sich zwerghafte Hausgeiſter ſehn. und das hatte ſeine Richtigkeit. Es. war ſeit uralten Zeiten dem Geſchlechte von † Roſenberg eigen, daß ſich kleine, kaum zwey Spannen hohe, doch ungemein zierliche und manierliche Weſen zu ihm hielten. Sie.. ſchluͤpften ſelten aus ihren unterirdiſchen Wohnungen hervor, und bezeigten ſich dann immer als gute Geiſter, die an den Freuden und Leiden der Familie den innigſten Theil nahmen. Nur den dienenden Buben und Maͤgdlein jagten ſie bisweilen ein unbedeu⸗ tendes Schrecken ein. —— 3. Die Geſandtſchaft. „Lieber Osmund“ ſagte Bertha eines Ta⸗ ges,„unſer Schloß zerfaͤllt immer mehr; wir moͤgen forthin weder mit Ehre noch mit Bequemlichkeit darin wohnen. Laß uns eine neue Burg bauen! Gott ſegnete uns, daß wir's ausfuͤhren koͤnnen.“ „Und wir wollen's;“ ſprach der Ritter, dem die Rede ſeiner verſtaͤndigen Hausfrau gefiel. 3 In der folgenden Nacht erſchien vor — 90— dem großen Himmelbette des Ehepaares eine Geſandtſchaft der kleinen Leutlein, deren wir vorhin erwaͤhnten. Der Fuͤhrer trug ein Maͤntelchen von Goldſtoff, und war uͤbrigens ſo ſtattlich angethan, wie ſich prachtliebende Hofſchranzen damals zu kleiden pflegten. Er machte den Herrſchaften im Bette einen⸗ 4 tiefen Reverenz, und hub an: „Zu uns hinab iſt das Gerücht erklungen, Daß ihr der Väter Schloß zerſtören wollt, Das lang’ und rühmlich mit der Zeit gerungen, 4 . und der Natur die alte Schuld nun zollt; Der Panzer ſeiner Mauern iſt zerſprungen, 1 Des Thurmes Haupt ins Thal hinab gerollt:. 8 Drum reißt die mürbe Burg der Ahnen vollends nieder, Bringt nur ins neue Schloß die alte Tugend 1 1 wieder!“ Ueberraſcht und auf keine Antwort ge⸗ faßt erwiederte Osmund dieſe Anrede mit freundlichen Bewegungen der Hand; die— Geſandtſchaft begnuͤgte ſich an dieſer ſtum⸗ men Hoͤflichkeit, und trat mit feyerlichen Verbeugungen ab. Dem Ritter und ſeiner Ehewirthin hob dieſer Beſuch eine Laſt vom Herzen. Sie hatten vorher beſorgt, die Zwerge moͤchten uͤber die bevorſtehende Schleifung der Burg, unter deren Grundfeſten ſie wohnten, einige Unruhen erregen. Nun aber ging Osmund, ihrer hohen Genehmigung verſichert, mit einem geſchickten Baumeiſter muthig zu Ra⸗ the, ließ Eichen faͤllen, Steine brechen, und begab ſich, ſammt allen den Seinigen und aller fahrenden Habe, aus der verwitterten Stammburg, die den Nahmen Wittgau fuͤhrte, auf einen Meierhof, den er in der Naͤhe beſaß. Die Eulen und Fledermaͤuſe erluſtigten ſich einige Naͤchte lang ungeſtoͤrt in den oͤden Ruinen; aber bald ruͤckte eine Schaar von Maurern an, vertrieb ſie auß ihren Kluͤften, machte das alte Schloß dem — 92— Erdboden gleich, und begann auf derſelben Stelle den Bau eines neuen, das innerhalb I drey Jahren vollendet ſeyn ſollte. Das Werk ging friſch und froͤhlich von Statten. Osmunds Unterthanen verrichteten aus freyem Willen doppelt ſo viel Hand⸗ und Spanndienſte, als ſie nach ihrer Frohn⸗ pflicht zu leiſten ſchuldig waren. Sogar 4 die Zwerge blieben nicht unthaͤtig; ſie fuͤhr⸗ 4 ten bey Nacht Steine und andern Bauſtoff zu. Eines Morgens fand man einen kleinen ſaubern Schiebekarren, den ſie auf der Bau⸗ ſtelle vergeſſen hatten. Ein Arbeiter nahm V ihn zu ſich, um ſeine Kinder damit zu er⸗ freuen. Indem er ihnen aber, nach gemach⸗ tem Feyerabend, das Geſchenk uͤbergab und ihnen deſſen Gebrauch zeigen wollte, entrollte das poſſierliche Ding ſeinen Haͤnden, lief b —,— geſchwind zur Stube hinaus, und zugleich erſcholl ein vielſtimmiges helles Gelaͤchter, —— wacker, und eilt mit der Arbeit zu Ende! das aus den Waͤnden hervorzubrechen ſchien, und ihm die Haare zu Berge trieb. 4. Der ſüße Brey. Als nun im dritten Jahre die Schwalbe ſchied, und die Droſſel ſchon von der rei⸗ fenden Frucht des Eibiſchbaums naſchte, begab ſich einſt Bertha zur Bauſtaͤtte, ſah mit Wohlgefallen das Ameiſengewuͤhl der Meiſter, Geſellen und Handlanger, und ſagte liebreich zu ihnen:„Foͤrdert das Werk, ſo viel ihr koͤnnt, ihr fleißigen Maͤnner! Der Winter iſt im Anzuge, und mein Eheherr und ich tragen großes Verlangen, das enge Haͤuslein, worin wir jetzt ungemaͤchlich wohnen, zu verlaſſen. Drum haltet Ich gelobe und verſpreche, euch dann mit einem ſuͤßen Brey zu bewirthen, und er ſoll auch fortan, ſo lange dieſes Schloß ſteht, euch und euren Kindern und Kindeskindern alljaͤhrlich an demſelben Tage von mir und meinen Nachkommen gereicht werden.“— Die Einladung auf einen ſuͤßen Brey war im Mittelalter kein veraͤchtliches Wort. Man verſtand darunter eine foͤrmliche, ſchuͤſſelreiche Gaſtung: ſo wie man jetzt auf eine Suppe einladet, und es dabey nicht bewenden laͤßt. Der eigentliche ſuͤße Brey, ein Lieblingsgericht unſerer Altvordern, war ein mit Honig zubereitetes Muß, das feſt⸗ liche Mahlzeiten gewoͤhnlich beſchloß. Den Bauleuten waͤſſerte der Mund; ſie regten luſtig die Haͤnde, und ehe noch der Winter ſeine ſtrenge Regierung antrat, ſtand das neue Schloß Wittgau zum Einzuge fertig. Worthaltend ließ Bertha den Gewerken und allen Andern, die bey dem Bau huͤlflich ——⏑⏑—⏑— geweſen waren, ein herrliches Gaſtmahl bereiten. Es mußte, wegen der Menge der Theilhaber, unter freyem Himmel gehal⸗ ten werden. Das Wetter bezeigte ſich Anfangs guͤnſtig; als aber der ſuͤße Brey auf den Tafeln rauchte, ſiel der Winter dem Herbſte ploͤtzlich ins Land, und warf die erſten Schneeflocken in die Schuͤſſeln. Sol⸗ ches verdroß die geſchaͤftige Wirthin gar ſehr.„Koͤnnen wir uns doch kuͤnftig,“ ſagte ſie,„vor dergleichen Unbilden ſichern! Wir wollen von nun an in allen Folgejah⸗ ren das heutige Feſt am erſten Tage des Roſenmonats feyern.— Schickt uns allen⸗ falls der Winter auch dann noch den Nach⸗ trab ſeiner Stuͤrme auf den Hals, ſo lachen wir ſeines letzten ohnmaͤchtigen Zorns, und laſſen uns dadurch in unſerer Freude nicht ſtoͤren.“ Drauf labte jeden erſten May Der wohlgedachte ſüße Brey Der Gäſte muntres Heer. Man räumte zu dem großen Schmaus Der Bienen ganze Werkſtatt aus, Und fiſchte Teiche leer. Das Feſt ward weit umher bekannt, und mancher hungrige Vagant Kam mit beſtaͤubtem Schuh, Blieb bey der offnen Tafel ſtehn, Und ſah dem frohen Wohlergehn Der Schmauſer lüſtern zu. Da ſagte denn die Ritterin:. „Setzt, guter Freund, ſetzt euch dahin, Und koſtet unſer Mahl!“ Gelockt von dieſer Gaſtbarkeit Vermehrte ſich von Zeit zu Zeit Der Tiſchgenoſſen Zahl. Bertha befeſtigte die Stiftung des ſuͤßen Brey's durch einen eiſernen Brief, der allen kuͤnftigen Beſitzern der Burg Wittgau die Verbindlichkeit auflegte, ſolches Gaſtgebot 4 jaͤhr⸗ —-— jaͤhrlich auszurichten, und dabey ſo zu ge⸗ baren, daß die Speiſenden voͤllig zufrieden ſeyn koͤnnten.„Ich wuͤrde,“ fuͤgte ſie am Schluß hinzu,„keiner ruhigen Urſtaͤtte unter der Erde genießen, wenn ſich nach meinem letzten Stuͤndlein irgend ein Burgherr un⸗ terfangen ſollte, das Geſtift zu vernachlaͤſſi⸗ gen oder ganz aus den Augen zu ſetzen.— Dieſer Stiftungsbrief ward von einem Rechtskundigen ſauber auf Pergament ge⸗ ſchrieben, von Bertha und ihrem ehelichen Vormund unterzeichnet, und mit angehange⸗ nem Siegel im Briefgewoͤlbe des Schloſſes aufbewahrt. 171 5. Die Erſcheinung. 3 Zwanzig Jahre hatte Bertha den ſuͤßen Brey ausgetheilt, als ploͤtzlich ihr letztes Stuͤndlein ſchlug. Ihr Begraͤbniß war ein Trauerfeſt fuͤr alle Gauen umher. Tauſende von Leidtragenden folgten dem Sarge zur Erbgruft, wo ſchon zwey fruͤhverbluͤhte Toͤchterlein ruhten. Auch der Ritter Os⸗ mund ward bald nachher auf der Rennbahn des Lebens vom Tode beſiegt. Ulrich von Ro⸗ ſenberg, des frommen Paares einziger Sohn und Erbe, waltete nun auf Wittgau, und befolgte viele Jahre lang ſeiner Mutter wohlthaͤtige Verordnung, wie es einem gu⸗ ten Sohne eignet und geziemet. Aber die Fehden jener Jahrhunderte fuͤhrten ins Herz des Landes feindliche Kriegsvoͤlker, und dieſe vertrieben den Rit⸗ ter Ulrich von ſeiner Burg. Ein Feldherr— —y,— n den wir Dominik nennen wollen— waͤhlte ſie zum Hauptlager, ſpielte darin den unum⸗ ſchraͤnkten Gebieter, nahm alle Renten in Beſchlag, und erpreßte mit Feuer und Schwert von den Unterthanen das letzte Hemd. Ein alter Burgvogt war von No⸗ ſenbergs Dienern der einzige, der im Schloſſe geduldet ward, damit der Uſurpator immer einen Vollzieher ſeiner endloſen, mei⸗ ſtens auf Wohlleben abzweckenden Befehle bey der Hand hatte. Der uͤbermuͤthige Feldhauptmann war von niedrigem Herkommen, war bey der magerſten Koſt erzogen, hatte vom gemeinen Kriegsknecht hinauf gedient, und manches Hundert ſchwarzer Soldatenbrote mit Be⸗ hagen verzehrt: aber jetzt, da er auf fremde Koſten ſeinen Gaumen kitzeln konnte, war ihm nichts koͤſtlich genug. Faſanen, Tokayer, und andere fremde Schleckereyen, mußten von weiten Orten herbey geſchafft werden. 2 — 100— Kurz, er fuͤhrte eine ſo uͤppige Tafel, als waͤr' er ein Koͤnigsſohn, und von Jugend auf mit den feinſten Genuͤſſen vertraut. Fußfaͤllig bat der Burgvogt: er moͤge ſich aus Barmherzigkeit mit der Haͤlfte der geforderten Schuͤſſeln begnuͤgen, indem ſonſt Iin kurzer Zeit alle Roſenbergſche Unterthanen ein Raub des Hungers werden muͤßten. „Was kuͤmmert's mich!“ ſagte der Wuͤthe⸗ rich.„Es bleibt beym Alten. Man iſt das nicht anders gewohnt.“— Waͤhrend der Regierung dieſes Despoten nahte ſich der Wonnemond. Bekuͤmmert dachte der Burgvogt an die Stiftung der frommen Bertha; doch die Haͤnde waren ihm gebunden: er konnte, von Geld und Einkuͤnften entbloͤßt, das gewoͤhnliche May⸗ feſt nicht veranſtalten; und daß die hab⸗ ſuͤchtige Kriegsgurgel aus dem Schatze ihrer Erpreſſungen eine Summe dazu hergeben wuͤrde, das war nicht zu erwarten. So — —ͤ *½ * erſchien der erſte May, und die Speiſung unterblieb. Nachts drauf war der wilde Schwelger, Von dem Geiſt der Reben trunken, Auf das Dunenbett geſunken, Und bebaglich ſchlief er ein. Plötzlich ſprangen mit Getöſe Schloß und Riegel aus der Krampe, Und es trat mit einer Lampe Eine greiſe Frau herein. 1 Sie umwallt ein weißer Schleyer, Deſſen Schweif den Boden feget, Und an ihrer Hüfte reget Klirrend ſich ein Schlüſſelbund. Langſam naht ſie dem Erwachten, Und er ſchnaubt:„Was will belieben?— „Lies und thu was hier geſchrieben!“ Sagt ihr todtenbleicher Mund.* Und indem der Mann im Bette 3 4 Bald erglühet, bald erkaltet, — 102— Steht ſie vor ihm und entfaltet Ihm ein pergamentnes Blatt; Und ſtie leuchtet mit der Ampel, Bis er mit verſtörten Augen, Die vor Angſt ihm wenig taugen, Ihre Schrift durchlaufen hat. Dann, vom Lager ſich entfernend, Legte ſie das Blatt zuſammen, Und es blitzten Zornesflammen Aus der Augen Ring hervor, Als ſie, hoch die Rechte hebend, und dem ſtarren Martisjünger Drohend mit dem Zeigefinger, Wie ein Dunſtbild ſich verlor. ½ — — 103— 6. Das Commißbrot. Morgens darauf hielt Dominik ein ſcharfes Kriegsgericht uͤber die Schildwachen, die waͤhrend der vergangenen Nacht in den Gaͤngen des Schloſſes, und beſonders vor ſeinem Zimmer, angeſtellt geweſen waren. Sie hatten insgeſammt die Erſcheinung nicht geſehen. Der Burgvogt, den Dominik nun ins Verhoͤr nahm, entſetzte ſich; denn er vermuthete ſogleich, daß die verſchleyerte Matrone Bertha's Geiſt geweſen ſey. Er untgprichtete den Feldherrn von der Stiftung des ſuͤßen Brey's und von der Urkunde, die daruͤber abgefaßt und in die Briefkammer niedergelegt worden war. Dominik befahl, die Schrift zu hohlen. Er hatte ſich zwar ſchon vorher des Schloßarchivs bemaͤchtiget, doch nur diejenigen Documente, auf welche Geld einzunehmen war, an ſich geriſſen, — 104— alle andere hingegen, die auf Ausgaben abzielten, liegen gelaſeen. So war denn auch Bertha's Stiftungsbrief noch vorhan⸗ den, und der Burgvogt brachte ihn. „Bey Gott!“ rief Dominik,„daſſelbe Blatt wurde mir von dem Nachtgeſpenſte vor die Augen gehalten!“ 3 Der Alte zeigte ihm die Stelle, die auf ewige Zeiten alle Beſitzer des Schloſſes ver⸗ bindlich machte, die Unterthanen am erſten May zu ſpeiſen. „Was geht das mich an?“ ſprach Dominik.„Ich bin nicht des Schloſſes Beſitzer.“ „Jetzt allerdings, Ew. Geſtrengen!“ erwiederte der Burgvogt. „„Alſo meint Ihr wohl,“ ſagte Jener, „ich ſey ebenfalls ſchuldig, Eurem Volke einen Schmaus zu geben?— Hal hal ha! ein ſo einfaͤltiger Tropf bin ich nicht! Der Sieger nimmt ein, der Beſiegte giebt aus: — 105— das iſt Kriegsregel, und weder Himmel noch Hoͤlle ſollen mich davon abbringen.“ Der Burgvogt ging mit Achſelzucken fort; der General hielt die Sache fuͤr abge⸗ than; allein ſchon am naͤchſten Mittage ward er anders belehrt. Er gab den Haͤuptern ſeiner Schaar Ein fürſtlich Gaſtgebot, Doch ſieh, bey ſeinem Teller lag Ein grobes Söldnerbrot. „Was ſoll das?“ fuhr er zornig auf⸗ „Hinweg bey Mord und Tod!“ Erſchrocken ſah die Dienerſchaft Das ſchwarze Wunderbrot. Drey Buben faßten es geſchwind, Und hoben ſchier ſich lahm, und ſtaunten, daß der ſchwere Balt Nicht von der Stelle kam. — 106— Wie eingewachſen in den Tiſch, Wich er und wankte nicht. Den Feldherrn fiel ein Grauen an, und bleichte ſein Geſicht. Nach feinern Brötlein griff er ſchnell, Doch welches ſeine Hand Nur mit der Finger Saum beſtrich, Das hob ſich und verſchwand. Er langte nach dem Weinpokal, Trank ſtutzig, und rief jach: „Verdammt! wer ſchöpft, ſtatt Ungarweins, Mir Wellen aus dem Bach?“ Und alles, alles, was er noch Dem Munde weiter bot, Das ſchmeckte wie des Baches Fluth, Und wie Soldatenbrot. Gezwungen, und ganz wider ſeine Ge⸗ wohnheit, ging er an dieſem Tage unbe⸗ — — 107— rauſcht zu Bette, nachdem er zuvor in der Burg doppelte Wachen ausgeſtellt, und beſonders alle Wege zu ſeinem Schlafzimmer mit zahlreicher Mannſchaft beſetzt hatte. 7. Die Zwerge. Eh' er noch ſchlief, Der Wächter rief: „Die Glocke hat zwölf geſchlagen!“ Der barſche Held, Ein Löw' im Feld, Begann vor Geiſtern zu zagen. Und horch! es bewegt ſich, Es raſchelt und regt ſich Schon unter dem Bett, Und hervor kommt mit Haufen Ein Zwergvolk gelaufen, Gar winzig, doch nett. — 108— Sie ſchwirren wie Hummeln, Poltern und rummeln, Drängen und tummeln Sich haſtig hervor, Springen wie Ratzen, Klettern wie Katzen 1 Auf's Bett empor, Und tapfer mit Schellen, Die weidlich gellen, Grüßt jeglicher Wicht Des Helden Geſicht. Er will zur Wehre ſich ſtellen, Er de ſofort Ein Dutzend der kleinen Geſellen Raſch über Bord; Doch, als hälten ſie Schwingen, Sind ſie huſch! wieder oben, und bringen Nit doppelter Pein Die Säumniß qain. Sie kneipen Und ſtäupen, — — 109— Mit frechem Geſpötte, Den Feldherrn baß, Sie wälzen ſogar, wie ein Faß, Den dicken Mann aus dem Bette, Und tanzen, zum Ende vom Liede, Auf ſeinem Leichnam ſich müde. Nach dieſem Balle Verſtoben ſie alle, Die heilloſen Rangen, Indem ſie ſangen: „Beſtelle den ſüßen Brey, Sonſt plagen wir dich auf's neu!“— Aber Herr Dominik hatte nicht Luſt, ſeinen Raubſchatz durch Bewirthung der Roſenbergſchen Unterthanen zu ſchwaͤchen; doch war er auch eben ſo wenig geneigt, ſeinen wohlgenaͤhrten Leib fernerhin zu einem Tanzboden herzuleihen. Es gab einen Mit⸗ telweg: er konnte ſein Hauptlager an einen andern Ort verſetzen. Dazu entſchloß er ſich 1 — 110— um ſo lieber, da die Gegend um Wittgau von den Heuſchrecken des Krieges ſchon ganz ausgezehrt war. Er ruͤckte alſo am folgen⸗ den Tage mit ſeinem Heerhaufen einige Meilen weiter. Man glaubte allgemein, dieſer ploͤtzliche Aufbruch haͤnge mit dem Plane des Feldzuges zuſammen. Das ließ ſich der General ſehr gern gefallen, und entdeckte keinem Menſchen, daß ihm die Zwerge ein Treffen geliefert, und ihn auf's Haupt geſchlagen hatten. Kaum war er fort, ſo fand der Burg⸗ vogt in einer ausgepluͤnderten Truhe, deren Deckel er mit Thraͤnen aufſchlug, einen ſchweren Geldſack, und auf einem angebun⸗ denen Zettel Bertha's unverkennbare Hand⸗ ſchrift in den Worten:„Zur Ausrich⸗ tung des ſuͤßen Brey's.“— Der Greis erſchrak; doch freudig und ehrlich verwandte er die willkommene Spende zu — 111— einer guten Mahlzeit, bey welcher die armen Gaͤſte einige Stunden lang ihres Jammers und Elends vergaßen. 8. Die furchtbare Kindwärterin. Der ſuͤße Brey— denn mit deſſen Ge⸗ ſchichte haben wir es hauptſaͤchlich zu thun— lebte nun ohne weitern Anſtoß ein Jahr⸗ hundert fort. Es erwuchſen ſogar juͤngere Geſchwiſter um ihn her. Die meiſten nach⸗ barlichen Ritter gaben nach und nach ihren Dorfſchaften ein aͤhnliches Jahrfeſt. Doch thaten ſie es nicht gerade am erſten May, ſondern ſie waͤhlten dazu ihre Geburtstage oder andere merkwuͤrdige Zeitpunkte ihres Lebens. So ging die Sache trefflich ihren Gang, — 112— bis Waldemar von Roſenberg, Osmunds Urenkel, an die Reihe kam, auf Wittgau zu herrſchen. Auf dieſem Manne ruhte nicht der Geiſt ſeiner edlen Vaͤter. Er behandelte ſeine Unterſaſſen ſtolz und hart. Auch beſaß ihn der Geitz, und daher war ihm der May kein Wonnemond, weil ihm das große Volks⸗ mahl eine verdrießliche Ausgabe verurſachte. Er haͤtte dieſes Feſt ganz aufgehoben, wenn ihm nicht bange geweſen waͤre, einen unan⸗ genehmen Beſuch von ſeiner Urgroßmutter zu erhalten. Der ſuͤße Brey ward alſo zwar aufgetiſcht, aber mit ſolcher Kargheit, daß der Stifterin Geiſt darob zuͤrnte. Dar⸗ um war es gemeiniglich in der folgenden Nacht auf der Burg nicht geheuer. Unſichtbar durchlief es murrend Alle Zimmer, Schlug die Thüren faſt in Trümmer, Raſſelte mit vielen Schlüſſeln, ——, — 113— Wie mit Ketten, Rüttelte der Schläfer Betten, Und zerſchmetterte die Schüſſeln, Die beym Schmaus, um Geld zu ſparen, Nicht gefüllt geweſen waren. In ſpaͤterer Zeit vermaͤhlte ſich Walde⸗ mar. Seine Gattin war gutherzig, ver⸗ mochte viel uͤber ihn, und bediente ſich ihrer ſanften Gewalt zum Beſten der Unterthanen: aber fie ſtarb ſchon im erſten Jahre der Ehe, indem ſie ein Soͤhnlein geboren hatte, das den Nahmen Hermann erhielt. Der Witwer ſchritt bald zu einer neuen, minder gluͤcklichen Wahl. Dem kleinen Hermann fiel das ſchlimme Loos, eine boͤſe Stiefmutter zu bekommen. Sie uͤbergab das ihr verhaßte Kind den Haͤnden und der Willkuͤhr einer rohen, leichtſinnigen Dirne, die den Knaben oft einige Stunden lang in banger Einſamkeit hungern, durſten und 181 — 114— weinen ließ, und indeſſen mit den Knappen und andern Hausdienern kurzweilte. Einsmahls hatte ſie im Garten Eine halbe Sommernacht Mit dem Gärtner, ihrem Buhlen, In geheimer Luſt verbracht. Leiſe, wie ein Schatten wandelt, Eilte ſie, mit ſcheuem Blick, Vor der Lampen Strahl ſich ſchämend, . In die todte Burg zurück. und ſie hält ſich für geborgen, Als ſie vor dem Zimmer ſteht, Und den Schlüſſel in dem Schloſſe Mit geübter Vorſicht dreht. Doch im Zimmer— welches Schrecken! Das verlaßne Knäblein liegt In den Armen einer Greiſin, Die es zärtlich herzt und wiegt, ——;— — 115— Aus verblichenen Gewändern, Deren Form vor Zeiten galt, Ragte hoch und hehr die fremde Furchtgebietende Geſtalt.— Aehnlich einem Steingebilde Stand die Maid beſtürzt und ſprach: „Wie ſeyd Ihr herein gekommen, Ins verſchloſſene Gemach?“— „Alle Thüren ſind mir offen;“ War die Schreckensantwort drauf: „Dieſes Würmleins Klagen riefen Aus dem Grabe mich herauf. Ich, die Ahnfrau des Geſchlechtes, Das in dieſer Burg gebeut, Kann nicht ruhn, weil meinem Enkel Auf der Welt ein unſtern dräut. Ausgeartet iſt ſein Vater, Seine Mutter ſtarb dahin, Und das Weib an ihrer Stelle Hegt der Rabenmütter Sinn. 4— — 116— Sie vertraut das theure Leben Einer ſittenloſen Magd, Die, wenn ihre Buhlen winken, Pfleg“ und Wartung ihm verſagt. Nimmer kann dieß zarte Pflänzchen In ſo rauher Luft gedeihn: Drum will Ich es zu mir nehmen, Und dann wird ihm beſſer ſeyn. Armes Kindlein, ſüßes Liebchen, Schlafe noch ein Weilchen hier! Früher als der Morgen leuchtet Führt ein Engel dich zu mir.—— Küſſend trug ſie's in die Wiege, Wandte ſich, erhub die Hand, Und, wie leichte Wellen, theilte Sich zu einer Thür die Wand. Lächelnd ſchlummerte der Knabe, Wang’ und Lippen roſenroth, Doch der erſte Blick des Morgens Fand ihn ſchon erbleicht und todt.— — 117— Der Stiefmutter Freude uͤber des Kin⸗ des Ableben war von kurzer Dauer. Sie ſelbſt mußte nach Verlauf weniger Monate dieſelbe Straße wandeln. Auch Waldemar ſtuͤrzte bald nachher auf der Hetzjagd in die Ewigkeit hinuͤber. Es ſtand im Buche des Schickſals geſchrieben, daß dieſes Geſchlecht, das die Tugendbahn ſeiner Ahnen zu ver⸗ laſſen anfing, ausſterben ſollte. Doch ungeachtet ſie verſchwanden, Die zeither auf der Bühne ſianden, Iſt’s mit dem Mährchen nicht vorbey: Die Hauptperſon, der ſüße Brey, Iſt auf dem Schauplatz noch vorhanden. 9⸗ 8 Willbold von Eiſenbart. Die Burg Wittgau und das dazu gehoͤrige Gebiet ſiel an einen Lehnsvetter, den Ritter Willbold von Eiſenbart. Er war ein wilder, unbiegſamer, eherner Mann, der ſeinen har⸗ ten Kopf fuͤr einen Mauerbrecher hielt, womit er uͤberall durchzuſtuͤrmen glaubte. Einen anmuthigen Abſtich gegen ihn machte Hilda, ſein einziges Kind, ein eben ſo ſchoͤnes als gutes Maͤdchen, deſſen Mutter fruͤhzeitig ein Opfer der Haͤrte ihres Ge⸗ mahls geworden war. Er lebte ſeitdem als gezwungener Witwer, weil er unter den vielen Jungfrauen, denen er ſeine ſchlag⸗ fertige Hand antrug, kein geduldiges Schaͤf⸗ lein fand, das ſich ſeiner landkuͤndigen Haus⸗ tyranney unterwerfen wollte. Es war im Anfange des Brachmonds, als er aus einer fernen Gegend herkam, um das ihm angefallene Lehn in Beſitz zu neh⸗ men. Vier Wochen zuvor waren die Koſten des ſuͤßen Brey's, wie gewoͤhnlich, aus den Einkuͤnften des Gutes beſtritten worden, und man hatte dießmahl etwas mehr als zu anderer Zeit aufgehen laſſen, um die Un⸗ terthanen fuͤr die knappen Speiſungen unter der vorigen Herrſchaft zu entſchaͤdigen. Willbold ſchalt und tobte daruͤber,„Das ſoll mir nicht wieder begegnen!“ ſetzte er hinzu.„Ich muͤßte den Bettelſtab ergreifen, wenn ich jaͤhrlich ein ſo verſchwenderiſches Bankett ausrichten ſollte. Nein, nein! Kuͤnftig erhalten die Leute, ohne alle weitere Nebengerichte, einen ſuͤßen Brey, und damit gut!*— Bald darauf beſchloß er, der Mutter Bertha den ſchuldigen Gehorſam ganz auf⸗ zukuͤndigen. Dazu verhetzte ihn ein Mann, deſſen Bild folgendes Kapitel aufſtellt. 10. Der Frohntans. Es rebte dort ein rieſenhafter Ritter, Herr Hans von Haſenfeld. Er ſprach ſo laut wie donnernde Gerwittei, und ſchien ein großer Seld. Ihn trug, ob ſeines Leibes ſchwerer Bürde, Kaum noch das ſtärkſte Pferd, Und furchtbar krönte ſeines Anſehns Würde „Ein ungeheures Schwert. 2 Er that mit ſeiner langen Todesſenſe 3 Der Zungenthaten viel; Doch ward ſchon beym Geziſch erboßter Gänſe Dem Helden etwas ſchwül. Er war aber nicht nur eine laͤcherliche Perſon, ſondern auch ein ſchlechter Wicht. Das ließe ſich aus hundert Thatſachen be⸗ weiſen; wir wollen jedoch nur einige, die mit unſerm Gegenſtande verwandt ſind, hier anfuͤhren. Nitter Hans beſaß in der Naͤhe von Wittgau ein Schloß, zu welchem ein Doͤrf⸗ lein gehoͤrte. Als es nun bey mehrern Rittern, die um ihn her wohnten, Sitte ward, ihre Bauerſchaft jaͤhrlich an einem gewiſſen Tage mit Speiſe und Trank zu erfreuen, ſo ergriff er dieſe Gelegenheit, ſich einen haͤmiſchen Spaß zu bereiten. Er ließ ſeine Dorfſaſſen zu einer Mahlzeit zu⸗ ſammen rufen, und ihnen, als ſie an einer langen Tafel Platz genommen hatten, Mann fuͤr Mann durch ſeine Diener ins Ohr rau⸗ nen:„der ſuͤße Brey, den man auftragen werde, ſey auf dem Boden der Schuͤſſeln mit funkelneuen Silbermuͤnzen gewuͤrzt; wer alſo mit ſeinem Loͤffel am ſchnellſten und tiefſten bis auf den Grund tauche, der werde die reichſte Silberbeute gewinnen.“— Das war den armen Leuten eine hoͤchſt erfreuliche — 122— Kunde. Sie hielten ihren Loͤffel hoch in der Hand, wie ein Reiter den Saͤbel, womit er einhauen will. Die Schuͤſſeln wurden aufgeſetzt; ein ſiedendheißer Brey qualmte darin; wie Blitze ſchoſſen alle Loͤffel hinein, und brachten eine feurige Ladung zuruͤck, woran ſich die geldhungrigen Eſſer Mund und Gaumen verbrannten. Das ging nicht ohne graͤßliche Geſichtsverzerrungen ab. Darauf hatte der edle Herr gerechnet, und frohlockte mit einem unmaͤßigen Gelaͤchter daruͤber. Aber ſeine Haupttuͤcke beſtand darin, daß der Hoͤllenbrey nicht einen einzi⸗ gen Pfennig enthielt, und an und fuͤr ſich ein ungenießbares Gericht war. Die Brand⸗ beſchaͤdigten mußten alſo, da man ihnen kein Voreſſen aufgetiſcht hatte, ungeſaͤttigt nach Hauſe gehen. Im naͤchſten Jahre machte er ſich ein noch wohlfeileres Vergnuͤgen. Er berief ſeine Bauern und Haͤuslinge abermahls zu — 123— einer vorgeblichen Luſtbarkeit zuſammen. Sie erſchienen mit dem feſten Vorſatze, ſich den Mund nicht wieder zu verbrennen, ſondern langſamer zu eſſen. Doch dieſer gemein⸗ ſchaftlich gefaßte Entſchluß war ganz uͤber⸗ fluͤffig. Sie fanden auf dem freyen Platze, wo ſie im vorigen Jahre bankettirt hatten, keinen Tiſch gedeckt. Herr von Haſenfeld hatte daſelbſt bloß fuͤr ſich und einige Gaͤſte eine Trinktafel aufſchlagen laſſen. Neben ihm ſtanden zwey oder drey Bockpfeifer, die laͤndliche Taͤnze ſpielten. Als nun die Gemeinde verſammelt war, forderte er ſie mit donnernder Stimme auf, vor ihm zu tanzen. Die Burſche drehten und ſchwenkten ſich eine Weile mit ihren Maͤdchen herum; aber bey Hunger und Durſt erlahmten die Beine ſehr bald; nie⸗ mand wollte ſie foͤrder heben. Da trat ein plumper Gerichtsknecht auf, und ſagte ge⸗ bieteriſch;„Ruͤhrt euch, ihr traͤges Volk! — 124— Es iſt jetzt nicht die Frage, ob ihr zum Tanzen Luſt habt oder nicht: ihr muͤßt heute zur Frohne tanzen! Das iſt des gnaͤdi⸗ gen Herrn Wille und Meinung. Wornach ſich zu achten!“— Hierbey erhob der Scherge ſeinen dicken Stock, und zwang damit Junge und Alte, nach der Bocksmuſik ſo lange zu huͤpfen und zu ſpringen, bis ſie ſaͤmmtlich athemlos niederſanken. Ritter Hans ruͤhmte ſich hernach in vielen Geſellſchaften, er habe ſeinen Bauern ein herrliches Tanzfeſt veranſtaltet. Der ſchamloſe Prahler ward deßhalb von Vielen, die ihn nicht beſſer kannten, fuͤr einen recht guten Vater ſeines Volkes gehalten. Da er auf eine ſo leichte Art zu dieſem Ehren⸗ ruf kam, ſo muß man ſich wundern, daß nicht auch harte Fuͤrſten der damahligen Zeit bisweilen in ihren ſeufzenden Laͤndern einen allgemeinen Frohnball ausſchrieben. Man findet davon keine Spur in der Geſchichte. — 125— Aber einige Dorfſultane von Hanſens Ge⸗ lichter moͤgen es wirklich gethan haben. Der Schreiber dieſes Maͤhrchens erinnert ſich, daß er vor geraumen Jahren irgendwo las: es beſtaͤnden noch in verſchiedenen Ge⸗ genden Deutſchlands ſonderbare, aus der Vorzeit herſtammende Frohntaͤnze, bey wel⸗ chen der Gerichtsdiener, als Tanz⸗ und Freudenmeiſter, eine große Rolle ſpiele, den Ball eroͤffne, und jeden Anweſenden, der ſeine Fuͤße ſchonen wolle, mit pflichtmaͤßi⸗ gem Ernſt antreibe, ſich in Bewegung zu ſetzen. Geheime Liebe. Ritter Willbold und Herr von Haſenfeld wurden bald mit einander bekannt, und kamen oft freundſchaftlich zuſammen. Einſt ſprachen ſie von dem ſuͤßen Brey.„Es iſt doch verdammt aͤrgerlich,“ ſagte Jener, „daß ich mir von einem Weibe, das ſchon weit uͤber hundert Jahre im Grabe modert, eine Schatzung muß auflegen laſſen.“” „Gehorche nicht, ſo iſt der Handel ab⸗ gemacht!“ verſetzte Hans. „Weit gefehlt, Herr Bruder!“ ſprach Willbold.„Bertha's Geiſt dringt auf Ge⸗ horſam, und im Weigerungsfalle ſpukt er zornig umher.“ „Mir ſollt' er kommen!“ rief der Bramarbas, und ſchlug auf ſein Schwert. „Ich mache dir's zur Ehrenſache, Willbold, den einfaͤltigen ſuͤßen Brey abzuſchaffen: — 127— ſonſt erklaͤr' ich dich Angeſichts der ganzen Ritterſchaft fuͤr eine feige Memme!“— Ein ſolcher Trumpf aus dem Munde eines Mannes, den ſein Freund noch ſo wenig ergruͤndet hatte, daß er ihn fuͤr einen tapfern Kaͤmpen hielt, that volle Wirkung. Willbold ſchwur, Bertha's Stiftung nicht zu achten, und nie einen Heller darauf zu verwenden. „Das iſt brav!“ ſagte Hans.„So kann auch unſer einer aufhoͤren, ſeine Bauern jaͤhrlich einmahl abzufuͤttern. Dieſer hier eingeriſſene abgeſchmackte Gebrauch hat mir bisher anſehnliche Summen gekoſtet.“ Bey dieſem Zwieſprach war Fraͤulein Hilda zugegen, und Ritter Hans empfahl ſich ihr jetzt noch uͤbler, als er ſich ihr ſchon fruͤher durch Zaͤrtlichkeiten und gewagte Liebkoſungen empfohlen hatte. Der alte widrige Hageſtolz buhlte foͤrmlich um ihre Gunſt und ihre Hand. — 128— Doch er hatte nicht zu hoffen 5 Der Gewährung ſüßes Heil. Hilda's Herz war ſchon getroffen Von der Liebe Flammenpfeil. Ritter Toralds Jugendblüthe, Und ſein hoher Edelſinn, Der für alles Gute glühte, Riſſen ſie auf ewig hin. und auch ihm war ihre Minne Seines Lebens Element. Nicht um Reich⸗ und Throngewinne 2 Hätt' er ſich davon getrennt. Aber die Liebenden mußten unter der 1. Maske der kaͤlteſten Gleichguͤltigkeit mit ein⸗ ander umgehen: denn Hilda's Vater wrr dem jungen Manne nicht ſonderlich gewo⸗ 5 gen. Er ſah ihn, wegen ſeiner ſtillen Be⸗ ſcheidenheit, fuͤr einen furchtſamen Kalmaͤuſer an. Ueberdieß heiſchte er einen reichbeguͤter⸗ ten — 129— ten Eidam, und als einen ſolchen konnte ſich Torald nicht darſtellen. Er war arm, und ward taͤglich aͤrmer, indem er den Wohlſtand der wenigen Bauern, uͤber die er zu gebieten hatte, durch Aufopferung ſei⸗ ner eigenen Habe immer bluͤhender machte. 12. Die Auswanderung. Der Wonnemond nahte ſich; Willbolds Erbleute rechneten um ſo mehr auf eine ſtattliche Bewirthung, da es der erſte Feſt⸗ ſchmaus war, den ſie von ihrem neuen Herrn zu hoffen hatten; auch Hilda lag dem Vater fleißig an, den boͤſen Eingebungen des dicken Ritters nicht zu folgen, ſondern der Stif⸗ tung redlich Genuͤge zu thun: aber er ſagte Nein und immer Nein, und berief ſich auf 4 191 — 130— ſeinen Eidſchwur. Am Ende beſtieg er, um von der laͤſtigen Sache nichts weiter zu hoͤren, in den letzten Tagen des Blumen⸗ monats ſeinen Gaul, und ritt zum Beſuch fernwohnender Freunde. Der erſte May kam; die Bauersleute legten ihre Sonntagskleider zurecht, um bey dem Gaſtmahle, deſſen ſie gewaͤrtig waren, geſchmuͤckt zu erſcheinen: doch ſchon am fruͤhen Morgen eilte Hilda in das am Fuße des Schloßberges liegende Dorf hinab, ging von Haus zu Haus, entſchuldigte den dieß⸗ mahligen Wegfall des ſuͤßen Brey's mit der Abweſenheit ihres Vaters, und hinterließ uͤberall ein ſo reichliches Verguͤtungsgeſchenk, daß ſaͤmmtliche Einwohner mit dieſem Tau⸗ ſche vollkommen zufrieden waren. In den weiter entlegenen Doͤrfern, die bey der Burg Wittgau zu Lehen gingen, that Torald, von dem Fraͤulein dazu beauftragt und mit dem nothigen Gelde verſehen, ein Gleiches. So 8. — 131— erſchoͤpfte Hilda aus eigener Bewegung ihre Sparkaſſe, um der Bauern gerechten An⸗ ſpruch zu befriedigen, und die Burg vor naͤchtlichem Geiſterſpuk ſicher zu ſtellen. Acht Tage darauf kam Willbold von ſeiner Reiſe zuruͤck. Er war neugierig zu wiſſen, ob ſich die Unterthanen am erſten May eingeſtellt haͤtten, und wie man mit ihnen aus einander gekommen ſey; doch da er etwas Unangenehmes zu hoͤren vermuthete, ſo fragte er lieber gar nicht darnach, und nun verſchwieg auch Hilda ihre eigenmaͤch⸗ tige Geldvertheilung, woruͤber ſie doch mehr Tadel als Lob zu erwarten hatte. 8 Es wurde Nacht, der Ritter ſchlief, Bis ihn eine Stimme beym Nahmen rief. Er ſchrak empor, er war allein, Erloſchen war der Ampel Schein, Doch aus der Mauer fuhr eine Hand, und ſchrieb mit Flammen an die Wand:: — 132— „Thu in den nächſten ſieben Tagen, Was du am erſten May verſäumt; Sonſt wird, nach ſchweren Plagen, Dieß Schloß von dir geräumt.“— Willbold ſchuͤttelte trotzig den Kopf, ſchlief wieder ein, erinnerte ſich am Morgen der Erſcheinung ſo gleichguͤltig, wie eines Traumgeſichts, und ließ die ſiebentaͤgige Friſt ungehorſam verſtreichen. Um ihn dafuͤr zu zuͤchtigen, ruͤckte in der naͤchſt darauf folgenden Nacht ein zahlloſes Heer von Zwergen bey ihm ein. Wie wenn Schaaren der Bienen daher ziehn, dich⸗ tes Gewimmels, Aus dem gehöhleten Fels in beſtändigem Schwarm ſich erneuend“): So brachen die Pygmaͤen im Schlaf⸗ zimmer des Ritters aus allen Waͤnden hervor, *) Homers Jlias von Voß, zweyter Geſang. ds — 133— und zwackten ihn noch ſchlimmer, als wei⸗ land ihre Voraͤltern den General Dominik. Aber nicht ſo ſchnell und feige, wie dieſer, raͤumte Willbold das Feld. Er ließ im Mit⸗ telpunkt eines weiten, hochgewoͤlbten Saales ſein Bett an Ketten aufhaͤngen, ſtieg auf einer Leiter hinein, und hielt ſich nun vor den Befehdungen der kleinen Kobolde ſicher; doch auch dieſes ſchwebende Lager uͤberfielen ſie, wie gefluͤgelt, und warfen den Inhaber auf den gepflaſterten Fußboden hinab. Seine Gebeine waren wie zermalmt; er konnte ſich nicht ohne Beyſtand empor richten; und als man ihn am Morgen aufhob, hoͤrte er von allen Seiten laute Klagen uͤber mancherley Mißhandlungen, die in der vergangenen Nacht ſaͤmmtliche Bewohner des Schloſſes von ſichtbaren und unſichtbaren Geiſtern er⸗ fahren hatten. Nur Hilda war verſchont geblieben. Das Hausgeſinde forderte ein⸗ ſtimmig ſeinen Abſchied, und drohte, im — 134— Weigerungsfall, zu entlaufen. Der Ritter ſelbſt, der durchaus ſeinen eiſernen Nacken unter das Hausgeſetz der Stiftung nicht beugen wollte, fand es bey den gegenwaͤrti⸗ gen Umſtaͤnden fuͤr rathſam, ſich aus dem Staube zu machen, und ein nicht weit ent⸗ legenes kleineres Schloß zu beziehen, das einer ſeiner Vorfahren zu einem Witwen⸗ ſitze gebaut hatte. Dahin erhob er ſich, ehe der Abend einbrach, mit ſeiner Tochter und ſeinem ganzen Hofſtaate. In der Burg Wittgau blieb keine Seele zuruͤck. Der Geiſterbanner. 4 Als ſich Willbold in ſeinem Aſyl, wo er ruhige Naͤchte genoß, eingerichtet hatte, ließ er einige ſeiner Freunde und Bekannten zu einem Mittagsmahl einladen. Wir erwaͤhnen von den Gaͤſten nur der Ritter Hans und Torald, und eines Dritten, der ein ungemein luſtiger Kompan war, immer Lieder und Schwaͤnke auf der Zunge hatte, und bey der Tafel folgenden Sang anſtimmte: Ich und mein Fläſchlein ſind immer beyſammen; Niemand verträgt ſich ſo herrlich als wir! Stehe der Erdball in feindlichen Flammen, Spricht's doch die zärtlichſte Sprache mit mir. Gluck, gluck, gluck, gluck! Liebliche, ſchöne, Zaubriſche Töne! und ſie verſtehet der Mohr und Kalmuk. ———— *———— — 136— Mancher vertändelt mit Weibern ſein Leben, Höfelt und ſchmachtet und härmet ſich krank, Denn auch den roſtgſten Lippen entſchwehen Oft genug Grillen und Launen und Zank. GSluck, gluck, gluck, gluck! Sagt nur die Schöne, Welcher ich fröhne, Und ſie begehret nicht Kleider, nicht Schmuck. Wann ſich das Schickſal, mit Wettern gexüſtet, Wider mich frohen Geſellen erboßt, Und mir den Garten der Freude verwüſtet, Dann iſt das Fläͤſchlein mein kräftigſter Troſt. Gluck, gluck, gluck, gluck! Flüſtert die Treue, und wie ein Leue Trotz' ich dem Schickſal, und ſage nicht Muck. Ich und mein Liebchen wir ſcheiden uns nimmer, Bis mir der Luſtbach des Lebens verrinnt, Und in des Schreiners verhaßtem Gezimmer Schreckbar ein ewiges Durſten Buginne — 1 37— Gluck, gluck, gluck, gluek! Dich muß ich miſſen, Dorthin geriſſen, Unter des Grabſteins umnachteten Druck! Sie nur, ſie durſten nicht, die ihn erleben, Den einſt die Todten erweckenden Ruf. Köſtlichen Wein muß es oben doch geben, Wo er regiert, der die Reben erſchuf. Gluck, gluck, gluck, gluck! 1 Klingt es dort wieder; Himmliſche Brüder Reichen mir einen verzüngenden Schluck. „Ein feines Liedlein!“ donnerte Hans in den letzten Ton hinein. auer. ee Reimgeſetz ſollte man herausreißen, und durch Henkershand verbrennen laſſen, an⸗ geſehen es das liebenswuͤrdige Geſchlecht beleidigt, von welchem ein Inbegriff aller. ſeiner Tugenden und Reitze hier vor uns ſigt.) ————— —;— Hiermit erſtand er ſchwerfaͤllig vom Stuhle, verbeugte ſich vor dem Fraͤulein, und trank einen großen Becher auf ihre Ge⸗ ſundheit aus. „Schmeichler!“ rief Willbold, ehe ſich der Saͤnger vertheidigen konnte,„verruͤcke dem Maͤgdlein nicht den Kopf, und zaͤrtle nicht! Es werden ohnedieß ſchon genug min⸗ nigliche Blicke hier gewechſelt.—(Er ſchielte mit einem Auge den Ritter Torald, mit dem andern ſeine Tochter finſter an.) „Aber es komme mir niemand mit Freyers⸗ gedanken ins Haus!“ fuhr er fort.„Ich laſſe mein Kind, die Luſt meines Alters, noch h bald mit einem Gemahl ziehn: es faͤnde ſich denn ein beherzter Mann, der Geiſter bewaͤltigen und ſie aus der Burg* Wittgau bannen koͤnnte, dem wollt' ich zum Danke das Maͤgdlein und das verwuͤnſchte Schloß obendrein geben.”— „Iſt das Ernſt?“ fragte Hans. —-ꝛ — „Auf Nitterwort und Ehre!“ verſetzte Willbold. „Nun, um dieſen Preis ſtuͤrm' ich die Hoͤlle!“ ſchrie Jener, und ſchlug mit ſeiner Rieſenfauſt ſo gewaltig auf den Tiſch, daß einige Becher umſtuͤrzten. Indem man dieſen Eifer belachte, faßte Torald, uͤber Hanſens Erklaͤrung nicht wenig erſchrocken, ſchnell den Muth, mit ihm zu⸗ gleich in die Schranken zu treten.„Ritter Eiſenbart,“ begann er beſcheiden,„da Ihr maͤnniglich zum Geiſterbann auffordert, ſo iſt es wohl auch mir erlaubt, einen Verſuch zu machen?““ „Warum nicht?“ antworte Willbold mit einem froſtigen Tone. F Toralds Einmiſchung war dem dicken Ritter ungelegen. Sie zerſtoͤrte einen ſchlauen Plan, den er im Kopfe hatte. Er wollte ſich naͤhmlich mit dem Geiſterbanne gar nicht befaſſen, ſondern um die Schule herum gehen, 3 ———————— “ — 140—*. und hernach aufſchneiden: er habe einige Naͤchte lang in der Burg mit Unholden ge⸗ kaͤmpft, und ſie endlich zum Weichen ge⸗ zwungen. Es ſchien ihm leicht, durch ſolche leere Prahlereyen das Fraͤulein zu gewinnen; denn da niemand in der Burg wohnte, ſo ſtellte er ſich vor, man wuͤrde ihm die Schluͤſſel zu treuen Haͤnden uͤbergeben, und ihn nicht weiter beobachten. Doch das alles ging anders, wenn ſich ihm ein Zeuge ſeines vorgeſpiegelten Muthes aufdrang. Dieſer Ungemaͤchlichkeit mußte vorgebeugt werden. Er wandte ſich daher zu Torald, und ſprach: „Es iſt loͤblich, daß Ihr Euch ſo wenig als ich vor Geſpenſtern fuͤrchtet; mir aber ge⸗ buͤhrt der Vortanz, und ich bedinge mir dazu drey Naͤchte, die ich allein in der Burg ausharren will, um den Ruhm, den ich einzuernten gedenke, nicht hinterher mit einem andern theilen zu muͤſſen. Bleibt nach dieſen drey Naͤchten— wie ich nicht — 141— glaube— noch etwas zu thun uͤbrig, dann ſteht Euch das Feld offen.— „So ſey es!“ ſprach Willbold, und Torald konnte nichts dagegen einwenden. Wohlgemuth forderte Hans nach der Tafel die Schluͤſſel der Burg, unter dem Vorgeben, daß er ſogleich die folgende Nacht dort zubringen wolle. Willbold, der dem Großfprecher nicht mehr ganz traute, erbot ſich, ihn hinein zu begleiten. Hans erſchrak; doch blieb ihm noch die Hoffnung, vor Ein⸗ bruch der Nacht wieder aus der Burg zu entſchleichen. Sie ritten gegen Abend dahin. Willbold fuͤhrte ihn in ein Zimmer, das nur Eine Thuͤr hatte; dieſe verſchloß er ohne Umſtaͤnde hinter ihm, druͤckte draußen ſein Wappen darauf, wuͤnſchte ihm durch's Schluͤſſelloch eine gute Nacht, und verſprach, ſich in der Fruͤhe des kuͤnftigen Tages nach ſeinem Befinden zu erkundigen. * ——— Der Ritter am Spinnrocken. So war Hans, wie eine Maus in der Falle, gefangen. Nur ein Felſenſprung aus dem Fenſter konnte ihn retten; aber er ſtuͤrzte ſich lieber in das vor ihm ſtehende Bett, und wuͤhlte ſich ſo tief als moͤglich hinein. Als er, wie ein Igel zuſammen gerollt, einige Stunden geſchwitzt hatte, trippelt' und trappelt' es um ſein Lager herum; das Deckbett ward ihm entriſſen, und Schlaͤge und Nadelſtiche zwangen ihn, ſich aufzu⸗ richten und die feſtgeſchloſſenen Augen zu oͤffnen. Himmel! da ſtand ein unabſehbares Volk von Zwergen vor ihm! Die vordern erſtiegen auf Leitern ſein Bett, hoben eine Kohlenpfanne, auf welcher eine Schuͤſſel dampfte, mit großer Anſtrengung hinein, und ſangen dazu: 2 — 143— Hier bringen wir Einen ſüßen Brey; Er ſchmecke dir Wie geſchmolzen Bley, Damit du mögeſt erfahren, Was jenes verſpottete Häuflein empfand, Mit dem ſich dein Herrſcherlingstrotz unterſtand Vor Zeiten ſo zu gebaren. Einige Maͤnnlein, mit Loͤffeln in den Haͤnden, ſprangen ihm rechts und links auf die Schultern, und fingen an ihn zu fuͤttern. Der Brey war ſo heiß, daß er noch in den Loͤffeln Blaſen aufwarf. Hans ſtraͤubte ſich verzweifelt gegen dieſen Genuß; allein er war auf allen Seiten mit Zwergen umgeben und gleichſam eingemauert; ſie brachen ihm Lippen und Zaͤhne auf, ſchoben ihm das gluͤhende Muß mit Gewalt hinein, und ſangen: 3 Friſch geſchluckt! Nicht gezuckt! — 144— Ha! ein Mund, der oft vermeſſen Ungeheure Thaten thut, Der kann auch mit Heldenmuth Dieſes Höllenfeuer eſſen. Friſch geſchluckt! Nicht gemuckt! Haſt den füßen Brey geſcholten, Der durch Bertha's Huld entſtand, Und darob, mit Recht vergolten, Dir den Frevelmund verbrannt. Nach dieſer Speiſung ließen ſich zwey oder drey kleine Bockpfeifer mit einer lieb⸗. lichen Muſik hoͤren, und der Koͤnig der Zwerge, der einen Zoll hoͤher war als die laͤngſten Maͤnner ſeines Volks, forderte mit hoͤhniſchen Worten den Ritter auf, ein Taͤnzlein zu machen. „Dazu haͤtt' ich eben Luſt!“ brummte Hans bey Seite. „Luſt oder nicht!“ ſprach Seine Majeſtät. „Du mußt vor mir zur Frohne tanzen! 4 Ihr — 145— Ihr Schergen, kommt herbey und ſeht, Ob er ſich wacker ſchwenkt und dreht! Wo nicht, ſo mögt ihr ihn koranzen.“ Stracks trieben ihn einige mit Stoͤcken bewaffnete Wichtlein aus dem Bette heraus, und hetzten ihn eine Weile, unter dem Ge⸗ laͤchter der Zuſchauer, im Kreiſe herum. Darauf nahte ſich ihm eine alte Zwergin mit einem Spinnrocken, der dreymahl groͤßer war als ſie ſelbſt, und uͤberteichte ihm den⸗ ſelben mit den Worten: „Du pochſt und prahleſt mit furchtbaren Waffen, Doͤch für den Rocken biſt du geſchaffen! Nimm hin, und ſpinne bis morgenden Tag, Und wenn du feyerſt, ſo ſtraft dich ein Schlag!“ Athemlos ſank er, mit dem Rocken im Arme, auf einen Stuhl, und wie Spreu, die der Wind entfuͤhrt, verſchwanden die Zwerge. 1101 — 146— Er pries ſich gluͤcklich, daß er ſo leicht durchgekommen war, und entwarf im Kopfe 3 einen Siegsbericht, den er ſeinem Freunde abzuſtatten gedachte. Den Rocken, der ſeine Relation verdaͤchtig machen konnte, und der ihm uͤberdieß, als Sinnbild ſeiner Feigheit, unangenehm war, wollte er zum Fenſter hinaus werfen; doch indem er es in dieſer 3 Abſicht oͤffnete, ward der Flachskoͤpf wie lebendig, ſchlug ihn rechts und links an die Ohren, druͤckte ihn ruͤckwaͤrts auf einen Stuhl, und eine unſichtbare Macht zwang ihn, die Spindel zu ergreifen, und mit ihr zu arbeiten. So oft er ruhen wollte, geſchah ihm nach des Muͤtterleins Verheißung, und jeder neue Schlag, den er aus der Luft eempfing, uͤbertraf an Kraft ſeinen Vorgaͤnger. Mit Erſtaunen fand Willbold am Mor⸗ gen den emſigen Spinner, der dennoch, trotz dieſer Strafarbeit, den Begebenheiten der Nacht eine ſchoͤne Farbe zu geben ſuchte. — 147— Aber bey jeder Unwahrheit, die er ausſprach, verſetzte ihm die Spinnmaſchine einen tuͤch⸗ tigen Kopfſtoß. Das bewog ihn zuletzt, aufrichtig zu beichten, und dem Geiſterbannen auf immer zu entſagen. Nun trennte ſich der Rocken ploͤtzlich von ihm, und ging kerzengerade, wie ein Menſch, zur Thuͤr hinaus. 15. Der Schatz. In demſelben Zimmer, eingeriegelt und ein⸗ geſiegelt, erwartete Torald am folgenden Abend, was ihm begegnen wuͤrde. Die Augen auf die Thuͤr geheftet, ſaß er bis gegen Mitternacht, ohne daß er etwas Un⸗ heimliches vernahm. Endlich hoͤrte er hinter ſeinem Nuͤcken ein ſanftes Geraͤuſch; und — 146— als er ſich umſah, erblickte er eine ver⸗ ſchleyerte Geſtalt, die ihm winkte. Er ſtand auf; ſie klopfte leiſe an die Wand; die ſchweren Quader wichen von einander; es zeigte ſich ein hohles Gewoͤlbe und darin eine große eiſerne Truhe, die bis an den Rand mit Gold⸗ und Silbermuͤnzen gefuͤllt war.„Torald!“— ſprach der Geiſt— „deines beſcheidenen Muthes und deiner Biederkeit Belohnung ſey dieß, und— Hilda!“— „O, wie begluͤckſt du mich, wohlthaͤtiges Weſen!“ rief Torald.„Aber Hilda's Va⸗ ter—.— „Wird einwilligen!“ ſagte der Geiſt. „Und weder ich noch die Zwerge werden hier jemahls wieder erſcheinen, wenn du das von mir geſtiftete Mayfeſt jaͤhrlich ver⸗ anſtalteſt. Hierzu iſt dieſes Geld beſtimmt. Damit aber deinen kuͤnftigen Schwiegervater keine boͤſe Luſt ankomme, es als ſein Ei⸗ * — 149— genthum zu betrachten, ſo ſchließe die Wand ſich jetzt wieder, und oͤffne ſich nur dir, wenn du den Nahmen Hilda ausſprichſt.— Sofort ergaͤnzte ſich die Mauer, und der Geiſt verſchwand. Mit Anbruch des Tages ſtuͤrmte Willbold ins Zimmer.„Nun, Freund Torald, wie ſteht's? Ich hatte eine Traumerſcheinung, die mir verkuͤndigte: wir waͤren die Geiſter los, und haͤtten dafuͤr einen Schatz gefunden.“ „Euch hat nichts Unwahres getraͤumt;“ verſetzte Torald, und brachte ſogleich mit dem ſuͤßen Zauberworte, das er mit Erroͤ⸗ then ausſprach, den verborgenen Schatz zum Vorſchein. „Ha! ein herrlicher Fund!“ rief Will⸗ bold, und wuͤhlte mit Luſt in dem Gelde. „Mir ward dabey zu einem noch koͤſt⸗ lichern Schatze Hoffnung gemacht;“ ſagte Torald mit zitternder Stimme und geſenkten Augen. — 150— „Ich verſtehe;“ ſprach Willbold.„Doch uͤber meine Tochter hat Mutter Bertha nicht zu ſchalten. Ihr Verſprechen erklaͤre ich fuͤr null und nichtig; aber ich halte das meinige: ich gebe dir Hilda zum Weibe, und dieſe Burg, ſammt allen Zubehoͤrungen, zur Ausſteuer.“—. Dankbar ſtuͤrzte ihm Torald in die offe⸗ nen Arme. Mit ſchuͤchterner Beſorgniß, ſeinen kuͤnf⸗ tigen Schwaͤher verdrießlich zu machen, erwaͤhnte nun noch der Juͤngling: daß auf dem Schatze der ſuͤße Brey, als Bedingung, hafte. „In Gottes Nahmen!“ rief Jener mit lachendem Munde.„Der windige Hans verleitete mich zu dem Schwur, nie einen Heller aus eigenen Mitteln auf das Geſtift zu verwenden; und ich haͤtte den Eid ge⸗ halten, waͤr' ich auch daruͤber zu Grunde gegangen. Da aber Frau Bertha nun die — 15¹— Koſten ſelbſt dazu hergab— in Gottes Nahmen!— Und ſo erneuerten Torald und Hilda, die bald darauf ein gluͤckliches Paar wur⸗ den, das unterbrochene Feſt, und ihre Nachkommen feyerten es fort, bis die Burg, deren Bau es veranlaſſet hatte, wieder in Truͤmmer zerfiel. 8 5 8 8 — Dornfeld, der vormahls ſein Buſenfreund V. Der Unverſoͤhnliche. „Weg mit Hartſinn und Verhöhnung! Reiche mir die Friedenshand! Ach, ſonſt trennt wohl ohne Söhnung uns des Todes Scheidewand! Trüglich ſchwankt des Lebens Brücke, Wie ein Draht, hin über's Grab, Und im nächſten Augenblicke Stürzen wir vielleicht hinab.— Mit dieſen Worten ſchloß der Hofrath Lambere einen ruͤhrenden Brief an den Praͤſidenten — 1 geweſen war, und ihn jetzt feindlich verfolgte. — Sie waren Jugendgeſpielen und akade⸗ miſche Freunde. Es ſchien, als koͤnnten ſie nicht ohne einander leben. Dornfelds harter und ſelbſtfuͤchtiger Charakter trennte ſie nur bisweilen einige Stunden lang. Lamberts nachgebender Edelſinn ſtellte immer die alte bruͤderliche Eintracht ſogleich wieder her. Die Freundſchaft begleitete ſie von der Uni⸗ verſitaͤt ins Geſchaͤftsleben, und war auch auf dieſer Laufbahn noch zehn Jahre ihre treue Gefaͤhrtin. Dornfeld hob ſich, ungeachtet er an Kenntniſſen tief unter ſeinem Freunde ſtand, durch den Hebel des Reichthums ſchnell uͤber ihn empor. Tauſende fanden das unrecht; Lambert aber freute ſich uͤber das Gluͤck deſſen, den er mehr als ſich ſelbſt liebte. Schon waren ſie Maͤnner von fuͤnf und dreyßig Jahren, als die Liebe einen Zank⸗ apfel unter ſie warf. An Einem Tage und in Einer Stunde ſahen ſie die ſchoͤne, — 3 — 154— geiſtreiche Amalie, und verließen mit gefeſ⸗ ſelten Herzen das Haus, wo ſie dieſe Be⸗ kanntſchaft gemacht hatten. Der Schlaf floh in der folgenden Nacht einen wie den andern, und ließ ihnen Muße zu der Ent⸗ ſchließung, ſich um das treffliche Maͤdchen zu bewerben. Dieſer Vorſatz war das erſte Geheimniß, das ſie einander nicht vertrauten. Still ging jeder ſeinen eigenen Weg nach dem vorgeſteckten Ziele. Dornfeld, der ſich um dieſe Zeit aus leidigem Uebermuth in den Adelſtand erheben ließ, betrachtete Rang und Gold als die ſtaͤrkſten Magnete fuͤr ein weibliches Herz. Er glaubte, ſeine doppelt wichtige Perſon ſey das Augenmerk aller jungen unverhei⸗ ratheten Damen und der Gegenſtand ihrer feurigſten Wuͤnſche. Voll dieſes Duͤnkels zeigte er im Umgange mit Amalien ein kuͤhnes, zwangloſes Selbſtvertrauen, das ihr Zartgefuͤhl beleidigte, und ihm, als er ſich ** — — 155— 13 ihr mit der Miene der Herablaſſung zum Gemahl antrug, eine abſchlaͤgige Antwort zuzog. Er verließ ſie mit Beleidigungen, und in ſeinem Buſen traten Haß und Rach⸗ gier an die Stelle der Liebe. Amaliens Gunſt hatte ſich ſchon zuvor ſeinem beſcheidenern Freunde zugeneigt. Er konnte ihr zwar von allen ſchimmernden Herrlichkeiten, die man Gluͤcksguͤter nennt, wenig oder nichts anbieten; aber er entfaltete in Worten und Handlungen ein edles Ge⸗ muͤth, das ſie mit Recht fuͤr die reinſte und ſicherſte Quelle haͤuslicher Gluͤckſeligkeit anſah. So begegneten ſich Liebe und Ge⸗ genliebe; der Bund ward geſchloſſen; Ama⸗ liens Aeltern beſtaͤtigten ihn. Wonnetrunken flog Lambert zu ſeinem Freunde, und ſtellte ſich ihm als Braͤutigam dar. Staunend und mit ergluͤhendem Ge⸗ ſichte fuhr der Praͤſident vom Stuhl auf, ſchmaͤhte heftig auf Amalien, entdeckte im ——— — I V I1 Zorne das bisher noch nicht ruchtbar gewor⸗ dene Geheimniß ſeiner abgewieſenen Anwer⸗ bung, und forderte von dem Hofrathe, als Opfer der Freundſchaft: Amalien aufzugeben, ſich nie mit ihr zu verbinden, und ihren Umgang ewig zu meiden. „Freund, du verlangſt zu viel!“ antwor⸗ tete Lambert.„Goͤnne mir den Genuß eines Gluͤcks, das dir vom Schickſal nicht beſchie⸗ den ward.“ „O, daruͤber waͤchſt mir kein graues Haar!“ ſagte der Praͤſident mit hoͤhniſchem Auflachen.„Aber beſtraft muß ſie werden, die Thoͤrin, beſtraft durch Dich, meinen innigſten Freund!— Naͤche mich an ihr, ziehe dich zuruͤck, und laß ſie, als alte Inna⸗ fer, verbluͤhen!“—. Lambert unterdruͤckte ſeinen Unwillen, den er bey dieſer harten Sprache fuͤhlte; er bat ſanft, ihn mit der Zumuthung eines ſchaͤndlichen Wortbruchs zu verſchonen. — 157— Allein Herr von Dornfeld wollte ſeine Rache gebieteriſch durchſetzen. Er befahl gerade zu, als ob er einen Sclaven vor ſich haͤtte. Dadurch empoͤrt, erklaͤrte ſich endlich der Hofrath: er ſey ein freyer Mann, und werde ſeiner Neigung und Denkart unbeſchraͤnkt folgen.„Auf deine Gefahr!” donnerte der Praͤſident, und Wuth und Tuͤcke blitzten aus ſeinen rollenden Augen. Lambert antwortete nicht. So trennten ſie ſich. Bald nachher vollzog der Hofrath ſeine Verbindung mit Amalien. Herr von Dorn⸗ feld nahm die Meldungskarte, die ihm Jener zuſandte, nicht an. Dieſer abgeſchmackte Trotz vertrat bey ihm die Stelle einer Kriegserklaͤrung. Er hob allen geſelligen Verkehr mit ſeinem vieljaͤhrigen Freunde ploͤtzlich auf, und ließ ihn, ſo oft er zum Beſuch erſchien, vor der Thuͤre abweiſen. Deſto mehr machte er ſich in Amtsgeſchaͤften mit ihm zu thun. Er — 158— ſpielte gegen ihn, kalt und ſteif, den hohen Vorgeſetzten, und benahm ſich voͤllig ſo, wie ein kleiner, haͤmiſcher Geiſt zu handeln pflegt, wenn er einem verhaßten Untergebenen das Leben verbittern will. Die ſchwerſten und verdrießlichſten Arbeiten wurden dem Hof⸗ rath in einem ſolchen Uebermaß aufgebuͤrdet, daß er ſelten einer freyen Stunde genießen konnte, und oft ganze Naͤchte am Schreib⸗ tiſche durchwachen mußte. Er duldete dieſen Druck ohne Murren; aber es that ihm weh, daß ſeine lobwuͤrdigſten Aufſaͤtze bitter getadelt, und bisweilen ganz, als un⸗ brauchbar, verworfen wurden. Bey dieſen Anfeindungen ließ es der Praͤſident nicht bewenden. Er ſprach von dem Hofrath in allen Geſellſchaften uͤbel; und als dieſer an der Reihe ſtand; in eine hoͤhere Beſoldung zu ruͤcken, ward ihm durch einen geheimen widrigen Bericht an den Fuͤrſten dieſe ge⸗ rechte Hoffnung vereitelt.. — 159— Er hatte bis jetzt alle Bedruͤckungen mit ſtummer Geduld ertragen. Da er aber in⸗ deſſen Vater von mehrern Kindern geworden war, und ſeine dadurch erweiterte Haushal⸗ tung bey dem geringen Einkommen, deſſen er noch zur Zeit genoß, nicht laͤnger beſtehen konnte: ſo entſchloß er ſich zum Verſuch einer Ausſoͤhnung mit dem feindſeligen Manne, der Macht und Neigung hatte, ihm bey jedem Schritte, durch den er ſeine haͤusliche Wohlfahrt befoͤrdern wollte, Hin⸗ derniſſe in den Weg zu legen. Aus dieſem Grunde ſchrieb Lambert an ihn den Brief, deſſen im Eingange dieſer Erzaͤhlung gedacht iſt. Allein Herr von Dornfeld antwortete nicht, und fuhr unveraͤndert fort, ſich in Dienſtſachen abhold und widerwaͤrtig zu betragen. Einige andere Annaͤherungen, die der Hofrath in der Folge wagte, fruchteten eben ſo wenig. Doch triumphirte der Praͤſident daruͤber in ſeinen Zirkeln, und 1 8 ——————— — 160— verkuͤndigte laut: Lambert krieche vor ihm zum Kreuze; er werde ihn aber, wie er ſich ſehr niedrig ausdruͤckte, bis an den juͤngſten Tag zappeln laſſen. Um dieſe Zeit ſaß Lambert eines Abends, mit druͤckenden Arbeiten beſchaͤftiget, am Schreibtiſche. Ploͤtzlich trat einer ſeiner juͤngern Collegen, der Hofrath von Buͤhren, mit haſtigen Schritten und verſtoͤrtem Ge⸗ ſicht in ſein Zimmer.„Beſter Freund,“ ſprach er ganz außer Athem,„ich werfe mich in einer der dringendſten Verlegenhei⸗ ten meines Lebens in Ihre Arme. Ich bedarf in dieſem Moment fuͤnfhundert Thaler. Ehre und Leben ſtehen auf dem Spiele. Retten Sie mich!“ 8 Lambert ſtaunte. Buͤhren gehoͤrte nicht unter die Zahl ſeiner Freunde. Im Gegen⸗ theil theil hatte ihm dieſer zweydeutige Mann, der ein vertrauter Liebling des Praͤfidenten war, manchen geheimen Rank geſpielt, und ihn bisher immer uͤber die Achſel an⸗ geſehen. Doch Lamberts weiches Herz ver⸗ mochte nicht, ihm jetzt, in der Stunde der Noth, daruͤber Vorwuͤrfe zu machen. Er betheuerte vielmehr mit den freundlichſten Worten: er wuͤrde ihm mit wahrem Ver⸗ gnuͤgen dienen, wenn es moͤglich waͤre; allein er habe nicht den zehnten Theil der verlangten Summe vorraͤthig. So verhielt es ſich in der That. Aber er hatte eine oͤffentliche Kaſſe unter den Haͤnden, und ſie befand ſich in ſeiner Woh⸗ nung. Herr von Buͤhren, der das natuͤrlich wußte, that den unerwarteten Vorſchlag, ihm dieſe Huͤlfsquelle zu oͤffnen.„Verſcho⸗ nen Sie mich mit dieſem Anſinnen!“ ſagte Lambert:„Ich ſelbſt wuͤrde lieber Hungers ſterben, als die mir anvertrauten Gelder 3 1111 — 162— pflichtvergeſſen beruͤhren.“— Deſſen un⸗ geachtet wiederhohlte Jener unablaͤſſig und mit herzerſchuͤtternden Worten ſeine Bitte. Er that ſchreckliche Eidſchwuͤre, daß er das erbetene Darlehn unfehlbar innerhalb acht Tagen zuruͤck zahlen wolle, und drohte Selbſtmord, wenn ihm nicht Ausenstidch geholfen wuͤrde. Der gute Lambert ſchwankte zwiſchen Pflicht und Mitleiden. Endlich gewann das letztere die Oberhand; denn mit ihm verband ſich der Gedanke: daß Herr von Buͤhren, der vielvermoͤgende Guͤnſtling des Praͤſiden⸗ ten, die geſchickteſte Perſon ſey, einen er⸗ wuͤnſchten Frieden zu ſtiften, und ſich aus Erkenntlichkeit dazu werde bereitwillig ſinden laſſen. Voll dieſer Hoffnung oͤffnete Lambert mit zitternder Hand die eiſerne Kaſſe, und reichte ihm daraus einen Beutel mit fuͤnf⸗ hundert Thalern.„Sie ſehen,“ ſprach er, „ich chue mehr fuͤr Sie, als ich in der — 163— groͤßten Bedraͤngniß fuͤr mich ſelbſt gethan haͤtte. Schweigen Sie nur, und halten Sie Wort; Sie machen mich ſonſt ungluͤcklich.— Buͤhren umarmte ihn, gelobte redliches Ver⸗ halten, verſprach ewige Dankbarkeit, und eilte mit dem Gelde fort.. Von Arbeit gedraͤngt, hatte Lambert jetzt nicht Zeit, uͤber dieſen Vorgang und deſſen moͤgliche Folgen nachzudenken. Er warf ſich ſchnell wieder an ſein Pult, und ſchrieb ruhig bis gegen Mitternacht. Nun aber umfingen ihn auf ſeinem Lager quaͤlende Sorgen, die ihm ſein eigenmaͤchtiges Schal⸗ ten mit anvertrautem Gute als eine gefahr⸗ volle Unbeſonnenheit darſtellten. Er konnte vor Angſt nicht ſchlafen; und ſchloß er ja minutenlang die Augen, ſo plagten ihn ſchwere Traͤume, die ihn in ſchaudervolle Kerker verſetzten. Er ſprang, ſo bald es Tag wurde, von dieſer Folterbank auf. Un⸗ ruhe und Bangigkeit machten ihm ſeine — ↄ—,————————— — 164— Zimmer zu enge. Sie trieben ihn fort zu einem Freunde, dem er ſein Geheimniß ver⸗ traute.. „Ja, ja!“ ſagte der Freund nach be⸗ denklichem Kopfſchuͤtteln:„das gute Herz hat dem Verſtande ins Amt gegriffen!— Hier iſt nichts zu thun, als ſich auf den ſchlimmſten Fall gefaßt zu machen, und die Luͤcke der Kaſſe ſo ſchnell als moͤglich wieder auszufuͤllen.“ .„Dazu weiß ich leider kein Mittel!“ ſeufzte Lambert. „So will ich Rath ſchaffen,“ ſprach ſein Freund.„Ich bin zwar in dieſem Augenblicke nicht Herr uͤber fuͤnfhundert Thaler; ſie ſollen aber zuverlaͤſſig binnen drey Stunden in Ihren Haͤnden ſeyn. Gehen Sie indeſſen ohne weitern Kummer nach Hauſe!“ Lambert ging. Ks war kaum acht Uhr, als er in ſeine Wohnung zuruͤck kam. Er — 165— fand bey Amalien zwey angeſehene Staats⸗ beamten, die ihn erwarteten. Ihr Anblick erſchreckte ihn. Sie wollten ihn allein ſpre⸗ chen. Er fuͤhrte ſie in ein anderes Zimmer. Hier zeigten ſie ihm einen an ſie ergangenen landesherrlichen Befehl, den Zuſtand der ihm zur Verwaltung uͤbergebenen Kaſſe zu unterſuchen. Welcher Donnerſchlag fuͤr ihn! Es nahte ſich ihm eine Ohnmacht; doch der Gedanke, daß ſein Vergehen von keiner ſchaͤndlichen Art ſey, hielt ihn aufrecht. Er bekannte ſofort den beyden Beamten den Mangel der Kaſſe, entdeckte ihnen mit ſtren⸗ ger Wahrheit(nur Buͤhrens Nahmen ver⸗ ſchweigend) alle Umſtaͤnde, und erſuchte ſie, ihn nicht ins Verderben zu ſtuͤrzen, da er die fehlende Summe nach einigen Stunden vor ihren Augen wieder erſetzen werde. Sie zuckten die Achſeln, ſagten zu ſeiner Bitte weder Ja noch Nein, durchzaͤhlten den aͤbrigen Beſtand der Kaſſe, verſiegelten ſie, — 166— und eilten hinweg, ohne ſich auf ein beruhi⸗ gendes Verſprechen einzulaſſen. Zwey Stunden darauf uͤberſandte Lam⸗ berts Freund die zugeſagten fuͤnfhundert Thaler. Aber mit ſeinem Bothen faſt zu⸗ gleich kam eine Gerichtsperſon, die dem Hofrath, im Nahmen des Fuͤrſten, Haus⸗ arreſt ankuͤndigte, und eine Wache vor ſeine Thuͤr ſtellte. Nun war es außer Zweifel, daß Dornfeld hinter dem Vorhange ſtand, und die Maſchine regierte. Entruͤſtet ſchrieb Lambert an ihn:„Herr Praͤſident, ich nenne Sie ohne Ruͤckhalt den Urheber meines Ungluͤcks! Sie legten mir durch den Hofrath Buͤhren einen Fallſtrick, und ich ging leider hinein, weil ich durch den Dienſt, den ich Ihrem Guͤnſtling erzeigte, Ihnen ſelbſt ge⸗ faͤllig zu werden glaubte. Aber Schmach und Gefangenſchaft ſind mein Lohn. Wie weit wollen Sie Ihre Nache noch treiben? Ich bitte Sie, ſeyn Sie menſchlich! Be⸗ — 167— freyen Sie mich aus dem Netze, womit Sie mich umſpannen! Es wird Ihnen leicht werden, mein Verderben in der Geburt zu erſticken, da ich das zur Ergaͤnzung der Kaſſe noͤthige Geld, durch Beyſtand eines Freundes, ſchon wieder angeſchafft habe.— Keine Antwort. Es wurde zwar, in Hinſicht auf den geleiſteten Erſatz, noch an demſelben Tage die Wache von ſeiner Thuͤre abgerufen; er bekam aber zugleich eine richterliche Weiſung, ſich fuͤr jetzt aller Amts⸗ geſchaͤfte zu enthalten, und das Collegium zu meiden. Die Unterſuchung ging nun mit zahlreichen Verhoͤren ihren Gang. Man zieh ihn grundloſer, aus der Luft gegriffener Verbrechen, die ein ſo rechtſchaffener Mann, als er, nicht im Traume begehen konnte. Als man ihn einen Monat lang ſo gemißhandelt hatte, ſchrieb ihm ein theil⸗ nehmender Freund:„Ich erfahre in dieſem Augenblicke, daß Ihr Schickſal entſchieden 8 S““ — 168— iſt. Ihr Prozeß wird niedergeſchlagen; Sie verlieren aber Aemter und Wuͤrden. Der Praͤſident von Dornfeld kann, wie ich von ſehr guter Hand weiß, dieſen harten Schlag von Ihnen abwenden; doch muͤſſen Sie noch heute ſeine Vermittelung ſuchen. Morgen iſt es zu ſpaͤt.“— Lambert entſetzte ſich, als wuͤrde ihm ein Todesurtheil verkuͤndet. Er fuͤhlte, daß er dieſen unverdienten Schimpf nicht uͤberleben koͤnne. Von dem verſteinerten Praͤſidenten war keine Huͤlfe zu erwarten. Um jedoch das letzte Rettungsmittel noch zu verſuchen, ſchrieb er an ihn, und ließ durch ſeinen Diener, den er mit dem Billet abſchickte, muͤndlich bitten, es unverzuͤglich zu leſen. Herr von Dornfeld feyerte eben ſeinen Ge⸗ burtstag, und hatte viel Geſellſchaft in ſei⸗ nem Hauſe. Es war ſchon Abend, als er, am Spieltiſche ſitzend, den Brief empfing. Er ſteckte ihn in die Taſche, ungeachtet ihm — 169— Lamberts Bitte um ſchleunige Erbrechung gemeldet wurde.„Es wird Zeit haben,“ ſprach er, und dachte nicht weiter daran. Eine Stunde vor Mitternacht ging die Geſellſchaft zur Tafel. Unter den aufge⸗ pflanzten Trinkgeſchirren zeichnete ſich ein großer kryſtallener Pokal aus, den Lambert vor mehrern Jahren dem Praͤſidenten an deſſen Geburtstage geſchenkt hatte. Die Nahmen des Gebers und des Empfaͤngers glaͤnzten in goldenen Zuͤgen neben einander: es war daher zu bewundern, daß ſich Herr von Dornfeld noch jetzt dieſes Bechers be⸗ diente, und ihn ohne Gewiſſensangſt vor ſich ſehen konnte. Er fuͤllte ihn, als eben die Glocke zwoͤlf ſchlug, ganz unbefangen mit Wein, um ihn, nach alter deutſcher Sitte, in die Runde gehen zu laſſen. Aber indem er den Wein ſeinen Gaͤſten kredenzte, und den Rand des Glaſes mit den Lippen beruͤhrte, erſchreckte ihn ein heller, — 170— ſchwirrender Ton, der dem Becher entklang, und von allen Anweſenden mit Befremdung gehoͤrt wurde. Man unterſuchte den Pokal am Lichte, und entdeckte daran einen friſchen Sprung, der Lamberts Nahmenszug durch⸗ riſſen hatte. Schaudernd erinnerte ſich jetzt Dornfeld des ganz vergeſſenen Briefes, den er ſeit ſechs Stunden in ſeiner Taſche trug. Er eilte von der Tafel in ein Nebenzimmer, erbrach ihn, und las:„Ich ſtehe auf dem Scheidewege zwiſchen Leben und Tod. Die Nachricht, daß ich morgen meines Amtes entſetzt, und, mit Schmach bedeckt, in die Klaſſe der Bettler geſtoßen werden ſoll, hat mich an die Graͤnze meines Daſeyns gebracht, und ich bin zu einem muthigen Schritte hinuͤber entſchloſſen. Dornfeld, das iſt Dein Werk! Aber noch iſt es Zeit, mich zu retten, und Du wirſt es, Du mußt es thun, wenn noch ein menſchlicher Blutstropfen in Dei⸗ nen Adern fließt. Sende mir, als Zeugniß — 171— Deines redlichen Willens, nur einen Zettel, mit Ja und Deinem Nahmen beſchrieben. Dieß oder ein anderes Troſtzeichen von Deiner Hand will ich bis Mitternacht ge⸗ duldig erwarten. Eile damit, ſo Du nicht willſt, daß Dein Geburtstag mein Sterbetag ſey! Denn ich mag die Sonne nicht ſehen, die mich als verurtheilten Verbrecher be⸗ ſcheinen ſoll.“— Dornfelds Gewiſſen ward durch dieſen Brief maͤchtig erſchuͤttert. Er ſah nach der Uhr; die Mitternachtsſtunde war voruͤber; er fuͤrchtete das Schrecklichſte, und ſtuͤrzte fort, um eine That zu verhindern, die ſeine Stirn mit dem Brandmahle des oͤffentlichen Abſcheues zu bezeichnen drohte. Aber ſie war leider ſchon geſchehn. Er fand vor Lamberts Wohnung einen Auflauf von Nach⸗ barn, die ein Piſtolenſchuß aus dem Schlafe geſchreckt hatte. Mit verhuͤlltem Geſicht, und ohne zu fragen, was vorgehe, drang — — 172— der Praͤſident durch die Schaar der Neu⸗ gierigen ins Haus. Laute Jammertoͤne leiteten ihn an ein Zimmer. Er riß mit Angſt und Zittern die Thuͤr auf. Lamberts blutiger Leichnam ſtarrte ihm entgegen. Amalie kniete, ganz in Schmerz aufgeloͤſ't, vor dem Ruhebette, auf welchem er ausge⸗ ſtreckt⸗lag. Sie ſah ſich um, und ſchauderte, wie vor einem Geſpenſte, als ſie auf der Thuͤrſchwelle den Todfeind des Entſeelten erblickte. Er wollte naͤher treten; ſie wies ihn mit vorgeſtreckten Haͤnden von ſich ab. „Ich beſchwoͤre Sie, entfernen Sie ſich!“ rief ſie:„Das Blut meines Mannes ſchreyt uͤber Sie gen Himmel!“— Er bebte mit Entſetzen zuruͤck, und floh in ſein Haus. Aber er hatte nicht den Muth, vor ſeinen Gaͤſten zu erſcheinen. Er ließ ſich, unter dem Vorwand einer ihm ploͤtzlich zugeſtoße⸗ nen Krankheit, bey ihnen entſchuldigen, und verbarg ſich, wie ein fluͤchtiger Verbrecher. — 173— Lambert ward allgemein bedauert. Die Urſache ſeines Selbſtmordes blieb kein Ge⸗ heimniß. Jeder Rechtſchaffene verabſcheute den Praͤſidenten. Sein Rang ſchuͤtzte ihn vor oͤffentlicher Ahndung; aber ein ſtrenges Blutgericht nahm Sitz in ſeinem Buſen, und verurtheilte ihn, keine ruhige Stunde mehr auf Erden zu haben. Er ſank in Schwermuth, die bald in Wahnſinn uͤberging. Ueberall ward er, wie er glaubte, von Lam⸗ berts Geiſte verfolgt. Mit dieſer Erſcheinung ſprach er oft laut, bot ihr mit ſtroͤmenden Thraͤnen die Hand, und ſtieß dann aus Verzweiflung, daß ihm das Luftgebild die iangetragene Ausſoͤhnung zu verweigern ſchien, den Kopf gegen die Mauer. Er fiel am Ende voͤllig in Raſerey. Man mußte ihm Feſſeln anlegen, von welchen ihn erſt nach Jahren der Tod befreyte. — 4— Weg mit Hartſinn und Verböhnung! Reicht dem Feind die Friedenshand! Ach, ſonſt trennt wohl ohne Söhnung Euch des Todes Scheidewand! Trüglich ſchwankt des Lebens Brücke, Wie ein Draht, hin über's Grab, und im nächſten Augenblicke Stürzet ihr vielleicht hinab. ten Welt lebt man jetzt!“ rief Herr Peter den Ehevertrag zu unterzeichnen!*— VI. Der Heirathsvertrag. „Mein Himmel! in was fuͤr einer verkehr⸗ Aſten, und warf ſeine dampfende Pfeife aus der Hand.„Jedes Ey will kluͤger ſeyn als die Henne, und ein ehrlicher Vater muß ſeine widerſpenſtigen Kinder mit Donner⸗ wettern des Zorns in die Arme des Gluͤcks treiben!— Kurz, Ferdinand, Ein Wort fuͤr tauſend: du heiratheſt die fuͤr dich gewaͤhlte Braut, und haͤltſt dich auf den Abend bereit, — 176— Ferdinand wollte neue Vorſtellungen be⸗ ginnen; aber der Vater ſprang ungeſtuͤm auf, ſchob ihn, ohne weiter ein Wort zu verlieren, mit beyden Haͤnden zur Thuͤr hinaus, und verriegelte ſie. Traurig ging der junge Mann in ſein Zimmer, und ſchrieb einen langen, ruͤhrenden Brief, worin er dem Vater das bis jetzt verſchwiegene Bekenntniß that: ſein Herz ſey nicht mehr frey, ſondern das ewige Ei⸗ genthum eines armen, aber edlen Maͤdchens.— Verlorene Muͤhe! Herr Peter Aſten ſandte den Brief unerbrochen zuruͤck, betrieb die Verlobungsanſtalten mit doppeltem Eifer, und gegen Abend ſammelte ſich in ſteifen Feyerkleidern die von ihm eingeladene Ge⸗ ſellſchaft, worunter Herr Joachim Olfen und deſſen braͤutlich geſchmuͤckte Tochter Dorothea die Hauptperſonen waren. Die Herren Aſten und Olfen hatten ſich dreyßig Jahre lang taͤglich auf der Boͤrſe . 8 geſehen * * — 177— geſehen und geſprochen, hatten manches gute Geſchaͤft mit einander gemacht, und waren ſo nach und nach Gewohnheitsfreunde ge⸗ worden. An Einem Tage legten ſie, durch die Stuͤrme der Zeit dazu bewogen, ihre Handlungen nieder, und traten ſie Fremd⸗ lingen ab: denn Olfens Tochter war ſein einziges Kind, und Aſten's Sohn, der eben⸗ falls keine Geſchwiſter hatte, bezeigte von Jugend auf eine ſo unuͤberwindliche Abnei⸗ gung gegen die Kaufmannſchaft, daß ſich der Vater nach langen, fruchtloſen Kaͤmpfen entſchließen mußte, ihn ſeinem Hange zu Kuͤnſten und Wiſſenſchaften zu uͤberlaſſen. Als ſich die alten Herren, die beyde Witwer waren, zum letzten Mahl auf der Boͤrſe ſahen, trafen ſie gelegentlich und mit ſo kaltem Blute, als ſpraͤchen ſie von einem Wolthan⸗ del, die Uebereinkunft, ihre Kinder mit ein⸗ ander zu vermaͤhlen. Keinem von Beyden ſiel es ein, daß die jungen Leute andern 1121 — 178— Sinnes ſeyn koͤnnten. Darum erſtaunte Herr Aſten nicht wenig, als Ferdinand die 1 Vollziehung des auf der Boͤrſe geſchloſſenen Vertrages von ſich ablehnte. Dorothea hingegen machte nicht die geringſte Schwie⸗ rigkeit, den auf ſie geſtellten Herzenswechſel zu honoriren. Dieſen kindlichen Gehorſam konnte ſie ſich aber in der That nicht als ein ſchweres Opfer anrechnen; denn Ferdi⸗ nand war an Koͤrper und Geiſt ein liebens⸗ wuͤrdiger Mann, und einſt der Erbe eines* Vermoͤgens, das ſogar den anſehnlichen Reichthum ihres Vaters weit uͤberwog. Doris Olfen(ſo nannte ſie ſich, weil ihr der Nahme Dorothea zu altfraͤnkiſch klang) hatte kurz zuvor ihren zwey und 8 zwanzigſten Geburtstag mit großem Gepraͤnge 1 begangen. Die Zahl XXII glaͤnzte mit Zuckerſchrift auf Torten, brannte mit Feuer⸗ zuͤgen im erleuchteten Garten, ſtand den poetiſchen Gluͤckwuͤnſchen einiger Haus⸗ * — — 179— ſchmarotzer auf die Stirn gedruckt, und war noch an vielen andern Orten angebracht, um das Kirchenbuch, das der Koͤnigin des Feſtes eine Laſt von dreyßig Jahren aufbuͤr⸗ den wollte, Luͤgen zu ſtrafen. Wer aber, von der uͤberall in's Auge ſpringenden Ziffer hinweg, in Dorchens Angeſicht ſah, ſtellte der geiſtlichen Urkunde vollen Glauben bey, und wuͤrde ſogar ihre Wahrhaftigkeit nicht bezweifelt haben, wenn ſie auch ein Jahr⸗ zehend mehr angeſagt haͤtte. Es machte daher einen widrigen Eindruck, daß ſich die reitzloſe Dame noch jetzt, da der Herbſt ihres Lebens mit ſtarken Schritten hereinbrach, wie ein erſt aufbluͤhendes Maͤdchen ſchmuͤckte, und die kindiſche Naivheit der aus Kotzebue's Indianern in England bekannten Gurli nachaͤffte. Dieſe laͤcherliche Ziererey, die ſie aͤberall zur Schau trug, haͤtte den ernſten und geradſinnigen Ferdinand von ihr zuruͤck⸗ * — 180— geſchreckt, wenn er auch ſonſt geneigt geweſen waͤre, ſich mit ihr zu verbinden. Die beyden Alten hatten ſich uͤber die Punkte der Eheſtiftung unter vier Augen verglichen, und das Geſchaͤft, ſie in eine rechtskraͤftige Form zu bringen, dem erfah⸗ renen Notar Kilian uͤberlaſſen. Dieſer gute und ziemlich betagte Mann war in derglei⸗ chen Angelegenheiten der gewoͤhnliche Schrift⸗ ſteller, und hatte in ſeinem langen, arbeit⸗ ſamen Leben gegen tauſend Ehezaͤrter) entworfen, ohne eben dadurch viel zaͤrtliche Ehen zu ſtiften. Doch ſeine Schuld war es nicht, daß bisweilen die von ihm verfaßten Bundesvertraͤge einen ewigen Hauskrieg zur Folge hatten. Er ſchrieb, was man ver⸗ langte; kein Jota zu viel oder zu wenig. *²¹) Ehezärter oder Ehezarter: eine noch an vielen Orten gewöhnliche Benennung der Ehe⸗ ſtiſtungs⸗Urkunde. 3 * —— — — 181— Mit dieſer Puͤnktlichkeit hatte er auch den Auftrag der Herren Aſten und Olfen voll⸗ zogen, und uͤberbrachte jetzt die gefertigte Schrift, die in einer großen Papierrolle aus der Taſche ſeines breiten Ehrenkleides hervor ragte.. 1* Die Geſellſchaft ſetzte ſich in bunter Reihe um eine mit Erfriſchungen beladene runde Tafel. Dieſem glaͤnzenden Bogen fehlte nur noch der Schlußſtein— der Braͤu⸗ tigam. Er kam nicht. Unruhig blickte Herr Aſten oft nach der Thuͤre, ſtand endlich auf, und eilte mit ſtarken Schritten in's Hinter⸗ haus, wo ſein Sohn ein Paar Zimmer bewohnte, und jetzt in haͤuslicher Kleidung, den Kopf auf den Arm geſtuͤtzt, in einem Sorgeſtuhle ſaß. „Nun, was heißt das? Warum kommſt du nicht?“ polterte der Vater.„Die Braut iſt da, der Notar iſt da, der Contrakt iſt fertig!— 182— „Ich kann ihn nicht unterſchreiben;“ ſagte Ferdinand mit weicher, wehmuͤthiger Stimme.„Vaͤter, ich beſchwoͤre Sie, ſtehen Sie von dieſer Forderung ab, zwingen Sie mich nicht, Ihnen oͤffentlich in dieſer Sache den willigen Gehorſam zu verweigern, den Sie in allen andern Faͤllen ohne Ausnahme von mir erwarten koͤnnen. Ich ſtuͤrze mich auf Ihren Wink lieber in ein Feuer, als in die Arme des Frauenzimmers, das Sie mir aufdringen wollen.— „Wunderlicher Menſch!* verſetzte der Vater mit erzwungener Kaͤlte:„Du ge— berdeſt dich, als waͤre von einem Drachen die Rede!“—. ¹ „Es iſt nicht moͤglich; ich kann mein Herz nicht theilen;“ fuhr Ferdinand fort. „O, haͤtten Sie doch meinen heutigen Brief geleſen! Er enthielt ein Geſtaͤndniß, das ich Ihnen nicht laͤnger verſchweigen kann. Ich liebe ein tugendhaftes Maͤdchen; die 3 — 183— arme Tochter eines verſtorbenen Mahlers; Luiſe Baumgarten iſt ihr Nahme.“— Der Alte gerieth außer ſich. Eine arme Schwiegertochter war ihm ein verhaßter, ein unertraͤglicher Gedanke. Ferdinand hielt ſtandhaft, doch mit unverletzter Achtung gegen ſeinen Vater, den Sturm aus, und wankte nicht. Herr Aſten mußte ſich allein, und ohne etwas ausgerichtet zu haben, zur Geſellſchaft zuruͤckbegeben. Er brachte vor der Thuͤre des Verſammlungsſaales ſeine verſtoͤrten Geſichtszuͤge ſo viel als moͤglich wieder in Ordnung, trat mit erkuͤnſtelter Unbefangenheit hinein, und ſagte:„Meine Damen und Herren, ich muß die Abweſen⸗ heit meines Sohnes bey Ihnen entſchuldigen. Der junge Sauſewind hat ſich bey einem . Spazierritte, den er am heutigen Morgen in zu leichter Kleidung gemacht hat, eine Verkaͤltung zugezogen, die ihn wohl noͤthi⸗ gen wird, einige Tage das Bett zu huͤthen. — 184— Mit tragiſchen Worten und Geberden legte die ganze Geſellſchaft ihr Bedauern an den Tag, und Doris⸗Gurli flog ſogar mit einem lauten Schrey nach der Thuͤre, um den Kranken zu beſuchen. Aber ihr Vater ereilte und fuͤhrte ſie mit einem verdrießlichen Geſichte auf ihren Stuhl zuruͤck. Ihm war das Wort Verkaͤltung ſonderbar aufge⸗ fallen, und hatte ihn erſt an den Gegenſatz erinnert, daß er bey dem jungen Aſten nie eine Spur von zaͤrtlicher Waͤrme gegen Dorotheen bemerkt habe. Das war freylich jetzt, in der Stunde, da die Eheſtiftung voll⸗ zogen werden ſollte, eine ſehr ſpaͤte Entdek⸗ kung. Aber, ſie fruͤher zu machen, war auch beynahe nicht moͤglich geweſen. Doris und Ferdinand hatten ſich bisher nur dann und wann im Getuͤmmel großer Gaſtmaͤhler ge⸗ fehen und geſprochen, und nicht im Traume daran gedacht, ein Liebes⸗ und Ehebuͤndniß mit einander aufzurichten. Den auf der Boͤrſe getroffenen Seelenhandel erfuhren ſie erſt an dem Tage, da ihnen Abends, nach einer kurzen ernſt⸗ und ſcherzhaften Einlei⸗ tung, der Heirathsvertrag vorgelegt, und die Feder zur Unterſchrift in die Hand ge⸗ geben werden ſollte. Mit einem ſolchen Machiſtreiche wollten die alten ſoliden Herren, denen das ſonſt gewoͤhnliche Vorſpiel der Liebe ein ganz entbehrliches Getaͤndel ſchien, die Sache kurz und gut abthun. Daß dieſer ſchoͤne Plan wenigſtens jetze mißgluͤckte, ging dem Herrn Olfen ſtark im Kopfe herum, und allerdings hatte ſeine Tochter am meiſten dabey zu verlieren. Schmollend nahm er an dem lebhaften Ge⸗ ſchwaͤtz um ihn her keinen Theil, und ſah mit einem wahren Eulengeſichte bald nach der Uhr, bald nach der Gegend, wo er feinen Hut und Stock hingelegt hatte. Dieſe drohende Aufloͤſung der Geſellſchaft ſetzte einige Mitglieder, die ihre ſehnſuchtsvolle — 186— Erwartung eines leckern Nachtſchmauſes nicht gern aufgeben wollten, in große Be— ſtuͤrzung. Aber ſcherzend ſtrich der Haus⸗ vater ſeinem graͤmlichen Freunde die Runzeln von der Stirn, und erklaͤrte mit moͤglichſter Heiterkeit, daß jener unangenehme Vorfall die Freude des Tages nicht ſtoͤren duͤrfe. Es ſey jetzt, ſetzte er hinzu, um ſo noͤthiger, beyſammen zu bleiben, und auf Beſſerung des Kranken gemeinſchaftlich und tapfer zu trinken. Olfen ließ ſich beruhigen, und man zechte brav; doch Ferdinand's Geſinnungen wurden nicht beſſer. Der Vater, bis zur Wuth auf⸗ gebracht, ſchied ſich am folgenden Tage mit ihm vom Tiſche, verwies ihn ganz aus ſei⸗ nen Augen, und drohte mit Enterbung. Das Letztere hielt er fuͤr das ſchrecklichſte Donner⸗ wort, das ſich ausſprechen laſſe; und es machte dennoch zu ſeinem Erſtaunen nicht den geringſten Eindruck auf den Juͤngling, —— — 187— der ſein geliebtes Maͤdchen um kein Peru oder Eldorado vertauſcht haͤtte. Aber der Zwiſt an und fuͤr ſich ſelbſt, in den er mit einem kindlich verehrten Vater gerathen war, ſchlug ſeinem weichen Gemuͤthe ſo tiefe Wunden, daß er erkrankte.„Geht zum Doktor!“ ſagte der Zuͤrnende kalt, als er durch einen Diener davon Nachricht erhielt. Er bekuͤmmerte ſich um den Leidenden nicht weiter. Der verſtaͤndige Arzt ſah bald, daß hier mit der Kunſt des Hippokrates nichts aus⸗ zurichten war. Die kranke Seele mußte geheilt werden. Er, Hausarzt und Haus⸗ freund zugleich, nahm es auf ſich, das in dieſem Falle einzig wirkſame milde Oehl der Verzeihung und des Nachgebens aus dem ſteinernen Vaterbuſen zu preſſen. Das ſchwere Geſchaͤft gelang; nur war das gewonnene Oehl von harten Miſchtheilen nicht rein.„Ich vergebe dem Schwaͤrmer, — 188— und er heirathe, wen er will! Aber er bringe mir nie ſein Weib vor die Augen, und ich leb' oder ſterbe, ſo hat er von mir nichts mehr zu hoffen.— Das war, nach langer Verhandlung, der letzte, unabaͤnder⸗ liche Beſchluß. Ferdinand, durch dieſen Halbtroſt gene⸗ ſen, eilte zum Vater, und dankte ihm dafuͤr. „Du kannſt jetzt thun, was du willſt;“ ſagte Dieſer.„Doch es bleibt dabey, daß ich mein muͤhſam erworbenes Vermoͤgen in einer unbeſonnenen Ehewirthſchaft nicht ver⸗ ſplittern laſſe.“—— „Ich entſage mit Freuden;“ antwortete der Sohn.„Das Wiedergeſchenk Ihres Vaterherzens macht mich reich.“— „Schoͤne Worte und weiter nichts!“ verſetzte der Alte.„Du haͤtteſt dich bey der Eheſtiftung, die der Notar ſchon in der Taſche hatte, beſſer befunden.— Geh nun,“ fuhr er binter fort—„geh hin zu ihm mit 3 — — 189— deiner holden Braut, und ſchließt einen Ver⸗ trag, ſo gut als ihr koͤnnt! Er wird ver⸗ dammt kahl ausfallen.“— „Sie ſcherzen, mein Vater!“ erwiederte der Sohn in einem gutmuͤthigen Tonet „Aber ich werde Ernſt daraus machen.— Er verbeugte ſich ehrerbietig, und trat ab. Der Vater ſchickte ihm ein unvaͤterliches Hohngelaͤchter nach. An einem der naͤchſten Tage kam der Notar Kilian mit ungewoͤhnlichen Doppel⸗ ſchritten zu ihm.„Mein werther Herr Aſten,“ begann er keuchend,„ich halte mich fuͤr verpflichtet, Ihnen zu melden, daß Dero Herr Sohn eben in meiner Behauſung war und anfragte: wann er mit ſeiner Verlobten, einer gewiſſen Luiſe Baumgarten, bey mir erſcheinen koͤnne, um einen Heirathsvertrag zu vollziehen. Ich ſtutzte— und da ich um keinen Preis etwas thun moͤchte, das Ihnen, mein Hochverehrter, entgegen waͤre——“ — 190— „Schreiben Sie in Gottes Nahmen, was der Thor begehrt!“ ſiel Herr Aſten ein. „Er hat mir meine Einwilligung abgetrotzt; das Maͤdchen ſoll uͤbrigens gut und recht⸗ ſchaffen ſeyn. Ich begreife nur nicht, was die armſeligen Menſchen einander zuſichern wollen, da ich meinem Sohn Enterbung an⸗ gekuͤndigt habe.“—. „Enterbung?“— fragte der Nechts⸗ gelehrte in einem langgezogenen Tone.„Sie haben in die Heirath gewilligt— des Maͤd⸗ chens Ruf iſt unbeſcholten— und dennoch Enterbung?— Dieſer Entſchluß duͤrfte wohl bey jenen Umſtaͤnden von den Geſetzen fuͤr unguͤltig erklaͤrt werden.“— „Pahl pah! der Reiche macht ſich ſeine Geſetze ſelbſt.“— 1 „Streiten wir daruͤber nicht, mein theuerſter Goͤnner!“ ſagte der Notar.„Mir iſt's genug, daß Sie die Abſchließung des Heirathsvertrages erlauben. Unter dieſer — 191— Vorausſetzung habe ich das junge Paar heute Nachmittags um vier Uhr zu mir be⸗ ſchieden.“— „In Gottes Nahmen!“ rief Herr Aſten, und der Notar empfahl ſich. Die kurzen Entſcheidungsgruͤnde, die der Juriſt gegen die vorhabende Enterbung an⸗ gefuͤhrt hatte, verſenkten Jenen in ein langes Nachdenken. Er ging zu einem andern Rechtsfreunde, trug ihm den Fall vor, und erhielt gleichen Beſcheid.„Hm! hm!“ ſprach er zu ſich auf dem Heimwege:„ich habe mich alſo in einer unaufloͤslichen Schlinge gefangen! Ich kann als ehrlicher Mann mein Jawort nicht zuruͤck nehmen; und alles wohl uͤberlegt, moͤcht' ich ſelbſt die Naͤrrin Doris nicht heirathen. Die Mahlerstochter hingegen lobt Jeder, der ſie kennt.— O, waͤre ſie nur nicht ſo arm!— Aber ich bin doch neugierig, ſie zu ſehen. Man hat ja, wie die Kraͤmer ſagen, das Anſehn umſonſt.“ Es war Nachmittags gegen vier Uhr, als er auf der Straße dieſes Alleingeſpraͤch hielt. Schon nahe vor ſeinem Hauſe kehrte er ploͤtzlich um, ſchluͤpfte durch eine Hinter⸗ thuͤr in Kilian's Wohnung, und uͤberraſchte den oͤffentlichen kaiſerlichen Schreiber mit der haſtigen Bitte:„Erlauben Sie mir, Freund, mich in Ihren Alkoven einzuquarti⸗ ren! Ich will hinter dem Vorhang der Glasthuͤre die Braut meines Sohnes in Augenſchein nehmen.“ „CThun Sie, als waͤren Sie hier zu Hauſe!“ ſagte der Notar. In demſelben Augenblicke zog ſchon Ferdinand die Klingel des Vorſaals, und Herr Aſten fluͤchtete ge⸗ ſchwind in den Alkoven. Wahrlich! das Geſchaͤft eines Notars waͤre das angenehmſte von der Welt, wenn taͤglich im Schreibzimmer ſo reitzende Maͤd⸗ chen erſchienen, als jetzt eins mit geſenkten Taubenaugen hereintrat. Luiſe, in der Ro⸗ ſen⸗ — — 193— ſenbluͤthe ihres achtzehnten Jahres, war eine ſo zarte, wunderliebliche Geſtalt, daß bey ihrem Anblick ſogar im Buſen des greiſen Rechtsgelehrten die laͤngſt erſtorbenen Ge⸗ fuͤhle des Schoͤnen erwachten. Mit verklaͤr⸗ tem Geſichte, aus welchem alle finſtre Wolken, die ſich ſeit vierzig ſchwuͤlen Geſchaͤftsjahren darauf gelagert hatten, ploͤtzlich verſchwanden, zwang er ſeinen ſteifen Ruͤcken zu zehn und mehrern behenden, wellenfoͤrmigen Beugun⸗ gen, die leider nicht ſo zierlich geriethen, als er es wuͤnſchte. Ungeſtuͤm warf er dann einen dicken, ſchlafenden Mops aus dem ver⸗ jaͤhrten Beſitze des Sopha's, und fuͤhrte Luiſen, wie ein Ceremonienmeiſter der Vorzeit, mit den aͤußerſten Fingerſpitzen an den geraͤumten Platz.. Auch hinter der Glasthuͤre ward bey der Ankunft des ſchoͤnen Maͤdchens ein Aus⸗ ruf des Beyfalls ſchier laut. Er galt nicht ſowohl der Huldin ſelbſt, als vielmehr ihrer 1131 — 194— netten, aber moͤglichſt einfachen Kleidung, die dem Lauſcher die erfreuliche Zuſicherung gab, daß ſeine kuͤnftige Schnur keine eitle Zierpuppe ſey, die durch zuͤgelloſe Putzver⸗ ſchwendung ihren Gatten zu Grunde richten werde. „Hier ſind wir, mein Herr Notarius,“ begann Ferdinand,„um Ihnen einen ſchon entworfenen Heirathsvertrag zur Beglaubi⸗ gung zu uͤberreichen. Ich fuͤrchte faſt, Sie werden uns damit auslachen; denn er ge— hoͤrt in der That, nach ſeinem Ton und Inhalt, nicht ganz in Ihr Amtsfach. Doch gewiſſe Urſachen beſtimmen mich, unſere Geſinnungen und Grundſaͤtze, mit welchen wir zum Altar gehen, meinem Vater in heiner von Ihnen bekraͤftigten Urkunde vor⸗ zulegen.“— „Ich ſtehe von ganzem Herzen zu Dien⸗ ſten;“ antwortete der Notar, und griff nach der unentbehrlichen Brille, deren ſich der —— — 195— alte Geck, in Gegenwart des bluͤhenden Maͤdchens, faſt ſchaͤmte.— O Zeiten! o Sitten! Im laufenden Jahre 1812 ſchaͤ⸗ men ſich beynahe die juͤngſten Zierlinge, ſich auf der Straße und vor ihren Liebchen ohne Brille ſehen zu laſſen.— „Iſt es Ihnen gefaͤllig, uns dieſen Auf⸗ ſatz vorzuleſen?“ ſagte Ferdinand, indem er einen Bogen Papier aus der Taſche zog. Raͤuspernd ſtimmte Herr Kilian ſeine Kehle, um auch den Ohren im Alkoven ver⸗ ſtaͤndlich zu werden, und las dann mit lauter Stimme, wie folgt: Erſter Artikel. Wir lieben uns innig, wir fuͤhlen, daß wir ohne einander nicht gluͤcklich ſeyn koͤn⸗ nen, und verbinden uns daher auf ewig zu treuen Gatten. Art. 2. Ferdinand weiht und heiligt ſein ganzes Daſeyn Luiſen, um ihr durch raſtloſen Fleiß A — 196— ein bequemes und ſorgenfreyes Leben zu verſchaffen. * Art. 3. Luiſe wird ſich dagegen beſtreben, durch haͤusliche Wirthlichkeit ſich und ihn auf der goldnen Mittelſtraße des ehrlichen Auskom⸗ mens zu erhalten. Art. 4. Da im Eheſtande oft Kleinigkeiten die Quelle großer Zwiſte ſind, ſo verpflichten wir uns, einander in unbedeutenden Dingen ohne den leiſeſten Widerſpruch nachzugeben. Arxt. F. — In der Tracht, zum Beyſpiel, richtet ſich jeder Theil nach des andern Geſchmack. Ferdinand enthaͤlt ſich einer allzu nachlaͤſſi⸗ gen Kleidung, um Luiſens Auge nicht zu beleidigen, und Luiſe vermeidet, ſich durch uͤbertriebenen Schmuck vor der Welt den Schein zu geben, als wollte ſie fremde Maͤnner feſſeln.— Die Hauptzierde unſers — — 197— Koͤrpers ſey— Reinlichkeit, weit das Ge⸗ * 1 gentheil bey Perſonen, die in einem nahen Verein leben, unfehlbar Abneigung und Wi⸗ derwillen erzeugt. Art. G. Die gebieteriſchen Worte: ich will, ich beſtehe darauf, ich befehle— werden in unſerm haͤuslichen Woͤrterbuche ganz ausgeſtrichen. Art. 7. Luiſe wird ſich nie in Geſellſchaften das geringſte Scheinzeichen von Nichtachtung ihres Mannes entgleiten laſſen: denn jede Gattin, die ſich ſolche zweydeutige Aeußerun⸗ gen leichtſinnig erlaubt, giebt dadurch andern Maͤnnern gleichſam ein Signal, ſich ihr mit Siegeshoffnung zu nahen. Art.. Ferdinand wird Luiſen oͤffentlich ehren, damit ſie auch von Andern geehrt werde. Er wird keinem andern Frauenzimmer durch — 198— ſchmeichelhafte Huldigungen, die uͤber die Schranken der geſelligen Hoͤflichkeit hinaus gehen, einen kraͤnkenden Triumph uͤber ſeine Gattin geſtatten. Art. 9. Wir wollen beyde in der Wahl unſers Umganges vorſichtig ſeyn, und beſonders keine falſchen und argliſtigen Hausfreunde dulden, die, gleich Schlangen im Buſen, die ruhigen Freuden unſers Bundes vergiften koͤnnten. Art. 10. Zwiſchen Mein und Dein findet keine Graͤnzſcheidung unter uns Statt. Unſer hoͤchſtes Gemeingut iſt unſre gegenſeitige Liebe; und dieſer Schatz, der oft in andern Herzen von der eilenden Zeit verzehrt wird, ſoll unter ihren Fluͤgeln bey uns wachſen bis an unſer Grab.—— „Edle Seelen!“ rief jetzt, beym Schluß des Vertrages, der Notar, und Thraͤnen der — —. — 199— Nuͤhrung entfloſſen ihm.„Ich ſtehe dafuͤr, mein junger, wackrer Freund, daß ſich Ihr Vater uͤber dieſes ſchriftliche Zeugniß Ihres trefflichen Gemuͤths hoͤchlich erfreuen wird.— „Wahr geſprochen!“ ſagte Herr Aſten, und trat aus dem Alkoven hervor. Die Lie⸗ benden ſtaunten und ſtarrten ihn an.„Mein guter Ferdinand!“ fuhr er fort, und ſchloß ihn in die Arme:„Jedes Mißverſtaͤndniß zwiſchen uns ſey gehoben und vergeſſen! Ich billige deine gluͤckliche Wahl, und erkenne dieſes ſchoͤne, ſittſame Kind mit Vergnuͤgen fuͤr meine liebe Tochter.“— 3 Dankbare Entzuͤckungen und Freuden⸗ thraͤnen waren der Lohn dieſer unerwarteten Milde. Ferdinand wollte nun ſeinen Aufſatz, als nicht weiter noͤthig, zuruͤcknehmen; aber der Notar hielt ihn feſt.„Erlauben Sie mir,“ ſprach er,„das von kaiſerlicher Majeſtaͤt mir verliehene Siegel darauf zu druͤcken: denn ruͤhmen moͤcht' ich mich gern, dieſen voll⸗ herzigen Heirathsvertrag, der jedem andern zum Vorbilde dienen ſollte, beglaubigt zu haben.“ VII. Der kluge Mann. Baron Hall, deſſen laͤndlicher Wohnſitz eben kein Tempel der Gaſtfreundſchaft war, ließ eines Tages alle ſeine Nachbarn vom Ritterſtande zu einem Mittagsmahl einladen. Sie erſchienen zahlreich, fanden die Tafel trefflich beſtellt, aßen und ranken Bergnägt, und gruͤbelten im Stillen, was dieſes un⸗ gewoͤhnliche Feſt bedeute. Das erfuhren fie beym Nachtiſch, indem ihnen jetzt der Wirth erklaͤrte: er habe ſie bey ſich verſammelt, um auf einige Zeit von ihnen Abſchied zu nehmen. 202— Alle Augen der Tafelrunde vergroͤßerten ſich: denn eine Reiſe, die ſich uͤber die naͤchſten Marktflecken hinaus erſtreckte, war bey unſerm Reichsfreyherrn etwas ganz Un⸗ erhoͤrtes. Das Erſtaunen der Gaͤſte wuchs, als er ihnen eroͤffnete: er begebe ſich in die Hauptſtadt, um eine Erbſchaft zu heben. „Dieſe Bereicherung»— ſetzte er mit ſelbſtzufriedenem Laͤcheln hinzu—„verdanke ich, ohne Ruhm zu melden, dem Bißchen Klugheit, das ich beſitze. Ich weiß nicht, ob einer von Ihnen den alten Oberſten Raufberg gekannt hat. Ich war von muͤt⸗ terlicher Seite mit ihm verwandt; wir haben uns aber nie von Angeſicht geſehen. Deſſen ungeachtet war ich mit ſeinen Schwaͤchen vertraut, und behandelte ihn, wie er be⸗ handelt ſeyn wollte. Er liebte das Geld; jeder erſparte Pfennig machte ihm Freude. Ueberdieß that es ihm wohl, wenn man ſeiner vormaligen Heldenthaten, ſo zweifel⸗ —p — 203— haft ſie auch waren, ſchmeichelnd erwaͤhnte. Ich ſchickte ihm daher von Zeit zu Zeit Huͤhner, Gaͤnſe, Haſen und Rehe, und er⸗ mangelte dabey nie, in meinem Sendſchrei⸗ ben mit langen und breiten Worten zu. wuͤnſchen: daß die Vorſehung unſerm Vater⸗ lande ſeinen tapferſten Vertheidiger noch lange erhalten moͤge.— Das geſiel dem alten Degen. Ich empfing von ihm nach jeder Kuͤchenlieferung einen zwar unfrankir⸗ ten, aber hoͤflichen Dankbrief, worin er mir immer mit vorſichtig abgewogenen Ausdruͤk⸗ ken zu verſtehen gab, daß er am Rande ſeines Grabes meiner beſtens gedenken wolle. Und er hielt Wort, der ehrliche Mann. Sein letzter Wille beſtimmte mir zwanzigtauſend Thaler in Golde, die vermuthlich ſchon zur Hebung bereit liegen.“ Die Geſellſchaft jubelte laut, und wuͤnſchte Gluͤck. Einige, die ſich im Nu entſchloſſen, ihn um ein Darlehn zu erſuchen, erhoben * — 204— ſich ſogar von den Stuͤhlen, und verbeugten ſich tief. Alle insgeſammt nannten ihn feyerlich Herr Baron, anſtatt daß man ihn ſonſt ohne Umſtaͤnde nur Herr von Hall zu nennen pflegte. Kurz, Verehrung und Liebe draͤngten ſich ihm von allen Seiten entgegen. Aber einſtimmig widerriethen ihm ſeine theilnehmenden Freunde die beſchloſſene Reiſe.„Die Hauptſtadt iſt voll Schlangen und Fuͤchſe;“ ſagten ſie.„Ein ſo argloſer und zutraulicher Mann, wie der Herr Baron, iſt dort den groͤßten Gefahren ausgeſetzt.“ „Sorgt doch nicht fuͤr mich!“ ſprach er lachend.„Unſer einer weiß ſich in allen Faͤllen gegen Liſt und Betrug zu bewahren.“ Nach aufgehobener T fuͤhrten ihn verſchiedene Herren bey Seite, und in einer halben Stunde waren ſchon drey Theile der Erbſchaft gegen annehmliche Eicherhaiten untergebracht. Er kam in der Hauptſtadt an, trat im — 205— vornehmſten Gaſthofe ab, und ſeine erſte Sorge war, ſich mit einem Lohnbedienten zu verſehen. Der Wirth wollte ihm einen treuen Mann zuweiſen; allein er verbat es. „Mein Grundſatz iſt: Trau, ſchau, wem!“ ſprach er.„Stellen Sie mir die Menſchen vor, die gewoͤhnlich in dieſem Hauſe die Fremden bedienen. Ich will mir einen davon erkieſen, und hoffe, keinen Fehlgriff zu thun, da ich mit der Geſichts⸗ und Mienenkunde ein wenig bekannt bin.“ Es erſchienen drey Candidaten. Zwey derſelben traten ernſt und ſchweigend, mit maͤßigen Verbeugungen, auf. Der dritte duͤckte ſich ſo tief als moͤglich, kuͤßte dem Wahlherrn die Hand, und erbot ſich mit gelaͤufiger Zunge Sr. Excellenz zu un⸗ terthaͤnigſten Dienſten. Der Titel Excellenz kitzelte den Baron, weil er ihm nicht zukam; die freundliche Geſichtsbildung des Gunſt⸗ ſchleichers gefiel ihm; er ſchickte die Sauer⸗ — 206— toͤpfe fort, und waͤhlte den kriechenden Laͤch⸗ ler. Der Hauswirth ſchuͤttelte daruͤber den Kopf, und fing an, die geruͤhmten phyſiog⸗ nomiſchen Kenntniſſe ſeines Gaſtes zu be⸗ zweifeln. Am folgenden Tage fuhr der Baron ins Sterbehaus, um die ererbten Goldſtuͤcke in Empfang zu nehmen. Das ging aber nicht ſo geſchwind, als er dachte. Der kluge Mann hatte zwar Geldſaͤcke mitgebracht, aber die ihm von dem Gerichtshofe zugefer⸗ tigten Rechtsbeweiſe auf ſeinem Gute ge⸗ laſſen. Der Haupterbe, ein alter barſcher Kriegskamerad des Verſtorbenen, wies ihn deshalb mit leeren Haͤnden ab.„Sie be⸗ greifen,“ ſagte er,„daß es eine Unbeſonnen⸗ heit waͤre, dem Erſten dem Beſten, der ſi ſich Baron Hall nennt, ein ſo betraͤchtliches Legat auszuzahlen. Stellen Sie mir wenigſtens drey hier angeſeſſene Zeugen und Buͤrgen, daß Sie der rechte Mann ſind.“ ————— .— 3 — 207— „Es kennt mich leider hier niemand;“ antwortete der Baron. „So haben wir fuͤr jetzt nichts mit ein⸗ ander zu thun;“ ſagte Jener.„Sorgen Sie fuͤr gehoͤrige Legitimation, und kommen Sie in drey oder vier Wochen wieder: denn eher iſt Ihr Geld ohnehin nicht beyſammen.“ Der Baron ſchrieb an ſeinen Gerichts⸗ verwalter, um die noͤthigen Urkunden zu erhalten, und war dann nicht wenig ver⸗ legen, was er in einem ſo fremden Elemente, als die Hauptſtadt fuͤr ihn war, einen Monat lang mit ſeiner Zeit anfangen ſollte. Kauz, ſein Lohnbedienter, ſchlug ihm mancherley vor.„Wollen Ew. Excellenz die Bibliothek, den Bilderſaal, die Kunſtkabinette und andere Merkwuͤrdigkeiten ſehen?— Soll ich Hoch⸗ dieſelben auf Kaffeehaͤuſer und in Tanz⸗ geſellſchaften fuͤhren?“— Der Baron ver⸗ warf alles, rauchte eine Pfeife Tabak nach der andern zum Fenſter hinaus, und beluſtigte 208— ſich an dem bunten Gewuͤhl der Straße. Als ihm aber der Abend dieſen Guckkaſten ſchloß, ließ er ſich aus langer Weile uͤber⸗ reden, ins Schauſpiel zu gehen. Es war das erſte Komoͤdienhaus, das er von innen ſah. Der Glanz der dort verſammelten ſchoͤnen Welt machte daher einen wunderbaren Eindruck auf ihn. Manche Dame ſchien ihm eine vollendete Goͤttin, und die artigſten Landmaͤdchen, die ihm jemals gefallen hatten, kamen ihm jetzt wie Fratzenbilder vor. Er durchmuſterte uner⸗ muͤdet die Logen, die gerade an dieſem Tage ſehr angefuͤllt waren. Nur die naͤchſte an ſeiner linken Seite war leer. Doch, indem das Schauſpiel angehen ſollte, traten auch in dieſe zwey Damen: dem Anſehen nach, Mutter und Tochter. Die letztere glich an Schoͤnheit und Anmuth einem uͤberirdiſchen Weſen. Der Baron vergaß alle andere Frauen, die er kurz zuvor unter die Goͤtter ver⸗ — 2⁰9— verſetzt hatte, und blickte nur ſeine himm⸗ liſche Nachbarin an. Hier wird es Zeit, uͤber ſein Alter und ſeine Geſtalt mit der Sprache heraus zu gehen. Er war kein Juͤngling mehr; ein halbes Jahrhundert druͤckte ſchon ſeinen Nacken; aber, durch Ausſchweifungen nicht entnervt, trug er ſich noch feſt und aufrecht wie ein Eichbaum. Ein ſchoͤngebildeter Mann war er uͤbrigens nicht, und war es nimmer geweſen. Er hatte ſchon als Kind das Antlitz eines alten Maͤnnleins. Dieſer Naturmakel, den man im gemeinen Leben das Alter nennt, entſtellte den kleinen Junker ſo ſehr, daß ſich ſeine gnaͤdige Nama daruͤber hoͤchlich betruͤbte, und ihn— wie der Aberglaube des Poͤbels in ſolchen Faͤllen zu thun pflegt— mehrmals in den Backofen ſchob, um ihn wieder jung aufzubacken. Dieſe Semmelkur ſchlug, natuͤrlicher Weiſe, bey ihm nicht an. Das Alter nahm es [141 — 210— vielmehr uͤbel, daß man es hatte vertreiben wollen, und verbollwerkte ſich ſehr fruͤhzeitig auf ſeinen Wangen durch ſtarke Runzeln, die, mit Huͤlfe ſeines ein wenig zu groß gerathenen Kopfes, ein grimmiges Loͤwen⸗ geſicht bildeten, das zu ſeinem zahmen Ge⸗ muͤthe nicht paßte. Es machte ihn uͤberdieß nicht ſchoͤner, daß er uͤber die Gebuͤhr dickleibig, und in allen ſeinen Bewegungen, die nie ein Tanzmeiſter geregelt hatte, ſchwerfaͤllig war. Auch ſeine Kleidung konnte den Augen der Hauptſtadt nicht gefallen. Ein altmodi⸗ ſcher gruͤner Jagdrock ſchlotterte um ihn her, und ſeine lange Weſte von gleicher Farbe war mit dem handbreiten goldenen Gehenke eines Hirſchfaͤngers umguͤrtet. Dabey trug er ſchlaffe, uͤber die Knie hinauf gerollte Stiefeln, und eine haͤßliche Zopfperuͤcke: denn zu ſeiner Zeit war es noch ſchlechter⸗ dings nothwendig, daß ein deutſcher Mann — 211— von Stand und Bedeutung laͤngſtens in ſeinem dreyßigſten Jahre den uͤppigen Ju⸗ gendſchmuck des eigenen Haares ablegen, und fein ehrbarlich ſein Haupt mit Ziegenhaaren, oder gar mit einer draͤhternen Haube, be⸗ decken mußte. Das war alſo die Außenſeite des Ritters, dem eine ſeltſame Laune des Gluͤcks an die⸗ ſem Abende ſeinen Platz neben der Schoͤnſten der Schoͤnen angewieſen hatte. Sie feſſelte nicht nur ſeine Blicke, ſie feſſelte auch ſein Herz, das, trotz ſeines Alters, noch kein ausgebrannter Vulcan war, ſondern vielmehr jetzt zum erſten Male Flammen der Liebe durch die Augen auswarf. Doch in der Nebenloge ſchien man dieſe Feuerſtroͤme nicht zu bemerken. „Er hatte dem Lohnbedienten befohlen, ihm ungefaͤhr in der Mitte des Schauſpiels einen Becher Chocolade zu bringen. Kauz kam; der Baron lehnte ſich zuruͤck, und gab G t — 212— ihm leiſe den Auftrag, ſich nach Stand und Nahmen der beyden Nachbarinnen zu erkun⸗ digen.„Daruͤber kann ich auf der Stelle Auskunft geben;“ ſagte der Lakey:„Es iſt eine verwitwete Frau von Riedau mit ihrer Tochter. Sie halten ſich ſeit einigen Mo⸗ naten, als Fremde, hier auf, gehen taͤglich ins Schauſpiel, und beſinden ſich immer in derſelben, von ihnen gemietheten Loge.“ „Kann man Logen auf eine gewiſſe Zeit in Beſchlag nehmen?“ fragte der Baron haſtig. Kauz bejahte. „Nun, ſo geh Er geſchwind, und mieth' Er fuͤr mich auf einen Monat dieſe Loge. Sie iſt mir zur Anſicht des Schauſpiels vor allen andern bequem.“ Der dienſtbare Schalk laͤchelte ſeitwaͤrts. Er wußte beſſer, wozu die Loge bequem war. Indeſſen riß der Baron die Boͤrſe aus der Taſche, zahlte den Preis, draͤngte den Be⸗ ſ. — 2¹13— dienten fort, und ſagte:„Mach Er ſchnell! Laß Er mir die Loge ja nicht entgehen! Sonſt ſind wir geſchiedene Leute.“ Die Loge war zu haben, und ward ge⸗ miethet. Der gluͤckliche Inhaber legte den Verſicherungsſchein mit freudiger Vorſicht in ſeine Brieftaſche, und machte ſich ſelbſt ein Compliment uͤber den klugen Einfall, den er gehabt hatte. Gegen das Ende des Schauſpiels faßte er, nach einem langen Kampfe mit ſeiner. laͤndlichen Schuͤchternheit, den kuͤhnen Ent⸗ ſchluß, die Damen an ihren Wagen zu fuͤh⸗ ren, und ſie zu benachrichtigen, daß er kuͤnf⸗ tig immer die Ehre haben werde, ihr ge⸗ treuer Nachbar zu ſeyn. Doch, indem er noch uͤber die dabey zu beobachtende Foͤrm⸗ lichkeit mit ſich berathſchlagte, ſtanden ſie ſchon auf, und verließen die Loge. Er, die⸗ ſes voreiligen Aufbruchs nicht gewaͤrtig, konnte vor Beſtuͤrzung ſeinen Hut nicht fin⸗ —— ₰ — 214— den, ungeachtet er ihm vor den Augen an einem Nagel hing, und ſo zeigte ihm fuͤr⸗ jetzt der erwuͤnſchten Bekanntſchaft fliehen⸗ de Gelegenheit bloß ihr kahles Hinterhaupt, an welchem ſie ſich nicht ergreifen und feſt⸗ halten ließ. Verdrießlich kam er nach Hauſe, und machte ſich Vorwuͤrfe, dießmal nicht ganz klug gehandelt zu haben. Er ſaß, Tabak ſchmauchend, in ſo tiefen Gedanken, daß er die immer erloͤſchende Pfeife von Minute zu Minute wieder anzuͤnden mußte. Am Ende gab dieſe Kalmaͤuſerey keine andere Ausbeu⸗ te als den Vorſatz, des folgenden Tages wachſamer zu ſeyn, und die Gelegenheit an ihrer behaarten Stirn zu faſſen. unablaͤſſig den Hut in der Hand, ſchielte er, waͤhrend des naͤchſten Schauſpiels, im⸗ merfort in die Nachbarloge hinuͤber; doch kein Gegenblick belohnte dieſe Aufmerkſam⸗ keit. Das Fraͤulein benahm ihm bisweilen — 215— ſogar die Ausſicht auf ihr Lilien⸗und Roſen⸗ geſicht, indem ſie den Faͤcher vorhielt, als wollte ſie ſich vor den Strahlen des nahen Kronleuchters ſchirmen. So kam die Zeit heran, daß am Schluß des Stuͤcks der Vor⸗ hang ſiel, und die Zuſchauer fortgingen. Frau von Riedau und ihre Tochter zoͤgerten noch ein wenig. Der Baron ſtand lauſchend und horchend. Endlich hoͤrte er ihre Logen⸗ thuͤr aufgehen. Er ſtuͤrzte aus der ſeinigen⸗ Aber eine toſende Menſchenfluth, die ihn ganz betaͤubte, wogte draußen voruͤber, und hatte ſchon das geliebte Maͤdchen verſchlun⸗ gen. Voll Verzweifelung ſah er den ge⸗ ſchwaͤtzigen Strom hinab. Er glaubte, das Engelskoͤpfchen in einer kleinen Entfernung zu entdecken. Raſch warf er ſich in die Fluth, theilte mit ſtarken Armen die Wellen, erreichte die junge Dame, die er im Auge hatte, ergriff beherzt ihre Hand, und ſah mit Schrecken, daß ihm eine ganz fremde — 216— Perſon ins Geſicht lachte. Verbluͤfft zog er ſich mit einem linkiſchen Kratzfuß zuruͤck, und verwickelte ſich dadurch mit ſeinen Spornen in das Kleid einer andern Dame. Sie kreiſchte laut. Ihr Fuͤhrer, ein milch⸗ baͤrtiger Zierbengel, hielt unwillig den fortſchreitenden Ritter auf, brachte Kleid und Sporn aus einander, und ſagte ſchnei⸗ dend:„Quelle rusticité!“— Der Baron verſtand kein Franzoͤſiſch; aber des Gauch⸗ barts ruͤbermuͤthiger Hohnblick dolmetſchte ihm das auslaͤndiſche Schimpfwort, und der Umſtehenden Gelaͤchter war ihm uͤberdieß eine deutliche Gloſſe.„Knaͤbchen! Knaͤbchen!“ rief er, und drohte dazu mit einer ſo großen und nervigen Fauſt, daß es der Deutſch⸗ franzoſe nicht raͤthlich fand, den hingeworfe⸗ nen Fehdehandſchuh aufzuheben, ſondern eilig davon ging. Auch der Baron begab ſich in ſeine Wohnung, zerbrach vor Aerger ein halbes Dutzend Tabakspfeifen, und machte zuletzt den Lohnbedienten, der ſich bey ihm ſehr eingeſchmeichelt hatte, zum Vertrauten ſeiner Leidenſchaft.„Ich ſeh' aber wohl,“ ſetzte er hinzu,„daß es mir im Komdoͤdienhauſe nicht gelingt, Bekanntſchaft zu machen. Das Geleit zum Wagen verungluͤckte mir ſchon zweymal; und mich uͤber die Bruſtlehne meiner Loge hinaus zu beugen, und das Fraͤulein anzureden, das wag' ich aus Klugheit nicht: denn es waͤre leicht moͤglich, daß ſich das liebe Maͤdchen, aus Scheu vor den Gaffern, mit jungfraͤulichem Geziere von mir abwendete, und mir, ſo zu ſagen, einen oͤffentlichen Korb gaͤbe. Himmel! was wuͤrde mich das loſe Volk im Parterre auslachen!“ „Dazu duͤrfte Rath werden;“ ſagte Kauz.„Ew. Excellenz glauben nicht, wie ſchadenfroh unſer Publikum iſt!”“) 4— 218— „Man muß ihm alſo keine Bloͤße bieten;“ verſetzte der Baron.„Unter vier Augen darf man noch eher ein Wageſtuͤck unter⸗ nehmen. Ich werde mich morgen geradezu bey der Frau von Riedau anmelden laſſen.“ Das geſchah des folgenden Tages kurz vor Tiſche. Er ließ um Erlaubniß bitten, die Damen zur Komoͤdie abzuhohlen. Aber Kauz kam mit der Antwort zuruͤck: ihre haͤusliche Eingezogenheit, die ſie ſich zum Geſetz gemacht haͤtten, erlaube nicht, Be⸗ ſuch anzunehmen. „Abermal eine Niete!“” brummte der Baron. „Vielleicht kann ich Ew. Excellenz noch heute zu einem Gewinn verhelfen;“ ſagte Kauz.„Ich hoͤrte von der Kammerinngfer, daß ihre Herrſchaft eben im Begriff ſtehe, nach Pfauenfeld zu fahren, und dort zu ſpei⸗ ſen.— — 2¹9— „Pfauenfeld? Was iſt das fuͤr ein Ort?— „Ein angenehmes, von der hieſigen fei⸗ nen Welt ſtark beſuchtes Doͤrfchen, drey Stunden von hier.“— „Ey ſo will ich doch auch dahin fahren! Geſchwind einen Wagen!“— Kauz war vermuthlich zu bequem, einen Gang darnach zu thun; denn, nachdem er ſich einige Zeit entfernt hatte, erſchien er wieder mit der Meldung: es ſey jetzt ſogleich in der Stadt keine Miethkutſche zu bekom⸗ men, doch finde man immer einige vor dem Thore zu Jedermanns Dienſten bereit. Der Baron beſann ſich nicht lange; er eilte mit ſeinem Nachtpeter hin auf den Platz, wo die Fiaker hielten. Zum Ungluͤck war nur ein einziger da, und in dieſen ſtieg eben ein junger Laffe vom Schlage des naſeweiſen Franzoͤslers, — 220— der Abends vorher die ſchwere deutſche Hand des Barons beynahe gefuͤhlt haͤtte. „Wollen Sie mit nach Pfauenfeld fahren?“ rief der Kutſcher den Ankommenden zu. „Ja, ja!“ ſagte der Baron, und eilte zum Wagen. Der Fant, der ſchon davon Beſitz genommen hatte, maß mit frechen, finſtern Blicken den betraͤchtlichen Umfang des ein⸗ ſteigenden Reiſegefaͤhrten, und ziſchte vor Verdruß wie eine getretene Schlange, als ſich der breite Mann neben ihm einſenkte. Kauz trat hinten auf. Die Reiſe ging fort. Der Weg war mitunter rauh, und harte Wagenſtoͤße warfen oft die ganze Laſt des gediegenen Landritters auf den ſtaͤdtiſchen Weichling. Dieſer duldete eine halbe Stunde lang mit ziemlicher Gelaſſenheit das unvermeidliche Uebel. Aber ploͤtzlich fing er an ſein Geſicht zu verzerren, und zuckte dabey, wie von Kraͤmpfen befallen, mit allen Gliedern. * — 22¹— „Was fehlt Ihnen?“ fragte theilnehmend der Baron. „Nichts, nichts!“ antwortete Jener, und ward wieder ruhig. Fuͤnf Minuten nachher begann das graͤß⸗ liche Mienenſpiel von neuem; die Verzuckun⸗ gen wurden heftiger; die Augen rollten, wie bey einem Wahnſinnigen, wild herum. „Mein Herr, Sie ſind wirklich krank! Sie ſetzen mich in die groͤßte Beſorgniß!— „Seyn Sie ruhig! der Anfall wird nicht ſogleich ausbrechen.“— „Um des Himmels willen! was fuͤr ein Anfall?“— „O, wenn Sie mich doch nicht fragten!— Ich hatte neulich das Ungluͤck, von einem tollen Hunde gebiſſen zu werden.“— „Halt, Kutſcher, halt!“ ſchrie der Ba⸗ ron, riß den Wagenſchlag auf, ſtuͤrzte hin⸗ aus, warf ein Stuͤck Geld fuͤr den Fuhrmann auf die Straße, und lief ſo lange quer Feld 8 — 222— ein, bis er den Wagen wieder fortraſſeln hoͤrte. „Puh! puh!“ ſchnob er entathmet.„In welcher Gefahr befand ich mich! Aber, Gott ſey Dank! meine Klugheit und Entſchloſſen⸗ heit haben mich gerettet.“ „Verzeihen Ew. Exeellenz!“ r Kauz, der hinten auf dem offnen Fiaker ein auf⸗ merkſamer Zeuge des Vorfalls geweſen war: „Ich, an Dero Stelle, waͤre ruhig im Wagen geblieben, und haͤtte den Gelbſchna⸗ bel hinaus geworfen.“ „Pfuy, Kauz, wer wird ſeine Hand an einen Ungluͤcklichen legen!“— „Guter, gnaͤdiger Herr! wir hatten es hier mit keinem Ungluͤcklichen zu thun. Es war ein argliſtiger Schuft, der ſich fuͤr toll ausgab, um einen unbequemen Nachbar los zu werden.“— „Ha! waͤre das moͤglich?— „Glauben Sie mir! Ich kenne den Geiſt dieſer muthwilligen Buben.“— Erroͤthend ſchaͤmte ſich der Baron ſeiner uͤberliſteten Klugheit, und betheuerte mit erhobenem Stock: er wolle den Schelm in Pfauenfeld aufſuchen, und ihn tuͤchtig aus⸗ pruͤgeln. Wenn der gute Mann nur erſt dort geweſen waͤre! In der Einoͤde, wo er ſich jetzt befand, war kein anderes Fuhrwerk zu bekommen: er mußte ſich entſchließen, die derbe Meile, die er noch vor ſich hatte, mit eigenen Fuͤßen zu beſtreiten, und das war fuͤr den wohlbeleibten Herrn eine doppelt ſchwere Aufgabe, da er, um keine Zeit zu verſaͤumen, das Mittagsmahl im Stiche ge⸗ laſſen hatte, und ſein unbefriedigter Koſt⸗ gaͤnger die ſtarke Portion, an die er gewoͤhnt war, dringend verlangte. Doch der Magen muß ſchweigen, wenn die Liebe gebietet. Der Baron ſetzte ſeinen Wanderſtab getroſt — 224— auf Pfauenfeld zu, und war nach einer drey⸗ ſtuͤndigen heißen Pilgerſchaft ſo gluͤcklich, die Dorfmark zu erreichen. An den erſten Haͤuſern ließ er ſich die Stiefeln ſorgfaͤltig abſtaͤuben, und eilte dann nach dem Gaſthauſe, wo er das ſchoͤne Fraͤu⸗ lein und eine gute Mahlzeit zu finden hoffte. Zwanzig Schritte davon rollte ihm ein Wa⸗ gen entgegen. Die Damen, die er ſuchte, ſaßen darin, und fuhren leider ſchon wieder im ſchnellſten Trabe nach der Stadt zuruͤck⸗ Erſchrocken ſprang er auf die Seite, machte einen ungeheuren Buͤckling, erhielt dafuͤr eine nachlaͤſſige, kalte, ſogar Befremdung ausdruͤckende Kopfneigung, und ſah einige Minuten, wie verſteinert, des Wagens Staub⸗ wolken nach. Kauz, der hungrig und muͤde war, aͤr⸗ gerte ſich ſelbſt uͤber dieſe Heimfahrt: denn er beſorgte, daß ſein verliebter Herr nun ſo⸗ gleich den Nuͤckweg wieder unter die Fuͤße nehmen — 225— nehmen wuͤrde. Er ruͤhmte daher, um ihn auf andere Gedanken zu bringen, die Treff⸗ lichkeit der Kuͤche und des Kellers im Gaſt— hauſe, und erinnerte an den hohen Entſchluß, den von der Hundswuth befallenen Kranken mit ungebrannter Aſche zu arzeneyen. Aber, wie taub, rannte der Baron hin an den Gaſthof, wo er einige angeſpannte Kutſchen ſtehen ſah, und rief mit lauter Stimme: „Wer einen Louisd'or verdienen will, fahre mich ſchnell nach der Stadt!“— Es entſtand ein allgemeines Wagenrennen nach ihm hin; er warf ſich in die naͤchſte Kaleſche, und kam binnen einer Stunde mit dampfenden Pferden vor dem Komdoͤdienhauſe an. Das Schauſpiel hatte ſchon begonnen; er glaubte feſtiglich, das entflohene Voͤgelein 3 im Kaͤſich der Loge zu finden: doch dieſe war leer, und blieb— um eine Ewigkeit von Liebesſchmerzen mit drey Worten aus⸗ zuſprechen— blieb acht Abende leer.— 1151 — 2296— Der arme, verlaſſene Ritter fehlte nie. Aber graͤmlich, wie Minervens Vogel, ſaß er da, ſtuͤtzte den Arm unter den Kopf, und kehrte, wenn ein Luſtſpiel gegeben ward, der Buͤhne den Nuͤcken. Dagegen nahm er an Trauerſpielen, deren Gegenſtand ungluͤck⸗ liche Liebe war, den innigſten Antheil, und feuchtete bey ruͤhrenden Auftritten ſein Taſchentuch mit unaufhaltſamen Thraͤnen. Zu Hauſe war er ein unertraͤglicher Murr⸗ kopf. Eine Fliege an der Wand hinderte ihn. Zum Gluͤck empfand ſeine boͤſen Launen nur der gleißneriſche Lohnbediente: der einzige Menſch, mit dem er ſprach. Er wollte ſich durchaus nicht zerſtreuen; er wollte nur immer und immer an das angebetete Fraͤu⸗ lein denken. 5 Und wie Noah aus ſeinem ſchwimmen⸗ den Kaſten eine Taube fliegen ließ, um zu erfahren, ob das Gewaͤſſer der Suͤndfluth gefallen ſey: ſo ſandte der Baron taͤglich — 227— aus ſeines Zimmers einſamer Arche ſeinen Kauz ab, um den Waſſerſtand des Kaltſinns im Hauſe der Geliebten zu unterſuchen; doch ſein Kundſchafter kam nie, wie Noahs Tau⸗ be, mit dem Oehlblatte einer guten Nachricht zuruͤck. Frau und Fraͤulein von Riedau be⸗ fanden ſich zwar einen Tag wie den andern ſehr wohl; allein ſie hatten, nach vertrau⸗ licher Ausſage der Kammerjungfer, gewiſſe geheime Urſachen, das Schauſpielhaus zu meiden. Es war offenbar, daß man ihm auswich. Da gerieth der Sohn einer aberglaͤubigen Mutter, die ihn einſt im geheitzten Back⸗ ofen zu verjuͤngen hoffte, auf den ſeltſamen, ſeiner Erziehung angemeſſenen Einfall, ſich das Fraͤulein durch ſympathetiſche Mittel und Zauberey guͤnſtig zu machen. Aber, wird man fragen, was ſagte ſeine Klugheit dazu?— Sie ſagte nichts, und konnte nichts ſagen, weil ſie ein nichtiges — 228— Luftbild war, das ihm ſeine Frau Mama in den Kopf geſetzt hatte. Denn da er kein ſchoͤnes Kind war, ſo gab ſie ihn zum Erſatz fuͤr ein kluges Kind aus, ruͤhmte ihn als ein ſolches vor allen Leuten, und that das ſo oft in ſeiner Gegenwart, daß es ihm von Jugend auf zur Gewohnheit wurde, ſich weiſe zu duͤnken, und mit dieſer Ein⸗ bildung zu prahlen. Jetzt aber ſah er ſich von ſeiner Weisheit verlaſſen; und weil er ſich fuͤr ungemein klug hielt, und ſich den⸗ noch nicht zu helfen wußte, ſo ſchien es ihm uͤberhaupt nicht moͤglich, daß ihm ein gluͤck⸗ licher Ausweg, den er ſelbſt vergebens ſuchte, von einem andern gewoͤhnlichen Menſchen gezeigt werden koͤnnte. Er wuͤnſchte daher, eine in uͤbernatuͤrlichen Kuͤnſten bewanderte Perſon zu erforſchen, und ſich von ihr mit Rath und That an die Hand gehen zu laſſen. Kauz, dem er dieſes Verlangen entdeckte, — 229— zuckte die Achſeln.„Es giebt hier wohl,“ ſprach er,„verſchiedene alte Muͤtterchen, die aus Karten und Kaffeeſchalen wahrſagen, und mitunter auch von recht angeſehenen Leuten als Orakel verehrt und befragt werden: aber Ew. Excellenz wuͤrden ſich fruchtlos herabwuͤrdigen, wenn Sie zu ſolchen unwiſſenden Sibyllen ihre Zuflucht nehmen wollten.“ Mit dieſer kalten und vernuͤnftigen Antwort verließ er eines Abends ſeinen unzufriedenen Herrn; doch am folgenden Tage pfiff er aus einem andern Tone.„Ich habe Ew. Excellenz eine hoͤchſt wichtige und angenehme Nachricht zu bringen;“ ſprach er, indem er am Morgen ins Zimmer trat, oder vielmehr ſprang.„Es befindet ſich jetzt in unſern Mauern ein großer, weltberuͤhmter, ſchon ſeit einigen Jahrhunderten auf Erden wandelnder Meiſter, der die geheimſten Dinge weiß, die Neigungen der Menſchen — 230— nach ſeinem Gefallen lenkt, und ſogar Ju⸗ gend und Schoͤnheit mittheilen kann.“ „Ah! das iſt ein Mann fuͤr mich!“ ſagte der Baron.„Wie heißt dieſer Halb⸗ gott?“— „Caglioſtro.“— „Caglioſtro?— Graf Caglioſtro?“— rief der Freyherr, und ſtuͤrzte vor freudigem Schrecken beynahe vom Stuhle.„Iſt's moͤg⸗ lich? iſt dieſer Wundermann hier?— Und Er Traͤumer ſagte mir das nicht fruͤher!”— „Ich erfuhr es eben erſt jetzt;“ antwor⸗ tete Kauz.„Er reiſet incognito durch, haͤlt ſich nur wenige Tage hier auf, und giebt niemanden Gehoͤr. Doch vielleicht macht er, in Nuͤckſicht meiner Wenigkeit, mit Ew. Excellenz eine Ausnahme: denn ich hatte vor mehrern Jahren das Gluͤck, ihn einen Monat lang zu bedienen, und mir durch Gewandtheit und Treue ſeine Gnade zu erwerben.“ — 231— Es fehlte nicht viel, ſo haͤtte der Baron ſeinen Bedienten umarmt.„Lieber, beſter Kauz,“ bat er,„fuͤhr' Er mich bey dem wunderthaͤtigen Grafen ein! Ich will Ihn fuͤrſtlich dafuͤr belohnen.“ Wer Caglioſtro war, das moͤgen ſich junge Leſer von aͤltern Freunden erklaͤren laſſen. Jetzt iſt er freylich beynahe vergeſſen; aber damals— vor einigen zwanzig Jah⸗ ren— ſprach ganz Europa von ihm, und es war alſo ganz natuͤrlich, daß unſer Baron in ſeiner Lage und bey ſeinem Wunderglau⸗ ben vor Begierde brannte, dem maͤchtigen Groß⸗Cophta(unter welchem Nahmen ihn Goethe verewiget hat) vorgeſtellt zu werden. 8 Kauz verſprach, ſein Moͤglichſtes zu thun, und eilte fort. Er blieb einige Stun⸗ den aus, kam mit einem frohen Geſichte zuruͤck, und meldete: Caglioſtro habe ſich durch anhaltendes Bitten bewegen laſſen, — 232— Sr. Excellenz auf den Abend um zehn Uhr eine Audienz zu bewilligen. Der Baron freute ſich und zitterte zugleich, mit dem Grafen zu ſprechen. Er wollte ſein Anliegen zu Papier bringen und den Aufſatz auswendig lernen; aber der Lakey verſicherte ihn: er habe dieſe Vor⸗ bereitungen nicht noͤthig, indem Caglioſtro ein Herzenskuͤndiger ſey, und alles ſchon wiſſe, was man ihm ſagen wolle. Gegen zehn Uhr fuͤhrte Kauz ſeinen Ge⸗ bieter nach der graͤflichen Wohnung. Sie war ſo weit entfernt, daß ſie laͤnger als eine halbe Stunde unter Weges zubrachten. Ein ſeltſames, in ein langes weißes Gewand gehuͤlltes, geſpenſterhaftes Weſen empfing ſie an der Thuͤr eines unbedeutenden Hauſes, und oͤffnete ihnen im unterſten Stockwerk ein Zimmer. Da ſaß hinter einem Tiſche, der mit verſchiedenen, von einer Sphinx bewachten Zaubergeraͤthen bedeckt war, ein — 235— alter, ſilberbaͤrtiger Mann. Ihn umfloß ein weiter ſchwarzer Talar, und auf dem Haupte trug er eine ellenhohe, pyramidenfoͤrmige rothe Muͤtze. Bebend beugte ſich der Baron vor der erhabenen Geſtalt, die ſich ſo wenig als ein Felſen bewegte. Als er aber eine ſtammelnde Anrede begann, ſagte ſie mit einem hohlen, langſamen Tone:„Spart Eure Worte! Ihr ſteht vor Caglioſtro, den ſeine Geiſter bereits von Eurer Angelegen⸗ heit unterrichtet haben.— Doch Ihr ſeyd nicht allein. Wollt Ihr, daß Euer Begleiter ein Zeuge unſerer Unterredung ſey?“ „O ja!— wenn es Ew. Hochweisheit erlauben;“ ſtotterte der furchſame Baron. „Alſo zur Sache!“ ſagte Caglioſtro. 1„Ihr liebt!— Kennt Ihr die Schickſale Eurer Geliebten?“—. „ Nein, Herr Graf!“—. „Wuͤnſcht Ihr daruͤber Aufklaͤrung zu erhalten?“— — 234— „Ja, Herr Graf!“— „Geht hin, verriegelt die Thuͤr, damit uns niemand ſtoͤre!“— Kauz vollſtreckte den Befehl. Es war, außer ihm und den beyden Herren, niemand im Zimmer. Der Graf wirthſchaftete unter den Zaubergeraͤthen; und nachdem er, zum Schrecken des Barons, die vor ihm ſtehen⸗ den zwey Lichter ausgeloͤſcht hatte, und das Zimmer nun ſo finſter war, daß man nicht die Hand vor den Augen ſehen konnte, rief er mit ſtarker Stimme:„Aſtarot!— Aſtarot, erſcheine!“— Ploͤtzlich erhellte ſich ihm gegen uͤber die Wand, und ein kleiner ſchwarzer Kobold gaukelte auf dieſem Lichtfelde herum. „Sey ruhig, und beantworte die Fragen, die ich dir vorlegen werde!“ Der Kobold ſtand aufmerkſam ſtill, wie ein Schuͤler vor ſeinem Lehrer. „Haſt du Kenntniß von dem Fraͤulein, das gegenwaͤrtiger Freyherr von Hall liebt?“— „Ja, Meiſter!“ ſprach eine dumpfe, doch ſehr vernehmliche Stimme. „Wie heißt das Fraͤulein?“— „Antonie von Riedau.“— „Sag' an, was weißt du von ihr?— „Antonie von Riedau iſt die Tochter eines Oberſten, der vor neun Monaten auf dem Schlachtfelde ſtarb. Der brave Mann erwarb ſich aber durch ſeinen Heldentod wenig Dank: denn der Sohn des Fuͤrſten, dem er ſein Leben geopfert hatte, verfolgte kurz nachher die ſanfte, tugendhafte Antonie mit wolluͤſtigen und ſo gefaͤhrlichen Nachſtel⸗ lungen, daß ſie, begleitet von ihrer treffli⸗ chen Mutter, aus ihrem Vaterlande fluͤchten mußte.“—. „So kaͤmpfen ſie wohl hier, unter einem fremden Himmel, mit dem Elend des Mangels?“— „Nein, ſie ſind reich, und haben ihr Ver⸗ moͤgen gerettet.“— „Fuͤr jetzt wiſſen wir genug, treuer Aſta⸗ rot!— Verſchwinde!“— Der Kobold verſchwand; die Lichter ent⸗ zuͤndeten ſich wie von ſelbſt; der Baron ath⸗ mete freyer. „Seyd Ihr mit Aſtarots Berichte zufrie⸗ den?“ fragte Caglioſtro. „Ich bin daruͤber entzuͤckt!“ antwortete der Baron:„Aber——* „Ich verſtehe dieſes Aber;“ ſiel der Graf ein.„Ihr trauert, weil Antonie Euch flieht; Ihr wuͤnſcht, daß ich meine Macht, die Herzen der Menſchen zu(lenken, fuͤr Euch anwende.“ „Ach, wenn es moͤglich waͤre!“ ſeufzte der zaͤrtliche Schaͤfer. „Kleinglaͤubiger, mir iſt nichts unmoͤg⸗ lich!— Laßt Euch nach neunmal neun Stunden bey der Frau von Riedau anmel⸗ ——— den; Ihr werdet Zutritt erhalten.— Doch erwartet nicht, daß Euch die ſittſame Anto⸗ nie ſogleich als ihren Auserwaͤhlten behandle. Die Zeit bringt erſt Roſen.— Kommt heute uͤber acht Tage gegen Mitternacht wie⸗ der zu mir. Ich werde euch dann ſagen, was Ihr weiter thun ſollt, um zu einem glücklichen Ziele zu gelangen.“— Frohes Muthes bedankte ſich der Baron mit ſtattlichen Worten, legte leiſe eine Gold⸗ boͤrſe auf den Tiſch, und wollte ſich empfeh⸗ len. Aber zuͤrnend ſagte der Graf:„Nehmt Euer Gold zuruͤck! Ich mache ſelbſt ſo viel, als ich brauche.“— Der Baron ſchaͤmte ſich, daß er Waſſer ins Meer hatte tragen wollen, und trat mit tauſend Entſchuldigun⸗ gen ab.— Puͤnktlich nach neunmal neun Stunden ließ er ſich bey der Frau von Riedau zum Beſuch melden, ward hoͤflich angenommen, und zu ſeinem hoͤchſten Erſtaunen erzaͤhlte ſie — 238— ihm ihre Schickſale mit denſelben Worten, deren ſich Aſtarot bedient hatte. Aber eben ſo genau traf auch Caglioſtro's Vorherſa⸗ gung ein, daß Antonie ihren Verehrer nicht als den Auserwaͤhlten ihres Herzens behan⸗ deln wuͤrde. Still, kalt und verlegen, ſchien ſie ſeine Gegenwart nur mit Zwang zu dul⸗ den, In dieſer Stimmung fand er ſie drey Tage hinter einander. Am vierten machte er einen Verſuch, durch den Sonnenſtrahl koͤſt⸗ licher Juwelen den truͤben Himmel ihres Angeſichts aufzuheitern; allein er umwoͤlkte ſich noch mehr. Sie wies das Anerbieten mit Unwillen zuruͤck, und ſelbſt die Mutter, die ſich ſonſt guͤnſtiger gegen ihn bezeigte, trat jetzt auf Antoniens Seite, und verbhat ſich, mit Beziehung auf ihren eignen Reich⸗ thum, alle Geſchenke. „Aber mein Himmel!“— ſagte der Ba⸗ ron in einem weinerlichen Tone—„ſoll und muß ich denn durchaus das nette Kaͤſtchen wieder nach Hauſe tragen?“— „Dieſer Selbſtmuͤhe will ich Sie allen⸗ falls uͤberheben;“ verſetzte Frau von Rie⸗ dau.„Es mag hier in meinem Schranke unberuͤhrt ſtehen, bis Sie es durch Ihren Bedienten abhohlen laſſen.“ Es war natuͤrlich, daß Kauz mit dieſem Gange verſchont blieb. Dagegen mußte er von ſeinem unmuthigen Herrn manchen Vorwurf uͤber den Grafen Caglioſtro erdul⸗ den.„Wenn dieſer Fantaſt,“ ſagte der Baron,„die Herzen der Menſchen ſo am Zuͤgel hat, wie er ſich ruͤhmt: warum lenkt er ſie nicht zu meinem Beſten?— Auch ſoll er mir, einem klugen Manne, nicht weis machen, daß ſein Aſtarot geredet habe. Nein, es war der Herr Graf ſelbſt, der, wie ein. Marionettenſpieler, zwey Rollen ſprach. Darum wurden die Lichter ausgeloͤſcht; aber — 240— ich ſah deutlich, daß Aſtarot niche die Lippen bewegte.“ „Sollte wohl ein Geiſt korperlicher Werkzeuge zum Sprechen beduͤrfen?“ ent⸗ gegnete Kauz.*— Dieſer Einwand fuͤhrte den Baron ins rechte Geleis des Glaubens an Caglioſtro zuruͤck, und in der beſtimmten Mitternacht⸗ ſtunde begab er ſich, von ſeinem treuen Diener begleitet, wieder zum Grafen. „Ihr erfrecht Euch alſo doch, vor mei⸗ nem Angeſichte zu erſcheinen?“ fuhr der Wunderthaͤter auf ihn los.„Glaubt Ihr vielleicht, ich wiſſe nicht, daß Ihr von mir gfterredet, und mich fuͤr einen Gaukler er⸗ klaͤrt?— Meine Geiſter haben mir davon Anzeige gethan.” Der Baron erbebte, und entſchuldigte ſich mit dem Wahnſinn der Liebe. „In dieſer Ruͤckſicht verzeih' ich Euch;“ ſagte der Graf.„Auch ſollen heute die Lich⸗ — 241— Lichter ungeloͤſcht bleiben, damit Ihr, indem ſich Aſtarots Stimme hoͤren laͤßt, meinen Mund beobachten koͤnnt, ob Ich der Spre⸗ chende bin.“ Vergebens lehnte der reuige Suͤnder dieſe Unterſuchung von ſich ab.„Ich will es ſo!“ ſagte der Graf.„Verriegelt die Thuͤr, und durchſpaͤht das Zimmer, um Euch zu uͤberzeugen, daß ſich außer uns Dreyen niemand darin befindet. Denn ſelbſt Aſtarot ſoll heute die Frage, die ich Euretwegen an ihn thun werde, unſichtbar beantworten.“ Gehorſam ſchob der Baron den Riegel vor die Thuͤr, und machte die vorgeſchriebene Runde.. „Aſtarot!“ rief nun der Graf.„Aſtarot, nahe dich unſichtbar!“—. „Hier bin ich, Meiſter!“ ſprach ſchnell in der Mitte des Zimmers die ſchon bekannte Geiſterſtimme, und des Grafen Lippen be⸗ wegten ſich nicht. . 161 — 242— „Sag' an,“— fragte Dieſer—„was hat der Freyherr zu thun, um Antoniens unbeſchraͤnkte Gunſt zu gewinnen?— „Der Freyherr»— antwortete der Geiſt—„gebe Antonien und ihrer Mutter den hoͤchſten Beweis von Zutrauen, der in ſeiner Gewalt ſteht.“— „Du ſprichſt zu dunkel. Erklaͤre dich deutlicher!“ „Das bedarf's nicht;“ erwiederte die Stimme.„Der Freyherr iſt ein ſo kluger Mann, daß er mein Raͤthſel ohne Schwie⸗ rigkeit loͤſen wird.“— „Fuͤhlt Ihr den Stich?“ ſagte Caglioſtro laͤchelnd.„Der Schalk raͤcht ſich dafuͤr, daß Ihr ihn fuͤr einen ſtummen Figuranten gehalten habt.— Indeſſen kann es Euch, nach einer nur fluͤchtigen Ueberſicht Eurer Umſtaͤnde und Verhaͤltniſſe, nicht ſchwer fallen, den rechten Punkt des Zutrauens, das Ihr den beyden Damen beweiſen ſollt, ³ 4 — 243— auszufinden.— Ich will uͤberdieß Euer graues Haupt mit einem Strahlenglanz von jugendlicher Anmuth umgeben, und Ihr werdet, ohne dieſe Verwandlung im Spiegel wahrzunehmen, bey Antonien die gluͤcklichſte Wirkung davon erfahren.»—. Dieſes Verſprechen entzuͤckte den alten Knaben. Aſtarots Naͤthſel hingegen machte ihm eine ſchlafloſe Nacht, und er plagte ſich noch damit, als ihm Kauz am Morgen ein Handbriefchen des Univerſalerben uͤberreichte, das bey dem Thuͤrſteher abgegeben worden war, und die Einladung enthielt, das Ver⸗ maͤchtniß in Empfang zu nehmen.„Das konmt mir recht zu Paß!“ jubelte der Baron.„Da ſpringt mir in die Augen, was ich ſuchte! Ich gebe der Frau von Riedau meine zwanzigtauſend Thaler in Verwah⸗ rung. Das iſt ohne Zweifel der hochſte Beweis von Zutrauen, der jetzt in meiner Gewalt ſtehi.— — 24— „Getroffen, kluger Mann!“ rief Aſtarots Stimme, die durch den Fußboden herauf zu dringen ſchien. Herr und Diener ſchauderten, und ſtarrten ſich an. Als aber der Schrek⸗ ken voruͤber war, fand Jener den beyfaͤlligen Zuruf des Geiſtes ſehr troͤſtlich, und machte ſofort Anſtalt, den Orakelſpruch in Ausfuͤh⸗ rung zu bringen. Er hohlte ſeine viertau⸗ ſend Stuͤck Louisd'or bey dem Haupterben ab, und fuhr damit, ohne ſie bey ſich warm werden zu laſſen, zur Frau von Riedau. Gleich beym Eintritt in ihr Zimmer uͤberzeugte er ſich, daß Caglioſtro das ver⸗ ſprochene Wunder wirklich an ihm gethan hatte. Beyde Damen empfingen ihn mit den heiterſten Mienen, in welchen ſich eine angenehme Ueberraſchung lebhaft ausſprach. „Sind Sie es, Herr Baron, oder ſind Sie es nicht?“ rief die Mutter.„Sie haben ſich ſeit geſtern wunderſam veraͤndert! Sie haben ſich wie ein Adler verjuͤngt!“— Er — 245— ſtellte ſich unwiſſend, und trug die Bitte vor: ihm durch Verwahrung der viertauſend Goldſtuͤcke eine außerordentliche Gefaͤlligkeit zu erzeigen. Er packte zugleich einen Theil davon aus ſeinen geraumen Taſchen aus, und rief den Lohnbedienten, der mit dem Reſt beladen war, aus dem Vorzimmer herein. Frau von Riedau dankte fuͤr ſein Vertrauen, weigerte ſich aber hoͤflich, das Geld zu uͤbernehmen, weil ſie ſchon, wie ſie ſagte, wegen ihrer eigenen Baarſchaft vor Dieben in Sorgen ſey. Er ließ ſich jedoch nicht abweiſen, ſondern bat und flehte ſo lange, bis ſie etwas verdrießlich fagte: „Sie ſind ein hartnaͤckiger Quaͤlgeiſt, dem ich nachgeben muß, um nur Ruhe zu haben. Kommen Sie, legen Sie ſelbſt Ihr Geld in mein Schatzkaͤmmerlein, und bitten Sie den Himmel, daß er keinen Lips Tullian bey mir einbrechen laſſe.“— Hiermit fuͤhrte ſie ihn in ein kleines Nebengemach, wo auf einigen —— Tiſchen große verſtegelte Geldſaͤcke herum ſtanden. Dieſen gewaltigen Rieſen legte er ſeine Zwergrollen mit Ehrfurcht zu Fuͤßen. Indeſſen war es Mittag geworden. Er griff nach dem Hute, um ſich heim zu ver⸗ fuͤgen. Aber Frau von Riedau zog ihn zur Tafel; der Gluͤckliche ſaß an Antoniens Seite, und ihr liebevolles Betragen gab den kunſtloſen Speiſen, die man ihm auftiſchte, den Hochgeſchmack einer Goͤtterkoſt. Welcher ſelige Tag! Ihn kroͤnte ein oͤffentlicher Triumph. Die Damen entſchloſſen ſich, das ſeit vierzehn Tagen vermiedene Schauſpiel wieder zu beſuchen; ſie boten dem Baron einen Platz in ihrer Loge an, und Antonie bezeigte ſich waͤhrend der Vorſtellung ſo hold und traulich gegen ihn, daß die ge⸗ ſammte gegenwaͤrtige Maͤnnerwelt ihre Operngucker auf das zaͤrtliche Paar richtete, und vor Neid berſten wollte. Dieſe tanta⸗ liſche Folter ſtand der lauernden Mißgunſt — 247— auch weiter bevor, indem Antonie und ihre Mutter bey der Heimfahrt den werthen Hausfreund erſuchten, ſie des folgenden Ta⸗ ges wieder ins Schauſpiel zu begleiten, und nachher bey ihnen zu Abend zu ſpeiſen. Nur ein unempfindlicher Klotz haͤtte ſich jetzt auf dieſe herrlichen Keime und Bluͤthen der Liebe hinſtrecken und ſchlafen koͤnnen. Unſer alter Herr, deſſen Herz noch ſo jung war, vermochte das nicht. Er lagerte ſich zwar, aber ſeine Fantaſie bettete Antonien neben ihn, und er umarmte und herzte die ganze Nacht hindurch ſein Hauptkuͤſſen. Erſt am Morgen beſiel ihn ein leichter Schlum⸗ mer, den nach kurzer Dauer ein Gezaͤnk vor ſeiner Thuͤre unterbrach. Kauz ſtritt mit einem Fremden, der ungemeldet ins berr ſchaftliche Schlafgemach eindringen wallte, und auch bald, nach thaͤtlicher Ueberwaͤlti⸗ gung des widerſtrebenden Dieners, fluchend hinein ſtuͤrmte.„Donner und Hagel, — 248— Baron!“ ſchrie er:„Ihr ſeyd in der Re⸗ ſidenz ſo vornehm geworden, daß Ihr ſogar eine Leibwache vor Eure Thuͤr ſtellt! Aber ich warf den Kerl wie einen Froſch zu Winkel, um Euch ohne lange Ceremonien einen guten Morgen zu bieten.“— „Ey, wo kommen Sie denn her?“ ſagte, die Augen reibend, der Baron mit einen: verdrießlichen Tone: denn, durch Antoniens Floͤtenſtimme und Sanftheit ver⸗ woͤhnt, ſiel ihm das rauhe, ungehobelte Weſen ſeines Land⸗ und Feldnachbars ſehr widrig auf. Herr von Waidling war einer der Geld⸗ beduͤrftigen, die ſich von der Erbſchaft ein Darlehn ausgebeten hatten, und geſtand ohne Hehl: er habe ſich aufgemacht, um das ihm ver prochene Capital ſogleich an der Quelle in ſeinen Beutel zu ſchoͤpfen. „Sie kommen zu fruͤh!“ ſagte der —Qůę———————n’ö———ſſ1 — 249— Baron.„Es ſteht damit noch in weitem Felde.“ „Hm! hm! So, ſo!“ brummte Herr von Waidling, indem er einige Flaͤſchchen mit wohlriechenden Waſſern, die ihm ins Auge fielen, oͤffnete und beroch.„Seht doch, ſeht!“ ſprach er hoͤhniſch.„Ich dacht's wohl, daß ich dergleichen ſuͤßen Kram hier antreffen wuͤrde!“ „Wie meinen Sie das?“ fragte der Baron betroffen. „Stellt Euch doch nicht ſo fremd!“ verſetzte der Landjunker.„Ich war geſtern in der Komoͤdie, und ſah Euch mit einem ſchoͤnen Frauenzimmerchen liebaͤugeln. Aber ich rath' Euch als Freund: nehmt Euch in Acht! Man ſprach im Parterre von Eurer Dulcinea bedenklich. Man haͤlt ſie fuͤr eine Abenteurerin.“—— Der Baron lachte laut auf, und ſagte mit Verachtung:„Lieber Herr von Waidling, — 250— man muß nicht alles glauben, was Narren und Maulaffen reden. Ich erſuchte Sie auch ſchon mehrmals, mir keinen guten Rath aufzudringen. Ich bin immer ſelbſt klug ge⸗ nug, Weiß von Schwarz zu unterſcheiden; und im gegenwaͤrtigen Falle iſt mein eigener Verſtand nicht der einzige Stab, auf den ich mich ſtuͤtze. Mir gab ein ehrwuͤrdiger, weiſer Mann, gegen den wir beyde nur Duͤmmlinge ſind, Verſicherung und Buͤrg⸗ ſchaft, daß die junge Dame, in deren Ge⸗ ſellſchaft ich mich geſtern im Theater befand, eine Perle ihres Geſchlechts ſey.“— Mit dieſer Abfertigung war der Land⸗ junker ſehr unzufrieden, weil er nun ſchon im Geiſte die ganze Erbſchaft mit dem fei⸗ nen Liebchen vertaͤndeln und zur Auszahlung des verſprochenen Darlehns nichts uͤbrig bleiben ſah. Um dieſen Schiffbruch ſeiner Hoffnung, wo moͤglich, noch abzuwenden, warf er den Anker der Warnung von neuem — 25¹— aus; doch dieſer griff abermals in die Fel⸗ ſenbruſt des Barons nicht ein, und ward heftig zuruͤck geſchleudert. Daraus entſtand ein foͤrmlicher Zank; Herr von Waidling rannte voll Erbitterung fort, und ſchlug wie ein Sturmwind die Thuͤr hinter ſich zu. Jetzt erſchien Kauz in einer traurigen Geſtalt. Er hatte ſich die Stirn und den Mund mit einem Tuche verbunden, und Thraͤnen ſtanden ihm in den Augen. Der Baron fragte, was ihm fehle. Kauz be⸗ klagte ſich: der fremde Herr habe ihm Beu⸗ len an den Kopf geſchlagen, und dieſe Miß⸗ handlung ſey ihm umf ſo empfindlicher geweſen, da er ſchon zuvor von unertraͤgli⸗ chen Zahnſchmerzen geplagt worden ſey, und nun doppelt daran leide. Er befinde ſich uͤberhaupt, ſetzte er hinzu, ſo ſchlimm und krank, daß er unterthaͤnig bitten muͤſſe, ihn bis zu eintretender Beſſerung zu beur⸗ lauben, und indeſſen die Aufwartung eines 8 8 8 — 252— andern Lohnlakeyen, den er fuͤr ſich ſtellen wolle, zu genehmigen. „O, das thut mir ja leid!“ ſagte der Baron.„Ich will den ungeſchliffenen Strohjunker lehren, ſich an meinen Dienern zu vergreifen!— Und, Kauz! hat Er nicht draußen gehoͤrt, wie der freche Menſch das Fraͤulein von Niedau verunglimpfte?— Ja, ich muͤßte keinen Schatten von Klugheit beſitzen, und nicht mit dem großen Caglioſtro geſprochen haben, wenn ich einem ſolchen Verleumder Gehoͤr geben ſollte!“— Gleichguͤltig zuckte Kauz die Achſeln, und trat ab. Ein anderer Lohnbedienter uͤbernahm den verlaſſenen Poſten. Der Baron dachte nicht weiter an den Vorfall, ſchmuͤckte ſich zum Abendfeſte, und fuhr, abgeredeter Maßen, gegen die Komoͤ⸗ dienzeit zur Frau von Riedau. Er klingelte ſanft, er klingelte ſtark: es ward ihm nicht aufgethan. Die Schau⸗ ſpielſtunde ſchlug: er ſtand noch uneingelaſſen am Vorzimmer. Voll Verwunderung fragte er im Hauſe, ob man die Damen habe aus⸗ gehen ſehen. Er bekam zur Antwort: ſie waͤren gegen Mittag ausgefahren. Es mißfiel ihm ſehr, daß ſie, wie es ſchien, eine Luſtreiſe auf's Land gemacht und ihn davon ausgeſchloſſen hatten. Er ſtellte ſich vor, ſie wuͤrden, durch zufaͤllige Hinderniſſe verſpaͤtet, ſogleich am Komoͤdienhauſe abgeſtiegen ſeyn. Pfeilſchnell fuhr er dahin; ſie waren nicht da. Er wartete eine Stunde, jagte dann wieder nach ihrer Wohnung, fand ſie ſo wenig als vorher, und erſtarrte bey dem Gedanken, daß ihnen ein Ungluͤck begegnet ſey. Es fiel ihm ein, den Allwiſſer Caglio⸗ ſtro daruͤber zu befragen; aber wie ſollte er ihn finden? Er wußte weder den Nahmen ſeiner Wohnſtraße noch den Weg dahin, den er nur zweymal, vom treuen Kauz gefuͤhrt, im Dunkeln gegangen war. Zum Ungluͤck hatte er auch den neuen Lohnbedienten zu Hauſe gelaſſen, und war alſo ganz huͤlflos. Dennoch unternahm er es, in dem naͤchtli⸗ chen Labyrinthe der fremden Stadt den Grafen zu Fuß aufzuſuchen. Er fragte alle Menſchen, die ihm begegneten, nach dem beruͤhmten Manne. Einige geſtanden kurz und rund ihre Unwiſſenheit; andere, die kluͤger und gefaͤlliger ſeyn wollten, wieſen ihn zu zwanzig Grafen, die ihm nicht helfen konnten. So in den April geſchickt und in der Irre herum laufend, mußte er gegen Mitternacht noch froh ſeyn, daß er ſeinen Gaſthof fand. Doch an Ruhe und Schlaf war nicht zu denken. In der fruͤhſten Morgenſtunde, in welcher ſich mit Anſtand ein Damenbeſuch ablegen ließ, flog er wieder ins Haus der Frau von Riedau, um den Nachtſchwaͤrmerinnen, die er jetzt unfehlbar zu treffen dachte, eine ſcharfe Sittenpredigt zu halten. Aber er 3 laͤutete eine halbe Stunde lang mit der Thuͤrglocke ſeine letzte Hoffnung zu Grabe. Wie zermalmt ſchlich er mit wankenden Knien in den Gaſthof, zuruͤck, und ſandte zu Kauzen einen Schnellboten mit dem Befehl: entweder ſogleich ſelbſt zu kommen oder Caglioſtro's Wohnung anzuzeigen. Der Bote brachte, nach langem Ausbleiben, die Hiobspoſt: Kauz ſey nicht zu Hauſe, und ſey auch nirgends zu finden. Halb wahn⸗ ſinnig ließ der Baron den Gaſthalter rufen, und entdeckte ihm die ganze Geſchichte. „Ich bedaure Sie, Herr Baron!“ ſagte Dieſer:„Sie ſind, allem Anſehen nach, einer Bande von Gaunern in die Haͤnde gefallen. So viel iſt wenigſtens gewiß, daß ſich der beruͤchtigte Caglioſtro hier nicht aufhaͤlt, und nie hier geweſen iſt. Der Menſch, der ſich dafuͤr ausgab, war ein doppelter Betrieger, und ſein Aſtarot wahr⸗ ⁸ — 256— ſcheinlich das Geſchoͤpf eines Hohlſpiegels oder einer Zauberlaterne.“— „Aber, ich bitte Sie,“— ſiel der Baron ein—„die Stimme, die helle, deutliche Geiſterſtimme, die ich in dieſer Stube, wo ich und Kauz allein waren, hoͤrte: wie er⸗ klaͤren Sie mir die?— „Sehr leicht, Herr Baron!“ ſagte der Wirth.„Kauz iſt, wie ich genau weiß, ein fertiger Bauchredner, der in Aſtarots Nah⸗ men ſprechen konnte, ohne daß Sie die geringſte Bewegung ſeines Mundes bemerk⸗ ten.— Der raͤnkevolle Bube war unſtreitig des Schelmenbundes Stifter und Haupt, und hat ſogleich, als er geſtern fruͤh des Herrn von Waidling gegruͤndete Warnung belauſcht hatte, mit den beyden Landſtreiche⸗ rinnen die Flucht ergriffen. Doch ich hoffe, wir wollen die ſaubere Geſellſchaft noch einhohlen. Ich werde ſtracks zur Obrigkeit gehen, und Steckbriefe ausfertigen laſſen.“ „Nein, „Nein, das will ich durchaus nicht!“ rief der Baron.„Ich ſchenke der Treuloſen das mir abgeliſtete Gold, das ich, bey mei⸗ nen uͤbrigen Vermoͤgensumſtaͤnden, vergeſſen kann. Ach, koͤnnt' ich nur ſie auch ver⸗ geſſen!“— Er bedeckte ſeine naſſen Augen. Der Gaſtwirth verließ ihn, und zeigte, trotz des Verbotes, den Vorfall an. Der. Polizey⸗ Director fand vor allen Dingen fuͤr noͤthig, die Gewißheit des Raubes zu eroͤrtern, und deshalb der Gefluͤchteten Wohnung zu unter⸗ ſuchen. Hierzu ward der Baron eingeladen. Er ſchalt, daß der Wirth ſeinem Willen entgegen gehandelt hatte, ging aber mit. Man oͤffnete die Zimmer; er ſtuͤrzte voran nach der Schatzkammer, und jauchzte:„Da ſtehn ja die Geldſaͤcke noch!— Sie wur— den entſiegelt; man fand Steine und Sand; das Gold war verſchwunden.— Der Ein⸗ rede des Barons ungeachtet, flogen nun 1171 — 253— Steckbriefe nach allen Weltgegenden aus; ſie fruchteten aber nichts, als daß aus meh⸗ rern großen Staͤdten die Nachricht einlief: die vorgebliche Frau von Riedau habe auch dort ſchon unter andern Nahmen aͤhnliche Streiche geſpielt.— Der falſche Caglioſtro war nicht zu entdecken. W Und ſo hatte denn unſer Baron in der Hauptſtadt nichts mehr zu ſchaffen. Er be⸗ gab ſich, in Scham gehuͤllt, auf ſein Land⸗ gut zuruͤck, und ruͤhmte ſich hinfort ſeiner Klugheit nicht weiter. . X Der Sdt⸗ zu Roß. 2 Wehe dem den Amor zum Spielwerke ſeiner Launeß waͤhlt! Sein Schickſal gleicht den Leiden ſeines armen Vogels, der in die Gewalt eines unartigen Kindes gerieth. Es liebkoſet ihn Anfangs; aber bald rupft es ihm Federn aus, bindet ihn an einen Faden, ſtutzt ihm die Fluͤgel, und quaͤlt ihn zu Tode. Folgende Geſchichte wird dieſes Gleich niß erlaͤutern.“ Der Herzog Roderigo von Girona, der vor undenklichen Jahren in. Sbanien — 260— lebte, ward allgemein, wegen ſeines Neich⸗ thums und ſeiner uͤbrigen angenehmen Ver⸗ haͤltniſſe, fuͤr einen der gluͤcklichſten Men⸗ ſchen gehalten. Man beneidete ihm beſon⸗ ders ſeine junge, ſchoͤne Gemahlin, die Krone der Frauen von Madrid. Doch ver⸗ gebens baute ihm das Geſchick einen Himmel auf Erden. Er voerirrte ſich in die Hoͤlle der Eiferſucht, und litt Pein in ihren Gluthen. Allerdings hatte die reitzende Frau viel geheime Verehrer; aber ſie ſchmachteten nur in der Ferne, weil der feurige Herzog die Ehre ſeines Hauſes mit flammendem Schwerte bewachte. Er wies einige kuͤhne Paladine, die ihr zu nahe treten wollten, tapfer zuruͤck. Das verbreitete Schrecken, und man ſcheute ſich nachher vor dem furchtbaren Manne und ſeinen Argusaugen. Doch was Fuͤrſten und Ritter nicht mehr wagten, deſſen unter⸗ fing ſich— ein Moͤnch„ Der Pallaſt, den der Herzog in Madrid — 261— bewohnte, lag in einer etwas einſamen Ge⸗ gend, und graͤnzte mit den weitlaͤuftigen Gebaͤuden eines anſehnlichen Franziskaner⸗ kloſters. In dieſem nahm einſt ein junger Ordensbruder aus Salamanca ſein Abſteige⸗ quartier, um Gaſtpredigten in der Hauptſtade zu halten. Pater Iſidor— ſo hieß er— war ein Mann von Geiſt und als Kanzel⸗ redner beruͤhmt. Auch ſein Koͤrper bezeich⸗ nete ihn als einen Guͤnſtling der Natur. Man konnte ſeine hohe, herrliche Geſtalt nicht ſehen, ohne ſie zu beklagen, daß ſie in eine unfoͤrmliche Moͤnchskutte gebannt war. Er that indeſſen ſein Moͤglichſtes, ſie aus ihrer duͤſtern Umgebung trefflich hervorleuch⸗ ten zu laſſen. Mit allen Putzkuͤnſten der Zierlinge ſeiner Zeit gruͤndlich bekannt, ſchmuͤckte er ſich wie der eitelſte Geck. Seine Kloſtergeſellen nahmen daran ein Aergerniß, 4 und ließen ihn bey jeder Gelegenheit ihren unwillen empfinden; doch das kuͤmmerte ihn —-— 262— wenig. Er fand ſich durch Frauengunſt fuͤr Moͤnchshaß reichlich entſchaͤdiget. Verſchiedene ſeiner Liebesabenteuer in Salamanca waren dem Guardian ſeines Kloſters zu Ohren gekommen. Das bewog den ſtrengen Sittenmeiſter, ihn auf der Reiſe nach Madrid von einem Aufſeher begleiten zu laſſen. Er waͤhlte dazu den Pater Syl⸗ veſter, den ſteifſten Pedanten des Kloſters. Dieſer Murrkopf war Iſidors heftigſter Widerſacher. Darum hoffte der Guardian, daß er den jungen Ausſchweifling ſcharf im Zuͤgel halten werde. Sie begaben ſich mit einahder auf den Weg. Die Kloſterpforte war kaum hinter ihnen geſchloſſen, ſo oͤffneten ſie den Mund, um ſich zu zanken. Dieſen Zeitvertreib ſetzten ſie bis Madrid fort. Iſidor ſprach und ſcherzte mit jedem artigen Maͤdchen, das ihnen begegnete. Der finſtere Hofmeiſter ſchalt daruͤber. Er ward, wie billig, verlacht 1 —+,»„ —-— 265— und verſpottet. Das verdroß ihn; er trotzte auf die ihm uͤbertragene Gewalt, und unter⸗ ſtand ſich einſt ſogar, ſeinen Untergebenen, wie ein zorniger Schulmeiſter, auf die Fin⸗ ger zu klopfen, als er eben die bluͤhenden Wangen einer jungen Dirne liebkoſend be⸗ ruͤhren wollte. Der dadurch geſtoͤrte zaͤrtliche Wangenſchlag verwandelte ſich nun in einen ſchmetternden Backenſtreich, den der Mentor empfing. Die Folge war ein Handgemenge, in welchem Iſidor die Oberhand gewann. Der Beſiegte ſchwor in ſeinem Herzen, ſich nachdruͤcklich zu raͤchen. In dieſer Stimmung kamen ſie nach Madrid, kehrten in jenem Kloſter ein, be⸗ zogen jedoch abgeſonderte Zellen, weil ſie ſich nicht beyſammen vertragen konnten. Dieſer Trennung ungeachtet fuhr Sylveſter fort, ſein Aufſeheramt nach Moͤglichkeit zu verwalten. 4 Er ſetzte vor allen Dingen einen haͤmi⸗ ſchen Klagebericht an den Guardian auf. Aber die naͤchſten Tage lieferten ſeiner Feder keinen neuen Giftſtoff. Iſidor, mit Ausar⸗ beitung einer Predigt beſchaͤftigt, hielt ſich eingezogen in ſeiner Zelle, und beſtieg bald darauf die Kanzel. Der Ruf ſeiner Beredſamkeit war ihm vorangegangen, und hatte die Kirche gefullt. Man verſprach ſich ein Meiſterſtuͤk. Der ruhmbegierige Franziskaner war auch ganz darauf vorbereitet, die Erwartung nicht zu taͤuſchen. Mit dem zierlichſten Anſtande betrat er den Rednerſtuhl, und begann ſeinen Vortrag. Aber er hatte kaum fuͤnf Minuten lang durch ſeiner Stimme melodiſchen Ton die Zuhoͤrer entzuͤckt, als er ploͤtzlich, mit verwandelter Geſichtsfarbe, den Faden der Rede verlor, und ſtammelnd nicht wußte, was er ſagen wollte. So aus der Faſſung brachte ihn die Ankunft der ſchoͤnen Herzogin von Girona, — 265— die jetzt, der Kanzel gegen uͤber, in einem erhoͤhten Betzimmer erſchien. Ihr Anblick wirkte auf ihn wie ein laͤhmender Zauber⸗ ſchlag. Der geiſtvolle Mann gab der ſtau⸗ nenden Verſammlung das klaͤgliche Schau⸗ ſpiel eines verbluͤfften Dummkopfs. Er ſchnappte mit offenem Munde, wie ein Fiſch, nach Luft, und huſtete aͤngſtlich, um ſeine Verwirrung zu bemaͤnteln, und Zeit zur Beſinnung zu gewinnen. Umſonſt! er fand ſich nicht wieder ins rechte Gleis. Es half ihm ſogar nichts, daß er zum Concept der Predigt ſeine Zuflucht nahm. Er war, gleich einer in die Sonne blickenden Eule, vom Glanze der Schoͤnheit voͤllig geblendet, und die Buchſtaben auf dem Papiere wimmelten vor ſeinen Augen, wie Ameiſen, durch ein⸗ ander. Doch ſtumm konnte er auf ſeinem. Poſten nicht bleiben; er ſtotterte alſo ein Galimatias hervor, das ſelbſt die alten Muͤtterchen auf den gemeinen Kirchenſtuͤhlen ·. v fuͤr ein elendes Gewaͤſch erklaͤrten. Noch unzufriedener waren mit ihm die hoͤhern Klaſſen. Einige junge Schulfuͤchſe, die ſich, mit Griffeln in der Hand, unter der Kanzel gelagert hatten, um den erwarteten Honigſtrom ſeiner Lippen in ihre Schreib⸗ tafeln zu leiten, ſprangen mit frechem Ge⸗ raͤuſch auf, und liefen hohnlachend aus dem Tempel. Andere unartige Leute durchbohrten ihn gleichſam mit den Augen, zuckten ver⸗ aͤchtlich die Achſeln, und plauderten zwang⸗ los mit ihren Nachbarn, um oͤffentlich zu zeigen, daß er ihnen lange Weile machte. Kurz, er ſah und hoͤrte um ſich her nichts als Ausbruͤche der Ungeduld und des Miß⸗ vergnuͤgens. Er waͤre allenfalls des verfehlten Bey⸗ falls der großen Menge ohne vielen Kummer verluſtig gegangen, haͤtte er ſich nur als moͤglich denken koͤnnen, daß er der Einzigen gegen uͤber gefalle. Aber wie vermochte — 267— ſeine zerruͤttete Seele dieſe Hoffnung zu faſſen? Er ſtand als ein gar zu jaͤmmerli⸗ cher Stuͤmper vor ſeiner Goͤttin; ſie mußte ihn, wie der uͤbrige Troß, verachten. Dieſes Gefuͤhl zerknirſchte ihn ganz. Er wuͤnſchte ſich auf der Stelle den Tod. Aber die edle Herzogin zeigte ſich als eine Frau von feiner Bildung und Herzensguͤte. Weit entfernt, den ungluͤcklichen Prediger durch eine ſpoͤtti⸗ ſche Miene zu kraͤnken, ſah ſie mit der Sanftmuth eines Engels beſcheiden vor ſich nieder; und als ſich die hinter ihr ſtehende Dienerſchaft erlaubte, uͤber den geiſtlichen Wirrwar leiſe zu kichern, wies ſie das un⸗ gezogene Voͤlkchen durch einen ſtrafenden Blick zur Ruhe. Iſidor bemerkte dieſe ſchonende Huld. Sie goß Balſam in ſein wundes, von Angſt und Scham zerriſſenes Herz, und er ver⸗ ſaͤumte nicht, ſich dafuͤr erkenntlich zu be⸗ zeigen, als er die gluͤhenden Kohlen verließ⸗ * — 268— auf welchen er eine halbe Stunde geſtanden hatte. Er beugte ſich gegen die Herzogin ſo tief, daß die Spitze ſeiner Adlersnaſe das Kanzelpult beruͤhrte; und ſo trat er ab, ohne die Gegenden der Kirche, wo die Spoͤtter ſaßen, eines Scheideblicks zu wuͤr⸗ digen. 1 Mit geſenkten Augen, als ob er die Pflaſterſteine zaͤhlte, floh er in ſeine Zelle, und ſchloß einem Moͤnch, Nahmens Urban, der ihm als dienender Bruder zugeſellt war, ſein Herz auf. Nach einem freymůͤthigen Geſtaͤndniß, daß er auf der Kanzel wenig Ehre eingelegt hatte, ſchilderte er die ur⸗ heberin dieſer Verwirrung mit der Leiden⸗ ſchaft gluͤhendſten Farben, und brach zuletzt in Klagen aus, daß er ihren Nahmen nicht wiſſe. „Wer kann's anders geweſen ſeyn, als die Herzogin von Girona?“ ſagte Urban. „„Eure Beſchreibung paßt in ganz Madrid nur auf ſie.“— 8 . Freund!“ verſetzte Iſidor mit ſtolzem Hohn⸗ ſind Blumen; aber welcher Unterſchied!— — 269— „O, daß es eben eine Herzogin ſeyn muß!“ ſeufzte Iſidor.„Ich wollte, ſie waͤr! eine arme Buͤrgerin, damit ich mich furcht⸗ los ihr nahen, und ihr ſagen koͤnnte, daß ich ſie liebe.“ Unruhig ging er auf und ab. Sein Blick ſiel in einen Wandſpiegel. Er blieb ſtehen, betrachtete mit Selbſtgefallen ſeine Geſtalt, und faßte Muth.„Freund,“ ſprach 2 er,„ich bin entſchloſſen, mit der Herzogin 2 3 Bekanntſchaft zu machen.“— „Schlagt Euch dieſen Gedanken aus dem Sinne!“ rief Urban.„Eine Fuͤrſtin, und beſonders eine ſolche Fuͤrſtin, iſt kein Biſſen fuͤr einen Moͤnch.“ „Die Moͤnche ſind verſchieden, mein laͤcheln.„Die Roſe und das Angerbluͤmchen Ich hoffe, du verſtehſt mich, wenn du 1 * — 290— naͤhmlich geſunde Augen und einen von maͤnnlicher Wohlgeſtalt haſt.“ Urban erſtaunte uͤber die Eigenliebe des Menſchen, und ſchuͤttelte ſchweigend den Kopf. „Ich werde, natuͤrlicher Weiſe, nicht ungeſchickt zu Werke gehn,“ fuhr Iſidor fort.„Es ſcheint mir der anſtaͤndigſte Weg, mich durch einen Brief bey der Herzogin einzufuͤhren.“ Er wartete auf eine beyfaͤllige Antwort; 9 doch Urban blieb bey ſeiner ſtummen Ge⸗ berdenſprache. „Ewiger Kopfſchuͤttler!“ fuhr Iſidor auf.„Du kennſt die Weiber nicht! Moͤgen ſie Koͤniginnen oder Hirtenmaͤdchen ſeyn, man laͤuft keine Gefahr, wenn man ihnen ſagt, daß ſie ſchoͤn ſind.— Dieſe Gunſt⸗ angel will ich auch bey der Herzogin getroſt auswerfen, und ihr ungefaͤhr in folgenden Ausdruͤcken ſchreiben: Gnaͤdigſte Frau, ich Begriff — 271— war heute auf der Kanzel ſo ungluͤcklich, Ew. Hoheit Ohren zu beleidigen. Mich entſchuldiget nichts, als daß ich durch den Wunderglanz Ihrer uͤberirdiſchen Schoͤnheit in das Irrgewinde meines Vortrags gerieth. Dieſer Umſtand erhebt meinen Fehler zu einer Tugend; doch bin ich ſo lange troſtlos, bis ich unmittelbar aus Ihrem Munde ein holdes Wort der Begnadigung vernommen habe.— Nun, Freund Urban, was meinſt du? Muͤßt' es nicht ein ſteinernes Weib ſeyn, das ſolchen Schmeicheleyen wider⸗ ſtehen koͤnnte?— Ich wette, daß ich Zutritt erhalte, und dann giebt ſich das Ribeige von ſelbſt.“— 8 Urban ſchwieg verſtockt. Iſidor bruͤſtete ſich wieder vor dem Spiegel, forderte feines Papier, und ermahnte den ſtummen Moͤnch, ſich bereit zu halten, daß er den Brief, ſo bald er geſchrieben ſey, in den herzoglichen Pallaſt tragen koͤnne. ————————— — 272— „Sucht Euch einen andern Boten!“ ſprach Urban muͤrriſch.„Ich danke fuͤr die⸗ ſen Auftrag, wenn Ihr mich auch mit der paͤpſtlichen Krone dafuͤr belohnen koͤnntet.“ „Warum verſagſt du mir einen ſo leich⸗ ten Freundſchaftsdienſt?“ fragte Iſidor. „Weil der Herzog ein Teufel von Eiferſucht iſtz“ antwortete Urban.„Ich moͤchte mich von ihm nicht um alle Schaͤtze der Welt mit einem Briefchen an ſeine Gemahlin ertappen laſſen. Er blieſe mir auf der Stelle das Lebenslicht aus, und Euch erging' es nicht beſſer! Ein Paar arme Moͤnche niederzumetzeln, waͤr' ihm ein Kleines, und es kraͤhte, wahrlich! kein Hahn daruͤber: denn der Herzog iſt reich und ein Liebling des Koͤnigs.“— Iſidor lachte uͤber dieſe Warnung, und wies den ehrlichen Urban aus der Zelle, um ungeſtoͤrt ſchreiben zu koͤnnen. Es gluͤckte ihm auch, als der Brief fertig war, ein ver⸗ / verſchlagenes Weib zu finden, das die ge⸗ faͤhrliche Botſchaft uͤbernahm und ſie, als wandernde Modehaͤndlerin, ausfuͤhrte. Die Herzogin erbrach das ihr einge⸗ haͤndigte Schreiben, in der Erwartung eines gewoͤhnlichen Almoſengeſuchs. Kaum aber erſah ſie aus dem zaͤrtlichen Inhalte, daß hier ein anderer Wunſch die Feder gefuͤhrt hatte, ſo legte ſie das Blatt erroͤthend aus der Hand, und ſagte mit gemaͤßigtem Un⸗ willen:„Wie komm' ich zu dieſem Briefe? Es muß ein Irrthum vorgegangen ſeyn. Ich verbitte dergleichen Zuſchriften, die fuͤr den Sender und Ueberbringer ſchlimme Fol⸗ gen haben koͤnnten.“— Hiermit befahl ſie der verſtummten Gelegenheitsmacherin, ſich zu entfernen, und den Pallaſt nicht wieder zu betreten. Voll Mingeduld lauerte der verliebte Moͤnch auf die Ruͤckkunft ſeiner Botin, und ſein Duͤnkel ſicherte ihm die erfreulichſten [181 — 274— Nachrichten zu. Als er aber die unholde Aufnahme des Schmeichelbriefes erfuhr, ſtand er bleich und ſtarr wie ein Landmann vor ſeinem Felde, wo er die Hoffnung einer nahen goldenen Ernte durch Hagelſtuͤrme vernichtet ſieht.— Iſidors Beſtuͤrzung dauerte jedoch nur wenige Minuten. Die treue Eigenliebe griff ſeinem ſinkenden Muthe unter die Arme, und ſtellte ihn wieder feſt auf die Fuͤße. So ermannt, haderte der geiſtliche Stutzer mit ſich ſelbſt.„Dummkopf!“ ſprach er: „du haſt die Sache falſch angegriffen, und dir bloß dadurch einen ſchiefen Erfolg zu⸗ bereitet! Wie konnteſt du erwarten, durch todte Buchſtaben zu ſiegen? Geh, zeige dich ſelbſt! Die Herzogin ſah dich bis jetzt nur im engen Gefaͤngniß der Kanzel, und in der Jammergeſtalt eines bedraͤngten Schulknaben, der ſeine Lection nicht auf⸗ ſagen kann. Wie war's moͤglich, ihr in dieſem Nothſtande zu gefallen? Aber auf der Straße, vor den Fenſtern ihres Pallaſtes, wird das Ebenmaß deines Koͤrpers und das freye Spiel deiner Glieder einen un⸗ widerſtehlichen Eindruck auf ſie machen.“ Nach dieſem Selbſtgeſpraͤche kleidete er ſich ſo neit als moglich, und ging auf Er⸗ oberung aus. Mehr als funfzig Mal des Tages durch⸗ ſtrich er die Straße der Geliebten, und blickte mit unverwandten Augen nach der langen Spiegelreihe ihrer Fenſter empor. Zur Abwechſelung ſtand er auch Stunden lang an den Ecken der Quergaͤßchen, um die Dame ſeines Herzens ausfahren zu ſehen, und ihr einen Gruß in den Wagen zu⸗ werfen. Die Nachbarſchaft und der herzog⸗ liche Thuͤrſteher zogen den unermuͤdeten Pflaſtertreter und Eckenwaͤchter bald in Be⸗ trachtung, und machten allerley Gloſſen uͤber ihn; aber die Herzogin, der des Gemahls ——— — 276— Eiferſucht nur ſelten einen kurzen Aufenthalt am Fenſter vergoͤnnte, uͤberſah in dieſen Momenten den raſtloſen Straßenlaͤufer um ſo mehr, da ſie ihn in der Kirche kaum angeblickt hatte, und ſich ſeiner Geſtalt nicht mehr erinnerte. Erſt nach zwey oder drey Tagen war er ſo gluͤcklich, einen fluͤchtigen Strahl ihrer Augen auf ſich deuten zu koͤnnen. Er blieb ſtehen, und machte eine Verbeugung, die ſich, wegen ihrer außerordentlichen Tiefe und langen Dauer, ungemein poſſierlich ausnahm. Die Herzogin konnte ſich eines unwillkuͤhr⸗ lichen Laͤchelns nicht enthalten, und trat mit einer leichten Kopfneigung vom Banſer zuruͤck, indem ihr eben ein neuer Buͤckting, der ſeinem Vorgaͤnger nichts nachgab, zu⸗ gefertiget wurde. Der hoͤfliche Moͤnch rich⸗ tete langſam ſein Haupt von der Erde wieder auf, ſah den Polarſtern ſeiner Wuͤn⸗ ſche verſchwunden, und gerieth daruͤber in — 277— ein kleines Schrecken; doch das vorher be⸗ merkte Laͤcheln und Danknicken ſchien ihm durch die vergroͤßernde Brille der Eigenliebe ſo wichtig und gluͤckverkuͤndend, daß er zum Anfange damit zufrieden zu ſeyn beſchloß. Er flog ins Kloſter, mit der ſuͤßen Er⸗ wartung, bald einen Ruf in den Pallaſt zu erhalten. Und den erhielt er wirklich! Aber man hoͤre, wie das zuging. Sylveſter, der ihn bisher nicht aus den Augen gelaſſen hatte, ſah ihn auf der Kanzel mit Schande beſtehen; doch die Urſache die⸗ ſes angenehmen Vorfalls war dem Schaden⸗ froh nicht klar, und er wollte und mußte ſie wiſſen. Er kirrte deshalb Iſidors Aufwaͤrter an ſich, und forſchte ihn aus. uUrban, ein unvorſichtiger Plauderer, entdeckte ohne Be⸗ denken alles, was ihm bekannt war, um ſich nur ſeiner weiſen Warnung vor dem eifer⸗ ſuͤchtigen Herzog ruͤhmen zu koͤnnen. Die — 278— Kunde von der Gemuͤthsart dieſes Mannes erfreute den horchenden Raͤnkeſchmidt. Er ſuchte die Brieftraͤgerin auf, verhoͤrte ſie, beobachtete Iſidors Gaͤnge, und war Zeuge ſeiner laͤcherlichen Reverenze. Frohlockend ſah er ſich nun im Beſitz eines reichen Stoffes zu Ohrenblaͤſereyen, wodurch er den Eifer⸗ ſuͤchtler in den Harniſch treiben konnte; und das zu thun, war ſein brennender Vorſatz. Er bedachte zwar, daß ein ſolcher Schritt ernſthafte Folgen nach ſich ziehen, und von ſeinen Obern in Salamanca nicht gebilliget werden wuͤrde: denn der wohlgeſinnte 2 Guardian hatte ihn in der beſten Abſicht zu Iſidors Ehrenhuͤther beſtellt, und er handelte folglich den empfangenen Verhaltungsbefeh⸗ len ſchnurſtracks entgegen, wenn er den jungen Mann, den er vor Unfaͤllen bewahren 7 ſollte, ſelbſt hinein ſtuͤrzte. Doch was half's, daß ihm ein guter Genius dieſe Vorſtellun⸗ gen zurief? Die Rache, ſagt Shakeſpear, 1 iſt tauber, als Ottern, gegen die Stimme der Vernunft. Sylveſter waͤhlte den dunkeln Weg, den die Verleumdung gern wandelt: er ſchrieb an den Herzog einen nahmenloſen Brief, worin er ein Koͤrnlein Wahrheit unter einen Schwall boshafter Erdichtungen miſchte. Noderigo las dieſe Zuſchrift mit gluͤ⸗ henden Augen, ſtuͤrzte fort zu ſeiner Gemah⸗ lin, hielt ihr in einer Hand des Verraͤthers Anklage, in der andern einen gezuͤckten Dolch vor's Geſicht, und forderte mit ſchrecklichen Worten ein Geſtaͤndniß des ihr angedichteten Liebeshandels. Die Schuldloſe betheuerte die Reinheit ihrer Tugend; doch in der Todesangſt geſtand ſie, einen verworrenen Brief von einem ihr unbekannten Moͤnch erhalten zu haben. Der Herzog drang auf Vorzeigung dieſes Blattes. Es fand ſich ungluͤcklicher Weiſe noch unter ihren Papieren. Er durchlief es — 280— mit wilden Blicken, und befahl: ſie ſolle den Moͤnch ſogleich zu einer geheimen naͤcht⸗ lichen Unterredung in den Pallaſt ſchriftlich einladen. Fußfaͤllig, aber vergebens, bat ſie um Schonung. Der Dolch zwang ſie zum Gehorſam. Sie ſchrieb, was ihr der Wuͤtherich in die Feder ſagte. Iſidor ward in ſchmeichelhaften Ausdruͤcken beſchieden, ſich mit dem Glockenſchlage der eilften Stunde an der Hinterpforte des Pallaſtes einzufinden. Dieſe giftige Lockſpeiſe uͤber⸗ brachte ihm ein vertrauter herzoglicher Diener; und eben derſelbe empfing nachher in der Nacht, als Kammerfrau verkleidet, den verblendeten Thoren an der Pforte, und fuͤhrte ihn eine Schneckentreppe hinauf in ein ſchwachbeleuchtetes Gemach, wo er, dem Vorgeben nach, die Herzogin erwarten ſollte. Einſam traͤumte er ſich fuͤnf Minuten lang in ein Paradies der Liebe. Die — 281— ſeligſten und— letzten Augenblicke ſeines Lebens! Der Herzog und ein Mordgehuͤlfe, der ſchon die Rollen des Brieftraͤgers und der Kammerfrau geſpielt hatte, ſtuͤrzten ins Zimmer, warfen ſich uͤber den Ungluͤcklichen her und erdroſſelten ihn. Sie hatten ſchon vorher im gehaltenen Blutrathe beſchloſſen, was ſie mit dem Leich⸗ nam beginnen wollten. Der Mordknecht trug ihn in einem Sacke nach dem nahen Franziskanerkloſter, worin er jeden Winkel kannte. Er oͤffnete mit einem Nachſchluͤſſel einen oͤden Hinterhof, ſetzte den Todten, als ſchlief' er, auf eine ſteinerne Bank, und ſchlich unbemerkt wieder zuruͤck. Aus dieſem Hofe lief ein langer gewoͤlb⸗ ter Kreuzgang in das Innere des Kloſters, und zunaͤchſt nach den Gaſtzellen, von welchen jetzt Sylveſter eine bewohnte. Es war, wenn er aus⸗ und einging, ſein ge⸗ woͤhnlicher Weg; und ein Beſuch, den er 4 8 —.—— —õ— 4 — — — 282— an dieſem Tage außerhalb des Kloſters ge⸗ macht, und bis gegen Mitternacht verlaͤngert hatte, leitete ihn bald nach der Ankunft der Leiche dahin. Mit einer Laterne in der Hand durchſchritt er ruhig den Hof; aber einige Schritte vor dem Kreuzgange erblickte der auf der hart daneben befindlichen Bank den ewigen Schlaͤfer, beleuchtete ihn, und trat ſcheu zuruͤck, als er ſah, daß es Iſidor war. Er ſtellte ſich vor, der ſo oft von ihm beleidigte Moͤnch habe hier feindlich auf ihn gelauert, und ſey uͤber dieſer Wege⸗ lagerung eingeſchlafen. Rachſuͤchtig ergriff er einen großen Stein, warf ihn mit aller Macht dem Todten an den Kopf, und ent⸗ floh in den Kreuzgang. In der Mitte deſſelben blieb er horchend ſtehn. Es wunderte ihn, daß er vom Hofe her keinen Laut hoͤrte. Er ging ſacht auf den Zehen zuruͤck. Iſidors Koͤrper, durch den Steinwurf von der Bank geſchleudert, — 2833— lag auf der Erde. Sylveſter umſchlich ihn, beruͤhrte ihn, und Schrecken durchbebte ſeine Glieder, als er ihn erſtarrt fand.„O ich Un⸗ gluͤcklicher, ich hab' ihn getoͤdtet!“ rief er, die Haͤnde ringend.„Gott und alle Heiligen, ſteht mir bey! Ich bin verloren— das ganze Kloſter kennt unſere Feindſchaft— des Mordes Verdacht faͤllt einzig auf mich!“— Rathſchlagend, was er anfangen wollte, kam er auf den Gedanken, die Blutthat dem Herzog aufzubuͤrden. Schnell entſchloſſen belud er ſich mit der Leiche, trug ſie hin vor den Pallaſt, legte ſie im Saͤulengange nieder, und entkam gluͤcklich, ohne daß ihn ein Auge geſehen hatte.— uUnruhig waͤlzte ſich indeſſen Roderigo auf ſeinem Lager. Die Nattern des Ge⸗ wiſſens verſcheuchten den Schlaf von ihm. Er ſprang auf, und befahl ſeinem Spieß⸗ geſellen, am Kloſter zu ſpaͤhen und zu lau⸗ ſchen, ob er ungewoͤhnliche Bewegungen — 284— darin vernehme. Der Diener ging. Im Saͤulengange ſtrauchelt' er uͤber den Leich⸗ nam. Er eilte mit Grauſen zuruͤck zu ſeinem Herrn, und meldete ihm den ſchauderhaften Fund, der beyden ein ſchreckliches Raͤthſel war. Sie ſannen mit einander auf ein neues Mittel, ſich der Leiche zu entledigen. Der Diener ſchlug vor, ſie im Garten hinter dem Pallaſte zu vergraben; allein der Herzog wollte ſich dieſen Luſtort nicht durch ein Denkmahl eines Verbrechens auf immer verleiden. Er drang auf Rath und That, den Ermordeten moͤglichſt weit zu entfernen. Der verſchlagene Diener gerieth nun auf den ungewoͤhnlichen Einfall, den Koͤrper auf ein wildes Pferd zu binden, und es dann ins Freye zu jagen. Der Herzog hatte in ſeinem Stalle einen jungen unbaͤndigen Hengſt, von dem man ſich verſprechen konnte, daß er, wenn man ihn ungezuͦgelt laufen 8 — 285— ließ, nicht in der Naͤhe bleiben werde; und ward er endlich aufgefangen, ſo wußte Niemand in welchen Stall er gehoͤrte, weil er erſt Tages vorher von einem durchrei⸗ ſenden Roßhaͤndler gekauft, und folglich der ganzen Hauptſtadt noch unbekannt war. Der Herzog billigte den Vorſchlag, und gab zu deſſen Ausfuͤhrung dem Diener volle Gewalt. Dieſer war ein ſo gefuͤhlloſer Unmenſch, daß ihm nicht graute, mit bluti⸗ gen Haͤnden einen Scherz auszufuͤhren. Er legte dem Leichnam, um ihn auf den Ruͤcken des Renners in aufrechter Stellung befeſti⸗ gen zu koͤnnen, einen alten eiſernen Harniſch an, hob ihn in den Sattel, und verband ihn durch Riemen und Stricke ſo haltbar mit dem Roſſe, daß er wie der tuͤchtigſte Reiter ausſah. Dann ſetzte ihm der rohe Meuchler einen Helm mit geſchloſſenem Viſir auf den Kopf, ſchnallte ihm noch zum Ueberfluß und aus Muthwillen eine — 286— Lanze an den rechten Arm, und vollendete ſo die Geſtalt eines turnierfertigen Ritters. Es war die leichteſte Sache von der Welt, den geharniſchten Todten ohne Auf⸗ ſehen abzuſenden. Roderigo's Pallaſtgarten erſtreckte ſich bis an die Stadtmauer, und durch dieſe hatte der Herzog ſchon vor meh⸗ rern Jahren, mit Erlaubniß des Koͤnigs, eine Pforte brechen laſſen, um bey Spazier⸗ gaͤngen des umwegs durch das Stadtthor uͤberhoben zu ſeyn. Der Hengſt ward alſo den Garten entlang gefuͤhrt, erhielt außer⸗ halb der Pforte einige Peitſchenhiebe, und ſtuͤrmte brauſend fort, als wollt' er den Wind uͤberfliegen. Indem man auf dieſe Weiſe geſchaͤftig war, Sylveſtern von aller Gefahr zu be⸗ freyen, zitterte er in ſeiner Zelle vor Ver⸗ haftung und dem Blutgeruͤſte. Die Fantaſie der Angſt ließ ihn von Zeit zu Zeit vor ſeiner Thuͤr ein Getuͤmmel von Schergen — 287— hoͤren. Er glaubte, dieſen Schreckniſſen nur durch eine ſchleunige Flucht entrinnen zu koͤnnen. Mit dieſem Entſchluſſe ging er, als der Morgen anbrach, zu dem Kloſter⸗ verwalter, und erbat ſich ein Reitpferd, unter dem Vorgeben, daß er einen Freund auf dem Lande beſuchen wolle. Es ward ihm eine Stute geſattelt. Er ſchwang ſich dar⸗ auf, ritt vor einen Schwertfegerladen, und kaufte einen ſcharfgeſchliffenen Saͤbel, um ſich damit gegen jeden, der ihn feſthalten wolle, auf's aͤußerſte zu wehren. Wie froh war er, als Madrid hinter ihm lag! Er verließ, ſo bald man ihn von dort nicht mehr ſehen konnte, die Landſtraße, und jagte einige Stunden lang auf Kreuz⸗ und Querwegen blind umher. Indem er nun ſo am Saume eines Waldes hintrabte, hoͤrt' er das Wiehern eines Pferdes. Scheu ſah er ſich um, und erblickte einen gehar⸗ niſchten Reiter, der aus dem Gehöͤlz hervor — 2838— in geſtrecktem Galopp auf ihn zukam. „Himmel! ein Haͤſcher von der heiligen Her⸗ mandad!“ aͤchzte der Fluͤchtling leiſe, und ſpornte heftig ſein Thier, um dem Lanzen⸗ reiter zu entfliehen. Doch im Huy war ihm dieſer auf dem Nacken. Der Hengſt eilte, wie gefluͤgelt, der Stute nach. Schon beruͤhrte die Spitze der Lanze die Moͤnchs⸗ kutte: da zog Sylveſter den Saͤbel, warf ſein Roß herum, und mit Rieſenkraft der Verzweiflung fuͤhrte er auf die einzige ver⸗ wundbare Bloͤße, die er am Halſe des Gegners zwiſchen Helm und Harniſch ent⸗ deckte, einen ſo gewaltigen Streich, daß der Kopf vom Rumpfe flog. Sieg und neue Flucht waren Eins. Aber noch immer donnerten ihm Hufſchlaͤge nach. Er ſchielte zuruͤck; der Ohnekopf war dicht hinter ihm. Mit Grauſen ſtieß er ſeinem Gaul beyde Ferſen in die Flanken, und ſprengte auf das Thor eines vor ihm liegen⸗ — 289— liegenden Staͤdichens zu. Er wollte lieber in Menſchenhaͤnde fallen, als ſich dem Satan ergeben: denn dafuͤr hielt er nun ſeinen Verfolger. Die Schildwache am Thore warf vor Schrecken ihre Hellebarde weg, und entlief. Er ſtuͤrmte hinein in die Stadt, und ritt alles nieder, was ihm in den Weg kam. Der kopfloſe Unhold hetzte ihn aus einer Straße in die andere. Wie verſteinert ſahen die Einwohner dem graͤßlichen Schau⸗ ſpiele zu. Endlich ſtuͤrzte Sylveſters ent⸗ athmetes Roß unter ihm. Er raffte ſich geſchwind wieder auf, und lief ſchreyend: „Ich bin ein Moͤrder!“ zu einem nahen Wachhauſe, wo man ihn gefangen nahm. Iſidors Kopf, den ein Reiſender auf dem Kampfplatze gefunden hatte, ward kurz nachher in die Stadt gebracht, und der gefangene Moͤnch noch an demſelben Tage dem peinlichen Gerichte zu Madrid uͤber⸗ liefert. Sein Einzug, in Begleitung des 1191 — 290— 4 Todten, den man unverruͤckt auf ſeinem Hengſte ſitzen ließ, verurſachte einen unge⸗ heuern Zuſammenlauf. Der Herzog erfuhr ſofort den wunderbaren Vorfall. Er uͤber⸗ ſah ſchnell, daß nun ſein Meuchelmord nicht unentdeckt bleiben konnte; daher warf er ſich ohne Verzug dem Koͤnige zu Fuͤßen, geſtand ſein Verbrechen, und bat, mit An⸗ fuͤhrung aller mildernden Umſtaͤnde, um Begnadigung. Der Monarch ertheilte ſie ſeinem Liebling, und verwies ihn bloß einige Monate lang, als Gefangenen, auf eine Feſtung.*) *) Es läßt ſich, wegen mangelnder Nachrichten, nicht ausmitteln, welcher König von Spanien dieſes gelinde Urtheil ſprach. Nur ſo viel iſt gewiß, daß es nicht Philipp der Dritte war. unter deſſen Regierung wäre der Mörder eines Mönchs nicht ſo ſtraflos geblieben. Das hätte die heilige In⸗ quiſition nicht geduldet: denn Philipp war ſelbſt in einem ſo hohen Grade ihr Sclav, daß der — 291— 8 Roderigo's Geſtaͤndniß ſetzte Sylveſtern in Freyheit. Aber die ausgeſtandene Hoͤllen⸗ angſt, die innerhalb zwoͤlf Stunden ſein ſchwarzes Haar grau faͤrbte, hatte ſeine Geſundheit ſo zerruͤttet, daß er nach wenigen Tagen ſtarb. Niemand beklagte ihn, weil er als ein Opfer der eigenen Bosheit fiel, und ſein ſchneller Tod eine Gtrafhandlung der gerechten Nemeſis war. Oberketzerrichter ihm eine Thräne des Mittleids, die er einſt bey einem Auto da F'éè vergoſſen hatte, zum Verbrechen machen, und ſein eigenes Blut dafür fordern durfte. Der König mußte ſich eine Ader öffnen laſſen, und ſein Blut— ward ver⸗ brannt. IX. Das Roſenmaͤdchen. Der General von Lindenkron hatte ſeinen Abſchied genommen, und ſich auf ſeine Guͤter begeben. Sein Stammhaus Lindenkron lag in einer bezaubernden Gegend; die Bauern waren wohlhabend, und erhoben ſich durch Sittlichkeit und anſtaͤndiges Betragen uͤber andere Landleute. Dieſe Veredlung war das Werk ihres Pfarrers, eines muſterhaften Mannes, der ſeit zwanzig Jahren an der Bildung ſeiner Gemeinde treulich gearbeitet hatte — 293— Faſt eben ſo lange war der General durch Feldzuͤge, Reiſen und die Luſtbarkeiten der Hauptſtadt von ſeinen Laͤndereyen ge⸗ trennt geweſen. Aber ſein gefuͤhlvolles Herz, das ſich weder in Schlachten verhaͤr⸗ tet, noch am Hofe verkaͤltet hatte, war fuͤr die Schoͤnheiten der Natur empfaͤnglich ge⸗ blieben. Ihm gewaͤhrte daher ſein Gut, wo er mit dem bluͤhenden May zugleich einzog, einen erfreulichen Aufenthalt. Doch nach einigen Wochen beſchlich ihn ein Miß⸗ behagen, dem er keinen Nahmen zu geben wußte. Er hielt es fuͤr ein koͤrperliches Uebel, und ließ ſeinen Arzt kommen. „Ihr Puls iſt in Ordnung, Herr Ge⸗ neral!“ ſagte der Doctor.„Sie haben wahrſcheinlich bloß einen Anfall vom Land⸗ ſieber der langen Weile. Zerſtreuen Sie ſich, laden Sie Geſellſchaften aus der Reſidenz zu ſich ein, und die Arzeney des gewohnten 3 umgangs wird wohlthoͤtig wirken. Ein — 294— Weltmann, wie Sie, der kaum ſein funf⸗ zigſtes Jahr uͤberſchritten hat, iſt zum Ein⸗ ſiedler noch nicht reif.“— „Ich will auch kein Waldbruder ſeyn,“ antwortete der General.„Nur von der Stadtwelt mag ich den ganzen Sommer hindurch nichts ſehen und hoͤren.“ „So beſchaͤftigen Sie ſich auf eine be⸗ luſtigende Weiſe mit Ihren Landleuten!“ verſetzte der Arzt.„Geben Sie ihnen Schaͤ⸗ fer⸗ und Roſenfeſte!*— Dieſer Vorſchlag geſiel dem General. Er hatte immer die Rofenfeſte als eine lieb⸗ liche Erfindung betrachtet, und beſchloß auf der Stelle, eins zu veranſtalten. Des folgenden Tages ließ er die Dorf⸗ gerichten und Hauswirthe zuſammen rufen, und ſprach zu ihnen:„Gute Maͤnner und Freunde, ich bin entſchloſſen, ein jaͤhrliches Rooſenfeſt hier zu ſtiften. Dieſe Feyerlichkeit ſtammt aus Frankreich her, hat aber auch — 295— ſchon in Deutſchland hier und da Eingang ge⸗ funden. Sie beſteht darin: daß die tugend⸗ hafteſte Jungfrau eines Ortes oͤffentlich mit Noſen bekraͤnzt und anſehnlich beſchenkt wird. Das Letztere uͤbernehme ich allein; aber die Ausmittelung des Maͤdchens, das vor allen andern dieſe Ehre verdient, iſt Eure Sache, und ich laſſe hierzu Euch und Euren Frauen drey Tage Zeit. Dann halten wir eine feyerliche Wahl. Jeder anſaͤſſige Ein⸗ wohner hat eine Stimme, und giebt ſie nach ſeinem Gewiſſen ab. Die Mehrheit derſel⸗ ben entſcheidet.“— Mit haſtigen Schritten eilten die Haus⸗ vaͤter heim, und verkuͤndigten athemlos die große Neuigkeit ihren Weibern und Toͤchtern. Eigenliebe und Tadelſucht ſetzten ſich nun ſogleich in der armſeligſten Huͤtte zu Gericht. Jedes Maͤdchen, das gerade keinen ruchtbar gewordenen Fehltritt begangen hatte, rechnete darauf, bekraͤnzt zu werden; jede Mutter hielt ihre Lieblingstochter einzig und allein fur wuͤrdig, die Roſenkrone zu tragen. Als nun die Wahlhandlung, unter dem Vorſitz des Generals und des Pfarrers, vor ſich ging, befolgte der Erſte, den man zum Stimmen aufrief, das ihm eingeſchaͤrfte Gebot feiner Hausfrau, und ſprach furcht⸗ ſam und mit niedergeſchlagenen Augen den Nahmen ſeiner eigenen Tochter aus. Aber man beſchied den guten Mann, daß Vater⸗ liebe hier kein Wahlrecht habe, ſondern daß ſich Jeder fuͤr eine fremde, mit ihm nicht verwandte Perſon erklaͤren muͤſſe. Das ver⸗ urſachte nicht wenig Beſtuͤrzung: denn es hatten auch ſchon Andere die Nahmen ihrer Schooßtoͤchter auf der Zunge. Nach dieſer kleinen Irrung erhielt Eve⸗ lina, des Schulmeiſters Pflegetochter, die meiſten Stimmen. Sie war unſtreitig das tugendhafteſte Maͤdchen im Dorfe, und alle Menſchen waren ihr hold, weil ſie freundlich — und gut, und bey ausgezeichneter Schoͤnheit ſo beſcheiden war, als haͤtte ſie nie in einen Spiegel geſehen.— Der Gerichtshalter, der das Protokoll fuͤhrte, rief ſie zum Roſen⸗ maͤdchen aus. „Ich proteſtire dagegen!“ ſchrie Herr Muffel, der uͤberkluge Barbier und Wund⸗ arzt des Dorfes. „Aus welchen Gruͤnden?— fragte der Gerichtshalter. „Pro, primo,“— antwortete Muffel— „iſt Jungfer Lina keine Eingeborene.“ „Wer ſagt das?“ ſprach der Pfarrer. „Das Kirchenbuch beweiſet das Gegentheil.” „ Und waͤre das auch nicht,“ fiel der General ein,„ſo haͤtte doch Herr Muffel nicht Fug und Macht, ein Geſetz, von dem noch gar nicht die Rede war, zu erſchaffen.— Indeſſen iſt es recht und billig, daß das Roſenmaͤdchen hier geboren ſey, und ſo mag denn dieß fuͤr die Zukunft als Geſetz gelten.“ — 298— Herr Muffel, der gern ſeine kleine, haͤßliche Tochter zum Roſenmaͤdchen erhoben haͤtte, langte jetzt einen neuen Pfeil aus ſeinem Koͤcher hervor.„Pro secundo,— ſprach er—„ſey es zwar fern von mir, der belobten Jungfer Lina etwas Unruͤhm⸗ liches nachzuſagen: ſie iſt aber in der That zu wohlgebildet, als daß ſie bey den vielen Anfechtungen, welchen die Schoͤnheit aus⸗ geſtellt iſt, ganz rein und unbefleckt haͤtte bleiben koͤnnen, ſintemahl das zerbrechliche Glas der Tugend leicht Riſſe bekommt oder wenigſtens anlaͤuft.“— „ Wie ſeltſam und beleidigend!“ rief der General mit Unwillen aus.„ Alſo ver⸗ tragen ſich, nach Herrn Muffels Meinung, Schoͤnheit und Tugend nicht zuſammen?— Ein ſehr falſcher und feindſeliger Gedan⸗ ke!— Wer keine triftigern Gruͤnde vorzu⸗ bringen weiß, der ſchweige!“ Herr Muffel ſchwieg; andere Einwen⸗ dungen wurden nicht laut; der General be⸗ ſtimmte den naͤchſten Sonntag zum Roſen⸗ feſte, und die Wahlmaͤnner gingen aus ein⸗ ander. „Aber wer iſt eigentlich dieſe Evelina?“ fragte Herr von Lindenkron den Geiſtlichen unter vier Augen. „Vor dieſer Frage, mein Herr General, habe ich mich ſchon ein wenig gefuͤrchtet;“ ſagte der Pfarrer.„Ich kenne des Maͤd⸗ chens Herkunft; ſie iſt aber ein Geheimniß, das mir unter dem Siegel der Verſchwie⸗ genheit anvertraut wurde. Alles, was ich jetzt ſagen darf, iſt dieß: Evelina's Mutter hielt vor ſiebzehn Jahren in moͤglichſter Stille ihre Niederkunft, und ging dann außer Landes, nachdem ſie zuvor ihr Kind dem Schulmeiſter und ſeiner Frau uͤbergeben, und ihnen zu deſſen Pflege und Erziehung eine betraͤchtliche Summe angewieſen hatte. Sie wechſelte nachher oft Briefe mit ihnen, und — 300— in einem der letztern hat ſie gemeldet: ſie wuͤrde bald hier eintreffen, um ihre Tochter abzuhohlen.“— Mit dieſer halben Antwort begnuͤgte ſich Herr von Lindenkron, und der Geiſtliche war froh, daß er ſo leicht damit durchkam. Die Anſtalten zum Feſte wurden nun mit Eifer betkieben. Der General ließ, um den Landleuten einen geraumen Tanzboden zu verſchaffen, den Platz vor ſeinem Schloſſe zu einer feſten Tenne ſchlagen, die im Kreiſe herum ſtehenden Lindenbaͤume mit Lampen behaͤngen, und das Schloß ſelbſt mit, Er⸗ leuchtungsgeruͤſten bekleiden. Auch der Koch bekam alle Haͤnde voll zu thun. Die ganze Dorfſchaft ſollte bewirthet werden, und aus der Hauptſtadt, die nur drey Meilen ent⸗ fernt lag, waren ungebetene Gaͤſte zu er⸗ warten: denn es ließ ſich voraus ſehen, daß die Roſenfeyer dort kund werden, und Freunde und Bekannte des Generals anlocken — 30⁰1— wuͤrde, ihn bey dieſer Gelegenheit zu beſu⸗ chen. Doch freute er ſich eben nicht darauf. Er beſorgte vielmehr, daß die Leichtfertigkeit der Großſtaͤdter zu dem ernſten Tone der feſtlichen Handlung nicht ſtimmen, und die natuͤrliche Einfalt und Reinheit der Sitten ſeines Landvoͤlkchens verderben moͤchte. Ein ſolcher Gaſt, der Kammerherr Sa⸗ loni, traf ſchon am Vorabend des Feſtes in Lindenkron ein. Der General war ausge⸗ ritten. Aus langer Weile knuͤpfte der Kam⸗ merherr ein trauliches Geſpraͤch mit der . Dienerſchaft an, und fragte ſehr angelegent⸗ lich nach dem Roſenmaͤdchen. Man entwarf ihm von Evelinen ein lachendes Bild. Be⸗ gierig, mit ihr ſogleich Bekanntſchaft zu machen, ließ er ſich den Weg zu ihrer Woh⸗ nung beſchreiben, und eilte dahin. Der Schulmeiſter und ſeine Gattin waren in die naͤchſte Stadt gegangen, um mancherley Beduͤrfniſſe zum Ehrentage ihrer A — 3⁰2— Pflegetochter einzukaufen. Lina befand ſich im Schulhauſe allein. Saloni ſtutzte bey dem Anblick des ſchoͤnen Maͤdchens, deſſen zarte Geſtalt keinen Fuͤrſtenſaal verunziert haͤtte. Auch Lina erſchrak bey ſeiner An⸗ kunft: denn, trotz ſeines funfzigjaͤhrigen Alters, ſtand es in ſeinen luͤſternen Augen und auf der glaͤnzenden Mondſcheibe ſeines kahlen Hauptes deutlich geſchrieben, daß er im Umgange mit Frauenzimmern kein Heili⸗ ger war.— Er fragte nach dem Schulmei⸗ ſter, und ſetzte als Beweggrund hinzu: er wuͤnſche, das Innere der Kirche zu ſehen. Lina antwortete: ihr Vater ſey nicht zu Hauſe, und die Kirche enthalte nicht die geringſte Merkwuͤrdigkeit. „Es haͤngt nur von Ihnen ab, ſie mir denkwuͤrdig zu machen;“ entgegnete der Kammerherr. „Wie ſo?“ fragte Lina. „Wenn Sie die Guͤte haben, mich hin⸗ — 303— ein zu fuͤhren.— Ich bin ein leidenſchaft⸗ licher Kirchenfreund; das kleinſte Kapellchen hat fuͤr mich etwas Anziehendes.“ „Aber es daͤmmert ſchon,“ ſagte ſie. „Ihre ſchoͤnen Augen werden uns leuch⸗ ten,“ antwortete er. Sie mochte ſich entſchuldigen, wie ſie wollte: er hatte immer ſchnell einen artigen Widerſpruch bey der Hand. Es war un⸗ moͤglich, ihn los zu werden. Am Ende ent⸗ ſchloß ſie ſich, das Heiligthum zu oͤffnen, um den Unheiligen aus ihrer Stube fort⸗ zubringen. Sie haͤtte gern eine dritte Per⸗ ſon, als Schutzwache, mitgenommen, aber des Schulhauſes einſame Lage verbot es, einen Nachbar zu rufen. Sie mußte mit dem gefaͤhrlichen Menſchen allein gehen. Und ſiehe da! er wagte mitten in der Kirche einen unbeſcheidenen Verſuch, dieſen um⸗ ſtand zu nutzen. Sie aber entriß ſich raſch — 304— ſeinen Armen, flog wie ein Vogel zur Thuͤr hinaus, und ſchloß ihn ein. Er, der furchtſamſte aller Menſchen, war wie vom Donner geruͤhrt, als er ſich in der dunkeln Kirche eingeſperrt ſah. Die darin begrabenen Pfarrherren ſtiegen vor ſeinen Augen aus den Gruͤften empor; die ſteinernen Apoſtel an den Waͤnden wurden lebendig. Er floh nach der Thuͤr, und donnerte ſich die Haͤnde daran wund. Aber dieſe Nothſchuͤſſe hoͤrte niemand als Lina, die, aus Furcht vor ſeiner Zudringlichkeit und Rache, den feſten Entſchluß gefaßt hatte, ihn nicht eher zu entkerkern, bis ihr Pflege⸗ vater zu Hauſe ſey. Dieſer kam erſt nach einer vollen Stunde. Er hoͤrte mit Schrek⸗ ken, als er bey der Kirche voruͤber ging, das Gepolter darin. Lina flog ihm mit den Schluͤſſeln des Raͤthſels und des Gotteshau⸗ ſes entgegen. Er billigte ihr Verfahren, ſandte ſie heim, und ſchloß ſelbſt das Ge⸗ faͤng⸗ — 3⁰5 faͤngniß auf. Fluchend fuhr Saloni heraus und drohte, ſich uͤber die ihm widerfahrene Unbill bey dem General zu beklagen. Er that es, fand aber keinen mitleidigen Richter. Herr von Lindenkron, der ihn wenig ſchaͤtzte, ſagte lachend:„Ich bedaure Sie nicht, Saloni! Ihr Herren behandelt jedes huͤbſche Maͤdchen aus den niedern Staͤnden als eine fuͤr euch gewachſene Frucht! Darum freut es mich, daß Evelina Sie eines andern belehrte. Sie machte ſich dadurch des Ehrenkranzes, den ſie morgen tragen wird, doppelt werth, und ich lege, zur Be⸗ lohnung ihrer muthigen That, den funfzig Dukaten, die ich ihr zum Geſchenke beſtimm⸗ te, noch zehn Stuͤck zu.“— Der Kammerherr war zu feig, ſich uͤber dieſe unerwartete Antwort empfindlich zu bezeigen. Er behielt ſich aber vor, Evelinen * des folgenden Tages auf irgend eine Art zu beſtrafen. — 3⁰6— Der Morgen des Feſtes brach an, und es war noch ziemlich fruͤh, als der General vor dem Schloſſe eine Trommel ſchlagen hoͤrte. Er trat ans Fenſter, und erblickte mit Erſtaunen ein in Parade ſtehendes Haͤuflein der abenteuerlichſten Soldaten, die er jemals geſehen hatte. Es waren ungefaͤhr zwanzig ſteinalte, klapperduͤrre, knickbeinige Maͤnn⸗ lein: eine wahre Leibwache des Todes! Sie ſchwammen in weiten und breiten, philiſter⸗ maͤßig ausgeſteiften Roͤcken, trugen insge⸗ ſammt Zopfperuͤcken, und kleine Huͤtchen ſchwebten darauf. Aber kriegeriſch waren ſie mit Flinten und Saͤbeln bewaffnet. In der Hand eines buckligen Fahnjunkers wehte ihre Fahne, mit der Inſchrift: Sieg oder Tod! und vor derſelben hielt der comman⸗ dirende Officier, ein kugelrunder Zwerg, auf einem ſtattlich aufgeputzten Eſel. Der General betrachtete dieſes wunder⸗ — 305— liche Volk eine Weile, und ſchickte dann ei⸗ nen Diener hinab, mit der Frage: was der Einmarſch in ſein Gebiet bedeute? „Das wird dieſes Schreiben erklaͤren,“ ſagte der Eſelreiter, indem er aus der Piſto⸗ lenhalfter einen Brief hervor zog. Herr von Lindenkron erkannte gleich auf dem Umſchlage die Handſchrift eines luſti⸗ gen Freundes, des Oberſten Solmitz, der ihm Folgendes ſchrieb:„Das iſt brav, Herr Bruder, daß Du die Tugend, die an⸗ derwaͤrts unter die Fuͤße getreten wird, auf Deinem Gute kroͤnen willſt! Da ſie aber, wie bekannt, viele Feinde hat, ſo bedarfſt Du bey dieſer Feyerlichkeit einer tuͤchtigen Mannſchaft, um die noͤthige Ordnung zu erhalten. Ich habe daher einen Trupp Kern⸗ maͤnner— die bey der weiland paͤpſtlichen Armee mit Auszeichnung dienten, und ſich, * 8 — — 3⁰8— verabſchiedet, nach Deutſchland verirrten— fuͤr Dich geworben, und verſpreche mir deshalb von Dir, der immer bey ſeinem Regimente auf ſchoͤne Leute hielt, den voll⸗ kommenſten Beyfall. Ueber die Koſten der Werbung und Ausruͤſtung wollen wir uns in der naͤchſten halben Stunde muͤndlich vergleichen.— Kaum hatte der General dieſen Brief geleſen, ſo kam der Oberſte an. Jener gab ſich aus Hoͤflichkeit die Miene, als beluſtige ihn ſeines Freundes Scherz; doch verbat er den Dienſt der Wehrmaͤnner bey der Kroͤnung, weil dieſe dadurch laͤcherlich werden wuͤrde. Solmitz beſtand nun darauf, daß ſeine Schaar— die er, mit Ausnahme des Offi⸗ ciers und des Fahnjunkers, aus den abge⸗ lebteſten Greiſen des Invalidenhauſes aus⸗ gehoben hatte— wenigſtens das Schloß mit einer doppelten Schildwache an der Pforte beſetzen ſolle, und er ernannte ſich zugleich ſelbſt zum Commandanten der Burg. Dieſen Spaß mußte der General geſtatten und eine Waffenuͤbung mit anſehen, die der Oberſte vom Fenſter hinab befehligte. Er hetzte die alten Kriegsknechte mit Doppel⸗ und Ge⸗ ſchwindſchritten auf dem Schloßplatze herum, ließ blind Feuer geben, und lachte herzlich, als einige der ſchwachen Helden, die im Vordergliede auf's Knie fallen mußten, ſich ohne Huͤlfe nicht wieder aufrichten konnten. Der General wandte die Augen weg, und ſagte:„Genug, Freund, genug! Du giebſt der unten verſammelten Jugend ein ſitten⸗ verderbendes Schauſpiel! Sie lernt hier das Alter verlachen, das ſie ehren ſoll.“— Die armen Soldaten erhielten Ruhe, und wurden reichlich bewirthet. Aus der Reſidenz langten mehrere Gaͤſte zu Roß und Wagen an. Unter ihnen befanden ſich ver⸗ — 310— ſchiedene junge Wuͤſtlinge, die der General mit heimlichem Verdruß bewillkommte. Ein heiterer Himmel beguͤnſtigte das Feſt, das in den kuͤhlen Nachmittagsſtunden begann. Evelina ward aus ihrer Wohnung feyerlich abgehohlt. Ein ſchlichtes weißes Kleid, auf welches ihre braunen Haarlocken herabſielen, war ihr ganzer Schmuck, und ſte war wunderſchoͤn. Juͤngere Maͤdchen ſtreuten ihr Blumen; der General und der Pfarrer gingen ihr zur Seite, und jener hielt von Zeit zu Zeit die muthwilligen Stadt⸗ junker, die den Zug umſchwaͤrmten, mit ei⸗ nem ſcharfen Blick im Zaune. Auf dem gruͤ⸗ nen Platze, der zur Kroͤnung gewaͤhlt wor⸗ den war, ſprach der Pfarrer in einer kurzen, herzlichen Rede von dem Werthe und den Segnungen der Tugend. Die meiſten Landleute vergoſſen Thraͤnen der Ruͤhrung; die jungen Staͤdter lachten indeß, und be⸗ — 3¹¹1— muͤhten ſich, die artigſten Bauermaͤdchen um daſſelbe Kleinod, das ihnen eben jetzt, als das theuerſte Heiligthum, vorgeſtellt und em⸗ pfohlen ward, zu beſchwatzen. Der General ſetzte Evelinen, mit einem lauten Lobſpruche, den duftenden Kranz auf, und der Dorfrich⸗ ter, ein redlicher Altvater, reichte ihr das Ehrengeſchenk auf einem ſilbernen Teller. Dann ging der Zug ins Schloß; die Geiger und Pfeifer ſpielten lebhaft auf; der Gene⸗ ral tanzte mit dem Roſenmaͤdchen den erſten Tanz. Das ganze Dorf war froh und einig beyſammen. Nur Herr Muffel und ſein Toͤchterlein fehlten. Aber ſein Spruch, daß die Schoͤnheit vielen Anfechtungen ausgeſetzt ſey, ging in Er⸗ fuͤllung. Lina mußte ſich ſo viel als moͤglich in der Naͤhe des Generals aufhalten, um vor den Liebkoſungen der Stadtherren geſichert zu ſeyn. Das gelang ihr eine Stunde lang — 3¹2— recht gut, und ſie ſah es daher nicht gern, daß ihr Beſchirmer nun ins Schloß hinauf ging, und ſich an einen Spieltiſch ſetzte. Kurz darauf fluͤſterte ihr ein Bedienter ins Ohr: es wolle eine der fremden, zum Beſuch gekommenen Damen in geheim mit ihr ſprechen. Sie folgte ihm. Er oͤffnete ihr ein abgelegenes Zimmer im Erdſtocke des Schloſſes. Hier ſaß auf dem Sopha eine Frauen⸗ geſtalt, die mit zartliſpelnder Stimme bat, ſich neben ſie niederzulaſſen. Lina gehorchte, und ploͤtzlich fuhren aus dem ſeidenen Mantel neben ihr ein Paar nervige Arme heraus, die ihren Leib bruͤnſtig umſchlangen, und einen unzweydeutigen Angriff auf ihre Tu⸗ gend unternahmen. Sie erſchrak, ſtraͤubte ſich, rief um Huͤlfe, und im Nu entſtand vor der Thuͤr ein Kampf zwiſchen dem Be⸗ 34 — 313— dienten, der Wache hielt, und dem jungen Foͤrſter Erich, der Evelinen liebte, und ihr gefolgt war, als er ſie vom Tanzplane weg⸗ locken ſah. Er uͤberwaͤltigte den Aufpaſſer, und mit dem Ausruf:„Was geht hier vor?“ ſtuͤrzte er ins Zimmer. Die Dame ließ ihre Beute los, und verhuͤllte ſich. Der Jaͤger, damit nicht zu— frieden, drang heftig auf Antwort. Doch eh' er ſie bekam, ſah er ſich von zehn bewaff⸗ neten Gerippen umringt, die der Bediente aus ihrer Wachſtube gehohlt hatte, um ihn ge⸗ fangen nehmen zu laſſen. Sie ruͤckten tapfer an; aber der Foͤrſter bat ſie wehmuͤthig: ſie moͤchten ihn nicht noͤthigen, ihr ehrwuͤr⸗ diges Alter zu mißhandeln, und ſie insge⸗ ſammt wie Kartenhaͤuſer uͤber den Haufen zu ſtoßen. Waͤhrend dieſer beweglichen Vorſtellung erſchien der Schloßcommandant, der von — 314— dem Vorfall gehoͤrige Meldung erhalten hatte.„Was giebt's hier?“ fragte ſeine kraͤftige Amtsſtimme. Erich antwortete: das vermummte Weſen auf dem Sopha habe dem Roſenmaͤdchen Gewalt anthun wollen. „Iſt das wahr?“ rief Solmitz der Maske zu. Sie ſprang ſchweigend auf, und wollte entwiſchen; er hielt ſie aber feſt, und uͤber⸗ gab ſie den Soldaten, die ſie, unter ſeiner Anfuͤhrung, die Treppe hinauf in ein leeres Zimmer brachten, und ſich außen vor der Thuͤre zur Bewachung ſtellten. Der Gene⸗ ral, von der Begebenheit unterrichtet, erhob ſich unmuthig vom Spieltiſch, um die verhaf⸗ tete Perſon zu verhoͤren. Ihm folgten alle maͤnnliche Gaͤſte. Nur die Frauen hielt der Anſtand zuruͤck. Indeſſen hatte ſich die Gefangene in den Kammerherrn Saloni verwandelt.— Ent⸗ ſchluͤpft den Maskenkleidern(die von einer — 315— zum Roſenfeſt eingetroffenen Dame, ohne ihr Vorwiſſen, entliehen waren) trat er mit lachendem Geſicht, als haͤtte er nur einen unſchuldigen Scherz unternommen, dem Ge⸗ neral entgegen. Doch mit gerunzelter Stirn ſagte Dieſer:„Sie erlauben ſich unangeneh⸗ me Freudenſtoͤrungen, Herr Kammerherr! Sie verlaͤugnen heute ganz den feinen Hofmann, der die Geſetze der Schicklichkeit nirgends uͤbertritt, und es uͤberall behutſam vermeidet, ſich laͤſtig zu machen.— Ich ſeh' es uͤber⸗ haupt nun ein, daß es ein thörichter Ein⸗ fall war, in der Naͤhe einer großen Stadt ein Unſchuldsfeſt zu veranſtalten.— Da⸗ von uͤberzeugten mich, außer dem Herrn von Saloni, auch noch andere der gegenwaͤrtigen Herren, die waͤhrend der Zeit, als der Tu⸗ gend eine Lobrede gehalten wurde, im Kreiſe der Maͤdchen umher gingen, und den Samen des Laſters auszuſtreuen ſuchten.“— — 316— Hier unterbrach ihn ein Bedienter, der ihm etwas ins Ohr raunte, und ſchnell wieder abtrat.„Ich muß Sie auf einen Augenblick verlaſſen, meine Herren!“ ſagte der General. „»Aber der Reſt meiner Strafpredigt*— 1 ſetzte er laͤchelnd und mit aufgehobenem Zeigefinger hinzu—„bleibt Ihnen unverlo⸗ ren.“— Es war ihm gemeldet worden, daß ihn eine durchreiſende Fremde unverzuͤglich zu ſprechen verlange. Er fand in dem Zimmer, 4 worein man ſie gefuͤhrt hatte, ein verſchleyer⸗ tes Frauenzimmer, das ſeine Frage nach Stand und Nahmen bloß durch Aufhebung des Schleyers beantwortete. Er ſah das Angeſicht einer Frau von ungefaͤhr fuͤnf und dreyßig Jahren, die in ihrem Bluͤthenalter ſehr ſchoͤn geweſen ſeyn mochte, und ihm bekannt ſchien; doch mußte er geſtehen, daß er nicht wiſſe, wer ſie ſey. * — 317— „Kennen Sie Charlotte Walter nicht mehr?“ ſagte ſie mit beklommener Stimme. „Charlotte!“— rief der General, und ein gluͤhendes Roth bedeckte ſein Geſicht.— „Liebe, theure Charlotte!— Iſt's moͤglich, daß ich Sie wieder ſehe, nachdem Sie ſich laͤnger als ſiebzehn Jahre vor mir verbar⸗ gen?— „Scham und Reue„— antwortete ſie— „draͤngten mich aus dem Lande; aber die Sehnſucht nach meiner Tochter— und der Ihrigen— zog mich jetzt wieder herein?“— „Alſo lebt es noch das Kind unſerer Liebe?“n fragte Lindenkron mit freudiger Waͤrme.. „Es lebt und heißt— Evelina.»— Man denke ſich ſein Erſtaunen! 3 Charlotte, die verwaiſ'te Tochter eines armen Landpredigers, ward in ihrem funf⸗ zehnten Jahre von der Mutter des Generals als Pflegekind aufgenommen. Er ſah, liebte und— beſiegte das ſchoͤne Maͤdchen. Frau von Lindenkron ſtarb, als eben Charlotte ihre annahende Mutterſchaft nicht laͤnger verheimlichen konnte. Er, durch einen ploͤtz⸗ lich ausgebrochenen Krieg ins Feld gerufen, ſchenkte ihr zweytauſend Thaler, und mußte ſie uͤbrigens ſich ſelbſt uͤberlaſſen. Sie wandte ſich nach Lindenkron, wo ſie das Jahr vor⸗ her, als ſie mit ihrer Wohlthaͤterin den Sommer dort zubrachte, die Gattin des Schulmeiſters als eine brave, behuͤlfliche Frau kennen gelernt hatte. Nach ihrer Niederkunft trat ſie in die Dienſte einer Graͤfin, die immer auf Reiſen war. Mit ihr beſuchte Charlotte ſechzehn Jahre lang alle europaͤiſche Laͤnder, und ward endlich des unſtaͤtten Lebens ſo muͤde, daß ſie den Hei⸗ rathsantrag eines wackern Mannes, der ſich —,— — 319— in einer deutſchen Hauptſtadt um ſie bewarb, mit Freuden ergriff. Sie bekannte ihm, daß ſie eine Tochter habe, und er gewaͤhrte ihr den Wunſch, das Maͤdchen zu ſich zu neh⸗ men. Dieſes Vorhaben eroͤffnete ſie jetzt dem General.„Laſſen Sie uns morgen davon reden!' ſprach er.„Warten Sie vor der Hand, ohne ſich jemanden zu erkennen zu geben, das Ende des Feſtes ab, folgen Sie dann Evelinen ins Schulhaus, und entdecken Sie ſich ihr erſt dort!— Ich habe eine ge⸗ gruͤndete Urſache, Sie um dieſe Vorſicht zu bitten.“— Und wer erraͤth dieſe Urſache nicht?— Er fuͤrchtete Spott und Gelaͤchter, weil er in demſelben Augenblicke, da er ſeinen Gaͤſten eine moraliche Vorleſung hielt, an eine eigene Jugendſuͤnde erinnert ward. Die ge⸗ drohte Fortſetzung der Strafpredigt unterblieb 1 5 3 1 4 — 320— daher auch, als er zu ihnen zuruͤck kam, und ſie machten ſich bald nachher wieder auf den Weg nach der Hauptſtadt. In der Fruͤhe des folgenden Tages uͤber⸗ raſchte er Mutter und Tochter im Schul⸗ hauſe, und ſchloß Evelinen mit vaͤterlicher Zaͤrtlichkeit in ſeine Arme. Sie ſchien aber mehr traurig als froh. Er forſchte nach der Urſache; das Maͤdchen ſchwieg; doch die Mutter verrieth das Geheimniß.„Das liebe Kind,“ ſagte ſie,„kann ſich noch nicht in das Gluͤck finden, die Tochter eines vorneh⸗ men und reichen Mannes zu ſeyn, und auf der andern Seite iſt der guten Seele bange, daß ſie nun einem armen Freunde werde entſa⸗ gen muͤſſen.“— „Wer iſt dieſer Freund?“ fragte der General. „Der Foͤrſter Erich, antwortete Char⸗ lotte. 2„J ch — — 321— „Ich freue mich, daß ich dieſen Na⸗ men hoͤre;“ ſagte Lindenkron.„Erich iſt ein edler Menſch, und deiner Liebe werth, meine Tochter! Er diente mir als Leibjaͤger, erhob ſich aber zu meinem Freunde, als er in einer Schlacht, mit eigner, hoͤchſter Lebensgefahr, mein Leben rettete.“— „Lina's Herz huͤpfte vor Freude, und in dieſem Augenblicke trat Erich herein. Er wich beſtuͤrzt zuruͤck, als er den General ſah; doch Dieſer rief ihm zu:„Du kommſt eben zu gelegener Zeit, lieber Erich! Ich ſann bisher immer auf Mittel und Wege, dir die heldenmuͤthige Rettung meines Leblns auf die wuͤrdigſte Weiſe zu vergelten, und nun bin ich's endlich im Stande. Hier iſt dein Lohn!*— Er fuͤhrte ihm mit dieſen Worten das Maͤdchen entgegen. Erich ſtand unbeweglich, und verſteinerte ganz, als man ihm erklaͤrte, L211 4 — 322— daß Lina des Generals Tochter ſey. Aber, nach gewonnener Faſſung, ſtuͤrzte er, Hand in Hand mit der Geliebten, dem großmuͤthigen Manne zu Fuͤßen, und ſie weinten vor Ent⸗ zuͤcken in ſeiner Umarmung. ſſſ ffinſnſſſſſſſſſſ ſſſ 9 11 12 13 6 17 18