——,„ —* — [Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur ¹ bo Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Ruckgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhmoffen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezaylr. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.„ 8. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe ¹ hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet c wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und d beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1 auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— f. ſ. 2— 3——„ 1 9„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 4 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und ſ defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird bpeſ⸗ ders darauf aufmerkſam gemacht daß das Welterverleihen J der Bücher nicht ſtattfinden darf, in Diejenigen, welche die⸗ h ſelb von mir geliehen, auch dafü ſtehen haben. ſl — Ella oder des Kaiſers Sohn. Aus dem Engliſchen der Miſtreß Lambert, überjedt. r'i dter Band. —(6000— Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 183 9. Erſtes Kapitel. Vergeblicher Verſuch, Ehrgeiz und Unrecht durch Vertrag zu binden; Die finden tauſend falſche Nebenwege, Und iſt ein Vorwand ihnen nicht zur Hand, Erröthen ſie auch nicht, den Bund zu brechen Im Angeſicht des Himmels. Thomſon. La rancune de la mediocrité est implacable. La Duchesse d'Abrantes. Wir müſſen nun zu jener Epoche unſerer Ge⸗ ſchichte zurückkehren, da Albert, von ſeiner Verlobten ſchwermüthig Abſchied nehmend, von Wien zu ſeinem Regiment in Italien abreiste, nicht ahnend, daß ſeine ſchnelle Abberufung in der That die Folge der engherzigen Berechnungen ſeines Vaters war. Durch Beweggründe perſönlichen Widerwillens getrieben und von der Politik ſeiner Frau geleitet, hatte Graf Roſenthal die erſte Gelegenheit ergriffen, die Liebenden zu trennen, in der Hoffnung, daß Zeit und verlängerte Abweſenheit ein Verhältniß brechen werden, dem er um ſo weniger geneigt war, als die Familie Lindenberg minder glücklich erſchien. In der erſten Zeit, da Albert ſeine glänzende Laufbahn antrat, fühlte er einen Widerwillen gegen einen Beruf, deſſen Pflichten ihn von Ella trennten. Der Ruhm hörte auf ihn zu feſſeln, als er fand, daß er mit ſeinem Glücke unverträglich ſey, und er ſehnte ſich nach jener fernen Zeit, die ihn in die Arme des Weſens zurückführen würde, das er von Kindheit auf geliebt hatte, deſſen liebliche Entwick⸗ lung er mit zärtlicher Erwartung beobachtet; deſſen knospende Schönheit ſeine Bewunderung erweckt; in deſſen Umgang er geſchwelgt, deſſen Unſchuld er geliebt, deſſen jungfräuliches Zutrauen er gewonnen hatte. Roſenthal beſaß die Gluth der Jugend ohne ihre Unbeſtändigkeit; er war nicht der Mann, der im Wechſel eine Erleichterung von den Schmerzen, oder im Gewinn einer ausgebreiteten Bekanntſchaft eine Entſchädigung für den Verluſt einzelner Freunde fand. Die Vergnügungen der Reiſe konnten die Er⸗ innerung an die Heimath, und der Anblick neuer Schönheit den Eindruck der erſten Liebe nicht ver⸗ wiſchen. Die lärmenden Freuden einer Garniſon, die fröhlichen Zuſammenkünfte und glänzenden Ge⸗ lage ſeiner Kriegskameraden beſaßen wenig Reiz für ihn, und ſelbſt Italien, das Land der Poeſie und Liebe, war für ihn eine Wüſte. Ella's Briefe waren das Einzige, was ein — heiteres Licht auf die Düſterheit warf, von welcher für Albert jeder Gegenſtand, jede Scene bedeckt war. Mit Sehnſucht erwartete er jedesmal die An⸗ kunft der Poſt; der Brief von heute befriedigte ihn nur ſo lange, bis morgen ein neuer kam. In dieſen Briefen war in der That das Weſen ihrer Ver⸗ faſſerin ganz niedergelegt; gebildet und doch einfach, munter und doch elegant, verſtändig und doch liebe⸗ voll, lebhaft und doch zärtlich, beſcheiden aber zu⸗ traulich; und wenn er die kleinen Züge, in denen ihre Seele der ſeinigen zu begegnen ſchien, liebevoll durchlas, ſtellte ihm die geſchäftige Phantaſie die Geliebte vor, in einer ſchönen, aufmerkſamen Stel⸗ lung über den kleinen Pult von Ebenholz gebeugt, der den unſchuldigen Schatz ihres Herzens enthielt; ihre höhere Farbe verrieth den Gegenſtand, womit ſie ſich beſchäftigte, während ihre zierlichen Finger ſich über das glänzende Papier bewegten und das kunſtloſe Zeugniß ihrer Liebe niederſchrieben. So malte ihm ſeine Einbildungskraft die ferne Geſtalt der Verehrten vor, während jeder neue Brief den Beweis ihrer Treue und der Stärke ihrer Liebe überbrachte. Auch Florville war nicht vergeſſen. Die ſchwär⸗ meriſche Begeiſterung ſeines Weſens wurden um ſo verführeriſcher, als ein ſtarker Briefwechſel ſeinen — 6 Go umfaſſenden Geiſt und ſeine anziehenden Eigenſchaften immer vollſtändiger entwickelte. Es iſt eine auf⸗ fallende, aber wohlgegründete Bemerkung, daß Per⸗ ſonen Jahre lang mit einander bekannt, ja ſelbſt vertraut ſeyn können und gleichwohl ihre gegen⸗ ſeitigen Charaktere nicht ganz kennen lernen, wäh⸗ rend ein kurzer brieflicher Verkehr in die wirklichen Kräfte und Gefühle des Individuums blicken läßt. Der Chevalier wurde ſchon als ein guter Redner geſchildert, aber er ſchrieb in der That noch beſſer. Obgleich die ſtumme Beredtſamkeit der Briefe ohne jenen Zauber von Blick und Geberde war, der ſeiner Rede ſo weſentlich zu Hülfe kam, indem ſie den ein⸗ fachſten Sätzen Kraft und Ausdruck gaben, ſo be⸗ ſaßen gleichwohl ſeine Briefe an und für ſich einen eigenthümlichen Reiz. Mit einem gewiſſen Grade von Aufrichtigkeit, die ſich leider nicht weiter er⸗ ſtreckte, hatte Florville in der Nacht vor ihrer Tren⸗ nung das Geheimniß ſeines Namens ihm enthüllt. Die Wirkung, welche dieſe Entdeckung auf Roſen⸗ thal äußerte, war eine ziemlich günſtige; denn ſie gab den unbeſtimmten Entwürfen ſeiner geheimniß⸗ vollen Sendung einen ſtärkeren Reiz und der be⸗ geiſterten Sprache, welche bereits eine Art unwill⸗ kürlicher Bewunderung und Liebe gewonnen hatte, eine höhere Färbung. Dieſe Gefühle wurden um 2 7 S⸗ Vieles erhöht, als Albert das Tagebuch Las Caſes' durchlas. Florville hatte Albert auf deſſen dringen⸗ des Bitten dieſe Bände gegeben, die er mit Be⸗ gierde durchlas. Jede Seite ſchien auf Napoleons Sache ein neues Licht zu werfen, und dadurch ſtieg der Chevalier immer höher in ſeiner Achtung; denn dieſe Blätter blendeten Alberts Urtheil über die ge⸗ fährliche politiſche Tendenz von Florville's Anſichten und die Folgen, welche davon zu erwarten waren. Italiens, ja ſeiner ſelbſt müde, brachte Albert ſeine Zeit in einem Zuſtande beſtändiger Unruhe zu. Der Tag, der keine Nachrichten von Wien brachte, war im Kalender ſeines Gedächtniſſes durchſtrichen. Er war ſchon einige Wochen abweſend, als er ſich einzubilden anfing, der Verkehr zwiſchen ihm und ſeinen Freunden werde ſchwächer. Ungeduldig zu warten, wurde er verdrießlich, als die Zeit, welche gewöhnlich zwiſchen dem Empfang von Briefen da⸗ zwiſchen lag, ſich über die gewöhnlichen Gränzen ausdehnte.. Inzwiſchen war Graf Roſenthal bei der erſten Nachricht von Lindenbergs Sturz in aller Eile ab⸗ gereist. Entſchloſſen, dieſe Kunde perſönlich ſeinem Sohne zu überbringen, hatte er ſei beſchleunigt, daß die Neuigkeiten, die er üb noch nicht über die diplomatiſchen K ſſe Pinans — 8 G⸗⸗ lautbar geworden waren. Er hoffte darum um ſo* mehr, mit ſeinem väterlichen Rathe durchzudringen, da Albert nicht gerüſtet ſeyn konnte, Widerſtand zu leiſten. Der Fall des Freiherrn war für den älteren Roſenthal ein armſeliger Triumph und nährte die ſchlimmſten Leidenſchaften ſeiner Natur; zugleich ſollte er ihm eine günſtige Gelegenheit geben, das zwiſchen den Familien beſtehende Verhältniß zu trennen und den Verlobten es zu überlaſſen, entweder ſich die Treue zu brechen oder den Aeltern ungehorſam zu ſeyn. Die Begegnung von Vater und Sohn war ſchmerzlich. Auf beiden Seiten wurden heftige Ge⸗ fühle laut; die gewöhnliche Ehrerbietung des Einen wich der Hartnäckigkeit des Andern, und Albert, voll Unwillen, vergaß ſeine Pflicht in der Erinnerung an ſeine Liebe. Kummer, Ueberraſchung, Schmerz und Reue ließen ihn eine Zeit lang nicht zum Worte kommen, während der Graf die Umſtände, in welche Lindenberg verwickelt wurde, ſchnell berichtete. Aber als er ſein förmliches Verbot eines weiteren Brief⸗ wechſels mit Ella gab, kannte der Sturm der Ge⸗ fühle keine Gränzen. Mit feurigem Auge und bleicher Wange hörte Albert, daß der edle und tugendhafte Baron erniedrigt und gebrandmarkt ſey. Er hörte die Entſcheidung, die auf einmal ſeine theuerſten Hoffnungen in in der Wurzel traf, und bemühte ſich * 1 . lmſonſt, dem wüthenden Strome ſich entgegen zu ſtellen.. „Lindenberg iſt falſch angeklagt,“ rief er;„die Intereſſen Oeſtreichs ſind ihm theuer, vielleicht theurer als Ihnen.“ „Thatſachen, mein Herr, können durch die Ver⸗ ſicherungen der Freundſchaft nicht ausgelöſcht wer⸗ den,“ rief ſein Vater.„Es iſt offenbar, daß die heilige Allianz betrogen wurde. Lindenberg und der Abenteurer Florville waren mit einander verbündet, und wollten den Herzog von Reichſtadt auf den Thron von Frankreich ſetzen.“ „Behauptungen ſind keine Beweiſe,“ erwiederte Albert ruhig. 5 „Es bedarf keines weiteren Beweiſes,“ verſetzte der Graf.„Vater Clemens entdeckte die ganze Ver⸗ ſchwörung. Das unzufriedene Frankreich hatte Flor⸗ ville oder eigentlich Las Caſes abgeſandt, dieſe Sache zu betreiben. Lindenberg war erkauft.“ „FErkauft?“ wiederholte Albert,„und wenn ein Engel dies behauptete, ſo würde ich ungläubig ſeyn. Lindenberg ward das Opfer der Verhältniſſe. „Verhältniſſe?“ wiederholte der Graf,„Ver⸗ hältniſſe, die ſeine Verrätherei berechnet haben mußte. Siehſt Du nicht ein, unverſtändiger Knabe, daß der Abenteurer Las Caſes durch des Barons Vermittlung 4 10 So⸗ *„„„.. Zutritt in Schönbrunn gewann? Iſt dies nicht ein Beweis ſeiner Schuld?“ „Nein,“ donnerte der Jüngling.„Wenn Las Caſes zu dem Herzog von Reichſtadt drang, ſo be⸗ daure ich nur, daß der Zweck ſeiner Zuſammenkunft vereitelt wurde.“ „Haſt Du den Verſtand verloren, Junge?“ rief der Graf. „Sie haben genug geſagt, um ihn mir zu neh⸗ men,“ verſetzte Albert mürriſch.„Aber glauben Sie nicht, daß Ihr Anſehen, ſo mächtig es auch ſeyn mag, mich bewegen kann, Ella zu verlaſſen. Nein, ich will ſie nicht täuſchen, ſie iſt mein, ſie ſoll mein ſeyn. Sie können unſere Herzen nicht trennen.“ „Ich kann ſie auseinander reißen,“ rief der Vater. „Sie können brechen, aber nicht beugen. Sie können das Gebäude niederreißen, aber grüner Epheu wird mit der Stärke der Liebe die Trümmer um⸗ ranken. Sie können das Eiſen vom Magnete reißen, aber die Anziehungskraft, die geheimnißvolle Sym⸗ pathie wird unvermindert bleiben. Sie können das Heiligthum zerſtören; aber der Geiſt der Liebe wird die Vernichtung überleben, welche den Altar zer⸗ ſtört hat.“ „Schwärmeriſcher Träumer!“ rief der ältere 1 2 11 S⸗⸗ Roſenthal,„wer hat Dir ſolche überſpannte Ge⸗ danken in den Kopf geſetzt?“ „Niemand. Dies ſind die Gefühle, welche die Ehre und die Liebe einflößt. Ich bin dem Fräulein von Lindenberg angelobt, und Sie beſitzen nicht die Kraft, uns zu trennen.“ „Höre mich, Albert: die Tochter eines Dema⸗ gogen ſoll nicht in meine Familie treten. Lindenberg iſt geſtürzt. Der Hof glaubt von ihm, er habe Oeſt⸗ reich, ganz Europa den Schrecken der Revolution preisgeben wollen. Ehrgeiz war ſeine Leidenſchaft, Gewalt war ſein Ziel— ein zweiter Robespierre“— „Halten Sie ein,“ unterbrach ihn Albert.„Dieſe Behauptungen ſind eben ſo verächtlich wie die Quelle, aus der ſie fließen. Wie ſich die ſchädlichen Dünſte in Thau auflöſen, wenn die Strahlen der Sonne hervorbrechen, ſo müſſen dieſe vorübergehenden Wolken ſich zertheilen, wenn die Stimme der Wahr⸗ heit gehört wird.“ „Zweifelſt Du an der Wahrhaftigkeit Deines Vaters?“ rief er bitter. „Nein, aber ſeine Leichtgläubigkeit macht mir Zweifel. Welche Beweiſe können Sie beibringen? Das Eindringen eines Franzoſen, des jungen Las Caſes, in den Palaſt von Schönbrunn? Beweist denn der kühne Geiſt eines Abenteurers, daß Lindenberg 12 So ſein Vaterland verrieth, oder gar zu dem Plan des Fremdlings mitwirkte? Konnte der Chevalier nicht tauſend Ausflüchte gebrauchen, ohne die Kenntniß, noch weniger die Einwilligung des Barons.“ „Dies ſind eitle Worte. Lindenberg iſt aus dem kaiſerlichen Kabinet entlaſſen. Ungnade kann nicht unverſchuldet ſeyn, und wie der Hof ſeine Gunſt zurückgezogen hat, ſo habe ich die meinige zurück⸗ gezogen.“ „Wir ſollten uns vielmehr an ihn anſchließen. Ich bin der eigentliche Verbrecher, denn ich habe Las Caſes zuerſt eingeführt.“ „Albert,“ unterbrach ihn ſein Vater, zitternd bei dem Gedanken, daß ſein Sohn in die politiſchen Entwürfe des Chevalier verwickelt ſeyn könnte,„Du haſt bisher meine Lehren befolgt; bis zu dieſer Stunde hatte ich niemals Urſache, an Deinem kind⸗ lichen Gehorſam zu zweifeln, laß nicht die Aufwal⸗ lung dieſes Augenblicks den ganzen Inhalt Deiner Vergangenheit auslöſchen! Lindenberg muß ſein Be⸗ nehmen vertheidigen und reinigen. Die Maßregeln und Rückſichten des kaiſerlichen Kabinets brauchen nicht von Dir oder mir beaufſichtigt zu werden. Der Baron iſt geſtürzt und Las Caſes aus dem Reiche verbannt.“ „So unwichtig auch mein Zeugniß Ihrer Meinung 2 13 nach ſeyn mag,“ ſprach Albert,„ſeine Bedeutungs⸗ loſigkeit kann mich nicht vermögen, die Thatſachen nicht allein meiner Freundſchaft mit dem Chevalier und meines Briefwechſels mit ihm, ſondern auch meiner Vermittlung zu unterdrücken“— „Höre mich, ich befehle es Dir,“ unterbrach ihn der Graf, bleich von Zorn und Schrecken. Die Thatſache, daß Du Las Caſes in die hohen Zirkel von Wien eingeführt haſt, iſt vollkommen bekannt; auch daß die Herzogin von Montpellier mit einem Mangel von Klugheit, der mich überraſcht, ihm einen Empfehlungsbrief an Dich gab; aber der Um⸗ ſtand Deiner Bekanntſchaft und Freundſchaft mit dem Chevalier befreit Lindenberg nicht von einer einzigen Anklage. Die Vorausſetzung iſt thöricht.“ Albert bedeckte ſein Geſicht mit ſeinen Händen. „Aber die Wahrheit muß gehört werden,“ rief er;„ich bin noch tiefer verwickelt, als“— „Du!“ rief der Graf zurückbebend,“„mein Sohn das Werkzeug einer fremden Kabale? von fremder Liſt betrogen?“ „Weder das Eine, noch das Andere,“ verſetzte er mit Würde,„aber ich bin der Freund des Las Caſes. Von dem Abenteuerlichen angezogen, von Bewunderung für das Andenken Napoleons erfüllt, erſtreckte ſich ein Theil des Gefühls, das mir die ₰% 14 Größe des Vaters einflößte, auf natürliche Weiſe auf den Sohn. Ich theilte allmählig die Abſichten des Chevalier und hegte Hoffnung auf ihr Gelingen. Anſichten ſind frei, die meinigen haben längſt ſich von jedem Vorurtheil ſrei gemacht.“ „Du kränkſt mich,“ verſetzte der Graf in mil⸗ dem Tone,„Du beunruhigſt meine väterliche Be⸗ ſorgtheit. Ich hatte nicht geglaubt, daß dieſe gefähr⸗ lichen Grundſätze der Neuerung ſo tiefe Wurzeln geſchlagen haben. Der Gedanfe, daß mein Sohn, mein älteſter Sohn, ſeinem Stamme untreu ge⸗ worden!“ „Sie verkennen völlig den wahren Charakter des Patriotismus, wenn Sie glauben, er beſtehe darin, andern Nationen Feſſeln anzulegen. Wenn wir Frankreich die Freiheit gönnen, ſich ſeine Herr⸗ ſcher und Regierungsformen ſelbſt zu wählen, ſo thut dies unſerer Verehrung für den gnädigen Mo⸗ narchen, der uns beherrſcht, oder unſerem Gehorſam gegen die weiſen Geſetze, die uns regieren, keinen Eintrag.“ „Erinnere Dich, daß Du ein Oeſtreicher biſt,“ bemerkte der ältere Roſenthal in warnendem Tone. „Der Umſtand der Nationalität Deiner Mutter darf keine Vorurtheile begründen; Du haſt weder in Frankreich gelebt, noch eine franzöſiſche Erziehung — 15&ρ genoſſen. In einem Sinne muß ich Dich als mein einziges Kind betrachten. Deine künftige Laufbahn hängt von unſerer Anhänglichkeit an die Regierung ab, die Dir Schutz und Anſtellung gewährt. Die Helden⸗ worte, die Du eben ausgeſprochen, werden Dir keine Beförderung gewinnen, noch meinen Intereſſen bei Hofe Vorſchub leiſten.“ „Ich bekümmere mich nicht um meine Aus⸗ ſichten. Ich habe nur ein Ziel; alles Uebrige hat untergeordneten Werth,“ unterbrach ihn Albert. „Wenigſtens muß ich Dir Stillſchweigen ge⸗ bieten,“ rief der Graf.„Dein Gehorſam muß in weitere Erwägung gezogen werden. Erlaube mir, Dich zu belehren, daß dieſe unbeſonnenen Bemer⸗ kungen nicht geeignet ſind, der Sache Lindenbergs zu dienen. Wenn Du gegen Deine eigenen und gegen meine Ausſichten gleichgültig biſt, ſo wirſt Du doch vielleicht ihm nicht durch unverſtändige Dar⸗ legung aufrühreriſcher Anſichten weiteren Schaden zufügen wollen. Ich kann jetzt nicht in die Gefühle eines liebesſiechen Jungen eingehen; aber ich bin nicht ſchwach oder niedrig genug, um unſere per⸗ ſönliche Wohlfahrt Deinen Chimären zu opfern, die Deine Entlaſſung aus dem Heere zur Folge haben und meinen Zweck, eine Stelle am Hofe zu erhalten, 16 vernichten können, wozu ich durch die Vermittlung meiner Gattin ein Verſprechen erhalten habe.“ „Ich wünſche Sie nicht von der hohen Stellung am Hofe herabzuſtürzen, die Sie zu erreichen hoffen. Ich wünſche nur Freiheit für mich.“ „Wenigſtens darin, mein Albert, wirſt Du mir Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß Du anerkennſt, daß Deine beabſichtigte Verbinduͤng mit Fräulein von Lindenberg niemals meine völlige Zuſtimmung erhielt. Ich wich vielmehr Deinen Bitten, als daß ich in eine Verbindung frei eingewilligt hätte, die unſerer Familie ſo wenig Vortheil verſprach. Ich brauche nicht zu wiederholen, daß ich die Heirath unterſage und meine Einwilligung und Zuſtimmung zu einer Heirath zurückziehe, die uns nur in den Sturz eines ſchwankenden Hauſes verwickeln kann. Albert, Du mußt alle Gedanken an Ella aufgeben.“ „Niemals,“ war die lakoniſche Antwort. „Sehr gut, Junge. Ich muß zuerſt bemerken, daß jeder weitere Briefwechſel, jeder Verkehr mit Lindenberg auf Deine Gefahr hin. geſchehen muß. Ich habe bereits dem Baron ſchriftlich unſere ver⸗ änderte beiderſeitige Lage vorgeſtellt und meine Ge⸗ fühle und Anſichten mit ſo viel Zartheit und Takt auseinander geſetzt, als die Natur der Sache zu— ließ.“ 2 17 E „Guter Gott,“ rief Albert,„was haben Sie gethan? Aber nein, Sie können uns nicht ſchaden. Unſere Treue, unſere Liebe wird über jedes Hin⸗ derniß ſiegen. Sie, mein Herr, haben es für an⸗ gemeſſen gehalten, dem Baron zu ſchreiben, und ich werde Ihrem Beiſpiel folgen. Ella iſt mein: keine Macht außer ihrem Willen kann uns trennen. Nur ihr Befehl kann meine ſüßeſten Hoffnungen ver⸗ nichten. Die Stunde des Unglücks hat geſchlagen. Lindenberg iſt verläumdet, unterdrückt und verarmt. Wird die Hand, die ſich durch die heiligſten Bande an Ella knüpfen wollte, den Pfeil der Unfreund⸗ lichkeit abdrücken? Soll ich die Bruſt verwunden, an der ich zu ruhen hoffte?“ „Ich weiß nicht, ob Du gehört haſt, daß in dieſem Lande ein Aufruhr befürchtet wird. Die Grundſätze, deren Sache Du vorhin ſo lebhaft ge⸗ führt haſt, gewinnen immer neuen Boden; die Folgen ſind bereits unzweifelhaft. Dein Regiment wird bei der erſten Kunde von Volksaufſtänden entſchieden handeln müſſen. Als Offizier und Mann von Ehre, wie ich hoffe, kannſt Du das Corps, dem Du an⸗ gehörſt, nicht verlaſſen. Ich hoffe, Du wirſt Dich in der Stunde der Gefahr auszeichnen, und welche Freiheit Du auch Deinen Gedanken geſtattet haben magſt, wenigſtens Dein Arm wird ſich ſtark zeigen Eüa. III. 2 2 18 S⸗⸗ in der Sache unſeres kaiſerlichen Herrn, und Du V wirſt unſere Adler vertheidigen gegen die raſenden Angriffe eines wahnſinnigen Pöbels.“ „Ich bin kein Unbeſtändiger, mein Vater; ich werde mich unter meiner Fahne ſtellen. Fürchten Sie nichts, Ihr Sohn kennt ſeine Pflicht.“ „Es iſt gut. Erinnere Dich, daß jeder Urlaub für den Augenblick auf das Beſtimmteſte unterſagt iſt. Du kannſt Deinen Poſten unter keinem Vor⸗ wand verlaſſen. Darum berufe ich mich nicht auf Deinen Gehorſam, ich bitte Dich nicht und drohe Dir nicht. Mein Segen, wie mein Fluch können Dir gleichgültig ſeyn. Ich nähre keine ſchmeichelnden Täuſchungen; ich betrachte Dich nur als ſubordinirten Offizier. Du verſtehſt mich. Jeder ſchwärmeriſche Verſuch, Ehrenfels zu beſuchen, jeder romantiſche Entwurf einer Abreiſe oder heimlichen Vermählung wird nicht nur Deine Hoffnungen als mein Erbe ver⸗ nichten, ſondern auch Deine militäriſche Laufbahn völlig verderben. Du kannſt Dich nicht von Deinem Corps entfernen ohne Ungnade. Ich wiederhole, die erbtheilloſe Tochter eines geſtürzten Miniſters darf 11 niemals die meinige werden.“ Vater und Sohn trennten ſich— erzürnt. Zweites Kapitel. Viel Leiden ſind der Liebe zugemeſſen, Das Herbſte aber iſt für ſte:— Vergeſſen Pope's Eloiſe. J'ai tout perdu; delire— jouissance— Douce erreur, consolante espérance,— J'ai tout perdu— l'amour seul est resté Chevalier de Parny. Verwirrt von ſtreitenden Empfindungen des Kummers, der Täuſchung und des Unwillens konnte Albert Roſenthal ein Gefühl der Reue nicht unter⸗ drücken, wenn er über die Umſtände nachdachte, welche die Entlaſſung Lindenbergs herbeigeführt hatten, und ſo viele Mühe er ſich gab, ſeine Einbildungs— kraft mit enthuſtaſtiſchen Träumen und grundloſen Hoffnungen auf die Zukunft zu unterhalten, konnte er ſich doch unmöglich verbergen, daß die Einfüh⸗ rung Florville's und ſein eigenes unkluges Benehmen Vieles dazu beigetragen habe, jene Folgen herbei⸗ zuführen, die eben ſo unheilvoll für den Wohlſtand 2* des Freiherrn, als vernichtend für ſein eigenes Glück waren. In der Beſorgniß, die kleinſte Zögerung könnte die betrübendſten Folgen herbeiführen, ſchrieb er ſo⸗ fort an Lindenberg. Sein Brief war der Ausdruck ſeiner Seele. Er enthielt eine Erneuerung ſeiner Gelübde und wiederholte Verſicherungen unveränder⸗ licher Liebe und unerſchütterlicher Treue. Als er die eng geſchriebenen Seiten überblickte, fühlte er, daß ſie nicht ein Zehntheil der Empfindungen enthielten, die ſich ſeinem Geiſte aufdrängten. Tauſendmal war er verſucht, ſeine Feder wegzuwerfen und dem ge⸗ ſunden Verſtande und der Kriegszucht zum Trotze zu fliehen und das Schickſal Ella's und das Unglück ihrer Aeltern zu theilen. Nur das hohe Pflichtgefühl des Soldaten widerſetzte ſich den Wünſchen ſeines Herzens; und als er ſich den grauſamen Befehlen der Vernunft unterwarf, faßte er gleichwohl den feſten Entſchluß, den erſten ruhigen Augenblick zu ergreifen, um ſich von ſeinem Regimente zu ent⸗ fernen und perſönlich ſeine Anſprüche auf ſeine Braut geltend zu machen. Nachdem er in ſeinem Briefe an Lindenberg die eigenthümliche Peinlichkeit ſeiner Lage geſchildert hatte, fuhr er ſo fort: „Stoßen Sie mich nicht von ſich; was mein Vater in ſeiner Uebereilung geſchrieben haben mag, 21 G&⸗ weiß ich nicht. Erlauben Sie mir, ſelbſt für meine Liebe zu ſprechen und um jene Nachſicht zu bitten, die mir Lindenberg niemals verſagte. Laſſen Sie mich hoffen, daß die Zeit noch kommen möge, wo ich im Stande ſeyn werde, den Feſſeln meines Be⸗ rufes zu entgehen und das einzig wünſchenswerthe Gut anzuſprechen, das mir dieſes Leben bieten kann, die Hand meiner geliebten Ella.— Ueber einen Punkt kann ich nicht ſchweigen: ich meine den tapfern Las Caſes, den ich zuerſt in ihren häuslichen Kreis einführte. Alle, die ihn kannten, wurden von ihm angezogen und bezaubert. Ich berufe mich hiebei auf das Zeugniß Ihres eigenen Urtheils. Seine Selbſt⸗ verläugnung in einer Sache, welcher ſeine Familie ſchon ſo viel geopfert, gewann meine Achtung, mein Mitgefühl. Ich bewunderte, ich verehrte den Freund, den das Schickſal mir in den Weg geworfen. Wie der nahende Tag ſanft durch das trübe Zwielicht des Morgens dringt, ſo enthüllten ſich meiner Be⸗ obachtung ſeine Meinungen, Anſichten und Entwürfe. Monate gingen dahin, ehe das ganze Gewebe ſeines Geiſtes mir klar vor Augen lag und die Wahrheit erglänzte mir nicht eher, als bis ich im Stande war, ihr volles Licht, ohne zu erſchrecken, auszu⸗ halten. Ich war vollſtändig eingeweiht in ſeinen Plan, aber dieſe Gegenſtände waren mir nicht neu: — 22& der Liberalismus, dieſes einem öſtreichiſchen Geiſte unbekannte Element, war nach und nach in meine Bruſt gedrungen, die unter dieſer geiſtigen Glut ſich wärmte und ausdehnte, und wenn auch meine Em⸗ pfindungen nicht den Ausdruck jener ſchwärmeriſchen Begeiſterung trugen, durch den ſich die feinigen aus⸗ zeichneten, wenn ich die Erhabenheit ſeiner Anſichten nicht erreichte, ſo glaubte ich doch, daß die Feſſeln des Deſpotismus allzu dicht um die zerfleiſchten Glieder des gefolterten Europa gezogen ſeyen, und ich ſehnte mich, Zeuge zu ſeyn von dem Kampfe, der die Be⸗ freiung herbeiführen würde. Freiheit der Anſichten, Preßfreiheit, Wahlfreiheit, vor Allem aber Ge⸗ wiſſensfreiheit ſind auf der jetzigen hohen Stufe der Civiliſation unerläßlich. Die Tage der Barbarei, des Pfaffentrugs, der Feudalherrſchaft ſind vorüber. Der ſtets geſchäftige Geiſt der Erfindung, der eine neue Welt entdeckte, ein neues Bild der Sprache ſchuf, konnte nicht länger in die Feſſeln armſeliger Politik geſchlagen oder von mönchiſchem Aberglauben beherrſcht werden. Frankreich hat bereits vom Baum der Erkenntniß gekoſtet. Die Verbrechen, die Tu⸗ genden, der Patriotismus und das Martyrthum von 1793 öffneten die Schleußen, und der reißende Strom der Revolution und Demokratie überſchwemmte das Land; aber ſo ſchrecklich die Umwälzung war, welche 2 23 So die ſtarken Verſchanzungen des Vorurtheils niederriß und die Ketten des Gedankens brach, die die Kirche unterminirte, welche achtzehn Jahrhunderte hindurch dem Sturm und Schiffbruch widerſtanden hatte; die das königliche Diadem und den königlichen Purpur mit Fürſtenblut befleckte:— dieſe furchtbare Kriſis ging vorüber, eine neue Zeit begann, eine Ausſicht der Hoffnung und Sicherheit für das neuerworbene Recht eines wiedergeborenen Volkes. Der auſſtei⸗ gende Ruhm Napoleons warf ſeinen Glanz auf dieſe Zeit. Frankreich, von der Aſche der Zerſtörung ge⸗ reinigt, erhob ſein kaiſerliches Haupt in dem Mittel⸗ punkt des verbündeten Europa's. Fünfzehn Jahre der Eroberung und des nationalen Wohlſtandes wurden bei Waterloo vernichtet und die Bourbonen kehrten zurück, um dem Nacken einer Nation ihr verhaßtes Joch aufzulegen, die noch glühte von den Erinnerungen an Sieg, Freiheit und Unabhängigkeit. „Alles dies fühlte ich um ſo lebhafter, als Las Caſes meine allmählig gewonnene Belehrung durch die Erzählung ſeiner perſönlichen Erfahrungen ver⸗ mehrte. Ich konnte kein kalter oder unachtſamer Zuhörer bleiben. Ich wurde ſein Vertrauter, wie ich ſein Freund geworden war. „In Beziehung auf den Herzog von Reichſtadt war es unmöglich, ſanguiniſche Erwartungen zu hegen. 24 S Der Jüngling war entnervt und die Fähigkeiten ſeines Geiſtes durch Erziehung frühzeitig in Feſſeln eingezwängt und verzogen worden. Er war nicht der Mann, die Fahne der Freiheit zu erheben, die zerſtreuten Trümmer der grande armée zu ſammeln, die Einrichtungen Frankreichs wieder herzuſtellen, die theuer erkauften Privilegien der Freiheit zu ſchützen. Aber ich achtete das Gefühl perſönlicher Anhäng⸗ lichkeit, das in Las Caſes wohnte, und durch meine Vermittlung wurde Ella wahrſcheinlich veranlaßt, ſeine abenteuerlichen Entwürfe zu begünſtigen. Deß⸗ halb bin ich es allein, den Sie verdammen ſollten. Mit tiefem, ſehr tiefem Bedauern ſehe ich die Folgen. Aber doch lebt noch ein Weſen, deſſen Schickſal um Vieles bejammernswerther iſt, als das Ihrige. Lin⸗ denberg, Sie haben nur Rang, Macht, Vermögen und die Gunſt eines Monarchen verloren: ich habe — Ella verloren!“ Wir wollen das Nächſtfolgende in Alberts Briefe an den Baron weglaſſen und uns mit einem kurzen Auszug aus ſeinem Schreiben an Ella begnügen. „Ich bin unglücklich, aber noch verzweifle ich nicht: dies wäre nicht möglich, ſo lange ich einen Theil des Herzens beſitze, das ich als das meinige betrachte— auf ewig. Mein Vater wideſetzt ſich unſerer Verbindung, aber er wird, er ſoll nachgeben. 2 25 So⸗ Unſere Treue, unſere Beharrlichkeit müſſen ihn ver⸗ ſöhnen. Wir ſind jung und können hoffen. Als wir uns zuerſt begegneten, warſt Du ein ſpielendes Kind und ich ein bloßer Knabe. Unſere Liebe iſt mit uns herangewachſen; ſie wurde ein Theil unſeres Weſens; und die Bande, die uns vereinigen, können durch die willkührlichen Befehle väterlichen Ehrgeizes und An⸗ ſehens nicht getrennt werden. Kann die ſüße Blume, die ihre zarten Faſern in mein Herz verſchlungen hat, durch die Ereigniſſe eines Tages mit der Wurzel ausge⸗ riſſen werden? Sie dürfen uns nicht trennen, Ge⸗ liebte! Gedenke der Stunden unſchuldigen, vertrauens⸗ vollen Glückes, die wir mit einander verlebt haben. Die Erinnerung muß mein Sachwalter ſeyn. Ge⸗ denke meiner, meiner treuen Liebe, und ſende mir ein Zeichen Deiner Beſtändigkeit zurück.“ Dieſe Briefe wurden einem treuen Diener ein⸗ gehändigt, der von Jugend auf mit Albert gelebt hatte und auf deſſen Anhänglichkeit er volles Ver⸗ trauen ſetzte. Viele Tage mußten dahin gehen, ehe der Bote von Ehrenſels zurückkehren konnte. Wäh⸗ rend dieſer traurigen Zwiſchenzeit erduldete Albert die Qualen der Erwartung in all' ihrer endloſen Mannichfaltigkeit; Zweifel, Hoffnung, Furcht und Verzweiflung beſtürmten ihn der Reihe nach; und 6 260 S⸗⸗ auf alles dies folgte die traurige Ueberzeugung, daß Ella auf ewig für ihn verloren ſey. Endlich kam ſein Bote zurück, ohne einen Brief von Lindenberg zu überbringen. Er ſetzte nur eine Kiſte vor ſeinen Herrn, in welcher Albert, nachdem er ſie geöffnet, einen kleinen Pult fand, den er ſich erinnerte, einſt ſeiner Verlobten gegeben zu haben. Auch eine Menge anderer kleiner An⸗ denken, Neujahrs⸗ und Geburtstags⸗Geſchenke, die er zu verſchiedenen Zeiten Ella gegeben: und zuletzt ſeine eigenen uneröffneten Briefe, von keinem Worte der Erklärung von irgend einem Gliede der Familie begleitet. Vergebens durchſuchte er jeden Winkel und jede Ecke, jede Falte und jeden Umſchlag: Alles war ſtummz; kein Zeichen von Ella's Zärtlichkeit oder des Freiherrn Erinnerung konnte entdeckt werden. Albert ging ſofort daran, ſeinen Diener auszu⸗ fragen, deſſen impaſſible Züge völlig ruhig ge⸗ blieben waren während der fruchtloſen Unterſuchung ſeines Herrn. „Sahſt Du den Baron von Lindenberg?“ „Nur einen Augenblick, mein Herr, und er hän⸗ digte mir dieſe Kiſte ein.“ „Ohne weitere Erklärung und Auftrag?“ fragte Albert. „Er ſagte nur: gib dies Deinem Herrn. Es — 2 27 Se enthält unſere letzte Antwort. Darauf verließ ich das Schloß.“ „Fräulein Ella begegneteſt Du nie?“ „Unmöglich, ſie ſah Niemand.“ „Und die Baroneſſe?“ „Sie war bei ihrer Tochter.“ Wieder unterſuchte Albert ſeine Briefe; die Siegel waren unverletzt; ſie konnten nicht geöffnet worden ſeyn. Wieder durchſuchte er den Inhalt des Pakets. Tauſend langvergeſſene Erinnerungen drangen auf ihn ein, als er die ſämmtlichen Kleinig⸗ keiten der Reihe nach auf dem Tiſche aufſtellte. Er brach in ein ſchmerzliches Schluchzen aus und be⸗ deckte ſein Geſicht mit ſeinen Händen. „Verachtet und verworfen! Sie wollen nicht einmal die Ergießungen meines Herzens leſen,“ rief er, beinahe ohne zu merken, daß ſein Diener ſeine Worte hörte. „Die Befehle des Barons waren entſchieden,“ ſagte der Letztere,„ſelbſt die Dienerſchaft weigerte ſich, mit mir zu verkehren. Ich hoffe, Euer Excel⸗ lenz werden mich kein zweites Mal nach Ehrenfels ſenden nach dieſem Empfang; was ſage ich Empfang,“ wiederholte er mit Wärme,„ich wurde gar nicht empfangen.“ „Wurdeſt Du nicht vorgelaſſen?“ fragte Albert, aus einer Art Stumpfſinn erwachend. „Man ließ mich warten wie einen Knecht,“ ver⸗ ſetzte der Mann,„der ich doch mit der ganzen Diener⸗ ſchaft auf ſo freundſchaftlichem Fuße ſtand. Ich bitte Sie, mich niemals mehr mit einer ſolchen Bot⸗ ſchaft wegzuſenden.“ „Nein,“ donnerte Roſenthal, die Briefe und Schmuckſachen in das Käſtchen werfend und dieſes verſhü ded„Geb⸗ ich weiß genug!“ Nachdem Albert 8 ſeinen Diener entlaſſen, be⸗ mühte er ſich, einen Plan für die Zukunft zu ent⸗ werfen; aber ehe er ſich über das Benehmen, das er zu beobachten habe, entſchloſſen hatte, erbielt er Befehle, mit einer Verſtärkung gegen T.... zu ziehen, wo ein Aufruhr ausgebrochen war, und in wenigen Stunden war die Abtheilung bewaffnet und zog eilig gegen die unruhigen Gegenden. Vielleicht konnten wenige Umſtände beſſer ge⸗ eignet ſeyn, die Elemente des Muths und Edel⸗ ſinns, die den Grundzug von Alberts Weſen aus⸗ machten, hervorzurufen, als die, in welche er jetzt zufällig verſetzt war. Das ihm anvertraute Kom⸗ mando war von ſolcher Wichtigkeit, daß ſeine ganze Thatkraft geweckt werden mußte; ſo wurden ſeine Gefühle auf eine ganz andere Richtung hingeleitet, 5 29 65 9 als dieſe ſonſt genommen haben würden, und ſo bekümmert, muthlos und lebensüberdrüßig Roſenthal war, ſo war er doch nicht ſo bald zum Gefühle der Gefahr und der Nothwendigkeit zu handeln erwacht, als er ſich dem edeln Antriebe hingab. Gerade der Mangel jeder Hoffnung machte ihn rückſichtlos gegen jede Erwägung, und er entſchloß ſich, in dem Dienſte ſeines Landes ſich auszuzeichnen, denn er fühlte jene natürliche Anhänglichkeit an die Intereſſen ſeines Vaterlandes, durch welche der finſtere Reformator, wie der treue Monarchiſt in Bewegung geſetzt wird; denn Beide wünſchen gleich ſehr das Glück ihres Vaterlandes zu fördern, nur daß die Mittel ver⸗ ſchieden ſind. Es wird eine Frage ſeyn, ob der Patriotismus lebendiger iſt in der Bruſt des Roya⸗ liſten, als in der des Inſurgenten, ob der Ausgewan⸗ derte in ſeiner Verbannung mehr ächte Anhänglichkeit an die Sache ſeines Volkes zeigt, als der Republi⸗ kaner, der ſeine JJerthümer auf dem unde be⸗ ſie das Glück des Landes wninc glauben, keinem mag es an Eifer oder Aufrichtigkeit fehlen. Davon gab Albert einen deutlichen Beweis: als die drin⸗ gende Nothwendigkeit ſich ihm darſtellte, als das - 30 S⸗⸗ leiſe Flüſtern der Unzufriedenheit in drohendes Ge⸗ ſchrei ausbrach, da ſchwiegen die Unruhe ſeines Geiſtes, die ſtürmiſchen Forderungen ſeiner politi⸗ ſchen Anſichten in der Befürchtung eines nationalen Unglücks. Als Oeſtreicher fühlte er ſich verbunden, die Inſtitutionen ſeines Landes aufrecht zu erhalten, und als Soldat, die Regierung zu vertheidigen, der er Treue geſchworen. * Drittes Kaviti Ecoutez! écoutez! à phorizon immense, Ce bruit qui parfois tombe, et soudain recommence, Ce murmure conſus, ce sourd fremissement, Qui roule et qui s'accroit de moment en moment;— C'est le peuple qui vient. Vietor Hugo. Die Schatten der Dämmerung ſchwebten über der Stadt... Die Aufrührer hatten den Tag ruhig hingehen laſſen. Die Garniſon wurde durch einige Truppen verſtärkt und die neuen Regimenter zogen ein, ohne auf großen Widerſtand zu treffen. Die Hauptwache war verdoppelt. Vermehrte Schild⸗ wachen waren an den Plätzen aufgeſtellt, die dem Angriff am meiſten ausgeſetzt waren; aber die öf⸗ fentlichen Beamten hatten noch immer das Gefühl der Unſicherheit. Das Mißvergnügen hatte ſich unter den Stadtbewohnern ſehr verbreitet. Das Vertrauen auf das Militär war erſchüttert; denn die politiſchen Umwälzungen in Frankreich und Belgien bewieſen unzweifelhaft, daß weder Bajonette noch Kartätſchen die öffentliche Meinung aufhalten könnten, wenn ſie durch die verbündeten Anſtrengungen einer erhitzten Volksmaſſe unterſtützt wird, und daß die Sicherheit einer Regierung nur auf die Herzen eines verſtän⸗ digen, treuen und dankbaren Volkes geſtützt ſeyn kann. Das Gefängniß ſchien der Hauptvertheidigungs⸗ punkt zu ſeyn. Viele Perſonen von politiſchem Ein⸗ fluß und gefährlichen politiſchen Grundſätzen waren eingekerkert; und es wurde der natürliche Schluß gezogen, daß die Rebellen zuerſt den Verſuch machen würden, dieſe zu befreien, ehe ſie zu weiteren Maß⸗ regeln ſchreiten würden. Der Befehl auf dieſen wichtigen Poſten war Roſenthal anvertraut, der mit einer kleinen Abtheilung auf jeden Widerſtand ge⸗ rüſtet war, wenn der Pöbeleinen Angriff gegen dieſen Punkt richten ſollte. Die Behörden, erſchreckt durch die Nachrichten, die ſie ſtündlich von der Polizei empfingen, hielten eilig eine Verſammlung, um über die Mittel zu berathen, die man anwenden müſſe: ob man den Aufruhr bei ſeinem Ausbruche dämpfen oder der drohenden Exploſion durch geſchickten Widerſtand zu⸗ vorkommen ſolle. Es war unmöglich, ſich die außer⸗ ordentliche Verantwortlichkeit ihrer Lage zu verbergen. Die Garniſon ſchien nicht hinreichend, die Stadt zu vertheidigen, da die Soldaten größtentheils durch Waffenübungen und Geplänkel ermüdet waren. Zwar war einige Verſtärkung angelangt, aber keine ſo große, als man verlangt hatte; und mit dem Heran⸗ nahen der Nacht verbreitete ſich der Schrecken mit unglaublicher Eile unter den höheren Klaſſen. Es war noch nicht ganz finſter; aber die zer⸗ ſtreuten, in der Ferne ſchimmernden Laternen warfen ein blaſſes Licht auf die öden Straßen, die von dem abgemeſſenen Schritt der Patrouillen oder dem ei⸗ ligen Tritt eines Einſamen, der ſeiner Beſtimmung entgegen eilte, wiederhallten. Der friedlichere Theil der Einwohnerſchaft hatte ſich in ſeine Behauſungen zurückgezogen und in ſeinen Mauern ſich verſchanzt, ängſtlich den Ausgang des Kampfes erwartend. Albert bivouakirte in dem äußeren Hofraum des Gefängniſſes. Nachdem er ſeine Leute ſo aufgeſtellt hatte, wie es am beſten war, um von irgend wo⸗ her Verſtärkung zu erhalten oder einen geſchickten Rückzug möglich zu machen, nahm er ſelbſt eine Stellung ein, von der aus er Das, was draußen vorging und die Bewegungen der Volksmaſſe am beſten beobachten konnte. Als es dunkel wurde, ſam⸗ melten ſich verſchiedene Gruppen an den Ecken der Straßen und auf den verſchiedenen öffentlichen Plätzen. Ella. III.„ 3 34 S⸗- Zuerſt bildeten ſich nur verſchiedene kleine Geſell⸗ ſchaften von zwei oder drei Individuen, wie wenn ſie eine freundſchaftliche Begrüßung wechſeln wollten, und ließen hinreichenden Raum zwiſchen jedem Häuf⸗ chen, um der Beobachtung zu entgehen. Allmählig, als ihre Zahl größer wurde, bewegten ſie ſich nach einem abgekarteten Plane in einer Richtung. Jede Perſon trug ein kleines Abzeichen, an dem ſich die Parteien unter einander erkannten; aber auf einmal zeigten ſich große, weithin ſichtbare Zeichen der Em⸗ pörung, während ſie ſich zugleich zu einer dichten Maſſe verbanden und den Pöbel ſich an ſie an⸗ ſchließen ließen; alsdann begannen ſie, mit einer Genauigkeit vorwärts ſchreitend, die nur durch Kennt⸗ niß der Taktik gewonnen werden konnte, ihren gut angelegten Angriff. Einen Augenblick herrſchte Stille, aber eine Stille, wie ſie dem Donner vorangeht. Dann folgte ein Geräuſch eilig ſich bewegender Füße und ein furchtbares Geſchrei verkündigte die feindſeligen Ab⸗ ſichten der verſammelten Menge. Roſenthal ſtellte mit vollkommener Ruhe ſeine Leute in einer doppelten Linie auf und zog plötzlich durch die Thore des Gefängniſſes, die ſich hinter ihm und ſeinen Soldaten mit einem lauten Klange ſchloßen, der das Gebäude in ſeinen Grundfeſten 4 35 zu erſchüttern ſchien. Jetzt war kein Rückzug mehr möglich. Einen Augenblick ſtund die Abtheilung den Inſurgenten gerade gegenüber, dann ſtellte ſie ſich eilig unter den Mauern auf, die ſie gerüſtet war zu ver⸗ theidigen oder in ihrer Vertheidigung zu ſterben. „Präſentirt, aber kein Feuer!“ rief Albert. Es herrſchte athemloſe Stille. Die zwei vor⸗ derſten Reihen der gegenüberſtehenden Parteien ſahen einander an, wie im Zweifel über die Abſichten ihrer Anführer. Nichts kann furchtbarer ſeyn als ein Volksaufſtand; von allen Kriegsarten iſt er der ſchrecklichſte. So, Mann gegen Mann, einem be⸗ kannten Geſichte, einem Freunde, einem Menſchen, den wir täglich ſahen, zu begegnen, feindſelig und blutig: dies iſt außerordentlich ſchmerzlich. Der Na⸗ tionalfeind wird mit ganz andern Gefühlen zurück⸗ geworfen. Wir kennen ihn nicht; er iſt ein Feind und war immer als ſolcher anerkannt; er iſt auf keine Art mit uns im täglichen Verkehr zuſammen⸗ gekommen; ſeine Vernichtung gilt als nothwendig für unſer Wohl und wir opfern ihn ohne Gewiſſens⸗ biſſe, um einem gleichen Geſchick zu entgehen und die Angriffe einer fremden Macht zurückzuweiſen. Aber die Schrecken des Bürgerkrieges ſind um Vieles größer, als die des Schlachtfeldes. Die Bewohner einer Stadt, die nächſten Verwandten ſtehen ſich 3* — — gegenüber; Intereſſen, die verbunden ſeyn ſollen, ſind getheilt; die Bande der Freundſchaft und Bluts⸗ verwandtſchaft werden mißachtet; der unnatürliche Streit zerreißt jedes Band, und die ſchlimmſten Leidenſchaften der menſchlichen Natur nehmen einen um ſo wilderen Charakter an, als die anregende Urſache weit näher ſteht. Nur der laute Schlag der Trommel antwortete dem wilden Ruf der Freiheit, der auf dem Platze tönte; und die kurzen Befehlsworte, die Albert an ſeine untergeordneten Offiziere ertheilte, bewieſen hinreichend, daß die Truppen unter guter Kriegs⸗ zucht ſtanden und bereit waren, ihren Poſten bis zum Aeußerſten zu vertheidigen. Die Fahne der Empörung wehte unheilverkündend vor der verſam⸗ melten Menge, die mit Musketen, Bajonetten, Degen, Piſtolen und verſchiedenen Wurfgeſchoßen zum Theil bewaffnet war. Einige der niederſten Gattung hatten ſich mit Harzfackeln verſehen, welche hell leuchteten und Rauchſäulen aufſandten; und zu Zeiten blitzte ein gelber Lichtſtreifen über die mar⸗ kirten Züge der Aufrührer, wodurch der maleriſche Eindruck der Scene ungemein gewann. Es war offenbar, daß der Pöbel unter der Leitung einzelner Individuen ſtand, die man durch das Gedränge ſich bewegen oder hie und da ſich mit 37 G⸗ einander berathen und ſich heftig geberden ſehen konnte. Jeder dieſer Anführer hielt ein bloßes Schwert und war in eine Art ſchwarzer Uniform gekleidet, die ihn vor den Uebrigen auszeichnete. Ihre Operationen verriethen militäriſche Kenntniß und eine regelmäßigere Anordnung, als die bloße Aufwallung eines Volkstumults hervorzubringen im Stande war. Endlich ſtürzte der Pöbel mit furcht⸗ barem Geſchrei zum Angriff, augenſcheinlich von der Hoffnung belebt, die Truppen zu entwaffnen, ehe die eigentlichen Feindſeligkeiten beginnen würden. Aber die Soldaten ſtanden feſt; keiner bewegte ſich, und durch die Ungenauigkeit der Aufrührer geſchah es, daß die meiſten ihrer Schüſſe keine Wirkung thaten. Als ſie ſich anſchickten wieder zu laden, bemühte ſich Albert, des dadurch gewonnenen Vortheils ſich bewußt, eine Unterredung zu erhalten, ehe er Feuer kommandirte. Aber die erſten Worte, die er zu äußern verſuchte, erſtarben in dem betäubenden Geſchrei der Menge, die, durch das Mißlingen ihres erſten Angriffs nicht abgeſchreckt, dieſen mit Heftigkeit wiederholte. Zu wiederholten Malen wurde der Pöbel zu⸗ rückgeworfen und immer wieder ſammelte er ſich aufs Neue unter den Fahnen des Aufruhrs. Ihre erſte Abſicht war offenbar, das Gefängniß zu er— ſtürmen und ihre Anhänger zu befreien. Von hier ₰ 5 8 = 38&.- aus beabſichtigten ſie alsdann gegen das Arſenal zu ziehen, um Munition zu holen; und um die Gar niſon zu trennen(da auf dieſe Weiſe die Soldaten unfähig waren, die verſchiedenen Vertheidigungs⸗ punkte zu ſchützen), hatten ſie zu gleicher Zeit eine Bewegung nach verſchiedenen Richtungen verabredet. Dem Blutvergießen abgeneigt, begnügte ſich Albert damit, die Angreifenden abzuſchlagen, ohne ihre Zahl vermindern zu wollen. Aber die dichte Maſſe ſchien anzuwachſen und als die Menge ſich vermehrte und das Gebäude umgab, gleich der Boa Conſtrictor immer enger ihre Beute umſchließend, da ſah Roſenthal ein, daß ſeine Feinde ſich ſo weit ausbreiteten, daß ſie die Kaiſerlichen einzuſchließen I und mit überlegener Menge zu zerdrücken drohten. 1’ Nun war kein Augenblick zu verlieren; eine gut gezielte Musketenladung richtete unter der Volks⸗ maſſe furchtbare Verheerungen an. Die vorderſte Reihe fiel, aber ſogleich wurde ihr Platz ausgefüllt. Der Pöbel ſchritt in heftiger Aufregung über die Leichname, des Lebenden wie des Todten vergeſſend. Die Pflaſterſteine wurden aus den Straßen geriſſen und gegen die Soldaten geſchleudert. 1 Jetzt hatte der Aufruhr eine ſchreckliche Höhe erreicht. Jedes regelmäßige Mittel, den Krieg zu führen, wurde aufgegeben und die Schrecken eines —2 39 So Handgemenges erhöhten die blutige Scene. Auf beiden Seiten waren Viele gefallen; aber das Haupt⸗ gemetzel war unter der niederen Volksklaſſe, die kühn hervordrang und weniger gerüſtet war, ſich zu vertheidigen. Gleichwohl ſchienen die Aufrührer an Stärke mehr zu gewinnen, als zu verlieren; denn von allen Seiten ſtrömte man herbei zu ihrem Bei⸗ ſtande, und als Albert die unruhige Maſſe betrach⸗ tete, die ſich gleich erzürnten Wogen bewegte und ſich mit Wuth auf ſeine tapfern Soldaten ſtürzte, wurde er ernſtlich beſorgt, es möchte aller Verkehr zwiſchen ſeiner Abtheilung und den übrigen in andern Theilen der Stadt aufgeſtellten Truppen gänzlich abgeſchnitten werden. Deßhalb rüſtete er ſich, einen letzten Verſuch zu machen, und im Fall er abge⸗ ſchlagen würde, ſich eine Verſtärkung zu verſchaffen, ehe die triumphirenden Inſurgenten von dem Ge⸗ fängniß Beſitz nehmen könnten. Als er ſeinen Befehl übernahm, hatte Roſen⸗ thal beſchloſſen, ſeinen Poſten zu vertheidigen, ohne Verſtärkung zu verlangen. Er ſah ein, daß man mit der Vertheilung einer ſo kleinen Garniſon äußerſt ökonomiſch verfahren müſſe, und wollte deßwegen ungern der Stadt die letzten Hülfstruppeu entziehen, um einen einzelnen Poſten zu vertheidigen. Aber als die Sache dringend wurde, gab er die Hoffnung auf —2 40 und befahl einen Angriff mit vorgeſtrecktem Bajonett. Als der glänzende Stahl in dem rothen Fackellicht G ſchimmerte, ſtieg eine Rakete hoch über dem Ge⸗ fängniß empor; ein feuriger Streifen bezeichnete ihren Lauf, und als ſie in einem goldenen Regen V herabfiel, brach die wüthende Menge in wildes Ge⸗ ſchrei der Rache und Verzweiflung aus und zog ſich vor der geſchloſſenen Reihe ſtarrender Bajonette zu⸗ rück; ſie fielen auf einander und gerade ihre Anzahl wurde ein Hinderniß ihres Erfolgs. Das Aechzen der Sterbenden, das Gekreiſch der Verwundeten, die Flüche der Gefallenen ver⸗ mehrten noch die Verwirrung dieſer ſchrecklichen 4 Nacht. Weiber oder vielmehr Feinde in Geſtalt von Frauen miſchten ſich in den Kampf, feuerten den b Feigen an, riefen dem Kühnen Beifall zu und ver⸗ ſorgten ſie mit Waffen und Wein. Aber Albert hatte ſeine Operationen mit ſolcher Klugheit geleitet, daß die Angreifenden einen Theil ihrer Selbſtbeherrſchung verloren, zumal als ſie fanden, daß einige ihrer a unerſchrockenſten Anführer in dem Gedränge des un⸗ geordneten Pöbels verſtrickt waren, der, unbewaffnet und an keine Kriegszucht gewöhnt, die gut berech⸗ neten Bewegungen ſeiner Befehlshaber ſtets hemmte. Als geſchloſſene Maſſe mag der Pöbel für un⸗ überwindlich gelten, aber wenn einmal der Angriff 2 2 41& abgeſchlagen iſt, dann iſt kein Vereinigungspunkt da, und die Verwegenſten werden dann oft die Feig⸗ ſten. Roſenthal ſah, daß der Strom ſich zu ſeinen Gunſten wandte; er folgte kühn dem Feinde und trieb ihn mit dem Degen vor ſich her. Die Auf⸗ rührer gaben eine neue Ladung von Steinen und Musketenſchüſſen, und Albert erhielt einen Schuß. Er wankte, erhob ſeinen Arm, aber die Waffe wurde ihm aus der Hand geſchlagen und er fiel mitten unter den Streitenden nieder, eben als eine Ab⸗ theilung Reiter ihm zu Hülfe kam. Nun wurden die Inſurgenten ſchnell zerſtreut und paniſcher Schrecken verbreitete ſich in ihren Reihen. Vergebens ſtemmten ſich einige entſchloſſene Indi⸗ viduen dem Laufe entgegen und ſuchten die Flüch⸗ tigen wieder zu ſammeln; die Kaiſerlichen blieben Meiſter des hart erfochtenen Schlachtfeldes. 1 Der Tag dämmerte allmählig über der troſt⸗ loſen Scene. Die Todten wurden nicht zurückge⸗ fordert, die Sterbenden blieben ohne Beichte. Albert, über den ſeine Kameraden gleichgültig hinwegſchritten und der beinahe vergeſſen war, wurde zufällig unter einem Haufen Gefallener entdeckt. Das Leben war noch nicht erloſchen; er wurde in einem empfindungs⸗ loſen Zuſtande in ſein Zimmer gebracht, aus wel⸗ chem er zu ſchrecklichem Wahnſinn erwachte. Ella's 41 V Bild ſtand immer vor ihm. Zuweilen ſchien es ihn durch ſeine ſtrahlenden Mienen zu erheitern; dann glaubte er wieder, ein raſendes Volk ziehe ſie von ihm weg. Tauſend verwirrte Empfindungen drückten ihn mit unbeſtimmtem Schrecken nieder. Sie, die er liebte, die er für immer verloren hatte, beſuchte ihn in ſeinen Fieberträumen, ohne das unglückliche Bewußtſeyn der Wirklichkeit zu entfernen. Eine Art geiſtige Dämmerung brach allmählig auf ihn ein; und als der Wahnſinn der Krankheit nach und nach von einer deutlicheren Wahrnehmung der Gegen⸗ ſtände, die ihn umgaben, zurückgedrängt wurde, be⸗ merkte Roſenthal, daß drei verſchiedene Individuen um ihn beſchäftigt waren. Seinen Diener und den Wundarzt erkannte er ohne Schwierigkeit; aber, durch die Folgen ſeiner Wunden und ſein langes Leiden geſchwächt, dauerte es einige Zeit, bis ſeine Ge⸗ danken Klarheit genug gewannen, um ihn in Stand zu ſetzen, über die lange, ſchwarze Geſtalt richtig zu urtheilen, die ſich leiſe auf und ab bewegte und bei jeder Gelegenheit ſeinen Bedürfniſſen entgegen kam. Endlich, nach Verfluß von vielen Tagen, kün— digte der Wundarzt an, daß die Kriſis vorüber und Albert außer aller Gefahr, wenn auch noch nicht vollkommen hergeſtellt ſey. Das beitere Tageslicht, * 43 E⸗ das man bisher ſorgſam ausgeſchloſſen hatte, wurde allmählig wieder eingelaſſen und dem Kranken er⸗ laubt, zu ſprechen. Wer je auf dem Krankenbette ſchmachtete, unter körperlichen Schmerzen leidend, von verwirrten Phantomen eines kranken Gehirns gequält, muß die unglückliche Zeit kennen, welche auf den erſten Parorismus ſolgt. Das Leben ſcheint gleichſam ſtille zu ſtehen; die umwölkte und ver— wirrte Einbildungskraft iſt unfähig, die ſchrecklichen Viſionen des Wahnſinns von den düſtern Ereigniſſen zu unterſcheiden, die trübe durch das unſichere Ge⸗ dächtniß hindurch dämmern. Alles Innere iſt düſter und alles Aeußere unerkennbar. Albert ſchlief einige Stunden hindurch und ſeine Ruhe hatte jenen ſtillen Charakter, der die Wieder⸗ kehr der Geſundheit anzeigt. Durch ſeinen langen Schlummer erquickt, zog Roſenthal, als er erwachte, den Vorhang zurück, der ihm den Reſt des Zimmers verbarg, und ſah einen Kapuziner neben ſich ſitzen, in welchem er dieſelbe Geſtalt erkannte, die er wäh⸗ rend ſeiner Krankheit um ſein Bett hatte ſchweben ſehen. 3 Die Mönchstracht wird in Italien zu oft von Heuchelei, Müßiggang und Laſter augelegt, um Achtung einzuflößen, und Albert, trotz der angebo⸗ renen Dankbarkeit ſeines Weſens, ärgerte ſich über —₰ 44 So dieſe Zudringlichkeit und wandte ſich mit ſchlecht ver⸗ hehltem Widerwillen von dem barfüßigen Bruder ab. „Mein Sohn,“ ſprach der Geiſtliche mit einer leiſen, durchdringenden Stimme, die den Zuhörer erſchreckte, er wußte nicht warum,„mein Sohn, fühlen Sie ſich beſſer?“ „Ja, ich danke Ihnen; viel beſſer. Aber in der That, ehrwürdiger Vater, ich weiß nicht, wel⸗ chem Umſtand ich Ihre gütige Aufmerkſamkeit wäh⸗ rend meiner Krankheit zuſchreiben ſoll.“ „Meine Aufmerkſamkeit? Sie war nur gering. Ich bin dafür hinreichend durch den Erfolg be⸗ lohnt,“ antwortete der Kapuziner mit wenig verſtellter Stimme, und wieder blitzte in Alberts Geiſte eine Erinnerung. Er blickte ſeinen Geſellſchafter aufmerkſam an, aber die Mönchskappe war über ſein Geſicht gezogen, und der lange Bart, der auf ſeine Bruſt herabwallte, war reichlich mit Grau vermiſcht. Aber die ſchön geformten Hände, die eifrig beſchäftigt waren, die Kügelchen eines hölzernen Roſenkranzes durch die Finger laufen zu laſſen, verriethen keine Spuren von Alter und die bloßen Füße, die unter ſeinem rauhen Kleide ſichtbar wurden, ſchienen nicht tauglich, umher zu pilgern und Bußfahrten zu thun. Roſenthal erhob ſich von ſeinem Kiſſen und betrach⸗ tete noch einmal ſeinen Geſellſchafter. Die weiten Falten eines ſchwarzen Kleides verbargen die Um⸗ riſſe einer auffallenden Geſtalt; aber ſie konnten doch nicht die Anmuth ſeiner Bewegungen verdecken, noch die Lebhaftigkeit ſeiner Geberden, und die ſchein⸗ bar von den Jahren gekrümmte Figur ſchien dennoch hoch und nahm oft eine befehlende Stellung an, die zu der Demuth eines barfüßigen Bruders nur ſchlecht paßte. „Iſt die Stadt wieder vollkommen ruhig?“ fragte Albert nach einer Pauſe. „Ja, die Stimme der Freiheit wurde erſtickt, ehe ihr Ruf die Ohren erreichen konnte, für die ſie beſtimmt war,“ bemerkte der geheimnißvolle Fremde düſter. „Wurden Viele getödtet? Ich habe nur eine trübe Erinnerung an den Kampf.“ „Zu viele.“ „Hoffentlich werden keine weiteren Ruheſtörungen befürchtet?“ „Beunruhigen Sie ſich nicht; die Unterthanen Oeſtreichs ſind zu ihrer Treue zurückgekehrt. Einige Opfer ſind gefallen; andere wurden eingekerkert und werden— vergeſſen werden.“ Der Kapuziner ſprach bitter. „Unſere Abtheilung hielt ſich gut,“ rief Albert. „Jeder ſtand feſt auf ſeinem Poſten.“ — 46 G& „Nur zu viel Feſtigkeit für die Sache, in der ſie gezeigt wurde. Ihr Regiment zeichnete ſich aus, ja, machte ſich beinahe unſterblich; Sie retteten die Stadt. Aber gewiß, Roſenthal hätte ſeine Tapferkeit in einer beſſeren Sache, als einem Straßenaufruhr bewähren können,“ ſprach der Bruder mit tiefem Tone. „Vielleicht! Ich entledigte mich nur der Pflicht, die auf mir lag,“ verſetzte er ruhig. „Wahr, und ſetzten Ihr Leben aufs Spiel in einem Kampfe gegen die heilige Sache der Freiheit! Ich hoffte einſt Beſſeres— ich habe mich in Ihnen getäuſcht, Roſenthal.“ Bei dieſen Worten nahm die Stimme des Spre⸗ chers eine Feſtigkeit und Tiefe an, die ihn verrieth. Die Miütze fiel von ſeinem Kopfe und Albert blickte in die wohlbekannten Züge des Las Caſes. Viertes Kapitel. Freiheit, dein Banner ſtrömt, wenn auch zerfetzt, Gewitterwolken gleich, dem Wind entgegen; Und deine Stimme, ſterbend, brechend jetzt, Dröhnt lauter noch, als wenn ſich Stürme regen Iſt auch des Baumes Blüthenſchmuck erlegen Der Art, die ſeine Rinde ſelbſt zerhau'n, Blieb doch der Saft— und ſeinen Samen pflegen, Den tiefgeſä'ten, ſelbſt des Nordens Au'n, Und minder bittre Frucht läßt mild'rer Frühling ſchau'n. Byron. Vor Erſtaunen konnte Albert nicht zu Fragen kommen; in der Fülle der Freuden des Wiederſehens drückte er die Hände ſeines Freundes. Auf dieſe augenblickliche Pauſe folgte eine Fluth von Fragen, Vermuthungen und Erklärungen. Das Wiederfinden des Las Caſes unter einer Kleidung, die ſo wenig zu ſeinem Charakter ſtimmte, war eben ſo uner⸗ wartet als auffallend. Die Tracht war aus Noth angelegt worden, denn keine andere bot gleichen Schutz gegen die durchdringenden Forſchungen der öſtreichiſchen Polizei, von der er, wäre er entdeckt % 48 worden, alsbald Verfolgung und Einkerkerung be⸗ fürchten mußte. „Ich zittere, Sie möchten am Ende noch ent— deckt werden,“ rief Albert mit einem mißfälligen Blicke auf das dunkelbraune Kleid, das dicht um Las Caſes' hübſche Geſtalt geſchlungen und nur um die Lenden mit einem Stricke zuſammengehalten war, von welchem ein Roſenkranz und ein Crucifir, plump aus Holz geſchnitzt, und ein Bußwerkzeug herabhing, welches man die„Disciplin“ nennt. „Iſt nicht dieſe Vermummung ein hinreichender Schutz?“ verſetzte er.„Bisher habe ich mich un— beläſtigt unter die Menſchen gemiſcht und meinen Weg verfolgt. Ein barfüßiger Bruder würde in Frankreich oder England ein Gegenſtand des In⸗ tereſſes oder der Neugierde ſeyn: in Italien ſind ſie einheimiſch; jede Stadt, jedes Dorf wimmelt von ihnen. Dieſer Rock, ſo wenig anmuthig er V Ihnen erſcheinen mag, erregt keine Neugierde, er⸗ weckt nur Vertrauen.“ „Hat mein Diener Sie erkannt? oder haben 1 Sie es für räthlich gefunden, ihn in das Geheimniß Ihrer jetzigen Vermummung einzuweihen?“ fragte Albert. „Nein! Er iſt ein Deutſcher— ich fürchte ſeinen Scharfſinn nicht.“ - 49 So⸗ Roſenthal erröthete, während der Andere fort⸗ fuhr: „Kein Weſen außer Ihnen weiß, wer ich bin. Mein jetziger Aufenthalt iſt meinen Freunden, wie meinen Feinden unbekannt. Ich ſuche mit keinen von beiden Verkehr. Sie, Albert, ſind mein einziger Vertrauter.“ „Und dieſe ſchmeichelhafte Auszeichnung geben Sie keinem Unwürdigen,“ verſetzte der Andere mit Wärme.“ „Die Sache, die mich gegenwärtig beſchäftigt, erfüllt meine ganze Seele; für ſie muß ich leben und ſterben. Aber ich will keinen Andern darein verwickeln, wie vormals“— Las Caſes hielt inne und ſeufzte tief, während Albert ſein Geſicht mit den Händen verbarg. „Ihre Zuſammenkunft mit dem Herzog von Reichſtadt hatte in der That keinen guten Erfolg,“ murmelte der Letztere. „Sie war unheilvoll für unſere Hoffnungen.“ „Ach! ihre Folgen haben Verderben über An⸗ dere, über die Unſchuldigen gebracht,“ bemerkte Al⸗ bert vorwurfsvoll. „Zunächſt nach der unglücklichen Täuſchung, die wir erlitten, fühle ich die bittere Ueberzeugung, mittel⸗ bar eine Reihe von Unglücksfällen über Perſonen Ella. III.. 4 .* vͤͤé qéqqééRCNläRhzRbßbſßüÜAnKVxVBWW —— ——— — — -25 50&☛⸗ gebracht zu haben, die ich ſchätze und liebe.— Kön⸗ nen Sie vergeben?“ fragte er bittend. „Habe ich nicht Ihre Anſichten getheilt, Ihre Grundſätze angenommen?“ unterbrach ihn Roſen⸗ thal. „Aber Lindenberg, wird er, kann er vergeben? Vielleicht, was noch ſchlimmer iſt, verachtet er den Abenteurer Florville, der ſeine Gaſtfreundſchaft ge— noß, um ſeine Freundſchaft warb und ihn dem— Verderben blos ſtellte,“ ſprach Las Caſes düſter. „Nein,“ unterbrach ihn Albert,„Lindenberg iſt zu edel, zu gerecht; wenigſtens war er es. Aber ach, ich kann nicht von ihm ſprechen, wie früher— wir haben keinen Verkehr mehr— mein Vater hat die Verbindung unterſagt.“ „Ich weiß es,“ verſetzte der Chevalier.„Ihr Fieberwahnſinn verrieth den Schmerz Ihrer Seele.“ „Das iſt noch nicht Alles,“ rief Roſenthal, „ich würde ſeinem Anſehen Trotz bieten, wäre nicht der Baron ſo erzürnt gegen mich, daß er jeden Briefwechſel ablehnte. Er hat meine Briefe unge⸗ leſen zurückgeſandt und ſeine Tochter bewogen, jedes Andenken, das ich ihr einſt zu bieten wagte, zurück⸗ zugeben, und alles dies ohne ein Wort der Er⸗ klärung.“ — 51 f „Ihr Vater könnte das Räthſel löſen,“ verſetzte der Chevalier ſcharf.„Albert, Sie ſind unglücklich.“ „Ich bin elend!“ rief er. „Sie geben ſich Ihrer Schwäche hin und jedes Wort iſt eine Anklage gegen mich. Erheben Sie ſich, Roſenthal. Es gibt noch Pflichten, die über denen der Blutsverwandtſchaft ſtehen. Es gibt noch andere Freuden außer weiblichen Reizen!“ rief der Chevalier bitter. „Bin ich nicht erniedrigt und gedemüthigt?— Haben ſie mich nicht der Verzweiflung dahin ge⸗ geben?“ murmelte Roſenthal. „Und warum verzweifeln? Eine andere Be⸗ ſtimmung erwartet Sie vielleicht.“ „An meinen Beruf gebunden, gefeſſelt, konnte ich keine perſönliche Belehrung ſuchen; ich konnte meinen Poſten nicht verlaſſen; jeder Augenblick brachte meinem Vaterland Gefahr; jeden Augenblick drohte der Aufruhr auszubrechen.“ „Aufruhr!“ wiederholte der Chevalier, von Zorn geröthet.„So nennt Roſenthal die kräftigen Be⸗ ſtrebungen eines unterjochten Volkes?“ „Als Soldat durfte ich meiner Pflicht nicht un⸗ treu werden. Wir haben geſchworen, unſere Re⸗ gierung zu vertheidigen, nicht anzugreifen.“ „Wie viel haben Sie zu erfahren!“ bemerkte —— —— 52 So⸗ Las Caſes kalt.„So tief ich die Troſtloſigkeit be⸗ dauern muß, die meine unglückliche Bekanntſchaft über Sie verhängt hat, ſo gedenken Sie doch, daß die Sache, für welche ich arbeite, eine ſo heilige iſt, daß die Intereſſen, Neigungen, ja ſelbſt das Leben der Individuen nur wie Atome wägen. Die Unabhängigkeit der Völker muß erreicht werden; der Preis, und wäre er die Vernichtung von Tauſen⸗ den, iſt gleichgültig. Keine Privatgefühle, keine per⸗ ſönlichen Bande, keine untergeordneten Rückſichten dürfen das Zeitalter in ſeinem Fortſchreiten be⸗ ſchränken.“ „Sie ſprechen wie ein Enthuſiaſt,“ unterbrach ihn Albert.„Sie ſind durch kein Familienband ge⸗ bunden, Ihr Herz iſt frei; die ſanfteren Gefühle des geſelligen Lebens drangen niemals in Ihre Bruſt.“ „Nein, Rofenthal, für ſo kalt Sie mich auch halten mögen: auch ich bin nicht unverwundbar,“ verſetzte Las Caſes mit einem Seufzer.„Auch ich kann geliebt haben, kann verworfen, gehöhnt worden ſeyn!— Weniger glücklich als Sie, kannte ich nie das Glück der Gegenliebe.“ Er ſtotterte, als er dies ſprach. „Dann kennen Sie nicht den Schmerz, Das zu verlieren, was man einſt beſaß. Sie kennen meine Gefühle nicht.“ 53 ‧ „Warum nicht? Erhöht denn der Beſitz des Glückes deſſen inneren Werth, und iſt der, der nie⸗ mals einen Segen genoß, des Mitgefühls weniger würdig, als der, dem er eben geraubt worden iſt? Das Glück, deſſen Verluſt Sie bedauern, war mir verſagt. Sie können noch in der Vergangenheit ſchwelgen. Die Phantaſie iſt allmächtig: Sie können in der Erinnerung aufs Neue leben, während ich an nichts gedenken kann, als an Täuſchungen.“ „Hätte Lindenberg nur geſchrieben,“ fuhr Albert in ſeiner Gedankenreihe fort.„Könnte ich nur ſeiner Gefühle, ſeiner Beweggründe, ſeiner künftigen Ab⸗ ſichten mit Ella gewiß ſeyn?“ „Der väterliche Stolz des Freiherrn iſt offen⸗ bar durch das Benehmen Ihres Vaters verwundet. Er hat ſich mit der Empfindlichkeit verletzter Würde zurückgezogen. Er kann ſein Kind nicht einer wider⸗ ſtrebenden Familie aufdrängen wollen,“ ſagte der Chevalier ruhig. „Ich will ihn ſehen, will ihn auf meinen Knieen anflehen, er kann ſich nicht weigern, mich anzu⸗ hören,“ rief der lebhafte Jüngling. „Vielleicht könnten Sie hier nicht ganz ſo glück⸗ lich ſeyn, als Sie vermuthen,“ bemerkte ſein Freund mit bitterem Lächeln.„Die Zeit iſt ſehr nahe, in der man die Träume der Jugend aufgeben muß. b — -2 54 SEo⸗ Verbannen Sie dieſe Täuſchungen; leben Sie für die Nachwelt!“ „Hätte Sie Ella niemals geſehen, ſo könnte dieſe Sprache entſchuldigt werden. Ihre 4 können nicht ſo leicht aus der Erinnerung ver t werden,“ rief Albert. „Aber Sie ſagten ja eben, daß jeder Verkehr aufgehoben ſey.“ „Wahr! Aber höhnen Sie mich nicht in mei⸗ nem Unglück! Hätte ſie nur eine einzige Verſicherung ihrer Beſtändigkeit gegeben, hätte ſie mir nur eine ferne Hoffnung gelaſſen“— fuhr der Liebende fort, außer Stand, dieſen Gegenſtand zu verlaſſen. „Armer Roſenthal! Sie ſind ein Neuling in der Wiſſenſchaft der kalten Berechnung.“ „Nein, ich kann es nicht glauben, daß Zeit oder Umſtände das glühende Herz, das einſt mein war, kalt gemacht haben können. Wenige kurze Wochen können ſie mir nicht ſo ganz entfremdet haben.“ „Wir ſind nur zum Leiden geboren. Täuſchung iſt das tägliche Loos der Menſchheit. Habe nicht auch ich in dem theuerſten Wunſch meiner Seele mich getäuſcht? Iſt nicht der Entwurf, der Vorſatz vieler Jahre vereitelt worden?“ „Sie haben nie geliebt!“ 2 55 S⸗⸗ „Geliebt! Ich koſtete nie die Süßigkeiten der Gegenliebe. Das Weib, dieſer glänzende Edelſtein, der nur ſchimmert, um anzuziehen,— ſelbſt das Weibehat mir nicht lächeln mögen. Bisber haben Sie reichlich aus dem Becher des Glückes geſchlürft; jetzt öffnet ſich Ihnen ein höherer, edlerer Wirkungs⸗ kreis. Ich biete Ihnen nicht die Roſen⸗ und Myrten⸗ kränze der Liebe; aber ich zeige Ihnen die Feſſeln der Sklaverei, und ſordere Sie auf, ſie zu brechen.“ „Ihr Aufruf, Las Caſes, iſt nicht an einen Mann gerichtet, der unfähig iſt, das Gefühl zu würdigen, aus welchem er fließt. Ich ehre Ihre Ritterlichkeit, ich bewundere die Kühnheit, mit wel⸗ cher Sie Grundſätze geltend machen, die Andere geheim halten würden. Aber jugendliche Eindrücke können nicht ſo leicht mit der Wurzel ausgeriſſen werden; die Gewohnheiten der Erziehung, die na⸗ tionalen Verpflichtungen, die Obliegenheiten, welche Amt und Rückſicht uns auflegt, können leider durch ſchöne Theorie, die ſie einprägen möchten, nicht ſo leicht in den Hintergrund zurückgedrängt werden. Ich bin der Sache der Freiheit zugethan und glaube, daß ſie in kurzer Zeit in Europa triumphiren wird. Aber ich wünſche, ſie möchte durch die Feder, nicht durch das Schwert geltend gemacht werden. Die Macht der Beredſamkeit wird ſich weiter erſtrecken, als das Murren der Unzufriedenheit; das Licht des Verſtandes wird mehr Strahlen verbreiten, als das Feuer der Musketen. Mögen die Regierungen ihre Irrthümer verbeſſern; aber vernichten Sie nicht auf⸗ geſtellte Behörden durch offenen Aufruhr. „Brandmarken Sie ſo die polniſche Sache?“ „Polen!“ wiederholte Albert, und ſein Geſicht ſtrahlte. Dies iſt nicht das erſtemal, daß wir über die Sache der öffentlichen Freiheit ſprachen,“ ver⸗ ſetzte er.„Und Sie kennen meine Grundſätze.“ „Die unſern Abſichten ſo günſtig ſind,“ unter— brach ihn Las Caſes,„daß ich überzeugt bin, Sie werden bald die noch übrigen Vorurtheile vollends abwerfen, die wie Spinngewebe an einem edlen Gebäude hängen.“ Albert lächelte, aber der Ausdruck ſeines Ge⸗ ſichtes war ſeltſam. „Perſönliche Anhänglichkeit an das Andenken Bonaparte's war nicht Ihre einzige Triebfeder, als wir uns das letztemal vor unſerer Trennung ſahen.“ Las Caſes wechſelte die Farbe und verſetzte langſam:„Die Hoffnung, der Entwurf von Jahren wurde vereitelt, als ſeine Ausführung gerade auf der Spitze ſtand; in dem theuerſten Wunſche meiner Seele wurde ich getäuſcht— eine kurze Zuſammen⸗ kunft vernichtete mein Luftgebäude und zeigte die 57 E⸗ Unfähigkeit des Sohnes, dem Vater nachzufolgen. Napoleons Geſchlecht iſt ausgeſtorben; das Feuer des Genius erloſch in dem Grabe, das ſeine Aſche empfing! O wenn ich auf das Unternehmen zurück⸗ blicke, das keine Schwierigkeit aufhalten, keine Ge⸗ fahr verzögern konnte, wie muß ich weinen über ſein Mißlingen. Nichts als die äußerſte Hoffnungs⸗ loſigkeit konnte mich je bewegen, es aufzugeben. Der Herzog von Reichſtadt verweigerte ſeine Mit⸗ wirkung: er war unwohl, vielleicht— ſterbend.“ „Er lehnte die Krone von Frankreich ab?“ fragte Roſenthal,„oder bebte er zurück vor den Schrecken des Bürgerkriegs?“ „Nichts davon. Der Traum langer Jahre war verſchwunden. Ich eilte nach Paris, von wo die Stimme der Freiheit laut und gebieteriſch erſchallte. Drei Tage vernichteten jene dem Volke ſo verhaßte Monarchie. Eine neue wurde eingeſetzt, Frankreich iſt zufrieden! Aber Polen, das tapfere, edle, käm— pfende Polen fordert Unterſtützung. Von jetzt an ſoll meine Zeit, mein ſchwaches Talent, und wenn es ſeyn muß, mein Blut ſeiner Sache geweiht ſeyn. Die Fahne der Unabhängigkeit iſt erhoben: eilen wir, zu den ruhmvollen Heeren zu ſtoßen. Verlaſſen Sie die Dienſte Oeſtreichs; hören Sie auf, für die Sache des Deſpotismus zu wirken; begleiten —mmmm— — * 58 S⸗ Sie mich nach Warſchau. Vertheidigen wir die Rechte eines unterdrückten, heldenmüthigen Volkes.“ „Dies erklärt Ihre unerwartete Anweſenheit!“ bemerkte Albert ruhig. „Ja, ich liebe Sie, Roſenthal, zu aufrichtig, als daß ich die Rückſicht auf mich voranſtellen könnte. Ich will Ihnen nicht durch Aeußerung meiner Ge⸗ fühle ſchmeicheln. Ich kam— der Beweggrund, der mich hieher führte, thut nichts zur Sache— ich will noch einmal den Mann ſehen, der unter Allen meiner Freundſchaft und meines Vertrauens am würdigſten war. Ich kam hier an, durch dieſe Vermummung begünſtigt, wenige Stunden nachdem die öſtreichi⸗ ſchen Truppen den Pöbel beſiegt hatten; ich hörte, Sie ſeyen gefährlich verwundet, ich eilte an Ihr Bett, ich wachte bei Ihnen. Aber genug, Sie ſind ermüdet, erſchöpft.“ „Nein,“ antwortete Albert, die Hand ſeines Freundes zärtlich ergreifend,„nein, ich bin nicht müde. Ihre Sprache beſitzt einen gewiſſen Zauber, Sie haben eine außerordentliche Gewalt über mich. Führte Sie die Freundſchaft zu mir?“ „Ich habe es geſagt,“ verſetzte der Andere. „Muß ich meine Worte beweiſen? Habe ich nicht der Polizei Oeſtreichs getrotzt? Bin ich nicht ge⸗ kommen, Sie den Zähnen des Deſpotismus zu 59 G&⸗ entreißen? Erheben Sie ſich, Albert, Sie ſind eines beſſeren Schickſals werth. Hören Sie auf, das Spiel und Werkzeug einer willkürlichen Regierung zu ſeyn. Die Armee, in der Sie ein Glied ſind, iſt eine bloße Verſammlung von Automaten, gefühl⸗ loſen Maſchinen, ohne Vernunft und nur dazu benutzt, ihren Gebrauch bei Andern zu hemmen. Kein Ab⸗ zeichen iſt herabwürdigender als die Uniform, die Sie tragen. In wenigen Jahren wird Oeſtreich mitten in Europa allein ſtehen, der Ueberzeugung unzu⸗ gänglich, eine Art Verſchanzung, hinter der ſich längſt veraltete Vorurtheile und Anſichten verbergen.“ „Mein Vaterland iſt mir theuer,“ verſetzte Roſenthal mit Ernſt,„heißen Sie mich nicht zur Schlange werden und mein Vaterland verletzen. Die Mißbräuche, die in der Verwaltung ſich eingeſchlichen haben mögen, müſſen einen treuen Unterthanen be⸗ kümmern, aber ſollten ihn nicht entfremden.“ „Ihr Vaterland, ſey es ſo! Ja, Patriotismus, Liebe zum Geburtslande, die Bewunderung natio⸗ naler Vorzüge, Anhänglichkeit an all die Einrich⸗ tungen. Aber verwechſeln Sie nicht die Anhänglichkeit eines glühenden Geiſtes, die Treue des Bürgers, die Reinheit des Patrioten mit niedrigem Servilismus gegen eine einzelne Regierungsform. Der Keim der Freiheit entwickelt ſich unbemerkt in dieſem ſchönen, ⁸△ 60 S& aber erniedrigten Lande. Das heilige Feuer ent⸗ zündet ſich, der Geiſt der Freiheit macht ſich geltend. Eilen Sie, ſich unter die Fahne zu ſtellen.“ „Noch nicht,“ unterbrach ihn Roſenthal.„Wel⸗ cher Sache immer ich meine ſchwachen Dienſte weihen mag, wenigſtens ſollen ſie durch eine treue An⸗ hänglichkeit an ihre Intereſſen annehmbar gemacht werden. Es muß mir eine kurze Zeit gewährt wer⸗ den, um mich unwiderruflich über einen Schritt zu entſcheiden, von dem mein künftiges Loos abhängt. Die Aufwallung haſtiger Jugend und die Gegen⸗ wirkung eines getäuſchten Herzens bieten keine hin⸗ reichende Bürgſchaft für die Beharrlichkeit. Ich muß überlegen.“ 1 „Zugeſtanden. Ich will Sie in Ihrer Ent⸗ ſchließung unterſtützen. Aber mißverſtehen Sie mich nicht,“ rief Las Caſes.„Ich fordere keine raſche Entſchlüſſe, ich ſchärfe Ihnen keine Gründe ein, ich fordere keine Verſprechen, ich überlaſſe Sie ganz Ihrem eigenen Geiſte. Wählen Sie frei und von mir ungeſtört Ihren Weg.“ „Hören Sie mich. Unbegränzte Liebe zu Ella von Lindenberg iſt die herrſchende Leidenſchaft meines Geiſtes; mit ihr verglichen iſt alles Andere kalt und farblos,“ ſprach Roſenthal. „Sey es ſo,“ verſetzte ſein Freund, augenſcheinlic 61& entmuthigt,„aber die öſtreichiſche Regierung hat ſich nicht bloß willkürlich, ſondern auch undankbar und ungerecht gezeigt. Lindenberg wurde auf einen bloßen unbeſtimmten Verdacht hin aus dem Kabinet ent⸗ laſſen. Die kluger Weiſe geltend gemachte Voraus⸗ ſetzung eines Zuſammenhangs zwiſchen dem ver⸗ mutheten Beſuche des Las Caſes in dem Palaſte von Schönbrunn und ſeiner Freundſchaft mit dem Baron hatte die unglücklichen Folgen hervorgerufen, unter denen Sie jetzt leiden. Es iſt in der That eine armſelige Politik, die auf ſo unſichern Grund hin gegen einen treuen Unterthanen die Anklage des Verraths und der Unzufriedenheit erheben kann. Die kleinliche Tyrannei, die man gegen den Herzog von Reichſtadt ausübte, kann weder Ihre Billigung er⸗ halten, noch Ihren Patriotismus befriedigen. Ella's Vater iſt als Opfer der Regierung gefallen, der Sie gleichwohl ſolche Anhänglichkeit zeigen. Wenn allgemeine Gründe Sie nicht in Bewegung ſetzen können, kann nicht vielleicht das Gefühl einer Privat⸗ beleidigung auf Sie wirken?“ „Beleidigung?“ wiederholte Albert bitter, nich bin ſchwer verletzt! Aber ich will noch einen Verſuch machen, Genugthuung zu erhalten. Ella ſoll die meinige werden. Gelingt es mir nicht“— 62& „Dann verbinden Sie ſich mit der Sache des Ruhmes,“ unterbrach ihn der Chevalier. „Dann begegnen wir uns bei Warſchau,“ rief Roſenthal. „Ich will Sie nicht aus dem Glück reißen, das Ihrer wohl noch warten mag. Nein, theuerſter Freund, wenn Ella Ihnen lächelt, wenn Lindenberg ſeine Arme öffnet, bleiben Sie bei ihnen, ſeyen Sie ghücklich, in friedlicher Unthätigkeit und Dunkelheit. Die Leere Ihres Daſeyns wird von der Liebe aus⸗ gefüllt werden. Jugendliche Begeiſterung wird eine andere Richtung nehmen. Sie werden dann Las Caſes und das Geſchick vergeſſen, das er mit Ihnen getheilt haben würde. Aber wenn Europa von Siegesklängen wiederhallt und mein beſcheidener Name in die Annalen der triumphirenden Freiheit eingegraben wird, dann gedenken Sie meiner Worte — gleiche Lorbeern hätten auch Ihre Schläfe ge⸗ ſchmückt.“ Albert ſeufzte tief, als er die Hand ſeines Freundes drückte und verſetzte:„Wir werden uns wiederſehen!“ Wenige Tage nach dieſem Geſpräche war Roſen⸗ thal vollkommen geneſen und ſeine ſchnelle Wieder⸗ herſtellung konnte man großentheils der unabläßigen Aufmerkſamkeit des Las Caſes zuſchreiben. — 68& Italien war beruhigt. Die ſchweren Wehen politiſcher Stürme hatten die öſtreichiſchen Beſitzungen nur aufgeregt, keine Umwälzung hervorgebracht. Die düſteren Laute der Unzufriedenheit erſtarben gleich fernen Donnern, und die Unruhe des Argwohns legte ſich allmählig, als das Volk zu ſeinen fried⸗ lichen Beſchäftigungen zurückkehrte. Las Caſes reiste ab, wie er gekommen war, in geheimnißvoller Stille und wandte ſich auf einem Umwege ungekannt und unbeargwohnt gegen Warſchau. Albert, der nur auf eine günſtige Gelegenheit wartete, um den Entwurf auszuführen, der ſeine ganze Seele beſchäftigte, reiste unverzüglich nach Ehrenfels, in der Hoffnung, durch eine perſönliche Zuſammenkunft mit dem Baron dieſen zu verſöhnen und das Verhältniß zu ſeiner Verlobten zu erneuern. Mitten in Froſt und Schnee kam er in der Dorf⸗ ſchenke an und blieb den Abend hindurch unerkannt. Aber die zufällige Belehrung, die er im„Kaiſerhof“ von Kaſpar erhielt, war nicht geeignet, ihm Muth einzuflößen; und als Roſenthal am folgenden Tage an dem Schloßthor erſchien, entdeckte er mit Schrecken und Kummer, daß Lindenberg und ſeine Tochter die Gegend verlaſſen hätten. Fünftes Kapitel. Ah!l qu'un coeur est à plaindre, De s'ètre à son amour long-temps accoutumé, Quand il faut n'aimer plus ee qu'on à tant aimé, André Chénier. Wir werden geboren, wir lachen, wir weinen, Wir lieben, wir welken, dann ſterben wir; Warum wohl lachen wir und weinen, Warum wohl leben und ſterben wir? Wem wird dies Räthſel gelöst wohl erſcheinen? Fürwahr nicht mir. Barry Cornwall. Zu der Qual der Täuſchung kam nun in Alberts Herzen noch der Stachel der Eiferſucht. Unter allen Leidenſchaften bedarf die Eiferſucht am wenigſten der Nahrung; ſie nimmt ihren Urſprung weit eher von Kleinigkeiten, als von wichtigen Umſtänden. Wie gewiſſe Pflanzen bleibt ſie ohne ſichtbaren Un⸗ terhalt. Sie blüht in einer Wildniß von Neigungen; ſie ſchlägt tiefe Wurzeln, wo alles Andere verwelken würde. Sie kehrt Liebe in Haß um, und jedes andere Gefühl überlebend, triumphirt ſie ſelbſt über 65 S⸗⸗ die Verzweiflung. Die Eiferſucht iſt das Paradoxon des menſchlichen Geiſtes; die kleinſte Urſache bringt die heftigſten Folgen hervor; kein Beweis iſt halb ſo überzeugend, als die unglückliche Ungewißheit des Zweifels; der Argwohn, einmal zugelaſſen, dringt tieſer als ein Heer gut begründeter Anklagen; und wie jeder Eindruck, der aus der Einbildungskraft kommt, um ſo mächtiger iſt, je weniger deutlich er gefühlt werden kann, ſo nehmen die Eingebungen einer kranken Phantaſie durch das verwirrte Medium, durch welches ſie an uns kommen, einen erſchrecken⸗ deren Charakter an. Durch das müßige Geſchwätz, das Albert zufällig im„Kaiſerhof“ hörte, gereizt, glaubte er, von Fräu⸗ lein von Lindenberg freiwillig aufgegeben zu ſeyn, weil ja ein vorgezogener Bewerber augenſcheinlich ſeinen Platz einzunehmen ſchien. Bisher hatte nur ſein Gefühl gelitten; während der Gedanke, einen Nebenbuhler zu haben, ſeine Eigenliebe verletzte: der ſinnverwirrende Zweifel ſchleicht ſich in das Innerſte des Geiſtes ein, zuerſt ungeſehen, beinahe nicht gefühlt, ähnlich dem feinen Gifte der Schlange, das in den geſunden Körper einfrißt, bis die Wunde unheilbar geworden. So iſt es mit dem Geiſte; Vertrauen iſt ſeiner Geſundheit weſentlich, und Eifer⸗ ſucht verbreitet ſich gleich einer Krankheit und theilt Ella. III. 5 ——,——;— 66 Se jedem Gegenſtande ihren Peſthauch mit. Tauſend unausſprechliche Schmerzen, die Albert nie zuvor gefühlt hatte, zerriſſen jetzt ſein Herz. Es war ſchon genug, Ella zu verlieren, ehe er noch wußte, daß ein Anderer das Glück ſich angemaßt, das er einſt ausſchließlich als ſein Eigenthum betrachtet hatte. Es iſt allgemein zugeſtanden, daß die meiſten Menſchen aus gemiſchten Beweggründen handeln. In der That iſt der menſchliche Geiſt ſo ſeltſam verwickelt, daß wenige auch nur ſich ſelbſt die ver⸗ ſchiedenen geheimen Springfedern geſtehen, von denen ſie in Bewegung geſetzt werden. Oft bleibt ſtunden⸗ und tagelanges genaues Nachdenken ohne Erfolg; während eine federleichte Kleinigkeit ein Ereigniß von höchſter Wichtigkeit entſcheidet. Wie oft geben die Leute dem Druck der Umſtände nach, und be⸗ haupten gleichwohl kühn die Unabhängigkeit ihres Schrittes! Wie oft wird ein Mann bewogen, aus irgend einer Erwägung zu handeln, die er in der Hitze des Beweiſes, daß ein anderer Beweggrund ihn beſtimmt habe, überſieht! Und wir ſuchen, wenn es uns nicht gelingt, Andere zu überzeugen, wenig⸗ ſtens uns ſelbſt von Abſichten zu überzeugen, die wir niemals hegten, und von Gefühlen, deren wir uns nur erinnern, wenn die Umſtände ſie uns in —y— - 67& den Weg legen. Die Kette von Urſache und Wir⸗ kung iſt wunderbar und zuſammengeſetzt, aber die ſeltſame Vermiſchung der Beweggründe, die den menſchlichen Willen beſtimmen, iſt weit verwickelter und unbegreiflicher. Wenn jeder geheime Gedanke und plötzliche Antrieb an's Licht gebracht werden könnte, wie würden die beſten und edelſten Hand⸗ lungen in ihrem Werthe verlieren, während der größte Fehler ganz entſchuldigt wäre. Kein Vorzug des Geiſtes hat wohl größeren Werth als Entſchloſſenheit und Beharrlichkeit in Vorſätzen; und auf der großen Leiter menſchlicher Tugenden, wird ſie gewiß nicht ſo hoch geſtellt, als ſie verdient. Entſchloſſenheit iſt ein geiſtiger Vor⸗- zug, ohne welchen unſre ſchönſten Anſtrengungen blos leere Verſuche bleiben; ohne ſie ſind die reizendſten und anziehendſten Fähigkeiten nur ignes fatui, durch keinen ſteten Grundſatz geleitet. Entſchloſſenheit gibt den Handlungen der Menſchen Gewicht, Kraft, eigenthümlichen Erfolg und Dauer; und der Unter⸗ ſchied zwiſchen einem Wahnſinnigen und einem Hel⸗ den iſt der, daß der Eine beabſichtigt, beginnt und wankt, während der Andere beſchließt, beharrt und zum Ziele kommt. Bei einem hohen Grade romantiſcher Exaltation und perſönlicher Tapferkeit, verbunden mit einer 5* —, — 68& herrlichen Ader edler Geſinnungen, die bei dem Jüngling ſo bewundernswürdig, ſo ſchön iſt, konnte Albert leicht den Verdacht erregen, daß es ihm an Feſtigkeit fehle. Eben die Heftigkeit ſeines Weſens ſchloß die Möglichkeit beinahe aus, daß er ſeine Entſchließungen verſtändig und reiflich überlege. Von lebhaftem Wahrnehmungsvermögen und ungeduldig zu handeln glaubte er den Vorſchriften der Ver⸗ nunft zu gehorchen, wenn er oft dem Antriebe ſeines Kopfes oder Herzens folgte; und wenn er ſich zu ſchnell an die Ausführung begeben, mußte er zuweilen den Vorwurf der Unbeſtändigkeit dulden, wenn er nur den Eingebungen der Klugheit lauſchte. Dies kann man als eine Art geiſtiger Strafe betrachten, der feurige Naturen unterworfen ſind, damit ſie ſich im Gleichgewicht halten. Wäre es nicht ſo, ſo würde die eine Welt die andere weit überholen. Aber ſo, wie es iſt, ſind die Unruhigen und die Phlegmatiſchen, die Cnthuſiaſtiſchen und die Kalten, die Unbekümmerten und die Trägen, die Eigenſinnigen und die Klugen, Alle an die ſociale Maſchine gefeſſelt, und ihre Bewegungen, wenn ſie auch einander nicht ausgleichen, ſind ſo geordnet, daß das Ziel des Erfolgs Allen gleich erreichbar und von Allen gleich ſehr erreicht wird, ſo verſchie⸗ den auch die Mittel der Erreichung ſind. 2 69 SEe Für jeden Eindruck empfänglich, ſtand Albert ſtets unter dem Einfluß einer Hauptleidenſchaft, die hier eine Zeit lang allen andern ſich widerſetzte und über alle triumphirte, bis ein anderes Gefühl an ihre Stelle trat und ſich die Herrſchaft anmaßte. Man kann ſich daher leicht denken, daß der Gedanke, zu ſeinem Regiment zurückzukehren, ihm verhaßt wurde, da die Bande, die ihn an ſein Vaterland knüpften, eines nach dem andern locker geworden waren. Die ritterliche Sprache des Las Caſes, verbunden mit dem glänzenden Traume polniſchen Ruhmes und perſönlichen Heldenmuths, lehyte mit verdoppelter Kraft in ſeine Erinnerung zurück, als er unter der verbundenen Qual der Eiferſucht und der Verzweiflung ſchmachtete. Unzufrieden und un⸗ entſchloſſen, wie er war, war es unmöglich zu ver⸗ muthen, was ſeine endliche Entſcheidung geweſen wäre; denn Albert, in dem Parorismus gehöhnter Gefühle ſchrieb dem Commandanten ſeines Regi⸗ ments und ſeinem Vater, daß er ſeine Stelle im Heere aufgeben und einen Dienſt verlaſſen wolle, der ihm nicht länger mehr zuſage. Dies war ein vorläufiger Schritt, die Sache der polniſchen Unabhängigkeit zu ergreifen; und es verhinderte ihn daran nur ein Brief gus Frankreich, der ſeine ſchleunige Gegenwart forderte. Er kam ————— —— 70 S⸗ von Alfred, und die Bitte konnte nicht abgelehnt werden. Anſtatt daher den Weg nach Warſchau einzuſchlagen, reiste Roſenthal nach Paris, wo neue Pflichten, neue Intereſſen und neue Scenen ihn erwarteten. Albert langte in dem Hotel Montpellier, das in dem Stadtviertel Chaussée d'Antin lag, gerade zu der Zeit an, als die Regierung Ludwig Philipps Beſtand zu gewinnen anfing. Bei den Parteien be⸗ liebt, die ihn gehoben und zuletzt auf den Thron geſetzt hatten, ſöhnte der neue König ſeine Gegner bald mit ſich aus, indem er mit den Einflußreichſten und am wenigſten Heftigen aller Factionen begann. Mit der erblichen Linie der Bourbonen unzufrieden, war der Mehrheit des Volkes jeder Wechſel ange⸗ nehm. Okbgleich es verſchiedene Claſſen von Unzu⸗ friedenen gab— die Einen waren republikaniſch, die Andern bonapartiſtiſch— alle vereinigten ſich jedoch in der Freude über die Verbannung einer Dynaſtie, die ſich in der Gegenwart wie in der Vergangenheit gleich verhaßt gemacht hatte. Der von Napoleon geſchaffene Adel wurde der wichtigſte Zug in der Bildung des neuen Hofes, und konnte nicht unpaſſend als eine Mittelelaſſe zwiſchen Carliſten und Ultraliberalen betrachtet wer⸗ den: er war durch die ſich drängenden Ereigniſſe — 2 71 G⸗ des 19ten Jahrhunderts berühmt genug geworden, um dem Vorwurf, Emporkömmlinge zu ſeyn, zu entgehen, und doch wieder neu genug, um den herrſchenden Anſichten genug zu thun. So begannen die zerſtreuten Elemente der Geſellſchaft, die durch die letzte politiſche Umwälzung zerſchlagen und zer⸗ ſprengt worden waren, allmählig wieder zu er⸗ ſcheinen. Das Vergnügen, das durch den mißtönenden Lärm der drei Tage aus der Hauptſtadt verbannt worden war, wurde von der blühenden Familie Louis Philipps zurückgeführt; die Unterhaltungen fingen wieder an und die heitern und flatterhaften Kreiſe der Tuilerien und des Palais Royal bildeten ſich wieder. Der revolutionäre Wirbelwind hatte eine Zeit lang die ſeineren Zugaben der Bildung und Civiliſation verſchlungen; wie der aufgeregte Ocean in ſeiner Wuth Alles hinabſchlingt, was ſeiner ſtürmiſchen Bruſt anvertraut iſt. Aber in der darauf folgenden Zeit der Ruhe, wenn die brau⸗ ſenden Wogen ſich legen und unter der aufgehenden Sonne wie ein glänzender Spiegel ſich ausbreiten, ſchwimmen tauſend koſtbare Gegenſtände, Ueber⸗ bleibſel vom Schiffbruch des Abends, auf der unge⸗ heuern Wildniß der Waſſer, die Einen zerbrochen, die Einen verunſtaltet, Andere noch ganz, wieder Andere durch ihre glänzende Unbedeutendheit erhalten, - 72 E⸗ aus denen neue Geſtalten gebildet werden können. So beſtehen, wenn wir auch noch ſo aufgeregt ſeyn mögen, noch dieſelben Elemente, nur zerbrochen, erſchüttert, getrennt; aber ſie verbinden ſich wieder unter einem neuen Geſichtspunkt, und die natürlich⸗ ſten Elemente der Geſellſchaft behaupten ſtets ihre Herrſchaft, wenn auch ihre Form zerbrochen wurde. Die Herzogin von Montpellier, die ſich eine Zeit lang vom Treiben der Welt entfernt gehalten hatte, hielt es jetzt für angemeſſen, aus ihrer Ein⸗ ſamkeit wieder aufzutauchen und ihre Freunde, oder vielmehr ihre habitués wieder wie gewöhnlich zu empfangen. Albert fand ſeine ariſtokratiſche Ver⸗ wandte durch die Ereigniſſe unverändert. Ihr ela⸗ ſtiſches Weſen war durch die äußern Umſtände ungebeugt, beinahe unberührt geblieben. Auf ihre bleichen Wangen hatte die Zeit einige Verheerungen angerichtet; aber die Eitelkeit, die um ſo ſtärker wird, je beſchränkter ihre Genüſſe ſind, war noch immer in voller Kraft. Nicht mehr der Gegenſtand allgemeiner Huldigung, tröſtete ſie ſich für den Ver⸗ luſt der Bewunderung dadurch, daß ſie ihre blühende Enkelin an ihre Stelle ſetzte; und gerne trat ſie den Scepter der feinen Bildung und Eleganz einem Weſen ab, das ihr ſo nahe angehörte, und dieſes Erbtheils ſo würdig war. Die Herzogin triumphirte — 73 wieder in der Schönheit ihrer jugendlichen Stell⸗ vertreterin. Alberts Erwartungen fanden ſich in ſeinem Bruder getäuſcht, der zum Manne herangereift war, ohne jene hervorſpringenden Vorzüge zu zeigen, die ſo geeignet ſind, Achtung zu gewinnen und die Nei⸗ gungen zu feſſeln. Alfred war ein vollendeter Franzoſe des Tages; und ein Franzoſe unſerer Zeit iſt ſehr verſchieden von einem Franzoſen des ancien régime oder einen Franzoſen sous l'empire. Er war weſentlich verſtändig, kalt, anſtändig und vor Allem doctrinair; vollkommen frei von den Vorur⸗ theilen des Jahrhunderts und eben ſo von jugend⸗ licher Begeiſterung. Er dachte weder daran, für die polniſche Unabhängigkeit zu fechten, noch mit den Legitimen auszuwandern. Er begleitete unter der neu eingeſetzten Regierung einen herrlichen Poſten und dachte ſehr natürlich daran, daß er nichts Beſ⸗ ſeres thun könne, als ihn behalten. Von der Betrachtung des Charakters ſeines Bruders wandte ſich Albert entzückt zu ſeiner Schwe⸗ ſter, in welcher er bald eine Ader der Uebereinſtim⸗ mung erkannte, die ihn für die Täuſchung, die er ſonſt erlitten, reichlich entſchädigte. Die junge Con⸗ ſtanze ſtand eben in jenem reizenden Alter, in wel⸗ chem die Jungfrau, zum Weibe heranreifend, die — 74 S⸗ urſprüngliche Jugend noch nicht verloren hat. Sie hüpfte Albert mit der ganzen Lebhaftigkeit und Mun⸗ terkeit ihres Weſens entgegen, und als ſie die Ver⸗ änderung, welche die Zeit in der langen kriegeriſchen Geſtalt hervorgebracht hatte, bemerkte, zog ſie ſich zurück, halb beſcheiden, halb überraſcht, in augen⸗ ſcheinlicher Verwirrung, wodurch ihre Züge, die ſchon an ſich ſchön genug waren, um zu feſſeln, noch den Reiz der Mannigfaltigkeit gewannen. Conſtanze bildete einen auffallenden Contraſt gegen Ella; beide waren außerordentlich lieblich, und doch unterſchieden ſie ſich weſentlich in jedem Punkte. Fräulein Roſenthal war eine regelmäßige Brunette mit funkelnden Augen, die beinahe unbe⸗ wußt lächelten, ohne die Unterſtützung oder Mit⸗ wirkung eines andern Zuges. Ihre Wange war glänzend, rund und pfirſichfarbig und ihr kleiner rother Mund war ſcherzend, beinahe muthwillig. Der Stempel der Jugend und Geſundheit iſt nir— gend ſo deutlich ſichtbar als in der Farbe und dem Ausdruck des Mundes. Hier beginnen Zeit und Krankheit zuerſt das Werk der Zerſtörung; hier liegt die Vollkommenheit weiblicher Schönheit im Hintergrund; hier ſpricht von ihrem rubinenen Throne die Leidenſchaft die Sprache des Herzens, wenn alles Andere ſtumm iſt. Ein Lächeln bringt hier 75 G⸗ ein Heer zarter Reize hervor, oder der leiſeſte Schatten von Kummer, der ſich über die zarte Lippe hinwegſtiehlt, macht ihre Blüthe verwelken, zieht die bezaubernde krumme Linie, die ihrer Schönheit ſo weſentlich iſt, zuſammen, und zerſtreut die fröh⸗ lichen Reize, die um ſie ſchwebten. Hier zeigt das verrätheriſche Zucken den verborgenen Schmerz an, oder ſpricht die tiefe Glut der Liebe eine Erzählung, die Worte nicht ausſprechen können. Das Auge mag der Lieblingszug des Geiſtes ſeyn; aber der Mund iſt der wahre Thermometer des Herzens. Conſtanze war von etwas kleiner Geſtalt. Ihre Figur, obgleich zart, erſchien gleichwohl rund, um vollkommen ſymetriſch zu ſeyn. Ella hingegen über⸗ ſtieg um etwas die gewöhnliche Höhe; und erſchien blos aus dieſem Grunde ſchwächlicher. Ihre Wange war gewöhnlich bleich, nahm aber jene wechſelnde Färbung an, die einen doppelten Reiz beſitzt; denn jede neue Farbe hatte neue Lieblichkeit und die eine ſcheint immer ſchöner als die andere. Sie hatte eine Art geiſtiger Schönheit, eine Schönheit, die mehr das Gefühl als die Sinne erregte und die Seele feſſelte, ehe der Blick den ganzen Umfang und Grad ihrer Herrlichkeit erkannt hatte. Conſtanze konnte gewiß ſeyn, allgemeine Huldigung hervorzulacken; 76&Æ⸗ aber Ella, wenn ſie bewundert wurde, wurde auch geliebt. Ein beinahe unbemerklicher Anflug von Koket⸗ terie konnte in dem Weſen Conſtanzens entdeckt werden. Unter ihren langen Augenliedern ſchien ein namenloſer Zauber zu lauſchen, und um die dunkeln vollen Locken ihres ſchwarzen Haares ſpielten tauſend Reize. Das Bewußtſeyn ihrer perſönlichen Reize ſchien bisweilen über ihr Geſicht zu blitzen, ohne auch nur im Mindeſten eine unangenehme Wirkung hervorzubringen. Man konnte dieſes Letztere nicht wohl Eitelkeit nennen; da ſie an ſich ſelbſt Gefallen hatte, ſuchte ſie daſſelbe Gefühl bei Andern her⸗ vorzurufen und in dieſer entzückenden Kunſt war ſie außerordentlich glücklich. Jeder neue Sieg, jeder Blick des Beifalls vermehrte ihren mädchenhaften Triumph; und wie es ihr Zweck war zu gefallen, ſo war es auch ihr Lohn. Kaum konnte man eine lieblichere Perſonification weiblicher Fröhlichkeit finden. Ella dagegen gefiel auf eine andere Weiſe; ſie gefiel, ohne der Gewalt, die ſie beſaß, bewußt zu ſeyn, ohne auf Außendinge einen Werth zu legen oder die unvergleichliche Anmuth, mit welcher ſie geſchmückt war, hoch anzuſchlagen; und dieſe Ein⸗ fachheit des Charakters begründete gerade ihre ver⸗ führeriſchſten Eigenſchaften. 77 S⸗ Conſtanze war voll Lebhaftigkeit; ſie hatte noch jene jugendliche Munterkeit, welche die Kindheit ſelten überlebt, während Ella, lange ehe ſie eines verſtändigen Urtheils fähig war, ſchon ein tieferes Gefühl zeigte; und ohne daß ſie wirklich melancho⸗ liſch war, war bei ihr doch ein träumeriſcher Schat⸗ ten, ein ſtilles Weſen in der Geſellſchaft die Folge wahrhaft erhabener Geſinnung. Obwohl bekümmert und ſ chmerzlich bewegt, war es Albert gleichwohl unmöglich, für die Lebhaftigkeit ſeiner Schweſter kalt, oder für den Reiz brüderlicher Liebe unempfindlich zu bleiben. Mit wahrem Ent⸗ zücken, nicht ohne Stolz betrachtete er die Entwick⸗ lung der Reize ſeiner Schweſter und bemerkte den ſchnellen Fortſchritt, den ihre mannigfaltigen Talente gemacht. Ein neuer und heiliger Einfluß ſchien unbewußt auf ihn zu wirken, und als er das un⸗ ſchuldige Mädchen entzückt an ſeine Bruſt ſchloß, fühlte er ein tiefes Bedauern, daß ihr Geſchick ſo weit auseinander lag. Graf Alfred ſtand auf dem Punkte, ſich mit einer Dame von Rang und Vermögen zu vermählen. Zu dieſer bevorſtehenden Feſtlichkeit war Albert ein⸗ geladen worden, und er konnte es ſchicklicher Weiſe nicht ablehnen, bei einer Feſtlichkeit gegenwärtig zu ſeyn, die für ſeinen nächſten Verwandten von ſo 2 78 E⸗ hoher Wichtigkeit war. Eine ſo ſchmerzliche Ueber⸗ windung es ihn auch koſtete, Zeuge zu ſeyn von einem Glücke, das er weder theilen, noch geben konnte, entſchloß er ſich gleichwohl, den Vermählungs⸗ feierlichkeiten gutwillig beizuwohnen, und ſeiner Fa⸗ milie einige Zeit zu widmen, ehe er ſich von ihr trennte, vielleicht auf ewig. Ein großer und glänzender Kreis war verſam⸗ melt, um von der Unterzeichnung des Heirathscon⸗ traktes Zeugen zu ſeyn, und Roſenthal begegnete hier zum erſtenmal ſeit ihrer erzürnten Trennung ſeinem Vater. Einen Augenblick war eine Pauſe. Der Graf ſah ungewöhnlich ſtrenge aus. Albert ſchlug die Augen zu Boden; er wurde bald weiß, bald roth, als er ſich wieder dem Vater gegenüber fand, zu welchem er ſeine frühere Zuneigung nicht völlig aus der Erinnerung verbannen konnte. „Ihren Segen,“ rief Alfred, den Arm ſeines Bruders ergreifend, und ſich vor dem Grafen ver⸗ beugend. „Gerne, mein Sohn, denn Du haſt niemals Deinen Anſpruch auf meine Liebe verſcherzt.“ Bei dieſen Worten zitterte Albert beſchämt durch den Vorwurf, der darin lag. „Dehnen Sie Ihre Milde weiter aus, theurer Vater,“ verſetzte Alfred freundlich, zu Gunſten ſeines 2 79 S⸗ Bruders ſprechend. Conſtanze und die Herzogin von Montpellier vereinigten ihre Bitten mit den ſeinigen, und Albert, durch ſeine eigene Rührung überwältigt, fand ſich in den Armen ſeines Vaters. „Dies ſoll ein Tag der Vereinigung und Freude für uns Alle ſeyn,“ ſagte der Graf, dem Strom ſeiner beſſern Gefühle nachgebend.„Die Vergangenheit iſt vergeſſen.“ Aus Grundſatz ſowohl, als aus innerem Triebe ſeinem Vater zärtlich zugethan, wie es die meiſten Deutſchen ſind, war Albert glücklich über die uner⸗ wartete Richtung, welche die Angelegenheiten ge⸗ nommen. Auch eine weniger edle Natur als er würde unter ähnlichen Umſtänden ſich verſöhnt haben, und dankbar nahm er dies willkommene Zeichen des Friedens und der Vergebung an. Graf Roſenthal andrerſeits ergriff gerne die erſte Gelegenheit, das Vertrauen und die Liebe ſeines älteſten Sohnes zu gewinnen, für den er eine ſtarke Vorliebe hegte. Zudem war ſein Zweck erreicht, was auch die Mittel geweſen ſeyn mochten. Die Liebenden waren getrennt und einander ent⸗ fremdet, und es war keine Wahrſcheinlichkeit einer Erneuerung dieſes Verhältniſſes vorhanden, das ſei⸗ nem hochſtrebenden Ehrgeize ſo anſtößig war. Es war darum mehr als nutzlos, ein Rachegefühl noch 80 S⸗ weiter zu hegen, nachdem die Urſache, die es her⸗ vorgerufen, nicht mehr da war. Vielleicht zeigen wenige Ereigniſſe die Verkehrt⸗ heit des menſchlichen Herzens deutlicher als jene Gegenwirkung, die zuweilen nach einer bittern Krän⸗ kung und Täuſchung ſtattfindet. Albert begann ſeine Verlobte zu verdammen, Ella anzuklagen, die ſanfte, treue, vertrauensvolle Ella, ſie der Unbeſtändigkeit anzuklagen. Unbewußt des grauſamen, falſchen Spieles, das man mit ſo viel Erfolg mit Beiden getrieben hatte, glaubte er, Lindenberg habe ihn mit unverdienter Härte behandelt. Die Nichtannahme ſeiner Briefe, die Zurückgabe ſeiner Geſchenke und das ununterbrochene Schweigen der ganzen Familie ſchrieb er dem Stolz auf der einen, und einem Wechſel der Geſinnung auf der andern Seite zu. Das Geſpräch im Kaiſerhof und das darauf folgende Benehmen Kaſpars unterſtützte hinlänglich dieſe Anſicht, wenn es die Thatſache auch nicht vollkom⸗ men feſtſtellte. Wenn ein Liebender ſich als unwür⸗ dig behandelt zu betrachten beginnt, maßt ein ſtarkes Gefühl des Unwillens ſich in der Regel die Herrſchaft früherer Zärtlichkeit an; und der Gegenſtand unbe⸗ lohnter Liebe erſcheint dieſer weniger würdig. Der Zauber iſt gebrochen; und vermöge einer ſeltſamen Eigenthümlichkeit des Geiſtes iſt der nächſte Uebergang — 81 fᷣ von der Liebe zum Haß. Bei Herzensangelegenheiten gibt es kein mittleres; Alles oder Nichts iſt das Motto der Leidenſchaft. Der Grund davon muß ohne Zweifel in jener Selbſtſucht entdeckt werden, von der die meiſten von uns beherrſcht ſind. Der getäuſchte Liebende klagt eine Zeit lang, er klagt, ſo lange er noch hofft, ſo lange er glaubt, man ge⸗ denke noch ſeiner, ſo lange er meint, ein anderes Herz theile das Unglück ſeines eigenen. Aber wenn er findet, daß das Weib, das er liebte, den Verluſt ſeines Umgangs überlebt, daß ſeine Gegenwart für den Frieden ihres Geiſtes nicht weſentlich iſt, daß ein Nebenbuhler, wenn nicht vorgezogen, doch we⸗ nigſtens geduldet wird: dann haßt er das Weſen, das ſo ſeine Selbſtliebe höhnt. So iſt es bei den Männern. Anders iſt das weibliche Gemüth beſchaffen. Gleich dem Geiſte des Märtyrerthums wird die Liebe des Weibs in dem Maße erhöht, als man Opfer von ihr fordert. Sie nährt ſich von ihren Leiden; und findet mehr in dem, was ſie gibt, als in dem, was ſie empfängt, ihren Unterhalt. Die Vermählung des Grafen Alfred Roſenthal wurde mit jedem éclat gefeiert, über den Vermögen und Rang gebieten konnte. Die Feierlichkeit wurde von einem Biſchof vollzogen, und die gebildete und Ella. III. 6 —2 82 S elegante Welt der Hauptſtadt war zugegen. Sie wurde auf das Glänzendſte gefeiert, und weder Koſten noch Mühe geſpart, um ihr Pracht und Auszeichnung zu geben. Kurz, die Eitelkeit hatte mehr bei der Sache zu thun, als das Gefühl. Als ſie vor dem Altare ſtanden, war die ganze Familie vollzählig zugegen. Die Braut von Juwe⸗ len ſchimmernd, in weißen Atlas mit Blonden ge⸗ kleidet, mit Blumen im Haar, bot ihre entblößte Hand ohne Zögern dar. Sie war glücklich; ſie heirathete, weil ihre Freunde es wünſchten, ſie hei⸗ rathete, weil jedes Weib heirathet, wenn es Gele⸗ genheit hat; ſie heirathete, weil man ihr geſagt hatte, die Verbindung ſey gut und die Erwartungen noch beſſer, und weil ſie ſah, daß ihr Bräutigam jung, ſchön und wohlhabend war. Sie hatte nie⸗ mals von dem Circekelch erſter Liebe gekoſtet; und obgleich ſie den, der jetzt ihre verpfändete Hand in der ſeinigen hielt, nicht liebte, ſo liebte ſie doch auch keinen Andern; ſie wußte von keinem theureren Bande, ſie hatte keinen glänzenderen Traum. Ihre Mienen verriethen keine Aufregung, ihr Puls ging nicht ſchneller, ihre Wange wechſelte nicht die Farbe und ihre niedergeſchlagenen Augen waren weder von Thränen des Schmerzes noch der Freude geröthet. Ihr Inneres war ruhig, ihr Aeußeres geordnet. 83 S⸗ Alfred war eben ſo zufrieden mit ſeinem Looſe. Eine Conventionsheirath beunruhigt einen Pariſer nicht. Die Liebe iſt das letzte Element, das in Be⸗ tracht kommt. Gleichgültigkeit iſt nicht ſchrecklich und die Leidenſchaft beſitzt keine ſinnverwirrende Gewalt. Zu verſtändig, um verliebt zu ſeyn, war er zufrie⸗ den, aus einem weiſeren, wenn nicht beſſeren Grunde, als der bloßen Liebe zu heirathen. Er ſuchte die weltlichen Vortheile von Rang, Ueberfluß und Gleichheit der Anſprüche und er fand in dem Gegen⸗ ſtande ſeiner Wahl Alles vereinigt. Er ſah nicht nach Gefühlen, nach ſchüchternen Seufzern, nach verſchämter Zärtlichkeit. Er bebte nicht vor dem Anblick ſeiner Braut mit jenen erkältenden Ahnungen über die Zukunft zurück, welche die zärtlichſten Lie⸗ benden oft bis in das Heiligthum begleiten, und einen düſtern Schleier über die Schönheit der Gat⸗ tin zu werfen ſcheinen, die ſchon aufgehört hat, in den Augen deſſen zu ſtrahlen, für den ſie fortan allein leben ſoll. Die Herzogin von Montpellier und die Eltern auf beiden Seiten ſchienen ganz zufrieden mit ihren Anordnungen. Der ältere Roſenthal war in ſeiner herrſchenden Leidenſchaft, dem Ehrgeize, befriedigt. Die Herzogin triumphirte über trousseau und cor- beille; auch die Braut hatte ſie ausgewählt und 6* 2 84 S⸗ unter ihren Auſpicien war der Vertrag feſtgeſetzt worden. Conſtanze, in reiche Stoffe gekleidet, mit weißen Roſen zwiſchen den üppigen, glänzenden Locken ihres Rabenhaars, bewegte ſich anmuthig im Gefolge ihrer neugewonnenen Schweſter. Tauſend knoſpende Hoffnungen ſtrahlten in ihren Augen; tauſend ſchüch⸗ terne Gefühle wurden lebendig unter dem glänzenden Gürtel, der ihre ſchöne Geſtalt umſchloß. Niemals iſt ein junges Mädchen anziehender, als wenn ſie bei der Vermählung eines Weſens gegenwärtig iſt, deſſen Glück mit dem ihrigen in der engſten Ver⸗ bindung ſteht. Jeder Blick, jede Geberde, jeder Seufzer ſpricht beredt; und wie die Blüthe Frucht verſpricht, ſo verräth die Brautjungfer Das, was von ihr erwartet werden mag, wenn ſie einſt ihre wichti⸗ gere Rolle aufgenommen hat. Inzwiſchen bildete Albert, der etwas ſeitwärts von den Uebrigen ſtand, den Schatten zu dieſem glänzenden Gemälde. Ein Fluth peinlicher Gedan⸗ ken, bitterer Erinnerungen drängte ſich in ſeinem Geiſte, als er die prachtvolle Ceremonie mit anſah. Bleich und beinahe bewegungslos trübte ſich ſein Blick, als er die glücklichen Geſichter um ſich her beobachtete. Die abgemeſſenen Worte des Prieſters fielen kalt und düſter in ſein Ohr, ſelbſt der Geſang 85 des Chors ſchien traurig und klagend, wie wenn die heilige Harmonie nur das Trauerlied verlorener Liebe wäre. Endlich war der hochzeitliche Segen ausgeſpro⸗ chen und man zog ſich zu einem glänzenden Gelage zurück, nach welchem die Neuvermählten nach einem hübſchen Landhauſe abreisten und die heitere Geſell⸗ ſchaft, die zurückblieb, mit einem Ball erfreut wurde, auf welchem Conſtanze Aller Blicke auf ſich zog. Albert miſchte ſich nicht in die Vergnügungen; aber mit brüderlichem Stolze blickte er in die belebten Züge ſeiner Schweſter, als ſie leicht über den ge⸗ glätteten Boden dahin flog. Kein Talent rührt ſo unmittelbar die Sinne als das Tanzen. Es bedarf nur perſönlicher Schönheit und weckt bei allen Claſſen gleiche Bewunderung. Die Würdigung geiſtiger Vorzüge, intellectueller Fertigkeiten verlangt bei den Andern einen gewiſſen Grad von Bildung, denn der blinde Beifall der Unwiſſenheit iſt beinahe ein Schimpf. Aber das Tanzen rührt nur das Auge allein, und bedarf nur einer natürlichen Empfäng⸗ lichkeit in Andern, um allgemeiner Bewunderung ſicher zu ſeyn. Erfreut durch die unzweideutige Bewunderung, die man ſeiner Schweſter zollte, mußte Albert an⸗ erkennen, daß ſie verdient war. Ihr ganzes Weſen 2 86 G war eigenthümlich gewinnend und hatte für ihn tau⸗ ſend Neize. Conſtanze war eine Art vermittelnder Macht. Schon hatte ihre reizende Munterkeit manche Stuude ihm verſüßt, welche er ſonſt bittern Erinne⸗ rungen gewidmet hätte; ſchon fand er einen Troſt in dem reinen Austauſch brüderlicher Liebe; denn eine Schweſter iſt ein Freund, den der Himmel ſendet, um auf uns zu lächeln, wenn alles Andere düſtere Blicke zu haben ſcheint— uns zu tröſten, wenn die harte Welt uns der Verzweiflung übergeben will, uns zu rathen, wenn wir nicht mehr im Stande ſind, für uns ſelbſt zu denken und uns das ſchonungs⸗ loſe Benehmen Anderer in den lieblichen und zarten Banden der Verwandtſchaft vergeſſen zu machen. Albert fühlte dieſe Wahrheit in dieſem Augenblick ganz beſonders; denn das menſchliche Herz iſt nie⸗ mals ſo empfänglich für friſche und ſtarke Eindrücke der Freude, als wenn es unter einem friſchen Kum⸗ mer zuckt und blutet. Die Herzogin von Montpellier, eitel darauf, die Verbindung ihres Sohnes zur Befriedigung aller Theile in Stand gebracht zu haben, wandte jetzt ihren Scharfſinn darauf, eine eben ſo erwünſchte eheliche Verbindung für Conſtanze ins Werk zu ſetzen. Aber Graf Roſenthal, eben fo ſtolz auf die Lieblichkeit ſeiner Tochter und gewiß eben ſo ehrgeizig 87 SG⸗ in ſeinen Abſichten, drückte den Wunſch aus, ſie zu⸗ erſt an dem öſtreichiſchen Hofe einzuführen, wo, wie er überzeugt war, ihre ungewöhnlichen Reize und ihre ſo zu ſagen ausländiſche Schönheit großes Auf⸗ ſehen machen würden. Es wurde ſofort beſchloſſen, daß die ganze Familie mit Ausnahme der bejahrten Herzogin nach Wien reifen ſollte. Albert war leicht zu bewegen, Conſtanze zu be⸗ gleiten und dadurch ſeine Verſöhnung mit ſeinem Vater und ſeiner Stiefmutter zu vollenden, die ihn mit einer Freundlichkeit empfangen hatte, die aus der Ueberzeugung von ihrer Macht entſprang. Mit einem Gefühle, das nicht geſchildert wer⸗ den kann, hörte Albert in einem und demſelben Augenblick von Lindenbergs Tod und Ella's Ver⸗ mählung. Es gibt einen Grad des Gefühls, wo alle Empfindung aufzuhören ſcheint. Ein Uebermaß des Gefühls betäubt den Geiſt. Albert hatte jetzt nichts mehr zu verlieren, und dieſer letzte Streich des Schickſals fiel auf ſein Herz mit einer Kraft, die ihn fühllos machte für den Schlag. Eine Scene von beſonderem Intereſſe fand Statt, als er in der Folge Leopold begegnete, der darauf beſtand, perſönliche Genugthuung zu erhalten. Die Herausforderung wurde von Roſenthal, wie⸗ wohl widerſtrebend, angenommen, denn er bebte - 88 S⸗ zurück vor dem Gedanken, einen Mann zu verletzen, der der Fürſtin von Corſini ſo theuer war. Indeß ſtellte er ſich Lindenberg gegenüber und hielt ſeinen Schuß aus, ohne ſeine Piſtole abzudrücken, und nachdem er glücklicher Weiſe nicht verletzt worden war, folgte eine Aufklärung der betrübendſten Art, und Albert entdeckte mit Betäubung das verwickelte Gewebe der Falſchheit, deren Opfer er und Ella geweſen. Alle ſeine früheren Gefühle drängten ſich jetzt mit ganzer Stärke auf ihn, und ſeine Freundſchaft für Leopold kehrte mit verdoppelter Innigkeit zurück. Es war eine lange, vertrauliche Zuſammenkunft, während welcher Roſenthal den Kelch des Schmer⸗ zes und der Demüthigung trinken mußte. Wie ver⸗ wünſchte er ſeine Blindheit, ſeines Vaters grauſa⸗ men Ehrgeiz! Die zwei jungen Männer erneuerten ihre Freundſchaft. Ein zartes Band, das nichts trennen konnte, beſtand zwiſchen ihnen. Aus Zartgefühl ſprach Leopold mit ſeiner Schweſter niemals über dieſen Gegenſtand. Er glaubte ſie glücklich mit Corſini, und hütete ſich vor einer Anſpielung, die einen Schatten auf den glänzenden Pfad werfen konnte, der vor ihr lag. Ob dieſe Zurückhaltung klug war und wünſchenswerthe Folgen hervorbrachte, —2 89 S⸗ mag der Verlauf unſerer Erzählung zeigen; aber als er ſich von dem Balle entfernte, den der Geſandte gab, fürchtete Hauptmann von Lindenberg die Fol⸗ gen einer Zuſammenkunft, für welche die Fürſtin nicht im Mindeſten vorbereitet geweſen war. Sechstes Kapitel. plus rien?.... que ce soit un mystère! Cachons à tous notre douleur! Puisque pour nous sur cette terre Il n'est ni avenir, ni bonheur. Franzöſiſches Lied. Des Dichters Stimme, Sagt nichts von jenen düſtern, herben Tagen, Und langen Nächten, da die Seele einſam Verſchmachtend ſich ergießt in leere Wünſche, In heft'ge Schwuüre und endloſe Thränen Um ihn, der frühe ihr entriſſen ward, Den treuen Freund, der jetzt ſo fern! Ungenannter. Der Morgen dämmerte. Ella erhob ſich von ihrem ſchlafloſen Lager mit bleichen Wangen und fieberiſcher Stirne, und erſchien mit ihrer gewöhnlichen Thätig⸗ keit bei dem Frühſtück ihres Gatten; aber ſeit ſie ſich in der vergangenen Nacht getrennt hatten, hatte ſie eine Ewigkeit des Leidens durchlebt. Sie fühlte ſich um viele Jahre älter. Der Weg vor ihr ſchien abgekürzt; ſie glaubte das Ende jenes Lebens ſchon 91& zu ſehen, das ſie eben erſt begonnen hatte. Alle Freuden, Intereſſen und Vortheile ihrer Lage ſchwan⸗ den vor ihren Blicken. Ein ſchwarzer Abgrund des Elends gähnte unter ihren Füßen, und ein ſchonungs⸗ loſes Geſchick ſchien ſie an den Rand vorwärts zu ſtoßen, von welchem es unmöglich war, zurückzu⸗ weichen. Sie konnte ſich nicht länger ſelbſt betrü⸗ gen, ſie ſah ihr Herz in aller ſeiner Blöße, der letzten Täuſchung entkleidet, mit der die Tugend ihre Unvollkommenheiten zu verſchleiern ſucht. Das Selbſt⸗ vertrauen war verloren und die erſten ſanften Worte, die Corſini äußerte, drangen in ihre Seele. Als Ella die Bekanntſchaft entdeckte, die zwiſchen ihrem Gatten und der Familie Roſenthal beſtand, fühlte ſie ſich natürlich angetrieben, die Wiederholung der ſchmerzlichen Scene zu vermeiden, welche auf dem Balle Statt gehabt hatte. Sie wünſchte jede Geſellſchaft abzulehnen, in der ſie Albert möglicher Weiſe begegnen konnte. Aber dies war unthunlich und ſetzte ſie tauſend andern Umſtänden aus, die für ihre Gefühle eben ſo quälend und für ihre Würde nachtheiliger geweſen wären. Eine Weigerung, die Perſonen zu empfangen und zu beſuchen, bei denen ſie der Fürſt eingeführt hatte, wäre auffallend, un⸗ freundlich und launenhaft erſchienen. Zudem konnte Roſenthal ein ſolches Benehmen unrecht auslegen 2 92 S⸗ Mann konnte es als Schwäche, als Zärtlichkeit, als Rachſucht oder als Mangel an Entſchloſſenheit deu⸗ ten. Sie fürchtete ſich, durch einen Schritt eine Erklärung oder eine Auslegung hervorzurufen, füh⸗ lend, daß beides für ſie ſchmerzlich und unheilvoll ſeyn würde. In dieſer grauſamen Verwicklung in eine Reihe von Umſtänden, die ſie unfähig war im Mindeſten zu beherrſchen, wagte es Ella nicht, den Entſchluß zu faſſen, auf einmal das Verhältniß, das zwiſchen ihr und Albert beſtanden hatte, zu bekennen. Es fehlte ihr an Muth, dem forſchenden Blicke ihres Gatten zu begegnen, den Traum einer vertrauens⸗ vollen Neigung ſelbſt zu zerſtören, ihm zu ſagen, daß er getäuſcht worden, daß ſie einen Andern ge⸗ liebt hatte, daß ſie noch immer— aber nein! hätte ſie ſich vollkommen gleichgültig gegen ihren früheren Geliebten gefühlt; wäre ſie ſich bewußt geweſen, daß keine geheime Neigung in den innerſten Winkeln ihres Herzens lauere; hätte ſie Alles ruhig und leidenſchaftslos darin gefunden, dann wäre der Weg, den ſie einſchlagen mußte, hell und gerade vor ihr gelegen. Aber die geheime Anbetung, die verbor⸗ gene Glut, die noch immer unter der Aſche der Hoffnung glimmte, unterſagte eine Entdeckung, welche die Beobachtung des Fürſten auf die geheimen -ꝙ 93 S⸗⸗ Gedanken und ſchlecht verhehlten Gefühle richten konnte; welche das einfachſte Wort oder die einfachſte That von ihr zu einer Quelle der Unterſuchung machen konnte. Ella fürchtete den Verdacht;— warum war ſie nicht über ihn erhaben? „Dieſer Ball hat Ihrer Farbe ſehr geſchadet,“ bemerkte Corſini mit einem zärtlichen Blick auf die bleiche Wange ſeiner Gattin.„Langes Außbleiben taugt nicht für Sie. Ich hoffe, unſere Freunde werden ſich heute Nacht frühzeitig zurückziehen; oder ſollen wir das Vergnügen, ſie zu empfangen, ver⸗ ſchieben?“ „Nein,“ verſetzte ſie zitternd bei der Prüfung, welche ihr bevorſtand, und die ſie zu überſtehen wünſchte, ehe eine neue unglückliche Nacht ſie mit den Schrecken der Schlafloſigkeit beſtürmen möchte. „Nein, wir wollen weder unſere, noch unſerer Freunde Erwartungen täuſchen. Ich bin nicht un⸗ wohl; nur der Mangel an Ruhe hat mich ſo bleich gemacht.“ „Nein, Ella, Ihre Blicke beunruhigen mich bei⸗ nahe, und ich erwäge voll Aengſtlichkeit, ob wir uns nicht ſogleich in unſere Einſamkeit zurückziehen ſollen, denn es iſt mir deutlich, daß Wien für Ihre Geſundheit nicht tauglich iſt. Sie ſind ganz verändert, - 94 S⸗ ſeit wir unſere Zurückgezogenheit an den Ufern der Donau verließen.“ „Ich würde glücklich ſeyn, Sie überall hin zu begleiten.“ Bei dieſen Worten fühlte Ella, wagte ſich jedoch ſelbſt nicht zu geſtehen, daß Wien für ſie einen Reiz jetzt beſaß. „Mein Gegenwart bei Hofe wird gewünſcht,“ nahm der Fürſt das Wort,„und wenn nicht die reine Landluft für Sie nothwendig iſt, würde ich die Stadt nicht verlaſſen, bis die Saiſon vorüber iſt.“ Die Fürſtin ſtand unentſchloſſen; ſie wünſchte ſich zu den Füßen ihres Gatten zu werfen, ihn um Nachſicht, um Mitleid anzuflehen, ihn um Verzeihung zu bitten, ihn zu erſuchen, daß er ſie dem Uebel, der Ver⸗ ſuchung, ihr ſelbſt entreißen möchte. Gerade die Ruhe ſeines Weſens; ſein mildes Lächeln, der warme Druck ſeiner Lippen machten ihr neuen Schmerz. Sie fühlte ſich ſeiner Zärtlichkeit unwerth; ſie verſtummte vor ſeinem ruhigen, forſchenden Blicke. Gerade in ſeiner Freundlichkeit lag Anklage und Vorwurf. Die Worte ihrer Mutter kehrten mit voller Kraft zurück; ihre Ermahnung beim Abſchied, das feierliche Verſprechen klang in ihren Ohren. Wieder blickte ſie auf Cor⸗ ſini und hatte nicht die Kraft, das irdiſche Glück eines Mannes zu zerſtören, an welchen ſie durch — — —2 95 jedes Band der Dankbarkeit und Pflicht gefeſſelt war. Sie konnte das Gebäude des Glückes, das ſie ſelbſt gegründet hatte, nicht zerſtören; die Ent⸗ hüllung blieb auf ihrer Zunge, und Ella betete, daß ihr die Prüfung erſpart werden möchte, die ſie er⸗ wartete. Obgleich ein junges Mädchen wegen ſeiner Un⸗ erfahrenbeit ganz beſonders der Auſſicht einer Mutter bedarf, ſo iſt doch für ein neu vermähltes Weib mütterliche Leitung ein oft weit größeres Bedürfniß. In dem Labyrinthe des weiblichen Herzens gibt es tauſend Verwicklungen, die der Mann nicht faſſen, nicht begreifen kann. Eine Gattin kann zärtlich, kann innig geliebt werden; aber ſie kann nicht zu jeder Zeit verſtanden werden. Das Mitgefühl lebt nicht ſtets in den Geiſtern Derer, welche ſonſt treu er⸗ geben ſind. Die Gefühle einer Gattin werden oft beim Beginne des Eheſtandes verwundet und ver⸗ nichtet; und Ella, die ſo viel Grund hatte, auf die Liebe ihres Gatten zu vertrauen, fand gleichwohl, daß ſie des Raths und Umgangs ihrer Mutter ſehr bedürftig war. Durch das Gefühl einer ſittlichen Verpflichtung aufgeweckt, waffnete ſie ſich für den bevorſtehenden Kampf und empfing ihre Gäſte mit jener angebo⸗ renen Anmuth, die ſie niemals verließ. Leopold und — 96 G˙ Albert kamen zu gleicher Zeit, und ſie reichte dem Erſteren ihre Hand und bemühte ſich, den Letzteren mit Gleichmuth zu begrüßen. Es gelang ihr, und ermuthigt durch den erſten Erfolg ihres Entſchluſſes, vertheilte ſie ihre höflichen Aufmerkſamkeiten mit ſolcher Unterſcheidung, daß Niemand in der Gunſt ſeiner Wirthin ſich zurückgeſetzt glauben konnte, ob⸗ gleich die Unterſchiede der Geſellſchaft einem Jeden einen beſondern Rang anwieſen. Ein prächtiges Mahl wurde aufgetragen und ſeine Dauer, wenn ſie nicht Ella's Geduld erſchöpfte, hätte doch beinahe ihre phyſiſche Stärke überwältigt. Glücklicher Weiſe kam ſie nicht in Roſenthals Nähe oder in eine ſolche Stellung, daß ſie ſeinen Augen öfter begegnen mußte, als die Pflichten ihrer Stel⸗ lung als Wirthin erforderten. Die Unterhaltung war belebt. Albert ſprach gut und wandte ſich oft an Corſini; ſeine Stimme war leiſe, tief und durchdringend; ſeine Ausdrücke ange⸗ meſſen und gewählt. Er wünſchte offenbar, vortheil⸗ haft zu erſcheinen und ſtudirte den Eindruck, den er hervorbrachte. Aber in ſeinen funkelnden Bemer⸗ kungen und treffenden Gedanken war mehr Empfind⸗ lichkeit, als Gleichgültigkeit. Ella bildete ſich auch ein, daß der Ton, in welchem er ſprach, nicht ohne Zwang ſey. Zuweilen lag auch in ſeiner Stimme 97& — Etwas, das ihrem daran gewöhnten Ohre eine Be⸗ wegung verrieth, deren er nicht Meiſter werden zu können ſchien; und dann wanderte ihre Erinnerung zu⸗ rück zu jenen Tagen, in welchen ſie allein noch ihn be⸗ geiſterte, in denen ſeine Augen zärtlich nach dem Beifall der ihrigen ſuchten, in denen ihr Lächeln ihn ermuthigte und ihre Billigung ſeine Beredſam⸗ keit belohnte. Die Tafel wurde endlich aufgehoben und Ella fühlte ſich durch den Wechſel der Beſchäftigung etwas erleichtert. Sie konnte die rubige Forſchung, die ſich bei Tiſche geltend machte, nicht ertragen; jeder Blick ſchien auf ſie gerichtet; ihre einfachſten Geberden ſchienen ihr ein ſtummes Bekenntniß ihres innerlichen Kampfes und ſie ſehnte ſich nach der Freiheit des Saales, wo Bücher, Kupferſtiche, Muſik und all⸗ gemeines Geſpräch der Reihe nach die Blicke Aller auf ſich ziehen und ihre Aufmerkſamkeit beſchäftigen konnten. Der Fürſt, ſtets freundlich, ſtets beſorgt für die Unterhaltung und das Vergnügen ſeiner Gäſte zeigte einige von Ella's gelungenſten Zeichnungen. Die meiſten waren Anſichten von Donaulandſchaften, und eine Skizze aus der Umgebung von Ehrenfels, die niemals vollendet worden war, befand ſich dar⸗ unter; einige Parthieen derſelben waren nur mit Ella. III. 7 1 — 2ℳ H 98 E 0- kecken, entſchiedenen Zügen angedeutet, aber es war Alles deutlich. Obgleich noch nicht ausgeführt, war doch die ganze Landſchaft in der Phantaſie voll⸗ kommen durchgebildet und Albert ergriff ſie lebhaft. „Ehrenfels!“ rief er. „Der Stammſitz der Familie Lindenberg,“ ver⸗ ſetzte! Corſini mit einem gewiſſen ſtolzen Lächeln, als er den Geſchlechtsnamen ſeiner Gattin nannte.„Aber ich muß es Leopold überlaſſen, von ſeinem Schloſſe zu erzählen,“ ſagte er, indem er den Kupferſtich in die Hände ſeines Schwagers gab. Eine peinliche Pauſe folgte. Leopold ſchien ver⸗ llegen und Albert beugte ſich mit einem ſchmerzlichen Blick auf die Fürſtin ſogleich über die Skizze hin, die er aus den Händen ſeines Freundes empfangen hatte. Begierig folgte er den Hauptumriſſen, wie um jeden Ort zu erkennen, der darin gezeichnet war, und er drückte das Papier an ſeine Lippen, bei deſſen bloßer Berührung er Wohlgeruch einzuathmen ſchien. Ella ſprach nicht, ſie athmete kaum; ſie wagte es nicht, der Zeichnung ihre Aufmerkſamkeit zu ſchen⸗ ken, und zog mechaniſch eine andere Mappe hervor. Der Inhalt wurde auf dem Tiſche ausgebreitet und von den neugierigen Händen der bewundernden Gäſte ergriffen. „Ich werde dies,“ murmelte Roſenthal mit heiſerer Stimme,„als ein Monument oder als eine Trophäe der Vergangenheit zu mir nehmen.“ Die Worte waren mit ſo concentrirter Stimme geſprochen, daß ſie von Der, welcher ſie galten, deutlich gehört wurden. Sie erſchrack, wie wenn ſie auf eine Schlange getreten wäre, und nach dem Sprecher ſich umkehrend, entdeckte ſie, daß er ſeinen Platz verlaſſen hatte und unmittelbar hinter ihr ſtand. Sie konnte die unedle Geſinnung, aus welcher dieſe Worte floßen, nicht faſſen. Er, der ſchonungslos ihr jedes Andenken geraubt, der die Bande der Liebe zuerſt getrennt und dann verſpottet hatte, er er⸗ innerte ſie jetzt aus freien Stücken an dieſen Um⸗ ſtand. Die Bemerkung war entweder ein Hohn oder ein Tribut der Leidenſchaft, und als die Gattin Cor⸗ ſini's konnte ſie keines von beiden dulden. Doch machte ſie keinen Verſuch, Albert die Beſitznahme dieſes unbedeutenden Andenkens ſtreitig zu machen. Dies war ihr nicht möglich, und er verbarg die Zeichnung in ſeiner Bruſt, von keinem Auge außer Ella's geſehen. Es lag, als ſie ihn ſo betrachtete, etwas Engelgleiches in dem Ausdrucke ihres Geſichtes; es war weder Liebe, noch Stolz, noch Schmerz, was in ihren Mienen ſtrahlte: es war Tugend. Aber dieſer ſtumme Ausdruck blieb erfolglos, wenn nicht unbe⸗ achtet; die Skizze wurde nicht zurückgegeben. 52 100&£ Nachdem man dieſe ſchönen Erzeugniſſe des Pinſels betrachtet hatte, wandte man ſich zur Muſik; und hätte ſich dieſe Beſchäftigung auf Inſtrumente beſchränkt, ſo würde Ella darin ein Mittel gegen die ängſtlichen Einflüſterungen ihrer Einbildungskraft gefunden haben. Aber der Fürſt bat ſie zu ſingen und erhielt zuerſt eine abſchlägliche Antwort. Sie hatte alle Kraft aufgewendet, um ihre Rolle durch⸗ zuführen. Sie hatte geſprochen, ſie hatte ſich be⸗ wegt, ſie hatte gelächelt— gelächelt, als ob der Kummer ihr fremd wäre, als ob ſie nie geliebt, nie die Qual jugendlichen Schmerzes erfahren hätte. Sie hatte ihre Talente geübt, ihre Zeichnungen ge⸗ zeigt und Roſenthal gegenüber glücklich geſchienen, und hatte Jedermann, nur ſich ſelbſt nicht von ihrer vollkommenen Ruhe überzeugt. Aber ſingen konnte ſie nicht, und ſanft, ſehr ſanft lehnte ſie es ab. Der Fürſt indeß wollte keine Entſchuldigung annehmen und beharrte darauf. Ella hatte ihm noch nie lieb⸗ licher ausgeſehen; denn ihre Wange hatte ihre be⸗ zauberndſte Farbe angenommen. Ihre tiefblauen Augen hatten einen ungewöhnlichen Glanz, und die ſtrahlende Röthe ihrer Wangen erhöhte ſich bei An⸗ näherung der Nacht und ſpottete der Anklage der Mattigkeit oder des Unwohlſeyns und ließ ſomit auch keine Entſchuldigung aufkommen. 8* ₰ 101 Man brachte daher die Harſe; die Noten wur⸗ den aufgeſchlagen. Ella zögerte, ihr Gatte beſtand darauf und ſie gehorchte. Atbemloſe Aufmerkſamkeit begleitete das ſanfte Vorſpiel, durch welches ſie ſich ſelbſt und ihre Hörer für den Geſang vorbereitete. Wenige geſchickt, je⸗ doch wie es ſchien, ohne Mühe angeſchlagenen Saiten gaben einen ſilberhellen Ton; und Albert, von den bekannten Lauten gerührt, entfernte ſich aus dem Kreiſe, der um die anmuthige Spielerin verſam⸗ melt war, entſchlüpfte der Beobachtung der Geſell⸗ ſchaft in einen fernen Winkel des Gemaches, und verbarg ſein Geſicht mit ſeinen offenen Händen, während ſeine Ellbogen auf einem marmornen Piede⸗ ſtal rubten. Die Fürſtin ſchien ihm ein Räthſel, ein ſittliches Problem, das weder ſeine Liebe, noch ſein Scharfſinn löſen konnte. Ihre Lieblichkeit peinigte ſeine Seele und weckte ſeinen Zorn. Die ſanften Pflichten der Gaſtfreundſchaft, die ſie gegen ihre Freunde ſich zu üben bemüht hatte, verdroßen ibn. Umſonſt verſuchte er die verborgene Qual, die in ih⸗ rem Herzen nagte, zu entdecken, irgend ein äußeres, ſichtbares Zeichen innerer Bewegung zu bemerken, das ſeiner Leidenſchaft auf Koſten ſeiner Achtung geſchmeichelt hätte. Aber in dem ſonnigen Lächeln, das oft ihre Züge erbellte und dem fragenden Blick 4 102&⸗ Ebtſini's antwortete, konnte ſein forſchendes Auge nichts unterſcheiden, als— Ergebung. Seein Schickſal bitter verwünſchend, mußte Al⸗ bert nothwendig die Ueberlegenheit des Fürſten be⸗ merken: und die Eiferſucht erwachte. Er ſah, daß der Gatte einen großen Einfluß auf ſeine Gattin beſaß; daß er weder verachtet, noch gehaßt ſeyn konnte; ſeine Talente und ſeine perſönlichen Vorzüge waren von der Art, daß, wo ihr Werth geſchätzt wurde, ſie nothwendig eine geiſtige Gewalt begrün⸗ deten. So wurde Corſini in ſeinen Augen ein Neben⸗ buhler; ein mächtiger, rechtmäßiger Nebenbuhler nicht bloß in der Liebe, ſondern auch im Verſtande; und Roſenthal verabſcheute in der That Ella, als ſich ihm nach und nach die Möglichkeit aufdrang, daß ſie ihren Gatten liebe. Aus dieſer quälenden Gedankenfluth wurde er aufgeweckt durch die lieblichen, vollen Töne ihrer Stimme, deren er ſich noch ſo lebhaft erinnerte; ſie⸗ hatte an Stärke und Genauigkeit gewonnen, ſeit er ſie das letzte Mal gehört hatte. Er lauſchte mecha⸗ niſch, als ſie eine Romanze von Weber ſang. In der Melodie, wie in den Worten, lag ein rührendes Pathos, und der Ausdruck war vollkommen; früher war es eine ſeiner Lieblingsmelodien geweſen. Einen Augenblick glaubte er in ihren Tönen ein leichtes Zittern —+% 103 ⸗ zu bemerken, aber ſie triumphirte über die unwillige Schwäche, und durch die Ueberzeugung der Noth⸗ wendigkeit Vertrauen gewinnend, endigte„ſie die ſchöne Cavatine, die ihr Gatte gewählt hatte, mit all der Fertigkeit, in welcher ſie Meiſterin war, und rauſchender Beifall wurde ihr zu Theil. „Ich hörte Sie nie ſo herrlich ſingen,“ bemerkte Albekt, indem er ſeine Komplimente mit den Glück⸗ wünſchen vereinigte, die ihr entgegen tönten. „Die Fürſtin kann bis jetzt keine Gelegenheit gehabt haben, ihre Freunde zu erfreuen, wenn nicht“ — und Corſini's Stirne zog ſich während dieſer Worte zuſammen—„wenn Sie nicht ſchon früher mit ihr bekannt waren.“ 1 Ella wurde todesblaß, während Albert ſie feſt anblickte, gleichſam um ſich zu überzeugen, wie weit ſie ſich noch der Bande erinnerte, die einſt zwiſchen ihnen beſtanden. „Vor etwa zwei Jahren hatte ich oft die Ehre, der Baroneſſe von Lindenberg zu begegnen,“ ver⸗ ſetzte er mit großer Selbſtbeherrſchung. Ella athmete freier. Wenigſtens machte ſie ſich keiner Täuſchung ſchuldig. „Sie ſagten mir dieſen Umſtand nicht, als ich Ihnen geſtern Graf Roſenthal zuführte. Seine Be⸗ fanntſchaft mit Ihnen bätte ihm ein neues Recht -2 104&- auf meine Achtung erworben,“ ſprach Corſini mit. einem Lächeln, das nicht aus dem Herzen kam.„Ich ſolgere daraus, daß Graf Roſenthal Sie oft ſah“— „Mein Vater war ein Freund von Graf Roſen⸗ thal,“ unterbrach ihn Ella lebhaft, glücklich, von der Laſt der Verheimlichung befreit zu ſeyn. Der Gegen⸗ ſtand wurde alsdann verlaſſen und die Unterhaltung nahm bald darauf einen unzuſammenhängenden Cha⸗ rakter an. Man kam auf neue Gegenſtände, man brachte neue Unterhaltungen vor, die ohne Unter⸗ brechung dauerten, bis die Geſellſchaft ſich zerſtreute. Am folgenden Tage befand ſich die Fürſtin von Corſini zu unwohl, um das Zimmer zu verlaſſen. Ihre Unpäßlichkeit nahm ſchnell zu, und nach weni⸗ gen Stunden ſchien ihre Geneſung äußerſt zweifelhaft. Siebentes Kapitel. Der Mann kann von der Wiege bis zum Grabe, In Jugend wie im Alter, nie vergeſſen Den Gram, der Alles um ihn her verdüſtert. Auſtin’s Fauſt. Mon coeur peut battre encor de peine, mais de joie Jamais, oh! jamais plus! Madame Amélie Tastu. In großer geiſtiger Aufregung verließ Albert Roſenthal den Saal der Fürſtin von Corſini. Noch einmal überdachte er genau die Ereigniſſe des Abends und bemühte ſich, den ſcharfen Pfeil des Schmerzes herauszunehmen, der in ſeiner Bruſt wühlte. Bald liebte, bald haßte er. Er hatte nicht hinlänglich Entſchloſſenheit, die Erinnerung an Ella aus ſeiner Seele zu reißen; und konnte den armſeligen Troſt nicht aufgeben, den er in ihrem Anblick hatte. Er hatte weder Kraft, dem Uebel zu entfliehen, noch der Verſuchung zu widerſtehen. Ein unüberſteigliches Hinderniß war jetzt zwiſchen ihnen. Eine geheiligte Scheidewand widerſetzte ſich ſeinen unreinen Wünſchen. 106 S⸗ Ella war durch jedes Band des Grundſatzes und Gefüͤhls an einen Andern gefeſſelt. Er hatte keine Hoffnung und doch war die Ruhe der Verzweiflung ihm verſagt, denn ein unbeſtimmter Glaube an die zärtlichen Verſicherungen früherer Tage erfüllte ihn mit einem gemiſchten Gefühle, das er weder be⸗ herrſchen, noch ſich deutlich machen konnte. Zu⸗ weilen ſtrömte die Springfluth der Liebe in ſein Herz zurück und von Zärtlichkeit überfließend, weinte er bittere Thränen beim Gedanken an das Weib, das er verloren. Dann gedachte er ihres ruhigen Benehmens, ihres milden Lächelns; der Tauben⸗ augen, die an ſeinem glühenden Blicke ſich nicht mehr entzünden wollten; der Lippen, welche abge⸗ meſſene Phraſen der Höflichkeit äußerten und keine zitternde Bewegung verriethen, und weder den Täu⸗ ſchungen ſeiner Eitelkeit ſchmeichelten, noch eine Leidenſchaft ermuthigten, die nicht mehr erwiedert werden durfte. Abwechslungsweiſe zweifelte, fürch⸗ tete, hoffte, glaubte, verzweifelte er. Ueberall Auf⸗ regung und Ungewißheit. Es lebt ein Geiſt des Widerſpruchs, eine an⸗ geborene Selbſtſucht in der menſchlichen Bruſt(ob⸗ wohl ſie oft aus unſern beſten Gefühlen fließt); ein eigennütziger Drang, der in dem Unglück Anderer ſeine Nahrung zu finden, in der Qual, die er — 107&£ hervorbringt, zu ſchwelgen ſcheint, und ſeine eigene Macht nach der Tiefe der Wunde, welche er ſchlug, abmißt. Dieſe Selbſtſucht machte Roſenthal eifer⸗ ſüchtig, nicht auf Ella's Liebe, ſondern auf ihren Gleichmuth. Er wünſchte wenigſtens ein äußeres Zeichen des Leidens an ihr zu bemerken. Er haßte die Ergebung, die er nicht nachahmen konnte. Er ſehnte ſich, den Kampf ſtreitender Gefühle zu ſehen, in ihrer Schwäche einen Triumph zu feiern; ſein Unglück mit der Fülle des ihrigen zu nähren, ihren Geiſt auf den Standpunkt des ſeinigen herabzuſtim⸗ men, und das Herz zu peinigen, das er nicht be⸗ ſitzen konnte. Der Anblick ihrer Qual, glaubte er, würde die ſeinigen erleichtern und er würde weniger dulden, wenn ſie ſein Unglück theilte. Es war Wahn⸗ ſinn, Verzweiflung; aber ſo iſt der Menſch. Er ſchlief nicht. Mit ſchnellen Schritten ging er die Nacht hindurch auf und ab. Tauſend wilde Entwürfe und noch wildere Hoffnungen flimmerten in ſeiner Phantaſie; die ſanften Töne ihrer Stimme kehrten in ſeine Erinnerung zurück; die Melodie, die ſie geſungen hatte, tönte in ſeinen Ohren mit klagenden Lauten. Die Worte, welche dieſe Melodie begleiteten, waren oft von ihnen beiden wiederholt wor⸗ den. Jede Wendung war ihm bekannt, jede Stropbe athmete Zärtlichkeit und Treue. Es war nicht möglich, 17 ₰ 108 ᷣ. ‧ daß ſie die geheimnißvolle Macht der Töne ver⸗ geſſen haben ſollte, über die ſie ſo oft geſprochen, welche ſie ſo oft erfahren hatten. Von der Heftigkeit ſeiner Gefühle endlich er⸗ ſchöpft, warf ſich Albert auf ſein Lager und wälzte ſich in ohnmächtiger Verzweiflung in ſeinen Kiſſen. Nur das Heulen des Windes unterbrach die Stille, die über der Erde herrſchte, aber es ſchien ihm, als höre er die Stimme Ella's durch die fernen Wind⸗ ſtöße hindurch. Er erhob ſich und blickte aufgeregt umher. Die Strahlen des aufgehenden Mondes fielen in ſchwachen Streifen auf den Boden und beleuchteten phantaſtiſch die Wand und das Karnies, während das übrige Gemach im Schatten blieb. Er glaubte, im bleichen Mondlicht die Geſtalt und die Züge Ella's zu ſchauen. Es war die Wirkung ſeiner Phantaſie, aber ein Heer namenloſer, unbeſtimmter Dinge ſchien auf ihn einzudringen. Ella's Antlitz glaubte er deutlich zu ſehen. Es näherte ſich, wich dann vor ſeiner ausgeſtreckten Hand zurück und Alles verſchwand wieder in Dunkelheit. Eine Wolke be⸗ deckte die breite Scheibe des Mondes und die ſil⸗— bernen Strahlen verſchwanden. Wieder kämpften ſie ſich zitternd durch die wolkigen Dünſte hindurch und fielen theilweiſe auf die Vorhänge. In jeder ſchattigen Falte glaubte er Ella's Bild zu ſehen, 2 109 S⸗ das allmählig Geſtaltung gewann. Es kam näher, es beugte ſich vor und drängte ſich an ihn; die kalten, leidenſchaftsloſen Augen ſtrahlten auf ihn herab, als ob ſie die innerſten Gedanken ſeines Geiſtes erforſchen wollten. Das Geſicht ſchien das ſeinige zu berühren und er ſchreckte unwillkürlich vor der Berührung zurück. Dicke Schweißtropfen ſtanden auf ſeiner Stirne, jedes Haar ſchien ihm ein ei⸗ genes Daſeyn zu gewinnen. Sein Blut ſtand bei⸗ nahe ſtille; der träge Strom ſchlich langſam durch ſeine Adern; umſonſt ſchloß er ſeine Augen, um die furchtbaren Phantome zu verſcheuchen. Die Geſtalt ſtellte ſich vor ihn hin, aber ihr mildes Ausſehen war verſchwunden; die gedehnten, ſcharfen Umriſſe verloren allmählig ihren weiblichen Charakter, die Lippen lächelten nicht mehr, die Augen blitzten er⸗ zürnt, und Corſini's rächende Geſtalt beugte ſich über ihn. Ein Blutſtrom tröpfelte aus einer friſchen Wunde und fiel tropfenweiſe auf ihn herab. Er kämpfte dagegen, er fuhr auf, der Traum verſchwand, es war Tag. Mit tiefer Reue hörte er die Nachricht von Ella's Unwohlſeyn; bald folgte die Kunde von ihrer Gefahr, und er verfluchte eine Liebe, welche dem Gegenſtand ihrer Anbetung eine Aufopferung der Gefühle zu entringen geſucht hatte. Eine Stunde 8 110&Æ˙r nach der andern ſchlich er um Corſini's Wohnung wie ein Diener oder ein Spion, um Nachrichten über die Fürſtin zu erhalten. Des Morgens frühe und des Abends ſpät ſtahl er ſich in die Nähe ihres Thores, horchte auf jeden Laut, der ihm voll Be⸗ deutung zu ſeyn ſchien. Er beobachtete die zitternde Lampe, deren ſchwache Strahlen durch die geſchloſ⸗ ſenen Vorhänge kaum bemerkt werden konnten. Er wußte, daß dies ihr Zimmer war und er blieb oft dem Fenſter gegenüber, bis das blaſſe Licht in der rrothen Glut des Sonnenaufgangs erloſch. Er be⸗ neidete ihren Gatten um das traurige Vorrecht, die Pflichten des Krankenzimmers zu theilen; er be⸗ neidete ihn um den Vorzug geſetzlicher Liebe, und hätte gerne die Süßigkeiten einer gegenſeitigen Nei⸗ gung hingegeben, um ſich den traurigen Troſt zu erkaufen, ihre Augen zu ſchließen. Inzwiſchen ſaß Corſini an dem Bette, auf wel⸗ chem Ella lag. Unruhig wogte der Athem des Lebens auf ihren brennenden Lippen, welche den zärtlichen, liebevollen Rufen, die er an ſie richtete, keine Autwort geben konnten. Das Daſeyn ſchien an einem Haare zu hängen. Umſonſt drückte er ihre glühenden Hände in den ſeinigen und fragte ihre Augen, die von dem verzehrenden Feuer der Krankheit glühten; kein Blick oder Wort begrüßte ihn zur Erwiederung. Es iſt 111 7 traurig, das Leiden Derer ſehen zu müſſen, die wir lieben; es iſt traurig, ein Weſen, das einſt in der ganzen Fröhlichkeit der Jugend ſich vor uns bewegte, vor uns hinſchwinden und vergehen zu ſehen, ohne die Macht, ihm einen Schmerz zu nehmen, ohne die ſchonungsloſe Annäherung des Todes um eine Sekunde aufzuhalten. Es iſt traurig, die Täuſchung der menſchlichen Wiſſenſchaft, die Schwäche der menſchlichen Anſtrengung, die Eitelkeit menſchlicher Hoffnungen und die Unwirkſamkeit ſelbſt des Gebetes zu erfahren. Es iſt traurig, Alles zu verlieren, das kalte, ſchwarze Grab ſich ſchließen zu ſehen über dem unermeßlichen Schatz irdiſcher Liebe, an dem unſer Herz hing. Aber ſelbſt dies iſt erträglicher, als zu ſehen, wie eine Seele zu Grabe getragen wird, während die werthloſe Hülle den Tod des herrlichen Geiſtes überlebt, von dem ſie belebt war, wenn die Geſtalt, auf die wir einſt ſtolz blickten, zurückbleibt als ein Denkmal himmliſchen Zornes, ein lebendiger Mechanismus, ein wandelndes Grab⸗ mal, ein entweihtes Heiligthum, aus dem die Gott⸗ heit geſchieden, das Licht der Vernunft in der un⸗ geſtümmen Glut des Wahnſinns erloſchen iſt. Wir weinen um die Todten, aber dieſe Thränen ſind heilſam gleich Balſamtropfen. Niemand vergleiche ſie mit dem verzehrenden Gram, den man um die 112 ⸗ Lebendigen fühlt, die uns mit ihrer Gegenwart in dieſer Welt nur höhnen und uns ſcheinbar auf jener fernen Wanderſchaft begleiten, auf der wir Alle dahin eilen: aber die Bundeslade iſt aus der Stifts⸗ hütte weggenommen; die Kraft, welche allein das Leben annehmbar macht und den Menſchen über das Thier erhebt, iſt geflohen; die koſtbare Gabe iſt in die Quelle zurückgenommen worden, aus der ſie floß. Der menſchliche Geiſt, der aus der Gottheit ſtammt, an der Ewigkeit Theil nimmt, das unterſcheidende Kennzeichen, das heilige Siegel, das uns von der übrigen Schöpfung ausſcheidet, der menſchliche Geiſt: was ſind wir, wenn dieſe herrſchende Macht ver⸗ loren iſt? Körper ohne Seelen! Es ſind fürwahr einſame Nachtwachen, wenn das Glück zärtlicher Liebe aufhört, die trägen Stun⸗ den zu betrügen, wenn keine erwiedernde Stimme an das ängſtliche und geſpannte Ohr des Wa⸗ chenden ſchlägt, wenn kein zärtlicher Blick aus⸗ drückt, was die Zunge nicht ausſprechen kann; wenn das Band der Geſelligkeit zerbrochen iſt; wenn der Gegenſtand unſerer Sorge eben ſo unempfindlich iſt für unſere Liebe, als für ſein eigenes Elend! Das ſind ſchreckliche Augenblicke, in denen wir den Leidenden ſchauen, der noch immer unter die Le⸗ benden gezählt wird, und doch wiſſen, daß die — 113 Seele, geheimnißvoll umhüllt, nicht mehr offen vor uns liegt, und der verdunkelte Geiſt vielleicht mit andern Elementen Gemeinſchaft hält. Ermüdet blickte Corſini auf ſeine liebliche Gattin, mit einem Gefühle des Schmerzes, das nur die verſtehen können, die ſchon an dem Lager des Todes⸗ kampfes ſtanden. Er wiſchte den kalten Schweiß ab, der auf ihrer Stirne ſich ſammelte; er ordnete die langen, feuchten Locken ihres Haares; er lüftete ihr Kiſſen; er brachte den ſtillenden Trank an ihre Lip⸗ pen, verſorgte ihr Zimmer mit neuen Wohlgerüchen und ſtreute Blumen auf ihr Bette; er beobachtete das Zittern ihrer geſchloſſenen Augenlieder und lauſchte den tiefen Seufzern, die allein noch ihr Leben be⸗ zeugten. Eine tiefe Betäubung ſchien über ſie zu kommen; alle Farbe verſchwand; ihr Athemholen wurde weniger hörbar und ihr Puls unmerklich: es war die Kriſis. Ein kleiner Spiegel, der dicht an den Mund gehalten wurde, aus dem ſo viel Wohl⸗ laut gekommen war, war die einzige Anzeige, durch welche man von ihrem Leben überzeugt wurde. Eine Stunde nach der andern rollte feierlich dahin; aber allmählig machte ſich eine Veränderung geltend. Endlich bewegte ſich die Kranke, drückte leicht die Hand, die in der ihrigen lag: es war das Dämmern Ella. III. 8 114 Se des wiederkehrenden Geiſtes. Ella ſprach, ſie war gerettet. Während der ſchrecklichen Paroxismen, in denen ſie gelegen war, blieb das Geheimniß ihres Herzens unverletzt; kein Wort war ihr entſchlüpft. Der Ent⸗ ſchluß, den ſie in geſundem Zuſtand gefaßt hatte, blieb unerſchüttert durch ihre Krankheit; während der edle Geiſt, der ihr die Schicklichkeit deſſelben dargethan hatte, auf das Krankenbett hingeſtreckt lag und die höheren Eigenſchaften der Vernunft ver⸗ dunkelt und verkehrt waren. Auf eine lange und peinliche Krankheit folgte eine langſame Geneſung, während welcher Corſini in ſeiner Aufmerkſamkeit nicht nachließ, und dadurch auf das Herz Ella's einen Eindruck hervorbringen mußte, die allmählig ihre gewohnten Beſchäftigungen und die Pflichten ihrer hohen Stellung wieder auf⸗ nahm und aufs Neue Heiterkeit und Freude in dem geſelligen Kreiſe verbreitete. Nicht ohne herben Schmerz bemerkte ſie auf ihrem Toilettetiſch eine Beſuchkarte mit dem Namen Albert Roſenthals. Er war gekommen, um nach ihrer Geſundheit zu fragen, und ſeine Karte lag mitten unter denen von hundert andern Leuten, die den Vorſchriften der Höflichkeit oder Achtung ge⸗ horcht hatten. 115 Vermöge einer ſonderbaren Verkehrtheit des weiblichen Herzens, die indeß nicht unerklärlich iſt, fühlte ſich Ella dadurch erfreut. Dieſe Aufmerkſamkeit zeugte von Achtung und ging aus einem Intereſſe für ihr Wohl hervor. Aber ihre Gedanken kehrten unwill⸗ kürlich zu jener fernen Zeit zurück, da die Förmlich⸗ keiten der Etikette nicht zwiſchen ihnen beſtanden, und ſie erinnerte ſich mit Schmerz daran, daß Al⸗ bert fortan ihr fremd bleiben, ja noch mehr, daß er ſich in dem großen Haufen ihrer Bekannten ver⸗ lieren müſſe, mit denen ſie aus bloßer Höflichkeit von Zeit zu Zeit zuſammenzukommen und ſich zu unterhalten genöthigt war; denn jedes andere Ge⸗ fühl für ihn mußte in den Hintergrund zurücktreten oder verwiſcht werden. Wäre Roſenthal todt, abweſend oder verhei⸗ rathet geweſen, ſo hätte ſich Ella verhältnißmäßig leicht gefühlt. Aber die ſtete Erinnerung an ſeinen Namen, die tägliche Berührung in der Geſellſchaft, die unaufhörliche Wachſamkeit, die ſie auf ihre Ge⸗ danken und Handlungen haben mußte, alles dies war noch quälender, als die wirklichen Prüfungen, die ſie erlitten hatte. Die tägliche, immer aufs Neue beginnende, niemals endende Marter mußte die ſtärkſten Grundſätze des Widerſtandes unterhöhlen, und Ella, im vollen Bewußtſeyn der Schwäche aller 2 116 menſchlichen Vorſätze, ſuchte Hülfe da, woher ſie allein kommen kann. Die Freundſchaft zwiſchen Roſenthal und Leo⸗ pold, die ſich jetzt erneuert hatte, führte natürlich zu einer Bekanntſchaft mit Konſtanze. Ganz gefeſſelt von dem lieblichen franzöſiſchen Mädchen, konnte Lindenberg die ſchwierige und peinliche Lage ſeiner ſeiner Schweſter nicht gehörig faſſen. Aengſtlich darauf bedacht, ſeiner eigenen Leidenſchaft zu ſchmei⸗ cheln, hatte er die Gelegenheit, ſie mit dem Gegen⸗ ſtand ſeiner Bewunderung bekannt zu machen, leb⸗ haft ergriffen, und er handelte hier ohne Rückſicht auf die Vergangenheit und ohne Erwägnng der Zu⸗ kunft. Zum Unglück für Ella konnte ſie ſich bei der freundſchaftlichen Stellung ihres Gatten zur Familie Roſenthal von einer Berührung mit ihr nicht ent⸗ fernt halten und ſie war genöthigt, ſie ſo zu be⸗ ſuchen, als ob noch niemals eine Verbindung zwi⸗ ſchen Beiden ſtattgefunden hätte. Aber jede Auf⸗ opferung von Gefühlen ſchien ſie einer Entdeckung vorzuziehen, welche den Saamen des Mißtrauens zwiſchen ihr und Corſini ſäen konnte. Wenn die Liebe gegenſeitig iſt, ſo verbannt ſie die Zurückhaltung, welche dagegen wahrhaft beun⸗ ruhigend wird, wenn das Gefühl eines Mangels an Aufrichtigkeit vorhanden iſt. Ella wußte, daß ſie 117 die Liebe Corſini's nie ſo erwiedern konnte, wie er es verdiente; und zur Entſchädigung bot ſie ihm ihre Pflicht, ihren unbedingten Gehorſam und ver⸗ ſuchte durch ein ſanftes, ſchmeichelndes Benehmen ihrem Gatten die Abweſenheit eines innigeren Ge⸗ fühles zu vermetden, aber das Bewußtſeyn, ohne Liebe vermählt zu ſeyn, das Gefühl der Unwürdig— keit, das ſtumme Zeugniß ihrer eigenen Bruſt: dieß machte Ella empfindlicher für das Mißfallen ihres Gatten, je beſchränkter die Mittel waren, ihre fürch⸗ terlichen Folgen abzuwenden. Durch die Selbſtbeherrſchung der Fürſtin irre⸗ geleitet, lebte Leopold in der vollkommenen Ueber⸗ zeugung, daß jede Spur ihrer Liebe zu Roſenthal gänzlich verwiſcht wäre. Er überredete ſich hievon um ſo leichter, je mehr ſeine Liebe zu Konſtanze zunahm. Seine Aufmerkſamkeit war von ſeinen ei⸗ genen Gefühlen ſo in Anſpruch genommen, daß er in Beziehung auf Andere weniger hell ſah; und wenn es noch weiterer Beweiſe für ihn bedurft hätte, ſo mußte Ella's ruhige Haltung jeden Zweiſel dar⸗ über vernichten.. Die Gräfin Roſenthal, die ſich der Heirath ihres Stiefſohns ſo kräftig widerſetzt hatte, konnte natürlich die Bewerbungen Lindenbergs nicht begün⸗ ſtigen, obgleich ſie ſich ſeinen gelegentlichen Beſuchen 118 keineswegs widerſetzte. Im Bewußtſeyn der Feind⸗ ſchaft, die ſie ſtets gegen ſeine Familie gezeigt hatte, beobachtete Leopold beſondere Vorſicht, daß ſeine Bewunderung nicht die Gränzen der Klugheit über⸗ ſchreiten und ſich allzufrühe verrathen möchte. Er ſuchte daher die Beobachtung zu täuſchen und zwi⸗ ſchen ſeiner Schweſter und Konſtanze eine Freund⸗ ſchaft zu ſtiften als Vorſpiel und Einleitung dazu, von ihren Gefühlen überzeugt zu werden. „Ich wußte nicht,“ nahm er das Wort, als er während ihrer langſamen Geneſung neben ſeiner Schweſter ſaß,„ich wußte nicht, daß Albert und Corſini auf ſo freundſchaftlichem Fuße ſtehen.“ „Auch ich nicht,“ ſagte Ella, indem ſie ſich be— mühte, ohne Zögern zu antworten. „Ich freue mich dieſes Umſtandes, der Dir eine ſo fruchtbare Gelegenheit verſchafft, die Be⸗ kanntſchaft mit Fräulein von Roſenthal zu pflegen.“ „Wenn es Dir Vergnügen macht, theurer Leo⸗ pold, ſo will ich mich von ihrer Geſellſchaft nicht zurückziehen, indeß“— „Ihre Freundſchaft wird Dich für die Mühe, die es Dich koſten mag, reichlich entſchädigen.“ „Wenn nur Du zufrieden biſt, verlange ich keinen weiteren Lohn,“ bemerkte die Fürſtin milde. „Du biſt glücklich, theure Schweſter,“ verſetzte 2 119 S⸗ Leopold, indem er ihre Hand theilnehmend faßte. „Die Freundlichkeit Deines Gemahls entſchädigt reichlich für alle früheren Täuſchungen. Ich wußte, daß es ſo werden würde.“ Ella ſeufzte unwillkürlich und bemühte ſich, eine hervorbrechende Thräne zu verbergen.„Ja,“ ant⸗ wortete ſie,„er iſt freundlich, weit freundlicher, als ich verdiene.“ „Nein, Du verdienſt ſeine Liebe, die Liebe jedes Mannes; aber ich bin erfreut, ſehr erfreut, daß Du glücklich biſt.“ „Dank Dir, theurer Bruder, für Deine freund⸗ lichen Wünſche.“ „Ich war nicht immer ſo ſanguiniſch,“ unter— brach ſie Lindenberg.„Zuerſt fürchtete ich, Reue, Mangel au Zutrauen und Zwietracht möchte ſich einſchleichen und Euer Glück ſtören. Es gab eine Zeit, da ich zitterte.“ „Du haſt Dich ſehr getäuſcht, wenn Du je⸗ mals an meinem Benehmen zweifelteſt,“ ſagte Ella mit Würde. „Dein Benehmen? Niemals; aber ich geſtehe, daß Dein Glück mir etwas zweifelhaft war. Haſt Du die Ueberredung, die Gründe vergeſſen, zu denen ich greifen mußte? Auch unſere theure Mutter, hätte ſie nicht ihren Einfluß mit dem meinigen 120 verbunden, Du wäreſt bis dieſen Augenblick unver⸗ mählt geblieben.“*„ „Sehr wahrſcheinlich.“ „Aber jetzt bin ich befriedigt, überzeugt“— „Von was?“ unterbrach ihn die Fürſtin, be⸗ unruhigt durch die Wendung, welche das Geſpräch genommen hatte, und nicht Willens, ihren Bruder den Eindruck merken zu laſſen, den ſeine Worte auf ſie hervorbrachten. „Davon, daß Du nicht anders kannſt, als Deinen Gatten lieben. Aber um auf unſer erſtes Thema zurückzukommen: Du wirſt die Freundſchaft Konſtanzens pflegen; und da Corſini mit ihrer Fa⸗ milie bereits bekannt iſt, ſo wäre es wünſchens⸗ werth, wenn Du kein Widerſtreben zeigteſt; es könnte als Groll oder als Eingeſtändniß einer vereitelten Hoffnung gedeutet werden.“ „Ich will keine Erinnerung an die Vergangen⸗ heit verrathen,“ verſetzte Ella feſt. „Dadurch wirſt Du die Würde unſeres Hauſes wahren und Deinen hänslichen Frieden ſichern; denn es kann von keinem Nutzen ſeyn, Deine früheren Verhältniſſe zu erzählen. Ohne eiferſüchtig zu ſeyn, könnte Dein Gatte ſich unbehaglich fühlen. Zudem iſt er ein Italiener, und wenn wir Perſonen nach Nationaleigenthümlichkeiten beurtheilen dürfen, ſo 121 S⸗- würde es gefährlich ſeyn, den Argwohn in ſeiner Bruſt zu erregen.“ „Argwohn, Leopold? Dieſes Wort paßt nur für den Schuldigen.“ „Sey nicht böſe; ich wünſche nur nicht, daß Du Dich an der Familie Roſenthal rächen oder dieſe Umſtände Deinem Gatten erzählen möchteſt. Zudem Albert hat nicht ſo ſehr gefehlt, und Konſtanze iſt die Unſchuld ſelbſt. Wir können nur den Stolz des Gatten tadeln und die Schwäche, mit welcher er ſich von ſeinem Weibe leiten ließ. Iſt Konſtanze nicht ein liebliches Geſchöpf?“ „Sehr lieblich.“ „Gefällt ſie Dir nicht außerordentlich?“ „So bald? Du vergiſſeſt, daß ich ſie erſt ein— mal geſehen habe.“ „Aber Du wirſt, Du mußt ihre Eigenſchaften in kurzer Zeit ſchätzen; ſie iſt äußerſt angenehm in Geſellſchaft. Ich bin überzeugt, Du wirſt ihre Freundſchaft zu gewinnen ſuchen.“ „Halte es nicht für ſeltſam oder verkehrt, wenn meine Beſuche nicht ſo zahlreich ſeyn ſoltten. Meine Geſundheit iſt ſo zart, daß ich einige Zeit lang nicht im Stande ſeyn werde, die Geſellſchaft zu beſuchen und Du kennſt meine Liebe zur Zurückgezogenheit.“ „Ja, aber ich kenne auch Deine Liebe zu Deinem 122&☛ Bruder, und Du wirſt mir zu Gefallen ein kleines Opfer bringen.“ „Sey vorſichtig mit Deiner Bewunderung für Fräulein Roſenthal,“ verſetzte Ella.„Wir haben genug gelitten durch den Stolz und Hohn dieſer Familie.“ Leopold blickte ernſthaft.„Ich dachte, Du wä— reſt für mein Glück beſorgt,“ ſagte er. „Gerade meine Sorge für Dich fordert mich auf, Dich auf die Gefahr aufmerkſam zu machen, von der Du bedroht biſt.“ „Nein, Ella, in dieſer kalten, berechnenden Klugheit kann ich Dich nicht erkennen. Der Ehe⸗ ſtand hat Deine Natur ganz verändert,“ verſetzte Lindenberg vorwurfsvoll. „Ich habe mich nicht verändert, theurer Leo⸗ pold,“ ſagte die Prinzeſſin bekümmert.„Ich wünſchte, ich hätte mich; aber ich will mich bemühen, Deine Wünſche zu erfüllen.“ Die Unterhaltung wurde jetzt weniger lebhaft, und endigte hald darauf. Achtes Kapitel. Iſt es möglich, Daß Liebe kann feſt ſich ſetzen ſo ſchnell 2 Shakespeare. Nur ein Augenblick wars, doch in dieſer Zeit Erlebte ihr Herz eine Ewigkeit; Wie die Sonn' ihres Land's hatt' ihr Auge geglüht, D'ran jeglich Gefühl gleich zur Blume erblüht. Moore. In dem Charakter eines Liebenden liegt etwas eigenthümlich Selbſtſüchtiges; als ob die eine Alles verſchlingende Leidenſchaft während ihrer Herrſchaft alle andern ausſchlöße, indem ſie die Sympathien und Gefühle auf einen Gegenſtand concentrirt, die ſonſt für den weiten Kreis unſerer geſelligen Ver⸗ pflichtungen beſtimmt wären. Der Liebende in der ungeſtümmen Glut ſeiner Bewerbung vergißt ebenſo die gebieteriſchen Pflichten des Lebens, wie die ſüßen 1 Bande häuslicher Verhältniſſe. Von einem neuen Triebe beherrſcht, können ſeine Handlungen nicht mehr mit dem alten Maßſtabe gemeſſen werden. 124 Wenn er nur unter dem Geſichtspunkte eines Be⸗ werbers betrachtet wird, wirft der ritterliche Glanz des Charakters ein romantiſches Intereſſe auf ihn; aber wenn man ihn in jeder andern Stellung be⸗ trachtet, kann er die Vergleichung nicht aushalten. Thätiges Wohlwollen, feſter Muth, unermüdliche Ergebenheit und edle Selbſtverläugnung, wie ſie dem Bürger weſentlich ſind, vertragen ſich nicht mit der eigennützigen Begierde jenes ſanfteren Gefühls, deſſen Sklave oder Opfer der Liebende iſt. Von dieſer Wahrheit gab Leopold von Linden⸗ berg ein deutliches Beiſpiel. Mit einer Unbeküm⸗ mertheit um die Folgen, einer Gleichgültigkeit gegen die Gefühle Anderer, welche nur durch die ausneh⸗ mende Schönheit und die unzähligen Reize Kon⸗ ſtanze's von Roſenthal entſchuldigt werden konnten, opferte er jede Rückſicht auf Stolz, Parteigeiſt, ſelbſt auf Rache der Förderung ſeiner Wünſche. Ella wurde zugleich ſeine Vertraute und ſeine Märtyrerin. Mit tauſend Betheurungen brüderlicher Zärtlichkeit legte er ihr täglich gleichwohl Qualen und Demüthi⸗ gungen auf. Entweder mit ſeinen eigenen Gefühlen zu ſehr beſchäftigt, oder zu ſtumpfſinnig, um den verborgenen Lauf der ihrigen zu entdecken, ſchmei⸗ chelte ſich Leopold mit der Täuſchung, daß ſie ihrem früberen Geliebten ohne Widerſtrebung und ohne innere Bewegung begegne. Er ahnete nicht den Seelenkampf, den er nicht ſah; er bedachte nicht die heimlichen Thränen, die er nicht ſchaute; und aus der Selbſtbeherrſchung, die ſie ſtets zeigte, folgernd, ſpielte er rückſichtslos mit ihrem Frieden, indem er eine Freundſchaft mit Konſtanze zu Stande zu bringen ſich bemühte. In der Hoffnung, durch eine ſolche Freundſchaft ſeine eigenen Zwecke zu fördern, überſah er die unheilvollen Folgen, die eine ſolche Bekannt⸗ ſchaft haben konnte. Durch ſein ungeſtümmes Drängen verletzt, aber ihm zu zärtlich zugethan, um nicht den ernſten Bitten ihres Bruders zu folgen, bezwang Ella ihre Ge⸗ fühle ſo weit, um die erwünſchte Vertraulichkeit zu⸗ zulaſſen; und ſie ſuchte durch perſönliche Beobachtung zu entdecken, ob Konſtanze, ſo lieblich ſie war, wohl im Stande wäre, das Glück ihres künftigen Gatten zu begründen. Sie brachte die Morgenſtunden in ihrer Geſellſchaft zu; Spaziergänge und Ritte wur⸗ den verabredet; Abende wurden mit angenehmen Be⸗ ſuchen und unter beitern Erholungen verlebt. Es war auch der Fürſtin nicht möglich, den Tribut des Lobes ihr vorzuenthalten, den die Lebhaftigkeiten der Reize ihrer neuen Freundin gebieteriſch erheiſchte. Andererſeits, durch die männlichen Schönheiten und kriegeriſchen Eigenſchaften Lindenbergs angezogen, 126 ließ ſich nicht erwarten, daß Konſtanze ſeiner glü— henden Bewunderung und ſeiner ſteten Aufmerkſam⸗ keit lange Widerſtand leiſten werde. Sein edler Sinn, ſein raſches, ungeſtümmes Weſen, gerade die Rück⸗ ſichtsloſigkeit, die Mängel und Unvollkommenheiten ſeines Weſens gewannen ihm ihr Wohlwollen. In⸗ nere Verdienſte werden oft überſehen, wenn ein un⸗ geſtümmer Charakter ſich den Augen aufdringt; be⸗ ſonders bei dem begünſtigteren Theile des ſchönen Geſchlechts, was körperliche Schönheit betrifft. Auch Konſtanze, das lebhafte, warmblütige Mädchen, hatte einen leichten Anflug jener Koketterie, welche die ſchöneren und anziehenderen Frauen leichter zu gewinnen macht, als viele weit weniger begabte. Gerade der Wunſch zu gefallen, die Sehnſucht zu gewinnen, nimmt der Beſcheidenheit ihre ſchützende Zurückhaltung und Die, welche vor einer Zumuthung der Liebe zurückbeben würde, iſt nichts deſtoweniger ſehr geneigt, dem Mann, der ſie liebt, durch Lie⸗ benswürdigkeit zu gefallen. So wird er ganz ohne Abſicht ſpielend ermuthigt; und obgleich weit mehr gefolgert wird, als urſprünglich in der Abſicht lag, ſo iſt es doch keine leichte Aufgabe, einen leiden⸗ ſchaftlich Liebenden zu enttäuſchen. So war Kon⸗ ſtanze von eiſter ernſtlichen Neigung zu Leopold nicht 127 mehr weit entfernt, als ſie entdeckte, daß Leopold nicht gleichgültig gegen ſie war. Hierin, wie in vielen andern Stücken, bildete ſie einen ſtarken Kontraſt gegen die Fürſtin von Cor⸗ ſini. Anders erzogen und ganz verſchieden gebildet, trat ihr Weſen weit entſchiedener hervor. Ella zö⸗ gerte, wo Konſtanze entſchloſſen war; aber auf der andern Seite war Ella feſt, wo Konſtanze ſchwankte. Empfänglich für jeden Antrieb, von jedem vorüber⸗ gehenden Gegenſtande berührt, durch jeden neuen Anblick geändert, mit Kleinigkeiten beſchäftigt, un⸗ bekümmert um die Folgen, raſch und doch unent⸗ ſchloſſen, feſt und doch launenhaft, ſuchte Konſtanze ſich nie gegen ihr eigenes Herz zu wahren, gegen Verſuchungen anzukämpfen oder ihr wärmeres Ge⸗ fühl durch Vernunft zu mäßigen. Voll natürlicher Erregbarkeit, gab ſie ſich eher einer heftigen Be⸗ wegung hin, als daß ſie die Schwäche ihrer Natur verhehlte. Sie war zugleich ein Gegenſtand des Intereſſes, der Liebe und des Mitgefühls, vielleicht auch des Mitleids, denn ſo reich begabt ſie war, ſo konnten die Ereigniſſe doch nicht zugeben, daß ſie, von Leidenſchaft unberührt, die grauſamen Prüfungen des Lebens überſtehen werde, und ihr mußte das Gift der Täuſchung um ſo mehr ſchaden, als kein beruhigender Einfluß, keine Zurückhaltung, keine 128 Zuflucht oder Sicherheit gegen den wüthenden Sturm des Unglücks, den ihre Unklugheit vorausſichtlich er⸗ regen würde, ſich zeigte. Sie beſaß viel von dem funkelnden Weſen und noch mehr von der Glut des franzöſiſchen Charakters. Ihre Neigungen, wenn ſie plötzlich waren, waren eben ſo heftig, und obgleich die Sanftmuth vor— herrſchte, ſo konnte doch ein Widerſtand ſicher ſeyn, die Thatkraft ihres Charakters zu wecken. Von der Herzogin von Montpellier geliebt, geſchmeichelt, bei— nahe verwöhnt, konnte Konſtanze durchaus keinen Widerſpruch ertragen. Bisher hatte ſie wenig von der Welt geſehen außer der ſammtenen Arena des Salons oder dem Raſen; und für ſie waren alle Dinge das, was ſie ſchienen. Da ſie nie an Täuſchung gedacht, ſo konnte ſie dieſelbe auch nicht kennen. Sie hatte nicht aus traurigen Erfahrungen gelernt, daß die ſchönſten Ausſichten ſchwinden, die herrlichſten Hoffnungen vereitelt werden und die friſcheſten Lebensblüthen welken müſſen und daß nur die Mittelmäßigkeit ſicher iſt. Ella, von jenem unſichtbaren Grame beherrſcht, der wie eine hinterliſtige Krankheit ſein Opfer heim⸗ lich verzehrt, während er ihm eine höhere Schönheit mittheilt, konnte die Freundſchaft und das Vertrauen dieſes jungen Herzens nicht theilen, ohne von jenem — 129 σ Zauberkreis umfangen zu werden, den Konſtanze unbewußt um ſich gezogen; und die Bekanntſchaft, die urſprünglich nur durch die Bitten Leopolds zu Stande gekommen war, wurde im Verlaufe der Zeit nur um ihrer ſelbſt willen fortgeſetzt. Inzwiſchen entgingen die häufigen Beſuche und unauſhörlichen Aufmerkſamkeiten dem Auge der Gräfin Roſenthal keineswegs. Bisher hatte ſich ihre wach⸗ ſame Dazwiſchenkunft noch nicht auf ihre Stieftochter ausgedehnt; aber ihre Feindſeligkeit gegen die Fa⸗ milie Lindenberg war weder durch die Zeit erloſchen, noch durch die Umſtände ermäßigt worden. Sie mochte weniger hervortreten, weniger ausgeſprochen ſeyn; die Berührung mit der Geſellſchaft hatte die rauhen Härten des Haſſes abgeſchliffen; aber gerade die Nothwendigkeit, ihre wahren Gefühle zu ver⸗ bergen, machte dieſe um ſo ſtärker. Zu ihrer frü⸗ heren Heftigkeit geſellte ſich ſogar noch ein anderes Gefühl. Es iſt der Fluch menſchlicher Unterneh⸗ mungen, daß der Erfolg niemals weder die Abſicht, noch die Erwartung verwirklicht. Die Liſt der Grä⸗ fin, ihre Anſtrengungen, ihre unabläßige Ver⸗ folgung waren vergebens aufgewendet geweſen; ihr Triumph war eben ſo vorübergehend, als unglücklich; all die Künſte, die ſie verſchwendet hatte, hatten die Wirkung, die ſie hervorbringen ſollten, verfehlt. Ella. III. 9 — 130&£ Der Freiherr war todt, dem engen Wirkungskreis, zu dem ſie noch verurtheilt war, weit entrückt, und Ella, der Gegenſtand ihrer weiblichen Abneigung, nicht mit Albert, aber weit über ihre urſprüngliche Stellung, weit über den Anſprüchen, die ſie ſelbſt in den Tagen ihres Glückes gemacht hatte, vermählt. Sie hatte die Gefühle vernichtet, aber zugleich damit das weltliche Glück ihres Opfers in hohem Grade vermehrt. Andererſeits war der Anblick ihres Stiefſohnes ſtets ein ſtummer Vorwurf für ſie. Entmuthigt, von Gram gebeugt, ſchien er mit Mißtrauen ſie zu be⸗ trachten, als ob er ſie innerlich als die Urſache ſeines Unglücks anklagte. Auch ihr Gatte wandte ſich mit Bitterkeit und Vorwürfen gegen ſie, wie alle ſchwachen Leute ſich mit Anklagen gegen Diejenigen wenden, von denen ſie ſich zuvor hatten leiten laſſen. Er bereute ſeine frühere Falſchheit, die Hartnäckigkeit ſeines Benehmens und bildete ſich ein, ſeine Gefühle werden weicher, da nur ſeins Eitelkeit erregt worden war. Ella, als die Fürſten von Corſini, erglänzte in einer Schönheit und in einem Zauberreiz, den die Tochter Lindenbergs niemals beſeſſen hatte. Er ſah ſie bewundert, geſucht, gefolgt von dem ganzen Hofe, und ſchämte ſich ſeiner früheren Feindſeligkeit, und da er nicht aufrichtig genug war, um ſeine rn. eigene Kurzſichtigkeit anzuklagen, ſo beſchuldigte er feine Gattin, um ſich mit ſeiner eigenen Unbeſtändig⸗ keit wieder auszuſöhnen. Täuſchung vernichtet nicht immer die Beharr⸗ lichkeit. Obgleich in ihren früheren Plänen getäuſcht, kehrte der ehrgeizige und ſtets thätige Geiſt der Frau von Roſenthal mit Gefallen auf Konſtanze zurück; ſie concentrirte in ihr den Reſt ihrer Hoffnungen und ihrer Feindſeligkeit. Die Fortſchritte Leopolds konnte ſie nicht ohne Unruhe und Mißvergnügen anſehen, und ihr erſter Antrieb war, mit einem Male das Zunehmen einer Neigung aufzuhalten, die ihren Wün⸗ ſchen ſo zuwider war. Aber die Umſtände begün⸗ ſtigten ſie nicht mehr wie früher; ſie hatte einen großen Theil ihres Einfluſſes auf den Grafen ver⸗ loren und ihre politiſche Gewalt hatte ſich ſeit dem Tode des Herzogs von Reichſtadt beträchtlich ver⸗ mindert, denn der Jeſuit hatte ſich vom Hofe zu⸗ rückgezogen. Dem Getümmel und den Intriguen des öffentlichen Lebens ein Lebewohl ſagend, fand Pater Clemens bei reichlicher Beſchäftigung Frieden in den Mauern ſeines Kloſters; und er übte ſein ſcharfes Wahrnehmungsvermögen und ſeine tiefe Kenntniß des menſchlichen Herzens in der geiſtlichen Gerichtsbarkeit über die Gewiſſen, die ſeiner Sorge 9* 132&⸗ anvertraut waren. Gleichwohl beſchloß die Frau von Roſenthal, ſich an den Jeſuiten zu wenden. Das Intereſſe, das Ella natürlicher Weiſe an dem Gegenſtand der Bewunderung ihres Bruders nahm, reifte bald zu einem innigeren Gefühle. Kon⸗ ſtanze hatte eine auffallende Aehnlichkeit mit Albert; ihre Züge, obgleich niedlicher und feiner, hatten viel von den ſeinigen. Die Augen, obgleich ver⸗ ſchieden, waren doch wieder die gleichen; die ihrigen waren ſchwärzer, funkelnder, rollender und wechſelten öfter den Ausdruck; die ſeinigen waren ſanfter, durchdringender und ihr Ausdruck blieb ſich mehr gleich; aber Geſtalt und Farbe waren dieſelben. Auch in dem Tone ihrer Stimme lag etwas ihrem Ohre Bekanntes; nicht wenn ihr heiteres Lachen erſchallte, nicht wenn die treffende Antwort, die glückliche An⸗ ſpielung den Wetteifer oder den Beifall der Zuhörer hervorlockte; aber wenn Konſtanze, von einer An⸗ ſtrengung ermüdet, oder vom Mitgefühl gerührt, oder zu Enthuſiasmus erweckt wurde, entſtrömten ihr die Töne ächten Gefühls, nicht durch den Beifall oder auch nur durch die Gegenwart Anderer hervorgelockt, ſondern wenn ſie in dem ſüßen Austauſch vertraulicher Unterhaltung glücklich und ungezwungen war: und wenn dann die Stimme an Ella's Obr ſchlug, mußte ſie oft ihren Blick + 133& abwenden und den bittern Kelch der Erinnerung koſten. Aber nicht einmal ſich ſelbſt in dem Heiligthum ihres eigenen Herzens bekannte die Fürſtin die ge⸗ heimnißvolle Anziehungskraft, die Konſtanze auf ſie übte; es war genug, daß ſie ſich ihrer Gewalt unter⸗ warf; ſie brauchte ihrem Urſprung nicht nachzuſpüren. Die Aehnlichkeit war ſtark genug, um eine anmu⸗ thige Täuſchung hervorzubringen, ohne peinlich zu ſeyn und Schmerz zu erwecken. Und Ella trug einen beträchtlichen Theil ihrer Zärtlichkeit auf Roſenthals Schweſter über, ohne die wahre Quelle zu ahnen, aus welcher dieſe Vorliebe floß, und während ſie ſich ſtets davon zu überreden ſuchte, daß nur ihre Liebe zu Leopold die Grundlage ihrer Freundſchaft ausmache. Verändert, düſter und ſchweigend kam Albert nur ſelten in Geſellſchaft, und wenn er ſich auf kurze Zeit in den heitern Zirkel miſchte, ſo wurde ſeine Erſcheinung kaum beachtet. Er ſprach ſo ſelten und dann mit ſo wenigen Perſonen, daß die Mebhrzahl, wenn ſie ſeine Gegenwart auch bemerkte, doch keine Kenntniß davon nabm. Nur ein Weſen bemerkte die Stelle, die er einnahm; nur ein Ge⸗ ſicht verlor bei ſeinem Eintritt ſeine Farbe; nur eine Stimme ſtotterte bei der Erwiederung ſeiner 8 2 T 4 3 8 —2 134& Begrüßungen. Aber ſelbſt dieſe negativen Zeichen der Erinnerung waren ſeinem welken Herzen will⸗ kommen, und er hing an ihnen mit einer Art Be⸗ thörung. Eine Stunde nach der andern beobachtete er ſchweigend das vorüberfliegende Lächeln, den Blick der Wiedererkennung, der ſeine beſcheidene Treue belohnte. Aus einem hervorragenden Gliede des geſelligen Kreiſes wurde er das zurückgezogenſte; ſeine ganze Natur erlitt eine Umwälzung, ein bit⸗ terer Ton wurde in ſeinem Geſpräche bemerkt. Bei⸗ ßende Sarkasmen oder mürriſches Schweigen ver⸗ riethen einen mit ſich und der Welt zerfallenen Geiſt. Nur ſeine Liebe zu Ella war unwandelbar; aber ſelbſt dieſe nahm tauſend verſchiedene Geſtalten an, je nachdem dieſer oder jener Gedanke in ihm vor⸗ herrſchte. Es lebt keine Leidenſchaft in der menſchlichen Bruſt, die nicht proteusartig in unzähligen Geſtalten erſcheinen und die erfahrene Forſchung Derer ver⸗ eiteln könnte, die in der feinen Vermummung die zweifelhafte Wahrheit zu entdecken ſucht. Aber unter allen Leidenſchaften iſt die Liebe am glücklichſten darin, jeder Zergliederung und jeder Beaufſichtigung zu entgehen. Zuweilen fühlte Albert beinahe Haß gegen die Fürſtin von Corſini, aber dann auf ein⸗ mal mit tieferer Bewunderung als je erfüllt, gab % 135 G er ſich wieder ganz dem Gefühle hin, das ſeine Vernunft überwältigte. Gewiß hat Niemand ein ſo lebhaftes Gefühl von dem Werth des Schatzes, den er verſcherzt hat, als Diejenigen, die ihn un⸗ widerruflich auf einen Andern übergetragen ſehen. Dann und erſt dann wird die Größe des wirklichen Verluſtes gemeſſen und die Höhe des Glücks unter⸗ ſucht, von der wir herabgefallen. So ſchaute Albert Ella in einem neuen Charakter; ein neuer Glanz war über ſie geworfen, da er ſie als geliebte Gattin ſah, die freie Huldigung der Liebe empfangend und dieſe mit unvergleichlichem Glücke belohnend. Jeder milde Reiz, jede weibliche Vollkommenheit, jede verborgene Kraft wurde ans Licht gebracht; und das Benehmen, durch welches ſie jede kühne Hoffnung, jeden unwürdigen Wunſch unterdrücken wollte, diente nur dazu, ſeine Zärtlichkeit zu erhöhen, indem es ſeine Achtung forderte. Inzwiſchen flößte ihm der Fürſt von Corſini eine unbeſchreibliche Scheu ein. Er ſchlug die Augen nieder vor ſeinem rollenden, forſchenden Blicke, den er zuweilen auf ſich gerichtet glaubte. Er meinte, das Geheimniß ſeiner Seele müſſe deutlich lesbar ſeyn; ein einziges Wort, deſſen Bedeutung nicht ganz klar, machte ſein Blut ſtocken und den Puls ſeines Herzens ſtille ſtehen. Seine Abneigung gegen 136& den Fürſten vermehrte ſich in dem Maße, als er ihn der Dankbarkeit und Achtung Ella's würdig fand. Er konnte dem Verdienſte nicht vergeben, das die Laſt ihres Kummers erleichterte; er konnte die Er⸗ gebung nicht ertragen, die über ſeine Todesqual zu ſpotten ſchien. Hätte der Fürſt ſich weniger fähig gezeigt, die Lieblichkeit und Talente ſeiner Gattin zu würdigen oder hätte ſie ſeine hohen Eigenſchaften weniger zu ſchätzen gewußt, ſo wäre Roſenthals Selbſtliebe gerettet geweſen. Gleichwohl begegneten ſie ſich nur ſelten. Die Ebbe und Fluth der Geſellſchaft führte ſie nur zu— fällig zuſammen; aber Ella hatte ſtets irgend ein Alles verſchlingendes Intereſſe, irgend ein Streben, irgend eine Pflicht, irgend eine Verbindlichkeit zu erfüllen. Sie ſchenkte ihm ein Lächeln, ein Wort, eine artige Geberde; ſie überzeugte ihn, daß man ihn ſehe und ſeiner gedenke; aber es knüpfte ſich kein Geſpräch an; er hatte nicht den Muth, die Scheidewand der Zurückhaltung zu durchbrechen, die ſie ſeinen unheiligen Gefühlen entgegen ſetzte. Zu⸗ weilen ſtand er nahe bei ihr und bemerkte die durch⸗ ſichtigen Adern ihres Nackens und ihrer Schläfe, oder betrachtete die weichen Locken ihres Haares; oder zählte die Ringe an ihren niedlichen Fingern; oder blickte auf den einen, durch den ſie an einen - 137& Andern gebunden war, bis er nicht mehr ſehen konnte; aber nie drängte er ſich ihr auf. Der halb ausgeſprochene Satz blieb auf ſeinen Lippen oder erſtarb in unbeſtimmten Phraſen konventionellen An⸗ ſtandes. Er fürchtete zu beleidigen; er fürchtete das Vorrecht zu verlieren, deſſen er ſich noch erfreute, ſie zu ſehen und zu bewundern. Er fühlte, daß es noch Etwas gäbe, für das er lebe; Etwas, woran er denke; Etwas, mit dem er die düſtere Einförmig⸗ keit des Daſeyns ſchmücke, ſo lange Ella ihn nicht von ihrer Geſellſchaft ausſchließe; und ſo ſehnlich er eine Erklärung wünſchte, von ihr ſelbſt eine Er⸗ zählung der Umſtände hören wollte, denen ſie Beide geopfert worden und die ihm noch immer räthſelhaft erſchienen, ſo ſah er doch ein, daß ein raſcher, un⸗ geſchickter Verſuch von ſeiner Seite ſeine Abſichten vereiteln werde, indem er ihre Klugheit beunruhigen und die Aufmerkſamkeit des Kreiſes wecken würde, von dem ſie umgeben waren. Selbſt Konſtanze theilte nicht ſein ganzes Ver⸗ trauen. Er fürchtete, ſie möchte ſich einer Unbe⸗ ſonnenheit ſchuldig machen, und in der Fülle ihrer Freundſchaft die tiefe Leidenſchaft verrathen, von der er verzehrt wurde. Er ſprach mit ihr von der Fürſtin von Corſini, als von einem Weſen, das er einſt geliebt und von dem er auf ewig getrennt ſey; aber ₰ 138&⸗ er enthüllte niemals die nagende Qual, die wilden, unerlaubten Wünſche ſeiner Seele. „Wo gehſt Du hin, Konſtanze?“ ſagte Roſen⸗ thal eines Abends mit einem beifälligen Blicke auf den Spiegel, der ihre ſchöne Geſtalt in ihrer ganzen Vollkommenheit zurückſtrahlte. „Zu der Fürſtin,“ und ihr tiefes Erröthen zeigte an, daß mit dieſer kurzen Bezeichnung noch eine andere Perſon gemeint ſey.„Willſt Du mich nicht begleiten?“ „Nein, Konſtanze, ich liebe nicht dieſe vollen Kreiſe, die Dich zu entzücken ſcheinen. Iſt Leopold dort?“ „Ja— ich— vermuthe. Aber warum willſt Du nicht mit? Natürlich biſt Du in der Einladung mit einbegriffen.“ „Das folgt nicht— vielleicht könnte ich nicht willkommen ſeyn. Empfängt der Fürſt immer die Gäſte ſeiner Gattin?“ „Immer, er iſt ſo aufmerkſam auf ihre klein⸗ ſten Wünſche. Wenn ich einmal heirathe, ſo möchte ich einen Gatten haben, der mich eben ſo liebte, wie Corſini Ella. Ich hoffe“— „Was hoffſt Du?“ 8 „Nur eben ſo glücklich zu ſeyn, wie die Fürſtin von Corſini.“ -—2 139 G& „Sie iſt alſo glücklich?“ murmelte Albert.„Sage mir, Konſtanze, Du ſtehſt jetzt auf einem vertrauten Fuße mit einem Weſen, deſſen Schickſal mir nie gleichgültig ſeyn kann; iſt ſie glücklich?“ „Theurer Bruder, warum drückſt Du meine Hand ſo heftig, warum zitterſt Du ſo? Ella hat Alles, was ihr Herz wünſchen kann: ſolche Gemälde, ſolche Juwelen und die ſeltenſten Blumen in Wien.“ „Eitles Mädchen! Und glaubſt Du, Ella's Herz iſt wie das Deinige geſchaffen und könne durch ſol⸗ chen Tand entſchädigt werden für— aber Du ver⸗ ſtehſt mich nicht.“ „Ich verſtehe Dich; Du glaubſt, der Fürſt ſey zu alt und zu argwöhniſch, und ſie könne in Folge der Ungleichheit des Alters und Weſens ſich unglück⸗ lich fühlen.“ „Gerade ſo; Du biſt bewundernswürdig in meinen Sinn eingedrungen,“ ſagte Roſenthal mit bitterem Lächeln. Aber das Mädchen ſah es nicht und fuhr fort: „Der Fürſt iſt ganz Liebe gegen ſie und zeigt niemals die leiſeſte Neigung zur Eiferſucht.“ „Er hat keinen Grund,“ ſeufzte Albert. „Nein, fürwahr, denn ſie ſcheint ihn allen den fröhlichen Cavalieren vorzuziehen, die um ſie her flattern.“ 1 40 So⸗- „Iſt es möglich, daß ſie ihn lieben kann?“ dachte Roſenthal.„So glaubſt Du alſo, daß Ella ein Muſter ehelichen Glückes ſey? Würdeſt Du mit ihr tauſchen, Konſtanze, und Deine künftigen Aus⸗ ſichten aufgeben, um eine Fürſtin und vermählt zu werden mit“— „Halt ein; den Mann, den ich liebte, würde ich nicht um ein Königreich aufgeben. Niemand könnte je ſein Bild aus meinem Herzen reißen. Nein, Albert, ich habe die Sanftmuth, die Ergebung Ella's nicht. Ich würde, ich könnte meine Gefühle nicht opfern.“ „Meine ächte Schweſter!“ rief er, indem er ſie näher zu ſich hinzog.„Spricht Ella jemals mit Dir über— die Vergangenheit?“ „Niemals. Einmal verſuchte ich es, den Punkt zu berühren, aber ſie blieb ſtumm. Ich lockte nichts heraus als— eine Thräne.“ „Ich hätte es errathen können. Immer würdig, immer weiſe! Iſt ſie fröhlich, wenn Du bei ihr biſt? Ich meine nicht in Geſellſchaft, denn da iſt ſie vorbereitet, ſondern wenn Du unerwartet ein⸗ trittſt.“ „Fröhlich iſt ein Wort, das die Ruhe ihres Weſens nicht gut ausdrückt. Sie iſt ſtets beſchäf⸗ tigt; ich überraſchte ſie noch nie in Träumereien. 9% 141& Dies ſcheint mir ſehr aufſallend; denn ich liebe ein⸗ ſame Beſchaulichkeit über Alles.“ „Seit wann? Du warſt nicht immer ſo nach⸗ denklich.“ „O, es iſt entzückend, Stunde für Stunde in glücklicher Unthätigkeit zu verträumen. Es ſcheint dann, als wäre die ganze Schöpfung in unſerem Bereiche, und die Phantaſie ſchweift von Vergnügen zu Vergnügen und malt ein jedes ſo ſchön, daß man beinahe fürchten muß, die Wirklichkeit müſſe hinter dem Ideal zurückbleiben. In Allem iſt zu⸗ nächſt nach dem wirklichen Glücke nichts der Phan⸗ taſie gleich.“ „Mögeſt Du lange ſo denken, theure Schweſter! Möge Deine Einbildungskraft niemals Dir Gedanken zuführen, die weniger rein ſind, als die, welche Dich jetzt beſchäftigen. Und möge der Rückblick ein ruhiger und zufriedener ſeyn! Es iſt ſonderbar, der Freie, Heitere, Sorgloſe flieht nicht vor ſeinem eigenen Herzen, während Die, welche fühlen, die unter den Schöpfungen ihres eigenen Geiſtes leiden, vor Einſamkeit und Nachdenken zurückbeben. Ihnen bietet die Zukunft keine Ausſicht, und die Vergan⸗ genheit iſt Ihnen unerträglich.“ „Du irrſt Dich; denn die Fürſtin ſpricht oft von ihrer Kindheit, vom Schloß Ehrenfels und ihrem — 8 11 [2 4 * . — - 142 S&⸗ Vater. Sie hofft auch auf die Ankunft der Baro⸗ neſſe von Lindenberg und wird ganz munter, wenn ſie ihre Mutter erwähnt.“ „Ella iſt gütig gegen Dich, ſie nimmt Antheil an Dir, ſie iſt beſorgt für Dein Glück.“ „O ja; ich wollte, Du könnteſt ihre zarten Er— mahnungen hören, ihre gedankenvollen Mienen ſehen, wenn ſie ſich gegen mich hinbeugt. Dann den leiſen, unterdrückten Seufzer, wenn ſie mir ſagt, daß ich meinen Enthuſiasmus mäßigen müſſe; denn ſie meint, die Welt ſey nicht ſo glänzend, als ich gerne glau⸗ ben möchte. Ich fragte ſie einmal, was das Weib in Stand ſetze, die Täuſchung zu ertragen. Hätteſt Du den Ausdruck ihrer Augen geſehen, Du wäreſt in Ehrfurcht niedergeknieet.„Die Religion“, antwor⸗ tete ſie, und ich fühlte, daß ſie aus Erfahrung ſprach.“ Roſenthal betete im Geiſte, daß das ätheriſche Geſchöpf, das vor ihm ſtand, nicht derſelben Prü⸗ fung unterworfen werden möchte; denn er wußte, daß ſie nicht dieſelben himmliſchen Elemente der Ergebung beſitze. Bruder und Schweſter ſprachen noch lange ver⸗ traulich mit einander. Konſtanze äußerte die über⸗ ſtrömenden Gefühle ihres jungen Herzens und ſuchte in den liebevollen Rathſchlägen brüderlicher Neigung 2 143 A& Stärke und Beiſtand, während Albert den unfühl⸗ baren und namenloſen Stoff zu Vermuthungen gierig ſammelte, mit dem er das zerſchmetterte Gebäude der Hoffnung zu ſtützen ſich bemühte, von dem ſein künftiges Glück abhing. — g— —— V V I Neuntes Kapitel. Der Fama Stimme, Die gleich dem Nilſtrom keine⸗Quelle kennt. Thomſon. Du willſt los mich ſprechen. Lord Byron— der Giaour. Es war ein Tag des Faſtens und der Nacht⸗ wachen, ein Tag ſtrenger, gottesdienſtlicher Beſchäf⸗ tigung in der römiſch-katholiſchen Kirche, ein Tag der Buße und des Gebets, die trüben Stunden des Tages hatte die Gräfin Roſenthal den ſtrengen Ue⸗ bungen gewidmet, die ihr Glaube mit ſich brachte, und ihr Beichtvater ihr auflegte. In einem kleinen Betſaal, das an ihr Zimmer ſtieß, auf einem reich gezierten Altar knieete dieſe ſtolze, kalte und ſcho⸗ nungsloſe Frau. ⸗Thränen, ächte Thränen ſtrömten über die Wange, die noch niemals unter dem Ein⸗ fluß der Liebe erglänzt, oder von der ſchüchternen Zärtlichkeit ihres Geſchlechtes erbleicht war. Sie meinte: Andacht, Aberglaube, Schrecken und Zerknirſchung füllten der Reihe nach ihre ſtrenge Bruſt. Liſt und Ehrgeiz ſchlummerten, während die beſſeren Gefühle ihres Weſens eine augenblickliche Herrſchaft behaupteten über einen Geiſt, der ge⸗ ſchaffen war, die ſchwarzen, trüben Dogmen der Bigotterie feſtzuhalten, ohne die erleuchtende herr⸗ liche Gnade jener Religion zuzulaſſen, an deren Ce⸗ remonien ſie mit der Zähheit des Fanatismus hing. Vater Clemens ſtand auf den Stufen des Al⸗ tars. Kummer, nicht Zeit hatte ſeine hagere Ge⸗ ſtalt gebeugt; ſein ſtechendes Auge war trübe ge⸗ worden; das zweideutige Lächeln war verſchwunden vor der Wirklichkeit des Schmerzes; ſeine Wach⸗ ſamkeit, ſeine Hoffnungen, ſein Ehrgeiz, das In⸗ tereſſe und Geſchäft ſeines Lebens, der Gegenſtand und der Erfolg ſeiner Arbeiten, Alles lag vernichtet in dem Grabe des jungen Napoleon. Seine irdiſche Sendung war vorüber. „Mein Vater, ich habe gebeichtet; ich habe die Summe von Irrthümern, mit denen meine Seele belaſtet iſt, wiederholt,“ murmelte die Bittende, de⸗ müthig über ein Crucifir von Ebenholz gebeugt. „Die Reue iſt eben ſo weſentlich als die Beichte; die letztere iſt nutzlos, wenn ſie nicht von der er⸗ ſtrren begleitet iſt,“ antwortete der Prieſter kalt. Ella. III. 10 146& „Ich bitte um Ihren Segen, mein Vater, ſprechen Sie mich los, daß ich in Frieden ruhen kann,“ ſagte die Gräfin, inbrünſtig ihre Hände faltend. „Meine Tochter, haben Sie Ihr Gewiſſen gründlich erforſcht? Iſt kein geheimer Hang zum Böſen, kein Stolz, kein Funke von Feindſeligkeit, kein ſündiger Gedanke in Ihrem Herzen verborgen?“ „Mein Vater, ich habe gefaſtet, ich habe ge⸗ betet, ich habe gebüßt.“ Während ſie ſprach, lüftete ſie das Tuch, das ihre Schulter bedeckte und enthüllte ihren bloßen Arm. Wenige rothe Tropfen bezeugten ihre körper⸗ liche Kaſteiung, ihren mißverſtandenen Eifer. Der Jeſuit ſchloß ſeine Augen, winkte mit der Hand, um die peinliche Darlegung aufzuhalten. „Genug, genug! Zu viel! Es iſt der Geiſt und nicht das Fleiſch, den wir zu kaſteien ſuchen müſſen. Könnten doch ſolche Striemen unſere be⸗ unruhigten Seelen heilen! Aber durch ſ eine Strie⸗ men werden wir geheilt. Meine Tochter, es gibt noch eine andere Sühnung.“ „Ich glaubte, daß unbedingter Gehorſam gegen die Vorſchriften der Kirche“— „Ja— Gehorſam— Sie haben recht;“ und der Prieſter ſeufzte bei dieſen Worten. 147& „Ich habe Hoffnung, ein erfolgreicheres Werk zu verrichten, als mir bisher gelang. Gehorſam mag willkommen ſeyn, aber Thätigkeit iſt verdienſt⸗ lich,“ ſprach die Büßende mit augenſcheinlicher Selbſt⸗ zufriedenheit. „Gute Werke ſind duftendem Weihrauch gleich, ſie finden Gnade und Erbarmen, meine Tochter,“ verſetzte Clemens ſanft. „Gelänge es mir, eine Seele den Eitelkeiten dieſer Welt zu entreißen, und ſie als reines und freiwilliges Opfer darzubringen, wäre dies nicht ein rühmliches Werk? Ein unbeflecktes Mädchen den Pforten des Verderbens zu entreißen!“ „Gnädige Frau!“ rief der Beichtvater aus, während eine leiſe Röthe ſeine bleichen Wangen färbte,„dies wäre in der That ein Zeugniß des Gehorſams und ein Unterpfand künftiger Gnade, deſſen die Kirche ſtets eingedenk ſeyn müßte. Ich bin glücklich, aus dieſer erfreulichen Nachricht zu ſehen, daß meine neulichen Ermahnungen einen wohlthätigen Erfolg hervorgebracht haben. Machen Sie Fortſchritte im Vertrauen des Fräuleins Kon⸗ ſtanze? Beginnt ſie das Glück zu ſchätzen, das für ſie bereitet iſt? Haben Sie meine Vorſchriften be⸗ folgt?“ 10* 148 S „Ich bin ihnen vorangeeilt. Ich ſprach— ich überredete— ich drohte ſogar.“ „Das iſt nicht wünſchenswerth,“ verſetzte der Prieſter.„Setzen Sie zu Rede, bitten, überzeugen Sie, wenn Sie können; aber ſchüchtern Sie nicht ein!“ „Ich verſuchte nur die Folgen des göttlichen Zornes darzuſtellen; aber ich bin nicht beredt. Sie, mein Vater, ſind in der Kunſt der Ueberredung er⸗ fahren; ſie verſtehen die ſtummen Gedanken dieſer jungen Geiſter.“ „Sie ſchmeicheln, meine Tochter, und Sie irren ſich. Ich glaubte einſt, das menſchliche Herz liege offen vor mir gleich einer Karte, ich könne jeden auſſteigenden Wunſch bemerken und den erſt halb geſtalteten, zum Daſeyn ſich hindurch kämpfenden Gedanken Färbung und Bedeutung geben. Aber ich überſpannte die zarte Springfeder, ich berührte den Mechanismus mit zu gewaltiger Hand— er brach, und ich bin beſtraft.“ Einen Augenblick ſchwieg der Jeſuit. „Gewiß konnte Niemand Ihren Eifer anklagen, verdammen!“ „Niemand, als ich ſelbſt. Vielleicht unter Allen, denen er ſich theuer gemacht, haben wenige gleich dem armen Lehrer Clemens den Tod des Herzogs 149 S& von Reichſtadt betrauert, und Urſache gehabt zu be⸗ trauern.“ Bei dieſen Worten wurde der Ausdruck ſeiner bleichen Züge noch düſterer. „Sehr wahr! Wer könnte Zweifel hegen gegen Ihre treue Anhänglichkeit?“ „An die Intereſſen Oeſtreichs“— ergänzte der Prieſter mit heiſerer Stimme. „Das Kabinet iſt mit Ihrer Wirkſamkeit ſo ganz zufrieden, daß die Aufſicht über den jungen Erzherzog M— Ihrer Geſchicklichkeit anvertraut werden ſoll. Ihr Einfluß iſt unvermindert.“ „Eitelkeit, Eitelkeit der Eitelkeiten, meine Toch⸗ ter! Warum verſuchen Sie mich ſo mit höhnenden Viſionen, die längſt aufgehört haben, mich zu be⸗ thören? Fünfzehn Jahre der Arbeit, unermüdlicher Wachſamkeit und Liebe, fünfzehn Jahre endloſer Anſtrengung ſind verloren. Reichſtadt iſt dahin! Er, den ich nach meinem Willen modelte und bildete, deſſen gelehriger Geiſt gleichſam meine Schöpfung war; er, den ich liebte mit väterlicher Zärtlichkeit, den ich bewachte, deſſen Gedanken ſämmtlich von mir geordnet wurden, und deſſen Glück, hier und dort, der einzige Gegenſtand meines Lebens war,— Er iſt dahin!— und der alte Mann,— der welke Stamm— iſt allein zurückgelaſſen worden!“ — 150 „Es war der Wille des Himmels, auf den Sie ſich ſo oft berufen. Sie werden zur Förderung irgend eines Zweckes der Vorſehung auſbewahrt,“ bemerkte die Gräfin. „Allerdings iſt es der Wille des Himmels, eine göttliche Schickung, der ich mich geziemend zu unter⸗ werfen bemühte. Das Werk, dem ich mein Leben widmete; der Mündel, auf deſſen Leitung ich ſo ſtolz war, wurde mir entriſſen, ehe ich mein Unter⸗ nehmen vollenden konnte;— und was frommen jetzt fünfzehn Jahre grauſamer Politik?“ Die letzten Worte waren in einem Tone ge⸗ ſprochen, der nicht bis zu den Ohren der Gräfin drang. „Aber, meine Tochter,“ nahm er nach einer kleinen Anſtrengung wieder das Wort,„gedenken Sie, daß obgleich unſer Arbeiten hier unten nur der Thätigkeit der Spinne und Ameiſe gleichen, wir doch ſtets verbunden ſind, in dem Weinberge zu arbeiten. Der Sturm hat unſere Halmen zerknickt. Der Wirbelwind hat das Gebäude unſeres Scharf⸗ ſinnes zerſchmettert; der Sand der Wüſte hat unſere ſchönſten Ausſichten bedeckt: aber doch müſſen wir weiter ſchreiten. Beharrlichkeit iſt der Wahlſpruch der Kirche! Wir arbeiten nicht für uns, ſondern für den Himmel. Läßt Fräulein Konſtanze befriedigendere 151&˙ Erwartungen zu, ſeit wir zuletzt über dieſen Punkt ſprachen? Iſt das Gefühl der Frömmigkeit, die Ueberzeugung von ihrer dringenden Nothwendigkeit in ihr geweckt?“ „Ich verſäume keine Gelegenheit, um die hei⸗ lige Sache zu fördern. Ich habe ihre beliebten fran⸗ zöſiſchen Schriftſteller durch Ihre frommen Bücher erſetzt.“ „Ha! Haben Sie ſie verbrannt 2 „Nein, hier ſind ſie! wollen Sie die Samm⸗ lung durchſehen?“ ſprach Frau von Roſenthal, in⸗ dem ſie die entwendeten Bücher hervorzog und vor den Beichtvater hinlegte. „Was haben wir hier? Wilhelm Tell?“ rief der Jeſuit, die Blätter raſch durchfliegend.„Patrio⸗ tismus! die alte Fabel. Die kann nicht auf ſie wirken; aber wir können es dennoch vernichten. Eliſabeth, eine Erzählung von kindlicher Liebe; die Geſchichte iſt gut dargeſtellt, aber ich liebe dieſe ir— diſchen Gefühle nicht. Sie muß geiſtiger geſinnt werden. Ha! der Sarazene, von derſelben Ver⸗ faſſerin. Herrlich! ſie hat augenſcheinlich oft darin geleſen. Bemerken Sie die Randbemerkungen. Dies iſt gerade das Werk, um eine jugendliche Einbil— dungskraft zu entflammen. Dies kann vielleicht un⸗ ſerer Sache nützen. Ich mag dieſe gefühlvolle 152 Sammlung nicht durchgehen. Ich bevollmächtige Sie, die Bibliothek Ihrer Stieftochter nach Gut⸗ dünken zu vernichten. Dieſe Bände ſind nur unnütz, nicht gefährlich.“ 6 „Ich wagte ihre Diene rinnen zu befragen, die mir ſagten, daß ihre junge Gebieterin zerſtreut ge⸗ worden, daß die Lebhaftigkeit ihres Geiſtes ſehr ab⸗ nehme.“. à „Ein ungünſtiges Anzeichen! Ich würde ſchein⸗ bare Fröhlichkeit vorziehen. Leute, die zu träumen und zu fühlen beginnen, werden in ihre Phantaſien verliebt und ſind ſchwer auf den Pfad des Heils zu leiten. Kann ein Grund gedacht werden?“ „Ich vermuthe nur— ich bin nicht gewiß!— Sie liebt das Vergnügen, die Geſellſchaft.“ „Jugend! nichts als Jugend! ſie muß ihren Lauf haben. Sie wird deſto lauter Veſper ſingen, deſto glühender in ihrer Andacht ſeyn. Die gleichen Elemente wirken verſchieden unter verſchiedenen Ver⸗ hältniſſen. Hat ſie je geliebt?“ „Ich zweifle— kennen Sie Leopold von Linden⸗ berg?“ „Was iſt's mit ihm?“ Bei dieſen Worten wurde der Ausdruck des Jeſuiten ernſter. „Sie ſind bekannt mit einander. Ich bemerkte 1 53 So- bei ihm viel Aufmerkſamkeit, und bei ihr ein ent— ſprechendes Gefühl.“ „Sie überraſchen mich nicht: die Vergeltung bleibt nicht aus; aber wir müſſen entſchiedene Schritte thun, ehe das Uebel furchtbarer wird. Ich brauche nicht zu fragen, ob der Graf die Verbindung miß⸗ billigen würde.“ „Er darf nie ſeine Zuſtimmung geben, wenig⸗ ſtens nicht mit meiner Einwilligung,“ rief Frau von Roſenthal bitter.„Ich habe mein Wort verpfändet, ich muß ſie zum Altare bringen, mein eigenes Heil hängt davon ab.“ „Stille! Würde Ihnen jeder andere Bewerber eben ſo unwillkommen ſeyn?“ fragte der Prieſter. „Warum ſollte ich meine Gefühle vor Ihnen verbergen, mein Vater; ſo ſehr ich meine Stief⸗ tochter als die glückliche Braut des Himmels zu ſehen wünſche, ſo muß ich doch bekennen, daß nur die Möglichkeit, Lindenberg von ihr vorgezogen zu ſehen, mir verhaßt iſt. Ich kann ſeinen Vater nicht vergeſſen!“ „Er iſt todt! und ich bereue“— ſprach Clemens, ſein Haupt beugend und ſeine Arme demüthig über einander ſchlagend. „Ich hoffte, ehrwürdiger Vater, Sie würden mich in dieſem Falle mit Ihrem Ratbe unterſtützen. * 154 G Wünſchen Sie Konſtanze dem ſiegreichen Stande entzogen zu ſehen, dem wir ſie beſtimmt haben? Wünſchen Sie ſie als Leopolds Braut zu ſehen?“ fragte die Gräfin mit Heftigkeit. „Nein! Ihre Wärme iſt zu entſchuldigen; aber erfahren Sie, daß ich nicht ſowohl gegen das In⸗ dividuum, als gegen den Stand der Ehe überhaupt wirke, der für die Heiligung nicht förderlich iſt. In⸗ zwiſchen iſt es nicht möglich, dem Willen der Frauen ſich zu widerſetzen. Von Anfang an ſind ſie dem Böſen verfallen, und der Fluch liegt auf dem Ge⸗ ſchlechte. Kann ich vergeſſen, daß Sie, Irmengart, Sie, von der die Kirche ſo viel erwartete,— Sie, die ein Reich hätten gründen, und eine ganze Schweſterſchaft den Pforten des Paradieſes hätten zuführen können;— kann ich vergeſſen, daß Sie es für räthlich hielten, Ihr Vermögen und Ihre Liebe einem irdiſchen Herrn zu ſchenken?“ Die Gräfin faltete ihre Hände. „Und was haben Sie gewonnen?“ fuhr er ſort. „Stiefkinder, Undankbarkeit und Täuſchung in Allem. Wären Sie den Eingebungen Ihres guten Engels gefolgt, hätten Sie mich über Ihre Wahl zu Rath gezogen— nur mit einem Theile jenes Eifers, den ſie jetzt ſo kräftig zum Wohle des Fräuleins Kon⸗ ſtanze verwenden— jetzt wären Sie ohne Zweifel — 155 ⸗ Superiorin des reichſten Kloſters in Oeſtreich. O meine Tochter, es ſteht Ihnen nicht gut an, die Neigungen der Jugend zu bekämpfen; denn Sie waren nicht fähig, Ihre eigenen zu beſiegen.“ Eine Scharlachröthe überflog die ſcharfen Züge der Matrone, als ſie ſich erhob und würdevoll er— wiederte:„Mein Vater! Sie ſind geworden, wie Eines von den Kindern der Welt. Die Jugend fand nicht immer Gnade in Ihren Augen!“ Der Prieſter ſchlug ſeine Augen zum Himmel auf. Einen Augenblick herrſchte Stillſchweigen. „Wohl muß ich mich ſelbſt erniedrigen, ſelbſt vor Ihnen; wohl muß ich den bittern Kelch empfan⸗ gen, ſogar aus der Hand meines büßenden Beicht⸗ kindes. Gräfin, Sie haben die Vorſchrift unſerer heiligen Kirche verletzt: Sie haben einen ihrer Diener getadelt! Ihrer ſey die Sünde, nicht mein. Aber ich bin verändert, ein neuer Geiſt iſt in mir mächtig, alle geiſtliche Streitſucht, aller kirchliche Ehrgeiz, der mich zuvor bewegte, iſt vorüber und abgethan. Der Gegenſtand meiner Sorge, meiner Liebe— er, der zugleich mein Opfer und mein Abgott war, iſt todt; — und ich habe gelebt, um die Hohlheit irdiſcher Beweggründe, die Irrthümer des menſchlichen Ver⸗ ſtandes und die unvermeidliche Täuſchung zu fühlen, die jedes menſchliche Unternehmen begleitet!“ 156 „Aber wenn die Sage wahr ſpricht, ſo beſchleu⸗ nigte gerade das Erziehungsſyſtem, das mit dem Herzog von Reichſtadt befolgt wurde, die Kata⸗ ſtrophe.“ Dieſe Worte waren in leiſem Tone geſprochen. Frau von Roſenthal beſorgte beinahe die Wirkung, welche ſie haben konnten. Die Züge des Jeſuiten, eingefallen und eckig wie ſie waren, wurden noch leichenartiger. „Und dies von Dir? Tochter, Tochter, die Welt thut mir Unrecht. Werde Du nicht das Werk⸗ zeug unverdienten Vorwurfes. Ehrgeizig, willkürlich und wachſam, glaubte ich doch ſtets das Glück meines Mündels zu fördern. Aber indem ich zu entmannen ſuchte, zerſtörte ich. Die That war nicht beabſich⸗ tigt. Ich liebte das Weſen, das ich quälte. Tochter, Sie haben mein Herz zerriſſen.“ „Vergeben Sie mir, ich habe geirrt,“ ſprach die Gräfin mit zu Boden geſchlagenen Augen. „Ich ſpreche Sie los,“ antwortete der Prieſter, indem er eine Hand gegen ſie ausſtreckte,„machen Sie Frieden mit Ihrer eigenen Bruſt.“ „Frieden! o mein Vater, ich kenne ihn nicht! Umſonſt zerſchlage ich mir die Bruſt und bringe Stunden in dieſem Betſaal zu. Gebet ſchafft mir keine Linderung; meine Seele verlangt immer Etwas, das ihr verſagt iſt.“ „Menſchliche Natur! immer verlangend, immer empfangend, immer aufs Neue fordernd“— ver— ſetzte Clemens. „Dieſe zunehmende Freundſchaft zwiſchen Kon⸗ ſtanze und der Fürſtin von Corſini, dieſe Vertraut⸗ heit mit Leopold macht mir Unruhe. Sie müſſen getrennt werden. Ich muß nothwendig einen kühnen Schritt thun, um zu trennen und zu herrſchen.“ „Muth gefaßt in der guten Sache! Ich gebe Ihrem Entſchluß meinen Beifall. Die Kirche darf eine ſo ſchöne Zierde nicht verlieren. Es iſt fürwahr Ihre Pflicht, auf die Wahl Ihrer Stieftochter ein⸗ zuwirken. Sie müſſen Ihrer Entſcheidung beiſtehen, ſie leiten;— und groß wird Ihr Verdienſt ſeyn, wenn Sie ſie zum Beſten leiten! Gleichwohl, theure Gräfin, gehen Sie mit Ihrer gewohnten Vorſicht zu Werke. Klugheit iſt die Säule des Episcopats.“ „Fürchten Sie nicht, daß ich die Grundſätze vergeſſen könnte, die Sie mir ſtets eingeprägt haben. Oft ging durch unkluge Sachwalter eine gute Sache verloren,“ bemerkte die Dame.„ „Sie ſagen mir, mein Freund, der Graf, werde lau gegen unſere Intereſſen. Unterwirft er ſich nicht mehr ruhig und dankbar Ibrer überlegenen Leitung 2“ 158 e Die dünnen Lippen des Jeſuiten verzogen ſich, als er den letzten Satz ausſprach; aber dies Lächeln war ein zweideutiges. „Er ſcheint mehr beſorgt, ſeinen Kindern zu gefallen, als für ihr ewiges Heil zu ſorgen. Er vermeidet jede Verſtändigung mit Albert und ſcheint geneigt, Konſtanzen ganz ihre Freiheit zu laſſen.“ „Vielmehr Sie dem Verderben zu überantwor⸗ ten,“ verſetzte der Prieſter. „Ich verzweifle noch nicht daran, ſeinen Stolz zu wecken;“ unterbrach ihn die Gräfin,„bisher habe ich meine Abſichten nicht ee e ich meine Gründe für eine günſtige Gelegenheit aufſparte, wo ich ihn überzeugen könnte.“ „Hüten Sie ſich vor Täuſchung! Ich werde Falſchheit niemals begünſtigen. Sie überſchritten einmal“— „Habe ich nicht gebüßt— vollſtändig— in Thränen— in Blut?“ Der Beichtvater wandte ſich zur Seite, wäh⸗ rend er ihr bedeutete fortzufahren. „Wir müſſen damit beginnen, daß wir die Freundſchaft zwiſchen Konſtanze und dem jungen Lindenberg mit der Wurzel vernichten.“ „Dauert ſie ſchon lange, oder iſt ſie erſt kürzlich entſtanden?“ 159& „Plötzlich und gewaltig; beides iſt das Merk⸗ mal einer beginnenden Leidenſchaft. Corſini kann uns beiſtehen, wenn wir klug zu Werke gehen.“ „Unmöglich! er wird gewiß nicht ins Mittel treten. Zudem iſt über ſeine religiöſe Anſicht nichts bekannt.“ „Nichts iſt ſo wirkſam als Selbſttäuſchung. Ich habe Grund zu glauben, daß er von dem Verhält⸗ niß, das einſt zwiſchen ſeiner Gattin und Albert Roſenthal beſtand, gar nichts wiſſe.“ „Glauben Sie, ſie habe ihn zu täuſchen ge— wagt?“ „Es iſt ſehr wahrſcheinlich. Ich kenne ſeinen Charakter hinlänglich, um an der Fortdauer ſeiner Liebe zu zweifeln, erführe er Alles, was zwiſchen ihr vorgegangen.“ „Er iſt von Natur eiferſüchtig und zum Arg⸗ wohn geneigt. Italiener verbergen die ſtärkſten Lei⸗ denſchaften unter einem ſanften Aeußern.“ „Bisher hat ihm ſeine Gattin keinen Grund zu Mißtrauen gegeben; der Hauch übler Nachrede hat ihren guten Ruf noch nicht berührt.“ „Noch nicht? Aber gedenken Sie, wie zärtlich, wie innig ſie einſt Roſenthal liebte! Halten Sie es für möglich, daß ſie jede Spur jener tiefen Leiden⸗ ſchaft aus ihrem Herzen geriſſen? Aber auch voraus⸗ 5 160 Se geſetzt, daß ſie über die Vergangenheit geſiegt, über die Gefühle ihrer Jugend triumphirt hätte: Corſini ſcheint nicht der Mann, ſich mit der Aſche eines ausgebrannten Feuers zu begnügen.“ „Dieſe Unterſuchung liegt unſerer Sache fern. Das häusliche Glück unſerer edlen Freunde iſt von geringer Bedeutung, wenn nicht durchaus gleich⸗ gültig.“. „Sie waren ſonſt viel weitſichtiger. Wenn ich abſchweife, ſo geſchieht es nur, um meinem Gegen— ſtand dadurch näher zu kommen. Setzen wir den Fall: Corſini, von Eiferſucht getrieben, unterſage die Beſuche ſeiner Frau, beſchränke ihre Bekannt⸗ ſchaften, ſchließe Konſtanze Roſenthal von dem Heilig⸗ thum ihres Boudoirs aus. Sind einmal die Fa⸗ milien wirklich einander entfremdet und getrennt, ſo muß unſer Einfluß zunehmen. Von der Quelle der Gefahr und des Verderbens entfernt, muß meine Stieftochter unſern Händen überlaſſen bleiben. Dies wäre ein Meiſterſtück.“ „Ich verſtehe; das alte Mittel. Aber warum den Frieden Derer ſtören, die Ihnen niemals Etwas zu leid gethan?“ „Ich wußte nicht, daß das Geſchlecht der Lin⸗ denberg in den Augen von Vater Clemens ſo ach⸗ tungswerth geworden,“ verſetzte die Gräfin bitter. 161& „Wenn die Feindſchaft des Mannes groß iſt, ſo iſt die des Weibes deſto zäher,“ murmelte der Prieſter.„Ich kämpfte gegen den Lebenden, gegen den Mächtigen. Der Baron, mein Nebenbuhler, mein Vorgeſetzter wurde durch mich geſtürzt, er— niedrigt; aber das Grab iſt ein Heiligthum, über welchem alle menſchliche Feindſeligkeit aufhören muß. Die Ihrige kämpft noch gegen den Tod!“ „Sie ſind ſtreng! Ich werde von heiligeren Beweggründen angeſpornt, als Sie mir zuſchreiben. Ich habe gegen unſere Mutterkirche eine feierliche Verbindlichkeit übernommen. Konſtanze muß vor Befleckung bewahrt werden; ſie muß als würdiges Opfer auf dem Altare dargebracht werden.“ „Solche Werke ſind angenehm und würden ſelbſt eine kleine Abſchweifung vom geraden Wege ent⸗ ſchuldigen. Meine Tochter, ich bin zufrieden ge⸗ ſtellt,“ ſprach der Beichtvater. „Um Konſtanze vor dem verderblichen Einfluſſe eines Geliebten wirkſam zu bewahren, müſſen wir den Verkehr aufheben.“ „Ich fürchte, Sie verſäumen in der Beſorgtheit um Ihre reizende Neophyte manche Ihrer eigenen Pflichten. Haben Sie die Tugenden geübt, die uns ſo ſehr zur Pflicht gemacht ſind, Demuth und Scho⸗ nung? Haben Sie Ihre perſönlichen Rückſichten, Ella. III. 14 162 So Ihre perſönlichen Gefühle hingeopfert? Haben Sie Ihre Neigungen, Ihr Temperament zu überwäl⸗ tigen geſucht?“ „Alles, Alles, mein Vater: ich habe gelächelt, während der Haß an meinem Herzen nagte; ich habe geſprochen, während meine Zunge beinahe ihren Dienſt verſagte; ich habe mich niedergeſetzt, das ei⸗ genſinnige Mädchen beſchwichtigt, ihre Gedanken zum Himmel hingeleitet, während meine Seele mit an— dern Gegenſtänden beſchäftigt war. Ich habe meine Abſolution verdient— verſagen Sie ſie nicht!“ „Es iſt gut! Suchet, ſo werdet ihr finden. Ich verzweifle noch nicht an Ihrem Heile. Aber ſeyen Sie wachſam, daß wir die flatternde Taube nicht verlieren, die junge, ſchüchterne Seele, die in un⸗ ſerem Bereiche iſt. O welch ein Lohn für den Him⸗ mel! welch ein Triumph für Sie, meine Tochter! Schon der Gedanke an dieſe Eroberung zieht mich beinahe in die Welt zurück. Wie wollen Sie den einleitenden Schritt thun?“ „Das Gift des Argwohns bereiten, Corſini in das Geheimniß der Liebe ſeiner Gattin einweihen, die Gefühle ihres Herzens erzählen.“ „Genug! nehmen Sie keine Uebertreibung, keine Falſchheit zu Hülfe!“ „Sie thun mir Unrecht! Niemals habe ich mich —= 163& der Falſchheit ſchuldig gemacht. Ich habe keine Treue gebrochen, kein Vertrauen mißbraucht, keinen Freund verrathen.“ „Stille! Sie vergeſſen Lindenberg— die Briefe, die Sie unterdrückten, vernichteten“— „Wenigſtens gelang der Plan. Ella konnte die Prüfung nicht überſtehen. Ich urtheilte richtig:— Mädchen ſterben aus Liebe nicht. Laſſen Sie eine kleine Zeit verſtreichen, und Alles kommt wieder in das alte Geleiſe.“ „Wahrlich! der Hirte lernt Weisheit von dem verirrten Schafe ſeiner Heerde,“ bemerkte der Prieſter milde.„Die ſtärkſten Leidenſchaften legen ſich mit den Jahren; man ſchmeichle dem Fleiſch oder kreu⸗ zige es, der Erſolg iſt derſelbe: Gleichgültigkeit. Der Ascetiker wie der Lebemann werden gleich un⸗ empfindlich für Verſuchungen, welche den Reſt der Menſchen beſtürmen. Der Eine wird abgeſtumpft für Gefühle, die er zu vergeſſen gelernt hat; der Andere wird der Vergnügungen müde, die in Folge von Ueberſättigung ſchaal werden. Glücklich Der, welcher am wenigſten Urſache zur Selbſtanklage hat! Aber auf unſere Sache zurückzukommen: wir müſſen Corſini die Augen öffnen.“ „Dann wird er nicht nur auf die Liebe ſeiner Gattin eiferſüchtig werden, ſondern er wird auch 11* 164& den Mangel an Offenheit, deſſen ſie ſich ſchuldig gemacht, verachten.“ „Sie werden die Gränzen der Wahrheit nicht überſchreiten,“ bemerkte Clemens. „Ich will nur die Wahrheit ſprechen.“ „Nur unter dieſer Bedingung gebe ich Ihnen Abſolution. „Mein Vater, ich verſpreche zu gehorchen.“ „Gebrauchen Sie jedes rechtmäßige Mittel, um die Liebenden zu trennen. Stellen Sie zu Rede, erklären, bitten Sie; aber greifen Sie nicht zu Liſt oder zu Ausfluchten. Machen Sie ſich der geringſten Ablenkung vom rechten Wege ſchuldig, beſchönigen oder verdrehen Sie einen einzigen Umſtand:— dann ſehen Sie zu!“ „Ich will nur Thatſachen anführen. Wahrheit iſt immer furchtbarer als Verläumdung.“ Als die Gräfin dieſe Worte geſprochen, be⸗ leuchtete der Ausdruck boshaften Triumphs ihre blei⸗ chen Züge. Der Beichtvater erhob ſeine Hände, legte ſie ſanft auf das Haupt der Knieenden, und ſprach:„Stehen Sie auf, Tochter, Sie haben Ab⸗ ſolution. Mag der Zweck die Mittel heiligen!“ Zehntes Kapitel. Seh'n Liebende ſich in unheilvollen Zeiten, Iſt's wie ein Sonnenblick durch Regenſchauer, Ein feuchter Strahl von allzukurzer Dauer, Davor ſich dichte Wolken dunkel breiten. Scotts Rokeby. En songeant qu'il faut q'on l'oublle, On s'en souvient. Moncrif. Mein Herz ſich gleich, doch hoffnungslos. Byron. Mit Beharrlichkeit, wenn auch nicht mit Heiter⸗ keit den geraden Weg der Pflicht verfolgend, erfreute ſich die Fürſtin von Corſini eines großen Theils jener Ruhe, die der Himmel als eine beſondere Ent⸗ ſchädigung den Frauen zu bieten ſcheint, wenn die irdiſchen Hoffnungen verſchwunden ſind. Wenn Er⸗ fahrung oder Entfremdung die jugendliche Leiden⸗ ſchaft überlebt haben, dann ſtillt der milde Einfluß der Ergebung den ſtechenden Schmerz der Täuſchung 27 166&£ und nimmt der Reue ihren Stachel. Gleich dem Duft der Roſe, der noch immer Süßigkeit und An⸗ muth verbreitet, wenn auch die Blume ſelbſt längſt gepflückt, verwelkt und zerſtreut iſt: ſo kann auch Entzauberung der Welt jenes Blendwerk rauben, das wie Sommerfäden über ihren Unvollkommen⸗ heiten hängt; aber die Ergebung wird uns mit dem nüchternen Anblick der Wirklichkeit ausſöhnen. Mit den höheren intellektuellen Fähigkeiten aus⸗ gerüſtet, beſitzen die Männer Kraft, Tapferkeit, Selbſtbeherrſchung und perſönlichen Muth. Die Frauen vereinigen alle dieſe Eigenſchaften in der Ergebung, welche, gleich den gelehrten Zuberei⸗ tungen des Alchymiſten, die Tugenden beider Ge⸗ ſchlechter in einem kräftigen Elirir vereinigt. Das Chriſtenthum, das die Welt befreite, ſchenkte den Frauen mehr als Rettung. Ehe das milde Licht der geoffenbarten Religion die wahre Vortrefflichkeit des weiblichen Charakters entfaltete, kannte der ſchönſte Theil der Schöpfung, die Mütter der Menſchheit, weder die angeborenen Tugenden ihres Geſchlechtes, noch die edlen Anſtrengungen, die man von ihnen forderte; auch waren ſie nicht gerüſtet, mit Demuth ſich dem Willen der Vorſehung zu unterwerfen oder mit Frömmigkeit und Dankſagung die ihnen zuge⸗ meſſenen Prüfungen zu ertragen. So hat ihnen das 2 167 Chriſtenthum eine zwiefache Segnung geſchenkt: Er⸗ gebung in dieſer Welt und Unſterblichkeit in der künftigen. Wir haben früher behauptet, daß der Anblick der Natur dem menſchlichen Herzen in der Zeit ſeines Leidens verwandt iſt, und wir können dieſe hohe Gewalt nicht bloß auf die Stunden der Trübſal be⸗ ſchränken. Wann ſind nicht die Schönheiten der Schöpfung dem betrachtenden und dankbaren Auge willkommen? Es iſt kaum möglich, mitten unter Blumen an einem ſonnigen Tage ſich unglücklich zu fühlen. Eine deutliche Wahrnehmung des Schönen iſt eng verbunden mit der wirklichen Freude. Der Frühling iſt der Sonntag der Natur, und Ella fühlte, daß es auch der ihrige war; denn immer ſuchte ſie die ſtumme, aber duftende Geſellſchaft ihrer Pflanzen auf, da ihr Geiſt in Folge der erlittenen Störungen zu ernſteren Beſchäftigungen nicht geneigt war. Sie liebte ihr heiteres Gartenbeet, das von Blumen jeder Geſtalt und Farbe duftete; ſie liebte es, die grünen Blätter und ſich öffnenden Knospen zu betrachten, die eben zum Daſeyn heranreiften. Sie liebte den anmuthigen Kelch der ſich öffnenden Blume, die ihre Herrlichkeit unter den warmen Strahlen der Nachmittagsſonne entfaltete. Sie ſchaute die Anmuth und das Ebenmaß in dem langen Stängel 168 Se der Lilie, der ſich unter ſeiner weißen Krone beugte, und fand unter den äſtereichen Bäumen jene ent⸗ zückende Seelenruhe, welche der bunte Schmuck ihres reichſten Salons ihr verſagte. Das Leben ſchien um dieſe Zeit neue Reize für ſie gewonnen zu haben. Die Sorgen der Welt, der Hälfte ihrer Schrecken entkleidet, nahmen ein leichteres Ausſehen an; das Gefühl ihres Daſeyns ſchien heiter, als die Fürſtin von Corſini, unter einem goldenen Aka⸗ zienbaume ſitzend, auf die hellen Töne der verſchie⸗ denen Singvögel lauſchte, die den Hain um ſie her bevölkerten. Ella blickte jetzt vorwärts mit zärtlicher Erwartung auf jene wichtige Epoche, in der ſie hoffen durfte, Mutter zu werden. Miütteriche Liebe iſt das ſtärkſte und ſicherſte Unterpfand ebelicher Treue. Diejenige, welche der mütterlichen Freuden gedenkt, hat das Verderben der Eitelkeit und die Täuſchung des Irrthums ſchon abgeſchworen. Sie wurde in ihren friedlichen Träumen unter⸗ brochen durch einen raſchen Schritt, der über den Kies herannahte. Es war ein Schritt, den ſie zu vergeſſen ſich bemüht hatte; ein Schritt, auf den ſie nicht mehr in Erwartung oder Hoffnung horchen, den ſie weder mit einem Lächeln bewillkommnen, noch mit zärtlichem Erröthen begrüßen konnte. Aber ſo ſehr ſie den Ausdruck ihrer Züge bewältigen 2 169& mochte, ſo ſehr ſie die Sprache ihrer Augen zurück⸗ drängte, und ihrer Zunge Schweigen auflegte; Ella fand es unmöglich, den heftigen Pulsſchlag ihres Herzens zu unterdrücken, als ſie Roſenthal erkannte. Einen Augenblick herrſchte Stille. Sie waren einander ſo ſelten begegnet, und hatten ſo ſelten mehr als die gewöhnlichen konventionellen Begrü⸗ ßungen mit einander gewechſelt, daß, als ſie jetzt wieder einmal einander gegenüber ſtanden, nicht ge⸗ ſtört durch das wachſame Auge der Neugierde oder der Feindſchaft, weder Albert noch die Fürſtin ruhig genug waren, um den gewöhnlichen Unterhaltungs⸗ ton zu beginnen. Trennung iſt ſchmerzlich; Abweſenheit iſt ſchmerz⸗ lich. Es iſt traurig, einen Freund zu verlieren; an das theure Antlitz, das wir noch ſo lebhaft vor uns ſehen, zu denken, das wir niemals wieder ſchauen ſollen. Es iſt traurig zu wiſſen, daß der weite Ocean oder das unergründliche Grab zwiſchen uns und dem Geliebten liegt. Es iſt traurig, den Schiffbruch der menſchlichen Gefühle mit anzuſehen; zu finden, daß das zärtliche Herz, das einſt dem unſrigen entgegen ſchlug, fern in der Wildniß lebt, vergeſſend, wenn nicht vergeſſen. Aber ach, es iſt noch trauriger, den früheren Freund zu treffen, wenn die Bande der Zärtlichkeit zerbrochen ſind, wenn der kalte, ruhige 170 GA Blick der Fragen ſpottet und Vermuthungen ver⸗ bietet,— wenn der Geiſt, der einſt im Einklang mit dem unſrigen ſtand, ſeinen Ton verändert hat; die Seele, erkältet und entfremdet, keinen Glanz mehr auf uns wirft. O es iſt bitter, dieſelben Züge, dieſelbe herrliche Vollkommenheit, dieſelbe reiche Ueppigkeit der Farbe ſehen zu müſſen; wenn das Feuer, das darin glühte, erloſchen iſt, und die leiden— ſchaftsloſe Bruſt aufgehört hat, die wilden Gefühle zu faſſen, die ſie einſt theilte. Als Ella die Geiſtesgegenwart wieder gewon⸗ nen, die ſie einen Augenblick verloren hatte, äußerte ſie in kalten Worten, daß ſie nach Hauſe zurück— kehren ſollten. Sie fühlte, daß der Glanz und die Förmlichkeit eines Empfangzimmers eine Art Schutz biete gegen ihre eigene Schwäche. Der milde Ein⸗ fluß des Blumengartens ſchien gefährlicher; denn es iſt ſchwer, die Ceremonien der Etikette feſtzuhalten, den nüchternen Vorſchriften der Klugheit zu gehor⸗ chen, die ruhigen Pflichten der feinen Geſellſchaft zu erfüllen, wenn Alles umher Freiheit und Liebe athmet. „Mein Beſuch iſt vielleicht unzeitig; ich will mich zurückziehen, wenn Sie es wünſchen,“ ant— wortete er mit jener leiſen durchdringenden Stimme, die Ella niemals ohne Schmerz hörte. Von ſeiner Beſcheidenheit gerührt, war ſie unfähig, ein Wort 171&Æ hervorzubringen. Ihre Augen begegneten ſich und in dieſem kurzen Blicke waren Bände ausgeſprochen. „Meine Gegenwart war nicht immer ſo unwill⸗ kommen,“ fuhr er fort in jenem zweifelhaften Tone, der eben ſo ſarkaſtiſch als vorwurfsvoll iſt. „Graf Roſenthal hat es bis jetzt noch nie an den Erforderniſſen der feinen Bildung fehlen laſſen,“ antwortete Ella, indem ſie ſich mit Würde von ihm wegbewegte⸗ „Und Sie haben es ſonſt nie an Freundlichkeit fehlen laſſen,“ verſetzte er bekümmert. „Ich hoffe, kein Freund des Fürſten von Cor⸗ ſini kann mich eines Mangels an Höflichkeit an⸗ klagen.“ „Höflichkeit! Höflichkeit von Ihnen gegen mich! O Ella, daß ich es erleben muß, dieſes Wort von Ihren Lippen zu hören! Ich könnte ſelbſt Haß er⸗ tragen, aber dieſe ruhigen Mienen, dieſer kalte Blick — Sie verachten mich; ich bin Ihnen gleichgültig.“ „Der Graf Roſenthal darf ſich ſtets meiner auf⸗ richtigen, guten Wünſche gewiß halten. Aber wir zögern zu lange; die Sonne iſt drückend.“ „Wollen Sie mich vor Schmerz zur Verzweif⸗ lung bringen?“ rief er, ihre Hand mit Heftigkeit er⸗ greifend.„Sprechen Sie zu mir, ſprechen Sie, wie Sie ehemals ſprachen.“ - 172&⸗ Die Fürſtin zog ruhig ihre Hand zurück, blieb aber ſchweigend. „Haben Sie die Tage früheren Glückes ver⸗ geſſen? Hat ſich Ihre Natur ganz geändert? O Ella, ich kann dem Zeugniß meiner eigenen Sinne nicht glauben, wenn ich die äußere Geſtalt ſchön wie zuvor ſehe und das Herz verſchwunden, mir entfremdet, für mich verloren finde, für immer.“ „Für immer!“ wiederholte leiſe die Fürſtin, naber hören Sie mich, Albert,“ rief ſie Muth ge⸗ winnend,„Sie haben dieſe Zuſammenkunft geſucht, Sie ſind in meine Einſamkeit eingedrungen: laſſen Sie es das letztemal ſeyn.“ „Ich hoffte, Sie würden Erbarmen haben,“ verſetzte er.„Habe ich nicht einen Anſpruch auf Ihre Großmuth? Gewähren Sie mir wenigſtens eine Erklärung.“ „Dies war und iſt mein Wunſch und meine Abſicht,“ verſetzte die Fürſtin feſt.„Es iſt wahr— ſcheinlich, Graf Albert, daß in Folge der Bekannt⸗ ſchaft, die zwiſchen unſern Familien beſteht, wir ge⸗ nöthigt ſeyn werden, uns oft zu begegnen. Ich bitte Sie, wohl zu bedenken, daß wir uns nur in Geſellſchaft begegnen, und daß, wenn der Zufall oder die Nothwendigkeit uns zuſammenführt, wir 173 nur als Bekannte mit einander ſprechen. Dies iſt meine Hoffnung, meine Bitte.“ Ella ſtotterte, und es war zweifelhaft, ob ſie fortfahren wollte oder nicht.“ „Kalt, leidenſchaftslos, grauſam! Aber nein, ich will Sie nicht anklagen. Die Wünſche, die Sie ausgedrückt haben, ſind Befehle; ich werde ſie ge— nau befolgen. Bisher hatten Sie keine Urſache, mich der Vermeſſenheit anzuklagen. Ich habe mich nicht einmal an dieſen Zügen ſatt geſehen, die einſt un— begränzte Zärtlichkeit und Vertrauen gegen den Mann ausdrückten, den Sie jetzt aus Ihren Augen ver⸗ treiben. Aber gedenken Sie, daß die Fürſtin von Corſini, ſo viel Gewalt ſie auch haben mag, doch nicht allmächtig iſt. Sie kann die Erinnerung nicht verwiſchen, ſie kann die Vergangenheit nicht aus⸗ löſchen.“ „Sie ſind ſarkaſtiſch, ich hätte beinahe geſagt ungroßmüthig,“ bemerkte Ella mit einem tiefen Seufzer. „Ha, Sie können alſo noch fühlen!“ rief Al⸗ bert ungeduldig.„Ich begrüße dieſe Vorbedeutung. Als wir uns das letztemal begegneten, war es auch inmitten von Blumen und ſüßen Wohlgerüchen; ſeit⸗ her iſt es erſt zwei Jahre. Dieſelben bunten Zeugen unſerer Begegnung umgaben uns. Das Ausſehen 174&- der Natur hat ſich nicht geändert; Sie allein haben ſich geändert.“ „Dieſer Hohn iſt unſer Beider gleich unwür⸗ dig,“ bemerkte ſanft die Fürſtin,„unſere Geſchicke ſind jetzt auseinander geworfen. Warum ſollten wir Zeit und Gefühl in nutzloſen Vorwürſen verſchwen⸗ den? Sie ſind frei, meine Wahl iſt getroffen; möge die Ihrige ebenſo“— Sie konnte nicht weiter ſprechen, denn ihre Ge⸗ fühle widerſprachen der Behauptung, die ſie eben äußern wollte.. „Ja, Sie ſind glücklich, ich weiß es, ich ſehe es. Der Ehrgeiz war Ihr Zweck, er iſt erreicht. Sie lächeln über das Unglück, das Sie verſchuldet haben. Das Vermögen, der Rang, der Glanz Corſini's verführte Sie. Um dieſer ſchimmernden Außendinge willen haben Sie mich verachtet und ver⸗ worfen.“ „Sie verworfen? Graf Albert!“ rief ſie.„Dieſe Anklage iſt auffallend und unerwartet. Wie ſoll ich Sie verſtehen?“ „Sie haben meine Briefe ungeleſen, uneröffnet zurückgeſandt. Sie wollten ſich nicht einmal herab⸗ laſſen, die ſchwachen Erinnerungen an unſere Ju⸗ gend, an unſer Glück zu behalten.“ „Albert,“ unterbrach ihn Ella, athemlos vor 175 Ueberraſchung.„Ich erhielt keinen Brief. Ihre Geſchenke wurden mit Schmerz zurückgegeben, als Ihr Vater ſie verlangte.“ „Da muß Verrath, Betrug dahinter ſeyn. Meine Briefe— Sie erhielten meine Briefe nicht? Sie wurden durch meinen treuen Diener nach Ehrenfels geſandt.“ „Nein. Ein Brief, zwei Briefe kamen ven Graf Noſenthal. Der erſte verbot unſere Verbin⸗ dung; der zweite unterſagte unſern Briefwechſel und verlangte die Zurückgabe der Andenken.“ „Das muß ein Irrthum, ein unheilvoller, fluch⸗ würdiger Irrthum ſeyn,“ wiederholte Roſenthal. „Vergebens habe ich geſucht und geforſcht; ich konnte keine Hülfe finden. Ella, Sie haben die Faſern meines Herzens mit Füßen getreten.“ „Nein, wir ſind vielleicht Beide getäuſcht wor⸗ den; aber es iſt zu ſpät, die Ereigniſſe der letzten zwei Jahre aufzuwühlen. Ich bitte um Schonung. Laſſen wir die Sache ruhen.“ „Ruhen? niemals!“ donnerte Roſenthal,„bis ich den vergifteten Strom des Unglücks bis zu ſeiner OQuelle durchſorſcht habe. Ich bin betrogen, wie ein Kind behandelt worden. Ich war ungerecht gegen den beſten, edelſten Mann, gegen Lindenberg. Ella, Ihr Vater“— 2 176 S „Er ſchrieb an⸗Sie; aber erſparen Sie mir die ſchmerzliche Erinnerung. Ich glaubte, Leopold hätte Ihnen erklärt— Sie hatten eine Begegnung.“ „Wir ſchlugen uns, Ella! Ich erhob dieſe Hand gegen Ihren Bruder! aber eine beſondere Vor⸗ ſehung wachte über uns. Seiner Ehre war genug geſchehen und wir Beide blieben unverletzt. Es folgte eine Erklärung. Aber ſo ſehr auch die Gefühle meines Gegners ſich beſänftigten, als er fand, daß die Gefühle ſeiner Schweſter nicht willkürlich ver⸗ letzt worden, ſo erhielt doch ich keinen Troſt durch die Kunde, daß Sie vermählt ſeyen!“ „Das Wort, das Sie ſo eben ausgeſprochen haben, erinnert mich an meine Pflicht,“ verſetzte Ella gefaßt.„Wir wollen dieſen ſchmerzlichen Gegen⸗ ſtand verlaſſen.“ „Noch nicht, noch nicht. Ihr Vater ſchrieb? Ich erhielt niemals einen Brief von ihm. Ich ſchrieb’“— „Sie ſchrieben weder, noch kamen Sie.“ „Sie wurden getäuſcht. Ich kam zitternd vor Ihre Mauern. Ich wohnte in einer geringen Schenke in Ihrer Nachbarſchaft; hier hörte ich die ſchlimme Nachricht von Ihrer Unbeſtändigkeit; ich hörte, daß ich in Ihrem Herzen bereits in den Hintergrund zurückgedrängt ſey, daß ein Anderer meine Stelle 7 — — -2 177 E⸗ ſich angemaßt habe. Als ich Sie zu ſehen verlangte, wurde ich nicht eingelaſſen, und ich erfuhr, daß Sie in Wien ſeyen. „Ich begleitete meinen Vater. Ihr vermeint⸗ licher Nebenbuhler war Leopold, der nach ſeinem Zweikampf mit Holdenbeck in Ehrenfels blieb, bis— vergeben Sie mir— ich kann von dieſer unheil— vollen Epoche nicht ſprechen. Es gibt Schmerzen, die kein Balſam des Mitgefühls lindern kann. Es gibt Qualen, die noch bitterer ſind, als die Täu⸗ ſchungen jugendlicher Liebe. Es gibt Thränen, die noch heiliger ſind als die, welche ich um Ihret— willen vergoſſen habe, Roſenthal. Entweihen wir nicht die feierliche Erinnerung durch ein Bild, das weniger heilig iſt, als das ſeinige!“ „Ich Unglücklicher! Mit Ihnen habe ich jede Hoffnung verloren. Unſere Briefe wurden unter⸗ drückt, zurückbehalten. Wir ſind die Opfer irgend eines furchtbaren Betrugs; der Eigenſinn meines Vaters hat vernichtet“— „Uns Beide!“ murmelte Ella, in deren Augen ſich reichliche Thränen ſammelten, als der Gedanke, daß ihr Geliebter ihr treu geblieben, ſich allmählig in ihrem Geiſt ffeſtſetzte. „Iſt es wahr?“ rief Albert, ſanft ihre Hand ergreifend, die ſie einen Augenblick nicht zurückzog. Ella. III. 12 2 178 S&⸗ „Wir haben Beide gelitten.“ Er blickte ſie zärtlich an, während er feierlich hinzuſetzte:„Ella, meine Ella! Sagen Sie mir, daß Sie mich nicht haſſen! O daß wir ſo getrennt werden mußten! Verurtheilt ſind, getrennt zu leben, wir, die wir ſo ganz für einander beſtimmt waren!“ „Hören Sie auf, verlaſſen Sie mich! Ich be⸗ fehle es, ich bitte Sie,“ rief die Fürſtin, indem ſie ihre Hand ſeinem leidenſchaftlichen Drucke entwand. „Nein! niemals! nicht, bis Sie dieſe beklommene Bruſt von der Hälfte ihrer Laſt befreien; nicht, bis ich Ihre jetzigen Gefühle erfahre. Wenn ich Sie ſo zitternd, zuckend vor meiner Berührung zurück⸗ beben ſehe, habe ich ein Gefühl, als ob noch nicht Alles verloren wäre, wenn dieſe Augen zärtlich den meinigen begegnen, kann ich nicht glauben, daß das Licht der Liebe erloſchen ſey.“ „Im Namen der reinen Liebe, die uns einſt verband, beſchwöre ich Sie, aufzuhören. Ich ſoll und darf dieſe Aeußerungen nicht anhören. Auf meinen Knieen bitte ich Sie, flehe ich ſie an um Schonung, um Mitleid.“ Bei dieſen Worten ſank die Fürſtin vor Albert auf die Kniee und erhob in bittender Stellung ihre Hände zum Himmel. „Ella, ich verzweifle! Dieſer Blick, dieſe Bitte — 179 S⸗ — jedes Wort und jede Geberde bringt mir den Schatz zum Bewußtſeyn, der mir entriſſen wurde. Könnte ich Sie jetzt weniger lieben! Wäre ich nie⸗ mals hieher zurückgekehrt! Hätten wir uns nie mehr geſehen!“ „Wir wollen uns nicht mehr ſehen,“ ſagte Ella feſt. „Wie war ich ſchwach und bethört! Wie habe ich Ihnen unrecht gethan! Ich klagte Sie fälſchlich an, ich verletzte Sie durch grundloſe Vorwürfe. Ich haßte Sie beinahe. Ich glaubte, Sie ungeſtraft ſehen zu können. Mein welkes Herz hätte ſich ver⸗ ſchloſſen gegen die Angriffe des Schmerzes; ich glaubte gleichgültig geworden zu ſeyn.“ „Fortan müſſen Sie es ſeyn, müſſen wir es gegen einander ſeyn. Verdammen Sie mich nicht. Vermehren Sie nicht die Laſt des Grames, die mich niederdrückt, durch den Stachel Ihrer Vorwürfe; wenn Sie eine Erinnerung an unſere frühere Liebe bewahren, ſo laſſen Sie dieſelbe einen Lichtſtrahl ſeyn, der Sie zur Tugend und zum Frieden führt. Wenn wir uns wieder ſehen, muß es in Gegenwart un⸗ ſerer Freunde geſchehen. Suchen Sie niemals wieder meine Einſamkeit zu ſtören. Solche Auftritte ſtehen unſerer gegenſeitigen Stellung nicht gut an.“ „Erinnern Sie mich nicht an die verhaßten, 12* —— —— 2 180& unheilvollen Gelübde, durch die Sie an einen An⸗ dern gebunden ſind. Fluchwürdige Verbindung! Möge ſie voll—“ „Albert, Albert!“ rief die Fürſtin, ihre Hände ringend.„Schonen Sie mich! Hören Sie auf mit dieſen Verwünſchungen.“ „Ich will Sie ihm entreißen! Waren Sie nicht mein, ehe Sie die ſeinige wurden.“ „Bei dem Andenken meines Vaters, den Sie hochſchätzten, flehe ich Sie um Mäßigung. Wollen Sie das Herz brechen, das einſt Ihnen gehörte? Wollen Sie mich verderben? Ich bin Gattin!“ Sie zögerte— ein anderer, noch zarterer Na⸗ men ſchwebte auf ihren Lippen. „Ja, Gattin! ſeine Gattin, nicht die meinige! Auch Mutter?“ Und er blickte ſie heftig an.„Die Mutter ſeines Kindes!“ „Quälen Sie mich nicht weiter. Dieſe Grau⸗ ſamkeit iſt unverdient; ich habe genug gelitten. Die Vergangenheit kann niemals zurückgerufen werden. Laſſen Sie mir wenigſtens die Zukunft.“ „Ja; ich will gehorchen, ich will Sie Ihrem häuslichen Freuden nicht entziehen. Sie lieben mich nicht mehr. Der Fürſt von Corſini nimmt Ihre ganze Seele ein.“ „Er hat wenigſtens ein Recht auf meine —2 181& Dankbarkeit und meinen Gehorſam,“ verſetzte Ella mit mehr Feſtigkeit, als ſie zuvor gezeigt hatte. „Ja, ſo iſt es. Corſini iſt Ihnen theuer. Wäre dies nicht, ſo hätte keine menſchliche Gewalt, keine Treuloſigkeit uns ſcheiden können. Ein verlorener Brief, die willkürlichen Forderungen väterlichen Stolzes, die Zurückgabe weniger Kleinigkeiten, das Verbot unſeres Briefwechſels— dadurch konnte ein treues Herz nicht entfremdet werden. Die Hoffnung ſtirbt niemals. Ich liebte und hoffte, und hoffte und liebte fort. Zeit, Entfernung, die vorübergehenden Hinderniſſe, welche der Ehrgeiz meines Vaters zwi⸗ ſchen uns gelegt hat, Alles dies war federleicht in der Wagſchale, verglichen mit meiner Liebe zu Ihnen. Bekümmert und entmuthigt, die Möglichkeit unſerer Wiedervereinigung kam mir nie aus den Augen. Während meines kurzen Beſuches in Ehrenfels traute ich dem Zeugniß meiner Sinne nicht mehr. Ich traute Keinem mehr, nur Ihrer Treue traute ich. Ich verſöhnte mich mit meinem Vater in der unbe⸗ ſtimmten Hoffnung, ſeine Einwilligung zu unſerer Verbindung zu erhalten. Ich kehrte nach Wien zu⸗ rück, noch immer aufrecht gehalten durch das heim⸗ liche Vertrauen auf Ihre Liebe. Ich fand Sie als die ſtrahlende, glückliche Gattin Corſini's.“ Bleich, von Rührung überwältigt, antwortete — —— ——— —— 4.ͤ— 7- 182 ˙ Ella den heftigen Vorwürfen ibres Geliebten nur mit ſtummen Thränen. „Sie weinen, aber ſolche Thränen brennen nur mein Herz, geben ihm keine Linderung. Ich preßte ſie Ihnen aus, ſie fließen nicht aus Schmerz.“ „Seyen Sie nicht ungerecht, Albert. Warum wollen Sie bis in die innerſten Winkel meiner Seele dringen! Als ich die Hand des Fürſten von Corſini annahm, glaubte ich Sie vermählt. Ich glaubte ſo⸗ gar, Ihre ſchöne Braut geſehen zu haben— aber genug— ich verzeihe Ihnen die Worte, die Sie ausgeſprochen haben. Die einzige Probe, die ich von jener Zärtlichkeit fordere, welche Sie mir noch immer betheuern, iſt, daß Sie dieſe ſchmerzliche Zu⸗ ſammenkunft vergeſſen mögen. Niemals, o niemals wollen wir die grauſame Qual unſerer Herzen auf⸗ decken. Das düſtere Geheimniß unſeres Schnerzes ſoll in uns ruhen.“ „Wir wurden von einem ſeltſamen Unglück ver⸗ folgt. Meine Braut, ſagten Sie? Welche ſeltſame Täuſchung konnte Ihnen eine eingebildete Neben⸗ buhlerin vorgezaubert haben? Mein Herz iſt mit der Vergangenheit vermählt. Sie ſahen keine Braut von mir, Ella. Seit dieſe Hand zuletzt in der Ihri⸗ gen lag, ſeit meine Lippe zuletzt dieſe reine Wange berührte, hat kein Schatten die heilige Erinnerung — —— — 183 E befleckt, kein Gebilde weiblicher Lieblichkeit, wenn auch noch ſo glänzend, konnte das herrliche Bild überſtrahlen, das meiner, Seele eingedrückt war.“ „Ich weiß es, es war ein Irrthum, Albert; aber die Schönheit Konſtanze's konnte auch einen ſtärkeren Geiſt als den meinigen irre leiten.“ „Ha! ich begreife Alles; Sie glaubten, ich ſey vermählt, und als Sie meine Schweſter ſahen, be⸗ ſtätigte ſich Ihre Vorausſetzung: Sie wurden vor Ihrer Vermählung nicht mehr enttäuſcht?“ „Nein! nicht, bis Leopold mir die Wahrheit erklärte, und die Ueberzeugung von Ihrer Treue leider zu ſpät ſich mir aufdrängte.“ „O Gott! wie wurden Deine Segnungen mir entriſſen! Der liebliche Kelch des Daſeyns hat ſich mir in Galle verwandelt. Ella, in Ihrer Macht liegt es jetzt, den letzten bittern Tropfen hineinzu⸗ miſchen. Verbannen Sie mich nicht, Sie, die ich ſo lang, ſo innig geliebt habe. Warum wollen Sie mir den einzigen Troſt verſagen, den ich jemals finden kann? Mich dünkt, ich könnte noch Augen⸗ blicke genießen, vorübergehende Strahlen der Wonne wenn mir das Vorrecht vergönnt wäre, Sie zu ſehen, mit Ihnen zu ſprechen.“ „Mein Benehmen muß ganz von den Umſtänden geleitet werden,“ verſetzte Ella.„Ich muß den -2 184 S⸗ Schmerz einer Zuſammenkunft mit Ihnen zu ver⸗ meiden ſuchen. Blicken Sie nicht finſter, Albert. Solche Begegnungen ſind nur peinlich, gefährlich. Der Fürſt von Corſini erfuhr nie etwas von dem Geheimniſſe, das zwiſchen uns beſtand; und es wäre nicht räthlich, ihn jetzt von einem Vorfalle zu unterrichten, der meine Gefühle für ihn nicht ver— ändern kann.“ Bei den letzten Worten fühlte Roſenthal einen Strahl plötzlicher Freude durch ſeine Seele drän⸗ gen; ſo wahr iſt es, daß die erſte Verheimlichung, deren ſich eine Gattin gegen ihren Gatten ſchuldig macht, die beſte Ermuthigung iſt, die ein Geliebter wünſchen kann. Ein geheimnißvolles Band war ge⸗ knüpft, ein gemeinſames Intereſſe ſchlang ſich um ihre heimliche Abrede, eine Verbindung von Gedanken, welche die Welt nicht ahnte, beſtand zwiſchen ihnen; ſie verſtanden einander, es war ein Eingriff gewagt in das reine Heiligthum des Geiſtes. Das Ver⸗ trauen, das Corſini ſo entzogen wurde, war für Albert ein Triumph. Sie hatte ihn um Schonung gebeten, ſie hatte ſeine Macht anerkannt, ſie hatte das Innerſte ihres Herzens verrathen. Kühne Hoff⸗ nungen drängten ſich in ſeinem Geiſte, als er mit inniger Zärtlichkeit leiſe bemerkte:„Es iſt gut, ich will gehorchen. Machen Sie mit mir, was Sie — 8 185 G⸗ wollen, ich bin Ihr Sklave, Ihr Opfer. Ich ver⸗ ſpreche Klugheit, Stillſchweigen, ſelbſt Täuſchung, wenn ſie nöthig ſeyn ſollte. Alles und Jedes iſt der düſtern Nothwendigkeit vorzuziehen, Sie nicht mehr zu ſehen.“ „Sie thun mir Unrecht, Graf Albert, ich ver⸗ lange keine Täuſchung, kein Geheimniß. Ich wünſchte niemals meinen Gatten zu betrügen. Viele Umſtände verbanden ſich, um zu verhindern, daß er unſer unglückliches Verhältniß nicht erfuhr, und jetzt wäre eine Mittheilung der Art nutzlos und unzeitig. Ich berufe mich auf Ihre Ehre, auf die Erinnerung an frühere Tage. Erſparen Sie mir den Kummer, die Qual, Sie zu ſehen.“ „Unbarmherzige Frau! Sie verurtheilen mich zum Unglück. Aber gewiß, die glückliche, geliebte, liebende Gattin Corſini's braucht die Nähe ihres früheren Geliebten nicht zu fürchten! Vertrauensvoll in ihrer Unſchuld, zufrieden, ja ſich rühmend des glänzenden Looſes, das ſie voll Ueberlegung gewählt hat, belohnt durch die Bewunderung der Geſellſchaft und die Anbetung ihres Gatten— gewiß, die Für⸗ ſtin von Corſini bedarf keines lebendigen Opfers auf dem Altare ehelicher Treue! Wie der unglückliche Verurtheilte immer in jene Sonne blickt, die zum letztenmal auf ſein dem Untergang geweihtes Haupt 2 186 Se herabſcheint, ſo erlauben Sie mir, mich in die ge⸗ ſchäftigen Schaaren zu miſchen, die auf Ihrem Pfade ſich drängen, um Ihnen den Weihrauch der Schmeichelei darzubringen! Laſſen Sie mich dieſelbe Luft athmen; laſſen Sie mich die Silbertöne Ihrer Stimme hören— mehr fordere ich nicht.“ „Dieſe Sarkasmen ſind unedel,“ verſetzte Ella ſanft,„doch nichts davon, Alles iſt vergeſſen; leben Sie wohl!“ Mit dieſen Worten entfernte ſie ſich eilig aus dem Garten und ließ Roſenthal verliebter als je zurück. . Eilftes Kapitel. Non, son coeur n'est polnt falt pour une trahlson; Mais ne crois pas non plus que le mien s'avllisse, A souffrir des rigueurs, à géemir d'un caprice; A me plaindre, à reprendre, a redonner ma fol:— Des eclaircissements sout indignes de moi Voltaire— Zalre. Aber weil es, ach! Empfindlichere Geiſter gibt,—— —— welchen der Entehrung Schatten Gilt für entſetzlichere Wirklichkeit, Als Tod hier oder drüben,— Männer, die Der Sünde Spott zur That der Sünde reizt; So laßt, was wir jetzt ſchauen, fühlen, dulden Elenden eine Warnung ſeyn, wie ſie In ſchnöden Launen Weſen höh'rer Art Mißhandeln. Byron— Marino Faliero. An den Fürſten von Corſini. Wien, 18— „Seine Excellenz der Fürſt von Corſini weiß wahrſcheinlich nichts von der Gefahr, die ſeinen häuslichen Frieden bedroht. Hat er jemals von der vertrauten Freundſchaft gehört, die einſt zwiſchen den Familien Roſenthal und Lindenberg beſtand und die jetzt lebhaft erneuert wird? „Die Fürſtin Ella war die Verlobte des Grafen Albert. Jahre lang waren ſie gewohnt, einander —— . — ⁸△ 188&⸗ * mit zärtlicher, vertrauensvoller Liebe zu betrachten. Die am meiſten betheiligte Perſon iſt vielleicht die, welche am wenigſten davon unterrichtet iſt. Die be⸗ abſichtigte Verbindung kam nicht zu Stande; in Folge kluger Beweggründe von Seiten des Vaters von Roſenthal, der zur Zeit des politiſchen Falles des Freiherrn von Lindenberg eine augenſcheinlich ſo nachtheilige Verbindung ablehnte.“ „Es iſt nicht zu erwarten, daß die Liebenden ihre frühere Vertraulichkeit ungeſtraft wieder begin⸗ nen können. Sie haben ſich oft geſehen. Wo und wie dieſe Begegnungen ſtattgefunden haben, iſt nicht weſentlich. Die Sprache der Augen iſt unter allen Umſtänden und in allen Geſellſchaften gleich deutlich. Möge der Fürſt von Corſini ſich wahren.“ Das Papier, auf welches die vorſtehenden Zeilen geſchrieben waren, fiel aus Corſini's Händen, als er die anonyme Mittheilung zu Ende geleſen hatte. Es war ein Stillſtand in ſeinen Gedanken; gleich der athemloſen Ruhe, die dem Gewitter vorangeht, war dieſe geheimnißvolle Stille nur der Vorbote drohender Gefahr. Der Strom ſeines Blutes ſam⸗ melte ſich in ſeinem Herzen, es hörte auf zu fließen, die Kanäle der Empfindung ſchienen eingefroren; die Beredſamkeit der Leidenſchaft verſtummte. Es iſt ein ſchrecklicher Augenblick, wenn die 1 -2 189 S⸗ menſchliche Seele, in den Schranken des Stolzes eingeſchloſſen, unfähig ſich zu äußern, und dem Mit⸗ gefühl Anderer unzugänglich, mit den dunkeln Mächten Umgang pflegt. Während dieſer ſchrecklichen Augen⸗ blicke dringt der Geiſt des Böſen in das Heiligthum ein, gerade wenn die Gnade des Himmels und die Liebe der Menſchen gleich ſehr davon ausgeſchloſſen ſind. Dies ſind die Zeiten, in denen die ſchwarzen Eingebungen noch unverübter Verbrechen ſich all⸗ mählig mit der Phantaſie des davor zurückbebenden Sterblichen vertraut machen, der ſein Unrecht ſo lange betrachtet, bis der Anblick der Rache, ſeiner Schrecken entkleidet, ſeinen Augen willkommen wird. Alle deutliche Wahrnehmung des Guten geht unter in dem Einen Alles verſchlingenden Gegenſtand. Solche Augenblicke der Prüfung werden in dem ſchwarzen Buche der Ewigkeit aufgezeichnet. Es gibt eine Kriſis in dem menſchlichen Schickſale, wo die Verſuchung gleich einer Wolke über der Seele laſtet. Wer hat nicht die Nähe, die Berührung der Sünde gefühlt? Wer hat nicht geſchaudert bei der Erin⸗ nerung an jene geheimnißvolle Stunde, in welcher die verborgene Stimme der Neigung gegen die beſ⸗ ſeren Gefühle gekämpft, ſie vielleicht überwältigt hat? Der Angſtſchweiß ſtand in dicken Tropfen auf Corſini's Stirne, als er eilig auf und nieder ſchritt — 190 ⁹ und das unglückliche Schreiben betrachtete, bis die Zeichen ſich vor ſeinen Augen verwirrten und ſein trüber Blick ſie nicht mehr entziffern konnte. Der Abgott ſeines Herzens, ſie, die alle ſeine Gedanken einnahm, alle ſeine Gefühle erfüllte; der Abgott, dem er jede irdiſche Rückſicht geopfert hätte, war angeſchwärzt und entſtellt! Der heilige Altar häus⸗ licher Liebe war zerſtört und entweiht. Seine Gattin, die Genoſſin ſeines Schickſals, liebte ihn nicht! Der Argwohn hatte ſie berührt und nun war nirgends mehr ein Platz für ſeine Liebe! Während er ſich dem unglücklichen Gedanken hingab, ſtieg die Vergangenheit mit grauſamem Hohne vor ihm auf. Jeder Tag ſeines Lebens im Eheſtande war nur ein Traum, eine Täuſchung ge⸗ weſen; jeder Augenblick ehelicher Zärtlichkeit, des Vertrauens, der Liebe nur ein Betrug. Ella hatte gelächelt, um zu täuſchen. Ihre Güte war Folge der Berechnung; das ganze Gebäude ſeines Glückes war geſtürzt und zerſchmettert. In inniger Liebe zu dem einzigen Weibe, das er jemals geliebt, ſuchte Corſini das grauſame Zeugniß, das vor ihm lag, zu bekämpfen, aber wenn die Leidenſchaften der Jugend heftig ſind, ſo ſind die des reiferen Alters deſto dauernder. Wenn die Männer älter werden, ſo beſchränkt ſich bei ihnen — 191 G&σ⸗ Alles auf die Gegenwart; ſie haben keine Zukunſt und halten zähe an den Täuſchungen feſt, die ſie zu bewahren im Stande ſind. Für ſie gibt es keinen zweiten Frühling, und wie die Blüthen des Lebens nach und nach ſchwinden und welken, ſo lieben ſie deſto inniger die zurückbleibenden. Wenn ſo der Gram in das welke Herz eines alten Mannes fällt, dann verdunkelt ſich der ganze Horizont; die Zu⸗ gänge des Vertrauens verſchließen ſich, und wenn das letzte Band menſchlicher Zärtlichkeit getrennt iſt, eilt düſterer Menſchenhaß, dieſer Mehlthau des Geiſtes, dem Laufe der Zeit voran. Der Jüngling ſpottet der Täuſchung, aber der Betagte erliegt langſam unter ihrer Laſt. Corſini war nichts übrig geblieben, um den Schmerz vergifteter Liebe zu lindern. Die Haare auf ſeinem Haupte waren gezählt, und die Freuden und Beſchäftigungen des Lebens hatten bereits auf⸗ gehört, ihn zu reizen. Die Wahl, die ſich dem jungen und ſanguiniſchen Manne ſo bereitwillig darſtellt, war ihm verſagt. Hoffnung, Erwartung und der immer ſchmeichelnde Balſam der Selbſtliebe ſind weder die Eigenſchaften, noch die Hülfsquellen des Alters, und die tiefe Wunde, die ſeine Gefühle erlitten hatten, ſchmerzte um ſo mehr, je unmöglicher es für ihn war, Hülfe zu erhalten oder zu ſuchen. - 192 S⸗ Eben ſo ſehr die Bemitleidung, als den Um⸗ gang der Geſellſchaft ſcheuend, fürchtete der Fürſt den Stachel des Hohnes und entſchloß ſich, ſeinen Gram lieber in ſeiner innerſten Bruſt zu verſchlie⸗ ßen, als das Heiligthum ſeines häuslichen Elends der Forſchung und Beobachtung der Welt bloß zu ſtellen. Zu der unglücklichen Ueberzeugung, niemals die Liebe ſeiner Gattin beſeſſen zu haben, geſellte ſich jetzt der Zweifel an ihrer Treue; und kein Schmerz iſt ſo herb als der, den wir fühlen, wenn wir die Falſchheit des Weſens entdecken, das wir lieben. Wir können ihre Untreue verzeihen, aber unſere eigene Blindheit können wir nicht verzeihen. Es iſt ſo traurig, den Glauben zu widerrufen, den wir einſt bekannten; Schritt für Schritt den Verlauf unſerer Neigung zurück zu gehen, unſer eigenes Werk zu zertrümmern, und eine nach der andern die Faſern der Gewohnheit und Liebe auszureißen, die ſich in unſere Herzen feſtgeſetzt haben. Die Qual der Eiferſucht iſt individuell, aber das Mißtrauen iſt umfaſſender; es erſtreckt ſeinen unheilvollen Einfluß auf das ganze Familienleben. Die Eiferſucht kann aus einem falſchen Urtheile ent⸗ ſtehen; das Mißtrauen ſchließt einen Fehler des Benehmens in ſich. Die Möglichkeit, von Ella betrogen zu ſeyn, 1 2% 193& war Corſini um ſo weniger erträglich, als ſie da— durch in ſeiner Meinung erniedrigt wurde. Er fühlte, daß er nicht aufhören könne, ſie zu lieben, aber daß er aufhören müſſe, ſie zu achten. Mit ſchmerzlicher Bewegung bemühte er ſich, jeden Umſtand ſich zurückzurufen, der mit ſeiner Heirath in Verbindung ſtand, und zergliederte ſorgfältig das ganze Benehmen und alle Reden Ella's. Unwillkürlich entwarf er ſich ein Gemälde von ihrer Sanftmuth, ihrem unab⸗ läßigen Gehorſam, ihrer freudigen Ergebenheit in ſeinen Willen; zärtlich verweilte er bei der Erinnerung an das Glück, das ſie ihm bereitet hatte; und als er auf den glänzenden Pfad zurückblickte, ſo blieb nicht ein Schatten an der Reinheit ſeiner Gattin, nicht eine einzige Ablenkung von dem Wege der Pflicht war in ihrem Benehmen bemerklich. Allerdings hatte ſie niemals viel Zärtlichkeit gezeigt; ſie machte nicht viele Betheurungen; ſie ließ ſeine Liebe zu, aber ſuchte ſie nicht. Von Roſenthal hatte ſie nicht ge⸗ ſprochen, denn ſie war nie aufgefordert worden, das Vorhandenſeyn des erwähnten Verhältniſſes abzu⸗ läugnen oder zuzugeben. Aber würde ein ſolches Ver⸗ trauen wünſchenswerth ſeyn, auch wenn Grund dazu vorhanden wäre? Oder konnte man von ihr erwar⸗ ten, ſie werde eine ſolche Entdeckung freiwillig machen? Ella. III. 13 -2 194 S⸗ Dieſe und tauſend andere Gründe erfüllten in raſcher Abwechslung ſeinen Geiſt. Wieder erinnerte er ſich des Balls, des Umſtands von Roſenthals Gegen⸗ wart, der augenſcheinlichen Aufregung ſeiner Gattin, ihrer gegenſeitigen Verlegenheit am folgenden Tage, der unerwarteten Zugeſtehung ihrer früheren Bekannt⸗ ſchaft und Ella's endlicher Behauptung, daß Roſen⸗ thal der Freund ihres verſtorbenen Vaters geweſen. Aber dieſe aufrichtige Verſicherung konnte wieder günſtig gedeutet werden; hätte ſie ihn täuſchen wollen, ſo hätte ſie kein unnöthiges Bekenntniß gethan. Auch war es nicht möglich, ein einziges Beiſpiel aus⸗ findig zu machen, daß ſie die Geſellſchaft, nicht ein— mal ihres Geſchlechts, geſchweige denn des andern geſucht. Jung und reich begabt wie ſie war, zog die Fürſtin deutlich die Zurückgezogenheit ihrer Woh⸗ nung den glänzendſten Zirkeln vor. Dies war nicht das Merkmal unwürdiger Liebe, unheiliger Wünſche. Gequält, unbefriedigt und unentſchloſſen, unter den verſchiedenen Eingebungen ſeiner verwirrten Ein⸗ bildungskraft leidend, oder mit Enthuſiasmus bei den gewinnenden Tugenden ſeines Weibes verwei⸗ lend; den gehäßigen Inhalt des Briefes mit dem Zeugniß ſeiner eigenen Erfahrung vergleichend, war Corſini das Spiel tauſend ſtreitender Gefühle. Stun⸗ den gingen vorüber in ſchmerzlichem Hinbrüten, ohne ₰% 195&⸗ daß ſie eine Folge gehabt hätten, ausgenommen den Entſchluß, ſeine Gefühle zu unterdrücken und ſeinen Schmerz vor der Beobachtung zu verbergen. Aber der Argwohn, einmal zugelaſſen, iſt ein grauſamer Hausgenoſſe. Kälte, Gleichgültigkeit, Entfremdung ſind in ſeinem Gefolge; und das Band der Ein⸗ tracht, durch ihn getrennt, kann nicht wieder geknüpft werden. Obgleich Corſini zögerte, auf die leichten Gründe hin, die eine anonyme Mittheilung darbot, ſeine Gattin zu verurtheilen, ſo folgte doch ein Tag auf den andern, ohne einen Wechſel der Umſtände zu bringen oder eine Erklärung an die Hand zu geben. Für ein edles Gemüth iſt nichts ſo quälend, als ein Zweifel an der Unſchuld Derer, die wir lieben. Es iſt unmöglich, die namenloſen Quellen unaufhörlicher Marter zu ſchildern; der kleinſte Umſtand wird wichtig und Kleinigkeiten, die zuvor unbeachtet blieben, ſtellen ſich unter einem neuen verſchiedenen Geſichtspunkt dar, wie die Farbe des Geiſtes ein trübes Licht über die Dinge wirft, welche man durch die düſtere Brille des Mißtrauens betrachtet. Wer kann den bittern Schmerz ſchildern, mit dem der Eiferſüchtige ſein Opfer beobachtet; er ſelbſt welkt unter der Qual, die er nicht auszuſprechen wagtz; er iſt noch elender, als der Gegenſtand ſeines Zornes. Denn der kalte, 13* - 196&ᷣ£. ſchleichende Argwohn, die Entmuthigung des Herzens, wenn der Verdacht ſich friſchen Stoffes zur Selbſt⸗ qual bemächtigt! O wo iſt die Sprache, welche die Eiferſucht ſchildern kann! Schlaf ohne Ruhe, Nahrung ohne Gedeihen, Beſchäftigung ohne Er⸗ folg, Muße ohne Raſt, Unterhaltung ohne Ver⸗ trauen, Nachdenken ohne Gedanken, Leben ohne Hoffnung; Einſamkeit, durch die drohenden Viſionen eines aufgeregten Blutes geſtört; die Geſellſchaft, eine heulende Wildniß, die des Grames ſpottet, den ſie nicht begreifen kann; Erinnerung— das unter⸗ ſcheidende Merkmal, das ſtolze Vorrecht des Mannes — dem Kleide des Neſſus ähnlich, nur haftend, um zu verderben! Corſini mußte alles dies erfahren; aber ſein hoher Geiſt kämpfte gegen die niedern Eingebungen einer entwürdigenden Leidenſchaft, und als er in Ella's ſchönes Antlitz blickte, rang ſich das ſinnver⸗ wirrende Geheimniß beinahe los aus ſeiner Bruſt; denn er wußte nicht, ob er mehr liebte oder mehr haßte. Inzwiſchen wurde die gefühlvolle Ella nur langſam, ſehr langſam des ſchrecklichen Wechſels ſich bewußt, der mit den Gefühlen ihres Gatten vorgegangen war. Sie, die die Neigung ihrer Ju⸗ gend beſiegt, die jeden Wunſch, jede Hoffnung den ₰ 197&⸗ Vorſchriften der Pflicht geopfert hatte, empfing keinen Lohn. Sie hatte ihren Geiſt bemeiſtert und ihr Herz bevormundet, um Corſini lieben und verehren zu lernen, und jetzt bemerkte ſie mit Schrecken die zu⸗ nehmende Kälte ſeines Betragens. Die Blüthen der Liebe entſchwanden eine nach der andern, und kein Verſuch wurde gemacht, dem Giſte entgegen zu wirken, das die Ausſicht auf eine glückliche Zukunft vernichtete. Der Strom des Vertrauens war ge⸗ hemmt, eine undurchdringliche Scheidewand der Zu⸗ rückhaltung hatte ſich aufgethürmt, die zu über⸗ ſpringen Ella ſich vergebens bemühte. In der Fülle ihres Herzens wollte ſie oft die peinlichen Pauſen, die jetzt in ihrer häuslichen Unterhaltung vorkamen, brechen und einen fröhlichen Einfall auszuſprechen wagen, oder eine intereſſante Thatſache erzäh⸗ len: aber ein ſtrenger, kalter Blick begegnete ihr; der halb ausgeſprochene Satz erſtarb in unbeſtimmten Lauten auf ihren Lippen; die Fluth der Gedanken, der Strom der Worte rollte unausgeſprochen zurück; das heitere Lächeln verſchwand oder die augenblick⸗ liche Fröhlichkeit erloſch in ſtillen Thränen, während ſie nur in der Einſamkeit ihres eigenen Herzens Mittheilung fand. Das Band häuslicher Eintracht wurde, wenn nicht zerriſſen, doch allmählig gelöst, und Ella —— 198 E⸗ konnte nicht ohne Schmerz auf den öden Pfad ſehen, der vor ihr lag. Weit davon entfernt, eitel zu ſeyn, blickte ſie gleichwohl zuweilen auf ihre perſönlichen Reize, indem ſie ſich des Eindrucks erinnerte, den dieſe einſt hervorgebracht. Sie hoffte ſchweigend, die Gewalt ihrer Schönheit werde ſich nicht verringert haben. Aber die durch Täuſchung gebleichte Wange und das von noch nicht vergoſſenen Thränen ſchwere Auge können die Gefühle nicht zurückgewinnen, die dem dauernden Einfluß jugendlicher Bezauberung entgangen ſind; und anſtatt ihren Zweck zu errei⸗ chen, ſchrieb Corſini ihre Muthloſigkeit einer ganz andern Urſache zu. Die Mühe, die ſie ſich gab, zu gefallen, war fruchtlos und die Abſicht wurde nicht verſtanden. Inzwiſchen kehrte das Bild Roſenthals öfter in ihre Erinnerung zurück. Es iſt eine gefährliche Kriſis in dem Herzen des Weibs, wenn der Gatte, deſſen Zärtlichkeit es zu verdienen ſich bemühte, die Unwirkſamkeit dieſer Anſtrengungen beweist. Auf ihre eigenen Hülfsmittel angewieſen, ergreift ſie dann gewöhnlich mit Glut und Dankbarkeit das erſte verwandte Herz, deſſen Mitgefühl ſie begrüßt. Aber Ella wurde vor dieſer Verſuchung und Schmach bewahrt. Sie wurde Mutter, und als ſie zu dem glücklichen Bewußtſeyn der neuen Gefühle 2 199& und neuen Pflichten erwachte, die ſich ihr öffneten, vergaß ſie in dem Uebermaß mütterlicher Liebe die Prüfungen und Demüthigungen, von denen ſie um⸗ geben war. Gewiß kann kein Gefühl mit der mütterlichen Liebe zu ihrem erſtgeborenen Kinde verglichen wer⸗ den. Ella ſchaute in die kleinen Züge ihres Mäd⸗ chens und ſuchte in ihrem ſchönen Ebenmaße eine Aehnlichkeit mit der ihres Gatten zu finden. Die Schmerzen ihrer Jugend, die Täuſchung ihrer Hoff⸗ nungen waren vergeſſen in dem einen mächtigen Intereſſe, und die Mutter lebte wieder auf in dem Lächeln ihres Kindes. In dem weiblichen Herzen liegt eine tiefe Ader unerſchöpflicher Zärtlichkeit, die nur der Wünſchel⸗ ruthe mütterlicher Liebe bedarf, um unendliche Reich⸗ thümer zu Tag zu fördern. Ella fand jeden frü⸗ heren Antrieb, jede alte Neigung ſchwach und farb⸗ los werden in Vergleichung mit der Liebe, die ſie für ihr Kind hegte. Gerade die Zartheit ſeiner Natur, ſeiner Unreife, ſeiner Schwäche waren eben ſo viele neue Anſprüche auf ihre Sorgfalt, und als ſie die Reihe ihrer Verpflichtungen wachſen ſah, wünſchte ſie um ſo ſehnlicher, ſie ganz zu erfüllen. Der Fürſt war mit dem Geſchlechte ſeines Spröß⸗ lings wahrſcheinlich nicht ganz zufrieden; denn die 200 So väterliche Liebe, wenn auch noch ſo ſtark, iſt ſtets mehr oder weniger mit einem Schatten von Ehrgeiz verbunden. Die Männer lieben den künftigen Re⸗ präſentanten ihrer ſelbſt und ihrer Familie, das Weſen, das beſtimmt iſt, ihren Namen auf die Nachwelt zu bringen, und natürlich ziehen ſie die Söhne den Töchtern vor, wenigſtens in der Kind⸗ beit, ſo ſehr ſie auch ſpäter ihren Irrthum entdecken oder ſeine Folgen zu bereuen haben. Eine Mutter verliert niemals in der Zukunft die Erinnerung an die Geburt ihres Kindes. Es iſt dies eine Epoche in dem weiblichen Leben, die den heiligſten Gefühlen gewidmet iſt. Ein neues Daſeyn, ein ſchöneres, reizenderes, hoffnungsvol⸗ leres Daſeyn als ihr eigenes erſchließt ſich ihr. Die Quelle aller früheren Gefühle und Eindrücke hat zu fließen aufgehört oder hat ſich vielmehr in eine andere verwandelt. Das Ich iſt verſchwunden; ſie lebt nur in dem geliebten Sprößling, deſſen Lächeln und Thränen allein fortan die ſanften Regungen einer neugeborenen Natur regeln werden. So ſchien Ella's welkes Herz aufs Neue auf⸗ zublühen unter dem erfriſchenden Anblick mütterlicher Zärtlichkeit, und wenn der ſchwache Ruf ihres Säug⸗ lings die düſtere Gedankenfluth, die ihren Geiſt zu⸗ weilen überſchattete, verſcheuchte, ſo beugte ſie ſich — - 201 Se⸗ über ſeine kleine Geſtalt, hob ihn in ihre Arme, blickte mit trübem Auge in ſein Geſicht und erkannte dank⸗ bar und zerknirſcht die zahlreichen Segnungen, die ihr noch vorbehalten waren und mit welchen die Liebe des Mannes und die Freuden jugendlicher Leiden⸗ ſchaft keine Vergleichung aushalten können. —— — b I — Zwölftes Kapitel. Hoffnungen, die beim erſten Ruf erſcheinen, Und bunte Freuden, endigend in Weinen, Und Leidenſchaften hinter Kinderwangen, Gleich unter Roſenbüſchen ſchlafenden Schlangen. Moore. La paresse chez les femmes vives est le présage de l'amour. Franzöſiſcher Aphorismus. Auf einem ſammtenen Lager, halb ſitzend halb liegend, ruhte die ſchöne Geſtalt Konſtanze's Roſen⸗ thal in all dem üppigen Désoeuvrement, mit wel⸗ chem die Reichen und Unthätigen für den kräftigen Reiz der Brauchbarkeit und Thätigkeit ſich zu ent⸗ ſchädigen ſuchen. Das verwöhnte Kind des Ueber⸗ fluſſes, von der Natur begabt und durch die Kunſt vervollkommnet; der zärtlichen und nie ſchlummernden Wachſamkeit der Mutter frühe beraubt, hatte Kon⸗ ſtanze niemals gekämpft, noch die Nothwendigkeit gelernt zu kämpfen gegen die entnervenden Angriffe -— 203& einſamer Unthätigkeit, dieſes Mephiſtopheles der Familie, der im Hinterhalte liegt, um die ſanfteren Eigenſchaften des Geiſtes zu verſtricken, und die zarte Empfindung verkehrend, die Fluth des Gefühls in einen Strom der Leidenſchaft umwandelnd, und begünſtigt ſelbſt durch die Tugend, die er unter⸗ wühlt, die beſten, wärmſten Herzen in götzendiene⸗ riſche Tempel umkehrt. Gattinnen, Töchter, Mütter! hütet Euch vor einſamer Unthätigkeit! Häuft man⸗ nigfache Beſchäftigungen auf, vermannigfaltigt Eure Arbeiten; ſeyd thätig und brauchbar; erweitert den Kreis der weiblichen Arbeiten, und laßt nicht den hinterliſtigen Dämon der Unthätigkeit einſchleichen; laßt Euch nicht durch Eure roſenfarbenen Gedanken oder die Blumenkette der Erinnerung von der herben Wirklichkeit des Lebens ablocken durch die täuſchen⸗ den Vergnügungen der Träumerei. Die Stimme des Verſuchers iſt niemals ſo überredend, die Be⸗ redſamkeit der Leidenſchaft iſt niemals ſo erfolgreich, als wenn die glänzenden Schöpfungen der Einbil⸗ dungskraft die wachſameren Fähigkeiten des Geiſtes in Schlaf gelullt haben. Ach! die Phantaſie iſt nur die Handlangerin der Schuld. Die anmuthige Stellung, die Konſtanze Roſen⸗ thal einnahm, hatte einen doppelſinnigen Charakter. Unthätigkeit konnte als der hervorſtechende Zug darin „— 71 4 p 204 So⸗⸗ angeſehen werden, wenn nicht ein Schatten von Traurigkeit ihre Stirne trübte und ein Blitz der Unzufriedenheit aus ihren Augen ſprang. Auch ihre Lippen hatten einen Ausdruck, der einen tieferen Schmerz verrieth, als das gewöhnliche Ennui einer beginnenden Liebe. Ein kleiner, ausgeſtreckter Fuß, der ſich an das untere Ende des Lagers anſtemmte, ſchien Trotz auszudrücken und ließ zugleich die Voll⸗ kommenheit einer Pariſer Chaussure ſehen, während der andere, weniger ſichtbar, nur aus den weiten Falten ihres mouſſelinenen Peignoir hervorſah. Ihr niedlicher Kopf, unwillig zurückgeworfen, ſtützte ſich auf ihren Arm, der in der üppigen Tiefe eines Eiderdunen⸗Kiſſens gleichſam begraben war. Ihr ungelocktes und ungeordnetes Haar hatte ein nach⸗ läßiges Ausſehen, während die geröthete Wange und ihr verdrießliches Benehmen Unwillen und Ungeduld ausdrückte.— Das Zimmer war in vollkommenem Einklang mit ſeiner lieblichen Bewohnerin. Koſtbare Möbel, reiche Tapeten, herrliche Juwelen; ein Nachttiſch, der mit all den unnöthigen Kleinigkeiten bedeckt war, mit denen die Mode die Jugend und Schönheit ſchmückt:— aber Alles ſah ungeordnet aus, als ob die Hand der Laune oder Haſt die Möbel durch⸗ einander gebracht und endlich, müde geworden, Alles —2 205 in Unordnung gelaſſen hätte. Eine Guitarre lag unbeachtet am Boden— eine Saite geſprungen und alle verſtimmt. In ihrer Nähe lag eine Menge franzöſiſcher Muſikalien, beſonders Romanzen, und kleine Bändchen Poeſien lagen hie und da zerſtreut und bezeugten, daß keine beſondere Beſchäftigung hinlängliche Anziehungskraft beſeſſen habe, um die Aufmerkſamkeit der eigenſinnigen Schönheit aus⸗ ſchließlich feſtzuhalten. Dem verderblichen Einfluß der Phantaſie über⸗ laſſen, in einem Alter, wo das weibliche Herz die ordnende Gewalt mütterlicher Sorgfalt bedarf, hatte ſich Konſtanze bereits den Lockungen der erſten Liebe hingegeben, und die Leidenſchaft ſchlug tiefe Wurzeln in einem Herzen, das ganz ſeiner eigenen Herrſchaft überlaſſen war. Es iſt immer das einſame Mädchen, das nach Geſellſchaft ſchmachtet, deſſen Seele nach Mitgefühl verlangt, welches plötzlich und leiden⸗ ſchaftlich verliebt wird; denn es hofft Vollkommenheit zu finden, wo Aufrichtigkeit iſt, und Aufrichtigkeit da, wo man ſie auszeichnet. Ein kleiner, ſehr eng geſchriebener Brief ſchien ſie durch ſeinen räthſelhaften Inhalt zu beſchäftigen, und als ſie ihn nach und nach entzifferte, lockte er augenſcheinlich ein zwiefaches Gefühl hervor, ein Gefühl der Zärtlichkeit und des Unwillens. Es wurde - 206& hierauf das Siegel betrachtet, und ſie lächelte im bewußten Triumphe, als ſie die galante Deviſe unter⸗ ſuchte. Sie preßte ihn an ihre Lippen, faltete und drückte ihn zuſammen; dann durchlas ſie ihn wieder und faltete ihn nochmals, dann warf ſie das räthſel⸗ hafte Schreiben endlich ins Feuer, mit einem Blicke, der mehr Widerſtreben als Zorn verrieth. Es war ihr erſter Liebesbrief: ſie fürchtete ihn zu behalten, obgleich ſie nicht gefürchtet hatte, ihn in Empfang zu nehmen. „Weißt Du ganz gewiß, Lottchen,“ rief ſie nach einer Pauſe, gegen das muntere, ſchwatzhafte, aber ſehr thätige Zöfchen gewendet, dem der ſchwie⸗ rige und wichtige Toilettendienſt anvertraut war, „weißt Du ganz gewiß, daß Papa ſich beſtimmt ge⸗ weigert hat, den Baron von Lindenberg einzulaſſen?“ „Ganz gewiß, Fräulein; ich hörte den Befehl geben; er war nicht auf den Baron beſchränkt. Ver⸗ ſchiedene Cavaliere, Freunde des Grafen Albert, wurden auf der Beſuchsliſte der Gräfin ausgeſtrichen.“ „Um die übrigen bekümmere ich mich nicht, Lott⸗ chen,“ bemerkte Konſtanze mit einem Seufzer.„Gab Dir der Baron das Briefchen ſelbſt?“ „Ja, Fräulein, mit tauſend Betheurungen ſeiner Freundſchaft gegen mich und ſeiner Anbetung gegen Sie. —2 207 Gf „Wie ſah er aus? Was ſagte er 2 „Er ſah aus— o ſo hübſch! Er konnte nicht anders ausſehen; aber unruhig, ſo unruhig— und er bat, ich möchte wieder zu ihm kommen und Ihre Befehle überbringen.“ „Konſtanze hatte noch an keinen Briefwechſel ge⸗ dacht; ſie wurde bleich und roth. „Du kannſt den Baron Leopold meiner Auf⸗ richtigkeit— meines Vertrauens verſichern.“ „Wäre es nicht beſſer, wenn Sie Ihre Gefühle in einem Briefe ausſprächen, mein Fräulein? Ich bin nicht fähig, Ihre Empfindungen richtig zu ver⸗ dollmetſchen,“ verſetzte das Mädchen, indem ſie alles zum Schreiben Gehörige auf den Tiſch hin richtete. Mit zitternder Hand ſchrieb Konſtanze wenige Zeilen, die gefaltet, verſiegelt und endlich in Lott⸗ chens Buſen verſteckt wurden. „Und jetzt, mein Fräulein, welche Kleidung ſoll ich rüſten?“ rief das Mädchen.„Die Soirée ſoll glänzend werden. Das diplomatiſche Corps natürlich — und Er wird dort ſeyn.“ „Mache Dir keine Mühe;— dieſer Schmuck iſt überflüßig“— antwortete Konſtanze, als Lottchen ihre gewöhnlichen Putzdienſte vornehmen wollte. Aber gewiß wird doch mein Fräulein erſcheinen 1 wollen, wenn auch nur auf eine Stunde.“ — 208 . 3 1 MReinz ich kann nicht— ich darf nit— ich— „Umnnmöglich! Sie werden nicht ſo grauſam gegen die Geſellſchaft ſeyn wollen. Er würde ſo ſchrecklich getäuſcht ſeyn;— er erwartet Sie zu ſehen.“ „Ach, Lottchen, nicht ich wünſche zu Hauſe zu bleiben; nur der Gehorſam treibt mich dasof ſprach Konſtanze bekümmert. „Unerhörter Zwang!“ rief das Zöſchen, in ei⸗ nem Grade erzürnt, der ihr ganzes Weſen zu ver⸗ ändern drohte.„Und das Fräulein unterwirft ſich!“ ſetzte ſie in einem aus Mitgefühl und Staunen ge⸗ miſchten Tone hinzu. „Es iſt keine andere Wahl. Die Gräfin hat meinen Vater gegen ſeine beſſeren Neigungen über⸗ redet. Ich muß gehorchen.“ „Barbariſch! Wien wird ſeinen ſchönſten Reiz verlieren— und der Baron: er wird verzweifeln.“ „Spriich nicht von ihm, Lottchen! es erhöht nur meinen Verdruß. Aber ihre Strenge, ihre Verfol⸗ gung iſt nutzlos. Ich kann, ich will ihn nicht auf⸗ geben. Ich habe ihm Treue geſchworen!“ Als ſie dieſe Worte mit kindiſchem Ungeſtümm hervorſtieß, brach der verſchloſſene Schmerz ilxer Bruſt in eine Thränenfluth aus. „O mein Frällein, meine theuerſte Gebieterin, t 7 ₰ 209 S weinen Sie nicht— Sie werden mir das Herz brechen; Sie werden ſich Ihre ſchönen Augen verderben!“ vief das dienſtfertige Mäͤdchen, indem ſie Konſtanzen ein feines, wohlriechendes Tuch reichte. „Du verſtehſt dieſe Leiden nicht, armes Mäd⸗ chen, Du biſt noch nie in Deinen Hoffnungen ge⸗ täuſcht worden. Ich werde über meine Kräfte ge⸗ quält; ich habe keinen Freund als meinen Bruder— und ach! er kann mir nicht helfen!“ „Die Fürſtin von Corſini liebt Sie, mein Fräu⸗ lein— ſie iſt ſeine Schweſter— vertrauen Sie ſich ihr.“ „O wäre es möglich! Aber wir begegnen uns nur ſelten, und ich fürchte die Zukunft. Sie ſcheint der Gegenſtand der beſonderen Feindſeligkeit meiner Stiefmutter zu ſeyn. Zudem hat der Fürſt neuer⸗ dings ein ſehr auffallendes Betragen angenommen; ſo mürriſch, ſo kalt, daß ich zuweilen fürchte, er möchte eine geheime Liebe ahnen.“ „Aber welchen Grund kann er haben, Ihre Wahl zu mißbilligen 2“ „Heimliche Leidenſchaft iſt ſtets von ahnungs⸗ voller Empfindſamkeit begleitet. Die Phantaſie wird Betrügerin, und wir bilden uns ein, jedes Auge durchdringe die Wahrheit, die wir den Blicken zu verbergen ſuchen. Dies iſt die Strafe, welche die Ella. III. 44 210 S Frauen dafür leiden, daß ſie ihren Gefühlen nach⸗ hängen.“ 1 „O Lottchen!“ rief Konſtanze,„ich wollte ich wäre wieder in Frankreich, bei der lieben Groß⸗ mama! Da war ich glücklich!“ Bei dieſen Worten öffnete ſich leiſe die Thüre, und Albert Roſenthal erſchien. Das Mädchen zog ſich alsbald zurück und Bruder und Schweſter waren allein. „In Thränen 1“ rief er, ſie zärtlich auf die Stirne küſſend.. „Dem Himmel Dank, daß Du es biſt!“ rief ſie, an ſeiner Bruſt ſchluchzend.„Ich fürchtete, es wäre die Gräfin, oder— noch ſchlimmer!— der Beichtvater.“ „Armes Kind, arme Konſtanze! Quälen ſie Dich auch?“ „Albert, ich bin unglücklich. Du weißt nichts von der unwürdigen Behandlung, die ich erduldet habe: Lindenberg iſt zurückgewieſen!“ „Ich vermuthete, dies würde der Erfolg ſeiner Aufmerkſamkeiten gegen Dich ſeyn. Aber dieſe Thrä⸗ nen; ich hoffte, Du hätteſt mehr Stärke.“ „Wir ſollen uns nie mehr ſehen. O Albert, ich kann mich ſolchen Vorſchriften nicht gutwillig unterwerfen. Meinen Vater klage ich nicht an; er ie 2 211&⸗ iſt ein geduldiges Werkzeug in den Händen der Gräfin. Ich habe Dir ſchon von ihren unaufhörlichen Er⸗ mahnungen und den Büchern erzählt, die ſie mir aufdringt.“ „Ein Opfer hätte hingereicht,“ unterbrach ſie Albert bitter.„Aber die Bigotterie iſt unerſättlich; je mehr ſie verſchlingt, deſto heftiger iſt ihre Be⸗ gierde. Du biſt noch zu jung für den Schmerz; wir müſſen dieſe Thränen trocknen.“ Er nahm die Hand ſeiner Schweſter in die ſeinige. „Seit einiger Zeit ſchon bemerkte ich einen ge⸗ wiſſen Zwang; die Gräfin ſah kalt auf Lindenberg und hat unbeſtimmte Gedanken ausgeſprochen, die mein Scharfſinn nicht verſtehen konnte.“ „Auch die Fürſtin ſcheint mit ihren Beſuchen ſparſamer zu werden. Du ſiehſt ſie nicht mehr ſo häufig, als Du ſollteſt“— ſprach Roſenthal ge⸗ dankenvoll. „Neuerdings, theurer Bruder, fühle ich, daß ich der Gegenſtand beſonderer Wachſamkeit bin. Die Gräfin hat offenbar einen großen Plan, in den meine Zukunft ſeltſam verſchlungen ſeyn muß. Ihre Worte, ihre Vorſtellungen, ihre beſtändige Zurecht⸗ weiſung haben mich mit Schrecken erfüllt, die ſich jetzt beſtätigen. Dieſen Morgen ſtand ich auf wie 14* -2 212 ᷣ gewöhnlich und ging in Begleitung meines Lottchens zur Frühmeſſe in die Kathedrale. Meine Andacht iſt zu früher Stunde weniger der Unterbrechung aus⸗ geſetzt; ich ziehe ſie der menſchenreichen Verſamm⸗ lung um Mittag vor. Leopold war ſchon dort; wir knieeten neben einander am Fuße deſſelben Altars; wir beteten zu derſelben wohlthätigen Macht. Das Gebet iſt andächtiger, wenn es in Geſellſchaft Derer, welche wir lieben, dargebracht wird. Unſere Ge⸗ danken, von irdiſchen Schlacken gereinigt, verban⸗ den ſich mit einander und nahmen einen heiligen Charakter an. Die irdiſche Liebe wurde geheiligt durch die Nähe der geiſtigen Liebe, und unſere from⸗ men Wünſche ſchienen in einer himmliſchen Har⸗ monie aufzuſteigen. Wir begriffen ſchon die geheime Sympathie, durch die wir verbunden waren; es war die Hülfe der Sprache nicht nöthig. Nach Beendi⸗ gung unſerer Gebete gingen wir den langen Gang herab, der eben von den Strahlen der aufgehenden Sonne geröthet wurde Das ſchöne Bild der Jung⸗ frau Mutter ſchien von Herrlichkeit umſtrahlt. Die marmornen Heiligen in ihren Niſchen erſchienen in goldenem Glanze. Da, als wir vom Altare weg⸗ gingen, unſere Hände in einander geſchlungen, un⸗ ſere Herzen enger an einander gekettet, tauchte aus dem tiefen Schatten einer Säule plötzlich eine Geſtalt -2 213& auf, und ſtand vor uns. Lottchen bebte zitternd zu⸗ eück, während Leopold inſtinktartig meinen Arm in den ſeinigen zog.„„Fräulein Konſtanze,““ ſprach Vater Clemens, denn Niemand anders war es, Sie ſind bemerkt worden.““ Als er dieſe Worte 7! mit tiefer, heller Stimme, die noch jetzt in meinen Ohren klingt, geſprochen hatte, ging er in die Sakriſtei zurück und wir kehrten eilig nach Hauſe zurück. Aber ehe wir uns trennten, ſteckte Lindenberg einen Ring an meinen Finger, zum Zeichen und Unterpfand ſeiner ewigen Treue.“ „Und iſt dies die Urſache Deines Grames, theure Konſtanze! Du haſt keinen Grund zu Thrä⸗ nen. Leopold iſt unter allen Männern Derjenige, dem ich das Schickſal meiner Schweſter am gernſten anvertraue.“ „Ich wünſchte in der That, dies wäre das Ein⸗ zige, was ich Dir mitzutheilen habe,“ verſetzte ſie. „Gegen Mittag wurde ich in das Kabinet meines Vaters gerufen. Die Gräfin war bei ihm, und ich wußte, daß ihre Gegenwart nichts Gutes bedeute. Es war mir, als hätte ich etwas Böſes gethan, als ſie mit ihren finſtern, grauen Augen auf mich blickte. Ich wollte mich in die Arme meines Vaters werfen und ihn um Mitleid, um Schutz anflehen; aber als ich ihn anblickte, war Alles kalt, undurchdringlich 2 214 S⸗ hoffnungslos! Mit vielen Umſchweifen begann er mich von der Ehre zu unterrichten, die unſerer Fa⸗ milie widerfahren, und drückte die Hoffnung aus, auch ich werde mich geſchmeichelt fühlen durch die Auszeichnung, die mir der Landgraf von Heſſen W— ſchenke, indem er mich zu ſeiner Gattin wähle. Ein unbeſchreiblicher Schrecken durchzitterte mich, als er alle die Titel, Rechte und Vortheile aufzählte, die unſerer Familie zu Theil werden würden, wenn ich mich entſchlöße, Landgräfin von W— zu werden. Empört und gekränkt verwarf ich den Vorſchlag mit Unwillen. Aber Du kennſt die ſchwache Seite des Vaters. Sein Ehrgeiz war aufgeregt und der Reiz einer ſolchen Verbindung hatte ſein beſſeres Gefühl überwältigt. Ich ſprach, bat, aber vergebens. Die Gräfin blieb ganz ſtill, und ich dankte im Herzen ihrer Schonung. Man gab mir zu verſtehen, daß Leopold ſogleich aufgegeben werden müſſe, und man ſagte mir, daß ich meinen neuen Bewerber empfan⸗ gen müſſe. Ich weinte, knieete nieder, bat. In dieſem Augenblick erſchien Vater Clemens. Die Gräfin theilte ihm die Sache kurz mit und er ſtellte ſich, als höre er aufmerkſam zu. Er warf einen durchdringenden, forſchenden Blick auf mich. Ich fühlte, daß mein Schickſal in ſeiner Hand lag. „„Graf Roſenthal,““ ſagte er in jenem ſchmeichelnd 2 215 Grn verſöhnenden Tone, den Du ſo gut kennſt,„„viel⸗ leicht hat Ihre Tochter einen Widerwillen gegen den Eheſtand.““ Ich wagte kein Wort zu ſprechen. Die Gräfin lächelte; mein Vater ſtand beſchämt, als der Beichtvater fortfuhr:„„Wir haben kein Recht, den Neigungen unſerer Kinder Zwang anzuthun, wenn wir dadurch ihr wahres Heil geſährden. Eine widerſtrebende Braut gibt eine ungehorſame Gattin.““ „Der ehrwürdige Vater will nicht ihre väterliche Autorität beſtreiten,““ fiel die Gräfin ein,„er drückt nur den Wunſch aus, das Heil unſerer Tochter ge⸗ ſichert zu ſehen.““ Durch dieſe Worte getäuſcht, hätte ich ihr um den Hals fallen können vor Dank⸗ barkeit.„Das Heil meiner Tochter iſt mein Wille,““ rief mein Vater feſt;„„ſie muß den Landgrafen heirathen.““ „Iſt keine Hoffnung, keine Wahl?“ kreiſchte ich, an die Gräfin gewendet.„„Keiner, der je un⸗ bedingtes Vertrauen auf den Höchſten ſetzte, iſt je⸗ mals ganz niedergeworfen worden„““¹ verſetzte der Prieſter. „Es gibt einen Pfad,““ ſprach meine Stief⸗ mutter, ihre Augen zum Himmel erhebend,„es gibt einen Pfad, ſo bimmliſch, ſo heiter, ſo weit erhaben über alle irdiſche Vergleichung, daß ſich Niemand einer ſo frommen Wahl widerſetzen kann. d 216 Go⸗ Wenn Konſtanze wirklich die unverwerfliche Ver⸗ bindungen, die man ihr vorſchlägt, ablehnt““— „O gnädige Frau! o mein Vater, theurer Va⸗ ter!“ rief ich, mich vor ihm niederwerfend,„Alles, nur keine Vermählung! Zwingen Sie um Gottsse willen meine Gefühle nicht!“ „Der Prieſter trat auf mich zu, hob mich auf, nahm mich bei der Hand und ſprach:„„Wenn das Mädchen vor den Sorgen und Unruhen des Lebens zurückſchreckt und die beſchauliche und heilige Abge⸗ ſchiedenheit eines Kloſters vorzieht: warum ſollten wir ihr freiwilliges Opfer nicht annehmen? Solche Opfer ſind willkommen. Graf, Sie werden mir Ihre Tochter nicht verweigern; ich nehme ſie an im Namen der Kirche.““ „Ich blickte den Beichtvater an, bis meine Seh⸗ kraft mir verſagte. Es war ein offenbarer Fallſtrick. „„Ich hatte gebofft,““ ſagte mein Vater,„meine Tochter mit einem beſſeren Namen als den einer Nonne begrüßen zu können. In meinem Stolz hatte ich gehofft, ſie unter den Edlen des Landes hoch⸗ geſtellt zu ſehen. Ihre Schönheit, ihre geiſtigen Vorzüge, ihre feine Bildung, die Reichthümer, die ich ihr beſtimmt hatte, ſicherten ihr eine glänzende Verſorgung. Ich wünſchte der Großvater von Prinzen zu werden; aber ich habe mich getäuſcht— getäuſcht t⸗ ——— 217& in dem Endzwecke meines. Lebens. Meine beiden Kinder— Albert, Konſtanze— theures Mädchen, ſchonen Sie meiner! Ich kann Euch nicht dem Kloſter überantworten.““ Aechte Rührung hemmte die Worte meines Vaters. Natürliche Liebe und Ehrgeiz kämpfte in ſeiner Bruſt. Ich verſuchte zu ſprechen; aber meine Stiefmutter unterbrach mich.“ „Hören Sie mich,““ ſagte ſie rubig, in jenem falſchen Tone, der dem Ohre ſchmeichelt und den Verſtand bethört.„„Bisher hat ſich mein ſchwaches Urtheil zuweilen als das richtige gezeigt; und das Vertrauen, das Sie, Graf Roſenthal, in mich ſetzten, war mir ein theures, heiliges Gut—(mein Vater ſeufzte tief), die Vermehrung unſerer Familie(denn, ſetzte ſie liſtig hinzu, Ihre Familie iſt jetzt auch die meinige), die Verſorgung Ihrer Kinder iſt der Gegenſtand meines wärmſten Ehrgeizes, meiner un⸗ ermüdlichen Sorge.““ Bei dieſen Worten ergriff ſie mit ihren langen, kalten Fingern meine Hand. Wie ſchauderte ich bei dieſer unnatürlichen Berührung. „„Fern ſey es von mir, einen Entſchluß zu beſchleu⸗ nigen, der für unſere Erwartungen ſo unheilvoll iſt. Wir wollen ſo viel Lieblichkeit nicht in Kloſtermauern einſchließen, ohne einen Verſuch zu machen, ſie der Welt zu erhalten. Unſere geliebte Konſtanze ſoll Zeit haben zur Ueberlegung, ehe ſie den Lockungen - 218& der Welt entflieht, die ſie ſchmücken und entzücken kann. Ich bitte nur um Erlaubniß, theurer Graf, die weltlichen Freuden aufzuheben, die ihren Geiſt zu ſehr beſchäftigen. Unſere Thüre ſoll verſchloſſen ſeyn für die jungen, leichtfertigen Cavaliere, die Albert einzuführen gewohnt iſt, und wir wollen für eine Zeit lang die Reize der Geſellſchaft entbehren und unſere Vergnügungen auf die friedlichen Ge⸗ nüſſe des Familienkreiſes beſchränken.““ „Als ſie geendet, belebte ein Strahl der Zu⸗ friedenheit die abgezehrten Züge des Beichtvaters. Er wenigſtens handelte aus Grundſatz; denn in ihm erſchien ein gewiſſes Wohlwollen und eine Zartheit, die in der Selbſtbeherrſchung, die die Gräfin zeigte, nicht gefunden werden konnte. Er ſprach mit augen⸗ ſcheinlicher Ueberzeugung; aber keine menſchliche Empfindung verrieth in ihr ein geheimes Mitgefühl oder eine zögernde Entſchließung. Mit der Fähigkeit der Verheimlichung in hohem Grade begabt, trug ihre Sprache den Stempel der Ueberlegung und konnte jede Probe aushalten, den der Verſtand mit ihr machen wollte. Meinen Vater konnte ſie be⸗ trügen; aber mich konnte ſie nicht täuſchen. Es iſt das Vorrecht des Unglücklichen, mißtrauiſch zu ſeyn. Endlich erforſchte ich die verborgenen Beweggründe, durch die ſie in Thätigkeit geſetzt wird. Der 219& unermüdliche Eifer, mit dem ſie mich zu ihren re⸗ ligiöſen Uebungen zu ziehen verſucht; ihre düſtere Andacht, ihre endloſe Betheurung ihrer Aufrichtig⸗ keit; vor Allem ihre Bigotterie, Alles dies hat mei⸗ nen Verdacht erweckt.“ „Du biſt nicht das erſte Opfer,“ ſprach Albert; „obgleich man nicht immer zu den gleichen Mitteln griff.“ „Nach dieſer Unterredung,“ ſuhr Konſtanze fort, „zog ich mich mit Unruhe und Gram in mein Zim⸗ mer zurück, nachdem ich zuvor den Befehl erhalten hatte, das Haus nicht zu verlaſſen; und Lottchen hat mich indeſſen benachrichtigt, daß der Vater be⸗ ſtimmte Befehle gegen die Zulaſſung von Beſuchen gegeben habe. O Albert, ich bin verloren— ver⸗ nichtet!— aller Verkehr mit Lindenberg iſt aufge⸗ hoben— wenn ich nicht zur Heimlichkeit meine Zu⸗ flucht nehme!“ Bei dieſen Worten ſchlug Konſtanze ihre Augen nieder und eine Schamröthe überflog ihre Wangen. „Nein, Konſtanze, da Dein Bruder Dein Ver⸗ trauen theilt, verliert die Heimlichkeit ihren ſchimpf⸗ lichen Charakter. Du ſollſt der kalten Hinterliſt un⸗ ſerer Stiefmutter nicht geopfert werden.“ „Theurer Albert, mein einziger Freund!“ ver⸗ ſetzte ſie,„einen Augenblick hoffte ich, mein Vater =2 220 e- werde nachgeben; aber er iſt vom Rang und der erlauchten Verbindung des Landgrafen ſo geblendet, daß ich fürchte, es wird unmöglich ſeyn, ſeinen Ent⸗ ſchluß zu erſchüttern. Wenn er einmal entſchloſſen iſt, ach! wir wiſſen, daß er alsdann unbeugſam iſt.“ „Nur zu gut,“ verſetzte Albert bekümmert. „Und doch wären die düſteren Gitter eines Kloſters,“ fuhr Konſtanze fort,„einer ſolchen Ver⸗ bindung weit vorzuziehen. Wenigſtens kann ich dort meinen Schmerzen nachhängen, ohne Tadel und Zwang. Mein Leben, der Erinnerung an die Ver⸗ gangenheit gewidmet, hätte immer noch einen Reiz und einen Zweck. Wenn das grauſame Schickſal unſere ewige Trennung will, wenn ich verurtheilt bin, fern von dem Manne, den ich liebe, meine Tage zu vertrauern, ſo ſoll ſein Bild doch nicht zurückgedrängt werden. Niemand ſoll die Pflicht mißbrauchen, die ich nur Einem ſchuldig bin.“ Roſenthal drückte ſtürmiſch die Hand ſeiner Schweſter. Sie hatte unvermuthet die zitternde Saite berührt. 8 „Wenn jedes Herz fühlte wie das Deinige, wenn jedes Weib die Entbehrungen eines Kloſters den goldenen Feſſeln einer gezwungenen Verbindung vorzöge, dann wäre ich nicht der Unglückliche, der ich bin. Haſt Du nie von den zarten Banden gebört, — 221& die mich einſt an Ella knüpften? Sie glichen denen, die Dich jetzt an Leopold binden, nur ſtärker noch, tiefer wurzelnd und feſter. Die Zeit hatte unſere Liebe geſtählt; die Gewohnheit hatte ſie enge mit unſerem Glücke verwoben. Nun iſt Alles aus. Ver⸗ rath löste zuerſt, dann zerriß er die zarten Fa⸗ ſern, die uns an einander banden... und ſie— Ella— wurde die Fürſtin von Corſini. Aber ſo lieblich ſie iſt, ich möchte dieſe Geſtalt lieber in grobe Leinwand gehüllt ſehen,— ich möchte ſie lieber den harten Uebungen des ſtrengſten Kloſters unter⸗ worfen wiſſen, als ſie in dem Ueberfluß erblicken, der ſie jetzt umgibt; in dem Ueberfluß, den ſie um den Preis meines Friedens— meiner Seele ſelbſt erkaufte.“ „Theurer Bruder, halte ein! Ella iſt weniger unglücklich, als Du denkſt; und wenn ſie Ergebung hat“— „Ergebung! ja— das iſt das Wort, das ſich mir aufdrängt, das meinen Geiſt verwirrt, das alle Elemente der Leidenſchaft in mir weckt.“ „Würdeſt Du ihr wünſchen unglücklich zu ſeyn? Nein, Albert, Du biſt zu edel, um zu wünſchen, daß noch ein anderes Weſen den Schmerz theile, der Dir zur Laſt gefallen iſt. Das Uebel wäre nur ver⸗ vielfacht, nicht gemildert.“ 222& „Süße Konſtanze, ich liebe Dein uneigennützi⸗ ges Weſen,“ rief Albert mit Wärme. „Kummer für den Einen, Glück für den An⸗ dern!“ ſagte Konſtanze. „Verdamme mich nicht;— ich kann fehlen,— ich kann das Spiel meiner hartnäckigen Neigung ſeyn! Aber hätte Ella das unglückliche Gelübde ausgeſprochen, ſo wären die Schranken der Reli⸗ gion, der Grundſätze, der öffentlichen Meinung eben ſo furchtbar geweſen, wie ſie es jetzt ſind; die Kluft zwiſchen uns konnte nicht vermindert werden; aber die Reinheit der Seele, die Tafel des Gedächtniſſes wäre fleckenlos geblieben; kein zweites Bild hatte den Eindruck des erſten verwiſcht. Aber jetzt, da ſie durch andere Bande gefeſſelt, an andere Pflichten „ gekettet iſt, iſt auch die Erinnerung an unſere frü⸗ here Neigung erloſchen. Die Fürſtin muß ihre Be⸗ ſtimmung als Gattin und Mutter erfüllen. Neue Reize umgeben ſie. Wenn ſie ihren Gatten nicht mit der Glut jugendlicher Liebe umfaßt, ſo iſt ſie doch ſeiner Neigung dankbar, und der Vater ihres Kindes muß für ſie nothwendig der Gegenſtand hoher Theilnahme ſeyn. Was bin dann ich?— ein welkes Blatt, das der Wind umherdreht, ohne Zweck, ohne Ziel. Meine kriegeriſche Laufbahn hat ein Ende; das Feuer der Jugend iſt erloſchen,— i⸗ — 223&⸗- ich habe keine Thatkraft; mich ſetzt nichts in Be⸗ wegung; ich habe keinen Beruſ. Kurz, was bin ich! Ein nutzloſes Glied der Geſellſchaft, das nicht ſterben mag, aber auch nicht die Kraft hat, die Laſt des Daſeyns zu tragen!— Theure Kon⸗ ſtanze, könnte ich Dich glücklich ſehen; ich wäre weniger unglücklich,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu, „vielleicht können wir den Vater noch verſöhnen.“ „Leopold hat geſchrieben,“ murmelte ſie ſchüch⸗ tern, wie wenn ſie die Antwort ihres Bruders fürchtete. „Wo iſt ſein Brief?“ fragte Albert ungeduldig. „Ich vernichtete ihn, da ich Entdeckung fürch⸗ tete. Er drang auf eine ſchleunige Vermählung.“ „Nicht zu vorſchnell!“ rief Roſenthal.„Der Segen eines Vaters iſt etwas zu Koſtbares, um ge⸗ ringgeſchätzt zu werden. Sollte kein anderer Aus⸗ weg übrig bleiben, dann könnte man dieſen Schritt in Ueberlegung ziehen; indeſſen ſuche Deine Gefühle zu beruhigen; Du haſt zunächſt Ruhe; Zeit, Um⸗ ſtände, tauſend Vorfälle können dazwiſchen kommen, um Dich weiterer Verfolgung zu entziehen. Hüte Dich, eine Kriſis zu beſchleunigen, oder durch einen unüberlegten Schritt Dir ein Unglück zuzuziehen. Gib lieber der Gräfin Grund zu glauben, Du über⸗ legeſt das vortheilhafte Anerbieten des Landgrafen.“ —— —2 224& „Unmöglich! ich kann keinen Betrug zu Hülfe nehmen.“— „Theure Konſtanze, ich muthe Dir nicht zu, Dich zu verſtellen, nur zu verſchweigen. Je weniger Du von Lindenberg ſprichſt, deſto beſſer.“ „Du haſt nichts gegen unſern Briefwechſel?“ fragte Konſtanze ſchüchtern. „Was ſollte ich! Dein Glück iſt mein einziger Zweck. Ich ſuche Das bei Dir zu fördern, was ich ſelbſt nicht beſitzen ſollte. Lebe wohl, theure Schweſter! Wir werden uns bald wieder ſehen.“ Ein Lächeln begleitete dieſe Worte, aus denen Konſtanze während des traurigen Abends, den ſie en einſamer Betrachtung zubrachte, Troſt und Hoff⸗ nung ſchöpfte. Dreizehntes Kapitel. Sie waren ſung! o Jugend ohne dich Was wär' die Lieb? was Jugend ohne Liebe? Durch Jugend wird ſie reizend, kräftigt ſich Zur Treu und jedem überird'ſchen Triebe. Byron C'est que l'amour est comme un arbre: il pousse de lui même Victor Hugo Es war Nacht! Die große und ſchöne Stadt lag längs dem Ufer des Fluſſes gleichſam in tiefen Schlaf gehüllt. Kein Stern war ſichtbar; und doch war es nicht ganz finſter, ein graues Zwielicht ſchien der Landſchaft eine zarte Farbe anzuhauchen. Die ſtillen Waſſer der Donau floßen wie ein Silber⸗ ſtrom dahin, von keinem Lüftchen bewegt. Alles ſah ſo ruhig, ſo ſternenlos aus, daß man ſich die heftige Bewegung, das geſchäftige Treiben kaum mehr vorſtellen konnte, das den Tag über die Stra⸗ ßen und Marktplätze erfüllt hatte. Ella. III. 15 2 226 S⸗ „Was können doch wenige Stunden für eine Veränderung in einer volkreichen Stadt hervorbrin⸗ gen. Die hohen Gebäude waren in Schweigen ge⸗ hüllt; die weiten Durchgänge waren öde, die langen Alleen lagen in trüber Ferne; die vielen Vergnü⸗ gungsorte, die Aſyle des Elendes, die Marktplätze des Gewerbfleißes oder die Schlupfwinkel der Ver⸗ brechen— Alles war verödet, lautlos, ſtille. Und doch drängte ſich der Gedanke auf, daß jede Woh⸗ nung reich war an Leben, an Betrachtung, an Geiſt, an allen großen, mannigfaltigen Elementen, aus denen Geſellſchaft und Civiliſation gebildet iſt: daß Alles bereit iſt, an die Arbeit zu gehen und mit der Morgenſonne die wilde Laufbahn, den bunten Kreis menſchlicher Beſtrebungen wieder aufzunehmen, die durch Dunkelheit und Schlaf ſtille geſtanden. Durch den Schatten der Häuſer begünſtigt, der bis auf eine ziemliche Entfernung Alles in Dunkel⸗ heit hüllte, ging Leopold von Lindenberg in träu⸗ meriſchem Nachdenken auf und ab; manchmal hielt er erwartungsvoll an; dann ging er wieder ſtärker, wie ungeduldig über den Verzug. Plötzlich tauchte an einer Straßenecke eine kleine, weibliche Geſtalt auf, eilte vorwärts; ſchien dann zögernd, in un⸗ ruhiger Stellung, einen Augenblick auf den Wieder⸗ hall ſeiner abgemeſſenen Fußtritte zu horchen, welche 25 227 G& die feierliche Stille der Nacht unterbrachen. Wieder ging ſie entſchloſſen voran, mit jenem eiligen, un⸗ ſteten Schritte, der ebenſo die Nothwendigkeit der Eile, als der Verheimlichung ausdrückt, bis ſie auf dem Platze anlangte, auf welchem Leopold ſtand. Bei dem erſten Strahl einer fernen Lampe, die durch die umgebende Finſterniß zitternd ſchimmerte, erkannte er das bekannte Geſicht Lottchens. „Meine liebe Botſchaſterin,“ rief er.„Ich habe zwei Stunden lang gewartet. Was für Nachrichten?“ „Es war unmöglich, der Gräfin zu entſchlüpfen. Ihre Wachſamkeit hat ſich verdreifacht. Sie war mir den ganzen Nachmittag auf den Ferſen, wie wenn ſie von unſerer beabſichtigten Zuſammenkunft Kenntniß hätte; wir müſſen auf unſerer Hut ſeyn. Aber Sie ſind ungeduldig: hier meine Beglaubi⸗ gung,“ rief ſie, indem ſie ein Briefchen überreichte, das Leopold begierig ergriff und einige Schritte zu⸗ rück unter eine Laterne trat, die ihr volles Licht auf das Papier warf. Eine kleine weibliche, zitternde Hand hatte eine einzige Zeile darauf hingeſchrieben; aber wären die Worte mit feurigen Buchſtaben ge⸗ ſchrieben geweſen: der Eindruck, den ſie hervor⸗ brachten, hätte nicht ſtärker ſeyn können. „So lange die Treue lebt, lebt die Hoffnung 14 K. R. 15* 228&˙⸗ Mit Entzücken drückte er ſeinen Schatz an ſeine Lippen, verbarg ihn in ſeinem Buſen und kehrte zu der dunkeln Stelle zurück, wo Lottchen zurückge⸗ blieben war. „Und dies iſt Alles?“ rief er, neugierig, mehr zu erfahren, und das geſchwätzige Weſen Lottchens kennend.— „Iſt dies nicht genug? Iſt es nicht mehr, als Sie unter dieſen Umſtänden haben erwarten können,“ verſetzte ſie.„Glauben Sie, meine junge Gebie⸗ terin könne ſich ſo weit vergeſſen, einen Liebesbrief zu ſchreiben. Sie erlaubt Ihnen zu hoffen— in dieſer Erlaubniß liegen ganze Bände enthalten.“ „Danke Dir, mein kleines Lottchen, für Deine Erklärung und Auslegung. Aber Fräulein Roſen⸗ thal hat weder von ſich, von ihren Gefühlen ge⸗ ſprochen, noch von ihrer Lage. Du mußt jetzt Deine Gebieterin vertreten und mir die Einzelheiten erzäh⸗ len, die ſie mir vorzuenthalten räthlich fand.“ „Ueber ihre Gefühle ſollten Sie keinen Zweifel hegen, und ihre Lage hat ſich leider ſen geſtern nichts weniger als verbeſſert.“ „Theure, treue Konſtanze!“ rief er mehr zu ſich ſelbſt als zu ſeiner Begleiterin. 96. „Wenn Sie nur Alles wüßten, ſie würde Ih⸗ nen gewiß theuer werden. Sie iſt ein Engel. Jedes 2 229 SE⸗ andere Weib würde unter einem ſolchen Druck ſich empören. Sie iſt in ihr Zimmer eingeſchloſſen, darf ihre Freunde weder zu Hauſe, noch draußen ſehen; aber ſie unterwirft ſich geduldig jeder Unwürdigkeit, ehe ſie einwilligte, den Landgrafen zu heirathen. Sie müſſen ſie in der That lieben— ja anbeten!“ „Ich will noch etwas Beſſeres thun; wenn Lottchen mir beiſtehen will, ſo will ich ſie heirathen,“ bemerkte er lächelnd;„denn keinem Manne thut es je wahrhaft leid, zu erfahren, daß der Gegenſtand ſeiner Leidenſchaft ſich nicht der Geſellſchaft Anderer erfreuen darf, wenn er aus ihrem Kreiſe verbannt iſt und an ihrer Geſellſchaft nicht Theil nehmen kann.“ „Ich bezweifle die Wahrheit Ihrer Behauptung nicht,“ verſetzte das Mädchen muthwillig,„aber Sie finden ein neues Hinderniß, das ebenſo zu fürchten iſt als der Landgraf— vielleicht noch mehr.“ „Himmel! ein neuer Bewerber?“ G „Nicht gerade; aber die Gräfin und Vater Cle⸗ mens bemühen ſich, ſie für die Kirche zu gewinnen, ſie zu bewegen, den Schleier zu nehmen. Sie haben ihren eigenen Zweck, der mit dem Landgrafen in keiner Berührung ſteht. Kurz, Alle ſpielen ver⸗ ſchiedene Spiele. Der Graf iſt ehrgeizig und will ſein Kind ſeinem ungemeſſenen Stolze opfern. Die — 230& Stiefmutter iſt bigott und würde jedes Verhältniß, jedes Geſchöpf ihren Zwecken opfern. Der Beicht⸗ vater, vom esprit de corps getrieben, verdient mehr Achtung, denn wir haben kein Recht, ſeinen Eifer im heiligen Berufe zu bekämpfen. Sie ſehen, daß dies lauter ſtreitende Elemente ſind, die durch Klugheit geleitet oder neutraliſirt werden können— von den Gefühlen des Fräuleins gar nicht zu reden. Doch Sie wiſſen genug; ich muß mich zurückziehen.“ „Halt, halt! theures Lottchen— noch ein Wört⸗ chen im Scheiden. Iſt es möglich, Deine Gebie⸗ terin zu ſehen?“ ſprach Leopold... „Nein, wenn Sie nicht dadurch allen ferneren Verkehr abſchneiden, Ihre ſüßeſten Hoffnungen mit der Wurzel ausreißen wollen? Die Entdeckung von geſtern hat Unglück genug gebracht; es braucht keiner weiteren Scene! Iſt der Verdacht einmal geweckt, ſo iſt es ſchwer, ihn zu tilgen.“ „Könnte ich ſie nur einen Augenblick ſehen, ſie ſchützen gegen die hinterliſtige Verrätherei, die man von ihrer Stiefmutter beſorgen muß? Ich habe ſo viel zu ſagen, einzuprägen“— „Sie ſind glücklich, Baron Leopold, daß Sie einen Briefwechſel unterhalten können,“ verſetzte das Mädchen zufrieden;„aber Sie möchten gerne Alles auslöſchen, was ich für Sie gethan habe. Wären -0 231 meine Bitten nicht geweſen, das Fräulein hätte Ihnen nicht geſchrieben. Sie war ſehr bedenklich und un⸗ entſchloſſen; endlich ſiegte ich— dadurch, daß ich Ihre Gefühle ſchilderte, den Schmerz Ihrer Täu⸗ ſchung und die Zärtlichkeit Ihrer Liebe.“ „Herrliches, theures Lottchen!“ rief Lindenberg. „Wie kann ich ſolchen Eifer belohnen?“ „Erfahren Sie, daß eine Anhänglichkeit wie die meinige weder des Antriebs, noch der Belohnung bedarf,“ antwortete die Franzöſin würdevoll.„Ich bin glücklich, zu glücklich, dem Fräulein Konſtanze dienen zu können.“ „Sey nicht böſe, mein liebes Lottchen, denn nichts iſt unpaſſender, zumal für eine Brunette. Ich hoffe Dein freundliches Herz auch zu meinen Gun⸗ ſten zu gewinnen.“ „Gewiß will ich Ihnen wohl, um ihretwillen— vorausgeſetzt Sie ſind“— „Ich weiß nicht was Du willſt,“ unterbrach er ſie,„aber dies ſage ich Dir, daß ich Deine Gebieterin ein einer halben Stunde mehr liebe, als Du ſie Dein ganzes Leben hindurch lieben kannſt.“ „Es reicht nicht hin, ſie zu lieben; das iſt nicht ſchwer bei einem ſo vortrefflichen Frauenzimmer; Sie müſſen ſich ihrer Liebe würdig machen.“ „Würdig! Höre mich!— wenn die reinſte, 1 232 S⸗ treueſte Liebe mir ein Recht auf Dein Wohlwollen gibt, ſo fürchte ich keinen Nebenbuhler. Aber darf ich hoffen, daß Fräulein Konſtanze eben ſo innig für mich fühlt, als ich für ſie?“ 3 „Hat ſie nicht geſchrieben? Iſt ſie nicht leidend? Hat ſie nicht der Heirath mit dem Landgrafen das Kloſter vorgezogen? Und Sie ſind noch nicht zu⸗ frieden? Was verlangen Sie mehr?“ „Alles— Alles— ſie ſelbſt! Mit einem Worte, ſie muß mein ſeyn!“ „Und wie ſoll ſie es werden?“ „Ich überlaſſe die Wahl Deinem Scharffim nn. Derſelbe verwegene Geiſt, der Dich hieher geführt hat, mag Dir auch hiezu ein Mittel an die Hand geben.“ „Die Sache iſt ſchwieriger, als Sie glauben. Wir treffen bei Konſtanze ſelbſt auf Widerſtand; ſie hängt zärtlich an ihrem Bruder— ſie liebt ihren Vater trotz ſeines Eigenſinnes.“ „Albert iſt mein Freund; ich verlange keinen wärmeren Sachwalter.“ „Bedenken Sie, daß Mädchen nur mit Wider⸗ ſtreben das väterliche Dach verlaſſen, um ohne den Segen Derer, denen ſie bisher in Allem gehorcht, eine feierliche Verbindlichkeit einzugehen.“ „Konſtanze wurde von der Herzogin von Mont⸗ pellier erzogen, und die Bande der Verwandtſchaft, 7 ₰ 233 S⸗⸗ durch die ſie an den Grafen gefeſſelt iſt, ſind durch die Umſtände locker geworden. Zudem wir lieben einander, und das iſt ein hinreichender Grund da⸗ für, daß Konſtanze nicht von mir getrennt werden darf. Sie ſoll den Landgrafen nicht heirathen! Ich will mich der verhaßten Verbindung widerſetzen; ich will meine Liebe der ganzen Welt verkündigen; ich will ſie aus ſeinen Armen reißen!“ „Für jetzt iſt kein Grund zur Beſorgniß vor⸗ handen, daß Fräulein Konſtanze bewogen werden könnte, gegen ihre Neigung zu heirathen. Sie hat ihre Abneigung gegen ihren Bewerber und ihre Liebe zu einem Andern kühn ausgeſprochen. Zugleich iſt ſie bereit, ſich der harten Zucht eines Kloſters zu unterwerfen, ehe ſie eine Heirath einginge, zu der ſie keine Luſt hat.“ „Ein Kloſter! Der Gedanke iſt ſchrecklich; ein lebendiger Tod, ein ewiges Grab! Kannſt Du ein ſolches Opfer ruhig mit anſehen? Das junge, ſchöne, geliebte Mädchen! Nein, wir müſſen ſie der düſtern Beſtimmung entreißen, der ſie der Aberglaube über⸗ antworten will.“ „Sie ſchätzen ſie, wie ſie es verdient, aber Sie haben die Gefahr und die Schwierigkeit, die damit verbunden iſt, ſie der Liſt der Gräfin zu entreißen, nicht in Berechnung gezogen.“ — 234&⸗ „Gefahr? Schwierigkeit? Ich weiß von keiner. Sie ſoll, ſie muß die meinige werden. Wenn Du Deine Hülfe verſagſt, ſo muß ich einen willigeren, wenn auch nicht wirkſameren Beiſtand ſuchen,“ fuhr Lindenberg mit Lebhaftigkeit fort.„Gedenke, daß Konſtanze mir angehört. Knieeten wir nicht vor demſelben Altare? Drückte ich nicht ihre Hand in der meinigen? Gelobten wir uns nicht ewige Liebe? Dieſes Gelübde iſt heilig; es iſt im Himmel auf⸗ gezeichnet, es ſoll auf Erden verwirklicht werden.“ „Ich will unter dieſen Umſtänden meine Hülſe nicht verweigern. Gebieten Sie über meine Dienſte, Baron Leopold; aber erlauben Sie mir zugleich, Sie zu bitten, klug und geduldig zu ſeyn. Unbe⸗ ſonnene Eile von Ihrer Seite kann zugleich unſere Erwartungen vernichten und eine Kataſtrophe be⸗ ſchleunigen, die wir abzuwenden ſuchen müſſen. Offener Widerſtand, unverhehlte Schritte mögen dem Mächtigen und Unabhängigen ziemen, aber der Schwache, Vertheidigungsloſe muß einen andern Plan verfolgen. Raſche Maßregeln würden ſicher vereitelt werden. Katze und Schlange entſchlüpfen, wo der Löwe und das Pferd gefangen werden.“ „Wenn Du willſt, kannſt Du Deine Gebieterin aus ihrer Knechtſchaft befreien.“ „Vor Allem müſſen wir dem klöſterlichen Entwurfe ☛ 235 S entgegen wirken und den Zwang, der gegenwärtig unſere freie Bewegung hemmt, abſchütteln. Um dies zu erreichen, muß der Graf ſelbſt gewonnen werden.“. „Der Graf? Du träumſt!“ „Nein, ſo lange das Fräulein ſo wie jetzt be⸗ wacht wird, kann nichts geſchehen.“ „Aber Graf Roſenthal?“ „Sie müſſen unbedingtes Vertrauen auf mich ſetzen. Ich muß volle Freiheit haben, nach den Eingebungen meiner Erfahrung zu handeln, oder ich überlaſſe Sie Ihrem Schickſale,“ rief das ſelbſtge⸗ fällige Mädchen. „Theures Lottchen, ich gebe nach, ich gehorche.“ „Fräulein Roſenthal muß ſich ſtellen, als be⸗ handle ſie den Landgrafen mit weniger Härte; ſie muß ſich ſtellen, als ergebe ſie ſich in die Wünſche ihres Vaters; ſie muß ihre Thränen trocknen, und wenn ſie dies thut, ſo verſpreche ich, daß ehe eine Woche vergeht, ſie wie gewöhnlich die gebildeten Kreiſe zieren werde. Sie werden ſie dann ſehen. Das Uebrige überlaſſe ich Ihrer Einbildungskraft. In Schönbrunn ſoll ein Maskenball gegeben wer⸗ den; um einen Domino iſt es etwas ſehr Geſchicktes. Auch das Gedränge und die Verwirrung kann Ihr Unternehmen begünſtigen.“ 236& „Ich verſtehe Dich! wie klopft mein Herz bei dem Gedanken. O Lottchen, welch eine ſelige Aus⸗ ſicht haſt Du mir erſchloſſen!“ rief Lindenberg in athemloſer Bewegung. „Das Uebrige überlaſſen Sie mir, und ſeyen Sie ſtets gerüſtet und beſonnen,“ verſetzte ſie; und mit ihrer Hand ein Lebewohl winkend, enteilte ſie eben ſo ſchnell, als ſie gekommen war. Aengſtlich beſorgt, ſeine Tochter ſo zu vermäh⸗ len, wie es ſeinen Abſichten gemäß war, ſtimmte Graf Roſenthals Ehrgeiz mit der finſtern Bigotterie ſeines Weibes keineswegs überein, und er konnte ſich nicht mit dem Gedanken ausſöhnen, ſeine ſchöne und einzige Tochter den finſtern Kloſtermauern zu übergeben. Wenn er es nicht wagte, ſich auf eine edle Art offen den Abſichten der Gräfin zu wider⸗ ſetzen, ſo geſchah es in der Hoffnung, daß ihre Da⸗ zwiſchenkunft die Wünſche des Landgrafen fördern könnte; denn er glaubte, Konſtanze, durch die Zu⸗ dringlichkeit ihrer Stiefmutter ermüdet, könne endlich bewogen werden, ſich dem väterlichen Willen zu unterwerfen. So vergingen wenige Tage. Zwiſchen den feindlichen Partheien ſchien eine Uebereinkunft, ein Waffenſtillſtand geſchloſſen; jeder Theil hoffte auf irgend eine günſtige Veränderung, von der ein —5 237& Vortheil erwartet werden konnte, während Konſtanze ſelbſt, müßig in ihrem einſamen Zimmer, ſich ohne Rückhalt dem verführeriſchen Reize eines heimlichen Briefwechſels hingab, ohne die Stimme ihres beſ⸗ ſeren Selbſt zu vernehmen. Ein Liebender erhält niemals eine ſo entſchie⸗ dene Herrſchaft, als wenn Verfolgung ihn zum Gegenſtand der Theilnahme macht. Ein gewiſſer Grad von Mitleid verbindet ſich mit der Liebe; zu⸗ mal wenn die Möglichkeit einer Zuſammenkunft durch Vorſichtsmaßregeln abgeſchnitten iſt: dies begünſtigt den brieflichen Verkehr und ertheilt einer Leiden⸗ ſchaft, welche vielleicht unter gewöhnlichen Umſtänden aus Mangel an Anregung verflogen wäre, einen geheimnißvollen Reiz. Durch die Trennung von Liebenden gewinnt in der That ihre Neigung nur Stärke und Eintracht; es vermehrt den Stolz, die Selbſtliebe beider Theile, und die Leidenſchaft er⸗ hält den Beiſtand einer Menge von Hülfsmitteln, die mehr zu fürchten ſind, als ſie ſelbſt. Diejenigen, welche, ſich ſelbſt überlaſſen, ſich nur geliebt und das harte Schickſal angeklagt hätten, werden heftig, hart⸗ näckig und von einem Geiſt des Märtyrerthums be⸗ lebt, wenn unbeſonnene Dazwiſchenkunft einem von beiden Theilen Zwang anlegt. So geſchah es auch bei Konſtanze Roſenthal, daß die Mittel, die man 2 238& der Sicherheit wegen ergriff, eine ganz entgegen⸗ geſetzte Wirkung thaten. Ihre Neigung wurde nie erſchüttert, und anſtatt der Prüfung, die man ihr auflegte, zu weichen oder ſich geduldig den Vor⸗ ſchriften elterlichen Anſehens zu unterwerfen, hing ſie nur deſto inniger an Leopold. Unmerklich wurde er der ausſchließliche Gegenſtand ihrer Gedanken, das einzige Intereſſe ihres Lebens. So hört das menſch⸗ liche Auge, wenn es feſt auf einen vereinzelten Zug der Landſchaft gerichtet iſt, auf, das Verhältniß zwiſchen den verſchiedenen Theilen zu bemerken; alles Andere erſcheint trübe und dunkel. Allmählig fand der Gedanke, den Wünſchen ihres Vaters ungehorſam zu ſeyn, und die Hoff⸗ nung, die ihrigen verwirklicht zu ſehen, in Konſtan⸗ zens Gemüthe Platz, und wenn einmal der Gedanke der Schuld uns gewohnt geworden, wenn die Seele nicht mehr gleich einer Sinnpflanze vor den Ein⸗ gebungen des böſen Herzens zurückbebt, dann iſt das Prinzip des ſittlichen Widerſtandes außer Thätig⸗ keit geſetzt. Die mädchenhafte Schüchternheit wurde bald zurückgedrängt durch die Glut der Liebe; weib⸗ liche Bedenklichkeit verſchwand ſchnell, während die Liebe, durch Widerſtand gekräftigt, immer tiefere Wurzeln in ihrem Herzen ſchlug. Inzwiſchen wurde Lottchen, das ſtets bereit 2 239 S⸗ war, die geheimen Wünſche ihrer Gebieterin zu fördern, aus einer Vertrauten ſchnell eine Rath⸗ geberin, und Konſtanze ſuchte die feinen Ueber⸗ redungsgründe, die mit den innerſten Gedanken ihres eigenen Geiſtes ſo ganz übereinſtimmten, nicht zu bekämpfen, und als die Friſt, die man ihr zur Ueber⸗ legung geſtattet hatte, ihrem Ende ſich nahte, be⸗ nutzte ſie bereitwillig die dargebotenen Dienſte des liſtigen Zöſchens. Vierzehntes Kapitel. Genug, daß wir geſchieden ſind, daß eine Fluth Von herbem Schickſal zwiſchen unſern Seelen ruht. Moore's Lalla Rookh. Savez-vous ce que c'est que ce mal solitaire? Ce qu'il en faut souffrir, seulement pour s'en taire? Alfred de Musset. Kalt, ſchweigend und entfremdet, ſuchte der Fürſt von Corſini weder das Vertrauen ſeiner Gattin, noch wünſchte er es. Er verſchmähte zu fragen und fürchtete eine Erklärung. Er war ganz unglücklich, denn er konnte kein Vertrauen mehr auf das Weſen ſetzen, das er immer noch leidenſchaftlich liebte. Tropfenweiſe hatte ſich das tödtliche Gift in ihn eingeſchlichen und die beſſeren Triebe ſeines Weſens alle vernichtet. Gleich einem Peſthauch, verſengt die Eiferſucht das heiterſte Grün; ein dürrer, welker Fleck bezeichnet ihre zerſtörende Wirkſamkeit. Alle Zugänge des Gefühls waren in Corſini's Herzen verſchloſſen; ſein Verkehr mit der Welt bot — 241& nicht mehr auch nur eine augenblickliche Erleichte⸗ rung von der Laſt, die ihn niederdrückte; die Ver⸗ gangenheit, die Gegenwart und die Zukunft waren ihm gleich peinlich. Die Stimme der Freundſchaft tönte widrig in ſeine Ohren. Er bebte zurück vor den bekannten G ern, die er einſt freundlich willkommen geheißen; ſie ſchienen jetzt gleich jenen verhaßten Masken auf ihn zu blicken, jenen grauen Denkmälern des Alterthums, die in ihrer ſteinernen Dauerhaftigkeit ſpottend auf unſer vergängliches Ge⸗ ſchlecht herabblicken— eine Reihe von Jahrhunderten hindurch über die Schmerzen lachend, die ſie nicht begreifen können. Zwiſchen Roſenthal und Corſini war eine un⸗ durchdringliche Scheidewand befeſtigt. Es ſchien, als enthülle ein geheimnißvoller Einfluß, ein beſonderes, Ahnungsvermögen, für Andere unergründlich, Jeder⸗ mann die weite Kluft, durch welche der Gatte von dem Geliebten geſchieden war. Das Gefühl des Mißtrauens und Haſſes konnte beinahe mit Augen geſehen werden; für Worte lag es zu tief, es be⸗ durfte nicht der Sprache, um ſeine ſchlimme Bedeu⸗ tung auszuſprechen. Gleich dem unſichtbaren Druck der Elemente, die den Wald entwurzeln und die Städte in ihren Grundfeſten erſchüttern, ohne daß Ella. III. 16 —₰ 243 G- eine Kraft ſichtbar wäre, kam der Wirbelwind und zerſtörte, aber Niemand ſah den Windſtoß. Indeſſen bevbachkete Lnas die ugendiich nengen in der Erfüllung der heiligſten Belohnung. Obgleich ſie mit neulich vorgefallen waren, und mit denen das Glück ihres Bruders ſo eng verwoben war, nicht unbe⸗ kannt und nicht gleichgültig dagegen bleiben konnte, ſo war ſie doch weit davon entfernt, ſeine Hoff⸗ nungen zu täuſchen oder die wilden Träume, denen er ſich hingab, zu ermuthigen. Es ſchien, als höre ſie ſeine Betheurungen mit Schmerz, und da ſie ſeine Leidenſchaften mit der Ruhe der Erfahrung betrachtete, ſah ſie Hinderniſſe und Sühwierigkaltan von denen er ſich nichts träumen ließ. „Theure Schweſter, mein künftiges Schicſal liegt in Deinen Händen,“ rief Lindenberg feurig, als er bei der Fürſtin von Corſini ſaß. Sie ſchlug ihre Augen bittend zu ihm auf und verſetzte: „Ich kann Dir keine abſchlägige Antwort geben, aber Du ziehſt Dir eine furchtbare Verantwortlichkeit zu. Die Hand, welche ein Kind der Gerichtsbarkeit ſeines Vaters entreißt, muß fürwahr kühn ſeyn.“ ——-ß+⏑ᷣ ⏑ꝙ— —— 2 243& „Sage vielmehr, der Tyrannei einer Stieſ⸗ mutter,“ verſetzte Lindenberg vorwurfsvoll. „Auch wenn die Eltern hart und grauſam ſind, ich wiederhole doch meine Behauptung. Blicke nicht ſo finſter, theuer Leopold, ich widerſetze mich Deinen Wünſchen nicht und habe auch dem Mädchen, das Deine Liebe gewählt hat, meine ſchweſterliche Ach⸗ tung und Freundſchaſt nicht verſagt. Ich ſuche Dir nur die Wichtigkeit Deiner Pflichten zum Bewußt⸗ ſeyn zu bringen. Deine Liebe, Deine Zäfrtlichkeit muß ſie für alles Andere entſchädigen. Kein väter⸗ licher Segen wird die Feierlichkeit heiligen; das Ge⸗ heimniß wird den Altar umſchleiern und Heimlichkeit wird die Brautgeſänge zurückdrängen.“ „Die Liebe wird Alles in Allem für uns ſeyn!“ rief der junge Enthuſiaſt glühend aus. „Mögeu dieſe ſüßen Hoffnungen nie eine Täu⸗ ſchung erfahren!“ ſeufzte Ella. „Konſtanze hat verſprochen, die meinige zu wer⸗ den. Wir gehören einander an. Muß ich Dich erſt bitten, theure Schweſter, es geheim zu halten?“ „Ach, ich habe wenig Gelegenheit, das Ge⸗ heimniß, das Du bei mir niedergelegt haſt, zu ver⸗ breiten, Aber wenn Du es ganz mir anheimſtellen wollteſt, wäre es mir lieber.“ „Nein, Ella, nein! Stillſchweigen iſt für den — 16* * — 244 Erfolg unerläßlich. Ein Wort, und wir ſind in die Hände unſerer ſchlimmſten Feinde verrathen. Zudem, der Fürſt könnte ſeine Einwilligung vorenthalten und der Deinigen Zwang anlegen. Erinnere Dich, Du biſt zur Verſchwiegenheit verpflichtet. Das Glück Deines Bruders hängt dav ab.“ „Fürchte nichts, Leopold. Dein Glück iſt zu werthvoll, zu weſentlich für das meinige, als daß ich es opfern könnte. Aber ich fürchte dieſes Ge⸗ heimniß,— ich ahne nichts Gutes. Habe Geduld, und der Graf gibt vielleicht nach. Die Zeit thut viel.“ „Du ſprichſt wie eine kluge Matrone, Ella. Ich zweifle, ob unſere theure Mutter in Ehrenfels ſich anſtändiger ausdrücken könnte.“ „Ich wollte, ſie wäre hier!“ murmelte die Fürſtin. Wir gehen mit einander nach Ehrenfels,“ fuhr Lindenberg fort, ſeine eigenen Gedanken verfolgend. „Konſtanze wird unſere Mutter lieben und iſt ſchon bezaubert von der Ausſicht, in dem alten Schloſſe zu wohnen. Du wirſt Dich unſerem Kreiſe bald anſchließen— wirſt Du nicht?“ Ella antwortete nur mit einem Seufzer. „Beſuchſt Du das Feſt in Schönbrunn?“ fragte Leopold mit zitternder Stimme. —2 245 G& „Ja, mein Gatte wünſcht, daß ich bei dieſer Gelegenheit erſcheine. „Konſtanze wird dort ſeyn. Der Landgraf, ihr Vater und ihre Stiefmutter mit Albert werden eine ſchreckliche Begleitung ausmachen.“ Lindenberg lächelte bei dieſen Worten mit einem ſeltſamem Ausdrucke. „Jedoch ſie wird allen dieſen entriſſen werden! Iſt nicht dies der Gedanke, der jetzt dieſe trium⸗ phirende Röthe in Deine Wangen treibt und Deine Augen in glänzender Erwartung leuchten macht?“ fragte Ella. „Nein, ich werde Dir nichts mehr anvertrauen,“ antwortete er heiter.„Ich muß mich zuvor gründ⸗ licher von Deiner Tauglichkeit überzeugen, die Be⸗ wahrerin meines Geheimniſſes zu werden. Ella, kann ich mich ganz auf Deine Verſchwiegenheit ver⸗ laſſen?“ „Da mein Rath nutzlos iſt, ſo wünſche ich nicht tiefer in Deine Entwürfe einzudringen. Aber wenn der Eifer einer Schweſter Dir dienen, wenn die Zärtlichkeit meiner Neigung Dir Schutz oder Troſt bieten kann, ſo erinnere Dich, daß Du Dich an mich nie vergebens wenden kannſt.“ „Theure, edle, herrliche Ella ¹“ rief Leopold warm.„Ich bitte Dich, meine Gattin aufzunehmen.“ nung eines Uebels verfolgte ſie, von der ſie ſich nur - 246& „Konſtanze wird um ihretwillen und doppelt um Deinetwillen willkommen ſeyn. Mein Haus, meine Arme, mein Herz— Alles iſt für ſie offen.“ „Dies iſt mehr, als meine glühendſten Hoff⸗ nungen wünſchen konnten,“ ſprach Lindenberg feurig, während er ſeine Schweſter an ſeinen Buſen drückte; und bald darauf verließ er ſie. Unter unbeſtimmten Beſorgniſſen und großer Unruhe über die Zukunft, war Ella weit entfernt, die Erwartungen zu theilen, denen ſich ihr Bruder ſo lebhaft hingab. Auch konnte ſie ihren Geiſt nicht ganz frei machen von einer gewiſſen abergläubiſchen Furcht, als ſie des unheilvollen Einfluſſes gedachte, den die Familie Roſenthal bisher auf ihr eigenes Schickſal geübt hatte. Es war ihr, als wären die tiefen, bitteren Quellen des Kummers noch nicht ganz verſiegt; und jener Schmerz, der eine Zeit lang verſchwunden war, hing wie ein Leichentuch über ihr. Von Natur der Verſtellung abgeneigt, ſah ſie in dem kalten, beinahe abſtoßenden Aeußern ihres Gatten Vorwurf und Verdammung. Sie wurde von einer ſchmerzlichen Empfindung niedergedrückt. Die Zeit des Vertrauens war verſchwunden, um niemals wiederzukehren. Es war nutzlos für ſie geweſen. So ſchlich der Tag langſam vorüber. Die Ah⸗ So- durch die Gegenwart ihres Kindes befreien konnte, deſſen junges Leben nur noch nach Wochen gezählt wurde, deſſen ſchwaches Daſeyn noch die mütterliche Liebe zur Stütze nöthig hatte. Das zarte Geſchöpf war jetzt an dem Buſen, von dem es Wärme und Nahrung empfing, in Schlaf geſunken. Sanft legte die Fürſtin von Corſini ihren ſchlummernden Säug⸗ ling auf das Eiderdunen⸗Bett nieder, von dem ſie ihn weggenommen, und drückte ihre Lippen auf die ſchöne Wange, die um die zärtlichen Küſſe, die ſie em⸗ pfing, zu bitten ſchien. Einen Augenblick beobachtete ſie die zitternde Bewegung der Augenlieder, ſie lauſchte auf ſeinen ſanften Athem und malte ſich jene Zeit vor, wo all die verborgene Schönheit dieſer kleinen, zarten Geſtalt ſich zur Fülle und Reife entwickelt haben, wo die junge Seele, die jetzt in ihrer ſchwachen Hülle ſchlief, in Geiſt und Liebe glühen würde. Die Stunde zum Abend⸗Gottesdienſt ſchlug und ſie beeilte ſich, am Altare der Jungfrau ihre ge⸗ wohnte Andacht zu verrichten. Sie war ohne Be⸗ gleitung und zu Fuß, und trat in den heiligen Tem⸗ pel, eben als die ſanfte Harmonie des himmliſchen Grußes das Herz mit überſtrömender Dankbarkeit und heiliger Freude erfüllt. Wenige Gläubige hatten ſich in dem dunkeln Gange geſammelt, aber Chor und Altarplatz waren nur beſetzt von jenen düſtern 2 —2 248 S⸗⸗ Bildern, die der Aberglaube, Frömmigkeit, Stolz oder Scherz aufgeſtellt hatte, um an die Tugenden der Abgeſchiedenen zu erinnern, oder um einen er⸗ littenen Verluſt zu beurkunden. Der Glaube der Heiden, ohne Hoffnung, wie ohne Troſt, wußte nichts von den rührenden Ban⸗ den, die den lebenden Chriſten mit dem todten ver⸗ knüpfen. Weder Urne noch Mauſoleum, noch Ke⸗ notaph, noch Sarkophag— weder die geſchickten Zubereitungen ägyptiſcher Wiſſenſchaft, die Bildſäulen, noch die ewige Lampe— Urbilder, Symbole und Zeichen des Lebens und der Ewigkeit— vermittelte die traurige, aber zärtliche Erinnerung, die dunkle Wahr⸗ nehmung eines andern Zuſtandes, die geheimniß⸗ volle Scheu, den heiligen Schmerz, die ſchreckliche Beſorgniß, den frohen Glauben, der in den ſchönen Förmlichkeiten und Denkmalen chriſtlicher Begräb⸗ niſſe enthalten iſt. Wenn unſere irdiſchen Körper aufgehört haben, die Thätigkeiten des Daſeyns zu verrichten, werden ſie von uns dem Heiligthum jener Macht anvertraut, deren Gnade die kalte Zunge des Todes nicht mehr erflehen kann; und wenn die Marmortafel oder ein ausgeſchnitztes Bild unſere vermodernden Vorältern in unſere Erinnerung zu⸗ rückführt, werden unſere Gebete reiner und glühender unter dem pergeiſtigenden Einfluß. —— — 249&- Ella knieete mitten unter der frommen Ver⸗ ſammlung auf dem kalten Marmor. Keine weltliche Auszeichnung, kein beſonderer Sitz, kein höherer Platz machte ſie bemerklich. Sie betete und erkannte dankbar die vielen Segnungen, deren ſie ſich unwürdig fühlte. Ihr Gebet kam aus einem dankbaren Herzen, und als ſie es ausſprach, erhob ſich ihre Seele, frei von irdiſchen Feſſeln, zum Himmel empor. O es gibt eine Sehnſucht des Herzens, eine Glut des Gemüths, welche, wenn auch durch unſere Leidenſchaften, un⸗ ſere Beſtrebungen und unſere Ungerechtigkeiten er⸗ ſtickt, verkehrt und ſchlimm angewendet, doch ſich emporhebt, ſtets zu einem Verkehr mit jener höheren Sphäre ſich emporkämpft, aus welcher die Seele wie ein gefallener Stern herabkam, und die, wenn auch noch ſo verdunkelt, verſchleiert oder vergeſſen, ſtets über uns ſtrahlt, bereit den Irrthum anzu⸗ nehmen und zu verzeihen! Zufällig wurde die Andacht der Fürſtin durch eine leichte Bewegung in der Nähe der Beichtſtühle unterbrochen. Ein Haufe Büßender hatte ſich ver⸗ ſammelt, die der Reihe nach ihre Gewiſſen entlaſten und um die Vergebung bitten wollten, die der Menſch, der vermeſſene Menſch, ſeinem ſchuldvollen Neben⸗ menſchen zu bieten wagt. Das leiſe Flüſtern des Gebets verſtummte; kein Wort kam en. 1 1 N 5 5 4 — 2 250 Se vergitterten Raum, in welchem die Sünde um Gnade und die Reue um Erbarmen bat. Ein tiefes Athem⸗ holen, ein erſtickter Seufzer, ein krampfhaftes Schluchzen konnte einen Augenblick die heilige Stille unterbrechen, und nur der feierliche Wiederhall ſich entfernender Fußtritte kündigte an, daß die geheim⸗ nißvolle Beſprechung zwiſchen dem Hirten und den verirrten Schafen der Heerde geendet hatte. Es war ſchon ziemlich dunkel, als die Fürſtin von Corſini aus ihrer bittenden Stellung ſich erhob, und als ſie den hohen Gang ſich hinab bewegte, nahte ſich furchtſam eine Geſtalt, die ſie zuvor nicht bemerkt hatte. Sie bedurfte nicht der Hülfe des Lichts, um Albert zu erkennen. „Dies iſt das Grab meiner Mutter,“ ſagte er, indem er ſeine Hand ehrfurchtsvoll auf ein geſchnitztes Piedeſtal legte. Ella ſchwieg. Es lag tiefer Kummer in den leiſen, innigen Tönen, die er zu ihr geſprochen hatte. Sie blickte furchtſam umher, Alles war ſtumm und einſam. Die fromme Gruppe, die ſich an dem ſernen Ende der Kirche geſammelt hatte, erſchien in der Entfernung trübe und undeutlich. Die Kerzen ſchimmerten in der Ferne, aber erbellten die tiefe Dunkelheit nicht. ir ſind allein mit den Todten,“ murmelte 2 251 G&⸗ Albert, indem er auf den Boden deutete, auf wel⸗ chem ſie ſtanden, der mit unleſerlichen Inſchriften bedeckt war. Ein Strom ſchwachen Mondlichtes fiel auf die Marmorzüge des Bildes einer Weinenden, das neben ihnen ſtand. Roſenthals Geſicht wurde beinahe eben ſo bleich, als er ſtarr darauf hinſah. Seine zitternde Begleiterin wich einen Schritt zurück und zögerte. „Fürchten Sie ſich in Gegenwart dieſer Aſche? Halten Sie an; ich kam nicht hieher, um die Le⸗ bende zu ſuchen.“ Sie ſtand unbeweglich. „Könnten die Todten aus ihren glänzenden Re⸗ gionen herabſchauen,“ fuhr er fort,„könnten ſie die Qual Derer anſehen, die ſie kämpfend in der Wildniß des Lebens zurückgelaſſen haben. O Mutter! Jahre ſind dahin gerollt, aber ich habe das bittende Auge, den liebevollen Kuß nicht vergeſſen, mit welchem ein jugendlicher Sprößling dem verwittweten Gatten an⸗ vertraut wurde.“ „Die Hülle meines Vaters wird durch kein Grabmal geehrt; nur das grüne Gras blüht über ſeinem Grabe, und vergängliche Blumen ſind das einzige Denkmal, mit welchem unſere Liebe ſeinem Andenken zu Hülfe kam; aber er war uns nicht — 252& weniger theuer. Glücklich das Herz, das den Schmerz durch ſteinerne Denkmäler betrügen kann.“ „Sie ſprechen wahr; meiner Mutter gedenkt Niemand mehr als ihr Sohn. Ich kam hieher, um ein langes, letztes Lebewohl dieſer heiligen Stelle zu ſagen, ehe ich das Land meiner Geburt für immer verlaſſe. Unſere Zuſammenkunft iſt ganz zufällig,“ bemerkte Albert, gleichſam um einer ungünſtigen Deutung dieſer Scene zu begegnen.„Oft, oft habe ich Sie beobachtet, oft bin ich hier geſtanden, vor den Blicken verborgen und wagte es nie, bis dieſen Augenblick, Ihnen entgegen zu treten. Ehe wir ſcheiden, laſſen Sie uns von einem Weſen ſprechen, das mir theurer, weit theurer iſt als ich ſelbſt. „Von Konſtanze,“ antwortete die Fürſtin zit⸗ ternd bei der Ahnung, des wahrſcheinlichen Gegen⸗ ſtandes ſeiner Mittheilung. 3 „Wie kann ich einen paſſenderen Ort finden, als das Grab einer Mutter, um das Wohl ihres Kindes zu beſprechen? Ella,“ fuhr er fort,„bald werden wir durch Bande der Verwandtſchaft ver⸗ knüpft ſeyn, Bande, von denen wir uns nichts träu⸗ men ließen. Meine Schweſter wird fortan auch die Ihrige ſeyn. Wenn ich fern bin, müſſen Sie ſie lieben, um ihretwillen, vielleicht auch um meinet⸗ willen.“— 1 — ———— — 253 Bei dieſen Worten ſchwankte ſeine Stimme vor Rührung und war kaum hörbar. „um ihret⸗ und um Ihretwillen. Zweifeln Sie nicht an meiner Liebe, an meiner Sorge für das Wohl eines Weſens, daß uns Allen ſo theuer iſt.“ „Möge ihr Loos glücklicher ſeyn als das mei⸗ nige,“ verſetzte Roſenthal,„wenn ich ſie auch nie mehr ſehen ſollte, könnte ich mich ſtets an dem Glück meiner Schweſter erfreuen.“ „Keine Freude iſt ſo rein, als die an dem Wohle Anderer,“ verſetzte Ella ſanft, indem ſie ſich zu entfernen anſchickte. „Denken Sie mich ſo zu verlaſſen,“ rief Albert lebhaft,„ohne ein Wort, ohne mich zu hören? Können Sie nicht eine kurze Stunde Dem ſchenken, der Ihre Gedanken niemals mehr auch nur einen Augenblick beſchäftigen wird? Ich bin im Begriff, Deutſchland zu verlaſſen und nach Polen zu reiſen.“ Ella fuhr zuſammen. Sie konnte die Nachricht nicht mit Gleichgültigkeit hören. „Beten Sie für mich, beten Sie, daß ich rühm⸗ lich ſterben möge.“ „Vielmehr, daß Sie rühmlich leben mögen,“ ſagte die Fürſtin.„Dies iſt ein plötzlicher Ent⸗ ſchluß,“ fuhr ſie nach einer kurzen Pauſe fort. „Nein; es iſt die Wahl der Verzweiflung. Ich 2 254&᷑ kann nicht ſo leben, als ruhiger Zuſchauer in dieſer geſchäftigen Welt, wo Alle, nur ich nicht, Intereſſen, Neigungen, Beſtrebungen haben. Ich kann nicht allein— unbeſchäſtigt bleiben und von der Kraft Anderer zehren.“ „Ihr Vaterland und Ihre Verwandte haben Rechte auf Sie,“ unterbrach ihn die Fürſtin.„Haben Sie aufgegeben“— un „Alles, Alles! Ich kann dieſer beklommenen Bruſt mit keiner Täuſchung mehr ſchmeicheln. Sprechen Sie mir nicht von Banden, von Pflichten— ich habe keine— kein Herz entſpricht dem meinigen— kein Auge wird von meinem Blicke entzündet, keine Hand ſtreckt ſich gegen die meinige aus. Es iſt ein Verhängniß, meinen einſamen Weg zu verfolgen, durch keinen Freund erheitert und geſtützt. Niemand ſoll Zeuge meines Schmerzes ſeyn— Niemand ſoll über ſeine Urſache ſich wundern. Ich ich fühle, daß Sie ganz für mich verloren ſind. Was auch meine Gedanken und Hoffnungen geweſen ſeyn mögen — ſie ſind erloſchen. Aber ich will den letzten Kampf verbergen— Niemand ſoll über meinen Schmerz triumphiren. Ich mag dem aufdringlichen, fragenden Blicke nicht begegnen zo ich kann den Verkehr des alltäglichen Lebens nicht ertragen /⁴/. „Noch gibt es Vieles, das Sie lieben, für das 9 255&σ Sie leben können,“ ſagte Ella.„Ich ſage nichts von andern Herzen, von glänzenden Augen, freund⸗ lichen Händen. Aber iſt nicht Konſtanze der Gegen⸗ ſtand Ihrer zärtlichen Sorge 20 „Konſtanze! ja! Gerade in dieſem Augenblick, gerade jetzt, wo ich den einzigen Schatz, den mir der Himmel gelaſſen hat, zurückgeben will, wird Konſtanze Gattin. Sie kennen die unermeßliche Verbindlichkeit, die in dieſem kurzen Worte liegt. In der Fülle ihres neuen Glückes wird ſie die Liebe ihres Bruders nicht vermiſſen. Aber ich bekenne, daß die Trennung von ihr mir herbere Schmerzen koſtet, als ich dachte. Aber was weiter? wenn ein tödtlicher Streich unſer Herz zerſpalten hat, fühlen wir keinen geringeren Schmerz.“ „Horch! wer ſprach 2“ rief Ella, und ſuchte einen flüchtigen Laut feſtzuhalten, der aus der Mitte des Tempels kam. „Es war nur der Wiederhall. Ich hatte lauter geſprochen, als die Klugheit entſchuldigen kann,“ ſprach Roſenthal. „Sehen Sie, die Büßenden erheben ſich und beugen ſich vorwärts;— die Prieſter ziehen ſich in ihre Sakriſteien zurück— bemerken Sie, die Kerzen erlöſchen eine nach der andern.“ ————— — — —2 256 ᷣ Mit dieſen Worten eilte die Fürſtin von ihrem Begleiter weg. „Und ſo trennen wir uns? Scheiden wir hier auf ewig? Doch nein, es iſt noch Zeit!— wir ſehen uns noch einmal.“ Ein leiſes unterdrücktes Aechzen ſchien aus den Gräbern hervorzutönen, als die Fürſtin zum Thore eilte, wo eine Magd ſie erwartete. Ihre lange Abweſenheit hatte zu Hauſe eine kleine Unruhe ver⸗ urſacht. Ihr brennendes Gehirn fand einige Er⸗ leichterung, als ſie aus der feuchten Atmoſphäre und dem zweifelhaften Zwielicht der dunkeln Wöl⸗ bung in eine reinere Luft kam und unter den pur⸗ purnen Baldachin des Himmels. Sie hielt an, um die friſche Abendluft einzuathmen, die ihre brennende Stirne und Wange ſanft fächelte. Der Mond, der eben über den Nachbarhäuſern aufging, ſtrahlte hell auf die edle, gothiſche Fagade des heiligen Gebäu⸗ des, das ſie verlaſſen hatte. All das reiche Schnitz⸗ werk, die feine Maurerarbeit; der hohe, gothiſche Thurm, die Arbeit und der Triumph vergangener Jahrhunderte, die Bewunderung der Nachwelt, war vollkommen ſichtbar; aber wie von einer Zauberruthe berührt, erſchienen die verſchlungenen Zierrathen, die im vollen Glanz des Tageslichtes ſchwarz und düſter ausſahen, wie in Seide gekleidet. Kein Bild, nicht 3 die feinſte Linie ging verloren, als eine Spitzſäule über der andern emporſtieg und in herrlicher, erhabener Arbeit zum Himmel ſich erhob. Als die ſchweren eiſernen Thore ſich hinter den ſich entfernenden Fußtritten der Gläubigen ſchloßen, glaubte Ella aus einer niedern Seitenniſche eine Geſtalt hervortauchen zu ſehen, welche die Beobach⸗ tung vermeiden zu wollen ſchien. Durch ein unbe⸗ ſtimmtes Gefühl der Unruhe getrieben, eilte ſie mechaniſch nach Hauſe; aber als ſie ſich umkehrte, um ſich zu überzeugen, daß das Weſen, das ſie geſehen, nicht die bloße Schöpfung ihrer unruhigen Einbildungskraft ſey, ſah ſie die Geſtalt und die Züge ihres Gatten deutlich im blaſſen Mondlicht. Ella. III. Fünfzehntes Kapitel.. Modérons les transports d'une ivresse insensée! Le passage est bien court de la joie aux douleurs. La mort aime à poser sa main lourde et glacée Sur des fronts couronnés de fleurs. Demain, souillés de cendre, humbles, courbant nos tétes, Le vain souvenir de nos fètes, Sera pour nous presq'un remords; Nos jeux seront suivis de pompes sépulchrales. victor Hugo. Der Frauen Pracht, Der Krieger Ernſt ſtrahlt in der Lampe Flammen, Und tauſend Herzen ſchlugen froh;— es ſchwammen Rings Klänge der Muſik ſo ſüß und traut; Dem Orte ſchien die Liebe zu entſtammen, Denn Alles jauchzt, als gäb's ein Feſt der Braut;— Doch ſtill! horch! ferne hallt's wie dumpfer Grabeslaut. Lord Byron. Strahlend in ſeidenen Stoffen, welche die Lieb⸗ lichkeit immer noch lieblicher machen, warf Konſtanze Roſenthal einen langen Blick in dem Zimmer umher, in das ſie nie mehr zurückkehren wollte. Dieſer nach⸗ denkliche Blick war kein Blick der Reue oder des Kummers. Sie hatte viel gelitten in den Mauern, * —2 259& die ſie verlaſſen wollte, und die bevorſtehende Ver⸗ änderung ſollte Befreiung, Glück bringen. Doch trübte eine Thräne den Glanz ihrer Augen, als ſie ernſtlich an die Zukunft dachte, an jene ferne und immer weiter zurücktretende Küſte, zu der wir Alle ſteuern, und die allein das Gut zu beſitzen ſcheint, das wir Alle ſuchen, aber niemals finden. Glän⸗ zend in Jugend, Schönheit und Hoffnung; lebhaft überzeugt von der Vortrefflichkeit ihres Geliebten konnte gleichwohl Konſtanze ſich eines düſtern Ge⸗ fühles nicht erwehren, als ſie den wichtigen Schritt überdachte, der vor ihr lag. Alle Gefühle ihrer Jugend, alle Empfindungen, die ſie einſt zu lieben und zu verehren gelernt hatte, drängten ſich in ihrem Geiſte und erfüllten ſie mit Schmerz, jetzt, da ſie im Begriffe war, ſie auf immer aufzugeben. Das Haus, das ſie verließ, ſtellte ſich ihr wie das ver⸗ traute Geſicht eines alten Freundes dar, durch Ge⸗ wohnheit theuer geworden, und mit freundlichen Er⸗ innerungen verknüpft. Sie konnte kaum ihre auf⸗ ſteigende Rührung beherrſchen, als ſie Alles dies zum letztenmal betrachtete. Alles ſchien jetzt ein milderes Anſehen zu haben, da die Nothwendigkeit aufhörte, darin zu dulden. Die Härte ihrer Stief⸗ mutter, wenn nicht vergeſſen, war doch gemildert; der Eifer des Beichtvaters erſchien weniger furchtbar; 17* -2 260&☚ unbedeutende Handlungen der Schonung und Höſ⸗ lichkeit erſchienen in einem höheren Glanze, und mit — der bereitwilligen Gegenwirkung eines glühenden Herzens fühlte ſie ſich nicht nur geneigt, Andern zu vergeben, ſondern fühlte beinahe den Drang, ſich ſelbſt anzuklagen. Es liegt etwas ungemein Feierliches in dem Ge⸗ danken eines jungen Geiſtes, wenn er zum erſten Male das elterliche Anſehen abwirft und ihm dann offen Trotz bietet. Manch' grauſamer Streit, manch' heimlicher Kampf muß ſtattfinden, ehe eine Tochter freiwillig ihren eigenen Lebenspfad ſich wählt, nicht begleitet vom Segen, nicht geſtützt auf den Rath ihrer El⸗ tern.„Wie freundlich ſprach und lächelte er mir zu dieſen Abend,“ rief ſie im Geiſte aus, als das dienſt⸗ fertige Lottchen eine neue Blume in ihr Haar ſteckte. „Aber ich werde ihn nicht umarmen, nicht ſeine Ver⸗ gebung erflehen können, vielleicht werde ich ihn nach dieſer Nacht niemals mehr ſehen, vielleicht wird er mich vermeiden, mich verachten,— und wenn dann Leopold mich weniger lieben, wenn er mir weniger zugethan ſeyn ſollte“— „Noch nie ſah das Fräulein ſo ſchön aus,“ be⸗ theuerte Lottchen, ſie in ihren ſchwermüthigen Träu⸗ men unterbrechend.„Wie Schade, daß man ſo viel 2 261 So⸗ Lieblichkeit verbergen muß,“ rief ſie, indem ſie eine kleine Maske von weißem Tafft herbeibrachte. „Vielmehr wie gut, daß ich mich dadurch vor den forſchenden Blicken verbergen kann, die ich ſo viel Urſache habe zu fürchten. Die Masken ſind nützlich, wenn das Geſicht ausſpricht, was man nicht gewußt haben würde. Ich wollte, ich bedürfte keiner, und meine Vermummung erſtreckte ſich, wie bei meinen Freundinnen, nur auf das Aeußere,“ ſprach Konſtanze bekümmert. „Es wird auch das letztemal ſeyn, tbeures Fräulein. Aber wozu dieſe Traurigkeit? ſie iſt nicht an der Zeit, wenn das Glück ſo günſtig iſt, wenn die Liebe triumphirt.“ „Aber mich dünkt, es iſt eine ſchreckliche Hand⸗ lung,“ rief Konſtanze düſter,„das väterliche Dach zu verlaſſen, und Liſt und Vorwand zu Hülfe zu nehmen. O daß es vorüber wäre!“ „Wo iſt Ihre Entſchloſſenheit, mein Fräulein?“ Denken Sie an den Landgrafen— oder an ein Kloſter, als die einzige Wahl.“ „Aber in ſeinen finſtern Mauern hätte ich Ruhe gefunden— und Tugend.“ „Aber nicht Liebe, nicht Leopold von Linden⸗ berg,“ verſetzte das Zöfchen muthwillig.„Könnten Sie ſich entſchließen, dieſe Reize zu umſchleiern, 8 262 So dieſe Augen zu verbergen, dieſe Lippen zum Schweigen zu verdammen, dieſe Glieder in grobe Leinwand einzuhüllen! Vor wenigen Tagen noch, mein Fräu⸗ lein, waren Sie ganz anders geſtimmt; Sie weinten, rangen die Hände und ſprachen von endloſem Schmerz und endloſer Treue.“ „Ich zweifle nicht an mir ſelbſt, an meiner eigenen Beſtändigkeit; aber Leopold, wenn er mir weniger zugethan, weniger zärtlich wäre, als mein thörichtes Herz hofft; wenn Gewohnheit, wenn Sicher⸗ heit die Glut ſeiner Gefühle erkälten würde! Glaube mir, Lottchen, ich fürchte den Ball, ich fürchte den Zwang, die prachtvollen Vergnügungen, die eitlen Luſtbarkeiten, von denen ich mich wie eine Ver⸗ brecherin wegſtehlen muß! O daß es morgen wäre! Im Angeſichte des Tages, vor dem Altare, der unſere Gelübde ſchon empfangen hat, könnte ich freudig ihm entgegen fliegen und glauben, daß der Himmel meine Handlung ſähe und billige. Aber das Dunkel der Nacht iſt unglückbedeutend; das Blitzen und Schimmern der Lampen iſt falſch und bethörend.“ „Das Fräulein hat ja noch freie Wahl, ſich zurlceugieen„“ meinte das liſtige Mädchen. „Niemals!“ rief Konſtanze mit Nachdruck.„Der Würfel iſt gefallen. Gib mir das Bildniß meiner Mutter; ich muß es tragen, nein, nicht ſo— dieſes -= 263&⸗ Antlitz darf dem rohen Blicke, der kühnen Vermu⸗ thung der Menge nicht ausgeſetzt ſeyn— hier an meinen Buſen lege es, gegen mein Herz gekehrt. Wenigſtens eines unſerer Eltern ſoll die Hochzeit heiligen.“ „Und Ihr Bruder, Graf Albert? Seine An⸗ weſenheit und Mitwirkung ſchlagen Sie nicht an? Iſt nicht ſein Beiſtand hinreichend, ſelbſt das An⸗ ſehen Ihres Vaters aufzuwiegen?“ „Es iſt wahr, Lottchen, aber es iſt eine feier⸗ liche Epoche in dem Leben des Weibs, wenn es die Bande der Familie, ihrer Pflicht, ihrer Kindheit von ſich wirft; wenn ſie die Gewißheit des Lebens verläßt um einer unſichern Zukunft willen. Es mag Schwäche ſeyn, aber“— Der halb ausgeſprochene Satz wurde nicht voll⸗ endet. Der ereignißvolle Augenblick war gekommen. Konſtanze, dem Rufe gehorchend, ſtand auf der Schwelle ihres Zimmers, halb zurückgewendet, die kleine Maske immer noch in ihrer Hand. Zu jeder andern Zeit hätte man ſie mit Thalia vergleichen können. Aber jetzt war kein fröhliches Lächeln zu ſehen, ihre Wange war gebleicht, und die leiſen, murmelnden Töne ihrer Stimme verriethen tiefe Bewegung, als ſie ihrer Dienerin ihre letzten Auf⸗ träge wiederholte. — 264&Æ☛ „Lebe wohl; Du wirſt nintnih ſeyn— wir werden nicht zögern!“ Eine ſchweigende Beipflichtung, eine einfache Geberde gab eine ſtumme Antwort. Eine kleine Weile konnte man den leichten Fuß Konſtanze's hören, die raſch die Marmortreppen hinabſtieg. Dann börte man Geräuſch, die Förmlichkeiten der Entfernung, den Laut von Pferdehufen, die Stimmen von Dienern, das Schließen der Thore. Ein Wagen rollte durch das Thor— Konſtanze war gegangen. Eine Scene von ſeltenem Glanze erwartete den Hof in dem Palaſte von Schönbrunn. Die unge⸗ heure Reihe der Zimmer, die, wie die Glieder einer Kette, eines in das andere führten, und in der blen⸗ denden Perſpektive ſich noch zu vervielfältigen ſchienen, enthielt Alles, was Macht und Ueberfluß verſchaffen kann; Alles, was feine Bildung darbieten, Alles was Mode oder Laune wünſchen konnten. Ströme von Licht ſchienen von tauſend Girandolen herabzu⸗ wogen, von Licht, dieſem unvergleichlichen Hülfs⸗ mittel der Schönheit, welches das Auge entzündet, der glühenden Wange eine höhere Farbe gibt und die reiche Vollkommenheit der Geſtalt zeigt— von Licht, dieſer Zaubergabe der Civiliſation, durch wel⸗ ches die mitternächtliche Orgie die reinen Freuden des Tages überſtrahlt. Spiegel, ſo angebracht, daß — 265&Æ ſie die Bilder einander zurückwerfen und jeden vor⸗ übergehenden Reiz dem entzückten Auge der Bewun⸗ derung vorführten, vermehrten den Eindruck der Größe, der Pracht und Menge; Alles ſchien nur mit Zauberſchöpfungen des Feeenlandes verglichen wer⸗ den zu können. Jede Farbe glühte, aber keine berſchte vor; Edelſteine funkelten, hohe Federbüſche ſchwankten in der ſtrahlenden Verſammlung; der herzogliche Mantel und der ritterliche Sporn, das königliche Diadem und der Amtsſtab: Alles war durcheinander gemiſcht und gleich vermummt. Entfernt von allem dem ſtand brütend, undurch⸗ dringlich und allein der Fürſt von Corſini. Keine Maske, kein Gewand verbarg ſeine Züge oder ſeine Geſtalt, denn ſeine Jahre und ſeine Stellung be⸗ freiten ihn von der Nothwendigkeit, die Luſtbarkeiten zu theilen, die ſo wenig zu ſeiner Stimmung paßten. Er blickte in das Gedränge, nicht mit Gleichgültig⸗ keit, ſondern mit Haß, mit bitterem, unverſöhnlichem Haß. Wie verwünſchte er die wilde Jugend, die überſtrömende Lebenskraft, die Freude, den Tanz, das Maskenſpiel, das er nicht theilen konnte, noch wollte! Sein Auge ſchweifte umher, wie um ein Opfer zu ſuchen. Wie verabſcheute er innerlich all die heitern Gäſte, die in raſcher Reihenfolge einer nach dem andern vorbeigingen und ſeine Vermuthung, 2 266 S⸗ ſeine Erwartung betrogen! Mit welchem Wider⸗ willen wandte er ſich ab von den Entſtellungen des menſchlichen Antlitzes! Wie wurde ſein Ohr verletzt durch verſtellte Stimmen, durch widriges Gekreiſch, das dämoniſche Gelächter, als Alles der Reihe nach ihm einen unwillkommenen Gruß darbrachte! Auf einer geſchmückten Erhöhung, welche für die Damen des Hofes beſtimmt war, die ſich nicht unter die Tanzenden miſchen wollten, empfing die Fürſtin von Corſini anmuthig die flüchtigen Begrü⸗ ßungen ihrer Freunde und Bekannten, und bemühte ſich, ohne ſichtbare Anſtrengung die gewöhnliche Ruhe ihres Benehmens zu bewahren. Aber dieſer Kampf hatte nicht den gewünſchten Erfolg. Ihre Stimme widerſprach den Worten, die ſie hervorbrachte, als ſie eine Reihe heiterer Gedanken auszuſprechen ſuchte; und wenn ſie dem finſteren Blicke ihres heftig er⸗ regten Gatten begegnete, ſchien es ihr, als wirke er mit übernatürlicher Gewalt auf ſie ein, als eile das Schickſal, das ſie an einander knüpfe, raſch einer ſchrecklichen Entſcheidung zu. Corſini war in der neueſten Zeit kalt, zurückhaltend und ungeſellig geweſen; ja ſelbſt unfreundlich— aber bis jetzt hatte ſie den verſchloſſenen Grimm nicht geahnt, der augen⸗ ſcheinlich in ihm kochte. Jetzt war der Dämon „₰ o⸗- losgebroch en, Ella ſah den Ausbruch der Wuth voraus und zitterte. In dem ungeheuern Gedränge, mitten unter Bekannten ſtand Corſini einſam. Dieſenigen, welche allein ſind, frei von der zudringlichen Berührung mit Andern, können die wahre verzehrende Einſam⸗ ſamkeit nicht verſtehen, die Einſamkeit des Herzens, während Alles um uns her durch einen unbekannten Antrieb, von dem wir durch die Umſtände ausge⸗ ſchloſſen ſnd, belebt, Vergnügungen verfolgt, die wir nicht theilen können. Dann wenn das Lachen am lauteſten, die Muſik am fröhlichſten, das Feſt am glänzendſten iſt und der Kelch der Luſt über⸗ ſchäumt— dann kommt die Erinnerung an die Todten, der Schmerz der Lebenden gleich einem Vorwurf über uns; dann vergiftet die Ahnung künftiger Uebel die Freuden der Gegenwart, und die verwirrte Phantaſie ſättigt ſich an ihren eigenen krankhaften Schöpfungen. Der Ball war auf ſeinem Gipfel. Die Freude hatte ihren Höhepunkt erreicht, ohne ins Uebermaß auszuarten; der Witz blitzte, aber verwundete nicht. Einige Masken waren ſchon abgelegt, und fröhliche Geſichter, glücklich in der wieder gewonnenen Frei⸗ heit, ſtrahlten auf die Scene. In dem Gedränge hatte der Fürſt einen Domino bemerkt, deſſen -0 268& Erſcheinung ihn durch eine unbeſtimmte Aehnlichkeit beunruhigte, gleich einem Traum, deſſen man ſich wieder erinnert. Nie ſtille ſtehend— nie derſelbe — täuſchte ſtets eine neue Veränderung, ein unbe⸗ deutender Wechſel oder ſcheinbarer Widerſpruch die Entdeckung, indem ſie den vorhergehenden Eindruck zerſtörten und an ſeiner Stelle ein Heer ſchmerz⸗ licher Zweifel zurückließen. Das dunkle, graue Kleid, das kaum die Umriſſe einer langen, ſchöngeformten Geſtalt anzeigte, ſchien von jeder der Farben in der Nähe etwas zu beſitzen; es war eine unbeſtimmte Farbe, die nur die Färbung anderer zurückzuwerfen ſchien. Aber die angeborene Leichtigkeit, die männ⸗ liche Anmuth, der Schritt, die Haltung, dieſe un⸗ widerſprechlichen Zeichen, an denen man Jugend, Bildung und Stolz erkennt, konnten nicht mißver⸗ ſtanden werden. Immer noch zögerte Corſini. Er blickte hin, er zweifelte. Zuweilen gewann die Ge⸗ ſtalt Höhe und Majeſtät; zuweilen ſchien ſie kleiner zu werden; ſo oft der Fürſt ſein durchdringendes Auge darauf richtete, bemerkte er ein Schwanken, eine ungewiſſe Bewegung, nach welcher die geheim⸗ nißvolle Geſtalt immer plötzlich verſchwand. Es verging eine geraume Zeit, ehe der graue Domino ſich in beſcheidener Würde der Stelle nahte, wo Ella ſaß. Der Fürſt glaubte ein gebeimes 269 Se Verſtändniß zwiſchen Beiden entdecken zu können. Endlich trat die verwünſchte Maske näher und immer näher. Ella beugte ſich vorwärts, lauſchte, ſprach. Einen Augenblick verhüllte ſie der bunte Wirbel des Walzers, und als er ſeine Blicke wieder auf die Stelle richten konnte, war ſie allein; der Domino war ihm entgangen. „Es iſt Roſenthal!“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Er muß es ſeyn— er ſoll mich nicht ſo täuſchen!“— und der Fürſt bemühte ſich, ſeinem Nebenbuhler in der Richtung zu folgen, die er eingeſchlagen haben mochte. Immer begegneten ſie einander, aber ſtets getrennt durch die Ebbe und Fluth der Geſellſchaft; nur zuweilen kamen ſie in eine nahe Berührung. Der graue Domino ſchien überall zu ſeyn. Wenn man ihn in einer Richtung ſich entfernen ſah, ſo erſchien er an einer andern Stelle, und zeigte ſich gleichſam neu erſtanden in einem entfernten Winkel oder einem entlegenen Zimmer. Die Schrnelligkeit, mit der er ſeine Stelle wechſelte, war unbeſchreiblich, beinahe wunderbar. Die Geſtalt ſchien ſich zu ver⸗ vielfältigen oder vielmehr zu theilen, und jeder un⸗ beſtimmte zweifelhafte Schatten ſchien ſich aufzulöſen in den grauen Domino. In heftiger Aufregung mußte ſich Corſini als das Spiel irgend einer Täu⸗ ſchung, als den Gegenſtand irgend eines tiefen Planes 270 S⸗ betrachten. Einmal und nur einmal glaubte er eine zweite Geſtalt, der erſten ganz ähnlich, zu bemerken. Aber er hatte ſich getäuſcht: ein Spiegel hatte den Dop⸗ pelgänger hervorgebracht, und er konnte kein zweites Bild der geheimnißvollen Geſtalt entdecken, die ihm folgte wie ein böſes Gewiſſen. Von einem grau⸗ ſamen Verdachte und ſeltſamen Vermuthungen nieder⸗ gedrückt, fühlte er ſich gleichſam bezaubert. Ein ſelt⸗ ſames Geſchick riß ihn fort. Er wollte das ſchützende Viſier abreißen, das weite Kleid auf die Seite ziehen, ſeinen eingebildeten Feind ergreifen und ſich verſichern, ob dieſes graue Kleid wirklich Subſtanz habe, oder nur das fieberiſche Gebilde eines zer⸗ rütteten Geiſtes ſey, das ihn ſtets verfolge und ihm ſtets entſchlüpfe. Wieder nahte ſich der verhaßte Domino der Fürſtin und aufs Neue wechſelten ſie Begrüßungen. Der Domino blieb in ihrer Nähe, ſie unterhielten ſich, ſie flüſterten. Corſini's Blut ſtrömte gegen ſein Herz, als er in ſtummem, athemloſem Kampfe beobachtete, begierig, ein Wort, einen Laut, ein Zeichen des Verſtändniſſes zu erhaſchen. Die Mi⸗ nuten ſchlichen langſam dahin, die Maske bewegte ſich nicht: er hielt Ella's Hand kühn in der ſei⸗ nigen. Der Gatte ſah nichts mehr. Er ſtürzte vor⸗ wärts;— aber der graue Domino war verſchwunden. 271 SE⸗ „Wo— wer— was war Ihr Geſellſchafter?“ fragte er heftig. Die Fürſtin ſchwieg; ſie ſah den Bli ſeines Auges und fürchtete den darauf folgenden Donner. „Sie zögern? Wen ſah ich dieſen Augenblick Ihre Hand vertraulich in der ſeinigen haltend?“ „Es war mein Bruder,“ verſetzte Ella mit ſchwacher Stimme, aber nicht ohne Aufregung, denn ſie fühlte, daß das Schickſal Anderer in ihrer Ant⸗ wort betheiligt ſey. „So niedrig, ſo verworfen! ſogar noch lügen!“ murmelte Corſini heiſer vor Aufregung, während er vorwärts ſtürmte, ohne auf die ſanfte, bittende Stimme zu hören, die ihn um Aufmerkſamkeit bat. Von ſeiner Leidenſchaft getrieben, ſuchte und ver⸗ folgte er wieder den Gegenſtand ſeiner Feindſchaft. Wieder folgte er dem grauen Domino von Zimmer zu Zimmer, gefolgt von dem raſtloſen Dämon der Eiſerſucht, während der Andere, augenſcheinlich ganz mit einem wichtigen Gegenſtand beſchäftigt, eilig vorwärts ſchritt, ohne auch nur einen Blick zurück⸗ zuwerfen. So durcheilten ſie die Zimmer, die lange Gallerie, die Vorhallen. Allmählig wurde der Raum zwiſchen Beiden kleiner. Der Fürſt beſchleunigte ſeine Schritte, er ſuchte ſeinen Feind zu überholen; aber die Geſtalt ſchritt raſch voraus. Man hatte ₰ 272 S⸗ das Vorzimmer hinter ſich; Corſini hielt an. Der Domino war nicht mehr ſichtbar; aber ein langer Schatten an der Wand verrieth, daß er raſch die Marmortreppen hinabſteige. Der Verfolger eilte nach, eine Stufe nach der andern wurde gewonnen; der Athem ging ihm aus. Der graue Domino wogte, ſo daß er ihn beinahe ergreifen konnte; noch ein Augenblick— aber eben als er ſein Opfer faſſen wollte, bemerkte die Maske plötzlich ſeine Abſicht und ſtürzte durch eine Seitenthüre, die in den Garten führte. Corſini folgte noch immer. Die Sterne blinkten über ſeinem Haupte, und wenige Lampen ſchimmerten hier und dort unter den hohen, äſtereichen Bäumen. Der Domino trat in eine Allee; der Fürſt war dicht hinter ihm, er konnte beinahe das Kleid faſſen, das vor ihm herwogte; er ſtürzte vorwärts und ſtand— neben Roſenthal. Von Allen geſchmeichelt und bewundert, hatte Konſtanze ſcheinbar die glänzenden Vergnügungen des Abends getheilt, und wenn ihr klopfendes Herz ihr nicht geſtattete, ſich mit mehr Herzlichkeit in das Feſt zu miſchen, ſo hatte ſie doch ſchon, um ihren ſchmerzlichen Gedanken zu entgehen, ſich einiger⸗ maßen in die Freuden gemiſcht. Sie hatte mit dem Landgrafen getanzt, ſie hatte ſich in prächtiger 273 Se⸗ Kleidung neben ihre Stiefmutter geſetzt; ſie hatte oft mit dem grauen Domino geſprochen und zärtlich an dem Arme ihres ſtolzen Vaters hängend, gab ſie ſich der frohen Hoffnung hin, daß ſie endlich noch Glück und Vergebung finden werde. Stolz auf die überlegenen Reize ſeiner Tochter und zum Voraus dankbar für ihren Gehorſam, den er erwartete, ſtrahlte Graf Roſenthal von Zufrie⸗ denheit, als er ſie von Allen begünſtigt und bewun⸗ dert ſah; denn Geiſter ſeines gleichen lieben den Gegenſtand ihrer Neigung in dem Maße zärtlicher, je höher derſelbe in der Achtung Anderer ſteht. Der Beifall, den Konſtanze gewann, ſchien gewiſſermaßen ihm anzugehören, der ihr das Daſeyn gegeben. Unmittelbar vor der Ankündigung des Abend⸗ eſſens, das den Beſchluß machte, forderte ſie der graue Domino zu einem neuen Walzer auf. Der Graf lächelte ſeinen Kindern, als ſie ſich eilig im Tanze herum bewegten, Beifall; aber bald verlor er ſie im Gedränge aus den Augen. Konſtanze und ihr Tänzer ſtanden ſchon auf der Schwelle der Vor⸗ halle; ein Mantel wurde um ſie geworfen und ihren Arm in den ſeinigen ziehend, führte ſie ihr Cavalier eilig durch einen entlegenen Gang zu der geheimen Thüre, durch welche Roſenthal und Corſini bereits Ella. III. 18 274 S⸗ hindurchgegangen. In wenigen Augenblicken waren ſie außer dem Palaſte und allein. „Endlich, Geliebte, ſind wir ſicher und allein,“ rief Leopold, denn kein Anderer war es.„Dieſer Weg rechts, meine Theuerſte— dies iſt unſere Rich⸗ tung; jene Lampe muß uns als Zeichen dienen.“ „Um uns zu warnen,“ bemerkte Konſtanze ſeuf⸗ zend.„Theurer Leopold, ſprich leiſer, Deine Stimme wird uns verrathen.“ „Fürchte nichts; zittere nicht ſo. Wir müſſen noch einen kurzen Weg zu Fuß machen. Der Wagen hält an dem Thore der Allee. Dort werden wir jeder Beobachtung entgehen, denn das Gedränge ſammelt ſich um den Haupteingang.“ „Horch, wir werden verfolgt!“ rief ſie. „Süßes Mädchen, es iſt keine Gefahr; ſtütze Dich auf mich.“ .„Wir ſollen Albert pünktlich treffen. Er muß einen kürzern Weg eingeſchlagen baben. Ich ſchau⸗ dere. Die Nachtluft iſt ſo kalt. Sieh, die Sterne ſind ſo ſchön! Laßt uns eilen!“ „Mögen ſie uns günſtig ſeyn,“ antwortete Leopold. „Welch ein entzückender Kontraſt gegen das Getöſe, das wir eben verlaſſen,“ bemerkte Konſtanze, während ſie in ein Dickicht eintraten. 1 —ꝙ—y—— 275 G⸗ „Ja, ich war ſo ängſtlich und unruhig, wir möchten verrathen werden. Corſini hing wie ein böſer Geiſt an meinen Ferſen.“ „Das war ſeltſam! Was konnte wohl die Ur⸗ ſache ſeyn? Vielleicht hat er Deine Vermummung durchſchaut.“ „Unmöglich. Er nahm mich für einen Andern. Alberts Domino ſchützte mich. Wir erſchienen nie⸗ mals zugleich oder an derſelben Stelle.“ „Horch! was für ein Laut iſt dies!“ rief Kon⸗ ſtanze zögernd, indem ſie ihr von dem kalten Mitter⸗ nachtsthau feuchtes Haar zur Seite ſtrich. „Nur die fernen Töne der Muſik,“ ſprach Leo⸗ pold, indem er ſich bemühte, den Pfad aufzufinden, den das ſchwache Licht einiger wenigen halb erlo⸗ ſchenen Lampen nur ſpärlich zeigte. „Wieder! Hörteſt Du nicht das ferne Degen⸗ geklirr,“ ſprach Konſtanze, als ſie plötzlich aus dem Dun⸗ kel auftauchten, und in kleiner Entfernung Albert, ohne Maske, mit bloßem Kopfe ſahen, wie er den be⸗ wegungsloſen Körper Corſini's im Arme hielt. Ein Blutſtrom, der aus einer Bruſtwunde floß, und welchen Roſenthal vergebens zu ſtillen verjuhie rie⸗ ſelte ſtill durch das Gras. Leopold kam näher und half den Sterbenden aufrichten, der langſam ſeine trüben Augen aufſchlug 18* 2 276 S und aufs Neue den grauen Domino erkannte. Wie ein Blitz durchfuhr ihn das Gefühl ſeines Irrthums, und mit tiefem Athemholen rief er:„Gott der Ge⸗ rechtigkeit! ich habe ihr unrecht gethan, es ſind zwei!“ Sechszehntes Kapitel. Cessez, danses legères! Gu'on change en torches funéraires Ces feux purs, ces brillans flambeaux!— Vietor Hugo. Ach, du erbleichſt und auf der Stirne ſtehen Dir Tropfen gleich dem Nachtthau. Byron— Sardanapal. Die Muſik rauſchte fort; die Tänzer, durch die Luſt weder ermüdet, noch geſättigt, ſetzten ihre end⸗ loſen Bewegungen fort; die Lichter brannten hell; die Tafeln boten die köſtlichſten Speiſen. Noch erlitt der Strom der Luſtbarkeit keine Ebbe, noch klopfte jedes Herz in dem ſtürmiſchen Entzücken, das ſolche Unter⸗ haltungen ſtets gewähren können. Ella allein lächelte nicht, ſprach nicht. Traurig, ſchweigend und allein wartete ſie umſonſt auf die Rückkehr ihres Gatten, maß die Zeit nach der Tiefe ihres Gefühls und zählte die Augenblicke, die keine Linderung brachten. Corſini erſchien nicht. Melancholiſch und nach⸗ denklich lauſchte ſie mit getheilter Aufmerkſamkeit auf -2 278 S⸗ die fröhlichen Melodien, die ihrer zerrütteten Ein⸗ bildungskraft ſeltſame überirdiſche Töne entgegen zu führen ſchienen; als ob die Klagen eines körperloſen Geiſtes ihre traurigen Töne in den lauten Jubel der Inſtrumente miſchten, und ihre Augen, mit Thränen gefüllt, ſchweiften unthätig über die heitere Scene, in fruchtloſem Forſchen nach ihm, der nicht erſchien. Gruppen von fröhlichen Masken gingen auf und nieder; aber keine brachte Nachricht oder Troſt, oder nahm auch nur Kenntniß von dem fragenden Blicke der ängſtlichen Gattin, die mitten in der Luſtbarkeit ſaß, ohne dieſe zu theilen. Endlich wurde ihr die Spannung unerträglich; ihre Unruhe wurde heftiger, ſie ſehnte ſich, den Kreis zu verlaſſen, wo jedes Auge ſie zu verſpotten, ihr Vorwürfe zu machen ſchien, wo jede Lippe ſich höhnend verzog und kein freundlicher Ton des Mit⸗ gefühls hörbar war. Aber ſie war auf ihre Stelle gebannt, ihre Geſellſchaft war zerſtreut, Leopold war gegangen, die Roſenthal war nicht mehr ſicht⸗ bar und ihr Gatte kam nicht. Die erſte Morgenſtünde hatte geſchlagen, der Lärm legte ſich allmählig; die Lampen erbleichten; die Muſik wurde ſchwächer; die heitere Verſammlung wurde nach und nach kleiner. Die zahlreichen Zim⸗ mer, noch vor Kurzem bis zum Uebermaß gefüllt 279& mit Schönheit, Rang und Geiſt, ertönend von der lauten Freude von Hunderten, wurden allmählig öde und verlaſſen. Die koſtbaren ausländiſchen Blumen und ſeltenen Pflanzen, welche die herrliche Scene mit Glanz und Wohlgeruch erfüllt hatten, welkten und hingen die Köpfe in dieſer dunſtigen Atmoſphäre; doch blieben noch viele zurück, um die Freude bis auf den letzten Augenblick zu genießen, und von Zeit zu Zeit erneuerte ſich der Walzer. Ella's Lage, ihr ſelbſt ſo peinlich, wurde nun auch Andern deutlich: da erblickte ſie den älteren Grafen Roſenthal, der ſie offenbar zu ſuchen ſchien. Bei ſeiner Annäherung ſich halb von ihrem Sitze erhebend, ſank ſie wieder zurück, vom Bewußtſeyn ihrer Schuld gedrückt. Es war ihr, als hätte ſie ein Verbrechen begangen. Sie hatte ſich gegen ſein Anſehen verſchworen und ſich mit ſeinen ungehor⸗ ſamen Kindern verbündet. Sie ſchlug die Augen nieder vor dem ſtummen Vorwurf, der in der Er⸗ ſcheinung eines beleidigten Vaters lag, und machte ſich bereit, das ganze Gewicht der Anklage zu erdul⸗ den, die er an ſie richten konnte. Als er ſie erreicht, ſprach er: „Der Fürſt von Corſini verlangt Ihre Gegen⸗ wart in einem andern Zimmer. Wollen Sie mir die Ehre geſtatten, Sie dahin zu geleiten,“ ſagte 2 280 S⸗⸗ er mit einer Stimme, die von heftiger Rührung beinahe undeutlich war. „Himmel, was iſt geſchehen? Mein Gatte, mein Bruder! Wo ſind ſie?“ rief heftig die Fürſtin, den dargebotenen Arm ihres Begleiters ergreifend. „Beruhigen Sie ſich, gnädige Frau,“ antwor⸗ tete er in einem ſanfteren Tone, als ſie Grund hatte, zu erwarten.„Bemühen Sie ſich, Faſſung zu gewinnen, Sie werden Ihre ganze Feſtigkeit nöthig haben. Eilen Sie, ich bitte Sie! wir haben keine Zeit zu Förmlichkeiteu oder Erklärungen.“ Nachdem ſie durch die Empfangzimmer geeilt waren, ohne die Beobachtung auf ſich zu ziehen, ſtiegen ſie eine lange Treppe hinab, und befanden ſich alsbald an der Thüre eines kleinen Zimmers, das einem der niedern Beamten der Dienerſchaft angehörte. „Sind Sie hinlänglich vorbereitet?“ fragte der Graf, ſeine zitternde Hand an das Schloß legend. „Ich fürchte, eine ſchwere Prüfung erwartet Sie — uns Alle.“ „Gehen Sie zu, führen Sie mich zu meinem Gatten. Ich kann fortan nur durch Andere leiden: für mich ſelbſt habe ich nichts mehr zu fürchten.“ „ ‚Oder zu hoffen, glaube ich,“ murmelte er, während ſie in das Zimmer traten. 9„ 2 281 S Durch Leopolds Sorgfalt war der unglückliche Corſini von der unglücklichen Stelle, wo er fiel, in das nächſte Zimmer getragen worden. Eine Menge Matratzen, Bettdecken und Sophakiſſen wurden eilig in das Zimmer gebracht, auf dem Fußboden auf⸗ geſchichtet und der Fürſt auf dieſes ſchnell bereitete Lager niedergelaſſen. Zu ſeinen Füßen, auf einem Ende einer Matratze, ſaß Konſtanze. Ihr Haar, durch den Wind in Unordnung gebracht, war dem ſeidenen Band, das es zuſammengehalten, entſchlüpft; ein zerdrückter, feuchter Kranz ſchlang ſich noch phan⸗ taſtiſch um ihren Kopf, während ihre durchſichtige Kleidung, vom Thau benetzt und mit Blut befleckt, um ihre zitternde Geſtalt bing. Sie bedeckte ihr Geſicht mit beiden Händen, ihre Ellbogen ruhten auf ihren Knieen und ſie blickte ſo düſter, ſo re⸗ gungslos, daß, hätte nicht ihr wildes, krampfhaftes Schluchzen ihren Schmerz verrathen, man hätte glauben können, ſie ſey ganz ohne Bewußtſeyn der troſtloſen Scene, die ſie umgab. . Von Allen entfernt, mit ſeinen eigenen ſchmerz⸗ lichen Gefühlen beſchäftigt, in der Betrachtung der ſchrecklichen Kataſtrophe verloren, ſtand in Gewiſſens⸗ biſſen Albert, die rauchende Waffe ſeiner Rache noch feſt in der Hand, mit der Spitze gegen den Fußboden gekehrt, auf den noch einige rothe Tropfen herabfielen. 282 ᷣ Corſini's Haupt, ſanft mit ſeiner Bruſt unter⸗ ſtützend, knieete Leopold an ſeiner Seite; in ſeinen Mienen malte ſich Schrecken, Kummer, Angſt und Zerknirſchung. Ein Wundarzt war damit beſchäftigt, die Wunde zu unterſuchen, die er nicht hoffen konnte zu heilen. Er brachte neue Schmerzen, um eine unmittelbare Auflöſung zu verhüten. Das Gewand des Fürſten war aufgeriſſen und die Wunde ent⸗ hlößt, und von der geſchickten Hand berührt, brach ein neuer Blutſtrom aus der weiten Oeffnung. Der Fürſt ſtieß einen tiefen Seufzer aus, bewegte ſich leicht und öffnete ſeine gläſernen Augen. Er hatte eine augenblickliche Linderung erhalten. „Ella,“ flüſterte er, ihre geräuſchloſe Annähe⸗ herung bemerkend. Die Fürſtin legte ſtumm ihre Hand in die ſei⸗ nige. Sie ſchauderte bei dem kalten, matten Druck, der letzten Anſtrengung irdiſcher Liebe. „Kommen Sie näher, mein Blick wird trüber.“ Ein Licht, das man ſchnell herbeigebracht hatte, wurde auf einen Tiſch in der Nähe des Leidenden geſtellt. „Ich war ungerecht— vergeben Sie mir.“ Als er dieſe Worte ausſprach, bemerkte man, welche Mühe es ihm koſte. An R „Wein,“ ſagte der Wundarzt.„Wenn 80 r Suht —2 283&. ee— L ₰.— retten können, müſſen wir doch die ſinkende Natur aufrecht zu erhalten ſuchen.“ „Sprechen Sie nicht ſo, theuerſter Gatte,“ ver⸗ ſetzte Ella, während ſie den erquickenden Kelch an ſeine bleichen Lippen hielt und mit der ſanften Hand ehelicher Zärtlichkeit den Schweiß von ſeiner Stirne wiſchte.„Beruhigen Sie ſich, Alles kann noch gut gehen.“ Der ernſte Blick und die geſpannten Züge des Arztes widerſprachen ſtumm der ſanguiniſchen Hoff⸗ nung. „Ich habe noch eine traurige Rechenſchaft ab⸗ zulegen,“ fuhr der Sterbende ſchmerzlich bewegt fort.„Warum verknüpfte ich Ihr junges Daſeyn mit dem meinigen? Warum verdarb ich Ihre glän⸗ zenden Ausſichten durch den Froſt des Alters; aber es iſt jetzt vorüber. Armes Kind, Sie werden nicht lange leiden. Die Augenblicke ſind koſtbar,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu, indem er den Reſt ſeiner Kräfte ſammelte und ſie mit einem Blick voll un⸗ ausſprechlicher Zärtlichkeit anſah. „Strengen Sie ſich nicht an,“ ſagte der Wund⸗ arzt ruhig,„bheftige Aufregung kann ſchädlich ſeyn.“ „Verderblich wollen Sie ſagen,“ antwortete der Kranke unter dem ſcharfen Inſtrumente, das man an die Munde gelegt, leidend.„Täuſchen Sie mich —Q— —= 284 G⸗ nicht, mein Herr, ich kenne meine Lage. Mein ein⸗ ziger Wunſch iſt, meine noch übrigen Stunden— wenn mir noch Stunden zugezählt ſind— auf das Beſte anzuwenden. Ich bitte Sie nicht um Leben oder Hoffnung, ich bitte nur um Stärkung— für kurze Zeit. Roſenthal, treten Sie näher.“ Ella bebte zurück und Konſtanze ſchlug ihre weinenden Augen auf, als Albert beim Laute ſeines Namens mechaniſch ſich vorwärts bewegte. „Corſini, hier bin ich! Sie griffen an; ich ſuchte Ihr Leben nicht.“ „Roſenthal— Roſenthal iſt unſchuldig,“ ſagte der Fürſt.„Ich griff ihn an, er verwundete mich aus Nothwehr.“ Ein tiefer Seufzer war die einzige Antwort. Niemand konnte ſprechen, jedes Herz war voll. Die Töne der entfernten Muſik und die vielen Stimmen der noch anweſenden Masken konnten gehört wer⸗ den. Die widrigen Laute ſpäter Luſtbarkeit drangen in die heilige Feierlichkeit des Todtenzimmers. „Es iſt mein Wunſch,“ nahm er nach einer längeren Pauſe das Wort,„es iſt mein Wunſch, meinen Gegner auch von dem Schatten eines Vor⸗ wurfs zu reinigen. Ich war der Angreifende.“ „Nein, nein, ich bin ſchuldig, dieſe Hand iſt mit Blut befleckt.“„* 285 So⸗ „Hören Sie mich,“ fuhr der Fürſt fort.„Durch die ſchlimmen Eingebungen einer Leidenſchaft, die ich nicht beherrſchen und nicht ausrotten konnte, irre geleitet; durch einen Argwohn, den ich nicht ertragen konnte, raſend gemacht, beobachtete ich den grauen Domino den ganzen Abend hindurch. Ich verfolgte den Gegenſtand meiner Feindſeligkeit, holte ihn ein und griff ihn an. Er zog unter ſeiner Verkleidung einen Degen hervor; ich parirte, er ſtieß wieder, und ich fiel. Die Gleichheit der Kleidung veranlaßte mich zu dieſem unheilvollen Irrthum. Leopold, ich er⸗ kannte Sie nicht, die Leidenſchaft iſt blind! Roſen⸗ thal, vergeben Sie mir den Schlag.“ „Er iſt unheilvoll ausgelöſcht— in Blut,“ rief Albert, in ſeine Kniee ſinkend und die Hand ergrei⸗ fend, die ihm der Fürſt darbot. „Ella, meine Gattin, meine Angebetete, können Sie der ſelbſtſüchtigen Liebe verzeihen, die Ihr Glück ihrem Eigennutz opferte?“ „Hören Sie mich, Corſini,“ unterbrach ihn Roſenthal,„ſie iſt die Reinheit ſelbſt; ich allein habe gefehlt. Wir liebten einander in der Jugend— wir liebten uns, wie man einmal lieben kann, und niemals wieder. Ein grauſames Verhängniß trennte uns: ſie vermählte ſich. Ich ſage nichts von meinen Leiden, von meinem Schmerze. Urtheilen Sie, 286 Se⸗ Corſini— denn Sie können es— über meinen Verluſt. Aber glauben Sie mir— glauben Sie ihr— kein Wort, kein Gedanke, der Ihrer Ehre zuwider geweſen wäre, kam uns je in den Sinn. Wir ſahen uns nur zweimal, welche Begegnung! Die erſte Zuſammenkunft beſtätigte mein Elend, denn ſie gab mir den Beweis, daß ſie die Neigung ihres Gatten mehr liebe, als die Exinnerung an ihr frü⸗ heres Verhältniß.“ „Sie haben ſie indeſſen allein geſprochen!“ ſagte der Fürſt mit hohler Stimme, und die Farbe wich von ſeinen Lippen. „Der Zufall führte uns vor einigen Tagen zu⸗ ſammen; ein Grab— das Grab meiner Mutter— war der düſiere Zeuge unſerer Begrüßung.“ „Genug, genug— ich bin wie ein Schatten zwiſchen Euch geſtanden! Arme Ella— aber ob⸗ gleich Sie mich nicht liebten, Sie waren doch ſanft, gehorſam, gütig— ol ſolche Schonung war bei⸗ nahe Liebe— ſagen Sie es, ſagen Sie, Theuerſte, daß Sie mich nicht haßten.“ „Geliebter Corſini— Gatte, dem ich alle Liebe gelobte und gab, die ich noch zu vergeben hatte“— „Süßer Engel! Sie haben nie gemurrt, waren nie unzufrieden. Ihr ganzes Herz war gebrochen; aber nie enthüllte ein Laut der Klage ſeine Qual.“. — 287 S⸗ „O hätte ich geſprochen! hätte ich Ihnen das verzehrende Geheimniß meiner Seele entdeckt, hätte ich die zärtlichen Erinnerungen meiner Jugend be⸗ kannt— vielleicht wäre mir dieſer bittere Schmerz erſpart worden.“ „Der Fürſt wird ſchwächer,“ unterbrach ſie der Wundarzt. Schon habe ich Sie vor Aufregung ge⸗ warnt. Noch iſt eine Pflicht zu erfüllen.“ Ein leiſes Pochen an der Thüre verkündete die Ankunſt eines Geiſtlichen, und Clemens, der Jeſuit, ſtand mitten unter der trauernden Gruppe. Seine Züge, leicht gerunzelt, trugen den Ausdruck des Leidens— wie wenn ein tiefer, plötzlicher, geheimer Schmerz die Wurzel ſeines geiſtlichen Stolzes an⸗ getaſtet hätte; als wenn die Täuſchung einer herr⸗ ſchenden Leidenſchaft in dieſem Augenblicke vernichtet worden wäre;— als wenn der rauhe Pfad, den er bisher verfolgt, ſich ihm mit allen ſeinen Unebenhei⸗ ten dargeſtellt hätte;— als wenn das Blut vor ihm eine ſtumme Anklage gegen ihn erhöbe. Alles zog ſich vom Lager des Todes zurück, als der Beichtvater näher trat. Ella allein ſchien die Stelle aller Diener erſetzen zu wollen; ſie lehnte ſanft das Haupt ihres Gatten an ihre Bruſt und ſtillte mit ihrer eigenen Hand das Blut ſeiner Wunde. - 288 Se⸗ Zärtlich in ihre Augen blickend, fuhr Corſini fort, ſeine Irrthümer, ſeinen Stolz, ſeine Leiden⸗ ſchaft und Reue zu bekennen, und die Verheißung himmliſcher Ergebung wurde von ihrem Kuſſe be⸗ ſiegelt. In einer geheimnißvollen Unterredung mit ſei⸗ nem eigenen Geiſte vertieft, bebte Clemens unwill⸗ kürlich vor dem Amte des Troſtes zurück, als er den Kreis in lautloſer Spannung um ſich verſam⸗ melt ſah. Durch den ſchrecklichen Anblick betäubt, von dem Schlage ſeines Gewiſſens beunruhigt, war er nicht im Stande, die Sprache des Glaubens, des Vertrauens, des Troſtes zu reden. Die Re⸗ ligion entzog ihm ihre Hülfe; ſeine Lippen wei⸗ gerten ſich Gefühle auszuſprechen, die er in dieſem Augenblick nicht theilen konnte. Clemens betete, aber er ſprach nicht; und man kann zweifeln, ob er nicht mehr für den unwürdigen Geiſtlichen, als für den unglücklichen Kranken betete. Seine Gedanken in dieſer Nacht konnte man nicht durchſchauen und ihre Bitterkeit verdoppelte ſich bei der Nothwendigkeit der Selbſtbeherrſchung und Umſicht. „Mein Kind, könnte ich doch mein Kind ſehen,“ rief Corſini mit ſchwacher Stimme.„Laßt mich die⸗ ſem ſchwachen Geſchöpfe ein Lebewohl ſagen; laßt mich einen langen Kuß dieſem noch bewußtloſen —————— 289 G⸗ Weſen aufdrücken, das nie väterliche Liebe kennen lernen wird. Laßt mich ihm meinen Segen geben.“ „Iſt es möglich, den Fürſten zu entfernen?“ ſprach Leopold zu dem Wundarzt.„Wäre er zu Hauſe, ſo könnten wir die bevorſtehende Prüfung lindern.“ „Er darf nicht geſtört werden; die kleinſte Be⸗ wegung würde ihm verderblich ſeyn. Hören Sie nicht, daß ſeine Stimme ſchwächer wird?“ bemerkte der Wundarzt flüſternd. Er zog hierauf ſeine Uhr, reichte ſie ſchweigend dem Grafen Roſenthal— ſie zeigte auf zwei Uhr.„Noch eine Stunde, und Alles wird vorüber ſeyn,“ ſagte er. „Ehe ich dieſen irdiſchen Schauplatz verlaſſe,“ murmelte der Fürſt mit Anſtrengung,„muß ich ein Werk der Gerechtigkeit verrichten. Kommen Sie hieher, Graf Roſenthal, Lindenberg— auf der Schwelle des Grabes muß die Feindſchaft aufhören.“ „Vater, theuerſter Vater,“ ſchluchzte Konſtanze, ſich in ſeine geöffneten Arme werfend,„verwerfen Sie mich nicht, ihre bereuende, liebende Tochter.“ „Armes Kind!“ ſtammelte der Graf, ſeinen beſſeren Gefühlen nachgebend. „Möge Ihr Glück, mein theurer junger Freund, dadurch nicht weniger dauerhaft werden, daß es auf Ella. III. 19 —=, 290 S= ein Grab gegründet wurde!“ ſprach der Fürſt, in⸗ dem er die Hände der Liebenden in einander legte. Jede Zunge war ſtumm, jedes Auge war naß. Ein leiſes Beifallflüſtern traf das Ohr Corſini's. Er verſuchte noch zu ſprechen, aber ſeine Laute wur⸗ den ſchwächer. Das ferne Geräuſch des letzten Wagens, der von dem Balle wegrollte, erſtarb; athemloſe Diener ſtürmten durch die Gänge, und draußen wurden ängſtliche Fußtritte gehört. Endlich konnte man das Weinen eines Kindes unterſcheiden — und in einem Augenblick nahm Ella ihr Kind aus den Armen der Wärterin und legte es auf das Lager, das mit dem Blute ſeines Vaters benetzt war. Der Fürſt lächelte, erhob ſeine kraftloſe Hand und legte ſie ſegnend auf die kleine Stirne. Er ver⸗ ſuchte zu ſprechen— nur ein Röcheln antwortete ſeiner Anſtrengung— eine Geiſterfarbe überflog ſeine Züge— der Strom des Lebens floß langſamer — der Mund zog ſich krampfhaft zuſammen; die Augen wurden ſtarr, der Puls ſchwankte— der Athem wurde ſchwer— es ging zu Ende. Es war ein ungemein feierlicher Augenblick. Jedes Kniee war gebeugt; jedes Herz. Nur die einförmigen Töne des Prieſters waren hörbar Plötzlich war Alles ſtumm. Vater Clemens ſtand auf und erhob ein Cruecifirx 291 Se von Ebenholz, auf welches der Leidende einen jener langen, ſchmerzlichen Blicke warf, die, wenn einmal geſehen, niemals vergeſſen werden können. Als der Beichtvater laut rief:„Mögen Deine Sünden Dir vergeben werden!“ entflog der Geiſt des Fürſten aus der irdiſchen Hülle, und Ella war Wittwe. 19* Beſchluf. Ich hör's und keine Thräne quillt; zu weinen Vermag ich nicht! willkommen ſey ſie mir Die gute Zeitung! wohl ihm, daß er ſtarb! Sheridan Knowles, des Schiffbrüchigen Tochter. Ein Jahr war verfloſſen, und das Schloß Ehrenfels war wieder die Heimath Ella's von Lin⸗ denberg, Fürſtin von Corſini. Wieder ſaß ſie in dem alten Tapetenzimmer; ihre bleichen Züge, die den Ausdruck des Kummers trugen, ohne daß er ihrer Lieblichkeit Eintrag that, entfalteten ihre ern⸗ ſten Reize, als ſie freundlich auf das Lager blickte, das ihr ſchlafendes Kind enthielt. Nahe bei ihr ſaß die Baroneſſe von Lindenberg. Als ſie ſich ſchwei⸗ gend über ihren Stickrahmen hinbeugte und ihre ein⸗ förmige Arbeit fortſetzte, konnte man bemerken, daß ☛ 293& der Kummer den Ausdruck tiefen Leidens in ihren bleichen Zügen zurückgelaſſen hatte. Die junge, liebliche Konſtanze ſaß auf einem niederen Lager; ein Kind, erſt ſechs Wochen alt, lag an ihrem Buſen. Der Ernſt des Lebens hatte ihren fröhlichen Geiſt bereits gedämpft und hatte die Roſe von ihren Wangen genommen. Ihr nieder geſchlagener Blick ſuchte nicht mehr den Beifall An⸗ derer, ſie fand reichliche Freude in dem ruhigen Lächeln ihres neugeborenen Kindes. Welch einen Wechſel hatten wenige kurze Mo⸗ nate bei ihr gewirkt! Eine junge Mutter iſt weit glücklicher als eine neue Braut. Die Aufgabe des Daſeyns iſt eine andere; die Selbſtliebe verliert ſich in der Liebe zum Kinde, und weibliche Neigung hat die reinſte Geſtalt angenommen, deren ſie fähig iſt; die wilde Ueppigkeit der Jugend wird gemildert durch den heiligen Anblick des neugeborenen Kindes, deſſen Körper und Seele der ſtets wachſamen Sorge einer Mutter anvertraut ſind. Die zwei jungen Mütter, die ſo bei einander wohnten, bildeten ein ſchönes, rührendes Gemälde. Konſtanze konnte der Hoffnung, Ella der Ergebung verglichen werden. Die Eine hatte bereits tiefes Leiden erfahren; die Andere zitterte in der Beſorgniß 9 294& eines nahenden Leidens. Ella hatte weder viel mehr zu hoffen, noch zu erdulden. Konſtanze begann zu fühlen, daß das menſchliche Glück nicht dauernd ſeyn kann und auf dem Höhepunkte ehlichen Glückes blickte ſie furchtſam umher, Unglück möchte die glänzende Ausſicht verdunkeln. Haſtige Fußtritte ließen ſich auf den Treppen hören. Erwartungsvolle Röthe färbte die durch⸗ ſichtigen Wangen Konſtanze's, als ſie, ihren Säug⸗ ling feſter an ſich drückend, ihrem Gatten entgegen eilte. „Theurer Leopold!“ rief ſie, aber Staunen hemmte ihre Worte. Lindenberg, bleich, zerſtreut und bekümmert, konnte kaum die zärtlichen Küſſe der Begrüßung erwiedern. Er hielt einen offenen Brief in der Hand, auf dem ein fremdes Poſtzeichen zu ſehen war. „Sprich, was iſt's mit Albert?— mein Bruder — lebt er?“ Eine augenblickliche Pauſe erfolgte; Alles ver⸗ ſammelte ſich um Lindenberg und Konſtanze faßte den Brief. Ella ſtand wenige Schritte hinter den Uebrigen; ihre Farbe hatte jene Marmorweiße an⸗ genommen, die ein ſtarkes, inneres Gefühl ausdrückt, aber kein Wort der Frage oder der Vermuthung -2 295 So verrieth das Intereſſe, das ſie an dem Inhalt des wichtigen Papiers nahm. „Halte ein, Konſtanze— gedulde Dich, meine Liebe— Mutter— theuerſte Mutter, leſen Sie— vielleicht ſind Sie dieſer Aufgabe gewachſen! Ich bin kraftlos“— mit dieſen Worten legte der junge Baron den Brief in die Hände ſeiner ehrwürdigen Mutter. Warſchau. „Noch einmal wage ich es, mich in die Erin— nerung der Familie Lindenberg einzudringen. Aber mein Name ſcheint leider beſtimmt, mit dem Unglücke verbunden zu ſeyn. Mein ganzes Daſeyn ſcheint unheilvoll zu ſeyn. Bisher ſcheine ich einen ge⸗ heimnißvollen unglücklichen Einfluß auf das Schickſal Anderer geübt zu haben. Meine Freundſchaft hat Alles das vernichtet, an dem ſie am glühendſten hing. Albert, mein treuer Gefährte; Albert— der edle Kämpe der Freiheit, der hochſinnige Freund, der meine Grundſätze, meine Gefahren und meine Erfolge theilte— Albert iſt gefallen. Die Tapfern wurden einer nach dem andern niedergehauen, als ſie ſich um die wogende Fahne der Unabhängigkeit ſammelten. Polen kämpft nur noch ſchwach gegen die Klauen des Deſpotismus. Die Stimme der 296 Se Freiheit ſingt Klagelieder und der Ruhm weint über die rauchenden Trophäen des Sieges. Roſenthal fiel, von der Menge überwältigt; ich allein ſchloß ſeine Augen, ich allein begleitete ſeine theuren Reſte zum Grabe. Sein letzter Seufzer, den er an mei⸗ nem Buſen aushauchte, war der Erinnerung an Oeſtreich und an die theuren Bande gewidmet, die durch eine Verbindung unglücklicher Umſtände ſchon gelöst, wo nicht durchſchnitten waren. Seinem Wunſche gemäß ſchreibe ich, um Sie mit ſeinem Schickſal bekannt zu machen. Trauern Sie nicht um ihn; er ſtarb wie ein Held. Benetzen Sie den Lorbeer, der über ſeinem Grabe blüht, mit Thränen des Mitleides, nicht des Schmerzes. Er kam hier her, um die Rechte eines unterdrückten Volkes zu vertheidigen; er kam, um die Schlachtopfer der Willkür zu befreien; er kam um zu rächen, oder im Kampfe zu ſterben. Er iſt geſtorben. Die glän⸗ zenden Annalen des Ruhmes ſind mit einem neuen Namen bereichert und die Klage des Schmerzes verſtummt vor dem Glanz der Verherrlichung. „Mein Tag ſoll noch kommen, aber er iſt unausbleiblich. Heute habe ich den Kampf überlebt, um morgen, vielleicht deſto glorreicher, zu fallen. Es gibt Fälle, in denen der Tod der ſchönſte Lohn des 5 297 SE⸗ Soldaten, die Erinnerung ſeiner Kameraden ſein herr⸗ liches Denkmal iſt. Ich eile den Lorbeerkranz zu erwerben. „Leben Sie wohl, Lindenberg; möge Sie und Ihre Familie jedes Glück begleiten, und wenn Sie an den ruhigen Waſſern des Sees hingehen; wenn Sie von den zarten Banden der Liebe umſchlungen, die Freuden des Gatten, des Vaters, des Freundes genießen: dann erinnern Sie ſich, daß der Kampf der Parteien noch unentſchieden, daß die Wuth des Deſpotismus noch immer gegen die theuerſten In⸗ tereſſen gekehrt iſt; daß es noch andere Pflichten, an⸗ dere Berufe, andere Freuden gibt, als die, deren Sie jetzt genießen. Noch einmal, leben Sie wohl. 1 Florville.“ Die Stimme der Frau von Lindenberg verſagte, ehe ſie ihre peinliche Aufgabe vollendet hatte. Es war das Schluchzen eines verſchloſſenen Herzens. Konſtanze hing an der Bruſt ihres Gatten, wie um in ſeiner Liebe Troſt und Hülfe zu ſuchen. Ella erhob ihre Augen ruhig zum Himmel und ihre Lippen bewegten ſich wie im Gebet. Sie trat an das Lager, in welchem ihr Kind in Unſchuld und Frieden ruhte. Sie knieete an ſeiner Seite nieder und lüftete das leichte Tuch, welches das kleine Ella. III. 20 298 So⸗ Antlitz verbarg. Eine niedliche Hand ſtreckte ſich ihr durch die weißen Decken entgegen. Sie küßte ſie brünſtig in Schweigen und Dankbarkeit und fühlte, daß ſie noch immer einen unſchätzbaren Schatz in dieſer Welt und eine unbegränzte Hoffnung auf Frieden im Jenſeits beſitze.. &Grey Controſ Chart Green vellow Hed Magenta