——— deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 5„— on. 3 85„.r. Eduard Otlmann in Gießen, A1 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256.* Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen... 2 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.„ 4 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und b beträgt: 3 8 f für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Nk. Pf. 1 Nr. 50 PBf. 2 Mr.— Pf. „ 3 Ausvärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſenvung der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Sur beſchmutzte, zerriſſene, verloͤrene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſen zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird de Wig darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bucher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ Nſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. l pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 2 7 Uhr bie Abends ü offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 4 * Ella oder des Kaiſers Sohn. Aus dem Engliſchen der Miſtreß Lambert, überſetzt von Guſtav Diezel. Zweiter Band. Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 183 9. Erſtes Kapitel. Meinſt du, Es ſey ſo leicht, aus der verliebten Bruſt Der Neigung Wurzel reißen? Southey. Un seul mot s'y retrace, et ce mot est de feu:— L'amour, rien que l'amgur-. Mon dieu, mon dieu! La Martine-Jocelyn. Am Ende des zweiten Tages befanden ſich unſre Reiſenden in der Nähe des Stammſchloſſes, und als die Straße, unter manchfachen Krümmungen, ſich allmählich um einen hohen Berg herumwand, öffnete ſich den Blicken eine weite Ausſicht. Schwarze, unverwelkliche Fichten⸗ und Föhrenwälder breiteten ſich in wogenden Maſſen über die Hügelreihe aus, an welcher ungeheure Felſen in nackter Rauhheit kühn hervortraten zwiſchen anmuthig belaubten Ler⸗ chenbäumen, die eine glänzendere Farbe auf die Landſchaft warfen, welche einer glücklichen Jugend düſter erſcheinen konnte, aber mit der Stimmung der ganzen Geſellſchaft, welche jetzt ihre Augen darüber hingleiten ließ, völlig übereinſtimmte. 4 σ˙ Der Anblick der Natur, die bei ſteter Verände⸗ rung doch immer dieſelbe iſt, bei unvergleichlicher Mannigfaltigkeit ſich ſtets gleich bleibt, iſt der wirk⸗ ſamſte Balſam, um die Unruhen und Stürme des Gemüths zu beſchwichtigen. Ihr ſänftigender Ein⸗ fluß lullt die Sorgen des Lebens in Schlaf, während die Seele ſich weit über die kindiſchen Freuden oder täglichen Beſchwerden erhebt, welche in dem kurzen Zeitraum mit einander abwechſeln, den wir in dieſer ſchönen Welt verleben dürfen, die zu unſrem Genuſſe geſchaffen iſt, und nur von menſchlicher Leidenſchaft durch den eigenwilligen Mißbrauch jener überlegenen Vernunft entſtellt wird, die uns zum Segen gegeben iſt, aber nur zu oft in ein Mittel zu den ſchlimmſten Zwecken verkehrt wird. Mit einem Gefühle ſtiller Dankbarkeit begrüßten die Verbannten den erſten ſchwachen Schimmer ihrer Heimath. Ella drängte eine hervorquellende Thräne zurück, als ſie jede ihr vertraut gewordene Stelle wieder erkannte, und die düſtern, von der Zeit ge⸗ ſchwärzten Mauern wiederſah, in deren Bereich ſie die Jahre ſpielender Kindheit verlebt hatte. Ein Heer zarter Erinnerungen ſchwebte um das Schloß ihrer Ahnen. Der epheuumrankte Thurm, mit dem gothiſchen Glockengerüſte, von welchem ſo oft freu⸗ dige oder ergreifende Töne ihr jugendliches Ohr 3 —— begrüßt hatten, ragte hoch empor über das ausge⸗ dehnte Gebäude; der tiefe See breitete, unter den ſcheidenden Sonnenſtrahlen, ſeine ſchimmernden Waſ⸗ ſer aus, während der dicht beſetzte Lindenhain mit ſeinen langen Aeſten ſich bis an den Rand der Waſ⸗ ſerfläche erſtreckte. Kein Zweig dieſes ſchönen Haines war verletzt; das Laubwerk, in all dem üppigen Farbenſpiele herbſtlicher Mannigfaltigkeit erglänzend, entfaltete vor den Blicken einen Reichthum und eine Wärme der Tinten, wodurch die kälteren Schön⸗ heiten einer nordiſchen Landſchaft einen beinahe ita⸗ lieniſchen Anſtrich gewannen. Der ländliche Sitz, unter einer majeſtätiſchen, vom Alter knorrigen Eiche maleriſch angebracht; das ländliche Fiſcherhäuschen, auf einem über den See hervorragenden Felſen er⸗ baut; das kleine, mit Grün und Weiß bunt bemalte Luſtboot; Alles hatte für ſie Reiz und Wichtigkeit. Albert hatte früher dieſe Spiele angeordnet und geleitet; das Boot war einſt ſein, und unter ſeiner Aufſicht yatte man das zierliche Tackelwerk wieder in Stand geſetzt; jeder Winkel ſchien ſein Bild zu tragen, und war geheiligt durch den Geiſt der Liebe, der tauſend namenloſe Reize umher verbreitete. Eine Anzahl alter Diener und ergebener Lehens⸗ leute drängte ſich an beiden Seiten des gewölbten Thor⸗ wegs, um ihren gefallenen Herrn zu bewillkommen. 2 6 Eine vorausgeſandte Staffete hatte die Annäherung der Familie verkündet und zugleich die Weiſung überbracht, ihre unerwartete Ankunft durch keine ge⸗ räuſchvollen Freudenbezeugungen zu begrüßen. Aber wenn man auch den lärmenden Ausdruck der Fröh⸗ lichkeit leicht unterdrücken konnte, ſo konnte doch durch Nichts der herzliche Willkomm und die dank⸗ bare Ehrfurcht zurückgedrängt werden, die aus den abgehärteten Geſichtern der um das Schloß verſam⸗ melten Landleute hervorleuchtete. Von dieſem romantiſchen Stammſitze aus war Lindenberg zuerſt, in ſelbſtbewußter Würde, in den thätigen Kreis des öffentlichen Lebens eingetreten. Bisher war er in die Hallen ſeiner Voreltern im Gefühle ſtolzer Zufriedenheit, und um den Erinne⸗ rungen ſeiner Jugend nachzuhängen, zurückgekehrt; diesmal kam er unter ganz andern Verhältniſſen; er kehrte zurück, um Schutz und Vergeſſenheit zu ſuchen. „Hier wenigſtens finden wir Aufrichtigkeit,“ ſeufzte die Baroneſſe, während ihr Gatte ſie durch die erwartungsvolle Gruppe hindurchführte, die ſich verſammelt hatte, um bei ihrer Rückkehr zugegen zu ſeyn und ſie zu begrüßen.„Dieſe offenen Geſichter haben nicht gelernt trügeriſch lächeln, dieſe herzlichen Stimmen nicht, Worte der Falſchheit ausſprechen.“ „Die armen Leute!“ verſetzte er;„ſie ſind in — ,,—— —— — 7 So der Einfachheit ihrer Lage glücklicher, als die glän⸗ zende Schaar der Höflinge, die das kaiſerliche Vor⸗ zimmer beſetzen.“ „In dieſen ehrlichen Herzen erregen wir keinen Neid,“ fuhr die Baroneſſe fort;„unſrer Pflichten ſind hier weniger, und ſie ſind minder ſchwierig. O Friederich, ja wahrlich! Gott danke ich, daß der Sturm, der unſre Größe vernichtet, uns noch ſo viele Güter und Segnungen gönnte.“ „Wieder einmal willkommen in Ehrenfels!“ rief der Baron, während er ſeiner Gattin einen Stuhl hinſetzte;„willkommen, theure Karoline! mein Kind Ella, willkommen in Deines Vaters Hauſe! in der Heimath ſeiner Ahnen! Dieſe gothiſchen Mauern, dieſe alten Thürme ſind unſer Eigenthum; mit den beſcheidenen Einkünften, die dieſe beſchränkten Be⸗ ſitzungen geben, begann ich zuerſt meine politiſche Laufbahn, und jetzt kehre ich unter das friedliche Dach meiner Ahnen zurück;“ und der Baron ſetzte ſich in dem großen, in unſrem erſten Kapitel ge⸗ ſchilderten Saale ſeiner Gattin zur Seite. „Als wir uns heiratheten,“ bemerkte ſie,„brach⸗ ten wir hier die erſte Zeit unſres Ehſtandes zu. Ehrenfels muß mir theuer ſeyn.“ „Und auch mir,“ ſagte Lindenberg mit ruhigem 8 S⸗ Lächeln.„Leopold wurde hier geboren; und eben ſo Du, meine ſanfte Ella.“ Auf dieſe Anrede ſchaute unſre Heldin auf, und begegnete den wohlwollenden Zügen ihres Vaters, die von väterlicher Zärtlichkeit ſtrahlten. „Komme zu mir und empfange meinen Segen,“ rief er, und Ella flog in die geöffneten Arme, wͤh⸗ rend ihre gequälte Seele ſich in reichlich ſtrömenden Thränen erleichterte. „Habe ich Vergebung?“ liſpelte ſie endlich mit krampfhaftem Schluchzen. „Du haſt freie, volle Vergebung,“ ſagte der Baron;„ich habe die wechſelnde Farbe dieſer Wan⸗ gen, dieſe weinenden zu Boden geſchlagenen Augen aufmerkſam beobachtet. Ich kenne den Umfang Dei⸗ ner Schuld und die Anfrichtigkeit Deiner Reue. Ich bitte nur den Himmel, daß keine größere Strafe Deiner Unklugheit folgen möchte, als die vorüber⸗ gehende Wolke meines Mißfallens;“ und der Vater ſeufzte bei dem Gedanken an Roſenthal. „Sie ſind zu gütig, zu edelmüthig,“ ſtammelte das zitternde aber dankbare Mädchen, indem es ſich inniger an ihn ſchloß;„ich verdiene es nicht.“ „Halte ein! theures Kind, Du haſt genug ge— ſagt— genug gelitten. Ich urtheile nicht nach dem Erfolg, der in unſerem Falle allerdings unheilvoll war; ich ſehe auf die Beweggründe der Handlungen. Wir können nur für unſere Abſichten verantwortlich ſeyn; die Deinen waren rein; Du warſt unklug, nicht böſe. Wir waren alle blind, haben uns alle ſelbſt getäuſcht. Es waren mir Schlingen gelegt; ich war dem Untergang geweiht; und dieſe unerwar⸗ teten Ereigniſſe wurden nur beſchleunigt nicht verur⸗ ſacht durch Deine Schwäche und Unklugheit.“ „Schuldvolle Schwäche, ſtrafbare Unklugheit, die ich niemals ganz zu ſühnen vermag,“ rief Ella, überwältigt von der Sanftmuth ihres Vaters. „Dieſe Anerkennung löſcht Deine Schuld aus. Beruhige Dich, theure Ella. Bedenke, daß ich zwar aus dem Rathe meines Souverains entlaſſen, aber in meinen Augen nicht erniedrigt bin; und wo keine Erniedrigung iſt, iſt keine Ungnade,“ bemerkte der Baron mit Stolz. „Du warſt zu populär, zu freiſinnig in Deinen „Maßregeln,“ unterbrach ihn die Baroneſſe;„Du erregteſt Neid, und mußt jetzt die natürlichen Folgen tragen.“ „Warum mit leeren Vermuthungen ſich abhär⸗ men, theuerſte Karoline?“ antwortete ihr Gemahl; „der Traum der Größe iſt vorüber; in Zukunft wer⸗ den wir für unſere Kinder leben.“ „Aber wenn ich an Leopold und ſeine Beförderung denke,“ bemerkte die ängſtliche Mutter,„ſo zittere ich, ſeine Ausſichten möchten von den finſtern Wolken überſchattet werden, welche die Deinigen verdecken.“ Der Baron blickte ernſt, beinahe düſter. „Wir haben unſerem Sohne gute Grundſätze eingepflanzt, und bisher hat er dieſen gemäß ge⸗ handelt. Laß uns hoffen, er werde auch künftig ſeine Pflicht redlich erfüllen,“ verſetzte er nach einer kurzen Pauſe. „Nur um ſeinetwillen,“ fuhr Frau von Linden⸗ berg fort,„leide ich dieſen heftigen Schmerz. Für Dich habe ich kein Recht zu murren, wenn Du zu⸗ frieden biſt, Dich demüthig unter dieſes Mißgeſchick zu beugen.“ „Ich vermiſſe Nichts,“ ſagte er,„ausgenommen die Macht, durch welche ich zuweilen im Stande war, meinem Lande zu nützen. Blicken wir um uns, Karoline! wir haben ein hinreichendes Auskom⸗ men, und wir beſitzen ja einander.“ „Die Vergnügungen des Hofs hatten nie einen Reiz für mich,“ verſetzte die Baroneſſe;„ſein Ge⸗ pränge oder ſeine Vorrechte achtete ich niemals hoch. Vielleicht war ich für eine niedrigere Sphäre be⸗ ſtimmt. Aber Ella vermißt vielleicht Wien.“ Wäh⸗ rend ſie dieſes ſprach, wandte ſie ſich gegen ihre Tochter. 4 —— 11 S⸗ „O nein,“ rief dieſe,„Wien beſitzt nichts, das mich reizen könnte. Stets zog ich Ehrenſels vor. Es iſt die Heimath meiner Jugend; dieſer ehrwürdige Ort iſt voll Erinnerungen an frühere glücklichere Tage. So lange ich unter dem Dache unſerer Ahnen bin, kann ich Wien nicht vermiſſen; und würde Leo⸗ pold die Erlaubniß erhalten, unſern häuslichen Kreis auf einige Wochen zu beleben, ich glaube ich wäre — beinahe“— glücklich wollte ſie ſagen, aber das Wort erſtarb auf ihren Lippen bei dem Gedanken an Albert. „Ein anderer Name lebt in Deinem Herzen, Ella,“ bemerkte ihr Vater mit Ernſt;„Du ſprachſt von Leopold, aber im Geiſt riefſt Du Deinem ab⸗ weſenden Albert.“ Das ſanfte Mädchen erröthete und wandte das Geſicht ab, das die Spuren heftiger Bewegung trug. „Unſere veränderte Lage,“ fuhr Lindenberg mit dem Tone nachdrücklicher Vorſtellung fort,„wird es mir nöthig machen, einige Zeilen an Albert zu richten, ehe Du mit Anſtand Deinen Briefwechſel mit ihm wieder aufnehmen kannſt. Du wirſt deßhalb nicht ſchreiben, bis Du meine Erlaubniß dazu erhältſt.“ Ella drückte ſeine Hand mit Inbrunſt und blickte bittend in das Antlitz ihres Vaters. „Entſchuldige meine Bemerkungen, theures Kind,“ 12 fuhr er fort wie zur Antwort auf ihren Blick;„aber es wäre nicht jungfräulich von Dir, die düſtern Einzelheiten unſeres Glückswechſels oder Deine Gefühle über dieſen Gegenſtand auseinander zu ſetzen. Du haſt aufgehört in dem Kreiſe zu leben, in wel⸗ chem Albert Dich kennen lernte und liebte; ich bin nicht mehr Miniſter, gehöre nicht mehr zu dem kaiſer⸗ lichen Haushalt; Du biſt die Tochter eines geringen Mannes, und mußt erwarten, von der Welt als ſolche betrachtet zu werden.“ „Aber Albert? Sie werden ihn nicht mit der Welt im Allgemeinen in eine Reihe ſtellen?“ ſtam— melte Ella. „Albert für ſich nicht,“ erwiederte der Baron, „aber von ſeinem Vater darf man annehmen, daß er von den übrigen Menſchen keine Ausnahme bildet.“ „Sie ſprachen von Albert, nicht von Graf Roſen⸗ thal,“ bemerkte Ella, zitternd vor der Folgerung, die in Lindenbergs Worten zu liegen ſchien. „Wir müſſen uns nicht ſelbſt betrügen, mein liebes Kind,“ fuhr er fort;„die heitere Zukunft, die einſt Deinen Hoffnungen offen lag, iſt jetzt ver⸗ ſchloſſen von der Hand des Unglücks. Deine Mit⸗ gift, welche durch die Freigebigkeit unſeres verehr⸗ ten Monarchen vermehrt worden wäre, muß jetzt auf die urſprüngliche Summe ſchwinden, die mein — 13 beſcheidenes Vermögen mir erlaubt, Dir auszuſetzen; und da wir den Schutz und die Gunſt des Hofes nicht mehr genießen, ſo wirſt Du auch nicht mehr für würdig gehalten werden, als Gattin Alberts in das Haus Roſenthal einzutreten.“ Ella antwortete nicht, ſie war zu ſchmerzlich überzeugt von der Wahrheit der Folgerungen ihres Vaters, obgleich ſich ihr Stolz gegen eine unwill— kommene Aufnahme, die ſie erfahren könnte, em⸗ pörte; und ſie wartete geduldig auf den Schluß des Geſprächs. „Es würde Deinem Alter und Geſchlechte übel anſtehen, meine Ella,“ fiel die Baroneſſe ein,„und mit unſerer Ehre völlig unvereinbar ſeyn, wollteſt Du den Grafen Albert an die Bande erinnern, die zwiſchen Euch beſtehen.“ „O Mutter, theure Mutter!“ rief Ella weinend, indem ſie ihr Geſicht an dem mütterlichen Buſen verbarg. „Verbanne dieſe Thränen, Du vergiſſeſt das edle Geſchlecht, von welchem Du abſtammſt. Glaube mir, mein theures Kind, mein Herz müßte mich ſeltſam täuſchen, wenn Albert nicht ein ächter, ehren⸗ hafter Edelmann wäre,“ bemerkte Frau von Linden⸗ berg mit dem überredendſten Tone. 14 „Ich zweifle nicht an ihm, ich kann es nicht,“ verſetzte Ella mit Feſtigkeit. „Auch ich zweifle nicht an Albert,“ wiederholte der Baron,„aber ich fürchte den Einfluß Anderer.“ „Wenn er unſer Kind liebt, wie ein tugend haftes Mädchen geliebt zu werden verdient, ſo wird er ſich beeilen, uns an unſer Verſprechen und an ſeine Beſtändigkeit zu erinnern,“ verſetzte die Matrone mit ernſter Würde;„handelt er nicht ſo, ſo iſt er unſerer Tochter und unſer unwürdig. Graf Roſen⸗ thal iſt von ſeinem Sohne ſehr verſchieden; dieſer iſt voll Feuer und Enthuſiasmus, die Unterſchiede in der Geſellſchaft werden von ihm faſt nicht be⸗ rückſichtigt; während jener Alles durch die verun⸗ ſtaltende Brille der öffentlichen Meinung ſieht; Alles ſchätzt er ſo, wie es von den Leidenſchaften, der Schwäche oder dem Vorurtheil der Mehrzahl ge⸗ ſchätzt wird; er iſt unfähig, beſcheidenes Verdienſt zu erkennen, oder mit gefallener Größe Mitgefühl zu haben; Erfolg iſt bei ihm der Maßſtab der Vor⸗ trefflichkeit, Glück der Probſtein der Tugend. Zu⸗ dem wird er von ſeiner Gattin geleitet oder viel⸗ mehr beherrſcht, und über ihre Geſinnungen können wir nur zu ſehr aus Erfahrung urtheilen.“ „Ich erkenne an, daß die Gräfin eine hoch⸗ müthige, zurückſtoßende Perſon iſt,“ verſetzte Ella, ——y; 6 4 ₰ 15 S⸗ „aber ich habe niemals ihre Feindſchaft herausge⸗ fordert.“ „Es war unnöthig ſie herauszufordern; wir haben hinreichende Beweiſe für ihr Vorhandenſeyn,“ erwiederte Lindenberg;„wir haben alle Urſache, in öffentlichen, wie in Privatangelegenheiten, den ver⸗ derblichen Einfluß der Frau von Roſenthal zu ver⸗ muthen. Sie iſt dem Vernehmen nach innig ver⸗ bündet mit der politiſchen Partei, die in unſerer Ungnade einen Triumph feierte.“ „Aber ihr Einfluß kann ſich nicht auf Albert er⸗ ſtrecken,“ rief Ella eifrig,„er iſt nicht ihr Sohn!“ „Sie iſt die Gattin ſeines Vaters,“ erwiederte der Baron lakoniſch.„Vom erſten Beginne der Be⸗ kanntſchaft zwiſchen unſeren Familien an widerſetzte ſie ſich entſchieden Deiner Verheirathung mit ihrem Stiefſohn. Erwäge alſo, ob ihre Gründe durch un⸗ ſere jetzige Lage nicht neues Gewicht erhalten?“ „Unſer Kind darf es nicht geduldig erwarten, von den Eltern ihres Verlobten verworfen zu wer⸗ den,“ rief die Baroneſſe mit Stolz.„Ella, Dein weibliches Selbſtgefühl muß erwachen und unſern Maßregeln das Wort reden; Du wirſt Dich der Entſcheidung Deines Vaters unterwerfen.“ „Ich werde unverzüglich an Albert ſchreiben,“ ſagte Lindenberg;„Dein Glück, und was mir noch theurer iſt, Deine Ehre, liegen in meiner Hand. Ich werde keine Mühe ſcheuen, und kann ich das eine nicht ſicher ſtellen, ſo darf ich wenigſtens die Sicherheit der andern nicht aufs Spiel ſetzen.“ „Wahr, ſehr wahr!“ erwiederte Ella mit dem Tone tiefer Bewegung;„die Tochter Lindenbergs darf die verſprochene Hand ihres Verlobten nicht erflehen; mein Vater, ich übergebe mich Ihrer Führung.“ „Brauche ich Dir erſt zu ſagen, mein geliebtes Kind, welch kräftigen Einfluß Deine Gefühle auf meine letzte Entſcheidung in dieſer unglücklichen Sache haben werden?“ ſagte der Baron zärtlich.„Kein Schritt ſoll geſchehen, ohne daß Du ihn zuvor er⸗ fährſt und, wie ich hoffe, billigſt. Ich werde Albert mit den ereignißvollen Veränderungen, die in unſerer Lage Statt gefunden, offen bekannt machen und ihn zugleich unſerer fortwährenden Liebe verſichern; aber ich werde ihn bitten, ja mit Beſtimmtheit verlangen, daß er die unzweideutige Einwilligung Graf Roſen⸗ thals erhalten müſſe, ehe er die Gelübde bekräftigen dürfe, von denen wir ihn jetzt gerne entbinden.“ „Sollte der Graf ſeine Einwilligung zurück⸗ halten?“ ſtotterte Ella kaum vernehmlich mit ſo leiſer Stimme, daß die Worte kaum das Ohr erreichen konnten, für das ſie beſtimmt waren. 16 ☛= 2 17&☛ „So würdeſt Du niemals in Deinen Verlobten dringen, ſeine früheren Betheurungen zu erfüllen,“ fuhr der Baron mit Feſtigkeit fort.„Iſt Albert wirklich der edelgeſinnte Mann, für den ich ihn ſtets hielt, ſo kann man über ſeine Gefühle nicht im Zweifel ſeyn; aber die treue Anhänglichkeit eines Geliebten, wenn ſie auch den Beweis gibt, daß die Liebe meines Kindes auf keinen unwürdigen Gegen⸗ ſtand fiel, kann mich doch nicht mit einer Verbindung verſöhnen, die im Widerſpruch mit ſeinem Vater geſchloſſen wurde. Mein Benehmen muß durch das des Grafen Roſenthal bedingt ſeyn.“ Ella ſchluchzte hörbar, antwortete aber nicht. „Du folterſt unſere Tochter, theurer Friederich,“ ſprach die Baroneſſe mit vorwurfsvollem Tone; „dieſe ſchlimmen Vorbedeutungen können ſich grundlos erweiſen, und Alles kann noch gut gehen, wofern nur Albert treu bleibt: Beide ſind jung, Beide—“ „Karoline,“ unterbrach ſie ihr Gemahl mit ei⸗ nem, ihm ungewöhnlichen, ſtrengen Ernſte,„Du ſollteſt meine zärtliche Liebe für unſer Kind und die Aengſt⸗ lichkeit kennen, mit der ich ſtets für ſein Glück be⸗ ſorgt bin. Bisher war ſie mein Umgang, mein Troſt, der Gegenſtand meiner zärtlichſten Hoffnungen; aber ſo ſehr ich den Frieden ihrer Seele achte, kann ich doch ihre weibliche Würde und die Geſinnungen, die Ella. II. 2 meine väterliche Klugheit mir einflößt, den Neigungen ihres Herzens niemals opfern. Indeß das Einzige, was ich verlange, iſt, daß ſie ihren Briefwechſel mit Albert nicht eher wieder aufnehme, bis irgend eine Andeutung von ihm oder Graf Roſenthal uns in Stand ſetzt zu beurtheilen, ob eine Fortſetzung deſ⸗ ſelben von ihnen ebenſo wie von uns gewünſcht wird. Theures Mädchen,“ fuhr er mit milderem Tone fort,„Du kannſt die Tiefen ehrgeizig kalter Be⸗ rechnung nicht ergründen. Aber ich kenne die Schwäche Roſenthals und den Umfang der Gewalt, die ſeine Gattin über ihn behauptet. Meine Beſorgniſſe,— denn ich bekenne, Beſorgniſſe zu haben— ſind die Folge langer Beobachtung. Wollte Gott, ſie wären grundlos!“ Die ſchöne Tochter des Barons lauſchte in ehr⸗ erbietiger Beſcheidenheit und machte keinen Einwurf gegen einen Entſchluß, der für ihre Vernunft be⸗ friedigend war, aber in ſeinen Folgen für ihre in⸗ nige Liebe leicht ſchmerzlich werden konnte. Sie ſchloß ſich näher an ihren Vater, während er ſprach, ſchlang allmählig ihren Arm um ſeinen Hals und drückte ſeine Wange an die ihrige, während ihre ſeidenen Locken mit ſeinen grauen Haaren ſich vermiſchten und eine heiße Thräne auf ſeine bleiche Stirne fiel. „Ich verſpreche,“ ſprach ſie nach einer kurzen 19& Pauſe mit Ergebung,„ich verſpreche, Ihre Vor⸗ ſchriften zu erfüllen; ich verſpreche, theuerſte Eltern, Ihren Wünſchen nachzukommen, denn ſo innig ich Albert liebe, und ſo hart die Prüfung iſt, härter vielleicht, als Sie vorausſetzen, ſo glaube ich doch und fühle, daß ich eine Mittheilung von Ihm er⸗ warten muß. Aber Vater, theurer Vater, iſt es nothwendig, daß Sie Albert von ſeinem Verſprechen entbinden? Wird nicht ſeine feurige Natur ſich em⸗ pören gegen eine Vorausſetzung, die ſeine Treue und Beſtändigkeit zu bezweifeln, wo nicht zu be⸗ ſtreiten ſcheint? Wird er nicht glauben, wir hätten unſere Geſinnungen geändert? Ich muß annehmen, daß es ihn wenigſtens ſchmerzen, wo nicht beleidigen wird, wenn er ſieht, daß Sie ihn einen Augenblick der Untreue fähig hielten.“ „Ich werde Deinen Geliebten nicht verletzen, Ella, und auch der Entſcheidung ſeines Vaters nicht vorgreifen. Ich will einige Tage hingehen laſſen, um einen Brief von ihm zu erwarten, und durch den Ton deſſelben ſoll unſere Antwort bedingt ſeyn. Biſt Du zufrieden geſtellt?“ Unter dieſen Worten ſchloß Lindenberg ſeine Tochter an ſeine Bruſt, und als ſie die zärtliche Umarmung der väterlichen Liebe fühlte, unterwarf ſie ſich mit Ergebung der Entſcheidung ihres Vaters. GGG“ 2 Zweites Kapitel. Kann ich ihn aus der Seele bannen? ihn vergeſſen? O ewig wird er mir vor Augen ſtehen! Sein Wort wird ſtets in meinen Ohren tönen! 1 Smith L'absence! oh, que l'absence est une amère chose, Quand, s'effrayant d'aimer, le coeur tremble, et n'ose Croire à l'amour d'une autre coeur. A cet amour voilé qui, pour se ſaire entendre, N'a besoin que d'un mot, ou d'un regard plus tendre Long temps avant d'ètre voué; Mais dont le souvenir, dans son vague mystère, N'a plus de quoi suffire au coeur qui, solitaire, Craint de s'èêtre seul dévoué.... Madame de Waldor. Die erſten paar Tage nach der Ankunft des Barons und ſeiner Familie auf Ehrenfels wurden in einer fieberiſchen Aufregung verlebt, die ſich nur allmählig legte, als die friedliche Gewohnheit des häuslichen Lebens ſich nach und nach beruhigend gel⸗ tend machte. Ella litt am meiſten, ſie fühlte einen herberen Schmerz, als ihre Eltern ahneten; denn die Leiden jugendlicher Liebe erregen ſelten ſtarkes Mitgefühl, ſelbſt bei den beſten und gütigſten unſerer 21 S⸗ Freunde. Dieſe Gleichgültigkeit gegen die Schmerzen jugendlicher Neigung entſpringt oft aus einer weit beſſeren Quelle, als jene Härte des Gemüths, deren man die Leute mittleren Alters ſo gewöhnlich an⸗ klagt. An die Täuſchungen der Welt bereits ge— wöhnt, blicken ſie auf jene Prüſungen, von denen ſie durch Zeit und Umſtände befreit worden ſind, mit ruhiger, zufriedener Lebensklugheit zurück; da ſie die Stürme früher Leidenſchaften glücklich über⸗ ſtanden haben, erwarten ſie bei dem nachwachſenden Geſchlechte eine Reihe ähnlicher Kämpfe, begleitet von eben ſo günſtigem Erfolge. Bei dem Baron von Lindenberg und ſeiner Gattin waren indeß die Beweggründe ganz andere. Ihr Eheſtand war von ungemiſchtem Glücke begleitet geweſen; keine ermüdenden Hinderniſſe hatten den reinen Strom ihrer Liebe aufgehalten; die Bitterkeit des Zweifels und der Täuſchung hatte nie auch nur einen Augenblick in den überfließenden Kelch des Ver⸗ trauens und der Liebe ſeine Galle gemiſcht. So ſehr ſie daher die geiſtige Qual, die Ella erduldete, beklag⸗ ten, waren ſie doch unfähig, Gefühle zu würdigen, mit denen ſie ſtets unbekannt geblieben waren; ſie konnten den Abgrund des Elendes nicht ermeſſen, der ſich über den Hoffnungen ihres Kindes zu ſchließen drohte. 9„ 22 In Folge der einfachen Gewohnheiten ihrer frühen Jugend war Frau von Lindenberg für ein ſtilles Leben ſehr eingenommen; und ſobald der erſte Schmerz der Demüthignng und Ueberraſchung ſich gelegt hatte, wurde ſie mit ihrem jetzigen, im Ver⸗ gleich mit ihrer früheren Stellung dunkeln Looſe ſchnell verſöhnt. Weder geſchaffen, noch erzogen für den ängſtlichen Zwang des Hoflebens; der prahle⸗ riſchen Schauſtellung und dem Gepränge des Ranges abgeneigt, paßten ihre ſanften Tugenden, ihr ſtilles Weſen gerade zu der anſpruchsloſen Lage, die ihr jetzt angewieſen war; und es gab ſogar Augenblicke, in denen ſie, wenn auch vielleicht unbewußt, eine wirkliche Zufriedenheit mit dem Glückswechſel, der anfangs ſo unheilvoll erſchien, fühlte, da ſie ſich nun jenen friedlichen Beſchäftigungen ungeſtört hin⸗ geben konnte, die ſie, während die Sonne ihrer Größe ſchien, ſo oft zu verlaſſen genöthigt war. Die unſchuldige Freude, die ſie darüber empfand, daß ſie jetzt ihre ländlichen Unterhaltungen ungehin⸗ dert aufnehmen konnte, feſſelte ihre Aufmerkſamkeit und zog ihre Gedanken von der Betrachtung des politiſchen Mißgeſchicks und der weltlichen Täuſchung ab; die kleinen Sorgen für Blumen, Geſträuche, Vögel, die einfachen und doch ſo reizenden Beſchäf⸗ tigungen des Hausweſens füllten die Tage aus und ließen keine Zeit übrig, um in müßigen Stunden dem Kummer nachzuhängen. Ihr ſanſtes Weſen ſchien unbewußt mit den zahlreichen, beinahe unmerk⸗ lichen Faſern zu verwachſen, durch welche das weib⸗ liche Herz an jene häuslichen Gegenſtände unwandel⸗ bar geknüpft wird, von denen es umgeben iſt:— wodurch das Unbedeutende Wichtigkeit erhält, die Kräfte des Geiſtes in Thätigkeit geſetzt und zur Nützlichkeit und Tugend hingeleitet werden. Die Gleichmuth Lindenbergs entſprang aus einer höheren Quelle. Beſchäftigung konnte bei ihm die Folge, aber nicht die Urſache ſeiner Ruhe ſeyn; auch floß ſie nicht aus einer kalten Gleichgültigkeit gegen das Unrecht, das er erduldet, ſondern viel⸗ mehr aus einer klaren Würdigung der Macht, die er verloren hatte. Er ſügte ſich ruhig in die Ent⸗ behrung der Vorrechte und Güter, auf die er keinen ungebührlichen oder eingebildeten Werth legte. Er hatte die Gaben des Glücks und die ſchimmernden Ehrenzeichen, die ſich ihm einſt ſo reichlich dargeboten hatten, niemals mißbraucht; da er ſie im Geiſte der Mäßigung genoſſen hatte, konnte er ſie mit Würde hingeben. Da er zudem den quälenden Sorgen und dem unaufhörlichen Zwange einer amtlichen Stel⸗ lung bei der Regierung lange unterworfen geweſen war, fühlte der Baron jetzt, da er dieſe losgeworden, eine geiſtige Freiheit, die ihm viele Jahre lang fremd geblieben war. Von den Feſſeln des Amtes entbunden, erwachte er zu den Freuden einer neu gewonnenen Freiheit. Da er jetzt weder nöthig hatte, Freundſchaft zu gewinnen, noch Erbitterung einzu⸗ ſchüchtern, waren ſeine Worte und Anſichten frei von diplomatiſcher Zurückhaltung. Kein demüthiger Schmeichler kroch jetzt vor ihm, kein lauernder Feind drohte ſeiner Sicherheit. Er allein konnte jetzt über ſeine Zeit verfügen, und jeder Tag war einer an⸗ ziehenden Beſchäftigung gewidmet, die entweder Un⸗ terbaltung verſchaffte oder das Gemüth erhob. Bei dieſen reizenden Beſchäftigungen leiſtete ihm ſeine Tochter ſtets Geſellſchaft. Mit einander laſen ſie, oder ſchrieben, oder ſprachen oder durchwanderten ſie die anziehendſten Partien der umgebenden Land⸗ ſchaft. Zuweilen, vom Geiſt der Forſchung ange⸗ trieben, drangen ſie tief in das Innere der unge⸗ heuren Wälder, bis dichtes Geſtrüppe ihr weiteres Vordringen unmöglich machte; manchmal erklommen ſie kühn die ſteilen Anböhen der benachbarten Berge oder wanden ſich durch die engen Hohlwege am Fuße derſelben hindurch, und wenn der Anblick der Natur in erhabenen oder reizenden Scenen ſich ihrer Bewunderung enthüllte, zogen ſie daraus eine Auf— forderung zur Dankbarkeit und Demuth, die aus ₰ 25 Gegenſtänden der Kunſt niemals gewonnen werden kann.. Der Baron hatte ſchon ſeit vielen Tagen ängſtlich auf eine Mittheilung von der Familie Roſenthal gewartet. Endlich empfing er den Brief, der jeden Zweifel zur Gewißheit erheben ſollte. Und zu einer unheilvollen Gewißheit; denn er enthielt eine förm⸗ liche Ablehnung der beabſichtigten Verbindung und verbot unbedingt für die Zukunft allen Briefwechſel zwiſchen den Verlobten. Die mißliche und ſchwierige Aufgabe, Ella's Gemüth auf den Schlag vorzubereiten, der ſo mit einemmale jede Hoffnung ihres Herzens vernichtete, und jede Ausſicht für die Zukunft in düſtern Schleier hüllte, wurde ihrer Mutter anvertraut; und die Ge⸗ fühle, von welchen eine ſolche Sendung begleitet ſeyn mußte, können eher begriffen, als geſchildert werden. Ella beſaß zu viel weiblichen Stolz und Zartgefühl, als daß ſie ſich offen dem Gram oder der Klage über dieſe grauſame Vernichtung ihrer Hoffnungen hingegeben hätte; aber ſie liebte zugleich zu innig, als daß ſie die überſtrömende Zärtlichkeit ihrer Natur hätte beherrſchen können. Weiblicher Stolz und weibliche Liebe kämpften in ihrer Bruſt und fromme Ergebung war das Einzige, was ſie 26 ausdrücken konnte, als ſie weinend zuu den Füßen ihres Vaters niederſank. „Meine Ahnungen haben ſich vollkommen be⸗ ſtätigt,“ bemerkte er, indem er ſie ſanft auf einen Stuhl an ſeiner Seite hob,„Albert hat es nicht für angemeſſen gehalten, von unſerem Falle Kenntniß zu nehmen, aber ſein Vater hat geſchrieben und die beabſichtigte Verbindung abgelehnt.“ Die Sprache, in der der Brief des Grafen ab⸗ gefaßt war, brachte, ſo wenig ſie geeignet war, ein gefoltertes Herz zu beruhigen, gleichwohl eine heil— ſame Wirkung hervor. Der ſtärkſte Gegner der Liebe iſt der Stolz. Hätte der ältere Roſenthal ein ver⸗ ſöhnendes Wort des Bedauerns, eine Sylbe, die eine freundliche Deutung zugelaſſen hätte, ausge⸗ drückt, ſo würde Ella immer noch eine leiſe Hoff⸗ nung auf künftige Einwilligung genährt haben; aber die ſtrenge, kalte und beſtimmte Verwerfung ihrer Hand, nicht gemildert durch jene beſänftigenden Phraſen von angeblicher Achtung, deren man ſich ſelbſt in den ſchmutzigſten Verhandlungen bedient, weckten ihr Selbſtgefühl; unwilliger Stolz, verletztes Zart⸗ gefühl kamen ihr zu Hülfe und unterſtützten aufs Kräf⸗ tigſte die Gründe ihres Vaters, daß ſie ſich willig in ihr Schickſal fügen müſſe. „Ella,“ ſagte der Baron nach einer Pauſe, in ₰ 27& der ſie über den von ihr durchleſenen Brief batte nachdenken können,„wenn Du die Mittheilung, die in dem Briefe des Grafen enthalten iſt, reiflich er⸗ wogen haſt, ſo wirſt Du nichts dagegen einzuwenden haben, auch das Schreiben zu durchleſen, das ich jetzt an Albert richten werde. Um deinetwillen, theuerſtes Kind, will ich ihm nicht eine Beleidigung anthun, wie wir ſie von ſeinem Vater erduldet ha⸗ ben. Ein harter, gefühlloſer Geiſt athmet auf jeder Linie in jenem Papier, ich werde mir weder ſeine Sprache, noch ſeinen Sinn zum Muſter nehmen.“ „Dank, o Dank, mein theurer Vater,“ rief Ella, während ſie ſeine Hand ſanft in der ihrigen⸗ drückte.„Verkennen Sie Albert nicht; vielleicht— er iſt dennoch— ich kann nicht glauben, daß er treulos iſt— es iſt unmöglich.“ „Nichts davon! das Band zwiſchen Euch iſt zerriſſen. Graf Roſenthal zeigt ſich unerbittlich, und die Ehre verbietet die Erneuerung jener Gelübde, deren Du fortan und für immer entbunden biſt,“ bemerkte Lindenberg mit Ernſt. „Sprechen Sie nicht ſo ſtreng, theuerſter Vater,“ rief Ella,„ich will Ihnen gehorchen, in Allem— ſo weit meine Kräfte reichen;“ und als ſie dieſe Worte kaum vernehmlich ausgeſprochen hatte, ver⸗ barg ſie ihr Geſicht an dem Buſen ihrer Mutter. 28 „Ich bin überzeugt,“ fügte der Baron freund⸗ lich aber feſt hinzu,„Du bedarfſt der Autorität elterlicher Vorſchrift nicht bei einer Sache, in der Deine weibliche Würde auf dem Spiele ſteht. Ich habe nicht nöthig von Dir zu verlangen, daß Du Deinen Briefwechſel mit Albert nicht wieder aufneh⸗ men ſollſt.“ „Ihr Zutrauen, theurer Vater,“ verſetzte Ella mit niedergeſchlagenen Augen, denn ſie erinnerte ſich früherer Vorgänge,„wird in dieſem Falle nicht ge⸗ täuſcht werden. Ich unterwerfe mich jener Liebe, die bisher die Schwäche der Kindheit beſchützt, und die Unerfahrenheit der Jugend geleitet hat,“ fügte ſie hinzu, indem ſie wechſelsweiſe den Baron und ſeine Gattin mit einem bittenden, ſchutzſuchenden Blicke anſah. „Wir haben nur Deinen Vortheil, nur das Glück unſerer Kinder im Auge,“ bemerkte die Ba— roneſſe, während ſie ihre Tochter zärtlich umarmte. „Indem ich völlig verzichte auf die Ausſichten meiner Jugend— glänzende Träume, die beim Erwachen ſchwinden!— fühle ich, daß ich meinem Entſchluſſe treu bleiben werde, aber gedenken Sie, theuerſte Mutter, daß ich nicht verſprechen kann, zu vergeſſen.“ „Ich will Deine Gedanken nicht zurückdrängen, 29 ich wünſche ſie nur zu leiten,“ ſagte Lindenberg. „Die Zeit wird gewiß Deine jetzigen Gefühle be⸗ ruhigen, ich habe weder den Wunſch noch die Macht, die Erinnerung zu verbannen.“ „Nein, dies wäre unmöglich,“ ſprach Ella ſeierlich;„aber glauben Sie mir, theurer Vater, ſo lange ich das Andenken an ſeine Vorzüge und an jene ſchönen Bande, die jetzt gewaltſam zerriſſen ſind, werth halte, werde ich niemals die Ehre mei⸗ ner Familie bloßſtellen oder einen Flecken darauf werfen; wie mein Glück mit dem Eurigen ver⸗ ſchmolzen iſt, ſo iſt Eure Würde mit der meinigen verbunden.“ 1 „Verfahre mild mit dem armen Albert,“ ſagte die Baroneſſe, während ſie ſich innig an ihre Toch⸗ ter ſchloß,„vielleicht iſt er nicht im Stande, den Strom der Feindſeligkeit aufzuhalten, der ſich ebenſo gegen ihn, wie gegen uns richtet. Wir werden ſeine wahren Geſinnungen noch erfahren.“ Ella blickte mit unausſprechlicher Dankbarkeit, als ihre Mutter noch einen ſchwachen Hoffnungs⸗ ſtrahl blicken ließ. „Beſorge nichts, Karoline,“ ſagte Lindenberg, indem er ruhig ihre Hand drückte,„meine Vermitt⸗ lung wird zum mindeſten harmlos ſeyn; kein Wort in meiner Mittheilung wird beleidigen oder verletzen. 30 Ich habe bisher Alberts Charakter geachtet, und möchte ihn gerne freundlich beurtheilen und behan⸗ deln; aber die heilige Pflicht des Vaters iſt gebiete⸗ riſch, und ich muß mich ihrer gewiſſenhaft entledigen. Der Seelenfrieden, die Würde unſerer Tochter iſt zu koſtbar, als daß ſie ein Spiel der Umſtände werden dürfte. Wenn ſie auf dem Altar des Ehr⸗ geizes geopfert wird, ſo ſoll ſie wenigſtens in dem Opfer nicht erniedrigt werden. Ella,“ fuhr er fort, „hat ſtets in mir einen nachſichtigen Freund gefun⸗ den; in ihrer jetzigen Noth und Verlegenheit wird ſie einen treuen Führer, eine mitfühlende Bruſt nicht vermiſſen.“ Nach dieſen Worten ſchickte ſich Lindenberg an, folgenden Brief zu ſchreiben: Schloß Ehrenfels 1830. Theurer Albert! „Ich habe Sie bisher wie meinen Sohn geliebt; im Stolze und der Neigung meines Herzens ver⸗ lobte ich mit Ihnen meine Tochter. Aber fortan, Albert, müſſen Sie unſerer veränderten Lage fremd bleiben. Ich bin gefallen und erniedrigt, wenigſtens werde ich als dies von denen betrachtet, die da glauben, der Verluſt von Macht und Rang bringe Schande. Ich bin aus dem Rathe unſeres geliebten 2 31&& Kaiſers entlaſſen und habe mich vom Hofe entfernt. Wahrſcheinlich haben Sie die Folgen von Florvilles romantiſchem Abenteuer gehört. Es hat ſich erwie⸗ ſen, daß er niemand anders als der Sohn Las Caſes' iſt, des treuen Gefährten Napoleons in ſei⸗ ner Verbannung. Die Unternehmung des Chevaliers hat meinen Feinden einen glücklichen Vorwand an die Hand gegeben, mich zu ſtürzen. Ich kann mei⸗ nen Glückswechſel der angegebenen Bezüchtigung, die verrätheriſchen Abſichten franzöſiſcher Unzufriede⸗ ner begünſtigt, und die Intereſſen meines Vater⸗ landes gefährdet zu haben, vernünftigerweiſe nicht zuſchreiben; deßhalb nenne ich die Anklage einen Vorwand, und weiſe ſie mit Unwillen zurück. Aber der Verluſt weltlicher Ehren berührt nur den Schul⸗ digen, und ich erkenne bereits, daß eine ganz kurze Zeit friedlicher Zurückgezogenheit im Kreiſe meiner Familie mir einen großen Theil jenes Gleichmuths zurückgegeben hat, der die, welche das Glück haben, ihrer Redlichkeit ſich bewußt zu ſeyn, niemals ver⸗ laſſen ſollte. „Es war meine Abſicht, unſere veränderte Lage Ihnen mitzutheilen, und Sie freiwillig jener Gelübde und Verſprechungen zu entbinden, die Sie an meine Tochter knüpften;— in Erwägung, daß unſere Verbindung jetzt aufgehört hat, von weltlichem 32 Geſichtspunkt aus vortheilhaft zu ſeyn. Ich achte Ihren perſönlichen Charakter zu hoch, als daß ich glauben könnte, die plötzliche Veränderung in unſerer Lage könne die treue Anhänglichkeit vermindern, die Sie ſo oft bekannt haben. Was indeß Ihre Geſinnungen ſeyn mögen, Ihr Vater nimmt keinen Theil daran; und hätte darüber ein Zweifel obgewaltet, ſo hat heute ein expreſſer Eilbote mir Gewißheit darüber verſchafft, indem er uns eine Darlegung ſeiner Wünſche überbrachte. Ich bedaure, daß er ſich ſo ſehr beeilte, und uns nicht geſtattete aus ſeinem Schweigen uns ſeine Abſichten klar zu machen; aber er hat mir nichts hinzuzufügen übrig gelaſſen als den Ausdruck unſeres Schmerzes. „Der Graf leidet offenbar unter der Beſorgniß, das Verhältniß, das zwiſchen Ihnen und meiner Tochter beſteht, möchte gegen ſeine Intereſſen ſtrei⸗ ten und mich verleiten, Ihren Briefwechſel trotz ſeines Verbotes zu begünſtigen. Mein väterlicher Stolz ebenſo wie meine Ehre als Edelmann würde hinreichen, mich gegen eine Verbindung einzunehmen, zu der Ihre Familie ihre Einwilligung verſagt; ich halte es daher für meine Pflicht, allen Briefwechſel zwiſchen Ihnen und Ella zu unterſagen. Unſere veränderte Lage und die vergleichungsweiſe Armuth, der wir anheimgefallen ſind, bilden für Eure Heirath — ein unüberſteigliches Hinderniß. Ich bin nicht ſo gleichgültig gegen Ihr Wohl, theurer Albert, daß ich die Erfüllung einer Verpflichtung verlangen ſollte, durch die Sie demſelben Sturme bloßgeſtellt wären, der mich von meiner ſtolzen Höhe herabge⸗ ſchleudert hat. Nein, ich würde Ihnen ſogar ab⸗ rathen, wenn dies nothwendig wäre. Ihr Vater hat indeß mir keine Wahl gelaſſen, als ſeine Befehle zu bekräftigen, und hat ſich zur Stütze für ſein Recht auf meine Auktorität berufen. Ich bitte, ich beſchwöre Sie zu gehorchen. So ſehr ich die ſchneidende Sprache beklage, in der er mir den Ausdruck ſeiner Wünſche mittheilt; ſo ſehr ich fühlen muß, wie die“ Unſchuld und Lieblichkeit meiner tugendhaften Toch⸗ ter rückſichtslos bei Seite geworfen iſt— gleichwohl kann ich nicht umhin, der Sachwalter, das Organ des Willens Ihres Vaters zu werden. Ella kann nie die Ihrige werden. Es iſt entſchieden. Ich habe mich in dieſer traurigen Angelegenheit auf ihre Vernunft berufen und ein unbedingtes Verſprechen von ihr erhalten, wenigſtens zu gehorchen, wenn nicht zu vergeſſen.“ „Sie werden nicht vergeſſen, Sie werden be⸗ trauert werden. Aber nöthigen Sie mich nicht durch irgend einen übereilten Schritt, die Stärke jener Liebe zu verdammen, die Sie uns allen einſt ſo Ella. II. 5 — 34&⸗ theuer machte. Thun Sie nichts, was mit der Pflicht, die Sie Ihrem Vater ſchuldig ſind— mit der Freundſchaft, die Sie für mich bezeugten und mit der Achtung unverträglich iſt, die Sie derjenigen ſchuldig ſind, die eine Zeit lang Ihre Verlobte war.“ „Im feſten Vertrauen auf Ihre Ehrenhaftigkeit und Ihre Ueberlegung, bleibe ich, theurer Albert, Ihr wahrhaft ergebener Freund Friedrich von Lindenberg.“ Ella gab den vorſtehenden Brief, nachdem ſie ihn düſter und ſchweigend durchleſen hatte, ihrem 4 Vater zurück, einverſtanden, wie es ſchien, mit den darin ausgeſprochenen Geſinnungen. Eine tiefe Pauſe trat ein, während der Baron mit ſeiner gewohnten Ruhe das Schreiben faltete und verſiegelte; und als Mutter und Tochter ſich wechſelsweiſe anblickten, waren beide von der lebhafteſten Ueberzeugung durch⸗ drungen, daß Albert unverändert und unveränderlich derſelbe bleiben werde; ja, ſie hegten die geheime Hoffnung, eine Erneuerung ſeiner frühern Betheu⸗ rungen könne die Folge dieſer Verhandlung ſeyn. Selbſt der weltkluge Geiſt des Staatsmanns, ſo genau er die Welt und menſchliche Veränderlich⸗ keit kennen gelernt hatte, dachte zuweilen an die ₰☛ 35&- entfernte Möglichkeit, daß die Liebe bei Albert den Vorrang vor der kindlichen Pflicht behaupten und über die Einflüſterungen berechnender Weltklugheit triumphiren werde. Er war indeß gerüſtet, feſt zu bleiben, ſtreng auf ſeinem Grundſatze zu beharren, und allen Bitten, welche die Liebenden etwa zu Gunſten ihrer unglücklichen Neigung verſuchen wür⸗ den, ſtandhaft zu widerſtehen. Und doch, wenn er die bleichen Züge ſeiner Tochter betrachtete, und in dem trauernden aber ſtummen Gehorſam, den ſie zeigte, die kämpfende Anſtrengung der Selbſtbeherr⸗ ſchung beobachtete, gab er ſich wieder einer unbe⸗ ſtimmten Hoffnung hin, daß ſo viel Feſtigkeit nicht ewig unbelohnt bleiben würde. Die Ungewißheit ihrer Lage bot Ella immer noch einigen Troſt; gerade die W delbarkeit ihrer Gefühle bewirkte, daß ſie die Laſt herſelben weniger drückend empfand. Jede Stunde w ich an innern Sorgen, ein neu einen fernen H Augenblick verdunk zurde, nur um ſich aufs Neue wie er zu erheb des Luftſchloß, dem die Innigkeit ihrer Liebe gleichſam zum Grunde diente, ſtieg ſo, mit allem täuſchenden Glanze der Phantaſie geſchmückt, über den Trümmern der * £ 44 3* 2 4 36 So Leidenſchaft empor, nur um wieder in den düſtern Abgrund der Verzweiflung hinabzuſtürzen. Nach einigen Tagen wurde ein neuer Brief in das Schloß gebracht. Ellas Herz ſchlug höher als ſie den breiten Abdruck des Roſenthal'ſchen Wappens auf dem Siegel bemerkte: aber er kam nicht von dem Geliebten und enthielt nur das Verlangen des Grafen, daß die Briefe und Liebeszeichen(die zärt⸗ lichen Andenken früherer Neigung! ſofort zurück⸗ gegeben werden ſollten. Albert war mit keinem Worte erwähnt; auch nicht die leiſeſte Anſpielung auf ſeine Geſinnungen oder Gefühle; während ſein inerdrochen. Stillſchweigen als ſtumme Einwil⸗ ligung in die Wünſche ſeiner Familie ſchien gedeutet werden zu müſſen. Mochte auch Lindenberg darauf vorbereitet ge⸗ weſen ſeyn, ſ˖ Tochter verworfen und ihre Ge⸗ fühle gehöhnt ehen, ſo hatte er doch dieſe neue Erniedrigung nt und kaum wagte er es, ſich dem ſch u unterziehen, Ella em Op, das man von r zumuthen, den Schatz ſo viele ,die ſie Jahre hin⸗- durch geſammelt hatte, die ſtummen Geſellſchafter ihrer einſamen Stunden ruhig hinzugeben? Jedes Stück bildete ein Glied in der Kette ihrer Erinnerung, — ’ —— . *„ „ 37 So jedes koſtbare Andenken war geheiligt, durch irgend eine unvergeßliche Epoche in der Geſchichte ihrer Liebe; an jeden Juwel, jede Schreibtafel, ja an jede verwelkte Blume knüpfte ſich eine zärtliche Erinnerung: jedes bildete gleichſam einen beſondern Altar im Tempel der Treue. Wenige Dinge ſind für die Seele folternder als der Anblick früherer Briefe, oder der Geſchenke eines Weſens, von dem wir, ſey es durch die Hand des Todes, oder durch den Druck der Verhältniſſe auf ewig getrennt ſind. Ein ſchwermüthiger Reiz liegt in jedem Worte, das auf das vergilbte Papier gezeichnet iſt; ein ſinnverwirrender Zauber geht von jeder verwelkten Reliquie begrabener Gefühle aus, und führt eine Fluth ſtürmiſcher Schmerzen herauf, die ſelbſt in ruhigeren Augenblicken des ſpäteren Lebens das Urtheil zu überwältige mögen. Selbſt wenn der Sturm der Leidenſchaft gelegt, wenn der Stachel der Täuſchung hat, in der Bruſt zu wühlen, wer ihre B. ketten um uns Trümmern der vorgeſproßt iſt; die d heiligenden Schleier über die ithende Erinnerung an die jugendliche Neigung gebreitet hat: ſelbſt dann wird der unerwartete Anblick eines früher erhaltenen — “ . 3 1 9% 38 G⸗ Andenkens, eines Buchs, eines unbedeutenden Ge⸗ ſchenks, einer Blume, einer zufälligen Aehnlichkeit noch oft die blühende Wange des Weibes bleichen und den Glanz jener Augen verlöſchen, die noch einen Augenblick zuvor in der fröhlichen Heiterkeit neu entzündeter Reize und Wünſche ſtrahlten. Der einſtige Gegenſtand glühender Anbetung malt ſich wieder der Phantaſie vor mit all dem reizenden Zauber, der einſt die Einbildungskraft gefangen nahm; die dazwiſchen liegende Zeit wird vergeſſen; und die ganze Gegenwart geht unter in der Erinne⸗ rung an die Vergangenheit. Tag und Stunde, die Jahreszeit, der Ton der Stimme, der Blick, die Worte, der Ort, ja ſelbſt die eenruſände. die doch einſt, als die Seele ganz von dem Einen in Beſitz genommen war, ſo geringfügig erſchienen waren, kehren ie durch einen Zauberſchlag mit jener Lersdeniene in die Erinnerung zu⸗ rück, durch iefes Gefübl ſtets bezeichnet iſt. Das Weſen, d u bil das unſrige ſo e erwoben enheit Alles er⸗ ſtorben ſchien, Gegenwart allein die Welt um uns her be deſſen Lächeln unſere Lebens⸗ te, geiſter erregte, deſſen düſterer Blick jeden Keim der Fröblichkeit in uns erſtickte: dieſes Weſen hat, 1 39 R⸗ gleich einem gefallenen Sterne, aufgehört, an unſe⸗ rem Horizonte zu glänzen, und das Licht wahrer Liebe kann niemals wieder unſern Pfad erhellen! Das Herz kennt keinen zweiten Frühling. Es kann in der kräftigen Wärme des Sommers erglühen, oder die reifen Früchte des Herbſtes aus ſich her⸗ vorbringen, oder der„ſtummen Vergeſſenheit“ eines frühzeitigen Winters anheimfallen;— aber die erſten Blüthen ſeines Frühlings, einmal verweht von den Stürmen des Mißgeſchicks, oder ertödtet durch den Froſt der Treuloſigkeit, oder verwelkt durch die noch ſicherere Hand der zerſtörenden Zeit können kein zweites Mal hervorſproſſen. Und was that Ella unter den düſtern, unheil⸗ vollen Verhältniſſen, die wir ſo eben erzählt haben? r einem kurzen Monat noch hatte ſie geſchwelgt in der Fülle des Glückes; war ihr reines Herz noch reich an fröhlichen Gefühlen; waren ihre glühenden Schwüre beſtätigt durch die Einwilligung ihrer Eltern, und die unbezweifelte Treue und Zärtlichkeit ihres Verlobten. Keine Gefahr erwartend, keinen Nebenbuhler befürchtend, an keine Schuld denkend, hatte ſie keinen Wechſel geahnt. Selbſt der Treu⸗ loſigkeit unfähig, glaubte ſie, Alberts Seele könne nur das Nachbild und Echo der ihrigen ſeyn. Armes Mädchen! ſelbſt die ſanfteſten Töne der mütterlichen A 40& Stimme konnte die Sprache des Troſtes nicht reden, ohne daß die Saite mißtönend erklang, die nicht mehr harmoniſch zum Glücke ſtimmte.. Doch mit einer Selbſtbeherrſchung, die bei einem gewöhnlichen Mädchen hätte überraſchen müſſen, ſuchte ſie ſorglich alle Andenken, die Albert in der Fülle ſeiner Liebe ihr zu Füßen gelegt hatte, zu⸗ ſammen, und genoß zum letztenmale ihres Anblicks. Ein zierlicher Türkisring umſchlang ihren kleinen Finger; ein reiches Armband trug die verſchlungenen, ſchön in Haar gearbeiteten, Chiffern der Liebenden. Das Petſchaft, mit dem ſie alle ihre Briefe geſie⸗ gelt hatte, und das eine zärtliche Deviſe trug, die nur von den Liebenden ſelbſt verſtanden wurde, lag vor ihr. Ein Bleiſtiftfutteral mit reicher Einfa war an die elfenbeinernen Täfelchen angeheftet, auf denen Beide neben einander ihre Gefühle niederge⸗ ſchrieben hatten. Aber das Koſtbarſte von Allem war ein kleines ſybilliniſches Buch, deſſen geheim⸗ nißvoller Inhalt immer für Jedermann, außer die Liebenden ſelbſt, ein ungelöstes Räthſel geblieben war. Nur die eine Meiſterhand hatte die ſchön⸗ geglätteten Blätter beſchrieben. Zeichnung, Poeſie, Muſik, alles was in dieſem kleinen Compendium des weiblichen Herzens enthalten war, war gezeichnet und geſchrieben von— Albert. 41& Wer könnte die Gefühle ſchildern wollen, von denen Ella bewegt war, als ſie jedes theure Zeichen früherer Bande, jedes kleine Denkmal verlornen Glückes, eines nach dem andern ſchweigend betrach⸗ tete? Mit bleichen Wangen und zitternder Hand überſah ſie bekümmert die Schätze, die ſie mit gei⸗ ziger Sorgfalt geſammelt hatte und verweilte zärtlich und ſchmerzlich zögernd bei jeder kleinen Reliquie eines Gefühls, deſſen Dauer ſogar dieſe ſchwachen Andenken überlebt hatten, und während ſie hinblickte, dämmerte ihr allmählig die ſchreckliche Möglichkeit von Roſenthals Untreue. Endlich zog ſie aus einem kleinen Schmuckkäſtchen, gleichſam dem Allerheiligſten ihrer Seele, ſeine Briefe hervor! Alberts Briefe! werthlos für die ganze Welt außer für ſie; aber für unſchätzbar! welchen Schatz von Gedanken und Unterhaltung hatten ſie ihr nicht geboten! die ſüßeſte Nahrung für zärtliches Nachdenken, und den weiteſten Raum für die Spiele der Phantaſie. Jede Zeile war ihr bekannt, und enthielt einen ihr denk⸗ würdiger Ausdruck, ein zärtliches Beiwort oder ſcherzendes Geplauder. Sie konnte ſich nicht ent⸗ ſchließen, ſie zu leſen; ſie wagte es nicht einmal den Verſuch zu machen; auch war es nicht nöthig, denn ihr koſtbarer Inhalt lebte in ihrem Herzen als ein Theil ihres Weſensz wer kann alſo ihre Gefühle 1e 9 ₰ 42 würdigen, als ſie eine Wachskerze anzündend, ſie alle in Aſche verwandelte? Als ſie in die verzeh⸗ rende Flamme blickte, wie pochte und zuckte ihr Herz unter der Strafe, die ſie ſich ſelbſt aufgelegt! Wie ſtarr war ihr trübes ſchmerzendes Auge auf die geſchäftige Flamme gerichtet, welche die Blätter der Liebe mit Luſt zu verſchlingen ſchien; während dieſe in der tödtlichen Gewalt des zerſtörenden Ele⸗ ments zu zittern und zu zucken ſchienen. Als eine Zeile nach der andern, eine Seite nach der andern unlesbar wurde und dem Auge entſchwand, ſchien damit alles, was noch für menſchliche Treue und Liebe zeugte, in der langen dichten Rauchſäule zu verfliegen, die über dem zuſammengeſchmolzenen Papierſtoß, den ſchwarzen Trümmern einer vanſte ten Liebe, aufſtieg und in einem Bogen ſich au 3 tete; und als das letzte Fünkchen einen Augenblick flimmerte, und dann in ſchwarzer Aſche erloſch, ſchien die dunkle mürbe Maſſe noch immer in Todes⸗ kämpfen zuckend ſich zu winden, während Ella er⸗ ſchöpft und bewußtlos auf ihren Stuhl zurückſank. Das düſtere Opfer war vollendet, aber die eigentlichen Opfer lebten noch für künftige Prüfun⸗ gen und Leiden— vielleicht für künftige Belohnung und Vergütung. Für jetzt genügt die Angabe, daß die verlangten Pfänder gehxochener Gelübde an e - 43 S⸗ Graf Roſenthal durch denſelben Boten abgeſandt wurden, der die grauſame Forderung überbracht hatte; und der einſt ſo geliebte Name Alberts wurde fortan in dem Bereiche von Schloß Ehrenfels nicht mehr gehört. Drittes Kapitel. Haſt verſchmähet ein Herz, das ich gab Dir, Ein Unkraut, verhaßt Deinen Blick; Das ſo gerne gedient bis zum Grab Dir, Gabſt der kalten Welt Du zurück. Ungenannter. Der Wangen Roſe unverwiſcht, War nur mit ſanfterem Streif gemiſcht. Wohin war das Spiel der Li bpen gegangen? geg Das Lächeln war hin, das beſeelte die Wangen Byron Die feierlich dahinrollende Zeit, ſo ſehr wir Alle ihre Eile beklagen, thut viel für uns. Auf den Kummer der Gegenwart bringt die Zukunft Freu⸗ den, und der willkommene Mantel der Vergeſſenheit breitet ſich über den Leiden der Vergangenheit aus. Die Unebenheiten des Lebens glätten ſich durch den Einfluß der Zeit, und, durch die Länge des Un⸗ glücks ermüdet, legt ſich der gewaltige Kampf der Leidenſchaft. Drei traurige Monate waren verſtrichen, und Ella erholte ſich langſam von den Nachwirkungen jenes grauſamen Schlages, der die Hoffnungen und 45 S Ausſichten ihres jungen Lebens troſtlos vernichtet hatte. Sie bemühte ſich, die Vernachläßigung ihres Geliebten mit Ruhe und Ergebung, wenn nicht mit jenem heroiſchen Muthe zu ertragen, der öfter die Folge verwundeten Stolzes als überfließender Liebe iſt. Traurig und widerſtrebend hatte ſie in die düſtern Verhandlungen eingewilligt, und als das unglückliche Gefühl ihrer gänzlichen Verlaſſenheit mit ſeinem vollen Gewichte auf ihr laſtete, fühlte ſie in der Ueberzeugung von Alberts offenbarer Un⸗ würdigkeit zwiefachen Schmerz. Ihr ſtiller anſpruchs⸗ loſer Kummer beſaß eine eigenthümliche Schärfe, er hatte nichts von dem lärmenden Ungeſtüm, den man in der Regel bei den Uebeln des täglichen Lebens wahrnehmen kann, und der in laute Klagen aus⸗ bricht und in dem Umgang und der Geſellſchaft Anderer Troſt findet. Ellas Herz war ein ver⸗ ſchloſſenes Heiligthum; ſie ſprach nicht von ihren Leiden, ſie ſprach nicht von der Vergangenheit; ſie ſuchte keinen Troſt und nahm keinen an. Thränen, ſonſt bei Frauen ein unverſiegliche Quelle der Er⸗ leichterung, waren ihr verſagt; weibliche Zurückhal⸗ tung verbot ihr die äußeren Zeichen einer vergifteten Liebe blicken zu laſſen, der ſie nicht mehr nachzu⸗ hängen wagte, ausgenommen in der Stille der Nacht, wenn jedes menſchliche Auge ſich im Schlummer 46 geſchloſſen hatte, und kein irdiſcher Zeuge die hoff⸗ nungsloſe Glut ihrer Liebe beobachten konnte. Dann erſt konnten die tief verſchloſſenen Qualen ihrer Seele in ungehemmter Freiheit ausbrechen, und die lieblichen Züge, die im ermüdenden Gewühle des Tages das ruhige Lächeln ſchwermüthiger Faſſung trugen, einen andern Ausdruck annehmen; dann erſt fand der geheime Kummer, der auf ihr laſtete, eine Sprache; dann erſt floß der ſchwellende Strom der Empfindung, nicht mehr zurückgehalten durch das Gefühl des Gehorſams und der Schicklichkeit, unge⸗ hemmt und unbeargwohnt. Durch den äußeren Anſchein beruhigt oder viel⸗ leicht getäuſcht war Frau v. Lindenberg mit dem Betragen ihrer Tochter vollkommen zufrieden, und ſchenkte ihrem Benehmen, das ihren Anſichten von Anſtand und Würde völlig entſprach, unbedingte Billigung. Sie wähnte, die ruhige Heiterkeit, die auf dem Geſichte ihres Kindes lag, ſey ein zuver⸗ läßiges Zeichen innerer Ergebung, während die wechſelnde Farbe ihrer Wangen, ihr unruhiger Blick, ihre oft bemerkbare Theilnahmloſigkeit unbeachtet blieb. Die ruhige Erhabenheit der umgebenden Land⸗ ſchaft war geeignet, auf eine ſo jugendliche Phantaſie einzuwirken. Die Feierlichkeit, die ſtille Ruhe der —— 47 Æo Natur bildete einen ſtarken Contraſt zu Ellas hefti⸗ ger Unruhe. Die Abweſenheit aller äußern Anregung, aller ſtreitenden Intereſſen, machte durch Einförmig⸗ keit ihren Zuſtand noch unerträglicher. Es war nichts vorhanden, durch das ſie von der brütenden Betrachtung ihrer verlaſſenen Lage hätte abgezogen werden können. Der ſauſende Wirbelwind der Leidenſchaft kann zuweilen, in dem furchtbaren Ungeſtüm ſeines ver⸗ heerenden Laufes, den Leidenden vernichten; aber jene trügeriſche Ruhe, die den Wurm des Kummers verbirgt, iſt in ihren Folgen um Vieles gefährlicher. Die täuſchende Heiterkeit, die ſich durch die Trauer hindurchkämpft, wie die Sonne in rothen, gebrochenen Strahlen glänzt, wenn Wolken den Horizont ver⸗ dunkeln, und das zuckende Lächeln, das den Kummer zu verbergen ſucht, den es nur verſpottet: dieſe ſpre⸗ chen jeder Vergleichung mit den lauten Ergießungen einer nicht zurückgehaltenen Verzweiflung Hohn. So war es bei Ella: die Stille ihres Schmerzes war der ſtärkſte Beweis für ſeine Bitterkeit, und dauerte dieſer Zuſtand geiſtiger Niedergeſchlagenheit lange, ſo mußte ſie unrettbar darunter erliegen. Der Baron, gewohnt, auch die verwickeltſten Fäden der Gedanken ſeiner Tochter zu entwirren, kannte genau die Gefahr und die Qual ihrer Lage, 48 So aber er fühlte zugleich ganz die Schwierigkeit der mißlichen Aufgabe, die ihm hier zufiel. Er hielt es nicht für nöthig, ſeine Beſorgniſſe oder ſeine Ge⸗ dänken darüber ſeiner zärtlichen Gattin anzuver⸗ trauen; denn eine Mittheilung der Art konnte die Heiterkeit der Mutter völlig zerſtören, ohne die Schmerzen der Tochter zu lindern. Es war in der That eine geſchickte Hand erforderlich, um ihre ſchwärende Bruſt zu unterſuchen; denn eine verfehlte Heilmethode konnte die friſche Wunde, die ihre Ge⸗ fühle erhalten hatten, nur verſchlimmern. Zum erſtenmal in ſeinem Leben war Lindenberg unent⸗ ſchloſſen. Er konnte nicht, ohne etwas dagegen zu verſuchen, ſeine Ella als Opfer ihres Schmerzes verſchmachten laſſen, und ihre blühende Lieblichkeit nicht, gleich einer vom Gifthauch berührten, noch nicht zur Reife gelangten Pflanze, verwelken ſehen. Aber einem ſolchen Weſen unter ſolchen Umſtänden wirkſamen Troſt zu reichen, war ein höchſt mißliches Unternehmen; denn nicht in den kalt abgemeſſenen Worten eines väterlichen Rathes konnte hier Er⸗ leichterung geſpendet werden; kalte Lehren der Le⸗ bensklugheit lindern nicht die verzehrenden Qualen des brechenden Herzens; die ernſte Stimme des väterlichen Anſehens konnte den Stachel des Schmer⸗ zes zurückdrängen aber nicht herausnehmen; dieſer — 49 G⸗ griff immer tiefer, je ſorgſamer jede äußere Dar⸗ legung zurückgehalten wurde. Religion, dieſe himmliſche Tröſterin für irdi⸗ ſches Weh, Religion allein beſaß die Macht, die Seele des Fräulein von Lindenberg von der düſtern Empfindung ihres Schmerzes zu dem Gedanken zu erwecken, daß höhere Pflichten ſie erwarten; aber obgleich von einem harten Schlage getroffen, war ſie noch nicht fähig, den geiſtlichen Troſt anzuneh⸗ men, der den Unglücklichen erwartet, wenn er von Allem verlaſſen iſt. Wie oft geſchieht es, daß wir nach Mitteln ſuchen, einen erſehnten Gegenſtand zu erlangen, den vielleicht eine unerwartete Geſtaltung der Umſtände plötzlich, ohne irgend eine Anſtrengung von unſerer Seite in dem Augenblicke uns entgegenführt, wenn unſere Fähigkeiten, Vorſorge und unſer Scharfſinn ſich erſchöpft haben. So beſchämt die Vorſehung oft auf das Einfachſte unſere Anſtrengungen, gleich⸗ ſam um uns deren Unzulänglichkeit zu zeigen. Gerade als Lindenberg hoffnungslos die Fruchtloſigkeit aller ſeiner Bemühungen erkannte, trug ein unvorher⸗ geſehenes Ereigniß in hohem Grade dazu bei, die Ruhe Ella's wieder herzuſtellen und ſie zu dem Ge⸗ fühle zu erwecken, daß ſie andere Verpflichtungen habe, ernſter als jene Bande mädchenhafter Liebe, Ella. II. 4 —2₰ 50- die jetzt von derſelben Hand zertrennt waren, die ſie einſt geknüpft hatte. Leopold hatte das Verſprechen eines Urlaubs erhalten und benachrichtigte ſeine Familie von dem bevorſtehenden erfreulichen Beſuche. Sein Regiment war nach Wien zurückgekehrt und derſelbe Brief, der ſeine Ankunft in der Hauptſtadt meldete, brachte auch die Nachricht von ſeinem beabſichtigten Beſuche auf Ehrenfels. Dieſe Zeitung wurde in dem erfreuten Familien⸗ kreiſe mit Entzücken begrüßt und äußerte einen un⸗ mittelbaren Einfluß auf die Lebensgeiſter Ella's, welche fühlte, daß ſie noch Intereſſen habe, theurer, viel theurer als ihre eigenen, und daß die beiligen Gefühle ſchweſterlicher Neigung von der Sehnſucht einer unheiligen Liebe nicht ganz überwältigt werden können. Sie fühlte wieder einen Trieb zum Leben, zur Thätigkeit; der Name ihres Bruders wirkte wie ein Talisman, und ſie erwachte wieder zu ängſt⸗ licher Beſorgniß, zu täglicher Erwartung. Der Freund, der Gefährte, der Spielgenoſſe ihrer Kindheit ſollte zurückkehren. Leopold war der Vertraute, der ritter⸗ liche Beſchützer und der Lehrer ſeiner Schweſter ge⸗ weſen, und eine fünfjährige Trennung konnte die zärtliche Erinnerung nicht verwiſchen. Das Ich war vergeſſen, die perſönliche Täuſchung erheiterte ſich 7 — % 51 zu fröhlicher Erwartung, die Theilnahmloſigkeit des Schmerzes belebte ſich zur Thätigkeit, und der brü⸗ tende Gram wich einer Fülle von Freude, als ſie ſich mit munterem Schritte und ſtrahlendem Geſichte beeilte, zu den mannigfaltigen Zurüſtungen für ſeine Ankunft mitzuwirken. Ihre Sorge war es beſonders, das Zimmer, das der junge Krieger bewohnen ſollte, geſchmackvoll einzurichten; ſeine Lieblingsſchriſtſteller wurden herbeigeholt und auf dem ſchwarzen eichenen Büchergeſtell, das ſein Studierzimmer zierte, nach der ſinnigſten Anordnung aufgeſtellt; ſeine Kupfer⸗ ſtiche, ſeine Karten, ſeine militäriſchen Plane und Zeichnungen wurden ſorgſam in verſchiedene Mappen eingetheilt; das Bild ſeines Lieblingshundes, einer Neufoundländer Dogge, wurde in der beſten Be⸗ leuchtung aufgehängt; ihre ſchönen Hände brachten die feinen, ſchneeweißen Vorhänge an den Fenſtern an, und der Teppich, der mit glühenden Farben den geglätteten Fußboden bedeckte, war ein Werk ihrer jungen Hände. Verſchiedene Waffen, der Stolz und Ruhm des Jünglingsalters, hingen über dem Kamin; charakteriſtiſche Trophäen früheren Ruhmes an dem Getäfel umher, und zahlloſe Spolien bezeugten den Erfolg, von dem die edle Beſchäftigung mit der Jagd begleitet geweſen war. Aeſtereiches Hirſch⸗ geweih wetteiferte mit den weißen und glänzenden 4* 2 52 Zähnen des Ebers; der Schwanz des Fuchſes kon⸗ traſtirte mit dem gräßlichen Kopf des Wolfes; dies, mit dem gewöhnlichen Vorrath von Pulverflaſchen, Piſtolen, Jägerhörnern, Angelruthen und Fiſchgerä⸗ the, einer alten Muskete, einer neuen Doppelflinte, einem Jagdmeſſer und einem breiten Schwert(dem erſten, das der ungeübte Arm Leopolds von Linden⸗ berg handhabte): dies machte die Verzierung ſeines Zimmers aus. Die Baroneſſe, die ſich ausſchließlich ihrer müt— terlichen Zärtlichkeit hingab, genoß das entzückende Gefühl der Erwartung, das zuweilen den wirklichen Beſitz noch überwiegen kann. Viel und mannig⸗ faltig waren die Beſchäftigungen, Anordnungen und Befehle, die ihre beſondere Aufſicht in Anſpruch nahmen. Die Rückkehr Leopolds war für ſie ein zu wichtiges Ereigniß, als daß man es nicht mit Gepränge hätte feiern müſſen. Es war in der That ein Ereigniß, das einen Strahl von Glück auf die ganze Familie warf und war hinreichend, die Herzen der treuen Schaar von Pächtern zu erfreuen, die mit ſchmeichelhafter Neugierde nach dem Schloſſe zogen, um die Beſtätigung ihrer innigen Wünſche zu erhalten. Der Baron ſah mit ſtummer Dankbarkeit auf die geſchäftige Scene; die Hoffnung ſeinen lang * 2 53 S⸗⸗ abweſenden Sohn zu umarmen, war nicht allein ſeiner innigen Liebe willkommen, ſondern er fühlte auch, daß ſeine Tochter dadurch gerettet würde, daß die neue Richtung, die ihre Gedanken plötzlich dadurch erhielten, die geringfügigen, aber für die Seele be⸗ ruhigenden Einzelnheiten, die ihren Geiſt beſchäf⸗ tigten, weit wohlthätiger wirkten, als Vernunft⸗ gründe oder überzeugende Logik. Heiterkeit lächelte wieder einmal in dem häus⸗ lichen Kreiſe, und nur die Gegenwart Leopolds war noch nöthig, um das Dämmern der Hoffnung in den Sonnenſchein der Wirklichkeit zu verwandeln. Die Jahreszeit war weit vorgeſchritten, das Wetter kalt und unfreundlich, die Tage hatten ihre kürzeſte Dauer erreicht und die traurige Länge eines Januar⸗ abends forderte die anregenden Hülfsmittel eines lodernden Heerdes und fröhlicher Laune. Der durch⸗ ſichtige Grund des Sees, der ſonſt in tauſend leb⸗ haften Farben ſtrahlte, war jetzt eine ununterbro⸗ chene Eisfläche; zu Zeiten hörte man das Aechzen der Fichtenwälder, wenn der Winterſturm durch die hohen Bäume ſauste und in ſeinem furchtbaren Laufe ihre ſtolzen Häupter beugte. Die ſchönen, langen Aeſte des Lerchenbaumes mit jener biegſamen Zier⸗ lichkeit, welche die Schönheit des Baumes ſo weſent⸗ lich erhöht, hatte der kalte Froſt mit einer dichten Rinde 2 54 So überzogen, und die phantaſtiſchen Umriſſe der ent⸗ fernten, in Schnee gehüllten Berge bildeten einen ſtar⸗ ken Kontraſt mit dem blauen Horizont. Einige Zeit war verſtrichen ſeit der erſten An⸗ kündigung von Leopolds beabſichtigtem Beſuch, und da keine weitere Kunde ſeine erwartungsvolle Fa⸗ milie erreicht hatte, harrte ſie mit Ungeduld auf ſeine Ankunft; denn jede häusliche Anordnung zu ſeinem Empfange war vollendet, und die Aufregung, die eine Zeit lang in dem ganzen Schloſſe geherrſcht hatte, hatte allmählig einer durch langes Unerfüllt⸗ bleiben der Hoffnung hervorgebrachten Verdroſſenheit Platz gemacht. Ella, obgleich durch dieſe ermüdende Verzöge⸗ rung niedergeſchlagen, erwartete gleichwohl ſtündlich ihren Bruder. Aber Leopold kam nicht. Ein Tag nach dem andern verging, ohne daß ein Brief oder ein Bote ſein langes Ausbleiben erklärte; dies deu⸗ tete ihr liebevoller Scharfſinn als einen Beweis da⸗ für, daß er ſeine Reiſe bereits angetreten, während ein neuer Schneeſturm für ein Hinderniß einer ſchnelleren Reiſe galt. So hängt ſich der Geiſt an Das, was er liebt, ſo ſind wir alle geneigt, unſere Beſorgniſſe durch das gefährliche Mittel der Selbſt⸗ täuſchung einzuſchläfern! Der Baron hatte zu lang gelebt, als daß — 8 55 G⸗ Vermuthung bei ihm die Stelle einer Thatſache hätte vertreten können, er ſühlte ernſthafte Unruhe über den ſonderbaren Widerſpruch in dem Benehmen ſeines Sohnes, der bisher die ehrfurchtsvollſte und zärt⸗ lichſte Ehrerbietung gegen ſeine Eltern, die wärmſte Sorglichkeit für ſeine Schweſter gezeigt hatte, die der Gegenſtand ſeiner beſtändigen, genauen Fragen war. Lindenberg konnte nicht glauben, daß eine wenn auch noch ſo lockende Verſuchung zum Genuſſe irgend eines Vergnügens der Grund dieſer Verzö⸗ gerung ſey, und der Baron war genöthigt, eine ſchlimmere Folgerung zu machen; er war in der That überzeugt, daß nur ein wichtiges Ereigniß den jungen Soldaten von dem väterlichen Dache ent⸗ fernt halten könne.— Wieder neigte ſich ein trauriger Tag der Täu⸗ ſchung ſeinem Ende zu. Viele Stunden lang hatten Schnee und Hagel mit einander abgewechſelt, aber ein ſcharfer Nordoſtwind, der gegen Nacht ſich er⸗ hoben, reinigte die Luft. Prächtiger Sternenglanz folgte auf die Düſterheit des Abends und die Aus⸗ ſicht vom Fenſter bot ein herrliches Gemälde der Winterſchönheit. Aber der Ausdruck tiefer Trauer lag auf der Landſchaft. Das Antlitz der Natur war nur durch einen Schleier von fleckenloſer Reinheit ſichtbar, der ſchimmernd gleich Edelſteinen erglänzte, als 56 So der aufgehende Mond ſein blaſſes Licht auf die Scene warf. Aber wie die künſtleriſchen Ueberbleibſel an⸗ tiker Sculptur, oder todte Schönheit im Leichen⸗ gewande, ſo konnte man die in Schnee gehüllte Land⸗ ſchaft nicht betrachten, ohne tief durchdrungen zu werden von dem Gedanken, daß die Lieblichkeit nur oberflächlich, daß Alles darunter kalt und todt iſt. Die Familie war in dem Tapetenzimmer verſam⸗ melt, das für alle die Zwecke beſtimmt war, denen in moderneren Wohnungen der elegantere Salon dient. Hier kamen ſie gewöhnlich nach dem Mittag⸗ eſſen zuſammen und blieben, bis in der Halle unten das Abendeſſen aufgetragen war. Dieſes Gemach, obwohl in der Bauart dem übrigen Gebäude voll⸗ kommen ähnlich, hatte eine koſtbarere Ausſtattung. Die hohe Decke hatte eine ähnliche Wölbung wie die der bereits geſchilderten Halle und war wie dieſe in kleine Felder eingetheilt, mit eichenem Schnitzwerk von herrlicher getriebener Arbeit, dem die Zeit eine Farbe gegeben hatte, durch die es für Ebenholz hätte gelten können. Dies gab dem Zimmer, das ſonſt, da es mit reicher Vergoldung geziert war, des Glanzes keineswegs ermangelte, ein gewiſſes düſteres Aus⸗ ſehen. Auch hier war das Getäfel mit prachtvollen Tapeten bedeckt, auf welchen noch immer die Herr⸗ lichkeiten einer fürſtlichen Jagd, trotz der Fülle der — 57 S⸗⸗ Jahre und den ſchnell verbleichenden Farben, in le⸗ bendiger Mannigfaltigkeit zu ſchauen waren. Dieſe Ueberbleibſel eines früheren Luxus waren vollkommen gut erhalten; gleichwohl drang der ſchnei⸗ dende Wind, den ſie abzuhalten beſtimmt waren, durch das dichte Gewebe hindurch und durchfröſtelte die verſammelten Bewohner des Zimmers. Die Fenſter, obgleich mit eiſernen Fugen und Riegeln verſchloſſen, raſſelten bei jedem friſchen Windſtoße, der düſter über den gefrorenen See herwehte und durch die unzähligen Oeffnungen und Höhlungen ſauste, welche die Zeit in die Mauern eingegraben hatte, und ſo wurden die Beſorgniſſe über das Aus⸗ bleiben Leopolds immer dringender. Ella ſaß an einem großen Büchertiſch in der Mitte des Zimmers, auf dem eine franzöſiſche Lampe ſtand, die in ihrer nächſten Nähe einen Kreis von hellem Lichte verbreitete, aber das übrige Ge⸗ mach in Dunkelheit ließ. Sie war mit Näherei be⸗ ſchäftigt, die aber oft unbemerkt aus ihrer Hand fiel, wenn ſie ihre Taubenaugen mit forſchendem Ernſte erhob, wie um in den Zügen ihres Vaters die Ur⸗ ſache des langen Ausbleiben ihres ſehnlich erwar⸗ teten Bruders zu leſen.— Die Baroneſſe ſaß in einem jener hequemer bergeres von gelbem Sammt mit verg a 1 3 ſe hagexer und bleicher als gewöhnlich ausſahen. ſagte ſie in einem Tone, in welchem 3 58 S⸗ und gerundeter Rückſeite, die aus den Salons von Paris und Wien längſt verbannt ſind, aber in ſehr vielen Schlöſſern des Feſtlandes noch einheimiſch gefunden werden. Sie hatte ſich in die Nähe des Kamins geſetzt, der hoch und tief genug war, daß auf beiden Seiten des Heerdes ein Sitz angebracht werden konnte. Auf dem letzteren loderte kniſternd ein Haufe Reisholz und entlaubte Zweche, wodurch das ſonſt unbehagliche Ausſehen des Zimmers wieder gewann. Ein Stickrahmen ſtand vor Frau von Linden⸗ berg, die eine jener end⸗ und zielloſen Arbeiten be⸗ gonnen hatte, aus denen zuletzt ein ganzes Staats⸗ zimmer mit Seſſeln, Sopha's, Tabourets und Fau⸗ teuils hervorgeht. Mit— Beginn unſerer Ge⸗ ſchichte war dieſe Arbeit begonnen und ſeitdem fort⸗ geführt worden und noch konnte Niemand berechnen, wann ſie vollendet ſeyn würde. Gleichwohl arbeitete die Baroneſſe daran fort und fand in dieſer koſt⸗ baren, aber ihrem vollen Werthe nach nicht zu wür⸗ digenden Arbeit ſtets Troſt und Linderung. Lindenbergs ernſte Züge wurden immer nach⸗ denklicher, als er abwechslungsweiſe leſend und nach⸗ ſinnend daſaß, und Ella bemerkte zum erſtenmal, daß — 59&⸗ ſich mehr eine Frage, als eine Behauptung aus⸗ drückte:„Sie ſind gedankenvoll? Doch nicht leidend, hoffe ich?“ „Nein! nicht leidend, meine Ella,“ verſetzte er; „aber ich bin bekümmert und weiß nicht, wie dieſe ungewöhnliche Niedergeſchlagenheit ſo plötzlich an mich gekommen iſt.“ Die Baroneſſe hielt mitten in einer Roſenknoſpe inne.„Nein, Friederich,“ rief ſie,„hätte ich es gewagt, die Ahnung eines drohenden Uebels Dir zu bekennen, was würdeſt Du mir geantwortet haben?“ „Wahr! meine Karoline, wir Deutſche machen uns zu oft einer Hingebung an träumeriſche Be⸗ trachtungen und grundloſe Befürchtungen ſchuldig, die mit Vernunft, Philoſophie und Offenbarung unverträglich iſt.“ „Aber iſt nicht Vernunſt, Philoſophie und vor Allem die Offenbarung uns dazu geſchenkt, daß wir im Stande ſeyn mögen, die Stärke der Wahrheit den Täuſchungen der Einbildungskraft entgegen zu ſetzen?“ bemerkte Ella beſcheiden. „Wohl geſprochen, mein theures Kind,“ ſagte der Baron,„glaube indeß nicht, daß das Gefühl eines bevorſtehenden Unglücks, das mich jetzt nieder⸗ drückt, auf bloßer Einbildung beruht.“ „Du haſt doch keine ſchlimme Nachrichten aus 60& Wien, hoffe ich?“ fragte ihn ſeine Gattin, unruhig von ihrem Stuhl aufſtehend. „Durchaus keine, theure Karoline. Beruhige Dich; ich habe Euch nichts mitzutheilen. Zweifel allein iſt die Urſache meiner Niedergeſchlagenheit. Leopolds unerklärliches Ausbleiben iſt der Grund meiner unbehaglichen Stimmung.“ „Leopold!“ riefen Mutter und Tochter zugleich; „ſo haben Sie Nachrichten von ihm erhalten?“ „Ich wollte ich hätte,“ ſagte der Baron;„ge⸗ rade dies, daß ich ohne alle Nachricht bin, ängſtigt mich.“ „Stets hat bis jetzt Leopold uns Gehorſam ge⸗ zeigt,“ ſeufzte die Baroneſſe. „Die Heftigkeit der Jugend und das geſchäfts⸗ volle Treiben des Soldatenlebens hat ſeiner Neigung für ſeine Eltern noch niemals Eintrag gethan,“ be⸗ merkte Lindenberg;„er iſt unfähig, durch willkürliche Vernachläßigung mit uns zu ſpielen. Gewiß hätte er längſt geſchrieben oder wäre bei uns, wäre er nicht durch einen unerwarteten Vorfall daran ver⸗ hindert geweſen. Es muß ein ungewöhnliches Er⸗ eigniß Statt gefunden haben.“ „Guter Himmel! wenn unſer Sohn in Noth und Gefahr wäre,“ rief ſeine Gattin, ihre Arbeit aufgebend und in ſprachloſer Angſt aufſpringend. 2 61 „Ich kann weder meinen Gefühlen, noch meinen Beſorgniſſen Worte geben,“ verſetzte der Baron, ſeine Hand an ſeine Stirne legend.„Ein unwiderſteh⸗ liches Gefühl düſterer Ahnung ſchwebt über mir— eine Unruhe des Geiſtes, die ich weder erklären, noch bezwingen kann.“ „Ein Vorgefühl von Unglück!“ unterbrach ihn die Baroneſſe.„O Friederich, ſo haſt auch Du dieſes Gefühl? Bis dieſen Augenblick wagte ich nicht, Dir meine eigenen düſteren”“— „Horch!“ rief Ella, haſtig aufſtehend,„ich höre einen Laut.“ Der Baron erhob ſein Haupt, während ſeine Tochter die dichten Vorhänge von den Fenſtern zu⸗ rückzog. Der Mond entſtrömte aus kleiner Scheibe ein glänzendes Licht; die bleichen Strahlen ſchim⸗ merten zitternd durch die Fenſterflügel. Myriaden Sterne ſchmückten das Firmament. Alles war drau⸗ ßen kalt und hell, und durch die froſtige Atmoſphäre drang das fernſte Geräuſch mit erſchreckender Deut⸗ lichkeit. In dieſem Augenblick ſchlug der treue Haus⸗ hund im Hofraum mit ſtarker und tiefer Stimme an, und der Laut eines eiligen Pferdes verkündigte einen Beſuch. Ein lauter, wiederholter Ruf erſchallte durch das Schloß und in zwei Augenblicken lag Leopold in den Armen ſeiner Eltern. Viertes Kapitel. Es macht dem Ohr gar bösliche Empfindung Das Aufzieh'n des Piſtolhahns, wenn ihr wißt Nach euerer Perſon dreht ſich die Mündung. Lord Byron. Eine Zeit lang waren die Gefühle und die Auf⸗ merkſamkeit der Familie ganz verſchlungen in dem heiteren Austauſch der Begrüßungen, und erſt nach⸗ dem Leopold die warmen Liebkoſungen ſeiner Eltern empfangen und erwiedert hatte, fand die auffallende Veränderung, die mit ſeinem Aeußeren vorgegangen war, Beachtung. Fünf Jahre waren verfloſſen, ſeit er das väter⸗ liche Haus verlaſſen hatte als Knabe, aber als Knabe voll Hoffnung, ſeiner äußeren, wie ſeiner innern Anlage nach. Er war jetzt zu ſeiner ganzen Größe herangewachſen und ſein feſt gebauter und gleich⸗ wohl ſchöner Körper ſchien eben ſo geeignet zu that⸗ kräftiger Ausführung ſeiner Obliegenheiten, als zu ſtandhafter Ausdauer in Strapazen. Das glänzende nußbraune Haar, das in ſeiner Kindheit aller An⸗ ſtrengungen mütterlicher Geſchicklichkeit ſpottete und —= 63 ungehemmt, keinen Zwang ertragend, in eigenſinni⸗ ger Verwirrung herabwallte, hatte allmählig ſeine glänzendere Farbe in ein prächtiges Dunkelbraun verwandelt, und ohne jene krauſe Verwirrung theilten ſich jetzt die vollen Locken auf eine natürliche Weiſe an den Schläfen, ſo daß die hübſchen Umriſſe einer hohen Stirne ſichtbar wurden. Die tiefblauen, la⸗ chenden Augen, von langen, ſchwarzen Wimpern über⸗ ſchattet, durch welche einſt der Geiſt des Muthwillens und knabenhafter Luſtigkeit ſtrahlte, hatten nichts von ihrem Glanze verloren; aber der Ausdruck des Scherzes war entſchwunden, ihr Blick ſprach jetzt von Liebe, von Krieg, von Schmerz, von kühnen Abenteuern, aber nicht mehr von Freude. Seine ein⸗ geſunkene, von Kummer abgezehrte, Wange hatte die Roſenröthe der Jugend mit der Bräune des reiferen Alters vertauſcht, eine Farbe, deren Dunkelheit den Ausdruck ſeiner feinen regelmäßigen Züge um Vieles erhöhte und wodurch ſich ſogleich die Vorſtellung auf⸗ drängte, daß er viele Wechſelfälle und Mühſelig⸗ keiten des Kriegslebens erduldet haben müſſe. Der junge, unbekümmerte Leopold, der, die ſturmvolle Laufbahn des thätigen Lebens zu verfolgen, Ehrenfels verlaſſen hatte, kehrte dahin zurück als ein Mann; als ein Mann, der ſich an das unruhige, geſchäftige Treiben des Lebens gewöhnt, der von dem Kelch des Genuſſes gekoſtet und bereits auch die Hefe geſchmeckt hatte, die Denen unausbleiblich zum Looſe fällt, welche ſeine berauſchenden Freuden genießen. Eine kurze Zeit iſt hinreichend, um die Sorg⸗ loſigkeit der Jugend in die Verantwortlichkeit des Mannesalters umzuwandeln, und die fünf Jahre, welche über Leopolds Haupt dahin gegangen waren, hatten ihm ihren Verlauf mit dem unauslöſchlichen Stempel der Erfahrung eingedrückt. So ſieht die glühende Jugend, die in brauſendem Selbſtvertrauen, in den Täuſchungen der Einbildungskraft beſangen, in das Leben ſtürzt, die eiſernen Zähne des Unglücks/ die ihr entgegenſtarren, nicht eher, als bis ſie wirklich in den Netzen gefangen iſt und die Seele bereits gelernt hat, ſich unter den Druck des Mißgeſchicks zu beugen; erſt dann bemühen wir uns, die Wieder⸗ holung des Streiches zu verhüten, den wir zuvor abzuwenden nicht bedacht geweſen. Die lang erſehnte Zuſammenkunft, die während ſo vieler Tage die Gedanken und Gefühle jedes Mitglieds des häuslichen Zirkels von Ehrenfels aus⸗ ſchließlich beſchäftigt hatte, ſollte für Alle eine dü⸗ ſtere und ſchreckensvolle werden. Leopolds Rückkehr brachte eine Fülle von Leiden, und das Ereigniß, das 65 S man als einen Vorboten der Freude begrüßt hatte, brachte nur Täuſchung. In zartem Alter der väterlichen Leitung ent⸗ zogen, den Gefahren und Verſuchungen eines un⸗ abhängigen Berufes ausgeſetzt, war es nicht zu verwundern, wenn Leopold es an Klugheit mangeln ließ, die ein einfaches aber weſentliches Erforderniß iſt, deſſen Abweſenheit nicht nur die glänzendſten Fähigkeiten des Geiſtes verdunkelt, ſondern ſie häu⸗ fig ſogar zu einem bloßen Spielwerke herabſetzt. Gleich den ſchwer zu gewinnenden Vortheilen der Erfahrung muß auch die Klugheit errungen werden; denn nur wenige Perſonen beſitzen ſie als angebo⸗ renes Gut. Aber die erſten Lehren, welche die rohe Berührung der Welt dem Gemüthe eindrückt, laſſen tiefe und dauernde Spuren in dem Herzen zurück, und beſchleunigen die träge Entwicklung einer Tu⸗ gend, welche aus den minder liebenswürdigen Nei⸗ gungen der menſchlichen Natur entſpringt. Schmerzlich überraſcht und gedemüthigt durch die Kunde von dem Unglück ſeines Vaters, hörte Leopold die Erzählung der unerwarteten Wechſel⸗ fälle, welche mit ſeiner Familie ſtattgefunden, nur verwirrt und unzuſammenhängend, und erſt bei ſei⸗ ner Ankunft in Wien wurde ihm das Ereigniß in ſeinen Einzelnheiten bekannt. Sein erſtes Gefühl Ella. II. 5 66&e war, Genugthuung von Roſenthal zu fordern, der, wie er einſah, dem Fräulein von Lindenberg die Treue gebrochen hatte. Aber Albert war in Italien, und der Graf und die Gräfin verweilten noch immer in Böhmen. Außer Stand, den Gegenſtand ſeiner Rache zu erreichen, ſuchte Leopold um Urlaub nach, denn er ſehnte ſich nach einer ſo langen Trennung die Seinigen wieder zu ſehen; und mit einer ihm eigenthümlichen Hitze kündigte er ſeine Rückkehr nach Ehrenfels an, ehe er noch die nachgeſuchte Erlaub⸗ niß von ſeinem Kommandanten erhalten hatte. Verdientermaßen der Günſtling ſeiner Kamera⸗ den, war Hauptmann von Lindenberg gerade der Mann, den Tadel der älteren Offiziere hervorzu⸗ rufen. Sein unruhiges Temperament verhinderte die Beſonnenheit der Ueberlegung, und gegen die gewöhnlichen Regeln des Betragens, faßte Leopold zuerſt einen Entſchluß und erſt dann überlegte er. Hochherzig, edelgeſinnt, voll Heiterkeit und muthwilligen Scherzes mußte man Leopold lieben, und zugleich beklagen, daß die überwiegende Leb⸗ haftigkeit ſeines Tempraments nicht durch die nüch⸗ terneren Eigenſchaften des Verſtandes in gewiſſem Grade gemildert war. Als Soldat war er durch kühnen Muth ausgezeichnet, wodurch er ſich die Liebe ſeiner Leute gewann; denn Truppen ſind dem 2 67 So tapferſten ihrer Offiziere ſtets am geneigteſten, und der, welcher ſie am häufigſten in Gefahren anführt, darf gewiß ſeyn, daß er ſich eine große Anzahl von Bewunderern und Anhängern gewinnt. Aeltere Offi⸗ ziere ernſteren Charakters mußten ihm zuweilen unwillkührlich Beifall lächeln und kopfſchüttelnd zur Unternehmung Glück wünſchen, während andere weniger freundlich und mehr berechnend die Meinung auszuſprechen wagten: ſo vielverſprechend Haupt⸗ mann von Lindenberg ſcheine, ſo werde er doch zu⸗ letzt durch ſeine rückſichtsloſe Unbekümmertheit um die Folgen ſeine Laufbahn ſich verderben. Kaum hatte Leopold ſeinen Urlaub erhalten, als er ſich rüſtete in ſeine Heimath zu eilen. Als er indeß eingeladen wurde, mit einer Anzahl Offiziere in der Nacht vor ſeiner beabſichtigten Abreiſe ein Abendeſſen einzunehmen, ergriff er freudig die Ge⸗ legenheit, im Kreiſe ſeiner Freunde einen Abend zuzubringen, und ſo von allen jenen Kriegsgenoſſen, mit denen er die Unruhe des Lagers getheilt hatte einen fröhlichen Abſchied zu nehmen. Indeß war der Kreis der Theilnehmer weit ausgedehnter, als man ihn hatte erwarten laſſen, und außer vielen Perſonen, deren perſönliche Bekanntſchaft er nicht gemacht hatte, befanden ſich dabei auch einige Indivi⸗ duen, die gegen die amtliche Thätigkeit des Freiherrn 5* 68 So feindſelig geſinnt waren. Indeß war es Leo⸗ pold, der von allem Parteigeiſt und allen Rache⸗ gefühlen frei war, gleichgültig die politiſchen Gegner ſeines Vaters zu treffen. Unedler Gefühle oder Privatleidenſchaften unfähig, war er verdientermaßen der allgemeine Liebling ſeiner Freunde geworden, und die große Selbſtbeherrſchung, die er bisher bei allen Gelegenheiten gezeigt hatte, machte ihn ſelbſt bei ſeinen weniger vertrauten Bekannten beliebt. Die nicht ſehr gewählte Geſellſchaft bei dieſer Ge⸗ legenheit, zu der der Zutritt durch keine Grenzen beſchränkt zu ſeyn ſchien, hätte wohl einem reizbaren Temperamente eine Ouelle des Verdruſſes werden können, aber für einen, der nur den Genuß des Augenblicks ſuchte, war dies von geringer Bedeu⸗ tung, und ſo theilte Leopold mit ſeiner gewöhnlichen Heiterkeit die Freuden der Geſellſchaft. Man brachte die Zeit zuerſt mit Hazardſpielen zu, in denen Leopold ziemlich glücklich war; aber bald vertauſchte man die Lockungen der Glücksgöttin gegen die ſubſtantielleren Genüſſe der Tafel. Die endloſe Dauer eines deutſchen Abendeſſens wurde bereits bis ins Einzelne geſchildert. Lurus, Glanz und geſellſchaftliche Heiterkeit waren diesmal mit einander verbunden. Die mannigfaltigen gut zubereiteten Speiſen konnten nur von dem reichen — 69&ρ. Vorrath herrlicher Weine und Liqueure übertroffen werden, die das Feſt krönten, Heiterkeit hervorriefen und Zurückhaltung verbannten. Die Unterhaltung, die anfangs nur mittelmäßig belebt war, gewann allmählig einen freieren Charakter. Der heiterſte Scherz trieb frei ſein Spiel, und mit der Nacht vermehrte ſich das Geräuſch. Das Gelage war auf ſeinem Höhepunkt, und die um den Tiſch verſammelte Geſellſchaft bildete einzeln Gruppen, die nebeneinander mit heftigen Geberden ihre verſchiedenen Anſichten geltend machten. Hauptmann v. Lindenberg kam zufällig zwiſchen einige wilde junge Männer zu ſitzen, deren einer, Lieutenant Holdenbeck, ein naher Verwandter der Gräfin Roſenthal war. In ſeinen Reden ſarkaſtiſch entſchlüpften ihm während des Abendeſſens viele beißende Bemerkungen, die dahin zielten, das von Natur hitzige Temperament ſeines Nachbars zu rei⸗ zen; es entſpann ſich in ihren Reden eine Art Ge⸗ plänkel, halb ſpielend, halb ernſtlich erzürnt, bis Holdenbecks Sprache durch die Wirkungen der Un⸗ mäßigkeit alle Zurückhaltung verlor. Es ſolgten bittere Worte, und im Verlauf eines lebhaften Wort⸗ wechſels fiel eine ſehr unedle Anſpielung auf den politiſchen Sturz des früheren Miniſters. Nun verlor Leopold alle Selbſtbeherrſchung, gab die 70 G⸗ Beleidigung zurück, und weigerte ſich den beſchim⸗ pfenden Ausdruck, deſſen er ſich bedient, zurückzu⸗ nehmen. Nun erreichte der Tumult ſeine höchſte Stufe, wodurch indeß die erhitzten Parteien mehr gereizt als beruhigt wurden; auf den lärmenden Auftritt folgte ein nächtliches Duell, bei dem auf beiden Seiten Aufregung und heftige Feindſeligkeit herrſchten. Die Kämpfenden fochten beim Fackellicht, deſſen röthlicher Glanz dem verzweifelten Kampfe, der mit Holden⸗ becks Fall endigte, einen romantiſchen Anſtrich gab. Der Verwundete wurde blutend in die Arme ſeiner Sekundanten gehoben. Die Schatten des Todes ſchwebten ſichtlich um die Stirne, die ein Augenblick zuvor noch von den glühendſten Leiden⸗ ſchaften belebt war, deren die menſchliche Seele fähig iſt. Als Leopold den Ausgang bemerkte, ließ er ſeinen Arm ſinken, und die tödtliche Waffe fiel aus ſeiner Hand. Die Dämpfe des Weins, der Freude, des Zorns waren in einem Augenblick verflogen, und er ſtand wie vernichtet durch den Gedanken ſeiner Schuld. „Flieh! flieh!“ murmelte ſchwach der Verwun⸗ dete, ſeine eiskalte Hand gegen ſeinen Gegner aus⸗ ſtreckend.„Flieh, Lindenberg, Holdenbeck iſt tödlich verwundet,“ riefen die Freunde auf beiden Seiten; M 71 So⸗ und Leopold ſtürzte vom Wahlplatz, beſtieg das ſchnellfüßige Pferd, das ſeine vorſichtigen Freunde bereit gehalten und ſuchte inſtinktmäßig das Leben zu retten, das er eine Stunde zuvor ſo kühn aufs Spiel geſetzt hatte, und das jetzt vielleicht für immer verbittert war. Von Gewiſſensbiſſen verfolgt und von körper⸗ lichen Anſtrengungen erſchöpft, erreichte er nach vielen Gefahren und Verzögerungen das väterliche Dach. Sobald der Baron mit der Gefahr und dem Verderben, das ſeinem Sohn drohte, bekannt war, wurden die Freuden und Feſtlichkeiten, die in Be⸗ reitſchaft gehalten waren, widerrufen, und jeder Zutritt zu dem Schloſſe auf das Beſtimmteſte ver⸗ boten. Auch hielt man für räthlich, dem Gerüchte von Leopolds bevorſtehender Rückkehr, das ſich freudig unter den Landleuten verbreitet hatte, zu widerſpre⸗ chen; während man die Thatſache ſeiner Ankunft ſorglich verbarg, oder nur wenigen der vertrauteſten Diener im Schloſſe mittheilte, auf deren Klugheit und Anhänglichkeit man ſich gleich ſehr verlaſſen konnte. Dieſe Vorſichtsmaßregeln wurden ſo geheim als möglich getroffen, um jede unnöthige Auslegung, jeden Verdacht zu vermeiden, und ein vorübergehen⸗ des Unwohlſeyn der Baroneſſe gab einen ſcheinbaren Vorwand für ſo unerwartete Befehle. 72 E⸗ Lieutenannt Holdenbeck war ein Vetter der Gräfin Roſenthal, und dem zu Folge der politiſchen Partei zugethan, deren geheimes Werkzeug ſie war. Dieſer Umſtand ſchien beſonders unglücklich, da da⸗ durch eine Verfolgung von derſelben Quelle aus zu befürchten war, woher Lindenberg bereits ſchwe⸗ res, dauerndes Unrecht erlitten hatte. So war nun die unglückliche Familie nur vereint, um die Laſt des Kummers zu theilen, die ſie niederdrückte. Durch das Unglück inniger verbunden, hingen ſie natürlich Troſt und Hülfe ſuchend an dem Freiherrn, aber der Philoſoph trat hier hinter dem Vater zurück und er, der die Ungerechtigkeit und die willkührlichen Ver⸗ folgungen ſeiner Freunde ohne einen Laut der Klage ertragen hatte, erlag bald unter dem Gewicht des Vergehens ſeines Sohnes. Aber obgleich durch den Schlag betäubt, war es nicht die Sache eines Mannes wie Lindenberg, durch das Unglück, in welcher Geſtalt es auch er⸗ ſcheinen mochte, die Thatkraft ſeines Geiſtes lähmen zu laſſen. Sobald daher der erſte Sturm des Schmer⸗ zes und der Beſtürzung ſich gelegt hatte, ſah er die Nothwendigkeit ein, bei irgend einem einflußreichen Individuum am Hofe um Hülfe und Schutz nachzu⸗ ſuchen, auf den Fall, daß Holdenbecks Wunde tödtlich ſeyn ſollte. Bis ein genauer zuverläßiger ₰ 73&- Bericht über ſeine Lage einginge, war Verheimli⸗ chung für Leopolds perſönliche Sicherheit durchaus nothwendig. Mittlerweile, um der Gefahr einer unrichtigen Darſtellung und der Rache der Angehörigen des Verwundeten zu begegnen, ſchien es in hohem Grade wünſchenswerth, eine genaue und unparteiiſche Unter⸗ ſuchung zu erlangen. Nicht als ob es möglich wäre, Leopold von jeder Schuld zu reinigen; nur konnte er möglicherweiſe von der ernſteren Anklage befreit werden, die ſich natürlich zuerſt gegen ihn erhob. Bei Lindenbergs Stellung war die Aufgabe, die ihn erwartete, mit großen Schwierigkeiten ver⸗ bunden; denn die Unglücklichen ſind gewöhnlich freundlos, und als er den Namen derer ſich ins Gedächtniß zurückrief, die von ſeiner Freigebigkeit gelebt hatten, oder durch ihn geſtiegen waren, waͤr der Baron außer Stand, ihrer Bereitwilligkeit, ihm zu dienen, oder der Aufrichtigkeit früherer Betheu⸗ rungen ſich ſicher zu halten. Während er ſo der Reihe nach von jedem Plane, der ſich ihm in ſeiner qualvollen Stimmung darbot, Troſt und Hülfe erwartete, begriff Ellas ſanguiniſche Einbildungskraft ſogleich die Schwierigkeit des Fal— les, und dachte auf Mittel, ſie zu heben. Durch die Gefahr, die ihrem Bruder drohbte, zur Thätigkeit geweckt, und von einem zu heiligen Triebe in Be⸗ wegung geſetzt, als daß ſie einem, wenn auch ge⸗ rechten Schmerze unthätig hätte nachhängen können, theilte ſie die ſchwärmeriſchen, aber nicht unausführ⸗ baren Eingebungen ihrer glühenden Phantaſie mit. „Geliebter Vater, hören Sie auf Ihre Ella; laſſen Sie mich Ihre Begleiterin ſeyn,“ rief ſie, „laſſen Sie mich nach Wien gehen. Wir ſelbſt wollen die Sache Leopolds führen; die Beredſam⸗ keit der Liebe iſt unwiderſtehlich.“ „Thörichtes Mädchen,“ verſetzte der Baron, „ich fürchte, Du überſchätzeſt Deine Ueberredungs⸗ kraft. Denke, daß ich nicht mehr im Beſitze meiner Macht bin. Meine ſchwachen Bemühungen können nur wenig fruchten, wenn ich nicht beim Kaiſer hör erhalte.“ „Das ſollen, das werden wir! ich ſelbſt will mich zu den Füßen des Kaiſers werfen!“ unterbrach ihn Ella begeiſtert. „Dies iſt ein ſchwärmeriſcher Traum, mein Kind,“ ſtellte ihr Frau von Lindenberg vor;„es kann Dir nicht gelingen.“ „Theuerſte Eltern; haben Sie Geduld mit mir, und vergeben Sie meiner Vermeſſenheit, wenn ich hier die Früchte, nicht des Nachdenkens, ſondern eines unwiderſtehlichen Antriebes darbringe. Wenn — 4 ₰ 7 5 SG⸗ nicht irgend eine mächtige Autorität ſich für Leopold intereſſirt, ſo iſt er verloren— ſeine Laufbahn als Soldat iſt geſchloſſen. Wir haben nur eine Wahl, — für ihn zu ſprechen und— ihn zu retten.“ „Deine jugendliche Einbildungskraft hat in der That die altersmüde Erfahrung Deines Vaters über⸗ holt,“ antwortete der Baron bekümmert, ihre Hand ergreifend.„Dein Plan iſt romantiſch, aber Deiner nicht unwürdig. Fahre fort, mein Kind!“ „Ella,“ bemerkte ihre Mutter,„wenn Du Leo⸗ pold dienen kannſt, ſo haſt Du meinen Segen, meinen zärtlichſten Segen!“ „Laßt mich den Fehler wieder gut machen, den unheilvollen Fehler, der den Fall unſeres Hauſes verſchuldete,“ fuhr Ella mit Feſtigkeit fort.„Daß ich die Abſichten Las Caſes' begünſtigte, brachte Ver⸗ derben über uns alle. Niemand ſoll die unglücklichen Folgen ſchmerzlicher fühlen als ich ſelbſt. Die Hand, die willenlos eurem Glücke den erſten Stoß gab, muß auch die erſte ſeyn, welche die Wunde heilt, die ſie unbewußt geſchlagen hat. Es leben Männer am Hofe, die unſern Bitten ein gnädiges Gehör ver⸗ ſchaffen werden. Selbſt Holdenbeck, wenn er leben bleibt, wird der Ehre meines Bruders Zeugniß geben. Er fiel in gleichem Kampfe. O wäre es mir geſtattet, ich könnte die Sache ſo eindringlich, 76 mit ſo viel Wahrheit führen, daß kein Herz für meine Bitten unempfindlich bleiben ſollte.“ „Aber, Ella, Du, die Du Dich nie als nur zur Erholung, aus den Armen Deiner Mutter gewagt haſt, biſt Du gerüſtet den Schwierigkeiten und Hinderniſſen zu begegnen, die ſich Deiner Unter⸗ nehmung entgegenſtellen?“ Seine Tochter erröthete und zögerte. „Gewiß Sie werden mich mit ihrem Rathe unterſtützen, verſagen Sie es mir nicht!“ rief ſie auf ihre Kniee ſinkend.„Auch wenn es mir miß⸗ lingt, habe ich wenigſtens ein Werk der Liebe und der Pflicht gethan.“ Der Baron ſchloß ſeine Tochter in ſeine Arme. „Sey es ſo! Zwar in dem Schmerz gekränkter Unſchuld verließ ich freiwillig Wien mit dem feier⸗ lichen Entſchluß, niemals wieder in ſeine Mauern zurückzukehren; aber gerne ſtehe ich ab von ſo bit⸗ tern Gefühlen. Wir wollen mit einander abreiſen. Leopold wird hier in Sicherheit zurückbleiben.“ „Ich vertraue Dich der Sorgfalt Deines Va⸗ ters an,“ bemerkte die Baroneſſe.„Geh, mein Kind, und mögeſt Du in Deinem Unternehmen glücklich ſeyn!“— Ella entſchloß ſich, ihren Vater auf ſeiner wei⸗ ten Reiſe zu begleiten, indem ſie ſeine Geſellſchaft 77 für mehr als hinreichende Entſchädigung für alle äußere Unbequemlichkeit und Mühe achtete; und gerne nahm ſie den beſcheidenen Namen an, unter welchem ſie in dem öffentlichen Wagen nach Wien Platz nahmen. Die Baroneſſe und ihr Sohn blieben auf Schloß Ehrenfels, und erwarteten in Geduld den Erfolg einer Sendung, von der ihre ganze Zukunft abhing. Fünftes Kapitel. Eile: Doch, ſprich wahr! wird'ne Heirath? Lanzelot: Frag' meinen Hund; wenn er Ja ſagt, ſo wird eine; ſagt er Nein, ſo wird eine; wedelt er mit dem Schwanze und ſagt nichts, ſo wird eine. Eile: Der Schluß wäre denn, es wird eine. Shakespeare. Zwei Edelleute von Verona. Ungefähr eine Viertelſtunde vom Schloß Ehren⸗ fels bemerkt man ein romantiſches Dorf, deſſen rein⸗ liche, weiße Hütten, ohne viel Rückſicht auf Sym— metrie, zerſtreut und unregelmäßig erbaut ſind. Ein Theil dieſer Behauſungen hängt gerade über dem Rand des Sees, während andere, von der Höhe des Hügels auf die niedern Dächer ihrer minder ehrgeizigen Nachbarn herabſchauend, den Vorrang vor dieſen behaupten zu wollen ſcheinen. Die ſchön⸗ ſten Häuſer jedoch, welche die Straße dieſes kleinen Weilers bilden, liegen auf beiden Seiten des Land⸗ weges und machen ſo einen bedeutenden und hübſchen Zug in der Landſchaft aus. Das größte dieſer Ge⸗ bäude iſt für die Bequemlichkeit der Reiſenden beſtimmt, — 79 Go und der Eigenthümer deſſelben hält Relaypferde zum Behuf der Poſt, welche hier zur Verbindung der zwei nächſten Städte dient. Das Haus trägt den prunkenden Lieblingsnamen„zum Kaiſerhof“; denn über dem vorderen Thore iſt das Bild des öſtreichiſchen Adlers zu ſchauen, von der Geſchick⸗ lichkeit eines benachbarten Malers ſauber dargeſtellt. Der„Kaiſerhof“ war als Haus der öffentlichen Bewirthung und Beluſtigung wohl bekannt, und er⸗ freute ſich in der Regel einer ganz erträglichen Kund⸗ ſchaft und Einnahme; aber in dieſer kalten Jahres⸗ zeit, von der unſere Leſer bereits unterrichtet ſind, war das Reiſen, außer bei dringender Nothwendig⸗ keit, beinahe ganz eingeſtellt. Auch die Ankunft und Abreiſe des Poſtwagens wurde durch den Schnee bedeutend verzögert, und das ſonſt gewöhnliche, ge⸗ ſchäftige Treiben im„Kaiſerhof“ wurde für eine Zeit lang ruhiger und ſtiller. Oft geſchah es nun, daß eine kleine Anzahl von der bemittelteren Klaſſe der Ortsbewohner Abends das Gaſthaus beſuchten, um eine Meerſchaumpfeife zu rauchen und eine Flaſche Heidelberger Bier zu koſten oder die ſchön gedruckten Spalten der Wiener Zeitung durchzubuchſtabiren. Auf dieſe ſtillen Freuden folgte zuweilen Muſik; die Har⸗ monie eines Nationalgeſangs wurde paſſend unter⸗ ſtützt durch Begleitung eines Violoncells, das der Wirth ſelbſt mit eben ſo viel Genauigkeit als Geiſt ſpielte. Hiemit ſchloßen gewöhnlich die nächtlichen Feſtlichkeiten, nach welchen die verſammelte Geſell⸗ ſchaft ſich zu einem häuslichen Abendeſſen in ihre Wohnungen zurückzog. 1 Dieſe nüchternen Verſammlungen beehrte mit ſeiner Gegenwart ein Mann, der in den Augen ſeiner Bekannten eine gewiſſe lokale Wichtigkeit h Es war dies niemand Geringeres, als der Schloß⸗ wart von Schloß Ehrenfels, der ſtets in dem fröh⸗ lichen Kreiſe getroffen wurde, welcher ſich in dem Gaſthof des Ortes verſammelte; denn zu der Stunde, wenn man mit Recht annehmen durſte, daß Alles bis zum nächſten Morgen geſchloſſen bleiben werde, entſchlüpfte Kaſpar gerne dem einförmigen Geſchäfte des Oeffnens und Schließens der Thore und ſuchte die ihm mehr zuſagenden Vergnügungen auf, welche der„Kaiſerhof“ darbot. Unter der gewöhnlichen Gruppe, die in dem reinlichen Schenkzimmer verſammelt war, konnte man hin und wieder vom Wege abgekommene Rei⸗ ſende bemerken, die, von der Poſt abgeſetzt, hier warteten, bis eine günſtige Veränderung des Wetters ihnen geſtatten würde, dem Orte ihrer letzten Be⸗ ſtimmung weiter entgegen zu reiſen. 4 Es war Abend und die ſchützenden Fenſterläden, 81 die Kälte und Wind von dem bereits erwähnten reinlichen Zimmer abhielten, waren ſorgfältig ge⸗ ſchloſſen. Eine flimmernde Lampe auf einer Rever- bere flackerte blendend unter dem Bilde des kaiſer⸗ ichen Adlers, während die innere Einrichtung des auſes den Charakter bequemer Behaglichkeit trug, die für die Länge und Kälte einer Winternacht ſchad⸗ lo zu halten ſchien. Die Gäſte des Hauſes hatten ſich, jeder ſei⸗ ner Bequemlichkeit gemäß, niedergelaſſen. Die Ge⸗ ſellſchaft war klein im Vergleich damit, wie ſie bei beſſerem Wetter erwartet werden konnte, und der Wirth ſelbſt ſaß in glücklicher Unthätigkeit an der Spitze ſeines Geſindes, das eine Bein bequem über das andere geſchlagen, mit der rechten Hand beſchäftigt, den ſchäumenden Inhalt eines grau⸗ſtei⸗ nernen Kruges in ein großes Glas zu gießen, wäh⸗ rend ſeine linke eine hübſche, ſilberbeſchlagene Pfeife feſthielt, die er ſo eben aus ſeinen halb geöffneten Lippen genommen hatte. Ein kleiner Tiſch trennte ſeine ſtattliche Perſon von der des Schloßwartes. Die Zeitung, dieſe unerſchöpfliche Quelle eines ab⸗ wechſelnden Geſprächs, lag auf dem Tiſche, um welchen die Gäſte verſammelt waren. In einem entfernten Theile des Zimmers, in welchem man Alles hören konnte, ohne bemerkt zu Ella. II. 6 ———.. ꝙ 82 E⸗ werden, ſtand die verſtändige Ehehälfte des Wirths, beſchäftigt ihr Dienſtmädchen zu unterſtützen, da das Haus nicht großartig genug war, um einen Auf⸗ wärter anzuſtellen. Beide Frauenzimmer waren emſig damit beſchäftigt, ein behagliches Abendeſſen auf einem langen, tannenen Tiſche aufzutragen, in Er⸗ wartung des Eilwagens, aus dem, wie ſie hofften, vielleicht einige müde Reiſende ausſteigen und dem lieblichen Zauber von Sauerkraut, rohem Schinken und Würſten nicht widerſtehen würden, während die vor Kälte zitternden Poſtillone mit dem gewöhnlichen Trunke Kirſchwaſſers ſich ſtärkten. „Der Eilwagen bleibt lange aus!“ rief Herr Selzermann, der Herr des Hauſes, indem er eine große, ſilberne Taſchenuhr, an einer dicken Kette von demſelben Metall, herauszog und das Ziffer⸗ blatt derſelben mit dem einer merkwürdigen Schlag⸗ uhr von ſehr alter Arbeit verglich, die tönend in einem Pukal hing. „Halb neun Uhr; ich richtete meine Uhr nach der Sonnenuhr im Garten von Schloß Ehrenfels,“ ſagte, ſeinen Zeitweiſer betrachtend, der ſtattliche Kaſpar, der von einer niederen Stelle unter der Dienerſchaft des Freiherrn zu der bequemen Sine⸗ kure befördert worden war, die er gegenwärtig am Thore genoß. ₰ 83 S⸗e „Viertel auf neun bei mir,“ verſetzte der Gaſtwirth in einem Tone, der ſich jeden Widerſpruch verbat. „Hoffentlich kein Unglück geſchehen,“ ſagte die Frau, während ſie eine Straßburger Torte auf eine friſche Platte legte. „Bei dieſem endloſen Froſte, der auf den Schnee der letzten Woche gefolgt iſt, kann der Wagen leicht umgeſtürzt ſeyn,“ bemerkte Kaſpar. „Oder iſt vielleicht ein Pferd geſtürzt; und die alte Brücke über den Strom iſt auch nicht mehr recht ſicher, ſeit die neu aufgeführten Mauern durch den plötzlichen Schneegang im letzten Winter Schaden gelitten haben,“ fuhr Selzermann fort. „Ich wünſchte, der Eilwagen käme früher an,“ verſetzte Kaſpar.„Die Neuigkeiten, die er von der Stadt bringt, muß ich erwarten, und das macht meiner guten Frau viel Kreuz. Sie wird eiferſüchtig, wenn ich ſo lang ausbleibe,“ ſetzte er hinzu, indem er der dicken und ſtämmigen—— Wenumugd ſeiner ſchönen Wirthin pfifig zuwinkte. In dieſem Augenblick gaben die umgebenden Hügel den fernen Laut eines Poſthorns zurück, und kurz nachher rollte der ſchwere, unſchön gebaute Wa⸗ gen, der allein allen Verkehr des Dorfes mit der 84 So⸗ 3 übrigen Welt vermitteln mußte, raſſelnd durch das Hofthor. Herr Selzermann war noch damit beſchäftigt, die Aſche aus ſeiner Pfeife zu leeren, als ſeine thä⸗ tige Gattin bereits ihre anmuthige Perſon bis auf die Stufen ihres Hauſes fortbewegt hatte; und ſie war mit der Begrüßung eines großen, vornehm aus⸗ ſehenden Fremden beſchäftigt, ehe der Herr des Gaſt⸗ hauſes vorwärts ſtürmen konnte, um ſie in ihrem angenehmen Geſchäfte zu unterſtützen. In wenigen Augenblicken war der Mantelſack des Reiſenden in dem beſten Zimmer niedergelegt und dieſer ſelbſt hatte an einem kleinen Tiſche am Ofen Platz ge⸗ nommen; eine Taſſe duftenden Kaffees dampfte vor ihm, nachdem er den vereinten Lockungen der über⸗ redenden Gründe Bertha's und der ſubſtantielleren Speiſen des großen Tiſches widerſtanden hatte. „Kalt Wetter, Herr,“ bemerkte unſer Wirth, indem er ſein leeres Glas, das vor ihm ſtand, wieder füllte. „Sehr ungünſtig zum Reiſen,“ ſetzte Kaſpar erklärungsweiſe hinzu. „Ich kann nicht ſagen, daß ich die Kälte ſo beſonders ſchmerzlich empfunden hätte,“ verſetzte der Reiſende, indem er einen großen Mantel eng um ſeinen Hals zog.„Dieſe Pelzmütze hat den Froſt ſehr kräftig abgehalten,“ fuhr er fort, ohne auch nur Miene zu machen, ſie von ſeinem Kopfe abzu⸗ nehmen. „Nichts Neues, Herr?“ fragte der Gaſtwirth. „Sie kommen wahrſcheinlich von Wien 2“ ſetzte er hinzu, in einem Athem zwei Fragen ſtellend. „Ich habe Nichts erfahren,“ verſetzte der Fremde, nur die erſte Frage beantwortend. „Wie kommt es, Kaſpar, daß alle Feſtlichkeiten im Schloſſe aufgehoben wurden?“ rief Bertha mit ſchriller Stimme.„Ich hörte, es würde der Rück⸗ kehr des jungen Barons zu Ehren ein großes Leben geben; nun iſt Alles zu Waſſer geworden.“ „Hat ſeinen guten Grund,“ ließ ſich der Schloß⸗ wart mit ſehr unfreundlichem Murren vernehmen; „Baron Leopold iſt zur beſtimmten Zeit nicht ein⸗ getroffen.“ „So werden wir zuletzt gar keine Feſtlichkeiten haben,“ murmelte Bertha. „Verſpracht Ihr Euch viele Freude?“ fragte der Gaſt, der mit dem Eilwagen angekommen war. „Das thaten wir Alle; und es iſt höchſt auf⸗ fallend, daß wir, nach ſo vielen Zubereitungen, nun doch getäuſcht ſind— ſehr auffallend, in der That, Herr Kaſpar,“ ſetzte die Frau hinzu in einem bei⸗ nahe rauhen Tone. — 86&⸗ „Ganz und gar nicht auffallend,“ ſagte Kaſpar, indem er mit ſeinem Glaſe auf den Tiſch ſchlug, wie wenn er ſich entfernen wollte. „Schmeckt Euch dieſes Bier, Nachbar?“ rief Selzermann, der die Geſellſchaft ſeines Kunden zu verlieren fürchtete.„Bring noch eine Flaſche, Ka⸗ tharine; von dem ächten Heidelberger, hörſt Du!“ rief er laut, als das bewegliche Dienſtmädchen durch eine Seitenthüre verſchwand, welche zu den geheimen Regionen führte, die zu den Zwecken der Bewir⸗ tbung beſtimmt waren. „Wir hatten uns einen Tanz in der großen Halle verſprochen. Eine ſolche Täuſchung für alle Landleute!“ fuhr Bertha mit der zähen Beharrlich⸗ keit ihres Geſchlechtes fort. „Gut für ſie, wenn ſie nie eine größere erleben,“ antwortete der freiherrliche Diener mürriſch, und auf einige Augenblicke herrſchte Todesſtille. „Wir hätten in den untern Gemächern Pfeifen und Bier reichen dürfen— und recht gutes, von dieſer Sorte;— ein großer Verluſt im Geſchäfte für mich, Ihr verſteht, Nachbar,“ bemerkte Selzer⸗ mann in gemäßigtem Tone;„und unſere zwei Söhne hätten beim Balle aufgeſpielt, was auch einige Thaler eingetragen hätte, gar nicht zu reden von der Ehre, die es für ſie geweſen wäre, ibre Geſchicklichkeit vor 22 87 S Seiner Engellenz dem Baron von Lindenberg und ſeiner liebenswürdigen Familie zu zeigen.“ „Es iſt eine große Täuſchung, Herr Kaſpar,“ wiederholte die hartnäckige Wirthin mit Nachdruck. „Dieſe Vergnügungen, auf welche Ihr anſpielt, hatten den Zweck, die Rückkehr eines abweſenden Gliedes der Familie zu feiern 2“ fragte der Reiſende langſam. „Ja,“ verſetzte Kaſpar artig;„aber unſer junger Herr iſt nicht zu uns zurückgekehrt, wie wir hofften. Er iſt wahrſcheinlich aufgehalten worden oder hat ſeinen Entſchluß geändert— da er auf Ehren⸗ fels nicht angekommen iſt.“ Die letzten Worte waren in einem Tone geſprochen, der den Zuhörern eine recht lebendige Ueberzeugung der behaupteten Thatſache beibringen ſollte. „Wie verdrießlich!“ rief Bertha, die ſich langſam genähert hatte und ſich jetzt an die Gruppe anſchloß. „Ich ſehne mich ſehr, das junge Fräulein zu ſehen — das ſüße Geſchöpf.“ „Das iſt ſie,“ antwortete Kaſpar, indem er bei dieſer bereitwilligen Bekräftigung ſeine Züge durch ein Lächeln erheiterte. „So gut und freundlich gegen Jedermann!“ bemerkte Einer der Dorfbewohner.„Ich ſah ſie das letztemal zu Pferde mit Sr. Excellenz. Sie glich 88 einer Königin und hielt an, um ſich nach meinem jüngſten Kind zu erkundigen, das damals ſehr krank war; ſie ſprach ſo milde, daß mein Herz unwill⸗ kürlich ihr warm entgegenſchlagen mußte.“ Der Fremde blickte verwirrt und fragte mit zö⸗ gernder Stimme, ob das Fräulein, von dem die Rede war, hübſch ſey?“ „Hübſch!“ hallte es in dem Kreiſe der Gäſte wieder,„Sie können niemals in Wien geweſen ſeyn, ohne von der Schönheit der jungen Baroneſſe von Lindenberg gehört zu haben,“ rief Bertha, die ihren guten Geſchmack geltend machen wollte. Der vornehme Gaſt antwortete nicht, ſondern ſchlürfte ſeinen Kaffee mit der Miene eines ſehr be⸗ ſchäftigten Mannes. „Wird die Familie bald nach Wien zurückteh⸗ ren?“ fragte Selzermann, gegen Kaſpar gewendet, der mit ſehr viel Klugheit antwortete, daß dies gänzlich von den Umſtänden abhänge;— indem er dadurch durchaus keine Belehrung über die Sache gab. „Ich wundere mich, wie Fräulein Ella ſich von der traurigen Täuſchung erholen konnte, die ſie mit dem hübſchen, jungen Grafen erfahren, der vor einem Jahre hier war,“ ſagte die Wirthin mit jener zähen Neugierde, welche einen hervorſtechenden Zug in der Klaſſe von Menſchen bildete, der ſie angehörte. 89 „Hm! Täuſchung, in der That?“ ſchnarrte Kaſpar augenſcheinlich verdrießlich.„Was wißt denn Ihr von einer Täuſchung?“ „Nun, nun, wie Ihr doch gleich ſo heftig ſeyn könnt, Herr Kaſpar! Ich wollte Euch nicht belei⸗ digen,“ verſetzte die geſchwätzige Bertha, ohne ſich verwirren zu laſſen, während der Reiſende mit tie⸗ fem Seufzer ſeine noch nicht geleerte Taſſe von ſich wegſchob und ſein Geſicht mit beiden Händen be— deckte. „Iſt wohl etwas Wahres an der Erzählung, die ich geſtern von Katharina hörte? Was haſt Du mir doch geſagt?“ kreiſchte die hartnäckige Wirthin, ihr Dienſtmädchen vorwärts ziehend, das an der zu⸗ vor erwähnten Seitenthüre ſtand, theils den Rei⸗ ſenden beobachtend, theils um die Geſellſchaft mit Bier, Taback oder Feuer zu verſorgen. „Nun, ich hörte, die Baroneſſe Ella habe einen neuen Bewunderer.“ „Iſt das etwas Beſonderes, Du Gans?“ rief Selzermann, vom Bier und Taback erwärmt,„Je⸗ dermann bewundert ſie, das iſt kein Zweifel!“ „Nun gut; ich hörte auch, die Beiden ſeyen mit einander ganz vertraulich geſehen worden und Fräulein Ella ſey wieder ganz geneſen.“ „Ich ſage Euch, ſie war gar nie krank!“ rief 90 SE⸗ Kaſpar, erröthend über eine Vorausſetzung, die mög⸗ licher Weiſe der Würde ſeiner jungen Gebieterin Ein⸗ trag thun könnte;„und was die Bewunderer betrifft, ſo fehlt es daran nicht, das verſichere ich Euch, bei ihren glänzenden Augen und ihrem ſüßen Lächeln.“ „Nun ja, das war es; ich wußte es doch,“ ſagte triumphirend Selzermanns Frau;„ich wage es zu behaupten, bald werden wir eine Hochzeit haben.“ 1 „Es ſind ſchon oft weit unwahrſcheinlichere Dinge geſchehen,“ verſetzte der Schloßwart mit wichtigem Blicke;„die junge Baroneſſe kann unter den Beſten im Lande ſich ausſuchen und wählen, und heirathen, wann es ihr gefällt, wenn auch Se. Excellenz kein ganz ſo hoher Mann mehr iſt als zuvor.“ „Denkt Ihr, der Herr Baron werde an den Hof zurückkehren?“ unterbrach ihn der Gaſtwirth. „Vielleicht kann er Etwas für einen meiner Söhne thun— ihn in die kaiſerliche Kapelle bringen als zweite Violine— wer weiß?“ „Wer weiß, in der That!“ wiederholte Kaſpar. „Das mag auf ſich beruhen, ob er in das Kabinet zurückkehrt,“ ſetzte er mit geheimnißvoller Würde hinzu. „Wer iſt der junge Kavalier, der mit Fräu⸗ lein Ella geſehen wurde?“ platzte Bertha beraus, „ b 91 Se verzweifelnd, auf anderem Wege Belehrung zu er— halten. „Nun— wahr— haft— ig; das weiß ich nicht zu ſagen,“ ſtotterte Kaſpar.„Meines Wiſſens iſt kein Beſuch im Schloß; wahrſcheinlich ein Irrthnm.“ Der Fremde bewegte ſich auf ſeinem Stuhl und ergriff die Zeitung, die ſeine Aufmerkſamkeit zu feſ⸗ ſeln ſchien. „Wighr ſchlau ſind, Nachbar!“ rief Selzer⸗ mann, dem zurückhaltenden Schloßwart auf den Rücken klopfend.„Warum wollt Ihr uns nicht lieber frei herausſagen, daß ein Liebeshandel im Werke iſt?“ „Und eben ſo gut könnt Ihr uns auch ſagen, was für ein junger Mann dieſer Freier iſt. Ich habe, theils durch den Schnee, theils durch andere Dinge abgehalten, ſeit drei Wochen keinen Fuß aus dem Dorfe geſetzt,“ ſagte Bertha.„Katharina ſagte mir, er ſey ein großer Mann.“ „So habt Ihr Euch eingebildet, ihn zu ſehen, Ihr geſchäftige Jungfer!“ verſetzte Kaſpar mit einer Wendung ſeines Kopfes, indem er das Dienſtmädchen ſcharf anblickte.„Und wie habt Ihr es denn ſo ſchlau angefangen?“ „Euch verdanke ich es nicht, Herr Kaſpar; denn Ihr ſeyd nie ſo artig, eine lebendige Seele hinein zu laſſen, gerade als ob man darauf ausginge, das —2 92 Schloß auf den Schultern davon zu tragen. Aber ich ſah ihn; wie ich Ihn ſah, geht Euch nichts an, und die gute Frau Selzermann weiß, daß ich ihn ſah, und Fräulein Ella lehnte ſich ſo auf ihn.“ Und zur Verdeutlichung ſchlang ſie ihre nervigen Arme um Kaſpars Schultern und ſtützte ſich auf ihn mit ihrem ganzen Gewichte, was keine Kleinigkeit war. „Nun, wenn meine junge Gebieterin nicht leichter iſt als Ihr,“ ſchrie der Schloßwart, ſich der zärt⸗ lichen Umarmung entwindend,„ſo wird ihr Gemahl genug an ihr haben.“ „Nun, da haben wir's, ich ſagte es ja,“ riefen die Frauenzimmer zugleich;„Ihr geſteht es ja; wir wußten wohl, daß ſie bald Hochzeit haben werde,“ ſetzte die Wirthin mit großer Freude hinzu. „Ich dachte es, es gehe in der letzten oder den zwei letzten Wochen Etwas im Schloſſe vor,“ ſagte nun der Gaſtwirth einſtimmend;„denn ſie waren ja eingeſchloſſen wie ein Conclave. Nie habe ich noch ſo eine Heimlichkeit geſehen. Aber es mußte mit Etwas enden.“ „Hat der junge Mann eine helle oder dunkle Farbe?“ fragte Bertha, in der ſchwachen Hoffnung eine nähere Belehrung herauszulocken. „O, er iſt ſehr hübſch, gewiß!“ rief Katharina, —-O—COꝭ——— *₰ 93 Se die durchaus mehr zu wiſſen ſcheinen wollte, als ſie wußte. „Ich fragte nicht Dich, Katharina; ich ſprach zu unſerem guten Nachbar Kaſpar,“ bemerkte die Wirthin in dem einſchmeichelndſten Tone, aber keine Antwort traf ihre neugierigen Ohren. Der ſchweigende Gaſt machte nun einen Ver⸗ ſuch, ſich in das Geſpräch zu miſchen und fragte, ob der Freiherr von Lindenberg Beſuche annehme. „Sehr wenige,“ ſagte der Gaſtwirth. „Keinen!“ rief Kaſpar ſtreng, indem er mit einer Miene, die halb Beſorgniß, halb Trotz aus⸗ drückte, den Reiſenden anblickte. „Wird die Feierlichkeit hier Statt finden?“ fragte der Fremde ſchüchtern, wie wenn er die wahr⸗ ſcheinliche Erwiederung fürchtete. „Ich vermuthe, Se. Excellenz wird bei dieſer Sache Eures Rathes nicht bedürftig ſeyn,“ antwortete der Schloßwart in ſehr unfreundlichem Tone. „Der Baron hat einen Sohn,“ fuhr der Rei⸗ ſende fort, ohne ſich abſchrecken zu laſſen. „Und wenn er fünfzig Söhne hätte, was geht Das Euch an,“ rief der alte Mann erzürnt.„Es lebe der junge Baron Leopold! er iſt— ich will ſagen er war— ein ſchöner, junger Mann.“ 94 „Er iſt nicht im Schloſſe, vermuthe ich,“ ſahr der hartnäckige Gaſt fort. „Ihr ſeyd erſtaunlich neugierig,“ verſetzte Kaſpar, „und obgleich ich meiner guten Freundin, Frau Sel⸗ zermann, den größten Gefallen erweiſen würde, wenn ich ihr eine Klatſcherei über Heirathen und Liebes⸗ händel zum Beſten gäbe, ſo bin ich doch nicht Wil⸗ lens, jeden müßigen Geſellen zu befriedigen, der es ſich herausnimmt, mit unverſchämter Neugierde ſich in die häuslichen Verhältniſſe Sr. Excellenz des vormaligen Staatsminiſters Sr. kaiſerlichen Majeſtät des Kaiſers von Oeſtreich, Barons von Lindenberg, zu legen, deſſen getreuer Diener und erſter Thor⸗ wächter ich die Ehre habe zu ſeyn.“ Selzermann bewegte ſich unruhig auf ſeinem Stuhle, während ſein alter Kunde dieſe Worte in ziemlich ſchneidendem Tone hervorſtieß und Bertha beeilte ſich, den Gaſt zu benachrichtigen, daß ſein Zimmer in Ordnung ſey, was derſelbe durch eine gnädige Neigung ſeines Kopfes beantwortete, indem er zugleich bemerkte:„Ihr Nachbar, der Herr Kaſpar, iſt nicht ſo höflich, als es ſeiner hohen Stellung an⸗ gemeſſen wäre. Hierin wenigſtens gleicht er weder dem Baron Lindenberg ſelbſt, noch einem Gliede ſeiner Familie.“ Während er ſich entfernte, börte man Katharina ———— 95 ſagen, daß ſie niemals einen vornehmer ausſehenden Kavalier geſehen hätte; und Selzermann erwiederte diesmal den gewöhnlichen Abſchiedsgruß des Schloß⸗ warts mit weit weniger Herzlichkeit als ſonſt. Um die Mitte des folgenden Tages ſah man den Reiſenden in einer andern Kleidung, aber wie⸗ derum durch die weiten Falten eines Pelzmantels vor Kälte und Beobachtung gut verwahrt, auf dem Wege nach Schloß Ehrenfels. Das eiſerne Thor, von feiner Arbeit, am Ende der Allee, war geſchloſſen und erſt nach wiederholtem Rufe zeigte ſich der zö— gernde Kaſpar. Der Schloßwart erkannte die Perſon nicht, die vor ihm ſtand oder wollte ſie nicht er— kennen, und weigerte ſich aufs Entſchiedenſte, ſowohl ihn einzulaſſen, als ihm Auskunft über die Familie zu geben. Er ſagte nur, der Baron habe beſtimmte Befehle gegeben, der Zutritt zu dem Schloß ſey ſtreng unterſagt und die Familie werde mit Nächſtem Schloß Ehrenfels verlaſſen. Nach vielen geduldigen Fragen entlockte endlich der Fremde dem zögernden Kaſpar das Geſtändniß, daß Lindenberg und ſeine Tochter vor wenigen Stunden die Gegend verlaſſen hätten, ohne über die Dauer ihrer Abweſenheit und den Grund ihrer Reiſe etwas Näheres zurückzulaſſen. —— 3 Sechstes Kapitel. Er iſts fürwahr, wehrlos, doch ungebeugt Byron— Corsar. Im Hofe drunten wird es laut, „Zu Pferd! vorwärts!“ da ziehen ſie, ſchaut! Scott— Rokeby. Auf den harten Froſt und den dichten Schnee, durch welche die Berggegend drei Wochen lang mit einer Rinde von blendendem Glanze, wie mit Edel— ſteinen, bedeckt war, folgte endlich plötzliches Thau⸗ wetter. Durch dieſen Wechſel wurde die zauberhafte Scene auf einmal in eine düſtere verwandelt, die gleichwohl nicht ohne ſchwermüthigen Reiz war. Wieder blickten die ſchwarzen Aeſte des Fichtenwal⸗ des in all ihrer wilden Mannigfaltigkeit in Geſtalt und Farbe in die Gegend heraus; wieder ſtanden die entlaubten Bäume aufrecht da, in der ernſten Hoheit ihrer gigantiſchen Verhältniſſe; kein Blatt bedeckte ihre eckichte Geſtaltung; keine ſchimmernde Rinde kam der nackten Einförmigkeit ihrer Erſcheinung zu Hülfe. 97&⸗ Die tiefen Waſſer des Sees, durch die von den Hügeln ſtürzenden Ströme über ihre Ufer hin⸗ ausgetrieben, wogten in zitternder Bewegung hin und her, während ſich die grauen wunderlich geſtal⸗ teten Wolken in ihnen abſpiegelten, die ſich am Horizonte ſammelten. Selbſt das ſanfte ruhige Ausſehen des ehrwürdigen Gebäudes, das den Haupt⸗ zug der Landſchaft ausmachte, und welches die ſchonungsloſen Angriffe der Vernichtung mehr aus⸗ zuhalten als ihnen Trotz zu bieten ſchien, nahm Theil an dem finſtern Charakter der ganzen Land⸗ ſchaft. Der Himmel, mit drohenden Regenwolken bedeckt, übte eine ſtarke Wirkung auf die ganze Scene. Der weiße Mantel, in den die umliegenden Höhen wie in ein Leichenhemd gehüllt waren, wich allmählig dem feuchten Einfluß der Atmoſphäre, und als der Schnee nach und nach hinwegſchmolz, ſchien ein düſterer, freudloſer Schatten über die Erde hinwegzuſchleichen; die phantaſtiſch geformten Eiszapfen, die noch vor wenigen Tagen in Blumen⸗ gewinden von Regenbogenfarben gehangen waren, lösten ſich plötzlich in Thränen auf, wie wenn die Natur weinte,— mit Widerſtreben ſich dem feuchten Wechſel unterwerfend, der ihren Glanz verdunkelte. Der Frühling war noch in weiter Ferne, ob⸗ gleich die Härte des Winters noch nicht vorüber Ella. II. 7 ₰ 98 S⸗ war. Auf einen düſtern, nichts Gutes verſprechen⸗ den Tag, den kein einziger Sonnenſtrahl erheitert hatte, folgte eine ſtürmiſche Nacht. Die Jahreszeit machte ihre Schreckensherrſchaft geltend, der Regen fiel in Strömen, und der Wind heulte düſter um das alte Gebäude. Die Dienerſchaft hatte ſich dicht um den Küchen⸗ heerd geſammelt, wo die Reize der Geſellſchaft und die Unterhaltung mit Mährchenerzählung für das ſchonungsloſe Wüthen des Sturmes draußen reich⸗ lichen Erſatz leiſtete. Frau von Lindenberg und Leopold, die ſich von einem ſchweigenden und einfachen Abendeſſen erhoben, begaben ſich nach dem Tapetenzimmer, und als ſie auf ihren gewohnten Sitzen Platz genommen, rück⸗ ten beide inſtinktartig näher zu einander hin, wie in der Hoffnung, in gegenſeitiger Liebe Troſt zu finden. Eine große und ſchmerzliche Leere war entſtanden in dem engen Kreiſe, der jetzt nur noch aus zwei Perſonen beſtand, und nur mit großer Mühe konnte ſich die Baroneſſe in die ungewohnte Pein ihrer plötzlichen einſamen Stellung finden. In der That war eine gewiſſe Philoſophie nöthig, ſie in Stand zu ſetzen, jene zärtlichen Bande zu miſſen, an die ſie von jeher gewöhnt war, und für welche ihr nicht einmal die Anweſenheit ihres Sohnes Erſatz leiſten konnte. 99 Vergebens blickte ſie am Kamine umher, nach jenen angenehmen vertrauten Zügen, die bisher das einförmige Zimmer erheitert hatten. Alles war leer; das Mutterherz allein war voll von der Erinnerung an die Abweſenden. Die Lampe leuchtete wie gewöhnlich; nur das Gewicht der Atmosphäre verdunkelte die Flamme. Der Heerd war reichlich verſehen, aber loderte nicht mit dem gewöhnlichen gaſtlichen Feuer. Die durch⸗ näßten Fichtenäſte wollten nicht brennen, und die aufſteigenden Rauchſäulen wurden durch die Gewalt des Sturmes wieder herabgetrieben. Die äußerſten Theile des Zimmers blieben in tiefes Dunkel gehüllt; das blaſſe Licht der Lampe kämpfte ſchwach gegen die zunehmende Fin⸗ ſterniß und konnte nicht bis in die entfernteren Winkel dringen, die durch die Tapeten in eine un⸗ beſtimmte Düſterheit gekleidet waren. Einige hagere, widerliche Geſtalten, die darauf gemalt waren, ſchienen, von der Leinwand ſich ablöſend, in dro⸗ hender Stellung hervorzutreten, während die Tapete durch den Windſtoß zitternd ſich bewegte. „Es iſt auffallend, daß weder Ella, noch mein Vater geſchrieben haben,“ bemerkte Leopold ſeufzend, während er ſich dem Heerde näherte und das kni⸗ ſternde Feuer zu einer Flamme anzublaſen ſuchte. 7* = 100& „Vielleicht wurden ſie durch die Ermüdung der Reiſe daran verhindert,“ bemerkt Frau von Linden⸗ berg, die ſtets bereit war die Unterlaſſungen anderer zu entſchuldigen, und jetzt aufs⸗Neue an ihre Stick⸗ arbeit ging. „Die ſchlimmſte Gewißheit wäre beſſer als unſer jetziger Zuſtand der Beſorgniß,“ fuhr der junge Soldat ungeduldig fort.„Wenn nur Ella ſchriebe,“ rief er nach einer augenblicklichen Pauſe. „War die Familie Roſenthal nach Wien zurück⸗ gekehrt?“ fragte Frau von Lindenberg. „Nein, ſie werden vor Sommer nicht erwartet.“ „So wird doch wenigſtens unſerer armen Ella die Qual einer Begegnung erſpart werden—“ „Albert iſt noch in Italien,“ unterbrach ſie Leo⸗ pold;„hätte ich ihn erreichen können, dann wäre die Beleidigung meiner Schweſter nicht ungerächt geblieben.“ „Ich kann es nicht glauben, daß er aus freiem Triebe ſeine Verlobte verlaſſen,“ bemerkte Frau von Lindenberg mild;„er war ihr innig zugethan und ſchien der edelſinnigſte Mann. Ich zweifle noch immer an der Möglichkeit ſeiner Untreue.“ „Ich würde gezweifelt haben; aber er hat nicht einen Verſuch gemacht, den Schlag abzuwenden, unter dem meine Schweſter leidet. Sagten Sie mir nicht, daß ſelbſt ſeine Briefe, und die zwiſchen den Liebenden gewechſelten Andenken zurückgefordert wurden?“ „Ja, Alles wurde dem Grafen Roſenthal zu⸗ rückgeſandt,“ verſetzte die Baroneſſe. „Und jene Forderung war nicht in die freund⸗ lichſten Worte eingekleidet?“ bemerkte Leopold. „Aber ſie war nicht von Albert geſchrieben,“ ſagte Frau von Lindenberg. „Wahr! aber der Brief, den mein Vater ſchrieb, war an Albert gerichtet. Dieſes Schreiben iſt gänz⸗ lich unbeachtet geblieben; dies muß als Abneigung von ſeiner Seite gedeutet werden, einen weiteren Briefwechſel mit unſerer Familie zu unterhalten.“ „Aber wäreſt Du Zeuge geweſen von der Tren⸗ nung der Liebenden,“ bemerkte die Baroneſſe,„Du könnteſt keinen beleidigenden Verdacht hegen. Roſen⸗ thal zeigte wo möglich noch ſtärkere Rührung als Ella ſelbſt.“ „Es kränkt mich in der That, ſo unwürdig von einem Freund denken zu müſſen, für deſſen Aufrich⸗ tigkeit ich einſt mein Leben zum Pfande gegeben hätte; denn Albert war nicht wankelmüthig,“ rief Leopold. „Verrrath kann ihn entfremdet haben,“ bemerkte die Mutter.„Aber es iſt nutzlos über dieſe traurige ) =2 102 G Sache ſich in weitere Vermuthungen einzulaſſen. Die Zeit iſt darüber hingegangen, und Ella, obgleich ſie ſich in ihren Gefühlen treu blieb, hat doch wieder einen Theil ihrer Heiterkeit erlangt.“ „Aber nicht ihres Glückes,“ verſetzte der Soldat. „Noch muß Albert Rede ſtehen.“ „Halt ein,“ unterbrach ihn Frau von Linden⸗ berg in verweiſendem Tone;„Du kannſt nicht an die Möglichkeit eines neuen Zweikampfes denken. O nein, Du erinnerſt Dich— ſchon haſt Du—“ „Das iſt das Gefühl und die Sprache Ihres Geſchlechts, theuerſte Mutter; aber Albert hat die Treue gebrochen und verdient an ſeine Verpflichtun⸗ gen erinnert zu werden,“ verſetzte Hauptmann von Lindenberg von innerer Bewegung erröthend. „Nein, es würde uns ſchlecht anſtehen, die Er⸗ neuerung jener Gelübde zu ſuchen, die er vernichtet hat. Die wahre Würde ſchweigt. Ueberlaſſe Albert den Richterſpruch ſeines eigenen Herzens, Du ſollſt weder ſein Vertheidiger noch ſein Gegner ſeyn. Du wirſt das Geheimniß der ſchlecht belohnten Treue Deiner Schweſter nicht verrathen wollen.“ „Es iſt leichter ſich zu rächen als zu dulden,“ murmelte Leopold. 3 „Aber es iſt edler, zu dulden als zu klagen. Tapferkeit iſt der Triumph des Rechts, Rache 103 G⸗ nur Nothwehr des Unrechts,“ bemerkte milde die Baroneſſe. „Theure Mutter, Sie predigen Philoſophie, nicht Ritterlichkeit.“ „Keines von beiden, ich empfehle nur Klugheit.“ „Immer das alte Lied, Klugheit! Klugheit! Klugheit! Soll ich nie etwas Anderes hören als dieſes Wort,“ rief Leopold, die Ehrerbietung ver⸗ geſſend, die er der mütterlichen Beſorgtheit ſchul⸗ dig war. „Ja, Klugheit iſt das wahre Geheimniß des Lebens,“ verſetzte Frau von Lindenberg feſt,„jede Stunde, jedes Ereigniß muß es Dir beweiſen.“ „Vielleicht,“ verſetzte der Jüngling ſinnend, „aber iſt es nicht auffallend, daß durch Alberts Vermittlung der junge Las Caſes in unſere Fami⸗ lie eingeführt wurde?“ „Hätteſt Du den Chevalier gekannt, ſo würdeſt Du Dich nicht wundern. Wenige bewegten ſich ſo gut in der Geſellſchaft, und Albert war bezaubert; Dein Vater war es, Deine Schweſter; ſelbſt ich freute mich unſerer neuen Bekanntſchaft, obgleich ich längſt aufhörte, mich für Ausländer zu intereſſiren.“ „Hätte ich ihn geſehen, ſo würde ich in der That vielleicht die allgemeine Meinung getheilt haben. Jedenfalls gibt der Brief an meinen Vater, 2 104 Se⸗ den Sie mir gezeigt haben, und der Eindruck, den er augenſcheinlich auf die Familie hervorgebracht hat, eine günſtige Vorſtellung von ſeinem Charakter. Ich liebe einen verwegenen Geiſt. Aber ſeine Toll⸗ kühnheit war unheilvoll für das Glück unſeres Hau⸗ ſes,“ bemerkte Leopold. „Seine Denkart war zwar überſpannt, aber rein und edel; ſeine Begeiſterung flößte Ehrfurcht ein, ſie war ſogar anſteckend.“ „Wie unglücklich, daß ſie eine ſolche Richtung nahm! Er hätte einen guten Soldaten gegeben! Aber ſeine ſchwärmeriſchen politiſchen Pläne konnten nur mit einer Entdeckung, und zuletzt mit einer Verbannung aus den öſtreichiſchen Staaten endigen. Er konnte ſich doch keine Hoffnung machen, die Wiederherſtellung der Napoleon'ſchen Dynaſtie werde ihm gelingen?“ „Das that er, fürchte ich, ſonſt hätte man Deinen Vater nicht ſo ſchwer und ungerecht verfolgen können. Hätte Las Caſes nur eine individuelle Anhänglichkeit an den Sohn Bonaparte's gehabt, ſo hätte ſeine Einführung in unſere Familie und ſeine Zuſammenkunft mit dem Herzog von Neichſtadt nicht ſo unheilvolle Folgen über uns bringen können.“ „Ich müßte mich ſehr täuſchen, oder dieſe An⸗ gelegenheit des Las Caſes war mehr der Vorwand — 105&⸗ als die Urſache unſeres Unglücks. Aber es iſt dies ein trauriger Punkt, theuerſte Mutter! ſprechen wir von etwas Anderem. Ich beneide Sie um dieſe ewige Stickarbeit welch unerſchöpfliches Mittel gegen die Langweil! Mit dieſem endloſen Stickrahmen be⸗ ſchäftigt, ſind Sie wenigſtens glücklich.“ „Glücklich!“ wiederholte die Matrone mit einem tiefen Seufzer.„Nein, Leopold, nicht glücklich, aber weniger unglücklich als ich ſeyn würde. Eine Hand⸗ arbeit, wenn auch noch ſo mechaniſch, erleichtert wunderbar das Herz.“ „Ich wollte ich fände eine Beſchäftigung, oder machte einen Plan ausfindig, um die trägen Stun⸗ den hinzubringen,“ ſprach Leopold.„Ich kann nicht leſen, denn die Worte ſcheinen vor meinen Augen zu ſchwimmen, und laſſen kein Verſtändniß des Sinnes zu; ich kann nicht ſchreiben, meine Hand verſagt mir den Dienſt; ich wage mich nicht aus dieſen Mauern, die Sicherheit des Hauſes hat ſich mir in Gefangenſchaft verwandelt.“ „In wenigen Tagen, theurer Sohn, werden ſich unſre Beſorgniſſe heben. Ich hoffe auch, wir werden Nachricht erhalten, daß Holdenbeck außer Gefahr iſt; inzwiſchen müſſen wir uns gegenſeitig zu tröſten ſuchen. Du weißt, es wäre nutzlos geweſen, 2 106 wenn Ella geſchrieben hätte; ſie konnte uns nur ihre Ankunft in der Hauptſtadt melden.“ „Vater und Schweſter ſind jetzt ſieben, nein acht Tage, acht lange traurige Tage abweſend, und noch immer keine Kunde, keine Zeile zur Beruhigung der ſehnenden Liebe.“ „Wien iſt nicht weit von hier entfernt,“ ſagte die Baroneſſe.„Zudem der Froſt war außerordentlich ſtreng, und das plötzliche Thauwetter kann die Wege verdorben haben.“ „Könnte ich nur Holdenbecks Geneſung erfah⸗ ren, dürfte ich nur glauben, daß dieſe Hände— ſchuldlos wären,“ murmelte der junge Mann von unbeſtimmtem und halb unbewußtem Schauder ge⸗ ſchüttelt. Jetzt wünſche ich, ich hätte den Vater begleitet, und mich ſelbſt in die Hände der Gerech⸗ tigkeit geliefert. Ich verabſcheue dieſe klägliche Ver⸗ heimlichung.“ „So verdrießlich Dir jetzt Deine gegenwärtige Einſamkeit ſeyn mag, wird ſie nicht von deiner Mutter getheilt?“ ſprach ſie im Tone zärtlichen Vorwurfs.“ Während ſie ſprach erhob ſich der Wind mit furchtbarem Brauſen, und ſchlug an die von der Zeit abgenutzten Mauern des Schloſſes; der Regen praſſelte gegen die Fenſter, während ein Windſtoß nach dem andern mit leiſem Aechzen in der Ferne — 107 erſtarb, was ein unbeſtimmtes Gefühl des Schre⸗ ckens einflößte, deſſen ſich ſelbſt Leopolds feſtes Herz nicht erwehren konnte. „Fürwahr eine furchtbare Nacht,“ rief er, wäh⸗ rend ſeine Mutter ihre Nadel fallen ließ und ihre Hände zuſammenſchlug.„Horch, ich hörte durch das Brauſen des Windes hindurch einen Ruf.“ „Wieder ſaußte der Wind durch jede Oeffnung des Gebäudes, und nun folgte eine augenblickliche Stille, während welcher das Geräuſch von Pferde⸗ hufen deutlich unterſchieden werden konnte. Frau von Lindenberg wurde bleich, als die Schloßglocke laut und gebieteriſch ertönt, und von der Stimme Kaſpars beantwortet wurde, der die Eindringenden abwehren wollte, aber ſie erzwangen, ohne ſich mit Wortwechſel aufzuhalten, trotz Bellen der Hunde, murrender Diener und kreiſchender Weiber, bald ihren Eintritt. Einige Polizeibeamte, von einer Ab⸗ theilung Dragoner begleitet, ſtiegen im Hofe ab, und drangen ſogleich in das Zimmer ein, in welchem die Baroneſſe und ihr Sohn ihre melancholiſche Nacht⸗ wache hielten. Der letztere nahm ſogleich eine vertheidigende Stellung ein, während Frau von Lin⸗ denberg vor den Dienern der Gerechtigkeit auf die Kniee ſank. „Ergreift den Gefangenen, wenn er den leiſeſten % 108 ‿ Widerſtand verſucht,“ rief der erſte Polizeibeamte, aber die Worte waren kaum geſprochen, als der Anführer der Dragoner, welcher mit Lindenberg zufällig bekannt war, freundlich dazwiſchentrat und ihm rieth, ſich ohne Widerſtand zu ergeben. Leopold erröthete bis an die Schläfe.„Ein Soldat verunehrt ſich nicht, wenn er ſeinen Degen einem Tapfern ausliefert,“ rief er, Hauptmann Walſtein ſeine Waffe überreichend. „Oder wenn er auf die Ehrenhaftigkeit eines Freundes vertraut,“ verſetzte der andere.„Stehen Sie auf, gnädige Frau,“ fuhr er, an die Baroneſſe gerichtet, fort,„Sie haben nichts zu fürchten.“ „O Herr! mein Sohn, mein Sohn, er iſt mir theuer,“ rief ſie, die nervige Hand des Ve⸗ teranen ergreifend und ſie heftig in der ihrigen drückend;„Sie werden ihn doch nicht von hier weg⸗ führen, uns nicht trennen wollen?“ „Hauptmann von Lindenberg muß mich beglei⸗ ten,“ verſetzte der Polizeibeamte,„ich habe die be⸗ ſtimmteſten Befehle.“ „Ich bin bereit, mein Herr,“ antwortete Leo⸗ pold ſtolz. „Bleibe, raſcher Junge,“ unterbrach ihn ſeine Mutter, ihre Arme um ihn ſchlingend. „Ich bedaure, gnädige Frau, daß ihre Thränen und Bitten unnütz ſeyn werden. Ihr Sohn iſt in einer kritiſchen Lage, Lieutenant Holdenbeck liegt hoffnungslos darnieder, und Hauptmann von Lin⸗ denbergs Ehre und Leben hängt von einer Unter⸗ ſuchung ab, nach welcher er ſelbſt mehr als irgend Jemand verlangen ſollte,“ bemerkte der Befehlshaber. „O Gott,“ rief Leopold, ſein Geſicht mit ſeinen Händen bedeckend. Holdenbeck forderte mich heraus, aber—“ „Der Schein iſt gegen Sie. Der Umſtand Ihrer Flucht läßt ungünſtige Deutungen zu; Ihre Feinde ſind thätig, und bereits hat man viele Vor⸗ urtheile wider Sie erregt. Wenn Sie dem Rathe eines Freundes folgen wollen, ſo ergeben Sie ſich gutwillig.“ Nach dieſen Worten winkte Hauptmann Wal⸗ ſtein, der im Dienſte ergraut war, dem Polizei⸗ beamten zurück, näherte ſich ehrfurchtsvoll der Ba⸗ roneſſe und ſagte:„meine Pflicht iſt gebieteriſch, gnädige Frau, ein Wagen iſt in Bereitſchaft, wir müſſen Ihren Sohn nach Wien begleiten.“ „Ein Wort, eine Bitte,“ unterbrach ihn Frau von Lindenberg, indem ſie zwiſchen ihren Sohn und den Befehlshaber trat.„Erlauben Sie mir Sie zu begleiten.“ 1 —2 110 „Unmöglich, unſere Zeit iſt zu beſchränkt,“ rief er. „Ich will Sie nicht aufhalten. Laſſen Sie mich nur ihm folgen,“ rief die Mutter. „In zwei Stunden müſſen wir unterwegs ſeyn,“ erwiederte der Offizier,„Relaypferde warten, und ich bin verpflichtet, keinen Aufſchub zu geſtatten.“ „Ich verlange nicht eine Stunde, wenn Sie mir nur erlauben meinen Sohn zu begleiten.“ „Der Regen gießt in Strömen, Sie hören ihn an die Fenſterläden ſchlagen, weder Ihr Wagen, noch Ihre Diener ſind in Bereitſchaft, ich bitte Sie, ſetzen Sie Ihre Geſundheit, Ihre Sicherheit nicht aufs Spiel.“ „Diener! Wagen! Sicherheit!“ wiederholte die Baroneſſe.„Sie kennen nicht das Herz einer Mut⸗ ter, das nur nach der Gegenwart des Sohnes verlangt. Daſſelbe Fuhrwerk, das meinen Sohn fortführt, ſoll auch mich aufnehmen. Ich flehe Sie an, nehmen Sie mich mit!“ „Wohin ſoll ich Sie mitnehmen?“ fragte Wald⸗ ſtein.„Ins Gefängniß?“ „Nach Wien,“ verſetzte die Baroneſſe feſt, wäh⸗ rend ein Hoffnungsſtrahl plötzlich ihre blaſſen Züge erhellte.„O mein Herr,“ fuhr ſie fort,„wenn Sie Vater ſind, wenn Sie noch den Segen der Liebe 111 eines Kindes beſitzen, ſo verwerfen Sie meine Bitte nicht, laſſen Sie mich ihm folgen,“ ſprach ſie, vor dem Offizier auf ihre Kniee ſinkend.„Laſſen Sie mich meinen Sohn begleiten und bei ihm bleiben bis zum Ende.“ Das eiſerne Herz des Soldaten, an ſolche Scenen nicht gewöhnt, wurde weich, und er wandte ſich mechaniſch an die Autoritäten, die er verpflichtet war zu beſchützen, daß nicht Leopold oder ſeine Land⸗ leute einen Verſuch machen möchten, zu entfliehen oder ihn zu befreien. „Ich ſetze meine Ehre zum Pfande, Walſtein,“ ſagte Leopold,„daß ich Ihnen keinen Grund geben werde, eine Bewilligung zu bereuen, die den Wün⸗ ſchen meiner Mutter ſo angenehm wäre. Ich will der drohenden Unterſuchung nicht entgehen. Sie haben mein Wort noch nie bezweifelt.“ „Nein, aber—“ „Meine Gegenwart in Wien iſt von äußerſter Wichtigkeit,“ ſagte die Baroneſſe;„mein Gatte und meine Tochter ſind bereits dort. Trennen Sie nicht eine unglückliche Familie!“ Während Frau von Lindenberg ſprach, wurden die Beamten allmählig milder geſtimmt, und die ängſtlich erbetene Erlaubniß wurde endlich gegeben. Eine Stunde reichte hin für die wenigen nothwendigen 9 112 S⸗ Zurüſtungen. Die Nacht war weit vorgeſchritten, als Mutter und Sohn Arm in Arm die alte, eichene Treppe hinabſtiegen. In der untern Halle war die beſorgte Dienerſchaft verſammelt, die ſich eilig hie⸗ her begeben hatte, um von ihrer verehrten Gebiete⸗ rin einen letzten Blick zu erhalten. In ihre weite Reiſekleidung gehüllt, die ſie ſowohl vor dem Wet⸗ ter, als vor der Beobachtung ſchützte, winkte die Baroneſſe mit ihrer Hand ein ſtummes Lebewohl; und wie um die liebevollen Gefühle ihrer Diener⸗ ſchaft weniger zu bemerken, damit der Einfluß ihres Grams nicht ihre eigene Feſtigkeit erſchüttern möchte, zog ſie einen dichten Schleier immer enger um ihr Geſicht und ſchickte ſich an, ihr Schloß zu verlaſſen. Der Tag brach allmählig durch die düſtern Wolken, die ſich unheilſchwanger wie die Falten eines ſchwarzen Baldachins am Horizonte geſam⸗ melt hatten, und bereit ſchienen, eine neue Düſter⸗ heit über die Landſchaft zu verbreiten, als der Zug ſich raſch durch den Gebirgspaß fortbewegte. Eine ſtarke, wohl berittene und wohl bewaffnete Beglei⸗ tung ritt zu beiden Seiten des Wagens, der Leo⸗ pold, ſeine liebende Mutter, den Polizeibeamten und den Veteranen Walſtein enthielt. In düſtere Be⸗ trachtungen vertieft reiſete die Geſellſchaft den ganzen nächſten Tag hindurch in beinahe ununterbrochene 113 S⸗ Schweigen, und als die Nacht wiederum nahte, verdichteten ſich die düſteren Dünſte, die wie ein Leichentuch über der Erde hingen, in eine einzige, wunderlich geſtaltete Maſſe, die ſich endlich mit dem Scheiden des Tageslichtes in ungezähmter Wuth entlud. Es raste der Sturm, und von Regen durchnäßt befeſtigten die Reiter, in ihre Kriegsmän⸗ tel gehüllt, ihre Rüſtungen und trotzten dem Sturme, während die heulende Windsbraut ächzend durch die nackten Aeſte der Waldbäume brauste. Von Natur für abergläubiſche Eindrücke empfänglich, beobachtete die Baroneſſe mit Beſorgniß und Schauder das fürchterliche Zunehmen des Orkans, und erſt lang nach Mitternacht, als die Stimme des Windes ver⸗ ſtummt war und die ſchweren Wolken ſich in Regen aufgelöst hatten, wagte ſie es, die belebende Friſche des nahenden Morgens einzuathmen; und als ſie die blinkenden Sterne, einen nach dem andern, von dem tiefen, klaren Himmelsbogen verſchwinden ſah, erhob ſie ihre Gedanken zu der feierlichen Betrach⸗ tung der Allmacht, die alſo die ſtreitenden Elemente erregen und beruhigen kann, wie es ihr gefällt.— Endlich machte man Halt; der Wagen ſtand unter dem düſtern Thorweg eines Gefängniſſes, und zum erſten Mal fand ſich die hochgeborene, muſterhafte Gattin Lindenbergs in Abhängigkeit von dem guten Ella. II. 8 ₰ 114 G⸗ Willen fremder Leute, ohne in der großen menſchen⸗ reichen Hauptſtadt einen einzigen Freund zu beſitzen, den ſie ſchicklicherweiſe um Hülfe bitten konnte. Aufgeregt und außerordentlich ermüdet umarmte die Baroneſſe noch einmal ihren Sohn, und in den Wagen zurückſinkend, hatte ſie kaum noch Kraft genug, ein zärtliches Lebewohl auszuſprechen, als er raſch durch das eiſerne Thor verſchwand, das ſich hinter ſeinem Rücken ſchloß. Mit dem Dragonerhauptmann allein gelaſſen, bemühte ſie ſich nicht länger den Sturm ihrer Ge⸗ fühle zurückzudrängen, während der freundlich ge⸗ ſinnte Soldat ſie um die Erlaubniß bat, ſie in den Gaſthof zu begleiten, wo ſie allen Grund hatte ihren Gatten und ihre Tochter zu vermuthen. In Thränen aufgelöst, konnte ſie nur mit Mühe ſeine zarte Aufmerkſamkeit erwiedern; und ohne eine wei⸗ tere Erklärung zu erwarten, entließ Walſtein ſeine müden Dragoner, gab dem Poſtillon einen weiteren Thaler und führte die weinende Mutter an den Ort ihrer Beſtimmung. 4 — 11 Siebentes Kapitel. Je te salue, ò mort! Libérateur céleste! Tu ne m'apparais point sous cet aspect funeste Que t'appreète long-temps l'épouvante et l'erreur; Ton bras n'est point armé d'un glaive destructeur; Ton front n'est point cruel, ton oeil n'est par perfide; Au secours des douleurs un Dieu clement te guide. Tu n'anéantis pas, tu délivres; ta main, Céleste messager, porte un flambeau divin. Quand mon oeil fatigué sc ferme à la lumière, Tu viens d'un jour plus par inonder ma paupiète; Et l'Espoir pres te toi, rèêvant sur un tombeau, Appuyé sur la Foi; m'ouvre un monde plus beau. De Lamartine. Was ſterbend ſpricht der Menſch, Feſſelt die Seele, wie ein tiefer Wohllaut; Denn nicht umſonſt wird hier das Wort verſchwendet, Es redet Wahrheit, wer im Todeskampfe endet. Shakespeare In einer engen und unbeſuchten Straße in der Nähe der Vorſtädte der Kaiſerſtadt ſteht ein unbe⸗ deutender Gaſthof, der weder gehörig eingerichtet iſt, um gemiſchte Reiſende anzuziehen, noch elegant genug, um den Ueberfluß der vornehmen Welt zu beherbergen. Allzuweit von dem Mittelpunkte der 8* Stadt entfernt, um von dem Handelsmann oder von dem vornehmen Müßiggänger zum Hauſe der Er⸗ holung gewählt zu werden, wurde es vorzugsweiſe von dem unbemittelten Adel, von den vornehmen Leuten des Mittelſtandes, von Künſtlern, beſcheidenen Li⸗ teraten und Familien vom Lande beſucht und er⸗ halten, welche die Hauptſtadt mehr Geſchäfte halber als zu ihrem Vergnügen beſuchten. Das Gaſthaus „zu den drei Kronen“ vereinigte in ſich die ſoliden und ſelten verbundenen Vortheile der Ruhe, der Reinlichkeit und Wohlfeilheit. Keine ſchweren Eil⸗ wagen drängten ſich in dem von Gras überwach⸗ ſenen Hofraum; keine beſtaubten Karoſſen füllten den Thorweg; keine ſtattliche Equipagen eilten aus dem Thore. Ohne das Geräuſch einer Schenke für geringe Leute, wie ohne die Pracht eines Gaſthofes erſten Ranges, galten die„drei Kronen“ für an⸗ ſtändig, ohne koſtſpielig zu ſeyn. Die Zimmer, ob⸗ gleich klein, waren hübſch ausgeſtattet und außer⸗ ordentlich reinlich. Große Aufmerkſamkeit auf Klei⸗ nigkeiten und äußeren Anſchein iſt öfter das An⸗ hängſel der Armuth als des Lurus; ſo werden faden⸗ ſcheinige Röcke öfter gebürſtet als neue, und abge⸗ nützte Tiſche mit beſonderer Sorgfalt geglättet, wäh⸗ rend neue von ihren reichen und ſorgloſen Eigen⸗ thümern vernachläßigt bleiben. In unſerem Falle 2 117&- zeigte die ſchneeweiße Reinheit der beſcheidenen Vor⸗ hänge und die unbeſchmutzte Weiße der ſchön ge⸗ waſchenen Tücher, wenn ſie auch nicht für eine bedeutende Kundſchaft zeugten, die das Gaſthaus genoß, doch den edleren Rang und den feineren Geſchmack ſeiner gewöhnlichen Bewohner an. Hieher führte der Baron von Lindenberg bei ſeiner Ankunft in Wien aus weiſen Gründen ſeine Tochter; dieſes Haus hielt er für eine anſtändige Zuflucht während der kurzen Dauer ſeines Aufenthalts. Zwei kleine Zimmer, durch eine Thüre verbunden, wurden zu ihren Schlafzimmern gewählt, während ein größeres drittes die Stelle eines Salons und Speiſezimmers zugleich vertrat; denn er hielt es nicht für ange⸗ meſſen, Ella's Unſchuld und Schönheit der Beob⸗ achtung an einer öffentlichen Wirthstafel auszuſetzen, und ihre gegenwärtige Lage ſchloß die Möglichkeit aus, die Aufmerkſamkeit früherer Bekannten auf ſich zu ziehen oder ihre Gaſtfreundſchaft anzunehmen. Die erſte Nacht nach einer ſchnellen und er⸗ müdenden Reiſe brachte der Baron in einem Zuſtande ängſtlicher Schlafloſigkeit zu, beſchäftigt, ſeine Ge⸗ danken zu ordnen und die Umſtände zu erwägen, in denen ſich Leopold befand. Die ganze Schwierigkeit des Falles ſtellte ſich ihm deutlich dar, und eine Menge von Entwürfen, die ſich ihm für ſein 118 Benehmen darboten, mit denen ſich die Furcht und Hoffnung über Vergangenheit und Zukunft kreuzten, wurden der Reihe nach angenommen und verworfen. Ermüdet und niedergedrückt, und noch jetzt, in den letzten Augenblicken vor ſeinem thätigen Einſchreiten, über ſein Benehmen unſchlüßig, fand Lindenberg keine Ruhe. Zudem hatte ein bisher vernachläßigtes körper⸗ liches Unwohlſeyn ein ſtarkes Fieber hervorgebracht, das zugleich mit der geiſtigen Aufregung die Mög⸗ lichkeit einer Ruhe ausſchloß. Früh am nächſten Morgen, als Ella an das Bett ihres Vaters trat, um ſich den Segen zu er⸗ bitten, der bisher noch niemals zurückgehalten oder verſäumt worden war, bemerkte ſie, ſeine brennende Hand drückend, mit Unruhe und Kummer, daß er an einem Unwohlſeyn leide, und in wenigen Stunden nahm die Unpäßlichkeit des Barons einen erſchre⸗ ckenden Charakter an. Die fieberhaften Symptome konnten nicht geſtillt werden und der Verlauf einer tief liegenden Krankheit war bereits ſo weit vorge⸗ ſchritten, daß menſchliche Geſchicklichkeit nutzlos war, als ein Arzt eilig zu ſeiner Hülfe herbeigerufen wurde. Ella's Seelenqual unter dieſen unheilvollen Um⸗ ſtänden kann nicht geſchildert werden. Allein, ohne Geld, ohne Diener, ohne Freunde war ſie ein ver⸗ einzeltes Weſen in derſelben Stadt, in der ſie noch 2 119&Æ⸗ vor Kurzem alle Bequemlichkeiten des Rangs, des Glücks und der Achtung genoſſen hatte. Der klein⸗ lichen Qualen der Armuth ungewohnt, wußte ſie nichts von jenen weltlichen Künſten, durch welche das Unglück für den Niederen weniger drückend wird, als für den Großen, der, da er einſt die Freuden des Ueberfluſſes gekoſtet hat, für das Ge⸗ fühl ihres Verluſtes empfänglicher iſt. In der mittel⸗ alterlichen Einſamkeit von Ehrenfels hatte ſie die Veränderung in der äußeren Lage ihrer Familie kaum gefühlt; ſie glaubte ſich noch immer auf ihrer früheren Höhe, denn keine ſchmerzlichen Widerſprüche erinnerten ſie dort an die Veränderung, die Statt gefunden hatte. Aber jetzt, da ſie mit der Welt, der niederen, ſtolzen, ſchlechten, feilen, gemeinen Welt in Berührung kam, jetzt laſtete die ganze Bitterkeit ihrer Lage auf ihr und brachte in der Verwicklung des Unglücks die edlen Thätigkeiten ihrer Seele an den Tag. Tag und Nacht wachte ſie muthig an dem Kiſſen ihres Vaters und kam jedem Wunſche mit jener eifrigen und edlen Thätigkeit zuvor, welche die fie⸗ beriſche Aufregung niederſchlägt und dem Schmerze ſelbſt die Hälfte ſeiner Qualen nimmt. Ella ſchien ein dienender Engel; ihre Gegenwart flößte andern einen Theil ibrer eigenen Liebe ein; und es war 2 120 S& unmöglich, dieſes junge, ſchwache Weſen zu ſehen, wie es ſich über das Lager des Leidenden hinbeugte und alle frommen Pflichten kindlicher Liebe mit un⸗ erſchütterlichem Muthe erfüllte, ohne zur Theilnahme und Nacheiferung angeregt zu werden. Gleichwohl ſuchte ſie, um ſowohl der Betrachtung als dem Mit⸗ leiden zu entgehen, durch ihre perſönlichen Anſtren⸗ gungen dahin zu wirken, daß ihr Vater die Ab⸗ weſenheit einer zahlreicheren, aber nicht thätigeren Dienerſchaft ſo wenig als möglich vermiſſen möchte. Und doch war ſie nicht undankbar, nein! nicht ein— mal gegen den Niedrigſten. Ihr edles Herz ſchlug zärtlich gegen ihre Mitmenſchen; aber von ihrer Mutter getrennt, in einen andern Wirkungskreis verſetzt, mit Vorſtellungen erfüllt, die ihrer früheren Stellung angehörten; mit einer feinen, adeligen Er⸗ ziehung ausgeſtattet; in ihren Hoffnungen getäuſcht, als ſie ſich gerade am kühnſten erhoben hatten— Alles verband ſich, ſie für den Umgang mit der Welt untauglich, deren Lächeln wie deren düſtere Blicke ihr gleich unwichtig zu machen. Obgleich weder der Baron noch ſeine Tochter der Familie des Gaſtwirthes bekannt waren, da ihr wahrer Name und ihre frühere Stellung verborgen blieben, erhielten ſie gleichwohl von jedem Gliede des Hauſes unaufhörlich Beweiſe der Aufmerkſamkeit; denn in dem Benehmen Lindenbergs lag ein ſo hoher Grad von Artigkeit, angeborner Freundlichkeit, ver⸗ bunden mit Würde, dem wahren Kennzeichen einer edlen Seele, wodurch er ſich von dem großen Haufen auffallend unterſchied; und die Menſchen, wenn ſie auch nur eine einſache Bildung beſitzen, ſind gleich⸗ wohl nicht unachtſam auf das Benehmen von Leuten, die ihnen überlegen ſind. So hatte denn der Ex⸗ miniſter, der jetzt nur noch unter dem einfachen Namen eines Herrn Friederich gekannt wurde, auch den beſcheidenen Eigenthümer„der drei Kronen“ mit dem unbeſtimmten Gefühle der Achtung erfüllt, das von der ſchmutzigen Hoffnung auf einen weltlichen Vortheil gänzlich verſchieden war. Die traurige Woche, die ſich jetzt ihrem Ende näherte, brachte den Leiden des Barons keine Lin⸗ derung: man erklärte ihn für ſehr gefährlich krank. Ella allein verwarf alle traurige Weiſſagungen und hielt feſt an einer entfernten Hoffnung. Seit dem Beginne der unglücklichen Krankheit, welche jetzt mit einer ſchnellen Auflöſung zu endigen drohte, hatte ſie ihren Vater nicht verlaſſen und ohne weder Schlummer, noch die täglich vor ihr aufgeſetzten Speiſen zu genießen, blieb ſie die beharrliche liebe— volle Wärterin ſeines Sterbebettes. Ihre von Natur ſchwächliche Geſtalt war unter gehäuften 122 So⸗ Anſtrengungen beinahe mager geworden; die ſanfte Wange, einſt von der zarten Farbe der Geſundheit geröthet, war jetzt bleich und eingeſunken; ſie trug auch die Spuren häufiger und bitterer Thränen, während ihre vernachläßigten Haare die geiſtige Qual verriethen, die ſie verhinderte, die gewohnten Ein⸗ zelheiten der Toilette vorzunehmen. Sie ſaß auf einem niedern Stuhle, neben der halb erloſchenen Aſche eines Feuers, das ſie mit eigener Hand ſchon zweimal mit neuer Nahrung verſehen hatte. Ein bleiches, ſchwaches Licht fiel dämmernd durch die Fenſter; denn die beſcheidenen Vorhänge waren vor⸗ gezogen und kein Sonnenſchein erheiterte die Düſter⸗ heit eines Regentages. Beim Herannahen des Abends fielen die ſtarken Regen, die ſich den Vormittag über in kurzen Zwiſchenträumen abgelöst hatten, unauf⸗ hörlich und praſſelten gegen die Glasſcheiben, die zuweilen vom Winde hin- und hergeſchüttelt wur⸗ den, der durch die enge Straße brauste, die unbe⸗ feſtigten Läden in Bewegung ſetzte und an die offenen Thore der Nachbarhäuſer ſchlug. Ella fühlte nicht die Heftigkeit des Sturms; ſie be⸗ merkte nicht die Ströme des Regens, der gegen die Fenſter ſchlug, durch die kleinen Oeffnungen eindrang, und tropfenweiſe mit düſterem, einförmigem Tone auf den Fußboden fiel. Der Wind heulte; das Feuer war 123 erloſchen und das dämmernde Tageslicht verſchwand. Endlich entſchlummerte ſie; die erſchöpfte Natur be⸗ hauptete ihr Recht, und ein Zimmer umfaßte den ſterbenden Vater und ſein ſchlummerndes Kind. Aber er theilte nicht die wohlthätige Ruhe, die über ſein Kind gekommen war; mit ſchwermüthiger Zufrieden⸗ heit ihren Schlaf beobachtend, ſuchten ſeine gläſernen Augen noch die ſchwachen Umriſſe ihrer gekrümmten Geſtalt zu unterſcheiden. „Armes Kind,“ murmelte er, die gezwungene Lage betrachtend, in welcher ſie daſaß, ihre ſchöne Stirne auf ihre offenen Hände geſtützt, ihre Ell⸗ bogen auf einem kleinen Tiſche ruhend.„Armes Kind! ſie ruht; glänzende Träume erfreuen ihre Phantaſie, aus denen ſie zur düſtern Wirklichkeit erwachen wird. Wenigſtens fühlt ſie jetzt nicht den Schmerz ihrer bevorſtehenden Trennung.“ Und wäh⸗ rend er im Geiſte ein Gebet ſprach für Die, die vor thm ſchlief, kehrten ſeine Gedanken nach Hauſe zurück, zu der treuen Gattin, dieſem lieblichen, reinen Weſen, das ſein Glück verſchönert und ſeinem Un⸗ glück den ſchmerzlichſten Stachel genommen hatte. Aber in dieſer finſtern, traurigen Stunde, dieſer Stunde der Prüfung, war ſie fern von ihm; ſie kannte nicht einmal die Gefahr, in der er ſchwebte; ſie konnte nicht das Kiſſen ſeines Sterbebettes ſanfter 2 - 124 S⸗ machen, nicht die letzten, halb erſtickten Seufzer des Schmerzes empfangen; ihre Hände ſollten dieſe Augen nicht ſchließen, vor deren Blicke die Welt allmählig entſchwand. Alles muß vergehen; das iſt das Loos der Menſchheit; aber die Summe des Guten und Böſen iſt auf der Erde verſchieden vertheilt, und ſelbſt die Leiden des Todes werden gnädig gemildert; denn die Gegenwart und die Klagen nachlebender Freunde nehmen der Schlußſcene einen Theil ihrer qualvollen Schrecken; die Thränen der Nachlebenden ſcheinen ein vereinigendes Band zu bilden, einen ſtummen Ver⸗ trag mit dem Tode. Deßhalb gibt das einſame Bett eines aufge⸗ gebenen Fremdlings dem Beobachter eine weit kräf⸗ tigere Lehre, als das menſchenerfüllte Gemach des Ueberfluſſes und wenn auch der Verluſt für alle der gleiche iſt, ſo wird er doch nicht gleich ſchmerzlich empfunden. „Haben Sie geſprochen?“ ſagte Ella, aus ihrer unbehaglichen Stellung aufſchreckend und zum Be⸗ wußtſeyn der Gefahr ihres Vaters erwachend. „Ich wollte Dich nicht ſtören, armes Mädchen, ich bewegte mich nur,“ antwortete der Baron. „O Vater, ich habe geſchlafen, ich habe zu 25 125 Ge lang geſchlafen! Die Vernachläßigung war abſichts⸗ los!“ rief ſie. „Du haſt geruht; aber dieſes müde Haupt ver⸗ langte ein weicheres Kiſſen, als jener harte Tiſch iſt,“ verſetzte er in mattem Tone;„die Ueberzeu⸗ gung, daß Du, wenn auch nur eine Stunde, frei von Sorgen warſt, war wohlthuend für Deinen Vater.“ Keine Nachrichten von Ehrenfels? von Hauſe?“ ſetzte er mit tiefem Seufzer hinzu. „Keine; aber ich habe erſt geſtern geſchrieben.“ „Ich erinnere mich jetzt; aber mein Gedächtniß iſt verwirrt. Es wäre beſſer geweſen, Deiner Mutter keine ſo plötzliche Unruhe zu machen. Arme Karo⸗ line! Sie iſt verhältnißmäßig glücklich, denn Leopold iſt bei ihr.“ „Und Ella iſt bei Ihnen,“ unterbrach ſie ihn, geräuſchlos zu ihm hintretend. „Komme näher, Theuerſte, denn meine Augen werden ſchwach und mein Herz ſchlägt matter.“ „Soll ich ein Licht bringen?“ fragte Ella, gegen die Aſche gewendet, die noch auf dem ſchwarzen Heerde rauchte. „Nein, noch nicht; dieſe Dunkelheit iſt heilſam, iſt für die Seele wohlthätig; ſie verhüllt die äußeren Gegenſtände und der ſuchende Geiſt gelangt dann zur Selbſtprüfung. Dieſe Finſterniß iſt nur eine Vorbedeutung auf die, welche bevorſteht,“ murmelte der Baron mit heiſerer Stimme.„Horch!“ fuhr er fort,„was für ein Laut war dies?“ „Nichts als der Wind, theuerſter Vater!“ ſagte ſie, während ein heftiger Windſtoß das Gebäude erſchütterte. „Bald werde ich der Wuth der Elemente ent⸗ rückt ſeyn,“ antwortete er;„aber Du, mein Kind, wirſt allen Wechſelfällen des Glückes, aller Unruhe, allen ſtreitenden Intereſſen und Anſtrengungen des weltlichen Kampfes ausgeſetzt ſeyn. Ich muß ſcheiden von Dir, ſcheiden von meiner Ella— ſchon der Gedanke ſchlägt mich nieder;“— während er ſprach, fuhr der Baron mit ſeiner Hand über ſeine Stirne, auf der bereits der kalte Todesſchweiß ſtand. „Denken Sie nicht ſo, mein Vater; die fiebe⸗ riſchen Symptome, die uns ſo viel Unruhe machen, ſind großentheils verſchwunden; Ihre Hand iſt kühl, ja ſie iſt ganz kalt,“ und Ella drückte ſie ehrfurchts⸗ voll an ihre Lippen. „Keine Selbſttäuſchung, meine Ella! Der feier⸗ liche Augenblick iſt nicht mehr ferne, wo ich nur noch in der Erinnerung meiner Familie leben werde.“ „Sprechen Sie nicht ſo; es kann, es darf nicht ſeyn! Was ſollte aus uns werden? Sie ſind beſſer, 127 viel beſſer ſeit geſtern; ich würde Unruhe empfinden, aber jetzt, dieſer Wechſel, dieſe geſunde Kühle!“ „Höre mich, Ella, denn die Zeit iſt koſtbar, die Augenblicke ſind gezählt. Glaube nicht, daß ich das unvermeidliche Schickſal fürchte. Wäre es nicht um Deinet⸗ und Deiner Mutter willen, dieſer geheim⸗ nißvolle Uebergang aus Schmerz und Krankheit in die geiſtigen Herrlichkeiten der Ewigkeit würde mir nicht bitter ſeyn. Es iſt der Schmerz der Trennung, der Gram um Andere, der den Pfeil des Todes ſo ſchmerzlich macht. Es iſt nicht die Verweſung des Fleiſches, die Vernichtung der Lebenskraft: nein, nicht in den letzten Qualen des Todeskampfes liegt der Schrecken des Todes: es iſt der Schmerz um die Nachlebenden; die bevorſtehende Vernichtung des Herzens; denn das Grab, das ſich über dem Körper ſchließt, verſchlingt auch die Liebe zu den Lebenden.“ „Wir werden uns nicht trennen,“ rief Ella, auf ihre Kniee ſinkend;„Sie werden geneſen, meine Gebete können nicht vergebens ſeyn. Laſſen Sie mich nicht verzweifeln! Bereits fühlen Sie die Wirkungen des letzten heilſamen Trankes, den ich Ihnen reichte. Sie haben keine Schmerzen mehr.“ „Ich bin beſſer— aber“ „Gott ſey gelobt! meine Mutter wird in wenigen 128&⸗ Tagen hier ſeyn; ihre Gegenwart wird Sie erhei⸗ tern und zu Ihrer Geneſung beitragen. O mein Vater! warum verließen wir ſie?“ „Wenige Tage? armes Mädchen! Hätteſt Du geſagt Stunden— aber ich muß jetzt handeln, ſo lange ich es noch kann. Haſt Du Nachrichten von Holdenbeck? Lebt er?“ „Er lebt; man hat einige Hoffnung, daß er ſich erholen werde.“ „Das iſt ein Segen, den ich kaum zu hoffen wagte. Es iſt ein ſüßer Gedanke, daß meinem Leo⸗ pold die Qualen der Geywiſſensbiſſe erſpart ſeyn werden. Man darf ſich nicht über kleinere Züchti⸗ gungen des Himmels grämen, wenn größere Ver⸗ günſtigungen uns geſchenkt werden.“ „Wenn es möglich wäre, bei dem Kaiſer oder dem Erzherzog Gehör zu finden,“ rief Ella. „Der Verſuch kann ſpäter gelingen,“ ſeufzte Lindenberg.„Auch der heftigſte Zorn gegen den Vater kann verſöhnt werden durch die Vermittlung eines Kindes wie Du. Wenn ich dahin bin, ſo ge⸗ denke, daß das anſtößige Glied der Familie zu leben aufgehört hat. Leopold kann noch Ehre über unſer Haus bringen; er liebt ſeinen Beruf und wird ihm Ehre machen.“ „O theuerſter Vater, noch iſt Hoffnung vorhanden 1 „2 129 und das Glück kann noch unſer warten. Verzweifeln Sie noch nicht, es bekümmert Ihre Ella.“ „Erhebe Deine Gedanken, mein Kind, über dieſe Welt der Prüfungen, gebe Dich nicht der Hoff⸗ nung, aber noch weniger der Verzweiflung hin. Ich ſchrecke nicht vor der plötzlichen Nähe des Todes zurück, ich fürchte nur die Schwächen meines eigenen Herzens und die des Eurigen, meine Ella.“ „Ihre Worte ſind ſo düſter, mein theurer Vater, laſſen Sie uns auf die Zukunft hoffen.“ „Ja, hoffen! Hoffe auf die göttliche Vorſehung. Der Augenblick iſt da, wo Du nirgends anders Troſt finden wirſt, als in jenem Gefühl religiöſer Hoff⸗ nung, das ich Dir einzuflößen geſucht habe.“ „Ich kann niemals die göttlichen Lehren ver⸗ geſſen, die Sie und meine theure Mutter meinem Herzen ſo tief eingeprägt haben. Aber o bitten Sie mich nicht, ſie jetzt anzuwenden!“ ſchluchzte das zit⸗ ternde Mädchen. „Aber Deine Mutter?“ murmelte Lindenberg, wie um ſchonungsvoll ihren Gedanken eine andere Richtung zu geben,„wird ſie bald hier ſeyn? war Dein Brief deutlich genug, um ihre unverzügliche Abreiſe zu veranlaſſen?“ „Ich weiß es nicht, denn ich ſchrieb in einer Stimmung voll ſtreitender Gefüble. Ich ſagte ihr, Ella. II. 9 2 130 Sie befinden ſich übel, wir ſeyen beide unglücklich, aber im feſten Vertrauen, daß die Kriſis Ihrer Krankheit vorüber ſeyn würde, ehe die Kunde davon ſie erreiche, wollte ich Leopolds Ruhe und Sicherheit nicht ſtören.“ „Du haſt wohl gethan,“ bemerkte der Vater, „meine Wünſche waren ſelbſtſüchtig; ich bin erfreut, daß Du ſie nicht in Deinem Briefe ausdrückteſt. Sie wird die Wahrheit bald genug erfahren!“ Nach einer Pauſe ſetzte er bekümmert hinzu:„Du mußt ehrerbietig gegen Deine Mutter ſeyn, Ella! Aber Du wirſt es ſeyn, ich weiß, Du wirſt es ſeyn. Es iſt beinahe finſter, was iſt die Glocke? Iſt es ſpät?“ Mit einem Blicke auf das kleine goldene Zifferblatt einer eleganten Genferuhr, die um ihren Nacken hing, ſagte ſie ihm die Stunde⸗ Wie oft hatte dieſes herr⸗ liche Werk die wonnevollen Stunden vergangener Tage angezeigt, und die glückliche Beſitzerin an die raſche Annäherung gehoffter Seligkeit erinnert! Wie oft hatten die mahnenden Zeiger den Augenblick der Freude, den Verlauf entzückter Augenblicke angezeigt. Jetzt ſprachen ſie von etwas anderem; die zauber⸗ haften Schwingungen des goldenen Kunſtwerkes konnte man jetzt für die geheimnißvollen Bewegungen jenes ſchwermüthigen, unſichtbaren Inſektes nehmen, deſſen unbemerkbare Thätigkeit nur in dem Zimmer des Todes hörbar ſeyn ſoll. -———;—— — ⏑— 131 „Die Sanduhr des Lebens verrinnt allmählig,“ ſprach der Baron, indem er verſuchte, ſich zu er⸗ heben. Ella lüftete das Kiſſen und half ihren Vater in eine höhere Lage bringen. „In einer kleinen Weile muß ich meinen Poſten verlaſſen; ich muß Euch den Gefahren der Welt, ihren bitteren Täuſchungen überlaſſen,“ fuhr Linden⸗ berg fort.„Ella, indem ich Deinen jugendlichen Geiſt erzog, wollte ich Deine Seele mehr über die irdiſchen Ereigniſſe erheben, als ſie dazu bilden, ihnen unwürdig nachzugeben; Du ſollteſt über die Umſtände binwegſehen, Dich nicht in die Betrachtung ihres un⸗ widerſtehlichen Laufes ganz verſenken. Nur ge⸗ wöhnliche Seelen weichen dem Schickſal; die großen und guten ſind darüber erhaben und ſehen jeden Wechſel der äußeren Lage nur als das ſichtbare Mittel an, durch welches der Geſammtzweck der Vorſehung erreicht wird. Mein Werk, meine Ella, iſt mir nicht mißlungen, ich fühle es. Du wirſt zeigen, ich weiß, Du wirſt es, daß meine Mühe nicht ver⸗ geblich geweſen; Dein Benehmen wird das beſte Zeugniß für das Andenken Deines Vaters ſeyn.“ „Sprechen Sie nicht ſo,“ unterbrach ihn ſeine Tochter, indem ſie ihre Rührung zu verbergen ſuchte. „Der Schmerz, den ich fühle, überſteigt meine Kräfte.“ 9* 2 132 „Dein Gram, mein Kind, iſt natürlich, aber nicht weiſe; jetzt gilt es, jene Charakterfeſtigkeit zu bewähren, die ich Dir einzuflößen verſucht habe. Sie muß Dich lehren, Dich dem Willen des Him⸗ mels zu unterwerfen, wie ich es thue.“ Nachdem er erſchöpft eine Weile inne gehalten, ſetzte er hinzu: „Du mußt Deine Mutter durch den Troſt Deiner Liebe ſtärken, ihr Geiſt iſt weniger ſtark als der Deinige; ſie wird des Troſtes bedürftig ſeyn; Ihr müßt einander unterſtützen in den Prüfungen des Lebens.“ „Vater, theurer Vater,“ ſchluchzte das weinende Mädchen, angſtvoll über ſeine Hand hingebeugt, die ſie heftig in die ihrigen drückte, indem ſie den matten Puls zu befragen ſuchte, der merklich ſchwächer wurder „Verachtung der Welt, Gleichgültigkeit gegen das Lächeln, wie gegen die düſtern Blicke des Schick⸗ ſals, verbunden mit Demuth und freudiger Unter⸗ werfung unter den Willen des Höchſten: dies ſind die unterſcheidenden Merkmale eines geregelten Geiſtes. Halte feſt an den Wahrheiten, die in jenem Buche enthalten ſind,“ fuhr der Baron, auf eine Bibel zeigend, fort,„und ich zweifle nicht, ſie werden Dich aufrecht erhalten, bis wir uns wieder ſehen.“ Nach einer neuen, längeren Pauſe, während welcher das ſchluchzende Mädchen nicht ſprechen u 133&- konnte, fuhr der Baron fort:„Jetzt muß ich von Leopold ſprechen; er iſt bekümmert und in Gefahr. Seyd einander Das, was jedes von Euch mir ge⸗ weſen iſt! Ich vermache meine Kinder eines dem andern. Was uns hieher führte, iſt noch nicht er⸗ reicht. Laß Dich durch die Unruhen eines unbe⸗ zähmbaren Kummers nicht in den Bemühungen zu Gunſten Deines Bruders hemmen; aber der Schutz und die Einwilligung der Mutter iſt nöthig, ehe Du in einer für Dich und die Familie ſo wichtigen Sache handelſt. Der Rath und der Beiſtand Deiner theuern, achtungswerthen Mutter muß Dich unterſtützen, Du mußt ihre Ankunft erwarten.“ Wieder hielt der Baron inne und ſchien von Rührung übermannt. „Noch iſt Jemand übrig, der uns Beide nahe angeht: ich meine Albert Roſenthal. Wenn Du das Andenken Deines Vaters verehrſt, ſo beſiege eine Neigung zu einem Manne, der ſich ihrer nicht würdig erwies. Verſprich mir, niemals ein Verhältniß er⸗ neuern zu wollen, das Deiner Ehre und der Heiter⸗ keit Deines Geiſtes Gefahr bringen würde. Die Zeit kann kommen, wo man Dich als die ſtolze,“ tugendhafte Braut eines würdigen Gatten begrüßen wird. Möge das allzu oft herauf beſchworene Bild Deiner erſten Liebe nicht die freudige Ausſicht auf eine geheiligte Verbindung verdunkeln! Sollte das -—2 134 S⸗ Schickſal wollen, daß Du den heiligen Charakter einer Gattin tragen ſollteſt, ſo möge dann Deine Seele, durch das Unglück geläutert, mit einer hei⸗ ligeren, weniger verzehrenden Flamme, als dem zerſtörenden Feuer einer unbelohnten Liebe, glühen!“ Nach einer neuen, augenblicklichen Pauſe ſetzte er hinzu:„Gedenke an die letzten Lehren Deines ſterbenden Vaters.“ Ella antwortete nicht, aber im Geiſte gelobte ſie Gehorſam dem zärtlichen Vater, der die wenigen übrigen Stunden ſeines Lebens der Leitung ihres künftigen Benehmens widmete. „Nun Ella,“ verſetzte Lindenberg nach einer langen Pauſe, mit mehr Ruhe,„jetzt wollen wir mit weltlichen Angelegenheiten abgeſchloſſen haben. Bringe die Lampe hieher, und lies mir jene Stellen aus der heiligen Schrift vor, die mir ſo oft die geſchäftigen Stunden des Lebens erheitert haben, auch wenn es Augenblicke der Trennung waren.“ Das Mädchen entfernte ſich leiſe vom Bette, zündete mit einiger Mühe ein Licht an, das ſie auf den kleinen Tiſch ſetzte, den ſie vorſichtig ganz an das Bette des Sterbenden rückte. Dann nahm ſie ein großes, reich beſchlagenes Teſtament, das ſie aufſchlug und las. Mit dem Herannahen der Nacht legte ſich allmählig der Sturm, und als ſie mit ſanfter, aber deutlicher Stimme vorlas, hörten die lauten Klagen des Windes nach und nach auf, ſie in ihrem frommen Geſchäfte zu ſtören. In ihrer Auswahl durch die Randzeichen geleitet, welche die Lieblingsſtellen ihres geliebten Vaters bezeichneten, ſetzte ſie ihre Beſchäf⸗ tigungen einige Zeit fort und wurde nur zuweilen auf Augenblicke unterbrochen durch die deutlichen An⸗ zeichen der zunehmenden Schwäche Lindenbergs. Sie bemerkte mit Schrecken, daß ſeine helle Stimme ſchwächer und ſchwächer wurde, daß ſeine Lippen ſich bewegten, ohne daß ein Laut ihr Gehör erreichte. Endlich ſchloßen ſich ſeine Augenlieder zu ruhigem Schlummer und Ella hoffte, wenn ſie auch nicht davon überzeugt war, der ruhige Schlaf, in den er plötzlich ſank, werde ihm wohlthätig ſeyn;— denn trotz der beunruhigenden Veränderung, die mit ſeinen Zügen vorgegangen, nährte ſie noch immer die ſchwärmeriſche, ſchmeichelnde Ahnung der Mög⸗ lichkeit einer Geneſung— die Ungewißheit war bei ihr immer der Hoffnung verwandt. Die Lampe mit ihrer Hand bedeckend, damit ihr Licht nicht den Schläfer ſtöre, zog ſie ſich etwas zurück. Der Wind hatte ſich gelegt; der Regen ſchlug nicht mehr in Strö⸗ men gegen die Fenſter; die ſchweren Wolken waren eine nach der andern verſchwunden und das glänzend 136 S geſchmückte Firmament ſtrahlte in unverſchleiertem Schimmer. Ella knieete in brünſtigem Gebete während dieſer langen Leidensnacht, und wachte furchtlos an dem Krankenbette des Vaters, nicht geſchreckt durch die Nähe jener geheimnißvollen Trennung, welche den himmliſchen Geiſt von der Geſtalt ſcheidet, in der wir ſeine Vortrefflichkeiten lieben und werth halten konnten. Endlich begann das graue Zwielicht des Mor⸗ gens ſich am Horizont zu zeigen; das Zwitſchern und Zirpen der Vögeln verkündigte den nahenden Tag. Ihr Vater ſchlief noch immer; er ſprach nicht und bewegte ſich nicht. Sie nahete ſich langſam mit der Lampe, deren ſchwaches Licht mit der zunehmenden Tageshelle kämpfte. Sie ſah den Baron ausgeſtreckt in derſelben Lage, in der ſie ihn zuletzt betrachtet hatte. Seine Züge waren farblos, ſeine Lippen geöffnet. Sie horchte:— ſelbſt der feine Sinn der kindlichen Liebe konnte keinen ſchweren Athem, keinen tiefen Seufzer entdecken. Sie trat noch näher; ſie berührte ihn: er war ganz kalt. Die Lampe fiel in Stücken auf den Boden, als Ella bemerkte, daß ſie allein war— mit dem Todten! m Achtes Kapitel. Kein Augenblick kann ſo mein Herz zerreißen, Als der in dem es bricht. Maturin's Bertram. Wir gaben nicht Worte den Sorgen, Doch in's Angeſicht ſchauten dem Todten wir ſtets, Und dachten mit Schmerz an Morgen. Elegie. Der verſtändige Gaſtgeber zu den drei Kronen und ſeine wirthſchaftliche Ehehälfte erhoben ſich mit dem früheſten Morgen. Schon waren die wenigen, an Zucht und Ordnung gewöhnten Diener, welche die niedrigern Dienſte im Hauſe zu verrichten hatten, mit Reinigen, Scheuern und Auskehren der Unrein⸗ lichkeiten vom vergangenen Tage beſchäftigt. Alles erſchien in Thätigkeit; die hübſchen hölzernen Fenſter⸗ läden von hellgrüner Farbe wurden geöffnet und an den weißen Mauern des Gebäudes befeſtigt, wäh⸗ rend die Zieh⸗ und Flügelfenſter der unteren Ge⸗ mächer, abſichtlich weit geöffnet, den Staub hinaus und friſche Luft einließen. Beſen und Bürſten waren 2 138 S⸗ in voller Thätigkeit, und wenn auch kein großer Lärm in dem Gaſthof herrſchte, ſo war er doch der Schauplatz betriebſamer Geſchäftigkeit. Der Koch war in der That der einzige unthätige im Hauſe. Sein Amt war eine Art Sinecure, denn ſeine Küchen⸗ geſchäfte beſchränkten ſich auf die Zubereitung des Mittagsmahles, welches, da es ſich weder durch beſondere Schmackhaftigkeit, noch durch große Man⸗ nigfaltigkeit der Speiſen auszeichnete, von dem in den drei Kronen angeſtellten Kochkünſtler weder be⸗ ſondere Vortrefflichkeit noch außerordentlichen Scharf⸗ ſinn forderte. So ſtand er denn jetzt an dem Thorweg, um nichts bekümmert, ſeine baumwollene Nachtmütze auf die eine Seite ſeines bepuderten Hauptes geſetzt, von dem eine Maſſe rauhen Haares in großer Un⸗ ordnung herabfiel. Eine geſtreifte kattunene Jacke, die augenſcheinlich mit der Wäſcherin eine nur ſehr zufällige Bekanntſchaft unterhielt, kurze Beinkleider und Strümpfe, die in der vergangenen Woche weiß geweſen ſeyn mochten, vollendeten den Anzug dieſer wichtigen Perſon, und ein um ſeinen ſtattlichen Wanſt gegürteter leinener Schurz diente als Amtszeichen für ſeinen gaſtronomiſchen Beruf. Seine ungewa⸗ ſchenen, unbeſchäftigten Hände ſtacken ſorglos in ſeinen Taſchen, während gleichſam zu anmuthiger Ergän⸗ zung des Gemäldes eine ungeheure ſchöngearbeitete — 139 Meerſchaumpfeife von ſeinen Lippen hing, aus wel⸗ cher häufige Wolken jenes wohlriechenden Krautes aufſtiegen, die der phlegmatiſche Deutſche mit großer Ruhe einathmete. Der Saal des Gaſthauſes wurde geſchäftig für die Aufnahme von Gäſten in Bereitſchaft geſetzt. Der friſch gereinigte Fußboden wurde mit feinem weißem Sande beſtreut, ein großer ſchwarzer Ofen in der Mitte brauste und tobte, geröthet von der Gluth des Feuers darin. Mehrere kleine Marmor⸗ tiſche waren artig beſetzt mit Gläſern und Taſſen von dresdner Porzellan, die an den Ecken mit klei⸗ nen Goldſtreifen hübſch verziert waren. Die wachſame Gaſtwirthin zu den drei Kronen 1 hatte eben den hübſch gefalteten Servietten, welche die im Saale umherſtehenden Frühſtückſervicen zierten, den letzten Strich gegeben und einen langen zufrie⸗ denen Blick auf die geſchmackvolle Ausſchmückung ihres Speiſezimmers geworfen, als die Aufmerkſamkeit und Neugierde der Dienerſchaft durch die plötzliche Ankunft einer Reiſeequipage erregt wurde, die im. b buchſtäblichen Sinne mit Koth überzogen war, ſo daß weder ihre urſprüngliche Farbe, noch das Wap⸗ pen, das ſie trug, erkennbar war. Die Poſtpferde waren ermüdet, und mit Schaum bedeckt. Die Poſtillone ſaben matt und wetterverbrannt aus, und ————ꝛ hülfeſuchend an einen Tiſch lehnte. — 140 Se der ganzen Equipage ſah man deutlich an, daß ſie eine lange Reiſe vollendet hatte. Ein Dragoner⸗ offizier in einer beſprützten Uniform kam zuerſt zum Vorſchein, und reichte ſeinen Arm einer Dame, die dicht verſchleiert aus dem Wagen ſtieg. Der Offizier begleitete ſie in den Saal, wo ſie zuerſt einige Minuten leiſe mit einander ſprachen; alsdann bat er um die Erlaubniß, am folgenden Tage zu⸗ rückkehren zu dürfen, um weitere Befehle zu em⸗ pfangen, verbeugte ſich mit allen Zeichen der Ehrfurcht, nahm Abſchied und kehrte in den Wagen zurück, der eilig mit ihm davon eilte. „Wiſſen Sie nicht, ob Herr Friedrich oder ſeine Tochter aufgeſtanden ſind,“ fragte die Fremde in einem ſanften Tone, der bei der Wirthin zu gleicher Zeit eine Antwort und eine höfliche Begrüßung her⸗ vorrief. „In der That, Madame,“ ſagte ſie,„es iſt frühe, um eines von ihnen zu ſtören; und ſeit der Herr ſich unwohl befindet, nehme ich immer Anſtand, in ihr Zimmer einzudringen, außer wenn meine Dienſte beſonders verlangt werden.“ „Unwohl!“ erwiederte die Baroneſſe, denn ſie war die Sprecherin;„war Herr Friedrich unwohl?“ ſetzte ſie in aufgeregtem Tone hinzu, indem ſie ſich „Das war er in der That, der arme Herr, viele Tage lang, und geſtern Abend hatte man ihn aufgegeben.“ „Guter Gott,“ rief die erſchütterte Dame, athem⸗ los auf einen Seſſel ſinkend, den die freundliche Wirthin herbeigebracht. „Ich weiß es nicht, aber er iſt vielleicht dieſen Morgen etwas beſſer,“ verſetzte dieſe mit ſanfter Stimme, offenbar in der Abſicht ſie zu tröſten. „Ich habe noch nicht gewagt nach ihm zu fragen, denn das Fräulein wollte die ganze Nacht bei ihm wachen, und lehnte den Beiſtand einer Wärterin ab; ſo ſchloß ich denn ſie würde nach dieſer Anſtren⸗ gung der Ruhe bedürftig ſeyn.“ „O mein Friedrich,“ ſtammelte Frau von Lin⸗ denberg, gegen die Schwäche kämpfend, die ihr beinahe alle Bewegung raubte.„Wo iſt er? Brin⸗ gen Sie mich zu ihm.“ „Warten Sie nur wenige Minuten,“ unterbrach ſie die Wirthin ehrerbietig, als ſich die Baroneſſe mit unſicherem Schritte der Treppe näherte.„Es wäre zu bedauern, wenn man das Fräulein aus dem Schlafe wecken würde. Zudem könnte die plötzliche Ueberraſchung dem Kranken ſchaden. Wollen Sie nicht zuvor eine Erfriſchung nehmen? Inzwiſchen 142& gehe ich und bereite ſie auf den Empfang einer Fremden vor.“ „Einer Fremden!“ wiederholte die Baroneſſe, die mechaniſch auf die Wirthin zu den drei Kronen gehört hatte.„Ich bin keine Fremde, ich bin ſein Weib, führen Sie mich an ſein Krankenbett, ich beſchwöre Sie,“ rief ſie, ihre Hände drückend, mit einem flehenden Blicke, der eine unmittelbare Wir⸗ kung auf die Wirthin äußerte, die ſofort voranging, um ſie in das Zimmer des Kranken zu weiſen. Als die Thüre vorſichtig geöffnet war, war der erſte Gegenſtand, der dem angſtvollen Blick der Mutter begegnete, die knieende Ella. Die Bibel lag geöffnet vor ihr. Die Morgenſonne fiel mit vollen Strahlen auf das heilige Buch, wie wenn das Licht des Him⸗ mels ſich auf den darin enthaltenen Verheißungen concentrirte. Ein Lichtſchein umgab die betende Ge⸗ ſtalt, ſo daß ſie mehr wie ein glänzendes, dem Himmel entnommenes Gebilde, denn als leidende Sterbliche erſchien, die durch fromme Gebete einen Theil jener Herrlichkeit zu erhalten ſuchte, die uns allen dargeboten iſt. Aber Ella hatte aufgehört zu leſen, oder die in dem heiligen Buche niedergeſchriebenen Worte der Wahrheit oder des Troſtes zu betrachten. Das Uebermaß des Schmerzes hatte ihr beinahe die Kraft 2% 143 der Empfindung geraubt, ihr matter Blick ſuchte umſonſt die koſtbaren Charaktere zu entziffern, und ſtarrte jetzt in die Leere hinaus. Ein unterdrücktes Schluchzen, das ihr von Zeit zu Zeit entſchlüpfte, zeigte allein an, daß ſie noch ein Bewußtſeyn ihres Unglücks bewahrte. „Mein Kind!“ ſprach die Baroneſſe ſanft, in⸗ dem ſie ſich zitternd näherte. Aber Ella bewegte ſich nicht, hörte nicht, ſah nicht.„Schläft Dein Vater?“ fuhr ſie fort. „Vater! Vater!“ rief das Mädchen aus ihrer ſtatuenartigen Stellung aufſchreckend,„ich habe keinen.“ Alles war wieder ſtill— kein Seufzer, keine Klage, kein Geräuſch ſtörte das Schweigen, das in dem Zimmer des Todes herrſchte. Die geſchäftige Wirthin, die mit Gefühlen der Neugierde und des Mitleids auf der Schwelle ver⸗ weilt hatte, näherte ſich ſtill dem Bette, zog die geſchloſſenen Vorhänge zurück, und erblickte den Leichnam Lindenbergs. Der Anblick des Todes flößt ein unbeſchreibliches Gefühl der Scheue ein, deſſen ſich auch die nüchternſten Naturen nicht ganz erweh⸗ ren können. Der Kalte, der Gedankenloſe und der in weltlichen Sorgen Befangene fühlt gleichſehr die unausſprechliche Majeſtät des Todes, und ſie wen⸗ den ſich auf eine Zeit lang ab von der endloſen — 144 ᷣ Betrachtung ſelbſtſüchtiger Intereſſen, wenn die feier⸗ liche Wahrheit ſich ihren Gemüthern düſter aufdrängt. Die aufrichtigen aber etwas abgeſtumpften Ge⸗ fühle der Gattin des Gaſtwirths wurden in der Regel nicht leicht gerührt; eine Aeußerung der Em⸗ pfindſamkeit, ein Ausbruch des Kummers hätte bei ihr nur einen Ausdruck des Bedauerns, oder vielleicht eine verſtändige Erinnerung an die Nutlloſigkeit, dem Schmerze nachzuhängen, hervorgerufen;— aber der ſtummen Scene der Troſtloſigkeit, deren unbe⸗ achteter Zeuge ſie jetzt war, konnte ſie nicht wider⸗ ſtehen. Von einer Rührung, die ihr bisher fremd geweſen, überwältigt, rollten Thränen ächten Mit⸗ gefühls über ihre rothen Wangen. Die verwittwete Gattin, die gepeinigte Mutter fand keine Worte, die Bitterkeit ihres Schmerzes auszudrücken. Sie ſaß in dem Zimmer, das ihr lebender Gemahl noch vor Kurzem eingenommen, und in dem jetzt ſein kalter Leichnam lag. Das Glas, das noch einen kleinen Reſt des letzten herz⸗ ſtärkenden Mittels enthielt, das man ſeinen ſterbenden Lippen gereicht hatte, ſtand unberührt; er hatte nicht gelebt, um den heilſamen Trank ganz zu nehmen. Die Kleider, die er zuletzt getragen, lagen hübſch zuſammengelegt auf einem Stuhle und der weiche ſeidene Schlafrock, den Ella am vergangenen Abend 145&e ſo ſorgſam um ſeine zitternden Glieder gelegt hatte, hing nachläßig an der Wand, und ſeine weiten Falten verſpotteten das liebende Auge mit leerer Täuſchung. Endlich erleichterte ſich die beklommene Bruſt der Frau von Lindenberg durch einen tiefen Seufzer, als ſie die abgemagerte Hand Ellas ergriff, und zärtlich in der ihrigen drückte.„Armes Mädchen,“ rief ſie, indem ſie die langen feuchten Haare, die nachläßig auf ihrer Tochter bleiche Stirne fielen, theilte, und die einſt glänzenden Locken an ihren Schläfen glät⸗ tete.„Armes Mädchen,“ rief ſie,„Du haſt viel gelitten, ſeit wir uns trennten, künftig wollen wir unſer Unglück gemeinſam tragen. Warum gab ich meine Einwilligung zu dieſer unheilvollen Reiſe? Wäret ihr in Ehrenfels geblieben, ſo wäre Er uns wohl noch erhalten worden.“ Während ſie ſprach, kehrten ſie ſich langſam gegen das Lager, auf dem der Leichnam des Barons lag. Seine Züge hatten noch nicht jene kalte, harte Starrheit, durch welche der grauſame Zerſtörer ſein Opfer bezeichnet. Die Augen ſchienen vom Tode geſchloſſen, aber nicht verſiegelt. Der leicht geöffnete Mund hatte noch nicht jene ſchreckhafte Zuſammenziehung der Muskeln erlitten, welche das menſchliche Leiden durch ein mattes Lächeln zu verſpotten ſcheint, wie triumphirend Ella. II. 10 -% 146& in der neuen Befreiung von allen irdiſchen Banden. Die Züge, durch Krankheit verwelkt und dünner ge⸗ macht, trugen noch immer den heiteren, wohlwollen⸗ den Ausdruck, der im Leben ihr hervorſtechendſtes Merkmal geweſen war. Arm in Arm geſchlungen knieeten Mutter und Tochter nieder neben der ſterb⸗ lichen Hülle deſſen, der ihnen Alles geweſen. Der Schmerz, in ſeinem Uebermaße ſtumm, fand endlich einen Ausdruck, die Natur behauptete ihre heiligen Rechte; Thränen, wohlthätige heilende Thränen ſtrömten reichlich, und die verwaisten Trauernden gaben ſich ganz ihrem Kummer hin. Es liegt Troſt, es liegt Wonne in Thränen! Das Herz würde brechen, würde ſich ſelbſt verzehren, hätte es nicht zu ſeinem Troſte Thränen, den Mor⸗ genthau für frühen Kummer. Die zuckende Bruſt, die fieberhafte Stimme, das ſchmerzende Gehirn, das brennende Auge, könnte der unbeugſamſte Geiſt nicht lange ertragen; eine Seele von Diamant würde das Gift der Leidenſchaften zerfreſſen, aber der weinende Dulder findet, in dem Schmerze ſchwelgend, Schutz gegen ihre nagende Verheerungen. Die gütige Wirthin, die ſchweigend die Scene betrachtet hatte, entfernte ſich unbemerkt aus dem Zimmer, indem ſie ihr Geſicht mit einer Ecke ihres weißen Schurzes bedeckte. Sie rief ſogleich ihrem — ₰ 147 Gatten, um ihn mit den traurigen Einzelheiten von Lindenbergs Tode bekannt zu machen. „O Karl! Karl!“ rief ſie, gegen ihren über— raſchten Gatten gewendet, der verwundert auf die ungewöhnlichen Zeichen von Gefühl blickte, die über ihre Wangen ſtrömten.„O Karl!“ rief ſie in den Pauſen, in denen ihr Schluchzen ihr zu reden ge⸗ ſtattete:„niemals ſah ich eine ſo herzzerreißende Scene! Armes Fräulein!“ ſie ſah aus wie eine Bildſäule.„Was ſollen wir thun?“ „Was ſollen wir thun? Wir können den Todten nicht ins Leben zurück rufen. Der Doktor ſagte mir, daß keine Hoffnung ſey, und weder Herr Friedrich noch ſeine Tochter haben an etwas Mangel gelitten, was dieſes Haus bieten konnte,“ bemerkte der Gaſt⸗ geber zu den drei Kronen in einem großthueriſchen, ſelbſtgenügſamen Tone, der bei einer gewiſſen Men⸗ ſchenklaſſe ausdrückt, daß ſie Alles gethan haben, was ſie für nöthig hielten. „Ach, mein Karl, er iſt todt, ſage ich Dir, er muß dieſe Nacht während des gräßlichen Sturmes geſtorben ſeyn. Das arme Mädchen wachte allein bei ihmz ſie konnte davon ſterben,“ rief die Wirthin. „Sie machte keine Unruhe im Hauſe,“ bemerkte Karl ernſthaft,„das war ſehr verſtändig von ihr; aber ich fürchte, ſie muß eine ſchlimme Nacht gehabt 10* 5 148&£- haben; ſolch ein Sturm, es war unmöglich zu ſchla⸗ fen bei dem heulenden Wind und dem ſchallenden Regen. So blieb ſie denn allein wachend bei dem ſterbenden Manne?“ 1 „Es war ſehr muthig! Ich bot ihr eine Wär⸗ terin oder ſonſt Jemand zur Geſellſchaft an, aber ſie lehnte es beſcheiden ab, und ich konnte ſie un— möglich zur Annahme bewegen,“ fuhr ſeine Frau fort. „Das arme junge Fräulein! Ich glaube, ſie hat Freunde oder Verbindungen, denn ihr Benehmen würde eine Erzherzogin zieren,“ bemerkte Karl. „Ich konnte ihrem überredenden aber traurigen Lä⸗ cheln niemals widerſtehen; gerade als ob ſie zeigen wollte, daß ſie unſere Aufmerkſamkeiten zu würdigen wiſſe und doch zu unglücklich waͤre, um ihre Meinung in Worte auszudrücken. Aber wenn ſie ganz freund⸗ und heimathlos iſt?“ fragte der verſtändige Gaſtwirth. „Ihre Mutter iſt gekommen; die Dame, welche in dem Reiſewagen anlangte, iſt offenbar die Gat⸗ tin des Herrn Friedrich, denn ſie verlangte in ſein Zimmer gewieſen zu werden. Da es noch ſo früh war, wollte ich es ihr ausreden, aber ſie ſchien ängſtlich und flehte mich an, ſie nicht aufzuhalten, ſo führte ich ſie denn die Treppen hinauf. Als wir eintraten, lag das Fräulein betend auf den Knieen, 149 So und als die Dame zu ihr ſprach, entfuhr ihr ſolch ein Schrei des Schmerzes, daß ſich ein Stein hätte erbarmen mögen.“ „So iſt ihre Mutter bei ihr, das iſt ein Troſt,“ antwortete Karl, dem dadurch die Laſt einer etwai⸗ gen Verbindlichkeit abgenommen wurde. „O ja,“ fuhr ſeine Frau fort, die das Gefühl beinahe beredt machte,„ſie ſind jetzt bei einander; ein ſolches Widerſehen! Das Herz hätte mir bre⸗ chen mögen, als ich ſie einander in den Armen liegen ſah. Dann traten beide an das Bett, auf welchem Herr Friedrich lag, o es ſah feierlich aus; der Leichnam blickte ſo ruhig und heiter— Alles war ſo ſtill— ſelbſt die Laute des Schmerzes waren gedämpft— ſie neigten ſich über ihn hin in ſtillem Gebet, endlich weinten ſie— nun ſtahl ich mich weg, denn ich wußte, wenn ſie ungeſtört mit ein— ander weinen könnten, dies würde ihnen beiden Troſt bringen.“ „Aber was werden wir mit ihnen anfangen?“ ſprach ſinnend der Wirth zum Theil zu ſich ſelbſt; denn bei ihm hatten weltliche Erwägungen mehr Gewicht, als bei ſeiner gefühlvollen Ehehälfte. „Ich habe eben gedacht,“ ſprach die würdige Matrone,„daß wir ihnen ein anderes Zimmer an⸗ weiſen müſſen; und ich habe das kleine heitere % 150 G= Gemach gewählt mit einem Balkone, der gegen den Garten hinaus geht. Es iſt von der Straße ent⸗ fernt, und ganz abgelegen von den übrigen bewohn⸗ ten Zimmern; dort werden ſie ungeſtörter ſeyn,“ rief ſie lauter, als ſie zuvor ihren Bericht an ihren Mann abgegeben hatte, indem ſie damit das aufmerkſame Ohr ihrer erſten Camerera erreichen wollte.„Ein Feuer in Nr. 9 und daß das Bett gut gelüftet wird. Ich werde ſelbſt darnach ſehen,“ ſetzte ſie für ſich hinzu,„und vergeßt nicht die Meubels ſchön zu glät⸗ ten,“ fuhr ſie mit jener hellen Stimme fort. „Gewiß, Fraul ich bin ganz Deiner Meinung,“ verſetzte der Herr, deſſen Autorität mehr eine ſchein⸗ bare, als eine wirkliche war;„ich ſtimme Dir voll⸗ kommen bei; wir müſſen für dieſe armen Damen in ihrem Unglück unſer Möglichſtes thun; und ich denke nicht, daß wir durch ein wenig Zuvorkommen⸗ heit viel verlieren werden; ſie ſind offenbar von hohem Stande,“ bemerkte er. „Ueberlaſſe das nur mir, Karl,“ rief ſeine Gattin, den Kopf aufwerfend;„Du haſt keine Ein⸗ ſicht, Doch wie dem auch ſeyn mag, Du ſollſt nichts verlieren, dafür ſtehe ich. Uebrigens ſchäme ich mich Deiner ſchmutzigen Aeußerungen.“ „Schmutzig!“ unterbrach ſie der gute Mann, verletzt durch die Deutung, die ſie ſeinen Worten gab.„Alles was ich ſagen kann, iſt: ſchaffe ihnen nt⸗ alle Bequemlichkeiten, gib ihnen das Beſte von allem, n⸗ und wenn unſere Rechnung zuletzt nicht bezahlt wird, jef nun, ſo iſt unſere Freundlichkeit deſto uneigennütziger un geweſen.“ Die würdigen Eigenthümer der drei Kronen trennten ſich jetzt, und gingen ihren verſchiedenen d. Beſchäftigungen nach. 9 Einige Tage nachher bewegte ſich ein Leichen⸗ zug langſam von den drei Kronen weg. Kein Pomp, keine Schauſtellung von Pracht bezeichnete ſeine 1 würdige Einfachheit. Ein Kavallerieoffizier und der Gaſtwirth begleiteten den Leichnam Lindenbergs zu ſeiner letzten Ruheſtätte. Kein Denkmal wurde er⸗ richtet, das Ereigniß zu verewigen, das der Nation einen Wohlthäter, einer Familie den Vater genom⸗ men hatte. Keine Grabſchrift ſchilderte ſeine Tu⸗ genden, ſeine Talente; aber ſie lebten fort in dem Andenken ſeiner Kinder, in dem Herzen ſeines Volkes. Neuntes Kapitel. Wie glücklos, wie unmächtig iſt das Weib! Wie leicht verletzt! unſicher ſelbſt im Glücke, Verwundet oft, wenn es ſich Roſen pfluckt; So eigentlich dem Mißgeſchick verfallen, Daß Trübſal ihm zum Schmucke noch gereicht, Und Thränen es am ſchönſten kleiden. Doung. In einem entlegenen Theile des Palaſtes von Schönbrunn, in einiger Entfernung von den Staats⸗ zimmern, befindet ſich ein kleines, mit werthvollen Gemälden und andern ſeltenen Kunſtwerken reich verziertes Kabinet. Dies Gemach iſt ganz beſonders dazu geeignet, darin in Ruhe ſeinen Gedanken nachhängen zu können; und es war der Lieblings⸗ aufenthalt der Erzherzogin Marie Louiſe, wenn ſie zuweilen, durch kindliche Pflicht oder mütterliche Zärtlichkeit veranlaßt, Wien beſuchte. Hier hatte auch Napoleon Bonagparte viele Stunden, in ſchweren Gedanken, in rieſenhaften Be⸗ rechnungen vertieft, zugebracht. Hier hatte er jene mächtigen Plane entworfen, welche die ſchwärmeriſchen bt, —₰ꝙ 153 S& Wünſche ſeiner ehrgeizigen Seele verwirklichen, und den Scepter des Nordens in ſeine Hand geben ſollten. Hier hatte er amtliche Depeſchen geſchrie⸗ ben und dictirt, welche den Samen glücklicher Tha⸗ ten an die Vorpoſten ſeiner nahenden Heere trugen, oder die Kunde des Ruhmes den ungeduldigen Her⸗ zen ſeiner ruheloſen Unterthanen überbrachten. Von hier ließ der ſelbſtgeſchaffene Herrſcher jene furcht— baren Befehle, jene verhängnißvollen Mandate aus⸗ gehen, die das politiſche Gebäude Europas in ſei⸗ nen Grundfeſten erſchütterten. Dieſe Viſionen von Triumphen, dieſe blutigen Träume von Weltherrſchaft wurden nur durch Ein Bild in den Hintergrund zu⸗ rückgedrängt, das eine Zeit lang mit dem Werke des Krieges um den Vorrang ſtritt. Das ſchöne Bildniß der jungen Erzherzogin ſchien auf ſeine gigantiſchen Entwürfe herabzulächeln. So waren die Geſchicke der Welt gleichſam abhängig vom An— blick eines Gemäldes, das ihm, wie man ſagt, zu⸗ erſt den Plan einer ehelichen Verbindung mit dem Hauſe Oeſtreich eingab. Zu der Zeit, in welcher unſere Geſchichte ſpielt, war die Aehnlichkeit des Gemäldes noch immer er⸗ kennbar. Es war in jenem blühenden Lebensalter aufgenommen worden, in welchem die Frauen in Geſtalt und Antlitz zur Jungfrau herangereift ſind, *ο 154 SG⸗ ohne daß die Möglichkeit einer weiteren Ausbildung ausgeſchloſſen wäre; und unter allen Zeitaltern in dem Kalender der Schönheit iſt dieſes gewiß das am meiſten verführeriſche; denn die Phantaſie kann ſich hier dem entzückenden Spiele ahnungsvoller Hoffnung frei hingeben, während die Sinne vom Anblick wirklicher Lieblichkeit bezaubert bleiben. Zwanzig Jahre waren verfloſſen, zwanzig Jahre waren über dieſe glänzende Stirne dahin gegangen, der einſt die Laſt einer eiſernen Krone nicht zu drü⸗ ckend geweſen war; und als jetzt die Exkaiſerin ihrem eigenen Bildniſſe gegenüber ſaß, erhob ſie ihr Haupt von dem Buche, in welchem ſie geleſen, und blickte gedankenvoll auf das Gemälde. Zwanzig Jahre des Lebens, des Gefühls, der Ereigniſſe, waren dahin gerollt; zwanzig Jahre der Geſchichte waren zur Vergangenheit geworden; aber Marie Louiſe hatte ſich nur wenig verändert: die Zeit hatte den milden Glanz ihrer tiefblauen Augen nur wenig vermindert; ihr leuchtendes Haar hatte all die Ueppigkeit bewahrt, die man ſtets an ihr bewundert hatte; und ihre unvergleichliche Geſichtsfarbe, die empfindlichſte von allen Gaben, hatte nur wenig von ihrer Zartheit verloren. Ihre vollendete üppige Rundung that zwar der Zartheit ihrer Schwanen⸗ geſtalt in ihren ſymmetriſchen Verhältniſſen einigen 155 Eintrag; aber ſie gab auch ihrem Benehmen ein ungemein majeſtätiſches Anſehen. Bonapartes Wittwe war noch immer außerordentlich anziehend, und der Schatten von Trübſinn, der ſich ihren Mienen ein— gegraben hatte, war nicht ohne Anmuth. In dem Augenblick, von welchem wir ſprechen, hatte ſie geweint, die feuchte Spur friſcher Thränen war auf ihrer Wange ſichtbar; denn vor Kurzem hatte ſie das Krankenbett ihres einzigen Kindes verlaſſen. Es würde in der That ſchwer ſeyn, den ver⸗ ſchiedenen Gedanken nachzuſpüren, welche ſie in die— ſem Augenblick beſchäftigten. Vielleicht hatte die Phantaſie, mit der Vergangenheit beſchäftigt, das Andenken an Ihn herauf beſchworen, der einſt dieſes Zimmer bewohnt hatte, und die müßige Erinnerung war zurückgewandert zu jenen kurzen Tagen jugend⸗ lichen Glückes, da die Namen der Gattin und Mutter ſie zuerſt begrüßten. Ein leiſes Klopfen unterbrach die Fluth ihrer Gedanken, und als ſich die Thüre langſam geöffnet, verbeugte ſich ein Mann, ſchon über die Blüthe der Jahre hinaus, ehrfurchtsvoll. vor Der kaiſerlichen Prinzeſſin. Er blieb einen Augenblick auf der Schwelle ſtehen, ehe er herzutrat, wie um auf Erlaubniß zu warten, in dem Privatgemach der Prinzeſſin weiter vordringen zu dürfen. Der Fremde war von hohem 1356 Wuchs und ſchöner Bildung; ſeine Geſtalt zeigte Muskelkraft, ſein Benehmen beurkundete, daß er gewohnt war, zu befehlen, und ſein Ausſehen im Allgemeinen verrieth noch Spuren männlicher Schön⸗ heit, aus denen man ſchließen konnte, daß er einſt ſehr hübſch geweſen. Sein Kopf war edel geformt und ſaß ſchön auf ſeinen Schultern. Die wenigen Haare, die um ſeine Schläfe zerſtreut waren, waren einſt ſchwarz geweſen, jetzt aber reichlich mit Grau vermiſcht. Seine Stirne, obgleich hoch, war leicht zuſammen gezogen, wodurch ſeine Mienen, die ſonſt von Geiſt und Würde ſtrahlten, einen Aus⸗ druck finſtern Ernſtes erhielten. Starke, von Sor⸗ gen eingegrabene, Falten durchſchnitten ſeine Züge; ſeine tief liegenden und rollenden Augen hatten jene unbeſtimmte Farbe, die chamäleonartig in alle Far⸗ ben ſpielt, und den Schatten jedes vorüber gehenden Gedankens zurückſtrahlt, ohne beſtimmte eigenthüm⸗ liche Färbung zu beſitzen. Sein Mund war kühn geformt; aber die entſchloſſene Oberlippe war zum Theil verdeckt durch einen dicken Schnurrbart, der ihr urſprüngliches Ausſehen verbarg. Ein Lächeln enthüllte zuweilen, wiewohl ſelten, eine ſchöne Reihe von Zähnen; aber es war ein unkefriedigendes Lächeln— eine Art mechaniſche Zuſammenziehung der Muskeln— das den, der es ſah, über ſeinen wahren Grund im Zweifel ließ: gleich jenen vorüber⸗ gehenden Sonnenblicken, die ſich durch Wolken hin— durchkämpfen und mitten unter Regenſchauern auf uns fallen, war es eben ſo kurz als unerwartet— zu glänzend, um dauernd zu ſeyn, aber offenbar nicht die Folge innerer Heiterkeit: es war der Blitz einer augenblicklichen Bewegung, die in ihrem ſchnel⸗ len Verlauf die tiefen Schatten eines ernſten Cha⸗ rakters beleuchtete. Mit einem Worte, das Ausſehen des Fürſten von Corſini flößte ein Gefühl der Scheue ein, das mit ſeinem gewöhnlichen feinen Benehmen auffallend contraſtirte. „Ich kam,“ ſagte er auf italieniſch, nachdem Marie Louiſe ihn mit ſanfter Stimme hatte näher treten heißen,„ich kam, Euer Kaiſerlichen Hoheit zu der wichtigen Veränderung Glück zu wünſchen, welche in neueſter Zeit mit der Geſundheit des Her⸗ zogs von Reichsſtadt Statt gefunden. Er ſcheint ſich um Vieles beſſer zu befinden.“ „Ich danke Ihnen, mein Fürſt. Der Antheil, welchen Sie zeigen, fließt, wie ich glaube, aus einer reineren Quelle, als die gewöhnlichen höfiſchen Beglückwünſchungen, mit denen ich begrüßt werde,“ verſetzte die Herzogin mit ſchwacher Stimme. „Ein Soldat iſt nicht gewohnt, ſeine Gefühle zu verbergen,“ bemerkte er, indem er vortrat, und ein Knie beugte.„Möge Euer Hoheit niemals einen weniger ergebenen Diener finden, als ich bin.“ „Die Atmoſphäre des Palaſtes iſt anſteckend, wie ich ſehe,“ ſagte die Dame mit unterdrücktem Seufzer.„Schmeichelei iſt die Sprache, zu welcher ich auf ewig verdammt bin; ſchmeichelnde Hoffnungen, ſchmeichelnde Verſicherungen, ſchmeichelnde Blicke. Die Menſchen ſcheinen gegen mich verſchworen; wenn ich nach Mitgefühl verlange, finde ich nur täuſchende Freundlichkeit und trügeriſches Lächeln, die mich meinen Schmerz einen Augenblick vergeſſen machen, aber ihn nicht heilen können.“ „Meine Gegenwart iſt vielleicht unzeitig; aber ich hatte gehofft, dieſe Gabe werde mir Gnade ver⸗ ſchaffen;“ und während er ſprach, legte er ihr einen Kranz von ſeltenen Blumen zu Füßen. „Wie ſchön!“ rief die Prinzeſſin lebhaft, denn ſie war für Blumen leidenſchaftlich eingenommen, und ſparte weder Koſten noch Mühe, um ihrer Lieblingsneigung nachzuhängen. 2 elche angenehme Ueberraſchung zu ſo ungünſtiger Jahreszeit. Ich kenne nur wenige Gärten in Wien, die eine ſolche Pracht hervorbringen konnten.“ 8 „Ich glaube in der That, es ſind dies die erſten Hyazinthen und Camelien, welche man geſe⸗ hen hat,“ verſetzte Corſini ſorglos. als n. end, tem her 159 Se „Wie geſchmackvoll das Ganze angeordnet iſt! Die verſchiedenen Farben, ſo gut nach den Contra⸗ ſten verbunden! Und dieſe glänzenden Blätter er⸗ höhen noch den Schimmer der Blumen.— Aber bin ich Ihnen, mein Fürſt, für dieſe zarte Aufmerk⸗ ſamkeit verpflichtet? Sie waren ſonſt kein Blumen⸗ liebhaber.“ Er lächelte, aber es war ein wohlwollendes, zufriedenes Lächeln.„Nein, gnädige Frau,“ ſprach er,„ich habe kein anderes Verdienſt dabei, als daß ich ſie Ihnen zu Füßen legte, aber wenn—“ „Ach!“ unterbrach ihn die Erzherzogin,„ich erkenne die Hand, welche dieſe duftende Gabe ſo ſinnig ordnete,— und doch— es kann nicht ſeyn — ſie iſt fern von hier— armes Kind!— Sie allein konnte daran gedacht haben.“ Während Marie Louiſe dieſe Worte ſchnell hervor ſtieß, athmete ſie den Duft des Kranzes ein.„Sprechen Sie, Cor⸗ ſini, woher haben Sie dieſe Blumen?“ „Eine junge, äußerſt liebliche Dame, in tiefe Trauer gekleidet, wartete in dem äußern Vorzimmer, um ſie Eurer Hoheit darzubieten, wenn Sie zur Tafel gehen würden. Sie ſtützte ſich auf den Arm eines Offiziers, für welchen ich große Achtung habe. Zu ſehr von Schüchternheit und Schmerz überwäl⸗ tigt, um ſelbſt ſprechen zu können, erzählte mir —0 160& Hauptmann Walſtein die Hauptpunkte ihrer Ge⸗ ſchichte, die mich in der That ungemein anzog. Darf ich es wagen, ein Gehör für die Dame zu erbitten?“ „In der That!“ rief die Erkaiſerin, ihr durch⸗ dringendes Auge feſt auf den Fürſten gerichtet, der vor deſſen forſchendem Blicke beinahe zurückbebte. „Schildern Sie mir die Dame, welche ſo Ihre Aufmerkſamkeit erregt hat.“ „Das wäre unmöglich, denn wahre Schönheit kann nicht im Einzelnen geſchildert werden. Der Zauber dieſer Dame beſteht weder in der Geſtalt, noch in den Zügen, obgleich beide ausgeſucht ſind.“ „Halten Sie ein. Ihre unbeſtimmte Antwort beſtätigt meine Vermuthung. Führen Sie die Dame hieher, es war ihr Glück, Eure Excellenz zu ihrem ritterlichen Beſchützer zu erhalten, ich weiſſage ihr daraus glücklichen Erfolg.“ Einen Augenblick ſchien Corſini verwirrt, aber ohne ein Wort zu ſprechen, machte er Gebrauch von der gnädigen Erlaubniß, und führte Ella von Lin⸗ denberg vor Marie Louiſe. Obgleich dicht genug verſchleiert, um der un⸗ verſchämten Neugierde Fremder zu trotzen, konnte ihre weite Kleidung gleichwohl die natürliche Fein⸗ heit ihres Benehmens nicht verbergen; und ihr zog. e zu Eintritt brachte bei der Erzherzogin einen Blick des Staunens und der Bewunderung hervor. „Stehen Sie auf,“ ſprach die kaiſerliche Prin⸗ zeſſin, als das bleiche, zitternde Mädchen ſchüchtern vor ihr kniete;„dieſe allzu beſcheidene Stellung ziemt weder der Tochter Lindenbergs, noch gefällt ſie der Mutter Reichſtadts.“ Die Prinzeſſin hielt inne, und Niemand wagte es, die peinliche Stille, die eintrat, zu unterbrechen. „Es gab eine Zeit,“ fuhr ſie ſort, ihre Selbſt⸗ beherrſchung zuſammennehmend,„es gab eine Zeit, da Ella mir zur Begrüßung freudig entgegen gehüpft wäre, mit tauſend liebevollen Fragen und ſpielenden Liebkoſungen.“ „Jetzt habe ich nur das Bewußtſeyn von der Größe Eurer Hoheit und meiner eigenen Niedrig⸗ keit,“ verſetzte das Mädchen beſcheiden. „Nein! muß ich Sie denn ſchelten? Haben Sie Ihre glückliche Kindheit vergeſſen 2“ fragte Marie Louiſe. 1 „Ich wünſche beinahe, es wäre möglich,“ mur⸗ melte Ella.„Viele traurige Unglücksfälle haben uns inzwiſchen getroffen.“ „Die wenigen kurzen Jahre, vor welchen Sie unſchuldige Bitten für meinen Sohn lispelten und zuweilen ſeine Erholungen theilten, ſcheinen mir nur Ella. II. 2 11 162&£˙ eine Spanne Zeit zu ſeyn. Kommen Sie hieher, Ella,“ fügte ſie im Tone ſanfter Ermuthigung hinzu, indem ſie ihre bloße Hand darreichte, die das auf⸗ geregte Mädchen ehrerbietig an ihre Lippen drückte. „In der That noch vor wenigen kurzen Jahren empfing die Familie Lindenberg viele herablaſſende Beweiſe hoher Gunſt, deren Andenken mich heute ermuthigt hat, bei Ihnen Gehör zu ſuchen, in der Hoffnung, daß die Erinnerung an frühere Güte bei Ihnen ſprechen möchte für— gegenwärtiges Un⸗ glück.“ Eine Fluth von Thränen hinderte ſie, weiter zu ſprechen. „Weinen Sie nicht, Ella, wenn Marie Louiſe irgend etwas thun kann, ſo werden Sie keine Fehl⸗ bitte thun.“ Mit dieſen Worten zog ſie die ſchüch⸗ terne, zögernde Sprecherin zu ſich her und lauſchte mit ſchmerzlicher Aufmerkſamkeit ihrer Erzählung, die ſie oft durch Ausrufungen der Güte und des Mit⸗ leids unterbrach. Ella ſprach ſtets gut; aber die drohende Ge⸗ fahr ihres Bruders und die rührenden Einzelheiten ihres friſchen Verluſtes gaben ſhen Worten eine Kraft, ihren Gründen eine Stärke, die mit der Schüchternheit ihres Benehmens auffallend kontra⸗ ſtirte. Mit kunſtloſer Lebhaftigkeit berichtete ſie kurz jeden Umſtand von Leopolds unüberlegtem Duell, ſeine darauf folgende Feſtnehmung und endliche Ein⸗ kerkerung; ſie kam dann zögernd auf den Wittwen⸗ ſtand ihrer Mutter, auf ihre eigene Troſtloſigkeit; ſie erwähnte auch ihres Vaters, aber der Gegenſtand war zu ſchmerzlich; von ſeinem Falle ſagte ſie nur wenig, von ſeinem Tode konnte ſie nicht ſprechen. Der Anblick des Kummers eines jungen und ſchönen Mädchens wird ſtets unſer Mitgefühl er⸗ regen, um ſo mehr, wenn ſein Vorhandenſeyn nicht geahnt wurde und ſein Grund der oberflächlichen Beobachtung entgeht. Bejahrte und kranke Per⸗ ſonen leiden natürlicher Weiſe, und die Schmerzen der Vergangenheit laſſen in dem von der Zeit abgezehrten Geſichte, auf den bleichen Wangen un⸗ auslöſchliche Spuren zurück. Aber wenn Alles friſch und ſchön iſt, wenn die Roſe blüht und das Auge leuchtet, dann beklagen wir doppelt den nagenden Wurm des Herzens, der ſo die Hoffnung in ihrem Keime vergiftet hat und den unausbleiblichen Folgen der Erfahrung vorangeeilt iſt. Die Einfachheit der Erzählung Ella's gab ihrem Berichte einen weiteren Reiz und feſſelte eben ſo wohl das Gefühl als die Aufmerkſamkeit ihrer Zu⸗ hörer. Viele hätten vielleicht mehr Beredtſamkeit gezeigt, aber Niemand konnte ſo überzeugen. Gleich⸗ wohl zeigte ſie völlige Unbeſorgtheit um ihre Vortheile, 11* und dies allein ſchon gab der ernſten Fürſprache ſchweſterlicher Liebe einen höheren Reiz. Als Corſini an ihrem Munde hing und die be⸗ rauſchende Süße ihrer Worte tief in ſich aufnahm, fühlte er plötzlich die Gewalt einer Empfindung, die um ſo mächtiger war, als er ſie bisher nicht kannte. Eine unbeſtimmbare Bewegung ſchien ihn zu durch⸗ zittern, als er das zarte Mädchen betrachtete, in tiefe Trauerkleider wie in ein Leichenhemd gehüllt; denn ihre außerordentliche, zarte Schönheit wurde noch erhöht durch die dunkle Farbe ihres Anzugs, und ihre reichlichen Thränen, die aus der reinſten OQuelle weiblichen Schmerzes floßen, ihr herber und doch ſchüchterner Kummer: Alles verband ſich, einen tiefen Eindruck auf ein Herz hervorzubringen, das noch nie zuvor den mächtigen Einfluß erfahren hatte, den vollendete geiſtige Bildung, mit perſönlicher Lieblichkeit verbunden, ausüben können. „Sie haben die Einzelheiten der unglücklichen Angelegenheit des Hauptmanns von Lindenberg ge⸗ hört,“ bemerkte die Erzherzogin, indem ſie ſich mit jenem gnädigen Lächeln, das man ſtets an ihr be⸗ merkte, gegen Corſini wandte;„Sie haben es von dem beſten, dem wirkſamſten Sachwalter gehört. Zu dem, was bereits ſo ungemein anziehend dar⸗ geſtellt wurde, habe ich nichts hinzuzufügen, außer — 165 S meine ernſthaften Wünſche zu ſeinem Wohle. Ich bin ein Weib und nicht geeignet, über ſolche Gegen⸗ ſtände zu ſprechen; aber Sie, mein Fürſt, bei Ihrer militäriſchen Stellung, können in dieſer Sache weſent⸗ liche Dienſte leiſten. Ich brauche Sie nicht erſt um Ihre gewichtige Vermittlung zu bitten, damit dieſe Angelegenheit dem Kriegsminiſter in einem günſtigen Lichte dargeſtellt werde; denn ich ſehe, daß Sie einen eben ſo innigen Antheil daran nehmen, als ich ſelbſt.“ Corſini's braune Wange erröthete bei dieſen Worten; ſein Auge blitzte einen Augenblick voll Geiſt und Ella konnte die Verſicherung ihres glücklichen Erfolgs darin leſen.„Meinen tiefgefühlten Dank dafür, daß ich der Träger der Befehle Eurer Hoheit werden darf, obgleich ich nicht gewachſen bin, die innige Fürſprache des Fräuleins von Lindenberg würdig zu verdollmetſchen. Aber wenn meine lange Erfahrung im Dienſte und mein Eifer, Ihre Wünſche zu erfüllen, einen weiteren Grund zu Gunſten des jungen Soldaten ausfindig machen kann, ſo dürfen Sie ſich meiner angeſtrengteſten Bemühungen ver⸗ ſichert halten.“ Ella hätte geantwortet, hätte ihren Dank, ihre Hoffnungen ausgedrückt; aber ihr Herz war zu voll, und der Prinz fuhr fort: „Ihr Bruder ſteht im Rufe hohen Muthes und 2 166 e⸗ Edelſinnes; er iſt der allgemeine Liebling beim Re⸗ giment und ich bin in manchen Fällen, namentlich beim Heere, ſehr geneigt, Popularität als ächtes Criterium zu betrachten. Er mag raſch und oft un⸗ beſonnen ſeyn; aber dies iſt kein ſchlimmer Fehler, denn ein kaltes Herz gibt nie einen tapfern Soldaten.“ Als Corſini endete, zog die Hoffnung wieder ein in Ella's Bruſt. Ohne den Eindruck zu ahnen, den ihre Schönheit und Unſchuld gemacht hatte, drückte ſie ihr tiefes Dankgefühl aus, verbeugte ſich in ſtummer Ehrfurcht vor Marie Louiſe und zog ſich zurück. Julius, Fürſt von Corſini, war in ſehr früher Jugend in die öſtreichiſchen Dienſte getreten und wurde General in weit kürzerer Zeit, als gewöhnlich nöthig iſt, um dieſe Auszeichnung zu erhalten. Er beſaß das ganze Vertrauen und die Freundſchaft des Kriegsminiſters, mit welchem er die Gefahren und Glücksfälle des Lagers getheilt hatte in jener Zeit kriegeriſchen Ruhmes, als Europa durch den außer⸗ ordentlichen und unerhörten Erfolg der franzöſiſchen Heere beinahe zermalmt wurde; er war unter Denen, die ſich dem Einfalle der Fremden entgegengeſtellt, und wenn ſie auch nicht ſiegten, doch die Bewegungen des heranziehenden Feindes eine Zeit lang aufge⸗ halten hatten. Dieſem Umſtande mochte er ſeine 2 167&— raſche Erhebung zu verdanken haben. Von Geburt ein Italiener, war er nicht ohne die nationalen Eigen⸗ thümlichkeiten, die ſich noch ſtärker in ſeinem Geiſte, als in ſeinen Mienen ausſprachen, obgleich Gewohn⸗ beit und Erfahrung den Zweck gehabt hatten, ſeinem angebornen Temperament entgegen zu wirken. Leiden⸗ ſchaftlich, unruhig, zum Mißtrauen geneigt, beſaß er gleichwohl viele höheren Tugenden, und dieſe letzteren Eigenſchaften hatten ihm bei ſeiner kriege⸗ riſchen Laufbahn weſentliche Dienſte geleiſtet, wie⸗ wohl ſie nicht ſo in ſeinem Weſen begründet waren, daß ſie allgemein verſtanden werden konnten. Corſini war eben ſo ſchnell geſtiegen, als er ſich auf ſeiner Höhe dauernd zu erhalten wußte; und gegenwärtig behauptete er, mittelbar oder un⸗ unmittelbar, einen ungetheilten Einfluß auf den Erz⸗ herzog Karl. Den Intereſſen ſeines Berufes zu⸗ gethan, miſchte er ſich nur wenig in Politik, und wußte nichts von den Hofkabalen, von denen er oft umgeben war; ein Umſtand, der ſeine wirkliche Macht erhöhte, da er ihn vom Partheigeiſt unabhängig und um Intriguen unbekümmert machte. Es war nach dem Sturze Lindenbergs, als Corſini mit Ehren überhäuft nach Wien zurückkehrte, von einem höchſt wichtigen Poſten, den er mehrere Jahre im Auslande bekleidet hatte und den er jetzt — 168&⸗ auf den Wunſch ſeines kaiſerlichen Beſchützers mit einer angenehmeren Befehlshaberſtelle in Wien ver⸗ tauſchte. Dieſe Anordnung gewährte den doppelten Vortheil, daß er hier, von den ſchweren Pflichten des thätigen Lebens zurückgezogen, leben konnte, ohne den hohen Rang und Einfluß aufzugeben, an den er zu ſehr gewöhnt war, als daß er ihn bereit⸗ willig hätte aufgeben können. Im Lager erzogen, und der ſanften Gewalt weiblicher Vorzüge völlig ungewohnt, war Corſini ein Fünfziger geworden, ohne die Stärke ſeiner Leidenſchaften zu entdecken, ja ohne ihr Vorhanden⸗ ſeyn zu ahnen. In der Jugend war er ausſchwei⸗ fend geweſen, aber als er über die Zeit der leichten Erregbarkeit hinausgekommen, wurde er gleichgültig gegen weibliche Reize, und es bedurfte der ganzen Lieblichkeit und Vollkommenheit Ella's von Linden⸗ berg, um in der eiſernen Bruſt des Veteranen eine Flamme zu entzünden. Aber ihr Anblick brachte eine elektriſche Wirkung hervor und gleich jenen unter⸗ irdiſchen Feuern, welche, einmal entzündet, niemals verlöſchen, fühlte er, daß die neu erwachte Leiden⸗ ſchaft von ſeiner Seele für immer Beſitz genommen, daß das Glück ſeines Lebens jetzt von dem Willen eines Andern abbänge, und welches Andern? eines 4 G nit ten — 169 ⁵⸗ ſchönen und feingebildeten Mädchens, das um viele Jahre jünger war, als er ſelbſt! Die Liebe des ſpäteren Alters iſt zuweilen um ſo ſtärker, als ſie ſich in der Wirklichkeit und Gegen⸗ wart concentrirt; ſie beſteht nicht aus der Erinne⸗ rung an die Vergangenheit und wird nicht geſtützt durch Ahnungen der Zukunft; denn in einem gewiſſen Lebensalter haben wir keine Zukunft mehr. Corſini hatte einen lebhaften und ſcharfen Ver⸗ ſtand; er bemerkte bald den geheimen Hebel, durch welchen er das Gebäude ſeines Glückes aufzurichten boffen mußte. Ella, unglücklich und freundlos, be⸗ durfte des ſchützenden Armes, den er ihr zu bieten geneigt war. Er hatte die Macht, ihren Bruder aus der ſchwierigen Lage zu befreien, in die er ge⸗ rathen war, und war entſchloſſen, dieſe Macht eifrig⸗ zu ihrem Beſten anzuwenden. Deßhalb verzweifelte er nicht, ungeachtet der Ungleichheit ihres Alters. Dankbarkeit, das wußte er, war oft ein glücklicherer Sachwalter, als Neigung; und von ihrer Dankbar⸗ keit hoffte er den Vorzug zu erhalten, den er auf andere Weiſe nicht zu gewinnen hoffen konnte. Zehntes Kapitel. O eitler Mann, magſt du doch immerhin Des Liebchens Schönheit übertrieben preiſen, Mag an Geſtalt ſie unvergleichlich ſeyn; Die Seele göttlich, ihrem Leib entſprechend; Nur Eines merke: Niemals nenne ſie Erhaben über ihr Geſchlecht, denn Eine lebt noch, Und ich, der ſie verehrt. ₰ Altes Stück. Frau von Lindenberg und ihre Tochter befanden ſich noch immer in Wien. Der erſte Ungeſtüm des Schmerzes hatte ſich allmählig zu einem tiefen und 3 heiligen Kummer ermäßigt, vor welchem die Stimme des Bedauerns ſchweigt und das Mitleid verſtummt. Mutter und Tochter hatten einander am Buſen un⸗ geſehen und ununterbrochen reichliche Thränen ge⸗ weint; der Strom, durch Gegenwart von Zeugen nicht aufgehalten, war dahin gefloſſen; der heftige Kampf der Liebe war nicht gehemmt geweſen durch . die abgemeſſenen Töne höfiſchen Mitgeſüßls oder freundſchaftlicher Vorſtellung. Es liegt etwas ungemein Ehrfurchtgebietendes — 171 in der heiligen Zurückhaltung eines in tiefe Trauer Verſetzten, der allen menſchlichen Troſt zurückzu⸗ weiſen und nur an den Verheißungen des Himmels deſto feſter zu hängen ſcheint. Dieſe Wahrheit drängte ſich Corſini lebhaft auf, als er in das Zimmer der Baroneſſe zugelaſſen wurde. Ihr Benehmen, ob⸗ gleich gefaßt, ſchien ungezwungen; mehr ruhig als kalt und wenn auch zurückhaltend, konnte es nicht für unfreundlich gehalten werden. Sie hatte ſich eben erholt von einem ſchweren und unerwarteten Schlage; aber da ſie wußte, daß der Fürſt aus Gründen der Freundſſchaft ſie beſuche, beſchloß ſie, ihre widerſtrebenden Gefühle zu überwältigen, wenn es ihr auch noch ſo ſchmerzliche Mühe koſte. Zudem hing das Schickſal Leopolds großentheils von der gütigen Vermittlung des Fürſten ab; und in der ängſtlichen Beſorgtheit um ihren Sohn vergaß die Mutter ihren neuen Wittwenſtand. „Ich hoffe, mein Eindringen wird in dem Herzen der Frau von Lindenberg eine beſſere Vertheidigung finden, als ich zu geben im Stande bin,“ ſprach Corſini bei ſeinem Eintritte. „Es wäre unmöglich, eine ſolche Ehre nicht zu ſchätzen, die wir in der That nicht zu erwarten be⸗ rechtigt waren. Erlauben Sie mir, den Beſuch Eurer Excellenz als gute Vorbedeutung für die Sicherheit 8 5 172 So meines Sohnes zu begrüßen,“ verſetzte ſie, würde⸗ voll aufſtehend, um ihn zu empfangen. „Niemand kann ſich aufrichtiger für ihn intereſ⸗ ſiren,“ verſetzte der Prinz, auf Ella blickend, die hohe Aufmerkſamkeit, die er ihr dadurch beurkundete, beinahe ſelbſt nicht beachtend. „Meine Tochter konnte in ihrem Eifer für die Sache ihres Bruders unbeſonnen erſcheinen,“ be⸗ merkte die Matrone, ſtets beſorgt die weibliche Zart⸗ heit zu retten;“ aber ich bin überzeugt, Sie werden den Beweggrund für hinreichend erkennen, um ſelbſt einen kühneren Schritt zu entſchuldigen.“ „Fräulein von Lindenberg kann durch das Beiſpiel von Selbſtverläugnung, das ſie gab, nur Achtung erregen,“ verſetzte Corſini lächelnd.„Ihren Wün⸗ ſchen dienend, habe ich ſo eben den Erzherzog ver⸗ laſſen.“ „Dem Himmel ſey Dank!“ rief die Baroneſſe. „Seine Kaiſerliche Hoheit kennt alſo ohne Zweifel durch die Vermittlung Eurer Excellenz die That⸗ ſachen.“. „Sie wiſſen, gnädige Frau, daß eine Art po⸗ litiſcher Eiferſucht ſich unglücklicher Weiſe in dieſe Angelegenheit gemiſcht hat, wodurch Das, was ſich ſonſt in eine einfache Frage auflöſen würde, ver⸗ wickelt zu werden droht. Die Angehörigen des „ 173 G⸗ Lieutenants Holdenbeck geben von der Sache eine Darſtellung, welche ſehr verſchieden iſt von der, die ich von den Lippen Ihrer Tochter erhalten habe. Ich fand den Erzherzog ſehr entrüſtet.“ „Aber,“ unterbrach ihn Ella lebhaft,„Lieute⸗ nant Holdenbeck iſt nicht ſo ohne Edelſinn, daß er nicht die Wahrheit ſprechen ſollte, und er iſt noch am Leben.“ „Und wird wohl geneſen,“ fuhr Corſini fort. „Wäre es anders, ſo würde der Fall um Vieles ſchwieriger, denn ſein Zeugniß iſt von höchſter Wich⸗ tigkeit. Alle Andern geben verwirrte und wider⸗ ſprechende Berichte über die Sache. Holdenbeck wird der Sache ſeines Gegners Gerechtigkeit widerfahren laſſen,— ich kann dafür einſtehen. „Nehmen Sie den Dank einer Mutter— das Gebet einer Wittwe!“ rief Frau von Lindenberg mit Wärme. „Wenigſtens wird doch Leopold nicht ungehört, noch auf falſche Berichte hin verurtheilt werden,“ bemerkte Ella ſanft. „Er wird Recht finden,“ verſetzte der Fürſt. „In der Vermuthung, daß ein feindſeliger Geiſt ſich in die Angelegenheit gemiſcht, daß dem Zweikampf eine falſche Färbung gegeben und er Seiner Kaiſer⸗ lichen Hoheit in ſehr verkehrtem Lichte dargeſtellt worden, habe ich mich bemüht, alle Einzelheiten zu erforſchen. Obgleich ich allen politiſchen Angelegen⸗ heit perſönlich abgeneigt bin, entdeckte ich gleichwohl, daß verſchiedene Männer, welche hohe Stellen be⸗ kleiden, einen ſchlimmen Eindruck hervorzubringen und den Erzherzog für ſich einzunehmen ſuchen. Auch die Gefahr Holdenbecks wurde bedeutend übertrieben.“ „Nicht zufrieden, den Vater verfolgt zu haben, erſtreckt ſich ihre Feindſchaft noch über das Grab, auf ſeinen Sohn,“ rief die Baroneſſe lebhaft; aber wie er ihnen vergab, ſo vergebe auch ich ihnen. O mein Fürſt, retten Sie meinen Sohn vor Verläum⸗ dung, meinen edlen, herrlichen Sohn!“— Und die Mutter brach in einen Strom von Thränen aus. „Ich will verſprechen, ich habe verſprochen,“ rief er mit Innigkeit, auf Ella blickend, wie um ſich an ihr zu ſtärken.„Fräulein von Lindenberg muß die Befehle gehört haben, die ich von der Her⸗ zogin von Parma erhielt, und die Zuſicherung meines Beiſtandes, die ich darauf gab.“ „pwLeopold mag unbeſonnen gehandelt haben, aber einer rachſüchtigen, berechneten Handlung iſt er un⸗ fähig. Niemand kann ſeine Fehler beſſer kennen, oder ſie gleich mir beklagen,“ bemerkte die Mutter mit Ernſt. „Ich bin überzeugt, aus dem Unglück kommt 175& noch Gutes,“ ſagte der Fürſt.„Hauptmann von Lindenberg kann ſich aus dieſem Falle eine heilſame Lehre ziehen. Ich habe Lieutenant Holdenbeck ge⸗ ſehen, was mich einige Mühe koſtete. Ich drang bis an ſein Bette; er ſchien noch ſehr ſchwach, aber hatte den Gebrauch ſeiner Sprache wieder erhalten. Aengſtlich beſorgt, die Wahrheit ans Licht und ſo die Sache auf einen guten Fuß zu bringen, ſtellte ich Fragen an ihn, wiewohl er nicht gerne über den Gegenſtand ſprach. Aber als ich ihm die wahrſchein⸗ lichen Folgen vorſtellte, die ein fortgeſetztes Still— ſchweigen von ſeiner Seite haben könnte, wurde ſein Edelſinn in ſo weit mächtig in ihm, daß er mir einige ſchätzbare Belehrungen gab, und es iſt mir nun ganz klar, daß beide Theile der Inſubordination ſchuldig ſind. Indeß muß die Unterſuchung jetzt aus⸗ geſetzt werden, bis der Verwundete geneſen iſt. Ihr Sohn und ſein Gegner werden alsdann beide wegen Verletzung der Kriegszucht vor ein Kriegsgericht ge⸗ ſtellt werden. Auf dieſe Art werden die Hauptthat⸗ ſachen in vollem Lichte erſcheinen und Holdenbecks Zeugniß wird Lindenberg reinigen. Ich weiß, daß der Erzherzog der Sache ein ruhiges und unpar⸗ theiiſches Gehör ſchenken wird; aber wir dürfen keine Duelle dulden. Der Kaiſer kann nicht zugeben, gute Soldaten durch thörichte Streitigkeiten zu verlieren.“ — 176 S⸗⸗ Als Corſini ſchloß, drückte Ella und ihre Mutter ihren Dank aus. „Ich entledigte mich nur eines Theils meiner Pflicht,“ verſetzte er huldreich,„und bin Ihnen Dank ſchuldig, daß Sie mir das beſte Mittel dazu an die Hand gegeben haben.“ Mit dieſen Worten wendete er ſich gegen Frau von Lindenberg und drückte den Wunſch aus, daß, wenn ſie bis zur Beendigung der Unterſuchung in Wien verweile, ihm die Ehre ver⸗ gönnt ſeyn möge, ſeine Beſuche erneuern zu dürfen. „Jeder Ort gilt mir jetzt gleich,“ ſeufzte die Wittwe,„und bis das Schickſal Leopolds ſich ent⸗ ſchieden hat, wäre es mir unter allen Umſtänden unmöglich, Wien zu verlaſſen. Aber unſere Geſell⸗ ſellſchaft kann Euer Excellenz nicht viel Vergnügen gewähren. Wir ſind jetzt einſame, bekümmerte Frauen.“ „Wenigſtens verweigern Sie mir den Zutritt nicht,“ unterbrach er ſie.„Sie müſſen ſich auch auf einen kleinen Aufſchub in der Sache geſaßt machen. Inzwiſchen können Sie verſichert ſeyn, daß dem Haupt⸗ mann von Lindenberg mit der gebührenden Achtung begegnet wird. Walſtein, der mein aufrichtiger Freund und ein vortrefflicher Offizier iſt, hat ſich eifrig zu ſeinen Gunſten verwendet. Sie ſehen, meine Damen, daß ich nicht alles Verdienſt für mich in Anſpruch Rutter neiner Dank in die endete e den ng der ver⸗ ürfen. te die jent⸗ änden Heſell⸗ nügen umerte Zutritt ih auf nache n. Haupt⸗ ſchtung Freund fiig zu damen ſſpruch 177 nehme,“ ſetzte er mit einem eigenthümlichen Ausdruck hinzu;„aber der glänzende Lohn eines Lächelns von Fräulein von Lindenberg könnte auch einen Stoiker zur Thätigkeit erwecken.“ „Wenn unſere herzliche Dankbarkeit Ihnen an⸗ nehmbar erſcheinen kann,“ verſetzte Ella,„ſo be⸗ ſitzen Sie dieſelbe bereits ungetheilt.“ „Ungetheilt!“ wiederholte der Prinz, außer Stand, ſeine ungetrübte Freude zu verbergen, denn er fühlte, daß ſelbſt die kalte Verſicherung von Ella's Dankbarkeit der Liebe jeder andern Dame der Welt vorzuziehen ſey; und er beſchloß ſeine Beſuche zu wiederholen, aber mit einiger Vorſicht, um weder die Klugheit der Mutter, noch das Zartgefühl der Tochter zu beunruhigen; ſo hoffte er, wenigſtens all⸗ mählig den Weg zu ihrer Achtung ſich zu bahnen, wenn es ihm auch nicht möglich ſeyn ſollte, ein zärt— licheres Gefühl einzuflößen. Ohne den tiefen Antheil zu ahnen, den ſie ge⸗ weckt hatte, ſchrieb Ella die ſtete Aufmerkſamkeit des Fürſten gewöhnlichen Beweggründen der Güte und Freundſchaft zu, und ihr jeder Zeit anziehendes Weſen blieb vollkommen frei von Zwang, und darum ent⸗ faltete ſie alle ihre liebenswürdigen Eigenſchaften in vollem Glanze. Mit hellerem Blick betrachtete Frau von Lindenberg Ella. II. 12 178 So⸗ Corſini's freundſchaftliche Thätigkeit; aber mit ſener Art zweifelnder Zufriedenheit, mit welcher eine Mutter eine vortheilhafte Ausſicht für ihr Kind erblicken kann, indem ſich damit die Befürchtung verbindet, daß die⸗ ſelbe abgelehnt werden könnte, und wiewohl ſie ſich nicht bevollmächtigt achten konnte, Corſini's Bewer⸗ bung zu ermuthigen, ſo war ſie doch zu beſorgt für das Wohl ihrer Tochter, um einer Neigung ent— gegen zu handeln, durch welche daſſelbe geſichert werden konnte. Ohne Mißtrauen, aber auch ohne geheime Billigung zu beurkunden, ließ die Baroneſſe die Sache ihren eigenen Weg gehen,— fürchtend, ein unüberlegtes Einmiſchen könnte das Gefühl ihrer Tochter verletzen und eine ungünſtige Wirkung her⸗ vorbringen. Nach Verlauf weniger Wochen fand das Kriegs⸗ gericht Statt. Holdenbeck, in Folge ſeiner ſchweren Verwundung bleich und abgemagert, gab ohne Zö⸗ gern ſein Zeugniß dahin ab, daß der Zweikampf, wenn auch übereilt und unregelmäßig, doch mit ſtrenger Ehrenhaftigkeit Statt gefunden habe, und bewies, daß Leopold, obgleich keineswegs tadellos, doch nicht zuerſt angegriffen habe. Zuletzt, in Er⸗ wägung der Jugend der beiden Gegner und der gänzlichen Abweſenheit einer beabſichtigten Beleidigung auf beiden Seiten, wurden beide freigeſprochen. 179&£˙- Es war ein rührender Anblick, die Verſöhnung und den edlen Wettſtreit der Großmuth zu ſehen, der zwiſchen den beiden Gegnern Statt fand, als ſie ſich vor dem verſammelten Kriegsgericht herzlich um⸗ armten und für alle Beleidigung gegenſeitige Ver⸗ gebung angelobten;— und ſonderbar! aus einer ſcheinbar ſo unheilvollen Begegnung entſprang eine treue und innige Freundſchaft. Bei den folgenden Beſuchen Corſini's, welchem die Familie Lindenbergs dankbar den günſtigen Aus⸗ gang der ſchwierigen Angelegenheit zuſchrieb, konnte man die Abſichten des Fürſten kaum mehr mißver⸗ ſtehen, und Ella begann alle jene zarte mädchen⸗ hafte Angſt zu fühlen, von der die Ueberzeugung, von einem Manne geliebt zu ſeyn, deſſen Liebe man nicht erwiedern kann, ſtets begleitet iſt. Ob⸗ gleich ſie bei dieſer Entdeckung am meiſten bethei⸗ ligt war, hatte ſie gleichwohl das Vorhandenſeyn einer Leidenſchaft, die ſie ſchätzen, aber nicht erwie⸗ dern konnte, erſt zuletzt entdeckt. Nur langſam, mit Widerſtreben und beinahe mit Schrecken, mußte ſie endlich der unwillkommenen Wahrheit Zutritt geben, die ſich ihr ſchmerzlich aufdrängte und durch welche das Glück um Vieles gemindert wurde, das ſie ſonſt über die freudige Ausſicht auf Leopolds künftiges 12* — — — — 180 Vorrücken unter dem ſchützenden Einfluß des Fürſten von Corſini, gefühlt hätte. Da das Fräulein von Lindenberg die Bewun⸗ derung, welche der Fürſt nicht zu verhehlen ſuchte, Niemanden, nicht einmal ſich ſelbſt geſtehen mochte, ſo hoffte ſie, die Ahnung ihres Vorhandenſeyns lebe nur in ihrer Bruſt; und eifrig vermied ſie jedes Geſpräch, das auf den Gegenſtand führen oder als Ermuthigung gedeutet werden konnte, indem ſie da⸗ durch dem Vorwurf der Eitelkeit oder Undankbarkeit zu entgehen hoffte. Durch Rofenthals Untreue ver⸗ nichtet und gedemüthigt, war ihr der Gedanke an neue Bande zuwider; und ſie beſchloß, ihre Mutter zur Rückkehr nach Ehrenfels zu bewegen, deſſen melancholiſche Abgeſchiedenheit ihrem verödeten Herzen zuſagte und ihren nutzloſen Schmerz beſänftigte⸗ Die erſte Zeit der Trauer war vorüber und Corſini, unfähig, die Stärke ſeiner Liebe zu beherr⸗ ſchen oder zu verbergen, die vielmehr durch Ella's Kälte zunahm, entſchloß ſich, ſeine Gefühle ſofort zu erklären, um die Einwilligung der Frau von Lindenberg zu erhalten, ehe er ſeine Bewerbung förmlich bei ihrer Tochter anbringe. Bei der Aus⸗ führung dieſer Abſicht blieben weder Leopold, noch die Baroneſſe in der Führung ſeiner Sache zurück. Im Gegentheil ergriffen ſie jede Gelegenheit, ſeine Verdienſte darzuſtellen, ſeinen Muth und ſeine hohen— Vorzüge zu preiſen und ſich über das unzweifelhafte Glück zu verbreiten, das ſeine künftige Gattin ge⸗ nießen würde. Der Fürſt beſaß Alles, was eine glückliche Verbindung begründen konnte; Vermögen, Rang, Macht, öffentliche Achtung und eine hohe Stelle in der Armee. Zudem hatte er Anſprüche an Ella's perſönliche Dankbarkeit und eine Stütze an den Wünſchen und dem Anſehen ihrer Mutter. Wenn man über dieſe Sache in Ella drang, ſo geſtand ſie halb ſchüchtern, halb ſchmerzlich bewegt ihre Abneigung und bat um Schonung. Aber Frau von Lindenberg konnte keine Einwürfe begreifen, wenn ſie nicht einen ſcheinbareren Grund hatten; denn an die Möglichkeit, daß ihre Tochter noch immer eine Zärtlichkeit für Albert bewahre, daß ſie noch einen Gedanken an den Unwürdigen hege, der ihr beiderſeitiges Glück ſo grauſam auf dem Altare des Ehrgeizes geopfert, dachte ſie niemals. Ella bewahrte das traurige Geheimniß ihres Herzens unverletzt, und ihre Mutter fuhr immer mit einer Ungeduld, die ihrer Tochter als eine Art grauſamer, harter Güte erſchien, fort, eine Verbindung zu beſchleu⸗ nigen, vor der ihre Tochter ſchauderte. Mittlerweile verbreitete ſich das Gerücht, daß die Familie Roſenthal wahrſcheinlich in Paris bleiben 2 182 Se würde. Gelegentliche Berichte von dem Glanze ihres Hauſes, der Schönheit ihrer Tochter erreichten Wien und zuweilen auch die Ohren Ella's, die ſich um— ſonſt bemühte, das Intereſſe zu verbergen, das auch die geringfügigſten Umſtände für ſie hatten, wenn ſie Den betrafen, deſſen Name ſeit Monaten nicht mehr über ihre Lippen gekommen war. Sie hörte auch, daß Albert bei ſeinem Vater ſich befinde, nach⸗ dem er ſeine Stelle in öſtreichiſchen Dienſten auf⸗ gegeben. Ueber dieſen Umſtand wünſchte ſie ſich übrigens Glück, da er ihr die Qual eines etwaigen Zuſammentreffens mit Dem erſparte, den ſie noch immer nur zu ſehr liebte. Bei ihrer eigenthümlichen Geiſtesrichtung mußte Ella's Lage nothwendig eine ungemein ſchmerzliche und ſchwierige ſeyn. Ihre Liebe zu Roſenthal war, den Schiffbruch ihrer Hoffnung überlebend, ein Theil ihres Weſens geworden. Unähnlich den ephemeren Neigungen, welche die Laune weckt und die von den Umſtänden abhängig ſind, war ihre Neigung feſt in ihrem Herzen wurzelnd, mit ihr herangewachſen und die Gewohnheit ihres Lebens geworden; und nach⸗ dem ſie anfangs ein Vergnügen geweſen, ſchien ſie zuletzt eine Tugend geworden zu ſeyn. Sie hatte den Schlag, der ſie von ihrem Verlobten trennte, mit einem gewiſſen ſittlichen Muthe ertragen, der —— es jen 183 aus der Reinheit ihres Herzens ſtammte; ſie trauerte, aber ihr Schmerz war ſtumm; ſie hatte geweint, ohne zu klagen; ſie liebte noch immer zu innig, als daß ſie den Abgott ihrer Gedanken durch eitle Vor⸗ würfe in ihrer eigenen Achtung hätte verletzen können. Mit der treuen Zärtlichkeit weiblicher Liebe hatte ſie in der Standhaftigkeit ihres eigenen Herzens Troſt gefunden und durch treue Anhänglichkeit an die Er⸗ innerung der Vergangenheit ſich Entſchädigung zu geben geſucht für den Verluſt einer glücklichen Ge⸗ genwart. Aber ſelbſt dieſes armſelige Vorrecht, ungehemmt ihrem Schmerze nachhängen zu könnte, ſollte ihr bald entriſſen werden. Das Bild, das ſie heimlich werth hielt, ſollte mit rauher Hand aus ihrer Erin⸗ nerung geriſſen oder durch ein anderes kalt in den Hintergrund zurückgedrängt werden; das Andenken an Albert wurde vom Schmerz vergiftet und der Gedanke an Corſini war— Verzweiflung. Niemals noch hatte Ella ſich ſo ganz auf ſich ſelbſt angewieſen geſehen. Alle freundlichen Zugänge des Mitgefühls und Troſtes waren ihr verſchloſſen. Leopold, durch jedes Band der Dankbarkeit und Achtung an den Fürſten gefeſſelt, hatte kühn zu ſeinen Gunſten geſprochen; während ihre Mutter, dieſe heilige Bewahrerin des jungfräulichen Herzens, ihre 1 184 Gefühle nicht mehr ertragen, ja nicht einmal ver⸗ ſtehen konnte. Mit ihren edelſten Empfindungen ſtand ſie allein; mitten in ihrer eigenen Familie fühlte ſie ſich vereinzelt; ihr tiefer Kummer wurde gehemmt und aufgehalten durch Gründe weltlicher Klugheit, die aus dem Munde Derer kamen, von denen ſie bisher nur Zärtlichkeit und Liebe erwartet und erfahren hatte. Inzwiſchen ertrug ſie die Bewerbungen Cor⸗ ſini's mit der zarten Schonung und milden Ergebung eines Märtyrers, im Gefühle, daß ihr jetziges Un⸗ glück noch Unabhängigkeit und Zufriedenheit war, verglichen mit dem Schickſal, das ſie in der Ferne zu erblicken fürchtete und gleichwohl ſich umſonſt be⸗ mühte, abzuwenden. Eilftes Kapitel. Du haſt verrathen mich! Du, dem ich traute, Denn offen lag mein Herz, der Blume gleich, Die um den Strahl der Sonne ſehnlich wirbt— Du, den ich alſo liebte, daß für And'res Ich ſchwach und arm und kindiſch ſchien! Stets ſuch ich Nach einem Vorwurf, der ins Herz dich träfe; Doch in dem Staunen über den Verrath Find’ ich das Wort nur:— Du!. Miſtreß Norton Eine Zeit lang fuhr Ella fort, den Abſichten ihrer Mutter und ihres Bruders das einzige Hinder⸗ niß, das ihr zu Gebot ſtand, ruhigen Widerſtand, entgegen zu ſtellen, und es gelang ihr wenigſtens, die grauſame Entſcheidung, der ihr Schickſal zueilte, hinauszuſchieben. Die Schuld der Dankbarkeit gegen den Fürſten von Corſini konnte nicht geſtrichen wer⸗ den; und ſo ſehr es ihr Wunſch ſeyn mochte, ſeiner Gegenwart und ſeiner Bewerbungen überhoben zu ſeyn, ſo konnte ſie ſich doch nicht gegen ſeine Freund⸗ lichkeit verhärten oder durch eine entſchiedene Ab⸗ weiſung die Gefühle eines Mannes rauh verwunden, dem ſie ſo viel verdankte. 186& Aber der Zauber, den Ellas Lieblichkeit unbe⸗ wußt geübt hatte, konnte ſich nicht ſo leicht löſen. Corſini's Neigung wurde durch den Widerſtand, den ſie erfuhr, eher vermehrt, als vermindert. Ihre Kälte erſchien als die Folge anſtändiger Zurückhal⸗ tung; das abgewandte Auge und die bebende Lippe, die wechſelnde Farbe auf ihren ſchönen Wangen, ihre erſtickten Seufzer: dies waren nur eben ſo viele Reize für den Liebenden; es waren neue Elemente der Schönheit, denn ſie bildeten einen Kontraſt mit dem Selbſtvertrauen und dem berechneten Benehmen Derer, die ihn früher zu feſſeln geſucht hatten. Mit einem Worte, er ſchätzte die Neigung Ella's von Lindenberg um ſo höher, je ſchwieriger er es fand, ſie zu gewinnen. Jedoch ſelbſt wenn ſie ſeine Auf⸗ merkſamkeiten zurückzuweiſen ſuchte, waren ihre Worte ſo zart, ihr Benehmen ſo ſanft und verſöhnend, daß ſie gerade das Gegentheil von Dem auszudrücken ſchienen, was ſie beurkunden ſollten. Selbſt ihr Schweigen konnte beinahe günſtig gedeutet werden; denn Ella konnte auf den Freund und Wohlthäter ibres Bruders nicht finſter blicken, wenn auch ihr gequältes Herz unter der Mühe, die es ſie koſtete, zu brechen drohte. Eine unbeſtimmte, beinahe unerklärliche Hoff⸗ nung, zu undeutlich, um auch nur den leiſeſten Troſt 187 e gewähren zu können, nur dazu dienend, ihren Geiſt zu zerſtreuen, nicht ihm Linderung zu geben, eine Hoff⸗ nung, die ſie kaum ſich ſelbſt zu geſtehen wagte, machte ſich noch immer bei ihr geltend, trotz des unbeſtreit⸗ baren Zeugniſſes der Zeit und der Vernunft. Wie nur wenige Gegenden ſo kahl ſind, daß nicht ein Gras— hälmchen darauf zu finden wäre, ſo ſind auch wenige Naturen ſo ganz öde, daß ſie nicht einige zärtliche Täuſchungen nährten, die nach und nach verfliegen, wenn die Seele, an das Unglück gewöhnt, unter dem Einfluſſe der Erfahrung ſich verhärtet. Ella hegte noch immer ein geheimes Vertrauen auf die Stärke der Neigung Alberts. Gleich einem Götzen⸗ diener verehrte ſie die Reliquien ihres Aberglaubens, obgleich der Altar zerbrochen, das Heiligthum ent⸗ weiht und der Geiſt aus dem Tempel entſchwunden war. Fne Frau von Lindenberg hatte ihre reinlichen Zimmer in den„drei Kronen“ mit einer annehmlicheren Woh⸗ nung vertauſcht, welche, wenn ſie auch nicht ſo ele⸗ gant und prachtvoll wer als die, welche ſie zu Leb⸗ zeiten ihres Gemahls bewohnt hatte, doch ein ruhiger und bequemer Aufenthalt war, wie er für beſchei⸗ dene Einkünfte und Gewohnheiten paßte. Ella blickte indeß mit unverhehltem Schrecken auf dieſe Anord⸗ nung, denn ſie bewies ihr unzweifelhaft, daß es -2 188 S nicht die Abſicht ihrer Mutter ſey, in nächſter Zeit nach Schloß Ehrenfels zurückzukehren, und ſie fühlte, daß ihren Anſichten in Beziehung auf Corſini nichts mehr entgegen ſeyn könne, als ein verlängerter Auf⸗ enthalt in Wien. Aber was noch ſchlimmer war, ſelbſt der zärtliche Traum, in dem ſie unbewußt ge⸗ ſchwelgt hatte, ſollte ihr bald entriſſen werden. Der Schleier der Ungewißheit, der über den Trümmern ihrer Ausſichten gebreitet lag, wurde endlich völlig zerriſſen und ſie verfiel ganz dem herben Schmerze ihrer verlaſſenen Lage.— Ella war allein und unbeſchäftigt, denn ihre ängſtlichen Gedanken verhinderten ſie, ihre gewohnte Thätigkeit zu zeigen. Sie ſtützte ihre fieberiſche Wange auf ihre zarte Hand, während ſie mit der andern eine welke Roſe zerpflückte, die ſie ſo eben zwiſchen den Blättern eines Buches gefunden hatte, aus welchem Albert ihr oft vorgeleſen. Es war das letzte Buch, das ſie mit einander geleſen hatten. Sie erinnerte ſich dieſer Blume, ſie erinnerte ſich des Tages, an welchem ihr Geliebter ſie gepflückt und ſcherzend in das Buch gelegt hatte, als Zeichen des Fortſchrittes ihrer Studien. Es war damals ihr Sinnbild geweſen, und die Aehnlichkeit war auch jetzt noch vorhanden, denn noch ſchwebte Wohlgeruch um die Blätter, ſo welk ſie auch waren, wie der 2 189 ⸗ Balſam der Liebe noch ſeine Süßigkeit über die Vernichtung verbreitet, die ſie verſchuldet hat. Als ſie mit trübem Blick auf das aufgeſchlagene Blatt ſah, zwiſchen dem die Blume ſo lange unbe⸗ achtet, wenn nicht vergeſſen, gelegen hatte, fiel eine Thräne, eine einzige Thräne auf das Buch. Ella bemerkte ſie nicht, aber ſie ſchloß den Band, ohne darin zu leſen. Der Eintritt ihres Bruders erweckte ſie aus ihren ſchwermüthigen Träumen.„Du biſt gedanken⸗ voll oder zerſtreut oder beſchäftigt, theure Schweſter,“ rief er, indem er ſie mit ſo viel Zartheit begrüßte, als bei ſeinem unbeſonnenen Temperamente möglich war. „Ich bin niemals ſo vertieft,“ verſetzte ſie,„daß mir nicht Deine Gegenwart erwünſcht wäre. Will⸗ kommen, theurer Leopold; Du haſt uns in der letzten Zeit vernachläßigt.“ „Es war nicht mein Fehler, aber ich konnte den Fürſten nicht verlaſſen. Er wünſchte, daß ich recht oft bei ihm ſeyn möchte, und ich konnte den Wünſchen eines ſo vortrefflichen Freundes nicht ent⸗ gegenhandeln.“ „Gewiß nicht! ich hoffe, Du wirſt niemals die kleinſte Gelegenheit vorüber gehen laſſen, Deine Dankbarkeit einem Manne zu zeigen, der ſie ſo ſehr verdient. Du wirſt dadurch eine zwiefache Schuld abtragen, Leopold;“ und umſonſt bemühte ſie ſic, einen tiefen Seufzer zu unterdrücken. „Biſt Du endlich geneigt, ſeine Verdienſte an⸗ zuerkennen, Ella? Ich erwartete dies von Deinem Verſtande, wie von Deinem feinfühlenden Herzen Du dachteſt vielleicht jetzt an ihn?“ „Nein, ich dachte nicht an ihn.“ Sie legte unwillkürlich einen Nachdruck auf das letzte Wort. „Ich denke nicht gern an ihn, ich kann es nicht ohne Schmerz.“ „Du biſt weicher. O Ella, wüßteſt Du, wie dieſe Veränderung Deines Gefühls uns Allen will⸗ kommen ſeyn wird! In Wahrheit, Du thuſt nur ein Werk der Gerechtigkeit, und Dankbarkeit iſt viel⸗ leicht der Vorbote eines wärmeren Gefühls. „Unmöglich! die Aſche kann ſich nicht wieder entzünden,“ antwortete ſie.„Ich ehre, ich achte Corſini, aber mein Herz habe ich nicht zu vergeben.“ „Du überraſcheſt und bekümmerſt mich, Ella. Ich hoffte beſſer von Dir.“ „Ich hoffte beſſer von mir ſelbſt,“. ſie,„aber ſo iſt es. Ich habe keine Neigung zu ver⸗ ſchenken.“ „Du kannſt doch nicht ſo ſchwach, ſo ſtrafbar ſeyn, dem Andenken eines Mannes ewige Treue zu 191 geloben, der Dich vergeſſen, der Dich verworfen hat!“ „Spare dieſe Vorwürfe, ſie ſind unverdient.“ „Der Stolz Deines Geſchlechtes ſollte ſich em— pören gegen ſolche Schwäche. Nein, es iſt ſchlimmer als Schwäche. In dieſer unwürdigen Anhänglichkeit an einen Mann, der Dich verſchmäht hat, kann ich den Geiſt unſerer Ahnen nicht erkennen.“ „Warum über Jemand ſprechen, auf den ich niemals gerne komme,“ verſetzte Ella ſanft. „Den ich vernichten und vertilgen würde, wäre es nur möglich,“ rief Leopold heſtig. „Sey nicht ungerecht. Ich dränge Niemanden meinen Kummer und meinen Schmerz auf; ich ver⸗ lange nur Frieden. Jedes Band, das jemals zwiſchen uns beſtanden, iſt zerbrochen, gewaltſam zerriſſen. Was kannſt Du mehr verlangen?“ fragte ſie zitternd. „Vergeſſenheit!“ donnerte Leopold. „Dieſe läßt ſich nicht erzwingen.“ „Ja, jedes Band iſt zerbrochen, zerriſſen, mit Füßen getreten!“ wiederholte ihr Bruder mit allem möglichen Nachdruck.„Aber wer brach ſie? Wer erniedrigte unſer Haus und verſchmähete eine Ver⸗ bindung mit uns? Er führte den Streich, nicht Du, noch ich.“ „Sch verdiene dieſen Hohn nicht, am wenigſten Dir, Leopold,“ rief Ella und verbarg ihr glühendes Geſicht mit beiden Händen. „Du haſt geduldet; in Demuth, muthlos, lang genug geduldet. Es iſt Zeit, Dich zu rächen!“ rief der junge Soldat, noch immer zurückhaltend mit dem letzten Streiche, der die ſtandhafte Anhänglich⸗ keit unbelohnter Liebe kräftig zerſtören ſollte. „Rächen? An wem? An mir ſelbſt?“ verſetzte ſeine Schweſter in Thränen gebadet. „Thörichtes Mädchen! Ich wollte Dich nicht zum Weinen bringen. Ich wollte nur Deinen Stolz, Dein Gefühl erwecken.“ „Mein Gefühl?“ wiederholte Ella.„O Leo⸗ pold, in dieſen Thränen iſt weit weniger Schmerz und Qual als in meinem früheren Schweigen. Wie wenig verſtehſt Du das menſchliche Herz! So un⸗ gehemmt zu weinen iſt Seligkeit!“ „Gut, gut! ich will mich nicht vermeſſen, die weiblichen Launen und Einbildungen zu verſtehen. Ich wollte Dir nicht unnöthigen Schmerz machen. Aber Deine Ehre, die Ehre unſeres Namens fordert dieſes perſönliche Opfer, wenn es eines iſt. Dieſe romantiſchen Einbildungen dürfen Deinem Wohle nicht länger im Wege ſtehen. Deine Geſundheit erliegt unter dem Gram, Deine Schönheit ſchwindet. Es wäre Wahnſinn, dieſe Gelegenheit zu verlieren. des ang rief mit 193&Æ Corſini iſt ein Mann, den Alle lieben und ver⸗ ehren.“ „Auch ich ehre und achte Corſini,“ unterbrach ihn Ella.. „Und doch verwirfſt Du ihn! verwirfſt ihn, um über den Trümmern einer mehr als hoffnungsloſen Liebe zu verſchmachten. Mit ſolchen Geſinnungen kann ich keine Geduld haben, zumal bei Dir, einer Lindenberg! Wo iſt Dein edler und gerechter Stolz, der hervorſtechende Zug unſeres Geſchlechtes? Wenn Du eine Lindenberg biſt, ſo beweiſe es!“ Während dieſer Worte röthete ſich das Geſicht des Jünglings leidenſchaftlich. „Ich bin eine Lindenberg, und möchte es gerne bleiben!“ ſagte ſie mit mildem Lächeln, die Hand ibres Bruders wie zur Verſöhnung drückend. Einen Augenblick hielt er an, blickte ihr feſt ins Geſicht und wandte ſich plötzlich bei Seite. Er konnte ſeinen Kampf nicht verbergen. Endlich ver⸗ ſetzte er:„Es muß ſeyn! Ich habe umſonſt Dich zu überreden, zu überwältigen geſucht. Du zweifelſt noch immer an ſeiner Falſchheit. Dein Benehmen kann keinen andern Grund haben. Vielleicht genügt Dir das Zeugniß Deiner eigenen Sinne.“ Mit dieſen Worten zog Leopold einen Brief aus ſeiner Bruſt. Er entfaltete ihn und legte ihn vor ſie hin. Ella. II. 3 15 p 2 194&◻&̈ „Lies hier den Beweis ſeiner Unwürdigkeit,“ fuhr er fort,„ich wollte Dir ihn nicht zeigen; ich hätte Dir gerne dieſen neuen Schmerz erſpart, aber Du zwingſt mich dazu.“ Ella beugte ſich langſam über das Papier, hef⸗ tete ihre Augen auf eine Stelle, auf welche Leopold zeigte, und las folgende Worte:„Nichts konnte über den Glanz gehen, mit welchem Roſenthals Hochzeit begangen wurde; wenigſtens hörte ich ſo, denn wir waren nicht gegenwärtig. Die Feierlichkeit hatte geſtern Statt. Die Braut iſt ungemein hübſch und hat ein unermeßliches Vermögen. Der König unter⸗ zeichnete den Kontrakt und begleitete ſeine Glück⸗ wünſche mit einem koſtbaren Schmuckkäſtchen als Geſchenk. Der Geſandte und die meiſten Mitglieder des diplomatiſchen Corps waren zugegen. Der Graf iſt entzückt, und man ſieht einer Reihe glänzender Feſtlichkeiten entgegen.“ So weit hatte Ella unwillkürlich geleſen; jetzt ließ ſie ſchweigend den Brief fallen und eine Pauſe trat ein.— Er war mit einer Andern verheirathet! Der lange Traum ihrer Jugend, ihrer Unſchuld war vorüber; die letzte, ſchwache Täuſchung war ver⸗ ſchwunden. Mit Feuerzügen ſchienen die Worte in ihr Herz geſchrieben, als ſie im Geiſte ausrief: „Verbeirathet! verheirathet!“ Sie fuhr mit der fuhr hätte Du hef⸗ pold über chzeit wir hatte und nter⸗ lück⸗ als lieder Graf ender jett Pauſe aipet! war ver⸗ rie in grief: it der — 195 Hand über ihre Stirne, aber es floßen keine Thrä⸗ nen. Die Quelle war verſiegt. Sie gab keinen Laut der Klage— Albert hatte aufgehört, ihr etwas zu ſeyn; aber mitten in der äußerſten Troſtloſigkeit fühlte ſie, daß eine Klage von ihr nur als unedle Aeuße⸗ rung weiblicher Schwäche gedeutet werden könne. Es wäre ein ihrer unwürdiges Geſtändniß geweſen; und entſchloſſen begrub ſie die aufſteigende Rührung in ihrer Bruſt. „Iſt dies hinreichend? biſt Du jetzt überzeugt?“ fragte Lindenberg.„Iſt die Erinnerung an Albert—“ „Wenn Du mich liebſt,“ unterbrach ihn Ella lebhaft,„ſo nenne mir dieſen Namen nicht wieder.“ „Ich will nie von ihm ſprechen, wenn nur Du ihn aus Deinem Geiſte verbannſt. Höre mich, theuerſte Schweſter,“ fuhr er in zärtlichem Tone fort.„Ein guter und ehrenwerther Mann will ſich mit Dir ver⸗ binden, ein Mann, für den wir Alle die größten Verbindlichkeiten haben, von dem Du jedes Glück hoffen darfſt.“ „Halte ein, ich bitte Dich,“ rief ſie;„dringe nicht weiter in mich, für jetzt wenigſtens überlaſſe mich meinen—“ Sie wagte es nicht, den Satz zu vollenden, denn ſie hätte von ihrem Schmerz, von ihrer Ver⸗ zweiflung ſprechen müſſen. 13* 196&⸗ Nach einer längeren Pauſe, während welcher Ella in unausſprechlichem Schmerz ſchweigend da ſaß, ſprach Leopold im Tone mitfühlender Zärtlich⸗ keit:„Wir haben keinen Vater, Ella. Ich bin jetzt allein Dein Beſchützer,“ und er ergriff ſanft ihre Hand und zog ſie zu ſich her.„Unſere Mutter,“ fuhr er in demſelben Tone fort,„hat mich bevoll⸗ mächtigt, Dir ihre Wünſche, ihre Bitten auszu⸗ drücken.“ „Auch meine Mutter.... Aber fahre fort, Leopold, ich will Dich nicht mehr unterbrechen. Sprich von meiner Mutter.“ „Mein Beruf muß mich nothwendig von meiner Familie wegführen. Würde ich auf einen fernen Poſten geſandt, ſo wäreſt Du in einer verlaſſenen Lage. Unſere Mutter fühlt ſich unglücklich bei der Ausſicht, die vor ihr liegt. Deine Hartnäckigkeit dringt tief in ihr Herz. Um ihret⸗ wenn nicht um meinetwillen gib nach!“ „Was verlangt ſie von mir?“ ſtotterte Ella. „Stets war ich bisher eine gehorſame Tochter.“ „Bleibe es,“ unterbrach ſie Leopold wit Ernſt. „Opfere dieſen Traum einer jugendlichen Leiden⸗ ſchaft den Bitten Deiner Mutter, Deines Bruders, ich bitte, ich beſchwöre Dich!“ „Dringe jetzt nicht in mich“ rief das verwirrte -2 197& Mädchen, von ſtreitenden Gefühlen zerriſſen.„Ich kann meine eigenen Gefühle nicht verſtehen, ich bin beſtürzt, ich bin unglücklich!“ Und ſie weinte jetzt laut. „Ich will Dich nicht drängen,“ verſetzte er mit zärtlicher Stimme,„ich will Dir nur Dein wahres Glück zeigen. Verbanne dieſes höhnende Traumbild aus Deinem Geiſte. Decke einen Schleier über die unwahre Vergangenheit und blicke auf die lächelnde, die viel verſprechende Zukunft.“ „O daß es möglich wäre!“ ſprach Ella ſchaudernd. „Es iſt, es iſt möglich,“ unterbrach ſie Linden⸗ berg mit Wärme,„gib Dir Mühe! nimm Deinen Stolz, Deinen Verſtand, Dein Zartgefühl, Deinen Gehorſam zu Hülfe. Weiche nicht den ſchwärme⸗ riſchen Eingebungen getäuſchter Einbildungskraft, die Dich vom Glücke weg in Verzweiflung locken wür⸗ den!— Corſini betet Dich an.“ Wieder trat eine lange Pauſe von beiden Seiten ein, die endlich von Leopold unterbrochen wurde, der zärtlich, aber mit Ernſt rief:„Verſprich mir, Theuerſte, dieſe Sache einer reiflichen Ueberlegung zu würdigen. Ich will Dein Schweigen noch nicht als Antwort nehmen— aber erlaube mir, das Herz unſerer Mutter mit dieſer Freudenbotſchaft zu erfreuen; ſie hatte ſich über ſo wenig zu freuen in der letzten Zeit. 2 198 Laß mich ein Bote des Troſtes ſeyn.“ Unter dieſen Worten drückte Leopold ſeine Schweſter zärtlich in ſeine Arme und wiederholte:„Verſprich! Du ver⸗ ſprichſt gewiß.“ „Ja,“ verſetzte der troſtloſe Mädchen mit ſchwa⸗ cher Stimme, halb unbewußt der Bedeutung, die in ihrer Antwort lag; während ihr Bruder, mit dieſen günſtigen Anzeichen zufrieden, davon eilte, um die Baroneſſe mit der Veränderung bekannt zu machen, die mit der Geſinnung ihrer Tochter vorgegangen. Nach einem kurzen Kampf mit ihrem Kummer bemühte ſich Ella, den ſchmerzlichen Strom ihrer Gedanken aufzuhalten und ihre jetzige Lage mit Ruhe zu überſchauen. Albert war verloren, unwieder⸗ bringlich verloren. Jedes Gefühl, das ſich mit ſeinem Andenken verband, war ihr jetzt unterſagt, Erinne⸗ nerung wurde eine Sünde; er hatte ſeine Treue einer Andern verpfändet, er hatte ſie freiwillig ver⸗ laſſen; ſie war frei— zu trauern, zu vergeſſen. Ihrer Mutter vereinzelte Lage ſchien ſich ihr in ihrer ganzen Verlaſſenheit darzuſtellen; ihres ſterbenden Vaters letzte Vorſchriften kehrten mit verdoppelter Kraft in ihre Erinnerung zurück. Sie überſchaute ruhig die grauſame Vergangenheit und blickte mit feſtem Auge in die Zukunft. Corſini's uneigennützige Abſichten, ſein Edelmuth, ſeine Ergebenheit: alles dies ſtand ieſen h in ver⸗ wa⸗ le in jeſen die chen, gen. mer prer duhe der⸗ inem inne⸗ reue ver⸗ hrer nzen nters ſt in die luge hten, ſand — 199 L⸗ in ſchneidendem Widerſpruch gegen die Klugheit der Familie Roſenthal. Es iſt wahr, das Bild Alberts trat zuweilen gleich einem kalten Schatten vor ihre Seele und warf eine düſtere Farbe auf die Zukunft. Aber wenn ſie wieder an ſeine gänzliche Unwürdig⸗ keit denken mußte, dann wich die unheilvolle Düſter⸗ heit allmählig einem ſchwermüthigen Zwielicht, einem trüben, ungewiſſen Dämmern unbeſtimmter Hoffnung. Endlich war der Kampf vorüber. Ihre Züge gewannen ein heiteres Anſehen, eine ſchwache, hek⸗ tiſche Röthe trat auf ihr Geſicht; und am Morgen faßte Corſini eine Hand, welche nicht zurückgezogen wurde. Zwölftes Kapitel. Bald wird dein Grab ſich ſchließen, und Gras wuchern uber deinem Hügel. Der Sohn des Schwachen wird darüber hinſchreiten. Oſſian. Je voudrais maintenant vider jusqu'à la Iie Ce calice mélé de nectar et de ffel; Au fond de cette coupe ou je buvais la vie, Peut-étre restait-il une goutte de miel. Peut-être l'avenir me gardait-il encore Un retour du honheur dont l'espoir est perdu? Peut-être en la foule une ame que j'ignore Aurait compris mon ame et m'aurait répondu. De Lamartine. In dem Palaſte von Schönbrunn herrſchte große Bewegung und Unruhe, denn mit der Geſundheit des jungen Napoleon hatte eine ſichtliche Verände⸗ rung Statt gefunden. Es ging raſch mit ihm zur Neige, und obgleich die zu Rath gezogenen Aerzte, dem erlauchten Kranken, wie ſeinem kaiſerlichen Groß⸗ vater mit unbeſtimmten und trügeriſchen Erfindungen ſchmeichelnd, noch immer ſchwache Hoffnung auf Wiederherſtellung machten, ſo wurde doch allgemein hern über 201 gefühlt und angenommen, daß ſeine Geneſung un⸗ möglich ſey. Tiefes Schweigen herrſchte in den kaiſerlichen Gemächern. Höfiſche Schmeichler, Staatswürden⸗ träger und treue, ergebene Perſonen drängten ſich in bunter Miſchung mit geräuſchloſem Tritt auf dem reich eingelegten und geglätteten Boden des Vor⸗ zimmers, um aus dem amtlichen Tagesbericht die neueſte Kunde über den Zuſtand des Herzogs von Reichſtadt zu erfahren, und wechſelten die herkömm⸗ lichen Begrüßungen mit jener gedämpften flüſternden Stimme, in der ſchon für ſich die geheimnißvolle Andeutung einer drohenden Gefahr enthalten iſt. Kein Laut brach die Stille des Krankenzimmers; das Licht des Himmels war theilweiſe ausgeſchloſſen, und ſelbſt lebloſe Gegenſtände hatten den Ausdruck der Trauer und düſterer Beſorgniß. In dem Zimmer, das als das Schlafgemach des kranken Prinzen bereits beſchrieben wurde, ſaß der Kaiſer von Oeſtreich. Seine patriarchaliſche Geſtalt, durch Jahre nicht gebeugt, ſchien ein leben— diges Urbild jener Legitimität, die den Neuerungen und Revolutionen des letzten halben Jahrhunderts widerſtanden hatte und deren Haupt er war. Der ehrwürdige Stellvertreter der Cäſaren beobachtete mit väterlicher Zärtlichkeit und tiefem Schmerze N 202 die Todeskämpfe ſeines ſterbenden Enkels, während die Erkaiſerin von Frankreich ſich in ſprachloſem Kummer über das Bett hinbeugte, in welchem die welkende Geſtalt ihres geliebten Sohnes ſchmachtete, — des erſten, des einzigen Pfandes jener außer⸗ ordentlichen Verbindung, welche eine kurze Zeit lang das Schickſal einer öſtreichiſchen Kaiſertochter an das eines niedrig geborenen Uſurpators knüpfte, der gleichwohl die größte, die glänzendſte Erſcheinung ſeiner Tage war. In ihrer Nähe ſtand der Jeſuit, die Augen halb geſchloſſen, die Hände demuthsvoll auf der Bruſt gefaltet. Die zitternde Bewegung ſeiner Lippen zeigte an, daß er beſchäftigt war, Gebete herzuſagen, denen die bleichen, ermüdeten Diener von Zeit zu Zeit mit kaum vernehmlicher Stimme antworteten. Die von Krankheit abgezehrten Hände des jungen Napoleon erwiederten ſtets die zärtlichen Liebkoſungen ſeiner Mutter, während ſeine veränderten Züge von der reinſten Liebe ſtrahlten. Die Flamme des Lebens erloſch allmählig; ihr nährendes Element hatte ſich verzehrt; die Hoffnung verlängerte nur den Todes⸗ kampf, und die letzten Anſtrengungen der Wiſſen⸗ ſchaft dienten nur dazu, ihre Unzulänglichkeit zu be⸗ weiſen und darzulegen. Die in Schönbrunn zu Rath gezogenen Aerzte 5 203 hatten die Nothwendigkeit ausgeſprochen, die ſchönen, ſeidenen Locken abzuſchneiden, welche das Haupt Reichſtadts ſtets geſchmückt hatten, ehe gewiſſe Arznei⸗ mittel auf jene Stirne gelegt werden mußten, die einſt beſtimmt war, die Krone Karls des Großen zu tragen! Ein großer, zwiſchen den Fenſtern an⸗ gebrachter Spiegel warf treu die Scene zurück, die wir zu ſchildern verſucht haben. Die ſcheidende Sonne warf ihre letzten Strahlen auf die geſchloſſenen Vor⸗ hänge, durch welche das rothe Licht einzudringen ſuchte und fiel in ſchwachen, gebrochenen Streifen auf die ſchneeweißen Kiſſen, die der abgezehrten Geſtalt des Prinzen zur Stütze dienten. Das erſtickte Schluchzen, die halben Seufzer, das leiſe Flüſtern zärtlicher Beſorgniß: Alles wurde unterdrückt; nur die abgemeſſene Bewegung des Pendels hörte man deutlich im Zimmer. Als der anweſende Wundarzt ſich näherte, um den erlauchten Kranken für die nothwendige Ope⸗ ration vorzubereiten, erhob der ſchwache Jüngling ſeine gläſernen Augen zu der reich eingefaßten Uhr. Er beobachtete den Lauf des Zeigers, der die An⸗ näherung des Abends anzeigte und an den Buſen ſeiner Mutter zurückbebend, murmelte er mit ſchwacher Stimme:„noch nicht! noch nicht!“ Die Prinzeſſin erhob das matte Haupt, das 5 2014 f auf ihren Schultern ruhte, und drückte ſeine durch⸗ ſichtige Hand in die ihrige. „Noch eine kleine Weile, theuerſte Mutter,“ ſagte er trauernd,„noch einen kleinen Aufſchub! O wie habe ich die ſchnell rollenden Stunden gezählt, Tag für Tag. Mich dünkt, der Zeiger dreht ſich eiliger. Schon zwei Nächte ſitzen Sie bei mir.“ „Nein, ich ruhte oft. Zähle die Augenblicke nicht ſo, theurer Sohn!“ verſetzte die Erzherzogin. „Die Augenblicke ſind bereits gezählt,“ ſagte der Prinz mit tiefem Seufzer.„Bald werde ich erlöst ſeyn.“ „Wir haben Hoffnung, große Hoffnung,“ unter⸗ brach ihn die kaiſerliche Mutter, deren reichlich fal⸗ lende Thränen einen ſtummen Widerſpruch gegen ihre Worte einlegten. „Hoffnung ſagen Sie? auch ich habe Hoff⸗ nungen, aber nicht für dieſes Leben!“ Ein heiteres, aber beinahe unmerkliches Lächeln glänzte einen Augen⸗ blick auf den eingefallenen Zügen des Kranken und erfüllte die Herzen aller Umſtehenden mit dem zärt⸗ lichſten Mitgefühl. Selbſt die kalten, unveränder⸗ lichen Züge von Vater Clemens nahmen durch Mitleid einen Augenblick einen milderen, ſanfteren Ausdruck an, als er demüthig ein Amen ausſprach. Thränen ſtahlen ſich über die gefurchten Wangen des ehrwürdigen Franz herab. Die Mutter wandte ihr Geſicht ab und weinte ſtumme, aber reichliche Thränen. „Wir haben die lebhafteſten Hoffnungen für Euer Hoheit Geneſung,“ bemerkte der Leibarzt, der auf den Zehen hinzutrat,„kaum kann man zweifeln, daß die Operation mit Erfolg gekrönt ſeyn werde,“ und während er ſprach, fühlte er den matten Puls, der unter ſeiner Berührung fieberiſch zuckte. „Meine Hoffnung und mein Vertrauen ſtehen einzig auf Ihrer Geſchicklichkeit,“ rief die Erzher⸗ zogin mit Wärme. „Auf Gott, meine Tochter,“ bemerkte der Je⸗ ſuit, ſeine Hände faltend und gen Himmel blickend. „Aber muß ich mich dieſer ſchmerzlichen Ope⸗ ration unterziehen? Iſt keine andere Wahl?“ ſagte der Prinz, indem er mit bittendem Blicke die Mienen ſeiner Diener zu befragen ſchien. „Wenn es ihm erſpart werden könnte“— fragte die Erzherzogin unentſchloſſen. „Möchte es nicht gut ſeyn, wenn Euer kaiſer⸗ liche Hoheit ein paar Augenblicke das Gemach ver⸗ ließen!“ ſagte der Wundarzt. „Fahren Sie fort, meine Herren,“ war die feſte Antwort, und mit geſammelter Entſchloſſenheit ſetzte ſie hinzu,„ich werde Sie in Ihrem Geſchäfte nicht ſtören. Ich bin vollkommen ruhig.“ Ein leichtes 4 Zittern begleitete den Ausdruck dieſer Worte, doch dies war Alles. „Wir bedürfen mehr Licht,“ ſagte der Arzt, in⸗ dem er das koſtbare Tuch, von welchem das Fenſter verdeckt war, ein wenig zurückzog.„Sie würden am beſten thun, den Herzog von ſeinem üppigen Haar⸗ wuchs zu befreien,“ ſagte er mit leiſer Stimme zu dem Wundarzt. „Nur aus Rückſicht auf den deutlich ausgeſpro⸗ chenen Widerwillen Seiner Hoheit hat man dieſes Mittel nicht ſchon lange verſucht.“ Als man an das Werk ging, fiel auf beiden Seiten ein Regen von goldenen Locken herab und die Mutter ergriff haſtig die koſtbaren Reliquien, blickte auf jedes glänzende Löckchen mit einer Innig⸗ keit, als ob das Leben ihres Sohnes davon ab⸗ hinge, und ſammelte ſie in ihrem Schooße. Endlich war der ſchön geformte Kopf des jungen Napoleon, deſſen edle Umriſſe etwas Antikes hatten, völlig ent⸗ blöst. Das ſchöne und üppige Haar hatte bisher den weiblich ſanften Ausdruck der Züge, durch den ſich der junge Napoleon von dem finſtern Ernſte, der der Familie Bonaparte eigen iſt, unterſchied, um Vieles erhöht; aber als ſich nun ſein kahles Haupt und deſſen deutliche Umriſſe den Blicken der tief erſchüt⸗ terten Marie Louiſe vollſtändig darſtellten, wurde ich ſie gewaltig und ſchmerzlich ergriffen von der Erin⸗ nerung an den Verbannten, der ſeine glorreiche und wechſelvolle Laufbahn an einer fernen Küſte, ungetröſtet durch die Gegenwart und Liebe eines der Seinigen, geſchloſſen hatte. Von der Aehnlichkeit ergriffen, ſank ſie an der Seite des Bettes auf ihre Kniee nieder und bedeckte ihr Geſicht mit ihren Händen. „Meine Tochter!“ ſprach der Kaiſer feierlich, „dieſe Prüfungen überſteigen Ihre Kräfte. Vater Clemens wird Sie in das Betzimmer begleiten, Sie haben andere Pflichten zu erfüllen.“ „Keine einzige, die mir halb ſo theuer, die halb ſo dringend wäre,“ rief ſie mit Feuer, indem ſie ſich von ihrer demüthigen Stellung erhob. Der Kaiſer gab durch eine ſtumme Neigung ſeines Hauptes ſeine Einwilligung und nahm ſeine frühere Stellung geſpannter Aufmerkſamkeit wieder ein. Der Prieſter ſprach einen lateiniſchen Segen und der Wundarzt ſchickte ſich an, die Operation auszuführen, die durch jenes Abnehmen der Haare vorbereitet worden war. „Wird Ihre Verrichtung ſchmerzhaft ſeyn?“ fragte die Herzogin zitternd in weiblicher Bangigkeit, als der Wundarzt näher trat. „Nicht ſehr, nicht nothwendig,“ verſetzte er; aber wir dürfen vor der Erfüllung unſerer Pflicht nicht zurückbeben, auch wenn ſie ſchmerzhaft werden ſollte.“ Marie Louiſe zauderte einen Augenblick, aber ihre Geiſtesgegenwart wieder gewinnend, bemerkte ſie milde:„Vielleicht, mein Herr, kann die Mutter⸗ hand das Geſchäft verrichten und dem Kranken an⸗ genehmer ſeyn.“ Mit dieſen Worten ſtreckte ſie ihre kleine, ſchön geformte Hand aus, um das Heilmittel, das aufgelegt werden ſollte, in Empfang zu nehmen. „Eure Hoheit würde ſich dadurch für eine Zeit lang Unbequemlichkeit zuziehen,“ verſetzte der Wundarzt. „Wenn die Darreichung oder Wirkung des Heil⸗ mittels von Schmerz begleitet iſt, ſo will nur ich denſelben theilen,“ antwortete die Mutter, und be⸗ gann das Geſchäft mit einer Aengſtlichkeit, welche gegen die Entſchloſſenheit, die ſie zuvor gezeigt hatte, auffallend abſtach. Der leidende Prinz blickte mit ſtummer und doch beredter Dankbarkeit auf die noch immer junge und ſchöne Mutter, die ſich über ihn hinbeugte und die Qualen des gegenwärtigen Schmerzes und der be⸗ vorſtehenden Trennung mit ermuthigenden Worten und frommen Troſtreden linderte. Sein zärtlicher Blick drang in die mütterliche Bruſt und gab ihr neue Kraft, das rührende Geſchäft, dem ſie ſich ten ſich — 209 unterzogen hatte, auszuführen. Keine Klage ent⸗ ſchlüpfte dem gequälten Jüngling. Das Werk müt⸗ terlicher Liebe war von der duldendſten Ergebung belohnt. Als man jedoch Anſtalt machte, dieſelbe Operation auch auf der Bruſt vorzunehmen, machte der Jüngling einen kraftloſen, aber wiederholten Verſuch, einen Gegenſtand zu verbergen, der an einem ſchwarzen Band um ſeinen Hals hing. Obgleich anſcheinend in die heiligen Verrichtungen ſeines Berufes vertieft, blieb die melancholiſche Scene gleichwohl von dem Beichtvater nicht unbeachtet. Er erwachte aus ſeinen Gedanken bei dem Anblick des ſchwarzen Bandes, das ſich in der wachsartig durch⸗ ſichtigen Bruſt Reichſtadts wie in erhabener Arbeit abſpiegelte. Der Blitz einer ſchmerzlichen Erinne⸗ rung flog über ſeine Züge, während er ſich vorwärts beugte und mechaniſch den Knoten zu löſen ſuchte, in welchen die Enden des Bandes verſchlungen waren. Ein vorwurfsvoller, tief bedeutſamer Blick, den der Prinz nach ſeinem erlauchten Großvater ſandte, hielt die Bewegung auf; aber Marie Louiſe war bereits im Beſitz des Medaillons. Ein krampſ⸗ hafter Schrei entrang ſich ihrer Bruſt, als das bleiche Bild Bonaparte's ihrem Blick begegnete. Einen Augenblick drückte ſie das Portrait an ihre Lippen, zog es dann zurück, und zitternd vor innerer Bewegung Ella. II. 14 4 2 210& betrachtete ſie aufs Neue den Gegenſtand, der ihre Augen zauberhaft zu feſſeln ſchien. „Wie verändert! und doch welch' treue, welch' erſchreckende Aehnlichkeit!“ murmelte ſie, während Thränen des tiefſten Schmerzes durch ihre halb ge⸗ ſchloſſenen Augenlieder drangen. Immer und immer ſchaute ſie wieder auf das traurige Bildniß. Welch' ein Heer gemiſchter, ſtreitender Gefühle beſtürmte das Herz der Wittwe! Der Stachel des Schmerzes wühlte noch darin; und mochte nicht die Galle der Selbſtanklage ihre Bitterkeit in den Kelch miſchen, der ſchon bis an den Rand gefüllt war? Mochte nicht in der Erinnerung der Glanz früherer Tage gegen die düſtern Trauerſtunden der Gegenwart ſchmerzlich abſtechen 2 Jahre waren dahin gerollt; die Gattin Bonaparte's hatte einem andern Gemahle ihre Liebe geſchenkt; aber der Genoſſe ihrer Jugend, der Gatte ihrer Unſchuld, der Vater ihres Erſt⸗ geborenen, der jetzt im Todeskampf ſich windend vor ihr lag, war ſo beinahe fühlbar in ihre Erin⸗ nerung zurückgeführt, nicht wie ſie ihn einſt gekannt und geliebt hatte, nicht im Stolz und in der Kraft der Mannheit, nicht in dem ſtrablenden Glanze der kaiſerlichen Würde, nicht mit den blutigen Lorbeern des Sieges bekränzt, nicht als Triumphator unter den glorreichen Trophäen des Schlachtfeldes, auch ibre elch rend ge⸗ mmer elch' emte erzes e der ſchen, ochte Tage mwart rollt; mahle gend, 3 Erſt ndend Erin⸗ ekannt Kraft ge der beern unter auch 211& nicht in jenem einfachen Gewande, in welchem er zuerſt die Aufmerkſamkeit ſeiner jungfräulichen Braut auf ſich gezogen hatte, als ſie ſich dem Palaſte von Compiegne näherte! Nein, er erſchien als Bote aus einer andern Welt, als Herold des Todes, ohne alle äußere Auszeichnung, außer dem düſtern Ge⸗ wande des Grabes! Er erſchien in der finſtern Würde eines abgeſchiedenen Geiſtes, in jener Marmor⸗ kälte, die den Bewohner des Grabes anzeigt, in der Einfachheit jener ſchön ausgeprägten, verehrten Züge, die, wenn einmal geſchaut, nie vergeſſen werden konnten. Bisher hatte ſie ihren Gatten nur geſehen, belebt von der Springkraft ſeines großen, ehrgeizigen Geiſtes; jetzt ſah ſie ihn— als Leiche. Aus ihrer brütenden Betrachtung wurde ſie ge⸗ weckt durch einen tiefen Seufzer Reichſtadts, der ſeine kraftloſe Geſtalt von dem Kiſſen, auf dem er lag, erhob und auf die farbloſe Wange ſeiner Mutter einen heißen Kuß drückte. Ihr erſchien dieſe zarte Liebkoſung wie ein Zeichen des Friedens und der Vergebung, wie ein ſtummer Vertrag zwiſchen der Lebenden und dem Todten. Als ihr irrer Blick aufs Neue verſuchte das Bildniß zu betrachten, ſchien es ihr, als ob die düſter zuſammengezogenen Muskeln ihren durchbohrend ſcharfen Ausdruck milderten, der ihre Seele mit geheimnißvoller Zauberkraft überwältigt 14* -2 212 Se hatte. Endlich ließ ſie das Medaillon, das aus ihren zitternden Händen in den jugendlichen Buſen zurückfiel, in dem es verwahrt geweſen, und Marie Louiſe fuhr in ihrem Liebesdienſte fort. Dieſes mediciniſche Experiment,* denn ſo kann man es nennen, war von theilweiſem Erfolg be⸗ gleitet; die unmittelbare Folge war entſchieden gün⸗ ſtig; eine wohlthätige Veränderung trat in dem Zuſtand des Kranken ein, und ſo unbedeutend die⸗ ſelbe war, wurde der günſtige Umſtand gleichwohl von der erlauchten Tochter Oeſtreichs als das An⸗ zeichen und der Vorbote endlicher Geneſung und künftigen Glückes begrüßt; und von Dankbarkeit über⸗ ſtrömend ergoß ſie ſich in ein glühendes Gebet und demüthige Bitten zum Himmel. Ein Mutterherz iſt das letzte Heiligthum der Hoffnung, der wahre Altar des Glaubens, ein Tempel, in den die Verzweiflung ſelten eindringen, wenigſtens nicht ihren Wohnſitz darin aufſchlagen kann. Er trägt in ſich den Keim vertrauensvoller Liebe, der unter dem warmen Ein⸗ fluß ſeiner Innigkeit erblüht wie die Roſe der Wüſte, die die Wildniß umher erheitert und Schönheit und Lieblichkeit verbreitet, wo Alles umher nur eine trau⸗ rige Einöde ſcheint. Die Methode der Ableitung(countre irritation) wurde wirklich bei 4 1 dem Herzog von Reichſtadt angewendet. Man ſehe den amtlichen Be⸗ 4 richt über die Umſtände ſeiner letzten Krankheit und ſeines Todes. aliö Buſen Marie kaun be⸗ gün⸗ dem die⸗ ſwohl 5 An⸗ und über⸗ t und erz iſt Altar iflung ohnſit Keim 1 Ein⸗ Güſe t und trau⸗ klich bei cen Be⸗ 3. 6 Todes⸗ Dreizehntes Kapitel. Sie hielten ſich ſo feſt umſchlungen,.— Doch Unheil kommt von böſen Zungen; Die Treue wohnet nur dort drüben, Kurz iſt die Jugend, rauh das Leben, Und haſſen müſſen, den wir lieben, Das heißt dem Wahnſinn ſich ergeben. Coleridge. Mais toi, console-moi, viens— consens a me suivre, Arrache de mon sein le trait envenimé! Daigne vivre pour moi! pour toi laisse-mol vivre! J'ai bien assez souffert, vierge, pour éêtre aimé. Vicetor Hugo. „Es iſt mein aufrichtiger Wunſch, theure Ella,“ bemerkte die Baroneſſe, als Mutter und Tochter in traulichem Geſpräche bei einander ſaßen,„es iſt mein aufrichtiger Wunſch, Du möchteſt nicht länger mehr anſtehen, zu der Verbindung mit dem Fürſten von Corſini Dein Jawort zu geben.“ „So bald, meine Mutter?“ unterbrach ſie Ella ſanft, die noch immer vor der beabſichtigten Heirath zurückbebte. ——— 2 214 ρ. „Warum nicht? Du wirſt die dankbare Huldi⸗ gung eines glücklichen Herzens empfangen. Welch' reizendes Geſchäft, ſeine Gefühle zu ordnen und zu leiten! Eine neue Zeit beginnt für Dich. Eine neue Beſchäftigung, eine neue Pflicht erwartet Dich,“ fuhr die Matrone mit Ernſt fort. „Sey es ſo,“ verſetzte Ella.„Ich verſprach nachzugeben und ich bin bereit, mein Verſprechen zu halten. Doch, theure Mutter, kürzen Sie nicht die wenigen letzten Tage des Friedens, der Freiheit ab, die mir geſtattet ſind. Bald werde ich die Freiheit, ſelbſt die Freiheit zu denken, entbehren müſſen.“ „Du ſprichſt, als ob der Fürſt nicht der gütigſte, beſte Mann, als ob er ein finſterer Tyrann wäre. Er verdient mehr Zärtlichkeit oder wenigſtens Ge⸗ rechtigkeit von Dir.“* „Gewiß verdient er ein wärmeres Gefühl, als den kalten Tribut der Pflicht, den allein ich ihm bieten kann.“ „Der Tribut der Pflicht muß d den Tribut der Liebe nicht ausſchließen,“ bemerkte Frau von Linden⸗ berg.„Es iſt nicht immer die romantiſche Begei⸗ ſterung jugendlicher Liebe, die ſich am förderlichſten für eheliches Glück erweist. Viele wurden verlobt, ohne ſich nur perſönlich rr ehie„ ſprach die Ba⸗ roneſſe. duldi Welch' nd zu neue fubr ſprach en zu ht die it ab, eiheit, 7 tigſte, wäre. Ge⸗ l, als hihm t der nden⸗ gegei⸗ ichſten erlobt, Ba⸗ — 215 „Aber dann waren die Gefühle nicht zum Voraus verſagt,“ rief Ella traurig. „Und die Deinen ſollten nicht mehr verſagt ſeyn,“ ſagte die Mutter, indem ſich ihre Stirne leicht zuſammenzog. Ella ſprach nicht weiter; aber ſie fühlte den Fehler, deſſen ſie ſich ſchuldig gemacht hatte, als ſie ſich der ewigen Scheidewand erinnerte, die jetzt zwiſchen ihr und Roſenthal lag. Er war in der That der Gatte einer Andern und ihre Gedanken durften nicht länger ſich zu ihm hinwenden. Sie verſtummte vor dem ruhigen, forſchenden Blicke ihrer Mutter. „Die Schatten der Vergangenheit ſollten keine Düſterheit auf Deinen künftigen Lebenspfad werfen“, verſetzte die Baroneſſe zärtlicher.„Als die Gattin Corſini's wirſt Du glücklich ſeyn. Er beſitzt alle Vorzüge, welche einen Mann zieren können. Er iſt würdig, Deine Gedanken zu beſchäftigen, Dein ganzes Herz auszufüllen. Was kannſt Du fordern oder verlangen, das er nicht beſäße? Rang, Vermögen, alle höheren Geiſtesvorzüge und vor Allem eine un⸗ begränzte Liebe zu Dir.“ „Ich erkenne 4 verſetzte Ella,„ich erkenne ſein Verdienſt und— an. Man kann nicht mehr Vortrefflichkeit verlangen; ich wünſche nur im - 216 S⸗ Stande zu ſeyn, ſie zu ſchätzen,“ fügte ſie mit tiefem Seufzer hinzu. „Fürchte Dich nicht, theures Kind,“ unterbrach ſie die Baroneſſe;„eine kurze Zeit wird beweiſen, um wie viel theuer der Gatte ſtets iſt, als der Geliebte war. Aber ſuche über die Gefühle Deines Herzens nicht allzuſorglich nachzudenken. Die Liebe kommt in der Stille und unbemerkt. Vermeide ſtets, Deine Neigungen ängſtlich zu beobachten: Bemühe Dich nur, Deinen Gefühlen die wahre Richtung zu geben.“ „Gern würde ich mir Mühe geben, Ihren Vor⸗ ſchriften zu gehorchen; aber können die Gefühle ſo leicht unterdrückt, zum Schweigen gebracht, von einem Gegenſtand auf den andern übertragen werden? Ach, ich fürchte, ich fühle es, ſie können nicht!“ „Vertraue mir,“ ſtellte ihr die Baroneſſe vor, „Du wirſt gewiß weit glücklicher ſeyn, als Du bei Deinen jetzigen Gefühlen Dir vorſtellen kannſt. Deine Empfänglichkeit für Eindrücke dient nur dazu, Dein Urtheil zu verwirren. Erwäge, mein liebes Kind, was wird aus Dir werden, wenn ich dahin bin? Ohne Freunde, ohne Schutz, ohne Erbtheil und doch mit ſo viel Schönheit ausgeſtattet! Ich ſchau⸗ dere bei der Ausſicht, die ſich meiner Einbildungs⸗ kraft darſtellt.“ 4 „Schönheit!“ wiederholte Ella,„unheilvolle, fem rach um ebte ens in eine dich en. or⸗ ſo nem uch, vor, bei eine ein ind, in? und au⸗ g6⸗ le, 217 ſchreckliche Gabe! Ich haſſe ſie. Der Reiz, der einſt ihn feſſelte, iſt verloren und gleich einer mißbrauchten Zaubergabe hat ſich der Segen jetzt in Fluch ver⸗ wandelt. O hätte ich mein Leben im Dunkel und unbemerkt zugebracht!“ „Ella, mein Kind, mein Stolz, der Stolz un⸗ ſeres alten Hauſes, erheitere Dich. Andere glück⸗ lichere Tage werden kommen. Laſſe Denen, die uns beleidigt haben, nicht den Triumph. Laß ſie nicht denken, daß Du noch immer die Gefühle werth hal⸗ teſt, über die Dein Zartgefühl erröthen ſollte. Jeder Seufzer, jede Thräne iſt ein ſtummer Tribut für Roſenthal, und, möchte ich hinzufügen, ein ſtummer Vorwurf für das Andenken Deines Vaters.“ Ella drückte ihre Hand auf ihr Herz, aber ſie konnte das ausbrechende, ſchmerzliche Schluchzen, das ihr entſchlüpfte, nicht erſticken.„Muß ich denn ein neues Verhältniß eingehen, um zu beweiſen, daß jedes frühere vernichtet iſt?“ ſagte ſie. „Aber wenn Deine Liebe frei iſt, warum wei⸗ gerſt Du Dich dann, ſie dem Fürſten von Corſini zu ſchenken? Wäre Dein Vater noch am Leben, Ella(und während ſie ſprach, füllten Thränen der Zärtlichkeit und des Schmerzes ihre Augen), wäre er uns erhalten worden, würde er nicht eben ſo in Dich dringen, wie ich es thue?“ *. 218 S⸗ Als Ella im Begriff war zu antworten, trat der Fürſt unangemeldet ein mit der Miene eines Mannes, der von ſeinem endlichen, wenn nicht un⸗ mittelbaren Erfolge überzeugt iſt. „Ich hoffe,“ ſagte er, mit freier Sorgloſigkeit das Geſpräch eröffnend,„es wird nicht nöthig ſeyn, Fräulein von Lindenberg von den Gefühlen zu ver⸗ ſichern, die ſie eingeflößt hat.“ Ella zitterte, als er ſich ihr näherte. Die zarte Roſenfarbe ihrer Wangen verſchwand, aber kein Laut ging über ihre bebenden Lippen. „Meine Tochter,“ verſetzte die Baroneſſe, um die Peinlichkeit einer Pauſe zu vermeiden,„meine Tochter kann nur dankbar ſeyn für Ihre freundlichen Aeußerungen; nur die Schüchternheit hindert ſie, eine angemeſſene Antwort zu geben.“ „Ein weiterer Reiz,“ dachte der Prinz, der, wie alle Männer, die ſich viel in der Geſellſchaft bewegt haben, Beſcheidenheit mehr als alle andern weib⸗ lichen Vollkommenheiten bewunderte.„Sie kennen, gnädige Frau,“ fuhr er gegen die Baroneſſe gewendet fort,„den Grund meines heutigen Beſuchs. Darf ich es wagen, meine glühenden Wünſche,— gerne möchte ich ſie Hoffnungen nennen,— gegen Sie auszuſprechen, von der mein Glück abhängt?“ „Ich habe es verſucht, Ibre ſchmeichelhaften —— rat nes eit yn, jein um 219 Anträge meiner Tochter mitzutheilen“, verſetzte die Matrone mit Würde.„Sie fühlt ganz die Ehre, die Euer Excellenz ihr dadurch zuerkannt haben.“ „Schöne Ella, darf ich hoffen, darf ich meine Wünſche ſo hoch erheben? Darf ich es verſuchen, Sie zu gewinnen?“ rief Corſini.„Ich bin nicht zu Liebesbewerbungen geboren. Die Sprache des Schlacht⸗ feldes iſt meinen Lippen vertrauter, als die Töne der Schmeichelei; aber ſo unerfahren und ungebildet ich in der Sprache der Liebe bin, mein Herz gehört ganz Ihnen.“ Während er ſprach, nahm ſeine gebieteriſche Geſtalt noch höhere Majeſtät an und ſeine markirten Züge ſtrahlten von Zärtlichkeit. Seine Augen, hell, glänzend und beinahe unbeſtimmbar in der Farbe, ſchienen ſich ganz in ihre Seele zu verſenken; und Ella fühlte beinahe den Zauber ſeines Blickes; ſo wahr iſt es, daß nächſt der Liebe, in der Ueberzeu⸗ gung, geliebt zu ſeyn, ein Reiz liegt. Unfähig zu ſprechen, konnte ſie nur wenige unbeſtimmte Laute ausſprechen, denen der Fürſt begierig lauſchte, und ſie auf die für ſeine Abſichten günſtigſte Weiſe auslegte. „Mit der Einwilligung Ihrer Mutter, die Ihnen allein noch zurückblieb(und er legte einen Nachdruck auf die letzten Worte) und ermuthigt durch die Wünſche Ihres Bruders, erwarte ich nur von Ihren eigenen 220 So Lippen die Beſtätigung meines Glückes zu hören. Sprechen Sie, wollen Sie die Treue eines Herzens annehmen, das noch niemals für ein Weib außer Ihnen ſchlug?“ „Ella,“ flüſterte die Baroneſſe, ihre ſanften blauen Augen von Thränen gefüllt,„warum zögerſt Du? Thue es mir, Deiner Mutter zu Gefallen.“ In dieſem Augenblick hatte Corſini die Hand des Fräuleins von Lindenberg ohne Widerſtand er⸗ griffen, und als er ſie zu wiederholtenmalen mit aller Glut ſeines Weſens an ſeine Lippen drückte, fühlte er die kleinen, kalten Finger in ſeiner Hand beben und zucken. „Sie müſſen ihr dieſe Aufregung vergeben,“ ſprach die Mutter, wie wenn der Fürſt Ella's augen⸗ ſcheinliche Verwirrung als Widerwillen deuten möchte. „Vergeben!“ rief er;„ich habe Nichts zu ver⸗ geben, nur Alles zu verehren. Ella, theuerſte Ella, wollen Sie mein Glück krönen, wollen Sie ein⸗ willigen, die Meinige zu werden?“ „Ehe ich auf dieſes ſchmeichelhafte Zeichen der Achtung des Fürſten von Corſini mit Schicklichkeit antworten kann,“ erwiederte Ella langſam in tiefen, abgemeſſenen Tönen,„muß ich ihn bitten, mir einen kurzen Zeitraum zu geſtatten, um über eine Sache — 221 nachzudenken, von welcher der künftige Frieden Aller abhängt.“ Sie ſprach mit Ueberlegung, aber mit Feſtig⸗ keit. Die Baroneſſe lächelte heiter durch ihre Thrä⸗ nen, während Corſini bemerkte: „Ich liebe, ich achte Fräulein von Lindenberg zu aufrichtig, um eine Entſcheidung übereilen zu können, durch welche Ihr Glück eben ſo wie das meinige bedingt iſt. Wenn Zeit, Beharrlichkeit, treue Liebe ſie gewinnen können“— „Meine Tochter muß von Ihrer nachſichtigen Freundlichkeit überzeugt ſeyn,“ unterbrach ihn die Baroneſſe,„aber ſie darf ſich nicht zu ſehr gegen eine Neigung verfehlen, die ſie ſo glücklich war, ein⸗ zuflößen.“ Als ihre Mutter dieſe Worte ausſprach, wurde Ella wieder bleich, ſchlug ihre Augen nieder und wartete auf die Beendigung einer Scene, von der ihre ganze Zukunft abhing. „Befehlen Sie mir, theure Ella,“ rief der Fürſt, indem er ſich ihr ſanft näherte.„Ich fordere nichts von Ihnen, ſtrengen Sie ſich nicht an, mich zu lieben; nur geſtatten Sie mir, einer Hoffnung mich hinzugeben, ohne welche das Leben ſeinen Reiz verlieren würde. Aber halten Sie ein!“ rief er plötzlich, während eine ſtarke, noch nie bemerkte ₰ 222 G&⸗ Bewegung in ſeinen Mienen ſichtbar wurde.„Viel⸗ leicht haben Sie andere Abſichten— oder Bande.“ „Keine, keine,“ unterbrach ihn Frau von Linden⸗ berg lebhaft;„meine Tochter iſt frei, vollkommen frei.“ „Ich möchte ihren Neigungen keinen Zwang anthun,“ murmelte der Fürſt;„ſie iſt jung, ſie kann — ich wünſche, meine Neigung ſoll eine Quelle des Glückes, nicht des Unglückes werden. Ella, ich möchte nicht, und wäre mein Glück der Preis, eine Thräne aus dieſen Augen locken!“ Durch ſeine Großmuth gerührt, verſetzte Ella: „Es iſt zum Theil die Ueberzeugung von Ihrem Werthe, welche dieſes Zögern verurſacht. Ich möchte gerne Ihre Güte mit der Aufrichtigkeit belohnen, welche ſie verdient.“ Die Baroneſſe biß ſich in die Lippen.„Dank⸗ barkeit, willſt Du ſagen,“ bemerkte ſie. „Mit der Dankbarkeit,“ wiederholte Ella me⸗ chaniſch, ſich nach der Anleitung ihrer Mutter ver⸗ beſſernd.„Ich möchte die Gefühle meines Herzens ſo ordnen und leiten, daß meine Hand einem ſo un⸗ eigennützigen Manne um ſo angenehmer ſeyn könnte.“ „Nein, meine Ella,“ rief er mit Wärme, „dieſe koſtbaren Thränen, dieſe wechſelnde Farbe Ihrer Wange ſind ſtumme Zeugen der Zärtlichkeit 223 des Herzens, das ich mein nennen möchte. Ich begrüße ſie als Vorboten künftigen Vertrauens, künf⸗ tiger Seligkeit.“ Der Sinn der letzten Worte ent⸗ ging Ella nicht. „Gewähren Sie mir eine kurze Zeit, wenige Stunden zur Ueberlegung,“ verſetzte ſie. „Ich will Alles thun, was Sie wünſchen,“ ver⸗ ſetzte Corſini.„Gedenken Sie, das mein Schickſal an Ihrer Entſcheidung hängt,“ fuhr er mit bittendem Blicke fort. „Einige Stunden,“ bemerkte die Baroneſſe, „müſſen hinreichen, über einen Schritt nachzudenken und ſich zu entſchließen, der für ihr Glück und das meinige förderlich iſt.“ Die Baroneſſe legte auf die letzten Worte einen eigenthümlichen Nachdruck. Jetzt erhob ſie ſich und mit einer Bewegung, die eben ſo verſöhnend als würdevoll war, und keiner weiteren Erklärung bedurfte, beendigte Frau von Lindenberg die Zuſammenkunft ganz zur Befriedigung aller Par⸗ theien. Der Prinz entfernte ſich voll Hoffnungen und noch innigerer Liebe, während ſich Ella von dem betrübenden Gegenſtand befreit fühlte, der ihr ſo nahe gerückt worden war. Die Zeit, welche Ella geſtattet worden war, widmete ſie dem Nachdenken und frommen Uebun⸗ gen; ſie bemühte ſich, ihre Seele zu ſtärken und 224 S ihren Geiſt auf die feierliche Verpflichtung vorzube⸗ reiten, die ſie eingehen ſollte. Schon begann ſie ihre Gefühle an eine geduldige Unterwerfung unter die Wünſche ihrer Familie, wenn nicht an eine freu⸗ dige Einwilligung, zu gewöhnen. Allmählig ſtellte ſich das Bild Alberts ihren Gedanken weniger oft dar, und es gelang ihr, ihr Herz gegen jene ver⸗ führeriſchen Erinnerungen zu ſchließen, die ſie ſo oft beſtürmt hatten; bis die aufrühreriſche Natur endlich beſiegt nicht mehr im Stande war, den grau⸗ ſamen Streit zu führen, und ſie endlich die heiligen Pflichten, die ſie erwarteten, mit Feſtigkeit, ja bei⸗ nahe heiter betrachten konnte. Der Kampf zwiſchen kindlichem Gehorſam und erſter Liebe hörte auf. Albert war für immer verloren, und nichts anderes war noch übrig, das ſie lieben oder aufgeben konnte. Indem ſie die Hand Corſini's annahm, opferte ſie weder ihr Glück, noch ihre Erwartung; ſie beſaß keines von beiden; ſie brach kein Gelübde, ſchmei⸗ chelte keiner Leidenſchaft, ſie gab nur das Vorrecht des Schmerzes hin; ihr einziger Wunſch war jetzt, dem Fürſten das kränkende Gefühl ihrer Gleichgül⸗ tigkeit zu erſparen; ihn vor dem Schmerz ſchlecht belohnter Liebe zu bewahren; und wenn ſie nicht fähig wäre, ihre Zärtlichkeit zu ſchenken, doch we⸗ nigſtens die hoffnungsloſe Oede ihres Herzens vor ube⸗ ſie iter reu⸗ ellte oſt ver⸗ ſo atur rau⸗ ligen bei⸗ ſchen auſ. eres unte. ſie eſaß mei⸗ recht jett, gü- lecht nicht we⸗ vor dem Scharfſinn eines Mannes zu verbergen, der ihrer beſten und edelſten Gefühle ſo würdig war. In dieſer Stimmung, die, wenn auch keine zu⸗ friedene, doch wenigſtens ohne alle Bitterkeit war, hörte ſie den Reſt des Tages hindurch ruhig auf die Worte ihrer Mutter, und gegen Abend begleitete ſie ſie fröhlich auf ihrem Lieblingsſpaziergange. Arm in Arm geſchlungen, ſchritten ſie langſam dahin, jedes in ſeine eigenen Gedanken vertieft, jedes mit der Zukunſt beſchäftigt. Frau von Lindenberg ſprach wenig und blickte nur in die glänzende Landſchaft, die ſich vor ihrem Auge entfaltete; ihr thätiger Geiſt fand hier reiche Nahrung, ohne daß ſie ſich auszu⸗ ſprechen oder ihre Gedanken auszutauſchen ſuchte, während Ella eben ſo ſchweigend und nicht weniger beſchäftigt, bekümmert auf die Scene blickte, die vor ihr lag. Früher war, zu derſelben Stunde, an der ſelben Stelle Albert ihr Begleiter auf dem Spazier⸗ gang geweſen; aber ſie verbannte die unwillkom⸗ mene Erinnerung und richtete ihre Gedanken auf die Gegenwart. Es war noch nicht Dämmerung, als Mutter und Tochter nach Hauſe zurückkehrten, und als ſie durch den Stadttheil ſchritten, in welchem Graf Roſenthals herrliche Wohnung lag, blickte Ella me⸗ chaniſch gegen das wohlbekannte Gebäude hin. Ein Ella. II. 15 ₰ 226&⸗ plötzliches Zittern ſchien ſie auf das Pflaſter zu bannen, als ſie ihren Geliebten erkannte, der eben einer ſehr jungen und ſchönen Dame in einen offe⸗ nen Wagen half, in welchem er ſich vertraulich an ihre Seite ſetzte und eilig davon fuhr. Einen Augenblick fühlte ſie ſich jede Bewegungs⸗ fähigkeit geraubt; ihr Herz ſchlug heftig, wie wenn ſich darin ihre ganze Lebenskraft concentrirte. Sie blickte ernſthaft auf Roſenthal, und beobachtete ſeine zurücktretende Geſtalt, bis ſie an der Ecke der Straße verſchwand; aber kein Blick war ihren ängſtlichen Augen begegnet; ausſchließlich mit ſeiner ſchönen Geſellſchafterin beſchäftigt, hatte er den Gegenſtand ſeiner früheren Verehrung nicht bemerkt. Ein kalter Schauder ſchlich durch ihre Adern, als ſie ſich im Geiſte zurief:„Das iſt alſo ſeine Gattin— ſeine Gattin!“ Und die arme Verlaſſene bebte in unbe⸗ ſchreiblichem Schmerze. Ein oberflächlicher Blick hatte Ella geſagt, daß die junge Gräfin in der erſten Blüthe der Schönheit ſtand. Hier konnte man ſich keiner Täuſchung, keiner ſchmeichelnden Vergleichung hingeben. Albert hatte ſich Feinheit und Lieblichkeit ausgewählt, und er blickte mit unverhehlter Bewunderung auf ſeine rei⸗ zende Braut. Kein Zweifel an ſeiner vollkommenen Entfremdung konnte jetzt mehr Statt finden. Die Zärtlichkeit, die einſt ſie allein eingeflößt hatte, war jetzt auf ein anderes, glücklicheres Geſchöpf über⸗ getragen. Stolz und Liebe waren gleich ſehr ge⸗ demüthigt; ihre Selbſtliebe konnte nicht einen Zug ausfindig machen, an dem ſie ſich wieder hätte ſtärken können; es war nicht die entfernteſte Möglichkeit vor⸗ handen, daß ſie noch den kleinſten Theil jenes Her⸗ zene einnehme, das ſie einſt allein ganz beſeſſen hatte, ſie fühlte, daß Roſenthals Wahl nur durch perſönlichen Vorzug, unabhängig von jeder andern Erwägung, beſtimmt worden war. Der ſtarke Aus⸗ druck ſeiner Züge, während er die Dame anblickte, verrieth weit mehr, als eine Sprache hätte aus⸗ drücken können. „Wie oft habe ich ihn ſo blicken ſehen!“ dachte Ella.„Wie oft bin ich dieſem glänzenden, feurigen Blicke begegnet; wie oft hat meine Gegenwart dieſes beredte Lächeln hervorgelockt— aber ſie iſt ſeine Gattin— und er iſt glücklich!“ Ein tiefer, nur halberſtickter Seufzer löste ſich von ihrer beklommenen Bruſt. Als ſie weiter eilte, fühlte die Baroneſſe den Arm, auf den ſie ſich ſtützte, zittern und zucken unter dem leichten Drucke, aber kein Wort erreichte ihr aufmerkſames Ohr. Das Maß des Schmerzes war gefüllt, und Ella ſprach nicht einmal zu ihrer Mutter. 45* 9 228&⸗ Als Mutter und Tochter des Nachts ſich auf ihre Zimmer entfernten, war der Kuß, den Frau von Lindenberg auf die bleiche Wange ihrer Tochter drückte, heißer als gewöhnlich; aber ein Schatten des Mißfallens verdunkelte ihre Stirne, ein Blitz des Unwillens leuchtete aus ihren Augen; einen Augen⸗ blick zögerte ſie, aber während ſie die aufſteigende Bewegung unterdrückte, bemerkte ſie mit ihrer ge⸗ wöhnlichen Selbſtbeherrſchung und mit überredendem Tone:„Ich werde dem Fürſten von Corſini Deine endliche, günſtige Entſchließung mittheilen. Sey gewärtig, ihn morgen als Deinen Bräutigam zu empfangen.“ Eine ſanfte, laute, nicht zögernde Be⸗ jahung traf das erwartungsvolle Ohr der Mutter, welche zärtlich und lebhaft antwortete:„Gott ſegne Dich, theures, gehorſames Kind!“ Die Thüre ſchloß ſich und Ella wälzte ſich unruhig und fieberhaft auf ihrem Lager. Tauſend unbeſtimmte, aber ſchmerzliche Eindrücke flutheten in ihrem Geiſte, Vorgefühle eines nahenden Unglücks, Empfindungen gegenwärtigen Elendes. Von den ſchwärmeriſchen Eingebungen der Phantaſie niedergedrückt, kehrte ſie ſich von einer Seite zur andern, wie um dem ge⸗ heimnißvollen Einfluß ihrer aufgeregten Einbildungs⸗- kraft zu entgehen. Aber immer ſtand daſſelbe Bild vor ihr; die ſtrahlenden Züge von Alberts Gattin ———— 93 229 G ſtellten ſich ihr dar mit ihrer unheilvollen Schönheit; au 4 die vollen ſchwimmenden Augen leuchteten auf ſie 1. her herab; der lebhafte, aber ſcherzende Blick drang ihr tten in die Seele; die Lippen, zu einem grauſam höh⸗ des nenden Lächeln verzogen, ſchienen ihrer zu ſpotten. 8 gen⸗ Wieder wandte ſie ſich unbehaglich und krampfhaft ³ Tde um. Mit ihrer Kraft verſchwand endlich das Ge⸗ I ſe ſicht, und ſie ſchloß wieder die Augen, aber ein an— 1 33 deres Bild folgte. Albert ſtand vor ihr, ſein Ge⸗ h eine ſicht, bleich und abgezehrt, trug den Ausdruck ſtarker, h 89 leidenſchaftlicher Aufregung, er blickte düſter, aber 6 die ſchöne Geſtalt der Dame ſtellte ſich zwiſchen ſie 1 de— und Roſenthals Bild wurde trübe und unbeſtimmt, 1 tht dann entſchwand Alles— Ella ſchlief. Sie träumte, u mit Corſini vermählt zu ſeyn. V ubig V mte, eiſte, ngen b ſcen eſe ge⸗ ngs⸗ Bild zattin Vierzehntes Kapitel. Der ganze Himmel und der Sterne Gunſt Weiſſagen ihren ganz beſondern Einfluß Dieſer beglückten Stunde. Milton. Le lendemain un autre avait regu sa foi. Par le voeu de ta mere à l'autel emmenée, Fille tendre et pieuse, épouse résignée, Sois heureuse par lui, sois heureuse sans moi. T. Delorme. Der Tag, welcher für die Hochzeitfeierlichkeit feſtgeſetzt war, durch welche Fräulein von Linden⸗ berg mit dem Fürſten von Corſini verbunden werden ſollte, dämmerte glänzend und glückverheißend. Keine Wolke verdunkelte das blaue Himmelsgewölbe; ob⸗ gleich leichte Dünſte gleich Sommerfäden die fernen Hügel verſchleierten, bewegte doch kein Lufthauch die ſtillen Blätter, die von Thau erglänzten. Die Marmorpaläſte, die hohen Thürme, die majeſtäti⸗ ſchen Dome der Kaiſerſtadt ſtrahlten röthlich in der reichen Glut des Morgens, als vom Oſten ein glänzender Strom ſich über die Welt verbreitete, hunſt der ſich allmählig ausdehnte, bis der ganze Hori⸗ zont erleuchtet war und die Sonne in goldenem Glanze aufſtieg. Das geſchäftige Treiben menſchlicher Thätigkeit hatte noch nicht an das Ohr geſchlagen; die Lebens⸗ ſorgen ſchlummerten noch, der Gegenwart vergeſſend und den düſteren Pflichten des Daſeyns eine weitere Stunde entziehend. Die Gefühle am frühen Morgen können mit denen verglichen werden, mit welchen wir jene ferne Zeit bekleiden, ehe Sünde und Ungehorſam die Lieblichkeit der Schöpfung verdunkelt und ſchlimme Leidenſchaften die Werke Gottes verunſtaltet hatten. Es iſt ein heiliger Anblick, wenn die ſaatenvolle Erde, mit der Dämmerung erwachend, ihren täglichen Um⸗ lauf beginnt; der Geiſt des Friedens und der Schön⸗ heit ſchwebt über ihrem ſtrahlenden Antlitz, die menſch⸗ liche Feindſeligkeit ſchläft noch und die Natur be⸗ hauptet ſchweigend ihre Herrſchaft. Das endloſe Spiel irdiſchen Gewinns, der tödtliche Kampf ſtrei⸗ tender Intereſſen, der armſelige Krieg der Menſch⸗ heit ſind noch nicht aufs Neue ausgebrochen. Die verderblichen, wie die wohlthätigen Werke der Civi⸗ liſation ruhen; das Dunkel bricht zum Lichte hervor. In ſolchen Augenblicken erglüht das Herz im Ge⸗ fühle der Dankbarkeit, das, wenn es auch nicht das 232 G Glück ſelbſt iſt, doch nahe daran gränzt. Ella, die ſich vor der Sonne erhoben hatte, um die wenigen noch übrigen Stunden ihrer Freiheit im einſamen Gebet und Nachdenken hinzubringen, ſaß jetzt vor einem großen Spiegel, der ihre ganze Geſtalt zu⸗ rückſtrahlte, und ein ſchöneres Bild hatte noch nie⸗ mals ſeine glänzende Fläche geziert. Das Zimmer war mit Brautkleidern und koſtbaren Gaben jeder Art angefüllt. Eine Menge Juwelen lagen auf einem Tiſche zerſtreut; das reiche Schmuckkäſtchen, das ſie enthalten hatte, lag geöffnet zu ihren Füßen. Nichts konnte den Glanz dieſes Schmuckes übertreffen, der ſowohl den Geſchmack, als die Freigebigkeit ſeines Gebers beurkundete. Aber Ella blickte kalt darauf hin, während ein dienſtfertiges Mädchen in enthu⸗ ſiaſtiſches Lob ausbrach, indem ſie den ſchimmernden Tand auskramte und der Reihe nach aufſtellte, da⸗ mit ihre Gebieterin auswählen könnte. Ella ergriff mechaniſch die hervorgezogenen Schmuckſachen und legte ſie ohne eine Bewegung der Freude oder des Schmerzes wieder hin; und als ſie auf die wiederholte Bitte ihrer Dienerin beinahe aufs Gerathewohl etwas herauswählte und in ihrem Haar zu befeſtigen verſuchte, ſo verſagte ihre zit— ternde Hand den Dienſt und der ſtrahlende Schmuck fiel aus ihren weichen Locken auf den Fußboden * 233&- herab. Sie ſprach nicht, aber ein leiſes Zittern konnte man an ihr bemerken, als ſie ſich der ein⸗ fachen Roſe erinnerte, die früher ihr einziger Schmuck geweſen und welche Er einſt einem vollſtändigen Ju⸗ welenſchmuck vorgezogen hatte. Die feſtgeſetzte Stunde hatte geſchlagen, als Frau von Lindenberg in das Zimmer ihrer Tochter trat. Das koſtbare Diadem ward aufgeſetzt und das Mutterauge prüfte genau die vielen Einzelheiten des Haarputzes, bei welchem Alles in ſchönſter Ord⸗ nung und jede Locke zierlich angebracht war. „Du ſiehſt nicht gut aus, meine Liebe,“ be⸗ merkte die Baroneſſe,„ich könnte beinahe wünſchen, dieſer Wange heute einen künſtlichen Glanz zu geben,“ aber während ſie ſprach, ſtrömte eine glühende Röthe über Ella's Geſicht und Nacken. „Nein, Mutter, nein; wir wollen keinen wei⸗ teren Betrug üben,“ ſprach ſie in jenem leiſen, ſchwermüthigen Tone, der bis ins Innere zu dringen ſchien. „Betrug?“ wiederholte die Baroneſſe in einem beinahe ſtrengen Tone.„Wir haben uns keines Betrugs ſchuldig gemacht.“ „Verheimlichen Sie nicht den Umſtand meiner früheren Verlobung?“ murmelte Ella, indem ihre Züge wieder ihre bleiche Farbe annahmen. 234& „Dies war keine Verheimlichung, mein Kind; aber es war nutzlos, den Fürſten mit Berichten aus der Vergangenheit zu quälen. Die Heirath beider Theile muß für das Vergeſſen Beider hinreichende Bürgſchaft ſeyn.“ Sie begleitete dieſe Worte mit einem ziemlich düſtern Blicke. „Viel— leicht,“ antwortete Ella ſeufzend. „Roſenthal hat ſelbſt das Beiſpiel gegeben,“ verſetzte Frau von Lindenberg, ihre Lipven zuſammen⸗ preſſend. „Dieſer Name, dieſer Name!— O Mutter, halten Sie ein!“ rief das arme Mädchen, ihr Ge⸗ ſicht an der Bruſt der Mutter verbergend. „So ſey denn klug, erheitere Dich, mein Kind; wir werden noch Alle glücklich werden. Dieſe Schwäche erſchreckt und bekümmert mich. Der Fürſt betet Dich an: ich bitte Dich, komme dem warmen Strom ſeiner Liebe nicht kalt entgegen; vermeide unzeitige und unnöthige Entdeckungen.“ „Ich habe ein Gefühl, als ob ich nicht gehö⸗ riges Vertrauen geſetzt hätte auf— meinen— auf den Mann, den ich eingewilligt habe, zu meinem Gatten anzunehmen. Ich bin ihm ein vollſtändiges Bekenntniß über die Gegenwart ſchuldig,“ ſprach Ella. „Dies wäre mehr als nutzlos,“ rief Frau von 235 Lindenberg,„es wäre gefährlich und nachtheilig. Wollteſt Du die Schwäche Deines eigenen Herzens geſtehen? Wollteſt Du bekennen, daß Du noch immer liebſt, nachdem Deine Hand verworfen, Du ſelbſt vergeſſen biſt?“ „Ich habe lange aufgehört, ihn zu lieben,“ unterbrach ſie Ella ſchnell.„Sie mißverſtehen meine Gefühle. Ich würde die Verachtung verdienen, mit welcher ich behandelt worden bin— ich würde das verächtliche Geſchöpf ſeyn, zu welchem mich ſein Vater machen wollte, würde ich eine Spur jener Gefühle bewahren, die ich einſt—“ „Ich glaube Dir, Ella. Die Tochter Linden⸗ bergs könnte ihre Selbſtachtung nicht ſo aus den Augen ſetzen, um— den Gatten einer Andern zu lieben!“ Als Frau von Lindenberg dieſe Worte geſpro⸗ chen, blickte ſie bekümmert auf ihre Tochter. Es lag ein Sinn in dieſem Blicke, der nicht mißverſtanden werden konnte.„Dein Glück— das meinige— das Glück Aller hängt von Deinem Schweigen ab,“ fuhr ſie mit Nachdruck fort.„Verſprich mir, ver⸗ ſprich mir, theure Ella, daß kein unbewachter Augen⸗ blick ehlichen Vertrauens Dir das Geheimniß Deines Herzens entreißen ſoll. Die Folgen könnten, nein, ſie würden unglücklich, unheilvoll ſeyn. Selbſt % 236&☚. Corſini darf nicht wiſſen, daß Du verworfen und verachtet wurdeſt.“ „Verachtet?“ wiederholte die Tochter voll Be⸗ ſchämung.„So ſey es! Ich will der treue Wächter meiner eigenen Ehre ſeyn.“ Der Vertrag wurde be⸗ ſiegelt durch einen liebevollen Kuß, und das zitternde Mädchen, auf den Arm ihrer Mutter geſtützt, trat dem ungeduldigen Corſini entgegen, der mit haſtigen Schritten auf und ab ging. Mehr der Gewohnheit als der Neigung der beiden Theile gemäß waren einige Verwandte ein⸗ geladen, an der Feierlichkeit Theil zu nehmen, und ein Gemurmel der Bewunderung begrüßte Ella, als ſie in den verſammelten Kreis eingeführt wurde. Leopold ſtand ſtolz an der Seite ſeiner Schweſter, triumphirend über die allgemein ausgeſprochene Be⸗ wunderung und ihre ſchwankenden Schritte mit freund⸗ lichen und ſchmeichelnden Worten ermuthigend. Der Anblick einer Braut in Brautkleidern hat etwas unge⸗ mein Anziehendes. Ein mit gewöhnlichen Reizen aus⸗ geſtattetes Weib gewinnt an dieſem Tage, der zwei getrennte Geſchicke in eines verbindet, einen beſondern Zauber, und ein ſchönes Weib wird noch zehnmal ſchöner. Aber wie viele Hoffnungen erheben ſich hier, die nicht verwirklicht werden! Wie viele glü⸗ hende Verſprechungen werden gethan, die nicht erfüllt — werden! Um wie viele Güter gefleht, die nicht be⸗ willigt werden! Wie lächelnd iſt die Ausſicht und welche Veränderung ſteht oft bevor; die Hoffnungen vergiftet, die Gefühle vernichtet, die Liebe getödtet oder nur dazu lebend, die Verlaſſenheit zu beweinen, welche die Zeit gebracht hat! In der That kann man oft über eine Braut eher weinen als ſich freuen; ein Leichentuch ſpricht nicht ſelten von weniger Unglück, als ein Braut⸗ ſchleier. Das eine bedeckt den Todten, der zu fühlen aufgehört, der andere ſchmückt ein lebendes Opfer, das auf dem Altare menſchlicher Unbeſtändigkeit ge⸗ opfert werden ſoll! Jung, vertrauens⸗ und liebevoll, übergibt die Braut freiwillig ihre ganze Zukunft dem Schutze ihres Gatten; ſie hat ſich zu Sittſamkeit und Gehorſam verpflichtet. Durch die heiligſten Bande gebunden, Bande, die keine irdiſche Macht trennen kann, iſt ihre Neigung gleichwohl jedem Zufall unterworfen, jedem Windſtoß ausgeſetzt, jedem Wechſel blos geſtellt. Ein hartes Wort, ein abge— wandter Blick, eine geringfügige Vernachläßigung kann eine empfindliche Natur erkälten und entfremden. Was dann, wenn Verkehrtheit und Täuſchung ihre Galle in den Kelch der Freude miſchen? O Ihr, die Ihr durch die heiligen Bande der Ehe verbunden ſeyd, hütet Euch mit dem Glücke zu 2 238 S⸗ ſpielen, das Eines dem Schutze des Andern anver⸗ traut hat. Wenn ein Theil es wagt, mit der Nei⸗ gung des Herzens ein Spiel zu treiben, deſſen zar⸗ teſte Gefühle zu höhnen, ſo iſt ein hinſchmachtendes Opfer oder eine unverſöhnliche Feindſchaft die Folge; und um die Strafe vollſtändig zu machen, iſt der gequälte Theil mit dem quälenden durch eine Kette zuſammengeſchloſſen. Als ſich der Brautzug langſam durch den dicht gedrängten Gang der Kirche bewegte, bemerkte Ella nicht den ängſtlichen Blick ſchlecht verhehlter Neu⸗ gierde, der ihren Schritten folgte. Ganz mit einem Alles verſchlingenden Gegenſtand beſchäftigt, hörte ſie nicht das Flüſtern vieler Stimmen, das plötzlich bei ihrem Herannahen verſtummte, ſie hörte nicht die leiſe Stimme der Vermuthung, den ſchwachen Ausdruck der Bewunderung, den ihre Jugend, ihre Schönheit und ihr beſcheidenes Benehmen aus Allen hervorlockte. Die Lichter brannten auf dem Altar; duftende Wolken von Weihrauch ſtiegen gegen die hohe, ſchön verzierte Decke; die Orgel begann mit lauten, anſchwellenden Tönen, und die ſanften Laute eines Chors ſtiegen in herrlicher Harmonie zum Himmel empor. Aber Ella, an Corſini's Seite knieend, ſah nicht die feſtliche Pracht der Kirche; ihr Geiſt war in Gebeten, in ernſten, leiſen, glühenden * Gebeten vertieft. Sie betete für Corſini und für ſein Glück; ſie bat um Stärke und Gnade und vor Allem bat ſie um Vergeſſenheit! Der Würfel war geworfen; ihre kalte, aber nicht widerſtrebende Hand lag in der des Fürſten. Sie fühlte nicht den leidenſchaftlichen Druck ſeiner Lippen; ſie bemerkte nicht den zärtlichen Liebesblick, der auf ſie ſtrahlte; die Zukunft, die ungeheure, unergründliche Zukunft hatte gleich einem tiefen Ab⸗ grund die Vergangenheit verſchlungen, alles Andere war leer. Die ermuthigenden Laute ihrer Mutter erweckten ſie endlich zum Gefühle ihrer Pflicht und ſie ent— ſchloß ſich, den Schluß der heiligen Ceremonie mit Anſtand zu begehen. Sie empfing die liebevollen Begrüßungen ihres Bruders mit Dankbarkeit und Zärtlichkeit, und lächelte, lächelte ihren neuen Verwandten freundlich zu. Es mochte ſie eine ſchmerz⸗ liche Anſtrengung koſten, aber Niemand bemerkte ihren Kampf, und Ella war durch einen freundlichen Blick ihres Gatten ſchon für ihre Anſtrengungen belohnt. Nachdem man die Kirche verlaſſen, ver⸗ fügte ſich die ganze Geſellſchaft nach der Wohnung, welche Corſini zu ſeiner Hochzeitfeierlichkeit neu ge⸗ ſchmückt hatte, und bei dem herrlichen Gaſtmahl, das nun folgte, war das Benehmen der Braut höflich und — 240= gewinnend, eben ſo entfernt von Schwermuth und Kälte, als von Freude und Vertraulichkeit. Kein Zeichen der Ungeduld oder Vergeßlichkeit entſchlüpfte ihr während der Dauer des Feſtes, das ihr wirklich endlos er⸗ ſchien, und obwohl ſie unter all dem herben Schmerze litt, den die Neuheit und Pein ihrer Lage ihr be⸗ reiten konnte, ſo verrieth doch kein Seufzer und keine Geberde ihre verborgene Qual. Die Baroneſſe allein vermuthete die Wahrheit und ſchätzte die Anſtren— gungen ihres Kindes um ſo höher, je genauer ſie den Umfang ihres Schmerzes kannte, während Leo⸗ pold glücklich, gedankenlos, aber liebevoll über das Wohl ſeiner Schweſter ſich freute, unbewußt der Schmerzen, welche den Buſen bewegten, der unter dem Brautgewande wogte. Endlich ſchlug die erſehnte Stunde der Tren⸗ nung, und als die Gäſte ſich entfernt hatten, bat Frau von Lindenberg einige Augenblicke mit ihrer Tochter allein zu ſeyn, ehe ſie ihre mütterliche Auf⸗ ſicht für immer aufgebe. Es wurde geſtattet, und Ella ſtand allein vor ihrer Mutter. „Theures, theures Kind!“ rief die letztere, in eine Fluth von Thränen ausbrechend,„was ſoll ich ſagen? Du haſt meine glühendſten Hoffnungen er⸗ füllt, meinen zärtlichſten Erwartungen entſprochen. O Ella! ich habe dieſen Tag erlebt, ich habe es — % 241& lle, erlebt, Dich, mein armes verlaſſenes Mädchen, als der die geehrte Gattin Corſini's zu ſehen. Der Himmel grend hat meine Gebete erhört!“ und mit dieſen Worten er⸗ ſchloß die Baroneſſe die Fürſtin in ihre Arme. netze„Es iſt gut! Das Opfer hat mich weniger ge⸗ J be⸗ coſtet, als ich fürchtete,“ verſetzte ſanft die Braut teine mit einem matten Lächeln, das fruchtlos gegen her⸗ allei vorbrechende Thränen ankämpfte. ſnun⸗„Du biſt nicht glücklich! O mein Kind, wenn er ſe Dein Schickſal kein glückliches werden ſollte, muß Leo⸗ ich mir Vorwürfe machen. Ich habe Dich beredet. rdas Vielleicht habe ich gefehlt, mache mir keinen Vor⸗ der wurf, klage nicht meinen mütterlichen Ehrgeiz an.“ unter„Ich bin nicht unglücklich,“ ſagte die Braut mit einiger Anſtrengung;„ich habe mich ganz in mein vrur Geſchick ergeben.“ tat„Lächle nicht ſo. Dieſer ruhige Blick dringt bis in mein Herz. O ſey glücklich, ſey glücklich, / b wenn Du kannſt, um meinet⸗ und um ſeinetwillen.“ 3 Während ſie dieſe Worte mit ſchwacher Stimme en ſprach, blickte Frau von Lindenberg bittend in das Antlitz Ella's und fand darin eine ſtärkere Aehnlich⸗ he, i keit als je mit ihrem verlorenen Gatten. Die ru⸗ Ül 4 higen, beinahe heitern Züge hatten jenen Ausdruck en er des Nachdenkens und der Entſchloſſenheit, der ſeine u40 Mienen ausgezeichnet hatte. Die fliegende Röthe, abe Ella. II. 16 242 Go das ſcherzende Lächeln, das wie Sonnenſchein in den glänzenden Augen und um den ſchönen Mund zu ſpielen ſchien, ſelbſt jenes ſchwache Lächeln, das einen Augenblick zuvor ihre Züge erheitert hatte, war geflohen. Sie ſtand ruhig einer Bildſäule gleich. „Um ſeinet⸗ und um Ihretwillen,“ verſetzte Ella mild,„ich bin Euch Beiden Gehorſam ſchuldig.“ „Darf ich auf Deine Klugheit bauen? Ge⸗ denke, daß das Gelübde, welches Du heute aus⸗ geſprochen, ein vollſtändiges Aufgeben aller früheren Intereſſen, aller ſelbſtſüchtigen Erwägungen verlangt. Schweigen iſt jetzt Deine Pflicht.“ „Noch einmal erneuere ich den heiligen Schwur, der mich an ihn bindet. Noch einmal wiederhole ich im Angeſicht des Himmels, daß ich mit keinem Wort, keiner Handlung den Frieden, das Vertrauen Corſini's ſtören will. Was auch mein Schickſal ſeyn mag, welche Prüfungen mir auch vorbehalten ſeyn mögen, ihm wenigſtens ſoll der Schmerz erſpart werden, ſie zu theilen.“ „Theures, edles Mädchen!“ rief die Mutter. „Nein, ich verdiene dieſes Lob nicht, ich bin nur dankbar. Warum ſollte auch er zum Unglück verurtheilt ſeyn? Ein Opfer iſt genug!“ Und Ella drückte krampfhaft ihren Ehering. „Du wirſt, Du mußt glücklich ſeyn. Dieſe Tugend muß ſich ſelbſt belohnen,“ ſagte die Ba⸗ roneſſe mit Wärme. „Nein, Mutter, ich bin nicht ſo ſanguiniſch. Aber zufrieden werde ich ſeyn,“ bemerkte ſie mit einem Blicke trauriger Ergebung. „Verliere die Wahrheit nicht aus den Augen, daß ein Weib, welches geliebt wird, unendlich mehr Glück zu erwarten hat, als ein Weib, das allein liebt. Bewahre dieſen Satz in Deinem Gedächtniß. Er mag Dir weltlich ſcheinen, aber er iſt gleichwohl wahr. Gedenke ſtets, daß Du dem Fürſten theuer biſt und laſſe ihn nie vermuthen, daß er Dir nicht eben ſo theuer ſey. Dies iſt das Hauptgeheimniß weiblicher Herrſchaft, und was unendlich beſſer iſt, weiblichen Glückes.“ „Und darf ich denn glauben, daß die Macht des Weibes in der Schwäche des Mannes begründet iſt, und daß es Fälle geben kann, in denen unſere größte Stärke in der Verheimlichung liegt? Ach, kann es Tugend ſeyn, zu verläugnen?“ rief Ella bekümmert. „Nein, aber es iſt ſchwieriger ſich zu enthalten, als zu handeln; Zurückhaltung iſt das Hauptgeſchäft des Weibes. Ich will nicht Verheimlichung anrathen, aber ich empfehle eine würdige Zurückhaltung. Ge⸗ brauche Deine Ueberlegung, Deine Thatkraft. Der 16* 2 244& Pfad des Glückes liegt vor Dir: betrete ihn furcht⸗ los. Lebe wohl!“ Eine augenblickliche Pauſe trat ein. Einige Thränen erleichterten Ella's Bruſt von einem Theil ihrer Laſt, als ſie endlich Abſchied nahm von Der, welche bisher ihre zärtliche Führerin, die Bewah⸗ rerin ihrer unerfahrenen Jugend geweſen war. Dankbar und beſcheiden empfing die Fürſtin den mütterlichen Segen und übergab ſich ohne Murren dem Schutze ihres Gatten. Fünfzehntes Kapitel. Ihr ſanfter Geiſt Läßt gern von Euch in Allem ſich berathen, Als ihrem Herrn, Gebieter, Koͤnig. Shakespeare. * rren Großmüthig, tapfer, 11 Neigung anh Freundlichleis, die füßen Pflichten Der Liebe und Ergebung. 2 1 “ Rogers. 1 Selig in dem Beſitze ſeiner ſchönen Gattin, bewies der Fürſt von Corſini ihr jede Aufmerkſam⸗ keit, die Zärtlichkeit im Bunde mit der Galanterie auffinden konnte. Um die Berührung mit Fremden zu vermeiden, verließ das neu vermählte Paar un⸗ verzüglich Wien, um in einem maleriſchen Landhauſe ., an den Ufern der Donau, wenige Meilen von der . 1 Hauptſtadt, eine Zeit lang in ſtiller Zurückgezogen⸗ heit zu leben. Natur und Kunſt ſchienen ſich verbunden zu haben, um dieſen Ort recht anziehend zu machen. Die Wieſen wogten anmuthig und erſtreckten ſich in 246 Se Abhängen bis an das Ufer des Stromes, der un⸗ aufgehalten majeſtätiſch dahinrollte und Reichthümer und Civiliſation zu jenen alten Küſten zurücktrug, von welchen beide einſt ausgingen. Edle Wald⸗ bäume, in voller Reife ſtehend, bedeckten die um⸗ liegenden Höhen, die für die reiche, abwechſelnde Landſchaft eine Art Rahmen bildeten; und die Nie⸗ derungen waren mit hübſchen Baumſchulen beſetzt. Ihr üppiges Laubwerk, in den Zauberfarben des ſcheidenden Sommers erglühend, gab dem Anblick Wärme und Färbung. Hin und wieder lag im Schatten ein Hirſch oder hüpfte fröhlich dem Strome zu und theilte ſo der ſtillen Schönheit von Wald und Waſſer den Reiz des Lebens mit. Eine Anzahl duftender und ſeltener Geſträuche, die ohne menſch⸗ liche Kunſt von ſelbſt zu blühen ſchienen, erglänzten durch das Grün gleich koſtbaren Edelſteinen; wäh⸗ rend werthvolle ausländiſche Pflanzen die Gewächs⸗ häuſer mit ſüßen Wohlgerüchen erfüllten. Hier konnte Ella ihrer Lieblingsneigung nach⸗ hängen, ihrer Liebe zu den Blumen und deren Pflege. Der Garten ſchien recht eigens für ſie angelegt; er enthielt alle ihre Lieblingsblumen und Pflanzen in reicher Mannigfaltigkeit. Die Villa war in italie⸗ niſchem Styl, außerordentlich elegant und bequem erbaut. Ein herrlicher Säulengang von weißem 247 E Marmor war auf einer Seite an dem Gebäude an⸗ gebracht, der zu jeder Jahreszeit einen entzückenden Aufenthalt bot und einige beſonders ſchöne Statuen, die der Fürſt aus ſeinem Vaterlande hatte bringen laſſen, waren geſchmackvoll unter verſchiedenen Ge⸗ ſichtspunkten aufgeſtellt. Von der wilden, einſamen Größe des Stamm⸗ ſitzes, in welchem Ella ihre Kindheit und Jugend verlebt hatte, in jeder Hinſicht verſchieden, war die klaſſiſche Schönheit ihres jetzigen Aufenthalts nicht weniger anziehend, als die mittelalterliche Herrlich⸗ keit von Ehrenfels. Der Kontraſt war ihr will⸗ kommen; denn eine unbeſtimmte Aehnlichkeit iſt immer peinlicher, als eine wenn auch ſo ſtarke Unähnlichkeit. Die innere Einrichtung des Gebäudes entſprach ganz ſeinem Aeußeren und beſaß all den Luxus und die Eleganz, die feine Bildung wünſchen und Ver⸗ mögen hervorbringen kann. Alle Zimmer waren mit der gleichen Rückſicht auf Ella's Geſchmack und Ver⸗ gnügungen eingerichtet. Ein Zimmer, das zum Bibliothekzimmer diente, enthielt auf ſeinen gut be⸗ ſetzten Schränken die leichte Literatur von Frankreich und England und die gehaltvolleren Bände deutſcher Forſcher. Ein anderer Saal, der von oben herab ſein Licht empfing und in ein Gewächshaus auslief, war zum Malen beſtimmt. Eine Menge Modelle 248 S⸗ und Materialien zum Zeichnen lagen zum Gebrauche bereit, während in einer anſtoßenden Gallerie herr⸗ liche Originalien von den ausgezeichnetſten Meiſtern hingen, welche ſo der liebenswürdigen Künſtlerin ein reiches und mannigfaches Feld zu Studium und Nachahmung boten. Aber das Herrlichſte war der Muſikſaal. Er vereinigte die Pracht der Empfang⸗ zimmer mit der ſtillen Eleganz des Studirzimmers. Die ſchön gewölbten Fenſter waren ſo angebracht, daß nur ein ſchwaches Licht hineinfiel, damit der Glanz des Tages nicht die Wirkung der Harmonie vernichte. Eine reiche Sammlung der beſten Werke gefeierter Compoſiteurs in koſtbaren Bänden ſtand in einer Niſche. Eine herrliche Orgel ſtand an einem Ende des Zimmers, in der Mitte ein vortrefflicher Flügel und in ſeiner Nähe eine Harfe mit reichem Schnitzwerk und nach dem neueſten Baue. Zahlreiche muſikaliſche Inſtrumente mit verſchiedenen Bezeich⸗ nungen und andere angemeſſene Gegenſtände voll⸗ endeten die Verzierung dieſes Zimmers, in welchem Ella den größten Theil ihrer Zeit zubrachte. So von jedem Genuſſe umgeben, den die be⸗ ſonnene Liebe ihres Gatten ihr auswählen konnte, mochte die Fürſtin von Corſini oberflächlichen Be⸗ obachtern oder ſelbſt ihren vertrauteren, Bekannten, welche das Glück nur nach Rang und äußerem — 249&⸗ Wohlergehen beurtheilen, ohne Rückſicht auf die Oede des Herzens, die ſich unter der glänzenden Decke von Rang und Vermögen verbergen kann, beneidenswerth erſcheinen; doch war es für ein Weib wie Ella nicht möglich, für ſchmeichelhafte Aufmerk⸗ ſamkeit unempfindlich zu bleiben, die ihren einfachſten Wünſchen entgegen kam, oder die ſteten, aber ſtum⸗ men Beweiſe inniger Liebe mit hartnäckiger Kälte aufzunehmen. Aber gerade die vortrefflichen Eigen⸗ ſchaften Corſini's, und dieſer waren viele, waren für ſie eine Quelle des Schmerzes, denn ſie konnte ſie nicht bemerken, ohne ſich Vorwürfe zu machen. Sie wünſchte ihren Gatten ſo lieben zu können, wie ſie fühlte, daß er es verdiene, und je größer das Verdienſt war, das ſie an ihm bemerkte, um ſo mehr beklagte ſie die Verkehrtheit ihrer Neigungen. Selbſt ſeine Zärtlichkeit war für ſie ein ſtummer Vorwurf. Sie hätte Unwillen, Heftigkeit, Vernach⸗ läßigung oder ſelbſt Härte ertragen können; aber ſeine unveränderliche Freundlichkeit erfüllte ihre Seele mit dem Gedanken ihrer Unwürdigkeit. Corſini's Benehmen, obgleich militäriſch ent⸗ ſchieden, war wieder ungemein fein, denn in neueren Zeiten ſchließen die Obliegenheiten des Dienſtes hö⸗ fiſche Feinheit nicht aus. Die tapferſten Männer, die glücklichſten Feldherren waren eben ſo berühmt 250 ☛⸗ durch feines und zartes Benehmen in der Geſell⸗ ſchaft, als durch unerſchrockene Entſchloſſenheit im Felde. Vielleicht machten die ernſten Pflichten ihres Berufes ſie deſto empfänglicher für die feineren Sitten der Geſellſchaft. Sie gewinnen durch den Kontraſt, was Andere ſich durch das Beiſpiel er⸗ werben. Wenigſtens ſchien es ſo in unſerem Falle, denn der feinſte Diplomat konnte kaum ſo viel Zart⸗ heit und Takt zeigen, als der Fürſt von Corſini. Eine Woche verſtrich nach der andern; Ella's herrliche Vorzüge und fein gebildeter Verſtand ver⸗ trieben die leiſeſte Spur von Langeweile. Der Fürſt, in Italien geboren und erzogen, hatte zu lange die Luft der Poeſie und Schönheit eingeathmet, als daß er ihren entzückenden Reizen hätte widerſtehen können. Für die ſchönen Künſte enthuſiaſtiſch eingenommen, beſaß er in ſeiner Gattin alle Elemente geiſtigen Genuſſes. Er liebte ſie nicht nur zärtlich, ſondern er war ſtolz auf ihre Talente, und ſie ihrerſeits, glücklich ihm wenigſtens Unterhaltung zu gewähren, da ſie ihre Liebe nicht zu ſchenken vermochte, übte ihm zu Gefallen eifrig ihren Geiſt. Es geſchieht oft, daß wenn wir Andern zu Ge⸗ fallen uns bemühen, wir von unſern eigenen An⸗ ſtrengungen entzückt werden, und unſer Talent, An⸗ dere zu erfreuen, vielleicht durch einen unerwarteten 83 29b 251 Go Erfolg erfreut, ſich um ſo mehr erhöht, als die Ueberzeugung, Etwas erreicht zu haben, ihre Kräfte zur Thätigkeit erweckt. So fand Ella, die urſprünglich nur die Mußeſtunden ihres Gemahls hatte erheitern wollen, nach und nach ein Intereſſe an jenen ent⸗ zückenden Beſchäftigungen, für welche ſie zuvor allen Geſchmack verloren hatte, und ſie wurde in dem Maße heiter, als ihr Geiſt mehr Beſchäftigung fand.— Corſini liebte Ella wo möglich noch zärtlicher, als wenn die natürliche Munterkeit der Jugend noch in ſeinen Mienen geſtrahlt hätte. Gleich dem Sonnen⸗ ſchein an einem Apriltage, war der Glanz um ſo willkommener, je ſeltener und vorübergehender er war, und er ließ es ſich angelegen ſeyn, dieſe herr⸗ lichen Stunden mit der unermüdlichen Thätigkeit wahrer Liebe noch zu verſchönern. Oft ſtand er feſtgebannt an ihrer Staffelei, und betrachtete die prachtvollen Farben, mit denen ſie das Bild irgend eines lieblichen Gegenſtandes ſchnell auf die glän⸗ zende Leinwand hinwarf. Zuweilen las er vor, nicht mit jener leidenſchaftlichen Beredſamkeit, mit welcher Albert vorgeleſen hatte, ſondern mit tiefen, durch⸗ dringenden Tönen, die das Ohr füllen, ohne es zu überwältigen; die Vernunft überzeugten, ohne die Einbildungskraft zu unterjochen. Seine Bemerkungen 252 So und ſeine ganze Redeweiſe hatten denſelben geſetzten Charakter. Er ergoß ſich nicht in wilde Eingebungen der Phantaſie, in heftige Wünſche eines unruhigen Geiſtes; er ſprach verſtändige Worte der Erfahrung, äußerte die aufgeklärten Anſichten eines gebildeten Geiſtes. Obgleich ein feiner Kenner der Muſik, lernte Corſini Ella's Meiſterſchaft darin doch erſt nach der Vermählung kennen. Viele Umſtände hatten verhindert, daß ſie nie ihre muſikaliſchen Fertigkeiten vor ihm zeigte: und wahrſcheinlich war der eigent⸗ liche Grund ſtets verſchwiegen worden; ſie mußte ihre ganze Selbſtbeherrſchung zuſammennehmen, um eine Beſchäftigung wieder zu beginnen, in welcher Albert früher ſtets ihr Genoſſe geweſen war. Es ſind vielleicht wenige Gefühle ſtärker, als die unbeſtimmte und rührende Erinnerung, welche die Muſik in uns hervorruft. Keine Ideenverbin⸗ dung kann mit der verglichen werden, welche durch die Muſik hervorgebracht wird; alle andern ſind mehr oder weniger unvollkommen oder unbeſtimmt, oder verlieren ſich in der Maſſe gehäufter Gedanken und Eindrücke; aber in dem Wiederauftauchen einer bekannten Melodie liegt Etwas, das mehr iſt als jede bloße Erinnerung; es wirkt ſowohl auf das Herz, als auf das Gedächtniß; wir erinnern uns nicht blos, ſondern wir fühlen auch, wie wir früher 253 R- fühlten und die Seele verliert die Empfindung der Gegenwart und lebt wieder in der erneuten Ver⸗ gangenheit. Aber Ella entſchloß ſich, dieſe krankhafte Empfind⸗ ſamkeit zu beſiegen, welche ſie ihrer, als der Gattin Corſini's, unwürdig und ihrer Würde nachtheilig achtete; und mit einer Anſtrengung, die ihr gleich⸗ wohl einen augenblicklichen Schmerz koſtete, bemühte ſie ſich, ihre frühere Fertigkeit wieder zu erreichen. Dieſes Talent feſſelte ſchon für ſich die Liebe ihres Gemahls. In der That wirken wenige Talente durch die Sinne oder durch die Phantaſie kräftiger auf das Gefühl, und Ella war niemals nur halb ſo unwiderſtehlich für ihren Gatten, als wenn ſie der Harfe ſanfte und volle Töne entlockte; unter den unvergleichlichſten Schöpfungen früherer Kunſt, die ſie umgaben, konnte alsdann kein Bild gefunden werden, das mit der Lebenden wetteifern konnte.— Die Achtung kann wohl als die zuverläßigſte Be⸗ gründung dauernder Liebe gelten, zumal wenn die Gluth jugendlicher Leidenſchaft die Seele nicht mehr bewegt. Der Urſprung und das Zunehmen eines dauernden Gefühls iſt nur durch die Ueberzeugung geleitet, daß es einen guten Grund hat;— wie die Täuſchungen, von denen die erſte Liebe gewöhnlich begleitet iſt, entſchwinden, wenn man über das 254 S⸗⸗ Gefühl ſelbſt klar geworden iſt. Gleich dem Nebel, der des Morgens den Berg bedeckt und die nackte Rauheit des Pfades, der vor uns liegt, verbirgt, verdecken die jugendlichen Viſionen uns die harten Wahrheiten, die unſere weitere Jahre erwarten; und wie der Nebel verſchwindet, ſo verſchwinden die Hoffnungen unſerer Jugend, und löſen ſich in das helle Licht der Wirklichkeit auf. Große Veränderungen wurden oft durch unbe⸗ merkbare Urſachen hervorgebracht. Das ſtets thã⸗ tige Prinzip der Veränderung wirkt langſam, aber ſicher in der Welt, wie in der ſichtbaren, ſo in der geiſtigen. Kleine Beweggründe verbinden ſich und gewinnen Stärke, und das Herz muß weit eher dem unſichtbaren Einfluß vieler kleiner Urſachen nach⸗ geben, als es auf einmal unter dem unmittelbaren Streiche einer plötzlichen Gewalt erliegt. So entwickelte ſich allmählig in Ella's Bruſt der Keim der Liebe, wurde ſtärker und wurzelte immer tiefer. 4 Dankbarkeit iſt wohl der ſtärkſte Anreiz zu weib⸗ licher Liebe; ſie iſt die zarte Faſer, die am beſten geeignet iſt, eine edle Natur zu feſſeln. Es iſt ſo natürlich, das Herz zu ſchätzen, das warm für uns ſchlägt, das Weſen zu lieben, das unſern Wünſchen entgegenkommt, über unſere Schmerzen trauert, über 8 ☛ 255 Se⸗ unſer Vergnügen ſich freut: und wenn auch die Täuſchung ſchon unſer Schickſal vergiftet hat, un⸗ beugſam müßte das Herz ſeyn, das durch ſtete Freund⸗ lichkeit und Güte nicht gerührt würde. Dieſe Wahrheit machte ſich auch bei Ella gel⸗ tend. Ihr reines Herz wandte ſich innig ihrem Ge⸗ mahle zu, den ſie zu ſchätzen vermochte, da ſie ſeine vortrefflichen Eigenſchaften ruhig zu beurtheilen wußte. Sie war jetzt ſchon mehrere Monate Gattin und mit Corſini's Charakter allmählig vertraut geworden, und nach und nach gelang es ihr, ſeine Liebe mit einem Theile ihrer Zärtlichkeit zu erwiedern. Auch verbanden ſich viele Umſtände, den Beginn ihrer Ehe zu begünſtigen; denn Frau von Lindenberg, zu⸗ frieden mit der Lage ihrer Tochter, war nach Schloß Ehrenfels zurückgekehrt, während Leopold bei ſeinem Berufe in Wien blieb, ſo daß der Fürſt und die Fürſtin von Corſini ganz allein gelaſſen waren. Dies war an ſich ſchon förderlich für ihr Glück, denn die Gegenwart der nächſten Verwandten iſt oft der rich⸗ tigen gegenſeitigen Schätzung der Eheleute ganz entgegen, bei denen die Eindrücke im Beginne des Eheſtandes eine unauslöſchliche Spur zurücklaſſen. Ein fünfzigjähriger Eheſtand kann verbittert werden durch einen grämlichen Tag, ein unüberlegtes Be⸗ kenntniß, eine raſche Folgerung. Das beſte Mittel 8 256 S= gegen Mißverſtändniſſe der Neuvermählten iſt, daß ſie ſich ſelbſt überlaſſen bleiben. Dies wußte die Baroneſſe ſehr gut und darum trat ſie ſogleich ihr mütterliches Vorrecht ab, und gab dadurch ihrer Tochter die beſte Gelegenheit, den Charakter ihres Gemahls kennen zu lernen, wie ſie ſich dadurch die Freundſchaft ihres Stiefſohnes gewann. Froh über die Abweſenheit der theuren Familien⸗ glieder, die ihr die Erinnerung an frühere Bande zu lebhaft heraufgeführt hätten, ſuchte ſich Ella in ihre Pflichten zu fügen, und es gelang ihr. Sie lernte beinahe das Glück ſchätzen, das ihr bereitet war, und gewöhnte ſich den Mann zu lieben, der ihr Glück zum Gegenſtand und Studium ſeines Le⸗ bens gemacht. So hörte denn Ella mit Schmerz, daß es Zeit ſey, nach Wien zurückzukehren. Sie erwartete na⸗ türlich, daß ſie von der Geſellſchaft beobachtet werde, und dies war ihr unangenehm. Aber ſie fühlte, daß es nöthig ſey, für den Gemahl und die Welt zu leben, wie für ſich ſelbſt; ihr hoher Stand forderte Aufmerkſamkeit und verlangte eine gewiſſe Aufopfe⸗ rung eigener Wünſche. Mit unbeſtimmten Beſorgniſſen erfüllt, ſchickte ſich Ella an, den entzückenden Ort zu verlaſſen, wo ſie den Segen der Zufriedenheit und Ergebung daß die hihr ihrer ihres die llien⸗ dande la in Sie rreitet der 8 d Zeit te na⸗ verde, daß elt zu rderte fopfe⸗ ſchicke laſſen, gekoſtet hatte; um wieder in die Geſellſchaft zu treten und die ſchwierige Aufgabe zu erfüllen, die auf eine junge und ſchöne Gattin in einem fein gebildeten, leichtfertigen Kreiſe wartet; und bei ihrem neuen Auftreten auf dem Schauplatz früherer De⸗ müthigungen und Prüfungen, betete ſie innig zum Himmel, daß weder ihre Entſchlüſſe, noch ihre Grund⸗ ſätze wanken möchten unter der Feuerprobe, die ihrer harrte. Ella. II. 17 Sechszehntes Kapitel. On soir j'étais au bal; les gracieuses filles, Parlaient de mode nouvelle, ou dansalent en quadrilles, Et dans un angle obscur du salon trop étroit, Pendant que, seule de tous, j'ecoutais d'un air froid, Les airs napolitains, les vives barcarolles, Les walses emportant d'amoureuses paroles,— Elle parút. Mery. O daß wir uns nie, nie begegnet! Oder vergäß' ich nur es itzt, Wie reich wir könnten ſeyn geſegnet, Wennes Schickſal nicht den Bund zerblitzt! Moore— Lalla Rookh. Das prächtige Geſandtſchaftshotel war glänzend beleuchtet; aus jedem Fenſter ſchimmerte ein Strom von Licht, Lampen und Fackeln loderten in den Höfen, die Nachbarhäuſer ſtrahlten den Glanz zurück, wäh⸗ rend die breiten Straßen von den Wagen ertönten, die beſtändig daher rollten und zu den dichtgedrängten Portalen eilten, wo reich gekleidete Perſonen aus⸗ ſtiegen und ſofort in die herrlichen Zimmer geführt 259&⸗ wurden, die für den Empfang der Geſellſchaft be— ſtimmt waren. Nichts konnte dieſes Feſt, zu welchem der ganze Adel und alle Schönheiten des öſtreichiſchen Hofes geladen waren, an Glanz übertreffen. Die Har⸗ monie eines herrlich beſetzten Orcheſters ſchlug an das Ohr. Schöne volksthümliche Melodien ſchallten laut und fröhlich durch die Hallen; die ſeltenſten Blumen und ausländiſchen Pflanzen verbreiteten einen herrlichen Wohlgeruch; Nachtpflanzen, die nur ein— mal in einem Menſchenalter blühen, hatte man für dieſes Feſt geſammelt und koſtbare Teppiche von den lebhafteſten Farben wurden nur durch die anweſenden Frauen überſtrahlt. Unter dieſen allen, die ſich leicht im Tanze bewegten oder den ſchwindelnden Reigen des Walzers ſo glänzend, ſo zart, ſo zitternd dahin— flogen, daß ſie wie zauberhafte Gebilde oder wie die Verwirklichung des Traumes eines Dichters erſchie⸗ nen— unter allen dieſen war die herrlichſte, an⸗ ziehendſte, bewundertſte Geſtalt die Fürſtin von Corſini. Nicht ohne Widerſtreben hatte ſie ihre Einwil⸗ ligung dazu gegeben, bei dieſer Feſtlichkeit öffentlich zu erſcheinen. Den wiederholten Bitten ihres Ge⸗ mahls endlich nachgebend, kam ſie, nicht um die Freuden der Nacht zu theilen, ſondern um den — 47* 260 Se Wünſchen eines Mannes entgegen zu kommen, dem ſie ſo viel verdankte. In ein feines, weißes Gewand einfach gekleidet, lag ihr Hauptreiz mehr in der un⸗ gemeinen Eleganz ihrer Geſtalt und Bildung, als in der Pracht des Stoffes, aus welchem ihr Anzug bereitet war. Ihr Lockenhaar, von einem Band von Edelſteinen zuſammen gehalten, war, ganz zu ſeinem Vortheile, unbedeckt, und ſeine glänzende Schönheit war von keiner eigenſinnigen Hand ver⸗ letzt. Ein Schloß von Brillanten hielt ihr Kleid zu⸗ ſammen; weiter trug ſie keinen Schmuck. Einen auffallenden Kontraſt gegen die einfache Kleidung ſeiner Gattin bildete die gebietende Geſtalt Corſini's, der, mit vielen Sternen, Bändern und Orden geſchmückt, in dem glänzenden Kreiſe hervor⸗ ragte, ſeine edlen Züge belebt von einem wohlwol⸗ lenden Ausdruck, als er ſeine beſcheidene Gattin durch die ſtaunende Menge führte. Mit einer Schüchternheit des Betragens, die eben ſo weit von Kälte, als von Verachtung ent⸗ fernt war, näherte ſich Ella anmuthig ihren zahl⸗ reichen Bekannten, auf den Arm ihres Gatten ge⸗ ſtützt, den ſie um Ermuthigung zu bitten ſchien, wie ſie durch ihn Wichtigkeit gewann. Sie nahm die allgemeine Huldigung, die ihr Stand und ihre Schön⸗ heit forderten, mit ruhigem Lächeln auf.“ Früher — 261 G- Kummer hatte ihrer Stirne einen Ausdruck des Nach⸗ denkens eingeprägt, der ihren Jahren zuvor eilte; aber außer jenem ſinnenden Schatten, welcher mehr die Gewohnheit nachzudenken, als das Vorhanden⸗ ſeyn eines Schmerzes anzeigte, konnte Niemand den tief liegenden Stachel der Täuſchung entdecken, der noch in der Bruſt des herrlichen Geſchöpfes wühlte, welchem der Weihrauch der Schmeichelei ſo reichlich dargebracht wurde. Jede Einladung zum Tanze ablehnend, beſchäf⸗ tigte ſie ſich damit, das geſchäftige Treiben, das ſich in ſteter Unruhe umher bewegte, zu beobachten. Ein Ballzimmer iſt ein ergiebiger Gegenſtand für die Philoſophie. Iſt es nicht auffallend, daß unſere gerühmte Vernunft, die in einſamen Betrachtungen ihre Befriedigung oder eine Zuflucht findet, die ihren Scharfſinn anwendet, um die Wiederkehr eines Ko⸗ meten zu erforſchen, oder die geheimen Kräfte einer Fliege oder eines Wurmes unterſucht, daß dieſe Vernunft in einem menſchenerfüllten Ballzimmer be⸗ obachtend und forſchend umherblicken kann? Während die Prinzeſſin umherblickte und zugleich der Muſik zuhörte, ſtrömten tauſend bekannte Me⸗ lodien vom Orcheſter her ihrem Ohre zu, und in dieſen zitternden Tönen lag etwas Schwermüthiges, etwas, das mehr war als bloße Erinnerung. Sie 262&⸗ fühlte, daß ſeit ihrer Heirath noch nie ſolche Trauer ihr Herz erfüllt hatte. Mitten in dieſem ſtrahlenden Kreiſe, in welchem die Schönheit ſelbſt durch die Zahl ihrer Bewerber verdunkelt ſchien, bemerkte ſie mit beſonderem In⸗ tereſſe eine liebliche Geſtalt. Wieder und wieder glitt die ſchöne Erſcheinung vorüber. Sie verſchwand im Gedränge, um mit neuem Glanze zurückzukehren, gleich einem Meteor, Alles umher erleuchtend. Ella zitterte, als ſie die Gattin Roſenthals erkannte. Man konnte ſich in dieſen Zügen nicht täuſchen. Ihr Herz ſchlug höher, als dieſelbe Geſtalt wieder aus den Reihen trat. Die Züge, beſonders das Lächeln, waren dieſelben, die ſie früher ſchon geſehen. Sie blickte nach dem Tänzer der jungen Gräfin und ſah Leopold. Eine kurze Pauſe trat ein, die Muſik hörte auf, die Tänzer wechſelten ihre Plätze oder wan⸗ derten durch die geräumigen Säle; gleich dem mannig⸗ faltigen Farbenſpiele des Kaleidoskops löste ſich jede Gruppe für einen Augenblick auf, ihre Glieder zer⸗ ſtreuten ſich, um ein neues eben ſo glänzendes und eben ſo vorübergehendes Gemälde zu bilden. Mit einer Art athemloſer Aufmerkſamkeit be⸗ mühte ſich Ella, den Bewegungen ihres Bruders und ſeiner lieblichen Tänzerin zu folgen. Jeder Ge⸗ danke, jedes Gefühl ſchien ſtille zu ſtehen; ihr ganzes 263& Weſen war auf einen Punkt concentrirt; ihre Augen, ſtarr auf eine Stelle gerichtet, ſahen keinen andern Gegenſtand. Plötzlich ſah ſie zu ihrem höchſten Er— zaunen Albert ſich an die Geſellſchaft anſchließen. Er ſtreckte ſeine Hand freundlich gegen Leopold aus, der ſie herzlich drückte und die Dame, die an ſeinem Arm hing, fröhlich dem neuen Ankömmling überließ. Wieder bemerkte Ella den Blick voll unausſprech licher Liebe, wieder ſah ſie das Lächeln vertrauens voller Neigung, wieder beobachtete ſie den ſanften Druck, mit welchem Roſenthal den weißen Arm zärtlich in den ſeinigen zog. Die ganze Scene war ihr unerklärlich. Einen Augenblick darauf verlor ſie die Gruppe aus den Augen und fühlte ſich gleichſam eines ſchweren Traumes entledigt. Mit einem tiefen Seufzer blickte ſie auf, um die Phyſiognomie ihres Gatten zu befragen; aber ſein Blick war in dieſelbe Richtung mit dem ibrigen gewandert. Umſonſt ſuchte ſie in ſeinen Zügen Stärkung und Beiſtand; ein Schatten des Mißfallens ſchwebte über ſeine dunkle Stirne. Vielleicht war es Einbildung— oder wußte er darum? Sie wurde in ihren Gedanken unter⸗ brochen durch Leopold, der zu ihr trat und heftig rief:„Iſt ſie nicht außerordentlich ſchön?“ „Meinſt Du die Dame, mit welcher Du walzteſt, die Gräfin“— 264 S⸗ Sie konnte den Namen nicht ausſprechen, der einſt der ihrige hatte werden ſollen. „Ja, ſie iſt anerkannt die Königin des Feſtes!“ rief er.„Wir hörten immer, daß ſie ſchön ſey. In dieſem Falle hat das Gerücht nicht übertrieben.“ Als er dieſe Worte ſchnell hervorgeſtoßen hatte, übergab Corſini ſeine Gattin dem Schutze ihres Bruders. „Wann wurdeſt Du eingeführt?“ fragte Ella ſtotternd, als der Prinz ſich entfernte. „Erſt vor wenigen Tagen. Sie wird ſehr be⸗ wundert; heute iſt ihr Triumph vollſtändig. Iſt ſie nicht ſehr lieblich?“ Ella antwortete nicht, bis die Wiederholung der Frage ihr eine widerſtrebende Bejazuns aus⸗ preßte. „Wie kalt Du biſt, Ella! So abgemeſſen haſt Du dieſes Ja ausgeſprochen, daß man beinahe denken könnte, Du beneideſt ſie um ihre Reize,“ fuhr der Hauptmann von Lindenberg fort.„Aber Frauen ver⸗ ſtehen ſelten, oder muß man ſagen, bekennen ſelten die Schönheit einer Andern. Ich wundere mich nur, daß die Stiefmutter ſo vergnügt iſt, dieſe ſchöne Pariſerin vorſtellen zu dürfen.“ „Die junge Gräfin bedarf aber keines Beſchützers/ * 1 8 ₰ 265& bemerkte Ella etwas muthiger,„ſie bat ja ihren Gatten!“ „Gatte!“ wiederholte Leopold,„Konſtanze Ro⸗ ſenthal iſt unverheirathet.“ „Konſtanze?“ wiederholte ſie mechaniſch; eine ſchmerzliche Ahnung durchzitterte ſie.„Konſtanze ſagteſt Du? Tanzteſt Du nicht mit der Gattin“— „Nein,“ unterbrach ſie Lindenberg,„die Gräfin Alfred iſt jene große Dame in ſchwarzem Sammt; ſie tanzt niemals.“ Die Fürſtin athmete ſchwer.„Wo iſt die Gattin — Alberts?“ Leopold blickte ſeine Schweſter ernſthaft an, deren bleiche Wangen und bebende Lippen zu deutlich die Qualen ausſprachen, die ſie litt. „Ich fürchte, Ella, hier iſt ein Mißverſtänd⸗ niß,“ ſprach er ruhig. „Sprich, täuſche mich nicht länger!“ rief ſie, ohne ihre tiefe Aufregung verbergen zu können. „Sey ruhig, um Gotteswillen! Der Fürſt blickt auf Dich,“ ſagte der Bruder, augenſcheinlich in Verlegenheit. „Der Brief, den Du mir zeigteſt,“ ſprach ſie feſt, nenthielt die Vermählung Roſenthals. War es keine Täuſchung?“ „Nein, wir mißverſtanden nur die Anfangs⸗ — Buchſtaben. Alfred und Albert beginnen mit dem⸗ ſelben Buchſtaben.“ Ein Seufzer, den ſie vergebens zu unterdrücken ſuchte, war die einzige Erwiederung auf dieſe Nach⸗ richt. Leopold zögerte fortzufahren; er blickte auf ſeine Schweſter. Ihre Wange war ganz farblos, aber ſonſt war kein Zeichen innerer Bewegung be⸗ merkbar. „Darf ich es wagen, der Fürſtin von Corſini meine Glückwünſche darzubringen,“ ſprach eine wohl bekannte Stimme. Sie kehrte ſich nach dem Sprecher um— Albert ſtand ihr zur Seite. Er hatte dieſe Worte in einem halb bekümmerten, halb vorwurfs⸗ vollen Tone geſprochen und es war ſchwer zu ent⸗ ſcheiden, was von Beiden am meiſten hervorſtach. Jede Sylbe ſchien in ihre Seele zu dringen, doch wurde ſie ihrer Gefühle ſo weit Meiſter, um eine paſſende Antwort zu geben; und kaum hatte ſie ge⸗ endet, als ihr Gemahl zu ihr trat und Roſenthal wie einen alten Bekannten begrüßte. Dies war ein Umſtand, auf den ſie nicht vor⸗ bereitet geweſen war. Ihre Lage war die peinlichſte, als ſie die anſcheinende Vertraulichkeit bemerkte, die zwiſchen dem Mann, welchen ſie liebte und dem, welchen ſie lieben ſollte und mit dem ſie unzer⸗ trennlich verbunden war, beſtand. Wieder begegnete —— 267 ſie Alberts glühendem Blick. Er war magerer und bleicher, als bei ihrer Trennung. Dieſer eine kurze Blick ſprach mehr als ganze Bände, aber ſeine Be⸗ deutung concentrirte ſich in dem einen kurzen Wort: ſie war elend! „Ihre Schweſter iſt ſeit einiger Zeit in Wien,“ bemerkte ſie nach einer Pauſe, welche peinlich zu werden drohte. „Die Fürſtin wird ſich freuen, ihre Bekannt⸗ ſchaft zu machen,“ bemerkte Corſini. Albert verbeugte ſich verbindlich vor dem Für⸗ ſten; dann wandte er ſich an Ella und fuhr fort: „Unmittelbar nach der Vermählung meines Bruders kehrten wir hieher zurück. Ich hatte gehofft, Sie früher zu ſehen,“ ſprach er mit ſo leiſer Stimme, daß die letzten Worte des Satzes nur das Ohr er⸗ reichten, für das ſie beſtimmt waren. „Wird der Graf und die Gräfin lange bei Ihnen verweilen?“ fragte Ella kalt. „Nein, mein Bruder bekleidet eine wichtige Stelle; er kann nur eine beſtimmte Zeit lang aus⸗ bleiben; morgen reist er von hier nach Paris zurück.“ Ella's Lage wurde mit jedem Augenblicke pein⸗ licher und ſchwieriger, je mehr ihre zurückgedrängten Gefühle über jene konventionellen Formen den Vor⸗ rang gewannen, welche ſie in Stand geſetzt hatten, ₰ 268 Se⸗ dieſe Zuſammenkunft auszuhalten. Zuletzt drang der Fürſt in Albert, ſie zu beſuchen. Albert wechſelte die Farbe, nahm aber die Ein⸗ ladung an. Unter Ella's Füßen ſchien der Boden zu zittern und einzuſinken, als ſie die unwillkommene Zuſage hörte. Der Gedanke, Roſenthal auf freund⸗ ſchaftlichem und vertrautem Fuße in ihrem Hauſe zu empfangen, war ihr unerträglich; doch wußte ſie nicht, was ſie thun ſollte. Die angeborene Würde ihres Geiſtes verſchmähte den Gedanken, ihn ver⸗ meiden zu wollen; aber auf der andern Seite ihm zu begegnen, mit ihm als Freund ſich zu unter⸗ halten und ihn zu hören, dies hätte eine Selbſt⸗ beherrſchung erfordert, der ſie ſich keineswegs ge⸗ wachſen fühlte. „Warum tanzen Sie nicht?“ fragte Ella, da ſie nicht ſtumm bleiben wollte, damit ihr Gemahl nicht ihre Verwirrung entdecke. „Ich tanze jetzt nie,“ ſprach er und in den letzten Worten lag der Ausdruck tiefer Trauer. In dieſem Augenblick vertraute Corſini, um eine Geſellſchaft, die ſo eben in den Saal trat, begrüßen zu können, ſeine Gattin dem Schutze Roſenthals an. Ella zögerte, ehe ſie es wagte, ſeinen dargebotenen Arm anzunehmen. Sie meinte, jedes Auge müſſe 1 —— 269&⸗ auf ſie gerichtet ſeyn, die innerſten Winkel ihres Herzens müßten offen vor der Welt liegen. Die verlegene Pauſe, die jetzt eintrat, wurde von der Fürſtin unterbrochen, die bemerkte, daß es ſchon ſpät werde. „Sie ſind ungeduldig, dieſe kurze Zuſammen⸗ kunft ſelbſt noch mehr abzukürzen,“ murmelte Albert vorwurfsvoll;„o Ella, mein Glück iſt zerſtört. Ich fühle es jetzt bitterer als jemals. Was haben Sie nicht zu verantworten?“ „Ich!“ rief ſie unachtſam, beinahe überwältigt von Gefühl,„ich? Sie werden nicht mich anklagen wollen! Doch ſtille davon,“ rief ſie, ſich unterbre⸗ chend.„Fortan,“ ſetzte ſie feſter hinzu,„fortan, Graf Roſenthal, wenn wir uns wieder treffen, ſo wollen wir jede Erinnerung an die Vergangenheit vermeiden.“ In dieſem Augenblick kehrte Corſini zurück. „Sie ſehen ermüdet aus, Theuerſte,“ rief er, an ihrer Seite Platz nehmend.„Ich fürchte, das Gedränge und die Hitze haben Ihnen geſchadet. Soll ich nach dem Wagen ſenden, meine Theure?“ „Erlauben Sie mir darnach zu ſehen,“ ſagte Albert ſchüchtern,„ich fürchte, die Fürſtin iſt unwohl.“ Er verſchwand ſogleich aus dem Saale, kehrte jedoch unverzüglich zurück und begleitete die Gattin 270& Corſini's hinaus. Der Schimmer der Lampen be⸗ leuchtete ihre bleichen Züge, als ſie heiter auf Albert lächelte; es war zugleich ein Lächeln der Dankbar⸗ keit, des Kummers und der Reue. Während der Wagen davon rollte, winkte der Fürſt noch artig mit der Hand und rief:„Erinnern Sie ſich, Roſenthal, daß wir Sie morgen erwarten werden.“ ntrol Chart HNod Magenta