* 1. Offense 5 ek ſteht 3n Em. pfan ag von 2 7 Uh. 1. Norgens s geliehenen Buches wird von eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ſſen, bei Entgegennahme n entſprechende Summe⸗ be von mir zurückerſtattet Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— hen auf 1 Monat: 1 Mkr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 1 5 2.— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und, der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefah 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſe deſfecte Bu⸗ it Ladenpreis t. Dieſelbe iſt auf 14 fmerkſam gema Ella oder des Kaiſers Sohn. 1 Aus dem Engliſchen der Miſtreß Lambert, 4, überſetzt 4 4 5 von' 4 Guſtav Diezel. G 1” 3 4 Erſter Band. 1 4—10— 4 6 Stuttgart. 4 1 5 Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. II 1 8 3 9. 1 — Dem hochedlen Marquis von Clanricarde ꝛc. ꝛc. ꝛc. Lord-Sieutenant der Grafſchaft Galway, Custos Rotulorum, ꝛc. ꝛc. ꝛc. — — Theurer Lord Clanricarde! Da„Ella“ fortan mit einer lebhaften Erinnerung an den gütigen Antheil verbunden bleiben muß, den Ihre Lordſchaft an ihrer Veröffentlichung genommen haben, ſo iſt es mir nicht möglich, in einer bloß einfachen Zueignung den Tribut meiner ehrerbietigen Freundſchaft darzubringen, ohne den herzlichen Ausdruck meiner Dankbarkeit rimzumwfügete Gewähren Sie die weitere Gunſt, mir zu erlauben, meine wärmſte Erkenntlichkeit und die Verſicherung der Achtung und Verehrung Ihnen auszuſprechen, womit ich das Vergnügen habe zu bleiben, Theurer Lord Clanricarde aufrichtig die Ihrige die Verfaſſerin. Erſtes Kapitel. Nächt als am dicht beſäten Firmament Des Himmels Edelſteine wollten dunkeln Die flock'gen Wolken, ſah ich einen Stern, So freudig funkelt' er auf ſeiner Bahn, 1 Mitleidig mieden, wie aus Zärtlichkeit, 1 Die Dunſte ſeine Stelle und vorbei Auf beiden Seiten zogen ſie und ließen Ihm freien Raum, und als ich auf ihn ſah Und meines Lebens wolkenloſen Lauf M Im Geiſt betrachtet, nannt' ich dieſen Stern Mich ſelbſt; da plötzlich aus dem Kinterhalt Ein düſtrer Streifen kroch darüber hin, Ein ſchwarzer Fleck verdunkelte die Stelle; Ich ſahe meinen Stern nicht mehr. Der Stadtvorſtand von Brügge. „Glaube mir, theure Ella, Alles was iſt, iſt gut; jede Prüfung, jeder Kampf, jeder un⸗ verdiente Kummer und unerwartete Streich des Unglücks iſt ein geheimes Mittel zur Förderung 8 unſeres beſſern Selbſt; ſo laß uns das Leben 4 betrachten, und ohne in dieſer Welt Etwas zu verlangen, ohne Etwas zu fürchten, können wir Alles von der nächſten Zukunft hoffen. Aber die Ella. I. 1 „ dieſen ſchwärmeriſchen Ahnungen Deinen klaren ⅞☛c Nacht bricht ſtark herein, wir müſſen unſere Schritte nach dem Schloſſe richten, das Abendeſſen wird aufgetragen ſeyn.“ Dies waren die Worte eines hübſchen, jungen Cavaliers, während er mit augenſcheinlicher Sorg⸗ lichkeit eine wallende, reichgeſtickte Wildſchur um die zarte, leiſe bebende Geſtalt eines jungen Mädchens legte, das ſich nachdenklich an ſeinen Arm hieng. Schweigend ſchritten ſie einige Augen⸗ blicke dahin, als die Dame aufwärts blickend an⸗ hielt, und ohne ihren Begleiter anzuſehen, ſprach: „Halt Albert, laß mich jenen Silberſtern betrachten, einen Augenblick,— mich dünkt er funkelte, als Du ſprachſt; bemerke den engen blaſſen Kreis, der um ihn zittert: vielleicht ſind es die Planeten, die unſer Schickſal beherrſchen.“ „Liebenswürdige Schwärmerin,“ rief der Ge⸗ liebte,„ich muß dieſe krankhafte Empfindſamkeit unterdrücken.“ „Ach! eine Wolke verdunkelt den glänzenden Stern, an den ich unſere Zukunft knüpfte,“ rief Ella;„wir werden nicht glücklich ſeyn,“ fuhr ſie, ſimnend fort,„es flüſtert Etwas, wir ſeyen zum unglück beſtimmt.“ „Ella, Du biſt zu abergläubig; ich erkenne in — —— — Verſtand nicht wieder,“ verſetzte Albert mit Ernſt: „unſere Eltern haben in unſere Verbindung gewilligt, — es iſt kein Grund für ſo düſtere Beſorgniß vor⸗ handen; warum alſo die reizende Gegenwart durch trübe Ahnungen verbittern? Wir werden uns ſicher einen Verweis zuziehen, daß wir uns dem fallenden Thaue ausgeſetzt, Deine Mutter wird über unſer Zögern ungehalten ſeyn; morgen können wir unſern Spaziergang und den Faden unſeres Geſpräches wieder aufnehmen; jetzt laß uns nach Hauſe eilen. Horch! die Schloßglocke ſchlägt die Stunde. Acht Uhr!“ Während er ſprach, klangen die metallenen Töne über die nahen Hügel und engen Hohlwege her⸗ über, und erſtarben ſanft und allmählig in der Ferne. Das jugendliche Paar, Arm in Arm ge⸗ ſchlungen, glitt längs des herrlichen Baumgangs dahin, welcher in gerader Linie zum Eingang eines hübſchen alten Schloſſes führte, das dicht am Nand des Sees ſtand. Sie langten eben an, 8 in dem prächtigen Saale, welcher einen beträchtlich en Theil des untern Gebäudes ausmachte, ein ſubſtan⸗ tielles Nachteſſen aufgeſetzt wurde. Die hohe, gewölbte und ſonderbar geſcnibte Decke hatte jene kräftige, ſchwarze Farbe ange⸗ nommen, welche die Zeit allein hervorbringen kaun. Die Schönheit der ausgeſuchten Arbeit, die an 4 1* 5 ihren verſchiedenen Abtheilungen mühſam angebracht war, konnte beim Scheine einer alterthümlichen, mit feinen Figuren künſtlich gearbeiteten Silberlampe, die an einer maſſiven Kette vom demſelben Metall vom Mittelpunkt der Decke herabhing, nur un⸗ vollſtändig erkannt werden. Der vereinigte Schein ihrer Strahlen fiel lothrecht auf die gaſtliche Tafel, die ſich prunkend darunter ausbreitete und eine duftige Mannigfaltigkeit herrlicher Speiſen entfaltete, wie ſie bei einem deutſchen Abendeſſen gewöhnlich ſind. Alles war in reichgefaßten Schüſſeln oder. Tellern aufgetragen, von demſelben koſtbaren Metall, aus welchem die Lampe gearbeitet war. Der Baron von Lindenberg, welcher auf pa triarchaliſche Weiſe den Vorſitz an ſeiner Tafel führte, begrüßte die Liebenden mit einem Lächeln, das durch wohlwollenden Ernſt gemildert war; whrend der freundlich verweiſende Blick ſeiner noch immer ſchönen Gattin ſanft zu verſtehen gab, daß der Abendſpaziergang über die Grenzen der Klugheit hinaus verlängert worden ſey. Die Baroneſſe war noch nicht bei jenem ge⸗ heimnißvollen Zeitpunkt angelangt, wo die Damen es für räthlicher achten, ihr Alter zu verheimlichen; ſie war noch nicht vierzig, und bewahrte viele jugend⸗ liche Friſche mit einigem jugendlichen Glanze. Ihr 4 ſchönes dunkelbraunes Haar war zum Theil von einer Frauenhaube verborgen, welche durch ihre ungekünſtelte Einfachheit die Schönheit der Trägerin vielleicht noch erhöhte, aber die glänzenden Flechten, die ihre Stirne umgaben, bewieſen, daß die Zeit bisher die goldene Ueppigkeit ihrer Locken geſchont habe. Ihre milden Geſichtszüge hatten den Aus⸗ druck weiblicher Sanftmuth und Lieblichkeit, der beſonders bezeichnend war für jene ſtillen Tugenden, welche die Hauptzierde deutſcher Frauen ausmachen. Ella und ihr Genoſſe, nebeneinander ſitzend, waren bald in eine muntere Unterredung vertieft, 8. in welche die freundlichen Eltern ſich hie und da miſchten, um Geſprächen, welche leicht enthuſiaſtiſch werden könnten, eine nützliche Richtung zu geben. Der Vater verſäumte es nie, eine Lehre zu er⸗ theilen, die Mutter nie, einen moraliſchen Schluß zu ziehen, und das Geſpräch wurde bis zur gewöhn⸗ lichen Stunde der Ruhe lebhaft geführt.. Als die Familie im Begriff war, ſich für d e Nacht zu trennen, bemerkte der Baron, daß er die kommende Woche zu ihrer abeeiſe beſſimmt habe, 44 weitern Aufſchub wieder aefeunehmen Ella ſeufz tief, als ſie die Vertauſchung der ſrangen Jan. gezogenheit von Schloß Ehrenfels mit dem Glanz und dem bewegten Leben Wiens ſo nahe vor ſich ſah. Aber als Albert ihr ſanft in's Ohr flüſterte: „wir werden beiſammenbleiben, Theuerſte,“ unter⸗ drückte ſie den Ausdruck des Schmerzes, der in ihr aufſtieg, und ihre gewöhnliche Heiterkeit wieder an⸗ nehmend, bat ſie ſanft um den nächtlichen Seegen, den ihre wohlwollenden Eltern ihr voll Innigkeit ertheilten, während der Geliebte die ihm verſprochene Hand zärtlich drückte, die ſie erröthend, halb willig, halb widerſtrebend, ſeinen Liebkoſungen überließ. Nach einigen Tagen reiste die ganze Familie nach Wien ab, wo ſie ohne Unfall und Abenteuer anlangten. 4 Zweites Kapitel. II suffit, ce nom vaut une histoire. Lamartine. Lambition est la vertu des grandes ämes et le vice des petits. Jacob. Der Herr Baron von Lindenberg war der letzte Stammhalter eines berühmten Geſchlechts, und konnte einen Stammbaum vorzeigen, welcher den unzwei⸗ deutigſten Stempel der Alterthümlichkeit trug; ob⸗ gleich keine beſtimmte Zeit ſeines Urſprungs nahm⸗ haft gemacht werden konnte, der ſich durch die trüben und unſichern Sagen vergangener Jahrhunderte hindurchzog. Mit Einem Worte, das Geſchlecht der Lindenberg war ſtets ein edles geweſen. Ihr Wappen war mit manchem herzoglichen und ſelbſt königlichen Felde reich geſchmückt, während des Kreuzſahrers Kreuz und des Pilgers Muſchel eine Frömmig teit ausſprachen, gleich alt mit jenen ritterlichen in denen der Name Lindenberg mit dem glän Gefolge lehensherrlicher Größe gepaart war. Bis jetzt hatte ſich das freiherrliche Blut in vermiſchter Reinheit erhalten. Markgrafen, L. 4 grafen, Burggrafen, Pfalzgrafen und Lurfürſen hatten entweder ihre ſchönen Töchter den auf einander folgenden Häuptern des Hauſes Lindenberg zur Ehe gegeben, oder ihre eigenen edlen Gattinnen aus der Mitte der wenigen begünſtigten Frauen dieſes alten Ge⸗ ſchlechtes gewählt, denen es erlaubt war, durch eine vor⸗ theilhafte Verbindung dem drohenden Cölibat in einem erblichen Kapitel zu entgehen, in welchem Frauen aus dem Hauſe Lindenberg eine Reihe von Generationen hindurch die Würde der Aebtiſſinnen bekleidet hatten. Aber Friedrich Baron von Lindenberg, auf den uns jetzt unſere Erzählung führt, bildete eine glück⸗ liche Ausnahme von der einförmigen Größe ſeiner Ehrfurcht gebietenden Ahnen. Der einzige Spröß⸗ ling einer Familie, die ohne ihn erloſchen wäre, hatte er in früher Jugend ihre adeligen Auszeich⸗ nungen geerbt. Indem ſo der Ruhm von Jahr⸗ hunderten ihm zufiel, war er gleichwohl weit entfernt, mit dem Glanz ſeiner Lage ſich zufrieden zu fühlen, da er ſeine Beſitzungen in Folge des fürſtlichen Aufwandes ſeiner Vorfahren ſo völlig verſchuldet daß ihm faſt keine Mittel übrig blieben, um alten Titel aufrecht zu erhalten; eine Die übel berechnete Freigebigkeit der drei letzten Generationen hatte in den einſt ſo großartigen Be⸗ ſitzungen ſchreckliche Verwüſtungen angerichtet, und indem der Freiherr jeden Augenblick den jeweiligen Stand ſeiner Angelegenheiten prüfte, fand er, daß ein großer Theil ſeiner Beſitzungen nicht ausgelöst werden konnte, und daß Schloß Ehrenfels und das ausgedehnte Gut, das dazu gehörte, Alles war, was ihm übrig blieb oder füglich als ſein Eigenthum betrachtet werden konnte. Nach einem ſchmerzlichen Kampfe ſeines männ⸗ lichen Stolzes, der die feſtwurzelnden Faſern ört⸗ licher Anhänglichkeit durchbrach(eine Anſtrengung, welche in Ländern, wo Reichthum allein eine Aus⸗ zeichnung begründet, kaum gewürdigt werden kann), entſagte er dem größten Theil ſeiner Beſitzungen, die Ländereien wurden verkauft, die Forderungen aller Gläubiger befriedigt, und das alte Schloß, wirklich der unbedeutendſte Theil ſeines zertrümmerten Erbes, wurde zum Wohnſitz des unabhängigen und edelgeſinnten Beſitzers beſtimmt. Es war aus dem grauen Alterthum, und bot ein verfallenes Aeußeres dar, zu deſſen Ausbeſſerung dem Freiherrn die Mittel fehlten. Doch gebrach es ihm keineswegs an maleriſcher Schönheit. Die umliegende Landſchaft, wild bis zur Erhabenheit, * 10 G◻⸗ gewährte einen lieblicheren Anblick in der unmittel⸗ baren Nähe des Gebäudes, das gegen Norden von einer hohen, zum Theil mit üppigen Fichtenwäldern bekleideten Bergreihe, geſchützt war; gegen Süden breitete ſich eine ſchöne Waſſerfläche aus, umgeben von einem Abhang fruchtbaren Wieſenlands, dem eine ſorgfältige Pflege den Anſchein lächelnden Ge⸗ deihens mitzutheilen ſchien, das mit den grauen Mauern des abgenutzten Gebäudes einen ſchneidenden Contraſt bildete. Die geräumigen Höfe waren mit Moos über⸗ wachſen, die hohen Thürme mit Epheu umrangt, die maſſiven Thore boten mit ihren knarrenden Angeln dem Kommenden einen widerſtrebenden Empfang, und das vergoldete Getäfel in den weiten Hallen war geſchwärzt und entſtellt. Eine mürriſche Samm⸗ 8 lung von Familienbildniſſen hing in düſterer Hoheit von der modernden Wand herab, während verbli⸗ ſchene Tapeten die Staatsgemächer deckten, welche einſt von bemalten Fenſtern belebt waren, die jetzt zerbrochen und entſtellt waren. S Lindenberg war, was man einen ruinirten Mann nennt, aber er ſelbſt fühlte nur, daß er ein armer Mann war. Gleich ausgezeichnet durch die Erhabenheit ſeines Geiſtes, wie durch die Reinheit ſeine s Blutes, faßte er den Entſchluß, entweder das 4 1 geſunkene Glück ſeines Hauſes aufzurichten, oder wenigſtens einen Glanz auf ſeinen Fall zu werfen; oder endlich, wenn dies nicht gelänge, ruhig in jenes heitere Dunkel zurückzuſinken, das das Schickſal für ihn bereitet zu haben ſchien. Er fühlte, daß ſein künftiges Loos nur von ſeinen eigenen perſön⸗ lichen Anſtrengungen abhänge, und daß er entweder in hoffnungsloſer Unbedeutendheit verkommen oder ſeines eigenen Glückes Schmied werden müſſe. Das Schwert war immer eine Art erblichen Zubehörs der Familie geweſen, aber die nachdenk⸗ liche und etwas philoſophiſche Geiſtesrichtung unſeres Freiherrn wandte ſich kalt ab von dem Glanz und Ruhm des Schlachtfelds. Auch das Kloſter war für ihn offen; jedes Stift in Oeſterreich war bereit, ſeine ſchwarzen Thore zum Empfange eines Linden⸗ bergs zu öffnen, aber ſelbſt die Ausſicht auf eine * Inful hättegihn nicht auf den Pfad geiſtlichen Ehr⸗ geizes gelockt, und die ſtumpfe Unthätigkeit eines kirchlichen Lebens ſtimmte noch weniger zu ſeinem Geſchmack, als das wilde Getöſe des Kriegs. Die Saat des Genius keimte in ihm; ſeine Seele erhob ſich auf den Flügeln der Hoffnung, und je mehr er die zunehmende Stärke ſeines Geiſtes fühlte, deſto ängſtlicher war er darauf bedacht, ſeine Kräfte zum Wohl ſeines Landes zu verwenden. 4 So- 12 G Die Natur, das fühlte er, hatte ihn zum Staats⸗ mann gebildet, er glaubte, auch zum Philanthropen; un mit Einem Worte, er glaubte ſich zur Förderung des Glücks und der Wohlfahrt ſeines ganzen Ge⸗ ſchlechts berufen. Aber unzählige Schwierigkeiten umringten ihn, und drohten ſeine Beſtrebungen zu vereiteln; denn wie ſich die Energie ſeines Geiſtes zu erheben ſuchte, fühlte ſie ſich geſeſſelt und gehemmt durch pecuniäre Verlegenheiten. Dies allein wäre hinreichend geweſen, einen gewöhnlichen Geiſt zu hemmen und zu demüthigen; aber je mehr ſich die Schwierigkeiten häuften, deſto glühenderes Verlangen trug Friedrich, ihrer Herr zu werden. Dieſelbe jugendliche Unreife, welche ihm die Ausſicht auf baldigen Erfolg auf dem dornigten Pfad der Politik verſchloß, ſpornte ihn zugleich zu einer noch eifrigeren Verfolgung deſſelhen an. Er⸗ fahrung würde gezögert haben bei einer Wahl, wo die Begeiſterung ausdauerte. Voll Vertrauen auf den Umfang ſeiner Kräfte ſtemmte er ſich ſo dem Strome widriger Umſtände entgegen; denn wie er mit ungewöhnlichen Talenten begabt war, ſo beſaß er auch in hohem Grade jenen ſichern Takt im Handeln, der ihn in den Stand 13 ⸗ ſetzte, ſein Talent zur Förderung ſeines weltlichen Glückes geſchickt anzuwenden. b Seine Erziehung, die äußerſt verſtändig geleitet worden war, hatte die praktiſche Erkenntniß der gegenwärtigen Zeit mit der bis ins Einzelne gehenden Erforſchung der klaſſiſchen Geſchichte verbunden, ſo daß ein kurzer Zeitraum, dem aufmerkſamen Studium politiſcher und hiſtoriſcher Forſchungen gewidmet, ihn bald für die diplomatiſchen Funktionen vorbereitete, in welchen er ſich zuerſt verſuchen wollte. Er wurde zum Attaché der** Geſandtſchaft ernannt, und als er kurz nachher in einer etwas verwickelten Unterhandlung, die man ihm anvertraut hatte, ungewöhnliche Beſonnenheit zeigte, wurde er ſofort zum Geſandtſchaftsſekretär ernannt, und in einen ausgedehnteren Wirkungskreis verſetzt. Stufen⸗ weiſe kam der feine Verſtand und die unwandelbare Unbeſtechlichkeit des Baron von Lindenberg zu Ruf; 8 6 Schritt vor Schritt gelangte er zu den höheren 4 Ehrenſtellen des Staates, und ſtieg mit ſicherem, furchtloſem Schritt die Leiter der amtlichen Würden empor. Nach Verlauf weniger Jahre wurde Lindenberg 4 zum Geſandten am* ſchen Hofe ernannt, und erhielt vom öſterreichiſchen Kabinet einen Auftrag von höchſter Wichtigkeit. Zugleich mit ſeiner — — 14 G Beglaubigung erhielt er auch die ſolideren Vortheile einer ausgedehnten Begünſtigung, Vermehrung ſeines 4 . Einkommens, und alle ſchmeichelhafte Vorrechte ſeiner amtlichen Stellung. 3 Es iſt unſere Abſicht nicht, bei dieſer frühern Periode im Leben des Freiherrn zu verweilen, oder ihm durch alle Phaſen ſeiner glänzenden Laufbahn zu folgen, die durchaus durch Feſtigkeit im Vorſatz und Unbeſtechlichkeit der Grundſätze bezeichnet war, die nicht immer die Begleiterinnen des Genius oder die Urſachen des Erfolgs ſind. Es genüge zu ſagen, daß das Glück ihm zulächelte; er beſaß das Ver⸗ trauen ſeines Landes, die Bewunderung ſeiner 1 Nebenbuhler, und die perſönliche Freundſchaft ſeines ſ Souveräns; das Ziel ſeines Ehrgeizes war erreicht, er war auf dem Gipfel der Macht und der öffent⸗ lichen Gunſt. Unter den Prüfungen, welchen das menſchliche Herz unterworfen iſt, ſind diejenigen Verſuchungen und Anfechtungen am meiſten zu fürchten, die daſſelbe in Mitte des Glückes beſtürmen; doch Lindenberg war im Stande, unverſehrt durch dieſe Prüfung 1 hindurchzuſchreiten. Die Gaben des Geſchicks mit Dankbarkeit und. 1 Demuth zu genießen, die Ueppigkeit des Ueberfluſſes ohne Prahlerei zu theilen, die glänzenden Aus⸗ 1 1 1 1 4 ſicherem Benehmen galt, ſo blieb doch ſein Herz zeichnungen des Ruhmes mit Beſcheidenheit zu tragen; in dem Mittelpunkte des Glanzes, von Pracht um⸗ geben, noch ein Herz zu haben für die Leiden des Nebenmenſchen: dies ſind die Triumphe des Charakters, die Triumphe des Geiſtes über die Materie, Triumphe, welche wir nur der Schönheit in uns verdanken; und dies waren die Triumphe Lindenbergs, der den Lockungen des Reichthums, der Verderbniß eines Hofes widerſtand, und auf der Höhe ſeiner amt⸗ lichen Stellung den aufrichtigen Eifer für die Tugend ſich bewahrte. Die Blüthe der Jugend war dahin gegangen, ehe der Freiherr an eine Heirath dachte. Ihr Nutzen und die mannigfaltigen Vortheile, die, unter weltlichem Geſichtspunkt betrachtet, daraus entſpringen, hatten ſeinen Geiſt keinen Augenblick beſchäftigt.— In die Staatsgeſchäfte und die alles verſchlingenden Regie⸗ rungsſorgen vertieft, hatte er ſich bis jetzt niemals ſanftern Regungen hingegeben, für welche er gleich⸗ wohl in hohem Grade empfänglich war. Liebe war ihm ſtets fremd geblieben; ſeine Thätigkeit hatte ſich ganz auf die ungeheure Maſchine der geſetzgebenden Macht concentrirt, ohne ſich je an dem Feuer einer Neigung zu erwärmen; denn oblleich er in je⸗ dem Zirkel als ein Muſter in feiner Bildung und 16 ρ unberührt bei der Begegnung von zufälligen und vorübergehenden Vorzügen. Mochte inzwiſchen der Baron hie und da den leichtern Eindrücken der Sinne und einer lebhaften Empfindung für das Schöne nachgegeben haben, ſo hatte er doch nie die Erfahrung einer dauernden oder verzehrenden Leidenſchaft an ſich gemacht, die in einem Gegen⸗ ſtand lebt, und mit deſſen Verluſte Alles verliert.— Der mächtige Reiz perſönlicher Lieblichkeit war an ſich nicht zureichend, um einen Mann wie Linden⸗ berg zu feſſeln; ſogar der Genius blendete ihn nicht, hohe Bildung konnte ihn nicht reizen, und die Ueber⸗ legenheit intellektueller Vorzüge konnte ſein ruhiges Urtheil nicht beſtechen. Er hatte allen ihren Reizen, mochten ſie noch ſo ſehr durch Geburt, durch Rang, durch Reichthum verſtärkt ſeyn, widerſtanden; er wich ihrer Zaubermacht nicht; ihr Schimmer be⸗ rührte ſein Herz, wie der Mondſtrahl, glänzend, aber kalt. Bei den meiſten Menſchen erhebt die Liebe die Seele, und ſteigert die ſittliche Stimmung zu einer glühenden Stärke: es iſt ein Aufruhr der Leidenſchaften; jedes verborgene Gefühl, jede ſchlummernde Kraft wird zur Thätigkeit erweckt, und dieſe ſchlafenden Fähigkeiten, die ohne jene prometheiſche Berührung verborgen und ungeahnt im ſtarren Buſen zurückgeblieben wären, — 17 Se erwachen zum Bewußtſeyn ihrer ſelbſt; die Statue des Pygmalion wird lebendig. Bei dem Freiherrn war die Liebe ein geiſtiges Weſen anderer Art; ſie glich bei ihm dem Nach⸗ laſſen des Sturms, wenn alle ſtreitende Elemente zur Ruhe gebracht ſind, oder dem ſanften Abend⸗ zwielicht, das auf den verſengenden Glanz des Tages folgt; es war ein beruhigender Einfluß, der auf die Fülle und Reife des Lebens mildernd ein⸗ ue⸗ der Leidenſchaft ihre Heftigkeit nahm, und einen ſtrafenden und ſänftigenden Schleier warf über die glänzenden Ausſichten einer ehrgeizigen Einbil⸗ dungskraft. Es kann auffallend erſcheinen, daß Der, welcher unverſehrt mitten durch den Glanz der Schönheiten des Hofes hindurchgeſchritten war, durch die kunſtloſe Einfalt eines Weſens gefeſſelt wurde, das Wenige dem hochbegabten und ariſtokratiſchen Lindenberg zur Gattin beſtimmt haben würden. Doch Caroline Elehenſtein paßte in Wahrheit für ihn. Ein ſchönes zartes Geſchöpf, gleichſam ein duftender Aushauch von allem Süßen und Himmliſchen; ſie glich einer Raphael'ſchen Jungfrau, und ihre Seele entſprach ihrem Aeußern. Die funkelnden Cryſtalliſationen der weiblichen Natur zeichneten ſie nicht aus; aber gerade die Abweſenheit aller dieſer glänzenden Härten Ella. I. 2 — 18& machte ſie anziehender. Ihre Vorzüge waren nie blendend, aber überall ſichtbar. Sie ließ ihre Lieblichkeit nicht in ſelbſtbewußtem Glanze ſchim⸗ mern, noch entzündete ſie die Begeiſterung ihrer Be⸗ wunderer durch den kühnen Flug ihrer Phantaſie; ihre Gefühle, dieſe geweihten Penaten einer weiblichen Bruſt, waren in jungfräulicher Heimlichkeit ver⸗ borgen, die dem kühnſten Forſcher undurchdringlich blieb; aber in ihrem feingebildeten Geiſte lag eine unverſiegbare Quelle für Bewunderung und Liebe. Dies war das Weſen, das iſhenbers liebte, und zuletzt heirathete. Fräulein Elehenſtein war nicht von berühmter Abkunft; ſie gehörte dem Kreiſe des gewöhnlichen deutſchen Adels an. Ein ſehr unbedeutendes Ver⸗ mögen hatte bis jetzt ſie und ihre verwittwete Mutter erhalten, vielleicht ihrem Range im Leben nicht an⸗ gemeſſen, doch ſo, daß ihre beſcheidenen Wünſche befriedigt werden konnten. So hatte Lindenberg als ehrgeiziger Mann, und beſonders als Diplomat, eine, wie die Welt ſagen würde, unverſtändige Wahl getroffen. Er opferte bei ſeiner Heirath Viel, und gewann Nichts; keinen Zuwachs ſeiner Mittel, keine Erweiterung ſeiner Verbindungen, keine Ver⸗ mehrung ſeines Anſehens; aber er erhöhte um Vieles ſein häusliches Glück, indem er das unſchätzbarſte aller Güter erwarb, häuslichen Frieden. Seine junge und liebenswürdige Braut wurde natürlich dem kaiſerlichen Hofe vorgeſtellt, und ob man gleich bei der ſtillen Beſcheidenheit ihres Cha⸗ rakters nicht vermuthen konnte, daß ſie einen un⸗ mittelbaren oder ſehr lebhaften Eindruck machen werde, ſo hatte ſie gleichwohl den dauernden Erfolg, daß ſie ſich die allgemeine Achtung zu erwerben wußte. Nach einer Reihe diplomatiſcher Dienſte an verſchiedenen auswärtigen Höſen gelangte Linden⸗ berg zu einer amtlichen Stellung in Wien. Dies geſchah kurze Zeit vor ſeiner Heirath, und konnte füglich als Zeichen des Vertrauens von Seiten der Regierung betrachtet werden, der er ſich bisher als getreuen Beamten erwieſen hatte. Des Wechſels müde, hatte der Freiherr eben genug Reiſen gemacht, um die Vortheile der Heimath ſchätzen zu können, ohne darum die Vorzüge anderer Länder zu ver⸗ kennen, und ſo freute er ſich über eine Stellung, die ihm jede Gelegenheit darbot, den früheren Glanz ſeiner angeſtammten Beſitzungen wieder herzuſtel⸗ len; und obgleich er in den Zwiſchenzeiten ſeiner ernſthafteren Berufsgeſchäften ſeine Aufmerkſamkeit den zahlreichen Ausbeſſerungen zuwandte, die in dem Schloſſe ſeiner Ahnen nöthig waren, ſo wurden dieſe 2 18 2 20& doch nur durch Geſchmack und die angeborne Anhäng⸗ lichkeit an Verhältniſſe der Vorzeit geregelt, und jede Neuerung blieb ausgeſchloſſen. Noch immer blickten die grauen Mauern von Chrenfels düſter über den See; der Epheu wucherte noch immer um die Zinnen. Mit einem Worte, der geliebte Wohnſitz einer langen Reihe von Ahnen wurde, un⸗ verletzt durch moderne Zuthaten, in ſeinen urſprüng⸗ lichen Stand wiederhergeſtellt. Die alten Bildniſſe wurden aufgefriſcht, die Tapeten erneuert, und durch die eichenen Fenſter⸗ rahmen fielen wieder die glänzenden Strahlen ge⸗ brochenen Lichtes auf den bunten Marmorboden. Der höchſte Wunſch des Freiherrn wurde end⸗ lich erfüllt durch die Geburt eines Sohnes. Die⸗ ſes wichtige Ereigniß fand im Schloſſe Statt, und wurde von dem frohen und ergebenen Kreiſe ſeiner Pächter mit begeiſtertem Jubel begrüßt. Ein langer Zwiſchenraum trat ein, ehe unſere Heldin, die blau— äugige Ella, die ängſtlichen Hoffnungen mütterlicher Liebe krönte. Leopold war vier Jahre älter als ſeine Schweſter, und wie ſie aufwuchſen in Unſchuld und Schönheit, erglühte ſeine junge Bruſt in der ganzen männlichen Zärtlichkeit brüderlicher Neigung gegen das ſpielende Kind, das wie ein höheres —':ᷓ!õy— — 21 So Weſen zu ihm aufſchaute, und in glücklichem Wetteifer die Liebe der Eltern mit ihm theilte. Die kärgliche Muße, die Lindenberg den Staats⸗ ſorgen abgewinnen konnte, war jetzt der Erziehung ſeiner Kinder gewidmet, deren jugendliche Charaktere ſich unter ſeiner geſchickten Leitung glücklich zu entfalten ſchienen. Leopold, obgleich ein verſtändiger, ſcharf⸗ ſinniger Knabe, war von ſeinem Vater weſentlich verſchieden. Dieſelbe Energie des Geiſtes hatte hier eine andere Richtung genommen; ſeine ſtürmiſche Natur war philoſophiſchen Spekulationen oder ruhiger Forſchung völlig abgewandt. Die Laufbahn der Berechnung, die uns den Rath gibt, uns zu ſchmiegen, um unſer Glück zu fördern, ſtimmte nicht zu der ſorgloſen Kühnheit ſeines Geiſtes. Sein Geſchmack neigte ſich entſchieden der militäriſchen Laufbahn zu; er ſchmachtete nach Siegen, er lechzte nach Ruhm; Träume von Kämpfen, Gefahren, Triumphen beſuchten ſeinen Schlummer, und ſeine wachen Stunden waren dem Studium der claſſiſchen Geſchichte des griechiſchen und römiſchen Ruhmes gewidmet. Mit einem Worteo, er entſchloß ſich, ein Held zu werden, und ob ſich gleich ſeine Eltern eine Zeit lang einer Wahl widerſetzten, die ihn den friedlichen Reizen der Heimath entfremden mußte, ſo wurde doch der Erbe Lindenbergs zuletzt Soldat. —2 22 S⸗ Nicht ohne Kampf willigte der Baron in eine Wahl, die ſeinen Sohn ſo ganz von ſeiner perſön⸗ lichen Leitung entfernte, und als man ihm eine wider⸗ ſtrebende Einwilligung abgerungen hatte, wandte ſich der Strom ſeiner Liebe mit verdoppelter Gewalt ſeiner Tochter zu. Zu nachdenklich um lebhaft, zu aufrichtig um zurückhaltend zu ſeyn, beſaß Ella, obgleich tief ein⸗ getaucht in die Sanftmuth ihrer Mutter, doch ſehr viel vom Geiſte ihres Vaters. Sie ſchätzte und verehrte nicht blos ſeine vortrefflichen Eigen⸗ ſchaften, ſondern ſie verſtand ihn. Kein geſelliges oder häusliches Band iſt ſo ſtark, wie die Sympathie zwiſchen Weſen, die in ihren intellektnellen Fähigkeiten eine gewiſſe Aehn⸗ lichkeit miteinander haben. Wenn auch die gegen⸗ ſeitigen Verhältniſſe ihrer geiſtigen Vorzüge weit davon entfernt ſind, ſich gleich zu ſeyn: ſchon die Ueberzeugung, daß die Gefühle, Gedanken, Be⸗ weggründe und Wünſche, die von der Menge nicht geſchätzt, ſelbſt nicht verſtanden werden, von dem Gegenſtande unſerer Achtung gewürdigt und be⸗ griffen werden, iſt eine der ſüßeſten Empfindungen, deren unſer Herz fähig iſt. Wir lieben mit ver⸗ doppelter Zärtlichkeit den Geiſt, der den unſrigen ergründet hat. 6 — 22 23 S« Ella beſaß, obgleich Niemand eine einzige ihrer Eigenſchaften männlich nennen konnte, jenen hohen Sinn, der ſie für Alles wahrhaft Edle in hohem Grade empfänglich machte.— Ihr ſchien eine Art von ſittlicher Geiſtesverwandtſchaft inzuwohnen, ver⸗ möge deren ſie ſich beſonders für die Geſellſchaft ihres Vaters eignete, und ihre junge Seele wurde gleichſam der Spiegel, in welchem er das Bild ſeines Charakters in unbefleckter Reinheit im Kleinen erblickte.. Während der Dauer ihres alljährlichen Be⸗ ſuchs zu Ehrenfels widmete ſich Lindenberg beſonders der Pflege der Talente ſeiner Tochter; und freudig entzog er ſich der Unruhe der öffentlichen Angelegen⸗ heiten, da er ſo in dem engen Kreiſe ſeiner Fa⸗ milie einen Gegenſtand ſeines ſtets wachſenden An⸗ theils hatte. Die romantiſche Abgeſchloſſenheit ihres Stammgutes wurde ihnen ſtets theurer, je freier ſie ſich ihren häuslichen Vergnügungen hingeben konnten; und beſonders die Baroneſſe zog, vermöge ihrer eigen⸗ thümlichen Gewohnheiten und Anſichten, deſſen groß⸗ artige Einſamkeit den Feſtlichkeiten des kaiſerlichen Hofes vor, und fühlte, daß die Bande des Blutes ſich enger zuſammenſchließen, wenn die Beſchäftigungen eines thätigen Lebens ſich daran knüpfen.— Mie⸗ mals erſchien ihr Gatte ihr ſo liebenswürdig, als * „ * ₰ 24 S⸗ wenn er die Erziehung ſeiner Tochter leitete, und nie fühlte ſie ein ſo reines Glück, als wenn ſie, fern vom Mittelpunkte der Ueppigkeit und Mode, mit den beſcheidenen Sorgen für ihr Hausweſen beſchäftigt war: denn Zurückgezogenheit iſt die kräftigſte Nahrung für zarte Gefühle. Von ihrem Vater frühzeitig in die höheren Zweige der Literatur eingeweiht, war unſre Heldin mit 15 Jahren nicht eben eine vollendete junge Dame, wie dies der gewöhnliche, in Erziehungs⸗ anſtalten gebräuchliche Ausdruck iſt; denn bei ihren⸗ verſchiedenen Talenten war eine große Ungleichheit bemerklich. Frei von einer äußerlich⸗ anerzogenen Fertigkeit, welche die zarten Umriſſe der Individua⸗ lität ſo völlig verbirgt, und jedes Weib wie ein Buch mit dem gleichen Einband darſtellt, war Ella ein liebliches Muſter Deſſen, was eine Dame bei verſtändiger Leitung werden kann. Manchmal unter⸗ brach ihre Mutter die Studien ihrer Tochter mit Be⸗ ſchäftigungen minder ernſthafter Art, und mäßigte ſo wahrſcheinlich die philoſophiſche Tendenz ihrer ge⸗ wöhnlichen Lektüre, auf die der Freiherr ihre Auf⸗ dnerkſamkeit beſchränkt haben würde. Wäßtend Ella ihrerſeits die Geſinnungen ihres Vaters verehrte, und ſeinen lichtvollen Darſtellungen der Geſchichte, ſeiner wohlgeordneten Theorie der 8 2 25 Staatswirthſchaft und der allgemeinen Menſchen⸗ liebe begierig lauſchte, war ihre Seele, obgleich ſie ſorgſam die mannigfaltigen Lehren bewahrte, die in ſeinem Umgange geſammelt werden konnten, doch zu zart und poetiſch, als daß ſie durch die nüchterneren Schönheiten der Wiſſenſchaft ganz hätte gefeſſelt werden können. Sie ſchwelgte in Idealen; und wandte ſich entzückt von der Betrachtung der ma⸗ teriellen Welt ab, den glänzenden Schöpfungen der Phantaſie zu. Mit Liebe verweilte ſie bei der maleriſchen Li⸗ teratur ihres Landes, und zog die wilden Sagen des Harzes, die Liebe athmenden, und gleichwohl metaphyſiſchen Blätter Göthes, die patriotiſchen Ge⸗ ſänge Körners, die geheimnißvollen Dichtungen Hoffmanns, und die reizenden Mährchen des Mu⸗ ſäus, den mehr klaſſiſch-ernſten Forſchungen vor, die ihr Vater beſonders liebte. Vor Allen aber war Schiller ihr Lieblingsdichter; ſeine anregenden Scenen verbanden die treuen und kühnen Umriſſe hiſtoriſcher Thatſachen mit der begeiſtertſten Sprache des Enthu⸗ ſiasmus; ſeine Charaktere trugen den Stempel der Originalität; ſein Pinſel hatte allen ſeinen Ge⸗ mälden den Glanz ſeines eigenen Genius ange⸗ haucht. Fiesco, Wallenſtein und der Marquis Poſa . — 26& (dieſe glänzende Schöpfung, in der Ritterlichkeit, Patriotismus und Philoſophie verſchwiſtert ſind,) wurden die Ideale ihrer Einbildungskraft und die erhabenen, wenn ſchon übertriebenen Muſterbilder, nach denen ſie ihre Anſichten modelte, und die Menſchen zu würdigen ſuchte. Kein Wunder, wenn ſich ihr Urtheil bisweilen falſch erwies; denn über den bezaubernden Schriſten der genannten Männer verſäumte ſie nützlichere Be⸗ ſchäftigungen, die der Phantaſie weniger ſchmeichelten, und zeigte nicht ſelten einen Mangel an Kenntniſſen— in jenen geringfügigen, aber überſchätzten Punkten weiblicher Vollkommenheit, welche nur zu oft für hohe Vorzüge gelten wollen. Jetzt müſſen wir aber die Aufmerkſamkeit des Leſers auf das begünſtigte Individunm lenken, das wir als den verlobten Liebhaber der Baroneſſe Ella von Lindenberg bereits erwähnt haben. 1 Drittes Kapitel. Norfolk. —— deun nicht geſtützt auf Ahnenthum(deß Gunſt Dem Enkel ſichre Bahn vorſchreibt), nicht fußend Auf Thaten für die Krone; nicht geknüpft An mächt'ge Helfer, ſondern Spinnen gleich, Aus ſeiner ſelbſtgeſchaff'nen Hülſ hervor, Zeigt er, wie Nachdruck eigner Kraft ihm forthilft. Der Himmel gab die Gab', und jetzund kauft ſie Den Platz zunächſt am Thron Abergavenny. Ich kann's nicht ſagen, Was ihm der Himmel gab; Das mag ein ſchärfer Aug' Durchſchaun. Allein, wie allenthalb ſein Stolz Vorſcheint, Das kann ich ſeh'n. Die Familie Roſenthal konnte keinen Anſpruch machen auf angeſtammte Berühmtheit. Gleichwohl hätte der gegenwärtige Beſitzer des Namens, der Vater Alberts, ſich gerne vom Gegentheil überredet; ſein Stammbaum war entſchieden modernen Ur⸗ ſprungs, obgleich ſeine Inhaber beträchtlichen Scharf⸗ ſinn angewendet hatten, um manche alte Geſchlechter der öſterreichiſchen Ariſtokratie hineinzuverweben. Der Gründer des Stammes war der betrieb⸗ ſame Baumeiſter ſeines Glückes geweſen. Urſprüng⸗ lich mit kaufmänniſchen Spekulationen ſich befaſſend, 6 ————— hatte er ſich ein beträchtliches Vermögen erworben, in Folge deſſen mit verſchiedenen Regierungen Anlehen abgeſchloſſen und dadurch in kurzer Zeit das Kapital, mit welchem er zuerſt begonnen, auf das Doppelte erhöht. Aeußerſt glücklich in ſeinen merkantiliſchen und finanziellen Operationen, ließ er ſich zum An kauf großer Länderſtrecken bewegen, deren Ver⸗ beſſerung und Abgrenzung er betrieb. So gelangte er um geringen Preis zu ausgedehnten Beſitzungen und zu einem Titel dazu; und der einfache Name, an den ſich bis jetzt in den zahlreichen Geldmärkten Europa's ſein Kredit geknüpft hatte, wurde jetzt in den wohlklingenderen von Roſenthal umgeſchmolzen. Gold iſt beinahe allmächtig, nur Ahnen kann es nicht verleihen. Zur Ausgleichung dieſes genealo giſchen Mangels wurde von Roſenthal die Nachwelt dazu beſtimmt, den adeligen Glanz, den die Vorzeit verſagte, auf ſein Haus zu werfen. Die blühende Nachkommenſchaft des neu geadelten Grafen wurde reich ausgeſtattet und durch Heirathen mit den är meren Zweigen der älteſten deutſchen Familien ver⸗ bunden, und ſo konnte im Laufe weniger Genera⸗ tionen das neue, aber begüterte Geſchlecht von Roſenthal Anſpruch auf hohe Verwandtſchaften ma chen, und Zeichen des tadelloſeſten Adels im Wap⸗ pen führen. 8 8 29&ρ Der Vater Alberts(Enkelſohn des urſprüngli⸗ chen Käufers der Beſitzungen, von welchen die Würde herrührte,) war eine ſonderbare Miſchung aus den zweifachen Elementen, denen er ſeine Stellung in der Geſellſchaft ſchuldig war. Der Stolz auf ſeinen Rang verband ſich in ihm mit dem Geldſtolz, und ſittliche Erniedrigung war die Folge; denn nichts kann enger verbunden ſeyn, als Stolz und Niedrigkeit, ſo ſehr auch Beides auf den erſten Anblick ver⸗ ſchieden ſcheinen mag. Ungezügelte Sucht nach Titeln iſt der Gipfel des Stolzes, und es gibt keine Schlechtigkeit, zu der der Stolz nicht herab⸗ ſtiege, um ſeinen Zweck zu erreichen; kein Sklave iſt ſo knechtiſch, wie ein Hofmann, keine Erniedrigung gleicht derjenigen, welcher ſich die Großen unter⸗ werfen. Der wahre Adel liegt in der Seele und begleitet oft hohe Geburt, in Folge des Bewußtſeyns davon, was man dem Andenken abgeſchiedener Treff⸗ lichkeit ſchuldig iſt. Im wahren Adel iſt eine Ein⸗ fachheit, eine Unabhängigkeit, welche jene kleinlichen Zuthaten des äußern Scheins verachtet, an denen die Armſeligkeit ſtets klebt, und der Emporkömmling hält ſtets zäher an ſeinem Rang und Stand, als der Beſitzer einer längſt begründeten Stellung, die ihm unbeſtritten zugeſtanden iſt, und die er deshalb ohne Anſtrengung behaupten kann. 30& Von dieſer Thatſache war Marimilian Graf Roſenthal ein überzeugendes Beiſpiel. Kleinlicher und doch ſtolzer hat nie ein Mann gelebt; weltliche Größe betete er an, heraldiſche Auszeichnungen waren die einzigen, welche er anerkannte; ſeiner Schätzung nach entſchädigte ein Titel für die Abweſenheit jedes andern Vorzugs. Somit galt ihm die Neuheit ſeines Geſchlechts für ein bedeutendes, ſchmerzlich empfun⸗ denes Unglück, und war ihm eine unverſiegliche Quelle des Verdruſſes; zudem war dieſelbe eine unüber⸗ ſteigliche Schranke für ſeinen Ehrgeiz, denn ſie ver⸗ ſchloß ihm den Zutritt zu dem beneidenswerthen Heiligthum der kaiſerlichen Gemächer. Beinahe jede andere Sphäre der Thätigkeit und des Genuſſes ſtand ihm offen, nur dieſe war unzugänglich, aus⸗ genommen für die Geſchlechter von unbeſtrittenem Alter und unvermiſchtem Patrizierblut. Die Freige⸗ bigkeit, mit welcher er das Amt eines Kämmerers unter dieſe begünſtigte Klaſſe und ſelbſt unter deren jüngere Nachkommenſchaft und erbloſe Seitenverwandten ver⸗ theilt ſah, mußte ſeine eigene Entbehrung ihm noch weit ſchmerzlicher machen. Graf Roſenthal hatte frühzeitig eine franzöſiſche Dame geheirathet, der er ſehr zugethan war. Sie war das einzige Kind und ſomit die Erbin eines gefeierten Generals in Bonaparte's Armee, zudem — 1 eine Dame von ausnehmender Schönheit. Auch be⸗ ſaß ſie, was Roſenthal nicht nöthig hatte, eine reiche Mitgift. Nachdem ſie ihm drei Kinder ge⸗ boren, von denen Albert das älteſte war, ſtarb ſie, und ließ ihrem Gatten die Freiheit, eine neue Ver⸗ bindung zu ſchließen. Einige Zeit lang behauptete der natürliche Schmerz ſein Vorrecht; aber im Verlauf der Jahre begann der Graf die Vortheile zu erwägen, die ihm aus einer hohen ehelichen Verbindung zufließen könnten; und endlich entſchloß er ſich zu dem wich⸗ tigen Schritt, ohne durch das beſondere Gefühl eines Vorzuges für den Gegenſtand ſeiner Wahl eingenommen zu ſeyn. Die Vormundſchaft über den zweiten Sohn, Alfred, und eine junge Tochter wurde, mit einigem Widerſtreben von Seiten Roſenthals, ihren mütter⸗ lichen Verwandten, dem Herzog und der Herzogin von Montpellier überlaſſen; denn auf den alten General hatten ſich Würden gehäuft, und nach dem hart errungenen Frieden von 1815 hatte er ſich mit einer reichen Ernte von Ruhm und Ueberfluß auf ſeine Lorbeeren zurückgezogen, um ſich dem ruhigen Genuſſe ſeines Vermögens und des neu erworbenen Adels hinzugeben, der nachher von der wiederber⸗ 1 1 1 1 geſtellten Dynaſtie der Bourbonen anerkannt und beſtätigt wurde. Die Herzogin, obgleich Großmutter, beſaß immer noch viel von der Anmuth und dem Zau⸗ ber, der franzöſiſche Damen ſo ungemein reizend macht. Sie war in frühern Zeiten eine anerkannte Schönheit geweſen: ein Umſtand, der von dem ſo glücklich oder vielleicht ſo unglücklich ausgezeich⸗ neten Individuum nie vergeſſen werden kann. Aber wenn auch die perſönlichen Anſprüche der Herzogin ſich durch die Zeit etwas vermindert hatten, immer erſchien ſie noch glänzend auf der Höhe der feinen Bildung, und behauptete noch viel von ihrer frühern Ueberlegenheit. Gleichwohl war ſie ihren Enkeln zartlich zu⸗ gethan, die zu jung waren, um zu verſtehen, was ſie an ihrer Mutter verloren hatten, und die ſich natürlich an den Buſen anſchmiegten, der ſich öffnete, um ſie zu empfangen und zu beſchützen. In der That zeigte die Herzogin mehr Zärt⸗ lichkeit für ſie, als man gewöhnlich bei Leuten einer gewiſſen Klaſſe in der feinern Welt, ſelbſt für ihre eigenen Kinder, bemerkt; die Intereſſen, An⸗ forderungen, Unruhe der gebildeten Geſellſchaft ſetzen unzählige Schranken zwiſchen Eltern und Kindern: denn es kann nicht geleugnet werden, daß die — — — — . 33 Zerſtreuung der höhern Zirkel nur ſelten mit den ſanſteren Vergnügungen und Neigungen des häus⸗ lichen Lebens gepaart iſt. Die nachſichtige Sorge, welche Frau von Mont⸗ pellier insbeſondere für die kleine Conſtanze trug, war indeß einigermaßen die Folge einer ſehr ver⸗ zeihlichen Selbſtliebe; denn das Kind zeigte viel Anlage zu künftiger Schönheit, und hatte eine auf⸗ fallende Aehnlichkeit mit ihrer neuen Beſchützerin, wie mit ihrer verſtorbenen Mutter. Die Erziehung dieſes lieblichen Mädchens und ſomit eine den Erwartungen, die es erregte, ent⸗ ſprechende Bildung deſſelben, war eine Sache von hoher Wichtigkeit, und der beſtändige Gegenſtand des Nachdenkens der Frau von Montpellier, ihrer nächtlichen Träume, ihrer täglichen Erwägungen, und zur Erreichung ihrer Abſicht wurden weder Sorgen noch Ausgaben geſpart, um Conſtanzen eine ebenſo feine und vollendete Bildung zu geben, als ſie von Natur reizend war. Nicht ohne vorhergehenden ſchweren Kampf hatte man den Grafen dazu bewegen können, ſeine jungen Kinder der Gerichtsbarkeit Anderer abzutreten, zumal da der Herzog von Montpellier beſtändig in Pa⸗ ris wohnte, wodurch häufige Zuſammenkünfte unmög⸗ lich wurden. Aber verſchiedene weltliche Berechnungen Ella. I. 3 überwogen ſeine beſſern Gefühle. Er glaubte, dieſe Anordnung werde ſeinen Kindern zuletzt vortheilhaft ſeyn, und für die Aufopferung ſeiner Wünſche glaubte er ſich reichlich entſchädigt: bei ſeiner Tochter durch den Glanz einer Pariſer Erziehung, bei ſeinem jungen Sohne Alfred, durch die herrlichen Ausſichten, die ihn erwarteten, ſofern die herzogliche Würde, die ſein Großvater genoß, vielleicht auf ihn übergehen könnte. In der That erhielt man durch eifrige Anſtrengung ein königliches Verſprechen zu dieſem Zweck; Alfred wurde als Erbe der Montpellier'ſchen Familie geſetzlich adoptirt, und der Graf mit einer Trennung verſöhnt, welche ihm eine ſo reizende Perſpective auf gehäufte Würden eröffnete. Inzwiſchen hatte ſich ſeine väterliche Liebe all⸗ mählig auf ſeinen Erſtgebornen concentrirt, den begünſtigten Liebhaber unſerer Heldin, den hübſchen und ritterlichen Albert, der mit ſeinem Vater in Deutſchland wohnte. So viele und ſo bedeutende Schwächen Graf Roſenthal haben mochte, ſo muß doch anerkannt werden, daß er ſeinen Sohn mit inniger und aufopfernder Zärtlichkeit liebte, deren ſich der Jüngling in jeder Beziehung würdig erwies. Gleich⸗ wohl war Albert dem Andenken ſeiner Mutter innig zugethan, deren er ſich eben noch erinnern konnte, und hatte eine ſtarke Vorliebe für Frankreich eingeſogen. 2 35 E⸗ Große Freude gewährte es ihm daher, wenn er zuweilen ſeinen Bruder und ſeine Schweſter in Paris beſuchen konnte, und dieſe Reiſen waren nicht geeignet, ſeine Vorliebe zu Güunſten dieſes Landes, ſeiner Einrichtungen und politiſchen Anſichten zu vermindern, die mit jedem Tage eine freiſin⸗ nigere Richtung nahmen.. Bei der enthuſiaſtiſchen Gemüthsart, die den jungen Roſenthal auszeichnete, wird man leicht glauben, daß er die neuen und verführeriſchen Theorieen der Emancipation der Völker, die zu der Zeit, welche wir beſchreiben, in Frankreich ſo ſehr im Schwunge waren, begierig aufnahm. Dieſe und eine ſtarke Anlage zur Romantik, machten ihn zu einem warmen und etwas unbeſonnenen Kämpfer für die„Menſchenrechte“, ſo daß die ganze Wachſam⸗ keit der väterlichen Vorſicht nöthig war, um dieſen unruhigen Geiſt in ſichern Schranken zu halten. Im zwanzigſten Jahre beſaß Albert alle Vor⸗ züge der Geſtalt und äußern Bildung, die geeignet ſind, Aufmerkſamkeit und Billigung bei den Frauen, zu gewinnen. Mit dieſem einnehmenden Aeußern verband er einen hohen Begriff von Ehre, und bedeutende intellektuelle Anſprüche. Auf der Schule hatte er glänzenden Erfolg gehabt; er hatte einen feinen Geſchmack für die ſchönen Künſte entwickelt, 3*½ *5 36= und war mit einem Worte ein junger Mann, deſſen Eltern man verzeihen konnte, wenn ſie auf ihn ſtolz waren, und in welchen ſich junge Damen leicht verlieben konnten. Als Erbe eines großen Vermögens trat Albert, mehr um eine Beſchäftigung, als um einen Beruf zu haben, in die Armee, und rückte unter dem be⸗ rühmten Oberbefehlshaber, zu deſſen beſonderem Günſtling ihn ſeine ausgezeichneten Eigenſchaften machten, raſch vor. Nicht ohne Widerſtreben wenden wir uns jetzt der weniger angenehmen Aufgabe zu, Alberts Stief⸗ mutter, die Gräfin Roſenthal, zu ſchildern: eine Schilderung, ohne welche die Familiengruppe un⸗ vollſtändig bleiben würde. Irmengart, geborne Baroneſſe von Holdenbeck, machte gleich auf den erſten Anblick einen unange⸗ nehmen und zurückſchreckenden Eindruck. Schon vor⸗ gerückt im Leben, als ſie ſich herabließ, die Hand Marimilians anzunehmen, war ihre Wahl, wie wir ſchon andeuteten, nur durch ehrgeizige Rückſichten geleitet, und die edle Dame, welche das Glück des Cölibats ſchon hinlänglich gekoſtet hatte, gab ohne Zögern ihr altes Selbſt, ihre alten Diaman⸗ ten, ihren alten Stammbaum, und ihre 128 Ahnen von den tadelloſeſten Namen, welche im Gotha'ſchen — — 37 Almanach aufgeführt ſind, dem Manne hin, der ein großes Vermögen, ein erträgliches Aeußere beſaß, und wenigſtens um zehn Jahre jünger war als ſie. So unpaſſend dieſe Verbindung auch ſcheinen mochte, der Graf behandelte ſeine Gattin ſtets, wenn nicht mit großer Zärtlichkeit, doch mit Ach⸗ tung; und ſie ihrerſeits erlangte leicht eine Ge⸗ walt über einen Geiſt, der eine ſo hohe Verehrung für den Adel hatte. Wie ein geſchickter Feldherr ſah und benützte ſie die ſchwachen Seiten, und wußte ihren Gemahl darnach zu behandeln; denn die Männer werden weit leichter von ſolchen Frauen beherrſcht, die ſie nicht wirklich lieben, als von ſolchen, für welche ſie eine wahre Neigung fühlen. Albert, erzogen in der Gewohnheit zu gehor⸗ chen und Lehren anzunehmen, war voll ehrerbietiger Aufmerkſamkeit gegen ſie, von der er gleichwohl fühlte, daß ſie die Stelle ſeiner geliebten Mutter, deren Bild ſeinem Gedächtniſſe unauslöſchlich ein⸗ gedrückt war, unwürdig vertrete. Aber beherrſcht von der Liebe, die er ſeinem Vater ſchuldig war und für ihn fühlte, verdoppelte er ſeine Anſtren⸗ gungen, um der Geſühle ſeiner Bruſt Herr zu werden, und es gelang ihm, jedes Zeichen äußerer Ehr⸗ erbietung, welches die anſpruchvollſte Laune fordern 38 ⸗ könnte, darzulegen. Aber dieſe Freundlichkeit und Selbſtbeherrſchung wurde mit Gleichgültigkeit be⸗ lohnt. Kalt und förmlich in ihrem Betragen, hatte ſich das Herz der Gräfin nie dem erwärmenden Einfluſſe weiblicher Gefühle geöffnet. Zurückhaltend felbſt gegen ihren Gatten, peinigte ſie dieſen mit ihrem übermüthigen Stolze, und benützte ſo ſeine herrſchende Leidenſchaft, zu ſeiner Beſtrafung, indem ſie gerade die Erfüllung ſeiner Wünſche zum Mittel machte, um ihn zu kränken und zu quälen. Eng verbunden mit jenem bevorrechteten Stande, deſſen Mitglied zu werden der glühende Wunſch Roſen⸗ thals war, nahmen die Verwandten Irmengards an, daß ſie durch dieſe Heirath an Rang verloren habe, und ließen ſomit in ihrer Aufmerkſamkeit gegen ſie nach; während ſie, durch ſolche Vernachläßigung gereizt, ihr Mißvergnügen an ihrem plebeiſchen Gemahl, wie ſie ihn zu nennen pflegte, ausließ, und ſich ſo an dem Grafen für dieſelben Nachtheile rächte, welchen er durch dic Heirath mit ihr ab⸗ zuhelfen geſucht hatte. Indem ſie es verſchmähte, ſich zu den Kreiſen ihres Gemahls herabzulaſſen, oder ihn auf die Höhe der ihrigen zu erheben, be⸗ ſchränkte ſie ihre Bemühungen darauf, ſein Glück zu zerſtören. Albert hatte ſich indeſſen ihre beſondere Feindſchaft % 39 S⸗ zugezogen; an ihm wollte ſie allen Unmuth ihres armſeligen Geiſtes auslaſſen, denn er war ſtets zur Hand als geduldiges Schlachtopfer, das ſich den Zumuthungen ihrer übermüthigen und eigenſinnigen Launen unterwarf, und ihre Unterdrückung mit einer Sanftmuth und einer Mäßignng ertrug, die ihn ſeinem Vater ungemein theuer machte. Nach den Schilderungen, die wir von den zwei Häuſern zu geben verſuchten, die eine ſo hervor⸗ ragende Stelle in unferer Geſchichte einnehmen, kann man nicht annehmen, daß zwiſchen Lindenberg und Roſenthal eine beſondere Freundſchaft beſtanden habe. Denn der übertriebene Ehrgeiz des Letztern war völlig verſchieden von der würdevollen Philo⸗ ſophie des Erſtern, und Nichts konnte ſich unähn⸗ licher ſeyn, als die Gemüthsart und das Betragen ihrer beiderſeitigen Gattinnen. Dennoch beſtand eine gewiſſe Freundſchaft, obgleich ſie ſich in der That auf die jüngern Zweige beider Familien beſchränkte. Albert war nur wenige Jahre älter als Leopold; ſie waren um dieſelbe Zeit in die Armee getreten und eine Zeit lang in der gleichen Garniſon gelegen. Die Folge war, daß ſich eine Freundſchaft bildete, die zu einem Austauſch von Höflichkeiten zwiſchen den Eltern führte. . 40 Ella war während dieſes geſelligen Verkehrs gleichſam unmerklich herangewachſen, und Albert bemerkte plötzlich mit ungekünſteltem Erſtaunen, daß das ſpielende, verſtändige Kind, die kleine Schweſter ſeines Genoſſen, das ſchönhaarige Mäd⸗ chen, mit dem beinahe noch als Kind er geſpielt, deſſen unſchuldige Fragen er beantwortet, deſſen zärt⸗ liche Liebkoſungen er angenommen hatte, ſich raſch in eine liebliche Jungfrau umgewandelt habe. Dieſe Entdeckung war von verſchiedenen Gefühlen be⸗ gleitet, und die letzte Folge war— gegenſeitige Liebe. Eine beträchtliche Zwiſchenzeit ging vorüber, ehe die Einwilligung beider Familien in die Verbindung der jungen Leute zu Stande kam. Der Graf Ro⸗ ſenthal, der unter der Einflüſterung ſeines Weibes handelte, widerſtrebte der Verbindung am meiſten, und der Baron wollte ein Verhältniß nicht beför⸗ dern, das nicht von allen Partieen gebilligt wurde. Die Gräfin ihrer Seits widerſetzte ſich einer Ver⸗ bindung mit der Familie Lindenbergs aus zwei be⸗ ſondern perſönlichen Beweggründen; der eine war der Wunſch, Albert mit einer ſehr armen und häß⸗ lichen Dame ihrer Verwandtſchaft zu verbinden, die durch ihre Geburt den Mangel an Schönheit und Vermögen hätte erſetzen müſſen; der zweite — „ 2 41 minder hervortretende, aber nicht minder kräftige Grund war ihr perſönlicher Widerwille, den zu ge⸗ ſtehen ſie nicht Muth genug hatte, den zu beſiegen ſie nicht wohlwollend genug war. Indeß verbarg ſie dieſe beiden Gefühle ſorgfältig vor ihrem Gatten, und machte dafür andere ſehr ſcheinbare Gegen— gründe geltend. Lindenberg hatte die Diplomatie nicht zu Geld⸗ ſpekulationen benutzt; er war zu ehrenhaft und zu uneigennützig, um ſich oder ſeine Familie auf öffent— liche Koſten zu bereichern; er hatte kein Vermögen für ſeine Kinder erworben, noch ſeine Beſitzungen vergrößert; er hatte nur die Freigebigkeit ſeines kaiſerlichen Herrn angenommen, ohne das Land zu benachtheiligen, dem er nur zu dienen wünſchte. Ella hatte daher, trotz ihrer Schönheit, ihrer Un⸗ ſchuld und ihrer Tugenden, nur unbedeutendes Ver⸗ mögen zu erwarten, da die liegenden Güter ſämmtlich auf ihren Bruder übergingen. Dies war für den ältern Roſenthal, der un⸗ fähig war, die Unbeſtechlichkeit Lindenbergs zu be⸗ wundern oder zu verſtehen, ein gewichtiger Grund dagegen. Der Graf, ein Hofmann mit einer Be⸗ amtenſeele ohne das Talent zu amtlicher Thätigkeit, ſah Staatsdienſte nur als Mittel zu perſönlicher Beförderung, zu miniſterieller Macht und Begünſtigung 42 an. Das rein Aeußerliche einer amtlichen Stellung war der einzige Gegenſtand ſeines glühenden Ver⸗ langens, ſeiner unermüdlichen Bemühungen; er ſtrebte nicht nach den gefährlichen Geheimniſſen des Kabinets, ſondern er kroch und ſchmiegte ſich nur um den armſeligen Schimmer der Hofgunſt. Doch lag in dem Verhältniß Alberts zu der Tochter Lindenbergs Etwas, das dieſen mit dem Gedanken an eine Verbindung ausſöhnen konnte: ihr Stammbaum war von einer Seite tadellos, und konnte ſelbſt mit dem der Holdenbeck eine Verglei⸗ chung aushalten, und ihre Mutter war wenigſtens von Adel, wenn auch nicht aus berühmtem Geſchlecht. Zudem hatte der Kaiſer ſelbſt ſich unzwei⸗ deutig zu Gunſten der Verbindung geäußert, und der Widerſtand der Gräfin wurde dadurch für eine Weile zur Ruhe gebracht. Eine glänzende Stel⸗ lung wurde der Braut beſtimmt, und die will⸗ fährige Vermittlung der kaiſerlichen Familie un⸗ terſtützte weſentlich die beredten Bitten der ängſt⸗ lichen Liebenden. Die Folge war, daß die Zweifel Roſenthals allmählig ſchwanden vor der reizenden Ausſicht, die ſich ſeinem Ehrgeiz öffnete; ſeine Ein⸗ willigung wurde Alberten mit Pomp angezeigt, der ſich beeilte, den Vater ſeiner Geliebten um das Gleiche zu bitten. —.— 43&” Der Freiherr gab den Bitten Alberts aus einem ganz andern Gefühle nach, als das war, durch welches der ehrgeizige Roſenthal ſich hatte beſtimmen laſſen. Er ſchlug das Glück ſeiner Tochter zu hoch an, als daß er ſeine Einwilligung hätte verſagen können; aber er ſetzte feſt, daß die Hochzeit auf ein Jahr verſchoben werden ſollte, um die Feſtigkeit der Neigung Alberts zu erproben. Inzwiſchen erhielt dieſer die Erlaubniß, die Familie ſeiner Verlobten nach dem Schloß Ehrenfels zu begleiten, wo wir ſie im Eingange unſerer Erzählung dem Leſer vorge⸗ ſtellt haben. Jetzt müſſen wir ſeine Aufmerkſamkeit für andere Scenen und Perſonen in Anſpruch neh⸗ men, mit denen ſich ein höheres Intereſſe verbindet, als an reine Privatverhältniſſe, wenn ſie auch noch ſo erhaben, oder an individuelle Charaktere, wenn ſie auch noch ſo markirt oder anziehend ſind, ſich knüpfen kann.* Viertes Kapitel. Wer kennt, du armes Kind, dein Königsherz, Obs tapfer ſey, ob feig; ob dein Verlangen Befriedigt, ſatt wird von gemeinem Scherz 2 Ob Weisheit wohnt in deiner jungen Stirn, Ob dumpfer Sinn im Kerker liegt gefangen, Bewacht von einem Hofgeſetz?* 4 Als ob des ſanfter’n Angeſichtes Bildung Von deinem Vater etwas ließ'’ erblicken Geſchrieben dir in deine Seele? E. L. Bulwer Ungefähr eine Meile von der Stadt Wien liegt das kaiſerliche Reſidenzſchloß Schönbrunn. Es iſt mit mehr Pracht als Mannigfaltigkeit, nach dem ge⸗ ſchmackloſen, doch ſtets Bewunderung gebietenden Plane von Verſailles gebaut, mit welchem glänzen⸗ den Gebäude es ſowohl in ſeinen architektoniſchen Verhältniſſen, als in ſeiner topographiſchen Lage eine auffallende Aehnlichkeit hat. Obgleich man nicht ſagen kann, daß die Natur urſprünglich viel zur Verſchönerung des Platzes ge⸗ than, und obgleich man es nicht als einen ſehr glücklichen Beweis von Geſchmack und Urtheil des erlauchten Gründers rühmen kann, daß er ge⸗ rade dieſen Platz gewählt, ſo hat doch die Kunſt 45 mit ungemeinem Scharfſinn beinahe Unglaubliches geleiſtet, um die zahlreichen örtlichen Gebrechen theils zu berichtigen, theils zu verbergen. In der That ſind die Mängel der Lage dem zufälligen Be⸗ ſucher kaum bemerklich, denn der Palaſt, wirklich in edlem Style erbaut, erſcheint üppig umgeben mit ausgedehnten Luſtplätzen und Gärten, die mit ſo vollendetem Geſchmack und Geſchicklichkeit angelegt ſind, daß ſie die urſprünglichen Unvollkommenheiten eines Platzes, der jetzt durch eine Menge hiſtoriſcher Er⸗ innerungen geheiligt iſt, glücklich verbergen. Die Gärten von Schönbronn ſind, wie alle Spaziergänge um Wien, dem Publikum geöffnet, und die geſchäftigen Städter mit ihren Familien, ziehen, von den Feſſeln und Beſchwerden des Ge⸗ ſchäfts befreit, am Sonntag Nachmittag haufen⸗ weiſe hieher, wo ſie unter dem Schatten majeſtätiſcher Bäume zuſammenſitzen oder umherſchlendern; wäh⸗ rend bunte Pavillons, Kiosken und Luſthäuſer mit fröhlichen Gruppen angefüllt ſind, die ſich von den Anſtrengungen und Sorgen der verfloſſenen Woche erholen. Mit einem Worte, Schönbrunn, das St. Cloud Wiens, bildet ein Stelldichein für die müßige und ſchöne Welt, wo der aufmerkſame Beobachter die erſtaunlichſte Mannigfaltigkeit menſchlicher Züge, die wohl Eins der überraſchendſten Wunder im 4 Umkreiſe der belebten Schöpfung iſt, wie in einer Zauberlaterne an ſich vorübergehen laſſen kann. Dieſer Lieblingsort bleibt bis zur ſpäten Abend⸗ ſtunde dicht angefüllt mit bunten Schaaren von Beſuchern, und übt auf das Volk beinahe dieſelbe Anziehungskraft aus, wie der weltberühmte Prater, 3 und doch wie Wenige der müßigen Gäſte, die ſich in den mannigfaltigen Spaziergängen und Alleen der kaiſerlichen Reſidenz herumtreiben, denken daran, welch rührendes Intereſſe ſich an den Palaſt knüpfe, der ſich vor ihren erhebt.. Der Bau ſelbſt iſt geräumig, und obgleich ohne geſchmackvolle Eleganz, gewährt er doch den im⸗ ponirenden Anblick, der der Größe überhaupt eigen⸗ thümlich iſt. Das großartige Werk wurde mit unge⸗ 1 heuren Koſten begonnen, und nach langen Unterbrechun⸗ 1 gen vollendet, und war zum Sommeraufenthalt des 1 Kaiſers und ſeines Hofes beſtimmt. Zu der Zeit je⸗ 3 doch, von der wir jetzt namentlich reden, im Herbſt 1829, war der Herzog von Reichſtadt der Hauptbewohner von Schönbrunn; eine ausgedehnte Reihe von Gemächern war zu ſeinem und ſeiner zahlreichen Diener Gebrauche angewieſen. In einem großen, aber düſtern Saale des Ge⸗ bäudes, das wir ſo eben beſchrieben haben, ſaßen. 47 zwei Individuen, deren äußere Erſcheinung einen ſtarken Kontraſt bildete. Der Aeltere war ein Mann von mittlerer Größe, und mochte etwa das fünfzigſte Jahr er⸗ reicht haben. Er trug ein Kleid, das, wenn es auch nicht gerade ſein Ordenskleid war, doch den ernſten Beruf ausſprach, dem er angehörte. Seine bleiche, gefurchte Stirn war völlig entblöst, theils durch natürlichen Mangel an Haaren, theils durch die prieſterliche Tonſur; wenige dünne graue 1 Locken deckten die Hinterſeite ſeines Hauptes und wurden allmählig ſpärlicher um ſeine Schläfen, die ſehr eingefallen waren. Stark hervorſtehende Brauen, die dem verſilbernden Einfluß der Zeit entgangen waren, beſchatteten ſeine ſtechenden kleinen Augen. Die Farbe dieſer letztern blieb bei der Schnelligkeit ihrer Bewegung, und bei der Mannigfaltigkeit ihres Ausdruckes für den zufälligen Beobachter zweifel⸗ haft. Sie waren unaufhörlich beſchäftigt, theils die verborgenen Gedanken und geiſtigen Eindrücke der Perſon, welche die entgegengeſetzte Seite des Tiſches einnahm, zu entdecken, theils die geſammelten Ent⸗ deckungen zu verheimlichen. Selbſt in der Demuth 4 ihres zuweilen niedergeſchlagenen Blickes, oder in der fragenden und ſehnſüchtigen Richtung gen Him⸗ mel, konnte der Geiſt wachſamer Forſchung kaum — ——ᷣ:—B—B—P—P—P— * 48 verkannt werden. Eine feingebildete Adlernaſe ver⸗ lieh ſeinen Zügen, die ſonſt einen an gemeine Ver⸗ ſchlagenheit gränzenden Scharfſinn verrathen hätten, Würde; während die geſchloſſenen Lippen, die ſich zuweilen zu einem zweideutigen Lächeln öffneten, das wohl eine freudige Bewegung ausdrücken mochte, den ehrwürdigen Vater als einen Schüler Loyolas, von Natur und Beruf, bezeichneten, wenn ich dieſe Worte gebrauchen darf, um ein vollkommenes, na⸗ türliches und ſittliches Geeignetſeyn für die eigen⸗ thümlichen Aufgaben und Obliegenheiten ſeines Or⸗ dens auszudrücken. Das zweite Individuum, von dem wir ſprachen, war ein Jüngling, in welchem die Jugend noch mit der Mannheit kämpfte. Seine ſchmächtige Geſtalt, ſchlank und zart, faſt bis zur Zerbrechlichkeit, be— ſaß ein edles Ebenmaß der Glieder, deſſen An⸗ muth aber weſentlich überwogen wurde durch eine unwillkürliche Krümmung der Schultern, welche augenſcheinlich zu ſehr zuſammengezogen waren, als daß ſie Stärke beſitzen konnten, und die hiedurch bedingte Engbrüſtigkeit war leicht bemerk⸗ lich, obgleich die reiche Uniform, die er trug, ſie durch zweifache Wattirung, Polſter, Achſelbänder und Zierrathen zu verbergen ſuchte. Sein Kopf war hübſch, ſeine Stirn wäre hoch erſchienen, wenn d 49 S⸗⸗ ihre Umriſſe nicht durch einen Ueberfluß flächſenen Haars verdunkelt worden wäre. Seine klaren blauen Augen hatten jenen überirdiſchen Glanz, der ſo oft das Daſeyn eines geheimen Kummers anzeigt; während die klaſſiſchen Umriſſe ſeines Geſichtes den Stempel des Genius trugen. Die ausgezeichnetſten und intereſſanteſten Partieen ſeines Geſichtes waren je⸗ doch der feſtausgeprägte Mund und das ſchön gerundete Kinn. Denn die Aehnlichkeit, die ſie hatten, konnte unmöglich verkannt werden; ſie zeigten auf den erſten Blick den Sohn Napoleons. Das Gemach, in dem der Herzog von Reichſtadt mit ſeinem geiſtlichen Aufſeher(denn dies war ſein Ge⸗ ſellſchafter) ſich befand, war ein Bibliothekzimmer, mit glänzend gebundenen Ausgaben verſchiedener Werke, beſonders theologiſcher Schriftſteller, ausgeſtattet. Einige griechiſche und lateiniſche Klaſſiker, ein Paar alte Manuſcripte und einige wenige wiſſeenſchaftliche Bücher in der Mutterſprache, vollendeten die Samm⸗ lung; franzöſiſche Bücher und dichteriſche Werke waren ſorglich ausgeſchloſſen. Ein Paar hübſche Globen ſtanden in einer Niſche, Karten hingen an den Wänden, Zeichnungen und Kupferſtiche waren in Mappen umher zerſtreut, und alle Erforderniſſe zum Studiren lagen auf den Ella. I. 4 50 S⸗⸗ Tiſchen umher, darunter eine Menge ſeltener und alterthümlicher Gegenſtände. Der Prinz war damit beſchäftigt, Papiere durch⸗ zuſehen, die vor ihm lagen; dazwiſchen richtete er verſchiedene Bemerkungen an ſeinen Geſellſchafter. Eine große, ſehr ſchöne Karte Europa's lag auf dem Tiſche ausgebreitet, über welche der Prinz ſich hin⸗ beugte. Er hatte ſie während ſeiner abgebrochenen Unterhaltung näher zu ſich gezogen, und folgte jetzt aufmerkſam mit den Augen der langſamen wellenförmigen Bewegung ſeines Fingers, der be⸗ hutſam über der lakirten Fläche hinglitt, und zuweilen, wie zu einem augenblicklichen Nachdenken, anhielt und zögerte. G Der Jüngling unterbrach ſeine mechaniſche Be⸗ ſchäftigung durch einen unwillkürlichen Seufzer, und keine Bewegung, kein Ausdruck entging dem Je⸗ ſuiten, der mit der, ſeinem Orden eigenthümlichen Demuth, wartete, bis es Seiner Hoheit gefallen“ werde, das Stillſchweigen zu brechen. „Vater,“ ſprach der Prinz nach einer langen Pauſe, und ohne die niedergeſchlagenen Augen⸗ lieder zu erheben,„Vater, ich möchte reiſen, fremde Länder ſehen, ich habe Schönbrunn ſatt.“ „Mein Sohn, Ihre Wünſche ſollen dem Kaiſer vorgelegt werden,“ verſetzte der Beichtiger mit einem — —— — — Lächeln, das Alles ausdrückte, nur nicht Auf⸗ richtigkeit. „Ich würde mich freuen, Italien zu beſuchen,“ fuhr der Herzog fort,„welche Wonne, unter ſeinem milden Himmel mich zu ſonnen, mit meiner Phan⸗ taſie in ſeinen ruhmvollen Erinnerungen zu ſchwelgen.“ „Gut geſprochen,“ verſetzte der Prieſter,„Ihre muſterhafte Frömmigkeit würde natürlich den alten Sitz des heiligen Petrus als Hauptgegenſtand an⸗ ziehender Forſchungen wählen.“ Eine leichte Röthe flog über die Wangen des Jünglings hin, und färbte noch ſeine Schläfe. „Glauben Sie, mein Großvater werde den Wunſch genehmigen, den ich auszuſprechen wage?“ fragte er. „Vielleicht,“ antwortete der Andre ausweichend „iſt es der Wunſch Seiner kaiſerl. Majeſtät, daß Eure Hoheit zuvor die heilſamen Quellen von Carls⸗ bad benützen möchten, ehe Sie ſich zu einer wei⸗ teren Reiſe anſchicken.“ „Waſſer, Waſſer,“ murmelte der Prinz in leiſem unwilligem Tone, der das aufmerkſame Ohr ſeines Geſellſchafters kaum erreichen konnte,„oh gebt mir Luft— die Luft der Freiheit!“ „Luftveränderung wird ohne Zweilfel die beſten Dienſte thun,“ bemerkte Vater Klemens, indem er 4 2 52 So⸗ ſich ſtellte, als habe er die ausgeſtoßenen Worte des Herzogs verſtanden, oder vielmehr mißverſtanden. „Die Vaterlandsluft würde es,“ erwiederte der Prinz mit ſchwermüthigem Blick,„aber ich habe keine Hoffnung, das Land meiner Geburt wie⸗ der zu ſehen. Es iſt nutzlos zu murren, aber ich bin Schönbrunn's müde, ſo müde, daß ich nach Ab⸗ wechslung lechze. Ich fordere weiter, als die Oper und den Prater mit ſeiner ermüdenden Ein⸗ förmigkeit,“ fuhr der Jüngling düſter fort. Der Jeſuit ſchwieg einen Augenblick, und be ſchäftigte ſich damit, unter den zerſtreuten Bänden, die in verſchiedenen Theilen des Zimmers aufge⸗ häuft waren, zu ſuchen. „Haben Eure Hoheit die biographiſchen Skizzen vollendet, die ich die Ehre hatte, Ihrer Durchſicht vorzulegen?“ frug er nach einer Pauſe. „Ja, aber Ihre Bücher hören auf, mich zu unterhalten; ſie befriedigen meine Phantaſie nicht,“ verſetzte Reichſtadt. „Sie haben, gnädigſter Herr, in der neuſten Zeit Ihre Klaſſiker ſehr vernachläßigt,“ bemerkte der Geiſtliche mit verweiſendem Tone. „Ich mag gegenwärtig nicht leſen, und Ihre langen polemiſchen Erörterungen haben mir völligen ——— — 53= Widerwillen gegen das Studium eingeflößt,“ ſagte der Prinz gereizt. „In dieſem unfreundlichen Tadel erkenne ich kaum die demüthige Frömmigkeit, die dem Hauſe Oeſterreich ſtets eigenthümlich war. Wir hofften einſt Zeuge zu ſeyn von der heiligen Handlung, in der Eure Hoheit Ihre Jugend und Fähigkeiten dem Dienſte unſerer ehrwürdigen Mutterkirche weihen wür⸗ den. Wir haben uns in unſern liebevollen Hoff⸗ nungen getäuſcht.“— Während der Beichtiger ſprach, heftete er ſein ſtechendes Auge gerade auf ſeinen Zögling, der vor dem durchdringenden Blicke unwillkürlich ſeine Augen niederſchlug. „Ich habe es geſagt,— ich werde das Ge⸗ lübde nicht ausſprechen;“ rief der Jüngling zitternd, während er ſeine Stimme über den gewöhnlichen Ton erhob,„mein Herz bebt zurück vor dem Opfer, und ich kann die Heiligkeit des Altars, den man mich verehren lehrte, nicht durch einen blos äußer⸗ lichen Dienſt entweihen! denn der Dienſt Gottes ſoll willig und mit Freuden verſehen werden.“ „Geliebter Prinz, verzeihen Sie meinem Eifer,“ erwiederte der Jeſuit in dem ſüßeſten Tone,„Ihre Wohlfahrt, Ihre ewige Wohlfahrt iſt der Gegen⸗ ſtand meiner täglichen Beſchäftigung, meines nächt⸗ lichen Gebetes. Da ich ſelbſt in den Regeln und 1 Kaſteiungen des klöſterlichen Lebens jenen heilfamen Frieden gefunden, den die Welt nicht geben und nicht nehmen kann, hoffte ich die Schritte Eurer Hoheit auf denſelben glänzenden Pfad ewigdauern⸗ den Ruhmes zu leiten. Meine Hoffnung war ver⸗ gebens; aber genug davon; Ihr Herz wird ſich noch dem milden Einfluß frommer Unterweiſung und heiliger Uebungen öffnen. Wir ſollen nicht auf den letzten Erfolg denken, ſondern unſere Bemühungen darauf beſchränken, für den Augenblick das Beſte zu wählen.“ Reichſtadt drückte die Hand an ſeine Seite, vielleicht um eine aufſteigende Empfindung zu unter⸗ drücken, vielleicht um einen augenblicklichen körper⸗ lichen Schmerz niederzukämpfen. „Ihre alten Günſtlinge, Milton und Klopſtock, hören auf, für Eure Hoheit anziehend zu ſeyn?“ fuhr Vater Klemens in fragendem Tone fort. „Nein, ich habe noch immer ein tiefes Gefühl für ihre Schönheit und Erhabenheit.“ „Und Racine?“ fragte der Jeſuit mit weniger Klugheit als gewöhnlich; er fühlte ſeinen Fehler, aber die Worte waren geſprochen und konnten nicht mehr zurückgenommen werden. „Ihre deutſche Uebertragung des franzöſiſchen Schauſpieldichters, dieſe Ueberſetzung, die allein man * — 55 G mir zu leſen erlaubt, hat meine Geduld ermüdet. Wie eines halbvergeſſenen Traumes erinnere ich mich noch der Mutterſprache, jenes tiefen Wohl⸗ lauts, mit welchem dieſe unſterblichen Klänge einſt in mein kindliches Ohr fielen. Es iſt mehr der Ein⸗ druck als die Erinnerung, der noch in meiner Phantaſie lebt.“ Der geiſtliche Aufſeher antwortete nicht. Er hatte ſelbſt die Saite angeſchlagen und die frühen Erinnerungen ſeines Zöglings geweckt; ſeine hohe Stirn runzelte ſich, und eine Wolke verdunkelte die Heiterkeit ſeiner Züge, die er ſonſt ſo gut in ſeiner Gewalt hatte. Aber die Dauer dieſes Ausdrucks war nur ein Augenblick; denn als Reichſtadt ſeine Augen zu ſeinem Geſellſchafter aufſchlug, ſah er das blaſſe Geſicht des Prieſters glatt und undurchdringlich, wie zuvor. „Vielleicht würden Euer Hoheit in einem ſeit⸗ her vernachläßigten Studium Erheiterung finden. Mathematik iſt eine Wiſſenſchaft von tiefem In⸗ tereſſe, und fordert Anſtrengung von dem Lernenden.“ Das Geſicht des Herzogs erheiterte ſich, wäh⸗ rend Klemens die letzten Worte ſprach, und er rief: „O Vater, gerne will ich dieſes Studium vor⸗ nehmen, aber wer wird mir helfen? Sie ſelbſt?“ „Ich werde für einen tauglichen Lehrer ſorgen, — 56 G⸗- mein Sohn,“ erwiederte der Prieſter.„Ihre Wünſche in dieſer Beziehung ſollen erfüllt werden. Dies wird Sie, wie ich hoffe, mit dem Studium der Aſtronomie wieder ausſöhnen, deren Hülfswiſſen⸗ ſchaft die Mathematik iſt.“ „Ja, aber wenn ich einmal ein guter Ma⸗ thematiker geworden, ſo möchte ich zur Naturphilo⸗ ſophie, zur Chemie, zur Befeſtigungskunde ſort⸗ : ſchreiten. Welch herrliches mannigfaltiges Feld für Forſchungen und Unterſuchungen!“ Der Jeſuit biß ſich in die Lippen; ſeine Be⸗ merkungen waren nicht glücklich. „Mit der Zeit,“ fuhr der Prinz fort, wobei er ſeine Worte mehr an ſich ſelbſt, als an den Beichtiger richtete,„mit der Zeit kann ich noch ein erträglicher Ingenieur werden; was nützt es mich, dieſen kriegeriſchen Schmuck zu tragen und zum Scheine eine Armee zu muſtern, wenn mir die Kenntniß der Springfedern fehlt, durch welche ſich dieſe ungeheure Maſchine in Bewegung ſetzt? Ich kommandire ein Regiment,“ fügte er hinzu, indem er einen verächtlichen Blick auf ſeine reichen goldenen Epauletten warf, die auf ſeinen engen Schultern in der That mehr einer Laſt als einer Zierde gli⸗ chen,„ich kommandire ein Regiment— und weiß nicht einmal eine Schlachtlinie zu bilden, weiß kaum, aus was man Schießpulver macht!“ Der Prieſter verbeugte ſich und faltete ſeine Hände mit mildem Ausdruck auf ſeiner Bruſt.„Es gefällt Ihnen, meiner zu ſpotten, mein Sohn; ein niedrer Diener Chriſti iſt nur ein ſchwaches Werk⸗ zeug zur Erwerbung militäriſcher Fertigkeiten. Ich hätte gewünſcht, Ihr Herz in einen ſichern Hafen zu leiten, in welchem die Stürme dieſer Welt ſich zur Ruhe legen; ich habe mich getäuſcht, aber er— ſparen Sie mir— erſparen Sie Ihrem Freund die Pein Ihrer Sarkasmen: die Vereitlung meiner Hoffnungen iſt hinreichend. Hören Sie auf, von der tödtlichen Kunſt des Krieges zu ſprechen, be⸗ kümmern Sie nicht meine väterliche Sorge durch dieſen unwürdigen Hohn.“ Reichſtadt war gerührt durch dieſe Berufung auf ſeine kindlichen Gefühle. „Verzeihen Sie mir, Vater,“ antwortete er mild,„ich war unbeſonnen, vielleicht undankbar; aber ich bin unglücklich, wenn dies meine unbedacht⸗ ſamen Aeußerungen entſchuldigen kann.“ Klemens würdevolle Geſtalt richtete ſich noch höher als gewöhnlich empor, als er mit ausge⸗ ſtreckter Hand einen Segen ausſprach, den ſein reuevoller Zögling demüthig empfing. 58 ⸗ „Sie werden ſich freuen, mein Sohn,“ begann der Geiſtliche wieder, indem er dem Geſpräch eine geſchickte Wendung gab,„Sie werden ſich freuen, zu hören, daß der Freiherr von Lindenberg und ſeine Familie noch heute in Wien erwartet werden.“ „Lindenberg zurück!“ rief der Jüngling leb⸗ haft,„das freut mich in der That; warum gaben Sie mir dieſe angenehme Nachricht nicht früher?“ „Verzeihen Sie meine Verſäumniß, ſie war unabſichtlich, und erlauben Sie meine Unachtſam⸗ keit durch die Frage gut zu machen, ob Ihre Hoheit geneigt ſind, dem Baron bald nach ſeiner Ankunft eine Audienz zu gewähren?“ fragte der Beichtiger, indem er ſo den Gedanken ſeines Zöglings einen erfreulichen Gegenſtand gab. „Gewiß ohne Aufſchub,“ antwortete er.„Treff⸗ licher Lindenberg! Wie freue ich mich, ihn wieder zu ſehen. Wiſſen Sie nicht, ob ſein Sohn Leopold und die liebenswürdige Ella ihn begleitet haben?“ „Die Baroneſſe und ihre Tochter kommen, den Hof zu zieren, aber Hauptmann von Lindenberg iſt noch immer bei ſeinem Regiment,“ ſagte Vater Klemens. „Glücklicher Leopold,“ murmelte Reichſtadt. „Der Baron kann erſt in einigen Stunden an⸗ langen. Morgen wird er die Ehre haben, Euer — 59 So⸗- Hoheit ſeine Ergebenheit auszudrücken,“ fuhr der Jeſuit fort, ohne, wie es ſchien, die Bemerkung gehört zu haben, die dem Prinzen entſchlüpft war. „Ich ſehne mich, ihn zu ſehen; laſſen Sie ſich daher meine Wünſche empfohlen ſeyn,“ verſetzte Reichſtadt. „Gewiß, gnädiger Herr,“ ſagte der ehrwür⸗ dige Vater,„Ihr Verlangen wird erfüllt werden. Aber erlauben Sie mir für den Augenblick eine kleine Unterhaltung vorzuſchlagen. Euer Hoheit ha⸗ ben den ganzen Tag gearbeitet; Muſik könnte eine angenehme Erholung gewähren; der Maöſtro wartet; oder vielleicht wäre eine Spazierfahrt an den Ufern der Donau für Ihre gegenwärtige Stimmung beſſer geeignet, denn die Aufregung des Geſprächs hat Sie augenſcheinlich angegriffen.“ „Keine Muſik; der Genuß des Wohlklangs hat wenig Reiz für mich und noch weniger die Lange⸗ weile einer Spazierfahrt. O, mein Vater, wann werde ich frei ſeyn von den Feſſeln der Gewohnheit? Aus bloſem Ueberdruß könnte ich jetzt mein Bett ſuchen und wie ein krankes Kind mich in Schlaf weinen.“ „So laſſen Sie uns denn unſere heiligen Ue⸗ bungen aufnehmen,“ ſprach Klemens mit Eifer, „laſſen Sie uns Hülfe ſuchen da, wo ſie allein —— = 60& gewährt werden kann; denn wenn die Freuden die⸗ ſes Lebens aufhören, einen Reiz für uns zu haben, dann ſind die Freuden des Himmels uns deſto er⸗ wünſchter.“ 1 „Wie Sie wollen, Vater,“ antwortete der Herzog matt, und weitere Erörterungen fürchtend. „Wir können einige Seiten der chriſtlichen Lehre aus der Mutterſprache in eine klaſſiſche übertragen, und auf dieſe Weiſe unſere ernſteren Pflichten mit dem angenehmen Geſchäfte geiſtiger Belehrung verbinden.“ Während der Prieſter dieſe Worte ſprach, zog er ein Buch aus ſeinem Buſen, und ſein Zögling mußte ſich noch einmal theologiſchen Studien hin⸗ geben. Fünftes Kapitel. Des sceptres étaient mes hochets, Mon bourlet fut une couronne. Et cependant je suis à Vienne. Béranger. Der Vormundſchaft Oeſterreichs übergeben, wurde der Sohn Napoleons, der jugendliche König von Rom, unter dem beſcheideneren Titel eines Herzogs von Reichſtadt, mehr der Methode gemäß erzogen, welche die geeignetſte war, die Abſichten des italieniſchen Bündniſſes zu befördern, als in Gemäßheit ſeiner natürlichen Fähigkeiten oder der Beſtimmung, mit welcher er geboren war. Ein ausgezeichneter Schüler St. Ignatius Loyola's wurde als Lehrer und geiſtlicher Aufſeher des Prinzen, mit der ganzen Verantwortlichkeit dieſes wichtigen Amtes, angeſtellt. In dieſer gedoppelten Eigenſchaft war es keine ſchwere Aufgabe für einen Mann von Klemens Ta⸗ lenten, ſich eine unbegrenzte Gewalt über den lenk⸗ ſamen Geiſt zu erwerben, der ſeiner Leitung an⸗ 62 S⸗⸗ vertraut war, und den er, in vielen Hinſichten, ganz nach ſeinem Willen formte. Jede Lehre, welche der königliche Zögling empfing, floß entweder aus dem Munde Klemens' ſelbſt, oder wurde durch Lehrer ertheilt, welche deſſen überlegene Menſchenkenntniß auserleſen hatte. Da keine andere Quelle zu der geiſtigen Bildung ſeines Pflegbefohlenen beitragen konnte, ſo hielt er, ſo zu ſagen, den Faden eines jeden Gedankens, den Schlüſſel zu jeder noch un⸗ geformten Vorſtellung, und den Zügel für jede Leidenſchaft in ſeiner Hand. Es darf nicht erſt bemerkt werden, daß. die Eindrücke, welche ſich auf dieſe Weiſe dem ju⸗ gendlichen Gemüthe Reichſtadt's unauslöſchlich ein⸗ prägen konnten, nur ſolche waren, die den Berech⸗ nungen einer abſoluten Regierung, den Rückſichten ihrer Politik und ihren religiöſen Zwecken ent⸗ ſprachen. Mehrere Jahre lang hatte Vater Klemens die ſchwierigen Pflichten, die man ſeinem Eifer und ſeinen Fähigkeiten anvertraut hatte, mit vollkomme⸗ nem Erfolg erfüllt. Man hatte die äußerſte Vor⸗ ſicht angewandt, um den Blicken des Prinzen jene Zweige einer freieren Erziehung fern zu halten, in denen, was ſehr beachtet wurde, eine gefährliche „5 63& Richtung lag, und dies wurde um ſo mehr für nöthig gehalten, als ſich ſehr frühzeitig ein ent— ſchiedener Geſchmack am Kriegsweſen bei ihm zeigte. Man wandte die eifrigſte Sorgfalt an, um eine Entwicklung dieſer kriegeriſchen Vorliebe in der Bruſt des jungen Mannes zu verhüten, der, nach den kurzſichtigen Berechnungen ſeiner Vormünder, für die Abgeſchloſſenheit eines kirchlichen Lebens be⸗ ſtimmt war, den Kapuze und Skapulier erwarteten, und für den ſich die Würde des Scharlach-Hutes und Purpur⸗Strumpfs am fernen Horizont der Zu⸗ kunft dunkel zeigte. Aber frühzeitig und beharrlich hatte der Jüng⸗ ling Widerwillen gezeigt gegen den heiligen Beruf, den man ihm ſo aufzudringen ſuchte; und die zärt⸗ liche Nachſicht des Kaiſers, der den unſchuldigen Sprößling Marie Luiſens aufrichtig liebte, verlieh ihm den Rang eines Oberſten in der Armee, und das Vorrecht, die Regimentsuniform zu tragen. Gleichwohl hatte man den Plan, Seine Hoheit zuletzt dem Dienſte der Kirche zu widmen, niemals ganz aufgegeben, und es wurde keine Mühe ge⸗ ſpart, um ſeinen Gedanken dieſe Richtung zu ge⸗ ben.— Durch einſörmige polemiſche Lektüre that man der Lebhaftigkeit des Knaben⸗Alters ſorglich Einhalt; die Gluth ſeiner Neugierde hielt man im — 64 So⸗ Zaume vermittelſt abergläubiſcher Serupel, ſeine Forſchungen vereitelte man, auf ſeine Fragen ver⸗ wies man ihn zum Schweigen, und die überſtrö⸗ mende Fülle ſeiner Lebensgeiſter dämpfte man ent⸗ weder durch Uebung klöſterlicher Kaſteiungen, oder unterhielt man ſie für den Augenblick durch kleinliche Beſchäftigungen, deren Nichtigkeit hinreichende Bürg⸗ ſchaft waren für den Erfolg. So verlor Reichſtadt's jugendlicher Geiſt jede Eigenthümlichkeit, und wurde zu einer bloßen Schöpfung des Geiſtes und der Geſchicklichkeit, die der Jeſuit in ſich vereinigte; und obgleich ſein Herz einen Theil ſeiner urſprünglichen Wärme be⸗ wahrte, und zuweilen unter jenen mächtigen Regungen des Gefühls gährte, die weder durch Erziehung noch durch Gewohnheit völlig ausgerottet werden können, ſo war doch die Thatkraft ſeines Geiſtes gebrochen, das Feuer des Genius verlöſcht, das innere Trieb⸗ rad ſeiner Thätigkeit herausgenommen, und gleich einer Schlange, der man ihren Stachel geraubt, war er ebenſo harmlos als wehrlos. Alles ſchien ſich verſchworen zu haben, um einen edleren Aufſchwung der urſprünglichen Natur des jungen Napoleon zu hemmen. Schon die Lokalität Schönbrunns übte ihren Einfluß; der einförmige Charakter der Landſchaft, die kleinliche Hofetikette 2 65 S⸗⸗ mit ihrem läſtigen Einerlei; die abgemeſſenen Phra⸗ ſen des ceremoniellen Verkehrs, der ſich nie erkühnen darf, an die Majeſtät eine Frage zu richten und kaum eine Antwort herauszulocken wagt;— der er⸗ habene Geiſt Napoleons ſelbſt wäre verwelkt und verkrüppelt, wenn er ſo frühzeitig von dem rauhen Felſen Korſika's und dem wilden Feldlager eines ſiegreichen Feldzugs in die verderbte und anſteckende Atmoſphäre eines ariſtokratiſchen Hofes verſetzt wor⸗ den wäre. Gleichwohl hatte der Herzog von Reichſtadt unter den ausgedehnten Kreiſen des Adels, der ihn umgab, die Verdienſte Lindenbergs erkannt und ge⸗ würdigt. Aus edlerem Stoffe gebildet, als die Mehr⸗ zahl der Höflinge und Staatsmänner, hatte ſein umfaſſender und erleuchteter Verſtand ein tiefes Ge⸗ fühl für den Zuſtand geiſtiger Unterjochung, zu welchem der Prinz verurtheilt war. Er verſtand ganz die ſchmerzliche Leere in dem glühenden Herzen des jungen Prinzen, das fruchtloſe Forſchen, die kühne Ahnung, die durch des Prieſters kalte Ge⸗ ſchicklichkeit weder unterdrückt noch befriedigt werden konnten, und er ſah mit Kummer die fruchtloſen An⸗ ſtrengungen und ungeduldigen Kämpfe dieſes ruhe⸗ loſen Geiſtes, der durch das kräftigſte aller heleliden Ella. I. —— 2 66 S⸗ Hemmniſſe, durch den Einfluß der Gewohnheit und Erziehung, niedergehalten wurde. Lindenberg mußte indeſſen, wenn auch mit Wi⸗ derſtreben, die traurige Nothwendigkeit anerkennen, daß man dieſe angebornen Neigungen, die natürlich ein geheimes Verlangen nach Unternehmungen nährten, in dem Gemüthe des jungen Napoleon er⸗ ſticken müſſe. Die eigenthümliche und ſchwierige Stellung, in wel⸗ cher ſich der Prinz Frankreich und ganz Europa gegen⸗ über befand, machte große Vorſicht in ſeiner Erzie⸗ hung und Leitung nothwendig;— und wenn auch der Freiherr die von der Regierung befolgte Methode innerlich beklagen mochte, und, wäre ihm die wich⸗ tige Stelle anvertraut worden, ohne Zweifel zu freiſinnigeren Maßregeln gegriffen hätte, ſo war er ſich doch vollkommen der großen Gefahr bewußt, wenn etwa ein Funke politiſchen oder kriegeriſchen Feuers die rauchende Aſche des Ehrgeizes entzündete, der muthmaßlich in der jugendlichen Bruſt von Bo⸗ naparte's„kronloſem Erben“ ſchlummerte. Die ſchwächliche Geſundheit des Prinzen, die durch ſein allzuſchnelles Wachſen noch mehr ange⸗ griffen wurde, machte ihn ebenſo zum Gegenſtand inniger Theilnahme und Beſorgniß, wie nationaler Wichtigkeit, und er wurde dadurch auch Denen theuer, —.——//ę;’;/·;ͦL˖O·YA:B.2——— 67 S⸗ die, wenn auch mit Widerſtreben, zu der geiſtigen Knechtſchaft mitwirken mußten, unter der er litt. Aber das Syſtem, welches man gegen ihn befolgte, war an ſich ſchon hinreichend, einen hoffnungsloſen Zuſtand von Ueberdruß hervorzubringen, der allmählig einen ernſteren Charakter annahm, und die fortwährende Schwermuth, die ſich in dem Grade entwickelte, als er ſich der Reife näherte, mußte nothwendig die Aufmerkſamkeit des ganzen Hofes auf ſich ziehen. Bei ſeiner Ankunft in Schönbrunn und ſeiner Ein⸗ führung beim Prinzen entdeckte der Freiherr ſogleich mit Beſorgniß die tiefen Verheerungen, die wenige kurze Wochen in der perſönlichen Erſcheinung Reichſtadts angerichtet hatten. Schon hatte eine keimende Krank⸗ heit ihr Daſeyn zu beurkunden begonnen. Eine glänzende hektiſche Röthe färbte ſeine hohlen Wan⸗ gen, und ſeine matten blauen Augen ſchimmerten in gläſernem Glanze; in dieſen durchſcheinenden Adern zeigten ſich unverkennbar die Keime eines frühzeitigen Verfalls, und das geheimnißvolle Licht dieſer Augen ſchien von einer Welt zu ſprechen, erhabener als die, auf welche ſie noch ſchauten. Lindenberg ſah mit unausſprechlicher Trauer die verzehrende Seelenqual, die ſo den Körper auf⸗ zureiben drohte. Es war der kämpfende Adler in 5 4* —2 68 ⸗ den eiſernen Zähnen des Verhängniſſes; und er zer⸗ ſchmolz in Mitleid, wenn er an den unheilvollen Ausgang des Kampfes dachte. „Sie verlängerten diesmal Ihren Aufenthalt zu Schloß Ehrenfels über die gewöhnliche Zeit,“ ſagte der Prinz, nachdem er den Staatsmann herz⸗ lich begrüßt hatte. „Der Sommer übte mehr Anziehungskraft als gewöhnlich,“ erwiederte er,„und die Wahrheit zu geſtehen, ich fühlte mich glücklich in den einfachen Freuden, die das Landleben gewährte.“ „Sind die Umgebungen Ihrer Beſitzung be⸗ ſonders ſchön?“ „Wenigſtens haben ſie für mich einen unſchätz⸗ baren Reiz: Ehrenfels iſt mein Geburtsort,“ er⸗ wiederte der Freiherr beſcheiden. „In der That! ſo wahr iſt es, daß wir das ganze Leben hindurch den Ort lieben, wo wir die erſten Freuden deſſelben gekoſtet haben;“ bemerkte der Jüngling mit einem Seufzer. „Wäre es nicht ſo,“ erwiederte der Freiherr, „ſo müßte jede Anhänglichkeit an einen Ort auf⸗ hören; der Lappländer würde ſeine Schneehütte verlaſſen; der Hottentote ſeinem Kraal entfliehen; die Hälfte der Erde würde veröden, während die 69 Se⸗ begünſtigteren Erdſtriche dagegen von ungeheuren Menſchenmaſſen überſchwemmt würden.“ „Wahr,“ verſetzte der Prinz mit einem Seuf⸗ zer;„ich beneide Sie beinahe um die friedliche Zu⸗ rückgezogenheit Ihres Stammſitzes; welch einen Contraſt dagegen müſſen Sie in dem höfiſchen Zwang finden, von dem man hier umgeben iſt! Ich wundre mich nicht, daß Sie von Zeit zu Zeit die läſtige Einförmigkeit Ihrer amtlichen Pflichten mit der Un⸗ abhängigkeit des Landlebens vertauſchen. Aber Ihre Abweſenheit iſt ſchmerzlich empfunden worden. Be⸗ ſonders Ich fühlte tief den Verluſt Ihrer Geſellſchaft. — Ich habe ſo wenig wahre Freunde.“ „Indem Eure Hoheit mir eine ſo ſchmeichel⸗ hafte Auszeichnung zuerkennen, vertrauen Sie meinen Gefühlen aufrichtiger Ergebenheit; ich bin ſtolz in dem Gedanken, daß meine Rückkehr ange⸗ nehm iſt. Ich hoffe, Euer Hoheit Geſundheit iſt—— „Nicht im Zunehmen, fürchte ich,“ unterbrach ihn der Prinz, indem er einen leichten Huſten un⸗ terdrückte,„ich fühle mich niedergeſchlagen; jeder Ort erſcheint mir wünſchenswerther als dieſer; ich habe einen Widerwillen gegen Schönbrunn gefaßt.“ „Und doch wie Viele würden angelegentlich nach dem Vorrecht ſtreben, auch nur den geringfü⸗ —2 70&⸗ gigſten Theil der kaiſerlichen Reſidenz einnehmen zu dürfen!“ verſetzte Lindenberg. „Aber dann würden ſie die Freiheit haben, dieſelbe nach Belieben zu verlaſſen,“ rief der Herzog aus;„Niemand iſt verurtheilt, ein Jahr nach dem andern in dieſen Mauern zu ſchmachten, ohne Hoff⸗ G nung— ohne Freiheit,“ ſetzte er düſter hinzu. *„Niemand, hoffe ich,“ ſagte Lindenberg mit Nachdruck. 1„Die Beamten meines Haushalts,“ bemerkte Reichſtadt,„dürfen Reiſen machen, Veränderung ſuchen, von Ort zu Ort wandern. Ich allein bilde die einſame Ausnahme; ich allein bin an dieſen verhaßten Fleck gebunden, ohne die Macht ihn zu verlaſſen. So oft ich es verſuche, mich der Pein I eines noch längeren Aufenthaltes an dieſem Orte zu 3 entziehen, werde ich überwältigt oder von dem Vorhaben abgelenkt durch die Ueberredungen von Va⸗ ter Klemens. Die Luft von Schönbrunn ſagt mir 1 3 nicht zu! und das Einzige, was man mir an ſeiner Stelle bietet, iſt[das ewige Univerſalmittel Karls⸗ ½ bads, oder der Brunnen in Naſſau.“ „Ich fürchte, mein Prinz überſchätzt die Macht der Oertlichkeit,“ wendete der Freiherr ein:„unſer. eigener Geiſt wirft ſeine Schatten oder ſeinen Glanz auf die umgebenden Gegenſtände; wir tragen in 71 S⸗⸗ uns ſelbſt die Quelle unſerer Befriedigung oder un⸗ 1 ſeres Mißvergnügens. Der Ort, der dem Herzog 1 von Reichſtadt ſo läſtig iſt, wurde von ſeinen Ahnen als ein angenehmer Aufenthalt betrachtet.“ .„ Das iſt möglich,“ erwiederte er,„aber wenn der Geiſt in vielen Fällen ſeine eigene Farbe auf die materiellen Dinge wirſt, wollen Sie nicht auch den umgekehrten Fall als möglich zugeben, daß die Oertlichkeit ihrerſeits auf den Geiſt einwirken kann?“ Der Freiherr ſchwieg, während der Prinz 8 dieſe günſtige Gelegenheit ergriff, um ſein Ver⸗ langen nach einem Wechſel des Aufenthaltes dar⸗„ zulegen, wofür er abwechſelnd Ueberdruß, gei⸗ ſtige Vervollkommnung, Neugierde und Unwohlſeyn als Gründe vorbrachte. Auf dieſe Gründe wurde jeder ſanfte Tadel, jede weiſe Vorſtellung der Reihe nach eingewendet und erwiedert. „Jedes Glied der kaiſerlichen Familie,“ fuhr der Herzog fort,„genießt die Wohlthat, Reiſen und per⸗ ſönliche Beobachtungen machen zu dürfen; jedem. andern Jüngling ſtehen die Vortheile eines unde⸗—.= ſchränkten Studiums offen, mit der Vergünſtigung,“ fremde Länder, Regierungen, Geſetze, Geſellſchaften und Einrichtungen zu beſuchen und zu vergleichen. Mir allein iſt dieſes Recht verſagt.“ „Der heilige Beruf, für den der Herzog vo . 72 S⸗ Reichſtadt erzogen wurde, erfordert dieſe praktiſchen Kenntniſſe nicht; und es gibt in der That Wenige, deren theologiſcher Unterricht mit dem Ihrigen ver⸗ glichen werden kann.“ „Und dennoch werde ich das verhängnißvolle Gelübde nicht ausſprechen, das mich auf einmal zu einem vereinzelten Weſen machen würde,“ rief der Jüngling mit Feſtigkeit,„mein Entſchluß iſt un⸗ widerruflich; meine Geſundheit wird die noth en⸗ digen Kaſteiungen nicht erlauben.“ Der Freiherr fühlte eine Thräne unter ſeinen Augenliedern hervordringen, während dieſe Worte ausgeſprochen wurden. „Oh Lindenberg,“ rief der Prinz laut und nach⸗ drücklich aus,„mein Freund, vielleicht mein einziger Freund, Sie können meine Gefühle verſtehen. Ein inneres Gefühl bürgt mir dafür, daß meine Worte bei Ihnen nicht verloren ſind. Ich muß dieſen läſti⸗ gen Ort verlaſſen; ich muß erlöst werden von dieſer verhaßten Polemik, die meinen gequälten Geiſt ver⸗ wirrt, ohne ihn zu überzeugen. Ich lechze nach Ver⸗ änderung.... ich lechze.... nach Thätigkeit.“ Der Miniſter erſchrack unwillkührlich, als die letzten Worte in einem Tone ausgeſprochen wurden, der gegen des Herzogs gewöhnliche Mattigkeit auf⸗ 2 73 So⸗ fallend abſtach. Er blickte mit ſchmerzlichem Antheil in das geröthete und belebte Angeſicht vor ihm. „Euer Hoheit Verlangen nach einem thätigen Leben,“ bemerkte er ernſt,„paßt nicht gut zu dem ſchwächlichen Geſundheitszuſtand, den wir Alle nur zu viel Urſache haben zu beklagen.“ „Mein gegenwärtiger Zuſtand geiſtiger Erſtarrung macht das Blut in meinen Adern ſtocken,“ verſetzte der ſchwächliche Jüngling mit Bitterkeit;„gebt mir nur Raum— dann kann ich mich vielleicht wieder erholen.“ „Der Kaiſer liebt Sie zärtlich,“ antwortete Lindenberg,„vertrauen Sie auf die väterliche Liebe, die er Ihnen ſo oft gezeigt hat;.... aber fordern Sie kein zu großes Opfer: er kann Ihren Wünſchen noch nachgeben, wenn ſie in den Schranken der Mäßigung bleiben.“ „Er wird, er kann es mir nicht verſagen,“ rief Reichſtadt,„Schönbrunn kann mein Gefängniß ſeyn; mein Grab darf es nicht ſeyn.“ „Unterdrücken Sie dieſe Aufregung, mein ge⸗ liebter Prinz,“ unterbrach ihn der Freiherr;„dieſe heftige Bewegung muß Ihnen nothwendig ſchaden.“ „In der Luft von Schönbrunn vertrocknet mein Herz,“ rief der Herzog,„Alles iſt von einem dü⸗ ſtern Schleier überzogen, der über jeden Gedanken Trauer verbreitet. Ich möchte Italien beſuchen.. ich wagte es nicht, ein anderes, theureres Land in Vorſchlag zu bringen.“ Der Staatsmann ſann einen Augenblick nach. „Sollten Sie nach der Geſellſchaft der erlauchten Erzherzogin von Parma verlangen, ſo wird dieſelbe ohne Zweifel den Wünſchen Euer Hoheit zuvor⸗ kommen; aber unwiderſtehliche Schwierigkeiten ſtellen ſich einer weiteren Reiſe entgegen. Ich kann das verwickelte Gewebe der Verpflichtungen gegen das Ausland, durch welche das öſterreichiſche Kabinet gebunden iſt, nicht aufdecken.— Hören Sie darum auf, ſich nutzloſen Aufregungen hinzugeben; waffnen Sie ſich gegen die Anfälle einer unwürdigen Schwäche. Von mir, gnädiger Herr, haben Sie ſtets die Stimme der Wahrheit gehört. Laſſen Sie mich jetzt nicht vergebens ſprechen. Werfen Sie von ſich dieſe verderbliche Niedergeſchlagenheit, die Ihr beſ⸗ ſeres Urtheil zu überwältigen droht. Ich berufe mich auf Ihre Philoſophie, mein Prinz,— iſt die⸗ ſes Murren weiſe oder zuträglich?“ „Lindenberg, eine Wolke ſcheint mich niederzu⸗ drücken; wilde Träume vergangener Tage, Geſichte aus meiner Kindheit flimmern unbeſtimmt in meiner Erinnerung. Es ſcheint, als ob ich einſt beſtimmt geweſen wäre, einen andern Wirkungskreis auszu⸗ füllen. Dunkle Erinnerungen aus fernen Zeiten — —p-nm 75 S verfolgen mich fortwährend in glänzenden Geſtalten, die ich nicht mehr deutlich und beſtimmt feſthalten kann.“ Der Baron wendete ſich ab, blaß vor Bewe⸗ gung; aber antwortete nicht. „Ja— ich kann Ihr Schweigen verſtehen,“ rief der junge Napoleon.„Wenn ich auf jene glänzenden Tage der Kindheit zurückkomme, die ich vergebens zurückzurufen ſuche, ſo blicken Alle um mich her geheimnißvoll, und ſcheinen ſtumm zu ſeyn. .. Ich war nicht immer, was ich jetzt bin 14 Ein heftiger Huſten unterbrach den Kranken, der ein Tuch an ſeine Lippen hielt, das er mit Blut gefärbt zurückzog. Der Freiherr verbarg ſein Geſicht einen Augenblick mit ſeinen Händen; eine Thräne vann zwiſchen ſeinen Fingern hindurch. „Sagen Sie mir,“ rief der Jüngling, ſich er⸗ holend von ſeiner vorübergehenden Erſchütterung, „ſagen Sie mir die ereignißvolle Geſchichte.... meiner ſelbſt. Warum werde ich ſo gefangen ge⸗ halten? Wer bin ich? Mein Vater war....“ „Der General Bonaparte iſt ſchon ſeit mehren Jahren todt,“ antwortete Lindenberg feierlich; „Euer Hoheit können gewiß nicht ſo lange zurück⸗ denken?“ „Wer war der General Bonaparte?“ fragte der junge Napoleon zitternd, mit ſteigender Auf⸗ — 76 S⸗ regung.„Täuſchen Sie mich nicht;— ich vermuthe — ich weiß— achl ich weiß vielleicht mehr als ich wiſſen ſollte, und bin doch nicht befriedigt,“ ſetzte er ſeufzend hinzu:„Oh! wenn Sie mich lieben, löſen Sie mir das Räthſel meines gegenwärtigen Lebens.“ „Eure Hoheit können an meineer ehrerbietigen Liebe nicht zweifeln,“ verſetzte der Freiherr. „Die Zeit iſt da,“ fuhr der Prinz mit Leb⸗ haftigkeit fort,„ich bin nicht länger mehr ein Kind. Der Schleier, der mir bisher meine wahre Lage verdeckte, muß gelüftet werden. Sprechen Sie, Lindenberg, denn wenn Sie ſich weigern, meine Unwiſſenheit aufzuklären, ſo werde ich genöthigt ſeyn, bei einer andern Quelle Belehrung zu ſuchen; und von Ihnen, theurer Freund, möchte ich die Wahrheit erfahren. Eine andere Stimme würde un⸗ freundlich in meine Ohren tönen.“ „Sie wurden geboren, eine außerordentliche und geheimnißvolle Beſtimmung zu erfüllen. Sie müſſen ſich ſtets auf einem dornigten Pfade hindurch⸗ kämpfen... „Aber ich kann nicht lange kämpfen,“ unter⸗ brach ihn Reichſtadt mit heiſerer Stimme. „Ueben Sie Ihre herrlichen Kräfte, geliebter Prinz. Rufen Sie die Hülfe der Philoſophie und 77 E⸗⸗ Religion an. Bedenken Sie, daß es unſre erſte Pflicht iſt, uns den Beſtimmungen der Vorſehung mit Ergebung zu unterwerfen, wenn wir ſie nicht mit Heiterkeit annehmen können. Dies iſt das Urbild wahrer Größe und innerer Tugend.“ „Unwiſſenheit iſt nicht Weisheit⸗ Meine jetzige dämmernde Empfindung der Vergangenheit, meine düſtern Ahnungen der Zukunft geben mir keinen Grund zu Mäßigung oder Seelengröße. Wir können der Ueberzeugung von der Nothwendigkeit uns fügen, aber nicht dem Drucke des Mißgeſchicks. Es iſt Ihre Pflicht, meiner Bitte zu entſprechen. Noch einmal— ich bitte,— ich beſchwöre Sie, bei Ihrer Offenheit— und dem Vertrauen, das ich auf Sie ſetze.“ „Sie ſind ein Geißel für die Sicherheit der Nationen,“ verſetzte der Freiherr,„ein lebendes Unterpfand des europäiſcheu Friedens. Verſtehen Eure Hoheit, was ich meine?“ „Vollkommen... mein Vater war... ein Ge⸗ neral! ein König! ein Uſurpator...! Fahren Sie ſort, ich bin vorbereitet.“ „Nein, mein Prinz— erlaſſen Sie mir das Geſchäft, Vater Klemens iſt geeigneter Sie zu be⸗ lehren, als ich— wenden Sie ſich an ihn, und * 2 78 G⸗ erlauben Sie mir, eine Unterredung zu beendigen, die für uns Beide ſo peinlich iſt.“ „Es darf nicht ſeyn,“ rief der Herzog,„ich bitte, ich flehe Sie an;— nein, ich befehle Ihnen Aufklärung. Es iſt billig, daß man mich von jeder Thatſache unterrichtet, die ſich auf meine Herkunft bezieht. Gönnen Sie mir wenigſtens das Ver⸗ mögen, meine unglückliche Lage beurtheilen zu können. Hätte man mich nicht Jahr aus Jahr ein getäuſcht, vielleicht dieſes brechende Herz, dieſes gährende Gehirn wären in beſſerer Ordnung, und die Um⸗ ſtände hätten mich alsdann geneigter gefunden, mich den Beſtimmungen des Schickſals zu fügen.“ B„Ihr Vater war aus Korſika,“ verſetzte Lin⸗ denberg.— „Dies weiß ich bereits,“ unterbrach der Prinz, „aber fahren Sie fort, ich bin ungeduldig.“ „Ihr Vater wurde in frühem Alter Offizier in der franzöſiſchen Armee;“ fuhr der Staatsmann mit Ernſt fort.„Durch Glück und einen hochſtre⸗ benden Geiſt zog er die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ſich zu einer Zeit, als Frankreich in Revolution begriffen, von inneren Unruhen zerriſſen, dicht am Rande des Verderbens ſtand. Der wüthende Kampf — der Parteien hatte ſeinen Gipfel erreicht; gleich den Geſchöpfen des Cadmus rieben ſie ſich gegenſeitig 5 2 79 auf. In dieſem entſcheidenden Zeitpunkt erhob ſich Napoleon, von kriegeriſchem Ruhme umglänzt, gleich einem Meteor am düſtern Horizonte. Ungetrübtes Glück hatte bis jetzt ſeine Waffen begleitet. Ueberall ſiegreich, wo er die Waffen Frankreichs führte, kehrte er endlich dahin zurück, bewältigte den reiſ⸗ ſenden Strom der Volkswuth, und wurde zum Conſulat erhoben.“ „Ein neuer Cäſar,“ rief der Jüngling ſtolz. Sein entzündetes Auge glänzte während der Er⸗ zählung, und ſeine ſchmächtige Geſtalt ſchien durch das Bewußtſeyn ſeiner Herkunft Würde zu ge⸗ winnen. „So im Beſitz der höchſten Macht,“ fuhr Lin⸗ denberg in ſeiner Erzählung fort,„ergriff Bona⸗ parte die Zügel der Regierung im Innern, und ſchrieb Friedensbedingungen vor nach Außen,— die Ruhe war hergeſtellt. Hier hätte er Halt machen ſollen— das Ziel war erreicht— er hätte jetzt das herrliche Vorrecht ausüben können, den kaiſer⸗ lichen Scepter zu verſchmähen, der offenbar in ſeiner Gewalt lag.“ „Und er that es nicht?“ fragte Reichſtadt ge⸗ dankenvoll. „Der Chrgeiz beſitzt die gefährliche Eigenſchaft, daß er ſeine glühendſten Anhänger blind macht,“ 80 Se fuhr der Miniſter fort.„Geblendet von der uner⸗ hörten Höhe, zu der er ſich aufgeſchwungen, ver⸗ mochte es Bonaparte nicht, den leerſtehenden Thron unbewegt anzuſehen, und in geradem Widerſpruch mit jenem Geiſt edler Gerechtigkeit, der die Selbſt⸗ aneignung verbietet, ſo lange der erbliche Herr noch lebt, nahm er den kaiſerlichen Purpur und ſetzte ſich die Krone Karls des Großen auf ſeine hohe Stirne.“ „Mein Vater... Kaiſer.... von Frankreich!“ rief der Herzog athemlos vor innerer Bewegung, „und ich verkomme.... in Schönbrunn!“ „Die Moral meiner Erzählung ſoll Eurer Hoheit ernſte Aufmerkſamkeit erſt noch erfahren,“ unterbrach ihn Lindenberg mit ſteigender Feierlichkeit. „Glück, mein Prinz, iſt eine Prüfung, der Wenige gewachſen ſind; Ihr Vater erlag unter ihr. Der Kaiſer, von der Armee gewählt, wurde von dem Vertreter des heiligen Petrus geſalbt, von den aus— wärtigen Mächten anerkannt und von dem Volk, das durch ihn von den Schrecken der Anarchie befreit worden, angebetet. Aber obgleich das Glück jede Maßregel unausbleiblich zu begleiten ſchien, Ein Wunſch blieb noch unerfüllt. Napoleon hatte keinen Erben, der den kaiſerlichen Thron erben konnte, er war kinderlos, und ſeine Gemahlin gab keine Hoff⸗ nung zu f Nachkommenſchaft.“ * 2 81 S⸗⸗ „Durch ſeine perſönlichen Anſtrengungen ver⸗ mehrte er ſeinen Ruhm in zahlreichen Siegen; jedes Glied ſeiner Familie wurde zur Königswürde er⸗ hoben. Könige und Königinnen entſtanden auf ſeinen Wink und ſchaarten ſich in ſeinem Gefolge. Die Würden des Staats wurden mit freigebiger Hand ausgetheilt, er ſchien Alles zu beſitzen, was er wünſchen konnte, nur ein Sohn fehlte ihm! Sie, mein Prinz, der Gegenſtand ſeiner heißen Wünſche, ſeiner glühendſten Hoffnungen, Ihr Daſeyn war die Folge einer ungerechten Handlung. Die Ge⸗ noſſin ſeiner Jugend, die zärtliche, vertrauensvolle Gattin, die ihm zuerſt den Weg zum Ruhm vor⸗ gezeichnet hatte, der Engel, der Schutzgeiſt ſeines Schickſals, ſie wurde nicht länger für würdig ge⸗ achtet, ſeinen Thron zu theilen, ſie ward verſtoßen; ein Abkömmling der Cäſaren, eine Tochter Oeſter⸗ reichs wurde auserſehen zur würdigen Gattin des Kaiſers von Frankreich und zur Mutter des künftigen Erben ſeines Throns. Eure Hoheit war der Spröß⸗ ling dieſer Verbindung, und die politiſchen Wunden des neuen Kaiſerreichs ſchienen für immer geheilt; Ihre Geburt ſchien die Verträge zwiſchen den wett⸗ eifernden Nationen durch die ſtarken Bande der Blutsverwandtſchaft zu verknüpfen; Sie wurden als der Polarſtern der Herrſchaft, als der Anker der Ella. I. 6 4 2 82 E Hoffunng, als das Unterpfand des Glückes betrachtet. Immer war Napoleon noch nicht zufrieden, er ver⸗ ſuchte den Himmel, er beſchloß die Eroberung Ruß⸗ lands; Unmögliches verlangte er— ſtrebte er an; bisher ſiegreich von den Ufern des Rheins bis zu den Säulen des Herkules, von den Geſtaden des baltiſchen Meeres bis zu den Inſeln des mittellän⸗ diſchen, gleich unüberwindlich in dem brennenden Sand der Wüſte, wie auf den ſchneebedeckten Alpen, voon den Apenninen bis zu den Pyrenäen, dachte er an keine Niederlage. Aber die Gottheit, deren Altar er ſo Viel geopfert, wurde ihm ungetreu; er verfolgte ſie— er trotzte ihr— er forderte ſie heraus.“„. „Sein Heer, wohl das ſchönſte, das jemals ins Feld rückte, wurde vernichtet, nicht von Men⸗ ſchen allein,— die Elemente ſchienen verſchworen gegen die Kühnheit Bonaparte's. Die Mosco⸗ witen legten, in einem erhabenen Aufſchwung pa⸗ triotiſcher Tugend, ihre Hauptſtadt in Aſche, und raubten dadurch ihren ermüdeten Feinden Vorräthe und Obdach. Groß und herzzerreißend waren die grauſamen Unfälle, welche die franzöſiſchen Truppen und ihr unbezähmbarer Führer erduldeten;— ganze Regimenter gingen im Schnee zu Grunde. Soll ich vollenden?“ * 4 83&⸗ „Ja!l die Lehre iſt heilſam,“ verſetzte Reich⸗ ſtadt mit kaum vernehmbarer Stimme. „Niederlage folgte auf Niederlage; Napoleon dankte ab, und ſuchte eine Zeit lang auf der kleinen Inſel Elba eine freiwillige Abgeſchloſſenheit. Aber ſeine ehrgeizige Seele hing noch immer an der kaiſerlichen Würde; Viſionen von Siegen liehen der Zukunſt ſtets ihren täuſchenden Schein. Noch einmal kehrte er nach Frankreich zurück, noch einmal ſtieg er auf den Thron unter dem Zuruf eines begeiſterten Volkes, aber die Laufbahn ſeines Ruhmes näherte ſich ihrem Ende. Als die Stärke des verbündeten Europas der kriegeriſchen Macht Frankreichs ſich ent⸗ gegenſtellte, da verſammelten ſich zwar die treuen Veteranen, in deren Gefolge Sieg und Verheerung geweſen, furchtlos um ſeine Fahne. Aber der Würfel war gefallen; Napoleon ward beſiegt; eine einzige, eine entſcheidende Schlacht beſtimmte das Schickſal Europas. Der Felſen von St. Helena empfing den überwundenen Krieger als Gefangenen; auf St. Helena lebte Ihr Vater, um die Irrthümer eines übermüthigen Ehrgeizes zu beklagen, auf St. Helena endlich“— „Genug!“ unterbrach der Prinz, indem er ſeine Hand gegen den Freiherrn ausſtreckte, der ſie ehrerbietig an ſeine Lippen drückte,„jetzt,— Dank 6*⁵ 84 S⸗ Ihrer Offenheit,— weiß ich Alles. Es iſt eine außer⸗ ordentliche, unglückliche Geſchichte; jetzt erſt begreife ich die ungeheure Verantwortlichkeit, welche Oeſterreich auf ſich geladen. Ich verſtehe die Grauſamkeit, die Güte, die Sorgfalt, die man gegen mich übt. Sie denken, ich könnte meines Vaters Seele geerbt haben! Aber ſeht! Thränen benetzen meine Wangen, — Er weinte niemals,— dieſe weibiſche Rührung ſtellt Euch ſicher; Napoleons Sohn iſt harmlos!“ Als der Herzog von Reichſtadt dieſe Worte geſprochen, drückte er Lindenbergs Hand in der ſeinigen, zog ſich langſam in ſein Privatgemach zu⸗ rück, und überließ ſeinen Geſellſchafter dem Nach⸗ denken über die Hauptgegenſtände eines Geſprächs von ſo bedeutendem Intereſſe für einen Prinzen, deſſen vergangenes und zukünftiges Leben in die geheimnißvolle Kette der öffentlichen Ereigniſſe ver⸗ ſchlungen war, die in jenem Geſpräche erzählt wurden. —— Sechstes Kapitel. Dies iſt ein Reiſender, Herr, kennt Menſchen und Sitten. Beaumont und Fletcher. Keine Periode des Daſeyns iſt ſo reich an an⸗ genehmen Empfindungen, als jene kurze Zeit, welche der Liebesbewerbung gewidmet iſt, und dies gilt beſonders vom Weibe: ebenſowohl in der ſtrömenden Fülle der erſten Liebe, als in der dauernden Zärt⸗ lichkeit einer beſtändigeren und gereifteren Neigung. Alle dazwiſchen liegenden Verhältniſſe müſſen unter dem Ausdruck„Liebeleien“ zuſammengefaßt werden, und können unmöglich auf die Würde des Gefühls Anſpruch machen. Der Zeitraum, welcher gewöhnlich zwiſchen der Anerkennung und Genehmigung eines Liebhabers und der feierlichen Beſtätigung der gegenſeitigen Gelübde liegt, iſt eine Zeit ungetrübten Glückes. Die Jugend iſt von Erwartungen gehoben, das Herz hat ſeinen ganzen Schatz der ſichern Ver⸗ wahrung eines Andern anvertraut, und hat in die⸗ ſem den Mittel⸗ und Quellpunkt ſeiner ganzen Be⸗ wegung. Die Liebe, durch die Rechtmäßigkeit ihres 5 86 Se Beſitzes erhöht, hat ſich noch nicht zu bloßer Achtung ermäßigt; ſie genießt Sicherheit ohne Sättigung, Vertrauen noch ohne engſte Vertraulichkeit und Ab⸗ wechslung ohne Unbeſtand. Die Vernunft hat das Herz noch nicht an Kälte gewöhnt, Lenkſamkeit kann nicht als Gehorſam gedeutet werden; die harten, gebieteriſchen Pflichten des Lebens haben ſich noch nicht in froſtiger Wirklichkeit geltend gemacht, um die glänzenden Viſionen der Neigung zu verſcheuchen, und die erweiterte Ausſicht auf künftige Jahre er⸗ ſcheint nur als die Fortſetzung der gegenwärtigen Wonne. So ſtanden Albert und ſeine verlobte Braut auf dem Gipfel menſchlicher Seligkeit. Ein Tag nach dem andern verging unter jenem zarten Aus⸗ tauſche gegenſeitiger Aufmerkſamkeiten, der dem Gefühle, deſſen Ausfluß er iſt, immer neue Nahrung gibt. Die vertrauliche Offenheit, das mittheilſame Ausgießen der Seele, wodurch gewöhnlich die Nei⸗ gung junger unerfahrner Gemüther bezeichnet iſt, bildet an ſich ſchon ein mächtiges Band zwiſchen beiden Theilen und verleiht einer Neigung Beſtand, die unter dem erkältenden Einfluſſe der Zurückhaltung leicht verfliegen könnte. Von Kindheit auf an die Geſellſchaft ihres Geliebten gewöhnt, entfaltete Ella's offene Seele 87 So⸗ kunſtlos vor ihm ihre ganze angeborene Reinheit, und wie er jedem neuen Zuge ihres Weſens, der unbewußt ſeine verborgene Reize offenbarte, auf⸗ merkſam nachging, ſo gewann ſeine Zärtlichkeit deſto mehr an Innigkeit, je lebhafter er von ihrem inneren Werthe überzeugt wurde. Gerade in ſolchen Zwiſchenzeiten, ehe das Schickſal die Gewißheit unwiderruflich beſiegelt hat, hält der Mann den Schlüſſel zu ſeinem künftigen Glücke in Händen. In dieſem entſcheidenden Zeit⸗ punkte kann er ſich der Gemüthsart des Weſens am deutlichſten bewußt werden, welches er zu ſeiner Lebensgefährtin gewählt hat, und ſich ihrer Achtung und Liebe auf immer verſichern. Dieſer Mittag der Neigung ſollte benützt wer⸗ den, um jene reiche Ernte der Liebe in Sicherheit zu bringen, von der wir in trüberen Zeiten zehren können, wenn im Verlauf der Jahre das Herz, unter welt⸗ lichen Sorgen erſtarrt, aufgehört hat, friſche Blüthen hervorzutreiben, und zur Gewohnheit gewordene Gleichgültigkeit die zärtlichen Ausſtrömungen jugend⸗ licher Begeiſterung überwältigt; dann wird die ſüße Erinnerung an jene kurzen Wonneſtunden unſre Phantaſie erfüllen, und das Andenken an verſchwun⸗ dene Liebe und früheres Vertrauen wird einen er⸗ heiternden Strahl ausſtrömen, der gleich den zarten richtigkeit ſetzte, war das ſicherſte Band ſeiner 4 88 S⸗⸗ Farben des Abendrothes einen dauernden Schein von Glanz und Schönheit über das Düſtere des herannahenden Alters verbreitet. Ella war ein Weſen, über deſſen Gemüth die Liebe eine gebieteriſche und ausſchließliche Gewalt ausüben mußte; die Friſche und Einfachbeit ihrer Natur machte ſie doppelt empfänglich für jene tiefen Empfindungen, welche ein beſtändiger Verkehr mit der Geſellſchaft leicht zu ſchwächen vermag. In ihrer Neigung zu Albert war eine Kraft und eine Gluth, die ihre volle Reife noch nicht gewonnen hatte, und nur mit der ſich öffnenden Blüthe ver⸗ glichen werden konnte, welche die ganze knospende Schönheit enthüllt, die der Phantaſie ſogar noch mehr verſpricht, als der Eindruck auf die Sinne gibt; eine Schönheit, welche oft verloren geht, wie die reifende Blüthe der glühende Vorbote eines unvermeidlichen Verfalles iſt. Dieſe vertrauende Unſchuld war ein neuer Zauber, der Albert noch enger mit ihr verband, deſſen künftiges Schickſal und gegenwärtiges Glück ſo völlig mit dem ihrigen verſchmolzen war. Sein männlicher, ſtärkerer Charakter wurde lieblich ge⸗ mildert durch ihre ſich anſchmiegende Zärtlichkeit, und das volle Vertrauen, das ſie auf ſeine Auf⸗ 89 ⸗ Treue; denn wir lieben Das, was ſich auf uns ſtützt, und die Männer fühlen gewöhnlich in dem Maße, eine ſtärkere Neigung, als ſie finden, daß dieſe Neigung für das Glück des Geſchöpfes we⸗ ſentlich iſt, durch welches ſie eingeflößt wird. Koketten ſind daher ſelten wahrhaft geliebt; denn eben jene Selbſtbeherrſchung, durch welche ſie ein dauerndes Gefühl von ſich abzuhalten im Stande ſind, ent⸗ kleidet ſie des Reizes, der am meiſten geeignet iſt, eine Neigung hervorzurufen. Der Herbſt glitt unmerklich vorüber; ſeine herrlichen Tage waren von den Liebenden mit einer Reihe ſich ablöſender geſchmackvoller Unterhaltungen ausgefüllt worden. Albert las vor, während Ella an ihrem Stickrahmen ſaß; oder ſie ſang die zarten, klangvollen Tyroler Weiſen und ſeine tiefe Stimme verlieh der ſchwellenden Harmonie Stärke und Fülle. Von allen Vergnügungen, die auf die Sinne wirken, iſt die Muſik am meiſten geeignet, das Entſtehen und den Fortſchritt der Neigung zu be⸗ günſtigen; es liegt etwas unendlich Anziehendes in der geſchickten Verbindung ſüßer Töne; in der klagenden Abwechslung und Miſchung der Laute lauſcht eine ſchmelzende Wolluſt, die von der blos geſprochenen Rede niemals hervorgebracht werden kann. Das Herz gibt ſich allmählig der bezaubernden — 90 So- Gewalt hin, bisher abgewandte Augen ſuchen Begeg⸗ nung und Verſtändniß: und in einem zitternden, ſchwimmenden Blicke des Entzückens ergießt ſich die unbewußte Seele in das beredte Geſtändniß gegen⸗ ſeitiger Liebe, das nur die Schüchternheit zuvor ſo ſorglich verheimlicht hatte. Als Verlobte durch die reinſte Neigung ver⸗ bunden, war doch in ihren gegenſeitigen Gefühlen ein ſcharf bezeichneter Unterſchied. Beide liebten mit gleicher Wärme und Aufrichtigkeit; aber die beſondere Gemüthsart eines Jeden prägte ſich in ſeinen An⸗ ſichten und Eindrücken individuell aus. Ella war von Beiden die weniger Glückliche; denn Albert lebte nur im Genuſſe des Augenblicks, während ſie die Zukunft fürchtete; jede täuſchende Vorbedeutung, mochte ſie günſtig oder unheilvoll ſeyn, bewegte ihre Bruſt, während er die unveränderliche Ueberzeugung fühlte, daß ſeine Liebe und ſomit ſein Glück über jeden Unfall erhaben ſey. Obwohl Albert in einem weiten und gewählten Kreiſe angenehmer Geſellſchafter Zutritt hatte, hatte er ſich gleichwohl aus der Zahl derer, die nach dieſer ſchmeichelhaften Auszeichnung ſtrebten, keinen einzigen Freund gewählt. Jung, leidenſchaftlich und frei⸗ müthig erwartete er vielleicht zu viel von der Welt; oder völlig eingenommen, wie er war, von einer 2 91 f= Leidenſchaft, hatte er wohl nicht Achtung genug vor den Pflichten eines Gefühles, das nicht, wie jene, den ganzen Menſchen in Anſpruch nimmt. Doch gab es Augenblicke, beſonders wenn er zufällig von Ella getrennt war, in welchen er eine unbewußte Sehn⸗ ſucht nach der Geſellſchaft eines Weſens fühlte, in welches er mit Sicherheit ſein unbegrenztes Ver⸗ trauen ſetzen könnte. Ein Liebhaber iſt ſtets geneigt, ſich mitzutheilen; und ſollte er ſich nicht ſo zeigen, ſo wird man immer einen überzeugenden Grund beibringen können, durch welchen eine Zurückhaltung erklärt wird, die auf keine Weiſe mit der überfließenden Fülle der Neigung in Einklang ſteht. Ein Liebhaber ſehnt ſich, von ſeiner Liebe zu ſprechen, von ihr, die ihn gefeſſelt, von ſeiner Beſtändigkeit, von ihrer Vollkommenheit, von den Hoffnungen, zu denen ſie ihn berechtige, von ſeinen Freuden, ſeinen Leiden, von ihren Beſorg⸗ niſſen: kurz, die Liebe iſt, wie ſchon La Rochefaucault gezeigt hat, die Quinteſſenz des Egoismus und dreht ſich beſtändig um ihre eigene Are. Wie der große Zauberer der Tonkunſt, ſo hat die Liebe, welches auch der Ton ſeyn mag, immer nur Eine Saite: und ein Mann, der unter den alltäglichen Be⸗ gebenheiten des Lebens kein Mitgefühl verlangt, und weit entfernt iſt, durch unerwünſchtes Ver⸗ 92 G⸗ trauen Andern läſtig zu ſeyn, wird, wenn er einmal wahrhaft verliebt iſt, den am wenigſten empfindſamen unter ſeinen Bekannten mit endloſen Auseinanderſetzun⸗ gen perſönlicher Gefühle quälen. Selbſt der zartfüh⸗ lendſte, zurückhaltendſte Liebhaber macht hier ſchwerlich eine Ausnahme; und wenn er auch ſeine Gefühle ſorg⸗ ſam verbirgt vor der gewöhnlichen Neugierde, und den alltäglichen Verkehr mit zufälligen Geſellſchaften vermeidet: ſo wird er darum doch eine guünſtige Gelegenheit ergreifen, um die geheimen Winkel ſeines Herzens der zarten Forſchung eines Freundes auf⸗ zuſchließen, und dadurch ſich erleichtert fühlen. In früher Jugend von ſeinem Bruder getrennt, wußte Albert nur wenig von dem angenehmen Wechſel⸗ verkehr im Familienkreiſe, außer der Regelmäßigkeit einer brieflichen Correſpondenz, und dem Austauſch gelegentlicher Beſuche. Aber die dem brieflichen Ver⸗ kehr eigenthümliche Kälte und Langſamkeit war nicht geeignet, die Anforderungen eines glühenden Herzens zu befriedigen, während andererſeits ſeines Vaters Gemüth gegen das ſeinige ſo ſchneidend abſtach, daß Graf Roſenthal der Letzte war, den er ſich zum Ver⸗ trauten erſehen hätte. Viele Gründe machten eine innigere Verbindung zwiſchen Beiden unmöglich. Es war nicht Mangel an Pflichtgefühl, Ehrerbietung oder Dankbarkeit von Alberts Seite; auch konnte man die väterliche Aufmerkſamkeit und Beſorgtheit des Grafen nicht füglich anklagen; aber der Umſtand einer zweiten Heirath, und die übermächtige Gewalt einer Stief⸗ mutter waren vollkommen hinreichende Schranken, um das Wachsthum jener herrlichen Eintracht zwiſchen Vater und Sohn zu verhindern, welche das reinſte Urbild menſchlicher Anhänglichkeit iſt.— Albert's natürliches Verlangen nach dem Troſte der Freundſchaft ſollte indeß nicht unbefriedigt bleiben, und der Zufall gewährte, was geſellige Erfahrung bis jetzt nicht gefunden hatte. Nicht lange nach ſeiner Rückkehr vom Schloß Ehrenfels wurde Albert mit dem Chevalier von Florville bekannt, einem Edel⸗ mann von franzöſiſcher Herkunft, der durch einen Empfehlungsbrief der Herzogin von Montpelier in die Familie Roſenthals eingeführt wurde. Eine ſolche Beglaubigung wäre hinreichend geweſen, dem Fremd⸗ ling einen freundlichen Empfang zu ſichern, hätte auch ſein ganzes Benehmen und ſeine perſönliche Er⸗ ſcheinung nicht jenes anziehende Etwas verrathen, wodurch die Förmlichkeit eines erſten Beſuchs ſo weſentlich vermindert wird. Der Chevalier war erſt kürzlich aus Amerika zurückgekehrt, wo er einen großen Theil ſeiner Jugend zugebracht hatte, und er ſchickte ſich eben jetzt zu einer Vergnügungs⸗Reiſe in den Norden Europas an. 94 S⸗ Aus ſeinen Reden ging deutlich hervor, daß er bei dem Herzog und der Herzogin von Montpelier als Hausfreund Zutritt gehabt. Er ſprach oft und rüh⸗ rend von der lieblichen Conſtanze, deren Reize ein willkommener Gegenſtand gegenſeitiger Lobreden wa⸗ ren. Er erwähnte auch Alfreds mit jener Freimüthig⸗ keit, welche die Gewohnheit eines vertrauten Umgangs und gegenſeitige Achtung anzeigte. Florville ſtand in der Blüthe des Lebens, und wenn nicht auffallend hübſch, beſaß er doch eine edle Geſichtsbildung und etwas Ausgezeichnetes in ſeinen Mienen. Sein Be⸗ tragen zeigte vollkommene Kenntniß der guten Geſell⸗ ſchaft, ohne daß es den Stempel eines beſondern Standes, oder einer beſondern Claſſe trug. Er ſprach über jeden Gegenſtand fließend, und beſaß einen ſchätzbaren Vorrath ausgedehnter Kenntniſſe und anziehender Anekdoten. Zudem gab ein tiefer Beobachtungsgeiſt ſeiner Rede hie und da einen philo⸗ ſophiſchen Anſtrich, der Alberts nachdenklicher Geiſtes⸗ richtung beſonders zuſagte. Die Folge war, daß ſich in kurzer Zeit zwiſchen Beiden eine innige Freund⸗ ſchaft bildete. Der Graf Roſenthal, natürlich darauf bedacht, einem Freunde des Herzogs von Montpelier Gaſt⸗ freundſchaft und Aufmerkſamkeit zu zeigen, empfing den Fremdling auf freundlichem Fuße, und lauſchte — 2 95 S⸗⸗ mit der ganzen Innigkeit väterlicher Freude der ſchmeichelhaften Schilderung der zunehmenden Reize und manchfaltigen Talente ſeiner Tochter; während die Beſtätigung von Alfreds ſchnellem Vorrücken in ſeiner Amts⸗Laufbahn ihn mit ehrgeizigen Hoffnun⸗ gen auf künftige Auszeichnung erfüllte. Der Uebergang aus dem geräumigen Saale des Roſenthal'ſchen Palaſtes in den weniger glän⸗ zenden Kreis des Freiherrn von Lindenberg war eine natürliche Folge von Florville's Einführung. So ſehr jedoch der Chevalier dazu gemacht war, die Vergnügungen der großen Welt zu genießen und dazu beizutragen, und ſo ſehr er alle Erforder⸗ niſſe beſaß, um mit Vortheil in derſelben auf⸗ zutreten; zeigte er gleichwohl eine bedeutende Ab⸗ neigung dagegen, ſich in die glänzend⸗gefüllten Réunions zu miſchen, in denen ſich die élite des öſtreichiſchen Adels nächtlich in ungemiſchter Aus⸗ ſchließlichkeit verſammelt. Er zog den ruhigen Ver⸗ kehr im Geſpräch vor, den die Familie Lindenberg's ſo anmuthig darbot. Mehr geneigt zum Genuſſe der feinen Bildung, als der Ueppigkeit und Pracht des Lebens, mied er den Glanz und Sinnenrauſch großer Verſammlungen, um die Geſellſchaft derer zu ſuchen, deren Gefühle und Beſchäftigungen im Einklang mit den ſeinigen ſtanden. 96& Florville war kein gewöhnlicher Menſch. Ein entſchiedener romantiſcher Zug bezeichnete ſeinen Cha⸗ rakter. Zuweilen wenn ſeine überlegenen geſelligen Talente in Thätigkeit gerufen wurden, und ſeine geiſtreichen Bemerkungen den Zuhörern Beifall ent⸗ lockten, ſeine ausdrucksvollen Züge ſich verdüſterten oder erglänzten, wie zum angemeſſenen Ausdrucke ächten Gefühls: dann berübrte er beredt die Ver⸗ hältniſſe Frankreichs, deſſen früheren Ruhm und jetzige Erniedrigung er nicht vergeſſen konnte. Er war mit einer überzeugenden Beredſamkeit begabt, ſehr verſchieden von der wortreichen Beweglichkeit, die unter den Franzoſen nur zu oft nationale Eigen⸗ thümlichkeit iſt. Ein unbeſchreiblicher Reiz begleitete ſeine Rede; ſelbſt die gewöhnlichen Gegenſtände des Tags wurden von dem Chevalier mit jener natür⸗ lichen Leichtigkeit und Anmuth behandelt, durch wel— chen ſie den Reiz der Neuheit und des Intereſſes gewannen. Aber der Zug in Florville's Geiſte, der ihn Roſenthal beſonders theuer machte, war jene Begeiſterung, jener elektriſche Funke himmliſchen Feuers, von welchem Alles ausgeht, was gut und groß iſt in der menſchlichen Seele, und welchen ſie Beide beſaßen; jene Begeiſterung, ohne welche die höchſte Trefflichkeit ihren Werth verliert. Die Begeiſte⸗ rung verleiht Leben dem Gedanken, Nachdruck der 2 97= Rede, Kraft der That. Es iſt ein geiſtiger Magnet, der Andere zu ſich herzieht, und unſere geiſtigen Fähigkeiten polariſirt, indem er ihnen ihre eigen⸗ thümliche Richtung gibt, während er zugleich ihre Thatkraft ſteigert, und auf Einen Gegenſtand richtet. Ohne Begeiſterung können wir keinen Anſpruch auf Ueberlegenheit machen; wir ſind unthätig; das Prin⸗ zip der Bewegung mag uns inwohnen, aber es kann nicht in Thätigkeit geſetzt werden;— wir mögen harmlos ſeyn— aber die Erhabenheit der Tugend iſt unerreichbar, wenn dieſe nicht durch Begeiſterung angeſpornt wird. Dieſelben Elemente, die in Alberts feurigem Gemüthe glühten, blitzten auch in maleriſchem Glanze in dem poetiſchen und verwegenen Charakter Flor⸗ ville's; aber Umſtände, Erziehung und Oertlichkeit bewirkten, daß ſie ſich bei Beiden verſchieden aus⸗ drückten. Die ſittlichen Kräfte des Einen waren durch Gewohnheit geregelt, und durch die Macht des Bei⸗ ſpiels in Schranken gehalten; die üppige Fülle des Andern war mit unwiderſtehlicher Gewalt hervor⸗ gebrochen. Der Chevalier war voll utopiſcher Pläne von allgemeiner Freiheit, die, wenn auch auf rein patriotiſcher Baſis ruhend, immer dazu beſtimmt ſind, die glänzenden Täuſchungen eraltirter Geiſter zu nähren. Dieſes Band der Sympathie verband die Effa. I. 7 25 98 jungen Männer zu enger Freundſchaft; beſonders fand Albert in Florville einen Freund, den er bis † jetzt vergebens geſucht hatte, und jede Stunde ſchien ihrer gegenſeitigen Achtung einen noch feſteren Be⸗ ſtand zu geben. Gleichwohl beobachtete der Fremd⸗ ling über Einen Gegenſtand ein undurchdringliches Schweigen:— ſo mittheilſam er ſeyn mochte in 3 Beziehung auf die Beweggründe in der Politik, die Schönheiten der Literatur, die Schwierigkeiten der Wiſſenſchaft, die Herrlichkeiten der ſchönen Künſte: Florville ſprach niemals von— ſich ſelbſt. 3 Siebentes Kapitel. Drei Kinder ſchleifen auf dem Eis An einem ſonn'gen Tag, Bis alle fallen haufenweis, Nun läuft, was laufen mag. Die feſtliche Weihnachts-Zeit ging anmuthig vorüber unter heitern, feiertäglichen Zuſammenkünften, wobei die Bande des Blutes die erſte Stelle ein⸗ nahmen und ungezwungene Herzlichkeit den Haupt⸗ Reiz ausmachte. Hierauf folgten Vergnügungen allgemeinerer Art. Das neue Jahr wurde mit zahl⸗ reichen Bällen, Concerten und Gallatagen eröffnet, welche nicht allein die langweiligen Winterabende völlig ausfüllten, ſondern ſich noch tief in die Nacht hinein fortſetzten; und wie um das Maaß der Freude zu erhöhen, trat ein ſcharfer Froſt mit ungewöhn⸗ licher Strenge ein, der eine Morgen⸗Unterhaltung wahrhaft nordiſchen Urſprungs mit ſich brachte, von der wir einen deutlichen Begriff zu geben verſuchen müſſen. 8 Auf einen heftigen Schneefall, der viele Stun⸗ den angedauert hatte, war eine anhaltende und durch⸗ dringende Kälte gefolgt. Der Boden zeigte eine 7 4½ 2 100 S⸗⸗ Oberfläche von ununterbrochener Weiße, die alsbald dicht gefror; glänzende Kryſtalle hingen in phan⸗ taſtiſchen Girandolen von den entlaubten Aeſten, und nahmen tauſend abwechſelnde Farben an, wenn die Winter⸗Nachmittagsſonne einen reichen Strom ſchiefer Strahlen auf die Landſchaft ausgoß; die Natur erſchien wie eine Braut, in ein Gewand von unbefleckter Reinheit gekleidet, wobei ſich die knospenden, jungfräulichen Frühlingsſchönheiten ganz hinter dem reichen aber reinen Glanz des hochzeit⸗ lichen Kleides verbargen. Der wolkenloſe Himmel erglühte in jenem klaren, tiefen Azur, der einen anhaltenden Froſt gewöhnlich begleitet; und der ſcharfe Oſtwind ſtrich ſchneidend längs den beeisten Wogen der Donau hin, welche den nöthigen Grad von Dicht⸗ heit gewonnen hatten, um das Tummeln der Schlit⸗ ten zuzulaſſen. er Dieſes maleriſche Spiel, das in Rußland ſo ſehr im Schwange iſt, wird zuweilen auch von den Bewohnern milderer Striche genoſſen, und wenige Unterhaltungen können erheiternder ſeyn; denn es verbindet die ganze Hitze der Jagd mit der anmu- thigen Gewandtheit des Wettrennens. Diejenigen, welche bis jetzt nur die anmuthige Unterhaltung des Schlittſchuhlaufens mit der Erſchei⸗ nung des Winters verbunden haben, mögen ſich die vereinigten Freuden des Fahrens, Pferdeleitens, 2 101& Wettrennens, Jagens und Schleifens, in eine glück⸗ liche Einheit verſchmolzen, vorſtellen, dann können ſie ſich wohl einen Begriff machen von den Reizen einer Schlittenfahrt. Die mächtigen Waſſer der Donau, in ſchwere Maſſen„dichtgeſchloſſenen Eiſes“ umgewandelt, ſtellten eine ungewöhnlich geräuſchvolle und feſtliche Scene dar. Die verſammelte Bevölkerung der Kaiſer⸗ ſtadt drängte ſich an ihren Ufern; und jedes Geſicht ſtrahlte von brennender Neugierde und Aufregung, als die 6lite der vornehmen Welt behend über die glatte Fläche des gefrorenen Stromes dahin glitt. Unter dieſer war Fräulein Ella gewiß die anzie⸗ hendſte, wenn nicht die herrlichſte Geſtalt; und ſie theilte die muntern Freuden des Tages mit der gan⸗ zen Lebhaftigkeit ihres Alters. Albert, ihr erwählter Kavalier, hatte das ange⸗ nehme Geſchäft übernommen, den raſchen Lauf des Fuhrwerks zu leiten, das aus einem ſchönen Wagen beſtand, der nach der neuſten Form und dem beliebte⸗ ſten Baue gefertigt war. Das Gefährt war mit Schnitz⸗ werk und Vergoldung reich verziert, mit Silberbrokat ausgelegt und mit Kiſſen von weichen Flaumen verſehen. An daſſelbe war ein muthiges Roß geſpannt, reich geſchirrt und mit Büſchen und Flaggen von den aller⸗ bunteſten Farben geziert; an ſeinem Halſe bing eine = 102= Anzahl kleiner ſilberner Glocken, die bei jeder Bewe⸗ gung des edlen Thiers luſtig erſchallten. 4 Ella's Tracht ſchien ebenſo geeignet, der durch⸗ dringenden Kälte der Jahreszeit zu trotzen, als das tadelloſe Ebenmaß ihrer äußerſt ſchönen Geſtalt zu verbergen; ein Umſtand, der für die Zuſchauer wohl ¹ ein Gegenſtand des Bedauerns geweſen wäre, hätte er nicht die Aufmerkſamkeit deſto ausſchließlicher auf ihr liebliches Geſicht gezogen. Ihr karmoiſinrothes Kaſimirkleid wurde beinahe bedeckt durch einen außer⸗ 1 ordentlich ſchönen Mantel von ſchwarzem Sammt, 91. der mit Hermelin ausgefüttert und geſchmückt war. 4 Ein beſonders hübſch kleidender ungariſcher Hut, von — 4 derſelben glänzenden Farbe, wie ihr Anzug, war geſchmackvoll auf eine Seite geſetzt und eine große 8 Silberquaſte hing von ihm herab, die den Eindruck V des Kopfputzes noch erhöhte. Ein dunkles Band, mit Gold verbrämt, umſchlang die herrlichen Umriſſe ihrer klaren Stirne, von der eine üppige Fülle ſeide⸗ ner Ringeln in wunderlich⸗ſpielender Verſchlingung ſich herabzog. Um ihre zierlichen Füße vor der rauben Witterung V b zu ſchützen, waren ſchwarzſammtene Pelzſtieſeln über. ihre Atlasſchuhe geſchnürt. Dieſe, an den äußerſten hl Enden weniger fein geformt, konnten vielleicht etwas ſchwerfällig ſcheinen; aber von Ella getragen, mußte — 103 S⸗⸗ dieſe hinzugekommene Bedeckung, mit den zierlichen Verhältniſſen des kleinen Fußes verglichen, der darin verſteckt war, Bewunderung erregen. Das heitere und bunte Schauſpiel gewann ein immer lebhafteres Ausſehen, als zahlloſe Schlitten von jeder Geſtalt, Art und Benennung auf⸗ und abflogen, von dem eleganten und manchfaltig gear⸗ beiteten Wagen des Ariſtokraten an, der mit vollen⸗ deter Kunſt, mit reichen Zierrathen gefertigt und mit feurigen Roſſen beſpannt war, bis zu jener beſchei⸗ denen Art von Fuhrwerken, die Manches von der Geſtalt, den Verhältniſſen und Eigenſchaften des Schubkarren hat, und auf eine ähnliche Art fort⸗ getrieben wird. Hinter dieſen letzteren unſcheinbaren Maſchinen folgte eine große Zahl von Schlittſchuhläufern, unter denen verſchiedene Gruppen junger Adeliger waren, die miteinander in Anmuth und Gewandtheit wett⸗ eiferten, indem ſie die ſchwierigſten Bewegungen und Figuren darſtellten, welche die ſchöne Kunſt des Schlittſchuhlaufens ausmachen. Mittlerweile hörte man das Jauchzen und die Beifallsrufe der Menge, wenn ungewöhnlich gewandte Schlittſchuhläufer ihre Künſte entfalteten; während lautes, ſröhliches Gelächter die linkiſchen und unglück⸗ lichen Bemühungen der Strauchelnden erwartete⸗ -0 104& Die Schlitten enthielten größtentheils Damen von Rang und Schönheit, deren jede von einem begünſtigten Kavalier in raſchem Fluge geführt wurde. Unter Dieſen ließ es ſich Albert beſonders angelegen ſeyn, ſeine Fertigkeit zu zeigen, und er hatte bereits alle ſeine Nebenbuhler überholt, als, während er minder raſch fuhr und ſeine liebliche Begleiterin auf die merkwürdigſten Züge dieſes Volksfeſtes aufmerkſam machte, ſie von einer Geſell⸗ ſchaft adeliger Schlittſchuhläufer angeredet wurden, unter denen ſich mehrere ihrer Bekannten befanden. „Welch glänzende Verſammlung!“ rief Einer aus der Gruppe, indem er ſich dem Schlitten nä⸗ herte.„Einen großen Theil ihres Reizes danken wir der Baroneſſe Ella von Lindenberg,“ ſetzte der junge Herzog von Sachſen hinzu. „Und ich danke Ihnen, meine Herren, einen Theil meiner Unterhaltung,“ antwortete Ella mit anmuthigem Lächeln. „Wir fürchteten, die ſtrenge Kälte möchte viele Damen abhalten, unſerem Spiele zu folgen; aber es ſcheint die glänzende Sonne hat einen zahlreichen Beſuch herbeigelockt,“ verſetzte der erſte Sprecher. „Nun, Roſenthal,“ bemerkte der Herzog von Sachſen,„wollen Sie ſich nicht eine Weile mit uns üben?“ — 105&- „Nein! heute nicht,“ ſagte dieſer,„aber morgen könnte ich es vielleicht wagen.“ „Wie können Sie dieſem muntern Spiele ſich entziehen?“ fragte ein Anderer aus dem muntern Kreiſe;„Sie waren ja immer ein Fiun vom Schlittſchuhlaufen.“ „Oh Albert!“ ſagte Ella,„ich werde ganz unbefriedigt ſeyn, wenn Du nicht Schlittſchuh läufſt, ich möchte Zeuge ſeyn von Deiner Geſchieklichkeit, und ich weiß, Du liebſt dieſen Zeitvertreib.“ „Nicht halb ſo ſehr, als meine jetzige Beſchäf— tigung, Theuerſte,“ antwortete er mit ſo leiſer Stimme, daß die letzten Worte des Satzes nur das Ohr des Weſens erreichten, an das ſie ge⸗ richtet waren. „Kommen Sie, kommen Sie, Roſenthal!“ riefen Viele zugleich,„Sie dürſen uns Ihre Ge⸗ ſellſchaft nicht völlig entziehen.“ „Wir bitten Fräulein von Lindenberg, einen von uns zu Ihrem Kavalier pro tempore zu wählen,“ ſprach der Herzog von Sachſen, indem er ſich Ella ehrerbietig näherte. „Ich weiß nicht, ob ich einwilligen kann, mei⸗ nen Poſten zu verlaſſen,“ verſetzte Albert. „Wenn Sie nicht mich zu Ihrem Stellver⸗ treter haben wollen,“ ſprach der Herzog mit Lachen, — 4 * 1 ——z —2 106 ⸗ „ſo können Sie ſich nach einem ernſthaftern Nach⸗ folger umſehen; doch wenn Sie meinem Rathe folgen, ſo überlaſſen Sie die Anordnung der Wahl dem Fräulein ſelbſt.“ 3 3 Ella lächelte erröthend:„Ich glaube, ich muß Dich in Perſon entlaſſen,“ rief ſie,„und Deinen Nachfolger mit ſo viel Klugheit, als unter den gegenwärtigen Umſtänden möglich iſt, ernennen. Ich denke,“ fuhr ſie fort, ſtrahlend von unſchuldiger Freude, als ſie ihren Vater ſich der Gruppe nä⸗ hern ſah,„meine Wahl wird auf Jemand fallen, der die allgemeine Billigung erhalten wird.“ Der Herzog von Sachſen drängte ſich vor, ſei— nes Erfolges gewiß, und Ella bat noch einmal ihren Geliebten, die Schlittſchuhläufer zu begleiten. „Gewiß, wenn Du es mir gebieteſt,“ rief er beinahe ärgerlich über den Wechſel;„aber wem werde ich mein koſtbares Gut anvertrauen? Keiner dieſer Herrn iſt mir ſicher genug, um Dich ſeiner Sorge zu übergeben,“ fügte er hinzu, ohne den Freiherrn zu bemerken, der in geringer Entfernung ſtand. „Pfui, Pfui, Roſenthal! Wir müſſen Sie für einen eiferſüchtigen, ſelbſtiſchen Sterblichen halten,“ rief der Chevalier von Florville, der zu der Gruppe geſtoßen war,„Sie ſind glücklich in ihrer gegen⸗ — 2 107 ⸗ wärtigen Beſchäftigung, und würden ſie nicht ver⸗ tauſchen für—“ „Ein Königreich,“ unterbrach ihn Albert;„aber meine Großmuth zu beurkunden, Chevalier, und um zu zeigen, daß ich dieſe Eigenſchaft in Andern zu würdigen weiß, bin ich geneigt, Sie zu der Ehren⸗ ſtelle zu ernennen, wenn die Baroneſſe Ella dazu vermocht werden kann—“ „Nein, dies iſt nicht ſchön, ich muß ſelbſt einen Wagenlenker mir wählen, undich werde mich von kei⸗ nerlei Gründen davon abhalten laſſen,“ fügte ſie mit einnehmender Lieblichkeit hinzu,„auch werde ich den freundlichen Herren, die ihren Beiſtand ſo gütig an⸗ geboten, nicht viele Plagen verurſachen. Mein Vater wird die Zügel halten, während Albert ſeine Kunſt⸗ fertigkeit zeigt. Denke, daß wir Deinen Bewegungen mit Argusaugen folgen werden; hüte Dich daher zu ſtraucheln, wie jene linkiſchen Bürger, über die wir ſo eben uns luſtig machten.“ So ſprechend, deu⸗ tete Ella auf ihren Vater, der die Beſchützung ſeiner lieblichen Tochter und die Leitung des Schlittens freudig übernahm, ohne mit ſeinen jün⸗ gern Genoſſen in dieſer kunſtreichen Uebung wett⸗ eifern zu wollen. Albert blickte zärtlich auf ſeine Verlobte, als er ſie der väterlichen Sorgfalt übergab, und * 2 108 S⸗⸗ ermuthigt durch ihre freundlichen Blicke, glitt er mit ſeinen fröhlichen Genoſſen dahin, wobei ſeine hohe und wohlgebildete Geſtalt ſichtlich über die Uebrigen hervorragte, während er mit größter Leichtigkeit eine Mannigfaltigkeit verwickelter Bewegungen zeigte, die bei den Zuſchauern langen und lauten Beifallsruf hervorlockten. Durch Wetteifer angeſpornt verdoppelte der Herzog von Sachſen ſeine Bemühungen, ſeine Mitbewerber zu überſtrahlen, und zeigte überraſchende Geſchicklichkeit. Immer aber war Roſenthal der glücklichſte, und erregte fortwährend die allgemeine Bewunderung, die vielleicht zum Theil auf Rech⸗ nung ſeiner perſönlichen Schönheit kam. Der Herzog wollte inzwiſchen nicht für beſiegt gelten, ohne zuvor einen weitern Verſuch zu machen, ſich zu ſeinem Vortheil zu zeigen, und er forderte kühn Albert und Florville zu einem Wettrennen heraus. Dieſe nahmen die Herausforderung fröhlich an; ſie ſtellten ſich in gleiche Linie und legten auf ein gegebenes Zeichen aus. Es herrſchte große Auf⸗ regung, als die drei Bewerber ſich abwechſelnd ereilten und überholten. Aber der Chevalier, der am wenigſten Eifrige, blieb bald zurück, und über⸗ ließ es Roſenthal, mit dem Herzog um die Sieges⸗ palme zu kämpfen. Der Letztere war augenſcheinlich —— — 5 109 S raſcher in ſeinem Laufe, aber der Erſtere kunſtreicher und anmuthiger in ſeinen Bewegungen; und der Kampf ſchien ziemlich gleich, bis Albert, nach Ella blickend, ſeinem Gegner dadurch einen augenblicklichen Vortheil gab. Dies bemerkend, bot er alle ſeine Kräfte auf, und in ſeiner Hitze das feſtgeſetzte Ziel zu erreichen, näherte er ſich unachtſam einer Stelle im Mittelpunkt des Stromes, welche man bisher wegen der reiſſenden Strömung unter der gefrorenen Oberfläche als unſicher vermieden hatte. Kaum hatte er ſeinen Genoſſen um einige Schritte über⸗ holt, als man ein furchtbares Krachen hörte, ein großes Stück Eis löste ſich von der dichten Maſſe ab, ein gähnender Schlund trennte den verwegenen Roſenthal von ſeinem Genoſſen, und drohte, den käm⸗ pfenden jungen Mann zu verſchlingen. Mit verzwei⸗ felter Entſchloſſenheit ſuchte er ſich an dem ſchwimmen⸗ den Stücke zu halten, an welchem er hing, wäh⸗ rend er fühlte, wie er allmählig in die tiefen Wogen der Donau hinabſank, die unmittelbar darunter in düſterer Majeſtät dahin rollten. Ein durchdringender Schrei erſchallte durch die Luft und wurde zu gleicher Zeit von tauſend Stimmen wiederholt; zahlreiche Haufen bewegten ſich nach der Stelle, aber ſtunden wie feſtgebannt, als das Gefühl perſönlicher Geſahr auf ſie eindrang. 110 E& e 9 8 Zurück, zurück, wenn euch euer Leben lieb iſt,“ rief Florville, furchtlos vorwärtsſchreitend; der er⸗ ſchrockene Haufe bebte zurück beim gefährlichen An⸗ blick, und Viele ſuchten eilig die Ufer des Fluſſes zu erreichen. Der Herzog von Sachſen folgte muthig dem edeln Beiſpiel des Chevalier; aber dieſer winkte mit der Haud, zum Zeichen, daß der un⸗ ſichere Boden keine weitere Laſt tragen könne; er trat vor bis dicht an den Rand des hanre⸗ wo Albert noch immer im krampfhaften Kampf der Verzweiflung hing. Die abgeriſſenen Stücke Eis waren ſchnell nach jeder Richtung hin gewichen, und Florville entdeckte mit Schrecken, daß ſeine eigene Lage mehr und mehr unſicher wurde; aber mit mächtiger Anſtrengung ſtreckte er ſeinen Arm weit aus, und faßte die ausgeſtreckte Hand Roſenthals in dem Augenblicke, als dieſer in Folge der Kälte und Ermüdung den Eisſchemel loslaſſen wollte, der ihn bis jetzt oben gehalten hatte. Noch eine weitere Anſtrengung, und die zwei Freunde waren gerettet. Dieſes Ereigniß, das beinahe einen unheilvollen Ausgang genommen, beſchloß die Feſtlichkeiten des Tages. Die ganze Seene hatte ſich plötzlich ver⸗ ändert; Schrecken, Verwirrung, Mitgefühl, Fragen und Glückwünſche erfüllten abwechſelnd jede Bruſt. Ella war, als ſie die drohende Gefahr bemerkte, — — in der ihr Geliebter ſchwebte, in Ohnmacht ge⸗ ſunken, und bkieb in dieſem Zuſtande, völlig unbe⸗ wußt der Dinge und Ereigniſſe um ſie her, bis die zarte Sorgfalt ihrer Mutter ihr zu Hülfe kam. Als ihre Sinne zurückkehrten, ſand ſie ſich unter dem väterlichen Dach, Albert an ihrer Seite. Die Ueberzeugung, daß er unverlezt dem ſchrecklichen Verhängniß entgangen, das ihm gedpoht, brachte ſie ſchnell zu vollem Bewußtſeyn zurück, und die gewöhnliche Blüthe trat wieder auf ihre Wangen; und ſie liebte ihn, wenn es möglich war, noch glühender wegen des Schreckens, den ſie für ihn erduldet. Dieſes Ereigniß erhöhte weſentlich die Freund⸗ ſchaft zwiſchen dem Chevalier und Roſenthal, denn ſie war jetzt durch die mächtigſten aller ſittlichen Bande geheiligt, Dankbarkeit auf der einen Seite, und das Bewußtſeyn ertheilter Wohlthaten auf der andern. Von dieſer Stunde an waren die Freunde unzertrennlich. 2 112 f Achtes Kapitel. Helas! on ne craint point qu'il venge un jour son père. Racine, Andromaque. Und was iſt dein Beginnen? Wallenſtein. Die Zeit verfloß und der Chevalier Florville ſetzte ſeinen freundſchaftlichen Verkehr mit den Fa⸗ milien Roſenthal und Lindenberg fort. Inzwiſchen gab er keinen Grund ſeines verlängerten Aufenthalts in Wien an, obgleich er ſein urſprüngliches Vor⸗ haben einer Reiſe nach dem Norden, einſt ſein Lieblingsplan, völlig aufgegeben zu haben ſchien; er blieb wie feſtgebannt in der öſterreichiſchen Hauptſtadt. Für dieſe gänzliche Aenderung ſeines Vorſatzes und Planes führte Florville keine Urſache, keinen Beweggrund an, und hätte Albert die geringſte Anlage zur Eiferſucht gehabt, ſo hätte dieſer Um⸗ ſtand eine ergiebige Quelle der Unruhe dargeboten. Aber lieblich und bezaubernd, wie Ella war, würde es ſchwer geweſen ſeyn, die feinen Aufmerkſamkeiten des Chevalier für etwas mehr als für die in der vornehmen Welt geſtattete Galanterie zu halten. 2 113 S⸗⸗ Gleichwohl gab es Zeiten, in denen Roſenthal ſeiner beſſern Vernunft und den Beweiſen einer täglichen Erfahrung zum Trotz einen beinahe un⸗ merklichen Schatten von Unruhe nicht abwehren konnte. Er war Ella ſo innig zugethan, daß er ſtets geneigt war anzunehmen, dieſelben Gefühle der Bewunderung müſſen auch in andern Gemüthern durch die Vollkommenheiten erzeugt werden, die ſein Herz gefeſſelt. Aber in dem funkelnden Geiſte von Florville's ſchwarzem Auge lag eine Kälte, ähnlich dem Juwel, dem es glich; ſein Blick konnte leuchten, aber er wärmte nicht; ſeine Gefühle waren nicht im Einklang mit den Wünſchen und Vergnügungen der Geſellſchaft; ſie ſchienen ver⸗ geiſtigt; ſein Herz, bis zum Ueberfließen angefüllt mit irgend einer herrſchenden Leidenſchaft ſtarker und gebieteriſcher Art, fand keinen Raum, ſanſtere Neigungen zu hegen und zu pflegen. Mit offner Herzlichkeit im Kreiſe des Freiherrn von Lindenberg empfangen, mußte Florville noth⸗ wendig die ungezwungene Freiheit ſchätzen lernen, welche den Familienverkehr des deutſchen Adels charakteriſirt, der den Geiſt wahrer Gaſtfreund⸗ ſchaft darin zeigt, daß er auf die Ehrenhaftigkeit und ſittliche Reinheit ſeiner Beſucher ein ſchmeichel⸗ haſtes Vertrauen ſetzt;— die Damen des Hauſes Ella. I. 8 114 S⸗⸗ dürfen in Gegenwart und mit Einwilligung ihrer Eltern frei an dem geſelligen Verkehr theilnehmen. Dieſes Vertrauen, ſo förderlich für das Glück der Jugend und die allgemeine Heiterkeit der Geſell⸗ ſchaft, iſt ſicher die Folge tugendhafter Einfachheit. Wenn wir unſeres eigenen Benehmens und unſerer Abſichten ſicher ſind, bürden wir Andern keine Nie⸗ drigkeit oder Verletzung des Anſtandes auf, deren Möglichkeit wir uns gar nicht denken. Uebermäßige Verfeinerung, das üppige Anhängſel der Civiliſation, bringt in ihrem Gefolge den Argwohn, und der Argwohn kann der Vater der Schuld genannt werden, wie die Anklage oft der Vorbote des Ver⸗ brechens iſt, indem ſie deſſen Möglichkeit zugibt. Aber ehe die Seele in die Verderbniß der Eitelkeit und Lüſte eingetaucht wird, kann ſie an das Ver⸗ brechen nicht denken und dem Argwohn keinen Eingang ſchenken. Florville brachte ſeine Morgenſtunden gewöhn⸗ lich für ſich, oft mit Studien, zu. Er führte einen leb⸗ haften und ausgebreiteten Briefwechſel. Nicht ſelten traf ihn Albert an ſeinem Pulte, wo er in Geſchäfte verſenkt ſchien, welche ſowohl Aufmerkſamkeit als Eile erforderten. Aber das Weſen ſeiner Beſchäf⸗ tigung oder der Charakter und die Gegenſtände ſeiner Briefe wurden nie angedeutet. Selten ſpielte er —2 115 S⸗ auf ſeine Verwandtſchaft, ſeine Verbindungen oder ſeine Stellung im Leben anders an, als mit alltäg⸗ lichen Bemerkungen oder durch unbeſtimmtes Zugeben, was als Offenheit oder als Zurückhaltung gedeutet werden konnte, je nachdem es die Umſtände zu rechtfertigen ſchienen. Er gab ſich nicht Mühe, irgend etwas zu verheimlichen, aber bei der zuneh⸗ menden Vertraulichkeit und reifenden Freundſchaft hätte man etwas mehr Aufrichtigkeit erwarten können von einem Manne, der keinen beſondern Wunſch zeigte, verborgen zu bleiben. Er ſprach von der Vergangenheit nur wenig, von der Zukunft noch weniger. Seine Reiſen waren ſein Lieblingsgegen⸗ ſtand und boten eine unverſiegliche Quelle der Er⸗ klärung und Unterhaltung; ſie bildeten eine Art neutrales, aller Parteiberührung fern liegendes Feld, wo Fragen ohne Zudringlichkeit, Mittheilſamkeit ohne Unvorſichtigkeit ſtattfinden konnten. Florville liebte es, die verſchiedenen Länder zu ſchildern, die er beſucht, die Gewohnheiten und Eigenthümlich⸗ keiten, die er beobachtet, und die außerordentlichen Schauſpiele, deren Zeuge er geweſen; und die Be⸗ merkungen, die er in ſeine Geſpräche einſtreute, waren ſcharfſinnig, treffend und oft erſchöpfend. Er hatte mit den Griechen für die Freiheit 22 116 ☚ geſochten und unter den Amerikanern ihre Anwendung auf die geſetzgebende Negierungskunſt ſtudirt. In den lebhaften Schilderungen und politiſchen Erörte⸗ rungen, denen er ſich zuweilen hingab, vermied er merklich alles Hereinziehen perſönlicher Anſpielungen oder einzelner Beiſpiele aus der neueſten Zeit. Er war gewohnt, über politiſche Grundſätze ſich nur allgemein auszudrücken, ohne ſie durch Thatſachen zu beleuchten; und es war unmöglich in ſeinem frei⸗ ſinnigen und erleuchteten Geſpräch irgend eine jener democratiſchen Verkehrtheiten zu entdecken, welche leicht die wachſame Dazwiſchenkunft der beſt einge⸗ richteten Polizei Europas veranlaßt hätte. Etwa drei Monate nach dem Ereigniſſe, das im vorigen Kapitel erzählt wurde, ſaßen die zwei Freunde, die beinahe unzertrennlich geworden waren, in dem Parterre des Opernhauſes. Einige jüngere Glieder der kaiſerlichen Familie ſollten die Darſtellung mit ihrer Gegenwart lehren, und da ſich der Herzog von Reichſtadt von ſeiner frühern Schwäche zum Theil erholt hatte, ſo wurde ſeine Erſcheinung vom Hofe als ein Zeichen vollkommner Wiederherſtellung begrüßt. So loyal die Herzen deutſcher Zuhörer ſeyn mö⸗ gen, ſo begrüßen ſie doch durch kein äußeres Zei⸗ chen die Ankunft ihrer geborenen Beherrſcher. Die = 117& fürſtliche Loge iſt hier nicht ebenſo der Gegenſtand eines beſondern Intereſſes, wie in Ländern, wo die Majeſtät ſich nur ſelten herabläßt, ihre Herrlichkeit vor dem Auge des Publikums zu entfalten. Die regierenden Fürſten auf dem Continent beſuchen ge⸗ wöhnlich jede Woche das eine oder andere öffentliche Schauſpiel, und da ſomit ihre Erſcheinung etwas Gewohntes iſt, ſo erregt ſie weniger Aufmerk⸗ ſamkeit, die ſich nur durch ehrerbietiges Schwei⸗ gen ausdrückt. Man macht keinen beſondern Auf⸗ wand und wendet keine beſondern Zierathen an, um dem öden Ausſehen des düſtern ſchlechtbeleuchteten Saales nachzuhelfen; ein einziger großer wohlverſe⸗ hener Kronleuchter hängt von dem Mittelpunkt herab und verbreitet hinreichend Licht, um die Zuſchauer zu befriedigen, während ein Paar Candelabern den überflüſſigen Schein von ſechs oder acht Wachs⸗ lichtern auf die Abtheilung des Gebäudes werfen, die der Majeſtät zur Verfügung geſtellt iſt. Das Helldunkel, das in allen auswärtigen Theatern herrſcht, iſt in hohem Grade günſtig für perſönliche Beobachtung und Bühneneffect; denn der ermüdende Glanz von Gas und Leuchtern ver⸗ trägt ſich durchaus nicht mit der Illuſion, von welcher der ganze Eindruck dramatiſcher Vorſtellungen abhängt. Vor der Ankunft der kaiſerlichen Familienmitglie⸗ 118 S⸗ der war Florville eine Zeit lang wie in tiefes Nachden⸗ ken verſunken. Nicht ein Wort entſchlüpfte ſeinen Lippen und ſeine Augen waren ſtarr auf die Loge ge⸗ richtet, welche die fürſtliche Familie einnehmen ſollte. Albert mußte aufmerkſam werden auf das ſonder⸗ bare Benehmen Florville's, der beinahe Erſchütterung zeigte, als der Sohn Napoleons ins Theater trat, begleitet von zwei Erzherzogen und umgeben von einer Schaar Kämmerer und Staatsdiener, funkelnd von Sternen, Kreuzen und Bändern verſchiedener Orden und Namen. Der Prinz neigte ſeine ſchmächtige Geſtalt vor der Verſammlung mit feinem Anſtand, und nahm ſeinen gewohnten Sitz, unter ſeinen erlauchten Begleitern, in einem großen Fau⸗ teuil von ſcharlachenem Sammt ein, der auffallend abſtach gegen die ungewöhnliche Bläſſe ſeiner Ge⸗ ſichtsfarbe und ihm ein noch weiblicheres Aus⸗ ſehen verlieb. Das gutbeſetzte Orcheſter begann ſogleich die Ouvertüre, welcher der Prinz mit au⸗ genſcheinlicher Aufmerkſamkeit lauſchte. Die folgende Muſik der Oper war ſchön, aber die Worte, welche dieſelbe begleiteten, hatten ihre Bedeutung völlig verloren; denn das Ganze hatte zuvor der Zenſur unterliegen müſſen, ſo daß jede ſchlagende politiſche Anſpielung, jede tadelnde Bemerkung, jeder ſaty⸗ riſche Wink, der möglicherweiſe auf beſtehende oder jüngſtvergangene Verhältniſſe bezogen werden konnte, vollſtändig ausgemerzt war. Während der kurzen Pauſen in der Vorſtellung zeigte der junge Napoleon eine verdroſſene Theilnahms⸗ loſigkeit. Sein blaues Auge ſchweifte im Kreis umher, ohne daß es Beobachtungen machte, oder ſolche an ſich machen ließ; ein mattes Lächeln, mehr Folge der Gewohnheit, als einer angenehmen Regung, blieb auf ſeinen ſchöngeformten Lippen,— und hatte eher eine melancholiſche als angenehme Wirkung auf die Züge, die nicht geeignet ſchienen, Freude aus⸗ zudrücken. Sein äußeres Benehmen mußte beinahe In⸗ tereſſe erregen, hätten auch die beſondern Umſtände ſeiner Geſchichte nicht ohnedies Neugierde und Mit⸗ leid erweckt; aber die leere, gläſerne Durchſichtigkeit ſeines Blicks erſtickte wieder das aufſteigende Mit⸗ gefühl, das ſeine Jugend, Geburt und außeror⸗ dentliche Stellung ſonſt einflößten. Als die Vorſtellung ſich ihrem Ende näherte, athmete Florville weniger frei; eine Art krampf⸗ haften Zitterns ſchüttelte ſeinen Körper, während er jede Bewegung des Herzogs von Reichſtadt beobachtete, der allein den ganzen Abend hindurch ſeine Aufmerkſamkeit beſchäftigt hatte. Die Schau⸗ ſpieler ſtellten ſich mit Rückſicht auf muſikaliſchen — 120 Effekt, nicht auf ſymmetriſche Verhältniſſe, in Ordnung, um den großen Schlußchor anzuſtim⸗ men; ſchon begannen die Zuhörer ſich langſam von ihren Sitzen zu erheben, die Ungeduldigſten bewegten ſich bereits nach den verſchiedenen Thüren und Vorplätzen. Eine leichte Verwirrung begleitet ſtets die letzte Scene einer Oper; die Inſtrumente werden lauter, die Sänger kräftiger und die ermüdeten Zuſchauer ſehnen ſich, das Haus zu verlaſſen, ehe das allgk⸗ meine Getümmel ihre Entfernung hemmt. Der Prinz ſtand auf, um ſich zurückzuziehen, eben als die letzte Strophe des glänzenden Finale triumphirend an das Ohr ſchwellte. In dieſem Augenblick fiel ein Strauß von verwelkten Veilchen, von unſichtbarer Hand geworfen, zu den Füßen des jungen Napoleon. Er blieb unbeachtet von Dem, welchem dieſe Gabe beſtimmt war; nicht aber von Vater Klemens, deſſen ſtechendes, immer wachſames Auge die Stelle bemerkte, von wo der Strauß geworfen worden war, und als der Her⸗- zog zu gehen ſich anſchickte, kam er hinter dem ſchimmernden Kreis der Höflinge, die ihn bis jetzt dem Auge verdeckt gehalten, hervor, hob die unbe⸗ achteten Blumen auf und ſteckte ſie in ſeinen Buſen. Eine Karmoiſinröthe färbte ſeine blaſſen Züge, ſeine 121 E&⸗ Brauen zogen ſich zuſammen mit bedeutungsvoller Düſterheit, als er ſich über das Geländer neigte, um ſich nochmals von der Identität der Perſon zu über⸗ zeugen, welche ſo die Aufmerkſamkeit Reichſtadts zu erregen geſucht hatte. Aber das Parterre ſtellte jetzt eine dichte, wogende Maſſe von Menſchen dar, die ſich über die leeren Bänke nach den ver⸗ ſchiedenen Ausgängen des Hauſes drängten und drückten. Doch Klemens hatte genug bemerkt; er verließ das Theater, entſchloſſen, den Vorfall ge⸗ heim zu halten, bis ſich eine günſtige Gelegenheit zeigen würde, denſelben zu ſeinem Vortheil bekannt zu machen. „Er iſt nicht wie ſein Vater,“ murmelte der Chevalier in ſich hinein, als er, auf den Arm Ro⸗ ſenthals gelehnt, der über die ungewohnte Aufregung, die ſein Begleiter gezeigt hatte, mehr als verwundert ſchien, eilig durch die Straßen ſchritt. In ſeinem Gaſthof angekommen, warf ſich Flor— ville auf einen Stuhl; ſeine Bläſſe war auf⸗ fallend. Seinen Hut auf den Boden ſchleudernd, ſank er, ſichtlich von großer geiſtiger Anſtrengung überwältigt, zurück.„Wehe! Wehe!“ rief er laut, ſich vor die Stirn ſchlagend,„die Sache iſt ver⸗ loren! Er iſt nicht wie ſein Vater!“ 122 S „Haben Sie ſeinen Vater denn geſehen?“ forſchte Albert in dem leiſen Ton einer vertraulichen Frage. „Ihn geſehen? Ja!“ rief Florville mit Bitter⸗ 1” keit aus.„O Roſenthal! Wenige von Denen, die der Adlerblick dieſes Auges ſonnte, oder ver⸗ nichtete, können es je vergeſſen.“ „Er war ein großer Mann!“ ſagte Albert. „Ein großer Mann in der That!“ wiederholte V der Chevalier,„ſo irrte ich mich alſo nicht in Ihren Gefühlen,“ fuhr er fort, gegen ſeinen Genoſſen gewandt. „Meinen Sie meine Bewunderung für das Andenken Bonapartes? Ich verhehlte ſie nie!“ „Sie ſind fähig Erhabenheit des Charakters in Dem anzuerkenuen, den Sie als Oeſterreicher zu haſſen verbunden ſind! Wenigſtens habe ich mich nicht in Ihnen geirrt, Roſenthal!“ „Vergeſſen Sie nicht, daß meine Mutter eine Montpellier war, mein Bruder und meine Schwe⸗ ſter Franzoſen ſind!“ unterbrach ihn Albert ruhig. „Wahr! Ich ſollte nicht ſo undankbar oder ſo ſtumpfſinnig ſeyn. Vergeben Sie mir! Aber ich fürchtete, der beſtändige Einfluß der Gewohnheit, die ſtarke Gewalt, welche das Vorurtheil ſtets über junge Gemüther, die die Welt noch nicht geſehen, 123& gewinnt, möchte in einem gewiſſen Grade die Ge⸗ fühle zurückgedrängt haben, die ich als Franzoſe über Alles hochſchätze.“ „Wenn Sie damit eine ſtarke Vorliebe für Frankreich, eine angeborne Anhänglichkeit an ſeine Intereſſen und eine brüderliche Neigung zu ſeinen Söhnen andeuten wollen,“ rief Albert die Hand ſeines Genoſſen mit Wärme drückend,„ſo hat hie⸗ ran in der That weder Lehre noch Beiſpiel bei mir etwas verändern können.“ „Ich dachte es,“ fuhr der Chevalier fort, in⸗ dem er den herzlichen Druck erwiederte:„Sie haben den Herzog von Reichſtadt oft geſehen?“ „Häufig, aber ſeit einigen Monaten nicht mehr; ſeine Geſundheit iſt ſchwächlich, der Hof hegte große Beſorgniſſe über ſeine Geneſung. Ich finde indeß, daß er ſich gebeſſert.“ „Gott ſey Dank! die Hoffnung lebt noch in ihm. Wir haben unſre Sache einem ſchwachen Fahrzeug anvertraut“— fügte er in einem Tone hinzu, daß es kaum ſchien, als ſollten dieſe Worte das Ohr ſeines Geſellſchafters erreichen. „Sein Leben iſt in der That,“ ſagte Roſen⸗ thal,„nicht von nationaler Wichtigkeit; aber der Sohn Napoleons kann nie für Jemand ein gleich⸗ 124 G⸗ gültiger Gegenſtand ſeyn, der ſich franzöſiſchen Bluts in ſeinen Adern rühmt.“ „Nicht von nationaler Wichtigkeit,“ wiederholte der Chevalier bedächtig.„Sie täuſchen ſich über den Werth, der auf das Daſeyn des jungen Na⸗ poleon gelegt wird; Napoleon des Zweiten.“ Dieſer letztere Ausdruck war beinahe undeutlich, und Albert erwiederte obenhin:„Sie meinen vielleicht von den verbündeten Mächten, welche meiner Mei⸗ nung nach eine viel zu große Wichtigkeit auf die ſorgfältige Bevormundung des armen Jünglings legen, den wir ſo eben geſehen haben. Schon ſeine körperliche Schwäche macht es unmöglich, daß er je ein gefährliches politiſches Werkzeug würde.“ „Vielleicht! Hätten Sie ſeinen Vater geſehen und gekannt, Roſenthal, ſo würden Sie entweder die Beſorgniſſe der heiligen Allianz theilen, oder, wie ich, mit der großen Sache nationaler Unabhän⸗ gigkeit ſympathiſiren.“ „Man braucht nicht Bonapartiſt zu ſeyn, um zu fühlen, daß nationale Unabhängigkeit jedem Patrioten am Herzen liegen muß. Aber verſchiedene Bedeutungen können mit dieſen Worten verbunden werden: ich erkenne nur eine an, nämlich weiſe Geſetze und eine vernünftige Unterwerfung unter die geſetzgebende Autorität, ſo lange ſie auf die wohl⸗ 2 125 Ss thätigen Intereſſen eines freien Volkes gerichtet iſt. Aber ich kann nicht einſtimmen in die ſchwärmeriſchen Theorieen neuer Reformatoren, welche Ordnung mit Unterdrückung, Zügelloſigkeit mit Freiheit ver⸗ wechſeln.“ „Aber,“ unterbrach Florville,„Sie werden die Wahlfreiheit aller Nationen zugeben?“ „Gewiß! das Volk ſollte aus dem Volke Se⸗ natoren wählen; ſie können am beſten die Art und Weiſe verſtehen, wie ihre Intereſſen vertreten werden ſollen,“ antwortete Albert. „Wollen Sie das Vorrecht nicht weiter aus⸗ dehnen? Geben Sie nicht die Freiheit zu, ſich einen Souverän zu wählen, in welchem alle Intereſſen ſich vereinigen, das Haupt des Körpers, dem alle Andern als Glieder untergeordnet ſind?“ „Dieſe Frage, Florville, fordert eine tiefere Er⸗ wägung, als daß ich jetzt darauf antworten könnte. Lindenberg würde dieſen Gegenſtand beſſer verſtehen.“ „Nein, Roſenthal! Er iſt nicht der Mann, dem ich mein Herz aufſchließen möchte, ſo ſehr ich ſeine Talente und Tugenden ſchätze; er iſt nicht der Mann, dem ich die ſtürmiſchen Hoffnungen und Beſorgniſſe anvertrauen möchte, die auf mich eindringen. Glau⸗ ben Sie, daß der Herzog von Reichſtadt Frankreich noch immer zugethan iſt?“ 126 S⸗⸗ „Es iſt unmöglich, dies zu wiſſen; nur Wenige haben mit ihm Verkehr, und dies iſt ein Ge⸗ genſtand, den Niemand berühren könnte. Das Leben des Herzogs iſt ſehr einförmig, ſeine Zeit iſt hauptſächlich dem Studium gewidmet; er kommt wenig mit dem Hof oder den jüngern Zweigen ſeiner Familie zuſammen. Vater Klemens, der Jeſuit, ſein Beichtvater und Lehrer, iſt ſeine Haupt⸗ geſellſchaft.““ „Ein Jeſuit?“ wiederholte der Chevalier, knir⸗ ſchend mit den Zähnen vor innerer Bewegung,„ein Jeſuit, der Führer, der Mentor von— Oh Na⸗ poleon! Wenn Deine große Seele auf uns nieder⸗ ſchauen kann, ſo ſiehe, wie die glänzenden Geſichte Deines Ruhmes ſich in Finſterniß verwandelt, welche die mühevollen Kämpfe eines erleuchteten Libera⸗ lismus zu überwältigen droht! Wüßteſt Du, daß Dein Sohn, Er, für deſſen Geſchick Du ſo oft und ſo glühende Wünſche zum Himmel ſandteſt, die Kreatur, das Spielwerk eines— eines Jeſuiten iſt! Daß der junge Geiſt, von welchem Du hoffteſt, er werde einſt den Stempel des Deinigen tragen, gebeugt, gekrümmt, gefoltert und zerſtört wird unter dem verſengenden Einfluß religiöſer und politiſcher Bigotterie! So iſt er uns alſo verloren— hoffnungslos 127 S⸗⸗ verloren!“ ſetzte der Chevalier mit einem tiefen Seufzer hinzu. „Es iſt ſonderbar! Aber Sie haben hier Gefühle geäußert, welche ſich oft mir ſelbſt aufgedrungen haben,“ bemerkte Albert,„Sie ſcheinen meine form⸗ loſen Vorſtellungen in das angemeſſene Gewand der Sprache gekleidet zu haben. Doch kann ich durch ähnliche Gefühle nicht bewegt werden. Ich ſah Bonaparte nie, während Sie ein perſönliches In⸗ tereſſe zu haben ſcheinen.“ „Das habe ich, ein tiefes, mächtiges Intereſſe für das Schickſal Frankreichs! Sie wiſſen nicht, Roſenthal, daß mein Vater und ich, damals noch völlig Kind an Jahren, aber nicht an Herz, dem zertrümmerten Glücke unſers verbannten Kaiſers folg⸗ ten; wir waren Zeugen ſeiner Erniedrigungen, welche durch den kleinlichen Despotismus eines engherzigen Beamten, der in den Leiden ſeines Schlachtopfers einen Triumph feierte, doppelt ſchmerzhaft gemacht wurden. Wir ſahen unſern Herrn, gleich einem andern Prometheus, angekettet an ſeinen öden Felſen, in Gefangenſchaft lechzend, vor unſern Augen ver⸗ ſchmachten. Sein letztes Wort war Frankreich— ſein letzter Gedanke ſein Sohn.“ Rührung erſtickte einen Augenblick die Worte des Sprechenden, und Albert lauſchte mit Begierde 2 128 S⸗⸗ einer weiteren Verfolgung des Gegenſtands, der nicht blos ſeine Neugierde, ſondern auch ſeine Gefühle erregte. „Fahren Sie fort, Florville,“ ſprach er,„Ihre Erzählung zieht mich mehr an, als ich Ihnen aus⸗ drücken kann. Ich beläſtige Sie nicht mit Fragen, aber bin bereit, von Ihnen zu hören, was Ihr Ver⸗ trauen auf meine Verſchwiegenheit mir mittheilen mag.“ „Ich danke Ihnen für dieſe zarte Schonung; ich konnte ſie von Ihnen erwarten. Aber die Zeit i*ſt jetzt füj mich gekommen, zu handeln; jede Ver⸗ heimlichung muß aufhören, gegen Sie wenigſtens. Ich bin nicht, was ich zu ſeyn ſcheine.“ „Sie ſind mein Freund!“ verſetzte Roſenthal freimüthig:„von dem erſten Keime unſerer Bekannt⸗ ſchaft an ſchien zwiſchen uns ein Einklang der Nei⸗ gungen und Anſichten zu beſtehen.“ „So iſt es!“ verſetzte Florville lebhaft,„und deßhalb wage ich es, zu glauben, daß Sie mich in meinem rühmlichen Unternehmen unterſtützen werden.“ „Halt, Florville!“ unterbrach Albert,„Sie verkennen meine Grundſätze, Sie überſchätzen meine Kräfte, wenn Sie mich für geeignet halten, an einem politiſchen Wagniß Theil zu nehmen.“ „Ihre Freundſchaft läßt Sie bald im Stich,“ verſetzte der Franzoſe in gereiztem Tone. „Seien Sie nicht ungerecht; weder meine Freund⸗ ſchaft, noch meine Entſchloſſenheit läßt mich im Stich, aber bei meinem jetzigen Verhältniß zu Ella von Lindenberg würde ich, dünkt es mich, die Ehre und das Glück, das ſie mir ſchenken will, ſchlecht ver⸗ dienen, wenn ich mich in eine Unternehmung ein⸗ ließe, welche die Ruhe desjenigen Staats ſtören könnte, in welchem ihr Vater eine ſo hervorragende Stelle einnimmt.“ „So iſt es!“ rief der Chevalier verzweiflungs⸗ voll,„die Liebe maßt ſich die Pflichten der Freund⸗ ſchaft an; ein Weib lächelt— und eine Welt gebt verloren! Albert, ich dachte beſſer von Ihnen— aber— die Täuſchung iſt vorüber— ich muß mir einen andern Freund ſuchen!“ „Ich verdiene dieſen bittern Hohn nicht; was fordern Sie von mir?“ ſprach Roſenthal, durch die Vorwürfe ſeines Freundes verletzt. „Wahrſcheinlich weniger, als Sie ſich vorſtellen, aber mehr, als Sie gewähren werden. Ich fordere eine geheime Zuſammenkunft mit dem jungen Na⸗ poleon.“ „Sie wiſſen nicht, wie unthunlich, ja wie unmöglich Ihre Forderung iſt,“ verſetzte Albert. Ella. I. 9 5 130&⸗ „Zudem, auch wenn es gelingen ſollte, iſt das Wagniß groß. Vater Klemens iſt unglaublich wachſam, und Franzoſen ſind der Gegenſtand ſeines beſondern Mißtrauens, ſo ſehr, daß Keiner wagen würde...“ „Keiner!“ donnerte Florville, unwillig auf den Boden ſtampfend:„ich ſage Ihnen, Tauſende, Millio⸗ nen vielleicht, ſind bereit— ſehnen ſich— in die— ſem Augenblick ihr Leben, ihre Freiheit zu wagen... Aber genug davon— Sie fürchten!“ „Fürchten!“ wiederholte Roſenthal mit Stolz— „fürchten! Was? Wen?“ „Fräulein Ella und ihre finſtern Blicke,“ fügte Florville in einem mildern Tone hinzu;„aber glau⸗ ben Sie mir, ſie iſt nicht das Weib, das vor einer ſolchen Aufgabe zurückſchreckt. Ein romantiſch ver⸗ wegener Geiſt wohnt in dieſem zarten Geſchöpfe, welcher der Sache, die ich unternehme, nicht feindlich iſt. Sie würde Sie nicht weniger lieben, wenn— fürchten Sie nicht Ihr Mißfallen.... und wenn Sie die väterliche Autorität oder das Auge der Poli⸗ zei fürchten..“ „Sie thun mir Unrecht, Herr! beim Himmel, das thun Sie!“ rief Albert, indem er ungeſtüm ſich erhob. „Wenn ich Ihnen Unrecht gethan, ſo vergeben Sie mir,“ ſprach der Chevalier in verſöhnenderem — —. Tone;„aber ich glaubte, Ihre Gefühle ſtünden mehr im Einklang mit den meinigen, und die glorreiche Sache, für die Sie ſo oft Ihre Bewunderung aus⸗ gedrückt, würde Sie nicht lau finden. Aber wenn der edle Geiſt der Freiheit Ihnen nichts von ſeinem heiligen Feuer mitgetheilt hat, ſo kann vielleicht ein anderes Gefühl ſeinen überkedenden Einfluß üben. Roſenthal, theurer Roſenthal, Sie ſehen vor ſich den ergebenen Anhänger Napoleons. Die letzten Befehle des Sterbenden ſind mir anvertraut— ſie müſſen vollführt werden— können Sie Ihre Hülfe ver⸗ ſagen, die ich fordere im Namen der Freundſchaft, die Sie angenommen und bekannt haben?“ „Wäre ich Ihnen weniger zugethan und weniger dankbar, Ihre Worte dieſe Nacht hätten mich belei⸗ digen können; ſo wie es iſt, haben Sie mich nur gekränkt. Sprechen Sie alſo, wie kann ich dienen?“ „Sie können mir dienen, Ihr Beiſtand kann unſchätzbar ſeyn, vielleicht die Urſache des Erfolgs meines Unternehmens. Von Ihrer Verſchwiegenheit bin ich überzeugt.... aber verſprechen Sie... „Ich verſpreche, ich ſchwöre!“ rief Albert, „welches Schickſal mir beſtimmt ſeyn mag, ſollten wir uns nie mehr treffen, ich werde niemals das Vertrauen verrathen, das Sie auf meine Ehren⸗ haftigkeit ſetzen.“ 9*† 2 132 R „Kann ich auf Ihr Gelübde bauen?“ fragte Florville mit funkelndem Auge und gerötheter Wange, belebt durch die dämmernde Ausſicht auf Erſolg. „Gedenken Sie, daß ich Offizier und Edelmann bin,“ bemerkte Roſenthal ruhig. „So wahr auch ich dieſen letzten Titel in An⸗ ſpruch nehme,“ verſetzte ſein Freund mit Stolz, „Ihr Charakter kann auf keinerlei Weiſe blosgeſtellt werden durch das edle Unternehmen, für das ich Ihre Unterſtützung fordere. Ich höre, Lindenberg hat beſtändig Zutritt zu dem Prinzen,“ ſetzte er nach einer Pauſe von einigen Augenblicken hinzu. „Ja, aber was ſoll dies?“ verſetzte Albert. „Es iſt gut.— Aber wir müſſen uns nicht mit dem Miniſter einlaſſen,“ ſagte der Chevalier ſinnend; nſeine Tochter— Ella— ja, erſchrecken Sie nicht, Roſenthal, ſie kann wirklich meinen Plan befördern.“ „Ella!“ wiederholte der Geliebte,„was iſt Ihre Abſicht? Mit ihr darf nicht geſpielt werden, achten Sie ihre Unſchuld, ihre Unerfahrenheit— ich beſehle es Ihnen, Herr,“ rief er mit ziemlicher Heftigkeit. 3 „Wäre ich ſo hitzig wie Sie, wir hätten ſchon lange Streit bekommen,“ erwiederte der Chevalier mit Würde.„Ich vergebe Ihnen;— fürchten Sie nicht für Ella, glauben Sie nicht, daß ich es wagen — 133&£ werde, mit der Reinheit und jugendlichen Einfalt Ihrer anverlobten Braut zu ſpielen. Aber da ich ihre unbegrenzte Gewalt über ihren Vater und ihre Vertrautheit mit den Sitten des Hofes kenne, ſo glaubte ich, ſie könnte mir die nöthige Belehrung geben. Aber ich möchte nicht Ihr Mißfallen erregen, theurer Albert,“ fuhr er mit verſöhnendem Tone fort. „Vergeben Sie mir,“ unterbrach Roſenthal, „aber ihr Name iſt für mich ein Talisman und weckt ein Heer unwiderſtehlicher Gefühle, die keine Anſtrengung der Vernunft zurückdrängen kann. Doch erklären Sie Ihre Wünſche deutlicher.“ „Ich bitte Sie um Ihren Einfluß auf Fräulein Ella— ich bitte Sie, die Sache zu führen, für welche ich arbeite. Gewinnen Sie ihr ein Verſprechen ihres Beiſtandes ab, wenn er nöthig werden ſollte, und ich bin befriedigt. O Albert, Sie können ſich keine Vorſtellung machen von der Qual, die ich erdulde. Ich ſehne mich— ich lechze darnach, mich zu den Füßen des jungen Napoleons zu werfen. Es iſt bisher meine Hoffnung, der einzige Zweck meines Lebens geweſen— es iſt mir nicht gelungen. Wer kann die Qualen der Ungewißheit— die vereitelten Bemühungen— die Leiden der ſchlafloſen Nächte eines treuen Anhängers malen? Aber genug— ich überlaſſe Ihrer Beredſamkeit, meine Erzählung — 134&⸗ in eine beſſere Sprache umzuſetzen. Wer wie ich fühlt, kann ſeinen Gefühlen keinen Ausdruck in Worten geben.“ Als er geendigt, verhüllte der Chevalier, von Rührung erſchöpft, das Geſicht in ſeine Hände. „Verſprechen Sie mir, Florville, als Mann, als Patriot— verpfänden Sie Ihre Ehre als Edel⸗ mann, daß dieſer Plan, ſchwärmeriſch und unbe⸗ greiflich, wie er mir jetzt noch erſcheint, den Frei⸗ herrn von Lindenberg in keinerlei politiſche Verlegenheit verwickeln wird.“ Ein Lächeln, ein kaltes verächtliches Lächeln beleuchtete die ſtarken Züge des Chevaliers, als er bedächtig antwortete: „Sie ſind furchtſam, aber ich halte es dem Liebenden zu gute— Lindenberg kann in keine Gefahr kommen. Ich ſuche nichts von ihm, und von Ihnen fordere ich nur einen Faden, an dem ich meine künf⸗ tigen Maßregeln leiten kann. Der Erfolg, wenn noch ſo glorreich, geht Sie nicht an. Vergeben Sie mir, Albert; aber ich muß vor Ihnen Geheimniſſe haben. Bis heute hielt ich Ihre Seele für ſtärker; aber die Liebe, finde ich, hat die ernſtern Tugenden gemildert. Sollten Sie je beſtimmt ſeyn, die Qual getäuſchter Hoffnung zu erdulden— dann können vielleicht die angebornen Fähigkeiten Ihres Geiſtes hervortreten.“ 2 135&= „Ich dachte, Sie ſeien mein Freund,“ ſagte Roſen⸗ thal vorwurfsvoll;„warum kränken Sie mich ſo?“ „Ich wollte Sie nur anſpornen,“ ſagte ſein Freund gleichgültig.„Bedenken Sie, daß ich Ihnen weder Plan, noch Vorſatz enthüllt habe, und ſo lang Sie auf dem weiten Feld der Vermuthung umherſchweifen mögen, Sie wiſſen nichts von mei⸗ ner Miſſion.“ „Sie wünſchen alſo, ich ſolle ein blindes und ſtummes Werkzeug in Ihren Händen ſeyn,“ rief Albert mit Ernſt. „Nur ein Mittel in der Hand der vergeltenden Vorſehung!“ verſetzte der Chevalier mit Nachdruck.— „Aber ſehen Sie, die Nacht ſchwindet, wir ha⸗ ben bereits mehrere Stunden geſprochen. Morgen werden wir wieder zuſammenkommen— und Sie ſollen mehr hören!“ Als er dies geſprochen, neigte er ſein Haupt an Roſenthals und flüſterte ein einziges Wort, das einen elektriſchen Eindruck zu machen ſchien. Es folgte eine Pauſe, die Albert brach, indem er, die Hand des Fremdlings heftig drückend, ausrief: „Morgen alſo!— Sei es ſo!“ „Inzwiſchen Treue und Verſchwiegenheit,“ bemerkte Florville; und die zwei Freunde trenn⸗ ten ſich. 136 G⸗ Albert richtete ſeine Schritte langſam nach ſeines Vaters Hauſe. Seine Gedanken waren aufgeregt und beſchäftigt mit der außerordentlichen Scene, die ſtatt gefunden hatte; es war beinahe Morgen, als er ſein Zimmer erreichte. Er war im Begriffe, ſich zur Ruhe zu legen, als er auf ſeinem Nachttiſche ein amtliches Schreiben bemerkte. Es enthielt von dem Oberbefehlshaber der Armee die Ordre, ſich unverzüglich zu ſeinem Regiment zu begeben. ——— Neuntes Kapitel. Wie doch gemeine Dinge oft beherrſchen Des Reichs Geſchick und Rathſchlag weiſer Männer! Die größten Pläne menſchlichen Verſtands, Was kühner Ehrgeiz auszuführen wagt— Daran hängt's, daß den Augenblick wir nützen, Und an des Weibs beweglich ſchwachem Willen. g Rowe— Lady Jane Grey. Die düſtern Wolken, die ſich unmerklich an dem politiſchen Horizont Frankreichs zuſammenzogen, einige Zeit zuvor, ehe die denkwürdigen Ordonnanzen des Miniſteriums Polignac die letzte Volksrevolution hervorrieſen, warfen einen tiefen Schatten auf das Wiener Kabinet, und deuteten einen Sturm an, der, wenn auch noch entfernt, je nach den Umſtänden in ſeiner verheerenden Entwicklung die glücklichen Ver⸗ hältniſſe Lindenbergs zu zerrütten drohte. Mit jener Sorgloſigkeit, welche ſtets die Ei⸗ genſchaft edler, argloſer Gemüther iſt, war das künftige Schlachtopfer, das durch politiſche Kabalen dem Verderben geweiht war, völlig unbewußt der Gefahr, welche ſeiner Popularität drohte, und un⸗ vorbereitet, ſowohl ihr zu begegnen, als ſie abzu⸗ — 138& wenden. Er dachte nicht darauf, Andern ein Uebel zuzufügen, und beſorgte daher keines für ſich ſelbſt. 1 Die ultramontane Partei, deren geheimes Trieb⸗ rad Vater Klemens war, hatte auf eine günſtige 1 1 Gelegenheit längſt gedacht und geduldig gewartet, um die freiſinnigere Partei zu vernichten, welche ihr in dem öſterreichiſchen Kabinet das Gleichgewicht V hielt. Der redliche und erleuchtete Lindenberg war beſonders anſtößig; ihn hatten ſich ſeine Gegner hh zum Gegenſtand beſonderen Haſſes auserſehen. Von der Menge beneidet, von den Schwachen ge⸗ fürchtet, von den Mächtigen heimlich bekämpft, hätte man zwar glauben können, ſeine Talente und ſeine Redlichkeit als Miniſter, würden ihn über die kleinlichen Intriken und unwürdigen Verläum⸗ 1 dungen ſeiner Feinde erheben; aber gleich dem be⸗ 1 ſtändigen Fall eines einzelnen Tropfen Waſſers, der mit der Zeit die Oberfläche des härteſten Felſens abnutzt, hatten die unermüdlichen Anſtrengungen, geſchickten Kunſtgriffe und trefflich erſonnenen An⸗ deutungen des berechnenden Jeſuiten bereits die Schanze unbeugſamer Tugend durchbrochen, die bis⸗ her den erhabenen Charakter Lindenbergs vor den Pfeilen der Verläumdung geſchützt hatte. Sogar die Reinheit ſeiner Grundſätze wurde in Zweifel ge⸗ zogen, die Redlichkeit ſeiner Abſichten in Frage ☛‿᷑‿ —— 139 E& geſtellt und die weiteren Beweggründe ſeiner Hand⸗ lungen wurden eine ergiebige Quelle für boshafte Vermuthungen. Das Benehmen des Freiherrn während einer Reihe diplomatiſcher Dienſte hatte jeder Mißdeutung Trotz geboten; aber die Kreaturen des Vater Kle⸗ mens, ſtets offen für die Einflüſterungen des Par⸗ teigeiſts und perſönlicher Eiſerſucht, hatten lange im Hinterhalt gelegen, in der Hoffnung, einen gün⸗ ſtigen und entſcheidenden Augenblick zu erſpähen, wo Liſt im Bunde mit Beharrlichkeit die Ungnade des Miniſters vollſtändig machen könnte. Die Gräfin Roſenthal war nicht blos unange⸗ nehm als Weib, ſie vereinigte in ſich zugleich manche minder liebenswürdige Eigenſchaften des andern Geſchlechts und konnte mit Recht eine politiſche In⸗ trikantin genannt werden. Jene ſchonungsloſe Bigot⸗ terie und jener Abſolutismus, welche für den Fort⸗ ſchritt bürgerlicher und religiöſer Freiheit ſo unheil⸗ voll, für den Wohlſtand der Nationen und für die Freiheit des Einzelnen ſo verderblich ſind, fanden ſich in ihrem Gemüthe in der gehäßigſten Geſtalt. Ihr Charakter verband Egoismus und Niedrigkeit mit allen weiblichen Schwächen, ohne jene ein⸗ nehmende Sanftmuth, welche den Haupteinfluß weiblicher Herrſchaft begründet. Sie benützte die — 140 α. natürliche Lebhaftigkeit ihrer Auffaſſung zu den ver⸗ ächtlichſten Zwecken; ihr weiblicher Tact artete in bloße Liſt aus, und ſie gab ſich zugleich zum Agenten und Werkzeug der Prieſter her. Was auch die Tendenz der Politik eines Mannes ſeyn mag, ſeine Handlungen ſind, wenigſtens ſcheinbar, in der Regel nur durch die Rückſicht auf die Sache, auf das Allgemeine geleitet; ſeine Abſichten richten ſich, dem äußern Scheine nach wenigſtens, auf Maßregeln, nicht auf Perſonen; bloße Perſönlichkeit iſt eine Schlech⸗ tigkeit, welche man emſig verleugnet. Privatgroll, wenn er auf das allgemeine Betragen der Staatsmänner Einfluß hat, wird ſorgfältig verdeckt durch ſehr ſchein⸗ bare Verſicherungen der Unparteilichkeit und preiswür⸗ digen Eifers, den man der Sache angelobt. Dagegen entſpringen die politiſchen Anſichten der Frauen meiſtens aus irgend einer verborgenen, und nicht geahnten Quelle, welche ſelten ergründet wird, außer von der prüfenden Forſchung der Biographen, fofern die Wichtigkeit ihrer Handlungen oder der Lauf der Begebenheiten ihnen Anſpruch gibt auf die Ehre hiſtoriſcher Berühmtheit. Frauen urtheilen ſtets mit Beziehung auf ſich ſelbſt; ſie ſehen die übrige Welt nur durch die Brille ihrer eigenen Ein⸗ drücke. Hätte Heinrich VIII. ſich nicht geſchieden von Katharina von Arragonien, um die Hand von 7 Anna Boleyn zu erhalten, ſo würde die Königin Maria ſehr wahrſcheinlich die Proteſtanten niemals verfolgt haben. Aber da ſie perſönliche Beleidigung und Hohn von Individuen erfahren hatte, welche der neuen Sekte angehörten, ſo verwechſelte ſie Ge⸗ fühl mit Anſicht, und haßte eine Religion, deren Anhänger ſich ihr feindlich bewieſen hatten. Ebenſo darf vorausgeſetzt werden, daß ihre populäre Nach⸗ folgerin Eliſabeth ſich nicht als ſo kräftige Beſchützerin des reformirten Glaubens erwieſen hätte, noch der denkwürdige Grundſtein der neuen Kirchenordnung geworden wäre, hätte nicht eine kräftige Abnei⸗ .—— gung gegen Maria und ihre papiſtiſche Verwaltung ihrer Frömmigkeit einen Geiſt des Eifers mitgetheilt, welchen Grundſätze allein niemals erzeugt haben würden. In beiden Fällen war das eigene Ich das Haupttriebrad; perſönliche Empfindlichkeit entzündete das Feuer von Smithfield; perſönliche Empfindlich⸗ keit richtete das konſtitutionelle Gebäude der Kirche auf, und weibliche Eiferſucht ſchliff das Beil, wel⸗ ches die geweihten Häupter des tapfern Eſſex und der unglücklichen Königin von Schottland fällte. Frau von Maintenou beſaß einen männlicheren Geiſt. Ihr Charakter iſt noch ein Räͤthſel⸗ deſſen Löſung künftige Schriftſteller verſuchen mögen.* Niemand hat ſie noch der Verſtellung angeklagt; * 1 — 2 142& und welche geheime Beweggründe und beſondere Abſichten man auch ihr zuſchreiben mag, darüber kann kein Zweifel ſeyn, daß ihre politiſche Ein⸗ miſchung nur ein Mittel war, um ihre unbegrenzte Herrſchaft über die geſchwächten Geiſteskräfte eines früheren Helden zu behalten. Katharina von Rußland ſteht allein in der Ge⸗ ſchichte weiblicher Herrſcher. Als Weib unnatürlich, jeder weiblichen Tugend entkleidet, erſcheint ſie voll⸗ kommen als das Muſter und Urbild despotiſcher Monarchen. Ihre Liebe, gleich den wilden und ungezügelten Trieben unvernünftiger Thiere, knüpfte ſie nie durch zarte Bande an die Gegenſtände ihrer vor⸗ übergehender Neigungen; jede Leidenſchaſt, ſo heftig und furchtbar ſie ſeyn mochte, mußte zurücktreten vor dem einen Alles verſchlingenden Intereſſe der Befeſti⸗ gung ihrer Herrſchaft und der Vergrößerung Rußlands. Es iſt eine auffallende Thatſache, daß, trotz dem ſaliſchen Geſetze, welches um den Thron Frankreichs eine undurchdringliche Scheidewand bildet für weib⸗ liche Souveränität, gerade dieſes Land hauptſächlich durch weibliche Intriken und Kabalen beherrſcht wurde. Frauen hatten und haben in Frankreich ſtets mehr ſociale und politiſche Macht, als in irgend einem andern Land der Welt. Die Revolution von 1792 bis 1793, durch welche jede europäiſche Dynaſtie 4₰ 143 G⸗⸗ 4 in ihren Grundfeſten erſchüttert worden iſt, wurde durch die Mitwirkung von Frauen in hohem Grade beſchleunigt. Der Widerwille, den die Gräfin Roſenthal gegen Lindenberg hegte, nahm gleich den ſchwel⸗ lenden Waſſern eines mächtigen Stroms ſeinen Urſprung aus verſchiedenen kleinen untergeordneten Quellen, die in den Winkeln ihres Herzens ver⸗ borgen waren; die ergiebigſte dieſer Quellen war wohl die projektirte Verbindung zwiſchen Ella und Albert, welcher ſie nicht im Stande geweſen, ſich mit Erfolg zu widerſetzen. Zudem war ſie eiferſüchtig auf die innige Freund⸗ ſchaft, die zwiſchen ihrem Stiefſohn und dem Frei⸗ herrn beſtand. Sie glaubte, der Einfluß des Letzteren vermindere ihre Gewalt üher den Erſteren, und war der Anſicht, daß, wenn ſie zum Fall des Staats⸗ mannes mitwirke, ſie dadurch eine unüberſteigliche Scheidewand zwiſchen die Liebenden ſetzen werde. Denn ſie wußte wohl, daß ihr Gatte dem Strome der Gunſt folgen und ſeine Einwilligung in die pro⸗ jektirte Verbindung zurückziehen werde, wenn einmal Lindenberg aufhöre, der Begünſtigte des Augenblicks zu ſeyn. Eine Verbündete, wie die Gräfin, wurde von Vater Klemens nicht verſchmäht, und ſie ihrer Seits 23 144&☚ war weit entfernt, den mächtigen Schutz der kirch⸗ lichen Partei abzulehnen. Bei dem Verhältniß, das zwiſchen der Familie Roſenthal und Lindenberg beſtand, hatten die per⸗ ſönlichen Beobachtungen und Bemerkungen der Gräfin für den Jeſuiten einen unſchätzbaren Werth, der ſeine Hoffnungen eines dauernden Triumphs auf die Erwartung ihres endlichen Erfolgs in der ſchänd⸗ lichen Kunſt ſyſtematiſcher Spionerie gründete. Die Einführung Florville's wurde von der Gräfin Roſenthal als ein günſtiger Umſtand begrüßt. Zuerſt hoffte ſie, zwiſchen dem Chevalier und Albert könne Eiferſucht entſtehen, und Ella, durch die Neuheit bezaubert, werde durch Unbeſtändigkeit ihr Verhältniß zu Albert auflöſen. Aber in dieſen Vermuthungen hatte ſie ſich doppelt getäuſcht und eine Unkenntniß des weiblichen Herzens an den Tag gelegt, welche mit ihrer gewöhnlichen Menſchenkenntniß zu ſtreiten ſchien. Ella zeigte nie den leiſeſten Hang zur Kokette⸗ rie; und der Chevalier, augenſcheinlich in Speku⸗ lationen von minder zärtlicher Natur verſenkt, blieb unberührt von der Schönheit und den Reizen der verlobten Jungfrau, und gab der ernſten und philo⸗ ſophiſchen Geſellſchaft des Freiherrn ſichtlich den Vorzug vor der lebhafteren Unterhaltung ſeiner lieb⸗ lichen Tochter. -— 145 S⸗ Mit nicht geringem Verdruſſe bemerkte ſie daher die zunehmende Freundſchaft Florville's und ihres Stiefſohns; denn ſie fand bald, daß Albert die gezwungene und ehrerbietige Unterwerfung unter die elterliche Autorität allmählich von ſich warf, eine Autorität, welche ſie ibrerſeits mit mehr Strenge, als Klugheit geltend gemacht hatte. Indem ſie ſo auf den Einfluß des Chevaliers eiſerſüchtig wurde, war er ihr anſtößig und der Gegenſtand ihrer beſon⸗ dern Wachſamkeit, während die unerwartete Fortdauer ſeines Aufenthalts in Wien ihrem argwöhniſchen Geiſte bald einen Stoff gab, deſſen Verarbeitung ſie ſich angelegen ſeyn ließ. Nachdem einmal der inquiſitoriſche Geiſt erweckt war, wurden tauſend Vermuthungen gemacht, und ſeine einfachſten Worte gaben Stoff zu Deutungen und Nahrung für weiteres Nachdenken. Schon die Abneigung, die er gegen die allgemeine Geſellſchaft gezeigt, und der entſchiedene Vorzug, den er dem Umgang mit Lindenberg und ſeiner Familie gab, hatte einen leiſen Widerwillen gegen ihn erregt bei denen, welche ſich durch dieſe Wahl vernachläſſigt hielten, und Frau von Roſenthal hatte daraus verſchiedene Schlüſſe gezogen, die darauf hinzielten, dem Freiherrn unberechenbaren Nachtbeil zu bereiten. Schon wurde hinterliſtig darauf hin⸗ gedeutet, daß er die Spekulationen eines Abenteurers Ella. I. 10 146 S ermuthige, eines geheimen Emiſſärs auswärtiger Unzufriedener; daß er für die Intereſſen der fran⸗ zöſiſchen Liberalen erkauft ſey, und damit umgehe, einen Aufſtand in Italien zu begünſtigen. Jede gering⸗ fügige Verletzung des öffentlichen Friedens, welche in dem öſtreichiſchen Gebiete zufällig vorkommen mochte, wurde durch des Jeſuiten liſtige Andentungen zu einer Volksbewegung von revolutionärer Richtung vergrößert und der geheimen Wirkung des Freiherrn oder ſeiner Freunde zugeſchrieben. So wurde ſein Name oft mit Beweggründen verbunden, die man ihm unterſchob; und dieſe bos⸗ haften Vermuthungen gewannen, indem ſie beſtändig im Umlauf waren, ohne daß ihnen widerſprochen wurde(da die darin verwickelte Partei ſie nicht kannte), zuletzt Stärke und nahmen den Schein der Wahrheit an. Frühere Maßregeln der Klugheit und Schonung, die er in Beziehung auf die italieniſchen Staaten mit Beſonnenheit getroffen hatte, wurden jetzt als ſtumme Beweiſe ſeiner Schuld beigebracht; viele Handlungen, welche früher Beifall und Beglück⸗ wünſchung erhalten hatten, wurden jetzt als Be⸗ weiſe ſeiner ehrgeizigen Abſichten ausgelegt, und ſelbſt die Popularität, der er ſich bisber erfreut, wurde von ſeinen Gegnern als das ſtärkſte Zeugniß gegen ihn geltend gemacht. 147& Eine geraume Zeit ließ man vorübergehen, ehe Einer der Partei es für räthlich hielt, die Maske abzulegen, welche ſeine Geſinnungen und Abſichten verdeckte, und der argloſe Staatsmann blieb emſig beſchäftigt mit den Pflichten ſeiner amt⸗ lichen Stellung, während man langſam und geheim tropfenweiſe das feine Gift bereitete, und Vater Klemens trug beſondere Sorge, daß dieſes auf einem ſichern, wenn auch weiteren, Wege das kaiſerliche Ohr erreichte. Doch war es keine leichte Aufgabe, das ſtarke, jahrelange Vertrauen zu erſchüttern; und nur ſtufenweiſe konnte das Herz des Kaiſers durch die bitteren Einflüſterungen des Vorurtheils und des Neides verſchloſſen werden. Die Gunſt, gleich der Ebbe und Fluth des Ozeans, reißt Alles mit ſich fort; und endlich wur⸗ den ſelbſt des Freiherrn beſte Freunde lau in ſeiner Vertheidigung, während ſeine Feinde, kühn gemacht durch die Ausſicht auf Erfolg, in ihren Angriffen ſtärker wurden. Die Mine war gegraben und bedurfte nur einen Funken, um die Exploſion zu bewirken. Man hat beobachtet, daß Männern von den höchſten geiſtigen Fähigkeiten jene einfache Art von Vor⸗ ſicht in Beziehung auf die Selbſterhaltung völlig abgeht, welche gewöhnlich mit den niedrigſten Behngteden verbunden iſt. So war es auch bei Lindenberg; er 10* 148 Se⸗ wußte entweder nichts von den feingewobenen Netzen, von denen er allmählich umſponnen wurde„oder er verachtete das Spinngewebe, die giftige Quelle ver⸗ geſſend, aus der es ſtammt. Graf Roſenthal, obgleich er an der Theilnahme und Mitwirkung ſeiner Gattin bei dieſen unwürdigen Verhandlungen ganz unſchuldig war und nichts davon ahnte, ſaugte dennoch unbewußt die Vorſtellungen ein, welche ſie eniſig und beharrlich ihm einzuflößen ſuchte. Eitel, prableriſch und ſchwach, fühlte er eine gewiſſe Scheu vor des Freiherrn einfacher Größe. Ein angebornes Gefühl der Unterordnung nahm er für Widerwillen, und freute ſich beinahe über die entfernte Möglichkeit eines Ereigniſſes, das einen Mann ſtürzen ſollte, den er unwillkührlich achten mußte, und deſſen überwältigende Größe ihn bisher in einem Zuſtande unfreiwilliger geiſtiger Unter⸗ werfung gehalten hatte.. In einer Hinſicht jedoch zeigte er ganz andere Ge⸗ ſinnungen als die, von denen ſeine Gattin in Thätigkeit geſetzt wurde, welche nur das Ziel ihrer perſönlichen Wünſche vor Augen hatte, und ſich nicht ſcheute, die heiligſten Verbindlichkeiten mit Füßen zu treten, um ihre Zwecke zu erreichen. Er fühlte die ängſt⸗ lichſte Bſſorgniß, Albert möchte in die Gefahren verwickelt werden, von denen Lindenberg umringt — -2 149 E war, und er zitterte vor den Folgen, welche aus der hohen Begeiſterung und den eigenthümlichen Anſichten ſeines Sohnes erwachſen möchten; Anſichten, die ſchon längſt eine Quelle der Beſorgniß und der Un⸗ ruhe für ihn geweſen waren. Unter dieſen Umſtänden ſtellte ſich ihm die pro⸗ jektirte Heirath in einem immer ungünſtigeren Lichte dar, und jede Stunde warf einen düſterern Schatten auf die einſt blendende Ausſicht, welche ihm mit hal⸗ bem Widerſtreben ſeine Einwilligung abgewonnen hatte. Um jeder perſönlichen Beläſtigung zu ent⸗ gehen und zugleich einen weiteren Verkehr zwiſchen den Familien aufzuheben, beſchloß er, die Liebenden zu trennen und durch eine zeitweilige Entfernung die Möglichkeit zu verhüten, in die politiſchen Verände⸗ rungen, die erwartet werden konnten, verwickelt zu werden. Die Gräfin, ganz zufrieden mit dem Saamen, den ſie ausgeſtreut, ließ es indeſſen ſich gerne gefal⸗ len, die gehoffte Ernte in einiger Entfernung von dem Schauplatz der Handlung zu erwarten; innerlich erfreut über die Gelehrigkeit ihres Gatten, welcher, obgleich von weniger boshaften Trieben regiert, dem Laufe, den ſie ihm vorgezeichnet, gernerfolgte und freudig zu einer Maßregel mitwirkte, e ihm die Unannehmlichkeit zu erſparen verſprach, auf irgend * * 6☛ν, u — 450& eine Weiſe in die bevorſtehenden ungünſtigen Ereig⸗ niſſe verflochten zu werden. Durch ein ſonderbares Spiel des Schickſals, welches unter dieſen Umſtänden beinahe als Folge eines abgekarteten Planes erſcheinen konnte, erbhielt Albert, wie wir geſehen haben, den Befehl, ſich zu ſeinem Regiment zu begeben, wenige Tage vor der beabſichtigten Abreiſe ſeines Vaters und ſeiner Stief⸗ mutter, welche die Sommermonate bei entfernten Verwandten in Böhmen zubringen wollten. So wur⸗ den die Wünſche und fein angelegten Ränke der Gräfin von unzweideutigem Erfolge gekrönt. reichen Düſten erfüllten, hier und da Halt machend, Zehntes Kapitel. Die Trennungsſtunde kam, was man da ſieht, Wenn von der Lieben der Geliebte zieht, Der Sehnſucht Blick, ſo zart und thränenfeucht, Der Abſchiedsruf, der neu das Herz erweicht, Und Seufzer, wie nur einer hat, der liebt, Verſprechend Wort, das man wohl fruchtlos gibt. Crabbe’s Halle. Moi t'oublier?—..... Est-il en ma puissance? Franzöſiſche Romanze. Ella, welche die Nacht in jenem langen und ſanften Schlafe zugebracht hatte, wie man ihn nur in der erſten Blüthe der Jugend genießt, ehe die Zeit und die betrübende Erfahrung weltlicher Sorgen die ver⸗ trauensvolle Einfachheit des Geiſtes zerſtört hat, erhob ſich den Tag nach jenem Beſuche des Herzogs von Reichsſtadt in der Oper frühzeitig von ihrem Lager, durch den Schlaf erquickt, und hüpfte fröhlich aus ihrem Zimmer; ihr Geſicht erglühte in jener morgendlichen Röthe und ihr jugendliches Herz klopfte im ſüßen Bewußtſeyn ſeiner Unſchuld. Als ſie ſo in den Garten ging und fröhlich unter den bunten Blumen umher hüpfte, welche die Luft mit 152 S⸗ um ihre Süßigkeit zu genießen, oder ihr anmuthiges Haupt niederbeugend, um die ſich entfaltenden Schön⸗ heiten jeder verheißenden Knospe zu prüfen, die ihre Sorge in Anſpruch nahm, glich ſie einer jener klaſſi⸗ ſchen Geſtalten, die nur im Bilde verewigt exiſtiren. Aber die gereiften weiblichen Vollkommenheiten ſpotte⸗ ten der Kunſt des Bildhauers und wetteiferten mit den zarten bunten Farben, welche die duftende Schaar, von der ſie umgeben war, belebten. Während ſie damit beſchäftigt war, ihre Pflan⸗ zen zu begießen und einen perlenden Regen aus⸗ zuſtreuen, der tauſend wechſelnde Farben annahm, als die Strahlen der Morgenſonne am Horizont ſich erboben, überhörte Ella den raſchen Schritt eines ſich Nähernden, bis ein tiefer Seufzer ſie auf die Gegenwart eines Beſuches aufmerkſam machte. Sie erbob ihre Augen von der zarten Blume, der ſie eben eine paſſende Stütze gab, und ſtieß einen ſchwa⸗ chen Schrei aus, als ſie Albert in Reiſekleidung vor ſich ſah, deſſen Geſicht den Ausdruck eines tiefen Kummers trug. Er begegnete dem zärtlichen Blick, mit dem ſie ihn erkannte, mit einem Ausdruck, in welchem zugleich ſo viele Trauer und ſo viele Liebe lagen, daß ſie kaum wußte, wie ſie ihn begrüßen ſollte. „Du biſt frühzeitig auf, theure Ella,“ ſprach er mit ſchwermüthigem Tone, indem er ihre Hand 153.& mit Zärtlichkeit ergriff.„Ich konnte kaum hoffen, Dich zu finden. Immer glücklich, wie ich ſehe, in der Geſellſchaft Deiner duftenden Günſtlinge.“ „Iſt es denn ſo frühe für mich, meine Beſchäf⸗ tigungen zu heginnen, theurer Albert? oder iſt es nicht vielmehr frühe für Dich, davon Zeuge zu ſeyn?“ erwiederte ſie, indem ſie vor Freude und Ueberraſchung zugleich erröthete. „Ich fürchte, ich werde Dich künftig nicht mehr ſo oft überraſchen können, daß Du dadurch beun⸗ ruhigt würdeſt;“ erwiederte traurig der Geliebte. „Du biſt empfindlich,“ rief Ella.„Ich ſcherze nur; komme, wann und wo es Dir beliebt. Deine Gegenwart, Albert, muß mir ſtets angenehm ſeyn. Aber jetzt biſt Du hier; ich muß Deine Gegenwart benutzen. Siehe dieſes Beet von bunten Tulpen! Du kannſt ſie mir alle noch vor dem Frühſtück anbinden.“ „Ich bin einer minder angenehmen Botſchaft halber gekommen,“ bemerkte Roſenthal, indem er eine Faſſung zu gewinnen ſuchte, die ihm nur ſchlecht gelingen wollte.„Die Pflichten des Sol⸗ daten ſind ſehr eigenſinnig, und ich fürchte, ich werde nicht mehr lange in Wien bleiben können. Man erwartet einen Volksaufſtand an den Grenzen.“ „Du kommſt doch nicht, um uns zu verlaſſen,“ 154 G⸗ unterbrach Ella, indem ſie zärtlich ſeine Hand in der ihrigen drückte—„mich zu verlaſſen,“ fügte ſie mit Nachdruck hinzu.„Dieſe grundloſen Gerüchte waren ſchon oft im Umlauf. Du wirſt ſicher nicht zu deinem Regiment zurückkehren wollen, bis.... nach....“ Sie ſchwieg verwirrt, füblend, daß ſie bereits ihre Hoffnungen dem verrathen, in wel⸗ chem ſie alle ſich vereinigten, und zog ſich ſanft aus der warmen Umarmung, welche die Stotternde in ihrer Rede unterbrochen hatte. „Ach, meine Liebe, meine ſchlimmſten Beſorg⸗ niſſe haben ſich verwirklicht,“ ſagte Albert.„Ich habe von dem Kriegsminiſter Befehle erhalten, die keinen Aufſchub geſtatten. Ich kam, um unſere bevor⸗ ſtehende Trennung zu verkündigen.“ Die Braut ſenkte ſchweigend ihr Haupt, und eine Thräne ſtahl ſich über ihre Wange, die den morgendlich-glühenden Glanz bereits verloren hatte. „Ich hatte gehofft, Theuerſte,“ fuhr Albert fort,„Dich ganz mein nennen zu können, ehe dieſer grauſame Augenblick käme; nur wenige kurze Wochen ſind noch übrig, um das Probejahr zu vollenden, das unſere Eltern uns aufgelegt. O Ella, könnteſt Du Dir die Qual meines Herzens vorſtellen! Wie werde ich ohne Dich leben?“ „Und ich, Albert?“ murmelte die Geliebte, 455 G⸗ „werde ich Deine Abweſenheit nicht ſchmerzlich fühlen?“ „So ſelbſtſüchtig iſt das menſchliche Herz,“ ſuhr Roſenthal fort,„daß die Verſicherung Deines Schmerzes die Stärke des meinigen um etwas ver⸗ mindert. Der Kummer verliert ſeine Schärfe, wenn er getheilt wird. Ella, wirſt Du zuweilen an mich denken und Dich der Gelübden erinnern, die uns an einander binden?“ „Du gehſt nach Italien— in das lieblichſte Land der Welt. Du wirſt umringt ſeyn von Allem, was glänzend und ſchön iſt. Können nicht die Ver⸗ gnügungen und Reize dieſes begünſtigten Landes die Spuren vergangener Freuden verwiſchen? O theurer Freund, dieſe unheilvolle Trennung iſt eine ſchlimme Vorbedeutung für unſre Hoffnungen.“ „Nicht ſo, ſie wird den Triumph unſrer Treue begründen,“ unterbrach der Geliebte.„In wenigen Monden werde ich zurückkehren, wenn auch nur für einen Tag, und dann, Ella, trennen wir uns nie mehr.“ Allmählich deckte wieder Farbe die durchſichtige Stirne der Jungfrau, als ſie mit Innigkeit erwie⸗ derte:„Ich würde glücklich ſeyn, Dein Schickſal zu theilen, wohin es Dich auch führen möchte. Doch bis dorthin biſt Du vielleicht im Stande, einen 156 So⸗ Beruf zu verlaſſen, der mit der Ruhe des häus⸗ lichen Lebens ſo unverträglich iſt.“ „Ja, längſt hätte ich das Heer verlaſſen, hätte nicht ein Pflichtgefühl die Aufopferung meiner Pri⸗ vatneigungen mir gebieteriſch zum Geſetz gemacht. Zudem, Ella könnte keinen Feigen lieben,“ ſetzte er hinzu, zu ihr hin gewendet. „Aber Dich ſo zu verlieren— auf unbeſtimmte Zeit getrennt zu werden, gefoltert zu werden von ängſtlichen Zweifeln und Beſorgniſſen— in einem Zuſtand beſtändiger Erwartung zu leben! O welch' ein Uebergang von dem Glück, das wir bis jetzt genoſſen!“ rief Ella in Thränen aufgelöst. „Du biſt jung, Theuerſte, dieſe Bewegung wird ſich bald legen, und neue Gegenſtände können anziehen, unterhalten, vielleicht entfremden—“ Albert ſprach dieſe Worte mit ziemlicher Auf⸗ regung. „Zweifelſt Du an meiner Treue?“ verſetzte Ella,„haben wir uns darum ſo lange geliebt, daß Du jetzt die Dauer meiner Neigung bezweifelſt?“ „Ich zweifle nicht an der Stärke Deiner Liebe, meine Ella, und Dein Kummer gibt mir den Beweis, wie ſehr Du jetzt leideſt. Aber ich dachte, ich hoffte in der That, daß die Elaſticität der Jugend Dich in Stand ſetzen möchte, langes Mißgeſchick geduldig — 2 157&⸗ zu ertragen. Doch wenn ich Deine Unerfahrenheit, Deine Jugend betrachte, ſo kann ich die Beſorgniß nicht verſcheuchen, daß wenn Du aufgehört, der Bitterkeit des Schmerzes nachzuhängen, die Schmeiche⸗ leien des Hofs könnten— vergib den Zweifel, die Furcht— Du haſt bis jetzt wenig oder nichts von der Welt geſehen, Dein Geiſt iſt noch rein von jedem Eindruck, die Maſſe der Menſchen iſt Dir ein unbe⸗ kanntes Geſchlecht, Schmeichelei eine unbekannte Sprache, Verſuchung ein unbekannter Einfluß— aber wenn einmal Ehrgeiz oder Eitelkeit Dich berüh⸗ ren, o Ella, wirſt Du widerſtehen?— wirſt Du?— wirſt Du?“ wiederholte er, ihre Hand zärtlich drückend.„Laß Dein Herz nicht durch neue Freu⸗ den dem Abweſenden entfremdet werden,“ murmelte er—„vergib meinen ungerechten Befürchtungen. Dieſe reichlich fallenden Thränen ſind ſtumme Ver⸗ ſicherungen Deiner Treue.“ „Du mußt ſchreiben, oft, ſehr oft,“ ſchluchzte die Weinende nach einer Pauſe. „Ja,“ verſetzte Albert.„Ich werde das arm⸗ ſelige Vorrecht in Anſpruch nehmen, Dich oft an mein Daſeyn und an meine Liebe zu erinnern. Aber weißt Du, wie bald wir ſcheiden müſſen?“ Sie ſchlug ihr niedergeſchlagenes Auge auf und 2 158&‧ erwiederte:„zu bald für unſer Glück— doch nicht ſogleich?“ „Zu bald in der That. Ich muß Wien vor Nacht verlaſſen. Auch dann noch kann ich das Haupt⸗ quartier kaum zur beſtimmten Zeit erreichen.“ Ohne einen Laut ſank das bewegte Mädchen athemlos an den Buſen des Geliebten, der ſie heftig in die Arme preßte und ſein Gelübde ewiger Treue erneute.„Wirſt Du mich nicht vergeſſen, Ella, wirſt Du Deinen Verlobten nicht vergeſſen?“ „Niemals, meine einzige Liebe,“ murmelte ſie mit ſchwacher Stimme. „Laß dieſen Namen ein Talisman ſeyn,“ rief Albert, fortan muß er Dich vor Befleckung be⸗ wahren; gedenke, daß Du jung biſt, daß Du ſchön biſt, nein, erröthe nicht, Du biſt unausſprechlich lieb⸗ lich, Du wirſt natürlich der Gegenſtand allgemeiner Bewunderung werden, man wird Dich umringen, um Dich werben, Dich lieben. Aber Niemand wird Dir ſo treu, ſo glühend zugethan ſeyn, wie Albert Roſen⸗ thal. Lauſche nicht den Tönen der Schmeichelei, der beredten Stimme der Leidenſchaft. Laß Dich durch die Anbetung, die Dir Andere zollen, nicht unem⸗ pfindlich machen für die meinige. Ich werde weit entfernt ſeyn; ich laſſe keinen Freund zurück, um meine Sache zu führen. Abweſenheit iſt der einzige 2 159 S⸗⸗— Probeſtein der Liebe. Bald wirſt Du die Wahrheit dieſes Satzes lernen; denn jetzt iſt Dein argloſes Herz noch unfähig, die Tiefen des menſchlichen Gemüths zu ergründen.“ „Mich kümmert nur Eines: Deine Liebe,“ erwiederte Ella ſanft.„In der That, Du haſt eine geringe Meinung von der Aufrichtigkeit meiner Liebe, wenn Du glaubſt, daß die Reize der Luſt jemals die ſchmerzliche Erinnerung an dieſen unglück⸗ lichen Augenblick verwiſchen könnten.“ „Und dennoch, ſo unglücklich er iſt, iſt dieſer Augenblick noch voll Freude, er iſt die Seligkeit ſelbſt, verglichen mit denen, die ihm folgen müſſen; denn noch ſeh' ich Dich, noch halte ich Dich in mei⸗ nen Armen. Morgen um dieſe Stunde wird eine Ent⸗ fernung zwiſchen uns ſeyn, ich zittere, zu denken, wie groß, aber jeder Tag wird ſie vermehren.— Doch der letzte Blick der Liebe, den ich von Dir erhalte, ſoll in meinem Gedächtniſſe leben und mei⸗ nem Herzen eingegraben bleiben, um mich zu erfreuen und aufrecht zu erhalten in der Düſterheit langer Erwartung!“ „Alle meine traurigen Beſorgniſſe erhalten neue Stärke,“ rief Ella,„ſagte ich es nicht, wir wür⸗ den Mißgeſchick erleiden. Ich zittre vor den Folgen, 160 Ss⸗ zu denen unſere Trennung führen kann. Vielleicht, Albert, ſehen wir uns nie mehr wieder!“ „Nein, Ella, Du ſollteſt Worte des Troſtes, nicht der Muthloſigkeit fprechen,“ rief er.„Laß uns einander treu ſeyn, und keine menſchliche Macht kann uns ſcheiden.“ „Wenigſtens können wir uns lieben, trotz alles Mißgeſchicks,“ bemerkte Ella trauernd.„Aber welch' kummervolle Zukunft wird mich erwarten! Wenn Du fort biſt, wer wird mir vorleſen, mit mir ſingen und meine Muſeſtunden durch ſüßes Geſpräch be⸗ leben? Wo kann ich Geſellſchaft ſuchen?“ „Dein Vater wird Deine Studien fortwäh⸗ rend leiten. Wer kann die Stelle Deines künftigen Gatten beſſer vertreten?“ antwortete er mit Ernſt. „Auch Deine vortreffliche und liebenswürdige Mutter wird Dir Geſellſchaft leiſten. Ich hoffe nur, daß Du keine Verſuchung fühlen möchteſt, ihre Geſell⸗ ſchaft zu vertauſchen mit—“ während Albert ſeinen aufſteigenden Zweifel unterdrückte, blickte er zärtlich auf ihre klare Stirne, und konnte hier keinen andern Gedanken, keinen geiſtigen Vorbehalt entdecken. „Nein, nein! ich werde allein ſeyn,“ rief ſie. „Ich werde Deine Lieblingslieder wiederholen, bis die Melodie durch die Erinnerungen, die ſie weckt, mir peinlich wird. Meine Zeichnungen werden 2 161& unvollendet, meine Bücher ungeöffnet bleiben. Ich werde Deine Geſellſchaft in jeder Handlung und Beſchäftigung meines Lebens vermiſſen.“ „Ich hoffe, Ella, Deine gewöhnlichen Beſchäf⸗ tigungen werden ſtets die Macht beſitzen, Deine einſamen Tage zu erheitern. Neue Fertigkeiten werden zu denen hinzukommen, die Du bereits beſitzeſt, und Deine Geiſteskräfte werden durch kluge Uebung Stärke gewinnen. Du wirſt nicht verändert, nicht beſſer werden, denn dies iſt unmög⸗ lich; aber gleich der Jahreszeit wirſt Du zur Reife fortſchreiten.“ 1 Während Albert die letzten Worte ausſprach, zog er ſanft den Arm ſeiner Geliebten in den ſeinen, und ſchritt dem Hauſe zu. Sie traten in das hübſche Boudoir, das nur für den Gebrauch des Fräulein von Lindenberg beſtimmt und mit allen Feinheiten der Mode und des Geſchmacks ausge⸗ ſtattet war. Sie ſetzten ſich neben einander in ſchwer⸗ müthigem Schweigen. Noch waren ſie bei einander, vielleicht zum letzten Mal. Monate konnten verge⸗ hen, ehe ſie ſich wieder ſähen, vielleicht Jahre. Ein großer Spiegel, zwiſchen den Fenſtern ange⸗ bracht, ſtrahlte die ſchönen Geſtalten der Liebenden zurück, die ſich an einander lehnten, wie, um wech⸗ Ella. I. 11 ſelſeitig in einander Troſt und Unterſtützung zu ſuchen. „Könnte jene glänzende Fläche Dein Bild be⸗ wahren und zurückſtrahlen,“ murmelte Ella.„Aber in wenigen Stunden werde ich allein ſeyn, der Spiegel, der jetzt die angenehme Erſcheinung wie⸗ dergibt, wird noch hier ſeyn, aber er wird nicht Eine Spur mehr von der theuern Geſtalt darbieten, die ſich jetzt darin malt; er wird bleiben, wie zum Hohne meines Schmerzes, wenn Du fort biſt.“ Es liegt in der That etwas ungemein Trauriges in dem Beſuche von Stellen, die der Schauplatz vergangenen Glückes waren, beſonders des Orts, wo wir den Gegenſtand früherer Gelübden zum letzten Male ſahen. Jeder ſtumme Zeuge der Liebe quält die Seele, jeder Gegenſtand ruft die Erinnerung an Das zurück, was das Herz einſt anbetete, und was jetzt die kummervolle Wirklichkeit des Lebens kalt zurückgedrängt hat. Vor Allem führt der Spiegel ein Heer trauriger Erinnerungen herauf. Er hat die theuren Züge zurückgeſtrahlt, die wir einſt ſo zärtlich liebten, und deren glänzender Anblick unſern einſamen Weg nie wieder erheitern wird. Ella kannte indeß die Leiden der Trennung nur durch Ahnung; nun erſt war ihr vorbehalten, 163 Se die Bitterkeit derſelben in der Wirklichkeit kennen zu lernen. „Doch, Theuerſte,“ bemerkte Roſenthal nach einer Pauſe,„Du wirſt glücklicher ſeyn, als ich; denn auf meinem einſamen Weg werde ich nicht einmal klagen dürfen. Ich werde nicht einmal die ſchwermüthige Befriedigung haben, meinem Kummer ungehemmt ſeinen Lauf zu laſſen. Von Ort zu Ort eilend, in Berührung mit jedem entgegenge⸗ ſetzten Element wird es mir nicht möglich ſeyn ausſchließlich an Dich zu denken; tauſend gemeine Sorgen und läſtige Verhältniſſe werden jene koſt baren Augenblicke verſchlingen, die ich der Erinnerung widmen möchte. Kein Geſchöpf iſt mehr vereinzelt als Der, der von einer Menge umgeben iſt, die unfähig iſt, ſeine Gefühle zu theilen.“ „Aber die mannigfaltigen Gegenſtände, die Deine Aufmerkſamkeit anziehen müſſen,“ unterbrach Ella,„werden die langen läſtigen Stunden brüten⸗ der Abweſenheit erheitern, während mir die fliehende Zeit keinen Wechſel, keine Erleichterung, kein Ver⸗ geſſen bringt. Ich werde nur in der Erwartung* Deiner Briefe leben, nur leben, um die Tage zu zählen, wann die Poſt wieder Nachrichten von Dir bringen kann. Du wirſt oft ſchreiben?“ ſetzte ſie mit zärtlich bittendem Blicke hinzu. 11* „9 164 G „Dieſe Frage ſollte vielmehr ich ſtellen,“ ver⸗ ſetzte er.„Ich möchte Dich um eine Art Tagebuch bitten, ſo daß ich im Stande bin, dem Lauf Deiner Gedanken und Beſchäftigungen zu folgen, und durch die Phantaſie Zeit und Entfernung mit ſüßen Täu⸗ ſchungen zu betrügen. Aber, Ella, ich hoffe noch immer, daß die Zeit unſerer Vereinigung nicht über einige Monate hinausgeſchoben wird. Ich er⸗ zählte Dir, daß der Oberſt unſeres Regiments ein perſönlicher Freund meines Vaters iſt, und wenn ich mich angemeſſen bei ihm darum bewerbe, ſo wird er mir ohne Zweifel bei der erſten ſchick⸗ lichen Gelegenbeit Urlaub ertheilen. Er kann die Bitte nicht verſagen, denn ich weiß, daß er un⸗ ſerer Familie bedeutend verpflichtet iſt.“ „Iſt es denn nicht möglich, dieſen Einfluß jetzt geltend zu machen, und ſo eine Trennung zu ver⸗ meiden, die für uns Beide ſo ſchmerzlich iſt?“ fragte Ella.— „Nein, meine Ehre verbietet es, daran zu denken. Ich muß den Befehlen gehorchen, die ich erhalten habe; Theuerſte, Dich, ſelbſt Dich, könnte ich mit einem Gefühle des Triumphs verlaſſen, würde mein Arm gefordert für die Sache des öffentlichen Wohls. Aber ach! nicht der Ruhm des Schlacht⸗ felds, nicht die Lorbeern des Siegs erwarten mich. Zu ſiegen und die Beute des Siegs Dir zu Füßen zu legen, dies wäre in der That ein edler Sporn und ein glänzender Lohn; aber das Schickſal hat es anders geordnet. Ich verlaſſe Dich nur um der einförmigen, nutzloſen Uebung der Kriegszucht willen; um müßig in einer Garniſon zu liegen, die keiner Vertheidigung bedarf, als mechaniſcher Sklave läſtiger Umſtändlichkeiten und kleinlicher Formen, ohne die Gefahren oder die Ehren des Krieges zu theilen.“ „Doch für mich, Geliebter, iſt der friedliche Zuſtand Europas wenigſtens einiger Troſt. Er er⸗ ſpart mir alle Beſorgniß für Deine perſönliche Sicherheit, allen Kampf der Ungewißheit. Klage nicht den einzigen Umſtand an, der meinen ſinkenden Muth aufrecht hält.“ Die Worte erſtarben auf ihren Lippen, während der feurige Liebhaber ſie an ſeinen Buſen drückte. Wieder und wieder wurden gegenſeitige Ge⸗ lübde gewechſelt, erneuert, wiederholt. Die Augen⸗ blicke flogen eilig dahin, während ſie die Süßigkeiten der Liebe zum letzten Male koſteten; und Roſenthal kam zum Bewußtſeyn des raſchen Flugs der Zeit erſt durch den Eintritt der Baroneſſe, die mit mütterlicher Zärtlichkeit den Schmerz zu lindern ſtrebte, den ſie nicht abzuwenden vermochte. Sie ſuchte die Hoff⸗ 166&ᷣ-. nungen der Liebenden auf die Zukunft zu richten, und den Schmerz der Trennungsſcene durch Schilderung e der Freuden eines fernen Wiederſehens zu ver⸗ 1d ſchleiern. Und ſollten ſie ſich wiederſehen? Ach ja! für die Hoffnnng zu ſpät! für den Frieden zu bald! —= 161 ⸗ Eilftes Kapitel. On T'exposa vivant sur un roc solitaire, Et le géant captif fut rémis par la terre, A la garde de l'océan. Victor Huso. Leb wohl denn, o Frankreich; denk einſtens auch mein, Wenn dich Jahre der Freiheit noch einmal durchwehn; Das Veilchen im Thale verwelket allein, Von Thränen bethaut kann es wieder erſteh'n. Lord Byron. Eine geraume Zeit war ſeit der plötzlichen Abreiſe Albert Roſenthals verfloſſen, auf welche un⸗ mittelbar die Entfernung ſeiner Familie in eine ent⸗ legene Gegend des Landes gefolgt war. Während dieſer Zeit hatte Ella viele beglückende Briefe pünktlich empfangen und eben ſo pünktlich beantwortet, die ängſt⸗ lich erwartet und mit jenem glühenden Gefühle der Freude und Dankbarkeit geleſen wurden, welches einen erſten Briefwechſel immer begleitet. Dieſer bildet ſtets eine denkwürdige Epoche im Leben des Weibs. In früher Jugend, wo die Sprache der Leiden⸗ ſchaft zuerſt das bezauberte und unerfahrene Ohr -2 168& begrüßt, liegt etwas ganz Beſonderes in den Gefüh⸗ len, welche durch einen ſolchen brieflichen Verkehr her⸗ vorgelockt werden. Die Worte, welche bisher auf den äußeren Sinn beſchränkt waren oder in den gehei⸗ ligten Räumen des Gedächtniſſes zärtlich aufbewahrt wurden, dringen durch einen Brief kräftiger in den Geiſt ein; ſie ſind an den Verſtand gerichtet und nehmen eine dauernde fühlbare Geſtalt an. Die* ſanften überredenden Töne, welche, Begeiſterung und Wohlklang athmend, lieblich in der Luft ge⸗ ſchwebt, werden hier unter der Aufſicht der Vernunft mit Bedacht wiederholt, und erhalten den Stempel der Unzerſtörbarkeit durch die geliebte Hand„ die ſie zeichnete. In keiner ſpätern Periode können ähnliche Gefühle zurückgerufen werden; denn die Erfahrung zeigt zu bald die Täuſchung aller menſch⸗ lichen Hoffnungen, den Unbeſtand aller menſchlichen Neigungen und den Selbſtbetrug, dem das Glück geopfert wurde. Umſonſt ſucht die Phantaſie die ſchönen und flüchtigen Täuſchungen der erſten Liebe wieder zu verkörpern, umſonſt lächelt der glänzende Schein eines frühern Gefühls, ſpottend über den eiteln Verſuch. Zufrieden mit dem Traume, der das Herz mit ſeinem täuſchenden Reize einſchläfert, halten wir den Schatten feſt, wenn das Weſen ver⸗ ſchwunden iſt, aber wir thun es in der entmuthigenden Ueberzeugung, daß unſere Neigungen verſchwendet waren, daß die Liebe ein eitler Wahn, Beſtändigkeit eine Lüge und Täuſchung die einzige Wirklichkeit iſt. In ihres Vaters Privatgemach ſitzend, war Ella von der verwickelten Maſchinerie amtlicher Ge⸗ ſchäftsordnung umgeben, über der ihre zarte Geſtalt gleich einem Engel der Barmherzigkeit in dem Ge— richtszimmer der Gerechtigkeit zu thronen ſchien. Es war befremdend, ein junges, ſanftes Mädchen zu ſehen, das ſo an den Staatsgeſchäften Theil zu nehmen ſchien. Doch konnte ihren geſchäftigen Ge⸗ danken nichts ferner liegen, als die Werkzeuge miniſterieller Gewalt, die vor ihr lagen. Der große Armſeſſel von ſchwarzem Marokin, den Lindenberg gewöhnlich einnahm, war leer; aber der offene Pult und die zerſtreuten Papiere deuteten darauf, daß er, wenn abweſend, nicht weit entfernt ſey und bald zurückkehren werde. Ein großer Bücher⸗ tiſch ſtand in der Mitte des Zimmers, mit Mappen und Papieren bedeckt, die in Rollen, eingebunden, oder in loſen Blättern herumlagen. Von dieſen waren einige mit Bändern von verſchiedenen Farben umwunden und mit Siegelwachs von verſchiedenen Farben und mit verſchiedenen Petſchaften verſiegelt. Stempel, Päſſe, Briefe, Karten, Bücher, auswärtige Anzeigeblätter, Zeitungen von allen Ländern und in allen Sprachen —= 170& mit zahlreichen Statiſtiken jeder Art lagen in dichter Verwirrung umher. Inmitten dieſes politiſchen Durcheinanders war Ella mit Zeichnen beſchäftigt; ihr ſchöpferiſcher Pinſel verſuchte, die Züge ihres Geliebten darzuſtellen, und ihr Verſuch war gelungen. Ermuthigt durch das günſtige Ergebniß ihrer Bemühungen, ſchien ſie ganz glücklich; ihre jugendliche Phantaſie hatte die kalten Grenzen der Wirklichkeit überflogen, und ſchwelgte frei in den Reichen, die ſie erreicht hatte. Bereits hatte das Bild, das unter ihrer zauber⸗ haften Berührung ſich allmählig zu entfalten ſchien, ſeiner Seits ein Heer zärtlicher Gedanken und liebe⸗ voller Ahnungen geweckt, als die Viſion jugend⸗ licher Leidenſchaft plötzlich verſcheucht wurde durch den unerwarteten Eintritt des Chevalier von Flor⸗ ville, der ſich ihr langſam näherte mit einer Wärme des Betragens, die, wenn ſie nicht die Gluth der Bewunderung erreichte, doch die Ruhe der Freund⸗ ſchaft überſchritt. „Ich hatte gehofft, Fräulein, den Freiherrn zu finden. Ich bedaure, zu bemerken, daß er ab⸗ weſend iſt,“ ſagte er anmuthig. „Mein Vater wird bald zurückkehren. In⸗ zwiſchen, Chevalier, verſuchen Sie es vielleicht, die Zeit mit Büchern hinzubringen,“ ſagte Ella. 2 171&. „Sie wollen alſo das Eindringen eines Men⸗ ſchen verzeihen, der anmaßend genug iſt, zu hoffen, daß ſeine Anweſenheit nicht als ſolche betrachtet werde,“ verſetzte er in ſeinem überredendſten Tone. „Wir freuen uns jederzeit Ihrer Geſellſchaft, aber in dieſem Augenblick ſind Sie beſonders will⸗ kommen, da ich Ihren Beiſtand fordere und Ihre franzöſiſche Galanterie auf die Probe ſtellen muß. Was denken Sie von meiner Skizze?“ „Sie iſt bewundernswürdig,“ ſagte er.„Sie haben die Aehnlichkeit mit Vhuer gewohnten Leich⸗ tigkeit getroffen.“ „Ich fürchte, Ihre Artigkeit iſt hier nicht im Einklang mit Ihrer Offeenheit,“ unterbrach ihn Ella ſchalkbaft.„Darf ich Ihrer ſchmeichelhaften Verſicherung unbedingten Glauben ſchenken?“ „Sie können nicht an meinen Worten zweifeln, ich berufe mich auf Ihr eigenes Urtheil, wie auf die Aehnlichkeit.“ Ella erröthete.„Da ich kein Original habe,“ ſprach ſie,„ſo kann vielleicht Ihr Gedächtniß mich unterſtützen. Das Geſicht iſt ziemlich ernſt, Albert blickte ſelten ſo, was ſagen Sie, Chevalier?“ „Mich dünkt, es dürfte ein mehr lächelndes Ausſehen haben, zumal jetzt, wenn es das Vergnü⸗ 2 172 f gen ausdrücken ſollte, das Ihre Beſchäftigung ihm bereiten würde.“. „Jch wünſchte,“ ſprach Ella,„eine Aehnlichkeit von Ihm hervorzubringen, ſo wie er gewöhnlich iſt, nicht unter dem Einfluß von Gefühlen, die das Ergebniß einer bloſen augenblicklichen Bewegung ſind.“ „Ich zweifle,“ verſetzte der Chevalier,„ob Albert je unter einem andern Einfluß als dem Ihri⸗ gen ſteht; wenigſtens glaube ich dem Zeugniß mei⸗ ner eigenen Beobachtung und der Briefe, welche er ſchreibt. 4 „Schreibt er Ihnen vfen⸗ fragte Ella. „Nicht ſo oft, als ich wünſchte, aber öfter, als ich zu erwarten berechtigt bin,“ ſprach er. Ella zögerte; denn obwohl neugierig, die Ein⸗ zelnheiten des Briefwechſels ihres Geliebten zu er⸗ fahren, ſcheute ſie ſich, das Intereſſe, das ſie dafür fühlte, an den Tag zu legen.„Sie ſind glücklich,“ fuhr ſie fort,„daß Sie das Vertrauen und die Freundſchaft Alberts beſitzen; das heißt, wenn Sie die ächten Kerneigenſchaften ſchätzen, welche die Deutſchen mit Stolz als ihre volksthüm⸗ lichſten Züge betrachten. Er verbindet die ernſten Tugenden des Nordens mit den lebhafteren Eigen⸗ ſchaften des Südens. Roſenthal hat in ſeinem 173 G Weſen eine Ader franzöſiſcher Beweglichkeit und Schimmers.“ „Niemand kann von der Vortrefflichkeit ſei nes Charakters einen tiefern Eindruck bewahren, als ich ſelbſt. Ich bin ſtolz auf ſeine Freundſchaft und dankbar für die Vergünſtigungen, die er mir be reitet hat; vor Anderem für ſeine Einführung bei Fräulein von Lindenberg,“ erwiederte Florville, mit einer Verbeugung. „Schreibt er nicht von einer Ausſicht auf einen Garniſonswechſel?“ fragte Ella erröthend. „Nein, ſeine Briefe an mich handeln haupt⸗ ſächlich von abſtrakten Gegenſtänden. Albert ſcheint tief intereſſirt für das Schickſal Polens,“ verſetzte der Chevalier unbeſtimmt. „Dies konnt' ich vermuthen. Es ſieht ſeinem edlen Herzen ähnlich,“ bemerkte Ella. „Er iſt von reinem Geiſte der Vaterlandsliebe beſeelt,“ unterbrach ſie Florville,„und verdient eine beſſere Stellung als die, welche er ausfüllt.“ „Sie überraſchen mich,“ verſetzte Ella lächelnd. „Dies ſteht ſchwerlich im Einklang mit Ihren letzten artigen Behauptungen über ihn.“ „Mißverſtehen Sie mich nicht, ich ſpreche vom Standpunkte der Politik aus. Bei Roſenthals en thuſiaſtiſchem Gemüthe habe ich mich oft gewundert, 174 ρ⸗ daß er ſich nicht beeilte, die erſterbenden Anſtren⸗ gungen griechiſchen Heldenmuths zu unterſtützen, oder ſich unter die kürzlich aufgerichtete Fahne polni⸗ ſcher Unabhängigkeit zu begeben. Aber man darf ſich nicht darüber wundern, daß ſeine Liebe zu Ihnen ihn an Oeſterreich bindet.“ „Ich würde es lebhaft bedauern, wenn dieſe Liebe zu mir die Offenbarung eines edlen Gefühls verhinderte.“ „Vielleicht habe ich mich nicht paſſend ausge⸗ drückt,“ verſetzte Florville.„Seine Liebe zu Ihnen verſchlingt ſo ganz jeden Gedanken und jede Fähig⸗ keit, daß ihm keine Kraft übrig bleibt, ſich andern Gegenſtänden zuzuwenden. Wäre er weniger ab⸗ hängig von einer Leidenſchaft, ſo würde er ſicher der erklärte Kämpe der Freiheit werden. Derſelbe innere Trieb hat nur eine andere Richtung genom⸗ men; und Wer kann ſeine Wahl anklagen?“ fragte Florville mit einſchmeichelnder Weichheit. „Albert könnte niemals ſeinen Arm gegen ſein Vaterland erheben,“ bemerkte Ella.„Beſſer ſterben, wie Leonidas, als leben wie Coriolan.“ „Wie oft habe ich mich mit Unwillen abge⸗ wendet von der Geſchichte dieſes römiſchen Rene⸗ gaten,“ rief der Chevalier,„und doch wurde der⸗ ſelbe zu einem Helden erhoben, ſeine Verrätherei 2 175 ſelbſt dramatiſch behandelt und ſein Schickſal be⸗ klagt. Zu ſelbſtſüchtig für einen Patrioten, zu eitel für einen Republikaner, zu ſtolz für einen Bürger — ſelbſt Roms! Weil ſein Vaterland undankbar war, mußte er nothwendig ein Verräther werden gegen dieſes und gegen ſich ſelbſt. Doch möchte ich nicht den Patriotismus, die ruhmvolle Vaterlands⸗ liebe erhabener Seelen, mit der niedrigen und blin⸗ den Unterwerfung unter willkührliche Einrichtungen und Regierungsformen verwechſeln. Bei den Pflichten ei⸗ nes Soldaten ſtoßen manche Schwierigkeiten auf. Wem muß er gehorchen? dem Willen des Deſpotismus, durch Kriegszucht erzwungen, oder den Vorſchriften natio⸗ naler Freiheit, durch Gerechtigkeit geboten? Die Sache der Regierung ſollte nie getrennt ſeyn von der Sache des Volks. Wenn einmal das verknüpfende Band zwiſchen beiden gebrochen iſt, ſo muß ſich der Soldat entſcheiden zwiſchen den Vielen und zwiſchen den Wenigen, zwiſchen Praris und Theorie, zwiſchen Grundſätzen und Perſonen.“ „Sie ſind liberal, Chevalier,“ bemerkte Ella. „Ich hörte oft meinen Vater ſagen, die Intereſſen der Menge und ihrer Beherrſcher ſeyen ſo in⸗ nig in einander verſchlungen, daß das Daſeyn der Einen von dem der Andern abhängig iſt. Ihre Anſichten über Coriolan ſtimmen mit den meinigen überein; er war taub für die Vorſchriften der Ehre und des Gewiſſens, und doch gab er den Thränen und Bitten ſeiner Gattin und Mutter nach. War es der Pfad der Pflicht, den er wählte? was be⸗ durfte es dann Aufforderungen zu dieſer Wahl? Es gibt zum Glück nicht viele ähnliche Beiſpiele in der Geſchichte.“ 2 176 So⸗ A„Nicht in der alten Geſchichte,“ verſetzte Flor⸗ ville.„Patriotismus war zum wenigſten eine klaſſiſche Tugend, gerade wie perſönliche Treue die Eigen⸗ ſchaft des Feudalſyſtems war. Die glänzendſten Charaktere, die aus der Düſterheit des Mittelalters hervorſcheinen, waren nur die ergebenen Diener eines begünſtigten Monarchen oder häuptlings; der am meiſten Geliebte war der Mäch⸗ tigſte; die Zahl der Anhänger eines Mannes be⸗ gründete das Prinzip ſeiner Größe. eines Volks⸗ Aber wir haben den reinen Glanz römiſcher Bürgertugend verloren, wie wir die Peoeſie ritterlicher Kühnheit verloren haben; beide entſprangen gleich ſehr aus den edelſten Quellen des menſchlichen Gemüths. Heute zu Tage leben die Menſchen nur für ſich; Jeder bemüht ſich nur um perſönliche Beförderung, ſtrebt nur nach der Erreichung ſeiner beſondern Abſichten.“ „Nicht alle, hoffe ich,“ unterbrach Ella mild. 2 177. „Vielleicht nicht alle,“ wiederholte der Chevalier langſam.„Dies muß jedoch noch bewieſen werden. Aber glauben Sie, Fräulein, wenn die anregenden Kräfte der alten Zeit noch in ihrer urſprünglichen Stärke blühen würden, die Polen wären ohne Hülfe in einem nationalen Kampfe geblieben, von dem ihr politiſches Daſeyn abhängt? Glauben Sie, Napoleon hätte den Reſt ſeines wunderbaren Lebens auf dem Meerfelſen St. Helena verſchmachtet? Sein Sohn, der lang erwünſchte Erbe ſeines Reichs und Namens, würde Jahr für Jahr in hoffnungs⸗ loſer Dunkelheit in den freudloſen Mauern von Schönbrunn ſich verzehren?“ „Damals wäre Frankreich der Schauplatz un⸗ aufhörlichen Bürgerkriegs geworden, und politiſche Anſicht wäre in blutdürſtige Partei ausgeartet,“ er⸗ wiederte Ella mit Feſtigkeit, denn ſie fühlte, daß ſie den Anſichten ihres Vaters Worte gab. Des Chevaliers Stirne war düſter umſchattet, als er antwortete:„So habe ich mich geirrt, wenn ich glaubte, Fräulein von Lindenberg bewundere die unerſchrockene Tapferkeit und den ſtrebenden Genius Bonapartes, oder ihr ſanftes Herz bemitleide die verlaſſene Lage des Herzogs von Reichſtadt. Es ſcheint, in dieſer Beziehung theilt ſie die Gefühle und Grundſätze Roſenthals nicht.“ Ella. I. 42 178 Se „Wenige ſtimmen mit allen ſeinen Anſichten und Meinungen mehr überein, als ich,“ verſetzte Ella,„oder hegen ein ſtärkeres Mitgefühl für das Schickſal eines Prinzen, deſſen außerordentliche Ge⸗ ſchichte und deſſen liebenswürdige Eigenſchaften ihn Allen, die er mit ſeiner Herablaſſung beehrt, ganz beſonders theuer machen müſſen.“ „Sie ſind alſo genau bekannt mit Seiner Ho⸗ heit?“ fragte Florville. „Mehr als die meiſten Damen am Hofe,“ antwortete Ella.„Der Erzherzogin, ſeiner Mutter, hat es gnädig gefallen, mir bei vielen Gelegenheiten ihre Aufmerkſamkeit zu ſchenken.“ „Ich verſtehe,“ murmelte der Chevalier.„Es iſt Ihnen geſtattet, die kaiſerlichen Gemächer öfters zu beſuchen. Sie ſind über die Gebeimniſſe der Vorzimmerkabalen hinausgedrungen. Sie habeu der Majeſtät im Privatverkehr in's Auge geſehen.“ „So oft Marie Louiſe Schönbrunn beſucht, gönnt ſie mir gütigen Zutritt zu ihrem vertrauten Kreiſe. Sie hat ſehr große Vorliebe für Blumen, und ich bin etwas er fahren in ihrer Pflege, wie in ihrer Eintheilung. Sie liebt auch die Muſik, und geruht, meine geringen Talente aufzumuntern.“ „Es iſt nicht leicht, wie ich höre, eine Audienz bei dem Prinzen zu erhalten,“ bemerkte Florville. ☛ 179 SE „Es iſt unmöglich,“ verſetzte Ella.„Wenigen Fremden wird der Zutritt geſtattet, und Franzoſen iſt der leiſeſte Verkehr mit dem Sohne Napoleon's unbedingt unterſagt.“ „Wird die Kaiſ— die Erzherzogin, will ich ſagen, bei Hof erwartet?“ fragte der Chevalier. „Für jetzt nicht. Aber Sie müſſen ſchon öfters Mutter und Sohn geſehen haben. Der Herzog fährt oft im Prater, und da Sie ſelbſt ein Pariſer ſind, ſo werden Sie noch immer eine Erinnerung an die kaiſerliche Pracht in den Tuilerien bewahren.“ „Ich erinnere mich ihrer zu gut; ich war erſt im Uebergange aus der Kindheit in das Jünglings⸗ alter; aber ich war Zeuge von Scenen, die nie vergeſſen werden können.“ „Die Erzherzogin denkt noch immer mit liebe⸗ voller Freude an die Tage, die ſie in Frankreich zubrachte,“ ſprach Fräulein von Lindenberg. „Ha! wir glaubten, ſie hätte alles Intereſſe für das Schickſal des Landes abgeſchworen, deſſen Kaiſerin ſie einſt war. So denkt ſie alſo noch immer des Landes, das die Geburt ihres Kin⸗ des begrüßte.— Ella, ich war einſt auch ein Günſtling am Hofe. Der Sohn vom glühendſten Anhänger des Kaiſers und vom Ergebenſten all’ der wenigen Treuen, begleitete ich meinen Vater 42* 2 180 S⸗⸗ nach St. Helena. Wir folgten unſerem Herrn und theilten ſeine Entbehrungen.“ Ella war überraſcht.„So ſind Sie per⸗ ſönlich bekannt mit Marie Louiſe und haben den Herzog von Reichſtadt in ſeiner Kindheit geſehen,“ ſagte ſie. „Ja, ich kenne Marie Luiſe hinlänglich, um die unglückliche Täuſchung zu beklagen, durch die ſie um den glorreichen Pfad, der vor ihr lag, betrogen wurde. Sie vergaß, daß ſie die Gattin Napoleons des Großen war. Sie ſchrack zurück vor der Aufgabe, welche die Mutter und die Kaiſerin erwartete. Hätte ſie die treue Garde um die Fahne ihres Sohnes verſammelt, wäre ſie dem zertrümmerten Glücke ihres Gatten zu Hülfe gekommen, der Felſen von St. Helena wäre wohl ſtets unverherrlicht geblieben. Ja, in der That, ich habe die Hoffnung Frankreichs, den König von Rom geſehen, als er noch in das Ge⸗ wand des Säuglings gewickelt war, als er in der Wiege den ängſtlichen Augen, den ſehnenden Herzen eines ergebnen Volkes gezeigt wurde!.... Und ich habe ihn ſeitdem wieder geſehen. O welche Ver⸗ änderung haben wenige kurze Jahre hervorgebracht! Die knospende Hoffnung der Tuilerien iſt umge⸗ wandelt in den blaſſen und ſchwächlichen Sprößling von Schönbrunn.“ 181 E⸗ „Außerordentliche Schickſalsänderungen haben bisher den Herzog von Reichſtadt begleitet,“ verſetzte Ella;„aber Ihre Sprache überraſcht mich. Ich konnte mir nicht als möglich denken, daß Sie jemals Marie Luiſe gekannt hätten, oder Ihr Urtheil über ſie hätte nicht ſo ſtreng ausfallen dürfen. Bedenken Sie, ſie war Tochter, ehe ſie Gattin wurde.“ „Ja, aber die Mutter ſollte die Tugenden bei⸗ der in ſich vereinigen,“ gab Florville mit Wärme zurück.„Doch laſſen wir dies. Ich ſpreche von einem tiefen Gefühl der Liebe und Bewunderung für jenen mächtigen ſelbſtgeſchaffenen Potentaten, der 15 Jahre lang das Scepter Europa's führte; der von eben jenem Palaſte aus ſeine Willensbeſtimmungen dic⸗ tirte, in welchem ſein Sohn jetzt Gefangener iſt; vor dem ſich die gekrönten Häupter Deutſchlands beugten. Ich war Zeuge ſeiner darauf folgenden Gefangenſchaft, der langen kleinlichen Qualen, die er erdulden mußte; Tag für Tag ſah ich ihn ſich winden, kämpfen und endlich unter der Laſt erliegen; und ich bin jetzt der Bewahrer der letzten Worte des Sterbenden, durch welche wir dem gelähmten Gedächtniſſe ſeines Sohnes das Andenken an frühere Größe zurückrufen können.“ „Chevalier, ich achte Ihre Gefühle,“ ſprach 2 182 G⸗ Ella,„und ich kann die unerſchütterliche Treue bewundern, welche die Leiden der Verbannung der Freiheit ſelbſtſüchtiger Gleichgültigkeit vorzog. Die Namen Bertrand...“ „Geſprochen, wie es von Ihnen zu erwarten war,“ unterbrach ſie Florville mit erhöhter Farbe, „und glauben Sie nicht, daß der Herzog von Reich⸗ ſtadt fühlen würde wie Sie, nur in noch höherem Grade? Glauben Sie nicht, daß er unſere Ergeben⸗ heit ſchätzen, die treue Anhänglichkeit der zahlreichen Veteranen würdigen würde, welche die Sache Frank⸗ reichs und das Glück des kaiſerlichen Adlers ſtets als verbunden und als gleichbedeutend betrachten?“ „Ich verſtehe Sie nicht ganz. Der Prinz hat ein ſehr zartes Gemüth und iſt nicht blos des Ge⸗ fühls der Dankbarkeit fähig, ſondern auch fähig, es zu bewähren. Niemand erkennt die liebenswürdigen Eigenſchaften Seiner Hoheit lieber an, als ich ſelbſt,“ antwortete Ella, etwas verwirrt durch die Aeußerun⸗ gen des Chevaliers. 4 „So würde er alſo die tief empfundenen Wünſche von des Kaiſers ergebenſtem Anhänger annehmen; er würde meiner Erzählung von der mißhandelten Majeſtät, von dem ſterbenden Ruhme lauſchen; er würde vielleicht die ſchmerzliche Geſchichte langer Leiden und fruchtloſer Qualen anhören, da ich, ein 183 S⸗ anderer Blondel, hierher pilgerte, mit geduldigem Harren die Mauern jenes Palaſtes bewachend: Ella, wenn Sie mich unterſtützten, Sie würden mir in der That eine Freundin ſeyn.“ „Gewiß kann der edle Retter Albert Roſen⸗ thal's nichts von mir fordern, das ich nicht erfüllen würde,“ ſprach Ella mit Wärme, während ſie ihre Hand gegen Florville hinſtreckte. „Nicht mit der gewöhnlichen Berufung auf Dankbarkeit und Verbindlichkeiten werde ich mich an die Braut Albert's wenden; ich berufe mich auf ein höheres Gefühl, ich berufe mich auf Sie in dem Namen der Freundſchaft, die mich mit ihm ver⸗ bindet; als ſein Freund, ſein erwählter Genoſſe, ſein vertrauter Gefährte, nur als ſolcher fordere ich einen Theil Ihrer Achtung.“ „Als ſolcher empfangen Sie die Verſicherung meiner reinſten Achtung,“ verſetzte Ella. „Sie kennen die Oertlichkeiten von Schönbrunn?“ „Vollkommen.“ „Kennen Sie die Lage der Gemächer des Her⸗ zogs von Reichſtadt?“ fragte der Chevalier. „Gewiß! Seine Hoheit bewohnt das ganze Erd⸗ geſchoß des rechten Flügels. Die Fenſter gehen auf die ſüdliche Terraſſe heraus und ſind von vielen hohen Bäumen beſchattet.“ 184 Se „Ich weiß es jetzt. Glauben Sie, ich könnte durch Ihre Vermittlung eine Zuſammenkunft mit dem Prinzen erhalten?“ „O Florville, welche vergebliche Forderung! wie kann ich es wagen, den Befehlen des Kai⸗ ſers entgegen zu handeln?“ verſetzte Ella er⸗ ſchreckt. „Vielleicht Sie könnten Ihren Einfluß auf Ihren Vater geltend machen,“ antwortete der Chevalier.„Können Sie nicht irgend ein Mittel angeben, durch welches wir Sicherheit mit Erfolg verbinden könnten?“ „Mein Vater! Sie ſprachen von ihm— Sie müſſen ſich ſehr täuſchen; er würde einen ſo ſchwärme⸗ riſchen Plan niemals unterſtützen. Seine Pflicht iſt dagegen.“ „Ihr Vater, Fräulein, würde, wenn er den edeln Gefühlen ſeines Herzens folgte, ohne Zweifel ſeine Einwilligung geben zu dem traurigen Beſuche, um den ich ſeine Tochter vergebens gebeten. Nein, Klemens, der Jeſuit, iſt das wahre Hinderniß der Zuſammenkunft; er iſt der Kerkermeiſter ſeines Zög⸗ lings, die geiſtige Feſſel, die ſeine Bewegungen bindet und hemmt.“ „Vielleicht ſind die Privatgefühle meines Vaters nicht ſtets im Einklang mit der ſtrengen Nothwendigkeit 2 185 So⸗ des öffentlichen Dienſtes,“ erwiederte Ella milde. „Aber den kaiſerlichen Beſtimmungen kann man nicht ungeſtraft entgegen handeln. Poſitive Befehle beſte⸗ hen gegen die Zulaſſung von Franzoſen.“ „Aber Sie ſind nicht verpflichtet, dieſe harten Maßregeln willkührlicher Gewalt zu unterſtützen,“ ſagte der Chevalier mit Ironie. „Ich bin die Tochter Lindenbergs,“ erwie⸗ derte ſie. „Aber warum eine Zuſammenkunft zu verhindern ſuchen, die meine glühendſten Hoffnungen krönen würde? Ich habe eine Schuld der Dankbarkeit, deren ich mich zu entledigen verbunden bin. Napoleon war der Wohlthäter meiner Familie.“ „Der Kaiſer von Oeſtreich iſt der Wohlthä⸗ ter der meinigen,“ antwortete die Jungfrau mit Nachdruck. „Dieſe Einrede trifft nicht,“ bemerkte Florville mit Artigkeit.„Franz ſelbſt würde fühlen und den⸗ ken, wie ich fühle und denke gegen den jungen Reichſtadt, wäre er nicht in die Netze politiſcher Rückſichten verwickelt. Vielleicht nährt der innerſte Grund ſeiner Seele noch immer ehrgeizige Abſichten auf die Erhöhung ſeines Enkels, und die Hand, welche eine Krone auf des jungen Napoleon's Stirne ſetzen würde, empfinge vielleicht einen dankbaren Druck 20 186& von ſeinem ehrwürdigen Großvater. Meine Sendung bringt Oeſterreich keine Gefahr.“ „Ich gebe zu,“ ſprach Fräulein von Lindenberg, „daß der geiſtliche Beruf mit den angebornen Nei⸗ gungen, die der Herzog bis jetzt an den Tag gelegt, in ſchlechtem Einklang ſteht, und ich habe meinen Vater eine Maßregel beklagen hören, deren abſolute Nothwendigkeit er bezweifelt. Sicher neigt er ſich in der Staatswiſſenſchaft zu einem freiſinnigern Syſteme hin.“ „Wenn der Baron ein ſo ſtarkes Mitgefühl hegt für den erlauchten Gefangenen, denn als ſol⸗ chen muß ich ihn betrachten, was müſſen dann meine Gefühle ſeyn, der ich Napoleon liebte und ihm folgte, der ich an ſeiner Freigebigkeit Theil hatte, als er mächtig war, und die Leiden der Ver⸗ bannung durch meine Aufmerkſamkeiten zu lindern ſuchte? Ich war nur ein Kind an Jahren, aber das Unglück beſchleunigt das Wachsthum des Ge⸗ fühls, und was ich nicht verſtand, das fühlte ich wenigſtens.“ 1 „Sie blieben einige Jahre auf St. Helena?“ fragte Ella ſinnend. „Ja, mein Vater und ich, mit wenigen der Treueſten ſeiner früheren Diener, waren verſammelt an der Stelle, die er heiligte durch ſeine Leiden, 2 187&⸗ und reichten ihm den einzigen Troſt, den wir bieten konnten: den Tribut unſerer Ehrerbietung und den Balſam unſerer Liebe.“ „O Chevalier, dieſe Erzählung iſt höchſt anzie— hend,“ rief Ella;„ich kann Ihren Heldenmuth nur loben. Waren Sie bis zum letzten Augenblick bei Bonaparte?“ „Wir waren an die Kette befeſtigt, die unſern Herrn an den Felſen feſſelte. Aber der mächtige Geiſt, der einſt nur zum Siege angeführt, und deſſen Winke der Gehorſam folgte, erlag unter den kleinlichen Leiden, die ſein Schickſal ihm auflegte. Die engherzigen Verfolgungen einer triumphirenden, neidiſchen Regierung bewirkten, was den Heeren der heiligen Allianz nicht gelungen war. Sein Leib ſchien unverwundbar, aber ſein Herz war es nicht. Mehr als Alles fühlte er die Treuloſigkeit ſeiner Freunde, derer, die er gehegt und aus dem Staub der Dunkel⸗ heit bis zu den Stufen ſeines kaiſerlichen Thrones erhoben hatte. Mit der Macht, die ſie gewonnen, wurden ſie dem Ruhme abtrünnig; eine Liebe zur Ueppigkeit und Behaglichkeit ſchlich ſich unter die Veteranen des Schlachtfelds ein, und ſie hörten auf, an dem eiſernen Altare des Krieges zu opfern; der Thätigkeit müde, von Siegen geſättigt, forderten ſie Frieden und ſuchten ſeine Segnungen um den 22 188&⸗ Preis nationaler Ehre zu erkaufen. Unglücklicher Ney, herrlicher ritterlicher Murat, Opfer menſch⸗ lichen Unbeſtands! Aber ihr ſeyd dabin und euer Irrthum wurde in Blut geſühnt!“ Einen Augenblick blieb Florville ſchweigend und bedeckte ſein Geſicht mit der Hand. Ella, tief erregt durch ſeine glühende und ſelbſt maleriſche Beredſam⸗ keit, harrte erwartungsvoll auf den Schluß einer Rede, welche ſowohl ihre Neugierde als ihre Be⸗ geiſterung erregte; als ſie indeß entdeckte, daß er in ſchmerzliche Exrinnerungen verſenkt ſchien, bemerkte ſie ſanft: „Ich habe oft gehört, daß ſowohl der Exkönig von Neapel, als der Fürſt von der Moskfwa ſich vollkommen ſelbſt geopfert.“ „Nein, ſie wurden durch Gericht getödtet,“ verſetzte Florville mit großer Bitterkeit.„Aber, Ella, ſpricht nicht Ihre großmüthige Seele zu Gunſten der noch übrigen Anhänger des großen Napoleon? Soll der junge Sprößling dieſes unglückſeligen Stammes in hülfloſer Gefangenſchaft ſchmachten— in finſterer Unkenntniß der meteorähnlichen Laufbahn ſeines Va⸗ ters? ſoll er nicht die ſchwermüthigen Einzelbeiten ſeines letzten Kampfes erfahren? ſoll er nicht dieſes koſtbare Andenken väterlicher Liebe empfangen?“ fragte er, indem er ein kleines Medaillon hervorzog, 189 S⸗ das eine Haarlocke enthielt,...„Ella, Sie ſind nicht Commandant von Schönbrunn.“ „O Florville,“ ſchluchzte das bewegte Mäd— chen,„was kann ich thun?... Der Kaiſer... ſeine Befehle ſind unbedingt... ich kann nicht... gewiß, ich kann Sie nicht unterſtützen!“ 1 „Sie ſchrecken alſo zurück vor dem Unter⸗ nehmen!“ rief Florville.„Ich irrte mich in der Verlobten Roſenthal's, ich dachte, ein Theil ſeines Geiſtes lebe in dem Ihrigen— es iſt anders, finde ich.“ „Halten Sie!“ rief die Jungfrau,„ich ver⸗ diene Ihre Worte nicht. Sprechen Sie offen, was iſt Ihr Plan, und welches das Ziel, das Sie ſich vorgeſetzt?“ Der Chevalier wechſelte die Farbe.„Ihr ſinnrei⸗ cher Verſtand kann mir das beſte Mittel an die Hand geben, und ich werde einen weitern Grund haben, die Freundſchaft Albert's zu ſchätzen, wenn mir ſeine Geliebte einen ausgezeichneten Dienſt leiſtet. Mein Plan, mein einziger Zweck iſt, eine Zuſammenkunft mit dem Prinzen zu erhalten. Es kümmert mich nicht, auf welche Art ſie zu Stande kommt, ob durch ein offenes Geſuch, oder auf eine andere Art.“ „Mit einer Bitte kann es nicht gelingen,“ ſprach Ella.„Ihr Zweck kann nur durch eine geheime Veranſtaltung erreicht werden, und ich muß mich ſträuben, einen Plan zu unterſtützen, der Ihre per⸗ ſönliche Sicherheit gefährden kann. Würde es ent⸗ deckt werden, daß Sie die Befehle des Hofes übertreten, ſo ſtände Ihre Freiheit auf dem Spiele; und ſind Sie einmal verwickelt, ſo wird es nicht in der Macht Ihrer Freunde ſtehen, Sie zu befreien.“ „ Sparen Sie dieſe Gründe der Klugheit für die, welche darauf Rückſicht nehmen werden; was mich betrifft, ich bin verpfändet— durch einen Eid. Was die Gefahr betrifft, ich habe ſie längſt ver⸗ achten gelernt. Das Leben hat nur geringen Werth für mich, das Einzige, was ich fürchte, iſt— das Mißlingen. Die letzten Worte Napoleon's tönen noch in meinen Ohren, ſind in mein Herz gegraben. Hören Sie dieſelben!„„Es iſt angemeſſen, daß mein Sohn das Schickſal ſeines Vaters erfahre,““ ſprach er, als wir um ſein Sterbelager geſchaart waren und jede Sylbe bewahrten, die von ſei⸗ nen ſterbenden Lippen floß.„„Es iſt billig, daß er meine Geſchichte kennen lerne, aber nicht ehe ſeine reiferen Jahre ihn in den Stand ſetzen, die Größe kaiſerlicher Gewalt und den Werth kriegeriſchen Ruh⸗ mes zu begreifen. Dann, aber erſt dann ſprechet, bringt ihm mein Lebewohl und meinen Segen!““ Die raſtloſe Seele des gefallenen Monarchen ſchmachtete 2 191 S⸗⸗ nicht lange in der ſchmählichen Knechtſchaft ſeiner Feinde. Die Zeit verfloß raſch, aber mein Ver⸗ ſprechen iſt noch ungelöst. Kindheit wurde Jugend, Jugend reifte zur Mannheit.— Der Prinz iſt jetzt in einem Alter, die letzten Befehle ſeines Vaters zu hören. Die Stunde iſt gekommen, dieſe rührende Pflicht zu erfüllen, die das Ziel meines Lebens wurde. Der Hinblick auf dieſes entfernte Ziel hat meine einſamen Reiſen erheitert, die Wüſten bevölkert und den düſtern Abgrund der Zukunft erleuchtet. Es war der Polarſtern, der meinen Lauf leitete, und wenn ich fern von den Stätten eivili⸗ ſirter Geſellſchaft in den unermeßlichen Einöden Ame⸗ rika's umherirrte, ſo bildete die Hoffnung, den Sohn Napoleon's zu ſehen, das unſichtbare Band, das mich an die Welt knüpfte, und meinem dunkeln Leben in meinen eigenen Augen einige Wichtigkeit verlieh.“ 8 „Sie ſetzen mich in Angſt,“ rief Fräulein von Lindenberg, die Farbe wechſelnd, während ſie ſprach. „Gern möchte ich Ihnen hier dienen, aber ich ſehe die Möglichkeit nicht. Der Himmel weiß, wie oft ich das Schickſal Reichſtadt's bejammerte und heimlich die grauſame Politik beklagte, welche bis jetzt jede Bewegung ſeines Geiſtes feſſelte. Ich fühlte Mit⸗ leiden mit ihm, und hätte ſeine Befreiung freudig 2 192 E⸗ begrüßt; aber das Glück Europa's iſt zu eng ver⸗ ſchlungen mit der Unverletzlichkeit der von Oeſter⸗ reich übernommenen Verpflichtung.“ „Sie wiederholen hier nur die Sprache des Kabinets.“ „Aber ſicher,“ verſetzte ſie milde,„müſſen Sie wiſſen, daß die Franzoſen ein unruhiges, heftiges Geſchlecht ſind. Ihre jetzigen Beherrſcher ſind unbe⸗ liebt, und der junge Napoleon würde als Partei⸗ Werkzeug gebraucht werden.“ Der Chevalier erröthete und war verwirrt; aber ſeine Züge leuchteten, als er nach augenblicklichem Nachdenken bedächtig alſo ſprach: „Kann die Ergebenheit eines harmloſen Frem⸗ den die Sicherheit der heiligen Allianz bedrohen, oder den europäiſchen Frieden in ſeinen Grundfeſten erſchüt⸗ tern? Sie vergrößern meine Unbedeutenheit, von Ihnen erwartete ich nicht die kalte Berechnung, welche ſo die treue Anhänglichkeit eines Freundes in die Tollkühnheit eines Verſchwornen umdeuten kann. Ich ſage Ihnen, Fräulein, daß meine Botſchaft eine Botſchaft der Liebe iſt.“ „Der Liebe allein?“ fragte Ella zweifelhaft. „Und wäre es auch anders,“ fuhr Florville mit Lebhaftigkeit fort,„wäre ich wirklich der ge⸗ heime Abgeſandte Frankreichs: ich halte Reichſtadt für ⏑———— 193 S⸗ unfähig, die ungeheuern Pläne weniger kühner, ſangui⸗ niſcher Individuen zu begreifen. Was für täuſchenden Hoffnungen unſere Partei ſich auch einſt hingegeben haben mag, welche Vermuthungen wir auch einſt gehegt haben mögen; wir ſehen jetzt, daß dem Gebäude die Grundlage fehlt: Reichſtadt wird nicht lange leben. Er trägt den Keim der Zerſtörung in ſich. Ich bemerkte ſei⸗ nen durchſichtigen leeren Blick, ſeine geröthete Wange, ſeine hohle Bruſt und ſeine eingefallenen Schläfe! Er kann den Freunden des Despotismus nicht län⸗ ger Schrecken einflößen. Aber ehe über dieſem ſchwäch⸗ lichen, dieſem welkenden Ueberbleibſel Napoleon's das Grab ſich ſchließt, laſſen Sie mich, o laſſen Sie mich, ich beſchwöre Sie, eine Zuſammenkunft mit ihm ſuchen, laſſen Sie mich ſeine blaſſen Züge betrachten, und eine ſchwache, aber wohlthuende Aehnlichkeit finden mit den Zügen ſeines Vaters, deren ich mich ſo lebhaft erinnere. O laſſen Sie mich zu ſeinen Füßen mich werfen!“ „Wenn nur Albert hier wäre, mir zu rathen,“ rief Ella, indem ſie ihre Hände wie zum Gebet faltete. „Ich wünſche in der That, er wäre hier,“ verſetzte der Chevalier kalt,„ich hätte dann nicht nöthig, mich auf ſo viele verſchiedene Gründe zu berufen.“ Ena. I. 13 ————— — 194 G „Er würde mich unterſtützen,“ rief Ella. „Nicht einen Augenblick würde er dieſe ſchwan⸗ kende Furchtſamkeit, dieſe folternde Unentſchloſſenheit ermuthigen,“ bemerkte Florville ungeduldig. „Dürfte ich es nur wagen, mich an meinen Vater zu wenden,“ fuhr Ella fort, offenbar ſchwan⸗ kend.„Gehen Sie, Chevalier, ſprechen Sie mit ihm, führen Sie Ihre Sache bei ihm, wie Sie es bei mir gethan haben, vielleicht kann er Sie unter⸗ ſtützen.“ „Nein, es iſt nicht angemeſſen, das Mißfallen oder den Widerſtand des Barons zu wagen. Beſchreiben Sie mir die Oertlichkeiten von Schönbrunn, und es kann mir auch ohne Ihren perſönlichen Beiſtand gelingen. Wenn Sie einen Plan von dem Palaſte haben, ſo wird mir dies einen Faden für mein Unter⸗ nehmen an die Hand geben.“ „Es kann Ihnen nur durch Klugheit gelingen,“ ſagte Ella.„Das Schwierigſte aber wird ſeyn, die Beobachtung der Schildwachen zu vermeiden und die wachſame Forſchung der Diener zu täuſchen, welche die Galerien und Vorzimmer füllen.“ „Gibt es keine Privateingänge oder geheime Thüren zu dem Garten der Reſidenz?“ fragte der Chevalier raſch.„Gewiß muß es kleine Nebenthore, unbekannte Thorwege geben, die der Hof nicht beſucht, 4 *„* —₰— 195 durch welche gewiſſe bevorrechtete Perſonen, Mit⸗ glieder des Haushalts oder des Kabinets zu jeder Stunde unbeläſtigt und unbefragt aus⸗ und eingehen? Wenigſtens muß es ein Loſungswort oder Signal geben, durch welches man Einlaß erhalten kann.“ Ella zögerte noch immer, mehr aus Furchtſam⸗ keit, als aus Widerſtreben. Aber die Beredſamkeit Florville's entfernte bald alle noch übrigen Bedenk⸗ lichkeiten, und ſie theilte ihm nach und nach jede Belehrung mit, die er verlangte. Mit Offenheit und Begeiſterung ſchilderte ſie ihm äußerſt genau die einzelnen Lagen und Grenzen der verſchie⸗ denen Gänge und Thore, die von den Gärten in den Palaſt führen, und gab ihm alle nöthigen Anweiſungen für die Förderung ſeiner Pläne, die, wie er ſagte, noch Zeit und reifliche Ueberlegung erforderten, ehe ſie mit Erfolg in's Werk geſetzt werden könnten. Ihr Geſpräch wurde endlich unterbrochen durch den Eintritt Lindenberg's, der, ohne irgend etwas von dem eigentlichen Gegenſtand des Geſprächs zu ahnen, ſich mit Heiterkeit darein miſchte. Aber Ella, in die geſchäftigen Spiele ihrer aufgeregten Phantaſie vertieft, verſank in nachdenkliches Schweigen. Sie konnte ihren Geiſt nicht mit den gewöhnlichen Beſchäf⸗ tigungen des Tages unterhalten, und als ſie darauf 13* ——— —— 8 2 5 — 2 196 f dachte, ihre unruhigen Gedanken zu ordnen, fühlte ſie, daß ſie ſalſch geweſen, daß ſie ihren Vater betrüge, zum erſtenmal betrüge. Der Schritt, den ſie gethan, war indeß entſchieden. Sie hatte ſich ſo tief eingelaſſen, daß es unmöglich war, zurück⸗ zutreten, und da ſie ſich auch zur Verſchwiegenheit verpflichtet hatte, ſo war ihr die Möglichkeit ver⸗ ſchloſſen, irgend Jemand um Rath und Hülfe anzu⸗ gehen. Ihre einzige Hoffnung war, daß der edle und kühne Freund Albert Roſenthal's ſich des Vertrauens würdig zeigen werde, das er ihr entlockt hatte. Zwölftes Kapitel. Daß ich gefehlt Erkenn'’ ich nicht, mein tauſendfältig Bangen Zeigt mir des Rechten Ahnung nicht. Lord Byron. Gedankenvoll und aufgeregt brachte Ella einen ziemlich unruhigen Tag hin. Das Geſpräch Flor⸗ ville's hatte einen tiefen Eindruck auf ſie gemacht. Da ſie bisher an Geheimniſſe oder Ausflüchte nicht gewöhnt war, ſo war ihr ihre jetzige Lage eben ſo peinlich als neu. Sie ſchien jetzt den ruhigen fragen⸗ den Blick ihres Vaters zu vermeiden, den ſie nur wenige Stunden vorher mit der ganzen Lebhaftigkeit kindlichen Vertrauens geſucht hatte. Mit ihrer offenen Natur war eine Veränderung vorgegangen, und jeder Blick, den ſie vorher mit dankbarer Liebe begrüßt hatte, ſchien jetzt in ihrer innerſten Seele zu forſchen, und die verborgenen Gedanken ihres Geiſtes zu ergründen; und die Gegenwart ihres Vaters, den ſie zu lieben und zu verehren gelernt hatte, ſchien nur die Verlegenheit zu erhöhen, welche ein unbe⸗ ſtimmtes Schuldbewußtſeyn begleitete. Von vagen - 198& Beſorgniſſen gegenwärtiger Verlegenheit und künf⸗ tiger Schwierigkeiten niedergedrückt, blieben die guten Bemerkungen ihrer zärtlichen Mutter unbeachtet und unbeantwortet; die Sprache der Liebe rührte nur den äußern Sinn, und Ella war zum erſtenmal weder aufmerkſam, noch ehrerbietig in ihrem Benehmen. Durch angelobte Verſchwiegenheit wider ihren Willen genöthigt, das Vertrauen, das ſie ihrem Vater ſchuldig zu ſeyn fühlte, zurückzuhalten, durfte es Ella nicht wagen, ihn um Rath oder Hülfe anzugehen, und ſie erduldete die Pein der Selbſt⸗ anklage mit all der Schärfe, mit welcher ſie ſich das erſtemal geltend macht. Es war die Strafe eines tugendhaften Gemüthes, das zum erſtenmal vor der Uebung des Betrugs zurückbebt, in welchem Ella eben ſo ungeſchickt als unerfahren war. Verheimlichung iſt für einen offenen Charakter immer peinlich; denn die Sicherheit, die aus der Verſchwiegenheit abgeleitet werden kann, iſt niemals ganz befriedigend; und Ella, beunruhigt durch die ernſten Folgen, die aus ihrer Willfährigkeit gegen Florville's Zwecke entſpringen konnten, wurde in dem Maaße zurückhaltend und ſchweigſam, als die Ueberzeugung ihrer Unklugheit ſich ihr allmählich auf⸗ drang. Unruhig und doch muthlos fand ſie keinen Troſt in ihren gewöhnlichen Beſchäftigungen, und 2 199 ᷣ wie ſie überdrüſſig und unthätig daſaß, indem ihre Gedanken peinlich auf ihr laſteten, ſchienen die Stunden an Länge zu gewinnen und in ihrem Laufe zu zögern. Sich ſehnend, aus der Einſamkeit Erleichterung zu ſchöpfen, harrte Ella mit fieberiſcher Ungeduld auf die träge Annäherung der Nacht, und unter dem bequemen Vorwand eines Unwohlſeyns ergriff ſie die erſte Gelegenheit, durch Entfernung auf ihr Zimmer den ſorglichen Fragen ihrer Mutter und der ſcharfen Beobachtung Lindenberg's zu entgehen, der mit dem Weſen ſeiner Tochter zu vertraut war, als daß er die geiſtige Unruhe nicht hätte bemerken ſollen, von der ſie augenſcheinlich niedergedrückt war. Als ſie endlich allein war, verſuchte ſie es, ihre irrenden Gedanken zu ſammeln und zu ordnen. Die lebhafte Sprache Florville's ſchien noch immer ver⸗ wwirrt an ihre Ohren zu tönen, ſeine volle, durch⸗ dringende Stimme führte beredt die Sache, in die ſie verflochten worden, und die all den träumeriſchen und täuſchenden Rciz beſaß, der ſich mit einem ritter⸗ lichen Unternehmen und einer treuen Anhänglichkeit an das Schickſal einer gefallenen Dynaſtie verbindet. Perſönliche Ergebenheit iſt an ſich ſchon eine Eigenſchaft, die ſtets Bewunderung, wenn nicht Nachfolger hervorruft. Ella fand es beinahe —— 200 S unmöglich, der mächtigen Gewalt zu widerſte⸗ hen, welche Florville ſich ſo erworben hatte, und ſuchte ſich zu bereden, daß der ſchwärmeriſche Plan, in welchen ſie auf ſo ſonderbare Weiſe verflochten wor⸗ den war, von keiner Gefahr begleitet ſeyn werde; und abwechslungsweiſe von den Einflüſterungen der Hoffnung und der Furcht bewegt, beſchloß ſie zu Zeiten, dem Mißfallen ihres Vaters zu trotzen und ihm die ganze Angelegenheit mitzutheilen, ohne Rück⸗ ſicht auf den feierlichen Eid, der ihre Lippen beſie⸗ gelte. Dann aber unwillig über die Schwäche ihres Vorſatzes, waffnete ſie ſich für den entgegengeſetzten Fall. Völlig geblendet und überwältigt durch die freimüthige Zudringlichkeit des Chevalier erſchien ihr die beabſichtigte Zuſammenkunft nicht ohne roman⸗ tiſchen Reiz; und dann mußte fie nothwendig an die Grundſätze und Anſichten denken, die Albert bei früheren Gelegenheiten ſo kräftig verfochten und für welche auch ſie ein warmes Mitgefühl gehegt hatte. Indem ſie ſo die Wechſelfälle und Wahr⸗ ſcheinlichkeiten, die das Abenteuer erwarteten, auf⸗ merkſam betrachtete, erſchienen ſeine Gefahren ihrer Einbildungskraft unbedeutender, während vorher Furcht und Zweifel dieſelben vergrößert hatten. Wenn ſie bisher mit weiblicher Schwäche und Un⸗ entſchloſſenheit kämpfte, ſo brachte nun die Erinnerung e 201 an Roſenthal eine erheiternde Hoffnung mit ſich, daß er wenigſtens ihr Benehmen billigen und darüber erfreut ſeyn werde. Sie fühlte ſich glücklicher durch den Glauben, daß ihre Willfährigkeit gegen Florville's Wünſche aus der Liebe hervorgegangen, die ſie zu ihrem Verlobten trug, und daß nur die Berufung auf den Namen Albert's die zögernden Bedenklich⸗ keiten ihrer Klugheit beſiegt habe. Gleichſam um ihre ſchwankenden Entſchlüſſe zu ſtärken und ſich zu ſtählen gegen die Einflüſterungen der Unruhe, zog ſie aus einem verborgenen Fache ihres Schreibtiſches die geſammelten Briefe ihres abweſenden Geliebten hervor. In der geheimen Hoff⸗ anung, eine weitere Ermuthigung daraus zu gewin⸗ nen, begann ſie dieſelben zu durchleſen, und ſeufzte, als ſie raſch über die eng geſchriebenen Seiten hin⸗ blickte, die gleichmäßig dieſelben glühenden Liebes⸗ erklärungen, dieſelbe unverhehlte Freiheit politiſcher Anſichten zeigten. Sie war nicht lange damit beſchäftigt, als der Laut von Fußtritten die Annäherung ihres Vaters anzeigte. Ein leiſes Klopfen an der Thüre ging ſeinem Eintritt vorher, gab ihr aber kaum Zeit, die zerſtreuten Zeugniſſe der Liebe zu ſammeln, die ihren Nachttiſch bedeckten. 3 „Noch nicht zur Ruhe, mein Kind,“ bemerkte er, als er ſie noch immer in ihrer Abendkleidung erblickte.„Ich fürchtete, Du wäreſt unwohl, und hoffte vorhin, Du hätteſt den Schlummer geſucht.“ Während er ſprach, hatte ſie bereits den reich gearbeiteten Schildkrotkamm abgenommen, welcher die üppigen Locken ihres lichtbraunen Haares zu⸗ ſammenhielt, und ſchien emſig beſchäftigt, die wei⸗ chen Flechten und Ringeln zu ordnen, die in dichter Verwirrung auf ihre Schultern herabwallten. „Gewiß iſt die Anordnung dieſer lieblichen Locken,“ bemerkte er lächelnd,„nicht von ſo großer Wichtigkeit, daß Du Dich deßhalb dem Schlafe ent⸗ ziehen müßteſt.“ „Ich könnte zu ſo früher Stunde nicht ſchla⸗ fen,“ antwortete Ella.„Zudem hoffte ich, Sie würden noch kommen, um mir den gewohnten Segen zu ertheilen.“ Sie ſtotterte, während ſie dieſes ſprach; denn wenn ſie auch Grund haben mochte, einen Beſuch von ihrem Vater zu erwarten, ſo empfing ſie ihn wenigſtens jetzt nicht mit Vergnügen. „Und inzwiſchen laſeſt Du Roſenthal's Briefe,“ bemerkte er ſcherzend, indem er den Pult zu ſich herzog.. „Mein Vater, der unſere Verbindung durch ſeine Einwilligung geheiligt, kann es mir unmöglich zum 2 203 Vorwurf machen, wenn ich mich mit unſerem Brief⸗ wechſel beſchäftige,“ verſetzte Ella in einem Tone, in welchem eine Gegenvorſtellung enthalten war. „Fern ſey es mir, mich in Deine Neigungen zu miſchen,“ ſprach er.„Doch fürchte ich zuweilen die Folgen, die aus der Stärke Deiner Gefühle für die Zukunft erwachſen können.“ „Theurer Vater, was können Sie von Albert beſorgen? Sie haben bisher ſeine Tugenden geſchätzt,“ antwortete ſie ſanft. „Ich fürchte nichts von Albert, aber ſehr viel von Dir, Ella,“ verſetzte der Baron.„Selbſt Deine geſetzliche Liebe zu Deinem Verlobten kann einen harakter annehmen, der mit Deinem Glück unver⸗ träglich iſt.“ 4 „In wiefern gefährdet meine Liebe zu Albert meinen künftigen Frieden?“ fragte Ella.„Im Gegen⸗ theil ſind nicht beide ſo mit einander verſchlungen, ſo innig verſchwiſtert, daß durch die Zerſtörung des einen die des andern bedingt iſt?“ „Ganz recht, Dein Geſchick iſt mit Roſenthal's zu tief verwoben, als daß die Aengſtlichkeit eines Vaterherzens ſich beruhigen könnte. Du haſt Dein gan⸗ zes Daſeyn einem Schiffe anvertraut, und der Schiff⸗ bruch, wenn er einträte, würde vollſtändig ſeyn.“ „Nein, ich verſtehe Sie kaum,“ rief Ella in — 204&˙⸗ einem Tone, in welchem ſich Furcht und Ueberraſchung miſchten;„bis jetzt glaubte ich, Sie liebten Albert wie Ihren Sohn.“ „Roſenthal iſt mir theuer. Ich geſtehe, er hat edle, vortreffliche Eigenſchaften. Ich klage ſein Ver⸗ dienſt nicht an, Ella; aber wir haben die Pflicht, unſere Leidenſchaften zu zügeln, die Stärke unſerer beſten Neigungen zu mildern und unſern feurigſten Trieben eine gute Richtung zu geben. Die Voll⸗ kommenheit, die wir in Andern lieben, entſchuldigt unſere Abgötterei nicht.“ „Klagen Sie mich nicht an, daß ich allzu zärt⸗ lich ſey,“ erwiederte ſie, vor dem prüfenden Blicke ihres Vaters zurückſchreckend;„wäre mir nicht Albert als Einer der vortrefflichſten Menſchen er⸗ ſchienen, ich hätte ſeine Bewerbung nicht ange⸗ nommen.“ „Ganz wahr, Du verſprichſt einen Logiker, Kind,“ ſagte der Baron mit einem Seufzer.„Hätteſt Du Albert nicht geliebt und hätten wir Deine Wahl nicht gebilligt, ſo könnte das feierliche Verhältniß, das euch an einander bindet, nicht beſtehen. Ich muß mich den Schlüſſen Deiner Vernunft unter⸗ werfen; aber ſage mir, theure Ella,“ ſprach ihr Vater mit einem fragenden Blick,„warum ſind 1 — 205 Deine Lebensgeiſter heute ſo ungewöhnlich nieder⸗ geſchlagen?“ „Nicht ungewöhnlich niedergeſchlagen,“ ver⸗ ſetzte ſie,„denn ſeit Roſenthal's Abreiſe fehlt mir die frühere Leichtigkeit des Gemüthes.“ „Du umgehſt meine Frage, Ella, aber Du kannſt mich nicht täuſchen; irgend Etwas laſtet auf Deinem jugendlichen Geiſte. Es iſt hoffentlich nicht 4 Eiferſucht?“ „Himmel! Eiferſucht! Nein!“ ſagte ſie eifrig. „Ich habe nicht den leiſeſten Grund, an der Aufrich⸗ tigkeit ſeiner Neigung zu zweiſeln. Albert iſt un⸗ fähig, zu betrügen.“ „Aber nicht, betrogen zu werden,“ ſagte Lindenberg. Ella ſchwieg, „Niemand kann Roſenthal aufrichtiger ſchätzen, als ich,“ fuhr der Baron fort.„Aber es liegt in ſeinem Geiſte ein Keim von Enthuſiasmus, eine Spur von romantiſchem Weſen, das ich zwar un⸗ willkührlich bewundern muß, vor deſſen Folgen ich aber zittere.“ „Haben Sie nicht oft geſagt, theurer Vater, daß auch Sie in früheren Tagen ein Enthuſiaſt waren, und daß die Staatsgeſchäfte, die Sorgen des Amts, dazu beigetragen, das natürliche Feuer Ihres Garakters zu löſchen?“ „ 206= „Aber wenn Zeit und Erfahrung die jugendliche Energie meiner Seele gedämpft haben, ſo bin ich gerade deßhalb um ſo mehr fähig, die Gefahren der Klip⸗ pen, Sandbänke und Untiefen zu würdigen, mit denen Andere zu kämpfen haben. Albert iſt feurig und arglos; beide Eigenſchaften ſind edeln Naturen eigenthümlich. Er hat bis jetzt in ſeiner eigenen Familie nur wenig Mitgefühl gefunden, ſo viel er auch in der meinigen erfahren haben mochte. Ich hoffte, Ella, ſeine Liebe zu Dir hätte alle Fähigkeiten ſeines Geiſtes in Beſitz genommen, aber ich habe mich getäuſcht.“ Ella erſchrak, Ueberraſchung und Unruhe bemächtigten ſich ihres Gemüthes. Inzwiſchen fuhr der Vater fort, ohne, wie es ſchien, ihre Aufre⸗ gung zu bemerken.. „Seine große Vertraulichkeit mit dem Chevalier hat mir einige Unruhe verurſacht. Aber meine Be⸗ ſorgniſſe ſind vielleicht grundlos.“ „Ich erwartete nicht,“ rief Ella,„von meinem Vater gegen Florville einen Argwohn zu vernehmen, der unbeſtimmt und ungerecht zugleich iſt. Haben Sie die hohe Verbindlichkeit vergeſſen, die wir ihm ſchuldig ſind? Rettete er nicht das Leben Roſen⸗ thal's? was für ſich allein ſchon ein hinreichendes Band wäre, um gewöhnlichere Geiſter zu vereinigen; — 207 aber ich habe oft geſehen, wie Sie mit Entzücken ſeiner Unterhaltung lauſchten. Sie ſchienen ihn wegen ſeiner geiſtigen Eigenſchaften zu achten.“ „Wahr, ſehr wahr, mein Kind, ich achtete ihn, und er hat dieſe Achtung nicht verwirkt,“ verſetzte der Baron. „Entdeckten Sie jemals eine unwürdige Ge⸗ ſinnung, oder waren Sie Zeuge einer unedlen Handlung Florville's?“ fragte Ella mit Wärme. „Niemals, ich bin ſtolz darauf, dies anzuer⸗ kennen. Mein Empfang muß ihm und Jedermann meine Ueberzeugung von ſeinem Werthe bewieſen haben; denn Du weißt, daß ich Ausländer nicht liebe. Und doch fürchte ich, Roſenthal hat in ſeinem Vertrauen die Grenzen der Klugheit überſchritten.“ „Hörte ich Sie nicht zuweilen bemerken, daß allzu große Vorſicht bei jungen Leuten ein Beweis von Kälte ſey,“ ſagte Ella lebhaft. „Klugheit iſt nur zu oft ein anderer Name für Unempfindlichkeit und Herzloſigkeit. Ich bekenne, daß dies meine Anſicht iſt. Der kluge Jüngling gibt gewöhnlich einen verſchmitzten Mann, und ſo wünſchenswerth die Klugheit ſeyn mag, um durch die Welt zu kommen, ſo ſteht ſie doch nicht in ſtetem Einklang mit jenem überfließenden Gefühle, das an der Jugend ſo reizend und für dieſe Pe⸗ ö ——— 208 S⸗ riode des Lebens ſo bezeichnend iſt. Doch gibt es einen gewiſſen Grad von Klugheit, deſſen Noth⸗ wendigkeit ich gerne Deinem Geiſte einprägen möchte. Unbegrenztes Vertrauen muß man auf Niemand ſetzen.“ Ella antwortete nicht auf dieſe Bemerkungen, von denen ſie fühlte, daß ſie keinen Widerſpruch zulaſſen. „Um aufrichtig gegen Dich zu ſeyn, theures Kind;“ fuhr der Baron wieder fort,„ich glaube, unſer Freund hegt viele überſpannte Begriffe über Politik, welche in dieſer kritiſchen Zeit leicht eine gefährliche Richtung annehmen könnten. Ich erkenne gerne an, daß ſolche enthuſiaſtiſche Vor⸗ ſtellungen bei einem Franzoſen natürlich ſind; aber ſie ſind völlig unverträglich mit den Geſetzen, Ge⸗ wohnheiten und dem nationalen Charakter Deutſch⸗ lands. Generationen müſſen weggerafft werden, ehe die Prinzipien moderner Neuerung in das Hei⸗ ligthum der öſterreichiſchen Beſitzungen eindringen können. Sie ſind den Vorurtheilen und Gefühlen des Volks zuwider, und ſtreiten durchaus mit dem Geiſt unſerer Regierung.“ „Aber, mein theurer Vater, weder die Ange⸗ legenheiten Frankreichs, noch die Anſichten Florville's, können das Glück dieſes Landes verletzen, und was ₰ 209 das Glück unſeres häuslichen Kreiſes betrifft, ſo wird dieſes gewiß durch den politiſchen Glauben unſeres Freundes und das Getümmel auswärtiger Uneinigkeit nicht gefährdet.“ „Nein, Ella, der Friede unſeres Hauſes iſt mit den öffentlichen Begebenheiten inniger verwoben, als Du wiſſen magſt,“ bemerkte Lindenberg mit ei⸗ nem tiefen Seufzer.„Aber kehren wir zu Albert zurück. Ich bemerkte deutlich, mit Schmerz und Beſorgniß, daß er vor ſeiner Abreiſe ſich inniger als je mit Gefühlen und Theorien befreundet hatte, die zuletzt nur Täuſchungen und als ſolche nicht geeignet ſind, ſein individuelles Glück zu befördern oder ſeinem Lande zu nutzen; denn er iſt von Ge⸗ burt ein Oeſtreicher.“ 1 „Roſenthal war ſtets zum Liberalismus ge⸗ neigt,“ unterbrach ihn Ella, ihren Geliebten ver⸗ theidigend.„Seine nahe Verbindung mit Frankreich von mütterlicher Seite muß ſein Intereſſe für das Glück dieſes Landes erhöhen.“ „Aber die Umwälzung der Ordnung aller Dinge wird das Glück keines Landes vermehren,“ ant⸗ wortete der Baron mit einem noch ernſteren Ausdruck ſeiner Miene.„Ella, die Privatnachrichten von Paris, die ich heute erhielt, ſind wahrhaft beunru⸗ higend. Ueberall Anarchie und Blutvergießen; der Ella. I. 14 8 210&◻ König hat abgedankt, und die Bourbonen ſind zum dritten Male verbannt aus dem Lande ihrer Geburt. Wenn ſolche Dinge vor unſern Augen vorgehen, ſo darf man ſich nicht wundern, daß ich unruhig bin. Die Wachſamkeit des öſtreichiſchen Kabinets muß ſich verdoppeln, und Florville's Anſichten müſſen Aufmerkſamkeit erregen.“ „Aber gewiß, theuerſter Vater, er iſt ſehr vor⸗ ſichtig,“ unterbrach ihn Ella,„und ſpricht ſeine An⸗ ſichten ſelbſt in Privatzirkeln ſelten anders, als durch gelegentliche Bemerkungen aus.“ „Eine einzige zufällige Unachtſamkeit von ſeiner Seite würde hinreichen, den Argwohn einer gewiſſen Partei zu erregen, zumal in dieſer Zeit, wo jede Nachricht aus Paris von deſſen unruhigem Zuſtande eine neue Kunde gibt. Neuerung iſt der Kriegsruf der Partei. Unter dieſem Vorwande zerſtören ſie die konſtitutionellen Gebäude, die nur der Ausbeſſe⸗ rung bedurften. Die aufbrauſende Jugend unſerer Tage befördert nur zu ſehr die Vorſtellung, daß Patriotismus und Rebellion Synonyme ſeyen. Ich war bereits Zeuge der ſchnellen Erhebung und Zer⸗ ſtörung mehrerer Regierungen in Europa. Ich habe die Inſignien der Macht von dem Einzelnen auf die Menge übergehen ſehen. Ich habe die Re⸗ volution in allen ihren Entwicklungsſtufen beobachtet; — ☛—2˖—— ☛ 211 ihren verheerenden Verlauf, mit dem Brandmahl der Schuld bezeichnet, mit dem Blut der Unſchuld befleckt, mit angeſehen. Ella, wenn in den natio⸗ nalen Einrichtungen eine Veränderung gefordert wird, ſo ſoll ſie die Folge der Ueberlegung, nicht der Volkswuth ſeyn. Der Senat ſollte die Bedürf⸗ niſſe und Wünſche des Volkes berathen, aber niemals dem Verlangen der ſchreienden Menge nachgeben.“ „Aber, mein theurer Vater, ich hatte bisher Grund, zu glauben, Sie billigen unſere Freundſchaft mit dem Chevalier; und auf jeden Fall iſt Albert abweſend, und ſomit keine Gefahr zu befürchten, daß er die Sache Frankreichs ergreifen, oder ſeinen Charakter als Oeſtreicher bloßſtellen könnte. Sein Briefwechſel mit ſeinem Freund iſt gewiß harmlos?“ fragte Ella, durch den ernſthaften Blick und Ton ihres Vaters beunruhigt. „Ich bin davon nicht überzeugt,“ antwortete Lindenberg;„aber Du biſt ganz Politiker geworden, meine theure Ella; ich muß dieſen Hang unter⸗ drücken, er iſt nicht anmuthig, nicht weiblich. Die zu politiſcher Thätigkeit nöthige Energie und die Tapferkeit des Schlachtfelds müſſen dem ſtärkeren Geſchlecht überlaſſen werden.“ „Sind dieſe Nachrichten von Paris nicht ziem⸗ 14* —— 212 S⸗ lich unerwartet, und können ſie nicht übertrieben ſeyn?“ fragte Ella, etwas überraſcht durch das Ausſehen, das die Angelegenheit angenommen. „Weder das Eine noch das Andere,“ verſetzte der Baron.„Karl X. iſt aus Frankreich vertrieben und der Herzog von Orleans iſt auf den Thron berufen. Dieſe Thatſachen ſprechen für ſich ſelbſt. Aber von den zahlreichen Kabalen und Parteien, die Frankreich zerreißen, hat jede ihren eigenen Abgott, den ſie zur Legitimität erheben möchte. Ich wünſche mir Glück, daß Albert fern von Wien iſt; denn Florville wird künftig genau be⸗ achtet werden. Ich weiß es von ſicherer Hand. Er iſt in ein geheimnißvolles Dunkel gehüllt, das für die lebhafte Forſchung der Freundſchaft, wie für die inquiſitoriſche Unterſuchung der Feind⸗ ſchaft gleich undurchdringlich war. Er iſt immer gleich verſchloſſen über ſeine Vorſätze und Beſchäfti⸗ gungen. Welche Beweggründe halten ihn in Deutſch⸗ land zurück? Weder Vergnügen noch Geſchäfte, ſollte ich glauben. Er genießt jetzt mehrere Monate vertraulichen Verkehr mit unſerem Hauſe, und wir kennen ſeine wahre Stellung im Leben immer noch nicht. Der Name Florville, ich bekenne es, iſt mir neu. In Folge der verſchiedenen Gerüchte und Vermuthungen, die ich in letzter Zeit vernommen, habe ich in meinen zahlreichen franzöſiſchen Zei⸗ tungen ſorgfältig geforſcht, in der Hoffnung, ei⸗ nen Faden oder einen Zuſammenhang zu entde⸗ cken, wodurch ich ſeine wahre Stellung ausfindig machen könnte, aber umſonſt! Der Chevalier nannte einſt den Namen Napoleons mit einem gewiſſen Intereſſe und Gefühle, das meiner Aufmerkſamkeit nicht entging. Seitdem iſt er in meiner Gegen⸗ wart nie mehr auf dieſen Punkt zurückgekommen. Sein Name ſteht nicht in dem ephemeren Verzeich⸗ niſſe des Adels, welchen Napoleon aus dem Nichts erhob, noch wird er unter jenen würdigen Edeln genannt, die ihr Leben in freiwilliger Verbannung der Sache der Monarchie widmeten, oder durch Aufopferung deſſelben auf dem Schaffotte die Palme des Märtyrerthums errangen.“ „Ich glaube, er ſtammt von einem der treueſten Anhänger Bonaparte's,“ verſetzte Ella, augenſchein⸗ lich mit großer Bewegung. „Seltſame Vermuthungen beſtürmen mich,“ unterbrach ſie ihr Vater.„Das Gefühl einer dro⸗ henden Gefahr, die ich nicht näher beſtimmen kann, erfüllt mich. Ich bin nicht abergläubiſch, ich bin nicht abhängig von Eindrücken, ich bin nicht grund⸗ loſen Befürchtungen unterworfen, oder ohne Urſache - 214 S argwöhniſch; aber ich geſtehe Dir, ich fürchte und beargwohne Florville.“ Ella horchte mit ſchmerzlichem Ernſt, der die Zweifel ihres Vaters nicht vermindern zu wollen ſchien. „Ich ſpreche, meine Ella,“ fuhr er mit Ernſt fort,„mehr zur Vorſicht für die Zukunft, als mit Rückſicht auf die Vergangenheit. Wir müſſen in unſerer Freundſchaft achtſam ſeyn, und Du würdeſt wohl daran thun, in Deinen Briefen an Roſenthal anzudeuten, daß einige Vorſicht in ſeinen Worten und Briefen räthlich ſey. Seine Geburt, ſein Ei— genthum, ſeine Erziehung und beabſichtigte Ver⸗ bindung ſind weſentlich deutſch. Sein Beruf iſt der eines Soldaten. Die öſtreichiſche Regierung läßt nicht mit ſich ſpielen; und würde Albert die ſchwär⸗ meriſchen Lehren eines franzöſiſchen Bonapartiſten einſaugen und verbreiten, ſo müßten ſeine Hoff⸗ nungen und ſein Glück im Leben weſentlich darunter leiden. Seine militäriſche Laufbahn wäre mit einem Male abgeſchnitten; jede Beförderung würde auf⸗ hören, und ſeine Stiefmutter wäre die letzte, die ihn vor feindlichen Kabalen ſchützen würde.“ „Graf Roſenthal könnte gewiß ſeinen Sohn vor Ungerechtigkeit ſchützen,“ ſprach Ella. „Ungerechtigkeit iſt dann am ſtärkſten, wenn 215 Se ſie durch einen ſcheinbaren Vorwand in ihren Verfolgun⸗ gen unterſtützt wird; und mag ſie noch ſo handgreiflich ſeyn, niemals wird die Ungerechtigkeit anerkannt. Nie⸗ mand gibt zu, daß er von Leidenſchaft beherrſcht ſey; das menſchliche Herz iſt immer bereit, ſeine ſchändlichſten Antriebe in das Gewand des Nützlichen und Noth⸗ wendigen zu kleiden; und wenn Albert einmal ſich bloßſtellt, ſo fürchte ich die ſchlimmſten Folgen für uns, Ella. Florville iſt der Mann, eine gefähr⸗ liche Gewalt über die Gemüther Anderer zu er⸗ halten und zu behaupten; gerade ſeine Tugenden und die hohe Begeiſterung ſeines Charakters ma⸗ chen ſeine Geſellſchaft gefährlicher.“ „Aber, theurer Vater, Sie beurtheilen ihn unrichtig,“ rief Ella lebhaft,„er iſt nicht, was Sie zu vermuthen ſcheinen. Er iſt nicht ein Verſchwo⸗ rener;— ich glaube,— ja ich weiß,— er iſt ein Anhänger der Freiheit,— ein Bewunderer Napo⸗ leons— dem er große Verbindlichkeiten hat.— Er verehrt das Andenken eines großen Mannes— er beklagt den Sturz eines ungeheuren Reiches.— Aber warum ſollte eine Sache des Gefühls, indi⸗ vidueller Anhänglichkeit an den Todten... Ihre Beſorgniſſe erregen?“ „Nicht die Anhänglichkeit, die er an den Todten ausſpricht, beunruhigt mich, ſondern die Beziehung, ——— 2 216&˙ welche hierin auf den Lebenden liegt. Aber genug! Du biſt ermüdet, theures Kind. Erwäge meine Worte; ich hoffe, ſie werden nicht zu ſpät gekom⸗ men ſeyn.“ Unter dieſen Worten ſtand der Baron auf, und zog ſich nach einer zärtlichen Umarmung ſeiner Tochter zurück. Als Ella in einſamer Betrachtung den unbe⸗ ſtimmten Vermuthungen über den Charakter Flor⸗ villes ſich hingab, ſchien dieſer eine düſtrere Farbe anzunehmen. Sie fühlte gleichfalls die Wahrheit der Bemerkungen ihres Vaters. Aber der Würfel war gefallen; ſie hatte die einzige Gelegenheit, den Schutz und die Nachſicht ihres Vaters zu erflehen, unbenützt gelaſſen;— und als ſie die Stimme des Selbſtvorwurfs durch Viſionen der Vergan⸗ genheit und Zukunft, die ſie heraufbeſchwor, zu dämpfen verſuchte, fand ſie, daß keine Anſtren⸗ gung der Phantaſie die feierlichen Anklagen, die ſich gegen ſie erhoben, zum Schweigen zu bringen, oder die Aufregung, unter welcher ſie litt, nieder⸗ zuſchlagen im Stande ſey. Nach einigen Stunden aufgeregter Schlafloſig— keit ſank ſie endlich in einen unruhigen Schlummer, der weder Vergeſſenheit noch Erleichterung gewährte. Stets dieſelben Bilder beſchäftigten ihre Phantaſie; die unbeſtimmte Furcht vor einem drohenden Miß⸗ geſchick ſchien ſich durch das Dunkel der Nacht zu vergrößern, und gewann eine um ſo drohendere Ge⸗ ſtaltung, da die Verſtandeskräfte im Schlafe lagen. Am folgenden Morgen erwachte ſie fieberiſch und unerquickt zum vollen Bewußtſeyn ihrer Un⸗ klugheit und zur Bitterkeit einer nutzloſen Reue. 218 So 1 9 Dreizehntes Kapitel. Wie Oeſtreichs kronlos Kind dort ruht ſo bleich, Skamandros einſt, nach Troja's Falle, gleich! Edward Lytton Bulwer. „Der Herzog von Reichſtadt ſchleppte noch immer ſein einförmiges Daſeyn in dem Palaſte von Schön⸗ brunn hin. Keine Veränderung hatte mit ſeiner Lage Statt gefunden. Während er von äußerlicher Pracht umgeben war, belauerte die gewohnte Wach⸗ ſamkeit alle ſeine Handlungen. Er ſetzte ſein ein— ſames Leben fort, ohne ſich der Geſellſchaſt von Altersgenoſſen zu freuen, ja ohne die armſelige Befriedigung zu haben, welche die Huldigung Un— tergebener zuweilen gewähren kann. Der Sohn eines Kaiſers, der Enkel eines andern, er war jetzt ein Gegenſtand des Mitleids für Alle, welche ihn ſahen oder an ihn dachten— für Alle vom Fürſten auf ſeinem Thron an, bis zum Bauer hin⸗ ter ſeinem Pfluge. Kein Gefühl erregen wir mit größerem Widerſtre⸗ ben bei Andern, als das des Mitleids. Der menſchliche*£α* 2 219 Stolz in jeder Geſtalt empört ſich dagegen; es liegt eine Art Befriedigung darin, der Gegenſtand des Neids zu ſeyn, ſo daß die Eitelkeit entzückt wird durch den niedern Triumph. Aber das Mitleid ver⸗ giftet die Seele; eine ſanfte Natur verzehrt ſich dar⸗ unter, eine ſtolze ſtößt das unwillkommene Mitgefühl zurück und ſpottet ſeiner. Zufällig mit allen äußeren Eigenſchaften der Majeſtät, der Geburt, des Reichthums, der Macht und des Einfluſſes ausgeſtattet, fehlte dem Herzog von Reichſtadt vollſtändig das wahre Weſen alles Deſſen, nämlich die Macht. Der ärmſte und nie⸗ derſte Bewohner von Wien war wenigſtens Herr ſeiner ſelbſt; aber dies war der Sohn Napoleons nicht. Wenn man ſein Geſchick und das ſeines Vaters betrachtete, ſo kann es ſcheinen, als ob eine vergeltende Gerechtigkeit über den Schickſalen der Menſchen thronte. Die alles verſchlingende Leiden⸗ ſchaft Napoleons, das unbegrenzte Streben nach Weltherrſchaft, der hartnäckige Mißbrauch großer herrlicher Gaben, beſtraft gerade durch die Errei⸗ chung und im Augenblick derſelben! Der Sohn gebo⸗ ren um das Scepter der Welt zu führen— jetzt iſt ihm nicht einmal die freie Uebung des Gedankens verſtattet! Und das Verhängniß ſcheint an dem 1 e Geſchlecht zu haften. Die Familie Bonaparte 220 SG⸗ wird bald aufhören zu exiſtiren, oder wenigſtens werden ſie in den Stand zurücktauchen und ſich da⸗ rin verlieren, aus welchem ſie durch die zauberhafte Gewalt des mächtigen Herrſchers erhoben wurden. Eines nach dem Andern verſchwinden die verſchie⸗ denen Glieder des urſprünglichen Stammes von der Bühne des Lebens. Noch wenige Jahre, und nichts wird mehr übrig ſein von der einſt blühenden und glänzenden Dynaſtie, welche eine Zeit lang über ganz Europa herrſchte— nichts als ihre Kunde in dem eiſernen Blatt der Geſchichte. Zu der Zeit, von welcher wir zuletzt ſprachen, war die von Natur ſchwächliche Geſundheit des Her⸗ zogs von Reichſtadt augenſcheinlich weit entfernt von Wiederherſtellung, und die beſchränkte, entkräftende Luft von Schönbrunn war nicht geeignet, die ſicht⸗ lichen Verwüſtungen der Krankheit aufzuhalten oder die zunehmende Schwermuth ſeines Geiſtes zu ver⸗ bannen. Der Glanz des Hofes, weit entfernt, ihn von dem Ueberdruß zu befreien, der ihn verzehrte, ſchien der tiefen Niedergeſchlagenheit zu ſpotten, die auf ſeiner jugendlichen Stirne lag. Geſättigt von den Erzeugniſſen der ſchönen Künſte, liebte es der Prinz nicht mehr, die kräftigen Schönheiten der Bildergallerie zu betrachten; denn die Gemälde der Jugend, Geſundheit und Freiheit, welche er— * V erreichen zu können, und die nächſte bemerkliche Ver⸗ — h 221 ſah, wurden ihm jeden Tag peinlicher. Die edel⸗ ſten Bemühungen der Bildhauerkunſt gefielen ihm nicht mehr, und die reichen Zierrathen, mit welchen Geſchmack und Ueppigkeit ſeine Zimmer geſchmückt hatten, waren ihm nur die vergoldeten Riegel ſeines Gefängniſſes:— Das, nach welchem er allein ſchmachtete, war das, was ihm allein ver⸗ ſagt war— Freiheit. Die heilſamen Bäder und Quellen, an welchen Deutſchland Ueberfluß hat, waren der Reihe nach von den Aerzten vorgeſchrieben und ihr Gebrauch von dem Kaiſer bewilligt worden. Aber Reichſtadt gab der Einförmigkeit des Hoflebens doch den Vor⸗ zug vor der unfruchtbaren Langeweile einer fürſtli⸗ chen Reiſe. Mit aufrichtigem Schmerz bemerkte der Kaiſer die hinterliſtigen Fortſchritte der unheilvollen Krank⸗ heit, die den Jüngling verzehrte, und ein Arzt war beſtändig in Bereitſchaft, mehr, um das Zunehmen der Krankheit zu verhüten, als in der Hoffnung, ihren Verwüſtungen mit Erfolg Einhalt zu thun. Selbſt die folternde Wachſamkeit von Vater Klemens ließ einigermaßen in ihrer gewohnten Thätigkeit nach. Der Sommer hatte eben ſeine volle Reife erlangt, die Natur ſchien keinen höhern Grad der Vollendung - 222 Se⸗ änderung mußte der unvermeidliche Vorbote der Ab⸗ nahme ſeyn. Die Blumen wurden bereits durch reichere Erzeugniſſe verdrängt, und lachende Früchte gaben reichen Erſatz für welkende Blüthen. Aber es liegt etwas Düſteres gerade in der Erfüllung ver⸗ heißenen Ueberfluſſes. Die reichliche Ernte, fuͤr welche der Landwirth gearbeitet, iſt nur der Vorbote des Mangels, und in dem Maaße, in welchem wir die Gegenſtände des Lebens gewinnen, erkennen wir deutlicher die Unvermeidlichkeit ſeines Endes. Das Erſte iſt Hoffnung; Erwartung leitet jede menſchliche Handlung, das entlegene Ziel des Verlangens, noch fern von uns, ſchimmert glänzend am Horizont. Aber wenn wir der Erreichung unſrer Hoffnun⸗ gen allmählich näher kommen, dann erkennen wir das Ungenügende des Genuſſes und fühlen unſere Annäherung zum Grabe, das ſich zuletzt über Allem ſchließt. Der junge Napoleon hatte in überdrüßiger Un⸗ thätigkeit einen Tag durchlebt, ſeine Bücher und ſeine Andachtsübungen hatten abwechslungsweiſe einen nur kleinen Theil der Aufmerkſamkeit in Anſpruch genom⸗ men, die er heute ſeinen Studien nicht ganz zu ſchenken vermochte. Er hatte ſeine verſchiedenen Beſchäftigun⸗ „gen, eine nach der andern, aufgegeben; er ſuchte Unter⸗ haltung in der Mannigfaltigkeit, und fand ſie nirgends. ☛ ℳ 223 Das Zeichnen ſchien die ſtärkſte Anziehungskraft ſür ihn zu haben, und eine Weile beſchäftigte er ſich munter mit ſeinem Pinſel; aber die ſtechenden und zunehmenden Bruſtſchmerzen nöthigten ihn, die halbvollendete Skizze, mit welcher er einige Minuten hingebracht hatte, beiſeite zu legen. Der Entwurf war geiſtreich gedacht und ſtellte eine romantiſche Feſtung vor, die er nur nach der Phantaſie mit überraſchender Correctheit gezeichnet hatte, und wobei ſich eine gebührende Rückſicht auf die möglichen Arten ihrer Vertheidigung, die wahr⸗ ſcheinliche Stellung der Kanonen und ähnliche Ein⸗ zelheiten nicht verkennen ließ. Ein Funke vom Genie ſeines Vaters war dieſem Papiere mitgetheilt. Lindenberg, der einen Theil des Nachmittags der Geſellſchaft des Prinzen gewidmet, lächelte ihm melancholiſchen Beifall, als er auf dieſen Verſuch dernenhesſ rit⸗ blickte, während Klemens, den Umſtand bemerkend, alsbald einen ſchönen Kupfer⸗ ſtich nach Raphael hervorzog, den er ruhmredig anpries, indem er dadurch die Aufmerkſamkeit des königlichen Künſtlers von dem Gegenſtand, den er gewählt, abzuziehen ſuchte. Der Arzt, der die hectiſche Röthe bemerkte, welche auf den hohlen Wangen ſeines Patienten glühte, wagte eine beſcheidene Einrede und bat Seine 8 Hoheit, ſich Bewegung zu machen, was durch die ſitzenden Beſchäftigungen den ganzen Tag über ſo nöthig geworden ſei. 4 „Nein, ich ziehe Ruhe vor,“ verſetzte der Jüng⸗ ling,„und Ihre Unterhaltung hat mich angezogen. Ich wünſche den Palaſt nicht zu verlaſſen.“ „Veränderung iſt Ihnen anempfohlen, mein Prinz,“ ſagte der Jeſuit;„ Sie ſind zu lange ein⸗ geſchloſſen geweſen; laſſen Sie ſich überreden, ſpa⸗ zieren zu gehen oder zu reiten.“ „Veränderung, ja, Veränderung mag wohl⸗ thätig ſeyn, ich erkenne es an,“ antwortete Reich⸗ ſtadt;„aber die regelmäßigen Gärten, abgemeſſenen Spaziergänge und engen Alleen von Schönbrunn gewähren in ihrer verhaßten Einförmigkeit keine Veränderung.“ „Wenn Eure Hoheit wählen wollten,“ ſagte der Arzt ehrfurchtsvoll. 3 4 „Sprechen Sie, gnädiger Herr, Sie haben nur Ihre Wünſche auszudrücken,“ verſetzte der Beicht⸗ vater milde. „Meine Wünſche!“ wiederholte der Herzog, „ſey es ſo; Dank für Ihre gütige Aufmerkſamkeit! Aber ich bin nicht in der Stimmung, den Palaſt zu weerlaſſen.“„ — je Der Prieſter ſprach noch immer von einem Wechſel der Beſchäftigung, indem er Lindenberg anſah, wie um von dieſem unterſtützt zu werden. „Was beläſtigen Sie mich ſo!“ rief der Jüng— ling ungeduldig,„laſſen Sie mich hier bleiben.“ Während dieſer Worte näherte er ſich einem vorzüg⸗ lichen Flügel, der in einer großen Niſche ſtand. Er ließ ſeine Finger leicht über die Taſten hingleiten und entlockte ihnen Töne von ausgeſuchter Reinheit und Erhabenheit. Einige Augenblicke ſpielte er Bruch⸗ ſtücke verſchiedener Melodieen, deren harmoniſche Ver⸗ bindung er kunſtgerecht durchführte; dann ging er von ſeinen phantaſtiſchen Verbindungen zu einer ſchönen Va⸗ riation von Mozart über, in welcher Zartheit und reli⸗ giöſe Feierlichkeit ſich anmuthig paarten. Hierauf fiel er beinahe unbewußt in die geheimnißvollen überwälti⸗ genden Inſpirationen Beethoven's ein, deſſen Genius er hoch zu achten ſchien. Mit den großartigen Erzeug⸗ niſſen dieſes Compoſiteurs können die Productionen keines andern Genius, weder von lebenden, noch von verſtorbenen Tonſetzern, verglichen werden. Die Erha⸗ benheit ſeiner Concertſtücke ſteht gegenwärtig einzig da im Gebiete muſikaliſcher Meiſterſchaft. Kein anderer Compoſiteur hat in demſelben Grade die kräftigſte Har⸗ monie, das rührendſte Pathos mit allen jenen über⸗ raſchenden Wirkungen von Licht und Schatten ver⸗ . I. 15 —2 226 e⸗ bunden. Ein dämmernder, tanneriſcer, beinahe überirdiſcher Geiſt athmet in jeder Melodie, als ob die Töne aus einer andern, geiſtigeren, Welt kämen und die Sprache der Seele redeten. Tiefer, unwider⸗ ſtehlicher Ausdruck iſt der Hauptzug ſeiner unver⸗ gleichlichen Minores und Adagios, während die kühne fieberiſche Leidenſchaftlichkeit, welche ſeine Scherzos durchdringt, eine Gluth und Kraft der Phantaſie verräth, welche für immer den idealen Beethoven vor ſeinen Vorgängern und Zeitgenoſſen aus⸗ zeichnen wird. Durch ſeine neue Beſchäftigung aufgeregt, ſpielte Reichſtadt eine Zeit lang in ſtets raſcherem Tempo fort, bis er, von der Anſtrengung ſeiner leidenſchaftlichen Ausführung erſchöpft, eine große innere Bewegung verrieth. Doch war die Wirkung der himmliſchen Muſik ſo groß, die Aufmerkſamkeit aller Anweſenden ſo lebhaft, daß, von der herrlichen Harmonie hin⸗ geriſſen, Niemand bemerkte, daß die Anſtrengung dem Spielenden ſchädlich ſeyn könne. Herannahende Dunkelbeit erinnerte ſie allmählich an die Zeit, und als das ſcheidende Licht des Tages der zunehmenden Dämmerung wich, rührten die ſanften vollen Töne des Inſtruments ſchmelzend an das Gefühl und ſanken langſam in eine melancholiſche Kadenz; — denn die Hand, velche ſie hervorlockte, hatte ihre 2 227 S⸗⸗ Kraft erſchöpft, und der Flügel antwortete jetzt düſter und feierlich der zitternden Berührung und erſtarb in langgezogenen Tönen. „Seine Hoheit iſt ermüdet,“ rief der Beicht⸗ vater, welcher zuerſt zum Bewußtſeyn der Schwäche Reichſtadt's erwachte. „Nein, Vater, nein!“ verſetzte er mild,„ich bin nur etwas überwältigt von der Muſik.“ „Zu viel Anſtrengung, auch bei den ſchönen Künſten, kann ſchädlich werden,“ ſagte der Jeſuit; „Ruhe iſt Eurer Hoheit durchaus nothwendig.“ „Nein, Vater! ich darf mich gewiß mit dem Ideal beſchäftigen. Ich habe ein Gefühl, als hörte ich eine Stimme von einer unbekannten Geiſterwelt; es iſt das Vorrecht des Kranken, daß man Nachſicht mit ihm hat.“... Der Prinz ſeufzte tief, als er dieſe Worte ausſprach. „Ließen doch Eure Hoheit ſich bereden, eine Erfriſchung zu nehmen,“ bemerkte der geſchäftige Arzt;„erlauben Sie mir auch Lichter bringen zu laſſen, denn dieſes Dunkel—“ „Ich ziehe dies ſanfte Zwielicht vor,“ unterbrach ihn der Prinz;„aber ich will auf dem Sopha ausruhen, wenn per Baron von undeadg mich entſchuldigen will. „Der Baron legte ein Flaumkiſſen unter das 15 44 228 matte Haupt des Leidenden, der ſeine Hand dank⸗ bar drückte. „Ich überhebe Sie Ihrer freundlichen Dienſte,“ ſagte er zu dem Arzte gewendet. „Mein Sohn,“ rief Vater Klemens,„wir wollen uns Alle zurückziehen.“ „Wenn der Baron bleiben und vorleſen oder ſprechen wollte, ſo würde ich ihm dankbar ſeyn,“ ſagte Reichſtadt. „ Ich bitte Eure Hoheit dringend, dieſe Auf⸗ regung zu ſtillen, die mich beinahe beunruhigt,“ rief der ärztliche Berather mit wahrer Unruhe. „Ibre Wiſſenſchaft kann hier nur wenig from⸗ men,“ erwiederte der Kranke gereizt;„ erſparen Sie mir Ihre nutzloſen Erörterungen.“ Ihre Nerven ſind gereizt, mein geliebter Sohn, ſagte der Jeſuit;„ich bin überzeugt, Seine Excellenz (indem er ſich verbindlich zum Baron wandte) ſtim⸗ men mir darin bei, daß Ruhe und eine unbedingte Enthaltung von jeder geiſtigen Anſtrengung anzu⸗ rathen iſt.“ 4 2 Vielleicht lieben Seine Hoheit die Einſamkeit nicht,“ bemerkte Lindenberg, der den ſchwächlichen vheuff nicht den Einflüſterungen ſeiner erhitzten Einbildungskraft überlaſſen wollte.». ——— * 229 S⸗⸗ „Einfamkeit! Ja— nein!“ murmelte der Prinz verdrüßlich, denn er wünſchte des Doktors und Prie⸗ ſters los zu werden, konnte aber nicht die gewünſchte Ausnahme zu Gunſten des Barons machen.„Ma⸗ chen Sie mit mir, was Sie wollen,“ fuhr er fort, beinahe kindiſch,„geben Sie oder bleiben Sie.“ „Da es noch ſo früh iſt, ſo werden Sie vor Ihrer gewöhnlichen Stunde nicht ſchlafen können,“ bemerkte Klemens;„erlauben Sie mir daher, Ihnen eine kleine Sammlung frommer Gedanken zu über⸗ reichen, die ich ſorgfältig ausgewählt und für Ihren perſönlichen Gebrauch herausgegeben habe,“ ſetzte er hinzu, indem er ihm ein zierlich in Pur⸗ purſammt gebundenes, mit vergoldeten Schlöſſern verſehenes Buch überreichte.„Sie werden damit angenehm die Zeit hinbringen, bis Sie ſich geneigt fühlen, die Abendandacht zu verrichten, wobei ich dann bereit ſeyn werde, Eurer Hoheit beizuſtehen,“ ſagte der Prieſter. „Vater,“ verſetzte Reichſtadt in jenem furcht⸗ ſamen, aber klagenden Tone, der ſo ausſchließlich körperlicher Schwäche eigenthümlich iſt,„können Sie nicht das angelus domini für dieſe Nacht ausſetzen? Privatgebete werden meiner jetzigen Geiſtesſtimmung angemeſſener ſeyn. Morgen, theurer Bater,“ fügte er hinzu mit dem verſöhnendſten 230 S⸗ Lächeln, das er aufbieten konnte,„morgen werden Sie, hoffe ich, mich gelehriger finden.“ „Sei es ſo!“ rief der Anhänger des St. Igna⸗ tius, indem er ſeine Augen zum Himmel erhob, mögen die Betrachtungen Eurer Hoheit heilſam ſeyn!“ Der Argusgleichen Wachſamkeit des Jeſuiten müde und ebenſo beläſtigt durch die geſchäftige Zu⸗ dringlichkeit des Arztes, hätte der königliche Ein⸗ ſiedler gerne in der Geſellſchaft Lindenbergs Troſt und Zuflucht geſucht; aber das Verlangen war kaum ausgeſprochen, ſo wurde ſeine Erfüllung ver⸗ eitelt. Die freie Wahl eines Geſellſchafters auch nur für eine Stunde wurde ihm verweigert, und er fühlte, daß vollkommene Einſamkeit, ſelbſt Vernach⸗ läßigung den Vorzug verdiene vor den kleinlichen Quälereien der Bevormundung und läſtigen Be⸗ wachung, der er unterworfen war. Wenige Dinge ſind für ein reizbares Tempe⸗ rament quälender, als zu ſehen, daß man der Gegenſtand beſtändiger Wachſamkeit ſey, ſelbſt wenn dieſe von der Liebe vorgeſchrieben iſt; aber wenn ſie aus Mißtrauen fließt, wird ſie unerträglich. Der junge Napoleon mußte dieſe Wachſamkeit bis zum Uebermaß erdulden. Es war daher eine willkommene Erleichterung für ſeine abgematteten Le⸗ bensgeiſter, als der Beichtvater, eine kleine ſilberne 2 231 Glocke berührend, dem dienſthabenden Pagen läutete, deſſen Pflicht es war, das königliche Zimmer zu bedienen. Eine Lampe von ausgezeichneter Arbeit wurde in die Mitte des Zimmers geſtellt, in welchem ſie einen Strom milden Lichts verbreitete, das die ſchwäch⸗ lichſte Organiſation nicht verletzen konnte. Durchſichtige Vorhänge vom feinſten Gewebe wurden ſorgſam über die geſchloſſenen Fenſter ge⸗ zogen und jede Vorſicht angewendet, um die äußere Luft abzuhalten, die man für ſchädlich für den Kranken hielt. „Gute Nacht, mein Sohn! Gott ſey mit Ihnen!“ ſagte Vater Klemens, nachdem er das ge⸗ wöhnliche Benedieite geſprochen, welchem der Her⸗ zog von Reichſtadt durch eine ſtumme aber ehrerbie⸗ tige Verbeugung antwortete. Der Jeſuit wendete ſich hierauf langſam gegen ſeine Begleiter, durch eine entſchiedene Gebärde, die keinen Widerſpruch zuließ, anzeigend, daß es Zeit ſey zu gehen. Einer nach dem andern küßte die abgezehrte Hand, die ihnen hingeboten wurde, und mit einer tiefen Verbeugung zogen ſich der Staatsmann, der Prieſter und der Arzt für dieſe Nacht zurück. 232 S⸗ Vierzehntes Kapitel. Leb' wohl, mein Herr, mein König, Freund! Nie härmt' ich mich zuvor; Nie lag mit Fleh'n, wie jetzt zum Feind, Ich vor des Herrſchers Ohr! Laßt mich theilen, dies allein Bitt' ich, was dem Helden droht, Daß ich mit ihm im Verein Trage Fall, Verbannung und Tod. Lord Byron. „Endlich bin ich allein,“ rief der Herzog von Reichſtadt mit einem Ausdruck melancholiſcher Zu⸗ friedenheit, während er ſich mechaniſch über die Blätter des Buches hinkehrte, das er von ſeinem geiſtlichen Aufſeher erhalten hatte.„Aber ich hätte gewünſcht, Lindenberg bliebe noch bei mir. Ich liebe ſein verſtändiges Geſpräch: es beſänftigt meinen aufgeregten Geiſt— und lehrt mich— Ergebung.“ Während der Prinz dieſe Worte ausſprach, be⸗ gann er zu leſen und durchflog wenige Seiten des Buches, das er in der Hand hielt; aber ſeine Auf⸗ merkſamkeit konnte durch die ſchwülſtigſten Ermah⸗ nungen und oft wiederholten Lehrſprüche, die deſſen gelehrten Inhalt bildeten, nicht gefeſſelt werden. Er legte es endlich mit unverhehltem Widerwillen bei Seite, erhob ſich von ſeiner halbliegenden Stellung auf dem Sopha, näherte ſich dem Fenſter, zog das reine Neſſeltuch, von welchem es bedeckt war, zurück, und blickte in die Landſchaft hinaus. „Stets in Knechtſchaft!“ rief er;„ſelbſt die Luft des Himmels iſt mir verſagt.“ Während er dies ſprach, öffnete er mit einer Anſtrengung, die ſeinen ſchwachen Gliedern ungewohnt war, den Fenſter⸗ flügel. Eine friſche Luft ſtrich vorüber und kühlte ſeine glühende Stirne; aber als ſie in unſichtbarem Zuge hinſäuſelte durch die majeſtätiſchen Bäume, welche die umfangreichen Gärten unten zierten, fielen einige welke Blätter rauſchend auf den Boden. „Schon!“ rief er im Selbſtgeſpräche.„Schon? Iſt doch das grüne Kleid des Sommers noch nicht dem düſteren Gewande des Herbſtes gewichen? Es iſt frühe, zu frühe für das Laub zu verwelken; noch vor kurzer Zeit beobachtete ich die zarten Knospen, die in kräftiger Ueppigkeit ſich öffneten. Es iſt in der That bald für ſie zu ſchwinden. Allzufrühe Vernichtung hat jene Blätter gefällt; aber unſere Wälder werden ſich wieder in friſches Grün klei⸗ den,— ein neuer Frühling, und die biegſamen Zweige werden ſich wieder beugen unter der duftenden Laſt friſch geöffneter Blüthen,— aber der Menſch— hat keinen zweiten Frühling— hier!— Muß ich das -2 231 düſtere Gewand des Grabes anlegen, und darf ich nie wieder blühen? Seltſame Gedanken drängen ſich in mir..... neunzehn Jahre gelebt— nur neunzehn Jahre! Jung, zu jung, um zu ſterben!— Neunzehn Jahre eines einſamen Daſeyns, durch keines Freundes fröhliche Geſellſchaft erheitert, durch keine Neigung geheiligt, durch kein Mitgefühl er⸗ quickkt..grauſam!— grauſame Politik, die mich ge⸗ trennt hat von Allen, die mich geliebt und werth gehalten hätten! Mich dünkt, ich könnte glücklicher ſterben, wenn dieſes leidende Haupt an einer Mut⸗ terbruſt ruhte.“ Während der Jüngling alſo ſprach, erhob er ſeine thränenvollen Augen zu dem glänzen⸗ den Gewölbe des Himmels. Er ſtrahlte von dem prächtigen Diademe der Natur; Myriaden von Sternen ſchimmerten in glänzender Verſammlung. „Weg mit den gelehrten Berechnungen der Aſtronomie“ rief Reichſtadt,„laßt mich dieſe fernen geheimnißvollen Körper betrachten, deren ſchimmern⸗ den Glanz wir bewundern, aber nicht begreifen können; deren Daſeyn wir wiſſen, aber nicht zu erklären vermögen; deren übernatürlichen Einfluß auf die Schickſale der Menſchen man vermuthet, aber nicht beweiſen kann. Laßt mich jene funkeln⸗ den Edelſteine betrachten mit einem Gefühle, das von den abſtrakten Forſchungen der Viſeenſchaft ganz verſchieden iſt. Es iſt eine ſchwärmeriſche Theorie von überirrdiſcher Natur, die der Betrach⸗ tung einen unbegrenzten Spielraum geſtattet. Ich habe gehört, daß mein Vater an den Einfluß der Planeten glaubte.— Mein Vater, dieſes furcht⸗ bare Opfer und Werkzeug des Verhängniſſes; er, der zugleich das Opfer und der Hoheprieſter war, der Altar und Das, was auf dem Altare darge⸗ bracht wird! Er glaubte an die Sterne, und las die leuchtende Sprache des Firmaments. Vielleicht in dem freudigen Uebermaß neugeweckter Zärtlich⸗ keit, als er zuerſt das Kind, das der Erbe Frank⸗ reichs ſeyn ſollte, an ſeine väterliche Bruſt drückte, befragte er die glänzenden Orakel des Himmels, und ſuchte das künftige Schickſal ſeines Sohnes zu erfahren,— des Sohnes Napoleons! Sagte der prophetiſche Himmel den wundervollen Wechſel vor⸗ her, den Europa im Laufe weniger kurzer Jahre erleiden ſollte? Daß ſeine Siege in dem Blute einer einzigen Schlacht ausgelöſcht, daß ſeine Dy⸗ naſtie vernichtet werden würde durch Die, welche ihm zuvor anhingen; daß ſeine Macht ſinken ſollte vor den herannahenden Heeren des barbariſchen Nordens, und ſeine Familie allmählig weggerafft werden von der Erde? Die Lilien haben den Adler verdrängt, die ausgedehnten Gränzen Frankreichs ———— 6 2 236 E⸗⸗ ſind von den weinumlaubten Ufern des Rheins an ihre alte Stelle zurückgewichen, und der Sohn, der langerſehnte Erbe, für deſſen Beſitz die Liebe der Gattin und die Treue des Mannes geopfert wurde, dies Kind iſt verſchmachtet in Einſamkeit, in Krank⸗ heit— bald wird das Geſchlecht erloſchen ſeyn!“ In dieſem Augenbick wurde der Herzog in ſeinen ſchwermüthigen Träumereien unterbrochen durch eine durchdringende, aber gedämpfte Stimme, die mit einem Ausdruck von tiefem Pathos die folgenden Strophen ſang: L'encens des fleurs embaume cet asile, La nuit descend à pas silencieux, Le lac est pur, Pair est frais et tranquille, La paix du soir se répand en ces lieux. O!ma patrie, o mon bonheur, Toujours chérie tu rempliras mon coeur. O! ma patrie, etc. Venez jouir, d mes jeunes compagnes, Du plus beau soir apres le plus beau jour, Faisons redire aux échos des montagnes Ces chants si purs de tendresse et d'amour. O! ma patrie, etc. 4 Phoebé percant à travers le feuillage De mon ami m'annonce le retour, DGja j'entends au lointain du rivage Sa douce voix répéter à son tour: Oma patrie, etc. an der der rde, ank⸗ 2 inen eine mit uden 237 S⸗ Während der Prinz auf den Sänger lauſchte, erwachte die Erinnerung an dieſe Melodie, die einſt ſo oft an ſein kindliches Ohr getönt hatte, mit voller Gewalt in ihm. Reichliche Thränen floßen von ſeinen Augen, während er die Töne wiederholte, deren er ſich ſo lebhaft erinnerte. „Wie oft,“ rief er,„habe ich dieſe Worte ſingen hören! Wie oft wurde ich gerade durch dieſen Geſang in Ruhe und Schlaf eingelullt!“ Während der Prinz ſprach, tauchte eine Geſtalt, die bisher durch den tiefen Schatten des Gebäudes verborgen geblieben, aus der Dunkelheit auf und ſtand vor ihm. „Wer geht hier?“ fragte er ſtutzend, jedoch mehr überraſcht als erſchreckt. „ Ein Freund!“ verſetzte der Fremde. „Sie mögen näher treten,“ ſagte Reichſtadt in befehlendem Tone.„Aber Sie wählen eine unge⸗ wöhnliche Stunde.“ „Jede Stunde iſt günſtig für gute Abſichten,“ antwortete der Eingedrungene. „Das Gehör, das Sie zu ſuchen ſcheinen, ſoll Ihnen gewährt werden,“ verſetzte der Herzog.„Sie können nicht vom Hofe ſeyn, glaube ich, oder Sie würden nicht eino ſo ungewöhnliche Art gewählt haben, ſich an mich zu wenden.“ — — — 2* — 22 238 „Ich bin ein Freund, alſo nicht vom Hofe,“ bemerkte der Fremde mit leiſer Stimme.„Wollen Eure Hoheit mir den Eintritt in Ihr Gemach geſtatten?“ „Sie ſind allein, wie ich ſehe,“ ſagte der Prinz; „und wären Sie es auch nicht, ich habe nichts zu fürchten; wenigſtens kenne ich kejne Feinde,“ rief er mit einem Grade von Feſtigkeit und ſittlichem Muthe, den man von ſeiner geſchwächten Geſundheit, ſeinem zurückgezogenen Leben und dem mönchiſchen Style ſeiner Erziehung nicht hätte erwarten ſollen. Der Herzog zog ſich einige Schritte von dem Fenſter zurück, das auf den Eſtrich hinabging, wäh⸗ rend ſein geheimnißvoller Beſuch mit einer leichten Anſtrengung ſeiner kräftigen Geſtalt ſich herauf⸗ ſchwang und durch den offenen Flügel einſtieg. Er näherte ſich dem Sopha, auf welchem der Prinz Platz genommen hatte, warf einen weiten ſpaniſchen Man⸗ tel, der ihn völlig eingehüllt hatte, ab, und beugte ein Knie; dann erhob er ſeine ſchwarzen ausdrucks⸗ vollen Augen und begegnete dem ſcheuen Blicke des jungen Napoleon, deſſen eingefallene Züge in dem bleichen Licht der verhüllten Lampe, das gerade auf ihn fiel, von Neugierde und Staunen ſtrahlten. Schwerlich kann man ſich eine ergreifendere Gruppe vorſtellen. 239 Se „Dafür,“ rief Florville(denn kein Andrer war es),„für dieſen Augenblick habe ich bis heute gelebt, und für den Genuß dieſer ſchwermüthigen Freude hätte ich mein Leben hingeben können! Laſſen Sie mich dieſes Antlitz betrachten, das eine ſchmerzliche, aber koſtbare Erinnerung mit ſich führt—“ 8 „Sie glauben, ich gleiche meinem Vater,“ unterbrach ihn Reichſtadt mit Unbefangenheit;„Sie ſind vielleicht ein Franzoſe?“ „Ich bin ein Franzoſe, Sire, ein treuer ergebe⸗ ner Franzoſe!“ „Ein Franzoſe!“ wiederholte der Prinz,„ein Franzoſe in Schönbrunn! Welcher Zufall oder welche Abſicht hat Sie hierher geführt?“ „Jahrelanger Vorſatz und die Wünſche eines Volks haben mich vor Ihr Antlitz geführt!“ rief er. „Sie haben die Wachen getäuſcht!“ verſetzte Reichsſtadt;„hüten Sie ſich, die Dienerſchaft zu wecken!“ fuhr er fort, indem er einen warnenden Finger erhob. „Meine Anweſenheit iſt die Folge meines feſten Entſchluſſes, und ich bin durch den Erfolg belohnt,“ antwortete der Fremde. 3 „Hatten Sie eine abſchlägige Antwort erhalten?“ fragte der Herzog. 5 240 S⸗ „Ich hätte beharrt— ich war entſchloſſen,— das iſt genug!“ „Sie haben viel gewagt,“ verſetzte der Prinz. „Längſt lernte ich Gefahren verachten. Der gegenwärtige Augenblick entſchädigt mich für Jahre lang ungeſtillte Sehnſucht!“ rief Florville mit gedämpfter Stimme. „Ich glaubte nicht, daß ich ein ſo ſtarkes In⸗ tereſſe einflößen könnte,“ verſetzte Reichſtadt freund⸗ lich; dann ſetzte er mit würdevoller Miene hinzu: „Ihre Botſchaft muß eine geheimnißvolle oder gefährliche ſeyn, da ſie den Schutz der Finſterniß und Heimlichkeit ſucht.“ „Es iſt eine Botſchaft der Liebe!“ rief Flor⸗ ville feuriger.„Ich komme als treuer Abgeſandter Ihrer kaiſerlichen Anhänger, ich komme, dem Sohne Napoleon's unſere Huldigung anzubieten!“ „Sie überraſchen mich. Bis jetzt iſt mein Leben dahingefloſſen, nicht beachtet und nicht erheitert durch menſchliche Anhänglichkeit. Das Andenken meines Va⸗ ters iſt meiner Erinnerung theuer. Ich kann mir vor⸗ ſtellen, daß ſeine geiſtige Ueberlegenheit ſeine Herrſchaft noch überlebt hat. Sprechen Sie, haben Sie meinen Vater gekannt?“ fragte Reichſtadt leidenſchaftlich. „Einſt genoß ich dieſe Ehre, und rühme mich meiner unwandelbaren Anhänglichkeit an die Sache, 241 S⸗- der ſeine nächſten Anverwandten abtrünnig wurden. Sollten Eure Hoheit meine Worte bezweifeln, ſo kann dieſes Zeichen Ihnen Ueberzeugung geben; denn Ihr Herz muß es erkennen, wenn Ihre Er⸗ innerung es nicht vermöchte,“ verſetzte Florville, in⸗ dem er die theure Reliquie hervorzog. Der Prinz ergriff ſie haſtig, blickte ſie zärtlich an, öffnete ſeine Bruſt, zog ein mit Brillanten beſetztes Medaillon hervor und verglich deſſen Inhalt mit der Haarlocke, die er in der Hand hielt. Beide waren von gleicher Farbe, nur war die von Flor⸗ ville übergebene leicht mit Grau vermiſcht. „Mein Vater!“ ſeufzte der Herzog, indem er ſie ehrerbietig an ſeine Lippen drückte und zugleich auf ſeinen Geſellſchafter einen Blick warf, in dem ſich Neugierde und Zärtlichkeit vereinigten. „Jetzt werden Eure Hoheit vielleicht meinem Zeugniß Glauben ſchenken!“ ſagte der Fremde. „Fahren Sie fort;— ich ſetzte keinen Zweifel in Sie, ich war nur erſtaunt,“ rief der Jüngling. „Sollten auch die Einzelheiten meiner Geſchichte Sie ermüden,“ rief Florville,„die Hauptſache der⸗ ſelben muß für das Gefühl eines Sohnes anziehend ſeyn!“ „Warum zögern Sie? Ihre Worte haben bereits meine Aufmerkſamkeit, meine Neugierde lebhaft erregt. Ella. I. 16 242 Ge⸗ Fahren Sie fort, ich bitte Sie; dieſe Ungewißheit iſt peinlich,“ bemerkte Reichſtadt. „Perſönlich ohne Bedeutung erhalte ich einige Wichtigkeit durch die Umſtände, in welche mein Schick⸗ ſal verflochten wurde. Ich genoß das edle Vor⸗ recht, Napoleon nach St. Helena zu begleiten, und theilte das Loos jener treuen Freunde, welche die Ehre dem Glück vorzogen. Wir blieben zu Longwood bis zu der verhängnißvollen Kataſtrophe, die das ereignißvolle Leben unſeres Herrn beſchloß. Zu Zeiten gelang es unſerer zärtlichen Sorgfalt, ſeine Seele zu erleichtern; und wenn unſeren eifrigſten Bemühungen keine Linderung gelang, ſo ſchienen wenigſtens unſere Abſichten dem Dulder angenehm. Wir liebten ihn, wir hatten Theil gehabt an ſeiner Freigebigkeit und ſuchten ſein Mißgeſchick durch Mitgefühl zu lindern. Da mir die traurige Freude vergönnt war, den Kaiſer in ſeinen letzten Augenblicken zu bedienen, ſo wurde ich der Bewahrer ſeiner Wünſche, der Träger ſeiner Befehle. Ich bringe den Segen des Vaters ſeinem einzigen Kinde! Sein ſterbender Blick war auf Ihr Bild gerichtet, ſeine ſterbenden Laute waren für Ihr Ohr beſtimmt.“ Der Prinz ſchluchzte in heftiger Aufregung, während Florville fortfuhr, dem Strom ſeiner hohen Begeiſterung freien Lauf zu laſſen. 243 G⸗ „Dies iſt nicht Alles, hören Sie mich, Sire!“ rief er, vor ſeinem aufgeregten Zuhörer ein Knie beugend, „ich habe noch einen andern Auftrag zu vollziehen, einen Auftrag von höchſter Wichtigkeit für die Sache der Freiheit und des Ruhms. Aber ehe ich es wage, die Gelübde und Wünſche treuer Ergeben⸗ heit auszuſprechen— kann ich durch Euerer Hoheit Erlaubniß dazu ermuthigt werden?“ „Ihre Sprache, ſo ſchwärmeriſch und außer⸗ ordentlich ſie klingt, iſt nicht unwillkommen. Sie haben ein Heer ſtürmiſcher Gefühle geweckt; Sie haben ein Intereſſe erregt, das ich bisher nicht fühlte; fahren Sie fort, ich bin nicht unaufmerk⸗ ſam!“ verſetzte der Herzog. „Ich bin hieher geſandt, die Herzen und Schwer⸗ ter eines treuen Volks zu den Füßen ihres erwählten Souveräns niederzulegen,“ rief der Fremdling. „Halten Sie!“ unterbrach ihn ſein königlicher Geſellſchafter,„dieſe ſchmeichelhaften Beweiſe indi⸗ vidueller Anhänglichkeit ſind nutzlos; ich verdiene ſo enthuſiaſtiſche Ergebenheit nicht. Aber jene rüh⸗ rende Erinnerung an das Gedächtniß meines Vaters darf nicht mit Stillſchweigen übergangen werden. Empfangen Sie meinen wärmſten Dank, die Er⸗ kenntlichkeit des— jungen Napoleon.“ „Der Reſt der alten Garde, die zahlreiche 16* 244 Schaar der Bonapartiſten in Frankreich, die, welche noch mit Stolz der Tage unſeres Ruhmes gedenken, und die, deren juͤgendliche Phantaſie durch die Erzählung ihrer Väter genährt wird, haben mich abgeſandt, ihre Wünſche Eurer Hoheit zur Beachtung und Billigung vorzulegen,“ fuhr der Chevalier fort. „Hören Sie auf, mir die verwegenen Ein⸗ flüſterungen des Ehrgeizes mitzutheilen,“ verſetzte Reichſtadt;„ich darf nicht zugeben, daß eine ſolche Sprache in meiner Gegenwart geführt werde; unſere Zuſammenkunft muß abgebrochen werden.“ „Glauben Sie nicht, gnädiger Herr, daß die Stimme der Liebe ſo leicht zum Schweigen gebracht, daß das Gefühl eines Volks ſo mißverſtanden wer⸗ den kann. An Ihrem angeſtammten Anſpruch auf unſere Ergebenheit und Verehrung können Sie nicht zweifeln!“ bemerkte Florville. „Verwirrt, aber von ſtreitenden, bisher unbe⸗ kannten Gefühlen erfüllt, bin ich nicht im Stande, meine gegenwärtigen Bewegungen deutlich aus⸗ zudrücken,“ antwortete der Herzog ſehr gerührt. „Ich begrüße Sie als Franzoſen, als Freund; Ihre Sprache iſt, wie ich glaube, der Ausdruck Ihrer Seele.“ „Ich ſpreche die Wünſche, die Entſchlüſſe von Tauſenden aus!“ rief der Chevalier mit Feuer. — elche nken, die mich tung fort. Ein⸗ etzte zlche ſere die ncht, ver⸗ auf iiccht bbe⸗ nde, us⸗ rt. nd; ruck iſſe uer. 245 „Ihre Worte athmen Aufrichtigkeit, ſie erfreuen mein Herz, ſie werfen eine ſchmeichelnde Täuſchung über meine einſame Stellung; aber nehmen Sie nicht die Verſicherungen meiner Dankbarkeit für die verlangte Einwilligung in Ihre verwegenen Hoff⸗ nungen. Ihre Worte haben einen unauslöſchlichen Eindruck auf mich gemacht; aber ich darf, ich will Sie nicht täuſchen. Bedenken Sie, daß der Sohn Bonapartes der Enkel Franzens und ein Unterthan von Oeſtreich iſt.“ Florville erröthete lebhaft und ſchwieg einen Augenblick, dann fuhr er mit Nachdruck fort: „Die Umſtände, auf welche Eure Hoheit an⸗ ſpielen, wurden ſtets von Denen beklagt, die Ihren Thron in den Herzen des franzöſiſchen Volks er⸗ richten wollen. Wollte Gott, Sie wären entſchie⸗ dener von jenem ſtürmiſchen Geiſte Napoleons be⸗ ſeelt! O, daß unſer jetziger Schmerz ſich in freu⸗ dige Erwartung verwandeln könnte! Denn Ihr Vater wird noch ebenſo ſtark betrauert, als hätte das ſchreckliche Unglück, das Frankreich in die Hände ſeiner Feinde verrieth, erſt geſtern ſtattgehabt. O, wie liebten wir den kühnen Geiſt, der uns be⸗ herrſchte, wie liebten wir den Krieger, der uns zu Kampf und Sieg führte, wie furchtlos gehorchten wir dem umfaſſenden Geiſte, der gegen die Intriken 246 So⸗- der europäiſchen Politik ankämpfte und ſie nach ſei⸗ nem Willen beherrſchte! Freudig wollten wir die Krone Frankreichs zur Verfügung Napoleons des Zweiten ſtellen. Eine zahlreiche Deputation unſerer Partei wartet nur auf ein Zeichen von mir, um Euer Majeſtät im Triumph in den Mittelpunkt Ihres Gebietes zu begleiten. Es iſt nicht ein ein⸗ ziges Regiment im ganzen Königreich, das nicht ein Bruchſtück jener herrlichen Armee beſäße, die einſt für unüberwindlich galt. Das kaufmänniſche Intereſſe iſt ſtets beherrſcht von der Stimme des Volks, die nicht lange ſtumm bleiben kann. Der alte Adel iſt ein machtloſer Körper, verpflichtet, die Vorrechte ſeines Standes aufrecht zu halten; und ein zeitge⸗ mäßes Verſprechen eines künftigen Schutzes für die erblichen Ehren der alten Ariſtokratie kann gewiß wenigſtens ihre Neutralität bewirken, wenn nicht noch wohlthätigere Folgen. Die neuen Familien, die, welche unter den Fußſtapfen Ihres Vaters ent⸗ ſtanden, müſſen natürlich Ihre feſteſten Anhänger werden. Ich habe eine Urkunde, die Eure Hoheit vollſtändig mit unſern Planen und mit unſerer Stärke bekannt machen wird.“ Mit dieſen Worten übergab der Chevalier ein verſiegeltes Paket, wel⸗ ches zur großen Verwunderung Reichſtadts eine authentiſche Mittheilung von den Führern des Bo⸗ ſei⸗ r die des ſerer „um punkt ein⸗ ein einſt rxeſſe die e iſ echte ige⸗ die wiß ſnicht ien, ent⸗ ger heit erer ten el⸗ eine Bo⸗ 2 247 S⸗⸗ napartiſtiſchen Partei, nebſt einem gedrängten Berichte über eine beabſichtigte Contrerevolution enthielt, und ihm den Thron ſeines Vaters anbot. Es war eine Reihe werthvoller Briefe beigefügt, von Perſonen, die mit öffentlichen Angelegenheiten zu thun hatten, welche Nachrichten in Beziehung auf die Finanzen und den allgemeinen Zuſtand des Landes gaben; ſämmtliche Briefe waren unterzeichnet von ausgezeichneten und ehrenvollen Namen. Eine kleine Medaille von auffallendem Gepräge war ebenfalls dem Paket beigeſchloſſen. Die eine Seite zeigte ein erträgliches Bildniß des jungen Prinzen ſelbſt mit den Worten:„Napoleon der Zweite, Kaiſer der Franzoſen;“ auf der Kehrſeite war die Freiheitsmütze über der Waage und dem Schwert der Gerechtigkeit, mit der Inſchrift:„la charte.“ Reichſtadt zitterte, im buchſtäblichen Sinne, während er die ſchönausgeprägte Münze und die den Papieren beigefügten Unterſchriften betrachtete, und kalte Tro⸗ pfen benetzten ſeine Stirne. Florville trat näher zu ihm und zeigte ihm plötzlich ein Bildniß des ehe⸗ maligen Kaiſers, augenſcheinlich gemalt, nachdem bereits der Tod den ſtillen Zügen ſeine überirdiſche Ruhe aufgedrückt hatte. „In ſeinem Namen, deſſen Bildniß Sie hier erkennen, fordere ich Sie auf, mein Prinz, die 248 S⸗ ernſten Bitten Ihrer Freunde— und künftigen Un⸗ terthanen zu erwägen.“ „O Gott!“ rief der Prinz,„ich ſehe ihn, ge⸗ rade ſo, wie die Phantaſie mir ihn malte,— ver⸗ bergen Sie es, nehmen Sie es mir aus den Augen!“ rief er, indem er ſein Geſicht mit den Händen bedeckte,„ich kann dieſes lebloſe Ausſehen nicht ertragen, dieſe Marmorzüge, dieſe erſtarrte Geſtalt! Wer ſind Sie, Fremdling?“ rief er leidenſchaftlich, „Freund oder Feind? Warum wollen Sie mich verſuchen? Noch einmal, Wer ſind Sie?“ „Der Sohn von Las Caſes,“ war die uner⸗ wartete Antwort, und als Florville dieſen wahren Namen ausſprach, ſank der Herzog ohnmächtig in ſeine Arme. Zärtlich richtete der Chevalier die ſchmächtige Geſtalt auf, die beinahe leblos an ſeiner treuen Bruſt lag. Die weichen ſchönen Locken des zarten Jünglings berührten feine männlichere Wange, er drückte die ſeidenen Flechten an die ſeinigen mit jener begeiſterten Ergebenheit, die ſeine außerordent⸗ liche Unternehmung bezeichnete; aber als er die eiskalte Stirne mit Eſſenz einrieb, ſah und fühlte er, daß ſeine Sendung vereitelt, daß ſie nutzlos war. Nach einer kurzen Pauſe kehrte Reichſtadt zum Selbſtbewußtſeyn zurück, und kämpfend mit ſtürmi⸗ in⸗ —2 249 ⸗ ſchen Gefühlen, die ſeine Worte beinahe erſtickten, wandte er ſich an Las Caſes mit einem Ausdrucke, in dem ſich Würde und Zärtlichkeit verbanden. „Ihr Name war mir längſt bekannt; an ſeine Erinnerung knüpfen ſich die edelſten Gefühle. Ihre perſönliche Anhänglichkeit und edle Ausdauer ma⸗ chen Sie in dieſem Augenblick mir doppelt theuer. Empfangen Sie die wärmſten Ausdrücke meiner unbegrenzten Dankbarkeit und Achtung. Aber hüten Sie ſich, Las Caſes, einen unheilvollen Irrthum zu begehen. Laſſen Sie nicht meine gütigen Freunde und Landsleute ihre Sicherheit, ihr Eigenthum oder ihre koſtbare Freiheit in einer Sache auf's Spiel ſetzen, die niemals Erfolg haben kann. Ich habe den Geiſt meines Vaters nicht geerbt! Und hätte ich ihn auch— ſehen Sie mich an! Der Keim des Todes liegt in mir, ich fühle es, ich habe nicht lange zu leben. Laſſen Sie nicht den ſpärlichen Reſt meines Daſeyns, die Todeskämpfe eines ſterbenden Jünglings die Ruhe der Menſchheit, die Sicherheit der Staaten, das Glück der Familien ſtören. Der Kampf kann ihnen nur Gefahr bringen, und wird ſchlimmer als nutzlos, er wird verderblich ſeyn. Bringen Sie ihnen meine Gefühle, meine Erkennt⸗ lichkeit und mein Dankgefühl für die hohe Ehre und das Vertrauen, das ſie auf mich ſetzen; aber ich 1 1 2 5 2 250 G⸗⸗ habe weder körperliche noch geiſtige Kraft, um dieſe Stelle auszufüllen. Ich bin nicht zum Monarchen beſtimmt. Vielleicht, Las Caſes, gab es eine Zeit, wo Träume von Glanz, Sieg und Macht in mei⸗ ner jugendlichen Phantaſie dämmerten, und mein Herz klopfte von wilden unbeſtimmten Erregungen. Damals wären Ihre Vorſchläge vielleicht willkom⸗ men geweſen, wenigſtens hätten ſie Erwägung ge⸗ funden, aber jetzt— mein abgezehrter Körper, meine ſchwachen Glieder, meine erſchöpften Fähigkeiten verſagen ihre Hülfe; meine Seele ſchwebt an den Grenzen der Ewigkeit. Gehen Sie! Doch niemals werde ich den Eifer und die Anhänglichkeit Las Ca⸗ ſes vergeſſen.“ Glühende Thränen ſtrömten reichlich, während er eilig dieſe Worte ausſprach, und jeder Tropfen ſank tief in das Herz des Fremden. „Leben Sie wohl, mein Freund!“ fuhr Reich⸗ ſtadt fort,„es iſt ſpät, verlaſſen Sie mich, um ihretwillen und meinetwillen. Ich muß mich zurück⸗ ziehen, und wenn es möglich iſt, die Ruhe finden, welche mir durch dieſe neue Aufregung zwiefach nothwendig geworden iſt; aber ehe wir ſcheiden, habe ich noch eine Bitte— verweigern Sie mir dieſelbe nicht— laſſen Sie jenes traurige Andenken an Den zurück, den wir Beide bedauern und verehren;— — jenes Gemälde, welches ich gegenwärtig nicht den en Muth habe zu betrachten, noch darauf zu verzichten.“ i, Noch einmal kniete der Chevalier zu den Füßen i⸗ des jungen Napoleon, und legte mit ſtummer Will⸗ in fährigkeit gegen die königlichen Wünſche das Me— en. daillon in ſeine Hand. Dann erhob er ſich langſam ⸗ von ſeiner demüthigenden Stellung, warf einen langen ⸗ melancholiſchen Blick auf den bleichen Bewohner von ne Schönbrunn, und kehrte durch den offenen Fenſter⸗ en flügel zurück, durch welchen er hereingekommen war. Sie ſahen ſich niemals wieder. 2 252 S⸗ Fünfzehntes Kapitel. Lebe wohl, Ich ſtand auf meiner Hoheit fernſter Sproſſe Und von der Mittagslinie meines Ruhms, Eil ich zum Niedergang. Ich werde fallen, Wie in der Nacht ein glänzend Dunſtgebild, Und Niemand mehr mich ſehn. Shakeſpeare. Die Mitternachtsſtunde hatte ihren feierlichen Ruf von jedem Thurme Wiens ertönen laſſen. Die breiten Straßen, vor Kurzem noch mit geſchäftigen Fußgängern angefüllt, waren allmählig in Ruhe und Stille geſunken. Wenige umherirrende Schwär⸗ mer, die am Orte der Zerſtreuung gezögert hat⸗ ten, ſuchten ihre Wohnungen, als die Thore und Fenſter jedes öffentlichen Hauſes ſich allmählig für dieſe Nacht ſchloßen. Nur die heftigeren Leiden⸗ ſchaften widerſtanden dem ſchmeichelnden Einfluß des Friedens und der Dunkelheit. Kein Schauſpiel iſt reicher an anziehendem Stoffe für nachdenkliche Be⸗ trachtung, als eine große und volkreiche Stadt in den Stunden der Finſterniß, wenn der Geiſt der Thätigkeit zur Ruhe gekommen, wenn die unruhigen 2 253&- Geſchäfte aufgehoben, und der vornehme Bewohner des Palaſtes, wie der elende Bewohner einer Hütte, unter die nnwiderſtehliche Gewalt des Schlafes gefallen, der Alle gleich macht. Die Bewohner von Schönbrunn, durch eine große Vorſtadt von der Stadt getrennt, hatten die maſſiven Thore der kaiſerlichen Reſidenz geſchloſſen und die zahlreichen Lichter, welche ſeine prächtigen Säle erleuchteten, gelöſcht, weit früher in der Nacht, als die wachſameren Bewohner der Stadt. Die Wachen, die in verſchiedenen Theilen der Gärten aufgeſtellt waren und die mannigfaltigen Alleen und Zugänge bewachten, gingen in den ihnen angewieſe⸗ nen Zwiſchenräumen langſam auf und ab, und nur die gewöhnlichen Loſungsworte, welche in leiſen und abgemeſſenen Tönen gewechſelt wurden, unterbrachen die tieſe Stille. Es war Mondſchein; der Palaſt ragte empor über die dichte Maſſe von Bäumen; ſeine groß⸗ artigen Verhältniſſe ſchienen noch vergrößert durch den flimmernden Glanz, der auf die hervorragend⸗ ſten Theile des Gebäudes fiel und das Uebrige in undurchdringliche Finſterniß gehüllt ließ. Rieſenhafte Schatten warfen eine verdoppelte Düſterheit umher, während in der Ferne phantaſtiſche Geſtalten zu ſchimmern ſchienen unter den boben äſtereichen 254 G⸗ Bäumen, wenn ſie einen flüchtigen Strahl von der kalten Kugel anffingen, die von Zeit zu Zeit durch weiße flockige Wolken verdeckt wurde, die eilig über ihre ſilberne Scheibe hintrieben. Es war eine Scene von erhabener und doch ſanfter Schönheit. 1 Ein ſchwacher Schimmer flimmerte trübe durch die venetianiſchen Jalouſien, welche die Fenſter vom Schlafzimmer des Herzogs von Reichſtadt umſchloſſen, denn die Lampe hatte ihr nährendes Element ver⸗ zehrt und warf nur ein zitterndes ſchwankendes Licht auf das Lager, in welchem der Prinz in fieberiſchem Schlummer lag. Verſchiedene Kleidungsſtücke, offen⸗ bar in Eile abgeworfen, lagen verwirrt umher, die reichgeſtickten Vorhänge waren zurückgeſchoben, wie wenn ihr koſtbarer Stoff dem ungeduldigen Beſitzer des Lagers läſtig geweſen wäre, der ſich zur Ruhe gelegt hatte, ohne die gewohnten Diener anzuhalten, die Pflichten ihres Amts zu erfüllen. Aber die wilde Unruhe der Seele des Schläfers konnte nicht ſo leicht eingeſchläfert werden. Der Beſuch Las Caſes hatte einen dauernden Eindruck auf ſeinen Geiſt zurückge⸗ laſſen. Streitende Gedanken, kühne Wünſche, ſchmerz⸗ liche Erinnerungen drangen auf den Prinzen ein in phantaſtiſcher Mannigfaltigkeit. Er wand ſich ſchmerz⸗ lich auf ſeinem Kiſſen; vergebens ſuchte er die leb⸗ haften Bilder ſeiner erhitzten Einbildungskraft zu verſcheuchen, mochten ſie die begrabenen Hoffnungen der Vergangenheit heraufbeſchwören, oder die namen⸗ loſen Schatten der Zukunft verkörpern. Mit Einem Worte, der Schlaf brachte nicht den Troſt der Ver⸗ geſſenbeit, und er ſchloß nur ſeine ſchmerzenden Augen, um all die Seelenangſt zu erdulden, die durch eine verzerrte Wiederholung der Gefühle, die ihn wa⸗ chend beſchäftigt hatten, bewirkt wurden. Die Nacht war bereits weit vorgerückt, als eine hohe Geſtalt in einem fliegenden Gewande in das Zimmer trat, in welchem Seine Hoheit ſchlief. Mit geräuſchloſem Tritt näherte ſie ſich dem bewußtlo⸗ ſen Jüngling, beugte ſich vorſichtig über das Lager hin und prüfte ängſtlich ſeine Züge. Die ſcharffor⸗ ſchende Phyſiognomie des Eingetretenen hatte einen Ausdruck von Melancholie, ja ſelbſt von Zärtlichkeit, der gegen ſein dünnes ſpitziges Geſicht, gegen ſei⸗ nen forſchenden Blick auffallend abſtach. Der nächtliche Beſucher war— Vater Klemens. Einige Augenblicke ſtand er in ſchweigende Be⸗ trachtung des Schläfers vertieft, um deſſen volle, aber geſpaltene Lippen ein mattes Lächeln ſpielte. Die blauen Adern an ſeinem durchſichtigen, völlig unbedeckten Halſe konnten deutlich bemerkt werden; denn die diamantenen Knöpfe, die den geſtickten Kragen ſeiner Nachtkleidnng ſchloſſen, hatten ſich 2 256 S⸗⸗ gelöst. Sein glänzendes Lockenhaar, dicht und glatt, war einer griechiſchen Kaſimir⸗Mütze entſchlüpft, die von dem Haupte herabgefallen war, das ſie bedecken ſollte. Der Prinz athmete ſchwer, und endlich erreichte ein tiefer langgezogener Seufzer das aufmerkſame Ohr des Jeſuiten. „Er ſchläft,“ murmelte er,„aber nicht mit ſeiner gewöhnlichen Ruhe; er runzelt die Stirne, — er träumt.“ In dieſem Augenblick kehrte ſich Reichſtadt na ihm um und zeigte den Augen des Prieſters eine geröthete Wange und um den Mund einen unruhigen Ausdruck. „Er iſt geröthet und aufgeregt; auch das Zim⸗ mer zeugt von Eile und Verwirrung,“ bemerkte Klemens, indem er den unverſtändlichen Tönen lauſchte, die der Prinz leiſe und in äbeſinnden Kehllauten ausſtieß. „Er ſpricht,“ rief der Jeſuit, indem er ſich über das Lager neigte, und alsbald, bei ſcharfer Aufmerkſamkeit, unterſchied er, wie der Name „St. Helena“ aus der ſchwer athmenden Bruſt des aufgeregten Jünglings hervorkam, deſſen rechte Hand einen unſichtbaren Gegenſtand mit krampf⸗ hafter Anſtrengung feſthielt. ——— Langſam nahm er die flimmernde Lampe von * dem Tiſche, auf welchem ſie ſtand, verdeckte die ver⸗ löſchende Flamme mit ſeiner geöffneten Hand und näherte ſie dem Lager. Ein Lichtſtrahl fiel auf das Antlitz des Schläfers; ſeine geballte Hand öffnete ſich ein wenig, und eine zweite Bewegung des träumenden Prinzen, der unwillkürlich vor dem Scheine der Lampe zuckte, ließ ein Medaillon los, das er bisher gehalten, und aus ſeiner offenen Hand rollte es auf den Fußboden. Klemens faßte daſſelbe mit Bllttzesſchnelle, und zu ſeinem größten Schrecken erkannte er das Bildniß Napoleon's, das der Prinz eine Stunde zuvor von Las Caſes erhalten hatte. „Seines Vaters Bildniß,“ rief der Prieſter in ſeinem Innern.„Meine Beſorgniſſe haben ſich ver⸗ wirklicht, mein Argwohn war nicht ungegründet, das Vertrauen Oeſterreichs iſt verrathen worden.“... Nach einer kurzen Pauſe, in welcher ſtreitende Gefühle mit ihrem widerſprechenden Ausdruck ſich auf ſeinen harten, aber ausdrucksvollen Zügen malten, rief er in einem Tone triumphirender Bos⸗ heit:„Jetzt, Lindenberg, halte ich Dich!“ Dann trat er leiſe zurück und ſetzte die erlöſchende Lampe wieder auf den Tiſch. Auch das Medaillon wurde wieder in die ohnmächtige Hand gelegt, die ſich über . I. 17 —y—— 85 2 258 G- ihrem wiedergewonnenen Schatze nicht ſchließen konnte, und ohne das leiſeſte Geräuſch, das ſeinen Zögling hätte ſtören können, ſchlich der Prieſter aus dem Zimmer geheimnißvoll und ſtille, wie er eingetreten war. Der Beichtvater hatte längſt geargwohnt, daß geiſtige Niedergeſchlagenheit auf die Geſundheit des Herzogs von Reichſtadt ſchädlich einwirke, und gerade die Ergebung, die er in der neueſten Zeit gezeigt, war beunruhigender, als jene raſtloſen Forderungen ſeines glühenden Geiſtes, die früher ſo viel Unruhe verurſacht hatten. Denn der raſtloſe Forſchungsgeiſt hatte aufgehört, das unwiderſtehliche Verlangen nach Reiſen hatte ſich gelegt; die unbefriedigte Sehnſucht ſeiner Bruſt ſuchte nicht mehr den Umgang mit Andern, und es war offenbar, daß die Gedanken und Gefühle des Prinzen einen andern Weg gefun⸗ den;— gleich dem eingeſchloſſenen Strom, der gegen eine Felſenmauer ſchäumend anbraust, und nachher ſtill und düſter durch die tiefe hohle Kluft rollt, die ſeine beharrliche Anſtrengung in das Herz ſeiner kräftigſten Scheidewand gebohrt hat. So nahm in der That der Charakter des jungen Napoleon ein Anſehen äußerer Ruhe an, indem der Strom ſeiner Gefühle in ſich ſelbſt einen tieferen Kanal bildete, und die überfließenden Strömungen der Empfindung dem Auge und der Beobachtung der Menſchen entzog. Die Schwermuth ſeines Geiſtes war immer dieſelbe, hatte ſich ſogar vermehrt; aber die Aeußerung ſeines thätigen Geiſtes, zuvor der Gegenſtand beſtändiger Beſorgniß für das öſtreichiſche Kabinet, hatte ſich in hohem Grade vermindert. Die Mine war auf⸗ geflogen, und Hoffnung und Furcht war in den Ruinen begraben. Er ſtellte keine beunruhigende und nicht zu beantwortende Fragen, wie es einſt ſeine Gewohn⸗ heit geweſen; er drang nicht auf unwillkommene Gegenſtände. Er hatte die Geſchichte ſeines Daſeyns erfahren, und ſuchte nicht, noch weiter aus dem Kelche der Erniedrigung und Täuſchung zu trinken; denn die Belehrung, die ſein Ungeſtüm dem Baron entlockt hatte, wenn auch für ſeine Wünſche unbe⸗ friedigend, war doch für ſeine Vernunft völlig über⸗ zeugend. Der Jeſuit verband ſtarke perſönliche Anhäng⸗ lichkeit an ſeinen königlichen Zögling mit einer Liebe zur Herrſchaft, welche die Ausübung der Gewalt häufig begleitet. Außer dieſen Anreizungen nährte er eine entſchiedene Feindſeligkeit gegen Lindenberg, deſſen mildere Grundſätze nicht mit den ſeinigen über⸗ einſtimmten. Aber es war mehr die Gewalt des Vorurtheils, als Mangel an Neigung, was ſo viele Maßregeln einer ſtrengen düſtern Politik in 47* 2 260 Se Beziehung auf die Beaufſichtigung des Herzogs von Reichſtadt angerathen hatte. Sein kaltes und ſtren⸗ ges Betragen gegen ſeinen Zögling war die Folge der Vorſicht und eines mißverſtandenen Pflichtgefühls gegen ſeine geiſtlichen und weltlichen Oberen. hm galt die Ausbreitung und der Zuwachs der katho⸗ liſchen Kirche als erſte Pflicht, als nächſte die Stabilität des Staates. Angekettet an gewiſſe Dogmen und Anſichten, ließ er keine andern zu, und fürchtete den ſich einſchleichenden Einfluß neuer Lehren als eine Verletzung feſtgeſetzter Re⸗ geln und Gebräuche. Die raſche Verbreitung lichtvoller und freiſinniger Begriffe war ihm be⸗ ſonders anſtößig, da er klug genug war, zu be⸗ greifen, daß jeder weitere Schritt zu intellektueller Freiheit den Intereſſen Roms zumider ſey. Er nahm den Despotismus für einen billigen Grad von Gewalt; Unwiſſenheit für willige Unterwerfung und willkür⸗ liche Beſtimmungen für weiſe Kunſt der Geſetzgebung. In Folge dieſer Anſichten haßte er Lindenberg in dop⸗ pelter Hinſicht; zuerſt wegen ſeiner Grundſätze als einen politiſchen Gegner, der Ideen von philoſo⸗ phiſcher und toleranter Tendenz hegte und ver⸗ breitete; ſodann als einen Mann, der durch ſeine Talente und ſein gewichtiges Beiſpiel geeignet war, die abergläubiſche Finſterniß zu vertreiben, auf welche — 261 die ultramontane Partei ihre furchtbare Gewalt in Regierungsangelegenheiten gründete. Die liſtigen Inſinuationen der Gräfin Roſenthal hatte der ehrgeizige und rachſüchtige Prieſter mit Lebhaftigkeit ergriffen, und die plötzlichen revolutio⸗ nären Erſchütterungen in Frankreich hatten weſentlich mitgewirkt zur Entwicklung des tief angelegten Pla⸗ nes, durch welchen der Baron geſtürzt werden ſollte. Die häufigen Beſuche und der vertrauliche Verkehr des beargwohnten Florville mit der Familie Linden⸗ berg's hatte zuerſt einen ſcheinbaren Vorwand für das Mißtrauen und die Nachſpürung dargeboten; aber bisher hatte ſich jenes als grundlos gezeigt, während dieſe fruchtlos geblieben war. Des Staats⸗ manns Betragen in öffentlichen, wie in Privat⸗ Verhältniſſen, ließ keine Mißdeutungen zu; ſeine Korreſpondenz hatte man insgeheim einer ſtrengen Unterſuchung unterworfen; jede amtliche und perſön⸗ liche Mittheilung, die er empfangen oder gegeben hatte, war auf's Genaueſte geprüft worden, aber umſonſt; der Charakter des Miniſters blieb ſtets erhaben über die Verläumdungen des Neides und der Ränke. Das verwickelte„Departement der Regierung, dem Lindenberg vorſtand, gab ein glänzendes Zeugniß 4„—. von dem Eifer und der Treue, mit welcher er der 262 G⸗ wichtigen Pflichten ſeines Amtes ſich entledigte; und beinahe wäre das boshafte Unternehmen des Jeſuiten ohne Erfolg geblieben, hätte nicht ſein unabläſſig thätiger Geiſt ſtets an der Möglichkeit feſtgehalten, ſeinen Gegner auf einem andern Wege zu verwiſckeln, dadurch, daß er Thatſachen durch Vermuthungen erſetzte und auf dieſe Art die Macht allmählig unter⸗ höhlte, die er nicht offen angreifen konnte. Stets wachſam, den Scharfſinn, mit dem ihn die Natur begabt, anzuwenden, brachte der Beichtvater die geiſtige Veränderung, die der Herzog von Reichſtadt unbewußt beurkundete, leicht in Zuſammenhang mit der entſchiedenen Bevorzugung, welche Derſelbe für die Geſellſchaft des Freiherrnzeigte. Er beſchloß, ſeinen Zögling noch genauer zu bewachen, und hoffte dadurch einen Faden herauszufinden, der, wenn einmal in ſeinem Beſitz, ihn in den Stand ſetzen würde, den Gegenſtand ſeiner leidenſchaftlichen Verfolgung zu ſtürzen und dem Fortſchritt des Neuerungsprinzips, das er ſürchtete, Einhalt zu tbun. Aengſtlich darauf bedacht, ſich jede Belehrung zu verſchaffen, durch welche ſein Verdacht eine Stütze erhalten könnte, verdoppelte der Schüler Loyola's ſeine Wachſamkeit und ließ keine Gelegenheit, die Sprache und Gefühle ſeines öglings zu beobachten und zu vergleichen, unbenutzt. In der ereignißvollen * 263 S⸗⸗ Nacht, welche Florville oder vielmehr Las Caſes zur Ausführung ſeines romantiſchen Planes gewählt hatte, glaubte Vater Klemens, daß der äußere Schein ſehr für die Richtigkeit ſeiner Vermuthungen ſpreche, wenigſtens hinreichend, um zu einer näheren Unter⸗ ſuchung zu berechtigen; und als er ſich von dem Herzog entfernt hatte, drängte ſich die Idee, die An⸗ dachtsübungen ſeines Zöglings zu belauſchen, von ſelbſt auf. Lange Zeit blieb er unentſchloſſen und zögerte, in das Heiligthum des Schlafgemachs des Prinzen einzugehen; aber die unruhige Forderung ſeines for⸗ ſchenden Geiſtes überwältigte die zarten Bedenklich⸗ keiten des Anſtands, und als er ſich dem Zimmer näherte, wurde er zum Eintritt ermuthigt, durch die Bemerkung, daß das Licht noch nicht erloſchen war; da die ſchwächliche Geſundheit Reichſtadt's mehr als hinreichende Entſchuldigung für eine ſo unge⸗ wöhnliche Sorgſamkeit bot, auf den Fall, daß das Eindringen bemerkt werden ſollte. Das Ergebniß der geheimen Beobachtungen Kle⸗ mens kann man ſich leicht denken. Das Medaillon, wel⸗ ches das Gemälde Bonaparte's enthielt, war ein ent⸗ ſcheidender Beweis dafür, daß Seine Hoheit mit irgend einer verbotenen Quelle verkehrt hatte, und am fol⸗ genden Tage wurde eine genaue Nachforſchung ange⸗ ſtellt unter den zahlreichen Wachen und Beamten, — ——õ—— * die um den Palaſt Schönbrunns vertheilt waren. Doch konnte von ihnen nichts Weſentliches erfahren werden, ausgenommen, daß einer dieſer zahlreichen Diener den Eintritt eines Fremden bemerkt hatte, der, als man ihn befragt, ſich für den Inhaber einer Privatmittheilung von Seiner Excellenz dem Baron von Lindenberg an den Stallmeiſter des Her⸗ zogs von Reichſtadt ausgegeben habe. Als man dieſe Ausſage verfolgte, fand es ſich, daß dem genannten hochgeſtellten Manne keine ſolche Bot⸗ ſchaft zugekommen war. Dies wurde als ein Licht⸗ ſtrahl von dem Beichtvater begrüßt, und hiedurch geleitet, begab er ſich unverzüglich vor den Kaiſer und ſetzte die Vorfälle mit dem ganzen Nachdruck, über den er gebieten konnte, auseinander. Die That⸗ ſache des Bildniſſes, das man im Beſitze des Prin⸗ zen gefunden, und die augenſcheinliche Vermittlung des Miniſters wurde beredt dargethan, während der erſchütterte Zuſtand von Frankreich und Belgien jede Vorſichtsmaßregel von Seiten Oeſtreichs nicht nur räthlich, ſondern nothwendig machte. Die Revo⸗ lution ging mit Rieſenſchritten durch Europa. Deutſch⸗ land war genöthigt, ihrem unheilvollen Fortſchritte Widerſtand zu leiſten. Von Furcht und Zweifeln aufgeregt, ver⸗ ſammelte Seine Majeſtät eilig den geheimen Rath, — . 2 265 S⸗⸗ vor welchem Klemens die Begebenheiten der Nacht kurz wiederholte, und beſonders darauf bedacht war, die überzeugendſten Gründe für ſeine ungewöhnliche Wachſamkeit anzuführen und den Thatſachen durch das Zeugniß ſeiner vorausgeſchickten Bemerkungen eine angemeſſene Bedeutung zu geben. Die Rückſicht und Schonung, die man der eigenthümlichen Lage des Herzogs von Reichſtadt ſchuldig war, bewirkte, daß man ihn über das Me⸗ daillon nicht perſönlich befragte; ein Umſtand, der für den Baron äußerſt ungünſtig war, da dadurch der ſtärkſte Beweis für ſeine Unſchuld unterdrückt wurde. Nachdem man die ganze Angelegenheit gehörig erwogen hatte, wurde ihre Tendenz für verderblich erachtet für die Intereſſen der Regierung, und Lin⸗ denberg in Folge deſſen angeklagt. Da er bereits durch die Eiferſucht ſeiner Kollegen und die Inſinua⸗ tionen ſeiner Feinde unbeliebt geworden, ſo konnte er der Ungnade, die ihm ſchon ſeit einiger Zeit drohte, unmöglich entgehen; und da die Behaup⸗ tungen des Jeſuiten durch keinerlei entkräftende Gründe widerlegt wurden, ſo war das Schickſal des Miniſters entſchieden, und Vater Klemens triumphirte. Da man endlich den Verdacht auch auf Flor⸗ ville ausgedehnt hatte, ſo wurde ſeine Wohnung von 0 266 S⸗ Polizeibeamten durchſucht; man erhielt jedoch wenig weitern Aufſchluß, außer daß ſeine Identität mit der Perſon, die den Herzog von Reichſtadt in der⸗ ſelben Nacht beſucht hatte, feſtgeſtellt wurde; denn er hatte jede Urkunde, durch welche die weiteren Abſich⸗ ten der Partei, deren geheimer Abgeſandter er war, hätten enthüllt werden können, vernichtet. Er wurde indeſſen verhaftet und bald darauf aus dem kaiſer⸗ lichen Gebiete ausgewieſen. 267 S⸗ iit r⸗ er 2 2 Sechzehntes Kapitel. i, Staatsmann, doch Wahrheitsfreund; in Einfalt groß, de Im Handeln treu, von Ehre mackellos; r⸗ Im Worte feſt, mocht nie der Selbſtſucht knechten Von Titeln fern, geliebt vom Freund, dem ächten. 4 Pope. Des Schwertes Herrſchaft iſt vorbei— Stirbt auch der Menſch— der Geiſt bleibt neu; Selbſt in der kummervollen Welt Die Freiheit ſtets ſich Erben hält; 18 Um ihren Geiſt, der nie kann ſterben, Stehn Millionen da zu erben. 1 Lord Byron. 6 Erſchüttert, aber nicht niedergeworfen durch den ſchweren Schlag, der die Wurzel ſeines Glückes angegriffen, ſchmerzte Lindenberg mehr das Ge⸗ heimniß, in welches die ganze Sache gehüllt war, als der Stachel getäuſchten Ehrgeizes. Seine hohe 4 Seele war geharniſcht gegen die Pfeile des Neides; L ſie war erhaben über die Zerſtörung, die ſeinen Namen 1 V und ſeine Ehre vernichtet hatte. Er wußte aus langer Erfahrung, daß alle irdiſchen Auszeichnun⸗ 18 gen vergänglich, daß Hofgunſt etwas Unſicheres, Popularität etwas Launiſches und nur die Feindſchaft beharrlich ſeyen. Er war geſtürzt. Jahre lange ——— — 268 E diplomatiſche Arbeiten nützten ihm nichts; Jahre lange politiſche Macht hatte den Sturm nicht ab⸗ halten können, der ſeine Ernte zerſtreute und den Glanz ſeiner Tage trübte. Das Einzige, was von ſeiner früheren Größe ihm zurückblieb, war ſein angeſtammter Name, ſeine unwandelbare Rechtlich⸗ keit und die ehrwürdigen Beſitzungen ſeiner Vorältern, zugleich mit der traurigen und ſchwer errungenen Erfahrung eines Lebens, das der Uebung öffentli⸗ cher Pflichten und Privattugenden gewidmet war. Florville, den wir künftighin füglicher Las Caſes nennen werden, hatte Lindenbergs Achtung in hohem Grade beſeſſen und während ſeines Verkehrs mit ſeiner Familie, trotz häufiger Zweifel nnd zögernder Ab⸗ mahnungen der Klugheit, Deſſen Hochſchätzung und Freundſchaft ſich erworben. Erſt als die Kriſis ein⸗ getreten war, erwachte der Verdacht; und der Baron entdeckte zu ſpät, daß der beredte und fein gebildete Fremdling, den er unvorſichtig in den vertraulichen Verkehr mit ſeinem häuslichen Kreiſe zugelaſſen, der verwegene und begeiſterte Abgeſandte der Bo⸗ napartiſtiſchen Liberalen war, welche in Frankreich zum Losſchlagen reif waren, und vor deren unermüd⸗ lichen Bemühungen die öſtreichiſche Verwaltung zu jeder Zeit Beſorgniſſe gehegt hatte. In einer Beziehung jedoch hatte ſich das Urtheil des Staats⸗ ————X—V—.:———˖—— — manns nicht getäuſcht, nämlich in der Würdigung des Herzogs von Reichſtadt, der den Lockungen politi⸗ ſcher Ränkeſucht offenbar Widerſtand geleiſtet hatte. Obgleich ohne jene blendende Beweglichkeit, die ſeines Vaters eigenthümlichen Geiſt charakteriſirt, beſaß er doch eine urſprüngliche Erhabenheit der Geſinnung, und ein feines Gefühl für die Würdi— gung ſeiner ſelbſt, wodurch er über den niedrigen Ehrgeiz nach einem Throne erhoben wurde. Am Abend vor der Abreiſe Lindenbergs und ſeiner Familie in die Zurückgezogenheit von Schloß Ehrenfels, wo ſie den folgenden Winter zubringen wollten, wurde dem Freiherrn durch einen unbe⸗ kannten Boten folgender Brief überbracht. Er war von Las Caſes geſchrieben und von der Grenze datirt. „Beſtürzt und im buchſtäblichen Sinne ſchau— dernd bei dem Werke der Zerſtörung, das ich un⸗ bewußt verſchuldet, erlauben Sie mir, Lindenberg, mich noch einmal unter dem Schutze der Freund⸗ ſchaft, mit der Sie mich beehrten, an Sie zu wen⸗ den. Glauben Sie nicht, daß dieſe Vermeſſenheit aus einem ſelbſtſüchtigen Verlangen nach Rechtfer⸗ tigung fließe, ſondern aus dem ernſten Wunſche, mein Betragen zu erklären, ſofern es eine Familie angeht, bei der ich die herzlichſte Gaſtfreundſchaft 1 — 85 3 270 G&⸗ genoſſen, und der ich als ein Ungeheuer der Un⸗ dankbarkeit erſcheinen muß. Ich habe Sie verwickelt, Lindenberg, ich habe Ihren Sturz, Ihre Ungnade verurſacht; aber die Folge meiner Handlung war ebenſo unerwartet als unbeabſichtigt. „Als Franzoſe geboren und erzogen, kam ich zum Bewußtſeyn meines Daſeyns in jener ereigniß⸗ vollen Zeit nationalen Ruhms, als die Fahne Frankreichs an den Grenzen Europas aufgepflanzt war; als unſere ſiegreichen Heere allen Gefahren trotzten und die vereinigten Kräfte der Alliirten den raſchen Fortſchritten unſerer unüberwindlichen Truppen vergebens Widerſtand zu leiſten ſuchten. Mit Sie⸗ gesliedern wurde ich eingewiegt, und durch Triumph⸗ züge wurde mein jugendlicher Geiſt zum Nachdenken geweckt. So triumphirte auch ich in den Triumphen meines Vaterlandes frühzeitig mit, und betete den mächtigen Feldherrn an, deſſen außerordentlicher Geiſt dem Volke, das er zu leiten und zu regieren beſtimmt ſchien, einen Theil ſeiner Kraft mitge⸗ theilt hatte. „Sie kennen die Geſchichte unſerer bittern Täuſchungen. Der Held ſtarb, und die Hoffnungen Frankreichs vereinigten ſich in dem Sohne. Von den Bourbonen wußte ich nichts; ich wußte nichts von ihren Tugenden, nichts von ihren Fehlern, 2 271 e⸗ nichts von ihrem Unglück. Sie waren mir anſtößig nur als eine Dynaſtie, welche durch die vereinigten Bajonette Englands, Rußlands und Preußens auf⸗ recht gehalten wurde; es war Grund genug für mich, ihnen entgegen zu ſeyn, daß ihre Anſprüche durch die Feinde Bonaparte's geltend gemacht wurden. „Tauſende, Millionen Franzoſen haben lange gedacht und gefühlt, wie ich. Die Blüthe des Hee⸗ res; wetterfeſte Veteranen; bartloſe Jünglinge, die kaum der Schule entwachſen; Gelehrte, Künſtler und viele gewaltige Charaktere; alle vereinigen ſich mit dem ausbrechenden überfließenden Enthuſiasmus des Volks, das ſtets in freudiger Erwartung Na⸗ poleons des Zweiten harrt. „Dies ſind die Gefühle, in denen ich erzogen worden bin, und in denen ich ſterben werde.— Um die Leidenſchaft meiner Seele zu ſtillen, kam ich 1 nach Wien, durch die Herzogin von Montpellier an Al⸗ bert Roſenthal empfohlen. Meine Einführung in Ihren friedlichen Kreis war die unmittelbare Folge. Aber glauben Sie nicht, daß ich mit dem vorher gefaß⸗ ten Vorſatze kam, Sie in die politiſchen Grundſätze meiner Freunde zu verwickeln. Den Namen Flor⸗ ville hatte ich einige Zeit zuvor angenommen; es war räthlich, da er mich vor der beſtändigen und -2 272 So⸗ gefährlichen Beobachtung ſchützte, die durch den Namen Las Caſes natürlich erzeugt worden wäre. „Viele Umſtände verbanden ſich, um unſere Vertraulichkeit zu fördern und zu befeſtigen. Albert wurde mein Freund. Ich hegte keinen beſondern Plan oder Entwurf. Ich gab mich dem angeneh⸗ men Verkehre hin, den Ihre Familie darbot, bis nach und nach meine Abſichten ausführbar zu werden ſchienen. Nie aber hielt ich es für möglich, daß ich Unglück, Ungnade und Verbannung über den edeln Freiherrn von Lindenberg bringen könnte, den Mann, für den ich unter Allen die höchſte Achtung und Dankbarkeit fühle. Ich kann nicht mehr ſagen — ich bin erſchüttert über die furchtbaren Folgen meines nutzloſen Unternehmens. Mein eigenes ge⸗ ringfügiges Leben war werthlos. Ich habe es oft gewagt, und habe aufgehört, die himmliſche Gabe zu ſchätzen. Aber Ihre politiſche Laufbahn war von hoher Wichtigkeit für die Verwaltung, deren edelſte Stütze Sie bildeten, und ſie hat durch mich geen⸗ digt: eine Steigerung des Unglücks, an die ich nie⸗ mals dachte. „Ich fordere keine Verzeihung. Der Schaden, den ich zufügte, iſt nicht von der Art, daß er vergeben werden könnte. Ich kann das Vertrauen eines Monarchen oder das Lächeln eines Volkes nicht — zurückrufen. Ich kann Ihren Ruf nicht reinigen von Nachrede, noch Ihre Verbannung theilen, ob⸗ wohl mein verderblicher Einfluß Sie all Dieſem ausgeſetzt hat.“ „Vielleicht in wenigen Tagen werde ich fern ſeyn vom Lande meiner Voreltern...... Deſpotismus hat den Boden Europas mit dem wuchernden Unkraut der Verderbniß erfüllt..... Vielleicht werde ich noch einmal zurückkehren in eine andere Hemiſphäre. Freiheit blüht wenigſtens an den Geſtaden der neuen Welt, die, wenn nicht durch Siege verherrlicht, doch durch die Freiheit geheiligt iſt.“. „Leben Sie wohl, Lindenberg! Der Sturm, der über Sie hinzieht, kann ſich legen. Der Phönir kann aus ſeiner Aſche erſtehen, und wir können uns vielleicht wiederſehen— aber eine düſtere Wirk⸗ lichkeit laſtet auf mir— leben Sie wohl!“ Der Inhalt dieſes Briefs überraſchte den Frei⸗ herrn nur wenig, und ſchien ſeine frühere Anſicht von dem abenteuerlichen Schreiber noch mehr zu befeſtigen; auch beſtätigte er ihn in der Anſicht, daß weder er, noch ſeine Familie, die Opfer hinterliſtiger Schlech⸗ tigkeit oder einer ſelbſtſüchtigen Mißachtung der hei⸗ ligen Verpflichtungen der Dankbarkeit geworden. Er war zu ſehr von der perſönlichen Feindſeligkeit und 1. 18 % 274& dem hartnäckigen Haſſe des Jeſuiten überzeugt, als daß er die Grundurſache ſeines Falls hätte über⸗ ſehen können. Den Vorfall mit Las Caſes Zuſam⸗ menkunft mit dem jungen Napoleon hatte man nur zum Zweck einer Kabinetskabale benützt; und dieſe Begebenheit, ſo unheilvoll ſie für das Glück des Staatsmanns war, beſchleunigte nur ein Ereigniß, das zuletzt unvermeidlich eintreten mußte. Indem er die ſtufenweiſen Veränderungen ſei⸗ ner Lage und Stellung mit Ruhe überſchaute, tauchten bisher unbeachtete Umſtände in ſeinem Geiſte auf, die den langſamen aber ſichern Fortſchritt der Gegenpartei bezeichneten, dem die ſteigende Kälte ſeines Souveräns und der raſche Abfall früherer Anhänger gefolgt war; er entdeckte leicht, daß der verwegene Verſuch des Chevalier nur als ſchein⸗ barer Vorwand der Ungnade benützt worden war, welche in einer tiefer liegenden und ſchon länger ſtrömenden Quelle ihren Urſprung hatte. Die Morgendämmerung war Zeuge der Abreiſe. des Barons und ſeiner Familie vom Hofe. Noch vor Abend wurde ein Verwandter von Vater Kle⸗ mens, der zugleich ein Freund der Gräfin Roſenthal und ein ſtandhafter Vertheidiger von Willkürherr⸗ ſchaft und Zwangsmaßregeln war, zu der hohen und verantwortungsvollen Stelle ernannt, in welcher 275 der Freiherr ſich eine Reihe von Jahren hindurch ſo hervorragend ausgezeichnet hatte. Der Erminiſter und ſeine Familie legten die erſte Tagreiſe auf dem Wege nach ihrem Erbgute in freudloſem Schweigen zurück. In den Wagen Zurückgeſunken, ihre Augen immer aufs Neue wieder mit Thränen gefüllt, lehnte ſich Frau von Lin⸗ denberg, Hülfe ſuchend, an die Schulter ihres Gatten. Sie hatte ſich noch nicht erholt von dem unerwarteten Schlage, der durch das unglückliche Ereigniß, das ebenſo das perſönliche Glück iäres Gatten als das künftige Wohl ihrer Kinder ge⸗ fährdete, ihre Gefühle getroffen hatte. Sie litt unter der zwiefachen Demüthigung der Gattin und der Mutter. Der Baron, deſſen Geiſt von ſtärkerem Stoffe war, theilte ihren Kummer, aber ohne ihn äußerlich zu zeigen. Er war auch mehr um ihret⸗ als um ſeinetwillen bekümmert, und die zarte Hand drückend, die ſeinen Liebkoſungen überlaſſen war, verſuchte er es, die Leiden zu lindern, die er nicht heben konnte. Ella, bleich aber thränenlos, ſaß ihren Eltern gegenüber. Sie neigte ihr Haupt kummervoll dem offenen Fenſter des Wagens zu und betrachtete mit ſchmerzlichem Blicke die wechſelnden Schönbeiten 18* der zurückweichenden Landſchaft, während die ſchwere Berline ihrer Beſtimmung ſich entgegenbewegte. Lei⸗ dend unter den Gefühlen des Selbſtvorwurfs, die ſie weder verbannen noch überwältigen konnte, ſuchte ſie den bittern Strom ihrer Gedanken abzuleiten, indem ſie ihre Aufmerkſamkeit auf die äußeren Ge⸗ genſtände richtete, welche in der That mit dem Zu⸗ ſtand ihres Geiſtes einen ſtarken Kontraſt bildeten. Tauſend mannigfaltige Züge der Landſchaft 4 entfalteten ſich vor ihrem Blicke, oder glitten in ſchneller Aufeinanderfolge vorüber, als der Wagen ehinrolle; jede Seite des Wegs bot neue Reize / dar und öffnete der Betrachtung eine neue Quelle. 1 Ella war in beſtändiger Beſorgniß, ihr Vater möchte ſie über den Zutritt Florvilles zu dem Palaſt von Schönbrunn, und den Grad des Beiſtandes, den er von ihr erhalten hatte, befragen, und hatte ſich bereit gemacht, das gerechte Mißfallen, das ihre Unklugheit erregen werde, mit Demuth, Aufrich⸗ tigkeit und Reue zu erdulden. Aber ihre Beſorgniß verwirklichte ſich nicht. Kein Wort des Tadels, keine Sylbe des Vorwurfs oder der Rüge in Be⸗ ziehung auf ſein Unglück entſchlüpfte den Lippen ihres Vaters; kaum zeigte ein Schatten von Ver⸗ änderung in ſeinem ruhigen und würdigen Betragen eine Verminderung des väterlichen Zutrauens an. 27 6 Aber ſo leicht und verborgen die Veränderung ſeyn mochte, Ella war zu feinfühlend, als daß ſie nicht das geringſte bemerkbare Zeichen derſelben hätte entdecken müſſen; und ſie ſuchte dem durchdringend prüfenden Blicke des Barons zu entgehen, indem ſie beſtändig auf die Landſchaft blickte, die jetzt mit Wäldern bedeckt war. Aber ſie verkannte die Charakterſtärke ihres Vaters, wenn ſie glaubte, ſein Schmerz werde ſich in Tadel äußern. Er erkannte klar den peinlichen Kampf, unter welchem ſie litt, und wußte die Richtung ihrer Gefühle zu würdigen; er ſah wohl ein, daß weder Vorſtellungen o Vorwurf ſo viel Wirkung auf ihren Verſtand üben würden, als die heilſamen Betrachtungen ihres ei⸗ genen Geiſtes. Eine Entfernung ſelbſt von einem unangenehmen Aufenthalt iſt ſtets von einer unbeſtimmten Schwer⸗ muth begleitet; denn indem wir den Ort verlaſſen, der eine Zeitlang unſere Heimath war, verlaſſen wir auch hier eine Zeitlang unſere Gewohnheiten, unſere Geſellſchaft, unſere täglichen Beſchäftigungen; der gewohnte Gangunſeres Lebens wird unterbrochen, und die Gedanken und Intereſſen, die uns lange beſchäftigt, erhalten eine neue Richtung Die Stelle, an welcher wir einige Zeit gelebt haben, wird uns durch tauſend Bande theuer. Viele düſtere Stunden 3 4=0 mögen wir hier zugebracht, viele trügeriſchen Hoff⸗ nungen mögen wir hier gehegt haben; aber ſtets iſt die Erinnerung an vergangene Begebenheiten von einer bunten Mannigfaltigkeit von Gefühlen begleitet, mit der Oertlichkeit verbunden, die Zeuge war von unſern Freuden und unſern Leiden, un⸗ ſern Beſorgniſſen und unſern Hoffnungen, unſern Triumphen und unſern Täuſchungen. Man hat Gefangene weinen ſehen, als ſie das Gefängniß verließen, dem ſie zuvor zu entfliehen geſucht hatten. Die unzähligen Faſern des Herzens ſchlingen ſich unbewußt um die umgebenden Gegenſtände, und es iſt die wohlthätige Beſtimmung des Menſchen, Das zu lieben, was ſeine Aufmerkſamkeit beſchäf⸗ tigt, ſeinen Bedürfniſſen dient, und die peinliche Leere ſeines Geiſtes ausfüllt. Ella, die in der That Wien nicht liebte, und durch den ermüdenden Glanz der Hofgröße, die ſie umgeben hatte, ſich nicht hatte verführen laſſen, fühlte dennoch ſchmerzlich ihre Trennung von der Hauptſtadt. Ihre prachtvolle Kaiſerburg ſchwand in die Ferne, ihre hohen Thürme ſanken am Ho⸗ rizont hinab, die tiefen Waſſer, die wie eine weit⸗ verzweigte Arterie mitten durch ſie hindurchfloßen, rollten ihr jetzt ferne von ihren herrlichen Mauern dahin. Sie weihte dem Gedächtniß Alberts einen ihren Blicken entſchwinden ſah. Ihres Geliebten letztes Lebewohl, ſeine letzte feurige Liebkoſung hatte die Stätte geheiligt, und ihre Erinnerung hing ſich an jeden ſtummen Zeugen einer Neigung, die ſie zärtlich für ebenſo unbegrenzt und unerſchöpf⸗ lich hielt, wie ihre eigene. Ende des erſten Bandes Seufzer, als ſie die letzten Spuren der Hauptſtadt a . 2. 1* — 1 2— Seite 7 Linie Druckfehler. 4 7 v. o. ſtatt: Herr Baron lies: „ umrangt„ „ Schönheit „ ihren, „ meinem „ Muſeſtunden„ Gelübden„ Baron umrankt Gottheit ihnen meiner Mußeſtunden Gelübde. & Grey Control Chart Green vellow Hed Magenta