re: 1 ——ͤͤſſſ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Leiß- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht 35 Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Sunme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3. 1. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:.. 3 6 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 2——— au 1 Monat: 1 Mk. Ff. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 4 , 5..„„ 5„=,„„.—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ec.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7 Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— —2 , NSen., 3 Die Pfarre an der Hee. Fin Noman von AUGUST LATONTAINI.. 0) 4 Dritter Hand. WIEXN, 1816. 2 2 5, 5 5„“ Sn Den c Si,ſhauen C Saubbane kee 4* s 8 * 4 Die Pfarre an der See. —— Dritter Theil. * — — Marie an Agnes. Haidebüren. J5 habe ihn wieder, geliebte Agnes! Ich ha⸗ be ihn wieder, den Sohn meiner Liebe! O ich möch⸗ te mit ausgebreiteten Armen durch das Leben flie⸗ gen, und jeder Mutter jauchzend zurufen, jedem Sohne, ich habe ihn wieder! Durch die Himmel möchte ich es rufen! Der Morgenröthe hauch ichs entgegen, dem Monde fliſtre ich es zu, jedem her⸗ aufkommenden Stern vertraue ichs! O als obs Ge⸗ fühl haͤtte, das rauhe Meer, das ungetreue Ele⸗ ment, knie ich am Strande nieder, und danke ihm, daß es ſeines Lebens ſchonte! O, Agnes, du, die mitten in dem blühenden Kranze deiner Kinder ſtehſt, in dem vollen Kranze, an dem nir⸗ gend eine Blume fehlt, o du weißt nicht was Schmerz iſt; kein Mann auf Erden weiß es, als eine Mutter, die am Sarge ihres Kindes ſteht! O arme Agnes, jetzt erſt denk ich ja daran, daß du noch gar nichts weißt! Ach, das, das war ja der lange Gram, der auf meinem Leben ſchwer A 2 — ℳ —— ——— —— ruhte, den du oft—o ich ſah es an deinem Blick — den du oft für eine verborgene Schuld hieltſt! War es eine Schuld: o ſo hat der Himmel ſie hart beſtraft! Und ſelbſt noch jetzt, meine Ag⸗ nes, kann ich dir nicht, will ich dir nicht alles ſagen!—— Sieh, da ſitze ich, mit der Feder in der Hand, die unbeſchreibbare Freude eines ſeligen Mutterherzens zu zeichnen, und neue Thräͤnen des Grams fließen auf das Papier über— mein Ge⸗ ſchick, das ich dir vertrauen muß! will!—— So höre!„ Es iſt als ware es heute. Unſer ganzes Haus war in einer frohen Bewegung. Meine Mutter ſchwamm in Freudenthraͤnen; denn ihrer Kindheit Geſpielinn, ihrer Jugend vertraute Freundinn, die Graͤfinn Sonders kam heute mit ihrer Fa⸗ milie nach einer langen Abweſenheit zu uns, um von nun an auf ihrem Gute zu wohnen, das an meines Vaters Gut graͤnzte. Mein Vater war ſo voll Freude, wie meine Mutter. Der Graf war in Wien Geſandter ge⸗ weſen, mein Vater in Florenz.„Nun wird man doch ein andres Wort hören, als von Pfer⸗ den, Jagd und Ackerbau!“ ſagte er fröhlich. Meine Mutter hatte mich an der Hand, und befahl mir, die neue Tante, die Gräfinn Son⸗ ders⸗ lieber zu haben, als alle Menſchen. Sie kamen an, und die beyden Freundinnen — 5— ſahen ſich laͤchelnd an. Auf ihren Geſichtern ſchweb⸗ te die reinſte Liebe. Sie druͤckten ſich einander an die vollen Herzen, und dann, wie Mütter, brach⸗ ten ſie ihren ſchönſten Schmuck hervor, ihre Kin⸗ der; die Grafinn den Grafen⸗J Fritz, meine Mut⸗ ter mich. Es war eine feyerliche Handlung zwiſchen bey⸗ den Müttern, wobey ſie mehr dachten als ſagten. Die beyden Diplomatiker, geſchmuͤckt mit ih⸗ rem Orden, waren ſchon auf der Hausſchwelle mit⸗ ten in ihren politiſchen Verhandlungen. „Sie verſtanden es in Florenz!“ rief mein Vater, mit den Augen triumphirend winkend— „Sie verſtanden es, Herr Graf!“ „Was wollten Sie,“ ſagte der Graf—„wir überſahen Sie in Wien.“ Das war der ewige unſelige Streit, der unſe⸗ re Häuſer entzweyte, und mich zum Opfer des Streites machte. „Er bildet ſich viel ein, der gute Graf⸗ ſag⸗ te mein Vater, wie ſie fort waren. „Ja, das thut er,“ fiel meine Mutter ein— wund mich dünkt, er hat Recht dazu, lieber Mann! Beym Abfahren ſagte er mir, wenn du in Pe⸗ tersburg geſtanden häͤtteſt, wie er in Wien: Poſen waͤre nicht getheilt.“ Der Frieden war wenigſtens auf ein Jahr hergeſtellt. Die beyden Mütter ſahen wohl, daß 8s Kün⸗ ſte koſten wuͤrde, die beyden Geſandten in Frieden zu erhalten; aber deſto feſter wurde der ſchöne Bund ihrer Liebe, und Fritz und ich, ſprangen im Gar⸗ ten fröhlich umher, wie Kinder, und liebten uns recht ſehr; denn es wurde uns alle Tage von den Vatern und Müttern befohlen, uns recht, recht ſehr lieb zu haben. „Leopold war ein feiner Kopf. Er über⸗ ſah ſeinen Bruder, wie ſichs auch zeigte.“ „Was zeigte ſich denn? Zurückgeben iſt nicht Feinheit. Er verſtand ein Kloſter zu regie⸗ ren, ſein Florenz, aber kein Kaiſerthum.““ Ich konnte weder das Portrait von Leopold, was in unſerm Hauſe auf der Chrenſtelle hing, noch in des Grafen Hauſe den Kaiſer Joſeph auf der Ehrenſtelle leiden; denn ſchon ein paar Mahl hatten die beyden Köpfe unſre Haͤuſer und mich und Fritz auf vier Wochen getrennt. Die Graͤfinn und meine Mutter übernahmen das Friedensgeſchaft, und es wurde abgemacht, daß die beyden kriegführenden Maͤchte von allen Dingen reden ſollten, nur nicht von Joſeph und Leopold, und ihren Hauptſtädten. Das hatten die beyden Herren auf ihre Ehre verſprochen; aber alle Wege, alle Geſpräche über die Jagd, über die Kunſt, über Gelehrſamkeit, über die Gemeinheittheilung liefen unvermerkt zu den beyden Nahmen, die nicht genannt werden follten. 8 4 —— * „Ich kenne jemanden,“ hob mein Vater an: „Ich kenne jemanden“— ſagte der Graf; und da ſie nicht fortfahren durften, ohne den Friedens⸗ traktat zu brechen, den ſie mit ihrer Ehre beſiegelt hatten, ſo ſahen ſie ſich nur, wie ein paar Streit⸗ hähne, ein paar Secunden an, laͤchelten, als haͤt⸗ ten ſie den Sieg erfochten, und gingen hitzig, der eine nach Nord, der andre nach Süd, in den Bart ſingend. Die beyden Mütter ſahen voraus, daß ein Krieg unvermeidlich war; ſie ſchloſſen ſich deſto enger an einander, und waren entſchloſſen, dem Schickſal und ihren Männern zum Trotz, aus dem Grafen Fritz und Marie ein Paar zu machen. Mein Vater, der jedesmahl beſiegt wurde, wenn Menſchen bey dem Streite im Allgemeinen, — der eben darum deſto hitziger geführt wurde, weil keine Nahmen genannt wurden,— gegen⸗ wärtig waren, nahm ſeine Zuflucht zu Spötterey⸗ en; und weil der Graf, der in Wien Geduld gelernt hatte, mit einem mitleidigen Lacheln ſie beantwortete: ſo entſtand von beyden Seiten ein Haß, der deſto tiefer ins Herz fraß, weil er ſich unter der ſchweren Laſt einer außerlichen Freund⸗ ſchaft bewegen mußte, wie eine Flamme, die ver⸗ ſchüttet wird, immer fortbrennt, und dann auf ein Mahl himmelhoch und unbeſiegbar emporſchlaͤgt. So brach die Flamme ihres Haſſes an einem 8— Feſte hervor; mit flammenden Augen ſagten die beyden Geſandten ſich ihre Freundſchaft auf. Der Graf fuhr nach Hauſe, und mein Vater ſah zum erſten Mahle meine Mutter und mich mit finſtern und Unglück verkündigenden Blicken an. „Das erſte Mahl,“ ſagte er mit einer bittern Gelaſſenheit—„daß du, oder die da jemanden aus Sonders Hauſe ſieht, zufällig oder vorſatz⸗ lich, ſo packe ich auf, und gehe nach Weſt⸗ phalen.“ „Das iſt grauſam, lieber Mann!“ „Grauſam? Ich bin ſeit den drey Jahren unſers Umgangs auf der Folter geweſen, dei⸗ netwillen, auf der Folter eines unmenſchlichen Haſſes."“ „Wenn mir die Graͤfinn begegnet?“ „Gehe ich nach Weſtphalen. Geh du dort⸗ hin, ſo biſt du ſicher, daß ſie dir nicht begegnet.“ In des Grafen Hauſe ſiel dieſelbe Szene vor, und es ging kein Tag hin, der nicht den Haß der beyden Maͤnner verbitterte. Die Graͤnzen der Güter liefen in einander. Die Jäger der beyden Haͤuſer ſetzten den Krieg fort, die Hirten auch. Es kam zu Prezeſſen, die mit der ganzen Bit⸗ terkeit der heftigſten Beſchuldigungen von beyden Seiten geführt wurden, und das erſte Mahl, da beyde Mütter es wagten, auf der Graͤnze ſich ein Mahl zu ſprechen, packten die beyden Vaͤter auf, — 1— — — 9— und reiſten, der eine nach Norden, der andere nach Süden auseinander. Aber auf dieſer letzen Zuſammenkunft hatten die beyden Freundinnen ſich noch ein Mahl die Hän⸗ de darauf gegeben, daß der unnatürliche Haß ihrer Maͤnner mit einer Verbindung ihrer Kinder ſollte verſöhnt werden. (Fortſetzung.) Sieh, liebſte Agnes, in der Liebe gegen den Spielgefährten meiner Kindheit wurde ich von meiner Mutter erzogen. Machte ich einen Fehler, ſo ſagte meine Mutter traurig:„was wird Fritz ſagen, wenn er das von dir hört, Marie?“ Fehlte es mir an Fleiß bey irgend ei⸗ nem Theile des Unterrichts, ſo ſagte die Mutter: „darin hat Fritz es ſo weit gebracht, und du bleibſt ihm nach?“ Und ſie war gewiß, ich arbeitete, bis ſie ſagte: ich haͤtte ihn eingehohlt. 1 3 Alles, was ich hörte, lief auf den Grafen Fritz hinaus. Meine Mutter erhielt von ihm kleine Briefe an mich. Ich mußte ihm antworten. Meine Mutter zeichnete ihn mir als einen Engel von Schönheit, Güte und Muth. 1 „Denke an Fritz! denke an Fritz, Ma⸗ rie!“ war das Lied, was ich immer hörte. Ich ſpielte die Sonaten, die er ſpielte, ich zeichnete, was er zeichnete, ich las die Buͤcher, die er las. A*† „Was wirſt du ſagen, was er, wenn Ihr Euch wieder ſeht? Sieh, auf dieſem Zaubergrunde wuchs ich empor, und meine Liebe„ die zwar ein Spiel war, die aber ſelbſt den Gefühlen des Kindes eine Rich⸗ tung gab, die ewig dauern ſollte. So war ich ſiebenzehn Jahre alt geworden; mich verlangte leiſe, den Jüngling zu ſehen, an den alle meine Traͤume, meine Gedanken, Wün⸗ ſche, Empfindungen und die erwachende Sehn⸗ ſucht meines Herzens feſtgeknüpft waren. Da reiſte meine Mutter zu ihrer Gchweſter⸗ und ich begleitete ſie. Wir hielten in Schwetzingen an. „Heute,“ ſagte auf ein Mahl meine Mutter, mit Thraͤnen in den Augen—„wirſt du ihn ſe⸗ hen. Zieh dich an, Marie!“ Ich erröthete, mein Herz ſchlug in einer wun⸗ derbaren Unruhe. Ich hatte meiner Mutter tauſend Fragen zu 8 thun, und wagte nicht eine. Ich kleidete mich unter Zittern; und da mei⸗ ne Mutter kam, ſagte ſie lächelnd:„welche Klei⸗ dung haſt du gewählt? Marie, nimm doch dein rothes Kleid! Wie biſt du heute?“ Ich fiel weinend an ihre Bruſt. 8. Ich kleidete mich um; aber ich war heute we⸗ der nach meinem Geſchmack gekleidet, noch nach ihrem. b — — 4 —— 2 3 2 — 11— „Erhohle dich, wir haben noch eine gute Stun⸗ de Zeit!“. Ich zog endlich mein Reiſekleid an, ſetzte ei⸗ nen großen Hut auf. Sie laͤchelte wieder, aber ließ mich gehen. Ich ging mit ihr in den fürſtlichen Garten. Es war niemand im Garten, ſagte uns der Sol⸗ dat, der an der Thür ſtand, als ein Herr und eine Dame. Ich zitterte; ich glaubte mit jedem Augen⸗ blick würde er in die Allee beugen, wo wir gin⸗ gen. Aber nein, zuerſt erſchien die Graͤfinn, und allein. Ich wurde nun ruhiger, denn ich hatte zwey Beſchützerinnen bey mir. Endlich ſagte ſeine Mutter:„da kommt mein Fritz!“ Ich hob ein wenig das Auge, und er war ganz hinten in der Hauptallee, weit von uns entfernt. Wir gingen langſam, ſehr langſam, und er ſtand bald hier, bald da ſtill, etwas zu betrachten. So ſollte ich Zeit haben, mich zu ſaſſen. Ich faß⸗ te mich nicht; aber von weitem rief er:„ach, lieb⸗ ſte Marie!“ und bey dem Tone der bekannten Stimme, war meine Scheu weg; ich lief ihm ent⸗ gegen, ich reichte ihm die Hand mit den Wor⸗ ten:„tauſend Mahl ſeyn Sie willkommend, lie⸗ ber Fritz!"“ Da ſtanden wir gegen einander über, Hand in Hand, er mich betrachtend, ich erröthend häͤtte — 12— mich gern unter dem Hute verborgen, wenn er nicht immer fort geſprochen haͤtte:„o meine liebe Marie, ſo habe ich Sie mir gedacht! Welch ein Engel hat mir Ihr Bild gezeigt! So! gerade ſo! und wiederum gar nicht ſo! gar nicht! Auf dieſen Augenblick hat meine Mutter alle meine Hoffnun⸗ gen verwieſen, die ganze Freude meines Lebens. Und wie iſt nun alles anders und beſſer! Ich möch⸗ te klagen, Marie, daß die Zeit, da wir uns nicht ſahen, mir viel, ſehr viel Schönes, Gro⸗ ßes, Heiliges geraubt hat, den vertraulichen, la⸗ chenden Blick der Spielgefährtinn, das vertrauli⸗ che Du von Ihren Lippen, das meiner Erinnerung klang wie die ſchönſte Muſik, und meiner Hoff⸗ nung, wie Engelſtimmen voll Segen. O Ma⸗ rie, ich erkenne jetzt wieder aus dieſen hohen Rei⸗ tzen der aufgeblühten Jungfrau, die theuern, lie⸗ ben Züge des Kindes! Ach, ich werde ja in Ihrem Herzen das alte Vertrauen wieder fin⸗ den! 4— 8 „O gewiß!“ „Die alte herzliche Zrenndſchafe e „O gewiß, Fritz!“ „ Die alte treue Liebe!“ 4 Da ſagte ich mit einer heißen Gluth auf den Wangen:„o gewiß!“ aber das Gewiß ſprach ſich mit einem ſo ungewiſſen Tone, daß er wohl ſehen mußte, was ich ihm verbergen wollte. Mein Herz pochte vor Entzücken; denn er re⸗ —— — 13— dete ſo ſchön, und der Ton ſeiner Stimme, ſein Auge war ſo bewegt. Ich hatte mir das alles vorher vorgeſtellt, und mir vorgenommen, ihm gar nichts zu verſchweigen, was ich gegen ihn fühlen würde. Aber ich konnte gar nicht reden. Ich ſchlug das Auge nieder, ich erröthete, meine Zunge war gelähmt. Ich ſchaͤmte mich, daß ich ſo ſtumm war, und wurde noch ſtummer. Ich ſah mich nach Hülfe um; die beyden Müt⸗ ter waren verſchwunden. Er nahm meine Hand in ſeine, und ſo muß⸗ te ich mit ihm weiter gehen. Und ſieh, wie liſtig er war— denn er ge⸗ ſtand es nachher— er fing von unſern Kinderjah⸗ ren an. Er erinnerte mich an tauſend Kleinig⸗ keiten, die ich alle ſo genau wußte, wie er, und ſo verwickelte er mich in Erzählungen, die er un⸗ teerbrach:„da ſagte ich Ihnen, Marie, wiſſen Sie noch: gehſt du dahin, ſo werde ich böſe, und nimmer wieder gut; und wiſſen Sie was Sie mir antworteten?“ —„O ja; ich ſagte: wenn du böſe mit mir wirſt, Fritz, ſo“— und ſo wechſelte das Du der Kind⸗ heit und das Sie der jetzigen Stunde ſanft, und ich wollte ſo behuthſam ſeyn, und wars dennoch nicht, bis er ſagte:„liebſte Marie, nenne mich wieder du, daß du nicht immer daran denken mußt⸗ wie du mich nennen willſt./ Da nannte ich ihn wieder du, mit einem ſchweren Seufter und einem hohen Erröthen, weil ich fürchtete und heimlich wünſchte, er möchte ſich wieder in die übrigen Rechte unſrer Kindheit ſetzen. Er küßte nur meine Hand mit einer rühren⸗ den Ehrerbiethung. Wir gingen nun die Allen auf und ab, und wir plauderten uns richtig in die alten Kinder⸗ jahre zurück. Der Abend war da, ehe wir es dachten. Wir wohnten in einem Wirthshauſe gegen einan⸗ der über. Am andern Morgen war ich gekleidet, wie meine Mutter es gewollt hatte. Ich wußte gewiß, er würde mich zu einem Spaziergange auffordern. Wir gingen in den Garten. Er war fatcht ſamer geworden, feyerlicher ſogar. Wir gingen oft die halbe lange Allee, ohne ein Wort zu reden. Ich ſah wohl, daß ihm das Geſtändniß der Liebe auf den Lippen ſchwebte. Wars meine frem⸗ de, prächtige Kleidung? Nachmittags erſchien ich in einer Kleidung, die gerade wie die war, die ich in der Kindheit trug. So wie er mich ſah, verſchwand das Fremde aus ſeinen Blicken. Er legte ſeine Hand vertraulich in meine; er nahm ohne Anſtand mir den Strohhut vom Kopfe, wie „— — „— er als Kind that, um mir Blumen darein zu ſammeln. Er war ſogar muthwillig, er drohete mir mit den alten kindiſchen Worten. Er zog mich in ſein Spiel nach und nach hinein. Die ſchöne Kindheit mit ihrem Vertrauen bemaächtigte ſich meiner Bruſt. Waͤhrend er ein paar Worte mit meiner Mutter ſprach, verſteckte ich mich im Garten, und ließ ihn ſuchen, bis er endlich meinen Nah⸗ men rief. Da verrieth mich mein Lachen, und er nahm mich zur Strafe in ſeine Arme, und druͤckte den erſten Kuß— nicht der Liebe— ſondern des alten Kindervertrauens auf meine Wange. Wir blieben mehrere Tage hier, und ich wunderte mich, daß von unſrer Liebe noch nichr ein Wort geredet war. Den letzten Morgen, da wir am Nachmittage abreiſen wollten, waren wir noch ein Mahl in dem Garten. Wir ſtanden vor der Mauer, auf der die Gegend ſo täuſchend ge⸗ mahlt iſt, daß man erſt einen Schritt davon ſieht, es iſt ein Gemahlde. Wir betrachteten es.„Das iſt Tauſchung, Marie,“ ſagte er, mich ernſt anſehend—„o, unſre Freundſchaft iſt keine Taͤuſchung!“ „Wie kommſt du darauf hier?⸗“ „Sieh mich an, Marie, ſag, es iſt Wahr⸗ heit!“² e „Unſre Freundſchaft iſt Wahrheit, Fritz!“ „Und alles? alles, Mari:? daß du mein ſeyn willſt, im Leben und Tode? daß du mich liebſt mit der täuſchungsloſen Redlichkeit des Kin⸗ des und mit der Liebe des erwachten Herzens, und mit der unendlichen Treue? Sprich, iſt auch das Wahrheit?/ H 3 Da ſtanden meine Augen in Thraänen.„Es iſt Wahrheit! reine Wahrheit, Fritz! du zwei⸗ felſt ſelbſt nicht daran, daß ich dich unendlich liebe. Es iſt Wahrheit!“ 1 „Daß du mein Weib werden willſt, Marie?“ „Wenn— ℳ. „Ein Wenn? „Unſre Vaͤter?4 „Sie wollen nicht. Aber du?“ „Ich will!“ „Iſt das Wahrheit, keine Taͤuſchung 27ʃ „Wahrheit!“. „So laß uns gehen, meine Mariel“ Da erſt, da erſt, gab er mir den erſten Kuß der Liebe, und in meiner Seele lag der Himmel. Wir gingen zu Hauſe und wir entdeckten un⸗ ſern Müttern unſre Verbindung. Der Briefwech⸗ ſel zwiſchen uns wurde nun verabredet, ſogar der Zeitpunkt, wo wir uns wieder ſehen ſollten. Das alles hatten unſre Mütter gewünſcht, und eben da ſie ihren Wunſch erreicht hatten, wur⸗ den ſie unruhig, und die Zukunft ſtellte ſich dro⸗ hend vor ihren Blick. Sie ſahen nun erſt in dem * 1 1 t Haſſe unſerer Vaͤter ein faſt Anbeſieghares Hin⸗ derniß. Ich und Fritz waren. ruhig; denn wir wa⸗ ren unſer gewiß; und da ich in den Wagen ſtieg, ſagte er:„Marie, meine Marie, denk an das täuſchende Gemählde!“ „Fritz,“ ſagte ich, doch ein wenig ergrifs fen von der Unruhe meiner Mutter—„meine Liebe und deine iſt keine Taͤuſchung. Aber wenn das Glück eine Taͤuſchung ware, wenn die Aus⸗ ſicht in ein ſchoͤnes Leben— Der Wagen rollte dahin; ich hörte ſeine Ant⸗ wort nicht. Meine Ahnung hatte recht. Der Graf ſollte nach dem Befehl ſeines Va⸗ ters zwey Jahre auf einer Univerſitat Politik, Völkerrecht, Staatsrecht und Geſchichte hören, dann ſollte er fünf Jahre in Berlin, Wien, Petersburg, Paris und London zubrin⸗ gen, Rom und Madrid ſehen, nur der beyden Sprachen willen. „Rom und Neapel, Fritz, iſt alles, was in Italien der Rede werth iſt. Um Florenz brauchſt du nicht aus dem Wagen zu ſteigen,“ ſag⸗ te der Vater, Flor Anz ſo g gur haſſend, wie mei⸗ nen Vater. 8 Nach fünf Jahren Aufenthalt an den Höfen, ſollte er bey einer Geſandtſchaft angeſtellt werden. „Ein Diplomatiker, mein Sohn, muß vor dem vierzigſten Jahre nicht heirathen. Du wirſt ſehen warum, wenn du irgendwo bey einem Ge⸗ ſandten biſt. Eigentlich ſollte er gar nicht verhei⸗ rathet ſeyn; denn ein Geſandter ſollte der freyeſte Mann auf der Erde ſeyn, weil ihn ſein hoher Po⸗ ſten am meiſten bindet. Ein Geſandter an einem kleinen Hofe, ſo wie in Florenz, kanns ma⸗ chen wie er will. Es bedeutet dafur auch gar nichts. Hörſt du, Fritz?“ Fritz laͤchelte; aber es war ſeines Vaters ho⸗ her Ernſt. (Fortſetzung.) Er war abgereiſt, und wir wechſelten Briefe. Alle Verſuche der beyden Mütter, die Geſandten mit einander zu verſöhnen, ſchlugen fehl. Die Prozeſſe auf den beyden nahen Gütern dauerten fort, und in dem gegenſeitigen Schrift⸗ wechſel kamen ſo manche und ſo bittre Anſpielungen auf die Höfe zu Florenz und Wien vor, daß es den Richtern manchmahl ſchien, als wären die Schriften Satyren auf die beyden Höfe. Die beyden Väter verbothen mit trotzigem Ernſt jede Art von Verbindung unter den beyden Haͤu⸗ ſern, und ſo drohend, daß die Mütter gern ihre Schritte zurück gethan haͤtten, wenn nur nicht unſe⸗ re Liebe unüberwindlich geweſen waͤre. Da ſtarb mein Vater. Nun ſchien das Hin: —y— 2— — 19— derniß unſers Glücks aus dem Wege geräumt zu ſeyn. Die Grafinn Sonders trug nun ſogleich . darauf an, die alte Freundſchaft mit meiner Mut⸗ ter wieder herzuſtellen. „Hm!“ ſagte der Graf, ſein Kinn zwiſchen Daum und Zeigefinger nehmend—„dazu bin ich zu lange Geſandter geweſen; dazu haben wir die Familie zu bitter beleidigt. Der Menſch vergibt nicht, und ſo fordert es die Politik, die Sache ſo ſtehen zu laſſen, wie ſie ſteht. Keine Verſöhnung, liebſte Gemahlinn! Was ein Mahl feſt entſchie⸗ den iſt, muß entſchieden bleiben; da ſterbe wer will, — und lebe wer will. Das iſt eine diplomatiſche Regel ohne Ausnahme. Wanken, Kind, wenn ſie das ſe⸗ hen, ſo iſt man verloren. So ein kleiner Hof, wie der zu Florenz, kann machen, was er will, heute ſo ſagen, morgen ſo; der muß am Ende mit fort.“ Kurz, es war nicht daran zu denken, daß der alte Diplomatiker ſeine Einwilligung gegeben hätte. Die Gräfinn gab die Sache ganz auf. Sie ſah unüberſteigliche Hinderniſſe. Fritz läͤchelte zu allem, und ſchrieb mir: . nnichts in der Welt iſt leichter, als unſre Verbin⸗ dung. So bald ich auf Reiſen gehe, Marie, biſt du meine Frau!“ 3 Wir erwarteten voll Ungeduld den Augen⸗ blick, da er ſich näher erklaren ſollte, und er hat⸗ te Recht. Ich ging mit meiner Mutter auf unſer ur das dem graflichen ſo nahe lag. Graf Fritz kam ganz inkognito nach ſeinem Gute, und logirte bey dem Prediger, der ſein Univerſitätsfreund war, und dem er die Pfarre ge⸗ geben hatte. Einen Abend gingen wir, ch und meine Mur⸗ ter, zu dem Prediger. Hier erklärte ſich Fritz:„Ein Diulomatiket heirathet vor dem vierzigſten Jahre nicht: iſt ein unumſtößlicher Grundſatz meines Vaters; Sie wiſſen, wie feſt er ſeine Grundſätze halt. Nun, liebe Mutter, heirathe ich jetzt Narien. Sie be⸗ gleitet mich, wohin ich gehe. Ich ſtehe dafür, ehe die zwanzig diplomatiſchen Jahre vergegangen ſind, hat man in ganz Deutſchland vergeſſen, daß M arie einige Jahre heimlich meine Frau war. Hat mein Vater nach zwanzig Jahren noch zu be⸗ fehlen, ſo ſage ich:„Vater, ein Diplomatiker hei⸗ rathet am beſten gar nicht. Auch das iſt ſein Grundſatz. Meinen Bruder— Sie wiſſen, theu⸗ res Mütterchen, wie gut er iſt, wie unendlich er mich liebt— den alſo können wir nach einiger Zeit in das Geheimniß ziehen, wenns nöthig iſt. Mei⸗ ne Schweſter— iſt bey der Tante, und wird nicht darauf dringen, daß ich heirathen ſoll. Vor der müſſen wir freylich das Geheimniß verbergen.“ „Sie reiſen mit uns, Mütterchen, und keh⸗ ren zurück, und ſagen:„Marie iſt in Jütland ¹ — 21— vey ihrer Tante im Stifte, dann: ſie iſt da verhei⸗ rathet, und ſo veiter.“ Sehen Sie, ſo leicht iſt es, glücklich zu werden!“ Meine Mutter machte noch tauſend Einwürfe, die er alle widerlegte. Er hatte auf jeden Einwurf eine klare Antwort. Er . hatte für die Verſchweigung des Geheimniſſes mit dem kalten Blute der Vorſicht geſorgt. Er hatte einen Bedienten, der ganz vollkommen ſein eigen war, den er ſeit zwey Jahren eben für dieſen Fall zugezogen hatte. Meine Mutter hatte eine Jung⸗ fer, die mich unendlich liebte, und die mit ihrem Leben meins gerettet hatte, und die ſchon längſt in dem Geheimniſſe war. Meine Mutter konnte zuletzt keine Einwürfe mehr machen, als allein den der heimlichen Ver⸗ 4 bindung. Fritz läͤchelte, ich laͤchelte. —„die ſo viel Zeugen hat, die Mutter der Braut, den Prediger und meine Mutter.““ Hier trat die Grafinn ins Zimmer. Es wurden noch ein Mahl alle Punkte durch⸗ gefochten, und dann, da meine Mutter einge⸗ wiillligt hatte, führte mein Mann mich vor den Prediger.— „So bald?““ rief meine Mutter. Wir wurden getraut, und am andern Mor⸗ gen waren wir alle unterwegs. Unterwegs trafen wir uns. In Schwetzingen feyerten wir erſt unſere Hochzeit. 3 6„Eine geheime Verbindung?“ ſagte Fritz — 22— einem Wagen, zuweilen getrennt. Er thar alles, was ſein Vater wollte, machte alle Beſuche, lern⸗ te alle Großen kennen, ſandte feinem Vater Be⸗ richte von dem römiſchen und dem neapolitaniſchen Hofe, ſo, daß ſein Vater ihn mit Segnungen . ner Mutter nach Italien. Zuweilen ſogar in welcher Annehmlichkeit ſogar! Ach, meine theure Mutter geſtand, daß ſie erſt jetzt des Lebens rei⸗ chen Genuß kennen lernte! te, war in einigen Tagen abgemacht. Dann lebten wir, ein wenig behuthſam, ich und meine Mutter unter fremden Nahmen, aber faſt immer in demſelben Hauſe, den Künſten, der Freude, der Natur in dem ſchönen Italien. In einem kleinen, lieben Landſtädtchen, in der Naäͤhe von Rom, wohin wir aus Vorſicht gezogen waren, wurde ich Mutter— O barmher⸗ ziger Gott! jetzt, o jetzt bey dieſem Nahmen Mut⸗ ter faͤllt mein hartes Geſchick und das höchſte Ent⸗ zücken zugleich auf mein Herz!— Ich wurde Mut⸗ ter von einem Sohn. Agnesl o Agnes!l du biſt Mutter! Und welch eine Glückliche! Mein Mann bekam von ſeinem Vater Be⸗ Nun ging ich mit meinem Manne und mei⸗ b überhaufte, O Agnes, wie gluͤcklich lebten wir, mit Was mein Mann als Diplomatiker thun ſoll⸗ —— — 23— fehl, noch den Sommer über Koppenhagen und Stockholm nach Petersburg zu gehen. Er erhielt eine große Menge Empfehlungen an die Großen in Rußland und an die Geſand⸗ ten. Er erhielt große Wechſel; denn ſein Vater befahl ihm, einen großen Aufwand in Peter 8⸗ burg zu machen. Den Frühling brachten wir noch in der Schweiz zu. O dieſe glücklichen Tage— ach es waren die beſten— die letzten mit ihm— da wir am Züricher See lebten, da ich der ganzen Freyheit des Landlebens, der Ruhe mit ihm, mit meiner Mutter, mit meinem Sohne genoß. O Agnes, Agnes, ich möchte mich noch lange bey der Beſchreibung der ſeligen Stunden in der Schweiz aufhalten, um nur deſto ſpäter an den Augenblick zu kommen, da ich ihn verlor! Meine Mutter verließ uns in Deutſch⸗ land. Wir gingen nach dem Norden. Wir be⸗ ſtiegen das unglückliche Schiff, das uns nach Koppenhagen bringen ſollte. Es war eine ſchoͤne Sommernacht. Ich ſaß auf dem Verdeck, und betrachtete, wie die dunkeln Ufer wis Geſpenſter uns vorüber flogen. Mein Mann ſaß neben mir.„So, ſo fliegt des Le⸗ bens Luſt vorüber, Marie!“ ſagte er; und ich antwortete:„Aber nicht ſo dunkel; hell und freu⸗ dig, mein Fritz!“ 1 „ — 24— In dem Augenblick erſcholl ein graͤßliches, aber kurzes Geſchrey aus dem Schiffe. Wir horchten. Alles iſt ſtill. Auf ein Mahl bricht von allen Seiten eine Flamme empor, und lodert am Maſte hinauf, und die Segel wer⸗ den flammende Flügel. Ein ſchrecklicher Anblick! 8 Ich ſchrie auf; ein allgemeines Geſchrey ent⸗ ſteht; denn unſer Schiff war mit lauter brennba⸗ 3 ren Sachen beladen. 3 Man verſucht den Brand zu löſchen; aber alles ſtand den Augenblick in Flammen. Die Boote wurden ausgeſetzt. Man laßt mich in das Boot hinab, mit Gewalt hinab; denn ich ſchrie nach meinem Sohn. Da ſehe ich meinen Mann. Er trägt die Wiege mit dem Kinde. Man will ſie ihm ab⸗ nehmen. Er ſteigt die Leiter hinab. Ich ſehe ihn— ſtürzen, höre einen Knall, ſehe die Flam⸗ me verſinken mit dem Schiffe ins Meer, ſchreye auf, will mich hinausſtürzen, meinem Manne zu * Hülfe, meinem Sohne.. n Man haͤlt mich, ich ſin e in Ohnmacht. Ich komme zu mir, ich werfe angſtlich wilde Blicke um mich her. Meine Leute ſchwimmen in gen. Ich ſchreye laut mit Verzweiflung nach Hülfe, und man kündigt mir den Tod meines Mannes und meines Sohnes an. Ich mache aufs neue den Verſuch, mich über Thranen. Ich ſtrecke ihnen meine Arme entge⸗ — lein lebte noch! — Bord zu ſtuͤrzen. Man haͤlt mich, ich befehle, ich drohe, ſie ſollen umkehren, und meinen Mann ſuchen, der gewiß noch auf einem Balken vom ver⸗ brannten Schiff von den Wellen umhergetrieben wird. Mein Bedienter ſchüttelt den Kopf.“ „Er iſt todt,“ ſchluchzt er endlich hervor— er iſt todt! Wir haben ihn ja Alle geſehen! „Geſehen?“ rief ich—„wie denn? wo 2 Ein fallender Balken hat ihm die Bruſt zer⸗ ſchmettert, in dem Augenblick, da er in das Boot mit dem Kinde will. Sie haben ſeinen Leichnam im Boote gehabt, und mein Bedienter hat noch ſein Taſchenbuch aus ſeinem Rocke gezogen, ſeine Uhr, ſeinen Ring von ſeinem Finger, ehe ſie den ganz zerſchmetterten Leichnam ins Meer verſenkt haben, waͤhrend ich in tiefer Ohnmacht liege. O Agnes, Agnes! ich ſah mit verlangen⸗ den Blicken den dunkeln Todesabgrund an, auf dem ich ſchwamm. Gott perzeihe es mir: ich zwei⸗ felte an der ewigen Liebe! Die Wiege meines Sohnes hatte er eben ge⸗ tragen, da er von dem ſtürzenden Maſte oder Bal⸗ ken zerſchmettert wird. Vater und Sohn— 0 Agnes!— Vater und Sohn ſind in einer Mi⸗ nute in den Abgrund verſunken, und ich, ich al⸗ Ich wurde mit meinen Leuten ans Land ge⸗ ſetzt. Ich wußte es nicht mehr. Lafont. die Pfarre ze. III. B Da ich nach vier Wochen aus den furchtbar⸗ ſten Phantaſien, die dem Wahnwitz ähnlich wa⸗ ren, erwache, finde ie meine Mutter an meinem Bette. Alles war mir ein Traum: das Leben, das Erblicken des Lichts, die Erzählung meines Un⸗ glücks. In meinem Phantaſiren war ich glücklich. Ich wohnte mit meinem Manne unterm Meer in einer Grotte. Ach, wie glücklich war ich in mei⸗ nen Traͤumen! Niemand durfte mich nun an mein Unglück erinnern. Ich verlangte nun in die Schweiz, an den Züricherſee, wo ich ſo glücklich mit meinem Manne geweſen war. Dahin brachte mich meine Mutter. Hier lebte ich in den Schwaͤrmereyen ei⸗ nes immer ſüßer werdenden Grames. Da meldete ſich mein zweyter Mann, mein naher Verwandter. Meines Vaters Familie drang auf dieſe Verbindung. Man beſtürmte mich mit Vorwüuͤrfen, mit Drohungen, mit Schmeicheleyen, meine Mutter mit flehenden Thränen. Da gab ich mein Wort mit dem feſten Glauben, daß ſie mich früher in das Grab tragen würden, als zum Altar. Ich hatte mich ſcheecklich geirrt. Ich muß⸗ Nanne meine Hand geben. Ich gab te meinem Ma mit dem Geſtändniſſe meines Un⸗ ſie ihm; aber r glücks. Er verſprach mir Verſchwiegenheit, und er 3 — — 27— hielt Wort. Er und meine Mutter nahmen das Geheimniß mit ins Grab. Mein alter Bedienter und ich ſind die Einzi⸗ gen, die um das Geheimniß wiſſen. Auch ich wollte es mit in mein Grab nehmen. Wozu auch unter die Menſchen bringen, was das Grab ver⸗ ſchlungen hat! Ich erzog meinen Sohn, den ich von meinem zweyten Manne hatte, mit der zärtlichſten Mutter⸗ liebe. Aber, o du geliebte Agnesl ein ſtiller Gram, der ewig nicht weichen wollte, machte mich faſt ungeſchickt zu dieſem Geſchäft. Mein Sohn liebt mich; aber ich war doch zu weich gegen ihn. Da übergab ich ſeine Erziehung einem Man⸗ ne, und ich lebte doch den Sommer durch in der Schweiz am Züricherſee, wo ich ungeſtört dem ſü⸗ ben Gram und dem Andenken an die Verlornen nachhaͤngen konnte. (Fortſetun g). DO und wie, wie himmliſch hat ſich alles ge⸗ andert!— Ich habe ihn wieder gefunden; ich ha⸗ be meinen Sohn wieder, meinen theuern, verlor⸗ nen Sohn! O hoͤre! Meine Tante, die Abtiſſinn in Jütland, „Greibt mir, ich moͤchte eilen, zu ihr zu kommen⸗ wenn ich ſie noch ein Mahl ſehen woller. Ich reiſe dahin; ach, und in der Naͤhe von B 2 dieſem Ungluͤcksorte, wo ich Mann und Sohn ver⸗ ler, laß ich halten, um einen Tag lang an ih⸗ rem weiten, tiefen, dunkeln Grabe zu weinen. Sieh, Agnes, ich kam auf den Einfall, am Strande des Meeres, nahe dem Orte, wo ſie verſunken waren, ihnen einen einfachen Stein zum Andenken ſetzen zu laſſen. Ich trage es meinem alten, verſtaͤndigen Taubert auf, ſowohl den Ort aufzuſuchen, als auch die Sache einzurichten⸗ Ich blieb indeß in einer nahen Stadt. Er blieb viel läͤnger aus, als ich gedacht hat⸗ te; und da er endlich in mein Zimmer tritt, ſo ſe⸗ he ich wohl, daß er etwas hat. Ich frage, er will ſich faſſen; aber laut ſchluch⸗ zend ſtürzt er zu meinen Füßen, und umarmt meine Knie, mit dem Geſchrey:„o Gott! o Gott! barmherziger Gott!“ Dann ſprang er auf, und rief:„ich bin ein alter Thor! Vergeben Sie mirs, Ihr Gnaden! Ein alter Thor bin ich, der Ihren Schmerz wie⸗ der neu machen wird. Aber, es hat mich er⸗ ſchreckt. Eben zu der Zeit, da Sie Ihren Ge⸗ mahl verloren, hat man in einem Dorfe, nicht weir vom Strande, ein Kind gefunden.“ „In einem Dorfe, Tauber t? Er iſt ein Thor!“ ſagte ich, dennoch zitternd. 5 „Sagte ich in einem Dorfe? der Schrecken hat mich verwirrt gemacht. Auf einer Watte, wie man's da nennt, Ihr Gnaden, auf einer Sand⸗ bank, mitten im Meer.“ „Hat man— „— ein Kind gefunden.“ „Gott! Wann? wann? er hat doch gefragt?“ „Gerade um die Zeit vor fünf und zwanzig Jahren, im Sommer; den Tag konnte man nicht ſagen.“ „O, um Gotteswillen! wer, wer hats?“ „Der damahlige Prediger, er hat das Kind wie ſeinen Sohn erzogen.“ „Wo iſt er? lebt er? O Taubert, Er hat nichts gefragt? Wir wollen hin. Daß ange⸗ ſpannt wird!“ „Man wies mich auf die Pfarre, wo jetzt die Tochter des Predigers⸗wohnt.“ „Und er ging nicht?“ „Durft ich denn? Wenn es Ihr Sohn iſt, wie ich feſt glaube, muß es denn nicht noch im⸗ mer beſtaͤndig ein Geheimniß bleiben?“ „Ein Geheimniß, wenn es mein Sohn iſt? — das verhuͤthe Gott! Laßt anſpannen!" Taubert bath mich, erſt zu überlegen, da ja ein Tag keinen Unterſchied machte. Er ſtellte mir alle die Schwierigkeiten vor, wenn jetzt ein Sohn aus dieſer heimlichen Ehe zum Vorſchein kaͤme.— Ach Agnes, ſo wenig ich auch überlegen — 30— konnte; denn der Gedanke: mein Sohn meines Mannes Sohn lebt, verſchlaag alle andere Ge⸗ danken: ſo ſah ich doch wohl, daß ich große Urſach hatte, behuthſam zu ſeyn. Die Güter des Grafen, meines erſten Man⸗ nes, ſind auf ſeinen Bruder gefallen; und da der unverheirathet und kraͤnklich iſt: ſo iſt ſeine Erbinn . 9.„.. — jenes Ungeheuer, die Frau von Boiſen, wenn du dich ihrer erinnerſt, die, wie man ſagt, ihre Schwiegermutter hat faſt verhungern laſſen. Ihr Mann iſt ja der Alexander Boiſen— O Agnes, ich ſah, wie ich an dieſes Paar dach⸗ ee, die Welt gegen mich aufſtehen! O wie könnt. ich je ſagen:„Hier iſt ein Graf Sonders, mein Sohn, und der rechtmäßige Erbe aller Guͤter!“ Wie dürft' ich! Und wagte die Mutterliebe dieſen Streit mit der Familie, wollte ich auch meine Ru⸗ he an das Glück meines Sohnes ſetzen, und es iſt ja die Frage, ob ich nicht wüßte: ſo— die Ein⸗ willigung des Grafen hat unſre Ehe nie erhalten, obgleich meine Mutter ein Mahl ſagte:„Wäre er am Leben geblieben, ihr hättet ſie erhalten.“ O wäre das alles auch nicht: bin ich denn nicht reich genug? O meine theure Agnes! aber iſt denn nicht mein zweyter Sohn längſt mein erklarter Er⸗ be? Müßte er auch nur theilen mit ſeinem Bruder, und er müßte mehr, mehr als das; denn er iſt der zweyte, und du kennſt ja die Geſetze über die Erſt⸗ 3 geburt in unſerm Hauſe: ſieh, ſo ſtoht eine zwey⸗ — 31— te Familie, die mäͤchtige Familie meines Vaters, die Sonnenberge gegen mich auf, und gegen meinen Sohn! Daß ich die öffentliche Meinung gegen mei⸗ ne Heirath, weil ſie heimlich war, habe, iſt ohne Zweifel. Was will ich machen, ich allein, gegen die Boiſens, gegen die Sonders, gegen die Sonnenberge? Wer, o wer wird auf meine Seite, und auf meines Sohnes Seite treten? Wer? Sprich: wer? Nicht ein Mahl die Mutter; denn, ich habe einen Sohn, werden ſie ſagen, fuͤr den ich ſchweigen ſoll⸗ te. Ach, für meinen zweyten Sohn kann ich bür⸗ gen. Fuͤr den! Und nun, geliebte Agnes, das Schrecklich⸗ ſte ven Allem, bey deſſen Gedanken ich jedes Mahl ſage, mit Zittern, o war es Recht, war es Recht⸗ daß er und ich gegen den Willen ſe ines Paters die Verbindung ſchloſſen? O iſt Schuld da; wie viel iſt denn davon Strafe? „Wiſſen Sie denn auch, Ihr Gnaden, wenn Sie Ihren Sohn nun wieder gefunden haben, wer er iſt, wie er iſt? Ein armer Prediger, ſagten die Bau⸗ ern, war ſein Erzieher. Euer Gnaden, der junge Menſch tritt nun auf ein Mahl durch den Rahmen Graf Sondersrecht hoch. Solche ſchnelle Weran⸗ derungen thun ſelten gut. Ich denke, das Ge⸗ heimniß muß nun erſt recht geheim bleiben— — 32ñ— O Agnes, ich las auf des ehrlichen Man⸗ nes Geſicht, was er mir verſchwieg. O meine Agnes, wenn die Mutter den wieder gefundenen Sohn nun einführt, und das Geſetz gäbe ihm, was ihm gebührt, und er nähme ungroßmüthig, auf ſeinem Recht beſtehend, hab⸗ ſüchtig, was er nehmen dürfte, und— O! ol ich verhüllte das bleiche Geſicht in meine Hande. Ach, ich hatte nicht ein Mahl daran gedacht, daß er ſo⸗ gar ein Böſewicht ſeyn könnte, der wie ein Fünd⸗ ling von ſeinen Pflege⸗Altern in die Welt geſto⸗ ßen.—„O,“ rief ich—„guter Himmel! kann ich noch mehr zu beweinen haben als ſeinen Tod?“ Ich war troſtlos, ganz troſtlos. Ich ſchickte meine andern Leute mit Pferd und Wagen zehn Meilen auf unſerm Wege zurück, mich dort zu erwarten, weil meine Reiſe nach Jütland eine größere Eile forderte, und fuhr mit Taubert allein hierher nach Haidebüren. MNun ging er in dem ſchlechteſten Rocke, den er hatte, zu dem Prediger nach Holmz; aber die⸗ ſer Mann, den er mir als einen höchſt offenen, ge⸗ raden und edlen Mann beſchrieb, hatte wahrſchein⸗ lich Urſach, eben ſo behuthſam mit der Erzählung der Begebenheit zu ſeyn, als wir. Aber mein Sohn war es, das war unbezwei⸗ felt; das ging aus der Erzählung des Predigers und ſeiner Frau hervor. Jahr, Tag und Stunde trafen zu. Der Prediger ſieht im Meere eine ho⸗ — 33— he Flamme aufſchlagen, die immer höher ſteigt, und dann nach einem Knalle verliſcht. Was aber die Sache gewiß machte, war folgendes:„Das Kind hat in einer Korbwiege gelegen, und ein jun⸗ ger Pudel hatte den Retter nach der Wiege ge⸗ leitet.“— Ja, liebe Agnes, er iſt mein Sohn; denn wenn noch irgend ein Zweifel waͤre, ſo wurde er nachher gelöſt. Daß er mein Sohn war, daß er nach dem Prediger Braune heißt, war gewiß; daß der Prediger jetzt in einem Dorfe Birkenfelde, aber nicht mehr als Prediger, wohnt, das iſt gewiß. Aber ich wollte gern mehr von meinem Soh⸗ ne wiſſen, von ſeinem Charakter, von ſeiner Er⸗ ziehung, von ſeiner Lebensart; ach, jede Kleinig⸗ keit von ihm war mir ſo werth! Ich ließ mich am andern Morgen ſelbſt bey dem Prediger melden, und um mein Inkognito richtig zu erhalten, unter dem Nahmen Sarti⸗ hi, einer Italiaͤnerinn, die ich ein Mahl irgendwo geſehen hatte. 4 Der Prediger ließ mir ſagen, daß er italiäniſch mit mir reden würde. 3 Das ſiel mir auf. Ich trat ins Haus, und der Mann empfing mich freymüthig, aber mit leichtem Anſtande, und B* 5 —— —-—— — — 34— anfing, für neine Rolle beſorgt zu werden. Seine junge Frau war höchſt reitzend 4 und ich las in ihren Blicken eine gerührte Theilnah⸗ me an meinem Geſchick. Ich war armlich gekleidet und verhüllt; ſo⸗ gar mein Haar hatte ich in eine Schweizerkappe verborgen. Der Mann geſtand mir gerade zu, daß er nicht mehr ſagen wollte, als er geſagt hatte. O Agnes, ich ſchaͤmte mich vor dieſen bey⸗ den einfachen Herzen, die dennoch, trotz aller mei⸗ ner Mühe, die Mutter erkannten. Ja, zuletzt, da er mich bath, den Nahmen der Mutter ihnen zu nennen, weil das Mutterherz ja den Sohn wohl erkennen wuͤrde, wurde ich nach und nach ſo gerührt, daß ich die Flucht ergreifen mußte, um mich nicht zu verrathen. Ich beſuchte den andern Morgen den Pf ar⸗ rer aufs Neue; aber ich war auf meine Rolle voll⸗ kommen vorbereitet. Ich war entſchloſſen, ſie dahin zu bemngen, mnir, mein Bild, das man mit meinem Sohne ge⸗ wiß gefunden hatte, zu zeigen, und dann wollt ich ſagen, er ſey es nicht. Ich ſah recht wohl, daß der Pfatrer und ſei⸗ ne Frau darauf ausgingen, mich als Mutter zu erkennen, weil ſie mich noch zweifelhaft glaubten über die Achrheit meines Sohnes. Ach, ich wollte gedete ſo fertig Italiäniſch und ſo ſchoͤn, daß ich nur viel von ihm hören, von meinem Sohn, den der Pfarrer ein paar Mahl ſeinen Freund, und die ſchöne Frau mit großer Zaͤrtlichkeit ihren Bru⸗ der genannt hatte. Ich kam zu ihnen. Sie waren behuthſam, ich ſchien es eben ſo ſehr. Auf ein Mahl nahm die junge Frau ein hl⸗ gemahlde, das verkehrt an der Wand ſtand, auf, hielt es mir vor, und ich erkannte in demſelben Augenblick mit einem unendlich frohen Schrecken meinen Sohn. Ich ſchrie auf. Ich ſchlug den Schleyer, der mein Geſicht verdeckte— denn man ſollte mich nicht ſehen— über die Stirn zurück, ohne es zu bemerken; meine ganze Seele hing an dem Gemaͤhlde. O eine größere Seligkeit kann in keines Men⸗ ſchen Herzen je gelegen haben, als in meinem in dieſem Augenblick, da ich nun jetzt die edlen Zuͤ⸗ ge aus ſeines Vaters Geſicht hervorſuchte, die mein Herz ſchon ſechs Monathe zuvor in Bewegung brachten. Ich kam im Anfange des Winters in die Reſidenz. Ich fuhr ſogleich zur Baroninn Bar⸗ deſtein; du weißt ja, wie ſehr ich die beyden Madchen liebe, die ſtille, edle Olympie, und die entſchloſſene Kleine. Ich hatte, ich weiß nicht wo, gehört, Iſa⸗ belle waͤre in einer nahen Todesgefahr geweſen und kaum noch gerettet. — 36— Ich treke ins Zimmer, und Mutter und Töchter gingen mit der alten Liebe mir entgegen. Ich hatte meinen Triumph an Iſabellen; denn ſie war faſt ſo groß wie ihre Schweſter, und das kindiſch⸗ muthwillige, trotzige Geſicht hatte ſich in das Geſicht eines Engels veredelt, der ſtolz über eine große That in die Himmel zu⸗ 63 rück fliegt. „Und was habe ich von dir gehört?“ frage b ich—„was iſt dir begegnet? So rede doch, Iſabelle!“ Das Maͤdchen ſah mich an, mit Blicken, die ſich begeiſterten, mit Wangen voll einer ſchö⸗ nen, muthigen Röthe; dann hob ſie an zu erzäh⸗ len, wie ſie im Walde verirrt, drey Tage lang hungernd und dürſtend umher geirrt, bis ſie ermat⸗ tend und ſterbend an einen Felſen niederſinkt. „Dann“ ſo fuhr ſie mit ſtrahlenden Augen fort —„dann ſandte der Himmel einen Engel mir zu Hülfe.“ „Einen jungen Menſchen, Liebe,“ fiel die Mutter ein—„den ſie mit Gewalt zu einem En⸗ gel macht; einen edlen jungen Mann, einen jun⸗ gen Mahler!“ „Und wenn er nun mein Engel hat ſeyn ſollen, ſeyn müſſen,“ ſagte Iſabelle ſtolz o „Du biſt es werth, mein Kind,“ ſagte ich, — 39— die Kleine an die Bruſt drückend—„daß Engel dich retten.“ „O darum nicht,“ rief die Kleine—„denn welch ein Zufall konnte mir nicht den rettenden Weg zeigen? die Stimme eines Menſchen, das Bellen eines Hundes, das Kraͤhen eines Hahns.“ „Nun? und wäre das minder ein Engel ge⸗ weſen, und wars denn nicht eines Menſchen Stim⸗ me, die dich rettete? Seitdem iſt das Madchen verdreht, liebſte Sonnenbergen, ſie traͤumt von Engeln, und heftig wie ſie iſt’“— Sie fuhr nicht fort; allein ſie ſah leiſe den Kopf ſchüttelnd mich an, und ſchwieg. „Und kann man ſchöner träumen, als von Engel?“ ſagte ich ſcherzend. „Traͤumen?“ rief Iſabelle heftig, und ging hinaus. Olympie hatte den ganzen Streit mit ei⸗ nem, ich möchte ſagen, aͤtheriſchen Lächeln ange⸗ hört, ohne ein Wort dazu zu ſagen. Die Mutter ſah ſauer. „Sie iſt ja ein Kind!“ ſagte ich. „Das machte mir keine Sorge; das nicht. So heftig, ſo ſeltſam verdreht Iſabellen s Phantaſie auch iſt, ſo ſorge ich für ſie nicht.“ Sie ſchüttelte wieder den Kopf. — Auf wenn das gehen ſollte, ſah ich nicht; denn ſie ſah Olympien nicht an. „Sie wird dir den Engel bringen,“ fuhr die — 1 2 — — 38— Mutter fort—„denn wen ſie liebt, muß auch mit ihr ihre Liebe zu ihrem Retter theilen.“ „Nun, und wer iſt er denn? Er iſt hier?“ 1„Ein guter, junger Mann, dem wir in der That Verbindlichkeit haben.“ „O liebe Mutter!“ ſagte Olympie zartlich. „Nun gut denn, wenn Ihr alſo wollt, ein edler, ein ſtolz edler junger Mann, ein Engel ſogar!“ Sie ſchüttelte wieder den Kopf, und die Thür ging auf. Iſabelle, an der Hand eines jungen Man⸗ nes, trat ins Zimmer. Faſt baͤtte ich, ſo überraſcht war ich, überlaus gerufen: ja wahrhaftig ein Engel! denn, Agnes, nicht leicht haſt du einen ſchönern Kopf auf einer ſchönern Geſtalt geſehen. Er war es, Agnes, es war ja mein Sohn, dem meine ganze Seele mit Liebe entgegen flog. Es waren die Züge ſeines Vaters, die mein Herz auf ſich zogen, ohne daß ich ſie erkannte. Auf dem ſchönen Geſicht lag ein ſanfter Zug von Trauer, aber ſo leiſe, ſo ſchön, daß er faſt wie eine Ver⸗ klarung des Geſichts war, nichts Dunkles, womit man die Trauer ſonſt vergleicht. Fſobelle, mit einem triumphirenden Ge⸗ ſichte, führte ihn auf mich zu, und ſagte:„ich mußte Ihnen die Frau von Sonne nberg zei⸗ gen, die uns Alle, und vor Allen Olympien am meiſten liebt.—„Das iſt er, liebe Frau von 1 — 39— Sonnenberg!“ ſagte ſie, das helle, freudige Auge auf mich feſtheftend.— „Frau von Sonnenberg!“ ſagte er, als ob er den Nahmen ſchon gehört hätte—„ein Herr von Sonnenberg in Trauſen iſt mein Freund.“ 3 „Und mein Sohn,“ rief ich, ihm meine Hand reichend. „Er iſt glucklich?“ fragte ich.— „Wie ein Sterblicher es ſeyn kann. Ich kom⸗ me eben von ihm. Er glaubte ſeine Mutter in Italien oder in Zürich.“ Er erzählte mir von meinem Sohn, von ſei⸗ nem Glück mit ſeiner jungen Frau. Ich fragte, ob er wüßte, wie mein Sohn zu ſeiner Frau ge⸗ kommen waͤre. Er wußte alles, mehr als ich. Er war der Buſenfreund meines Sohnes, und Ag⸗ nes, Agnes! der Buſenfreund ſeines Bruders, ohne daß er es weiß; er iſt ſein Bruder! Sieh! Agnes, ſo lernte ich meinen Sohn kennen, und Iſabellens Engel und der Freund meines Sohnes drückte ſich tief in mein Gemüth. Die junge Predigerfrau in Holm hielt mir das Gemählde meines Sohnes vor die Augen, und ich erkannte auf der Stelle Iſabellens Engel und Sonnenbergs Buſenfreund. Ich war außer mir. Ich brauchte lange Zeit, mich wieder zu erhohlen von dem erſten Schrecken der Freude. — —õõõõö— — — ͦ— Aber in dieſem Augenblicke ſielen mir auch alle Schwierigkeiten ein, die das Erkennen eines Sohnes hatte. Ich wendete mich alſo, allen meinen Muth — zuſammenfaſſend, gegen den Prediger um, und ſagte ihm ſo ruhig wie möglich, daß ich in dem Bilde auch nicht einen Zug von den Altern des Kindes, das die Mutter, die meine Freundinn waͤre, ſuchte, gefunden haͤtte.. 4 Beyde, Mann und Frau, ſchienen mir nicht zu glauben. Man gab mir jetzt mein eignes Bild in die Hand. Sie hefteten Beyde ihre Blicke auf mich.. 4 Ich hatte das erwartet, und ſo blieb ich ruhig. Ich erklärte, daß ich das Bild nicht kennte, und zuletzt ſagte ich gerade zu, daß dieſes Kind das 4 rechte nicht ſey, das meine Freundinn ſuchte⸗ Und dennoch, dennoch flog mein Herz in ei⸗ ner unendlichen Bewegung.* Der Prediger ſagte mir gerade aus, daß ich keine geborne Italiänerinn waͤre. Ich geſtand es, daß ich dieſe Rolle geſpielt hätte, weil ich nicht wüßte, ob ich meiner Freundinn vorgreifen durfte. Aber dieſer Mann— ich nenne ihn mit Stolz den Freund meines Sohnes— ergriff mein Herz gewaltſam. Ich haͤtte ihm faſt geſtanden, daß ich die Mutter ſey; und wenn ich mich recht erin⸗ nere, was ich ihm beym Abſchiede antwortete, ſo habe ich es ihm geſtanden. — 41— Aber ſie kennen mich nicht; ſie wiſſen mei⸗ nen Nahmen nicht. Er iſt hier Prediger, und recht gut ſiebenzig Meilen von meinem Vaterlande entfernt. Ich bin ſicher, er wird mich nicht verrathen können. Ich war da unter dem Nahmen Sar⸗ tili. Wie kam ich zu dieſem Nahmen einer Frau, die lebt, und in unſerer Nahe lebt?— Mir fiel kein Anderer ein. Die junge Frau erzäͤhlte mir von meines Soh⸗ nes Kindheit, von ſeinen Spielen mit ihr, von ſeiner nachherigen Erziehung in Birkfelde, von ſeiner ſchönen, einfachen, edlen Seele. Ach, das alles ergriff mich ſo innig! Oft ſchweb⸗ te das Worr: ich bin ſeine Mutter! auf meinen Lippen. Ach, ich hätte mit Wolluſt ſeinen Spiel⸗ platz beſuchen mögen! Mit tiefer Rührung nahm ich von dieſen Menſchen Abſchied.. Ich konnte es meinem Herzen nicht abſchlagen. Mein Taubert mußte mich in einer ſtillen Nacht an den Strand führen. Zwey Schiffer aus dem Städtchen, wo ich wohne, hielten mit einem Boote am Ufer. Sie ſetzten mich über auf die Warte, wo man meinen Sohn gefunden hatte. Hier ſank ich nieder in den Sand, und be⸗ thete um das Glück meines Sohnes. Der Him⸗ mel war bewölkt, da ich niederkniete, und da ich mein Auge wieder erhob, leuchtete der Himmel äber mir hell, die Wolken lagen tief auf dem Meere. 4 Der Mond und die Sterne glaͤnzten mir freundlich entgegen.. Ich dankte Gott für dieſes Zeichen ſeiner Huld; und nun dachte ich, wenn die Wolken ganz unter den Horizont ſaͤnken, ſo ſollte mir es ein Zeichen ſeyn, daß alles glücklich enden würde. 4 Heller und ſchimmernder wurde die Nacht. ,— Ich konnte in weiter Ferne die Flammen auf dem Wartthurm hell ſehen. Der dunkle Wolkenſaum ſank immer dunkler und tiefer auf das Meer nieder.. Mein Taubert kam mehrere Mahle mich zu erinnern, daß es Zeit waͤre, zu gehen. „Nur noch ein paar Minuten, guter Tau⸗ bertl“ bath ich.. 2 4 Die Wolken verſchwanden, und die leuchten⸗ de Morgenröthe lagerte ſich aufs Meer und an den Himmel. Ich dankte mit fröhlichem Herzen Gott, und ging. 5 So weit bin ich, liebe Agnes! Auf acht Tage ſliege ich zu meiner Tante in Jütland, dann komme ich zu dir, um an deinem Herzen mich Raths zu erhohlen, was ich am beſten thun kann. So leb denn wohl, Agnes! Ich bin ei⸗ ne glückliche Mutter, aber langſam ſanken die dunkeln Wolken, und ſpät erſt gläͤnzte die Morgenröthe. O. ſprich, denn ich aͤngſtige mich daruͤber, bedeutet nicht ——— — 43— die Morgenröthe auch das Grab? Ich bin ein Kind; denn es ängſtet mich ſehr! ſehr! Leb wohl! Bald bin ich bey dir, meine Agnes! 1‧ Noch drey Tagen, da Ferdinand das Haus des Barons Bardeſtein verlaſſen hatte, um in Dresden Buürgern zu ſehen, ſagte Iſa⸗ belle, ihre Arme um ihrer Schweſter Hals ſchla⸗ gend:„und kaͤme er nicht wieder, Olympie: ſo müßte ich verſchmachten, aufs neue verſchmachten, Ach du weißt nicht warum!“ Olympie ſah ſie nur an. „Weil ich dich liebe, Olympie! Denn ich ſehe ja, wie du ſeitdem ſeufzeſt, daß er fort iſt. Oft hohle ich Nachts das Licht, und leuchte in dein Geſicht, wenn ich dich ſeufzen höre, und re⸗ den, und deine Lippen bewegen ſich ſanft im ſüßen Schlaf, und im Traum von ihm; ach, dann rede ich oft deine Lippen an, Olympie, und ſage: ſchöne Lippen, nennt ſeinen Nahmen!“ „Iſabelle, was ſagſt du?““. „Ach, die heimliche Wahrheit, die keine Dro⸗ hung, keine Marter aus meinem Munde hervor⸗ zuäͤlen ſoll, liebe Schweſter!? 5 Worte, die du im Schlaf redeſt, hörte ich dich — 44— „Denn mehr Mahl, wenn ich hinüberhorche in dein Bett, auf deine Seufzer, auf die leiſen ſchon drey Mahl“— ſie ſprang in die Höh’ und klatſchte in die Hände—„den Nahmen: ach Braune!“ „Iſabelle, o hör auf!“ „Und nahm ich das Licht, und ſchlich mich zu dir, ſo fand ich ja deinen laͤchelnden Mund und deine klopfende Bruſt voll Glück. Habe ich dich denn nicht geweckt, Olympie, wenn ich aus deinen verſchloſſenen Augen Thraͤnen hervorbrechen ſah? Sagteſt du nicht ſelbſt, Olympie, ein böſer Traum! und küßteſt mich, daß ich dich erweckt hatte?“ Da legte Olympie die Hand an die Stirn, und ſagte klagend:„Iſabelle liebt mich nicht mehr!“ Und Iſabelle verſicherte, ſie wollte nie wieder ſeinen Nahmen nennen. 3 Das kraͤftige, ſtarke Maͤdchen hielt Wort, ſo ſehr ihr Herz auch klopfte, und Olympie warf, nach acht Tagen ein Wort ganz von weiten hin/ das ihre Schweſter auf ihren Retter leiten ſollte. Iſabelle ſah ihre Schweſter an, und mit großmäüthiger Liebe der Schweſter jede Beſchäͤ⸗ mung erſparend, that ſie, als vergäße ſie ihr Ver⸗ ſprechen, und nannte Braunen, und verrieth der geliebten Schweſter ins Ohr, wie Braune Olympiens Kopf nur gemahlt für ſich; wie — 45— er es ſogar ihr, Iſabellen, habe verſchweigen wollen, wie Niemand ihn geſehen, als allein ſie, und wie er zuletzt eine Sternenkrone dem ſchönen Kopf um das Haupt geflochten. Olympie hörte die kleine Plauderinn l⸗ chelnd an, um ſie nicht wieder ganz zu verlieren. Und ſie fuhr fort, mit klaren lachenden Augen, die ſie aber gar nicht auf Olympien richtete, weil ſie wohl wußte, daß Olympie ihr dann bald die Hand auf die Lippen legen würde, ſon⸗ dern gegen die Decke, und die Hande legte die Kleine kreuzweis über ihre Bruſt, als ſey ſie fromm, und erzählte dann, was Braune von Olympien auf ſeinen Spaziergangen mit ihr, nicht erzählt, ſondern ſich hätte von ihr erzählen laſſen, über Schweſter Olympien, über ihr Thun und Laſſen, über jede Kleinigkeit,„und dann,“ fuhr ſie fort—„ſchlug er die gerührten Augen bald in die Wolken, bald zu Boden, als ſuchte er dich im Himmel und auf der Erde, bald in die weite Ferne, und Seufzer begleiteten ſeine Blicke; bald faltete er die Hände, bald ballte er ſie, dann“— hier ſah Iſabelle, daß ihre Schweſter die Hand ſchon hob, um ſie ihr auf die Lippen zu legen. Sie ſagte alſo geſchwind noch—„dann bath er mich, aufzuhören; aber ich wußte ja doch, daß er es gern ſah, wenn ich wieder von dir anfing.“ Sie ſiel der Schweſter um den Hals, und dann banzte er fröhlich im Zunmer umher. — 46— Wie konnte der armen Olympie Herz zu Ruhe kommen? Es war nicht möglich. Es war nicht Muthwillen von Iſabellen, es war ihr volles Herz, das nicht leiden wollte, wenn Braune verleugnet wurde; es war eine unendliche Liebe in des Kindes Bruſt gegen Brau⸗ ne und Olympie, die ſie dahin brachte, an Olympiens Geburtstage einen ſchön gezeichne⸗ ten und äͤhnlichen Kopf Braunens, den ſie ihm abgetrotzt hatte, mitten in der Nacht an den Bettvorhang Olympiens zu befeſtigen, damit er ſie, wenn ſie die Augen aufſchluge, zuerſt be⸗ 4 grüßen ſollte. Die arme Olympie erblickte den Kopf, erroͤthete, und hüllte ſich ſchamhaft in ihr Bett. Zum erſten Mahl machte ſie Iſabellen Vorwürfe; da aber Iſabelle ſo traurig ſagte: „ach, ich wußte gar nichts Beſſeres, Olympie, an deinem Geburtstage, als dir mein Allerlieb⸗ ſtes zu geben, was ich hatte, den Retter deiner Schweſter!“ ſo drückte Olympie die Schweſter an das tief bewegte Herz, und ſagte:„verzeihe meine Hitze, die ſo oft vich verkennt„ Iſa⸗ belle!“ „Deine Hitze?“ fragte Iſabelle, ganz erſtaunt. Olympie nahm den Kopf, betrach⸗ 44 tete ihn; und um die Kleine zu verſöhnen, hing ſie ihn den Tag lang, mit Blumen umkränzt/ auf ihr Zimmer⸗ 88 3 — 47— Iſabelle war ſehr gluͤcklich; aber wenn ſie ihre Schweſter anſah, ſo erröthete die, und Iſabelle errieth, daß Olympie den Kopf ihrentwillen mit Blumen bekraͤnzt hatte. So war der Herbſt hingegangen, und mit jeder Woche mehr ertrug es Olympie geduldi⸗ ger, daß Iſabelle von ihm redete. Iſabelle redete allein, und Olympie, auf ihre Arbeit gebückt, antwortete nur mit Er⸗ röthen, mit Seufzern und Bewegungen. Nach und nach aber ſagte ſie ein Wort da⸗ zu, wenn Iſabelle ſein Lob uübertrieb. Die Kleine— der Himmel mag wiſſen, ob ſie einen Plan hatte, oder nicht; aber ſie ſah doch gar zu muthwillig dabey aus, uüͤbertrieb nun oft, und Olympie gewöhnte ſich daran, mit ihrer Schweſter von Brau ne zu reden, und von ihm geden zu hören; und haͤtte Amor Iſabel⸗ lens Geſtalt angenommen: er haͤtte nie beſſer für Braunen reden können als Iſabelle ſelbſt. Die Kleine hatte recht wohl einen Plan, und zwar den, in Olympiens Herzen die Lie⸗ be gegen ihren Retter lebendig zu erhalten. Daß Ferdinand ihre Schweſter liebte, hatte ſie er⸗ rathen; denn das Kind kannte die Liebe aus des Vaters Unterricht ſehr gut, der ſich viel damit wußte, ſeine Toͤchter über dieſe gefährliche Lei⸗ denſchaft ſelbſt zu belehren. Hätte aber Iſabel⸗ — 43— le dieſen Unterricht nicht gehabt: ihr voreilendes Herz hatte ihr dennoch Ferdinands und ihrer Schweſter Liebe verrathen. Sie ſelbſt liebte Fer⸗ dinanden, ihren Retter, mit der ganzen Kraft ihrer heißen, muthigen, dankbaren Seele, und ihre Schweſter liebte ſie unter allen Menſchen am meiſten. Daß der Mann, der ihr Leben gerettet hat⸗ te, er mochte ſeyn, wer er wollte, in ihrem Hauſe bleiben mußte, ſchien ihr höchſt natürlich, und ſie durfte nur ein Mahl, nur ein Mahl ge⸗ wiahr werden, mit welchem Blicke Ferdinand Olympien betrachtete, gewahr werden, mit welchem Blick Olympie ihn: ſo bildete ihr Herz, das nach einem Mittel ſuchte, ihrem Retter ih⸗ ren Dans zu zeigen, den Wunſch, ihre geliebte Schweſter als die Frau ihres Retters zu ſehen. Das war ein kindiſcher Gedanke, der aber ſehr bald recht feſt wurzelte, da ſie Olympien beobachtete, und ſehr wohl ſah; da ſre Ferdi⸗ nanden beobachtete, und auch ſah. Daß man dem Retter einer Tochter die Hand der andern Tochter abſchlagen könnte, ſiel ihr nicht im Traume ein.„„ Sie meinte, Ferdinand dürfte nur ſa⸗ gen, daß er Olympien liebe, und mit Freu⸗ den wurden die Altern einwilligen. Was ihr uüͤber alles die Gewißheit gab, war, — 49— ihre Mutter erkundigte ſich bey Iſabellen ganz leiſe, was denn Braune auf den Spaziergaͤn⸗ gen mit Olympien redete. Iſabelle erzählte ein wenig, viel verſchwieg ſie. Die Mutter fragte weiker; denn die Mutter hatte noch beſſer geſehen, als Iſabelle— und ſie fragte mit einer Unruhe, mit einem Eifer, mit einer Neugierde, die Iſabelle an der weiſen, ruhigen Mutter nicht gewohnt war, nach Dingen, die Kleinigkeiten waren, ob Olympie viel nach Herrn Braune fragte, was er machte; ob Herr Braune viel von Olympien mit ihr redete; und da Iſabelle rathſelhaft antwortete, ging die Mutter näher heraus, und Iſa belle erzaͤhl⸗ te ihrer Mutter alles, und verrieth gar nichts. Aber bey dieſer Gelegenheit ſah ſie mit Schre⸗ cken, welchen viel höhern Werth ihre Altern auf den Adel legten, als auf ihre Rettung durch Braune. Olympie liebt ihn, er liebt Olympien Er iſt mein Retter! Ich muß ihm helfen! das war Iſabellens klarer Plan, den ſie aber mit jedem Tage in dem denkenden Köpfchen, und in ihrer warmen, vollen, liebenden Bruſt heller aus⸗ arbeitete. Sie wollte vorerſt von Olympien das Ge⸗ ſtaͤndniß ihrer Liebe, und in der That, ſie arbei⸗ Laſont. die Pfarre zc. III. CG — kete ſich auf dem ſchnurgeraden Wege an das Herz ihrer Schweſter hin. Sie hatte ihr alle Tage noch etwas von Fer⸗ dinanden zu erzählen, was er geſagt, was er gedacht, was er gethan hatte. Jſabelle war im⸗ mer um ihn gewefen. 3 Die wilde Hummel, die ſonſt mit ihrem Reh im Garten und Felde umherſchwärmte, drängte ſich jetzt mit einem warmen Herzen, mit einer ge⸗ waltſamen Leidenſchaft an das Herz ihrer Schwe⸗ ſter, und Olympie ſah ja wohl, daß das Ge⸗ heimniß, was ſie ſo jungfraͤulich in den dunkeln Tiefen ihrer Seele unberührt bewahrte, ihrer Schweſter nicht entgangen war⸗ Aber Olympie ſah zugleich vie Unmöglichkeit des Gelingens, und ſo ſtellte ſie dem Entſchluß Ifabellens, ihr das gefährliche Geheimniß zu entreißen, den fe⸗ ſten Entſchluß entgegen, es ſich nicht entreißen zu laſſen.. Und ſo naͤherte ſich die Zeit, da ſie in die Re⸗ ſidenz abreiſen ſollten. Iſabelle hörte den Vater den Tag der Ab⸗ reiſe beſtimmen, und ſie ſtürzte in Olympiens Zimmer, und rief:„wir ſehen ihn wieder, Olym⸗ piel« 5 Sie hing an ihrem Halſe, und rief: wir ſe⸗ hen ihn wieder! Olympie, freue dich. O ich Aaebe dich, freue dich! O ſage mir doch, daß du atalic biſt, wie ich glücklich bin! Wie ichs ſage⸗ — 51— dem Vater, der Mutter! allen Menſchen! daß ich ihn wieder ſehe. Sag, biſt du glücklich?“ „O Himmel, liebe Iſabelle, wie heftig du auch biſt! Es iſt mir lieb! es iſt mir ange⸗ nehm!““ „O,“ rief Iſabelle mit zornigen Augen, und feindlich zurücktretend— niſt das ſein Lohn, daß er dich ſo ſehr liebte? Haͤtte er mein Reh ge⸗ rettet, ich würde ihm anders danken. Lieb? ange⸗ nehm? O. Schweſter, Schweſter! ich fürchte, du verachteſt ihn auch wie die andern, weil— ja ich muß es vom Herzen losſeyn— weil er nicht von Adel iſt. Nein, es iſt dir nicht einmahl lieb, daß er wieder kommt!„Sie brach in heiße Thraͤ⸗ nen aus. Dagegen halte ein Herz aus! Olympie wollte die beleidigte Schweſter be⸗ ruhigen; aber Iſabelle wurde nicht eher wieder — gut, als bis Olympie ihr nachſagen wollte, daß die Reiſe in die Stadt ſie glücklich machte. Olympie ſah ſie einen Augenblick an; dann rief ſie mit Thraͤnen:„Ja, Iſabelle, ja, es macht mich glücklich, ach glücklicher, als gut iſt, Ifabelle!“ Auch das ſollte ſie nicht ſagen. „Ach Ifabelle,“ rief Olympie—„hät⸗ te ich doch deinen kindiſchen Muth!⸗⸗ „Muth, Olympie! Höre,“ ſagte ſie dann peinend:„Hattet Ihr meine Liebe, Ihr hättet auch meinen Muth! kindiſch iſt er nicht.“ Sie verließ das Zimmer. Da ſagte Olym⸗ pie, beyde Hände auf ihr Herz legend:„O deine Liebe habe ich; ach! hätte ich deinen Muth, zu ſagen, wie glücklich ich bin! O ich ſehe ihn wie⸗ der!*⸗ Iſabelle brachte mit ihrer Freude, ihren Retter wieder zu ſehen, das ganze Haus in Auf⸗ ruhr. „Und freur ſich Olymiye auch?“ fragte die Mutter. Iſabelle antwortete:„Niemand liebt ihn, als ich; Niemand freut ſich, ihn wieder zu ſe⸗ hen, als ich.“ Die Muttey läͤchelte, und ſe fuh⸗ ren in ihre Reſidenz. 44 Iſabelle war nun dreyzehn Jahre alt ge⸗ worden. Unterwegs hatte der Vater Oly mpien ſo viel Regeln ihres Verhaltens gegeben gegen den jusgen Raphael— ſo nannte er Brou⸗ nen— wenn er wieder käme. Olympie ſchwieg; aber Iſabelle ſagte lachend:„Da ſagte ich lie⸗ ber ymyten glech⸗„Du haſt weder ein Au⸗ ge, noch ein Ohr, noch eine Zunge für den jun⸗ gen Raphael.“ 2 Der Vater ſtockte ein wenig. Aber dann hob er aufs Neue an:„unn auch du, liebes frehlichis Kind, und auch du— Iſabelle ließ r nicht ausreden.„Water, - — 53— rief ſie—„wenn ich ihn ſehe, ſo muß ich auch mit ihm reden, muß ihm zulächeln, muß ihm die ſchön⸗ ſten Nahmen geben, die ich auffinden kann. Ich muß die Hand drücken, welche ihre ſterbende Iſa⸗ belle ins Leben rief, die meine wunden Füße nuſch, die mich trug, da ich nicht gehen konnte.“ „Das ſollſt du, du wildes Ding, nur biſt du jetzt im vierzehnten Jahre, und ſcheinſt funf⸗ zehn.“ 4 „Iſt Dankbarkeit nur eine Kindertugend, lieber Vater?“ „Nein, du ſollſt dankbar ſeyn; nur im Bey⸗ ſeyn anderer Menſchen.“ „Ich will Jedem dabey ſagen:“„Er iſt mei⸗ nes Lebens Retter. 11⸗ „Verſteh mich, Ifabelle; nur das üÜber⸗ maaß."¼ᷣ— 3 Ach, lieber Vater, ich fühle ja, ich werde mein Leben, mein ganzes Leben hindurch nicht dankbar genug ſeyn können.“ Die Mutter gab Iſabellen einen ernſten Wink, und ſie ſchwieg. Sie ſchwieg wohl; aber ſie war dreyzehn Jahre alt, und das war das ganze Unglück. Sie fühlte nichts als ihre Liebe zu dem Retter ihres Lebens, und über alles andere, was ihr im funfzehnten Jahre unſchicklich erſchienen waͤre, ſah ſie weg. Sie fühlte in ihrem Innern einen heftigen Widerwillen gegen die Falſchheit, gegen die be⸗ 1 truͤgende Nichtachtung, womit ihr Vater Ferdi⸗ nanden behandelte. Er nahm den Retter ſeiner Tochter in ſein Haus, um ſich mit dem Gefühle der erfuͤllten Dank⸗ barkeit wohl zu thun, um eine Bitte des Fuͤrſten zu erfüllen, um ſeine Töchter von ihm im Zeichnen und Italieniſchen unterrichten zu laſſen. Er ſuch⸗ te von ſeinem Wohlthäter Vortheil zu ziehen, und verachtete ihn. Das Gerechtigkeitsgefühl iſt an dem Kinde am ſchaͤrfſten. weil es noch keine Ausnahm macht. Das Maͤdchen war auf der Reiſe ſtumm und äͤbellaunig, und da ſie mit Olympien auf ihrem Zimmer allein war, da warf ſie ſich mit den heftigen Thraͤnen des Zorns in Olympiens Ar⸗ me, und ſagte:„O verachtet ihn alle! alle! alle! auch du, Olympie! Ich werde ihn ewig lieben. Aber,“ fuhr ſie heftig fort—„er ſoll ſeinen Fuß nicht über die Schwelle ſetzen. Ich will ihm ſagen: Gehen Sie, ogehen Sie, Braunel Alle verach⸗ ten Sie hier im Hauſe, nur ich nicht! Ich allein nicht! das werde ich ihm ſagen, ehe er noch über unſre Schwelle tritt.“. Olimpie ging indeß umher, um ein we⸗ nig Ordnung im Zimmer zu machen; aber ſo, daß ſie IJſabellen nie das Geſicht zuwendete. Aber auf ein Mahl wendete ſie ſich heftiger als gewöhn⸗ lich zu Iſabellen, und ſagte mit Thräͤnen: 8 „Ja, ſage es ihm, Iſabelle, ſage es ihm! Es iſt für uns Alle beſſer! Sage es ihm! Mein Herz iſt ohnehin zerriſſen! Sag es!“ Iſabellens Thraͤnen ſtockten. Sie ſah ihre Schweſter erſchrocken an, und da Olympia erblaßte, und immer mehr erblaßte, da warf ſich das heftige Madchen auf die Knie vor ihre Schw⸗ ſter, umfaßte ſie, drückte das Geſicht in ihr Ge⸗ wand, und bath leiſe, aber heftig ſchluchzend:„O ſo ſag mir, ſag mir, Olympia, was dein Herz zerreißt? O ſag mir's doch, daß du ihn liebſt; denn dich liebt er ja! Sag mir's doch, o liebſte Olym⸗ pia! Du weißt ja, wie ich⸗ ſchweigen kann! Aber ich muß ja ſterben, wenn ich nicht weiß, was dich Juält, du Fromme, du Gute, du Liebe!“ Die Seene war ſo gewaltſam, der Schmer Iſabellens ſo leidenſchaftlich, und Olympi⸗ ens Herz ſo unendlich bewegt, daß ſie, einen Augenblick ſich vergeſſend, Iſabellen empor zog, und mit leiſen ruͤhrenden Toöͤnen ſagte:„Ja! ich liebe ihn! Ja, Iſabelle. Ich— ſie legte die Hand über die weinenden Augen. Sie fühlte mit Schmerz, Reue und Scham, was ſie gemacht hatte. Iſabelle ſtand in der Ferne, noch die bey⸗ den Arme in eben der Stellung, als ob ſie ihre Schweſter noch umſchlungen häͤtte, und ſah, ohne ein Wort zu ſagen, ihre Schweſter an. Sie mneinte mit jedem Augenbli ck) Oly mpie ſollte ——— — 56— fortfahren, ſich zu erklären. Denn ſie begriff doch wohl, daß„ich liebe ihn!“ noch etwas hinter ſich hatte. Da aber Olympie ſich ſtumm abwendete, ging ſie hinaus, mit dem erſtarrten Geſichte und den umſchlingenden Armen, und dachte, und ſann, und in ihr Geſicht kehrte das Leben, ein ſanftes Läͤcheln, dann die Freude, dann der höchſte Tri⸗ umph. Sie ſprang empor, und klatſchte die Hän⸗ de zuſammen. Olympie liebte ihn, er Olympien. Die Schwierigkeiten? das war ihr laͤcherlich. Was hät⸗ te ſie nicht für Braunen gekonnt, gethan? Sie ſah frey und trotzig um ſich her, als wollte ſie noch mehr Hinderniſſe heraus fordern, die zu überwin⸗ den waren. Sie war dreyzehn Jahre als; das hatte die Schweſter bey ihrem Geſtändniſſe nicht bedacht. Es zurücknehmen, ging nicht. Nicht ein Wort weiter reden, noch weniger; denn Iſabellens wechſelnde Empfindungen der Heftigkeit, des Zorns, der Weichheit, der Begeiſterung riſſen Olympi⸗ en zuletzt doch weg. Es war nicht anders. —— 2.— Sorgenvoll nahm Ferdinand den Weg nach 4* der Hauptſtadt. Kein Menſch auf der Erbe wuß⸗ — 97— te etwas von ſeiner Liebe als Buͤrger, und der ſchrieb ihm kurz vor ſeiner Abreiſe von Sonnen⸗ bergen.„Schüttle deine Liebe ab im feſten Glau⸗ ben an deine Staͤrke wie ſchmaͤhliche Feſſeln! Sieh der Gefahr muthig ins Geſicht, wie ſonſt, Fer⸗ dinand, und deine Waffen ſind gefeyert. Esſchmerzt. Es ſoll ſchmerzen, lieber Ferdinand! Was iſt denn der Schmerz, wenn du dich losgeriſſen, anders, als die Fußſchelle, die du aus dem Gefängniß mit⸗ nimmſt, und die der Freund dir abfeillt? Komm zu mir! Treibe dich nicht unter dem Volk umher, deſſen Ahnen unſere Vorältern wie ihr Wild, wie ihre Hirſche hetzten, die uns durch Hunger und Wachen zahm machten, damit wir, wie ihre Fal⸗ ken, für ſie raudten, die gern das Brandmahl der Knechtſchaft auf unſre Stirn unauslöſchlich drückten, damit ſie allein das Ebenbild Gottes trü⸗ gen. Sage nicht, Ferdinand, wie in deinem letzten Briefe:„Es iſt nicht mehr ſo!“ „Es iſt noch ſo! es iſt ſo, weil es ſo ſeyn muß, weil es nicht anders ſeyn kann! Sie leiden uns, weil ſie höflicher geworden ſind, weil wir ih⸗ nen Trotz gegen Trotz ſetzten, Arm gegen Arm, Waffe gegen Waffe, nicht weil ſie anders denken. Der Menſch iſt ſo; nicht der Adel. In jedem Meu⸗ ſchen, auch in uns, wohnt der Herr, der Herr⸗ ſcher, der ringsnn nur Sclaven ſehen möchte. Die⸗ ſes Herren⸗Gefühl im Menſchen, keinen ausge⸗ nommen, praͤgte Gott in den Menſchen, damit er C* — 56— der Bewahrer der menſchlichen Freyheit, des Eben⸗ bildes Gottes in uns ewig ſeyn ſollte. Wir haſſen die Knechtſchaft, weil wir Knechte ſind; ſie nicht, weil ſie Herren ſind, und das alles, weil wir Men⸗ ſchen ſind. „Sie denken jetzt beſſer,“ ſagſt du! Wer läugnet das? Iſt nicht Sonnenberg dein Freund, und meiner? Arbeitet nicht der all⸗ mächtige Zeitgeiſt an ihnen wie an uns? Aber das iſt das Graͤßliche an dem Menſchen, nicht an ih⸗ nen, und das Nothwendige, daß Jeder beſſer ſeyn will, als der Andere. Lies Roms Geſchichte, war es anders? War nicht der Spartaner der Adel, der Lazedämonier der Unterthan, der Helot der Leibeigene? Es muß ſo ſeyn, weil es ſo ſeyn muß, um uns zu bewahren, je zu ſchlummern. Gib ih⸗ nen Gelegenheit, Zeit, Macht, und ſie ziehen die Gränze des Heiligen, des Göttlichen um ihren Stand, wie der Bramin in Indien. Das iſt es, was ewig den Krieg zwiſchen ihnen und dem Burger erhalten muß, weil ſie ſich vermeſſen, mehr zu ſeyn als Menſch; und ſind wir nicht Men⸗ ſchen wie ſie, was ſind wir denn? Heloten! denen man die Freyheit biethet, aber nicht den Adel, um für den Adel zu ſterben. Alles, was ſie dagegen ſagen, ſind höfliche Worte, geſchliffene Sitten, ein Vertrag mit dem jetzigen Augenblick. Der Geiſt iſt der alte, und bleibt ewig der alte, der nothwendige Geiſt, der ehemahls wohlthätig die Erde bevöͤlkerte und be⸗ baute, und verſchönerte, das Gerüſt des Lebens, das fallen muß, wenn nun das Leben erbaut daſteht. Es muß eine Zukunft geben, wo der Nahme Menſch der höchſte Nahme auf Erden iſt. Schei⸗ de unter ihnen aus, Ferdinand: denn ſie dür⸗ fen den Menſchen nicht achten, wenn auch den Kunſtler, wenn auch den muthigen Mann!“ Das ſchrieb er, das ſchrieb Bürger; und Ferdinand wurde immer noch unruhiger. Aber er hatte verſprochen, zu kommen; und ſo machte er, was der Muth und die Schwaͤche des Herzens immer macht. Er ſchloß einen Waf⸗ fenſtillſtand mit dem Feinde, dem er trotzig entge⸗ gen treten ſollte. „Ich gehe,“ ſagte er—„um auf immer zu ſcheiden.“ „Auf immer!““ klang es in ſeinem Herzen ſeufzend nach. Maͤchtig raffte er ſich nun empor, und ſtell⸗ te der Gefahr„ die ihm drohte, eine lachende Stirn, einen freyen Muth entgegen. Manchmahl dachte er dennoch:„Es iſt jetzt anders! Es iſt nicht ſo, als Bürger ſagt. Aber las er wieder Bürgers Brief, und die Nachſchrift ſeines Briefes mit großen Buchſtaben: „Habe ich Unrecht, Ferdinan d, ſo finde mie eine adliche Familie, der es gleichgultig iſt, o⸗ 8 1 1 — 60— 3 Ihre Tochter oder ihr Sohn eine Bürgerfamilie critt, und findeſt du die nicht: welchen andern Grund haben ſie denn, als den Römiſchen: quam aliam vim counubia promiscua habere, nisi ut ferarum prope ritu vulgentur concubitus plebis patrumque?“— „Gut denn,“ rief er—„ich komme und ge⸗ he! Er hat Recht!“ Er kam in der Reſidenz an, trat in einem Gaſthofe ab, und ging zu dem Baron. Der, den der Fürſt geſtern noch gefragt hat⸗ te:„Wo haben ſie denn Ihren Künſtler? Ich bit⸗ te ſie, Baron, halten ſie ihn ja in Ehren, damit er bleibt;“ der Baron alſo empfing Ferdinan⸗ den mit des innigſten Vertrauens offner Freude; 3* und ehe ſich Braune es verſah, waren ſeine Sachen aus dem Gaſthofe in des Barons Hauſe. Der Baron, in der Freude, ihn wieder zu ha⸗ ben, und im Stolz über ſeine eigene Herablaſ⸗ ſung, überſchritt, wie gewöhnlich der Menſch in Freude und Triumph, die Gränze. 8 Er führte Ferdinanden leiſe zu dem Zim⸗ mer ſeiner Töchter, öffnete es, rief hinein:„Hier habt Ihr ihn wieder!“ bückte ſich gegen Brau⸗ ne vertraulich, und ging. 4 Neben der aufſpringenden Iſabelle fielen Tiſch und Stuhl, und ſie hing an ſeinem Halſe⸗ mit Thränen, mit Jauchzen und allen ſtürme. den Wirbelwinden der entgegen geſetzten Empfin — 61— dungen. Sie wollte ihm mit einem Athenzuge alles ſagen, was ſeitdem gedacht, geſchehen, ver⸗ andert war. Sie ſagte nur athemlos das Wort: „Olympie!“ und nun hielt ſie mit einer Hand ſeinen Hals umſchlungen, mit der andern ergriff ſie heftig Olympien, die ſich langſam näherte, riß ſie heran, und ſagte wieder athemlos:„Da! da haſt du ihn wieder!“ Dieſe, alles aus dem Wege reißende, Lei⸗ denſchaft des Mädchens riß jedesmahl Olympien, ſie mochte machen, wos ſie wollte, mit ſich fort. Sie reichte Braunen die Hand und empfing ihn mit einem Blicke, der zu ſchön war für den bloßen Empfang des Freundes. Iſabelle ſtand darneben, ſah mit dem hell⸗ ſten, theilnehmendſten Lächeln ihn an, dann Olym⸗ pien; dann umfaßten ihre beyden Arme auf ein Mahl Olympiens Hals und Ferdi⸗ nands, und ſie rief mit der Freude jauchzender Stimme:„Siehſt du, Olympie, daß ich ihn kenne; ſiehſt du, daß er wieder hier iſt? O Brau⸗ ne, o Ferdinand! Nicht wahr, ſie dachten an uns, an Olympien, an mich? Sie konnten den Winter nicht abwarten, wie wir. Sie hoff⸗ ten auf den erſten Schnee, wie ſonſt auf die er⸗ ſte Schwalbe, auf das Geſchrey des Schneevo⸗ gels, wie ſonſt auf die Nachtigall? O nicht wahr?“ 3 Geſchwind ſiel Olympie, welche Iſabel⸗ — —,— 3 ——— 62— lens Freude fuͤrchtete, ein, und mit einer Freu⸗ de, die ſie ihrer Schweſter nachmachte:„O wie wird meine Mutter ſich freuen! Kommen Sie!“ Sie brachten ihn zu der Mutter, und Fer⸗ dinand ſagte in ſich:„Nein, Bürger hat Unrecht, es iſt jetzt anders!“ Aber er blieb gegen Olympien fremd, in ehrerbiethiger Ferne. Eben dieſen Abend war die erſte große Ge⸗ ſellſchaft bey dem Baron. Der Künſtler trat an Iſabellens Seite in den Saal. „Mein Freund, Herr Braune,“ praſen⸗ tirte ihn der Baron den wenigen Anweſenden mit freundlicher, warmer Großmuth.„Ich habe dem 3 . 4 1 Fürſten ſchon geſchrieben, daß ſie hier ſind,“ ſetz⸗ 1 te er hinzu. Er erzählte des Fürſten Achtung für den Künſtler; von ſeiner Tochter Rettung nicht ein Wort. Da trat durch die geöffnete Flügelthür ein Schwarm Damen, eine nach der andern. Iſa⸗ belle ſtand mit finſterm Blick neben Braune, und ſagte, ihn lächelnd anſehend:„Sagen ſie mir, welche Ihnen gefäallt; mir nicht eine!“Hin⸗ ihnen folgte der Baroninn Bruder, Oberſt eines Regiments, und Iſabelle hing an ſeinem Halſe mit lautem Freudengeſchrey, und der Oberſt warf Hut und Stock hin, um ſeine Belle in die Höhe zu heben und ſie zu küſſen. Und ſie focht mit ihm und erzählte und küß⸗ — 63— te ſeine Hande, und ſah die Officiere nicht, die den Oberſten begrüßen wollten, und nahm die atlaßne lange Schleppe hoch auf den Arm, und lief dem Oberſten vor zu Braune, und wieder Purück zum Oberſten, ihn zu treiben, weil er ſo langſam ſchritt, und der Oberſt, ein alter Apo⸗ ſtelkopf, beſah ſich Braunen mit frohen Bli⸗ cken, und ſchlug den Takt ſeines Regimentsmar⸗ ſches zu ſeiner Freude mit der aufgehobenen Hand, die er um Braunen ſchylug, um ihn an das Herz zu drücken!„Worte, mein lieber Sohn, habe ich nicht!“ rief er leiſe; aber der ganze Saal konnte es hören, ſo durchdringend war ſein Baß—„denn ich bin Soldat; aber Thaten habe ich, und ein Herz! Und dieſes Maͤdchen da,“ fuhr er fort, auf Braunens Hand, die er hielt, mit den Fingern der andern Hand trom⸗ melnd—„liebe ich wie meine Ehre, weil ſie ſo muthig iſt, und ehrlicher als hier alle,“ ſetzte er fliſternd hinzu.„Und die haſt du mir gerettet, lieber Junge!“ Er endigte mit einem tüchtigen Schlage auf Braunens Schulter! und dann gab er ſeinen Officieren Gehör. Da trat herein—„ach!“ ſeufzte Iſabel⸗ le, und wendete den Blick auf Braunen— „der iſt mein Bruder!—“ Er trat herein, in der glanzenden Gardehuſaren⸗Uniform, Olym⸗ pien äaͤhnelnd, aber ohne Charakter; neben der Uniform, ſo nannte Iſabelle ihren Bruder, * ing ein Milch⸗ und Schaumgeſicht—„ein Herr von Boiſen!“ ſagte Iſabelle, und Ferdi⸗ nanden überlief ein Schauer. 4 „Iſt er Ihres Bruders Freund?“ fragte er ſchnell.— „Freund?“ ſagte ſie heftig—„Könnte mein Bruder einen Freund haben: o was gäben wir darum!“ Da kam durch die offene Thür ein lautes Gelächter, und das Gelachter gehörte dem Präſi⸗ denten, Alex ander von Boiſen, dem Bru⸗ der von Eberhardinens Vater. Eine große Glatze, das blonde Geſicht, mit rothen Flecken hin und wieder getiegert, zwey ſchmale rothe Streifen ſtatt der Lippen, erloſchene Augen, die aber dennoch von Zeit zu Zeit auf eine ſchöne Geſtalt, oder auf einen ſchönen Rücken durch zwey Gläſer hinblitzten; eine hohe Geſtalt, auf deren Skelet die Kleider nur ſchlotterten, ruhte auf zwey ſteif gewordenen Knien und Füßen, wel⸗ che die Gicht oder etwas noch Schlimmeres ein, wenig unbrauchbar gemacht hatten. Er ſetzte 66 ſogleich an dem Eingange auf einen Stuhl, und ſuchte mit ſeinem Glaſe die Bekannten im Saal. Die Hande bewegten ſich, als ob er Karten miſch⸗ te. Er wußte ſelbſt nicht, war es Gicht, oder Gewohnheit vom Kartenſpiel.“ Hinter ihm kam die Praͤſidentinn, ſeine mahlinn, die hochgeborne Gräſinn Sonders breit, aufgeblaſen, ſich ſpreitzend und rauſchend wie ein Pfau. Sie hatte die Schönheit ihrer Jugend durch weiße Schminke und Edelgeſteine noch ein Mahl aufgelegt. Roth gebrauchte ſie nicht. Ihre Wangen waren mit dem hohen Pur⸗ pur faſt der Betonien gefärbt. Sie war rund, und das ſowohl, als ihr Hochmuth, machten jede ihrer Bewegungen langſam. „Alles Erhabene bewegt ſich langſam,“ ſagte ſie. Ihr Mann, dem von dem Witze ſeiner Ju⸗ gend nur das Gelaͤchter geblieben war, womit er den Witz ſonſt begleitete, lachte überlaut, wenn ſie ſo ſagte. Aber er lachte zu allem. Ferdinand erſtarrte, da ihm Iſabelle den Präſidenten nannte und ſeine Gemahlinn. Er zitterte vor dieſen Geſtalten, die ehedem ſo nahe mit denen, die er liebte, verknüpft geweſen waren. Er wußte nicht, daß ſie noch viel näher mit ihm verbunden waren. Der Baron präͤſentirte ſeinem Sohn den jun⸗ gen Mahler. Der Huſar bückte ſich leicht. Der Vater fand für gut, dem Sohne das Verhält⸗ niß des edlen Kunſtlers mit dem Fürſten ausein⸗ ander zu ſetzen. Der Huſar bückte ſich nicht an⸗ ders. Der Pater ſagte ſogar, daß er ſeine Schwe⸗ iſter gerettet haͤtte. Die Uniform bückte ſich wie⸗ der, und eben wie vorhin; nach fünf Minuten ſaß er zwiſchen der Praſidentinn und zwey Hof⸗ damen zum Spiel, wie die meiſten. Oty mpie ſaß neben einem alten Fraͤulein, das zur Familie mit gehörte, zu arm war, um zu Hauſe ſich ſehen zu laſſen; aber doch noch reich ge⸗ nug, eine Kleidung für eine Aſſemblee im Stan⸗ de zu erhalten. Sie hatte keine Freude des Le⸗ bens übrig behalten, als auch in eine Geſeilſchaſt zu fahren, wo ſie verſpottet wurde⸗ Wo Olympie war, fand ſie Schutz an dem Maͤdchen, ſie gab jedem, der ſich naherte, einen ſo freundlich bittenden Blick, daß Niemand das Herz hatte, zu ſpotten, und ſie ließ ſich geduldig von der Alten, die auch ein Mahl ihre Zeit ge⸗ habt hatte, ihre Zeit erzählen. 8 Iſabelle lachte über das Fraäͤulein nicht; aber ſie verachtete ſie.„Warum bleibt ſie nicht weg? 2* „Sie kann nicht, Iſabellel Sie kann nicht,“ ſagre Olympie ſeufzend. Braune redete mit einem Manne, der nicht ſpielte, über Italien. Der Oberſt, der das Spiel nicht begreifen konnte, und der allemahl nach ei⸗ ner halben Stunde aufhörte, und wieder anfing, ging ab und zu von Olympien zu Ifabel len, dann zu Braune, dann zu ein paar jun⸗ gen, feinen Maͤdchen, die auch nicht ſpielten. Iſa⸗ belle war in ewiger heftiger Bewegung mit al 1 kom, und gegen alles. Ihre Schleppe band ſie an ihren Gürtel⸗ die Mutter mochte winken/ ſo viel ſie wollte, und ſ —(—— — 67— aufgeſchuͤrzt flog ſie durch den Saal, hockte ſich hierhin bey ein paar Madchen, von denen ſie eins Kebte, küßte Hand, Mund und Kleid, plaudert⸗ mit Engelsfreundlichkeit erſt leiſe, dann lauter als des Praͤſidenten Geläͤchter, trug Erfriſchungen um⸗ her, aber nur Leuten, die ſie auch liebte, ſuchte das ſchönſte Obſt für Ferdinanden und Olym⸗ pien aus, war überall, und doch immer wieder bey Braune. Das Schaumgeſicht hatte Olympien eine Karte gebothen. Olympie ſchlug ſie aus. Er ſpielte; aber doch ſaß er ſo, daß er Olympien im Auge hatte, und Iſabelle, die ihre Augen überall hatte, und wohl wußte, was geſchehen ſollte, zog ein paar junge Maädchen zwiſchen Olym⸗ pien und das Schaumgeſicht. Es war ein Hin⸗ und Hertreiben zwiſchen des Barons und Boiſens Familie. Der Praͤſi⸗ dent hinkte zu Olympien, küßte ihre Hand, lachte überlaut, ehe ſie den Mund öffnete. Olym⸗ pie war recht höflich. Da aber der Sohn des Vaters Stelle erſetzte, ſpann ſie das Geſpraͤch über die gute alte Zeit mit dem Fraäulein fort, und gab nichts auf Boiſens beſte Einfaͤlle. Das war ihre einzige Wehr gegen ihn. Iſabelle hatte andere Waffen. Der Baron aber entführte das Fraäulein, und Olympie mußte ſich gegen Boiſen wen⸗ den. Da flog Iſabelle ihr zu Hülfe. Sie brach⸗ — 68 te ihm zehn Teller mit Speiſen, preis ihm jede mit einer langen Rede, hatte hundert Fragen, fiel ein zwiſchen Frage und Antwort, mit ganz frem⸗ 1 den Ideen. Die Uniform kam dem Freunde zu Hülfe; der Oberſt Iſabellen, deren Stimme er hörte. Die Uniform floh da, wo der Oberſt erſchien, und Iſabelle vertraute dem Oberſten nickend drey 3 Worte, die der Oberſt nickend und den Takt ſchla⸗ gend anhörte; da war der Oberſt Olympiens Ehrenwache, und Boiſen kaͤuete an ſeinen Nägeln. Den andern Tag machte der Baron ſeine An⸗ merkungen uber die Aſſembleen, und kritiſirte, nur wie ein Kenner ſatyriſch, das kindiſche Benehmen ſeiner Toͤchter. Er ſprach ſogar von Eiferſüchteley, und ſah Iſabellen dabey an. 3 5 Iſabelle mit blitzenden Augen verglich den Präſidenten mit der Nymphe Scho, ven der nicht uübrig geblieben war, als die plaudernde Stimme/ wie von dem Praͤſidenten das Gelaͤchter. Der Baron wurde eifriger als gewöhnlich weil der Oberſt rief:„ein guter Vergleich, Bel⸗ l a¹“ and ſetzte die Vortheile einer etwanigen Verbindung mit den Boiſen ins Licht. „Es ſind keine Engel, die Bo iſens, ſagte er. 6 „Nein, wahrhaftig nicht, Bruder!“ rief der *— — 69— DOberſt—„nicht ein Mahl Menſchen, wenn es wahr iſt, was ich gehört habe. Haͤtte nicht eine Fremde ſich des Präſidenten Mutter angenommen, der Praſident hatte ſeine Mutter verhungern laf⸗ ſen.“ Er ſchüttelte aber den Kopf heftig bey die⸗ ſen Worten, weil er es nicht glaubte.. 8„Was Fremde? Es war ihre Enkelinn, die ſie zu ſich nahm.“ „Alſo iſts?“ fragte der Oberſt, und legte ſeine Serviette vor ſich hin.„ „An der Mutter war auch nichts, Bruder!“ „So hohl der Henker das Geſchmeiß, das Otterngezücht! ja die Ottern, die, wie man ſagt, ihre Mutter bey der Geburt tödten!“ Er aß nicht einen Biſſen mehr, ſo betrübt war er. Der Baron vertheidigte die Ottern, aber Boiſensnicht, und verbeſſerte des Oberſten Natur⸗ geſchichte. „Ja,“ rief der Oberſt—„Gott gebe, daß in der ganzen Natur kein Beyſpiel iſt, von einem Muttermörder, und waͤren es auch Ottern und Schlangen!“ 3 Olympie erzaͤhlte dem erweichten Ober⸗ ſten von der Tochter, die ihren Vater im Gefäng⸗ niſſe an ihrer Bruſt ernährt hätte. „O,““ rief er—„wer erzählt dem Präͤſiden⸗ ten die Geſchichte? Wer? Aber wirbt er um Olym⸗ vien: ſo will ich ſie ihm erzählen. — 70 — „Wer redet ſchon vom Werben?“ fragte der Baron, und warf das Geſprach auf des Oberſten Regiment. Braune war nicht gegenwärtig. Er war in der ſchönen Gegend um der Stadt her. Der Baron hatte indeß ſchon mit dem Präſi⸗ denten und ſeiner Frau eine Verbindung zwiſchen Olympien und dem Sohne des Praſidenten halb und halb verabredet. Er ſah die Schwierig⸗ keiten wohl, die dieſe Verbindung bey Frau und Töchtern ſinden würde. Er war ſogar nicht ohne alle Ahnung, daß Okympiens Herz von dem jungen Mahler in Bewegung gebracht war, und er fürchtete am allermeiſten Jſabellen. Es war ſein ewiger Grundſatz, mit dem er ewig auf dem Kampfplatze hielt, gegen jeden, der mit ihm in die Schranken treten wollte, daß der Menſch, ſobalb er ſeiner Vernunft mächtig wird, auch frey iſt. Er entſchuldigte damit ſeines Sohnes Unge⸗ 4 bundenheit, und hob ſich und ſeine freyen Vor⸗„ ſtellungen; und jetzt ging nicht ein Tag hin, an dem Iſabelle nicht dem Vater es recht ein⸗ ſchkrfte, daß dieß ſein Grundſatz war. Aber ihr wurde doch ängſtlich bey der Sache. Denn Nie⸗ mand auf der ganzen Erde trug die Liebe ihrer beyden Freunde im Herzen, als ſie allein. * Sie ſah jetzt mehr als je, denn ſie wohnte hier mit Olympien auf Einem Zimmer, da in 39 my iens Herzen tiel verſchloſlen ein ſchw rer Gram kag, den ſie nur Morgens, wenn ſie aufſtand, in heißen Gebethen, mit leiſen Seuf⸗ zern, ehe ſie einſchlief, dem Himmel offenbarte; allen Menſchen aber, und Ifabellen am mei⸗ ſten, verbarg ſie ihn hinter einem Lächeln, dem man die Wehmuth kaum anmerken konnte. Die glänzende Roſe ihrer friſchen Wange wurde ein wenig bläſſer; und fragte Iſabelle aͤngſtlich nach der Urſach, ſo wars die freye Luft des Landlebens, die ihr fehlte, nicht Anders. Ferdinand nun gar war ernſt und fremd; am fremdeſten gegen Olympien. Aber Iſa⸗ belle hatte ſich das Recht nicht nehmen laſſen, auf ſein Zimmer zu gehen, freylich ſchon mir Vor⸗ waͤnden, denn ihr Bruder ſing an, ihr das Recht ſtreitig zu machen.— Sie brachte ihm eine Zeich⸗ nung, oder eine ſchwere Stelle im Italieniſchen, und ſo hörte ſie ſeine Seufzer, wenn ſie ihm von Olympien erzählte, und ſie ſah ſeinen Gram im Auge, das er gen Himmel richtete. * Sie wußte nicht, was zu machen war. Der Oberſt hatte ihr verſprochen, Olympi⸗ en gegen eine Verbindung mit Boiſen zu ſchü⸗ tzen, ſo viel er konnte.„Aber wenn Olympie ja ſagt? fragte er finſter—„was dann 2“ Sie brachte das Geſpräͤch auf den Künſtler, hielt ihm nit blitzenden Augen und einer redneriſchen Stel⸗ 1 lung eine Lobrede voll Feuer und Flammen, ſtell⸗ ee ihn gegen Boiſen über, und ſah dann mit 8 furchtſamem, leiſe bittendem Auge den Oheim an, der ſelbſt eine bürgerliche Frau hatte, die er un⸗ endlich liebte. Aber der Oberſt ſchlug den Takt nicht mehr, ſondern er zog die Augenbraunen wie eine Gewitterwolke über die hellen Augen, und ſagte:„damit bleib weg, Belle! das iſt nichts! Ich habe gethan, was ich wollte, und damit wars gut! das iſt kein Geſchäft für einen Oberſten. Das iſt ganz und gar nichts! nichts! nichts! Und mit dieſem dreyfachen Nichts hob er die Seſſion auf. Sie kannte ihn. Es wat nun alles ver gebens! Und es war die höchſte geit, daß Jemand den Faden aufnehmen mußte, weil er eben rei⸗ ßen wollte. Ferdinand war bey dem Fürſten geweſen. Er hatte ſein Cabinet geſehen, und es nicht be⸗ wundert, wie er ſollte. Er ſchlug es noch ein Mahl ab, in ſeine Dienſte zu treten. Er wurde kalt entlaſſen; der Fürſt redete nie mehr ein Wort über ihn. 4 Ihr Vater wurde auch kälter, und ließ ein Wort fallen, was ſie trieb. Sie ſaß bey Braune auf ſeinem Zunmein „Sie haben mich gerettet, Ferdinand, u ſo nannte ſie ihn, wenn ſie allein mit ihm war —„und wer weiß, ob Sie nnich nicht noch ein Mahl retten ſollen.““ 4 V — 33— Er ſah ſie an. „Ja, wenn mich das Schickſal traͤfe, was Olympien triffrt.“ Er fuhr fort zu mahlen. „Wenn mein Vater mich einem Menſchen aufopfern wollte, wie dieſem Boiſen!“ Die Hand mit dem Pinſel ſank. „Wo Sie waren, Ferdinand, könnte ich mich nicht anders retten, ich flöhe zu Ihnen!“ Sie ließ ihre naſſen Augen auf ſeine Hand ſinken. „lind Sie verſtießen mich nicht!“ fuhr ſie ſchluch⸗ zend fort. 3.— „Meine Iſabelle!“ ſagte er leiſe und gramvoll. So verſprechen Sie mir, mein Freund, daß Sie mich aufnehmen wollen, daß Sie mich nicht wollen verſchmachten laſſen in dem höchſten Un⸗ glück. Es iſt das höchſte, das ſehe jch ja an Olympien!“ „Ich verſpreche es, „Geben Sie mir die Hand darauf! Er gab ſie. Sie hielt die Hand feſt, ſah ihm feſt ins Auge, und ſagte langſam und feyerlich:„Verſpre⸗ chen Sie mir, daß ich immer, immer, hören Sie, eimmer! wiſſen ſoll, wo Sie ſind?“ „Immer!“ 5 „Daß Sie mir immer auf jede Frage ant⸗ Lafont. die Pfarre zc. III. D — 74— worten wollen, aus der reinen Tiefe Ihres Her⸗ zens?“ „Gewiß, Iſabelle!“ 1 „Daß Sie dieſes Verſprechen halten wollen, es mag vorgehen, was da will, und ſtellte ſich der Geiſt des feindſeligſten Haſſes zwiſchen meine Familie und Sie, daß wir Beyden treu zuſammen⸗ halten wollen in Zutrauen und Freundſchaft?“ Hier ſah er ſie ſtarr an, und antwortete nicht. 4 „O Ferdinand,“ ſagte ſie—„fallen Sie nicht von mir ab; zu wem ſollte ich fliehen, wenn ich fliehen müßte, als zu Ihnen? Aber, o. Himmel, gib mir Worte für die Gedan⸗ ken, die ſchön, aber eben ſo dunkel in meiner Bruſt ſich bewegen! Was iſt denn ſchöner und größer auf der Erde, als zwey Menſchen, die ſich kennen, und Niemand weiß es? die ſich treu ſind in Allem und dennoch ſchweigen? die tief im Her⸗ zen ſich nichts verbergen, ſich alles vertrauen, und alles verſchweigen, als wohnte Eine Seele in Bey⸗ den? Sie haben ja oft geſagt: ich wollte alles oder nichts! Jaz Ferdinand, alles will ich! Alles! aber nur von Einem Menſchen, von Ih⸗ nen. Ich kann ſchweigen, o daß wiſſen Sie! O verſprechen Sie mirs, Ferdinand, daß ich ru⸗ hig ſeyn kann, es gehe mir wie es gehe!¹’ „Seltſames Kind! ich verſpreche Ihnen, will Ihnen nur die Wahrheit ſagen oder ſchw 8 gen. Was auch vorgehe, Iſabelle, ich will nie von Ihnen abfallen, nie! die ich rettete, will ich feſthalten im Leben, in treuer, wahrer Freund⸗ ſchaft. Sie ſollen wiſſen, wo ich bin, und— muß ich Ihr Haus aufgeben: ſo gebe ich doch Iſabellen nicht auf!“ Sie faßte zitternd ſeine beyden Haͤnde, und kniete nieder. Er wollte ſie emporziehen. 3„Laſſen Sie mich,“ ſagte ſie—„ich knie nicht vor Ihnen, ich knie vor Gott!““ und ſie hob die bethenden Augen gen Himmel, aber oh⸗ ne ſeine Hände loszulaſſen. Dann ſagte ſie mit leiſer Stimme, aber mit mächtigen Blicken, die in ſeine Seele drangen: „und ich verſpreche Ihnen, daß von allem, was Sie mir ſagen werden, nicht ein Wort über mei⸗ ne Lippen kommen wird„ nicht gegen Olympi⸗ en, die ich am meiſten liebe; daß ich nicht mehr verlangen will zu wiſſen, als was ſie mir ver⸗ trauen wollen, daß aber in meiner Seele kein Gedanke ſeyn ſoll, den ich Ihnen nicht vertrauen werde, bis Sie— auch Sie— o Sie kennen mich nicht, Ferdinand! Ich bin kein Kind mehr. Ich ſehe ja alles, ich verſtehe ja alles! Ich lie⸗ be nur wenig Menſchen; aber die ich liebe, liebe ich mit einem übervollen Herzen, mit einer hei⸗ fen Heftigkeit, die Sie la kennen, und ſo oft ta⸗ deln. Aber glauben Sie, ich muß ſo ſeyn!“ d 2 „Haben Sie nun alles wohl verſtanden?“ frag⸗ te ſie nach einer Pauſe. „Alles, meine Iſabelle!“ „So hören Sie, was ſchwer, ſchwer, wie ein ſcharfer Dolch in meinem Herzen ſich bewegt! Olympiens Hand iſt dem Herrn von Boi⸗ ſen beſtimmt.““. 3 Er beugte das Haupt auf die Bruſt, und ſchwiẽg. „Rührt Sie das nicht?“ „Es bewegt mich zu ſehr.“ 3 „Dieſer Boiſen, lieber Ferdinand, iſt ein böſer Menſch. Ich weiß es von meiner Amme, die mir treu und deren Sohn meines Bruders Be⸗ dienter iſt. Er ſchwieg. Iſabelle ſah eine Minute lang ſtarr auf den Boden; dann hob ſie die blitzenden Augen ſchnell gen Himmel, und ſagte gewaltfam bewegt, aber mit Ruhe: Olympie liebt Sie, Ferdinand!“ Da ſprang er auf, erblaſſend, zitternd, und riß ſich von ihr weg⸗„Iſabelle,“ ſagte er —„wenn ich Ihr Haus verlaſſe, ſo ſind Sie es die mich forttreibt!“ „Müſſen Sie es verlaſſen, ſo ſoll kein Anderer Sie vertreiben als ich. Ich erwartete das; ich war darauf gefaßt! Aber Sie ſollen mich ruhig belehren warum Sie müſſen.““ Der ruhige Ton des jungen Maͤdchens . die ganze Stellung, in der ſie gegen ihm uͤber ſtand, die blitzenden Augen voll Gluth der Liebe für den Freund und die Schweſter, die heftig wallende Bruſt, und die zitternden Hände, die ſie faſt be⸗ thend gegen ihn gehoben hatte, ſetzten ihn au⸗ ßer ſich. Auf ein Mahl wendete ſie ſich von ihm ab, und die ganze Stellung hob ſich gen Himmel. Sie rief:„o hat denn Riemand den Muth, Olym⸗ pie zu retten? O hat er, er den Muth nicht, mit Olympien glücklich zu werden?““ Die Stellung ſank, und ſie ſagte leiſe:„ich wollte Ihnen nichts verſchweigen, was ich weiß. Sie lieben Okympien!“ „Ich bitte Sie, Iſabelle,“ ſtammelte er hervor— gehen Sie! Sie muüſſen jetzt gehen!“ Sie lächelte ihm ſchmerzlich zu, und ging in der demüthigſten Stellung. Er ſtand lange ſo, die Hand an die Stirn gedrückt. Olympie liebte ihn! das war ein Ge⸗ danke, der wie Himmelslicht in ſeine Seele leuch⸗ tete. Ich habe ſie verloren! der Gedanke zerriß ſeine Bruſt gewaltſam, und in dem Augenblick rollte der Wagen weg. Der Baron fuhr zu Boi⸗ ſen mit Olympien. Iſabelle hatte nicht mit geſollt. Er nahm ſeinen Hut, ins Freye zu gehen, und Iſabe lle öffnete die Thür. Mitt einer wilden Heftigkeit ſagke er:„ich muß Ihnen verbiethen, Iſabelle, je wieder ein Wort davon zu ſagen.“ „Verſprachen Sie nicht, mich anzuhören, alles, alles von mir zu hoͤren, was ich ſagen möchte? Meinen Sie denn, ich habe etwas anders erwartet? Wenn nun ſelbſt meine Olympie zu Ihnen ge⸗ kommen waͤre, und ſagte: retten Sie mich, Brau⸗ ne! man hat meine Hand verkauft. Würden Sie auch ſo ſagen: ſchweigen Sie, Olympie? Oler⸗ nen Sie doch dieſen Boiſen nur kennen!“ „Ich kenne ihn! ich kenne ihn beſſer als Sie, Iſabelle. Er iſt ein Nichtswürdiger. Ich ken⸗ ne ihn. O daß immer und immer das Geſchick uns zuſammen führt!“ „Und ein Nichtswürdiger ſoll Olympiens Herz vergiften? ſo ſagte meine Mutter, gewiß von ihm, mit Thraͤnen. Ich hörte nur im Her⸗ eintreten die Worte, die ſie dem Oberſten ſagte.“ „So rette die Mutter die Tochter!“ rief er, und ſtürzte aus dem Zimmer; er wollte die Treppe hinab, da trat ihm der Huſar entgegen.„Ach, Herr Doctor oder Mahler, auf ein Wort!“ mit den Worten redete der Huſar ihn barſch an. Ferdinand ſtand. Der Huſar drückte den Hut tief in die Stirn, und fuhr fort:„ich hörte von meiner Schweſter Olympie, daß Sie ein 3 große Reiſe antreten würden. Darf ich fra er wann der Zeitpunkt iſt?“ — Der Ton war ſo höhnend, das Geſicht dazu auch, die Stellung ſo auffordernd, daß Ferdi⸗ nand ſogar es bemerkte und fragte:„wie ſo?2 „Weil mir ſo zu fragen beliebt, mein Herr! Iſabelle war in die Thur getreten. „Heute mein Herr Lieutenant, werde ich Ih⸗ res Vaters Haus verlaſſen, in das ich mich nicht eingedrängt habe; dann aber, dann will ich bit⸗ ten, daß Sie für Ihre Fragen, für alle, die Sie thun können, einen andern Ton wäͤhlen!“ Iſabelle ſprang heftig hinzu, die Antwort zu hindern, aber ſie war heraus/ und nichts mehr zu aͤndern. „Weraͤchtlicher Menſch!“ ſagte Iſabelle, einen bittern Blick auf ihn werfend—„wievie! traͤgt dir dieſe heilloſe Frage ein, zu der du allen deinen und deines Spießgeſellen Muth verbraucht haſt?“" Iſabelle hatte es getroffen; der junge Menſch erröthete; er zitterte vor dem Oberſten, und ging, ſich aufblähend, die Treppe hinab zu Boiſens. Iſabelle folgte Ferdinanden in ſein Zimmer.„Verdrießt Sie das Anziſchen einer Gans?“ „Nein, Iſabelle,“ ſagte Braune ru⸗ hig, ihre Hand faſſend— nnein; aber ich danke dennoch Ihrem Bruder. Ich kann ohne Aufſehen Ihr Haus verlaſſen.“ „Und wohin nun? O, mein lieber Freund, — 80— iſt Ihnen Olympiens Schickſal ein wenig werth⸗ ſo warten Sie die Entſcheidung ab. Sie könnte ei⸗ nen Retter gebrauchen von dem höchſten Unglück, oder einen Rächer. Ich ſehe wohl, Ferdinand, wie Sie nach der Frage, die mein Bruder Ihnen that, denken müſſen. Auch weiß ich es ja von dem Oberſten, wie ein Mann wie Sie denken und hau⸗ deln muß; aber Sie ſollen wie ein unſichtbarer Schutz⸗ geiſt der geliebten Olympie unſichtbar zur Seite 4 ſtehen, und, iſt es möglich, nur das heilloſeſte Schickſal, dieſes veraͤchtlichen Menſchen Frau zu werden, von ihr abwenden helfen. Und iſt ſie gerettet, dann ſollen Sie gehen, dann lieber Braune!“ Er ſchwieg. „Mein Oheim, der Oberſt will retten helfen, meine Mutter auch. Schwankt die Hoffnung Boiſens, ſo fürcht ich meines Bruders— — Muth nicht. Er hat nur einen Muth zu einer ſchnellen Gewaltthätigkeit; aber den fürcht ich, den fürchtet meine Mutter, den fürchtet der Oberſt.“ „Mein Vater, der ihn unbeſchreiblich liebt, billigt hinterher alles, um den Sohn zu retten. Er iſt feſt an die Boiſens gebunden, und Boi⸗ ſen will Olympiens Hand nur, wenn er ſio auch nicht liebte.“ „Auf den Fall, und Niemand als ich weiß, daß die beyden Nichtswürdigen zu jeder Art von Gewalt entſchloſien ſind, wenn ſie Schwiendt 8 5 — 81— ten finden. Ich weiß es von meiner Amme: auf. dieſen Fall alſo, ſollen Sie an Olympiens Sei⸗ te ſtehen! O Ferdinand, ſagen Sie, warum fürchtet Boiſen Sie? kennt er Sie?“ „Er fürchtet mich?“ „Er fürchtet ſie, eben ſie— „Ich bleibe in Ihrer Naͤhe, Iſabelle,u — ſagte Ferdinand entſchloſſen—„Gewalt ſoll Niemand gegen Olympien gebrauchen. Sie ſollen wiſſen, wo ich bleibe.“ „Meiner Amme können Sie ſicher trauen. Sie gäbe ihr Leben für mich; denn ich liebe ſie. Wir bleiben den Sommer in der Stadt.“ „Gut denn, ich bleibe hier. Aber nun, Iſa⸗ belle, Sie ſchweigen gegen Olympien. Sie verſchweigen ihr, was Sie von mir errathen zu ha⸗ ben glauben.“ „Ich ſchweige, ja, ich ſchweige, ſo ſchwer es mir auch wird. Ich ſchweige gewiß. Nur gegen Sie rede ich, was in meiner Bruſt liegt.“ „Und nun leben Sie wohl, Iſabellel Denn ich gehe noch heute. Ihrem Vater ſchreibe ich. Iſabelle hing ſich mit ihrer gewöhnlichen Heftigkeit um ſeinen Hals.„O,“ rief ſie—„ver⸗ ließen Sie mich, dann müßte ich verſchmachten in ewig ſtillem Gram, wie Olympie.“ „Ich verlaſſe Sie nicht, IJſabelle!“ Er packte zuſammen. Er ließ ſeine Sachen in einen Gaſthof tragen. Er ſchrieb dem dagh d* 4 — 32— daß eine Unartigkeit ſeines Sohns ihm es unver⸗ meidlich gemacht hätte, ſein Haus zu verlaſſen. Der Brief war recht artig. Dann verließ er das Haus mit ſchwerem Herzen. Iſabelle ſtand ſchluchzend in der Thür, da er ging. Sie drückte ſeine Hand nur noch ein Mahl preſſend an ihr Herz, und dann ſchieden ſie. . Am andern Morgen lief Ferdinand ins Freye. Es war der erſte ſchöne Tag des Früͤhe jahrs. Die Lerchen ſangen über ihm im reinen Himmel, die Finken ſchlugen, die Bäume knos⸗ peten; aber er ſtand verlaſſen und trauernd in der allgemeinen Freude der erwachenden Natur. —— 3. Herr von Boiſen, Alexanders Sohn, lieb⸗ te Olymeen. Er hatte den Winter vor⸗ her ihre Bekanntſchaft in der Reſidenz gemacht. Olympie war reich, und wahrſcheinlich die Er⸗ binn ihres Oheims, des Oberſten, der ſie und Iſa⸗ bellen unesdlich liebte. 1 Boiſon ſchloß ſich ſogleich an Olympiens Bruder, der gar gerne in den Generalſtab ge⸗ kommen waͤre, und der Kriegsminiſter war der vertraute Freund des Boiſenſchen Hauſes. Da ſich die Uniform und das Schaumgeſich — ncher kennen lernten, und das geſchah nicht ſo⸗ bald, denn Boiſen hatte alle Urſache, ſeine Mas⸗ ke feſt auf dem Geſicht zu halten, erſtaunten ſie Beyde, daß ſie ſich nicht früher erkannt und ge⸗ liebt hatten. Sie warfen ihre kleinen Vergnügungen zu⸗ ſammen, beobachteten den Anſtand, hatten Geld vollauf, ihre Bacchanalien für alle Sinne in einen undurchdringlichen Schleyer einzuhüllen. Das Band ihrer Freundſchaft wurde immer en⸗ ger gezogen, und der Huſar lobte ihm mit Hand⸗ ſchlag und Ehrenwort die Hand ſeiner Schweſter. Obgleich Boiſens und Braunens ſich nicht kannten, ſo hatte doch Alexander ſeinen Blick auf des alten Boiſens Erbſchaft feſtge⸗ halten. Die Abſchrift des Teſtaments kam nach Boi⸗ ſens Tode in Birkfelde bey Alexander an. Eberhardine war die Haupterbinn. Ein Capital war dem alteſten Sohne Braunens, Ferdinanden, vermacht. Boiſen erfuhr kurz vor ſeinem Tode erſt, daß Ferdinandein Fündling war. Der Reſt des Vermögens war an wohlthäͤtige Anſtalten gegeben. Alexander bekam nichts, und er ſandte dem Verſtorbenen ein Dutzend Flüche nach, zog einen Advocaten zu Rath, ob man ſeine Nichte, Eberbardine, nicht angreifen könnte; und da er härte, nein: — 84— Aber ſie wohnten zu weit auseinander; ſie blieben in Frieden, und faſt war alles vergeſſen⸗ Burger erinnerte den Sohn Alexan⸗ ders, und zwar ein wenig grob an die Seiten⸗ linie der Boiſen, an Eberhardine. Boiſen ſah die ſchöne Helena, und der Nahme Balke erinnerte ihn gar nicht daren, daß es eine Verwandtinn von ſeinem Hauſe ſeyn könnte. Er liebte ſie, ließ ſie entführen, und Bürger machte ihm zum erſten Mahle begreif⸗ lich, und auf eine ſo derbe Weiſe, daß es Men⸗ ſchen gibt, die gar keinen Spaß verſtehen. Er forderte ihn, wie ſich das gehört; denn er hatte allen Muth, jeden Schimpf, den ein Anderer, und nicht er ſelbſt, ſeiner Ehre anthat, mit Blut abzuwaſchen. Er bildete in der erſten Hitze einen Plan zur Rache; aber der Bürger war ſo plump mit den Armen als mit der Wahrheit. Er ließ ihn reiſen; aber auf allen Fall ließ er ſich doch in He⸗ lenens Hauſe nach Heimath, Gewerbe und den andern Umſtänden Bürgers erkundigen, um ihm ein Mahl im Laufe des Lebens ein Bein unterzuſchlagen, und hörte zu ſeinem Erſtaunen: der B ürger ſey ein Buſenfreund des Sohns von Braune, der ihm ohnehin die reiche Erbſchaft Boiſens geraubt hatte, und die ſchöne Hele⸗ ſey eine Enkelinn des alten Oberförſters, deſe — 85— ſen Tochter ſeinen Hochadelichen Nahmen zu fuͤh⸗ . ren dreiſt genug geweſen war. Das ſchien ihm doch ein wenig arg, und der Nahme Braune zog ſeine Augenbraunen zu⸗ ſammen, wenn er genannt wurde. Er reiſte wieder in die Reſidenz, erzählte der f Uniform ſeine Unfalle bis auf die Schlaͤge, die er bekommen, und die Sache mit Olympien gedieh immer weiter. Sein Vater, Alex ander, lachte ſeinen Sohn aus, daß er ſich ſeiner Feyheit begeben wollte. Aber er ließ von ſeiner Frau die Sache einleiten. Boiſen erfuhr, daß ein junger Mann beym Baron wohne, der Iſabellen gerettet habe, er⸗ fuhr durch des Huſaren Bedienten, den Sohn von Iſabellens Amme, wie ſehr man ben Künſtler im Hauſe achtete, und wie viel mehr die Fraͤulein dden edlen Mann. „Pah! ein Mahler!“ rief der Huſar lachend —„der gehört zu meines Alten Hofſtaat. Wei⸗ ter nichts! Ich kenne meinen Vater.“ „Aber Olympie? Freund, Olympie?“ Der Bediente wurde auf das Gut geſchickt, um Nachrichten zu hohlen, und brachte die Nach⸗ richt: daß der Mahler die beyden Fraͤulein im Zeichnen und Italieniſchen unterrichtete. „Da haſt du meinen Alten, und Alles!“ 4 *. — — richt, Jagd Scloß⸗ Wald, und allem, was „— 36— Daß er den ganzen Morgen bey den Fraͤu⸗ lein waͤre. „Da haſt du die Maͤdchen!“ Daß er ein Mann ſey, ſchön wie die Goͤtter, die er mahlte. „O, zum Teufel! haſt du ihn geſehen 2 „Wie oft! geſehen, wenn der beyden Fraͤulein ging. Da waren Blicke, Ihr Gnaden, her und hin, und hin und her. Fräulein Olympie hob das Geſicht, wenn er redete, ſo freundlich zu ihm auf, ſo vertraulich. Ihre Stimme war ſo bewegt. Er muß ein Zau⸗ berer ſeyn; denn er hat Aller Herzen im ganzen Huſ. 14 „Da ſiehſt du, Freund! die Sache ſteht Lrt 1 die verdammten Zeiten, wo ſolch Volk zug ſen 3 wird!“ „Pah, ein Schauſpiek⸗ was mein Pater ſich aufführt, nichts weiter!“ „Und Fräulein Iſabelle, die Sie kennen, der alles gelingen muß, was ſie will, treibt, treibt auf ihre Weiſe. Und man ſetzt noch dazu, ſein Vater habe ein reiches Rittergut, und Geld gilt jetzt ſo zier als alles Andre.“ „Zehn Haufen Land! das nennt das Volk ein Rittergut.“ „Nein! nein! ein reiches Rittergut, mit ne Ge. er in der Mitte Birkfeldel das kann man ja er⸗ dazu gehöͤrt. fahren.“ „O alle Teufel!“ rief Boiſen, und ſprang auf—„Birkfelde? und der Kerl heißt?“ „Braune.“ „Höllenteufel! Freund, das iſt er wieder! das iſt er, der Nahme iſt zu meiner Plage ge⸗ ſchaffen!“. Der Bediente mußte gehen, und Boiſen erzaͤhlte, wie die Menſchen aus dieſem Hauſe ſei⸗ ne Großmutter ſchmerzlich beleidigt, wie ſie ihm eben dieſes reiche Birkfelde durch eine ganze Reihe von Betrügereyen entzogen hätten; wie der 4 Freund dieſes Mahlers, Bürger, ihn— er 8 ſtieß eine Fluth von Flüchen aus, und ſchwor ſei⸗ ne Rane an dieſen Menſchen zu nehmen. Er athmete wieder auf; denn Braune hat⸗ te das Gut des Barons verlaſſen; aber wie er⸗ ſchrack er, da Braune wieder in der Reſidenz ſogar ins Haus des Barons zog; wie finſter wur⸗ de ſeine Seele, da er Ferdinanden ſah, die 4 ſtolze, edle Geſtalt mit dem Apollokopfe; wie er durch die Karten recht wohl bemerkte, daß Olym⸗ pie, die bey dem armen Fraͤulein ſaß, von Zeit zu Zeit den ſinnenden Blick auf den Mahler rich⸗ tete, und ihn verfolgte, wenn er durch den Saal ging. Err ſah mit verbißner Wuth, win Iſa ber⸗ le ſo zfentlich/ ſo ohne Rückalt⸗ iom hing, —— 5 — 386— wie geſchäftig ſie ihm Freunde erwarb, wie ſie zwiſchen dem Künſtler und dem Oberſten das Band der Freundſchaft webte.. Er ſah die Achtung der Mutter gegen den Retter ihrer Tochter, und er zitterte, worüber der Huſar lachte— vor den Grundſäͤtzen des Ba⸗ rons, der ganz öffentlich behauptete, er werde nie den Wünſchen ſeiner Töchter Gewalt anthun. Der Huſar mochte noch ſo oft ſagen: ein Schauſpiel meines Alten, nichts weiters! Boi⸗ ſen zitterte dennoch. „Nun denn,““ ſagte der Huſar, der ſeinen Vater kannte—„ſo will ich den Knoten durch⸗ hauen!“ Und die Szene entſtand, die Ferdi⸗ nanden aus des Barons Hauſe trieb. Der Baron erhielt Ferdinands Brief. Las, und ſann, wie er die Sache auf eine arti⸗ ge Weiſe endigen könnte. Er machte ſeinem Sohne einige ſanfte Vor⸗ würfe, mehr über die Manier, als über die Sa⸗ che ſelbſt. Er antwortete dem Kuͤnſtler mit einem ar⸗ tigen Briefe, und dankte Gott, daß er auf die⸗ ſe Weiſe von der Geſ ellſchaft des Doctors, der ihm läſtig zu werden anfing, befreyt war. — Ferdinand an Buͤrger. Da haſt den Hafen des Glücks gefunden, mein Bruder! Es hat mir ſchmerzlich weh gethan, die letzten Worte deines Briefs. Nein, Büuürger, ich bethe keine fremde Götter an. Fremde Göt⸗ ter? o was nennſt du ſo? Ich liebe Olympien, wie du Thereſen, und ſie iſt es, glaube es mir, die mein ahnendes Herz ſuchte, von der wir in den heiligſten Minuten unſerer Freundſchaft redeten, Bürger! Was wir traͤumten von ſtolzen Planen, von den Entdeckungen der Quellen des Nils, des Ni⸗ gers, alles was wir zu finden hofften jenſeits der Alpen, in den unermeßlichen, ſtillen Waͤldern Amerikas, in den Palmenhainen Indiens, war ja nichts als die ſchöne Sehnſucht nach dem Unſterb⸗ lichen, das die menſchliche Bruſt anfüllt, und ſät⸗ tigt, die Sehnſucht nach der Geliebten! Ich fand ſie. Es iſt Olympie! O, ſoll ich denn ſagen, ſie iſt nicht von mei⸗ nem Blut, ſie iſt mir eine Fremde, weil⸗ ſie in einem Stande geboren wurde, den die menſchli⸗ che Thorheit von meinem geſchieden hat? Nein, ſie iſt mein! rufe ich. In einer ſchö⸗ nern Vorwelt, von der die Fabel ſchöner als die Wahrheit redet, war ſie meine Geſpielinn. Ihr Geſicht ſchlummerte in meiner Seele, wie die Hoffnung der Unſterblichkeit, an die ich dennoch glaube, mitten unter den unzähligen Gräbern. Der Ton ihrer Stimme, wie er zuerſt mein Ohr berührte, war wie das vergeſſene Lied vom Lämm⸗ chen, womit man mich in den Schlaf ſang, und deſſen Töne die ganze Freude der unſchuldigen Kindheit wieder erwecken. Fremde Götter? o ſage du nicht ſo! denn ſie iſt ewig mein, ewig! obgleich das Leben mich von ihr getrennt hat. Ewig mein! Sieh, ich dürfte nur zu ihr treten, und ſa⸗ gen: liebe mich, Olympiel und ſie würde ihr Haupt an meine Bruſt lehnen und ſagen: ich lie⸗ be dich! O, und warum habe ich es nicht gethan? frage ich mich, mit dem ſcharfen Vorwurf der Reue. Warum verließ ich ſie, die nicht ſeyn, nicht leben, nicht gedeihen kann, als an dieſem Herzen? wie die Palme nur blüht und lebt unter dem waͤrmern Himmel ihres Vaterlandes? Ich dräͤnge mich in einen höheren Stand?! Guter Gott! O hätte ich ſie doch in der armen Hütte eines Landmanns gefunden! Siee iſt mein! das weiß ich! das allein! Ich kämpfe mit Geſpenſtern, und finde mich ewig nicht aus dieſem Labyrinthe wilder Wider⸗ ſprüche. Sie iſt mein! und doch zwingt eine geheime Stimme mich, ſie aufzugeben, ſie, mein Eigenthum, 4 —— die ich mit meinem Herzen erkauft, erſtritten habe. Wenn etwas im Leben mein iſt, ſo iſt ſie es, die an meiner Hand mit mir durch die Pforten des Todes in die Ewigkeit gehen wird. Alles andere, alles legt der Tod auf der Schwelle des Lebens nieder. Nur die Geliebte, nur der Freund be⸗ tritt mit uns die dunkelen Thäler des Todes. Hat die Thorheit das Recht die ewigen Ban⸗ de der Liebe zu zerreißen? So frage ich ewig, und ewig iſt die Antwort: nein! Iſt denn das Band zwiſchen Vater und Toch⸗ ter nicht auch von der Natur geheiligt? nicht aͤl⸗ ter? nicht heiliger? Vor dieſem Abgrunde ſtehe ich, und ſtarre hinein in das Dunkel des Geſchicks und des zweifelhaften Rechts! Meine Mutter ſchreibſt du? O meine Mutter! meine Mutter!— Leſe ich deinen Brief, und leſe ihn wieder, und wieder mit zaͤrtlichen Thraͤnen in den Augen, und rufe: ſie iſt es! es iſt meine Mutter! O wie haſt du es verkennen mögen, daß ſie in ihren letzten Worten ja ganz klar geſtand, ſie iſt meine Mutter! Sieh, nun ſitze ich hier und traͤume, die ſchoͤn⸗ 3 ſten Träume, die je eines Sterblichen Herz be⸗ nhedhen⸗ von der Geliebten, von der Mutter. Vielleicht iſt ſie arm, ſchreibſt du. O waͤre ſie arm, waͤre ſie es, damit ſie ſo⸗ gleich mein Herz erkennen könnte, wenn ich ihr alles, alles, was ich beſitze, zu Füßen legen könnte.. Sie weiß, daß ich hier bin? ſeitdem werfe ich mit einer neuen Sehnſucht meine Blicke auf jede Frau, die ihr ähnlich ſeyn könnte. O ſtände ſie vor mir, Bürger, meinem Auge würden die Mutterzuge nicht entgehen. Gewiß nicht. Ich habe das Haus des Barons verlaſſen. Sein Sohn, ein Huſarenofficier, zwang mich dazu. So höre alles! alles! Olympie iſt beſtimmt, Boiſens Frau zu werden. Sprich! entſcheide! Gehen des Vaters Rechte ſo weit? darf es ſeyn? Und darf es ſeyn: ſo—— tritt kein Engel dazwiſchen zur Rettung: ſo— Ein Engel iſt dazwiſchen getreten, Bürger, Iſabelle, Olympiens Schweſter. Sie trat zu mir, und rief mit der Zunge des erbarmenden Schickſals:„retten ſie Olympien!“ Und ich! ich!— Ich verließ das Haus. Iſabelle ſchreibt mir oft, und ich? ich ——4ÿꝛꝛ— 1 2 64— o Bürger, oft erkenne ich mich nicht nehr. Denn dieſer Boiſen! o dieſer Boiſen! Oft zucke ich nach deinem Briefe, der des Nichtswürdigen Maͤdchenraub enthaͤlt,, die ganze verächtliche Begebenheit mit Helenen, die du aus ſeinen Handen gerettet haſt. Und dann fahre ich zurück vor dem Nahmen: Angeber! Ich weiß nicht mehr, was ich will, was 69 4 ſoll, was ich darf, und mein Vater ſagte oft: dann eben ſollſt du nicht, darfſt du nicht! O, nur einen Augenblick möchte ich an dein entſchloſſenes Herz ſinken, und in deinem Blicke würde ich leſen, was ich dürfte, was ich ſollte. Doch davon nichts mehr! 4 Ich habe im Anfange des Winters Sonnen⸗ bergs Mutter kennen gelernt, auf ihrer Durch⸗ reiſe hier. Sie beſuchte die Baroninn, deren Freundinn ſie iſt. Sie iſt eine vortreffliche Frau, die mit einer unendlichen Liebe an Olympien häͤngt. Meine Seele faßte ſogleich Hoffnung, da ich ihren Nahmen hörte; aber ſie iſt fort! Der Bruder der Baroninn, ein alter ehr⸗ würdiger Oberſt— er liebt Olympien faſt mit der Leidenſchaft eines Jünglings— aber er ſchüt⸗ telt den Kopf, und kein Engel, kein Menſch von allen tritt an Olympiens Seite! Ich nicht! ich nicht! O mein Bruder, wenn nun das Verhaäng⸗ niß über ſie/ über mich daher ſtürzte, und ich müßte — 94— dann ſagen: Ich hätte ſie retten koͤnnen! Ich! und ich ließ ſie in den Abgrund ſinken? was dann? o was dann? Weißt du es, weiß ich es, was dann? ——— Antwort. Dein Vater hat Recht, lieber Ferdinand. Es iſt nicht der Teufel, der dir deine Zwei⸗ fel zuraunt, ſondern der ſokratiſche Genius, deine Leidenſchaft mag ſagen, was ſie will. Du mußt deines Glaubens leben, und Zweifel iſt der Glau⸗ ben des Menſchen. Der Teufel predigt öfter, als⸗ wir glauben, mit der Bibel in der Hand; die Lei⸗ denſchaft, die der wahre Teufel iſt, nur daß ſie die Hörner in einem Heiligenſchein verbirgt auch. Der Vater hat heilige Rechte; die Tochter Scrreit zwiſchen Vater und Tochter an? ſtatt goldener Engelflügel die häͤutigen Fledermaus⸗ flügel an den Schultern, und ſtatt der Sterne krone eine verbergende Maske vor dem Geſicht. Tritt offen in den Kreis von Olympient hat heilige Rechte; aber was geht denn dich der Deine Liebe? die Liebe iſt das Heiligſte auf Erden; häͤtte ich es nicht gewußt, ſe wüßte ich es⸗ jetzt, da Thereſe mich in das verlorne Paradies zurückgefuhrt hat. Aber deine Liebe hat ſtatt der Fackel der Wahrheit eine Diebeslaterne in der Hand, b .2 — 95— Familie, und ſag dem Baron:„Ich liebe Ihre Tochter!“ Und haſt du dazu das Herz nicht: ſo thue den Sprung vom Leukndiſchen Felſen, wie's einem Manne gebuͤhrt. Disputire mit dem Teufel nicht über Recht und Unrecht; denn hat der Teufel dich bey einem Haare, ſo wird das Haar ſo feſt, wie das Than am großen Anker eines Krieagsſchiffs. Ich war, eh ich dich kannte, in der Schweiz, und irrte im Gebirge, bis ich ein Maͤgdlein gehen ſah, das ich bath, mich auf den rechten Weg zu⸗ führen. 4 Des Madchens Augen waren dunkelblaue Dia⸗ manten, die Lippen Rubinen, die Wangen aufge⸗ brochene Roſen, der Buſen weiß wie Schnee, der Schweizer Anzug dazu, und die einſame, ſtille, romanriſche Gegend thaten das Ihrige auch.„Im Himmel und auf Erden,“ dacht' ich— gibts ein ſolches Madchen nicht weiter,“ und da ſie die bey⸗ den Roſenknospen ihrer Lippen öffnete, zu einem Lächeln, das ſchöner war wie der Frühling, und zu: Worten, die kein Dichter wohllautender und ſchö⸗ ner träumt, da ſchlug mir das Herz, und ich zö⸗ gerte, um den Weg mit ihr zu verlängern. Die unſchuldige Schweizerinn ſetzte ſich zu mir, und zeigte mir im Thale ihres Vaters Hutte, und erzählte mir ihr unſchuldiges Leben, und ſang mir mit Nachtigallentönen ihre Lieder, und hieß mich dann erzählen. Und ich er⸗ zaͤhlte mit ſchoͤnen Worten, wie ich von ihr, ſeit mein Herz fühlen konnte, geträͤumt. Sie lachte, und ich lachte, und wir trieben des Lachens viel. So kam ich wit ihr an ihres Vaters Haus. Der alte, ein ehrwürdiger Schweizer, nahm mich gaſtfreundlich auf, und bath mich, zu bleiben. Ich blieb und blieb, und das Maͤdchen kam mir alle Tage ſchöner und unſchuldiger vor. Wir lachten noch; aber mit dunkeln Blicken, und mit Herzpochen, und daraus wurde eine. Liebe, ſo mächtig, daß der Gotthard ein Kind dagegen war. Der Pater hatte das Mädchen dem Sohne ſfeines Nachbarn beſtimmt; und mochte er unſere Neigung merken oder nicht: er erzählte mir von einem Mädchen, das einen Fremden geliebt und geheirathet haͤtte und wie übel die Ehe ausgeſchla⸗ gen wäre.„Denn, Herr,“ ſetzte er ernſt hinzu —„ſie mußte ihm ewig eine Fremde bleiben. Er konnte ihr in ſeinem Lande ja die Berge nicht ſchaf⸗ fen, auf denen ſie erzogen war, und er war hier unter den Sitten der Landleute ein Fremder, und blieb einer.ℳ— 8 „Darum eben taugt's nicht, wenn fremd und fremd ſich geſellt, und ich wollte meine Sepheli lieber in ein Kloſter bringen, als einem Fremden geben.,. Ich fluchte, ich disputirte mit meiner Lei 4½ grund!“ rief ſie.„Dann iſt man ſicher.“ Ich ſprang 8 aſont. die Pfarre zc. III. ſchaft. Ich fragte:„Hat der Vater das rechr und ſo weiter. Und das Mädchen feufzte, und ſah mich mit Augen voll Thraͤnen an, und drückte heimlich meine Hand.— Der Alte ließ ein Wort fallen von Verrath der Gaſtfreundſchaft, das meine Seele durchſchnitt. Aber ich hatte die Kraft nicht, mich von Sepheli loszureißen, bis wir einmahl im hohen Gebirg gin⸗ gen, ſie und ich, und auf einmahl ſtanden wir an einer Spalte im Felſen, und tief hinab in den Schooß der Erde ging die Spalte, und unten im Dunkel donnerte ein Bach, und ſie ſagte lächelnd: „Da hinüber müſſen wir.“ Dem Fremden grauſt's vor dem Abgrunde. Aber mit Muth und mit feſtem Entſchluß kommt man hinüber, und ſie ſprang, und ſtand lachend an der andern Seite. „Nur muthig weggeſprungen über den ſchaudernd, und war hinüber. „Liebſephel,“ ſagte ich, ſie a⸗ meine Bruſt drückend—„Du haſt mich viel gelehrt. Viel! viel!“ „Was iſts,“ ſagte ſie, meine Häͤnde an ihre unſchuldige Bruſt drückend. Dem Fremden grauſt's ewig an dem Abgrunde. 44 „Das iſt wahr! aber ich habe Euch gelehrt, daß Muth und ein Sprung— 7⁷, — 98— „Muth und ein Sprung, liode Joſephe! Und wenn ich in meinem Leben uͤber einen furcht⸗ baren Abgrund ſpringe mit Muth und Freudigkeit, ſo will ich an dich denken, und ſagen:„„Sephe⸗ li, Gott gebe dir einen guten Tag!ℳℳ 4 „Euren Wunſch erfülle Gott!“. Am Abend, Ferdinand, that ich muthig den Sprung uͤber den Abgrund, vor dem ich ſchau⸗ derte. Ich drückte des Vaters Hand, da Sepheli auf ihre Kammer gegangen war, und ſagte:„Va⸗ zer, ich muß gehen. Sagt morgen Se pheli, daß ich ſie ewig grüßen laſſe. Ich muß gehen; denn der Wunſch, Eure Sepheli zu heirathen, ſitzt warm in meinem Herzen. Aber Ihr wißt, daß die Heirath mit einem Fremden nicht Glück hak.“ „Hätt's auch nicht gelitten, Herr! ob ichs wehl gemerkt habe, daß Ihr in Sephelis Her⸗ zen ſo gut wohnt, als ſie in Eurem. Aber nimmer hatte ich's gelitten, obwohl Ihr ein braver Mann ſeyd, der Schweizer Blut im Herzen hat. Gluck auf Euren Weg, lieber Herr!“ Ich ging mit der Wunde tief im Herzen; aber ich ging. Da ich Italien verließ, kam ich wie⸗ der durch. Sepheli war glücklich; ſie war Mutter.— Ich habe ſie nicht wieder geſehen. Ich frage dich, Ferdinand, iſt dir Olympie nicht fremder, als mir die Schweizerinn? Daliegt der Abgrund! aber mit einem herz⸗ haften Sprunge iſt man hinuͤber, Ferdinand —— — Madame Sartili wohnte da. — 99— Thereſe laͤßt dich gruͤßen; aber erſt wenn der Brief verſiegelt iſt; denn früher ſoll ſie nicht wiſſen, an wen ich ſchreibe, ob ſie gleich mit den unſchuldigen Augen herüber lauert, obs ein Brief iſt; aber ich pfeife dazu, als waͤre es eine Kirch⸗ rechnung. Sie geht! geſchwind geſiegelt! Leb wohl! Denk an meinen Ehrenſprung, und ſpring nach. Der Abgrund iſt nicht ſo breit, als der beym Mäͤd⸗ chenſprunge, und das Maͤdchen— ein Madchen— ſprang doch! Leb wohl! 4 Ferdinand an Buͤrger. Js wohne hier auf einem kleinen Landhauſe mit⸗ ten in einem Waͤldchen, ſo heimlich, ſo verſteckt, wie die unglückliche Liebe wohnen muß. Gehe ich ſpazieren, ſo führt mein Weg durch eine Reihe ſchö⸗ ner Gartenhaͤuſer und Gaͤrten an einem lieblichen Fluß, und am Ende der Reihe Häͤuſer iegt ein klei⸗ nes Haͤuschen zuruück unter Obſtbaͤumen; und ſo oft ich vortiber gehe, tönt aus dem offnen Fenſter eine mächtige Weiberſtimme„voll und kraͤftig, wie man ſie in Italien hört. Das macht mich neugierig, und ich frage einen Arbeiter, der aus dem Garten kommt, wer da wohnt, und hore— denke, wie ich erſtaunte!— eine * Mein Fuß wurzelte in dem Boden. Alle meine Pulſe ſchlugen hörbar. Meine Mutter ſo nahe, jetzt, in der entſcheidenden Stunde meines Lebens! 4 Denn daß ſie meine Mutter war, daß ſie in meine Nähe gezogen, wie ſie hört, ich wohne hier, daß ſie den Zufall aufſucht, mich zu ſehen: das alles war mir unzweifelhaft. „O warum, warum, theure Mutter, willſt du deinen Sohn nicht erkennen?“ rufe ich. Ich war entſchloſſen, zu ihr zu gehen. Ich ging am andern Morgen. Ich oͤffne den Gar⸗ ten; das Haus ſtand offen, die Thür des Zimmers,⸗ aus dem der Geſang ertönte, auch. Ich trete auf die Schwelle, und am Boden ſitzt mitten zwiſchen Blumen, die ringsum verſtreut waren, eine junge Frau, kaum zwanzig Jahre alt, mit einem Kinde, das mit den Blumen ſpielte. Die Italienerinn hätteſt du auf den erſten Blick erkannt, an dem Reichthum der ſchwarzen vollenden Locken, die über den. Rücken und über den ſtolzen Buſen hoch hinabrollten. Die römiſche Naſe, die großen ſchwarzen Bogen der Augenbrau⸗ nen, der edle Hals, die ſtolze üppige Figur, das hrennende große Auge— alles mannte ihr Va⸗ terland..— Ich fragte italieniſch nach Madam S aͤrtili. „Meine Mutter!“ ſagte ſie, ohne aufzuſtehe ohne den Schahl, den ſie mahleriſch um den Leib 2 gewunden hatte, um die Schultern zu ſchlagen, die nur dürftig von den Locken verhüllt wurden. *„Wenn Sie einen Augenblick verziehen wollen, mein Herr!“ Sie ſtand auf, nahm ihr Kind, hüllte ſich und das Kind in den Schahl, und nun ging ſie, wie eine Juno erhaben, mich ſtarr betrachtend und ernſt, aus dem Zimmer, rief ihre Mutter mit dem lauten gellenden Ruf ihres Vaterlandes, und kam zurück nicht eine Nadel an ihrem leicheen Nachtkleide höher ſteckend. G „Sie ſind ein Deutſcher, denk ich. Wir reden Ihre Sprache.“ Und nun ſtand ſie gegen mir über, in der That eine wunderhohe Mutter. Das Kinß hatte blaue Augen. „So iſt Ihr Sohn mein Landsmann,“ ſagte ich deutſch. Sie ſah mich an, warf den blitzenden Blick wie eine zuürnende Göttinn gen Himmel, und ſagte ſchnell und des Kindes Geſicht in ihre hohe Bruſt verbergend:„Und dennoch lieb ich es! dennoch! dennoch iſt's meine Freude!“ Sie ſchlug den Arm um das Kind, ſie beugte ihr Geſicht darauf, die ſchwarzen Locken rollten wie ein Schleyer über das Kind, das, nach ihrer Sitte, nackend war. Es war ein ſchoͤner Anblick. Die machtige Stimme der Mutter kam weit vor ihr her. Ich verſtand jedes Wort. Sie ſang: „O dio, morir mi sento, d'affanno e di tor- mento!“ —— — 4— 1602— Mit dem letzten Worte trat ſie in die offne Thür. Ich hatte mich geirrt. Sie war die Frau nicht, die bey dir geweſen; denn wie haͤtteſt du einen Augenblick lang über die Italienerinn zweifele⸗ haft ſeyn koͤnnen? Sie war es nicht; denn du nennſt ihre Augen blau, und dieſer Frauen Augen waren blitzende, ſchwarze Augen. Aber in der feſten Erwartung, es wäre meine Mutter, flog ich mit einer heftigen Bewegung ihr entgegen, und da ich ſie ſah, ſtand ich auf ein Mahl⸗ Sie ſtand eben ſo verwundert wie ich. „Madame Sartili,“ ſagte ich, ihre Züge betrachtend—„Ihr Nahme Sartili hat dieſen Beſuch veranlaßt.“. „ Sie haben Jemand anders erwartet, als mich. Aber die Sartili heißt? das wäre ein Wunder!“ 4 „Eine Dame, die Sartili heißt; aber eine Blondine, und eine Deutſche.“ Sie lächelte.„O mein Herr,“ rief ſie leb haft—„ich kenne eine Dame, die blond iſt und Seartili heißt.“ „Sie kennen ſie?“ rief ich, auf ſie zutretend, mit der Liebe des Sohns, der jetzt dicht vor der Auflöſung des Geheimniſſes zu ſtehen glaubte. Sieh, Bürger, ich dachte, das alles ſey von meiner Mutter ſo veranſtaltet, um mich durch den Nahmen Sartili und durch die Nachbarſchaft in dieſes Haus zu locken. Ich wollte mit einem Mahl die Scheidewand niederwerfen, und ſo rief — 103— ich:„Ich weiß ja, daß ſie meine Mutter iſt! O ſagen Sie, wo ſie iſt, der Sohn ſucht die Mutter mit einem Herzen voll unausſprechlicher Liebe!“ Die Frau ſah mich bewegt an„Sie ſind in einem feltſamen Irrthume, mein Herr!“ Sie ſagten doch, Sie kennten eine Blon⸗ dine— „Wohl; die aber Ihre Mutter nicht ſeyn kann, eine Verwandte von mir, ein altes Mütterchen, die aber Italien und ihr Kloſter nie verlaſſen hat. O mein Herr, ich wünſchte eine Blondine zu ſeyn, um mich und Sie mit einem ſüßen Nahmen zu taͤuſchen, wäre es auch nur für ein Paar Augen⸗ blicke. Aber Sartili ſagen Sie? Sie irren wohl in dem Nahmen.“ „ In dem Nahmen ſo wenig, als—“ ich glaubte noch immer, die Frau müßte meine Mut⸗ ter kennen. Ich zog deinen Brief hervor, den ich eingeſteckt hatte. Sie warf ihren Blick auf den Brief, und ſagte: „Ich leſe nicht Deutſch. Ich rede es nur; aber meine Tochter verſteht Ihre Sprache ganz.““ Ich zeigte der Tochter die Stelle in deinem Briefe, wo der Nahme Sartili vorkommt. 1 Die Frau verſicherte jetzt ernſtlich, daß ſie von einer Mutter gar nichts wüßte, daß aber der Nahme Sartili, wenn ich ihr trauen wollte, vielleicht Licht geben könnte.„Und wer weiß,“ rief ſie auf ein Mahl mit lebhaftem Schmerz—„warum uns — 104— das Geſchick zuſammen gefuͤhrt hat! Sie ſuchen Ihre Mutter, und meine Tochter ſucht den Vater ihres Kindes.“ e⸗ Hier entſtand eine Pauſe, in der die Tochter ihren Sohn mit einer ſtarken Empfindung an ihr Herz drückte.— „O!“ rief die Mutter—„waͤren Sie mein Sohn?⁰¹ Aber die Welt iſt voll Unheil. Man muß nicht daran denken, und ſie trat an das Inſtrument, und ſang mit edlem Ausdruck:„Delle stelle, della zorte cessi alfin la crudelta!“— Die Tochter ſang es mit einer leiſen, ſchoͤnen Stimme mit. 4— „Eingeſtimmt, mein Heyr!“ rief die Mutter 2 1 mit ſtolzem Ernſt. 4 Ich ſang mit ihnen. Wir traten näher an dis Inſtrument, ich und die Tochter, der Knabe bewaͤrf uns mit Blumen. Die Mutter winkte uns mit den großen, her⸗ ſchenden Augen, lauter zu ſingen, um ihren Mund ſchweßte ein hoffendes Lächeln, aus der Tochter Augin DSand) und ſagte:„O hören Sie auf! Ich kann mit dem Leiden nicht ſcherzen.“ 65 „Scherz ich denn?“ fragte die Mutter, und legte das Haupt auf der Toch ter Stirn. Sie er⸗ griff das Kind, hob es hoch gen Himmel, mit ei⸗ nem Geſicht, in einer Stellung, die mein Hern erſchutterte.. 1. 4 3 3 „ drangen Thraͤnen. Sie hielt der Mutter . — 105— Dann ſagte ſie, ihren Blick auf mich heftend: „Forse il morir non e tanto amaro!“ und mit den Worten ging ſie hinaus.— Die Tochter trat nun an das Inſtrument, und ſang leiſe zu einem trauernden Spiel; ich verſtand nichts als zuweilen ein lauteres„Oimé!“ das gewiß aus ihrer Seele hervorbrach. Die Thraͤnen rollten milde über ihre Wangen. Es war die Muſik aus einem gebrochenen Herzen. Es war nicht italie⸗ niſche, es war deutſche Muſik, menſchliche Muſik. Endlich ruhten die ſchönen Finger der jungen ſchönen Frau auf den Taſten, die Lippen bewegten ſich noch fort, und ſchloſſen ſich mit einem ätheri⸗ ſchen Lächeln. Die Augen waren bedeckt, und nach einer Minute ſagte ſie mir:„O der gute Himmel gebe jedem Unglücklichen Muſik! Wie mögen dieſe todten Töne ſo himmliſch tröſten! Ach, ein Gebeth iſt nur Hoffnung, Wiuſs iſt Gewäͤhrung des Gebeths!“ Sie ſagte dieſe ſchönen Gebanken mit einer ſo ſüßen Stimme der innern Seligkeit, als ob ihr Herz gar keinen Schmerz mehr fühlte. Ich nahm ihre Hand und drückte ſie an mein Herz, als waͤre ich tauſend Jahre mit ihr bekannt geweſen. „Und wollte es meine Mutter mir dennoch glauben, daß ich dennoch, ach wie ſehr! gluͤcklich bin!“ ſagte ſie, das Auge auf ihr Kind, die Quelle ihres Glucks, richtend. 8 4 E*½ — 106— Ich wartete nur auf die Mutter, um zu ge⸗ hen, obgleich ich fühlte, ich war kein Fremder mehr in dieſem Hauſe. Die Mutter kam und bach mich, im Garten Frühſtück zu nehmen. Sie ſagte ſcherzend:„wir haben Deutſchlands Gaſtfreundſchaft gelernt. Ich weiß mir etwas mit den ſchönen Tugenden ihres Vaterlandes.“ Wir gingen in den Garten, und wir fruͤhſtück⸗ ten italieniſch⸗ Und nun ſollt ich erzaͤhlen von mei⸗ ner Mutter. Derr ganze Morgen hatte mein Herz ſo erweicht, daß ich, was ich ihnen erzählen konnte, ihre See⸗ len ergriff. Wie ich ſagte, daß ich ihr Nachbar waͤre, und daß eben die Nachbarſchaft mich zu ihnen geführt hätte, da rief die Mutter mit unverſtellter Freude:„viva mille anni il Signor— ach wie heißen Sie?“ Ich nannte meinen Nahmen.— Tochter Nahmen: Gismonda! bath um treue Nachbarſchaft, und hieß mich gehen, weil ſie ſich ankleiden müßten. Sie reichte mir ihre Hand, nannte mir ihrer 3 — 107— (Fortſetzung.) Ich konnte nicht gehen, ohne das ungluͤckliche Kind, das ſeinen Vater ſuchte, wie ich die Mutter, und wer weiß denn, ob nicht auch den Vater, an meine Bruſt zu drücken. „O Freund!“ rief die Mutter des Kindes, und reichte mir die ſchöne Wange zum Kuß. Ich ging heim; ſie begleiteten mich ein paar Schritte, um die Gegend zu ſehen, wo ich wohnte. Ich verſprach ihnen, wieder zu kommen. Am andern Morgen ging ich wieder, und auf eine Einladung von der Mutter zu ihnen. Eine Magd führte mich in das Zimmer. Mutter und Tochter waren auf einem Spaziergange, von dem ſie den Augenblick zurückkommen mußten. Ich ſah im Zimmer umher, ſah die Bücher an. Ich fand den Taſſo, Maffeis Merope aufgeſchlagen, ſogar Macchiavells Geſchichte von Florenz, ihrer Vaterſtadt. Ich fand auch einige deutſche Bü⸗ cher. Aus ihrem richtigen Deutſch, was beſonders die Tochter faſt ſchön redete, hatte ich ſchon längſt geſchloſſen, ſie müßten lange in unſerm Vaterlande gelebt haben. Aus den Büchern ſah ich, ſie waren nicht ein Paar unwiſſende Italienerinnen wie ge⸗ woöhnlich, ſondern Deutſchland hatte ſie gebildet. Was mich beſonders freute, war: die italieni⸗ ſchen Notenbücher, die in Menge da lagen, wa⸗ ren beſtaͤubt und alſo nicht gebraucht. Haydn — 108— und Mozart lagen auf dem Inſtrumente zum Gebrauche. Aber ich erſchrack ein wenig, da ich unter einem Schahl, der nach der Unordnung der italieniſchen Frauen auf einem Tiſch hingeworfen lag, die Mün⸗ dung einer Piſtole hervordrohen ſah. Ich zog ſie hervor, und eine zweyte, und beyde waren geladen, und gebraucht. In der Hand einer Deutſchen würde das Ge⸗ wehr Lachen erregt haben, dachte ich ſie mir aber in der Hand dieſer feſten, großen, heroiſchen Frau⸗ mit dem römiſchen, ſtolzen Geſichte, ſo wurden ſie mir ſehr ernſthaft. Die Magd, die wieder ins Zimmer trat, und mich mit der Piſtole in der Hand ſah, rief eilig: „ſie ſind geladen!“’”“ „Wer aber gebraucht ſie?“ „Madame ſchießt zuweilen nach et dem Ziel damit.“ „Und trifft? 1 fragte ich laͤchelnd. „Sehr genau, jedes Mahl ins Schwarze.“ Es erregte mein Nachdenken; denn das Feuer⸗ gewehr iſt ja ſonſt nicht das Gewehr der Italiener⸗ Eben jetzt traten ſie ins Zimmer, da ich die Piſtolen Wieder nieder gelegt hatte; die Tochter mit einem blaſſen Geſichte, voll ſchweren Kummers. 4 „Sie kommen an einem finſtern Tage, lieber Nachbar! ſagte die Mutter—„ich dachte nicht daran, daß es gerade heute der Tag iſt, da der ände. O Himmel, laß mich endlich, endlich den — 109— Treuloſeſte aller Menſchen meine Gismonda verließ. Ich bitte dich, Gismonda, denke nicht an das Ungeheuer!“ „Ich denke nicht an ihn, liebſte Mutter, ich denke an meinen Sohn, an mein, an lein ſchweres Ungluͤck.“ „O, der Elende!“ rief die Mutter—„ſehen Sie, dieſe ſchönen Augen zwingt er zu Thränen, dieſes Herz, ach, und dieſen Muth hat er gebro⸗ chen, für iminer gebrochen!“ Sie ſah mich, mich eben zürnend an, als waͤre ich der Treuloſe. 5 „9,“ fuhr ſie fort—„wie koͤnnen dieſe ſanften, blauen, treuen Augen ſo lügen! O, ſtaͤnde er vor mir, ich würde“— ſie zuckte nach der Bruſt, und ihre Hand war mit einem Stilet be⸗ waffnet, das ſie hervor riß—„dieſe treuloſen Augen aus ihren Höhlen graben; denn mit Ihren Augen belog er die Arme. Sie fuhr mit der ſcharfen Spitze ſo nahe an meine Augen, daß ich mich zurück beugen mußte. „Ich bitte Sie, gute Mutter, geliebte Cur⸗ radina,“ ſo nannte ſie, wenn ſie liebkoſte, ihre Mutter—„Sie wollten ja nicht an ihn denken!“— 3 „Nein, aber dieſes Eiſen iſt fuͤr ſein falſches⸗ Herz, für die treuloſen Augen, wenn ich ihn treuloſen Nichtswürdigen finden, der Mutter, Ge⸗ liebte und Sohn verlaſſen konnte!“ Ich habe nie eine Frau geſehen, die ſo maͤnn⸗ lich zürnte als ſie. „Wer iſt er denn?“ fragte ich. Die Tochter führte der Mutter Hand mit dem Dolche anſt nach der Scheide. 8„Ein Ungeheuer!“ ſagte die Mutter, ſich niederlaſſend—„eine Schlange, die unſer böſes Schickſal auf unſern ſtillen, glücklichen Weg warf. O, wüßten wir ſeinen Nahmen! der Nahme, den 8 er führte, war erlogen, wie ſein Vaterland, wo er wohnen wollre. Erlogen war alles von ihm, al⸗ les, Stimme, Auge, Geſtalt, nur nicht das gleißneriſche Lächeln, wemit er die Unſchuld be⸗ trog.“ Sartili aus Florenz hat oft Geſchäfte für den Großherzog in Deurſchland. Er verläßt endlich mit ſeiner Frau und Tochter Florenz, und läßt ſich als Bankier in Klagenfu rth nie⸗ der; aber von Zeit zu Zeit reiſt er mit ſeiner Fa⸗ milie zurück nach Florenz. Er hinterließ bey ſeinem Tode ſeiner Familie ein kleines Vermögen, das hinreicht, Frau und Tochter anſtändig zu erhalten.* Nun erſcheint auf ein Mahl in dem Hauſe der Witwe ein junger Mann, Nahmens Boit, der Sohn eines Gutbeſitzers in Baden, und en — 111— ſucht Madame Sartili fuͤr Florenz um einen Brief an den Compagnon ihres ehemahligen Man⸗ nes in Geldgeſchaäͤften. Gismonda lächelt; denn ſie kennt den Herrn Bolt. Er hat ſie ſeit ſechs Wochen unablaͤſſig, aber in der größten Verbor⸗ genheit, auf allen ihren Spaziergängen, ſogar in die Meſſe verfolgt. Madame Sartili nimmt den Fremden gütig auf. Das Geſchäft bringt ihn noch ein paar Mahl in ihr Haus, und Madame Sar⸗ tili, die ſich an Deutſchland gewöhnt hat, und noch weit mehr Gismonda an ihr neues Vater⸗ land gewöhnt ſieht, zeichnet den jungen Mann, der ihre Tochter zu lieben ſcheint, aus⸗ Bolt liebt die Tochter; aber er iſt blöͤde ge⸗ gen das Mädchen, und ſcheu gegen die ſtolze, kräf⸗ tige Italienerinn von Mutter. Aber eben dieſe ehr⸗ erbiethige Blödigkeit gewinnt ihm das Herz des Mädchens, und dennoch bleibt er immer in einer ehrerbiethigen Ferne ſtehen. Seine Augen verra⸗ then nur ſeine Liebe, ſein Mund niemahls. Mutter und Tochter kommen ihm mit Ver⸗ trauen entgegen; er iſt unendlich dankbar dafür⸗ Seine Ehrerbiethung für die Tochter waͤchſt, ſeine Hochachtung für den edelſtolzen Charakter der Mut⸗ ter. Sein Weſen iſt einfach; und dennoch iſt er ein gebildeter Mann, der Italien und Paris geſehen hat. Die höchſte Redlichkeit, auf das ein⸗ fachſte, auf das eindringlichſte aber ausgedrückt, ſpricht aus jedem Worte, was er ſagt. Er ſchau⸗ dert vor Entſetzen, wenn er von irgend einer Un⸗ treue gegen den Freund, gegen eine Geliebte hört; aber dennoch bleibt er auf ſeiner Graͤnze unver⸗ rückt ſtehen. 3 Er erröthet, wenn ihm Gismonda zulaͤ⸗ chelt. Er nimmt zitternd ihren Arm, wenn ſie mit ihm einen Spaziergang macht. Er läßt ihr unter andern Nahmen als ſei⸗ nem die ſchönſten Nachtmuſiken bringen. In ihren Fenſtern findet ſie die ſeltenſten Blu⸗ men, und man weiß nicht, woher.„O, mein Gott, Signora,“ ſagt er zurüͤck tretend, die Haͤn⸗ de auf die Bruſt drückend—„wie könnte ich ſo frey ſeyn?“. Gismonda findet auf ihrem Nachttiſche Sritzen, Bänder, Federn; aber mit dem holde⸗ ſten Erröthen läͤugnet Bolt ab, daß ſie pon ihm kommen. 5 Sie findet Verſe, die lieblichſten, ſo voll Geiſt, ſo voll Zartheit, ſo voll Innigkeit und Liebe, daß Gismonda beym Leſen erröthet, daß ihr Herz von Liebe pocht⸗ Gismonda, im Gefühle einer ſolchen Liebe werth zu ſeyn, lieſt ſie ihm vor. Seine Beſcheidenheit nur verrath ihn. Er tobt ſie nicht. Aber es iſt nicht ſeine Hand. Er erkennt ſie nicht an. Denn wie dürfte er gen, er?. 73 — — — 118— Er iſt verwirrt, er erröthet, er ſtockt, er ſchlägt das Auge verwirrt und beſcheiden nieder, und eben das bringt Gismondens Herz noch mehr zum Klopfen, als ſeine Verſe, ſo ſchön ſie find. 28 Gismonda faͤngt an, ihn mit der heißen Leidenſchaft ihres Herzens und ihrer Seele zu lieben. Sie wendet alle die kleinen, unſchuldigen Künſte der Liebe und des Vertrauens an, das ſie in ſeine Redlichkeit ſetzt, ſeinen Lippen das Ge⸗ ſtändniß ſeiner Liebe abzulocken, das in ſeinen brennenden verſtohlenen Blicken liegt. Madame Sartili weiß längſt aus dem 1 Hauſe, wo er wohnt, denn er läßt Briefe, die er ſchreibt, und die er erhäld, offen auf dem Ti⸗ ſche liegen, weil er ſo wenig mißtrauiſch iſt.— Madafe Sartili weiß ja aus dieſen Briefen, daß er reich, daß er frey von jeder Verbindung iſt, daß er ſogar unabhängig von ſeinem Stief⸗ vater iſt. Aus ſeinen Briefen an ſeinen vertrauten Freund, von denen Madame Sartili ſogar Ab⸗ ſchriften hat, redet die heißeſte Liebe, aber auch 1 die Furcht, ob ihn die theure Gismonda auch liebt, auch lieben kann, das qhaͤlende Mißtrauen, daß ſie ihm vielleicht nur ihre Hand gibt, weil er eich iſt. Heiße Verſicherungen ſtehen in den Brie⸗ fen, wie glͤcklich er ſie auf ſeinem reitzenden Gute — — 114— machen will, wenn er nur erſt von ihrer Leebe ſich überzeugt hat. Das haben Mutter und Tochter geleſene Welche Zweifel können ſie noch haben? Aber wie iſt es anzufangen, ihn zu überzeugen, daß er geliebt iſt? 2 Gismonda liebt ihn, liebt en heiß, würde ihn lieben um ſeiner Briefe willen; ſie geht ſo weit, als ein Maͤdchen, das heiß und redlich liebt, nur gehen kann, Sie wendet die großen, ſchwarzen Augen voll Liebe langſam auf ihn, ſchaut ihn an, bis Thraͤnen an der ſchönen Wimper haͤngen; dann reicht ſie ihm über den Tiſch, an dem ſie arbeitet, die Hand in zaͤrtlicher Wehmuth, und drückt die ſeine zitternd. Er ſpringt auf, er drückt in liebender Heftig⸗ keit, und voll Muth, die Hand an ſeine Bruſt, an ſeine Lippen; eben beugt er das Knie, ſich vor ihr niederzuwerfen: er erſchrickt. Er faͤhrt zurück, er erblaßt. Er ſchlaͤgt das Auge furchtſam nieder, und wagt es erſt nach einer Viertelſtunde wieder mit ihr zu reden. Weiter kann ſie doch nicht gehen. Mein, weiter nicht!“ ſagt ſie ſeufzend— nach! er in doch gar zu unſchuldig!“ Aber auch welch ein Triumph, deſe keinen un: ſchuldigs Herz ſein zu nennen! O welch einer unendlich ſchönen Minue das unruhige Herz entgegen! 8 — — 115— Was aller Menſchen Lippen öffnet und allen Muth gibt, der Wein, verliert an der liebenden Ehrfurcht des Herrn Bolts vergebens ſeine Kraft. Er redet nicht, und aus ſeinen Briefen weiß Gis⸗ monda, ſie darf nicht zuerſt reden. . So geht er mit Gismonden auf einen Maskenball, den man auf einem Garten veran⸗ ſalie hat⸗ r hohlt Gismo nden in einem Wagen ab. 2. Mutter laͤchelt; denn Gismonda iſt entzückend, unendlich reitzend gekleidet. Sein Auge glüht in dunkeln Flammen der Begierde. Er hebt ſie, ſie kaum berührend, in den Wagen. Er tanzt mit ihr, und hier endlich, da er im Walzen das liebliche Maͤdchen an ſeiner Bruſt haͤlt, da er mit ihr die Reihen wirbelnd auf⸗ und abfliegt, da ihr Auge mit heißer Flamme auf ſeines blickt, da ſeine und ihre Flamme der Geiſt des Cham⸗ pagners noch vermehrt: da endlich wagt ſeine zit⸗ ternde Hand die ihre zu drücken, da umſchlingt voll Inbrunſt ſein Arm den ſchlanken Leib, da läßt er zum erſten Mahle das Wort Signora weg, und nennt ſie: angebethete Gismonda! Er führt ſie aus dem Saale in den Garten. Sie laͤßt ſich dahin führen; denn in der Ein⸗ ſamkeit, im ſtillen Dunkel allein kann er nur re⸗ den. Er führt ſie in ein kleines Gartenzimmer, in deſſen naͤchtlicher Dammerung ſie kaum den S Sopha lehen, auf den ſie ſich ſetzen. — 116— Was hat ſie bey ſeiner Furchtſamkeit, bey ſei⸗ ner Unſchuld zu wagen? gar nichts.. Hier endlich ſinkt er zu ihren Füßen, und geſteht ſeine Liebe, und hört den Seufzer ihrer Liebe. Hier ſinkt er an ihre Lippen, an ihren unruhig wallenden Buſen, und ſchwört die Eide der ewigen Liebe; aber noch immer mit furchtſa⸗ mer, zitternder, abgebrochener Stimme. Sie wagt ihm nichts abzuſchlagen, wozu die Dunkelheit, die Einſamkeit, die Liebe ihn berechtigen. So ſteigend von Rauſch zu Rauſch, von Trun⸗ kenheit zu Trunkenheit, von Freyheit zu Freyheit verwirrt er ſie, berauſcht ſie ſelbſt in Liebe und Verlangen.— Er iſt außer ſich vor Entzücken. Er iſt ein anderer Menſch. Er reißt ſie mit ſich, im wilden Sturme der Leidenſchaft, bis das arme verrathene Maͤdchen nichts mehr abzuſchlagen hat, was die Liebe dem Geliebten, dem Braͤutigam, dem Man⸗ ne bewilligen kann. Er reißt ſich in troſtloſer Verzweiflung aus ihren Armen. Er nennt ſich einen ehrloſen Mann, einen Böſewicht, einen Elenden, der ihrer nun ewig nicht würdig ſeyn kann. Das entehrte Madchen muß ihn troͤſten, muß ihm ſchwören, daß ſie es nie ihrer Mutter ver⸗ trauen will. 3 1 Er iſt in wilder Verzweiflung, und dann eleh ſo wilder Freude. — 217— Er drückt ſie an ſein Herz, nennt ſie ſein 8 Weib, Gattinn, Geliebte. Er redet von der nahen„ Verbindung, ſo nahe, daß Gismonda drein re⸗ den muß. 8 Er hohlt Licht, er bringt Wein mit. Seine Augen flammen aufs neue, und da er die Geliebte in der ſchönen Verwirrung ihrer Klei⸗ dung, und die Wangen mit der ſchönen Scham⸗ röthe bedeckt erblickt, drückt er ſie an ſeine Bruſt. Sie iſt ja nun ganz ſein, ſeine Gattinn, ſein Weib! Was durfte ſie, was konnte ſie der trunkenen Liebe noch länger abſchlagen 2 Er reißt ſie im Sturme wilder Begierde und raſender Luſt mit ſich fort.. Siiee gehen nicht zurück auf den Tanzſaal. Wie könnte ſie vor den Augen ihrer ſchuldloſen Geſpielen erſcheinen?— . Gegen Morgen erſt— dieſe Morgenröthe vedeckte mit dunkelm Kummer, mit einer ſchweren Ahnung Gismondens Auge— Gegen Morgen führte er ſie an den Wagen. Er erinnerte ſie noch einmahl ihres Eides, ih⸗ rer Mutter nichts zu ſagen. 8 O, kannſt du es glauben, Bü rger, dieſes alles war das hölliſche Spiel einer tief durchdachten Verführung! Das hat die Mutter endlich errathen, und die Tochter hat es mit einem unendlichen Schmerze gegen die Mutter beſtätigt. — — 1128— Die erſte Ahnung davon hat Gismonda, da Bolt am andern Tage ſie wieder auf denſelben Garten führt, und zu dem Gartenhaͤuschen, wo ſie ihre Unſchuld verlor, den Schlüſſel aus der Taſche zieht. Sie ſtutzt, ſie fraͤgt. Jetzt hat er auf jede Frage eine beruhigende Antwort. Sie muß ihm fol⸗ gen; denn ſie iſt in ſeiner Gewalt, in einer Ge⸗ walt, der ſie nicht mehr entrinnen kann. Wenn ſie den Geliebten verloren hätte, ſie muß ſich den Gatten erhalten. Aber ſie hat den Geliebten nicht verloren. Er umfaßt ſie mit einer unendlichen, beruhigenden Liebe.— 4 Den einzigen Preis, den er auf ſeiner Liebe ſetzt, iſt, daß ſie das Geheimniß ihrer Mutter ver⸗ ſchweigt. Sie verſpricht es, ſie muß es verſprechen; denn ſie muß ja den Gatten, den Geliebten erhalten. Aber alles iſt veraͤndert. In Gegenwart der Mutter iſt er noch der blöde Liebhaber, der nicht frey das geliebte Madchen erblicken kann. Iſt er mit ihr allein, und die Mutter hin⸗ dert ſeine Spaziergänge nicht, ſo iſt ſein Weg auf den Garten, bis endlich die Unglückliche ſich Mut⸗ ter fühlt. Da bleichen die Roſen von den ſchönen Wan⸗ gen, da bedeckt eine trübe Daͤmmerung das Feuer ihrer Augen. Ihr Stolz iſt dahin, ihre Ruhe. Sis — 110— kann ihr Auge nicht mehr gegen die Mutter erhe⸗ ben; es iſt mit Thraͤnen bedeckt. Die Mutter wird aufmerkſam. Sie beobachter das junge Paar. Sie ahnt, ſie vermuthet, ſie erraͤth. Sie geht ihnen nach. Sie ſieht ſie in das Gar⸗ tenhaus verſchwinden. Sie geht zurück und überlegt. Die Tochter kommt zu Hauſe, die Schuld auf dem bleichen Beſicht. Die Mutter drückt die unglückliche Tochter an ihre Bruſt, und bitter ſie, ihr zu ſagen, was ihr iſt. Die erblaßte Tochter ſchweigt. „So will ich dir ſagen,“ ſagte ſanft die Mut⸗ ter, der Tochter Hand faſſend, und ſie an ihren Mund drückend—„Du biſt ſchwanger!“ Die Tochter ſchweigt, nur immer mehr er⸗ blaſſend. „Ich bitte dich, liebſte Gism onda, nenne mich nur jetzt ein Mahl Kurradine, laß mich den Nahmen der Liebe iett von deinen Lippen hören!“ Die Tochter ſchwieg, und fing an zu ſchwanken. Da kniete die Mutter vor der Tochter, und Gismonda rief:„Kurradinel geliebte Mut⸗ ter! Ich bin unſchuldig; aber nur unglücklich!”“ „Das biſt du, theures Kind, du, meines Le⸗ = 4129— bens Liöt, das biſt duz Daran kann 35 nicht zweifeln. Bolt iſt 87 1 Gismonda nickte nur ſtatt der Antwgtt. „So erzähle! erzähle Gismondal Ich fürchtete viel mehr, viel mehr!“ Da erzählte Gismonda, und die Mutter unterbrach ſie nicht, bis ſie geendigt hatte. „Waͤre es möglich,“ ſagte die Mutter ernſt— „er ware ein Böſewicht? O, waͤre es möglich?“ Sie fing an zu fragen, und Gismonda ant⸗ wortete mit Zittern, mit dem angſtlichſten Straͤu⸗ ben ihres Herzens, mit der unbeſchreiblichen Furcht, ihre Mutter möchte ſagen, was ſie ahnte, aber nicht wiſſen wollte:„er iſt ein Böſewicht!“ So lockte ihr die Mutter mit einer Frage nach der andern das entſetzliche Geheimniß ab.. „Meinſt du, Gismonda, 4 fragte ſie dann kalt—„daß er dich heirathen wird? Sage mir die Wahrheit!“ 4 „ Ich zweifle manchmahl, liebe Mutter! Denn 3 Liebe, Liebe will er nicht; er will der Leidenſchaft wuthende Flamme, ach, und ich liebe ihn! O wenn er das nur ein Mahl wüßte, glaubte! Er“— ſetzte ſie mit groß aufgeriſſenen, erſtarrten, entſetz⸗ lichen Blicken hinzu—„er glaubt an keine Liebe.“ „Und verdient keine!“ rief die Mutter „ich bitte dich, Gismonba, überlege, wäͤhle m Ruhe! Denn iſt dieſer Manſch ein Betrifger: — 121— wollt ich lieber mit einem blutigen Tieger zuſammen leben, als mit dieſem. Er wird dich verlaſſen 1 Wir werden ihn nicht wiederſehen! Gut denn! Wir verlaſſen Klagenfurth. Wir wohnen irgend⸗ wo: du unter dem Nahmen einer jungen Witwe, Mutter. Sieh, Gismonda, ich ſehe noch im⸗ mer die Pforten des Glücks dir geöffnet!““ „ und ſie ſo ruhig, meine Mutter?“ „Gewiß ruhig, Gismonda, gewiß, ob⸗ gleich ſo ſchmählich von ihm betrogen, beſchimpft! Biſt du unſchuldig? Biſt du nur unſchuldig!“ „Ja, Kurradina, das bin ich!“ „Denn ich will ihm nicht Unrecht thun. Biſt du ſchuldig: ſo geſteh den kleinſten Theil deiner Schuld!“ „ Mutter, wobey ſoll ich ſchwören, ich bin unſchuldig?“ „Bey ſeinem Blute!“ Da ſank Gismonda, die ihre Mutter kann⸗ te, vor ihr nieder, und rief:„warſt du unſchuldig, Mutter? Haſt du keine geheime Wünſche gehabt, ihn zu halten? habe nicht ich?“ Die Mutter ſah finſter die Tochter an.„Ich verſpreche dir, Gismonda, ich will ihm Zeit geben zur Reue. Ich will mit ihm reden. Wir waren nicht ganz ohne Schuld.“ Bolt kam, Gismonda war entfernt. Er trat zu der Mutter ins Zimmer. Die Mutter ſchloß ruhig die Thür ab, und ſteckte den Schluſſel ein. Lafont. hie Pfarre zc. III. 5 4 — 122— „Ich habe mit Ihnen ernſt zu reden, Bolt,“ hob die Mutter an, und ſetzte ſich, und hieß ihm ſich ſetzen—„meine Gismonda iſt ſchwanger, und ich weiß, wie alles gekommen.“ Er warf ſich zitternd der Mutter zu Füßen, nannte ſich einen Elenden, gab ſich alle Schuld, vertheidigte der geliebten Gismonda Unſchuld, bath um ihren Segen zu ſeiner Verbindung mit Gismonden, und ſpielte ſeine Rolle ſo natür⸗ lich, daß er faſt die Mutter betrogen hätte. „Gut, Bolt, dann ſteht alles gut, und meine Sorge iſt vorüber. Aber ich habe Urſach zu glauben, daß Sie ein Betrüger ſind, daß Sie Gis⸗ monden verlaſſen wollen; und auf den Fall müſ⸗ ſen Sie wiſſen, was mein Wille iſt. Sie könnten denken, daß wir, wie Deutſche, wenn Sie nun Gismonden verlaſſen haben, uns das Haar ausraufen, und feige Verwünſchungen hinter dem Betrüger herſenden werden, und dann ſtill in dem Abgrunde der Schande untergehen. Darin haben Sie ſich geirrt. Ihre Rechnung war richtig. Sie haben den Triumph, unter der Larve der blöden — Unſchuld ein edles Maͤdchen hingeopfert zu haben, das ſich ſelbſt, das Ihnen die Mutter entgegen trug, das Sie entehrten, ohne ſchuldig zu ſcheinen. Nein, Herr Bolt, laſſen Sie mich ausreden! Ihre Rech⸗ nung war richtig. Sie vergaßen nur einen kleinen Punkt, die Mutter, und ein kleines blitzendes Geräth, dieſes!“ — 123— Sie zog einen Dolch aus dem Buſen, und legte ihn ruhig vor ſich auf den Tiſch. „Wir haben Liebe, glühende Liebe für die Liebe, wir Italienerinnen; aber für den Treulo⸗ ſen dieſes Eiſen.“ „Sehen Sie hier dieſen Blutfleck! Meines Man⸗ nes Bruder ſtieß ihn in die Bruſt eines Treuloſen, der ſeine Schweſter verführte und verließ. Ich habe ihn geerbt, dieſen Dolch, und ich gebrauche ihn gewiß, mein Herr!“. Sie verbarg den Dolch wieder in ihren Buſen. Er ſinkt aufs neue zu ihren Füßen, und ſchwört. „Sparen Sie Ihre Schwuͤre! Wenn Sie ehr⸗ lich ſind: ſo iſt die Sache leicht abzumachen. Ich laſſe meinen Beichtvater, dem ich die Sache im Beichtſtuhl vertraut habe, hohlen, er legt den Se⸗ gen der Kirche noch heute auf Ihre und Gismon⸗ dens Verbindung, und wir alle ſind Sel tlich. 5 Hier ſchwieg ſie. Bolt machte hier eine Einwendung, und bath nur um die Zeit, da er Antwort von Hau⸗ ſe haben koͤnnte.. „O gern! recht gern!“ Fährt die Mutter fort —„das waͤren aufs höchſte vierzehn Tage. Und nichts treibt uns, wenn Sie ein redlicher Mann, nichts, wenn Sie ein Betrieger ſind; denn waͤren Sie ein Betrieger: wie würde ich Ihnen das Herz, das Leben meiner Gis monda vertrauen! Sie ſehen⸗ F 2 — 124— mein Herr, wir wollen nicht Ihre Hand, nicht Ihren Nahmen, ſondern Ihre Liebe. Sind Sie ein Betrieger, wie ich glaube: ſo werden Sie Gis⸗ monden verlaſſen. Das mögen ſie ruhig, mein Herr! Keine Drohung der Mutter, kein Seufzer der Tochter ſoll Sie hindern. Ich verlaſſe hier Kla⸗ genfurth, ziehe weit von hier, wo man mich und mein betrogenes Mädchen nicht kennt. Gis- monda lebt unter dem Nahmen einer Witwe bey mir, ſo glücklich ſie kann; und wäre es denn ſo ſchwer einen Böſewicht zu vergeſſen 2 „O bey dem ewigen Gott des Himmels, lieb⸗ ſte Mutter—“ „Laſſen Sie mich ausreden! Ich gehe ins Ba⸗ denſche. Ich verberge mich in eine tiefe Einſam⸗ teit, und beobachte Sie. Wollen Sie heirathen: dann, dann erſcheint die Mutter, mein Herr! Ich werfe mich an dem Throne Ihres gerechten Fürſten nieder, und fordere Gerechtigkeit. Ich füh⸗ re meine Tochter und Ihr Kind vor die Augen Ihrer Braut, und reiße dem Betrieger die glei⸗ ßende Maske ab.“ Hier ſah die Mutter ein ganz kleines Laͤcheln ſich auf ſeine Lippen ſtehlen; aber Sie druͤckte den Zorn nieder, der in ihrem Herzen ſchwoll. „Sie lächeln?“ fuhr ſie fort—„oder ſchien mir es ſo! Aber lächelten Sie, ſo weiß ich, wor⸗ äͤber Sie laͤchelten. Es iſt in unſern Händen nicht gar nichts, was unſere Anſprüche erweiſt. O mein Herr/ das weiß ich ſo gut als Sie, daß Sie nie ſchrieben, nie eine Zeile antworteten, wenn Ihnen Gismon⸗ da ſchrieb. Niemand weiß, daß Sie Gismon⸗ den allein ſahen. Sie ſind ganz ſicher. Sie könnten ſogar ſagen, wir hätten Sie verführt; denn Sie haben nie Ihre Liebe geſtanden, nie das Wort Liebe über Ihre Lippen gebracht. Was hat das Maͤdchen, wenn ſie unſchuldig war, mit dem Man⸗ ne, der nie von Liebe redete, um Mitternacht in dem einſamen, dunkeln Gartenhauſe zu thun? Ih⸗ re Liſt hat alles berechnet, das Herz des Mädchens, den Zufall, die Zukunft, alles, alles, nur nicht die Mutter, nur nicht den kleinen Dolch.“ „Eine Fremde wirft ſich an dem Thorne nie⸗ der, klagt einen Mann der ungeheuerſten, der al⸗ ler unmenſchlichſten Betriegerey an, und hat keine Beweiſe, als die Schönheit, als die Unſchuld des Maͤdchens, und einen makelloſen Wandel, den jeder hier bezeugen muß. Ich aber, mein Herr, ich fordre Sie dann auf, zu geſtehen, ob Sie meine Tochter verführt haben oder nicht. Geſtehen Sie, gut! ſo fordre ich für das Kind, das Gismon⸗ da ans Licht bringen wird, Ihren Nahmen, und den Theil Ihres Vermögens, der ihm gebührt. Läugnen Sie, dann habe ich alles gethan, was ich thun mußte. Verſagt die Gerechtigkeit des Throns der Fremden Schutz: ſo ſtehen wir beyde dann al⸗ lein gegen einander über, Sie mit der hölliſchen Schuld auf dem Herzen, ich unſchuldig, Mutter, * Betrogene mit dieſem Dolche in der Hand, ru⸗ hig entſchloſſen, das Ungeheuer, das meine Toch⸗ ter entehrte, meinen Nahmen, den Nahmen mei⸗ nes Mannes, den Nahmen meines Enkels, aus der Welt zu ſchaffen. Und legten ſie dieſe bewaffe⸗ nete Hand in Ketten, in ſchwere Ketten: ſo habe ich einen Sohn in Italien, mein Herr, der den Dolch erbt, und meine Rache, und die Schande ſeiner Schweſter.“ „Und nun, mein Herr, habe ich Ihnen nichts mehr zu ſagen! In vierzehn Tagen habe ich hier verkauft, was mein iſt. Gismonda begleitet Sie als Ihre Frau, oder ich als Ihr Racheengel.“ Sie ſah ihn hier ernſt an. „Vielleicht, mein Herr, iſt auch Ihr Nah⸗ me Bolt eine Luͤge, und Ihr ganzes Leben ein Betrug, und ich ſuchte Sie vergebens in ganz Deutſch⸗ lano, und das waͤre Ihr Triumph. O!— ſie griff ſchnell nach dem Heft des Stilettes. In dieſem Augenblick las die Frau die Schuld auf dem zerſtörten Geſicht des Böſewichts. Er bath, mit furchtbaren Eiden ſeine True, ſeine Un⸗ ſchuld verſichernd, nur um acht Tage Zeit. „So viel Zeit Sie wollen!“ ſagte die Mutter, 7 und öffnete die Thür. „O mein Himmel!“ rief er—„womit hat mein Herz dieſes entſetzliche Mißtrauen erregt! O Mutter, Mutter, grüßen Sie meine Gis⸗ — 127— monda, und morgen, ja morgen, und immer ſehe ich Sie wieder!“ Mit dieſen Worten ging er. Die Mutter verſchwieg der Tochter dieſe gan⸗ ze Unterredung. Der morgende Tag erſchien. Die Mutter hat⸗ te noch inmer eine kleine Hoffnung. Er kam nicht. Er war noch die Nacht heim⸗ lich abgereiſt. Wie die Nachricht ankommt, zerſchmilzt die Tochter in Schmerz und Thränen. Die Mutter tritt ſtolz an das Inſtrument, und ſing die erhabe⸗ ne Arie von Graun aus dem Britannicus: mi pa- venti. O lieber Buürger, du ſouteſt dieſe Frau die⸗ ſe mäͤchtig einfache Arie ſingen hoͤren, und beſon⸗ ders die Stelle: sono madre!. Wenn der Böſewicht von der Mutter diefe ben⸗ den Worte ſingen hörte: die Todesanſt würde, ſo lange er lebte, in ſeiner Seele mit dieſen. Tönen fortzittern. Die Mutter verkauft alles, was ſie in Kla⸗ genfurth beiitzt, und reiſt heimlich mit ihrer Tochter ins Badenſche. Sie ſuchten das Dorf, wo ſein Gut liegen ſoll, und Nahmen und Gut ſind Lügen.. Niemand von allen Menſchen, die er genannt hat, kennt den Nahmen Bolt. Mutter und Tochter ſind überzeugt, daß er — 1285— von dem erſten Augenblicke, wo er Gismonden ſah, den Plan gehabt hat, ſie zu verführen. Gismonda kommt nieder. Ach, die un⸗ glückliche junge Mutter ringt noch immer zwiſchen Liebe und Abſcheu gegen den Böſewicht, zwiſchen Glück und dem ſtill gewordenen Schmerze. Die Mutter erinnert ſich endlich, daß er ein Mahl in einer Geſellſchaft von der Reſidenz hier geredet hat, und ſo, daß ſie überzeugt iſt, er ha⸗ be hier eine Zeit lang gelebt. Das hat ſie hierher gezogen. Das hat ſie in ihre Einſamkeit auf mei⸗ ne Nachbarſchaft gebracht. Ich fragte die Mutter, ob ſie wirklich feſt ent⸗ ſchloſſen ſey, ihre Drohungen auszuführen. Sie ſah mich ſtarr an.„Sono madre!“ rief ſie mit einem erhabenen Zorn, und dann ſagte ſie wieder mit ſanfter, noch zerſchmolzener Stimme noch ein Mahl:—„sono madre!“ Es lag etwas Herzzerſchneidendes in beyden Tönen. Aber ich errathe nicht, was ſie will. Aber ich nehme immer mehr einen ſchmerzlich ſchönen Antheil an dem Schickſal der beyden Be⸗ trogenen, an dem ſchönen, auf ewig gebrochenen Herzen der Tochter, und an dem hohen, muthigen Geiſte der Mutter, die wie die Schickſalsgötinn ihr eigenes Schickſal webt, und das Leben nicht aus dem ſchönſten, aber doch aus einem hohen Ge ſichtspunkt anſieht. Ihre Worte ſind nicht erhaben; aber du wiee deſt ſagen: ſie denkt und fühlt mit der Muſik. Denn du ſollteſt nur ein Mahl ſie ſingen hören: sono madre! und dann wieder, wenn Gismon⸗ da bey dem ſchönen Kinde auf dem Boden ſitzt, und im zarten Blumenſpiel mit dem Kinde Gram und Untreue und alles vergißt, und in der heiligen Welt der Mutter ſo ſelig iſt, wie die ſtolze, hohe Frau dann die Worte sono madre! mit welchen weichen Tönen, die weicher ſind als die Blumen, womit das Kind ſpielt, weicher noch als die Thrä⸗ nen der Freude, die Gismonden in den Au⸗ gen haͤngen, ſie dieſe Worte ſingt. „Sie könnten, denk ich, glücklich ſeyn, Ma⸗ dame Sartili, wenn Sie vergeſſen wollten.“ Sie lächelte, und ſagte:„ſoll denn der Menſch alles vergeſſen? Soll der Raum zwiſchen Schlaf und Schlaf immer ein ganzes Leben ſeyn? und ge⸗ ſtern nichts, und morgen nichts? Soll der Menſch nur das Vergnügen zahlen, und nie die Zukunft? Soll der Entſchluß ſeyn, wie das Meer, wo die zweyte Welle die erſte auslöſcht? Sagen Sie, daß ich Unrecht thue, nicht, daß ich vergeſſen ſoll. Thäte ich Unrecht, auch das will ich nicht vergeſſen. Iſt es kein Verdienſt, der Zeit zum Trotz einen ge⸗ rechten Entſchluß feſt halten?„In Sparta haͤt⸗ te die Frau zu Hauſe gehöͤrt, oder in dem alten Rom!“ Dein Scweizergeſchichtchen habe ich g Bürger; aber nein, iſt mir Olym F* 8 eleſen, je. — 130— 1 fremd, nur ein wenig fremder als du warſt, da ich dich anredete, da ich dich an meine Bruſt druck⸗ te, und wußte, ich hatte den Bruder am Herzen: ſo iſt mir ewig alles Schöne, alles Edle fremd. Die Schweizerinn war dir fremder als mir, 0 lympie. Aber will ich denn dem Vater das Maͤdchen entführen? Habe ich nicht geſchwiegen? Habe ich nicht das Haus verlaſſen? Und wenn ich Hoffnun⸗ gen habe: o mein Freund, wie gering iſt die Hoff⸗ nung, die ich habe! ſo ruhen ſie alle auf der Zeit, auf meinem künftigen Schickſale, keine auf der Gewalt. Doch davon ein andermahl! Leb wohl! Marie an Agnes. Aus der Reübenz. 4 Hier bin ich, meine gute Agneszu und wirſt du es glauben, ich habe meinen Sohn noch nicht geſehen, obgleich ich von Sonnenbergen einen Brief an ihn habe. Ich reiſte über Trauſen; denn was ich von meines Sohnes Frauf gehört hatte, machte mich begierig, ſie kennen zu lernen. Ich wollte nur einen Tag lang da bleiben, und dann ſogleich zu Bardeſteins in die Reſidenz gehen. Aber, o meine Agnes, hüätte ich den Tod meines geliebten Mannes, und den — 131— um meines Sohnes Leben dem Schickſal als einen Tribut meiner Menſchheit abgegeben: ſo würde ich zittern vor dem vielen Glücke, was mir auf ein Mahl begegnet. Mein aͤlterer Sohn, den das Meer ver⸗ ſchlungen hat, erſcheint wieder, und ſeinen Bru⸗ der, an deſſen Glück ich faſt zweifelte, obwohl er ein ſehr edler Jüngling war, ſo feſt hatte ein Vor⸗ urtheil ſeines Lehrers über die Treuloſigkeit der Wei⸗ ber in ſeinem Kopfe Wurzel geſchlagen; ach die⸗ ſen theuern Sohn finde ich glücklich wieder, in den Armen einer vortrefflichen Frau, deren Liebe mein Sohn auf die allerſeltſamſte, und auf die allergefaͤhrlichſte Weiſe erworben hat. 4 Doch davon ein andersmahl, liebe Agnes! Ach Agnes, ich kann dirs nicht ſagen, wie groß das freudige Weh meines Herzens wurde, da mir überall, wohin ich kam, eine unerwartet erfüllte theure Hoffnung, wie eine Pforte des 4 Himmels ſich öffnete! 3 Meine Augen hingen faſt immer voll Thraͤnen 1 ſo weich war mein Herz unter der vielfachen Se⸗ ligkeit geworden. So trat mir— da ih in den Gartenſaal meines Sohnes trat; er war auf der Jagd— ſei⸗ ne junge Frau, lieblich wie die junge Grazie, und unſchuldig und fromm, wie eine Heilige entgegen; und da ich meinen Nahmen nenne, ſchluchzt ſie vor SFreuden, u und ich ſchluchze, und alles, was ich, — 1323 — und alles, was ich hoͤre, dringt wie ein Snom non ſeliger Freude in meine Seele: die heitere Stirn meines Sohnes, die Tochter, mein Enkel, das glückliche Leben, voll vorſichtiger Weishit, was ſie führen. Und Agnes, Agnes, ich fragte in hypo⸗ chondriſcher Aengſtlichkeit meinen Sohn: ob nicht die Morgenröthe auch wohl den Tod bedeute, oderUnglück. Er läͤchelte, und ſagte:„Der Tod iſt die Morgenröthe der Ewigkeit.“ Denn, Liebſte, ein neuer Freudenkranz fiel auf meine Stirn. Meine Schwiegertochter iſt die Sich weſe des edlen Predi⸗ gers in Holm. Aber ſieh, ſo nahe gieht mein Geheimniß vor der Entdeckung. Ich dankte Gott, daß Holm am andern Ende Deutſchlands liegr. Es ſollte meine erſte Frage ſeyn nach meinem Sohn. Aber ich ſchwieg jetzt, bis ich von un⸗ gefähr des Nahmens Bardeſteins erwähnte; da fragte er nach dem jungen Künſtler. Er redete von ſeinem Bruder, ohne ihn zu kennen, mit der heißen Liebe eines Bruders und des Freundes. Er hörte nicht auf, von ihm zu reden; da ſiel ja wieder die wehmüthigſte Freude uͤber mein weiches Herz, und ein tiefer Schmerz, daß ich es ſeyn ſoll, die zwey Bruder zurückhält, ſich nicht zu erkennen. O Agnes, du haſt zwar geſagt, ich thaͤte wohl, den Schleyer des Geheimniſſes über meines 8 Gahnt⸗ Leben unangetaſtet ruhen zu laſſen. Ab — 133— ach, ſoll ich nie das Wort Bruder von den Lippen meiner Söhne hören? Ach, ſoll ich denn nie den geliehten Jüngling an mein Mutterherz drücken? Wie iſt es möglich? O Agnes, wie kann dein edler Mann— denn alle ſeine Gründe ſind ja nur von der Schwierigkeit hergenommen, die Geburt meines Sohnes zu beweiſen, und von dem Anſehen der Boiſens, und der Grafen Sonders— wie kann er verlangen, die Mutter ſoll ihren Sohn nicht erkennen? 3 und überlege ich ſeine Gründe, ſo hat er Recht; 4 ſo zittre ich vor dem Augenblick, da ein Zufall das gefährliche Geheimniß ans Licht reißen kann. A ber höre weiter!. Wir reden noch immer von ihm, von Bür⸗ ger, von den edlen Pflegeaͤltern meines Sohns. Jetzt erzählt Aurora einen Zug ſeines ſanften Herzens, und dann mein Sohn einen Zug ſei⸗ ner erhabenen Seele. Und Aurora— ſo heißt ſeine Frau— und wie ſeltſam! ſie hat den Nah⸗ men von meinem Sohn, als ein Symbol ſeines Glücks. Und ich machte auf der Sandbank, die meines Sohnes Leben rettete, die Morgenröthe zu dem himmliſchen Zeichen meines Glücks!— und Aurora ſetzt ihn ihrem Manne gleich; aber ihr Mann ruft eifrig:„Er, er iſt der Erſte in unſerm Bunde der drey Freunde! Ich reitzte das Geſchick, . Bürger trotzt ihm, aber Braune verſöhnt es mit der weichen und ſtarken Seele."4 4 Das hoͤrte ich täglich, und taͤglich wurde mei⸗ ne Seele weicher. Ich mußte oft gehen, um mich auszuweinen. Sieh, ſo zeigt mir eines Tages Aurora die Zeichnungen, ſeine Gemaͤhlde in dem Zimmer, wo er gewohnt hat, und meine Blicke bleiben auf dem Kopfe einer Muſe haͤngen. Es war Olympiens Kopf, vollkommen getroffen. Ich frage ſchnell:„Wer iſt das, Aurora!“ „Urani az Mütterchen. Sie ſehen's ja an der Sternkrone auf dem ſchönen Haupt. Den Kopf hielt er für das Ideal der Kunſt, ſo ſehr, daß mein Mann oft lachend ſagte, wenn er ihn mit ſo innig bewundernden Blicken ſo oft betrac„hh tete: Es iſt des Künſtlers Geliebte; und faſt möcht. ich glauben, mein Mann, hat lachend die Wahr⸗ heit getroffen. Denn ging er, ſo nahm er gleich⸗ ſam Abſchied von dem Kopfe, und kam er, ſo war das Bild das erſte, was er begrüßte.“ Nun ſiel mir ein, was die Baroninn kopf⸗ ſchürtelnd ſagte, da ich bey ihr meinen Sohn ſe⸗ hen ſollte. „Die da,“ ſagte ſie von Ifabetten—-— „macht mir keine Sorge.“ Auf ein Mahl war mir alles hell. Alles! Er liebte Hlompien; o jetzt verſtehe ich ja alles das Räͤthſelhafte, was Iſabellen entſchlüpfte, da ſie nachher über ihn redete! — 135— Olympie liebt ihn! Eine neue, eine ſchöne, himmliſche Morgen⸗ eöthe ſtieg wieder aus dem dunklen Abgrund des Meers, das ihn verſchlang, an meinem Him⸗ mel auf. Olympiel Ach, es war der Wunſch mei⸗ nes Lebens, daß mein Sohn Olympien nur ſehen ſollte. Ich wußte gewiß, er würde ſie lieben. Er ſchlug mir es hart ab, mit den Worten: „Ich gehe zu keinem Mäadchen, um ſie zu lieben.“ Und nun liebt ſein Bruder ſie, ſie die Tochter des ſtolzen Barons, und ich ſoll mich nicht zu ihm bekennen, Agnes? Ich ſoll nicht ſagen:„Er iſt mein Sohn! ich ſoll das Mädchen, daß ich unend⸗- lich liebe, ich ſoll meinen Sohn in einer ſtummen, 6 unglücklichen Liebe untergehen ſehen? O Gott, Agnes, es iſt nicht möglich! Ich ſende dir die⸗ ſen Brief. Zeige ihn deinem edlen Manne; ſoge ihm, eine Mutter habe ihn geſchrieben, habe ihn mit Thränen benetzt. O, ſoll ich ihn noch ein Mahl in den Wellen eines härtern Schickſals ver⸗ ſinken ſehen, und ich ſoll meine Arme nicht um ihn ſchlagen, und rufen:„O Gott, er iſt mein Sohn? Muß ich das, weil Menſchen mäͤchtig ſind? Iſt die Mutterliebe nicht mächtiger? Iſt Gott nicht mächtiger, der ihn rettete?—"“ —— —- 136— Marie an Agnes. Jo habe deines Mannes Brief geleſen, und zittre noch. Es ſoll unmöglich ſeyn? es ſoll? O mein Gott! mein Gott! aber es ſoll! Ach, ich wollte, ich haͤtte mich dem edlen Pfarrer in Holm entdeckt, ſo waͤre vielleicht ſchon alles geſchehen! Aber ich Arme muß gehorchen; denn iſt nur die Hälfte von Grauſamkeit zin der Bruſt hab⸗ ſiüchtiger Menſchen; ſo— o weh! Aber ich ge⸗ horche. Ich kam nun hier an. Ich konnte die Zeit nicht erwarten, daß ich umgekleidet wurde, um zu Barons zu fahren; und da ich die Treppe hin⸗ auf ging, hatt ich nicht Athem genug, nicht Stäͤrke genug; ſo gewaltſam wirkte der Gedanke auf mein Herz, ich ſollte ihn ſehen! Ich ſammelte alle meine Staͤrke, um mein Herz zu verbergen. Ich trete ins Zimmer, und Iſabelle fliegt mit ihrem gewöhnlichen Unge⸗ ſtüm in meine Arme. Die Mutter zund Olym⸗ pie waren auf einem Beſuche. O du glaubſt, mit welch einer reinen Mut⸗ 3 kerfreude ich das theure Maͤdchen, das er geret⸗ tet hat, und das ihn dafür ſo leidenſchsitlich leb, an mein Herz druckte! 3 1 „Und wo haſt du deinen Freund, Ifabet⸗ le, deinen Retter, 8 ſehen, wie bleich Olympie iſt; aber weil ſie ware Olympie gerettet. Aber da tragen ſie die Dornen eine bey einer vorſichtig aus einander, um Fort iſt ſie! Ich griff muthig in die Dornen, Tant⸗ — 137— Sie ſah mich mit recht ſchmerzlicher Weh⸗ muth an. B „Die Welt iſt voll boͤſer Menſchen, glauben Sie mir, meine gnädige Tante!“ „Wir gehören nicht dazu, Iſabelle, und Olympie auch nicht, und dein Engel, denk ich, gar nicht.“ „Ach, viele, die mir nahe, ach nahe ange⸗ hen! Und warnte eine Stimme vom Himmel: die Menſchen lacheln und hoͤren nicht. Sie werden lächelt, lächelt auch mein Vater, und ſagt: es hat nichts zu bedeuten.“ Olympie wird im Sterben noch laͤcheln; das will er nicht glauben.“ „Du erſchreckſt mich, liebe Iſabelle, was iſt dir denn?“ „Das groͤßte Unglück ſchwebt über ihrem Haupte, wie ein Habicht über einer ſchlagenden Nachtigal⸗ Weil ſie ſchlägt, lächelt jeder, und ſagt: Es hat nichts zu bedeuten. Sie kennen den Herrn von Boiſen, des Präſidenten Sohn? Olympie wird Ja ſagen, wenn der Vater will, und die Mut⸗ ter bittet, und—“ ſie wiſchen ſich die Augen. „Das waͤre freylich ſehr übel! Aber der Oberſt? „Waͤre ich ein Mann wie der Oberſt, ſo— die giftige Schlange in ihrem Neſte zu erhaſchen. 138— chen, und ließt es ritzen und bluten und ſchmerzen. So ſollte man. Der Oberſt liebt uns, und redet vom Herzen weg, und flucht; aber der Vater laͤßt das Gewitter vorüber gehen, und Sie ſollen ſehen.“ Die Heftigkeit ihrer Empfindung nahm ihr faſt den Athem zu ihren Worten. „Sehen Sie, ich gehe nicht hin, durchaus nicht. Mein Vater mag befehlen, wie er will. Ich haſſe dieſen Boiſen.„Das muß man nicht,“ ſagte mein Vater. Tantchen, wie wollt ich lieben, wenn ich nicht haſſen durfte? Das iſt ſo klar; aber ſie wollen es nicht begreifen. Ich will haſſen, recht von Herzen, den Tieger, und hielten ihn tauſend Ketten, die Katze, und waͤre ſie noch ſo zahm, die Blindſchleiche, und wäre ſie noch ſo ſchoͤn, den Böſewicht, und waͤre er noch ſo reich und maͤchtig!“ Das ergriff mich ſo gewaltſam, daß ich das Maͤdchen an die Bruſt drückte, und in Shränen zerfloß. Sie trocknete mitleidig meine Thraͤnen. „Trockne deine, Iſabelle!“ „Ach nein: denn mein Auge wird nie trocken werden. Ich bin an Thraͤnen gewöhnt. Ich wollte/ Olympie könnte mit meinen Augen weinen.“ „Warum? 244/— „Jede Thraͤne, die ſie weint, reißt ein Stück von ihrem Leben ab.„„Ich weine, weil die Menſchen 4 ſo feig ſind; und Thraͤnen des Zorn, ſagte Braune, 1 — 139— ſind wie Thraͤnen der Freude. Sie machen die Bruſt leicht.““ 4 „Ach,“ ſagte ſie voll Zorn—„ich wollte, ich waͤre ein Mann, o Herr von Boiſen— der Feigherzige! Ach, Sie wiſſen das alles nicht, lieb⸗ ſtes Tantchen! auch darf ich nicht reden. Dieſer Boiſen— O dieſer Boiſen! Nur eine Stunde möchte ich ein Mann ſeyn.“ Sie legte die Hand über die Augen.„Ich habe meiner Mutter ja zu verſtehen gegeben. Man glaubt mir nicht. Man denkt, ich haſſe Boiſen, weil ich Braunen liebe. Olympien darf ich nichts ſagen. Die Abſcheulichkeiten würden ihr Herz zerbrechen. Aber er zerbricht es doch, ſpät oder frühe, und dann, dann! O dann! Die Augen blitzten auf, die Arme hoben ſich, der Fuß ſtampfte, das Geſicht erblaßte, aus den Augen floſſen nicht, ſondern ſtrömten, ſtürzten Thränen. Ich kam auf meinen Sohn zuruͤck. Ich fragte. wo er waͤre. Sie antwortete ſehr ruhig:„Er iſt fort. Er hat das Haus verlaſſen müſſen, wo— Er mußte!“ „Weißt du, wo er iſt? ich habe von ſeinem Freunde, meinem Sohn, einen Brief an ihn.“ Ein reiner Himmel ging auf dem holdſeligen Geſcchte auf.„Geben Sie den Brief mir; ich will ihn beſorgen.“ 1— ISch ſah wohl, ſie ſtand mit ihm im Zuſam⸗ menhange, den ſie auch gar nicht laͤugnete, da ich fragte; aber uͤber ſein Verhaͤltniß zu Olympien nicht ein Wort. Ein ſeltſames Mädchen! Da ich ihr ſagte: „Mein Sohn hat mir den Auftrag gegeben, dei⸗ nen Retter wie meinen eigenen Sohn zu behandeln!“ da fuhr ſie zuſammen, legte den Finger an die ſinnende Stirn, dann ſenkte ſie das Haupt, und ſchwieg. Sie ſagte mir ſeine Wohnung. Das war alles, was ich erfuhr. Olympie und ihre Mutter kamen zuruͤck. Olympie war ein wenig bleicher. Die beyden Schweſtern umarmten ſich nun mit einer Innigkeit, mit einer heiligen Heimlichkeit, daß ich gewiß weiß, iſt etwas zu vertrauen da: ſo iſt Iſabelle Olympiens, oder vielmehr Olympie Ifabel⸗ lens Vertraute. Sie verließen das Zimmer. Die Mutter ſah ihnen ſeufzend nach. „Auf wen ging der Seufzer, liebe Baro⸗ ninn? Auf Iſabellens Heftigkeit?“ „Nein, für Iſabellen habe ich keinen Seufzer. Was du Heftigkeit nennſt, Marie, iſt Muth, mit dem ſie ein Mahl ſich Bahn machen wird, wenn Menſchen in ihren Weg treten. Glaube mir, ſie iſt ſo ſanft, wie Olympie. O wie ſanft wie unbeſchreihlich weich war ſie gegen den jungen — — 141— Mahler, der ſie rettete! O wie wird die einſt lieben!“ „und dieſer junge Mahler?“ „O Marie, hätte er eine Sylbe mehr an ſeinem Nahmen, um Olympien zu der glücklich⸗ ſten Frau auf dem weiten Erdkreiſe zu machen!“ „Sie liebt ihn?“ 3 „Ich fürchte, mit der ganzen Gewalt ihres weichen und frommen Herzens, obgleich ſie nichts ſagt. 14 Sieh, liebe Agnes, nun öffnete ſich ihr Mut⸗ terherz. Ja, mein Sohn liebt Olympien, Olym⸗ pie ihn. Der verkehrte Vater hat das Glück ſeiner Tochter darauf hin gewagt. Der Mahler ſollte die Töchter zeichnen, und italieniſch lehren, und den Baron auf des Fürſten Wunſch in die heſdend begleiten. O Agnes, Agnes, frage doch deinen edlen Mann, ob denn nicht eine Möglichkeit iſt, meinen Sohn anzuerkennen? O, frage ihn, frage ihn ja, wenn . er recht lieber Laune iſt, wenn er eben ſeine Tochter voll Liebe an ſein Herz gedrückt hat, ſo frage ihn, ob es denn gar nicht möglich iſt. Omein Auge und mein Herz ſchwimmen in Thraͤnen! — 3 4 — 142— Der Juſtiz⸗Director von Holpe an die Frau von Sonnenberg. Glauben Sie mir, Freundinn meiner Agnes, meine ⸗Augen ſtehen auch voll Thraͤnen bey dieſem Briefe. Es iſt unmöglich! Es iſt ganz unmöͤglich! Ich bin auf des Grafen Sonders Gut ge⸗ weſen; unter einem Vorwande ließ ich mir das Kirchenbuch zeigen. Im ganzen Kirchenbuche ſteht nicht ein Wort von Ihrer Trauung mit dem Gra⸗ fen Sonders. Alle übrigen Zeugniſſe, ſagen Sie ſelbſt, ſind mit Ihrem ſeligen Gemahle verloren ge⸗ gangen. Ihr Zeugniß und Ihres Bedienten Zeug⸗ niß gilt ganz und gar nicht. 3 Alle Ihre Verwandten, alle Verwandte der Sonders, die ganze Gegend hier weiß, daß der unglückliche Graf, Ihr Gemahl, nie verheirathet war, ſo wenig, wie Sie vor ihrer zweyten Ehe. Tauſend von Zeugen leben, die beſchwören können, daß ſie Sie in der Geſellſchaft des Grafen nie geſe⸗ hen. Sie können nie, nie zu einem Beweiſe kommen. Haätten Sie, da das Unglück auf dem Meere geſchah, gerichtliche Beweiſe geſammelt, es waͤre die Frage, ob man ſie anerkennen könnte. Sie verwickeln ſich in einen Prozeß, der ſchlechterdings nicht zu Ihrer Ehre ausfallen kann. Deſto ſchlimmer für Ihren Sohn, welln die dabey beeintraͤchtigten Menſchen ſich heimlich über⸗ zeugen, Sie könnten Recht haben! dann wäre — 1243— das Daſeyn Ihres Sohns ewig für die Familien, welche die Sonderſchen und die Sonnen⸗ bergſchen Güter beſitzen, ewig gefaͤhrlich. Und Macht und Habſucht könnten leicht Ihr Mutterherz noch tiefer verwunden, als jetzt die Mutterliebe es verwundet. Schaffen Sie Beweiſe, und dann, dann ware es Ihre unerläßliche Pflicht, Ihrem Sohne zu ſeinem Rechte zu verhelfen, ſein Charakter möchte ſeyn, wie er wollte, und müßte Ihr edler zweyter Sohn darüber ein Bettler werden: Mir ſtehen Thraͤnen in den Augen; aber es iſt nicht anders. Das iſt die Dornenkrone weiner Würde, daß mir das ewige Geſetz mehr gelten muß, als die Selbſt⸗ überzeugung. Als Menſch will ich ſchwören, er iſt Ihr Sohn. Als Juſtiz⸗Director muß ich andere Beweiſe fordern, als Thränen, Liebe, und ein Mutterherz. Ich bin Vater. Meine Hand zittert, mein Herz ſchlägt unruhig. Aber noch ein Mahl: es iſt unmöglich!— 4* Marie an Agnes. Nun. denn: Es iſt unmöglich! O ich unglückliche Muttet! Es iſt unmöglich! 3 Ich ſchrieb nun meinem Sohn ein paar Worte, woorin ich ihn bath, zu mir zu kommen, weil ich von meinem Sohne Briefe für ihn haͤtte. — 144— . OAgnes, da endlich ſtand er vor mir! da endlich konnte ich meine Blicke an ihm weiden, konnte die Züge ſeines Vaters aus dem jugendlich ſchönen Geſichte hervor ſuchen! Ich hatte mich lange auf dieſen Beſuch vor⸗ bereitet, und ſo war ich ruhig genug und freudig, und Mutter genug, meinen Blick in ſein Inners zu werfen. „Ich habe von Ihren Arbeiten bey meinem Sohn etwas geſehen, lieber Braune, eine Ura⸗ nia, zum Exempel, die aber hier Olympie heißt. Ich glaube, die beyden Nahmen bedeuten das Felbe. O wie ſchön erröthete er! „Faſt ſollte ich glauben, das Bild, das der Künſtler ſo tief in ſeiner Seele ruhen hat, daß er es an jedem Ort mahlen kann, müßte auch ein we⸗ nig in des Künſtlers Herzen wohnen.“ „Ich habe das Talent, ſagte er, einen Seuf⸗ zer leiſe aushauchend—„aus dem Kopfe treffen zu können.“ „Was mir aber Aurora ſagte, wie Sie diẽ Muſe beym Abſchiede begrüßt, beym Kommen wie⸗ der, verraͤth, daß das Herz ſo gut ſeinen Theil an der olympiſchen Göttinn hat, als der Kepf, wenn nicht den beſſern. Und in der That, der Künſtler müßte nur Künſtler ſeyn, wenn vor Oly mpiens Geſicht das Herz nicht dem Kopfe helfen wollte! Wäre ich ein Mann, ich würde das Mäͤdchen, das — 145— ich liebte, nicht von einem großen Künſtler Mahlen laſſen. Denn was den großen Kunſtler macht, iſt, was den großen Dichter macht, die Liebe.“ d „Dann wurde der greße Künſtler der treuloſeſte Mann ſeyn müſſen. Er liebt! aber nur das Ideal.“⸗ „ und wenn das Maͤdchen nun ſein Ideal iſt? dieſe Verwechſelung iſt ſo ſchwer nicht. Ich habe Olympien als Nonne geſehen. Das blaſſe Ge⸗ ſicht Olympiens mit dem ſtillen, aber ſchweren Kummer paßt jetzt beſſer zu dem Nonnenſchleyer als damahls, da Sie ihn über ihre Stirn hingen. O mein Herr,“ fuhr ich fort; denn er ſchwieg in einer rührenden Verwirrung—„wie gern flüchtete Olympie hinter den heiligen Schleyer, den Sie ihr prophetiſch gaben! Er ſchwieg fort. Dann ſagte er ſchnell:„ich habe das Haus des Barons verlaſſen. Es thut weh, daran erinnert zu werden.“ „Und doch haben Sie Freunde in dem Hauſe verlaſſen: die Mutter, Iſabellen und Olym⸗ pien ſelbſt. Ich wollte,“ ſagte ich, mich überhoh⸗ lend—„Sie könnten Vertrauen zu der Mutter Ihres Freundes faſſen. Mein Sohn bath mich, ich möchte Sie, wie ihn ſelbſt, lieben. Ich bin eine treue Mutter; und die Baroninn iſt meiner Ju⸗ gend vertraute Freundinn. Ich wollte, Sie könnten Vertrauen zu mir faſſen.“ zafont. die Pfarre ze. III, 6 „So bitte ich Sie mit dem vollen Vertrauen, wie ich würde meine Mutter bitten, ein Geſpräͤch fallen zu laſſen, das— das— kein Mann das Recht hat, fortzuſetzen.“ Er ſagte das ſo fanft bittend, und küßte dabey meine Hand ſo zartlich, daß ich ſchweigen mußte⸗ Wir ſchwiegen beyde. Dann hob er auf ein Mahl mit einer Art von Heftigkeit an:„ich haͤtte nie Hoffnungen faſſen dürfen, meine Empfindung möchte geweſen ſeyn, welche ſie wollte; aber die Hoffnung darf ich doch faſſen, daß Sie, die Freundinn von Olympi⸗ ens Mutter, Olympien von einer Verbindung retten wollen, die Olympiens ganzes Glück auf's Spiel ſetzt. Herr von Boiſen iſt ein Nichts⸗ würdiger!“* „Und der Beweis dafür? Er zog einen Brief hervor, worin eben der Prediger in Holm erzaͤhlt, wie er ein edles Mad⸗ chen, das Boiſen entführt, aus des Verführer? Handen befreyt hatte. „Wie?“ rief ich freudig—„das iſt der Schwager meines Sohns? O geben Sie mir den Brief, und Olym pie iſt gerettet!“ Er gab ihn mir.„Und nun,“ ſetzte er hin⸗ zu— Atrete ich ganz zurück, und übergebe Ihnen alles.““ Ich begriff ihn.„Sie müſſen nicht zurücktrt⸗ — 8 ten. Ich könnte ja die Erzählung ſeiner verderblen Sitten von meinem Sohne haben.“ „Sie haben ſie von mir, und ich reiſe heut⸗ noch ab.“ „Nein, Braune,“ ſagt' ich, ihm den Brie; zurückgebend—„ſo verſpare ich dieſen Brief biz auf den äußerſten Nothfall.“ „Braune,“ ſagt' ich—„eine Mutter darf ja dem Sohne vertrauen; Olympie liebt Sie: das habe ich von der Mutter ſelbſt. Sie ſollen nicht zurücktreten, als bis ich es Ihnen heiße, bis Olympie nicht anders zu retten iſt. Ihre Ehre iſt mir ſo theuer wie meine eigene. Wir ſehen uns wieder.“ Ich ging ſchnell in mein Nebenzimmer; denn mein Herz hielt ſich nicht laͤnger. 8 Ich fuhr nun zu dem Obriſten. Ich bath ihn, doch Olympien nur anzuſehen, um zu wiſſen, wie das enden würde. Iſabelle hatte Recht. Er fing an entſetzlich zu fluchen,„und dann!“ ſagte er—„was ſoll ich machen?„Was, Frau von Sonnenberg? Gegen uns hält Boiſens ganze Familie.“ „Von den Furien verfolgt; denn ſie verſtießen ihre Mutter“ „Der Kriegsminiſter, des Fürſten A und O, und folglich der ganze Hof, vom Hofmarſchall bis an den Küchenhungen. Weiter hält da, Olym — G 2. — 148— piens Vater, der Spitzbube von Bruder, und Olym pie ſelbſt.“ „Olympie ſelbſt?“ „Ja, denn hätte ſie den Muth, dem Vater zu ſagen: ich will durchaus nicht: der Vater haͤtte das Herz nicht zu ſagen: ich will durchaus! Sage ich dem Vater: du gibſt deine Tochter dem Teufel ſelbſt: ſo antwortet er: was geth's dich an, Oberſt, wenn das Mäadchen mit dem Teufel nun fertig zu werden denkt! Sie 16 frey, frey, wie ich ſelbſt!“ „BAber auf unſrer Seite ſehen die Mutter, Sie, ich, und Gott und alle heilige Engel. .„Hohe Alliirte, vor denen ich mein Haupt in den Staub beuge; aber ihre Wege ſind nicht unſre Wege. 8 „Und Iſabelle?“ „Bey Gott, die iſt die beſte ven Allen.“ „Und ein junger ſchöner Ritter, der ſein Le⸗ den an den Sieg ſetzt.“ „Das iſt nichts, gar nichts! Sch will Olym⸗ dien retten, aber nicht verkuppeln. Obs wohl ein Ehrenmann iſt! Ein rechter Ehrenmann!“ „Ein reicher Mann!“ „Das iſt Boiſen auch.“ „Und wenn Olympie ihn liebte, und vor Gram ſuürbe?“ „So laß ich meinen Sarg zimmern, und 5 be⸗ — 149— fehle meine Seele Gott. Aber mehr kann 15 nicht.“ „Arme Olympie!“ rief ich, die Haͤnde em⸗ porhebend—„deine letzte Hoffnung hat dich ver⸗ laſſen! So brich du ſchönes Herz! brich!“ Die Schweißtropfen ſtanden dem Helden vor der Stirn. Er faltete die Haͤnde und rief:„waͤre ich ihr Vater, ich gaͤbe ſie ihm; aber mehr kann ich nicht. Gott ſey mein Zeuge, mehr nicht!“ „Sie können mehr; Sie können den Mann ehren, der Ihrer Nichte Retter war.“ „Das will ich,“ rief er.. Er bath ihn den Tag darauf in eine große Ge ſelſſhaft zu ſich. Ich blieb nicht unthätig. Ich redete mit dee Mutter über Olympiens Zuſtand, die in der That im verſtummenden Gram dahinſchmachtet. Ich redete mit Olympien ſelbſt, nicht von meinem Sohn; denn ich zittre, ihr eine Hoffnung zu geben, die das Schlckſal nicht erfüllen könnte. Ich redete oon Boiſen, und ſo kräͤftig, und Iſabelle half ſo getreulich, und ſie riß endlich die Schweſter mit ihrer unendlichen Liebe ſo mit ſich, daß Olym⸗ pie endlich ſich entſchloß, mit ihrem Vater zu reden. Bey dieſer Unterredung, die alles entſcheiden mußte, war die Mutter, ich und der Oberſt zugegen. Wir ſchwammen ſchon in Thraͤnen, da das blaſſe Maͤdchen ſo furchtſam vor dem Vater hintrat. — 150— Der Vater ſuchte Ausflüchte. Der Oberſt aber resete ſo kräftig, ſchnitt ihm jede Ausflucht ſo vollkommen ab, daß endlich der Vater erklären mußte, er wolle vorerſt die Verbindung fahren laſſen.„Ich hoffe, der junge Boiſen wird erweiſen können, daß es Verlaͤumdung iſt, was das Gerücht von ihm ſagt.“ Wir fuhren zuſammen zu Boiſens, wir waren da gebethen. Olympie blieb zu Hauſe bey Iſabellen. Schon dieſe Schonung gab der Wange eine kleine Röthe wieder. Und Iſabellel O du hätteſt ſie ſehen ſollen, wie ſie vor mir kniete in dem herausſtrömenden Entzücken ihres heißen Herzens, wie ſie an der ge⸗ liebten Schweſter Buſen lag, ſchluchzend in der höchſten Wonne heftigem Ausdruck! „Zfabelle, du biſt ein himmliſcher Engel!“ rief ich. „O, waͤr' ich einer,“ ſagte ſie—„mein ein⸗ ziges Geſchaͤft ſollte ſeyn, Olympiens Leben zu erfreuen, und— noch ein Leben!“ ſetzte ſie zornig hinzu. Sie gingen, Beyde von einander umſchlun⸗ gen, das ſchönſte Bild der gegenſeitigen Liebe. —— * 4 Marie an Agnes. O barmherziger Gott! Man hat meinen Sohn d eingezogen. Ich ließ ihn geſtern durch meinen treuen La u⸗ bert zu mir bitten.. Taubert kam mit einem verſtörten Geſehte zurück. „Was gibt's, Taubert?„frage ich zitternd; denn ich verſtehe mich auf des Alten Geſicht. „Nicht viel; obwohl mich's anfangs ein wenig erſchreckt hat. Man hat dieſe Nacht den Herrn Braune eingezogen. Man hat ſeine Papiere verſiegelt. Er iſt in einem Wagen weggebracht.“ Ich ſank ohnmächtig in einen Stuhl. Ich ließ ſogleich anſpannen, und fuhr zu dem Oberſten. 1 „O Himmel, was iſt Ihnen?“ fragte er⸗ und ehe ich antworten konnte, flog die Thür auf, und Iſabelle ſtürzte atbemlos ins Zimmer, und rief:„er iſt gefangen! Oheim, Oheim, lieher Oheim, die Boiſens haben in gefangen nehmen laſſen. Ich komme eben aus ſeinem Hauſe. Ich fordre ihn von unſerm Fürſten zurück!“ Der Oberſt erfuhr endlich, von wem die Rede war.„In ſeinem Hauſe warſt du?“ fragte er ſtaunend. „Wüßte ich ſein Gefangniß, ich waͤre jetzt bey ihm im Gefaͤngniß! Ich hatte ihm etwas zu 1 — 152— ſchreiben. Ich ſende zu ihm. Mein Bothe kommt zurück, und bringt mir die Nachricht, daß er heute Nacht als Gefangener abgehohlt ſey. Ich ging zu meinem Vater und ſagte ihm die Nachricht, und bath ihn und meine Mutter, es ja Olympien zu verſchweigen. Dann ging ich zu ihm, um zu hören, wie ich war.“ Sie beſah ſich, und wir be⸗ trachteten ſie. Das ſchöne Haar war noch in Nadeln aufgerollt. Sie war nur in einen Schahl dicht ein⸗ gehüllt. Das Geſicht war glühend roth von Eile⸗ Es war noch früh Morgens. „Ich flog nach ſeinem Hauſe,“ fuhr ſie mit ſchnellen Athemzugen fort—„und man erzählte mir. Er iſt ſehr ruhig geweſen, Oheim, ſtolz ſogar! Mit ruhiger Würde verlangt er den Verhaftsbefehl zu ſehen. Er lieſt ihn, übergibt dem Polizey⸗Beam⸗ ten ſeine Papiere zum Verſiegeln, tröſtet ſeine Wir⸗ thinn, die ihn ſchon wieder wie eine Mutter liebt, und über ſein Unglück untröſtlich iſt. Dieſe Erzählung hat mich ruhig gemacht, Sehen Sie, ich kann recht gut dazu lächeln. Denn was thut's, wenn er ein paar Tage eingeſchloſſen iſt für Olympien? Denn nun, nun,“ ſie breitete die Arme triumphirend aus—„nun habe ich Olympien! Nun iſt ſie ſein! denn nun“— ſie ſetzte den einen Finger vor die Stirn—„wenn ich darüber nachdenke, und ich habe auf dem ganzen Wege darüber nachge⸗ dacht, was Olympie dabey fühlen muß, daß er 1 — 153— fuͤr ſie in Ketten ſitzt: Das iſt für den Mann ein Spiel. Waͤre es doch mir ein Spiel für Otpym⸗ pieoen oder für ihn!“ Das alles ſagte ſie mit einer triumphirenden Heftigkeit, für ſich, als ſaͤhe ſie uns gar nicht. „Aber,“ fuhr ſie fort—„ich wollte Sie bitten, lieber Oheim, ſogleich zum Fürſten zu geh'n und die Boiſens anzuklagen. Meinen Sie nicht auch, daß mein Vater ihnen das niemahls verzei⸗ hen darf? Meinen Sie nicht?“ „Mädchen, du tapfere Heldinn! du machſt mir den Muth, dem hölliſchen Teufel vor die Stirn zu treten. Zum Fürſten will ich gehen. Das heißt ihnen den Ausweg ſperren; und auch der Feige wird muthig, ſieht er ſich ringsum umzingelt. Zu den Boiſens will ich.“ Er nahm Hut, Degen un Stock. Ich brachte Iſabellen in meinem Wagen zu Hauſe. Der Baron wußte nicht recht, was er dazu ſagen ſollte. Er nahm es ein wenig übel, daß man Braune, der bey ihm gewohnt hatte, ſo behan⸗ delte.„Aber wer weiß denn auch?“ ette er jedes Mahl hinzu. Der Oberſt kam.„Ich habe gedonnert,“ rief er erhitzt—„ich habe den kindiſchen Präſidenten aus ſeinem Gelächter herausgedonnert. Aber ſie thun ſo unſchuldig, wie neugeborne Kinder! Sie wiſſen von Nichren Ich ſtand am Schloſſe und zuckter ob 4. 2 G 8 — 154— 5 ich nicht ſollte gerade zum Fürſten gehen. Aber, O zum Teufel! eine Verläumdung iſt bald wie die Wahrheit ausgeſtattet; und weiß es der Fürſt, — ſo gilts Sieg oder Tod! Was thun einige Tage! Ich ſetze meine Ehre zum Pfande,“ er warf ſeinen Handſchuh zornig auf den Boden—„ſie ſollen mir den armen unſchuldigen Jungen wieder los⸗ geben. Iſabelle nahm den Handſchuh auf, und ref:„ich nehme das Pfand Ihrer Ehre, Oheim, bis Sie es einlöſen!“ „Cut, und ich gehe mit einem Handſchuh, bis ich den andern einlöſe.“ O wie ſegne ich deinen Mann, liebe Agnes, daß er mir Schweigen anrieth! — O wüßten ſie, wüßten ſie, er waͤre ein Graf Sonders, der Erbe des großen Reichthums, über den ſie ſchon die habſüchtigen Geyer⸗Blicke und die Adlerklauen decken, ia— O verzeihe mir Gott! thue ich ihnen Unrecht!— Ich könnte für ſein Leben zittern..* — * O weißt du, liebe Agnes, wer Schuld iſt an meines Sohnes Gefangenſchaft? ich ſelbſt. Mir hat es Iſabelle vertraut, aber unter dem tiefſten Siegel der Verſchwiegenheit. Auch weiß — — — 155— ich nicht einmahl, von wem ſie ihre Nachrich⸗ ten hat. Boiſens ſehen, daß der Baron kälter wird. Olympiens Bruder, der, ich weiß nicht warum, mit ganzer Seele an dieſem Hauſe hängt, reder mit ſeinem Pater. Der Vater, wie allemahl, ſagt: „Olympie will nicht; und du weißt meinen Grundſatz, ich bin ihr Vater, aber nicht ihr Herr!“ Er ſagt in der Eitelkeit über dieſen menſchlichen Grundſatz mehr, als er ſelbſt will. Man horcht, man lauert, man macht ausfin⸗ dig, daß ich mich des jungen Menſchen annehme. Man hört, daß er bey dem Oberſten gegeſſen. Sie glauben Olympien verloren. Olympiens Bruder gibt den Rath, zur Ge⸗ walt zu greifen. Boiſen ſchmiedet den Plan. Man ſtellt die Sache ſo vor, als ſuchte der junge Menſch die Tochter des Barons zu einer unſchickli⸗ chen Verbindung zu verleiten. Das Zeugniß des Bruders gibt der Verläumdung den Schein, und die Sache wird ausgeführt. Olympie weiß von nichts. Iſabelle hüͤ⸗ thet ſie, wie das Licht ihres Auges. 3 Ach, Agnes, Niemand hat das Herz durch⸗ zugreifen; der Eine iſt des Barons Sohn, der An⸗ dere des Günſtlings naher Verwandter. MNein Herz klopft unaufhörlich in entſetzlicher Angſt. Iſabelle liegt in meinen Armen, wo ſie mich ſieht, weil ich ihren Retter ſo liebe. Seltſames Maͤdchen! Jetzt iſt ſie ſo ruhig. Sie ſieht mich oft freudig an; dann verſinkt ſie in ein tiefes Nachſinnen; dann ſpringt ſie auf, und ſagt:„Waͤr' ich ein Mann! O, waͤr' ich ein Mann!“ Ich habe meipem Sohn geſchrieben. Ich harre mit Angſt auf Antwort und Huülfe. Iſabelle an Buͤrger. Mein einziger Freund, lieber Herr Paſtor Bür⸗ ger, ich, Iſabelle, ſchreibe Ihnen. Denn von Ihnen ſagte Braune: das iſt ein Mann! Und an wen ſollt ich mich wenden, als an ſeinen Freund, und an den Mann? Unſer iſt er, Ihr und mein Freund! Ich weiß, daß Sie alles wiſſen: daß er mich rettete, daß er meine Schweſter Olympie liebt, daß ſie ihn liebt, daß meine Schweſter an einen Böſewicht verkauft werden ſoll, an einen Herrn von Boiſen. Boiſen fürchtet Ihren Freund, und haßt ihn! warum, weiß Niemand, und ſo hat er ihn vor ein Paar Tagen in der Nacht von der Polizey verhaften laſſen. Wir wiſſen nicht, in melchem Gefängniſe Ier Freund ſchmachtet — — — 157— 7 Ich waͤre kühn zum Fürſten gegangen, und hätte meinen Retter zurück und Gerechtigkeit ge⸗ fordert; aber Menſchen, die ihn lieben— nur Nichtswürdige haſſen ihn; o weh, daß mein Bru⸗ der mit in dieſer Zahl ſeyn muß!— Menſchen, die ihn lieben, finden den Schritt gefährlich. Aber was iſt denn nicht gefährlich? nicht wahr, lieber Herr Paſtor? Seine Freunde zittern alle, wie Kinder, vor der Zukunft, die da wie ein verhülltes Ge⸗ ſpenſt ſteht, dem Niemand den Schleyer abrei⸗ ßen will. Waͤren Sie hier, ſein Freund, mein Freund, und ein Mann— ſo nannte Ferdin and Sie — ich würde kühn der Zukunft entgegen treten, der wir doch alle entgegen müſſen. Nicht wahr? Mein Herz iſt voll eines großen Schmerzens, und voll Muth. Ich freue mich, Sie zu ſehen; denn ich liebe ihn, wie Sie ihn lieben! O, wir wollen zuſammen halten, wie zwey edle Geiſter, um ihn, um Olympien glücklich zu machen, im Tod und Leben; denn ich lebe nur mit ihm und Olympien. Ich habe nachgerechnet, der Brief an Sie geht ſie⸗ ben Tage, und der Freund geht ſchneller als ein Brief. Sie wenden ſich an meine Amme, Frau Lohmüller, die mir ſo treu iſt, als ich Fer⸗ dinanden. Ich lege Ihnen einen Zettel ein, der ſo gut als Geld iſt, wenn es Ihnen an Gelde fehlen ſollte. Sie nehmen das nicht übel; denn es adt 158— — ſeine Rettung. Gruͤßen Sie Ihre Thereſe von Iſabellen! Ich kann die Buchſtaben vor Thräͤ⸗ nen nicht mehr ſehen, wenn ich daran denke, daß Sie ſo glücklich ſind, und er ſo unglücklich. Aber grüßen Sie dennoch Ihre Thereſe, und in vier⸗ zehn Tagen ſehe ich Sie, und Gottlob! wir wiſſen, was Liebe iſt, und was ein Freund, was ein Ret⸗ ter! Sie müſſen ja unerkannt kommen, und dann wollen wir aus der dunkeln Wolke, wie zweh Göt⸗ ter, hervor treten, und dann ſinkt er an die Her⸗ zen ſeiner Freunde. O Herr Bürger, am Schmerz ſterbe ich nicht, vor Furcht auch nicht; aber gewiß einmahl an einer ſolchen Freude! Meine Amme wohnt im Hinterhauſe, oben rechts. 4. 1 Buͤrger an Sonnenberg. Aus der Reſidenz. Jc mochte ſagen, durch ganze Generationen zieht ſich ſo ein Faden, den die Nemeſis der alten Parze ins Gewebe laufen läßt, lieber Sonnenberg; es gibt Geſchlechter, die wie feurige Gewitter ge⸗ das uralte Geſchick verſöhnt, oder die uralte Miſſe⸗ that gerächt iſt. Boiſen und Balke heißen dieſe ₰ gen einander fahren, wie feindliche Geiſter, bis Nahmen. Meine Thereſe ſtammt aus beyden 3 8 — 159— Geſchlechtern, und wie ich feindlich mit Boiſen zuſammen gerieth, da ich dich ſuchte, weißt du ja⸗ Jetzt hat die Parze Ferdinan den mit dem gan⸗ zen Volke der Boiſen in die Schranken gewor⸗ fen, und es gilt jetzt Leben und Tod⸗ Ich könnte leicht deiner Hülfe nöthig haben, mein Freund, und ſo iſt's gut, daß du weißt, wie es ſteht. Ferdinand liebt Olympien, des Ba⸗ rons von Bardeſtein Tochter, mit ſeiner Liebe und ſeinem Herzen. Boiſen liebt ſie auch. Ich rieth ab, wie man denn am weiſeſten rathen kann, wenn man dem Glücke im Schoohe ſitzt, wie ich. Natürlich ſteht alles, was eine Krone über dem Wappen führt, gegen den Mann Gottes auf, der nicht einmahl einen Buchſtaben in ſeinem Sie⸗ gel führt, weil der arme Teufel keinen hat, der, bey meiner Seele! ſeiner Frau keinen andern Nahmen zuheirathen kann, als die zwey verdamm⸗ ten Buchſtaben N. N. Denn, das haſt du nicht gewußt: Ferdi⸗ nand hat weder Vater noch Mutter. Mein Schwiegervater fand ihn auf einer Sandbank mit⸗ ten im Meere. 33 Auf ſeiner Seite ſteht Niemand als ein jun⸗ ges Mädchen, Iſabelle, die in der weichſten weiblichen Bruſt, voll Liebe, ein ſtarkes männli⸗ hes Herz trägt, Olympiens Schweſter. Fer⸗ vinand hat ſie einmahl gerettet, Ich lege dir — 160— ſeinen Brief uͤber dieſe Begebenbeit und mehrere bey, damit du die Perſonen des Schau⸗, Trauer⸗ oder Luſtſpiels lebendig vor dir haſt, und da⸗ mit du der alten Parze Fäden, die zickzack, wie Feuerblitze, dahin fahren, nicht aus den Augen verlierſt. es wenige gibt. Es iſt eine Luſt zu ſehen, wie li⸗ ſtig er ſeine Gaͤnge, wie ein Maulwurf, unter der Erde im Dunkeln durchgräbt, um nicht er⸗ haſcht zu werden, und wie die Nemeſis ihm mit leiſem Fuße, mit warnendem Finger folgt, und ihn endlich erhaſcht. Sieh, er verführt ein unſchul⸗ diges Mädchen, mit einer Kunſt; ich glaube, der Teufel hat das edle Mäadchen bloß verführt, um ſeinen Witz zu zeigen, um dem Lovelaze zu zei⸗ gen, welch ein Stümper er in der Verführungs⸗ kunſt gegen ihn iſt. 1 Er verführt ſie und verſchwindet, verſchwindet ſo vollkommen, daß der Teufel ſelbſt nicht weiß, vo er geblieben iſt, und ihn unter doppeltem Nah⸗ men in ſeinem Vaſallen⸗Regiſter führt. Der Bube iſt ſo ſicher, daß der Nahme Gis⸗ monda— ſo heißt die Verführte— und Kur⸗ radine— ſo die Mutter— die einen Dolch und einen feſten Entſchluß, den Verführer zu ſtra⸗ fen, hat, ihm noch keinen Seufzer ausgepreßt hat. Aber die alte Parze hört der Mutter Verwün⸗ ſchu ft aus dem Dunkel der Unterwelt Der Boiſen iſt ein Bube, ſchelmiſch, wie — 161— die Töchter der Nacht, die Erynnen und Fer⸗ dinanden und mich. Eine ſehr natürliche, und doch wunderbare Verbindung von Zufällen wirft Ferdinanden mit der Mutter zuſammen. Lies dazu Ferdinands Brief Nr.. Die Mutter erzählt ihm ihr unglückliches Ge⸗ ſchick; aber ſie kennt den Nahmen des Böſewichts nicht. Aber ich kannte die Nahmen Kurradina und Gismonda. Denn da ich Helenens Sa⸗ chen zuſammen packte, fand ich eine ganz kleine Schreibtafel von Boiſen, und einen kurzen Brief von Jemand, der ſich aber aus Furcht nur N. N. unterzeichnete, und den ich zu kennen glaube, wor⸗ in die Nahmen Kurradina und Gismonda mit dem Hohngelächter der Hölle ſo vorkamen, daß, wie ich Ferdinands Brief las, ich den Ver⸗ führer kannte, Boiſen! „Altes Mütterchen,“ rief ich der Parfe zu— „was habe ich gethan, daß ich der Hund ſeyn „ der dein Wild hetzt? Aber wohlan, ich will der blinde Tireſias ſeyn, der warnt und ſchreckt.” Bemerke dieſe Worte, die ich rief. So iſt alles vorbereitet! alles!— Nun vollenden ſie ihr Bubenſtück. Boiſen fürchtet Ferdinanden. Das kür⸗ ihn aus dem Wege zu ſchaffen. — 162.— Man verhaftet ihn in der N acht, und er iſt verſchwunden. „Da erhalte ich einen Brief von Iſabellen, den ich beylege, der ſchönſte Brief, den ich je ge⸗ leſen. Das Herz allein ſchrieb ihn. Ich ſpringe auf. Ich beſtelle mein Amt auf vier Wochen. Ich nehme von Thereſen Abſchied, und bin nach fünf Tagen hier. Ich gehe am Abend in des Barons Barde⸗ ſteins Hinterhaus, frage nach Frau Lohmül⸗ ler, nenne Iſabellens Nahmen, und die Thüre flog auf. So erſcheint ein Engel unter Sterblichen, wie Iſabelle. In ſchlanker, edler, ſprechender Schönheit, mit jungfraͤulichem Stotze, ihrer Würde ſich bewußt, mit iuneelnden dn9e ſtand ſie da. „Sie heißen?“ fragte ſie haſtig. „Bürger!“ und ſie hing in meinen Armen. „Gelobt ſey Gott!“ war ihr erſtes Wort, und das alte Mütterchen laͤchelte zu ihrem Fraͤulei Sie betrachtete mich freundlich; als wollte ſehen, ob ich muthig waͤre wie ſie. Dann winkte ſie ihrer Amme, die hinaus auf die Wache ging. Nun erzählte ſie mir; ich konnte Anfangs nichts als hören, als jehen, dieſe reine, mächtige Liebe zu Ferdinanden, zu Olympien; dieſen friſchen, unverſtellten, lebendigen Ausdruck ihres Innern; dieſe Verachtung aller Heuchele„ ſchͤnen Zuſammenklang der Worte mit ihrem Geſicht⸗ — 163— mit ihren Gedanken, mit ihrem Gefühl. Dieſes fuͤnf⸗ zehnjaͤhrige Madchen— den unmöglich iſt ſie erſt vier⸗ zehn, wie Ferdinand ſchreibt— ſtand da wie eine Kaiſerinn vor mir, und befahl: und ich ge⸗ borchte in froher, freyer Liebe und Achtung.„Und was iſt Ihr Entſchluß?“ fragte ſie zuletzt. „Erſt will ich ſehen, Iſabelle! Aber wenn Sie für Olympien fürchten— „Mehr als je, lieber Freund! Mein Bruder, dem mein Vater alles verzeiht, dringt mehr als je auf die Verbindung. Seine Beförderung in dem Generalſtab als Brigade⸗Rittmeiſter haͤngt von dieſer . Verbindung ab. Mein Vater wankt, meine Mutter ſchweigt.“ „Wenn das ſie tröſten kann S Iſabelle: Ihre Schweſter iſt gerettet, iſt gewiß gerettet!“ Sie ſah mich mit blitzenden Augen an.„Sie ſagen: gewiß?’“”„, „So gewiß, als ich Ihr Freund bin, gewiß! Gewiß!“ Sie ſtand auf, ſie breitete die Arme aus; aber ſie ſetzte ſich wieder.„An Ihrem Wort darf ich nicht zweifeln, und dennoch! O Sie wiſſen nicht, wie ich Olympien liebe!“ „Gewiß, Iſabelle! Ich lege dieſe Hand auf mein Herz. Olympie iſt gerettet!“ „Und dann?, fragte ſie ſchnell. „Olympie iſt gerettet, weil ſie ſchon geret⸗ tet iſt: Über die Zukunft bin ich nicht Han 3 8 . — 164— „Aber Sie helfen der Zukunft?“ „Iſabelle, Ihr Retter mußte Ihr Haus verlaſſen. Er muß noch mehr verlaſſen, wenn die Ehre gebiethet.“ „Das Leben ſogar, wer weiß das nicht! Die Ehre gebiethet, alles fahren zu laſſen, nur das Glück der Geliebten nicht,“ ſagte ſie hochmüthig. Sie flog hinaus, redete ein paar Worte mit ihrer Amme, und kam dann wieder. „Morgen um Sieben ſeh ich Sie hier wieder. Ich muß erſt alles, alles in meinem Kopfe zurecht ſteulen. Und Sie hatten Recht. Sie muͤſſen erſt ſehen, erſt ſehen! Und das ſollen Sie. Kommen Sie!“ 3 Sie faßte meine Hand, ſie an ihre Bruſt drückend, und führte mich über einen langen Gang, in das Vorhaus, durch ein Zimmer, das die Amme läͤchelnd öffnete, in ein anderes Zim⸗ mer, und ſagte, die Thür öffnend:„Sie muß⸗ ten erſt ſehen, mein theurer Freund! daß iſt Olympiel“ Nein, lieber S onnenberg, jetzt ſeh ich⸗ woher Ferdinand das Ideal der ſchönſten und erhabenſten weiblichen Natur her hatte. Es lag nicht in ſeiner Seele, es lebte, es war da, es ſtand vor mir, lebendig, athmend, erröthend. Auf ein Mahl ſtand Iſabelle als die Die⸗ nerinn da. Sie war ganz verändert; der Ton ih⸗ rer Stimme war ſo leiſe, ſo einſchmeichelnd, ſo 8 4“ — 165— gütig, alle ihre heftigen Bewegungen waren ſo ſanft geworden; und da ſich Olympie tief vor mir beugte, beugte ſie ſich mit, als waͤre ſie nur Ihr Bild. „Das iſt Herr Buürger, liebe Olympie, Braunens edler Schwager, von dem er ſo oft mit der hohen Freude erzählte!“⸗ Olympie verbeugte ſich noch ein Mahl und noch tiefer, mit dem ſanften Lächeln einer Liebe, die mir nicht gehörte; denn ihr Blick ſogar ging in die Ferne. „Ich begrüße Sie,“ ſagte ſie leiſe—„mit einer Freude, die groß iſt„ weil ich ſie jetzt ſo ſelten habe.“ Sie reichte mir bey den Worten die Hand, reichte ſie mir während des Geſprächs noch einige Mahl, und ich wette, ſie wußte es nicht. Es war das Andenken an Braunen, ob ſie gleich ſehr wenig von ihm redete. Bürger, Olympie, verſichert, daß du von der verhabden Verbindung mit Boiſen ge⸗ rettet biſt. Sie ſah mich, das blaue Auge ſchnell gegen mich aufſchlagend, an. „ SO haͤtte Gott mein einziges Gebeth erhöͤrt? fragte ſie. „Olympie, du wirſt jetzt ganz glu tius erden.“⸗ — 166— Sie hoͤrte es kaum.„Ihr Freund mahlte mich als Nonne. Sah er mein Geſchick?“ Sie beugte das Haupt, als ſänne ſie über ihr Geſchick. „Von Boiſens Verbinduna ſind Sie frey, Fraͤulein, wenn das Sie beglücken kann. Das iſt Gewißheit.“ „Ich darf wohl nicht fragen, wie, was mich vetten wird? „Seine eigene Büberey wird Sie nicht retten, hat ſie ſchon gerettet, Fräulein! Seyn Sie ruhig!“ Sie war es. 3„Das Übrige ſind Kleinigkeiten, daß ſie Brau⸗ nen, dieſe elenden Menſchen! daß ſie Braunen in einem Kerker—“. „Kerker?“ rief Olympie, erblaßte, zit⸗ terte, ſchwankte, ſank ihrer Schweſter in die Arme, und lispelte:„Kerker? O ich Arme! O ich Un⸗ glückliche! O Iſabelle, du verſchweigſt mir das? O du halfſt nicht? Ja, ich will dem Grauſamen meine Hand geben, ſie werde der Preis ſeiner Freyheit!“— „Olympie, welche Freyheit? Er iſt frey, Sie laſſen ja jede Nacht. ſein Gefängniß offen, damit er entfliehen ſoll, und er lächelt dazu. Bür⸗ ger hat ihn beſucht. Sie möchten ihn gern wieder los ſeyn.“ 1 Sie athmete lächelnd auf; aber nun ergoß ſich ihr erregtes Herz in ſchöner, aber noch immer: veryullter Liebe.— — 167— „Sie müſſen erſt ſehen,“ ſagte Iſabelle, da ſie mich zu ihr einführte, und das Mädchen zeigte mir in der Stunde, die ich dort war, den reichſten, freyeſten Geiſt, die tiefſte Empfindung ihrer Schweſter. Das bewegte mich nach und nach ſo heftig, daß ich auf ein Mahl aufſprang, Iſabellens Hand foßte, und ſagte:„Ja, ich mußte erſt ſehen, Iſabelle! Ich habe geſehen!“ Ich küßte Olympiens Hand mit einer Ehr⸗ furcht, die unendliche Liebe war, bis denn endlich die Amme die Thür öffnete. „O grüßen Sie ihn von mir!“ ſagte Olym⸗ pie, mir die Hand reichend, und dann Iſabel⸗ len umarmend.„O Herr Buͤrger, Iſabellen dank ich alle Freuden meines Lebens! Ach, ſie laſſen mir keine andere Empfindung, als Dankbar⸗ keit und— Liebe!ℳ Iſabelle führte mich wieder auf das kleine Zimmerchen der Amme. Sie ſtand zweifelhaft.„Morgen könnte ich Sie auf der Maskerade ſprechen. Aber ich bin die Kran⸗ kenwärterinn der Frau von Sonnenberg. In⸗ deß ein Sründchen,“ fuhr ſie fort—„könnt' ich da ſeyn.“ „In welcher Geſellſchaft? in welcher Maske?““ „Olympie iſt da mit. Boiſen und einer⸗ Geſellſchaft.“⸗ „Boiſen iſt da? in welcher Maske? das waͤre mir lieb.“ 3.. „Als Spanier. Eine Geſellſchaft von ſechs⸗ zehn machen ſechszehn Nationen. Olympie iſt eine Pohlinn, weil das Herz dieſer Nation ge⸗ brochen iſt. „Wenn ich Boiſen doch kennte?“?? „Ich will da ſeyn. Ich will ihn Ihnen zeigen. Welche Maske wollen Sie?“ „Des blinden Tireſias Maske.“ . Mir fielen die Worte wieder ein, die ich ſagte, da ich den Brief an Boiſen las, den ich in ſei⸗ ner Schreibtafel fand:„Ich will der blinde Tire⸗ ſias ſeyn, der warnt und ſchreckt.“ Indeß ich fand die Anſtalten dazu— denn unerkannt mußte ich ſeyn und bleiben— un⸗ möglich. Aber Iſabelle fand alles leicht. Sie ver⸗ ſprach mir, ich ſollte die Maske des Tireſtas finden. Sie wollte mich begleiten. „Gut, Iſabelle, Sie follen der Knabe ſeyn, der den blinden Seher führt. Sie tragen meine Sehertafeln.“. Alles wurde verabredet. Ich erhielt am andern Abend von der Amme meine Maske und einen ſchwarzen Mantel. Um neun Uhr ging ich nach des Barons Hauſe. Iſabelle kam mir aus der Hinterthür entgegen⸗ — 159— Man wußte, ſie war die Nacht bey der Frau von Sonnenbergen, deiner Mutter. Ein Miethswagen wartete in einer andern Gaſſe auf uns. Wir fuhren nach dem Opernhauſe, ließen unſre Maͤntel im Wagen, der auf uns warten mußte, und wir traten in den Saal als Tireſias und ſein führender Knabe. Meine Maske war vortrefflicher, man erkannte den blinden Seher ſogleich; denn erſt ein Paar Wochen hatte man den Oediph von Voltaire aufgeführt, und Iſabelle hatte meine Maske nach Tireſias Maske gemacht. Man redete bald mich, bald den Knaben von allen Seiten an. Ich antwortere, und hielt meine Rolle ſehr ernſt und ſtolz. „Dort ſtehen ſie,“ fliſterte mir Iſabelle auf italieniſch zu.„Wir gehen ſchief um ſie weg, damit es Zufall iſt. Der Spanier, ſehen Sie ihn? der iſt Boiſen. Die Schwarze meine Schweſter und der Türk mein Bruder.“ Wir gingen an ihnen vorüber. Ich erkannte Boiſen an der großen Geſtalt. Iſabellens Bruder redete mich an: 2s Prophet? ehrwürdiger Seher!“ „ Dir nicht; du glaubſt an keine Seher⸗ als an dich ſelbſt.“ Viele redeten noch. 3 Da ſagte Boiſen naͤher tretend:„Blinder Weſas⸗ ſage mir Glück. Ich bedarf es!“" Lafynt. die Pfarre ꝛc. III. H 4 „Blind nennſt du mich, und du ſiehſt das Schickſal nicht, das an deiner Seite ganz nahe ſteht.“. „Welches? 2 „Laß mich! denn ich rede die Wahrheit.“ „Der Blinde die Wahrheit?“ „Die Wahrheit, Jüngling. Siehſt du nicht, wie Macbeth einen Dolch in der Luft ſchweben, deſſen Spitze mit dem Blutflecken aber nach deinem Herzen zielt?“ Ich hatte ihn tief getroffen. Das hörte ich an dem ungewiſſen gezwungenen Tone, der leicht ſeyn ſollte, mit dem er lachend antwortete:„Welchen Dolch meinſt du?“. „Der von heute an nie wieder vor deinem Auge verſchwinden wird. Führe mich Knabe!“ Ich ging. Ich traf noch einige, dis mir Iſabelle ganz kurz vormahlte; und ich konnte hören, daß man von mir ſagte:„Es iſt erſtaunlich, es iſt un⸗ begreiflich, woher er alles das weiß!"“ Ich ſah, daß ich Boiſen getroffen hatte; denn er und der Türk beobachteten mich von wei⸗ tem. Ich ſaß ruhig auf der Bank vor einer Loge⸗ ſtarrte den Boden an, und näherte ſich Jemand, den Iſabelle kannte, ſo gab ich die Antwort, ohne aufzuſehen. Ich ſproch räthſelhaft und dunkel, unnd ſo hatten ſie nicht übel Luſt, mich fuͤ einen wirklichen Seher zu halten. — 17¹— 3. Sieh, Sonnenberyg, es fuhr ſogar etwas von Tireſias trotzig⸗ſinſterer Seherſeele in meine; denn ich habe nie einen Maskenball oder ein Carne⸗ val ohne eme ſchwere Rührung, die ſich mitten⸗ durch die frohe Luſt bewegte, geſehen, wie eine 4 Gewitterwolke leiſe durch den hellen Himmel zieht. Der Fürſt redete mich an, und ich antwortete ihm italieniſch mit den Worten Macchiavell's: „hier wacht die Freude; in tauſend Hütten woh⸗ nen naſſe kummervolle Augen! Das bedenke du, der Rechenſchaft geben ſoll von Freude und Thraͤnen.“ Endlich trat ich in ein Nebenzimmer, das leer war; ſogleich traten Boiſen und der Tuͦr kE zu mir. 7. Iſabelle ſchien als Knabe ſo klein, daß ſie den Verſuch machten, ſie über mich auszuhorchen; aber in Iſabellen war ebenfalls etwas von Tire⸗ ſas Geiſt gefahren. Sie antwortete mit ganz verſtellter Stimme gewaltige Worte, die tief in die Seele drangen. Ich hatte das Haupt in die Haͤnde gelegt, und ſaß ſo. 3 Da traten drey Maͤdchen, welche die Fuvien machten, in der That drey wunderſchöne Masken, mit den bleichen, ſchönen Geſichtern und den ſchwarzen Gewanden, in die Thür. Der Türk ſagte lachend:„Blinder Seher, da kommt dein Gefolge! Kennſt du ſie? 2 „Ich kenne die Toͤchter der Nacht."“ H. — 17²— „ Nun ſo nenne ihre Nahmen, da du alles weißt,“ ſagte Boiſen. „Die mit dem Dolch in der Hand heißt Kur⸗ radina.“ O Sonnenberg, dit hätteſt können den Todesſchauer bey dieſem Nahmen durch alle ſeine Glieder laufen ſehen! „Die Zweyte, mit dem bleichen Geſichte,“ fuhr ich fort, mein Geſicht nicht aus den Händen empor richtend—„heißt Gismonda.“. „Teufel!“ ſagte Boiſen leiſe und zitternd. „Die Dritte, die Laͤchelnde, heißt Helena! Knabe, hohle mir Wein; mich dürſtet!“ Ich ſchlug die Augen auf, und ſah, welche nachſinnende, tiefſinnende Augen Boiſen auf mich richtete; die große Geſtalt war zuſammen geſunken, als ob ein Blitz vor ihmm in den Boden gefahren wäͤre. JIfabelle brachte mir Wein. Boiſen lehnte ſich zuruück, die Hand zum Schutz vor ſich haltend, da ich meine Maske faßte, um ſie abzunehmen, als ob nun das Geſpenſt her⸗ voorr treten würde, ihn bis in den Tod zu erſchrecken. * Ich war auf dieſe Scene vorbereitet.. Ich wollte unerkannt bleiben, und hatte alſo ein paar Masken von Goldſchlägerhaut, die man in Neapel beym Carneval gebraucht/ auch heym Mard/ bey mir. 3 — 173— 1 35 hatte mit der Haut und durch Schminke⸗ mein Geſicht ſo unkenntlich gemacht, daß ich ſicher war, ſelbſt Braune würde mich nicht erkannt haben. Ich nahm meine Maske des Sehers mit dem Lorberkranze und dem weißen Haar ab, und nun erſchien wieder weißes Haar, und das bleiche, run⸗ zelvolle Geſicht eines Greiſes. Ich trank langſam das Glas Wein, damit er Zeit haben ſollte, mein Geſicht recht genau zu be⸗ trachten. Dann ſetzte ich meine Maske wieder vor das Geſicht, und beugte mich wieder, auf meinen Stab geſtützt, nieder. Boiſen, erzählte mir Iſabelle, hate mich zitternd und genau betrachtet. Er verließ ſeufzend das Zimmer, ohne ſich aber weit davon zu entfernen. Er hatte die Hand an das Kinn gelegt, und der Türk redete auf ihn ein, ohne Antwort zu er⸗ halten. Ich ſaß noch lange da. Boiſen und Ffa⸗ bellens Bruder gingen vor dem Zimmer auf und nieder, und redeten heftig mit einander. Ich gab Iſabellen einen Wink. Sie war 5 hinaus durch die Thür, die hinaus führte. Sie Heatte den ſchwarzen verhüllenden Mantel um, einen 8 Hut mit Federn auf dem Kopfe, eine ſchwarze Maske vor dem Geſichte. Sie trat in die Thür, — 1 74— und ich ſchlupfte hinter ihr hinaus. Sie reichte mir den Mantel, den Hut. Ich warf den Mantel um, die Maske ab, die zweyte auch. Auch jetzt noch war mein Geſicht unkenntlich genug. Boiſen und der Baron ſtürzten eilig neben mir hinaus.„Wo iſt er?“ rief Boiſen. Er fragte mich, ob mir nicht eine Maske als Zauberer mit einem langen Barte begegnet ſey. „Nein,“ ſagte ich ruhig, und ging ihnen nach. Sie rannten durch den Korridor, wo ich haͤtte nothwendig ſeyn müſſen. Sie kamen zurück. 4 ,O zum Teufel!“ rief Boiſen—„erſchei⸗ nen denn unter tauſend Lichtern bey Muſik Ge⸗ ſpenſter? Er iſt verſchwunden! Ich weiß nicht, was ich ſagen ſoll.“ „Du biſt ein aberglaͤubiger Thor! Du!“ „Das bin ich nicht; denn wie will ein Menſch wiſſen, was Niemand weiß, als ich, kaum du? „Ich will von jetzt an an den Teufel glauben. Denn er iſt verſchwunden. Wo Teufel wäre er? Der Thürſteher hat ihn herein gehen ſehen, aber nicht wieder hinaus. Mein Bedienter ſteht da. 1 Kommt er, ſo ſoll er ihm folgen; und ginge ſein Weg in die Hölle, woher er gekommen iſt. Denn wer kann dieſe Nahmen kennen, die fürchterlichen Nahmen? Sprich, bin ich's denn allein, dem er ihre tiefſten Geheimniſſe geſagt hat? Das könnte er wohlz; aber verſchwinden? verſchwinden?“ 4 — 175— „Verſchwinden, in dem ⁰eSewse, der Men⸗— ſchen? „Es war kein Menſch im Gangen Deine Seele; und fuͤhrt denn dieſer Gang nicht gerade an den Ausgang, und ſtand nicht mein Bedienter da, der Acht haben ſollte? Hat ihn der Thurſteher geſehen? 1 3 „So iſt er noch hier!“ „Wo denn? Laß uns ſehen!“ Und ſie ver⸗ ſchwanden auf dem Saale. Ich und Olympie gingen langſam durch den Ausgang, ſetzten uns in den Wagen. Ich ließ halten. Ich begleitete IJſabellen, die mich faſt beſtändig umarmt hielt, bis vor ihr Hinterhaus. Die Amme empfing ſie ſchon. Wir waren ſicher. Ich habe dem Buben eine Schlange der Fu⸗ rien an das Herz geworfen. Noch darf ich nicht hervor treten; Ferdinand könnte das Opfer ihrer Rache werden. Aber ich habe den ſchnellen Gang der Verbindung aufgehalten. Wenn ich nur erſt Ferdinanden aus dem Kerker befreyt hatte! Du ſollſt weiter von mir hören. — 176— 3. Ikabelt⸗ kam zu Hauſe, und ſann über die Nahmen Kurradine, Gismonda und He⸗ lene nach, die Boiſen ſo außer ſich gebracht Hatten. Sie bath Bürgern, ihr das Geheimniß anzuvertrauen, um die Verbindung Boiſens mit Olympien ganz abzubrechen. Buürger ſchlug es ihr ab; er machte ihr es reiflich„ daß Ferdinand das Opfer dieſes uhs werden könnte. 3.„Er iſt ja ganz unſchuldig! Unſer Kärſt iſt gerecht!"“ „Sie werden ihn ſchuldig Machen. Iſa⸗ belle! Sie kennen dieſe Menſchen nicht. Ihr 1 Fürſt iſt gerecht; aber er muß durch fremde Au⸗ gen ſehen, hören. Wenn er ihn ſelbſt ſpraͤche, wenn er ihn ſelbſt verhörte, in demſelben Augen⸗ blicke, da er ſeine Verhaftung erführe; wenn— ſehen Sie, Olympie, ich habe ſchon hundert Mahl die Idee gehabt, vor den Thron des Für⸗ ſten zu treten, und Gerechtigkeit zu fordern; aber ich zittere vor dem Günſtlinge des Fürſten. Sobald Iſabelle auf ihrem Zimmer war, bbewegte ſie alles das in ihrer wunderbar erhöhten Seele, denn das Zauberſpiel des Abends ging in öhrer Seele och fort. 2 Sie wartete Olymprens Ankunft von dem Maskenballe ab. Dlympie warf ſich ihn ihre Arme mit einer Fluth von Threnen. 8 „O Iſabelle, meine Mutter denkt, daß 4 1 ſoll mich zerſtreuen! Ach, was Andern Freude iſt, wird mir zu hartem Schmerz; denn er iſt ja gefangen!! „Ach, wenn ich nicht ſo ſehr gezittert häͤtte, ich haͤtte mich dem Furſten zu Füßen geworfen, mitten auf dem menſchenvollen Saale, und haͤtte um die Frey⸗ heit des edlen Menſchen gebethen! Ach, ſo oft ich den Fuß dazu hob, hielt mich eine unbeſiegbare Gewalt zurück. Und doch glaube ich, er haͤtte meine Bitte erhört.“ Die Worte ſielen wie eine Flamme in 3fs⸗ bellens Seele. Olympie war nicht zu tröſten.„Ach, Iſa⸗ belle“ ſagte ſie—„das Wort Gefäͤngniß zer⸗ reißt mein Herz, wie der Tod. Glaube mir, ich werde ſterben!“ Iſabelle ſchwieg. Sie beredete Olyum⸗ pien, ſich niederzulegen. Sie bethete zu Gott, ihrer 8 Schhweſter einen ſchönen Traum zu ſenden, und ihr Gebeth wurde erhört, denn Olympie lüchalte ſüß im Schlaf. Iſabelle bewegte die Worte in ihrer Seele: 1 „ja, wenn der Furſt ihn ſelbſt ſpräche, ihn ſelbſt verboͤrte,“ und ein unendlicher Muh erfülle ihr⸗ Wuſt.“ * — 178— Laͤcheind ſchlief ſie eiin. Am andern Morgen ganz früh war ſie geklei⸗ det. Sie wußte, daß der Fürſt von ſieben bis neun Uhr allein war. Sie fuhr zur Frau von Sonnenberg, bath um ihren Wagen, und fuhr dann gerade auf das Schloß. Das Fraͤulein von Bardeſtein wurde bey dem Fürſten gemeldet. Sie bath um Gehör. —„ Fraäulein?“ fragte der Fürſt lächelnd— „ſeltſam! Sie ſoll kommen.“ Sie beugte ſich tief vor dem Fürſten; aber den Blick voll Hoffnung auf ihn feſthaltend. „Ich wollte,“ hob ſie lächelnd an—„ich könnte meinen Worten Schmuck geben; aber nein! Vor dem Throne ſoll nur die Wahrheit erſcheinen; es iſt ſchlimm genug, daß ſich oft die Lüge mit ſchönen Worten vor den Thron drängt.“ Es ſie⸗ len einige Thränen aus den hellen, offenen Augen, die ſie auf den Fürſten feſthielt. Er lächelte angenehm bey dieſem Anfange. „Fahren Sie dreiſt fort, liebes Fräulein! Wenn Sie die Wahrheit ſind, ſo traͤgt ſie heute Dibren ſchönſten Schmuck.“ „Eure Durchlaucht erinnern ſich noch wohl des jungen Künſtlers in meines Vaters Hauſe!“ „Recht wohl, mein Fraͤulein! Er iſt hier, denk ich. ℳ — 179 ſie immer demüthiger, und zuletzt weinend fort— „er fand mich verirrt und verſchmachtet in dem unwegſamen Forſt unſerer Gegend. Seine Sorge, ſeine Güͤte rettete mein Leben; ach! Euer Durch⸗ laucht, ſein Herz war größer als ſeine Kunſt.“““ „Er iſt vor drey Wochen in der Nacht ver⸗ haftet, und ſchmachtet im Gefaͤngniß, und er hat Niemand, Niemand zum Beyſtand als mich, und Euer Durchlaucht Gerechtigkeit.“ „Verhaftet? davon weiß ich nichts.“ „O, Ihnen mußte es verborgen bleiben, weil er unſchuldig war! Sie hätten es gern der ganzen. Welt verborgen.“ „Warum wurde er verhaftet? 2 Wiſſen Sie das, Fraͤulein?“ „Ach, verzeihen Sie mir Euer Durchlaucht! Das hängt mit unſerm häuslichen Glück ſo innig, und ſo gefäͤhrlich auch, zuſammen, daß Euer Durch⸗ laucht mir verzeihen werden, wenn ich ſchweige.“ Der Fürſt ſann nach.„So war wohl Ihr Vater ſelbſt— „O wie hätte mein Vater den Retter ſeiner Tochter wollen verhaften laſſen?— Aber unſchul⸗ dig iſt er, dafür verbürge ich mich, ſo unſchuldig, wie der Allerbeßte von Euer Durchlaucht Unter⸗ thanen.“ —„Das ſcheint faſt unmöglich, mein liebes Fraͤu⸗ lein, faſt unmöglich! Dafür wollt ich mich wieder verbürgen. Aber wenn ich dem Retter eines 8 ſa 8 — 180— lieben Madchens, daß für den Freund ſo viel thut/ viel zu verzeihen haͤtte; ſo ſollen Sie die Haͤlfte ſeiner Schuld weggenommen haben.“ „Nein, Euer Durchlaucht, nein! wenn er nicht ganz unſchuldig iſt: ſo habe ich kein Wort für ihn geredet. Ich darf ihm verzeihen, denn er iſt mein Retter; aber der Fürſt darf keine Schuld verzeihen.“ Das ſagte das Mäͤdchen mit einer Freyheit, die den Fürſten in Erſtaunen ſetzte. „Sehr gut! ſehr gut, liebes edles Midchen Reden Sie weiter!“ „Er iſt ein Fremder hier, er hat Rienand weiter als mich— „Er hat ſehr viel! ſehr viel! Reden Sie!“ „Als mich und Sie!“ „Gewiß, wir ſind ſeine Freunde, wenn er unſchuldig iſt. Sie haben ihm einen Freund er⸗ worben, mich, und es ſoll heute meine erſte Ar⸗ beit ſeyn/ mich von der Urſach ſeines Verhafts zu Wahehar Eine Beſchuldigung iſt ban gefun⸗ den. Wer den unſchuldigen verhaften konnte, muß ihn ſchuldig machen, und muß mäͤchtig ſeyn. Wer hätte es ſonſt wagen wollen, unter den Au⸗ — 181— ſtrengſte unterſuchen laſſen; aber rechnen Sie auf meine⸗Freundſchaft!“ „Gerechtigkeit konnte ich fordern, und ich fo⸗ dere ſie, ſtrenge Gerechtigkeit. Aber nun habe ich eine Bitte, deren Gewaͤhrung“— ſie trat ſchluch⸗ zend naͤher, ſie beugte das Knie. „Gewährt, Fraulein! gewaͤhrt, wenn ich ge⸗ waͤhren darf.“ 6„So iſt er gerettet! Euer Durchlaucht ſollen den Schuldigen ſelbſt verhören, und ſeinen Anklaä⸗ ger ihm gegenüber ſtellen, ehe man erraͤth, daß Sie davon wiſſen, und daß ich hier geweſen.“ Der Furſt runzelte die Stirn.„Wiſſen Sie, liebes Fräulein, wer ihn verhaftet hat?“ „Ein Polizeylieutenant, im Nahmeen des Po⸗ lizeydirectors.““ Der Fürſt bath Iſabellen, in ein Cabhi⸗ net zu treten. Er ließ die Thür halb offen.„Sie ſollen Zeuge ſeyn, Fraͤulein!“ ſagte er.— u Er ſchellte, und ließ den Polizeydirector und einige Polizeybediente kommen. Der Director erſchien. „Laſſen Sie dieſen Augenblick den jungen Mahler, Nahmens Braune, kommen, den Sie haben verhaften laſſen. Ich will ihn ſelbſt ſprechen.“ Der Director erſchrack heftig, und wollee bſt * gehen. „Nein, Sie bleiben, und seen den Befebt 3 in meiner Gegenwart.“⸗ Das geſchah. 4 „Ich will,“ hob der Fürſt dann donnernd an — ſjich will Wahrheit, reine Wahrheit; bey Ih⸗ rem Leben! Entſtellen Sie den kleinſten Punkt: ſo geſchiehts auf die Gefahr Ihres Kopfes. Ich⸗ frage Sie, und noch haben Sie Zeit, die Sache ſanft alzumaihenr iſt der junge Menſch ſchuldig oder unſchuldig? Ja oder nein! Aber die allerrein⸗ ſte, weißeſte Wahrheit.“ Zitternd an allen Gliedern antworkete der Director:„er iſt unſchuldig!“ „Vollkommen unſchuldig? Ich frage Sie!“ „Vollkommen unſchuldig.“ Der Fürſt griff an die Schelle. „Ich habe noch zwey Worte zu ſagen,““ ſagte zitternd der Director. Er redete leiſe mit dem Fürſten; denn J ſpt belle hatte ihre Gegenwart. im Cabinet verrath n. Wie das Wort unſchul⸗ dig“ erklang, rif ſie laut Lufjauchzend:„o Gott! Gott?⸗ Der Director redete lange und leiſe mit dem Fürſten. 4 „Auch ſo,“ rief der Fürſt donnernd—„ſoll es nicht ſeyn! auch ſo nicht! bey Gott nicht! Sa⸗ gen Sie das den Menſchen, und hüthen Sie ſich, daß Sie nicht noch ein Mahl ſo vor mir ſtehen! O, o Ihr habt mir dieſen ſchönen Morgen ver⸗ dorben, und noch tauſend ſchöne Morgen, an denen ddess liebenden Gefühls, daß der Fürſt heimlich ſag⸗ — 183— ich träumte, es waͤre ganz anders. O ihr armen Menſchen! o wir noch aͤrmern Fürſten!“ Der Mahler Braune wurde gemeldet. „Gehen Sie,“ ſagte der Fürſt—„und den⸗ ken Sie an dieſen Morgen. Ich werde lange an ihn denken! Gehen Sie!“ Er ging. Ferdinand wurde eingefuͤhrt. „Man hat Sie doch nicht hart behandelt, jun⸗ ger Mann?“ fragte der Fürſt eifrig—„ich bin Ihnen Genugthuung ſchuldig. Aber ich kann ſie Ihnen im vollen Maße geben. Da iſt Ihre Be⸗ freyerinn!“ Iſabelle ſtürzte herodr, und hing an Brau⸗ nens Halſe, mit einer Innigkeit mit einer Fülle te:„o was entbehren wir!“ Sie hatte den Furſten vergeſſen. Sie rief ihm zu:„Bürger iſt hier, Ihr Freund, Ihr Bürger iſt hier! Ach, er iſt jetzt auch mein Freund! Ich bringe Sie hin, Ferdinan n, Ferdinand ſah von Iſabellen auf den Fürſten, von dem Fürſten auf Iſabelle; Iſa⸗ 8. belle ſah nichts als den geretteten Freund. Sie näherte ſich dem Fürſten, um Ab ſchied zu nehmen. Der Fürſt trat lachelnd zu ihnen. Er ſah ſie läͤchelnd an. „Was ich eben gehört habe, liebes Fräulein, und was Sie mir k ſ ſein Beereſchnn den iſt etwas — 184— ich Ihnen rathen, Sie laſſen Ihren Retter allein gehen. Es würde Ihnen doch wohl lieb ſeyn, wenn man nicht erführe, daß Sie ihn frey ge⸗ macht. Ich habe Ihren Retter frey gemacht. Ich bin ihm noch eine Genugthuung ſchuldig. Ich wollte, ich ware im Stande, ihm die zu geben, die ihn glücklich machte. Aber das iſt unmoͤglich. Ich muß Sie, Herr Braune, Ihrem guten Ge⸗ ſchick überlaſſen, und da Ihrer Freundinn. Aber rechnen Sie auf meinen guten Willen, Ihnen zu helfen, wo ich helfen darf. Sie Fraͤulein, Sie wünſchen ohne Zweifel, daß man nicht weiß, Sie ſind bey mir geweſen. Mein Vorzimmer iſt jetzt vooll Menſchen. Leben Sie wohl, Herr Braunel Sie ſind ſicher. Ich gebe Iynen mein Wort. Ge⸗ hen Sie!“"“ Der Fürſt führte Iſabellen durch eine ge⸗ heine Treppe hinten hinab. Sie ſchlug ihren Schleyer wieder vor, war in zehn Schritten um Wagen, und in zwey Minuten bey der Frau von Sonnenberg. Sie warf ſich in ihre Arme, und rief außer ſich:„er iſt frey!“ Sie hatte kaum Arhem, zu er⸗ zählen, und die Frau von Sonnenberg drück⸗ te die Retterinn des Sohnes an das volle Lläcti che Mutterherz. Dann aber flog der Wagen mit tSſabellen zu Hauſe. Sie drang in Olympiens Zimmer⸗ 8 — 1835— Sie fand ſie noch ſchlafen, und noch mit dem Lächeln des ſchönen Traums. Sie ſaß an ihrer Seite, und redete leiſe und freundlich mit der Schlafenden. Aber da ſie das Auge aufſchlug, ſtrahlte ihr die reine Freude von Iſabellens Geſicht entgegen, ehe der Traum derſchwinden konnte, und der frohe, jauchzende Ruf von ihren Lippen:„Braune iſt frey, Olympie! Ich habe ihn geſprochen! O Olym⸗ pie, dich liebt ja Gott; denn er gibt denen, die er liebt, das Glück im Schlafe!“ „Wie,“ rief Olympie, und zog Iſabel⸗ len an die Bruſt. Iſabellen erzaͤhlte.„O Iſabelle!“ rief Olympie—„o meine theu⸗ re Schweſter, nein, du verdienſt ſein Herz, nicht ich! O wie ſoll ich dir danken?“ „Wenn du glücklich biſt.“ Braune fand ſeinen Buͤ rger im Vorzim⸗ mer des. Fürſten. Er wollte ſich melden laſſen und Gerechtigkeit fordern. Sie erſtaunten Beyde.„Du biſt frey? ⁷ „Ich bin frey!“ lispelten Beyde ſich zu. Sie gingen hinaus in den Schloßgarten. Hier umarmten ſie ſich.* „Ehe du fraͤgſt,“ ſagte Buͤrger—„laß mich erſt etwas ſagen. Die Schweizerinn war mir tauſend Mahl fremder, als Ol ympie dir, Fer⸗ dinand; Ich habe ſie geſehen! Ich habe Olym⸗ hie geſehen. Sie liebt dich, und du ſollſt ſe — 186— ewig lieben; denn hat die Natur ein Herz für ein anderes beſtimmt; ſo iſt ſie dein. Und könnteſt du aufhören, ſie zu lieben: ſo ſage ich dir meine Freundſchaft auf.“— Nun erzählen ſie Beyde von Iſabellen, und Bürger ließ auf Ferdinands Zimmer— denn dahin waren ſie gegangen— eine Flaſche Wein bringen. Er konnte mit einer großen Freu⸗ de nie anders fertig werden, er mußte ſie in ei⸗ nem Schmerz auflöſen, oder im Wein erſaͤufen. Er trank Olympiens, dann Iſabellens Wohl, und nun ſchwor er, er wollte alle Furien auf Boiſens Weg hetzen; und ſie erwogen mit freundlicher Liebe die Wege des Schickſals, die ſie alle an einander gezogen.. „Und deine Mutter erſcheint auch noch, Braune, das weiß ich.“ Am Abend ſprang Bürger auf, und rief: „laß uns zu Iſabellen!“ „Ums Himmelswillen, Bürger!“ „Ich gehe, und ſtaͤnden auf dem Wege zu ihe die Decenz, die Convenienz, die Dehors, die Bienſeanze, die alle franzöͤſiſche Nahmen haben, und nicht deutſche, wie brüllende Loͤwen, ein gan⸗ zer Hofſtaat mit der Oberhofmeiſterinn an der Spitze und riefen: Halt! ſo ginge ich; denn ich ha⸗ be geſchworen: ich will dem Mädchen einen Kuß geben, den waͤrmer There ſe nicht erhalten hat. Er hielt Wort, und er erwog mit Iſabel⸗ 3— 187— ken auch, was nun zu thun ſey.„Denn, Iſa⸗ belle,“ ſagte er—„Olympie und Ferdi⸗ nand ſind wie zwey Schachſpieler, die in der Noth jeden Stein anrühren und keinen ziehen. Wir müſſen ziehen für ſie, und zwar: Schach dem Könige!“ „Schach dem Könige!“ rief Iſabelle nach, und ſie gingen auseinander. Bürger kam zu Hauſe, und rief:„nun, lieber Ferdinand, laß uns Schach dem Köni⸗ ge ziehen!“ „Was meinſt du?7 4 „Wir ſagen es deiner Madame Sartili, 4 daß Boiſen der Verführer ihrer Tochter iſt.“ Ferdinand ſprang auf.„Wie? was meinſt du?“ „Er iſts! Lies den Brief an ihn, den ich in ſeiner Schreibtafel gefunden.“ Ferdinand las, und erblaßte. Er beſann ſich lange, dann ſagte er:„Du kennſt dieſe Frau nicht, Bürger! Zeigt ihr das Schickſal den Weg, der zu ihm führt, wohlan denn! Aber ich, ich füh⸗ re den Böſewicht nicht dem Dolche dieſer Frau ent⸗ gegen! Ich nicht, du nicht! Bürger, du nicht, verſprich mirs!“ Er entriß ihm die Hand—„ver⸗ ſprich mirs! Bürger, thus! O du weißt nicht, wie glücklich ſie ſind! Was auch geſchehen könnte, und gäbe er ihr ſeine Hand: ſo iſt ihr Glück zer⸗ — 188— ſtoͤrt. Verſprich mirs! Willſt du Meuchelmörder auf ſeinen Weg im Hinterhalte legen?“ „Schach matt! wollte ich mit Eins rufen. Meuchelmord? Nein! nein! das Wort iſt auf Er⸗ den das gräßlichſte! Nein! Nun kann ich denn nicht vor ihn hintreten, vor dieſes Schaum⸗ und Schlammgeſicht, wenn er, eben die Hand nach Olympien ausſtreckt, und ſagen: Mädchenver⸗ führer, du Paris, hier bin ich, du Mäaͤdchenraͤu⸗ ber, erkenne mich! Ich bins, der dir deine Ehre ausgeprügelt hat.“ Denk an meinen Kerker, Bürger!“ „Das kam nicht aus deinem Hakzen, Fer⸗ din and!“ „Gut, ich wills nicht, Bü ürgert Angeber klingt faſt wie Meuchelmörder. Könnt ich zu im ſagen: Bube, du verdienſt keines ehrlichen Mäd⸗ chens Hand! und dahin gehen meinen Weg, lu⸗ ſtig pfeifend: ſo ging ich. Aber ich hoffe auf die Hand, die ich ihm raube.“ „Pah! es mag ſeyn! Aber— und das ſoll mir Niemand wehren, das ſchwöre ich— ſo jag ich ihn, den Feigen, von hier, bis dein Stern dir gelächelt. Ich weiß, womit. Und nun laß uns ſchlafen! Ich bin ohnehin ſein Tireſias geweſen, ich will es wieder ſeyn! Gute Nacht!“ 3 Ferdinand hatte Recht. Boiſen wurde von dem Schickſal in das Netz getrieben, von ſei⸗ ner eigenen Büberey. Bürger regte nicht eine Hand. Der Huſar hielt doch für gut, den Mahler ein wenig im Auge zu halten; und ſo ſah er ihn aus ſeinem Hauſe nach dem Garten der Italiene⸗ rinn gehen. Er folgte ihm von Weitem, und, hinter die dicke Gartenhecke verſteckt, ſah er ihn an Gismondens Seite ſo vertraulich gehen. Das Maͤdchen faßte im Gehen ſeine Hand bald, bald ſeinen Arm. Er ſah noch nichts, als die ſtolze, edle Figur des Mädchens.„Was iſt das?“ fragte er—„Bube, biſt du ein Heuchler, ſo ſey dder Himmel dir gnädig!“. 8 Sie kamen zurück. Da ſah er das Geſicht des reitzenden Geſchöpfs, und die üppige, alle Reitze halbverrathende Kleidung der Italienerinn. Er lächelte; denn nun war er ſeiner Sache gewiß. Ein paar Tage darauf wurde Ferdinand verhaftet, und der Huſar rief lachend:„ich will ſein Erbe werden.“ Er draͤngte ſich unter einem Vorwande bey Madame Sartili ein. Die Frau, frey, wie ihre Landsmänninnen, nahm den fröhlichen Soldaten mit freyer Offen⸗ — 196— heit auf, auch Gismonda. Der Huſar hofſſte einen leichten Sieg, und kam wieder und wieder⸗ Boiſen ſah ihn ſelten, und der Huſar laͤchelte. Des Huſaren Bedienter verrteth Boiſen, daß ſein Herr eine neue Liebſchaft gefunden hätte. Er beſchrieb des jungen Weibes himmliſche Reitze, und wie leicht ſein Herr den Eingang in das Haus gefunden hatte. Verſchwiegen hatte ihm der Huſar noch nie ein Abenteuer der Art. Der Bruch ibrer Freund⸗ ſchaft mußte beſtraft werden.— Er ſah ſeinen Spießgeſellen in das Haus gehen, und er ging ihm nach, lachend über ſeine Liſt und die Strafe. Er trat ins Zimmer zu Mutter und Toch⸗ ter, und ſie erkannten ſich alle drey. Der Huſar war überraſcht; aber laͤchelnd ſag⸗ te er:„ber Kammerherr von Boiſen, mein Freund!“ und jetzt erſt, nachdem der Nahme von ſeinen Lippen war, ſah er, daß ſie alle drey zu Statuͤen erſtarrt waren. „Was gibts denn?“ fragte er. Niemand antwortete. Gismonda nahm ihren Sohn an ihre Bruſt, und wendete ſich ab. Boiſen faßte zuerſt wieder Muth. Er hob ſtammelnd an:„ſo finde ich endlich, nach lungen. Suchen, Sie Theuerſte wieder!“ 4 „Sie haben uns alſo geſucht?“ taue de — 191— „Mutter—, deſto beſſer! deſto beſſer, Herr Kam⸗ merherr von Boiſen! den Nahmen will ich doch aber merken!“ „Ich hatte Gründe, Ihnen meinen wahren Nahmen eine Zeit lang zu verſchweigen.“ „Die haben Sie jetzt nicht mehr?⸗ 7 „Eine unendliche Leidenſchaft für meine Gis⸗ monda! „Ihre Gismonda? Gut, ſo darf ich Sie nicht erinnern, daß Sie Gismonden ihre Hand verſprachen, daß das Ihr Sohn iſt, den ſie an das gebrochene Herz drückt. Sie erkennen ſie alſo an? deſto beſſer, glauben Sie mir, deſto beſſer! Gut, Herr von Boiſen, ſo geben Sie uns jetzt ſchrift⸗ lich, daß Sie meine Tochter, als Ihre Gattinn, meinen Enkel, als Ihren Sohn, anerkennen.“ „Recht gern; nur muß ich bitten, daß es dann noch einige Tage verſchwiegen bleibt.“ „So lange Sie wollen, Herr von Boiſen; aber jetzt, da ich Ihren Nahmen kenne, entgehen Sie mir nicht wieder.““ „Wie, zweifeln Sie doch, gute Mutter! um jeden Zweifel aus dem Wege zu raäumen, ſol⸗ len Sie morgen mein gerichtliches Geſtaͤndniß haben.“ „Gut! gut! Morgen! Aber heute, mein Herr, verlange ich zwey Worte von Ihrer Hand, the Sie dieſes Zimmer verlaſſen; denn Herr von — 192— Boiſen, Sie haben eine eigene Kunſt im Vei ſchwinden. Da ſteht alles, ſchreiben Sie „Was ſoll ich ſchreiben?“ fragte er, ſeine Angſt hinter einem Lacheln verbergend. 4„Daß Gismondens Sohn Ihr Sohn iſt.“ 8„Wie weiß ich das?“ „Leſen Sie, hier iſt der Taufſchein, und rech⸗ nen Sie von dem Tage des Balles.“¹ „Madame, ehe ich ſchreiben kann— überle⸗ gen Sie wohl, meine theure Signora— eine Er⸗ kundigung bey Ihrem Wirth nach meinem Nahmen Boiſen, nach dem Range meiner Familie hier im Lande, wird Sie belehren, daß, wäre ich ein Böſewicht, liebte ich Gismonden nicht, und meinen Sohn, daß Sie hier in einer gefährlichen Lage waͤren!“ „Das weiß ich zur Genüge, daß man mit Leuten Ihres Gelichters immer in Gefahr iſt. Das habe ich ſeit drey Jahren überlegt. Aber Sie ha⸗ ben nicht überlegt, mein Herr, daß es gefaͤhrlich iſt, einer Mutter, wie mir, ein Kind zu ermorden⸗ Schreiben Sie!“ „Nicht eher, als ich weiß, ob das mein Sohn iſt. Ihre Art zu leben hier, die Gegenwart die⸗ ſes Herrn hier, macht mir Vorſicht nöthig.“ „O Mutter!“ ſchrie Gismonda füͤrchter⸗ lich auf, warf das Kind heftig auf den Sofa, und 5 weendete ſich raſch zu dem Boͤſewicht um, mit den — 193— Flamen des Zorns, und den Zuckungen des Ab⸗ ſcheus auf dem Geſichte. „Hohn! Hohn noch, Teufel! zu deiner Zer⸗ ſtörung!“ rief die Mutter, und ſie zog das Piſtol mit einem Griffe unter einem Tuch hervor. Sie drückte ab, und die Kugel riß von ſeiner Schulter das goldne Epaulet. Ihre Hand war mit dem zweyten Piſtol bewaffnet. Der Böſewicht, dem es nicht an Muth fehl⸗ te, ſtellte ſich dicht an Gismonden, und die Mutter wagte nicht zu ſchießen. „Ich will ſchreiben,“ ſagte er, und er ſtellte ſich zum Schreiben, ſo daß ſeyn Gohn in der Schußlinie war. „So ſchreib, was ich diktire, Böſeiiht Er warf einen Blick auf ſeinen Freund; aber der war zu feig, zu thun, was er dachte, die Frau zu entwaffnen. 4 Er ſchrieb, daß er Gismonden verführt, und dann ihr die Ehe freywillig. verſprochen habe; daß Gismondens Sohn ſein Sohn ſey, und daß er die Gülltigkeit ſeiner Eheverſprechung an⸗ erkenne.. Er war in Perzweiflung. „Es könnte wahr ſeyn,“ hob die Sartili nun ruhig an—„womit Sie vorhin droheten. Ich bin hier fremd und ohne Schutz; aber nicht ohne einen Racher, mein Herr von Boiſen! Laſons die Pfarre ꝛc. III. ⁸8 — 194— Merken Sie das! Laͤcheln Sie nur ein Mahl, wenn von Gismondens Ehre die Rede iſt: ſo ſoll kein Gott Ihr Leben retten. Jetzt mein Herr, können Sie gehen!“ Sie gingen. „Nun iſts vorbey!“ fagte er drey Mahl. „Hm! antwortete drey Mahl der Huſar— „das iſt eine Furie, die wir wegſchaffen müſſen. Sie hat auf dich geſchoſſen, das bricht ihr den Hals.“ „Ja, das bricht ihr den Hals! Ja, Freund! ja! das bricht ihr den Hals.“ „Man bringt Sie über die Gränzen und ſo kann fie Gott noch danken.“ „über die Gränze? und morgen wäre ſie wie⸗ der da. Aber es muß gehen. Es bleibt mir nichts übrig, als die Gewalt!“ „Die iſt das Beſte! Halt! Teufel, wer iſt das, der da kommt? Tritt hinter den Baum! Teufel, das iſt der Mahler! Er iſts! Wer hat ihn frey gemacht?“ „ und der andere iſt— Buürger! Bür⸗ ger! O aun ſeh ich alles! Das iſt mein Tireſias! Komm yhnell! hinter die Hecke!“ Es war gerade der Tag, da Ferdinand frey geworden war. 4 Boiſen knirrſchte mit den Zähnen.„Wer hat ihn frey gemacht? du weißt nicht, nein, du weiht nicht, wie alles zuſammenhangt,“ ſagte — 195— Boiſen mit einem todtenbleichen Geſicht— du weißt es nicht! du nicht! aber ich weiß es! Ich zum Höllen Teufel weiß es! Ich! denn ſieh, dei⸗ ne Schweſter Olympie liebte ich, ſie allein! Vor ihren Tugenden beuge ich mein Haupt. Denn ſie iſt keine Heuchlerinn. Sieh, ich hatte beſchloſ⸗ ſen, in dem warmen Sonnenſchein ihrer Liebe und ihrer Tugend nicht allein glücklich zu leben, ſondern auch tugendhaft. Denn ſie iſt keine Heuch⸗ lerinn, wie die tugendhafte Sonnenbergen! O Himmel! Himmel! Gib mir nun Rache, und Rache habe ich an dieſer Heuchlerinn! Rache ha⸗ be ich!“ „Wie kommt auf ein Mahl die Sonnen⸗ bergen dazwiſchen?“ „O du weißt nichts, gar nichts! gar nichts? In dem Dunkel der Hölle wurde der Plan aus⸗ geſponnen, deine Schweſter an dieſen Mahler zu vorkuppeln. Dieſe Sonnenbergen— „Biſt du raſend? was ſoll die?“ „Was ſie fol? Ich will die Schande uüͤber ihr Haupt häufen. Ich win ihr den weißen Schley⸗ er abreißen, hinter dem ſie ſo lange der gehei⸗ men Wolluſt verſtohlne Freuden verhüllte.).. „Aber komm jetzt; denn dieſe Italienerinn muß erſt aus dem Wege, wenn nicht alle Hoff⸗ nung ve loren ſeyn ſoll; und kann ich ſie nur acht Tage lang entfernen: ſo— ja ich entdecke dei⸗ nem Vater alles, das geheime Gewebe, deſſen & 32 — 196— Opfer deine Schweſter in des Mahlers Armen wer⸗ den ſoll. Nur acht Tage! du ſollſt deinen Vater treiben. Ich will ihn in Schrecken ſetzen. Aber „wer hat ihn frey gemacht? Wer? Mein Oheim iſt ja der Guͤnſtling des Fürſten. Ich bitte dich, laß uns eilen!* „Ich verſtehe dich nicht, Boiſen!“ „Auch ſoll Niemand mich verſtehen. Komm!⸗ Boiſen ging zu ſeiner Mutter. Er ent⸗ deckte ihr alles mit Gismonden. Sie hob den Finger drohend auf:„o Ju⸗ gend, Jugend, wie viel Thorheiten begeht ihr! Und kaum kann man dieſes eine Thorheit nennen, mein Sohn. Wenn dich nicht dein warmes Herz entſchuldigte, du würdeſt eine ſtrenge Richterinn in mir finden.“ Sie fuhr zu ihrem Oheim, dem Günſtlinge des Fürſten. Sie traf ihn in der übelſten Lau⸗ ne von ber Welt; denn der Fürſt hatte ihn ab⸗ weiſen laſſen, und der Polizeydirector hatte ihn beſucht. Gleich an demſelben Tage noch ein Mahl eine Verhaftung zu⸗ wagen, ging doch unmög⸗ lich n.— Er bieß ihren Sohn einen Taugenichts, dee aller ſeiner Gute nicht werth ware. Er ſchwor, er wollte noch heirathen, um ſein Bermögen an ehrliche Leute zu bringen. Seine Nichte that, als ob ſie erſchräcke; demn ihr Oheim hatte den Plan, ihren Sohn zu adopti⸗ * — . meiner nicht iſt! — 107— ren, ihm den Nahmen Graf Sonders zu ge⸗ ben, und das ganze Vermögen der Grafen Son⸗ ders, deren Nahmen mit ihm und dem Bruder der Frau von Boiſen ausging. Indeß wurde doch der Polizeydirector gehohlt. Er erklarte zwar, daß Madame Sartili in aller Form Rechtens verhaftet werden könnte, ſobald Herr von Boi⸗ ſen klagen wollte. „Unmöglich!“ rief der Guͤnſtling—„Un⸗ möglich!“ die Mutter. Auf etwas anderes wollte ſich der Director nicht einlaſſen, der Günſtling eben ſo wenig. „Man muß,“ ſagte er endlich—„die Ita⸗ lienerinn mit einer Summe Geld abkaufen; denn darauf iſt es abgeſehen. Und ſagen Sie Ihrem Sohn, Nichte, er ſoll mir lächr noch ein Mahl ſe kommen.“ Der Graf fuhr zu Madame Sartili, um in fünf Minuten die Sache abzumachen. Madame Sartili ſagte dem Grafen recht offen, daß es ihr nicht um Geld zu thun ſey, ſondern um Ehre. „Was fordern Sie? doch nicht ſeine Hand?7 „Nein! böhte er ſie meiner Tochter, wir wür⸗ den die Hand dieſes veräͤchtlichen Menſchen e aus⸗ fhlagen! 2 „Madame, er iſt mein Verwandter!!? „Ich bedaure Sie! Ich danke Gort, daß er — 298— „Was wollen Sie denn, wenn Sie nicht ſeine Hand und nicht Geld wollen?“ „Seinen Nahmen.“ „Er ſoll ſeinen Sohn feyerlich anerkennen, er ſoll ihn als ſeinen Sohn von ſich erben laſſen, ſo wenig er ſelbſt will. Meine Gismonda ſoll von ihm ſeinen Nahmen erhalten, das iſts, was ich verlange, und ſeine Familie ſoll dieſe Acten mit unterzeichnen.“ „Das ſind ſeltſame Forderungen, Madame! Wiſſen Sie, wenn ſeine Familie Notiz von der Begebenheit nimmt, daß Sie als eine Mörderinn angeklagt und beſtraft werden können?“ „Auf ſeine Gefahr, Herr Graf! Ich habe, das faͤllt mir oft ein, wenn ich an die Verführung dieſes veraͤchrlichen Böſewichts—“ „Madame!“ „Und an den langen Jammer meiner Tochter denke, ich habe ſchon zu lange gelebt. Das mußt ich wagen, habe es gewagt, und wage es, Herr Graf! Ein Zittern dieſer zürnenden Hand weni⸗ ger, und das, was Sie Mord nennen, war ſchon geſchehen. Aber ich habe doch zu lange unter den Menſchen gelebt, Herr Graf, um nicht zu wiſſen, daß Sie meine Verhaftung eben ſo ungern ſehen würden, als ich. Und ſichrer iſt der Elende darum nicht. Mein Sohn, Herr Graf, weiß ſeinen Nahmen jetzt; und fehlte meine Hand, ſo fehlt ſeine nicht. Er hat dann Mutter und Schweſter — — — e — 199— zu rächen. Wahrhaftig, Herr Graf, Sie dürfen mich nicht aufbringen! Sie könnten ſonſt ein Trau⸗ erſpiel erleben, vor dem der ganze Hof erzittern würde. Der Menſch, der einen feſten Willen hat, iſt mäͤchtiger als die ungerechte Gewalt. Il morir non è tanto amaro!, ſagt ein Sprichwort, und ich bin nicht glücklich! Ich werde mich vor den Thron des Fürſten, deſſen Güͤnſtling Sie ſind, ſtellen, Gerechtigkeit fordern, und hört man mich nicht, vor den Richterſtuhl Deutſchlands; und hoͤrt man mich dort nicht, ſo habe ich einen Willen und Waffen.“ Solch eine Sprache mit dieſer Ruhe, mit dieſer Würde, hatte der Graf noch nicht gehört. „Würde das den Ruf Ihrer Tochter ſichern, Madame?“ „Ja, Herr Graf, das nur allein. Verführt kann ein junges Mädchen werden: aber ſie ſoll nicht zu der Schande, die ein Fremder auf ihr Haupt legte, die eigene Schande einer Lüge hinzufügen. Meine Tochter hat jedem Menſchen, der fragte, geſagt: ein Böſewicht hat mich verführt und um ſeine Hand betrogen. Dieſes iſt ſein Sohn. Ich war ihm treu, und bins noch. Was iſt dabey die Schande, Herr Graf? Von heute an ſage ich: der Elende iſt der Kammerherr von Boiſe n! und jedesmahl ſetze ich hinzu: und gibt er ihr nicht ſeinen Nahmen, und erkennt ſeinen Sohn an: ſo habe ich den Verbrecher zu beſtrafen!" — 206— „Madame, wer kann Ihrer Tochter wehren, ſeinen Nahmen zu führen?“ „Jeder, der fragen kann: warum ſind Sie nicht bey Ihrem Manne? Weil er ein Böſewicht iſt, antwortete ſie dann, und zeigt die Aeten vor, die ihren Nahmen rechtfertigen.“ 5 Der Graf mußte ſich herablaſſen, ſie zu bit⸗ ten, nur noch einige Tage Geduld zu haben.„Sie ſollen mit mir zufrieden ſeyn, Madame!“ An der Ruhe dieſer Frau brach ſich die Intri⸗ gue, die Gewalt und die Liſt. Es blieb dem Grafen nichts anders übrig, als der Vorſchlag, dem Vater Olympiens die gan⸗ ze Begebenheit ſo ſanft wie möglich zu entdecken, ihn zu bitten, die Verbindung zu beſchleunigen, und er gab ſeiner Nichte das Verſprechen, den Ba⸗ ron zu bereden. Er fuhr zu ihm. Er trug ihm die Sache recht ſuüß vor. Er erboth ſich, Boiſen ſogleich zu adoptiren, und von dem Fürſten die Einwilli⸗ gung zu ſchaffen, daß Boiſen den Nahmen Graf Sonders annehmen, und die Anwartſchaft auf die Sonderſchen Lehngüter erhalten ſollte. 3 Der Baron war höchſt unwillig auf den Ver⸗ führer, nach ſeinen Grundſatzen; dann aber wur⸗ de er immer milder und milder. Sein Sohn trat ins Zimmer, und redete mit Begeiſtrung für ſeinen Freund, und bürgte mit ſeinem Ehrenwort für ſeine Liebe und Treue für Olympien. . N — 201— Der Baron wurde gerührt, oder ſtellte ſich 5* gerührt, von der heroiſchen edlen Freundſchaft der beyden jungen Leute. Er vergab. Und obwohl er nicht ein Wort weiter von der Adoption Boi⸗ ſens ſagte, ſo dachte er doch deſto mehr daran. „Aber wird die Frau ſchweigen?“ fragte er. „Wenn ſie ihren Wunſch erfühlt ſieht/ gewiß!7 „Und wird ni icht der Sohn einſt Anſprüche machen können, wenn ſein Nahme anerkannt iſt?“ „Sein Nahme iſt anerkannt; aber ſeine Mut⸗ ter iſt ja nicht mit Boiſen copulirt.“ Aule Schwierigkeiten wurden aus dem Wege geräumt. Der Huſar ſtand dafür, daß ſeine Schweſter nichis erfahren ſollte, wenn man die Verbindung beſchleunigte, und wenn weder der Oberſt noch die Frau von Sonnenberg etwas erführe. Der Baron lächelte und ſagte:„Morgen iſt mein Geburtstag. Ich kenne Olympien, ich kenne ihr weiches Herz, ihre Liebe. Sie wird nicht nein ſagen. Überlaßt das mir! Halten Sie den Prediger bereit, lieber Graf, Ihren Neffen, und noch ein paar Worte über Ihre Verſprechun⸗ gen in Abſicht der Lehen. Vielleicht morgen! mor⸗ gen! ja[morgen ſchon! Sag es deinem Freunde, mein Sohn! Nur hüthe dich vor Jſabellen! Könn⸗ ten wir die wegſchaffen! Sie ſoll heute Abend noch— zur Sonnenbergen. Die bedarf einer Kran⸗ kenwaͤrterinn. Dahin foll ſie. Laß anſpannen, und dann gehe ich noch heute zu Ilympienl &* ₰ Der Vater ginz zu Iſabellen, und kuͤndigte ihr an, daß die Frau von Sonnenberg um ihre Geſellſchaft gebethen hätte.„Der Wagen iſt bereit, Iſabellel du mußt dahin.“ Sie fuhr ruhig ab, und ſagte nur noch ihrer Amme, wenn Bürger kaͤme, ihn zur Frau von Sonnenberg zu ſenden, und ihr von allem, was vorſiele, Nachricht zu geben. Nun ging der Vater zu Olympien. „ Ich bin allein, liebe Olympie,“ hob er ſanft an—„und der morgende Tag— O liebe Olympie, des Leben rauſcht im Alter hahin, wie ein Sturmwind! Ich habe nur an dem morgen⸗ den Tage Wünſche für Euch, nicht mehr für mich! der Vater lebt nur zuletzt noch in ſeinen Kindern. Das Alter trennt ihn ſchon von dem Leben, der Tod nicht. Der Tod trennt ihn nur von den Kin⸗ dern. O Olympie, wie gern ſähe ich dich glucklich!“ So, o ſo hatte er noch nie mit ihr geredet! Sie ſiel zum erſten Mahl herzlich an ſeine Bruſt, wie an die Bruſt ihrer Mutter. Er rührte ſie noch immer mehr mit Ahnungen ſeines nahen Todes.“ Ach, Olympie ſah ihrem Grabe ja nahe entgegen! Der lange Gram, die hoffnungsloſe Liebe! die Furcht, daß dieſe Liebe, die ſie nicht überwinden konnte, Unrecht ſey; das alles, und das Andenken an ihres Vaters Geburts⸗ tag, den er zu einer Falle für ſie machte, und an den ſie mit Schmerz dachte, weil ſie ihn ja mit ihrer geheimen Liebe betruͤben mußte, das harte ihr Herz ſo weich gemacht, und die Gewißheit ſo feſt, ſie wurde bald ſterben, daß ſie ja den kleinen Reſt des Lebens nur fur ein zu kleines Opfer anſah, das ſie irgend einem Menſchen bringen konnte. „O Vater, lieber Vater, wüßte ich doch ein recht großes Geſchenk für morgen, ach für jeden Tag, für jeden Augenblick, da ich Sie ſehe!“ „O Kind, du hätteſt ein großes Geſchenk, das du wie einen Freudenkranz auf die wenigen Tage mieines Lebens legen könnteſt, deinen Brautkranz! Wer weiß, ob ich noch einen Geburtstag erlebe!“ Da faßte der Schmerz nach ihrem Herzen mit glühender Hand.„O gib, gib meinem Leben, gib dem morgenden Tage eine große Freude, mein Kind! Gib ſie mir!“ Sie erblaßte; aber das edle Mädchen fragte doch:„welche, mein Vater!“ „Gib deine Hand Boiſen!“ Sie athmete kaum noch. Da aber der Pater ſie an ſeine Bruſt nahm, und, geruͤhrt von ſeiner eigenen Rolle, von der Zukunft Ungewißheit, und von der Liebe ſeiner Tochter, ſie mit Thraͤnen bethauete, da brach ihr Herz, da ſtreckte der Tod die kalte Hand nach ihr aus, und ſie ſagte:„ja, mein Vater!“ da ſank „ ihr Haupt wie eine Lilie, gebrochen⸗ zuf ſeinen * — 204— Buſen, die Hoffnung verſchwand, und Todesdunkel umſchloß kalt und erſtarrend ihre Seele. Was der Vater nun noch forderte, daß ſie an dem morgenden Tage ihre Hand Boiſen geben ſollte, konnnte ſie leicht, lächelnd ſogar bewilligen. Es waren Gefälligkeiten, womit ſie, wie mit Blu⸗ men, das Opfer bekraͤnzte. Der Vater brachte ihr einen reichen Schmuck, den er ihr ſelbſt um den Hals wand, und eine Summe Geld, die ſie ſogleich an das Almoſen ſen⸗ dete, ein armes Mädchen damit auszuſtatten. Dann ſank ſie auf die Knie, und bethete um Geduld, die Geduldige. Ihre Mutter kam, unruhig, ängſtlich! aber das Opfer war vollendet. Sie nahm den Glücks⸗ wunſch ihrer Mutter an, ohne mehr als ſanft zu weinen. 3 Der Baron ſchrieb an den Graf Son ders, daß alles richtig ſey. Boiſen bekam Nachricht durch den Huſaren. „Ich weiß nicht,“ ſagte er—„was mir ſchwer auf dem Herzen liegt. Dieſer Buürger, dieſe Sonnenbergen!“ „Was ſoll die Frau immer? Sie weiß wenig⸗ ſtens von Nichts. Die Nacht wird vergehen, und morgen um neun Alhr iſt Olym pie deine Frau.“ 3 Sie gingen dahin, gegen ihnen über kamen Ferdinand daher, und Burger, Ause in Luge Lerichter. * „O,“ ſagte Boiſen, im halben Triumphe— „ſo ſiege ich doch einmahl über einen von dieſem Geſchlecht! O ich möͤchte ſehen, welche Augen er machen wird, wenn er hört: Olympie iſt Boi⸗ ſens Frau! Fahrt zum Teufel!“ 5. Ifabelt⸗ kam zu der Frau von Sonnenberg. Sie hatte ſie nicht verlangt. „Das iſt ſonderbar!“ ſagte Iſabelle nach⸗ denkend—„und mein Vater ſagte mir es ſo an⸗ gelegentlich, ſo unxuhig möchre ich ſagen, und mein Bruder, der mich an den Wagen beglei⸗ tete,— ja, auf ſeinem Geſichte lag ein falſches Lächeln, das jetzt mein Mißtrauen erregt.“ Aber ſie vergaß es; denn ſie redete mit der Frau von Sonnenberg von dem theuern Ferdinand. Da kam die Amme getreippelt, und trug auf ihrem Geſichte ſchon ſehr wichtige Nachrichten. „Mein gutes Kind, mein Bellchen,“ hob ſie ſchnell athmend an—„wo fang ich an, dir zu erzählen? wo hör' ich auf? Olympie iſt Braut von Boiſen, und— Iſabelle ſchrie laut auf:„ſag, es iſt nicht! O ſag, es iſt nicht!“ „Iſt Braut! und morgen ſchon ganz früh iſt die Trauung. Ich hab's von Olympien ſelbſt⸗ * — 206— die, wie du weißt, Bellchen, geduldig wie ein Lamm alles träͤgt.“ 1 „Um Gotteswillen!“ „Ja, ja Kind, ſo iſt s! Auch war's die bach⸗ ſte Zeit. Denn es hat ſich eine Frau gemeldet, die— denke einer den Unmenſchen!— Mutter von Boiſen iſt, und die er ſammt dem Kinde hat ſitzen laſſen— hat mir mein Sohn erzählt— eine junge, liebe Frau, ſchön wie der Tag! Die iſt hier, und verlangt von dem Kammerherrn die Ehe.“ „Du weißt doch, wo ſie iſt?“ „Was wollte ich nicht, Bellchens ſie wohnt in der großen Allee in Reichels Garten.“ „Und der Nahme?“ „Den wußte mein Sohn nicht. Ach die un⸗ glückliche Olympie! das fromme Maͤdchen! und du weinſt nicht, Belle? Du weinſt nicht?“ „Ich habe keine Zeit zum Weinen!“ rief Iſabelle, und ging heftig bewegt auf und nieder. „Du haſt den Schlüſſel zur Hinterthür?“ „Ja, Bellel“ „Bleib im Fenſter liegen, liebes Muͤtterchen, oder gib mir den Schlüſſel.“ Sie erhielt den Schlüſſel.„Gib ja acht, wenn ich komme! Ich komme ſpät; aber ich komme gewiß!/ Sie ſtürzte zur Frau von Sonnenbergen. Sie ließ ſich von ihr einen Mantel geben, einen ſchwarzen Hut mit einem Flor. Sie huͤllte ſich hinein. * — 207— „uUnd nun,“ rief ſie mit gefalltenen Haͤnden— „und nun lege der Himmel, und alle Geiſter, wel⸗ che die Unſchuld beſchützen, Beredſamkeit auf meine Zunge!“ 24 „Was haſt du, Iſabelle?“ „Ich muß Olympien retten,“ und dahin flog ſie. Es war Abends nach Sieben. Sie ging zum Thore hinaus, vor Ferdinands Hauſe vorüber, die Allee hinab. Man zeigte ihr Reichels Garten. Sie faltete noch einmahl die Hände, ihr Herz ſchlug unbändig. Sie ſchellte. Man öffnete.„„Ich möchte gern die junge Dame ſprechen, die hier wohnt,“ ſagte ſie zitternd. Die Magd oͤffnete ihr die Thür des Zimmers, und ſie trat bebend über die Schwelle ins Zimmer Ach, ſie konnte nicht reden. Sie ſchluchzte laut, ſie ſtreckte Gismonden die Arme entgegen. „Was iſt Ihnen, liebes Kind?“ Sie nahm das Mäaͤdchen in ihre Arme, ſie ſchlug den Schleyer über die Stirn zuruck, und betrachtete mit Wohl⸗ gefallen Iſabellen. Iſabelle ſchlank ihre Arme um Gicm an⸗ dens Hals. „Ich beſchwoͤre Sie,— ich weiß Ihren Nahmen nicht,— ich beſchwoͤre Sie, das allerunglücklichſte Madchen, das auf der Erde iſt, zu retten, meine Schweſter! Sie waren ja auch unglücklich, Sie — 208— waren ja auch von dem Böſewicht betrogen! O ret⸗ ten Sie! retten Sie!“ Mutter und Tochter umarmten ſie mit Liebe. „Reden Sie, wenn wir retten können.“— „Sie allein koͤnnen ſie retten!“ „Wir? 4„Sie wenn anders—“ ſie ſah das Kind an, und ſtockte—„Boiſen! Boiſen heißt er!“ „Boiſen das iſt ſeltſam. Doch reden Sie!“ Iſabelle erzaͤhlte alles, und bath dann, daß Gismonda mit ihr zu ihrer Schweſter gehen möchte; aber erſt um Mitternacht. Gismonda zerfloß in Thränen, die Mutter aber ſaß mit ſinſterer Stirn. Dann ſagte ſie ihrer Tochter ein paar Worte heimlich, und Gismon⸗ da ſah Iſabellen ſtarr an. „Unmöglich,“ ſagte ſie auf italieniſch ihrer Mutter—„kann das Geſicht betrügen!“ Da ſank Iſabelle auf die Knie, und erboth ſich, die beyden Damen erſt zu der Frau von Son⸗ nenberg zu fuhren, wohin ſie ja eren Wirth⸗ den Gaͤrtner, mitnehmen könnten. Alle Zweifel verſchwanden, und um Mitter⸗ nacht gingen ſie— das Kind trug Iſabelle— in die Stadt nach des Barons Hauſe.. Iſabelle öffnete leiſe die Thür, und ſie waren bey ihrer Amme. Eben erſt war der Huſar weggegangen. Er — 209— hoͤrte von Olympiens Jungfer, daß Olympie ſchliefe. Er fürchtete I Iſabellens Thätigkeit. Er war fort, und Iſabelle ſchlich nun durch ein Hinterzimmer zu Olympien. Sie weckte ſie mit einem ſanften Kuſſe. „Biſt du es noch, Iſabelle?“ ſagte ſie voll Schmerz; denn daß Iſabelle abweſend war, hatte ſie gern geſehen. „Ich bins, meine Olympie! Rede leiſe. Ich habe dir etwas Wichtiges, etwas Freudiges mitzutheilen. Du biſt frey von Boiſen.“ Olympie ſeufzte aus dem gebrochenen Her⸗ zen.„Ach Schweſter, du weißt nicht—“ Iſabelle legte ihr den Finger auf die blaſſen Lippen.„Gerettet biſt du, Olympiel Es iſt eine Frau hier, die Mutter iſt von Boiſen, die der Betrüger verführt hat. Lies, lies hier; das har er heute erſt geſchrieben. Lebendig richtete ſich Olympie empor, und las mit fliegendem Athem. „Das hat er freywillig geſchrieben? O, dann bin ich gerettet! O, ich gluckliche! Freywillig?“ Iſabelle erzählte, was ihr Madame Sar⸗ tili erzaͤhlt hatte.* Da ſeufzte Olympie.„Gezwungen? Ach, Iſabelle: Gezwungen? Er wird laugnen, und ich habe mein Wort gegeben.“ „lind ich löſe es, Olympie! Zieh dich an. — 210— Die beyden Frauen, o Olympie, erhabene, edle Weiber ſind bey der Amme! Du mußt dich über⸗ zeugen.“ „Ach, es wird mich dennoch nicht retten!“ „Wie, Olympie, du wollteſt dem Kinde den Vater, der Mutter den Mann rauben? Du?“ Da war ſie erſchüttert.„Nein!“ rief ſie— „ich bin gerettet! Ich bins! O, Gott ſey Dank!“ Sie ſank in Iſabellens Arme. Beyde Schweſtern ſchlichen ſich hinten hinaus zu der Amme; und nun hob Madame Sartili die lange Jammergeſchichte ihrer Tochter an zu er⸗ zählen. Ein Todesſchauer nach dem andern ergriff Olympien bey der Erzählung dieſer Graͤuel. „Nein, nein, Iſabellel“ rief ſie, ein⸗ mahl über das andere—„ich bin gerettet. Nein, ich habe den Muth, morgen nein zu ſagen! Nein, Fſabelle, und müſßte ich vor Herr Braunen nien, und ihn um Hülfe bitten, ich ſchlage Boi⸗ ſen aus! Ich bin gerettet! O Gott, habt Dank, ich bin gerettet!“ „Fraͤulein,“ ſagte die Mutter—„er iſt ein liſtiger Böſewicht. Faſſen Sie allen Muth zu⸗ ſammen!“— „Sorgen Sie nicht. Ich bin geretter!“ Olympie legte ihren Mund auf Iſabel⸗ lens Bruſt, und fragte:„wie kann ich dir dan⸗ ken, liebſte Schweſter? 3 Iſabelle brachte ſie wieder in ihr Zimmer. 211— „benn du Ferdinanden treu biſt. das iſ mein Lohn!“ „O Iſabelle, in meiner Bruſt liegt jetzt eine Helle, ſchöne Hoffnung. Der Himmel, der mich heute rettete, kann noch mehr.“ „Du kannſt es, Olympie! Sage doch ſo lange nein, bis ſie dir erlauben, ja zu ſagen. Ich muß fort! Gute Nacht! Und rede morgen kräftig! Gute Nacht!“ Iſabelle nahm ihre Amme zur Begleitung mit ſich, und ſie gingen. Iſabelle mußte die Madame Sartili begleiten, die in der Stadt zu Nacht ſich nicht finden konnte. Iſabelle begleitete ſie vor ihr Haus, und ſie ging zurück. Die Alte leuchtete mit der kleinen Laterne einem Manne ins Geſicht, der in der Allee auf und nieder ging; und Iſabelle erkannte Bürgern. „Willkommen Bürger! Grüßen Sie Fer⸗ dinanden, ich bin quitt mit ihm, er rettete mich, ich habe ihn gerettet. Morgen war Dlympiens Hochzeittag.“ 3 Die Kleine nahm ſeinen Arm, und erzäͤhlte ihm unterwegs, was ſie gethan hatte, mit fröhli⸗ chem Eifer.„Sehen Sie, ich habe ihm Schach matt gebothen!““ „ Das haben Sie, Iſabellel Aber er wird die Königinn vorziehen.“ — 212— * „Die eben bab⸗ ich ihm genommen. Schach matt!“ „Aber er wird laͤugnen. Er wird auf eine Un⸗ terſuchung dringen. Seine Familie wird ihn unter⸗ ſtützen, Ihr Bruder, Ihr Vater, Iſabelle! Für die ſanfte Olympie iſt jeder Tag ein Ge⸗ burtstag. Was läßt ſich nicht beſchönen? was nicht verhöhnen? Aber wenn er läugnet, ſo— leuchte ein Mahl her Mütterchen!“— Er nahm aus ſei⸗ ner Brieftaſche den Brief, den er in Boiſens Taſchenbuche gefunden hatte, gab ihn Iſabel⸗ len—„wenn er laͤugnet: ſo zeigen Sie dieſen Brief von Ihrem Bruder vor, und ſagen Sie: Schach matt!“ Iſabelle las den Brief.„Er iſt von mei⸗ nem Bruder. Olympie wird, fürcht' ich, keinen Gebrauch davon machen.“ Sie gab ihn der Amme, ihn Olympien zu geben. Bürger begleitete Iſabellen bis vor das Haus der Frau von Sonnenberg. Bürger küßte ſie herzlich, und ſagte:„Olym⸗ pie ſchläft, Ferdinand ſchlaft; aber die Freund⸗ ſchaft wacht!“ „O wie ſüß werden wir ſchlafen, wenn ſie endlich glücklich ſind! Morgen!“ 1„Morgen!“ Sie gingen auseinander. „Nun,“ ſagte der Baron am andern Mor⸗ gen zu ſeinem Sohn—„hat Olympie Nie⸗ manden ge ſprochen? 74 — 213— „Nein! bis Zehn blieb die Mutter bey ihr, und ich hielt an ihrer Thür Wache, bis ſie ſchlief.“ „So iſts gut! Ich bin der Unruhe müde!“ Um neun Uhr waren Boiſens verſammelt; der Prediger ſaß im Nebenzimmer. Der Vater mußte Olympien wecken laſſen. Sie hatte ſehr ſüß geſchlafen.. Sie erſchrack, da ſie ihren Vater ins Zimmer treten ſah. Er nahm ſogleich ihren Arm, und führte ſie, unaufhörlich redend über den glücklichen Tag, in den Saal. Der Graf Sonders trat ihr entgegen. Boi⸗ ſen küßte ihre Hand; der Praſident lachte laut. Die Mutter erblaßte, die Praͤſidentinn blähete ſich auf: der Huſar triumphirte, und Olympie, mit Peiner ungewöhnlichen Röthe auf den Wangen, ſchlug das Auge auf, und ließ es wieder ſinken, „Liebes Kind!“ hob der Pater feyerlich an. „Erlauben Sie mir, Vater, einige Worte u ſagen! Es ſind Perſonen da, die ein naͤheres Recht auf den Herrn von Boiſen haben, als ich je erwarten kann. Er hat eine Verbindung mit einer Signora Sartili geſchloſſen, welche ſo heilig iſt, daß ich— Es lebt ein Sohn von dem Herrn von Boiſen.“ Das war ein Donnerſchlag für Alle.— „Haben Sie von dem Fäbelchen nun endlich auch gehört, Olympie?“ —„Von dem Fabelchen? Frau Praͤſidentinn, ich — 214— hoffe, Ihr Herr Sohn wird ſeinen Sohn nicht verlaͤugnen wollen, wenn er auch die Mutter, verlaͤugnet.“ „Das würde er nicht, hoff ich mit Ihnen, Olympie! Es gibt Menſchen, die es gern ſähen, es wäre ſo. Aber Gott Lob! mein Sohn hat Beweiſe, die Sie, meine theure, edle„Dlym. pie, beruhigen werden.“ „Ich habe vom Gegentheil Beweiſe, Frau Praͤſidentinn, die mich gegen jede Anmuthung ſchützen müſſen. Die Sache muß nun durchaus vor⸗ bey ſeyn.“ Sie verbeugte ſich tief gegen die Praͤ⸗ ſidentinn. „Sie ſehen, wie ruhig ich bin, mein gnaäͤdiges Fraͤulein!“ ſagte mit einem ruhigen Lächeln der Kammerherr. „Vielleicht nur, weil Sie nicht fürchten, daßin meinen Handen Ihr eigenhändiges Zeugniß iſt, daß Sie Mutter und Sohn anerkennen. Hier iſt es!“ „In der That, man iſt ſehr geſchäftig geweſen, eine Verbindung zu ſtören, die zwey Familien beglücken ſoll,“ ſagte die Praͤſidentinn, ſtolz das Haupt hin und her wiegend—„daß dieſes Zeug⸗ 1 niß ausgeſtellt iſt, wiſſen wir Alle.“ „Wir Alle,“ ſagte der Graf—„aber wir Alle wiſſen auch, daſß Boiſen unſchuldig iſt. Selbſt Ihr Vater, der Baron, weiß es.“ Der Pater lachelte und nickte. Zum mindeſten weiß ich niches davon,“ fune 4 — — 215— die Mutter—„und ich muß Sie bitten, mir zu erklaͤren wie der Herr von Boiſen unſchuldig iſt! „O recht gern, Frau Baroninn! Mein Sohn lernt in Italien eine Madame Sartili und ihre Tochter kennen, die in ſtiller Beſcheidenheit mit dem Schein der hoöchſten Tugend leben. Die Tochter iſt zum Entzücken ſchön. Mein Sohn geht im Hauſe aus und ein; weiter haben Sie keinen maͤnn⸗ lichen Umgang. Heimlich aber hat die Tochter einen Liebhaber. Mein Sohn hat in der That zu dem Madchen eine Art von Leidenſchaft gefaßt. Man ſucht das Netz über ihn zuſammenzuſchlagen, bis zum Glück mein Sohn erfahrt, daß ſie beyde als Saͤngerinnen auf dem Theater in Neapel gewe⸗ ſen ſind.“ „Er will ſich entfernen. Allein man will den reichen Raub nicht fahren laſſen. Die Tochter iſt ſchwanger von ihrem Liebhaber. Dort beſchuldigt man meinen Sohn nicht. Er reiſt ruhig ab. Nach drey Jahren erſcheint die Dame hier, lockt meinen Sohn unter einem Vorwande in ihr Haus, und dringt ihm, die Furie! mit dem Piſtol in der Hand, die Schrift ab, die Sie in den Händen haben, Olympiel Mein Sohn— und das iſt der ein⸗ zige Vorwurf, den ich ihm machen kann— läßt ſich von der Schauſpielerinn imponiren, und unter⸗ ſchreibt. Ich berufe mich hier auf Alle, die hier ſtehen, daß die Sache ſo iſt, liebſte Baroninn! r — 216— Wer redet gern davon? und darum iſt Ihnen die Sache verſchwiegen.“”“ 3 Sie bezeugten Alle, daß dem ſo ſey. Die Mutter ſagte:„Ich muß aber bitten, daß man ſo lange verzieht, bis mein Bruder, der Oberſt, kommt; auf Olympien haftet kein Verdacht. Ich muß in der That bitten.“ Sie wollte an die Schelle, um den Oberſten rufen zu laſſen. „Liebe Mutter,“ ſagte Olympie—„wir finden uns wohl ſelbſt heraus, ohne den Oberſten.“ „Hat die Frau von meinem Sohn noch eine Zeile, die nur Vertrauen anzeigt: ſo erkenne ich ihn ſeibſt für ſchuldig.“ „Sie ſind Mutter, Frau Präſidentinn; aber ich wünſchte, Sie ſprächen Mutter und Tochter ſelbſt. Es wird ſich ja erweiſen loſſen, daß die Mut⸗ ter in Klagenfurth als die Witwe eines Kauf⸗ manns ehelich gelebt hat.“ 4 „Nein, Fräulein,“ rief die Praͤſidentinn— „das muß ich mir doch verbitten, meine Familie mit dem Geſindel zu confrontiren!“ Hier trat der Huſar vor, und ſagte:„Ich habe mit Vorſatz ſo lange geſchwiegen, Olympie, wie ein kleiner Verdacht auf Boiſen ruhen könnte⸗ Nun muß ich wohl reden. Es thut mir weh; denn ich muß einen jungen Mann in ein zweydeutiges Licht ſetzen, dem unſer Haus eine große Verbindlich⸗ keir ſchuldig iſt, und ſein Zeugniß, Olym pie— — ich meine Braunen— wird dir unverdächtig ſeyn?4¹ „Vollkommen!“ 3 „Nun denn, Herr Braune kennt, denk ich, die junge Dame mit dem Kinde recht genau. Er war früh Morgens in dem Hauſe, und oft bis Mitternacht.“ Das empörte Olympiens Herz.„Verlaͤum⸗ der!“ ſagte ſie leiſe. „Er wurde verhaftet, weil er der Polizey verdächtig wurde, und nun“— hier bückte er ſich lachend—„ich muß erröthen!— nun nahm ich ſeine Stelle ein, und wurde von Mutter und Toch⸗ ter recht freundlich aufgenommen. Ich hoffe, Olym⸗ pie, dem Zeugniſſe des Mahlers wirſt du glauben, wenn auch nicht meinem.“ „Eben deinem glaube ich, 2 ſagte ſie mit dem ſtärkſten Unwillen, den ihre ſanfte Natur hervor⸗ bringen konnte. Sie zog ſeinen Brief hervor. „Oder hat dich auch Jemand mit dem Piſtol in der Hand gezwungen, dieſen Brief zu ſchreiben? Herr von Boiſen,“ fuhr ſie mit der Würde der belei⸗ digten Jungfrau fort, ihm den Brief zeigend— „wollen Sie alle Anſpruüche an mich auf ewig auf⸗ geben, oder ſoll ich dieſen Brief, der Madame Sar tili und ihre verführte Tochter betrifft, vorleſen 2 ℳ Er warf einen Blick auf den Briaf, und er⸗ Lsfont. die Pfarre ꝛc. III. K. * blaßte. Der Huſar warf ſein Auge auf den Brief, und laͤchelte. „Madame Sartili und ihre Tochter ſind zwey höchſt achtungswerthe Frauen. Das kann ich verſichern, und ich fordre den Herrn Kammerherrn auf, wenn er das Herz hat, es zu verneinen.“ Sie ſchwieg einen Augenblick. Boiſen ſchwieg⸗ auch. Dann lehnte ſie ſich ermattet an ihrer Mutter Bruſt; dann ging ſie raſch auf ihren Vater zu, kniete vor ihm nieder, und ſagte:„Water, ein gluck⸗ liches Kind feyert Ihren Geburtstag!“ Der Baron wußte nicht, was er ſagen ſollte. Er verbarg ſeine Verlegenheit in einer Umarmung Olympiens. Der Huſar und Boiſen waren indeß ver⸗ ſchwunden. Die Praͤſidentinn ſagte zu Olympien: 1„Si⸗ ſollten einer jugendlichen Thorheit viel verzeihen, ſchöne Olympiez denn Sie wiſſen ja ſelbſt, wie diel ſtärker eine Leidenſchaft iſt, als die Achtung, die Sie ihrem Range ſchuldig ſind. Man hätte uns wohl dieſes ſeltſame Schauſpiel erſparen können, Herr Baron!“ Sie gab ihrem Oheim die Hand; der Praſident ſchleppte ſie lachend hinter her. Der Baron begleitete ſie kopflos an den Was „O Gott Lob, meine Olympie, daß du lettet biſt! Gott Lob! Aber wer, wer, vercher Eng hat dich gerettet?“ — 2190— „Iſabellel meine Schweſter J ſabellel“ „Wie konnte ſie es? Sie war entfernt. Dein Bruder bewachte dich.“ Der Vater kam zurück.„Ich wünſche dir Glüͤck, Olympie,“ ſagte er mit einer falſchen Freund⸗ lichkeit.„Daß ich nun aber nicht ein Wort mehr höre von Verbindungen, die ich eben ſo unſchick⸗ lich finde, als du die mit Boiſen. Ein Mad⸗ unbeſcholtenen Ruf haben, ſonſt iſt ſie eine Thö⸗ rinn, oder noch etwas Schlimmeres. Wer iſt denn der Machiniſt zu dieſem Schauſpiel?“ „Mein gutes Glück, mein Vater!“ Er war zu erbittert, um weiter zu fragen. Er verließ ungeſtüm das Zimmer. 2 6. — Auf der Gaſſe ſahen ſich Boiſen und der Huſar einander an. Der Huſar ſchlug eine laute Lache auf; Boiſens Geſicht ſah aus wie die Hölle. Iſa⸗ belle lag bey der Frau von Sonnenberg im Fenſter. Sie ſah Boiſen, und ſie wußte, ihre Schweſter war gerettet.„Guten Morgen!“ rief ſie herab. 3 Boiſen abfahren ſehen. Er wußte, Olympie K 21 3 chen, das eine Heirath ausſchlägt, muß einen ganz Eine Gaſſe weiter begegnete ihnen Bürger. Er hatte aus einem benachbarten Kaffeh⸗Hauſe die war gerettet. Er eilte nach Hauſe, ſeinem Freunde die frohe Rachricht zu bringen. So begegnete er den beyden Herren. Sein Gang war keck und ſtolz, wie der eines römiſchen Triumphators. Sein Ge⸗ ſicht lächelte vor Freude. „O, wäaren meine Blicke Todespfeile!“ rief Boiſen. Sie kamen zu Hauſe an. „Aber wie kam das alles? ¹ fragte der Hu⸗ ſar.„Wie kommt mein Brief in Olympiens Hände? Wie die Anerkennung deines Sohnes?“ Dein Brief? Wo erhielt ich ihn denn? Him⸗ mel, o Himmel! Ich erhielt ihn eben, da ich den Handel mit dieſem verwünſchten Bürger hatte. O zum Teufel! jan! Ich zog mein Taſchenbuch, worin der Brief lag, hervor, um eine Rechnung zu ſuchen, und vergaß ſie einzuſtecken, gerade da er ins Zimmer trat, um mir die ſhon⸗ Helena⸗ abzujagen.“ „Man verbrennt ſolche Briefe nach dem Le⸗ ſen. Aber ſoll ich an Zauberey glauben; denn DOlympie wußte um Mitternacht geſtern noch nicht ein Wort. Iſabelle, glaub mir, es iſt. Iſabelle!“ Da riß die Präſidentinn die Thür auf, und ſagte:„Iſabelle hat den Mahler befreyt. Sie iſt bey dem Fürſten geweſen; und ich fürchte, die, Sonnenberg iſt ihre Helferinn.“ „Getroffen! getroffen, liebe Mutter!“ „Nicht getroffen, Boiſen!“ ſagte der Hu⸗ ſar lachend.„Du ſelbſt biſt an allem Schuld. Wer hieß dich, mich bey Madame Sartili aufſuchen? Sie wußte nicht ein Wort von dir. Warum ver⸗ brennt er meine Briefe nicht, und läßt ſie in die Haͤnde ſeines Feindes kommen? Olympie war dein, wenn du nicht ſelbſt blind in das Netz liefeſt.“ „Verdammtes Schickſal!“ „Schickſal? das Ding ſieht ſo ſeltſam aus, ging ſo ſeltſam, alles ſchlaͤgt ſo gerade in dem rech⸗ ten Augenblicke uͤber dich zuſammen! Aus Norden weht der Wind deinen Brief her, und aus Süden die beyden Damen, in Einem Momente, gerade in dem Momente, wo wir ſo ſicher ſind, iſt alles verloren! Schickſal! Seltſam genug, daß der Zu⸗ fall gerade ſo ausſieht, wie das Geſchick! Und nimm dazu, daß durch Zufall die Nahmen Boi⸗ ſen und Balke ſchon ſo oft feindlich zuſammen gerathen ſind. „Balke? wie denn Balke?“ fragte die Mutter betroffen. „Der Mahler iſt der Enkel Ihres Schwagers aus Birkfelde.“ Die Präſidentinn erblaßte und ſchwieg; denn ſie erinnerte ſich an die Worte des alten Oheims Boiſen, da er ihre alte Schwiegermutter aus dem Hauſe führte, vor denen der ganze Saal er⸗ ſtarrte.„Bitte Gott,“ ſagte der Alte—„daß — 222— deine Frau nicht Mutter wird! Sie wird dir die unverſöhnlichen Rachegöttinnen ans Licht bringen! Nachher ſchrieb er, da der Praͤſident ſich an ihn wendete, um ſich mit ihm auszuſöhnen:„Ihr habt die edelſte Familie gehaßt, den Nahmen Balke. Ich müßte mich ſchlecht auf das Geſchick verſtehen, wenn deiner Mutter Fluch es nicht ge⸗ gen deinen Nahmen bewaffnet! Zittere du, ſo oft der Nahme Balke genannt wird!“ Da ſiel ihr jetzt ein, und ein Schauer nach dem andern ergriff ſie. „Das iſt kein Zufall, mein Sohn!“ ſagte ſie mit zitternder Stimme.„Das iſt— die Hand— des Schickſals.“ Boiſen laͤchelte boshaft; aber er ſchwieg. „Schickſal oder Zufall!“ rief er—„mei⸗ ne Rache habe ich, und die ſoll mir kein Ge⸗ ſchick aus der Hand winden. Dieſe Sonnenber⸗ gen iſts, die iſt mein Geſchick! die iſt's; kein Andererl"„. „Ich möchte wiſſen, was du mit der Son⸗ nenbergen haſt,“ ſagte der Huſar, da die Mutter hinaus war. „So höre, und ich will den Schleyer von einem ſo genannten tugendhaften Charakzer ab⸗ ziehen.“ „Dieſe Frau von Sonnenberg liebte als zein junges Madchen meinen Oheim, den Grafen Fritz. Mein Oheim hatte eine entſchiedene Ab⸗ —-— 223— neigung gegen ſie. Er hatte den Grundſatz:„Ein Diplomatiker darf vor dem vierzigſten Jahre nicht heirathen.”“ War's die Ausſicht auf den Titel „Grafinn“, oder war es Geitz nach den Gütern der Sonders? Genug, ſie haßt uns, weil wir die Erben der Güter ſind. Iſt das Schickſal: ſo ſpielt es eine haͤßliche Rolle. Das ſchöne Fräulein heirathete Sonnenbergen, man ſagte damahls, wider Willen; und ſie war faſt immer auf Reiſen, deren Grund Niemand errieth. „Die edle Frau war berühmt wegen ihrer fleckenloſen Tugend. Alles beugte ſich vor ihr, alles, ſelbſt deine Mutter vor dieſem Spiegel der weibli⸗ chen Tugenden. „Nun traf ich auf Bürgern. Jetzt muß die Wahrheit und mein Haß heraus. Er hat mich be⸗ handelt, wie man einen aus dem unterſten Pöbel behandelt. Ich trage für ihn in' meiner Bruſt den unverſohnlichſten Haß und den Tod. Ich will alles aufgeben im Leben, nur die Rache nicht an dieſem elenden Menſchen. Ich forſchte nach ihm. Seine Schweſter iſt der Sonnenbergen Schwieger⸗ tochter; er, des Mahlers vertrauteſter Freund, jetzt ſein Schwager, und Prediger in Holm. Dahin reiſte ich im Frühjahre; das war meine gehei⸗ me Reiſe, über die du ſo viel ſpöttelteſt. Ich komme dort an, natiürlich verſtellt durch Kleidung und Mahlerey, und ich höͤre das ganze Dorf über ein Kind reden, das man hier ausgeſetzt und der Pfarrer — 224— Braune erzogen hat. Merke auf, das iſt der Mahler! „Wer weiß, was ſich daraus machen läßt, denke ich laͤchelnd, und das Geſchie hat viel dar⸗ aus gemacht. „Ich wohnte in Haidebüren nahe bey Holm. Ich ſtehe in der Thür, und ein Wagen hält. Frau von Sonnenberg ſteigt aus, ſo gut vermummt als ich, ohne weibliche Pezleitung. Was ſucht die hier? denk' ich. „Sie haͤlt ſich hier in eben dem Wirthshauſe, worin ich bin, heimlich auf. Der Bediente wird weggeſchickt, und Frau von Sonnenberg ſitzt einſam auf ihrem Zimmer, und ſeufzt. „Mein Zimmer war von ihrem durch eine Breterwand getrennt. Ich konnte ziemlich hören, was im Zimmer geſprochen wurde. „Der Bediente, der weggeſchickt iſt, kommt zurück. „„Es iſt Ihr Sohn, Ihr Gnaden!“ ruft er—„die Zeit trifft zu. Fünf und zwanzig Jahr. Ich höre von einer Korbwiege, von einem Pudel, von dem theuren Geliebten. Ich häͤtte faſt laut auflachen mögen, da ich hinter dieſem Königsman⸗ tel der reinſten ſtolzeſten Tugend das Herz voll ver⸗ ſtohlner befriedigter Begierden ſah.“ „ Sie ging ſelbſt zwey Mahl nach Holm zu dem verhaßten Buͤrger. Es war ihr Sohn. Sie beſe eben ſo heimlich wieder ab, und ich— ich ging nun auch ins Dorf, erkundige mich nach dem ausgeſetzten Kinde. Die Bauern ſagten, daß die Mutter des Kindes bey dem Pfarrer geweſen ſey. „Ich erkundigte mich ſo genau, daß ich nicht irren kann:„Dieſer Braune iſt ihr Sohn!“ „O was iſt denn nun ſchlimmer: ich, der ich einen Sohn unter der Obhuth einer wohlhabenden Mutter verlaſſe, oder dieſe tugendhafte Mutter, die ihren Sohn an das Ufer des Meeres ausſetzt, wo ihn die erſte Welle in das Grab hinab ſpülen kann? „Ich kam zurück, du weißt mit welcher Freude. „Ich frage hier noch. Es iſt gerade die Zeit, wo die Frau von Sonnenberg als Mädchen mit ihrer Mutter auf Reiſen geweſen iſt, und auf einer geheimen Reiſe, ſo daß ihre näͤchſten Freunde nicht pußt haben, was ſie daraus machen ſollten. Die Mutter kommt zurück, und die Tochter bleibt in Jutland bey ihrer Tannte, der Abtiſſinn. „Hat das Geſchick dieſen Bürger hierher geſchickt, mich zu entlarvpen, ſo ſendete mich das Geſchick nach Holm, die Heuchlerinn zu entlar⸗ ven. Und wir werden Sie entlarven, meine gnaͤ⸗ dige Frau! „Sieh, nun kam ſie hier an. Sie hört, daß ihr Bankert Olympien liebt. Sie zieht Iſa⸗ bellen an ſich. Sie haͤckelt ſich an dein Haus, an den Oberſten. Sie bittet den Mahler zu Tiſch, der Oberſt muß 15) bitten. Man will die Welt K* 85 — 226— darn gewöhnen, den ehrloſen und nahmenloſen Bankert in unſern Geſellſchaften zu ſehen. „Ob ihr Sohn weiß, daß ſie ſeine Mutter iſt, bezweifle ich; denn Bürger iſt in ihr Haus, ſo viel ich weiß nicht gekommen; daß ſie aber Luſt hat ihn mit dir zu verſchwaͤgern, iſt dir wohl nicht mehr zweifelhaft. „Ich ſtehe ihr nur im Wege, gerade ich, der Erbe der Guͤter des Grafen So nders, der ihr ſo verhaßte Erbe. Der Zufall hilft ihr! die närriſche Liebe Iſabellens zu ihrem Retter, die Sar⸗ tili, die der Teufel gerade hierher füuhrt, und die⸗ ſer verdammte Bürger mit ſeinem Briefe. „Da haſt du das Schickſal, die Tugend, das Leben, eine kleine Weltgeſchichte, wo die Heuche⸗ ley noch ſchlimmer als die freye jugendliche Luſt ſchleichend dem Laſter den Krieg erklärt, ſich mit allem Theaterpomp der Empfindſamkeit, des hohen Pathos, des vergeltenden Schickſals behängt: und unter dem Veſtalenſchleyer ſchlüpfen hübſche Ban⸗ kerte hervor, welche die Tugend zum Tode weiht, und das Herz, ſtatt von Tugend zu gluͤhen wie man glaubt, glüht von recht derber ſinnlicher Be⸗ gierde! Da haſt du die eine Hälfte des menſchlichen Geſchlechis! die andere treibts nicht beſſer, aber ſie will doch ehrlich und nicht beſſer ſeyn, als die Na⸗ tur den Menſchen machte. Was ſagſt du nun?’", Der Huſar lachte laut und anhaltend.„D ſollteſt eine Weltgeſchichte ſchreiben! Aber begreif du, was ſich aus der Sache machen läßt? Ich ſtehe dir fuͤr Olympiens Hand.“ „Wie ſo? Laß deine Weisheit hören. 67 „Du ſetzeſt der tugendhaften Frau von Son⸗ nenberg das Meſſer an die Kehle, gerade wie deine Madame Sartili, und ſagſt: Entweder Olympien oder ich ſchieße Ihre Ehre in Grund und Boden.“ Das überlegte Boiſen.„Wie kann ſie mir Olympien ſchaffen, auch wenn ſie wollte?“ „Pah! ſie muß ihren Sohn entfernen; ſie zieht den Oberſten, meine Mutter auf ihre Seite. Mein Alter, das laß dir geſagt ſeyn; iſt mit Leib und Seele unſer! Olympie iſt weich und bieg⸗ ſam wie Wachs. Iſabelle aber iſt wie das Schick⸗ ſal unerbittlich. Was kann ſie allein? Die Son⸗ nenbergen mag ſehen, wie ſie dich bey Olym⸗ pien wieder weiß macht. Ich gebe die Sache noch nicht verloren. Nur dieſe Sartili, eine wahre Iſabelle— „Sie verlangt nicht Geld, nicht meine Hand nur meinen Nahmen, und ich, heiße ich Graf Son⸗ ders: ſo mag in Italie n mein Sohn einen an⸗ dern Nahmen fortſetzen. Ich bin ohnehin der letzte Boiſen. Ich habe das meiner Mutter erklaͤrt.. Vor dieſem Weibe habe ich gezittert: vor Niemand ſonſt. Aber ſchweig, damit ſie alle in unſerer Ge⸗ walt bleiben. Ich bitte dich, ſchweig! Die Sön⸗ nenbergen muß ſehen, daß ſie ſicher iſt. Meit ie * — 228— Mutter würde das Geheimniß nicht eine Stunde lang verwahren können, ſo zuwider iſt ihr die Sonnenbergen mit ihrer bürgerlichen Demuth.“ Madame Sartili wich nicht einen Zoll breit von ihrer Forderung, ſo ſehr auch der Graf ſich k—uͤmmte und wendete. Sie drohete, ſich dem Fürſten zu Füßen zu werfen, und Gerechtigkeit zu fordern; und vor dem Fürſten zitterte der Graf, ſeit Iſabelle bey ihm geweſen war. „Aber dann, Signora,“ ſagte er— ge⸗ ben Sie Ihr Wort, zu ſchweigen!“ Stolz antwortete die Signora:„Ich mache Bedingungen, nicht Sie; denn ich bin beleidigt nicht Sie!“ Dann ſollte ſie ſich verbindlich machen, daß Ihrer Tochter Sohn nie weitere Anſprüche an ſeinen Vater oder ſein Vermögen machen ſollte. „Ich? für den Knaben? Hat er Rechte: wie könnte ich ſie ihm nehmen? Er mag ſein Recht vertheidigen, wie ein Mann. Ich habe ihn ver⸗ theidigt!“ „So breche ich alle Verhandlung ab, Sig⸗ nora!“ „Auf Ihre Gefahr, Herr Graf! Er verführte meine unſchuldige Tochter, mit einer Liſt, welche ihm die Hölle einblies. Das Kind iſt ſein Sohn. Das allein will ich ſo feyerlich wie möglich aner⸗ kannt wiſſen. Ich will! Ich will durchaus, Herr Graf! Lebten wir in Italien, ſo waͤrk ſe ¹ Blut ſchon vergoſſen. Ich habe hier in Deutſch⸗ land Geſetze ehren lernen. Wollen Sie nicht, ſo gehe ich Morgen zum Fuͤrſten; und wird mir Ge⸗ rechtigkeit verſagt, ſo fordere ich ſie von dem Ver⸗ führer ſelbſt. Sie ſollen mich über meine Pflicht gegen ſeinen Sohn nicht irre machen. Gewiß nicht! Herr Graf, Sie eben öffnen mir die Augen über das, was ich zu thun habe. Die Frau war ſo ruhig, ſo feſt entſchloſſen, ihren Willen durchzuſetzen; und Boiſen, der ih⸗ ren unerſchürterlichen Muth kannte, und vor ihrer bewaffneten Hand zitterte, trieb die Sache ſo eifrig, daß dann endlich die Acte, worin Gismondens Sohn als Boiſens Sohn anerkannt, und füͤr Mutter und Sohn ein Jahrgehalt ausgeſetzt wurde, zu Stande kam. Die Praͤſidentinn unterſchrieb mit heißen Thraͤnen. Madame Sartili war zu⸗ frieden, und ihre Tochter nahm von dem Tage den Nahmen Frau von Boiſen an. „O Gott!“ rief die Praͤſidentinn. hocht er⸗ bittert darüber—„lieber Oheim, geben Sie ihm den Nahmen Sonders!“ Der Graf verſprach. Madame Sartili reiſte ab, und der Unmuth wurde vergeſſen. Wer kannte in Italien die Boiſens! — 230— Frau von Sonnenberg an Agnes. Gett, liebſte Agnes, wo bin ich? Was ſoll ich thun? Was kann ich thun? O ich bitte deinen ed⸗ len Mann um ſeinen Rath! Sende mir deinen Brief durch eine Eſtaffette! Je mehr ich meinen Sohn kennen lerne, de⸗ ſto mehr ſehe ich mich gezwungen, ihn zu lieben. Ach, ich durfte ja nur Wunſche für ſein Gluͤck thun, nur Wünſche! Ach, er hat ſeiner Mutter warmes Herz, er liebt Olympien noch immer mit einer unendlichen Liebe, und dennoch ver⸗ ſchweigt er ſie. 3 Er könnte ſie ſehen, ſo oft er wollte. Denn Iſabelle, die ihr Leben daran geſetzt hat, ihm DOlympiens Hand zu geben, wünſcht nichts ſehnlicher, als er möchte Olympien nur ein 8 Mahl ſprechen. Er hat es durchaus abgeſchlagen. O welch ein Madchen! welch ein Madchen! Die Verbindung zwiſchen dem Kammerherrn Boiſen und Olympien wurde von Olympi⸗ ens Vater und der Familie Boiſens abgeſchloſ⸗ ſen. Warum man meinen armen, unglücklichen Sohn ſo furchtet, weiß ich nicht. Es iſt, als hät⸗ ten die Grauſamen eine Ahnung davon, wie fürch⸗ terlich er ihnen werden koͤnnte, wenn ſeine Mut⸗ ter, ach die ungluckliche Mutter! den edlen Sohn anerkennen wollte. 4 Die Grauſamen! ſie ließen ihn verhaften. 2, — 231— Niemand, auch die edelſten Menſchen, rüͤhrten nur eine Hand zur Befreyung des Unſchuldigen! Die Freude raſ'te fort; das Vergnügen, die Luſt zog mit den flatternden Fahnen, mit dem tollen Gejauchze durch das Leben, waͤhrend die Unſchuld im Gefangniß ſchmachtete. Ach die Mutter ſelbſt hatte nur Thraͤnen, nur Wunſche, nur Sorgen! O wenn ich meinen Blick an den heitern Himmel ſchlug, ſo mußte ich ja rufen:„O willſt du dich nicht mit ſchwarzen Wolken bedecken, bey den Ver⸗ brechen, welche die Erde füllen?“ Aber die Sonne ging ihre glühende Bahn! Kein Stern zögerte ſei⸗ naetwillen auf ſeinem ſtillen Wege. „Nein,“ rief ich—„nun nicht laͤnger.„Ich war entſchloſſen, mich zu den Füßen des Fürſten zu werfen, und ihm zu ſagen:„Er iſt mein Sohn, und er iſt unſchaldig!"”“ Aber da war er gerettet. Ein junges Maͤd⸗ chen, Iſabelle, flog mit ihrer warmen Inbrunſt zum Fürſten, und er war frey!. Nun wurde ich ganz unthäͤtig; denn ſein Bu⸗ ſenfreund iſt hier, der Prediger aus Holm. Ich durfte nicht erſcheinen. Ich ließ alles abweiſen; ich war krank, und ich wurde es in der That. So feſt auch IJſabelle überzeugt war, Olym pie würde nicht einwilligen, Boiſe n ihre Hand zu geben, ſo gelang es doch dem Vater, Olympiens weiches Herz zu verleiten, Ja zu ſagen. Es war nur noch eine Nacht zwiſchen der Verheirathung. Iſabelle, wie ein Er gel vom Himmel, trat mit ihrer Allmacht dazwiſchen. Sie rettete ihre Schweſter vom Elende, dem größten Böſewicht aufgeopfert zu werden. Boiſen hat ein Mäͤdchen verführt, und ei⸗ nen Sohn mit ihr. 3 Iſabelle entdeckt es, ich weiß noch nicht, auf welche Weiſe. Ste gab in dieſer Nacht ihrer Schweſter die Beweiſe; und ie Verbindung zwi⸗ ſchen Boiſen und Olympien war auf ewig getrennt. Aber dennoch ließ ich meine Hoffnungen fal⸗ len; denn Olympiens Pater iſt höchſt erbit⸗ tert, beſonders auf meinen Sohn, dem er alle Schuld zuſchreibt. 3 Iſabelle aMeiahat Muth; obgleich ſie nicht ſagen kann, worauf er ſich ſtützt. Ich war noch iwmer krank, weil der Prediger aus Holm, der noch hier iſt, die Mutter ja. ſe⸗ gleich erkennen wuͤrde. Ich ſpreche Niemanden als Iſabellen. Olympie darf nicht zu mir. Nun läßt ſich dieſen Morgen der Kammerherr von Boiſen melden. Ich erſtaune, und ich nahm ihn an; denn ich hoffte etwas zu erfahren. 3 Ich empfing ihn wie eine Kranke, und bieß ihn ſcen. — 233— Wie erſtaunte ich, da er anhob:„Sie wiſ⸗. ſen, meine gnäͤdige Frau, daß eine Jugendunbe⸗ ſonnenheit die Verbindung zwiſchen mir und dem Fraͤulein Olympien zerriſſen hat. Ich liebe aber das Fraͤulein ſo unendlich, daß ich endlich mich entſchloß, Sie zu der Vermittlerinn zwiſchen mir und Olympien zu machen.“ „Mich?“ fragte ich im höchſten Erſtaunen. „Ja„Sie; denn ich weiß, wie maͤchtig Ihr Einfluß auf die Mutter und auch beyde Fraͤulein iſt. Wenn Sie wollen, Sie, fo iſt der Oberſt auch nicht mehr gegen mich.“ „Ich bedaure, Herr Kammerherr,“ antwor⸗ tete ich ruhig nicht; denn es machte mich beſtürzt, daß dieſer Menſch ſich an mich wendete.„Dahin⸗ ter ſteckt etwas,“ rief's in meinem Innern.„Ich bedaure; ich miſche mich nie in ſolche Sachen.“ „Ich weiß doch aber, daß Sie nicht ganz gleichgültig gegen Olympi ens Verbindung mit mir geweſen, und auch nicht ohne Einfluß auf Olympiens Entſchluß geblieben ſind.“ „Der Unverſchäͤmte, dachte ich. Er hielt feſt ſein Auge auf mich„ wie ein Mörder auf das Schlachtopfer, das er ermorden will.“ „Da wiſſen Sie etwas, was Niemand ſonſt weiß,“ ſagte ich laͤchelnd. „Ganz eigentlich, Euer Gnaden, weiß ſich, was Niemand ſonſt weiß. Ich, und ich allein, theile ein Geheimniß mit Euer Gnaden, was* 1 Auch gebe ich ihnen mein Ehrenwort gen, wenn— Hier waren ſeine Blicke Dolche. Sie wuͤnſchen müſſen, ewig verborgen zu ſehen. , zu ſchwei⸗ „Welch Geheimniß?“ fragte ich doch ſchon mit bebender Stimme.. „Das Geheimniß von einem Kinde, das in Holm gefunden wurde.“ Ich erblaßte. Ich war im Innern erſchüt⸗ tert.„Reden Sie weiter,“ konnte ich kaum ſagen. „Ich bin fertig!“ antwortete er, ſich bückend. „Das Geheimniß, Herr Kammerherr, thei⸗ len Sie nicht allein mit mir; es darum.“ wiſſen Viele Aber wer die Mutter des Kindes iſt, das theile ich mit Ihnen allein, Euer Gnaden!“ Ich ſaß da wie gerichtet. Ich ſah verrathen, was verhehlt werden ſollte. Ich ſah es vom Schick⸗ ſal verrathen, von im Menſchen entdeckt, der das allergrößte Intereſſe dabey hatte, es verſchwie⸗ gen zu ſehen. Dieſe Gedanken, die wie Blitze durch meine Seele zogen, machten Ich traute dem Himmel. mich muthig⸗ „Sie duͤrfen nur der Mutter Nahmen nennen.“ „‚Sie 1 4 „Wo haben Sie es erfahren? wiſſen, wie viel er wüßte. Er bück „So iſt unſere Unterredung zu ich lachend, und ſtand auf. ¹ Ich wollte te ſich. Ende,“ lagte gibt mir Muth.— Wie haben ſie mein Geheimniß erfahren? Sonſt nicht ein Wort mehr. Er wurde ſtutzig, da er mich ſo heiter ſah. Er fuhr fort:„Ein Zufall brachte mich nach Hai⸗ debüren, und ein Zimmer, das nur von dem Ihren durch eine Breterwand getrennt war. Ich wußte von nichts, bis Euer Gnaden mit Ihrem Taubert zu reden anfingen von Ihrem aus⸗ geſetzten, geliebten Sehn, von dem Prediger in Holm.“ „Ich war neugierig, eine Dame zu ſehen, der das Schickſal das Glück gab, ſich ſo ſpät noch der verſtohlnen Freude einer verbothenen, aber glücklichen Liebe ſo zu erfreuen. Ich ſah Sie, und erſtaunte, da ich Euer Gnaden erkannte, die Frau von Sonnenberg, die den Ruhm einer im⸗ mer ruhigen, ungeſtörten Wenbeit hat. Ich freu⸗ te mich, daß ich Euer Gnaden Jugend mit mei⸗ ner vergleichen durfte. Ihr Geheimniß ruht un⸗ bewegt in dieſer Bruſt, und der Preis meiner Verſchwiegenheit ſey Ihre Unterſtützung meiner Lie⸗ be bey Olympien.“ Der Unverſchaͤmte! Aber doch mußte ich erſt durchaus wiſſen, ob er nichts von dem Vater wuß⸗ te. Er wußte nichts, er hielt meinen Sohn für die Frucht einer geheimen Ausſchweifung. Er ſage⸗ * Er küßte meine Hand.„Ihre Freundlichewr — 235— te vo mir zuletzt gerade zu, mit einem Triumph, Der igte, wie ſicher er ſeiner Sache war. „Ich bedaure,“ hob ich nun an—„daß ich dennoch Ihre Partie bey Olympien nicht neh⸗ men kann, durchaus nicht. Sondern, ich ſage Ih⸗ nen freymüͤthig, ich bin gegen Sie.“ Das iſt zum wenigſten ſehr undankbar gegen ein Herz, das ein ſolches Geheimniß ſo lange ver⸗ ſchwiegen hat, und es vielleicht noch dreißig Jahre verſchweigen ſoll. 315 „Ja, Herr von! Boiſen, ich erſuche Sie auch recht ſehr, mit dieſem Geheimniſſe vorſichtig umzugehen; denn ich ſage Ihnen hier: Es iſt ein ſehr gefährliches Geheimniß. Sch rathe Ihnen, es ja recht ſorgſam zu verſchweigen, damit ich nicht gezwungen bin— kommt es aus— zu ſagen: es iſt wahr, Herr von Boiſen hat die Wahrheit geſagt! 8 „Sie wollen n id irre leiten.“ „Wahrhaftig nicht! Ich bin die Mutter des Kindes.“ „Des Mahlers?*³ „Des Mahlers, ich bin gezwungen, ein Ge⸗ heimniß zu machen aus dem, was meine Bruſt mit Wonne erfüllt. Herr von Boiſen, es iſt jetzt auch Ihr Geheimniß. Verwahren Sie es wohll denn es iſt ein ſehr gefaͤhrliches Geheimniß. Ich warne Sie. Sie haben mein und meines Soh⸗ nes Schickſal in der Hand. Bringen Sie das 7 — 237— Geheimniß aus: ſo iſt es Ihre Schuld. Denn ich hätte es ewig verſchwiegen; ich mußte es ewig verſchweigen.“ „Ich ſoll Euer Gnaden nicht verſtehen.“ „Ich habe Sie gewarnt, Herr von Boiſen. Und nun leben Sie wohl!“ Das iſt meine Unterredung mit ihm geweſen. Ich mochte nachher überlegen, liebe Agnes, ſo viel ich wollte, ſo ſchien mir, was ich gethan, ſo am beſten gethan. Ich halte mich an den Him⸗ mel. Kommt das Geheimniß ohne mein Zuthun aus, dann ſey mir es ein Wink des Himmels, die Wahrheit zu ſagen, es entſtehe daraus, was da will. Zuweilen iſt mirs, als haͤtte das Geſchick die⸗ ſen Boiſen an unſichtbaren Fäden, und er thut, was er nicht will, und jauchzt, wo er zittern ſollte. Und findet dein Mann es gut, Agnes, was ich thue, ſo ſoll er mir rathen, auf welche Weiſe ich mein Geheimniß entdecken muß. 75. Der Juſtizdirector billigte, was die Frau von Sonnenberg gethan hatte. Man muß das Schickſal nicht heraus fordern; aber fordert das Schichſal den Menſchen auf: dann muß man ſte⸗ . — 238— hen, feſt ſtehen! Unbeweglich! das ſchrieb er. Die. Frau von Sonnenberg war entſchloſſen. Boiſen wußte nicht recht, was er aus der Sonnenbergen machen ſollte. Sie hatte ihn gewarnt, daß Geheimniß nicht auszuplaudern, ge⸗ rade als wäre es ſein Geheimniß, und nicht ihres. Er ſchrieb an Sie, und trotzte auf ſeine Ver⸗ zweiflung, die ihn leicht zu einem Schritte bringen könnte, der— Sie antwortete, daß ſie ihn noch einmahl warne, das Geheimniß nicht auszubringen; übrigens habe ſie ihm nicht ein Wort weiter zu antworten. Der Huſar brachte jetzt Boiſen die Nachricht, daß der Oberſt ſeinen Vater für den Mahler zu bearbeiten anfange, daß Olympiens Gram die Mutter immer mehr rühre, daß man den Arzt auf Olympiens Seite gebracht haͤtte, der den Va⸗ ter mit Achſelzucken angſtige. Da entbrannte ſein Herz in entſetzlicher Wuth. Er ſchrieb an den Baron: „Ich kann es nicht anſehen, Herr Baron, daß man Sie ſo entſetzlich betrügt. Der Künſtler, Herr Braune, iſt ein ehrlicher Bankert ohne Nahmen, und ſeine Mutter iſt die Frau von Sonnenberg. Zweifeln Sie, ſo erbiethe ich mich, der Frau von Sonnenberg es vor die Stirn zu ſagen; ſie wird nicht das Herz haben, es zu laͤugnen.“ Jetzt fuhr der Baron tobend auf, und ſetzte das ganze Haus in die böchſt Furcht, ſogar Iſas belle n. * — 239— Zitternd fragte ſie Burgern, der zu ſeiner Abreiſe Anſtalt machte, ob wahr ſey, was Boiſen geſchrieben. Bürger ſagte, was er wußte, und Iſabelle erblaßte; denn der Oberſt hatte erklärt, wenn das waͤre, ſo zöge er ſeine Hand von der Sache ganz ab; dasſelbe hatte ihre Mutter erklärt. Ferdinand lebte mit ſeiner Liebe und ſeinem Pinſel in der tiefſten Einſamkeit. Er erfuhr nur etwas, wenn Burger ihm eine Hoffnung zu brin⸗ gen hatte. Auch von dieſem Erſterben ſeiner Hoff⸗ nung erfuhr er nichts. Bürger aber wuünſchte die Frau von Sonn enberg zu ſehen, und Iſabel⸗ le führte ihn zu ihr ins Zimmer. Er blieb auf der Schwelle ſtehen, und rief: „So iſt es dennoch Wahrheit! Ja, ſie iſt es! Ja, ſie iſt die Mutter des edelſten Menſchen.“ Iſabelle warf ſich an ihre Bruſt, mit dem lauten Geſchrey:„O Sie ſind ſeine Mutter!“ „Wer ſagt’s?““ fragte ſie, ſich ruhig empor richtend, und Buͤrgern die Hand reichend. Boiſen hat es meinem Vater geſchrieben.“ „Er alſo, nicht Sie? Das iſt mir lieb! ſehr lieb! Wer weiß es noch außer dem Baron? Iſabelle ſagte:„Der Oberſt, meine Mut⸗ ter; ach ich fürchte, liebſte Freundinn, der ganze Hof, die ganze Stadt. Boiſen ſagt es, und mit Umſtaͤnden, die ihm Glauben verſchaffen.“ — 240— Iſabelle ſagte das, ihr Geſicht ſchonend an der Mutter Bruſt verbergend. „Nun denn!“ ſagte die Mutter ruhig und erhaben.„Dem Willen des Geſchicks entgeht keine Macht. Lieber Prediger, ja, ich bin ſeine Mutter, die Mutter Ihres Freundes; ja, Iſahelle, mein Sohn hat dich gerettet. Aber ich bitte Euch, zu ſchweigen, bis alles vollendet iſt, was nun vollen⸗ det werden m uß. ℳ 3ſosete ag vor ihr auf den Knien:„Seine Mutter? Sie? und ſo ruhig? mit ſo freundlich blitzenden Augen? O daß iſt Hoffnung! O ſagen Sie, winken Sie nur einmahl mit den Augen, das iſt Hoffnung für Olympien, für Ihren Sohn! 141 „Ja, ja, Ifabelle, ich hoffe! ich hoffe! Aber ich bitte dich, theile ſie deiner Schweſter nicht mit; denn ſie kann mißlingen. Ich rechne auf den Muth meines Sohnes, lieber Bürger, und auf feinen Gehorſam, wenn es mißglückt.“ „Und ich bürge dafür, meine gnädige Frau.“ „Und ſo laßt mich, und ſchweigt, meine Kin⸗ der! Ich habe Muth nöthig, denn ich ſtehe allein, und Niemand hilft mir.“. „Gott, das Schickſal, die Liebe, die Hoff⸗ nungen edler Herzen!“ rief Iſabelle. „Und fallen die ab: bleiben Ihnen dann nich zwey edle Söhne?“ — 241— „Drehe, mein Sohn und zwey Sächten, die mich lieben und tröſten werden.“ Sie gingen unruhig über die Zukunft aus⸗ einander. Iſabelle kam zu Hauſe, ſie ſetzte ſich zu Olympiens Füßen, und ſah ihrer Schweſter ſo frohlaͤchelnd ins Auge, ſo frohlaͤchelnd, daß Olym⸗ pie neue Hoffnungen ſchöpfte, und ſagte:„O Iſabelle, wenn ich auch keinen meiner Wünſche erreichte, bin ich dann nicht dennoch gluͤcklicher, als tauſend Andere, ſo geliebt zu ſeyn!“ S „Du wirſt auch alle deine Wünſche erreichen, Olympie. Ich hoffe, ich hoffe! Hoffe du auch!“ Der große Tag der Entſcheidung kam. Der Oberſt hatte Boiſens und den Grafen Sonders bebethen, den Baron und die Baroninn, und Iſabellen. Olympie ließ ſich auf Iſa⸗ bellens Rath bey dem Oberſten mit Unpäßlich⸗ keit entſchuldigen, ſie ſchoh es auf Boiſen, wie auch ihre Ältern. Der Oberſt hatte auch den jungen Grafen Son⸗ ders, den Bruder der Praͤſidentinn, bitten laſſen. Er lebte in der Stille auf dem Lande, trotz ſeiner Kräͤnklichkeit, in behaglicher Ruhe. Er ſah ſeine Schweſter ſelten. Er ließ zuſagen; der Oberſt hatte ſeine Gegenwart ſehr angelegentlich gefordert. Die Gäſte waren zuſammen, da öffnete ſich die Thür, und die Frau von Sonnenbergen trat ein mit Lafont. die Pfarre ꝛc. III. 1 —— einem ſtrahlenden Geſicht. Boiſen erröthete denn dech ein wenig, da die Frau eintrat, mit deren Nahmen er jetzt ſo grauſam umging. Er bückte ſich indeß lächelnd wie die Andern. „Ich muß um ein Paar Minuten,“ hob die Frau von Sonnenberg an—„Gehör für eine Begebenheit bitten, die alle Menſchen⸗ die hier ſind, intereſſirt.“ Siie war bey dieſem Anfange ſo bleich gewor⸗ den, daß ſie jeder anſtarrte. Sie fing an zu erzaͤh⸗ len, wie der Graf Sonders, der ver ſtorbene Geſandte in Wien, auf ſein Gut gezogen waͤre, wie ihre Mutter in der Graͤfinn Sonders ihre Jugendfreundinn wieder gefunden, wie ſie ſelbſt den Grafen Fritz hier kennen gelernt haͤtte. Sie eerzaͤhlte den Haß der beyden Vaͤter, und die Liebe der beyden Kinder gegen einander, und wie ſie end⸗ lich den Grafen Fritz in Schwezingen wieder geſehen, und wie da ihre Herzen ſich wieder gefun⸗ den haͤtten. Das alles hatte man nicht gewußt, und Aller Geſichter wurden geſpannt, am meiſten Iſabel⸗ lens, die ihre Ungeduld nicht mehr verbergen konnte. Sie erzaͤhlte nun, wie ſie mit Fritz auf dem Gute heimlich verheirathet worden waͤre— da aber fuhr die Präſidentinn auf:„Hoffentlich werden darüber Acten ſeyn, die beweiſen;“ aber Boiſens „ — 243— Herz ſing an unruhig zu ſchlagen; denn ihm ſiel ein, daß er in Haidebüren den Nahmen Fritz von der Frau von Sonnenberg hatte nennen hören. Alles wurde noch geſpannter, da der Praͤſi⸗ dentinn Bruder ſeine Schweſter bath, die Frau von Sonnenberg anzuhören. „In Lonato, einem kleinen Stadtchen bey Rom, wurde ich Mutter von einem Sohn.“ Iſabelle ſprang auf, Boiſen auch, die Praͤſidentinn auch. Der Praͤſident lachte laut und hirnlos. Der Oberſt ſchlug den Tact ſeines Mar⸗ ſches auf ſeinem Knie, und pfiff, ſich vergeſſend, einige Noten ſogar dazu.. Dann erzählte ſie mit Thraͤnen den ſchreckli⸗ chen Tod ihres Mannes und ihres Sohnes. Die Praͤſidentinn ſetzte ſich wieder. Boiſens Geſicht wurde immer bleicher und bleicher. „Fur alles das habe ich keinen Beweis; denn alle Zeugen ſind todt. Sogar aus dem Kirchen⸗ buche, was der Gemahl meiner Agnes, der Juſtiz⸗Director, nachgeſehen, hat man das Blatt, worauf unſere Copulation eingeſchrieben ſtand, aus⸗ geſchnitten, und der Prediger iſt todt.“ „O Gott Lob!“ ſagte leiſe die Praͤſidentinn mit einem erleichternden Seufzer. „Alle Dokumente hat die See mit dem Leben meines Mannes verſchlungen.“ Der Oberſt pfiff hier ein Paar Noten for⸗ tissime. „ Ich bin noch nicht fertig, Frau Praͤſidentinn. Ich komme in die Gegend wieder vor drey Mona⸗ ten. Mein Bebdienter bringt mir die Nachricht, daß man in Holm auf einer Watte vor fünf und zwan⸗ zig Jahren ein Kind gefunden haͤtte. O barmherzi⸗ ger Gott! Es war mein Sohn, es iſt der Sohn meines geliebten Mannes.“ Hier ſprang alles auf, nur der jüngere Graf allein blieb ruhig ſitzen, und laͤchelte. „Ihr Sohn?˙¼ rief die Praͤſidentinn höhniſch. „Erzählen Sie weiter!“ ſagte der Graf, ſehr gerührt. „Ich war entſchloſſen, feſt entſchloſſen, zu ſchweigen, auf den Rath des Juſtizdirectors; denn er zeigte mir alle die Schwierigkeiten, faſt die Un⸗ möglichkeit, die Begebenheit und das Daſeyn mei⸗ nes Sohnes zu beweiſen: da zwang mich der Herr Kammerherr— denn er war Zeuge in Haide⸗ buüren von einer unendlichen Freude— da zwang er mich, mich, meine Ehre, meinen Sohn zu ſchü⸗ tzen, zu dieſem Geſtäͤndniß. Ich warnte ihn, das Geheimniß nicht an das Tageslicht zu reißen. Ich ſagte ihm, es ſey gefäͤhrlich. Beweiſe habe ich nicht, nicht einen, als das Zeugniß eines treuen ehrlichen Bedienten. 3 „Der nicht zeugen darf!“ ſagte der Günſtling des Fürſten. — 245— „Das weiß ich; aber dennoch fordere ich die Rechte meines Sohns zurück, da ich ihn nun aner⸗ kannt habe.“ Nun entſtand eine Todtenſtille, die kein Athem⸗ zug unterbrach. Der Oberſt war ſtill. „Da Sie ſelbſt geſtehen, daß gar keine Be⸗ weiſe da ſind,“ ſagte die Praͤſidentinn, ſich zur Güte zwingend—„ſo thäͤte man am beſten, man ſchwiege überall, wie Sie es Willens waren.“ „Das iſt zu ſpaͤt; ſeit Herr von Boiſen das Geheimniß der ganzen Stadt mitgetheilt hat. Ich kann nicht ſchweigen. Der Juſtiz⸗Director hat mir gerathen, die Meinung der Familie des Grafen Sonders zu hören, und dann dem Fürſten die Entſcheidung ganz zu überlaſſen, wie viel Glauben mein Wort verdient.“ „Haben Sie nicht einen Brief, ein Wort von des Grafen Hand?“ fragte der Oberſt. „Nicht ein Wort; alles verſchlang die See.“ „Ich wollte, es waͤre noch die alte gute Sitte, ich wollte für Sie auf Tod und Leben in die Schran⸗ ken treten, und behaupten, es iſt Ihr Sohn!“ „Das würde Ihren guten Willen beweiſen, Herr Oberſt, aber nicht die Wahrheit.“ „Sie zweifeln doch nicht an der Wahrheit mei⸗ ner Ausſage, Frau Praͤſidentinn 2 ℳ fragte die Mutter ſtolz. „In Wahrheit, Frau von Sonnenberg, L* L 83 — 246— daran zweifle ich ſo lange, bis ich mehr höre, als Worte. „und thuſt Unrecht, Schweſter,“ ſagte der Graf ſanft—„denn daß die Frau von Son⸗ nenberg meines geliebten Fritzens Frau ge⸗ weſen iſt, kann ich recht gut beweiſen.“ Er zog ein dickes Taſchenbuch voll Papiere hervor.„Der Oberſt, meine theure Schweſter Sonnenber⸗ gen, ſchrieb mir, die heutige Geſellſchaft beträfe den Grafen Sonders, und die Frau von Son⸗ nenberg würde mit in der Geſellſchaft ſeyn.“ „Ich bath ihn darum, lieber Herr Schwager; denn Sie liebten meinen Fritz, Sie waren ſein Freund.“ „Das ſollen Sie ſehen. Ohne daß Sie es wußten, hatte er mir alles entdeckt. Denn er wollte Ihnen kein übles Beyſpiel geben. Hier, liebe Frau Schweſter, iſt Ihr Copulations⸗Schein, hier das Blatt aus dem Kirchenbuche! Hier der Taufſchein Ihres Sohnes aus Lonato in aller Form! Und hier in dieſen Briefen, liebſte Marie,“ ſetzte er weinend hinzu—„von ihm an mich, leſen Sie, wie unendlich er Sie liebte, und, o Gott, wie nahe er ſeinen Tod ahnete!“ Der Graf umarmte ſeine Schwaͤgerinn. Boi⸗ fen rief:„Zum Seufel!“ Iſabelle ſchrie auf: „O Jeſus!“ Sie ſtürzte in der Sonnenber⸗ gen Arme, und dann war ſie fork.— Die Praͤſidentinn ſtand erſtarrt, ohne Worte. Die Augen flammten, die Hande zitterten; denn ſie ſah ſich verlaſſen, der alte Graf trat näher zu ſeinem Neffen, und hörte lächelnd zu. „Aber ob der Wiedergefundene ihr Sohn iſt, das kann ewig nicht bewieſen werden,“ rief die Praͤſidentinn. „Nichts iſt leichter! liebe Schweſter; Und in der That, es geht mir nahe, daß dein Herz keine Freude fühlt, daß von dem edlen Fritz noch ein Sohn da iſt oder nicht. Aber leſen Sie, lieber Oheim, dieſen Brief von meinem edlen Fritz.“ „Du wußteſt das alles, Bruder,“ rief noch giftiger die Praͤſidentinn— nund ſchwiegſt ſo lan⸗ gge? Das Maͤhrchen iſt mit Händen zu greifen.“ „ Die Wahrheit auch. Du ſollſt ſie mit deinen Haͤnden ergreifen, das verſpreche ich dir. Mein Bruder war todt, ſein Sohn auch, das mußte . f...— ich glauben, wie ſeine Mutter es glaubte; denn ich ließ mir von Hamburg aus über das ver⸗ unglückte Schiff gerichtliche Unterſuchungen ſenden, die du hier finden wirſt, und worin, um allen Zweifel zu heben, des Kindes in einer Kerbwiege gedacht wird. Die Frau von So unenberg hei⸗ rathete wieder; ich glaubte, ſie würde es gern ſe⸗ hen, wenn ihre heimliche Verbindung verſchwiegen ...„ bliebe. Ich ſchwieg. Leſen Sie, lieber Oheim!“, Der Oheim las: „Bald häͤtte ich meinen Sohn verloren, liebſter Bruder, und durch meine Schuld. Ich hielt ihn ſorglos in meinen Armen. Er beugte ſich hinten über und ſchlug mit dem Nacken in ein Eiſen. Er ſchwebte einen Tag lang in Todesgefahr. Aber er iſt gerettet, und er hat ein ewiges Andenken an dieſen Tag, eine dicke Narbe in ſeinem Nacken, die er nach der Ausſa⸗ ge de Arztes ewig behalten wird.“ Die Frau von Sonnenberg bezeichnete die Stelle, wo die Narbe ſitzen müßte. Und in dem Angenblicke flog die Thür auf, und Ferdinand lag zu ſeiner Mutter Füßen, und nehen ihm kniete Jſabelle, und Bürger ſtand auf ſeiner andern Seite. „Mein Sohn! „Mein Neffe!“ Gott! Gott! Ich ſollte den Sbhn meines Bruders nicht erkennen? Es iſt ſein Haar, ſeine Wange, ſeine edle Naſe! Schweſter, ſieh doch! o ſieh doch!“ „Die Narbe!“ rief der Baron, und zehn Haͤnde faßten nach der Narbe. „Sie war da. Graf Sonders! rief der Oberſt uberlaut, und faßte, da er Niemanden un⸗ beſchäftigt fand, die Präſidentinn ſo kraͤftig in ſeine Arme, und ſah nicht, wie in ihren Augen nur Thraͤ⸗ nen der Verzweiflung ſtanden. Boiſen war fort. Iſabelle hielt den bit⸗ tenden Blick ſo feſt, ſo flammend auf ihren Vater — 249— und nickte ihm ſo heftig zu, wenn er ſie anſah, daß er ihr endlich die Wangen ſtreichelte, und freund⸗ lich ſagte:„Du willſt die Bothinn ſeyn? nicht wahr? Nun gut!“. Da ſchrie ſie auf, da draͤngte ſie alles alles, alles weg von Ferdinanden, Mutter, Oheim, den Oberſten.. Sie faßte ſeine Hande, und rief:„Olym⸗ pie wartet auf, Ferdinand! O komm! ſonſt muß ich ſterben vor Freude und Erwartung.“ „So geht, rief die Mutter—„geht Kin⸗ der! die Mutter kann warten.“. Sie flogen hinaus, Ferdinand, Iſabelle und Bürger. 3 „Sie weiß es ſchon, meine Olympie!“ rief Iſabelle. Sie war, da ſie das erſte Mahl das Zim⸗ 2 mer verließ, wie ein Pfeil über die Gaſſen ge⸗ flogen. Sie ſtürzte athemlos in Olympiens Zimmer.„Er iſt dein; Olympie, dein! die Sonnenbergen iſt ſeine Mutter. Er iſt ein 5 Graf Sonders. Freue dich nun! bethe! tanze! O Gott! ich muß fort! Ich hohle Ferdinan⸗ den! Ich bringe ihn dir! O, ich bitte dich nun, ſage ihm, wie ſehr du ihn liebſt! Sie fand ihres Vaters Wagen. Sie ließ ſich zu Ferdinanden fahren. Sie ſiel mit den Worten:„Deine Mutter, 250— die Sonnenbergen! Du Graf Sondersl Olympie iſt dein! Komm zu deiner Olympiel“ Büuͤrger drang darauf, erſt Ferdinands Mutter zu ſehen. Jetzt flog ſie mit ihnen die Paar Schritte über die Gaſſe nach ihrem Hauſe, und wollte die Thür Olympiens oͤffnen. Sie ſtand athemlos. „Olympie,“ rief ſie durch die Thur— nffaſſe, dich! erhohle dich! aber mach geſchwind! geſchwind! denn hier ſteht er!“ Sie öffnete nun leiſe die Thür. Erröthend ſtand Olympie da, das Auge an den Boden ge⸗ heftet; aber das ſchöne Geſicht glänzte von Freude und Glück. „Nun Ferdinand, nun mein Bruder! O ich kann nicht mehr! Das Herz bricht mir vor Freude, vor Wonne, vor Entzücken.“ „Nein, nein, Bürger!“ rief ſie die Haͤn⸗ de vor die Augen legend— nich kann es nicht ſehen, wenn ſie ihm die Hand gibt. Die Freude reißt meine Seele in Stuͤcken. Ferdinand, dir bin icch treu geweſen! bin ich nicht? bin ich nicht, DOlympie?“ Ferdinand beugte vor Olympien ſein Knie. „Iſt es denn? 11 fragte Olympie, nicht den Knienden, ſondern die Andern. Da nahm Ferdinand ihre Hand, und nur mit einer leichten Ohnmacht ſiel ſie an ſein Herz. — 251— Jetzt traten die Altern und die Grafen Son⸗ ders ins Zimmer, und der Baron legte Olym⸗ piens Hand in Ferdinands Hand. Iſabelle war dennoch die Glücklichſte von allen; ihr Vater hatte nicht das Herz, ihr etwas abzuſchlagen. Er lächelte, da ſie ſich mit dem Brautkranze herzu ſchlich, und ihn freundkich an⸗ ſah. Sie ſchaffte den Prediger! Ihr Geſang er⸗ ſcholl durch das ganze Haus. Nach einer Stunde waren Olympie und Ferdinand verbunden und nach drey Tagen reiſten das junge Paar, Bürger und Iſabelle, die Frau von Son⸗ nenberg, und die Baroninn erſt zu Sonnen⸗ bergen, dann mit ihm und Aurora nach Birkfelde.- Iſabelle kannte alle Menſchen ſchon und liebte ſie alle, und freuete ſich für alle, und be⸗ trübte ſich fuͤr alle. ¹ Die Birkfelder vergrößerten die Reiſege⸗ ſellſchaft, und der Weg ging nach der Pfarre an der See, nach Holm.. Bürger und Iſabelle rannten voraus, und Iſabelle ſank an Thereſens Buſen, und rief:„Du gluͤckliche Frau! Thereſe! Hier bring ich ihn wieder„ und deinen Bruder Fer⸗ dinand und meinen Bruder.“ Und nach einer Stunde war Thereſe eben ſo froh und eben ſo wild, wie Iſab elle, und Alle hatten Iſabel⸗ ken alles zu danken; Olympie wußte ja nichs⸗ wie ſie ihre Schweſter genug lieben ſollte.— Da fuhren ſie alle hinüber auf die Watte; und Braune zeigte ihnen die Stelle, wo er den Knaben gefunden hatte. Und Olympie beugte das Knie auf der Watte, und Ferdinands Mutter. Es entſtand eine Todtenſtille, die Menſchen und Engel feyerten. Die Wellen rauſchten ſanft, der Himmel ſenkte ſich heiter auf das Meer, und in die bewegten Herzen. Iſabelle kniete zu Olympiens Füßen. Jeder faßte des Naheſte⸗ henden Hand, und die Stimme der ewigen Liebe rief leiſe über die Erde:„Liebt Euch, und ſeyd ſelig wie dieſe!“ „ Ende des dritten und letzten Theil:. —— ll ſefifnſſſiiſiniſſſiſſinſſinſſinſſſſniſſſiſſſiſininn 11 12 13 14 15 16 1 9 10