e Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe Bücher jeden T g von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 1. „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines ge ehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Dir Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ Den angenommen. 3— „3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, b Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſpr de Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von m zutickerſtattet wird... 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 1 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 2—— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mtk. 50 Pf. 2 Mr. 1„ 5„„„ 5„ 5 4„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung „ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 1 2 4 —₰ . Leibbibliocher — Die Pfarre an der See. in Noman von 6 AUCGUST LAFONTAINLEL. A Iweuyter und. WILN, 1816. Sn den Nlaae cen RHaakanellle eg 8 8 Die Pfarre an der See. * Zweyter Theil⸗ . 1— 8 — — gec - Herz. Ferdinand an Buͤrger. Holzerode. Mazg das Leben ein Traum ſeyn, wie Tauſende ſagen, mein Freund: ſo ſchlage ich dennoch an die⸗ ſes warme Herz, und ſage: ich bin keine Traum⸗ geſtalt! Laß das Leben zerrinnen wie ein Traum, beym Hahnengeſchrey des Todes, ſo ſtehe ich feſt⸗ und das Grab muß meinen prophetiſchen Traum erfüllen! Freylich, da wir auf dem Altane von Ma⸗ ria del Monte ſtanden, ſchien uns ie Gegzend ein Garten, mit Grün bedeckt.„Welch ein Paradies!“ riefen wir Beyde. Und da wir hinein traten in die gelben, verbrannten Wieſen, ſehnten wir uns zu⸗ rück in den Frühling, oder in unſere ſchöne Hei⸗ math. So mag das Leben taäuſchen; aber das Va⸗ terland liegt vor uns am Ende des Weges! Und —... wir ſielen einander liebend in die Arme. Ich kam in Deutſchland an. Die erſte ſchöne Gegend in Schwaben hielt mich an. Die ehrlichen Geſichter mit den blauen, ruhigen Augen, die va⸗ terlaͤndiſche Sprache, die bekannten Sitton, die ſchönen, dunkeln Eichenwaͤlder, alles bewegte mein 2 2 Ich ging mit Sonnenaufgang in den dunkeln heiligen Dom des hohen Waldes Zeichenbuche und Lebensmitteln für einen ganzen Tag. Ich ging einem Bache nach, der mein Faden der Ariadne ſeyn ſollte aus dieſem ſchönen Labyrinthe G der Eichen; und in der wildeſten Gegend, wo über⸗ einander hingeworfene Felsſtücken dem Bache jeden Ausweg zu verſperken ſchienen, ſah ich ein ſchla⸗ fendes junges Maͤdchen von zwölf Jahren. Ich erſtaune; ſie trug ein weißes Kleid von Atlas, das aber hin und wieder zerriſſen war, ſeide⸗ ne Schuhe und Strumpfe. Das Haar hing, aus ſeinen Locken geriſſen, an den Schlaͤfen nieder, von Schweiß verwirrt und zuſammen geklebt. Die ſchönen weißen Arme und Hände waren von Dor⸗ nen geſchrammt und zerriſſen. Das Geſicht bleich und matt; der Schlaf aber feſt und ſüß, in lan⸗ gen Athemzügen. Ein zerriſſener Schahl von Seide lag unter ihrem Haupte. Ich ſtand und betrachteie die ſchöne, im Schlaf verſunkene Geſtalt des Kindes. Ich haͤtte ſie zeich⸗ nen können, wenn nicht das alles mir geſagt häͤtte, daß ſie hierher nicht, und ſo nicht von einem gewöhn⸗ lichen Zufall gebracht war. JIch ſetzte mich zurüͤck, und ließ ſie ſchlafen. Sabald der erſte Sonnenſtrahl ſie traf, er⸗ 3 re 8 „ mit meinem ſprang erſchreckt auf, rang die Hände, „ — und rief aͤngſtlich:„O meine Mutter! O hört mich denn keines Menſchen Stimme?“ „Hier iſt ein Menſch!“ ſagte ich aufſtehend, und ſie flog mit einem Freudengeſchrey auf mich ein; aber ermattet ſank ſie weinend an meine Bruſt, und ſagte:„O retten Sie mich! Seit drey Tagen irre ich in dieſem Walde umher, und finde mich nicht zurecht!“ Das ſagte ſie, ſich immer feſter an mich klam⸗ mernd, mit den Füßen zuckend, als ſchmerzten ihr die Füße.„Um Gottes Willen,“ rief ich, ſie an meine Bruſt drückend—„Sie ſind gerettet! Eine Stunde von hier iſt ein Dorf.““ „Werde ich ſo weit gehen köunen?“ ſagte ſie angſtlich—„ich bin verhungert, meine Füße ſind wund. O erbarmen Sie ſich!“ Ich ſetzte ſie nieder, ſie mit dem Rücken an einen Felſen lehnend. Dann zog ich meine Flaſche Wein, Brot und Obſt hervor. Sie ſah mit gieri⸗ gen Blicken auf meine Lebensmittel, ſie ttreckte die Haͤnde darnach aus. Ich gab ihr— denn jetzt erſt ſah ich das eingefallene Geſicht und die heftige Be⸗ gierde des Hungers— kleine Stückchen Brot, dann ein paar Tropfen Wein in meinem Becher⸗ und bath ſie, langſam zu eſſen. „Kann ich's? o kann i's 29 rief e, und aß abgeſetzt und langſam. 3 Ihr Auge leuchtete von Vergn Khränen. Der Wein erquickte und ſtärkte ſie ſichtlich. Dann ſtand ſie auf. Sie zeigte nun auf den Bach. Sie wollte ſich waſchen. Sie taumelte aber; denn jetzt erſt fühlte ſie die Wunden an den Füßen, und die entſetzliche Ermattung vom Gehen und vom Ang⸗ ſtigen. Ich führte ſie langſam an den Bach. Sie wuſch ſich Geſicht, die Arme, und trocknete ſich mit ihrem Schahl. 3 Dann aß ſie wieder ein Wenig, und trank wieder ein paar Tropfen Wein. gehen? „Jetzt weniger,“ ſagte ſie, mich laͤchelnd an⸗ ſehend—„als vorhin.“ Ich ſchlug vor, die Füße mit Wein zu waſchen. Sie erröthete, und antwortete nicht, vor ſich niederblickend. „Die Noth gebiethet, mein liebes Kind! ſagte ich ſanft—„ich will ſo lange weggehen.“ „Ach,“ ſagte ſie—„ich kann's nicht. Ich habe die Kraft nicht.“ „Nun denn, ſo erlauben Sie mir!“ 3„Unmöglich!“ ſagte ſie, tief ihr Geſicht nie⸗ derbeugend.. „Sie müſſen eine Stunde gehen, und— denken Sie die Angſt Ihrer Altern, mein Kind!“ „O meine Mutter! Ja, ich kann gehen.“ Sie ſtand auf, ſie trat auf ihre wunden Sohlen, ſie 4 Ich fragte ſie, ob ſie nun im Stande ſey, zu ☛☚‿‿ .“ X ging ein paar Schritte; aber weiter konnte ſie nicht. Ich ſetzte ſie am Bache nieder.„Die Noth gebie⸗ thet, mein Kind!“ ſagte ich ſtreng—„und S Sie durfen nicht zögern.“ Ich wuſch den Staub von ih⸗ ren Füßen. Ich trocknete ihre Füße mit ihrem Schahl. Dann wuſch ich die kleinen Wunden mit Wein. Wie wohl es ihr that, ſiehſt du, ſie ſank hinten über an das erhöhte Ufer und ſchlummerte ſüß ein. Ich wickelte ihre Füße in ihren Schahl, zog meinen Rock ab, und bedeckte ſie warm damit, legte mein Halstuch über das Geſicht, das immer mehr Farbe bekam, um es gegen die Sonnenſtrahlen zu ſchützen. Sie ſchlief eine Stunde lang unendlich ſüß. Dann erwachte ſie, faſt ganz hergeſtellt. Ihr erſter Blick war eine Bitte an mich um Eſſen. Ich gab ihr langſam Brot und Wein, und während deß erzählte ſie mir. Sie iſt die Tochter des Herrn von Barde⸗ ſtein. Sie geht mit ihrem ſchneeweißen, zahmen Reh, das ſie auf allen ihren Spaziergaͤngen beglei⸗ tet, in den Wald, der an den Garten ſtößt. Das Thier, das ſonſt ſo zahm iſt, verlaͤßt ſie. Sie ruft, das Reh ſteht; aber kommt nicht. Sie geht nach. Das Thier zieht ſie immer tiefer in den Wald, von allen Wegen ab. Nach einer Stunde iſt das Reh verſchwunden, und Iſabelle, ſo hieß ſie, weiß nicht, nach wel⸗ cher Gegend ſie gehen ſoll, um ihren Rückweg zu finden. Angſtlich wechſelt ſie ihren Weg ein paar Mahl. Der Wald wird immer dicker und rauher. Sie ſucht immer angſtlicher den Weg, und findet keinen. Erdbeeren ſind ihr Eſſen. Die Angſt treibt ſie zum Laufen. Sie muß in der fürchterlichen Ein⸗ öde die Nacht bleiben. G So ſchweift ſie drey Tage lang, kaum das Le⸗ ben friſtend mit Erdbeeren, den Durſt ſtillend mit jedem Naß, was ſie trifft, umher. Die Dornen— denn ſie muß, fühlt ſie, immer gerade ausgehen, wenn ſie aus dem Walde will— die Dornen zer⸗ reißen Kleid, Haut und Fuͤße. Die Schuhe, die Strümpfe ſind zerriſſen. So bleibt ſie endlich den dritten Tag da liegen, wo ich ſie fand. .Ihre Schuhe waren nicht zu gebrauchen. Ich wand nun ihre Füße in ihren Schahl, aus dem ich, ſo gut ich konnte, Socken gemacht hatte, und ſo traten wir unſre Reiſe an.. Sie hing in meinem Arme. Auf dem rauhen Wege trug ich ſie mehr, als ſie ging, und ſpaͤt genug erreichten wir das Dorf, wo ich wohnte. Sie war ſo ermattet, daß ich ſie ſogleich, nachdem ſie etwas Warmes gegeſſen hatte, zu Bette gehen hieß. Ich ſchrieb an die Mutter, um ihre Angſt um die verlorne Tochter zu ſtillen, und ſendete den Brief mit einem reitenden Bothen nach Holzerode. ich bath ſie, ihrer Tochter einen Wagen zu ſenden, da ihr Umherirren ſie ermüdet haͤtte. Holzerode war eine Stunde von uns. —= Ich las Iſabellen den Brief vor; ſie laäͤ⸗ chelte, drückte meine Hand, und ſchlief ein. Ich ſaß an ihrem Bette, und zeichnete die Seene, da ich ihr zu eſſen gab, und mitten in mei⸗ ner Zeichnung wurde ich überraſcht, durch die An⸗ kunft ihrer Mutter und ihrer Schweſter. Die Mutter öffnete die Thür mit einer großen Heſtigkeit. Ich winkte ihr zu, ſtill zu ſeyn, und zeigte auf das ſchlafende Maͤdchen. Ich ſagte ihr leiſe:„ſie iſt vollkommen geſund. Was ſie bedarf, iſt Schlaf.“ Die Mutter trat an das Bett. Ich nahm das Licht. Sie ſah, wie ruhig ihre Tochter ſchlief, mit wieder blühenden Wangen. Sie kniete nieder an dem. Bette, an ihrer Seite ihre alteſte Tochter. Die Mutter küßte der Tochter Halstuch, was von der Schulter herab hing, und benetzte es mit Mut⸗ terthraͤnen.— Ich bath nur leiſe, den erquickenden Schlum⸗ mer nicht zu ſtoͤren. Die Mutter ſetzte ſich an die Seite des Bettes, die Schweſter auf den Stuhl, auf dem ich geſeſſen und gezeichnet hatte. Die Mutter bath mich, ihr zu erzählen, was ich wußte. Ich erzahlte, und ließ, was die Mutter angſti⸗ gen konnte, weg.. „und dieſe Zeichnung,“ ſagte die Schweſter, die Olympie hieß—„ich erkenne Iſabellens Züge. O mein Herr, geben Sie mir das Blatt zum 1 — 10— Andenken an meine Schweſter, und an ihren Retter!“ 3 „Sobald es vollendet iſt.“ Ich muß die kleinſten Umſtaͤnde wiederhohlen. Wir kamen nun in ein Geſpräch. Die Mutter war eine edle, gebildete Frau, mit einem gewiß ſehr warmen Herzen, deſſen Waͤrme aber unter dem Anſtande der großen Welt verhuüllt blieb. Der erſte Anblick der Tochter hatte den ſchönen Schleyer weggeriſſen; aber da ſie überzeugt war, daß Iſabelle geſund war, da verbarg ſie das Herz wieder. Sie fragte nach meinem Nahmen, und welch ein glücklicher Zufall mich hierher gebracht; aber alles nur in Ruckſicht auf ihre Tochter, nicht auf mich ſelbſt. Ihr Dank ſogar, war nur ein kaltes, aber ſchönes Wort, das nur von einem höflichen DBlick, von einer höflichen Neigung begleitet war. Sie war ganz gefaßt. Nur von Zeit zu Zeit warf ſie einen Blick voll Mutterliebe auf ihr Kind, und ſagte zuletzt:„ich kann es kaum erwarten, daß ſie erwacht von dem Schlummer, der ihr ſo nö⸗ thig iſt.“ 3„Und nach dem Schlaf die liebende Stimme der Mutter, nach der ſie ſo verlangte.“ Gegen Morgen erwachte ſie, und da ſie ihre Mutter ſah, erhob ſie ein Freudengeſchrey und ſtreckte ihr die Arme entgegen, und legte ſich an ihre Bruſt. Dann rief ſie mit zaͤrtlicher Stimme: —. — 11— „Olympie! Deine arme Schweſter weiß nun, was Verlaſſenheit, was verhungern, und, o guter Himmel!“— hier ſtreckte ſie mir die Arme ent⸗ gegen, was ſie noch nie mit dieſem Muthe gethan harte—„was Rettung, was ein Retter iſt! O lieber, lieber Retter, was mir auch noch begegnen mag: ſo wird jede große Freude mich an ihr Ge⸗ ſicht erinnern, das mir ſo froh und muthig entge⸗ gen läͤchelte, da ich die Augen voll Angſt aufſchlug!“ Sie reichte mir beyde Haͤnde. Sie zog ſich an. Man hatte ihr Kleidung mitgebracht. Sie trat⸗ umgekleidet, zu mir unten in das Wirthszimmer, und bath mit einem Blick voll ſüßer Liebe, den ich nie beſchreiben, aber wohl mahlen kann, mich, ſie nach ihrer Heimath zu begleiten. Die Mutter bath mit ſo ſichtbarer Güte, Olym⸗ pie auch mit Blicken nur und einer Verbeugung,⸗ daß ich einwilligte, und ſo kam ich hier in Hol⸗ zerode an. Ich kann nicht Pbrechen. ſo gern ich möchte, um nicht die erſten Eindrücke zu verlieren. Wir kamen nach einer Viertelſtunde in den ſchönſten Wald, durch den überall breite Wege ge⸗ hauen waren, und am Ende jedes Weges ſtand als Geſichtsziel eine Kirche, oder ein blauer Berg⸗ oder ein wilder Felſen. Je mehr wir uns dem Gute näherten, deſto mehr ſah man überall die Spur einer verſtändigen . Kunſt; und der Anblick des Hauſes ſel bſt überraſchte mich, da ich doch gewohnt bin, etwas zu ſehen. Das Haus ſtand auf einem ſchönen Hügel, der vorn ſanft ablief zu einer ſchön gehaltenen Wieſe, die mit ſchönen Ufern einen kleinen See einfaßte, der lieblich und hell der Gegend einen unausſprech⸗ lichen Reitz gab. Von hinten lief der Hügel ab zu einem dunkeln Gebüſch von Ulmen und Linden, aus deren Grün die rothen Dächer des Dorfs, und der blaue Thurm der Kirche hervorragten. Rings⸗ um, als ob das Dorf eine Partie des Gartens machte, lief bald Garten, bald Park, bald Wald, bald Feld mit weiſer und verhüllter Kunſt ſo ver⸗ ſtändig wechſelnd mit Hügeln, Höhen und Thaͤ⸗ lern, bis tiefer hin ſchroff aufſteigende Berge und Felſen dem Ganzen etwas Erhabenes gaben. Das Haus hatte einen hohen Saͤulengang in der Fronte; die Verhaͤltniſſe waren ſchön, und dar⸗ um ſchien es beym erſten Anblick klein. Wir ſtiegen aus, und Ifabelle bath ihre Mutter, daß ſie mir meine W Wohnung anweiſen dürfte. Sie führte mich, meine Hand faſſend, eine Treppe hinauf, öffnete eine Thür.„Hier!“ ſagte ſie, das Auge zu mir in lachender Liebe erhebend, und ihr Haupt an meine Bruſt legend, in anmu⸗ thiger Güte—„hier! gegenüber wohn ich! Ich nuß in Ihrer Naͤhe bleiben,“ — 13— Sie ſprang davon. Sie beſorgte meine Sachen auf das Zimmer. In geſchäftiger Eile öffnete ſie mir das Fenſter, zeigte mir die Ausſicht auf den See, fuͤhrte mi ich durch eine Thür auf den Bücherſaal, der ſehr ſchön war.„Und nun gebe der Himmel,“ ſagte ſie, ſich an mich anſchmiegend—„daß es Ihnen hier ſo gefällt, daß Sie nie, ach nie! wieder weg verlan⸗ gen. Nun laſſen Sie uns zu meinem Vater gehen!“ Sie trat, ich möchte ſagen, ſtolz, mit mir in das große Zimmer, wo ſie mich ihrem Vater vorſtellte. Es war eine hohe Geſtalt, mit einem zu ſtol⸗ zen Geſichte; aber ſein Weſen war einfach, ruhig oder wohl gar kalt. Er war ganz ſchwarz gekleidet, und das weiße Johanniterkreutz auf feiner Bruſt zeichnete ſich gut aus. Aber doch hätte ich ihn nicht mahlen mögen, ſo edel ſeine Haltung, ſo fein alles war, was er mir über die Rettung ſeiner Tochter ſagte. Es war mehr eine Audienz, die er mir gab, als der Empfang des Retters ſeiner Tochter. Die Mutter war an einem Hofe erzogen, ſah man ihr an, aber die Waͤrme und das Gefühl ihres Herzens wurde nur durch dieſe Ergiehung ver⸗ hüllt, nicht verlöſcht. Sie drückre ihre Tochter hundsriwahl in ihre 3 Arme, ihr verſtohlen liebkoſend, und warf jedes⸗ mahl dabey ihren Blick, voll Dankbarkeit, auf mich. — 14— Olympie war ſchöͤn; aber ihre Schönheit war nichts gegen den Reitz ihrer Geſtalt und ihrer Bewegungen, und dieſer Reitz wurde wieder ein Nebemwerk auf dem Gemählde, das man nicht ſah, wenn ſie die Lippen zum Reden öffnete, wenn ſie redete, wenn ihr Herz, das jetzt Theil nahm am Geſpräche, oder an irgend einem Menſchen, be⸗ wegt wurde und in den Augen ſtrahlte; wenn die geiſtige Schönheit ihres Innern, wie eine Verklaͤ⸗ rung, ſich über Geſicht und Geſtalt verbreitete, und doocch nichts war, als die ſelige Ruhe der Unſchuld. Ich beſchloß, ſie zu mahlen, und gewiß, gewiß, lieber Bürger, es wird das ſchönſte Bild meines Lebens ſeyn! Aber ſitzen darf ſie mir nicht; denn redet ſie mit mir, oder mit ihrem Vater, oder mit einem Manne: ſo würde ſie das Ideal für den Bildhauer ſeyn, der die Unſchuld oder die Schönheit bilden wollte. Nein, man muß ſie ſehen, wenn ſie mit ihrer Mutter im tiefen Geſprache iſt, oder noch mehr mit Iſabellen, die allein durch ihre mu⸗ thige Fröhlichkeit eine höhere Freyheit in dieſem Hauſe ſich erhalten hat; die mit lachender Luſt ihre Schweſter neckt, deren unendliche Liebe gegen die Mutter oft den Ton eines kindiſchen, graͤnzenloſen Vertrauens annimmt, und ſogar dem Vater ſich mit, freyer Luſt naͤhert. Mit der redend, muß ich Blympiens Zuge ſtehlen, und ich weiß, ich „* — — werde ein lieblicheres Gemählde erſchaffen, als der liebliche Guido. Ich bin drey Tage hier im Hauſe. Ich möchte ſo nicht leben, wie man hier lebt; obgleich ich ge⸗ ſtehen muß, daß ich dieſes Leben für das höchſte Ideal des Umgangs halten würde, hätte ich nicht in meinem vaterlichen Hauſe gelebt, wo die reinſte Liebe das Geſetz des Umgangs war, und alles, alles wieder zu Liebe wurde; hätte ich dich nicht kennen gelernt, deſſen edelſte Freundſchaft ohne irgend ein verhüllendes Gewand, wie ein himmliſcher Genius, da ſteht in gränzenloſer Freyheit der Liebe und der geiſtigen Luſt. Den Vormittag iſt jeder allein, beſchaͤftigt wie er will; außer wenn ich meine Thüre öffne, öffnet Iſabelle die ihrige gewiß, und hängt ſich mit einem ſchalkhaften Lächeln in meinen Arm, um die Gegend mit mir zu beſehen, oder zu thun, was ich eben will. Eine Stunde vor Tiſch kommen wir alle auf dem Bücherſaale zuſammen. Man plaudert, man liest vor, man ſingt. 4 Der Herr von Bardeſtein hat eine Menge ſchöner Kenntniſſe. Er iſt an mehrern Höfen Ge⸗ ſandter geweſen. Er hat große Reiſen gemacht. Seine Unterhaltung iſt belehrend; aber er bringt s nie höher als zur Reflexion. Menſchegkenntnißeaſt ſein Stolz, und ſich frey gehalten haben von Leie deuſchaft u und Vorurtheil ſemhe Würde. Eben b 1 . — 16—* ſeine Familie zu bilden iſt ſein Ziel. Er meint's er⸗ reicht zu haben; er bemerkt nur nicht, daß ſeine Gegenwart jeden warmen Erguß des Herzens er⸗ kältet, außer Iſabellens, die oft mit frohem Muthe durch alle Verſchanzungen ſtiner ruhigen Weisheit durchbricht, ihren Vater zum Erſtaunen zwingt, und die beſorgte Mutter in Verlegenheit ſetzt. 1 3 Ich nehme noch wenig Theil an dieſer Unter⸗ altung. Man weiß, daß ich ein Argt bin, und Arz zeichne. Die Mädchen zeichnen auch, und der Va⸗ ter meint, recht gut. Er hat einige Kunſtwerke im Hauſe, aber Gutes und Schlechtes untereinander. Er iſt am geſprächigſten über die Kunſt, von der er wenig weiß. 7 Wir ſetzen am Tiſche das Geſpräch vom Bü⸗ cherſaale fort; und ohne daß er es weiß, geben Mutter und Töchter dem Geſpraͤche den Reitz. Nach Tiſche ſpielen wir Billard à la guerre, bey dem Iſabelle mir allen im Kriege lebt, we⸗ gen ihrer großen Lebhaftigkeit. Dann geht man, fährt man ſpazieren, oder man fährt auf der Gon⸗ del im See, geht auf die Jagd. Jeder hat ſeine Freyheit, zu thun, was er will, und doch iſt nie⸗ mand frey. Wir ſind ſo frey, wie Kranke, die ſich nicht bewegen können, ſagte Iſabelle zu ihrer zurter, und erhielt einen ſanften Verweis. Ich bin gewiß, die Mutter und die Töchter 1 8 — 17— ſind für ſich glücklich, ohne daß der Pater davon etwas weiß. Er hat keinen Adelsſtolz. Er achtet überall den Menſchen nur; aber er iſt auch ſo ſtolz darauf, daß kein Tag hingeht, ohne daß er mir es ſagt. Kurz, ich bin dieſes glücklichen Lebens, das ſich, wie ein Schauſpiel, nach Scene und Aufzug abwickelt, recht müde; und waͤre nicht Iſabelle, die dem glücklichen Leben, Leben und Freude gibt, und die ſo innig, mit einer kindiſchen, trotzig ei⸗ ferſüchtigen Leidenſchaft an mir haͤngt: ſo wͤre ich ſchon gegangen. „Nein, Sie ſollen nicht gehen, Lieber! Sie kennen uns alle noch nicht, meine Olympie noch gar nicht, meine Mutter nicht. Und wenn Sie ſie erſt kennen: ſo werden Sie gar nicht gehen; das weiß ich!“ Heute fand ſich Iſabellens weißes Reh wieder ein. Iſabelle brachte es, lautjauchzend, auf mein Zimmer, liebkoste dem ſchoͤnen Thiere, und dankte ihm, daß es ſie mit mir bekannt ge⸗ macht hatte, in ſo ſeltſamen und doch ſo leiden⸗ ſchaftlichen Ausdrücken, daß ich nicht umhin konnte, dem ſchönen Thiere einige Liebkoſungen zu machen. Sie war außer ſich vor Freude, und rief dem Thiere zu:„o, ſo freundlich iſt er mit dir! Mit mir niemahls! niemaſſst“ ſetzte ſie heftig und mit naſſen Augen hinzat Ich nahm ſie in meine Arme, ich drückte ſie herzlich an meine wrui, ich kihte 84 — 183— ihre Lippen. Sie ſchlang innig ihre Arme um mei⸗ nen Hals, und rief wie im zärtlichen Zorn:„ſo verſprechen Sie, daß Sie hier bleiben wollen! Ewig! immer! denn ich ſehe gar wohl, daß Sie fort wollen!"“ Sie hielt die Arme um meinen Hals geſchlun⸗ gen, obgleich ihre Mutter und Olympie ins Zimmer traten, um das Reh zu begrüßen und Iſabellen Glück zu wünſchen. Aber ſie rief:„er hat mich an ſeine Bruſt gedrückt, Mutter! O, nun iſt er freundlich gewe⸗ ſen! O, nun kann ich es ihm erſt danken, daß er mich gerettet hat! O Mutter, liebe Mutter!“ fuhr ſie heftig fort—„er trug mich den rauhen Weg im Walde. Er ſelbſt wuſch meine wunden Füße mit ſeinen Händen. Er machte mir Socken„ und band ſie ſelbſt um meine Füße. Aber nun, nun“— ſie ſchlang ihre Arme wieder um meinen Hals—„nun ſoll er verſprechen, daß er hier bleiben will! Denn er will fort, Mutter!“ Man bath mich ſo bewegt, zu bleiben, daß ich verſprach, noch zu bleiben. Iſabelle jauchzte im Hauſe umher. 4 „Um ein Reh!“ ſagte der Vater ſpottend. „Ach, um viel mehr!“ rief Iſabelle. Wir lächelten alle; aber die Mutter druckte mir verſtoh⸗ len die Hand, und Olym pie drückte ihre Schwe⸗ ſter an die bewegte Bruſt. *— — 19— Ich bleibe alſo noch vierzehn Tage, dann er⸗ warte ich dich in Birkfelde bey meinen Ältern. Leb wohl! 1. Ferdinand blieb noch, war aber entſchloſſen, recht bald abzureiſen, und nach dieſem Entſchluſſe fühlte er ſich freyer in dieſem Hauſe. Iſabelle bath ihn recht oft, die Zeichnung, die er ihr ge⸗ ſchenkt, zu vollenden.„Ja, liebe Iſabellel ich will ſie vollenden,“ ſagte er, das Kind, das ihm ſo liebte, an ſeine Bruſt drückend. Er ſuchte ſeine Ohlfarben hervor, und er zauberte Iſabellen auf die Leinwand hin, wie ſie ihr Reh wieder hielt und es an ſich drückte. Es wußte Niemand, daß er mahlte, als Iſabelle, die, alle Bemerkungen ihres Vaters nicht achtend, taͤglich zu ihm auf ſein Zimmer kam. Sie ſaß neben ihm, wenn er mahlte. Sie erkannte ſich, und erſtaunte, daß er ſie mahlte, ohne daß ſie ihm ſaß. „Ich trage Sie in meinem Herzen, Jfa⸗ belle!“ ſagte er. Das Kind ſprang auf, und, ihre Arme um ihn ſchlagend, rief ſie mit Leidenſchaft: Ich trage Sie auch in meinem Herzen, und könnte ich mahlen, ſo würde Ihr Bild, und ich wollte nie ein anderes mahlen als Ihres, die Lippen öffnen und ſagen 1 — 20— ich perlaſſe Iſabellen niemahls. Aber ich wollte, Sie hätten ihre Zeichnung gemahlt.“ „Die mahle ich auch, und noch zehn andere dazu, wie ich Sie ſchlafend fand, wie—“ „Und wie Sie mich in Ihre Arme nahmen, da ich mein Reh zu Ihnen brachte. Auch das, hö⸗ ren Sie!“. Sie wollte es verſchweigen; aber da das Bild ſo wunderſchön wurde, vertraute ſie es ihrer Schwe⸗ ſter, dann ihrer Mutter. Die Mutter kam und erſtaunte. Der Vater kam, und war entzückt von dem Gemaͤhlde.„Können Sie,“ ſagte er recht frey— nals Arzt, dem Kranken ſo viel Leben einhauchen, wie als Mahler: ſo ſind Sie der größte Arzt, Herr Doctor!"“* „Man ſollte auf Iſabellen neidiſch wer⸗ den,“ ſagte die Mutter laͤchelnd. J ſabelle jauchzte laut im Zimmer umher. 3 Ferdinand mußte dem Vater ſeine Map⸗ pen mit Zeichnungen zeigen, und er bath ihn ſogar mit Warme, Olympien und ſeinen kleinen Schütz⸗ ling, Iſabellen, doch beym Zeichnen ein we⸗ nig fort zu helfen.„Verſteht ſich, wenn Sie Zeit, wenn Sie Luſt haben; um zehn Uhr zeichnen die Mäͤdchen.“ 3 Um zehn Uhr, den andern Morgen, kam Iſabelle, faßte liebkoſend ſeine Hand, und ſagte: num zehn Uhr zeichnen die Mädchen!“ — 21— Er ging mit ihr auf Olympiens Zimmer, das er allein noch nicht betreten hatte. Bey Iſabellen war er geweſen; aber wie ganz anders war es bey Olympien! wie ganz anders! Es war, als träte er in das Heiligthum der Unſchuld und der Jungfraͤulichkeit. Die ſchön⸗ ſten Ausſichten von Italien und der Schweiz hin⸗ gen an den Waͤnden; zwiſchen ihnen ſtanden Blu⸗ mentöpfe. Die Möbels waren ſchwarz mit weißem Muſſelin, die Decke himmelblau, mit goldenen Sternen. Der Kopf einer Muſe aus Marmor ſtand auf dem weißen marmornen Tiſche unter dem Spie⸗ gel. Die Vorhaͤnge waren niedergelaſſen. Neben der Muſe lag eine Bibel, und an der Hauptwand, Olympiens Sitz gegenüber, hing eine ſchöͤne Copie von Raphaels Madonne. Olympie ſelbſt war noch im Morgenanzuge von ſchneeweißem Muſſelin, nur eine Roſenknospe an der verhüllten Bruſt war ihr Schmuck; die blon⸗ den Locken hielt ein leichtes Band zuſammen. Ihr Vater ſah ſie ſo gekleidet niemahls. Sie mußte immer in farbigen Kleidern erſcheinen. Iſabelle klatſchte lebhaft in die Hände, da ſie ſein Erſtaunen ſah. Sie lief bald zu Olym⸗ pien, und umarmte ſie, bald wieder zu Ferdi⸗ nand, und rief dem zu:„Nicht wahr, hier iſt es ſchön? Ach, hier bin ich auch recht fromm recht fromm! Hier bethe ich auch; denn meine Mutter ſagt: hier in dieſer Zelle der frommen Olympie wurden alle Gebethe erhört. O, warum haben Sie meine Schweſter nicht tauſendmahl lieber als mich? Aber das wird noch kommen, wenn Sie ſie erſt ſo kennen als mich.“ Olympie beugte ſich auf ihr Zeichenbret; denn ſie wußte, daß es unmöglich war, die Kleine zum Schweigen zu bringen. Er ſetzte ſich an Otympiens Seite. Er bath ſie ſogleich, den Kopf der Muſe an⸗ zufangen. Sie that es zitternd. Er half ihr nicht, aber er lehrte ſie, erſt ſehen, und zeigte ihr die Fehler, die ſie machte, und warum ſie ſelbe machte. Iſa⸗ belle zeichnete auch; aber ſie verlangte durchaus, er ſollte nur Olympien lehren. Sie lief nach ihrem Reh; bey jedem Gerauſch ſprang ſie hinaus, und fragte, wenn ſie zurück kam:„Nun, haben Sie Olympien nicht recht liob, lieber Braune? Ach, wenn ſie nur erſt ſpricht! Ich wollte, ſie ver⸗ löre ſich auch einmahl im Walde, und Sie fanden ſie wie mich, und Sie legten ſie ſo mitleidig an Ihre Bruſt, wie mich! Ich bitte dich, Olym⸗ pie, ſey doch einmahl ſo recht ſehr freundlich! Ach, du weißt nicht, wie gut er iſt, und er weiß nicht, wie gut du biſt!“ Danrn ſprang ſie an das Fortepiano, 1 und tral⸗ lerte und ſpielte einen Walzer halb, und die andere Hälfte tanzte ſie. „O, ſing einmahl, Olympie! Braune — 23— ſingt auch. Nur nicht geldugnet; denn ich habe Sie behorcht. Aber Olympie, nun, ich will es nicht vorher verrathen!“ So ging das fort; Olympie erröthete, laͤ⸗ chelte, drohete ihr, und hob nun, um Iſabellen zum Schweigen zu bringen, ein Geſpraͤch mit ihm an, das erſte, was ſie mit ihm führte. Es war nur uͤber die Gegend um Holzerode; aber ihre Stimme war eine ſchöne Muſik, und ihre Gedanken eine noch ſchönere. Sie bath, da Iſabelle hinaus war, fuͤr ihre wilde Schweſter um Verzeihung. Sie ſagte ihm, wie das Herz des Kindes ſo unendlich zu lie⸗ ben verſtaͤnde, daß es oft ihre Mutter und ſie be⸗ unruhigte, weil alle ihre Empfindungen ſo heftig wären. Von Zeit zu Zeit hob ſie das blaue Auge auf, um ihn einmahl anzuſehen, bloß um ihren Worten einen Nachdruck zu geben. Ferdinand hatte alle Zeit, das reitzende Geſicht zu ſtudieren, das ihm je mehr das Ideal der Schönheit ſchien. Er erhob ſogar das Geſpräch bis zur Rührung, bloß nur, um den Zug des Mitleidens zu ſehen, der dann um ihren Mund ſchwebte. Die beyden Herzen waren weit genug gekom⸗ men in dieſer einen Zeichenſtunde. Ihm verhüllte die Kunſt die ſchöne Empfindung, die in ſeinem Buſen an zu zittern fing. Olympie verwechſelte 1 den Gewinn. Ich — 24— ſie mit der Theilna Menſchen fühlte. „Ich wollte ſchworen, aus war— hme, die ihr Buſen gegen alle ſagte ſie, da er hin⸗ ner waͤre ein edler Mann!“ Zu ihrem Vater ſagte ſie:„Ich lerne bey ihm in zehn Minuten mehr, als in der Stadt im Win⸗ ter bey meinem Lehrer in einem Monathe.“ Der Herr von Bardeſtein beſchloß alſo, dieſen talentvollen jungen Mann ſo lange bey ſich zu behalten, wie es nur möglich war. Er konnte ihm ſogar das Opfer ſeiner Weisheit bringen, und ſein ganzer ordentlicher Lebenslauf gerieth in eine große Unordnung. Die Stunde vor Tiſch wurde oft, ſtatt auf dem Bücherſaale, im Garten ver⸗ lebt; oft fehlte Braune und Iſabelle ganz. Sie waren früh morgens auf die Höhen gegangen und noch nicht zurück. 1 Und wie gern ging Ferdinand mit Iſa⸗ bellen! denn den ganzen Weg durch unterhielt ſie ihn von Olympien. Denn Olympie war die Seele ihrer Seele.. Der Vater bath Braunen, Olympien zu mahlen; aber nach vielen Stocken kam er damit 3 hervor, daß er ihm die Arbeit bezahlen wollte. „Es iſt mein Gewerbe, Herr Baron!“ ant⸗ wortete Braune unſchuldig—„aber ich lebe bey Ihnen. Und mahle ich Olympien, ſo habe ich bin in Rom geweſen, in Vene⸗ dig, in Verona, wo die ſchönſten Maͤdchen ſeyn ſollen. Ich war auf den griechiſchen Infeln. Ich habe Geſichter geſehen, Herr Baron, die dem Ideal der Antike näher kommen als Olympie; aber ein Geſicht, das dem Ideal in meiner Bruſt ſo nahe kommt als Olympiens, habe ich nie geſehen. Gewiß, Herr Baron, die Kunſt iſt nicht ſpröde ge⸗ gen meinen Pinſel; aber je mehr ich Olympien betrachte, deſto mehr fürchte ich, daß ich kein Künſt⸗ ler bin. Ich habe es verſucht, ihren Kopf zu mah⸗ len, und gewiß in den Stunden der Künſtlerweihe, wenn ich begeiſtert war von ihrer Schönheit, wenn ich eben herkam aus einem Geſpräche mit ihr, in dem ihr hoher Geiſt das ſchöne Geſicht belebte; dann mit dieſer Flamme im Buſen, die ſie entzün⸗ det hatte, ging ich an die Arbeit, hoffend, freudig, es würde mir gelingen: und— ich bin arm, oder die Kunſt iſt es.“ Der Baron verwunderte ſich, daß der junge Mann in ſolchen Ausdruͤcken von ſeiner Tochter re⸗ dete. Er ſah ihn durchdringend an; aber Braune fuhr eben ſo unſchuldig fort. Der thoͤrigte Vater ging mit ihm, den Kopf zu ſehen, und erſtaunte; denn es war Olympie. Sie durfte nur reden. „Hat ſie Ihnen geſeſſen?“ fragte er eilig. „Nein,““ ſagte er ruhig—„auch weiß ich nicht ob es nicht ſo beſſer iſt, wenn ſie mir nicht ſitzt.“ Aber Olympie mußte ihm ſitzen. Der Vater befahl es; denn Oly mpie fühlte in ihrem Buſen, Lafont. die Pfarre ꝛc. II. B 9 1 4 A —— 26— daß es ihr faſt unmöglich ſeyn würde, gegen ihm üͤber zu ſitzen; ohne die Augen nieder zu ſchlagen. Es war nichts als das ſchöne weibliche Gefühl ihrer Unſchuld. Aber der Vater befahl, und Ferdänec fuͤhlte nur als Künſtler.. Sie ſaß gegen ihm über. Sie erröthete anfangs, ſo oft er die Augen auf ſie ſchlug. Er redete mit ihr, er erzählte ihr von ſeinen Reiſen, von ſeinem Freunde, ach, mit der ganzen Begeiſterung ſeines Herzens von ſeinen Altern, von ſeinen Schweſtern, und dann verſank er in dieſem ſchönen Bilde. Er ließ den Pinſel ſinken, und von ſeinem Auge ſank eine ſchöne Thrane der Liebe. Ach, wer kann es den Mäaͤdchen verdenken, daß ihr Herz in einer ſehr ſchönen Empfindung zu pochen anſing? daß ſie mit ihren Blicken die Thrane verfolgte, die langſam über ſeine Wange rollte, und in dem laͤchelnden Grübchen ſeiner Wange hangen blieb, mit ihrem Auge? Er wußte es nicht, daß er den Künſtler mit dem Menſchen vertauſchte, ſchon längſt vertauſcht hatte; daß ſeine Begeiſterung die Begeiſterung einer aufflammenden Liebe wurde; daß er mit Zittern die Stunde erwartete, wo ſie kommen mußte, und ſie kam ſo mit eben dem Zittern einer verborgenen Liebe. Sie konnte es nur mit einem unbeſchreiblichen Er⸗ röthen wagen, ihn zu bitten, ſie nicht als Hebe zu mahlen, wie er als Künſtler, und wie es der „Vater gewollt hatte. Sis werden mir es 5 Ge⸗ fallen thun. „Wie denn?“ fragte er mit ſtockender Stim⸗ me, zum erſten Mahle ahnend, was die Jungfrau ſcheute, und was in dieſem Augenblicke ſein eigenes Herz verabſcheute. Er mahlte ſie als Nonne. Er hatte ihren Wunſch errathen, und ſeine eiferſüchti⸗ ge Liebe hüllte den Buſen Hebes in den keuſchen Schleyer einer Heiligen. Der Vater mußte es zugeben; denn der Künſt⸗ ler behauptete, daß dieſes fromme Geſicht voll un⸗ ſchuldiger, zarter, heiliger Empfindung keiner Hebe zugehöre. Das Gemaͤhlde wurde vollendet. Es war in Lebensgröße, und zog nicht allein die Bewunderung aller Menſchen, die nach Holzerode kamen, ſondern auch die beſſere Bewunderung des Fürſten auf ſich, der auf einer Reiſe in Holzerode ein Frühſtuck nahm. Der Fuürſt blieb ſogleich vor der Nonne ſtehen, da er in den Saal trat, mit dem Ach des Entzu⸗ ckens. „Wie?“ rief er, da Olympie in den Saal kam, mit feurigen Blicken—„es iſt kein Ideal? ſie lebt wirklich? Und ſie leben Beyde in meinem Lande, der Künſtler und das Original? und ich kenne ſie nicht? Wer iſt der Mahler?“ das fragte er, ſeinen Blick bald auf Olympien, bald auf das Bild werfend. „Er iſt hier im Hauſe.“ B 2 *½ 1 —— — — 28— Braune kam⸗ Der Fürſt ging ihm freundlich ehrend entge⸗ gen:„ſo jung noch, und doch ſo alt ſchon?“ ſagte er, auf das Bild zeigend. Braune teat dem Fürſten naͤher, nicht mit furchtſamer Sitte ſeiner Landsleute, ſondern mit anſtäͤndiger Freymüthigkeit eines Mannes, der in Italien vor Fürſten, die ſelbſt Künſtler waren, als Kuünſtler geſtanden hatte. 3 „Wie haben Sie in dieſer Jugend das Ziel ſchon erreichen können?“ Braune laüchelte. Er redete über die Bildung ſeines Lebens durch die ſchöne Natur, in der er ge⸗ lebt, durch die Dichtkunſt, die ſeine Phantaſie früh bewegt, durch den reinen Sinn, den ihm ſeine Erziehung unter den edelſten Menſchen heilig be⸗ wahrt hatte. Er ſchlug auch den Fleiß an, und Italien ſehr hoch. 4 Der Fürſt war in Italien geweſen. Das Ge⸗ ſpraͤch wurde lebhafter. Es warf ſich von der Kunſt auf die Nationen in Italien. Braune hatte mehr geſehen als die Gallerien: er kannte die Völker⸗ Er kannte ſogar die Fürſten.„Gut!“ ſagte der Fürſt alle Augenblicke—„ſchön! recht ſchön! Fah⸗ ren Sie fort!“ „Sie ſind ein Gelehrter?“ ſagte er dann. „Ein Arzt, und der Arzt gab den Mahler die* Sicherheit im Zeichnen.“ Der Fürſt wurde immer mehr eingenommten für den Künſtler, der ſogar ein paar Mahl im Kunſt⸗ urtheilen mit ihm zuſammen traf. Er both ihm, laͤchelnd und nachſinnend, die Stelle eines Direc⸗ tors der Kunſt Akademie und ſeine Freundſchaft. Der Baron läͤchelte triumphirend über Brau⸗ nens Glück; aber Braune ſagte:„Ich waͤhlte den Pinſel und die Arzneykunſt, um, ganz unab⸗ hängig von den Umſtänden des Lebens, den Lieb⸗ lingsplan meiner Jugend zu vollführen. Der aͤchte Künſtler muß frey ſeyn. Er darf ſeinem Leben die Flügel ſo wenig binden, als der Phantaſie.“ Er bückte ſich. „Freylich, Sie können ſo ſagen,“ auf das Bild ſehend, ſagte er das—„was bedurfen Sie meiner; aber ich bedürfte Ihrer.“ Der Fürſt fragte den Baron, wie er zu ihm gekommen ſey. Der Baron erzahlte, und der Fürſt bath ihn, dem Künſtler doch ja auf den Winter mit in die Stadt zu bringen.„Vielleicht beſinnt er ſich. Der Baron verſprach es; und der Fürſt reiste ab. Olympie machte ihre eigenen Bemerkungen über die kleine Begebenheit. Sie verglich ihren Va⸗ ter mit Braune. Ihr Vater, ein reicher Freyherr, ſtand vor dem Fürſten mit Anſtand; aber Braune wie ein freyer Mann. Der Fürſt hatte über die Außerung des Mahlers, daß auch reine Sitten zum Künſtler — 3902— gehöoͤrten, ein wenig geſpottet. Aber Braune ſagte ernſt:„Hat der Kunſtler die Furie irgend eines Verbrechens im Buſen: ſo geht unbemerkt ein Furienzug in das Bild, das er mahlt, wie der Dichter, der edel ſeyn muß; wie will er ſonſt wiſ⸗ ſen, was edel iſt?“⸗ Das hatte Olympien unendlich gerührt, mehr als der ganze Triumph, den Braune erhal⸗ ten hatte, mehr als alles Lob, das der Fürſt in ſeiner Abweſenheit von ihm ſagte. Olympiens Herz pochte ſeit der Zeit noch unruhiger. Sie wünſchte nichts, ſie ahnete nichts; aber ſie war ſich des Gedankens hell bewußt, wie glücklich das Madchen ſeyn würde, das Braune liebte. Aber dann brach ſie raſch den Gedanken ab, und warf ſich an ihren Zeichentiſch oder an ihr In⸗ ſtrument. Der Vater hatte dem Fürſten verſprochen, den Künſtler mit in die Reſidenz zu bringen. Er mußte alſo ſehr weich gehalten werden. Das ſah der Baron recht wohl. Er ſah alſo über viel Klei⸗ nigkeiten weg, die er ſonſt wohl nicht überſehen haͤtte. Der Baron ſchwankte in allen Dingen, die er trieb, die er dachte, die er fuͤhlte. Er hatte Luſt; aus ſeinem Sohne einen großen Mann im Staate zu machen; der Sohn aber wollte Soldat werden, und er war Lieutenant unter den Garde⸗Huſaren. Wie er die aufkeimende Schönheit Olym⸗ viens ſah, hatte er nicht übel Luſt, aus ſeiner — 31— Olympie eine olympiſche Göttinn zu machen, die am Hofe glänzen ſollte, mit allen Talenten des Witzes und des Geiſtes; aber die edle Mutter er⸗ zog die Tochter in der Stille des Landlebens zu einer Heiligen, ob er gleich jedesmahl, wenn ſie den Frühling auf das Gut zogen, ſchwur: ſie ſollte nie den Fuß wieder auf das verdammte Land ſetzen, wo ſie ganz vollkommen für die Welt verdorben würde. So ſchwankte er auch jetzt. Er ſah recht wohl, daß Olympie mit dieſem lebendigen Belvedere⸗ Apoll ſpazieren ging, zwar immer in Geſellſchaft ſeiner Frau oder Iſabellens. Aber er hatte dem Fürſten verſprochen, ihn mit zu bringen, und ſeine Olympie zeichnete ſo brav, fing an zu mahlen, und der Ap oll mit dem goldenen Locken⸗ kopfe ſprach das Italieniſche ſo fertig, und lehrte es die beyden Schweſtern. Am Hofe des Fürſten wurde viel Italieniſch geredet; denn der Fürſt liebte es. Dabey rechnete er auf eine ſo ſtarke Tugend bey dem Apoll und ſeiner Tochter, die er ſelbſt nicht hatte, und an die er nicht glaubte.. Er that, was er allemahl that, bey ſo einem Falle. Er erklärte ſeiner Frau, was er befürchten konnte, um am Ende jede Schuld von ſich abzu⸗ waͤlzen. So hatte Braune hier ſchon drey Monathe, und die drey ſchönſten Monathe des Jahres gelebt, 4 4 11 ,“ täglich in dem allervertraulichſten Umgange mit. Olympien, mit der Mutter und Iſabellen. Die Liebe wuchs ſo leiſe in ſeinem und Olym⸗ piens Herzen auf, ſo leiſe, ſo langſam, ſo un⸗ bemerkt auf, daß ſie Beyde am letzten Tage der drey Monathe haͤtten ſchwoͤren können, es waͤre noch ſo wie am erſten Tage. Sie waren Beyde ſo gewiß überzeugt, daß eine Verbindung unter ihnen nicht möglich war, daß Olympie ruhig lächelte, wwenn ihre Mutter einmahl in einer Anſpielung warnte. Und Braune hatte ſo viel mit ſeiner großen Reiſe in ſeiner Phantaſie zu thun, daß er gar nicht daran dachte. Olympie war ſo unbeſchreiblich ſanft, und Braune achtete ſie ſo unbeſchreiblich, daß die Liebe es mit allen ihren Launen zu keinem Zanke zwiſchen Beyden bringen konnte, in dem die Liebe, völlig erwachſen und gerüſtet, hätte hervorſpringen müſſen. Mit Iſabellen wäre es in vier Wochen zu einer Erklaͤrung gekommen, war ſie in Ol ym⸗ piens Alter und an ihrer Stelle. Das kleine Ding war die Einzige im Hauſe, die ihre eigenen Gedanken dabey hatte. Sie brach auch einmahl gegen Olympien damit heraus; aber da Olympie heiße Thraͤnen über den Scherz vergoß: ſo ſagte ſie eifrig, ſich ihre eigene Hand darauf gebend:„ich weiß wohl, was ich weiß. Aber ich ſage nicht ein Wort wieder.“ Und die wilde 4 — 33— Hummel, die ihre Schweſter unendlich liebte, hielt Wort. Die Mutter beruhigte ſich bey der Ruhe der beyden jungen Leute; ſie hatte nur in ihrer Jugend eine unruhige, leidenſchaftvolle Liebe gekannt. Ach, ſie kannte die Liebe nicht, die in einem rugendhaf⸗ ten Herzen nur das Herz ausdehnt und erhebt, um die ganze Seligkeit des Seyns in einer heiligen Stille zu genießen. Da erhielt Braune einen Brief, und eine Stunde darauf hatte er gepackt, um abzureiſen. Er war von Bürger, und hieß ſo: „War eine Unſchuld in irgend einer weibli⸗ chen Bruſt: ſo wohnte ſie, in ihrem Lilien⸗ und Ehrenkleide, in ihrer; ſie hob das fromme Auge nur bethend gegen Himmel, nie auf einen Mann; das Blut einer Heiligen kreist nicht ruhiger in ih⸗ ren Adern, als ihren! Sie erröthete nicht wie ein Kind, weil in ihrer Seele nichts war, als die reine, unerregte Unſchuld der Kinder! Sie war ſo keuſch wie Eis; aber das Eis ſchmilzt von vem warmen Hauche der Luft. Nichts war keuſcher dals ſie auf der Erde. Die verſchloſſene Roſenknoſpe buhlt mit dem Schmetterlinge; mein frömmſtes Gebeth iſt üp⸗ piger, als ſie war! Ein Nonnenſchleyer verhüllt ſehnſuchtige Seufzer, die ſie nicht kannte, kein Wunſch hatte je den ruhigen Buſen in Wallung gebracht, oder in das Auge eine Flamme geworfen, B*½ 5 1 4 * 4 welche die Tugend nicht für ihre Fackel erkannt hätte⸗ Das Grab war nicht ſo ſtill als ihr Herz.“ „ O du Teufel, der du die lunſchun derſührreſ, wo biſt du?⸗ „Und ſie war ſcön, wie die Liebs, wie die ſeligſte Liebe, und fröhlich wie der Geſang der Freude, und fromm und ſchuldlos wie ein Lamm.“ „ S, was hatte meine Schweſter verbrochen, was? daß des Schickſals verheerende Hand ſie ſo hart ergriff? Ach, ſie war ſo demüthig, daß ſie alles, alles wie ein Kind von dem Himmel erwar⸗ tete, nichts von ihrem eigenen weichen Herzen! Sie hatte ſich ja an des Schickſals Bruſt geſchmiegt, wie der vertrauende Saͤugling an der Bruſt der Mutter ruhig ſchlummert; und da liegt ſie wegge⸗ worfen von der Hand der Schande. O weh!“ „Sieh, ich will wie Hamlet alle andere Gedanken, Wünſche und Plaͤne, alle Freuden und Hoffnungen aus meiner Seele vertilgen, und nur an ſie denken. Schweſter, ſoll das einzige Wort ſeyn, das meine Zunge nennt.“ 6 07 könnt' ich dir ſagen, wie ſie war, wie ſie uns kiebte, meine arme, verzweifelnde Mutter und mich; wie ſie unſere Armuth ertrug, keinen Wunſch hatte, als meinen, kein Glück kannte, als meines; wie ihre Freude uns erheiterte, wie ge⸗ ſprächig ſie war, wenn ich von meinen Hoffnun. gen redete, und wie ſie meiner Murtter Alles wur⸗ de, und meines! 14 „Zch haͤtte mein Paxadies in ihren Schooß geſchüttet, um ihr ein Lächeln abzugewinnen. Alle meine Hoffnungen hatten nur meine Schweſter zum Ziel. Sie, ihre unſchuldige Geſtalt, ſtand am Ende aller meiner Siegesbahnen; meine Ehrenkraͤnze wollte ich auf ihr Haupt drücken. Und nun! nun! O weh! „O, ich Unſinniger, ich trotzte dem Geſchick! Ach, ich vergaß, daß ich eine Schweſter hatte! O, hätte das Geſchick mich auf die Folterbank feſt ge⸗ bunden, ich hätte doch rufen können: das Leben iſt ein Seufzer, den der Tod endigt, eine Lufterſchei⸗ nung, die vorüber iſt, wenn ſie entſteht. Aber jetzt, jetzt haut der Schmerz, wie der Adler, in mein Herz, und ich zaͤhle ihr gequältes Leben nach Se⸗ cunden, und jede drückt ihren feurigen Dolch in das unbewahrte Herz meiner Schweſter! O weh!“ Ach, ich fühlte wohl, daß mein Leben ein lan⸗ ges Ach ſeyn würde. Aber ich verhärtete mein Herz gegen dieſen Gedanken, und dachte an meine Schwe⸗ ſter. Ihr Bild riß meine Blicke von meinem Leben ab. Ich konnte noch immer glücklich ſeyn, wußte ich. Und nun? nun?“ „O, was ich traͤumte! d, mein Freund! dich wollt' ich, dich mit in mein mütterliches Haus füh⸗ ren; du ſollſt ſie ſehen, du ſollſt ſie lieben! in deine treue Hand wollte ich ihre Hand, ihr Herz, ihr Leben legen. O Bruder, wie froh machte mich der Gedanke, und nun? O Himmel, und nun?“ — 36— „Hätten ſie mir den kalten Leichnam entgegen getragen, ich haͤtte geſagt: hat der Himmel dem Leben deine Tugenden beneidet? Ich hätte mich tröſten können; das Troſtloſe im Leben iſt, daß eine Tugend untergehen kann, nicht, daß das Le⸗ ben ſterblich iſt!" „Sieh, o ſieh, da trete ich in meine Vater⸗ ſtadt. Die Wellen der alten Freuden ſchlugen über mich zuſammen. Ich ſtreckte ſchon die Hand nach ihr aus; den Blick, den Freudenthränen benetzen, das ganze Herz, die ganze Seele; ich ſtürze in das Haus, das geliebte Zimmer. Meine Mutter wen⸗ det das bſeiche Geſicht von mir ab. Ein Seufzer empfangt mich, ein Unheil weisſagender Seufzer.! „Was iſt?— frage ich ſtockend, ahnend. „Ein Seufzer iſt die Antwort.“ „Todt? 9 „O dann wäͤre ich glücklich!”“ „Aber gut, daß du kommſt, mein Sohn!"— rief meine Mutter, meine ſanfte Mutter im Zorree der Tugend— nauf dich habe ich gewartet. Das Leben iſt nichts mehr. Es hat ſeinen Preis verlo⸗ ren. Eine Schlange umwand das Herz deiner Schwe⸗ ſter im Traume, und hauchte alles Gift geheimer Verführung in den Buſen der Keuſchheit, goß die Flammen wilder Luſt ſchmeichelnd in zhre Adern. Sie entfloh mit dem Verführer. Geh, ſuche ſie auf! Bring die Unglückliche zurück; aber ihm, dem Ver⸗ fähret⸗— dem derdammten Verführer ihrer Tugend, 3 * — 87— und meines frommen Glaubens— denn ich ver⸗ zweifle, Sohn! ihm verzeihe nicht! Geh! geh! „Nein, ich glaubte noch immer nicht. Da gab mir die Mutter ein Billet von meiner Schweſter Hand. Da liegt es vor mir, und begeiſtert mich zu blutiger Rache.“ 8 „„Mutter, ich verlaſſe dich auf ewig! ſo ſchreibt ſie—„„die Schande hat ſtatt eines Brautkranzes eine ewige Schmach auf mein Haupt gelegt. Ich bin Mutter, ohne Frau zu ſeyn. Ich gab ihm Liebe, mein Herz, meine Unſchuld, mein Glück, meine Mutter, o dich, meine Mutter! gab ich ihm, meinen Bruder; und er gab mir für alle dieſe theuren, unerſetzlichen Opfer nur Eine Hoff⸗ nung! Ach, und dieſe Hoffnung iſt nun alles, was ich vom Leben, von. Glück beſitze! O, darum ja verlaſſe ich dich, und gehe mit ihm. Ach, dieſe Hoffnung— Mutter, iſt die Strafe nicht zu hart?— dieſe Hoffnung ſehe ich ſchwanken, und ich gehe dennoch mit ihm, deſſen Auge ich oft mit kaltem Entſetzen betrachte; denn oft blitzen aus ſeinem Blicke die Worte hervor: ich betrüge dich! Und dann— dann— o dann!— Ich kann wünſchen, der Augenblick waͤre da, wo die Eine Hoffnung hin iſt. Denn das Grab, Mutter! verſöhnt uns alle. O, es verſöhnt mir Bruder und Mutter!“ „Das las ich, o Ferdinandl das las ich! „Ich wollte mir von meiner Mutter die naͤ⸗ hern Umſtände erzählen laſſen. Sie wußte ſehr we⸗ nig, außer daß oft ein junger Mann vor dem Hauſe vorüber gegangen, bey deſſen Anblick meine Schwe⸗ ſter zuweilen unruhig geworden. Sie wußte nichts, gar nichts; nichts von dem Anfange der Begeben⸗ heit, nichts von dem Ende.“ „Ich rannte umher in der Stadt, und forſchte und horchte, machte Bekanntſchaft mit allen Poſtil⸗ lionen und Miethkutſchern und Hausknechten in den Wirthshaͤuſern, und erfuhr dann endlich, daß ein Fremder gerade um die Zeit abgereist war, in der meine Schweſter verſchwunden. Ein reicher, vor⸗ nehmer Mann war er gewiß, ſagte mir das ganze Haus. Er hat ſich Golden genannt; man zwei⸗ felte aber, daß Golden ſein rechter Nahme ge⸗ weſen. Er hat ein ganzes halbes Jahr in dem Wirths⸗ hauſe in der größten Stille gelebt. Am Abend ſey er oft weggegangen, und haͤufig war er erſt am Morgen zurück gekommen. Sein Bedienter heißt Juſt: ein hübſcher, ſchöner Mann, mit blondem Haar und blauen Augen, ſagten die weiblichen Be⸗ dienten. Daß ihn ſein Bedienter zuweilen Ihr Gna⸗ den genannt, wußte ein Kind des Wirths, das oft bey ihm auf dem Zimmer geweſen. Er iſt ab⸗ wechſelnd ſchwarz und blau, ſehr einfach gekleidert. gegangen. Das alles traf mit meiner Mutter Be⸗ ſchreibung. Eigener Wagen und Pferde haben ihn abgehohlt, und man bemerkte noch, daß ſein Wa⸗* gen am Abend ohne ihn abgefahren ſey. Er hatte zu Fuß das Haus verlaſſen.“ „Ich ſagte dem Wirthe, der junge Mann ſey mein vertrauter Freund, den ich ſeit Jahr und Tag ſuchte. Jede kleine Nachricht von ihm würde mir werth ſeyn. Da gab mir der Wirth ein Lied⸗ daß er ſeiner Tochter aufgeſchrieben hatte. Es war eine ſchöne, runde Handſchrift, feſt und klar.“ „Es argerte mich, daß er ſo ſchön ſchrieb. Aber er war es gewiß; denn zu Hauſe gab mir meine Mutter ein Papier⸗ mit ein Paar Verſen; ſie wa⸗ ren von eben der Hand geſchrieben. Weiter fand ich nichts. „Ich hoͤrte noch oft die Kellner und die Leute in dem Wirthshauſe über dieſen Herrn Golden ab, was er den Tag über getrieben. Er hatte viel geleſen, viel gezeichnet und geſchrieben. Seine Bü⸗ cher hatte er aus einer Leſebibliothek, wohin er oft ſelbſt gegangen war.““ 3 „Ein Herr Golden, der im Engel gewohnt hat, hat bey Ihnen geleſen? fragte ich. Ich möchte gern recht viel von dieſem Golden wiſſen, ob er der Mann iſt, den ich ſeit Jahr und Tag ſuche.“ „Es war ein edler Mann, ein Mann von großen Kenntniſſen, die er aber wohl mehr in der Welt, als aus einem gelehrten Unterrichte geſammelt hatte. Ich ſtampfte mit dem Fuße auf den Boden. Er hatte viel Engliſch geleſen, Geſchichte, Reiſebe⸗ ſchreibungen. Er war in England geweſen. Er hatte es fertig geredet. Shakſpeare und Gibbon waren ſeine Lieblings⸗Autoren.“ ——. „Er nannte ihn wohl zehnmahl einen edlen Mann. Er hat den niederdeutſchen Dialekt ge⸗ redet; doch wußte er Hichr ob weſtyätiſch oder ſichſiſch. „Haben Sie ihn nie um ſein Vaterland ge⸗ fragt? 714 „Herr Golden ſah gar nicht aus, als ob viel von ihm zu fragen ware. Er war ſehr ſtolz.“ „Eine weitere Bekannuſchare hatte er hier nicht gehabt.“ „Seine rthata beküagen ſinen edlen Charakter.“ „O, mein edler Herr Golden⸗ wo ich dich treffe, Bube, mir ſollſt du wohl Rede ſtehen, mir! Wenn nicht eher, doch dann, wenn du am Bo⸗ 3 den liegſt, und mein Fuß auf deiner blutigen Bruſt ſteht.“ 4 „O Himmel, ich habe nur ein Leben! O laß es nicht eher endigen, als bis ich ihn gefunden; und entkommt er mir dann: ſo will ich in eine ſchnu⸗ tzige Karthaͤuſer⸗Kutte kriechen, und niches weiter ſagen als: memento mori!“ „Ja, zum Teufel! ſie hängen um ihre Sün⸗ den, um ihre Üüppigkeit, um ihre Verbrechen ihren reichen Wappenrock des edlen Anſtandes. Ihre Worte ſind tugendhaft, ihre Ehre iſt unangetaſtet. Sie vertheidigen ſie mit Kugel und Degen. Aber ſie ach⸗ ten des Fremden Ehre nicht, nicht der Unſchuld eines arinen Maͤdchens. Welche Ehre hat denn die arme — 4— Bürgerinn zu verlieren? Die Schönheit iſt der Preis der Verfuhrung! Dieſes Mahl, Bube, war ſie der Preis deines Lebens. Verkrieche dich in die dunkeln Abgründe der Erde, wo nur die unterirrdiſchen Geiſter hauſen: ich folge dir. Suche dir eine Frey⸗ ſtarte in den Abgründen der Szylla: ich ſtürze mich in ihren verderbenden Schlund, und kaͤmpfe mit den Ungeheuern der Tiefe um dein Leben! Flie⸗ he unter den Schutz der größten Fürſten: ich habe ein Leben daran zu ſetzen, dich zu ermorden. In den Armen eines Engels will ich dich treffen, und bedeckte dich die Geliebte meines Lebens mit ihrer jugendlichen Bruſt— vergebens! Du biſt die Beute meines Arms, und der Gerechtigkeit, der ewigen Gerechtigkeit, die den Bruder der Schweſter zum Schutz gab; die dem Mann den Nahmen ſeines Hauſes übergab, ob ihn gleich kein Herold in einem Turniere, kein Mönch in einem Domſtifte als edel verkündigte, ihn rein zu halten von jeder Schmach, daß nicht der Nahme Hure— o Gott, meine Schweſter! Hure!“ „Menſch, ich finde dich! Am Altare, wenn du deine meineidigen Schwüre brichſt, womit du meine keuſche Schweſter verführteſt, finde ich dich, und ehe du das Wort Ja! aus deinen entweihten Lip⸗ yen bringſt, zittert dein Herz um meinen Dolch!— Haſt du eine Schweſter— ja— o Böſewicht, ich hätte bald geſchworen, deines Gleichen zu ſeyn, um mich hohnlachender zu räͤchen.“ b — 42— „Doch, lieber Bruder, du ſiehſt, daß ich mein Geſchaft gefunden habe. Darum reiche ich dir meine Hand hinüber, wo du auch biſt, und ſage: lebe wohl! Sieh, ich geh auf einen ehrlichen, unehrli⸗ chen Mord aus, und dazu gebrauche ich keines Spießgeſellens. Darum leb wohl! Leb nochmahls wohl!“ „Ich ſende dir hier einen Brief meiner Schwe⸗ ſter, damit du ihre Hand kennſt, wenn der Zu⸗ fall dich früher zu ihr führen ſollte. O, fändeſt du ſie, mein Freund, o ſ laß ihn nicht ent⸗ gehen!“ „Das iſt das Teſtament deines Freundes. Ich gehe über Dresden, den dritten will ich dort ſeyn, im König von Pohlen. Ich bleibe acht Tage dort, wenn du mich noch etwa einmahl ſehen willſt.“ „Geld habe ich; aber doch will ich leben wie ein Bettler, um genug zu haben, wenn das Schick⸗ 2 ſal ruft: der Augenblick iſt da! O wann werde 5. dieſe Worte hören! (Drey Tage darauf) „Iſt das nicht ein herrliches Leben, Braune! Da hat mir das Schickſal, dieſer große Theater⸗ dichter, die Furienmaske gegeben, die Schlangen ſtatt des Haars, die Fackel in der Hand, das ſchwarze Trauerkleid, das ſich den Göttern nicht — 43— nahen darf, den unermüdeten Fuß, womit ich das fliehende Wild verfolge über die Erde. Ich folge der Spur ſeiner Lüſte, ſeiner üppigen Küſſe, den Dolch hoch in der treffenden Hand. Seine Träume beſuche ich, und er hört das jauchzende Jagdge⸗ ſchrey der verfolgenden Rachegoͤttinn. Ju! Ju!“ „O gewiß! Er zittert ſchon! Er erblaßt ſchon, wenn ein Fremder ſein Auge auf ihn heftet. Er traumt von Dolchen, von Gift und Strang; denn meine Schweſter, ſie heißt Cacilie— merke den Nahmen!— Ach, ſie wendet auch den Blick in die Wolken, wie die Heilige; aber ihr Ohr hört den Seufzer des gebrochenen Herzens, hört der Mutter, der ſterbenden Mutter letztes Röcheln, das Wehgeſchrey der Schutzgeiſter ihrer Tugend, die ſie verließen!— Und die Schwüre des Bru⸗ ders, ſie zu raͤchen! O gewiß, ſie hat dem Ver⸗ führer ihren Bruder genannt! Mein Nahme bringt ihn ſchon jetzt zum Zittern. Denn, ehe ich nach Italien ging, ſagte ſie:„Du gehſt? Ach, auf wie lange?““ „Auf lange, ſagte ich. Aber Cacilie, wenn dir etwas iſt; ſo ſchreib ein Wort. Ich komme zu⸗ rück, dich zu beglücken, oder zu rächen.“ „Zußraͤchen? o nein! denn ich weiß, wie du, wilder Menſch, mich rachen würdeſt.“ „Das wußte ſie. Aber ich wollte ſagen, o traure nicht, mein Ferdinand! Iſt denn der Königsmantel nicht auch ein Theaterkleid, das von 2 b 1 44— Schauſpieler zu Schauſpieler wechſelt? Iſt meine Rolle nicht edler als die Rolle der Sünder, die um Geld ſich haſſen, um ein Band, um eine Penſion? und um ihren Haß mit den Himmel rechten, mit ihrem Gewiſſen, und zitternd und bebend haſſen? Spielte die Fehme, welche die Heilige hieß, eine andere Rolle, als ich; und war die wahrſte Ge⸗ reechtigkeit ſo auf ihrer Seite als auf meiner? Nein! nein! die Götter vertheilen die Amter auf Erden, und mir gaben ſie das Amt, die Unſchuld zu raä⸗ chen, und den reichen Verbrecher zu lehren, daß er nicht alles darf, wozu die üppige, uübermuͤthige Luſt ihn reitzt.“ „Ich habe mein Ziel gefunden. Millionen fin⸗ 1 den es nicht. Haſt du es gefunden? Du? O find'ſt du es: ſo bekränze es die Ehre mit Lorberkranzen, die Liebe mit ihren zarteſten Blüthen! Ich habe es gefunden, und ſeit drey Tagen bin ich ruhig. Wer das Ungeheure ſaet, muß das Ungeheure aͤrndten. Iſt es meine Schuld? meine? Ferdinand, ich bin wahrhaft ruhig!“ „Ich muß ſogar laͤcheln„ wenn den An⸗ fang des Briefes leſe, den ich Iährith„ehe ich hier war. „Ich wollte dir erzählen, wie ich nach Birk. felde kam, in deiner Ältern Haus, wie da, da ich meinen Nahmen nannte, und deinen, alle Arme ſich oͤffneten, mich zu umfangen.“ — 45— „Ich wollte dir ſchreiben, und ich ſchrieb ja auch, und in Worten, die ſo zärtlich und weich waren, wie das Flöten der Nachtigall; denn ſie hatten mich da mit ihrer Liebe, mit ihrem ſtillen Leben, mit der Wahrheit ihrer himmliſchen Ruhe ſo metamorphoſirt, daß ich auf meiner Guitarre, die ſonſt nur von Tyrannenhaß erklang, und dem wil⸗ den Leben der Freyheit, Liebeslieder ſang, deiner Schweſter, Thereſe, Nahmen heimlich in die ſchönſten Bäume grub, und meine Worte ſo fein und zierlich ſetzte, und mit ſo klaͤglich weicher Stimme ſprach, als wäre ich in einer Condolenz⸗ Viſite begriffen.“ „Ich trug deiner Schweſter Arbeitskörbchen ſo voll Ehrfurcht, als läge das Gewebe der Parzen darin. Ich konnte es mit den höchſten Eiden be⸗ ſchwören, ſie haͤtte den kleinſten Fuß, ihre Haut ſey weicher und ſeidener als die des Pfirſichs. Ich konnte mich an dem Muſſelin ergetzen, den ſie zum Kleide trug, und hätte das Endchen Band ſeyn mögen, das ſie im Haare trug, und noch mehr ſolcher erhabenen Gedanken haben! Ich ging wie ein krankes Küchlein immer hinter Thereſen pi⸗ pend her, machte Verſe, und fing ein Trauerſpiel zu ſchreiben an, das wegen der vielen Ausrufungs⸗ zeichen wie Keilſchrift ausſah; denn dafür hatte dein Bruder meine Schrift angeſehen.“ „Auch ging das recht gut. Denn ſie nahmen mich da in ihren Stammbaum auf, und Thereſe⸗ ——— die, wie ſie ſagt, von ihrer Mutter— o, welche Mutter haſt du!— die Adels⸗ und Titelkammer von Wien und das Herolds⸗Office aus London als erb und eigen geerbt hat, ſchattete mich ab, wobey dem Geſichte die ganze Raſe fehlte, weil ich ein Narr war, und mich eine Naſenläͤnge lang lang⸗ ſam aufrichtete, um ſie recht anzuſehen.“ „Deine Mutter erzaͤhlte, daß es ihr mit dei: nem Vater nicht beſſer gegangen ware, und dar⸗ über erröthete Thereſe ſo ſehr, daß ich hinaus ſprang, und draußen wie toll umher tanzte, weil Thereſe ſo roth geworden war.“ „Sieh, es ging weit; denn ich ſeufzte, und war zerſtreut, wenn Thereſe hinaus gegangen war, und redete mit dem Hausmaͤdchen italieniſch, und nannte alle Welt, liebe Thereſe! ſo daß es ein Elend war, wie die Kinder uber mich lach⸗ ten, und Thereſen mit mir neckten, ſo daß ſie mir ganz aufgeſetzt wurde.“ „Ihrem Zorn war beyzukommen; denn ich durfte ihr nur ein Stück von dir erzaͤhlen, was es auch war, daß du, wie die Engländer, das Meſſer immer in der rechten Hand behieltſt: ſo laͤchelte ſte wieder, und ſagte: eeuich wahr, und alles ſteht ihm an? alles?“ „Ich war dir ſo furchtſam geworden vor des Mädchens ſanftem Augenpaar, daß ich auf Spin⸗ nenweiſe meinen Liebeshandel mit ihr trieb. Ich lis mich auf einen meilenlangen Faden, den ich an dieſen Zweig feſt heftete, an jenen, bis in das Netz, das ſie für mich in aller Unſchuld webte, herunter, und entfloh, ſobald ſie eine Bewegung machte.""4 44 „Sie ſagte, ſie könnte wohl leiden, wenn Je⸗ mand lispelte, weil du ein wenig lispelſt, und— da haſt du den leibhaften Narren— ich ſing dir an ſo erſchrecklich zu lispeln, als waͤre eine ziſchende Schlangen: Synode im Zimmer.“ „Ich habe ſeit meiner Geburt nicht ſo viel al⸗ berne Dinge angegeben als die vier Wochen in dei⸗ nem Hauſe, und dabey war mir das Herz ſo groß geworden, als fuͤhrte ich in meinem Wappen alle Ehren und Würden und Thaten der edelſten Män⸗ ner des Erdbodens.“ „Da ich nun aber endlich bemerkte, meine Stunde hatte geſchlagen, da fiel mir denn ein, daß ich nichts war, als dein Freund, nichts hatte, als deine Freundſchaft; da ſchrieb ich Klagelieger, und meine glatte Stirn wurde kraus. Aber es war nicht anders. Ich wollte erſt zu Hauſe, und meinem Va⸗ terlande anbiethen, als Profeſſor der griechiſchen Sprache zu dienen. Ich hatte gute Ausſichten. Ich ſprach franzöſiſch, italieniſch, neugriechiſch, wie du weißt, und der Miniſter ſuchte ſo einen Mann bey der neu errichteten Ritter⸗Akademie.“ „Ich ſchwieg alſo, und nachdem ich einen ſehr finſtern Abſchied genommen hatte, bey dem— ο ſchöne, entzuckende Stunde——— „Pah! ich habe mich da wieder in das Leben der Liebe hineingeſchrieben!“ „Das iſt nun vorbey, guter Junge! Und wer nicht Knall und Fall eine Liebe abbrechen kann, wenn die Ehre ruft, der waͤre nie treu geweſen. Ich habe eine entehrte Schweſter! Und meinſt du, ich möchte der Schmach ſchwere Buͤrde auf deiner Schweſter Haupt legen?— Nein! nein!“"“ „Die Parze hat mein Leben gedungen, die 3 himmliſche Gerechtigkeit meinen Arm! Fahrt hin, alle, die ich liebe! Wer der Schweſter nicht treu iſt, den verwarf die Liebe, die Freundſchaft, die Menſchheit und Gott. Leb wohl! In Dresden ſeh ich dich vielleicht. Leb wohl!“ 1 2⸗ „Sie wollen fort, Braune?“ rief Iſabelle, die ihn beym Einpacken fand. Sie ſah ihn lange ſtarr an, da er ja ſagte. Dann ſchüttelte ſie bedaͤch⸗ tig den Kopf, und ging zu ihrer Schweſter. 4 „Halt ihn feſt Olympie! du kannſt ihn hal⸗ ten,“ ſagte ſie. Olympie lachelte ein wenig ſchmerzich, und kündigte ihrem Vater Braunens Abreiſe anu. Die Mutter war die einzige, die ſeine Reiſe gern ſah. Der Vater hatte ſein Verſprechen an den Fürſten im Auge. Und da er reiſen will, und reiſen — 49— kann, dachte er: ſo iſt gar keine Gefahr daber, hier zu bleiben. Er ging mit Allen zu ihm. Braune erklärte ſo ruhig, daß er auf die Aufforderung ſeines einzigen Freundes bis den Drit⸗ ten in Dresden ſeyn müßte. „O ja,“ rief Iſabelle—„das müſſen Sie, wenn der Freund befiehlt. Aber Sie ſollen ſagen, daß Sie wieder kommen wollen.“ „Ich will, Iſabelle. Ich will! Ich laſſe ja meine Zeichnungen hier in Ihrer Verwahrung, meine liebe Iſabelle!“ „Und wenn Ihr Freund beſiehlt, Sie ſollten bey ihm bleiben, mit ihm gehen: ſo müſſen Sie gehorchen?“ „Sie wiſſen, wie der Freund denken muß.“ „Das hab ich von Ihnen gelernt, und mehr noch. Aber ich,“ fuhr ſie fort, mit rinnenden Thrä⸗ nen—„ich bin Ihre Freundinn. Ich bin ein Kind, ſagt man; aber was Sie für Ihren Freund können, kann ich fuͤr Sie, und viel ſchöner, viel feſter. Hat Ihr Freund Ihr Leben gerettet? Hätte er das? O hätte er das, was würden Sie dann thun? Nun ſo befehl ich Ihnen, wieder zu kommen.“ „Und wahrhaftig, Iſabelle, ich gehorche. Sobald ich kann!“ ſagre er, dem Kinde ſeine Hand reichend. Es war etwas Kraftvolles, Leidenſchaft⸗ liches in dem Tone, in der Stellung des Madchens. „So laßt ihn reiſen!““ ſagte ſie, ſich gegen ihre Schweſter wendend—„aber bleiben Sie aus: Lafont die Pfarxe z9. II. C 5 — 50— ſo wiſſen Sie, daß ich dann aufs neue verſchmach⸗ ten muß, und dann kann mich Niemand retten.“ Der Vater lachte kaut; aber Iſabelle ſah ihn zürnend an. Braune verſprach dem Vater, ihn gewiß in der Reſidenz zu ſehen. Dann nahm er Abſchied von den Altern, dann von Olympien mit leiſen wenigen Worten, die Olympie mit zitterndem Herzen beantwortete. Ach! ſie dachte, was Iſabelle ſagte, daß ſie ja verſchmachten müſſe, wenn er nicht wie⸗ der kaͤme! Sie fühlte auf einmahl lief⸗ wie ſehr nahe er ihr angehörte. 4 Er ging. Iſabelle ſchlang den Arm um ſei⸗ nen Nacken, und hing ſo an ſeinen Lippen. Dann ſah ſie ſtolz um ſich her, und ging auf ihr Zimmer Olympie folgte ihr. 4 Verachteſt du ihn auch?“ rief ſie zornig ih⸗ ver Schweſter entgegen—„muß er dich auch erſt vom Tode erretten, ehe du ihn lieben kannſt?“ Olympie ſchwieg; ſie legte nun ihr Haupt auf der Schweſter Schulter, und ſeufzte. Iſabelle ſchloß ſie heftig in ihre Arme, und ri mit lauten dem Herzen kommenden Tö⸗ n:„Dich, dich, Olympie, liebte er von uns am meiſten, und du perſtößt ihn ſo hart!’“ Aber Olympie ſchwieg. Sie fühlte ie daß ſie ihn dih verſtoßen hatte. mit ſanfter Stimme, und die Hand ſanft auf ihr Herz drückend, das ſo unruhig pochte. „Mein Retter war er!“ rief Iſabelle, ſich aufrichtend. „Er iſt mein Freund.“ „Er iſt meiner! denn du ließeſt ihn kalt gehen. Olympie! Olympie! Du meinſt, well ich ein Kind bin, ich ſehe nicht. O, ich mag dir's nicht ſagen, wie die Mutter mich frägt, ob er— ob du— Olympie zog ſie an ihre Bruſt, und bedeckre den verrathenden Mund mit Küſſen. Aber die Kleine blieb unwillig, und ſagte es, daß ihre Schweſter nicht ihre Arme um ſeinen Na⸗ cken geſchlungen, wie ſie. Olympie erſchrack, er⸗ blaßte, und nun in der Angſt Iſabellens über ihr Erblaſſen, ließ ſie ſich von Iſabellen das Verſprechen geben, daß Sie nichts mehr von ihrem Lehrer und Freunde ſagen wollte.* Das verſprach die Kleine, die blaſſe Wange der Schweſter mit ihren warmen Wangen waͤrmend. Die Kleine fluſterte ihr zu:„ich weiß, daß er dich ſehr liebr. Er hat dich hundert mahl gezeichnet, mich nicht einmahl wieder, als nu amahl tanzend; und das, ſo ſchön die 3aahua erdu nichts. Das ſah ich gleich. Aber dich! 4 „Haltſt du ſo dein Verfprechen, Schweſter? ℳ „Ich will es halten; aber ſo muß ich, ich muß fert!“ Sie rannte aus dem Zimmer. C 3 Olympie faktete die Hände, ſchlug das naſſe Auge gegen Himmel, und ſagte leiſe:„o gib mir Ruhe und Frieden, guter Himmel!”“ Ferdinand ging; denn er wollte gehen, den Weg nach Dresden. Das Geſchick ſeines Freundes beunruhigte ihn eben ſo ſehr, als ſein eigenes. Er dachte wechſelsweiſe an Olympien, an den Freund, an Thereſen. Der Abſchied von Olympien hatte ſein Herz in die größte Bewe⸗ gung gebracht. Er fühlte feſt, er dürfe ſie nicht oft wieder ſehen, und dennoch hatte er dem Baron ſein Wort gegeben und Iſabellen. Er hatte ſo⸗ gar halb und halb verſprochen, in dem Hauſe des Barons in der Reſidenz zu wohnen.— Obgleich der Baron tauſend Mahl verſichert 4 hatte, daß er den Unterſchied der Stände verachtete. ſo wußte er doch wohl, wie ſehr das nur Worte ſeyn konnten. Er wendete den Blick muthig gen Himmel, und ſagte dieſelben Worte, die Olym⸗ pie ſagte:„O gib mir Ruhe und Frieden, guter 2 Gott! 4¹ Und dann ging er ruhig weiter. Er nahm Poſtpferde, und er kam zu rech⸗ ter Zeit in dem Konig von Pohlen, in Dres⸗ den, an. Die beyde eunde reichten ſich die Hnde — und ſahen einander an, als wolllen ſie, einer in des andern Augen leſen. „Bruder!“ ſagte Braune mit veigen der Stimme, an Thereſen denkend. — 33— „So wollt ich dich haben, Braune! So! das ſollte das erſte Wort ſeyn, wenn du mich mahnſt. Bruder! ja Bruder bin ich!“ „So meine ich's nicht; ſo nicht, mein Bruder!4 „Auch du, mein Bruder! Und wenn ein Bandit dir ſein Meſſer heimtückiſch in die Bruſt bohrte: ſoll ich nicht den Mörder erdroſſeln?“ „Ich bitte dich, Bürger, laß uns erſt hier das Paradies beſehen! Gewöhne dich erſt wieder an mich, an meine Liebe; und hat die Natur und meine Liebe dich heiterer gemacht: dann erſt wol⸗ len wir reden.“ „Nein, beym Teufel, nein! Ich frage dich, höre du, ich frage dich: wenn ein liſtiger, üppiger, verführeriſcher Bube deiner Schweſter, Thereſe, „Herz vergiftete, wenn er ihre— was der Weiber einzige Tugend iſt; dann will ich frey reden mit dir— Keuſchheit raubte, ſie aus deines Vaters Hauſe wegſtöhle, und ſie dann der Schande, dem Untergange Preis gäbe? Sprich du! nun ſprich! ſprich aus deines Herzens Grunde!“ Braune legte die Hand vor die Augen. „Du haſt ſein Todesurtheil geſprochen, und du biſt Thereſens Bruder nicht. Ich bin ihr Bruder. Ich habe mit ihr unter einem Herzen ge⸗ legen, an derſelben Bruſt habe ich mit ihr die erſte Nahrung des Lebens geſogen; meine erſten unſchul⸗ digen Freuden mit ihr getheilt. Ich: ich habe ſie — 54— unterrichtet, ich gab ihrem Geiſte den Reitz, ohne den ihre Schönheit den Buben nicht gelockt haͤtte. Ich ſtand, wie ihr Schutzgeiſt an dieſem Paradieſe, voll Unſchuld, voll himmliſcher Unſchuld, in das der wollüſtige Teufel eingebrochen iſt„ und das er verheert hat. Da! lies ihren Brief! Sieh, ſie gab ihm Liebe, Herz, Unſchuld, ihre Mutter, mich ihren Bruder; ſie gab ihm alles, und er— da lies! Er ſagt zu ihr: ich habe dich dennoch betro⸗ gen! da lies! das Grab verſöhnt uns alle! b9s Grab, Freund! und damit gut!"* „Es iſt ein edler Mann, hörteſt du von ihm! „Deſto ſchlimmer für ihn! ſo wird es ihn nicht befremden, wenn der Bruder der entehrten Schwe⸗ ſter ihm ſein Todesurtheil in die Seele donnert! Wußte er, welch ein unſchaͤtzbares. Gut die Ehre iſt: ſo— gut denn, ſo weiß er, daß die Ehre Blut fordert. Waͤre er ein veraͤchtlicher Elender, den der Sinne Trunkenheit in ihre Arme riß, und ſie in ſeige: ſo— war's das jammervolle Spiel der Be⸗ gierde, des Bluts, ſo— aber er hat, ſo höre! höre und ſprich nicht von Erbarmen! Er hat von dem Bücherverleiher die Klariſſe gehabt, Mo⸗ 4 nathe lang; er hat aus dem Buche die Kunſtgriffe zuſammen geleſen, ſtudiert— und in kalter, hölli⸗ ſcher Ruhe ſtudiert, meine Schweſter zu verderben. Er hat ſie nicht einmahl geliebt, denk ich, und ich will darauf ſchwören. Nein, Menſch, Menſch, ſag kein Wort mehr, oder ich entſage deiner Freund⸗ 4— 55— ſchaft, und zwey Mahl ſtoße ich den Dolch in ſeine Bruſt, und rufe: das für die entehrte Schweſter, das für den verlornen Freund!“ „Ich bitte dich, Ferdinand, ¹I fuhr er nach einer langen Pauſe fort—„mache mich nicht heiß! Denn ich war ſo kalt, ſo kalt, und das will ich ſeyn! ſo kalt, daß ich mir ein luſtiges Liedchen pfe fe, ſo gut, als da wir noch in Italien gingen.“ „Wenn er ihr ſeine Hand gäbe, Bürger?“ „Ferdinand, wie ſprichſt du? ſoll ich wie der Komödielk⸗Bruder auf dem Pariſer Theater, den Treſſenhuth unter dem Arme, den Degen in der Hand, höflich auf den Burſchen eintreten, und ſagen: pardonnez- moi, Monsieur! Nein, ich will rauh ſeyn, wie der Nord! wie der Donner! Ich will ihn anfahren. Was kümmert mich, was er thun wird! Ich bin da, nicht mit ihm zu rechten, ſondern zu beſtrafen, was er gethan hat. „Und Thereſe, Bürger, Thereſe!“ „O muß ich dich bitten, dich Braune, nicht meine menſchliches Blut in Gifttropfen umzuſetzen, mich nicht in eine graͤßliche Empörung gegen das Schickſal zu ziehen? Verſtehen wir uns nicht mehr? oder hat dieſe entſetzliche Büberey mich mit allen menſchlichen Gefühlen ſchon entzweyt? Rein, mein Fluch ſoll ihn nicht über die Gränze des Lebens hinaus verfolgen. Ich will mir nicht die Augen aus den Augenhöhlen reißen, wie der blinde Oedip, um das ungeheuere Weh, das ich in der Tollheit be⸗ * — 56— ginge, nicht zu ſehen. Aber ſo erinnere du mich nicht an Thereſen! Ich habe von dem Schickſal das Amt der Parze. Ich will keinen fremden Haß mit in die gerechte Rache miſchen, nicht die Thräͤnen einer untröſtlichen Mutter, nicht meine weggewor⸗ fenen Hoffnungen, nicht Thereſens artliche Blicke, nicht den Seufzer der Liebe— ee. iebe! o macht mich nicht zu einem Irokeſen!— den ſie ütber mein Lebewohl hauchte. Ich will nur den Jam⸗ mer meiner Schweſter an ihm rächen, und dann wie Kain durch das Leben irren, wie jeder Erdenſohn, bis das Grab mich und den Schmerz verſchlingt. Ich bitte dich, erinnere mich nicht, Braune! Sag, ich habe Unrecht! ſag! ſo will ich Frieden machen mit dem Teufel, mit der Luſt, mit der Peſt!”"“ Braune warf ſich ſchweigend an ſeine Bruſt. Sie hielten ſich lange und ſchweigend umarmt. „Ich heiße nicht mehr Bürger. Mich hat das Verbrechen, ein fremdes Verbrechen, aus der Zahl der Bürger weggeriſſen. Ich bin mein eige⸗ ner König. Ich habe meine Welt für mich, in der iich unabhängig herrſche und walte. Sieh, darum heiße ich von dieſem Augenblicke an König, nicht mehr Bürger. Hörſt du? Und wenn ich mich aus deinen Armen geriſſen habe: ſo kennſt du mich nicht mehr. Begegneſt du mir: ſo ſieh mich mit fremden Blicken an, und kenne mich nicht.“ „O, Bürger! Buͤrger!“ „Das will ich; denn ſoll man von dir ſagen: ſein Buſenfreund war ein Mörder? Das verſprich mir, wenn du mein Freund biſt, wenn du nicht auch, wie er, ſagſt:„ich habe dich betrogen!“ Verſprich! denn ich muß alles aufgeben! Alles! Auch dich!“ 4 Braune legte ſein Haupt an des Freundes Buſen. Ihre Haͤnde fielen in einander. „Und nun laß uns in die Gegend gehen!“ Sie gingen. Braune verſuchte, die Eisrinde von des Freundes Herzen mit Thraͤnen aufzulöſen. Vergebens! Sie fuhren auf der Elbe in einem Nachen nach Dresden hinab.. Ein junger Mann, mit dem edelſten Geſichte, hatte ſich zu ihnen geſellt. Bürger pfiff ſein Liedchen, und ſah finſter in den Strom.. 4 Der Fremde hatte es mehrere Mahle verſucht⸗ mit einem von Beyden in ein Geſprach zu kom⸗ men. Aber Braune betrachtete ſeinen Freund mi⸗ trauernden Blicken, und gab auf den Fremden nicht acht. Derr Fremde redete mit dem Schiffer, der vorn auf dem Nachen ſtand. Der Schiffer achtete auf das Geſpräch, und gab nicht Acht auf den Na⸗ chen, welcher an einen Baum ſtieß, der im Stro⸗ me vom Ufer her lag. Der Kahn ſchwankte, Der C* Fremde ſtand aufrechtz, und der Stoß warf ihn in die Elbe. Bürger ſprang nach, ergriff den Fremden, ſchwamm mit ihm dem Ufer zu, zog ihn ans Ufer mit ſeiner eigenen nahen Lebensgefahr. Er ſah ihn finſter an, ihn, der eben aufſprang, ihm voll Dank in die Arme zu ſinken.„Geſell!“ rief Bürger, ihn von ſich abhaltend—„ich 4 gab mein Leben für deines. Denn deines mag leicht mehr werth ſeyn als das meine. Es iſt gut! Siehſt du, o ſiehſt du,“ rief er Braunen zu, der auf ihn zueilte—„ſiehſt du, wozu ich beſtimmt bin? das Schickſal bedarf meiner. Und nun, nun, du Herzensfreund, mein Pylades, ſonſt war ich's! nun leb auf ewig wohl! Hier trennt ſich unſer Weg, unſere Herzen, unſere Freundſchaft. Schlag deine Hand in meine, und ſage ja, du ſollſt deine Schwüre halten. Denn mich haͤltſt du nicht. Ich muß! Sprich!" „O Freund, was? Jetzt?“ d „„Jetzt! jetzt! Ich ſchreibe dir immer; u wenn meine Briefe ausbleiben: ſo wiſſe, ſo iſt alles vollendet. Leb wohl! laß uns ſcheiden wie Maͤnner!"⁷ Er ſiel an ſeine Bruſt, weinte laut, riß ſich los, und rennte davon. Braune blieb weinend ſtehen, deckte mit beyden Haͤnden die Augen, und rief:„Fahre wohl, edler Menſch! und das Schickſal trete zwiſchen dich 2*„ G und deine Wunſche! Suche vergebens, was du hoffeſt, und dein Herz finde Ruhe an dem Herzen des Freundes!“ 1 5. Der Fremde ſah dem Schauſpiele mit Erſtaunen zu. Das ſeltſame, faſt unfreundliche Benehmen auf dem Nachen gegen ihn; die Reden in einzelnen, aber ſo unbedeutenden Worten mit einander, bald deutſch, bald italieniſch; die zaͤrtliche Trauer des Einen, die ſtandhafte Gleichgültigkeit des Andern hatte ſeine ganze Aufmerkſamkeit erregt. Seine Rettung, und dann die Worte, womit Bürger ſeinen Dank abhielt, die ſchnelle Trennung, die räthſelhaften Worte Braunens: das alles zog ſein Herz unwiderſtehlich an die Beyden. Sie gingen beyde zuſammen nach Dresden zukück. „Ich darf gewiß nicht fragen,“ ſagte de. Fremde—„wer?“ 1 Braune ſchüttelte den Kopf. „Daß er Ihr Freund war— „Mein einzigſter.“ „Daß er ein edler Mann— 4 „Der edelſte, den die Erde hat!“ Und er trauerte noch mehr. G — o— Auf einmahl faßte der Fremde ſeine Hand und ſagte kalt:„glücklicher Menſch! ich habe nie den Freund gefunden. Da wendete ⸗Braune das Geſicht nach ihm um. Und er ſah ein Geſicht, wie er ſelten geſehen hatte. Er hatte es ſo wohl auf den griechiſchen Inſeln geſehen; aber dennoch war es ein deutſches Geſicht: Auge und Blick voll lodernder Flammen, und Stirn und Naſe voll muthiger, feſter Entſchloſ⸗ ſenheit. Das Haupt voll ſchwarzer, krauſer Locken, die ſelbſt das Waſſer im Strome nicht geſchlichtet hatte. Er ſah den Fremden ſanft an, und fagte: ich verlor ihn eben auf ewig!“ „Auf ewig? Wer konnte das wollen?“ „Ein hartes Geſchick.“ „Kann Geld den Freund halten?“ rief der Fremde lebendig, ſeine Hand faſſend—„ich bin reich. Reden Sie ſchnell!“ „Wie könnte Geld ihn von mir trennen? Die harte Hand des Schickſals.“ „ Das Schickſal iſt zu beſtegen, mit Muth und feſtem Willen.“ „Das eben iſt's! Sein Wille war nicht zu be⸗ ſiegen, das Schickſal wohl.“ „Er ſchien nicht ſo feſt.“ „Er war’s. Das eben iſt das Edle an ihm,* daß er immer wahr, immer das Höchſte war, und nichts ſchien; daß er den Menſchen aus des Todes — 61— Abgrunde empor riß, und den Dank verſchmaͤhte. O, haͤtten Sie ihn gekannt! wie freundlich ſpie⸗ lend er das Leben hielt, wie leicht er es trug, wie ſcherzend; und wie ernſt, wie ſtark ſein Herz war! Wie viel er der Freundſchaft vergab, wie viel der Liebe, er, der alles gab! Wie er nur über ſich ſelbſt herrſchte, nicht über das Leben, nicht über den Menſchen herrſchen wollte! Wie vertrauend er von dem Geſchick alles, alles fröhlich aufnahm, von der Hand des Freundes alles, von der Liebe alles!“ Hier ſah der Fremde Braunen ſtarr und mit einem ſeltſamen, finſtern Nachſinnen an. „Und ich habe ihn verloren,“ fügte Braune hinzu—„das werde ich ſagen, wenn eines Freun⸗ des Hand meine ergreift.“ 5 Des Fremden Hand ergriff heftig ſeine, und zog ſie an ſein Herz. „Ich werde ihn nie wieder finden, nie ſeines Gleichen!“ Da zog der Fremde ihn an ſeine Bruſt, ſchwor leiſe: er ſoll ſeines Gleichen wieder finden!“ Der Fremde hing ſich an Braunens Arm, ihn begleitend. Der Zufall hatte ihn in denſelben Gaſthof geführt. Ihre Zimmer lagen neben einan⸗ der. Er öffnete ſogleich die Zwiſchenthür. Braune ſah es nicht einmahl. 4 Er hatte die Stirn in die Hand geſtützt, und dachte an ſeinen Bürger und an ſein Schickſal. Er konnte ſeinen Vorſatz nicht abhalten; denn er durfte — 62— nur an Thereſen denken: ſo ſprang er mitten in der weichſten Empfindung ſeines Lebens zuürnend, auf. Ein Meuchelmörder wollte Buͤrger nicht ſeyn. O das wußte er! Aber das höfliche Theater⸗ ſpiel eines Duelles konnte es auch nicht ſeyn. Er kannte Bürgern. Er hoffte vom Schickſal, er ſollte ſeine Schwe⸗ ſter verheirathet finden; ach, dem widerſprach Caͤc i⸗ liens Brief! Oder er ſollte ſie gar nicht finden, und endlich, nach langem vergeblichen Suchen, in ſeine und Thereſens Arme zurück kehren. d Er wurde ſchmerzlich hin und her geriſſen. Denn wie leicht ſchrieb nicht Caͤcilie ihrer Mut⸗ ter ein Wort, und dann war ihr Verfuͤhrer ver⸗ loren! 3 „O, warum mußte ich ihn laſſen! Ich mußte mit rührenden Bitten, mit der Freundſchaft Gewalt mich an ſeine Seite haͤngen.““ „Aber er häͤtte mich doch verlaſſen. Ich kenne ihn ja. O ich kenne ihn! Und haͤtte ich es nicht ſelbſt ſo gemacht?“ Buͤrger war im Hauſe geweſen, hatte ſeine Sachen abgehohlt und dem Wirth geſaagt, er kaͤme noch wohl den andern Morgen einmahl zurück. Das zerfuhr Braune, und auf dieſes Viel⸗ leichthin blieb er den andern Tag, und beſchloß, noch acht Tage auf ibn oder auf eine Nachricht zu warten.„ Der Fremde ging ab und zu, ohne ihn zu ſtören. Er aß mit ihm. Er ließ ſich von Bürger erzählen. Er ſuchte mit der zarteſten Geduld Brau⸗ nen zu erheitern und zu gewinnen. Braune ſah es kaum. Er machte ſogleich den andern Morgen Anſtalt, ſeinen Freund zu mahlen. Er mahlte ihn, gelehnt an einen Felſen, in kraftvoller Stellung, die Hand drohend ausgeſtreckt gegen eine dunkele Wolke, die über einer Maſſe ſchrecklicher Felſen drohend hing. Der Fremde ſaß neben ihm und ſah ihn arbei⸗ ten, erſtaunte, da er ſeinen Retter lebendig auf der Leinwand hervor treten ſah. In den acht Tagen gewann der Fremde Bra u⸗ nens Herz; denn Braune mußte eine Menſchen⸗ bruſt haben, an der er ſeinen Schmerz ausweinen konnte. Er ſah ihn ſchon oft mit ſeinen freundlichen Augen an, er reichte ihm ſchon oft die zitternde Hand. Doch den Nahmen Freund wagte er nicht auszuſprechen, bis der Fremde einmahl im Finſtern mit unausſprechlicher Zaͤrtlichkeit ihn an ſeine Bruſt drückte und ſagte:„habe ich denn nicht auch ein Herz? Und Muth, dein Freund zu ſeyn? O liebe mich auch! liebe mich! ich liebe dich!“ In dem Augenblicke leuchtete die Flamme einer Fackel ins Zimmer; Braune ſah die ſchimmern⸗ den Thraͤnen auf den Wangen des Fremden. Er umfaßte ihn, und nannte ihn Freund. b —— — 64— Da rief der Herr von Sonnenberg— ſo hieß er—„So habe ich denn gefunden das zweyte theuere Gluück meines Lebens, dich, dich, Braune, und nie laſſe ich dich!“ Er hielt ihn umarmt, er lehnte ſeine Stirn ge⸗ gen Braunens Stirn, und ſagte:„aber, Brau⸗ ne, bedenke, ich halte nicht freundlichſpielend das Leben wie er! Ich vergebe der Freundſchaft nichts nichts der Liebe! Ich bin eiferſüchtig, habſüchtig⸗ mißtrauiſch! Sieh, ich möchte jetzt ſchon fragen: was ſeufzeſt du? Bin ich nicht dein? O liebe mich ja ſehr! 2 „O das war er auch; aber mißtrauiſch nicht und das— o das nicht— Sonnenbergl nicht mißtrauiſch.“ „Dieſes treue, glühende Herz wurde zwey Mahl verrathen, von der Liebe, von der Freund⸗ ſchaft. Aber ſo gib du mir das Vertrauen wieder, Braunel Gib mir es wieder!“ Braune laͤchelte, und Sonnenbeeg glaubte dem Laͤcheln. Sie blieben noch neue acht Tage bey einander, und jeden Tag wuchs ihre Liebe. Ihre Herzen wa⸗ ren eins. Ihre Seelen wurden es immer mehr. Braune fühlte, daß Sonnenberg ihm aͤhnlicher war als Bürgerv aber er ehrte dennoch Bürgern mehr, als Sonnenbergen. Die kleinen, zarten Vertraulichkeiten, die er Sonnen⸗ bergen erwies, die Ruhe, die er in Sonnen⸗ — 65— bergs Armen fühlte, hatte er bey Buürgern nicht gehabt. Sie waren ſich aͤhnlicher; aber Bür⸗ ger ſchien ihm mit ſeinem Trotz, mit ſeinem eige⸗ nen Willen, mit dem Hochmuth, der oft in Brau⸗ nens Leben wild einbrach, dennoch ſanfter, nach⸗ gebender als Sonnenberg mit der Gluth ſei⸗ ner Freundſchaft, die jedes Opfer brachte, was der Freund verlangte. Bürger brachte nie ein Opfer. Es war, als haͤtte er alles, was er that, ſelbſt gewollt. Aber dieſe zärtliche Gluth, dieſe poetiſche Er⸗ hebung ihrer Seelen, in deren Mitte Bürger oft mit einem gemeinen Gleichniß, oder mit einem Scherz brach; zog ſie recht innig an einander. Sonnenberg mußte heim,. Braune mußte ebenfalls nach Birkfelde. Braune aber gelobte Sonnenbergen, daß er auf ſeiner Reiſe nach der Reſidenz zu dem Baron Bard eſtein ge⸗ wiß bey ihm einſprechen wollte. Der Weg ging da ganz nahe voruͤber. Sie trennten ſich, und Brau⸗ ne reiste nach Birkfelde ab. 4⸗ Eine halbe Stunde vor'm Dorfe ſtieß er auf The⸗ reſen, die einſam, den Kopf auf die Wruſ ge⸗ hängt, den Weg daher kam. „Thereſel“ rief er, und ſie hing froh auf⸗ ſchreyend, an ſeinem Halſe. Aber zwiſchen den Fragen nach ſeinem Befin⸗ den, zwiſchen den Vorwürfen, daß er ſo ſelten ge⸗ ſchrieben, und ſogar nichts von allem„ was ihm auf ſeiner großen Reiſe begegnet war, kam doch immer Bürger vor.„Nicht einmahl das, was der Vater das Edelſte im Leben nennt, wie du deinen edlen Freund gefunden und erworben haſt, ſchreibſt du! O geh! Du haſt uns nicht mehr lieb. Aber du haͤtteſt ihn mitbringen ſollen; denn der Vater und wir alle ſind neugierig, euch beyde zu⸗ ſammen zu ſehen.“ Sie ſchwieg und wartete auf Antwort. Er antwortete nicht. Er fragte nur nach allen im Hauſe. Er eilte vorwaͤrts. „ Haſt du ihn geſprochen? So rede doch, lie⸗ ber Ferdivand! Wiir ſind ja in einer Minute ohnehin da, wo ich ſchweigen muß. Haſt du ihn geſprochen?“ „Ja liebſte Thereſe!“ ſagte er, doch mit ei⸗ nem trüben Blicke, den ſie nicht ſehen ſollte. „Uind iſt er geſund?“ „Ja! 1 3 „Ja, und immer ja! Haſt du denn nicht ein kleines Wortchen mehr hinzu zu ſetzen? Er wird uns doch gruͤßen laſſen? Nicht?“ 4* Der Bruder ſah die Wangen ſeiner Schwe⸗ ſter, wie ſie bey dem Nahmen ſeines verlornen * X—,— Freundes ſchöner aufblüheten. Er dachte an des Freundes dunkeles Geſchick, und er ſagte:„Er laßt Euch alle grüßen.“ Thereſeſchlug die Augen nieder und ſchwieg. Denn ſie wußte des Bruders Kalte nicht anders zu deuten, als mit der Käalte ihres Freundes. Sie hatte nicht den Muth mehr, eine Frage zu thun. Sie wendete das Geſicht an die andere Seite, um keine Thraͤne, daß ſie ſo vergeſſen war, von der zie⸗ henden Luft trocknen zu laſſen. „O, liebſte Thereſe,“ ſagte er ſtill ſtehend —„weg mit dem Schmerz der doppelten Rührung: wir werden ihn ſobald nicht wieder ſehen!“ Raſch ſah ſie ihn an, und, nicht mehr Herr des bewegten Herzens, fragte ſie erblaſſend:„ich beſchwöre dich, Ferdinand, rede! Er iſt todt! Dein Geſicht, dein Auge voll Thraͤnen, deine be⸗ bende Stimme— „Er lebt, eviſt geſund, liebe Thereſe! Aber er iſt auf einer Reiſe begriffen, die lande dauern kann.“ „Aber doch endigen wird?“ „Er ſucht eine verlorne Schweſter.“ „O, das iſt nicht alles, was du zu ſogen haſt! Warum ſiehſt du mich denn bey der Nachricht nicht an? Du verſchweigſt etwas Schreckliches, Bruder, etwas Ungeheures. O gib mir doch eine kleine Hoff⸗ uung, mein lieber Bruder und wiſſe, wiſſe, was ich Allen verſchwiegen habe, daß ich— o hu liebſt 4„ — 5 5 2 4 71 4 — 68— mich nicht mehr, ſonſt würdeſt du nicht ſo kalt da ſtehen!“) „Ich kalt? ich? kalt?“ Nun ſiehſt du, was dieſe Worte, deine Rüh⸗ rung, deine Lippen verkündigen! Ich bitte dich, ſag’ es! Meinſt du, es fehlt mir an Muth, die Nachricht zu hoͤren?“ 33 „Es iſt nichts, liebe Thereſe, als daß er eine verlorne, heiß geliebte Schweſter ſucht!“ „Cdcilien:?n“ „Eben die.“ „Verloren? wie denn? Was er von dieſer Schweſter erzählte— o du verbirgſt etwas! „Nichts.“ Er faßte ihre Hand, und eilte vorwaͤrts. Sie hielt ihn.„Ferdinand,“ ſagte ſie ernſt—„ich bitte dich ſehr, rede! Ich nehme Theil an deinem Freunde. Ich muß dirs zitternd ſagen: Ich nehme Theil an ihm. Drum ſage es jetzt, da ich hier mit dir allein bin. Wenn du mir die Liebe vergelten willſt, aus meiner Kindheit: ſo rede ja. Verſpare es nicht, bis die Andern uns umringen!“ „Bey Gott, er ſucht eine verlorne Schweſter!“ rief er angſtlich. 3 „Bruder, ich will kniend dich bitten: Du ver⸗ ſchweigſt etwas Graͤßliches!“ „Und einen Feind, der die Unſchuld verführte.ℳ 1 2 — 69— 55 „Einen Feind? wie? der die Schweſter ver⸗ führte? O das iſt wohl ſchrecklich! Und was ver⸗ langt da die Ehre von dem Manne? Ich danke dir, lieber Ferdinand! Ich bitte dich, es dei⸗ nen Altern zu verſchweigen; denn ſogleich ſagen ſie: alle Hoffnung iſt hin. Und ſie iſt nicht hin. Nicht?“ Sie ſagte das„Nicht?“ ſo freundlich, daß er ihr nichts anders antworten konnte, als: ja wohl!“ Sie gingen zu Hauſe. O welch ein Glück, welche Freuden umſchließt ein Haus, in dem die Liehe wohnt und der Frieden! Die umſchlingenden Arme der Altern, das frohe Gewimmel und das Freudengeſchrey der kleinern Geſchwiſter, das den Bruder liebend umringte, zog den Trauernden in den Kreis der Freude mit hinein. Selbſt die Wallfahrt nach des alten Boiſens Grabe wurde ein Freudengang für Alle. Man begleitete ihn zu allen neuen Anpflan⸗ zungen, zu Eberhardinens Lebensbaͤumen, die doch zu blühen anfingen, in das Dorf, zu den al⸗ ten Bekannten. Thereſe hatte ſich an des Bruders Arm ge⸗ hängt, und redete mit frohem Muthe, um ihrer Hoffnung eine ſchöne Vorbedeutung und Leben zu geben. „Hat Thereſe noch nichr gefragt?“ flſſterte die Mutter dem Sohne leiſe zu. Er lächelte. Das junge Volk machte dem Bruder alle ihre gymna⸗ ¹ 8 — 52— tiiſchen Übungen vor, die ſie von Bürger gelernt hatten. Sie ſangen das Lied eines Barkerols im venetianiſchen Dialect, das ſie auch von Buürger gelernt hatten; aber er kannte das alles nicht. Aber da riefen ſie ihm Alle zu:„wo aber haſt du den deinen lieben, frohen Freund Bürger?“ Er rollte die Leinwand auf, und kief„hier iſt er!“ Der entzückte Vater ſchlug den Arm um den Sohn, und feyerte den Triumph ſeiner Kunſt. Die Mutter aber, wie eine Mutter, hatte et⸗ was andres zu fragen; ſie warf ihren Blick auf Thereſen, und Thereſens Geſicht rang mit dem Vergnügen, ihn zu ſehen, und mit dem Schmerz der Nachricht, die ſie erhalten. „Warum ſteht er denn da unter der dunkeln Wolke, Bruder Ferdinand, und zwiſchen den wilden Klippen?“ fragte ſein Bruder—„und dein Freund war ſo heiter, immer ſo froh!“ Die Frage that ihm ſo weh. Das jüngſte Mädchen zeigte auf Thereſe n, mit weit ausgeſtreckter Hand und Finger, ſagend: „ſäße die da bey ihm: ſo würde er recht freundlich ſeyn, nicht wahr, liebes Thereschen?“ Thereſe lachelte nicht, errbthete nicht. Ihr Auge bing auf der dunkeln Wolke der Zukunft, auf der wilden klippenvollen, öden, fremden Gegend und da ſie die Thränen nicht länger verbergen konnte, legte ſie die kalten Lippen auf ihrer Mutter Hand.— Die Mutter fragte ſchnell:„das Bild bedeutet doch nichts, Ferdinand?“ „Den Mann? 2“ ſagte der Vater. „Vielleicht mehr, als den Mann,“ ſagte die Mutter beſorgt—„er verſprach ja mit dir zu kom⸗ men, Ferdinand!“ „Er kann nicht.“ Die Mutter ſuchte die Erklaͤrung dieſer Worte auf Thereſens Geſicht. „Er kann nicht kommen, lange nicht! viel⸗ leicht nimmer!“. Dieſe bebenden Worte laͤhmten den Flug der Freude.„Was iſt denn?“ fragte der Vater ernſt. „Nichts, gar nichts:“ ſagte Ferdinand verlegen. „Sag es nur, Bruder,“ fiel ihm Thereſe leiſe ein—„der Vater iſt ein Mann. Er weiß Rath.“ „Er ſucht ſeine verlorne Schweſter, Vater!“ „O nein, ſag nur alles! Er ſucht den Ver⸗ führer ſeiner Schweſter; ach, gewiß mit einem blutigen Vorſatz im Herzen!“ Mit dieſen Worten war ihre Stärk⸗ weg, ſie lehnte ſich an der Mutter Schulter.„Hat der Vater etwas geſagt?“ fragte ſie auffahrend. Der Vater hatte nichts geſagt. Er gab nur nach einer Pauſe ſeinem Sohn einen Wink, und ſie gingen allein. G „Iſt es ſo? fragte der Vater. Der Sohn gab dem Vater Bürgers Brief, und ging ſogleich wieder zu Thereſen und der Mutter.. Nachher redeten Vater und Sohn darüber. „Du hätteſt ihn nicht verlaſſen müſſen, mein Sohn!“ Er erzählte, wie er von ihm gekommen. „Biſt du gewiß, daß er keinen Meuchelmord begehen wird?“. „Vollkommen gewiß.“ „Gewiß, daß er Thereſen liebt?“ „Mit ganzem, vollem Herzen.“ „Hüthe dich, deiner Schweſter etwas von ſeiner Liebe zu ſagen. Sie liebt ihn ohne es zu wiſſen.“ „Und ſagſt du von ihm nichts, mein Vater; fragte der Sohn ängſtlich, beſorgt für den Freund. „Was kann ich ſagen? Ich zittere nur vor Thereſens Liebe. Deinen Freund hat des S Schick⸗ 3 ſals Hand auf die Spitze des Felſens geſtellt, rings mit Abgründen umgeben. Nur das Schickſal kann ihn retten, das ihn ſo ſtellte. Und ſo laß uns hoffen 1 und ſchweigen.“ 5 Aber Thereſens ſtiller Gram und die trau⸗ ernde Liebe Ferdin ands um des Freundes un⸗ eneiblihes Suhi a lagerte ſich doch wie eine — 73— dunkle, drohende Gewitterwolke über die gluͤckliche Familie. In Eberhardinens Auge hingen Thränen eines ſchweren Kummers, den ihr Mann vergebens zu tröſten ſuchte, bis ein Brief von Bürger die dunkle Wolke auf einen Augenblick zerriß. Buͤrger an Ferdinand. Jo komme mir vor, wie ein Reiſender, der, von höſen Geiſtern getrieben, ohne Ziel durch die Erde rennt. Wer gibt mir einen Faden, um mich aus dieſem Labyrinthe zu finden?—— Und fände ich ihn nun endlich, ſtünde ich nun endlich vor der Höhle des Raubthiers— ich weiß wohl, was ich thun werde, wenn ich das bleiche Geſicht der be⸗ trogenen Schweſter ſehe, und den hohnlachenden Sünder! O das weiß ich! Aber was ich werde, will ich nicht unterſuchen; ſondern was ich will, wollen ſoll. Sieh, und dann ſteht der Komö⸗ dienbruder von Moliere vor meinen Augen, den Hut in der einen Hand, und die beyden De⸗ gen in der andern, mit der höflichen Bitte, die Schweſter zu heirathen, oder— dem Buben an die Kehle zu fahren und ihm den üppigen, ſündigen Athem mit der drückenden Fauſt zu nehmen! Rache Lafont. die Pfarre zꝛc. II. D habe ich, Strafe er, und meine arme Schweſter! Sieh, ſo jage ich den Gedanken jeden Tag tauſend⸗ mahl durch meine Serle; aber ſobald ich ein Eiſen in meiner Hand habe: ſo ſteht der Meuchelmörder da, und meine zahme, vornehme Ehre zuckt die Achſeln bey dem Worte. Was der gedankenloſe Zorn thun wird, weiß ich; aber ich wollte, ich könnte alles vergeſſen, und auf einmahl ſpränge mir das bleiche Geſicht meiner Schweſter und der Verführer unter die Augen. Das Übrige mag der Himmel vergnt⸗ worten! 1 Sieh, da muß ich mein eigenes Glück weg⸗ werfen, um wie eine Furie mit hinkendem Fuß hinter einer Sünde her zu tappen. Und wenn nun das geſchehen iſt, was geſchehen muß; wenn das ungeheure Weh, denn das wird’s; denn ich bin das blinde unvermeidliche Schickſal— wenn nun alles geſchehen iſt, das Weh zur Welt, ans Licht geboren: wer wird dann von uns lächeln? wer? Wird das Opfer, was ich bringe, nur Eine Thraͤne aus dem Auge meiner Cäcilie verlöſchen? Ich 5 bejammere das Weh, das meine Hand ans Licht reißt. Ich muß⸗ Ich bin die Fackel in der Hand der Furie. Nichts weiter!— Ich ſinne, daß mein Gehirn ſpringen möchte, auf eine freundliche, ver⸗ ſöhnende Macht, die zwiſchen uns traͤte. Ich ſehe nichts, als den einen Weg, der in den dunkeln Ab⸗ grund führt. Eins kann mich retten, mich! un — 75— das Einzige wünſche ich nicht. Wenn ich ihn nicht fände! Aber ich muß ihn finden; denn wird nicht Caäͤ⸗ cilie einmahl etwas von ſich hören laſſen? Und kann ich je aufhören, ihr Bruder, ihr Rächer zu ſeyn? Sieh, ich ſtehe wie einer, auf deſſen Haupte eine Blurſchuld ruht. Er durfte in kein Haus gehen, mit Niemanden eſſen, an keinem Altare opfern, Niemanden anreden. Er blieb einſam und fremd mit⸗ ten unter den Menſchen! O Thereſe! Thereſe! O, wie durfte ich die blutige Hand in die reine Hand eines Mädchens legen! wie dürfte ich mit ihrem ſtillen, ſchuldloſen Leben mein Leben mi⸗ ſchen, in dem ein lauerndes Geſpenſt ſtehtt, aus deſſen ruhigſter Stille auf einmahl das Geſchrey: Mord! Blut! gräßlich aufjauchzen könnte! O Ihr kennt mein dunkles Geſchick nicht! O welch ein Gott wird mich retten! welcher! O ſprich, muß ich nicht vorwaͤrts? darf ich je zurück? Ich gehe meine Bahn! könnt ich vergeſſen! O Thereſe!— (Fortſetzung ſpäter.) Dem Himmel ſey Dank, lieber Bruder; der Himmel hat mir ein kleines Geſchaft gegeben. Ich trete hier in einen öffentlichen Garten. In der Allee ſehe ich eine Frau, ein junges Maͤdchen, und in ihrer Mitte einen Mann daher kommen, der angelegentlich mit dem Maͤdchen redet. Ich zog ruhig vorüber, obgleich mich der Menſch im Porübergehen ſtarr anſah. — 76— Ich gehe weiter, und nach fänf hnuten be⸗ gegnet mir der Menſch wieder, ſieht mich wieder ſtarr an, und ich ſage— denn ich erkannte ihn— nach, ſieh da, Herr von Boiſen! Ich kannte dieſen Herrn von Boiſen von Paris her, wo ich ihn zuweilen auf dem deutſchen 1 Kaffeh⸗Hauſe ſah. Ich konnte das milchige Schaum⸗ geſicht nicht leiden. Aber in Paris war er mein Landsmann. 4 „ Ach, ſieh da, lieber Freund! doch will ich Sie bitten, mich nicht Boiſen, ſondern Brandt zu nennen. Ich habe Urſache, hier nicht unter mei⸗ 3 Nahmen zu gehen.“ will Sie lieber gar nicht nennen,“ ſagte ich, busfte mich und ging. Das häͤtte ſonſt keine Folgen gehabt;; aber jetzt, da ich gerade ſo einen Sunder ſuche, der ſich aus einem Edelmann in einen Bürger verkappt hat, und dieſer Boiſen mit ſeinem Milchgeſicht und dem Pariſer⸗Leben— alle Teufel! wenn ich mei⸗ nen Mann gefunden haͤtte! Da kommt mir, dem der Zorn im Buſen brannte, die Frau und das Maͤdchen, mit denen er gegangen war, entgegen. Ich ſehe das Maͤd⸗ chen an, und ein Zug auf dem ſchönen, holdſeli⸗ gen Geſichte, der mich an Thereſen erinnerte— ich hatte mich nicht geirrt— und der eine zweyte Flamme zu der erſten in meiner Bruſt entzundete, machte mnich aufmerkſam. Sie bogen in einen Si — 77— tengang. Ich ging an der andern Seite des Gan⸗ ges hinter einer dicken Hecke, auf einem weichen Raſen, ſo daß ſie mich weder ſehen noch hören konnten. Die Frau, die den Titel„gnädige Frau““ führte, redete in dem Tone und mit der Stimme eines Fiſchweibes von dem Herrn Brandt, und in übertriebenen gemeinen Lobeserhebungen. Sie machte dem Maͤdchen Vorwuͤrfe, daß ſie den gu⸗ ten, den reichen Herrn Brandt nicht achtete, da doch ihre Liebe eine Kinderey ware, aus der nie etwas werden könnte. Ich bog am Ende des Ganges um die Hecke, und redete ein Paar Worte mit Beydena Ich hätte ſchwören können, die gnaͤdige Frau war ein Fiſchweib, oder noch etwas Schlimmeres. Ich ging raſch zurück, und ſtellte mich an den Ort, wohin ſie kommen mußte, unter den Haufen der jungen Kerle, die das ſchöne Mädchen gewiß nicht ohne Bemerkung vorüber laſſen würden. Man re⸗ dete von der Schönheit des Mädchens, und ich fragte unbefangen, wer ſie waͤre. „Eine Fremde, eine Geſellſchafterinn der Frau von Dornau, die hier den Sommer über auf einem kleinen Landhauſe ſehr einſam und eingezo⸗ gen lebt.“ Sie war auch eine Fremde. Den Herrn Brandt kannte Niemand. Es war auch ein Fremder. ——— vor mir, eben das Bubenſtück, das mich, wie den Brudermörder Kain über die Erde jagte. Ich legte mich in ein Fenſter eines kleinen Haͤuschens, aus dem ich ſie ſehen konnte. Boiſen kam, plauderte, ging. Näherte ſich ein anderer Mann: ſo wies ihn die edle Kupplerinn rauh zurück. Ich ließ mich vor Boiſen nicht wieder ſehen. Sie gingen. Boiſen begleitete ſie, bis vor ein kleines Landhaus, dqs einſam genug lag, um jedes Bubenſtück zu erleichtern, was das Milchge⸗ ſicht vor hatte.„Verdammtes Geſindel!“ rief ich zornig, mit dem Fuße ſtampfend, und war feſt entſchloſſen, dazwiſchen zu treten. Ein junges Madchen, das aus dem Garten zur Stadt ging, und das dem Anzuge nach in den Garten gehörte, ging neben mir weg. . Ich folgte ihr, und redete ſie fröhlich an. Scherzend gingen wir mit einander. Ich bath ſie, mir den Riemen am Sporn feſter zu ſchnallen. Ich machte ihr ein kleines Geſchenk dafür, und fragte nach ihren Altern. Nun arbeitete die Geſchwaͤtzigkeit ihrer Zunge von ſelbſt. Ich erfuhr, ohne zu fragen, daß die Frau von Dornau in ihres Vaters Hauſe wohn⸗ te, der Gaͤrtner war; daß Mamſell Balke das ſanf⸗ teſte, gütigſte Weſen ware, das man lieb haben müßte, und daß ſie oft von Herzen traurig wäre Sieh Braune, da ſtand die ganze Büberey ——— trotz des reichen, jungen Liebhabers, eines Herrn Brandt, der oft die gnädige Frau beſuchte, und daß es wohl auf eine Heirath hinaus laufen würde; denn der junge Herr war der reichſte und freygebigſte Menſch von der Welt. „Aber warum weint das huͤbſche Maͤdchen? Das wußte ſie nicht. Ich erfuhr noch allerley kleine Umſtaͤnde: daß die Frau von Dornau eine Langeſchläferinn wäre, daß aber die ſchöne Mamſell jeden Morgen mit der Sonne auf ſey, um in das kleine Birkenwaͤldchen, das nahe am Garten lag, zu gehen, und daß Herr Brandt immer erſt nach zehn Uhr kaͤme, alsdann auch oft bis ſpät Abends bliebe. Mir war's, als wäͤren mir die Nahmen Boiſe und Balke wie aus einem Traum bekannt; und da fiel mir ein, daß ich beyde Nahmen von dir, in der Erzählung deines Lebens gehört hatte. Der Zug von Thereſen in des Mädchens Geſicht! Ich ſprang vor Freuden in die Höhe. Es war mir Armen, als ſtände ich vor der Pforte der Freude⸗ Am andern Morgen— denn wie hätte ich einen Tag zögern moͤgen?— war ich vor der Sonne im Birkenwäldchen, und hatte die Thüre des Gartens im Auge. Sie offnete ſich, und das Maͤdchen kam hervor, eben ſo ſchön wie der ſchöne Morgen. Sie ging ſingend dem Birkenwäldchen zu. Ich ſtellte mich abſeite, um ihr den Rückweg abzu⸗ ⸗ 5 .— 80— 1 ſchneiden, und dann ging ich hart auftretend hinter ihr her. Sie ſah zurück, ging ein Paar Schritte ſeit⸗ wärts vom Wege, ein wenig angſtlich, um mich vorüber zu laſſen. Ich ſagte ruhig:„Sie eben ſuche ich, liebes Kind, um Ihnen zu ſagen, daß Sie in der Ge⸗ walk von ein Paar Betrügern ſind, Ihrer Frau von Dornau und des Herrn Brandt, der ein reeicher Edelmann iſt, und Herr von Boiſen heißt.“ S ie ſtand vor Schrecken mit offnem Munde und ausgeſpreitzten Fingern da, und ſah mich furcht⸗ ſam und doch verlangend an. „Betrüger?“ fragte ſie. 3. „Betrüger!“ ſagte ich—„wenn Sie nicht wiſſen, daß Brandt ein Herr von Boiſen iſt, den ich genau kenne. Und wollte der Himmel, daß Ihr Nahme Balke— ich kenne die Enkelinn eines Oberförſters Balke.“ „O Gott!“ rief das Maͤdchen, ſich auf die Zehen hebend, die Arme froh ausbreitend, die Au⸗ gen auf mich voll Freude gerichtet, als wollte ſie in den Himmel empor ſchweben—„o Gott! meinen Sie meine Eberhardine?“ „Die eben mein'’ ich, jetzt die Frau des ehe⸗ mahligen Predigers in Holm.“. Da flog ſie mir naͤher, und die Freude jagte eine Frage nach der andern: ob Eberhardin — 31— noch lebe, ob ſie glüͤcklich ſey, ob ſie ſich ihrer noch erinnere?„denn ſehen Sie,“ fuhr ſie in verwirrter ſchoner Freude fort—„ich lebte bey meinem Großvater, dem Partriarchen, dem Pre⸗ diger in Hemmerborg. O wie ich Eberhar⸗ dinen liebte! o wie wir ſie alle liebten!“ Genug, liebſter Ferdin and, ſie kannte dich, ſie iſt ein Jahr aͤlter als du. Sie hat in Holm mit dir geſpielt. Nun zog ich deine Briefe hervor, und ließ ſie leſen, was du mir ſchriebſt von Birkfelde.— Auch den Nahmen kannte ſie. Ich hatte ihr Ver⸗ trauen, und wir kamen nun auf den Anfang un⸗ ſeres Geſpraächs zurück:„Sie ſind in den Händen von ein Paar gefährlichen Betrügern.“ Ich fragte, wie ſie zu der Frau von Dornau gekommen? Das arme Mädchen iſt nach dem Tode ihrer Mutter bey ihrem Vormund.. Die Frau von Dornau ſucht unter den lo⸗ ckendſten Bedingungen eine Geſellſchafterinn. Man traut ihr; denn ſie iſt mit Wagen und Pferden da. Die arme Helena iſt die ſichere Beute der Kupplerinn. „Und nun, liebe Helena,“ hob ich wieder an—„laſſen Sie uns von dem Manne reden, den Sie lieben.“ Sie erröthete, und fing an zu weinen. „Denn ſehen Sie,“ ſetzte ich hinzu—„ich kann Sie nicht retten.“ Sie ſah mich mit einem ruͤhrenden Ernſt an. „O“,“ ſagte ſie, beyde Hände gegen mich erhebend- „meinen Sie es auch ehrlich? Aber,“ ſagte ſie raſch, ihr Mißtrauen wieder gut zu machen— „ich glaube, er iſt hier.“ „Hier? alle Teufel! und Sie ſind noch in den Handen dieſer Menſchen?“ „O Sie wiſſen nicht!— Er war, den Sie meinen Liebhaber nennen, geſtern mit auf dem Garten.“ „Nun? und Sie— „Lieber Himmel! weiß ich doch Ihren Nahmen nicht einmahl, und wer, o wer iſt mir lieber als Sie?““ „Sie wiſſen ſeinen Nahmen nicht?/% „Seinen Nahmen nun wohl! aber nicht viel mehr. Er wohnte gegen uns über. Mein Vormund hielt mich hart. Ich durfte kaum ans Fenſter. Aber kam ich ans Fenſter: ſo ſah ich ihn mich betrachten. Ich dachte, das bedeutete Liebe.“ „Und da liebten Sie ihn wieder?“ „O nein! ich erkundigte mich erſt ernſlich nach ſeinem Charakter.“ „Sehen Sie, ſo vorſichtig! Und hörten? „Er wäre ein vortrefflicher Menſch.“ „Nun liebten Sie ihn?“ „Mit nichten! Es lief ein halbes Jahr hin, und wieder ein halbes Jahr; und wir hatten noch bichss ein Wort gewechſelt.“ — 83— „Aber deſto mehr Blicke?“ „Wohin ſollt ich ſehen? Er ſtand immer gegen mir über.“ „Woher wußten Sie ſeine Liebe?“ „O die weiß man ja wohl! Er war blöde; ich war's nicht minder. Da kam die Frau von Dor⸗ nau. Ich ſetzte mich ans Fenſter mit dem Tuche auf den naſſen Augen. Kann man deutlicher reden? Er war in Verzweiflung. Ich war's auch.“ „Denn Tag vor meiner Abreiſe trat ich noch einmahl ans Fenſter, ihn zum letzten Mahle zu ſehen. Er wußte alles: da erblaßte er; aber auf einmahl ſtürzte er aus dem Hauſe an mein Fenſter, und ſagte zu mir in zitternden Tönen:„„O nur noch acht Tage zögern Sie! Ich fliege zu meinem Vater!“ „Gott!“ rief ich—„ich muß morgen fort! ich muß!“. „Er ſah mich noch einmahl bittend an, und ich ſagte:„o leben Sie wohl.“ „Das iſt alles, was wir je geſprochen haben.“ Ein Liebeshandel in recht antikem Paradies⸗ ſtyle: nicht war Braune? Und nun hatteſt du dieſe Liebe, die es nicht weiter als zu fünf Worten gebracht hatte, ſehen ſollen, wie ſtark ſie war, wie mächtig, wie heilig ſogar! O ſeltſame Leiden⸗ ſchaft! 4 Er war auf dem Garten geweſen. Der blöde — 84— Schaͤfer war in weiten Kreiſen um die Geliebte her⸗ geſchlichen; und kam er in ihre Naͤhe: ſo hatte er vor Erröthen, und dann vor Erblaſſen nicht ein Wort ſagen können. Maͤdchenliſt reicht weiter. Helana ſitzt mit der Frau von Dornau in einer Laube, und der blöde Liebhaber ſchleicht von hinten herbey. Das Maͤdchen ſingt: Und wüßt' ich, wo er wohnte, Fch ſchickte Nachricht ihm! „Nun das ließ er ſich doch geſagt ſeyn?“ 3 „Ja; denn er geht vorüber mit dem Aufwaͤrter, und ſagt dem, im Adler wohn ich, Nummer 2. Das erzählte ſie mir unter dem holdeſten Erröthen. 1 1„Geben Sie mir ein Paar Zeilen an den 8 jungen Menſchen mit, liebe Helena!“ Ich gab ihr ein Slatt aus meiner Brieftaſche, und einen Bleyſtift.— Sie legte die Ier an die Stirn, und ſchrieb— nichts. Ich diktirte ihr ein Paar Worte, die ihr alle zu warm waren, und dann ſchrieb ſie ſelbſt ein Paar Reihen, deren Anfang ſo eiskalt war, und deren Ende heiß war wie die Liebe. Aber ſie wußte es nicht. Seltſame Leidenſchaft! 3 „und nun, Helena, laſſen Sie ſich heute nicht von hier bringen, und morgen nicht, es gehe vor, was da will, und müßten Sie auch todtſter⸗ bens krank werden? Und von uns kein Wort!“ Das begriff ſie leicht. Ich ging. Ich ging in den Adler Nummer 2, und ſah einen jungen Menſchen ſitzen, mit dem freundlichſten⸗ unſchuldigſten, frömmſten Maͤdchengeſichte, das je auf ein Paar Mannsſchultern geſtanden hat. Das Mäͤdchen, und der Burſche hier, waren dem weißen, zärtlichen Taubenpaar vor dem Wagen der Liebes⸗ göttinn vollkommen ähnlich.. 2 „Sind Sie Herr Ahlers?“ fragte ich mit einer wahren Flötenſtimme, um den jungen Men⸗ ſchen, der verlegen aufgeſtanden war, nicht aus ſeinen fünf Sinnen zu erſchrecken. „Ihnen aufzuwarten,“ antwortete ein Lä⸗ cheln des Mundes und der Stimme. Ich hätte den Jungen auf den Madchenmund küſſen mögen. „Mamſell Balke hat mir aufgetragen”“— ich ſuchte das Billet in meinem Taſchenbuche, und fand es nicht. Bey dem Nahmen Balke erröthete er ſchö⸗ ner, tauſendmahl ſchöner als ein Mädchen. „Sie haben an dem Geſchick des lieben Mäͤd⸗ chens,“ ſagte ich, noch immer das verdammte Billet ſuchend, das nicht da war—„Theil zu nehmen geſchienen!“ Er legte die Hand auf die Bruſt, und ſagte mit einer ehrerbiethigen Verbeugung, nicht gegen mich— dieſe Verbeugung gehörte in die ſchönſte Ritterzeit—„den allerinnigſten von der Welt!“ „Allein Sie haben ſo wenig mit ihr geredet, — 86— ſie mit Ihnen, daß ich faſt glaube, die Theilnahme, die Sie Beyde für einander haben, bedarf eines Dollmerſchers.“ Er ſah mich groß an, und ſagte, das Maͤd⸗ chengeſicht ſtolz empor hebend:„nein, mein H.rr, meine Theilnahme an dem edlen Mädchen bedarf keines Dollmetſchers!“ Es traten Funken in das ſanfte Auge, und ein Purpur, der Widerſchein einer Flamme in ſeiner Bruſt, die ich mit Ver⸗ gnügen ſah, ſtrömte auf ſeine Wange. „Denn, denn das Billet, das ſie Ihnen ſchrieb, iſt zum Teufel! dann muß ich anders an⸗ heben“ Ich erzählte ihm die Begebenheit von geſtern, daß Helena in den Haänden eines reichen Betrü⸗ gers waͤre, den ich von Paris her kennte.„Und da,“ fuhr ich fort—„der Nahme Balke mir ein ſehr theurer Nahme iſt, und Helena iſt die nahe Verwandtinn meines Buſenfreundes: ſo— Sie ſehen Herr Ahlers, daß Sie die Muhe uüber⸗ nehmen müſſen, der Dollmetſcher Ihrer Empfin⸗ dung zu werden.“ 3 Nun war er wieder das blöde Kind. Er ge⸗ ſtand mir ſeine Liebe; aber er verhüllte ſie in ſo zarte Worte, und doch brach dieſe Liebe ſo gewalt⸗ ſam aus ſeinem Herzen hervor, und rang mit dem Dufte ſeiner Worte, in den er ſie hüllte, daß ich fühlte, ſo zart war meine Liebe nicht.— Er hatte Herz zu Allem, nur nicht der Ge⸗ kiebten unter die Augen zu treten. Er nahm den Hut, er wollte Boiſen aufſuchen. Er zürnte, und in ſeinen Zorn hätte ſich jedes Maͤdchen ver⸗ liebt; ſo reitzend ließ er ihm. Er hatte ſeinem Vater ſeine Liebe verſchwie⸗ gen, nicht, weil er zweifelt, ſeines Vaters Bewilli⸗ gung zu erhalten, ſondern weil es ihm unmöglich war, ſeine ſtille Liebe jemanden zu entdecken. Jetzt hatte er ſeinem Vater alles geſagt, und er hatte die ſchriftliche Erlaubniß ſeines Vaters, dem geliebten Mäͤdchen ſeine Hand anzubiethen. Ich ſah voraus, daß, wenn Boiſen ent⸗ ſchloſſen war, mir das Mäͤdchen nicht aus den Händen der Kupplerinn, die ſich auf den Befehl des Vormundes ſtützen konnte, reißen konnten. Wir beſchloſſen alſo, die ſchöne Helena mit eiſt aus den Händen ihres Entführers zu nehmen, und wir gingen, ich hatte meine beyden geladenen Terzerole in der Taſche, dem Landhauſe zu. Ein Wagen fuhr langſam vor uns her, und hielt vor dem Garten. „Teufel,“ rief ich, meine Schritte verdop⸗ pelnd—„wir kommen eben recht!“ Ich trat in den Garten, ins Haus, ich hörte des Mädchens Geſchrey, und öffnete ruhig das Zimmer. Ich ſah lächelnd den Herrn von Boiſen, dann die alte Kupplerinn, deren Gewiſſen das haß⸗ — 88— liche Geſicht blaß machte, an. Ich war nun meiner Sache gewiß. Boiſen erſchrack wohl ein wenig; aber er faßte ſich, und, feſt auf mich zutretend, ſagte er: „was iſt Ihr Begehren?“ Laͤchelnd ſagte ich, ſo kalt wie möglich, um ihn aus der Faſſung zu bringen:„Herr von Boi⸗ ſen, daß ich Ihren Nahmen kenne, wiſſen Sie. Aber Sie wiſſen nicht, daß ich weiß, Sie haben da mit dem Mütterchen dort ein Complott gemacht, das ſchöne Mädchen in Ihre Gewalt zu bringen. Sie hätten, um Ihren Stand zu ehren, den Sie da mit der Kupplerinn getheilt haben, ein wenig feiner greifen ſollen; denn wenn ich auch die Dame nicht kannte, ſo wuͤrde Sprache, Anſtand, die Hände, als ob ſie gedroſchen hätten, mir alles verrathen 4 haben.„Weib,“ rief ich—„laß das Maͤd⸗ chen los!“ 1 Sie ließ Helenen fahren. „Welche Rechte haben Sie auf das Maͤdchen?“ fragte er, ſich erhebend. „Die Rechte, die mir mein Muth gibt. Se⸗ hen Sie, Herr von Boiſen, Sie ſind auf einer Reiſe, hübſche Mädchen zu jagen; ich bin auf der entſetzlichen Reiſe begriffen, jedem üppigen Schur⸗ ken die Beute abzujagen. Bey Gott, das bin ich! dazu hat mich das harte Schickſal, wer weiß, auf 3 viele Jahre beſtimmt. Sie hat der Zufall auf mei⸗ nen Weg gebracht./ — 8 9— „O Boͤſewicht, wenn ich denke, das wäre meine Schweſter, die ich ſuche, und ich ſtände jetzt ſo vor dir, und— o du Himmel voll Barm⸗ herzigkeit! ſo werde ich ſie nicht finden, wie die⸗ ſes Maͤdchen, die der Peſthauch deiner Lippen nur berührte, nicht vergiftete.“ „Was ſoll dieſe naͤrriſche, tragiſche Prahlerey?“ ſagte er kalt und feindlich—„Sie ſehen, ich bin ohne Waffen. Sie hoffentlich nicht. Sie haben Je⸗ mand bey ſich; ich bin allein.“ „Pah, Herr von Boiſen! alſo ohne Prah⸗ lerey erklaͤre ich Sie ganz kalt für einen Allerwelt⸗ Taugenichts, dem ich berufen bin, ſo ein kleines, halbes Viertel⸗Achtel⸗Gefühl von Gerechtigkeit ein⸗ zuprägen. Euch, die ihr mit eiskaltem Blick die Liſt abwägt, in Karaten und Granen, eine Un⸗ ſchuld nicht zu zerſtoͤren— denn welch ein kleines Bubenſtück waͤre das! ſondern ſie dem Teufel, der Hölle zuzubereiten, wovon Ihr erſt ſchmauſt, dann Er; und da ich das nun für ſchlimmer halte, als auf der Landſtraße zu plündern und zu morden, weil wohl Hochgerichte für Mörder, aber nicht für Ehrenmörder da ſind: ſo, mein Hochwohlgeborner Herr von Boiſen, habe ich die Ehre, Sie auf einen Gang, mit mir allein, in das Birkenhölz⸗ chen einzuladen, um zu ſehen, ob Sie ſo feſt ſtehen vor der Mündung eines Terzerols, als vor einem Bubenſtück!“ Ich zog meine Piſtolen hervor, und both ihm eine an. Die Kupplerinn ſchrie auf, und mit einem Pack beladen, floh ſie die Treppe hinab. „Mir beliebt's jetzt nicht,“ ſagte Boiſen verͤchtlich, aber gar nicht furchtſam—„und wären Sie ein Mann von Ehre: ſo würden Damen nicht Zeuge einer Handlung ſeyn dürfen, die darum zur Prahlerey wird. 3 Er verließ das Zimmer. Ich folgte ihm, im flammenden Zorn, und doch luſtig, wahrhaftig lu⸗ ſtig! Unten faßte ich ſeine Hand.„Ich weiß, daß Sie Muth haben, Herr von Boiſen! Ich möchte an Ihnen meine Rolle probieren, die mir das Schickſal aufgezwungen hat. Sehen Sie, dort it das Holichen und hier iſt eine wohlgeladene Piſtole. 4 Ich bitte Sie unterthänig, zu waͤhlen.“ „Morgen, mein Herr, Morgen!—¹ ſagte er ſtolz. „Das bedauere ich, Herr von Boiſen, und mögen Sie mir es glauden oder nicht: ich bin der wahre laͤcherliche Komödien⸗Bruder. Beym Teufel! das bin ich! Und da Sie nicht wollen: ſo— ſollſt du ſinnlich fühlen, hölliſcher Schurke: daß Men⸗ ſchen Macht haben, dich zu belehren, daß nicht alles 3 Recht iſt, was deine hölliſche Luſt gebeut!. Ich riß aus dem Zaune einen Stock, warf ihn zu Boden, und zäͤhlte ihm eine Menge Hiehe in meinem Zorne, der wahrhaftig kalt und komiſch war, zu. Dann half ich ihm auf, und ſagte:„Jetzt wird's auf Sie ankommen, edler Herr, die Sache vor Gericht, oder vor der kleinen Piſtolenmündung mit mir auszufechten.“ Sieh, da hatte ich einmahl einen Schurken ſo weit, daß er erblaßt und zitternd, und aus allem Beſinnen heraus geprügelt, vor mir ſtand. „O, wir werden uns ſehen!“ rief er, und floh, hinter dem Wagen her, der eben wegfuhr. Mir war wohl, ſehr wohl, und ich ging lachend zu dem liebenden Paar hinauf. Ich fand ſie blaß und erſchrocken, von der Begebenheit.— „Was nun?“ fragte ich—„Sie müſſen mit uns, liebes Kind! Ich hoffe aber, daß Sie in der Zeit, da ich den Büttel machte, endlich geredet haben.“ Sie errstheten Beyde, und ſchwiegen. „So geben Sie dem lieben Mädchen Ihres Vaters Papier. Sie wird daraus das Weitere ſehen.“ Der junge Menſch gab Helenen die Ein⸗ willigung ſeines Vaters in ihre Verbindung. Das Maͤdchen las, erröthete und ſchwieg. „Eine Verbeugung müſſen Sie wenigſtens ma⸗ chen, damit man weiß, daß Sie einwilligen, liebes Kind!“ Sie machte mit tief niedergeſchlagenen Augen eine Verbeugung, ſo tief ich ſie haben wollte. Ich legte dann ihre Haͤnde in einander, und hob ſogleich an:„da die erſten ültern im Paradieſe, in aller ihrer himmliſchen Unſchuld, zu der Verbindung ihrer Liebe gewiß auch keiner Worte bedurften, weil ſie keine hatten, ſondern nur ihrer Herzen voll Liebe, ihrer Blicke voll ſchöner Unſchuld, der rothen Wangen voll Scham, und Engel den⸗ noch das Bündniß ſegneten unter dem Jauchzen der ganzen Natur und des Himmels, und hier ein gleiches Paar voll Liebe und Unſchuld und Schwei⸗ gen ſteht: ſo lege ich die ſegnende Hand auf ihren ſchoͤnen Bund, und— Sie hingen Beyde an meinem Halſe. Ich trat nun ans offne Fenſter, nachdem ich dem Muthe der Liebenden die Bahn erbrochen hatte, unnd waͤhrend er und ſie alle die ſeligen Momente der Liebe langſam durchgingen, von der erſten keimenden zu berühren, und die zitternd ſich dennoch zurück zieht, bis zu dem erſten Kuß, dem leuchtenden Siegel des vollen Glücks, wo mit den aufeinander gepreßten Lippen ein Leben in das andere fließt, wie zwey Ströme in einander, um vereint ins Meer zu rauſchen: waͤhrend des, und es dauerte eine Stunde, waͤhrend des ſah ich in die Welt hin⸗ Knospe bis zur ganz aufgeblühten Blüthe; vom erſten Ausſtrecken der Hand die Hand des Geliebten ein, nicht mit Hoffnung,— wie könnt' ich die faſſen?— aber mit Luſt. Warum ſoll ich mein Leben an das Leben eines Schurken ſetzen? Nein; aber ich will ihn mit der Furcht wie ein Wild durchs Leben hetzen. Mein Dolch ſoll ihn nicht treffen, aber er ſoll die kalte Spitze auf ſeinem Herzen fühlen, wie Makbeth ſoll er ihn in der Luft ſchweben ſehen, die Spitze gegen ihn gewendet. Mitten in ſeinen Freuden will ich mit dem kalten Mördergeſichte an ſeine Seite treten, die Hand am Griffe des Dolchs. Und zittert er nicht vor dem Schatten des grauſam ermordeten Maͤdchens: ſo zittere er vor dem drohenden Auge der nimmerſatten Rache des Bruders! Ich will, wie ein Schauſpieler, vor einem Spiegel die auffahrenden Blicke der Entſetzens ler⸗ nen; die tückiſchen Züge des kalten, unbarmherzigen Mörders, den wilden Blick der Blutbegierde, bis ich ſein Blut zu Eistropfen gemacht habe, bis um jeden uüppigen Wunſch das Schrecken der Hoͤlle hohnlachend rauſcht. Denn, ach! hört ich hinter mir nicht die Küſſe der Liebe, ihr füßes Gelispel der leiſen heiligen Schwüre? hörte ich nicht die ſchönen Seufzer, und die leiſe jauchzende Stimme der ſeg⸗ nenden Natur! und ſah ich nicht vor mir das bleiche abgehärmte Geſicht der geliebten Schweſter? ſah ich nicht das Ringen ihrer hagern, zitternden Hände? hörte ich nicht die tödtlichen Seufzer ihrer Verzweif⸗ lung? Ich kann nicht reden! Nein, ich kann nicht anders! Ich frage dich noch einmahl: wenn du mich einen Unmenſchen heißen willſt, wenn ein Bube deine Schweſter Thereſe— wenn er— Nein! ich kann nicht anders, wie du nicht anders könnteſt.— Könnte ich ihn, wie ſonſt, in die offnen Schranken eines Gottesurtheils auf Leben und Tod vor den Augen des Volks fordern; könnte ich ihn, wie die heilige Fabel ſagt, vor den Richtſtuhl der* ewigen Gerechtigkeit drey Tage nach meinem Tode fordern: o ſo wüßt ich, was ich thun wollte! Aber hat denn nicht das üppiggewordene, feige Menſchen⸗: geſetz dem Bruder, dem Vater, dem Geliebten der entehrten Braut jede Waffe genommen, jede andere, als die verſtohlene, die verderbliche Waffe des Mords? Die Geſetze unſerer Vorfahren hatte die Stimme des Himmels gegeben, und die Stimme der Ehre, die auf Erden herrſchen ſoll! Unſere Ge⸗ ſetze ſind die Bedürfniſſe einer klugen Politik! Und iſt es meine Schuld, daß ich nicht mit lachen kann, weil das Geſetz lacht? Sprich! Ich kann nicht anders.. (Fortſetzung.) Das Maͤdchen hatte weggebracht werden ſollen; denn Boiſen hatte auf dem Wege nach dem Gar⸗ ten das Billet des Madchens gefunden, das ich ver lore hatte. Sie hatte ſich wohl zur Wehre ge ſett; aber es war doch gut, daß wir kamen Wir packten nun des Maͤdchens Sachen zuſam⸗ men, und ſo— denn die Haͤnde der Liebenden hatten ſo vielfach andere Geſchäfte, daß ich wohl packen mußte, wollten wir fort— ſo fand ich eine kleine Schreibetafel Boiſens, mit ein Paar Briefen, die— o der Elende! Ich ſteckte ſie ein. Denn der Bube läuft vielleicht noch einmahl über meinen Weg. Wir gingen endlich, entſchloſſen, am andern Morgen abzureiſen. Spaͤt Abends erhielt ich ein Billet von Boiſen: „Morgen um ſechs Uhr erwarte ich Sie im Bir⸗ kenwaͤldchen. Erſcheinen Sie nicht: ſo höre ich auf, die Geſetze der Ehre gegen Sie zu achten. Je⸗ der Nahme iſt mir dann gleich, und wäre es der Nahme Mörder.“ℳ B. ⸗ Ich antwortete:„Geſetze der Ehre? O du Ehrloſer! Ich gehe morgen früh von hier nach Schlagholz, um das gerettete Madchen den Armen der Liebe zu übergeben. Von dort gehe ich langſam über Braunſchweig, Zelle, Hano⸗ ver nach Bremen. Es ſoll mir lieb ſeyn, wenn mein Weg noch einmahl deinen Schlangen⸗ lauf durchkreuzt, du Feigherziger! Dann ſteh' ich dir, und mein Weg führt dann über die Leiche eines veraͤchtlichen Schurken weiter.“ B. Wir reisten ab. Niemand ließ ſich auf unſerm Wege ſehen. Mein guter türkiſcher Saͤbel, den ich von einem — 96— Matroſen kaufte, der ihn in einem ehrvollen Gefechte erobert hatte, und den er nun verkaufen mußte, um Weib und Kind Brot zu ſchaffen, ſtand neben mir. Ich war uſbloſei⸗ den Buben zu 51. tigen. „ Wir kamen in Schlagholz an, wo der Vater des jungen Menſchen auf einem Gütchen anſtaͤndig lebt. Der Vater war, wie der Sohn, ein ſanfter, gütiger Menſch, dem das Schickſak nichts als ruhige Tage zugezählt hatte, und der eben darum meinte, der Himmel hinge ſo blau allen Menſchen in das Leben hinein wie ihm.. Ach, o ſieh, mein Freund, unter dieſen Men⸗ ſichen erhielt mein Herz eine Stille, eine Ruhe, die ich auch bey dem erſten Eintitte in dein vaͤter⸗ liches Haus fühlte. Aber es gibt auch Seelen, die leichter vom Schmerz befriedigt werden, als vom Gluͤck, und dennoch müſſen wir alle, alle, dieſen Ha⸗ fen des haͤuslichen Glücks ſuchen. Wenn die Stür⸗ me des Lebens jeden Wimpel des Ruhms abgebro⸗ chen, die Segel der Hoffnung zerriſſen, der Sturm daher fäͤhrt: ſo ſtrecken wir die Hande nach der kleinen Hutte im verſchloſſenen Thal des Lebens ſehnend aus. O wehe dem, den der Sturm ewig dahin reißt/ bis eine verborgene Klippe das Sciſ in Trummern bricht! O, Thereſe! Thereſe 4 Sie wurden glücklich, und acht T Tage 1s 5 ihrer Hochzeit, ging ich meinen dunkeln Weg nach Braunſchweig. Schreib mir nicht! Meine Traͤume ſind ſchö⸗ ner als mein Wachen, und faſt glaube ich, daß un⸗ ſere Träume das Einzige ſind, das nicht in des ge⸗ waltigen Schickſals Macht ſteht. O könnt' ich glau⸗ ben, daß Traͤume prophetiſch ſind, wie die Alten glaubten— denn ſieh, oft traͤume ich, daß ich— Nun beym Himmel! ich fange an, Traͤume zu erzäͤhlen, ſo waͤre ich wohl auf dem guten Wege, ihnen zu glauben. Leb wohl, und ſchreibe mir nicht, damit du mir nicht meine Traume verdirbſt. Leb wohl! 5. Thereſe brachte den Brief ins Zimmer mit ſtar⸗ ren Blicken; denn ſie hatte Bürgers Hand er⸗ kannt. Ferdinand wollte ihn einſtecken; aber The⸗ reſe ſagte:„ich bitte dich, Bruder, lies ihn jetzt! O, ich bitte dich, verhehle mir nichts! Denn ſieh, welch ein Unglück waͤre nicht zu ertragen! welches hätten Menſchen nicht ertragen! Kennſt du, o mein Bruder, kennſt du eine freundlichere Göttinn beym Unglück als die Hoffnung? Gewiß nicht. Ach, ich habe daruͤher geſonnen was am meiſten dem Herzen Lafont, die Pfarre ꝛc. II. E es, die Furcht! Die Hoffnung iſt blind. Nannte — 98— wehe thut. Ich will es euch ſagen: die Furcht 4 der Pater ſie nicht geſtern noch die blinden Hoff⸗ nungen, und konnte nicht ſagen, warum die Dich⸗ ter ſie ſo nennen? Ach, ſie ſind zu unſerm Troſti. blind; aber die Furcht hat tauſend Augen. die Furcht iſt der Geyer, der unerbittlich an unſerm Herzen nagt. O verhehlt mir nichts! Kenne ich das Unglück: o ſo tritt ſogleich die tröſtende Hoffnung dazu, und mahlt eine helle Zukunft dahinter. Glaubt mir, die Phantaſie, wenn die Furcht ſie bewegt, hat mehr Ungluͤck als das Leben ſelbſt. O ich bitte euch, verbergt mir nichts!“ Es war etwas höchſt Rührendes in der Art, wie ſie es ſagte. Sie ſtand da gebeugt, mit vem blaſſen Geſichte. Das Auge hing auf den Boden, die Hände hingen ſchlaff an den Seiten, die Stim⸗ me war weich und matt, und doch der Ausdrut des höchſten Schmerzes. Der Mutter Auge flog in Thraͤnen gen Hiunmo Der Vater ſagte:„Du weißt, liebes Kind wie ſehr wir dich lieben!“ b „Ach, die zartlichſte Liebe kann fehlen, mein lieber Vater,“ ſiel ſie mit ſanfter Stimme ein— „und deine arme Tochter iſt ſo unglucklich! Ihr lächelt zuweilen; ach, wüßte ich, was Ihr wißte ſo könnte ich vielleicht auch lächeln. Ich möchte un gern Euch alle betrüben; aber muß ich e went man mich allein meiner Phantaſie überlän * — 99— laus eurem Verhehlen die entſetzlichſten Bilder in dem Dunkel der Ungewißheit fchafft? Daß ich ihn liebe, daß ich ihn mit unendlicher Liebe umfaſſe, — das hat mich erſt mein Schmerz gelehrt.““ Sie erſtaͤunten bey dieſer unerwarteten Er⸗ klärung. „Daß er mich liebt, wißt Ihr vielleicht; ach, und Ihr thut nicht wohl daran, mir es zu verber⸗ gen! O welche Hoffnungen würde ich nicht aus ſei⸗ ner Liebe nehmen! denn was würde ich nicht für ihn thun? Wäaͤre ſie auch blind, meine Hoffnung: ach, Ihr wißt nicht, wie nothwendig mir eine Hoff⸗ nung iſt!“ „Du ſollſt alles wiſſen, liebſte Thereſe;— denn bey Gott, du haſt Recht— wenn ich den Brief erſt geleſen habe.“ „Das dauert eine halbe Stunde; ach Vater, könnteſt du ahnen,“ ſagte ſie zitternd—„welch eine furchtbare halbe Stunde das für mich iſt, o du würdeſt nicht— Ferdin and riß den Brief auf; aber er konnte vor Thränen nicht leſen. Er gab ihn dem Vater; aber dem gings eben ſo⸗ „Gebt ihn mir,“ ſagte Thereſe—„ich habe keine Thränen, und ich will dem Briefe dan⸗ ken, wenn er mir Thraͤnen gibt.“?“ O, wie rührte ſie das! Ein lautes Weinen ſcholl durchs Zimmer. 5 1 ——— E 2 — 100— Der Vater las endlich. Der Anfang erſchüt⸗ erte die arme Thereſe. Sie erblaßte noch mehr. vor dem Nahmen Meuchelmörder zittert, da rief . ſie:„o Gottlob! Gottlob! dieſes Entſetzen iſt aus meiner Seele.“. „Haſt du denn gedacht, Thereſe!“ fragte der Vater mitleidig. „Vater,“ antwortete ſie mit einem tödtlichen Schauer—„ich befürchtete, der Mord wäͤre vollendet. chelmörder konnte er nicht werden!“ „Nein,“ ſagte Thereſe—„aber laß den Pater leſen.“ Bey dem Ausrufe im Anfange ſeines Briefes: „O Thereſe! Thereſe!“ wendete ſie nur den Blick gen Himmel, und faltete ihre Hände, als Aber da die Stelle kam, wo er ſchreibt, daß er „Nein,“ rief Ferdinand—„ein Meu⸗ könnte ſie die verſöhnende Macht ſeyn, die zwiſchen ihn und ſein Schieckſal treten könnte, und die er anrief. 4. „Mich hat der Anfang beruhigt, lieber Sohn! ſagte der Vater—„Sieh, wie geſchäftig er nah einem Mittel ſucht, das ſchwere Amt des Richters von ſeinem Herzen zu werfen; wie er ringt, wie er kämpft, und dennoch nie kann, nie darf!4 3 Er ſah Thereſen an, aber ſie ſagte nichts. Sie dachte nur, o wüßte er, wie ich ihn liebte! — 101— Nun kam die Erzählung von Helenen. Die Begebenheit ſpannte ſie an. Eberhardine ſchrie auf, da ſie den Nahmen Helene hörte. Es war eins der beyden Kinder aus des Patriarchen Hauſe. Die Freude brach ſiegend durch die Trauer⸗ Selbſt Thereſe nahm den zaͤrtlichſten Antheil. Es wurde erſt ein Langes über das Geſchick geſprochen, das Boiſen wieder mit einem Maͤd⸗ chen des feindlichen Hauſes zuſammen bringt. „Und kann nicht ſeine Schweſter ſo gerettet ſeyn?“ ſagte Thereſe ledendig. Ferdinand ſchüttelte den Kopf, und The⸗ reſe erfuhr nun alles, alles. Der Brief wurde nun bis zu Ende geleſen. Dann nahm ihn Thereſe mit auf ihr Zim⸗ mer, und las ihn noch ein Paar Mahl, und kein Chor eines alten Tragikers wurde je ſo von der Gelehrſamkeit verdreht, als dieſer Brief von The⸗ reſens blinden Hoffnungen, und, was das Selt⸗ ſamſte war, ſie beredete ihre Altern und ihren Bru⸗ der, daß ſie Recht haͤtte. Was ſie alle deutlich ſahen, war der Vhſcheu, den Bürger vor dem Meuchelmord und die Ver⸗ achtung, die er empfand, ſich mit dem Verführer ſeiner Schweſter zu ſchlagen. Ihre Hoffnung war, daß er ſo leicht den Verführer ſeiner Schweſter nicht finden würde. Niemand ſagte, daß er ſich dieſer Hoffnung freute, 1 1 über den Nahmen Thereſe, der ein dutzend Mahl in dem Briefe vorkam, machte Thereſeg gang im Stillen ihre Bemerkungen. Sie fand daraus, daß ſie geliebt war, und mit einem unruhig pochenden Herzen dachte ſie, daß mit jedem Tage die Liebe zu ihr in ſeinem Her⸗ zen wachſen, und das Gefühl der Rache abnehmen würde. Da nun keine Empfindung unvergänglich iſt, dachte ſie weiter: ſo kann's die Rache auch nicht ſeyn. Er wird alſo ein Jahr lang ſuchen, zwey Jahre, höchſtens drey, und dann, dann,— ſie laͤchelte zum erſten Mahle wieder, und in ihrem Auge loder⸗ 3 ten unter heißen Thraͤnen die Fackeln der ſiegenden Liebe. Armes Maͤdchen, wenn jede Empfindung vergäͤnglich iſt: iſt es denn die Liebe minder? Der letzte Theil ſeines Briefes uͤber die Ruhe des Menſchen im häuslichen Leben hatte die größte Wirkung auf Ferdinand gemacht. Er dachte noch immer mit Entzücken an die Palmenhaine Indiens und an ihre unſchuldigen Bewohner; aber je mehr er den Kopf Olympiens betrachtete, den eer für ſich gemahlt hatte, deſto gerechter kand er Bürgers Sehnſucht nach Ruhe. 3 Er zeichnete die Hütte im Thal des Lebens. Ein Greis ſchlummerte im Schatten eines Baumes, ruhjg mitten im Sturme, der hoch das ferne Meer 8 Peidets⸗ mit deſſen Zorn ein Schiff mit zerriſſe Segeln käͤmpfte. Neben Mann und Frau, die — * „ — 103— der Hütte ſaßen, lehnte Spaten und Senſe; neben ihnen lag der treue Waͤchter des Hauſes, der Hund. Ein Haufen fröhlicher Kinder hatten die ſchlüͤpfrige Kugel, und die Flügel des Glücks auf der Kugel mit Blumenketten an die ſtützende Saͤule der Hütte befeſtigt. Er machte die Zeichnung mit tiefſinnigen Ernſt, nicht ſingend bey der Arbeit, wie ex pflegte; er dachte viel an Olympien und an den nahen Herbſt und an den Winter, wo er verſprochen hatte, den Herrn von Bardeſtein in der Reſidenz zu beſuchen. Niemand in ſeinem Hauſe wußte etwas von Olympien; und fragte Thereſe, ob der Kopf, den er ſo oft betrachtete, einem Mädchen gehöre: ſo war ſeine Antwort: er iſt der Kopf der Muſe. Er fühlte recht wohl, er ſollte Olympien nicht wieder ſehen. Auch war er von Zeit zu Zeit entſchloſſen, ſein Wort nicht zu halten. Aber er gründete heimlich eine kleine Hoffnung auf die freye Denkungsart des Vaters: an die er nicht glaubte, auf Iſabellens Rettung, auf der edlen Mutter Beyſtand, auf— mit Zittern dachte er das— auf Olympiens Neigung. „Und wenn auch!“ ſagte er dann, die Haͤnde ſanft zuſammen ſchlagend—„ganz kann mir Nie⸗ mand Olympien nehmen. Ich will ſie ſo oft mah⸗ len, in allen Verhältniſſen des häuslichen Lebens, und mit ihrem Bilde will ich mich ſelbſt und mein des Leben tauſchen.“ — 104— Sah doch ſogar Thereſe, daß die junge Fuu vor der Hütte der Muſe aͤhnlich war. Sein Vater hielt ihn nicht, und Thereſe trieb ihn n zu gehen.„Vielleicht begegneſt du deinem Freunde, Ferdinand!“ ſagte ſie, ſeine Hand bittend ergreifend. „O waͤre ich ein Mann wie du! Ich wollte raſtlos die Erde durchgehen, und meine unendliche Liebe ſollte ihn mit ſeinem harten Geſchicke ver⸗* ſöhnen.“ Er verſprach der Schweſter, nicht ihn zu ſuchen. Er wußte gewiß, daß Bürger allein ſein Geſchick ausfechten müſſe und wollte; aber er nahm Abſchied von Allen, und ging. 6. S Weg führte ihn zu Sonnenberg, dem Freunde, an deſſen Herz ſein Herz mit unerklaͤrlichen, aber feſten Banden geknüpft war. Ein Landmann zeigte ihm ſein Haus ſchon in der Ferne, da er nach dem Dorfe fragte, wo er wohnte. Es lag mitten in einem Thale, das rings von ſchönen waldigen Hoͤhen umgeben war. Das Thal war lieblich von Kornfeldern unds Wieſen durchſchnitten, von Baumgruppen auf 1 * nen Hügeln. Ein kleiner Fluß, der durch einen großen Teich zog, und nur hin und wjeder aus dem dunkeln Grün der Ulmen und Erlen hervorblitzte, gab der Gegend Reitz, und die Viehherden und die geſchäftigen Menſchen auf den Ackern ein reges Leben. Nur einzelne Häuſer waren, unter Baͤumen halb verſteckt, um das Herrenhaus im Thale ver⸗ ſtreut. Nichts war praͤchtig; aber alles war ſchön. „Das iſt unſer Herr, der da reitet!“ ſagte ein Bauer, der ſein Korn nach der Mühle fuhr, die auf einem Damme am Teiche lag. Ferdinand eilte, dem Reiter, der queer über ſeinen Weg mußte, zuvorzukommen. Er rief ihm zu, der Reiter hielt, gab ſein Pferd ab, und nun ſanken die beyden Freunde einander in die Arme. 3 „Wie lange habe ich dich erwartet, lieber Braunel und nun habe ich dich! und nun ſey hier tauſendmahl willkommen, hier in dem Thale, das ich faſt mein nenne, meine Welt, meinen Ha⸗ fen, wo ich das Glück bauete, and fand, wenn ein Leben Gluck iſt. O ich Undankbarer! O komm! du ſollſt ſehen, wie undankbar ich bin! Komm, Braune!“ 3 Sie gingen die ſanfte Höhe hinab, und Braune, der doch jetzt von dem Gute des beſten Landmanns, ſeines Vaters herkam, mußte doch geſtehen: hier lebte auch ein weiſer Landmann! Überall hatte der Fleiß ſein Füllhorn ausgeſchüttet; und überall fand der Künſtler ſogar die einfache Schoͤnheit der Natur bewahrt. Hier gingen ſie im dunkeln Schatten von Baum und Gebüſch, und auf einmahl blitzte der Teich ſeitwaͤrts durch. Die Landſchaft erwuchs mit jedem Schritte. Das Waſſer blitzte hier und da. Ein Hügel, hoch bewachſen, trat hervor; dann die Kirche eines fernen Dorfs, welches der Fluß einzu⸗ ſchließen ſchien. Das Wohnhaus verſchwand, erſchien wieder, und nun ſtand es da lieblich auf einer grünen Ebene, zwiſchen Blumen und einzelnen Baum⸗ haufen. Sie traten in das Haus, und hinten in ein großes Zimmer, das faſt ſchien, mehr zum Garten zu gehören, als zum Hauſe: ſo groß waren die geöffneten Flügelthüren, ſo weit die Feuſter, und überall rankte und blühete, und duftete und grünte es vorden offenen Fenſtern, und vor der offenen Thüre lag ein Grasſtück: links ein liebliches Gebüſch roth blühender Akazien, aus denen die weißen Stämme der Platanen hervorſchimmerten. Rechts rauſchte im der Tiefe ein Bach in ein ſich ſanft ſenkendes Thal, und drüber hin lag die weiteſte Ausſicht bis an die Höhen, die ſchönſte Landſchaft. Aber das alles ſah Braune noch nicht: denn ihm trat aus einem Cabinete die ſchönſte Unſchuld 4 in einer ſchlanken Madchengeſtalt entgegen. „Er iſts, Aurora!“ ſagte Sounenberg mit einem heitern Lacheln.„Er iſts!“ Und da trat⸗ 1 — 107— Aurora näher, und beugte ſich, mehr mit dem Lächeln ihres Glücks, als des Empfangs. Und ſie faßte Braunens Hand, drückte ſie, und ſah dabey Sonnenbergen gluͤckwünſchend an. Aber Sonnenberg ſagte mit einer Art Wehmuth:„O nimm ſie in deine Arme, Braune, drücke das theure Weib an dein Herz; denn ſie verſöhnte mich mit dem Leben! Aurora, o liebe Aurora, er iſt's ja! Und du biſt ſo kalt?“ Da öffnete ſie die Arme mit der ſchönen Scham⸗ röthe auf den Wangen, und drückte den Freund des Mannes an ihre Bruſt. „Und nun, Aurora, führe uns zu deinem Throne, in das Reich unſerer Liebe und deiner Herr⸗ lichkeit!“ Sie führte die beyden Männer mit vertrau⸗ lichem Winken, Stille gebiethend, in das Cabi⸗ net, an eine Wiege, deckte den Flor auf, und lehnte ſich ſelbſt über das ſchlafende Kind, als ſollte ſie es zum erſten Mahle ſehen, und nicht Braune, und ſah dann mit einem Himmels⸗ Laͤcheln— nein, Engel lächeln nicht ſo liebend als eine Mutter!— zu Braunen empor, dann zu ihrem Manne. Sonnenberg umfaßte Auroren, gab ſeinem Freunde die Hand, und ſagte leiſe:„Sieh, Braune, in dieſem engen Kreiſe, den dieſe drey Arme umſchließen, liegt eines Menſchen höchſtes Glück, dem ſonſt die Erde zu klein war; und das „ — 108— Leben ſo arm! O Aurora, o Braune, o mein Sohn! Noch ein Herz fehlt mir!“ „Deine Mutter. Sie wird ja kommen!“ Nun erſt betrachtete Braune Auroren, Sonnenberg en, das Cabinet, den Gartenſaal. Es war etwas Beſonderes an allem; aber nichts Fremdes. Aurora war idealiſch gekleidet; aber höchſt einfach und bequem. Alles ſchien Putz, und war es nicht, und ſo ſchien alles im Hauſe. Gegen Auroren über erhielt Braune ſeine Wohnung, klein, bequem, ſchön, mit Staffeley und dem ganzen Mahlergeraͤth ausgerüſtet. Eine Thüre führte aus ſeinem Zimmer in den Garten. „Und nun ſey ſo frey, wie ich ſelbſt, lieber Braune! Ich habe meine eigene Weiſe zu leben; aber du wirſt deine darin nicht vermiſſen. Ich bitte dich, nenne meine Frau Aurora! Alle meine Bekannte nennen ſie ſo. Sie wird dich Fer⸗ dinand nennen. Laß uns ſo viel Hüllen des Le⸗ bens wegwerfen, als es möglich iſt. Es bleiben noch immer genug. Das Herz bedarf ja noch immer der armen Sprache, des Haͤndedrucks, den der Feind nachmachen kann. Ich bitte dich, Ferdi⸗ nand!“ „Von Herzen gern,“ rief Ferdinand mit froher Begeiſterung, und ſiel an die Bru ſt ſeines Freundes. Und da Aurora den beyden Männern nachkam in den Garten, nannte er ſie Aurora, V — 1009— und ſie nannte ihn ein wenig ſtockend, ein wenig erröthend:„Ferdinand!“ Das war ein wenig fremd; aber ſchon nach Tiſch— Auxora deckte ſelbſt mit Hülfe eines jungen, hübſchen Mädchens aus dem Dorfe den Tiſch im Garten— nach ein Paar Gläſern Cham⸗ pagner, nach einem herzlichen Geſpräch voll Ver⸗ trauen, war das Fremde verſchwunden, und ſie ſaßen noch eine Stunde⸗ mit Auroren um die Wiege her, im menſchlichen Vertrauen der Freund⸗ ſchaft. 3 3 Ferdinand bemerkte ſogleich einige auffal⸗ lende Seltſamkeiten in Sonne nbergs Hauſe. Die Bedienung beſtand durchaus nur aus ein Paar jungen Bauermädchen, die aber ſo freundlich de⸗ handelt wurden, daß ihnen das Glück von den Ge⸗ ſichtern leuchtete. Sie waren nur freundlicher, was hier für gute Sitte galt, redeten nur wie Herr und Frau, waren einfacher gekleidet, und jung⸗ fräͤulicher: das war alles, was ſie von den Maͤd⸗ chen des Dorfs unterſchied. 2 „Sieh, mein Freund, ſo habe ich keine Müßig⸗ gänger und keine Üppigkeit im Hauſe; ein großer Gewinn; glaube mir!“ Anfangs hatte Sonne nberg und ſeine ſchöne Aurora Beſuch genug aus der Nachhar⸗ haft gehabt; da aber der Tiſch Sonnen bergs einfach blieb, und ſein Weſen noch einfacher: ſo trennte ſich von ſelbſt, was ihm ewig freind bleiben . — 110— mußte, und es blieben nur wenige Beſuche übrig, die aber auch für die Geſelligkeit von Werth waren. „Iſt es nicht dennoch zu wenig?“ „Gewiß nicht, Ferdinand! denn was auf deiner Zeichnung des häͤuslichen Lebens ſo bedeutend neben dem jungen gluͤcklichen Paare ſteht, der Spaten und die Senſe, die Arbeit, der Saat, und die Ernte, fehlt uns nicht. Nimm dem Glücklichen die Arbeit, und er muß mitten im Genuß verſchmachten, wie Tantalus, deſſen Durſt das Waſſer ewig verſiegt. Der Reiche, jeder Menſch muß eine Arbeit, eine Arbeit, kein Spiel, haben! Wir habens, und ſo hoffe ich, wird mein Gluͤck dauerhaft ſeyn.“ „Ich hatte einen Hofmeiſter— es haͤtte mir das ganze Glück meines Lebens koſten können— ein Mißtrauiſcher von Charakter, und ein Zweifler von Syſtem. Die Wahrheit ſelbſt war ihm nicht wahr, die Tugend nicht rein genug. Ich habe ihm viel zu dan⸗ ken, obgleich er, da ich aͤlter wurde, mein Herz mit einem unermeßlichen Mißtrauen gegen alles Schöne füllte, gegen Freundſchaft, gegen Liebe, gegen den 9 9 Menſchen. Bey ihm, deſſen Welt die Bücher waren, der unter Büchern lebte und ſtarb, blieb das eine gelehrte Hypotheſe, die er mit aller Gelehrſamkeit verfocht. Bey mir, dem ehrgeizigen, heftigen, hoch⸗ müthigen Jünglinge, der gern ſeine eigene Luft geath⸗ met haͤtte, um nicht mit andern die gemeine Luft zu athmen, trat alles ins Leben als That, als Wunſch, als Leidenſchaft hinaus. O, ich will dir einmahl er⸗ zaͤhlen, auf welchen halsbrechenden Wegen ich mein Gluͤck gefunden habe! Wenn mein lter über das Leben mit mir philoſophirte, und unterſuchte, was Glück war, was nicht: ſo ſetzte der alte ehrwürdige Mann ſeine ſchwarze Peruͤcke ab, zog ſeinen ſchwarzen Rock aus, um freyer in ſeinen Bewegungen zu ſeyn, und dann bewies er mir, und beſchwor mich dabey mit aller Zärtlichkeit, der er ſähig war, Acht zu geben— er liebte mich wirklich!— Dann bewies er mir, daß Genuß, Reichthum, die Befriedigung aller ſinnli⸗ chen Begierden, und auch der edelſten, der geiſtig⸗ ſten— und dabey haämmerte er heftig auf den Tiſch— ohne Arbeit eine taube Nuß waͤren. Arbeit, eine ernſte Arbeit, mit einem fernen Ziel iſt der Fels⸗ grund, auf dem der Tempel des Glucks erbaut werden muß. Was, zum Geyer! Ihr Reichen, ſo thut die Augen auf! was hat denn der Tage⸗ löhner, der Handwerker im Leben, was der Gelehrte, denn der Staat, ſeine harte Stiefmutter verhungern läßt, im Leven, als die Arbeit, und die Paar frohen Minuten dazwiſchen? Das ſetzte er mir aus⸗ einander, und ich mußte mit ihm ordentlich darüber feyerlich disputiren. Das drückte ſich tief in meine Seele. Ich arbeite täglich gute ſechs Stunden in der Geſchichte, leſe die Quellen, ſchreibe, muß berich⸗ tigen, fange eine Sprache nach der andern an. Ich eufe mit ihm oft recht herzlich: das Leben iſt kurz, die Kunſt lang, Aurora hat den Haushalt, die Aufſicht der Mutter über die Leute, das Geſchäft — — 4 ue des Armenweſens, was ein Geſchaft und eben darum nützlich geworden iſt. Sie gibt nicht nur, ſie träͤgt zu Buche, was für das, was ſie gibt, gewonnen wird. Sie hat Talent für die Muſik. Das iſt ihre Arbeit, eine Arbeit, nicht Unterhaltung. Das wirſt du ſehen, wenn du ſie zum Klaviere mit deiner Flöte begleiteſt, daß ſie nicht ſpielt, ſondern Muſik weiß. Sie lernt englich, und lieſt für mich den Hume. Das thut freylich die Liebe; aber ſie gewinnt Ge⸗ ſchmack an der engliſchen Geſchichte, weil ſie anfaͤngt, ſie zu verſtehen. Die Naturgeſchichte, der Garten⸗ bau, die Ausführung meiner Ideen im Garten, die ſie mir abnimmt, weil ſie weiß, ich habe die Zeit nicht, gewinnt ihrem Geiſte unvermerkt eine neue Art von Arbeit ab. Sie hat die Harfe angefan⸗ gen, und eine Guitarre liegt bereit für dich und für ſie. So viel Mühe koſtet es dem Reichen, das Glück an den flüchtigen Flügeln feſtzuhalten! Die Mutterliebe, die Erziehung wird ein neues Geſchäft für ſie und endlich der ſüßeſte Lohn unſerer Weis⸗ heit. Ich habe meinem Alten, der nicht vom Zim⸗ mer kam, der bey der Morgenröthe, und bey mei⸗ ner Aurora an nichts anders würde gedacht haben, als daß der Nahme ganz griechiſch waͤre, naͤhmlich Au909«., die Morgenzeit, unendlich viel für das Leben, das er nicht kannte, zu danken. Er kannte das Leben nicht; aber die Lebensweisheit. Er nannte die Liebe, auch die reinſte, eine Metze, die Freund⸗ ſchaft ein Verbrechen gegen die Gerechtigkeit. Er 1 — 113— zannte nur griechiſche Tugenden, wie griechiſche Dichter; aber er war dennoch ein Weiſer, deſſen Grab ich hoch ehre.“ Sonnenberg hatte nur die finſtre Weisheit ſeines Lehrers mit den Blumenkräͤnzen der Liebe, der Freundſchaft, der Künſte und der Geſelligkeit ausgeſchmückt; aber ſo war ſie die himmliſche Aphrodite geworden, in deren Gefolge die Gra⸗ zien mit den Muſen vereint ſind. Aurora hing mit unendlicher Liebe an ih⸗ rem Mann, mit einer Verehrung ohne Gleichen, nit einem ganz unbedingten Gehorſam gegen alle ſeine Wünſche; aber zugleich mit dem kindlichſten Vertrauen, mit der allerfreundlichſten Treuher⸗ zigkeit: und ſo kam Ferdinand alle Tage mehr dahinter, wie unbeſchreiblich rein und groß, und mit Achtung gegen Sonnenberg, wie verdient das Glück ſeines Freundes war. Aber doch, wenn er zuweilen Sonnenbergs Hand faßte und ſagte:„o wie unbeſchreiblich gut biſt du? ſo konnte wohl Aurora holdſelig ſagen: ach Sie wiſſen nicht, Ferdinand, wie grauſam dieſer Mann da hat ſeyn können!“ Dann ſaß Sonnenberg ernſt da. Auro⸗ ra warf ſich in ſeine Arme, mit Thränen in den frommen Augen rief ſie:„Könnt' ichs denn fühlen, wie glücklich wir ſind, jetzt, und immer, wenn ich jene Tage vergäße?“ — 114— „Du ſollſt mich erinnern, Auroral du ſollſt, du mußt!“ Ferdinand ſann nicht einmahl darüber nach, was das bedeuten könnte; aber es hatte eine furcht⸗ bare Deutung. Denn Thereſe, zu Hauſe, brachte zitternd einen Brief von Bürger an ihren Bruder in ihrer iltern Zimmer. „Er muß ſchnell beſorgt werden, Thereſe! Schreib die Adreſſe darauf, und ſende ihn auf die Poſt.”“ „Der Brief iſt an mich, Vater!“ ſagte Thereſe, und brach das Siegel auf.„O will denn Niemand meinen Schmerz kennen?“ rief ſte im bittern Vorwurfe. Sie las mit zagender Stimme laut vor: „Endlich, Ferdinand, obwohl ich nichts davon begreife, ſtehe ich vor der Höhle des Raͤubers. Endlich! Endlich! ſage ich mit entſetzlichen Gefüh⸗ len; denn ich ſtehe zu gleicher Zeit vor dem dunkeln Schleyer meiner eigenen Zukunft, der eben zerreißt, um mich in die dunkle Hähle der Vernichtung, meiner Vernichtung ſchauen zu laſſen. „Wie dem auch ſey! Ich habe dem Schickſal den Handſchuh hingeworfen. Es hob ihn auf, und ich trete in die Schranken mit ihm, mit dem gewal⸗ tigen Schickſal, mein Freund! „Es war mein freyer Wille. Ich habe Nie⸗ manden etwas vorzuwerfen, nicht einmahl mir ſelbſt. — 115— Denn was ich that, mußte ich noch thun, wuͤrde ich noch thun, und braͤche die Achſe der Welt, und verſiegte die Quelle des Werdens, und verlöſchte die Mitternacht des allgemeinen Chaos das Licht der Schöpfung! Was kümmerts mich? Ich muß! Ich muß! „Was nun noch kommen kann, o das iſt laͤngſt überwunden! „Ich ſah heute die untergehende Sonne an⸗ „Geh hinab!“ rief ich—„geh auf! du haſt tau⸗ ſend ſolcher Jammergeſchichten beſchienen. Die Zeit bedeckt mit ihrem Leichentuche die Seufzer der armen Menſchen, und wie hier das Grab Blumen her⸗ vortreibt, ſo auch dort!—— ℳ „Ich habe den Wunſch meines Herzens er⸗ reicht, und zittere. Das allein ſollte ich nicht. Aber habe ich, ich nicht auch Wünſche? Hatte ich nicht auch Hoffnungen ſogar? So höre denn, Ferdinand! Ich liebte deine Schweſter, mit allen Flammen einer tugendhaften Leidenſchaft. Ich hebe die Hand zu dem Orion empor, der in Oſten empor gegangen iſt, und ſchwoͤre:„Ich liebte ſie! Ich liebte ſie unendlich!“ „Wie der Orion in den Strahlen der Mor⸗ genröthe ſteht, ſo ſtand mein Herz in den Strah⸗ len einer aufgehenden Hoffnung. Aber mein Winter iſt gekommen, wie ihm. Die Morgenröthe der Hoffnung ſchläft, und mir wird ſie nie erwa⸗ chen. Nie! — 116— „Was ſoll das Jammern? Höre! Ich gehe in Hannover auf die Poſt, um von dir, wie ich dir ſchrieb, ein Paar Worte zu haben, und erhalte folgende Worte:„Ein Zufall, mein Herr, machte mich mit Ihren Briefen bekannt, die Sie Ihrem Freunde, Braune, geſchrieben. Ich bin bereit,— Sie den Verführer Ihrer Schweſter, Cäcilie, kennen zu lehren. Den Vierundzwanzigſten bin ich in Hannover, und hohle Ihre Adreſſe von der Poſt. Ich muß Sie bitten, weder nach meinem Nahmen zu fragen, noch nach der Art und Weiſe, wie ich Ihre Schweſter kennen lernte. Das Einzige, was ich thun kann, iſt, Sie nach dem Orte zu führen, wo Cäcilie lebt, und wo ihr Verfüh⸗ rer iſt. Leben Sie wohl!“ „Den Brief erhielt ich, heute, den Zeyund⸗ zwanzigſten. übermorgen! „Wenn berdenke, welch ein entſetzliches Geſpenſt der üͤbermorgende Tag aus der Zukunft Dunkel an das Licht ſpinnen kann, und wie es meine Phantaſie mit dem Schrecken der Gorgone ausſtattet, und bedenke ich, daß die Wahrheit noch ſchrecklicher ſeyn kann, als die Phantaſie: ſo wird mein Blut zu Eis! Sieh, mein Geliebter, und wenn ich nicht deine Schweſter liebte: ſo würde ich dem Allen nicht entgegen lächeln; aber, ich hoffe, kalt entgegen ſehen und ſagen: iſt es denn meine 3 Schuld? — 117ͤ— „Meine Schuld iſt es nicht; aber mein Un⸗ glück, und ſo laß uns ſcheiden! „Ich weiß nicht, welch ein Stern der Hoff⸗ nung aus dem finſtern Dunkel mir zuweilen entge⸗ gen ſtrahlt. Aber dem ſey, wie ihm wolle, Fer⸗ dinand, ich komme, was auch mein Geſchick ſeyn mag, nach Birkfelde. Trage ich um den Arm einen Trauerflor: ſo frage mich nicht, wie geht's? ſondern falle an mein Herz⸗ und ſage: Lebe wohl! unglücklicher Menſch, lebe wohl! Dann laß mich noch ein Mahl das Bild eines ſo geliebten Maͤdchens in meine Seele drücken, und des verlor⸗ nen Glücks, und dann laß mich fliehen auf ewig.“ „Du ſiehſt, ich kann zuweilen denken, ich könnte ohne Trauerflor zu dir kommen, und der Gedanke, Braune, ſieht dir dafür, daß ich ſanft, nachgiebig meinem Geſchick entgegen trete, nicht trotzig. Und ſo leb wohl!“ 7 Das las Thereſe mit oft brechender Stim⸗ me, und mit lebenloſen Augen ſetzte ſie hinzu: „Geſtern war der Vierundzwanzigſte, Vater!“ „Es iſt alſo geſchehen.“ „Was? Lieber Vater, was?“ „Des Schickſals Wille, Thereſe, dem du ſanft und nachgiebig, wie er, entgegen treten ſollſt, nicht trotzig. Und dieſer Brief des Unbekann⸗ ten— ein unbekannter iſt er nicht. Von wem kann er ſeine Briefe bekommen, als von deinem — 118— Bruder? Ich weiß nicht, wie er, wie du überſehen kannſt, daß dieſes Erbiethen eines Fremden, ihm die Schweſter und ihren Verführer zu nennen, ein froher Wink der Hoffnung iſt. Vielleicht daß jetzt er ſchon wieder im Sonnenſcheine des Glückg ſteht, wahrend wir noch hoffen, nur hoffen. Sende den Brief ſogleich an deinem Bruder.“ Thereſe konnte nicht hoffen, ſo nahe war die Entſcheidung. Jeder Tag ging langſam, wie auf Krücken an ihr vorüber, und bellte die Arme an mit Unheil bedeutenden Worten und mit ſchwarzen Vorzeichen des Unglücks. Doch hatte ihr Vater Recht; ihre Freunde ſtanden an ihrem dunkelſten Tage im Lichte der ſchönen Verſöhnung. Sonnenberg war der Ver⸗ führer. Aurora war Bürgers Schweſter, Caäcilie. Sonnenberg hatte Ferdinanden ſchon oft nach dem Manne gefragt, der ihn aus den Fluthen der Elbe geriſſen. Mit finſterer Stirn hatre Ferdinand ihm die Antwort verweigert. „Sag mir nur, warum du mir Antwort ver⸗ weigerſt, nur warum? Sagt dein trauernder Blick, daß er im Unglück lebt, was ſeine ſeltſame Tren⸗ nung von dir beſtaͤtigt: ſo iſt es Unrecht, es mir zu verſchweigen. Gehöre ich dem Retter meines Lebens nicht ſo gut an, wie du?“ Da erzählte Ferdinand, und Sonnen⸗ berg horchte, ohne ein Wort zu antworten. Er — ließ ſich Bürgers Briefe geben. Er ging aber mit den Briefen in die Einſamkeit, wie er gewohnt war, wenn er etwas Wichtiges zu leſen hatte. Ferdinand gab ihm auch ein Billet, das er zuletzt von ihm noch erhalten, und worin Buür⸗ ger ihm ſagte, wenn er etwa etwas von ſeiner Schweſter wuͤßte, es ihm nach Hannover auf die Poſt zu ſenden. Sonnenberg erklaͤrte Auroren und dem Freunde nach acht Tagen, daß er eine kleine Reiſe zu machen hätte, und bath Ferdinanden, bis zu ſeiner Zuruckkunft bey Auroren zu bleiben. Er drang ihm das Verſprechen ab, und er reiſte ab nach Hannover zu dem beleidigten Bruder. Bürger ſaß am Zweyundzwanzigſten, da er Sonnenbergs Brief erhalten hatte, und alſo die Entſcheidung nahe war, unruhig auf ſeinem Zimmer. Wie geiſtige Geſtalten ſtiegen bald die freund⸗ lichen Hoffnungen ſeines Lebens vor ſeinen Augen auf, und gingen im langen Zuge langſam an ſeiner Seele voruͤber. Dann ſtürmte aus dem Dunkel der Mittternacht eine drohende Geſtalt hervor und zerriß den frohen Zug der ſchönen Bilder und befleckts alles mit Blut und Dunkel. „Aber feſt ſtand erz er ſiel von der geliebten Schweſter nicht ab. Er harrte der Erſcheinung des Fremden, der ihm den Verführer nennen wallte, — 120— mit furchtbarem Herzklopfen. Am Vierundzwanzigſten hörte er fragen:„auf welchem Zimmer wohnt Herr Burger?„, Er richtete ſich hoch empor und ſagte:„ich habe entſchieden; nun entſcheide du, Verhangniß!“ und Sonnenberg trat zu ihm ins Zimmer. Er erkannte Sonnenbergen in dem erſten Augenblick.„Sie, mein Herr? Sie? dem ich das Leben⸗rettete?“ „Ich! „Wo iſt er? wo iſt meine Schweſter? 2 „Ich führe Sie,“ antwortete Sonnen⸗ berg ſehr ernſt—„mehr aber thue ich nicht! Sie retteten mein Leben. Ich führe Sie zu Ihrer Schweſter; aber an der Entſcheidung naͤhme ich nicht den kleinſten Theil Der Bruder entſcheide alles ſelbſt.“ „O, wenn Sie wußten— hier leſen Sie mei⸗ ner Schweſter Brief an meine Mutter. Dieſer Böſewicht! leſen Sie!“ Sonnenberg las:„Ich fühle, Herr Buͤr⸗ ger, ich würde an Ihrer Stelle eben ſo gehandelt haben. Mehr kann ich nicht ſagen, mehr will i) nicht ſagen, mehr darf ich nicht ſagen!“ „Sie dürfen nicht? Sie? wie lange fah⸗ ren wir?“ „Drey Tage, wenn wir ſchnell ſind.“ „Und dieſe drey Tage will der Mann, den ich aus dem Grabe der Wellen empor riß, mich . 1 — 121— zu dieſer hölliſchen Folter der Ungewißheit verdam⸗ men? Können Sie wiſſen, mein Herr, mit wel⸗ chen Geſpenſtern, mit welchem Euntſetzen ich zu kaͤmpfen habe?“ „Koͤnnen Sie wiſſen, mit welchem 65675 „O bey dieſem Leben, das ich rettete, be⸗ ſchwͤre ich Sie, wer iſt der Verführer meiner Schweſter?“ „Nun denn!— Ich bin es! Ich bin der Verführer!“ Bür ger fuhr erblaſſend, von Schrecken er⸗ griffen, zurück, bis an die Wand.„Geſpenſt der Hoͤlle!/ ſagte er leiſe. Er hob nach langer Zeit ſeinen Blick wieder auf Sonnenbergen, der in ſeiner vorigen Stel⸗ lung ſtand, mit niedergeſchlagenen Augen⸗ di⸗ Arme ſchlaff herabhͤngend. „Geſpenſt der Hölle!* fagte Bürger wos ein Mahl, leiſer aber, und ſtarrte ihn an. „Ich muß reden!“ ſagte Sonnenberg ſanft—„ich wollte es anders. Sie wollten es ſo. Wir ſtehen jetzt t dicht am Abgrunde. Sie und ich! Ich und Sie! So wollte ich es nicht. Ein beſſerer Augenblick ſollte entſcheiden. Sie haben die Zeit übereilt. Hier iſt der Verführer Ihrer Schweſter, und nun laſſen Sie mich noch ein Wort Pinzuleken.— Ihrer glucklichen Schweſter! 4 Da brach der Zorn Bürgers wie ein kafont. die Pfarre zc. II. ð Sturm aus der Seele.„Mit dieſem armſelig erſon⸗ nenen Schauſpiel denkſt du, du den Jammer, den langen Jammer meiner Schweſter zu verhüllen? Spyrich, hat dieſen Brief meine Schweſter geſchrieben? 3 Nicht wahr, du willſt noch das einzige Wort hinzu ſetzen, ſie iſt eine Lügnerinn! Sag das Wort! Sag's! Lügnerinn!“ „Sie ſchrieb die Wahrheit!“ 3 „Wie? willſt du mich um meinen guten Ver⸗ and bring en? Kann ich nicht mehr denken, Eins Eins? Iſt der Brief wahr: wer biſt du denn 2 a prich!ℳ 4 „Ein Menſch!“ „Himmel, und Erde! Du haſt meine Briefe geleſen, du? und du denkſt mit einem Schauſpiel das Brandmahl der Schande unf meiner Stirne wegzulächeln.? du vermißt dich— „Ich vermaß mich, h fice zu ſeyn, als alle Sterbliche. Das iſt meine Schuld. Aber kön⸗ nen Sie ſich vermeſſen, die Schuld des Menſchen und des treibenden Schickſals auf der Wage Ihres Zorns gerecht abzuwägen? Sie wollen Ihre Schwe⸗ ſter rächen? Sehen Sie ſie, und räͤchen Sie dann, was Sie wollen, meine Schuld, oder Ihrer Schwe⸗ ſter Gluͤck.”“ „Hat ſie das geſchrieben, und iſt ſie glücklich: ſo fahr hin! So mag ich ſie nicht ſehen! aber dann will ich Rache an dem Menſchen, der ſie ſo weit * — — verführen konnte, daß ſie zu ihrer Schande laͤchelt! das will ich! das! Nein, ich will ſie nicht ſehen; aber dich, dich will ich ſehen vor der Mündung 3 dieſes Gewehrs. Folge mir 11 „Ich ſchlage mich nicht mit dem Retter meines Lebens. Mit Cäciliens Bruder gewiß nicht. Was aus dieſer Minute auch werden mag: Ich will der Schuldige nicht ſeyn.“ „Feigherziger! Vor dem Verbrechen erzitterſt du nicht; aber vor dem Arm eines Mannes, Feiger!“ 2 „ Ich zittre nicht! denn hier iſt meine Bruſt.“ Er hob den Fuß, um ihm näher zu treten. „Nicht näher!“ rief Bürger—„nicht einen Zoll naͤher! Feiger, du näherſt dich deinem Abgrunde. Fort! Ein Meuchelmoͤrder bin ich nicht; aber ſo reitze mich nicht!“—— Sie ſtanden ſtumm gegen einander. „Glücklich iſt ſie?“ hob Bürger tödtlich kalt wieder an— glücklich? O Cacilie!— Was heißt das? 5 „Sie iſt Mutter! ſie iſt meine Frau! Sie iebt mich!”“— „Nun denn,“ rief Bürger, und ſchleuderte die Piſtole zu Boden—„Luͤgnerinn denn! So reißt denn los, alle Boͤnde der Liebe! Sie bettelte kniend um den Nahmen Abres Verführers. Mag ſie ihn tragen; aber nenne ihn mir nicht! O begegne 8 2. — 124— mir nicht wieder! Tritt nie mit deinem Weihe auf meinen Weg! Fort! „Er ſetzte den Hut auf, und wallte fort. Sonnenberg trat ihm in den Weg. Er wollte ihn umfangen. Bür gexr riß ſich los, und rief ſchnell und ſchrecklich:„Deine Hand von meiner Bruſt! Berühre mich nicht! MMenic reitze mich nicht! Mich dürſtet nach Blut.“ „Nach Blut? So ſey es denn; aber daß iſt Bürger nicht, nein, Braune, daß iſt er nicht? Das war der Mann nicht, in deſſen Ge⸗ walt ich mich vertrauend hingab, von dem du ſagteſt: er hat Glauben an die Tugend! Glauben an Men⸗ ſchen! Der, Bürger, von dem du mit dieſer 3 Begeiſterung redeteſt, dem häͤtte ich nur ſagen dür⸗ fen: ich bin Braunens Freund: ſo hätte er der Freundſchaft heiliges Vertrauen mehr geehrt, als den wilden Strom des blinden Zorns!“ Bürger blieb auf der Schwelle des Zimmers ſtehen, bald vorwaͤrts, bald rückwaͤrts ſehend. Dann kam er zurück und ſagte: vſo reden Sie!“ „ Ich will jetzt nicht reden. Ich will nicht das kleinſte Gewicht meiner Schuld wegnehmen. Aber Sie ſollen ſehen! J Ihre Schweſter ſehen, Ihre Schwe⸗ ſter hören! Sie ſollen dem Freunde Ihres Feundes glauben! dem Menſchen, dem Menſchenwort! Sie ſollen hier an dieſer Bruſt, an dieſem ſchlagenden Herzen Ihren Zorn verſtummen laſſen. Sie ſollen ——— Ihrer Schweſter Liebe ehren; denn einen Feigherzi gen, wie Sie ihn nannten, konnte Caciliens reines Herz nicht lieben. Sie ſollen ſchon vorher, ehe Sie ſehen, ehe Sie hören, in dieſen Armen rufen:„er iſt nicht ſchuldig!“ Und mit dieſen Worten drückte ihn Sonnenberg an ſeine Bruſt. Bürger machte ſich aber doch ſanft von ihm los.— Er betrachtete ihn lange, und mit durchdrin⸗ genden Blicken. „So reden Sie denn ¹ ſagte er. „Nein, ich will nicht reden; dieſen Werth lege ich auf meine Freundſchaft, auf mein Herz⸗ Ich war heiß, wie du, mein Bruder, und heftig wie du. Ich wollte, wie du, dem Schickſale den höchſten Preis des Lebens bringen, als den Tri⸗ but, den der Muth und das junge⸗ friſche⸗ zu hoch ſchlagende Herz des Jünglings fordern kann⸗ Ich wurde ſchuldig, weil ich, wie du, auch mich vermaß, allein Recht zu haben. Die Liebe hat mir vergeben; das Schickſal auch. Die Freundſchaft wollte härter ſeyn als beyde. Nein, hier fordere ich von dem Bruder, von dem Freunde Verſöhnung⸗ volle, volle Verſöhnung„ die nichts zuxückbehält, nicht ein Wenn, nicht ein Aber. Das fordre ich von dir.“ 1 „Werſöhnung, volle unbedingte Verſöhnung? die forderſt du? Du?“ — 126— „Im Nahmen der Freundſchaft, des Glau⸗ bens an Menſchen Tugend.“ Bürger ſah ihn an, ſah in das blitzende, offene Auge, auf die hochſchlagende Bruſt, auf die edle, ſtolze Stellung. Auf ein Mahl warf er ſich, aber laut und unbändig ſchluchzend, an ſeine Bruſt, in die ausge⸗ breiteten Arme, und rief:„volle Verſöhnung! volle Verſoͤhnung! volle Verſöhnung! Ein Himmel liegt in dieſem Worte, und betrog ich mich, eine Hölle, deren Flamme keine Zeit löſchen kann. Laß uns reiſen, und komm noch ein Mahl in dieſe Arme!“ Sie reisten, und Bürger fragte nicht nach Sonnenbergs Nahmen, nicht nach dem Nahmen des Ortes, wohin er ihn brachte. Er ſah nur von Zeit zu Zeit das Geſicht, voll eines hohen Edel⸗ muths, voll eines ſtolzen Muths an, und ſo nä⸗ herten ſie ſich immer mehr der ſchönen Stunde des Wiederſehens und des Glücks. Ferdinand ſaß indeß mit Auroren an der Wiege, an ihrem Inſtrumente, immer von Sonnenbergen und ſeiner Zurückkunft redend; da erhielt er von Thereſen Bürgers Brief⸗ Er wollte den Augenblick fort, obgleich der Vier⸗ undzwanzigſte ſchon vier Tage vorüber war. Eben wollte er Auroren ſeine Abreiſe verkündigen: da flog die Thüre auf, und Sonnenberg und Bür⸗ ger traten in den Gartenſaal. „Dein Bruder, Aurora!“ rief Sonnen⸗ — 127— verg—„er iſt verſöhnt!, uUnd das blühende ſchöne Weib, von deſſen Angeſicht das höchſte Glück ſtrahlte, ſtürzte in des Bruders Arme. 5 Weinend fragte der Bruder ſchnell hinter ein⸗ ander:„Biſt du glücklich? Cdcilie, biſt du glücklich? O biſt du ſehr glücklich? Sprich! o rede! biſt du glücklich?“ 81 2 t dAnn Sie umſchlang ſtatt aller Antwort ihren Mann; denn das Entzücken hatte ihre Zunge ge⸗ bunden.— Sie hielt ihren Mann ſo mit dem Ausdruck des reinſten menſchlichen Glücks ein paar Sekunden in den Armen: dann flog ſie in das Kabinet, und kam mit ihrem Sohne am Herzen hervor, und legte das lächelnde Kind in des Bruders Arme, und rief dann mit Thraͤnen der Freude:„Fraͤgſt du noch? Bruder, ich bin die glücklichſte Frau⸗ welche die Erde traͤgt.“ Da trat Braune heran, und die drey Maänner ſchlangen die Arme um einander, und in ihrer Mitte ſtand das glückliche Weib mit demt Kinde. Braune ſah von einem auf den andern⸗ und begriff nicht, und errieth faſt, und zweifelte wieder. Aurora! und CAcilie 4 Bürger umfaßte Sonnenbergen⸗ und ſagte leiſe und weich:„Verſöhnung!“ und dann „O meine Mutter! meine arme Mutter!“ — 228— 23575„Sie weiß ja alles! alles! liebſter Bruder!“ rief Auxora.„Wir wuß ten ja ſo wenig, wie ſie, wo du warſt. O Saumender 3, wie erfuhrſt du es 25 4„Das Schickſal 6ß Kande und lchelnd auf die ſchönen Jerthümer des verwegenen Jünglings, auf mich! Es hatte die feſteſten Bande der Liebe ſchon laͤngſt um unſre Herzen geknüpft, die noch zürnten. Dein Bruder wars, Aurora, dein Bruder, der mein Leben aus den Fluthen der Elbe rettete. Das haſt du um noch nicht gedankt, ich Aiht Büuürger ſtand in ihren Armen. 3 So lief eine Stunde nach der andern in fro⸗ hen Ungeſtüm weg. Nur Braune warf von Zeit zu Zeit unruhige Blicke auf Bürgern und Sonnenbergen, und ſeine Unruhe wurde ſo ſichtlich, daß Sonnenberg mit den bede Freunden in den Garten trat. „Was iſt dir, Ferdinand? du ſiehſt aus, als zöge eine dunkle Wolke über unſern hellen Himmel. 44 „Mit Nichten; aber ich kann euch nicht helfen. Bürger muß in deeſem Augenblicke von hier . fort. 74 6 Er muß erſt hören.⸗ 7 „Er muß erſt leſen.“ 3 43 So reichte Braune Bürgern There⸗ ſens Brief, worin ſein zweyter eingeſchlagen war. — — 129— „Du ſiehſt aus beykommendem Briefe deines Freundes, daß ſein Geſchick ſchon entſchieden iſt, und meines, in Einer Minute.„Er liebt mich!“ ſchreibt er. Und wie mein Herz ihn liebt, mit welch einer unſäglichen Gewalt, weiß nur mein Herz, der Himmel, die ſchweigende Nacht, die meinen Kummer kennt, die Seufzer der vergehenden Hoff: nung hoͤrt! Wenn er kaͤme mit einem Trauerflor um den Arm, und er fände dich nicht, und die Geliebte todt zu ſeinen Füßen, und auf ſeinem Haupte eine Blutſchuld, gerecht oder nicht ge⸗ rechr!— Sein eigenes Herz erſtarrt davor, mei⸗ nes auch! O wenn du etwas hörſt: ſo ſäume keinen Augenblick, mir Nachricht zu geben, kei⸗ nen Augenblick! Man ſagt⸗ daßt auf der Fol⸗ ter den armen Gequälten Minuten wie Stun⸗ den vorkämen. O mein Bruder, mein Bruder, das bedenke, und ſaume nicht! Adieu! O ſaͤume nicht!“ „Ich muß fort!“ rief Bürger, ſich losrei⸗ ßend. Sonnenberg rief nach Reitpferden, und half mit Braunen ſelbſt ſatteln. Aurora ſah die Männer verwundert ſich auf die Pferde ſchwinden. 2* Aber Burger, über deſſen Geſicht bald eine Todtenbläſſe flog, bald die Flamme einer lodernden Gluth/ ließ ſich den Weg von Sonnenbergen bebeuten. Dann rief er:„Nun laßt mich! Ihr F* — 1830— Fommt nicht mit.“ Er ſprengte wie ein Sturmwind davon. Sie ſprengten ihm nach; aber ſie haͤtten eben ſo gut die ſchießende Schwalbe einhohlen können. 3 Sie ſahen nur von einer Höͤhe ihm nach. „Nur eile mit Weile!“ rief Braune ſein vaͤter⸗ liches Sprichwort beſorgt ihm nach. Aber Bürger bedachte doch endlich, daß, wenn ſein Pferd fiel, nicht ſogleich eins wieder zu haben war. Er wechſelte ab mit Trott und Schritt. Nach fünf Meilen nahm er Curier⸗Pferde, und zu Nacht eine Curier⸗Chaiſe, worin er ein wenig träumte. 5. Nach vier Tagen ſah er den Thurm in Birk⸗ felde. Er ſtieg ab, beſtellte den Poſtillon ins Wirthshaus, und, einen hohen Tannenzweig auf ſeinen Hut ſteckend, das Zeichen des Glucks, ging er dem Hauſe vorüber, unbemerkt durch den Gar⸗ ten, nach Thereſens Hölzchen. Er ſah ſie, die Augen in die Hand gehüllt, ſitzen. Da erhob er die Stimme und ſang das Lied, das ihn Thereſe gelehrt hatte, das frohe Lied des glücklichen Wanderers: Glück auf1 Glück auf! Mir iſt ſo woht Wie'm Vogelchen im Wald'! Hlück auf! Glück auf! ſo froöhlich wohl! Thereſe ſtürzte fröhlich auf von ihrem Si⸗ tze; und da ſie den hohen, wankenden Tannenzweig 9„ — 131.— auf dem Hute ſah, und ſein lächelndes Auge, und den Zuruf:„Heda! Glück auf, There ſel“ hörte: ſo rief ſie ihm nach mit lauter jauchzender Stimme, daß Garten und Haus wach wurde: „Glück auf, Bürger! Glück auf! O Glück auf! O du guter, barmherziger Himmel! Glück auf!“ ſetzte ſie dann, ſanft weinend, hinzu. Aber da drang der ganze Kinderhaufen hinzu⸗ mit Glück auf und Geſchrey, und wollten The⸗ reſen abdrängen, die aber ſeine Hand immer fe⸗ ſter faßte. Das frohe Geſchrey wälzte ſich immer mehr gegen das Haus. D inchen öffnete das Fen⸗ ſter, und Bürger rief der Mutter entgegen: „Glück auf!“ und alle Stimmen riefen:„Glück auf!“ Und Vater und Mutter ſtürzten herzu, und das ganze Haus, das The reſens Thränen und der Altern Kummer wohl gedeutet hatte. Und alle riefen:„Glück auf! Bürger, Glück auf!“ „Sie haben uns finſtere, kummervolle Tage gemacht, Bürger!“ ſagte Dinchen, und ſah Thereſen an.. 3 Thereſens Thraͤnen, die in dem frohen Tumult und dem Drangen der Kinder geſtanden hatten, floſſen aufs Neue, da ſie ſagte:„Aber welchen goldnen Tag hat er uns gegeben heute!“ „Das kommt vom Plaudern:“ ſagte Bür⸗ ger fröhlich.„Es war ein ſchwerer Traum, der mit einer ſchönen Aurora endigte. Und manch⸗ mahl denke ich noch, der ſchwere Traum iſt nicht 1 zu Ende: ſo raſch flog das vollendende, verſöhnende Schickfal vorüber, als hätte es eine Welt zu ver⸗ ſöhnen, und verſöhnte ſo im Vorüberfliegen ein Paar Menſchen mit. Ich flog eben ſo ſchnell von Hannover zu Sonnenbergen.“ „Da iſt ja Ferdinand!“ „Ja, das iſt mein Schwager. Meine Schwe⸗ ſter iſt ſeine glückliche Frau.“ „Frau? und, mein Gont⸗ wie war denn alles gekommen?“ „Liebſtes Mütterchen, das ſoll ich auch erſt noch erfahren. Denn eine Stunde nachher ſaß ich ſchon zu Pferde, und nun mußte ich hierher.“ „Mein Himmel, warum denn?“ „Nun, Ferdinand gab mir ein Billett— das ſchlug er heraus, und nun wurde er verwirrt, und Thereſe erröthete und ſchlug das Auge nieder. „Was ſtand denn in dem Billette?“ fragte Dinchen geduldig weiter, und trieb immer mehr Purpur auf Thereſens Wange. Der Vater ſagte lachelnd:„Ferdinand hat geplaudert, Thereſe auch. Bürger plau⸗ dert eben das von dem Billette aus, und du, Dinchen, bringſt mit deinem Plaudern alle Welt zu plaudern, auch mich jetzt.“ „Ich verſteh Euch alle in der That nicht, Kin⸗ derchen! Er ſieht ſeine Schweſter kaum, und muß ſogleich wieder fort!“ 1 — 133— „Ja, um hier ein gebrochenes Herz blaſſe Wangen mit dem ſchönſten zu tröͤſten, und ein paar Purpur zu farben.“ Da begriff die Mutter endlich. „Thereſe muß wiſſen,“ ſetzte der Vater hinzu—„was in ihrem Briefe ſtand.“ Thereſe hob das Auge nicht, nicht Bür⸗ ger; aber ihre Hand hielt ſeine noch immer feſt⸗ und ſo ging der fröhliche Haufen von Menſchen ins Haus, und das Haus hatte einen hohen Feſttag⸗ den Bürger noch dadurch erhöhte, daß er einen Brief der ſchönen Helena, die er aus Boiſens Raͤuberhänden befreyet, und den er immer glücklich vergeſſen hatte, an Eberhardinen ablieferte. Das Briefchen war ſo zärtlich, und enthielt ſo viel Lob über Bürge rs edlen, mannlichen, muthigen Charakter, daß ſich Th ereſe, die ſonſt ſo demüthig war, noch einmahl ſo hoch aufrichtete; denn er wurde laut vorgelefen. Zuletzt kam aber wieder ſo viel von Thereſen vor, was Buürger Helenen erzählt hatte, daß Thereſe Bur⸗ gern einen Plauderer nannte. 5 Und dabey hatten die Kinder ſo viel von The⸗ reſen zu plauder „Ihr thut am beſten Kinder, du Thereſe und Sie, Burger, wenn ihr euch die Hände gebt⸗, ich und Dinchen unſre drauf legen, ſo hat das Ausplaudern ein Ende.“ Bürger ſprang auf, und waͤre faſt dem n, daß endlich der Pater ſagte: 15 — 134— Vater zu Fuͤßen gefallen, das erſte Mahl in ſeinem Leben, daß ſeine Knie ſo geſchmeidig waren. Thereſe reichte ihm die Hand. Vater und Mutter reichten den beyden Haͤnden ihre Trauringe. Die Kinder ergriffen ihre Weingläͤſer. Man ſtieß an, und rief dem Brautpaar ein Lebehoch nach dem andern. Nun gingen Burger nud Thereſe allein in das Hölzchen, und hier verrieth ihm Thereſe ihr ganzes Herz, ihre Liebe, wie ſie entſtanden, wie ſie gewachſen, wie der Schmerz um ihn ſie ihr verrathen hatte.. Bürger that nichts als er trocknete ihre Au⸗ gen, und bath ſie, des frohen Augenblicks zu ge⸗ nießen, der ja die dunkle Vergangenheit in eine Freude verwandelt hatte. Er war wieder Bürger, der heiter des frohern Lebens genoß. „Aber nun, lieber Bürger,“ ſagte The⸗ reſe zaͤrtlich—„nun haſt du keine Schweſter mehr, nun bin ich dein Alles! Nun darf das Schick⸗ ſal und die Zukunft dich nicht noch einmahl— Er betrachtete ſie laͤchelnd: Das Schickſal hat den finſtern Traum in Freude verwandelt, The⸗ reſe, und ſo ſanft, daß ich der Zukunft nicht mißtrauen kann. Wenn aber dein Bruder, deine Altern, meine Schweſter meines Arms, meines Lebens ſelbſt bedürfen: ſollte ich denn laͤchelnd zu⸗ . — 135— ſehen, wenn ſie untergingen, damit Thereſens Auge trocken blibe? Meinſt du das?“ Sie ſah ihn vewirrt an, ohne zu antworten. Nein, Thereſe, deine Liebe hat mich noch feſter verbunden mit der Welt, mit dem Leben, mit den Menſchen. Die Liebe, Thereſe, das Glück ſind die ſchönen Begleiterinnen der Menſchen durchs Leben, aber nicht das Ziel des Lebens. Nein, du ſollſt ſie nie verwechſeln, und ich nicht. Laß mich das nie wieder hören, Thereſe! ja nicht! Wir wollen uns des Lebens freuen, und des höchſten Glücks im Leben, der Liebe, und nicht daran den⸗ ken, daß das Schickſal etwas anders gebiethen koͤnnte. Ich bitte dich, ſey freudig!“ Thereſe erſchrack über ſeinen Ernſt, mit dem er ſprach. Aber ſie überlegte, und ihr Vater hatte ja oft geſagt: daß die Liebe den Mann weich machen ſoll, aber nicht weichlich. Sie fühlte des Mannes, Bürgers, Gehalt; aber ſie ehrte ihn deſto mehr, und ſie wurde freu⸗ dig und ruhig wie er. Sonnenberg an Buͤrger. Hier, mein Bruder, haſt du nicht eine Recht⸗ fertigung; denn wie ließe ſich rechtfertigen, was nicht Recht iſt, aber eine Erklaͤrung meiner Bege⸗ benheit, die mich glücklich machte. Ich ging ganz unabhängig aus der Schulſtube meines alten vortrefflichen Lehrers, allein, in die Welt die ich beſſer kannte, als Tauſende meines Gleichen. Aber nie iſt wohl ein Held von meinen Jahren, ich war zweyundzwanzig— mit einer Bruſt ſo voll Mißtrauen gegen die Welt, und be⸗ ſonders gegen das weibliche Geſchlecht, auf die Ritterſchaft gezogen, als ich. Die letzten vier Wochen vor meiner Abreiſe las mir mein Lehrer, der einmahl mit der ganzen Staͤrke ſeines vollen Herzens geliebt hatte und be⸗ trogen war, alle Stellen des Euripides gegen die Weiber vor, und ſchloß jedesmahl mit dem Verſe: „Was iſt denn ſchlecht, was nicht ein, Weib gethan?⸗ Am Tage meiner Abreiſe trat er zu mir, in den ganzen Schmuck ſeiner Würde gekleidet, um ſeinen Worten deſto mehr Nachdruck zu geben, und ſagte:„Sie müſſen heikathen, mein geliebter Freund! Sie muſſen! Ich könnte ſagen: ſuchen Sie die beſte dieſes verderblichen Geſchleches; aber 2 wie ſollen Sie die Juno ven der Wolke unterſchei⸗ den? Nun denn, wenn mein Rath Sie nicht beglei⸗ ten kann, ſo begleite Sie mein Wunſch: finden Sie eine Frau, halb ſo weiſe, halb ſo tugendhaft wie Ihre Mutter!“. alut le i Sn. Dann ſchloß ar mich an ſeine beſorgte Bruſt, trocknete ein paar Thränen von ſeinen Augen und entließ mich! An. ₰ So trat ich in die Welt, trotz meines Miß⸗ trauens, mit einem Herzen voll erwachter heißer Sehnſucht, mit jugendlich ſtarkem Verlangen nach Liebe, mit hoch aufgeregter Phantaſie des höchſten 3 und des ſeltenen Glücks, ein Herz voll Liebe, und ein Herz voll Unſchuld zu finden. 3 „Nichts laͤßt ſich leichter taͤuſchen,“ ſagte meine Mutter lächelnd zu mir, da ich Abſchied nahm— „als das Mißtrauen.“ 3 4 Sie hatte Recht; aber deſto behuthſamer war ich, bis denn endlich mein Schickſal mich faßte. Ich kam Abends ſehr ſpäͤt in** aus einer Ge⸗ ſellſchaft von Männern. Da ich um die Ecke einer Gaſſe beugen will, ſehe ich einen Kerl, dem ein andrer etwas Weißes aus einen offnen Fenſter zu⸗ veicht. 1 r Er püff, da er mich kommen hörte, und fing an zu laufen. S Ein Dieb! war mein Gedanke, und vor der Hausthür faßte ich ihn. Ich wollte ihn ins Haus zerren, er ſchlug mit einem Knittel mein Geſicht 4 — 138— beutig. Da riß ich ihnempor, ſtieß die Thure auf, zog ihn ins Haus und in ein Zimmer, worin ich Licht ſah. — Welch ein Anblick, mein Bruder! Ein Maͤd⸗ chen ſtand halb ausgekleidet vor dem Spiegel. Sie ſah ſich um, ſah mich mit blutendem Geſichte, den Dieb, der mit mir rang. Sie ſchrie laut auf vor Schrecken, ſiel an die Schelle, und nach einer Mi⸗ nute war das Zimmer voll Menſchen. Ich hatte den Dieb zu Boden geworfen, und erklärte nun den Überfall. Ein Mann im Schlaf⸗ rocke, aus dem Bette aufgejagt, wie die andern, nahm das Packet, das geſtohlen war, vom Boden, ſchrie voll Schrecken auf, und bath 49 flehentlich, den Raͤuber zu halten⸗ Der andere Dieb hatte ſich aus dem Fenſter gerettet. Es war der eigene Bediente des Hauſes. Das ganze Haus war in einer großen Ver⸗ wirrung. Man hohlte Gerichtsdiener. Der Dieb wurde weggebracht. Der Vater ſchloß mich zehn Mahl in ſeine Arme, nannte mich zehn Mahl den Retter ſeines ganzen Glücks. Seine Tochter, die in der Szene voll Schrecken gar nicht daran ge⸗ dacht hatte, ſich zu kleiden, mußte auf des Vaters Befehl mir das Blut von der Stirn trocknen. Sie that's mit einem zaͤrtlichen Mitleiden. Ihr Vater hielt das Licht dazu, und ſo ſtand dieſe jugendliche Hebegeſtalt vor meinen Augen, mit allem — 139— Reitz, den die Schönheit, ihre Kleidung, ihre Be⸗ ſchäftigung mit meiner Wunde, einem Maͤdchen geben kann. n w hMkie s Ich wollte nun gehen; aber Vater und Toch⸗ ter drangen mit freundlicher, dankbarer Gewalt darauf, ich müßte bleiben. Sobald ein Augenblick Ruhe geweſen war, hüllte ſich Henriette, hoch erröthend, in einen Schahl, ſo enge, ſo züchtig, als wollte ſie die vo⸗ rige Unachtſamkeit wieder gut machen. Der Dienſt, den ich der Familie geleiſtet hatte, war ſehr wichtig. Es war die Urkunde, die in einem Prozeſſe über das ganze Vermögen des Vaters ent⸗ ſcheiden mußte, die man hatte ſtehlen wollen. Der Dank des Vaters war unendlich. Er begleitete mich tief in der Nacht auf das Zimmer, was für mich Lereitet war. Henriettens ſchönes Bild begleitete mich auf mein Zimmer. 5 „Welch eine kindliche Unſchuld!“ fagte ich leiſe—„nicht einmahl zu wiſſen, wie man geklei⸗ det iſt! Und welch eine unſchuldige Schamröthe, da ſie nun es wußte! Und hätte die Tugend ſelbſt ſich züchtiger verhüllen können, als ſie? Welch ein from⸗ mer Blick! O mein guter Lehrer, das Geſchick, denk ich, will deine Prophezeyungen zu Schanden machen!“ Sieh, Bruder, ſo täuſchte ſich der Jüͤngling! Meine Liebe war heftig, die ich gegen das Mäd⸗ 8 — 40— chen fühlte; denn ſie war aus einem ſchlüpfrigen Boden emporgeſchoſſen. Ich hatte kaum Geduld genug, den andern Morgen zu erwarten, wo ich ſie wieder ſehen ſollte. Ich ſah ſie, und nun ſo ſittſam gekleidet, und ich liebte ſie jetzt noch mehr. Ich hatte Mühe, meinen Blick von ihr zu wenden, wenn der Vater mit mir redete. Sie er⸗ röthete oft, wenn ich ſie anſah mit Blicken, worin ein vierzehnjäͤhriges Mädchen meine Liebe und meine Unſchuld hätte leſen müſſen. Ich fühlte eine Ehrerbiethung für ſie, die an Anbethung graänzte. Ich zurnte mit dem Vater, wenn er ihr etwas befahl, ohne zu bitten. Jedes Wort ſchien mir für ſie zu rauh, zu hart, zu ir⸗ diſch, für dieſe überirdiſche, geiſtige Göttinn. Kein Ritter der Tafelrunde hat der Dan⸗ ſeines Herzens mit mehr Ehrfurcht begegnet, als ich. Es kam nun zwiſchen mir und dem Vater zu Erklärungen über uns. Ich nannte meinen Nah⸗ men. Ich ſagte, wie unabhäangig ich waͤre. Mein Bedienter, der zuweilen in das Haus kam, wurde über meine Vermögensumſtaͤnde aus⸗ gefragt. Kurz, der Vater wußte, daß er einen jungen, reichen, unabhongigen, gutmüthigen und bis zur höchſten Begeiſterung verliebten Mann vor ſich hatte. 4 Er konnte nicht aufpören, mich den Retter ſeines Glücks zu nennen. Er pries meinen Muth, — 141— meine Heldenthat. Er nannte mich die Blume aller jungen Ritter, und dazu ſeufzte ich, und wendete die Augen auf Henrietten, die ſitrſam ſchwieg und deren Schweigen ich nicht deuten konnte. „Wer bin ich denn, dachte ich beſchämt „daß dieſer Engel vom Himmel mich lieben könnte““ non Ichehatte meiner Mutter verſprochen, daß ich auch bey der heftigſten⸗ Liebe gegen das tugendhaf⸗ teſte Maͤdchen meine Erklaͤrung ein Jahr lang auf⸗ ſchieben wollte. Mein Wort wollte ich Aöſen, ſo unendlich ſchwer es mir auch wurde; denn Hem⸗ riettems Vextrallen zu mir ſtieg mit jedem Tage⸗ Mit jedem Tage ſah ich mehr, wie ihr Herz anfing⸗ ſich zu bewegen. ¹ u. O ich war unbeſchreiblich glücklicht, und noch jetzt ſag ich:„0 weh! daß eine Taͤuſchung ſo glücke lich machen kann!“ 81 Der Water ſagte mir dann in einem Geſpraͤche, daß ſein Sohn der Erbe ſeines Vermögens wäre, und daß Henrietten nichts, nichts übrig bliebe, als etwa eine Stiftsſtelle. 1en 21 8 Hier fuhr ich hocherröthend auf, und faſt haͤtte ich mich dem Vater zu Füßen geworfen, und ihn um die Hand ſeiner Tochter gebethen. Mein Ver⸗ ſprechen hielt mich. 6 4 Aber doch ſagte ich in der zurnenden Begeiſte⸗ rung, in dem ſtolzen, hohen Gefühle ihres Werthes genug. 3 t 8199* —— — 14²— Der Vater drückte meine Hand, ſah mich ſtarr an, ſiel an meine Bruſt, vergoß ein Paar Thrä⸗ nen einer ſchönen Rührung und ſchwieg. Ich hatte dem Vater mein Mißtrauen gegen das weibliche Geſchlecht recht offen geſtanden. Er beſtätigte es, und pries ſich glücklich, daß ſeine Tochter durch die einfache Erziehung, die ſie von einer vortrefflichen Mutter 2hn, nicht zu den Schlechten gehörte⸗ „Schlechten?“ rief ich, den ftarren Blick auf ihn heftend—„Schlechten? O mein Gott! welch ein Wort, um den unendlichen Werth eines Herzens zu nennen!“ Nach und nach wurde ich nicht dreiſt, aber vertraulicher mit Henrietten, und ich entdeckte nun in ihrem Geiſte alle Tage eine neue, eine reichere Welt. Ich hörte ſie zum erſten Mahle ſingen; und das Geſtandniß einer unendlichen Liebe drang aus mei⸗ nem Herzen auf ihrem Geſange hervor, bis auf die ſtumme Lippe, die nicht reden konnte. Sie re⸗ dete ſehr fertig und ſchön franzöſiſch; und das ent⸗ deckte mir ein Zufall. „O welche Demuth, welche jungfraͤuliche Be⸗ ſcheidenheit, alle dieſe Talente mir zu verſchweigen!“ rief ich entzückt. Aber ich hielt mein Wort. Ich hielt es, o meine Mutter! O mein Bruder, und das alles war Taͤuſchung, — 143— Betrug, hohnlachender Betrug! Man hielt mich für einen Knaben und behandelte mich ſo. Da Vater und Tochtet nicht begreifen konnten, was mein Schweigen, mein Schweigen gerade in den Momenten, wo meine Liebe und die Erkla⸗ rung meiner Liebe ſchon auf meinen Lippen hing, ſeyn ſollte: fing ſie an, mein Herz mit tauſend unſichtbaren Fäͤden, mit allen den lieblichen Kün⸗ ſten der Buhlerey zu umſpinnen. Sie brachte mit dem Schein der unbeſorgteſten, argloſeſten Unſchuld, des höchſten Vertrauens alle meine Sinne in Auf⸗ ruhr, und übergab ſich ganz meiner wildeſten Leiden⸗ ſchaft, lächelnd, ſpielend, ſcherzend. Oft traf ich ſie allein, wo ſie mich nicht er⸗ wartet hatte, in der leichtern Kleidung einer halben Kranken. Ich mußte ihre leidende Stirn zwiſchen meinen Haͤnden druͤcken. Dann legte ſie ſich gegen mir über auf den Sofa— ich bath ſie darum— aber um dieſe mahleriſch⸗reitzende Stellung hatte ich ſie nicht gebethen. Ich blieb mit ihr oft bis Mitternacht allein, wenn ſie ihren Vater erwartete; und in dieſen Stunden der Daͤmmerung— denn das Licht war verhüllt ihrer Augen willen— die das Herz ſo weich macht, war ſie noch weicher, dann ſchwaͤrme⸗ riſch entzückt, dann ſtill und weich. Sie lehnte ihr Haupt halb ſchlafend auf meine Schulter, und ſchlief an meinem Buſen ein.. — 144— Und ich, Kind„nrief: Wunder uͤber Wunder! An einem ſolchen Abend wars, da ſie mir end⸗ lich das Geſtäͤndniß meiner Liebe entriß. Sch ſank zu ihren Fußen; faſt vergehend vor Furcht, vor Entzücken und Liebe, drükte ich meine thnüneneen Augen raufſihre Hande⸗ „Sie vergoß Thraͤnen, ſie zitterte, ſie⸗ lehnt⸗ ihre Stirn an meine. Es war, als ob die Liebe ihe früher das Geſtändniß der Liebe⸗ ventriß, als mir. 1Sch lag im ihren. Armen, an ihrern Db gſhl gendan Bruſt, an ibren heißen Lippen. n Bruder, es iſt die glucklichſte Stunde meines ganzen Lebens, glaube mir, und dennoch Täu⸗ ſchung O falſches Schickſal, Täuſchung! Fürchte nichts! Gegen Aurora Mein bin. ich ohe Mip⸗ trauen, imn= I As O welche Stunden⸗ nun, velch Tagel Gewiß, ich war unbeſchreiblich glücklich in den Armen einer Künſtlerinn, der ſchönſten, die ich kenne! Alle die heiligſten Gefühle meiner Bruſt, all die erhabenſten Gedanken meines Geiſtes fühlte, dachte ſie, und ſagte ſie ſchöner als ich ſelbſt. Die Rührung, die ſie oft, oft ergriff, die Thräͤnen aus ihrem Herzen hohlte, war gewiß nicht immer Lüge. Gewiß nicht! Es war Rührung, es mochte ſogar Liebe ſeyn. Aber nie verrieth ein Zug von Unruhe, von Zwieſpalt in ihrer Seele, nie ein Zug von Reue, von Schmerz, daß ſie mich — 145— betrog. Und doch war ich betrogen! betrogen, ob⸗ gleich ihre Liebe, ihre geſpielte Liebe mit meiner um Wahrheit rang; obgleich dieſe Liebe Empfindungen hervorbrachte, die alles hatten, was Empfindung verbürgt: Thränen, die bebende Stimme, das Auge voll Glauben, die Raſchheit aller Bewegungen, und dann die höhere, poetiſche Sprache der Begeiſterung: die der Kunſt nie gelingt. Es war Liebe, ſage ich, Wahrheit, und dennoch Betrug, ſündiger, buhlender, höhnender, triuaphirender Betrug! Der Mann kann nicht eine Minute lang Liebe heucheln, nicht eine Minute lang. Sie erſcheint ſo⸗ gleich, was ſie iſt, entweder Kälte, oder Mitleiden. Das Weib hat die Kraft, ſie ihr ganzes Leben durch zu heucheln, und die geheuchelte Liebe iſt be⸗ geiſterter oder ſcheint ſo, mehr als die Liebe eines reinen, demüthig unſchuldigen, weiblichen Herzens, das ſich aus der ſüßeſten Weiblichkeit halb verbirgt, wie die Indianer von dem Monde im erſten Vier⸗ theil ſagen:„ſie verſchleyert halb ihr Geſicht, weil ſie ſich ſchämt, ſo lange bey ihrem Geliebten, der Sonne, geweſen zu ſeyn.“ Betrug wars, aber ein Betrug, der ſo wahr ſchien, als die Wahrheit ſelbſt. Wir können höͤchſtens eine Stunde lang einen Betrug ausſchmücken; ſie that es beſtändig. Sie hatte die Liebe ſtudirt, und ſie war, ohne aufzuhören, auf dem Theater in ihrer Rolle. Iſt Liebe das Ele⸗ Lafont. die Pfarre ꝛc. II. G ment, in dem ſie allein leben?— wie der träge, ruhmloſe Mann, doch von edlen Thaten träumet? Wir theilten am andern Morgen dem glücklichen Vater unſre Liebe mit. Er willigte— ich zitterte vor tauſend Hinderniſſen— mit vollen Freuden in unſre Verbindung.. Ich mußte nun nach Hauſe reiſen, um An⸗ ſtalten zu treffen. Ich beſtimmte meine Zurückkunft auf einen Tag, und Henriette verſprach, mir mit ihrem Pater entgegen zu kommen. Aber die Liebe iſt thaͤtiger als der Fleiß ſelbſt. Ich kam acht Tage früher an, zwar ſchon ſehr ſpaͤt; aber ich dachte, vielleicht finde ich die harrende Braut noch wachend⸗ Ich hatte den Schlüſſel zu dem Garten, der an Henriettens Hauſe lag, um nicht immer durch die Hausthür zu müſſen, wenn ich ging und kam. Ich ließ meinen Bedienten bey dem Wagen, ſtieg aus, öffnete die Gartenthür ſehr leiſe, und that einige Schritte vorwärts nach dem Hauſe. Da ſah ich Licht aus dem kleinen Gartenhauſe ſchimmern, wo ich ſo oft, ach, ſo oft, und ſo ſelig mit ihr am Abend geſeſſen hatte!— O, da iſt ſie, die Treue! dacht ich, und ſchleiche mich näher. Ih höre zwey Stimmen. Ich ſtocke. Ich horche. Ich trete naͤher an das Fenſter, und— die Erde ſchwankte unter mir!— ich ſah Henrietten in den Armen eines Maͤnnes auf ſeinen Knien ſitzen, ihren Arm um ſeinen Hals geſchlungen, ihre Lippen auf ſeinen Mund gedrückt. Ihr Bruder iſts! denk ich, den ich noch nicht kannte. Aber ſie windet ſich los von ſeinen Lippen, und ſagt mit weinenden Tönen:„bin ich nun un⸗ glücklich genug, o du Heißgeliebter! Liebe ich dich nun genug, du harter Tyrann meines Lebens?“ „Biſt du nicht ſein?“ fragte er zurnend, ſie wieder an ſeine Bruſt ziehend. „Sein! ſein! v wäre ich es doch! O das iſt der einzige Wunſch meines Lebens! Haͤtte ich nie dich geſehen! denn er liebt mich treuer, treuer als du! Du haſt meine Liebe, und dafür quälſt du mich. Seine Liebe habe ich, und dafür betrüge ich ihn. Geh, du Unbändiger! Du warſt nicht einmahl glücklich in meinen Armen. Wilder Übermuth wars, daß ich dich lieben ſollte. Geh, o geh, Un⸗ dankbarer, dem ich alles aufopferte! Alles! Alles, Ich liebe dich; aber ich haſſe dich zugleich! Ich möchte dich ermorden!“. Sie fiel bey dieſen Worten wieder in ſeine Umarmungen, an ſeine Lippen.. „Dieſe acht Tage habe ich noch,“ ſagte ſie wieder weinend—„dann gehe ich mit ihm, und ſcheide auf ewig von dem Leben, von dem„ von der Freude, von der Liebe, won 8 1 3 Gr — 148— unbeſchreiblich Theurer! Wie werd' ich ſcheiden! wie werd' ichs können? Wie mit ihm gehen, den ich betrog, den ich betrügen mußte! den du betrogſt mit Freundſchaft, ich mit Liebe! Nein, ich will fort! Ich bleibe nicht länger!“. 3 Sie ſprang auf. Der Strahl des Lichts fiel auf ſein Geſicht. Es war mein— Freund! Ein junger Mann drangte ſich an mich, warb mit allen Zeichen der Liebe um meine Freundſchaft. Ich gab ſie ihm. Er that nie, als ob er Henrier⸗ ten je geſehen haͤtte, ſo oft ich auch von ihr mit ihm redete. Das war zu viel, die Geliebte und der Freund auf ein Mahl. 3 Ich ſchrie auf vor Schrecken und— Zorn war es nicht, Zorn nicht!— Es war Schrecken, Verachtung, Haß, der letzte Ruf der Verzweif⸗ lung, den ſie ausſtößt, ehe ſie vergeht. Dieſer Schrey riß Beyde empor, und mit dem Lichte an die Thüre. Sie erkannten mich, und ſie blieben eben ſo erſtarrt ſtehen, als ich ſelbſt. Wie lange wir ſo ſtanden, weiß der Himmel. Ich wendete mich endlich ab, und tappte durch die dunkle mitternäaͤchtliche Finſterniß, die meine Seele und meine Augen umgab. Ich ſtand oft— denn mir wars, als hörte ich hinter mir ein ſchallendes Hohngelaͤchter— und — 9 horchte ich, ſo war alles ſtill, als ſtaͤnde die ganze Schöpfung. Dann rauſchte es oft wieder in meiner Seele, als ergöſſen ſich alle Ströme und Meere in meine „Seele, als heulten die verderbenden Wirbelwinde gegen einander, als brüllten lange Donnerſchläge durch den dunkeln Himmel, der wie ein Meer über die Erde ſank. Und ſah ich nachſinnend empor in das Verderben: ſo ſah ich den hellen Himmel mit den ewigen Sternen, ſo hell und ſtill. Ich ſchrie noch ein Paar Mahl ſo entſetzlich laut auf vor Schmerz und Entſetzen, daß der Nacht⸗ waͤchter ſich mir furchtſam naͤherte/ und mich nach Hauſe brachte. 1 Ich hätte das Haus gefunden, aber nicht er⸗ kannt. Denn ich erkannte mein Zimmer nicht, nicht meinen Juſt, der faſt die Nacht umgekommen iſt, weil ich weder zur Beſinnung, noch zu Worten zu bringen war. 8. Er brachte mich mit Mühe in das Bett. In meiner Seele war eine fremde Welt, die meine Bruſt mit Eis und Haß fuͤllte. Ich konnte nicht begreifen, wie der Tag in mein Zimmer leuchtete. „Was iſt dir denn, alter Kerl?“ fuhr ich meinen Juſt an, der weinend an mein Bett trat—„ſo alt, und haſt noch Thräͤnen? Beſtell Pferde, daß wir wegkommen.“ — 150— „Pferde? und Ihre Braut? guter Gott! be⸗ ſinnen Sie ſich doch.“ „Haſt Recht; vier und zwanzig Stunden wol⸗ len wir bleiben.““) Um zehn Uhr ließ ſich der Menſch aus der Nacht melden. Ein Blutſtrom ſchoß heiß i in mein Herz bey ſeinem Nahmen; aber im zweyten Augenblick war alles wieder kalt und hart in meiner Bruſt. Er trat ins Zimmer.„Sie haben geſtern eine Entdeckung gemacht, Herr von Sonnenberg, über die ich Ihnen eine Erklaͤrung ſchuldig bin.“ „Schenk ich Ihnen!“ ſagte ich kalt und erſtarrt. „Es wird von Ihnen abhängen, wie unſre Begebenheit endigen ſoll.“ „Schon geendigt!“ „Ich bin bereit zu jeder Art von Genugthuung, Herr von Sonnenberg!“ „Ich bin kalt, mein Herr,— ſagte ich, faſt glaube ich mit Zaͤhnklappen—„daß ein Strom warmes Menſchenblut, und ſtroͤmte es aus Ihrem Herzen, mich nicht wieder erwarmen könnte. Erſt Betrug, dann Mord um den Betrug wieder gut zu machen, und was dann? Ich habe zu nichts Luſt, mein Herr— als allein zu ſeyn. „Sie ſagten Betrug, Herr von Sonnen⸗ berg; ich muß Sie bitten,“ ——— — 151— „Iſt das Wort ſchlimmer als das Ding ſelbſt? Kind! Kind!“ ſagte ich, mich ſchaudernd vor Froſt—„geh! geh! der Himmel ſey dir gnäͤdig und mir.“ 1- Er ſah mich groß an, und ging endlich. Ich erhielt von Henrietten einen Brief⸗ Sieh, Bruder, ich erbrach ihn mit dem beſten Vorſatze, ihn zu leſen. Ich häͤtte vielleicht die Hälfte meines Lebens drum gegeben, ſie häͤtte ſich mit et⸗ was in der Welt entſchuldigen können, um die an⸗ dere Hälfte des Lebens, des Lebens Werth zu hal⸗ ten. Ich las den Brief zehn Mahl, ohne ihn zu verſtehen. Hätte ich ihn mit Gewalt verſtehen wol⸗ len, was ein Mahl meine Abſicht war: ſo hätte die Anſtrengung die Fäden meines Gehirns zerreißen müſſen. Ich gab den Brief der Jungfer, die auf Ant⸗ wort wartete, mit den Worten zurück:„Ich habe das Fraäulein nie verſtanden; ſie mich wahrſcheinlich auch nicht! Gott behüthe Sie, mein Kind, und ihr Fräulein auch!“ Das Maͤdchen ging; und da ich meinem Juſt ſagte:„Sie können mich noch wahnwitzig machen, mit Frag' und Antwort. Saͤß ich im Wagen, es wäre beſſer!“ So ſtanden die Pferde da, und ich fuhr mit meinem Juſt den Weg nach meinem Gute. Nach drey Tagen erwachte das Leben in mir wieder. Meine Augen flammten, meine Wange glühte. — 152— Ich ließ den Wagen umdrehen. „O, noch ein Mahl, gütiger Himmel!“ rief ich—„noch ein Mahl laß den Mann vor mein Auge treten, mit dem Worte Genugthuung! O, war⸗ um ſoll denn der Himmel Blitze haben, und Erd⸗ beben, und verderbende Fluthen, und tödtliche Seuchen für den treuloſen Menſchen, der in Einem Athemzuge drey Mahl Treue ſchwört, und drey Mahl die Treue bricht; aus bloßer üppiger, ſün⸗ diger Luſt die Treue an die Banden eines Eides legt, um die Banden zerreißen zu koͤnnen; ja, warum ſoll der Himmel ſeine Hand bewaffnen, wenn ich, ich des lachenden Betrugs veraͤchtliches Spielzeug mit blaſſer Wange, mit feiger Bruſt vor dem Be⸗ trüger ſtehe, ihm ſchmeichelnde Worte gebe, mit flehender Zunge rede, bis er mich reiſen laͤßt?“ Das rief ich, und noch viel mehr, ſo daß meine Poſtillone jagten, was die Pferde laufen konnten, weil ich ihnen wahnwiig ſchien.— Mein Juſt, der denn endlich die ganze Be⸗ gebenheit ſich aus meinen einzelnen Worten zuſam⸗ men geſetzt hatte, ſtellte mir vor, daß, wenn ich zurück käme, das Fraͤulein, ihr Liebhaber, und die Stadt dazu glauben würde: ich kaͤme zurück, um mich dem Fräulein wieder anzubiethen. Wie ſehr ich herab war mit meinem Verſtande, kannſt du daraus ſehen, daß dieſe ſeltſame Vor⸗ ſtellung auf mich wirkte. Ich kehrte wieder um; und mein Juſt, der — 153— gern zwiſchen mich und meinen treuloſen Freund eine Welt gelegt hätte, nutzte meine Erlaubniß, die ich ihm gegeben, den Weg zu beſtimmen. Er brachte mich nach H amburg, und von da ſegelten wir nach Dower. Ich kam träͤumend in London an. (Fortſetzung.) Ich wurde durch den Anblick des mannichfaltigen Lebens, der unendlichen Thätigkeit des freyen Volks zerſtreut; aber in meinem Herzen ſetzte ſich ein Haß gegen das Leben, und das höchſte Mißtrauen gegen den Menſchen feſt. Ich hatte das unendliche Glück der Liebe ge⸗ fuhlt, und das eben ſollte ich aufgeben? In meiner Bruſt, das fühlte ich ſo feſt wie das Leben ſelbſt, ruhte eine hohe, eine reine Liebe frey von aller Begierde, gegen das Weib, gegen die Hausfrau, gegen die treue, keuſche, tugendhafte Mutter meiner Kinder, ruhte in meiner Seele ſo feſt, wie die heiße/ reine Sehnſucht, unſterblich zu ſeyn, und der Glauben an die Unſterblichkeit war nicht feſter in meine Seele gelegt, als der Glauben, dieſe Liebe müſſe auf der Erde zu finden ſeyn, dieſe Liebe, die alles überwindet, die jedes Opfers fähig iſt, die Vater und Mutter verlaͤßt, Haus und Paterland, den ſchönen Kreis der Ge⸗ G* — 15 ½4— ſpielen und der Freunde, und nur an der Bruſt des Geliebten häangt.. Aber wo find' ich ſie, dieſe allmaͤchtige Liebe, die Sonne des Lebens, den Bürgen alles, der ewigen Hoffnungen? Wie wollt ich ſie unterſchei⸗ den von der Buhlerey, die nur den Blick auf mein Geld richtet, auf meinen Nahmen, auf die dunkle Erde? 1 In den Gebirgen von Hochſchottland, auf den nebelvollen Heiden, wo ich den Oſſian las, deſſen Harfe dis Liebe beſingt, die hier wohnte, und die ich ſuchte, die Liebe, die bis zum Tode treu iſt, in dieſen Gebirgen, wo mir die Greiſe die Lieder von Selma ſangen, bildete ich den Plan aus, die Sonne des Lebens, die keuſche, unſchuldige Liebe in ganz Deutſchland zu ſu⸗ cchen, und fande ich ſie nicht, mich, wie mein alter ehrwurdiger Lehrer, in die Einſamkeit mit meinen todten Weiſen zu begraben, und dem Gluͤck des Le⸗ bens zu entſagen. Ich reiste mit meinem Juſt nach Deutſch⸗ land zurück. Ich nannte mich Golden. Ich bath meinen Juſt, ſich das häßliche:„Ihr Gnaden!“⸗ was ihm immer auf den Lippen war, abzugewöhnen, und mehr mein Freund zu ſeyn, als mein Bedienter. Ich ſagte ihm meinen Plan. Er lächelte; aber gerührt ſetzte er hinzu:„Sie ſind es werth, mein lieber Herr, daß Sie ein ſolches Herz finden, wie — 155— Sie ſuchen, obwohl mir es nicht gefäͤllt, daß Sie ſo große Anſtalten dazu machen, wie Sie thun.“ Da, o da, mein Bruder; mein theurer gelieb⸗ ter Bruder, fuhr ich an dem ſchönſten Tage, den der Frühling und der Himmel der Erde geben kann, in deine Vaterſtadt ein, unter den Liebesſchlägen der Nachtigallen, durch den Duft der Bluͤthen, unter einem Himmel, der ſo ſchön war, wie der Himmel, der Italien deckt. Das Gelaute aller Glocken in der Stadt empfing mich. Es war der Sonnabend vor Pfingſten. Dann nahe am Thore fuhr mein Wagen langſam durch einen Haufen ſpielender Kinder, welche die Blumen, die ſie in den Handen hatten, mir in den Wagen warfen. „Das empfangt uns hier ja“ ſagte Juſt— „ſo feyerlich, als ſollten Sie hier finden, was wir ſuchen. Gebe es Gott!“ „Gebe es Gott!“ ſagte auch ich, freundlich gerührt durch das Alles; und ſo fuhren wir in un⸗ ſer Wirthshaus ein, den grünen Kranz, der dem Hauſe deiner Mutter gegenüber liegt.. Juſt fand auch das Schild des Hauſes be⸗ deutend, und— O Gott ſey gelobt! er hatte Recht. Meine Vorhange waren vor den ofnen Fen⸗ ſtern niedergelaſſen: aber der Wind hatte einen Vorhang ſo geſchoben, daß gerade eine kleine Offnung war, wodurch ich das gegenüber liegende — 186— Haus ſehen konnte, dein Haus, Bruder, deiner Murter, deiner Schweſter Haus. Die Vorhange vor den Fenſtern waren ſo ſchneeweiß, die Fenſter ſo rein und erſt gewaſchen, ſo durchſichtig, daß deine Mutter wie vor mir ſaß; ich hätte ſie zeichnen konnen. Sie las ämſig und doch läͤchelnd in einem Ge⸗ bethbuche. Ich erkannte es an dem ſchwarzen Bande. Ich ſah nur das eine Fenſter, nicht mehr. Auf einmahl ſah ſie auf, legte das Buch weg, und breitete ihre Arme aus, als ob ſie Jemanden empfangen wollte. Und nun trat Caͤcilie, weiß gekleidet, wie die ſchönſte Bluͤthe des May's, zu ihrer Mutter, kniete vor ihr, küßte ihre Hande. Beyde waren unendlich bewegt. 8 Die Mutter legte die ſegnende Hand auf das Haupt der Tochter. Sie trockneten beyde die Au⸗ gen. Dann drückte die Mutter die Tochter an ihr Herz. Die Geſichter erheiterten ſich, wie durch ein Wunder aus dem Schmerz, aus der erſten Nügerchg Mir war es ein Raͤthſel. „Wer wohnt da drüben?“ fragte ich den Auf waärter, und er erzählte, „Ach,“ ſagte der—„daß iſt ſo eine Sitte hier, wenn man am andern Tage zum Abendmahl geht, daß Kinder die Altern um Verzeihung bitten, Und Morgen geht hier die halbe Stadt zum Abend⸗ mahl. Das iſts nur!“ — 157— Ich häͤtte den Kerl für ſein„das iſt's nur!“ vom Zimmer werfen können. Aber doch gab ich Acht, ob's nur die Sitte ſo war bey meinen Nach⸗ barinnen oder mehr! Aber es war gewiß nicht die Sitte nur, die der Tochter Haupt und Knie vor der Mutter gebeugt hatte. Weder Mutter noch Tochter thaten nur einen Blick durch die hellen Scheiben auf die Gaſſe. Eine heilige Ruhe trug die beyden Herzen auf feſten Händen.„Nein,“ fagte ich—„die Tochter, die den ſchönen Blick des Kindes keſt hält, auf der Mutter ehrwürdigem Geſichte, hat nichts abzubitten gehabt. Die Mutter gab ihr keine Verzeihung, ſondern ihren Segen.“ Kannſt du glauben, daß ich dennoch darauf kauerte, jetzt ſollte dieſer Wagen, oder jenes Ge⸗ räuſch von Stimmen Beyde ans Fenſter ziehen?— Nein, ſie ſetzten ſich Beyde in den Grund des Zim⸗ mers auf ein Sopha⸗ 3 Sie redeten eifrig, die Haͤnde in einander ge⸗ ſchlagen, und gewiß von einem, den ſie liebten, oder von dem überirdiſchen; denn ich ſah ſie Beyde ſich noch oft die Augen trocknen. Die Mutter ging hinaus, und eine Minute lang kniete die Tochter vor der leeren Stelle ihrer Mutter. Es war ein heißes Gebeth für die Mutter. Dann ſaß ſie an einer Arbeit, ſo ruhig! Dieſe Stunde war das erſte Band, was das gätige Geſchick um meines und um Aurorens Herz ſchlang. Ich trat zurück vom Fenſter, und wieder hin. Dann gingen ihre Vorhange gegen Abend nieder, und ſpat, als alles ſtill war auf der Gaſſe, hörte ich die ſanfte ſchöne Melodie eines Chorals, leiſe und ſchön geſungen von Mutter und Tochter. Und dann erloſch das Licht. Ich freuete mich beym Einſchlafen und beym Erwachen darauf, das fromme Paar am Morgen zu ſehen. Ihre Fenſter blieben am Morgen verhängt; aber unter dem Glockengelaͤut traten ſie hervor. Ich ſah nur deine Schweſter den einen Augen⸗ blick, da ſie hinter ihrer Mutter aus der Thür trat; aber ein Zug von Henriettens Geſicht auf ihrem, drang wie ein brennender Pfeil durch 8 meine Seele. Sie war ſchwarz gekleidet, wie es hier Sitte iſt. Denn viele waren wie ſie gekleidet. Aber welch ein Unterſchied! Ich möchte ſagen, ſie hatte an dem heutigen Tage jeden Reitz verhüllt, jede andre Schönheit, als die ihrer frommen Seele verborgen. Ein weißer Flor verhüllte das goldne Haar, die Marienſtirn, das ſchöne leuchtende Auge. Sie ging, ihr Haupt gebeugt, langſam, als wollte ſie die hohe, ſchlanke Geſtalt und das Leben ihrer Glieder in die flomme Demuth verhuͤllen. Nein, ich konnte nicht widerſtehen, ich folgte ihnen. Ich nahm meinen Platz gegen ihnen über. So bethe die fromme Unſchuld und die De⸗ — 159— muth. So knieet das Gebeth ſelbſt, wie ſie am Altare kniete!.. „Das iſt keine Heucheley!“ rief eine laute Stimme in mir. Da ſaßen neben ihr Mäadchen, ſchwarz wie ſie gekleidet, und fromm wie Nonnen; aber Auge und Blick flarterten umher. Aber mir ſiel Henriette ein, und der Zug ihres Geſichts, der dem Zuge auf dem Geſichte der Betherinn aͤhnelte. War ſie nicht fromm? und dennoch wurde ich betrogen. Meine Mutter und Cacilie blieben, bis die Kirche leer war. Dann erſt gingen ſie, wie ſie ka⸗ men, nach Hauſe. Ich fragte einen Friſeupader zu mir kam: „wer wohnt dort, da drüben?““* „Mutter und Tochter, Madame Bürger, die arme Witwe eines Gelehrten. Die Tochter iſt ſchön wie ein Engel,“ fuhr er lachend fort—„und was nicht leicht iſt hier in der Stadt, von eben ſo ſchönem Ruf. Sie haben gewiß die Tochter dieſem Morgen zur Kirche gehen ſehen? Und den möchte ich ſehen, der ſie ſehen und nicht fragen müßte: wer ſie iſt? Das Mäaͤdchen, ſagt man, denkt hoch hinaus, wie die ganze Familie. Der Bruder auch. Deyr iſt in Italien, man weiß nicht wovon. Das kommt vom Water. Er war ſtolz wie ein König, und arm wie ein— Schulmann. Aber die ganze Familie ſteht in Ehren, obgleich jeder gern dem 8 — 166e— Stolzen Übels nachſagt. Beſondere Leute; gut, herzensgut; aber apart! ſehr apart!“ Ich war entſchloſſen das Mädchen, das ſo beſonders war, zu prüfen. Ich ſetzte mich den Mittag in Wagen, und fuhr zur nächſten Station. Hier ließ ich meinen Wagen, und nach acht Tagen, ohne daß Juſt etwas wußte, ohne daß er das Maͤdchen oder die Mutter geſehen hatte, kehrte ich zu deiner Schweſter zurück. Ich nahm am andern Ende der Stadt meine Woh⸗ nung in dem Engel. Ich war entſchloſſen, fie n na⸗ her zu beobachten. Ich lebte in dem Wirthshauſe höchſt einfach und verborgen. Juſt hatte Befehl, meinen Stand nicht zu verrathen, eben ſo weinig mein Vermögen. Ich hieß Golden. Ich fän auf Gelegenheit, deine Schweſter zu ſprechen. Ich hatte das für leicht gehalten; ich fuͤhlte nach einigen Tagen, wie ſchwer es war⸗ Ich bitte dich noch ein Mahl, nicht zu ver⸗ geſſen, wie ſchmerzlich ich betrogen war, und welch einen Plan ich in dem Lande der Liebe, in den Gebirgen von Hoch⸗Schottland gemacht hatte, ein Herz zu ſuchen, das mich genug liebte, um mir alles Andere, was ihrem Herzen theuer war, ſelbſt das, was dem Madchen am theuerſten iſt, ihren Ruf, aufzuopfern. Ich bitte dich, das nie zu vergeſſen. Ich war der ungluͤcklichſte Menſch, und ſollte der glücklichſte ſeyn. — 3 — 161— (Fortſetzung.) Mein Juſt ſah recht wohl, daß ich hier eine Abſicht hatte; aber ich wußte gewiß, daß er deine Schweſter nicht kannte, um daß er mich nicht ver⸗ rathen konnte, ſelbſt wenn er gewollt hätte. Ich ſelbſt ging ſo vorſichtig zu Werke, daß man mich kaum in dem Hauſe kannte, wo ich wohnte. Endlich, endlich ſah ich Cäcilien am Morgen ganz früh zum Thore hinausgehen, auf ein Gaͤrtchen, das ein Paar hundert Schritte nur von der Stadt entfernt lag. Sie war um neun Uhr Morgens ſchon wieder in der Stadt. Nachmittag ging ſie nie dahin, ſondern nur mit ihrer Mutter von einem Thor zum andern. Ich konnte mit Sicherheit das Gaͤrtchen am Nachmittag beſuchen.— Ich ging einen Nachmittag binein, um Obſt zu kaufen, und traf eine blinde Murter, und ihre Tochter, eine Wittwe mit zwey kleinen Kindern. Ich war ſchlicht gekleidet, wie ein Handwerker. Ich redete mit der Blinden freundlich,„ſcherzte mit den Kindern, und unſre Bekanntſchaft war ge⸗ macht. Ich kam öfter, und man fragte, wer ich ware? Ich antwortete lächelnd:„nicht ſo arm wie Ihr, Mutterchen; aber auch nicht viel reicher; nicht ſo unglücklich, wie Ihr, aber auch nicht viel glück⸗ licher. Ich follte ein Gelehrter werden, und war zu arm dazu. Jetzt aber, wenn ich mich einſchränke, — 162— habe ich genug, und noch für einen, der aͤrmer iſt, als ich, ein Almoſen, und das koͤnnen nicht viel Menſchen ſagen.“ Die blinde hatte mich in ein Paar Tagen liebge⸗ wonnen; denn ſie meinte, was ich ſagte, waͤre ſo be⸗ ſonders. Es gaͤbe zu denken, und ſo konnte ich nach acht Tagen mit dem Vorſchlage hervorrücken, man möchte mir das kleine Stübchen oben im Hauſe für den Sommer vermiethen. Es waͤre mir zu theuer in der Stadt, zu eng, und zu geräuſchvoll. Das war nach einer halben Stunde in Rich⸗ tigkeit, und am Abend war ich mit meinen Sachen, die ein Mann auf einem Schiebkarren brachte, bey den guten Leuten eingezogen, und am andern Mor⸗ gen ſah ich Cäcilien, eine Viertelſtunde bey der Blinden ſitzen, eine Viertelſtunde mit den Kindern ſcherzen. Und dann ging ſie mit ihrer Arbeit auf und nieder, lehrte die Kinder leſen, redete mit der Witwe, die Magd bey ihr geweſen war, pflückte ihr Gemüſe für den Mittag ſelbſt, und ging dann nach Hauſe.. Den andern Tag blies ich oben auf meinem Stübchen meine Flöte unbekümmert. Die Kinder, deren Freund ich ſo gut war, wie Caͤcilie, rufen:„horch! horch! der arme Heinrich vom See!“ „Heinrich vom See?“ frägt Cacilie die Blinde. „Ein ehrlicher, armer, zuter Menſch, dem s — 163— in der Stadt zu theuer iſt. Heinrich von See heißt er nicht.— 4 „Heißt er, Großmutter,“ fäͤllt die Enkelinn eifrig ein—„er iſt uber Land und See gegangen, über See und Land, ein treues Herz unter den Menſchen zu ſuchen. Das hat er uns geſtern Abend erzählt.“4 „Ja doch, ja!— Ein beſondrer Menſch, Mamſell Caäcilie, ein redliches Blut, ſo redlich, als hätte er auch ſein Geſicht verloren, und müßte ſich nun auf andere Augen verlaſſen. „Aber wer iſt er denn eigentlich?“ fragte Caeilie, ein wenig beſtürzt. Die Blinde, die ſich auf die Menſchenſtimme verſtand, ſah, wie Caͤcilie erröthete.„O nein, liebe Mamſell Cäciliel“— Die Blinde erzaͤhlte mir nachher die ganze Unterredung—„Sie ha⸗ ben ſich nicht zu fürchten. Er iſt nicht etwa ſo ein junger Herr, obwohl er jung iſt und hübſch, ſagt meine Tochter. Ehrlicher Leute Kind, der gerade ſo viel hat, um allein und ſpärlich zu leben, mit ſeinen Büchern, und ſeiner Feder, und ſeiner Flöte, gekleidet wie unſereins, zu denen er auch gehört. Erzählt Abends den Kindern Geſchichten, wie die vom armen Heinrich von See. Ich höre ſelber mit zu, und es iſt, als ſähe ich alles mit an; ſo erzählt er. Vor Eilf⸗ kommt er nicht herab, und geht er Morgens früh, ſo geht er ins Freye mit der Flöte.“ — 164— 8 Das beruhigte Cäcilien, und die Kinder erzählten ihr vom armen Heinrich, und zeigten ihr, wie ich ſie leſen lehrte und ſchreiben dazu, und rechnen auch. Ich ſah ſie durch die Weinranken, die meine Fenſter beſchatteten. O mein Bruder, ich bath den Himmel, den armen Heinrich in Caͤciliens Bruſt finden zu laſſen, was er ſuchte:„Liebe und ein treues Herz!“ 9. Nach einigen Tagen war Sonnenberg weg⸗ gegangen, einen Bekannten zu begleiten, der auf die Wanderſchaft ginge; ſo hatte er der Blinden geſagt. Er würde vor Abends nicht zurück ſeyn. Die Kinder plagten die Blinde mit Fragen, ob der arme Heinrich auch gewiß wiederkäme? Die Blinde verſicherte, und erzählte Cäcilien, wie er es anſinge, das Herz der Kinder, aller Menſchen, auch der Thiere zu gewinnen. Und die Kinder wollten mit Gewalt Caͤcilien zeigen, wie ſie ſchön ſchreiben koͤnnten. Die zärtliche Liebe dieſer Menſchen gegen den armen Heinrich,— der ein Handwerker war; für mehr gab ihn die Blinde nicht aus; und die Mutter der Kinder auch nicht— hatte doch Cdci⸗ lien neugierig gemacht, nicht ihn zu ſehen, ſon⸗ dern mehr von ihm zu wiſſen. — 165— Die Kinder wollten Cäcilien auf des Man⸗ nes Stubchen ziehen, um ihr ihre Schreibebücher zu zeigen. „ Sie können den Kinderchen die Freude ma⸗ chen, Mamſell! Auf dem Stübchen iſt es reinlich.“ Cäcilie ging. Sie beſah die Schreibebücher, und bewunderte die Fortſchritte der Kinder im Schrei⸗ ben. Sie beſah die Titel der Buͤcher. Sie kannte ſie ſehr wohl aus der Bibliothek ihres Bruders. Das kleinere Maͤdchen, das ſich in kindiſchem Triumphe das Anſehen gab, als ſey es der Herr des Stübchens, weil der arme Heinrich ihr die Sorge dafür aufgetragen hatte, gab Cäcilien ein Papier mit den Worten:„er ſchreibt noch viel, viel beſſer. Dieß hat er geſchrieben.“ Cacilie erröthete. Sie hätte gern einen Blick auf das Papier geworfen, wenn ſie nicht das Plau⸗ vern der Kinder gefürchtet hätte. Sie legte das Papier wieder auf den Tiſch, mit der Lehre:„Du mußt das beſchriebene Papier eines Fremden nicht anrühren!“ Die Blinde kam dazu, weil ein kleiner Regen ſie von ihrem Sitze im Garten verjagt hatte. Die Kinder liefen jauchzend hinab; denn die Mutter hatte Regen gewünſcht. Waͤhrend die Blinde erzaͤhlte, las Cacilie die erſten Worte, nur um zu ſehen, wie er ſchriebe. Das zog ſie an! ſie las verſtohlen:„Warum kann ich die Ruhe nur im Schlafe finden, und — 166— nur im Tode? warum nicht im Leben? Warum ſehe ich es nicht lachelnd an, wie das Gewitter in den Lebenstraum hinein donnert? Iſt denn nicht die⸗ ſes Leben der Winter eines künftigen wonnereichen Frühlings, der ewig dauert? O du Ruhe, warum fliehſt du des Lebens Traum! Warum muß ich noch immer, immer mehr, mit immer wachſender Sehn⸗ ſucht den Wunſch haben, hier ſchon den ewigen Früͤhling zu finden: die Liebe, ein treues Herz? O Himmel, warum entzündeteſt du in der Bruſt des Menſchen die Flamme einer Liebe, die wie das Todtenlicht in einem Grabgewölbe, einſam, unge⸗ ſehen brennt, flattert und verliſcht? Ach, warum antwortet der Stimme einer unendlichen Liebe, die ich in meine Flöte hauche, nur ſpottend das Eccho, das in einem harten kalten Felſen wohnt, und nicht in einem treuen Herzen? O, warum vermehren die Flötentöne meine, und der Nachtigall den Schlag meines Herzens, den Wunſch meiner Seele, der nie erfüllt wird? O, warum rufe ich Nachts den Sternen zu: grüßt die Geliebte meines Herzens! Ja, ſie wohnt jenſeits der Sterne, jenſeits des Le⸗ bens! O weh, wenn auch jenſeits der Sterne un⸗ befriedigte Seufzer zu uns heruüber tönten, und ſagten:„gruͤßt die Geliebte, die bey euch wohnt! 74 Das las Cäcilie mehr als ein Mahl unter dem Geſpraͤche der Blinden. Es waren ihre eigenen Gedanken, ihre eige⸗ — 167— nen Gefüͤhle, es war die ſtille Sehnſucht ihres eige⸗ nen Herzens. Sie nahm ſogar einen Bleyſtift und ſchrieb auf ein Stuückchen Papier die Worte ab, und ſteckte es in ihren Buſen. Jetzt war ihr auf dem kleinen Zimmer des ar⸗ men Heinrichs nichts mehr gleichgültig. Aus ſei⸗ nen Büchern, die in mehrern Sprachen da lagen, ſah ſie, er war ein ſehr gebildeter Mann, und nicht etwa ein Handwerker, wie die Blinde meinte. Sie mußte gehen, ſie fühlte, daß das alles einen tiefen Eindruck in ihre Seele gemacht hatte, und ſie kaͤmpfte mit üch ſelbſt, ob ſie ihrer Mutter es ſagen ſollte oder nicht.* Was häaͤtte ſie ſagen können, was ihre Mut⸗ ter nicht belacht oder getadelt hätte? 8 Der arme Heinrich von See, der üͤber Meer und Land geht, ein treues Herz zu ſuchen? Sie ſah ihrer Mutter verſtohlnes Lächeln, ſo rüh⸗ rend Cacilien das alles geworden war. Ihrer Mutter zu zeigen, was er geſchrieben hatte? Sie erröthete, daß ſie den Tadel ihrer Mutter zu ſehr verdient hatte. Sie ſchwieg, weil ſie mußte, und ſie beſchloß/ ſich ſelbſt zu ſtrafen, und blieb zwey Tage hinter einander vom Garten weg. Dann aber kam ſie wieder, in ihrer reinen Unſchuld meinend, er wiſſe nicht einmahl ihr Daſeyn. 3 5 1— 168— Sie dachte nicht daran, daß der Blinden Le⸗ ven nur Geſpraͤch war, und daß der arme Liebes⸗ pilger jeden Tag eine Stunde bey der freundlichen Blinden ſaß, und ſich von ihr erzählen ließ von Caciliens Altern, von ihrem Bruder, von ihr ſelbſt, wie einſam ſie erzogen war, unter den Au⸗ gen ihrer Altern, wie ihr Bruder die Schweſter ſo unendlich feſt mit dem Herzen eines Braͤutigams geliebt! Wie arm und wie glücklich ſie dennoch ſey! wie fromm, wie einis ſie mit ihrer Mutter lebe! Cäcilie meinte, die Blinde ſey ſo verſchwie⸗ gen, wie ſie ſelbſt. Und ſo konnte Cacilie wohl wünſchen, einmahl den Mann zu ſehen, der ein ſo treues Herz beſaß, und ein treues Herz ſuchte. Das fuͤgte ſich. Denn der Süd jagte bey hellem Himmel raſch ein Gewitter hinter den Bäumen herauf, eben da Côcilie im Garten war. Sie flohen ins Haus. Aber das Stuͤbchen der Gaͤrtnerinn lag gerade gegen Süden, dem Ge witter entgegen, das feſt ſtand und furchtbar tobte. Sonnenberg kam herab, und bath ſie, in ſein Zimmer zu kommen, das gegen Norden lag⸗ Cdcilie ging mit; denn bis auf eine kleine Verbeugung, die er dem fremden Mäͤdchen machte, that er nichts, was ſie auszeichnete. Cacilie ſah ihn. Das Bild, was ſie von ihm in ihrer Phantaſie, und halb auch im Herzen hatte, wurde bey weitem von ihm ſelbſt uͤbertroffen⸗ Sierthat nur einen Blick in ſein trunkenes — — 169— Auge, und ſie glaubte an die Wahrheit der Worte, die ſie von ihm geleſen hatte, obgleich er das Auge voll Begeiſterung nicht auf ſie heftete. Mit einem Geſpraͤche über Gewitter, war das Gewitter vorüber gegangen. Von dem Donner war Cäcilie mit ihm auf die Muſik gerathen. Er war mitten im Erklaͤren einer Frage begriffen, die ſie ihm gemacht hatte, da gingen die Andern. Sie angſtlich, mit ihm allein zu ſeyn, ſagte lächelnd:„wenn's Ihnen gefällig iſt, es iſt im Freyen nach einem Gewitter ſo ſchön.“ Er, ſein Geſprach ruhig fortſetzend, ging mit ihr hinab. Er ging mit ihr auf und nieder im Garten. Die Frau war an ihrer Arbeit, die Kinder halfen der Mutter. Die Blinde war auf Sonnenbergs Zimmer gegangen. Sie mußte alſo bey ihm bleiben. Das Geſprach wurde mit jedem Augenblicke ruhiger und angenehmer. Er erzählte ſeine Reiſe durch die Gebirge in Schottland, das nicht romantiſcher war, als ſeine Reiſe ſelbſt. Er zeigte ihr einige altſchottiſche Balladen, die er überſetzt hatte, und verſprach ihr, da ſie auf die Muſik, die ex höchſt einfach und rührend nannte, neugierig war, er wollte ſie ihr, wenn ſie morgen wieder käme, auf der Flöte vorblaſen. MNun rief eine Stimme in ihrem Innern: „ſag ihm, daß du morgen, und lange nicht wisder Lafont. die Pfarre zc. I1. H kommſt.“ Aber ſagen konnte ſie es nicht. Sie wollte lieber wegbleiben, als es ihm ſagen. Sie ging; aber er begleitete ſie nicht, wie ſie gefürchtet hatte. Nun mußte ſie aber ihrer Mutter geſtehen— Geſtehen? was war denn zu geſtehen? dieſer arme Heinrich von See war ja nichts weiter als eine liebliche Erſcheinung, nichts mehr als ein Traum⸗ dild, das vorübereilt, und mit dem erſten Hahnen⸗ ſchrey aus dem Kopfe und aus dem Herzen ver⸗ ſchwunden iſt; eine Erſcheinung, die jede Mutter belachelt und jedes junge Herz zu ſüßen Schlägen treibt.„Morgen iſt er fort!“ ſagte ſie, ſich nach dem Gaärtchen umſehend— voder in drey Tagen bleibe ich weg, oder in vier Tagen. Dann iſt alles ohnehin vorbey, bis auf ein recht füßes Bild in meiner Seele, was aber— das darf meine Mutter nicht beſorgt machen— ſchon lange in meiner Seele nur nicht ſo hell geweſen iſt. Ich weiß, meine Mutter würde unruhig werden; aber ehe ich ſelbſt nicht unruhig bin,“ und ſie legte die Hand auf das Herz, und horchte nach ſeinen Schlägen—„kann Mütterchen ruhig ſchlafen.“ Sie ſagte alſo nichts, gar nichts; überlegte aber wohl den halben ubrigen Tag, ob ſie ihm die ſchottiſchen Balladen ſollte blaſen hören oder nicht. Sie ſagte hundertmahl ja, eben ſo oft neink Beſann es langſam, im Fluge ihre Mutter dabey auſehend, dann den Boden, dann die Decke; ſie 8 ¹ — 171— uͤberlegte es im Leſen, im Singen, im Geſpräche, im Wachen, im Schlafe, im Traume, auf alle mgliche Weiſe, wie etwas nur zu überlegen iſt, um ſich recht zu uͤberzeugen, daß der junge Menſch, ſo hübſch er auch war, und ſo trunken ſein Blick, und ſo ſchön ſeine Worte, und ſo weich ſein Hen⸗ gar nicht mit im Spiele war. Im Erwachen am andern Morgen, ſagte ſie nein! und recht trotzig, nein! ohne zu üherlegen, und ſetzte ſich an eine lang verſchobene Arbeit. „Mein Kind,“ ſagte die Mutter—„heute iſt der Tag ſo ſchön, du ſollſt gehen. Regnet es ein⸗ mahl, ſo iſt es dazu Zeit.“ Cdcilie ſchwieg, aber dachte viel, zum Beyſpiel:„ja, wenn die Mutter auf ſeine Seite tritt! 1 Aber ſie ging, heiter und entſchloſſen, daß alle Balladen auf der Welt ihr Herz nicht unruhig ma⸗ chen ſollten. Aber von weitem hörte ſie ſchon die Flöte, die ſie empfing, und ſie zog ihr Zettelchen aus dem Körbchen, und las, was er über die Flöte gedacht hatte.„O warum antwortet einer unendli⸗ chen Liebe, die ich in meine Flöte hauche, nur das Echo, das in harten, kalten Felſen wohnt, und nicht ein weiches Herz?— „Der arme Menſch!“ ſagte ſie, aber ihr Pa⸗ pier ſchnell wieder zuſammenlegend, und wollte gar nicht darüber nachdenken, was in den paar Worten: „der arme Menſch!“ noch für andre Gedanken la⸗ H 2 — 172— gen, die ſie gedacht hatte. Das konnte ſie läugnen. Aber ſie geſtand es auch nicht. „Nun, ich höre die Balladen blaſen, und damit gut!“ Aber, aber, nachdem er eine Ballade Caci⸗ lien vorgeleſen, und mit ſo rührenden, ſchmel⸗ zenden Tönen, als waͤre er es ſelbſt, von dem die Ballade ſang, und nachdem er ſie ihr vorgeblaſen hatte, bath er ſie, aber gar nicht mit einem Tone, als ob ſie nein ſagen dürfte, die Ballade zu ſeiner Flöte zu ſingen. Sie ſah den Menſchen darauf an, der dieſe Forderung ſo trocken machte, als wäre das gar nichts; und ſie ſagte muthig:„nein!“ Er ſchlug demüthig das Auge nieder, beugte das Haupt ein wenig auf die Bruſt, und ſagte dann langſam:„es war die erſte Bitte. Das Nein thut weh!“ „Ich fürchte,“ ſagte ſie ſanft—„ich werde es nicht können.“ Sie haben eine reine Stimme, Sie werden es gewiß können.“ Sie ſang, er blies bald, bald half ſeine Stim⸗ me der ihrigen. Sie hatte nie ſchlechter, nie beſſer in ihrem Leben geſungen. Schnell fing ſie nun ein Geſpraͤch an, um dem Singen ein Ende zu machen. Das Geſpraͤch aber führte wieder zum Singen, der Geſang zu einem Duett und zu einer Ballade zweyer Lisbenden, 8 deren Geſang den feinſten, den zarteſten Duft der Liebe verhauchte. Sie ſchwiegen Beyde auf ein Mahl mitten in einer Zeile. Er wendete ſich einen Augenblick ab, und dann mit einem Auge, das noch ein Mahl ſo trunken, und mit einem Lächeln, das ſelig war, wieder zu ihr. Sie hatte das Auge nieder geſchla⸗ gen, ſie fühlte die Gluth ihrer Wangen, das Po⸗ chen ihres Herzens. Es war etwas vorgegangen, ſie wußte nicht was. Er wußte es; er liebte Cä⸗ cilien. Sie ſaßen lange ſo ſchweigend bis endlich Cäcilie fragte:„um Vergevung, wie iſt ihr Nahme denn?“ „Mein Nahme?“ ſagte er traurig—„ich habe ein Gelübde gethan, meinen Nahmen nur Ei⸗ nem Menſchen auf der Erde zu nennen, Einem, der ihn verſchweigen kann. Das ſind Sie! Sie, theures Mädchen! Ach, ich war lang, lang, ach lang und ſehr unglücklich! Hier, hier iſt mir die Hoffnung zum erſten Mahle wieder begegnet. Ich heiße Sonnenberg.“ Eben wollte Cäcilie ihn bitten, ihr ſeinen Nahmen zu verſchweigen; denn auf ſolche Bedin⸗ gungen mochte ſie ihn nicht wiſſen. Aber der Nahme war heraus, und ſie ſchwieg. Er fuhr fort, ihre Hand ſanft ergreifend: „Ihnen habe ich den Nahmen eines Unglücklichen vertraut, Ihnen! Niemanden auf Erden ſonſt wür⸗ — 174— de ich ihn vertrauen. Ich bitte Sie, bewahren Sie ihn! Wenn er je über ihre Lippen geht, wenn je Jemand von Ihnen erfaͤhrt, daß ich hier wohne, daß ich bin, daß Sie mich kennen, daß Sie mich geſehen, er ſey wer er ſey, Ihre Mutter, oder Ihr Bruder: ſo“— er ſah ſie mit trauernden Blicken an—„ſo iſt mein Glück aufs neue verſchwunden, ſo treibt mich das Geſchick aufs neue über die Erde, bis ich wieder einen Ort finde, wie dieſen, und ein Herz, das mein Geheimniß verſchweigen kann. O nein, Caͤcilie, Sie, Sie werden mich nicht verrathen! Sie gewiß nicht!“ „Nein, ich gewiß nicht,“ ſagte Caäcilie, im ſchönen Eifer des Mitleidens mit einem Unglück⸗ lichen—„ich gebe Ihnen mein Wort darüber.“ Er drückte ihre Hand, die ſie zur Verſöhnung empor gehoben hatte, an ſeinen Mund. Sie verſi⸗ cherte noch ein Mahl begeiſtert,„Keinen Menſchen auf der Welt. Er ſey, wer er ſey!“ 3 „Nein, nein!“ ſagte er—„Cäcilie wird ja die Hoffnung, die einzige Hoffnung eines menſch⸗ lichen Herzens nicht zerſchlagen!“ 4 „Gewiß nicht!“ ſagte Cäcilie, und ſie ging zu Hauſe. Auf dem Rückwege, nachdem ihr ſchöner Eifer etwas erkaltet war, fand ſie auf ein Mahl, daß die unſchuldige Begebenheit eine ganz wunderbare Wen⸗ dung genommen hatte. Sie wußte nun ſeinen Nah⸗ men, Sonnenberg, und dagegen hatte ſie das — 175— Verſprechen gegeben, nie von ihm zu reden, alſo ihrer Mutter auch zu verſchweigen, daß ſie ihn kenne. Aber das Wort hatte ſie nun einmahl gegeben, und die Verſicherung, daß, wenn ſie ein Wort von ihm redete, er aufs Neue über die Erde flüchten müſſe, brachte ſie in eine ſolche Angſt, daß ſie ſich feſt vornahm, zu ſchweigen. Sie begriff von dem allen den Zuſammenhang nicht, ſo viel ſie ſich auch damit beſchaftigte. Sie hätte gern mehr gewußt von dem Unglücklichen, der ein ſo ehrendes Vertrauen in ſie ſetzte; aber ſie ſcheuete ſich, ihn zu fragen. Sonnenberg hatte den Plan, nur ein Herz zu wollen, das ihm allein die Liebe gab, nur die Liebe, die wahrſte, treueſte Liebe. Keine Altern⸗ keine Verwandte, keine Freunde ſollten Einfluß auf das Madchen haben. Nichts, ſondern nur Liebe um Liebe, Herz um Herz, Treue um Treue war ſein Wahlſpruch. Er liebte Cäcilienz er erkannte den Werth ihres Herzens. Aber hatte er nicht tauſend Eide auf Henriettens Liebe geſchworen, und hatte ſie ihn nicht dennoch ſo grauſam betrogen? Er mußte, wollte er glücklich ſeyn, ſollte ſeyn Miß⸗ trauen, das ihn unaufhörlich peinigte, in feſten „Glauben verwandelt werden, und er fühlte, der ungluͤcklich Betrogene, er fühlte, daß er ohne Glau⸗ ben an die Liebe ſeiner Frau nie glücklich ſeyn konnte; er mußte alſo Cäcilien von ihrer Mut⸗ — 176— ter losreißen, ſeine Neigung zu ihr mußte ein tie: fes Geheimniß bleiben, ihre Liebe mußte von ſich ſelbſt in ihrem Herzen entſtehen; und dieſe Liebe ſollte alle die Wunder thun, die ſein Mißtrauen verlangte, alle Opfer bringen, die er forderte. So legte er auf ſein Leben ein geheimnißvolles, grauendes Dunkel, mit deſſen Schrecken er Cäci⸗ liens Zunge band, und ihre Liebe gegen die Mutter. Das gelang nur zu gut. Das arme Madchen ſann über ihre ſeltſame Lage, in der ſie verſtrickt war, nach, und ſah keinen Ausweg, als den, den ſie ſogleich zu gehen beſchloß, gar keinen wei⸗ tern Antheil an dem Manne zu nehmen, der ſie ſo ſeltſam gebunden hielt. Sie blieb auch ein Paar Morgen von dem Garten weg; aber das Mitleiden mit ſeinem Schick⸗ ſale, ein maͤdchenhafter Triumph, daß er allein ihr vertraut hatte, und mehr als alles, die aufkeimen⸗ de Liebe, die deſto gewaltſamer wirkte, weil ſie unſichtbar war, führte ſie dennoch wieder zu ihm. „Ach, Cäcilie,“ ſagte er mit einer ſanf⸗ ten Trauer, die aber tief in des Mädchens Herz drang—„ich dachte ſchon, auch Sie haͤtten den Unglücklichen verlaſſen oder vergeſſen!“ „Aber,“ ſagte ſie lächelnd; denn ſie wollte durchaus ihre Freyheit behaupten—„was könnte boch ein Mädchen für Sie thun?“ Anſtatt in Verwirrung zu gerathen, wie ſie dachte, ſagte er mit eindringlicher Gewißheit: 8 — 1557— „Auls! alles, liebe Cäcilie! Ich bin durch ein ſeltſames Geſchick gezwungen, auf der Erde ein Herz zu ſuchen, das meinem Herzen glaubt, meiner Tugend, meiner Treue, das mir unbedingt glaubt? dann iſt der Zauber gelöſt, der mich unglücklich macht. Sie ſah ihn groß an, und ſagte verwundernd und zweifelnd:„Das klingt ja wie ein Zauber⸗ mährchen!“ ⸗ „Es klingt ſo, Cgeilie! Aber es iſt wahr, wahr, wie das Licht.“ Er legte die Hand auf ſein Herz, und hob das Auge mit Thraͤnen zum Himmnel⸗ ſo daß ſie nicht mehr zweifelte, obgleich ſie nicht 5 einſah, wie es ſeyn konnte. An ſeine Tugend glauben, an ſeine Treue, unbedingt: das war ja ſo ſchwer nicht. In der That,⸗ ſie hatte große Luſt, daran zu glauben. „Das iſt wunderſam!“ ſagte ſie, ihn mit ihren ehrlichen Blicken durch die Augen tief in die Seele ſchauend. 55 8 Sie fühlte, ſie mußte abbrechen; denn ihr Herz wurde zu weich. Sie redete vom Wetter; aber jedes Geſprach, was ſie anfing, und was er eben ſo unſchuldig fortſetzte, führte irgendwo wie⸗ der in das magiſche Land der dunkeln Geheimniſſe. Er redete nicht ein Wort von Liebe; aber er hrachte es heute ſehr weit mit Cäeillen. Er bath ſie noch ein Mahl mit allem, was Sprache, Blick, Stellung Rührendes hat, wie ſie gehen wollte, H* — 178— und ſo ernſt, und ſo zitternd vor dem Unglücke, was daraus für ihn entſtehen müßte, wenn ſie ſeine Bitte nicht erfüllte, daß ſie ja von ihm nie mit ir⸗ gend einem Menſchen reden möchte, daß ſie es ihm in der Angſt üͤber ihn noch ein Mahl verſprach.„Er hoffte,“ ſetzte er dann noch mit einer zaͤrtlichen Rührung hinzu—„daß ſie doch zuweilen noch den Garten beſuchen würde, wo ihr Freund jeden Mor⸗ gen auf ſie mit Vertrauen hoffte, wie auf den Bür⸗ gen ſeines künftigen Glücks. O Cäcilie,“ ſetzte er hinzu—„wenn Sie weg blieben, morgen und wieder, und immer, und immer—“ Er ſah ſie erblaſſend an, richtete den Blick auf den Boden, und ließ ihre Hand fahren. Cäeilie ging tiefſinnig den Weg zur Stadt. Dieſer ſeltſame Menſch riß ſie ſo gewaltſam an ſich, ſo gewaltſam, und doch fühlte ſie ein geheimes Vergnügen, ſo weggeriſſen zu werden. Sie liebte ihn; aber doch wußte ſie es nicht. Es war nicht möglich, den Entſchluß, den ſie tauſend Mahl faßte nicht wieder hinzugehen, zu halten. Und jedes Mahl, wenn ſie gegangen war, fühlte ſie ſich noch enger gebunden. Das Gefaͤhrlichſte war ihr Verſprechen, von ihm nie, nie mit einem Menſchen zu reden; denn alles, was ſie in der Einſamkeit von im dachte, wurden neue Banden für ihr Herz. Aber je mehr Theil ſie an ihm nahm, deſto entſchloſſener wurde ſie, das Band zu zerreißen, das — 179— ihre Freyheit feſſelte, das, oder jedes andere, das ihr Herz trug. Sie wollte ihre Freyheit Richt ein⸗ büßen, die Freyheit, den Mann natürlich zu lie⸗ ben, der nach und nach ihrem Herzen ſo theuer war. „Wer ſind Sie denn?“ fragte ſie ihn das nächſte Mahl mit einem hellen Blick, der ihm ankündigte, ſie wolle Wahrheit. „Sehen Sie, Cacilie,“ ſagte er betrübt— „da ſtehe ich an der Minute, die ich lange fürchtete!“ „Die aber kommen mußte. Ich muß meine Freyheit bewahren. Die Freundſchaft iſt kein Zwang, und kann unter dem Zwange nicht dauern. Ich muß Sie bitten, mir die Frage ohne Umſchweife zu be⸗ antworten.“ „O Cäcilie, bae er, ihre Hand faſſend— „wer ich bin? meinen Sie damit meine Verhäͤltniſſe zu den Menſchen, zu dem Leben, ſo muß dieſe Frage ewig unbeantwortet bleiben, bis das Unglück, das mich feſſelt, geloͤſt iſt. 1 „Und das iſt?“ „ Bis ich ein Herz gefunden, das mir unbe⸗ dingt glaubt. Fragen Sie nach dem innern Men⸗ ſchen? O Caäcilie, wie wollen Sie mir glauben, wenn Sie mich nicht kennen? So hören Sie denn Ich bin ein ehrlicher Mann. Auf meinem Leben, wie auf meinem Herzen liegt keine Schuld. Mein Geiſt glaubt an die Tugend, an die Unſterblichkeit, an Gott! Ich habe den feſten Willen, und mein Wille iſt ſtark, mein Herz rein zu bewahren für die Liebe, für die — 180— Freundſchaft, meinen Geiſt für die Warheit, mei⸗ nen Willen für das Recht. Sehen Sie, Cäcilie, das bin ich! Das bin ich wahrhaft! Und daß ich das bin, das ſollen Sie glauben, und ich bin der glücklichſte Sterbliche. Wenn Sie zweifeln, o Cä⸗ cilie: ſo werden Sie mich verlaſſen, und dann bin ich das troſtloſeſte, hoffnungsloſeſte Weſen im Weltall, weil ich nie, das fühlt mein Herz, in ſeinen Tiefen, ſo nahe dem langgeſuchten Glück geſtanden habe, als in dieſer Minute.“ Cacilie wurde verwirrt. Sie fragte:„Und weiter dürfen Sie nichts ſagen?“ „Ja, Cacilie, theuere, unſchuldige, en⸗ gelreine Cäcilie! Ich kann Ihnen noch ſagen, daß dieſes ſchuldloſe Herz, das eben ſo rein, wie Ihres, in dieſer Brußt ſchlägt, Sie unendlich liebt; daß dieſe Liebe meine ſchönſte Hoffnung, meine letzte iſt; daß ich faſt gewiß weiß, ihr Herz war noch frey von Liebe, da Sie mich kennen lernten; daß Sie mich in den Himmel heben würden, wenn Sie ſagten:„,Aber ſeit ich Sie kenne, kenne ich die Liebe!* Cäcilie wußte nicht, wohin ſie ſich wenden ſollte. Ihre beyden Hände hatte er gefaßt. Sie füuhlte die wechſelnde Gluth und Kälte ihrer Wan⸗ gen. Aus ihren Augen ſtürzten Thraͤnen. Ihr Herz war voll einer ſuͤßen Unruhe, und pochte, daß ſie ſein Pochen hoͤren konnte. — Hand und dieſe ſchlagende Bruſt mein Herz voll — 181— Aber da hob ſie großmüthig das Auge zu ihm, und machte zugleich ſanft ihre Hande los aus ſeinen. „Sie wollen nicht antworten, geliebte Cäci⸗ lie?“ ſagte er ſanft.„Sie wollen vielleicht allein ſeyn? O wann wird der ſchönſte Augenblick, den das Leben hat, wo das Herz ſich dem liebenden Her⸗ zen vertrauend öffnet, auch für mich kommen! Oder hat mein Leben keinen ſolchen Augenblick für mich, und für keinen? Iſt denn das Herz nur ein har⸗ ter Felſen, der nur ein Eccho für die Seufzer der Liebe hat, und die Liebe nicht? O Cäcilie, hat nur das Mitleiden dieſe Zaͤhren in Ihre Augen gepreßt und nicht die Liebe? Stößt dieſe zitternde Liebe von ſich?“ Cäcilie ſchwieg. „O Cäeilie, laß dieſe Stunde nicht vorüber gehen! Das Leben fällt ſchnell ab, wie ein Blu⸗ menhlatt, das der Froſt getroffen. O ich beſchwöre dich, ſage nur ein Wort, ſeufze nur ein Mahl! Wende dich nicht ab!“ Aber Cäcilie ſchwieg. Sie achtete darauf, nicht zu ſeufzen. Sie wendete ſich ab. „O gib mir ein Zeichen, wenn du mich liebſt! Caciliens Seele flammte auf bey dieſen Worten; ihr Herz ſtrömte ſeinem entgegen. Aber ſie behüthete ſo genau Blick, Hand und Stellung, daß ſie da ſtand wie eine Bildſäule, die kein Zeichen zu geben faͤhig war. — 182— Hier fuhr ſein heißes Herz, das ſich geliebt glaubte, und weggeſtoßen ſah, eben darum gerin⸗ nend zuſammen, weil dieſer Widerſpruch der Liebe und des Vertrauens in dem weiblichen Herzen ihm der Grund der Untreue ſchien. Ach er kannte ſeine unendliche Liebe wohl, aber nicht die ſtumme, ſchönere, weibliche Liebe, die nur wie die weiße Schattengeſtalt eines guten Geiſtes erſcheint, den Finger auf der ſtummen Lippe, und verſchwindet. „Cäcilie!“ rief er, das flammende Auge gen Himmel hebend, die Rechte wie zum Schwur ausſtreckend—„Cäcilie, ſoleb auf ſnnerwohlt Leb wohl, letzte Hoffnung!“ Er hob den Fuß, zu gehen; aber bleicher und bleicher wurde Cäciliens Geſicht, das matte Auge öffnete ſich, ihn noch ein Mahl zu ſehen, und verſchlos ſich wieder; das ſchöne Haupt ſank kraftloß auf ihre Schulter. Sie ſank, er ſing ſie auf, legte ſie an ſeine Bruſt. Da hob ſie ihr Auge, und eine Schamröthe verjagte die Todtenbläſſe von ihrer Wange, daß ſie ſo an ſeiner Bruſt gelegen hatte. Er verſtand weder ihr Schweigen, noch ihr Zeichen. Er forderte das ſchwerſte Opfer von des Mädchens Herzen, die junge Liebe, die ſie mehr erſchreckte als entzückte, ihm zu geſtehen. Aber der harte Mann forderte noch haͤrter das Opfer, und ſie geſtand ihm ihre Liebe unter Thränen und Zittern. — 183— Aber an dieſem Geſtändniß, an dieſen tief niedergeſchlagenen Augen, an dieſen ſtockenden Worten der bebenden Stimme, die jedes warme Wort zurück hielt und ein noch ſchöneres dafür in die Stelle ſetzte, an dem noch ſchönern Verſtummen der Liebe, an dem erſten Blicke des Auges, das die Gluth des Herzens verrieth, an dem er ſten halb⸗ gewagten und wieder verzögerten Handedruck, an dem leiſen Saͤuſeln der Seufzer, an dem Heben der Arme, den geliebten Mann zu umfangen, an ihrem Sinken, und endlich an dem trunkenen Worte:„Ich liebe dich!“ und dem Entzücken des erſten zitternden Kuſſes heilte ſein von Zweifel eitern⸗ des Herz aus. „O ich that dir Unrecht, geliebte Cäcilie, ach, und hätteſt du mich nicht geliebt! O wie Un⸗ recht thue ich dir, da du mich liebſt, treue Seele! treues Herz! O Cäcilie, liebe mich unendlich, wie ich dich liebe!“ „Ohne Maß liebe ich dich!“ ſagte ſie, und ihr Auge ſchauete ihn klar an, ſchon in der Liebe heilig ruhigem Vertrauen. Da legte er reuend und kniend ſein Geſicht auf ihren Schooß, aber ihre Hand ſuchte ſchmeichelnd die weinenden Augen und die heißen Lippen. Er richtete ſich empor, und rief ſchmerzlich: „Wie Unrecht that ich dir, dir, Cäcilie!“ Ihre Küſſe verſchloſſen den ſich lelöſt anklagen⸗ den Mund. — 184— 2 Haͤtteſt du jetzt gefragt, liebes Maͤdchen, er hätte dir ja alles geſtanden. Er waͤre mit dir gegan⸗ gen zu deiner Mutter, du warſt ſein geweſen, und die Freude hätte dir den Brautkranz auf die Stirn gedruͤckt.— Sie fragte ihn nicht, weil ſie ihn liebte, und ſo ging ſie, erſt ſpaͤt, zu ſpät auf dem Rückwege beſchließend, ihn morgen zu fragen. Morgen? Ach nach einer Stunde verſtummte ſein Entzücken; der Ton deiner zärtlichen Stimme, die Worte deiner heiligen Liebe waren verweht; kein Eccho in ſeiner Bruſt ſammelte die Toͤne. Sieh, da ſitzt er, die Arme hart uͤber die Bruſt gekreuzt, an der deine weiche Bruſt noch eben ruhte, den ſtarren Blick nicht auf die ſchöne verfloſſene Stunde richtend, ſondeen auf eine frü⸗ here, die ihn verrathen hat. „Nein,“ ruft er, und ſtreckte die Hand dem Mädchen nach—„nein! Thraͤnen ſind nicht die Bürgen der Liebe, der Treue! denn hingen nicht in Henriettens Augen Thräͤnen? o floſſen nicht von ihren Lippen unter liebkoſenden Nahmen Eid⸗ ſchwüre für ihre Liebe? und dennoch, dennoch wurde ich betrogen! O könnte ich die Thränen, die Seuf⸗ zer, die Liebkoſungen, die Umarmungen, die Küſſe, die ja auch falſch wie Eidſchwüre ſeyn können, von ihrer Seele reißen, wie Larven, wie die Klei⸗ der des Schauſpielers! Könnte ich einen Blick, nur einen in die Seele ſelbſt thun! Ich kann es 4 — 185— nicht. Thräͤnen ſind keine Bürgen, Thaten ſind's, und die muß ich fordern, oder— verlaſſen, ſterben!“ Sie kam den andern Morgen; mit einer Freund⸗ lichkeit— die ihn entzücke und mißtrauiſch machte, weil er ſie geſtern nicht geſehen— ach, harter Menſch, hatte ſie denn nicht heute von dir etwas zu bitten?— ſagte ſie:„Nun darf ich doch zu den Füßen meiner Mutter ſinken, und dem zweyten Menſchen, denn ich liebe, meine Liebe geſtehen?“ Finſter fragte er und ernſt:„Cäciliey iſt meine Liebe oder deine nicht heilig genug, daß die Hand eines Fremden ſie erſt weihen muß?“ „Die Hand meiner Mutter, fremd?“ „Fremd, Caͤcilie, fremd und feindlich jede Hand, die unſre Libe berühren will. Sieh, Cäci⸗ lie, von jetzt an ſchau ich in deine Augen; ſie ſind meine Sterne, die mir aufgehen, die mir Heil und Glück bedeuten. Andere Sterne kenne ich nicht. O Cacilie, lege dich an dieſe Bruſt, an dieſes Herz! Es iſt dein. Du theilſt es mit Keinem. Es iſt ganz dein! O liebe mich ſo auch, Cäcilie! oder wende dein kaltes Auge auf mich, und heiß mich fliehen, auf immer. Du mußt ganz mein ſeyn, ganz; dein Auge darf nur auf meinem hängen, aus dieſem Herzen mußt du Glück und Freude neh⸗ men, wie ich. Hier bey dem leuchtenden Himmel ſchwöre ich's! wie ich aus deinem. O Caäcilie, — — 186— Cacilie! ſtoß mich nicht in den dunkeln Abgrund der Verzweiflung zurück, woraus deine Hand mich empor geriſſen!“ Er warf ſich ihr zu Fuͤßen, er drückte im wilden Schmerz, in heißer Liebe ihre Knie an ſeine Stirn. Sie hob ihn erſchreckt empor.„Wenn ich dich nur verſtände?“ ſagte ſie ſanft. „So verſteh mich, Cäcilie, ſo verſteh mich, du, meine Morgenröthe eines unendlich glücklichen Lebens, meine Aurora! So ſollſt du heißen. So! Andere gaben dir den Nahmen Cäcilie. Nein, es ſoll nichts Fremdes an dir ſeyn. Ich will dir alles geben, der Liebe, der Treue, des Gluͤcks reichſtes Maß.“ Da rief Cacilie überwältigt von der Kraft ſeiner Leidenſchaft:„und ich gebe dir zurück, der Liebe, der Treue, des Glücks reichſtes Maß.“ „So verſtehſt du mich ja, Aurora?“ „Mein Herz verſteht dein Herz wohl, und doch— rede, was willſt du? was ſoll ich? „Was ich langſt von dir bath, Aurora! Du nennſt Niemanden meinen Nahmen! redeſt nie ein Wort über mich, von mir! O Aurora, das iſt wenig! O das kannſt du leicht! Aber ich bitte dich bey dieſen Thränen, die wahrhaftig aus meiner Seele kommen, der heiligſten Empfindung Kinder, bey meiner Liebe, die wie ein Schutzgeiſt dich ſeg⸗ nend und ſchützend ewig umſchweben ſoll, beſchwöre ich dich: Glaube an meine Tugend, an meine Liebe, 5 7 an meine Treue! O laß den Glauben nicht fahren, Auroral“ „Ich traue dir, Sonnenberg! Ich traue dir! Ich laſſe den Glauben nicht fahren. Aber das iſt nicht Alles, was du willſt, was ich ſoll.“ „Das nur iſts, liebſte Aurora! Das allein. Schau in mein Auge, lege deine Hand auf mein Herz, und nun faſſ es feſt! Ich will dich nur be⸗ glücken; aber dein Herz ſoll meinem glauben, ohne Bedingung.“. „Und wenn ich es thue?“ „So haſt du den giftigen Zauber gelöſt, der meine Seele gefangen hält. Dann bin ich, dann biſt du glücklich!“ „Ich verſpreche dir's; aber die Gärtnerinn hat ſchon von dir in unſerm Hauſe geredet.“ „Was ich faſt vermuthen konnte.“ Er fuhrte ſie ans Fenſter.„Siehſt du da Haͤuschen, Aurora, das dort mit dem Strohdach hervorragt? Es liegt wenige Schritte vom Wege ab, den du gehſt, wenn du hierher willſt. Einſamer iſt kein Ort als der. Da wohn ich morgen. Du kommſt, ſo oft du willſt. Ich wohne da ganz allein, den ganzen Morgen. Nachmittags bin ich in der Stadt.“.. „Allein? allein in dem Hauſe?“ „Adein! O Aurora, du wankſt doch nicht?“ „Wenn ein Auge mich ſähe?“ Und wenn die Welt dich ſaͤhe, und ſehen dich 4 » — 188— denn des Himmels tauſend Augen nicht? biſt du nicht mein? kann ich dich je verlaſſen? Iſt denn dort deine Liebe nicht wie hier? wie überall?”“ „Gott, in welche Irrwege verwickelſt du mich!“ „Aurora, der Weg führt zum Ziel, zum ſchönſten, zum allerſchönſten Ziel.““ Sie ſah ihn an, und rief:„ich glaube dir!“ Am andern Tage ſagte die Gärtnerinn, der junge Mann waͤre auf einen Brief ſeiner Altern fort.. Caeilie hatte einen Brief im Buſen, den ihr Sonnenberg im Vorübergehen auf den Weg geworfen hatte. Der Weg war nicht ſicher. Er ging in die Stadt, und wohnte mit Juſt in dem Wirthshauſe unter dem Nahmen Golden. Das Haͤuschen hatte er gemiethet, um den Morgen da ungeſtört ein Paar Stunden arbeiten zu können. Cdciliens Beſuche wurden hier ſeltner; aber deſto haͤufiger wurde der Briefwechſel. Und welche Briefe von ihm hatte Cäcilie auf ihrem Gartchen, auf ſeinem ehemahligen Stübchen zu beantworten! Briefe voll von dem maͤchtigen Feuer der Liebe, und dennoch ſo weich, daß ihn Cäcilie jetzt ge⸗ liebt hätte, hätte ſie ihn nicht ſchon geliebt. Aber in dieſen Briefen bath er ſie mit ſo rührenden Wor⸗ ten, ihre Verſprechungen zu halten, von ihm nie ein Wort mit einem Menſchen zu reden. „O, wie könnt ich auch,“ rief ſie—„von dieſer Liebe mit meiner Mutter reden, ohne ihre — 189— ganze Ruhe zu zerſtoͤren! Und wenn er mich gleich gefangen haͤlt: ſo bin ich doch eben durch das Ge⸗ heimniß frey gegen alle Menſchen!“ Sie liebte ihn unendlich, und das Geheim⸗ nißvolle in dieſer Liebe gab der Leidenſchaft einen geiſtigen Reitz, und noch mehr Kraft, ſo bald er ihr volles Vertrauen erhalten hatte, und das beſaß er. Die Beſuche in dem Haͤuschen waren lelten; aber entzuͤckend. War ſie in die Thüre ungeſehen hineinger ſchlüpft: ſo ſtörte ſie nicht der Laut einer menſch⸗ lichen Stimme, nicht die Unruhe, daß Jemand es wiſſen konnte. Die Liebe war ihr ſtilles ſüßes Ge⸗ heimniß. Cacilie war unausſprechlich glücklich. Sie dachte an keine Gefahr, bey ihren Beſu⸗ chen. Sie hing, wenn ſie den andern Morgen kom⸗ men wollte, ſo ruhig den Vorhang— das war ſein Zeichen— zum offnen Fenſter hinaus, als waͤre es gar nichts; aber die Gefahr war näͤher als ſie dachte. Sie ſaß ruhig einen Morgen auf ſeinen Knien, und ſie und er ſchwaͤrmten beyde mit der Phantaſie betäubendem Fluge in die ſchöne Zukunft hinaus. Unglückliche! ſiehſt du nicht, wie ſein Auge brennt, wie viel feſter er dich umarmt, wie heiß ſeine Küſſe ſind? Nein, ſie ſah es nicht; ſie freu— a der höhern Liebe. Ihre Wangen glühen höher, ihr Herz ſchlägt hoher. Sie ſinken einander in die Arme, — 190— und der Schutzgeiſt ihrer Unſchuld verhüllt das Ge⸗ ſicht, und entflieht. Der Unglückliche ſinkt bleich, erſt bleich, da das Verbrechen vollendet iſt, zu ihren Füßen. Sie ſieht ihm in das bittende Auge, das ſich die Schuld gibt. Aber ſie beſchuldigt ihn nicht; ſie weiß, daß ſie die Schuld mit ihm theilt. Aus ſeinem Auge dringen Thränen, aus ihren. Sie ſchwören aufs neue die Schwüre ihrer Treue, die ſie nun geheiligt glauben. Er will nun reden, und das Geheimniß aufdecken; aber das Geläute, das von der Stadt her ertönt, erinnert Cäcilien mit Schrecken, daß ſie ſchon zu lange geblieben, daß ſie den Augenblick fort muß. Sie reißt ſich aus ſeinen Armen, und entflieht. Zu Hauſe erſt überfaͤllt ſie die Angſt der That. Sie kann ihr Auge nicht gegen ihre Mutter erhe⸗ ben. Sie zitterte, ihn wieder zu ſehen. Mit wel⸗ chem Auge ſollte ſie vor ihn treten? Sie fürchtete ihn. Sie fürchtete ſich ſelbſt. Acht Tage lang hing ſie den Vorhang nicht aus dem Fenſter, das ſchöne Zeichen ihres Kom⸗ mens! Sie hatte hundert Mahl den Vorhang mit der zitternden Hand gefaßt, und hundert Mahl ließ ſie ihn wieder ſinken, und endlich ging ſie nach acht Tagen⸗ ohne ihm das Zeichen gegeben zu haben. So nberg hob die Arme gen Himmel, da Cäeilie nach dem unglücklichen Augenblicke — 19— entflohen war, und ſchwor, er wollte ihr Leben begluͤcken, und müßte er ſeins darüber vergeſſen. „O meine Auroralo mein geliebtes Weib! ja, du haſt alle Opfer gebracht, welche die Liebe fordern konnte! Die Liebe? welche das gehaͤſſigſte Mißtrauen fordern konnte!“ Er ſiel auf die Knie. Er ſchrieb ihr kniend einen Brief, der das ganze Geheimniß enthüllte, ſeine unendliche Liebe, die ſein ganzes Herz aufdeckte. Den Brief wollte er ihr am andern Morgen geben. Aber er ſah das Zeichen nicht, den flattern⸗ den Vorhang. Aber ſie geht doch nach ihrem Garten! Sie kam nicht. Noch ein Tag, ſie kam nicht. Der dritte Tag ging kummervoll ihm vorüber, denn ſie kam nicht. Krank war ſie nicht, denn er hatte ihre Ge⸗ ſtalt Abends auf dem Vorhange vor dem Fonſter. im Schatten geſehen. Am Abend des vierten Tages ſann er nach, warum ſie nicht kaͤme. Am fünften Abend rief er:„wankt ſie? O hätte ich ihr doch zuviel getraut? zuviel? O war es Liebe? war es Liebe? Himmel, war es Liebe? O Himmel, wenn es nichts weiter war, als das üppige Spiel des Bluts, und das treuloſe Spiel der bewegten Phantaſie? Wenn ſelbſt das Geheim⸗ nißvolle der Reitz allein war, der ſie feſſelte?““ Da brach am ſechſten Tage die alte Wunde wieder auf, und ſein Herz gährte von dem alten — 192— Gifte auf. Er wurde unruhig; und da ſie nun end⸗ lich nach acht Tagen kam, trat er ihr eben ſo kalt, ſo ernſt entgegen, wie ſie ſelbſt war. Detzt ſtürzte eine Thraͤnenfluth aus ihrem Auge, die er nur mit ſchweren Seufzern ſah; denn war dieſe Thraͤnenfluth nicht Mißtrauen? dieſer erſte Beſuch, er war nur kurz,— denn ſie war ſpaͤt gekommen, zerriß ſein und ihr Vertrauen. Sie dachte auf dem Heimwege zum erſten Mahle, mit erſtarrendem Herzen, wenn ſie von ihm betrogen wäre? und er: wenn er ſich getaͤuſcht haͤtte? Sie ſchlug aufs neue einige Tage über, ehe ſie ihn ſah, und er wurde immer gewiſſer, daß ihr ganzes Herz nicht ſein eigenſtes Eigenthum war; aber er blieb feſt entſchloſſen, ihr ſeine Hand zu geben. Er fühlte eben in dem Augenblicke, da er ihr Herz verloren gab, wie unendlich, wie viel mehr er ſie liebte, als er gedacht hatte. So lief eine Zeit des unausſprechlichſten Elends für Beyde hin, bis Cäcilie ihm einen Morgen unter heißen Thraͤnen, aber ohne Vertrauen die Entdeckung machte: ſie fühle ſich Mutter. Das Wort riß gewaltſam ſein Herz wieder zu ihr. Er fiel ihr zu Füßen, er umarmte ihre Knie. Aus ſeinem Herzen brach die alte Liebe wieder hervor, aber ſie, ſie, die unglückliche Tochter, die entehrte Schweſter, das gefallene Maͤdchen hatte nur Thränen für ſeine Liebe, nur Thränen, er mochte ſie bitten, ſoviel er wollte, ihm zu trauen, 8— 193— an ſein Herz zu glauben, nur Thraͤnen, und ſein Herz verſchloß ſich wieder. M Da forderte er, in entſetzlicher Kaͤlte, den letzten Beweis ihrer Liebe, nur um ſich damit zu täͤuſchen, nicht zu glauben: ſie ſollte ihrer Mutter Haus ver⸗ laſſen und ihm folgen. „Ich?“ „Du, Aurora, du! mein Weib?“⸗ „Wohin?“ „In mein Vaterland.“ „Wo iſt es? „O Aurora, ſchworſt du nicht, mir zu glau⸗ ben und nicht zu fragen?“ „Wann?“ fragte ſie mit leinih Kälte. „Dieſen Abend.“ Sie ſah ihn an, aus ihrem Herzen wollte noch ein Mahl die Liebe mit dem Glauben hervorbrechen; aber ſie ſah den kalten Blick Sonnenbergs, und ſie ſagte mit verzweiflungsvoller Ergebung in ihren Untergang:„es ſey! es muß ſeyn! Ich habe nun Wort gehalten! Um Eilf bin ich an meiner Mutter Hausthür!“ ſetzte ſie noch hinzu, und ging dann ſchwermüthig nach Hauſe. Enitſetzliche Stunden für das arme Mädchen, von eilf Mittags bis eilf Abends! Gräßliche Minu⸗ ten, da ſie der Mutter den Brief mit zitternden Haͤnden ſchrieb, da ſie noch ein Mahl an der ſchla⸗ fenden Mutter Bett trat, Athem, Thräͤnen, Schluch⸗ zen, Angſt, Verzweiflung zurück halten mußte, Lafont. die Pfarr e zc. II. 2 J* ₰4 —.— 194— um ſie nicht zu erwecken; da ſie den letzten Kuß auf die Bettdecke drückte, und ihre Thraänen darauf ſtrömen ließ; da ſie die Kammer verließ, das Zim⸗ mer, das Haus, und nun ihn, ihn— der ihr alles raubte, ohne ihr etwas wieder zu geben; dem ſie alles geopfert hatte, auch ihr Leben, auch das Leben ihrer Mutter, ihn— da ſtehen ſah! Sie bebte, ein Todesſchauer lief durch ihr Rückenmark. Sie ſtockte, es war, als zöge eine Hand ſie zurück. Aber ſie entſchloß ſich ſchnell. Sie trat zu ihm hinab, und legte ihr Haupt auf ſeine Schulter, nur um nicht reden zu dürfen. „Aurora,“ ſagte er leiſe—„lachle nur ein Mahl, damit wir glücklich ſind!“ „Ich kann nicht lacheln.“ „Du kannſt nicht? O guter Himmel, du kannſt nicht lächeln, in dem Augenblicke, da du dein Le⸗ ben mit meinem auf ewig verbindeſt?“ „Ich kann nicht läacheln,“ ſagte ſie noch ein Mahl leiſe, und er ſchwieg. Sie gingen; vor dem Thore fanden ſie ſeinen Wagen und Juſten. Er hob ſie in den Wagen, und er vollte fort. Cäcilie lehnte ihr Haupt in eine Ecke und weinte. Sonnenberg ſann ernſt und bitter dem ſeltſamen Geſchick nach. Juſt ging auf Curier⸗Pferden vorweg. 4 Sonnenberg wollte nun Caäcilien ſein Geheimniß entdecken; ach es jammerte ihn, daß — 195— ſie nun eben jetzt nicht nach der Auflöſung fragte! Die Sonne ging auf, und ſie ſchien in Sonnen⸗ bergs Geſicht, und beglanzte die Thränen, die auf ſeinen Wangen hingen. Cäeilie ſah das von der Seite. Da hob ſie ſich raſch empor, und ſagte:„O Sonnenberg! du weinſt?“ „Aurora, ich weine, ach ich weine, daß ich kein Herz fand, das meinem glaubte! Ja, du liebſt mich, Auroraz aber du haſt mir nicht geglaubt. Was iſt Liebe ohne Glauben, ein Morgen ohne Sonne!“ Sie ſah ihn an. Auf ein Mahl warf ſie die Arme um ſeinen Nacken, und rief:„Ich glaube an dein Herz, Sonnenberg, ich glaube dir! Ich habe dir ja geglaubt. Nein, ich zweifle nicht. Führe mich, wohin du willſt, tauſend Meilen von hier, in eine Wüſte, über das Meer, in dunkle Abgründe. Ich will lächeln. Ich kann laͤcheln, wenn ich in deinem Auge Liebe ſehe. Geſtern ſah ich Haß in deinem Auge, kälter, ſchlimmer als Haß. Da mußte ich ja zweifeln, da mußte ich ja!“ Da erklärte ſie ihm, warum ſie acht Tage nicht gekommen, und er ſah, es war Liehe gewe⸗ ſen. Und nun erklärte er ihr, wie er eben daraus geſchloſſen, daß ſie wankre. Er gab ihr aus ſeinem Taſchenbuche die Briefe alle, die er in dieſen ver⸗ hangnißvollen acht Tagen an ſie geſchrieben, alle die Aufſätze, die er für ſich ſelbſt gemacht; nur dem 32 4 — 196— einen Brief hielt er zurück, den erſten, worin er ihr das ganze Geheimniß enthüllt;„denn,“ ſagte er lachelnd—„jetzt ſollſt du bis zum letzten Augen⸗ blick nicht fragen, ſondern glauben.“ „Das will ich,“ rief ſie, und fing die Briefe an zu leſen, die voll waren von ſeiner unendlichen Liebe und von den quaͤlenden Zweifeln an ihrer Liebe; und die Verſöhnung wurde geſchloſſen. Sie waren unendlich glücklich, nur Aurora behielt im reinſten Herzen eine Unruhe über den Brief, den ſie ihrer Mutter geſchrieben, die ſie aber Sonnenbergen nicht ſagte. Sie kamen nach mehreren Tagen— denn die Reiſe ging langſam, weil Sonnenberg mit eigenen Pferden fuhr— am Ziele an, in der Naͤhe von Sonnenbergs Gute. In einem Wald bath Sonnenberg Auro⸗ ren auszuſteigen; das war oft geſchehen. Er führte ſie bis an den Rand des Waldes, der eine Höhe bekränzte, und vor ihr lag ein wunderliebliches Thal, in das Sonnenberg ſie lächelnd hinab führte. Der Wagen folgte langſam. Die Glocken läuteten in den drey Dörfern, die das Thal umſchloß, und unter dieſem Laͤuten gingen ſie weiter auf einem Damme an einem gro⸗ ßen Teiche, gegen ein großes Herrenhaus hin, das unendlich reitzend lag. Da ſie bey dem erſten Hauſe auf dem Damme 5 — 197— ankamen, trat aus der Thüre ein junges, ſehr reinlich gekleidetes Bauermadchen, und hielt Au⸗ roren auf einem Teller, mit freundlicher Gebehrde, einen Myrtenkranz entgegen, und bath ſie, den zu nehmen. Aurora nahm ihn; aber ſie warf doch einen lächelnden Blick auf Sonnenberg; Sonnen⸗ berg fragte das Maͤdchen unſchuldig:„Gibſt du jedem einen ſolchen Kranz?“ „Nein,“ ſagte das Maͤdchen—„nur heute! Es iſt heute des gnaͤdigen Herrn Hochzeittag. Hö⸗ ren Sie, ſie laͤuten ſchon wieder zum dritten Mahl. Ich muß mit in die Kirche.“ Das Maͤdchen ging mit ihnen.„Das ſind die Ehrenpforten,“ ſagte das Madchen—„durch die unſre neue gnaͤdige Frau einzog.“ Aurora las die Inſchriften; ſie waren recht ſchön; und ſie gin⸗ gen weiter. Das Maͤdchen ſagte:„Ehe Ihr Wagen auf der Höhe weg hierher kommt, können Sie recht füglich in die Kirche gehenz“ und Sonnenberg folgte dem Maͤdchen, das ſich zur Kirche wendete. 1 Sonnenberg und Aurora traten in die Kirche, und die volle Muſik der Orgel und mehrere Inſtrumente empfingen ſie. Noch immer wußte Aurora nichts, bis auf einmahl Sonnenberg ihre Hand ergriff und ſie vor den Altar führre. Er ſetzte ihr den Kranz auf's Haupt, den ſie — 198—. in der Hand hielt, und ein ehrwürdiger Greis legte 4 ihre Hände zuſammen, und ſegnete ſie zur Ehe ein. Wie die Zeremonie vollendet war, drängten ſich die Hausvater um Sonnenberg und ſeiße junge Gemahlinn. „Ich bringe Euch eine Mutter, meine Freulde, gewiß eine Mutter, die Ihr lieben werdet! 47 Aurora war unendlich gerührt. Sie drückte die Hände der Umherſtehenden, und wiederhohlte ihres Mannes Verſprechungen, aber unterbrochen von Thränen der Freude, und mit ſo ſüßen Wor⸗ ten, daß ſie die Herzen der Leute früher gewann, als ſie ihnen wohlgethan hatte. Nun gingen ſie durch die jauchzende Menge, die ſich heran drängte, die Schönheit der jungen gnädigen Frau zu ſehen, nach dem Hauſe zu. Sonnenberg führte ſie in den Gartenſaal, in den der ganze Fruͤhling, der Sommer, der Herbſt auf ein Mahl hinein duftete, blühete, rankte und ſeine Früchte hing; und da er die Thüre hinter ſich verſchloſſen hatte, fiel ſie mit unendlicher Rüh⸗ rung in ſeine Arme, und fragte:„Sonnenberg, biſt du nun auch glücklich? Wohnt nicht mehr das Mißtrauen in deiner Bruſt? „O gewiß nicht, Aurora, ſeit dem Morgen, da die Sonne in unſern Wagen ſchien, und du mir alles entdeckteſt, warum du nicht gekommen."“ Nun zog er ſie in das Cabinet neben dem Saal, das zu ihrer Wohnung beſtimmt war. Er zog ſie — 199— 8 auf ſeine Knie, und er erzählte ihr nun zur ſchön⸗ ſten Morgengabe, wie ſein ehrwürdiger Hofmeiſter das Mißtrauen gegen das weibliche Geſchlecht in ſein Herz geworfen; wie er Henrietten kennen ge⸗ lernt, wie er ſie geliebt, mit unendlicher Stärke und Vertrauen, wie er ſo feſt geglaubt hatte, von ihr eben ſo geliebt zu ſeyn, wie denn, auf ein Mahl von ihr ſo ſchäͤndlich betrogen, ſein Herz voll Mißtrauen und voll Sehnſucht nach Liebe ſelne Marter geworden. Er zählte ihr dann, wie er be⸗ ſchloſſen und geſchworen, nie ein Mädchen zu hei⸗ rathen, daß ihn nicht allein, ſchweigend, ohne zu wiſſen, wer er ſey, um ihn ſelbſt willen liebte. Er— erzählte ihr nun, wie er ſie zum erſten Mahl geſe⸗ hen, vor ihrer Mutter kniend, dann in der Kirche, vor dem Altare, und wie er den Himmel gebethen, ſeine Probe der Liebe mit Cäcilien glücken zu laſſen. Er gab ihr dann den Brief, den er ihr den Morgen nach dem unglücklichen Tage geſchrieben, in dem er ihr das ganze Geheimniß entdeckte, und wie ihr Ausbleiben nun ſein Mißtrauen aufs Neue rege gemacht. 8 Das alles hörte ſie, und ſie ſank aufs Neue in ſeine Arme, und ſie fühlten in dem innerſten Herzen das theuer erkaufte Gluͤck. Aber Aurora— ſo hieß ſie von jetzt an— riß ſich aus ſeinen haltenden Armen, und flog an den Schreibetiſch, um ihrer Mutter zu ſchreiben. — 20G— „Morgen, liebſte Aurora!“ rief er unge⸗ duldig—„denn dieſer Tag iſt ja doch wohl mein!“ „Mein ganzes Leben iſt dein. Aber eine Stunde gehört meiner Mutter; denn ich muß ihr alles, al⸗ les ſchreiben, was du mir geſagt haſt, alles, alles aus einander ſetzen, weitlaäuftiger, als du dir ein⸗ bilden kannſt, damit ihr, meiner guten Mutter, nicht der kleinſte Zweifel über mein Herz, und über deines, du geliebter Mann, übrig bleiben kann. Laß mich ſchreiben, und ſtöre mich nicht! Sie ſchrieb ihrer Mutter mehrere Stunden hindurch, ihre ganze Begebenheit, mit den kleinſten Umſtaͤnden, und bath ſie, ihr ſelbſt ihre Vergebung zu bringen, um zu ſehen, wie glücklich ihre Cäci⸗ lie ſey; und dieſer Brief wurde mit einer Eſtaf⸗ fette abgeſchickt. Die Mutter hatte in der That gar nichts ge⸗ merkt, nicht das Allermindeſte. Sie erwachte den Morgen nach ihrer Tochter Flucht, und ſah mit Erſtaunen, daß Cäeilie nicht in ihrem Bette gelegen hatte. Sie ſtürzte in das Wohnzimmer, und fand den Brief ihrer Caäͤ⸗ cilie. Gleich die erſten Worte erſchütterten ſie ſo heftig, daß ſie nicht fortleſen konnte. Sie brachte mehrere Stunden zu, den Brief Pauſenweiſe bis zu Ende zu bringen. Es ſchien ihr noch immer ein Traum, eine Lüge. Denn wie, wie hatte ihre unſchuldige Toch⸗ ter, in deren Seele kein Gedanke war, den ſie nicht — 201— K getheilt hatte, ſie ſo betrügen können, daß ſie gar nichts gewußt haben ſollte? In welch eines ver⸗ ſchmitzten Böſewichts Haͤnden mußte Cäcilie. ſeyn, der die Kunſt verſtanden hatte, ihr von dem erſten Augenblicke der Verführung an bis auf den letzten das Vertrauen ihrer Tochter, und ihrem Auge ſeinen Umgang mit der Tochter zu entziehen? Ihre Tochter war nirgends hingekommen, als auf den Garten, und dieſe Leute, die Blinde ſowohl als ihre Tochter, kannte ſie als die ehrlichſten Leute. Ihren Nachbaren ſagte ſie vorerſt, daß ihre Tochter die Nacht abgereiſt ſey zu einer ſterbenden Verwandtinn, deren Erbinn ſie ſeyn würde. Dann ging ſie des Nachmittags auf den Garten; denn hier mußte nothwendig Licht zu finden ſeyn. Sie traf die Blinde. Sie erzählte ihr die Abreiſe ihrer Tochter, und die Blinde wünſchte dem lieben Maͤdchen ſo natuͤrlich, ſo unſchuldig tauſend Glück auf die Reiſe, und fuhr nun freundlich⸗ plaudernd fort zu erzäͤhlen, wie gütig Cacilie geweſen, wie ſo gar nicht, wie andere Maädchen, wie züchtig, wie ſittſam; wie ſie oft den ganzen Morgen bey ihr geſeſſen, oder die Kinder iüre Tochter leſen und ſchreiben gelehrt. Cciliens Mutter mochte das Geſprach ſo oeft drehen, wie ſie wollte: es war nie von einem jungen Manne die Rede, nicht bey der Blinden, nicht bey ihrer Tochter, ſelbſt die Kinder, die ◻ J* — 203— alles erzählten, ſagten nichts; denn Sonnen⸗ berg war laͤngſt vergeſſen. Die Mutter kam noch viel unruhiger zu Hauſe, als ſie weggegangen war. Denn dieſe Unſichtbarkeit des Umgangs ihrer Tochter mit dem Verführer, daß auch nicht ein Wort davon in der Stadt laut⸗ bar geworden war, zeigte ihr, wie ſchwer ihre Toch⸗ ter aus der Gewalt dieſes Menſchen zu retten ſeyn würde, wie fürchterlich dieſer Menſch ſeyn müßte. „O Böſewicht, hölliſcher Böſewicht!“ rief ſie, ihre Tochter dem Schutze und dem Verführer der Rache des Himmels empfehlend, und in dieſem Augenblicke trat ihr Sohn mit einem Freudenge⸗ ſchrey ins Zimmer. Auch er erfuhr nicht viel mehr, als den Nah⸗ men des Verführers Golden. Er nahm von der Mutter Abſchied. „Ich bitte dich, mein Sohn, bedenke, daß du eine Mutter haſt!“ Er legte die Hand vor die Stirn. „Sage mir, was haſt du vor?“ „Etwas Ehrliches, liebe Mutter!“ „Ich wollte, ich häatte dir den Brief der Un⸗ glücklichen nicht gegeben.“ „Soll ich denn den Satan, der meiner Schwe⸗ ſter Ehre brach, dann meiner Mutter Herz, ſoll ich ihn in mein Morgen⸗ und Abendgebeth einſchließen? O, fürchten Sie nichts, Mutter, die Liebe des Sohnes und des Bruders kann eben die Wunder — 203— thun, ſoll eben ſo leiſe treten, eben ſo unſichtbar ſeyn, als die Wolluſt eines Böſewichts! Ich bringe Ihnen die Tochter wieder, und wenn ich ſie wieder bringe, muß ich wenigſtens leben; Leben Sie wohl, Mutter! Mein Vater ſagte auf ſeinem Sterbebette zu mir: „Ich übergebe ſie beyde dir, deine Mutter und deine Schweſter, laß ſie mich nie vermiſſen! Leben Sie wohl!“ Und dahin ſtürzte er aus dem Hauſe. Die arme Mutter brachte eine troſtloſe, eine hoffnungsloſe Nacht zu, und am andern Morgen erhielt ſie ihrer Cäcilie Brief. Sie riß mit zitternden Händen das Siegel ab, und las und rief:„O mein Sohn! mein Sohn! wo biſt du?“ und las wieder, und mit dem voll⸗ ſten Entzücken in der Mutterbruſt, ſetzte ſie ſich, und las auch ſeine Briefe, die Caͤcilie ihr mit geſchickt hatte. Ach, wie glücklich war die Mutter, da ſie Sonnenbergss edlen Charakter erkannte! Sie ging wieder in den Garten hinaus, und fragte nach dem jungen Menſchen, und hörte die Blinde und alle andere von ihm mit Entzücken re⸗ den, und ſie erſtaunten, da die Mutter dagegen erzählte, Cäcilie waͤre ſeine Frau, und er waͤre ein reicher Edelmann. Ddie Mutter hinterließ fuͤr ihren Sohn einen Brief zur Nachricht, und dann reiſte ſie zu ihrer glücklichen Tochter, und Aurora kniete vor der Mutter, die ihr ja doch nicht verzeihen konnte, daß ſie ſo glücklich geworden war! ⸗Wenn Aurora ihr —— — 204— *—.—. ben Sounenbergs Güte, von ſeiner Liebe er⸗ zaͤhlte: ſo ſtanden der Mutter Freudenthranen in den Augen; aber ſie warf doch ihre Blicke durch die offenen Fenſter in die Gegend, und dachte:„UAlles das gehört ihm und Cäcilien!“ während Au⸗ rora ſein Bild anſah, das gegen ihr über hing, und mit Freude rief:„der Mann iſt mein!“ „Auch war es für Auroren gar nicht gleich⸗ gültig, hier die Hochgebiethende Frau eines ſo reichen Mannes zu ſeyn; aber Sonnenberg belehrte ſie nach Art ſeines alten Lehrers, daß man nie ein Glück ohne die Erfüllung ſchwerer Pflichten verdienen könne. „Das Glück hat dich hoch geſtellt, Aurora, mehr Gutes zu thun, und glaube mir, es iſt ſchwer und leicht, das Gute zu thun, nachdem man es nimmt. Du mußt erſt erkennen, was du thun kannſt, und dann wieder erkennen, und deutlich erkennen, wie du es thun kannſt. Das Thun iſt leicht, wenn du die Menſchen liebſt, denen das Geſchick dich als Mutter zugeſellt hat. Mein alter Lehrer, Aurora, war ein vortrefflicher Menſch, und eine ſeiner Hauptlehren war:„Thue alles, was dir wichtig ſcheint, mit der Feder in der Hand.“ Was kann wichtiger ſeyn, als die Mutter von ein Paar hundert Menſchen ſeyn! Hier iſt das Buch, was hier für die Unglücklichen geſchehen iſt, von meiner Mutter. Ich bitte dich, ſetze es ihn ihrem Geiſte fort. Meine Mutter ſagte von dieſem Buche 3 oft:„Es gibt mir, wenn ich leſe und darüber den⸗ ke, den Muth, an nichts auf der Erde zu verzwei⸗ feln.“ Es befeſtigt meinen Glauben an die Tugend und an die Vorſehung, und, Aurora, ein Weib muß nie an dieſen beyden Dingen zweifeln.“ Aurora nahm das Buch aus den Haͤnden ihres Mannes. Sie ſtudierte es fleißig, ſie wurde die Mutter der Einwohner in den Dörfern, und ſie gewann ein ernſtes Geſchäft für ihr Herz, und für ihr Glück eine ſehr ſüße Arbeit. Mutter und Tochter waren beſorgt um den Bruder, der den Verführer der Schweſter ſuchte. Aurora fühlte ſich glücklich, daß er Sonnen⸗ bergen nicht eher ſinden würde, als er ſeine Mutter geſprochen; und auf ein Mahl ſtand der geliebte Bruder an ihres Mannes Hand vor ihr, und verſchwand eben ſo ſchnell, als er erſchienen war. Sonnenberg ſetzte ſich ſogleich nach Bür⸗ gers Abreiſe nieder, ſchrieb und ſandte ihm die ganze Begebenheit mit Cäcilien, und Bürger las und wurde ruhig. Er ſah, welch einen edlen Schwager er gewonnen hatte. Aber er war darum nicht ruhiger für ſich ſelbſt. Sonnenberg endigte ſeinen Brief mit den Worten:„Und nun, mein theuerer Freund, mein Bruder! Gib deiner Thereſe die Hand— Ich weiß von Braune, daß du ſie liebſt, daß ſie dich liebt— und ich und Thereſens Vater wollten dir ein Sort achen. 44 — — 206— Der Ausdruck„Sort machen“ kam ihm ſo poſſirlich vor, daß er laut auflachte; aber eben die⸗ ſes Wort, das er ſo lächerlich fand, fing ihn an zu beunruhigen. Denn Eberhardine drang ebenfalls darauf, er ſollte mit Thereſen bey ih⸗ nen bleiben, oder doch ganz in der Näͤhe, als Päch⸗ ter irgend eines Gutes, oder gar, da ihr Mann eine Hülfe gebrauchte, in Birkfelde ſelbſt. Das⸗ ſelbe both Sonnenberg ihm an. Er runzelte die Stirn dazu, ohne noch zu wiſſen warum. „Mit wem grollen Sie, Bürger?“ fragte Braune. „Mit dem Glück, Vater, und zwar mit dem guten Glück, das mich wie ein verwöhntes Kind auf den Schooß nimmt, das mich jetzt ſchon inva⸗ lide erklärt, da ich noch Mark und Kraft in den Armen habe.“ „Sie ſchlagen aus, was meine Eberhardi⸗ ne wünſcht? Iſt's Hochmuth?“ „Mag ſeyn, ich weiß es nicht! Aber wer laͤßt ſich gern ins Altentheil ſetzen, wenn er noch Herr ſeyn kann? Hier zu bleiben, was die Mutter wünſcht, iſt gar nichts, ſo wenig als zu Sonnenbergen ziehen, was meine Schweſter wünſcht. Ich will Herr und Vater werden im ganzen Verſtande des Worts, Herr und Hausvater! Und Thereſe muß Frau und Hausmutter werden, und das würden wir Beyde nicht, hier und dort nicht. Herr, ein Mann muß ſich ſelbſt ſein Sort machen, ſowohl im Himmel als auf Erden. Ich will lieber bey einem AÄmtchen nur jährlich einen Feſttag haben, den ich mir ſelbſt mache, als hier alle Tage einen, den Sie bezahlen müſſen.“ „Gut, wenns nicht Hochmuth iſt, Sohn!“ „Hochmuth? Zu dem Hochmuth, Herr und Hausvater zu ſeyn, hat die Natur den Mann beſtimmt, und die Tochter auch. Ich möchte wohl reich ſeyn, Herr, und reicher als Kröſus ſogar, und es könn⸗ te ſeyn, daß ich mir dennoch arm vorkäͤme; aber, Vater, ich möchte“— hier legte er die Hand an die Stirn—„ſo widerſprechend das ſcheint, den Reichthun mit meiner Hände oder mit meiner Gei⸗ ſtesarbeit verdient haben.“ „Gut, recht gut! mein Sohn, wenns nicht Eigenſinn, Zynismus iſt.“ „Mag's wohl ſeyn, und mich dünkt, Vater, ſo ein Stückchen von dieſer Philoſophie geht un⸗ ſerm Glücke ab. Wir lehren die Stoa, aber wir üben ſie nicht. Leſen Sie Sonnenbergs Brief, Vater, wie der ſein Gehirn anſt engt, für ſich und Aurora ein Stückchen Arbeit zu erfinden, das ſo lange hält, wie das Leben. Ich möchte nicht ſo hineinfahren auf ein Mahl in den Reichthum, wie Morgens in die Beinkleider, ich möchte es noch we⸗ niger für Thereſen. Eine kleine Sorge für die junge Frau: wie ſoll das, wie jenes werden, ſtaͤrkt Arm, Herz, Geiſt und Muth, und wir alle ſoll⸗ ten ein Mahl unglücklich geweſen ſeyn, bloß um ₰ zu wiſſen, wie viel man tragen kann. Wer weiß denn, welche Kraft man ein Mahl dem Geſchick entgegen ſetzen muß?“ Der Vater umarmte ihn. „Ich habe alſo Recht, meinen Sie? Ich meine es auch. Und die weich gehaltene Tochter, Ihre Thereſe, die nie eine Sorge ſah, die— „Sohn, du vergißt, wie unglücklich dein Schickſal ſie machte.“ „Was konnte ſie dem Unglück entgegen ſtellen? Nichts! So wenig als ich. Das mein ich nicht. Ich meine die kleinen Unfälle des Lebens, die eine ſtarke Hand aus dem Wege raͤumen, oder ein Laͤ⸗ cheln verſüßen, oder der Muth verachten kann. Hat ſie die gefühlt? gewiß nicht! Hat ſie denn das Gluck, die Würde gefühlt, was der Hausmutter gebührt? Der freyen Hausfrau, die mit dem Man⸗ ne das Leben fortzieht? Eben ſo wenig! das meine ich. Ich wollte, ich hätte ein Amtchen, auf dem Lande am liebſten, um Thereſens willen, ſchlecht und recht, und ich zöge mit ihr davon, in die Ferne ſogar; denn die Liebe, Vater, hat Flügel wie ein Zugvogel, und dort würde mein und Thereſens Frühling wohnen, und ich könnte in den Tagen ver jungen Liebe für ſie arbeiten, und ſie für mich. Es iſt ein liebliches Bild für mich, das ich nicht für Kröſus Schatze weggeben würde.“ „Weil es das ſchönſte Loos der Erde iſt, für das geliebte Herz, für das Vergnügen des Geliebten 1 — 209— zu arbeiten, weil das Glück des Lebens, glauße mir, theurer Sohn, in einem kleinen Keeiſe liegt, in Liebe, Geſundheit und Auskommen, und dieſen Kreis des Glücks, glaube mir, kann kein Thron, kann kein Geld erweitern. Ich rede von Unglück nicht, was das Geſchick über jedes Haupt waͤlzen kann. Und wenn du das willſt, mein Sohn— „Ich will! Ich will!“ „Die Pfarre in Holm, wo ich Eberhar⸗ dinen kennen lernte, iſt zu haben. Die Gemeine, die noch immer mit Liebe an mich denkr, wohl, weil ich der Pfarre Einkünfte verbeſſert habe, hat mich gebethen, ihr einen guten Menſchen zum Pfarrer vorzuſchlagen. Du ſiehſt, mein Sohn“— „Schlagen Sie mich vor. Denn dorthin wird mich, denk' ich, There ſe gern begleiten.“ 1 „Und meine Frau wird ſie gern dorthin gehen laſſen; denn ſie lieben Beyde das arme freundliche Holm noch immer, und du wirſt es lieben, beſter Freund; denn in dem Hauſe wurde deine Thereſe geboren, und dein Freund Ferdinand wurde von dem Geſchick ſanft in meine Hand und an Eberhardinens Herz gelegt. O, du wirſt die Watte gewiß beſuchen, wo ich ihn fand!“ „Guter Gott!“ rief Bürg er freudig und nach ſeiner Gewohnheit lautjauchzend—„es iſt ja dort ein claſſiſcher Boden! Dort lebten ja Sie, und die gute Mutter! dort iſt ja das Grab des Pa⸗ triarchen und Helenens Spielplatz, Helenens, — 216— die ich aus den Klauen des Alpen⸗Geyers rettete, und Thereſens und Ferdinands, und aller hier, meiner Geſchwiſter, die ich ſo liebe! „Was iſt?“ fragte Thereſe—„Ihr ſehet Beyde ſo fröhlich, und dich hört ich aufjauchzen!“ Dinchen ſtand auf der Shurhe hinter der Toch⸗ ter, zu hören. „Es war vom elaſſiſchen Boden die Rede.“ „So,“ ſagte Dinchen—„Sie reden ge⸗ wiß von Italien?“ „Ja, Dinchen,“ ſagte Braune, faſt bis zu Thraͤnen von der Idee erweicht—„ja, kennſt du das Land, wo deine Jugend blüht?“ Die Mutter und Thereſe fieelen freudig ein:„dahin, o Vater, laß uns ziehen!“ Und Buürger umfaßte Thereſen, ſchwenkte ſie im Kreiſe rund um, und Dinchen wurde von ihrem Manne eben ſo jugendlich geſchwenkt, aber Mutter und Tochte erfuhren nichts. Der Vater ſchrieb an die Holmer Gemeine, ſchlug ihnen ſeinen Schwiegerſohn zum Pfarrer vor, und Thereſen zur Paſtorinn. Der Ruf kam ſogleich von der Gemeine. Bür⸗ ger arbeitete noch ein Mahl ſeine Theologie durch, und nun da alles richtig war, erklarte der Vater, daß Bürger Prediger in Holm ſey. Nein, glücklicher konnte keine Familie ſeyn, als dieſe! Man erklaͤrte die unfruchtbare Geeſt füͤr das Paradies der Erde. Die Mutter ſaß mit — 211— Thereſen, als wären ſie zwey Schweſtern, in einem Winkel zuſammengehockt, und redeten die jährlichen Beſuche, und das künftige Geſchick fli⸗ ſternd ab, und manche Dinge, die der Vater ſo wenig als Bürger hören durfte, die verkündigte Thereſens glühende Wange. Die Hochzeit des jungen Paars wie ihre Ab⸗ reiſe, wurde auf das Frühjahr beſtimmt. Ferdinand verſprach zu kommen, wenn er könnte. „Wenn er könnte! ſo ſagt jeder, der fühlt, er könnte auch nicht wollen,“ ſagte Bürger— „aber laßt ihn! laßt ihn!“ 8 „Ich laſſe ihn nicht, liebſter Bürger; mein Bruder ſoll bey meinem Ehrentage— wie komm ich auf dieſes Wort?" „Weil es jedes Mädchens Ehrentag iſt, an dem ſie mündig geſprochen wird,“ antwortete Burger—„aber wenn Ferdinand nun nicht kommen könnte?“ „So ſollſt du uns ſagen, warum er nicht kann.“ „Und wenn ich nicht wollte; denn das iſt's, warum ich nicht könnte, Ther efe! und ich will nicht.“ „O, ich weiß, ich weiß, daß ich einen Herrn habe! Meine Mutter war glücklicher als ich, und Ferdinands Frau wird's auch ſeyn.“ „O Vater, Vater,““ rief Bürger—„ſie bringt mich ins Joch, fürcht' ich!“ Er ſchloß ſie in ſeine Arme. Aber der Vater fragte nachher:„weißt du Sohn, warum Ferdinand nicht kommen könnte, wie du es meinteſt?“ Bürger ſchüttelte den Kopf.„Er wird es einſehen lernen. Laßt ihn! laßt ihn! Seine Kunſt hat ihn verwoͤhnt. Er ſieht überall Ideale, und ſo ein Lindwurm, den er todt treten ſollte, gefaͤllt ihm wegen des Geringels des giftigen Schweifs. Aber laßt ihn! Er wird ſich beſinnen, wenn er ſieht, „daß ſie auf ihn herab ſehen.“ Mehr war aus ihm nicht zu bringen. Auch Thereſe brachte aus ihm nicht mehr. Erhielt er einen Brief von Ferdinand, ſo ſteckte er ihn ungeleſen in die Taſche; oder las er ihn, und Thereſe wollte mit hinein ſehen, ſo fagte er:„Sehe ich mit in deine Nadelbriefe, in deine Kochbücher, Thereſe? Wir Maͤnner ſchwei⸗ gen, um uns im Schweigen zu üben, und ihr habt Geheimniſſe, um euch im Plaudern zu uͤben.“ Der Vater wurde wohl zuweilen unruhig, wenn er das Brautpaar ſo reden hörte; aber Eber⸗ hardine behauptete geradezu, daß eben dieſer Ton des Herrn Thereſens Liebe zu Bürger vermehrte.„Ich habe dich nie lieber gehabr, als wenn ich fühlte, du warſt mir überlegen.“ Buüͤrger hatte mit jedem im Hauſe eine Wette gemacht, wer die erſte Lerche hören würde. Niemand — 213— wußte, warum er auf die erſte Lerche ſo verſeſſen war. Aber auf ein Mahl ſtürzte Thereſe ins Zimmer, und hinter ihr alle ihre Geſchwiſter, und riefen:„Die erſte Lerche!“ „Iſt's wahr?“ fragte Bürge r. kalt. Alle verſicherten's. „So habe ich meine Wette verloren, und heute iſt mein Hochzeitstag.“ Der Vater hatte ihm verſprochen: mit der erſten Lerche! und er ſah ſich gezwungen, Wort zu halten. 8 Bürger war nach der Trauung weich wie ein Kind, und zaͤrtlich wie eine Braut. Und doch hätten ihn Thereſens Schweſtern alle heirathen mögen, ſo fröhlich war er wieder. Nun kam es heraus, zu großer Beſchaͤmung Thereſens, daß ſie eigentlich die Lerche allein gehört hatte.„Es war ihr nur um die Hochzeit zu thun, nicht um die Lerche,“ ſagte die jüngſte Schweſter, bis endlich Bürger eine Lerchenpfeife hervor zog, die er in Neapel gekauft hatte, und mit Thraͤnen in den Augen geſtand: er wäre die Lerche ſelbſt geweſen, die ihm zu einer Frau geholfen. Eine fröhlichere und eine gerührtere Hochzeit⸗ geſellſchaft war in ganz Deutſchland nicht geweſen, als dieſe. 1 Aber mit der erſten Nachtigall ſollte das junge Paar, von der ganzen Familie begleitet, nach Holm Der Prediger wurde gehohlt, und der wilde — 214— abgehen. Die Nachtigall ſang; aber es war eine wirkliche, und die Reiſeanſtalten wurden getroffen. Sie fuhren ab, und endlich, endlich ſtiegen ſie vor der Pfarre ab, die wie eine Laube ausſah; ſo hatte die Gemeinde ſie mit Mayen ausgeſchmückt⸗ O, welche Tage, welche Stunden, welche ſelige Augenblicke, da Eberhardine Buürgern das Zimmer zeigte, wo Thereſe das Licht des Lebens geſehen hatte; da Thereſe den Mann mit auf die Wieſe nahm, wo die Linde noch ſtand, und ihm zeigte, wo Ferdinand ſie und das Lamm geweidet hatte! Nun ließen ſie ſich überſetzen auf die Watte, wo ſie Ferdinanden gefunden hatten. „Was iſt denn hier?“ fragte Thereſe die Mutter. Und hier erfuhr Thereſe das Geheim⸗ niß, daß ſie nicht Ferdin ands Schweſter war⸗ Thereſe erſtaunte; aber in einem ſchönen geheimen Gefühl legte ſie ihr Haupt an ihres Mannes Bruſt, und ſagte:„O, wie glücklich bin ich!“ Und ihre Mutter, ſich ihrer ehemahligen Wünſche erinnernd, ſagte auch:„O, wie glück⸗ . lich ſind wir! Dann gingen der Vater und Eberhardine am Meere weg, den alten dekannten Weg nach dem Dorfe, das der Patriarch bewohnt hatte. Das Meer rauſchte noch immer wie ſonſt; dar lag die weiße Veſtung noch, und begrüßte jedes Segel mit einem Kanonenſchuſſe; da lagen noch — 115— die Inſeln mit dem ſchönen Grün bewachſen. Die ganze Natur war noch wie vor vierundzwanzig Jahren. Aber da ſie auf die Pfarre traten, ſiel ein wilder Hund ſie an, des Patriarchen Hund war das Zei⸗ chen der Gaſtfreundſchaft. Eine hagre Frau empfing ſie finſter, und lächelte höhniſch über die Senti⸗ mentalität der beyden Leute. Sie blieben nur einen Augenblick in den Zim⸗ mern, aus denen die Liebe und die Weisheit entwi⸗ chen waren. Dann gingen ſie auf den Kirchhof, und ſetzten ſich auf das Grab des Patriarchen. Eberhard ine pfluckte vom Grabe eine Sternblume, und pflanzte ſie vor ihren Buſen. Dann zog ſie einen Augenblick die weiße Locke, die ſie von dem Haupte ihres— Ohe ims geſchnitten, hervor, und benetzte ſie mit Thränen. Sie gingen dann das erſte Mahl ſtumm und trauernd neben einander her, noch eben ſo glücklich als vor vierundzwanzig Jahren, da ſie als Braut ihren jungen Mann begleitete.. „Ach, wie gern, wie gern bliebe ich hier,“ ſagte Eberhardine—„wo jeder Baum mein Jugendbekannter iſt; auf dieſe Gegend mahlen ſich alle meine frohen Traͤume! keine Muſik iſt mir ſo ſchön als das bekannte Rauſchen dieſer Meereswo⸗ gen! Wie gern bliebe ich hier, und müßte ich mein Hierbleiben auch mit den alten Sorgen erkaufen: o wie ſchön war's, liebſter Braune, da ich dich 8 * — — 216— mit einem kleinen Geſchenk an deinem Geburtstage uͤberraſchen konnte, das ich mir abgeſpart hatte!“ Braune laͤchelte, und Bürger verlangte end⸗ lich ernſtlich, daß ſie abreiſen ſollten;„denn Sie gewöhnen Thereſen an einem Aufwand, den ein Prediger zu Holm nicht fortſetzen kann.“ Da laͤchelte Eberhardine. Aber da ſie fort waren, war'’s, wie er geſagt hatte. Thereſe mußte ſich entſchließen, von der Einnahme der Pfarre ihre Haushaltung einzurich⸗ ten, und von einer kleinen Einnahme, die ihr Va⸗ ter ſcheinbar jährlich zuſchoß. Sie waren glücklich. Schon vier Wochen nach ihrer Abreiſe, erhiek⸗ ten ſie von Bürger einen offenen Brief, den ſie erſt leſen, und dann an Ferdinand weiter be⸗ ſorgen ſollten. Ferdinands Geſchick ſchien einen großen Schritt weiter zu thun. Buͤrger an Ferdinand. J von Gottes Gnaden ein freyer, geſunder, ehrlicher, froher Menſch; dazu Prediger in Holm, und Hausherr und Ehemann eines jungen, hüb⸗ ſchen, fleißigen Weibes, die, wie es recht iſt, mehr ſingt als ſpricht, mehr tanzt als geht, mehr liebt als denkt, mehr thut als will, und hundert Mahl beſſer iſt, als ſie ſeyn will, und die mir alle Falten der Stirn weglaͤchelt und wegdisputirt; ich alſo glücklicher als ein König; denn was iſt ein Köͤnig ohne meine Thereſe?— grüße dich, meinen Her⸗ zensfreund! (Über manche Dinge kann ich nicht ſchreiben, ſo gern ich möchte. Denn gegen mir über ſitzt meine junge Frau, welche mir auf die Finger ſieht, und ſchon die Segel aufſpannt, den Brief zu kapern, den ſie nicht leſen ſoll, und den ſie— daß ſeh ich ſchon an dem Io! Triumphe!— auf ihrem lächeln⸗ den Geſicht, dennoch leſen wird, weil ich nicht wi⸗ derſtehen kann) O du mein theuerſter, trauteſter Ferdinand! ich darf nur mein Fenſter aufſtoßen, ſo höre ich den mächtigen Athem der Unendlichkeit in den rauſchen⸗ den Meereswogen, und jenſeits der grünen Inſeln, die nicht grüner und blühender ſind, als mein Le⸗ ben, ſehe ich das ſchöne Bild der Unſterblichkeit, den Himmel und die Erde in einander gefloſſen, und Thereſen dazu, die eben aufſpringen will, um ihre Lippen an meine Wangen zu drücken, weil ſie mich ſo gerührt ſieht. Ja, ja, lieber Ferdinand, ich bin unbe⸗ ſchreiblich glücklich, obgleich mein Leben dahin geht⸗ wie ein Tag in eines ehrlichen Bürgers Leben, der wie ich aufſteht, arbeitet, ißt, trinkt, und ſich wie⸗ der nieder legt, als waͤre ich der ſtumme gedanken⸗ loſe Stundenzeiger des Glücks! Und iſt das nicht genug?. Lafont. die Pfarre zc. II — 218— „Nun, biſt du bald fertig?“ fragt Therefe. „Ich bin erſt bey deinem Brautputze, liebe Thereſe! Über den Tag vergeß ich das ganze Leben.“4 Gott Lob! Thereſe iſt fort. Ein Beſuch iſt bey ihr. Denn ſo lange ſie da gegen mir über ſitzt, kann ich nichts thun, als an ſie denken und von ihr ſchreiben. Schnell alſo! Den Dreyzehnten ſitzt ein alter Mann, den Niemand kennt, hier im Gaſthofe, und natürlich iſt das Geſprach der Bauern von uns allen. „Ein braver Mann, unſer ehemahliger Paſtor! „Aber,“ hebt ein anderer an—„der ſein Glück verdient hat. Denn ſeit er das Kind da von der Watte aus dem Rachen des Todes hohlte, und es, ſo arm er war, wie ſeinen Sohn aufnahm, glückte ihm alles, alles!“ „Ein Kind, ſagt Ihr?“ faͤllt der Fremde ein. Die Bauern erzählen die Geſchichte deiner Rettung.—. „Wann war das?“ fraͤgt der Fremde mit eifriger Theilnahme. Man nennt ihm Jahr und Jahreszeit. Und da er naͤhere Umſtände wiſſen will, weiſt man ihn zu mir auf die Pfarre. Daß der Fremde einen recht innigen Antheil an dieſer Begebenheit genommen, ſagten mir die Bauern, die mit ihm geredet hatten. Statt aber zu mir zu kommen, verlaͤßt er Holm, ohne ein Wors zu ſagen⸗ — — 219— Nach drey Tagen kam er zu mir, und bath mich, doch gar nicht dringend, ihm zu ſagen, was ich üͤber den gefundenen Knaben wußte. Der Blick des Menſchen ſchien mir bey ſeinen Fragen ſo ungewiß, ſo unruhig, daß ich ſtatt zu antworren, ihn fragte:„Welchen Theil er an dieſer Begebenheit naͤhme?“ Nun verwirrte er ſich, ſprach bald von ſich, dann von einer Dame; kurz, er wollte nicht ſagen⸗ warum er Theil naͤhme. Aber er wollte nur wiſſen, was man bey dem Knaben gefunden häͤtte. Eben weil er das wiſſen wollte, verſchwieg ich es⸗ Der Mann ſagte mit einer Art von Heftig⸗ keit:„Wenn aber nun das das Mittel iſt, ihn zu erkennen?““ „Eben darum verſchweig ich es. Lebt Jemand, dem er angehoͤrt: ſo nenne der die Zeichen, an denen er erkannt werden kann, und er wird ſagen können:„„Hier ſind die Zeichen!“ Der Fremde wollte ſich damit nicht abweiſen 4 laſſen; aber er mußte endlich gehen; denn ich ließ mich auf nichts weiter ein. Thereſe, die, glaube ich, die ganze Pfarre in Holm und den Platz unter der Linde, wo ſie mit dir geſpielt hat, darum gegeben hätte, zu erfah⸗ ren, wer du waͤrſt, wer deine Mltern, und die bey dem Nahmen„Dame“, der dem Fremden ein Paar Mahl entfuhr, Gott weiß, an welche Zau⸗ berinnen dachte, zankte mit mir, daß ich ſo hart geweſen war. —,——— — 220— „Iſt die Dame, von der der Fremde redete, Ferdinands Mutter: ſo wird ſie ſelbſt kommen.“ „Ihr wirſt du doch nichts verſchweigen? „Gewiß nicht, was ſie Recht hat, von mir zu fordern.“ Nach vier und zwanzig Stunden war der Mann wieder da, und fragte an, ob ſeine Herrſchaft, eine Madame Sartili, mir aufwarten dürfte. „Eine Italienerinn?“ fragte ich. Er bückte ſich.„Die aber,“ fügte er bnbu—„das Deutſche ſo unvollsommen redet— „Sagen Sie Ihrer Hichafe, daß ich Ita⸗ lieniſch redete.“ Thereſe zog die glatte Stirn kraus, daß ſie nichts von der Unterredung hören ſollte. Die Dame kam faſt vermummt, nicht gekleidet⸗ mͤchre ich ſagen. Das Geſicht verhüllte ein ſchwar⸗ zer Flor, ſie war in einem ſchwarz⸗ſeidenen Man⸗ tel gewickelt. Ihr Haar hing in einem iralieniſchen Netze, das aber nicht durchſichtig war. Thereſe behauptete, ſie habe blondes Haar gehabt. Sie bath mich ſehr höflich, ihr die Begeben⸗ heit mit dem gefundenen Kinde zu erzaͤhlen und ſetzte ſogleich hinzu, daß eine ahnliche Begebenheit⸗ die eine Freundinn von ihr in tiefen Schmerz ver⸗ ſetzt, ſie dahin gebracht hätte, ſich für die Erzah⸗ lung ihres Domeſtiken zu intereſſiren.„Ich muß aber dabey bemerken, daß ich über den eigentlichen Ort, und über die Zeit, wo meine Freundinn das —— —— ,— — 2212— Ungluck traf, ihren Sohn zu verlieren, nicht ge⸗ wißsbin. Daß es hier dieſe Gegend an der Nord⸗ küͤſte von Deutſchland war, weis ich allein. Deſto ſicherer aber würde ich ſeyn, ob das gefundene Kind das Rechte ware, wenn Sie mir angeben wollten, was man bey dem Kinde gefunden häͤtte.“ Ich laͤchelte.„Eben ſo ſteht's auf unſerer Seite, Signora! Wenn man uns ſagt, was wir bey dem Kinde gefunden: ſo können wir mit Gewißheit wiſ⸗ ſen, ob die Mutter die rechte iſt; und da wir die Kennzeichen haben: ſo ſcheint's an Ihnen zu ſeyn, zu ſagen, was wir haben. Sie nickte, und ſagte lebendig:„Sie haben Recht. Ich kann ihre Vorſicht nicht tadeln. Aber eben ſo wenig weiß ich, ob ich das Recht habe, dem Wunſche meiner Freundinn vorzugreifen. Sie wür⸗ den mich verbinden, wenn Sie die Sache etwas weiter rückten.“ „Das kann ich. Man fand das Kind in einer Wiege, von Korb geflochten, und neben der Wiege einen jungen Pudel.““ Die Frau Sartili ſette ſich. Thereſe wollte bemerkt haben, daß ſie er⸗ ſchüttert wurde, und ſich aus Schwaͤche geſetzt haͤtte. Das mochte ſeyn; denn ſie brachte lange Zeit zu, ehe ſie das Geſprach fortſetzte. „Das bringt mich um Nichts weiter,“ ſagte ſie mit einer veränderten Stimme, die jetzt ſehr ge⸗ rührt ſchien. K* Ich bath ſie, mir den Nahmen ihrer Freun⸗ dinn zu nennen;„denn zwiſchen Mutter und Sohn koſtet es vielleicht nur einen Blick, um dos Geheim⸗ niß ans Licht zu bringen. Ein aͤhnlicher Zug mit ſeinem Vater, vielleicht der Ton eines Worts, viel⸗ leicht die Stimme der Natur, des Bluts, deren Macht wir nicht kennen.“ Sie ſaß unruhig bey dieſen Worten; ohne es zu wiſſen, faltete ſie die Hände; es war, als hörte ich das gewaltſame Zurückhalten ihrer Seufzer. Thereſe fliſterte mir zu auf deutſch:„Sie iſt's! O Gott! laß nicht nach. Ich winkte Thereſen Schweigen zu; denn ſo fertig ſie auch italieniſch redete, ſo waren mir doch ſchon ein Paar Worte vorgekommen, die ſie nicht italieniſch betonte. Sie ſtand hier auf, und bath mich, ihr zu erlauben, noch ein Mahl mich zu beſuchen. Sie wollte überlegen, wie viel ſie mir von dem Geheim⸗ niſſe ihrer Freundinn anvertrauen könnte. Von der Wiege und dem Pudel ſchien ſie nichts zu wiſſen. Sie empfahl ſich Thereſen im gebrochenen Deutſch: aber es war das Deutſch, was ein Franzoſe redet, nicht der Italiener. So weit bin ich, Ferdinand! Ich bin auf meiner Huth. Thereſe ſchwor darauf, die Signora Sartili ſey deine Mutter ſelbſt. Sie wollts es aus tauſend Kennzeichen haben. „Nein, wie du die Mutter nicht erkannt haſt, an dem bebenden Ton der Stimme, an dem Falten der Hände, an dem Sinken des Haupts!“ „Ich ſinne mich zu Tode auf ein Mittel ſie gewiß zu erkennen.“ „Ich habe eins,“ ſagte Thereſe verſichernd— „und wenn ſie ihr Geſicht in hunder Schleyer hüllt? ſo will ich ihre Seele öffnen, und du ſollſt ſagen: „„Das war die Mutter.“““ Ich wußte nicht, was ſie wollte. Sie ver⸗ ſchwieg mir es hartnäckig; und am andern Morgen war die Italienerinn wieder bey uns. Die Conferenz wurde, als wären wir Geſandte einen Frieden zu ſchließen, mit aller Behuthſamkeit von beyden Seiten fortgeſetzt.— Ich wollte auf allen Fall Thereſen nichts nachgeben; und ſo hatte ich das Portrait deiner Mutter, das ich immer auf der Bruſt trug, und nach dem Thereſe hundert Mahl mit eiferſüchti⸗ gen Blicken hingeſchielt hatte, bis ſie mit truͤben Augen fragte, was das ſey, und ich es ihr ſagte— das Portrait hatte ich unter ein Papier auf den Tiſch gelegt, um es bey der Hand zu haben. Der Fremde redete von der Pflicht, die ſie ih⸗ rer Freundinn ſchuldig waͤre. Ich gab das zu, und ſagte dasſelbe von dir. „Wenn Sie,“ hob Thereſe an; denn die Fremde hatte mit Thereſen eine Viertelſtunde deutſch ganz leidlich geredet.—„Wenn Sie,“ ſagte alſo Thereſe,„meinen Bruder ſelbſt ſäͤhen, bielleicht würden Sie ihn erkennen, wenn anders er ſeiner Mutter ahnelt oder ſeinem Vater.“ „O gewiß,““ ſagte die Fremde; und in dem Augenblicke hielt Thereſe der Frau dein Portrait, das dir ſo unausſprechlich aͤhnlich ſieht, vor, und rief:„Das iſt er! das iſt er, zum Sprechen ähnlich!“ Die Fremde ſchrie auf und rief die deut⸗ ſchen Worte:„O barmherziger Gott!“— Sie iſt gewiß eine Deutſche— Sie ſchlug den Schleyer von dem Geſichte in die Höhe, um das Portrait beſſer zu ſehen; und ich und Thereſe hefteten unſre Blicke auf ihr Geſicht, um es mit dem Bilde deiner Mutter zu vergleichen. 1 There ſe nickte mir zu, ich ſchüttelte den Kopf. Es war wohl ſo, und war nicht. Ich ſchüttelte wieder. Thereſe ſchlich ſich⸗um die Frau, die mit ihren Blicken feſt auf deinem Bilde hing, zu mir, und wollte deiner Mutter Portrait ſehen. Ich gab es ihr. Sie betrachtete es mit Aufmerkfamkeit, und in dem Augenblick wendte ſich die Frau zu uns um. Sie ſagte mit einer unbefangenen Freundlich⸗ keit:„O, ich konnte von Herzen wünſchen, er waͤre der Sohn meiner Freundinn, wie glücklich würde ſie ſeyn!“ „Und finden Sie nicht—“ fing ich an. „Nicht einen Zug von dem Geſicht meiner Freundinn.“ „Was aber erſchreckte Sie ſo bey dem Anblick?“¹ ——— — 225— „Die ſprechende Ahnlichkeit mit einem jungen Manne, den ich, ich weiß nicht wo, geſehen habe. Wenn mir recht iſt, in Italien. Er war ein talentvoller Mahler.“ „Das iſt er!“ platzte Thereſe heraus. Die Fremde laͤchelte, und griff nach deiner Mutter Gemaͤhlde. Ich hatte ſie feſt im Auge. Sie ſah es an, und fragte recht ruhig: Wer ſoll das Maͤdchen ſeyn? „Seine Mutter,“ ſagte ich, meinen Blick auf ihr feſthaltend. „Wenn das ſeine Mutter iſt,“ ſagte ſie ſanft— „ſo bedaure ich meiner Freundinn verlorne Hoffnung: ſo iſt er ihr Sohn nicht.“ Thereſe erblaßte; aber ſo ruhig dieſe Frau das alles ſagen wollte, ſa hörte ich doch an der be⸗ benden Stimme, daß etwas Rührendes ſie ergriffen und recht ſehr ergriffen hatte. Ich will ſchwören, Ferdinand, ſie iſt deine Mutter, oder deiner Mutter nahe Verwandtinn; denn verſtohlen richtete ſie ihre Blicke immer wieder auf dein Portrait, mit Blicken, als wollte ſie es in ihre Seele ziehen. Eine Bewegung, die ſie mit ihrer Hand ein Mahl an ihrem Auge machte, indem ſie das Geſicht abwendete, ſchien mir, als wollte ſie eine verra⸗ thende Thraͤne wegwiſchen. Ich ſagte ihr— denn ſie blieb den Mittag bey uns— auf den Kopf zu, daß ſie keine Italie⸗ nerinn waͤre. —— 84 y Sie geſtand es lächelnd, aber freymuͤthig; doch aber blieb ſie mit Thereſen durchaus bey ihrem gebrochenen Deutſch. There ſen erzählte von dir⸗ und die Frau hörte mit leuchtenden Augen, ich möchte ſagen, mit dem glänzenden mütterlichen Triumph im Auge, das an, was Thereſe mit ihrer rüh⸗ renden Begeiſterung erzählte. Ich war mit ihr allein, und ich ſagte raſch mit durchdringenden Blicken:„Laͤugnen Sie, ſo viel Sie wollen, Sie ſind Ferdinands Mutter!““ Sie warf einen ſtolzen Blick auf mich, und ſchwieg lange. Dann ſagte ſie mit einem einnehmen⸗ den Laͤcheln:„Wäare ich ſeine Mutter, wie Sie ſagen: ſo hätte ich doch nur der Mutterliebe Re⸗ chenſchaft abzulegen, auf welche Weiſe ich glaubte, ihn am meiſten lieben zu können.“ „Wie heißen Sie, Signora, oder wo ſind mit tiefem Ernſt—„denn ein finſtres Schickſal kann noch ein Mahl ſich zwiſchen Mutter und Sohn trennend legen.“ Sie ſah mich eben ſo ernſt an.„Bin ich ſeine Mutter, mein Herr,“ ſagte ſie tief gerührt, und mir die Hand drückend—„ſo wird ja die Mutter⸗ liebe ſo vorſichtig ſeyn, als des Freundes Neigung.“ „Vielleicht weiß der Freund mehr als die Mut⸗ ter, und ſorgt, wo die Mutter laͤchelt, weil zu ſorgen Urſach iſt.“ Sie ſah mich nachſinnend an⸗ dann ſagte ſis Sie zu finden?,, fragte ich, da ſie Abſchied nahm, 5 — ʒʒ—— — 227— kaſch:„Die Mutterliebe würde auch hier den Freund überwinden.“ Sie machte noch eine heftige Bewegung; dann ſtieg ſie in den Wagen. Es war eine Poſtchaiſe⸗ Ihr Bedienter war armlich bekleidet, hat Thereſe bemerkt. So auch ſie, behauptet Thereſe. Da haſt du, was ich weiß. Es kam mir die er⸗ ſtern Tage nachher ſo gewiß vor, ſie ſey deine Mutter, wie etwas in der Welt. Ich habe dir, ſo gut es mir möglich war, die eigenen Worte der Frau erhalten, damit du ſelbſt urtheilen magſt. Nachher fanden ſich ſo viel Klei⸗ nigkeiten, die mich wieder ungewiß machten. Das Bild deiner Mutter, daß ihr doch erſt die Gewißheit geben konnte. Du warſt ihr Sohn, machte gar keinen Eindruck auf ſie, oder ſie mußte früher ſchon dich erkannt, und nun Ruhe genug Zehabt haben, ihre Rolle auszuſpielen. Nun habe ich und There ſe ſchon eine Stun⸗ de geſeſſen, um ihr Signalement zu machen, und hier haſt du's. Ich: eine ſtolze Geſtalt; Thereſe: hochmüthig. Ich: ſanfte, blaue, offene Augen; Thereſe: graue, liſtige, falſche Augen. Wenn die Herren, die Steckbriefe machen, es nicht beſſer verſtehen, als ich und Thereſe, ſo— das war heute. Geſtern behauptete Thereſe, ſie waͤre deine Mutter, und ihre Augen waͤren necht ehrlich. Vor⸗ geſtern wars umgekehrt. Und mir gings eben ſo, nur daß meine guten Tage in Thereſens böſe Tage fielen, daß ich die Frau für deine Mutter hielt, wenn Thereſe ſagte:„Sie hat nicht einen Tro- pfen Blut von ihm.“ Kurz, wir wiſſen beyde nicht mehr, ſollen wir ſagen: Sie iſt deine Mutter, oder ſe iſt es nicht. — 998— Ihr Bedienter iſt ein runder Mann von vier⸗ zig Jahren; aber iſt er ihr Bedienter? denn er ſprach faſt für einen Bedienten zu gut. Und da ich mich naher nach allen dieſen Umſtänden erkundige, ſindet es ſich, daß eben dieſer Bedienter ſchon mehrere Mahle im Dorfe, im Gaſthofe, auf der Watte geweſen iſt, wo man dich gefunden. Die Dame ſelbſt hat eine Stunde von hier in Heidebüren gewohnt, iſt aber ab⸗ und zugefahren. Man weiß nicht, wofür man ſie halten ſoll. Was ich aber gewiß weiß, ſie ſey nun deine Mutter oder nicht, das iſt, ſie iſt keine gemeine Frau; denn was ſie ſagte, in beyden Sprachen, war ſchön, oft edel, zuweilen erhaben geſagt. In Heideb üren hat ſie völlig gutes Deutſch geredet. 3 Iſt ſie deine Mutter: ſo muß ſie Urſache haben, ſo leiſe aufzutreten. Vielleicht iſt ſie arm, und ſie fürchtet die Anſprüche des Sohnes. Vielleicht— doch wie viele Vielleicht ließen ſich nicht hierher ſe⸗ tzen, welche die Sache nicht einen Zoll weiter bräch⸗ ten! Und ſo gehab dich wohl, mein Bruder! Ich habe den Hafen gefunden, in dem früh oder ſpät des Menſchen Gluͤck ruht. O Ferdinand, Fer⸗ dinand, ſteure ihn nicht vorüber! O bethe keine fremde Göͤtter an! und nun leb wohl! Dieſer Brief kam nach Bir kfelde, und die Begebenheit mit der Fremden Signora Sar⸗ tili ſpannte die Birkfelder ſo gut als die Hol⸗ mer. Sie ſiegelten ihn, und ſandten ihn dem edlen Ferdinand, der ſeit dem Anfange des Winters nicht mehr bey Son nenbergen, ſondern in der Reſidenz war. —— Ende des zweyten Theils. 6 2* 4 8— 5— 3 ſſſnſinſſnſfſſſinſnfnſſifſſſſſſſſſſſſnſinſnnann 12 13 1 5 16 1 8 9 11 4 1 7