deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 ——— * Leihbibliothek von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256.. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet Al. wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Nk. Ff. 1 Mk. 50 Ff. 2 Mk. Sf. 7 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſe endung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verloxene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der A Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. v ————— 3 —— —— . 3.—— AA&ꝙ☛————— Die Pfarrt au der Hee !1& in Noman von GUST LAEFONTAINELVA. 3 S 1 AA) and. WIEN, 1810. h.Sn n Ptaneeeoͤken Hackkandalang 5 4 3 8. Die Pfarre an der See. Erſter Theil. —— Stühle zurecht, und ſein 8* 1. Der Pfarrer Braune ſtand am ſchönſten Som⸗ 3 merabend auf dem Holmerdeiche, und ſah auf dem Meere der untergehenden Sonne nach. So heiter, wie hier die Sonne unterging, war ſie für ihn hier nicht aufgegangen. Er war erſt ſeit einigen Tagen Ppfarrer in Holm, und nicht unter den erfreulich⸗ ſten Umſtänden. Er war von der Regierung mit Gewalt hierher geſetzt, weil die Bauern, die das Recht der Wahl hatten, ſich zankten ſtatt zu wäh⸗ len. Er fand hier eben ſo viel Feinde als Men⸗ ſchen in Holm. Die Pfarre trug höchſtens zwey⸗ * hundert Thaler, und Braune war ſo arm, wie die Geeſt, die er jetzt bewohnte. 3 Aber er ging dennoch h Vorſatze, die Menſchen von Herzen zu lieben und ihnen nützlich zu werden. Geſichter voll Haß em⸗ pfingen ihn, und voll tückiſcher Finſterheit. „»Ich will Euch dennoch lieben, ſagte er, in ſeine kleine Wohnung tretend, indem er ſeine paar ging in den Garten, auf e A 2 ierher, mit dem feſten e Bücher aufſtellte. Er twas heſſend, was er ——— —— ——CEͤͤͤͤ ———— — 4— preiſen koönnte; aber der Garten war nicht im Stande, ſein Pfarrfeld ausgeſogen, und trotz ſei⸗ nes Muthes, der in einer mannlichen Bruſt wohn⸗ te, ſtieß er Seufzer aus. Er hielt ſeine Antrittspredigt; mit einem be⸗ klemmten Herzen ging er die Kanzeltreppe hinauf; aber da er einen Blick auf die Gemeine geworfen hatte, füllte ſich ſein Herz mit warmem Muth ge⸗ gen das Unglück und mit heißer Liebe gegen die Menſchen, die vor ihm ſaßen. Aber ſeine eigenen Thränen machten kein Auge naß. Die Leute ver⸗ ließen die Kirche, ohne ihn zu grüßen, und er ſchlich betrübt in ſeine öde Wohnung. Am Abend ging er hinad durch die Geeſt auf den Deich, das Meer und die untergehende Son⸗ ne zu ſehen. Das Gebrüll der reichen Herden in der Marſch erheiterte ihn; der Anblick des unendli⸗ chen Meeres, das rauſchend die langen Wellen ans Ufer warf, erhob ſeine Seele; die untergehende Sonne erquickte ihn. Da ſaß er, wo ein Vorſprung des Deichs hin⸗ aus an das Ufer reichte. Da ſaß er nachdenkend uͤber ſeine arme Lage. Auf einmahl ſchlug vor ihm eine Flamme auf den Watten oder jenſeits der Watten durch die dunkle Nacht auf. Eben ſchlug es auf ſeinem Kirchthurme Mitternacht. Höher ſtieg die Flamme. Er glaubte von den Wellen aus ein Geſchrey zu hören, das ihm durch die Serke„ drang. 8 4 ₰ 7 Er ſtürzte hinab ans Ufer. Er fand hier ei⸗ nen Nachen. Er ruderte ſich der Watte zu, um den Deich hin, der ihm jetzt die Watte verſteckte. Er kam an die Watte, die Flamme war verſchwun⸗ den. Aber ein Hund ſchwamm bellend ihm ent⸗ gegen, und kehrte dann wieder um. Er folgte ihm, und er fand auf der ſeichteſten Watte eine Wie⸗ ge mit einem ſchlafenden Kinde. Braune rief; alles war ſtumm, wie die Mitternacht ringsum. Er hörte nichts, als den Wellenſchlag, der ſich auf der Watte brach. Er nahm das Kind mit der Wiege in den Na⸗ chen, der Pudel ſprang hinterher. Er ruderte mit ſeiner Beute ans Ufer. Er trug die leichte Korb- wiege mit dem Kinde den Deich hinauf, und brach⸗ te Kind und Hund glücklich zu Hauſe. Er beſah bey Lichte ſeine Beute näher. Es war ein Knabe, etwa ein Jahr alt. Um ſeinen Arm war eine Kette, doch wohl von Gold, ge⸗ ſchlungen, an der Kette hing ein Portrait von ei⸗— ner jungen Frau. Das war alle Nachweiſung, die er fand. »Meine Familie wächſt ohne Mühe« ſagte er lächelnd, doch den Knaben küſſend.»Aber warum,« fuhr er ernſt und tief bewegt fort—»warum ſollt ich nicht denken, daß ich hierher geführt wurde, eines Menſchen Leben zu retten?kk.. Er legte ſeine Hand auf das ſchlagende Herz A 3 — 4 .— ., ——— —,— aus dem Herzen in ſeines.. Er lockte den Pudel an ſich, und ſagte ihm fuͤtternd:»ich will nicht einmahl dich verſtoßen⸗ treues Thier, ſo arm ich bin!« Er ſtellre die Wiege an ſein Bett, und zum erſten Mahle ſtieg er hier ruhig und zufrieden in ſein Bett. Am andern Morgen fand er die Augen ſeines Pflegeſohns offen, und den Pudel mit ihm ſpielen. Das Kind laͤchelte, und ſtreckte ihm die Hände zu. Der Pudel ſprang fröhlich und ſchmeichelnd an ihm auf.»Meine Armuth will ich mit Euch theilen!« rief er dem Kinde wieder zu, laͤchelnd. Er rief ſeine alte Magd, die er hierher mitgebracht hatte. »Sieh,« ſagte er—»was mir der Himmel die Nacht beſchert hat.« Marie erſtaunte, ließ ſich eczäͤhlen, liebkoſte dem Kinde mit Thraͤnen in den Augen, und rech⸗ nete, wie viel das Kind koſten würde, und ſchimpf⸗ te auf den Himmel, der ihren braven Herrn in dieſen hülfloſen Zuſtand verſtoßen hatte, und ihm noch obenein dieſe Bürde auf die belaſteten Schul⸗ tern legte. »Er muß wiſſen, wie viel ich tragen kann.« »Ey was! Sie tragen immer mehr als Sie ſollten.« „»Soll ich das Kind verſtoßen?« des Kindes, und ein Strom von reiner Liebe floß ——+— 2—— d * ——————— „Das ſollen Sie nicht: aber der Himmel hät⸗ te es müſſen in eines Reichen Hände fallen laſſen „In weiche Hände hat der Himmel das Kind fallen laſſen, in deine; an ein wucheß Mutter⸗ herz, an deinsl« »Und in Ihre Haͤnde, mein guter Herr!« ſag⸗ te Marie, und nahm das Kind an ihr Mutterherz, und noch waren nicht drey Tage vergangen, da hätte ſie das Kind um keinen Preis weggegeben, und den Pudel eben ſo wenig, der das Kind lieb hat, wie ein Menſch! ſetzte ſie hinzu. Das Dorf, das nicht begreifen konnte, wo⸗ her das Kind auf einmahl in des Pfarres Haus ge⸗ kommen war, machte aus der Geſchichte, was der blinde Haß allemahl thut.»Das Kind iſt dem unbarmherzigen Vater, der Mutter und Kind ver⸗ laſſen hat, von der Mutter in ſein Haus geſetzt.« Es half ihm nicht, daß der Nachtwaͤchter die Flamme auf den Watten ſo gut geſehen, wie der Pfarrer. Es half nicht, daß Braune es in die Hamburger Zeitung einrücken ließ, und die Altern des Kindes aufforderte, ihm Nachricht zu geben. Man hatte die Mutter des Kindes mit dem Kinde am Abend geſehen. Die Verlaͤumdung vergiftete die Begebenheit noch mehr. Man ſprach in der ganzen Gegend von dem jungen Pfarrer mit Abſcheu. Braune ahnte nicht duebe in welchem A 4 — 8— Rife er ſtand. Er machte ruhig ſeinen Plan für ſein Leben. Er hatte nicht einen Gönner in der Welt. Er ſah alſo recht wohl, daß er verdammt war, bis an ſeinen Tod hier zu leben, und er begriff recht wohl, daß er von ſeinen Pfarreinkünften keine Familie, kaum ſich, ſeinen Pflegeſohn und ſeine alte Marie erhalten konnte. Er hatte keine andere Wahl als ſein ödes Leben, oder eine Heirath mit Geld: die furchtbarſte Ausſicht, die er denken konnte. Ach, mit welchen ſchönen Bildern, mit wel⸗ chen entzückenden Empfindungen war er hierher ge⸗ reiſt! Die Liebe ſollte ſein Haus zu einem Feen⸗ pallaſte machen! mit dem erſten Eintritte in ſein Haus ſchlug ſein Herz in der reinſten Freude.»An dem Fenſter ſoll der Sitz meiner jungen Frau ſeyn, an dieſem mein Sitz.« Er ſah ſchon im Geiſte ſei⸗ ne ſpielenden Kinder, eins auf ſeinen Knien, und an der Mutter Buſen das jüngſte. Und jetzt? o jebt?— »Ih,« rief er lachend—»iſt denn das ver⸗ dammte Geld die Luft, die wir athmen? Iſt denn nicht mein Haus gegen Diogenes Haus ein wah⸗ rer Pallaſt? Habe ich nicht ſechszig Morgen Land als Eigenthum, da nach Schmidts ein Mann nur vier Morgen von dem Himmel zum Unterhalt fordern kann? Bin ich nicht tauſendmahl reicher als ein Fakir, oder ein Bettelmönch? Lebe ich nicht wohllüſtiger als Ageſilao s, der großte König. von Sparta? Oder als der vornehmſte Bramin in Indien? Und wenn das Spaß iſt, den ich treibe, um zu lachen: iſt es denn nicht auch Ernſt? O guter Gott! Habe ich denn nicht den Frühling, nicht die untergehende Sonne alle Tage vor mei⸗ nem Fenſter, und die ſchönere Sonne der Hoffnung in meiner Seele? Steht nicht die Unendlichkeit über das rauſchende Meer hin vor meinen Augen, und über mir die unendliche Unendlichkeit des Himmels und in meiner erhabenen Seele die Ewigkeit der Geiſter? O wie reich bin ich! Gib mir, gütiger Himmel, ein Weib, das mich liebt! Sie ſchlage ihren Arm um meinen Hals, ſie drücke den lächeln⸗ den Roſenmund auf meinen, und ſteigt dann ein anderer Seufzer aus meiner Bruſt, als der des Entzückens: o ſoc— Er ſchwieg und ſeufzte mit ſchwerem Herzen; denn er dachte an das Mädchen⸗ das er ſeit einigen Wochen in ſeinem Herzen trug. Er ging auf dem Deiche von Holm weiter an einem ſchönen Morgen, im Rechnen über ſeine klei⸗ ne Einnahme. Aber er vergaß fortzurechnen; denn da flogen auf dem unermeßlichen Meere die weißen Segel durch die grünen Gewinde der Inſeln.— Dort leuchtete auf dem Vorgebirge die weiße Pe⸗ ſtung, und der Kanonendonner von den Waͤllen, und die Antwort der landenden Schiffe durch das einfache Rauſchen des Meeres, und durch sas Früh⸗ gellaut der Dörfer, tänte feyerlich. Schwäne ſchiff⸗ een durch die Luft und die klappernden Störcht A 5 — 10— Wie hatte er rechnen können! Da ſah er vor ſich ein Dorf; es lag in einem grünen Kranze von hohen Weiden zum Schutz gegen die Stürme des Meeres, und da er noch einige Schritte gegangen, ſtand er vor einem alten Manne, der im Schlaf⸗ rock daher kam. Es war eine ehrwürdige Geſtalt, die ihn mit dem freundlichſten Geſichte grüßte.— »Wenn ich nicht irre, ſind Sie der junge Pfar⸗ rer von Holm? Ich bin hier in Hem merbor⸗ Pfarrer.« Er reichte ihm die Hand, und kehrte um, mit ihm in das Dorf gehend, als häͤtte er zihn fey⸗ erlich eingeladen.»Meine Frau wird ſich freuen,« ſagte er, auf ſein Haus zeigend, und ſie traten ein.— Zwey Kinder, die Enkel des Pfarrers, ſpiel⸗ ten im Zimmer. Seine Frau nähete.— Ein Tiſch lag voll Bücher, und es war für Braune eine Freude, da er einen Blick auf die Bücher gewor⸗ fen, einen ſchönen Homer aufgeſchlagen zu ſehen. »Sehen Sie, ſagte der Alte freundlich—»die ſind mir von allen meinen Freunden aus der Ju⸗ gend geblieben.« »Es ſind auch meine Freunde,« ſagte Brau⸗ ne. Dem Alten glänzte das Auge. Es war in dem Zimmer eine ſchöne, vertrau⸗ liche Haͤuslichkeit verbreitet, von dem Alten mit. —— —— dem ſchneeweißen Haar an bis auf die beyden En⸗-⸗ kel mit den muthigen, frohen Geſichtern herab.— — 1 1 4 —— — 11— An einer Wand hingen die Famil lienporträts, die ihm der Alte ſogleich nannte, und darunter ein Familienſtück von ihren Bekannten, in Schatten⸗ riſſen in Lebensgröße.»Sie müſſen auch mit in den Kreis!« rief der Pfarrer.»Ein Freund meines Freundes«(auf ſeinen Homer zeigend)„darf da nicht fehlen. Sie bleiben Mittag bey uns!« Die Frau lud ihn mit einem freundlichen Ge⸗ ſicht. Braune fand ſich wie zu Hauſe, obgleich ſowohl der Alte als ſeine Frau etwas Eigenthüm⸗ liches hatten. Der Alte blickte mit Falkenaugen ſeinen Gaſt von Zeit zu Zeit an, redete mit einem wohltönenden, feyerlichen Baſſe, ſtand aufrecht und kräftig da, und dennoch trotz dieſer Majeſtaͤt des Hausvaters, verſteckten ſich die Kinder unter ſeinem Schlafrocke, haſchten ſich um ihn her, als waͤre er nicht da. Die Mutter ſchien das Ideal der ſtillen, weib⸗ lichen Güte und Aufmerkſamkeit auf ihren Mann, den ſie Vater nannte. Was ſie ſagte, war gut geſagt. Braune fühlte, er war hier in einer ſehr gebildeten Familie, die aber ayne alle Anſpru⸗ che war. Der Alte fragte nach ſeinem Verhäͤltniſſe mit ſeiner Gemeinde, und zwar mit einer vertraulichen Freymü thigkeit, als waͤre der junge Mann ſein Sohn. Die Paſtorinn ſagte mit einer theilnehmenden Stimme etwas zu ſeinem Troſte. »Ey was, Mutter«z rief der Alte ſtreng— »ſo etwas thut weh! Er ſoll ſichs nicht aus dem Sinne ſchlagen, wie du meinſt. Aber fortſchrei⸗ ten ſoll er wie ein Mann, gerade aus, nicht rechts oder links abbeugend, oder heuchelnd und ſchmei⸗ chelnd; damit er ihre Achtung nicht verliere, wenn er ihre Liebe auch gewinnt; denn unſer Amt ruht auf Achtung.« »Und auf Liebe, Vater!« »Und die Begebenheit mit dem Kinde?« fuhr der Alte eifrig fort—»freylich, hätten Sie dar⸗ auf dringen können, die Gemeinde ſollte das Kind ernähren.«— »Der Haß waͤre dann noch vergrößert, Va⸗ ter!«— „Recht! Sie nahineen es alſo als Ihr Kind auf?»Hier aber hielt der Alte das runde, blaue Fal⸗ kenauge durchdringend feſt auf dem jungen Prediger. Der antwortete:»als mein Kind habe ich es auf⸗ genommen. Gott ſey mein Zeuge, und Sie, daß ich Vaterſtelle an dem Kinde vertreten will, ſo viel ich kann.«— Der Alte reichte ihm die Hand mit einem ver⸗ ſichernden Blicke: vich weiß, was der dumme Haß aus einer Behebenheit machen kann. Jetzt aber bin ich überzeugt, und Sie ſollen da unter die Schattenriſſe mit hinein. Meine Frau hat Sie 1 — 1 — 13— in Schutz genommen und Eberhardine: das hat mich gefreut; denn die Weiber ſind nicht ſon und Zuhetzer waren genug.« Braune faßte eine große Meinung aus die⸗ ſem Zuge von dem Geiſte und der Güte der Frau und Eberhardinens, die er nicht kannte. Nun aber brachte der Paſtor das Geſpräch auf die Alten, die er noch immer ſtudirte, und es kam dem jungen Kollegen faſt ſo vor, als ob der Alte ihn ein wenig examiniren wollte. Braune erſtaunte vor den Kenntniſſen des alten Mannes, der aber von Viertelſtunde zu Viertelſtunde immer freundlicher wurde, bis er zuletzt aufſprang, ſeinen jungen Kollegen an die Bruſt drückte, und mit der ernſten Majeſtät, die nicht Rührung ſchien, aber war, ſagte:»ich danke Gott für den ſeltenen Spazier⸗ gang, den ich heute machte. Seyn Sie mir ewig willkommen als ein Sohn meines Hauſes! Eber⸗ hardinel« rief er, denn das Mädchen trat eben ins Zimmer.—»Du ſollſt mir den Herrn abſchat⸗ ten, und zwar heute, und neben meinem Sohne ſoll ſeine Stelle ſeyn.« Eberhardine nickte dem Alten ja zu, und verbeugte ſich gegen den Jungen. DO welch eine friſche jugendliche Geſtalt! Wel⸗ che Roſen der Geſundheit auf dieſem ſchönen Ge⸗ ſichte⸗ Welch ein Auge, das mit allen ſeinen Flam⸗ men ſich auf den jungen Herrn heftete, den ſie in das Familiengemählde bringen ſollte, in das nur b edle, geprüfte Menſchen hineinkamen. Und dieſe— lebenvolle Nymphengeſtalt kam aus der Küche, mit aufgeſtreiften Aermeln, mit aufgeſchürztem Rocke, den Tiſch zu decken. Vollkommen in der Kleidung einer jungen Hausfrau ging ſie vor ſeinen Augen umher, die ſie verfolgten, und er dachte ſie ſich in ſeinen Zimmern. Das Gemählde, das er von ſei⸗ nem haͤuslichen Leben von der Phantaſie hatte mah⸗ len laſſen, wurde lebendig. Die Liebe mahlte es mit ihrem flammendſten Pfeile. Die beyden Kin⸗ der hörten auf zu ſpielen, und hingen an Dinens Schürze. Sie ließen ſie nicht eher, obwohl die Mutter befahl; Dine mußte ſie erſt, eins nach . ————; j. f. dem andern, auf ihren Schooß nehmen. Sie that's; o mit welcher Anmuth! Sie herzte ſie;. o mit welcher jungfraͤulicher Verſchämtheit. An Allem, an dem Umfaſſen, an den Blicken, an dem Kuße haͤtte jeder die Jungfrau erkannt. Das Eſſen kam. Braune ſaß zwiſchen den Alten, Dine zwiſchen beyden Kindern ihm ge⸗ genüber. Dav ſchöne Familiengemaͤhlde in flnen Kopfe ſank in ſein verlangendes Herz, und die Geſtait 6* der jungen, lieblichen Hausfrau grub ſich mit Fen. erzügen in ſeine Seele. 4— Sie mußte dem Alten Bericht abſtatten von der Arbeit des Tages, von der ganzen Haushal⸗ 4 tung, von den Kranken im Dorfe, und ſie that es ſo, daß Bra une ſah, ſie war die Seele, wel⸗ — che das Haus regierte; und mitten in der Erzaͤh⸗ lung unterbrach ſie der Alte mit den Worten zu dem jungen Mann: ves iſt meine Schweſtertochter; aber oft weiß ich nicht, ob ich ſie nicht lieber habe, als meine eigenen Kinder.«⸗ Nach Tiſch machte das Zutrauen der Alten ei⸗ ne Scene von eigner Art. Die Kinder waren über die Seite gebracht, die beyden Alten ſetzten ſich nieder zum Mittagsſchlummer. Braune ſaß ge⸗ gen dem Mädchen üͤber, beyde ſtumm, nur daß von Zeit zu Zeit Dine eine Fliege von ihres Oheims Geſicht jagte. Sie fühlte wohl, daß ſie unter den ſotrahh⸗ tenden Blicken des jungen Predigers ſaß, obgleich ſie tief auf ihre Arbeit nieder ſah. Es ſchien ihm, als ſchmiegte ſie ſich in ſich ſelbſt hinein; als woll⸗ te ſie alle die Reitze ihrer Jugend mit der züchtig⸗ ſten Stellung verhüllen, oder mit dem jungfräuli⸗ chen Erröthen: und eben dieſer Augenblick voll bimmliſcher Unſchuld warf die Flamme der Liebe in ſein offnes Herz. Er ſah ja an dem langſamen Wallen der Bruſt⸗ an der verſtehlnen Oeffnung der Roſenknoſpe ihres Mundes, daß ſie ſeufzte. Ihr Nähzeug verſteckte den weißen, runden Arm, und die kleine Hand, wenn er dahin ſah; die Spitze ihres Schuhes ver⸗ ſchwand, ſenkte ſich ſein Auge. Ja, ſie mußte doch aus Höflichkeit von Zeit zu Zeit ihr ſchönes, ſittſames Auge gegen ihn auf⸗ — 16— ſchlagen, und verſchämt ihn anlächeln; und ſah er ſie lächelnd wieder an, ſo ſchlug ſie das Auge nie⸗ der. Wohin er den Blick ſchlug, da verſchwand jede Falte, die den Körper bezeichnete. Er ſah nur das Gewand, nur ein Gewand. Und dieſe ſtumme Unterredung, wo nur der innere Gedanke, mit dem Gedanken redete, nur das Herz mit dem Herzen, dauerte eine halbe Stunde; und eben, da der Vater das Auge aufſchlug, befahl er, Eberhardine ſollte Braunens Schattenriß ſogleich aufnehmen. Sie hatte noch nicht einmahl ihre Bruſt mit einem Seufzer erleichtert. »Geh in die blaue Stube; da iſt's finſter.« Dine wollte die Kinder mitnehmen.»Nein, die Kinder nicht, daß Du die Sache ordentlich machſt.«. Sie nahm Bleyſtift, Papier un ein Licht, beugte ſich, und Braune folgte. Sie befeſtigte langſam das Papier an die Wand, um nachzuden⸗ ken, wie ſie es anſtellen müßte. Sie ſchob den Stuhl zurecht, und bath ihn ein wenig angſtlich, ſich zu ſetzen. Er ſetzte ſich; ihre Aengſtlichkeit ſteckte ihn an. Sie mußte durchaus mit ihrer Hand ſeinem Haup⸗ te die gehörige Richtung geben, damit ſein Profil herauskam. Darüber aber war ihre fertige Hand ſo unſicher geworden, daß ſie eine Minute verzie⸗ hen mußte, in der ſie auf ſein Proſil ſah. Mit einem Seufzer ſing ſie an zu zeichnen, die edle — 17— Stirn, die erhabene Beugung unter der Stirn, dann die gebogene, ſtolze Naſe, den ſchönen feinen Mund, das ruhige Kinn; aber ſie zeichnete das edle Profil viel richtiger in ihr klopfendes Herz, als 4 auf das Papier. 3 Sie ſah die Zeichnung an, und ſah gen Himmel; denn ſie mußte noch einmahl zeichnen.— Dem war nicht anders. War ihre zitternde Hand Schuld, oder ein Seufzer, den er aus den Lippen hervorſtieß? Sie hohlte ein Glas, um den Kopf feſt daran zu lehnen. Es iſt nicht leicht mit feſter Hand zu zeichnen, ſagte ſie, ſich entſchuldigend. Er ſetzte ſich. Sie nahm allen ihren Muth zuſammen, und die Zeichnung war ſehr ſchön. Nun wollte er ſehen, wie ſchwer es war. Sie mußte ſich ſetzen. Er zeichnete ihr feines, ſchönes Profil. Die Liebe, ſagt man, ſchuf dieſe Kunſt. Hier ſchuf die Kunſt die Liebe. Sie gingen beyde mit ihrem Bilde eines in des Andern Herz nicht ſchwarz, ſondern mit den Flammenfarben der Liebe gezeichnet. 1 Dine ſchlug es heute ab, das Bild inis Klei⸗ ne zu bringen. Der junge Prediger ging; ihr Kopf war mit ihm verſchwunden, ſo ſehr ſie darnach ſuch⸗ te. Sie verſchwieg es.. 1 Der Alte begleitete ihn, und alle zehn Schrit⸗ te bath er ihn, ja recht fleißig zu kommen, ſo lan⸗ ge er noch in der Gegend waͤre. . ———,—yüEEͤ »In der Gegend? ich fürchte, 19 werde hier immer bleiben.« »Das verhüthe Gott!« ſagte der Alte feyer⸗ lich.»Ich kenne Ihre Pfarre. Sie allein werden Noth haben, ſich durchzubringen. Viel weniger eine Familie. Sie müßten denn eine reiche Hei⸗ rath thun, was ich nicht wünſchte; ein Geiſtlicher ſoll nicht einmahl habſüchtig ſcheinen. Denn er ſoll ein Vorbild ſeyn in allem Edeln.« 1 »Ich habe wenig Beduͤrfniſſe. »Wie ein Mann ſoll!« hier aber redete der Alte ſo kraͤftig über das Glück des Lebens, über die ganz andern Bedürfniſſe des Weibes, daß Braune die Ueberzeugung erhielt, er konnte als ein Ehrenmann Eberhardinen ſeine Hand nicht biethen; denn Eberhardine war arm wie er ſelbſt, und des Alten Familie ſo groß, daß ſie auch von dem auf keine Unterſtuͤtzung rechnen konnte. O armer Menſch! du konnteſt bisher uber dei⸗ ne Armuth ſpotten, weil ſie nur ein geitziger Vor⸗ mund war, der deine Wünſche beſchraͤnkte; jetzt aber tritt ſie dir entgegen wie ein verderbendes Geſpenſt, wie das Entſetzen ſelbſt, das die jungen Blüthen der Hoffnung, die eben aus dem warmen Herzen im Frühling der Liebe hervorgetrieben waren, bis auf die Wurzeln zerſtörte. Es hilft dir nicht, daß du dein Auge auf den Reichthum richteſt in den fet⸗ ten Gefilden am Meere. Er gehört Fremden.— Es hilft dir nicht, daß du es, noch einmahl hof⸗ fend, in die Unend ichkeit über dir, in den Him⸗ mel hebſt. Ach es hülft dir nicht, daß du den Ge⸗ ſang hoͤrſt, den eine ſanfte Stimme in der Ferne ſang: 3 Die milde Hoffnung bringt die Freude In das erſtarrte Herz zurück! Es gibt keine prophetiſche Stimme für dich. Er geht dahin ohne Hoffnung. Auf der Schwelle ſeines Hauſes ſaß auf Ma⸗ riens Schooße das Kind, das er gerettet hatte. Er betrachtete den Knaben mit finſtern Blicken, obgleich er ihm unſchuldig laͤchelnd ſeine Blumen entgegen hielt. Sogar Marien, die treue Wäaͤr⸗ terinn ſeiner Kindheit, deren Hand ihn getragen, und das Auge ſeiner Mutter zugedrüͤckt hatte, ſah er ſeufzend an. Denn war der Knabe nicht bey ihm, hatte er ſtatt der Alten eine rüſtige Magd, ſo—»O verhüthe es Gott!« rief er in ſchneller bereuender Eile, und wendete ſein Auge in die Unendlichkeit. Er hob das Kind an ſeine Bruſt, und ſagte—»guten Abend, meine gute, liebe Marie.“» In dieſen Augenblicken, wo das Herz alle Hoffnungen des Lebens hingegeben hat, regt ſich in dem Herzen ein wilder, zerſtörender Geiſt, der den Menſchen an den tiefen Abgrund der Zerſtö⸗ rung reißt, oder das Herz wird zu ſehr erweicht in Wehmuch. „Ach, die Arbeit wird dir hier zu ſauer, aute 86 ——.——— 4 1 3 — 20— Mariel!« ſagte er mit weicher Stimme.»Warum bin ich ſo arm, daß ich nicht einmahl dein Alter ſchonen kann?« Er reichte dem Kinde die Blumen, die es im Spiel auf den Boden warf, geduldig wieder zu, und ſagte:»iſt es nicht genug, o Him⸗ mel, wenn ich zwey Menſchen beglücke? das ſey denn mein Loos!« Spielend im weichen Kummer nahm er die Schere, und ſchnitt Eberhardinens ſchönes Profil aus, und betrachtete den Schatten, den er an die Wand fallen ließ.»Und mehr iſt mir ja nicht beſchieden als ihr Schatten! Mehr fodre ich nicht.« Er wollte am andern morgen, denn wilde Traͤume hatten ſeine Phantaſie erregt, tauſenderley auf einmahl. Er wollte ſeinen Hirtenſtab, der hier nichts war, als ein Bettelſtab, wieder nieder⸗ legen und als Hofmeiſter nach Liefland gehen. Er redete ja gelaͤufig franzöſiſch, und ſpielte das Kla⸗ vier. Der Plan machte ihn reich; aber er nahm ihm Eberhardinen. Und ſo war es ihm ja gleich, wo er unglücklich war. Aber wohin ſeine Phantaſie ihm den Weg öffnete zum Glück, da trat ihm Marie und das Kind entgegen, was ſein war. Die Tugend hielt ihn in dem engen Krei⸗ ſe ſeiner Armuth feſt gefangen. Er mußte ſeine Hoffnungen hingeben. Dann wollte er Eberhar⸗ dinen nicht wieder ſehen. Aber da in der Hoff⸗ nungsloſigkeit der Menſch alles übrige Kleine, was er beſitzt, zerſtört, um gar nichts zu haben: ſo war er auf einmahl feſt entſchloſſen, und ſein Fuß drückte ſich bey dem Entſchluſſe feſter auf den Bo⸗ den, ſeine Hand ballte ſich— Eberhardinen deſto mehr zu lieben, und in der hoffnungsloſen Liebe unterzugehen. »Ich will ſie ſehen, ich will ſie unendlich lie⸗ ben und ſchweigen.» Es war nicht der Vorſatz einer ſchwachen See⸗ le, die ſchon vorher weiß, daß der Zufall den Vor⸗. ſatz brechen, und den gebrochenen Vorſatz beſchöni⸗ gen wird. Es war ſchon in der Jugend ſein Spiel geweſen, feſt zu wollen. Als Jüngling hatte er nie auf einem wilden Pferde geſeſſen, dem er nicht die Sporen gab, und den Zügel zugleich an⸗ hielt. Er hatte ſeinen Trieben gebothen, wie ein König. Darum war er ohne Liebe, aber mit der heißeſten Sehnſucht nach Liebe, durch ſeine Jugend bis ins Amt gegangen. Sein Herz war heiß, aber ſein Wille ſtark. 3 Eberhardine war ein blühender Götter⸗ hain, den kein Fuß eines irdiſchen Menſchen je betreten, durch den nur die fleißige Biene arbei⸗ tend zieht, und der himmliſche Geſang der lieben⸗ den Nachtigall. Sie hatte bey ihrem Oheim von Jugend auf gelebt, und das Familiengemählde von Schattenriſſen an der Wand war der Stammbaum, nach dem ſie den Adel der Menſchen, die ſie kannte, beurtheilte. Jeder Menſch, der den Alten beſuch⸗ te— und der Alte verſtand ſich auf die Phyſiog⸗ —— nomie— kam in das Familiengemaͤhlde, wenn der Alte den Ausſpruch gethan hatte: ver iſt ein edler Menſch!«Und der Alte that nicht leicht dieſen Ausſpruch. »Der muß hinein, Vater!« ſagte oft die Mut⸗ ter, wenn ein Beſuch gegangen war, und Eber⸗ hardine war der Mutter Meinung. Der Alte laͤchelte und ſchüttelte den Kopf, und er kam nicht hinein. Es waren nur etwa fünf Maͤnner, die auf dem Bilde ſtanden. Zwey alte, und drey junge Manner, die alle verheirathet wa⸗ ren; Eberhardine war feſt überzeugt, eben aus dieſen Fünfen, daß ihr Oheim ſich darauf ver⸗ ſtand, den Werth der Maͤnner zu ſchäͤtzen. Aber nie hatte er beym erſten Beſuch darauf gedrungen, G daß Eberhardine, die das Amt des Zeich⸗ nens hatte, den Gaſt abſchatten ſollte, als bey Braune. Balke, ſo hieß der Prediger, trieb die Phy⸗ ſiognomie noch aus ſeinen Jugendjahren her, wo ſie Mode war. Das Gemaͤhlde der edlen Schatten⸗ riſſe im Zimmer war das Ueberbleibſel davon. Daß Braune ſo ſchnell in den edlen Stammbaum des Hauſes kam, hatte ſeine Gründe. Der Alte ging kurz nach Braunens Ankunft durch Holm. Es läutete zur Wochenpredigt. Er ſtellte ſich an die offne Kirchthüre, und hörte von dem jungen Manne eine vortreffliche Rede, voll einfacher, herzlicher Weisheis. Er ſah ihn indeß nicht genau. —— ——õ— was ſie that: da ſie die Kinder herzte, da ſie am Da er ihn aber ſah, erſtaunte er vor dem ed⸗ len Geſichte des Mannes. Alle die böſen Gerüchte von Braune, die auch ſein Haus erreicht hatten, verſchwanden vor dieſem ſchönen Geſicht, vor dieſer großen mannlichen Geſtalt. Er befahl Dine n, den Gaſt abzuſchatten. Ehe Dine den ſtifts⸗ und ſtammbaumsfähi⸗ gen Mann geſehen hatte, berichtete ihr ſchon die Mutter in die Küche, wo ſie war, daß der junge Braune abgeſchattet würde, und ſie ſetzte hinzu: Dinchen, wenn der Vater bey einem Geſicht Recht gehabt, ſo iſt es bey dieſem. Da iſts gera⸗ de, wie der Vater ſagt: die Tugend und Weisheit thronen auf der edlen Stirn. Offenheit und Muth blitzen aus ſeinen klaren Augen. Mich ſoll doch wundern, was Du ſagen wirſt, wenn Du ihn ſiehſt: der Mund voll Anmuth, und die reine Stimme, worauf der Vater ſo viel haͤlt. Dine laͤchelte, und flog auf einen Augen⸗ blick auf ihr Zimmer, vor den Spiegel, die Locken ein wenig zu ordnen, ein Paar Nadeln anders zu ſtecken, und dabey laͤchelnd zu denken, wie der Stiftsherr wohl ausſehen möchte. Sie ſah es denn auch, da ſie eintrat; aber ſie ſah mehr als Vater und Mutter geſehen hat⸗ ten. Sie ſah, daß der ſchöne Mann mit dem Apollokopf, von dem der Alte eine Zeichnung hat⸗ te, das Auge verſtohlen auf ſie richtete, bey allem, 8——— — 24— Tiſche ihm gegenüber ſaß, da ſie Bericht abſtattete, vorlegte, als wollte er ihre Handgriffe ablernen; da ſie trank, und auch, wenn ſie gar nichts von allem dieſen that. Und dieſe Blicke, die er auf ſie richtete,— ſie haͤtte viel darum gegeben, daß auch der Vater ſie geſehen hätte— waren gar nicht die freyen, meſſenden, triumphirenden Blicke, die der Herr Deichgraf Müller oder der Siehlmei⸗ ſter Hinke auf ſie warfen, wenn ſie die Kinder herzte, oder gegen ihnen über ſaß, und die eben dieſer Blicke wegen der Vater gar nicht abſchatten laſſen wollte, obgleich der Deichgraf, ein wohl⸗ habender Mann, oft ſagte: ich möchte wohl auf dem Gemählde mit ſtehen!»Nein, die Blicke des Stiftsherrn waren ſo beſcheiden, ſo blöde, ſo ver⸗ hüllt, daß ſie eben dadum der Vater gewiß nicht geſehen hat,« ſetzte ſie hinzn. 1:1 Wenn der Vater ſein Mittgsſchlaͤfchen mach⸗ te, ſo hatte Dine ihre Noth Amit dem Deichgra⸗ fen und ſeinen Blicken, ob er Zleich jung und hübſch war. Mit dem e,s olm hatte ſie waͤh⸗ rend des Schlafs ihre Noth auch gehabt, und wohl noch größere; aber dieſe Noth war doch ganz anders. Die Unruhe in ihrer Bruſt war ſüß, und wurde ſüßer, und die Beklemmung ihres Herzens war nicht unangenehm, ob ſie gleich wohl fühlte und es auch ſagte: daß überall das Anſchauen eines armen Maͤdchens, das nicht aufſtehen, nicht reden, 8 ——ö— —— 7 — 25— nicht weggehen darf, mit dem Stannbaume nichts zu thun habe. 85 Ihr kam das Zeichnen nach dieſer Scene zum erſten Mahl ein wenig bedenklich vor. Sie ging ſeufzend an die Arbeit, und ſie hatte Recht; denn nach dem Zeichnen fand ſich eine kleine Unruhe in der klopfenden Bruſt, als ſollte ſie ihn erſt noch abſchatten, und dieſe kleine Unruhe nahm noch zu, da der Vater von Braunens Begleitung zurückkam, und mit erhöhter Feyerlichkeit, die eine Hand auf die Hüfte ſtemmend, mit der an⸗ dern den Stock auf den Boden ſtoßend, ſagte: vund ſtänden da auf dem Bilde nur die wahren Fürſten des Menſchengeſchlechts: er müßte mit hin⸗ ein! Wie ein wahrer Mann, Mutter, trägt er ſeine ſchwere Lage! Wahrhaftig, Dinchen, wie eine Braut ihre Krone zum Schmuck!« »Seine ſchwere Lage, Vater, ſagſt du?« Die Frage gibt ihr ein Engel ein, dacht Di⸗ ne. Sie hätte ſie nicht thun koͤnnen. »Die ſchwerſte im Leben, Mutter! denn, be⸗ ddenke doch nur, er hat ein warmes Herz, gewiß voll Leidenſchaften, wie alle edle Manner„ ein Herz voll Liebe, möchte ich ſagen, und ſeine Lage verbiethet ihm das Heirathen, ſeine Armuth.« Dine dachte Wunder welch ein Rieſe von uUnglück hervorſpringen würde. Sie mußte ein we⸗ nig in ſich lächeln, daß es nichts als die Lumaßh. war. Hätte er eine fleißige Frau, dachte ſie.— Lafont die Pfarre ꝛc. I. — 26— Aber Dine, es iſt nicht gut, alles zu denken; denn von dieſem Augenblicke an ſchrieb ſich ein Ge⸗ mäahlde in Eberhardinens Seele, auf dem ſie des Nachbars in Holm Haushaltung führte.— Das unſchuldigſte, tugendhafteſte Gemaͤhlde von der Welt, an deſſen Rande aber noch allerley kleine Gemählde entſtanden, die, o erſchrick nicht, un⸗ ſchuldige Seele, eben ſo unſchudig ſind, als das erſte, nur ſchöner! Balke beſuchte den Nachbar ein paar Tage darauf. Und bey ſeiner Zurückkunft ſagte der ehr⸗ würdige Mann voll Eifers:»ich wollte, ich wäre nur eine Stunde lang der König, des armen Nachbars willen! Aber ihm iſt nicht zu helfen: arm, zu ſtolz zum Betteln, zu gelehrt für die Herren Räthe; nicht prunkend damit, aber darauf beſtehend, wie ein Mann muß; zu fromm für den Teufel, ſitzt er da im Hungerlande und wird ewig da ſitzen.« „Iſt Gottes Hand verkürzt, Vater?« „Verkürzt nicht, Frau! denn ſie reicht in die Ewigkeit hinüber; raber eben das ſcheint oft dem leidenden Hiob zu lange, und darum Gottes Hand zu kurz.& „»Darf er den Herren Raͤthen ſeine Noth nicht klagen?« Himmel. Er traͤgts.« Dine ſchüttelte zu der Verſammlung den Kopf. Nachdem ſie in des Vaters Anſchlagsliſte »Ich glaube, er klagts nicht einmahl dem — 27— der Pfarreinkünfte des Landes ganz heimlich die Einkünfte von Holm ſtudirt hatte, als ſollte ſie ſelbſt dort Pfarrer werden, berechnete ſie auch die Ausgabe für eine Familie, und fand, daß ihr Oheim und der Stiftsherr ſich irrten, oder nicht wiſſen müßten, wie wohlfeil ein Gericht in Liebe, und wie reich eine Frau mit einem Herzen voll Liebe ſey. Und obgleich ſie ſich ſelbſt ganz mit aus der Rechnung ließ, ſo ſchlug doch ihr Herz ſehr, da der Tag kam, an dem der Nachbar verſprochen hatte, ſie zu beſuchen. Sie konnte das ſchöne Au⸗ ge nicht frey gegen ihn erheben, und noch weniger, da ſie auf ſeinem Geſichte den rührenden Zug eines geheimen Kummers bemerkte, der Thraͤnen in ihre Augen, und aus ihrer Bruſt ſchwere, mitleidige Seufzer trieb. Aber es wurde ihr wohl dabey; denn ſie konnte ja nun das Pochen ihres Herzens Mitleiden mit dem Kummer des edlen Mannes nen⸗ nen. In der heiligen Zeit der Jugend und der rei⸗ nen Unſchuld verbirgt das Herz die Liebe nicht nur Andern, ſondern ſich ſelbſt am erſten. Aber die Opfer des Mitleidens wurden deſto ſchöner. Sie verſagte ſich die unſchuldigſten Freuden ſogar, den lauten, frohen Geſang im Garten, die heitern Spiele und das Lachen mit den Kindern. Aber dieſe zarten Fäden der geheimen Empfin⸗ dungen werden zu unzerreißlichen Ketten der Liebe. Braune hielt Wort: er verbarg ihr ſeine Debe, und liebte ſie deſto mehr. Sie hatte ihm 3 B 2 — 28— nichts zu verbergen als ihr Mitleiden; aber das ſchöne weibliche Herz verbirgt mehr, als die Liebe allein dem Geliebten. Es verhüllt alle Empfin⸗ dungen; denn alle Empfindungen ſind Liebe. . Eberhardine verhüllte ihre Liebe wie ein unſchuldiges Mädchen unter einer weichen Weh⸗ muth; der Nachbar wie ein Mann, in einem hal⸗ ben Zorn, in Bitterkeit, in Satyre, und das un⸗ ſchuldige Madchen, das ſchon gehofft hatte, ſein Herz würde ihr Mitleiden zſehen, wurde an ihm irre, da er kälter war, als ſie es verdiente. Sie zog ſich zurück, und er— freute ſich, daß ſie kaͤl⸗ ter wurde. Er hatte ihr Herz geſehen. „In dieſer Zeit des kalten Zurückfahrens ihrer Herzen fing der Deichgraf Müller an, den Pa⸗ ſtor Balke häͤuſiger zu beſuchen. Die Mutter hielt ihm kleine Lobreden, daß man der Jugend Fehler nicht ſo hoch anrechnen müſſe. »Vergeben, Mutter!« »Nun ja, vergeben, das wollt ich ſagen!« Auch der Deichgraf war weniger wild, redete nicht mehr vom Spiel und Trunk, ſo daß es zu⸗ letzt die Mutter zu ſagen wagte: ver kann ſich doch wohl zuletzt einen Platz in dem Bilde erringen, Vater 2». »Ho! willſt du dahin? Wenn du ihn dahin bringſt, ſo nimm du mein Bild und des Holmers⸗ und deines Sohns weg.*.. . Die Mutter erröthete. Sie nahm den Vater allein. Vom Bilde war nicht die Rede wieder; aber der Alte ſchwieg doch. Es war auf Eber⸗ hardinen abgeſehen. Die Mutter erwog des Maädchens Schickſal, und ein paar bedenkliche Zu⸗ fälle ihres Mannes, Anfaͤlle vom Schlagfluß. Was ſollte aus dem lieben Maͤdchen werden, wenn ihr Mann das Leben verließe? Der wohlhabende Deichgraf warb ſichtlichum Dinens Hand. Das hatte ſie ihrem Manne geſagt:»wenn nun Gott dem wilden Manne, denn ein Böſewicht iſt er nicht— eine tugendhafte Frau beſtimmt hats Lieber Vater, zur Beſſerung des Mannes? Welch eine wilde Hummel war ich, da du um mich warbſte? Was bin ich durch dich geworden, Vater? O das verdanke ich dir erſt im Grabe! Iſt es nicht beſſer, ſie wird Frau und Mutter, als in einem unbarm⸗ 3 herzigen Hauſe Dienſtbothe?s »Ich weiß es nicht. Aber ich will Gott und dem Herzen des Mäaͤdchens nicht vorgreifen. Sprich mit ihr; aber, ich bitte dich, treibe nicht, wie ihr Weiber treibt, wenn ihr einen Brautkranz zu flech⸗ ten habt. Ach, die ihte Perle neben dem Gall⸗ apfel!« Die Mutter redete mit Dinen, und D 4 ne erblaßte, nicht weil ſie an den Deichgrafen dachte, ſondern an den Holmer. Die Mutter wiederhohlte; aber da ſetzte ſich alles in Dinens Seele: die Liebe, die ln Whuld⸗ B 3 ——ʒ— — 30ů— die Frömmigkeit, die weibliche Sittſamkeit zur Wehre.»Nein!« rief ſie—»wenn Sie mich ein wenig lieben, Mutter, ſo reden Sie nie mehr ein Wort davon!« Die Mutter wiederhohlte ihre Gründe noch einmahl ruhig; aber ausführlicher mit der ange⸗ hängten Frage:»was ſoll aus dir werden? Wo⸗ hin willſt du? Wohin kannſt du?« »Zu Gott kann ich, darf ich la rief Din e, und hob gefaltet die Haͤnde zum Himmel. »Gut!« ſagte die Mutter, gar nicht dringend. —»Gut, Kind! Du haſt zu entſcheiden; nicht wir! Aber überlegen ſollſt du ruhig für dich. Das darf der Mann von dem Maädchen fordern; fordern darf er, Kind, daß er ſo lange in dem Hauſe aus und eingehe, damit das Maͤdchen Zeit habe, ihn zu prüfen, bis du nein oder ja ſagſt.« »O von Herzen gern, Mutter!« rief Dine ihre Haͤnde küſſend. Da kam der Deichgraf, da ging er. Dine mußte ihre Mutter auf dem Spaziergange begleiten, und der Deichgraf ging mit ihnen. Der ehrwürdige Vater ſah ihnen mit gefurch⸗ ter Stirne nach, ſchüttelte den Kopf, und ſagte für ſich:„haud placet.“ Dann hob er laut und feyerlich an, die Hand hinter ſeine Frau herſtre⸗ ckend:—»Was waͤren wir doch ohne Gottes Hand, lieber Amtsbruder?« Aber der Amtsbruder hatte ———— 2 — 31— 1„ keine Stimme zur Antwort. Er ſah ja wohl, was vorging. Er ſah noch mehr. Eberhardine war feſt entſchloſſen, Nein zu ſagen, ohne Vorbehalt, ohne Bedingung. Ja, dieſer Antrag hatte ſie faſt mit ihrem eigenen Herzen bekannt gemacht. Sie fing an, mit Aengſtlichkeit zu fühlen, wie innig ihr Herz an dem Holmer hing. Aber eben dieſes Gefühl machte ſie gegen den Deichgrafen unbe⸗ ſchreiblich höflich, zutraulich ſogar, um ihrer Tan⸗ te Forderung zu erfüllen und ſchon vorher ihr har⸗ tes Nein gegen ihn zu verſüßen; gegen den Hol⸗ mer aber wurde ſie, kalter nicht als vorher, wohl wärmer, aber fremder. Ach, das arme Maͤdchen mußte ihm ja ihr Herz verbergen; denn er ſtand jetzt ſo kalt gegen ihr über, verlangte nicht ein ein⸗ ziges Mahl mit zu gehen, wenn ſie mit der Mut⸗ ter und dem Deichgrafen gehen mußte. Sie wüaſch⸗ te es ja nur, an ihm einen Schutz zu haben gegen des Deichgrafen Schmeicheleyen. Beyde Liebhaber hingegen legten Dinens Betkagen falſch aus. Der Deichgraf triumphirte über Dinens Höflichkeit. Es ſchloß auf ihre Lie⸗ be; ſogar die Mutter ſchloß ja ſo. Dine hatte mit ihr abgemacht, ſie ſollte ſie nicht eher fragen, als nach ſechs Wochen. Die Zeit der Prüfung hat⸗ te die Mutter ſelbſt beſtimmt. Braune ſchloß aus ihrer fremden Scheu g ge⸗ gen ihn, daß ſie den Deichgrafen liebte, und— 2 4 — 32— er lächelte nur bitter— beſchloß ſeltener zu kom⸗ men, und hielt Wort. Dine ſelbſt— ach, ſie verbarg in der ſtillen Bruſt Schmerz, Liebe und die zerriſſene Hoffnung; aber ſie zürnte nicht ein⸗ mahl auf den Holmer, daß er ſo kalt war. Sie liebte ihn deſto treuer fort, und im lUebermaaß der allerhöchſten Empfindung kam ſie doch nie auf den Entſchluß, kälter gegen ihm zu ſcheinen, als ſie war, oder gar ihm mit einer anſcheinenden Ver⸗ traulichkeit gegen den Deichgrafen zu vergelten. O du großmüthiges Herz! 4 Der Deichgraf breitete ſelbſt ſeine nahe Ver⸗ lobung mit der ſchönen Dine aus. Er ließ Möblen machen. Die Gegend war voll von dem Gerücht. Marie erzählte es ihrem Herrn, und Braun blieb weg von ſeinem Freun⸗ de. Er hatte Dinens Profil. Er ließ noch ein⸗ mahl den Schatten an die Wand fallen, ſah ihn lange an, ſagte langſam mit zwey Thränen in den Augen:»Leb' auch du wohl, du letzte Hoffnung!« und dann zerſchnitt er die ſchönen Züge ſanft und langſam, und ſetzte wehmüthig hinzu—»ich habe ja nur der Parze Amt übernommen. Und ſo bin ich glüͤcklicher als alle; denn die Parze findet nichts mehr zu ſpinnen an dieſem Leben, und nichts zu zerſchneiden.« Er ſammelte die Stücken des Profils.»Nein, ich will ſie nicht zuſammenlegen; denn ſie iſt eines V — 9 — 33— Andern Eigenthum.« Er begrub die Papierſtuͤcke zu den Briefen ſeiner verſtorbenen Mutter. Eben nahm er an einem ſchönen Morgen ſei⸗ nen Hut, um an das Meer zu gehen, um wie Odyſſeus über das Meer zu ſchauen, nach der geliebten Heimath, den Rauch aufſteigen zu ſehen, von dem Hauſe, wo Dine lebte. Da ſagte Ma⸗ rie gleichgültig: vauch hat die Mamſel aus Hem⸗ merborg den Herrn Deichgrafen ausgeſchlagen.« »Gute Marie, bring mir nicht immer Nach⸗ richten, die nicht wahr ſind,« antwortete er bit⸗ terlaͤchelnd. »Ja, es iſt wahr; der Herr Deichgraf hat es ſelbſt geſagt und geſchworen: er will ſich rächen, daß ſie ihn ſo lange hingezogen.« »Was gehts uns an d» ſagte er milder, und ging.— Aber er ſtand auf dem Wege, wo er ſicch trennt, unentſchloſſen. Der Novemberwind brauſte kalt ihm entgegen; aber er ging doch zu ſei⸗ nem alten Nachbar. Der reichte ihm freundlich die Hand über dem Tiſch entgegen.»Gottlob, daß ſie kommen, lie⸗ ber Freund! In meinem Hauſe gibt es noch einen Sturm vor Schlafengehens, ich meine mein Grab! Sie werden es wohl gemerkt haben, daß— Dine hat den Deichgrafen ausgsſchlagen. Meine Frau, die aus Liebe zu dem Kinde die Heirath betrieb, iſt nun böſe, wie eine Frau, der das Liebſte miß⸗ rathen iſt.« .ͤ 8 . ——— ——— 2 — 34— »Ausgeſchlagen? Warum? „»Weil ſie kein Herz zu dem Manne hat; weif ſie von ihm weiß, daß er nicht reine Sitten hat. Gott! und eine Mutter, eine Frau will das nicht gelten laſſen? Gut, daß ſie kommen. Meine Krau hat Achtung vor Ihnen. Sie ſollen reden wie un⸗ ſer Freund, wie ein Mann, wie ein Geiſtlicher. Ich bin ſeit meinem letzten Zufall zu weich gewor⸗ den. Mein Grab iſt nahe. Ich mag nicht im Zorn über die Frau, die ich liebe, hin ſteigen⸗ 8 „Ich kann nicht reden.« „Wie? Sie könnten nicht? Warum micht⸗ Sie müſſen mir Rede ſtehen wie ein Mann.« »Das muß ich. Sie müſſen ſchweigen wie ein Mann.« Er gab ihm die Hand darauf. Braune ſag⸗ e: vich liebte Eberhardinen von dem erſten angemolis an, da ich ſie ſah, mit einer Innigkeit; 4 aber mit einer ſo gewaltigen Leidenſchaft, daß ſie faſt meinem Willen zu gewaltig wurde.« »Wie, Mann? Wie 1« „»Ich konnte ihr meine Hand nicht biethen als ein Ehrenmann, das ſagten Sie ſelbſt.« „Das ſagte ich, und ſage es noch.« „Ich ſchwieg; ich ließ die Leidenſchaft in mei⸗ ner Bruſt reißen; ich ſchwieg!« „Ehrenmann! Ehrenmann!« rief der Alte,— ihm beyde Haͤnde über den Tiſch reichend, mit Bli⸗ cken voll ſanfter Milde in den Falkenaugen. ⸗Nhis ——— — 35— mehr! Ich weiß! Hier in dieſem Herzen bronnten— die Flammen der Leidenſchaft auch. un. ſle w uß⸗ ten, daß der Deichgraf.«— »Ich ſah s.« »Sahen Sie, Herr,« fuhr der Alte kräftig gegen Braune auf—»Sahen ſie auch, daß ſich Dinens Herz Ihnen gewaltig zuneigte?« »Ich ſah's!« ſagte Braune mit leiſer, be⸗ bender Stimme. »Herr des Himmels!« rief der Alte gewaltig. —»Der du dieſes Herz ſo ſtark machteſt, du haſt Lohn für Opfer!« »Kann ich jetzt reden?« fragte Braune. Nein,« ſagte der Alte nach langem Zögern. Da exhob ſich der Alte aus dem Lehnſtuhle, faltete die Hände zuſammen, ſah ſeinen jungen Freund ſtarr an, und fragte mit zitternder Stimme— »und hoffen ſie jetzt 2« »Nein, Vater! nein!« rief Braune laut, und faltete die Haͤnde über des Alten Hande. »Jetzt nicht, Braune, da Dine ſich er⸗ klärt hat? Hoffen ſie jetzt nicht, da es Gottes Wille ſcheint?« „»Nein, ich hoffe nicht la Da ſagte der Alte mit gebrochener Stimme, Thraͤnen in den blitzende Augen:»Verſprich mir, mein Sohn, daß du in meiner Sterbeſtunde mit mir bethen willſt; denn du glaubſt wahrhaft an Gott und an die Ewigkeit!« — —— — 36— Sie gaben ſich die Haͤnde, und ihre Geiſter ſtanden vor Gott. In dem Augenblicke trat die Mutter in das Zimmer, mit verweinten Augen und mit blaßen Wangen. »Da iſt unſer Nachbar, ſ ſagte ſie—„Pater, ich 5 will mein Mutterherz wohl gegen ihn vertheidigen.« »Mutter,« ſagte ihr Mann weich—»ich ha⸗ be mit dem Nachbar eben von meiner Sterbeſtunde geredet. Er ſoll mit mir bethen, und du ſollſt mich lieben, bis mir deine Hand das Auge zudrückt. Komm an mein Herz, Mutter, ich habe dich im⸗ mer treu geliebt.« Hus haſt du, und jett willſt du noch von mir abfallen?« Er legte ihr die Hand ſanft auf die Lippen, und dann den Mund. Dann trat Dine hinein: ein ſchönes Roſen⸗ roth, das nach und nach zu dunkelm Purpur ſich umfaͤrbte, bedeckte Stirn und Wangen, da ſie den Nachbar ſah; denn er wußte nun ja, daß ſie wie⸗ der frey war. Aber der Nachbar war ſo fremd wie vorher, noch fremder. Auch ging er bald. Der Vater begleitete ihn mit allen Zeichen einer war⸗ men, faſt mehr als väterlichen Liebe. Dinens Herz ſchlug darüber vor Entzücke n, obgleich der Nachbar ſo fremd that, als ſähe ſie ihn heute zuerſt. Aber der Alte hatte das Roſenroth und den Purpur auf Dinens Wange wohl geſe⸗ hen. Sie kam ihm entgegen, da er urückeam. 8 8 Die Mutter war oben, und packte weinend wieder zuſammen, was ſie zu Dinens Ausſteuer hervor⸗ gehohlt hatte. Vater und Tochter waren allein. »Sag mir, mein Töchterchen, iſt es dir un⸗ möglich, daß du dem Deichgrafen deine Hand gibſt?«* »Es ſcheint mir ſo,« ſagte ſie, die Augen nie⸗ derſchlagend und wieder erröthend. »Faſt kommt mir's vor, Dinchen, als haͤt⸗ teſt du ein Geheimniß in deinem Herzen, das du vielleicht ſelbſt nicht kennſt.« Die Hand, die der Alte in ſeiner hielt, fin an zu zittern.»Du liebſt einen Mann! Erröthe nur, liebes Dinchen, aber ſchame dich der rein⸗ ſten und ſchönſten Empfindung des Lebens nicht! Sieh, mein Kind; mir kannſt du alles vertrauen; denn ich verſpreche dir, ich will dein Geheimniß mit in mein Grab nehmen.« Da legte Dine ihren Mund nahe an das Ohr ihres Oheims, und ſagte kaum hörbar mit zit⸗ ternder Stimme: vja, ich liebe, theurer Vater! Hab ich gefehlt, ſo— »Mit nichten, liebes Kind, und faſt erra⸗ the ich, wen dein unſchuldiges Herz liebt, den Mann, der mit in unſerm Stammbaume ſteht, unſern Nachbar aus Holm.« Din chen drück⸗ te die erblaßende kalte Wange an des Oheims war⸗ me Wange; aber die Gluth, die nachkam und die Thraͤnen, die an des Vaters Wange nieder⸗ — 38— rollten, verriethen, ihm, daß er die Wahrheit ge⸗ troffen hatte. Obgleich des Vaters Herz voll eines unendli⸗ Hen Schmerzens ſtand, ſo war es dennoch gar ſein Wille nicht, das, was er für Recht hielt, in ein empfindſames Poſſenſpiel umzuwandeln.»Daß du den Ehrenmann liebſt, Dinchen, iſt kein Wun⸗ der— wer wollte ihn nicht lieben? Welches Mäd⸗ chen ſollte nicht wünſchen, mit ihm das Leben zu theilen? Aber glaube mir, mein gutes Kind, es iſt unmöglich, daß dir Braune ſeine Hand geben kann; und hat dich das bewogen, dem Deichgrafen deine Hand zu verſagen: ſo— ſtehts noch in deiner Wahl— denn zwingen ſoll dich Niemand— ob du hoffen kannſt, glücklich mit ihm zu werden oder nicht. Dein Geheimniß, du wählſt nun, was du willſt, nehme ich mit in mein Grab.« Dine umarmte den Alten. Sie drückte das ſchuldloſe Haupt an ſeine Bruſt, und weinte ſanft und lange. „»Erhohle dich, mein Kind! ich eatanse jetzt keine Antwort.s⸗ „»O liebſter Vater,« antwortete ſie muthig— vich kann jeden Augenblick antworten. Ich entſage unſerm Nachbar! aber dem Deichgrafen kann ich meine Hand nie geben. Es iſt unmöglich, ganz unmöglich; auch wenn ich gar keine Neigung zu ir⸗ gend einem Manne hätte.« „Verſchweig das alles der Mutter und 3 6 — freundlich. Gott wird dein ſchönes Herz und uns Alle beruhigen.« 7 Sie wurden beyde ruhiger, nur nicht die Mut⸗ ter. Sie hatte dem Deichgrafen ihr Wort gege⸗ ben, daß Eberhardine ſein werden ſollte; ſie hatte auf des Madchens Freundlichkeit gegen ihn gerechnet. Ach, es lag noch etwas in ihrem Her⸗ zen, was ſie nicht ſagen mochte! Sie fürchtete, daß ihr Mann, der ſeine Nichte unbeſchreiblich liebte, ſie, wenn ſie bey ſeinem Tode noch nicht verheirathet wäre, im Teſtament zu gut bedenken würde. Sie war Mutter, und ihre Kinder waren Alle arm. Deſto heftiger beſtand ſie darauf, daß Dine Deichgraͤfinn werden ſollte. Da ihr Mann jetzt mit Ernſt darauf drang⸗ Dine ſollte ihren freyen Willen haben, da brach die Frau los: „Was ſoll aus ihr werden, wenn du ſtirbſt? nige entziehen, was wir nachlaſſen koͤnnen, oder ſoll deiner Schweſter Tochter eine Bettlerinn wer⸗ den 2X— „»Halt! rief der Alte— halt! O ich dachte, du waͤrſt längſt von deinem alten Erbfehler, dem Geitz, geheilt, Mutter! Das alſo iſt's? Da alſo ſteckts? Darum alſo ſoll das züchtige, unſchuldige 4 Sag, Vater! Soll ſie meinen Kindern das We⸗ Maͤdchen in die glühenden Arme des Molochs ge⸗ worfen werden, damit deine Kinder— es ſind auch meine Kinder, Frau! nein, lieber wollte ich — 40— das Kind dem Deichgrafen geben, als ſe dir von dieſer Minute an uberlaſſen.« Er rief Dinen. Sie⸗ trat weinend in’s Zimmer.— »Dine« ſagte er— vich kann dir nichts hin⸗ terlaſſen, als meine Liebe, meinen Segen, und mein letztes Gebeth für dich zu Gott! Jene Frau —„er ſchwieg, und druckte die Hand auf die Au⸗ gen.»O Hinm mel, Himmel!« rief er—»haſt du den Hefen, den bitterſten Hefen des Unglücks denn bis auf meine letzte Stunde geſpart? Soll die Hand meines Weibes, das mein Leben zu einem Eden machte, hart mein ſterbendes Auge zudrücken? O ſoll ich noch haſſenmüſſen, die ich ewig keben muß! Frau, ich muß reden,« rief er laut und majeſtätiſch— »ich muß, ſo höre, und Gott höre meine Worte!« »Du mußt mich lieben, Vater!» rief die wei⸗ nende Frau, und warf ſi ſich an ſeine Bruſt.„»Lie⸗ ben ſollſt du mich! Du ſollſt mich noch im Tode ſegnen. Dine ſoll, ſo lange ich lebe, mein Kind ſeyn, nnd, ſterbe ich, Kindes Theil haben. Sie ſoll heirathen, wen ſie will, und ſie ſoll mich nur lieben, und du ſollſt mich lieben.« Da warf Dine ſich in ihrer Aeltern Umar⸗ mung, und rief, freudig⸗weinend:»Mutter, ich will dem Deichgrafen meine Hand geben, und gern! recht gern! Gott wird ja unſre Herzen beruhigen! k. O glauben ſie mir, gütige Mutter!« 4* —9—— —— »Dem Deich grafen nicht/ gewiß ioe dim — — 41— chen,« ſagte der Vater mit befehlender Wuͤrde. »O Mutter, Mutter, wie viel ſüßer iſt die Ver⸗ ſöhnung als ein langes Leben voll Liebe ſogar la Er druückte ſie in ſeine Arme, und der ſchönſte Frie⸗ den war wieder hergeſtellt. Der Alte war ſo heiter, daß er den Mittag zu einem Feſttag machte. Er ſchlief die Nacht ru⸗ hig, er ſtand heiter auf. Aber auf einmahl wurde ſein Schwindel ſo heftig, daß man ihn halten mußte. In jedem ruhigen Augenblicke warf er lachende Blicke voll Liebe und Muth auf ſeine troſtloſe Frau..— Der Arzt kam, und er zuckte die Achſeln. Der Alte ließ ſeinen Freund von Holm her⸗ üͤber bietten; dann verlangte er mit dem Arzt al⸗ lein zu ſeyn. Er fragte den Arzt mit ſeiner ge⸗ wöhnlichen feyerlichen Majeſtäͤt, die jetzt noch er⸗ havener war, wie lange es dauern würde, ehe der Tod ihn traͤfe. »Wiſſen Sie denn, lieber Balke.⸗ »Ich weiß.« »Nun denn, frommer, guter Menſch,« ſagte der Arzt mit übergehenden Augen.»Die Gefahr iſt dringend. Schon in einigen Stunden können Sie die erhabenen Worte hören:»Du getreuer Knecht, gehe ein zu deines Herrn Freude!e Der Alte ſah freundlich umher. Ich will noch einmahl das freundliche Abendlicht betrachten. Dann ligß er von ſeiner Frau ein verſtegeltes Pa⸗ — 42— ket von oben herab bringen. Es waren Papiere darin. Da kam Braune. Er ſtreckte ihm die Ar⸗ me entgegen:»Mein Sohn, du verſprachſt mir! wir ſind an dem erhabenen Augenblick! Laßt mich mit dem Nachbar allein.« Sie blieben allein. „Ich fordere deinen Rath, mein Sohn! Der Sterbende wirft alle Heucheley ab; der Lebende kann es auch einmahl vor einem Sterbenden.— Willſt du?« »Ich will!« „»Ich ſterbe nach einem Verdruße, der über Eberhardinen mit meiner Frau entſtand. Es kann ein Zufall ſeyn; was ich glaube! Aber wird nicht meine Frau beſtändig meinen Tod Dinen beymeſſen? Antwort!« „»èDas wird ſie, glaub ich.« „So duürfen ſie nicht bey einander bleiben. Was meinſt du, mein Sohn? »Sie dürfen nicht.« „Wo laſſe ich ſie? Sie hat eingewilligt, dem Deichgrafen ihre Hand zu geben. Du kennſt den 2 Deichgrafen von uns gewiß am beſten; denn du liebſt Dinchen. Wahrheit dem Sterbenden! Soll ich ſie ihm geben? Sprich du!« Lange ſchwieg Braune. Dann ſagte er: „Nein! nein! nein! Er muß unglücklich machen.« »Haſt du jetzt keinen Wunſch, mein Sohn!e ſie verderben odder ——— ——— ——— — 43— „»Ja! Dinchens Beſitz, meine Hoffnung ſteht auf Gott!« 1 »Meine auch!« rief der Alte—»ſo nahe am Grabe wächſt die Hoffnung und der Glauben.— Dein Wunſch iſt erfüllt, ſie liebt dich mit voller Seele. Sie iſt dein! Sie iſt arm, arm wie du. Aber ich weiß ſie ja nicht anders zu retten. Da du den Knaben von der Watte retteteſt, durfteſt du fragen, kann ich ihn ernäͤhren? Du retteteſt ihn⸗ So rette auch das unſchuldige Madchen. Sie iſt dein! Ich erkenne Gottes Finger. Ruf Dinch en.« Sie kam.»Dine« ſagte er—»unſer Nach⸗ bar liebte dich von dem erſten Augenblicke an, da er dich ſah; wie war's, mein Sohn?a Braune nahm ihre Hand.»O Eberhar⸗ dine, wie unausſprechlich ungllcklich bin ich dieſe Zeit geweſen! Ich liebte Sie und hatte Sie aufge⸗ ben müſſen.«. »Kinder, bedenkt, daß ich ein Sterbender bin, deſſen letzte Körnchen Sand eben verrinnen. Sie liebte dich auch, mein Sohn, eben ſo heimlich.— Dine, da haſt du meinen letzten Segen, das Herz eines edlen Mannes!« Ach, das Entzücken ihrer Liebe konnte den Schmerz nicht niederringen. Da kam die Frau. Er aber gab ihr das verſiegelte Papier.»Erbrich das, Mutter!« 4 4 Sie erbrach. Ein zweytes verſiegeltes Papier lag darin. 1 In articulo mortis, lieber Amtsbruder, hier das junge Paar zuſammen⸗ Der Alte ſegnete ſie. ſchreiben waren, Dinens kleine Erbſchaft ihrer — 44— „Lies vor, an wen?« „An meine Tochter Eberha rdine, von ihr 1 zu erbrechen, wenn ſie vier und zwanzig Jahr alt iſt, und von meinem Bruder zu zernichten, wenn Eberhardine früher ſtirbt.« „Gib es dem Nachbar, liebe Mutter und wünſch' ihnen Glück, ſie ſind ein Paar. Sie lieb⸗ ten ſich lange.«—. Der Beichtvater wurde gemeldet. Er kamʒ ſteht der Arzt, und ich bin der Sterbende— wer⸗ den Sie das junge Paar zuſammen geben? Ein Sterbender verbürgt ſich, daß ſie beyde in keinen andern Verbindungen ſtehen.« Der Arzt beſtäͤtigte, und der Prediger gab ———— Aber der Schmerz ſiegte wieder, und mehr, je mehr ſie glücklich waren. Dann wendete er ſich mit ausgebreiteten Ar⸗ 4 men an ſeine Frau, und rief:»Nun, geliebte, treugeliebte Augu ſte, nun gehöre ich dir! Wie ſoll ich dir das lange glückliche Leben danken! wiee — und in dem Augenblick tödtete ihn ein Nerven⸗ ſchlag an ſeiner Frauen Bruſt. Das Leichenbegängniß, die Briefe, die zu Mutter, alles das zerſtreute den unendlichen Schmerz über einen edlen Todten, nicht in des Nachbars Herzen, obgleich neben dem Schmerze — — 45— noch alle magiſchen Hoffnungen und Entzuckungen der erſten Liebe lagen; denn wie haͤtte er, ſo lan⸗ ge das erſtarrte Laͤcheln auf dem bleichen Geſichte ſeines Freundes vor ſeinen Augen lag, das leben⸗ volle Lächeln und das Erröthen der Liebe ſehen mö⸗ gen? Eberhardine mied ihn gefliſſentlich, und hing mit aller Liebe noch an der Mutter. Sie ver⸗ both ſich ſogar jeden Blick auf ihn im zarten Mit⸗ leiden. Nur wenn ſie vor den Schattenriſſen ſtand, und die hohe Geſtalt des Vaters betrachtete, ſo warf ſie auch die Augen voll doppelter Thraͤnen heim⸗ lich auf eine andere Geſtalt, und ſagte:»Sind wir nicht alle Schatten, wie dieſe?æ Nach der Beſtattung der Leiche ſagte die Mut⸗ ter ſelbſt:»Nun geht auch Ihr in Gottes Nahmen, Kinder, und alle meine verlornen Freuden mögen Euch als Engel begleiten!« Dine kniete vor der Mutter. Die Mutter⸗ hand ruhte auf ihrer Stirn. Niemand ſprach ein Wort.“ Jetzt bin ich verwaiſet, Dine, und du nicht mehr. Ihr werdet mich nicht vergeſſen. Nun geht aber!« 2. Alber da Eberhardine die Stufen vor dem Hauſe hinunter trat, und ihrer Jugend Heimath hinter ihr blieb, und das gebliebte Haus und ein ungergegliches Grab, und ſie nun den Arm und — 46— das Schickſal des geliebten Fremdlings zugleich um⸗ faßte, da floſſen unaufhörlich ihre Thränen, und ſeine liebende Stimme erregte ſie noch mehr. Und da ſie um das Meer bog, und alles verſchwand, was ſie geliebt hatte, da zog ſie die weiße Locke hervor, die ſie von dem Haupte des Todten geſchnit⸗ ten hatte, und ſagte ſanft:»Das iſt nun alles, was ich noch beſitze, und dieſes Trauerkleid: um den geliebten Todten!« Er drückte ihre Hand mit ſeinem Arme nur feſter an ſeine Bruſt.. Da ſah er ſein Haus. Er zeigte es ihr nur mit ausgeſtreckter Hand. Dann ſagte er:»O warum kann dich, Geliebte, dort nicht die Freude empfangen, ſondern ein neuer Schmerz, ein armes Haus, das dir nichts zu biethen hat, als eine treue Liebe und Redlichkeit? Du wurdeſt Frau, ehe du Geliebte warſt, und wirſt Mutter ſeyn, eher als Frau. Die Freuden, die dich empfangen ſollten, die Feſte, ſind nichts als Arbeit und Sorge. O du weich gehaltene Tochter, wie hart wird dich dort die Armuth halten!« Das ſagte er, den trauern⸗ den Blick auf ſeinem Hauſe feſthaltend, mit wei⸗ cher Stimme. Da ſtand ſie, ſie zog die Hand aus einem Arm, und legte die Hand, um ihn zu halten, auf ſein Herz.»O laß mich hier,« ſagte ſie verſchaͤmt, und legte ihr Haupt an ſeinen Buſen— he ich b aufdecken!« Sie deckte es nicht auf, ſondern ein glühender Purpur verhüllte es noch mehr, und ih⸗ re Wange zugleich. Das Meer rauſchte dazu, und der Abendſtern, der über ſeinem Hauſe in einer ziehenden Wolke ſtand, trat hervor und beleuchte⸗ te mit ſeiner hochzeitlichen keuſchen Fackel den er⸗ ſten Kuß der Liebe, und das leiſe, ſtumme Ent⸗ zücken der Liebenden. Da trat der Mond hinter einer waldigten Inſel hervor, und goß ſein Silber auf die rauſchenden Wellen, und ſie hielten ſich umſchlungen, die treuen Herzen an einander ge⸗ drückt. Da umfing er ſie, ſie ihn, und, ſo um⸗ ſchlungen, gingen ſie weiter, und mit jedem S Schritt ſagten ſie:»Nun biſt du mein! Nun trennt uns nichts mehr!« Er pochte leiſe an der Thüre, und Marie öffnete. »Hier, meine gute Marie, bringe ich dir meine geliebte Frau!« Marie weinte nur; aber ſie hohlte das Kind mit ſchneller Eile, ſi ſich ſelbſt vergeſſend, und legte es in Dinens Arme.»Gott gab es uns, wir geben es der Mutter!« Der Kna⸗ be ſchlang die kleinen Arme um den Hals der jun⸗ gen Frau. Der Pudel bellte und ſprang vor Freu⸗ den. Die junge Frau, von einer ſchönen Ahnung ergriffen, drückte das Kind an ihre ſchamhaft⸗ be⸗ wegte Bruſt. Marie führte die junge Fraut in dem Hauſe umber, das ſie mit Dinens Ausſteuer ſo viel — 48— wwie möglich ausgeſchmückt hatte. Der Tiſch war gedeckt. Eine Flaſche Wein, welche die Mutter geſchickt hatte, ſtand auf dem Tiſche. Die junge Frau verwaltete zum erſten Mahle ihr ſchönes Amt als Hausmutter, und der liebliche Ton:»Frau Paſtorinn!« war ihrem Ohr das höchſte Triumph⸗ lied. Da erſt, wie er ſie auf ſeinen Knien an ſei⸗ ne Bruſt gedrückt hielt, deckte ſie ihm mit leiſen fliſternden Worten ihr Herz, die lange Liebe und ihr Entzücken auf, und um Mitternacht führte er und das Licht des Mondes die liebende Braut im die hochzeitliche Kammer. Maria bethete für das Glück des geliebten Herrn. Das Glück betrat mit der jungen Frau das Haus. Dine ging den andern Tag ſchon im Dor⸗ fe umher und beſuchte ihre alten Bekannten. Wer hätte Mamſel Dinchen nicht geliebt? Wer hätte nicht die höchſte Achtung vor dem alten Balke ge⸗ habt, vor der Hoheit des majeſtäͤtiſchen Patriar⸗ chen? Die ganze Gegend ehrte das lange tugend⸗ hafte Leben des Alten. Und Dinchen war jetzt Braunens junge Frau, und Braune ſtand mit in dem Stammbaumsgemaͤhlde des Alten. Den Stammbaum kannte die ganze Gegend: denn er war immer das Erſte, was der alte Patriach ſeinen Gäaſten zeigte. 1 Die junge freundliche Frau hatte 1en Monath die Herzen aller Halmer, und ſie de⸗ wann ſie ihrem Manne. Sie kannte alle Voethei⸗ le der Landhaushaltung; aber ſie nahm dennoch ihre Nachbaren in Rath, und ſo gewann alles ein lachenderes Anſehen. Der Garten wurde noch im Winter von Braunen ſelbſt für das Frühjahr be⸗ arbeitet. Die Felder wurden beſſer von der Ge⸗ meinde beſtellt: denn Eberhardine war auf dem Felde, und dagegen hatte ſie am Abend die jungen Töchter der Bauern bey ſich, und unterrichtete ſie in weiblichen Arbeiten: alles nach den Grundſaͤ⸗ tzen des alten Patriarchen. Der Garten wurde be⸗ pflanzt mit Fruchtbaͤumen und Küchengewächſen, unnd wie raſch, und wie ſüß wurde die Arbeit! denn Dinchen und ihr Mann waren die Ar⸗ beiter ſelbſt. Einen Bienenſtock gab die Mutter her; und da Dinchen das Geſchaft liebte, mach⸗ ten die Bauern in Holme und aus ihrem vaͤter⸗ lichen Dorfe ihren Bienenſtand vollſtändiger. Ihr Viehſtand wurde vermehrt. Dinchen hielt eine rüſtige Magd, und ſie ſelbſt war überall. Braune kam mit den Bauern zuſammen; ſie lernten ſeinen uneigennützigen Charakter achten, und ſie fingen an zu prophezeihen:»Der Patriarch würde bey ihnen wieder aufleben.« Ueber die Schu⸗ le hatten ſie ſchon lange die Köpfe zuſammen ge⸗ ſteckt; denn ihre Kinder, die den Paſtor zu lieben an fingen, lernten fertig leſen, ſchön und gelau⸗ ſi ſchreiben und rechnen. Der Prediger ſtand aber doch immer ihnen zu fern, bis Dinchen das Band wurde, das ſie zu Freunden machte. Alles Lafont die Pfarre zc. J⸗ C war auf einmahl anders⸗ Die Gemeinde wußte jetzt mit Stolz, daß ſie weit umher nicht nur den beſten, ſondern auch den gelehrteſten Prediger hat⸗ te. Sie ſahen ſtatt des ernſten Geſichts voll Kum⸗ mer über die Armuth ſeiner Pfarre, das frohe Ge⸗ ſicht des zufriedenen Gluͤcklichen. Braune ſelbſt lernte ſeine Bauern mehr achten, und alle dieſe Wunder that ein freundliches, junges, fleißiges Weib, Eberhardine. NReich waren ſie nicht, nicht einmahl wohlha⸗ bend; aber ſie hatten alle ihre Bedürfniſſe; und Dinchen konnte ihrem Manne, an jedem Freu⸗ dentage im Jahr, ein Buch ſchenken, deſſen Nah⸗ men ſie, ihn Nner beliſtend, abſtahl. Erſt jetzt leinte Braune ſein junges Weib kennen. Seit die Zeit ihrer Liebe die feyerliche Empfindſamkeit, und den Ausdruck der Begeiſte⸗ rung genommen: welch eine unerſchöpfliche Heiter⸗ eit, welch ein ſtiller Muth, welch ein reiner Sinn für alles Gute, für das Erhabenſte, und für das Kleine im Leben in ihrer Seele lag! Sie erhob ſich mit ihm hoch über das Leben empor; ihre Er⸗ hebung war Frömmigkeit.— Aber ſie konnte nach⸗ her an dem ſtillen Leben wieder warmen Theil neh⸗ men; ſie gewann dem Leben ſelbſt die Freuden ab, die er bey der Dichtkunſt ſuchte. 2 „9, welch ein Weib habe ich, Dinchenie 1 ſagte er oft erſtaunend vor ihr, wenn ſie das Schwe⸗ —õõ— —᷑ — der Blüthe der Dichtkunſt, der Muſik,« ſagte Braune. Sie hatte beydes gemerkt, und er⸗ höhere Liebe ein Unrecht gegen den fremden, nah⸗ e zu dem entzücktbewegten Manne: der ſoll von re ſo leicht fand, und in dem haͤuslichen Leben ſich dennoch ſo dichteriſch bewegte... »Eine fromme, eine heitre Frau, die geſund iſt, und ihren Mann liebt: das iſt das Wunder, worüber du erſtaunſt.« 3. Sie liebte den fremden Knaben, der noch immer keinen Nahmen hatte, wie jede Frau Kin⸗ der liebt. Aber ſie hielt ihn noch liebender an ih⸗ rem Herzen, unter dem ſchon ein eigenes Kind ſich bewegte, als wollte ſie ſagen, ich liebe ihn dennoch..— Der Knabe hing an der Mutter, an ihrer Hand, an ihrer Schürze. Er ſaß neben ihr im Garten. Sie ſang ihm während der Arbeit ihre ſchönen Lieder vor, die des Knaben Stimme nach⸗ lallte.»Unter Spiel und Blumen Wusf, das Kind erwachſen,« hatte der Patriarch oft geſagt. Unter füllte es. Da wurde ſie Mutter eines Maͤdchens. Sie drückte das Kind an die volle Mutterbruſt mit der unermeßlichen neuen Liebe; aber als waͤre dieſe menloſen Knaben, der ernſt ſeine Mutter und das Kind beſchauete, winkte ſie ihn liebend heran, und drückte auch ihn an die volle Mutterbruſt, und fag⸗ heut; an heißen wie du, lieber Mann, Ferdi C2 3 Nand.“« Sie gab ihm den Nahmen, um ihn naͤ⸗ her an ihr Mutterherz zu ziehen. Ihre Tochter nannte ſie Thereſe. Jetzt gewann ihr Leben einen neuen Halt. Das Ideal des menſchlichen Lebens, dem er ſich hoch empor zuſchwang, auf den Flügeln der Dicht⸗ kunſt, und einer ſeltenen Begeiſterung, das nur im himmliſchen Glanze jenſeits des Lebens in einem lichten Nebel ſtand, war nun in das Leben zu ihm herabgeſunken. Der Baum des Lebens ſproß⸗ te in ſeinem Hauſe hervor. Er ſah die Ewigkeit in dem fortgehenden Geſchlechte. Seine geliebte Frau, ihr und ſein Kind, an ihrer Bruſt, und in ſeinem Herzen die himmliſche Freude: ſo ſtand das Leben vor ihm, mit dem Himmel vereinigt. Das kleine Leben ſtieg hoch empor, über das Grab in die Ewigkeit, und hatte nichts als die beyden kleie nen Flügel eines neugebornen Kindes, ſich zu heben. 1 3 Ihre Herzen fullten ſich mit dem Glauben an die Unſterblichkeit; denn ihr Leben konnte ja nicht ausdauern mit dem Leben der Kinder; aber ihr Fuß druͤckte ſich feſter in das Leben ein. Sie wur⸗ den thätiger. Die Kinder wuchſen empor als Bruder und Schweſter. Vater und Mutter hatten es ſich ge⸗ lobt, die beyden Kinder bey dieſem ſchönen Glau⸗ ben zu laſſen, bis ein Zufall, oder, worauf beyde, 82 8 1 8 verſchwiegen und lächelnd, rechnetene ihre —— eigenen Herzen das Geheimniß ihnen entdeckte Sie lebten unter Blumen und Spiel, wie der Pa⸗. triarch befahl, und nuter Muſik und Geſang dem Fruͤhlinge des geiſtigen Lebens. Der Vater wies den beyden Kindern den Kreis ihres kleinen Reichs an, in dem ſie herrſchen ſollten, den Garten, in deſſen Graͤnze ein kleinerer mit kindi⸗ ſchen Blumen⸗ und Gemüſebeeten, und einer fünf Fuß hohen Laube, ihr volles Eigenthum, lag. Die neben anſtoßende Wieſe mit einem Hügel, worauf eine Linde ſtand, gehörte auch dazu, und zwey Spielgefaͤhrten, ein Lamm und der Pudel. Fer⸗ dinand weidete das Lamm und Thereſen mit gleicher Liebe, bis ſie der Mutter Geſang im Gar⸗ ten hörten, der ſie alle Viere zurücklockte. Mit den Jahren wuchſen ihre kleinen Geſchafte, das Füt⸗ tern der Tauben und Hühner, das Jäten eines Blumenbeetes. Der Vater machte eine Arbeit dar⸗ aus, die Mutter hätte gern ein Spiel daraus ge⸗ macht. Eberhardine wurde wieder Mutter, und wieder. Der Kreis ihrer Freude dehnte ſich aus; aber auch der Kreis ihrer Sorgen. Manche kleine Bequemlichkeiten mußten wieder wegfallen. Mann und Frau fielen entzückt einan⸗ der in die Arme, wenn das Jahr ohne Schulden von ihnen ſchied. O ihr Reichen, welche Menge kleiner und entzückender Freuden entgehen Euch! Alle vie kleinen Opfer, die Dinchen der Bequem⸗ „ — 54— lichkeit des Mannes brachte, die Erfuͤllung eines wohlfeilen Wunſches, die ſie mit langen, aber ſo wohlfeilen Entſagungen möglich machte, und die ſie dennoch endlich mit Freudenthränen verrieth, weil ſie ja wußte, wie unbeſchreiblich er ſie dann mehr liebte. Aber dieſe Liebe verhüllte die harte Zukunft nicht, die er vor ſich ſah, wenn ſeine Soh⸗ ne in die Welt mußten. Er konnte ihnen die Schule erſetzen, aber nicht die Schüler, nicht den Unter⸗ richt der Welt, nicht die Kenntniß der Menſchen. Da feyerten ſie Dinens vier und zwanzig⸗ ſten Geburtstag bey der alten Mutter, die nicht mehr zu ihnen konnte. Sie erinnerte die beyden jungen Leute an das verſiegelte Paket, was ſie vergeſſen hatten. Sie gingen eine Stunde früher zu Hauſe. Er hohlte das verſiegelte Papier. Er ſah Dinen laͤchelnd an. »Es iſt ſeltſam, liebſtes Dinchen! ein jedes Siegel macht mich unruhig. Ich weiß wohl, weil ich etwa alle Jahre eins zu erbrechen habe; aber dieſes? Was bedeckt es? Kannſt du es errathen?« »Es kann kaum etwas Uebels enthalten; denn der Vater ſagte mir oft: hätten wir den Schatten⸗ riß deiner Mutter: ſie ſollte vor allen Andern mit in den Stammbaum. Sie war eine vortreffliche Frau. Es iſt ſonderbar, daß ich von ihr nicht mehr ¼ —— ᷣ— weiß als dieſes allein. Aber was könnte er enthal⸗ 5* ten, was uns zwingen müßte, weniger glüͤcklich 1 zu ſeyn?ke« 4 „ 1 1 Sie griff nach dem Papiere, und legte es wieder nieder.»Du haſt mich unruhig gemacht.— Aber was es ſey, wir wollen ſo wenig wie möglich an unſerm glücklichen Leben andern.« „.»Davor zittre ich. Gib mir die Hand dar⸗ auf! Und nun, rief er, das Siegel löſend: ſpring hervor Glück oder Unglück! Unſern Himmel trübt es nicht.« Er zog eine Menge Papiere hervor, die nummerirt wannn. Sie laſen bis nach Mit⸗ ternacht. Jo⸗ De nachherige Oberförſter Balke warf jedes⸗ mahl ſeine Mappe mit den Heften aus der Dog⸗ matik ärgerlich an die Wand, ſo oft er in den Zei⸗ tungen einen neuen Sieg des großen Königs las. Die Briefe ſeiner Mutter, voll Bitten, zu werden, was ſein ehrwürdiger, friedſeliger Vater geweſen war, Prediger, waren nur ſchwache Banden gegen den immer höher ſteigenden Wunſch, den König vertheidigen zu helfen. Er riß ſeine Buͤchſe, die er von Hauſe mitgebracht hatte,— ſein Oheim wwar Oberförſter in eben dem Dorfe, wo ſein Va⸗ ter Prediger war,— von der Wand, und fluch⸗ te, daß ihm die Mutter mehr war, als das Va⸗ eerland und der bedraͤngte König. 3 1 Da kam der Brief, der ihm den Tod ſeiner 4 Mutter ankündigte, und nun war er frey. Seine — 56— Begeiſterung ergriff ſeine Kameraden. Sechſe gin⸗ gen mit ihm nach Berlin, um ſich unter ein Frey⸗ corps Jäger annehmen zu lacſen. Viere kehrten auf halbem Wege um. Ein Herr von Boiſen, ſein Freund, blieb ihm getreu, nicht dem Vorſatze.— 2 „»Eben ſo gut!« rief er ihn umhalſend.»Ich ver⸗ laſſe dich auch nicht, Boiſen! das Leben für einen Menſchen wegwerfen iſt glorreicher, als es erhalten, Mein Beutel iſt dein! laß epelen. »Balke, du 2„ »Lapperey! Iſt Blut nicht mehr als Gold? Laß uns theilen, oder zieh heim, wie die Andern. Ich will den Freund haben; aber den rechten, mit dem ich die Seele theilen kann. Sieh, weil ſſe nicht gern geben, ſo haben ſie zur Ehre geſtem⸗ pelt, nicht zu nehmen. Schande iſt's! Nimm, ſag ich; oder brich die engbrüſtige, muthloſe Freund⸗ ſchaft ganz ab!« Boiſen mußte mit üöm theilen.»So laß uns ewige Freundſchaft ſchwören!« rief er.. „»Schwur? Was ſoll's? Ein Schwur iſt ſchwi⸗ cher wie ein Zwirnsfaden, wenn das Herz nicht feſt iſt. Willſt du nicht mehr Freund ſeyn, o ſo findeſt du tauſend Gründe zu brechen. Nichts haͤlt feſt im Leben als der Muth, feſt zu ſeyn, und den halt nicht Schwur und Gebeth; aber wohl die Gefahr, und die werden wir finden.« In Berlin wurden ſie als Officiere, wokan —— —— es fehlte, angeſtellt, und ſie gingen nach Schleſfen zum Könige. Balke, der ſeines Oheims ganze Kunſt, die Jagd, verſtand, ließ ſich gebrauchen. Seine Rap⸗ 4 porte waren die ſicherſten. Er war auf dem Vor⸗ 4 poſten ſo wachſam wie ſein Hund, und muthig wie 1 ein Löwe. So lag er in einem Dorfe im Gebirge auf Vorpoſten, in des Nhoen Hauſe, und er hielt unter dem wilden den eine Mannszucht, daß ihn das Dorf ſegnete. Des Pfarrers Tochter ſah, wie der junge Mann dem Tode die Bruſt ſo freu⸗ dig entgegen trug,— ves liegt keine Schuld auf ſeiner Bruſt,« ſagte ihr Vater— wie er ſo mu⸗ thig und ernſt, und doch verſchweigend, wohin er ging, dem Vater, der Mutter, und ihr die Hand reichte, wenn er dem nähernden Feinde ent⸗ gegen ging; wie freundlich er ſie begrüßte, wenn er geſund zurück kam! Sie mußte weinen, wenn er ging, und wenn er kam.»Sie wagen zuviel,« ſagte ſie, da er wieder fort wollte, um die hohen Gebirge zu durchſtreifen, ob's da ſicher ſey.»Sie 4 wagen gewiß zu viel!« „Krieg iſt wagen, liebes Kind,« ſagte er mun⸗ „und wer wagt, gewinnnt!“⸗ Er ſah's wohl, wie das Mäͤdchen ſich jeden Tag mehr um ſeine Gefahr kümmerte. Auch hatte er ihr ins klare Auge recht tief hiaeingeſehen, und ſo nabe an dem Tode, reift die Liebe fruher, und — — — 38— 4 die Nachbarſchaft des dunkeln Grabes gibt der Lie⸗ be etwas Ueberirdiſches, etwas Heiliges. Wenn jedes Hand⸗ aus Handziehen das letzte, und jedes Lebewohl der letzte Laut ſeyn kann, den dieſe Lip⸗ pen reden: o ſo gibt man dem Scheidenden gern das Herz mit, und den feuchten Blick, der die Lie⸗ be geſteht, und den ditternden Händedruck ſtatt des Verſprechens!* So wars. Er lebeeen: ach, und Röschen mußte ihn ja lieben, den ſie taͤglich dem Tode entgegen gehen ſah! „O ja,“ ſagte er allein—„O ia, ich möch⸗ te wohl ein Herz haben, an das ich meins zum letzten Mahle drücken könnte, ein Auge, das mich weinend begleitet und mich freudig empfängt! — Aber fort! fort damit! Sie ſollte mit einem langen Leben voll Thraͤnen den kurzen Augen⸗ blick meines Todes verſüßen! Fort! Fort! Rös⸗ chen, du ſollſt nicht wiſſen, mit welchem Herzen ich von dir gehe, wenn ich gehe. Es iſt nichts nichts!“ So ſchwieg er, und ſah ihr mit heiterer Mun⸗ terkeit ins denkende, verdunkelte Auge 7 und mit⸗ ten im vertraulichen Geſpraͤch mit ihr, wenn Rös chens zärtlicher Blick, und ihr leiſer Händedru und die abgewendete Thrane ihn bath, der Gefahr nicht zu trotzen, dann, wenn ſein Herz überwallte in unendlicher Liebe und unendlichem Elück, ſo ant ortese er dennoch zur heiter:„Elauben Sie, — 59— liebes Röschen, mein Leben iſt mir lieb; gewiß! ich ſpiele nicht mit der Gefahr. Gewiß nicht. Sie ſind beſorgt ohne Noth!“ Und dann brach er ab. „Adieu, Liebröschen!“ ſagte er einen Mor⸗ gen froher als gewöhnlich, und drückte ihre Hand ſtärker als gewöhnlich. Sie ſchloß nichts Gutes daraus, und ſo war's auch. Die Heere zogen aus dem Dorfe den Weg hin, wo der Feind ſtand⸗ Sie ſah auf den Höhen Regimenter ziehen. Man hörte Schüſſe fallen. Das Feuern wurde ſtaͤrker, ganz in der Nähe.„Wenn wir zurückziehen müſ⸗ ſen,“ hatte Balke hundertmahl geſagt,„ſo fürch⸗ ten Sie nichts. Wir köͤnnen Ihr Dorf wohl be⸗ ſetzen; der Feind nicht.“ So wars: der Feind drang vor; rings um das Dorf ſtand er, im Dor⸗ fe nur wenige Poſten. Sie ging in ihre Kammer; aber ſie konnte nicht ſchlafen vor Schmerz. Um Eilf pochte es an ihr Fenſter. Sie öffnete zitternd.„Liebröschen,“⸗ fliſterte er hinauf.„Können Sie mich wohl ein Stündchen in Ihrem Schlafzimmer beherbergen?“ „O Balke! Gottlob! Kommen Sie!“ Sie reichte ihm die Hände entgegen. Er war am Ge⸗ länder hinauf, und in ihren Armen. „Weder Vater noch Mutter dürfen wiſſen, daß ich hier bin. Noch iſt alles rings wach. Ich will meinen Freund vom Schlachtfeld Ppon. Er ſiel an meiner Seite.“ Sie allein?“ — 60— 2 „ Iſt es Gottes Wille, daß er gerettet werden ſoll, ſo muß ich allein genug ſeyn. Er iſt mein Freund. Da frage ich nicht, ſonſt hätte ich noch mehr zu fragen. Denn Liebröschen,“ ſagte er ſehr bewegt, und nahm ſie dabey zum erſten Mahle in die Arme—„ertappt man mich, ſo bin ich gewiß verloren. Ich bin nicht in Uniform.“ „0 Gott, ſo gehen ſie!“ „Das kann ich nicht! Gott weiß, 5 muß ihn retten, wenn er zu retten iſt. Um Zwölfe! dann iſt's ruhig.“ Er war ſo bewegt, daß er nicht wußte, was er that. Er zog das Maͤdchen auf ſeinen Schooß. Seine Thraͤnen rollten an ihrer Wange herab.— Sein Herz ſchlug an ihrem unbandig. Sie ſchlang ihren nackten Arm um ſeinen Hals. Der maͤchtige Augenblick, die Gefahr, die Unge⸗ wißheit der That, die Dunkelheit der Nacht warf ddie hülfloſe Unſchuld in ſeine Gewalt. Er drückte die heißen Lippen auf ihren Mund, er drückte ſie immer feſter in ſeine Arme. Sein Herz war voll Liebe und voll Schmerz.„Röschen,““ ſagte er betaͤubt von allen Empfindungen—„dich liebe ich auch! Auch! Und ich muß fort, wenn die Uhr ſchlaͤgt, und ich ſehe dich nimmer wieder.““ Da ſtrömten ihre Thraͤnen, da preßten ihre. Lippen ſeine, da ſchlug die blaße, jugendliche Bruſt — an ſeine, und die Thurmuhr ſchlug Mitternacht. Er ſtand auf, und ſagte—„rette ich ihn, ſo bringe 7 — 61— ich ihn dir! Kon ich nicht, ſo— leb wohl! Leb wohl, geliebtes Herz!“"— „Ich gehe mit dir,“ rief Röschen mit bef⸗ tiger Eile ſich ankleidend.„Nein, ich verlaſſe dich nun nicht! Wie wollteſt du auch allein den Ver⸗ wundeten tragen? Wir bringen ihn dann in das kleine Kämmerchen, wo er ſicher iſt. Ich verpflege ihn dann. Und laß mich mitgehen. Findet man uns, ſo ſage ich, ich ſuche meinen verwundeten Bruder, und du biſt unſer Knecht. O laß mich mitgehen!“ Sie drang durch. Sie gingen. Gleich hin⸗ ter dem Dorfe war Boiſen gefallen. Noch lagen alle Verwundete da. Balke wußte den Ort ge⸗ nau. Röschen rief leiſe:„Boiſen!“ Keine Antwort! Balke betaſtete die Geſichter der Lie⸗ genden. Er kannte Boiſen an einer tiefen Nar⸗ be vor der Stirn. Er fand ſie. Er ſchrie auf vor Freude und Entſetzen, denn die Stirn, die er be⸗ taſtete, war kalt und ſearr. Nun zog er eine kleine Flaſche mit Wein her⸗ vor, und rieb ihm die Schlaͤfe. Da erwachte Boi⸗ ſen aus dem Todesſchlummer,. „Einen Tropfen Waſſer!“ ſeufzte er. „Still! hier iſt Wein⸗ Boiſen, h din 3 ſtill! der Feind iſt nah!“ „Du Balke! O du?“ „Kannſt du gehen? Wo iſt deine Wunde 274 „In der Bruſt? 1 — 62— „O weh 1o „Aber ich fühle mich ſtärker. Noch einen Tro⸗ pfen Wein!“⸗ Er trank. Sie wollten ihn erheben, da kam eine Patrulle. Sie legten ſich unter die Todten. Dann richteten ſie Boiſen auf, und führ⸗ ten ihn langſam ins Dorf. Der Morgen grauete eben auf, da ſie die Hausthür hinter ſich ver⸗ ſchloſſen. Ballke trug ſeinen Freund auf das verborge⸗ ne Kaͤmmerchen. Er wollte ſeinen Freund verbin⸗ den; aber Röschen trieb ihn fort, mit der Liebe füßen Bitten, dann zuletzt mit hartem Vorwurf, daß er nur den Freund liebe, und nicht auch ſie, die ihn in den Tod begleitet hatte. Er umarmte ſie, und ſie ließ ihn aus der Hausthür entſchlü⸗ pfen. Er entkam glücklich auf den bekannten We⸗ gen in ſein Lager. Nach acht Tagen zog ſich der Feind zurück. Alles trat in die vorige Lage. Balke beſetzte ſein Dorf wieder. 3 8 Röschen emfing ihn triumphirend; denn ihr Vater wußte nicht einmahl, daß Boiſen in ſei⸗ nem Hauſe war. Man hatte das Haus einigemah⸗ le durchſucht, ob ſich dort Feinde oder Eigenthum der Feinde verborgen halte.„Ich blieb feſt!“ ſag⸗ te Röschen⸗ 3 „Wie eine Soldaten⸗Frau!“ antwortete Balke. 8 — 63— Sie gingen zu Boiſen. Er befand ſich viel beſſer.„O ein Engel, lieber Balke!“ ſagte er, dem Freunde die Arme entgenſtreckend—„hat mich verpflegt.“ 2 „Gerettet! Gerettet erſt, Boiſen!“ Denn es war Boiſen ein Traum, wie er hier in das Haus gekommen. „Dieſes Madchen, Boiſen,“— Rös⸗ chen hielt ihm die Hand auf den Mund. „Nein, das ſoll er wiſſen!“ rief Balke— „daß er ohne Sie, Röschen, und ohne mich in der kalten Nacht hätte verſchmachten müſſen, ſoll es wiſſen, daß ich an ſein Leben meins ſetzte, denn ich war von Feinden rings umgeben, und ohne Uni⸗ form; er ſoll's wiſſen, daß Sie, liebes Rb 8 chen, weil er mein Freund war, ſich in der Nacht mit⸗ ten unter die Feinde wagten, nicht bedenkend, was Ihr Loos ſeyn mußte, wurden wir entdeckt: das ſoll er wiſſen, damit er Lebenslang mein und Ihr Freund werde! „Bin ich's nicht ſchon 2⁷¼ Hier trat der Prediger ins Zimmer.„Va⸗ ter,“ rief Balke ihm munter entgegen—„der iſt mein Freund, der hier ſchon acht Tage lang unter ihrem Dache von Röschens Hand Geſund⸗ heit und Leben erhalten hat.“ „Und das weiß ich nicht?“ „Man weiß viel nicht, guter Pater!“ So wiſſen ſie nicht, daß Röschen meine Braut iſt — 64— und daß ich ſie bitten werde, heute noch unſre Haͤn⸗ de zuſammen zu legen.”“— Der VPater erſtaunte. Er kannte Röschens Neigung wohl. Aber er wollte eine ſo ſchnelle Verbindung nicht. 3 8 3 „Die wollte ich auch nicht, Herr Paſtor! Ich liebte Röschen und ſchwieg, und ging, und ſchwieg und kam und ſchwieg. Das war ſchwer, recht ſchwer! Aber die Nacht nach dem Treffen, ſtahl ich mich hiether, und ſtieg in Röschens Kammer, und hatte ſie in meinen Armen, und da merkte ich, daß ich nicht der König von England bin, dem es nicht möglich iſt, Böſes zu thun. Ich bleibe hier nun wieder, lieber Vater, ich gehe; Geliebte empfängt mich. Und ſo nahe vor dem Tode? Herr, hier iſt mein Teſtament; Röschen iſt meine Erbinn, bleib ich, und ich bin nicht arm. Hier Röschen, nimm! auch den Ring und mei⸗ ne Hand, und mein Herz, und was ich beſitze, da den Freund! Thraͤnen drangen aus ſeinen Au⸗ gen. Röschen ſchlug die Arme um ihn. Der Frreundes zuſammen. Augenblick, wenn er kam! Boiſen meldete ſich bey ſeinem Bataillon. Man hatte ihn fuͤr todt gehalten. Er erzaͤhlte die Geliebte ſagt mir: Leb wohl! Ich komme: die Vater gab ſie vor dem Bette des verwundeten Ach, du junge, liebe Frau, welch ein tödtli⸗ cher Abſchied, wenn er ging! welch ein himmliſcher 4 A— d — 65— triumphirend, wie ſein Freund ihn mitten unter den Feinden weggehohlt. Der König erfuhr's; er erkundigte ſich nach Balken, und da der Frie⸗ 3 den im Frühjahr die Welt beſeligte, die Freycorps aufgelöſt wurden, erhielt Balke eine reiche Ober⸗ förſterſtelle. Er zog mit ſeinem jungen Weibe da⸗ hin. Boiſen blieb im Dienſt. Nach Jahr und Tag kam ein Brief von Boi⸗ ſen an den Oberfoͤrſter. „Da ſitz ich in der Patſche, lieber Balke, und weiß ſo nicht recht aus und ein. Was ein Mann allemahl wiſſen ſollte, ſo gut wie unſer Ge⸗ neral und du. Das: Rechten! Linken! obsgleich dazu gehört, will mir ſo wenig ſchmecken, als das Fußzählen beym Hexameter in der Schule, obs⸗ gleich auch dazu gehört. Ich griff nicht zu den Karten, nicht zu der Flaſche, nicht zu noch etwas Schlimmern, Freund Balke, ob man gleich aus Langerweile dem Teufel in ſein gröbſtes Netz laufen kann.“ „Sie nannten mich beym Regiment die Schreib⸗ feder, bis ich denn ein paar Mahl ſtatt der Schreib⸗ feder die Klinge zeg, und die Schreibfeder zu Eh⸗ ren brachte.“ „Hohl der Teufel das Kesgsſpiel ſtatt des Kriegs! Ich ſchrieb an meinen Oheim, er ſollte mich wegnehmen. Er antwortete wie immer, karg: Du haſt es ſelbſt gewaͤhlt, da ich nicht woll⸗ te. Man muß ſeinen Entſchluß ehren: Das be⸗ “ — 66— weiſt, daß man nicht nͤrriſch ſich entſchloß. Dein Oheim Boiſen. Ich blieb alſo.““ „Mein Oheim, weißt du, hat meine Hand verſagt an die Tochter ſeines Buſenfreundes, die er ſelbſt erzieht. Das Madchen iſt zwölf Jahre alt, und ein Engel, das kann ich nicht leugnen.“ „ In ſechs Jahren iſt der Engel deine Frau, wenn du ein ehrlicher Mann bleibſt,“ ſagte mein Oheim, und ſah mich ſcharf an.“ „Ich war alſo hier frey von allen Liebeshän⸗ deln, bis ich— doch“— „Beym Obriſten von Anthing lebte eine Nichte, die das Gerücht zu der Göttinn der Schön⸗ heit machte, und zur Göttinn der Geduld zu glei⸗ cher Zeit. Die Töchter des Obriſten waren nicht einmahl hübſch, und ſo haͤtten ſie von ihrer ſchö⸗ nen Verwandtinn verlangen können, ſie ſollte in der eiſernen Maske gehen.“ „Was ſie konnten, thaten ſie ehrlich. Die ſchöne Louiſe ging bis an die Fingerſpitzen und bis ans Kinn verhüllt, und kam ſelten und nur zum Vorſchein, wenn der Stab beym Obriſten war. Die jungen Herren fluchten vergebens über die Unſicht⸗ barkeit der ſchönen Nichte, die ihr harkes Loos mit ſanfter Geduld ertrug.“ „So komme ich einmahl zu rapportiren. Ich öffne des Obriſten Zimmer; und finde L ouiſen ſtatt des Obriſten. Sie böſte mich nicht, denn 8 — * 1 — 6⸗— ſaß mit dem Rücken gegen die Thur, und ſpielte und ſang mit einer himmliſchen Stimme.“ „Balke, ich war ſchon halb verliebt in ſie, weil ſie unſichtbar, noch mehr, weil ſie unglücklich war. Das Geruücht hatte nicht Unrecht; denn ſie war die laͤchelnde Aphrodite ſelbſt.“ 3 „Ich redete ſie an; das Geſpraͤch hob ſich auf den Flügeln der Heimlichkeit bis zur Begeiſterung bey mir. Sie war nur freundlich; aber der Kum⸗ mer auf dem weißen Geſichte, durch deſſen feine Haut nur die Geſundheit der ſchönen Seele, und die Beſchämung, mit einem Manne allein zu ſeyn, die ſchönern Roſen auf die blaße Wange ſtreute, machte ſie ſo anziehend, gab den wenigen Worten, die ſie ſagte, ſo viel Bedeutung, jedem Lacheln, dem ſchamhaften Niederſchlagen der Augen, der leiſen Stimme, den noch leiſern Seufzern, dem Aufblick der ſchönen Augen, wenn ich etwas Gutes ſagte, ſo viel unwiderſtehlichen Reitz, daß ich des Obriſten donnernden Gang, der die Trep⸗ pe herauf kam, verwünſchte.“ „Sie verbeugte ſich, und ging in ein Zimmer. Ich rapportirte ſo in einander hinein, daß der. Obriſt mich ſtarr anſah.“ „Ich ging; auf dem Saale begegnete ſie mir wieder. Sie neigte ſich holdſelig kächelnd. Ich ſah ihren leichten, ſchwebenden Gang;— genug, ich ging mit ihren Bild in der brennenden Seele von dannen.“. ——— — 68— „Ich, der Engel zu Hauſe mit meinem unbe⸗ weglichen Oheim zur Seite, und das blaße ſchöne Geſicht Louiſens, und darneben die Göttinn der Geduld kämpften in meiner Bruſt, und ich mahlte um das weiße Geſicht voll Geduld lauter Engels⸗ köpfe, dann um ihr Haupt eine Sternenkrone. Ihr Gewand konnteſt du der züchtigſten Heiligen geben, und dazu, ſo geheim ſi ſie gehalten wurde, ſah ich, wenn ich auf die Parade ging, das ſchöne Geſicht allemahl lächelnd mir nachſehen.“ „Mit meinem Oheim, das wußte ich, das weiß ich, war nicht zu ſcherzen; aber doch fand ich tauſend Möglichkeiten, ſogar ſeine ſeltſame Unbe⸗ weglichkeit, die nur fordert, nicht gebiethet.“ „Da aber miſchte ſich der Zufall mit ins Spiel. Ein Allerweltszufall!“ „Ich transportire ein paar hundert Rekruten. Der Obriſt begegnet mir. Er fährt nach ſeinem Gute. Ich reite an den Wagen./) „Er bittet mich auf eine Flaſche Wein, in das Städtchen, wo er und ich Nachtquartier machen. Ich werde Ihnen Quartier machen, im Schwan, wo ich bleibe.”"“ „Ich komme an; treibe meine Geſchaͤfte, und dann zum Obriſten, der nach ſeiner Gewohnheit mir mit Trinken zuſetzt. Wir trinken. Ich ſahe auf die Uhr. Wann viſitiren ſie Ihren Trans⸗ port?— 1Held Eilf. 2 ¹ — 69— „Das iſt's. Wenn ſie zurückkommen, und ich bin noch auf, ſo bitte ich ſie noch zu einer Flaſche.“ „Ich zögere mit Vorbedacht. Um Zwölfe ſchleiche ich die Treppe hinauf. Gerade eben hör ich den Obriſten rufen: iſt Boiſen ſchon da, ſo ruft ihn! Die Thüre geht auf; ich habe noch eben ſo viel Zeit, mich in mein Zimmer zu retten, das an der Treppe iſt. Ich drücke das Schloß ein.— Es ſpringt zu, und hinter mir ruft eine ſchöne Stimme: um Gotteswillen!“ „Das war Louiſe, die mit den Töchtern des Obriſten abgefahren war, und hier ihren Ohein erwartet hatte, um ihm zu unterhalten.“ „Ich bitte tauſendmahl um Verzeihung, ſag⸗ te ich: ich habe die unrechte Thüre gegriffen, meine Gnädige! nur eine Minute, bis der Be⸗ diente die Treppe hinab iſt.“ „Ich küßte ihre Hand. Meine Phantaſie hat⸗ te ſie zu einer Heiligen gemacht; mein Auge gab ihr jetzt den Preis des ſchönſten Weibes. Denn ſie ſtand im Nachtkleide vor mir, mit dem Lichte in der Hand, das ſie in der Verwirrung genom⸗ men hatte, um mir hinaus zu leuchten, und wie geſchaftig auch die linke Hand war, mir den ſchön⸗ ſten Reitz der blühenden Jugend zu entziehen, ſo — die Heilige war verſchwunden, und das ſchön⸗ ſte Weib, hold erröthend, ſtand vor mir. Ich kuße te e ihre Hand zum Abſchiede, und ſie war vollkom⸗ men wehrlos.“ „Ich wollte öffnen, und das verdammte Schloß war nicht von innen zu öffnen. Sie leuch⸗ tete, ſie half. Unſre Hande berührten ſi ſich. Die Thür blieb verſchloſſen.““ „O Gott, was fangen wir an? ſagte ſie in unbeſchreiblicher Angſt. Sie ſtürzte gegen das Fen⸗ ſter, um zu rufen. Ich mußte ſie halten, Balke. Ich umfaßte ſie. Ich bath ſie zu verziehen. Wenn man mich hier trifft, allein mir Ihnen, verſchloſſen?“⸗ „Wir horchten, und hörten noch immer des Obriſten Stim me.“ „Wir gingen wieder an das Schloß, nachdem im Hauſe alles ruhig geworden war. Es war nicht zu öͤffnen, durchaus nicht.“ „Hoch erröthend ſchlug ſie nun ein Tuch um hre Schultern, und wir fingen an, ein wenng gger zu überlegen, wie der Noth abzuhelfen ſey.. „Sie ging an meiner Seite an alle Fenſter; ſie waren zu hoch. Die Fenſter im Schlafzimmer auch. Wir ſahen uns einander an, und mußten doch zuletzt läͤcheln. Ich gab ihr mein Wort, daß ich auf irgend eine Weiſe hinauskommen würde, und gabs mu Gewißheit."“ „Aber Balke, ich bin nicht d r König von England, dem es nicht möglich iſt, Böſes zu thun? ſagteſt du ja in einer aͤhnlichen Lage. Mein Blut 1 war Flamme. Des Obriſten alter Rheinwein brann⸗ 4 — 71 te auch. O, und Louiſen hätteſt du ſehen ſollen, füunhlen, wenn ſie meine Hand faßte, und mich ſo innig bath, ihre Angſt zu endigen! Da umfaßte ich ſie, wie du Röschen, und das reitzende Mad⸗ chen, lag in meinen Armen, und ihre Lippe gab mir den erſten, brennenden Kuß der Liebe.“ „Ich hatte hinten in ihrem Schlafzimmer eine Art Thür geſehen. Laſſen ſie uns die unterſuchen, Louiſe!“ „Ich nahm den Leuchter, und— nun da haſt du den Teufel, oder den Zufall!— der Schluͤſſel lag auf dem Leuchter, mit einem Blech daran, auf dem Nro. 5. ſtand, die Nummer ihres Zimmers.“ „O Gott ſey Dank ſogte ſie, und reichte mir beyde Hände, voll Freude."“— 3 „Da wir nun das Nittel hatten, die Gefahr mit jedem Augenblick zu endigen, endigten wir ſie nicht. Wir ſaßen fröhlich neben einander. Ich hielt ſie in meinen Armen. Sie bath mich zu gehen; aber, ich ging nicht. Der König von England waͤre ohne Zweifel gegangen.“ „Das Licht kniſterte und verlöſchte.“ „Nun gehn Sie, Boiſen!“ „Noch eine Minute Louiſel“ „Gehen Sie, ich beſchwöre Sie! Die Morgen: röthe bricht an."“ 3„Es iſt die Abendröthe, Geliebte„ 5„Ach, Balke, es war die Abendrüthe ihrer un rgehenden Unſchuld; 11 ₰„ und Liebe ließ mich mit den Schwuüren einer ewi⸗ gen Treue mit der Morgenröthe aus der Thüre ſchlüpfen.« „Ich war nicht glücklich, Balke! Ach, ich wars nicht!“ „Ich ritt mit einer tiefen Wemuth den ſchö⸗ nen Morgen durch, und verwünſchte des Obriſten Wein und meine Schwaͤche.“ wonnen hat, ſteht er vor mir, und möchte mich bereden, den Pakt auf Lebenszeit mit mir zu ſchlie⸗ ßen. Haſt du nicht bemerkt, raunt mir der hölli⸗ ſche Teufel ins Ohr, und laͤchelt triumphirend, daß Lo iſe eben ſo wenig die Königinn von Eng⸗ land als du ber König? Heißes Blut heißt der Teufel, der ſie zu Falle brachte, nicht Liebe. Ein einziger Blitzſtrahl entbrennt in des Mannes Herzen die Liebe; ein ganzer den Keim der Liebe in ne es Maͤdchens Herzen an⸗ zubrüten. Der Schlüſſel war in ihrer Macht, und der ruft das furchtbare: Schuldig! über ſie aus.“ „Aber allen ſeinen lockenden Worten ſetze ich den Schwur entgegen, mit dem ich ging, ihr ewig treu zu ſeyn. Ueber mich Schuldig denn ſie bath mich erſt, wie das Paradies der Un war!!— »Sie, mit den Thraͤnen der Verzweiflung „Sieh, und nun der Teufel ſein Spiel ge⸗ Frühling gehört dazu, um kuft das Wor 5 —— 73— 3 A ₰— „Ich ſann mich zu Tode, wie ich die Unſcht. bare wieder ſehen ſollte, die ich. liebte, Balke, die ich wahrhaft liebte. Ich ging zum Obriſten. Da ich über den Saal zurückgehe, ſliegts wie ein Schatten neben mir vorüber, und in einer Hand hatte ich ein Blatt mit den Worten: Auf der naͤch⸗ ſten Maskerade die Fledermaus mit bunten Bän⸗ dern an der grauen Kappe.“ „Ich zweifelte, ob das Papier von ihr kame; wie wollte ſie auf den Maskenball kommen? Ich nahm einen ſchwarzen Mantel, und die Fleder⸗ maus erſchien.“ „Ich redete ſie an, und ihre ſchöne Stimme nannte meinen Nahmen: Boiſen!“ „Sie hing ſich in meinen Arm, wir verließen den Saal, und gingen unter den Arkaden des Hau⸗ ſes.„Es iſt ſchrecklich,“ hob ſie an, daß ich die Achtung des Mannes auf das Spiel ſetzen muß, um ſeine Liebe mir zu erhalten. O mein Herr, ich bin wieder mit Ihnen in ein finſtres Schickſal ver⸗ ſchloſſen, zu dem vielleicht der Himmel ſelbſt kei⸗ nen Schlüſſel hat! O, bin ich gedemüthigt genug? Muß ich vor dem Manne, der meine Schwaͤche ſah, die ich nicht Liebe nennen darf, mein Knie n. und ſagen: verſtoß mich nicht? Und ver⸗ de er mich, ſo muß mein Herz ſchweigend bre⸗ ie Ich darf nur mich anklagen, nicht ihn!“ „Ihr Arm zitterte heftig, ſie ſchwankte, bhr. 4 eßont. die Piarre ꝛc, 8d 4 3 3 8 * 2* 4 ee ſi ſich bebend an meine Schulter. Ich wurde durch⸗ aus erſchüttert.“ „O, hob ſie wieder mit bebender Stimme ſen Leidens die glühende Röthe der Scham, die mich ſchuldig ſpricht, bricht? O danken muß ich Ih⸗ nen, Herr von Boiſen, daß Sie mich hier finden wollten; Großmuth muß ich's nennen, daß ich an Ihrer Seite gehen darf! Das Schickſal hatte mei⸗ ne Jugend zu unſäͤglichen Leiden verdammt; aber ich konnte getroſt mein Auge dem Schickſal entge⸗ gen heben, und ſagen: was verbrach ich! Das kann ich nicht mehr, ich Unglückliche! nicht mehr!“ 1„Ich drückte ihre Hand auf mein ſchlagendes an—, könnten ſie mein Ge ſicht ſehen, wie durch die Aſchenfarbe des höchſten und dennoch ſchuldlo⸗ Herz, in meine naſſen Augen; ich gab ihr die zärt⸗ lichſten Nahmen; ich nannte ſie: geliebte Louiſe! Geliebtes Weib! Ich nahm alle Schuld auf mich. Ich ſagte ihr, daß ich ſi eliebt haͤrte, ohne ſie zu kennen; daß ich ſie gel bt haͤtte„ da ich ſie zum erſten Mahl ſah.“ „O führen Sie mich an die Luft! L“ rief ſie 7 —„mir ſchwindelt vor Entzücken.“ Ich mußte ſie faſt hinaustragen. Sie ging ermattet, mit wanken⸗ dem Schritte die Gaſſe mit mir hinab. Ich wieder, hohlte ihr noch einmahl alles. Ste faßte me Haände, ſie drückte ſie an ihre Bruſt.„O! 4 s Lieh, Boiſen: ſo hatten Sie ja mein erkona. Ach, Sie waren der erſte Menſch, *— 75— ſeit dem Tode meiner Mutter, ein freundliches Wort mit mir redete! O wie flog dem gütigen Manne mein Herz, meine Seele entgegen! O wie ſchmerzlich war ich betrübt, daß ich die Hoffnung aufgeben mußte, den wieder zu ſehen, der wein freundlichſter Gedanke, mein ſchönſter Traum ge⸗ worden war: Sie ſchlang die zitternden Arme um meinen Nacken. Und ich reichte ihr die Hand zum ewigen Bunde.“. „Ich verhehlte ihr nicht, daß alle meine Hoffnungen von meinem Oheim abhingen; aber daß ich feſt entſchloſſen ſey, ihr meine Hand vor den Augen meines Oheims zu geben. Sie hörte mich aufmerkſam an, und verſchob die Entſchei⸗ dung auf eine andere Zuſammenkunft. Sie war ſo glücklich, daß ich ihr den Vorſchlag that, wieder in den Saal zu gehen.“ „Eine zweyte Fledermaus, war uns von Wei⸗ tem gefolgt. Sie warf ihre Maske ab, und gab fie der Fledermaus. Sie war unter der weiten Hül⸗ le zum Tanz gekleidet. Ich tanzte mit ihr. O Bal⸗ ke, welch eine Grazie, welch eine frohe Beweg⸗ lichkeit! Welch ein heiteres Leben, voll ſchöner Luſt! Welch ein Reichthum des Geiſtes, des Wi⸗ bes neben dem riefſten Gefuhl!“ „ Sie drang nun darauf nach Hauſe zu gehen. Sie warf nun in der Arkade den Flormantel wte⸗ der über. Ich begleitete ſie bis an das Haus. Sie clüpfte wie ein Schatten hinein.“ 4 8* DX 2 4 — 76— „Heute habe ich von ihr einen Brief; aber kein Wort von dem, was ſie wünſcht. Du ſollſt mir rathen; denn ich glaube, mit mir und meinem Oheim iſt es vorbey.“ Dieſen Brief las der Oberfoͤrſter R öschen vor. „Hum!“ ſagte er dann,„hem!“ ſagte recht freund⸗ lich Röschen. „Der Teufel, der ihm allerley ins Ohr raun⸗ te, hatte nicht Unrecht,“ denke ich,„Röschen! und es argert mich, daß er bey dieſer Nachtſcene deinen Nahmen nennt, und den König von Eng⸗ land. Es argert mich. Denn deine Liebe hatte ein ganzer langer Fruͤhling angebrütet, und meine auch. Darum ging ich. Heißes Blut war ſeine Schuld, und bey Louiſen? wenn nicht noch etwas Schlim⸗ mers.“„ „O ſey nicht hart, Balke! und. antworte ihm freundlich.“ Balke antwortete ihm. Er bath ihn, ſei nem Oheim mit der Wahrheit gerade heraus zu ge⸗ hen.„Und laß ihn denn machen. Du haſt jährlich ſechshundert Thaler, B oiſen! Nimm deinen Apvſchied. Gibts einen gerechten Krieg, ſo ſind wir Beyde wieder da. Laß dich im Eivil anſtellen. Es iſt unrecht, ſeine Hoffnungen auf einen andern Menſchen bauen, als auf ſich ſelbſt und ſeinen Freund. . Der König von England wäre gegangen, und ein rechter Mann auch. Du gingſt nicht; nun ſo ge auch jetze nicht, und ſteh feſt wie ein Mann! 7 3 —— Boiſen konnte dem Rathe ſeines Freundes nicht folgen, ſo gern er wollte. Denn Louiſe woll⸗ te durchaus nicht Schuld ſeyn, daß Boiſen die Hoffnung auf ſeines Oheims Vermögen aufgeben ſollte. Sie hatte den Plan gemacht, Boiſen ſollte ſich heimlich mit ihr trauen laſſen, der Oheim ſoll⸗ te nichts von ſeiner Verbindung erfahren; und ſie getrauete ſich es zu, den Oheim mit ſeinem Nef⸗ fen zu verſöhnen. Den Abſchied mußte er freylich nehmen, weil der Gonſens des Königs nicht zu er⸗ halten war. Der Plan mißfiel dem offnen Oberfoͤrſter durch⸗ aus. Loui ſe ſchrieb ihm ſelbſt darüber. Der Brief war ſchön und gewandt; aber es war etwas dabey, das dem Oberförſter mißſiel. Er konnte Rös⸗ chen, die den Brief mit Entzücken las, nicht ſa⸗ gen was. Louiſe verließ das Haus des Oheims. Sie ging zu ihrer alten Tante, bey der auch die Trau⸗ ung geſchah. Boiſen war entzückt von ſeiner jungen Frau, und der Oberfoͤrſter, der mit bey der Trau⸗ ung war, ſagte zu Röschen:„ſie iſt ſchön, Röschenz ſie iſt reitzend. Sie hat Geiſt. Sie hat alle Tugenden, auch die widerſprechendſten. Sdie hat tauſend Stellungen, und jede iſt re eend. Der Ton ihrer Stimme ſtiehlt ſich wie eine Schmei⸗ yeley in jedes Ohr und in jede Seele, Für jeden 4 4 4 2 H 1 —j 4 — — ₰— Menſchen hat ſie eine eigene Manier, als waͤre ſie ein heller Spiegel, worin jeder ſein Bild ſaͤhe.— Sie iſt unſchuldig ſpielend, wie ein Kind und un⸗ widerſtehlich, und dann wieder eine edle, erhabe⸗ ne Frau und unwiderſtehlich.“— „Dul lieber Balkel ſagte Röschen dro⸗ hend. reitzenden Geſtalten dieſer Frau ſind nichts weiter, als ein ſchöner Schleyer über einen Körper oder Geiſt, den ich nicht kenne, und den, fürchte ich, Boiſen nicht kennt. Er iſt glücklich; du weißt nicht, wie ſehr. Gott gebe, daß dieſe ſchöne Huüll⸗ nichts Schlimmes verbirgt!“ So urtheilte Balke. Die junge Frau machte den Plan, n mit ihres Mannes Oheim bekannt zu werden. Aber Boi⸗ fen erhielt vier Wochen nach ſeiner Hochzeit einen Brief von ſeinem Oheim, mit einem ſehr koſtbaren Halsſchmuck und den Worten: „Du wollteſt das Maͤdchen nicht, was ich für dich erzog. Ich kann dich nicht tadeln; denn ich ſelbſt liebe die Unabhängigkeit. Warum du aber deine Heirath verbirgſt, faſſe ich nicht. Deine Frau, höre ich, ſoll ein gutes Maͤdchen ſeyn.— Wer eine arme Frau wählt, muß ſich der Armuth nicht ſchaͤmen. Man muß ſeinen eigenen Entſchluß „Ja, Liebröschen, du biſt Eins, und immer Eins! Unſchuldige Liebe! Aber die tauſend —— — — —— 4— 79— ehren. Ich ſende deiner jungen Frau ein Anden⸗ ken von ihrem Oheim Boiſen.“ Die junge Frau las die paar Worte zehnmahl mit tiefſinnigem Blick.„Wir müſſen zu ihm!“ ſagte ſie. 8 ae „Was ſagen wir?“ „Dem wahren Manne die Wahrheit!“ Sie reiſten zu ihm. Er empfing ſie mit einer heiteren Ruhe. Der Engel, der für Boiſen be⸗ ſtimmt geweſen war, hatte eben ihre Verlobung mit einem edlen Manne gefeyert. „Ich bitte dich, liebe Louiſe, ſey hier techt gefaͤllig,“ ſagte Boiſen. Louiſe laͤchelte, und war es gar nicht. Sie erklärte dem Oheim recht offen, und mit allem Stolze, daß ſie ihren Mann beredet häͤtte, ſeine Verbindung heimlich zu halten. „Ich war zu ſtolz, Herr von Boiſen, meine Liebe getadelt zu ſehen, die mein Stolz war.“ „Du haſt ein edles Weib, Neffe!“ ſagte der Oheim, nachdem er ein paar Tage mit Louiſen gelebt hatte. Aber von Unterſtützung nicht ein Wort. Der Oheim zeigte der jungen Frau ſeine Achtung, und ſie reiſten ab, ohne einen Schritt weiter zu ſeyn. Die Heirath wurde nun erklaͤrt, und Boi⸗ ſen waͤhlte ſeinen Aufenthalt in einer Stadt nahe bey Balken. Balke machte ſeinem Freunde eine Lebens⸗ Fechnuns; aber er ſah ſehr bald an der erſen Een⸗ — 80—— richtung, daß er die Rechnung ohne die junge Frau gemacht hatte. Er bath Boiſen durchzugreifen. Vergebens! Er redete mit der jungen Frau erſt ſanft, dann derb; aber die junge Frau blieb de⸗ müthig gegen ſeine Vorwürfe, verſprach Beſſerung, und nach und nach ging alles den alten Weg. Der Teufel, Boiſen, greif durch! Du biſt ein Mann!“ Aber Boiſen legte ſich an die Bruſt des Freundes, und geſtand: er könnte nicht den Thränen, den Bitten ſeiner Frau widerſtehen. Er ſchwieg endlich; denn er ſah, die Frau erſparte aam Tiſch, was ſie an den Luxus der Kleidung und der Zimmer verſchwendete. Er ſendete Ihnen, was ſeine reiche Haushaltung hervorbrachtee. 8 3„O Bruder,“ ſagte Boiſen oft erroͤthend —„mußte es dahin kommen, daß ich— daß du— 8 3 „Das iſt nichts, Boiſen— aber daß du es dahin kommen läßt, daß du nicht Herr in dei⸗ nem Hauſe biſt, das iſt's, was mich argert!“ Oheim Boiſen blieb ruhig wie er war.— Louiſe, die Aller Herzen gewann, konnte den Mann nicht gewinnen. Er ſchenkte ihr an der drit⸗ ten Hochzeitsfeyer ein theures Spinnrad von Ma⸗ hagoni, voll Flachs und Luthers Haustafel. Sie erröthete, als ſie das Geſchenk ſah. Sie ging aus dem geſchmückten Zimmer in das arme Schlafzim⸗ mer. Ihr Mann traf ſie in Thränen.„Ach,“ rief ſie—„Ihr werdet mich alle noch haſſen — — 381— Der Mann warf ſich ihr zu Füßen. Aber er konn⸗ te dieſesmahl ihren Schmerz nicht beruhigen. Er kaufte ihr eine theure Haube. Sie laͤchelte und er⸗ röthete zugleich. Er laͤchelte und erröthete auch. Aber der Oheim fand die junge Frau ein paar Ta⸗ ge darauf am Spinnrade, und die Rolle voll Garn⸗ Er umarmte ſie mit einer ſeltenen Lebendigkeit.— „Keine Stellung iſt ſo ſchön als dieſe, liebe Nichte.“ Ach, das waren nur einzelne Fruͤhlingsſtun⸗ den, die durch Boiſens Winterleben zogen! Die Eitelkeit, zu glaͤnzen, wurde immer ſichtbarer bey der jungen Frau, obgleich ſie ihren Mann unend⸗ lich liebte. Boiſen wurde immer finſterer: denn er fühlte, wie unendlich er Louiſen liebte, wie unendlich reitzend ſie war, wie anmuthig, wenn ſie einen ihrer Wünſche erfüllt ſah. Er ſah ja, wie ſie mit ſich kämpfte, wie ſie dieſen Wunſch und je⸗ nen verbarg, und die Thränen dazu. Balke ſelbſt konnte ja der reitzenden Schmeich⸗ lerinn nicht widerſtehen, wenn ſie vor ihm in der einfachſten Hauskleidung erſchien, ſelbſt ihre Küche beſorgte, und am Tiſch dem kargen Mahl die Reitze eines Götterfeſtes mit ihrer leichten⸗ ſcherzenden Unterhaltung gab. „O Balke, waͤre ich reich, ſo waͤre ic der beneidenswertheſte Mann!“ „Aber zum Höllenteufel, ſo werde reicht Laß dich anſtellen! Ich wette, das verſoͤhnt dir deinen Oheim.“ “ — 82— Boiſen ſeufzte. Denn das eben wollte Louiſe nicht. Sie war zu ſtolz, ihren Mann in einem kleinen Amte zu ſehen. Sobald die Re⸗ de davon war) wollte ſie ſich lieber auf das Aller⸗ kärglichſte einſchraͤnken. Auch hielt ſie acht Tage lang Wort, bis ihr Mann nicht mehr an ſeine An⸗ ſtellung dachte. Dann kam nach und nach alles wieder in den alten Gang. Der Oberförſter, den der Oheim ſehr hoch achtete, redete mit ihm darüber. „Sie ſind reich, Herr von Boiſen! Mein Freund iſt Ihres Bruders Sohn.“ „Sie ſind nicht reich, Herr Oberförſter, und mein Neffe iſt Ihr Feeund Das war die Lanze 8 Antwort.. „Wie nehm ich disß, Herr von Boiſen?“ Reich könnte ich die junge Frau machen; aber beſſern kann ſie nur, denk ich, ein hartes Schickſal. Wem gehört das Steuer auf einem Schiffe, das der Sturm hin und her ſchleudert? Ihm! Er klagt die Goͤtter an, ſtatt mit Mannes⸗ hand das Sreuer zu faſſen. Sie ſchmeicheln der Schwaͤche Ihres Freundes. Ich erwarte die Stun⸗ de, wann Louiſe Mutter iſt. Rettet dieſe große Etund⸗ ſie nicht und ihn, ſo ſind ſie verloren.— Mein Geld würde die Frau ganz verderben; und ihr feiner Geiſt, ihre Liebenswürdigkeit iſt es werth, daß ſie gerettet werde.“ Das alles ſah der Oberförſter wohl ein; aber 3 er konnte dennoch nicht anders. Er bezahlte von Zeit zu Zeit die drückenden Schulden ſeines Freun⸗ des. Ach! Louiſe war ſo dankbar! Sie liebte den Oberförſter ſo zartlich! Sie geſtand ſo offen⸗ herzig ihre Schuld! Ihre Thraͤnen waren ſo heiß! Balke ergrimmte, wenn der Oheim trocken ſag⸗ te:„ja, Louiſe bedarf Ihrer. Waͤre ſie reich, ſo wuͤrde, was jetzt tropfenweiſe aus ihrer Seele hervorbricht, wie ein Strom alles zerſtören.“ „Nein, das iſt's nicht!“ rief Palke⸗„Er thut ihr Unrecht!“ Des Oberförſters Sohn war jetzt acht Jahre. Röschen hatte den heißen Wunſch, ihr Sohn ſollte Prediger werden. Röͤschen, Liebröschen! biſt du doch ei⸗ ne Frau? Was geht dich des Jungens Schickſal an? Geſund ſoll er werden, glüͤcklich, ein ehrli⸗ cher Menſch und ein Mann. Geſchwind ſiel Röschen an Balkens Bruſt, und ſagte mit ihrem ſüßen Lacheln:„Ge⸗ ſund ſoll er werden, ja; glücklich auch und ehrlich, und ein Mann wie ſein Vater; aber ein Prediger kann er auch werden.“ „Nun da haben wir die Mutter Eva, wie ſie leibt und lebt!“ rief er. Röschen aber rief nicht: „Da haben wir den leibhaften Vater Adam!“ Sie dachte es nicht einmahl, da ihr Mann ihr ver⸗ ſprach, er ſollte ein Prediger werden. Aber die 81 ESe A e — 84— Mutter mußte auch zugeben, daß er aus dem vaͤ⸗ terlichen Hauſe auf eine Schule gebracht wurde. Gerade um dieſe Zeit gebahr Louiſe Zwil⸗ lingsſöhne. Die Freude war unendlich, aber die Sorge auch. Louiſe, in der Begeiſterung des erſten Muttergefühls, gab jede Verſchwendung auf. Sie ſchräͤnkte ihren Haushalt auf das Beſonnenſte ein. Ihr Mann und der Oberförſter triumphirten. Der alte Boiſen ſagte nichts: er beobachtete, und auf des Oberforſters unablaſſiges Bitten gab er dem Neffen jaͤhrlich eine kleine Summe. Louiſſeo blieb ſparſam; aber ſie wurde mür⸗ riſch. Auf der ſchönen Stirn hingen dunkle Wol⸗ ken. Sie weinte, ſie nannte ſich die unglücklichſt⸗ Frau auf der Erde. Wollte Boiſen die gelieb⸗ ee Louiſe glücklich ſehen: ſo mußte er eine Ge⸗ ſellſchaft geben oder ein Piach geuüi ins Hahs ſchaffen. Der Oberferſter, um ſeines Freundes ſchwere Lage zu erleichtern, bath ihn um einen ſeiner Soͤh⸗ ne für Röschen, die ſo einſam lebte. Louiſe gab ihm den aͤlteſten Sohn mit Freuden. Boiſen fiel an ſeine Bruſt.„O rief er weich—„ich ſehe wohl, Bruder, was du willſt. 3 Es iſt nitht Röschen. O nimm ihn, nimm ihn, und in deinem Hauſe kann er ein ſtaͤrkerer Mann werden, als ſein unglücklicher Vater.“ Der alte Boiſen verſtand ſich dazu, noch eine Summe jäͤhrlich zuzuſchießen.„Aber, Loui⸗ ſe,““ ſagte er mit drohender Stimme—„verlaſſen Sie ſich darauf, es iſt das Letzte, was ich gebe!“ „O mein Gott,“ ſagte ſie mit ihrem ange⸗ nehmen Weſen—„Sie ſollen ſehen, wie glück⸗ lich ich ſeyn werde.“ Sie war es nicht. Sie drang darauf, in eine andre Stadt zu ziehen, wo es wohlfeiler zu leben, und die entfernter war von ihrem Oheim und dem Oberförſter. Sie ſcheute des Oheims Vorwürfe und des Oberförſters kummervolle Blicke. So kamen ſie aus einander. Der Oberförſter und Röschen erzogen den jungen Boiſen mit froher Liebe; und obgleich Röschen ihrem Manne nach zwey Jahren noch eine Tochter gab, ſo ſchien es doch faſt, als um⸗ faßte der Oberförſter den kleinen ESugenius— den bedeutenden Nahmen hatte die Mutter dem Sohn gegeben— mit mehr Liebe als ſeine Toch⸗ ter Sophie. Ach er iſt der Sohn unglücklicher Aeltern und meines Freundes! Die Mutter hatte ihre beyden Soͤhne zum Sol⸗ datenſtande beſtimmt; aber Eugenius erklärte ſeinen entſchiedenen Widerwillen gegen dieſen Stand, und mit ſo vieler Feſtigkeit, daß die Mutter ein⸗ willigen mußte: er könnte beym Forſtweſen ein⸗ mahl ſeinen Weg machen.„Aber,“ ſchrieb ſie ih⸗ rem Sohn—„vergiß in keinem Augenblick dei⸗ nes Lebens, mein Sohn, daß in deinen Adern das Vlut des alteſten Fürſtenhauſes fiest⸗ 44 Der “ Oberfoͤrſter wollte lächeln; aber er konnte nicht. Er umarmte den Knaben und ſagte:„Vergiß es in keinem Augenblicke deines Lebens, mein Sohn daß du das Ebenbild Gottes an dir traͤgſt!“ „Was Förſter?“ ſagte der Knabe freudig— „ich bin dein Sohn, und Röschens Sohn, und Sophiens Bruder; und finde ich einmahl einen Freund, wie mein Vater fand— o ich weiß alles! Mein Vater hat mir auch geſchrieben— ſo—ℳ er ſchwenkte ſich ein paar Mahl um ſich ſelbſt, und ſiel dann dem Vater in die Arme.. So wuchs der Knabe freundlich empor in den Armen der weichſten Liebe, und unter dem Bey⸗ ſpiele der männlichen Stärke und feſten Redlichkeit des Oberförſters, unter der ſchönen Thäͤtigkeit der Jagd und der Forſten, und unter den Spielen mit ſeiner Schweſter Sophie. Je älter er wurde, deſto öfter kamen die Er⸗ innerungen an das fürſtliche Blut in ſeinen Adern von ſeiner Mutter, und deſto nachdrücklicher ſuchte der Oberförſter den Keim des Hochmuths, den er in der Bruſt des Knaben vermuthete, zu erſticken. Er that es angelegentlicher, als er vielleicht geſollt häͤtte. Der Knabe ſing an, ſeinen Stolz darin zu finden, allen Rang zu verachten. Es wurde ſeine Lieblingsvorſtellung, alles durch ſich ſelbſt zu wer⸗ den, ſtark und feſt zu werden, wie ſein Erzieher, den er unbeſchreiblich liebte. 4 —— Liehröschen, in der Unſchuld ihrer Liebe, — 67— ging auch weiter, als ſie geſollt haͤtte, ſo gut wie ihr Mann. Sie ſah mit unendlichem Vergnügen, wie groß die Einigkeit der beyden Kinder war.— Sie blickte mit Mutterliebe in die ſchöne Zukunft hinaus, wo Eugenius mit Sophien das gött⸗ liche Leben, das ſie mit ihrem Manne führte, in dem Forſthauſe mit Sophien fortſetzen ſollte. Ach, wie könnte eine Mutter der Tochter ihren ſchön⸗ ſten Wunſch verſchweigen!„O liebe ihn recht von Herzen, Sophie!“ ſagte ſie dem Mädchen, das ohnehin ihn ſchon liebte;„denn, Sophie, es wird die Zeit kommen, da du, da er— Sie brach ab; aber Sophie las in den glänzenden Augen ihrer Mutter, was noch fehlte, und ſie er⸗ zaͤhlte mit innigem Lächeln, das faſt das Lächeln der Liebe war, ihrem Spielgefahrten auf einem Spaziergange, da der Knabe ihr ſeine Rieſenplane für die Zukunft vorlegte, wieder, was die Mutter geſagt hatte, und brach lachend da ab, wo ihre Mutter abgebrochen hatte, um zu ſehen, ob Eu⸗ genius ſo gut rathen könnte, wie ſie. Er rieth eben ſo gut, und ſagte:„Ja, wenn ich dann wieder komme, Sophie! nicht?“ Wie zwey ſtille Baͤche unter Blumen lange neben einander herfließen, bis ſie ſanft ſich miſchen, ſo floß das Leben der beyden Kinder neben einan⸗ der ſanft her im Spiel und unſchuldiger Liebe. Eben darum fürchtete der Oberförſten nichts. S ie ſind Schweſter und Bruder. Er freute ſich, 4 * ““ . 3588— daß Liebröschen dieſes Mahl nichts anders da⸗ bey dachte. Und da ſie zum erſten Mahle den ſchö⸗ nen Gedanken anſtieß, ſagte er:„Es würde mich glücklich machen, Liebröschen. Aber ich bitte dich, irre die unſchuldigen Herzen nicht! denn doch⸗ te er oder ſie ſo etwas: ſie müßten ſogleich aus einander.“ Hu! wie roth wurde Liebroͤschen! So lief Jahr an Jahr weg. Der Oberfoͤr⸗ ſter hatte Recht. Die jungen Leute waren nichts als Bruder und Schweſter. Nur das innigſte Vertrauen hätte ſie vereinigt, wenn nicht der Mut⸗ ter abgebrochene Worte ihrer Phantaſie ein Bild vorgelegt hätten, was ſo ſchön war, und was ihre Heerzen nicht beunruhigte, ſondern beſeligte. Da aber riß das gewaltige Geſchick ihre Her⸗ zen aus einander, und ſo gewaltſam, daß es ſie auf immer vereinigte. Eimne unermeßlich reiche Frau von Anthing verlor ihre beyden Soͤhne kurz hinter einander. Der Schmerz tödtete ſie, und Louiſe war ihre einzige Erbinn. Eben in dem Augenblicke, da ihr Sohn Geld von ihr verlangte, was ſie nicht hatte, kam ein Brief mit der Anzeige von dem Tode ihrer Tante, und daß ſie Erbinn war. Louiſens Auge leuchtete; obgleich ſie gar nicht mußte, wie reich die Tante, die ſich nie um die arme Nichte bekümmert hatte, eigentlich war Sie antwortete, und nun erhielt ſie erſt Auskunft üͤber die Erbſchaft. Mit triumphirenden Blicken flog ſie in ihres Mannes Arme, und rief lautjauchzend:„Nun, nun, liebſter Boiſen, wollen wir glücklich ſeyn! O Gott Lob, daß ich nun nicht laͤnger abhaͤngig bin von den Vorwürfen deines harten Oheims, und von den Wohlthaten eines Förſters!“ „Förſters? Ja! aber eines Menſchen, dem ich das Leben verdanke, der meinen Sohn achtzehn Jahre lang ernährt hat, der— Schrecklich, Loui⸗ ſe, daß das Wort„Förſter“ das erſte Wort war, was von deinen Lippen ſiel.“ „Nuͤn Oberförſter denn! Aber viel beſſer iſt er auch nicht. Wir zahlen, was wir ihm ſchuldig ſind, zahlen mit Zinſen, und dann—“ „Frau!“ rief der Mann mit funkelnden Au⸗ gen—„wie hoch ſchaͤtzeſt du mein Leben und ſei⸗ ne Liebe, und meines Sohnes Tugenden, die er hier nicht erworben häͤtte? Wie hoch? ſprich! 9 Louiſe! Louiſel Wir ſind recht unglücklich ge⸗ weſen. Laß uns nicht noch unglücklicher werden!“ Sie lächelte, ſie nahm ihn in ihre Arme, ſie hatte Thraͤnen in den Augen.„O nimm doch ein Wort nicht ſo hoch, lieber Bo iſen!“ Sie hüpfte, eine Opernarie laut ſingend, aus ſeinen Armen, um Anſtalt zu dem glücklichen Leben zu treffen, das ſie führen wollte. Es wurden große Summen aufgeopfert, um 4 “ 8 4 — 9⁰0— nur ſogleich Equipage, eine Jungfer, Bedienten, für ihren Sohn zwey Reitpferde, für ihre Tochter den prächtigſten Putz, und für die wenigen Tage, die ſie hier noch bleiben wollte, ein großes, reich möblirtes Haus zu haben. 5 Boiſen lachelte! aber mit ſinſterm Bedau⸗ ren ſah er, daß ſeine Frau mitten unter ihren Ver⸗ ſchwendungen einen Geitz zeigte, von dem er ſonſt keinen Zug in ihrem Gemüthe gewahr geworden war, obgleich ſein Oheim es oft mit finſterer Stirn angedeutet hatte. Sie feilſchte mit allen Handwerkern, mit denen ſie jetzt zu thun hatte⸗ Sie wurde ſo mißtrauiſch gegen ihren Con⸗ ſulenten, den ſie in dem Wohnort ihrer Tante an⸗ genommen hatte, daß ſie früher abreiſte, als ſie ihr Haus bewohnen konnte. Sie war hochmuthig gegen ihre Leute geworden, und auffahrend, und ſie verbarg ſogar ihrem Manne— er erſtarrte, da er es merkte— den Zuſtand ihres Vermögens. In dem Hauſe ihrer Tante ging ſie mit hab⸗ ſüchtigen Blicken umher, zeichnete alles auf, was ſie fand, forſchte, ob nichts veruntreuet ſeyn konn⸗ te; und, obgleich der Reichthum, den ſie fand, alle ihre Hoffnungen weit übertraf, ſo hatte ſie doch in den erſten acht Tagen mehr Verdruß gehabt, als ·in ſo viel Jahren vorher. 4 „Ja, Louiſe,“ ſagte Boiſen—„wir ſind recht glücklich geworden!“, — 91— 3— Sie ſah ihn lange ſtarr an. Dann fiel ſie ſchluchzend in ſeine Arme, und rief überwallend in Liebe:„O verzeihe mir, Boiſen! Der end⸗ lich erreichte Wunſch meines Lebens, unſre Kinder, uns ſelbſt empor ſteigen zu ſehen, verwirrt mich. O gewiß, wir wollen glücklich ſeyn!“ „O liebſte Louiſe, wenn nur mein Oheim nicht Recht hat, der immer prophezeihte.—1 „Dein Oheim iſt ein Geitzhals, dem es an dem gerechten Ehrgeitze ſeines Standes fehlt. Gib Acht, wie geſchmeidig er nun ſeyn wird! Ich wur⸗ de ihn verachten, wenn nicht ſein Vermögen un⸗ ſern Kindern gehörte.“. „O Gott! haſt du noch nicht genug? O du arme, arme Frau!“ Ach, ſie war arm; denn alle Freuden ih⸗ res Lebens verſchwanden unter den zählenden Haͤn⸗ den, und unter den Feſten, die ſie gab. Sie lieb⸗ te ihren Mann, und ſie ſah, wie bekümmert er ſich immer mehr in die Einſamkeit zurückzog.— Sie ſchrieb ihrem Sohn beym Oberförſter miß ſtolzen triumphirenden Worten ihr Glück, und be⸗ fahl ihm, ſogleich nach ſeiner Aeltern Hauſe zu⸗ rückzukehren. Sie hatte ihm eine große Summe Geld beygelegt, mit dem Auftrage, dem Oberför⸗ ſter das Koſtgeld für die achtzehn Jahre zu bezah⸗ len.„Denn dieſem Manne,“ ſetzte ſie hinzu— „dürfen wir nicht einen Heller ſchuldig bleiben!“ Zugleich kündigte ſie dem Sohne die glänzende Lauf⸗ —— * 2* 2 4 5 — 9²—. bahn an, wozu ſie ihn beſtimmt hatte, als den al⸗ teſten Sohn ihres Hauſes.„Kein Haus in der Monarchie,“ ſchrieb ſie—„auch nicht das glän⸗ zendſte, wird dir eine Tochter verſagen. Ich dan⸗ ke Gott, daß ich euch alle glücklich machen kann.“ Eugenius ſteckte den Brief ein, und ging in den Forſt, zu überlegen. Der ganze Brief hat⸗ te ſein Herz empfindlich berührt.„Wie?“ rief er — ich ſoll emporſchießen, wie dieſer veraäͤchtliche Pilz“— er zertrat ihn—„von einem Haufen Goldes genährt? Wie? und meine Mutter wagt es, einen ſtolzen Blick auf den edlen Mann zu werfen, der meines Vaters Freund iſt? der ſeines Lebens Retter war? der— o der in keiner Noth ihn verließ? Wagt es— o du gütiger Him⸗ mel! ſeine Freundſchaft mit Geld bezahlen zu wol⸗ len? Wagt es, o kindliche Liebe, halte mein Herz feſt! wagt es, mir Ehre anzubiethen, die ich mit Geld erkaufen muß? O wenn du ungerecht biſt ge⸗ gen den Edelſten aller Menſchen: ſo bin ich es nicht! ſo will ich meines Vaters Schuld en bezah⸗ len! Wohlan! Wie? o Himmel und Erde! der Geitz, der raſende Hochmuth ſoll uͤber meine Hand, über mein Herz gebiethen? nicht ich ſelbſt? Ich 4 ſollte mich dem Golde zum Selaven verkaufen? Und dieſe Schande kann die Mutter dem Sohne biethen? O Himmel! Himmel und Erde!“ So ſprach er, und drang immer tiefer in den dunklen Forſt, und ſchaute hinaus in die noch dunk —— jere Zukunft, und es wurde ihm immer wi⸗ driger, das glaͤnzende Bild, das ſeine Mutter ihm in ihrem Briefe gemahlt hatte. Und immer heller trat vor ſeine Seele das Bild ſeines je⸗ tigen Lebens, der edle Vater, den die ganze Gegend anbethete, Liebröschen mit ihrer Liebe gegen alles, alles! und ihr ſchönes Bild, So⸗ phie. Ach, ſeine Kindheit hing ihren magi⸗ ſchen Schleyer der Schönheit über ſie; und ihre Jugend, und ihre Liebe, und ihre Unſchuld gaben dei rührenden Bilde des Maͤdchens lauter himmli⸗ ſche Reitze. Er fühlte, er durfte ſich nicht tren⸗ nen von dieſer Familie. Er war mit ſeinem gan⸗ zen Herzen hinein gewachſen in die ihrigen, wie zwey junge Baumſtaͤmme, die in einander verwach⸗ fen ſind, und von einem Lebensſafte ernaͤhrt wer⸗ den.— Er laͤchelte. Er fragte ſich ſelbſt:„Was will ich denn?“ Noch dieſen Morgen hatte ihm der Oberförſter geſagt:„Ein Mann muß wiſſen, was er will, und dann feſt dazu ſtehen!“ Das ſiel ihm jetzt ein.„Was ich will?“ rief er—„Euer Sohn ſeyn! das will ich. Euer bleiben, ſo lange ich lebe! das will ich! das will ich, beym hohen Himmel!“ rief er, und breitete beyde Arme gen Himmel auf. In dieſem Augenblick rief ihn Sophiens Stimme durch den Wald her aus der Ferne:„Ge⸗ nius!“ So hatte man ſeinen Nahmen geandert, ———— — 94— Er antwortete.„Kommſt du, Liebe?“ fagte er.„Dich bringt dein und mein Genius zu die⸗ ſem Augenblick, wo mein Schickſal entſchieden wer⸗ den mußl ſoll!“”“ Sie flog daher bald im hellen Sonnenſchein, bald dunkel von dem dunkeln Schatten der Eichen⸗ Keichend ſagte ſie:„Wie habe ich dich heute auch ſuchen müſſen! Nein, fuͤhle einmahl, wie mir das Herz ſchlägt!“— „Schläͤgt dir das Herz, mir ſchlaͤgt es auch! „Haſt du mich auch geſucht?“ „ und gefunden.“ 1„Ja, ich dich! „Du mich, ich dich,“ ſagte er, ein wenig feyerlich.„Höre, Sophie,“ fuhr er fort— „ſetze dich einmahl zu mir. Ich habe dir etwas Wichtiges zu ſagen.“ Sie ſetzte ſich zu ihm, ſchlug die Arme über einander, und ſah ihn lachelnd an:„Nun ſag das Wichtige, mein Genius!“ 8 „Daß ich dich ſiebe, weißt du laͤngſt.”’“ „O ja, aber ich weiß auch, daß du mich nicht recht ſehr liebſt, wie— ja, wie ſag ich nun Sieh, da läufſt du hinein in den Forſt, immer hinein. Ich muß dir nach; wann kaͤmeſt du mir nach? Deine Liebe iſt wie der blaue, heitere Him⸗ mel; immer eins, immer dasſelbe.“ 1 „Soll ſie nicht ſo ſeyn? „O ja! aber meine Liebe iſt wie die N „ mit ihren ſchimmernden Sternen, und dem ſanf⸗ ten Monde, und der Morgen⸗ und Abendröthe, und“— ſie nickte mit dem Kopfe—„mit den zallen⸗ den Thautropfen, du! die ich manchmahl um dich vergieße— und mit ihren Träͤumen und ſtillem Nachdenken, und ſo wunderbaren Wünſchen, und dem einſamen Nachtigallenliede. Aber ſo ſag doch das Wichtige, Genius.“. Er ſah ihr ernſt in das Auge.„Sieh, So⸗ phie, ich habe heute meine ganze Zukunft durch⸗ ſchaut, und wenn du Ja ſagſt, ſo ſtehen in ihr ein blauer Himmel, Morgenröthen, Regenbogen, die ewigen Sterne des Gluücks, der ſanfte Mond„ und das Lied der liebenden Nachtigall. Sagſt du aber Nein— Ich ſage Ja und Amen! Genius, hier iſt meine Hand, was es iſt, was es auch iſt!“ „Biſt du mein?“— „Was antwort' ich darauf?“ fragte ſie laͤ⸗ chelnd.„Du weißt ja, wie ſehr ich dein bin.“ „Das mein' ich nicht, ob du mein biſt, wie die Schweſter dem Bruder. Ob du mein biſt, wie deine Mutter dem Vater?“ „Wie du auch heute biſt, als wollteſt du auf immer ſcheiden!“ „Darum ſprich, ob du mein biſt auf Zeit und Ewigkeit? ob du dich ſcheiden willſt von allem, vom Gluͤck, vom Leben, von Vater und Mutter, um einzig mein zu ſeyn?“ liebe Sophiel!“ „Siehſt du„ ſo machſt du es!“ Sie vergoß die Thautropfen der Liebe um ihn.„Wenn ich nun ſo fragte?“ „So ſagte ich: ich bin dein im Leben und Tode, Sophie! ſo gäbe ich dir meine Hand, und mit dem Handſchlage verlobte ich auch dir mein Herz, meine Treue, meine Liebe, und hätte nicht Aeltern mehr, nicht Bruder, nicht Schweſter, und haͤtte nur dich auf der Welt, der ich treu wä⸗ re, an die ich dächte, mit der ich alles verließe, „O habe ich denn je etwas anders gehabt, als dich?“ 4 „So ſprich es aus, ich bin dein! Und lege deine Hand in meine!“ „Ich bin dein!“ ſagte ſie laͤchelnd, und legts ihre Hand in ſeine.„Aber was haſt du denn 2 „Morgen geh ich von hier.“ Da erblaßte das lächelnde Mädchen. Sie faßte ſeine beyden Haͤnde. „Morgen? wohin denn?“ Zu Hauſe. Meine Mutter iſt reich geworden, Sieh, ich will es auch ſeyn, Sophie, damit ich von ihrem Gelde nicht zu betteln habe. O So⸗ phie, läͤcheln ſollſt du, weil ich nun dein bin, weil du mein biſt! Meine Mutter will mein Herz von deinem reißen. Darum will ich mein Herz an deines legen, feſt und unzerreißlich. Nun haben wir den ſtillen Bund geſchloſſen, den Niemand wiſſen ſoll, als wir Beyde, und der Himmel über — 97— uns, und die Nacht mit den glänzenden Sternen, und meine Liebe iſt die Sonne am blauen Himmel die immer leuchtet, und deine der ſanfte Mond in der Nacht.“ „Und meine Mutter muß es wiſſen“ ſetzte ſie hinzu. „Niemand auf der Erde, als ich und du. Ich kenne deinen Vater.„Geh, laß ſie, Eugenius,“ wird er ſagen, und ich ſehe dich nicht wieder.“ „Das wird er nicht ſagen.“ „So lange ich arm war. Aber jetzt bin ich reich. Ich bin der Herr von Boiſen, in deſſen Adern edler Fürſten Blut rollt. Das wird meine Mutter ſagen. Dein Vater wird ſagen: ſie hat Recht, und ich darf dich nicht wieder ſehen. Ich darf nicht, wenn dein Pater mir ſagt: du darfſt nicht!“ „O was raͤthſt du mir, lieber Eugenius?“ fragte Sophie in hinmliſcher Unſchuld, das klare Auge voll Thraͤnen auf ſeines geheftet. Die Frage verwirrte ihn. Er antwortete lange nicht. „Frage deine Liebe, Sophie! Denn haſt du ja ge⸗ ſagt, ſo biſt du mein; und brichſt du dein Wort, Sophie, ſo grabe nur mein Grab! „Ich bin dein! Ewig dein! Hier iſt meine Hand; über meine Lippen ſoll nicht ein Wort kom⸗ men! Sage mir, was ich ſoll! Das Schwerſte kann ich. Fodre, ich will es thun.“ „Nun ſind wir eins, S ophie! Ein Engel 2 Lafont. die Pfarre zc. E ““ — 98— hat meinen und deinen Schwur gen Himmel getragen, hörſt du?“ „und häͤtte ihn kein Engel gehört, ſo will ich ihn doch halten, deinetwillen.“““ „So höre! Wir ſind nun eins, und in mei⸗ ner Seele darf von jetzt an kein Gedanke ſeyn, den du nicht weißt.“ Er zog den Brief ſeiner Mutter hervor. Ekre kas ihn ihr langſam vor. 3 „Warum bleibſt du nicht bey uns?2 „Weil ich gehorchen muß; denn ſie iſt meine Mutter,“ „Mußt du gehorchen: wie willſt du deinen Schwur halt en?“. „Ein Mann muß wiſſen, was er will. ITh will nicht verkauft ſeyn/ Sophie! Mich ſoll nichts, nichts von Euch trennen. Ich bin Euer, ich bin der Sohn deines Baters. Meinſt du, ich bin blind, taub, ohne Sinne? Es iſt ſchrecklic. Die Mut⸗ ter gab mich einem Fremden; der Fremde wurde mein Vater, deine Mutter wurde meine Mutter, und du wurdeſt mein— Alles. Meine Liebe warf ſie weg; und jetzt— jetzt— Ich muß gehen, Lie⸗ be! Aber dein mußt' ich ſeyn, dein!"”“ „Das Geld darfſt du dem Vater nicht biethen!”“ „O gewiß nicht! Ihr hartes Herz both es ihm. Aber ſiehſt du, daß du mein biſt; dir konnte es ſagen; deinem Vater nicht. Nun ſieh, mei Sophiel da ich nicht weiß, wie es mir g wird; da ich nicht weiß, ob ich je wieder hierher dar „Hierher?“ 6 „Hierher! Meinſt du, dein Vater wuͤrde ein⸗ willigen, daß du mein wärſt?⸗“— „Sie ſah ihn aͤngſtlich an. „Hoffe du nicht. Und Sophie, könnteft du ohne mich glücklich ſeyn? Ich frage dich. „Nein, o nein!“ „Siehſt du nun! Darum müſſen wir zuſam⸗ menhalten. Und darum kann es ſeyn, daß ich nicht wieder hierher dürfte. Ich will dir ein Zeichen geben, wenn ich hier bin. Gib mir das rothe Band von deinem Hute.“ Sie band es aͤmfig ab. „Wenn du dieſes Band an deinem Kammer⸗ fenſter gebunden ſiehſt, ſo bin ich unter dieſer Eiche. Hier findeſt du mich. Biſt du mein?, Sie ſiel an ſeine Bruſt zum erſten Mahle in einem ſchönern Gefühle, als ſonſt. Er küßte die rothe Wange.. Nun ſtand er auf.„Was auch vorgeht, So⸗ phie, was ſie dir auch von mir ſagen, glaube nichts, als daß ich dir treu bin! Blau iſt die Far⸗ be der Treue, und du ſagteſt ja: meine Liebe waͤ⸗ re wie der blaue Himmel. O Sophie, ich ge⸗ be dir meine Zukunft in die Haͤnde; verwahre ſie in deinem Herzen! Und nun bitte ich dich, laͤchle, wenn ich morgen gehe. Ich komme ja wieder, So⸗ 2 — 160—— 4 phie! Niemand ſoll unſre Liebe wiſſen, als ich und du, und der treue Himmel!“ Siee ſtanden lange in einer ſüßen Umarmung. Ihre Herzen pochten zum erſten Mahle in einer ſü⸗ ßen Unruhe. Die Liebe zog ſiegend in ihre Herzen ein, und wohnte innig neben der unbefleckten Un⸗ ſchuld in der Seele. 2 Eugenius ſuchte den Oberförſter auf.„Ich habe einen Brief von meiner Mutter, Vater! Sie hat von ihrer Tante einen unermeßlichen Reich⸗ thum geerbt.„. 1 Die Stirn des Oberförſters runzelte ſich. Denn das Wort Reichthum warf alle ſeine ſchönen Hoff⸗ nungen für die Zukunft auseinander.„Hm! was ſagſt du dazu, Eugeniuss „Nichts, gar nichts. Ich war gluͤcklich. Denn ich muß zu Hauſe.“. „ Shreibt ſie das?“ „ Ja. „Es hat dich unruhig gemacht .„Weil ich hir ſo ruhig, ſo glücklich war.“ „Reichſeyn iſt ein Glüͤck.? „Wenn ich den Reichthum beherrſche.“* „Das iſt gut, Kind. Denke nur ſo!“ „ So haſt du mich gelehrt, Vater! Doch bin ich umuhig.“ 3 „Wovor 241 5. „Ack— Gib mir deinen Segen mit, Pa 2 zer!“ — 101— 3 „Du haſt ihn! Thue alles, was deine Mutter von dir fordert. Es iſt eine Mutter, ob du ſie gleich nicht kennſt.“ „Alles?" „Eine Mutter forder⸗ nichts was ein Sohn nicht bewilligen dürfte.“ „Ein Sohn wird nicht abſchlagen, was er geben darf.“ „So ſind wir Eins.“ „Wir ſinds gewiß, Vater! Wenn ſie forderte ich ſollte dich vergeſſen, meine Mutter hier, meine Schweſter?“ „Fodert ſie das?"⁷ „Sie legt einen hohen Werth auf die Ge⸗ burt.“ „Weil ſie Werth hat.“ „Aber nicht den höchſten.“ 8 „Nachgeben iſt eine große Tugend, mein Sohn!“ „Aber nicht hingeben, was die Ehre zu erhal⸗ ten befiehlt.“ „Kann ich den Brief ſehen?“ „Nein! Aber gib mir einen beſſern Segen mit, Vater!“ Der Oberförſter wurde weich. Er ſagte:„ſey ein guter Sohn, wie du mein guter Sohn warſt.“ „Dein Sohn muß ich bleiben, Vater, und darumwerde ich meiner Mutter ein guter Sohn ſeyn./ „ Darum nicht.“ „ Bey Gott! Darum! Denn ich kenne meine Mutter nicht. Iſt es meine Schuld, daß ſie mir eine Fremde iſt?“ „Mein Sohn, leg in der letzten Stunde kei⸗ nen Schmerz auf meine Bruſt.”“ „O nein, nicht ich,“ rief er, und ſiel zu ſei⸗ nen Füßen—„Vater gib mir deinen Segen!“ „So nimm ihn. Fülle der Fremden Herz mit Mutterliebe. Du lagſt unter ihrem Herzen, rei⸗ ße an dem Herzen, bis es dein iſt!’"“' „Und wenn es mich dann zum zweyten Mahle verſtößt? „O Herr des Hinmels: S So ies⸗ f. deſts mehr! Sey dir ſelbſt treu!“ „Da habe ich deinen Segen, Pater!““ „Er bedeutet nichts anders, liebes Kind!“ „Gewiß nicht! O gewiß nicht! Kannſt du je aufhören, mich zu lieben?“ „Nein! Nein, mein Su genfus s „Welch ein Menſch mühte ich ſeyn, wena ich es könnte! Meinen Pater, meine Mutter, meine Schweſter werde ich zurückſehend ſegnen, ſo lange ich athme. Dieſe theuern Nahmen werden von zittern⸗ den, von bethenden Lippen fließen. 0, kann ich davor, wenn ich dort ankomme, daß ich fragen muß, wer iſt mein Vater, wer meine Mutter? „Kind, du haſt etwas Gefahrliches vor. 13 „Mein Vater, ich klage nur, daß es lange dau — 103— ern wird, ehe ſie den Sohn in mir lieben werden. Wie leicht könnten ſie den Fremden haſſen, ehe ſie den Sohn liebten, der ſich unter ihnen eindraͤngt. Ach, und wenn ich immer der Fremde bliebe; wenn Haß ſtatt Liebe— „So komme⸗zu mir zurück.“ „Vater, das war der Segen, den ich wollte.“ „War es nur der: o ſo bitte ich dich, wenn ſie dich liebten, ſo kehre doch zurück. Rein, ſo werden ſie dich nicht lieben als wir.“ Eugenius ſchaute ihn hell an. Er fiel begeiſtert in ſeine Arme. Der Oberförſter zog ihn mit ſich zu Hauſe. Er warf ſogleich ſeinen Blick auf Sophien; aber Sophie, der Bitte des Geliebten eingedenk, verrieth ſich nicht, obgleich die Wange röther glü⸗ hete, und in den hellen Augen eine ſchönere Flam⸗ me brannte als ſonſt. Sie laͤchelte wie Zemöönlich. Der Vater ſchloß daraus, ſie wuͤßte noch nichts. Da machte er das Geheimniß bekannt. Liebröschen erſchrack, und ſie warf ihren Blick auf Sophien, auf deren Wangen ſie eine Todtenblaͤſſe erwarten; aber Sophie horte die Er⸗ zählung von Eugenius Abreiſe ziemlich ruhig an. Am Abend gab der Vater ein kleines haͤus⸗ liches Feſt. Am andern Morgen ging Sophie mit dem Geliebten, noch einmahl alle ihre Leblngs⸗ ſtellen zu beſuchen. “ — 104— Unten im Muͤhlthale, in dem feyerlichen Dun⸗ kel der am Berg heraufſteigenden Eichen, am Ran⸗ de des rauſchenden Bachs, wo ſie tauſendmahl ge⸗ ſeſſen hatten, nahmen ſie Abſchied. Sie gab dem Geliebten einen Ring von ihrem Haar, den ſie die Nacht durch für ihn geflochten hatte. Er gab ihr nichts als den Handſchlag des treuen Mannes; aber der Glanz eines lodernden Feuers flammte auf Sophiens Wange, da er ſie zum erſten Mahl Braut nannte. Das Worr drang wie ein hei⸗ ßer Pfeil durch ihre Seele, wurde in ihren Augen zu Thräͤnen, auf ihrer Wange zu Purpur, in ihrem Herzen zu einer ſüßen Beklemmung, und in ihrer Seele zu einem heiligen Altar, an dem ſie ewige Treue gelobte. Ihre zitternde Hand faßte ſeine, und drückte ſie auf das beklemmte Herz. Aber ih⸗ re Lippe, die ſonſt ſo vertraut war, konnte das Wort, was ihre Seele dachte, nicht ausſprechen. Eine höhere Röthe, heißere Thränen und eine ſüße Unruhe deuteten es nur an. Eugenius war ihr in dem Augenblicke fremder geworden, das Auge ſenkte ſich zum eſten Mahl vor ihm, die Hand, die ſeine drückte, zitterte. Die Lippe hauchte ganz andre Töne auf den Nahmen Eugenius, und ſchloſſen, den Segen ſeines Vaters zu bewahren, 3 ein im tiefen Gram brechendes Herz verſſegelte ih⸗. re Liebe und den Abſchied. Eugenius ging; aber immer feſter ent⸗ ſich ſelbſt treu zu bleiben. Ohne daß jemand ihm ein Wort von ſeiner Mutter geſagt hatte, wußte er dennoch ſehr viel von ihr. Er hatte den Ober⸗ förſter einmahl mit dem alten Boiſen von einer Frau reden hören, und er errieth, es war ſeine Mutter, und ihr Brief gab ihm das Licht, was ihm fehlte. Es war ſeine erſte Reiſe in eine ſo be⸗ traͤchtliche Ferne, und eben darum machte er ſie zu Fuß, in Begleitung eines ſchoͤnen Jagdhundes, den er ſelbſt erzogen hatte. Er kam Abends in der Stadt an, in der ſeine Aeltern wohnten. Es war ſpaͤt am Abend. Man zeigte ihm ein erleuchtetes großes Haus als das väterliche. Er trat mit einem Schauer, und dennoch mit einem heheinnen Ver⸗ gnügen hinein. Ein junger Offizier begegnete iöm, und frag⸗ te nach ſeinem Begehren. „Mein Bruder! O mein Bruder!“ rief Eu⸗ genius. Er erkannte ihn am Geſichte, was ſei⸗ nem eigenen unbeſchreiblich ähnlich war, und der junge Offizier führte ihn zu ſeiner M utter ins Zim⸗ mer.„Hier bringe ich ihnen meinen Bruder! Der Vater ſchloß ihn lautſchluchzend in ſeine Arme, ſeine Schweſter, in Sophiens Alter ſtürzte mit einem lauten Freudengeſchrey in ſeine Arme. Er fiel von einer Umarmung in die Andre. Die Mutter hielt ihn lange an ihrer Bruſt mit lautem Weinen feſt. „O du mein verſtoßener Sohn!“ rief ſie einmahl über das andere.„So habe ich dich wie⸗ — 166— der! O ſo lebſt du doch nun endlich wieder unter Menſchen, vor denen du nicht erröthen darfſt!!³ „O Louiſe, ich bitte dich, bring ihn doch nicht hier in der eſten Minute zum Erröthen! Was macht mein edler Freund, mein Sohn? Daise Pflegevater?“ Eugenius ſtand mit finſtern Blicken un⸗ ter ihnen. Er ſah ihre Thränen wohl, aber er hatte keine. In dem Augenblicke aber rollten die Tagen vor. Die Mutter hatte nur noch Zeit zu fragen: „wo iſt dein Koffer, Eugen? Zieh dich an! Ich will dich der Geſellſchaft vorſtellen.“ „Ich habe die Reiſe zu Fuß gemacht.“ Er bath, man möchte ihm heute Ruhe vergönnen. Ein Zimmer wurde ihm angewieſen. Seine Schweſter ſtahl ſich, ſo oft ſie konnte, aus dem Geſellſchaftsſaale zu ihm. Sie umfing ihn mit ſchöner ſchweſterlicher Liebe. Aber in ihren feurigen Liebkoſungen war etwas Geheimnißvolles; ein Zug von leiſem Kummer. Der Vater kam. Er mußte— ihm von dem Oberförſter und ſeiner Familie erzäh⸗ len, und Eugenius erzaͤhlte mit einer warmen Begeiſterung von ſeinem glücklichen Leben dort. „Ach Vater,“ ſagte die Tochter—„wie wollen wir ihm hier erſetzen, was er dort hat aufodlan müſſen!* „Wir wollen ihn lieben, m wie ſie ihn dort ge⸗ liebt haben.“* 3 Am andern Morgen wurden Schneider in Be⸗ wegung geſetzt, den jungen Menſchen umzuge⸗ ſtalten. Die Mutter betrachtete den Sohn mit einem recht mütterlichen Triumphe. Sie freuete ſich be⸗ ſonders über ſeine Aehnlichkeit mit ſeinem Bruder. Sie waren ſich aͤhnlich in allen Zügen. Je⸗ der haͤtte die Brüder erkannt. Aber Alexan⸗ ders Geſichtszüge waren alle ſcharf geſchnitten. Die hohe Stirn ſtand mehr vorüber dem Auge, das nur von Zeit zu Zeit Blitze ſchoß. Die Naſe war gebogener, der Mund feiner und ſpöttiſch laͤchelnd. Die Wange hatte keine andre Röthe, als welche die feſt angezogene Binde dem Geſichte gab. „ Gut!“ ſagte Alexander—„ſo bedarf ich keines Spiegels mehr, wenn Eugen mir ſo ahnlich iſt.““ „O ja,“ ſagte Roſamunde— ſo huß die — Schweſter—„gewiſſe Kleinigkeiten abgerechnet. Sein Auge iſt ein reiner Himmel, deins eine dunk⸗ le Wolke, aus der Blitze ſchießen. Die Morgen⸗ roſen auf ſeinen Wangen hat die Natur und die Geſundheit wachſen laſſen, deine Wange brennt laͤchelt wie du, weil er liebt; du lächelſt wie er, weil du haſſeſt.* „ Glaube ihr nicht, Eugen; ſie wird dich auch qualen,“ ſagte lachend Alex ander. von Feuer, ich möchte wiſſen, von welchem? Er A — 108— „Ich glaube ihr nicht,“ antwortete Euge⸗ nius, iinſter auf ſeine Schweſter hinblickend. Sie liebten ſich hier alle, ſah er wohl; aber es war eine andre Liebe, als die im Forſthauſe. „Ein wenig geſalzen,“ ſagte Roſamunde —„damit ſie ſich hält. Wir laſſen ſie hier feſtfrie⸗ ren, Eugen, damit wir ſie, wie die Ruſſen ihre Lebensmittel, wieder friſch zu Markte bringen kön⸗ nen. O du armer Landmann, du ſollſt hier noch viel lernen, in unſerm Vexierleben, indem der arme Witz jede Rolle ſpielen muß, und das Herz den ſtummen Statiſten macht. Wir geben hier der Lie⸗ be, wie dem Golde, einen Zuſatz von ſchlechtem Metall, damit ſie nicht zu weich ſey und zu blaß.“ Die Mutter laͤchelte ſtolz über den Witz ihrer Tochter; aber Eugenius ſah an den dunkeln Blicken, daß dieſer Witz die letzte Wehre eines heimlichen Schmerzes war. Er ſing ſie an zu 8 lieben. Nun fragte die Mutter ihren Sohn, ob er dem Oberförſter das Geld bezahlt hatie „Nein! dieſe Schuld iſt mein. Die trage ich ab, liebe Mutter! Sie iſt bezahlt. u —„Wie denn?“ „Mit dem armen Worte: Vater! 14 „O Bruder Alexander, könnteſt du deine Schulden ſo abbezahlen! Was meinſt du? Aber hätteſt du alles Geld der Erde: das arme Wort Vater, würde dir dennoch fehlen.“ Hier warf der Vater einen truͤben Blick gen Himmel. 3 „Kaſſandral ſagte Aeronber—„denk an dich ſelbſt!“ Roſamunde warf einen finſtern Blick auf den Boden, und verließ das Zimmer. Ach, wie ſehnte ſich Eugenius hinaus aus dieſen ſte⸗ chenden Flammen an die ſanfte Waͤrme der Liebe im Forſthauſe! Aber er hatte ſich vorgeſetzt, zu bleiben.. Der Mutter Auge ruhte lange auf dem Geſichte des Sohnes. Sie wollte erforſchen, wie weit er für ihre Plane von dem bürgerlichen Oberförſter verdorben wäͤre. Sie ſah noch nichts, als daß ihm das Leben hier anfangs nicht gefallen würde. Aber ſie rechnete auf den Reitz der großen Welt, und ſchwieg. Der junge Landmann wurde eingefuͤhrt, und Alexander prophezeihte ſogleich, daß ſein Bru⸗ der nie für die Welt taugen würde. Die Mutter bath ihren Eugen, ein ander Mahl mehr zu reden, und, was er ſagte, nicht ſo heftig zu behaupten.„Es iſt ja, lieber Sohn, in der Geſellſchaft gar nicht um Wahrheit zu thun. 74 „Gar nicht, Bruder,“ ſiel Roſamunde ein—„weder um Wahrheit, oder ſonſt etwas, was du mit deinen blitzenden Augen, mn geiſterten Stimme und mit deiner tragiſche Acti verſichi 3 Er fragte ſie ſie ſtark in ſeine Arme drückend: wmas iſt die, Roſamunde? ein Schmerz arbei⸗ iſt 2“ fragte ſie—„guter Freund, das Herz will nicht antworten.“ — 110— der Geſellſchaft zu thun. Man koͤnnte ganz ſtumm ſeyn, es waͤre eben ſo viel. Und willſt du reden, Bruder, da du dir das auf dem Lande angewöhnt haſt: ſo mache deine Satyreg, denn das iſt die Münze der Geſellſchaft, wie die ſtachlichen Roſen⸗ äpfel, in Zucker ein, und ſage ſie kalt, leiſe, laͤ⸗ chelnd, ohne deine Hände, wie ein Prophet, zum Himmel zu heben, her. Sieh deinen Bruder Ale⸗ pander; eine Welt wird er nicht erobern, aber eine Geſellſchaft gewiß. Er kann eine Tugend zer⸗ ſtören ohne Leidenſchaft, bloß um nachher in einer Geſellſchaft ſein eigener Herold zu ſeyn, um ſei⸗ nen Sieg auszurufen, ohne Leidenſchaft.“ „ Ich bite dich, Schweſter, rede nicht ſo!“ rief Eugen mit Leidenſchaft. Alexander läaa chelte nur.. O wie ſehnte er ſich auch von der Schweſter* weg nach dem Forſthauſe!. Aber den erſten Augenblick, den er mit R o⸗ famunden allein war, ergriff er mit Heftigkeit. tet in deinem Herzen.“ Sie wehrte ſeine Heftigkeit ab.„Was mir dem Kopfe nicht zuſtimmen. Es gibt Augenblicke, wo ich verzweifeln möchte, um das alberne Spiel— zu endigen. Frage nicht wieder! denn ich will — 111— „Du ſollſt antworten, wenn du mich liebſt.“ „Liebe ich dich denn?“ fragte ſie bitter.— „Doch ja, ich will dir antworten. Im Maymond der heiligen Jugend fiel ein Roſenblatt der Liebe an eine reine Bruſt, aber zwiſchen die Brillante blume des Ranges. Es verwelkte dort, und es blieb nichts übreg, als die kalten glaͤnzenden Steine.“ „Roſamunde, deine Mutter—“ Sie ſchüttelte heftig den Kopf, und aus ih⸗ ren Augen ſpritzten Thraͤnen.„Ich ſelbſt!“ ſagte ſie/ und ging ſchnell in ihr Zimmer. Aber er folg⸗ te ihr. Sie ſaß an ihrem Claviere, und ſpielte ei⸗ ne einfache rührende Melodie, Er beugte ſeine Stirn auf ihre Schulter, und ſie fühlte ſeine hei⸗ ßen Thraͤnen auf ihre Bruſt herabrinnen.„Ich bitte dich, Eugen, erinnre mich nicht zu ſehr; auf dieſen Tönen erklingt ohnehin eine ferne ge⸗ liebte Stimme, und höre ich ſie, ſo möchte ich dennoch ſagen: o meine Mutter! Es gab einen Moment, wo ich glücklich war! Und iſt das nicht genug? Ich bitte dich, laß das gut ſeyn. Es iſt ja vorbey! Geh, damit ich dich nicht haſſen muß!“⸗ Er ging, und fragte ſeinen Bruder„Pah!“ ſagte der lachend—„die erſte Liebe des jungen Herzens zittert lange nach. Das wird ſich geben. Das Herz kömpft mit dem Kopfe, der Kopf ſiegt. Da haſt du das Spiel des Lebens. Ein jeder ſehe dahin, daß der Kopf nicht ſiegt, wenn es zu ſpät ““ — 112— iſt. Bruder Landmann, ich möchte dir wohl ra⸗ then, dieſen Streit bald zu endigen. Es iſt gut, wenn man frey iſt.“ „Was nennſt du frey?"„ Er lachte. 4 „Du lachſt? „Ja, und das eben nenne ich frey. 1 O wie ſehnte er ſich nach dem Forſthauſe! Wie viel mehr ſehnte er ſich, da in ſeinem Hauſe ein Herr von Zweigen erſchien, den die Mutter ihm, als den künftigen Verlobten ſeiner Schweſter, leiſe ankündigte. Er war eine große, breitſchultrige, viereckte Geſtalt, auf deren Schei⸗ tel ſtatt Haar Puder lag, mit einem todten, aus⸗ gebrannten Auge, glatten trocknen Lippen, die nicht trockner waren als ſein Herz. Dieſe blaßen Wangen hatten geblüht, ſah man, die Jahre hat⸗ ten ihnen die Roſen nicht genommen, ſondern die Sünde. Er, war dreyßig Jahre alt, ſagte er; ſein Taufſchein ſetzte fünf Jahre hinzu. Er war in England, in Paris, in Italien geweſen. Er war in Windſor der königlichen Familie und den erhabenen Kartons Raphaels vorgeſtellt worden; aber er redete von beyden nicht, ſo hoch⸗ müthig und ſo ein großer Kunſtkenner er auch war, ſondern mit Entzuͤcken von den room of beanties. —„Ich wünſchte,“ ſagte hier Roſamunde— „Sie häͤtten an i K. arls des Se n Hof⸗ gelebt. — 113— den Vorwurf oder den Wunſch des Maͤdchens em⸗ pfunden hatte. Er ſagte alles, was er ſagte, oh⸗ ne Accent, Satyren und Kunſturtheile, als hätte er ſie auswendig gelernt, was Eugen auch mein⸗ te.„Er hat Geiſt, beydes zu kennen,“ antwortete Roſamunde—„aber kein Herz, es zu füͤhlen. Er iſt nicht einmahl gut genug, um boshaft zu ſeyn.“ 3 15 Eugen erſtarrte vor dem Urtheil ſeiner Schweſter über— ihren Verlobten. Und doch fand er hernach, ſie hatte Recht. Er bekümmerte ſich um keinen Menſchen. Was er wuünſchte, verſchaffte ihm ſein Reichthum. Er that niemanden wehe, wenn ſein Weg keinen frem⸗ den durchkreuzte; dann that er ungern und ſo we⸗ nig als möglich wehe. Er bedurfte der Freundſchaft nicht, nicht einmahl ihres Scheins, nur der Ge⸗ ſellſchaft. Er bedurfte der Liebe nicht. Er haßte ſogar ihren Schein, weil er ihn für Taͤuſchung oder Betrug hielt. Er, er hatte nur Sinne. Tu⸗ gend, Religion waren für ihn nur die Hemmket⸗ ten, die der Staat dem Pöbel⸗ anlegte. In ſei⸗ nem Stande that der Anſtand und die Ehre das⸗ ſelbe. 3. Er war bekannt dafur, daß ſich mit ihm vor⸗ trefflich leben ließ. Man pries Roſa munden glücklich, daß ſie das Intereſſe dieſes Mannes hat⸗ te auf ſich ziehen können. Denn Liebe fühlte er nicht, nicht einmahl die Liebe für ihren Reitz, fuͤr — 114— dre Tugend. Der Reitz ihrer Satpre hatte ihn angezogen, die Feinheit ihrer Sitten, die raſche Gegenwart ihres Geiſtes. Er dachte kalt dann: Roſamunde wird mein Haus zu einem Aufent⸗ halt der Freude und des Vergnügens machen. Am Hofe lebte er nur im Winter ein paar Monathe, ſo gern man ihn immer gehabt hatte. Freyheit war ſeine Göttinn, und Alexander, der ihn bewunderte, ſagte es ihm nach. „Iſt es möglich, o iſt es möglich,“ rief Eu⸗ gen, und ſchlug die Haͤnde zuſammen—„daß die Mutter ihm die Tochter gibt? O Himmel, iſt es möglich, daß Roſamunde ihn nimmt?“ A ber nach fürchterlichen, entſetzlichen vier Wo⸗ chen ſah er ſeine Schweſter, mit Brillanten bedeckt, mit dem Manne, der nicht einmahl gut genug war, ein Boͤſewicht zu ſeyn, vor dem Altare ſtehen, und er rief noch eiamahl:„iſt es möglich, oGott in deinem Himmel, daß man deines beilägſten Se⸗ gens ſo ſpottet?“ G Er hatte beſchloſſen, in ſeiner Aeltern Hauſe zu bleiben, bis man ſeine Liebe zu Sophien an⸗ taſtete. Sein Entſchluß wurde an dem Hochzeits⸗ tage ſeiner Schweſter wankend. Er hatte große Luſt, auch gegen den Willen ſeiner Aeltern zu dem DOsberförſter zurückzukehren. 3 Ehe die junge Frau den Tag nach der Hoch⸗ zeit das vaͤterliche Haus verließ, bath ſie Euge nen zu ſich in ihr Zimmer.“ ——— war es. — 1 15— Sie ſah ihn mit kalten Blicken an, ſchloß mit einer raſchen Heftigkeit ihren Schreibetiſch auf, bohlte Papiere hervor, mit der Miene, ſie ihrem Bruder zu geben. Sie ſtand wieder an, erblaßte, Thraͤnen füllten die vor Zorn und Verachtung bli⸗ tenden Augen. „Da nimm!“ ſagte ſie—„was ſoll der Un⸗ gluͤcklichen ein Andenken an eine Liebe, die eben ſowohl der Spaß des Schickſals iſt, als das Le⸗ ben ſelbſt! Und doch begleitet ein ſchoͤner Traum ſie, ein Traum, daß ſie ewig beglücken kann! wird!“ Sie legte die zitternde Hand an die Stirn, dann auf das verödete Herz.„Und wenn ich bedenke, hob ſie wieder an, die Arme ſtarr herabſtreckend und mit Schauder—„Idaß ich dennoch in dieſem Paradieſe ewig eine Fremde geblieben ware, wie ein Sünder unter den Heiligen; daß ich nur ſo ſe⸗ lig war, weil ich mich ſo geliebt ſah, nicht weil ich ſo liebte, und daß ich nicht ſo lieben konnte, weil ich ſo erzogen war! Ach und bedenke, daß die⸗ ſes Herz an ſeiner Bruſt die Liebe dennoch gelernt, und das hohe Glück, geliebt zu ſeyn, verdient haͤt⸗ te, o ſo— ſo— Mutter! Mutter!““ „9 Roſamunde, warum gabſt du denn dei⸗ ne Hand dieſem Manne, dieſem?" „Weil ich mußte. O das iſt der Fluch des Reichthums, das alles, was er berüͤhrt, zu kaltem, hartem Metalle wird! Ich war ja verloren! Ich Sollte ich denn die Flamme des Haſſes — 216— ₰ zwiſchen meine Aeltern werfen? Wenn der bren⸗ nende Zorn meiner Mutter mir befahl, und der be⸗ kümmerte Blick des gebeugten Vaters das Opfer für mein Nein wurde— die einzige Handlung blieb mir übrig. Ich habe ſie vollendet. Da, nimm, lies und erinnere mich nie wieder an die jetzige Stunde!“ Roſamunde war in eem erehaten Jah⸗ re über gewiſſe gefährliche Gegenſtande klüger, als gewöhnlich ein Mädchen von achtzehn Jahren.— Des Kindes Mutter war fromm, ſie wollte alſo die Confirmazion ihrer Tochter abwarten, ehe ſie Roſamunden in die Welt führte; aber des Maͤdchens Geiſt und Körper eilten ihrem Alter und dem Unterrichte der Mutter vor, und ſie webte noch vor dieſem großen Zeitpunkte, wo das vier⸗ zehnjährige Maͤdchen aus dem Paradieſe der Un⸗ ſchuld der Kindheit, aus dem Unterrichte und von dem heiligen Altare mit Einem Schritte mitten unter die Netze ſeines eigenen Herzens, und aller männlichen Blicke der Bewunderung und der Ei⸗ ſerſucht ihres eigenen Geſchlechts hineintritt:— Roſamunde webte ſchon vor dieſem Zeitpunkte ganz feine, obwohl kindiſche Netze, die ſie überal aushing, wo ſie einen Halt fanden. Die Mutter ließ vier Wochen hingehen, um dem Heilig! Heilig! Heilig! des Altars, das noch in dem Herzen der Tochter nachzitterte, ſein Recht zu thun. — 117— 1 Dann aber erzffnete ſie der Tochter den Schau⸗ platz der Welt, auf dem ihre Schönheit den Schau⸗ ſpieler, und die Klugheit den Souffleur machen ſollte. 4 Die Mutter war viel zu gewiſſenhaft, als daß ſie Roſamunden alles geſagt hatte, was ſie heimlich wünſchte und dachte; aber ſie bedachte nicht, daß die Mädchen ohnehin geborne Parzen ſind, und nichts lieber thun als Netze weben, wo⸗ rin die Schickſale der Maͤnner ſich fangen ſollen. Aber aus Roſamundens ſchöͤner Natur, und aus dem Heilig! am Altar, und der Unſchuld der Kindheit, die auch ein Heilig und ein Altar iſt, war zu viel übrig geblieben, als daß nicht ein beſſerer Geiſt als der Geiſt der Buhlerey oft an ihre Seite getreten waͤre. Die Sehnſucht nach Liebe, die wie eine Non⸗ ne unſichtbar und heilig in jungen Herzen wohnt, hörte nie auf, ſich zu bewegen. Und wenn das Maͤdchen ſich ſogar allen Triumphen der Eitelkeit hingab, ſo umhüllte ſie ihre Eitelkeit mit ſo viel ſchönen Blumen der Unſchuld, der Gefaͤlligkeit, der Freude und der Zartlichkeir, daß ſie trotz ih⸗ rer Bekanntſchaft mit der Welt immer in Gefahr war, eher ſelbſt gefangen zu werden, als zu fan⸗ gen. Und das geſchah. Ihre Mutter machte die Bekonntſchaft einer ljungen Mannes, der an der Schule in der Stadt, wo die Frau von Boiſen wohnte, Lehrer der — 118— ſchoͤnen Wiſſenſchaften war, ohne Gehalt zu neh⸗ men. Er war reich. Er unterrichtete, weil er das Geſchaͤft liebte. Der junge Mann redete Engliſch und Franzöſiſch, war ein Dichter, ein Muſiker, kurz er war der Mann, der Roſamunden zum Unterrichte fehlte. 21 Die Mutter gewann den jungen Mann. Er kam, er ſah Roſamunden, die fünfzehn Jah⸗ re alt war, und ſiebenzehn ſchien, wenn ſie ernſt da ſtand, und dreyzehn, wenn ſie für ſich ſpielte, und erboth ſich, ſie zu unterrichten. 1 Er thats; und Roſamunde hatte nie ſo viel Achtung gegen einen Mann gefühlt, als ge⸗ gegen ihren Lehrer, der auf dem jugendlich ſchö⸗ nen Geſicht eine ſanfte Anmuth und die ſtolze Würde des Mannes trug. 1 3 Sie erſtaunte, denn er war der erſte Mann, der ihr nicht ſchmeichelte, und eben darum wollte ſie mehr von ihm gewinnen, ſeine Achtung. Sie war unbeſchreiblich aufmerkſam und flei⸗ big, und die eine Stunde, die er ihr taͤglich gab, dehnte ſich nach und nach in zwey aus. Schlicht, er hieß wie ſein Charakter,— fand bey ſeiner Schülerinn, was er vergebens lan⸗ ge geſucht hatte, bey einer lebhaften Phantaſie ein warmes Herz, bey dem Geiſte Verſtand, und ne⸗ 5 ihres Geiſtes entfaltete ſich vor ſeinen Blicken im⸗ mer ſchöner, und ſein Unterricht dehnte ſch im⸗ „ ben der Neugierde Wißbegierde. Der Reichthum mer weiter über alle Zweige des weiblichen Wiſſens aus. Roſamundens tiefe Hochachtung wuchs immer höher gegen ihn. Sie wagte es nicht, aus einem ſeinen Inſtinkte ihre kleinen Künſte an ihn zu uben. Sie unterließ es aus Hochachtung. Auch blieb alles ein ganzes Jahr ſo: ein Beweis, wie ſtolz dieſer Mann war. Aber jetzt wurde aus dem Unterrichte zuwei⸗ ken ein Spaziergang, eine Luſtbarkeit, bey der Roſamunde nicht mehr Schülerinn war, ſon⸗ dern Mädchen; und Schlicht fühlte eine Unruhe in ſeinem Herzen, wenn er das ſchöne Maͤdchen auf den Schwingen der Freude ſo ſchön wie eine der Horen ſchweben ſah. Er fühlte aber auch eben dieſe Unruhe, wenn ſie ihm im Unterrichte ge⸗ genüber ſaß das ſinnende Auge auf das Buch, auf die Noten oder auf ſeinen lehrenden Mund ge⸗ richtet.. Zuletzt fühlte er eben dieſe Unruhe, wenn er ſie gar nicht ſah. Er brachte endlich nach manchen Tagen der Unruhe heraus, daß er auf dem Wege war, ſeine ſchoͤne Schulerinn zu lieben. Und er fuhr zurück. Denn er hatte ſehr wohl an Roſamun⸗ dens Mutter gemerkt, daß ſie trotz ihrer Armuth gar nicht Willens war, ihrem Range et was zu vergeben, ſo unbeſchreiblich artig man ihn auch be⸗ handelte. Er haͤtte wohlgethan, von dieſem Tage an — 120— wegzubleiben, ſtatt zu meinen: ein Mann koͤnnte Herr über ſein Herz ſeyn. Denn dieſer Kampf mit ſeinem Herzen brachte ihn um ſeine Unbefan⸗ genheit bey Roſamundens Unterrichte, und zweytens ſah Roſa munde recht wohl, daß er, wenn ſie las, ſein Auge, dunkel und unruhig, auf ſie richtete; daß er, wenn ſie mit ihm in dem⸗ ſelben Buche leſen mußte, ſeine haltende Hand neben ihrer lag, ſeine Wange faſt die ihre berühr⸗ te, daß er dann noch unruhiger war. Und bey einem Maädchen, wie Roſamunde, die ſchon rrecht lange es bewundert hatte, daß Herr Schlicht ſo kalt blieb, konnte das nicht ohne Folgen ſeyn. Die erſten Tage beobachtete ſie ihn nur, um ihn recht auf der That zu ertappen. Jeder Blick war die That, und in ihrem Herzen ſtieg der ſchö⸗ ne Triumph auf, der ſchönſte jedes Herzens, ſich geliebt zu ſehen, und von dieſem edlen Menſchen. Sie blieb ſich ſelbſt gleich. Da aber Schlicht ſeine Gränze nicht überſchritt, ſondern faſt kälter wurde, da ſetzte ſich die junge ſchöne Parze an ſein Gewebe und webte ſo amſig.. Er hatte die Mutter recht flehentlich gebethen, Roſamunden nie einen Roman in die Hände zu geben.„Ach, er wußte nicht, daß die Unterre⸗ dungen zwiſchen Mutter und Tochter ſchlimmer wa⸗ ven, als alle Roinane! Die arme Mutter verſprach es ihm; denn ſie hatte keinen Roman; aber der Bruder ſteckte ſeiner Schweſter die neue Heloiſe— 6 zu, und gerade in dieſem Zeituunkte, wo ſie mit der alten und der neuen Heloiſe in einem Falle war. Aber ſie jauchzte laut, da ſie die erſten Briefe geleſen hatte.„Puissances du ciel!e rief ſie mit dem Entzücken, nicht der Liebe, ſondern des Triumphes, aus demſelben Roman ſpielen zu können, den ſie las. Sie erwartete alle Tage einen Brief vom ihm, der auch anheben ſollte: il faut vous fuir!— Aber ihr Held war tugendhafter, als der Held in der Heloiſe. Und ſie mußte ſich wieder an ihr Gewebe ſetzen. Der erſte Brief lehrte, wie ſie we⸗ ben mußte. Sie ſah ihn lange an mit dem großen ſchöͤnen, ſinnenden Auge. Sie hohlte lange Seuf⸗ zer aus der ſchönen, wallenden Bruſt. Ihre Hand begegnete ſeiner. Mitten in der kindlichen, un⸗ ſchuldigen Fröhlichkeit wurde ſie auf einmahl ernſt und nachdenkend. Die Vertraulichkeit, womit ſie ihn behandelte, hatte ein Ende. Ja, er ſah das Auge, das ſie langſam von ihm abwandte, ſich mit einer Thräͤne benetzen. Aber mitten unter dieſen kleinen Künſten fühlte ſie ihr Herz von den Flam⸗ men brennen, die ſie in ſeinem anzunden wollte, und aus dem Siege wurde eine Niederlage. 3 Sie fühlte, daß ſie Juliens Empfindungen in dem Roman theilte, und in dem Augenblicke fühlte ſie auch ſich beſſer und erhabener als Ju⸗ lie. Sie warf den Roman verachtend bey Seiten Lafont. die Pfarre zc. I. 6 — 122— „Liebe iſt das nicht,“ ſagte ſie zu ihrem Bruder —„die dieſer Roman ſchildert, Liebe nicht!“ 3 Dieſes Gefühl erhob ſie auch übef alle die Künſte der Buhlerey, und ſie folgte nun dem ſü⸗ ßen Zuge ihres Herzens, und das eben gab ihr den Sieg über den edlen Mann, und theilte den Sieg mit ihm. Schlicht liebte das Maͤdchen; er fühlte mit jedem Tage, daß er ſie mehr liebte; aber er gab jede Hoffnung auf, jemahls die Hand der Gelieb⸗ ten von der Mutter zu erhalten. Und er durfte es ſeinem Herzen zutrauen, den Unterricht des ed⸗ len Weſens fortzuſetzen, ohne ſich zu verrathen. Ja, er durfte es wagen, mit Roſamunden bey ſeiner Lectüre über die Liebe zu reden, und er war in dieſem heroiſchen Augenblicke ſo kalt, daß er faſt Roſamunden überredet hätte, er liebte ſie nicht. Aber mit dem letzten Worte war ſein Muth dahin. Er wendete ſich einen Augenblick ab, um dem Geſicht wieder Muth zu geben. 4 „ Nein, er liebt mich!“ rief das triumphiren⸗ de Herz. A ber nun hob ſich ihre Liebe höher und hoͤher/ über das Leben empor. Sie hörte das Heilig! Heilig! ihrer Jugendſtimme wieder, ſie fand das Paradies ihrer Jugendunſchuld noch einmahl. Der Mann war es werth, daß ſie ihm das größte Opfer brachte, das ein weibliches Herz zu bringen hat,— ihm ihre Liebe zuerſt, zu geſtehen. Sie warf das — 123— kächelnde Auge, voll Thraͤnen, auf den geliebten, edlen Mann, der mit dem ſchweren Geſchick groß⸗ muthig rang. Er mußte dem Blicke entfliehen. Der Blick war ſtaͤrker als ſein Schickſal. SAu Hauſe überlegte er noch einmahl. Er ſah keine Hoffnung, als die Fackel der Feindſchaft in eine glückliche Familie zu werfen, das natürliche Band zwiſchen Mutter und Tochter zu zerreißen. Er war entſchlocſen. Er packte ſeine Sachen. zuſammen. Er nahm Abſchied von ſeinen Freun⸗ den. Dann, mit einer finſtern Kaͤlte bewaffnet, ging er zu Boiſens, um auf ewig Abſchied von ihnen zu nehmen.— Er fand Roſamunden allein.— Lächelnd hob er an:„ein Verhängniß, was mich überraſcht, Fraulein, reißt mich von hier. Sie ſehen mich jetzt zum letzten Mahle.“ Roſamunde erblaßte; aber ſie ſchwieg. Er fuhr fort zu reden. Er bath ſie, die Bücher, die ſie von ihm hatte, als ein Andenken an ihren Lehrer, zu behalten. Sie ſtarrte ihn an, und langſame Thraͤnen floſſen über ihre Wangen. Er bath ſie, lhren Aeltern ſein Lobewohl zu geben. Sie bebte. 4 „Ich muß fort!“ ſagte er ſeufzend.—„Le⸗ ben Sie wohl, Roſamunde!“ Sie ſetzte ſich, er ſtand vor ihr, ſie zu trö⸗ 3 2 — 124— ſten. Sie ſah ihn nur mit flehenden Blicken an, ohne ein Wort zu antworten. Da ſagte er ihr, um das Geſpraͤch und die Empfindung abzukühlen, eine Sentenz von Pope engliſch, daß der Mann ſeiner Pflicht folgen müſſe.. 8 3 Aber da ſtand ſie vor ihm, und ſagte mit dem bleichen Geſicht, mit den rinnenden Thränen eben⸗ falls engliſch die Verſe: Nour pride ealls you henee; And it pulls too strong, for these Weak arms to hold you here— Go, leave mel leave me dying! Push me all pale and Pantinz krom your bo- som! And when you go, a messenger shall run aſter And cry, she's dead!. Dein Stolz reißt dich von hier, reißt dich au ſtark aus dieſen ſchwachen Armen. Geh! ver⸗ laß mich! geh! und laß mich ſterben! Stoß mich bleich und ſterbend don deinem Buſen. Und wenn du gehſt, ein Bothe wird dir folgen und rufen: ſie iſt todt!) 4 Dieſe Verſe ſagte ſie mit weinender Stimme, mit der ſchönen ſiegenden Declamation, mit der feinen Ausſprache, die ſie von ihm gelernt hatte, und mit einer ſo wahren Begeiſterung des tiefſten Schmerzes; ſie faltete die Hände dabey, hob ſie ſe 8 — 125— empor, ſank auf den Sofa, und verbarg das blei⸗ che Geſicht in das Kiſſen, ſo, daß Schlicht, nach⸗ dem er ſie eine Minute lang betrachtet hatte, ſchon das Geſchrey zu hören glaubte: ſie iſt todt! „Roſamundel! geliebte Roſamunde!“ rief er, und hob die eine kalte Hand an ſeine Bruſt—„ich beſchwöre Sie, hören Sie mich!“ Sie antwortete nicht. Er umfaßte ſie, er richtete ſie auf. Sie hielt beyde Häͤnde vor die Augen, und das Haupt auf die Bruſt geſenkt. „Großmüthige, theure, geliebte Roſamun⸗ de, ſoll ich Ihr Auge nicht ſehen?“ Er zog ihre Hände ſanft herab, und nun ſah er das Geſicht, das in dem doppelten Purpur der Liebe und der Schamröthe glänzte. „O, ſagte ſie, ihr Haupt an ſeine Bruſt leh nend—„einen Augenblick will ich hier ruhen. O ich will ſchnell ſterben, damit Sie gehen koͤnnen!“ „Gehen? o brache der Himmel über meinem Haupte zuſammen, ſo gehe ich nicht! So will ich dich, dich immer halten, bis dieſes Herz der Lie⸗ be himmliſches Entzücken zerreißt! O Roſamun⸗ de, welch einen Augenblick habe ich gefunden! O du meines Lebens Entzücken, du meiner Seele ſtolzes Licht!“ Sie ſchlang die Arme immer feſter um ſeine Schultern; aber das Geſicht voll Scham ver⸗ barg ſi ſe immer feſter an ſeine Bruſt. 3 — 126— Nach dem erſten Sturm kam's zu einer Er⸗ klärung der Liebe, der Hoffnungen, die Beyde ha⸗ ben konnten, und ein Plan für die Zukunft. Roſamunde ſtand für die Einwilligung ih⸗ res Vaters, und verſprach auch zuletzt die Einwil⸗ ligung ihrer Mutter, an die ſie nicht recht glaubte. Ihr Herz war voll von dem hohen Triumphe einer reinen, frommen Liebe; aber nachher fand ſich auch eine Freude ein, die nicht echt war: der Triumph, den Entſchluß eines Mannes, und ei⸗ nes ſo edlen Mannes beſiegt zu haben. Aber ſie fuhlte dennoch im Innern tief den Werth dieſes Mannes, und gab ihm, was ihr Herz an Reich⸗ thum von Liebe, von Tugend, von Vertrauen, von heitrer Fröhlichkeit verbarg. Sie machte ihn unendlich glücklich, und er gab ihrem Geiſte alle Vollkommenheiten, deren es fähig war. Er ließ bis in die tiefſten Gründe feines Herzens ſe⸗ hen, und ſie ſah nichts als Liebe, Treue, Tu⸗ gend und eine ſelige Zukunft. Die Mutter merkte recht wohl, daß etwas Ungewöhnliches zwiſchen Roſamunden und ih⸗ rem Lehrer vorging. Aber ſie glaubte, ihrer Toch⸗ ter Tochter gewiß zu ſeyn. Sie that, als merkte ſie nichts. Da kam der Herr von Zweigen durch die Stadt. Er hatte eine kleine Beſtellung an den Herrn von Boiſen, und er ſah das reitzende Mäd⸗ chen. Nach einer Stunde ſchon war er ihr erkläͤr⸗ 3 4 ter Liebhaber, und Roſamunde, die von ihrer Mutter hörte, welch eine bedeutende Rolle Zwei⸗ gen in der großen Welt ſpielte, hatte große Luſt, ihm zu zeigen, wie weit ſie dennoch über ihm ſtand. Sie zeigte es ihm, und Herr von Zweigen hatte die große Manier, mit Weibern umzugehen: er ſagte ihr, welche Abſicht ſie hatte. Dieſes Ge⸗ ſtändniß, und ſeine kalte Ruhe waren ihr ſo un⸗ erwarter, daß ſie ſchon darum etwas gethan hät⸗ te. Zweigen blieb einen Tag laͤnger, noch ei⸗ nen, und acht Tage, und ſagte es Roſamun⸗ den, daß er ihrentwillen bliebe.„Denn, wahr⸗ haftig, Fräulein, Gehirn genug haben Sie, um einem Weiſen meiner Art gefährlich zu werden. Zuletzt liegts immer an dem Herzen, wenn ſie es nicht ſind.“ — Schlicht fand an dem Herrn von Zweigen einen Kunſtkenner, einen gebildeten Mann. Er hielt ſich daran, und fand ihn angenehm, ja, ſo⸗ gar geiſtreich. Roſamunde wollte mit ihm wetten, er ſey nichts, als ein leerer Kopf, der noch nie auf ein edles weibliches Geſchöpf geſtoßen ſey; und ſie hatte Witz genug, ein paar Mahl den Herrn von Zweigen zum Stillſchweigen zu bringen. Aber es war nicht ganz ſo, wie Roſamunde ſagte Sie hatte Luſt, das Herz des Herrn von Zwei⸗ gen mit ins Spiel zu bringen, und Zweigen 8 laͤchelte. Aber nie war ihm ein Maͤdchen mit die⸗ ſer warmen Phantaſie, mit dieſem warmen Herzen vorgekommen, und die dennoch ſo frey, und ſo ruhig das Leben betrachtete und beurtheilte. Je öfter er ſie ſah, und er kam öfter wieder, denn er war in der Nähe auf ſeinem Gute, deſto angeneh⸗ mer fand er das Maͤdchen. Und ſie? ſie nahm ſei⸗ ne Kälte für die Philoſophie eines Mannes, der die Welt kannte, und ihrem leeren Spiel laͤchelnd zuſah. Um dieſe Philoſophie hätte ſie den weiſen Herrn gern bringen mögen. Zweigen hatte ſei⸗ nen Plan auch. Er ſuchte für das Leben, das er führen wollte, gerade eine ſo geiſtreiche, frey⸗ denkende Frau, als Roſamunde ſch aus Ei⸗ telkeit den Schein gab. Er ſah, hen htanundendt Schttcht n einer Art von Verbindung ſtand. Das hielt ihn nicht ab, ſein Gluͤck zu verſuchen. Er banh Boi⸗ ſens zu ſich auf ſein Gut. Roſamunde fand hier alles, was die Welt an ſinnvoller Pracht, Kunſt und Bequemlichkeit. hat. Es war eine kleine ausgeſuchte Geſellſchaft aus der nahen Hauptſtadt hier, und Zweigen ſtellte Roſamu nden ſeinen Freunden mit ſo fei⸗ nem Lobe vor, und er und alle ſeine Freunde mach⸗ ten das Mädchen ſo ungezwungen, und doch ſo ſamunde glauben mußte, ſie haͤtte die Krone verdient. Sie wurde mit in den Kreis einer leich⸗ ſichtlich zu der Königinn der Geſellſchaft, daß Ro⸗ ten, witzigen Unterhaltung gezogen. Man feyerte alles, was ſie ſagte, und den Triumph, von ei⸗ ner ganzen geiſtreichen Geſellſchaft bewundert zu ſeyn, hatte ſie noch nicht gehabt.— Aber ihre Anfaͤlle auf Zweigen mißriethen alle durch ſeine Kälte, durch ſeine Ruhe. Es wurde viel über das Leben geredet, und man behauptete hier, wenn jemand das Geheimniß wußte, des Lebens ganzes Glück zu genieben, ſo waͤr' es Zweigen. Das junge Maͤdchen fing an, es zu glauben. Denn hier jagte ein Vergnügen das andre. Die Jagd löſte die Ruhe ab. Die Ruhe unterbrach ein Feſt der Landleute, in welches ſich Zweigen mit ſeiner Geſellſchaft ſo anmuthig hineinmiſchte, daß ſie in Arkadien zu ſeyn glaubte. Auf eine Waſ ſerluſt folgte ein Feuerwerk, und bey allen dieſen Vergnügungen ſchien ihr dennoch die Unterhaltung ddie größte. Sie ſah nicht, daß nur ſie redete, daß man ſie bewunderte, daß nur ſie Witz hatte. Der Mutter entdeckte Zweigen ſeinen Plan, und zu gleicher Zeit die Vermuthung, daß Roſa⸗ munde ihren Lehrer liebte. Er bath ſie nur⸗ Roſamunden ſich ganz ſelbſt zu überlaſſen, und auch nicht die kleinſte Anſpielung auf ſeinen Plan zu machen. Die feine Mutter begriff das ſogleich, und ſchwieg. Das Weihäland des Lehrers wurde aicht käͤl⸗ . — 13e— ter, ſondern ſogar noch freundſchaftlicher. Zwei⸗ gen ehrte den jungen, unterrichteten Mann. Schlicht ſah lange dem Treiben zu, und es geſiel ihm nicht; denn Roſamunde ließ zuwei⸗ len in ihren Stunden einen Grundſatz fallen, den ſie unter ihren jetzigen Freunden aufgefangen hatte. Schlicht warnte, Roſamunde lachte, und ihre Eitelkeit verwickelte ſie immer tiefer in das verborgene, verderbende Spiel der falſchen Spie⸗ ler, Zweigens und ſeiner Freunde. Zweigen, der, wenn er die Feder in der Hand hatte, höͤchſt drolligt war, ſchrieb an Ro⸗ ſamunden ein paar Worte; ſie antwortete in demſelben Ton. Man zeigte ihre Billets als Göt⸗ terſprüche, und das Maͤdchen ſing an, mit Zwei⸗ gen Briefe zu wechſeln, und zwar mit ſcherzen⸗ dem Witz und Luſt über den ernſteſten Gegenſtand, über das Leben, und zuletzt über die Leidenſchaften, über die Liebe. Sie fühlte, ſie ſollte darüber nicht ein Wort einem Fremden ſchreiben; aber der Triumph, den man ihr lange als den größten vorgeſtellt hatte, frey zu leben, und alles im Leben zu beherrſchen, lockte ſie zu ſehr. Und waren denn nicht ihre Briefe ganz unſchuldig? Laͤchelte denn nicht Schlicht ſelbſt, wenn ſie ihm ſogar ein kleines Billet voll Wiz beigte? Er lächelte wohl; aber dieſe Billette gingen ihm wie Pfeile durch das Herz. Die Beſuche bey — 131— Zweigen dauerten immer laͤnger, und Roſa⸗ munde brachte jedesmahl ein paar Grundſätze mit, vor denen er zitterte. Er wurde deſto ernſthafter, je witziger und . 4 2 63 froher ſie wurde. Sie machte ihm Vorwürfe, daß er die Freude des Lebens vernachlaͤſſigte; er ihr, daß ſie ſie zu ſehr ſuchte. Zweigen ſah das alles. Er vergiftete die kleinen Riſſe in der Liebe der Beyden. Er lobte Schlichten; aber er ſetzte doch jedesmahl hinzu:»Schade, daß der Mann die kleinen Pedanterien nicht ablegen kann, die keine Eigenſchaft ſeines Geiſtes mündig werden laſſen!« Schlicht wurde eiferſüchtig, und Roſa⸗ munde lachte ihn aus, oder ſchmolte mit ihm. Sie verbarg ihren eiteln Verkehr mit der Bande Betrüger dem Geliebten; denn er verlangte, ſie ſollte ihn abbrechen, ſo viel ſichs thun ließ. Er for⸗ derte endlich beſtimmt von ihr, ſie ſollte durchaus nicht mehr an den Herrn von Zweigen ſchrei⸗ ben. Sie verſprach es. Sie war gerührt. Sie war entſchloſſen, Wort zu halten, und hielt nicht Wort. Denn Zweigen war jetzt daran gelegen, ſie ſollte ſchreiben. Die Mutter hatte Roſamun⸗ dens Streit mit dem Geliebten behorcht. Sie ſchrieb, ſie ſchrieb viel. Sie ſchrieb über Schlicht, nichts übles; aber gleichgültig, faſt ein wenig ſpoͤttiſch, und ſie war verloren. Zwei⸗ gen hatte Schlichten zu ſich gebethen, ſeine Kunſtſachen mit ihm zu ordnen. Schlicht war da. Zweigen ſagte ihm mit der höchſten Ru⸗ he, daß er Abſichten auf Roſa mundens Hand häͤtte.»Und da Sie Ihr Lehrer ſind, lisber Schlicht /« ſetzte er hinzu. »So habe ich die Pflicht zu ſchweigen, Herr von Zweigen!« Zweigen lächelte und änreus ihm die Hand. »Es iſt gut,« hob er wisder⸗ an—»wenn Maͤnner, wie wir beyde, die das Glück nur ach⸗ ten, wie ſie es kennen, ſich verſtaͤndigen. Ich ha⸗ be Urſach zu glauben, daß Roſamunde nicht nein ſagen wird; aber ich habe auch Urſach zu glau⸗ ben, daß Roſamunde Ihnen mehr iſt als Schulerinn.« »Haben Sie Urſach, das erſte zu glauben, ſo kann ſie mir ja nie mehr ſeyn als Schülerinn.« »Sie zweifeln doch nicht? Hier ſind. Briefe von Roſamundens Hand.—« 2»Ich weiß; aber ſeit ſechs Wochen haben Sie keinene... Zweigen ſonderte eine Menge ab, gab ſie 3 ihm, und ſagte:»dieſe ſind die lebten, dieſer von geſtern.« Da erblaßte Schlicht. Er nahm die Brie⸗ fe⸗ und Zweigen verließ ihn.* Er las, und zürnte mit finſtrer Seele. Dieſe bewieſen keine Liebe; aber ſie waren ge⸗ ſchrieben, ſeit ſie ihm ihr Wort gegeben, nicht mehr zu ſchreiben. Noch mehr, ſie hatte es ihm verſchwiegen. Nun fand er Liebe in jedem un⸗ ſchuldigen Worte, ein verraͤtheriſches Geheimniß in jeder Wendung, die er nicht verſtand. Auch ſei⸗ nen Nahmen fand er, und ſein Herz zog ſich kalt zuſammen.»Die Ungetreue!“ rief er ver⸗ achtend.—. Zweigen kam wieder.»Welchen Entſchluß haben Sie gefaßt?« ⸗Ich habe nur einen, mein Herr! Ja, ich habe das Maͤdchen geliebt. Hier haben Sie das Wort eines ehrlichen Mannes: ich ſehe ſie nicht wieder.« (Er fuhr in die Stadt, verzweifelnd an dem Glück ſeines Lebens; aber nicht an dem Glauben, daß er andere Herzen beglücken könnte. In ſeinem Hauſe wohnte ein alter Schul⸗ mann mit einer einzigen Tochter. Er kannte des einfachen Maͤdchens ſchönes Herz. Er hätte ſie geliebt, wenn er Roſam unden nicht kennen gelernt haͤtte. Er hatte ſogar gezittert, das Maͤd⸗ chen könnte eine geheime Neigung zu ihm haben. Er hatte die Wahrheit errathen. Das Maͤdchen liebte ihn. Sie ſaß eben, da er zuruͤckkam, mit dem ge⸗ ſtützten Haupte im ſtillen, treuen Kummer, ein: ſam da, — 134— Er trat in das Zimmer, den Schlüſſel zu ſei⸗ ner Wohnung zu hohlen. »Was iſt Ihnen, liebe Mariel⸗ fragte er mitleidig; aber wie ein Mann entſchloſſen, ein ge⸗ brochenes Herz zu begluͤcken.»O, könnt ich Ih⸗ ren Kummer heilen?« Da hoben ſich die naſſen Au⸗ gen, nur um zu ſehen, ob er die Frage freund⸗ lich, nur nicht ſpottend thäte, Aber er nahm ih⸗ re Hand, und ihr Auge füllte ſich mit Freuden⸗ thraͤnen über den Schein ſeines Mitleidens. »Ich habe nichts, Herr Schli cht, gar nichts. Welche Wünſche, welchen Kummer könnte ich auch haben? Sie wiſſen ja, wie einfach ich lebe!« »Ja, einfache, ſchöne Seele, wie Ihr Leben für Ihren alten Vater ſo freundlich dahin geht!« Er hielt noch immer ihre Hand, und druͤck⸗ te ſie, bis ſie zitterte. 3 Es gibt einen Schmerz, aber nur in ſchönen Seelen, der nicht zürnt, ſondern nur das Herz mit einer ſchöneren Liebe füllt, als mit der betro⸗ genen, die wie die Liebe der Mutter keine Gegen⸗ liebe fordert, ſondern nur gibt; dieſer Schmerz lag in Schlichts Seele. Er faßte Mariens andre Hand, und ſag⸗ te ſanft:»ſieh mich an, Marie! in meinen Au⸗ gen ſteht ja nicht allein Mitleiden, ſondern auch Liebe, und in meinem Herzen auch. Vergiß dein Leid, und drücke dein Herz an meins, und ich ſa⸗ ge: ich will dich ewig lieben!« 2 A 5 1 5 8. — 135— Marie hob das gebeugte Haupt empor, um ihn anzuſehen, da legte ſeine Wange ſich an die erröthende ſchöne Wange des Mädchens. Er fühl⸗ te nur, daß die heiße Wange kalt wurde, daß ih⸗ re Hand ſchlaff in ſeiner ruhte; dann ſank das ohnmächtige Haupt an ſeine Bruſt. Er küßte die kalten Lippen, und ſagte: vich will dich ewig lieben!« Das Maͤdchen wachte aus einem ſüßen Trau⸗ me auf, der in ihrer fliehenden Seele geblieben war, von ſeiner Liebe. Sie fand ſich an ſeiner Bruſt ruhend, an ſeinem Munde wieder, und der Traum wurde Wahrheit. Sie ſaß, o wie ſelig! noch dieſen Abend am Tiſche mit ihrem Verlobten, mit ihrem Vater, und ſie enthüllte erſt, da ſie den Jüngling beglei⸗ ete, ihm ſchamhaft ihr ganzes Herz, ihre lange verhüllte Liebe und ihre Seligkeit. Am andern Morgen ſchrieb er an Ro ſamun⸗ den:»meine einfachen Wünſche, mein Fraͤulein, meine einfache Liebe, mein einfaches Leben, konn⸗ te Ihr Leben nicht beglücken. Davon wurde ich ge⸗ ſtern uͤberzeugt. Und ſo trete ich beſcheiden zurück. Ich habe geſtern meine Verlobung mit der Tochter meines Wirths gefeyert, mit Marien, die Sie kennen. Der Freund darf noch am Scheidewege ein warnendes Wort ſagen: am Ende der Jugend ſteht das Alter! am Ende des Lebens das Grab! Vergeſſen Sie das nicht! Und am Ende jeder — 136— Freude ſteht die Ermattung. Vergeſſen Sie das nicht! Das Leben iſt kein Spiel, die Liebe nicht. Vergeſſen Sie das nicht! O Roſamunde, ver⸗ geſſen Sie das nicht! Schlicht.« Roſamunde las, und ihre Seele erſtarr⸗ te; aber ſie hoffte noch immer, es waͤre nur eine Drohung. Ja, ſie wagte es, mitten aus dem kalten Schmerz her zu lächeln. Sie ſetzte ſich ans Fenſter, auf ihn zu warten. Statt ſeiner, trat ihr Vater ins Zimmer, mit der Nachricht, von Schlichtens Verlobung mit Marien. Da erſtarrte auch die Welt um ſie her, und die Zukunft ſtand wie ein grinſendes Geſpenſt vor ihr. Ihre Mutter trat ins Zimmer; aber ſie konn⸗ te den Triumph nicht verbergen, den ſie üͤber die Nachricht fühlte.»Du weißt es ſchon, Roſa⸗ mundel« „Ich weiß es« ſagte ſie mit zugedrückten Lip⸗ pen, und wendete das blitzende Auge auf ihre Mut⸗ ter, und die Flamme loderte immer höher auf in ihrem Herzen.„»Sie wußten es läͤngſt. Es war Ihr Spiel, Mutter, und ich mußte es verlieren; das Spiel ums Leben; das Spiel um Geick und Seligkeit! Verloren iſts! Doch Ihres, Mutter, iſt auch nicht gewonnen! O Himmel, eine Mut⸗ ter! aus deren Blut ich dieſes Leben trank, dieſes Leben voll Verzweiſlung! Und er! er! o er, dem ich der Jugend ſchoͤne Liebe ſchenkte, dem ich zuerſt 4 das Herz voll. Gluth der Liebe enthüllte, da nur ein dunkler Blick voll halben Kummers von ſeinem Auge mich traf! O, iſt es recht! O Himmel, iſt es recht! Ein kaltes Lächeln meiner Lippen reißte ſeine Liebe durch, auf deren Ewigkeit er herriſch trotzte? Ein Lächeln? Wie? Ein Laͤcheln nicht! Ein Spott! Denn wars nicht Spott, nicht jugend⸗ liche Luſt nur, die ich mit dieſer Bande trieb? mit dieſem elenden Zweigen? Er zerreißt der Liebe theure Bande, der Schwüre Heiligkeit und dieſes Herz. O der falſche Treuloſe! und das, weil ein Scherz die treue Bruſt bewegt? O, iſt es möglich? O, ich hatte keinen Wunſch, keine Freude, kein Le⸗ ben als ihn! Mein Herz lag ſchlummernd mit kind⸗ licher Zaͤrtlichkeit in ſeiner Bruſt; ſchlummernd, ſo ſicher war ich ſeiner Liebe. Und er zerbrichts, der Heuchler, der Betruͤger! weil ich hinter einem ver⸗ gänglichen Zephyr herlaͤchelte? Fort Liebe und Treue und Eidſchwur, und des Vertrauens Un⸗ ſchuld! Verlaßt des Menſchen Bruſt! Er hat Euch ausgetrieben!«. Die Mutter erſchrack heftig.»Mein Gott, Kind, was haſt du?« »Sie wußtens wohl, daß ich ihn liebte; daß meines Lebens Glück an ſeinem Blicke hing. Sie wußtens wohl! da riß der Mutter Hand das Glück aus meinen Lebenstagen; dort ſteht die Mutter in 8 meiner Zukunft Pforte drohend, mein unbarmher⸗ ziges Schickſal.;⸗ — 138— »„Ich bitte dich, Kind—« 4 „Was bitten Sie, um Liebe? die haben Sie aus meiner Seele auf ewig weggeriſſen. Haß kann ich Ihnen geben, und des Unglücks heilloſe Pro⸗ phezeihung! Liebe? O wie ich an ihrer Bruſt lag, da bath mein lächelnder Blick um Liebe; aber die unbarmherzige Mutter riß die Bruſt aus meinen Lippen, und verkaufte ihr Kind um Gold, um Rang zur verachteten Sklavinn der Verzweiflung. Ich habe keine Mutter!e rief ſie aufſtehend, und mit ſtarken Schritten durch das Zimmer eilend, zu ihrem Vater. Die Mutter kniete mitten in das Zimmer hin, und bethete, und dachte zugleich an die Aus⸗ führung ihrer Plane. 1 Roſamunde hatte ſich in ihr Zimmer ein⸗ geſchloſſen. Den andern Tag kam ſie hervor, aber ganz veraͤndert. Sie erwähnte der Begebenheit nicht; aber ihr Ton hatte etwas Bitteres gegen alle, nur gegen ihren Vater nicht. Sie behandelte den Herrn von Zweigen, ſobald er kam, mit einer Verachtung, die an Hohn gränzte. Die Mutter war außer ſich vor Zorn, daß ihre Tochter das Glück, das ſich ihr anboth, von ſich warf. Die Furien lebten in dieſer Fami⸗ lie, und riſſen alle Herzen auseinander. Da bath endlich der Vater, mehr mit den kummervollen Blicken als mit Worten die Tochter, den entſetz⸗ — 139— lichen Zuſtand zu endigen, wenn es ihr mög⸗ lich waͤre. »O Vater, wenn Sie bitten,« ſagte das Maädchen kalt—»wenn Ihnen damit ein Dienſt geſchieht! Hier iſt dieſe todte Hand, die nichts von dem Leben mehr zu nehmen hat, und nichts mehr zu geben. Hier iſt ſie, Vater! O ſie waͤre ja noch reich genug, wenn ſie Ihnen Ruhe geben könnte! So ſchmückt den todten Leib, aus dem das Leben; das Leben, aus dem die Liebe entflohn iſt, mit dem Brautkranze, wie man auf das Haupt des gefallenen Feldherrn den Lorbeer legt!« »Nein!« rief der Vater—»nein Kind! laß uns die Hoffnung retten!« »Hoffnung? Zukunft? Das alles iſt dahin! O er ſagte es oft, daß Liebe, wie das Leben, nicht zurückzurufen iſt! Und ſo— ich will ihn nehmen.« Sie ging in das Zimmer, wo Zwei⸗ gen mit ihrer Mutter war.»Mein Herr,« ſagte ſie—»mein Vater ſagt, es wurde uns beruhigen, wenn ich Ihre Frau würde. Hier iſt meine Handl« Zweigen ergriff ſie; aber das kalte Herz ſchlug in geheimer Furcht vor der Stimme des Maͤdchens. Und an eben dieſem Tage kam der Brief, der die reiche Erbſchaft der Mutter brachte. Siie war vollendet glücklich, und trotz des tiefen Schmerzes nahm Roſamunde an dem Glück ihres Hauſes Theil. Sie ging nun nicht — 140— als eine Bettlerinn in das reiche Haus Zwei⸗ gens über. Sie dankte dem Himmel, da ſie in den Wa⸗ gen ſtieg, die Stadt zu verlaſſen, in der Schlicht mit ſeiner jungen Frau lebte. Auch Schlicht wurde ruhig, da er hörte, wie reich Roſamunde geworden, und daß ſie mit dem Herrn von Zweigen verlobt war. Glück⸗ lich war er; denn er entdeckte in dem Herzen ſei⸗ ner jungen Frau einen reichen Schatz von haͤusli⸗ chen Tugenden. Seufzend rief er hinter Roſa⸗ mundens Wagen her:»o ſey nur nicht gar zu unglücklich, theures Weſen! Der Himmel ſegne dich, Roſamundel!—« Der Anblick ihres Bruders, den ſie nie geſe⸗ hen, erheiterte ſie; denn er war der einzige, den ſie mit ihrem Voter liebte. Sie gab ihm die Briefe, die ſie von Schlicht hatte, den Tag nach ihrer Hochzeit. Er las ſie mit einem ſchwer ahnenden 8 Herzen. Was er nicht in den Briefen verſtand, erklaͤrte ihm ſein Vater und ſein Bruder. Zweigen war ruhig. Die Feſte, die er gab, die Vergnügungen, die aufeinander folgten, ſeine Reiſen mit ſeiner Frau in die Hauptſtadt an den Hof, im naächſten Winter, und den Beyfall, die Bewunderung, die jeder der jungen Frau gab, zerſtreute Roſamund ens Gram. Die Mutter ſetzte die Hand auf die Hufte, und ſagte triumphirenb Zu der Tochter, wie ſſe — 141— aus der Hauptſtadt zurüͤckgekommen war:»ſiehſt du nun wohl, liebe Roſamunde, daß ich das Leben beſſer verſtand, als du 2»„ 1 Roſamunde antwortete, von einem ſchnel len, heftigen Schauder ergriffen:»wenn Liebe Sun⸗ de iſt, ſo bin ich ſchuldig, Mutter, denn ich liebe ihn noch! O Mutter, ich bethe ja nur, daß das Schickſal die Schuldige vergißt!« Sie bethete vergebens. Sie ſehnte ſich nach ihrer Kindheit, nach dem ſchönen Paradieſe ihrer Lirbe zurück, mitten aus ihren Freuden. Wurde das Andenken an ihre Vergangenheit zu ſtark dem verödeten Herzen, ſo ſtürzte ſie wieder in den rauſchenden betaͤubenden Wirbel der Geſellſchaft und der Vergnügungen. Worauf Zweigen bey ſeiner Frau gerechnet hatte, geſchah nicht. Ihr Ringen zwiſchen Luſt und Schmerz, machte ihre Unterhaltung ungleich, peinlich ſogar. Er laͤchelte über ſeinen Irrthum, und zog ſeinen Kreis mit ſeinen Freunden enger um ſich ſelbſt, und ließ ſeine Frau des Lebens Glück finden, wie und wo ſie wollte.. 3 Er beſchränkte ſie gar nicht; aber er nahm auch nicht den kleinſten Antheil an ihrem Schmerz und an ihrer Luſt.. Roſamunde riß zuweilen an dieſer Eiskru⸗ ſte ſeines erkalteten Herzens; vergebens! du haſt alle Anlagen, glücklich zu ſeyn, liebſte Frou,“ ſagte er faſt gaͤhnend—»Du haßt ſchönen Frau, die am Wagen ſtand— moihen Sie in der Zeit die Wirthinn.« — 142— Geiſ genug, das Leben zu beurtheilen, und zu wiſſen, daß man nicht mehr von ihm fordern muß, als es geben kann. Ich habe dir immer geſagt, und ſo gut im erſten Anfange unſerer Bekannt⸗ ſchaft, als heute, daß dir dein Herz, wie du es nennſt, und das du in alles miſcheſt, das Spiel verderben wird. Wir haben Sinne für den ein⸗ fachen Genuß, Phantaſie für die Kunſt, Vernunft für die Idee. Da haſt du den Kreis des Lebens, weit genug für den Weiſen, Warum willſt du, was ein Kind der Kunſt iſt, und der ſpielenden Phantaſie, wirklich machen? Warum Miltons 2 Paradies und Dantes Hölle ins Leben rufen? Seltſame Frau, die ſich nach Arkadien ſehnt, was 3 nirgend iſt, als in dem Kopfe des Dichters!« Roſamunde wendete ſich verachtend von ihm ab. Er ſahs, und lächelae⸗ und war gleich ge⸗ faäͤllig gegen ſie. 8— So floh ſie nach einer bolchen Unterredung auf das Land zu einer jungen Frau, die ihre Freun⸗ dinn geworden war. Sie traf ſie eben, da ſie in den Wagen ſtei⸗ gen wollte. „»O liebſte, liebſte Freundinn, morgen bin ich wieder hier! Marie« ſagte ſie zu einer jungen, Sie fuhr ab, und Roſamunde ging mit der Fremden ins Haus. * Noſamunde hatte nie ein Geſicht geſehen, auf dem die ſtillſte Seligkeit ſo freundlich ruhte, als auf dem Geſichte dieſer Frau. Sie umarmte ſie, und ſagte:„gewiß, Sie ſind glücklich 2« Marie erröthete; aber ſie geſtand, ſie waͤ⸗ re höchſt glücklich. „O geſchwind lehren ſie mich, wie ſie es ma⸗ chen, dem armen Leben das Gluck abzugewinnen!“ „Dem armen Leben?7 ſagte ſie, und nahm aus der Wiege ein laͤchelndes Kind an ihre Bruſt. „Gewiß, ſie ſind nicht Mutter? O die Liebe zu dem Manne, und dieſe Liebe“— ſie drückte ihren Mund in die Roſenknoſpe der kindlichen Lippen. „O reicher kann der Himmel nicht ſeyn, nur ewig.“ Sie beſchrieb Roſamunden das glückliche Leben mit ihrem Manne, und ganz ausführlich, mit dem ſchönen Triumphe der glücklichen Frau. Es war in dieſer Beſchreibung ſo mancher Zug, der Roſamunden an ihr ehemahliges Leben mit ih⸗ rem Lehrer erinnerte. Alles war lebendig und wahr, was die junge Frau ſagte. Thraͤnen des Glücks rollten aus den hellen, frohen Augen. Roſamunde erſchrack; denn manche kleine Wendungen in der Erzäͤhlung brachten ſie zu⸗ weilen auf die furchtbare Vermuthung, daß es Schlichts Frau war, die neben ihr ſaß. Sie fragte, wie lange ſie verheirathet waͤre; die Zeit traf zu. Es traf noch mehr zu. Roſamunde ſtellte ſich an ein offnes Fen⸗ — 144— ſter, als ſaͤhe ſie in die Gegend. Ihre beyden Häͤnde klemmte ſie um das Fenſterkreuz; dann that ſie die entſcheidende Frage nach dem Nahmen des Mannes.— O harter, hart vergeltender Himmel, es war S chlicht. Es war Marie, die da ſaß, den Sohn an der nährenden Bruſt, das Auge auf das Kind, und nicht auf die Ungluͤckliche gerichtet, deren Au⸗ gen eine ſchnelle Nacht bedeckte, und die ſich kaum an dem Fenſterkreuze ſtehend erhielt. Sie legte ſich weit aus dem Fenſter, als ſähe ſie nach jemanden, und dann, alle Stärke ihrer Glieder zuſammennehmend, ſprang ſie in ein Re⸗ benzimmer. Hier hob ſie drohend die Arme gen Himmel, und ihr Herz verſteinerte. Es hatte nicht einmahl Thranen mehr. Entſetzliche Wuͤnſche, furchtbare Vorſitze ſtiegen in ihrer Seele, wie ſchreckende Ge⸗ ſpenſter in der Mitternacht, auf. Endlich löſte ſich der kalte Schmerz, die dunkle Nacht, der blutige Vorſatz in einen heißen Thränenſtrom auf. Sie ging zu einer andern Thür hinaus in den Garten. Sie ſuchte den dunkelſten, fernſten Theil desſelben auf. Da ſaß ſie am Boden, ſich ſelbſt unbe⸗ wußt; denn den Donner eines Gewitters hielt ſie für die Srimme ihres Unglücks, bis der heftige Regen ſie aus ihrer Betäubung erweckte. 55 Sie ging in dem entſetzlichen Regen dem Hau⸗ 8 3 — 145— ſe zu, beſtellte ihren Wagen, ſetzte ſich ſo ganz durchnaͤßt in den Wagen, und fuhr nach Hauſe. Es iſt nichts,“ fagte ſie ihrem Manne, kalt wie Eis—„als eine Erkältung im heftigen Re⸗ gen, der mich im Garten überraſchte. Das, o das geht vorut eer k Einen Arzt will ich nicht; weil ich keinen bedarf.", Am andern Morgen war ſie mit ihrer Jungfer nach ihres Mannes Gute gefahren, ohne daß er darum wußte. Ihr Bruder Eugen ritt nach, ſobald er hör⸗ te, daß ſie krank abgereiſt war. fand ſie im Fieber, aber auf. Ein Arzt wurde gehohlt. Der fand nichts 5 Bedenkliches, Eugen wurde ruhig. Er ſaß an ihrem Bette.. Sie wendete ſich auf einmahl heftig zu ihm, mit der Frage: nliebſt du, Eugen?ℳ „Beruhige dich, Schweſter!“* „So ſey der Liebe treu, und dir ſelbſt, und gib die Geliebte nicht hin, nicht für den Thron der Welt, nicht für den Frieden deines Hauſes, nicht den Thraͤnen der Mutter, nicht den Bitten des Vaters! denn mich haben ſie damit ermordet.“ Sie ließ ſich Dinte und Feder geben, und ſchrieh ein kleines Billet.* 4 Es war an Schlicht. Es enthielt die Wor⸗ te:„Gluͤcklich konnteſt du ſeyn, du Heuchler? das konnte ich nicht. Du konnteſt es! Sprich, wer cafont. die Pfarrre ꝛe. I. G Er kam an, und — 146— liebte von uns? Ich ſterbe für dich! Sprich, wer liebte von uns? R.“— Sie ſchrieb auch an ihre Mutter; aber dann rief ſie haſtig:„nein, ich will verzeihen!“ Sie zer⸗ riß das Billet.— Sie hieß ihrem Bruder das Schreibzeug wegnehmen, und es ihr zu verwei⸗ gern, wenn ſie es wieder forderte. Sie wurde ruhiger und ſanfter. Dann zer⸗ riß ſie auch das Billet an Schlicht.„O, rief fie mit Begeiſterung, da ſie das Billet zerriſſen hat⸗ te—„wer war's, der liebte? ich oder du?“ Am andern Mergen kam der Arzt. Er er⸗ ſchrack heftig, da er ſie geſehen hatte. Sie ſagte nur läͤchelnd:„meine Krankheit war Ihrer Kunſt zu ſtark, denn es war der Tod ſelbſt.“ 8 „Ja, mein Himmel, das iſt er, wenn ſie nicht ſagen, was ſie gemacht!“ „Ich? nichts! Das Schickſal thats. Des Schickſals harte Hand!“ Der Arzt fragte den Bruder, ob ſeine Schwe⸗ ſter irgend etwas heimlich genommen haͤtte. Eu⸗ gen erblaßte, und fragte zitternd:„was kann’ s ſeyn 20 Der Arzt ſchüttelte den Kopf, und in ei⸗ ner Stunde, nachdem ſie dem Arzt noch heimlich etwas geſagt hatte, war ſie todt. Ihre Verwandte kamen, ihr Mann. Man war unendlich betrübt. Der Arzt hatte eine Un⸗ terredung mit Zweigen, aus der Zweigen hef⸗ tig erſchüttert zurückkam. Es ruhete ein entſetzli⸗ — 147— ches Geheimniß auf dieſem Sarge, das Niemand anzutaſten wagte. Die Mutter erkundigte ſich bey der Frau, wo Roſamunde Marien geſprochen, nach den naͤhern Umſtänden. Die Frau wußte nichts wei⸗ ter, als daß etwas ſehr Seltſames mit Roſa⸗ munden vorgegangen ſeyn müßte, wie ihr Ma⸗ ⁸ dame Schlicht erzaͤhlt haͤtte.. „Madame Schlicht die hat meine Tochter hier geſprochen?“ fragte die Mutter erblaſſend— —„wiſſen ſie, was Beyde geſprochen?“ „Sie haben Beyde über das Glück des haͤus⸗ lichen Lebens geredet. Madame Schlicht muß ihr erzählen, wie glücklich ſie iſt.“ „Und ſie haben ſich gekannt?"“— „Beyde nicht; bis Roſamunde frägt: wer iſt Ihr Mann? Marie nennt den Nahmen, und Roſamunde verläͤßt in großer Haſt das Zim⸗ mer.“— 1 3 Da ſtand die Rachegöttinn mit ihren Schlan⸗ gen vor der unglücklichen Mutter. Aber die Zeit, die Roſamundens Grab mit Grün bedeckte, bedeckte auch den Schmerz der Mutter, mit dem Grün neuer Hoffnungen und neuer Plane. Eugen war erſchüttert, und blieb es lange. Der Vater ſank dem Grabe zu, und der gelieb⸗ ten Tochter, die glücklich hätte werden können.— Alexander trauerte; denn er hatte ſeine Schwe⸗ ſter geliebt. Aber er rechnete auch mitten in ſeiner . G 2 8 — 148— Trauer. Er war der Erſte, der ſie vergaß, ihr Mann der Zweyte. Der Mutter erſchien ſie in angſtlichen Traͤumen, und drohend. Aber nur der Traum ſagte der Mutter, daß ihre Tochter das Opfer ihrer Eitelkeit geworden war. Niemand ſonſt; und die Mutter, nur erſchüttert von der Hand des vergeltenden Schickſals, nicht gebeſſert, warf nun ihr Auge auf ihren älteſten Sohnd„den edlen Eu⸗ genius. Schlicht erfuhr nichts, als Roſamus. dens Tod, den ihr eine heftige Erkäͤltung in ei⸗ nem Gewitter, das ſie überraſcht hatte, zugezogen. Er vergoß zu ihrem Andenken einige ſtille, warme Thränen.„O Roſamunde, wir ſehen uns ein⸗ mahl wieder in dem Lande ewiger Liebe! Das Grab hat deine Fehler in Aſche verwandelt, und ein Engel ſtieg über die Sterne zu Gott emport — O Rofamunde!“. Die Traͤume der Frau von Boiſen waren fo ängſtlich und ſo haufig, daß ſie meinte, ſie müſſe den Ort verlaſſen, wo ſier alles an die ver⸗ lorne Tochter erinnerte. Sie zog in die Reſidenz⸗ Die erſte Bekanntſchaft, die ſie machte, war mit dem Hauſe des däniſchen Geſandten, des Grafen Kongsbakka. Er war, ſo lang er lebte, in Deutſchland geweſen, ſeine Gemahlinn war eine Deutſche.— Sie hatte mit ihrem Manne ein paarmahl Reiſen nach Daͤnemark gemacht; als lein es hatte ihr ſo wenig in dem fremden Land — 149— gefallen, daß ſie darauf ſann, mit ihrer Tochter ganz nach Deutſchland zuruͤckzukehren. Die Freundſchaft zwiſchen den beyden Damen wurde ſehr vertraut. Die Freundinnen kamen zu einander, und nachdem die Frau von Boiſen Nachricht von dem Vermögen des Grafen eingezogen hatte, war ſie auch feſt entſchloſſen, zwiſchen der jungen Graäͤ⸗ finn und ihrem E u gen eine Verbindung zu machen. 1 „Hier habe ich doch hoffentlich kein Hinderniß,“ ſagte ſie—„denn die Graͤſinn iſt noch ſo unſchul⸗ dig, und Eugen? Nun, der thut alles, was ich will.“ Sie ſtieß die Idee bey der Gräfinn an. Die Grafinn liebt ihre Tochter unendlich, und ſie ergriff die Idee der Frau von Boiſen mit Ver⸗ gnügen. Denn Eugen mit ſeiner Geſundheit auf den ſchönen Wangen, den Adel, den Adel des Her⸗ zens und des Geiſtes auf der edlen Stirn, und mit ſeiner ſanften Anmuth in ſeinem ganzen We⸗ ſen, hatte ihr unendlich gefallen. 8 Die Grafinn drang darauf, man ſollte die beyden jungen Leute ihren Herzen und der Jugend überlaſſen, und Frau von Boiſen, an ihre Träume denkend, willigte mit Freuden ein. Aber Eugen, ſo ſchön, ſo lieblich die junge Graͤlnn Chriſtine, ſo höflich er gegen ſie war, zeichnete ſie gar nicht aus. Man gab ihnen Gelegenheit, allein 8* — 150— mit einander zu ſeyn: Eugen blieb ernſt, und die Graͤfinn ruhig und luſtig. Fragte die Mutter nach ſeinem Urtheil über die ſchöne Chriſtine, ſo ſagte er:„ſie iſt ſchön! ſie iſt liebenswerth. O Mutter, ich glaube, ſie iſt gut, unſchuldig, rein wie der Thau des Himmels. Ich zittere immer, wenn Alex ander ſich ſo viel mit dem lieben Mädchen zu thun macht.“ „So mache du dich mit ihr zu thun⸗ lieber Eugen!“ Er antwortete nicht; aber er hielt ſi ſich noch fer⸗ ner von ihr. Die Mutter kam auf den Einfall, ihren zweyten Sohn in Eugens Stelle zu ſchicken; aber die Geſandtinn lächelte und wurde ſichtlich kalt. Die Mutter hatte kein andres Mittel, als ihrem Sohn ihren Wunſch zu ſagen.„Es iſt feſt beſchloſſen, lieber Eugen,“ ſagte ſie, ſeine rothen Wangen ſtreichelnd—„daß die Gräfinn Chriſtine mit unſerm Hauſe verwandt wird.“ „Wie ſo?“ ſagte er heftig. Er dachte an ſeinen Bruder, deſſen Leben er kannte und ver⸗ achtete. „Durch dich, lieber Eugent Wir Aeltern ſind einig und entſchloſſen.“. „Entſchloſſen?“ Hier ſtand Eugen an dem Punkte, den er fürchtete.„Entſchloſſen, Mut⸗ ter? Auch ich bin entſchloſſen, feſt entſchloſſen, und feſter, als ſie, nicht zu wollen.“ — 151— Sie ſtutzte, denn von Eugen, der keinen Willen zu haben ſchien, als ihren, hatte ſie das nicht erwartet. Sie ſah ihn an; aber ſie ſah auch nicht den kleinſten Zug von Zorn auf ſeinem Ge⸗ ſichte.. „Du ſollſt, weil ich will!“ rief ſie—„Ich möchte wohl ſehen, wie weit deine Entſchloſſenheit geht 2 „Zur Grafinn!“ ſagte er, und ging gerade zu Chriſtinens Mutter. Er ſagte ihr, was ſeine Mutter wünſchte, und daß dieſer Wunſch ſeiner Mutter ganz unmöglich erfuüͤllt werden koͤnnte. Die Sache war abgebrochen, und die Mut⸗ ter hatte geſehen, wie weit ſeine Entſchloſſenheit ging. Die Mutter ſagte ihm ganz kalt:„Du wirſt machen, daß dein Bruder mein einziger Erbe keyn wird.“ „Das wird mein Bruder wunſchen, und er heat, wie er das Leben anſieht, Recht. Mutter, Mutter, meine Schweſter wurde auch ſo und noch härter enterbt!“ „Sie gehorchte.“”“ „uUnd ſtarb den Gehorſam bereuend.“ „Gehorche und ſtirb auch!”) „Es iſt genug an einem Opfer.““ „Was haſt du gegen Chriſtinen?“ „Wahrhaftig nichts, was Roſa munde ge⸗ 3 — 152— gen den veraͤchtlichen Zweigen hatte. Aber ich will nicht.“ „Was willſt du denn?“ 8 „Was ſie gewiß nicht wollen würden. Aber das will ich nun ſo gewiß, ſo unbezweifelt gewiß, und jetzt, da ich geſehen, wie alles menſchliche Glück auf dem Glück der Häuslichkeit ruht, und da ich von mir weiß, ich werde ein Weib glücklich machen, will ich nun ſo gewiß, was ich will, daß Sie eher die Sonne in ihrem Laufe aufhalten kön⸗ nen, als mich.“ „Es gibt Geſetze für ausgeartete Söhne.“ „Ausgeartet? War ich nicht gehorſam? Thue ich nicht alles, was Sie wollen? Nur dieſes eine will ich! Ich!“ Die Mutter erſtaunte eben ſo ſehr, als ſie zürnte über den Eigenſinn, dem gar nicht beyzu⸗ kommen war, der weder Gründe annahm, noch gab, der nicht einmahl zürnte, ſondern wie ein hö⸗ herer Geiſt, wie das Schickſal ruhig ſagte,„ich will! Ich!“. Die Mutter nahm ihren Mann zu Hülfe.— Vergebens!„Ich will nicht!“ war ſeine ganze Antwort. Sie ſann hin und her, ob er nicht ir⸗ gend wo liebte. Keine Spur. Sie ſiel ſogar auf die Wahrheit, er könnte des Oberförſters Tochter lieben. Aber er erhielt keine Briefe, und ſchrieb keine. Und des Oberförſters Briefe an Boiſen enthielten kein Wort über etwas von der Art. Ein herzlicher Gruß an ſeinen Genius, war alles von dem Oberförſter, ein Rückgruß von Eugen an Vater, Mutter und Schweſter, war alles von ihm. Die Mutter tobte, ſlehte, zurnte, diſputirte, hielt lange Reden über die Pflichten der Kinder, über den Adel, über den edelſten Stolz, ſich em⸗ dor zu heben; aber alles das zerſtaubte wie eine Welle an einem Felſen, an dem einzigen Worte: ich will nicht!“ Sie nannte ihm alle junge Fraͤuleins her, und fragte bey jeder:„willſt du die?“ Und Eugen antwortete gar nicht mehr. „Was willſt du machen, wenn ich dich enter⸗ be? Himmels⸗Eugen! Höllen⸗Eugen! antworte nur! Was willſt du machen?“ „„Nun, was alle die Millionen machen, die nicht von Ihnen erben und doch leben.“ „Ohne Fürſprache, ohne Gönner?“ 1 „Der Arme kann Fürſprache und Gönner entbehren.. „Ohne Freunde— Freunde?“ rief er mit brennenden Augen —„Freunde haben ſie nicht. Ich habe Freunde. Balke theilt ſein Herzensblut mit mir.“ „Da haben wir's! Aus dem Poöbel!“ „Pöbel? mag ſeyn. Alexander, lache. nicht, wenn dieſer Nahme Balke genennt wird! beym Himmel, das nicht! War dieſer Balke 1 — 154— nicht, der meinen Vater vom Schlachtfelde hohlte, ſo warſt du nicht, ſo hätteſt du nicht eine deiner Sünden begehen können. Dieſer Mann iſt mein Vater!“. „Seht ihr, o ſeht ihr! ſein Vater! Ich möchte in den Boden ſinken.“ 3„Mutter,“ rief hier Eugen ergrimmt— „mein Vater iſt er; gäbe es einen heiligern Nah⸗ men, meine Knie vor ihm beugend, würde ich ihn ſo nennen. Wie, Mutter, Sie, Sie, die den Sohn Fremden hingab, den Sohn— es muß heraus! Ich ehre den Mutternahmen, auch an Ihnen, die mir fremd iſt! Sie, die den Sohn von der Mut⸗ ter Bruſt hingaben für ein Kleid mehr, für eine Geſellſchaft in ihrem Hauſe.— Ein Wilder gibt ſein Kind um dieſen Preis nicht weg. Ein Seclave in Afrika wird von Fremden höher verkauft, als meine Mutter mich verkaufte! O heiliger Mutter⸗ nahme, wann wurdeſt du mehr entehrt! O ihr gü⸗ tigen Mächte des Himmels,, blickt verzeihend nie⸗ der auf dieſe Frou, die zürnt, daß ich den Mann Vater nenne, der mein Vater war, der mich aus. den reinen Quellen der Liebe trinken ließ! an deſ⸗ ſen Herzen, in dem mein Blut nicht floß, o hei⸗ lige Natur! ich lernte, ein Sohn ſeyn, auch ge⸗ gen meine Mutter, die mich verließ!“ Er küßte ſeiner Mutter Hand, und ging hinaus. „Sehen Sie, liebe Mutter, die ſchwar⸗ .* ze Wolke, die ſo lange droßte, hat ſich endlich er⸗ goſſen mit Wolkenbruch, Blitz und Donner!“ ſagte Alexander lachend—„Sie meinten, er koͤnnte nicht antworten. Er ppricht wie ein Zauberer.— Er citirt die Maͤchte des Himmels, und die heilige Natur, Wilde und Mohren, und endlich,“ ſetzte er boshaft hinzu; denn er ſah, daß ſeine Mutter erſchüttert war— ‚„wird er Ihnen des Förſters Tochter als Frau von Boi ſen ins Haus bringen.“ „O, nur das nicht! Nur das ni cht!“ rief ſte die Hände ringend—„nur das laß mich nicht er⸗ leben, gütiger Himmel!“ Aber es wurde ihr immer gewiſſer, daß dem ſo war. Sie ließ E ugen den andern Tag in ihr Zimmer kommen. „Ich bitte dich, mein lieber Sohn!“ hob ſie ſanft an:„ſag mir nur die Gründe, die du haſt, die Graͤfinn auszuſchlagen!“ „ Und habe ich die Gründe geſagt, verlangen ſie dann nichts weiter von mir?“ Sie beſann ſich. Nach langem Reden mußte ſie endlich zugeben, daß er dann ſeinen Willen ha⸗ ben ſollte. „Ich liebe!“ ſagte er ſanft. Sie erblaßte.„Wer iſt, die du liebſt?" „Es iſt des Oberförſters Tochter.“ Sie er⸗ hielt ſich ruhig.„Das aber verbiethet das Geſes. ſagte ſie.. „Und wenn alle Geſetze es verbiethen. Mir 3 3—* gebiethet des Himmels Geſetz, das Geſetz meines Herzens, die tugendhaften Gefühle gebiethen mir, nichts nach den Geſetzen zu fragen; das Mädchen wird meine Frau.“ Da überzog die Farbe des Zorns ihr Geſicht, und in dieſem Augenblick trat der Vater ins Zim⸗ mer.— „Du wirſt hören, welche eine Bitte dein Sohn dir zu thun hat,“ ſagte ſie bitter— ich hof⸗ fe, du wirſt Herr und Vater ſeyn.“ 4 „Ja, Vater! Ich liebe Ihres Freundes Toch⸗ ter, des Mannes Tochter, der mein Vater war, und ich bitte um Ihren Sezen.“ 58 „8 Du haſt ihn!“ rief der Vater ſchnell und heftus—„Du haſt meine Einwilligung. Und wä⸗ mir ganz fremd, ſo wollte ich ſie dennoch ſeg⸗ Denn eins meiner Kinder ſoll glücklich ſeyn. Ich war es nicht!“ Die Mutter erſtarrte. Sie ſagte langſam. „Ich hoffe, ich habe ein Wort mitzureden. Bey dem, bae mir heilig iſt, bey dem Grabe meiner Tochter.—— „9 Gen Gott!“ kitien hier Vater und Sohn. „Schwöre ich,“ fuhr ſe ürnend fort— „nimmt er des Oberförſters Tochter, ſo⸗ mache ich heure noch mein Teſtament, und Aleranden iſt mein Erbe!⸗ Der ſchwache Pater, der b3s Geld ſeiner nen Willen, das verſichere ich Sie. — 157— Frau haßte, und dennoch daran gewoͤhnt war, ſah ſeinen Sohn mit truͤben Blicken an; aber Eugen ſagte kraͤftig:„das müſſen Sie wohl, meine Mut⸗ ter; denn von jetzt an nehme ich nicht mehr einen Heller von Ihrem Gelde. Den Segen meines Va⸗ ters habe ich, und dem reichen Segen meines an⸗ dern Vaters gehe ich entgegen."“ Hier ſprang die Mutter wuͤthend auf, und drohete dem Manne mit der Scheidung. Der Oheim Boiſen machte die Thür auf, und das Wort Scheidung war das erſte, was er hörte.„Scheidung?“ fragte er nach ſeiner trocke⸗ nen Weiſe, und ſchüttelte dann E ugens Hand. „Was gibts denn? wer will ſich ſcheiben?“ Die Frau von Boiſen rechnete noch immer auf des Oheims Erbſchaft. Sie faßte ſich. Sie erzählte, welch eine glaͤnzende Verbindung ſie für ihren Sohn haätte.—. „Und er will nicht? Madame, da müſſen Sie ihn zu ſeiner Schweſter jagen, die aulch nicht wollte.“ „Nein, er hat ſeinen Willen, nur ſoll er ein ebenbürtiges Maͤdchen nehmen.“ℳ „Madame, mein Neffe nahm Sie, gegen mei⸗ Ich nahm Sie mit Liebe auf; that ich’s nicht? Sie haben ſein Le⸗ ben eben nicht glucklich gemacht. Er häͤtte es wohl verdient, die arme gutherzige Seele! Sie konnten die Armuth nicht ertragen; den Rrichthum auch 7 “ — 138— nicht. Die arme Roſamunde! Aber wer hieß Sie den jungen edlen Mann zum Lehrer ihrer Tochter machen? Sagte ich es nicht? Wen liebt Ihr Sohn?“ „Des Oberförſters Tochter.“ „Das iſt nicht gut; ich ehre meinen Stand, ſo gut wie Einer. Aber wer heißt denn Sie Ihren Sohn in das Haus eines Bürgers als Kind ge⸗ ben? Sagte ich das nicht? Er liebt des Forſters Tochter, die ich kenne, und es wäre ein Wunder, wenn der junge Menſch ſie nicht geliebt hätte, und er waͤre ein Ungeheuer, wenn er ihr nicht treu bliebe; den Leuten nicht treu bleiben, die ſeine Aeltern wurden, da ſeine eigenen ihn verſtießen.“ Die Mutter war gewohnt, den alten Boi⸗ ſen mit einer Art von Achtung zu behandeln.— Aber dieſes ging noch zu weit. Sie drohete noch einmahl mit dem Verluſt ihrer Erbſchaft. „Er muß wiſſen, wie hoch er ſein gegebenes Wort rechnet, wie ein Edelmann, der, wie Sie wiſſen, Wort halten muß, und wie ein Menſch, der, was Sie nicht zu wiſſen ſcheinen, ſein Wort nicht brechen darf, und fünde das Leben darauf.“ 3„Wenn ſein Vater nicht einwilligt?“ „Auch dann; denn Sie haben ſich der Aeltern Rechte vergeben, da Sie ihn hingaben; aber der Vater wird einwilligen, wenn er einen Tropfen adeliches und Menſchenblut in ſeinem Herzen hat⸗ 2 7 — 159— Das iſt hier eins! Der Oberförſter hohlte ihn aus dem Rachen des Todes, bezahlte ein paar Mahl ſeine Schulden, welche die liebe Frau unnüutz ge⸗ macht hatte; nahm den Sohn hin, fuͤr deſſen Un⸗ terhalt die Mutter Spitzen kaufte, erzog ihn zu ei⸗ nem edlen Menſchen. Denn ſtellen Sie dieſen Göt⸗ terſohn, und dazu machte ihn der Förſter, neben Ihren Alexander, der für Ihre Erbſchaft Gott, den Himmel und ſeine Mutter abſchwöre, und da⸗ zu haben Sie ihn gemacht; ſo haben Sie das Para⸗ dies voll Unſchuld neben dem Sündenfalle ſtehen. Der Vater wird alſo einwilligen, und bleibt doch noch des Oberförſters Schuldner bis ins Grab, und Sie dazu.“ „Willigt mein Mann ein, ſo laß ich mich von ihm ſcheiden. Er mag wahlen zwiſchen mir und ihm.“ 4 „Ich weiß, was er wählen ſollte, um noch ein paar Tage ſeines Lebens in Ruhe und in den Armen ſeines Freundes zuzubringen, und unter Kindern, die ihn lieben. Ich, als Großoheim, willige von Herzen in die Verbindung meines Großneffen.“ 4 Die Mutter gebrauchte der Reihe nach alle Künſte einer Frau, die ihren ſchwachen Mann kennt. Sie trieb es bis zur Ohnmacht. Ihr Mann rang die Hände. Der Oheim ſetzte während der Ohnmacht die Einwelligung für den armen Eugen auf. Er un⸗ 5 M 3 7 — 160— terſchrieb, eine muntere Arie pfeifend. Er gab die Feder dem Pater.„Unterſchreib!“ ſagte er— „oder entſage deine Ehre.“ Der Mann nahm die Feder, und die Ohnmacht war voruͤber. „Denk an die Stunde, da er dich, auf ſein Leben verzichtend, auf die geliebte Braut verzich⸗ tend, unter den Todten wegſtahl!“ der Vater un⸗ cerſchrieb, ſo laut die Frau auch ſchrie. Der Oheim gab Eugenen die Einwilligung, mit den Worten:„Nun geh! und ich gebe dir den Segen aus dem Paradieſe mit auf den Weg: ſeyd fruchtbar und mehret Euch! denn bey meiner Seele, es thut in dieſer ſündigen Welt noth, daß ſolche Leute, wie du, ſich mehren. Geh! hier iſt Rei⸗ ſegeld.“ Er gab ihm ſeine Börſe.„Du ſollft von mir hören.“— Die Mutter ſtand ganz erſtarrt, über die trockne, kurze Weiſe, womit der Oheim die Sache abgemacht hatte. Sie ſtarrte ihn mit großen An⸗ gen an. Er ergriff die Feder aufs neue, ſing aut's neue an zu pfeifen, und fing lautleſend die Schei⸗ dungsklage an zu ſchreiben; dann ſagte er: nx ir wollen ſie gleich mit unterzeichnen.“ Da aber hod ſie wirklich zu weinen an. S bath den Oheim aufzuhören. 2 Er warf die Feder unruhig hin, und ſag te: „ſieh Neffe, ſo wenig koſtet es, eine eigeuſir. nige 6 Frau in Drenung zu bringen!“ dem erſten Walde ſteckte er ein Tannenre Jahren geweſen. Er hatte nur in der We lernt, wie viel ſeliger das Leben voll ha — 161— Boiſen hatte große Luſt, ſeinem Oheim nachzuahmen; aber ſobald der das Haus verlaſſen hatte, wurde die Frau wieder Herr. 4 Sie drang in ihn, ſeine Einwilligung, als erſchlichen, zurückzunehmen. Aber nein gegen dieſen Vorſchlag ſetzte ſich ſein ganzes Herz zur Wehr. Sie qualte ihn; er ließ ſich qualen. as war alles, was ſie erhielt. Sie ſchrieb an Eugen, daß ſie ihn enterb⸗ te, wenn er des Förſters Tochter heirathete. Sie verboth ihm, ſeines Vaters Nahmen zu führen. Sie gab ihm ihren Fluch. Sie war außer ſich. Und Alexander hetzte zu. Keine Mutterliebe ſprach für den Sohn, den ſie nie gekannt hatte. Siie machte ihr Teſtament. Die unnatürliche Hand⸗ lung wurde vollendet, und hier erſchien in ihren Traumen keine Geſtalt, die ſie erſchreckre. Denn ſie hatte ihn nie geliebt. Alexander zuckte die Achſeln, beklagte die Heftigkeit ſeiner Mutter, den Eigenſinn ſeines Bruders, und harrte ungeduldig auf die Eröffnung des Teſtaments. Eugenius— ſo hieß er nun wieder— zog ſeinen grünen Jägerrock wieder an, in dem er ge⸗ kommen war, hin g ſeine Jagdtaſche um, und ver⸗ ließ das väterliche Haus mit voller Freude. In eis auf den runden Hut. Er war wieder, der er vor zwey elt ge⸗ licher* * d 8—* — 162— Liebe iſt, als das glaͤnzende, rauſchende Leben in der großen Welt. Er begrüßte jeden Wald mit einem Freudengeſchrey; er ſang mit jedem rau⸗ ſchenden Bach, er dachte mit ſtiller Freude bey jeder ſchlagenden Nachtigall an S ophien. Und ſo hatt der ſchöne Tag, der ſchöne Frühling mit ſeinen tauſend Leben, mit ſeinen Geſängen, und Liebesgezänk und Geſumſe, ſeine der Zukunft vor⸗ eilende Phantaſie, ſein Herz und ſeine ganze See⸗ le ſo mit Liebe gefüllt, daß er das ganze Weltall mit Liebe umfaßte, daß er zarten Würmchen, ſo ſehr er eilte, aus dem Wege ging. Aber mitten in dieſem Gefühle der Liebe mied er dennoch jeden Menſchen. Er legte ſich am Abend auf einen Heuſchober, zum Schlafen nicht, ſondern nur allein zu ſeyn. Eine verhüllte Welt voll Geiſter, voll propheti⸗ ſcher Stimmen, eine ſüße Wehmuth, die zu einer ſeligen Trunkenheit wurde, legte ſich magiſch um ſeine Seele. Menſchenſtimmen haͤtten ihn aus die⸗ ſer Welt geweckt. Er lag, das Geſicht gen Him⸗ mel gewendet, und über ſein Auge gingen die Ster⸗ ne, der Mond, die Unendlichkeit hin, und Gott! o jetzt hätte er für eine Menſchenbruſt, auf die er das trunkene Haupt in Liebe haͤtte legen köͤnnen, alles gegeben! Er ſtammelte die Nahmen, Vater Mutter! Sophiel ſelbſt den Nahmen Alexan⸗ der! nannte er mit Liebe. Er pries ſeine Schwe⸗ ſter Roſamunde glücklich, daß ſie dem ſchwe⸗ — 163— ren Traum des Lebens entronnen war. Gott und die Zukunft waren ihm alles! Das Leben ver⸗ ſchwand immer mehr, und der Schlaf, der Bru⸗ der des Todes, legte ſich auf das weinende Auge. Nein, er wird dieſen Abend mit ſeinem Him⸗ mel, dieſe Nacht voll ſeliger Traͤume nie wieder vergeſſen; wenn er ſtirbt, ſo wird ihm der Tod nichts ſeyn, als das ſüße Zufallen der Augenlieder zum ſchönen Schlummer. Er erwachte. Nun ſuchte er Menſchen und Dörfer, und das Gewühl froher Stimmen für ſei⸗ ne aufgeheiterte Seele. Er ſang ſeine alten Lie⸗ der aus ſeiner Kindheit, die ihn die Holzſchläger gelehrt hatten. Er dachte an alles, er redete je⸗ den Menſchen freundlich und jauchzend an, und ſo eilte er weiter, und weiter, bis er in der Ferne den einſamen blauen Berg ſah, den Wimpel ſeiner Freunde, das Zeichen ſeines Vaterlandes, des Forſthauſes.— Er flog, um noch vor Abend da zu ſeyn, obgleich er wußte, es war unmöglich.— Aber am Morgen, ehe die Sonne aufging, trat er in ſeine grüne, dunkle Heimath des Waldes. Sein Hund, ſich erkennend, ſchlug an, und rann⸗ te vorwarts den bekannten Weg, und kam ſchmei⸗ chelnd zurück, und der gerührte Herr ſtreichelte das frohe Thier, und ſagte:„ja, nun da! Nun ſind wir da!“ Und er derhullte die Freudenthräͤnen, und knüpfte das rothe Band von ſeinem Halſe los, und dann, als er aus dem Walde trat, da traf der erſte Strahl der aufgehenden Son⸗ ne das Forſthaus, und Sophiens Fenſter. Die zitternden Hände hatten kaum Kraft, das Band an⸗ zubinden. Dann ging er zurück unter die Bundes⸗ eiche, lehnte das Haupt an den Baum, und erwar⸗ tete das Freudengeſchrey und die Schritte So⸗ phiens. ſt. 1S Sophie hatte die erſte Zeit von Eugenius Abweſenheit fleißig nach dem rothen Bande im Fen⸗ ſter geſehen; und fand ſie es nicht, ſo ſchlug ſie die Hande ſanft ſeufzend zuſammen. Liebröschen ſah recht wohl, es war mit So phien ſeit Eu⸗ genius Abreiſe eine Veränderung vorgegangen, die ſie auch ſogleich auf die rechte Urſache ſchob. Sie ſagte es ihrem Manne. „Liebröschen, ſoll die Schweſter nicht trauern, wenn der Bruder in die Welt geht?“ Aber Liebröschen meinte, es ſey bey dieſer Trauer zweyerley, was nicht ſchweſterlich wäre; „nicht die Thranen über ſeine Abreiſe, ſondern da ſtille Spiel mit allen ſeinen Andenken, kurz, das Spiel mit dem Schmerze, was du nicht verſtehſt Vater!“ „So? und zweytens?“ „Bey dem Schmerz ein Triumph, ein Ent⸗ zücken auf des Maͤdchens Geſicht; ein Erröthen um nichts, ein Betrüben um nichts, ein Heimlich⸗ thun um gar nichts. Was du alles nicht verſtehſt.“ — — 165— „Sose,, E Hausfrauentriumph und das ſtille Zurürkziehen von jedem Manne, der ſie ſieht; was du auch nicht kennſt. Es iſt etwas vorgefallen.“ „So laß, laß ſie! Liebröschen, laß ſie! Ich ſehe an deinem Geſicht, an einem mütterlichen Triumph, den du nicht kennſt, an dem veraͤnder⸗ ten Weſen gegen deine Tochter, ſeit du glaubſt, ſie hat ſich verlobt, und das du auch nicht kennſt, daran ſehe ich, du möchteſt gern Sophiens Vertraute werden, damit du die Liebe des jungen Herzens, die einen Kranz von Sternen traͤgt, und im Himmel unter Engeln luſtwandelt, auf die Er⸗ de herabziehen kannſt, vor deine Koffer und Schraͤn⸗ ke mit ihrer Ausſtattung, und vor ihr Brautbett. Wenn's iſt, nun? was kann ich machen?— ſo gönne dem Kinde den ſtillen Himmel, und miſche du deine hübſchen Siebenſachen nicht hinein!“ Liebröschen hatte es getroffen; aber der Oberförſter auch. Ach, Lie brö schen haͤtte doch gar zu gern das Geſtandniß ihrer Tochter gehabt, hne es ihr abzufragen! Und ihr Mann hatte, wie ſie fürchtete, gegen dieſe Verbindung nichts geſagt. Er dachte auch nicht daran, daß die Frau von Boiſe n, daß irgend ein Menſch etwas gegen die⸗ ſe Verbindung unter dieſen Umſtaͤnden haben könn⸗ te. Er beſtellte alſo richtig, aber ruhig, Euge⸗ nius Grüße an Sophien, und that, als ſaͤhe 4 „Und am meiſten das Brautweſen, ſo ein — 166— er die rothe Flamme nicht, die dann über ihr Ge⸗ ſicht ſchlug.“ Ddie Mutter legte der Tochter tauſend kleine Fallen, in denen ſie häangen bleiben ſollte; aber Sophie hatte zu wohl des geliebten Genius Be⸗ fehl gehört, alles feſt zu verſchweigen, und ſie ſchwieg. Die Mutter legte es ihr näher. Sie ar⸗ beitete an Sophiens Ausſtattung, zwar ohne ein Wort zu ſagen; aber Sophie mußte in alle Waͤſche die beyden Buchſtaben S. B. zeichnen, und das Maͤdchen wurde ſo roth, als die Buchſtaben, die ſie naͤhete. Aber ſie ſchwieg, und ſah nur de⸗ ſto fleißiger nach dem rothen Bande im Fenſter. Der Oberförſter, der gern jeden kleinen Tri⸗ umph über Liebröschen hatte, um ſie deſto zärt⸗ licher zu lieben, und den ſie ihm ſo gerne gab, kraͤhete laut, da Eug enius ſo lange ausblieb, und Sophie nicht unruhig wurde. Aber So⸗ phie wußte ja, was er ihr gelobt hatte. Sie liebte ihn deſto mehr; weil ſie in ihrer Einſamkeit alle ihre Sehnſucht auf ſein Bild richtete, und weil kein anderes Bild ſie zerſtreute. Boiſens Oheim, der den Förſter von Zeit zu Zeit beſuchte, brachte jedesmahl Nachricht von Eugenius, wie unverführt, wie rein, wie edel er in dem väterlichen Hauſe von Verführung ge⸗ liehen war! Wie kräftig er ſein Herz und ſein Lehen bewahrte! Und wie das Leben in der Welt 8 —— vor die Thür, und Eugenius Hund ſprang bis ſie dann mit dem Geſchrey:»Genius!e in Braut, Geſpielinn! O mit welchem ſüßen, theu⸗ Sophie! Das iſt der Nahme, der alles in ſich — 167— nur die rauhen Ecken ſeiner Sitten abſchliffe, und nichts weiter. 1 Sophiens Triumph ſah die Mutter, und machte ihn zu einer gefaͤhrlichen Falle für So⸗ phien; aber Sophie ſchwieg. Die Mutter hoffte vergebens. Aber nach dem Bande ſah ſie oft nicht.»Denn,« ſagte ſie traurig— ver kommt ja doch nicht!« 4 Dieſen Morgen nun, an dem Eugenius auf ſie hoffte, ſtand ſie fröhlich, geweckt von der Sonne, die auf ihr Fenſter ſchien, auf. Sie war gekleidet und entſchloſſen, gleich früͤh zu den Nachtigallen an das Waſſer zu gehen. Sie trat fröhlich an ihr auf. Sie ſah ihn, ſie erkannte ihn, und mit einem lauten Geſchrey:»Geniu 8lx. flog ſie dem Walde zu. Der treue Hund lief ſchnelleer vor ihr her. Sie folgte ihm, was ſie laufen konn⸗ te. Sie rief ihn, ſie lockte ihn, ſie liebkoste ihm, um wieder zu Athem zu kommen. Dann gings wieder laufend weiter und weiter, ſeinen Armen lag, an ſeinem Herzen, an ſeinen Lippen, in ſeinen und ihren Thraͤnen. »Hab ich dich wieder, Geliebte, Schweſter, ren Nahmen ſoll ich dich nennen? Engel, Heili⸗ ge, fromme Seele, Treue, Gute! Sophie! — 168— ſchließt! O, und doch moͤchte ich einen Nahmen fr jede Geſtalt, in der ich dich ſah; da ich dich zum erſten Mahl auf meine Arme nahm;, für jedes Spiel unſrer Kindheit, für jedes unſchuldige Spiel; ach! du weißt nicht, wie grauſam ſie in der Welt mit der Liebe, mit jedem Guten ſpielen! O meine Sophiel das ſind deine blauen, hellen Augen noch; die, wie die ewigen Sterne der Welt, meinem Leben Licht geben, und wenn ſie unter⸗ gehen, o gütiger Himmel! ſo laß mein Leben mit ihnen verlöſchen. Du waͤrſt ſchöner geworden, ſag⸗ te mir Boiſen. Nein, nein! O es iſt mir lieb, daß er Unrecht hat! Wie könnte ich eine Schönere als meine Sophie lieben! Es iſt ja noch dein Lächeln, es ſind ja noch deine Thräͤnen, noch dein lieber Blick, voll treuer Liebe! O warum ſchweigſt du? O ruf mich wieder:»Geniusle Nein, ſie ſchlang nur ſtumm die Arme um ihn. Sie ſank auf ſeinen Schooß, ſie legte ihre Hand an ſeine Wange, ihre Lippen, ihr Auge, ihre Locken, um ihn ganz und immer wieder zu haben. »Wie ſtehts zu Hauſe? iſt der Vater geſund?« fragte er nach langem Koſen der Liebe. Und ſie erzählte nun, und er wieder, ſeiner Schweſter— Trauergeſchichte, und wie ſeine Mutter ihn hatte zwingen wollen, von ihr zu laſſen. und er las ihr triumphirend die Einwilligung ſeines Vaters und ſeines Oheims vor. Und die Hoffnung, das Gluͤck, was nun ſo nahe vor ihnen ſtand, hob ih⸗ re Freude noch höher. Sie gingen, die Altern aufzuſuchen, und ſte zeigte ihm, was ihre Mutter ihr Spielen mit fei⸗ nem Andenken nannte, auf dem Heimwege, wie ſie jeden Ort, wo er mit ihr geſeſſen, verſchönert hatte, und ſie kamen zu Hauſe; der Vater war in den Forſt geritten, die Mutter war auf die Erbſen⸗ breite gegangen. Wie glücklich waren ſie wieder, daß ſie allein waren, daß ſie erſt das rothe Band von ihrem Fen⸗ ſter abbinden, und es ihm zum ewigen Andenken wieder um den Hals binden konnte! Sie zeigte ihm den Garten, die Stube ihrer Mutter, die der Va⸗ ter hatte ausmahlen laſſen, und bath ihn auf ein⸗ mahl mit heißen, ſtürzenden Thräͤnen, ſie ewig ſo zu lieben, wie der Vater ihre Mutter. „»Das ſchwöre ich dir, S ophie, meine lie⸗ be Sophie!« Und in dem Augenblick trat der Oberförſter, ſeine Frau an der Hand, ins Zimmer. O Entzücken der reinen Liebe! »Und nun, Vater, gib mir deinen ſchönſten Segen Sophien! Sie iſt mein! ſie iſt meine Braut!« Die Braut ſtand himter dem Braͤutigam, und betrachtete durch ſeine Locken erwartend, den Vo⸗ ter, was er ſagen würde. »„Wenn es Segen iſt, lieber Junge, von Her⸗ zen gern! Wiſſen deine Altern darum?« Lafont. die Pfarre zc. I. 1 e Eugenius zog ſeine Schrift hervor, und gab ſie dem Förſter. „»Das iſt ja in aller Form! Nun, Gott ſegne Euch! Aber was ſagte die Mutter? von der ſteht hier kein Wort.“« Da erzählte Eugenius, und der Oberförſter rieb die Stirn, das Geſicht, ſchüt⸗ telte das ehrwürdige Haupt, und fragte nun zu⸗ letzt:»Was meint dein Vater, was nun wer⸗ den ſoll?« „Hochzeit, ohne Zweifel, Vater!a „»Wir werden ſehen, mein Sohn! Wir wer⸗ den ſehen! Hat man denn nichts für dein Fort⸗ kommen in der Welt gethan?« Die Frage that er; aber er erwartete die Antwort nicht. Er wußte⸗ daß man nichts gethan hatte⸗ Den Tag darauf kam der donnernde Brief der Mutter mit der Enterbung, mit ihrem Fluch und dem letzten Befehl, den Nahmen Boiſen nicht zu führen. Eugenius gab ihn dem Oberförſter. Der las.»Pah, Ihr Gnaden! So iſt er mein Erbe. Ihren Fluch haben Sie mit dem Himmel und Ih⸗ rey Todesſtunde abzumachen, nicht Ihr Sohn; und was den Nahmen Boiſen betrifft, ſo ſahe ich fuͤr meinen Theil gern, er häͤtte einen andern.« „Ich habe einen andern, Vater, Ihren Nah⸗ men, Balke. Ich habe meiner Mutter verſpro⸗ chen, alles, alles zu thun, was ſie verlangt, nur das Einzige nicht, von Sophien zu laſſenz — 171— und wenn ich Sophien nicht geliebt hätte, Vater⸗ ſo häaͤtte ich ſie doch geheirathet, weil Niemand ſis glücklich machen kann, als ich, das weiß ich. Ich heiße Balke von nun an, und nicht anders. Ich bin auf ewig losgeriſſen von meiner Fa⸗ milie, glaub mir das, lieber Vater! Mein Vater liebt meine Mutter zu ſehr, um ſich mit mir aus⸗ zuſöhnen. Meine Mutter hat mich verſtoßen, und mein Bruder! o der! meine Schweſter iſt todt. Was ſoll mir der unglückliche Nahme, auf dem ein böſes Schickſal zu ruhen ſcheint. Gib mir Kind, gib mir alles, deinen Nahmen!« „»Das thaͤt ich gern, mein Sohn, du weißt nicht, wie ſehr gern! denn ſie gehört nicht un⸗ ter deines Gleichen. Ja, du freylich auch nicht. Wir wollen deinen Oheim abwarten. Er muß bald hier ſeyn; denn er hat hier untergeſchrieben:»mund? lich mehr.« Der Oheim kam. Er ging mit dem Oberförſter allein. »Ich ſehe Ihre Abſicht wohl, Herr von Boi⸗ fen! Eugenius ſoll Sophien heirathen; aber wovon leben, wenn ich todt bin?« Boifen ſtellte ihm vor, daß das junge Paar auf der Stelle verbunden werden müßte.»Denn wenn Eugenius Vater ſtirbt, und der Kum⸗ mer, glauben Sie mir, hat ihm das Herz ſchon gebrochen: ſo iſt die Mutter Herr, und das Paar getrennt. Leben? wovon? Ich gebe dem jungen H 2 dein * — 172— Paare mein Gut Birkfelde als Erb und eigen. Sie nehmen die Documente zu ſich. Eugen wird aber nur Pachter des Guts. Den Ackerbau ver⸗ ſteht er; die Pacht, die er zahlen muß, wird ihn zur Arbeit anhalten, und arbeiten müſſen ſie, ich glaube, darin denken wir überein. Sterbe ich, ſo⸗ haben Sie die Documente, und ſetzen ihn dort als Herrn ein. Ich zittre vor dieſer Frau, Herr Ober⸗ förſter! Nun, wer hat die Frau beſſer gekannt? Die drückendſte Armuth hätte ſie vielleicht gerettet. Herr, ntbehren können iſt der eine Hebel des Glücks im Leben.« ſtalten wurden getroffen. Nach acht Tagen ſtan⸗ den der Genius und Sophie vor dem Altare; und um Johannis zogen ſie in Birkfelde an, unter dem Nahmen Balke, den Boiſen gebilligt hatte. 5 Aber bis dahin empfanden ſie noch recht gut, wie aufgebracht Eugens Mutter war, und wie ihre Rachſucht kein Mittel unverſucht ließ, nicht allein das junge Paar, ſondern auch, wo möglich, den Oberförſter zu verderben. 3 Boiſen bewies dem Oberförſter, daß die beyden Unterſuchungen, die gegen den Oberförſter verhängt wurden, von der Boiſen herkamen. „Der Geiſt Ihrer Tochter verfolgt Sie!« ſo endigte er den Brief.»Folgen Sie mir!«. 7 Die beyden Väͤter umarmten ſich. Die An⸗ Der Oberſörſter folgte ihm. Das junge Paan 6 4as ich.« DOas nahm aber Liebröschen ſehr — 173— war unter dem Nahmen Boiſen copulirt. Man ſagte in der ganzen Gegend, das junge Paar gin⸗ ge nach Weſtpreußen. Sie fuhren ab, und kamen unter dem Nahmen Balke in Birkfel⸗ de an. Dasſelbe hatte Eugen ſeinem Vater ge⸗ ſchrieben. Sie waren verſchwunden, und die Mut⸗ ter haßte noch mehr, weil ihr Haß vergeblich war. Selbſt der Sohn des Oberförſters, der laͤngſt an der Küſte des Meers in Hemmerborg als Pfarrer angeſetzt war, erfuhr nicht mehr, als daß ſeine Schweſter, die er unendlich liebte, nach Preu⸗ ßeen an einen Verwandten des Oberförſters, Nah⸗ mens Balke, glücklich verheirathet war. So war das ſelige Paar aus der Welt ver⸗ ſchwunden. Oberförſters waren alle Jahr zwey Mahl bey Eugen, und der alte Oberförſter ſchlug oft ſeine naſſen Augen gen Himmel, und ſagte 3 »O Herr des Himmels, wir und ſie ſind nicht werth der Glückſeligkeit, die an uns offenbart wird!« Der Oberförſter geſtand Liebröschen freymuͤ⸗ thig:»Sie ſind glücklicher, als wir, Röschen! Auch weiß ich die Urſach. Der Mann iſt beſſer, . bel; und ſo nahm ſie lieber die Schuld auf ſich; aber Thraͤnen der innigſten Freude ſtanden beyden bey dieſem wolluüſtigen Zanke in den Augen. Der alte, trockne Boiſen, der ſehr laut er⸗ — 174— klarte, daß ihm nicht viel an den Menſchen laͤge, ein Paar ausgenommen, den alten Oberförſter und ſeine Frau, der er ſogar zu ihrer großen Beſchaͤ⸗ mung die Hand zuweilen küßte, der alte, trockne Oheim ritt nach Birkfelde ſchon mit dem Vor⸗ ſatze, dem jungen Paare den Text zu leſen, wenn er Fehler fände. Er thats auch; aber er kam wie⸗ der, und immer in kürzern Zwiſchenräumen; und immer blieb er länger in Birkfelde, und er ſagte dem Oberförſter, den er jetzt Herr Vetter nannte, weil der Titel Liebröschen wohlthat: »Ich liebe die jungen Leute, weil ſie ſo gluͤcklich ſind, wie keine andern. Und ich liebe ſie noch mehr, weil ſie noch mehr Glück verdienen, ob ich gleich nicht weiß, wie ſie mehr Gluͤck haben könn⸗ ten. Kurz Herr Vetter, die jungen Leute ſöhnen mich mit den Menſchen aus, die ich ſammt und ſonders, Sie ausgenommen,— Gott verzeihe mir!« Dem hartherzigen Manne ſtanden oft die Au⸗ gen voll Waſſer, und das Herz voll Freude, über die unſchuldige, wachſende Liebe und über das bey weinen mußte, der jungen Frau die Documen⸗ te, die das Gut zu ihrem Eigenthum machten, aufs Bett, und ging brummend und weinend zum Zimmer hinaus. wachſende Glück, und am Tauftage Eberhardi⸗ nens, die er und Oberförſters zur Taufe hielten, legte er, brummend wie ein Bär, daß er ſo da⸗ Er kam zuletzt gar nicht mehr weg von Birk⸗ felde. Er trug ſich mit der kleinen Eberhar⸗ dine umher, als ware er das Kind und das Kind die Puppe, mit der er ſpielte. Hundert Mahl ſag⸗ te er dem Oberförſter:»Liebſter Vetter, ich habe, bey Gott! bisher der Zukunft wie ein Mann ent⸗ gegen geſehen, freylich wie ein Mann, der keine große Schuld dem Schickſal zu bezahlen hat, als das Leben. Jetzt aber— ich wollte, ich waͤre todt. Denn wenn ich bedenke, daß menſchliche Zufälle, daß der Tod eines Kindes, ach! das bedarfs nicht einmahl! daß das Alter von dieſer ſchönen Blume eines glücklichen, himmliſchen Lebens, wie Euge⸗ nius und Sophiens, ein Blatt nach dem an⸗ dern ablöst, ablöſen muß; daß, Herr, das Leben ihre Liebe und ihr Glück überleben wird, muß: ſo könnt ich wünſchen, der Tod waͤre ſo barmher⸗ zig, dazwiſchen zu treten, und die Doppelblume, die an einem Stamme bluüht, in der vollen Schön⸗ heit abzupflücken, und ſie in eines Engels Hand zu geben, der ſie vor den Thron Gottes träͤgt. Hab ich Unrecht? Vetter, hab ich Unrecht?« Der Vetter ſchüttelte lächelnd den Kopf. Aber der alte Murrkopf, den eine fremde Liebe im Al⸗ ter noch ſo weich gemacht hatte, war ein Prophet. Zehn Jahre hatte ihr Glück, ein ſtilles, himmliſches, überirdiſches Gluͤck gedauert; Eber⸗ hardine war ſechs Jahre alt: da traf ein Blitz — 176— Eugenius Wohnung, und ſie loderte in hellen Flammen auf.. Eugen ſtürzte aus dem Zimmer dem Ge⸗ ſchrey zu, was entſtand. Die Flamme leckte an der Treppe mit ihrer verderblichen Lohe. Er ſtürz⸗ te zurück. Er riß Sophien vom Bette auf, er trug ſie mit ſtarkem Arm, durch die Slamme auf den Hof hinab. Sophieſchrie jammernd:»Mein Kind! Eberr⸗ hardinel meine Tochter!« Der Vater drang wieder durch die Flammen empor. Das Kind ſank in ſeine Arme. Er riß ſein Kleih ab, umhüllte das Kind, drang vorwaͤrts durch ſtürzende Balken, durch der Flammen wildes Geziſche, über die glühenden Stufen, hinab. Er legte Eberhardine an der Mutter Bruſt, und ſank zu Boden, mit dem Seufzer:»Leb wohl, Sophie!« . Sie ſank in Ohnmacht. Da ſie erwachte, kag ihr Mann in dem Hauſe des Predigers im Bett, und er ſtreckte die verbrannte Hand nach dem theuren Weibe. Man erwartete mit Todesangſt den Arzt. Er kam. Er ſah den Kranken, und ſchlug das finſtre Auge zu Boden. 3 Sop hie ſaß wie eine Leiche am Bett, ohne eine Thrane, ohne einen Seufzer; ohne eine Be⸗ wegung, die erloſchenen Augen auf den geliebten 4 Mann gerichtet. Er laͤchelte aus dem Schmnan ihr zu; aber ſie laͤchelte nicht wieder. Alle fuüͤnf Minuten fuhr ſie einmahl krampf⸗ haft zuſammen. Ihr Vater kam, ihre Mutter, Boiſen. Sie wendete ihr Auge auf Keinen. Sie hörte auf Keines Stimme. Nur auf den Arzt wendete ſie zuweilen, nicht einmahl fragend, ſon⸗ dern wie ſterbend, das Auge. 1 Da redete er leiſe ſie an:»Dreyßig Jahre ha⸗ be ich mit dir, Sophie, die ſchönſte Zeit des Lebens, die Kindheit, die Jugend, die Zeit der Kraft, die Zeit des ungetrübten Glücks durchlebt: kann ich ſchöner ſterben, als an der Schwelle des Alters, und für dich, und für deine Tochter? Was war denn der Preis meines Lebens, So⸗ phie? dul dein Glück! Ich habe ihn erkämpft! Für dich ſterben, welch ein ſchöner Tod! Gib mir deine Hand noch einmahl, meine S ophiel« Sie hob die Hand; aber ſie gab ſie ihm nicht. Auch antwortete ſie nicht. Es war, als häͤtte der Tod ihre Kraft erſt gelaͤhmt, ehe er das theure Le⸗ ben ihres Mannes angreifen durfte. So ſaß ſie immer Tag und Nacht, ohne Nah⸗ rung, ohne Schlaf, ihn betrachtend. Dann wendete er noch einmahl den Blick auf ſie, und ſagte:»Soll ich ohne dein Lächeln ſter⸗ ben, Sophie?« Sie vhue ſihe ſie machte eini⸗ ge heftige Bewegungen. e lächelte. So laͤ⸗ chelt ein Engel. Er dehed denn er ſah einen Engel laͤcheln, und mit dieſem Lächeln nahm der Tod das Leben aus der Bruſt.— 8 “ Der alte Boiſen ſtürzte aus einem Zimmer in das andere, ſchickte jeden Menſchen, dem er be⸗ gennete, in das Zimmer, ob er todt wäre? ob Sophie noch nicht ſpräche? rief:»Zündet das Haus an, damit ſie einen Schrecken hat, und re⸗ det. Zündet die Welt an! Sagt ihr, ihre Toch⸗ ter ſey todt! D ich bitte Euch, helft ihr zu einem Worte, und waͤre es auch ein Fluch, daß alle Engel ſich verbergen müßten! Ich will ihn ver⸗ antworten.« Er faßte den unglücklichen Vater im wilden Zorn und weichem Schmerz an der Bruſt, und rief:»O das iſt eine Welt, eine liebliche Welt, du jammervoller Vater! Ich habe dahinten auf den Knien gelegen, und mein altes Leben für das junge Leben, für das Glück gebothen. Der Himmel, glaub du mir, iſt ſo taub wie die Men⸗ ſchen! O ich will auch nichts darnach fragen! Mö⸗ gen ſie ſich unter einander zerfleiſchen, zerreißen, mag das Erdbeben das elende Theater unſers Jam⸗ mers zerſchlagen, der Blitz es anzünden, die Fluth uns erſäufen— Nur zu! nur zu! will ich ſagen. Was iſt der andere Bettel werth, wenn deine Kin⸗ der ſterben?“ „ Kann er ſchöner ſterben, als für Waib un Kind?“ ſo ſagte er eben ſelbſt. „, geh, du harter Kieſelſtein, du Stahl! geh mit deiner Weisheit! denn ſtirbt er, o ſtirbt — 179— ſo— was ſoll das Peſthaus voll Peſtkranker dann übrig bleiben?““ Röschen war die Muthigſte von allen. Sie tröſtete Mann und Tochter, nur den al⸗ ten Boiſen konnte ſie nicht tröſten, ſie beſorgte den ganzen Haushalt und alle Geſchaͤfte, obgleich in ihrem Herzen der Schmerz arbeitete, wie in einem. Das Herz ihrer Tochter n war durchaus gebro⸗ Ghen, ihre ganze Seele war erſtarrt. Kein neuer Umſtand konnte in ihre Seele dringen, nicht das Begräbniß ihres Mannes, nicht der Anblick ihrer Tochter, nicht der gebeugte Vater, der wie ein Schatten um ſie her ſchlich. Da trat die Mutter an die Seite der Tochter. „Sophie,“ ſagte ſie hart—„Dein ſeliger Mann hat für dich ſein Leben geopfert, wie das ſeyn muß. Er läßt dir aus ſeinem Grabe ſagen, du ſollteſt nicht vergeſſen, daß er dir eine Tochter zurück ge⸗ laſſen hat, die er liebte. Du ſollſt ihre Mutter ſeyn, läßt er dir ſagen.“ Sophie ſah die Mut⸗ ter ſtarr an.„Ich kann nichts mehr, Mutter! Ich kann gar nichts mehr, als ſterben. Ich über⸗ gebe dir meine Tochter, liebe Mutter!“ Das wa⸗ ren ihre erſten Worte wieder. „Nicht eher, als biſt du geſtorben biſt, wie er,“ antwortete die Mutter noch härter—„neh⸗ ine ich deine Tochter.“ Eberhardine kam, und lief weinend auf R “ — 180— die Großmutter ein. Die Großmutter ſagte rauh zu dem Kinde:„Geh zu deiner Mutter, und ſage ihr, ſie ſoll nicht undankbar ſeyn gegen deinen Va⸗ ter, der aus Liebe zu dir und ihr ſtarb! Eberhardine, ſo hatte die Großmutter das Kind gelehrt, kniete vor ihrer Mutter, und ſagte: „O liebe du mich, um meines Vaters willen! O verſtoß mich nicht!“ Das drang in ihre Seele. Sie umarmte das Kind, und die erſten Thraͤnen brachen aus ihren Augen. Das war wohl gelungen; aber es half zu nichts. Die Mutter ließ ihre Tochter nicht einen Au⸗ genblick mehr von ſich. Sie hatte nun in dem Kinde ihren Mann. Aber alle Zerſtreuungen, die ihr die Mutter machte, zerſtreuten ſie nicht. Der Schmerz hatte wie eine Rieſenſchlange ihr ganzes Herz, ihre Seele, ihr ganzes Weſen umpickelt, und füllte das Herz mit erſtarrendem Gifte. Was ſie noch allein freute, ſagte ſie Nieman⸗ den. Sie hatte dem Todten den Ring aus ihrem Haar, den ſie unter der Bundeseiche ihm ſchenkte, mit in den Sarg gegeben. Sie wußte nun ge⸗ wiß, ſie würde ihm nachſterben. Sie dachte nichts als ihn. Man hätte den Schmerz in ihrem Herzen heilen können; aber wer konnte den liebenden Wahnſinn ihres Kopfes hei⸗ len, daß er ihren Ring mit ins Grab Laumen, 6 — 18912— und ſie muͤſſe dem Ringe folgen? Aber ach, die⸗ ſer Wahnſinn war ja nur der Schmerz ihres Herzens! 4 Man hrachte ſie aus dem Zimmer weg, aus deſſen Fenſter ſie auf ſein Grab ſehen konnte. Man freute ſich, daß es gelang. Aus dem an⸗ dern Fenſter ſah ſie einen Baum, den er gepflanzt, die Morgenröthe, die er liebte, die Natur, die ſein war. Jeder Stern, der aufging und unter, redete mit ihr, und erinnerte ſie an ihren Ring. O der Schmerz iſt zu heilen, der Zeichen haben muß zu Thränen; aber wer heilt den, der in des „Herzens Tiefen ſtill und unbeweglich ruht, und die ganze Natur verdunkelt, nur das Grab nicht, das über dem geliebten Herzen ſteht! „Ach, es thut mir weh, Mutter,“ ſagte die Trauernde—„daß ich noch einmahl Euch betrü⸗ ben muß! Kann ich denn dafür, daß ich ſterb⸗ lich bin?“ So ſehnte ſie ſich einige Monathe hin, mit kalten, bleichen Wangen, mit zum Boden gerichte⸗ ten Blicken. Sie lobte ja alles, den Winter, den kommenden Frühling, die erſte Lerche, die milde Luft, die ihrem Leben, ſo meinte die Mutten⸗ die Geſundheit zurückgeben ſollte. Sie war milder als die milde Luft, freund⸗ licher als der Fruͤhling; denn er hatte ihn ja ſo geliebt. Gie trug Boiſen auf, fur ihre Kachier i zu — 182— ſorgen; denn das Forſthaus, was bald in eine ſtil⸗ le lange Trauer verſinken ſollte, war kein Aufent⸗ halt für das Kind. So ſagte der Oberförſter ſelbſt. Boiſen, deſſen Gedanken jetzt nichts wa⸗ ren, als das kurze, kleine, arme Leben, und das erhabene Grab, und Gott; deſſen Träume nichts waren, als Leichenzüge, und der Auferſtehung un⸗ ausſprechliche Freude, ſah dieſes Mahl den Tod mit Muth heranſchreiten. Ich bitte Euch, wollt Ihr um ihr Leben bethen? Bedeckt nicht der dunkle Mantel des Todes das glückliche Paar gegen alle Schmerzen des Lebens? gegen des Alters Hinfäl⸗ ligkeit? gegen die Furcht vor dem Tode ſelbſt? Wäre Solon hier, lieber Balke, würde er nicht ſagen:„Die ſind glücklich. Sie legten ſich in den Tempel ihrer eigenen Liebe hin, und er⸗ veweiſen, daß der Tod beſſer iſt, als das Leben, und daß die Trauer um die Geſtorbenen nichts iſt⸗ als das eigennützige Jammern um unſern eigenen Shhea Er verſprach alſo Sophien, für ihre Toch⸗ err zu ſorgen. ſie reich ware.— Das Haus ihres Bruders wurde dazu erwählf. Siu kannten den edlen Mann alle. Der Oberförſter verſprach, dem Sruder wachten nicht wieder.“ Und würde er nicht daraus Sophie drang darauf, ſie ſollte einfach auf dem Lande erzogen werden, ohne zu lwiſſen, daß Jan den Herrn von Boiſen in Birkfelde, — 183— den wahren Nahmen des Kindes und ihr Vermö⸗ gen zu verſchweigen. Man ſetzte das zwanzigſte Jahr feſt, wo ſie alles erfahretten und Boiſen nahm es auf ſich, die Sache e aͤndern, wenn es nöthig ſeyn ſollte. Sie ſchrieb an ihre Tochter, und verwies ſie oder an den dortigen Prediger, der ihr über ge⸗ wiſſe nothwendige Dinge Nachricht geben wuͤrde. Sie erzählte ihrer Tochter ihr glückliches Leben mit ihrem Manne; ihren glücklichen Tod mit ihm, der Eberhardinen das Loben gerettet hatte. Sie ſchrieb lange, bald kleine Aufſaͤtze, bald laͤngere, über das Leben, über den Tod, über die Liebe, über das Glück, inhaltſchwere Gedanken;z denn eine Sterbende wars, die ſie ſchrieb. Sie bezeichnete die Papiere mit Nummern. Boiſe n ſiegelte ſie ein, und Sophie emachte die Aufſchrift an ihren Bruder. 8 Nun war alles vollendet. Sophiens See⸗ le war wie ein Tempel der Alten, dunkel und ſtill. Aber im Dunkel ſtand die Geſtalt der Gottheit. Sie war nie ſo heiter geweſen als jetzt, ſie ſchaute den Tod ſo lange mit Laͤcheln an, bis er die Ge⸗ ſtalt ihres Genius annahm, und ſie fragte ihn an jedem ſchönen Morgen:„Kommſt du heute?“ bey jeder Abendröthe:„Suchſt du mich morgen? Ach, ſie gab ihren trauernden Verwandten mit ih⸗ 8 — 185b— rer Heiterkeit, mit ihrem feſten Glauben an die Ewigkeit, mit den heiligen Bildern in ihrer Seele mitten in dem Schmerz ein Entzücken, dos einſt in Geſtalt eines Engels an ihrem Sterbebette ſte⸗ hen wird. „Ich lerne ſterben!“ ſagte der Oberförſter. „Ich lerne leben!“ rief erhabener Boiſen. Da fanden ſie Sophien einen Morgen todt im Bette. Der Tod hatte ihr nichts genom⸗ men, als das Leben, nicht das Lächeln des lieb⸗ lichen Mundes; er hatte nicht einmahl das Grüb⸗ chen in der Wange ausgefüllt. Die Hände wa⸗ ren zum bethen gefalten, die Augen zum Schlaf geſchloſſen. Es war eine Stille im Hauſe, im gan⸗ zen Dorfe, als ob eine Welt über den Leich⸗ nam trauerte. Alles wurde erfüllt, was ſie ge⸗ wunſcht hatte. Sie ruht neben dem Geliebten. ——— „ 4. Naͤhdem Eberhardine die Thränen, die ſie bey dem Leſen dieſer Papiere vergoſſen, abgetrock⸗ net hatte, ſah ſie ihren Mann erwartend an. Er ſchwieg. Sie ſagte:„mir iſts, als klange dieſer Nahme Birkfelde, und alle die Nahmen, die ich zum erſten Mahle hoͤre, S ophie und Ge⸗ nius, aus meiner Kindheit zu mir herüͤber. In meinen Traͤumen, lieber Mann, weiß ich mehr davon. Ich bin oft in Flammen, und jedesmahl werde ich durch Flammen weggetragen. Mirr iſts, als ſehe ich jetzt den Leichnam meiner Mutter im Sarge mit Blumen geſchmuͤckt. Hab ichs geſe⸗ hen;— oder haben dieſe Briefe meiner theuern Mutter erſt dieſe Bilder geſchaffen? In Preußen ſollen meine Ältern gelebt haben, und jetzt wieder in Birkfelde? Und kommt dir es nicht ſo vor, als hieße mein Vater Boiſen, und nicht Bal⸗ ke? Das alles beunruhigt mich, und du ſagſt kein Wort?“, „Wir ſollen eine Reiſe nach Birkfelde ma⸗ chen, liebes Dinchen; die Reiſe wird Geld ko⸗ ſten, und hinzureiſen, befiehlt dir aus drüͤcklich dei⸗ ner Mutter Brief.“ Siee ſeufzten beyde. „Laß uns ſchlafen gehen, liebſter Ferdi⸗ nand! Der Schlaf iſt darum eine theure Gabe Gottes, ſagte der Patriarch; weil er dem Men⸗ ſchen neuen Muth gibt, und jeder Unruhe die gedß⸗ te Hälfte der Dornen abſtreift.“. Sie legten ſich nieder, und am andern Mor⸗ gen brachte ein Bothe von der naͤchſten Poſt ein großes Paket. Es enthielt eine betraͤchtliche Sum⸗ me Geld, und ein paar praͤchtige weibliche Anzüge, mit den Worten:„zu der Reiſe nach Birkfel⸗ de.“ Nach funf Minuten ſtand Eberhardine in dem einen Kleide vor ihrem Manne und dem — 186— kleinen Spiegel. Das Herz pochte ihr doch un⸗ ruhig, und wohl beſonders, weil ihr Mann ſie mit einem neuen Entzücken umarmte. „Wir wollen aber nichts aͤndern an unſerm glücklichen Leben.“ ſagte ſie, wieder in ihre Haus⸗ kleidung ſchlüpfend, und der Mann umarmte ſie aufs Neue, noch herzlicher. Ein kleiner Wagen und ein Paar Pferde waren bald gekauft, und Va⸗ ter und Mutter, Ferdinand und Thereſe ſtiegen an einem ſchönen Morgen in den Wagen, und reiſten nach Birkfelde ab. Sie kamen an, und ließen ſich bey dem Herrn von Boiſen melden. Dinchen erkannte den Herrn von Boiſen mit dem erſten Blicke.„Mein Himmel,“ ſagte ſie, ihm freunduh die Hand rei⸗ 3 chend—„ſind ſie das?„. „Ja, liebes Kind, ja, „Den ich abſchatten, hußte⸗ 21 „Ja.“ 1 „Der mit in unſerm Stammbaumne ſeht „Eben derſelbe.“ „Und ſie ſind Herr von Boiſen?“ „Der bin ich.“ „Meiner Mutter Freund?“ „und deiner!”⁷ „ So kamen ſie wohl neinetwegen zu meinem. Oheim? 2* 3 „Deinetwegen. 3h mußte ſa ſehen, wie dir es ging, um n zu helfen, wenn’s Noth that.“ 3 — 187— „Ach, und doch hätte ich bald des Deichgra⸗ fen Frau werden müſſen!“ „Nein; ich waͤre aus meinem Verſteckwinkeg hervorgetreten. Deinen Mann kannte ich längſt, wußte laͤngſt, welch ein Ehrenmann er war.““ Da erinnerte ſich Braune, daß dieſer Herr von Boiſen bey ihm geweſen, und eine lange Unterredung über das Leben, über das Glück, über die Zukunft mit ihm gehabt hatte. Der Alte lächelte.„Ich, das war ich, und ich war recht oft nachher in Holm, und ſah nach, was das junge Paar machte. Gottlob Kinder, Ihr wart Eurer Ältern werth! Aber nun, junge Frau,“ fuhr er fort, Dinchen von oben bis unten beſehend—„der Anzug da iſt faſt zu arm für eine arme Predigerfrau, wie viel mehr für die reiche Beſitzerinn dieſer Güter! Denn da! ſieh hin!“ er öffnete ein Fenſter—„ſo weit dein Blick ſieht, iſt alles dein.“ „Mein Blick,“ ſagte Dinchen, ihre helen Augen auf ihren Mann und auf die beyden Kin⸗ der richtend— Assicht nicht weiter, als bis hierher.⁰ 3 „Gut! Und deine Großmukker, die ſtolze Frau von Boiſen, die deine Ältern haßte, deinem Va⸗ — ter ſtatt des Muteerſegens ihren Fluch gab, iſt auch hier." 3 „Hier? Gott! demn was 15 von ihr zeleſen. ſo wenig es war—⸗. „Zittre nicht Dinchen! Die Vergeltung hat ſie ergriffen. Die ſtolze Frau trat nach dem Tode ihres Mannes, ihrem Sohne, deinem Oheim, Alexander, dem hartherzigen Teufel, ihr Ver⸗ mögen ab; und der Undankbare mißhandelte die Mutter, bis ſie ihn verließ. Dann ließ er ſie darben.“ Es war ſo, wie Boiſen erzaählte. Ale⸗ xanders Frau— die Mutter hatte dieſe gläͤn⸗ zende Verbindung geſchloſſen— war eben ſo hab⸗ ſüchtig, wie die Mutter, die auf ihr weggegebe⸗ nes Vermögen noch immer trotzte. Ein furchtba⸗ rer Haß entſtand unter den beyden Weibern. Aber in dieſem Kampfe ſiegte die junge Frau vollkom⸗ men. Die Schwiegermutter wurde von den glän⸗ zendſten Geſellſchaften ausgeſchloſſen. Unter dem Vorwande einer neuen Einrichtung des Hauſes, wurde ſie auf ein kleines Hinterſtübchen verjagt. Ihre Jungfer, die ihrer Frau Partie, und mit Eifer nahm, wurde aus dem Hauſe verwieſen. „Meine Jungfer ſteht zu ihrem Befehl, wenn ich ſie nicht gebrauche,“ lispelte höhniſch die junge Frau. So ſank die Mutter von einer Stufe ih⸗ res ganzen Glücks, bis auf die tiefſte Stufe des Elendes herab, wo ſie allein, verlaſſen auf ihrem Hinterſtübchen ſaß, in dem jeder vorfahrende Wa⸗ gen über ihr Herz rollte. Sie fand keine Freun⸗ de, und ſo war ſie furchtſam geworden. Boiſen hatte ſie bey dem Kode ihres Mannés vor Ihrem — 189— Sohn gewarnt. Sie hatte ſich, ihn beleidigend, in aller Feindſchaft von ihm getrennt. An ihn, von dem ſie allein Hülfe erwarten konnte, durfte ſie ſich nicht wenden.. Sie wendete ſich noch einmahl, ſich lange auf dieſe Stunde vorbereitend, um Muth zu ha⸗ ben, an ihren Sohn. Er hörte lächelnd die Klagen der Mutter, die aus einem gebrochenen Herzen kamen, an, und wurde nicht gerührt.„O,“ rief ſie— kannſt du mich, deine Mutter, die dir das Leben, ihr Ver⸗ mögen gab, ungerührt in dieſer armſeligen Klei⸗ dung ſehen, verſtoßen in ein dunkeles, enges Kaͤm⸗ merchen, was ſonſt fur meine Domeſtiken zu ſchlecht war? verſtoßen, ſo hart verſtoßen, von deinem Tiſche, aus deinen Geſellſchaften? verſpottet, ver⸗ achtet von deinen Leuten; O daß Roſamunde noch lebte!“ „Die Sie ins Grab warfen?“ „O daß mein Sohn Eugen noch lebte!“ „Den Sie enterbten, und verfluchten?“ „Da erſtarrte das Mutterherz„ und ihre Stim⸗ me und ihr Muth. Sie wendete zum erſten Mahle den Blick gen Himmel, und ſagte:„ich habe es verdient! Aber mußteſt du es ſeyn, Alexan⸗ der, mußteſt du der Henker ſeyn, der mich fol⸗ tert? O! 14 Sie ſchlich bebend und furcheſam auf ihr Kräm⸗ merchen zuruck. — 190— Won ungefaͤhr hoͤrte ſie, daß Boiſen in der Stadt war. Sie bath ihn ſchriftlich um einen Beſuch. Und nun zitterte ſie vor dieſem Beſuche; denn das hatte ihr Sohn geſagt: was würde der Fremde, der Freund Eugens nicht ſagen? Boiſen kam. Er erſtaunte vor dem Auf⸗ enthalte der Frau, vor ihrer Kleidung; aber er erſtarrte, da endlich die Mutter, durch ſeine Gü⸗ te kühn gemacht, ihm ihre letzte Unterredung mit ihrem Sohne erzählt hatte.„Ja, Nichte,“ rief er erblaßt, und ſtieß den Stock auf den Boden— „er hat die Wahrheit geſagt! aber, bey Gott, dem Vergelter! er ſoll ſich auch hören. Kommen Sie mit mir! Keinen Tag länger ſollen Sie unter dieſem mit Fluch beladenen Dache bleiben. Mein Wagen halt vor dem Hauſe. Kommen Sie, wie Sie ſind!“ Er ergriff ihren Arm, aber ſtatt ſie an die Treppe zu führen, die troſtloſe Mutter, die ihre Augen mit ihrem Tuche bedeckt hatte, führte er ſie in den Geſellſchaftsſaal, wo der ganze Adel verſammelt war. Die Mutter bebte; aber ſi mußte folgen. Der Anblick der ſchlechtgekleideten Frau an dem Arme des Alten, deſſen Geſtalt, und deſſen zornig funkelnde Augen Ehrfurcht gebothen, machte den Saal ſo ſtill, wie ein Grab. Alexander trat erſchreckend hervor. Boiſen hielt ſein Rohr ihm entgegen, u um ihn in der Jene zu halten.— — 19— Dann ſagte er:„das iſt deine Mutter! Boͤſewicht, bitte Gott, daß deine Frau nicht Mutter wird! Sie wird dir die unverſöhnlichen Rachgöttinnen ans Licht bringen. Du wirſt den Nahmen Vater verfluchen, wie hier deine Mutter den Nahmen Sohn verflucht!“ Dieſe Worte ſagte er langſam, feyerlich. Ein geiſtiges Schrecken ergriff die ganze Geſellſchaft. Bleiche Geſichter ſtarrten die Mutter, den Sohn und den kraͤftigen Alten an. Er wendete ſich um, und verließ den Saal und das Haus. Boiſen hatte die Mutter furchtbar geraͤcht, denn in einer Stunde war der ganze Saal leer; und der Sohn ſtand, an den Nageln kaͤuend, allein mit ſeiner tobenden Frau, die Himmel und Erde um Rache für den Alten anrief. Boiſen brachte die Mutter nach Birkfel⸗ de.„Sie wiſſen,“ ſagte er—„Sie wiſfen, Nichte, daß ich geſchworen habe, nichts mehr fuͤr Sie zu thun. Ich bringe Sie aber in das Haus einer jungen, edlen Frau, die mit Freuden eine. unglückliche Mutter aufnehmen wird.“ —„Wer iſt dieſe Frau?“ fragte die Boiſen furchtſam. 2 „Die junge Frau eines Predigers, Braune. Sie iſt nicht hier. Aber ich bin ihr Vormund, und ſo, ich bitte Sie, ſeyn Sie ruhig! Man — 192— nimmt Sie mit offnen Armen auf.“ Sie traten in das ſchöne Haus. Boiſen bath die Mutter, ſich ihre Wohnung auszuſuchen. Sie waͤhlte i ein kleines abgelege⸗ nes Zimmerchen. Boiſen gah ihr ein paar ſchöne Zimmer. „Ich wohne ſelbſt hier, wenn ich hier bin.“ Die Frau von Boiſen begriff das Verhaͤlk⸗ niß nicht, in dem ſie mit der Beſitzerinn dieſes Gutes ſtand. Sie war angſtlich. Boiſen ſagte trocken:„ſeyn Sie ruhig, Nichte! Es fehlte dem Hauſe hier an einer Auf⸗ ſeherinn. Ich bin nicht immer hier. Sie hätten Zeitvertreib, wenn Sie die Oberaufſicht üͤberneh⸗ men wollten.“ „O recht gern! recht gern! Die Domeſtiken wurden der Frau von Boiſen vorgeſtellt. Sie lächelte wohl ein wenig bitter, daß ſie hier unter einer Predigerfrau ſtehen mußte; aber man behan⸗ delte ſie hier ſo ehrerbiethig, als waͤre ſie die Be⸗ ſitzerinn des Gutes, daß ſie nichts zu tadeln fand. Boiſen ging auf ſein Zimmer, und ſie war allein. Da trat ſie in ein Zimmer, und gegenüber an der Wand hing das Bild ihres Sohnes Eugens. Sie erſchrack, aber ſie hielt dennoch den Blick feſt auf dem Bilde.„O Eugen!“ ſagte ſie, bit⸗ tend die Hände zuſammenfaltend. Da ſie aber ih⸗ re Blicke in dem Zimmer umher ſchlug, erſchas — 193— ſie noch mehr.„Gott, wo bin ich?“ rief ſie— „was habe ich zu erwarten?“ Sie glaubte mit je⸗ dem Augenblicke ihren Sohn Eugen in das Zim⸗ mer treten zu ſehen; denn das Zimmer ſchien eben erſt von ſeinen Bewohnern verkaſſen zu ſeyn. Da hing ihres Sohnes grüner Rock, der runde Hut darüber. Da ſtand ſeine Büchſe, und an der Büch⸗ ſe hing ein Strohhut der Frau. Auf dem Tiſche lag ein Strickzeug, neben einer Kinderpuppe. Das Zimmer war bewohnt, es war das Zimmer ihres Sohnes, den ſie nun todt glaubte. Sie warf wie⸗ der die naſſen Augen auf Eugens Bild. Neben ihm hing das Bild einer engelſchönen jungen Frau, deren Geſicht die Frau von Boiſen erkannte. Sie ſah ihrer Mutter, der Oberförſterinn, zum Reden ähnlich. Da hing noch der Oberförſter, die Oberförſterinn auch, und Boiſens Bild. Sie zitterte vor der Ueberraſchung. Aber die Ausgeberinn, die zu ihr in's Zimmer trat, bedeutete ſie.— 3 „Der Herr von Boiſen ließ, bey dem Tode unſrer, ach! ſo geliebten jungen Herrſchaft— „Wie hieß ſie denn?“ „Balke hieß der Herr, die Frau war des DOberförſters Tochter da.“ Sie zeigte an die Wand. „ und der da?“ fragte zeigend die Mutter. „ Das war unſer Herr Balke. Bey ihrem Tode befahl der Herr von Boiſen„ ihr Wohn. Lafont. die Pfarre ꝛc. I. 3 — 194— zimmer— denn weiter war der Brand nicht ge⸗ kommen— gerade ſo zu laſſen, wie es den Tag vor dem Brande geweſen war, um es zum Anden⸗ ken der Aeltern für die Tochter aufzubewahren.— Das alles darf hier niemand anrühren.“ „Wo iſt die Tochter? „ Bey ihrem Oheim. Sie kommt erſt wenn ſie vier und zwanzig Jahr alt iſt. Das iſt der Be⸗ fehl ihrer ſterbenden Mutter. Der Herr von B d i⸗ ſen weiß alles.“ G Boiſen trat eben in's Zimmer.„Gott, lie⸗ ber Oheim!“ ſagte ſie, tief bewegt—„ich dachte, mein Sohn lebte. Hier wohnte er alſo, und das alles, ſein Rock, ſeine Buͤchſe, ſein Hut, ſeiner Tochter Puppe, und— meiner Schwiegertochter Hut dort, und hier ihre Arbeit! O Herr von Boi⸗ ſen, darf ich's berühren?“ Boiſen nickte. Die Mutter nahm das Strickzeug, küßte es, und trock⸗ nete ihre Thräͤnen danfit ab. Dann drückte ſie des Sohnes Rock an ihre Bruſt.„O mein Gott,“ ſagte ſie—„hieß er denn Balke? warum denn?“ Sie hatten ihm ja ſeinen Nahmen unterſagt.“ Sie wendete ſich ſeufzend ab. „Und dieſes Gut,“ fuhr ſie wieder fort— „war ſein Eigenthum? O Sie großmüthiger Mann! Und meine Enkelinn iſt jetzt die Beſitzerinn des Gu⸗ s? O ſagen Sie mir alles, lieber Oheim! Ein Prediger iſt ihr Mann? „Ja, aber er ſteht in einem der ſchönſten — 195— Stammbaͤume, die ja ich geſehen habe. Ein ar⸗ mer Prediger, ſo arm, daß ihn die junge Frau aus Mitleiden nahm, ſo wie er ſie; denn ſie war eben ſo arm.“ „Arm? und dieſes Gut?“ „Sie weiß, nach dem Befehl ihrer Mutter und auf meinen Rath, nicht ein Wort von dem Gute. Ihre Aeltern hatten erfahren, wie gefaͤhr⸗ lich der Reichthum ſeyn kann.“ Hier ſeufzte die Mutter. 3 „Auch will ich wetten, häaͤtte ſie den armen Prediger nicht bekommen, war ſie Fraͤulein Boi⸗ ſen und reich.“ „O, wo iſt ſie? wo iſt meine Enkelinn?“ „Sie kommt, ſobald es Zeit iſt.“ Mehr brachte die Mutter von ihm nicht her⸗ aus. Aber ſie hörte von andern, von den Leu⸗ ten im Hauſe, von dem Prediger, von dem Juſtizgamtmann, mit denen allen ſie höchſt freundlich umging, wie unendlich glucklich ihr Sohn mit ſeiner Sophie gelebt hatte; wie tu⸗ gendhaft, wie ehrwürdig die ganze Familie, deren Haupt der Oberförſter geweſen war, nicht nur dem Dorfe ſondern der ganzen Gegend geweſen war. Ach, ſie mußte oft gen Himmel ſehen, weil ſie vor Beſchaͤmung die Erzählenden nicht betrachten konn⸗ te! Sie verglich ihr Leben mit dem Leben dieſer glücklichen Familie, und ihr Herz ſchlug in ſchmerz⸗ lihe Reue. —— — — 106— Sie fing mit Eifer an, die Aufſeherinn des Gutes zu werden. Und ſie fing an zu fühlen, daß nützliche Beſchaͤftigungen fähig ſind, eine ruhige, ſanfte Gluͤckſeligkeit zu verleihen. Manchmahl kehrten die alten Wuünſche zurück; eber Boiſens ſtrenger Blick hielt ſie ab, und ſo hatte ſie ihre Geſchäͤfte und ihren Umgang ſchon lieb gewonnen, da ihre Enkelinn angekommen, und mit Boiſen im Geſpraäch über ſie war. Boiſen hatte Eberhardinen alles er⸗ zaͤhlt. Er führte ſie nun in das Wohnzimmer ih⸗ rer Aeltenr. „Sieh, Dinchen, wir hoben hier unſern Stammbaum auch. Das war dein Pater, das deine Mutter, das der edle Oberförſter, und das Liebröschen, die Liebröschen blieb bis in den Sarg; das ſind deiner Aeltern Kleider!“— Dinechen war außer ſich. Sie küßte der Mutter und ihres Vaters Kleid. Sie benetzte es mit Thraä-⸗ nen. Sie ſchlug der Mutter Halstuch um ihre Schultern, ſie ſetzte den Hut der Mutter auf ihre Locken. Ihr Mann hingegen häͤtte gern die Pup⸗ pe geküßt, weil damit ſeine Dine als Kind ge⸗ ſpielt hatte. Er hatte ein wahres Verlangen dar⸗ nach; und waͤre nicht der ſtrenge B oiſe n da ge⸗ 3 weſen, wer weiß, was er gethan häͤtte. „Hier will ich wohnen 2 rief Eberhardi⸗ ne, ihrem Mann an die Bruſt fallend; obgleich es in der erſten Stunde ihr Entſchluß Leueſen war, — 97— Pfarre an der See nicht zu verlaſſen.„Hier Aaß uns wohnen, liebſter Mann, und ſo glücklich ſeyn, als unſre Aeltern geweſen ſind!⸗ „Darauf rechnete ich, Kinder!“ rief Boiſen voll Freude—„und glücklich werdet ihr ſeyn! Mein Alter hat mich zu einem Propheten gemacht.“! Nun gingen ſie zu der Frau von Boiſen. Eberhardine geſtand Boiſen, daß ſie ſich vor dieſem Beſuche füͤrchtete. Aber da ſie in das Zimmer trat, und die Großmutter, die ſehr einfach gekleidet war, ihre Enkelinn ſogleich erkann⸗ te, ſtatt ihr mit offnen Armen entgegen zu gehen, erblaßte, die Haͤnde gen Himmel hob, und mit rührenden Tönen ſagte: O Geiſt meines Sohnes, ſteig auf deiner Tochter Herz herab, daß ſie gütig iſt!“ ſo war auf einmahl Eb erhardinens Furcht verſchwunden. Eine ſüße Wehmuth zog in ihr Herz. Sie warf ſich zu den Füßen ihrer Groß⸗ mutter, küßte ihre Hande, und rief:„O geben Sie Ihrer Enkelinn Ihren Segen!“ „Segen? o Kind! liebes Kind, o Tochter meines verſtoßenen Sohns, meine Lippen haben keinen Segen! Meine Haͤnde darf ich auf kein Haupt ſegnend legen; ich darf ſie nur falten zum Gebeth. O meines Sohnes Tochter, mein Kind, meine Enkelinn!“ „˙0 Mutter, nehmen Sie Ihre Enkelinn an den mütterlichen Buſen, aus dem mein Vater Le⸗ ben trank, o nehmen Sie—.“ — 198— Da wendete ſich die arme Mutter. ab, und ſagte zu Boiſen:„Die Vergeltungs⸗ ſtunde iſt gekommen, Oheim! und hart, hart ſtrafend!“ „Aber auch der Verſoͤhnung ſchoͤne Stunde, Nichte, an dem Herzen Ihrer Enkelinn.“ Da warf die Großmutter ihr Haupt, verber⸗ gend, in den Buſen der Tochter, und weinte laut, und da fanden ſich die Lippen der Mutter und Toch⸗ ter, und die Tochter, eingedenk des ehrwürdigen Alters der Mutter, kniete noch einmahl, und die Mutter, erhoben von der Stunde der Vergeltung und Verſöoͤhnung, legte die zitternde Hand auf die Stirn der Tochter, zum Segnen, und Boiſen rief:„nun, zum Geyer! gab's in allen Ihren Geſellſchaften eine ſolche Stunde?““ „Nein,“ antwortete die Nichte—„aber es iſt gut, daß Ihre Bemerkung den ſchönſten Triumph meines Lebens mildert.“ „Pah, das ſollt er nicht: denn mir ſtehen ja ſelbſt, Freuden und Triumphthranen in der Bruſt! Nichte, auch wir ſind verſöhnt!“ „Nun brachte Dinchen die beyden Kinder⸗ „Mein Sohn Ferdinand, meine Tochter The⸗ reſe!“ Sie ſagte weder Boiſen, noch der Groß⸗ mutter, daß Ferdin and ihr Sohn nicht war. Der erſte Empfang war nun vorüber. Alle Anſtalten wurden nun getroffen für ihr hieſiges Le⸗ ben. Braune und ſeine Frau reiſten ſchnell zu⸗ — 199— rück. Braune legte ſein Amt nieder. Eber⸗ hardine beſuchte ihre Tante. Sie beſchenkte ſie mit reicher Liebe, und erhielt von der Tante den Stammbaum, den ſie ſelbſt gemacht, und den Braune ſich ſchon laͤngſt zum Andenken des alten ehrwürdigen Patriarchen gewunſcht hatte. Die junge reiche Frau nahm ringsum freund⸗ lich Abſchied. Sie ſtiegen mit Marien und ih⸗ ren Kindern in den Wagen, und kamen in Birk⸗ felde an. 6 Sie gaben ſich noch einmahl die Hand darauf, daß ſie an ihrem glücklichen Leben ſehr wenig aͤn⸗ dern wollten.„Und nun,“ rief Dinchen, ih⸗ ren Arm um ihres Gatten Hals legend—„nun ſpringe ich muthig und froh mit dir ien das neue, alte Leben hinein Sorgen werden wir nicht mehr⸗ haben, als die eine, woher wir Sorgen nehmen werden. Denn die kleinen Sorgen, wie ſoll das werden? und die Freude, wenn es geworden iſt, lieber Mann, gehören zum Glück, wie an die Ro⸗ ſe die weichen Dornen. Man pflückt ſie nur vor⸗ ſichtiger.“ Er ſah ihr laͤchelnd in's Geſicht, und drohete nur mit dem Finger.„Gebe der Himmel, daß wir nie eine groͤßere Sorge haben, als die, daß alle Dornen, die das Geſchick für uns hat, nichts ſind, als die weichen Dornen an den Roſen der Freude! Eberhardine, nehme der Himmel mir alles, nur dich nicht, und meine Kinder, und die 5 8 Geſundheit, und Brot ſatt gebe er: ſo, hier iſt meine Hand, ſo will ich gluͤcklich ſeyn.“ „Ich auch!“ Sie gaben ſich die Haͤnde dar⸗ auf. 5. Daz Braune und die freundliche Eberhardi⸗ ne auf ihren Reiſen an das Meer, und wieder nach Birkfelde noch allerley redeten; daß ihnen der Reichthum im Grunde nicht ſo gefährlich vorkam, als ſie ſagten; daß ſie allerley Plane auf dieſen Reichthum gründeten, verſteht ſich ohnehin; aber dieſe Plane betrafen nicht ſie ſelbſt und ihr Leben, ſondern die Menſchen, mit denen ſie lebten, und derer Glückſeligkeit. Sie ſelbſt wollten an ihrem Leben nur wenig aͤndern. Aber die freundliche Idee, rings um ſich her, ſo weit ihr Arm und ihre Macht reichte, ein Paradies voll Unſchuld, und voll Glück zu erbauen, füllte ihre Herzen ganz, ſo ganz, daß Dinchen gern im erſten Augenblicke den Baum des Lebens gepflanzt hätte, wenn's nur zu machen geweſen ware; und überdem ſielen ihr alle Augen⸗ blicke des Patriarchen, ihres Oheims Sprüchwörter Es war, als ſaͤhe ſie ihn, wie er ſagte: Eile mit it Bele Und haſt du etwas recht Gutes vor, Dinchen, was alſo lange dauern ſoll: dann Ei⸗ le mit Weile! Rechne auf keinen Engel in deiner Unſchuld, der dir helfen ſoll. Du ſollſt nicht nur — 261— das Gute thun; du ſollſt es mit Verſtand thun 1 darum Eile mit Weile! Gott bedarf der Menſchen⸗ hände nicht; aber des Menſchen Hand bedarf des Verſtandes, darum—“ R „Eile mit Weile!“ rief das ganze Haus. Ein harter Granit iſt mit dem Meiſel zu be⸗ arbeiten; der Diamant läßt ſich leichter in Geſtal⸗ ten ſchleifen, als menſchliche Sitte, Gewohnheit und Art zu denken. Sturm und Erdbeben, Waſ⸗ ſerfluth und Feuer zerſtören wohl; aber bie Zeit al⸗ lein mit ihrem leiſen Schritte geſtaltet und aͤndert und beſſert. Das ſollten die Miniſter bedenken, de⸗ ren Geſetze oft nichts als ein Erdbeben ſind⸗ Das ſiel ihm und ihr ein, und wenn Din⸗ chen zu raſch vorſchritt: ſo hob er den Finger und ſagte:„Eile!“ „Mit Weile!“ antwortete ſie lachend. Die junge Frau machte rings im Dorfe ihre Beſuche, bey den Armen und Reichen, bey Alt und Jung, aber ohne die vornehme Demuth, ſon. dern mit anmuthiger, lachender Freundlichkeit.— Sie gab nicht, wo die Armuth forderte, ſondern ſie rieth, ſie überredete, ſie ſuchte die Quellen der Armuth, und lehrte ſie zu verſtopfen. Sie kannte alle Kinder des Dorfs, und liebte ſie alle. Sie kam in die Schule, wo ihr Mann von Zeit zu Zeit unterrichtete. Der Prediger, durch Braunens Beyſpiel thaͤtiger gemacht, half. Was in Holm angefangen war, wurde hier vollendet, die Schule G. wurde der Lieblingsplatz der Kinder; der alte Schulmann, ein verſtaͤndiger, ehrlicher Mann, er⸗ hielt Achtung, und ſing an, ſie zu verdienen. Herr Braune erſchien ſogar im Wirthshauſe, auf der Kegelbahn; aber ohne zu predigen, ſelbſt da es öfter geſchehen war, ohne zu ſtören. Ferdinand hatte ſeine Spielſtunden mitten unter den Knaben des Dorfs von ſeinem Alter, und Thereſe un⸗ ter den Maͤdchen, und nach und nach wurde der Spielplatz in den herrſchaftlichen Garten verlegt. Es war keine Taufe, keine Trauung, kein Be⸗ gräbniß, an denen Braune und die gütige Di⸗ ne nicht Theil genommen häͤtten, mit einem klei⸗ nen, ehrenden Geſchenke, oder mit mitleidigem Troſte. Das Erndteiſt wurde ein allgemeines Dorffeſt. Alles ging ſo gut, daß Dinchen ſchon oft glaubte: der Lebensbaum ſtände da ausgebrei⸗ tet, das ganze Dorf überſchattend. Boiſen, der auf ſein Alter noch an Zauberey glaubte, war D inchens Meinung;; aber Braune hatte Recht und der Patriarch, daß ein Diamant leichter zu andern iſt, als der Menſch. Aber die Einwohner dieſes Dorfs wurden ihres Lebens froher; und froher werden iſt auch beſſerwerden, obgleich die ungeduldige Eberhardine auch faſt d daran nun nicht glauben wollte. „Ach, die Pfarre an der Seelu konnte ſe 5 wohl manchmahl ſeufzen.* L „i hatten 1ebe mit uns kelbſe 9 1, —— ———————.— 8 1* — 203— ſagte Braune—„mehr Bedurfniſſe, mehr Wünſche.“ Auch bey der Erziehung der Kinder ſeufzten er und ſie zuweilen:„ach, die Pfarre an der See!“ denn Dinchen hatte den Entſchluß gefaßt, ein Ideal von Erziehung anzuſtellen. Auch Braune wollte das zuweilen auch. Nun aber arbeiteten an den Kindern die Groß⸗ mutter, Boiſen, das ganze Haus voll Leute, das ganze Dorf. 4 „Am meiſten und am ſchwerſten der Reich⸗ thum, liebes Dinchen, und die Schmeichleley. 7 „Auf der Pfarre an der See, fanden wir und unſre Kinder nicht einen Schmeicher.)— „Laß uns thun, was wir können; das übrige ſey Gott befohlen!““ Braune ließ einen Hofmeiſter kommen, und theilte mit dem den Unterricht. Boiſe verlangte Unabhaͤngigkeit für die Kinder, für die Knaben zum wenigſten. Vater und Lehrer waren eins mit 3 ihm. Dinchen, wie alle Weiber, verlangte Ge⸗ horſam, und unbedingten, wie immer die Liebe, und hielt am wenigſten darauf. Braune fand Gehorſam, weil er am⸗ wenigſten befahl. Die Kin⸗ der lebten glücklich, und wuchſen herrlich empor; denn das Beyſpiel der Tugenden ihrer Altern er⸗ ſetzte doppelt alle Fehler der Erziehung. Es eat⸗ ſtand unbemerkt ein kleines Paradies voll Unſchuld, und die Kinder waren die Engel darin. Die Er⸗ 2 ziehung war bald hart ſpartaniſch, bald ein wenig zu weichlich; aber die Kinder blieben unter bey⸗ den Zonen, der heißen und der kaltern gleich gut. Niemand ſah, daß Ferdinand nicht zu den andern Kindern gehörte— ſo ahnlich war er ſeinen Geſchwiſtern— als allein Braune und 1 Dine, die wußten, er war ein Fremder. Er zeichnete ſich durch eine Heftigkeit in allem aus. Er war zu weich, er war zu muthig. Er übertrieb alles. In den Monathen, da man ſpartaniſch er⸗ zog, haͤtte er lieber gar nichts gewollt. Er hätte mögen den Diogenes übertreffen, und doch liebte er die Pracht, Feſte und alles Schöne. Er war der Wildeſte unter allen, ohne ungeſtüm zu ſeyn/ und doch ließ er ſich am leichteſten lenken. Er ſtahl ſich oft von den Kindern des Dorfs weg mitten aus der rauſchenden Freude, die er 3 hervorgebracht hatte, in die ſtillſte Einſamkeit, ohne einen Grund davon zu wiſſen. Er mußte. Er war herriſch und nachgebend zugleich. Er zurn⸗ te leicht und heftig, und noch leichter vergab er, wenn er beleidigt war. In den Lehrſtunden ſchweif⸗ te er am meiſten ab. Seine Phantaſien waren lächerlich; aber immer rieſenhaft, und dennoch weich und traurig dunkel. Er wurde von jedem Gei⸗ ſtermaͤhrchen heftig angepackt. Er glaubte an je⸗ des, und in ſeinem Heczen arbeitete eine geſtalt⸗ loſe Welt ſich empor, voll furchtbarer Erſcheinun⸗— gen, die aber immer mehr Licht gewann, je mehr er ſie an ſeinen Unterricht anreihen konnte. 1 Dabey war er gewiß, zu großer Freude Boi⸗ ſens, der Anführer aller gefährlichen Unterneh⸗ mungen und aller Neckereyen. Es war nicht Einer im Dorf, dem er nicht einen Streich geſpielt, und dem er nicht irgend eine Geſlteit erwieſen 18 hätte. Alle Welt hatte ihn am liebſten; denn er rraf jedes Menſchen Ton, ohne es zu wiſſen, oh⸗ ne es zu wollen. Er war in der Gegend zwey Meilen umher ſo bekannt, wie in dem väterlichen Garten; denn er mußte jedem Fußſteige, jedem Bache nachgehen, jeden Berg bis auf den Gipfel erklettern, jedes Thal hinab, und weiter, und immer weiter; und bey dieſen Reiſen war er immer allein.— 4 Er zitterte vor dem Geſpenſte, das in einer alten Burgruine umgehen ſollte; aber er mußte dennoch allein hin. Er ſaß ſchauernd in dem al⸗ ten Gemäuer oft, bis die Daͤmmerung ſeinen Gei⸗ ſterſchauer erhöhte. Er lebte in der frohen Welt ſeines Dorfs mit allen, und er hatte ſeine Welt für ſic, die er znit Keinem theilte. 3 So wuchs er empor, unter dem klaren Un⸗ terrichte ſeines Vaters und Lehrers, in der frey⸗ en Natur, unter den beſtänbigen angeſtrengten übungen ſeines Körpers, ein ſolzer Süngling. ——ͤſͤſͤöZöZö——“n — 296— 4 Braune ſah recht wohl, wie in des Juͤng⸗ lings Bruſt jetzt die Phantaſie, das Herz, das Blut und die Ruhmbegierde alle auf einmahl, die Rieſenfluͤgel erhoben, wie der Zugvogel, den die 8 Frühlingslüfte anwehen. Er zog ihn näher an ſich, und ließ ihn lernen und arbeiten, und ſchrei⸗ ben unabläſſig. Der Vater machte dem ſich aus⸗ dehnenden Geiſte des Jünglings Raum. Er nahm ihn mit auf kleine Reiſen. Er fing Engliſch mit ihm an, und gab ihm den Shakſpeare in die Hand, und die Geſchichte der Welt, einen höhern Shakſpeare. Er leitete die ſchwellende Kraft, die wie die Samenſchote einer Balſamine, bey der kleinſten Berührung, aufſpringt, auf die Wahr⸗ heit, auf die Tugend und auf das Schöne. Er war Willens geweſen, ihn gerade jetzt auf eine Schule zu ſenden; aber er wagte es jetzt nicht. Er öffnete ihm jetzt alle Pforten des Lichts und der Philoſophie, und ließ ihn die drey großen Glieder der Wahrheit: die Tugend, die unſterblich⸗ — t und Gott zuſammen ſetzen zu einer lebendig blühenden Pflanze der Religion, nicht zu einer trocknen Pflanze in Herbarien der Metaphyſik. Die Dichtkunſt gab der Wahrheit ihre Seraphs⸗ flügel und die himmliſche Menſchengeſtalt und die erwachende Liebe ſeines Herzens verband alle mit dem heiligen Bande der Liebe, beyde Welten, bis 4 Wahrheit mit dem Schönen. Aber noch immer waren ſeine Wünſche nahmen⸗ 17— und geſtaltlos. Seine Phantaſien waren noch die alten Mährchen aus ſeiner Kindheit. Er wünſch⸗ te ſich noch nicht ein Mahl einen Freund, viel we⸗ niger eine Geliebte. Der Ruhm war es allein, der ihm ſeine as ei both. Aber der trunkene Blick, das ſtille Erröthen, die leiſen Seufzer, die aus ſeinen rothen Lippen hervorbrachen, ſagten dem Vater, wie nahe das Aufbrechen der verſchloſſenen Noſenknospe ſeines Herzens war; und ſo verzö⸗ gerte er den Augenblick, den Eberhardine ſo ſehnlich wünſchte, die Entdeckung, daß er nicht ſein Vater, daß Thereſe nicht ſeine Schwe⸗ ſter war. Eberhardine wüͤnſchte es, bloß um zu ſehen, was er für Augen machen würde. Auch wünſchte ſie es um Thereſen willen. Der Ge⸗ danke, daß er ein Mahl durch die Bande des Bluts ihr Sohn werden ſollte, war ja ſchon lange ihr lieblicher Gedanke geweſen. Aber der Vater woll⸗ te nicht. Ferdinand hatte Thereſen unter allen Menſchen am liebſten. Erfuhr er in dieſem Zeitpuncte: Thereſe ſey nicht ſeine Schweſters ſo wurne ſie ſeine Geliebte. „Nun denn, ſoll ſie das nicht, Vater?“ „Es würde mich glücklich machen, Dinchen! Aber wenn er, wenn wir für Liebe hielten, was nichts waͤre, als brüderliche Freundſchaft? wean— nein, laß mich nicht glauben, er hätte glucklicher ſeyn können, wenn er es nicht gewußt hätte. 9 nein! wenn er geht, ſo ſoll er es erfahren, er iſt nicht ihr Bruder; und dann las 5 das Schickſal und ſein Herz walten.“ „Waren nicht meine Al rn anf eben die Weiſe glücklich?“ „Sie wußten, baß ſie nicht Bruder und Schweſter waren. O laß uns keine unruhige Wel⸗ le in ihr ruhiges Leben werfen!“ Sie gab ungern, aber uüͤberzeugt nach, und Feedinand blieb ruhig. Da aber reiſte die Mutter zu ihrer Tante, die ſie erzogen hatte. Sie nahm Ferdinanden und Thereſen mit ſich. Die Tante, das ſchoͤ⸗ ne Paar der jungen Leute ſehend, konnte Eber⸗ hardinen den Wunſch nicht verbergen, The⸗ reſe n ein Mahl als Gattinn des edlen Junglings zu ſehen. Thereſe zuckte die Achſeln, und die Tante fragte:„Soll ich es ihm ſagen, als haͤtte ich ver⸗ geſſen, daß er es nicht wiſſen ſoll?“ „O um des Himmels willen nicht!“ rief Di⸗ ne ſehr ernſt—„wie köͤnnte ich je mein Auge wieder vertrauend gegen meinen Mann erheben?4) Die Tante verſprach zu ſchweigen; aber haͤtte Ferdinand nur etwas geahnt, er häͤtte erra⸗ then muͤſſen, daß auf ſeiner Geburt ein Geheim⸗ niß ruhe: ſo nahe ging die Tante immer an der Auflöſung ihres Rathſels weg. Soerhar dine beſuchte die Pfurm— olm — —— 2— 209— und ihre alten Bekannten. Wie glüͤcklich war Ferdinand, da er den Spielplatz ſeiner Kind⸗ heit wieder ſah! Er begleitete ſeine Mutter und ſeine Schweſter auudas Meer.. Die Mutte eß ſich mit ihren beyden Kin⸗ dern nach der Watte üͤberſetzen, wo ihr Mann den geliebten Sohn gefunden hatte. Hier ſtand ſie, und, von ihren ſchönen unſchuldigen Wünſchen er⸗ — griffen, ſchloß ſie wechſelsweiſe und höͤchſt gerührt ihren Sohn, dann ihre Tochter an die bewegte Mutterbruſt. Die Kinder wußten nicht, was der Mutter ſo rührend war.„Hier!“ ſagte ſie nun—„hier!“ wiederhohlte ſie, und zerfloß in immer haͤufigere Thraͤnen. Dann wendete ſie den Blick auf das unendliche Meer, das ewig bobend baher ſturzte, und, die Häͤnde gefaltet, bethete ſie um die Er⸗ füllung ihres unſchuldigen Wunſches. Sie kehrte freudig hoffend zurůück. 8 Ferdinand blieb noch in der Gegend, die ihn ſo freudig an ſeine Kindheit mahnte.. Am Abend ging er mechaniſch noch ein Mahl ans Meer. Ein Fiſcher aus Holm fragte ihm: „Sie wollen noch ein Mahl auf die Watte, jun⸗ ger Herr? ich kanns denken.“ Ferdinand ſah ihn an.„Was meinſt du, Alter? Was?“ 8* „Wie Gott alles regiert! Da fanden ſi ter und Mutter!“ e Va⸗ —ÿÿ fend gelegen. Stumm hörte Ferdinand den alten Fi⸗ — 210— „ Das? wie denn ſo? da? „ Nun auf der Watte, meine ich. Da fand ſie Herr Braune. Eine Stunde nachher war die Fluth, Springfluth dazu zuhenn es war Voll⸗ mond. Da wars ums Lebe ehen.“ f „Mein Gott, Alter! fan Warte? Was heißt das?“ Der Fiſcher merkte, er hatte etwas geſagt, was der junge Menſch nicht wiſſen ſollte. Aber er hatte zuviel geſagt, er mußte erzaͤhlen. Er er⸗ zählte alles. Er ſetzte ihn an die Watte über; er zeigte ihm die Stelle, wo er in ſeiner Wiege ſchla⸗ mich, auf der ſcher an. Dann bath er ihn, nach einer Stunde ihn von der Watte wieder abzuhohlen. Ferdi⸗ nand war allein, mitten von dem rauſchenden Meere umgeben. Er wendete ſeine Blicke in alle Weltgegenden, und fragte die daher rauſchenden Wellen und den Mond, der wieder voll aufging, und die Seemö⸗ wen, welche die weiße Bruſt in das Meer da⸗ herſchießend, tauchten:„o wer iſt meine Mut⸗ 4 ter? Er warf ſich in den Sandhafer, der die Watte bedeckte. Er ſah den Mond immer höher heraufziehen am Himmel, und mit ihm die Nacht und die Sterne, und er ſann nicht heraus, ob die Nachricht, die er erhalten, daß er in der wei⸗ H —— — — 211— ten Welt keine Altern hatte, keinen Verwandten, ein Ungluck ſey oder ein Gluck. Aber er war in dem Augenblick mündig geworden. Unter Trom⸗ petenthall und P nſchlag, unter wehenden Pa⸗ nieren des Ruh und der Ehre trat er in die Schranken der Ehrenbahn großer Thaten, die Lie⸗ be zu vergelten, die Fremde an ihm gethan, und den Nahmen, den er noch erſt erfahren ſollte, und ſeine Verwandten mit Ehre zu krönen. Seine aufgeregte Phantaſie zog um die Wie⸗ ge mit dem ſchlafenden Kinde einen leuchtenden Kranz.„Die Welt iſt mein!“ ſagte er erſt leiſe; aber dann wurde ſeine Stimme immer ſtaͤrker. „Dieſer ungewiſſe Sand iſt mein Vaterland, die⸗ ſe brauſenden Wellen! Die Menſchheit iſt mein Landsmann. Ich allein bin frey! mich bindet keine Kette, als die mein Wille mir anlegt. Ein Sohn des Glücks! des Schickſals Sohn!“ Die Unheil weisſagenden Worte des Oidipus wiedev⸗ hohlte er oft mit dem Stolze der jugendlichen Hoff⸗ nung. Er drang mit ſeiner Phantaſie hinein in die Welt, an ihre fernſten Graͤnzen. Die ganz unbeſchraͤnkte Freyheit, in der er ſich auf ein Mahl ſah, gewann unbeſchreibliche Reitze für ihn. Der Jüngling dachte nachher nicht ein Mahl daran, welch eine unzerreißliche Kette ihn an Braunens Familie feſſelte. Sein verwirrter Plan, ſeine dun⸗ elſten Hoffnungen, ſeine geheimſte Sehnſucht hat⸗ (te einen Halt bekommen. Er kußte den Boden, — 212— 1 4 wo ſeine Wiege ſtand, und ſtieg ruhig, zu allem entſchloſſen, in den Nachen, und ging ruhig zu Hauſe, entſchloſſen, ſein Geheimniß ſo gut zu ver⸗ wahren, wie ſeine Altern. egte ſich nur wei⸗ cher und zaͤrtlicher an das Herz ſeiner Mutter. Er wurde ſeiner Schweſter nicht fremder. Aber ſein Herz verlangte in die Welt. CEr freute ſich, wie ſie zurückkehrten. Zu Hauſe drang er in ſeinen Vater, von Hau⸗ ſe wegzukommen. Es war der Wille des Vatero, er ſollte eine Univerſität beſuchen. „Nein,“ ſagte der Sohn—„laß mich den hHeißen Wunſch meines Herzens befriedigen, die ja jedes junge Herz erhebt. Laß mich in mein Vater⸗ land, in die ganze Erde!“ Der Vater redete mit ihm über dieſe Idee.“ Er ſprach von den Gefahren der Verführung. Fer⸗ dinand läͤchelte.„Das ware die Gefahr nicht, mein Vater? Was nennſt du Verführung? ich ver⸗ ſtehe dich nicht.“ Der Vaͤter mußte damit hervorgehen, daß er vorerſt nichts meinte als ſein jugendliches Blut. Ferdinand laͤchelte wieder; aber dann wurde er ernſt, ſehr ernſt.„Mich kann nichts, nichts verführen, Vater!“ ſagte er, ſein Haupt an ſei⸗ ne Bruſt legend. „Wie ſo?“ „Denn es könnte a ſeyn, ich leht meine Sihdeſtene 1 8 — 213— Der Vater ſah ihn beſtürzt an.„Was koͤnn⸗ ke ſeyn? „Ich weiß alles, alles, Vater, von einem Fiſcher auf der Warte, wo du mich fandſt.“ Der Vater ließ ſich erzählen, und welche Wir⸗ kung es auf die Phantaſie des jungen Menſchen gemacht hatte. Der Sohn verſchwieg ihm ni ichts. Der Vater ſuchte die Phagtaſie des Jüng⸗ lings in ein weniger gefäͤhrliches Gleis des Lebens herabzuziehen; aber Ferdinand antwortete: nwas denkſt du, Vater? Was will ich denn? was ich auch gewollt haͤtte, wenn ich dein Sohn war? Mißgoͤnnſt du es dem Jünglinge, die liebliche Idee, das Zauberlicht, das ſich um meine Welt legt, daß ich in jedem edlen Manne meinen Va⸗ ter errathe, in jeder edlen Frau meine Mutter hoffte, daß ich meinen Freund freudig fragen kann: „biſt du vielleicht nicht mein Bruder? daß ich’— hier ſenkte er das Auge, und die verſchämte Wan⸗ ge glühete,„daß ich jedes edle Maͤdchen wie mei⸗ ne Schweſter ehre? Mißgönnſt du es mir, daß ich in jedes Land der Erde trete, mit dem gehei⸗ men entzückenden Gefuühl, es iſt vielleicht mein . Vaterland? Es iſt wohl eine Spielerey der Phan⸗ taſie, das fühl ich. Aber iſt nicht die Dichtkunſt eine Erinnerung aus einer ſchönern Welt, auch ein Spiel, ein Traum, und doch wahrer als das Leben? O Vater, taſte meine k ſrrundiicen Hoff. nungen nicht a an 4 ₰ — 114— „Auch will ich eine Zeitlang,“ fuhr der Sohn fort—„auf einer Univerſität leben, um zu mei⸗ nem Pinſel, der ſo gluͤcklich trifft, noch ein Ge⸗ werbe zu haben, das im Nothſiätt mich Lnähftee „Und das iſt?“ „Die Arzneykunde. Ich finde in jeder Stadt Lehrer. Meinen uFleiß kennſt du. Ich bedarf, das weißt du 1u9 nem Vater, ſehr wenig. Ich habe entbehren lernen. Meinſt du nicht, daß ich ſo glücklich ſeyn werde?““ „Faſt glaube ich es. Doch du reiſeſt nicht morgen, nicht übermorgen. Wir werden weiter über deinen Plan reden. Und deine Abkunft blei⸗ be ein Geheimniß zwiſchen uns und deiner Mutter. 7 Die nahe Abreiſe Ferdinands wurde be⸗ kannt gemacht. Das Geheimniß blieb verſchwiegen. 3 Der Vaͤter gab dem Jüngling das Portrait ſeiner Mutter, aber nur, eine Kopie davon zu nehmen. Er mahlte eine, die vollkommen aͤhnlich war. Das Bild wurde eben ſo gefaßt, erhielt eine ſolche Kette, und der Sohn erhielt das Original. Er trug das Portrait auf ſeiner Bruſt. Er bath ſeinen Vater, ihm die Art ſeiner Reiſe, und die Länder, die er beſuchen wollte, 4 ganz zu überlaſſen. Der Vater merkte wohl, daß der Iangins — 215— ſein Ziel weit geſteckt hatte. Aber er erlaubte es ihm, ohne zu thun, als errieth er die Abſicht. Der Vater gab ihm einen Kreditbrief mit, und mehrere Wechſel auf große Handelsſtädte.— Boiſen, der den Jüngling unbeſchreiblich liebte, und rechtasohl aus den Reden des jungen Men⸗ ſchen ſah, auf welch eine Reiſe geſehen war, ſagte:„laß uns Abſchied ee esederzaa⸗ Wir ſehen uns nicht wieder! machſt Anſtalt zu einer weiten Reiſe, ich zu einer noch größern. Da hier, nimm! Ein No fer in einer großen Verlegenheit!“—— Er brach einige Edelſteine aus den Faſſungen von ein paar Ringen.„Näͤhe ſie ein, und gebrau⸗ che ſie als unſcheinbare Knöpfe an einem Kleidungs⸗ ſtück, das du nicht ablegſt. So machte ich's, mein Sohn, da ich in deinen Jahren in die Welt lief, um das Glück zu Pheaen Ich hätte es zehn Schritte von mir finden eönnen; denn glaube mir, in den Nahmen: Menſh, Mann, Vater, Bru⸗ der, Freund ſteckt das Gluͤck des Lebens. Nir⸗ 5. gend anders! das ſah ich zu ſpät. Ich bitte Gott, daß du es ſiehſt, wenn es nicht zu ſpaͤt iſt.“ Ferdinand nahm Abſchied, und, der Frau von Boiſen Willen, reiße er in einem Wagen ab, der aber nichts enthielt, als einen kleinen Man⸗ telſack für den reiſenden Jüngling. 5 6. Er ging auf eine Univerſitaͤt, und arbeitete mit dem Eifer ſeiner Begeiſterung Tag und Nacht.— Dichtkunſt und Muſik waren ſeine Erhohlung von ſeinem Studiren der Medizin und vongſeinen Ar⸗ beiten in der Ma lerey. Er ſchlief nur ſechs Stun⸗ den; und da pe gelernt hatte, welch ein Zeitgewinn, O ung und Eintheilung der Zeit iſt: ſo gewann er Zeit und Kenntniſſe. Er wohn⸗ te bey einem berühmten Arzt im Hauſe, und erhiekt ſehr bald ſeine Freundſchaft. Er zeichnete für ihn Pflanzen und Praäparate. Er rückte mit Gewalt vorwaͤrts in der Medizin. Sein Freund, der Arzt, wollte ihn bereden„ bey der Akademie zu bleiben. Er ſchlug es ab, und entdeckte ihm ſeinen Plan, über die ganze Erde zu gehen, ſo bald er mit ſei⸗ nem Studium der Medizin fertig ware. Aber ſeine eigentliche Neigung zog ihn an die Dichtkunſt und an die Mahlerey. 1 Er zeichnete viel; er warf die Paſtel⸗ und Waſſerfarben weg, und wurde Oehlmahler. Sein ehrer in der Kunſt ein großer Meiſter, wurde ſein Freund. Auch der, der ſein Talent für die Kunſt ſah, wollte ihn bereden, ſich der Kunſt ganz zu weihen. Hier ſchwankte er; denn hierhin zog ihn Herz. Aber dennoch überwand ſein Plan, das Menſchengeſchlecht zu ſehen, ſeine Liebe zur Kunſt. Seine Bekannten begriffen nicht, woher Brau 8 — 217— ne die Zeit nahm zu Allem, was er trieb. Sein Lehrer meinte, er würde nichts recht lernen, weil er zu viel lernte; aber ſie kannten ſeine Begeiſte⸗ rung nicht, nicht die Summe von Kenntniſſen, die er von Hauſe mitgebracht hatte, und den Vortheil nicht, denn er aus ſeiner Art des Studiums, die ihm ſein Vater gelehrt hatte, zog. Er las, wollte er etwas wiſſen, in einer fremzen Sprache dar⸗ über, weil er von ſeinem Vate überzeugt war: das langſamere Leſen in einer fremden Sprache drücke die Kenntniſſe tiefer in die Seele. Ein deut⸗ ſches Buch las er immer mit der Feder in der Hand, um dem raſchen Vorüberfliegen ſeiner Seele zu ent⸗ gehen. Seine Flöte blies er im Freyen, auf einem Berge ſitzend, und auf dieſen Flugeln der Flöten⸗ töne erhob ſich ſeine Seele in die magiſchen Gefilde der Dichtkunſt. Er begleitete ſeine Geſaͤnge mit Gedanken; und war ſeine Seele gefüllt von Muſitk und den erhabenſten Gefühlen: ſo ſchrieb er, und ſo vereinigte er, wie die weiſern Alten, die Muſik mit der Dichtkunſt.. Die Gegend, in der er lebte, war ſchön, und er nützte ſie mit künſtleriſchem Auge. Er lernte nicht im Gemählde, ſondern in der Natur ſelbſt, die Luftperſpective, die Tageszeiten, Licht und Schatten kennen. 2afont. die Pfarre ae. I. 8 Er wollte nicht Landſchaftsmahler werden; K 8 — 218— aber er übte ſich dennoch in dieſer Kunſt, und al⸗ les gelang ihm. Er fehlte an keinem Orte, wo Menſchen ver⸗ ſammelt waren, und hier ſtudirte er den Ausdruck der Leidenſchaft auf dem menſchlichen Geſichte. Er konnte ſo gut, wie jeder Student ein hübſches Madchen verfolgen; aber er wollte nur ihr Geſicht, die Blu he ihrer Wangen, das leuchtende Auge, ihr Zauberlächeln, die ſchlanke Geſtalt ha⸗ ben, nicht ihre Liebe. Er ſtudirte die Gemaͤhlde ſeines Lehrers eben ſo fleißig, und er übte, was ſo viel Künſtler ver⸗ ſäumen, das Kunſtgedäch niß. Er lernte die ſchön⸗ ſten Züge eines Maͤdchens und eines Jünglings, und der großen Meiſterſtücke gleichſam auswendig. Er fehlte nie in der Kirche, wo ihm jedes 8 ſchöne Geſicht ruhig ſitzen mußte. 3 Er gewann die Fertigkeit, zu ſehen und zu behaten. Er mahlte manchen Kopf zum Spre⸗ chen ähnlich, ohne ihn vor ſich zu haben. Er ſtritt mit ſeinem Lehrer über den Werth der Hiſtorienmahlerey.„Es gibt noch etwas Hö⸗ eres in der Kunſt,“ ſagte er—„die Poeſie!— Der Menſch an ſich, abgeſondert von Allem, was die Zeit, die Begebenheit, die Sitte ihm gibt! Es hibt eine Schönheit, die ewig Schönheit bleibt, die ſchönen Empfindungen des menſchlichen Herzens, welche die Kunſt vermag darzuſtellen, die Liebe der Mutter, der Aeltern, die Liebe des jungen Herzens, 3 4 * —— — 219— das Mitleiden, die Unſchuld der Kinderwelt, das Familienleben, die Freundſchaft, der Tod, das Grab, und ſein Schmerz.““ „Was man das Göttliche an der Madonna nennt, iſt nichts, als das Reinmenſchliche: Un⸗ ſchuld, Liebe, Heiterkeit, Güte! Was an Jeſus: Muth, Geiſt, Sanftmuth und feſte Standhaftig⸗ keit! Was die Geſchichte bezeichnet, iſt für uns be⸗ deutend, aber für die Kunſt faſt immer ein Man⸗ gel. Laſſen Sie eine Madonna nach Jahrtauſen⸗ den in einem Herkulanum übrig bleiben: ſo wird man ſagen: Eine liebende Mutter! Aber die Klei⸗ dung mußte ſchöner ſeyn und das Kind lächelnder⸗ Mahle der Künſtler, was die Zeit verlangt; aber er vergeſſe in den ſchönſten Stunden der Begeiſte⸗ rung nicht, daß die Poeſie höher iſt als Geſchichte. Laſſen Sie Euripides Iphigenia vergeſſen ſeyn: ſo ſtört Artemis in den Wolken die ſchoͤne Täuſchung auf dem koſtlichen Bilde von Venla, weil Nie⸗ mand ſie kennen kann. Shakſpearens Hezen in Makbeth waren drey alte Weiber, in Lumpen ge⸗ hüllt, und ſie ſetzten die Zuſchauer in Schrecken; denn ſie glaubten daran. Jetzt muß der Maſchiniſt „ ſeine ganze Kunſt verſchwenden, um der Hexen Umgebung furchtbar und fremd zu machen. Die Hexen ſind nicht furchtbar. Ihre Zeit iſt hin.— Die Alten ſchrieben unter ihre Gemahlde die Nah⸗ men der Figuren, und thaten wohi daran. Wir wollen feiner ſeyn; aber iſt nicht der Schmetter⸗ K* ling der Pſyche und der Mond an Artemis Stirn ſo gut ein Nahme wie dort? Und kann nicht dieſe Sprache ſo gut unrergehen, wie die Keilſchrift in Perſepolis? Und was bleibt dann übrig? Nichts als was reine Kunſt an den Gemaͤhlden iſt.“ ½ Mochte er irren oder nicht: ſo war es ſeiner Kunſt doch zutraͤglich. Er wollte nur das Schöne. So war er achtzehn Monathe hier geblieben, viel länger, als ſein Vater, als er ſelbſt geglaubt hatte. Nur in den Ferien machte er kleine Reiſen, ſich zu ſeinen großen Reiſen vorzubereiten, und überall lernte er, und ſchrieb, was er lernte. Er wurde nun Doctor der Medizin, und mit der groͤßten Ehre. Dann nahm er Abſchied von ſeinem Vater, der ihn beſuchte. . Er ſchien dem Vater kälter und ruhiger. Er Fonnte ſogar ein Wort fallen laſſen, daß er ſeine Nieeiſen beſchraänken wollte. Aber Europa wollte er ſehen, beſonders Italien, der Kunſt, die Schweiz, der Natur, und England, der Na⸗ tion wegen. 8 8 Der Jüngling hatte nicht geliebt. Er arbei⸗ tete zu viel, und die Schönheit diente ſeiner Kunſt, nicht ſeinem Herzen. 4 Ruhig ging er alſo nach Italien a. Er 8 nahm alles, alles in das offne Herz auf, in dem die Liebe noch nicht wohnte. Die Alpen erhoben ſeine Seele. Er konnte ſich kaum losreißen. Da — — trat er unter den ſchönen Himmel Italiens, unter die Rieſendenkmahle des größten Volks der Erde, und unter die Bluͤthen der alten Kunſt, er ſelbſt die ſchönſte Blüthe der Natur. Er wußte nicht, wozu er zuerſt greifen ſollte, nach den alten Denkmählern der Geſchichte, die er ſo genau kannte. Er wollte ein Architekt werden, dann ein Bildhauer; dann wollte er hier die Ge⸗ ſchichte des Volks ſtudiren, und ſie auf dem Kapi⸗ tol ſchreiben. Er arbeitete hier viel weniger ſelbſt, er ſah nur, er genoß nur; aber dennoch wurde er ein Künſtler. Er las hier die Alten noch einmahl. Er machte einen Ausflug auf die zriechiſchen Inſeln. Die tauſend neuen Bilder einer waͤrmern Na⸗ tur, eines luſtvollern Lebens öffneten auf einmahl ein Herz; er wünſchte ſich, hier zu bleiben, und in ſein Vaterland zurück, um an das reine Herz einer Geliebten fallen zu können. Denn hier fand er nicht, was er in der Jugend zu ehren gelernt hatte, eine heilige Liebe. Hier fand er nichts, als die Luſt, die Begierde und die Schönheit. 4 Aber hier fand er den Schutzgeiſt ſeines veinen Herzens, den Freund. Er begegnete in dem ſchönſten Thale der Apen⸗* ninen einem jungen Manne, in dem ir ſoglech §** 2* —— — 222— den Landsmann an dem blonden Haar, an den blauen Augen, und an der Gutherzigkeit des Ge⸗ ſichts erkannte. 3 „Landsmann!““ rief er deutſch, und„Lands⸗ mann! lieber Landsmann!“ war die Antwort. Sie reichten ſich die Häͤnde und die Lippen, und erſt nach einer Stunde wurde Ferdinand gewahr, daß der Landsmann in einem ſehr ärmli⸗ chen Aufzuge neben ihm herging; denn er war mit ihm umgekehrt.. Erſt redeten ſie, wie natürlich, von dem ge⸗ liebten Vaterlande, dann von Italien, dann von der Kunſt. Der Fremde hieß Bürger; aber er war nicht Mahler, nicht Muſiker, nicht Bildhauer. Mit lachenden Augen aber ſagte er:„ich bin, lie⸗ ber Landsmann, ein Zugvogel! Mich lockte das Weite. Ich hatte Luſt, einmahl zu fühlen, wie ein bluͤhender Mandelbaum mitten im Januar ſich anſehen läßt. Weiter trieb mich nichts hierher. Seht, Landsmann, ich wollte die Geſchichte, wie unſer Profeſſor, der nicht aus ſeinem Geburtsorte gekommen war, uns rieth, aus den Urkunden und Denkmaͤhlern ſtudiren. Aber ſagt, iſt das Kapi⸗ tolium, wo ſich ein paar Krämer, Weinhandler und Hurenwirthe angeſiedelt haben, mehr, als die Blumen einer Immortelle in einem Herbarium auf⸗ geklebt, und die Monſignori, die Prälaten, die Kardinäle, der heilige Vater ſelbſt, die in Rom ſtatt der Seipionen, der Katos, der Fabier um⸗ v —2z — 228— her gehen, wie der erſte Verſuch eines Bildhauer⸗ geſellen, der den Apoll aus Lehm nachklebt? Aber wär' ich zur Zeit der Scipionen nach Rom gikom⸗ men: wer weiß, ob mir nicht Scipio ſelbſt— 4 „Halt!“ rief ihm Ferdinand zu. Aber Bürger fuhr fort, auf alles zu ſpotten, und am Abend hatte Braune es weg, daß ſein Spott nur eine andre Art des Lachens, der Froͤhlichkeit war; daß hinter dieſem Lachen der fröhlichen Phan⸗ taſie ein heiliger Ernſt ſteckte, eine feſte, ſtrenge Tugend, die mit einer frohen, lebendigen Luſtig⸗ keit zugleich, als ein Geſpann ging. Da ſie am Abend in die Herberge kamen, er⸗ klärte Burger, daß er, wie ein Engländer, nach Italien gegangen waͤre, um zu ſparen, und daß er ſeinen Landsmann wohl auf den Wegen, die frey waͤren, aber nicht in die Herbergen beglei⸗ ten könnte, die nicht frey waͤren. Braune bath ihn recht herzlich, Ahends d und die Nacht ſein Gaſt zu ſeyn. 3 Burger erzaͤhlte ihm ohne alle Scheu und mit Lachen, daß ihm die kleine Summe, die er fuͤr ſeine Reiſe beſtimmt gehabt häͤtte, faſt ausge⸗ gangen ſey, und kaum zu ſeiner Ruckreiſe hinreich⸗ te.„Sie hat doppelt ſo lange gehalten, als ich dachte. Denn ich lernte den Italien nern eine Kunſt ab, die Kunſt zu entbehren, von Makaronis, Ka⸗ ſe und Kürbis zu leben, Waſſer zu trinken, und in einer Arkade zu ſchlafen. Dazu Wele ich die Guttarre, rede fertig italieniſch, bin auf den Alpen geweſen, im Koloſſeum: und ſo habe ich alle An⸗ ſprüche in Deurſchland auf ein Amt, wozu weder Guitarre, noch die Alpen, noch ganz Italien ge⸗ bört. Aber das Vaterland wil Verdienſte, und ſo iſt's gut. Die habe ich eben.“ Braune machte zwar ſelbſt nicht Spaß; aber erliebte ihn, und ſo tranken ſie in die Nacht hinein, und ſie zogen den andern Tag weiter. 1 Der Landsmann miſchte unterwegs unter den Ernſt ſo viel Spaß, und umgekehrt, war ſo mu⸗ thig, ſah dem Leben ſo fröhlich entgegen, und ſein Heerz war ſo warm fuͤr die Freundſchaft und für die Gerechtigkeit, daß Braune ihn von ganzem Her⸗ zen an zu ehren, dann an zu lieben fing. Wie Braune kühn einem Feinde unter die Augen getreten waͤre, ſo trat er auch kühn vor „ ——— Burgers Auge, und bath um ſeine Freundſchaft. „Was haſt du dafür zu biethen, Landsmann? denn ich verkaufe, was ich habe, nur um den 3 höoͤchſten Preeis, meine Freundſchaft und Liebe; maine Tugend um keinen.“ Er wollte noch fort⸗ ſcherzen, aber Thräͤnen ſprangen aus ſeinen Augen. Er fiel an ſeine Bruſt, und ſie waren Freunde. Jetzt erſt vertrauten ſie ſich lhre Herzen, Begebenheiten. In der erſten ruhigen Herberge covirte Brau⸗ ne ſeiner Mutter Geſicht, das er auf der Peuſ —— 1 8 8 4 einem Freudentempel erbaute, in deſſen Herz trug, und gab es ſeinem Freunde, wenn ihn ein Zufall mit ihm zuſammenbraͤchte. Sie lebten noch ein paar Monathe in Ita⸗ lien. Sie beſchloſſen, zuſammen nach England zu gehen. In Rom trennten ſie ſich auf ein paar Tazt. Braune erhielt einen Brief mit den Wor⸗ ten:„Ich kann nicht mit dir, Ferdinand.⸗ Ein Unfall ruft mich nach Hauſe. In Birkfelde 8 erhältſt du Nachrichten von mir, und ich erwarte ſte von dorther von dir. Leh wohl Oreſſt! Leb wohl!“ Braune waͤre gern mit ihm gereiſt. Die Sehnſucht nach Deutſchland wurde zu groß. Er reiſte nach dem geliebten Vaterlande zurück, mit dem hohen Gefühl, daß ſeine Kunſt ihn unabhän⸗ gig von allen Menſchen machte; in dem Höhern, daß er innerlich ein Künſtler ſey; mit dem rirterli⸗ chen Gefühle der Jugend, daß er nie im Auslande ſich vor dem Fremden gebeugt, daß er den deut⸗ ſchen Nahmen mit dem Degen in der Hand ſowohl vertheidigt hatte, als mit ſeinen reinen Sitten; mit dem ſtolzen Gefuhl, daß er den ſeltenen Freund erworben, mit dem er kühn dem gewaltigen Schicka ſal entgegen gehen konnte, mit dem er das Leben er ſein Herz ausgießen konnte, und noch mehr, Ehrenkranze, die er noch erlangen wollte; den .. gen Freund, fuͤr den er ſelbſt ſein Leben hinwerfen konnte; für den er in alle Schranken trat, in die ihn Schickſal und Menſchen fordern mochten. — O, wehe dem Jüngling, der ohne Freund, ohne Freundſchaft, die allein ſo romantiſch iſt, als die Liebe, und noch erhabener, durch die Jugend gehen ſoll, und durch das Leben! Sein Leben hat kein Ziel. Er lebt, um zu lernen, und lernt, um zu leben, und der todte Buchſta⸗ be tritt nie in's Leben, und die Wahrheit wird nie, was ſie bey den Alten war, die neun Göttin⸗ nen, die Töchter des höchſten Gottes. Nein, wie das Zwillingsgeſtirn, eins von des andern Strah⸗ len beleuchtet, wandelten Braune und Bürger dahin.„Ich lebe für dich!“ ſagten ſie Beyde. Da hatte das Leben ein ſtolzes, ein edles, ein menſchliches Ziel. Ihre Blicke wurden nicht hin⸗ und hergeriſſen, ſondern ſie ruhten einer auf dem andern, in ſtiller Kraft, in kraͤftiger Ruhe. Ferdinand konnte der Liebe entbehren. Er hatte ſie in dem Buſen ſeines Freundes gefunden, obgleich ſein ganzes Herz erwacht war, da er den kraftigen Hauch ſeines Vaterlandes empfand, der ihm von Norden her über den Alpen entgegen⸗ brauſte.. Er machte auf ſeiner Heimreiſe eine Reihe von Zeichnungen, auf denen die unſchuldige, keuſche lächelnde Geliebte im erhabenen Gefühl der ver⸗ ſchwiegenen Liebe im Dunkel des Eichenwaldes ſtand⸗ — 227— der die Liebe nichts gab, als ein ſchöneres Lächeln, eine höhere Schönheit, und eine höhere Unſchuld. In Italien hatte er die Maͤnade gemahlt, mit glü⸗ henden Augen und Wangen, zum wilden Tanz den JFuß gehoben, die lärmende Schellenpauke, in den erhobenen Händen. Jetzt zeichnete er unwiſſend ſein Schickſal, und mit der Guitarre in der Hand, ſtieg er von den Alpen herab, und ſang die Entzückungen der hei⸗ ligen Liebe, die ihn erwarteten. — — 3 1——.— mſnmmnnſnſſſfiſſiſinnſſſiſinnſiſſſiſſſſnt 8 9 11 12 13 7 10