Leihbibliot deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Sf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wPchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Wir.— Pf. 1 Wcc. 50 Sf. 2 wer.— Pf. „ 3*„. 3=. 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und 3 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeld 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. „7. Ausleihezeit. Dieſelbe 6 auf 14 Tage keſtgeſebt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das W der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. „—» uruckſendung ſt zu ſorgen. verlorene und eiterverleihen welche die⸗ Schiller's Heimathjahre. Zweiter Band. Schiller's Heimathjahre. Von Hermann Kurz. Zweite durchgeſehene Auflage. Zweiter Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1857. Schnellpreſſendruck der J. G. Sprandel'ſchen Buchdruckerei. — — Drittes Buch. Schiller's Heimathjahre. II= 1. Es ſchlug mein Herz; geſchwind zu Pferde! Es war gethan faſt eh gedacht; Der Abend wiegte ſchon die Erde und an den Bergen hing die Nacht. 4 — Die Nacht ſchuf tauſend Ungeheuer, Doch friſch und fröhlich war mein Muth; In meinen Adern welches Feuer! In meinem Herzen welche Gluth! Göthe. Bald verſchwanden die Lichter der Reſidenz hinter dem Eilen⸗ den; er ritt unaufhaltſam in die Nacht hinein und bedachte ſeinen ſonderbaren Auftrag. Daß die Flüchtlinge ſich nach dem Schwarz⸗ walde gewandt hatten, der für das abenteuerliche Unternehmen Laura's und ihres zweideutigen Gefährten, aber freilich auch zu⸗ gleich für unmaskirte Zigeuner, Wilddiebe und ähnliches Geſindel die ſicherſten Schlupfwinkel darbot, mußte er als ausgemacht an⸗ nehmen. Die verſchiedenſten Empfindungen wechſelten raſch in ihm ab. Die Bekümmerniß des Herzogs, die Sorgfalt für eine Pflege⸗ tochter, für das Kind eines treuen Dieners, rührte ihn und forderte ihn auf, alle Kräfte anzuwenden, um das Vertrauen des Fürſten zu belohnen, der ihn, wie er auch in wechſelnden Stimmungen von ihm denken mochte, doch bei jedem neuen Zuſammentreffen wieder durch ſeine Perſönlichkeit zu feſſeln wußte. Ich muß ſie finden! rief er:— aber darf ich wünſchen ſie zu finden? ich? ſie, 6 2 in den Armen ihres Geliebten? Er ſuchte die Pein die er ſich ſelbſt zu bereiten drohte ſich zu verbergen, und malte ſich den Schmerz aus, den er Lauren zuzufügen im Begriffewar. Und muß ſie nicht glauben, rief er, du habeſt dich eigenſüchtig zum Voll⸗ ſtrecker aufgedrängt? du wolleſt deiner Eiferſucht den traurigſten Genuß verſchaffen? Er fühlte bei dieſem Gedanken eine centner⸗ ſchwere Laſt auf ſeinem Herzen. Dann ſah er wieder das Bild des ſchönen Wildfangs, einer geſetzloſen, des Aergſten verdächtigen Bande preisgegeben; denn wie konnte ihr Entführer, wer er auch ſein und in welchem Verhältniß er zu ihr ſtehen mochte, ein Ver⸗ ſteck für ſie finden, das dieſen Mächten des Waldes nicht bekannt war, ja wie hätte er einen ſo kecken Streich wagen können ohne die Hilfe ſeiner Geſellen anzurufen? und wenn auch ihr Vertrauen, vielleicht gar ihre Liebe ihn unwiderſtehlich in Heinrichs Augen hob, wer konnte dafür bürgen ob ſie unter ſeinem Schutze ſicher ſei, ob er ſie gegen die Rohheit ſeiner Verbündeten, gegen die Willkür des furchtbaren Hannikel, deſſen Name halb Deutſchland erfüllte, vertheidigen könne? Ein tiefes Erbarmen gegen das thö⸗ richte Kind entflammte ſein Herz und verdrängte alle andern Ge⸗ fühle. Ich muß ſie retten! rief er laut und gab dem Rappen die Sporen, daß er geſtreckten Laufes auf der unebenen Waldſtraße dahinflog. Er war noch nicht weit von der Stelle entfernt, wo er dieſe Worte ausgerufen hatte, als eine dunkle Geſtalt hinter einem gro⸗ ßen Baume hervortrat und brummte: Es iſt doch eine ſchöne Er⸗ findung um die Selbſtgeſpräche; das wäre alſo der Retter, ſo ſieht er aus. Noch ein paar Stunden Begleitung, und dann können wir ihn einen halben Tag zureiten laſſen bis wir wieder einmal nach ihm ſchauen.— Sprachs und verſchwand im Walde, aus wel⸗ chem bald hernach gellende Pfiffe und verſchiedene täuſchend nach⸗ geahmte Vogelſtimmen ertönten. Mitternacht war längſt vorüber, als Heinrich die Grenze des Schwarzwalds erreichte. Ermüdet und unbekannt mit der in dichten 5„ Schatten gehüllten Gegend kehrte er in einem Wirthshauſe ein, das er durch Fuhrleute aus dem Schlafe geweckt fand, und ſchlief einige Stunden auf einer Bank. Als die erſten Vor⸗ boten des Lichtes ſich am Himmel zeigten, beſtieg er ſein Pferd wieder und zog den Mantel feſter um ſich; der anbrechende Tag brachte eine ſchneidende Kälte mit. In der Klarheit des Morgens überlegte er noch einmal den Plan den er dem Herzog flüchtig an⸗ gedeutet hatte: er wollte gerades Weges zu ſeinem Freunde Mat⸗ thäus eilen, von dem er ſeit deſſen Abgang auf eine der entlegen⸗ ſten Pfarren des Schwarzwaldes nichts mehr vernommen hatte, und daſelbſt unter dem Vorwand eines Beſuchs in der Stille nach allen Seiten hin Erkundigungen einziehen; in wenigen Tagen hoffte er den Aufenthaltsort der Flüchtlinge erfahren zu haben und ſodann ſeine weitern Maßregeln nehmen zu können. Bald wurde die Gegend wilder, die Straße verengte ſich und lief in vielfachen Krümmungen, der Geſtalt des Thales ſich an⸗ ſchmiegend, zwiſchen hohen Waldbergen fort, deren dunkles Grün, ſo matt es ausſah, doch in einem tröſtlichen Widerſpruche mit der Jahrszeit ſtand. Er mußte langſam reiten, ſein Pferd war müde. Die Kälte hatte nachgelaſſen, und Heinrich fühlte ſich erhitzt und durſtig. Er erblickte eine Quelle die in eine hölzerne Röhre gefaßt aus einer kleinen Vertiefung des Waldrandes klar hervorſprudelte; er ſtieg ab und fand als er davon trank ein angenehmes Sauerwaſſer, das ihn herrlich erquickte. Eine uralte Burgruine ſah von einem ſtei⸗ len Berge über den Wald herab. Sein Weg verließ jetzt das Thal, und er führte den Rappen eine ſchroffe Anhöhe hinauf, um über Berge und durch Schluchten immer tiefer in das Waldgebirge einzudringen. Eine rauhere Luft wehte ihn an, die Einſamkeit wurde immer ſtiller, wilde Schweine rannten ihm häufig über den Weg, ſelten begegnete ihm ein Menſch den er nach der Richtung fragen konnte. An einem abgelegenen Gehöfte entſchloß er ſich einen Führer mitzunehmen, und ſo ſah — —— er endlich am ſpäten Nachmittag in einem tiefen Bergkeſſel das Ziel ſeiner Reiſe vor ſich liegen. Er entließ den Führer und ſtieg einen Pfad hinab, der eher dem ausgetrockneten Bette eines Run⸗ ſenwaſſers glich, vorſichtig das Pferd am Zügel nachführend und in wehmüthigem Sinnen. Welch eine friſche Natur, ſagte er, hat ſich in dieſe ſtarre Einſamkeit begraben! was wird er ſagen wenn er mich erblickt! wie mag es ihm wohl ſeither ergangen ſein?— Seine ganze Seele weilte bei dem Freunde der ſich hier unten in dieſem engen Bezirke ſein kleines Königreich abgeſteckt hatte, und dazwiſchen durchzuckte ihn wieder der Gedanke an das zarte Weſen das an einer gewiß noch unwirthlicheren Stätte in der Gewalt der wildeſten Geiſter dieſer Oede ſein mochte. Endlich hatte er den engen Thalgrund erreicht, er ſaß auf und ritt auf die zerſtreuten ſchlechten Hütten zu, welche das Dörf⸗ chen bildeten. Welche armſelige Bauart! und doch hatte ſie etwas das ihn freundlich und wohnlich anſprach: es war eine Bekleidung von Schindeln, die in ſchmale ziegelähnliche Stücke geſchnitten und zierlich in einander geſchoben die Wände der Häuſer vom Giebel bis zum Boden gegen Schnee und Regen ſchützten. Die einen waren mit einem fröhlichen Roth angeſtrichen, den andern hatte die Zeit ein ehrwürdiges, gaſtlich einladendes Grau gegeben. Er ſah ſich rings um, konnte aber weder eine Kirche noch ein Haus das einem Pfarrhauſe ähnlich ſah entdecken, und mußte wiederum die Hilfe eines Wegweiſers anſprechen. Ein Bauerjunge führte ihn zu ſeiner Verwunderung gerade zum Dorf hinaus und er wollte eben fragen wie dieß eigentlich gemeint ſei, als ſein kleiner Führer um das Eck eines der vorſpringenden Berge herumbog und mit dem Finger vor ſich hinwies. Heinrich ſah noch einige Häu⸗ ſer in der Entfernung liegen, vereinzelt wie die übrigen; auf das größte ritt er zu, der Junge hatte ihn bereits verlaſſen. Als er näher kam, entdeckte er daß das Haus einen bretternen Thurm hatte, und ſchloß daraus, dieß müſſe die Kirche ſein. Nun wandte er ſich, einem richtigen Gedankengang zufolge, nach demjenigen —1 7 welches der Kirche am nächſten gelegen war. Es ſah zwar nicht beſſer aus als das ſchlechteſte Bauerhaus im ganzen Oertchen, und ſein Mantel von Schindeln mochte wohl der abgetragenſte ſein, aber der Kirche nach zu urtheilen konnte er nichts Beſſeres erwar⸗ ten. Auf ſein Rufen erhielt er keine Antwort; er ſtieg ab und band ſein Pferd an einen Haken neben der Hausthüre an. Dieſe hatte kein Schloß, ſondern ſtatt deſſelben einen Strick, der bei Tage dazu diente ſie durch Aufziehen des innern Riegels zu öff⸗ nen, und bei Nacht hereingezogen wurde. Das Haus war das letzte im Ort. Der erſte Eindruck dieſer Entdeckung war etwas unbehaglich, im nächſten Augenblick aber nahm er ſie wie eine wohlerſonnene Kriegsliſt auf. Das iſts ja gerade! rief er: wer wird mich in dieſem ſchutzloſen Hauſe ſuchen? einen weniger in die Augen fallenden Aufenthalt hätt' ich mir nicht wählen können! Er ſtieg die Treppe hinauf, die eher zu Hühnern als zu Men⸗ ſchen zu führen ſchien; doch mochten die Gänſe hier die erſte Rolle ſpielen, denn oben kamen ihm einige mit feindſeligem Geſchnatter entgegen und ſuchten ihn am Rocke feſtzuhalten. Nach langem Suchen fand er eine Thüre welche noch am eheſten dem Wohn⸗ zimmer angehören konnte; ſtatt einer Klinke drückte er einen höl⸗ zernen Schieber auf. Ein Mann in einem zerriſſenen ſchwarzen Rocke ſaß an einem großen runden Tiſch, der nebſt ein paar höl⸗ zernen Stühlen das ganze Mobiliar des Zimmers ausmachte. Er ſchrieb ohne aufzublicken. Heinrich betrachtete ihn aufmerkſam: es war noch das alte derbe friſche Geſicht, aber mit einem Zuge durch⸗ ſäuert, der anzudeuten ſchien daß hier lang keine willkommene Ge⸗ ſellſchaft, keine geiſtige Anregung eingekehrt hatte. Er blieb ſtill an der Thüre ſtehen; die Fenſter gingen auf einen Berg, der ſo nah war, daß man mit einem Sprung drüben, mitten im Walde, zu ſein glaubte. Ein Geräuſch weckte ihn aus ſeinen Beobachtungen: er erblickte in einer Ecke der Stube zwei kleine nackte Kinder, die, von ſeinem Anblick erſchreckt, zu jung um gehen zu können, ſitzend mit unglaublicher Schnelligkeit zum Vater hinrutſchten und ſich — zwiſchen ſeinen Beinen zu verſchanzen ſuchten. Na, was iſts, ihr Krabben? rief dieſer und ſah empor. Da erblickte er den fremden Mann und ſtarrte ihn an. Aufgeſchaut, Herr Pfarrer! rief Hein⸗ rich, der ſich kaum noch beherrſchen konnte: es iſt kein Bauer der eine Taufe oder eine Leiche anmeldet. Der Pfarrer ſtand auf und betrachtete ihn zweifelnd; er hatte noch immer in der einen Hand die Feder, in der andern das Manuſcript. Weiß Gott er iſts! rief er plötzlich, indem er Papier und Feder nach beiden Seiten auf den Boden warf. So, das wär' die Predigt! Du Prachtskerl, ich hab' dich kaum mehr erkannt, ich ſag' dir, du ſiehſt aus wie ein Prälat. Jetzt erzähl' mir nur: wer biſt du? wo biſt du? wie gehts dir? was führt dich in mein Patmos? quis? quid? ubi? quibus auxiliis? cur? quo- modo? quando? denn daß du dich aufgemacht haſt, du Pom⸗ peius, bloß um mich armen Teufel zu beſuchen, das glaubt dir ein anderer! An meinem guten Willen, ſagte Heinrich, und daß ich dich eines Beſuches ohne alle Nebenabſichten werth halte, wirſt du hoffentlich nicht zweifeln, du haſt mich wenigſtens ſonſt als einen ehrlichen Geſellen gelten laſſen;— weißt du denn aber nicht, der du das Alte Teſtament beſſer kennen ſollteſt als ich, daß die Pa⸗ triarchen ihre Gäſte erſt wenn ſie Speiſ' und Trank empfangen hatten um ihre Angelegenheiten befragten? Iſt auch wahr! rief der Pfarrer: du ſollſt ſogleich haben was mein Haus vermag. 4 Zuerſt, ſagte Heinrich und hielt den Eilfertigen am Arme feſt, zuerſt will ich mich ſetzen, denn ich bin ſehr müd; ſodann bitt' ich dich für meinen armen Rappen zu ſorgen, der ohne Zweifel auch nicht mehr ſo friſch iſt wie geſtern Abend; ferner bitt' ich dich zunächſt bloß um eine Taſſe Kaffee. Kaffee! ſagte der Pfarrer mit gedehntem Ton und ſah ihn einen Augenblick verlegen an: du ſollſt ihn haben wenn du vor⸗ lieb nehmen willſt; der Rappe ſoll ebenfalls das Seinige bekom⸗ 3 9 men, unter derſelben Bedingung— Aber zuvörderſt muß ich dir doch meine Frau vorſtellen! Er eilte hinaus und kam nach einer Pauſe, in welcher allerlei Erörterungen Statt gefunden haben mochten, mit einer rieſigen Schönheit zurück. Sie war ganz bäuriſch gekleidet und blickte den Fremdling mit einer ſonderbaren Miſchung von Trotz und Schüchternheit an. Sieh, Röſe, rief der Pfarrer, das iſt mein allerbeſter Freund, mit dem ich als Student ſehr viele tolle Streiche gemacht habe. Er iſt indeß ein großer Herr geworden, und ich— ein armer Pfarrer auf dem Schwarzwald! AbLer jetzt geh' und mach' den Kaffee.— Dieſer Befehl war von einem bit⸗ tenden Blicke begleitet, den die Frau mit einiger Freundlichkeit aufnahm. Heinrich trat auf ſie zu und ſagte ihr etwas Verbind⸗ liches; ſie reichte ihm die Hand, die ſie vorher an der Schürze abgewiſcht hatte, und erwiderte bloß: Ich will jetzt den Kaffee machen.— Damit verließ ſie das Zimmer. Tauſchen wir unſre Lebensläufe aus! rief der Pfarrer. Den unbedeutendſten zuerſt! Sobald ich die Vocation hieher erhalten hatte dachte ich: es iſt dem Menſchen nicht gut daß er alleine ſei, ſah mich gleich bei der erſten Predigt, wo ich doch das voll⸗ ſtändigſte Auditorium erwarten konnte, unter meinen Schafen um, da ſtach mir die Röſe in die Augen und wurde ſofort nach weni⸗ gen Wochen zum Range meiner Gemahlin erhoben. Das iſt alles, Punctum! Ich kann dich aber verſichern, daß ſie, wenn auch nicht ganz courfähig, doch eine vortreffliche Perſon iſt, die mich ſehr lieb hat und mit der ich vollkommen glücklich lebe. Aus dieſem Grunde mußt du ihrs auch zu Gute halten wenn der Kuffee viel⸗— leicht nicht ganz ſo ausfällt wie du ihn in Stuttgart zu trinken gewohnt biſt; denn ich kann dich im Vertrauen verſichern daß ſie heute zum erſten Mal in dieſes höhere Gebiet der Kochkunſt hin⸗ überſchreitet. Wir trinken als gute Chriſten dieſen mohammedani⸗ ſchen Abſud nicht, wir frühſtücken Suppe oder Milch, was eine ſehr geſunde und nahrhafte Koſt iſt, und ich würde deinen Wunſch 10 auch nicht befriedigen können, wenn ich mich nicht erinnert hätte daß ich noch eine kleine Schachtel mit geröſteten Kaffeebohnen von meinem Vicariat her, als Geſchenk meiner damaligen Pfarrerin, 4 beſitze, welche nun, wie du vernehmen wirſt, von meiner Frau in Ermanglung einer Kaffeemühle im Mörſer geſtoßen werden. Heinrich lachte herzlich und verſicherte, es ſei ihm überhaupt 1 nur um etwas Warmes zu thun. Du armer Schelm! fuhr der Pfarrer fort: dein Rappe iſt wahrſcheinlich glücklicher als du, der ſteht drunten in der Scheuer und frißt was Gott uns beſchert hat. Aber jetzt erzähle. Eines der Kinder war indeſſen herbeigekrochen, hatte ſich Heinrich gegenüber hingeſetzt, ihn eine Weile ſtarr angeſehen, und brach nun auf einmal in ein fürchterliches Geſchrei aus; im Augenblick rückte das andre auch heran und ſecundirte. Eben, rief der Pfarrer, wollt' ich dir meine Jugend vorſtellen, nun präſentirt ſie ſich ja ſelbſt. Sei ſtill, Röschen! ſchäme dich, Matthäus! ſo ſpricht man nicht mit gebildeten Leuten. 4 Röſe! rief er ſeiner Frau entgegen, die auf den Lärmen zur Thüre hereinſah: ſchaff' doch die Kinder fort! ſie krakeelen daß man kein vernünftiges Wort reden kann. Eil verſetzte die Pfarrerin, ſah ihn groß an und ging wieder an ihr Geſchäft: mach' du daß ſie ſchweigen! Wie nennt man die artigen Dinger? frug Heinrich: ſie führen den Namen von einem alten griechiſchen Gott und einem nord⸗ deutſchen Dorfbewohner— ich glaube wir haben einander einmal in Tübingen das Räthſel aufgegeben. * Du biſt im Irrthum, antwortete der Pfarrer ſchnell: meine Frau trägt keine Pantoffeln, ſondern Stelzſchuhe. Ueberdieß iſt ſie die gute Stunde ſelbſt, nur in ſolchen Sachen muß man nicht zu genau mit ihr ſein, das verſteht ſie nicht beſſer. Alſo iſts eine Tragödie, ſagte Heinrich, da dein häusliches 4 Glück auf dem Kothurn einherſchreitet. — 11 Spotte du nur! rief der Pfarrer: mir iſts wohl. Aber jetzt erzähle! Er nahm die beiden Kinder auf die Kniee, beruhigte ſie und ſaß aufmerkſam dem Freunde gegenüber. Dieſer berichtete in der Kürze ſeine Fata und entdeckte den Zweck ſeiner Reiſe, ohne jedoch mehr als das Nöthigſte zu verrathen; er erlaubte ſich ſogar eine kleine Lüge und gab vor, ein blutjunger Menſch von edler Her⸗ kunft und phantaſtiſchem Weſen habe den abenteuerlichen Einfall gehabt, unter die Zigeuner zu gehen und mit ihnen in den Wäl⸗ dern umherzuziehen; nun wünſche der Herzog um ſeines Vaters willen, man möchte den Jüngling zur Vernunft bringen und die Sache in der Stille abmachen.— Er hoffte auch durch den glück⸗ lichſten Erfolg ſeiner Nachforſchungen nicht Lügen geſtraft zu wer⸗ den, indem er aus der Kleidung in welcher Laura von der Mas⸗ kerade entflohen war mit Zuverſicht ſchloß, ſie werde ſich des männlichen Anzugs ſeither fortwährend bedient haben. Der Pfarrer hatte mit ſichtlicher Spannung zugehört. Was Teufels! rief er als Heinrich geendet hatte: der Burſche hat ſich gewiß aus den Räubern zu dieſem verrückten Streiche begeiſtert! Heinrich ſah ihn erſtaunt an, er erinnerte ſich auf einmal des großen Eindrucks den das Buch auf Lauren gemacht hatte. Wahr⸗ haftig, ſagte er nachdenklich, du könnteſt Recht haben. Aber— haſt du denn die Räuber auch geleſen? O freilich! meinſt du denn, man ſei hier ganz excommunicirt? Ein College lieh mir ſie, und ich habe das Buch wohl zehnmal durchgepeitſcht. Hör''mal, das iſt'n ganzer Kerl, der das ge⸗ ſchrieben hat! Wenn nur, verſetzte Heinrich, wenn nur Freund Schiller mit ſeinem Buch in dieſem Fall nicht einen höchſt unſinnigen Streich veranlaßt hätte. Schiller heißt er? rief Matthäus: das Titelblatt war ausge⸗ riſſen. Kennſt du ihn? wo lebt er denn? 8 A 12 Er iſt mein ſehr guter Freund, erwiderte Heinrich lächelnd, und lebt als Regimentsmedicus in Stuttgart., Wa— was? in Stuttgart? alſo am Ende gar ein Wirten⸗ berger? Ein completer! warum ſollte er keiner ſein? Jetzt iſt mirs aber doch ganz curios! ſagte der Pfarrer kopfſchüttelnd: jetzt kann ich mir gar keine Vorſtellung mehr von ihm machen. Ein Wirtenberger! Wenn mir ſo etwas Apartes, Grandioſes vorkommt, ſo muß ich mirs ganz weit weg, auf die ultima Thule oder gar ins Pfefferland hindenken. Trägt er denn auch einen Zopf? Heinrich beſchrieb den Titanen in ſeiner Militärtracht; er erin⸗ nerte ſich im Stillen der Scherze die ſie unter den Freunden ver⸗ anlaßt hatte, und beluſtigte ſich an den großen Augen die der Pfarrer machte. Ich kann mich gar nicht drein finden, rief dieſer endlich: jeden⸗ falls aber mußt du mit mir die Runde bei einigen meiner Nach⸗ barn machen; die werden dich wie ein Wunderthier anſtaunen daß du ein Freund vom Verfaſſer der Räuber biſt. Um aber jetzt von den böhmiſchen Wäldern auf den Schwarz⸗ wald zu kommen, ſagte Heinrich, wollen wir unſre Maßregeln berathen. Und zwar fürs Erſte: du haſt hoffentlich unter deinen Bauern einige tüchtige und entſchloſſene Leute die man zu Spionen gebrauchen kann. Da ſei nur ruhig, verſetzte der Pfarrer und öffnete das Fenſter: an dieſem Artikel fehlts bei uns nicht! ich habe Burſche, verſchla⸗ gen wie die Katzen und herzhaſt wie die Bären,— wenn du einem ein Bein abſchlägſt ſo geht er dir auf dem andern hüpfend zu Leibe. Und da kommen eben ein paar von den beſten wie gerufen herbei; die haben etwas auf der Nadel beim Kirchenconvent und werden um ſo williger ſein. Aber halt! eh ich ihnen rufe muß ich noch eine Frage thun: wenn die Zigeuner, was mir nicht un⸗ wahrſcheinlich vorkommt, wirklich ſich in dieſe Gegend gezogen haben, wenn wir ſie auskundſchaften, und es kommt nun zu Ge⸗ waltſchritten, wer ſchützt mich gegen die Heiden, denen es einfallen könnte mir Dorf und Haus überm Kopf anzuzünden? Heinrich griff in ſeine Brieftaſche und gab ihm die vom Her⸗ zog ausgeſtellte Vollmacht zu leſen. Mit dieſem Papier, ſagte er, will ich das halbe Land alarmiren, wenns nöthig iſt. Gut! verſetzte Matthäus und pfiff zum Fenſter hinaus. Dieſe genügen für den Anfang. Eine größere Streifmannſchaft iſt bald aufgeboten. Du machſt aber noch keinen Gebrauch von der Voll⸗ macht, wir müſſen unnöthigen Lärm vermeiden. Verſteht ſich! ſagte Heinrich: du haſt nun ſchon das rechte Verſtändniß.. 1 Ein paar Bauern kamen und flößten ihm durch ihr Ausſehen die beſte Hoffnung ein. Sie waren auf das Zureden des Pfarrers und auf Heinrichs Verſprechungen ſogleich bereit, und erklärten noch ein halb Dutzend Andere ihres Schlags inſtruiren und mitnehmen zu wollen. Je zu zweien, ſagten ſie, wollen wir ausgehen: auf dieſe Art kommen wir gewiß in alle Winkel wo das Wildprät liegen könnte. Der Pfarrer empfahl ihnen Vorſicht und ſtrenge Verſchwie⸗ genheit, und rief ihnen noch nach: Wenn ihr zurückkommt ſo macht euch auf ein gutes Glas Heidelbeergeiſt gefaßt! 2. Mein frommer Bruder, wandelt ſacht, und nehmt auf Stegen euch in Acht! 1 Uhland. Gib Acht, wandte ſich Matthäus zu Heinrich herum, morgen Abend haben wir deinen Karl Moor. Aber jetzt auch kein Wort mehr von Geſchäften, als höchſtens daß meine Frau von unſrer Jagd nichts zu wiſſen braucht, ſie würde ſich unnöthige Sorgen 4 machen. Wo zum Kukuk bleibt denn der Kaffee? rief er zur Thüre hinaus: ah, da iſt er ſchon!— Er nahm ihn ſeiner Frau unter der Thüre ab, trug ihn dem Freunde auf und ſetzte ſich mit einem Ausdruck unendlicher Neugierde ihm gegenüber. Heinrich goß ein und ſah ſich mit einiger Verlegenheit um. Ja ſo, potz Teufel! ſchrie der Pfarrer und fuhr auf: der Zucker! Armer Freund, das fiel mir zu ſpät ein; ja, da iſt nichts zu machen, Zucker führen wir nicht im Hauſe. Thut nichts, ſagte Heinrich mit einem bitterſüßen Lächeln: das iſt mir in meiner Junggeſellenwirthſchaft auch ſchon vorge⸗ kommen; ich muß nun eben etwas mehr Milch zugießen.— Er nahm das Schüſſelchen, das ſtatt der Taſſe diente, an den Mund, ſetzte es aber nach dem erſten Schlucke wieder ab und ſprang ſchnell ans Fenſter. 4 Was iſt denn ſchon wieder? rief der Pfarrer. Heinrich deu⸗ tete ſprachlos auf den Kaffee. Der Pfarrer koſtete ihn ebenfalls, —— 15 verzerrte das Geſicht und ſpuckte ihn mitten ins Zimmer. Pfui Teufel! rief er: was iſt das für ein Geſchmack? das kommt nicht vom Kaffee. Ich habe doch meiner Frau eine genaue Anweiſung gegeben wie ſie ihn machen ſollte. Er ging hinaus um ſich zu erkundigen, kam aber gleich wie⸗ der herein und konnte vor Lachen kaum reden. Das gute Weib! rief er: die meints beſſer mit dir als du dir träumen läſſeſt! ſie hat meine Anweiſung genau befolgt, aber für einen Herrn vom Hof und meinen ſpeciellen Freund wollte ſie ein Uebriges thun, und hat den Kaffee— geſchmälzt! Sieh, die Fettaugen ſchwim⸗ men drauf umher. Schmälzen iſt das Höchſte was ſie weiß, und mehr oder weniger Schmalz, das iſt hier zu Lande das Maß der Achtung welche man einem Beſuch erzeigen will. Der Pfarrer fuhr fort zu lachen, Heinrich aber, von dieſem Beweiſe des guten Willens gerührt, ging in die Küche, wo er die Pfarrerin beſchäftigt fand die Schmalzpfanne wieder zu reinigen, und lobte die Zubereitung des Kaffee's; in manchen Gegenden des Landes, ſagte er, ſei dieſe Methode gebräuchlich, er aber ſei unglücklicherweiſe in der andern, in der ungeſchmälzten, erzogen und daher nicht im Stande den Kaffee zu trinken. Sie hörte ihn freundlich an und ſagte: Es iſt mir gar zu arg wenn Sie mir ihn ſtehen laſſen, wollen Sie's nicht noch ein⸗ mal verſuchen? vielleicht gehts doch. Heinrich replicirte, er habe von Jugend auf nichts Fettes vertragen können, und ging wieder in die Stube, im Stillen von ſeiner gutmüthigen Wirthin bedauert, welche aus dieſem Bekennt⸗ niſſe ſchloß, er müſſe von armſeligen Eltern erzogen worden ſein. Er ließ ſich eine andre Schüſſel geben und hielt ſich an die Milch, die er ſehr ſchmackhaft fand. Du mußt dich nun an meinem Weine tröſten, ſagte der Pfarrer: mach' daß du mit der Milch fertig wirſt. Kaum hatten ſie eine Weile beiſammen geſeſſen ſo wurde Matthäus von der Pfarrerin hinausgerufen, und kam nach einem kurzen Zwiege⸗ ——— 16 ſpräche zurück mit den Worten: Lieber Freund, da mußt du uns auch wieder etwas zu Gute halten! meine Frau will jetzt den Boden aufwaſchen— ich ſchätze ſie um ihrer Reinlichkeit willen. — Heinrich ſah ihn verwundert an.— Es geſchieht großentheils dir zu Ehren, fuhr der Pfarrer fort, und wir wollen ihr den Spaß nicht verderben, ſie wird ſonſt confus; der heutige Tag macht ohnehin Epoche in ihrem Leben. Nun ſo gehn wir auf dein Studirzimmer! rief Heinrich: laß mich einmal deine gelehrte Wirthſchaft betrachten. Wir wollen zuvor ſehen, verſetzte der Pfarrer: ich bin heute durch häusliche Angelegenheiten daraus vertrieben worden. Er führte ſeinen Gaſt in eine Art von Kammer auf der ent⸗ gegengeſetzten Seite des Hauſes. Schwarze Wäſche, Kartoffeln und Tannzapfen lagen auf dem Boden umher und erlaubten nur eine beſcheidene Muſterung von der Thüre aus. In der einen Ecke ſtand eine große zweiſchläfrige Himmelbettlade, hellgrün an⸗ geſtrichen, in der andern ein Tiſch auf dem einige Bücher und Papiere herumlagen; daneben waren ein paar hölzerne Fächer an die Wand genagelt, die eine ſpärliche Bibliothek, den Ueberreſt gelehrter Beſtrebungen, beherbergten. Hier würde Rouſſeau ſich gefallen! rief Heinrich: denn es ſieht aus als wäre die Hand der Natur mit mächtigen Strichen durch deine Wiſſenſchaft gefahren. O Philoſophie! Sag' mir nur, du weiland eifriger Wolfianer, glaubſt du noch an die Lehre vom Sein? 4 34 Der Pfarrer wies gleichmüthig auf den Boden: ſolche Gegen⸗ ſtände, verſetzte er, überzeugen den Unglaubigſten, hier faßt die Ontologie erſt feſten Fuß. Uebrigens iſt mein Syſtem noch immer in der ſchönſten Ordnung, fuhr er fort und deutete hinter den Ofen wo eine lange Reihe von Tabakspfeifen hing, der Größe nach wie Orgelpfeifen geordnet. Ich verſtehe dich nicht, ſagte Heinrich. Abtrünniger! rief der Pfarrer: iſt dir die Univerſitätszeit ſo⸗ 4 17 fremd geworden? haft du ſo lang nicht geraucht daß du vergeſſen haſt was ein Pfeifenſyſtem heißt? Uebrigens will ich dir einen Vorſchlag machen. Du weißt, ich konnte nie wenn mirs recht wohl war zu Hauſe bleiben; dir aber ſeh' ich an, daß es dir nicht beſonders wohl iſt in der Rumpelkammer da. Wollen wir nicht ins Wirthshaus gehen? Wir haben eine kleine Stunde, und treffen leidlichen Wein, vielleicht ſogar geiſtliche Geſellſchaft. Einverſtanden, erwiderte Heinrich, das heißt wenn die Frau Pfarrerin nichts dagegen hat. Die wird man viel fragen! rief der Pfarrer trotzig: meinſt du denn, ſie mißgönne mirs wenn ich mir einmal eine Freude machen will? Uebrigens will ich ihrs doch ſagen, fügte er hinzu, daß ſie ſich darnach richten kann. Er rief ſeine Frau an die Thüre und trug ihr die Sache vor. Man konnte ihr wohl anmerken daß ſie nicht beſonders erfreut war, doch ſcheute ſie ſich vor dem Gaſt und ſagte nach einigem Beſinnen: So geh' meinetwegen, komm aber nicht ſo ſpät nach Hauſe, und das will ich dir geſagt haben daß du mir nicht zu viel trinkſt! Der Pfarrer ging etwas ärgerlich in ihre Bedingungen ein und ſagte dann zu Heinrich: Komm, jetzt will ich dir noch ein Kunſtwerk zeigen eh' wir gehen. Er nahm ihn an der Hand und leitete ihn vorſichtig über die Tannzapfen zu der Bettlade hin: es iſt ein Erbſtuck von meinem Schwiegervater, ſagte er, und ein Meiſterwerk eines ländlichen Schreiners, der ſich zugleich erholungs⸗ weiſe mit der Malerei abgegeben hat.— Er ſchlug die Vorhänge aus einander und zeigte ihm ein Deckenſtück, den ſchlafenden Pa⸗ triarchen Jakob vorſtellend, über ſeinem Haupte die Himmelsleiter, an welcher Engel mit großen Flügeln auf⸗ und niederſtiegen; dar⸗ unter war der Vers geſchrieben: Ich darf mir keine Sorge machen, Der Hüter Israels wird wachen, Dieß gibt er ſeinen Kindern nur! Schiller's Heimathjahre. II. 18 Komm, ſüßer Schlaf, balſamiſcher Segen, Dir winkt mein müdes Herz entgegen, Komm, ſanftes Labſal der Natur! Heinrich erbaute ſich mit lächelnder Rührung an dem frommen Spruche: da mußt du ja vortrefflich ſchlafen, wie der alte Erz⸗ vater! ſagte er. Sie verließen das Haus. Unten betrachtete Heinrich die Con⸗ ſtruction der Thüre und bemerkte: du wohnſt aber doch in gar zu glücklicher Sicherheit! das letzte Haus im Dorfe, die Thüre faſt unverwahrt, die Gegend abgelegen, und die Grenze nicht all⸗ zu weit. Es iſt mir auch nicht ganz wohl bei der Sache, verſetzte der Pfarrer: ein paar ſilberne Löffel finden ſich immerhin zum Steh⸗ len, und ich habe deßhalb ſchon vor längerer Zeit ans Conſiſto⸗ rium geſchrieben, man ſolle mir ein Schloß an die Thüre machen laſſen; bis ſie ſich aber dort reſolvirt haben kann ich mit meiner ganzen Familie geſtohlen ſein. Darauf erzählte er allerlei Geſchichten von den Zigeunern und ihrem Anführer Hannikel. Vor einem Jahr, ſagte er, be⸗ gegnete ein Förſter im Walde einem unbekannten Waidmann, mit dem er, als derſelbe ſich ziemlich genügend ausgewieſen hatte, in ein vertrauliches Geſpräch gerieth. Zuletzt bat ihn der Fremde um ein Darlehen, da er in einer vorübergehenden Verlegenheit ſei. Der Förſter gab ihm was er eben bei ſich hatte, einen Thaler. Als er Abends nach Hauſe kam, traf er ein Brieſchen an, das ich ſelbſt nachher geleſen habe. Es lautete etwa folgen⸗ dermaßen:„Lieber Freund, Sie haben ſchwerlich gewußt mit wem Sie heut im Walde geſprochen haben. Zum Dank für Ihre Freundlichkeit gegen einen Unbekannten ſollen Sie nie eine Un⸗ gelegenheit in Ihrem Reviere haben. Laſſen Sie mich das kleine Geſchenk als ein Andenken an Sie behalten, und ſeien Sie im⸗ mer verſichert von der Erkenntlichkeit und Freundſchaft Ihres Hannikel.“ 1 Eine gute Quittung, lachte Heinrich. Bei alle dem kann ich nicht begreifen wie ihr hier eine ruhige Stunde haben könnt. Der Zigeunerherzog, erwiderte Matthäus, ſoll gegenwärtig dem Vernehmen nach anderswo wirthſchaften. Uebrigens hält er ſich nicht bloß bei uns auf, er iſt auch drüben an der Alp und ſonſt im Lande wohl bekannt. Man gewöhnt ſich an ſo was wie an einen Leibſchaden; gibt es ja doch Leute die ruhig am Fuße des Aetna wohnen. Es iſt wahr, ſagte Heinrich: das liebe heilige Reich hat alles mit ſeiner Schlaftrunkenheit angeſteckt. Sie gingen im Thalgrunde fort und Heinrich, der ſich hier am Ende der gangbaren Welt. zu befinden geglaubt hatte, entdeckte daß das Thälchen ſich unter den Bergwäldern herum und zwiſchen ihnen hindurch ſchlich. Sie kamen über einen Bach den man vom Walde ſchäumend herunterſtürzen und ruhig im Thale fort⸗ gleiten ſah; dann führte der Pfad über einen mäßigen Hügel⸗ rücken, an welchem eine Fahrſtraße vorüber zog und ein einſames Wirthshaus als Station für die Reiſenden lag. Da ſieht man doch wieder ein wenig in die Welt hinaus, bemerkte Heinrich. Ich will nicht hoffen, rief der Pfarrer, daß dir ſchon am erſten Tage Reiſegedanken kommen. Heinrich deutete an daß er mit ſeinem Schützling, ſobald er ihn habe, wieder abzureiſen gedenke. Da würdeſt du uns einen ſchönen Poſſen ſpielen! rief der gaſtfreundliche Matthäus: meine Frau ſchickt in dieſem Augenblick ihre Eilboten nach allen vier Winden aus, um Kaffee, Zucker und was weiß ich was alles für dich holen zu laſſen. Das darf nicht ſein! wer würde denn den Kaffee trinken? Meine Frau jammerte heute genug als ſie den koſtbaren Geſchmälzten den Kindern geben mußte. Er hat ihnen aber prächtig geſchmeckt! Die Freunde lachten von Neuem über dieſen Schwank, und der Pfarrer fuhr fort: Weißt du was du thuſt? dein Räuber und 9 20 Räubergenoſſe darf nicht ſo unvorbereitet wieder in ſeine alte Sphäre hineinplumpen, er bedarf einer Erholung, eines Ueber⸗ gangs von den Schlupfwinkeln der Zigeuner zu den Sälen der Reſidenz, und zu dieſer Zwiſchenſtufe eignet ſich ſo ein Schwarzwälder Pfarrhaus vortrefflich. Bleib' einige Wochen mit ihm bei uns, wir wollen ihn vollends nüchtern machen; du darfſt meine Piychologie, meine Beredſamkeit nicht ſo gering anſchlagen. Heinrich fand den Vorſchlag gar nicht unwillkommen. Daß man ſie nicht gleich, vielleicht nie wieder in jene glänzenden Cir⸗ kel zurückführen könne, hatte er ſich unterwegs oft vorgeſagt; er hoffte vom Herzog, an den er nach erreichtem Zwecke ſogleich einen Boten abzufertigen gedachte, leicht die Erlaubniß zu dieſem ſtillen Ferienleben zu erhalten, und wie ſchmeichelte er ſeinem Herzen mit nie ganz unterdrückten Hoffnungen, wenn er ſich ein wochenlanges, enges, trauliches Zuſammenſein vorſtellte. Was ſeine Wirthe dazu ſagen würden, wenn ſie entdeckten daß der Flüchtling kein Karl, ſondern eine Amalia ſei, was dieſer Umſtand für Folgen haben könnte, wollte er ſich nicht vorher ausmalen, er verließ ſich auf den entſcheidenden Moment und im Nothfall auf den Eindruck den der Stand ſeiner Schutzbefohlenen auf die Pfarrfrau machen würde, die er bereits für die Rückreiſe zur Ehrendame des Fräuleins er⸗ koren hatte. Hat dich am Ende gar der Herzog, deſſen Auge alles durchdringt, mit Abſicht zu ihrem Verfolger und Ritter erwählt? dachte er, und hatte Mühe ſich aus ſeinen ſchwindelnden Träumen zu reißen, um dem Freund eine Antwort zu geben. Er drückte ihm herzlich die Hand und verſprach zu thun was die Umſtände erlauben würden. Unter dieſen Geſprächen langten ſie in dem Wirthshaus an und trafen zu Heinrichs Erſtaunen einen ſehr trinkbaren Wein. Das iſt ſchon kein Wirtenberger mehr, ſagte der Pfarrer: hier herum triffſt du lauter Rheinwein, nicht gerade von der erſten Sorte, aber dafür deſto wohlfeiler. Komm, das erſte Glas der 4 — 21 ſchönen alten Zeit!— Sie ſtießen an und bald war alles andre vergeſſen und verdrängt durch Univerſitätserinnerungen. Eine Schnurre wurde durch die andere hervorgerufen. Und weißt du auch noch?— Ja, und damals— Du warſt ja auch dabei— ſo ging es Schlag auf Schlag. Dann tauchten die luſtigen Trink⸗ lieder wieder auf, die eine ſo kindlich frohe Stimmung mit ſich bringen, daß man nicht mehr daran denkt wie unſinnig ſie größ⸗ tentheils ſind; ja der Pfarrer entblödete ſich nicht zuletzt noch den „Mann in der Lämmer⸗Lämmergaſſ“ anzuſtimmen, das abſur⸗ deſte Lied das je von Studenten gedichtet und geſungen worden iſt, und Heinrich, obgleich ihm innere Vorwürfe über ſolch zweck⸗ loſes Treiben bei einer ſchwierigen und noch dazu vielleicht gefähr⸗ lichen Sendung aufſtiegen, konnte doch der Weinlaune des alten Freundes nicht widerſtehen, der hier in ſicherer Ferne von dem geſtrengen Conſiſtorium die einſame Wirthsſtube mit Geſang und Gelächter erfüllte. Unter ſolchen Umſtänden darf man ſich nicht wundern daß die Nacht ſchon ſtark herein gebrochen war als der Pfarrer endlich auf den Rückzug dachte. Der Himmel hatte ſich bewölkt und es war ſehr finſter. Sie nahmen einen Bauer, der ihnen mit der Laterne vorleuchten mußte. Kaum waren ſie in der friſchen beißend kalten Luft ſo zeigten ſich die Wirkungen des Weins am Pfarrer; er ſchwankte wie ein mächtiger Baum der nach langem Widerſtande dem wiederholten Angriff des Sturmes nachgeben muß. Auch Heinrich fühlte ſich nicht ganz feſt auf den Beinen und folgte mit Mühe dem Bauer, der bald wieder heimzukommen wünſchen mochte und mit ſtarken nüchternen Schritten vorausging. Dabei hatte er noch ſeine liebe Noth mit dem ſchweren Zechcumpan, deſſen Kopf auf ſeiner Schulter ruhte; denn er hatte ihn unter dem Arm gefaßt und ſchleppte ihn mit großer Anſtrengung fort. Auf einmal fiel ihm etwas kalt ins Geſicht. Es ſchneit, rief der Bauer im gleichen Augenblicke: Herr Gott, das rieſelt! Das kommt ſtark, ſagte Heinrich: macht nur vorwärts, 22 Der Pfarrer ermunterte ſich ebenfalls und rief: Aha, Bettel⸗ buben? Eben hat es mir einen ins Geſicht geſchneit. Der Bauer ſuchte einen Stein, um ihn als Dach gegen den Schnee auf die Laterne zu legen, und ſie eilten im hef⸗ tigſten Schneegeſtöber vorwärts. Jetzt kamen ſie an den Steg der über den Bach führte; der Pfarrer hielt ſich dicht an den Führer. Gemach, gemach! rief Heinrich: eilt nicht ſo, ich ſehe ja nichts! Während aber der Bauer ſich mit der Laterne nach ihm um⸗ wandte glitt Heinrich im Schnee aus und ſtürzte mit einem mächti⸗ gen Plump von dem Stege, der nur auf einer Seite ein Geländer hatte, in den Bach. Herr Jeſus! rief der Pfarrer: kannſt du ſchwimmen? Der Bauer leuchtete gleichmüthig hinunter, hielt aber die La⸗ terne ſchief, ſo daß der Stein ebenfalls ins Waſſer fiel; im ſelben Augenblick ziſchte das Licht von einer hineingefallenen Schneeflocke und erloſch. Jetzt iſts aus! ſagte der Pfarrer. Helft mir nur das ſteile Ufer herauf! rief Heinrich drunten: aus dem Waſſer bin ich ſchon! Die Beiden eilten in der Finſterniß hinzu, und es hielt ſchwer und gelang nur durch das feſte Anſtemmen des Bauers, den armen triefenden Jüngling heraufzuziehen. Jetzt eilt daß wir nach Hauſe kommen! rief er: der Froſt ſchüt⸗ telt mich! 3 Sie ſuchten den Fußpfad wieder. Hier, ſagte der Bauer, dür⸗ fen die Herren nur gerade vor ſich gehen und ſich links gegen den Berg halten, daß ſie nicht noch einmal an den Bach kommen. Ihr geht doch mit, Freund? rief der Pfarrer. Ich bin jetzt zu nichts mehr nutz, erwiderte jener, da ich kein Licht mehr habe, und Euer Weg iſt leichter zu finden als der mei⸗ nige. Wenn ich nur ſchon über den Steg wäre, hörten ſie ihn bereits in einiger Entfernung ſagen; nach einer Weile brummte 2— 2 er: Gottlob! und war in der Nacht verſchwunden ohne eine Be⸗ zahlung abzuwarten. Alle Teufel! der Flegel ſorgt für ſeine eigene Haut! rief der Pfarrer. Natürlich, verſetzte Heinrich: in Kurzem liegt der Schnee wenigſtens einen Schuh hoch. Mach nur daß wir vorwärts kom⸗ men, ich fühle daß ein Fieber im Anzug iſt. Sie eilten was ſie konnten: die Beſchwerde vergrößerte ſich mit jedem Schritt; das Geſtöber ſchien immer dichter zu werden, der Wind wehte es ihnen gerade ins Geſicht, ſo daß ſie nur mit Mühe dagegen vordringen konnten. Man hat ein Gefühl als ob man einen Berg hinanſtiege, ſagte Heinrich, wenn man ſo gegen den Schnee arbeitet. Nur immer links! rief der Pfarrer mit noch etwas ſchwerer Zunge. Jetzt ſollten wir aber doch an dem Dorfe ſein, ſagte Heinrich un⸗ geduldig, nachdem ſie ſich lange Zeit ſchweigend durchgekämpft hatten. Weiß der Henker wo es ſteckt, erwiderte der Pfarrer. Nach einer Weile fiel er hin, er raffte ſich auf, von Heinrich unterſtützt, und ſagte: nun können ſie morgen kommen und einen Pfarrer im Schnee ſuchen. Weißt du warum du gefallen biſt? rief Heinrich und hieß ihn ſtill ſtehen: wir ſind zu weit links gegangen und ſteigen ſchon eine gute Weile bergan. In dieſer weißen Finſterniß merkt mans nicht, bis der Fuß an den ſteileren Abhang ſtößt. Das iſt eine ſchöne Geſchichte! rief der Pfarrer: Rath theuer. Komm nur, ſagte Heinrich und nahm ihn am Arm: ſen wir uns wieder ganz rechts wenden, um ins kommen. Sie fühlten ſogleich daß der Weg abwärts f den Schneeſturm im Rücken, bald ausgleitend ſo langſam und vorſichtig als möglich hinab. jetzt iſt guter jetzt müſ⸗ Thal zurückzu⸗ ührte, und ſtiegen, , bald hinfallend, 1 24 Jetzt immer zu, immer zul rief der Pfarrer. Sie gingen auf ebenem Boden, aber in immer tieferem, pfad⸗ loſem Schnee mühſelig fort. Es mochte eine Stunde ſeit Heinrichs Unfall verlaufen ſein. Halt! gebot dieſer endlich: da gehts ja ſchon wieder bergauf! Sie blieben rathlos ſtehen. Das iſt eine Nacht! rief der Pfarrer. Horch! rief Heinrich: haſt du nichts gehört? Ein Glockenton! und jetzt wieder! Ganz verloren! ſagte der Pfarrer: der Schnee läßt ihn nicht recht durch die Luft dringen. Aber ich habe mir gemerkt wo er herkam! rief Heinrich freu⸗ dig: komm, folge mir, er führt uns in irgend ein Dorf. Sie traten ihre Irrfahrt wieder an, und waren kaum fünfzig Schritte, um ſich her taſtend, rückwärts gegangen, ſo ſtieß Heinrich an einen Gegenſtand, den er für ein Haus erklärte. Sie umgingen es auf allen Seiten, und als ſie die Thüre gefunden hatten pochte der Pfarrer heftig an und rief mit donnernder Stimme: He da! aufgewacht! aufgemacht! ſagt uns wo wir ſind und führt uns ins Wirthshaus! Ein Fenſter öffnete ſich und eine Männerſtimme rief heraus⸗ Hier gibts kein Wirthshaus! Was? kein Wirthshaus? rief der Pfarrer: jetzt ſind wir vol⸗ lends in der Patſche! Iſt Er's, Herr Pfarrer? fragte der Mann lachend: Er braucht kein Wirthshaus, Er iſt ja in Seinem eigenen Dorf. Was bin ich? rief der Pfarrer: ich wollt ich wär'—— Guter Freund! erhob Heinrich ſeine Stimme: ſeid ſo gut und zeigt uns den Weg ins Pfarrhaus! wir haben uns verirrt und ſind ſo vom Schnee geblendet daß wir uns nicht einmal hier mehr zurechtfinden können. Bitt' dich ums Himmels willen! flüſterte der Pfarrer: er muß uns ja für betrunken halten!— Sagt mir nur an welchem Haus ——— — 25 ich bin, rief er laut: ich will mich ſchon zurechtfinden! ich weiß nur nicht wo und wie wir über Stock und Stein ins Dorf her⸗ eingerathen ſind. Er iſt ans Balthaſar Haugen Haus! antwortete der Bauer, und Heinrich mußte hell auflachen als er in dieſem Erdenwinkel den gelehrten Namen hörte. Nach einer Viertelſtunde hatten ſie das Pfarrhaus erreicht, und hier ergab es ſich daß die Pfarrerin in ihrer Beſorgniß, da die Männer ſo lang ausblieben, in die Kirche gelaufen war und die Glocke gezogen hatte. Sie war eben im Begriffe Boten nach ihnen auszuſenden. Der Pfarrer umarmte ſie lebhaft und rief: Ohne dich ruderten wir noch da draußen herum, und wären wahrſchein⸗ lich über Nacht erfroren.— Sie ſah ihn aber ſcheel an, entwand ſich ſeinen Armen und ſagte: du kannſt doch nie ordentlich nach Hauſe kommen! Das Wohnzimmer war angenehm erwärmt; hinter der Thüre eines Schrankes wechſelte Heinrich ſeine Kleider und zog einige abgetragene vom Pfarrer an; da dieſer nur einen einzigen Rock beſaß, mußte ſich der Gaſt in ſeinen Kirchenrock hüllen. Er be⸗ trachtete ſich und gedachte des Berufs zu dem er einſt beſtimmt war. Indeſſen hatte die Pfarrerin ein Bett aufgemacht; ſie hing ſeine Kleider in die Nähe des Ofens, und trug einen Kaffee auf 1 der dießmal ungeſchmälzt war und unſrem froſtdurchſchauerten Hel⸗ den ſehr zu Statten kam. Seine Wirthe ließen ihn bald allein, er legte ſich zu Bette und dachte im Einſchlafen unwillkürlich an den Vers den er an des Pfarrers Betthimmel geleſen hatte. Ob dieſer unter ſeiner Jakobsleiter ohne daß ihm ſeine Frau einen lehrreichen Abendſegen las zur Ruhe gekommen iſt, wiſſen wir nicht; aber bald nach Mitternacht erwachte er wieder und fühlte einen brennenden Durſt; während er nun aufſtand um die⸗ ſen zu befriedigen, glaubte er vor dem Hauſe ein Geräuſch zu ver⸗ nehmen. Er trat ans Fenſter und öffnete es leiſe. Drunten vor der Hausthüre erblickte er einen Haufen Leute, beſchäftigt, wie es 26 ihm ſchien, die Thüre zu öffnen. Er rieb ſich die Augen und wußte nicht ob er wache oder träume. Der Himmel war hell, und auf dem Boden lag hoher Schnee. Er ſah noch ein⸗ mal hin und die Erſcheinung war wie zuvor; in einiger Entfer⸗ nung erblickte er eine Gruppe, dicht an einander gedrängt; ſie ſchie⸗ nen etwas zu tragen und er war ungewiß ob ſie ſich näherten oder if entfernten. Was thu' ich? dachte er: wenn ich auch das ganze Haus alarmire, ſo ſind wir doch nicht Manns genug um es mit einer ſolchen Bande aufzunehmen. Vielleicht laſſen ſie ſich ab⸗ ſchrecken.— Er ergriff einen Fenſterladen und warf ihn mit gro⸗ ßer Gewalt an die Wand; der Schlag war ſo heftig daß es ihm ſelbſt vorkam als wäre ein Schuß gefallen. Vorſichtig ſah er hin⸗ aus und bemerkte mit Freuden daß ſeine Demonſtration gewirkt hatte; wenigſtens entfernten ſich die Nachtgeſellen eilig und bald war drunten nichts mehr zu erblicken. Im Hauſe blieb alles ſtill. Der Pfarrer wollte niemand beunruhigen; er aß von dem friſch⸗ gefallenen Schnee auf dem Fenſtergeſimſe, und legte ſich hinläng⸗ lich abgekühlt zu Bette. Seine Frau bewegte ſich unruhig, er aber ſchlief ſchnell wieder ein und die Begebenheit hatte nur den leich⸗ ten Eindruck eines Traumes in ſeiner Seele zurückgelaſſen. 3 8 1 3 ——— L — 3. könnt' ich ihn mit dieſen Armen weit O dinübertragen in ein glücklich Land,. Vo Friede wohnet und wo Freude blüht, Leid W Vo dem Erwachenden ſein ſchwe Verſchwunden wäre wie ein böſer Traum. Uhland, Herzog Ernſt. H 2 P Der Pfarrer wäre den andern Morgen nicht allzu zeitig er⸗ wacht, hätte ſeine Frau ihn nicht angeſtoßen. Er gähnte und legte ſich auf die andre Seite, um den hartnäckigen Schlummer fortzu⸗ ſetzen, mußte aber endlich den wiederholten Ermunterungen gehor⸗ chen und erhob ſich ſeufzend, mit dem demüthigenden Bewußtſein daß ſeine geſtrenge Hälfte dieſe Schlaftrunkenheit mit Recht einer nicht gar löblichen Urſache zuſchreibe. Als er das Fenſter öffnete ſah er einen Haufen verworrener Fußſtapfen, welche ihn plötzlich an ſeinen Traum erinnerten. Eine böſe Ahnung überfiel ihn. Röſe, das war kein Traum! rief er ſeiner verwunderten Gattin zu und eilte nach ſeinem Gaſt zu ſehen. Er fand das Bette leer; die Kleidungsſtücke waren fort bis auf den Rock, der noch hinter dem Ofen hing. Er rief und ſuchte im Haus umher: keine Antwort. Er eilte hinaus, in der ſchwachen Hoffnung, der Freund habe vielleicht einen Morgenſpaziergang ge⸗ macht. Aber er konnte außer den Fußſtapfen, welche den nächſt⸗ gelegenen Berg hinanführten, keine einzelne Spur entdecken, und ſo hatte er bald die Gewißheit die er ſo lang von ſich zu weiſen geſucht. Alles richtig! ſagte er als er zurückkam: er iſt geſtohlen worden. Geſtohlen? rief die Pfarrerin mit Entſetzen und rannte hin⸗ weg um nach ihrem Eigenthum zu ſehen, kam aber beruhigt wie⸗ der zurück und fragte wer geſtohlen ſei und von wem? Matthäus ſaß rathlos am Tiſche, den Kopf auf den Arm ge⸗ ſtützt, und verſetzte unwillig: Nun, ich ſage dirs ja, die Zigeuner haben unſern Gaſt geſtohlen. Die Zigeuner? Geſtern ſah ich einen um die Kirche herum⸗ gehen. Unſeliges Weib! warum haſt du uns das nicht gleich geſagt? Jetzt ſind ſie uns zuvorgekommen. Aber was hat er denn mit den Zigeunern zu ſchaffen, oder die Zigeuner mit ihm? Sie ſtehlen doch ſonſt keine ſo alte Kinder. Geſchwätz! rief der Pfarrer: er kam ja ausdrücklich um ſie auszuſpioniren. Ausſpioniren! ſagte die Pfarrerin verächtlich: ich habe den ſauberen artigen Menſchen für was Ordentliches gehalten, und nun iſt er ein Spion. Der iſt wohl fort. Was gibſt du dich auch mit ſolchen Leuten ab? Das verſtehſt du nicht! rief der Pfarrer zornig. Ja, ja! brummte die hübſche Frau und ging an ihre häus⸗ lichen Geſchäfte. Was thun jetzt? rief der Pfarrer und ging im Zimmer auf und ab. Wie dumm! ſein Ueberrock hängt ja noch hinter dem Ofen! alſo hab' ich auch die Papiere und kann ein paar Aemter nach ihm auſbieten! Der halbnaſſe Rock war freilich da, aber die Brieftaſche war ebenfalls verſchwunden. Die ſind klüger als wir! ſagte er, den Finger an die Naſe legend. Während er nun dieſer wunderbaren und ſchreckenvollen Be⸗ 1 29 gebenheit nachſann, kam ein Bote den ſeine Frau nach allerlei Luxusartikeln ausgeſchickt hatte aus dem ziemlich entlegenen Amts⸗ ſtädtchen zurück, und brachte ſtatt des Zuckers, der dem Krämer ausgegangen war, ein herrſchaftliches Schreiben mit, worin die längſt nachgeſuchte Verbeſſerung der Hausthüre endlich bewilligt war, nebſt dem mündlichen Beifügen des Amts daß der Schloſſer morgen ſchon eintreffen werde. Hol' ihn der Teufel! rief der Pfarrer wüthend: hätte er nicht geſtern kommen können? Röschen! ſagte er zu ſeiner Frau, die eben mit dem Frühſtück hereintrat: ich habe mich jetzt aus der erſten Betäubung erholt, und es iſt mir klar was ich zu thun habe. Höre mich an, mein Kind, und ſei fein vernünftig. Packe mir Mundvorrath zuſammen und etwas Trinkbares; ich werde einige handfeſte Burſche mitnehmen und vielleicht mehrere Tage aus⸗ bleiben. Es iſt Freundespflicht, hörſt du? Und zwar ohne Verzug! Die Pfarrerin deutete ſtatt aller Antwort nach dem kleinen hölzernen Glockenthurm, von wo ſo eben das erſte Zeichen zum Gottesdienſt erſcholl: Und wer wird dann predigen? ſagte ſie. Der Pfarrer, der nicht leicht aus der Faſſung zu bringen war, eilte ans Fenſter und befahl alsbald beide Glocken anzu⸗ ziehen, denn ſo hoch belief ſich ſein Kirchengeläute, und den Schul⸗ meiſter an ſeinen Poſten zu rufen. Ich will die Predigt ſogleich halten, ſagte er, und wills kurz machen. Was ich vorhabe iſt auch ein Gottesdienſt. Gib mir ſchnell meinen Kirchenrock. Die Pfarrerin ging nach dem Kaſten, kehrte aber nach einigen Schritten wieder um und ſagte: Den haſt du ja geſtern Abend dem jungen Herrn angethan. Der Pfarrer ſah ſie mit weit aufgeriſſenen Augen an und ſprach kein Wort, denn er wußte ſchon genug. Seine Frau aber, die nach dem Bette des Gaſtes geeilt war, rief in der äußerſten Beſtürzung: O wie iſt die Welt ſo ſchlecht! die Spitzbuben haben ihn in deinem Kirchenrock fortgeführt! Hätte er denn nicht ſchreien können? 30 Sie werden ihm ſchon fürs Schreien gethan haben, verſetzte der Pfarrer. Das hat ſein junger Phantaſt angezettelt; übrigens ein Troſt für uns und eine Hoffnung daß, ihm nicht viel Böſes widerfahren wird. Sorg' du für dich ſelber! rief die Pfarrerin: eine Predigt und kein Kirchenrock! du biſt um den Dienſt, ſetzte ſie laut⸗ weinend hinzu. Im Kirchenrock unter den Zigeunern! rief der Pfarrer ohne auf dieſe Beſorgniß zu achten, und brach in ein ſchallendes Ge⸗ lächter aus. Nun, was mich betrifft, ſagte er als er ſich erholt hatte, ſo kann ich mir mit dem heutigen Evangelium gut durch⸗ helfen. Gib mir nur meinen gewöhnlichen Ueberrock; ſie läuten ſchon zuſammen. Die Leute können ja kaum von den nächſten Häuſern da ſein! entgegnete ſeine Frau. Thut nichts! ſagte er und begab ſich zur Kirche, wo er die wenigen Verſammelten ohne die Kanzel zu beſteigen alſo anredete: Meine liebe Bauern! Ich ſoll euch predigen, und zwar über das Evangelium von dem Manne der kein hochzeitlich Kleid an hatte. Aber ich habe ſelbſt keines an. Folglich kann ich euch auch nicht predigen. Mein Kirchenrock iſt mir dieſe Nacht geſtohlen worden, und ein angeſehener Gaſt dazu, der dem Herzog ſehr am Herzen liegt. Ihr werdet euch deßhalb gute Zeiten machen wenn ihr mir ihn ſuchen helft. Kommt und nehmt noch andre mit! die Willfährigſten dürfen ſich auf eine ſchöne Belohnung gefaßt machen. Amen. Dieſe kurze Stegreifpredigt hatte eine größere Wirkung als vielleicht die ſtudirteſte Kanzelrede. Einige Rieſen vom alten Flö⸗ zerſtamme erhoben ſich, nachdem ſie einander eine Weile ange⸗ ſehen hatten, und traten zu ihrem Seelenhirten; Nachkommende, mit ein paar ſchnellen Worten von Menſchenraub und Belohnung verſtändigt, ſchloßen ſich an. Der Pfarrer durchſtreifte mit ihnen das ſchmale Thälchen, klopfte aus den vereinzelten Hütten ſeiner 4 31 Gemeinde, hier aus einem Wäldlerhäuschen am Berg, dort aus einer Sägmühle am Waſſer, noch einen und den andern Streifer heraus, führte das ganze Contingent zum Pfarrhauſe, wo ſeine Frau einen Heidelbeergeiſt herbeiſchaffen mußte, und dann ging es muthig den Berg hinan. Der Pfarrer, in großen Stiefeln an der Spitze ſeines Aufgebots marſchirend, folgte den Schneeſpuren, welche weder in einen Pfad einlenkten noch auch nur dem Zug einer Anhöhe oder eines Thales ſich bequemten, ſondern queer über die vielen Einſchnitte der Gegend in beſtändigem Wechſel bergauf und bergunter leiteten. Der Feind mochte wohl auf ein fortdauerndes Ge⸗ ſtöber das ſeine Fußſtapfen wieder verwiſchte gerechnet haben. Als ſie einige Stunden auf dieſem mühſeligen und ſchlüpfrigen Wege zu⸗ rückgelegt hatten, kamen ſie, ſchroff zwiſchen Tannen niederſteigend und vielfach ausglitſchend, an das Ufer eines Flüßchens, worin beſchneites Floßholz lag. Halt! rief der Pfarrer und ſeine Mannſchaft ſtand ſtill. Hier gehen die Spuren aus, ſagte er: dieſſeits und jenſeits nichts zu erblicken. Geh' einer am Bach hinauf, und einer hinab, um zu ſehen ob ſie irgendwo wieder zum Vorſchein kommen. Die Beorderten lösten ſich von dem Häuflein ab. Der Pfarrer trat näher an das Ufer und blickte zwiſchen die ſchnee⸗ bedeckten Steinblöcke, die auf allen Seiten den Zugang verſperrten. Was iſt denn das? rief er auf einmal: der Schnee weggeſcharrt, der Stein von friſchem Rauch geſchwärzt, und— ja wahrhaftig! hier liegt noch eine verglimmende Kohle. Jetzt haben wir ſie! wir haben ſie! Sie können noch nicht weit ſein; hier haben ſie Raſt gemacht. Einer der Abgeſandten kam zurück und berichtete daß auf⸗ wärts am Waſſer keine Spur zu ſehen ſei. Gleich darauf eilte der andre heran und winkte ſchon von Weitem: da unten ſind ſie! rief er, und mit einem unterdrückten Freudenſchrei drang der Pfarrer durch Geſtein und dürres Geſträuch, ſeine Mannſchaft hinter ihm her, Einen Büchſenſchuß unterhalb der Feuerſtelle — ſah man jenſeits des Baches Fußſtapfen welche ſich zwiſchen dichten Tannen verloren. Der Pfarrer ſetzte mit Hilfe ſeines langen, eiſenbeſchlagenen Stockes über das Waſſer, blieb aber kopfſchüt⸗ telnd ſtehen und ſagte: das Ding will mir nur halb gefallen, es ſind der Spuren viel weniger. Denk' wohl ſie ſind einander in die Stapfen getreten, die ſchlauen Vögel! ſagte einer der Bauern. Mag ſein, erwiderte der Pfarrer und ſtieg keuchend einen ſteilen Waldberg, den Zickzackſpuren folgend, hinan. Sie führten von da zu einem noch höhern Firſt, zwiſchen zahlloſen auf⸗ geſetzten Klaftern von Scheiterholz hindurch, einer Vertiefung zu, wo ein Geräuſch zu vernehmen war. Jetzt gerieth das Aufgebot in nicht geringe Spannung; der Pfarrer, mit klopfendem Feld⸗ herrnherzen, gab einen Wink zum Stillſtand, ging bei den Ein⸗ zelnen umher, ſprach ihnen Muth ein, vertheilte dann ſeine Trup⸗ pen und führte ſie in das Dickicht. Bald merkte er daß er dem Ziele ſeiner Verfolgung nahe ſei: er hielt vor der Stelle woher das Geräuſch gekommen war und wartete bis ſeine Streifmann⸗ ſchaft dieſelbe rings eingeſchloſſen hatte. Dann commandirte er mit lauter Stimme: Vorwärts! drauf! und alle drangen zu gleicher Zeit hinein. Aber wie fand er ſich enttäuſcht als er niemand andres erblickte als die beiden geſtern ausgeſchickten Späher, welche, ihren Auftrag ſich trefflich zu Nutzen machend, beſchäftigt waren ein paar Klafter auf ungeheure Holzſchlitten zu laden. Er trat einen Schritt zurück; ſein Gefolge, das einen Augenblick mit auf⸗ gehobenen Knitteln und aufgeſperrten Mäulern dageſtanden war, brach in ein donnerndes Gelächter aus. Nun, das muß ich ſagen! rief der Pfarrer, nachdem er ſich gefaßt hatte: ihr ſeid pünktlich in eurer Verrichtung! Das alſo iſt der Feind gegen den man euch beordert hat? Die ſtehlen das Holz und die Schlitten dazu, flüſterte der Bauer der ihn in der Wahl dieſes Weges beſtätigt hatte. Es 33 hat mir doch vorhin gleich geſchwant, fügte er bei, daß die breiten Stapfen von Baurenfüßen kommen. So? und warum habt Ihr das nicht gleich geſagt? rief der Pfarrer. Da er auf dieſe billige Frage keine Antwort bekam ſo wandte er ſich zu den beiden Spähern, welche verblüfft am Schlitten neſtelten. Habt ihr die Zigeuner geſehen? fragte er. Nein, Herr Pfarrer! antworteten ſie aus Einem Munde. Das glaub' ich gern! ſagte er: denn ihr waret ganz und gar auf dem Holzweg, und nun habt ihr auch uns noch darauf ge⸗ lockt. Fort jetzt! marſch! Wir müſſen geradewegs zurück, und ihr beiden ſchließt euch an oder geht nach Hauſe; denn ſo iſts nicht gemeint daß das Handwerk da meinen Segen haben ſoll. Raſch ging es in den trügeriſchen Spuren den Berg wieder hinab, und der Pfarrer, als er an das andere Ufer des Flüßchens zurückkam, gewahrte zu ſeinem Verdruſſe jetzt erſt, was er vorhin im Entdeckungseifer und vor den im Wege liegenden Felsblöcken überſehen hatte, daß die Fußſtapfen ſeiner beiden ſaubern Kund⸗ ſchafter auch dieſſeits weithin ſichtbar waren, ſomit von den bisher verfolgten Spuren leicht hätten unterſchieden werden können. Der Bauer der dem Pfarrer ſeine Weisheit zu vernehmen gegeben hatte ſchlich ſich zu den beiden verdrießlichen Nachzüglern und ſagte leiſe: Das Holz iſt doch zu viel für euch, auf die Nacht will ich helfen; der Schnee kommt uns gut, wir rieſen die Schlit⸗ ten hinunter, und darnach weiß ich einen geſchickten Weg durchs Thal. Den wiſſen wir auch, war die kurze Antwort, welche den Be⸗ werber veranlaßte ſich wieder zum Vortrab zu begeben. Dieſen Umweg hätten wir uns erſparen können, ſagte der Pfarrer, als ſie wieder an der Feuerſtelle angelangt waren: doch was gilts? wir holen die Feinde noch ein.— Er bedachte ſich eine Weile indem er in das Waſſer blickte: da die Spuren hier aufhören, ſagte er endlich zu ſeinem Gefolge, ſo kann ich nicht Schiller's Heimathjahre, II. 3— 9 1 34 anders vermuthen als daß die Schelme im Waſſer fortgegangen ſind, und da iſts doch das Wahrſcheinlichſte daß ſie den Weg auf⸗ wärts, dem tiefern Gebirge zu, genommen haben. Alſo laßt uns dem Bach entgegengehen ſo gut es das Terrain erlaubt. Das Häuflein brach auf und ſchloß ſich den Windungen des Waſſers auf beſchwerlichem, völlig pfadloſem Wege an, der bald von Steinblöcken bald von überhängenden Tannen unter⸗ brochen war. Der hartnäckige Bauer jedoch, der ſich durchaus in die Kameradſchaft der beiden Holzdiebe eindrängen wollte, machte ſich von Neuem zu ihnen und ſagte: Unſer einer muß doch immer bei den Zigeunern in die Schule gehen. Was das ein verfluchter Einfall iſt, im Bach zu gehen daß und damit man keine Fuß⸗ ſtapfen ſieht! Zwar unſer Pfarrer iſt auch nicht auf den Kopf gefallen, der kommt ihnen gleich hinter die Schliche. Aber ich denke dabei, mit dem Holz auf die Nacht könnten wirs auch ſo machen: wenn wir die Schlitten ins Waſſer herunter bringen und führen ſie darin fort, ſo verrathen uns die Leiſen nicht, und dem reichen Joggel thuts ja keinen Schaden. Die beiden andern ſahen ſich an und wechſelten beifällige Blicke. Das iſt auch wahr! ſagte endlich einer von ihnen, und ſo kam eine zögernde Unterredung zu Stande, welche dem Er⸗ finder des Projects Hoffnung gab, der Dritte in dieſem Bunde zu werden. Inzwiſchen hatte man den Urſprung des Flüßchens erreicht, und der Pfarrer blieb mit einem Jubelrufe ſtehen, auf die Fuß⸗ ſtapfen deutend, welche aus dem Waſſer hervor und eine ſteile Anhöhe hinauf liefen. Das ſind die alten Spuren! rief er: immer drauf! jetzt gehn wir ſicher. Er eilte ſo ſchnell voraus daß er oben keuchend auf ſeinem Stock ausruhen mußte. Die Bauern kamen nach und ſahen ein⸗ ander bedenklich an. Ein breiteres Thal, von einem Fluß durch⸗ ſchnitten, lag zu ihren Füßen, und jenſeits deſſelben ſtieg in immer größern Abſätzen das Hochgebirge vor ihnen auf. Der Pfarrer, 35 dem es mittäglich zu Muthe werden mochte, ließ Brod auspacken, und der Krug mit dem belebenden Feuerwaſſer machte die Runde. ſchweigend, ins Thal hinab, über den Fluß und aufs Neue bergan. Es iſt mir undenkbar! ſagte er, als ſie am ſpäten Nachmit⸗ tage, durch die beſchneiten Wälder ſich emporarbeitend, ſchwitzend und ermüdet, einen Sattel zwiſchen den höchſten Bergköpfen erſtie⸗ gen hatten, auf welchem die Spuren fortliefen: ſie können kaum eine Viertelſtunde vor uns her ſein, und doch holen wir den Vor⸗ ſprung nicht ein! Wo ſind wir denn jetzt eigentlich? Ich bin hier wohlbekannt, ſagte einer der Bauern: dort links hin zieht ſich der Kniebis, und da drüben rechts liegt der Katzen⸗ kopf. Aber wir kriegen noch mehr Schnee, der Himmel übergeht. Vorwärts denn, daß uns die Spuren nicht zugedeckt werden! rief der Pfarrer. Während er noch ſprach begannen die Flocken dichter und immer dichter zu fallen. Die Bauern ſchienen ſchon längſt auf einen guten Anlaß ge⸗ wartet zu haben, und jetzt brach die Empörung in lichten Flammen aus. Einen übeln Heimweg bekommen wir! hob einer von ihnen als Sprecher an: und vor uns wird auch nicht mehr viel zu finden ſein. Der Pfarrer bot ſeine ganze Beredſamkeit auf, der Bauer jedoch, denn er bewaffnet ſich niemals bloß mit Einem Grunde, fuhr fort: Ja, aber, Herr Pfarrer, jetzt ſind wir über der Grenze, und das könnte uns Ungelegenheiten machen. Ueber der Grenze? rief der Pfarrer betroffen: wo denn? in der Markgrafſchaft? Nein, war die Antwort, im Straßburgiſchen! da drüben, ſchon hinter uns, muß der Dreifürſtenſtein ſtehen. Ein wirtenbergiſcher Pfarrer und der Biſchof von Straßburg! murmelte Matthäus: aber dennoch vorwärts! ich nehms auf mich. — 36 Die Bauern ſchüttelten die Köpfe gegen einander, und keiner rührte einen Fuß. Eben wollte der Pfarrer zornig losbrechen als er zwiſchen den Bäumen von einer ſchwachen Stimme ſeinen Na⸗ men ausſprechen hörte. Es klang nur wie ein ferner Hauch, aber er war überzeugt daß er richtig vernommen habe. Roller! rief er und drang mit einem Sprung hinein. Da ertönte ein donnerndes Halt! Er blickte umher und erſt nach einigem Spähen gewahrte er, an eine Rieſentanne gelehnt, einen jungen Zigeuner mit an⸗ geſchlagenem Gewehr. Unwillkürlich mußte er ſeine Blicke an der prächtigen ſchlanken Geſtalt, an den edlen Zügen des gebräunten Angeſichts und an den blitzenden Augen des jungen Mannes weiden, aber nur einen Augenblick, und dann ſetzte er ſeine Be⸗ wegung mit hochgeſchwungenem Stocke fort. Halt! wiederholte der Zigeuner: bei der Seele meines Vaters, Ihr ſeid des Todes wenn Ihr einen Schritt weiter geht. Er hatte den Finger am Drücker und ſeine Stimme klang ſo ernſtlich daß der Pfarrer ſtehen blieb. Wer gibt dir das Recht, rief er, das Gewehr auf mich zu richten? Mein Dienſt. Wer biſt du? Ein Mann. Wem dienſt du? Wen ich lieb hab'. Der Pfarrer betrachtete den tüchtigen Jüngling von Neuem; dann ſagte er: du haſt einen Mann aus einem friedlichen Hauſe mit Gewalt entführt. Er iſt mein Freund: gib ihn heraus! Nimmermehr. Er iſt hier nahe. Ich habe ſeine Stimme gehört, er hört die meinige. Er hört ſie nicht. Der Pfarrer ſprang entſetzt zurück und feuerte ſeine Mann⸗ ſchaft an, die ihm zögernd einige Schritte folgte. Als aber noch mehr Flintenläufe blitzten und mehrere wilde, braune Geſellen — ſich zwiſchen den Bäumen zeigten, da machten die Bauern eine rückgängige Bewegung und erklärten einmüthig, für blaue Bohnen hätten ſie keinen Geſchmack. Der junge Zigeuner lachte. Der Pfarrer gerieth in Ver⸗ zweiflung, die Kehle war ihm wie zugeſchnürt und kaum konnte er ein paar Worte hervorbringen. Heimtückiſcher Mörder! rief er: und euch, wandte er ſich zu ſeinen Bauern, mach' ich verantwort⸗ lich für dieſen Mord. Was Mord? rief der Zigeuner und ſah hoch und ſtolz herab. Hier iſt von keinem Mord die Rede. Der gute Matthäus athmete wieder auf. Wo haſt du ihn? was haſt du ihm gethan? rief er. Ich hab' ihm nichts gethan, der Anſtoß iſt von ſelber ge⸗ kommen. Was kann ich dafür daß die Zuckerpuppe ſo zerbrechlich iſt? Sie hat mir einen ſauren Weg gemacht. Er iſt krank! rief Matthäus: ſchon geſtern hatte er einen Unfall und ſah einem Fieber entgegen; dieſe Nacht wird vollends das ihrige gethan haben. Es wird vorübergehen, erwiderte der Zigeuner: wenn er eine wackere Natur hat ſo iſts nicht gefährlich. Ueberdem iſt er in beſſern Händen als wenn Ihr Eure Doctoren auf ihn hetzt. Führt mich zu ihm! rief Matthäus entſchieden: ich muß ihn ſehen. Der Zigeuner bedachte ſich ein wenig. Allein mögt Ihr mitkommen, ſagte er endlich: gebt mir Euer Wort daß Ihr wie⸗ der gehen wollt wenn mans Euch heißt. Der Pfarrer ſah ihn ingrimmig an und warf einen Blick der Verachtung auf ſein Gefolge; dann erfüllte er den Willen ſeines Gegners und folgte dieſem, der mit abgeſetztem Gewehre voran⸗ ging. Die andern Zigeuner blieben auf einen Wink ihres An⸗ führers, denn dieß ſchien er zu ſein, als Wache gegen die Bauern zurück. Mit drei Schritten befand ſich Matthäus an der erſehnten — 38 Stelle. Eine ungeheure Maſſe von Granittrümmern hatte ſich hier einſt vom Gipfel herabgewälzt und bedeckte, aufgehalten im Sturz und von Moos und Tannen überwachſen, den Abhang bis in die Tiefe hinunter. Die oberſten, zwei an einander gelehnten Grabſteinen gleichend, bildeten eine Wölbung, die einen vorüber⸗ gehenden Schutz gegen die Witterung gewähren konnte. Hier lag der Kranke, ſorgfältig in bunte Tücher gehüllt. Sein Leib ruhte auf weichem Moos, und ſein Haupt lag im Schoße eines Zi⸗ geuners. Neben ihm brannte ein Feuer, deſſen Rauch ſich jetzt langſam durch das Geſtein und an den Tannen emporzukräuſeln begann. Armer Freund! rief Matthäus, ins Moos neben ihm nieder⸗ knieend. Der Anführer hatte wahr geſprochen: Heinrich hörte ihn nicht, er hatte ſeinen Namen vorhin im Fiebertraum ausgerufen. Seine Glieder bebten im Froſt, und eine unheilverkündende Gluth überflog von Zeit zu Zeit ſein bleiches Angeſicht. Und Mord ſag' ich dennoch! rief der Pfarrer zornig empor⸗ fahrend: auf euch liegt die Schuld wenn es unerwünſcht mit ihm geht. Hier hilft Streiten zu nichts, begann der junge Zigeuner mit kaltem Tone. Ich habe gethan was mir befohlen war. An mir lags nicht wenn er nicht ruhig in ſeinem Bette blieb. Ich wollt' er wär' eine Tagreiſe tief unter dem Boden! ſetzte er mit einem grimmigen Blick auf den Kranken hinzu. Wenns auf mich an⸗ käme, da, fort! ſagt' ich, macht daß Ihr mir ihn aus den Augen ſchafft! Bringt mich nicht auf, ſonſt wird es übel gehen. Während die beiden Männer eben im Begriff waren ſich zur unglücklichen Stunde gegen einander zu erhitzen, bewegte ſich der Kranke. Lottchen! flüſterte er und hob den Arm wie gegen eine Erſcheinung.. Der junge Zigeuner trat erſtaunt und mit gemilderter Miene hinzu. Was hat er geſagt? fragte er. —— 39 Lottchen! wiederholte Heinrich ſtammelnd: laß uns wieder ſein wie ſonſt! O die alten Zeiten! Seine Züge wurden ſtill und freundlich; dann aber drückten ſie einen plötzlichen Schmerz aus. Er ließ den Arm fallen und athmete ſchwer. Der Zigeuner ſah ihm theilnehmend ins Angeſicht und mur⸗ melte einige unverſtändliche Worte. Hierauf holte er einen Trank den er am Feuer gebraut hatte, flößte ihn den halbgeöffneten Lippen ein, und endlich rieb er ihm Stirn und Schläfen mit friſchem Schnee. Thut das gut? fragte der Pfarrer, der ſtillſchweigend zuſah. Sehr gut! erwiderte der junge Zigeuner ohne in ſeiner eif⸗ rigen Beſchäftigung einzuhalten. Der Erfolg rechtfertigte ſeine Worte. Bald wurde der Athem des Kranken leichter; er ſtreckte ſich aus und fiel in einen ruhigen Schlummer. Dieſer Schlaf iſt nicht mit Gold zu bezahlen, ſagte der braune Arzt: wolltet Ihr ihn nun verſtören und uns entreißen? Nein! verſetzte der Pfarrer: aber was ſoll hernach aus ihm werden? Harret in Geduld! erwiderte der Zigeuner. Indeſſen will ich gegen Euren Schwur auch einen ſetzen. Bei der Seele meines Vaters und bei dem Herzen meiner Mutter: es ſoll ihm nichts Leides widerfahren ſo lang er ſich friedlich hält! Vielleicht wird er frei ſobald er nur will. Aber hergeben kann ich ihn nicht, wenn ich auch wollte, und Eure Heldenmichel hätten ganz anders anrücken dürfen, Ihr hättet ihn doch nicht herausgekriegt. Antwortet mir auf eine Frage, ſagte der Pfarrer: habt Ihr ihn auf Antrieb des jungen Mannes gefangen den er ſuchen ging? Der junge Zigeuner ſah ihn lächelnd an und nickte, indem eine dunkle Röthe ſein ſchönes Geſicht überflog; zugleich warf er einen ſchlauen Blick auf den Schlafenden. Und nun geht! ſagte er: ich muß Ruhe für ihn haben; ſo wie ers ertragen kann brechen 40 wir wieder auf. So lieb Euch ſein Leben iſt, ſtellt nichts Wei⸗ teres gegen uns an: Ihr gewinnt am meiſten durch Schweigen und Warten. Noch eins! fügte er hinzu und nahm ein Bündel unter dem Stein hervor: wir haben jetzt Decken genug für ihn und wollens bei Eurer heutigen Verlegenheit bewenden laſſen. Er reichte ihm das Bündel, welches der Pfarrer für ſeinen Kirchenrock erkannte, und winkte ihm zu gehen. Matthäus beugte ſich mit ſchmerzlicher Reſignation über den ſchlafenden Freund herab und verließ den Platz, nachdem er ſich das Verſprechen des Zigeuners hatte wiederholen laſſen. Seine Bauern ſchien das Warten verdroſſen zu haben: ſie waren ſämtlich verſchwunden. Er eilte weit in der tiefen Einſamkeit zurück, bis er ſie erreichte, und als er gegen den Anbruch des folgenden Morgens todtmüd und wie zerſchlagen nach Hauſe kam, hatte er zwar bei ſeiner Frau große Ehre durch das wieder eroberte hochzeitliche Gewand, deſto geringere aber bei ſich ſelbſt erworben. 4. Frühling läßt ſein blaues Band Wieder flattern durch die Lüfte, Süße wohlbekannte Düfte Streifen ahnungsvoll das Land. Veilchen träumen ſchon, Wollen balde kommen. Horch, von fern ein leiſer Harfenton! Frühling, ja du biſts! Frühling, ja du biſts! Dich hab' ich vernommen! E. Mörike. Der ſchnell gefallene Schnee war ſchnell wieder geſchmolzen, und die Sonne ſchien mit Frühlingswärme in die enge Felſen⸗ ſchlucht, durch welche der angeſchwollene Bach in vielen Abſätzen mit einem donnerartigen Geräuſch herunterſtürzte. In einer Grotte, welche ohne ſichtbaren Zugang, hoch über einem der Waſſerfälle, ſich nur wenige Schritte in den Felſen vertiefte, ſaß eine wunder⸗ liche Geſellſchaft, klein, und doch faſt zu zahlreich für den ſpär⸗ lichen Raum den ſie bewohnte. Die Hauptperſon war ein Knabe in phantaſtiſcher Zigeunertracht, der auf der Laute tändelte, wäh⸗ rend ein altes Zigeunerweib mit großer Sorgfalt ſeine kaſtanien⸗ braunen Locken flocht. Neben ihm, ſehnſüchtig in die dunklen Augen, auf die zierlich gedrechſelten Finger blickend, ſaß der ſchlanke braune Jäger, vor welchem der Pfarrer hatte die Segel 42 ſtreichen müſſen. Der Vierte, der etwas entfernt von dieſer Gruppe am Rand des Felſen lehnte, war die ſonderbarſte Geſtalt von allen, ein junger Mann mit krankhafter Bläſſe auf den Wangen, in einen bunten Talar gleich einem Zauberer der alten Märchen⸗ zeiten gehüllt; er blickte nachdenklich in das Gewäſſer, das, immer verſchwindend und ewig wieder erneut, ſchillernd im Strahl der Sonne, zu ſeinen Füßen über die Felſentreppen fiel. Nun? rief, ſein Lautenſpiel unterbrechend, der ſchöne Knabe herüber, dem dieſe Träumerei zu mißfallen ſchien. Der Angeredete ſah auf. Was macht unſer unfreiwilliger Hofgelehrter? Iſt er unzu⸗ frieden mit ſeinem Schickſal? Wie? ich mußte doch auch einen Kanzler in meinem kleinen Hofſtaat haben! Verdienen wir keinen Dank für die Sorgfalt die wir auf ſeine Geneſung wandten? Und freut ſie ihn nicht, die herrliche Gelehrtenuniform die ich ihm durch die Mädchen zuſammenſchneidern ließ? und, ſetzte ſie gegen den Zigeuner hinzu, die ihn gewiß vom Davonlaufen abhalten wird. Mein Schickſal, erwiderte Heinrich, iſt anmuthiger als meine liebſten Träume mir es je vorgeſpiegelt haben— Eure liebſten Träume? Ja, Fräulein, meine liebſten Träume! Tony! rief ſie den Zigeuner an: mach' kein Geſicht! Und dennoch, fuhr Heinrich fort, erinnert mich meine Pflicht— Nichts davon! unterbrach ſie ihn. Eure Pflicht ruht, ſo lang Ihr mein Gefangener ſeid, und mit Eurer Macht iſts zu Ende, ſo lang ich Euren gefährlichen Gewaltbrief verwahre. Damit Ihr Euch jedoch nicht über Diebſtahl beklagen könnt, ſollt Ihr Eure Brieftaſche zurückhaben. Ich bemerkte auf einen flüchtigen Blick einige Verſe darin, die Ihr uns zu gelegener Zeit mittheilen mögt. Tony, bring' ihm die Taſche. Sie hielt ſie nachläſſig in der Hand. Iſt ſie etwa von Lott⸗ chen geſtickt? fragte ſie. Heinrich wurde feuerroth. Tony, indem er ihm die Brief⸗ 4 43 taſche reichte, ſagte höhniſch: Es ſcheint, der Herr hat allerlei Lieblingsträume. Ich finde, mein Großvezier hat Recht! rief Laura. Dafür iſt er heute noch zum Weg⸗- und Waſſerbaumeiſter ernannt. In der That, dieſes Felſenloch hat uns die Nacht als Lagerſtatt, Heerd und Ofen vortreffliche Dienſte geleiſtet, wofür es geſegnet ſei! Nun aber hab' ichs ſatt und wünſchte mich freier umherzutum⸗ meln; denn der Frühling, der Frühling iſt auf dem Wege! Tony that einen gellenden Pfiff. Nach kurzer Zeit erſchienen auf der Höhe der gegenüberliegenden Felſenwand, welche ein hoher Bergwald krönte, mehrere, Zigeuner. Er gab ihnen Winke und ſie verſchwanden wieder.. Ich hätte es meiner Herrin bequemer machen können, ſagte er, wenn ſie nicht durchaus in eine Höhle begehrt hätte. Eine andre aber als dieſe iſt wohl auf dem ganzen Walde nicht zu finden. Nun gab es bald ein reges raſches Treiben in dem heimlichen Felſengebäude. Eine Tanne ſchob ſich von drüben herüber, welche, durch Tony an einem aus der Grotte herauswachſenden Baum feſtgebunden, als Brücke diente. Teppiche und Küchengeräthe wur⸗ den hinübergeſchafft; Zigeuner mit Stangen und Stützen von be⸗ trächtlicher Größe glitten herüber. Von der Felſenhöhle führten einige große Stufen an das Waſſer hinab; ſie wurden durch Aus⸗ hauen gangbarer gemacht, und die kleine Colonie ſetzte ſich in Bewegung. Mein Hofgelehrter wird nicht allein hier bleiben wollen, rief Laura, freundlich zurückſehend. Nein, Junker! denn ſo muß ich Euch mit den Uebrigen nen⸗ nen, verſetzte Heinrich: geht es mir doch faſt wie dem Knaben in der Fabel, der, eben noch moraliſirend, von der Thorheit des andern angeſteckt wurde. Mit euren langweiligen Fabeln! rief Laura und ſtieg hinunter. Tony blitzte ihn zornig an, war aber durch ſeine Beſchäfti⸗ gung gehindert etwas Weiteres zu thun oder zu ſagen; denn auf 44 ſein Geheiß wurden nunmehr einige Leitern von verſchiedener Länge gefertigt und eine davon über den nächſten Felſenabſatz hin⸗ untergelaſſen, ſo daß man dicht neben dem Waſſerfall, und oft von ihm überſprüht, in die Tiefe ſteigen konnte. Einige der Zi⸗ geuner, neben der Leiter an dem Felſen kletternd und klebend, hiel⸗ ten dieſelbe feſt. Tony erhob die Stimme, um ſeine Befehle zu ertheilen, denn das mächtige Getöſe des Waſſers drohte jeden Laut zu verſchlingen. Laura jauchzte, als ſie, von ihm unterſtützt, die Leiter betrat. Auch Heinrich trat den ſchwankenden und krachenden Weg mit einem freudigen Staunen an. Bald aber wurde er mit ſeinem unbe⸗ quemen Talar in gefährliche Kämpfe verwickelt; der faltige Man⸗ tel verdeckte ihm die Sproſſen; als er in der Mitte der Leiter war, trat er auf ihn und ſtrauchelte, ein Schwindel faßte ihn und er wäre unfehlbar mit den Waſſerfluthen auf die Felsblöcke hinab⸗ geſtürzt, wenn nicht ein ſtämmiger Zigeuner, auf einem Felſen⸗ vorſprung Fuß faſſend, ihn ſammt der Leiter an die Wand feſt⸗ gedrückt hätte. Er ſchürzte ihm das Gewand auf und band es mit einem Strick um ſeine Hüften. Es iſt doch eine ſchöne Erfindung um den Hanf, brummte er während dieſer Arbeit: außer wenn er Einem Halsweh macht, denn das iſt eine ſchlechte Erfindung. Fürwahr! lachte Heinrich, der ſich ſchon wieder gefaßt hatte: und ſo verhält es ſich auch mit den verſchiedenen Leitern die in dieſer Welt erfunden werden. Als er die Leiter hinabkam fand er Lauren aus vollem Halſe lachend ob ſeiner überſtandenen Noth. Ihre ſilberne Stimme miſchte ſich in den Donner womit der Bach die ſtarken Blöcke überrauſchte. Man ſah jetzt ſchon hoch an den Felſenwänden em⸗ por, die den Sturz zu beiden Seiten einſchloßen; aus ihren Spal⸗ ten ſtrebten Bäume heraus, unter welchen die grünen Tannen an⸗ muthig zwiſchen den kahlen Buchen und Birken ſtanden. Jetzt wurden ein paar Leitern zuſammengebunden und die 45⁵ Fahrt ging nicht ganz ohne Gefahr über ein höheres Stockwerk hinab, von welchem ſich ein neuer Waſſerfall ergoß. So gab es in reizender Manigfaltigkeit abwechſelnde Windungen, Abſätze und Stürze zu betrachten, bis endlich die ganze Geſellſchaft am Fuße der Felſen angekommen war und von einigen daſelbſt harrenden Zigeunermädchen mit Jubel begrüßt wurde. Von hier aus war es nun das wundervollſte Schauſpiel, durch den himmelhohen of⸗ fenen Felſenthurm hinaufzuſchauen, wie die Waſſer gleichſam über eine Wendeltreppe mit mehr als ſtockhohen Stufen herabgerauſcht kamen, um im Thale beruhigter, aber immer noch mit großen Kie⸗ ſelſtücken kämpfend, ihren Lauf fortzuſetzen. Ganz oben, halb ver⸗ borgen durch eine vorſpringende Felſenecke, lauſchte die trauliche Grotte mit ihrem Baum, in welcher unſre Abenteurer Schutz vor der rauhen Witterung gefunden hatten. Ich zweifle, ſagte Heinrich, ob in ganz Deutſchland etwas Schöneres zu finden iſt; denn was man auch— Immer vergleichen! rief Laura. Die gelehrten Herren können doch nichts rein genießen. Schauen und Schweigen iſt hier der einzige Gottesdienſt. Ihr ſolltet froh ſein die Natur in jedem ihrer Wunder unvergleichlich zu finden. Noch einen Blick! rief Tony fröhlich: und nun ſoll auch kein Fuß mehr nach uns hier wandeln! Die Leitern wurden zertrümmert und den Wellen übergeben, die ſie alſobald von hinnen trugen. Eine diente noch als Brücke über den ſchäumenden Bach, und ſo wie der letzte Fuß von der kleinen Karavane hinüber war, ſchwamm ſie den andern nach. Kaum aber war der beſchwerliche Weg durch die Felſen her⸗ unter zurückgelegt ſo ging es ſchon wieder rückwärts, ſteil den Berg hinan, während links von den Wanderern der Bach unge⸗ ſehen in ſeinem ſteinernen Bett vorübertoste. Als ſie die Anhöhe erreicht hatten ſah ſich unſer Freund verwundert um und rief: Wie? da haben wir ja ganz nahe bei Menſchen gehaust! Was iſt denn das für ein ſchönes Gebäude da drüben? 46 Das iſt die Abtei Allerheiligen, verſetzte Tony: unſre Höhle liegt keine Viertelſtunde davon. Heinrich drückte ſeine Verwunderung über dieſe Nachbar⸗ ſchaft aus. O mit den geiſtlichen Herren, ſagte Tony lachend, ſtehen wir auf einem ganz guten Fuße, das heißt ſie fragen nichts nach uns und wir nichts nach ihnen. Ausgenommen nach ihrer Küche! rief Heinrich: denn jetzt wird es mir doch erklärlich woher wir die ſchmackhaften Biſſen und den edlen Wein bekommen haben. Aber ich will hoffen, ſagte Laura, daß das ganz in der Ord⸗ nung hergegangen iſt. Alles bezahlt! verſetzte Tony: theils mit Geld theils mit gu⸗ ten Worten. Ich brauchte nur zu ſagen, wir hätten eine kranke Frau unter uns, und Küchen⸗ und Kellermeiſter waren ſo gerührt daß alle Schlöſſer aufſprangen. Laura lachte hell auf und neckte ihren Kanzler als den Ge⸗ genſtand dieſer klöſterlichen Barmherzigkeit. Einem widerwärtigen Küchenjungen, fuhr Tony fort, drohte ich einmal mit dem Hannikel, und das hat ihn alsbald mürb gemacht. Mit dem Namen, ſagte Heinrich, darf man kein Spiel trei⸗ ben. Die Würde die mir in dieſem Kreiſe auferlegt worden iſt gebietet mir im Rathe die Vorſicht geltend zu machen. Deßhalb muß ich fragen: was iſt der Hannikel für ein Mann? Nun, nun! erwiderte Tony: ich möchte nicht gerade für alles einſtehen was er ſchon gethan hat. Uebrigens wenn er ſeinen Zehn⸗ ten einzieht ſo thut er es bloß bei Juden und etwa dann und wann bei einem reichen Pfarrer. Und wenn die Herren dieſer Welt das Recht haben— Wir wollen jetzt um keinerlei Rechte ſtreiten, unterbrach ihn Heinrich: aber um des Fräuleins willen wünſcht' ich zu wiſſen ob wir nichts von ihm zu fürchten haben. Wo iſt er gegenwärtig? 47 Tief im Fränkiſchen drunten. Dort ſchöpft er fetten Rahm und wird nicht ſo bald abkommen. Und könnt Ihr Euch mit den Eurigen immer ſo unabhängig von ihm erhalten? Ihr Kinder Egyptens bildet, wie ich gehört habe, eine einzige große Bande— Bande! rief der junge Zigeuner: es war nie eine Bande! Einzeln hat man ſich immer zuſammengethan und iſt nach Belie⸗ ben wieder aus einander gegangen. Auch iſt oft viele Feind⸗ ſchaft da. Freilich kennt jeder den andern, und bei manchen Ge⸗ legenheiten haben auch alle zuſammengehalten. Aber zu befehlen hat keiner dem andern was, und ich möchte wiſſen wer mir ein Wort in mein Weſen einreden wollte. 4 Söhnchen, Söhnchen! rief die Alte, die ſich ſelten von ihrem ſchönen Pflegling trennte: thu' nicht ſo groß! Wenn du dem Han⸗ nikel in die Nähe kommſt ſo wickelt er dich um den Finger.— Aber, fügte ſie beruhigend gegen Laura hinzu, er iſt brav und weit weg. Das Letzte iſt das Beſte, ſagte Heinrich. Tony hatte ſich trotzig abgewendet, und nach kurzer Raſt ſetz⸗ ten ſie die Reiſe fort. Noch einmal ging es bergan; ſchief zur Linken durch einen Wald hinüber, auf raſch abgetrocknetem Sand⸗ boden, zog ſich ein angenehmer Fußpfad den ſie verfolgten. Als ſie nach einer Stunde auf einen kahlen Bergrücken hinaustraten, blieb unſer Freund mit einem Ausruf der Verwunderung ſtehen. Jenſeits des Thales das ſich zu ſeinen Füßen öffnete lag eine Ge⸗ birgsmaſſe aufgehäuft, urſprünglich, gewaltig, kahl, wild und zer⸗ riſſen, wie er an ſeiner heimiſchen Alp nichts Aehnliches geſehen hatte. Eine ſtarre, ſchöpfungsloſe Einſamkeit hauchte ihn an. Nicht einmal Felſen waren da drüben zu ſehen; nur von einem niedri⸗ geren Vorſprung zur Rechten nickten ein paar wunderlich geſtaltete Kegel. Mit tiefem Schweigen, wie das Fräulein vorhin geboten, be⸗ grüßten unſre Wanderer dieſen überwältigenden Anblick. Dann — 48 ſtiegen ſie ſtumm ins Thal hinab und ſchlugen ſich, einem unbän⸗ digen Wildbach entgegen, der große Blöcke mit ſich fortwälzte, ins Gebirg. Als dieſes aus einander trat eerſchienen ſeine höchſten Köpfe wieder mit Wäldern bekränzt. Nun begann ein endloſes Steigen. Laura wurde halb geführt halb getragen, und war gu⸗ ten Muths. Heinrich aber, dem noch die Krankheit in den Gliedern nachwirkte, wurde bang ob er das letzte Ziel erreichen würde, zu⸗ mal als der Weg nun gäh wie am Dach durch den Wald empor⸗ führte. Sein Talar machte ihm große Mühe, wie er ihn auch zu tragen verſuchte; oft mußte er ſich an den rieſigen Tannen halten, und die Geſellſchaft war ſchon längſt in guter Ruhe gelagert als er endlich oben anlangte. Er zog das Gewand um ſich zuſammen und folgte den Blicken die hinaus gerichtet waren. Vater Rhein! rief er mit leuchtenden Augen und breitete die Arme aus, während er ermattet zu Boden ſank. So recht, unſer Gelehrter wird warm, ſagte Laura. Eine unermeßliche Landſchaft dehnte ſich unter dem gereinig⸗ ten Abendhimmel aus, von einem breiten ſilbernen Gürtel durch⸗ ſchnitten; man ſah ſeine Wellen da wo die Sonne ſich ſpiegelte in blinkender Bewegung. Mitten aus der mit Städten und Dörfern beſäten Ebene, die kühne Zierlichkeit ſeiner Formen deutlich zeigend, ſtieg ein herrlicher Dom empor; es war das Münſter von Straß⸗ burg, und die blaue Reihe der Vogeſen gab ihm einen ſchönen Hintergrund. Unſer Freund, ein Neuling für Eindrücke von dieſer Größe, war durch Gegenwart und Erinnerung aufs Tiefſte bewegt. Da kam Laura herbeigehüpft, faßte ſeine und Tonys Hand, zog die beiden Jünglinge vom Boden auf und ſang: Und die ganze ſchöne Welt iſt mein, Mein eigen Königreich! Und wenn ihr wollt meine Diener ſein, So theil' ich ſie mit euch. Aber ohne Neid müßt ihr ſein! fügte ſie hinzu. 2* — 49 Meine Fürſtin! rief Tony, ſtürzte nieder und ſetzte ihren kleinen Fuß auf ſein Haupt. Brav, mein Sklave! Schön, mein Morgenländer! ſagte ſie. Du haſt mir Wort gehalten mit den Wundern die du mir ver⸗ ſprachſt. Wie? und da führſt du mir ja eine ganze Heerde Kameele vor! Sie deutete auf die Höhen von welchen ſie hergekommen waren, und wirklich glichen dieſe Vorberge einigermaßen den höckerigen Thieren die ſie genannt hatte; die hinteren ſtanden mit lang ge⸗ ſtrecktem Rücken, die vordern ſchienen, gleichſam den Reiter ein⸗ ladend, herwärts auf den Knieen zu liegen. Heinrich ſah von alle dem nichts; er hing mit trunkenen Blicken bald am Rhein bald am Münſter. Ein Gefühl der Unend⸗ lichkeit umfing ihn, wie ein grenzenloſer Ocean, und dazwiſchen erwachte von Zeit zu Zeit ein gewiſſes Mitleid das er mit ſich ſelbſt empfand, an die Beſchränkung und Enge denkend worin er ſein bisheriges Leben hingebracht. Hinaus! und immer weiter! ſchienen ihm die Silberfluthen zuzurufen, die in ſchöngezogener Linie durch das Thal hinrollten; und mit der Ferne ſtritt zugleich der Name des großen Vaterlandes, woran dieſer Strom, vorzugsweiſe der deutſche genannt, ihn mahnte. Das Fräulein aber hatte keine Ruhe mehr; ſie gab Tony einen Wink, und alſobald ward aufgebrochen. Als ſie ſich jedoch vom Rande des Berges einwärts wendeten, bot ſich ein zweiter Anblick, von entgegengeſetzter Art, und doch an Großartigkeit dem erſten gleich. So weit die Augen dringen konnten, rechts und links und tief nach hinten nichts als Gebirg und Wald! Immer neue Höhenzüge entwickelten ſich aus einander, und Thaleinſchnitte, durch aufſteigende Nebel bezeichnet. Auch von dieſer Seite wogte das Unendliche heran, eine Gebirgseinſamkeit, aus der man nim⸗ mer zu entkommen meinte, hätte nicht in der äußerſten Ferne der blaue Zug der Alp heimathlich herübergegrüßt. Ungeduldig trieb Tony zum Weitergehen, und über zweifel⸗ Schiller's Heimathjahre. II. 4 50 haften Moorboden ſetzend gelangten ſie an eine Bergſeite wo es ſchroff durch den Wald hinunterging. Große Felsplatten, mit Moos überwachſen, ſchienen bequem zu ſein, machten aber bald den Weg durch ihre Ungleichheit und durch die Gefahr tief da⸗ zwiſchen hinab zu treten höchſt beſchwerlich, und unſer Freund war in einer übeln Lage, bis ihm Tony gutmüthig ſeinen derben Stecken bot.. Habt Ihr nun des Schönen genug? rief Laura zurück. Beinahe möcht' ich mich geſättigt nennen, erwiderte er. Schade! ſagte ſie: da werdet Ihr Euch noch gewaltig überladen. Die Gegend kündete etwas Bedeutendes an. Drei Bergſeiten traten zu einem Amphitheater zuſammen; die vierte Seite konnte man für offen halten, wenn die mächtigen Tannen nicht täuſch⸗ ten, welche überall hin die Ausſicht verſperrten. Doch jetzt blinkt etwas zwiſchen ihnen herauf, wie ein dunkler Spiegel. Es ver⸗ ſchwindet, es erſcheint wieder, und ſo wechſelsweiſe bis ſie am Fuß der Anhöhe ankommen und einen See vor ſich erblicken, der, dunkelbraun am Ufer und weiterhin ſchwarz gleich dem Avernus, hoch auf dem Gebirge wie ein großes Geheimniß zwiſchen den Wäldern verborgen liegt. Hofgelehrter, was iſt das? rief Laura. Das iſt viel für heute! verſetzte Heinrich: es kann, nach den Wunderbüchern die ich als Knabe las, nichts andres ſein als der Mummelſee. Getroffen, höchſt weiſer und gelehrter Herr!— Ja, wenn die Bücher nicht wären, auf unſer ehrliches Wort hin würd' ers ſchwerlich glauben. Heinrich wandte ſich etwas verſtimmt und ging am Ufer hin, um das Märchen ſeiner Kinderjahre, das ihm ſo überraſchend in der Wirklichkeit entgegentrat, ungeſtört zu betrachten. Eine todte Stille herrſchte über der Tiefe. Kein Fiſch tauchte in dem dunkeln Gewäſſer auf; kein Vogel rührte ſich in den umgeben⸗ 51 den Zweigen; nur kleine Salamander krochen langſam zwiſchen den Granitblöcken ans Ufer heraus und wieder ins Waſſer zu⸗ rück; ohne ein anderes lebendes Weſen zu beherbergen, ruhte der See, ein einſames Wunder, auf ſeinen der Sage nach unergründ⸗ lichen Tiefen. Und doch, ſo nächtlich und unheimlich er ausſah, ſo ſchön war ſein Rand gebildet, ſo herrlich war ſeine Einfaſſung von Gebirg und Wald. Das Fräulein mochte etwas von dieſem unbeſchreiblichen Reize bezeichnen wollen, als ſie nach ihrer neckiſchen Art, die Finger eintauchend und die Augen benetzend, ausrief: Das iſt das allervornehmſte Waſchbecken das ich in meinem Leben gefun⸗ den habe. 3 Ihre braunen Unterthanen jubelten über dieſe Vergleichung des Junkers; denn das war ihr Titel wenn außer dem vertrau⸗ teſten Hofſtaat noch andre vom Gefolge ſich zugegen befanden. Unter Lachen und Jauchzen wurde eine Art von Zelt aufgeſchla⸗ gen und ein großes Feuer angemacht, während Tony aus dem Gebüſch einen zierlichen Nachen zog und ſich alsbald an deſſen Ausbeſſerung begab. Heinrich ſah ſeine Beſchäftigung mit Er⸗ ſtaunen; er merkte klar daraus daß es der Flucht des Fräuleins nicht an Verſtändniß, Plan und Vorbereitung gefehlt hatte. 5. Da komm' ich her in Nächten mild Und ſing' und wag' es kaum: Wie Sternenlicht ins Mondlicht quillt, Sing' ich in deinen Traum. Und haſt du meiner nie gedacht, Was iſts nun mehr mit mir? Doch komm' ich her in ſtiller Nacht Und ſing' empor zu dir. L. Seeger. Das Feuer loderte hoch auf, beleuchtete ſeltſam die düſtern Tannen und ſpiegelte ſich dunkelroth in dem ſchwärzlichen Ge⸗ wäſſer. Laura ſaß entfernt von den andern auf einer Granit⸗ platte, halb gegen den See, der ihr die Fußſpitzen benetzte, halb gegen ihre wilde Horde gekehrt; ſie winkte dem nachdenklichen Pilger; er kam und ſetzte ſich an ihre Seite. Nun, und was ſagt mein Freund zu dieſem Leben? In der That, Fräulein, erwiderte Heinrich, es iſt zauberhaft genug. Man bedarf eben keiner großen Phantaſie um eine Geſell⸗ ſchaft von Dämonen zu ſehen, die aus dem Mummelſee geſtiegen ſind und ein nächtliches Feſt halten; und die Herrin des phan⸗ taſtiſchen Hofes iſt lieblich und wetterwendiſch genug um eines jener Mümmelchen vorzuſtellen, wie ſie die alte Sage ſchildert, eine Fürſtin der grundloſen, launiſchen Tiefe, Aber—? denn ein künftiges Aber liegt in dieſem Ton. Und was würde es wirken? Etwa ſo viel wie meine be⸗ ſtändig wiederholten Proteſte gegen dieſe abenteuerliche Gefangen⸗ ſchaft! Ach, ſo ſchnell die Bewegung des Waſſers vorüber iſt, wenn ich den Stein hineinwerfe— Um Gotteswillen nicht! rief Laura und faßte ihn heftig am Arm: der Mummelſee duldet das nicht! es bricht ein Gewitter aus ſeinen Tiefen los! 5 Heinrich lächelte und legte den Stein wieder hin. Nur zu mit Eurem Aber! Bei mir ſoll es keine ſo gräuliche Wirkung haben. Eben das fürcht' ich! ſagte er. Und doch, ſo ſchön der Augen⸗ blick iſt, was ſoll hernach werden? Nein, dieſe zweideutige Ge⸗ ſellſchaft, dieſer Traum eines wilden Lebens, obgleich voll flüch⸗ tigen Reizes, paßt nicht für eine Dame von altadeligem Blut, nicht für ein Mädchen in deſſen ungewöhnlichem aber zartem Sinne das Gefühl des Schicklichen wohnt. Wird es Ihnen nicht zu Herzen gehen wenn ichs Ihnen recht herzlich ſage? Ich denke doch, ein klein wenig Rückſicht ſeien Sie Ihrem theilnehmenden Erzieher, dem Freund und Vater Ihrer Jugend ſchuldig, einem, bedenken Sie das, jetzt alternden Manne, der mit Sorgen nach Ihnen in die Ferne ſieht. Geben Sie meinen treuen Worten och ehe ſie ſeine Hefen ie dieſem gefährlichen Traume! önnen wir bei wackern Freunden ſein; ich will Genug, genug! rief ſie, ihm den Mund zuhaltend: Eure Pflicht gethan, mein lieber Kanzler, ich wills vor a bezeugen. Und das wäre mein ganzes Abſehen? Still, ich weiß ja! Kein Wort mehr davon! Ich will Euch was erzählen, ein Märchen. Es ſoll zwar nicht anfangen: Es denken geben Ihr habt ller Welt war einmal— aber es ſoll Euch doch ſo viel zu 54 als das curioſeſte Märchen das Euch Eure Amme jemals erzählt hat. In Gottes Namen denn! ſeufzte er: wenn doch von nichts Beſſerem die Rede ſein ſoll. Nein, im Gegentheil, es gehört ſehr zur Sache, und da wir gerade ſo allein ſind ſo wollen wir die Zeit nicht verſäumen. Sie tauchte den Finger ins Waſſer und netzte ihre Schläfen. Dann begann ſie: Ein gewiſſer Prinz kam in einen gewiſſen Wald und auf ein gewiſſes Schloß, um den Auerhahn zu jagen. Er jagte aber nicht bloß den, er jagte ſich auch mit einem gewiſſen Fräulein das in dieſem Schloſſe war. Er war ſehr jung und ſtand gewiſſer Maßen — nicht wahr, ich eröffne ein rechtes Magazin von Gewißheiten?— noch unter der Vormundſchaft ſeiner Räthe, die er regieren ließ, während er ſich mit der Jagd und allerlei Pagenſtreichen ergötzte. Hierin leiſtete ihm das beſagte Fräulein, noch ein Jahr jünger als er, treuliche Geſellſchaft. Sie waren Tag und Nacht in Gar⸗ ten, Feld und Wald beiſammen, und übten gegen Herrſchaft, Ge⸗ ſinde und gegen einander ſelbſt alle erdenklichen Eulenſpiegeleien aus. Man nahmn ſie für ein paar wilde Kinder und legte ihrem Beiſammenſein nicht das mindeſte Hinderniß in den Weg. Aber mitten in dieſen Kindereien— hier beginnt die Erzählung etwas ſchwierig zu werden— nun, die Jäger und Kammerjungfern flüſterten auf einmal ganz bedenklich mit einander, und das Fräu⸗ lein war ebenfalls nachdenklich geworden; anfangs ſah man ſie ſtill umhergehen, wie in einer beſtändigen Verwunderung, nach und nach wurde ſie verlegen, und endlich gabs Thränen. Mit einem Wort— Ihr habt mich da ganz confus gemacht mit dem Compliment wegen des Schicklichkeitsgefühls, alſo helft mir auf einen vernünftigen Ausdruck! Ich vermuthe, der Stammbaum hatte ein Aeuglein angeſetzt. Feinheit ohne Grenzen! rief ſie lachend und erröthend zugleich: 4 3 ja, und zwar ein blindes.— Der junge Prinz, um in meinem 5⁵ Märchen fortzufahren, war ſeit dieſer Entdeckung ſehr männlich und ritterlich geſtimmt. Er trug einen großen Gedanken im Kopfe: er wollte die Geliebte zu ſeiner rechtmäßigen Gemahlin und Landes⸗ mutter machen, und ſann Tag und Nacht darauf wie er das an⸗ zugreifen habe. Er nahm ſich der Regierung mit größtem Eifer an, und war ein ganz umgewandelter Menſch. Ich kann mir das ſo recht lebhaft vorſtellen: mit einem Ruck aus den Knaben⸗ ſchuhen heraus! in einem Alter wo ſo ein junger Kopf ſchon mit der Welt fertig zu werden denkt! gefeſſelt an ein Weſen dem jede künftige Bemühung und Sorge des Mannes, ja die Beglückung der halben Erde gewidmet ſein ſoll! Ach, es muß ſehr ſchön ſein, und doch auch lächerlich zugleich. Denn wie ich bei meinem kurzen Aufenthalt in der Welt hinlänglich geſehen habe, glaubt mir, mein lieber Freund und Kanzler, die wenigſten Mädchen ſind ſolcher erhabenen Ideen und Vorſätze werth. Als unſer Prinz im beſten Zuge mit ſeinen Planen war, erfuhr er auf einmal daß ihm ein Strich durch die Rechnung gemacht ſei, und zwar von einer Seite her wo ers am wenigſten vermuthete. Seine Geliebte, die dem Landfrieden nicht traute, hatte einen benachbarten, ältlichen, aber etwas unerfahrenen Junker Knall und Fall dazu gebracht ihr Ge⸗ mahl zu werden, und ihre Eltern waren ſo einſichtig geweſen dieſe Verbindung nicht zu verzögern. Was wollt Ihr? war das nicht vernünftig gehandelt? Aber für eine erſte Liebe iſt ſo etwas ein ſehr bitteres Ende, ſcheint auch gehörig gewirkt zu haben. Der Prinz vermählte ſich bald hernach ebenfalls. Seine Gemahlin war ſehr ſchön und ſehr ſtolz. Die erlauchteſten Hofdamen durften ihr nur den Saum ihres Gewandes küſſen. Als ihr beim feſt⸗ lichen Einzug eine Schaar Mädchen nach alter Landesſitte mit Jubel entgegen kam und Blumen und Früchte überreichen wollte, ſagte ſie:„Was will das Geſchmäß?“ „Geſchmäß!“ rief Heinrich verwundert: was ſoll denn das bedeuten? „Was will das Geſchmeiße!“ wollte ſie ſagen. 56 Pfui, welch eine häßliche Redensart! Und er hat eigentlich doch ſein Volk immer geliebt. Ja! ſagte Laura lachend: er liebt es auf verſchiedene Arten, aber er liebt es gewiß und wahrhaftig. Auch weiß ich aus guter Quelle daß ihm der Ausdruck ſehr weh gethan hat. Ich hörte außerdem noch manches erzählen, aber ich war ein ruſchliges Ding, hab' nicht ſo aufgepaßt. Die Flitterwochen waren bald vorüber, und die Frau Gemahlin reiste wieder nach Hauſe. Ich kenne einen gewiſſen Adreßkalender, mit Goldſchnitt und in rothen Sammt gebunden: da iſt ihr Name mit Bleiſtift derb und dick durchſtrichen. Ihre Kammerfrau, die Marianne, wurde auf der Feſtung einge⸗ ſperrt bis ſie den Verſtand verlor. Das wird nun ſehr grauſam und tyranniſch genannt; aber wer zwiſchen Eheleute tritt und hetzt und ſchürt, dem würd' ichs um kein Haar beſſer machen.— Jetzt will ich den Prinzen alt werden laſſen und indeſſen zu ſeiner Ge⸗ liebten zurückkehren. Dieſe beſchenkte ihren Gemahl etwas früh⸗ zeitig mit einem Töchterchen, worüber derſelbe aus der Maßen erfreut war. Es hatte die Kinderſchuhe noch nicht ganz vertreten als ihm ſeine Mutter, ihrer eignen Jugend eingedenk, ſchon für einen Gatten ſorgte. Das war ein junges Pärchen! ſie ſollen oft, ganz wie die Kinder, beim Spiel ſich entzweit und getrutzt haben. Nach einigen Jahren bekamen ſie ein Kind, ebenfalls ein Mäd⸗ chen, wodurch eine alte Familientradition, daß das erſtgeborne Kind immer weiblichen Geſchlechts ſein ſollte, Recht behielt. Bald darauf ſtarben Beide, faſt zu gleicher Zeit. Die junge Großmutter erkältete ſich bei der Leichenfeier und folgte ihnen, ſo daß das Kind nun in den Händen des Großvaters war. Dieſer, ein trefflicher alter Herr, etwas kindiſch und ſehr zum Schlaf geneigt, überließ die Erziehung dem lieben Gott, der Amme und einem alten Jäger, und was dieſe Drei zu Stande gebracht haben— Das ſeh' ich! rief Heinrich lachend. Still! bringt mich nicht aus der dritten Perſon heraus, ſonſt verliert das Märchen allen Reiz; es iſt ohnehin etwas mager. 57 Das Kind wuchs, Dank ſei dem Jäger, ſo wild auf wie die Häs⸗ lein und Rehlein in dem Walde der das Schloß des Großvaters rings umgab, nur mit dem Unterſchiede daß die Amme es täglich in dem Glauben zu befeſtigen ſuchte, es ſei aus einem beſſern Thon gemacht als das übrige Menſchenvolk. Wenn demnach etwas Gutes an ihm geblieben iſt ſo muß das von dem dritten Erzieher herrühren: der hat in ſeine Seele manche Funken gelegt die ich nicht nennen und nicht beſchreiben kann; die ſchönſten werden vielleicht niemals Nahrung erhalten. Ach wohl niemals! Aber die Lehre der Amme ward ſehr zum Wanken gebracht, als ein junger Zigeuner, faſt vom gleichen Alter wie das Mädchen, in der Nähe des Schloſſes erſchien.. Heinrich deutete auf Tony, der drüben in noch mit ſeinem Nachen beſchäftigt war. Laura nickte. Wenige Menſchen gibt es die ihm gleichen! rief ſie: und das Sprüchwort„treu wie Gold! müßte um ſeinet⸗ willen erfunden werden, wenn es nicht ſchon da wäre. Aber ſeine Beſcheidenheit iſt ſeiner Treue gleich. Er kam faſt jedes Frühjahr, und als er älter und unabhängiger wurde kam er noch häufiger. Das gab nun eine Freundſchaft ab! ſie wurde gewürzt durch den Reiz des Geheimniſſes; denn der Jäger war zwar ins Vertrauen gezogen worden, aber die Amme haͤtte nun und nimmer ein Wort davon erfahren dürfen. Was ſoll ich erzählen von all den Freu⸗ den? vom Jagen und Klettern in Berg und Holz! von den Fahrten auf ſtillen Seeen, wo er kleine Flöße zu bauen wußte! von den tauſend ſeltſamen Künſten die dieſes braune Volk verſteht. Das Mädchen war glücklich, und träumte nicht daß es ſonſt noch eine Herrlichkeit in der Welt gebe. Die kam aber plötzlich herange⸗ quollen, dick wie die Nebel wenn ſie ſchlechtes Wetter verkündigen. Eines Tages erſchien ihr Großvater, der rechte nämlich; er war auf einer Reiſe begriffen und hielt ſein Nachtlager in dieſem Schloſſe. Er ſah das Mädchen und ſchien von einer ſeltſamen Aehnlichkeit betroffen: er erfuhr ihre Herkunft, und nachdem er der Ecke des Ufers 58 mit mancherlei Empfindungen gekämpft hatte, behielt endlich der Wunſch ſich des verwilderten Weſens anzunehmen die Oberhand. Er entriß ſie dem vermeintlichen Großvater, der ſich ſtillſchweigend darein ergab, und ſorgte für ihre Erziehung. Hätte ers doch früher gethan! hätte er ſie früher oder gar nicht in jenen leeren Cirkeln, in jenen enggeſchnürten, ſteifen, unendlich nichtsſagenden Formen heimiſch zu machen geſucht! Anfangs ergötzte ſie ſich daran und glaubte, als ein muntres Kind, in ein Puppenſpiel ein⸗ getreten zu ſein; als aber die Maskerade täglich mit demſelben grauenhaften Ernſt wiederkehrte, da begann es ihr unheimlich zu werden, und am Ende wollte ſie verzweifeln. Da war keine Seele die nach dem Walde duftete! Ein andrer Uebelſtand war der daß der Großvater bei aller Zuneigung doch keinen rechten Reſpect hatte, wie man ihn von Gott und Rechtswegen vor einem jungen Mädchen haben muß. Es iſt ihm nicht zu verargen, aber es drückte das arme, verwaiste, wildfremde Kind. Einen Funken aber hatte ihr jener große Erzieher vor allen ins Herz gelegt: ich weiß nicht wie ich ihn nennen ſoll, aber der Vogel weiß es, der durch die Lüfte ſchwebt, das Reh weiß es, das durch die Wälder ſtreicht, und der ſchiffbrüchige Abenteurer, der einſam auf eine wüſte Inſel verſchlagen iſt, nennt es ſeinen Troſt. Freiheit! nach der wir alle ſeufzen! rief Heinrich tief ergriffen. Ich fühle wohl, ich bin ein ſchlechter Verfolger, und gäbe, wenn ich nicht ſelbſt gefangen wäre, noch einen ſchlechteren Gefäng⸗ nißwärter. Freiheit! flüſterte ſie und zog mit dem Finger einen Kreis auf dem immer dunkler werdenden Wunderſpiegel: glaubt Ihr daß ſie in der Welt zu finden ſei? Ich beginne daran zu zweifeln, erwiderte er eben ſo leiſe. Aber gerade darum wollen wir das Märchen beſchließen. Soll ich? darf ich? wie wär' es wenn der wunderbare Wildfang zum andern Großvater zurückkehrte? wenn ein treuer Freund ſich fände, 59 der auf jede Gefahr das Vorhaben lichen erbötig wäre? Hofgelehrter! ſagte ſie lachend: Ihr verſteht manches, und ſeid in Wahrheit ein vortrefflich guter Menſch, weßhalb ich Euch auch dieſe Geſchichte erzählt habe, die ich dem Tony, dem Treuſten der Treuen, niemals erzählen würde. Aber ſie zu beendigen das verſteht Ihr nicht. Wie wäre denn ein ſicherer Aufenthalt bei dem andern Großvater zu finden? der würde erſchrecken und den Flücht⸗ ling auf der Stelle wieder ausliefern. Wie? und wenn ich den Verſuch machte dieſe Rückkehr offen und friedlich zu bewirken? Es wäre doch nicht unmöglich die Er⸗ laubniß zu bekommen. 3. Nimmermehr! Ihr kennt die Menſchen nicht. Ihr ſeid nicht eitel, nicht ehrgeizig, nicht gewaltthätig, nicht empfindlich, wenig⸗ nigſtens nicht auf rachſüchtige Art; Euch gehen alle Eigenſchaften ab um es in der Welt zu etwas zu bringen; ſogar zum Helden eines Romans ſeid Ihr verdorben, aber gerade darum intereſſirt Ihr mich. Schöne Ausſicht! lachte Heinrich: in doppeltem Sinne ſchön! Habt Ihr auch ſchon nachgedacht was mit der Zeit einmal aus Euch werden ſolle? Wie möcht' ich das? bin ich ja doch der Kanzler einer Zi⸗ geunerkönigin! Scherz bei Seite, ich wills wiſſen. In Wahrheit, verſetzte er: darin kann ich mich mit dem beſten Chriſten meſſen. Die Zukunft hat mir noch ſehr wenig zu ſchaffen gemacht; es lebt ein wunderbares Vertrauen in mir, obgleich ich ahne daß ſich mein Schickſal noch ſehr verändern wird. Für Euch, ſagte Laura, ſollte man eine beſondre Welt er⸗ ſchaffen, und darin habt Ihr einige Aehnlichkeit mit mir. Ihr ſeid kein ſo lauter Phantaſt wie Euer Freund der die Räuber ſchrieb, Ihr ſeid ein halbvernünftiger, und darum deſto ſchlim⸗ zu unterſtützen und zu verheim⸗ — 60 merer Schwärmer. Ihr werdet ſchwerlich Platz finden auf dieſem Planeten. Habt Ihr noch Eltern? Nein, geſtrenge Herrin.. Denkt Ihr noch an ſie? Sagt mir, denkt Ihr noch an Eure Mutter? Wunderliche Frage! Es vergeht kaum ein Tag wo ich ihrer nicht gedenke. Sie ſah ihm mit ihren zauberiſchen Augen, deren Glanz über die beginnende Dämmerung ſiegte, tief in die ſeinigen, als wollte ſie bis auf den Grund ſeiner Seele dringen; jetzt glich ſie ganz einem Fräulein des Mummelſees, welche, ein Fremdling in un⸗ ſerer Welt, heraufgeſtiegen iſt um den Gehalt eines Menſchen⸗ kindes zu erforſchen. Ich habe keine Heimath! ſagte ſie endlich leiſe: rings, wo ich hinſehen, wo ich hinfliehen mag, keine Hei⸗ math!— Sie wandte ſich ab und blickte in den See hinein. O daß Sie die Heimath an einem treuen Herzen fänden! rief er mit ausbrechender Glut und wagte den Arm um ſie zu ſchlingen: an einem Herzen dem Sie ein ſo grenzenloſes Ver⸗ trauen bewieſen haben! Sie blickte ihn wieder an, eine unbeſchreibliche Empfindung leuchtete aus dem eigenſinnig ſchönen Angeſicht. Er zog ſie ſanft herüber, und drückte einen Kuß auf ihre Lippen, der lebhaft er⸗ widert wurde; auf einmal preßte ſie ihn heftig an die Bruſt, dann ſtieß ſie ihn eben ſo gewaltſam wieder weg, ſprang auf und eilte dem Feuer zu. Er folgte ihr langſam. Tony, der indeſſen fertig geworden war, trat dem Nebenbuhler mit Blicken entgegen, die ihn zu verzehren ſuchten: Laura aber fuhr mit Fragen und Befehlen dazwiſchen und ließ keine Reibung aufkommen. Eine Abendmahlzeit war aus Milch und Ciern bereitet wor⸗ den; auf einen Wink des Fräuleins ſetzte ſich alles um das Feuer. Tony hatte noch eine Flaſche Wein aus der Abtei übrig, welche herbeigeſchafft werden mußte; der herzſtärkende Trank machte die Runde und niemand wurde übergangen; das Fräulein, als ob — 61 nichts geſchehen wäre, wußte tauſend Scherze anzugeben, und unter Luſt und Lachen wurde das einfache Mahl verzehrt. Tony aber ſah ſtumm vor ſich hin, und Heinrich glich einem Träumen⸗ den. Das Eſſen war kaum vorüber ſo begannen die Mädchen zu tanzen, was auf dem ſchmalen, zwiſchen Berg und See einge⸗ klemmten Uferrande ſchlecht gelang und dadurch den Muthwillen noch erhöhte. Laura begehrte nach dem Kahne; Tony eilte fort, und kam alsbald über den See herangerudert. Sie nahm ihre Laute und ſprang leichtfüßig in das niedliche Fahrzeug. Tony wollte blitzſchnell abſtoßen, ſie bedräute ihn aber mit aufgehobenem Finger und ruhte nicht eher bis Heinrich eben⸗ falls den Nachen beſtiegen hatte. Mit jener beſondern Art die Leute beſtändig in Athem und Bewegung zu erhalten lehrte ſie ihn ſogleich rudern, und nach manchem ungeſchickten Schlag und Stoß brachte er es, ängſtlich auf die Vorſchriften achtend, zuletzt zu einer leidlichen Fertigkeit. Nun flog der Nachen in der Däm⸗ merung über die tiefſchwarze Fläche, fuhr dann an den Ufern und unter den herabſtürzenden nächtlichen Wäldern hin, und ein gei⸗ ſterhafter Widerhall antwortete den Liedern Laura's. Es waren ungebundene Klänge, wild, friſch und ſeltſam, wie die Sängerin und die umgebende Scene. Tony lauſchte mit Entzücken, das Ruder auf den Rand des Nachens geſtützt, dieſen Nixenliedern, während der Wunderſee, wie berührt von den Tönen, ſich anmu⸗ thig zu kräuſeln begann. Mitten im Geſange brach ſie ab, legte die Laute hin und rief: Nun, Poet, iſts an Euch. Oeffnet die berühmte Brieftaſche und gebt uns was zu hören. Hieher, hieher muß man einen Dichter bringen, ob er die Probe hält. Heinrich, überraſcht und verlegen, weigerte ſich lang, aber ſie behauptete ihr Herrſcherrecht, und ungern zog er endlich ein Blatt hervor, das er im Dunkel faſt ganz aus der Erinnerung leſen mußte. Es ſprach die Klagen eines getäuſchten Herzens aus, das, durch weibliche Falſchheit verwundet, in der ganzen Welt umher⸗ —— 62 ſucht, um zuletzt, beſänftigt, auf einem gemeſſenen Selbſtgefühl auszuruhen. Sie ließ ihn zu Ende leſen, dann griff ſie nach dem Blatt und warf es ins Waſſer. 4 Weg damit! rief ſie: es wird kein Donnerwetter machen, denn es iſt nicht ſchwer genug zu den Geiſtern hinunterzuſinken: der See ſpült es ruhig wieder ans Ufer aus. Was ſind das für Poeten heutzutage, die überall ihren Jammer und ihre Jämmer⸗ lichkeit mit hinbringen! So lang ihr in der Natur bloß eure eignen Lumpen abſpiegelt, ſo lang nicht Wald, Fels, Quell, Blumen und Wolken ihre Sprache bei euch finden, ſo lang geb' ich euch kein dürres Laub für all euer Dichten und Trachten. Ich bin kein Dichter, ſagte Heinrich, und habe mich nie für einen ausgegeben. Komm! rief das wunderbare Mädchen und netzte ihm die Stirne leicht mit dem Waſſer des Sees: komm, ich will dich zum Dichter weihen! Schau' in die Tiefe deiner Seele, und finde dort die Sprache die es ausſpricht was in mir träumt und wogt und mir das Herz zerſprengen will. Ich weiß es nicht, ich kanns nicht ſagen. Eine Verzauberte bin ich, die ihres Retters harrt. Ja, wenn er käme und ſpräche das Wort das meine Räthſel löst, ich müßte mich ihm auf ewig zu eigen geben; wie ſanft, wie fromm und ſtille wollt' ich ſein! Sie blickte ſchweigend in das Waſſer; dann fuhr ſie fort: Meine Seele iſt wie dieſer See. Tief, tief hinab, aber undurchſichtig, alles dunkel! Unbekannte Wunder in ſchlummernden Gründen; kein Lichtſtrahl dringt dahin, kein Auge wird ſie ſchauen. Sie begann bitterlich zu weinen und legte das Haupt auf Tony's Schulter, während ihre Augen, ungetrübt durch den Strom von Thränen, mit einer Innigkeit auf Heinrich ruhten daß er zu vergehen meinte. Die Jünglinge ſahen ſich an und wußten nicht wie ihnen geſchah. Das ungewiſſe Zwielicht machte dieſe Züge noch wunderbarer und gah ihnen einen herausfordernden Reiz. — 63 Tony ergriff eine von den ſchönen Locken und küßte ſie mit glü⸗ hender Inbrunſt; Heinrich hatte eine ihrer Hände gefaßt. Auf einmal fuhr ſie empor, nahm Beide an den Haaren und ſtieß ihnen, nicht eben ſanft, die Köpfe zuſammen. Es gibt doch, rief ſie laut lachend, nichts Plumperes und Zutäppiſcheres als die Männer! Ich möcht' nur ein Student oder ein Offizier ſein, wie artig wollt' ich die Mädchen fürn Narren haben! Sie ſchaukelte den Nachen ſo heftig daß ſelbſt Tony ein wenig bangte. Er hielt ſie feſt und beſchwor ſie ruhig zu ſein. Der See iſt grundlos, ſagte er, und hat ſeine Tücken. Bin ichs nicht auch? hab' ichs nicht auch? ſagte ſie. Heinrich und Tony, zum erſten Mal einverſtanden, winkten ſich zu, ergriffen die Ruder, und bald landete der Nachen an der Feuerſtelle, wo die andern Zigeuner ſchon ſchliefen. Das Fräu⸗ lein ſchlüpfte oberhalb derſelben in eine Felſenwölbung die gerade gegen den Sce herunterhing, um unter der Hut der Alten ſich auf ein weiches Mooslager hinzuſtrecken. Heinrich fand noch eini— gen Raum in der Nähe der zuſammenſinkenden Gluten; er zog ſein weites Gewand feſt um ſich und warf noch einen Blick auf das ungewohnte Schauſpiel des Orts und ſeiner derzeitigen Be⸗ wohner. Unwillkürlich kamen ihm ſeine Kinderjahre in den Sinn; er dachte zurück wie ihn ſeine Mutter immer ſo ſorgfältig ins Bett einmachte und nicht verließ bis er ihr das uralte Gebet um Schutz wider alle ſichtbaren und unſichtbaren Feinde der Chriſten⸗ heit nachgeſprochen hatte. Eben begann der erſte Schlummer ſeine Sinne gefangen zu nehmen, als ein Raſcheln ihn aufſtörte. Er ſah eine Geſtalt die ſich über ihn herabbeugen wollte, richtete ſich ſchnell empor und erkannte bei dem Sternenlicht, das aus dem dunkeln Spiegel des Sees mit vermehrter Helle widerſchien, ſeinen Nebenbuhler. Gut daß Ihr noch wach ſeid, ſagte dieſer ruhig, indem er ſich neben ihm niederwarf: ich habe vor Schlafengehen noch ein Wort mit Euch zu reden, 6 64 Nun? ſagte Heinrich. So darf es nicht fortgehen! eiferte Tony leiſe aber immer heftiger werdend, ſo daß ſeine Rede zuletzt einem ſeltſamen Sau⸗ ſen des Nachtwindes durch die Tannen glich. Meint Ihr, ich hätt' Euch nicht geſehen, vorhin da ich den Nachen richtete? Bei der Seele meines Vaters! ich kenne ſie ſchon ſo lang, und bin nie⸗ mals ſo frech gegen ſie geweſen! Wenn Ihr darum zu uns ge⸗ kommen ſeid, um unſern Schutz und unſre Geſellſchaft zu miß⸗ brauchen, ſo ſagts nur gleich. Soll Feindſchaft zwiſchen uns ſein, ſo bin ich auch nicht langſam. Freund Tony vergißt, erwiderte Heinrich, daß ich nicht frei⸗ willig hergekommen bin. Ich wollte, Ihr wäret— Ruhig, jetzt iſt das Reden an mir! Ich bin ungefragt und mit Gewalt aus dem Bett geriſſen worden; alſo von Schutz und ſonſtiger Ehre, ſo wie auch von Mißbrauch des Gaſtrechts kann zwiſchen uns die Rede nicht ſein. Aber Ihr ſeid die Mehrzahl und habt ein leichtes Spiel mit mir; thut alſo was Euer unbän⸗ diges Herz Euch eingibt. Still! rief der junge Zigeuner und faßte ihn an der Schulter: Tony denkt ſo rechtſchaffen oder rechtſchaffener als irgend ein vor⸗ nehmer Herr. Auch hab' ich Eurem Freund mit einem heiligen Eid verſprochen daß Euch kein Leid geſchehen ſolle ſo lang Ihr Frieden haltet. Aber heißt das Frieden halten? Das ſag ich Euch, Herr: auf dieſe Art hat die Freundſchaft ein Ende. Da ich ein paar Jahre älter bin, ſagte Heinrich, ſo muß ich mein Uebergewicht geltend machen. So höre denn, du leiden⸗ ſchaftlicher Sohn des Morgenlandes! Wenn du mich ſchrecken zu können glaubſt ſo biſt du im Irrthum. Nie werd' ich ein Recht aufgeben! Aber wie? ſind wir denn Jäger die ſich um ein ge⸗ ſchoſſenes Wild ſtreiten? Liegt unſre Beute todt und willenlos zwiſchen uns? Du ſollteſt es ſo gut erfahren haben als ich, daß ſie nur gar zu viel Willen hat. Wenn du ſie liebſt ſo wirſt du 65 ihrem Herzen nicht die Freiheit rauben wollen. Drückt dich die Ungewißheit, ſo erſuche ſie ſich für einen von uns Beiden zu er⸗ klären; der Andre ſoll ſich geduldig fügen. Wie aber wenn ſie vielleicht keinen von uns Beiden wählte? Der junge Zigeuner ſah ihn überraſcht an und ſchwieg. Dann bot er ihm die Hand, ſagte ihm gute Nacht und entſchlief bald darauf an ſeiner Seite. Schiller's Heimathjahre. II. 5 6. Du übſt die alten Zauberlieder, Du lockſt ihn, der kaum ruhig war, Zum Schaukelkahn der ſüßen Thorheit wieder, Erneuſt, verdoppelſt die Gefahr. — Was ich geſollt, hab' ich vollendet, Durch mich ſei dir von nun an nichts verwehrt. Allein verzeih dem Freund, der ſich nun von dir wendet Und ſtill in ſich zurücke kehrt. Göthe. Die wunderliche Gefangenſchaft unſres Freundes, die zu ſehr ſeinen eigenen Wünſchen entſprach als daß ihre leicht zerbrechliche Feſſel ihn nicht manchmal mit Gewiſſensbiſſen hätte erfüllen ſollen, war in den wenigen Wochen ihrer Dauer innerlich und äußerlich immer drückender geworden. Die Lage der Abeuteurer, obgleich an dem zauberhaften, ſagenreichen Mummelſee, in dem herrlichen Murgthal, in mancher düſtern, tiefen Schlucht, auf mancher friſch⸗ grünenden Aue zwiſchen hohen, dunkeln Waldbergen, an manchem lieblichen Flüßchen, unter dem beſtändigen Wechſel reizender Sce⸗ nen, hatte ſich höchſt bänglich geſtaltet. Auf der einen Seite drohte das Geſetz, das, gewöhnlich zwar ſchlummernd, aber denn doch auch mitunter aufwachend, ihnen unter der Bezeichnung von Va⸗ ganten nichts zu ſchenken verſprach, auf der andern eine unwillkom⸗ mene Verbrüderung mit echten Landſtreichern, die ebenfalls keinen Unterſchied und keine phantaſtiſche Ausnahme zu ſtatuiren geneigt —— 67 waren. Dieſe Begegnungen waren in dem mit Bettlern und Jau⸗ nern überladenen Lande häufig und unvermeidlich, ſo daß der wan⸗ dernde Hof manchmal ſein gebietendes Ausſehen mit einem wan⸗ kenden, kaum noch gaſtlich geduldeten vertauſchen mußte. Tony beſaß zwar unläugbare Achtung, die aber eben nur auf der Vor⸗ ausſetzung jener Gleichheit beruhte, und mehrmals war es nur noch Laura, die, wie ein kleiner Held, durch einen raſchen Zug von Geiſtesgegenwart irgend einer ſchlimmen Wendung der Dinge vorzubeugen wußte. Dieſes gefährliche Gehen auf einem un⸗ ſichern Boden ſchien nun aber gerade ganz nach ihrem Geſchmack zu ſein, und mit Warnungen war ihr nicht beizukommen. Deſto ſehnlicher begann Heinrich zu wünſchen, es möchte ein mächtiger Arm von oben dreingreifen und dem wunderſamen Unweſen ein Ende machen; er wußte aber wohl daß der Herzog, abgeſehen von andern Rückſichten, viel zu ſorgen gehabt hätte, wenn er das Schickſal aller die ihn näher angingen täglich und ſtündlich hätte überwachen wollen. Wir finden unſern Freund auf einem Mauerſtück eines verlaſſe⸗ nen, nach und nach zerfallenden Schlößchens, in der Nähe eines Wei⸗ lers, wo der unſtäte Hof ſeit einigen Tagen ſich gelagert hat, bei Tag unter einem gewölbten Thorweg ſiedelnd und kochend, zur Schla⸗ fenszeit in einer mit Teppichen ausſtaffirten Bauernſcheune unter⸗ gebracht. Seine Bläſſe läßt fürchten daß ſeine Geſundheit noch immer nicht ganz zurückgekehrt ſei, was auch bei dem freien ob⸗ dachloſen Leben, im Wechſel von Sonne, Froſt und Frühlings⸗ ſchauern nicht zu verwundern iſt. Der nüchterne Ausdruck ſeiner Augen verräth deutlich den Zuſtand ſeines Gemüths. Wie ihn die Träume, die ihn ſonſt nächtlich zu beſuchen pflegten, auf den un⸗ gewohnten Nachtlagern ganz verlaſſen haben, ſo iſt auch bei Tage der träumeriſche Duft, der ihm ſonſt die Bilder der Welt über⸗ hauchte, von ſeinen Augen verwiſcht. Und doch hätte der enge Thalgrund, den die Bruſtwehr des Gemäuers beherrſchte, einen freundlicheren Blick verdient. In ſanf⸗ 68 ter Beugung um den Vorſprung des Schlößchens ſich windend, von mäßigen Tannenhügeln eingefaßt und mit einem Schritt bei⸗ nahe zu durchmeſſen, athmete das Thälchen die heimlichſte Einſam⸗ keit, und hatte nur eben noch Platz für ein Bächlein, das mur⸗ melnd über bunte Steine hüpfte. An die gegenüberliegende Anhöhe etwas rückwärts gelehnt und eben jetzt ins Gold der Abendſonne getaucht, lag ein ſtiller Hof, der Vorläufer von vielen andern die ſich dort nach Süden zu auf der Hochebene verſammelt haben. Ein warmer Frühlingsabend, wohlthätig und belebend für die alte Mutter Erde und ihre verſtörten Kinder, brütete auf der Ge⸗ gend. Heinrichs Auge, gleichgiltig in Geſträuch und Mauertrümmern umherſpähend, entdeckte ein paar Märzveilchen, welche ſchüchtern aus dem Schutt hervorlugten. Er betrachtete ſie mit winterlichem Blick und dachte an einen Sonntagmorgen, an ein Wieſenthälchen und an ein paar dieſer Frühlingskinder, die dort für ihn gewachſen waren; an das Mädchen das ſie ihm gab hätte er lieber nicht ge⸗ dacht, aber er konnte es nicht verhindern. Stünde noch alles wie damals, ſagte er, es ſtünde doch beſſer! Aber es muß anders werden. Er war von einem weiten Gang durch Wald und Feld zurück⸗ gekommen und hatte einen Entſchluß im Herzen mitgebracht. Manches hatte ſich geändert ſeit der Fahrt auf dem Mum⸗ melſee. Unſer Freund, weder für das Zigeunerleben noch für Lau⸗ rens ſtets bewegliches, queckſilbriges Gemüth geſchaffen, ſtand ſeinem braunen, gewandten Nebenbuhler an erfinderiſchen Einfällen, an ewig reger Unterhaltung, wenn auch oft nur durch Taſchenſpieler⸗ künſte, nach; er hatte ſich in einen ungleichen Kampf auf ungeeig⸗ netem Boden eingelaſſen, und mußte es mit anſehen wie die Wage ſich immer mehr auf Tonys Seite neigte. Fürwahr ein Höllenzu⸗ ſtand bei ſo engem, beſtändigem Zuſammenſein; auch vermochte er ſeine Gefühle nicht immer zu verbergen, und dieß trug ihm gleichfalls keinen Gewinn. Die wenigſten Roſen aber brachte ihm die aufgedrungene Rolle deren Pflichten er treulich erfüllte; denn 4 69 im Rathe der verwegenen Thorheit den Warner und vorſichtigen Kanzler zu machen iſt zwar immer rühmlich, nie aber ſehr dank⸗ bar geweſen. Ob nicht Eiferſucht und eine unbequeme, oft ver⸗ wünſchte Lebensart dazu beitrugen ſein Pflichtgefühl lebendig zu erhalten, mag dahingeſtellt bleiben; aber gewiß iſt es daß ſeine Warnung immer ſtärker, ſeine Widerrede von Tag zu Tag ſchnei⸗ dender wurde. Es fehlte nicht an Veranlaſſungen dazu, denn nicht nur die Begegnung mit andern Banden war gefahrvoll, ſondern auch in der eignen kleinen Truppe wurden die Verhältniſſe locker und ſchwierig. Tony hatte von ſeinem ganzen Anhang nur die Alte und Feddricho, eines der Mädchen, zuverläſſig an ſeine Ge⸗ bieterin feſſeln können; bei den andern war der erſte Reiz der Neu⸗ heit bald vorüber, ſie gingen ab und zu, und niemand durfte ſie fragen. Wie ſie ihren Unterhalt erwarben war kaum zweifelhaft, und ſtand in einem übeln Gegenſatze mit dem ſtolzen Hofhalt, an welchem Tony das Amt des Schatzmeiſters ehrenhaft verwaltete; 5 und als dieſer einſt, erbittert durch eine gegründete Bemerkung Heinrichs, jenen ſtämmigen Zigeuner der unſrem Freunde in der Felſenſchlucht Beiſtand geleiſtet hatte ſcharf zurechtwies, ſo zeigte es ſich daß ſein Anſehen keineswegs ſo unumſtößlich war als er wohl ſelbſt geglaubt haben mochte. Auf eine trotzige Antwort ſei⸗ nes Vaſſallen rief der junge Häuptling zornig: Weißt du nicht, Duly, daß du mir zu gehorchen haſt?— Es iſt eine ſchlechte Er⸗ findung, erwiderte Duly, wenn man zwei Herren hat; ich kenne nur Einen dem ich gehorche.— Auf dieſes war er fortgelaufen und hatte ſich erſt nach mehreren Tagen, ſcheinbar verſöhnt, wieder blicken laſſen. Da nun eben um dieſe Zeit der baare Geldvorrath auf die Neige ging und juſt kein andrer Unterhändler in der Nähe war, ſo vertraute ihm Tony eine von Laura's Pretioſen, mit dem Auftrag ſie in den Rheingegenden zu verhandeln und das gelöste Geld alsbald zurückzubringen. Zugleich ſchlug er, das Mißliche ſeiner Lage fühlend, dem Fräulein vor, in ein andres Land zu gehen und dadurch alle dergleichen Gefahren und Verlegenheiten 70 abzuſchneiden. Laura ergriff dieſen Gedanken mit Freuden, fügte aber die ſehr unerwartete Bedingung hinzu, daß Heinrich mitgehen müſſe. Dieſer, ſo freundlich ihn eine ſolche Aufforderung hätte überraſchen ſollen, antwortete mit einem unumwundenen Nein! Er mochte lebhafter als jemals empfinden daß ihr Herz gegen beide ſchwieg und daß ſie darum keinen von beiden, eben um des andern willen, entbehren konnte; auch ſah er durch eine ſolche Flucht die ohnehin nachgerade ſchmal gewordene Grenze überſchritten, welche Ehre und Gewiſſen ihm vorſchrieben. Die Gründe ſeiner Weigerung, ſagte er kurzweg, liegen ſo offen am Tage daß er ſich die Mühe erſparen könne ſie aus einander zu ſetzen. Dieſe Er⸗ klärung wurde ſehr übel aufgenommen und brachte das ſeltſame Kleeblatt in ein noch ſeltſameres Verhältniß als je zuvor. Tony hätte ſich freuen ſollen ſeinen Nebenbuhler zurückzulaſſen, und ſtatt deſſen war er genöthigt alles Ernſtes mit Bitten in ihn zu dringen, da er ſich immer mehr zu verwickeln fürchtete. Heinrich konnte ſeine Warnungen und Strafpredigten nicht mehr auf die gewöhnliche Weiſe ſchließen, da er das einzige Mittel ſie zu befolgen, das den beiden andern gut ſchien, nicht zu ergreifen vermochte. Laura ſchmollte und widerſetzte ſich wie ein verzogenes Kind der herben Arznei die er ihr bot. Sie quälte ihn offen und grauſam indem ſie Tony mit Liebkoſungen überhäufte, und doch konnte dieſer es nicht erlangen daß ſie allein mit ihm weitergeflohen wäre. Die beiden Nebenbuhler ſtanden ſich wie gefeſſelt gegenüber und ſchoben ſich gegenſeitig die Schuld der verworrenen Umſtände zu. Als nun Duly nicht zurückkehrte und die Verlegenheit ſtieg, ſo brach eines Abends in Lauras Abweſenheit ein heftiger Wortwechſel zwiſchen ihnen aus. Heinrich warf ſeinem Gegner die Unbeſonnenheit einem ſo zweideutigen Menſchen zu trauen, den unverantwortlichen Leicht⸗ ſinn ſeines ganzen Unternehmens vor, und das um ſo ſchneiden⸗ der je mehr es ihm ſchien als ob jener auf eine unedle Weiſe ſei⸗ nen Vortheil gegen ihn mißbrauchte. Tony war um ſo bitterer je mehr er fühlte daß die Anklage gegründet ſei. Keiner blieb dem —— 71 andern etwas ſchuldig, und am Ende erklärte Tony, mit der Ge⸗ fangenſchaft ſei es nicht ſo ernſtlich gemeint, und wenn es ihm hier mißfalle ſo werde man ihn nicht am Davonlaufen hindern.— Wenn der vermaledeite Narrenmantel nicht wäre, rief Heinrich zornig, ſo fiele ich euch ſchon längſt nicht mehr zur Laſt!— Weiter nichts als das? ſagte Tony und war verſchwunden. Als Heinrich am folgenden Morgen erwachte, wunderte er ſich nicht wenig ſeinen wohlbelannten bläulich braunen Rock neben ſich zu finden. Er war aufs Sauberſte gebürſtet, und unſer Aben⸗ teurer begrüßte das Kleidungsſtück wie einen längſtentbehrten Freund; er zog es ſogleich an, ſteckte die Brieftaſche an den ge⸗ wohnten Platz und warf den Talar weit von ſich. Tony trat la⸗ chend zu ihm und machte ſich über das neue Schloß an der Haus⸗ thüre des Pfarrers luſtig.— Wie? rief Heinrich, dem nun erſt ein Licht aufging: wohnt er denn ſo nahe?— Freilich! verſetzte Tony und beſchrieb ihm deutlich Weg und Entfernung, mit einer Abſicht die jener nur zu wohl empfand. Das Stückchen hat mich nicht viel mehr als eine halbe Nacht gekoſtet, und iſt gewiß der ehrlichſte Diebſtahl den je ein Zigeuner beging! fügte er hinzu, indem er ihm an eine ſeiner Taſchen klopfte, wo es metalliſch klang. — Heinrich zog ſeine Börſe heraus und zählte auf der Stelle eine Summe, mehr als hinreichend für ein Koſtgeld, ab.— Ich würde es nicht nehmen, ſagte Tony ruhig, wäre es nicht um des Fräu⸗ leins willen; aber Ihr wißt ſelbſt daß ihre Kleinodien für den Augenblick wenig helfen. Sie wird ſichs nicht nehmen laſſen Euch das kleine Darlehen mit der Zeit wieder zu erſtatten.— Heinrich machte eine abwehrende Gebärde und ging. Laura ſchlief noch; er konnte es nicht über das Herz bringen ſie ohne Abſchied zu ver⸗ laſſen, und ſchweifte indeſſen in Feldern und Wäldern umher, immer den Ort umkreiſend, der denn doch ſeinen Magnet enthielt. Unterwegs reute es ihn ſeinem Stolz nachgegeben und Mittel zu Zwecken dargeboten zu haben die er ja auf jede Weiſe bekämpfen wollte; aber es war nicht mehr zu ändern. Nun beſann er ſich 72 was er unternehmen ſolle. Das Klügſte ſchien ihm zu Matthäus zurückzukehren, an den Herzog zu ſchreiben, ihm den Verluſt ſeiner Vollmacht und ſeine bisherigen Schickſale zu berichten und um neue Vorſchriften zu bitten, indeſſen aber abzuwarten was die Gunſt der Stunden ihm zubereiten würde. Mit wechſelnden Ge⸗ danken hielt er ſich den ganzen Tag in jenem Zauberkreiſe feſt; das einemal ſagte er ſich vor daß ſeinem widerſpenſtigen Schütz⸗ ling keine unmittelbare Gefahr drohe, daß er ſelbſt vielleicht am unentbehrlichſten werde wenn er ſich eine Zeit lang vermiſſen laſſe; dann aber malte er ſich wieder ihre bedenkliche Lage aus und fragte ſich ob er es im Ernſt wagen dürfe ihr ſeine Begleitung zu entziehen. Nur nicht zu raſch! ſagte er, indem er Abends zurückkehrte: nur nicht empfindlich abgebrochen! nur aus falſchem Ehrgefühle nichts übereilt! Er kam zum Schlößchen, ging durch die Ruine und ſetzte ſich auf das vorſpringende Mäuerchen, wo wir ihn bereits aufgeſucht haben. Hier aber überfiel ihn die Erinnerung an alle ſeine ver⸗ meintlichen Kränkungen ſo lebhaft daß er die ſo eben gefaßten Vorſätze wieder vergaß. Nein! rief er, ſo darf es nicht bleiben. Solche Innigkeit und ſolche Falſchheit, wie iſt es möglich daß ſie in Einem Weſen beiſammen wohnen? Sie hat keine Seele! Was uns die Märchen von Eidechſen, von Schlangen erzählen, die ein vorübergehender Zauber in Menſchen verwandelte, das paßt auf ſie! Ein Thor wer ſich um ihretwillen verzehrt! Während er noch ſprach kam der Gegenſtand ſeines ſchmerz⸗ lichen Zornes durch den Thorweg langſam auf ihn zugeſchritten. Das Fräulein trug noch immer die Knabentracht die ſie ſo wohl kleidete, und wenn auch ihre Toilette, Dank ſei es den beiden Zi⸗ geunerinnen, von der in der Ecole wie in der Akademie unerläß⸗ lichen„Propreté“ weit abwich, ſo war ſie doch geputzt wie ein Engel, und aus den bunten Lappen, womit ſie launiſch wechſelte, aus dem phantaſtiſchen Haarbau trat immer das Adelige ihrer Er⸗ ſcheinung hervor. Sie ſetzte ſich zu ihm ohne ein Wort zu ſagen, und blickte ihm ins Geſicht. — — 73 Nein, Laura! rief er heftig: nicht dieſen Ausdruck von In⸗ nigkeit! Ich verdiene ihn jetzt nicht und er kann nur meine Flucht beſchleunigen. Sie erbleichte. Was ſoll das heißen? rief ſie: wie? und die⸗ ſes Kleid? Iſt mir von dem Treuſten Ihrer Treuen übergeben worden, als Zeichen meiner Freiheit. Das war eigenmächtig von Tony! das hab' ich ihm nicht be⸗ fohlen. Gleichviel! entgegnete er, ich bin frei und darf nicht länger an dieſem Poſſenſpiele theilnehmen.. Mein Freund iſt böſe? ſagte ſie und verſuchte es mit einem Scherze: ich bekenne, ich bin allzu rückſichtslos gegen Eure Poeſie geweſen. Es war unzart von mir ſo lang nicht danach zu fra⸗ gen. Vergebt und lest mir zum Zeichen Eurer Verſöhnung etwas vor. Er ſprang tief gekränkt von dem Sitze auf. Womit hab' ich dieſe Mißhandlung verdient? rief er. Doch nein, kein Spott ſoll mich abhalten Sie in mein Herz blicken zu laſſen, wie es früherer ſchönerer Stunden gedenkt. Sie waren eine Weile ſo himmliſch gut. Das iſt nun vorüber. Nur heraus damit! ſagte ſie unbefangen lächelnd. Es iſt nichts zum Vorleſen. Wenn Sie dieſes Blatt erhalten ſollen, und Sie werden es bald erhalten, ſo dürfen wir nicht mehr bei einander ſein: denken Sie dann während jeder Zeile daß mein Fuß ſich weiter von Ihnen entfernt. Sie ſchien ſeine Worte nicht recht zu hören oder nicht zu glau⸗ ben, und ſah ihm unverwandt mit dem reizendſten Lächeln in die Augen.. Fürchten Sie keine Klagen von mir hören zu müſſen, fuhr er fort, aber laſſen Sie auch jene Augenſprache verſtummen, die, übelberechnet wenn ſie meiner Citelkeit gelten ſoll, einen treuen Freund nur verwirren und verletzen kann. Sie haben mich 74 manchmal ausbleiben ſehen, Tage lang, Sie wußten daß Sie mich außer Stand geſetzt hatten zu Menſchen zu gehen, daß ich einſam in dichten Wäldern blieb, und dennoch ſchienen Sie über meine frühe Rückkehr gleichſam verwundert zu ſein. Werden Sie alſo, können Sie ſich wundern, wenn ich einmal gehe und nicht wieder komme? Die anmuthige Leichtfertigkeit, welche ſie nach ſchnell unter⸗ drücktem Schrecken ſeinem Ernſt entgegenſetzen zu können gemeint hatte, wich einem zweifelhafteren Ausdrucke. Sie werden doch— begann ſie. Nein, reden Sie nicht! unterbrach er ſie: ich werde meine Pflichten gegen Sie nicht vergeſſen. Wenn Sie meiner benöthigt ſind, in dem Hauſe aus dem Sie mich krank entführen ließen, werden Sie mich finden, geſund, voll guten Willens für Sie. Fra⸗ gen Sie nicht wann ich gehe, laſſen Sie uns dieſen Augenblick nicht länger durch unnützes Reden entweihen. Sie ſprang⸗auf und griff nach ſeiner Hand. Er drückte ſie ſanſt auf den Sitz zurück, ſah ihr noch einmal herzlich in die Augen und verließ den Ort mit raſchen Schritten. Sie rief ihm nach, mit einem Ton als ob ſie erſt jetzt an die Möglichkeit ſeines Entſchluſſes glaubte. Er hielt nicht an, auch ging er nicht lang⸗ ſamer, doch trat er leiſer auf, um zu lauſchen ob ſie ihm nicht folge, und zuletzt ſah er ohne ſtehen zu bleiben flüchtig zurück. Sie kam nicht, und nun ſetzte er ſeinen Weg um ſo entſchiedener fort. Aus nahen und fernen Thälern dampften die Waldnebel em⸗ por. Die Sonne ſank in trübe Wolken, die am weſtlichen Hori⸗ zont heraufgeſtiegen kamen. In dem Weiler, durch den der Weg ihn führte, winkte er vom Fenſter ein kleines Mädchen herab, wel⸗ ches gewöhnlich Milch und Lebensmittel nach der Ruine trug. Er ſchenkte ihr ein paar Münzen, gab ihr jenes verſprochene Blatt für Lauren und verzeichnete eilig auf einem andern den Weg nach dem Pfarrhauſe ſeines Freundes: hier, trug er dem Kinde auf, werde er zehn Tage auf die Befehle des Junkers warten. Er hieß ſie den Auftrag ſogleich ausrichten, und ging weiter. — 75⁵ Eine Viertelſtunde mochte er gegangen ſein, als er in einiger Entfernung Tony erblickte, der an einer einzelnen, halbverdorrten Fichte lehnte und mit Beſtürzung, ja mit Entſetzen ſeitwärts in die Gegend hinausſah. Heinrich wollte auf ihn zueilen, aber als er ſeinen Blicken folgte, unterließ er es. Er ſah eine junge Dirne leicht und flink von einer Anhöhe herunterſchreiten; ſie ſchien hübſch zu ſein und helle Locken umflogen ſie, obgleich ſie die bunte Tracht der Zigeuner trug. Sie mußte Tony bemerkt haben und winkte ſchon von Weitem. Sonſt nichts? dachte Heinrich: Freund Tony mag wohl ein Schätzchen verlaſſen haben, das ihm jetzt unver⸗ ſehens über den Hals kommt. Einen Augenblick fiel es ihm ein, welche gute Gelegenheit das wäre ſeinem Nebenbuhler das Feld abzugewinnen. Nein, rief er unwillig, das ſteht mir nicht an! Fräulein Laura mag zuſehen. Wenn ſie hilflos iſt, ſo weiß ſie wo ſie Hilfe finden kann. Und ohne ſich noch einmal umzuſehen beflü⸗ gelte er ſeine Schritte. Während aber, wie er ſagte, ſein Fuß ſich immer weiter ent⸗ fernt, kehren wir zurück um das Fräulein zu belauſchen, wie ſie, den Kopf auf den Arm geſtützt und die hellen Thränen in den Augen, jenes hinterlaſſene Denkmal eines treuen Herzens be⸗ trachtet. Der Mond iſt hell, und kalt die Nacht. Ich bin aus meinem Traum erwacht, Und in dem weißen Geiſterſchein Schreit' ich ins öde Land hinein. Bald gehts noch weiter, ſchwer, wie ſchwer! Und öder wird es um mich her. Ich möchte bis ans End' der Welt, Wo ſtill ein Thau des Friedens fällt. 76 Mein Bleiben iſt nicht dort, nicht hier: Ach, meine Heimath war bei dir! In deinen Liedern, deinem Blick War meine Luſt, mein Leid, mein Glück. Und du, du warſt ſo ernſt, ſo mild, In deinem Auge war mein Bild, In deinem lieben Angeſicht: In deinem Herzen war es nicht. Du ſahſt mich kommen, ſahſt mich gehn: Es war dir nur wie Windeswehn. Nun, wie du willſt, nicht wie ich will! Was hilft es? denn dein Herz bleibt ſtill. Der Wind fährt wild und traurig hin, Er wär' ſo gern im Himmel drin, Doch jede Pforte ſagt ihm: Geh'! Er rauſcht vor Zorn, er ſtöhnt vor Weh. Der Himmel, der ſein Brauſen hört, Er lächelt blau und ungeſtört. Dir allen Segen, alle Ruh! Verzeih, du holder Himmel du! Und zieh' ich aus zum letzten Mal, Folgt mir ein Stern aus deinem Thal. Da um den Berg, da geht es fern, Und hinter mir verſinkt der Stern. Leb' wohl und duld' es unbetrübt Daß dich ein ſtolzes Herz geliebt. Ich gehe heimathlos, in Schmerz: Leb wohl, leb wohl, du ſtilles Herz! Ich will mit Euch nit reiten, Und will mit Euch nit gan. Warum wollt Ihr mich fahen? Ich hab' Euch nichts gethan. Volkslied. 87 kalter Strichregen, ſchneidend wie in dieſem Frühling noch keiner gefallen war, nöthigte den Wanderer auf halbem Wege einzukehren. Er that es ungern, denn er hatte das Haus des geiſtlichen Freundes noch vor Schlafenszeit zu erreichen gehofft; nun mußte er ſich mit der Herberge begnügen, die ihm jedoch in ihrer altergrauen Schindelbekleidung gar behaglich entgegen ſah. Er trat in ein warmes Zimmer und wurde an einen runden Tiſch nahe beim Ofen gewieſen, hinter welchem bereits ein anderer Gaſt in ſchwarzem fadenſcheinigem Rocke vor einem Gläschen Branntweins ſaß. Heinrich ſah ihn an und ſah ihn wieder an, bis er endlich einen halben Univerſitätsbekannten in ihm entdeckte, der, vormals ein luſtiger„Fuchs’, ſeiner dürftigen Kleidung und ſeinem abgemagerten Ausſehen nach zu ſchließen nicht in die beſten Umſtände gerathen war. Auf Befragen antwortete er, er ſei in⸗ zwiſchen Vicarius bei einem benachbarten Specialſuperintendenten 4 geworden, und habe, in Aufträgen an einen Pfarrer verſchickt, ſich vor dem Unwetter hier herein geflüchtet. Der wohlbeleibte Wirth ließ ohne viel Umſtände ein Eſſen —— 78 auftragen, nach Stoff und Maſſe viel zu derb für einen jungen Mann der ſo eben von ſeiner Dame Abſchied genommen hat. Sein junger Tiſchgenoſſe, welchem man gleichfalls einen Teller hinſtellte, wurde feuerroth und rückte ein wenig weg, obgleich er nicht um— hin konnte dem ungeheuren Schweinsbraten einen vielſagenden Blick zuzuwerfen. Unſer Freund, der den Grund dieſes Benehmens leicht errieth, legte ihm alsbald vor, und die arme Haut, in wel⸗ cher Eßluſt und Verlegenheit mit einander kämpften, ließ ſich nach einigem verſchämten Weigern nöthigen. Haben Sie im Homer etwas von Ziererei gefunden? ſagte Heinrich mit aufmunterndem Lachen, als er ſah daß die Wirthsleute einen Augenblick die Stube verlaſſen hatten. Odyſſeus war ein großer Prinz, und doch mußte er bei den Phäaken zu Tiſche gehen. Ohne Umſtände! Wenn „der Speiſen Begier und des Trankes geſtillt iſt,I(“ dann reden wir weiter. In wenigen Minuten war der Braten, von welchem Seinric ein dünnes Stückchen für ſich abgeſchnitten hatte, aus der Reihe der ſichtbaren Gegenſtände verſchwunden. Dankbarkeit und Scham wechſelten in dem Angeſichte ſeines Gaſtes, der die Welt jetzt mit wackereren Augen anzuſehen ſchien als vorher. So gut iſt mirs lang nicht gegangen, ſagte er aufſeufzend, nachdem er dem Braten eine Herzſtärkung nachgeſendet hatte. Ihr geiſtlicher Oberhirt ſcheint den Fleiſchtöpfen Egypti nicht 3 hold zu ſein, bemerkte Heinrich. Woher mein alter Special ſo fett geworden iſt, erwiderte der Vicar, das bleibt mir ein Räthſel, wenn es nicht etwa vom Mi 8 ßiggehen und Schlafen kam. Er ſelbſt würde übrigens weder ſich noch andern zumuthen vom Worte Gottes allein zu leben, aber die Frau Speciälin iſt eine Megäre, die eine ungeſchmälzte Waſſer⸗ ſuppe ſchon für eine Art von Luxus hält. Dafür ſitzt ſie den armen Pfarrfrauen in der Diöceſe um ſo ſtrenger auf: denn wenn der Alte ſeine Amtsbeſuche macht, die ſie klüglich vertheilt, ſo zieht das ganze Haus mit und ißt ſich von einer Viſitation bis zur —— 79 andern ſatt. Ich hoffe, man ſieht mirs an, daß ich mich nicht auf Koſten der heimgeſuchten Paſtöre herausgefüttert habe. Das weiß Gott, erwiderte Heinrich, und der Menſch ſiehts.⸗ Aber wie können Sie ſich ſo mißhandeln laſſen? Sie ſind zu timid. Potz Tauſend, der Menſch muß ſich ſeiner Haut wehren. 2 Ich habe keine Connexionen, erwiderte der junge Geiſtliche. Sie wiſſen was das heißt. Will ich gehen, ſo brauche ich ein Atteſtat vom Alten, der unter dem Pantoffel ſteht. Und ich habe Ihnen noch nicht alles geſagt. Ich ſoll nämlich mit einer zu ſehr reifen Jahren erwachſenen Tochter die Conjugation von Amo ſammt allen Ableitungen durchmachen. Das iſt es eben was mich ſo ganz heruntergebracht hat. Mißverſtehen Sie mich nicht— es lüſtet mich gar nicht mit ihr zu conjugiren, denn ſie iſt darin bereits tief ins Plusquamperfectum gekommen; in der Declination hat ſie alle Caſus durchgemacht, und ſteht in einem übeln Vocativ. Aber die Frau Speciälin kämpft auf ihrer Seite und führt die Belagerung mit verzweifelter Hartnäckigkeit. Ich verſtehe! rief Heinrich: es iſt eine von den förmlichen Blokaden wo— — Wo die Belagerten zuletzt in das zäheſte Leder beißen. In der That, die beiden abſcheulichen Weibsleute ſuchen mir durch Hunger Appetit zu machen. Bis jetzt hab' ich mich ritterlich ge⸗ halten. Aber, Freund und Gönner, der Hunger thut weh. Sie ſehen wie die luſtigſte Haut im ganzen Stift zuſammengeſchrumpft iſt; ja wohl Haut! denn ich habe längſt aufgehört im Fleiſche zu wandeln. Wenn ich auf der Kanzel ſtehe und meinen wohlge⸗ fütterten Sündenſchläfern von dem Wurme predige der nicht ſtirbt, ſo ſchlage ich an den Magen ſtatt ans Herz, und denke oft darüber nach obs nicht geſcheider wäre über den Rhein zu gehen und der Lilienfahne die Muskete nachzutragen. So, jetzt wiſſen Sie warum ich ſo frei geweſen bin. Da muß geholfen werden! rief Heinrich. Er vertraute dem armen Dulder wohin er zu gehen im Begriffe ſei, erbot ſich ihn 80 in ſein Gaſtrecht einzuſchließen, und ſchilderte ihm den wackern Freund mit deſſen Beiſtand er dieſe ausgehungerte Feſtung zu entſetzen hoffte. Der iſt Manns genug um es mit dem Teufel ſelbſt, alſo auch mit einer alten Specialiſſima deſſelben aufzunehmen, ſagte er. Und bei ſeiner Frau bekommen Sie nicht bloß die Suppen, ſondern ſogar den Kaffee geſchmälzt. Er vergaß ſeinen nur halb überwundenen Herzenskummer über der luſtigen Erinnerung die ihn lachen machte. Sein neuer Schützling lachte verwundert mit, und wollte eben Näheres über dieſe ungewöhnliche Bereitungsart erfragen, als die Thüre heftig aufgeriſſen wurde, ſo daß der arme Vicarius zuſammenfuhr und verſtummte. Ein großer Hund fuhr herein, und hinter ihm ein Mann deſſen Kleidung mit ſeinem Geſicht in einem ſeltſamen Wider⸗ ſpruche ſtand; denn dieſem nach war er ein echter und unleugbarer Zigeuner, trug aber Soldatenuniform, und zwar wirtenbergiſche. Ihm folgte ein Weib mit einem Korbe voll Porcellain, das ſie alsbald den Wirthsleuten anzubieten und anzupreiſen begann; Geſicht und Ausſprache bewieſen unverkennbar daß ſie derſelben wandernden Nation angehörte wie ihr Begleiter. Dieſer forderte einen Schnaps, den er ſtehend mit einem Zuge trank; dann ſetzte der ſich barſch zu den beiden andern Gäſten und ſtopfte ſich eine Pfeife. Heinrich konnte ſich kaum enthalten ihm bemerklich zu machen daß noch etliche leere Tiſche in der Stube ſeien. Er begnügte ſich jedoch mit einem unwilligen Blicke den er ihm zuwarf, und ſetzte die abgebrochene Unterredung lateiniſch fort. Dieß ſchien den dritten Ankömmling tief zu beleidigen. Er hörte eine Weile ſehr aufmerkſam zu, dann ſchüttelte er den Kopf, ſprang auf, ging klirrend im Zimmer auf und ab und brummte allerlei von Landſtreichern und Gaunerſprache. Die Wirthsleute ſtimmten ihm flüſternd bei, welche ebenfalls durch das Benehmen der beiden Fremden vor den Kopf geſtoßen waren. Denn in ſolchen Landherbergen iſt es Sitte daß 81 die geheimſten Angelegenheiten der Familien und Einzelnen, ſelbſt Schuld⸗ und Liebesſachen nicht ausgenommen, von den Bethei⸗ ligten öffentlich verhandelt werden, und ſo gehört es gewiſſer Maßen zu den Regalien des Wirths um die Geheimniſſe ſeiner Gäſte zu wiſſen. Nun waren dieſe Beiden nicht mit einander ge⸗ kommen und hatten auch anfangs fremd gegen einander gethan; auf einmal aber ſah man ſie vertraulich zuſammen reden, und während die Wirthsleute an einem andern Tiſche den Nachtimbiß einnahmen, hatten ſie leiſe und immer leiſer geſprochen, und ſich zuletzt gar einer unbekannten Sprache bedient. Grund genug zum Mißfallen und zu unangenehmen Vermuthungen, um ſo mehr als Geſicht und Kleidung des einen jammernswerth ausſahen, der andre aber außer ſeinem Rock, deſſen Glanz im Regen verdorben war, auch nicht viel Imponirendes aufzuweiſen hatte. Man nickte zuſammen, beſtätigte ſich gegenſeitig im Murren und Brummen, und ſcheele Blicke flogen nach den Fremdlingen hin. Dieſe hatten inzwiſchen ahnungslos fortgeſprochen, und der Vicarius war ſchon im Begriff das Anerbieten ſeines Beſchützers anzunehmen, der ihm eine beſſere Behandlung oder eine andere Stelle zu verſchaffen verſprach, als Heinrich das braune Weib an ſeiner Seite bemerkte. Sie war unhörbar herbeigeſchlichen und rückte ihm immer näher, die begehrlich funkelnden Augen bald auf ihn, bald auf das große Glas mit Heidelbeergeiſt gerichtet, das man ihm in Ermanglung des Weines hingeſtellt hatte. In ihren hübſchen Zügen war etwas von Entbehrung zu leſen, und ohne ſich zu beſinnen bot er ihr freundlich das volle Glas. Sie leerte es mit gierigen Zügen; ehe ers verhindern konnte hatte ſie ſich ſeiner Hand bemächtigt und bedeckte ſie nach der leidenſchaftlichen Weiſe ihres Stammes mit heftigen Küſſen. Da klatſchte eine Ohrfeige, das Weib fuhr ſchreiend empor, und ihr rauher Begleiter ſtand vor ihnen. Wart, ich will dir betteln! ich will dir ſchmuſen! ſchrie er und erhob die ſchwere Hand von Neuem. Heinrich wollte einſpringen, aber er hielt ihn mit der Linken ab, mit der Rechten Schiller's Heimathjahre, II. 6 82 gab er dem Weib einen Schlag auf den Mund, daß das Blut darnach floß, und ſchleuderte ſie in eine Ecke. Und Er, ſag' ich, was braucht Er da einen heimlichen Handel mit meinem Weib anzuſpinnen? Ich habe nichts angeſponnen, verſetzte Heinrich: ich hab' ihr aus meinem Glaſe zu trinken gegeben, weil ichs überflüſſig hatte. Ich kann die Meinigen ſelbſt erhalten, rief der andre: ich be⸗ darf keines hergelaufenen Vagabunden dazu. Nun ſchwoll unſrem Freunde die Zornader; er warf einige heftige, ſtolze Worte hin, und der andre rief: Wer iſt denn Er daß Er ſich da mauſig machen will? Das hätt' ich zu fragen, entgegnete Heinrich, aber ich begehre Seine Bekanntſchaft nicht zu machen. O nach mir darf man fragen! ich bin Grenadier à cheval bei Haus Wirtenberg. Aber wer iſt Er? Ich bin auch einigermaßen bei dieſem Hauſe accreditirt, und möchte ihm nur wünſchen daß es anſtändigere Grenadiere hätte. Und ich will wiſſen wer Er iſt! Ich bin auch noch Zollvi⸗ ſitator und Hatſchier dazu, und habe die Verpflichtung Vaganten anzuhalten. Alſo weiſ' Er ſich aus! Nun würde es eine ſeattliche Ueberraſchung abgegeben haben, wenn der heimliche Gewaltbote des Herzogs ſeine Vollmacht heraus⸗ gezogen und den fußgehenden Reiter damit aus dem ſtolzen Sattel gehoben hätte. Aber das Papier war ihm weder von dem Fräu⸗ lein noch von Tony herausgegeben worden. Er begnügte ſich da⸗ her zu ſagen er glaube als Landesbürger ſich innerhalb der Grenzen nicht anhalten laſſen zu müſſen; aber der erbitterte und übermü⸗ thige Grenadier pochte auf ſeine Amtsbefugniß und wagte allerlei beleidigende Vermuthungen hinzuzufügen. Nun gut! rief Heinrich zuletzt: dem Schulzen will ich Rede ſtehen, aber nicht Ihm. Der Grenadier wies hohnlächelnd auf den dicken Wirth, der 83 ſich eine Brille auf die Naſe ſetzte und gravitätiſch den Löffel wiſchte: da iſt der Schultheiß, ſagte er. Unſrem Helden ſank der Muth; doch gab er in der Kürze ſeine Perſonalien an und behauptete zur Verſtärkung, er ſei auf einer gelehrten Reiſe begriffen, um Geſtein, Boden, Waldwuchs und dergleichen zu unterſuchen. Der Wirth ſchüttelte den Kopf, und der Grenadier meinte, das ſei ein curioſer Reiſender, der wohl eher ſelbſt unterſucht zu werden bedürfe. Heinrich nahm einen letzten Anlauf und rief, er ſei von ſei⸗ nem Thun und Laſſen in hieſiger Gegend nur dem Herzog Rechen⸗ ſchaft ſchuldig, der ihm ſein Vertrauen geſchenkt habe, und wolle hiemit jedermann vor einem unbedachten Schritte gewarnt haben. Der Name des Herzogs hatte eine ſichtbare Wirkung auf den Grenadier. Der Wirth und Schultheiß aber zog ſich, die Brille abnehmend, bedenklich zurück, und unſer Freund hatte ſchon das Feld gewonnen, als ein Beiſpiel von Treuloſigkeit ſich ereignete, leider nicht ohne ſeines Gleichen in der Welt Geſchichten, ſeit Eva aus dem Paradieſe verbannt worden war. Das Weib, das bisher leiſe in der Ecke geſchluchzt hatte, erhob ſich auf einmal gegen ihren Wohlthäter, ſei es nun daß ſie in blinder Rachſucht ihn als die erſte Urſache ihrer Mißhandlung anſah, ſei es daß ſie die Ge⸗ legenheit benützen wollte ſich bei ihrem Manne wieder einzuſchmei⸗ cheln. O es iſt alles erlogen! rief ſie lachend: ich hab' ihn erſt noch vorgeſtern mit der alten Geißin herumziehen ſehen. Heinrich erſchrack bei dieſen Worten. Es fiel ihm bei daß er ſich jüngſt auf einem Gange durch den Wald, um die beſuchteren Stellen deſſelben zu vermeiden, von der alten Zigeunerin hatte begleiten laſſen. Was du ſagſt, Mantua! rief der Grenadier. So, ſo? Er hälts alſo mit den Hannikliſchen? Ein ſauberer Vogel, der ſich auf den Herzog beruft! Es wird dem Herzog eine große Ehre — ——— 84 ſein. Nun, was brauchts da noch Umſtände zu machen? Er iſt mein Arreſtant, und kommt mit mir. Heinrich wandte ſich noch einmal an den Schulzen. Dieſer aber erklärte, er wolle nichts von der Sache, der Mann werde ja wohl wiſſen was er zu thun habe. Einen Blick der Verachtung warf er auf die Elende, die neu⸗ gierig wien es enden werde vor ihm ſtand; dann muſterte er den Grenadier, und wilde Gedanken ſtiegen in ſeinem Herzen auf. Aber der Widerſacher war eine Geſtalt die von Kraft und blühen⸗ der Geſundheit ſtrotzte, und in ſeinen gelben Reithoſen dehnten ſich mächtige Schenkel; auch hatte unſer armer Freund im glück⸗ lichſten Falle noch den Hund, den Wirth und die Seinigen zu fürchten, ſo daß er den Vorſatz Gewalt zu brauchen bald wieder fahren ließ. Marſch! rief der Grenadier und nahm ſein Gewehr. Wohin? rief Heinrich mit kochendem Herzen. Nach Sulz zum Oberamt! Gut! da werd' ich Gerechtigkeit finden. Wollen ſehen! ſagte der Andre trocken und ſchickte ſich zum Aufbruch an. Er zog ein Papier hervor und wies es dem Schul⸗ zen, der ihm alsbald einen Zwanziger einhändigte. Ein Glas Schnaps abgezogen! ſagte der Grenadier. Ich hab' ihn ſelber umſonſt, verſetzte der Wirth abwehrend. Dann ſchmeckts nach mehr! rief der Grenadier lachend. Der Wirth ſchenkte noch ein Gläschen voll. Auf gute Ver⸗ richtung! rief er: aber nicht wahr, Herr Hatſchierer? jetzt iſt doch beſſere Zeit, wenn man bei jedem Schulzen nur das Papier mit dem Karl Herzog vorzeigen und ſeinen Sechsbätzner einſtreichen darf, als vorher in Geſellſchaft mit den Nachtvögeln? Hol' mich Gott! rief der Grenadier: es iſt ein luſtiges Leben! Zwar der Neid frißt ſie und ſie ſind mir immer auf den Ferſen, aber die kriegen mich nicht. Wo dieſe Schlucker einen Schoppen trinken, da kann ich immer zehne haben.— Marſch! wiederholte er gegen ſeinen Gefangenen. Dieſer ſah ſich nach dem jungen Geiſtlichen um, den er wäh⸗ rend des unvermutheten Auftritts ganz vergeſſen hatte. Er war verſchwunden. Heinrich dachte an den alten lateiniſchen Vers von den Freunden die mit dem Glücke ſchmauſen und dem Unglück den Rücken kehren, und mit bittern Empfindungen machte er ſich auf den Weg. Als ſie vor dem Orte waren, gab der Grenadier ſeinem Weibe das ſchwere Gewehr zu tragen; er ſelbſt war noch immer hinlänglich mit Degen und Piſtolen bewaffnet. Das neue Klee⸗ blatt ſetzte eine Zeitlang ſchweigend ſeine Straße fort, bis endlich das Weib ſchmeichelnd um ihren Gebieter herumſtrich, deſſen Au⸗ gen unter gerunzelter Stirne von Zeit zu Zeit einen Blitz auf ſie warfen. Noch immer bös? ſagte ſie: mußt nicht bös ſein! will dir alles zu lieb thun was du haben willſt. Da küß mir die Hand! ſagte er. Sie faßte ſeine Hand und küßte ſie mehrmals, gurrend wie eine Taube. Als ſie ihm auch das Geſicht ſtreicheln wollte ſchleu⸗ derte er ſie weg und ſagte: Genugl ich bin ſchon zufrieden. So muß man dieſe Creaturen behandeln! wandte er ſich nach einer Weile zu ſeinem Gefangenen: nur immer recht kurz halten! und von Zeit zu Zeit einen Puff, wenn ſie einen Kuß erwarten! dann freſſen ſie einen vor Liebe. Dieſe da hab' ich dem Bruder des Hannikel abgeführt; ſie war ſo vernarrt in mich daß ſie ihren Zuhälter ſamt drei Kindern im Stich gelaſſen hat, und wenn ſie auch nicht förmlich mein Weib geworden wäre, ſie könnte doch nimmer von mir laſſen. Ja, man muß das Ding nur verſtehen! es iſt eine wie die andre. Die Tochter meines Erzfeindes läuft ſich gegenwärtig die Beine ab nach mir; das wird noch einen Hauptſpaß abſetzen. O ſie ſind alle wie Motten die ſich am Licht verbrennen. Gelt, Mantua? da, küß mir die Hand noch einmal. Thu was du willſt, du magſt mich doch! rief ſie und um⸗ ———ö——— ⸗ 86 ſchlang ihn: aber nimm dich in Acht mit der Urſul, ſie meints nicht ehrlich. Halts Maul oder du kriegſt wieder eins! ſagte er, ſie ab⸗ ſchüttelnd, und fuhr in ſeinen Prahlereien fort. Er wurde ſo gut gelaunt, daß Heinrich, obgleich von ſeiner Vertraulichkeit nicht eben ſehr erbaut, ſich fragte, ob es nicht am klügſten wäre mit etwas Klingendem herauszurücken und ſo allen weiteren Unan⸗ nehmlichkeiten zu entgehen. Während er dieß erwog, begann der Grenadier: So? der Herr iſt alſo mit der alten Geißin bekannt? Ich kenne ſie auch, und das recht gut. Heinrich verſetzte, wenn man ſich von einem alten Weibe den Weg durch den Wald zeigen laſſe, ſo könne das noch keine nähere Bekanntſchaft genannt werden. Nun gut, ich habe das nicht zu unterſuchen, ſagte der Gre⸗ nadier. Uebrigens, wie dem ſein möge, ich will dieſe Leute nicht gerade gefliſſentlich gegen mich aufbringen; ſie ſind mir ſchon gram genug. Es war mir eigentlich mehr um den Schulzen zu thun, daß er mir keine Nachläſſigkeit vorwerfen kann. Alſo, wenn der Herr eine kleine Erkenntlichkeit für meine Mühe nicht an⸗ ſchlägt, ſo mag meinethalben der Spaß jetzt ein Ende haben. Wie oft geſchieht es daß die unerwartete Erfüllung eines ſo eeben gehegten Wunſches eine ganz entgegengeſetzte Wirkung auf den Menſchen hat. Heinrich, deſſen Gemüth voll feindſeliger Bit⸗ terkeit war, glaubte ſich durch dieſen Antrag, den er vor wenigen Secunden beinahe ſelbſt gethan hätte, jetzt erniedrigt zu fühlen und ſagte: Ich habe ein gutes Gewiſſen und brauche mich nicht durch Beſtechung loszukaufen. Und ich hab' nichts geſagt, verſetzte der Grenadier trotzig. Es iſt alles erlogen! rief das Weib: ich wills bezeugen! Der Reſt des Weges wurde ſtillſchweigend zurückgelegt. Es war ſchon dunkle Nacht als ſie einen Berg herabſteigend das Städtchen erreichten, welches heute das unfreiwillige Ziel unſres Abenteurers ſein ſollte. Eine Brücke führte hinein, unter welcher 87 ein ſchmales Flüßchen mit beſcheidenem Rauſchen hinzog. Es war der Neckar. Der Grenadier klopfte an das geſchloſſene Thor, das ſich nach einer Weile knarrend öffnete. Da hab' ich Euch einen Gefangenen, den Ihr gleich unter⸗ bringen könnt, ſagte der Grenadier zum Wärtel: denn in der Oberamtei wird man doch nicht mehr ankommen. Ei doch! rief der Nachtwächter, der ſich im Thorſtübchen güt⸗ lich that, zum Fenſter heraus: ich hab' eben noch Licht in der Amtsſtube geſehen. Vorwärts! ſagte der Grenadier, und ſie gingen eine dunkle Straße entlang, während der Nachtwächter die Stunde hinter ihnen her tutete. In einem Winkel des Marktplatzes trafen ſie das Oberamts⸗ gebäude und traten ein. Hier im Gange bleibſt du ſtehen und rihei dich nicht! ſagte der Grenadier zu ſeinem Weibe; dann klopfte er zweimal an eine Thüre, und als er keine Antwort erhielt öffnete er barſch. An einem langen Tiſche ſaßen zwei Männer, in vertraulicher Unterhaltung begriffen; eine Bouteille Weins ſtand zwiſchen ihnen und das Zimmer duftete peſtartig nach ſchlechtem Käſe. Der eine war bäuriſch gekleidet; der andre trug einen grauen Rock und hatte den Kopf behaglich auf den linken Arm geſtützt; der rechte lag in ſeiner ganzen Länge auf dem Tiſche; an jedem Ellbogen trug er einen herzförmigen Beſatz von Leder, um den Ermel zu ſchonen, und eine Feder hinter dem Ohr verkündigte ſeinen Beruf. Er wandte den Kopf ein wenig bei dem Geräuſche das die Ein⸗ tretenden machten; dann hörte er ruhig wieder dem Andern zu, ohne ſich weiter um ſie zu bekümmern. Ja, wie ich Ihnen ſag', Herr Sub'ſtut, fuhr der Bauer fort, es ſind herbe Zeiten, ſchlechte Zeiten ſinds; ein ehrlicher Mann kann faſt nicht mehr durchkommen. Ich möcht' nur auch wiſſen warum man Unſer einen ſo drücken muß. Was, Herr Gott, wenn ich dran denk'— ——-—ͤ—————y ⸗ 88 Bis hieher hatte Heinrich ihn reden laſſen; als er aber ſah daß er nicht beachtet wurde, trat er, etwas feſter als gewöhnlich, einige Schritte gegen die Tafel vor, worauf, wie er nun ſehen konnte, neben der Weinflaſche noch ein Kartenſpiel, umgeben von Käſerinden, lag, und ſagte mit lauter Stimme: Wollen Sie die Gefälligkeit haben?. Der Schreiber ſah ſich um und öffnete einen Mund der ſich von einem Ohr zum andern zog; aber das Erſtaunen über dieſe vorgreifende Kühnheit hatte ihn der Sprache beraubt. Nun er⸗ blickte er den Grenadier, der ſeinem Arreſtanten pflichtlich gefolgt war, und mit einem halb mürriſchen halb freundlichen Grinſen ſagte er: Da iſt ja unſer Zigeuner! Wie ſtehts, wie ſtehts? Auf Urlaub? Ja, Herr, hab' wieder ein wenig Urlaub erhalten, war die Antwort. Heinrich hatte ſich auf eine zermalmende Rede vorbereitet. Mit gerechter Entrüſtung, begann er, komme ich— Der Subſtitut, ohne ihm einen Blick zu ſchenken, wandte ſich an den Soldaten: Was will dann der da? Wen bringt Ihr mir dann? 3 Einen Vagabunden, Herr. Was, Ihr wollt ſchon gehen, Schultheiß? rief der Schreiber und drehte ſich gegen den Bauer herum, der ſeine Schmeerkappe ergriffen hatte. Ja, Herr Sub'ſtut, ſagte dieſer: es i*ſt ſchon ſpät, und meinen Weg hat der Fuchs gemeſſen. Meine Käther wird mich ausſchel⸗ ten daß ich ſo lang auf mich warten laſſe. Einen ſchönen Gruß ſoll ich von ihr ausrichten, und Sie ſollen übermorgen auch ein wenig ſo frei ſein zur Metzelſupp'! Werde nicht fehlen, erwiderte der Schreiber ſchmunzelnd. Ja, und mit dem Uebrigen, Schultheiß, verlaßt Euch darauf daß ichs ſchon in Ordnung bringen werde. Hab' keine Forcht nicht, ſagte der Bauer und räuſperte ſich. 89 Wenn man ſo einen Herren zum Freund hat— Aber daß ichs nicht vergeſſe was ich da verſpielt hab' in der Karte! Das hat keine Eile, rief der Subſtitut und ſtreckte die Hand hin, in welche der Bauer ein paar Thaler gleiten ließ. Heinrich ſtampfte vor Ungeduld auf den Boden. Der Schrei⸗ ber kehrte ſich mit ein paar großen Augen um und warf ihm einen Blick zu, in welchem ein Todesurtheil geſchrieben ſtand. Der Schultheiß verabſchiedete ſich und der Schreiber ſagte: Jetzt, Herr Generalfeldmarſchall! was habt Ihr mir da für einen Patron mitgebracht? Ich hab' ihn unterwegs aufgegabelt, erwiderte der Grenadier. Es iſt auf ihn ausgeſagt, und er kanns auch nicht leugnen, daß er mit der alten Geißin und mit den Hannikliſchen zuſammen geſehen worden iſt. Ich begehre den Oberamtmann zu ſprechen! wo iſt er? rief Heinrich. Der Schreiber gab ihm keine Antwort. So? alſo bei Euren ehmaligen Freunden iſt er geſehen worden? wandte er ſich zu dem Grenadier: da kann er gleich morgen ins Verhör kommen; der Alte iſt ſcharf darnach aus.— Wer iſt Er? fragte er den Arre⸗ ſtanten im Richtertone. Keines Schreibers Diener! fuhr Heinrich auf. Aufs Brückenthor mit dem Landſtreicher, und kein Wort wei⸗ ter! rief der Schreiber und ſchellte dem Amtsdiener. Ich berufe mich auf den Oberamtmann! rief Heinrich. Der iſt verreist, ſagte der Subſtitut. Der Gefangene knirſchte. Dann ſoll mir ein ſtärkerer Arm Satisfaction verſchaffen, ſagte er. Was iſt das? fragte der Subſtitut erſchrocken den Grenadier: es wird doch nicht der Teufel um den Weg ſein? Nein, nur ſeine Großmutter! lachte der Grenadier. Drum ſonſt! ſagte der Subſtitut: das öffentliche Wohl erheiſcht ſtarke Maßregeln. Ich würde gleich die Bürgerglocke ziehen laſſen. 90 Iſt nicht nöthig. Es ſind nichts als hoffährtige Reden; er wollte gar mit dem Herzog auf Du und Du ſtehen. Der Subſtitut lachte daß zwei lange Reihen von Haifiſch⸗ zähnen zum Vorſchein kamen, und ſagte zu dem eingetretenen Amtsdiener: Grau, aufs Brückenthor mit dem Burſchen! und wenn er rumort ſo ſchließt ihn in den Ring! Möcht' auch gleich abgefertigt ſein! ſagte der Grenadier und zog ſein herzogliches Passe par tout hervor. Ja ſo, Euren Sechsbätzner! rief der Schreiber mürriſch: ich habs ja ſchon geſagt daß der Alte verreist iſt. Sie könnens ja verrechnen! werden doch auch noch ſo viel im Sack haben! Oder geben Sie mir einen von den großen Kreu⸗ zern die Sie da eingenommen haben: bins auch zufrieden. Der Schreiber ſtocherte in der Weſtentaſche und warf einige Sechſer heraus. Der Grenadier unterſuchte ſie und ſagte: der da iſt ein falſcher— nichts für ungut, Herr. Hol' Euch der Teufel! wenn er Euch nicht recht iſt ſo laßt ihn da. Ich bins Euch nicht ſchuldig. Der Grenadier ging mit dem Arreſtanten und dem Amts⸗ diener ab, nahm draußen ſein Weib mit und fluchte durch die Zähne: Hätt' ich gewußt daß der ſchäbige Federfuchſer um den Weg iſt, ſo hätt' ich mir die paar Stunden erſpart. SHeinrich hatte ſich gefaßt und in das Unabänderliche ergeben. Der Amtsdiener ging mit ihm wieder der Brücke zu, und wies ihm auf dem Thore durch welches er ſeinen Einzug gehalten hatte ein Gefängniß an, das man für die gefährlichſten Verbrecher her⸗ gerichtet hatte: es war ein Käfig worin man kaum ſtehen und ſich umkehren konnte: die Thüren mit den ſtärkſten Bändern und Globen verwahrt; eiſerne Leiſten an den Wänden; um den Ofen ein hölzernes Gitter, mit eiſernen Stangen beſchlagen; in einer tiefen Mauerlücke ein unerreichbares, vergittertes Fenſter, und an der Wand ein Ring mit einer ſchweren Kette. Er lächelte als er dieſe Anſtalten ſah, und wünſchte dem —J; 91 Schließer freundlich gute Nacht. Dann ſah er lang nach dem Fenſter, aber der Himmel war umzogen, und kein Stern wollte in dem engen Rahmen erſcheinen. Endlich warf er ſich auf ein Bund Stroh, das ihm vorhin die Laterne des Amtsdieners gezeigt hatte, und überließ ſich ſeinen Betrachtungen, die bei alledem nicht eben die heiterſten waren. Noch vor wenigen Stunden hatte er ſeinem „ſtolzen Herzen“ die Genugthuung eines heroiſchen Abſchiedes ver⸗ ſchafft, dann ſich zum Beſchützer der leidenden Menſchheit aufge⸗ worfen, und nun befand er ſich in der unwuͤrdigſten und hilfloſe⸗ ſten Lage, von welcher nicht einmal abzuſehen war wie ſie endi⸗ gen würde. So büß' ich meine Thorheiten! ſagte er, indem er ſich auf dem Stroh zurechtlegte. 8. Freiheit!— Freiheit!— Du biſt im Trocknen, Roller! —— Das hat gegolten! 4 Schiller, Räuber. Unſer Freund ſchlief nicht ſchlechter als er ſeit mancher Nacht geſchlafen hatte; er wußte kaum noch wie ſichs in einem Bette liegt. Mit den peinlichen Gedanken die an ſeinem Herzen nagten hätte er ſich vielleicht auf dem bequemſten Lager und in Freiheit ſchlech⸗ ter befunden; ſo aber erinnerte ihn die herabwürdigende Umgebung an ſeine Schuldloſigkeit, und ſein erſter Gedanke beim Erwachen war, daß er nichts begangen habe was ihn mit Recht hieher hätte führen können. Er beſchäftigte ſich wohl eine Stunde damit, von Weitem durch das Fenſter zu ſehen, das ihm den Abſchnitt eines öden Berges zeigte, dann warf er ſich wieder, müd an Leib und Seele, auf ſein kaltes Stroh. Nach der ungewöhnlich milden Wit⸗ terung der letzten Wochen hatte der Regen von geſtern Abend einen wahren Winterfroſt zurückgebracht, ſo daß Heinrich mit Sorge ſeines Flüchtlings gedachte. Zwar fehlte es nicht an Mitteln die Kälte abzuwehren, und manche Nacht hatte die abenteuernde Geſellſchaft, ſelbſt in Scheunen der Feuersgefahr trotzend, bei der lodernden Flamme geſchlafen; doch verwünſchte er, zwiſchen ſeinen eiſigen Mauern noch mehr für das Fräulein als für ſich ſelbſt frierend, die Tollheit, in der rauhſten Gegend des Landes die treuloſeſte Jahreszeit unter dem ſchlechten Obdach eingeſchüchterter Bauern oder gar im Freien hinzubringen, 93 Ein Theil des Vormittags war vergangen, als er Tritte hörte die ſich raſch ſeinem Kerker näherten. Es raſſelte an der Thüre, die Queerſtangen wurden weggeſchoben, der Schlüſſel klirrte im Schloß, und der Amtsdiener trat ein, Mitleid im Geſicht und eine ungewiſſe Höflichkeit in ſeinem Betragen. Er ſagte ihm, der Herr Oberamtmann ſei in ſpäter Nacht von ſeiner Reiſe zurückgekom⸗ men, und forderte ihn auf, ihm aufs Amt zu folgen. Er half ihm das Stroh von ſeinen Kleidern ableſen, und war auf der Straße ſo rückſichtsvoll eine gute Strecke vor ihm her zu gehen. Die Amtsſtube ſah um vieles geſchäftsmäßiger aus als geſtern Abend. Heinrichs Auge fiel zuerſt auf einen Mann von entſchie⸗ dener Haltung, der ihm halb den Rücken zukehrte und mit dem Subſtituten ſprach. Er war ſtark gepudert; ſeine Erſcheinung zeigte auf den erſten Blick daß er der Oberbeamte war. Der Schreiber„ ſaß kleinlaut an einem Tiſchchen und hatte ſich an ein großes Sandfaß angeklammert. Aber, Herr Oberamtmann, ſagte er, der Schulz war geſtern da und hat ſich genügend entſchuldigt. Zu mir ſoll er kommen! ſprach der Beamte mit ſtrengem Ton. Schreib' Er! Der Subſtitut tauchte eilig die Feder ein und rückte das Pa⸗ pier zurecht. „Morgen anhero, oder den Stockknecht!“ dictirte der Ober⸗ amtmann. Punctum, und jetzt geht Er und richtet aus was ich Ihm befohlen habe. Der lederherzige Subſtitut faltete und überſchrieb den Erlaß; dann erhob er ſich mit einem graugrünen Geſicht und verließ das Zimmer. Als er gegen die Thüre kam ſah ihn Heinrich die Zunge weit herausſtrecken, welche ſchnöde Gebärde wohl zum Theil ſeinen Ingrimm, noch mehr aber das Bewußtſein ausſprechen mochte, daß ihm die Metzelſuppe garſtig verſalzen ſei. Der Oberamtmann wandte ſich jetzt um und Heinrich war verwundert wie ihn der Schreiber ſeinen Alten hatte nennen kön⸗ 94 nen; denn er ſah einen Mann in den beſten Jahren, kaum älter als der ſtark abgelagerte Subſtitut, ein offenes Geſicht und eine durchaus männliche Geſtalt. Während der Beamte ſeinerſeits auch ihn zu muſtern ſchien, fielen ſeine Blicke ſeitwärts und entdeckten — mit frohem Schrecken und einem Freudenſchrei begrüßte er ihn — den Pfarrer Matthäus, der lächelnd am Fenſter ſtand und ſeine Augen ſtill auf ihm ruhen ließ. Matthäus! das heißt Hilfe in der Noth! rief er und hing, Oberamtmann und Gerichtsſtube vergeſſend, an ſeinem Halſe. Sie ſehen, Herr Oberamtmann, der Beweis iſt vollſtän⸗ dig! ſagte der Pfarrer. Ich bürge in aller Form für meinen Freund.. Es hat gar keinen Anſtand, verſetzte der Beamte lächelnd. Sie ſind frei, wandte er ſich zu dem tief aufathmenden Gefange⸗ nen: doch nehmen Sie mir den Nath nicht übel, den ich Ihnen auf den Weg gebe, ein andermal vorſichtiger zu ſein. Ich wußte nicht, Herr Oberamtmann, entgegnete Heinrich, daß ich in meinem eigenen Vaterlande nicht ohne Paß reiſen durfte, und daß der geringſte Verdacht mich in einen Kerker bringen würde, der wohl nur für Räuber und Mörder beſtimmt iſt. Das däucht mich doch, ſagte der Pfarrer, einer kleinen Ge⸗ nugthuung werth zu ſein, oder auch einer großen. Der Beamte zuckte die Achſeln. Die Zeitläufe ſind verwirrt, ſagte er. Und was wollen Sie für Genugthuung? Den Burſchen da jage ich ohnehin nächſter Tage fort; er iſt vom alten Schreiber⸗ ſchlag, und ich kann ihn nicht brauchen. Wollen Sie aber den Grenadier der Sie aufgegriffen hat verklagen, ſo müſſen Sie das bei ſeinem Commando thun; übrigens will ich Ihnen nicht ver⸗ bergen daß er beim Herzog perſönlich wohl angeſchrieben iſt. Ich denke Ihre Befreiung iſt die beſte Satisfaction; Sie ſind nicht der erſte ehrliche Mann den man im Drang der Umſtände verwechſelt hat. Und dann müſſen Sie mir zugeben: wenn ein Reiſender von etwas unbeſtimmtem Charakter mit Hannikels Mutter zuſammen 9⁵ durch die Wälder ſchlendert, ſo macht er ſich ſelbſt einigermaßen zum Object für die Gerichte. Ich mit der Mutter des Hannikel? rief Heinrich voll aufrich⸗ tigen Erſtaunens. Mit der alten Geißin. So iſt mir gemeldet worden. Das wäre Hannikels Mutter? Sie dürfen ſich darauf verlaſſen. Heinrich war von dieſer bittern Enthüllung ſo betroffen daß er den Oberamtmann ſprachlos anſtarrte. Er verwünſchte den Leichtſinn des Fräuleins und noch mehr ſeine eigene nachtwandle⸗ riſche Art mit den Menſchen umzugehen, die ihm wieder einmal einen abſcheulichen Streich geſpielt hatte.. Dem Pfarrer ſchien es gerathen ſich ins Mittel zu ſchlagen. Mein Freund, ſagte er, hat einen ausgedehnten Trieb der Wiß⸗ begierde, und bei ſeinen Wanderungen iſt es ihm vornehmlich darum zu thun die verſchiedenen Menſchenclaſſen und ihre Sitten kennen zu lernen. Ich kann mir recht gut vorſtellen wie dieſe ge⸗ wiß unſchuldige und ſogar nützliche Neigung ihn zu den merkwür⸗ digen Nomaden führen konnte. Ich hege nicht den mindeſten Zweifel, erwiderte der Beamte und verbeugte ſich lächelnd. Haben Ihre Forſchungen eine erkleck⸗ liche Ausbeute gebracht? O nein' ſagte Heinrich mit kläglicher Stimme. Ich kann mirs denken. Es iſt ein verſtocktes Volk, das mit ſeinen Memorabilien ſehr hinter dem Berge hält. Vielleicht wiſſen ſie ſelbſt nichts mehr von ihrer Herkunft und Geſchichte. Was ich von ihnen weiß iſt deſto gewiſſer. Sie ſind Spitzbuben vom Mut⸗ terleib an und ein wahrer Beinfraß unſres guten Ländchens. Kein Zigeuner kann ſich ordentlich halten. Oft tritt einer als Taglöh⸗ ner ein und hält ſich Wochen lang ruhig; kommt aber eine Ge⸗ legenheit zum Stehlen oder zu ſonſt etwas Unrechtem, ſo bricht die alte Natur durch; oder ſie laufen auch ohne Veranlaſſung wie⸗ der davon um zu vagiren, denn ſie ſind wie vom Teufel beſeſſen. ————;—— — Wenn ich ſie alle mit Stumpf und Stiel ausrotten könnte, ich würde mir kein Gewiſſen daraus machen. Ein Bericht der ſo eben einlief unterbrach ihn. Lupus in fabula! rief er als er das Schreiben aufgeriſſen hatte, und las mit gerunzelter Stirne. Endlich lachte er laut auf und klingelte. Während er las drückte ſich der Pfarrer an ſeinen Freund und ſagte leiſe: Laß die Maske fallen. Ich habe ja die Vollmacht nicht! flüſterte Heinrich. Ei der Teufel! ſagte der Pfarrer und rieb ſich die Stirne. Da muß ich Ihnen doch ein Specimen vorleſen! rief der Be⸗ amte, wieder zu ihnen tretend: es iſt ein Bericht von einem mei⸗ ner Schulzen, und zwar von einem mißrathenen Schreiber, der einen halben Hieb von Bildung hat. Hören Sie!„Herzogliches Oberamt! Daß der salva venia Hannikel unſre Umgegend wieder heimſucht, wollte pflichtſchuldigſt einberichtet haben. Auch iſt ein kleines Klauenſeuchle unter unſerem Vieh ausgebrochen. Gott er⸗ halte uns nur unſern lieben Herrn Oberamtmann benebſt den lie⸗ ben Seinigen, wie auch dienſtwilliger Schultheiß“ und ſo weiter. Der Pfarrer lachte unmäßig. Unſrem Helden aber war das Lachen vergangen, und der Anfang der Depeſche war für ihn ſo ernſthaft geweſen daß er ihren Schluß faſt überhörte. Sollte er den Oberamtmann mit ſeiner geheimen Sendung bekannt machen? Aber es war ungewiß ob er bei dem nüchternen Geſchäftsmanne, dem er ohnehin in etwas abenteuerlichem Lichte erſcheinen mußte, mit einer ſo verſpäteten Eröffnung noch Glauben finden würde. Und dann erinnerte er ſich an den gemeſſenen Befehl des Herzogs um jeden Preis Aufſehen zu vermeiden. Dieſer Befehl lähmte ihn jetzt völlig, denn Aufſehen war nie mehr zu befürchten als ge⸗ rade im gegenwärtigen Augenblicke, wo das Amt von ſelbſt zum Handeln aufgefordert war. Er ſah nach der Thüre; wenig hätte gefehlt ſo wäre er fortgerannt ohne ſich zu verabſchieden. Subſtitut, Amtsdiener und Stockknecht waren inzwiſchen er⸗ ſchienen und der Oberamtmann erließ Befehle an die Stadt und 97 die benachbarten Orte. Bedeutende Streifmannſchaften ſollten auf das erſte Zeichen parat ſein unter ſeiner eigenen Leitung aufzu⸗ brechen; in ſeinem Bezirk, rief er, ſolle das Geſindel nicht einen Augenblick Ruhe zu finden hoffen. Er entſchuldigte ſich bei den beiden Freunden daß ihm dieſe Anſtalten die Zeit zu angenehmerer Unterhaltung rauben, und Oreſt und Pylades, den Wink mit Freu⸗ den benützend, nahmen alsbald ihren Urlaub. Gott ſei Dank! rief der Pfarrer mit einem langen Athemzuge, als ſie auf der Straße ſtanden: ich komme mir immer wie nichts Chrliches vor, wenn ich in ſo einer amtlichen Marderfalle ſtecke. Haſt du den Amtsgeruch auch gemerkt? Mir iſt ganz flau: komm, du wirſt auch eine kleine Stärkung vertragen können.. Keine Minute länger hier! rief Heinrich, mit großen Schrit⸗ ten an dem Wirthshauſe vorüber eilend, nach welchem der gute Matthäus mit durſtigen Augen zielte. Du haſt Recht, ſagte dieſer und folgte ihm. Schütteln wir den Staub von den Füßen! Auf dem nächſten Dorfe wirds dir beſſer ſchmecken als hier, wo man in der Geſchwindigkeit einge⸗ thürmt wird ohne eine Excüſe zu erhalten. Da, blick' das Memento mori an, ſetzte er hinzu und zeigte nach dem Berge den Heinrich geſtern herabgekommen war ohne den Galgen zu bemerken der ihn zierte. Siehſt du welchem Schickſal ich dich entriſſen habe? denn hier ſind ſie verzweifelt ſchnell mit ihrer Juſtiz. Heinrich blieb einen Augenblick ſtehen und ſah ihn an. Ich bin wie im Traume, ſagte er: noch hab' ich dich gar nicht gefragt welcher freundliche Dämon dich am Schopf ergriffen und zur rech⸗ ten Stunde hieher geführt hat? Wie? Du kannſt auch nur einen Augenblick zweifeln? Der junge Prophet den du Rabenvogel gefüttert haſt. Selten hat ſich eine leidlich chriſtliche That ſo ſchnell belohnt wie dieſe. Da klopfts mir in ſpäter Nacht am Hauſe, daß ich meine, die ganze Zigeu⸗ nerſchaft ſei verſammelt, und wie ich frage, ſo iſts die gute ehrliche Haut, triefend von Schweiß; er erzählte mir deinen Unſtern, auch Schiller's Heimathjahre. II. — 2——— — 98 etwas Weniges von ſeinem eigenen ihm die Betſtunde die auf heute fi ich ſchon an dem dreibeinigen Geſe nem Troſt noch unbeſetzt fand. Ich bin beſchämt, ſagte Heinrich: ich habe den treuen Men⸗ ſchen verkannt. Das mußt du ihm abbitten! rief der Pfarrer: komm nur, er wartet auf dich, wir wollen ein Herrenleben führen. Da wir zu drei ſind ſo gehts gleich nach dem Eſſen ans Tarok. Heinrich ſchüttelte ſtillſchweigend den Kopf und ſtieg eifrig bergan, das nackte Städtchen mit ſeiner Umgebung von kahlen Anhöhen zurücklaſſend. Du rennſt ja da ich kleide mich an, übergeb' el, und mit Tagesanbruch kam llen da vorüber, den ich zu mei⸗ ß ich allen Athem verliere! rief der Pfarrer und faßte ihn unter dem Arm. Nacht dir denn der Galgen ſo ſchwül? Warum erzählſt du mir denn gar nichts von deinen Eben⸗ und Unebenteuern? 3 Davon läßt ſich nicht viel Merkwürdiges ſagen: ich war ein Gefangener und wurde als ſolcher hin⸗ und hergeſchleppt. Und zwar wirklich von deinem jungen Wilden? Heinrich nickte, und ein düſterer Schatten flog über ſein Geſicht. Wie biſt du denn wieder losgekommen? Ach, und der Rock! das war ein Streich! Mit Vergnügen ſeh' ich daß er doch an den rechten Mann gekommen iſt. Meine Frau war über dieſen neuen Diebſtahl ganz in Verzweiflung; ſie fürchtete, man werde uns ſelbſt bezichtigen ihn begangen zu haben. Heinrich lachte. Ich war ihnen entleidet, ſagte er, und ſie ſtahlen den Rock um mich wieder laufen laſſen zu können. Alſo förmlich verabſchiedet? Nun, komm nur, du Zigeuner und Räuber! wir wollen dich wieder menſchlich machen. Wir wa⸗ ren ſehr in Sorgen um di Und ich Undankbarer habe dir noch nicht einmal die Hand dafür gedrückt! Weiß ich doch alles, wie du mir nachgefolgt biſt, wie du ſogar dein Leben haſt gufs Spiel ſetzen wollen, Verzeih 99 mir, lieber trefflicher Freund, daß ich ſo ſchweigſam bin! Wenn du wüßteſt wie mir zu Muth iſt, du würdeſt mich entſchuldigen. Ich ſehe du biſt ganz verwettert, was haſt du denn? Was wollteſt du nach deiner Trennung von den Freibeutern unternehmen? Geſtern ſtanden die Sachen noch anders. Ich wollte zu dir eilen, an den Herzog ſchreiben— Dem Herzog hab' ich geſchrieben, ſagte der Pfarrer. Wie? rief Heinrich und blieb ſtehen. Was haſt du gethan? Als Tag um Tag ohne Nachricht von dir verging, hielt ichs für meine Pflicht deinen Rappen nach Stuttgart zu ſenden, und ob ich gleich über deine perſönliche Lage einigermaßen beruhigt war, ſo traute ich doch nicht ganz und wurde mit mir einig dem Herzog zu ſchreiben, du ſeieſt entführt, deiner Papiere beraubt; man habe mir, ſchrieb ich, die Verſicherung gegeben daß dir kein Leid widerfahren ſolle, außer wenn eine Verfolgung angeordnet würde, weßhalbich alles Weitere Sr. Durchlaucht anheimſtellen wolle. Und?— Keine Antwort, ſagte der Pfarrer. Dieſe Mittheilung beſtätigte unſern Freund in ſeinem bereits gefaßten Entſchluſſe. Seiner Vollmacht beraubt, und, ſelbſt wenn er ſie auch gehabt hätte, mit ihrem Gebrauch in die engſten Schranken eingeſchloſſen, war er in dieſer verwickelten Lage ganz auf ſich ſelbſt verwieſen. Unter ſolchen Erörterungen kamen ſie auf einen Hügelrand und ſahen gegenüber das Schlößchen liegen, wo die Flüchtlinge zuletzt gehaust hatten. Heinrich eilte durch das Thälchen und war mit wenigen Schritten in der Ruine. Der Pfarrer folgte ihm kopfſchüttelnd und traf ihn unter dem Thorweg an der Feuerſtelle, welche durch ausgebrannte Kohlen bezeichnet war. Sie ſind nicht mehr da, ſagte Heinrich. Hier habt ihr gehaust? Hier hab' ich Abſchied genommen, ohne zu ahnen daß ich ſo bald wiederkehren würde. 100 Du wirſt doch nicht! Heinrich nahm ihn am Arm und ging mit eilenden Schritten dem Weiler zu. Das kleine Mädchen, das neulich ſeine Botin ge⸗ weſen war, ſchien ihn von Weitem bemerkt zu haben und kam ihm entgegen. Er fragte ſie haſtig und erhielt den Beſcheid, eine alle mit einander abgezogen. Heinrich ſchlug ſich vor den Kopf. Auch Tony? rief er: und — die andern auch? Alle, alle, ſagte das Kind und deutete mit der Hand nach der Richtung hin. Laß michs kurz machen! rief Heinrich und ſchlang beide Arme um den Freund. Lebe wohl und ſei Zeitlebens meines Dankes, meiner brüderlichen Liebe gewiß. Wohin? rief der Pfarrer und faßte ihn kräftig am Arme. Dem Teufel in den Rachen fahren! rief Heinrich und ſuchte ſich loszureißen. Das ſollſt du nicht ſo lang ich noch etwas über dich vermag. Sie iſt in Gefahr! Kann ich ſie verlaſſen? rief Heinrich. Jetzt wird ſie die Arme nach mir ausſtrecken. Sie? alſo eine Sie? ſagte der Pfarrer. Nun geht mir ein Licht auf. Er hatte in der Ueberraſchung die Arme ſinken laſſen. Hein⸗ rich benützte dieſen Augenblick, drückte ihm ſchnell einen Kuß auf die Wange, Dank und Lebewohl! rief er und war mit einem Sprung im Walde. Der Pfarrer ſah verdutzt hinter ihm drein, bis er ihm aus den Augen verſchwunden war. Er rief mehrere Male, erhielt aber keine Antwort. Endlich brach er in die berühmten Worte aus: Da macht wieder einmal einer einen dummen Streich. —— — 9. In dieſem Revier herum, ſagen ſie, werd ich ihn antreffen— he holla! was ſind das für Geſichter?— Solltens— wie, wenns dieſe— ſie ſinds, ſinds!— ich will ſie anreden. Schiller, Räuber. Der März, der im Uebergange zum April ſchon etwas von deſſen Gewohnheit mit üblen und guten Launen zu wechſeln ange⸗ nommen hatte, überraſchte den Wanderer mit einem warmen, mildtriefenden Regen. Obgleich dieſe Begießung ihn völlig durch⸗ näßte, ſo war er dennoch froh daß die winterliche Kälte, die ihn um des Fräuleins willen erſchreckt hatte, ſo ſchnell wieder dem Frühling gewichen war. Unter ſeinen ſchnellen Schritten wich der Schwarzwald in großen Maſſen nach hinten, während von der Seite die Alp immer näher herüber winkte und ihm ſein gleichmäßiges Vorrücken von Berg zu Berg bezeichnte. Gegen Abend betrat er, nicht fern vom Laufe der Nagold, den Ausläufer des Schwarzwaldes, der von ſeinen Bewohnern das Heckengäu genannt wird, und die Lichter brannten ſchon hinter allen Fenſtern als er das Ziel ſeiner Erkundigungen erreichte. Es war ein Dorfwirthshaus, von wel⸗ chem ihm Geigen und Clarinetten entgegenſchallten; hieher hatte ſich, wie er zuletzt erfuhr, die Bande gewendet, um ganz offen und in guter Ruhe eine Bauernhochzeit mitzufeiern. Er ſtutzte über die Keckheit ſich ſo tief ins Herzogthum herabzuziehen, deſſen verfolgenden Arm ſie gerade jetzt mehr als jemals zu ſcheuen Ur⸗ ſache gehabt hätten. 2 Die große Stube war gedrängt voll; man tanzte um die Säule, und die Tiſche waren dicht von derben Eſſern und Trinkern beſetzt. Dieß war dem Ankömmling trotz des unlieblichen Dampfes angenehm, denn er hoffte ſtill in einer Ecke ſitzen und unbemerkt beobachten zu können. Während er ſich aber von der Thüre aus nach einem ſolchen Plätzchen umſah riefen zwei erſtaunte Stimmen wie aus Einem Munde: Unſer Doctor! und er blickte in bekannte Geſichter. Unmittelbar neben der Thüre wo er ſtand zog ſich eine lange, hell erleuchtete Tafel hin, und daran ſaßen die braunen Gäſte die er mit verwogenem Herzen ſuchte. Laura in ihrer Kna⸗ bentracht tafelte keck neben der Alten; Tony ſaß weiter unten in einem bunten Mädchenreihen; er hatte mitgerufen und ſah beim Anblick ſeines einſtigen Nebenbuhlers ſo erfreut und erleichtert aus, daß dieſem das Herz um ein gutes Gewicht ſchwerer wurde. Es muß übel ſtehen, dachte er, ſonſt würde Tony mich nicht ſo will⸗ kommen heißen.. Die Geſellſchaft war durch den Ruf aufmerkſam geworden, und manches wilde, bärtige Geſicht, manches hübſche Köpfchen er⸗ hob ſich gegen den Eingetretenen. Die Männer trugen grüne Waidmannstracht, die Weiber und Mädchen waren in bunte, zum Theil grelle, zum Theil verſchoſſene Lappen maleriſch gehüllt. Tony winkte nach dem obern Ende der Tafel, wo ein Mann ſaß, den man auf den erſten Blick für den Herrn und Bändiger dieſer un⸗ ruhigen Geiſter erkennen mußte. Eine gebietende Ruhe, eine nur etwas übertriebene Würde ſprach aus ſeiner Haltung, und das braune ſchmale ſtarkknochige Geſicht mit der großen breiten Naſe und dem langen ſchwarzen Bart hätte man, wenn das übrige Ausſehen entſprechend geweſen wäre, einem Scheik vom Berge Sinai, einem Häuptling der arabiſchen Wüſte zuſchreiben können. Tony rief ihm zu, dieß ſei der junge Gelehrte welcher geraume —— 103 Zeit in ihrer Geſellſchaft gelebt. Hannikel— denn er war es, der gefürchtete und bewunderte Zigeunerherzog— erhob ſich langſam und nöthigte dadurch den Ankömmling ſich ihm zu nähern. Ah, mein Hochgeſchätzteſter! rief er ihm entgegen, freue mich, freue mich ſehr. Viel Charmantes von Ihnen gehört. Haben Un⸗ gelegenheiten in Sulz gehabt, was ich bedaure.— Dabei fixirte er ihn ſtark und ſeine Blicke hatten etwas läſtig Herausforderndes. Heinrich fragte verwundert, wie denn das ſo ſchnell habe be⸗ kannt werden können, was ihm in Sulz begegnet ſei. Wir wiſſen Alles, erwiderte Hannikel und warf ſeine wulſti⸗ gen Lippen ſtolzlächelnd auf. Ja, es ſind grobe Leute in dem Sulz! Aber Sie hätten auch das elfte Gebot beſſer beobachten können:„Du ſollſt dich nicht ertappen laſſen.“ Ein wieherndes Gelächter begrüßte dieſen Witz. Unſer Freund preßte ſein Gemüth zuſammen und wünſchte ſich tauſend Stunden weit hinweg. Aber das reimte ſich nicht mit der Ehre die ihm zugedacht war; denn es wurde ihm ein Stuhl zwiſchen den An⸗ führer und einen finſter blickenden, mürriſchen Mann geſetzt, den jener ſofort als ſeinen Bruder Wenzel vorſtellte. Hierauf rief er einen kleinen Kobold heran, der ſich an der Tafel umtrieb, und befahl ihm mit dem zärtlichſten Tone: Geh mein Söhnchen, geh, Dieterlen, küſſe dem Herrn die Hand. Der hoffnungsvolle Thron⸗ erbe gehorchte zähnefletſchend, und da Heinrich bei der Huldigung was Weniges gebiſſen wurde und mit der Hand zurückfuhr, ſo erzitterte das Zimmer von Gelächter, und laute Bewunderung wurde den außerordentlichen Gaben des kleinen Ungeheuers gezollt. Heinrich begegnete einem begütigenden Blicke Tonys, der ihn aus⸗ zuharren bat. Um in dieſer kitzlichen Lage doch etwas zu ſagen, wandte er ſich an Hannikel mit der Bemerkung, er ſei eher aus dem Fränki⸗ ſchen zurückgekommen als ſeine Freunde erwartet hätten. Der Zigeunerherzog verzog das Geſicht. Ich habs dem guten Dachsmichel ſchon längſt verſprochen zu ſeiner Hochzeit zu kommen, 104 erwiderte er, und dann, ſetzte er hinzu, indem er ein Auge halb zudrückte, riefen mich Geſchäfte. Unſer einer muß allezeit auf den Beinen ſein, es iſt ein unruhiges Leben. Aber es gefällt mir an Ihnen daß Sie dieſes Leben auch ein wenig ſtudiren wollen. Stoßen wir drauf an. Heinrich konnte dieſe Freundſchaftsäußerung nicht umgehen, und da er ſich durchaus nicht in den rechten Ton zu finden wußte, ſo erwiderte er, nach allem was er wiſſe ſei dieſe Unruhe eine freiwillige, da wenig Anfechtung damit verbunden ſei. 3 Wenig Anfechtung? rief Hannikel, warf ein großes Stück Zucker in ſein Weinglas, trank, ſchnalzte mit den Lippen und be⸗ gann dann eine bittere Klage über die Verkennung und Verfol⸗ gung der er mit ſeinem Volk ausgeſetzt ſei. Hat nicht Gott, rief er, uns freie Leute als einen beſondern Stand erſchaffen, um zwiſchen den Reichen und Armen die Gleichheit aufrecht zu erhal⸗ ten? Glaubt man denn, wenn ich die gottloſen Juden züchtige, daß ich den Raub für mich behalte, den ſie den Chriſten abge⸗ preßt haben? Hab' ich nicht meine Einkünfte immer mit den Armen getheilt, bis auf eine kleine Belohnung, die ich mit meiner Mühe wohl verdient habe? Unſer Freund wäre faſt herausgeplatzt, ſo komiſch war ihm, wenn er auf dem kurzen Halſe den dreieckigen Kopf, die einge⸗ drückten Schläfen, vor allem die enge niedrige Stirne betrachtete, dieſes Zerrbild eines Karl Moor. Doch hütete er ſich wohl ein Aergerniß zu geben; denn eine unheimliche, deſpotiſche Tücke war auf dieſer Stirne gelagert, die mit dem ſchmalen Kranz von ſchwar⸗ zem Haar, kaum fingershoch über der Naſenwurzel, und mit der Glatze darüber einem Engpaß mit überhängender Berghalde glich. Hab' ich nicht mein Amt allezeit redlich verwaltet? fuhr der Zigeuner fort. Hab' ich nicht ſo manchen Einbruch und Raub Und mich nennt man unt der wird anders „ einen Herrn vom Hofe von dem Lande Wirtenberg abgewendet? einen Räuber und Gauner? Wer mich ke von mir urtheilen! Es iſt mir ſehr lieb 105 — denn ich weiß daß Sie das ſind— hierüber zu ſprechen; ich hoffe Sie werden einmal, wenn Sie wieder nach Stuttgart kommen, Ihren Einfluß geltend machen und meinen Verdienſten Eingang verſchaffen. Ich habe durch mein Anſehen das ganze Land gegen Uebelgeſinnte vertheidigt und beſchützt, und hoffe noch die größte Belohnung für die Wohlthaten zu erhalten, die ich den Wirten⸗ bergern ſchon ſeit zwanzig Jahren erzeigt habe, wenn meine Sache einmal dem durchlauchtigſten Landesvater vorgelegt wird. Heinrich wollte kaum ſeinen Sinnen trauen, als er den Mann, der dem allgemeinen Gerüchte nach ſchon mehr als vierzigtauſend Gulden geraubt hatte, dieſe Reden mit rauher und ſchnaubender Stimme vorbringen hörte. Das iſt ein luſtiges Leben! dachte er: am Ende hat jeder Recht. Es wächst doch keine Pflanze ſo frei⸗ gebig als Gründe; ja, alter Falſtaff, du haſt den Nagel auf den Kopf getroffen: Gründe ſind gemein wie Brombeeren.— Daß er als ein Mann von Gewicht behandelt wurde, das hatte, wie er bemerken konnte, einen ſichtbaren Eindruck auf die Bande ge⸗ macht; obgleich er ſein Anſehen bei Hofe für den Augenblick wohl⸗ feil genug angeſchlagen hätte, ſo war ihm doch dieſe Vorausſetzung höchſt willkommen, da ſie ihm einigermaßen für ſeine perſönliche Sicherheit und im Nothfall für die Nachdrücklichkeit ſeiner Schutz⸗ und Widerſtands⸗Maßregeln bürgte. Da er ſah, wie Hannikel den erſten Augenblick benützt hatte um ſich eine günſtige Meinung bei ihm zu erwerben, ſo beſchloß er ſeine Rolle ſo klug als mög⸗ lich zu ſpielen, und antwortete, er zweifle allerdings nicht daß manche Handlung, in der Nähe betrachtet, in einem andern Lichte ſtehe als aus der Ferne, und von der Gerechtigkeit des Herzogs laſſe ſich das Beſte hoffen. 3 Ja, ja, das glaub' ich! ſagte Hannikel: aber ſind ſeine Diener auch ſo gerecht? Nein, das haben Sie an ſich ſelbſt in Sulz er⸗ fahren.— Ci, da muß ich doch fragen: wie kommt es denn daß Sie als ein ſolcher Mann in eine ſolche Fatalität gerathen ſind? Sie hätten ja nur mit der Ungnade des Herzogs drohen dürfen. 106 ang an und ſchien die Wahrhaf⸗ abzuwägen. Dann ſagte er raſch: rzwald geführt, wenn Der Zigeuner wandte denſelben for ließ ihn über ihr Geſicht und ihr Wämm ſah dann mit einem leichten Lächeln auf vor ſich nieder. Hierauf ſagte er mit einem Tone, worin etwas gütig Herablaſſendes liegen ſollte: iſt ni ü man ſich bei längerem Ausbleiben ein wenig ernſthaft nach dem Wildfang umſehen wird? Allerdings, erwiderte Heinrich, fände ich es gerathen wenn der junge meiſterloſe Herr bei Zeiten an die Heimkehr denken wollte. Ich beſorge, der Spaß hat am längſten gewährt, ſetzte er gegen das Fräulein hinzu. Es gefällt mir ſehr gut hier, ſagte ſie, Kreis umſehend, und wurde dabei zärtlich von d Heinrich ſah ungewiß darein. Galt ſie wirklich für einen Knaben, oder wurde nur mit de m Schein geſpielt? Er betrach⸗ tete die Weiber und Mädchen die umherſaßen: ſie hatten ſo auf⸗ fallende, unverkennbare Formen, daß das Fräulein neben ihnen durch nichts andres als ihren kleinen, zarten Wuchs verrathen ſich unbefangen im er Alten geſtreichelt. —— 107 werden konnte. Von den Zigeunern die früher ihren Kreuz⸗ und Querzügen gefolgt waren bemerkte er einige in der Geſellſchaft; ſie waren, wenn ſie es nicht ſelbſt entdeckt hatten, nicht in das Ge⸗ heimniß eingeweiht worden. Von den Mädchen war nur Fed⸗ dricho zugegen, auf deren Treue er jedoch bauen zu dürfen glaubte. Die übrigen waren ihm unbekannt. Aber die Alte! war ſie denn nicht die Mutter des Erzzigeuners? Welche heilloſe Verwicklung! Er beobachtete ſie aufmerkſam: ſie ſaß ruhig da und in ihren Mienen wenigſtens war eine Spur von Hinterliſt nicht zu erkennen. Mitten in dieſen Forſchungen fühlte er Hannikels ſchief lauern⸗ den Blick auf ſich gerichtet. Er nahm ſich zuſammen, und um das peinliche Thema auf einmal abzuſchneiden erhob er raſch die Ge⸗ genfrage, wer denn jener herzogliche Soldat eigentlich geweſen ſei, der ihn ſo übermüthig behandelt habe. Ich war erſtaunt, ſagte er, an ihm und ſeinem Weibe alle Kennzeichen Eures Stammes zu finden. Geplauder und Gelächter waren unterdeſſen unbekümmert die Tafel hinauf und hinabgelaufen; nun aber, als bei dieſer Frage Wenzel ſein Glas auf den Tiſch niederſtieß daß es in Scherben zerbrach und der Wein umherſpritzte, richteten ſich alle Blicke auf den unbedachtſamen Sprecher, und eine verhängnißvolle Stille trat ein. Hannikel gab ſeinem Bruder einen Wink und begann: Wir ſprechen nicht gern von dieſem Böſewicht, da er uns allen viel zu leid gethan hat. Er iſt ein Abtrünniger, und nicht genug daß er von uns abgefallen iſt, er hat auch einen Poſten angenommen wo er uns beſtändig cujoniren und beſchädigen kann. Auch das war ihm nicht genug: er hat meinem Bruder Wenzel hier ſeine Frau, die Mantua, beſchwatzt und mitgenommen, nachdem ſie ſo manches Jahr vergnügt zuſammen gelebt hatten. Ich hörte ihn etwas der Art ſagen, verſetzte Heinrich: aber ich hielt es für bloße Prahlerei. 108 Nein, es iſt leider wahr, erwiderte Hannikel und ſeine Stimme war ganz gefühlvoll geworden. Er iſt ein Menſch der kein Geſetz und kein Herkommen achtet, er iſt der größte Böſewicht auf Gottes Erdboden. Da wunderts mich nur, ſagte Heinrich, daß er, der allein iſt, den Muth beſitzt ſich ſo viele Feinde auf den Hals zu laden. O er iſt grauſam ſtark und darauf verläßt er ſich, war die Antwort. Sehen Sie mich an, ich bin nicht von Brei, und doch — hier dämpfte der Zigeuner die Stimme— und doch hat er mich, als er noch bei uns war, einmal ſo geſchlagen daß ich vier⸗ zehn ganze Wochen krank und in Lebensgefahr lag, und das iſt wegen einer Kleinigkeit geſchehen. Er iſt jähzornig und gewalt⸗ thätig— nun, Sie habens ja ſelbſt erfahren. Mein Herz kehrt ſich um wenn ich an dieſen Menſchen denke. Wär' er doch un⸗ term Boden! eher kann ich nicht wieder fröhlich ſein. Sterben muß er! rief Wenzel und ſchlug mit der Fauſt auf den Tiſch. Au-auch hat er den Feu— eu— euerſegen, ſtotterte ein unter⸗ ſetzter Knirps, der weiter unten ſaß. Was ſchwatzt der da für dummes Zeug! rief Hannikel mit einem Seitenblick auf den fremden Gaſt. Ja, ja, der Nottele hat Recht! rief ein hagerer Zigeuner mit gelbſüchtigen Augen. Der Schurke hat ſein Geheimniß dem Karl Herzog verkauft; drum darf er jetzt frei durchs Land ziehen und kriegt überall wo er ſeinen Paß aufweist einen Sechsbätzner. Wir dürfen uns kaum blicken laſſen, ſo geht die Hetze los. Wir wollen den Feuerſegen von ihm nehmen! riefen die Einen. Wir wollen auch ſo einen Freipaß! ſchrieen die Andern. Fontin! glaubſt du auch an die Dummheiten? rief Hannikel mit offenbarem Unwillen. Freilich glaub' ich! war die Antwort: und du magſt dich ſtellen wie du willſt, du glaubſt ſelber dran. Stille! rief der Anführer. — 109 Ich laſſ' mir den Mund nicht verſiegeln! ſchrie Fontin, heftig auf den Tiſch ſchlagend. War ich nicht einmal ſelber dabei und ſah den Herzog wie er das Feuer bannte? Dreimal ritt er herum und ſprach den Feuerſegen, und es brannte nicht weiter. Haben Sie auch ſchon von dieſem Unſinn gehört? ſagte Hannikel und gab ſich das Anſehen ſpöttiſcher Verachtung. Ich weiß ſonſt nichts, erwiderte Heinrich, als daß beſtändig in Hohenheim Pferde und Wagen für dieſen Fall bereit ſtehen, und daß der Herzog zu jeder Stunde des Tages und der Nacht, wo ein Feuerreiter eintrifft, mit unbegreiflicher Geſchwindigkeit, und wenn es bis zur Grenze ginge, nach dem Brandplatze eilt, wo ſein raſches Commando in den meiſten Fällen das Unheil beſiegt. Da iſt es nun natürlich daß man ihn um das Feuer herumreiten ſieht. Nichts, nichts! ſchrie Fontin, ganz ergrimmt über dieſe na⸗ türliche Auslegung. Der da weiß es beſſer! Der hats auch ſchon geſehen. Sprecht Ihr, alter Wilderer! Eine Gruppe von Bauern hatte ſich bei dieſem anziehenden Geſpräche hinter den Stühlen geſammelt, und ein alter Mann mit weißen Haaren und einem Kaninchengeſicht, der Aufgeforderte, nahm das Wort: Ha freilich, rief er, iſt es ſo wie Ihr ſagt, Fontin, und auch ſo wie der Herr da geſagt hat. Ich war ja einmal dabei, und es war ein unmöglich grauſiges Feuer, und da kam der Karl Herzog grad auch ſo ſchnell daher, wie vom Himmel herabgeſchnieen, und reitet dreimal ums Feuer, und wie er fertig iſt ſagt er: Jetzt laßts brennen! ſagt er. Ihr Herren, der Balken der verbrannt war, der war verbrannt, aber es iſt auch kein Span weiter angegangen. Und einen Vogelkäfig ſah ich im Feuer hangen, und er gaukelte ſchon in den Flammen, und der Käfig iſt nicht mehr verbrannt, ſo ſchnell war den Flammen Einhalt gethan. Jetzt laßts brennen! hat er geſagt, und ſagen und davonreiten war eins; denn er darf ſich niemals verweilen 110 wenn er das Feuer gebannt hat, weil das Feuer dann an ihn will, deſſentwegen reitet er dann immer ſo ſchnell davon. Er ſchien noch mehr erzählen zu wollen, aber ein Lärm der ſich in der Gegend der Säule erhob unterbrach ihn. Der Bräu⸗ tigam eifert wieder einmal, ſagten die Bauern und eilten hin um Frieden zu ſtiften.. Ja, ſagte ein anderer Zigeuner, das Geſpräch fortſetzend: und den Feuerſegen hat er von dem Erzſpitzbuben gekriegt, das iſt ganz gewiß. Nicht wahr, Nottele? Ja, Po—o-oſtel, erwiderte dieſer, wohlbehäglich daß er die Antwort herausgebracht hatte. Und ich bin der Meinung, rief abermals ein Anderer unten herauf, daß wir ihm den Segen abnehmen; damit können wir uns gute Tage machen. Nimms wie du willſt, Baſtardi erwiderte der Anführer. Nach unſern Geſetzen hat er den Tod ſechsfach verdient: er hat mich und meinen Bruder beleidigt, er mißhandelt ein Weib, er iſt von uns abgefallen, er hälts mit unſern Feinden und verfolgt uns, und dann hat er dieſen Herrn, der ihm nichts zuwider that, bloß deßwegen weil er unſer Freund iſt verhaftet. Heinrich proteſtirte höchlich, er wünſche ſich darum nicht zu rächen. Aber Wir müſſen die Rache übernehmen! rief Hannikel mit aller Rauheit ſeiner Stimme: denn es war auf Uns gemünzt. Wenn ihr dann, ſetzte er gegen die Seinigen hinzu, wenn ihr dann den Feuerſegen bei ihm findet ſo iſt es ja nr um ſo beſſer. Nieder mit ihm! das iſt das Erſte! rief der ſtumm haſſende Wenzel und zerbrach abermals ein Glas bei dieſer Aufforderung. Nieder mit Tony! er muß ſterben! ſterben! ſchrieen die An⸗ dern nach und ſtießen die Gläſer zuſammen. Heinrich blickte betroffen auf Tony, der, eine Hand auf Feddri⸗ 1 cho's Schulter gelegt, ruhig lächelnd in dem allgemeinen Getüm⸗ mel ſaß. Tony? rief er unwillkürlich: was hat er denn gethan? 111 Wer? Ich? fragte Tony herauf. Dummheiten! ſagte Hannikel: von dir iſt gar nicht die Rede. Er heißt aber Tony, ſagte Heinrich. Nein, verſetzte Hannikel: ſo heißt der Grenadier, der Sie gefangen genommen hat. Wenzel fuhr auf: Wer Tony heißt muß ſterben! rief er. Tony gab eine trotzige Antwort und Wenzel wollte auf ihn losſtürzen. Hannikel hielt ihn aber am Arm und fragte Tony: Wie kommſt denn du dazu, Kleiner, dir einen Namen anzumaßen den dir niemand gegeben hat? Die Geißin hat ihn mir gegeben! rief Tony. Meine Mutter iſt nicht berechtigt Namen zu geben, verſetzte Hannikel: das kann nur in der Verſammlung und vom Ober⸗ haupt geſchehen. Der Schurke hat die Weiber alle bethört, die alten wie die jungen; nun als ſie ihn entbehren mußte wollte ſie wieder einen Tony haben.— Dein Name gilt nichts! rief er mit dem ganzen Nachdruck ſeiner Hauptmannswürde; dann faßte er ſeinen Bruder bei der Hand und ſagte auf Tony deutend: Dieſer heißt Suſelo, trink ihm eins auf den Kopf zu! Wenzel trank mit dem Neugetauften, und ſo die Uebrigen der Reihe nach. Dann ſagte Hannikel: Ich will dir auch eine Frau zu deinem Namen geben. Willſt du die Dudane, oder die Da⸗ nena, oder die Tirana? Die Legart hab' ich dem Nottele ver⸗ ſprochen. Nein, du ſollſt meine eigene Stieftochter, die Urſula, bekommen: da nimm ſie. Tony— denn da wir nicht an Zigeunergeſetze gebunden ſind ſo wollen wir fortfahren ihn ſo zu nennen— Tony hatte bei die⸗ ſen raſchen Reformen die mit ſeiner Perſönlichkeit vorgenommen wurden keine Miene verzogen; er ſtand auf, ging auf eine der Dirnen zu, die über den bildhübſchen Ehegenoſſen ſichtbar erfreut war, und führte ſie zum Tanz. Heinrich ſah ſie an als ſie an ihm vorüberging, und glaubte das Mädchen wiederzuerkennen, das am Abend ſeines Abſchiedes 112 ſo leichtfüßig die Anhöhe gegen Tony herabgeſchritten war. Sie hatte lichte Haare, eine hellere Haut als die andern, und war unſtreitig die Schönſte von allen. Zugleich aber ſielen ihm die Reden wieder bei, welche Tony, der Grenadier, auf dem Wege nach Sulz geführt hatte. Und hatte nicht auch Wenzels treuloſe Geliebte von einer Urſula geſprochen, welche Dornen hinter ihren Roſen verbergen ſollte? Er ſah in ein räthſelhaftes Gewebe, in eine unheimliche Verwicklung hinein. Nottele führte ebenfalls ſeine Legart zum Tanze. Andere Paare folgten. Die Weiber, beſonders die alten, deren mehrere zugegen waren, ſtopften ſich ihre Stumpfpfeifchen, und ſetzten ſich hinter den Tanzenden auf Bänke der Wand entlang, wo ſie ſchmauchend und Schnaps trinkend zuſahen. So waren denn außer dem Zigeunerhauptmann nur die bei⸗ den unheimiſchen Gäſte der freien Leute an der Tafel geblieben. Heinrich betrachtete das Fräulein; ein heiteres Lächeln ſchwebte auf ihren Zügen und der ſchärfſte Beobachter hätte auch nicht eine Spur von Zwang und Befangenheit an ihr wahrgenommen. Doch ſchien ſie dieſe Gelegenheit zu einer heimlichen Unterredung mit ihrem Ritter längſt erwartet zu haben, und wandte ſich an den Zigeuner mit der ſchnellen Frage warum er den Tanz nicht auch mitmache. Hannikel ließ wieder wie vorhin ſeinen Blick an ihr hinab⸗ gleiten und erwiderte ſchmunzelnd: Ich bin ſchon in geſetzten Jahren, und muß mich eher wundern daß ſo ein junges Blut nicht Luſt zum Tanze hat. Kommen Sie, ich will Ihnen eine flinke Tänzerin ausſuchen. O weh, ſie ſind alle am Brett! Thut nichts, jetzt ſoll der Spaß nur um ſo größer werden. Ich will ſelbſt Ihr Tänzer ſein, daß der junge Herr ſagen kann, er habe einmal mit dem großen Hannikel getanzt. 3 Ein leichter Schatten lief über ihr Geſicht, aber er war ſo ſchnell verſchwunden daß man glauben konnte man habe ſich ge⸗ täuſcht; ſie ſprang luſtig auf und rief: Eine ſolche Ehre iſt mir 113 freilich noch nicht widerfahren! Aber Ihr müßt das Frauenzim⸗ mer machen, anders kann ich nicht tanzen. Der Zigeuner ſchlug ein gellendes Gelächter auf, und ließ ſich von ihr zu der Säule führen, wo er von den Andern mit Klatſchen, Lachen und Jubel empfangen wurde. Heinrich ſah ihnen nach und ihm war ſchlimmer zu Muth als da ihn auf jener Redoute der Teufel am Arme hatte. Nur allzubald ſollte ſich ſeine Befürchtung rechtfertigen. Er ſah auf einmal wie der Zigeuner ſeine Stellung wechſelte, ſie als Tänzerin behandelte, den Arm um ihre Hüfte ſchlang und ſie im Tanzen feſt an ſich drückte. Er hatte ſich ſchon der Hoffnung hingegeben, ihr Geſchlecht werde unentdeckt bleiben bis ſich Mittel zur Flucht finden ließen; und nun ſchien alles auf der Spitze zu ſtehen. Er ſann und ſann wie zu helfen ſei, und mußte das Unerträgliche geſchehen laſſen. Auf einmal aber erhob ſich ein ſchrecklicher Tumult; Flüche donnerten, Tiſche und Stühle wurden über den Haufen ge⸗ worfen. Heinrich ſah Meſſerklingen blinken, und warf ſich um das Fräulein zu ſchützen unter die Tanzenden, die in einem Augenblick zu einem dichten Knäul zuſammengeballt waren. Er blickte umher, und als er den Gegenſtand ſeiner Beſorgniſſe in einer Ecke bei der Alten ſtehen ſah, geſchirmt durch eine ſtarke Paliſade von Bauern die ſich eben dahin zurückgezogen hatten, ſo lehnte er ſich, unfähig durchzudringen, an die freigewordene Säule, und ſah gleichgiltig, doch nicht ohne ein inneres Grauſen, in das Getümmel. Da fühlte er einen Wurf der ihn ſtreifte. Es ſchien eine Brodkugel zu ſein, wie ſie nach aufgehobener Tafel der geſättigte Muthwille zu ſeinen Neckereien benützt, und da er vermuthete daß der Wurf von Hannikels ungezogenem Kobold herrühre, ſo beſchloß er nicht darauf zu achten. Aber gleich darauf traf ihn ein zweites Geſchoß, und zwar ſtark und ſchmerzlich, auf die Wange. Er wandte ſich zornig nach der Richtung woher es gekommen war, und ſah etwas hinterwärts der halboffenen Thüre, auf welche ein Schiller's Heimathjahre. II. 8 114* Lichtſchimmer fiel, Tony, der ihm einen bedeutenden Wink mit den Augen gab. Er warf ſchnell ſeine Blicke umher und ſchlüpfte hinaus. Jetzt iſts nicht Zeit zum Plaudern! ſagte er, als ihn der junge Zigeuner bei der Hand ergriff. Komm und ſteh zu mir! Sie iſt in Sicherheit, es kann ihr nichts geſchehen! flüſterte Tony: ich ſelbſt habe den Lärmen erregt, ich habe ein allgemeines Zornfeuer einfältiger Eiferſucht angeſchürt, und die Bauern und die Meinigen unter ſich und gegen einander aufgehetzt. Da hilft ſo bald kein Feuerſegen, und der alte Satan kann lang bannen und beſprechen, derweil wir Rath mit einander halten. Er hatte ihn in einen dunklen Gang geführt, wo ſie unbe⸗ lauſcht waren. Tony, was haſt du gemacht? rief Heinrich: iſt das deine Liebe? So ſehr haſt du nur auf dein eigenes Vergnügen gedacht, daß du ein unbeſonnenes junges Weſen dem Verderben preisgeben konnteſt? Haſt du dieſe Folgen nicht geahnt? Du mußteſt ſie vorausſehen! Und konnteſt dich ſo ruhig ſtellen? Er hörte ihn weinen und legte ihm die Hand auf den Arm. Rede, was iſt zu thun? rief er. 4 Ich muß Verräther unter den Meinigen gehabt haben, ſagte, Tony mit faſt erſtickter Stimme. Ich verließ mich ſo feſt auf ſie. Ich wußte daß er noch lang ausbleiben wollte. Und hatteſt ſeine Mutter bei dir! Die hat nichts verrathen! rief Tony eifrig: ſie hat mich lieber als ihn, ſie geht durchs Feuer für mich. Aber wir wollen die Zeit nicht verlieren. Was iſt zu thun? das frag' ich auch. Saſt du keinen Rath? Ihr ſeht wie die Sachen ſtehen. Ich ſehe es, Dank deinem unerhörten Leichtſinn. Er hats gemerkt, flüſterte Tony, daß ſie ein Mädchen iſt, oder hat ers ſchon vorher gewußt. Auch ſcheint er zu wiſſen daß ſie ihre Kleinodien eingenäht im Wämmschen trägt. Er war ihnen eben auf der Spur als ich den Tumult erregte.— — — 115 Wenn er ni Heinrich hin. Macht mich nicht raſend! Helft ſie retten! Gib mir meine Vollmacht! es wird doch ein Schultheiß im Orte ſein? Ein Schultheiß! Ihr habts mit Leuten zu thun, die bei Tage, wenn es ſein muß, ein Haus beſtürmen, ohne daß ſich Schulz und Bauern zu rühren wagen. Schöne Kameradſchaft. Es ſind doch Männer. Und das nächſte Amt? Nach Nagold haben wir zwei Stunden. Es iſt ſchon ſpät. Ihr findet den Weg nicht leicht. Ich bin ein Zigeuner, den man bloß feſtnehmen würde, und Ihr, nehmt mirs nicht übel, ſeht auch ein wenig verwahrlost aus. Wenn man Euch aber auch dort ſogleich Folge leiſtet, ſo wird es faſt Mittag bis die nöthige Mannſchaft verſammelt und hieher gezogen iſt. Unterdeſſen ſind ſie über alle Berge und Eure Streifer gehen vergnügt wieder heim. Da find' ich raſchere Hilfe beim Herzeg ſelbſt. Spiele du inzwiſchen den gehorſamen Schwiegerſohn, ſchaff mir ein Pferd, und hinterlaß mir ein Zeichen wohin ihr euch gewendet habt. Halt! rief Tony: ich bin bei Nacht zu Fuß ſchneller als Ihr zu Pferd. Laßt mich gehen! Morgen mit dem Früheſten bin ich in Hohenheim. Euer Verſchwinden würde größeren Verdacht erregen als das meine. Von mir glaubt man höchſtens daß ich dieſer Heirath aus weichen will, und da hat man Recht. Aber, ſagte Heinrich, bis du nach Hohenheim kommſt, kann die ganze Sippſchaft über der Grenze ſein. Nein, erwiderte Tony. Ich werde ſie noch weiter landab treiben. Ihr wißt nicht was ich weiß. Er hat einen Aberglau⸗ ben gegen Sulz. Wenns heut Nacht Lärmen gibt, und das wirds geben, verlaßt Euch drauf, dann wird er nicht umkehren, ſondern vorwärts ziehen. Er fürchtet den Herzog weniger als den Ober⸗ cht noch Schlimmeres im Schilde führt, warf amtmann, und zudem, hab' ich ihm abgemerkt, glaubt er ein Pfand an ihr zu haben, das er theuer verhandeln kann. Was ſoll ich dem Herzog ſagen? 7 Wird er dir glauben? Er wird, er muß! Er hat meinen Kopf in der Hand, und was noch mehr iſt, ich hab' ja die Vollmacht, die mich als Euren Boten ausweist. Nein, nein! die läßt du mir für den Nothfall, gib ſie nur gleich her. Tony gab ihm ungern aber ohne Widerſtreben das lang ent⸗ behrte Papier zurück, nebſt einer Terzerole, welche Heinrich in die Seitentaſche ſteckte. Ich will ein paar Worte an ihn ſchreiben, ſagte er. Man könnte uns ſehen, rief Tony ängſtlich. Heinrich griff in die Brieftaſche und überreichte ihm ſein akademiſches Anſtellungsdecret, das er daſelbſt verwahrte und am großen Format in der Dunkelheit erkannte. Dieß wird dich legitimiren, ſagte er. Wie du dich darſtellen willſt, das mag dir ſelbſt überlaſſen ſein. Er will das Aufſehen vermeiden, ſag' ihm, er ſolle eine Jagd veranſtalten und uns einſchließen. Aber getrauſt du dir zu beſtimmen wo wir morgen ſein werden? Sorgt nicht! bis morgen Mittag ſtoßen wir zuſammen. Mein Bruder ſteht im Walde draußen auf der Wacht; mit dem will ich das Nöthige ſchon verabreden. Sagt nur der Feddricho, ſo wie ſie morgen den Lerchenſchlag höre ſolle ſie antworten. Und jetzt hinein! es iſt die höchſte Zeit. Mit bangen Zweifeln trat Heinrich wieder in die Stube. Das Geſchrei hatte noch nicht nachgelaſſen, und noch immer blink⸗ ten die Meſſer; aber es war kein Blut gefloſſen, und die Dro⸗ hungen ſchienen nicht ſehr ernſtlich zu ſein. Tony ſchlängelte ſich wie ein Blitz durch die Menge, raunte dem Fräulein zwei Worte zu, und ſchlug ſeine Angetraute, die neugierig dem Lärmen zu⸗ ſah, von hinten auf die Schulter, Heinrich ſah ihn eine Weile 117 ganz unbefangen und zärtlich mit ihr reden, dann aber auf ein⸗ mal ſich ins offene Fenſter ſchwingen und verſchwinden. Nun war er allein, und das ganze Gewicht deſſen was kommen ſollte lag ſchwer auf ſeiner Seele. Laura's Augen waren auf ihn ge⸗ richtet; er blickte umher, und da Feddricho nicht weit von ihm auf einem Stuhle ſaß, ſo eilte er zu ihr und ſchlang den Arm um ihren Hals, wie wenn er ihr freundlich thun wollte. Mit wenigen Worten theilte er ihr Tony's Auftrag mit. Sie verſprach treulich zu gehorchen und ſagte mit Thränen in den Augen: Ich merke wohl, er wird nicht wiederkommen, er will nicht länger bei uns bleiben. Er beruhigte ſie ſo gut er in der Eile konnte, und ſtellte ſich dann als müßiger Zuſchauer hinter die Streitenden. Ihr Feuer, vielfach von Hannikels rauher Stimme beſchworen, hatte ſich in⸗ zwiſchen ſo weit abgekühlt daß der Bräutigam, nach der Gewohn⸗ heit der Bauern, den Krieg zum Zeichen des nahen Friedens auf das allerkleinſte Gebiet zu treiben, nur noch einen Gänſediebſtahl vorbrachte. Er fluchte und verſicherte, er könnte die Diebe mit Namen nennen. Du biſt ein Narr, lachte der Zigeunerhäuptling: glaubſt du denn, meine Leute hätten nöthig Gänſe zu ſtehlen? Wenn ich wollte ſo müßten mir alle Gänſe in deinem Ort auf Einen Strich zufliegen, und die Gänſeriche ebenfalls, dich an der Spitze. Ein allgemeines Gelächter entſtand. Hannikel ſah ſich ſchmun⸗ zelnd im Kreiſe um und fuhr fort: Sei jetzt vernünftig, Dachs⸗ michel! du weißt daß wir als Freunde auf deine Hochzeit gekom⸗ men ſind. Mit den Gänſen ſei es wie es wolle, wir vertrinken ſie in ein paar Bouteillen auf meine Rechnung. Und zum Be⸗ weis daß jetzt Friede iſt ſetzſt du dich hin und machſt mir ein paar Schuhe; mein Wandel iſt alleweil nicht der beſte. Der Schuſter und Hochzeiter, der in ſeinen eigenen Schuhen kaum noch aufrecht ſtehen konnte, behauptete er habe heut einen Feiertag. Hannikel aber ließ ſich von einem Einfall der ihm 118 einmal gekommen war nicht ſo leicht wieder abbringen: deine Feiertage ſind vorbei, du Narr! ſagte er, und ich will die letzten Schuhe haben die du mit lediger Hand verfertigſt; denn nachher würden ſie mich drücken. Ich habe meinen Kopf darauf geſetzt, ich will Schuhe von dir haben in deiner Hochzeitnacht; ich werde ſie gut bezahlen, hörſt du? Aller Einwendungen ungeachtet mußte ſich der Hochzeiter ſein Werkzeug holen laſſen und unter dem Gelächter der Bauern die Arbeit angreifen, bei welcher ihm ein paar zu ſeinem Glück ein⸗ geladene Zunftgenoſſen behilflich waren. Die Feinheit mit wel⸗ cher unter dieſen Umſtänden die Schuhe gearbeitet wurden mochte viel vermiſſen laſſen; deſto weniger aber war an der Geſchwindig⸗ keit auszuſetzen. Hannikel nahm zur Seite Platz, ließ Wein genug bringen und ſah zu. An der Säule hob der Tanz wieder an; Laura hielt ſich ſchäkernd zu den Mädchen, aber ihr Plan den Freund ebenfalls herbeizuziehen ſcheiterte an der Schlauheit des Anführers, der ihm alsbald wieder einen Sitz neben ſich anwies. Die Schuſter zechten wacker; die Braut hatte ſich ſchmollend zu ihnen geſetzt, und die Bauern rückten auch geworden waren, mit qualvollen Erkundigu chen und Charakter beſtürmt, ſcheide, ſie ſollten nichts fragen was ſie doch ni Wie iſts, ſchöne Frau? ſagte er zu der neuen Meiſterin: nicht wahr, Ihr wünſcht mich ſamt den Schuhen ins Pfefferland? Aber ſeht einmal wie es Eurem Liebſten ſchmeckt! Wollt Ihr den Wein nicht auch verſuchen? Mag nicht! ſagte ſie:'s iſt ein trüber Wein, einen Lumpen laufen. Sie deutete auf ihren Bräutigam, muß erſt durch der eben den Pechdraht —j—————yᷓ—— 119 hängen ließ, um, wie er ſich gegen ſeine Mitarbeiter ausdrückte, den Wein zu verſohlen. Ich weiß nicht was das iſt, ſagte er grinſend zu ſeiner Braut: ich hab' einen hohlen Zahn, der will eben immer, immer ſaufen, und keiner iſt der mir ihn'rauszieht. Hannikel lachte unmäßig und warf ein großes Stück Zucker in ſein Glas. Das muß wahr ſein, ſagte einer der Bauern halblaut: er lebt wie ein Graf. Was iſts nun auch? verſetzte ein anderer eben ſo: ein Graf hat nicht mehr als die vier Elemente, und die kommen auch bei der Bettelpfanne zuſammen. Auf welche Art? fragte Hannikel, der die letzten Worte gehört hatte. Erde und Feuer drunter, Herr, und Luft und Waſſer drin. Gut gegeben! rief Hannikel, der Stich überhörend, der ſeine eigene nomadiſche Lebensweiſe traf, und reichte dem Naturphilo⸗ ſophen die Flaſche. Er hatte aber bei dieſer Unterhaltung nicht vergeſſen ſeine Augen im ganzen Zimmer zu beſchäftigen. Jetzt winkte er plötzlich ſeine Tochter herbei, welche eben eingetreten war: Das iſt mir eine ſaubere Liebe! ſagte er: wo iſt denn dein Suſelo?„ Er iſt gegangen die Morgengabe zu holen, antwortete ſie ſehr verdrießlich: er ſagte es wäre ja eine Schande. Ein Blitz fuhr aus den Augen des Zigeuners; ſie beganne zu rollen. Aber im Nu war dieſe Erſcheinung vorüber; er lächelte und ſagte mit ruhiger Faſſung zu ihr: Du bekommſt einen braven Mann. Ein rechter Chemann muß bei Zeiten auf die Erhaltung ſeiner Familie denken; nicht wahr? Dieſer Satz war an unſern Freund gerichtet, auf den er ſeine Augen heftete; ſie ſahen ganz heiter, und doch funkelten ſpitzige Meſſer bohrend und forſchend daraus hervor. Heinrich hielt den Blick unbefangen aus und erwiderte, ein junger Mann könne ſich an dieſer Aufführung ſpiegeln. 120 Hannikel trank das Wohl ſeines Tochtermannes, und nöthigte ihn das Gleiche zu thun. Er ſchenkte ihm ‚fleißig ein; da aber Heinrich dieß regelmäßig vergalt und nicht die mindeſte Furcht vor dem Trinken zeigte, ſo gab er die Operation bald wieder auf. Zugleich drängte er die Schuſter ihre Arbeit zu fördern. Unſer Freund, um der Rolle des harmloſen Forſchers treu zu bleiben, fragte ihn nach der Herkunft und Geſchichte ſeines Stammes, wurde aber mit offenbaren Prahlereien bedient, und da der Zi⸗ geuner am Ende ganz ernſtlich behauptete, ſeine nächſten Vorfahren ſeien noch in Egypten erzeugt worden, ſo ward es klar daß er nichts wußte oder nichts ſagen wollte. Deſto ſchlauer verſtand er ſeine Gegenfragen zu ſtellen, und aus den zahlloſen Kleinigkeiten und unbedeutenden Nebendingen nach welchen er forſchte erſah Heinrich das Mühſelige und Hundertäugige ſeines Gewerbes. Er ſah den Haß und die Verachtung worin bei dieſer Menſchenclaſſe die Behörden und vorzüglich die proteſtantiſchen Pfarrer ſtanden, und erblickte zwei Welten von welchen eine der andern gleich recht⸗ los erſchien. Dabei mußte er ſich beſtändig hüten daß er nicht durch eine unbedachte Antwort eine für Andere verderbliche Auf⸗ klärung gab; die verſchiedenen Vermögensverhältniſſe über die er Auskunft ertheilen ſollte waren ihm ohnehin nicht bekannt. Dieſes peinliche Eramen, dem er ſich nicht entziehen konnte ohne den Frieden vor der Zeit zu brechen, erſtreckte ſich auch auf ſein eigenes Weſen und Treiben, und ſchloß mit einem ganz uner⸗ warteten Antrage. Da Sie ſo gut mit der Feder umzugehen wiſſen, ſagte Hannikel, ſo könnten Sie mir eine große Freund⸗ ſchaft erzeigen. Ich bin eigentlich ein gelernter Jäger, habe aber meinen Lehrbrief einmal aus Zerſtreuung ins Gewehr geſtoßen, was mich manchen Unannehmlichkeiten ausſetzen kann. Nun möchte ich Sie bitten mir einen neuen Lehrbrief oder einen Ausweis zu ſchreiben, womit ich mich nöthigenfalls behelfen könnte. Heinrich lehnte dieſe Zumuthung mit Erröthen ab und ver⸗ ſicherte in Schreibereien ſolcher Art gänzlich unbewandert zu ſein. — —— 121 Das thut nichts, verſetzte Hannikel: ich kanns Ihnen vorſagen. Wozu habt Ihr denn Freunde, Hannikel, wenn Ihr nichts von Ihnen wollt? rief eine Stimme und ein junger Menſch von lüderlichem Ausſehen ſtand hinter ihnen, der dem Zigeuner einen vertraulichen Schlag auf die Schulter gab. Ah unſer junger Jäger! rief dieſer: woher ſo ſpät? und wo bleibt denn der Alte? Er folgt mir auf dem Fuß; waren den ganzen Tag im Walde. Keine Dreifüßler geſehen? Nichts. Könnt ruhig ſein. Und wo kommt ihr jetzt eben her? Unten herauf.. Ah! Sehr gut. Iſt Euch da keiner von den Unſern be⸗ gegnet? Nein. Hannikel ſah eine Weile vor ſich hin und nickte dann mit dem Kopfe, als ob er ſeiner Sache gewiß wäre. Nun, und den Paß den Ihr da haben wollt, den will ich Euch ſchreiben, fuhr der junge Burſche fort. Ihr könnt ja keinen Menſchen finden der mit dem Forſtweſen bekannter wäre. Um ein paar Flaſchen Wein und einen von Euern berühmten Hunden will ichs thun. Wein genugl rief der Zigeuner erfreut: und wenn ich wieder komme ſo bring' ich Ihm den Faſſ' den Pfarrer und die Tigreß mit. Ich hab' jetzt nur zwei bei mir, die ich nicht entbehren kann. Kilian Schmid heiß' ich, daß Er's nicht vergißt. Werd's gleich nachher zu Hauſe ausfertigen! war die Ant⸗ wort, und Hannikel ließ dem jungen und einem ältern Waidmann, der inzwiſchen nachgekommen war, Wein und Ueberbleibſel vom Hochzeiteſſen reichen. Auch Ihr müßt mir einen Gefallen thun, Alter! wandte er ſich an den letzteren, wurde aber durch einen allgemeinen Jubel unter⸗ brochen. Was von der Zigeunerbande im Zimmer war eilte 122 nach der Thüre, um einen eben Hereintretenden zu begrüßen. Er ging von einer Hand zur andern, und wurde mit Küſſen und Um⸗ armungen faſt erſtickt; denn keine Nation hat einen ſo leidenſchaft⸗ lich zärtlichen Empfang wie die Zigeuner. Erſt als er näher kam, erkannte Heinrich daß es Duly war. Und woher ſo ſpät? riefen alle, Aus dem Wildbad, vom Rhein daher, erwiderte Duly, ging auf das Fräulein zu, gab ihr eine Rolle und ſagte: Hier, junger Herr, iſt Euer Geld. Sie ſah ihn mit Erſtaunen an und gab es der Alten in Ver⸗ wahrung. Nun ſetzte ſich Duly zu ſeinem oberſten Gebieter, der ihn ebenfalls ſehr zärtlich bewillkommte und ihm ſogleich ſein Glas hinreichte. Duly trank und ſah ſeinen Hauptmann mit einem ſchlauen Lächeln an, was Hannikel erwiderte. Dann begannen ſie eine lebhafte Unterredung in der Zigeunerſprache, die aber ſo leiſe geführt wurde, daß ſelbſt ihre Sprachgenoſſen nichts davon verſtehen konnten. Heinrich, der am nächſten ſaß, hörte nur zu⸗ weilen den Namen Sulz wiederkehren. Duly zählte an den Fingern und deutete dabei, in einem wegwerfenden Tone redend, nach der fatalen Richtung, von welcher unſer Freund heute hergekommen war. Hannikel ſchien immer beruhigter und zuverſichtlicher zu werden, und am Ende lachten ſie ganz vergnügt mit einander. Duly hat köſtliche Entdeckungen am Rhein gemacht! ſagte Hannikel laut. Vielleicht brechen wir ſchon morgen früh dahin auf. Wir haben doch auch die Ehre von Ihnen? fügte er gegen Hein⸗ rich hinzu. Heinrich war überzeugt daß dieß eine Lüge ſei; denn er glaubte aus der geheimen Unterredung, obgleich er kein Rothwälſch verſtand, gemerkt zu haben daß die beiden, dießmal nicht mit Un⸗ recht das Schlimmſte zu denken geneigt, dem Verſchwinden Tonys eine verrätheriſche Abſicht unterlegten, daß ſie ihn auf dem Wege nach Sulz vermutheten und die Zeit ſeines Eintreffens daſelbſt 123 berechneten. Von ihrem Mißtrauen mußte er erwarten daß ſie vielleicht gar ſeine eigene Gefangenſchaft in einem verdächtigen Lichte ſahen, und obgleich ſie hierin irrten, ſo mußte er doch ihr Mißtrauen für begründet gelten laſſen. Er erwiderte, ſein Beruf beſchränke ſich auf ſeinen unſtäten Zögling, und ſo lang dieſer die Wanderſchuhe nicht vertreten habe dürfe auch er ſein Haupt nicht zur Ruhe legen. Laura, welche aufmerkſam zugehört hatte, rief herüber: Ob ich mitgehe will ich bis morgen überlegen; aber ſo viel iſt aus⸗ gemacht daß mein Hofmeiſter und ich bei einander bleiben. Für jetzt wünſch' ich zu Bette zu gehen, denn ich bin müd und ſchläfrig. Sie rief den Wirth, welcher dieſen Wunſch nicht erfüllen zu können bedauerte, da ſeine paar Zimmer von fremden Hochzeit⸗ gäſten beſetzt ſeien. Das hab' ich gedacht, ſagte Hannikel lächelnd: und deßhalb wollt' ich vorhin unſern Alten da fragen ob er nicht ein Bett für den Junker übrig habe. O freilich! rief der alte Jäger, und glaubte ſeinem Freunde ganz beſonders gefällig zu ſein: in meiner grünen Eckſtube ſteht ein nettes Bettchen, und für den Herrn Hofmeiſter gibts auch noch ein Kämmerlein. Hannikel ſah ihn an als ob er ihn freſſen wollte; da aber das Fräulein in die Hände klaſchte und das Anerbieten für Beide mit Freuden annahm, ſo getraute er ſich nicht die Gelegenheit zu offenen Kriegshandlungen vom Zaune zu brechen. Indeſſen waren die Schuhe mit den erdenklich weiteſten Stichen fertig geworden. Da haſt du ſechs Gulden, Dachsmichel! ſagte der Zigeuner und warf ihm das Geld prahleriſch hin: davon gibſt du deinen Kameraden auch einen Theil. Nimms für einen guten Einſtand, du wirſt in Zukunft wohlfeiler arbeiten müſſen. Wenn du mit deinem Weib nach Hauſe kommſt, ſo findeſt du einen fetten Hirſch; das iſt unſer Hochzeitgeſchenk, worüber du deine paar Gänſe vergeſſen kannſt. Und jetzt fort ins Jägerhaus! Nottele, mein Pferd! 124 Die Bauern flüſterten zuſammen und bewunderten ſeine Ge⸗ neroſität. Aber denk' an mich, Jogg! raunte einer der in Hein⸗ richs Nähe ſtand einem andern ins Ohr: Schuhe die in der Trun⸗ kenheit gemacht ſind führen auf böſe Wege Ja, und zu böſen Häuſern, brummte der andere. Heinrich ſchloß ſich dem allgemeinen Aufbruch an. Da er im Gedränge auf der engen Treppe Gelegenheit fand ſich dem Fräu⸗ lein zu nähern, ſo zupfte er ſie am Wämmschen und empfahl ihr leiſe, die Läden in ihrem Zimmer zu ſchließen, die Fenſter aber offen zu halten, damit er ſie hören könnte wenn ſie ſeiner Hilfe benöthigt wäre. Hannikel, der auf alles achtſam war, drängte ſich ſchnell zwiſchen beide, und das Fräulein rief laut lachend: Mein Hofmeiſter meint, ich ſolle mich in Acht nehmen daß mir die Nachtluft nicht ſchade.— Heinrich wurde ausgelacht und ließ ſichs gern gefallen. Ein hübſcher Schimmel wurde dem Zigeunerfürſten vorgeführt; er beſtieg ihn, offenbar mehr ſeiner Würde zulieb als wegen der Entfernung, die nicht beträchtlich ſein konnte. Duly mußte auf ſeinen Befehl den Junker voraus geleiten. Zwei Zigeuner folgten dem Schimmel, den zwei mächtige Hunde umſprangen, und der Trupp ſetzte ſich in Bewegung. Hannikel winkte den Sohn des Jägers heran und unterhielt ſich angelegentlich mit ihm, aber ohne die Augen von Heinrich abzuwenden. Der Alte hatte ſich zu dieſem geſellt und begehrte zu wiſſen was er denn eigentlich mit ſeinem Zögling vorhabe; er ſchien ſie für Reiſende zu halten, welche aus Curioſität oder vielleicht auch in Folge einer nicht ganz freiwilligen Begegnung etliche Tage mit den Zigeunern umherzu⸗ ſchweifen gedächten, und ſagte: Nun ja, es ſind ganz umgängliche Leute, mit denen es unterhaltend zu leben iſt; wenn man übri⸗ gens im Frieden von ihnen loskommen will ſo darf man die Batzen nicht ſparen. Im Walde trafen ſie ein großes Feuer, um welches bereits ein Theil der Bande gelagert war. Der Anführer ſprang vom 125 Pferde, ertheilte einige Befehle und begab ſich dann, während ſein Gefolge bei den Genoſſen blieb, mit den Uebrigen nach dem Jä⸗ gerhauſe. Das kleine Gebäude erhob ſich auf einer lichten Stelle mitten im Walde; es ſah ſo einſam und abgelegen aus als ob meilenweit im Umkreiſe keine andere menſchliche Wohnung zu finden wäre. Der Jäger öffnete, ging hinauf und kam mit einem Lichte zurück, die Herrſchaften zum Eintritt einladend. Hannikels Mutter und Tochter hatten ſich angeſchloſſen. Heinrich folgte dem Fräu⸗ lein zu ihrem Schlafgemache, obgleich der Sohn des Jägers ihn mit trotzigem Tone zurückzuhalten ſuchte, da ſeine Kammer anderswo ſei. Er beſtand darauf ſeinem Zögling an der Thüre, die er ſich für den Fall einer Hilfeleiſtung merken wollte, gute Nacht zu ſagen, drückte, daſelbſt angekommen, dem Fräulein die Hand, und wurde mit einem Blick entlaſſen, der ihm, zu ſpät! ſagte, wie glück⸗ lich ſeine Gegenwart, ſeine Freundſchaft ſie mache. Die Alte hatte ſichs übrigens nicht nehmen laſſen auf einem Strohſack neben ihrem Kinde, wie ſie Lauren nannte, zu ſchlafen, ſo ſehr auch ihr gebieteriſcher Sohn ſich bemüht hatte ſie davon abzubringen. Dieſer erinnerte jetzt an den verſprochenen Paß und ging mit dem Jäger und ſeinem Sohne nach dem Wohnzimmer. Ur⸗ ſula! rief er auf Heinrich deutend, bediene den Herrn! wir wollen den Leuten nicht noch mehr Mühe machen. Heinrich erklärte, er bedürfe keiner Bedienung; aber Hannikel ließ ſich die Sorge für ſeine Bequemlichkeit nicht ausreden und ſagte ihm aufs Freundlichſte und Höflichſte gute Nacht. Das Mädchen hatte bereits das Licht ergriffen, und er mußte ihr fol⸗ gen. Sie gingen die Treppe hinab und zu einer Kammer, welche nach der Seite hinaus lag. Die junge Zigeunerin ſchloß auf, leuch⸗ tete vor und ſetzte das Licht auf einen niedrigen Schrank, den Bewohner dieſes Gemachs mit einem langen Blick betrachtend. Dieſer hatte ſich inzwiſchen in ſeiner Höhle umgeſehen, denn einer ſolchen ſah die Kammer gleich, die für einen Knecht oder eine 8 * Magd beſtimmt zu ſein ſchien. Doch ſtand in der Ecke ein Bett, das friſch, wenn auch nicht fein überzogen war, das erſte weiche Nachtlager nach vielen Mühſalen und Entbehrungen; nur Schade 1 daß in dieſer Nacht vorausſichtlich wenig Gebrauch davon zu machen war. Das Mädchen ging ſtill hinaus. Er öffnete einen Laden, denn Fenſter waren nicht vorhanden, und ſah in die Nacht hinaus; es war ihm ſonderbar und ſchwer zu Muthe. Die junge Dirne kam wieder und brachte allerlei Nöthiges und Unnöthiges, Waſchwaſſer, ein Glas Gebranntes zum Schlaf⸗ trunk und dergleichen mehr. Endlich bat ſie ihn niederzuſitzen, um ihm die Stiefeln auszuziehen. Er lehnte es freundlich ab und ſagte, ſie ſei zu gut dazu. Sie blieb ſtehen, verwandte die Augen nicht von ihm, und er war in Verlegenheit was er mit ihr anfangen ſollte. Da hörte er den ſchweren Tritt des Zigeuners auf der Treppe; er kam herab, ſcherzte noch mit dem Sohne des Jägers und ging der Hausthüre zu. Die Thüre wurde hinter ihm geſchloſſen und 1 ſeine Schritte verloren ſich in den Wald. Heinrich athmete hoch auf; er hoffte für den Augenblick nichts mehr von ihm befürchten und ruhig die von Tony auf dieſe Nacht angekündigte Aenderung der Dinge erwarten zu dürfen. 1 Seine Blicke fielen auf die Zigeunerin, die immer noch vor ihm ſtand als wäre ſie ſeiner Befehle gewärtig. Er ſagte ihr, er bedürfe nichts weiter, und ſie hätte ſich nicht abhalten laſſen ſollen ihrem Vater zu folgen. 3 Ich darf im Hauſe bleiben, erwiderte ſie. Wollen Sie mich hinausſtoßen? Nichts weniger! rief er und legte die größte Freundlichkeit in ſeinen Ton, während er ihr mit der Hand über die Stirne ſtrich. Sie ſchmiegte ſich an ihn an und ein lebhaftes Feuer leuch⸗ tete aus ihren Augen, die lichtbraun wie ihre Haare waren. Was wird aber Tony dazu ſagen? fuhr er fort. Seine erſte Abſicht war geweſen ſie mit guter Manier zu entfernen, und jetzt wußte „. * —. . 52 427 er ſchon nicht mehr recht was er wollte. Sein Herz fühlte ſich wieder ſo frei wie der Vogel in der Luft. Laura hatte dieſes heimathloſe Herz allzu ſtiefmütterlich behandelt, und die Noth in der ſie ſich jetzt an ihn anklammerte flößte ihm nur noch tiefes Mitleid ein. Er war entſchloſſen ſein Leben an ihre Vertheidi⸗ gung zu ſetzen wenn es ſein müßte, aber dieſer Entſchluß war nicht aus der begeiſterten Hingebung der Liebe entſprungen, er war kalt und ſogar mit einer gewiſſen Bitterkeit vermiſcht. Er ſah das Mädchen an: ſie war wirklich ſchön, und er glaubte eine Seele in ihren Augen zu finden. Die Sicherheit dieſer Stunde und die Ungewißheit der nächſten, beides gab ſeiner Lage einen eigenthümlichen Reiz, wozu ſich noch der Drang geſellte, das Ge⸗ müth einer ſolchen wilden Waldgöttin zu erforſchen. Sie war über den Namen Tony ſichtlich betroffen. Welcher? fragte ſie. Der Bräutigam, der die Morgengabe holt. 1 Der! lachte ſie und ſchlang ſich ſeinen Arm um den Hals: dem iſts nicht Ernſt, ſonſt hätte er keinen ſolchen Vorwand ge⸗ braucht, um mich zu verlaſſen. Kennſt du denn den andern auch? forſchte er weiter. Die Reden des Grenadiers und ſeines Weibes waren ihm wieder eingefallen. Nein. Warum fragen Sie das? Kennſt du ihn wirklich nicht? So wahr ich lebe, ich habe ihn in ſechs Jahren nicht ge⸗ ſehen, und damals war ich noch ein Kind. Warum fragen Sie denn? Er rühmte ſich von einem verliebten Mädchen verfolgt zu werden, und dabei nannte er einen Namen der auch der dei⸗ nige iſt. So?— Damit hat er eine andre gemeint; er kennt mich nicht, noch ich ihn. Sie ſah ihm bei dieſen Worten ſo unſchuldig wie ein neugebornes Kind in die Augen. 128 Es iſt gut, verſetzte er und begab ſich wieder an die Oeff⸗ nung, um zu hören ob alles ruhig ſei. Er vernahm keinen Laut. Sie war ihm nachgefolgt. Soll ich Ihnen wahrſagen? fragte ſie. Wenn es dir Freude macht. Verſtehſt du dieſe Kunſt? Ei freilich!— Nein, Sie dürfen die Hand nicht mit Geld kreuzen, ich thue es aus gutem Herzen. Sie betrachtete ſeine Handlinien, tippte mit dem Finger dar⸗ auf hin und her und ſchien die Sache gründlich nehmen zu wollen. Was muß ich ſehen! rief ſie nach einer Weile: dem ſtillen Herrn hätt' ich nicht ſo viele Liebſchaften zugetraut. Ja, lachen Sie nur, es iſt dennoch wahr. Deine Kunſt iſt mädchenhaft, ſagte er: weiter weißt du nichts? O ich kann ſie Ihnen der Reihe nach erzählen. Der erſten ſind Sie untreu geworden und die andern alle Ihnen. Das iſt Sündenlohn. Aber ich weiß es noch viel genauer. Mit der Näch⸗ ſten werden Sie glücklich ſein, Ihr werdet einander treu bleiben; treue Liebe ſteht hier eingeſchrieben. Sie drückte den Finger auf eine Stelle ſeiner Hand und es ſchien elektriſch in dieſelbe überzuſtrömen; Funken von der gleichen Natur kamen aus ihren Augen in die ſeinigen gefloſſen. Aber ihre Worte hatten ihn bitter geſtimmt. Weißt du nichts Wichti⸗ geres? ſagte er. 3 Laſſen Sie Ihre Lebenslinie beſchauen. O wehl! rief ſie mit unverſtelltem Schrecken und ſchleuderte ſeine Hand von ſich, wie um des traurigen Anblicks überhoben zu ſein. Was lieſeſt du? fragte er und konnte ſich kaum eines leichten Schauers erwehren. Der ſchöne Herr! ſo jung und ſo gut! Es wäre ſchrecklich. Laſſen Sie noch einmal ſehen. Nein, ſie iſt nicht tief durchſchnit⸗ ten, und die Nebenlinie geht unverletzt zur Seite fort. Eine große Lebensgefahr ſteht Ihnen bevor! Nehmen Sie ſich in Acht, und zwar in der allernächſten Zeit— 129 Und wahrſcheinlich eben jetzt? ſagte er, ihr Kinn emporhebend und ihr ſcharf ins Auge ſehend. Das weiß ich nicht, erwiderte ſie und hielt ſeinen Blick ruhig aus. Du räthſt mir zu fliehen, nicht wahr? O bleiben Sie hier! gehen Sie nicht! rief ſie und legte das Köpfchen mit den reichen Locken an ſeine Bruſt. Sie könnten ja gerade der Gefahr entgegenrennen— ich weiß nicht wo ſie her⸗ kommt— ach, und ich würde bitterlich um Sie weinen. So laß mich noch einmal die lichten Seiten Auge faſſen! ſagte er lächelnd, indem er ſich niederſetzte: laß mich ſeine Schätze wie ein Geizhals überzählen, wenn es wahr ſein ſollte daß ſchon jene düſtre Pforte winkt. Meine Erinnerung iſt undankbar, ſie rechnet mir die Freuden ſpärlich vor. Laß du deine phantaſtiſche Wiſſenſchaft in dieſen Linien die glücklichen Stunden leſen, die mir vielleicht noch zugedacht waren. Er hielt ihr die Hand hin. Sie kniete vor ihm nieder und ſah ihm lang in die Augen, mit einem Blick als wollte ſie ſ es ſei auch ihre Meinung daß er ſein Leben noch genieße, ſo lang die Gunſt der Stunden auf ſeiner Seite ſei. Dann nahm ſie ſeine Hand und erzählte ihm ein Langes und Breites von Mäd⸗ chen, Freunden und großen Herrn. Da ſie ſich aber zuletzt müde geſprochen hatte und gewahr wurde daß er ihr nicht zuhörte, ſo ſchwieg ſie ſtill und ruhte mit dem Kopf auf ſeinen Knieen. Ihr heißer Athem glühte ihm durch Mark und Bein, und da er nicht aus Granit erſchaffen war, ſo fehlte wenig daß der Becher mit der ſüß betäubenden Blume und dem oft ſo widrigen Nachgeſchmack ihn bis zum Vergeſſen ſeines Wächteramts berauſcht hätte, wenn nicht ein durchdringender Schrei über ihnen erſchollen wäre, der ihn alsbald aus dem Netze des Zaubermädchens riß. Er fuhr empor. Das Geſchrei wiederholte ſich, Laura's Stimme. Ihre weibliche ſilberne Stimme wa jener knabenhafte Ton den ſie ſonſt aus der müh Schiller's Heimathjahre. II. 3 des Lebens ins agen, er erkannte r es, nicht ſam herabge⸗ 9 130 A. ſtimmten Kehle erzwungen hatte. Er hörte ſie ſeinen Namen rufen und kämpfte mit der verführeriſchen Zigeunerin, die ihn flehentlich bat ſein Leben nicht in Gefahr zu ſetzen, ſie nicht zu verlaſſen. Sie hatte ſich um ihn feſtgewunden wie eine Schlange. Wegl rief er: auch du biſt eine Betrügerin! Pfui über dein ſanftes Lächeln, deine holde Leidenſchaft! Du verdienſt nicht ein Mädchen zu heißen. Er mußte ſeine ganze Kraft anwenden um ſich von ihr zu befreien. Während er hinaus und die Treppe hinaufflog riß er die Terzerole aus der Seitentaſche und ſpannte den Hahn. Oben ſtand jemand der ihm den Weg verlegen wollte; es ſchien der Sohn des Jägers zu ſein. Er rannte ihn über den Haufen und kam vor Laura's Thüre. Das Schloß war losgemacht, er trat ein und ſah— welch ein Schauſpiel! Das Fräulein mochte, nur von einem leichten Teppich bedeckt, in den Kleidern auf dem Bette gelegen haben; jetzt lehnte ſie, herabgeſprungen und halb in den Teppich verwickelt, am Bett und wehrte ſich gegen den Zigeuner⸗ hauptmann, der heimlich ins Haus und ins Zimmer eingedrungen war. Ihr ſchöner Buſen, einſt die blendende Erſcheinung eines Augenblicks, nen aus dem zerriſſenen Sammtjäckchen her⸗ vor. Hannikel deutete mit rohem Lachen darauf. Seine Mutter hatte ſich von ihrem Strohſack aufgerafft, neben welchem das brennende Nachtlicht am Boden ſtand; ſie hielt ihrem Sohne zit⸗ ternd einen Arm. Alter, ſagte ſie mit ihrer dumpfen Stimme, Alter, ſei brav. Heinrich hatte einen Augenblick hingeſehen. Mit einem Sprunge ſtand er, den Wildling umgehend, mitten im Zim⸗ mer, ſo daß er die Fenſter hinter ſich und die Thüre vor ſich hatte. Er trat dem Zigeuner entgegen und hielt ihm ohne ein Wort zu ſprechen die Terzerole vor. Hoho! lachte dieſer grimmig, ließ das Fräulein fahren und hatte blitzſchnell eine Piſtole hervorgezogen, die er ihm entge⸗ gen hielt. 4 So ſtanden ſie ſich gegenüber, der junge ſchlanke Gelehrte 131 und der knochige unterſetzte Räuber, der mit der Rechten die Waffe vor ſich hinſtreckte und in der Linken ein Stück des zerriſſenen Jäckchens zuſammenballte. Sie maßen ſich mit den Augen und ließen ihr Thun ſtatt der Worte ſprechen.. Das iſt mir ein ſaubrer Hofmeiſter, ſagte Hannikel zuletzt hohnlächelnd, der mit ſo einem ſchönen Junker in der Welt her⸗ umzieht. Du haſt ja ſchon ein Weib, ſagte die Alte: biſt du nicht mit ihr zufrieden? Sie nimmts nicht übel, und wenn ich noch ein Dutzend dazu nehme! rief Hannikel. Was wollt ihr? Dieſe hier gefällt mir. Ich habe den ganzen Tag ſchlichten und ordnen und befehlen müſſen. Weiberwerk will auch vorgenommen ſein, und das Milch⸗ geſicht da ſoll mich nicht verhindern. Nieder mit dem Gewehr! Niemals! rief Heinrich und ſeine Wangen glühten vor Muth; er hätte jauchzen mögen, und zitterte zugleich in dieſer ungewöhn⸗ lichen Lage. Es wurde draußen laut von Menſchenſtimmen und Hunde⸗ gebell. Die Thüre wurde aufgeriſſen und die nächtlichen Geſellen die im Walde gelagert hatten ſtürzten mit Lichtern und brennen⸗ den Spänen herein. Die Alte warf ſich ihnen entgegen um ſie zurückzuhalten. Die Thüre wurde niedergeworfen und immer mehrere drängten nach. Weiber und Mädchen ließen ſich kaum gebieten, und Zorn und Neugier machten ſich auf allen Sei⸗ ten Luft. Hört mich! rief das Fräulein, ihr Wämmschen nothdürftig über der Bruſt zuſammenhaltend, und alle blickten ſie mit Erſtau⸗ nen an. Hört mich, Ihr gewaltthätiger Mann! Wenn Ihr mich zum Weibe haben wollt, ſo müßt Ihr wiſſen daß ich eher ſterben als mich zwingen laſſen will. Nehmt andre Sitten an, dann mags Cuch vielleicht gelingen mir zu gefallen und Euern Wunſch zu erreichen. Die Zigeuner ſahen einander an. Was? rief Fontin: der 13²2 junge Herr iſt ein Mädchen und will unſre Frau Hauptmännin werden? Ein deutſches Mädchen— das geht nicht an— wir dulden keine mehr! riefen Männer und Weiber durch einander. Eine alte Hexe mit funkelnden Augen trat hervor und hielt eine Rede an den Anführer, die in ihrer zigeuneriſchen Grammatik ſtarke Vocabeln enthalten mochte; denn er biß die Zähne über einander und ſchien auf die Rednerin losſtürzen zu wollen; doch hielt er an ſich. Munutter! ſagte Nottele und ſtreckte die Hand gegen ſie aus: haltets Mau⸗au⸗aul! Dann zog er ſich, zufrieden mit dieſer Kraft⸗ anſtrengung, wieder unter die Uebrigen zurück. Nun trat Duly hervor und begann eine Rede in der Zigeu⸗ nerſprache, welche zu Gunſten des Hauptmanns lauten mochte, denn dieſer nickte und lächelte ihm beifällig zu; aber er wurde bald durch das Geſchrei der andern unterbrochen, und als dieſes ſich legte rief der grimmige Fontin veutſch, um von den beiden Fremden verſtanden zu werden: Wir laſſen uns nicht mehr mit Deutſchen ein! So oft es geſchehen iſt haben wirs zu bereuen gehabt. Der Sonnenwirthle hat unſer Volk verrathen, der Kon⸗ ſtanzer Hans hat es verrathen, alle Deutſche ſind ungetreu. Es iſt genug wenn aus unſern eigenen Reihen Verräther wider uns aufſtehen. Unſre überrheiniſchen Brüder haben ſchon längſt das Geſetz gemacht keinen Deutſchen mehr unter ſich zu dulden, und wir haben es, durch Schaden gewitzigt, endlich von ihnen ange⸗ nommen. Auch das iſt gegen das Geſetz, ein Mädchen bei uns zu haben das nicht wenigſtens von Einer Seite her zigeuneriſch iſt. Meinetwegen mag mit dieſer geſchehen was da will, aber bleiben darf ſie nicht, und der ſogenannte Herr Hofmeiſter muß auch auf eine oder die andere Art verſchwinden, je eher je lieber. So hatte es denn allen Anſchein daß der gefürchtete Haupt⸗ mann an ſeiner eignen Verfaſſung ſcheitern würde. Er ſah in⸗ grimmig drein, ſchnaubte und ſchrie, aber die andern wollten den 133 Preis um den ſie ihm gehorchten nicht aufgeben, und der Streit begann leidenſchaftlich und ernſtlich zu werden, als auf einmal ſchnelle Tritte die Treppe heraufſtürmten. Der Sulzer regt ſich! der Sulzer kommt! Mit dieſen Worten ſtürzte ein Zigeuner ins Zimmer. Es iſt nicht wahr! rief Hannikel: dir trau' ich nicht! du biſt der kleine Lielenſohn! du hältſt mit deinem Bruder. Da ſeht nur ſelbſt! war die Antwort. 1 Die Zigeuner liefen ans Fenſter, nach welchem jener deutete. Fackeln durch den Wald! Von allen Ecken her! Er ſpricht wahr! Der Sulzer kommt! Das iſt der Sulzer!— ſo tönte es in großer Verwirrung durch einander. Hannikel fluchte und gab Befehle auf Befehle, welche den pünktlichſten Gehorſam fanden. Nur von einer Seite trat ihm Widerſtand entgegen; denn als er, auch in dieſem Gedränge ſeine Verſchlagenheit beibehaltend, eben die Verwirrung und die Nothwendigkeit ſeine Mannſchaft in ein⸗ zelnen kleinen Abtheilungen wegzuführen zu Gunſten ſeiner geſtör⸗ ten Abſicht benützen wollte, klammerte ſich Laura an, ihren Be⸗ ſchützer an und rief laut: Schieß' mich nieder wenn jemand Miene macht uns zu trennen!— Da kein Augenblick zu verſäumen war ſo mußte der Zigeuner ſich zähneknirſchend fügen. Hab' ichs brav gemacht? flüſterte der Urheber des Getüm⸗ mels, indem er im Gedränge an Heinrich vorüberſtreifte. Nach wenigen Augenblicken war die ganze Bande wie eine Verſammlung nächtlicher Geſpenſter beim Hahnenſchrei aus ein⸗ ander geſtoben. 10. Mein guter Herr, ich rath' aus Freundſchaft Euch, Verlaßt den Ort.— So ſteht des Herzogs Stimmung jetzt, Daß er mißdeutet was Ihr habt gethan. Der Fürſt iſt launiſch; was er iſt in Wahrheit, Ziemt beſſer Euch zu ſehn, als mir zu ſagen. Shakſpeare, Wie es euch gefällt. Das Fräulein war auf den Schimmel geſetzt worden, welchen Duly am Zügel führte, Heinrich und die Alte gingen nebenher, der Hauptmann, der den runden an der Seite aufgekrämpten Hut mit einem jungen Tannenzweige geſchmückt hatte, befand ſich, immer ſpähend, bald vor bald hinter dem Zuge, und ſo ging es raſch auf heimlichen Waldwegen fort. Die erſten Vorboten des Tages melde⸗ ten ſich, als ſie einen ſteilen Pfad zwiſchen Felsſtücken hinabzogen und in ein Thal kamen, wo ein Flüßchen ſich leiſe hinſchlängelte und eine Mühle im ſtillen Grunde lag. Wer da bleiben dürfte! ſeufzte Heinrich, dem das einſame Gebäude freundlich entgegenſah; aber er konnte den beiden wohlbewaffneten Zigeunern keinen Kampf anzubieten wagen, und wo hätte er hoffen dürfen einen ſichern Schutz zu finden, wenn nicht Rettung von Tony kam. Ein lauer Regen ſtrömte reichlich herab, während ſie über die Brücke ſetzten und am jenſeitigen Berge einen ſchmalen, be⸗ ſchwerlichen Weg emporſtiegen. Als ſie oben waren ſpähte Hein⸗ rich in die Gegend hinaus, und hätte beinahe ſeine Freude laut 135 werden laſſen als er die Alp rechtshin ſtreichen ſah. Nun war ſeine Hauptbeſorgniß bei dem nächtlichen Aufbruche beſchwichtigt: ſie zogen landeinwärts. Es war kein Zweifel mehr daß Tony ſeinen Mann vollkommen richtig beurtheilt hatte, deſſen Schrecken vor dem vermeintlichen Verfolger indeſſen wenigſtens in ſo fern nicht grundlos war als der gefürchtete Oberamtmann ſeine Streif⸗ zuge weit über ſeinen eigenen Amtsbezirk hinaus zu unternehmen pflegte. Wie ſein Name und der Lärm von heute Nacht gewirkt, ſah Heinrich aus der Richtung die ſie nahmen. Hannikel hatte nicht bloß jede nähere und entferntere Nachbarſchaft von Sulz, ſon⸗ dern den ganzen Schwarzwald aufgegeben, und führte nun ſeine Bande in den Schönbuch, um entweder durch dieſen nach der Alp zu ziehen oder am Hagenſchieß und Stromberg hin ſich ins Frän⸗ kiſche zurückzuwenden. Die erſte Hälfte des Anſchlags war ge⸗ glückt; da Tony mit den Schlupfwegen die zu ſolchen Zügen dien⸗ ten vertraut war, ſo mußte auch die zweite zur Entſcheidung kommen. Heinrich wollte dieß dem Fräulein mit einigen franzö⸗ ſiſchen Worten ſagen, aber Hannikel ſpannte den Hahn ſeines Stutzens und fragte ob er ihm einen Pfropfen auf den Mund beſorgen ſolle. Dann entfernte er ſich wieder von ihnen, und hinterließ ſeinem Getreuen den gemeſſenen Befehl die beiden nichts Heimliches mit einander reden zu laſſen; ich bleibe hier herum, ſagte er, und die andern ſind auch nicht weit. Die Landſchaft flachte ſich allmählich ab. Auch das Geſtein veränderte ſich; ſtatt des Sandes, der ſonſt die Füße der Wan⸗ derer elaſtiſch beflügelt hatte, fanden ſie jetzt einen aufgeweichten ſchlüpfrigen Boden, durch den ſie ſich mit Unluſt hindurcharbeiten mußten. Aber einen Freudenſchrei konnte Heinrich doch nicht unter⸗ drücken, als er aus einem Tannenwäldchen heraustretend endlich wie⸗ der die Laubwaldung ſich ausbreiten ſah, deren helles Grün ihm tauſend fröhliche Grüße entgegenrief. Als er heraufgeritten war, hatten ſich ihm die Bäume traurig an den Weg geſtellt und die dürren Arme wie zur Warnung gegen ihn aufgehoben; und jetzt 136 waren ſie alle, vielleicht über Nacht, in ihre Feierkleider geſchlüpft, friſchgrün, wie ein Bild der neugebornen Hoffnung. Auch Laura ſtimmte in ſeinen Jubel ein, und Duly, nicht ahnend daß die Frühlingspoeſie dießmal eine praktiſche Unterlage habe, lächelte wohlweiſe über das kindiſche Vergnügen. So kann man ſich ſchon in den April ſchicken laſſen, ſagte er. Iſt heute der erſte April? fragte die Alte. Er iſt meinem Sohne nicht günſtig. O Der, lachte Duly, der hat den Schweif aufgerollt und denkt: proſit, Herr Oberamtmann von Sulz. Vor dieſer Stadt, verſetzte die Alte, darf er allen Reſpect haben; er weiß was ihm prophezeit iſt. Er preſſirt auch davon wegzukommen. Wenn er nur nicht allzu weit weg preſſirt! ſagte die Alte. Hannikel ſtieß wieder zu ihnen, und ſie zogen im Bogen durch die ſchönen Wälder dahin. Während ſie über eine abgelegene Waldwieſe kamen, ſchritt in geringer Entfernung ein ſtattlicher Hirſch an ihnen vorüber. Sie hielten ſich ſtill und Duly wollte ſein Gewehr anlegen. Bei Leibe jetzt nicht! flüſterte Hannikel. Während ſie weiter zogen, ſah Heinrich dem ſchönen Thiere ein wenig nach, das eben in den Wald gehen wollte, als nicht weit davon die Büſche ſich aus einander bogen, ein Zigeuner vorſichtig herausblickte und ihm einen Wink gab. Er erkannte ihn als denſelben der vergangene Nacht mit ſeinem Alarmruf ſo großen Schrecken erregt hatte. Im gleichen Augenblick hatte ihn auch der Hirſch geſehen; er ſtutzte, hielt an und ſetzte dann mit ungeheuren Sprüngen rückwärts über die Wieſe. Der Zigeuner legte den Finger auf den Mund und verſchwand. Der Hirſch hätte, an der Geſellſchaft vorüberfliehend, beinahe den Schimmel wild ge⸗ macht, und Hannikel ſah ſich mißtrauiſch nach allen Seiten um. Heinrich aber hatte in dem Winke den ihm Tony's Bruder ge⸗ geben ein gutes Zeichen erblickt. Es war Nachmittag als ſie ſich einer großen Eiche näherten. 1 137 Hier iſt einmal ein alter Herzog von einem ſeiner Ritter aufge⸗ hängt worden, ſagte Hannikel, und Heinrich konnte bei dieſer Probe hiſtoriſcher Gelehrſamkeit das Lachen kaum verbeißen. An einem Bühl nicht weit von der Eiche machten ſie Halt, und gleich darauf trafen mehrere Abtheilungen von der Bande mit ihnen zuſammen. Den Mädchen, welche unter Fontins Leitung gekom⸗ men waren, wurde befohlen ein Feuer anzumachen. Warum hier raſten? murrte Fontin. Mir iſts als möcht' ich weit davon ſein. Wollt ihr nicht lieber vollends auf dem Stutt⸗ garter Marktplatz kochen? Nah dabei iſt oft beſſer vorm Schuß als weit davon, erwi⸗ derte Hannikel. 4 Das gilt aber nicht beim Sulzer. Nein, aber bei Größeren. Geh hin und mach daß die an⸗ dern bald kommen. Wenn Alles beiſammen iſt, ſo will ich euch ſagen was ich über dieſe beiden Fremdlinge beſchloſſen habe. Heinrich hielt ſich die Hand vor die Stirne. Hilfe, ſo lang es noch Zeit iſt! rief es in ihm. Und doch hatte ihn dieſe ent⸗ ſetzliche Spannung nicht unempfindlich gegen den Rauch gemacht, der ihm beißend in die Augen drang. Er wiſchte ſie ab und ſuchte ſeine Stellung zu verändern. Was Teufels iſt denn das für ein Rauch? rief der Haupt⸗ mann: der wird ja bis zum Monde ſteigen! Wer iſt ſo unſinnig dieſen Rauch zu machen? Feddricho hat ſo viel grüne Zweige aufs Feuer gelegt daß wirs faſt nicht erhalten können, ſagte eines der Mädchen. Verlaß das Feuer! gebot der Hauptmann. Feddricho gehorchte und zog ſich, mit Blättern ſpielend, in den Wald zurück. Dann ein langes, banges Stillſchweigen. Laura ſaß auf dem Bühl und hatte das Haupt auf Heinrichs Schulter gelegt. Hannikel hinderte es nicht; er war beſchäftigt am Zaume ſeines Pferdes zu beſſern, und blickte von Zeit zu Zeit ungedul⸗ 138 dig durch die Bäume. Auf ſeinen Wink entfernte ſich nun auch Duly, um die Säumenden zu holen. Es war ſtill und ein leichtes Lüftchen ſäuſelte in den Blät⸗ tern. Man hörte in der Ferne eine Lerche die ihr luſtiges Lied begann. Alle lauſchten unwillkürlich dem frohen Vogel, der ſich in den tiefen Wald verirrt zu haben ſchien. Da antwortete ihm ein zweiter, der ganz in der Nähe herzhaft ſeine Triller aus den Büſchen ſchmetterte. Hannikel fuhr wie ein Raſender auf und rannte nach dem Gebüſch, als ob er der Sängerin den Hals um⸗ drehen wollte. Aber er hielt mitten auf dem Wege an, denn im Rücken, da wo ſie hergekommen waren, ertönte ein lauter Horn⸗ ſtoß, der ſogleich von allen Seiten des Waldes beantwortet wurde. Eine Jagd! rief ein Zigeuner leiſe. Sie blaſen gute Jagd, ſagte ein anderer. Geſegne's ihnen der Teufel! rief der Hauptmann zähne⸗ knirſchend. Leiſe kam aus dem Wald ein Trupp Zigeuner hervor. End⸗ lich, Poſtel! rief ihnen der Hauptmann entgegen. Es iſt eine Jagd im Walde! ſagte Poſtel. Haltet euch ſtille. Schraubt die Hähne von den Gewehren! gebot der Haupt⸗ mann und ging ſogleich mit ſeinem eigenen Beiſpiel voran, das den loyalen Waidmann im fremden Reviere zeigen und die Strenge des Förſters entwaffnen ſollte. 4 Weißt du auch, ſagte Poſtel und trat näher zu ihm, daß es ein blinder Lärm war heute Nacht? Ich habe ja die Nachhut geführt, und ſo lang ich auch gehalten habe, keine Seele hat ſich geregt. Wir ſind verblendet und behext worden. Hannikel ballte die Hände und ſchlug ſich vor die Stirne. O hölliſcher Betrug! rief er aus und ſah wild umher. Aber ich will ſcharfe Unterſuchung halten. Ich will die Spitzbuben— Wenn es nicht zu ſpät iſt! Er blickte bei dieſen Worten auf Duly, der athemlos herbei⸗ gerannt kam. Wir ſind eingeſchloſſen! die Jagd gilt uns! rief er. —,— 139 Im ſelben Augenblicke ſchmetterten helle Fanfaren in der Nähe, die Zweige rauſchten, und ein kleiner Jägertrupp kam ſtill und ſchnell auf die ſchmale Lichtung herausgeritten. An der Spitze ritt auf einem Falben der erlauchte Jäger welchen Heinrich einſt bei der erſten Begegnung ſelbſt für einen Wilderer gehalten hatte. An ſeinem grünen unſcheinbaren Röckchen war ein breiter Hirſchfänger gegürtet, und ein Jagdjunker folgte ihm mit zwei Gewehren; aber er ſchien nicht zur Jagd allein gerüſtet, denn aus ſeinen Sattelhulftern blickten Piſtolen. Der Karl Herzog! ſchrie Hannikel, und als ob ein Blitz unter ſie gefahren wäre, ſo ſtoben die Zigeuner aus einander und warfen ſich in die Gebüſche. Laura und Heinrich waren allein auf dem Platze zurückgoblie⸗ ben. Ein Jäger aus dem Gefolge des Herzogs, mit tief in das Geſicht gedrückem Hute, ſprang vom Pferd und ſtürzte auf das Fräulein zu. Sogleich folgten ihm andre, welche ſie ergriffen und mit ihr davoneilten. Heinrich, von dieſer raſchen und gewalt⸗ ſamen Entwicklung betäubt, wandte ſich gegen den Herzog, der mit einem Blick voll ſchneidender Kälte auf ihn zugeritten kam. Aus meinen Augen! herrſchte er ihm zu. Heinrich, der bei dem Aufſpringen der Zigeuner unwillkürlich nach der Terzerole gegriffen hatte, trat näher und wollte ſich rechtfertigen. Elender! rief der Herzog, riß eine Piſtole hervor und brannte ſie ihm ins Geſicht. Heinrich hörte nur noch ein gellendes Ol aus dem Walde und taumelte in das Gebüſch. Laßt ihn! rief der Herzog ſeinen Jägern zu: es iſt ein Verrückter, folgt ihm nicht! Als Heinrich nach einer Weile wieder zu ſich kam, fühlte er daß jemand mit ihm beſchäftigt war, der den Arm um ihn ge⸗ ſchlungen hatte und ihm die Terzerole aus der Hand nahm. Er ſchlug die Augen langſam auf und erblickte den unterſetzten ſtot⸗ ternden Zigeuner, der mit grinſendem Munde zu ihm ſagte: Hat ni⸗i⸗ichts gethan. — 140 Er fuhr ſich über die Stirne. Schwa⸗arz wie der T⸗T⸗Tei⸗ eifel! lachte Nottele: nur f⸗f⸗fort jetzt! Er nahm ihn unterm Arm und Heinrich ließ ſich ohne Sträuben in den dichten Wald führen. Er war unverletzt geblieben, mochte nun die Kugel ſeit⸗ wärts gegangen, mochte das Gewehr durch ein Verſehen der Die⸗ nerſchaft bind geladen geweſen ſein; nur die Gewalt des Schuſſes hatte ihn betäubt, und die Stirne ſchmerzte ihn ein wenig. Aber tiefer war eine andre Wunde gedrungen, und wenn ihm die Ku⸗ gel durchs Herz gegangen wäre, er hätte nicht mehr vernichtet ſein können. 3 In einem Winkel eines mit Geſtrüpp überwachſenen Baches kauerte der Zigeuner mit ihm nieder und wuſch ihm die geſchwärzte Stirne. Dann hieß er ihn ſtille ſein, ein Gebot das überflüſſig war, da unſer Freund einem Todten glich der nur durch einen Zauber von außen her in Bewegung erhalten wird. Die Hörner blieſen ferne durch den Wald, und der Zigeuner ſtotterte: Sie blaſen den Kehraus. Schon zu Ende?— Das Geräuſch der Jagd verhallte nach und nach, und es wurde zwiſchen den Bäumen ſtill. Der Zigeuner horchte mit weit offenen Augen, als ob dieſe ihm zum Hören ſtatt zum Sehen gegeben wären, durch das Dickicht hinaus. Heinrich ſaß regungslos neben ihm und ſtarrte in den Boden. Eine geraume Zeit war ſo verfloſſen, da ſtand der Zi⸗ geuner auf und entfernte ſich einige Schritte. Bald erhob ſich von der Stelle wohin er gegangen war ein Wachtelſchlag. Der Ton war ſo täuſchend daß jeder ihn für den natürlichen Laut des Vogels gehalten haben würde, nur der nicht der den Künſtler in der Nähe wußte und die Bedeutung des Signals unſchwer er⸗ rathen konnte. Heinrich aber hörte in ſtumpfer Bewußtloſigkeit zu, und die harmloſeſte Stimme des Waldes hätte nicht unbeach⸗ teter an ſein Ohr klingen können. Es kniſterte rechts und links in den Büſchen. Er ſah nicht auf, bis eine rauhe Stimme ihn anfuhr. Jetzt hob er langſam die Augen auf und fand ſich von einem Theil der Zigeunerbande umringt. 84 141 Ich laſſ' mirs nicht nehmen, er hat mitgeholfen! ſchrie Duly, der unter ihnen war, und wollte auf ihn los. Ged⸗d⸗duld! ſagte Nottele und trug darauf an, daß nichts vorgenommen werde, bis der Reſt der Ihrigen zu ihnen geſtoßen, bis wenigſtens Hannikel bei ihnen ſei. Seine Genoſſen ſtimmten ihm zu, und Duly fügte ſich. Drei kurze Pfiffe ſchnitten gleichſam fragend durch den Wald, Nottele antwortete mit ſeiner Wachtelſtimme, und in Kurzem war der Erwartete in ihrer Mitte. Er ſah den Gefangenen mit einem langen ſcharfen Blicke an, der zuletzt an der bleiernen Gleichgiltigkeit deſſelben abglitt. Dann wandte er ſich zu den Seinigen. Nun, Duly! rief er: wie ſtehts? wo iſt denn das Teufelsvolk alles hin gerathen? Sie werden wohl in Sicherheit ſein, antwortete Duly: außer Fontin, Dodelo und Hellele hab' ich keine Gefangene geſehen. Hatten dieſe die Hähne abgeſchraubt? Fontin hat. Von den andern weiß ichs nicht. Der Fontin iſt ein ſchlauer Spitzbube, ſagte Hannikel mür⸗ riſch. Ich denke es wird ihnen nicht viel geſchehen. Er hat ſie bloß zum Zeitvertreib mitgenommen. Wenn er uns hätte fangen wollen, dießmal hätt' er uns alle gekriegt. Aber er iſt zu ſtolz dazu, er läßt das ſeinen Fanghunden über. Bin doch fuchs⸗ teufelswild, ich habe meinen Schimmel bei der verfluchten Affaire gelaſſen. Du mußt aber auch Haſen gefreſſen haben! rief Duly lachend: ſo ſah ich dich noch niemals laufen. Hannikel runzelte die Stirne. Es war kein Spaß, ſagte er. Nach deinem Vögelein fragſt du ja gar nicht? bemerkte Duly. Weiß wohl warum! rief Hannikel mit verdrießlichem Lachen. Seit ich zugeſehen habe mit eigenen Augen, wie ein Wagen im Walde ſtand, wie ſie ſie daherbrachten und hineinſetzten und mit ihr davonfuhren, ſeitdem, Duly, iſt mir das Fragen vergangen. Mit dieſem Fang, ſagte Duly, war die Jagd vorbei. 142 Freilich, verſetzte Hannikel und ſpielte mit einem Cdelſteine den er vor das Auge hielt: es muß etwas ganz Beſondres da⸗ hinter ſtecken. Ich werde nicht klug daraus., Ich weiß was ich weiß, ſagte Duly. Und was weißt du dann? Daß der Schurke, der Tony, an allem ſchuldig iſt. Der Tony? rief Hannikel, und wurde aufmerkſam. Ja, der Tony! der war mitten unter den Jägern und trug ihre Livrée. Wie wir aus den Büſchen lugten was weiter folgen würde, erkannte ich ihn gleich, wiewohl er ſich entſtellt und den Hut über die Stirn hereingezogen hatte. Ich war meiner nicht mächtig, nahm das Gewehr an Backen und wollte auf ihn ſchie⸗ ßen; aber da wurd' ich erſt gewahr, daß ich den Hahn abgeſchraubt hatte. Der Tony aber vom Pferd herab und hat ſie in den Armen— haſt du ihn denn nicht erkannt? Der fromm' ehrlich Tony mochte es wohl anders vorhaben; aber es kamen gleich noch ein paar Jäger dazu und halfen ihm. So, der Tony! rief Hannikel, der unter dieſem Tony keinen andern verſtehen konnte als den Grenadier, während Duly, der erſt ſpät zur Hochzeit gekommen und bei der Benamſung und Ver⸗ lobung nicht zugegen geweſen war, dieſe Denunciation ſeinem alten Freund und Befehlshaber zugedacht hatte. Das rachſüchtige Kind der Natur hatte jenen kleinen Wortwechſel und Tony's angemaß⸗ tes Anſehen nicht vergeſſen, wenn ihn auch bei allen ſeinen Handlungen zum Theil die größere Anhänglichkeit an Hannikel leiten mochte. Der Tony! wiederholte dieſer. Jetzt begreif' ich die Sache wenigſtens halb. Aber jetzt iſt ihm auch der Tod gewiß.— Er ſann nach, und nun mochte ihm erſt wieder der andre Tony vor⸗ ſchweben, der ihm das Sulzer Donnerwetter in den Nacken gezau⸗ bert hatte; denn nach einer Weile rief er aus: am Ende ſind ſie doch alle Beide unter Einer Decke geſteckt! „ —— Was denn ſonſt? rief Duly, auf Heinrich zugehend. Ich habs ja gleich geſagt. An den nächſten beſten Baum muß er! Der? ſagte Hannikel und drückte ſeine Lippen hervor, indem er mit richterlicher Würde auf den Angeſchuldigten ſah. Nein, der iſt ſo weit unſchuldig. Wofür hätte er denn ſonſt Pulver ſchmecken müſſen? Ueberdieß ſind ſie nicht die aufrichtigſten Freunde, er und der Tony. Iſt auch wahr! rief der Ankläger, und beide brachen, obgleich aus verſchiedenen Gründen, in ein rohes Gelächter aus. Hiemit war die größte Gefahr vom Haupte des Gefangenen abgewendet. Ein Wiehern, das durch den Wald erſcholl, unterbrach die Verhandlung. Hannikel that einen Freudenſchrei und dann einen Pfiff. Das iſt mein Schimmel! rief er. Es glänzte weiß durch die hereinbrechende Dunkelheit, und das erſehnte Roß geſellte ſich, von dem jungen Hannikel geführt, zu der Verſammlung. Du B⸗b⸗blitzkrot'! rief der Stammler dem Sprößling ſeines Oberhauptes bewundernd entgegen. Hannikel liebkoste ſein Söhnchen leidenſchaftlich, und nachdem er es in ſeinen Armen mürbe gedrückt und ihm tauſend und aber tauſend Küſſe gegeben hatte, ließ er ſich von ihm berichten. Der kleine Kobold war als die Jagdausſichten bedenklich zu werden angefangen hatten auf einen Baum geſtiegen. Nachher hatte er ſein Verſteck verlaſſen und war ſo glücklich geweſen den Schimmel einzufangen, der unverſehrt und unerſchrocken im Walde luſtwan⸗ delte. Die Hunde wußte er ebenfalls in Sicherheit gebracht; die Großmutter, die alte Geißin, hatte ihnen Stillſchweigen auferlegt und ſie mitgenommen. Die ganze Bande war glücklich entſchlüpft, bis auf die drei Gefangenen und Feddricho, von welcher niemand zu ſagen wußte wo ſie hingerathen ſei. Wenn ich ſie je über'm Rhein wieder antreffe, ſagte Hannikel, ſo ſolls ihr ſchlecht gehen.— Und nun! rief er nach einer Weile, 144 indem er ſich auf einen Weidenſtumpf ſetzte und dem Gefangenen ein Zeichen gab vor ihn zu treten. Die Andern ſchloßen erwar⸗ tungsvoll einen Kreis um die Beiden und ſchraubten die Hähne wie⸗ der an ihre Gewehre an. Zuvörderſt, begann der Hauptmann, wer iſt das Frauenzimmer das ſich für einen Junker ausgegeben hat? Das weiß niemand beſſer als ich! rief Duly vorlaut aus dem Kreiſe heraustretend. Die Feddricho hat mirs endlich vertraut, wenige Augenblicke ehe wir überfallen wurden. Nun? ſagte Hannikel zu ihm gewendet. Wer iſt ſie, und warum hat ſich der Herzog perſönlich in ihre Angelegenheit gemiſcht? Sie iſt ſein Schatz! antwortete Duly. Sie hat mit ihm ge⸗ trutzt und iſt ihm mit unſerer Hilfe durchgegangen. Jetzt werden ſie wieder gut Freund mit einander ſein. Hannikel war wie von einer Viper geſtochen aufgeſprungen. Auch der andern Zigeuner hatte ſich eine allgemeine Beſtürzung bemächtigt. Sie ſahen ſich wechſelſeitig an, als ob ſie ſich ſagen wollten was ihr Hauptmann angerichtet habe. Iſts wahr? fragte Hannikel den Gefangenen. Doch was brauch' ich lang zu fragen? ſetzte er hinzu. Der Schuß den er gekriegt hat iſt die kürzeſte Antwort. Iſts nicht ſo? Ich denk' es auch, erwiderte Heinrich. Obgleich er durch den Schlag der ihn betroffen hatte wie zerſchmettert war, ſo beſaß er doch noch ſo viel Beſinnung, um dem Märchen das die Zigeunerin aus Irrthum oder aus Liſt aufgebracht hatte nicht zu widerſpre⸗ chen; denn ein dunkles Gefühl ſagte ihm daß der Eindruck deſſelben manche gefährliche Frage für den Augenblick abſchnei⸗ den werde. So war es auch. Hannikel warf einen ſcheuen Blick nach dem Dickicht, als ob der Herzog, der inzwiſchen mehr erfahren, ſchon wieder aus dem Walde hervorgebrochen käme. Wir brechen auf! rief er. Der da muß uns jedenfalls etliche Tage begleiten, damit er unſre Spur nicht verrathen kann, wenn es ihn gelüſten ſollte ſich wieder wohl dran zu machen.— —— 145 Der Abzug, der eher einer Flucht glich, wurde unverweilt an⸗ getreten. Hannikel ſchickte ſein Söhnchen mit dem Schimmel auf einen beſondern Weg, wo es ſeiner Schlauheit überlaſſen blieb ſich durchzuſchlagen; er ſelbſt aber machte ſich mit einem Theil der Bande auf den engſten Waldſteigen davon; einen andern ſtellte er unter Dulys Führung; der Gefangene wurde dem Stammler und einigen handfeſten, wohlbewaffneten Zigeunern anvertraut. Morgen früh in der Wolfsſchlucht! befahl der Anführer, wäh⸗ rend die Bande ſich trennte. Schiller's Heimathjahre. II. 10 Dann kamen ſie an ſchlummern mal ein Hund mit kurzem Belle 11. Jetzt ſcheint die eine Erdenhälfte todt, Und böſe Träume ſchrecken hinterm Vorhang Den unbeſchützten Schlaf! Die Zauberei beginnt Den furchtbarn Dienſt der bleichen Hekate, und aufgeſchreckt von ſeinem heulenden Wächter, Dem Wolf, gleich einem Nachtgeſpenſte geht Mit groß, weit ausgeholten Räuberſchritten Der Mord an ſein entſetzliches Geſchäft. Macbeth, nach Schiller. Nach einer Stunde angeſtrengten Wanderns kam Heinrich mit ſeinen Begleitern auf eine einſames Brünnlein durch dünne Mondſichel ging ebe waldumgebenen Stelle. Hier machten die Gefangenen, der ſich ermüdet fühlte Dann ging es eilig weiter, bis ſie den Wald hinter ſich und in die Ebene hinabſtieg werden mußte. Der Neckar rauſchte durch die dunkle gingen eine Strecke aufwärts bis eine Brücke ſie h n ausgehauenen Platz heraus, wo ein eine hölzerne Röhre murmelte. Die in unter und nahm Abſchied von der Zigeuner Halt, um ihrem „eine kurze Ruhe zu gönnen. hatten en, wo abermals ein wenig geraſtet 7 8 147 ſchattenhaften Wand, die zuletzt als eine Bergreihe kenntlich aus dem Dunkel trat. Durch Wald und Haide erreichten ſie den Fuß des Gebirges. Schon begannen die Gipfel der Berge ſich heller zu färben, als die Wanderer in eine kleine Schlucht hinabſtiegen, die ihnen noch rabenſchwarz entgegengähnte; ein Waldbach floß in ihrem Grunde und verrieth ſich durch ſein Geräuſch und ſeine eiskalten Ausdünſtungen. Heinrich ſah in die Finſterniß hinein und blieb zaudernd ſtehen; ſeine Begleiter faßten ihn an den Händen und zogen ihn mit freundſchaftlicher Gewalt hinab. Er fühlte ſich bis ins Mark durchfröſtelt und drängte ſich mit ihnen zu dem Feuer, das bereits luſtig brannte und die verſteckte, über⸗ buſchte Vertiefung ſchaurig beleuchtete. Der Schlupfwinkel lag ganz im Wald verborgen, einſam, geſpenſterhaft, zu unheimlichen Werken auffordernd, ein Aufenthalt der Unken, die ihren eintöni⸗ gen Ruf durch die Nacht erſchallen ließen. Hier war der Sammelpunkt welchen der Zigeunerhäuptling den Seinigen angewieſen hatte. Die Ankömmlinge waren nicht die Erſten, ſie trafen einen Theil der Bande, der vor ihnen ein⸗ getroffen war, ſchon um das Feuer gelagert. Alles legte ſich jetzt zum Schlaf, aber nicht lang ſo begannen die Weiber über den feuchten, froſtigen Aufenthalt zu klagen. So geht auf den Gaisbühl, ſagten die Männer: wir ſind ja jetzt auf ſicherem Boden angelangt. Der Gefangene, der vor Froſt zitterte, wurde den Weibern in ihre Obhut gegeben. Er ſchwankte erſchöpft hinter ihnen her. Zwei Männer mit Gewehren ſchloßen als Wache den Zug. Auf einem engen Pfade, der nur in der Höhe an der Lichtung der Bäumne kenntlich war, gingen ſie durch den Wald, der ſich nach einer halben Stunde öffnete, und einen ſtillen, auf dem Rücken Nachdem ſie eine Laterne, der ihnen ige Scheune aufſchloß, auch ohne er darin anmachten, das ſeine eines Hügels gelegenen Hof erſcheinen ließ. Weeile geklopft hatten kam ein Knecht mit einer gähnend aber geduldig die geräum Widerrede zugab daß ſie ein Feu 148 Flammen unbekümmert zwiſchen Heu und Stroh umherzüngeln ließ; denn bei den Bauern und Hofbeſitzern ſtand der Zigeuner von jeher im Glauben daß er Gewalt über’ das Feuer habe. Heinrich warf ſich ins Heu und ließ die andern ſchwatzen und lachen, aber lang hoffte er vergebens einen ununterbrochenen Schlaf zu finden. Die heftigen Begegniſſe und Anſtrengungen der letzten Tage hatten ihn übermüdet. Dazu hatte er lang ge⸗ faſtet, und jetzt begann das ſtumpfe Gefühl der Leere in ein na⸗ gendes überzugehen. Er mußte an den Vicar zurückdenken, deſſen Erzählung ſich bei vollen Schüſſeln mit einem gewiſſen grauer⸗ lichen Behagen hatte anhören laſſen. Nachdem er oft aus unruhi⸗ gen Träumen aufgefahren war, fiel er endlich mit Tagesanbruch in einen Schlummer, der ihm das Beſte gewährte was es jetzt für ihn geben konnte, Vergeſſenheit. Er erwachte betäubt und mit ſtechendem Kopfſchmerz. Die Scheune war leer, aber an der Thüre lehnte ein Zigeuner der jede ſeiner Bewegungen beobachtete. Unwillig warf er ſich auf die andere Seite, und das Bild ſeiner Lage trat in greller Klarheit vor ihn. Der Schuß aus einer vielleicht blind geladenen Piſtole hatte ihm Kopf und Herz beinahe ganz zerknickt, denn er hatte ihm geſagt weſſen er ſich vom Herzog und von der Welt, der Ge⸗ ſindeſtube der Herrn dieſer Erde, zu verſehen habe. Er hat mich verſtoßen, ſagte er zu ſich: was kann ich anfangen, wo mich hin⸗ wenden? Wo Geſetz und Ordnung ſich der Menſchenmacht be⸗ quemt, von da iſt mein Fuß verbannt, mein Name iſt geſtrichen. Ich kann nicht rückwärts, nicht vorwärts. Er hat mir alles Weſen genommen, ich bin wie ein Geſpenſt, zum Schweben und Schweifen verdammt, bin wie dieſe Schandgeſellen, die mich mit ſich ſchleppen, vom geebneten Wege weit verwieſen. Er erhob ſich und trat ins Freie hinaus. Man ließ ihn ruhig gewähren, aber ein paar Zigeuner mit Stutzbüchſen hielten ſich ſtets in ſeiner Nähe. Die Sonne ſtand in Mittagshöhe. Er fand ſich am Fuße von waldigen, lichtgrünen Gebirgen; nicht 4*2 2 149 allzu ferne tauchte zwiſchen Obſtbäumen ein grauer großer Kirch⸗ thurm auf, der ihm bekannt ſchien. Die eigenthümlich abgeplat⸗ teten Berge in der Nähe und einen ſchlanken Bergkegel in ge⸗ ringer Entfernung meinte er gleichfalls ſchon geſehen zu haben. Aber er wandelte in einem ſtumpfen bangen Traume der ihn nichts erkennen ließ.. Nun aber erwachte der Hunger mit unwiderſtehlicher Gewalt in ihm, ſo daß er ſchmerzlich verwundert die Macht der erſten unmittelbaren Naturgefühle erkannte, und dem gemeinen Manne ſeinen oft gerügten Mangel an Sinn für das Höhere zu verzeihen begann. Er mußte etwas zu eſſen haben, jedes andere Dichten und Trachten ging in dieſem tyranniſchen Bedürfniß unter und er wandte ſich deßhalb nach dem Hofgebäude zurück. Es ſchien ein altes Anweſen aus den Zeiten geiſtlicher Herrſchaft zu ſein, das durch die geöffnete Thüre eine niedrige Halle mit hölzernen Säulen erblicken ließ, worin einige der Mädchen, vor der heißen Mittagsſonne geſchützt, ſich erluſtigten. Vor dem Hauſe ſtanden Tiſche und Bänke, die ihm anzeigten daß hier gewirthſchaftet wurde. An einem der Tiſche ſaßen Zigeuner, unter welchen ſich Nottele und Poſtel befanden. Er ſetzte ſich in ihre Nähe, und da er ſah daß jeder dieſer Gäſte, wenn er ſich etwas aus der Wirth⸗ ſchaft reichen ließ, das Geld vorher auf den Tiſch legte, ſo hielt er es für gerathen daſſelbe zu thun, da er nicht mehr Vertrauen beanſpruchen konnte als die Geſellſchaft mit der er gekommen war. Er griff in die Taſche, aber ſeine Börſe war nicht an der gewohn⸗ ten Stelle; er ſuchte rechts und links, ſie war nicht mehr da. Kein Zweifel, man hatte ſie ihm geſtohlen. Zu dieſer unange⸗ nehmen Ueberraſchung aber geſellte ſich im gleichen Augenblicke ein großer Schrecken, denn erſt jetzt kam ihm auch ſeine Brief⸗ taſche wieder in den Sinn. Wer ihm die Taſchen nach der Börſe durchſucht hatte, dem konnte zugleich die Brieftaſche in die Hände gerathen ſein, welche die herzogliche Vollmacht enthielt, und wehe ihm wenn dieſe den Zigeunern bekannt wurde! Das verhäng⸗ 150 nißvolle Papier hatte ihm nicht den m und nun ſollte es ihm vielleicht noch ver 8 M indeſten Nutzen gebracht, derblich werden. zwungener Gleichgiltigkeit blickte er auf und bemerkte d grinſend zu ihm herüberſah. Offenbar war dieſer einfältige und doch ſchlaue Burſche, der ihn geſtern in ſeiner Bewußtloſigkeit ge⸗ pflegt hatte, ſein Dieb. Um kein Späherauge auf die gefährliche Spur, falls ſie noch unentdeckt ſein ſollte, zu lenken, ab, ſtand auf und ging in die Halle, um dort ſeine Forſchung wo möglich unbeachteter fortzuſetzen. Ein Gelächter ſchallte ihm nach. In der Halle fand er die Mädchen und einige jüngere Männer der Bande verſammelt, welche zu dem Jammergeſchrei einer alten Fiedel tanzten Heinrich ſetzte ſich auf eine Bank an der Wand und ſah ihnen zu, während er mit übergeſchlagenen Armen ver⸗ ſtohlen nach der Brieftaſche fühlte. Sie war noch da; einer tie⸗ fen Taſche anvertraut, war ſie beſſer verwahrt geweſen als die Börſe. Er athmete auf, da er hoffen konnte daß dieſ ihm fernere Durchſuchungen erſparen werde. ließ er vom Suchen Aber freilich ſah er ſich durch denſelben auch jedes Mittels beraubt für jetzt ſein Leben zu friſten. Es war ein raſcher Wechſel de ſtand in den andern warf. Das Gefühl ſeiner unglückl war vom Hunger erſtickt worden, den Hunger h Leben beſiegt, und jetzt da die Gefahr für das Leben abgewendet ſchien, trat der Hunger wieder in ſeine Rechte ein. efangen hielten um Darlehen anſprechen? r ihn von einem Zu⸗ atte die Liebe zum 5— 7 ◻●̈.. eer machen? Sollte er die Jauner die ihn g Brod bitten? oder gar ſeinen Dieb um ein Sein Auge fiel auf eine Thüre die in eine Art von Küche oder 1 Blick einen noch unberührten Schinken, es in der Welt noch genug zu eſſen gib Speiſekammer führte. Er trat hinein und entdeckte auf den erſten der an der Wand hing; nicht weit davon lag ein breites friſchgeſchliffenes Meſſer, das ihm einladend winkte. Noch bedachte er ſich einen Augenblick, aber im nächſten rief er trotzig aus: ſoll ich denn verhungern, ſo lang t? die mich geplündert haben mögen für mich einſtehen!— Er ergriff das Meſſer und 151 ſchnitt ohne ſich irgend zu übereilen ein gutes Stück von dem Schinken ab, das er gierig verzehrte. Er wurde nicht ſatt und doch hatte er einen Widerwillen weiter zu eſſen; Hunger und Elend hatten ihn halb krank gemacht. Er unterſuchte das Gelaß, ob er nicht ſeine Brieftaſche irgendwo darin verbergen könne, aber er fand keinen tauglichen Ort, auch hatte die Kammer keinen andern Ausgang als den durch welchen er hereingekommen war. So ſah er ſich genöthigt das gefährliche Beſitzthum zu behalten; denn hätte er auch hoffen können mit einem der Hofbewohner einen Augenblick unbelauſcht zu reden, der Feigherzigkeit ſolcher Leute, bei welchen die Zigeuner ab⸗ und zugingen, wagte er ſich nicht anzuvertrauen. Er kehrte in den kleinen Saal zurück, ſetzte ſich wieder und ſah gleichgiltig dem Tanze zu. Einige Stunden waren ſo ver⸗ gangen, als Poſtel im Saal erſchien. Auf einen Wink von ihm brachen Alle auf. Die andern draußen hatten ſich gleichfalls fer⸗ tig gemacht und der ganze Trupp ſetzte ſich in Bewegung, wobei der Gefangene wieder, wie früher, unter genaue Aufſicht genom⸗ men wurde. Sie waren ſchon eine Strecke von dem Hofe entfernt, als ihnen die Wirthin mit heftigem Schelten nachgelaufen kam. Ihr Lum⸗ penpack, ihr keinnützigs! ſchrie ſie: probirts und kommt mir noch einmal in mein Haus! Ihr Diebsgeſindel! fuhr ſie fort und ein Strom von ähnlichen Ehrentiteln rauſchte ihr über die geläufige Zunge. Was iſts? was iſts denn? fragten die Zigeuner. Was iſts? äffte ſie mit zornigem Hohne nach. Was es iſt? meinen Schinken habt ihr angeſchnitten und weggefreſſen, ihr ſchwarzgelbe Galgenvögel! Das hat niemand von uns gethan, erwiderte Poſtel ruhig. Cure Katze wird ihn gefreſſen haben. Meine Katze! Ich möcht' auch wiſſen wo die gelernt hätte mit dem Meſſer umzugehen! 15² O Ihr habt beſondere Katzen, die mehr können als Brod eſſen. Du Schlingel, du betrogener Hallunke, was willſt du damit ſagen? Macht euch fort, ihr Hexenleute! ich will euch gern den Schinken erlaſſen, wenn ich euch nur nicht mehr vor Augen ſehen muß. Hexenleute! rief Poſtel lachend. Ich will Ihr was ſagen: es iſt nicht mehr lang bis zum erſten Mai, und wenn ich ein Hexen⸗ meiſter bin, ſo hoff’ ich alsdann bei Tanz und Schmaus und Lichterglanz auf einem grünen Plätzchen mit Ihr zuſammen zu ſein die ganze Nacht. Wer wüßte den Weg zur Frau Näget beſſer als Sie? Alſo auf Wiederſehen da droben! Er deutete bei dieſen Worten nach einer am Abhang eines nahen Berges gelegenen Ebene, die er als den Blocksberg der Um⸗ gegend bezeichnen zu wollen ſchien. Die andern ſtimmten in ſein Gelächter ein und machten ſich von dannen, während die Wirthin ein reiches Wörterbuch von Schimpfreden hinter ihnen her blätterte. Sie gingen nach der Wolfsſchlucht zurück, wo ſie beinahe die ganze Bande verſammelt trafen. Dieſelbe war beſchäftigt ein Reh zu verſpeiſen und den Becher unter ſich kreiſen zu laſſen. Ob⸗ gleich der Ort ſo unheimlich ausſah wie in der vergangenen Nacht, ſo waren doch Alle luſtig und guter Dinge; denn ſeit der Flucht aus dem Schönbuchwalde hatten ſie keine Verfolgung mehr zu beſtehen gehabt, und fühlten ſich ihren Reden nach zu ſchließen an dieſer Stelle ſo ungefährdet wie wenn ſie ſich in einem frem⸗ den Lande befänden. Hannikels Söhnchen hatte ſich ebenfalls zu ihnen geſellt; der Junge hatte den Schimmel auf einem benach⸗ barten Dorfe untergebracht, und ſpielte nun mit ſchön getigerten Pilzen die über Nacht aufgeſchoſſen waren. Nur die Großmutter fehlte noch; ſie war nicht mehr gut zu Fuß, und hatte die Hunde vorausgeſchickt. Der Hauptmann ließ ſich jetzt auch von Poſtel Bericht erſtatten, und dieſer verfehlte nicht in ſeinem Rapport die Geſchichte von den Mißhelligkeiten wegen des geſtohlenen Schinkens vorzubringen. 153 Wer hat den Schinken genommen? fragte Hannikel, indem er ſich mit gerunzelter Stirne umſah. Ich, erwiderte Heinrich vortretend: ich hatte Hunger. Hannikels Stirne entwölkte ſich, er ſah ihn mit luſtiger Ueberraſchung an und brach in ein donnerndes Gelächter aus. Die andern lachten unter den tollſten Gebärden ganz ausgelaſſen mit; Nottele ſchlug ein Rad und wälzte ſich am Boden. Er wird reif, ſchrie Hannikel, er wird reif! Gleich heute darf er mit. Wenzel bot ihm ein Stück vom Reh; Heinrich lehnte es ab. Immer beſſer! rief Hannikel. Er macht ſich: es ſchmeckt ihm ſchon nichts mehr als Geſtohlenes. So wars nicht gemeint, verſetzte Heinrich. Ich dachte nur, wer mich beerbt habe der könne auch für mich bezahlen. Da⸗das iſt keine A⸗Arbeit, ſagte Nottele, für einen la⸗la⸗ lachenden Erben. Was ſollen dieſe Ausdrücke bedeuten? fragte Hannikel den Gefangenen mit richterlichem Ernſt. Bloß daß mir meine Taſchen geleert worden ſind, antwortete dieſer ruhig. Hannikel ſchnaubte. Ich rath' Ihm, ſchrie er, keinen Verdacht auszuſprechen, den Er nicht beweiſen kann. Er iſt bei ehrlichen Leuten, rief Duly, die bezahlen was ſie ſchuldig ſind. Ich ſpreche nichts aus, ſagte Heinrich, als daß ich geſtern meine Börſe noch hatte und daß ſie mir heute fehlt. Der Träumer wird ſie bei der Bataille verloren haben, ver⸗ ſetzte Hannikel. Uebrigens mit dem Bezahlen hat er Recht. Solche Geſchichten dürfen nicht vorkommen, am wenigſten hier. Dieterle, da haſt du Geld, geh auf den Gaisbühl und bezahle den Schin⸗ ken. Sag' dem Gaisbühler, dein Vater wolle nicht daß man von ſeinen Leuten Verluſt und Ungelegenheiten habe. Der Bube eilte fort. Hannikel gab dem Gefangenen einen Wink und entfernte ſich etwas von den andern mit ihm. Nun, Kamerad, ſagte er, ſeinen langen ſchwarzen Bart in die Hand nehmend, man wird doch wohl zu honnett ſein ſich von uns ver⸗ halten zu laſſen? Heinrich lachte bitter. Ich habe mich nicht in die Geſellſchaft eingedrängt, erwiderte er, und man kann mich leicht abſchütteln wenn man will. Meine Rechnung will ich indeſſen gerne berich⸗ tigen, ich weiſe ſie auf den Stammler an, der am beſten wiſſen wird was geſtern während ich meiner nicht mächtig war mit mei⸗ nen Taſchen vorgegangen iſt. Nehmt Euch in Acht! entgegnete Hannikel und hob den Fin⸗ ger auf: der Nottele läßt nichts auf ſich ſitzen. Ich glaubs auch nicht von ihm, dem Fontin würd' ich eher ſo was zutrauen. Uebrigens nur nicht aufgebraust! Die Umſtände ſind nicht danach. Was hat man denn jetzt vor? Ich bin geächtet, antwortete Heinrich, und der hoffnungsloſe Ton womit er dieſe Worte ausſprach ging ihm von Herzen. Man hat die Augen zu hoch erhoben, ſagte der Zigeuner⸗ hauptmann, und dafür hat man eins vor den Kopf bekommen. Wir Zwei hätten eigentlich ein Hühnchen mit einander zu rupfen wegen der Sache, und ich verſtehe ſonſt in derlei Dingen keinen Spaß, aber weil wir gewiſſermaßen Leidensbrüder ſind, ſo will ich für dießmal ein Auge zudrücken. Ich habe Mitleid mit Euch, Eure Ausſichten ſind für immer ruinirt. Wollt Ihr Euch noch einmal eins auf den Pelz brennen laſſen? Gebt Acht, das nächſte Mal trifft er beſſer. Bleibt bei uns. Wir gehen für einige Zeit in ein anderes Land. Das Vorurtheil das bei uns gegen die Deutſchen herrſcht braucht Ihr nicht zu fürchten, wenn Ihr unter meinem Schutze ſteht. Es hat zwar ſeine Gründe, iſt aber doch eine Dummheit, denn die Racker ſind nicht ſo leicht zu entbehren, nur muß man ihnen ſcharf auf die Finger ſehen, damit ſie keine Stänkereien machen. Bei uns könnt Ihr Euer Brod ehr⸗ lich verdienen und braucht nicht den Hungerleider abzugeben. 4 Ihr ſeid ein Studirter und kön gibt es nicht bei uns zu ſchreiben! Brandbriefe und Atteſtate ut mit der Feder umgehen. Was und Päſſe und wie das Zeug alles heißt! Ich pflege etwas weiter zu denken als die andern, und deßhalb hab' ich mir ſchon längſt geſagt, wir ſollten einen ſolchen Mann unter uns haben. Die Welt liest jetzt allenthalben Zeitungen, und da ſo ſchlechte Gerüchte über uns verbreitet ſind, ſo könntet Ihr Aufſätze in die Zeitungen ſchicken und dadurch unter der Menſchheit eine beſſere Meinung von uns erwecken. In kurzer Zeit würdet Ihr bei uns allen in der größten Achtung ſtehen. Und um Euch dieſes Leben noch angenehmer zu machen, könntet Ihr meine Stieftochter hei⸗ rathen, die ja doch ſozuſagen wieder Wittwe iſt. Sie iſt hübſch, hat Feuer, und ich hätt' ihr ſchon längſt etwas Apartes gegönnt: denn ſie verdient einen Mann der ein wenig mit den Weibern umzugehen weiß. Ich bin überzeugt, ihr würdet glücklich mit einander ſein. Er ſchwieg und ſah ihn auffordernd an. er ihm eine Weile in das Geſicht geſtarrt! Ich wills bedenken. Gut! ſagte Hannikel und wandte ſich barſch: bis morgen hat man Bedenkzeit, dann ſprechen wir aus einem andern Tone.— Wo iſt denn die Urſula? rief er zu den Andern zurückkehrend: ich habe ſie ja ſeit unſrem Abzug aus dem Jägerhäuschen nicht geſehen. Statt der Antwort zeigte Nottele nach dem Rande der kaum haushohen Schlucht, wo eben die überhängenden Zweige der jun⸗ gen Buchen aus einander gebogen wurden und auf dem ſchmalen Fußſteig ein Mädchen erſchien. Es war die Vermißte. Sie ließ ein buntes Tuch zum Gruße flattern, und war alsbald wieder verſchwunden, aber die knackenden Zweige verriethen wie ſie flink Heinrich, nachdem hatte, erwiderte kurzweg: und kräftig den Abhang heruntereilte. Wenn man den Teufel an die Wand malt, ſ da, ſtotterte Nottele. o iſt er auch ſchon 156 Das Mädchen brach wie ein Reh aus dem Gebüſch hervor und flog ihrem Vater an den Hals. Auf ihrer Stirne war eine friſche blutige Schramme.. Und woher dann ſo ſchnell? fragte Hannikel. Du haſt dich ja ganz außer Athem gelaufen. Sie ſetzte ſich auf den Boden, einen ſcheuen Blick auf Hein⸗ rich werfend; ihre Augen, die jüngſt, von Leidenſchaft erhellt, in einem ſchönen durchſichtigen Braun geglänzt hatten, flimmerten heute in einem nebligen Grau. Sie ſah eine Weile vor ſich hin, dann wandte ſie ſich plötzlich in der Zigeunerſprache an ihren Vater und redete erſt zaghaft und leiſe, dann immer lauter und heftiger, bald weinend bald ſcheltend bald beſchwörend, auf ihn ein. Heinrich verſtand nur daß der Name Tony mehrmals in ihren Reden vorkam. Sie ſchien jedoch keine ſtarke Beſchwörung nöthig zu haben, denn ihre Worte hatten ſichtbar heftig auf die Bande gewirkt. Hannikel zog ſeine niedere Stirne auf eine greuliche Weiſe zuſammen, ſein Bruder Wenzel hatte das finſtere Schweigen das ihm ſonſt eigen war mit einer wilden Fröhlichkeit vertauſcht, und die andern drückten lärmend eine grimmige Freude aus. Duly gab dem Wenzel ſeinen Hirſchfänger und empfing dafür eine Terzerole von ihm. Dann ſchnitten ſie ſich dicke Stöcke, und die funkelnden Augen womit ſie dieſem Geſchäfte oblagen ließen auf ein übles Vorhaben ſchließen. Was mögen ſie im Schilde führen? dachte Heinrich. Tony wird doch nicht ſo albern ſein ſich in ihre Hände zu geben. Hannikel ſah nach der Sonne, die allmählich gegen den Rand der Schlucht herunterſank. Er ſprach einige Worte und die Bande ſetzte ſich wieder ruhig umher, um den Becher noch einmal die Runde machen zu laſſen. 4 Urſula, mit welcher ihr Vater einen Augenblick leiſe geſpro⸗ chen hatte, trat zu dem Gefangenen, der, ſtets beobachtet, auf der Seite ſtehen geblieben war. Sie warf einen ihrer langen Blicke auf ihn und redete ihn dann deutſch an. Sind Sie bös? fragte ſie. 157 Er lachte unmuthig in ſich hinein. Es iſt doch eine wie die andere, dachte er: wenn ſie gut Wetter haben wollen, ſo beginnen ſie mit der Frage, ob man böſe ſei.— Ich muß es wohl ſein, antwortete er laut, ſonſt würde mir nicht ſo viel Böſes widerfahren. Ich bin auch bös, ſagte ſie. So? Nicht auf Sie, ſetzte ſie hinzu. Auf wen denn? fragte er mechaniſch. Würden Sie's nicht auch ſein, entgegnete ſie ausweichend, wenn man Sie verſchwätzte und hintendrein mißhandelte? Iſt dir ſo was geſchehen? Sie ſah vor ſich hin. Ich wollte nur fragen, ſagte ſie nach einer Weile. Sahſt du Tony in letzter Zeit? hob er wieder an. Welchen? Nun, den andern kennſt du ja nicht. Ich meine deinen Ver⸗ lobten. Ach der! ſagte ſie gleichgiltig, der will nichts von mir und ich nichts von ihm. Sie blieb bei ihm ſtehen. Da ihre ſtumme Haltung ihn zum Sprechen aufforderte, ſo ſagte er nach einer Weile: Was haſt du denn an der Stirne? 2 Sie wurde roth und ihre Augen verdunkelten ſich. Ich bin in ein Glas gefallen, ſagte ſie zögernd. Er fragte nicht weiter. Sie ſchwieg ebenfalls, als ob ſie nicht wüßte wie ſie ihm beikommen ſollte, und blickte ihn von Zeit zu Zeit unſchlüſſig an. Der Hauptmann winkte jetzt, und mit wildem Ernſt in den Geſichtern erhob ſich die Bande. Sie ſtiegen die Schlucht hinauf und vertheilten ſich dann nach verſchiedenen Seiten. Hannikel, Wenzel, Duly und Nottele nahmen den Gefangenen in die Mitte und bildeten eine beſondere Abtheilung, an deren Spitze ſich Ur⸗ ſula ſtellte. Sie gingen leiſe und eilig durch den Wald, in einem 158 Bogen der die untergehende Sonne in ihren Rücken brachte. Molche krochen ihnen in Menge über den Weg. Ein blutiger Widerſchein zitterte noch am Himmel, als ſie aus dem Walde traten; die rothen Streifen erblaßten allmählich, und die wachſende Sichel, ſchon tief am Horizonte ſtehend, warf ein ſchwaches, däm⸗ merndes Licht auf die Gegend. Die Berge waren zur Rechten un⸗ bedeutend in die Ferne gerückt, und eine Ebene verlief ſich vom Walde aus weit hin in den grauen Schatten. Am Saum des Waldes, wo ein verlaſſenes niedriges Hirtenhäuschen ſtand, wurde Halt gemacht. Heinrich ſuchte ſich vergebens zu enträthſeln was dieſe An⸗ ſtalten bedeuten ſollten. Er war aber auch wenig fähig zum Nach⸗ denken, denn er fühlte ſich auf einmal krank, der Kopf ſchmerzte ihn heftig, ein jäher Schwindel überfiel ihn, und während er ſich, erblindet und wankend, an Duly hielt, befreite ſich ſein Magen durch einen gewaltſamen Ausbruch von der ſchnellverſchlungenen ungehörigen Speiſe. Duly, den er dabei wider ſeinen Willen verſchwenderiſch bedachte, brach in gräßliche Flüche aus. Willſt du ſtill ſein, du dumme Beſtie? rief Hannikel: ich drehe dir den Hals um. Ei zum Teufel! entgegnete Duly mit gedämpfter Stimme: du magſt ihn dem da zubinden! oder laß ihn ſein Herz in dei⸗ nen Buſen ausſchütten. Die andern lachten leiſe. Da ſieht man, ſagte Hannikel, daß unrechtes Gut nicht gedeiht. Heinrich konnte kaum noch aufrecht ſtehen; der Fieberfroſt ſchlug ſeine Zähne an einander, während ein ſchneidender Wind am Walde herauffuhr. Horch! ſagte Hannikel. Wenzel warf ſich nieder und legte das Ohr an den Boden, die andern lauſchten mit vorgeſtreckten Köpfen nach der Ebene hin. Wenzel gab ein Zeichen. Hinein ins Schafhäusle mit dieſem da! flüſterte Hannikel: ihr beide links, wir rechts auf die Seite! 159 und du, Mädchen, auf deinen Poſten. Nottele, vergiß nicht! wenn du dich brav hältſt, ſo bekommſt du die Legart. Die Zigeuner verſchwanden, und Heinrich wurde von dem Mädchen durch eine niedrige Oeffnung ohne Thüre in den finſtern engen Raum hineingeſchoben. Er hielt ſich an einem Queerbalken, an den er beim Eintreten den Kopf geſtoßen hatte, und kämpfte mit ſeinem körperlichen Zuſtand und mit der Erwartung der Dinge die da kommen ſollten. Die Zigeunerin ging indeß langſam eine Strecke gegen die Ebene hinab. Nach kurzer Zeit vernahm man Tritte und das Knurren eines Hundes. Eine Geſtalt erſchien, nach dem Häus⸗ chen herauſſchleichend. Pſt! wisperte ſie von weitem und traf mit dem Mädchen zuſammen. Man hörte ſie in der Ferne mit einander reden. Dann gingen ſie dem Häuschen zu. Du rechneſt einem auch gar keinen Gefallen an, ſagte das Mädchen. vernehmlich, während ſie näher kamen. Ich mußte mich doch vorher von meinen Leuten losmachen, ſonſt wär' ich dir weiter entgegen gegangen. Von dir hat man für ſeine Freund⸗ lichkeit nichts als Vorwürfe und noch etwas mehr. Du biſt gleich ſo grob; wenn man dir alles zu lieb gethan hat ſo ſchlägſt du einem noch dafür das Glas in den Kopf. Du hätteſts verdient daß ich dir einen rechten Poſſen ſpielte. Pah! erwiderte eine männliche Stimme: du haſt nicht alles gethan, du biſt eine eigenſinnige Hexe. So ein Weibsſtück muß hübſch geſchmeidig ſein, ſonſt geb' ich keinen Heller drum, und nicht ſo empfindlich! Thuts denn noch immer weh? Wie, ſei vernünftig! Er hatte den Arm um ihren Hals geſchlungen, und ſie kamen immer näher. Heinrich hatte auf die Stimme gelauſcht, mit einer Spannung vor welcher das Gefühl ſeiner Unpäßlichkeit beinahe verſchwunden war. Tonys Stimme war es nicht, und er ath⸗ mete hoch auf. Indem begann der Hund unruhig zu werden und endlich zu 160 bellen. Was iſt das? rief ſein Herr mit beklommener Stimme: iſt jemand in der Nähe? Wer wird wohl auch da ſein, lieber Tonyl antwortete das Mädchen: du haſt nichts zu beſorgen. Sie lockte den Hund und ſuchte ihn zu beruhigen. Heinrich beugte ſich leiſe zu der Oeffnung der Hütte hinaus, und wußte nun wen er vor ſich hatte, denn er konnte in der Dunkelheit ſogar die militäriſche Tracht ſeines Belei⸗ digers unterſcheiden. Seine Stimme hatte er ebenfalls erkannt. Es war Tony, der Grenadier, dem er die üble Nacht in Sulz ver⸗ dankte, und der, verrätheriſch hieher beſtellt, ein Opfer ſeines Uebermuthes und weiblicher Rachſucht, hier ſeinen Feinden in die Hände lief. Denn ehe Heinrich ſich beſinnen konnte ob und wie er zu retten ſei, ſah er auf allen Seiten Geſtalten vom Boden auftauchen, die den Verrathenen umringten. Das für deinen Verrath! rief Hannikel und drückte eine Piſtole auf ihn ab. Der Grenadier hatte ebenfalls eine aus dem Gurt geriſſen. Man hörte zwei Hähne ſchnappen; beide hatten verſagt. So du biſts? ſchrie Duly, das Gewehr losdrückend, das er von Wenzel erhalten hatte. Auch dieſes verſagte. Rache für Mantua! brüllte Wenzel und ging ihm mit dem Hirſchfänger zu Leibe, wurde aber von dem grimmig heulenden Hunde zurückgehalten. Gib den Feuerſegen heraus! ſchrie Nottele ohne dießmal zu ſtottern, und drang mit hochgeſchwungenem Knittel auf den Un⸗ glücklichen ein. Dieſer verlor den Muth, als er die Zahl ſeiner Gegner mit jedem Augenblicke wachſen ſah. Er wandte den Rücken und ver⸗ 5 ließ ſich nur noch auf die Schnelligkeit ſeiner Ferſen. Duly ſetzte 4 * 4 ihm mit gewaltigen Sprüngen nach, packte ihn und wollte ihn zu Boden reißen, wurde aber abgeſchüttelt, und Flucht und Verfolgung wälzte ſich unter lautem Toben weiter. Es kam zu Heinrich herangehuſcht und zog ihn in die Hütte zurück. Nur ſtill, ſtill! rief Urſulas Stimme: ſonſt müſſen Sie 161 auch mitthun. Mein Vater hats geſchworen.— Sie haben ein⸗ ander den Schuß geſtellt, fuhr ſie leiſe und unruhig fort. Du lockſt die Männer, um ſie zu verrathen? ſagte er und ſuchte ſich loszumachen. Er hat mir ein Glas am Kopf zerſchlagen, der Undankbare! rief ſie: und ich hatte doch ihm zu Liebe vergeſſen daß er ein Feind der Meinigen iſt. Huſſa, hetz, hetz! rief die Stimme des Buben der mit den Hunden ſeines Vaters queer über die Ebene rannte. Die Jagd toste längs des Waldſaumes hin mit dem Gebruüll der Männer, mit dem Toben der Hunde. Da hörte man einen Streich fallen; es klang wie wenn ein Topf zerſchlagen wird, und ein gräßlicher Todesſchrei gellte von dem Kampfplatz herüber. Heinrich ſchauerte zuſammen. Das Mädchen klammerte ſich zitternd an ihn an und flüſterte: Gott ſei ſeiner armen Seele gnädig. Ungeheuer! Mörderin! rief er und ſchleuderte ſie mit wildem Abſcheu von ſich, ſo daß ſie den Kopf an das Gemäuer des Hir⸗ tenhäuschens ſtieß. Faßt ihn! nieder mit ihm! ſchrie ſie, plötzlich verwandelt, mit ausbrechender Wuth: faßt den Verräther! laßt ihn nicht ent⸗ kommen! Heinrich hörte Geräuſch und Stimmen im Walde, ſeine Sinne verwirrten ſich und er floh die Ebene hinunter. Er hörte einen Hund hinter ſich und jagte wie ein gehetzter Hirſch mit großen Sätzen über den unebenen Boden hin. Der Hund kam näher und näher, er ſchnappte nach ihm, da wich der Boden unter dem Flüchtling und er rollte mit Erde und Steinen einen Abhang hinab. Der Hund heulte ihm mit getäuſchter Begierde nach. Heinrich hatte einen Augenblick das Bewußtſein verloren. Ein Schmerz im linken Arme, und Waſſer das ihm den Mund be⸗ netzte, brachten ihn wieder zu ſich. Er richtete den Kopf empor, bewegte den verletzten Arm ungehindert und erhob ſich wankend vom Boden. Der Mond war untergegangen; das ſchüchterne Schiller's Heimathjahre. II. 11 162 Licht der Sterne zeigte ihm daß er in einen Bach geſtürzt war, der mit tiefem Bett, obwohl ſeichtem Waſſer die Ebene durch⸗ ſchnitt. Er war auf eine aus dem Rinnſal hervorragende Kies⸗ bank gefallen und deshalb wenig naß geworden; dafür hatte ihm der Fall die Gebeine unſanft zerſtoßen. Es war ſtill in ſeiner Nähe, niemand verfolgte ihn mehr. Er ſtieg an einer niedrigeren Uferſtelle wieder herauf und ſah ſich um. Die graue Dämmerung die ſich herabgelaſſen hatte erlaubte ihm nicht weit zu ſehen, aber bald hörte er lange Seufzer die vom Mordplatz her durch die Gegend zitterten; ſie klangen über alle Beſchreibung traurig und grauenhaft. Dazwiſchen hörte er einen Hund winſeln; dann vernahm er wieder ein Gewirre zorni⸗ ger Stimmen, worauf jedesmal ein noch tieferes Stöhnen erfolgte. Unſer Freund war nicht zum Helden erzogen worden; doch hatte er in den letzten Tagen zweimal in die Mündung einer Pi⸗ ſtole geblickt, ohne den Rücken zu wenden. Jetzt aber, bei dieſen Lauten, überfiel ihn ein tödtlicher, geſpenſtiſcher Schrecken; es war ihm als ob er ſelbſt gemordet werden ſollte. Ich bin zu ſchwach! ich bin zu feig! ich kann ihm nicht helfen! murmelte er mit erſtickter Stimme und ſchlug die Hände vor das Geſicht. Ein Seufzer aus der ganzen Tiefe eines verzweifelnden Herzens tönte jetzt herüber, die ſcheidende Seele des Ermordeten ſchien in ihrer Todesangſt kalt an ihn heranzuſauſen; er that einen Schrei und rannte blindlings davon. Halb bewußtlos irrte er umher, ſtrich über einen großen Weide⸗ platz, an einem Pferch vorüber, unter mächtigen, vielhundertjäh⸗ rigen Eichen hin, die, ernſten Wächtern gleich, vereinzelt auf dem Raſen ſtanden, dem Flüchtling aber mit ihren Wurzeln manches üble Hinderniß in den Weg legten, ſah endlich ein Licht und eilte darauf zu. Erſt in nächſter Nähe erkannte er den Hof auf dem er heute geweſen war, und kam leiſe vor das Fenſter um zu ſehen ob er nicht Hilfe aufbieten könne. Die Stube war voll von Zigeune⸗ rinnen, die ſichs wohl ſein ließen; mit Grauen erkannte er unter ihnen 163 das Weib des Grenadiers, unbefangen ſchwatzend und lachend. Auch einige Männer waren dabei. Vielleicht wußten ſie alle um die Unthat: wie hätte er dem treuloſen Volke vertrauen können, bei welchem Buhlerei und Verrath Hand in Hand ging? Als aber ein Hund anſchlug und in geringer Entfernung andre antworte⸗ ten, als er die bekannten, verabſcheuten Stimmen der Mörder immer näher und näher vernahm, da beſann er ſich nicht länger: er fühlte daß jetzt ſein eigenes Leben auf dem Spiele ſtehe, raffte inſtinctmäßig ſeine Kräfte zuſammen und begann von Neuem zu fliehen. Er lief an dem Gehöfte hinab; ein Fußweg führte ihn zwiſchen Bäumen hindurch, über Felder hin. Der Nachtwind ſtrich hinter ihm drein, er glaubte Klaggeſchrei und Todesſeufzer um ſich her zu hören und im Nacken folgte ihm ein beſtändiges Ath⸗ men und Keuchen. Faßt ihn! er hätte darauf ſchwören mögen, ſo deutlich klang der Ruf in ſein Gehör. Er ſprang über Grä⸗ ben, die er erſt entdeckte wenn ſein Fuß ihren Rand betrat. Nach langem Laufen, da er Weg und Steg verloren hatte, prallte er gegen ein Gehege; er eilte daran entlang und fand ein gewunde⸗ nes Gäßchen, das ihn zwiſchen zwei hohen Hecken ſacht berg⸗ unter führte. Das vermeintliche Geräuſch in ſeinem Rücken verlor ſich im Rauſchen eines Waſſers, das er vor ſich hörte. Der Weg den er verfolgte führte ihn zu einer Brücke, und kaum hatte er dieſe über⸗ ſchritten ſo tauchte eine Stadt mit Mauern und Thürmen in der Dunkelheit vor ihm auf. Eine zweite Brücke führte über einen breiten Graben zu einem Thor. Er ſtürzte darauf zu, aber es war geſchloſſen. Ein Schauer überrieſelte ihn. Drinnen waltete bürgerliche Ordnung und Sicherheit, während er hier außen jedem Frevel der geſetzloſen Bande, die ihn nacheilend überraſchen konnte, Preis gegeben war. Aber er getraute ſich nicht Lärm zu machen. Dem Ermordeten Rettung zu bringen war jetzt zu ſpät, und was wartete hinter dieſen Mauern auf ihn ſelbſt? Er fühlte ſich überall geächtet, innerhalb und außerhalb der Welt des Geſetzes. Am 164 liebſten hätte er ſich vor allen lebendigen Weſen verborgen, als ein Menſch welchen der Mächtigſte im Lande, der dem alle gehorchten, durch ſeine Behandlung für ein wildes Thier erklärt hatte. Er verließ das Thor, obgleich er vor Kraftloſigkeit zu taumeln anfing, und ging längs des Grabens hin, der mit einer nied⸗ rigen Schutzmauer eingefaßt war. Auf einmal gewahrte er in der Grabenmauer ein offenes Thürchen, jenſeits des Grabens einen runden Thurm mit ſchwarzen Schießſcharten, und wie vom Traum an einen bekannten Ort gebracht, half er ſich die Treppe hinab, die in den Graben führte, ging über einen Steg aus zwei Balken, zwiſchen Schilf und Waſſerpflanzen hindurch, ſtieg eine Stufe hinauf, und ſtand vor dem Thurme. Er ſuchte die Thüre. Auch dieſe war geſchloſſen. Der kalte Nachtthau erneuerte die Schmer⸗ zen in ſeinem Arme, und wieder glaubte er den gräßlichen Todes⸗ ſchrei und das Schnauben der Hunde zu vernehmen. Bewußtlos rüttelte er an der Pforte, bis er endlich, ſeine letzte Kraft erſchö⸗ pfend, am Fuß des Thurmes in Betäubung ſank. 12. Ich weiß mich trefflich mit der Polizei, Doch mit dem Blutbann ſchlecht mich abzufinden. 3 Fauſt. Heinrich erwachte aus einem bleiernen Schlafe ſo müd und zerſchlagen, daß er ſich anfangs nicht zu rühren vermochte. Er fühlte daß er in einem weichen Bette lag; er öffnete die Augen und ließ ſie wieder zufallen; er öffnete ſie noch einmal und hatte eine wunderbare, unerwartete Erſcheinung. Sein Blick fiel auf ein Fenſter das dem Bette gegenüber war; das Fenſter ging auf die nahe Rückſeite eines Hauſes, wo ihm ein andres Fenſter ent⸗ ſprach, und in dieſem lag— noch einmal ſchloß und öffnete er die Augen— der Bürgermeiſter von Reutlingen, der mit beſorgter Miene auf ihn herunterſah. Er fühlte ſich um ein paar Jahre zurückverſetzt, in jene Nacht wo er den lieben alten Freund durch ſein langes Leſen beunruhigt hatte. Hab' ich denn das Licht zu löſchen vergeſſen? dachte er mit innerem Vorwurf und erhob ſich halb im Bette. Da fuhr der Bürgermeiſter mit einer freudigen Gebärde auf und verſchwand. Heinrich ſprang heraus, die Be⸗ täubung war von ihm gewichen. Er eilte ſich anzukleiden, aber ſein linker Arm, der mit Tüchern umwunden war, hinderte ihn, und ſo war er kaum zur Hälfte fertig, als der gute Alte ſchon im Zimmer ſtand. Gott ſei Lob und Dank, rief er, daß Sie wieder bei Sinnen * 166 ſind! Was haben Sie uns für einen Schrecken gemacht! Wie ſind Sie denn in dieſe Verfaſſung gekommen? Heinrich unterbrach ihn mit Gegenfragen. Haben Sie Mit⸗ leid mit meinem noch ſchwachen Kopf, ſagte er, und erklären Sie mir durch welches Wunder ich zu Ihnen und in Ihr freundliches Haus gerathen bin.— Das iſt bald geſagt, aber zuerſt geben Sie mir die Hand und ſeien Sie mir herzlich willkommen! rief der Bürgermeiſter. Dann fuhr er fort: ich war geſtern in der Vorſtadt in einer Nachtviſite, die durch etliche Geſpenſtergeſchichten über die Gebür verlängert wurde. Als ich nun mit dem Gevatter Syndikus und noch einigen andern heimging und wir unſern gewöhnlichen Weg über den Graben und durch den Thurm nehmen wollten, da ſehen wir etwas auf der Staffel am Thurme liegen. Mein Gevatter wäre faſt vor Schrecken in den Graben gefallen. Wir glaubten einen wildfremden Menſchen zu ſehen, Gott verzeih mirs, wir hielten Sie für betrunken. Nun leuchtet Ihnen einer ins Geſicht, und jetzt war das Erſchrecken an mir, wie ich meinen Herrn Vetter erkenne. Ei du frommer Gott! wie waren Sie dahin ge⸗ kommen? Sie rührten ſich nicht; wir trugen Sie in mein Haus und weckten den Herrn Vetter Phyſikus, der an Ihnen geſchmiert und gerieben und geblutigelt hat nach Herzensluſt! denn jetzt ſah man erſt daß Ihr linker Arm tüchtig verſtaucht war. Endlich machten Sie die Augen ſtarr auf und ſahen mich an; dann fielen Sie zurück und fingen— nichts für ungut!— herzinniglich zu ſchnarchen an, was ein ſehr gutes Zeichen war und dem Phyſikus höchlich gefiel. Dieſer Schlaf hat ohne Unterbrechung bis ſo eben fortgedauert, und wir haben jetzt drei Uhr Nachmittags. Alſo guten Morgen, lieber werther Herr Vetter! Was macht Ihr Arm? Und wie ſind Sie um Gottes Willen, ſagen Sie mir nur— Herr! rief ein junger Menſch und machte die Thüre halb auf: eben kommt die Nachricht daß der Zigeuner endlich geſtorben iſt. Sie haben ihn faſt bis zur Stadt gebracht.— 167 Der arme Schelm! rief der Bürgermeiſter. Es iſt doch gar zu viel Jammer in der Welt. Heute früh wurde beim Schaf⸗ häusle ein Zigeuner gefunden, der von ſeinen Mordgeſellen Nächt gottlos zugerichtet worden iſt. Der Herr Gevatter Syndikus und der Herr Vetter Phyſikus haben alle Hände voll zu thun bekom⸗ men. Der jammervolle Menſch muß eine Katzennatur gehabt haben; er iſt faſt noch lebend ins Fondenhaus gebracht worden. Ich Unglückſeliger, daß ich ihm nicht Hilfe ſenden konnte! Heinrich und ſchlug die Hände zuſammen. Sie? rief der Bürgermeiſter. Ja ich!— ich war dabei. Der Alte trat mit Entſetzen. zurück, nahm ihn aber gleich wieder bei der Hand und ſagte: Nein, Sie ſind kein Uebelthäter. Das bin ich nicht. Und dennoch müſſen Sie ſich bedenken ob Sie mich in Ihrem ehrenwerthen Hauſe dulden wollen; denn ich bin nicht bloß bei dem Herzog von Wirtenberg in Ungnade, ſondern ich komme geradewegs vom— Hannikel und ſeinem Ge⸗ lichter her. Herr, vergib ihm die Sünden ſeiner Jugend! rief der Bürger⸗ meiſter, die Hände zuſammenlegend. Ich habe nichts mit ihrem Thun gemein gehabt! rief Hein⸗ rich: und doch— mit äußerſter Beſchämung geſteh' ichs Ihnen — auf dem Hofe da draußen hab' ich, von der Noth getrieben, die Küche beraubt, weil die Gauner mir all mein Geld genommen und mich ohne Nahrung gelaſſen hatten. Weiter nichts als das? rief der Bürgermeiſter, aus vollem Herzen lachend: nun, es iſt auch ſchon zuweilen einem ehrlichen Manne paſſirt daß er die Zeche zu zahlen vergaß. Auch hab' ichs wieder gebüßt, ſagte Heinrich erheitert; denn mein Magen war ehrlicher als ich, er behielt die geſtohlene Speiſe nicht bei ſich.. Wären Sie doch vorgeſtern auf dem Gaisbühl geweſen! rief der Bürgermeiſter: da hätten Sie mich angetroffen mit ein paar —, rie 168 Herren von Ulm, und ſollten eine geſegnetere Mahlzeit gehabt haben. Aber was ſchwatz' ich lang? Wenn ich Sie anſehe, ſo muß ich vermuthen, daß Ihre Faſten noch nicht zu Ende ſind. Wie? haben Sie ſeitdem nichts zu ſich genommen? Nein, ſagte Heinrich, aber der Schlaf hat mich ſehr geſtärkt. Gott verzeih mir meine Sünde! wir wollen dieſer Stärkung gleich eine kräftigere nachſchicken. Kommen Sie, kommen Sie! Er nahm ihn am Arme, zog ihn durch die Werkſtatt ins Haus und ſetzte Küche und Keller in Bewegung. Bald drang köſtlicher Speiſengeruch ins Zimmer; ihm folgte ein Mädchen mit Schüſſeln, blank von außen, dampfend von innen, und zuletzt kam Gretchen, welche die Aufſicht in der Küche geführt hatte. Sie trug ein Kind auf dem Arme, eines unter dem Herzen, und reichte dem Gaſt mit jungfräulichem Erröthen die Hand. Er ſprang auf und vergaß Eſſen und Trinken über der Begrüßung des hübſchen mädchenhaften Weibchens. Der Bürgermeiſter aber trieb ſie luſtig ſcheltend hinaus; er dachte an das Eine was Noth war, und wünſchte ungeſtört mit ihm reden zu können. Dann ſprach er das Tiſchgebet für ihn und nöthigte den gemütherſchütterten, froſt⸗ durchſchauerten, zerſchlagenen, hungerverzehrten Landſtreicher zu dem zwiſchenzeitigen Mahle nieder. Kein kräftigeres war ihm jemals ge⸗ kocht worden; er gewann mit jedem Biſſen an Geſundheit und Lebens⸗ röthe, und der Reutlinger Wein, den ihm ſein Wirth, wiewohl etwas vorſichtig, dazu einſchenkte, übertraf an wunderthätiger Kraft die be⸗ rühmteſten Flaſchen mit Siegel und Umſchrift; er flößte ihm eine Fülle von neuen Hoffnungen ein und gab den Dingen die vor ſeinen Augen lagen eine muthigere und freundlichere Farbe. Heinrich ließ endlich Meſſer und Gabel ſinken, nahm noch einen herzhaften Schluck aus dem zinnernen Becher, worin ein Löwe, auf drei Bergen ſtehend, eingegraben war, lehnte ſich dann zurück, ſchloß die Augen m ehrwürdigen Angeſicht lange Beichte, worin er angenehm ermattet in den Großvaterſtuhl ein wenig, erhob ſie vertrauensvoll zu de des guten Greiſes, und begann nun eine 169 das Fräulein nach Kräften, ſich ſelbſt aber nicht im Mindeſten ſchonte. Der Bürgermeiſter, deſſen Leben zwiſchen einfachen Sorgen und harmloſen Freuden abgelaufen war, ſchlug die Hände mehr als einmal zuſammen. Was ſind doch die Menſchen! rief er endlich aus, als Heinrich geendigt hatte. Mir geht es über mein Verſtändniß, und der liebe Gott muß ſelber mitleidig drein ſehen, wie ſie ſo wunderlich durch einander rennen und wollen weiß nicht was? und weiß nicht wie? und wie bei allen den großen Abſich⸗ ten und mächtigen Wünſchen und weislichen Anſchlägen am Ende ſo gar nichts herauskommt. Wenn ichs ehrlich ſagen ſoll, aber Sie müſſen mirs nicht übel nehmen, ſo dauert mich eigentlich keins von allen als das arme Papier das ihr mit einander über den Schwarzwald ſpazieren getragen habt; das hätte im Cabinet Seiner Durchlaucht gute Ruh' haben können. Ach Herr, führ' uns gnädig zu dir! Heinrich mußte unwillkürlich lachen. Der Erfolg iſt hier allerdings ein harter Richter, ſagte er, aber verſetzen Sie ſich ein⸗ mal recht in das Innerſte eines Menſchen— Ei was! unterbrach ihn der Alte, ich habe keine Luſt dazu, ich ſitze gut genug in meinem eigenen Logis. Ein jeder warte ſeines Berufs. Statt bei Pfarrern auf der faulen Haut zu liegen und überflüſſige Pfiffe und Ränke gegen das Jungferle auszu⸗ ſpinnen, hätten Sie mit ein paar couragirten Mannen auf ſie dargehen und ſie gleich beim Grips nehmen ſollen. Hätt' man ſie nur mir in Verwahrung gebracht, ich wollt' ihr den Kitzel ver⸗ trieben haben. Was glänzende Cirkel! was Ueberdruß! Beten und arbeiten und Cirkel Cirkel ſein laſſen, das führt weiter als ſo eine Landläuferei. Arbeiten können auch die vornehmen Frauen⸗ zimmer am Hofe; wenn ſie's aber nicht verſtehen, ſo können ſie gute Bücher leſen, worin mehr geſchrieben ſteht als im Mummel⸗ ſee. Ich bin auch einmal am Mummelſee geweſen, und will jetzt erſt recht glauben daß böſe Geiſter drin wohnen, ſonſt wären 170 keine ſolche Narretheien dort vorgefallen. Sie machen mich noch ganz bös, Gott verzeih' mirs, Sie haben mich auf dem Gewiſſen! Geben Sie mir die Hand und trutzen Sie nicht! Wer wird gegen ſolch ein väterliches Herz empfindlich ſein! Auch haben Sie Recht, vollkommen Recht. Aber, alter Herr, ſind Sie nicht auch jung geweſen?— Der Bürgermeiſter lachte und wurde ein wenig roth. In meinen Geſellenjahren, ſagte er, hab' ich auch dumme Streiche gemacht; aber, Heer Vetter, ſo arg hab ichs nicht getrieben. Er ſtieß mit ihm an und beide lachten herzlich mit einander, bis zuletzt Heinrich mit einem Seufzer ſagte: Wenn ich nur wüßte wie es ietzt mit mir werden ſoll. Zum Herzog kann ich nicht mehr zurück, ich ſehe noch immer ſeine Piſtole vor mir. Daß ihms Gott verzeihe! rief der Bürgermeiſter eifrig. Da ſind zwei Schutzengel vor der Mündung geſtanden, der ſeine und der Ihre. Aber, Herr Vetter, ich will Ihnen was ſagen: vielleicht hat er ſeinen Aerger hinausgeſchoſſen. Heinrich mußte trotz ſeiner mißlichen Ausſichten von Neuem lachen. Lachen Sie nur, es liegt doch eine Wahrheit drin! ſagte der Alte, ſelbſt in das Gelächter einſtimmend. Einmal in einem Herbſt hätte es faſt ein Unglück gegeben, denn ſie ſind mit dem Herbſt⸗ ſchießen ganz närriſch und unverſtändig bei uns. Da ſchießt nun meiner Vatersſchweſter— nein! meines Mutterbruders Enkel, und läßt in der Dummheit den Ladſtock drin, ſo daß der mein Gretle faſt an den Kopf trifft; er hat ihr die halbe Haube mit⸗ genommen. Es war ein ſichtbares Wunder Gottes daß ihrs nichts gethan hat. Ich aber im größten Zorn auf ihn los, und krieg' ihn wie er eben das andere Gewehr auch abſchießen will. Ich reiß' ihm die Piſtole aus der Hand, und— eigentlich wollt' ich ihm eine Ohrfeige geben, aber im Zorn und Ungeſtüm ſchieß' ich alter Kindskopf ſelber die Piſtole los, ſo daß alles zuſammenlacht, und ich muß ſelber mitlachen, und konnt' ihm nichts mehr thun, ſo 171 ſchnell war mit dem Knall mein Aerger hinausgefahren. Lachen Sie ſo viel Sie wollen, aber in ſolchen Dingen iſt ein Menſch wie der andre, und mag leicht ſein ſo iſt für Sie mit dem einzigen Knall das ganze Gewitter verflogen. Jedenfalls aber bleiben Sie fürs Erſte bei uns, und das ſoll Ihnen gerade ſo bekommen wie einem kalten Magen eine warme Suppe bekommt. Und ſo geſchah es auch. Der Abend wurde in traulicher Geſelligkeit zugebracht. Gretchen erſchien mit ihrem Manne, der den Gaſt als alten Bekannten, und jetzt ohne Eiferſucht begrüßte. Und als nach Untergang der Sonne auch der Syndikus, von ſeiner Magd mit der Laterne begleitet, ſich herzu fand, da war es dem heimathloſen Pilger als ob in dieſem anheimelnden Kreiſe die Zeit ſtill geſtanden wäre. Die Veränderung mit Gretchen abge⸗ rechnet, war alles noch wie vor ein paar Jahren. Die Alten waren nicht älter geworden, ſelbſt das Geſpräch berührte mitunter dieſelben Gegenſtände und mit denſelben Worten wie damals. Während er ſich unter fruchtloſen, undankbaren Mühen, nichtigen Wünſchen abtummelte, hatten dieſe Menſchen ihr ſtilles Glück genoſſen. Er ſuchte zeitig ſein Lager, und hatte ſeit langer Zeit zum erſten Mal wieder das Gefühl das der friedliche Bürger jeden Abend genießt, wenn er ſeine Decke über ſich zieht. Als er den andern Morgen aufſtand, fiel ſein Blick auf ein alterthümliches Raſirzeug, das auf dem Tiſchchen lag. Auch ein Spiegel hing darüber, den er geſtern nicht geſehen hatte. Er warf einen Blick hinein und fuhr erſchrocken zurück. Jetzt konnte er ſichs erklären warum der Sulziſche Subſtitut ſo ſchnell mit ihm ins Reine gekommen war, warum Matthäus ihn hatte„menſchlich machen“ wollen, warum er ſelbſt bei den Zigeunern eine gering⸗ ſchätzige Behandlung erfahren hatte. Nicht nur ſein Gewand, er ſelbſt ſah von Grund verdorben aus; dazu hatte ſein Bart in den letzten Tagen unbillige Stoppeln getrieben, welche abſchreckend auf dem faſt aſchgrauen Grunde ſtanden. Er ſah einem Vagabunden —.—nyÿÿ— 172= ſo ähnlich daß er ſich nur wundern mußte wie er hier ſo freund⸗ lich und zutraulich aufgenommen war. Eilig fuhr er mit der Senſe über das Stoppelfeld, und als nun der Boden den es be⸗ deckt hatte zum Vorſchein kam, ſah er zwar durchfurcht und ge⸗ ackert, aber doch nicht ganz fahl und herbſtlich aus. Sein Gaſtfreund trat herein und blickte ihn wohlgefällig an. Wer A geſagt hat, begann er, muß auch B ſagen, Herr Vetter! Ihren Kleidern ſieht man wohl an daß ſie einmal recht proper geweſen ſind, aber die Schwarzwälder Luft hat ihnen den Glanz genommen. Nun haben wir hier einen Schneider, einen gereisten Mann, der bei den Sachſen geweſen iſt; er arbeitet für unſre jungen Rathsherren und hat neulich ſogar einem Licentiaten, der unſrem Gevatter Syndikus den alten Rock wenden möchte, einen Habit machen dürfen. Wie wärs wenn Sie ihm auf mein Wort Ihr Zutrauen ſchenkten? Und noch eins: mich würde es freuen wenn Sie ohne Umſtände das grüne Beutelein da einſtweilen von mir nehmen wollten; es iſt nicht viel drin, und Sie werden auch ſchwerlich Geld bei uns nöthig haben, aber ich kann mir vorſtellen daß es doch immer verdrießlich iſt wenn man nichts in der Taſche hat. Heinrich ſteckte erröthend die Börſe ein und drückte dem wackern Manne die Hand; dann erwiderte er, wenn er ſich nur nicht vor Sereniſſimo verbergen müßte, ſo könnte er über den mäßigen Kleidervorrath den er zu Stuttgart beſitze verfügen; auch liege in ſeinem Schreibtiſch noch eine kleine Summe Geld, ſtatt deren er aber lieber ein Guthaben daſelbſt einzucaſſiren wünſche. Schreiben Sie gleich das Nöthige! rief der Bürgermeiſter: es geht durch eine ſichere Hand, wo Sie gewiß ſind nicht verrathen zu werden. Eilen Sie, es hat keinen Verzug. Er zog ihn ins Haus hinüber, wo ihnen Gretchen entgegen kam. Soll ich jetzt den Sachſenſchneider kommen laſſen, Vater? fragte ſie. Gib dem Herrn Vetter unterdeſſen meinen Hochzeitrock, erwi⸗ derte er. 173 Die junge Frau lachte herzlich und holte das wohlerhaltene Ehrenkleid, um es dem jungen Manne, nachdem die Anweiſungen geſchrieben und vom Bürgermeiſter ohne weitere Erklärung abge⸗ ſchickt waren, mit großer Feierlichkeit anzulegen. Dann umging ſie ihn und betrachtete ihn mit neckiſcher Bewunderung von allen Seiten. Ich komme mir vor wie ein Cavalier vom Hofe Ludwigs des Vierzehnten, ſagte Heinrich. Ja, verſetzte der Bürgermeiſter, ſo ein Stück hält länger als Eure neumodiſche Fetzen. Es hat aber auch keine Schwarzwaldreiſe mitgemacht! rief Heinrich. 1 3. Ich wünſche nur, ſagte Gretchen, nach ihrem ſchreienden Kinde laufend, daß Sie bald Ihren eigenen Hochzeitrock anziehen möchten. Und daß deſſen Glanz der liebe Gott vor aller und jeder Schwarzwaldluft bewahren möge, Amen! fügte ihr Vater hinzu. Heinrich zuckte ſchmerzlich zuſammen, fuhr aber mit Scherz⸗ reden fort, und als beide ihren Geſchäften nachgingen, ſetzte er ſich zu den ſchnell wieder herbeigeſchafften Chroniken und alten Büchern, wie ein Sohn im elterlichen Hauſe, der ſeine Ferien nicht ganz müßig verdämmern will.. Am folgenden Tag, als man eben bei Tiſche ſaß, wurde ein Pack abgegeben, der ſeine Kleider enthielt. Der Bürgermeiſter ſagte lachend: Sie werden glauben, wir hätten eine Extrapoſt oder gar eine Hexenpoſt; aber es war eine unvergleichliche Gele⸗ genheit, die nicht alle Tage kommt. Ja, wenns der Herzog wüßte! Heinrich hielt ihm ein Blatt hin, das zwiſchen den Schnüren des Packs geſteckt hatte. Um nicht fremde Leute über ſeinen Schreibtiſch zu ſchicken, hatte er ſich an einen Stuttgarter Buch⸗ händler gewendet, bei dem er noch einen beſcheidenen Poſten für eine literariſche Arbeit gut hatte, und dieſer wies ihn an einen Collegen in Reutlingen an. Der Mann iſt ſolid, Herr Vetter! ſagte der Bürgermeiſter 174 nachdem er geleſen hatte, und ſchickte das Blatt augenblicklich fort. Es dauerte nicht lang ſo klopfte es an der Thüre und ein wohl⸗ conditionirter Mann mit verwogenem Antlitz ſchob ſich herein. Da iſt der Herr Vetter Buchdrucker ſelbſt! ſagte der Bür⸗ germeiſter. Quos ego, illustrissime! ich wollte mir das Vergnügen nicht verſagen den Saldo ipse zu behändigen, rief der Eintretende und zählte einen Haufen blanker Zwanziger mit dem Adler auf den Tiſch. Das Geſchäft wurde ſchnell beendigt, während Heinrich Mühe hatte das Lachen zu verbeißen: denn er erinnerte ſich daß Schiller von den luſtigen Freunden beim Anblick der löſchpapiernen Exem⸗ plare ſeiner Räuber beſtändig beſchuldigt worden war, er ſtehe im Solde der Reutlinger Preſſe. Das iſt kein Löſchpapier! ſagte er, auf das Geld deutend, mit muthwilliger Verbindlichkeit. Nein, Sie! war die Antwort des Verlegers: das iſt was die Eh⸗ ninger Krämer Raſpesbones zu nennen pflegen. Aber, Sie! ver⸗ achten Sie mir das Löſchpapier nicht! Das Löſchpapier, Sie! iſt das Prisma vitae, die Butterbrühe des Lebens, und hat mich von der unterſten Schwermuth bis auf die Polhöhe meines Daſeins emporgehoben, während ich mir eine Nationalſäule verdient habe durch Befreiung des armen Publicums von ſeinen Blutſaugern. Sie! der Schmieder in Karlsruhe hat den Romanen des braunen Mannes eine Zueignung an den Sultan vorgedruckt, worin er ſeinen Nachdruck vertheidigt; der meinige vertheidigt ſich ſelbſt, denn er hat den Amazonenſtrom des Lebens in die ärmſte Hütte geleitet, wo die Mäuſe auf der Caſſe pfeifen. Die Buchhändler machen ſich nur um ihre Seckel Fortunati verdient; ich bin der erſte der für die Nation gearbeitet hat. Und die ſchönen und großen Geiſter Deutſchlands in ihren wohlfeilen löſchpapierenen Kitteln, ſie ſind eben doch populär geworden! Ich hab' ihnen die wahre Uniform des Genies angezogen, nach dem Spruch des Apoſtels von der Demuth des Lebens. Sie! wenn Sie mir einen jungen Gelehrten wüßten, ſo einen Mann mit des Genies gefähr⸗ 175 lichem Aetherſtrahl— ich bin riskanter als Ihr Metzler, der dem guten Herrn Schiller ſeine Räuber mit einer frommen Strafpre⸗ digt heimſchlug.— Sie! wir zwei, nämlich Ich und das junge Genie das ich meine, um nicht deutlicher zu ſignaliſiren, wir könn⸗ ten etwas zuſammenmachen. Denn es iſt mehr zu thun als bloß in der Dummheit des Lebens nachzudrucken; wenn man die Sa⸗ chen zweckmäßig bearbeiten würde, die Hobelſpäne des Genies wegraſpeln und— alles mit Gott, in Gott und durch Gott, à la Johann Caspar Lavater— und Moral einlegen, Schnitzbrühe des Lebens mit etwas Pfeffer dran, dann gäbs erſt das wahre Manna für die Nation. Und dann bin ich kein Geldpharao, kein Mammonshornvieh: wenn der Beſagte Luſt hätte ſich auf den Frachtwagen des heiligen Eheſtandes zu ſetzen, ſo wollt' ich ihm eine literariſche Copula des Lebens anſchirren, daß ihm das Herz im Leibe ſpringen ſollte wie der König David vor der Bundes⸗ lade. Ich wollt' ihm die Deichſel ſchmieren und die Räder ſalben, daß ihms gelb vor den Augen werden ſollte vor lauter Baarem und grün vor lauter Künftigem. Sie? was meinen Sie? hm? Unſer Freund, der nun einmal beſtimmt war verſchiedene merkwürdige Anträge zu erhalten, ſagte faſt mit denſelben Worten wie neulich, nur um Vieles heiterer, er wolle ſichs bedenken, und entließ den Mäcenas mit den beſten Hoffnungen. Heinrich brach, als die Thüre ſich hinter dem Abgehenden ge⸗ ſchloſſen hatte, über ſeinen wunderſamen Styl in ein unauslöſch⸗ liches Gelächter aus, und der Bürgermeiſter ſagte: Ich weiß auch nicht wo er dieſe Ausdrücke her hat. Aber dumm iſt er nicht. Er hat als Ehninger Krämer angefangen, und jetzt iſt er ein Mann den ich nicht auskaufen möchte. Alſo würden Sie mir rathen mich mit ihm einzulaſſen? Bei Leibe nicht, Herr Vetter! Nur keine Schriftſtellerei, weder hier noch anderswo! Es iſt kein rechter Beruf, und alſo iſt auch kein Segen drin. Auch hab' ich mir ſagen laſſen daß es ein Leben ſei, ärger als bei Zigeunern und Keſſelflickern. 176 Er warnte ihn aufs Dringendſte, und Heinrich mußte ſeinem alten Freunde förmlich verſprechen daß er, etwaige Verſuche in berufsfreien Nebenſtunden abgerechnet, ſich niemals mit dieſem un⸗ ehrlichen Gewerbe abgeben wolle. Der Syndikus trat ein, mit dem Vorſchlage den Herrn Vetter auch einmal irgend wohin zu führen. Heinrich ſah voraus was kommen würde. So gewiß er in dieſen zwei Tagen ſchon zweimal hatte Zwiebelkuchen eſſen müſſen, ſo unvermeidlich ſtand ihm auch wieder eine Beſteigung des Kirchenthurmes bevor. Ja, es iſt wahr! rief der Bürgermeiſter: der Herr Vetter hat unſre Kirche ſchon lang nicht mehr geſehen. Auf den Berg iſts ihm doch noch etwas zu weit. Er nahm den wohlbekannten Stock mit dem Wallfiſch und dem Propheten, und Heinrich ging mit den beiden alten Herren gleichſam in Proceſſion zwiſchen einer Doppelreihe von Spitzen⸗ klöpplerinnen hindurch, welche rechts und links die beſonnte Straße entlang eine eigenthümliche Staffage bildeten. Er lauſchte an⸗ dächtig den Belehrungen und Nachweiſen die ihm wieder wie vor Jahren gegeben wurden. Im Stillen jedoch bewunderte er die Rüſtigkeit der Greiſe, welche langſam aber unermüdet den Thurm hinanſtiegen, während er ſelbſt nur gar zu gern hie und da ausgeruht hätte. Sie waren kaum auf dem oberſten der beiden unſrem Freunde von früher her bekannten Umläufe angekommen, wo die Stadt eng zuſammengeſchloſſen und etwas im Maße ver⸗ jüngt zu ihren Füßen lag, da begannen die großen und kleinen metallenen Tauben, an welchen ſie heraufgeſtiegen waren, alle mit einander ihre Flügel zu ſchwingen und ihre ehernen Zungen er⸗ tönen zu laſſen. Es war ein herrlicher Einklang reingeſtimmter Glocken; die einen tönten tief und feierlich herauf, die andern miſch⸗ ten melodiſch helle Klagen ein, die von den bebenden Klängen der tieferen Glocken getragen wurden. Ihr Geläute hat ſeines Gleichen nicht! rief Heinrich den beiden alten Herren zu, die ſein Lob mit freundlichem Lächeln aufnahmen. Er konnte ſich ſeinem Entzücken 177 lang genug hingeben, während der Leichenzug dem das Geläute galt langſam die lange Straße vom obern bis zum untern Thor hinunterzog. Dort ſchimmerte zwiſchen Gärten und Wieſen der Kirchhof mit ſeinen Kreuzen und einer alten Kapelle wehmüthig hervor. Es war ein langer Zug von leidtragenden Männern die in ſchwarzen Mänteln dem ſchwarzbehangenen Wagen folgten; zu⸗ letzt kam die gelbe Stadtkutſche mit dem weiblichen Gefolge. Vor dem Todtenwagen ging ein Häuflein Schulknaben, von ihren Leh⸗ rern umgeben, Geſangbücher in den Händen, und als das Geläute endlich ſchwieg, hörte man von fernen aber hellen Stimmen die Melodie des uralten Liedes: Mitten wir im Leben ſind Von dem Tod umfangen. Die Sonne aber ſchien ſo warm und heiter auf den grünen Friedhof und auf den ſchwarzen Zug der ſich ihm entgegenbe⸗ wegte, daß unſrem Freunde die Augen feucht wurden. Da ſah er aus einem niedrigen Gebäude unweit des Thors einen Sarg heraustragen, der eine Weile auf den Boden geſetzt wurde. So wie aber der Leichenzug vorübergegangen war, wurde der Sarg wieder aufgehoben, und gelangte unmittelbar hinter demſelben, von einigen Männern geleitet, zu dem brüderlichen Felde. Das haben ſie geſchickt gemacht, ſagte der Syndikus, daß der arme Tropf noch halb mit Sang und Klang zu ſeiner Ruh' ge⸗ kommen iſt. Ja, erwiderte der Bürgermeiſter, und ehrlich iſts von den Fondenleuten daß ſie ihm das Geleite geben. War das— Der Zigeuner wars, den ſie aus dem Fondenhauſe zu Grabe getragen haben. Man hatte, wie unſer Freund jetzt von dem Syndikus erfuhr, dem Erſchlagenen als einem Zigeuner nicht die vollen Chren einer ordentlichen Beſtattung erweiſen mögen, zugleich aber doch auf Schiller's Heimathjahre, II. 12 178 ſeine Stellung als Grenadier des Herzogs von Wirtenberg die gebürende Rückſicht genommen, und deßhalb mit reichsſtädtiſcher Feinheit den Ausweg ergriffen ſeine Beerdigung an ein zufällig eintreffendes bürgerliches Leichenbegängniß anzuſchließen. Heinrich mußte lächeln, aber zugleich gingen auch die Schauer deſſen was er erlebt hatte noch einmal über ſeine Seele. Der Bürgermeiſter zeigte ihm den Mordplatz, das Hüttchen und den Hof. Heinrich ſah den Weg den er in jener Nacht ge⸗ flohen war und ſagte: So nahe bin ich bei meinen Freunden geweſen, und habs nicht gewußt. Es widerfährt dem Menſchen oft, ſagte der Bürgermeiſter, daß er im Dunkel wandelt. O daß eine ſolche Greuelthat geſchehen mußte! Denken Sie an mich, Herr Vetter! ſagte der Syndikus, und ſeine Rede hatte nicht mehr das Kleinliche und Pedantiſche wie ſonſt: denken Sie an mich, aus dem Blute dieſes Todten wird ein Kräutlein erblühen, deſſen das Land wohl bedürftig iſt. Ruh' und Sicherheit wird es heißen. Bis jetzt haben dieſe gefährlichen Geſellen ihr Handwerk ſo getrieben daß ihnen nicht recht beizu⸗ kommen war. Was ſie auf dem einen Gebiete mit Haus⸗ oder Landfriedensbruch verſchuldet hatten war ihnen auf dem andern nicht zu beweiſen, und ſo wußte man ungeachtet alles Verdachtes nicht wie man mit ihnen dran war. Jetzt weiß mans. Unſre deutſchen Verfaſſungen mögen manches dulden was nicht eben iſt, und ich weiß daß man das heilige römiſche Reich langmüthig nennt; aber das dauert nur ſo lang bis Blut vergoſſen iſt. Blut ſchreit um Rache gen Himmel, ein Mord empört die deutſche Na⸗ tur, er iſt wie ein Angriff auf die Religion, wie eine Gottes⸗ läſterung. Aber Blut hat auch, daß ich ſo ſage, etwas Reini⸗ gendes, und dieſer Erſchlagene, der in ſeinem Leben nicht viel werth war, iſt nun zu einer Art von Märtyrer geworden, deſſen Blut uns das Land ſäubern wird und bewirken daß man bei Tag und Nacht ſeine Straße ſicher wandeln kann- 179 Ja, und nicht im Bett mit Angſt und Seufzen auf die Mor⸗ genglocke harren muß! fügte der Bürgermeiſter hinzu. Die Reichsſtadt hat bereits ihre Steckbriefe überall hinter den Mördern hergeſendet, fuhr der Syndikus fort: da er trotz ſeiner grauſamen Verſtümmelungen noch am Morgen lebte ſo konnte er ſie alle namentlich angeben. So zweck⸗ und ſinnlos haben ſie nun gemordet! rief Heinrich. Sie bedachten nicht, ſagte der Bürgermeiſter, daß mans ihnen bei einem Grenadier des Herzogs von Wirtenberg nicht ſo hin⸗ gehen laſſen würde. Eigentlich juſtizmäßig betrachtet, bemerkte der Syndikus, haben ſie keinen Mord begangen; denn hätten ſie ihn ermorden wollen ſo hätten ſie ihn ganz todt gemacht und wahrſcheinlich auch ver⸗ ſcharrt. Sie wollten ihm einen Schabernack anthun nach ihrer Art, bei welcher ſie aber weder Maß noch Ziel haben, ſo daß man ſie nicht anders als vogelfrei erklären kann. Der ſchwäbiſche Kreis hat ſchon vor vielen Jahren ein Patent erlaſſen, wonach jedem Zigeuner, deſſen man habhaft wird, sine strepitu judicii der Garaus gemacht werden ſoll. Bis jetzt iſt dieſer Verordnung wenig nachgelebt worden; ich hoffe ſie aber noch zum Reichsgeſetz erhoben zu ſehen, deſſen Anwendung der Vernunft und Mäßigung jedes einzelnen Reichsſtandes anheimgegeben werden kann; denn die Natur dieſer Freileute verlangt ein ſcharfes Remedium. Sie haben mörderiſche Herzen, und mit Mord endigen ſie, wenn ſie auch nur damit angefangen haben einen Schinken aus der Küche zu ſtehlen. Heinrich wurde feuerroth, und der Bürgermeiſter ſagte ſchnell: Kommt, ihr Herren! Das Wetter ändert ſich. Der Mägdleinsfels wird auf einmal dunkelgrau, wir bekommen Regen. Sie verließen die Galerie, und der Syndikus, der von den Abenteuern des jungen Mannes nur oberflächliche Kunde erlangt hatte, drückte ihm im Hinabſteigen ſein Bedauern über ſein un⸗ glückliches Zuſammentreffen mit dieſen Jaunern und über den ſichere Verwahrung gebracht, und die — 180 Verluſt ſeiner Börſe aus, welch letzteres Mißgeſchick, wie er jetzt ſah, ſehr zur Erhaltung ſeines moraliſchen Credits gedient hatte. Die Prophezeiung des Syndikus wurde, der Hauptſache nach erfüllt, und ſchon die nächſte Zeit brachte Neuigkeiten genug. Der Oberamtmann von Sulz, durch die Nachricht aus Reutlingen zu doppelter Thätigkeit entflammt, ordnete Streifzüge an, die ſich nicht bloß über den Schwarzwald ſondern bis zum Hohenſtaufen hinüber erſtreckten. Der Stern der Zigeuner war erblichen. Ueber⸗ läufer aus ihren eigenen Reihen boten den Verfolgern die Hand, und ſo wurde in wenig Tagen eine bedeutende Anzahl Männer und Weiber aufgefangen. Ihr Urtheil war nicht das ſummariſche das ihnen der Syndikus gerne dictirt hätte; doch wurden ſie in Tage die ihnen nicht ge⸗ fielen kamen über ſie. Die Mörder aber, die ihre vermeintliche Sicherheit auf reichsſtädtiſchem Gebiete ſo grauſam als unſinnig mißbraucht hatten, waren nach durchſchwelgter Nacht am nüch⸗ ternen Morgen in die Schweiz entflohen, wo ſie zufällig bei Ge⸗ legenheit einer Jagd von dem Reichsgrafen Salis von Zizers be⸗ troffen wurden, der ſie, bei ungleichen Streitkräften, mit großer Entſchloſſenheit gefangen nahm und dem Obergericht von Grau⸗ bünden übergab. Hier lagen ſchon die Steckbriefe, und die Frage nach dem Grenadier, womit ſie empfangen wurden, machte ihren Hoffnungen auf eine nach bisheriger Weiſe vorüͤbergehende Haft ein Ende. Der Oberamtmann von Sulz aber, an welchen man ſich von dort gewendet hatte, zog mit ſeinen handfeſten Reiſigen nach Chur, wo man ihm die durch ſeine Kundſchafter überwieſenen Verbrecher auslieferte und ſo die unglückliche Stelle in Schillers Räubern, worin Graubünden für ein Spitzbubenklima erklärt wurde, zur gerechten Genugthuung für das bündneriſche National⸗ gefühl Lügen ſtrafte. Gleichwohl fanden ſich Leute in Chur, ſelbſt unter den Dienern der Obrigkeit, welche dem Zigeunerhauptmann zur Flucht verhalfen. Aber die Augenblicke ſeiner Freiheit waren gezählt; ein unzeitiger Schnee der auf den hohen Alpen fiel hinderte — 181 ihn das Walliſer oder Glarner Gebiet zu erreichen, und er wurde von den Jägern des Grafen Salis, die das Gebirge in Bären⸗ jagdordnung nach dem einzelnen Manne durchſtreiften, mit äußer⸗ ſter Anſtrengung wieder gefangen. Aus dem Schloßgefängniß von Sargans befreite ihn weder der Paß des gelernten Jägers Kilian Schmid, noch die mit wohlberechneter Liſt in Anſpruch genom⸗ mene Straſbarkeit eines kaiſerlichen Deſerteurs Lagarell, die ihn unter die öſtreichiſchen Fahnen entführen ſollte, noch endlich ſein verzweifelter Aufruf an die Volksmaſſen, ihre uralt heiligen Schwei⸗ zerfreiheiten zu Gunſten eines Unſchuldigen zu behaupten. Als die Sulziſche Mannſchaft in ſeinen Kerker trat, entfiel ihm Muth und Rede; er ließ ſich ohne Widerſtand das Geſicht mit einer ſchwarzen Maske bedecken und wurde in Vaduz mit ſeinen gefan⸗ genen Brüdern wieder vereinigt, um unter großem Zuſtrömen des Volkes den Weg nach Sulz und von dort aus die letzte Reiſe anzutreten. Der Degen des erſchlagenen Grenadiers aber war am Morgen nach der blutigen That, während man den Sterben⸗ den vom Platze trug, von zwei jungen Burſchen eines nahen Dorfes, wo man ſein Hilfegeſchrei die Nacht hindurch gehört jedoch nicht beachtet hatte, gefunden worden, und warf, nachdem ſie ſich darum verglichen hatten, ſeinem Beſitzer ſo wie deſſen Nachkommen fortwährenden Nutzen ab, indem ſie ihn an den jeweiligen Hochzeitbitter als Ehrenwaffe ausliehen, in welcher Eigenſchaft er bis zum Abkommen dieſer Sitte diente und bei den jungen Männern des Orts an ihren hohen Chrentagen die Runde machte. Wir kehren zu unſrem Freunde zurück. Er verlebte noch ein paar friedliche Tage im Hauſe des Bürgermeiſters, und obgleich das einfallende Regenwetter ihn ins Zimmer ſperrte, ſo füllte ſich doch allmählich ſein Geſicht und die Furchen glätteten ſich wieder. So heimiſch er ſich aber fühlte, ſo nagte doch eine innere Unruhe an ihm, denn ihm fehlte ein feſter Lebensberuf, und ſeine ungewiſſe Lage blickte ihn beſtändig wie ein Fragezeichen an. Dieſes Frage⸗ 182 zeichen wurde immer größer und ließ ihn nicht mehr los, ſo daß er endlich hinging um mit ſeinem väterlichen Wirth darüber zu ſprechen. Victoria, Herr Vetter! rief ihm dieſer entgegen, einen Brief in der Hand haltend: ich habe gute Nachrichten für Sie.— Er ſah ihn eine Zeit lang lächelnd an, dann fuhr er fort: eh ich Ihnen aber mehr ſagen kann, muß ich Ihnen ein Geheimniß er⸗ öffnen, das über den vielen andern Dingen noch gar nicht zur Sprache gekommen iſt. Begehren Sie immer noch nicht zu wiſſen, warum Sie Ihre Habſeligkeiten ſo ſchnell erhalten haben? Sehen Sie, das iſt ſo zugegangen: am nämlichen Tage wo Sie ſo unvermu⸗ thet mein werther Gaſt wurden und wo unſer geheimes Collegium die Mordgeſchichte zu unterſuchen bekam, war ein Kammerhuſar des Herzogs hier, ein geborner Reutlinger, ein naher Vetter von unſrem Hauſe, und ein grundherzguter Mann. Nun müſſen Sie mirs nicht für ungut nehmen daß ich auf meine eigene Fauſt etwas gewagt habe. Ich hab' ihm nämlich einiges von Ihren Schick⸗ ſalen anvertraut, nur ſo viel er zu wiſſen brauchte, und auf eine Art daß es Ihnen nicht unlieb ſein darf. Ich laſſ' mirs eben nicht nehmen, es iſt immer gut wenn man Freunde hat. Das hat auch unſere Stadt erfahren; denn der Herr Vetter Kammer⸗ huſar, der am andern Tage— Ihre Anweiſungen in der Taſche und meine Aufträge in ſeinem guten Herzen— wieder nach Stutt⸗ gart abreiste, hat den von unſrem Gericht in Sachen des herzog⸗ lichen Grenadiers bewieſenen Eifer ſo rühmlich geſchildert, daß Seine Durchlaucht gleich den folgenden Morgen in aller Frühe einen Courier mit einem Belobungsſchreiben an unſern Magiſtrat abzufertigen geruht haben. Der hat in ſeinem Felleiſen auch Ihr Päckchen mitgebracht. Der Vetter Kammerhuſar aber hats nicht dabei bewenden laſſen, ſondern hat für Sie nach dem Wetter ge⸗ forſcht und ſchreibt mir jetzt, Sie möchten nur herzhaft kommen, Seine Durchlaucht halten ſich eben in Hohenheim auf und ſeien gnädig gelaunt. Da leſen Sie ſelbſt. Heinrich nahm den Brief mit ganz eigenen Empfindungen in — die Hand. Er bedachte an wie vielerlei Fädchen das Weltgetriebe hängt, und dachte auch an die Vorfahren dieſes Magiſtrats und die⸗ ſes Kammerhuſaren, welche die benachbarten Fürſten weit öfter in üble Laune verſetzt als nach ihrer guten gefragt hatten. Er ließ ſich aber nichts davon merken, ſondern ſagte, nachdem er den Brief geleſen: Das iſt eine ſehr unbeſtimmte Nachricht. Hinter dieſer Gnadenlaune können, wie ich aus Erfahrung weiß, gar ſchlimme Ungewitter lauſchen. O er wird Sie nicht freſſen, Herr Vetter! ſagte der Bürger⸗ meiſter lachend. Nehmen Sie das Herz in die Hände und gehen Sie wieder zu ihm. Ein jeder muß tragen was Gott ihm auf⸗ erlegt. Was iſts auch weiter, wenn er Ihnen einen Verweis gibt oder Sie auf vierundzwanzig Stunden ins ſchwarze Loch ſteckt? Gewiß iſt ſchon mancher darin geſeſſen, der noch weniger auf dem Gewiſſen gehabt als Sie. Heinrich zuckte die Achſeln und meinte, das ſei nicht der beſte Troſt. Aber bedenken Sie, fuhr der Bürgermeiſter fort, daß er jetzund weiß wo Sie ſich aufhalten. Was iſt zu machen wenn er Sie durchaus haben will? Ich werde Ihnen gewiß nicht zumuthen daß Sie meinethalben Ihrer Stadt noch einmal einen Krieg mit Wirtenberg zuziehen ſollen.. Deer Alte lachte herzlich. Das hat gute Ruhe, ſagte er: denn erſtlich bin ich, nach dem Wechſel unſerer Verfaſſung, nicht mehr regierender Bürgermeiſter, und hernach, wenn auch mein Amts⸗ nachfolger und geſamter Magiſtrat und gemeine Stadt Sie in Schutz nehmen wollten, ſo könnten wir doch keine Belagerung mehr aushalten. Nämlich, als der Herzog vor einem Jahr einen Beſuch bei uns machte, da ſtachen ihm unſere alten Feldſchlangen ſo in die Augen daß er ſich dieſelben zu leſchenk ausbat, und dieſer Herr hat ſo eine Art zu bitten daß man ihm gar nichts abſchlagen kann. Womit ſollten wir uns alſo jetzt wehren? Spaß 184 bei Seit', thun Sie wie ich Ihnen rathe, es gereut Sie gewiß nicht; ich mein' es ja, weiß Gott, gut mit Ihnen. Ich ginge ſchon dem Hohenheimer Garten zu lieb, der das achte Wunderwerk der Welt ſein ſoll. Verſtimmt durch ſo manche bittere Erfahrungen glaubte unſer noch immer jugendlicher Freund, man wünſche ſeiner los zu wer⸗ den, und gab raſch ſeine Einwilligung. Aber er hatte ſich geirrt: denn ſo wie der gute Alte ihn auf dem Wege ſah den er für den vernünftigen hielt, ſo wandte er im Uebrigen alle Mühe an, ihn noch länger bei ſich zu behalten. Er brauchte faſt im eigent⸗ lichen Sinn des Worts Gewalt; denn er ſchrieb an den Kammer⸗ huſaren, ſein Gaſt ſei von den erlittenen ſtarken Strapazen noch nicht hinlänglich hergeſtellt um ſich ſchon wieder auf die Beine zu machen; und Heinrich, der denn doch zuletzt der Ungewißheit ein Ende zu machen brannte, hatte wahre Mühe ſich aus den Banden ſeiner Gaſtfreundſchaft loszureißen. 2 13. Durch Berg' und Thäler iſt der Weg geleitet; Hier iſt der Blick beſchränkt, dort wieder frei, und wenn der Pfad ſacht in die Büſche gleitet, So denket nicht daß es ein Irrthum ſei. Wir wollen doch, wenn wir genug geklommen, Zur rechten Zeit dem Ziele näher kommen. Göthe, die Geheimniſſe. Lebt wohl! rief Heinrich, als ihn die gelbe Stadtkutſche, traurigen und fröhlichen, wichtigen und gleichgiltigen Lebensereig⸗ niſſen als gemeinſames Fahrzeug dienend, zum Thor hinaustrug: lebt wohl, ihr freundlichen Mauern, ich werd' euch ſo bald nicht wie⸗ derſehen. Auch ihr werdet nicht immer ſo ſtill im holden mondlichen Zwielicht ſtehen: die Sonne, die da belebt und verzehrt, wird auch über eure Höhe rücken und den lieben Schläfern dahinter in ihre trauliche Dämmerung blitzen. Gott gebe ihnen ein ſanftes Erwachen. Es kann nicht bleiben wie es war, und daß die Zeit ſich im Traume dehnt und auf⸗ und vorwärts will, das hab' ich erſt in dieſen ſtillen Kreiſen recht lebendig gefühlt. Sein Reiſekaſten hatte ſich allmählich aus den Feldwegen der Reichsſtadt, die der Bewegung auf keine Weiſe huldigte, in das Herzogthum hinübergearbeitet, und ſchob ſich auf den beſſern Straßen womit Herzog Karl ſeine Mitwelt beſchenkte, in langen Riemen behaglich ſchwebend, langſam fort, ſo daß der Reiſende Zeit genug hatte über die Bedürfniſſe der Zeit nachzuſinnen. Freilich 186 ſind die Ergebniſſe ſolchen Nachdenkens immer nur zu ſehr mit dem Mangel der Unbeſtimmtheit behaftet, da erſt der eintretende Um⸗ ſchwung das klare Bild deſſen gibt wohin die Zeit geſtrebt hat. Indeſſen beruhigte er ſich hierüber: ehrlich ſein, ſagte er zu ſich, die Wahrheit über alles begehren, bringe ſie auch was ſie wolle, alle Menſchen lieben und keinen fürchten, das iſt die beſte Richtſchnur für den Einzelnen, und je mehr Einzelne ſich in die⸗ ſem Grundſatze zuſammenfinden, deſto ebener wird der Zeit das Geleiſe gebahnt. 4 Sein ſorgſamer Gaſtfreund hatte ihn früh am Tage geweckt und ſein Abzug war in den erſten Morgenſtunden bewerkſtelligt worden; dennoch mußte er ſchon in der Hälfte Weges Mittag machen, ſo zögernd wurde er ſeinem Schickſale entgegengeführt, und als er endlich das Ziel erreichte, hatte er beinahe eine Tag⸗ reiſe gemacht. Er hätte es kürzer haben können, wenn er ſich eines Pferdes, ja wenn er ſich ſeiner eigenen Glieder bedient hätte; aber dem Bürgermeiſter war nicht zu widerſtehen geweſen, der ihn auf dieſe ſanfte und gemächliche Weiſe an ſein Verhängniß ausliefern wollte, als hätte er den geheimen Gedanken gehabt ihm dadurch einen eben ſo gelinden Empfang zu erzwingen. Die lange, weithin in die Alpgaue heraufſchimmernde Facade von Hohenheim breitete ſich in der Nähe aus einander, und der Reutlinger Reiſewagen ſchlich bedachtſam gegen den Fuß der Anhöhe heran, wo Heinrich ihn verabſchiedete. Er ging das Bächlein ent⸗ lang im Thale fort, bis er eine ſchöne Allee fand, die ihn gerade den Hügel hinan zum Schloſſe führte. Was wird er mir ſagen? wie wird er mich behandeln? dachte er und durfte nicht lang warten; denn während er den letzten Abſatz erſtieg, ſah er ſchon den Mann vor ſich, in deſſen Händen ſein Schickſal lag. Der Herzog ritt auf einem Grauſchimmel über den Platz vor dem Schloſſe. Er war heute halb in Gala und trug ein breites Ordensband über dem rothen Rock und der gelben Weſte, womit das kleine dreieckige Hütchen, das luftig auf ſeinem Kopfe ſaß, 187 einen naiven Contraſt machte. Er ritt auf eine Bauhütte zu, unter welcher einige Steinmetzen arbeiteten; denn obgleich die weitläufigen Schloßgebäude im Hintergrunde, worin Fürſtenpomp und Landwirthſchaft einander die Palme ſtreitig machten, von außen fertig daſtanden, ſo war doch innen noch vieles zu thun, und auch dem Fertigen vermochte ſein ewig raſtloſer Baugeiſt keine Ruhe zu gönnen. Der Werkführer trat aus der Hütte, und empfing mit entblößtem Haupte ſeine Befehle, während ſeitwärts ein Bauer unbekümmert ſeine Ochſen vorübertrieb. Heinrich näherte ſich langſam und war faſt ganz herangekom⸗ men bis ihn der Herzog bemerkte und ihm mit einem unbeſchreib⸗ lichen Blick entgegenſah. Heinrich verbeugte ſich, die Augen mit einem gleichfalls vielſagenden Ausdruck zu ihm emporhebend. Schon gut! ſagte der Herzog. Er ſann eine Weile nach, deutete dann mit dem Stöckchen, das er auch zu Pferde trug, zur Rechten nach dem Park, und ſagte: Am Mercurstempel!— Schickt mir morgen den Heideloff! ſetzte er gegen den Werkmeiſter hinzu: ich bedarf eines geſchickten Malers.. Heinrich folgte, während der Herzog nach dem Schloſſe zurück ritt, dem gegebenen Wink und ging zum Park, wo ein zerfallener Bogen mit alten Standbildern in den Niſchen ihm manchen be⸗ deutenden Anblick verhieß. Ein Fiſcherhäuschen, mit Schilf be⸗ kleidet, ſtand dicht daneben, und eine gerade Allee, mit Gras bewachſen und dem Anſchein nach ungebraucht, lief weit zwiſchen den Gebüſchen hin. Wo ſollte er den Tempel ſuchen? Er wollte in der Allee fortwandeln, als ein Mann, den er ſonſt ſchon in der fürſtlichen Umgebung geſehen zu haben ſich erinnerte, zur Rechten aus dem Dickicht trat und ihm mit freundlichem Lächeln winkte. Wohin? rief er. Zum Tempel des Mercur. Folgen Sie mir! ſagte jener und ſchlug den ſchmalen Pfad, auf dem er gekommen war, durch die Gebüſche ein. Was macht .₰ 188 der Herr Vetter Bürgermeiſter? fragte er, indem er ſich herum⸗ wandte. Unſer Pilger erkannte ſeinen Mann und fühlte ſich gedrungen ihm ſeinen Dank abzuſtatten; dann gingen ſie unter Geſprächen weiter. Sie hätten keinen beſſern Tag wählen können! rief der an⸗ dere lebhaft. Es war heut ein glänzendes Feſt hier im Garten, zu Ehren Francisca's; Alt und Jung und jeder Rang und Stand brachten ihr in Verſen ihre Huldigung dar. Im römiſchen Ge⸗ fängniß lag eine große Menge von langbärtigen Gefangenen, welche freigegeben wurden; die Bauern von Plieningen hatten ſich ſeit vielen Wochen die Bärte dazu müſſen wachſen laſſen. Der Herr iſt ſehr gnädig, ich ſah ihn lang nicht in ſo guter Laune. Auch der Waſſerfall iſt losgelaſſen worden: man hat die ſechs Seeen dort hinten ſeit mehreren Tagen geſchwellt. Ich glaube, er läuft noch; wenn Sie keine Zeit verſäumen— Ja ſo! Sie müſſen— Ich habe Befehl am Mercurstempel zu warten. Kommen Sie. Der Herr wird bald da ſein. Es iſt ein gutes Zeichen, daß er Sie in den Garten beſtellt, der nur ſeltenen Glückskindern aufgethan wird. Sie traten bei den hohen Trümmern eines gothiſchen Ge⸗ mäuers hervor, an welches ſich einige ſchlichte Gebäude, durch ein eiſernes Gitterthor unter einander verbunden, anlehnten. Das iſt das Schulhaus, ſagte Heinrichs Führer, auf das verſchobene, niedrige Hauptgebäude mit Flickwerk weiſend. Wie? rief Heinrich: es iſt ja ſo ſtill und menſchenleer. Heute ging es laut hier zu: ein Häuflein Kinder war da und ſang der Herzogin ein Lied. Er ließ ihn in die Schulſtube hineinſehen, welche mit Bänken und Katheder, mit Leſetafeln, Schulgebeten und Landkarten in aller Form ausgeſtattet war. Dann führte er ihn an kleinen Obſt⸗, Gras⸗ und Küchengärten vorüber, die, anſcheinend für den —— 189 Gebrauch des Schulmeiſters beſtimmt, das einſame Häuschen um⸗ gaben, in das Gebüſch. Nach einer neuen Wanderung tauchten drei Kuppeln aus dem vielverſchlungenen Dickicht auf. Dort iſt der Tempel! ich muß Sie jetzt verlaſſen, es wird nicht geheuer ſein.— Mit dieſen Worten war er im Wäldchen verſchwunden. Heinrich ging weiter, und bald ſchimmerte ihm ein heiteres weißes Gebäude entgegen. Er umging es und fand vorn einen Porticus mit vier Säulen, und darüber im Giebelfeld einen Mer⸗ cursſtab nebſt andern Emblemen des Gottes. Zwei kleine niedre Flügel waren auf beiden Seiten angebaut, und auf jeder der drei Abtheilungen ſaß eine Kuppel. Er ſah daß er an dem beſtimm⸗ ten Orte ſei, und näherte ſich dem freundlichen Tempel; da trat ihm aus dem Innern zwiſchen den Säulen der wunderſame Mann entgegen, der dieſe reizende Wildniß geſchaffen hatte. Er trug ein einfaches Gewand und einen leichten Mantel darüber. Wer ſeid Ihr, Fremdling, und was wollt Ihr? rief er zwiſchen den Säulen hervortretend dem Ankömmling zu: was wollt Ihr? Ich bin der Herr dieſes Gartens. Jener ſah ihn ungewiß an, dann nahm er ſich zuſammen: Ich bin ein Wanderer, ſagte er mit einer ernſthaften Verbeugung, ein heimathloſer Wanderer, der den Frieden ſucht. Wohlan, Fremdling, folgt mir und ſeht ob er hier zu finden iſt. Hier oder nirgends iſt ſeine Wohnung. Er gab ihm einen Winkt ſie verließen den Tempel und gingen auf Pfaden die ſich ſchlängelten und kreuzten zwiſchen hohen Bäu⸗ men und dicht verwachſenem Gebüſche fort. Oft ſchimmerten Ge⸗ bäude aus dem verworrenen Grün, aber der Herr des Gartens, wie er ſich genannt hatte, lenkte jedesmal ſeine Schritte abwärts und das Dickicht verſchlang die lockenden Erſcheinungen wieder. Endlich befanden ſie ſich am Ufer eines langen fiſchreichen Sees, mit Weiden und hohen Pappelwänden umgeben. Eine Gondel wartete ihrer; der Herr des Gartens beſtieg ſie und winkte dem — 190 Wanderer, ihm nachzufolgen und das Ruder zu ergreifen. leichte Schläge führten ſie an das jenſeitige Ufer Entfernung blickte durch die Pappeln etwas das dem vorhin ge⸗ ſehenen Fiſcherhäuschen mit ſeiner Schilfbekleidung glich. Sie ſtiegen aus, gingen am Ufer entlang und verloren ſich wo der See aufhörte wieder in der Wildniß. Aus einem dunkeln Tannen⸗ hain in der Nähe murmelte melodiſch eine Quelle. Sie durch⸗ ſchnitten eine breitere Allee und befanden ſich, von Neuem aus dem Dickicht hervortretend, bei den Ruinen einer antiken Waſſerlei⸗ tung, an welche einige ländliche Gebäude, heimlich wie Schwal⸗ benneſter, angelehnt waren. In ſchnellem Wechſel folgten nun die ſeltſamſten Erſcheinungen: Grabmäler, Hirten⸗ und Bauern⸗ häuſer, Ueberreſte alter Mauern und Thürme, eine Moſchee, ein römiſches Bad mit einem offenen Tempel darüber, auf deſſen Kup⸗ pel der römiſche Adler ſchwebte, während an den Unterlagen der joniſchen Säulen und an den Doggen des Geländers ein mittel⸗ alterlicher Baumeiſter mit ſeiner Architektur dem Verfall aufge⸗ holfen zu haben ſchien; Schweizerhäuſer, eine Pyramide, jener des Ceſtius gleichend, gothiſche und römiſche Thürme, dazwiſchen Baumgruppen, Weidplätze, Tempel, Gärten, umzäunte Felder, Scheune, Haus, und endlich ſogar, wo ſie dem ſanftrauſchenden Bach der das römiſche Bad durchfloß wieder begegneten, eine Mühle mit einem angebauten Luſthauſe. Indem ſie am Ufer des Baches den Trümmern eines großen Gebäudes entgegen gingen, brach der Herr des Gartens ſein Schweigen und fragte: Nun, was habt Ihr jetzt geſehen, Fremd⸗ ling? Läßt ſichs in Worten ausdrücken? Hat es ſich zu faßli— chen Gedanken bei Euch niedergeſchlagen? Einen Theil der Weltgeſchichte habe ich geſehen, hoher Herr! rief der Wanderer lebhaft: und viele Geſchlechter von Menſchen ſind im Geiſt an mir vorübergegangen. Ich ſtand auf den Trüm⸗ mern einer römiſchen Stadt; die Reſte der Mauer, die uns auf unſrer langen Wanderung uͤberall begegneten, bezeugen noch ihre Einige ; in geringer 191 Ausdehnung und könnten die Gelehrten mit Erörterungen und Streitigkeiten vielfach beſchäftigen. Römiſche Coloniſten waren es die hier zuerſt ſich niederließen und in ſo weiter Entfernung die Herrlichkeiten ihres heimiſchen Roms, die Pyramide des Ceſtius, Veſta⸗ und Cybele⸗Tempel, Neros Grab und— hier tauchen ſie eben vor uns auf— die berühmten Thermen Diokletians wieder⸗ holten. Aber Bögen und Säulen ſind zerfallen und haben ſich tief und tiefer in den Schutt eingewühlt. Andre Geſchlechter ſind über die Erde gegangen; alle haben ſie dieſer reizenden Stelle ihre Huldigung dargebracht. Ich ſah flüchtige Zeichen einer mauri⸗ ſchen Niederlaſſung. Bleibender haben ſich unſre deutſchen Vor⸗ fahren angeſiedelt und den Alterthümern der doriſchen und joni⸗ ſchen Säulen ihre gothiſchen Pilaſter, Thürme und Kapellen, auch dieſe jetzt in grauer Ehrwürdigkeit prangend, an die Seite geſetzt. Sie zeigten Sinn für die Großheit deſſen was ihnen die römiſchen Fremdlinge überliefert hatten, ſie ſuchten den Zerfall aufzuhal⸗ ten, und indem ſie ihm Stützen und Baſen von ihrem eignen Geſchmack unterbauten und den römiſchen Kerker zu einer mittel⸗ alterlichen Burg mit Wallgraben und Zugbrücke umſchufen, haben ſie eine ſeltſame, nicht ungefällige Miſchung hervorgebracht, einen phantaſtiſchen Bauſtyl, der keinen Vorwurf der Willkür erleidet, weil eine hiſtoriſche Folge der Zeiten in ihm erſcheint. Dieſe Pietät erinnert lauter als geſchriebene Zeugniſſe an das ritterliche Geſchlecht der Bombaſte, die vordem hier gehauſet haben. Auch iſt mir, an die Reſte eines ſchönen Porticus angeſchmiegt, ein küchenartiges Gelaß aufgefallen, das ich ohne Mühe für das La⸗ boratorium des magiſchen Meiſters Paracelſus erkennen könnte. Es reut mich nicht, ſprach der Herr des Gartens wohlgefällig lächelnd, Euch hieher geführt zu haben. Und nun? Weiter! Und nun hat ein neues Geſchlecht auf dieſem Boden, der ſchon vor Jahrtauſenden den Menſchen gütig war, ſeine kleinen, harmloſen Neſter gebaut. Es ſind friedliche Colonen, auf Wohn⸗ lichkeit und Nutzen vor allem bedacht. Bruchſtücke gewundener 192 Säulen und rauhe Steine von verfallenen Kapellen haben ſie, nur die Brauchbarkeit zum Maßſtab nehmend, neben einander in die Wände ihrer Hütten eingemauert; ſie tränken ihr Vieh aus den marmornen, kunſtreich gehauenen Muſcheln, und haben die Rümpfe alter Thürme und die Ueberreſte des Kirchleins ſeltſam mit Stroh gedeckt, um warm darunter wohnen zu können. Das alte Rathhaus mit der wohlerhaltenen Inſchrift Seuatus Popul- usque Romanus dient ihren ſchlichten Magiſtratsſitzungen, welchen die Geiſter jener Senatoren mit verwundertem Lächeln lauſchen mögen. Doch fehlt es auch hier nicht an vereinzeltem Reichthum und Geſchmack; neue Luſthäuſer erheben ſich neben den niedrigen Schäferhütten, und das Innere der alten Tempel iſt mit Pracht und heitrer Kunſt ausgeſtattet. Aber die Colonie ſelbſt, die aus den rothen Backſteinen der Römermauer ihre kleinen Häuschen, maleriſch von den zerfallenen Arcaden überragt, aufführte, predigt nichts als den Werth der Genügſamkeit und des ländlichen Still⸗ lebens. Ihre Schneckenwohnungen ſind nicht für die Dauer ge⸗ baut, ſie machen keinen Anſpruch auf die Bewunderung kommen⸗ der Geſchlechter; dafür ſind ſie auch nicht dem Hohn der Zeit bloßgeſtellt, den dieſe prunkenden Säulen erlitten haben. Hier iſt Friede! ſagt der Genius des Orts: Pracht und Größe zerfällt, aber einfacher Sinn, auf ſtilles Glück gerichtet, ſiegt über Zeit und Tod. Die hellen Augen des Gebieters ruhten beifällig auf ihm, und der Pilger, dadurch ermuntert, fuhr fort: Nur Eins vermißt man in dieſem reizenden Bilde, das Leben! Dieſe lieblichen Wei⸗ den, dieſe reinlichen Hütten verlangen bevölkert zu ſein, und die Ruhe der Vergangenheit wäre noch ſchöner hervorgehoben, wenn eine heitre Gegenwart wirklich und nicht bloß zum Schein ihren belebenden Sitz hier aufgeſchlagen hätte. Das Leben iſt außerhalb, ſagte der Herr des Gartens: für die Hauptbedingung des Daſeins, für die Agricultur, geſchieht alles da draußen. Aber hier ſoll ſich kein Widerſtreit eindrängen. 193 Dieſe Räume beleben ſich nur an hohen Feſten, wo ſie beſtimmt ſind die heiterſten und reinſten Seiten des Lebens abzuſpiegeln. Das Bild des Lebens iſt höher als das Leben ſelbſt. So habe ich denn die vollſtändigſte Antwort auf meine Ein⸗ trittsfrage! rief der Wanderer. Willſt du Frieden ſo ſuche ihn nicht im Leben, denn es wird dich ſtets mit Widerſprüchen ver⸗ wirren. Steige vielmehr hinab in jenes dämmernde Reich wo die Bilder des Lebens leiſe wie Schatten umherſchweben: da iſt Ein⸗ heit, Ruhe, Friede! Wohl! erwiderte der Herr des Gartens: und da Ihr nun ſo vorbereitet ſeid, ſo folgt mir zum Sibyllentempel, der uns zu wei⸗ tern Geheimniſſen führen wird. Der Weg, der ſich ſchon ſeit einiger Zeit abwärts geneigt hatte, wurde nun abſchüſſiger, und als ſie aus dem Gebüſch her⸗ vortraten lag ein Tempel von majeſtätiſcher Bauart vor ihnen. Er ruhte auf Felſen welche die Höhe eines Geſchoſſes hatten, überall von Baum und Buſch umgeben. Wie aber kein Ausblick in die Ferne zu gewinnen war, ſo war auch kein Zugang zum Tempel zu erſpähen. Doch als ſie näher kamen öffnete ſich am Fuß der Felſen eine weite dunkle Grotte, die ins Heiligthum der Sibylle zu führen ſchien. Sie gingen hinein und wanden ſich durch lange Gänge zwiſchen dem zerklüfteten Tuffſtein in ſchauri⸗ ger Düſterheit fort, in welche nur zuweilen durch Laub und Zweige ein dämmernder Schein des Tages fiel. Endlich führte eine Treppe aufwärts und ſie traten auf eine Plattform heraus, die lieblichſte Ausſicht in die abendliche Gebirgslandſchaft vor Augen. O meine Heimath!l rief der Wandrer entzückt: ich ſchaue wie aus einer fremden Welt in deine rührende Schönheit hinein.— Zu ſeinen Füßen gähnte ein jäher Felſenabſturz, deſſen Ende nicht zu erblicken war. Als er rückwärts ſah war der Tempel ver⸗ ſchwunden und hatte ſich in das freundlichſte italieniſche Luſthaus verwandelt. So iſt das Leben, ſagte ſein hoher Führer, über ſeine Ueber⸗ Schiller's Heimathjahre. II. 194 raſchung lächelnd: den einen bringt es durch dunkle Pfade ins Helle, mit dem andern nimmt es den umgekehrten Weg. Noch einen Blick in die lächelnde Ferne, in die heitre Nähe, und die Scene wird wieder anders. Sie verließen den Tempel nicht durch die Grotte, ſondern ſtiegen über Stufen hinab, die die Natur im Fels gebildet zu ha⸗ ben ſchien, und wurden alsbald wieder von dichten Baumgruppen aufgenommen. Ein altdeutſches Gnadenbild ſtand am Wege, und bald ſtießen ſie auf ein kleines, einfaches Haus, mit Baumrinde bekleidet, dem ein Porticus von vier rohen Stämmen eine ſchlichte Würde gab. Es mußte die Wohnung des Geiſtlichen ſein; denn dicht daneben ſtand die Kapelle, ein ächtes kleines Meiſterwerk der deutſchen Kunſt, mit ihren reichen Zierrathen und Thürmchen, die ſchönen Spitzbogen mit farbigen Scheiben ausgefüllt. Auf den Zacken der Felſen welche beim Sibyllentempel be⸗ gannen waren ſie bis hieher gekommen; nun aber führte ein rauher Klippenweg in vielen Krümmungen, bald an einem Ueberhang vorbei, bald durch ein drohendes Felſenthor, in die Tiefe. Auf der Seite ſchoß ein Waſſerfall, deſſen Toſen man ſchon eine Weile gehört hatte, aus dichtem Gebüſch hervorblinkend über dieſelben Felſen herab. Sie ſtanden ihm gerade gegenüber, als ſie, am unterſten Fuß der Felſen angekommen, eine kleine Wendung machten. Die breite Waſſermaſſe fiel, hoch oben aus einer Höhle hervorſchießend, auf mächtige Steintrümmer, riß ſich ſchäumend durch ein felſiges Bett und verlor ſich dann rückwärts unter einer Felſenwand. Der Herr des Gartens winkte und ſie traten durch eine zer⸗ riſſene Oeffnung in eine große Felſengrotte, wo der braune Tuff⸗ ſtein viele Gewölbe bildete. Eine ſchauerliche Dämmerung herrſchte hier, und in der Ferne hörte man das Waſſer in die Tiefe rau⸗ ſchen. Sie gingen dem Tone nach und kamen in ein rundes tem⸗ pelartiges Gewölbe. Es ſchien der Nymphe geweiht; Wände und Decke waren mit Kieſelſteinen manigfaltig verziert, und im Fuß⸗ boden befand ſich eine große runde Oeffnung mit eiſernem Gelän⸗ der, wo man in die Tiefe ſchauen und noch einmal das wegeilende Waſſer erblicken konnte. 1 Sie verließen den feierlichen Ort, aber auch das Tageslicht zeigte ihnen nur Gegenſtände von entſprechendem Charakter. Ein eiſernes Thor führte zu den Katakomben, einem finſtern gewölbten Gang, wo Urnen in Niſchen umherſtanden. Gegenüber erhob ſich, einer ſo melancholiſchen Gegend angemeſſen, eine Karthauſe mit ihrer eigenen Kirche, man wußte nicht ob unausgebaut oder im Zerfall begriffen.* Der Wanderer wurde zum Reden aufgefordert, als ſie von dieſem Ort des Schweigens zurückkehrten und zwiſchen Höhlen und Klüften wieder an dem Waſſerfalle vorüberkamen. Memento mori! ſprach er. Alles feiert hier den Cultus des Todes. Aber wie ſchön der Uebergang vom heitern Leben, das uns der Sibyl⸗ lentempel zum Abſchied noch einmal ſehen ließ, durch das Pfarr⸗ haus und die Kapelle zu dieſen düſtern Reichen! Zwiſchen Tod und Leben das heilige Band das beide zuſammenhält! Wie tröſtlich blickt hier von den Felſenzinnen das Kirchlein mit ſeinem Muttergottesbilde und dem Glöcklein und Kreuz darüber in die traurige Einſamkeit zu uns herab! Hier iſt die äußerſte Ruhe, der letzte Friede. Er ſchwieg, und der Herr des Gartens ſagte nach einer Weile: Ihr kommt aus dem Schoße der Natur und habt in den Ge⸗ birgen manche Scene bewundern können. Was haltet Ihr von dieſer meiner Kunſt? Sie faßt das Bedeutende was uns die Wirklichkeit vereinzelt ſehen läßt in Eins zuſammen! rief der Wanderer. Und wie herr⸗ lich iſt hier das ewige Leben der Natur, dem Tode des Menſchen gegenüber, dargeſtellt! In den Katakomben ſchlafen die Geſchlech⸗ ter, und der Mönch im Kloſter drüben lebt nur im Tod und öffnet den Mund nur zum düſtern Sterbegruß; aber nirgends im ganzen Garten ſind Pflanzen, Geſträuche und Bäume ſo verſchwenderiſch 196 ausgeſäet als über dieſe zerriſſenen Felſen hier, und das Waſſer mit ſeinem trotzigen Rauſchen ſpottet unſres Aufhörens und ſtürzt ſich ſorglos in die Tiefe hinab, gewiß, wieder ans Licht zu kom⸗ men. Wir möchten einen Augenblick wünſchen daß in dieſem Reich des Todes auch der Waſſerfall verſtummte; aber nein! der überwältigende Ernſt der Scene würde uns zu Boden drücken, und wir getröſten uns der Fluth die ſo lebendig über die Felſen— Er ſtockte und war betreten; denn der Waſſerfall, als gälte es eine Probe zu machen, begann dünner herabzuſchießen und hörte nach wenigen Secunden auf. Nur ſpärliche Tropfen rannen noch an den verwaſchenen Felſen herunter. Er ſah auf ſeinen hohen Führer, der die Stirn in finſtere Falten hüllte, da ſein Wink, noch vor dem Ende der Täuſchung hinwegzukommen, im Strom der Rede unbeachtet geblieben war. Der Wanderer, der ſchon wieder einen Mißtritt gethan, folgte dem Voranſchreitenden, während in der Grotte noch die letzten Reſte des Gewäſſers gurgelnd in die Tiefe ſtürzten. Der Herr des Gartens ging unwillig mit raſchen ſchweren Tritten vor ihm her, und ſo ſtiegen ſie ſchweigend einen Felſen⸗ pfad neben dem vertrockneten Waſſerfall empor. Er führte ſie durch dunkles, düſteres Gebüſch zu einer Einſiedelei, arm und niedrig aus Balken aufgebaut; ein kleines Heiligthum ſtand neben ihr, in welchem man durch das Gitterthürchen den Todtenkopf auf dem Altare ſah. Gegenüber harrte ein offenes Grab ſeines Bewoh⸗ ners und der bereitliegende flache Grabſtein ſeiner Inſchrift. Gerne hätte der Wanderer ſich hier verweilt, aber der Gebieter dieſer Räume ſchritt grollend vorüber und er mußte ihm mit ſchnellen Schritten folgen. Der Pfad ging jetzt ohne Abwechslung beſtändig aufwärts; aus den Gebüſchen blickten wieder die Säulen und Tempel, die ihm aber jetzt, nachdem er ſein Augenmaß am Gebirge geſchärft hatte, zu ſeinem Befremden nur noch halb ſo groß erſchienen als vorhin. Eine Uhr ſchlug in der Nähe, und das kleine Maß der 197 verronnenen Zeit erfüllte den jungen Pilger gleichfalls mit Erſtau⸗ nen. Doch wie angenehm war er überraſcht als er in der dichte⸗ ſten Wildniß neben einer Kohlenplatte die natürlichſte Köhlerhütte fand, wie er nur jüngſt in ihrer tannendunkeln Heimath eine hatte ſehen können. Ein abgeſtorbener hohler Eichſtrunk diente ihr als Stütze und Rauchfang; ein Tiſch und eine Ruhebank, aus dem⸗ ſelben rohen Material wie die Hütte, waren die einzigen Be⸗ quemlichkeiten ihres genügſamen Bewohners. Der junge Mann konnte ſeine Freude über den unerwarteten Anblick nicht unter⸗ drücken, und da auf der andern Seite der Aerger über die treu⸗ loſe Cascade verflogen ſchien, ſo erhielt er Erlaubniß einzutreten. Wie erſtaunt war er als er die niedlichſte Handbibliothek und eine aſtronomiſche Uhr von dem berühmten Hahn in einem artigen Cabinet erblickte! Die ſchön gebundenen Bücher gehörten der Gräfin, oder, wie ſie in Hohenheim hieß, der Herzogin, deren Lieblingsaufenthalt dieſe Hütte war. Hätte nur jetzt eben ihr Genius über der Scene geſchwebt, wie manches Leidige und Widrige würde er vielleicht hintertrieben haben! Nicht wahr, das wäre ſo ein Winkel für einen Philoſophen oder Poeten? war die Anrede, als er vergnügt herauskam. Der offenherzige Freund, einem plötzlichen Einfall nachgebend, über dem er ſich ſelbſt, ſeine eigene wankende Stellung, die Welt und alle Verhältniſſe vergaß: Fürwahr, rief er, es wäre die glück⸗ lichſte Hütte welche Fürſtengroßmuth einem beſcheidenen Dichter zimmern könnte! Ich habe in dieſen Schränken Autoren geſehen deren Anſprüche auf Ruhm— bei Gott— mäßig ſind; ihren Büchern wurde ein prächtiger Einband und den Verfaſſern ein fürſtengleiches Daſein zu Theil. In dieſem Augenblicke mußte ich eines jungen Mannes gedenken, den ich im Geiſt durch die Straßen der Hauptſtadt ſchreiten ſah, Stirn und Augen von hohen Ideen leuchtend; ach, er vergißt jeden Augenblick daß ſein Weg ihn zur ſtrengen Parade oder zu ruhrkranken Grenadieren bringen ſoll. Gnädigſter Herr, ſoll ich mehr ſagen? In dieſem Wundergarten iſt ſo viel geſchehen um ein edles Bild des Lebens hervorzu⸗ bringen. Und ein ſolcher Bildner? Gnädigſtex Herr, ein ſolcher Dichter und eine ſolche Hütte! 3 Stille, ſtill von dieſem ungeſchornen Genie! Ich will nichts von ihm hören.—. Da er ja nichts als Bildung bedarf, wie viel würde eine kleine Reiſe— Wie dankbar, wie reich an Früchten würde er zurückkommen! Reiſen laſſen! das käme mir gerathen, wahrhaftig! Soll ich ihm noch die Mittel geben daß er alle unerzogene Phantaſten vollends zu Narren macht? Ich werde dem Pfuſcher das Recept eintränken, denn ich weiß wohl daß er an den Tollheiten einer gewiſſen jungen Dame mitſchuldig iſt, und es ſoll ſtreng unter⸗ ſucht werden wie ſein Machwerk ſich bei Hofe hat einſchleichen können. Ich habe das unnatürliche Ding nun auch geleſen. Er ſolls noch in der Akademie geſchrieben haben: ein ſchönes Zeug⸗ niß für ſeine Lehrer und Vorgeſetzten! Ich ſehe wie redlich man mir dient. Er aber, der genug für ſich ſelbſt abzubitten hat, wie kann Er die Frechheit haben, mir für Andre die Piſtole auf die Bruſt zu ſetzen? Was gibt Ihm den Muth zu glauben daß Er ungezüchtigt von hier fortkommen werde? Red Er! Unſer Freund war über dieſen ſo unerwarteten Gang des gütlichſten Geſpräches wie vom Himmel gefallen, aber ſein Un⸗ muth war noch größer als ſeine Beſtürzung. Die bildliche Re⸗ densart von der Piſtole erinnerte ihn, daß alle ſeine Fehler, wie hoch man ſie ihm auch anrechnen mochte, durch eine weit größere Verſchuldung auf der andern Seite mehr als getilgt ſeien, und gereizt entgegnete er auf die wiederholte Aufforderung zum Reden: Mit Erdengöttern iſt es unmöglich zu ſtreiten, denn ſie führen Waffen deren wir arme Sterbliche uns nicht bedienen dürfen. Ich habe ja unlängſt erfahren daß man ſich glücklich preiſen muß, wenn der Blitz der oft unverſehens aus ihren Wolken fährt uns nicht — das Hirn zerſchmettert. — 1⁰9 Der Herzog trat einen Schritt zurück. Will Er mich conſti⸗ tuiren? rief er aus. Ich ſag' Ihm, Sein Ausſehen war dazumal ſo räubermäßig daß Ers nicht verargen kann wenn man Ihn drei Schritte vom Leibe haben wollte. Uebrigens da Er ſo rechtfertig i*ſt ſo will ich Ihn auch ein wenig ins Verhör nehmen. Warum hat Er meine Befehle ſo miſerabel ausgeführt? Ew. Durchlaucht wiſſen bereits daß ich wehrlos— Seine Gefangennehmung? Still, ich will nichts davon hö⸗ ren! das war eine abgekartete Komödie. Dann bin ich freilich ſchuldig. Der Herzog ſah ihm ſcharf in die Augen und ſagte: Das mein' ich auch, ja! Und wie hat Er die Maladreſſe begehen können mir den nächſten beſten Zigeuner als Vertrauten zuzu⸗ ſchicken? Daß der Burſche, abgeſehen davon daß er alle Schleich⸗ wege und den Aufenthalt des Geſindels kannte, ein completer Dummkopf war, das kommt Ihm noch einigermaßen zu Gute. Wenn ich den Jungen wieder vor die Augen kriege, er gibt einen hübſchen Soldaten.— Er hatte die letzten Worte wie im Selbſt⸗ geſpräche hingeworfen, dann wandte er ſich herum und ſagte: Nun? Fréund Tony hat ſeine Rolle nicht übel geſpielt, ſagte Hein⸗ rich zu ſich. Wenn meine erſte Angabe keinen Glauben findet, erwiderte er laut, ſo ſind alle folgenden verdächtig. Was hilft mirs wenn ich verſichere daß mir jene tumultuariſche Botſchaft von der äußerſten, verzweifeltſten Noth abgedrungen worden iſt? daß ſelbſt mein Leben, das ich mit Freuden hinzuwerfen bereit war, das Aergſte nicht abgekauft haben würde! Ich darf voraus⸗ ſetzen daß Ew. Durchlaucht hinlänglich unterrichtet ſind. Der Herzog ging ſchweigend durch die reizende Wildniß weiter, für welche jetzt keiner von beiden mehr ein Auge hatte. Was iſt die Urſache daß ſie meinen Grenadier ermordet haben? frug er nach einer Weile: es muß etwas Beſonderes dahinter ſtecken. Weiberaffairen, Ew. Durchlaucht, und— der berühmte Feuer 200 ſegen, den er an einen großen Herrn verkauft haben ſoll und deſſen Früchte ſie ihm mißgönnten. Der Herzog brach in ein luſtiges Gelächter aus und ging weiter. Als ſie beim großen Schweizerhauſe aus den Gebüſchen hervortraten, blieb er ſtehen und wandte ſich mit aufgehobenem Finger, aber nicht unfreundlich, gegen den jungen Mann. Freund Philoſoph, ſagte er, jetzt nehm' Er das Herz in die Hände und bekenn' Er mir. Es liegt mir ſehr viel daran Sein Verhältniß zu dem Fräulein zu wiſſen. Erzähl' Er mir aufrichtig wie weit euer Complott gegangen iſt. Offenherzigkeit vermag viel über mich, daß Ers weiß! Gnädigſter Herr! ſagte Heinrich betreten: ich muß mir dieſen Argwohn gefallen laſſen, aber, bei Gott, er iſt grauſam! Ja, und wenn er Grund hätte, nie würd' ich ſo ſchmählich handeln eine Silbe davon über meine Lippen kommen zu laſſen! Aber ich kann mit gutem Gewiſſen mein Ehrenwort geben: zwiſchen dem Fräulein und mir war nie ein Complott, ich habe um dieſe Flucht— Sein Ehrenwort! Seht nur wie pochend! Wo hat Er denn Seine Ahnen, daß Er ſo mit den Sporen klirren kann? Meine Ahnen, gnädigſter Herr, waren einfache gediegene Ehrenleute, die in einer glücklicheren, weniger ſchlüpfrigen Sphäre lebten als ihr Abkömmling; aber auch dieſer kann nicht ganz ver⸗ ächtlich ſein, da er die Ehre hat mit ſeinem Landesherrn über geheime Gegenſtände zu ſprechen, und da ihm die Ehre einer jun⸗ gen Dame, mit ſchlechtem Glauben freilich, anvertraut worden iſt. Der Herzog biß ſich auf die Lippen und machte wieder einige Schritte. Dann blieb er ſtehen und fragte: Was war der Zweck dieſer wahnſinnigen Aventure? Ew. Durchlaucht mögen mich foltern laſſen, rief Heinrich, wenn ich einen Zweck zu nennen vermag! Es war die zweclloſeſte Laune die es je in der Welt gegeben hat.— Hält Er mich für ein Kind? Ich laſſ' Ihn am nächſten Baum aufknüpfen, wenn Er ſo ſchamlos mit mir zu ſpielen wagt. 201 Heinrich zuckte die Achſeln und ſchwieg. Der Herzog änderte ſeinen Ton. Wir Fürſten, begann er, ſind von den andern Menſchen durch eine Kluft abgeſondert, über welche nichts hinüberreicht als das Vertrauen und— der bewußte Blitz. Wir müſſen blindlings an die Menſchen glauben, weil wir nicht alle ihre Schritte prüfen können wie ein Geſchäftsfreund die Bü⸗ cher des andern. Was bleibt uns übrig wenn ſich ein Menſch unſres Vertrauens unwürdig gezeigt hat? Hat er nicht zugleich gegen alle ſeine Mitbrüder geſündigt, weil unſer Mißtrauen nur zu bald auf allen laſten wird? Bedenke Er das, mein Freund, und lege Er eine aufrichtige Beichte ab, um das Vertrauen wieder herzuſtellen. Der arme Heinrich war außer Stande das zu bekennen was der Herzog ihm nun mit klaren Worten vorſchrieb, nämlich daß des Fräuleins Flucht und alle daraus gefolgten Abenteuer nur Früchte einer geheimen einverſtandenen Leidenſchaft zwiſchen Lehrer und Schülerin geweſen ſeien, und daß das Spiel in guter Ruhe ſo lang fortgedauert habe bis eine gewaltigerere rohere Macht dazwiſchen gekommen ſei, worauf man ihn als heimlich verwünſchten Deus ex machina, und zwar nicht ohne ihn zu compromittiren, zu Hilfe gerufen habe. Er bat, drohte, verſprach, alles, wie ſich begreifen läßt, vergebens. So waren ſie unter lebhaftem Sprechen wieder auf einen freien Platz und zu einem noch nicht geſehenen Gebäude gekom⸗ men, welches, mit einem Schild verſehen, und an drei hohe Bö⸗ gen, Ueberreſte vom goldnen Hauſe des Nero, ſich anlehnend, das Wirthshaus zur Stadt Rom hieß. Gegenüber in geringer Ent⸗ fernung ſtand ein Portal welches aus dem Garten auf die Land⸗ ſtraße führte. Einige fürſtliche Bediente ſchienen bei der fictiven Heerberge ihres Herrn zu warten. Der Herzog winkte einen von ihnen herbei und ſagte ihm einige Worte ins Ohr. Dann fuhr er fort: Zum letzten Mal eine gütliche Frage. Will Er bekennen? Nein! Es iſt die einzige Antwort die ich geben kann. 202 Mein Chrenwort gilt nicht, und meine Rechtfertigung wird nicht angehört. Er will ſich alſo reinigen? Ja. Nur zul ſagte der Herzog, indem er aus der Weſte ein Cho⸗ colatetäfelchen nahm und ein Stück davon in den Mund ſteckte. Heinrich holte aus um eine Erzählung ſeiner Begebenheiten zu beginnen.— Der Herzog aber hörte ihm kaum zu, ſondern rief nachdem er ihn einige Worte hatte reden laſſen: Halt! wer war denn ein gewiſſer Kapuziner der ſich in jener verwünſchten Nacht auf der Redoute befand? Unſer unglücklicher Freund war wie vom Donner gerührt: an dieſe kleinſte ſeiner Vergehungen hatte er ſchon längſt nicht mehr gedacht, und war nicht im Geringſten vorbereitet dieſer ſo verfänglichen Frage zu begegnen. Mitten im Bewußtſein der Unſchuld fand er ſich auf einmal überwieſen, ſchuldig! Er ſchwieg und ſah zu Boden. Dieſe Frage wäre beantwortet, ſagte der Herzog. Und wer war der Teufel der Arm in Arm mit dem Kapuziner ging? Ueber dieſe zweite Frage, die einem ohnehin gefährdeten Freunde neues Unheil drohte, erſchrack Heinrich noch weit mehr. Doch hatte ſein geübtes Ohr aus dem allwiſſenden Tone die un⸗ ſicher taſtende Abſicht herausgehört, und er raffte ſich alsbald wieder auf. Ich ſchwöre, rief er, daß ich mich mit keiner Seele verabredet hatte, daß ich ganz allein— Still! rief der Herzog. Schon wieder verſtockt!— Er betrachtete ihn lange Zeit. Wenn ich mir einen ſolchen Menſchen anſehe, ſagte er endlich, ſo ehrlich und ſo falſch, ſo einfältig und ſo ge⸗ ſcheid, ſo zwecklos und ſo voll Berechnung,— ſo weiß ich, mit dem gemeinen Mann zu reden, weiß ich nicht wo ich ihn hinthun ſoll. Doch ja, ich weiß es und das wird das Beſte ſein. Ich will Ihn wo hinthun wo mein Knecht, der Sulzer, nicht hinreicht, wenn Seine edlen Kameraden auf Ihn ausſagen ſollten. Er iſt 1 203 zwar ein hartgeſottener Sünder; aber in Sulz wiſſen ſie den Katechismus beſſer durchzufragen als Ich, und ich muß dafür ſorgen daß Seine Dummheiten nicht ins Protokoll kommen. Ich will Ihm den rechten Frieden geben. Er winkte ſeinen Trabanten. Im Augenblick ſah ſich Hein⸗ rich umringt und mit unbegreiflicher Geſchwindigkeit ſeiner Brief⸗ taſche beraubt. Er konnte ſeine Erbitterung nicht bezähmen. In der That, gnädigſter Herr, rief er aus, größere Virtuoſen ſah ich auf dem Schwarzwalde nicht. Fort mit ihm! rief der Herzog und wandte ſich nach dem Garten zurück. E :5 & — — — — .— 2 1. Gefangner Mann, ein armer Mann!⸗ Ach, habt mit mir Erbarmen! Schubart. Raſch fuhr ein Wagen vor. Heinrich wurde einzuſteigen be⸗ deutet; ein fürſtlicher Diener ſetzte ſich zu ihm, der ſorgfältig alle Oeffnungen ſchloß; dann rollte der Wagen im ſchnellſten Trabe fort. Heinrich hatte keine Luſt ſich mit ſeinem Begleiter in ein Geſpräch einzulaſſen; er fuhr ruhig dahin und empfand eine ge⸗ wiſſe Zufriedenheit daß die Lenkung ſeines zweckloſen unſtäten Lebens nun in andre Hände gekommen war. Wie von dieſen die Zügel gehandhabt werden würden, ob ſchlaff oder ſtreng, kümmerte ihn in ſeiner gegenwärtigen Stimmung nicht. Endlich wurde ihm die Schwüle im Wagen unerträglich; er ſtieß ein Fenſter an ſeiner Seite auf, ohne zu fragen und ohne daß ſein Begleiter Einſprache that. Er ſah daß ſie gen Stuttgart fuhren, und konnte ſich nicht erklären was dort mit ihm vorge⸗ nommen werden ſollte. Mit halsbrechender Eile gings die Steige hinab und dem Hauptſtätter Thore zu. Es war inzwiſchen dunkel geworden, und das wohlbekannte Fenſter im Ochſen war ſchon erleuchtet. Es drängte ihn Halt zu gebieten und zu den Freunden hinaufzuſpringen. Der Wagen don⸗ nerte vorbei. Ein zweiter Blick zeigte ihm beim Licht der Laterne einen Straßenwanderer, der mit ſtracker Haltung und ſchnellen 208 Schritten an den Häuſern heraufkam; es war Peterſen, und dem rückkehrenden Freunde konnte es nicht verborgen ſein wohin er ſo unternehmend ſteuerte. Kaum hielt ſich Heinrich ſeinen Namen auszurufen; er unterdrückte einen Seufzer und lehnte ſich ſchwei⸗ gend in den Wagen zurück. Dieſer fuhr weiter und immer weiter, und endlich zur Stadt hinaus. Der Gefangene ahnte jetzt das Schickſal das ihm bevor⸗ ſtand, und blieb ſtill in der Ecke liegen, ohne ſich weiter nach der Gegend umzuſehen. Nach einer geraumen Fahrt ging es endlich in der Nacht ſteil bergan. Der Wagen hielt und er mußte aus⸗ ſteigen. Er ſah ſich von Mauern und Wällen umgeben, und knarrend öffnete ſich auf den herzoglichen Befehl das Thor von Hohenasberg. Er hatte den frei in der Landſchaft ſtehenden Knirps von einem Berge mit ſeiner Feſtung ſchon manchmal von Weitem geſehen, und nicht geträumt daß er ihn noch ſo genau kennen lernen ſollte; aber was iſt nicht möglich im Leben! Der Commandant war ſchon zu Bette. Der Gefangene erfuhr jedoch aus den Unterhandlungen ſeines Begleiters mit der Wache, daß alles für ihn in Bereitſchaft ſei; man ſchien alſo mit ziemlicher Sicherheit auf ihn gerechnet zu haben. Jener wandte ſich um den Rückweg anzutreten; er ſtreckte dem Arreſtanten die Hand hin und wünſchte ihm treuherzig gute Nacht. Heinrich nahm den Gruß gleichgiltig auf; da aber der Laternenſchimmer auf ein bekanntes Geſicht fiel, ſo ſah er das⸗ ſelbe ſchärfer an. Ich muß Sie ſchon einmal geſehen haben, verſetzte Heinrich: ich kann mich aber nicht beſinnen. Ich bin der Kammertürke der Sie vor einigen Jahren auf der Solitude empfing. Jetzt bin ich aber bloß noch Trabant, 209 weil— weil— Nun, es hat nichts zu ſagen, ſetzte er flüſternd hinzu; ein gut Gewiſſen geht über alles.— Aber nicht wahr? man ſagt doch mit Recht: Berg und Thal kommen nicht zuſam⸗ men, aber die Menſchen. Ja, nur nicht immer auf dieſelbe Weiſe, erwiderte der Ge⸗ fangene mit bittrem Lächeln: damals ſahen Sie mich in einer glänzenderen Rolle als heute. O das hab' ich ſchon mehr erlebt! rief der ehrliche Mann. Uebrigens tröſten Sie ſich, ich glaube man hats nicht ſo arg mit Ihnen vor. In ein paar Wochen, denken Sie an mich, werden Sie keinen Vogel mehr zu beneiden haben. Indeſſen wünſche erträgliche Zeit. 3 Er drückte ihm die Hand und war verſchwunden. So gleich⸗ giltig Heinrich anfangs ſein Schickſal hingenommen hatte, ſo er⸗ ſchütterte ihn doch der Abſchied des einzigen Freundes auf den er hier hoffen konnte, und er ſah mit ſchmerzlichen Gefühlen wie das Thor ſich hinter ihm ſchloß. Nun wurde er von einer Ordonnanz mit einer Laterne über den Platz nach einem der im Viereck ſtehenden großen Gebäude und in ein geräumiges, an der Decke blockhausartig mit ſchwerfälligen Balken durchzogenes Zimmer geführt, deſſen kahle, weißgetünchte Wände ihn wie die ewige Langeweile angähnten. Der Soldat zündete ihm ein Licht an, und entfernte ſich mit der barſchen Wei⸗ ſung es nicht länger als nöthig brennen zu laſſen. Heinrich erſah aus dieſem Tone, daß er jetzt unter militäriſchem Commando ſtand. Er löſchte das Licht, ſetzte ſich auf den Stuhl am Bett und hielt Rechnung über ſein ſeltſames Schickſal. Kopfſchüttelnd ſtand er wieder auf und legte ſich unter das Fenſter; es ging auf den Feſtungsplatz. Der Mond ſtand am Himmel, groß und voll: es war derſelbe der vor kurzer Zeit an der gräßlichen Mordthat vorübergegangen war. Er ſenkte ſich jetzt hinter die Dächer und lächelte noch einmal auf den ſtillen Platz, über welchem der Athem des Friedens und der Sicherheit wehte. Nur unterbrach der einför⸗ Schiller's Heimathjahre, II. 14 * 8 8 210 mige Schritt und das Anrufen der Wachen von Viertelſtunde zu Viertelſtunde die ſchweigende Nacht. Dennoch kam eine innige Ruhe über das Herz des Gefangenen: es war ihm als hätte er wieder eine Heimath, und er ſehnte ſich in dieſem Augenblicke nicht ein⸗ mal nach ſeiner Freiheit, die ihn in der letzten Zeit ſo müde ge⸗ rüttelt hatte. Doch überkam ihn nur zu bald die Erinnerung die ihm ſagte wo er ſich befand, und wenn er auch für jetzt die Ruhe willkom⸗ men hieß, ſo konnte er doch darüber nicht vergeſſen daß es eine Ruhe des Grabes war, worin Tauſende vor ihm ihre Hoff⸗ nungen, ihr Lebensglück unwillig beſtattet hatten. Er ging zu Bette und warf noch einen ſcheuen Blick im Zimmer umher. Wenn all das Unglück das hier ſchon gehauſet hat plötzlich Geſtalt an⸗ nähme; wenn dieſe Wände alle die Seußzer die ſie ſeit Jahrhun— derten eingeſogen in nächtlicher Stille wieder austönten! Nein, das wäre nicht zu ertragen! das feſteſte Herz müßte darüber brechen, der derbſte Verſtand aus den Fugen gehen. Und wenn nun gar ein Unſchuldiger dieſe Prüfung nicht aushielte, wie müßte den Urhebern ſolchen Jammers, ſolcher Verzweiflung zu Muthe ſein! In dieſem Augenblich erſcholl ein Seufzer, laut und vernehm⸗ lich. Heinrich fuhr zuſammen und richtete ſich auf; ſein Herz klopfte. Bald aber merkte er aus den Bewegungen eines im Bette ſich hin und her werfenden Menſchen, daß er einen Nachbar habe, von dem ihn nur eine dünne Wand zu ſcheiden ſchien. Durch das unaufhörliche Wer da? aufs widrigſte geſtört, ſchlief unſer Freund erſt ſpät ein, und erwachte mit dem Morgenlicht aus einem tiefen Schlummer und verworrenen Träumen. Es iſt ein alter Glaube daß die erſte Nacht die wir an einem neuen Aufent⸗ haltsorte zubringen ihre vorbedeutenden Träume habe. Schade nur daß gerade dieſe es ſind die am ſeltenſten beim Erwachen eine Erin⸗ nerung hinterlaſſen; es iſt als ob der Traumgeiſt, verſchämt ſein Ge⸗ heimniß verrathen zu haben, das ſchon halb eingeprägte Bild miß⸗ M. 8 211 günſtig wieder von der Seele weggehaucht hätte. Ein ſolches Schick⸗ ſal hatte unſer Gefangener: er konnte ſich durchaus nicht beſinnen was er geträumt, obgleich eine unbeſchreiblich Kiebliche Empfindung davon zurückgeblieben war, die ihn immer von Neuem trieb nach den Spuren ihres Urſprungs zu forſchen. Vergebens! ſeine Ge⸗ danken, die er auf einen Punkt bannen wollte, ſchweiften in alle Weite hinaus. Aber wie erſtaunt war er als ſie aus der Ferne mit einem Bilde zurückkamen, das ſeit gar zu langer Zeit in ſeiner wachenden Erinnerung verſunken war! Hatte er von Lottchen ge⸗ träumt? Er konnte keine Spur zuſammenbringen. Oder war es ihr Andenken das in jeder ruhigen und gleichmäßigen Stim⸗ mung wiedor in dem ſchwankenden, irrenden, und doch heimlich getreuen Herzen auftauchte? Aber ach, er drängte es grollend wieder zurück. Unmuthig ſtand er auf, trat ans Fenſter und bot die Stirne den kühlenden Schwingen der Morgenluft. Da klopfte es an der Thüre. Heinrich rief und ein Offizier trat herein, in deſſem markirtem Geſicht und ſtrenger Haltung ſich Ernſt und Entſchiedenheit verkündigten. Seine lebhaften Augen ruhten durchbohrend auf unſrem Freunde, der, verlegen über ſei⸗ nen nachläſſigen Anzug, nicht wußte wonach er zuerſt greifen ſollte. Man incommodire ſich nicht, wir ſind hier ganz entre nous, ſagte der andre, näher tretend: da ſich mein Arreſtant mir noch nicht vorgeſtellt hat ſo muß ich ja wohl ſelber nach ihm ſehen. An dieſen Worten erkannte Heinrich ſeinen Mann und konnte ſich nicht enthalten ihn mit neugierigen Blicken zu muſtern. Es war der Commandant von Hohenasberg, der vielbeſprochene Obriſt Rieger. Er hatte ihn, wiewohl nur von ferne, in der Aka⸗ demie geſehen, als der Herzog, nach langer Gefangenſchaft und noch längerer Verbannung von ſeiner Unſchuld überzeugt, ſich mit ihm verſöhnte und ihm dieſen Ruhepoſten übertrug. Sie können guten Muthes ſein, fuhr der merkwürdige Mann fort. Ich habe ſo viel als gar keine Inſtruction Ihrethalben erhalten, und ſo dürfen Sie auf eine Behandlung rechnen die ganz Ihrem Benehmen angemeſſen ſein wird. Ihre Thüre iſt, wie Sie bemerkt haben werden, nicht geſchloſſen, und wenn Sie Ihr Wort geben nichts Eigen nächtiges vorzunehmen, ſo ſollen Sie unbe⸗ ſchränkte Feſtungsfreiheit genießen. Sie werden dieſe Gnade des Herzogs zu ſchätzen wiſſen. „ Ihre Güte, Herr Commandant, weiß ich hoch zu ſchätzen, verſetzte Heinrich: von Seiten des Herzogs wäre mir Gerechtigkeit lieber als Gnade. Was ich auch Ungeſchicktes begangen haben mag, eines Verbrechens bin ich mir nicht bewußt, und die Strafe die ich zu erſtehen hier bin iſt mir ohne Recht und Urtel dictirt worden. Es möchte ſich fragen ob es nicht ſtatt aller Capikulationen beſſer wäre die Garantieen der Landesverfaſſung und der perſönlichen Freiheit anzurufen. Herr von Rieger runzelte die Stirne. Es ſteht Ihnen frei, antwortete er mit einem ſcharfen Blick. Dann ging er ein paar⸗ mal raſch durch das Zimmer und trat dicht vor den Gefangenen. Mein werther junger Mann, ſagte er, Ihrer Gährung wird dieſe Diät zu Gute kommen. Erwarten Sie hier mit Ruhe, ob die Land⸗ ſchaft um Ihretwillen von Neuem Streit mit dem Herzog anfan⸗ gen wird. Uebrigens kann man nicht wiſſen— Sie haben viel⸗ leicht bedeutende Connexionen, und können die Herren für ſich intereſſiren. Dann verſpreche ich Ihnen im günſtigſten Fall, daß man etwa zehn Jahre lang in Wien prozeſſiren wird, während welcher Zeit Sie in deſto engerer Haft hier ſitzen nnd auf den Erfolg harren können. Er bemerkte den Eindruck den dieſe Worte auf den jungen Mann machten, und fuhr etwas freundlicher fort: Schicken Sie ſich in die Zeit und Sie werden ſicherlich gelinde durchkommen. Gedenken Sie fürs Erſte daß Sie ein Menſch ſind und menſch⸗ liche Schickſale zu ertragen haben. Es iſt das gar nichts Be⸗ ſondres und ſchon ganz andern Leuten widerfahren, die ihre Un⸗ geduld auch bei Seite geſetzt haben. Ich will nicht von mir reden, aber nehen Moſer werden Sie ſich nicht zu ſtellen begeh⸗ ren. Ihr Schickſal iſt eine Luſtbarkeit gegen das ſeinige. Ich ſelbſt ſaß zu Hohentwiel in einem Loche die Phantaſie er⸗ hitzter Romanenſchreiber nichts Scheußlicheres auszubrüten ver⸗ mag, und habe den Uebergang von Ehre und Thätigkeit zur äußer⸗ ſten Inaction und Schande überdauern können. Fremde Menſchen⸗ freunde haben um mich geweint; ihre Thränen ſind im Sack⸗ Gottes geſammelt— Heinrich ſah ihn bei dieſen Worten betroffen an: er ahnte ein Geheimniß, das ihm ſogleich klar werden ſollte. Aber ſie hätten mich nicht beweinen, ſie hätten ſich mit allen Engeln freuen ſollen, fuhr der Commandant fort: denn der Arm Gottes hatte mich aus der babyloniſchen Gefangenſchaft des Welt⸗ verderbens in die Wüſte entrückt, um mich allda zu ſich zu führen. Ich bekam nichts als eine kleine Bibel zur Geſellſchaft. Da ſagte die naſeweiſe Vernunft: wie wirds dir gehen? bei deinem guten Gedächtniß wirſt du ſie bald auswendig wiſſen. Aber ſie iſt mir heute noch neu. Ich begreife, ſagte Heinrich, daß Ihr unverdientes hartes Schickſal Ihnen eine Sammlung verſchafft hat wozu das unruhige Welttreiben keine Gelegenheit bot. Ueberhaupt, ſiel der lebhafte Mann ein, der in Ausdruck und Bewegung manches von ſeinem Fürſten angenommen zu haben ſchien: überhaupt, wer es zu was Rechtem im Erkennen und Handeln bringen ſoll, der wird nicht auf breiten und ebenen Wegen dazu geführt. Wenn Gott etwas der Art mit Ihnen vor⸗ hat, ſo gratulire ich zur Gefangenſchaft und wünſche daß ſie nicht allzu kurz dauern möge. Unſer Freund dankte lächelnd für den wohlgemeinten Wunſch, und der Oberſt ſagte: Da wollen wir nun gleich berathen womit Sie ſich beſchäftigen ſollen, um dieſe unerwartete Muße nützlich und angenehm auszufüllen. Heinrich ſprach von ſeinen Büchern, die er kommen laſſen wollte, aber der Commandant fiel ihm ungeduldig ins Wort: Ich “ 214 denke, ſagte er, der Arm Ihres Führers in dieſen Tagen ſo ſichtbar aevoden ih ſo thäten Sie beſſer auch, einmal ein paar Wochen lang Ihm allein die Honneurs zu machen und ſich mit geiſtlichen Dingen zu beſchäftigen. Sie ſind ja ein Gelehrter— nicht? Nun, da haben wir vielleicht intereſſante Studien für Sie. Doch wir wollen zuvor mit Freund Hahn darüber conferiren, der dieſer Tage von ſeinem Kornweſtheim zum Beſuch heraufkommen wird. Den empfehl' ich Ihnen als Seelenrath. Vielleicht läßt er ſich bewegen Ihnen eine geiſtliche Diät vorzuſchreiben, wie unſrem Schubart, den wir durch dieſes Rüſtzeug Gottes auch ſo ziemlich zurechtgebrächt haben. Schubart! rief Heinrich lebhaft: wie konnt' ich ihn ſo ver⸗ geſſen! Er iſt hier! er iſt noch hier? Und nicht allzu weit von Ihnen, verſetzte der Commandant lächelnd: Sie werden ihn noch zu ſehen bekommen, in den Stun⸗ den wo er auf dem Walle ſpazieren gehen darf— oder eſſen Sie heute eine Suppe mit mir, und ich will ihn dazu einladen. Heinrich nahm das Erbieten dankbar an, und fragte, wie es dem armen Manne gehe. Es geht ihm jetzt leidlich, erwiderte Rieger: er iſt aus der engen Haft befreit, wohnt wie Sie, ſpeist oft bei mir, wenn Fremde zugegen ſind, und wäre vielleicht ſchon frei, wenn er ſeine Ungeduld bezähmen könnte. Aber wenn er durch ein ruhiges Benehmen, durch ein artiges poetiſches Compliment den Herrn günſtig geſtimmt hat, ſo löſcht er dieſen Eindruck bald wieder durch un⸗ artige Reden aus, und das wird alles hinterbracht. Wenn ichs verſchweige ſo verrathens andre, um mich in Verlegenheit zu bringen. Welch eine ſaure Pflicht! rief Heinrich aus. Die Fürſten, ſagte der Oberſt ruhig, ſind von Gott eingeſetzt, und was ſie uns befehlen, das müſſen wir thun; wir ſelbſt ſind nicht dafür verantwortlich, 215 Er entfernte ſich, indem er die Einladung wiederholte und ihn ermahnte über die Winke die er ihm gegeben habe nachzudenken. Heinrich dachte aber nicht über dieſe ke nach, ſondern über den ſeltſamen Charakter, der ſich da vor ihm enthüllt hatte, und mit dem er nicht fertig zu werden wußte, als auf einmal eine Stimme vom Ofen her rief: Herr Nachbar, auf ein Wort! Heinrich war betroffen. Wer iſt da? rief er, auf den Ofen zugehend. Kennen Sie mich denn nicht? Ich habe einen Theil Ihrer Unterredung gehört, und Sie gleich wieder erkannt. Schubart! rief Heinrich: ſind Sie es oder nicht? Freilich bin ichs! Sie alſo waren das ſeufzende Geſpenſt das mich vergangene Nacht erſchreckt hat? Hab' ich geſeufzt, ich Mann des Jammers, ſo hat der Schlaf mein gepreßtes Herz verrathen. Legen Sie ſich platt auf den Boden, da wo Sie ſtehen, dann werden Sie unten eine Oeffnung in der Wand finden, durch die wir uns unterreden können. Heinrich war ihm zu Willen, obgleich die Lage die er anneh⸗ men mußte höchſt unbequem war, und rief: So erinnern Sie ſich denn noch des jungen Abenteurers der Ihnen damals gewiß in einem ſehr zweideutigen Licht erſchienen iſt? Ich geſtehe, war die Antwort, daß ich nicht abgeneigt war Sie für einen Adjutanten des Iſcharioth zu halten, aber— neh⸗ men Sie mir meine Offenherzigkeit nicht übel— ich hatte nachher ſo viel Veranlaſſung mich mit mir ſelbſt zu beſchäftigen, daß ich erſt dieſen Morgen wieder an Sie erinnert worden bin. Auch Sie werden nicht allzu viel an mich gedacht haben. Wo ſind Sie denn inzwiſchen herumgekommen? Ihre Nachbarſchaft beweist mir daß wenigſtens kein Tyrannenſcherge aus Ihnen geworden iſt. Unſrem Freunde gereichte es zur großen Erleichterung, dem mißhandelten Manne ſeine Unſchuld an jenem Verrath auseinan⸗ 216 derzuſetzen. Faſt, ſagte er, möchte ich dieſe meine Gefangenſchaft ſegnen, die mir vergönnt mich in Ihren Augen zu rechtfertigen. Laſſen Sie ſichs nicht leid ſein, verſetzte Schubart, mir ein paar Wochen Geſellſchaft zu leiſten: es iſt ein Gottesdienſt, einen Unglücklichen zu tröſten. Ihre Lage iſt wohl beſchwerlich? ich hör“ es an Ihren Bewegungen. Ihr Vorgänger, Herr von Scheidlin, hat ſich trefflich daran gewöhnt, er hat in dieſer Stellung meine ganze Lebensgeſchichte geſchrieben, die ich ihm, da man mir die Schreibmaterialien weggenommen hatte, in die Feder dictiren mußte. Dazu hätt' ich mich, ſagte Heinrich, ſo bereitwillig hergegeben wie damals in Ulm zum Memento mori. Wollten Sie mir nicht eine kleine Nachleſe gönnen? Das Manuſcript, erwiderte der Dichter, iſt heimlich fortge⸗ ſchafft worden und wird hoffentlich bald unter die Preſſe kommen. Indeſſen will ich Ihnen gerne, wenn Sie ſich dann und wann zu der Ofenlücke bequemen wollen, einen Vorſchmack davon geben. Fürchten Sie von der Veröffentlichung des Buches keine übeln Folgen? fragte ſein Leidensgenoſſe. Der Herzog wird eben nicht die glänzendſte Rolle darin ſpielen. Der Herzog macht ſich nicht viel aus Gedrucktem, war die Antwort, und wenn man ihn nicht geradezu ſchimpft und gewiſſe reizbare Seiten ſchont, ſo kann man ſich im Uebrigen ziemlich gehen laſſen. Man muß geſtehen, in dieſem Punkt iſt er liberal. Heinrich erinnerte ſich daß auch Moſer ſeine Lebensbeſchreibung in Stuttgart herausgeben durfte, und ſagte: Es iſt wahr, in ſol⸗ chen Dingen iſt mit dem Herzog ſelbſt oft beſſer auszukommen als mit den Gewaltigen die ihm untergeben ſind. Ja freilich! rief Schubart: je kleiner ein Tyrann iſt deſto ſchlimmer iſt er, weil er ſich mit dem Abhub der Macht begnügen muß.— Im Vertrauen geſagt— ich will von unſrem Comman⸗ danten nicht übel reden, er hat ſeine guten Seiten— aber ſeien Sie nicht ganz gleichgiltig gegen ſeine Grillen. Ich habe vorhin bemerkt daß er bereits an Ihrer Bekehrung zu arbeiten angefangen —— 217 hat; wenn Sie ihn einigen Succeß verſpüren laſſen, ſo wird das ſehr zur Erleichterung Ihrer Lage dienen. G. iſt noch ganz der alte Werber, nur daß er jetzt Rekruten für die himmliſchen Heer⸗ ſchaaren zuſammenzutreiben ſucht. Heinrich lachte. Es würde mir ſchwer fallen, ſagte er, mich zur Heuchelei zu entſchließen. Brauchts denn Heuchelei? rief der Dichter mit kläglichem Tone. Ich meine ja nur daß man das Herz dann und wann ein wenig in des Herrn von Riegers Montur kleiden ſolle. Denn daß dieſes Herz von Grund aus verderbt und der Gnade bedürftig iſt, das werden Sie ſo gut einſehen wie ich, oder werden es noch ein⸗ ſehen lernen.— Mit dieſen Worten gerieth er in eine ſolche geiſtliche Salbung, daß Heinrich lange Zeit ungewiß war ob er ihm nicht eine luſtige Kapuzinade zu vernehmen gebe, womit der fromme Oberſt perſifflirt werden ſollte, bis er endlich den Dichter weinen und ſchluchzen hörte. Ihr Unglück, ſagte er mild, hat dieſe Stimmung, die ich begreifen kann, in Ihnen erzeugt. Warten Sie nur ab, rief Schubart, was das Unglück bei Ihnen erzeugen wird. Ich ſaß in meinem anfänglichen finſtern Loche, von Gott und Menſchen verlaſſen, wie der Menſch im Ge⸗ fängniß der Sünde ſitzt. Mein Herz war verdorrt, mein Auge vertrocknet; ich war wie eine Wolke die kein Waſſer gibt. Da ſchickte mir der Herr, deſſen Barmherzigkeit nimmer von uns weicht, ſeinen Propheten, den Mann mit der Lichtgebärde, der wie ein Stern in mein Dunkel ſchien, ſeinen Hahn, deſſen Mor⸗ genſtimme mich aus der dumpfen Nacht erweckte. O das iſt ein Mann! ich weiß nicht was ich geworden wäre ohne ihn. Ein tiefer Geiſt der mit dem Feuereifer und der Geduld eines Apoſtels dem Unglauben und. Irrthum entgegenkämpft. Der hat keine Montur, der wandelt in einem hochzeitlichen Kleide. Freuen Sie ſich darauf ſeine Bekanntſchaft zu machen! er wird Sie gewaltig 218 ergreifen und mit Ihnen ringen, denn er iſt ſeiner Sache ſo ge⸗ wiß daß ihm niemand widerſtehen kann. Der begeiſterte Dichter hätte noch lang fortgeſprochen, aber ſein Zuhörer ſprang unwillig vom Boden auf, entſchuldigte ſich mit der ungewohnten Lage die er nicht länger aushalten könne, kleidete ſich haſtig an und verließ das Zimmer. ——— 2. Wohlan, Es eifre jeder ſeiner unbeſtochnen Von Vorurtheilen freien Liebe nach! Es ſtrebe von euch jeder um die Wette, Die Kraft des Steins in ſeinem Ring an Tag Zu legen! komme dieſer Kraft mit Sanftmuth, Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohlthun, Mit innigſter Ergebenheit in Gott Zu Hilf'! Leſſing, Nathan der Weiſe. Wo bin ich hingerathen! rief er zornig, indem er auf den die Rückſeite der Feſtungsgebäude umſchließenden Wall hinaus⸗ ging: in welches Tollhaus zudringlicher Proſelytenmacherei! Ich ſehe ſie ſchon auf mich einſtürmen, enger und enger, leiſ' und heftig, zärtlich und ergrimmt. Säß' ich doch lieber im tiefſten Loche, und hätte die Freiheit meinem Zuchtmeiſter auf ſein Brum⸗ men die Antwort ſchuldig zu bleiben! Das fehlte mir noch, ein Pietiſt zu werden!— Er mußte laut lachen und ſagte zu ſich: Nun, nun, ſei nicht gar zu ungeduldig, es ſieht ja ſonſt aus als fürchteſt du ſie möchten dich unterkriegen. Das hat nun zwar keine Gefahr, aber verdrießliche Auftritte wirds geben.— Wie, und darüber beklagſt du dich? Sollteſt du nicht froh ſein daß in das einförmige Leben zu dem du verdammt biſt einige Spannung und Lebhaftigkeit zu kommen droht? Nur ruhig, Herz! ſie werden 220 dich warm halten. Wenn ſie dir eine Komödie vorſpielen die du nicht beſtellt haſt, kannſt du dich nicht mit um ſo beſſerem Ge⸗ wiſſen daran beluſtigen? 4 Nach dieſen Worten ging er beruhigt längs des Walles im Kreis umher und ſah in die Landſchaft hinaus. Die milde Luft und der warme Sonnenſchein erheiterten ſein Gemüth, und er ge⸗ ſtand ſich endlich daß es doch immer beſſer ſei in die Hände dieſer wunderlichen Chriſten zu gerathen, als mit Hannikel und ſeinen Geſellen umherzuziehen. Der Wall bot ihm eine weite Ausſicht in die Gegend. Wie mancher mochte hier ſchon in die Freiheit hinausgeſeufzt haben, die ſich rings um dieſen qualvoll ſchön gelegenen Berg ſo weit, ſo lockend ausbreitete, als wäre es eine ausgeſuchte Erfindung der Tyrannei, ihre Opfer auf länderbeherrſchenden Höhen, ewig den Anblick des Entbehrten vor dem Auge, einzuſchließen. Wie ſchön, ſeufzte er, wie rein haſt du alles gemacht! und wie elend pfuſchen dir deine Menſchen in dein Werk! Wohin das Auge reichte traf es auf blühende Bäume, die in tauſend Farben die Herrlichkeit der Schöpfung prieſen und ihren begeiſterten Athem mit jedem Lüftchen durch die Lande ſchickten. Rauch ſtieg aus den Dörfern auf; die Felder belebten ſich mit Menſchen. In den Lüften aber wirbelten die Lerchen, von fröh⸗ lichem Wahnſinn ergriffen, ihre unverſiegbare Glückſeligkeit aus, und ſtiegen, mit jedem Ton an irdiſchem Gewicht verlierend, immer höher in den blauen Himmel empor. Wer auch ſo grundlos vergnügt ſein könnte! klagte der Gefangene. Mir iſt, wo ich ſein mag, ein verarmtes Daſein beſchieden, und dieſes einſame Herz, wenn es an vergangene Freuden und Leiden zurückdenkt, hat nur Irr⸗ thümer aus der Lebenschronik zu ſtreichen. Auch Laura! Hinab, ſchönes Geſtirn! Dein Glanz war Schein, bewegtem, trügeriſchem Dunſt entfloſſen, der kernlos erblaßt und nicht heimiſch wird in den Kreiſen feſter Himmelskörper. Lebe wohl, ſchönes Licht! auch du warſt nur ein Nebelſtern, 221 Die Glocke erinnerte ihn, er fragte ſich bei den Schildwachen zurecht, und ging nach der vom Wall in den Commandantenbau führenden Thüre. Auf dem Wege traf er eine Erſcheinung die ihm ſonderbar in die Augen fiel. Ein Mann in einem altväteri⸗ ſchen ſchwarzen Rocke lehnte an der Wallbrüſtung, der Landſchaft den Rücken kehrend und mit ſeinem Stock Figuren in den Sand zeichnend. Heinrich erkannte mathematiſche Linien, und wollte ihn eben anreden, als der andre, der nachdenkend ſein Kommen nicht gehört hatte, durch die nahen Tritte erſchreckt, leicht zuſammen⸗ fuhr; ein raſcher Blick fiel auf den Begegnenden, als wollte er ihm die Störung vorwerfen, dann wandte er ſich und ging ohne zu grüßen auf die Seite. Seine Zeichnung hatte er ſchnell mit dem Stock verwiſcht.. 3 Was ſoll ich hier nicht alles für Bekanntſchaften machen! ſagte unſer Freund zu ſich. Iſt das vielleicht ein Pythagoras oder Galilei, den der Herzog wegen abweichender Theorieen auf den Asberg geſetzt hat, um ihn zum rechten Syſtem zurückzubrin⸗ gen? Fürwahr ein pädagogiſcher Coup den man ihm ſchon zu⸗ trauen könnte. Er fand bei Frau von Rieger eine ſehr artige Aufnahme. Aber wie verwundert war er über Schubarts Ausſehen, der ihm mit einem Freudenruf entgegentrat! Er war aufgedunſen, dick, ſchwerfällig, und eine Bleifarbe in ſeinem Geſichte zeugte von den Folgen der Einkerkerung. Auf ſeinen Geiſt ſchien dieſe weniger gewirkt zu haben: in ſeiner Unterhaltung mit der Dame war viel von ſeiner alten Liebenswürdigkeit und Laune, aber bald mußte unſer Freund eine Beimiſchung von Submiſſion entdecken, die ihn wenig erbaute. Ach, er wußte nicht daß man ihn ankommen ließ wenn man ſich an ſeinen Talenten ergötzen wollte, und daß er im Uebrigen der arme Geächtete blieb, den man nach Gefallen bald ſo bald anders behandelte. Der Commandant kam jetzt mit jenem Fremden herzu, den er ſeinem neuen Gaſt als den Pfarrer Hahn vorſtellte, Derſelbe 22² begrüßte ihn mit gewinnender Einfachheit und ſah ihn jetzt weit freundlicher an als zuvor. Dieſer Blick aus tiefliegenden Augen, die ſich unter einer gewölbten, mit ſchwarzem rundem Haar na⸗ türlich umlockten Stirne bargen, hatte etwas eigenthümlich Herz⸗ liches, und Heinrich wollte ihn eben ſo freundlich erwidern, als der Commandant der Vorſtellung einen Wink beifügte, der unſres Freundes Bitterkeit in ſo hohem Grad erregte daß ſein Gegengruß etwas geharniſcht ausfiel: er wünſchte bildſam genug zu ſein, ſagte er mit trotzigem Ton, um von dieſer Bekanntſchaft den gehörigen Nutzen ziehen zu können. Der Pfarrer ſah ihn aus ſeinen durch⸗ dringenden Augen mit einer wehmüthigen Freundlichkeit an, als wollte er ſagen: was hab' ich denn gethan oder geſprochen das dich herausfordern könnte? Heinrich entzog ihm ſein Auge; doch hatte er dieſen Blick, obgleich er ihn nicht Wurzel bei ſich ſchlagen ließ, in der Seele empfunden. Man ſetzte ſich zu Tiſche, und die Unterhaltung, die beſon⸗ ders von dem Commandanten lebhaft und bei allem Ernſt nicht ohne Scharfſinn und Laune geführt wurde, drehte ſich um ver⸗ ſchiedene Gegenſtände. Heinrich, der nicht wußte wie weit die Geſellſchaft von ſeinen Umſtänden unterrichtet war, beobachtete eine ſcheue Zurückhaltung. Der arme Schubart gab von Zeit zu Zeit pflichtmäßig ein Bonmot zum Beſten. Es wurde von Reiſen geſprochen, und Herr von Rieger er⸗ zählte mit vieler Selbſtgefälligkeit von ſeinem Aufenthalt bei dem Prinzen Louis, dem Bruder und künftigen Thronfolger des Herzogs. Dieſer Herr pflegte den Männern welche unter dem raſchen Scepter ſeines Bruders gelitten hatten auffallend mit ſeiner Gunſt entgegen⸗ zukommen, und bei ihm hatte der Oberſt die meiſte Zeit nach ſeiner Befreiung von Hohentwiel zugebracht. Er trank die Geſundheit des Herzogs und dann des Prinzen, wobei die Geſellſchaft, durch ſein Beiſpiel und noch mehr durch einen befehlenden Blick aufgefordert, ſich erhob.— Ich glaube, —,— 223 Sie zählen mir die Schlücke nach die ich nehme, wandte er ſich plötzlich, nachdem er das Glas abgeſetzt hatte, an ſeinen jüngeren Arreſtanten. Dieſe Frage, die gewiß geeignet war einen Gaſt in peinliche Verlegenheit zu bringen, traf unſern Freund wohl vorbereitet; denn Schubart hatte ihn vorhin, in der Abweſenheit der Frau von Rieger, von dem Lieblingsthema des Oberſten unterrichtet. Ich bitte ſehr um Verzeihung, antwortete er dem frommen Manne mit der Schlauheit der Kinder dieſer Welt, ich habe ſie nicht nachgezählt, aber es ſchien mir, Sie beobachten dieſe Regel⸗ mäßigkeit. Sie haben ganz recht geſehen! rief der Oberſt ſehr vergnügt: ich habe meine Schlücke gezählt, und pflege dieß allemal zu thun. Fünfe! keinen mehr und keinen weniger. Sie müſſen wiſſen daß Fünf meine Leibzahl iſt und eine große Bedeutung in meiner Le⸗ bensgeſchichte hat. Es war an einem fünften December daß mich Sereniſſimus aus eigener Bewegung zum Major und geheimden Kriegsrath machten, mich von einer Ehrenſtelle zur andern erhoben und mit Gnade, Vertrauen, Ehre und Wohlthaten überhäuften, die ich in unauslöſchlicher Dankbarkeit behalten werde. Zehn Jahre ſpäter, wieder am fünften December, wurde ich in das Gefängniß der Einmaurung niedergelegt, wo ich Gott kennen lernte. Fünf Jahre darnach, abermals am fünften December, hatte ich die Ehre mit dem beſten Kurfürſten des Reichs, Nota bene nicht auf dem Lande, ſondern in ſeiner Reſidenz zu Mainz, an ſeiner kurfürſt⸗ lichen Tafel mit meinem lieben Prinzen zu ſpeiſen, wo der Herr den Kothſtäubigen neben ſeine Fürſten geſetzt hat. Er erzählte hierauf ein Langes und Breites von jener Mahl⸗ zeit, während Heinrich im Stillen ſeine Gloſſen machte. Der Pfarrer von Kornweſtheim ſchwieg und ſah vor ſich hin. Schu⸗ bart, als er zu Worte kommen konnte, ſprach von merkwürdigen Füh⸗ rungen, wie ſie ſich ſelbſt im Zuſammentreffen einzelner Umſtände, beſonders gewiſſer Zahlen gezeigt, und führte Beiſpiele aus ſeinem 224 eigenen Leben an. Zufällig kam er in ſeiner Auseinanderſetzung auch auf die prophetiſchen Zahlen der Bibel zu ſprechen, und der Commandant ergriff dieſes Stichwort mit vollem Eifer. Ja, das wars, rief er, wovon ich ſchon längſt reden wollte. Haben Sie, wandte er ſich zu Heinrich, haben Sie die Offenba⸗ rung Johannis ſchon ſtudirt? Nein, ſagte dieſer lächelnd, ich muß das für einen ehmaligen Theologen demüthigende Geſtändniß ablegen, daß ich mich nie in dieſe Räthſel eingelaſſen habe. Was meinen Sie, Herr Pfarrer? wäre das nicht das geeig⸗ netſte Studium für unſern Freund? Ich habe geſtern mit ihm nachgedacht womit er ſich in ſeiner Muße beſchäftigen ſollte. Der Pfarrer verſetzte beſcheiden, es ſei das allerdings eine ſehr würdige und den Geiſt tief ausfüllende Beſchäftigung; indeſſen möchte er einem Gelehrten den Gegenſtand ſeiner Studien nicht vorſchreiben, ſondern denſelben ganz ſeinem eigenen Geſchmack überlaſſen. Dieſe Mäßigung hob ihn einige Stufen höher in dem Herzen des Gefangenen, der ſich zuſammennahm und erklärte, in ſeiner jetzigen Muße ſei ihm die Beſchäftigung mit den Hieroglyphen der Apokalypſe, in die er bis jetzt nur dann und wann einen neugie⸗ rigen Blick geworfen, ganz intereſſant und willkommen, um ſo mehr als ihn ſeine hoffentlich baldige Befreiung doch wieder auf lang, wo nicht für immer denſelben entführen werde. Der Commandant nahm dieſe Erklärung wohl auf und ver⸗ ſprach ihm gleich die nöthigen Bücher zu verſchaffen; doch ſetzte er mit einem ernſten Blick hinzu: Sie werden dieſen weltlichen Ton womit Sie von den höchſten Dingen reden bald genug aufgeben, wenn Sie tiefer in die Geheimniſſe Gottes geſchaut haben. Der Pfarrer ſah ihn freundlich an und fragte ob ihm Bengels apokalyptiſche Werke denn ganz unbekannt ſeien; auf der Univer⸗ ſität freilich, ſetzte er hinzu, ſeien ſie ganz und gar verpönt. Heinrich geſtand freimüthig daß er ſich nie damit abgegeben 225 5 habe; ob er übrigens bei der herrſchenden Theologie Nahrung ge⸗ funden, könne man am beſten daraus abnehmen daß er ihrer Koſt entlaufen ſei. 1 Die ſchönen Augen des Pfarrers ſchloßen ſich bei dieſen Worten auf eine eigenthümliche Art, und ſeine Miene drückte Beifall aus. Ich will Ihnen nicht zureden, ſagte er, Ihre Zeit auf die Schriften dieſes verachteten Mannes zu wenden; aber Sie mögen ihm nun zuſtimmen oder nicht, bereuen werden Sie in keinem Falle ihn geleſen zu haben. Mehr will ich nicht vorherſagen. Die Offenbarung, nahm Rieger das Wort, iſt für einen der noch keine deutlichen Blicke ins Reich Gottes gethan hat, der beſte Anfang, und das ganze Syſtem, wie es ſich ordnungsmäßig durch die heilige Schrift hindurchzieht, läßt ſich geſchickt daran anknüpfen. — Er begann nun dieſes Syſtem von Erſchaffung der Welt bis zum neuen Jeruſalem auszuführen, und zeigte dabei eine unglaub⸗ liche aber trockene Kenntniß der einzelnen Bibelſtellen. Unſer Freund vernahm aus dieſer Unterredung die pietiſtiſche Lehre im Zuſammenhang, er erfuhr daß die Arbeit des göttlichen Geiſtes im Chriſtenthum, von particularen Anfängen ausgehend, nach und nach die ganze Welt durchdringen und, das Weltliche aufzehrend, in einem wirklichen Königreich Chriſti ihre volle Darſtellung haben werde; eine Lehre welche in gewiſſem Sinne, wenn er ſie nicht wörtlich ſondern ſymboliſch nehmen durfte, ſeiner eigenen Geiſtes⸗ richtung entſprach. Er ſah wohl daß es ſich dieſen Männern ge⸗ genüber hauptſächlich um die Frage handle: was iſt weltlich und was iſt chriſtlich? Gegen dasjenige weltliche Element womit dieſe Secte am meiſten zu kämpfen hatte konnte er leicht ihre Partei halten, denn es war ihm und ſeinen Geiſtesgenoſſen eben ſo zu⸗ wider: dieſer Feind war der ſeiner ſelbſt und ſeiner Verwandt⸗ ſchaft mit allem Höheren vergeſſene Geiſt, der Geiſt des geringen und vornehmen Pöbels in Staat, Kirche und Geſellſchaft, der nicht bloß den Chriſten, ſondern auch den Künſtler, den Denker, den Freund der Menſchheit ans Kreuz ſchlägt. Aber er fand daß ihnen Schiller's Heimathjahre. II. 15 226 noch gar vieles weltlich und widerchriſtlich hieß, was mit jenen abgefallenen Elementen keine Gemeinſchaft hatte und ihnen nur darum feindſelig ſchien weil es ſein Licht nicht an ihrer Lampe anzündete. Ich kann es nicht ändern, ſagte er zu ſich, daß meine Richtung einen weitern Bogen beſchreibt als die ihrige; aber wo wir einverſtanden ſein können da will ich mich bereit und zuvor⸗ kommend beweiſen. Die Reden von den letzten Dingen und der Weltherrſchaft Chriſti, da ſie einmal angeregt waren, ſtrömten lebhaft fort, und Schubart theilte den Plan zu einem großartigen Gedichte mit, welches die Wiederkehr des erſten aller aufrühriſchen Geiſter ſchildern ſollte. Satan, war der Inhalt, verharrt, nachdem alles ſich zu Gott gewendet hat, noch ein Jahrtauſend einſam in der Oede, die er mit ſeinem Trotz und Elend bevölkert, bis auch ihm der ſtolze Muth endlich gebrochen iſt; er erſcheint bereuend vor dem Throne des Ewigen, empfängt Gnade, und alle Himmel feiern ſeine Verſöhnung. Heinrich erklärte dieſe Idee für höchſt anziehend und zweifelte nur an der Möglichkeit der poetiſchen Ausführung. Leichter, ſagte er, würde es ſein, das Princip des Böſen als den Sauerteig der Weltgeſchichte darzuſtellen, der ein blindes und darum geduldetes Werkzeug in den Händen des allgebietenden Geiſtes iſt. Bei einem ſolchen Gemälde wäre ſogar der Humor erlaubt, als ein treffliches Ferment für dichteriſche Geſtaltung. Der Commandant widerſetzte ſich mit großer Heftigkeit der von Schubart beabſichtigten Begnadigung des Teufels und rief den Pfarrer zu Hilfe, der jedoch nicht undeutlich merken ließ daß er unter der„Wiederbringung aller Dinge“ auch etwas Aehnliches verſtehe. Der humoriſtiſche Vorſchlag unſres Helden war im Feuer des Geſprächs daneben gefallen, und zwar zu ſeinem größten Glücke; denn er wäre zweifelsohne mit der Rotte Korah und ähnlichem Gelichter zu Einem Schickſal verdammt worden. Schu⸗ bart aber wurde mit dem ganzen überlegenen Gewicht eines Ker⸗ ——— kermeiſters zurechtgewieſen, und Rieger verhielt ſich gegen dieſe Teufelsfreundſchaft, wie ers nannte, ganz als Soldat, der keinen Frieden mit dem Erb⸗ und Nationalfeind geſtattet. Ueberhaupt hatte ſeine Frömmigkeit durchaus die Färbung ſeines Standes, und man ſah ihm an, er wüuͤrde ſich am ſeligſten fühlen wenn er die geſamte Glaubensarmee in Reih und Glied beiſammen bätte, in feierlicher Parade vor den höchſten Perſonen das Gewehr prä⸗ ſentirend, von welchem Glanze dann auch wieder, wie ſich von ſelbſt verſteht, auf die einzelnen Glieder des Corps und beſonders auf die Chargen ein Strahl zurückgefallen wäre. Heinrich dachte dabei an den Herzog, der, wie bekannt war, von ſeinen Unter⸗ thanen den Reſpect vor den Schildwachen deßhalb verlangte weil eine ſolche die Perſon des höchſten Landesherrn ſelbſt vorſtelle. Und kaum hatte er dieß gedacht als der Commandant einen neuen Zug militäriſcher Pedanterie zum Beſten gab. Es ſchien er wollte eine Unterlaſſung rügen, denn er wandte ſich mit der Bemerkung an ihn daß es ſich eigentlich für einen wahren Chri⸗ ſten gebüre bei Nennung des göttlichen Sohnes eine Verbeugung zu machen, oder wenn dieß im Freien geſchehe den Hut abzuziehen. Denn, ſagte er, die Schrift gebeut daß in ſeinem Namen ſich beu⸗ gen ſollen und ſo weiter. Ich kann damit ganz einverſtanden ſein, verſetzte Heinrich, über das abgebrochene Citat lächelnd: doch bin ich überzeugt daß es eine innerliche Ehrfurcht gibt welche jede äußere Reſpectsbezeu⸗ gung übertrifft, und ich möchte die beſcheidene Frage aufwerfen, ob man nicht dem Göttlichen nur eine halbe Ehre anthue mit Salu⸗ tationen wie ſie auch Menſchen genießen. Der Pfarker hatte wieder die Augen geſchloſſen, zum Zeichen daß dieſe Meinung ganz nach ſeinem Herzen ſei. Er nahm freund⸗ lich das Wort und ſagte, es ſtehe auch in der Schrift daß man den Sohn ehren ſolle wie den Vater, und doch nehme vor dieſem nach den beſtehenden Kirchengebräuchen niemand den Hut ab. Dieß beweiſe daß CEhrenbezeugungen ſolcher Art bloße Gewohn⸗ 228 heitsſache ſeien, bei welcher man Gefahr laufe die wahre Ehrfurcht eher zu verlieren. Er war unſrem Freunde ſo zu rechter Zeit beigeſprungen, daß Heinrich den Mann, der ihm und ſogar dem Widerſacher des menſchlichen Geſchlechts ſo große Duldung bewies, mit günſtigeren Augen zu betrachten anfing. Er mußte ſich geſtehen daß im We⸗ ſen dieſes Mannes etwas Bedeutendes und Schönes liege. Selten hatte er ſo viel Zufriedenheit und Ruhe, ſelten einen ſolchen Aus⸗ druck von Redlichkeit im Angeſicht eines Menſchen gefunden, und eben wollte er ſich in ein vertraulicheres Geſpräch mit ihm ein⸗ laſſen, als ein ärgerlicher Auftritt die ganze Unterhaltung aus ein⸗ ander riß. 3 Ein Soldat, der nach ſeinem trotzigen Ausſehen nicht zur Glaubensarmee zu gehören ſchien, trat als Ordonnanz ins Zimmer und brachte dem Commandanten eine Meldung von einem Subal⸗ ternoffizier. Der Oberſt wurde blau im Geſicht und ſchlug auf den Tiſch. Der Schlag möchte mich rühren! rief er: kann man mir keinen andern ſchicken als dieſen Kerl den ich nicht vor Augen leiden mag?— Er wandte ſich zu der Geſellſchaft und ſagte: Das iſt der dummſte, verſtockteſte und unbußfertigſte Sünder den ich in meiner ganzen Garniſon habe. Ich kriege einen Schlag wenn ich den Kerl nicht bald los werde. Seit den paar Monaten daß er da iſt hat er ſchon mehr als Einen Nagel zu meinem Sarge ge⸗ ſchmiedet. Ich weiß nicht ob er fünfe zählen kann, aber wenn ers kann ſo geſteht ers gewiß nicht, ſo boshaft iſt er. Sag' einmal, du Hund, kannſt du multipliciren, als zweimal zwei iſt vier und ſo fort? Dreimal drei— wie viel iſts? Der Mann, auf deſſen wetterhartes finſteres Geſicht wohl fünf⸗ zig Jahre geſchrieben ſchienen, ſtand aufrecht da; er öffnete den Mund nicht und bewegte keinen Muskel. 3 Wirſt du mir ſagen, donnerte der Oberſt, wie viel dreimal drei iſt? 2 229 Der Soldat ſah ihm ſtarr ins Geſicht, etwas Unheimliches blitzte aus ſeinen Augen: Dreimal ſechs iſt neunzehn, ſagte er kurz und trotzig. Was ſoll das heißen? rief der Oberſt verblüfft, und ſein Staunen ging nach und nach in Wuth über: iſt das Dummheit oder was andres? Warum iſts neunzehn? Weiß nicht, Herr Oberſt. Kerl, wirſt du wohl ſagen wie viel dreimal ſechs iſt! Der Soldat ſchwieg. Der Schlag möchte mich rühren! Wirſt du's gleich ſagen? Bringt mir doch meinen Stock! ich will dreimal ſechs aus dem Hund herausprügeln.— Er konnte aber die Auflöſung der arith⸗ metiſchen Diſſonanz nicht erwarten und rief: Dreimal ſechs iſt achtzehn, du Eſel, den Gott in ſeinem Zorn geſchaffen hat. Weißt du es jetzt, wie? ¹. Wenns der Herr Oberſt befiehlt. Der Commandant ſchng⸗ te nach Luft.„Befehlen“ ſagt man, und nicht„befiehlt!“ rief Mvoll Unwillen und Verachtung, da ihm die Prärogative der majeſtätiſchen Mehrzahl eben ſo ſehr am Herzen lag als das Hutabnehmen vor göttlichen Namen.„Be⸗ fehlen“ ſagt man wenn man mit ſeinen Vorgeſetzten ſpricht. Gleich ſags noch einmal! 4 Befehlen! ſagte der Soldat, ſtatt die ganze Phraſe zu wie⸗ derholen, und es ſchien als ob ein höhniſches Lächeln um ſeine Mundwinkel ſpielte. Der Oberſt fuhr mit einem Schrei in die Höhe und ſtürzte auf ihn los. Alles ſprang auf. Hahn ſuchte ihn zu halten; aber Frau von Rieger, die gleich zu Anfang dieſes ſeltſamen Auftritts das Zimmer verlaſſen hatte und mit einer Schachtel zurückgekom⸗ men war, trat zwiſchen ihn und den Soldaten, eh' er ſich an dieſem vergreifen konnte. Sie riß einen langen Bart aus der Schachtel und rief: Siehſt du hier das Denkmal bei dem du mir Geduld und Mäßigung gelobt haſt? ſiehſt du den Bart der dir auf Hohentwiel gewachſen iſt?— Mit dieſen Worten hielt ſie ihm die Reliquie dicht vor die Augen. Dieſelbe that Wunder. Der Wüthende wandte ſich ab und gab lautlos dem Soldaten ein Zeichen mit der Hand; die Geſellſchaft rief ihm einſtimmig zu, er ſolle ſich fortmachen. Der Oberſt ließ ſich wie ein Kind an die Tafel zurückführen, wo er zerbrochen und abgeſpannt das Haupt auf den Arm ſtützte. Der Pfarrer von Kornweſtheim benützte dieſen Augenblick der Niedergeſchlagenheit und hielt ihm eine herzhafte Strafpredigt über ſeinen Jähzorn. Wiſſen Sie auch, ſagte er, daß Gott die Schwüre ſeiner Glaubigen erfüllt? Wenn Sie noch einmal ſagen, der Schlag ſolle Sie rühren, wahrlich, wahrlich, ſo wirds geſchehen! 3 Der Oberſt ſeufzte, erhob die Hände und betete aus einem aeeren Kirchenliede:— 1 .. Ich kann nicht ſchweigen wie ich wollte, Ich ſchweige wegn ich reden ſollte, 6 Und werd' oft gar zum Zorn bewegt. Jeſu, Jeſuy hilf mir dazt 14. Daß ich auch ſchweigen mag wie Du!. Dieſer Vers, wandte er ſich ſchnell zu unſrem Freunde, iſt von mir; ich habe an dieſem berühmten Liede mitgearbeitet. Heinrich war von dem ganzen Schauſpiel nicht ſehr erbaut; was ihm aber noch mehr im Kopf herumging das war das Re⸗ chenexempel des Soldaten. Er wäre geneigt geweſen es mit dem Oberſten für bloße Dummheit zu halten, wenn er nicht hätte ſchwören können ſchon einmal etwas Aehnliches gehört zu haben. Er beſann ſich hin und her, aber nichts wollte ihm beifallen, und doch wurde es ihm jeden Augenblick mehr zur Gewißheit daß hinter dem wunderlichen Wort etwas Bedeutungsvolles ſtecke. Auch die ſtämmige, trotzige Geſtalt des Soldaten wollte ihm bekannt vorkommen. Er konnte ſich nicht klar werden; es waren ihm in der letzten Zeit zu viele Geſtalten und Begebenheiten über ſeinen Lebensweg gegangen. 8 231 Die Geſellſchaft ging verſtört aus einander. Hahn drückte unſrem Freunde die Hand und ſah ihm tief in die Augen; es ſchien als ob er etwas ſagen wollte; aber er drückte ihm die Hand feſter und ging hinweg. Als Heinrich auf ſeinem Zimmer war wiederholte er ſich die Eindrücke des heutigen Tages. Er war nun mit dieſer verſchrieenen Secte zuſammengetroffen, und ſah wie es niemals wohlgethan iſt ein allgemeines Urtheil zu fällen. Was er über den Pietismus gehört hatte mochte etwa auf den Commandanten paſſen, und nicht einmal auf dieſen ganz. Den Pfarrer aber konnte er nur mit ſeinem eigenen Maße meſ⸗ ſen; und unwillkürlich drang ſich ihm das Bewußtſein auf, daß in jedem Menſchenverbande einige Treffer und viele Nieten ſind, von welchen jene, wie ſie auch durch ihre Richtungen geſchieden ſein mögen, doch immer eine ſtille Sympathie unter ſich haben. Er glaubte mit dieſer Entdeckung dem Geheimniß der Gnadenwahl auf die Spur zu dringen, und ſo hatte er heute einen vielfachen Anlauf zu einer ſymboliſchen Bibeldeutung genommen, von der er ſich freilich ſagen mußte daß ſie keineswegs den Beifall ſeines neuen Freundes haben würde. Aber nicht wahr? der Pfarrer von Kornweſtheim, das iſt ein Mann! rief es durch die geheime Oeffnung herüber. Es iſt Ihre Schuld, antwortete Heinrich ſeinem Nachbar, der inzwiſchen wieder eingeſchloſſen worden war, es iſt Ihre Schuld daß ich mir ein unrichtiges Bild von dieſem Hahn gemacht hatte. Ich hielt ihn für einen zudringlichen Proſelytenmacher, und habe ihm viel abzubitten. Der Mann gefällt mir ſehr. Schubart erzählte mit Begeiſterung von ſeinem Seelenbe⸗ rather. Und wenn Sie erſt wüßten, ſagte er, wie ſauer ihms von je geworden iſt! Als er in Tübingen ſtudirte, war er ſo arm daß ers nicht einmal zu einem Mittageſſen bringen konnte. Er ging deßhalb Mittags von dem Hauſe des Schuſters bei dem er wohnte regelmäßig fort, als ob er ein Koſthaus beſuchte, ſchlich ſich aber zur Stadt hinaus und aß am Philoſophenbrunnen ſein 232 Stückchen Brod. Es hat ihn auch genährt. Nachher wurde er wegen ſeiner Lehre angefochten. Die Cenſur des Conſiſtoriums, die den Druck ſeiner Manuſcripte verhinderte, machte ihm tau⸗ ſend Widerwärtigkeiten, die er alle geduldig ertrug. Ja, ein Special der ihm beſonders gehäſſig war ſpielte ihm einmal einen ganz niederträchtigen Streich. Er kleidete ſich anonym, ich ver⸗ muthe eſelsgrau, und ritt an einem Sonntag in ſein Dorf. Außen läßt er das Pferd ſtehen, kommt zur Kirche während der Predigt, geht in die leere Sacriſtei, ſchnuffelt herum, findet das Predigt⸗ concept und ſchreibt die anſtößigen Stellen zur Anklage ab. Das hat dem armen Manne den bitterſten Verdruß gemacht. Und noch jetzt hat er beſtändig zu kämpfen. Aber er äſt nicht ein Haar preit von ſeiner Ueberzeugung abzubringen. Heinrich erkundigte ſich nach dem Grunde der Verfolgung, und erfuhr daß beſonders die Lehre von dem nahen Königreich Chriſti beim Conſiſtorium übel angeſchrieben ſei; ja die Regierung ſtecke ſelbſt dahinter, welche in dieſem Dogma etwas politiſch Ver⸗ dächtiges wittere. Heinrich lachte. Es iſt auch nicht ganz ohne, ſagte Schubart: ſie merkt daß man ſie als ein heidniſch Regiment anſieht, wie jenes das der Kirche die erſten Verfolgungen und Siege bereitete. Die Freiheit wirkt unter allerlei Geſtalten. Denn was wird das Königreich Chriſti andres ſein als eine chriſtliche Republik? 3 Unſer Freund begann Verhältniſſe und Beziehungen zu ahnen, worüber ihm während ſeines theologiſchen Curſes auch nicht ein Fünkchen Licht aufgegangen war. Er ließ als es Abend wurde Wein kommen, von welchem ein guter Theil unter dem Ofen durch zu dem Dichter wanderte, und nun veenahm er in lebhaft ſtrömendem, nie ſtockendem Vortrag ſeine Lebensgeſchichte, den Lebenslauf eines„Genies,“ merkwürdig in ſeinen lichten Stellen wie in ſeinen Verirrungen. Am meiſten beſchäftigte den Zuhörer die pietiſtiſche Färbung welche Zeit und Umſtände dieſem bunten Lebensgemälde geliehen, und er mußte 233 ſich ſagen daß Bekehrungen dieſer Art für die Religion ſelten von Bedeutung ſind. Denn bei einem bekehrten Zweifler kommt es faſt weniger darauf an, das woran er gezweifelt hat, als die Na⸗ tur ſeiner Zweifel ſelbſt zu unterſuchen. Der poetiſche Freund war, dieß ging aus ſeinen Geſtändniſſen deutlich hervor, im ſtrengen altkirchlichen Dogma erzogen worden, und nun hätte es ſcheinen können, er ſei durch hiſtoriſche und philoſophiſche Studien auf ein⸗ mal oder nach und nach zu einer andern Ueberzeugung gekommen, ſo daß nun zwei verſchiedene Syſteme in ihm gekämpft hätten, bis endlich eines den Sieg davontrug. Bei einer ſolchen Entwicklung hätte der Zweifel ſeine geſunde Thätigkeit gehabt, als ein Ferment das von Zeit zu Zeit den Geiſt in Gährung bringt, von den un⸗ gehörigen Stoffen befreit und in ſeinem wahren Boden befeſtigk. Auch Heinrich war ſich bewußt, auf ſolche Weiſe, freilich in ent⸗ gegengeſetzter Richtung, von Zweifeln gelitten zu haben. Glaube ja keiner, hatte er ſchon oft ausgerufen, daß er ſich von den Wurzeln aus welchen ſein Geiſt aufgewachſen iſt je ganz werde losmachen können! Er hängt durch geheime Nerven damit zuſammen und wird zuweilen von ihnen gemahnt, wie man in abgetrennten Gliedern noch Empfindungen zu haben glaubt. Unſre geiſtige Herkunft iſt nun nahe zweitauſend Jahre alt, und lebt in uns fort, wie eine Geſichtsähnlichkeit, ein Zug des Charakters oder Temperaments durch lange Generationen dauert. Sie macht ſich uns fühlbar in Anwandlungen, in Anklängen die den Mann in ſeine Kindheit, in die Zeiten der Mutterliebe und ihrer Gewalt zurückbringen, wenn ſie auch ſein Gepräge nicht verändern können. Sie klingen wie verhaltene Mutterklagen und berühren ihn mit einem leiſen Schmerz: aber der Geiſt, ſeiner Aufrichtigkeit ſich be⸗ wußt, wird durch dieſe Prüfungen nur um ſo mehr in ſeinem wohlerworbenen Eigenthum begründet. Wie ganz anders bei dieſem großen Talent, das leider durch eine unleugbare geiſtige Charakterloſigkeit verhindert wurde ſich einen feſten Boden zu ſchaffen. Ein ehrwürdiger Vater ſendet den Knaben, reich ausgeſtattet mit bibliſchen Kernſprüchen, in die Welt hinaus, ein frommes, edles Weib, aus altproteſtantiſchem Blut entſproſſen, tritt dem Jüngling als banger Schutzgeiſt zur Seite; aber bald hat nicht nur die Gährung der Dichterbruſt, die mit Gott und der Welt um ihren Frieden ringen muß, nicht nur das Ueberfluthen einer feurigen Jugend, ſondern eine unbändige Lü⸗ derlichkeit ihn mit ſeiner ganzen Herkunft auf's Tödtlichſte ent⸗ zweit. Sein Vater betet für ihn, und wünſcht daß dieſe Gebete wie feurige Kohlen auf ſeinem Herzen brennen ſollen; ſeine Gat⸗ tin legt ihm Zettel mit Bibelworten an Stellen wo er ſie finden muß. Er thut als achte er das alles nicht: aber er weiß es doch, und es nagt wie tauſend Scorpionen an ihm, denn er fühlt ſich ſchuldig, und überdieß hat er nichts in ſich was er entgegenſetzen könnte. Er begnügt ſich mit einem hohlen Nein, das ſein Talent mit Witz und Hohn harlekinmäßig herausſtaffirt, und in ſtillen Stunden, wo die leichten Geſellen dieſer Narrheit nicht zugegen ſind, bricht er mit einem qualvollen Ja zuſammen. Dieſer elende Urſprung des Zweifels iſt ein gemeinſchaftlicher Zug jener Zweif⸗ ler und Religionsſpötter, deren Bekehrer zweideutige Lorbeern errungen haben. Was Wunder wenn wir nun unſern Dichter im Kerker ſo ganz zerbrochen finden? Er iſt in keiner neuen Geiſteslage, er iſt wieder in die alte Wiege zurückgeworfen, worin ſein junges Herz einſt ruhte. Er iſt körperlich und geiſtig zerruͤttet. Er hat ſich über den Glauben ſeiner Väter hinweggeſetzt ohne ihm gewachſen zu ſein, und dieſes Unrecht das er immer fühlte wird ihm jetzt mit Donnertönen zugerufen von ſeinem geängſtigten Gewiſſen, von der Einſamkeit ſeines aufreibenden Kerkerlochs und von dem pedantiſchen Zuchtmeiſter der unter einem ähnlichen Schickſal ſeine Gemeinſchaft mit dem geiſtloſen Weltweſen zerknirſcht abbüßte. Mit einer finſtern Dogmatik trieb er ihn in noch dunklere Höhlen, ſo daß es einer Befreiung glich als ein ächter Apoſtel voll Liebe und Milde in ſeine Nacht herunterkam, an deſſen Herz ihn Nei⸗ — 23⁵ gung und Dankhbarkeit gefeſſelt hielten, neue Ketten die ſich um ſeinen Geiſt noch feſter ſchlangen. So kann ein Mann untergehen, dachte Heinrich. Den hat der Herzog auf dem Gewiſſen. Durch Belohnungen und Strafen war der unglückliche Dich⸗ ter der Religion, wie einer eiſernen Jungfrau, in die Arme ge⸗ jagt worden, und unſer Freund erfuhr wunderſame Beiſpiele von der Zucht des Commandanten. Schubart beklagte den Ver⸗ luſt eines größern Gedichts, das er ihm weggenommen hatte mit der Drohung ihn in den bereit gehaltenen Ring an der Wand ſchmieden zu laſſen wenn er ſolches weltliche Zeug zu ſchmieren fortfahre. Da konnte denn ſein Talent nicht anders als geiſtlich wirken! Der verlorene Sohn, ſo war das untergegangene Manuſecript betitelt, und Heinrich erfuhr, der Stoff ſei dem Schickſal ſeines Vorgängers in dieſem Zimmer entlehnt geweſen, der durch eine ſchändliche Familiencabale hier ſeinen Aufenthalt bekommen habe. Der Dichter erzählte die Begebenheit, und unſer Freund war nicht wenig erſtaunt in dieſer Familiengeſchichte die unverkennbaren Züge der Brüder Karl und Franz von Moor wiederzufinden. Aber freudige Ueberraſchung bereitete es ihm als Schubart mit lebhafter Befriedigung bemerkte daß der Dichter der Räuber ihn in letzter Zeit mehrmals beſucht habe. Schiller war hier? rief Hein⸗ rich: ſo darf ich denn hoffen ihn gleichfalls hier oben zu ſehen! Die einzige Erholung die man dem gefangenen Dichter außer dem Verkehr mit theilnehmenden oder neugierigen Beſuchern ver⸗ gönnte war die Muſik, in welcher er, jedoch erſt ſeit kurzer Zeit, bei einigen Familien von Offizieren und Beamten der Feſtung Unterricht ertheilen durfte. Am erſten Tage ſeiner Gefangenſchaft, erzählte er, brachte man ihn aus ſeinem abſcheulichen Loche, weil der Ofen zum Erſticken rauchte, einen Augenblick in das Zimmer des Commandanten. Als er das daſelbſt ſtehende Klavier erblickte, vergaß er alles andere und begann voll Feuer und Flamme zu 236 ſpielen. Dieß hörte der Herzog, der an jenem Tag auf der Fe⸗ ſtung anweſend war, und ſagte: Da ſieht man wie die Ente gleich dem Waſſer zuläuft! Heinrich lachte, mußte aber jetzt dem Gewaltherrſcher um ſo mehr die Fühlloſigkeit verargen, mit welcher er den Gefangenen von dem Elemente das er als ſein eigenſtes kannte ſo lang ent⸗ fernt gehalten hatte. 3. Ihr wandelt droben im Licht Auf weichem Boden, ſelige Genien!— Doch uns iſt gegeben Auf keiner Stätte zu ruhn, Es ſchwinden, es fallen Die leidenden Menſchen Blindlings von einer Stunde zur andern, Wie Waſſer von Klippe Zu Klippe geworfen, Jahrlang ins Ungewiſſe hinab. Hölderlin. Schon den folgenden Tag erhielt unſer Freund die Offenba⸗ rung ſamt den erklärenden Werken Bengels, und machte ſich mit dem Eifer den ein langer Müßiggang erzeugt darüber her. Er erſtaunte über den Verſtand im Combiniren wie im Trennen, über den Scharfſinn womit die verwickeltſten Rechnungen durchge⸗ führt waren, und fand ſich in einer neuen und eigenthümlichen Welt, in welcher die hiſtoriſchen Begebenheiten, vom Lichte des Chiliaſten beleuchtet, in ungewohnten Gruppen aus einander und zuſammen traten. Die Weltgeſchichte ging in geordneten Maſſen an ihm vorüber, wie er ſie noch nie geſehen hatte, das Zuſammen⸗ treffen der Weiſſagungen mit den Thatſachen, der Zahlen mit der Chronologie war ſchlagend, und der Geiſt des Autors, dem er ſich ruhig überließ, nahm ſeine Sinne ſo gefangen daß es mehre⸗ 238 rer Tage bedurfte bis er dieſer Bande wieder ledig war. Denn als er die Augen aufthat, glaubte er freilich den Grundfehler des Syſtems bald genug zu entdecken, und ärgerte ſich über den erz⸗ 2 proteſtantiſchen Einfall das Aufſteigen des Thiers in die Zeit 4 Gregors des Siebenten zu ſetzen. Hieran waren die übrigen Ereigniſſe geknüpft, höchſt folgerecht zwar, aber durch die geforderte Harmo⸗ nie der Zahlen kamen einzelne Begebenheiten zu einer Bedeutung welche ihnen die hiſtoriſche Wage nie einräumen konnte; auch meinte er in der Berechnung der Zeiten, welche bald als prophe⸗ tiſche bald als gemeine gedeutet waren, eine große Willkürlichkeit zu finden. Nun ſah er zuletzt wie ein vorzüglicher Mann alle Kräfte ſeines Geiſtes auf eine Grille gewendet hatte, mit herzli⸗ chem Verdruſſe: ſo tief hatte er ſich ſchon in jene wunderbaren Kreiſe hineingelebt, die nun zerbrochen vor ihm lagen. Er ſchlug die Bücher gleichgiltig zu und doch entließen ſie ihn mit größerem Gewinn als er für den Augenblick empfand. Die eigenthümliche und willkürliche Pragmatik die ſie geltend machten hatte ihm die Ausſicht in die Univerſalhiſtorie erneuert und geſchärft, die Epo⸗ chen derſelben waren ihm durch den Apokalyptiker wie durch einnen Brennſpiegel auf Einen Punkt gezogen worden, und als er ſie wieder in ihre natürliche Stellung zurechtrückte, ward er zu ſeinem Er⸗ ſtaunen vieles darin gewahr was er ſonſt überſehen hatte. Dieſe Wirkung hat die Arbeit eines bedeutenden Mannes auf uns, daß ſie, ſelbſt durch Widerſpruch, das Beſte was in uns iſt erregt und uns zu neuen ſelbſtändigen Betrachtungen führt. Doch er konnte nicht ſo ſchnell aus jenem Zauberkreiſe los⸗ kommen. Er nahm jetzt den Urtext allein vor ſich, und ließ die großartigen Bilder, die Poſaunentöne der Prophetenſprache mit voller Kraft auf ſeine Seele wirken. Aber der geheime Sinn die⸗ ſer Geſichte, zu deſſen Enthüllung manche Stellen ſo räthſelhaft herausfordern, wollte ſich ihm nicht zu erkennen geben. Ob nur das Schickſal der jüdiſchen Hauptſtadt in dieſen Weiſſagungen ent⸗ halten ſei, ob ein Theil davon auf Rom gehe, wie viel auf die 239 Zukunft der Kirche bezogen werden könne, das alles machte ihn auf lange zu einer Beute der verſchiedenartigſten Zweifel und Ver⸗ muthungen. Wenn er dieſe prophetiſche Bilderreihe mit der Ge⸗ ſchichte zuſammenhielt, ſo traf manches zu, manches aber wieder nicht. Dieß führte ihn auf den Charakter der Weiſſagungen überhaupt; denn er hatte ſich ſchon mit vielen, auch aus ſpätern Zeiten herrührenden, beſchäftigt. Es war ihm bekannt, daß manche derſelben, bis zum ſiebenjährigen Krieg herab, auf eine merkwürdige Weiſe eingetroffen waren, obgleich erweislich lang vor ihrer Er⸗ füllung aufgezeichnet. Dieß machte ihm Muth über die noch von der kommenden Zeit zu erwartenden Bewährungen nachzugrübeln, welche der Zuſtand des deutſchen Reiches, auf das ſie ſich zum Theil bezogen, allerdings als möglich, ja als wahrſcheinlich an⸗ nehmen ließ. Er erkannte in dem prophetiſchen Schauen eine tiefe Sympathie mit dem Weltganzen; er verglich die ſo begabten Menſchen mit den edleren Gliedern eines Körpers, die ſein Be⸗ finden vorzugsweiſe mitfühlen, und fand ſie mit der Natur und der Menſchheit enger verwandt als ſonſt einzelne Menſchen es ſind. Aber in einem Punkte ſtimmten die Weiſſagungen alle überein, daß ſie am Ende ihrer Epochen eine Grundveränderung der Welt und aller geſelligen Verhältniſſe blicken ließen, einen durchgreifen⸗ den Sieg des Guten über das Böſe, wie er hundertmal vorher⸗ geſagt, aber niemals eingetroffen iſt. In der einen Weiſſagung war es Chriſtus, in der andern einer der alten Kaiſer, der am Ende der Tage die Reinen unter ſeinen Heerſchild verſammeln ſollte. Er erkannte in dieſem Chiliasmus eine wunderbare Ah⸗ nung von dem göttlichen Inhalt der Geſchichte, welcher Triumph im Leiden, Frieden im Krieg, und Gutes aus Böſem iſt, aber nicht handgreiflich hervortretend am Ende der Tage und in end⸗ loſe Zeitlichkeit übergehend, ſondern, wie ein Kern in der Schale, den Weltbegebenheiten von Anbeginn und zu allen Zeiten innewohnend. Hatte er ſich dieß zu ſeiner Beruhigung geſagt, ſo quälte er ſich wieder mit der geheimen Zahl des Thiers, welche, wie er ———— 240 wohl ſah, der Schlüſſel zu jener ganzen Weiſſagung iſt. Er glaubte aus den Worten womit ſie eingeleitet wird entnehmen zu müſſen daß ſie etwas mit dem Verfaſſer der Apokalypſe Gleichzeitiges be⸗ zeichnen ſolle, und nun wurde er auf einmal, und zwar wie ſo manche Menſchen viel zu ſpät, gewahr daß man, um nur einen Anfang einer Erklärung machen zu können, aufs Genauſte wiſſen müſſe wann und unter welchen Umſtänden das Buch geſchrieben ſei, eine Belehrung freilich, die, rein hiſtoriſche Unbefangenheit vorausſetzend, in dieſer Art von Commentaren nicht zu ſuchen war. Nun ſah er mit Beſchämung daß er ſich ohne Compaß auf ein unendliches Meer hinausgewagt, und mit dieſer Kataſtrophe hatte er die apokalyptiſche Entwicklungskrankheit ſeiner Zeit durch⸗ gemacht. Er legte die Bücher die ſchon ſo manchem guten Chriſten zu ſchaffen gemacht haben bei Seite, und ſchwur hoch und theuer, nicht ſo bald wieder zu ihnen zurückzukehren. Herr von Rieger aber, wenn er bei dieſem Verlaufe zugegen geweſen wäre, hätte ſich geſtehen müſſen daß er ſein Bekehrungs⸗ werk nicht eben an einer geſchickt gewählten Seite angefangen habe. Um dieſe Zeit führte ſich Hahn, der von Kornweſtheim nur eine Stunde nach der Feſtung zu gehen hatte, eines Tages auf eine liebenswürdige Weiſe bei ihm ein. Der Gefangene empfing ihn mit herzlicher Freude und vertraute ihm nach der erſten Be⸗ grüßung das Schickſal ſeiner apokalyptiſchen Studien. Der Pfarrer erwiderte daß er vieles nur aus Zutrauen zu Bengel glaube, den er als ein Rüſtzeug Gottes verehre, geſtand aber auch offenherzig daß die erſten Chriſten, ja Gottes Sohn ſelbſt als Menſch, in den Weiſſagungen von der Nähe der letzten Dinge ſich getäuſcht haben, eine Liberalität die ihn in den Augen ſeines neuen Freundes abermals bedeutend hob. Dagegen wollte dieſem der Glaube an den Chiliaſten nicht in den Kopf, er proteſtirte gegen ſolch blindes Zutrauen und rief, er könne ſeine Vernunft, die doch auch ein Geſchenk Gottes ſei, nicht gefangen geben noch ſich entſchließen an irgend ein Buch in der Welt unbedingt zu glauben. 241 Und doch, entgegnete Hahn, werden Sie in Philoſophie und Geſchichte ſchon manches geglaubt haben was von Menſchen auf⸗ gebracht worden iſt. In der Geſchichte, erwiderte Heinrich, kann der Einzelne nicht alles Detail ſelbſt unterſuchen; doch iſt ein großer Unterſchied zwiſchen dem Hinnehmen von Thatſachen und dem Glauben an Lehrſyſteme. Was aber die Philoſophie betrifft ſo kann ich mit gutem Gewiſſen ſagen daß ich mit den gegenwärtigen Autoritäten ſamt und ſonders gebrochen habe; ich bin mit ihrer verwaſchenen Seichtigkeit und hochtrabenden Armuth gründlicher als mir lieb iſt bekannt geworden, und warte in dieſer Wiſſenſchaft ſehnlich auf eine Revolution. Und in der Mathematik, in der Aſtronomie vollends, fuhr Hahn fort, müßt ihr Laien die ſchwindelndſten Rechnungen auf Treu und Glauben von uns annehmen. Da ſind wir euch Orakel, wir mögen wollen oder nicht. Wie? rief Heinrich, Sie haltens nicht bloß mit Bengel, ſon⸗ dern auch mit Archimed? Ein wenig, ja, erwiderte der Pfarrer lächelnd. Erinnern Sie ſich noch unſerer erſten Begegnung? Sie war nicht ſehr freundlich. Er ſah ihm dabei mit jenem eindringenden Blick in die Augen, und Heinrich entgegnete erröthend: Sie beſchämen mich— ich habe mich freilich unnöthiger Weiſe gegen Sie in Harniſch gewor⸗ fen; Sie waren mir in gutmüthiger Abſicht ganz falſch, als ein unruhiger Bekehrungsmann, geſchildert worden. Der Pfarrer lächelte ſchlau über dieſes verrätheriſche Bekennt⸗ niß und ſagte: Sie haben mich mißverſtanden, ich meinte ein noch früheres Zuſammentreffen; erinnern Sie ſich nicht mehr? auf dem Wall.— Sie haben mich, erwiderte er den fragenden Blicken des jungen Mannes, Sie haben mich damals durch Ihren raſchen Tritt in einer mathematiſchen Aufgabe geſtört, deren Löſung mir nach langem Nachdenken in jenem Moment ſehr nahe trat; Sie Schiller's Heimathjahre. II. 16 brachten mich um dieſen Fund, und er ſcheint ſeitdem unwieder⸗ bringlich verloren. Ich hätte Ihnen ich weiß nicht was? anthun mögen für die Störung meiner Cirkel.. Heinrich fragte ihn, ob er denn vielleicht gar derſelbe Hahn ſei, der die aſtronomiſche Uhr, jenes im Beſitze des Herzogs be⸗ findliche Wunderwerk, verfertigt habe, und vernahm mit Erſtau⸗ nen, daß er in der Perſon des Pfarrers von Kornweſtheim wirklich den weltberühm ten Mechaniker, Mathematiker und Aſtronomen vor ſich ſehe, von deſſen Verdienſten er ſchon ſo viel gehört. Lachend rief er, das könne doch auch nur in Schwaben vorkommen, daß die Leute wie im Traume neben einander leben, ohne daß der eine wiſſe was er dem andern für Anerkennung ſchuldig ſei. Nun, verſetzte der Pfarrer ohne Ziererei, Gott führt ſie dann oft wunderlich zuſammen. Freilich werden Sie neben meinen an⸗ dern Liebhabereien den Pietiſten und Chiliaſten ſchwerlich in mir vermuthet haben. Heinrich ergriff mit Heißhunger die Gelegenheit, mit jenen ihm noch ſo wenig bekannten Wiſſenſchaften etwas vertrauter zu werden, und der geiſtliche Freund war klug und human genug, von dem angefangenen Thema für jetzt abzulaſſen und dem raſt⸗ loſen Geiſte das neue Spielzeug, wie er es mit anmuthigem Lä⸗ cheln nannte, zu verſprechen. Er kam ſo oft es ſeine überhäufte Zeit erlaubte, brachte ihm Bücher und weihte ihn in die großen Entdeckungen ein, an welche der Schüler allerdings, wie er mit Lachen bekennen mußte, bis jetzt blindlings geglaubt hatte, ohne die Beweiſe ſelbſt zu prüfen. Und auch jetzt kam er nicht über dieſen Autoritätsglau⸗ ben hinaus, denn wie hätte er Forſchungen für die ein Menſchen⸗ leben zu kurz iſt in der flüchtigen Spanne einiger Monate ſelbſtän⸗ dig vollenden können? Von einer Seite gewährten ihm dieſe Beſchäftigungen eine große Ruhe; denn der Commandant, zufrieden ihn in den Händen des Pfarrers zu wiſſen, fragte wenig nach ſeinem Treiben und verſchonte ihn, wenigſtens für den Augenblick, mit wohlgemeinten Zumuthungen der Frömmigkeit. Um ſo mehr aber wurde er unverſehens von einer andern Seite her beunruhigt und erſchreckt. Die Haupterrungenſchaft der neueren Aſtronomie ſeit Co⸗ pernicus war ihm, wie billig, der Satz, daß die Erde in Geſell⸗ ſchaft der andern Planeten um die Sonne rotire, und er freute ſich für das längſt Gehörte und Geglaubte nun endlich in guter Muße die Beweiſe durchgehen zu können, die er, ſelbſt ein Lehrer, ſo manches Jahr neben ſich hatte vortragen hören, ohne Zeit zu ihrer näheren Erlernung zu haben. Er fand in dieſer Entdeckung den höchſten Triumph des Geiſtes, der in ſich ſelbſt einen Stand⸗ punkt außerhalb der Erdenſchranken findet, von wo aus er die Stellung ſeines Planeten und die ewigen Geſetze ſeiner Bahn be⸗ ſtimmt. Wie tief war er aber beſtürzt, als er dieß eines Tages gegen ſeinen geiſtlichen Freund ausſprach, und von dieſem die Erwiderung vernehmen mußte, es ſei noch eine große Frage ob dieſer Satz ein Triumph des von Gott wahrhaft erleuchteten Gei⸗ ſtes ſei. Denn das Wort Gottes ſtelle eben einmal den Himmel mit ſeinen Geſtirnen der Erde gegenüber, und mache dieſe zu dem Ort wo die körperliche Offenbarung Gottes vor ſich gehen ſolle. Die Schrift rede nicht im optiſchen Sinn, wenn ſie von Lichtern des Himmels rede, und wenn man getreulich mit ihr verfahren wolle, ſo dürfe man dieſe nicht auch für Erden anſehen. Daraus müſſe denn nothwendig reſultiren daß die Erde als der gröbere Theil des geſchaffenen Weltalls auch der ſchwerere ſei und folglich den Mittelpunkt der beweglichen Himmelslichter einnehme. Sie möge ſich etwa um ihre Axe drehen; um ſie ſelbſt aber gingen ſodann der Mond und die Sonne, als die zwei Luminaria, und um die Sonne die übrigen Planeten, die ſie als ihre Monde um die Erde begleiten, während die Fixſterne ſtille ſtehen und nur in Folge der Axendrehung der Erde ſich zu bewegen ſcheinen. Er trug dieſe Seltſamkeit ohne herausfordernden Ton und 244 ruhig vor, wie etwas das man gewiſſenshalber einzuſtreuen ſich gedrungen fühlt. Sein Lehrling aber hörte ihm mit Entſetzen zu: denn wenn ſchon an einem Ungelehrten die eiſerne Conſequenz des Bibelglaubens, die aus Parteinahme für die heilige Urkunde lie⸗ ber die ganze Wiſſenſchaft ins Geſicht ſchlägt, ihn betroffen ge⸗ macht hätte, wie viel unheimlicher mußte es ihm ſein, den Mann vom Fache auf ſeine Frage, ob denn die aſtronomiſchen Berech⸗ nungen nicht unantaſtbar ſeien, mit trocknen Worten erwidern zu hören, ſie ſcheinen allerdings richtig, aber ſie ſcheinen auch nur ſo, und da ſie dem Worte Gottes ſo graß widerſprechen, ſo könnten ſie eben ſo gut Tropfen vom Weine des babyloniſchen Weibes ſein, womit von jeher die Völker trunken gemacht worden ſeien. Heinrich ſchauderte über die ſtarre Glaubensdisciplin des in manchen Dingen ſo liberalen Mannes, der hier, wo es ſich für ihn um einen religiöſen Cardinalpunkt handelte, ſelbſt mit ſeiner Lieblingswiſſenſchaft, der exacteſten unter der Sonne, brechen konnte. Das Entſetzen ſeines Zuhörers hatte jedoch noch einen andern Grund: denn wenn ein von den Meiſtern anerkannter Aſtronom, deſſen Perſönlichkeit zumal die beſte Bürgſchaft für die Lehre ſein ſollte, ſo ſeiner Wiſſenſchaft untreu wurde, was ſollte dann der Laie von ihr glauben? Selbſt ſie, der Stolz und die Zu⸗ verſicht der neueren Zeit, war durch dieſe Aeußerungen verdächtig gemacht, und was gab es dann noch Sicheres und Unerſchütter⸗ liches unter dem Monde?* Der Kopf wirbelte ihm, und er fluüchtete ſich, ſo wie der Pfarrer ihn verlaſſen hatte, in die friſche Luft hinaus. Sie kommen eben recht! rief ihm der Commandant entgegen, als er über den Platz ging: ich habe in dieſem Augenblick ſehr angenehme Nachrichten aus der Reſidenz erhalten.. Er hielt ihm ein Blatt hin. Heinrich griff begierig danach, in der Meinung daß es ſeine Freiheit oder ſonſt etwas Be⸗ deutendes für ihn enthalte, fand aber bloß lein ziemlich artiges franzöſiſches Gedicht, worin ein Freund des Commandanten deſſen 245 Erhebung zum General beſang. Er brachte ſeinen Glückwunſch etwas verlegen heraus, da er aber eine Excellenz mit einfließen ließ, ſo wurde derſelbe aufs Gnädigſte entgegengenommen. Ja, und nun hab' ich gleich eine Bitte an Sie, ſagte der neue General, welcher ausſah als wäre er vom fünften Himmel in den ſechsten avancirt, Sie würden mich ſehr verbinden wenn Sie mir das Gedicht überſetzen wollten, daß ichs auch Solchen zeigen kann die nicht franzöſiſch verſtehen. Sie haben ja neulich ebenfalls Kenntniſſe der Poeſie blicken laſſen, und unſrem Schu⸗ bart will ich nichts Neues aufladen, da er mich bei dieſer Gelegen⸗ heit um Erlaubniß gebeten hat einige meiner fähigeren Soldaten zu unterrichten und mit ihnen ein Schauſpiel zur Feier meiner Beförderung aufzuführen. Heinrich konnte kaum ein Lächeln unterdrücken. Er freute ſich über den unbeſiegbaren Inſtinct des Dichters, der den rechten Augenblick zu benutzen gewußt hatte um ſich in ſein natürliches Clement zurückzuſtehlen, und dachte, vielleicht ließe ſich ſelbſt der verlorene Sohn noch retten wenn er eine Epiſode zu Gunſten dieſes Avancements darin anbrächte. Was iſt weltlich, und was iſt geiſtlich? riefen tauſend neckende Stimmen in ihm, und er ſchickte ſich ſchnell zu ſeinem Geſchäfte an, um ſeine Heiterkeit zu verber⸗ gen. Er nahm Bleiſtift und Papier, ging bei Seite und brachte nach einigen Minuten eine Ueberſetzung, die mit Lobſprüchen über⸗ häuft wurde. Wenn ich Ihnen irgend etwas zu Gefallen thun kann, rief der entzückte General, ſo ſagen Sie's! ſagen Sie's gleich! Es fehlte nur daß er ihm eine„Gnade“ angeboten hätte. Heinrich verſicherte, es gehe ihm über ſeine Wünſche wohl, und er wolle dieſes Erbieten wie eine ſeltene Münze für den Nothfall aufſparen. Nun, Sie haben mein Wort, rief der General. Sie haben mein Wort! Er führte ihn in ſeiner guten Laune unter den Soldaten 246 herum, die mit Bauten und andern Arbeiten beſchäftigt waren. Sehen Sie, ſagte er, was das ein Leben unter den Burſchen iſt. Ich hatte von Anfang an manche Noth mit ihnen. Sie waren eigentlich für einen auswärtigen Kriegsdienſt geworben, im Ver⸗ trauen geſagt, gegen die Amerikaner, aber Frankreich gabs nicht zu, und man mußte wegen der Mömpelgardiſchen Beſitzungen leiſe auftreten. Nun kamen ſie hieher auf die Feſtung, wo ſie immer noch von Ruhm und Beute träumten und das einförmige Leben gar nicht behaglich fanden. Ich verſchone ſie deßwegen möglichſt mit Wachen und Exerciren, und laſſe ſie dafür an der Ausbeſſerung und Verſchönerung der Feſtung arbeiten. Dieſe Thätigkeit iſt ihnen angenehm, weil ſie doch ſehen daß ſie was hervorbringen. Auch verhute ich dadurch müßige Ideen die im Wachſtubenleben aufſteigen. Die Handwerker unter ihnen werden für die Garniſon und das Dorf Asberg in Beſchäftigung ge⸗ ſetzt. So ſtreng ich im eigentlichen Dienſte bin ſo leutſelig ſuche ich mich außerdem zu betragen; ich unterhalte mich mit ihnen, und höre ihre Ideen an. Auch habe ich ſchon manche Seele Chriſto gerettet. Er gab ſelbſtgefällig einige Proben von ſeiner Methode, die unſrem Freunde zeigten wie ſonderbar Verſtändiges und Abſurdes in dieſem Charakter gemiſcht war. Sie kamen an dem Soldaten vorüber, der jene Störung der Mahlzeit verurſacht hatte. Er ſchien der fleißigſte von allen zu ſein. Der Commandant aber ſchoß im Vorbeigehen einen finſtern Blick auf ihn und ſagte: Der Kerl hat keine Religion. Na, Kinder, rief er endlich: jetzt iſt's Feierabend!— Auf ſeinen Wink erſchienen Pfeifer, die unter der Linde einen ſchwä⸗ biſchen Tanz zu ſpielen anfingen, die Soldaten warfen ihre Werk⸗ zeuge weg und eilten wie aufs Commando herbei, Mädchen von der Feſtung und aus dem Asberger Dorfe fanden ſich ein, und wie mit einem Zauberſchlage war der Feſtungsplatz in einen idyl⸗ liſchen Raſen verwandelt. Aber wenn man näher hinſah ſo ent⸗ —— 247 deckte man etwas Steifes in dieſer Fröhlichkeit: die Leute, die ſich vielleicht auf einer Wieſe, nach vollbrachter Heuernte, ganz unge⸗ bunden in ihrer Art bewegt haben würden, hingen hier an Fäden die alle von dem ſtrengen Blick ihres Befehlshabers ausgingen. Allons! rief er! ſeid luſtig, aber mit Manier! Heut ſollt ihr einen guten Tag haben. Und nächſtens, bei der Fèôte, ſollen wieder Wettſpiele im Laufen und Klettern ſtattfinden; die Beſten erhalten Preiſe. Wenn die Burſche, ſagte er zu ſeinem Gefangenen, vom Tan⸗ zen, Klettern und Springen müde ſind, ſo laufen ſie mir gewiß nicht davon. Ich habe ſonſt keine Freude an derlei Luſtbarkeiten, und halte ſie eigentlich für ſündhaft; ſo aber haben ſie einen guten Zweck. Unſer Freund dachte bei dieſer commandirten Luſtbarkeit, die ſo recht nach der Schnur und gezwungen aufgeführt wurde, ſtill⸗ ſchweigend das Seinige. Im Umſchauen fiel ſein Auge wieder auf den Mann der Riegers Haß ein ſo hohem Grade ſich zuge⸗ zogen zu haben ſchien. Er war der Einzige der ſich nicht unter die Tanzenden gemiſcht hatte. Die Mädchen warfen ihm im Vor⸗ überfliegen trotzige Blicke zu; der wohlgebaute ſtramme Krieger hätte ihnen, obgleich er nicht mehr jung war, wohl zugeſagt. Aber er achtete es nicht; finſter wie eine Wetterwolke ſtand er bei Seite und ſah kaum auf das Treiben. Unglücklicher Weiſe hatte Heinrichs Blick den des Comman⸗ danten nachgezogen, und dieſer bemerkte nun gleichfalls die Abſon⸗ derung, die gar nicht nach ſeinem Sinne war. Seht den Duck⸗ mäuſer dort! rief er, und die Ader auf ſeiner Stirne begann ſchon anzuſchwellen; der will was Apartes haben. Komm her, Kerl! wirſt du gleich tanzen? warum biſt du nicht wie die andern? Ich kann nicht tanzen, ſagte der Soldat mit militäriſchem Reſpect, aber kurz abgebrochen. Es klang etwas aus ſeiner Stimme wie das Brummen des Bären. Warum kannſt nicht tanzen? 248 Ich bring' das Drei und Drei und Drei nicht in den Kopf; ich habs ungrad lernen müſſen. 4 Eſel, es iſt ja der Zweitakt. Und was ſoll denn dieſer Gal⸗ limathias? Der Soldat ſchwieg. Was den andern recht iſt muß dir billig ſein, ſagte der Ge⸗ neral. Willſt du das Wort nicht annehmen und in deinen Sün⸗ den hinfahren, ſo ſollſt du auch kein Kopfhänger ſein wo ichs nicht haben will. Solche Separatiſten kann ich nicht in meiner Garni⸗ ſon brauchen. Gleich rühre deine Beine, oder ich laſſ' dir Vier⸗ undzwanzig im Dreiachtelstakt aufmeſſen. Der Soldat richtete ſich hoch auf und ſagte: Halten zu Gna⸗ den, Herr Commandant, als ich Handgeld nahm da ſagte man mir nicht daß ich unter die Tänzer komme, ſondern unter die Soldaten. Rieger wurde blau vor Wuth. Er ſtieß einen Schrei aus. Der Schlag möchte mich rühren! rief er und erhob auf den Sol⸗ daten einſpringend den Stock. Heinrich aber, da die Reliquie von Hohentwiel nicht in der Nähe war, ſprang dazwiſchen und rief: Excellenz, ich mahne Sie an Ihr Wort! Der General ließ den Stock ſinken und ſah ihn zornig an. Der Menſch hat zwar gefehlt, fuhr Heinrich fort, aber laſſen Sie Gnade für Recht ergehen. Die Gefälligkeit die Sie mir verſpro⸗ chen ſoll die ſein daß Sie ihm Tanz und Strafe ſchenken. Hätt' ich gewußt daß Sie mir in mein Commando pfuſchen würden, ſagte der General verdrießlich, ſo hätt' ich Ihnen gewiß nichts verſprochen. Er wandte ſich um wegzugehen. Heinrich aber folgte und ſtellte ihm vor, er habe ihn vom Ausbruch ſeines Zornes abge⸗ halten, weil dieſer ſeiner Geſundheit ſchädlich ſein würde. Ei was! ſagte der General: im Gegentheil, wenn ich den Kerl recht durchgeprügelt hätte ſo würde mich das erleichtert haben. Jetzt ſitzt mir das Ding auf der Bruſt daß ich kaum Athem finden kann. Sie haben mir einen wahren Stoß beigebracht. 249 Heinrich wagte ihm vorzuſchlagen, er möchte den Menſchen der ihm ſo zuwider ſei lieber an ein andres Regiment abgeben, da doch wahrſcheinlich nichts vom Tanzen in ſeiner Capitula⸗ tion ſtehe. 4 1 Gehen Sie! brummte Rieger: Ihnen werd' ich in meinem Leben kein Verſprechen mehr thun. Und laſſen Sie ſich nicht ein⸗ fallen den Kerl wieder zu protegiren! Bei der nächſten Gelegen⸗ heit ſoll er doppelt dran. Unſer Freund kam ſehr verſtimmt in ſeine Zelle. Mußt' ich auf die Feſtung kommen, rief er aus, um das alte Gaukelſpiel auch hier mit anzuſehen? Pädagogik, nichts als Pädagogik! Und der ganze Kunſtgriff iſt, den Menſchen aus ſeiner natürlichen Art herauszutreiben. Tanzen ſoll er wenn er nicht mag, geiſtliche Lieder machen wenn er eine menſchlich rührende Erzählung ſchrei⸗ ben möchte, warm ſein wenn er kalt, und kalt wenn er warm ſein will! Rings um mich her muß ich Opfer der Erziehung ſehen. Schiller hat unter einer falſchen Zucht gelitten und leidet wahrſcheinlich noch dieſen Tag; Laura iſt durch Erziehung ſchief geworden; Schubart wird auch noch vollends zu Schanden gehen; und nun muß ich gar in dieſer Garniſon ein getreues Abbild der Akademie entdecken. O Narrenkomödie des Lebens! Und ich ſelbſt habe miterziehen müſſen, und bin miterzogen worden. Was hab' ich dabei gelernt als daß man den Menſchen ihren natürlichen Lauf laſſen muß? daß ſie nur durch freie Entwicklung ihrer Kräfte einander heilſam werden können. Wiederum fiel ihm das grillenhafte Drei und Drei des Sol⸗ daten ein, und er zerbrach ſich vergebens den Kopf. In den näch⸗ ſten Tagen aber war es zu unruhig um an Rechenexempel zu denken. Schubart hielt nebenan dramaturgiſchen Unterricht mit ſeinen Scholaren und recitirte mit lauter Stimme Verſe aus dem Schauſpiel. Dazwiſchen ſchüttelte er, da ſein Talent einmal an⸗ geregt war, Volkslieder zu Dutzenden aus dem Ermel, friſche Klänge die gleich unter den Soldaten umherliefen und ihren ſteifen Pup⸗ —y’ 4 250 penſpielen Leben einhauchten. Er erhielt um dieſe Zeit einige Ver⸗ günſtigungen und ſchien auf einmal ein andrer Menſch zu ſein; ſeine Sünden hatte er gänzlich vergeſſen. Seinen Nachbar ließ er keine Minute in Ruhe; alle Augenblicke ſang er ihm ein neu⸗ gedichtetes und componirtes Lied durch den Ofen vor, und war unerſchöpflich an Witz und Laune. So ſehr jedoch dieſen die Lieder erfreuten ſo wenig gefiel ihm das Schauſpiel mit ſeinen trockenen Allegorieen, als es endlich vor einer Verſammlung die von Stuttgart und Ludwigsburg her⸗ beigekommen war, man kann ſich denken wie ſteif gegeben wurde. Der General aber, der einmal um das andere als großer Mann darin gefeiert wurde, ſchwamm in einem Meere von Entzücken, und gab bei jeder Stelle die zu ſeinem Lobe angebracht war der Geſellſchaft eigenhändig das Zeichen zum Klatſchen. Unſer Freund hielt ſich bei dieſen Herrlichkeiten möglichſt im Hintergrunde, und wünſchte ſich weit davon als vor den Gäſten auch ſeine Ueber⸗ ſetzung paradiren mußte. Doch verdroß es ihn, daß Schubart, wie er ſie kaum gehört hatte, gleich in ſeinem Wetteifer eine eigene ihr an die Seite ſtellte. Er konnte ihm dieß lang nicht vergeben, ſei es aus Eiferſucht des leichtverletzlichen Geſchlechts dem er im ſiebenten Grade verwandt war, oder weil ihm die Eitelkeit die ſelbſt nach der kleinſten Palme greift mißfiel. Doch rächte ihn noch der Theaterabend an ſeinem Nebenbuhler, den der General, ſtatt für ſeine Bemühungen dankbar zu ſein, wegen eines kleinen Verſtoßes in der theatraliſchen Aufführung aufs Gröbſte vor der ganzen Geſellſchaft heruntermachte. Die Niedergeſchlagenheit des armen Dichters war bald wieder gehoben als er zur Fortſetzung dieſer Verſuche aufgemuntert wurde. Er verkündigte dem Nachbar jubelnd durch die gewohnte Sprach⸗ lücke, daß er ein Schauſpiel vor dem Herzog ſelbſt, der mit Näch⸗ ſtem auf der Feſtung zu erwarten ſei, aufführen laſſen und dabei ſeine Freiheit erhalten werde. Dieſe Nachricht verſetzte auch unſern Freund in einige Auf⸗ 251 regung, und während der Dichter Blumen und Juwelen zu dem unerläßlichen Panegyrikus ſammelte, fragte er ſich was ihm bei dieſer Veranlaſſung zu thun obliege. Nichts! war ſeine entſchie⸗ dene Antwort. Er ſah den Herzog wieder vor ſich, wie er ihm die Piſtole ins Geſicht abdrückte, wie er ihm die Brieftaſche entreißen ließ, er hörte wieder jenes Fort! und war feſt entſchloſ⸗ ſen keinen Schritt zu thun und durch Schweigen die Gerechtigkeit herauszufordern. Obgleich ihm die Himmelskunde durch Hahns Einwürfe ver⸗ bittert worden war, ſo kehrte er doch jetzt zu ihr zurück, und wie hätte er ſeine Einſamkeit beſſer ausfüllen können? Der kreisför⸗ mige Wall auf dem freigelegenen Berge bot ihm eine treffliche Gelegenheit den ganzen Himmel zu überſchauen, ſich die feſten Sternbilder, die beweglichen Sterne nach Geſtalt und Namen ein⸗ zuprägen. Zufrieden ſich dieſes Wiſſen angeeignet zu haben, das er, ſo klein es war, doch von den meiſten Menſchen um ſich her vernachläſſigt ſah, blätterte er nun wieder in den Büchern und vergnügte ſich, wie es dem Liebhaber zukam, an den leichten Ab⸗ ſchnitzeln der ernſten Wiſſenſchaft, an den Anſichten und Vermu⸗ thungen über den Urſprung der Welt und ihr Ende, und über die Beſchaffenheit der Planeten. Hier konnte denn ſeine eigene Phantaſie auch ein Wort mitreden, und er unterhielt ſich halbe Nächte lang mit den leuchtenden Pilgern die mit und nach einan⸗ der durch den reinen Sommerhimmel wandelten. Und doch befrie⸗ digten ſie ihn nicht. Er glaubte, da er nun ihre Namen und Zeiten kannte, in ein engeres Verhältniß zu ihnen zu treten, er fragte ſie nach ihrer Geſchichte, nach ſeinen Brüdern die auf ihnen wohnten— aber er empfand nur zu bald daß ſie ihm auch durch das Fernrohr nicht näher gerückt waren; die großen Unbekannten zogen gelaſſen ihren Weg dahin, und was er von ihnen wußte ſchien ihm eben das Unweſentlichſte zu ſein. Jede Nacht erneuerte ihm auf ſeiner hohen Warte das ſchöne Räthſel der Schöpfung, und jede verließ ihn ungenügſamer als die vorhergehende. Wäh⸗ 1 1 „½ 25² rend dieſe ſchweigenden Boten Gottes ihre ſichern Bahnen gingen, war er ſelbſt aus der ſeinigen gelenkt; ſein Element war der Men⸗ ſchengeiſt, der kleine Spiegel der Welt, und was nicht die engſte Beziehung zu dieſem hatte das konnte ſeine Seele nicht auf die Dauer ausfüllen. Er betrachtete das wunderliche Schickſal dieſes Lieblingskindes der Gottheit, das in ſeiner raſtloſen grabenden Wißbegierde das Unmögliche vollbracht und ſelbſt den Himmel bis auf eine kleine Entfernung zu ſich herabgezogen hat, aber die kleine Entfernung nicht überwinden kann; das von den goldenen Kreiſen des Firmaments die einzelſten Geheimniſſe, ſelbſt ihr Ge⸗ wicht und ihre Schwerkraft, herausgegrübelt hat, und nur das Hauptgeheimniß nicht weiß! Er ſah ſie vor ſeinen Augen gehen und wiederkommen, er glaubte das Sauſen zu hören womit ſie durch die unendlichen Räume hinflogen,— aber er konnte keine Brücke zu ihnen ſchlagen, die ſie an das Auge durch das er die Welt zu beſchauen angewieſen war, an ſein eigenes Ich ge⸗ knüpft hätte. Ermüdet vom vergeblichen Spähen in die ſtumme Himmels⸗ ferne war er einſt in einer lauen Nacht auf dem Walle einge⸗ ſchlummert. Die wenigen Schildwachen welchen die Feſtung an⸗ vertraut war gingen entfernt von ihm auf und ab, und das ein⸗ tönige Wer da, womit ſie einander anriefen, ſtörte ihn längſt nicht mehr. Das Rondel, worin er gerne zu verweilen pflegte, war unbewacht, und ſo kam es daß er ſeinen nächtlichen Aufent⸗ halt auf dem Walle häufig der Feſtungsordnung zuwider verlän⸗ gerte. Er hatte ſich auf einen Stein am Boden geſetzt und im Schlafe den Kopf an die Mauer angelehnt. Da weckte ihn ein leiſes Geräuſch in ſeiner unmittelbarſten Nähe. Eine dunkle Geſtalt ſtand vor ihm. Er blickte in ein lauern⸗ des Auge das auf ihn geheftet war, und erſchreckt ſprang er auf. St! rief eine Stimme, und er erkannte den Soldaten dem er ſeine Strafe abgebeten hatte. Er trug ein Bündel Seile auf dem Arm. ———— 253 Was wollt Ihr da? fragte Heinrich leiſe.. Durchgehen! erwiderte der Soldat. Wollen Sie mich ver⸗ rathen?— In ſeinem Tone lag eine Miſchung von Vertrauen und Drohung. Was fällt Euch ein? ſagte Heinrich: bedenkt doch, Ihr habt eine der ſchlimmſten Stellen ausgewählt. Sie iſt nicht bewacht, ſagte der andre, alſo iſt ſie auch nicht ſchlimm. Mit dem Seil komm' ich ſchon hinunter. Im Graben liegt eine Leiter, die hilft mir die Gegenmauer hinauf. Heinrichs Theilnahme war im höchſten Grad erregt; er ſtellte ihm die ganze Gefahr ſeines Unternehmens vor und ſprach ihm zu, noch eine Weile Geduld zu haben und auf eine Aenderung ſeines Schickſals zu hoffen. Sie haben gut reden, erwiderte der andre trocken. Jetzt bin ich da, und zurück will ich nicht. Wenn Sie mich mit Reden aufhalten ſo bin ich verloren: jeden Augenblick kanns einer Wache einfallen daher zu kommen. Alſo ſagen Sie's kurz und gut ob Sie mich zu Grund richten wollen. Einen andern ſchlüg' ich todt, Ihnen kann ich nichts zu Leide thun. Heinrich bedachte ſich einen Augenblick. Ich habe kein Recht und keine Pflicht mich in die Sache zu miſchen, ſagte er. Ueber⸗ legt noch einmal meinen wohlmeinenden Rath, und dann— thut was Euch Gott ins Herz gibt. Das will ich thun, war die ruhige Antwort. Der Soldat entwickelte ſein Seil, und Heinrich, der ihn unwiderruflich ent⸗ ſchloſſen ſah, eilte leiſe hinweg und auf ſein Zimmer, wo er mit klopfendem Herzen ans Fenſter ging und jeden Augenblick die Lärmkanone zu hören erwartete. 4. Denn Red' und Antwort geben, Das ſchließt der Menſchen Bund. Wie lange währt das Leben? Wie bald verſtummt dein Mund! Der Menſch hat nichts ſo eigen Als Red' aus treuer Bruſt. Dem Steine laß das Schweigen! Es macht ihm wenig Luſt. Nach einer unruhig zugebrachten Nacht wurde er ziemlich früh zum Commandanten berufen. Er fühlte eine Anwandlung wie von böſem Gewiſſen, und mußte ſich fragen ob er denn etwas Unrechtes gethan habe. Sieh zu, ſagte er ſich, daß du nicht dieſer despotiſchen Atmoſphäre verfällſt und etwas Knechtiſches an⸗ nimmſt! Wenn ein Deſerteur mit deinem Wiſſen fortgekommen iſt ſo kannſt du ſeinem Chef deßhalb frei in die Augen ſehen; biſt du ja doch keiner von deſſen Schergen. Seine Beſorgniſſe waren ungegründet, der General zeigte eine ganz unbefangene Miene. Er traf Hahn bei ihm, und erfuhr aus den erſten Worten daß dieſer, auf eine etwas entlegenere Pfarre ernannt, eben ſeinen Abſchiedsbeſuch mache. Eine innige Weh⸗ muth ergriff ihn bei dem Gedanken daß er den liebgewonnenen Freund jetzt verlieren ſolle. Auch dieſer zeigte eine weiche Stim⸗ mung und ſah ihm unter dem Reden oft mit beſonderer Herzlich⸗ keit in die Augen. Er verhieß auch jetzt noch dann und wann 25⁵ zu kommen. Der Commandant ſprach von der Beſetzung ſeines bisherigen Dienſtes, und äußerte Wünſche und Vermuthungen. Heinrich aber mußte immer wieder an ſeinen Soldaten denken und war verwundert alles ſo ruhig zu finden. Als Hahn aufbrach um noch einen Beſuch bei Schubart zu machen, beurlaubte er ſich eben⸗ falls. Der Commandant rief ihm mit einem Wink auf den Pfarrer nach: Petre, der Hahn krähet, willt du deinen Herrn und Heiland noch länger verleugnen?— Unſer Freund war unangenehm be⸗ troffen, empfahl ſich aber mit einem Scherze. Der Pfarrer lenkte ſeine Schritte an der nach dem Platze führenden Treppe vorüber und auf den Wall hinaus. Heinrich folgte ihm und antwortete freundlich aber abſchneidend, ſo oft er ein Geſpräch beginnen wollte. Eine geheime Tücke ließ es ihm nicht zu irgend ein Stichwort von ſich zu geben; denn er ahnte was kommen würde. Sie ſahen lange Zeit ſchweigend in die Ebene hinab, wo die Saat ſchon hoch und golden ſtand. Ihre Spitzen, von einem leichten Winde bewegt, ſchlugen Wellen die unruhig in reizender Schwankung über die Gegend hinliefen. Der Pfarrer ſchien dieſes geharniſchte Schweigen zu verſtehen und wurde traurig. Endlich, da er ſich nicht allzu lang verwei⸗ len konnte, begann er geradezu. Ich ſcheide von Ihnen, ſagte er, und mit bangem Herzen. Könnte ich Sie als einen Geborgenen zurücklaſſen! Mein Freund, mein Bruder! ich habe es jenem eifrigen Manne verſprechen müſſen Sie gewinnen zu helfen— nennen Sie es daher keine Unbeſcheidenheit— auch mein eigenes Herz drängt mich— Sollte denn ein ſo redlicher Menſch der Wahrheit widerſtehen können? Theurer Freund, ich weiß was Sie ſagen wollen, verſetzte Heinrich: ich ſah es Ihnen längſt an den Augen an. Laſſen Sie mich kurz antworten, ich möchte Ihnen nicht wehe thun. Sie ſind mir ſo lieb daß ich Ihnen zu Gefallen Ihr Syſtem annehmen könnte, wenn Ihnen mit dem hohlen Nachbeten gedient wäre. Auch fühle ich mich durch manche Fäden mit Ihnen und Ihren 256 Glaubensgenoſſen verknüpft. Ich proteſtire wie ihr gegen das ungeiſtige und ungöttliche Weſen unſrer Zeit. Auch ich ſehe die Menſchheit in einem ſtumpfſinnigen Traume wandeln, und erkenne daß ſie vom Geiſt durchdrungen und gleichſam wiedergeboren wer⸗ 1 den muß. Dieſe Geiſtesarbeit mag einigermaßen mit dem zuſam⸗ mentreffen was ihr den Glauben nennt. Deßhalb lob' ichs auch daß ihr zu allermeiſt auf den Glauben dringt und jener ärm⸗ lichen Moral entgegenkämpft, jener negativen Tugend, die von faſtenden Mönchen aufgebracht worden iſt und den Menſchen aus⸗ trocknen will ſtatt ihm ein geſundes Blut beizubringen. Aber, um die ganze Kluft die zwiſchen uns iſt mit Einem Mal zu be⸗ zeichnen, muß ich erklären, daß ich eure Blut⸗ und Satisfactions⸗ theorie, den Eckſtein eures Glaubens, niemals habe begreifen können. Hieraus folgt von ſelbſt daß ich die heilige Geſchichte der alten und neuen Schrift, ſo heilig ſie mir in gewiſſem Sinne iſt, nicht buchſtäblich nehmen kann. 4 Es bricht mir das Herz, ſagte der Pfarrer, daß ein Mann den ich lieben muß keine Religion haben ſoll. 1 Es gibt keinen Menſchen ohne Religion! rief Heinrich. Das wird aber freilich in Ihren Augen nichts Beſonderes ſein. Nein, erwiderte der Pfarrer, und es iſt auch keinem wohl bei dieſer vagen Religion. Geſtehen Sie mir offen: iſt es Ihnen 3 völlig wohl? empfinden Sie kein inneres Mißbehagen? nichts von dem was der Apoſtel ausdrückt wo er ſagt:„ich elender Menſch, wer wird mich erlöſen aus dieſem Leibe des Todes?“ Heinrich lächelte. Sie gehen nicht ohne Schlauheit zu Werke, mein Freund, ſagte er, und gleichen dem Arzte der den Menſchen ein Gemälde von Symptomen entrollt um ſie ſeinem Recepte zu unterwerfen. Indeſſen, was ſollte ich es Ihnen leugnen? Ihr Prognoſtikon vom Unbehagen, vom Staubgeſchmack, wenn Sie ſo wollen, trifft bis zu einem gewiſſen Grade bei mir zu. Wenn dagegen Sie und Ihre Glaubensbrüder ſich einer ewig unge⸗ trübten und— ungezwungenen Heiterkeit erfreuen, ſo bin ich nicht 257 mißgünſtig, möchte freilich gerne tauſchen, wofern es ohne Gewalt⸗ ſamkeit geſchehen könnte. Wollen Sie aber, wie mir ſcheint, an⸗ deuten daß das Gefühl nach dem Sie fragen ein Ausfluß des böſen Gewiſſens ſei, daß es von dem Bewußtſein ſtamme dem anklopfenden Geiſte der Wahrheit zu widerſtreben, dann verſün⸗ digen Sie ſich an mir. Ich ſuche nichts als die Wahrheit, und wenn Ihre Ueberzeugung mir heute als Wahrheit aufgeht, ſo bin ich heute noch der Eurige. Bis dahin aber müſſen Sie eben denken, ich habe kein Talent dazu. Kein Talent ein Chriſt zu ſein! rief der Pfarrer. Von Ih⸗ nen hätt' ich eine ſo frivole Rede nicht erwartet. Nein, in allem Ernſt, entgegnete Heinrich, der Ausdruck hat ſeinen guten Sinn. Wenn ich Sie mir betrachte, als einen Mann der in nicht geringem Grade mit Geiſt begabt iſt und dabei ein redliches Herz hat, daneben aber mich der ich mir gleichfalls eines redlichen Willens bewußt bin, ſo muß ich mich in der That fra⸗ gen, ob zu dem Verſtändniß auf dem Sie beſtehen nicht vielleicht auch ein beſonderes Talent erforderlich iſt, wie zur Malerei, zur Dichtkunſt und dergleichen mehr? So viel iſt wenigſtens gewiß daß den Talenten etwas katholiſch Excluſives beiwohnt; auch glaube ich mich zu erinnern daß ſchon einer der außer ſeiner Profeſſion von nichts wiſſen wollte, ein„Pietiſt in ſeiner Art’“ genannt wurde. In welchen Spitzfindigkeiten müſſen Sie ſich herumwinden um der Wahrheit zu entgehen! ſagte der Pfarrer lächelnd. Dieſes Talent iſt allen Menſchen gegeben, und keiner kann ſich entſchul⸗ digen ein zu geringes Pfund erhalten zu haben. Ich hoffe daß auch Ihnen das Ihrige noch Zinſe tragen wird, wenn Sie Sei⸗ nen Geiſt redlich, wie Sie ſagen) auf ſich wirken laſſen. So erklären Sie mir aber doch, warum er mich— in Ihrem Sinne—uſo unvollkommen erſchaffen hat, daß mir das Licht nicht aufgehen will? fod da⁸ Er hat Sie erſchaffen wie Ihre Brüder, ſagte Hahn: mund Schitlers Heimathjahre! 1rI. ID t9io Jint ertainl — 258 die Urſache warum Sie nicht zur Wahrheit kommen können ſtammt eben von der Erbſünde, die Sie nur theilweiſe erkennen. Zu dieſer Miſchung von Trägheit und Hochmuth ſind wir alle geneigt. Sie müſſen eben Gott um Vollkommenheit bitten. „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen iſt!“ Wohl gedenke ich dieſes großen Gebotes, das nach unſrer ſeltſamen Entſtehung aus Staub und Himmelsfeuer eine ſchöne Unmöglichkeit iſt, uns gegeben um immer daran emporzuſehen. Es deutet mir eben auf jenes Durchdringenlaſſen des Stoffs vom Geiſt, es deutet mir auf die Licht⸗ und Gottesblicke in der Geſchichte der Menſchheit wie im Leben des Einzelnen. Der ſchönſte Licht⸗ und Gottesblick, ſagte der Pfarrer, iſt eben doch daß er unſere Sünden auf ſich genommen und durch ſein Blut uns erlöſet hat. Sie gingen eine Weile ſtillſchweigend auf dem Walle hin und her. Es iſt der uralte Gegenſatz, ſagte Heinrich zu ſich ſelbſt: Glauben und Denken! Sie ſind beide aus Einer Wurzel erwachſen und werden unter verſchiedenen Formen immer wiederkehren. Viel⸗ leicht iſt das Denken die Religion der Männer, oder ſollte es wenigſtens ſein; den Glauben ſcheint die Natur eher den Frauen zugedacht zu haben. Durch eine ſonderbare Gedankenverbindung kam ihm hier Amalie in den Sinn, die er ganz vergeſſen zu haben glaubte. Ihre Arznei, ſagte er zu Hahn, möchte wohl für die Herzens⸗ härtigkeit meiner ehemaligen Schwägerin gut ſein, die mich, wie ich vermuthen muß, um eine geliebte Braut gebracht hat. Hören Sie an! Kann ich auch nicht ganz der Ihrige werden, ſo will ich Ihnen doch die Offenheit eines Freundes beweiſen. Unſer Held, in deſſen erregtem Herzen Weltgeſchicke und per⸗ ſönliche Beziehungen lebhaft durch einander gingen, erzählte ſeine Begebenheiten mit heftigen Klagen gegen die herbe Amalie, und wenn es ihm auch nicht unwillkommen ſein mochte die peinliche Unterredung mit einem andern Gegenſtande zu unterbrechen ſo 259 bewies er doch durch dieſe ſonderbare Epiſode ſeinem Gegner, wie der entſchiedenſte Widerſtreit der Geiſter das innigſte Anſchmiegen der Herzen geſtattet, ja zuweilen hervorruft. Hahn ſchien jedoch auf die Geſchichte des abgebrochenen Verhältniſſes wenig hinzu⸗ hören, und kehrte, nachdem er lächelnd für dieſen Beweis von Ver⸗ trauen gedankt hatte, alsbald in das verlaſſene Geſprächsgeleiſe zurück. Der redliche Zweifler, dem die perſönliche Anknüpfung an das Erlöſungsgeheimniß fehlt, begann er, wird ſie wohl am leichteſten finden, wenn er die Erziehung der Menſchheit durch die Offenbarung im Ganzen und Großen betrachtet. Faſſen Sie den wunderbaren Gang des Chriſtenthums ins Auge, überſchauen Sie ſeine Vergangenheit und ſchließen Sie von ihr auf die Zukunft — können Sie noch zweifeln? Daß es noch ſeinen copernicaniſchen Proceß durchzumachen haben wird? nein, das bezweifle ich nicht! warf Heinrich hin, vielleicht ein wenig verſtimmt durch die Gleichgiltigkeit womit er ſeine vertrauliche Mittheilung aufgenommen ſah. O ſtarker Geiſt, mit einem Wörtlein glaubſt du es zu fällen! rief der Pfarrer ſpottend. Und doch, ſetzte er hinzu, wenn ich die Manöver der jetzigen Theologie anſehe, dieſe verdeckten Apoſtaſieen ohne Courage, ſo iſt mir ein ſolcher Heide lieber. Sie gehen wenigſtens offen und gerade, und einem Solchen kann Gott am eheſten beikommen. Bin ich auch ein Spötter und Heide in Ihren Augen, ent⸗ gegnete Heinrich, ſo denke ich darum von der Sendung des Chriſten⸗ thums nicht geringer als Sie. Es klingt zwar wie ein Spott im Hinblick auf die Dogmenhändel, Waldenſerkreuzzüge, Inquiſitions⸗ gerichte, die ſpaniſchen Bekehrungen in Amerika, auf all die Re⸗ ligionskriege die aus Anſtiftung katholiſcher, lutheriſcher und cal⸗ viniſtiſcher Pfaffen dieſe ſchöne Erde verheert haben, aber dennoch iſt es mir eine Wahrheit, daß Humanität das Myſterium und die Sendung des Chriſtenthums iſt. Humanität im weiten Sinne -——y— 260 des Worts, der Himmel und Erde in ſich faßt: Liebe, Hilfe, Production, That! Dieſe Sendung aber erfüllt es aͤuf weiteren und verſchlungeneren Wegen als fromme Chriſten ſich gewöhnlich träumen laſſen; ſie iſt nicht in den engen Schoß der Kirche ein⸗ geſchloſſen, die vielmehr oft dagegen gehandelt und wider den heiligen Geiſt geſündigt hat. Iſt dieſe Sendung einmal erfüllt, ſo wird— nicht die geiſtige Geſtalt des Chriſtenthums, aber eure Dogmatik und eure ſchriftgemäße Buchſtäblichkeit wird zerfallen wie der thönerne Glockenmantel, wenn das reine Metall im Guſſe fertig iſt. 3 Ich ſelber glaube, ſagte Hahn nachdem er einige Zeit vor ſich hingeſehen, daß Gott uns vieles nur als Gleichniß gegeben hat um unſrer Schwachheit willen, und daß wirs erſt nach unſerer Vollendung im Geiſt und in der Wahrheit ſchauen werden.— Als Disputant, ſetzte er nach einer Weile mit liebenswürdigem Lächeln hinzu, bin ich zu tadeln daß ich Ihnen Vortheile eingeräumt habe worin Sie ſich verſchanzen konnten. Hätt' ich den Kampf regelrecht geführt, ſo wärs Ihnen vielleicht nicht ſo gut gegangen. Ich geb' es zu! erwiderte Heinrich lachend: mit der zunft⸗ mäßigen geiſtlichen Fechtart hätten Sie mich in die Enge treiben, ja wohl ganz ſchachmatt machen können; aber was würde ſolch ein Sieg Ihnen geholfen haben? Sehen Sie zurück auf die großen Disputationen des ſechszehnten Jahrhunderts, die ja ſogar eine politiſche Bedeutung hatten: was iſt dabei herausgekommen? Eben darum, ſagte der Pfarrer, hab' ich Sie nicht nieder⸗ disputiren ſondern kennen lernen wollen, und ich hoffe wir haben uns beiderſeits überzeugt daß es uns um die Wahrheit zu thun iſt und nicht ums Disputiren.— Wo ſoll ich Sie denn jetzt hinthun? Sie gehören nicht uns, und gehören auch der Welt nicht an. Es geht mir ſeltſam mit Ihnen: wir verſtehen einander, und verſtehn einander wieder nicht. Die Wahrheit, verſetzte Heinrich, iſt gemeinſam wie das Licht, aber ſie erſcheint jedem in einer eigenthümlichen Farbenbrechung⸗ 261 und der Punkt wo ſie dem individuellen Weſen und Bedürfniß des einen begegnet wird dem andern immer räthſelhaft ſein. In⸗ deſſen gibt es für die kämpfenden Geiſter ein ahnungsvolles Frie⸗ densgebiet: das iſt die Geſinnung, und in dieſer, mein theurer Freund, fühle ich mich einig mit Ihnen. Gott gebe es! rief Hahn. Da Sie dem Geiſt nicht wider— ſtreben, ſo wollen wir hoffen daß er Sie in alle Wahrheit leiten werde. Ich fühle in dieſem Augenblick lebhafter als je daß die Liebe höher iſt denn alle Erkenntniß: denn ſie vermag die Kluft welche die Geiſter trennt zu überſpringen. Leben Sie wohl! wir werden einander nicht vergeſſen. 1 Thränen ſtanden in beider Augen, als ſie nach einer langen Umarmung aus einander traten. Als die Wellen welche dieſe Unterredung aufgeregt hatte wie⸗ der etwas ruhiger gingen, fühlte Heinrich den Drang das Schickſal ſeines Soldaten zu erfahren, für den er eine innige Theilnahme empfand. Er umkreiste den ganzen Wall, ging auf den Platz hinab, dann wieder auf den Wall zurück, konnte ihn aber nir⸗ gends ſehen. Nach ihm zu fragen wagte er nicht, und doch konnte er bei der allgemeinen Unbefangenheit nicht glauben daß er ſeine Flucht ausgeführt habe. Endlich näherte er ſich einem jungen Soldaten den er an einer abgelegenen Stelle traf: Mein Freund, redete er ihn an, was war das für ein Lärm vergangene Nacht? Ein Lärm? fragte der Soldat verwundert: ich weiß von keinem Lärmen. Der Herr muß geträumt haben. Das iſt möglich, verſetzte unſer Freund und ging beruhigt weiter. Alſo war nichts vorgefallen. Aber warum bekam er ihn nirgends zu Geſichte? Er ſah ſich rings um und hatte allerlei Gedanken, aus welchen ihn ein Lied des zuletzt angeredeten Sol⸗ daten aufſtörte. Kaum hatte er ſich nämlich einige Schritte von ihm entfernt, ſo begann dieſer zu ſingen: Die Mörder flüchten weit von dannen, Graf Salis findet ihre Spur.. Gleich ſah ers ihnen an: von wannen 2 Er fängt und liefert ſie nach Chur. Nach eingezogenen Berichten Gibt man ſie der Juſtiz in Sulz. Wie? gehn ſie gern dahin? Mit Nichten! Es mehrt das Zittern ihren Puls. Heinrich wurde aufmerkſam; der Name Sulz hätte allein ſchon hingereicht ſein Ohr zu feſſeln. Er blieb ſtehen und hörte den kläglichen Galgenreimen zu, die ſchlecht zu der hübſchen, lu⸗ ſtigen Stimme des Soldaten paßten. Die letzte Strophe lautete: Hannikel ſchließt die Todesſcene, Sieht ſeine Brüder allzumal Am Strang, und ſtirbt mit wilder Miene Als ein Zigeunergeneral. Heinrich wandte ſich zu dem Burſchen zurück und vernahm aus ſeinem Munde die Beſtätigung deſſen was derſelbe aus einem fliegenden Blatt geſungen hatte. Woher wißt Ihr das alles? rief Heinrich. Drum bin ich von Sulz gebürtig, erwiderte der Soldat, und geſtern hat mich mein Bruder beſucht, der dabei geweſen iſt und mir alles ausführlich erzählt hat. Geſprächig und mit jener Luſt die das Volk an Malefizge⸗ ſchichten hat, beſchrieb nun der junge Menſch die Hinrichtung der Vier die bei dem Morde des Grenadiers die Hauptrolle geſpielt hatten. Die Weiber, erzählte er, hat man zum Zuſchauen hin⸗ ausgeführt, einen ganzen Wagen voll; da haben ſie geſchrieen und geheult und ſich die Haare ausgeriſſen daß ſie im Wind umher⸗ geflogen ſind. Der Hannikel aber hat auf einem Stuhl ſitzen und ebenfalls zuſehen müſſen, bis die Reihe an ihn gekommen iſt. Und er hat den drei andern immerfort zugeſprochen und den Weibern auch; weil er aber zigeuneriſch geredet hat, ſo ſagt man, er habe ſie aufgeſtiftet, daß ſie ſeinen Tod mit Sengen und Brennen rä⸗ 263 chen ſollten. Sein Beichtvater aber ſagt, das ſei eine gottloſe Ver⸗ läumdung, er habe ihnen zugeſprochen, ſie ſollen ihre Strafe ſtandhaft leiden und für den Herzog und den Oberamtmann beten; auch ſei er ganz chriſtlich geſtorben. Mein Bruder ſagt, es glaube nicht jedermann daran, weil man ihm einen katholiſchen Beicht⸗ vater zugegeben habe. So viel iſt einmal gewiß: wie man des Hauptmanns Bruder, den Wenzel, hinaufgezogen hat, da hat der Hannikel mit lauter Stimme zu ſingen angefangen, und da hat ſich der Himmel mit Wolken überzogen, und wie er die Leiter hinauf ſollte, da hat er noch um etwas Erde gebeten, das ſie ihm abgeſchlagen haben, und eh man ihn von der Leiter ſtieß, habe er den Seinigen noch zugerufen, ſie werden heut alle in Maria Einſiedeln mit einander zu Mittag ſpeiſen, und kaum daß er todt geweſen iſt, während der Nottele, den ſie ungeſchickt gehenkt haben, noch gezappelt hat, ſo iſt ein grauſames Unwetter ausgebrochen, wie auch die älteſten Leute in Sulz keines wiſſen, und hat geblitzt und gedonnert und Schloßen gegeben; und in den Schloßen ſind die Haare wieder gekommen die ſich die Weibsleute ausgeriſſen haben, und dieſe Haare haben die Schloßen zuſammengehalten, wie die Kettenkugeln die vordem bei der Artollerie gebräuchlich waren, daß der Hagel weit und breit alles zuſammen geſchlagen hat. In Sulz heißts bei allen Leuten: Dasmal einen Zigeuner gehenkt und nun und nimmermehr wieder. Alſo der Soldat. Heinrich kaufte ihm ſein Hannikelslied und einen umſtändlicheren Bericht über das Verbrechen, die Flucht nach Graubünden, Gefangennehmung, Urtheil und Execution, auf grauem Löſchpapier gedruckt, um ein paar Groſchen ab, und eilte damit auf ſein Zimmer, wo er das Heftchen mit eigenthümlichen Gefühlen durchlas. Ein beſonderer Abſchnitt, der herkömmlicher Maßen nicht feh⸗ len durfte, war der geiſtlichen Vorbereitung der Verbrecher zum Tode gewidmet; und dieſe Abtheilung war es die den Leſer vor⸗ nehmlich mit Grauen erfüllte. 264 . Ein heidniſcher Staat, ſagte er zu ſich, nachdem er das löſch⸗ papierene Heft weggeworfen hatte, betrachtet den Verbrecher als einen der Rache verfallenen Feind, den er einfach ausrottet, ſei es daß er ihn dem Henker oder der Privatvollſtreckung der Beleidig⸗ ten übergibt. Man mag dieß roh nennen, doch iſt es wenigſtens conſequent. Der chriſtliche Staat aber macht ſeinen Verbrecher zum Gegenſtande eines Verſöhnungsverfahrens: er läßt ihn nach allen Regeln beichtväterlicher Kunſt zubereiten, bis er ihm den Frieden mit Gott und ein vollkommenes Bürgerrecht in einer höhern Welt errungen hat; und wenn er ſo weit mit ihm iſt, verſucht er dann etwa ob nicht auch in dieſer ſo viel niedrigeren Welt noch etwas aus ihm zu machen wäre? nein, dann— er⸗ würgt er ihn. ——ͤ-—·— — 5. Wer kommt? Was ſeh' ich? O ihr guten Geiſter! Mein Roderich! Don Carlos. Tage und Wochen waren vergangen ſeit unſer Freund ſeine Wohnung auf dem berüchtigten Berge bezogen hatte. Er hatte den Mond mehrmals ab und zunehmen ſehen, und die Weinberge zeigten ihm, wenn er auf dem Wall ſpazierte, ihr herrliches Grün. Er war nicht mehr ganz ſo ruhig wie in den erſten Zeiten ſeiner Gefangenſchaft. Auch ſchien es ihm neuerdings als ob der Com⸗ mandant eine andre Miene gegen ihn angenommen hätte, und er glaubte dieß veränderte Betragen ſeit jenem Abenteuer mit dem Deſerteur wahrgenommen zu haben, von dem er zu ſeiner ſtillen Verwunderung immer noch nichts zu ſehen und zu hören bekam; in unbefangeneren Stunden jedoch ſagte er ſich, es werde weiter nichts als getäuſchter Religionseifer ſein. Genug, es war ihm zu Muthe wie einem Gaſt der nachgerade fühlt daß er ſeinen Freun⸗ den unangenehm geworden iſt, nur daß ihm nicht wie dieſem die Thüren offen ſtanden. Seine Tage verfloßen in immer längerem Warten auf eine Wendung des Schickſals; manchen Morgen wachte er ſogar auf mit dem Gedanken ob nicht Lottchen vielleicht ihn zu beſuchen komme, und mußte, wenn er ſich die Augen ausgerieben hatte, über den tollen Einfall lachen, während Wehmuth und Ingrimm wie ſchwere Wolken über ſeine Seele zogen. Kannſt 266 du denn, rief er einſt nach einem ſolchen Erwachen, kannſt du nicht aufhören von ihr zu träumen, unbewachtes thörichtes Herz? Wenn ſie es wüßte, ſie würde laut auflachen, denn keine Feder iſt leichter als ſo ein Mädchenherz. Nun drangen auch Stimmen von der Außenwelt in ſeine Einſiedelei. Der Großfürſt Paul von Rußland wurde mit ſeiner Gemahlin Sophie, der Nichte des Herzogs, am Hof erwartet, und die Nachrichten von den bevorſtehenden Feierlichkeiten klangen ſo außerordentlich daß ſie auch auf der Feſtung alles von ſich reden machten. All ſeine ehmalige Pracht, hörte er einſt bei einer Flaſche Wein die jüngeren Offiziere erzählen, werde der Herzog bei dieſer Gelegenheit noch einmal aufflammen laſſen und Feſt auf Feſt be⸗ reiten. Beſondere Aufmerkſamkeit erregte eine beabſichtigte Jagd, zu welcher jetzt ſchon Vorbereitungen getroffen wurden, wovon ſelbſt Rieger mit Erſtaunen ſprach. Sechstauſend Hirſche ſollten aus dem ganzen Lande nach der Solitude zuſammengetrieben werden, wo ſie beſtimmt waren eine ſteile Anhöhe hinauf, dann in einen See zu rennen und daſelbſt aus einem Luſthauſe ſich erlegen zu laſſen. Eine glänzende Illumination der Solitude ſollte dieſes Schauſpiel beſchließen. Nicht daß er ſich nach dem Genuſſe dieſer Herrlichkeiten geſehnt hätte, aber das unruhige Treiben das von außen heranſummte, das Gerede das in ſeiner Nähe aufgeregt war, die allgemeine Sehnſucht der durch Beruf oder Unglück hier Angeſchmiedeten, weckte ſeine eigne Unruhe mehr und mehr. Was ſein Gemüth durch jenes Waldleben mit ſeinen Phantaſtereien und Schreckniſſen gelitten hatte, das war jetzt geheilt, und ſobald die Cur zu Ende war ſobald hörte ſie auch auf wohlthätig zu ſein. Der Drang nach Freiheit wurde täglich heftiger, und die Gefangenſchaft be⸗ gann ihm nachtheilig auf Leib und Seele zu wirken. In ſeine Arme kam oft ein Gefühl als ob er die Wände ſprengen müßte während er ſich zugleich ſchläfrig und matt am ganzen Körper empfand. Dazwiſchen erging ſich ſeine Phantaſie in den wohlbe⸗ 267 kannten Oertlichkeiten der Solitude und ſah dem geſchäftigen Leben zu, das nun bald jene der Einſamkeit geweihten Räume wieder aus der Ruhe ſtören ſollte. Aber alle Begierden traten zurück, als das Gerücht daß der Herzog einen Beſuch auf der Feſtung abſtatten werde ſich beſtä⸗ tigte. Die ganze Garniſon kam in Bewegung, um ihm nach Kräften einen brillanten Empfang zu bereiten, und Schubart ſchmiedete unermüdlich auf ſeiner Eſſe, aber nicht auf der vulca⸗ niſchen worauf die Geſänge der Freiheit entſtanden. Unſer Gefangener nahm an dieſen Bewegungen nicht den min⸗ deſten Antheil. Gegen den wirklich wohlwollend gemeinten Vor⸗ ſchlag des Generals, nach dem Schauſpiel ſich dem Herzog in den Weg zu ſtellen und um ſeine Freiheit zu bitten, ſträubte er ſich mit ſeinem ganzen Stolze. Seine Durchlaucht, ſagte er mit an⸗ ſcheinender Ruhe, werden ſchon wiſſen wann das Maß der Strafe voll iſt. Herr von Rieger zuckte die Achſeln und ſagte nichts weiter. Endlich kam der erwartete Tag und mit ihm der Herzog; aber er täuſchte die Hoffnungen der Asberger, unter welchen das Gerücht verbreitet war, er würde die nordiſchen Gäſte mitbringen. Dieſe waren noch gar nicht angekommen. Es befand ſich niemand bei ihm als Francisca ſamt einem kleinen Gefolge. Heinrich zog ſich, wiewohl mit klopfendem Herzen, in ſein Schneckenhäuschen zurück, und ging nicht einmal ans Fenſter um ihre Ankunft zu ſehen. Auch das Theater reizte ihn nicht; er brachte den Abend in größter Stille und Einſamkeit zu, und hörte nach deſſen Beendigung die fürſtlichen Wagen ruhig wieder ab⸗ fahren. Bald darauf kam ſein Nachbar an die Sprachlücke, ver⸗ ſtimmt und fröhlich zugleich: der Herzog hatte das Schauſpiel nicht ganz ausgehalten, doch ſchien er zufrieden zu ſein, und, was die Hauptſache war, der Dichter hatte aus ſeiner Umgebung die Zuſage erhalten daß er binnen acht Tagen frei ſein ſollte.— Eine Flaſche Wein war ihm auf ſeine Zelle nachgeſendet worden. 268 Der Leidensgefährte mußte ſie mit ihm theilen; noch herzlicher theilte er die frohe Ausſicht mit ihm. Schubart aber kreiste ſchon in tauſend Planen umher und verſprach ihm gleich für ſeine Be⸗ freiung zu intriguiren. Da iſt ja unſer eigenſinniger Trotzkopf! rief ihm der General am folgenden Tag entgegen, als er in ſeiner Mittagspromenade auf dem Wall mit ihm zuſammentraf. Hätten Sie ſich geſtern gezeigt, wer weiß was geſchehen wäre? Der Herzog hat nach Ihnen gefragt. Darf ich das Nähere wiſſen, Excellenz? O ſehr gerne!„Was macht Unſer gefangener Waldphiloſoph?“ fragte er:„hat er ſich die Hörner noch nicht abgelaufen?“— Ich erwiderte der Wahrheit gemäß, daß ich keinerlei Beſtie, weder mit Hörnern noch mit Klauen, in Ihnen gefunden habe.—„Ich ſehe ſchon,“ ſagte er hierauf,„Unſer Freund Rieger kennt ihn noch nicht: der kratzt mit fremden Klauen, wenn er keine eige⸗ nen hat.“ Heinrich ſtutzte. Daß dieſe Worte eine Beziehung haben muß ich freilich vermuthen, aber ich verſtehe ſie nicht. Noch ich! Beſinnen Sie ſich, vielleicht entdecken Sie einen Schlüſſel.— Uebrigens iſt Sereniſſimus wegen des bevorſtehenden hohen Beſuchs in ſehr gnädiger Laune. Er gab mir Befehl, wenn Sie ſich die Hörner abgelaufen hätten es ihn wiſſen zu laſſen. Nun wäre eine gute Gelegenheit, was Religiöſes, etwa Selbſtge⸗ ſpräche eines einſamen Denkers, außzuſetzen, die Sie durch mich an ihn gelangen ließen; wenn der Aufſatz etwa mit einem Gebet für Seine Durchlaucht ſchließen würde ſo wäre es gar nicht ſo übel. Doch Sie verſtehen das vielleicht ſinnreicher einzurichten als ich. Nur wäre es gut ein religiöſes Sujet zu wählen; dar⸗ aus erſähe er dann doch am beſten daß Sie ſich„die Hörner ab⸗ gelaufen haben.“ Auch wäre es mir um deßwillen lieb weil darin zugleich ein Zeugniß liegen würde wie die Gefangenen hier be⸗ handelt und angeleitet werden. 269 Die Ankunft eines Offiziers der ſeinen Rapport abſtattete überhob unſern gequälten Freund einer peinlichen Antwort, und. er benützte den Augenblick um ſich davonzumachen. Seine Schritte führten ihn die Senkung des Walles gegen das Thor hinab, durch welches eben eine wunderliche Geſtalt hereinſchritt. Er erkannte ſie, noch ehe er die Augen zum Geſicht erhoben hatte, an den Beinen, und hätte aufſchreien mögen vor Ueberraſchung und Freude. Schiller! rief er: ſehen wir uns endlich wieder! Der Regimentsmedicus, denn er war es wirklich, ſprang dem lang vermißten Freunde an den Hals und rief: Bei den Gebei⸗ nen meines Roller! das iſt ein unverhofftes Zuſammentreffen. So hat das Gerücht alſo doch nicht ganz gelogen: während einer und der andre verſicherte, du ſeieſt Gott weiß in welchem Auf⸗ trag nach Mömpelgard verſchickt, ſchlich eine leiſe Sage um, die dich aus höchſt abenteuerlichen Urſachen auf Hohenneufen wiſſen wollte. Der gute Streicher pilgerte einmal dorthin, kehrte aber unverrichteter Dinge zurück. Nun wie iſts denn? Was haſt du gethan? was iſt dir widerfahren? Biſt du wirklich als Gefangener hier? Doch gehts dir leidlich wie ich ſehe. Heinrich unterbrach den Strom der Erkundigungen mit dem Verſprechen alles am geeigneten Orte und in der gehörigen Ord⸗ nung beichten zu wollen. Komm mit zum Schulmeiſter, ſagte er: der ſchenkt einen ächten Räuberwein. Wir haben einander lang nicht Beſcheid gethan. Der wandernde Dichter wiſchte ſich mit einem durſtigen Lä⸗ cheln den Schweiß von der Stirne und folgte bereitwillig. Eigent⸗ lich, ſagte er, bin ich gekommen mein künftiges Logis zu beſehen. In der That, wir können noch Arreſtkameraden werden, ich bin mit der Feſtung bedroht. Er erzählte ihm bei einer Flaſche funkelnden rothen Weines, wie ein Denunciant aus Haß gegen ſeinen Vater die Graubünd⸗ ner wegen der unartigen Rede Spiegelbergs ihm auf den Hals gezogen und dadurch den Herzog vollends ganz gegen ihn aufge⸗ 270 bracht habe. Bei Feſtungsſtrafe, ſagte er, hat er mir verboten künftig etwas ohne ſeine allerhöchſteigenhändige Cenſur drucken zu laſſen. Das würde ſchöne Schulmeiſterscorrecturen geben— was meinſt du? iſts nicht beſſer die uncenſirte und unverfälſchte Begeiſterung beim Schulmeiſter hier oben friſch aus der Quelle zu ſchöpfen? Und daß ich zweimal zur Aufführung der Räuber in Mannheim war, iſt auch verträtſcht worden. Die Weiber könnens Maul nicht halten. Damit war aber zugleich mein Chef compro⸗ mittirt— 4 Was? unterbrach ihn Heinrich: der kleine Augé ſollte dir zu dramatiſchen Reiſen verholfen haben?. Nein, der überzählige General hat nichts davon gewußt, ſo wenig als von ſeinem Regiment. Der eigentliche Commandeur deſſelben war es, der gute freundliche Oberſt Rau, der meine Meldung als krank annahm und mir vergnügte Reiſe wünſchte. Nun denke dir was geſchieht. Es iſt ein wahrer Roman. Vor einigen Tagen ſchickt mir Sereniſſimus ein Pferd aus dem Mar⸗ ſtall, mit dem Befehl ſogleich zu ihm nach Hohenheim zu kommen und keinem Menſchen was davon zu ſagen. Wie verblüfft ich droben ankam kannſt du dir ſelbſt ausmalen. Der Herzog aber empfängt mich wider alles Erwarten äußerſt gnädig, behandelt mich ganz wie einen Gaſt, führt mich in ſeinen Anlagen herum— Ei, gerade ſo hat ers mir auch gemacht! unterbrach ihn Heinrich. Und biſt dennoch hier! lachte Schiller. Auf einmal, wie ich mich am wenigſten verſehe, bleibt er vor mir ſtehen und ſagt: „Er iſt auch in Mannheim geweſen, ich weiß alles, ich ſag', Sein Oberſter weiß darum.“ Tout comme chez nous! rief Heinrich. Und daß du in Un⸗ gnade fortgekommen biſt, ungefähr wie ich am Wirthshaus zur Stadt Rom die Zeche zahlen mußte, verſteht ſich von ſelbſt. Bitten und Drohungen hat er an mich verſchwendet, ſagte der Dichter.„Ich laſſ' Ihn auf die Feſtung ſetzen, ich werde 271 Seinen Vater vom Brod bringen!“ Was blieb ihm zuletzt übrig als ſein Leibſprüchlein:„Geh’ Er hin, es wird nachkom— men!“ Der Falbe, in der That ein treffliches Thier, blieb in Hohenheim zurück, und ich mußte per pedes Apostolorum heim⸗ wandern. Gleich bei der nächſten Parade fragte mich Augé, denn bei Paraden commandirt er ſein Regiment, höchſt geſtreng, warum ich nach Hohenheim gegangen ſei ohne mich bei ihm zu melden. Ad Mandatum Serenissimi specialissimum! erwidere ich, und der kleine Mann prallt zurück, und ſagt kein Wort mehr. Nun war aber die Geſchichte gleich in ganz Stuttgart herum, und du kannſt dir die Angſt meines armen Oberſten denken. Er ge⸗ traute ſich auf der Parade nicht mit mir zu reden, und an jedem andern Ort war es noch auffallender. Nun weißt du, daß am Seelthor ein Eingang in die Gärten hinter dem kleinen Graben iſt, wo ich beim alten Balthaſar wohne. Das Haug'ſche Haus aber ſteht durch einen Gang mit dem Elſäßer'ſchen in Verbindung, in welchem, da es auf der Stadtmauer ſteht, gleichfalls eine Thüre in die Gärten durchgebrochen iſt. Den Schauplatz kennſt du jetzt. Zeit der Handlung: Mitternacht zwiſchen geſtern und heut. Dumpfes Rauſchen des Neſenbachs durch ſein Delta. Treten auf von ver⸗ ſchiedenen Seiten: Oberſt von Rau, ehrwürdiger Greis von achtzig Jahren mit Spuren von Feuer, und Räuber Moor, confiscirter Mohrenkopf, etwas ins Blonde ſpielend— Tollkopf! unterbrach ihn Heinrich lachend. Nein, ich erzähl' dirs ein andermal vollſtändiger, rief der Dichter, indem er ſich wieder einſchenkte. Jetzt iſts an dir! ich bin gar zu egoiſtiſch mit meinen eigenen Angelegenheiten beſchäf⸗ tigt. Nur heraus mit der Sprache! denn eine Liebſchaft iſt doch im Spiele, darauf geht das ganze Gemunkel hinaus. Ich weiß nicht ob das der rechte Name für die Sache iſt, verſetzte Heinrich: indeſſen kenn' ich die Welt zu gut als daß ich mirs nicht gefallen laſſen müßte, Aber ſag' mir was denn eigent⸗ lich gemunkelt wird, 272 Nun, daß eine Dame aus der Ccole eine Zeit lang vermißt wurde iſt ziemlich allgemein bekannt; wo ſie aber war das weiß niemand ſo recht zu ſagen. Ein Gerücht daß ſie ſich unter den Zigeunern aufgehalten habe klang gar zu unwahrſcheinlich und iſt bald wieder eingeſchlafen; ein andres hat ihre Flucht mit dir in Verbindung gebracht. Das Unwahrſcheinlichſte iſt dießmal, wie ſo oft, nicht eben das Unrichtigſte geweſen, erwiderte Heinrich und erzählte ſeine Abenteuer, während der Dichter behaglich ein Glas hinunter⸗ ſchlürfte. Du mußt mir aber die tiefſte Verſchwiegenheit angelo⸗ ben, ſagte er zum Schluſſe. Gewiß! erwiderte Schiller: aber einen prächtigen Spaß von deiner mauriſchen Prinzeſſin muß ich dir erzählen. Als ſie wieder in die Ecole eingeliefert wurde, war Herr von Seeger zugegen, und in ſeinem Gefolge unſer alter edler Nies, unvergeßlichen An⸗ gedenkens. Der Intendant, der ihr vermuthlich auf Pränumeration des herzoglichen Zornes die Hölle recht heiß machen wollte, ſagte mit ſtarrem Blick zu ihr: Tremblez, Madame! Die gutmüthige Franzel aber erbarmte ſich ihrer und nahm ſie mit in ihre Zimmer, wo die Abſolution bald genug erfolgt ſein mag. Als ſie nun ab⸗ gegangen waren wandte ſich Nies zum Intendanten und ſagte: Ew. Excellenz haben ganz recht gethan ſie eine Trampel zu heißen, denn das war doch in der That eine trampelmäßige Aufführung.— Nein, ich bitte dich, erſtick nicht! Aber es iſt ein gutes Zeichen: wenn man dermaßen über eine ſo unidealiſche Bezeichnung einer ehmaligen Geliebten lachen kann, ſo muß der Paroxysmus aus⸗ getobt haben. Und was ſagte der Herzog zu dieſer Nieſiſchen„Anmerkung“, die ihm natürlich brühwarm hinterbracht wurde? Der Herzog hat ſich vor Lachen geſchüttelt, als ers erfuhr. Weißt du nichts von ihr? Gar nichts; doch ſcheint ſie ganz wieder zu Gnaden angenom⸗ men zu ſein, Ich wollte ich könnte das auch von mir ſagen; 4 4 4 1 4 —, 273 aber zwiſchen Sereniſſimo und mir iſt eine Kluft entſtanden die nicht mehr größer werden kann. Daß ich meinen eigenen Weg gehen und meine Arbeiten nicht wie Schülerexercitien von ihm corrigiren laſſen will, daß ich die Räuber mit Umgehung des Stuttgarter Theaters, das ſie doch nicht angenommen hätte, in Mannheim aufführen ließ, daß ich endlich an meinem ehrlichen Oberſten nicht zum Schelm werden mochte, das hat dem Faß end⸗ lich den Boden ausgeſtoßen. Und doch, wenn ichs recht bedenke, war mir die ganze Suppe ſchon längſt gekocht. Das hat in der Akademie ſchon mit Kleinigkeiten, Mißverſtändniſſen, Zuträgereien angefangen. Es iſt doch wunderlich wie aus Nichts endlich Etwas werden kann. Die Gegenſätze, bemerkte Heinrich, waren eben ſchon von Anfang an vorhanden, und unter den gegebenen Verhältniſſen iſt es kein Wunder daß ſie ſich jede kleinſte Veranlaſſung zum Zünd⸗ kraut des Explodirens herausfanden. Es hat ſeine ſchöne Seite mit einem Fürſten ſo perſönlich zu ſtehen, wie wir mit dem Her⸗ zog in der Akademie und zum Theil auch außerhalb derſelben ſtanden, aber kein menſchlicher Verkehr hält ſich auf die Länge ohne gleiches Maß und Gewicht. Wenn der Fürſt, eh man ſichs verſieht, den orientaliſchen Fürſtenmantel über den Menſchen werfen kann, ſo hätte man ſich lieber gar nicht menſchlich mit ihm ein⸗ gelaſſen. Gewißl! rief Schiller. Ein Fürſt den man nicht einmal ge⸗ boren ſein läßt wie andre Menſchenkinder, ſondern im Adreßka⸗ lender mit den Worten feiert:„Seine Durchlaucht haben am 11. Februar 1728 die Anzahl der Hohen in der Welt vermehrt!“ der muß manchmal Anwandlungen reſpectvollen Schauers vor ſich ſelbſt bekommen. Impotens dominatio! Fürwahr, der Lateiner hat nicht ſo unrecht mit ſeinem Ausdruck. Nun, in der Pfalz iſt das anders beſtellt; da hab' ich nichts dergleichen zu fürchten. Schiller's Heimathjahre. II. 18 274 Wie ſo? was willſt du damit ſagen? fragte Heinrich ver⸗ wundert. 7. Confeſſion gegen Confeſſion! ſagte der Dichter: du mußt aber 3 ebenfalls verſchwiegen ſein. Ich habe Hoffnung als Theaterdichter in Mannheim angeſtellt zu werden. Meine Bekanntſchaft mit Dalberg wird immer fruchtbarer. Das iſt ein Mann! den ſollteſt du kennen. Das wäre kein übler Tauſch, rief Heinrich. Der Herzog hat den italieniſchen Hofpoeten von Mannheim ſchon ſo oft entlehnt daß er wohl auch einmal einen Deutſchen dagegen geben kann. Aber zum Glanz eines italieniſchen Poeten an einem deutſchen Hofe wirds mein armer Schiller niemals bringen, er müßte ſich denn Sillieri oder Silleri oder dergleichen ſchreiben. Wie heißt der Mann Gottes in Mannheim?. Der Hofpoet?— Potz Element, ich weiß es nicht! Ich auch nicht. Sieh da, ſchon zwei deutſche Herzen die ihn mit Vergeſſenheit beſtrafen. Ei, da fällt mir ein— du erinnerſt dich daß ich dir an jenem anthologiſchen Abend mein Fürſtengedicht gab— haſt du's nicht bei dir? Ich habs einem von den Mannheimer Schauſpielern) verſprochen, und mein Exemplar der Anthologie iſt mir abhanden gekommen. Heinrich griff in die Bruſttaſche, zog aber die Hand zurück als ob er dort eine Schlange berührt hätte. Er erbleichte: das hab' ich dir noch nicht geſagt, rief er, daß mir mein Porte⸗ feuille in Hohenheim auf Befehl des Herzogs, der wohl ein Ver⸗ ſäumniß vom Schönbuch nachholen wollte, abgenommen worden iſt. O Narrenſpiel des Schickſals! ſo mußt ich denn zum Ver⸗ räther an dir werden, und in demſelben Augenblicke— jetzt darf ichs dir wohl ſagen— wo ich mit aller Freundeswärme für dich geſprochen hatte. Auch der Dichter war etwas bedenklich geworden. Die An⸗ thologie liest er nicht, ſagte er, denn er liest nur Geſchriebenes. 275 Aber meine Handſchrift iſt ihm freilich ſehr bekannt— gab es doch eine Zeit wo er mir meine Gedankenſtriche nachahmte.— Laß gut ſein! ſagte er wieder aufgeheitert: es iſt ein Fädelein mehr das mir forthilft. Meine Rolle hier iſt ohnehin ausgeſpielt, und wenn ich nicht in Güte abkommen kann, ſo werd' ich, und zwar in ſehr kurzer Zeit— Doch du haſt an deinen eignen An⸗ gelegenheiten zu tragen; genug daß du die meinigen jetzt im All⸗ gemeinen kennſt. Wäre nur der Boden dem Faſſe ſchon ganz ausgeſchlagen! Es iſt nicht das allein— ich tauge überhaupt nicht mehr— ich fühle mich nicht mehr heimiſch— O dieſe ſoge⸗ nannte ſchwäbiſche Gemüthlichkeit! Wenn ich mich nicht ſchon halb als Ausländer fühlte, ich würd' ein derbes Wort darüber reden. Peterſen, der nach allen ſtatiſtiſchen Kleinigkeiten ſtöbert, hat herausgebracht daß der Cichorienkaffee eine Erfindung unſrer landsmänniſchen Induſtrie iſt; ich mußte gleich an die Gemüth⸗ lichkeit denken als er mirs neulich ſagte. Wir leiden beide an einem Uebel das ſich nur durch Heim⸗ weh curiren läßt, verſetzte Heinrich. Aber gib Acht! es wird dann vielleicht eine Zeit kommen wo wir uns wieder nach unſrem ſchwäbiſchen Hutzelbrode zurückſehnen. Wie Gott will. Doch komm, wollen jetzt nach unſrem einge⸗ ſperrten Patrioten ſehen. Kannſt du nicht warten bis er ſeinen Spaziergang machen darf? da könnten wir ihn zu einer Flaſche Wein hieher ſchleppen. Geh'n wir jetzt hin ſo ſind wir von officiellen Geſichtern umge⸗ ben. In zwei Stunden finden wir ihn auf dem Wall. Ich muß heut Abend wieder in Stuttgart ſein, verſetzte Schiller. Was macht er denn? Ja, davon wäre viel zu ſagen. Höre, was die unmittelbare Naturgabe betrifft, da können Sechſe wie du nicht neben ihm be⸗ ſtehen! Das iſt was Göttliches, nur den Mund aufthun zu dür⸗ fen und die Geburt ſchlagfertig hervorſpringen zu laſſen, wie Minerven aus Jupiters Haupt. —— ꝓ—————ÿ—ÿ—ÿ—ᷣ—ᷣ—ᷣ—ᷣ—ᷣ—ᷣ—— 276 Das iſts ja eben was mich ſo an ihn feſſelt! rief Schiller lebhaft. Dieſes überlegene unbegreifliche Talent! Wie gar nichts 1 ſind wir andern die wir erſt mühſam durch einen künſtlichen Pro⸗ ceß zu einer ſchweren Zangengeburt kommen! Dafür iſt er aber auch ein Naturaliſt im ſchlimmſten Sinn des Worts, der nicht die entfernteſte Idee von einer künſtleriſchen Durchbildung hat. Er vertraute mir, er habe einmal einen Ro⸗ man ſchreiben wollen, die„Geſchichte eines Genies.“ Hätt' ers doch gethan! es wäre ihm ein gutes Mittel geweſen über ſich ſelbſt klar zu werden; denn an ihm hab' ich geſehen daß die geöffnete Lippe, die gelöste Zunge noch nicht den Dichter macht. Nun, wer kanns ihm übel nehmen daß ſein verkrüppeltes Schickſal auch ſeine Muſe in die Tiefe mitgeriſſen hat! Und was er macht? das gäbe Rubriken! das eine Mal köſtliche Volkslieder, die man nach Jahr⸗ hunderten noch ſingen wird als wären ſie eben friſch entſtanden— Iſt das nicht genug für einen Dichter? Das andre Mal allegoriſche Schau⸗ und Singſpiele, durch Langeweile tödtend, zu Ehren ſeiner geſtrengen Gönner. Ich habe ſchon gedacht ob ſie nicht als heimliche Mordattentate anzuſe⸗ hen ſeien. Freiheit! was thut man nicht um der Freiheit willen? Die falſche Münze läßt ſich ja nachher ausmerzen. Du biſt gegen andre liberaler als gegen dich ſelbſt. Und weiter? Dann macht er Gaſſenhauer für die Soldaten, die an Unge⸗ zogenheit ihres Gleichen ſuchen, und daneben wieder geiſtliche Lie⸗ der die wie Anatheme dagegen klingen. Das ſind ein paar Muſen über die Neunzahl. Neulich machte er ein Gedicht auf den Abzug des Pfarrers von Kornweſtheim, worin der Vers vorkommt: Chriſti Füße, gleich wie Meſſing, Treten mehr als einen Leſſing, Treten Teufel ſelbſt in Koth. 277 Schiller lachte laut auf. Armer Leſſing! Aber ein koſtbarer Reim, wie mit dem Hammer geſchmiedet! Cyklopiſche Arbeit! lachte Heinrich. Ja, ſagte der Dichter, in Namenreimen iſt er ſtark. Heinrich recitirte weiter: Engel, die Befehle bringen, Rufen dich nach Echterdingen.— Geh und laſſe dein Kornweſten, Sag' es auch zu andern Gäſten, Kommt, denn alles iſt bereit. Da kannſt du's ſelber leſen: es iſt als fliegendes Blatt gedruckt worden, und ich habe es eben bei mir. Schiller las murmelnd. Ganz der fertige Improviſator! rief er: die Verſe laufen daß es eine Luſt iſt. Aber ſieh nur, da haben ſie beim Leſſing mitten im Text die Bezeichnung„Irrlehrer“ in Klammern beigeſetzt, damit die Schafe gleich mit der Naſe auf den Wolf geſtoßen werden. Ja, da iſt irgend ein gemeinnütziger Scholiaſt drüber ge⸗ kommen.. Meſſingfüße, wiederholte der Dichter und wollte nicht aus dem Lachen kommen. Ein ſchlechtes Pedal übrigens, das man weder am Helikon noch im Himmelreich dulden ſollte. Und das pauvre Metall iſt eine Blamage für unſer reiches wirtenbergiſches Kir⸗ chengut. Hierin möchteſt du ihm wohl Unrecht thun, bemerkte Heinrich. Du weißt, er liebt ſich alterthümlich auszudrücken, und das Wort iſt älter als die moderne Compoſition für die es jetzt gebraucht wird. Früher aber bezeichnete es ein Metall das theologiſch wie äſthetiſch zugelaſſen iſt, nämlich das Erz. Das hätte der dienſtfertige Scholiaſt auch beiſetzen dürfen. Indeſſen hab' ich jetzt doch wieder was gelernt, und dieſe eure Erdwarze iſt mir ſomit nicht bloß zum Gradus ad Parnassum ſondern ſogar zur— Akademie geworden, Er verbeugte ſich feierlich gegen ſeinen vormaligen Lehrer. Spotte nur! verſetzte dieſer: aber wenn man ſo lang nicht auf dem Katheder geweſen iſt, ſo mag man wohl einmal von der Lehrwuth befallen werden. Doch du kannſt ruhig ſein, du findeſt bei mir weder Akademie noch Stoa, letztere freilich ſo wenig daß du wohl thun würdeſt ſtatt des Schülers den Lehrer zu machen und mir eine Bergpredigt über Sanftmuth, Friedfertigkeit und Geduld zu halten. Aber ich will dir nicht mit meinen Klaglie⸗ dern beſchwerlich fallen, da du an deinen eigenen Sorgen genug haben wirſt. 4 Laß mich nur erſt in Mannheim ſein und feſtſitzen! rief der Dich⸗ ter. Ich will dir ſchon einen Boden bereiten, und dem Schubart auch. Wenn ihr nicht bald los werdet ſo befrei' ich euch. Ja, ſieh mich nur an unter den Pfälzern weiß ich luſtige Herzen, die wohl ein gutes Werk wagen um Mitternacht. Das muß ſich alles geben. Komm! es wird ſonſt zu ſpät für mich. Sie gingen zu Schubart. Da aber General Rieger bei dieſer Unterredung der beiden Dichter von Anfang bis zu Ende anweſend blieb, ſo fiel dieſelbe ſteif und froſtig aus. 6. —— Das iſt des Sängers Fluch. Uhland. Wiederum war eine von den bangen, ſtillen, dumpfen Wochen abgelaufen, welche keine Fußſtapfen in der Seele hinterlaſſen, als Heinrich eines Abends über den Platz gehend an den erhellten Fenſtern des Schulmeiſters vorüberkam. Er hörte Gläſer klirren, auf den Tiſch ſchlagen, und erkannte Schubarts Stimme, die in heftiger Bewegung redete. In der Vorausſetzung ſeines baldigen gänzlichen Freiwerdens, woran niemand zweifelte, hatte der Com⸗ mandant ſeine Kette verlängert, ſo daß er hie und da einen Abend außerhalb ſeiner Klauſe zubringen durfte. Che unſer Freund zu einem rechten Entſchluß gelangen konnte war der Fuß dem Kopfe ſchon vorangeeilt, und er befand ſich auf der Schwelle. Dort kam ihm der Schulmeiſter in der äußerſten Beſtürzung entgegen. Was gibt ess? rief Heinrich. Helfen Sie uns Herrn Schubart beruhigen! Er iſt dahinter gekommen daß man ihm die Freiheit trüglicher Weiſe verſprochen hat, und jetzt da der Termin abgelaufen iſt tobt er und iſt ganz außer ſich. Er wird uns alle um den Hals reden. Unſer Freund eilte hinein und erblickte zunächſt einen Haupt⸗ mann, der beiden Arreſtanten ſchon manche Stunde freundliche Geſellſchaft geleiſtet hatte und dem Dichter beſonders wohlwollte, 280 Heute ſaß derſelbe in nicht geringer Beklemmung da und hielt, unſchlüſſig ob er gehen oder bleiben ſollte, ſein Glas in die Hand gepreßt. Er gab dem Ankömmling einen heimlichen Wink, und Heinrich eilte Platz zu nehmen. Oben am Tiſche ſaß Schubart mit brennendem, von Leiden⸗ ſchaft ſchwangerem Angeſicht. Seine Augen glühten und ſtarrten in die leere Luft. Er hatte den Eintritt des Freundes nicht be⸗ merkt. Nun begann er mit einer Stimme die zuerſt wie das Murren eines erwachenden Löwen klang und dann zum Rollen des Donners ſich ſteigerte: Eine Zeit, und noch zwo Zeiten, und noch eine halbe Zeit! Harre hie, harre da! Warten, warten und immer warten aufs Beſſre ſoll der Menſch. Im Grabe noch ſoll er auf den jüngſten Tag warten. Wenn ein Geiſt erlöst werden ſoll ſo brüllt der Teufel: Hund, deine Zeit iſt noch nicht! Wenn Leibeigene frei werden ſollen ſo ſchreit der Edelmann: das Volk iſt noch nicht reif! Wenn Sklaven ledig werden ſollen krächzt ihr Barbar: man kann ſie nicht freilaſſen, ſie ſind zur Sklaverei geboren! Er ſchlug auf den Tiſch: eine Flaſche Wein, ſag' ich! Die Flaſche wurde gebracht. Er goß ſie auf einmal hinunter, daß der Schulmeiſter vor Grauſen die Hände zuſammenſchlug. Dann ſtieß er ſie auf den Tiſch und rief gen Himmel ſehend: Kannſt du's denn noch länger dulden wie deine Creaturen dich behandeln? Deinen Purpur haben ſie dir geſtohlen und deine Majeſtät in Fetzen geriſſen und ſich darein gekleidet, und mit dei⸗ nen Donnerkeilen pfuſchen ſie ein ärmlich Faſchingswerk. Sie ſpringen mit dir um wie mit einem gichtbrüchigen alten Herrn, der kümmerlich von ſeinen Renten lebt. Wie? haſt du keine Blitze mehr? Gott ſei bei uns! rief der Schulmeiſter: er redet Läſterungen. Vornehmlich gegen dieſen— dieſen— Der Hauptmann war aufgeſprungen und hielt ſich die Ohren zu, um dieſelben nicht zu compromittiren. Jeden Augenblick konn⸗ 1 281 ten andere Offiziere in die Wirthſchaft kommen. Heinrich faßte den Raſenden am Arm und zog ihn fort. Nicht hier! nur nicht hier! rief er. Schubart ließ ſich willenlos hinausführen. Wenn Du dich nicht rührſt, ſchrie er, ſo will ich mich ſchon ſelbſt von dieſem Ga⸗ liotenleben zu befreien wiſſen. Nur ſtill jetzt! rief Heinrich, indem er ihn drückte und ſchüt⸗ telte: Sie ſollen und müſſen ſich Luft machen— aber nicht hier! — Bedenken Sie die Gefahr in welche Sie dieſen treuen, anhäng⸗ lichen Ehrenmann ſtürzen! Der Hauptmann, der ſich an ſeiner andern Seite hielt, that ebenfalls ſein Möglichſtes mit Zureden; beide ſprachen zugleich in ihn hinein, ſo daß er nicht zu Worte kommen konnte. So ſchleppten ſie ihn nach dem Wall, wo ſie ihn am ſicher⸗ ſten von unberufenen Hörern ferne halten konnten. Er ließ ſich ruhig führen und war ganz ſtill geworden. Mit einer ſtummen Gebärde voll ſchwerer Anklage wies er auf den Thurm in welchem er ſo lang geſchmachtet hatte. Dann ging er mit großen Schrit⸗ ten vor ſeinen Begleitern her. In der Richtung gegen Stuttgart, das in der Ferne hinter ſeinen Hügeln verborgen lag, ragte eine alte Baſtei mit hohem Raſenaufwurfe über den Wall. Mit einem Sprung hatte er ſie erſtiegen. Die Beiden fürchteten er wolle ſich über die niedere Bruſtwehr in den Graben ſtürzen; ſie eilten ihm nach und ſuchten ſich ſeiner wieder zu bemächtigen; er aber riß ſich los, daß beide zurücktaumelten, trat gegen den Rand vor und rief mit ausgeſtrecktem Arm in die Nacht hinaus: Schläfſt du ſchon, Tyrann? Du ſollſt nicht ſchlafen! Durch die ſchweigende Ferne dringe der Ton meines Fluchs zu dir! Pocht dir das Herz? Hörſt du es rauſchen in der Galerie? Siehſt du wie die Fenſtervorhänge ſich bewegen? Rufe deine Kämmer⸗ linge und laß dir die Unruhe von der Seele wegſchwatzen. Schicke die Bedienten mit Laternen auf die Felder und Hügel hinaus, ob din Gewitter im Anzug ſei, Umſonſt, durch alles Geplauder, 282 durch alles Getümmel deiner Hoflarven hindurch dringen die Seuf⸗ zer derer die du eingekerkert, die Schatten derer die du elend ge⸗ macht haſt. Oder wiegſt du dich in den Armen feiler, bezahlter Liebe? Sie lohne dir wie du andern gelohnt! Die ſiedende Feuerpein dir in die Knochen, der du den Armen wegreißeſt aus den keuſchen Umarmungen ſeines Weibes, von dem ſüßen Lallen ſeiner un⸗ mündigen Kinder! der du ihn einlullſt mit lockenden Verſprechun⸗ gen der Freiheit, und ihn mit teufliſchem Hohn wieder hinunter⸗ ſchleuderſt ins Kerkergewölbe. Nein, du haſt kein Herz! du haſt meinen Sohn, dem du die Affenanſtalt deiner Schulmeiſterslaune öffneteſt, du haſt ihn in Eine Abtheilung mit dem Sohne meines Verräthers zuſammen⸗ geſteckt, weil er von derſelben Leibesgröße war. Du weißt nicht daß Menſchen menſchlich empfinden! Weißt nicht wie es der frei⸗ geborenen Seele des Dichters iſt, wenn er im Käfig ſitzt und die Vögel draußen vorüberfliegen ſieht! Weißt nicht was die verlaſ⸗ ſene Wittwe fühlt, wenn ſie ihr einſames Lager mit Thränen badet, während du den deutſchen Voltaire, wie du ihn nennſt, zum Chriſtenthum zurückführen willſt, fratzenhafter Defenſor du der Religion!. Fluch dir, ewigen Fluch! Nimmer ſterbend ſoll der Wurm an dir nagen, und dein Feuer ſoll nicht auslöſchen! Sei einſam in deinem Alter, einſam in deiner letzten Stunde! Keinen Tropfen der Linderung flöße Liebe dir in die verdorrten Lippen, wenn der heiße Todesengel drauf ſitzt; denn du haſt keine Seele geliebt! Wie du die Menſchen mißhandelt haſt und nur zu Mitteln deiner Selbſtſucht gemacht, ſo finde keinen ders wohl mit dir meint! Falſche Zungen ſeien um dich, mit dem leeren Geplapper der Schmeichelei das allein willkommen iſt, Lobredner ins Geſicht und Fratzenſchneider hinterm Rücken, aber keine Seele die es treu mit dir meint! Fühle das in deiner Todesſtunde! überſieh, von einem Engel aufgedeckt, dein ganzes Leben! Empfinde heulend, wie —,— 283 3 reich es geweſen wäre wenn du Herzen um dich verſammelt hätteſt! Sieh es noch mit an wie ſie ekel von deinem abſterbenden Leich⸗ nam fliehen, und erzähl' es deinem Hochmuth wie du vergeſſen biſt noch eh du die Augen geſchloſſen haſt! Fluch dir, eitler Verderber! kindiſcher Peiniger! Was du am meiſten fürchteſt das komme über dich! Sei lächerlich und ein Spottlied bei den Männern! Spurlos zerfallen die Gebilde deiner Citelkeit, deine Schlöſſer, deine Gärten mit ihrer hohlen Pracht, und dein Stolz, das Spielzeug deiner Ruhmſucht, deine Affen⸗ ſchule werde nicht mehr geſehen! Dann möge ein Teufel deine Seele ans den tiefſten Klüften heraufreißen und zuhören laſſen wie die Nachwelt über deinen Trümmern— nicht ſchmäht, nicht flucht! das wäre noch Nahrung für deinen Hochmuth! nein, wie ſie mit einem geringſchätzigen Lächeln von dir redet und unwillig zu einem andern Gegenſtande eilt. Dann zucke die Wuth in deiner ohnmächtigen Fauſt! dann lodere die alte Götterlaune, den Verwegenen zu zerſchmettern! Vergebens, du biſt ein jämmer⸗ licher Schemen, nichtiger als die ärmſte Creatur die über deinem Grabe Kehricht ſammelt. Das ſieh mit an und laß es an dir freſſen durch alle Ewigkeiten hindurch. Die beiden Zeugen dieſes Fluches waren entſetzt zurückgetreten. Der Dichter wandte ſich um, indem er die Hand gegen Stuttgart ſchüttelte. Schonen Sie ſich doch! wagte Heinrich endlich zu ſagen: ſolch übertriebenes Stürmen muß Sie ja zu Grunde richten. Im Gegentheil! erwiderte Schubart ganz gleichmüthig, wäh⸗ rend er den Arm an ſich zog: da hat ſich meine Natur entladen wie in einem Gewitter. Jetzt iſt mirs wieder leicht, alles rein vom Herzen herunter; alſo muß es wohl dort drüben eingeſchlagen haben. Uebrigens ſtill jetzt! es geht mir etwas im Kopfe herum. Er ſtieg ſinnend und murmelnd von dem Hügel wieder auf den Wall hinab; die beiden andern folgten ihm beſorgt. ——õõ 284 Ich habs! rief er endlich. Kommt, trinken wir noch ein Glas, es gilt eine Geburtſtunde zu feiern. 4 Nein, rief Heinrich, Wein iſt Gift für Sie. Keinen Tropfen mehr! Aber der unaufhaltſame Mann hatte ſich ſchon losgeriſſen und ſtürmte auf dem kürzeſten Wege zum Schulmeiſter zurück. 3 Folgen Sie ihm! ſagte der Hauptmann, der bisher treulich . ausgehalten: ich will in aller Eile die Poſten viſitiren, ich bin bald wieder da. Gottlob nur daß niemand in der Nähe war! Als Heinrich eintrat fand er den Dichter zu ſeiner Verwun⸗ derung und Freude bei einem Glaſe Waſſer. Er hielt es ihm lächelnd entgegen; der Schweiß rann ihm in Strömen von der Stirne. Setzt Euch! rief er dem Eintretenden entgegen: ſchreibt! Ihr wart ja ſchon einmal mein Amanuenſis. Die Thüre ging auf und ein junger Menſch trat herein mit der Frage ob Herr Schubart noch da ſei. Biſt du es, mein Söhnchen, mein Fourierchen, mein kleiner St. Johannes? Du kommſt eben recht: ſetz' dich und ſchreib'! Du biſt doch der beſte Secretair den ich finden kann.— Schreib⸗ zeug, Schulmeiſter! und gebt ihm Wein!— Was bringſt du denn da? Das Schauſpiel, ſagte der Fourier, das ich ſo ſchön für Sie abſchreiben ſollte. Sehen Sie obs gut gerathen iſt. Wie? rief der Dichter mit einem dämoniſchen Lächeln: das Schauſpiel auf den durchlauchtigſten Beſuch? Den Panegyrikus? Das iſt ja ganz einzig! Höre, den nimmſt du zur Unterlage! So, und nun ſchreib! Da liegen ſie, die ſtolzen Fürſtentrümmer, Ehmals die Götzen ihrer Welt! Der Fourier ſchrieb, und in Hand und Eeſicht drückte ſich die krampfhafte Anſtrengung aus, den ſturmſchnellen Worten des Dichters nachzukommen. Heinrich, der im Fenſter lehnte, hob ſich 285⁵ immer höher, wie von nächtlichen Gewitterwolken getragen. Der Hauptmann war inzwiſchen wieder eingetreten und hörte mit be⸗ denklicher Miene zu, beſtändig nach der Thüre ſehend, ob keine gefährliche Zuhörerſchaft anrücke. Der Dichter ſchloß endlich: Wo Todesengel nach Tyrannen greifen, Wenn ſie im Grimm der Richter weckt, Und ihre Gräu'l zu einem Berge häufen, Der flammend ſie bedeckt. Haſt du geſchrieben, mein Söhnchen? ſagte er während die Feder noch flog. Nun ſieh einmal nach der Unterlage, obs nicht durchgebrannt hat auf die unterthänigen Krackelfüße drunter, ob nicht eine Durchlauchtigkeit die andre gefreſſen hat— Mach' die Die Fürſtengruft! rief Schubart nachdrucksvoll und ſah ſich mit großen Augen um.— Ich habe das in mir herumgetra⸗ gen, ſagte er nach einer Weile, ſeit ich einmal in der fürſtlichen Gruft zu München ein erſchütterndes Requiem hörte. Nun wer⸗ den die Thoren ſagen, es ſei eine Elegie in einer Schloßkapelle. Ich weiß es beſſer— Wein her!— und wills euch ins Ohr vertrauen. Es iſt von keiner Schloßkapelle— es iſt von Deutſch⸗ land die Rede— Wein her!— wenn das einmal eine Fürſten⸗ gruft ſein wird. Heran da! wir wollen inzwiſchen die Exequien halten. Deutſchland eine Fürſtengruft! Heinrich riß ihm die Flaſche, die er ſchon zur Hälfte geleert hatte, aus der Hand, und die beiden Freunde mußten beinahe Gewalt anwenden um ihn auf ſein Zimmer zu bringen. Die Aufſicht war neuerdings etwas ſchlaffer geworden. Der Haupt⸗ mann gab der Schildwache, die ihnen aufſchloß, einen bedeutenden 8 ——ÿy— 286 VWink, Heinrich drückte ihr ein Geldſtück in die Hand. Schubart glühte wie im Fieber. Sie hatten unſägliche Mühe bis ſie ihn endlich im Bette ſahen, und mußten ihn mehrmals am Aufſtehen verhindern. Endlich ſchlief er ein. Wir gehen nicht weg, ſagte der Hauptmann. Heinrich nickte. So ſaßen ſie neben ſeinem Lager und ſahen einander von Zeit zu Zeit mit ſtillem Kummer an. Und ſollt' ich mein hundertſtes Jahr erleben, ſagte endlich der Hauptmann mit einem ſcheuen Blick auf den Schläfer, ſo wird es mich bei der Erinnerung an dieſen Abend ſchaudern. Es war gräßlich! gräßlich! Und der Gedanke Deutſchland zu einer Fürſtengruft zu machen! Hat ſich Ihnen nicht das Haar geſträubt? Mich überraſchte dieſer Gedanke nicht im mindeſten, verſetzte ſein Mitwächter ruhig: denn, ſehen Sie, wenn man die Redner des Volks aufs Aeußerſte reizt ſo müſſen ſie zuletzt auf wilde Ge⸗ danken verfallen. Gemeiniglich aber, wenn den Menſchen endlich etwas einzufallen beginnt ſo fällt ihnen gleich gar viel auf ein⸗ mal ein. Der Hauptmann deutete auf den Schlafenden. Der fieber⸗ hafte Sturm in Haupt und Bruſt hatte ſich gelegt, und ein weh⸗ müthiges Lächeln trat auf ſeine Lippen. 4 Jetzt träumt er wohl von Weib und Kindern, ſagte Heinrich und ging in eine Ecke um ſich die Thränen abzuwiſchen. Da auch die längſte Nacht ein Ende nimmt, ſo wurde es den guten Wächtern endlich Morgen. Mit dem erſten Strahl erwachte der Dichter ganz heiter und ſah die beiden Zimmergenoſſen verwundert an. Wie ſeid Ihr ſchon ſo früh hereingekommen? fragte er. Wir haben die ganze Nacht bei Ihnen gewacht, erwiderte der Hauptmann. 287 Was? iſt es denn ſo ſchlimm geweſen? O ihr treuen Seelen, wie ſoll ich euch danken? Iſt Ihnen wohl? fragte Heinrich. Ein ganz klein wenig flau; laßt mir doch Waſſer kommen. Das macht die Gefangenſchaft. Wenn ich frei wäre wollt' ich gewiß dreimal ſo viel vertragen. Hab' ich denn tolles Zeug aus⸗ gehen laſſen? wie? Der Hauptmann erzählte ihm mit wohlwollend verweiſendem Tone wie er gerast habe. Ja, ja! ſagte der Dichter nachdenklich: Utamur ergo parcius Verbis, cibis et potibus, Somno, jocis, et arctius Perstemus in custodia! Es klopfte an der Thüre. Der Fourier ſah ſchüchtern herein und ſagte: Wünſche recht wohl geruht zu haben! ich wollte nur die Papiere bringen, die der Herr Schubart geſtern im Wirths⸗ hauſe gelaſſen haben. Der Dichter griff haſtig nach den Schriften, warf das Schau⸗ ſpiel auf den Boden, ſo daß der Fourier wehmüthig auf ſein Meiſterſtück niederſah, entfaltete das Gedicht und ſagte, indem ein lebhafter Zug der Erinnerung über ſein Antlitz ging: Die Fürſtengruft! ja, ja, ich weiß, weiß ſehr gut. Danke dir, mein Sohn, du haſt deine Sache brav gemacht. 4 Der Hauptmann trat auf ihn zu. Laſſen Sie doch dieſe Verſe nicht unter die Leute kommen! ſagte er: ſie ſind gar zu verletzend. Der Dichter ſah ihn an und las wieder. Er ſprang auf und trat an den Tiſch: Wahrhaftig, ſo geht es nicht! Man muß der Art noch einen Stiel drehen. Richtig! mit Speck fängt man Mäuſe. Warten Sie nur, ich werds gleich fertig haben:„Ihr aber, beſſre Fürſten, ſchlummert ſüße“— ſüße et cetera. Ich 7. Zu Straßburg auf der Schanz, Da ging mein Trauren an. Ein Alphorn hört' ich drüben wohl anſtimmen, Ins Vaterland mußt' ich hinüber ſchwimmen, Das ging nicht an. Volkslied. Heinrich hatte den Tag auf ſeinem Zimmer zugebracht, und fühlte ſich auch am folgenden Morgen nicht zum Ausgehen auf⸗ gelegt. Sein Nachbar hielt ſich ſtill; nur einmal hörte er daß Beſuch bei ihm war. Nachmittags endlich trieb es ihn hinaus. Er ſah fremde Uni⸗ formen auf dem Platze neben Garniſonsoffizieren und fragte im Vorbeigehen einen Soldaten: Was ſind das für Herren? Ruſſen, erwiderte dieſer. Ah ſo, die fremden Gäſte, dachte er und ging weiter. Wun⸗ derlich! von den Feſtivitäten hat Freund Schiller gar nicht ge⸗ ſprochen, und auch ich habe darnach zu fragen vergeſſen. Es zog ihn auf den Wall, zu einer Stelle hinter dem Schubartsthurm, an welchere er ſchon manches Stündchen ver⸗ träumt hatte. Wäre er ſich völlig über den Grund klar geworden warum er dieſe Stelle jeder andern vorzog, er hätte ſie vielleicht nicht ſo bald wieder beſucht. Heute fand er das Plätzchen beſetzt und wollte ſchon zurückgehen als er ſeinen Deſerteur erkannte. Haſtig eilte er auf ihn zu und klopfte ihn auf die Schulter. Der Schiller's Heimathjahre. II. 19 290 Mann wandte ſich langſam herum und unſer Freund blickte in ein fahles Geſicht mit erloſchenen Augen; die Jammergeſtalt ſaß gekrümmt am Boden. Er verbarg ſein Befremden über dieſe Verwandlung und ſagte: Nun, Ihr habt Euch alſo anders be⸗ ſonnen? Ich hab' wohl müſſen, erwiderte jener eintönig. Vielleicht iſts beſſer ſo. Wer weiß wie es Euch gegangen wäre. Der Soldat ſchwieg eine Weile, endlich ſagte er mit bittrem Lachen: Nun, ſchlechter hätts nicht gehen können.* Heinrich, welcher wußte daß man aus dieſer Art von Leuten nichts herausbringt wenn man geradezu fragt, ſagte nach einer Pauſe: Es muß Euch wohl ſchon hinderlich gegangen ſein in Eurem Leben. Ziemlich! Mein ganzes Leben iſt eigentlich durch einen Rech⸗ nungsfehler zu Grund gerichtet worden. Durch einen Rechnungsfehler? Wie ſo?— Er horchte hoch auf, denn er ahnte daß das Räthſel jetzt ſeine Löſung finden würde. Nun, dadurch daß dreimal drei Neunzehn war, erwiderte der andere. Das verſteh' ich nicht. Wills gern glauben! lachte der Soldat. Sie müſſen mir aber verſprechen nichts davon weiter kommen zu laſſen— zwar lang kann man mich nicht mehr plagen. Heinrich verſprach ihm Verſchwiegenheit. Der Soldat hob an zu erzählen, indem er mit großem Nachdruck immer nur ein paar Worte hervorſtieß und dann wieder einen Augenblick inne hielt. Seine Augen begannen nach und nach zu flammen. Hören Sie zu! Ein hoher Offizier tritt zu einem jungen alerten Bauernbuben. Du würfelſt mit mir! ſagt er: gewinnſt du, hier ein paar Ducaten! verlierſt du biſt du mein! Soldaten ſtanden herum, der junge Burſch' konnte nicht antworten wie er 3 291 gern gewollt hätte. Er wirft, und wirft Achtzehn. Dann wirft der Offizier, deckt die Hand auf die Würfel: Neunzehn! fort unter die Muskete!— Oh! Heinrich ſprang in die Höhe. Hab' ich denn das nicht ſchon einmal gehört? rief er. Sicherlich! aber es klingt mir wie aus ferner Zeit. Die Geſchichte iſt im ſiebenjährigen Krieg vorgefallen, verſetzte der Soldat: ich war damals ein blutjunger Burſche, und der Offizier der ſo ehrlich würfelte iſt— er wollte es flüſternd ſagen, aber es klang wie ein Geſchrei— iſt Seine Excellenz, der jetzige General von Rieger. Unſrem Freunde fiel es wie Schuppen von den Augen. Dieſe Geſchichte hatte er von dem Schmid gehört, der ihn einſt bei ſeinem Ritt von Illingen nach Stuttgart begleitete. Das mußte ſein Sohn ſein! Wo hatte er nur ſeine Sinne gehabt? Der Menſch ſah ſeinem Vater noch in ſeiner jetzigen Verwitterung ähnlich, und war nicht neulich als er ſo ſtraff und ſtämmig vor dem Commandanten ſtand und nicht tanzen wollte, war dem Zu⸗ ſchauer nicht eine bekannte Geſtalt vor die Seele getreten? Un⸗ glücklicher Vater! ſo nahe iſt dir dein Lieblingsſohn, und du glaubſt ihn längſt in Böhmen verfault! Ihr ſeid alſo ein Landskind? fragte Heinrich, um der Wahr⸗ heit noch näher auf die Spur zu kommen. Freilich bin ichs. Und wenn mein Vater auf den Kirchen⸗ thurm ſtieg' und rief' mit ſeiner ſtarken Stimme: Chriſtian! ich müßts beinah hier oben hören. Chriſtian! Es blieb kaum ein Zweifel mehr übrig. So hatte ja der Schmid ſeinen Sohn genannt. Aber wenn Euer Vater ſo nahe wohnt, warum gebt Ihr ihm keine Nachricht? Was? ſoll er den Jammer haben ſeinen Sohn wiederum unter den Soldaten zu finden? Oder ſoll er in ſeinen alten Ta⸗ gen noch ſo ein großes Geld ſchwitzen um mich loszukaufen? Deß⸗ 292 halb wollt' ich mich ſelber ranzioniren, und in der Nacht meinen alten Vater noch einmal ſehen, ob er noch lebt, und wieder in die weite Welt hineinlaufen, weiß ſelbſt nicht wohin. Aber es iſt mir ganz conträr gegangen. Wenn Euch Euer Vater lieb hat, ſagte Heinrich, ſo rückt er gewiß das Geld gerne dran. Bedenkt doch nur was ihm lieber ſein muß, das Geld oder der Sohn? Habs auch ſchon gedacht. Aber ich wußte nicht wie ich ihm Kundſchaft zukommen laſſen ſollte, denn man kann keinem Men⸗ ſchen trauen. Auch iſt keiner hier den ich nach ihm fragen könnte. Alſo weiß ich nicht einmal ob er noch lebt, und ob nicht mein Bruder die ganze Erbſchaft übernommen hat. Da iſt ſo ein alter Springinsfeld aus dem ſiebenjährigen Krieg nicht immer willkom⸗ men. Uebrigens iſt mein Peter ein ehrlicher Kerl, und mein Vater lebt gewiß noch; er hatte immer eine eiſenfeſte Geſundheit. Armer Teufel! dachte Heinrich, dem jetzt das ganze Trauer⸗ ſpiel wieder in die Erinnerung kam: dein Peter ſchläft ſchon lang, mit einer Kugel im Herzen, bei Geislingen. Er wollte aber ſeiner Sache ganz gewiß ſein und ſagte, nach⸗ dem er eine Weile ſchweigend in die Gegend hinausgeſehen: Es iſt doch das Vaterland! das iſt immer ein Troſt. Ja, Herr! ſagte der Soldat und ſtrich ſich den Schnurrbart: Unſer einer iſt nur ein gemeiner Kerl, aber es hat mir immer etwas gefehlt in der Fremde. Bei uns iſts halt anders! Und doch hatten ſie ihn ſo übel behandelt im Vaterlande. Es ſcheint Ihr ſitzt auch gerne hier, fuhr Heinrich fort: es ſſt mir eine Lieblingsſtelle. 3 Ja, die Ausſicht wär' gut. 8 Er ließ ſich die Ortſchaften benennen die von der Stelle aus zu ſehen waren. Dort hinten, fuhr er fort, bin ich einmal durch ein Städtchen geritten, man ſiehts nicht von hier aus, aber dort⸗ hin liegts, winklichter und holpriger iſt mir in meinem Leben keins vorgekommen. 1 4 293 Das iſt Vaihingen, ſagte der Soldat, und ein Lächeln flog über ſein trübes Geſicht. Richtig. Und im nächſten Dorfe mußte ich anhalten, um ein Hufeiſen aufſchlagen zu laſſen. Wie heißt das Dorf? Hinter Vaihingen? zum Beiſpiel. Roswaag. Nein, ſo hieß es nicht. Der Soldat nannte ein anderes. So hieß es auch nicht. Er beſchrieb den Weg. Da wo die Straße ſich gegen Pforzheim und Bretten ſcheidet, ſagte er. Der Soldat hatte ſich halb vom Boden erhoben, alle Mus⸗ keln zitterten in ſeinem Geſicht. Es heißt— ich glaub'— Jllin⸗ gen! Er ſagte es mit dem unwillig verhaltenen Tone womit der Menſch oft einen geliebten Namen ausſpricht den er ſtill im Her⸗ zen behalten möchte. Hab'ich dich? dachte Heinrich. Nun, da kann noch Rath werden. Hat er auch die Tochter mir vom Herzen geriſſen, zu einem guten Werke wird er die Hand gerne bieten. Gleich morgen ſchreib' ich an ihn. Hört, Mann, wendete er ſich zu Chriſtian, nachdem ſie geraume Zeit ſtumm neben einander geſeſſen waren, ich habe mir die Sache bedacht. Vertraut Euch mir und laßt mich an Euren Vater ſchreiben. Chriſtian ſah ihm lang ins Geſicht und eine Thräne trat in ſeine Augen. Es iſt zu ſpät, ſagte er, aber Sie ſollen mein Teſtamentsvollſtrecker ſein, Herr, und Gott wirds Ihnen lohnen. Wenn ich ſterbe ſo will ich Ihnen meines Vaters Namen ſagen, und Sie wenden dann vielleicht ein paar ſchriftliche Worte an ihn. Warum denn aber nicht gleich? fragte Heinrich mit Ungeduld. Ich will Ihnen, erwiderte Chriſtian ohne auf ſeine Frage zu antworten, meinen Lebenslauf erzählen, daß Sie ihn in der Kürze berichten können. Er holte mühſam Athem und begann: Als mich der Oberſt Rieger angeworben hatte, mußt ich gleich nach Böhmen marſchi⸗ ren. Dort ergriff ich die erſte Gelegenheit, und das ſamt meinem 294 halben Regiment und mit klingendem Spiel!— zu den Preußen über⸗ zugehen, wo es mir anfangs auch ganz wohl gefiel. Und ſo wärs geblieben wenn ich hätt' immer bei den Actionen mitſein dürfen. Aber ich kam nachher zu einem Garniſonsregiment, und— Herr, ich will mich nicht beſſer machen als ich bin— der Menſch iſt eben ein Menſch— ich dachte an meinen Vater zu Hauſe, und ein Mädchen hatt' ich auch daheim gelaſſen, und mein Schickſal machte mir zu ſchaffen wenn ich ſonſt nicht viel zu thun hatte— da legt' ich mich auf den Suff, und damit hat man bei den Preußen wenig Ehre. Drum, als es nicht mehr gut thun wollte, lief ich zu den Oeſtreichern. Mit denen iſt ſchon beſſer auszukom⸗ men was das betrifft; auch nahm ich mich mehr in Acht. Es wurde Friede, ich blieb, und hatte es gut. Ich wurde in eine Stadt gelegt, wo ich das Schmidhandwerk nebenher treiben durfte und mir manchen ſchönen Gulden verdiente. Es werden wohl zwanzig Jahre ſo vergangen ſein. Ich war zufrieden: heim konnt' ich ja nicht und Nachricht von den Meinigen wußt' ich mir auch nicht zu verſchaffen. Da— ſtoßen Sie ſich nicht an meinem Aus⸗ ſehen, ich war vor einem Jahr noch ein ganz ſauberer Kerl und bin erſt ſeither ſo alt geworden, wohl um zehn Jahre älter— da widerfährt mirs in meinen geſtandenen Jahren, wie ich an gar nichts dergleichen mehr dachte, daß ein Weibsbild ihre Augen auf mich wirft; mein Schatz zu Hauſe hatte inzwiſchen ſeinem vorherigen Alter das Doppelte zugelegt und wird ſchwerlich auf mich gewartet haben: und wie es ſo geht, wir kamen um den Altar herum eh der Pfaff das Kyrie ſingen konnte. Nun gabs einen großen Lärmen unter der Verwandtſchaft. Sie wollten mich loskaufen und zum Meiſter machen und da ſollt' ich das Mädel heirathen. Das hätt' ich auch von Herzen gern gethan, wenn ich nur nicht auch die Religion hätte changiren ſollen. Aber dabei fiel mir immer mein Vater ein, was der dazu ſagen würd' wenn ers erführe. So wußt' ich mir nicht mehr zu rathen noch zu helfen, und, Herr, der Menſch will eben heim, wenn ers noch 2 2 2 295 ſo gut hat in der Fremde. Ich dachte, zu Haus könnte jetzt Gras über der alten Geſchichte gewachſen ſein, ſteckte mein bischen Geld zu mir, warf Muskete und Schmidhammer weg, und lief davon; aber ſie hätten mich beinah gekriegt. Nun, da kamt Ihr alſo ins Vaterland zurück; aber warum habt Ihr denn da auch wieder die Montur angezogen? Iſt gut fragen! Ich wurde unterwegs von Räubern ausge⸗ plündert, lag ein halb Jahr in einem Gutleuthaus krank, mußte mich von Ort zu Ort durchbetteln, und da griffen ſie mich an der Grenze auf. Ich glaubte freilich, mein Handel werde verjährt und vergeſſen ſein, und hätt' mich auch nach J— wollt' ſagen nach Haus gewagt, doch aber mit Vorſicht, und da hätt' ich bald geſehen ob ich kecklich bleiben kann oder nicht. Aber als man mich an der Grenze nach meinem Namen und Vaterland fragte, da hatt' ich doch das Herz nicht die Wahrheit anzugeben; und ſo ſtießen ſie mich als Vagabunden wieder unter die Soldaten, und alle blauen Donnerwetter müſſens regieren, daß ich grad' auf den Asberg und zu meinem alten Oberſten kommen mußte. Das war freilich ein unglückſeliges Zuſammentreffen! Ja, Herr, das Herz kehrte ſich mir im Leib um als ich ihn ſah. Es war ihm ſeither auch ſchlecht gegangen, dem Menſchen⸗ ſchinder; dennoch aber hätt' ichs ihm zehnmal ärger gegönnt, ſo feind war ich ihm. Und er? hat er Euch denn erkannt? Glaub' nicht, ſonſt hätt' er ja kurzen Prozeß mit mir machen können. Aber es war als ob man ihm etwas gegen mich einge⸗ geben hätte. Wir ſahen einander kaum an, ſo wars fertig. Gleich vom erſten Augenblick an war er ſpitz gegen mich. Es iſt, ſagte Heinrich, als ob er ſeinen Feind gewittert hätte. So was muß es geweſen ſein. Und nun, was ſoll ichs lang machen? Ich that meinen Dienſt, wie ein braver Kerl, und nie⸗ mand kann mir was vorwerfen, niemand! Aber grün war ich ihm nicht: zu ſeinen frommen Faxen und ſeinen Tanz⸗ und 296 Komödiantenpoſſen hätt' ich mich in keinem Fall hergegeben, ſo aber am allerwenigſten, da ich ſah daß es ihn ärgerte. Und je mehr es ihn ärgerte deſto verſtockter war ich, und war das mein einziger Troſt, mein Eſſen und Trinken, daß ich ihn ärgern konnte. Und wenn er ſchrie, der Schlag ſollt' ihn rühren, ſo war mir das was einem guten Katholiken ſein Weihwaſſer iſt. So kamen dann Mißhandlungen und Züchtigungen, und weil ichs, Gott weiß es, das wenigſte Mal verdient hatte, ſo machte mich das immer verſtockter. Ja, ich hab' ihm das Leben ehrlich und redlich ſauer gemacht; denn wenn ſo ein großer Herr die Gewalt hat zu quälen und Unrecht zu thun, ſo iſt dem Armen und Zer⸗ tretenen auch ein Stachel gegeben. Der Unglückliche lächelte ingrimmig bei dieſen Worten. Das iſt ein armſeliger Troſt, rief Heinrich. Feindſchaft er⸗ nährt nicht. Das muß aufhören, Ihr müßt fort. Ich ſchreibe heute noch Eurem Vater. Es iſt zu ſpät, Herr, ſagte Chriſtian. Ja, wenn ich Sie früher gekannt hätte ſo hätt' ich vielleicht noch glücklich werden können. Aber ſo ſaß ich da und mußt' mein Elend kauen, und hatte niemand dem ich mich verrathen konnte. Das hat mir ſo nach und nach das Herz abgedrückt. Wenn ihr nur erſt in Freiheit ſeid, ſagte unſer hoffnungs⸗ voller Freund, ſo wird ſich das ſchon geben. Jetzt faßt Guch voll⸗ ends in Geduld und erleichtert Euch das Fortkommen. In weni⸗ gen Tagen muß Hilfe da ſein. Es iſt zu ſpät, ſag' ich. Warum iſts denn zu ſpät? rief Heinrich auf den Boden ſtampfend. Sehen Sie denn nicht daß ich hin bin? antwortete der Sol⸗ dat mit dem Lächeln der Verzweiflung. Ich werds nicht lang mehr treiben. Wie? eine ſo ſtarke Natur! 297 Ja, wenn der Fall nicht wäre! ich bin ja verunglückt als ich durchgehen wollte. Warum ſagt Ihr mir das erſt jetzt? Was iſt Euch denn geſchehen? Ich hatte dem Commandanten alle ſeine Seile aus der Waſch⸗ küche genommen, um ihn zu guter Letzt noch einmal rechtſchaffen zu ärgern. Eine Leiter hatte ich auch geſehen; man hatte den Tag von den Bäumen im Graben Obſt heruntergethan. So weit war alles gut. Wie ich mich aber hinablaſſen wollte, war ich zu eilig und ungeſchickt, weil ich mich ſo lang mit Ihnen aufge⸗ halten hatte, und ſo fiel ich die ganze Höhe hinab. Herr! das war eine Nacht. Als ich endlich wieder kriechen konnte ſuchte ich die Leiter, um über die äußere Mauer zu entkommen. Dort wär! ich in den Weinbergen geweſen, und wenn ich mich nur noch in einen Wald hätte ſchleppen können, ſo wär' ich doch wenigſtens in der Freiheit geſtorben. Aber die Leiter war nicht mehr da, Gott weiß wer ſie weggenommen hat. Alſo, um nicht todtgeprü⸗ gelt zu werden, nahm ich, wie es gegen den Morgen ging, all mein Bischen Kraft zuſammen und klomm mit Hilfe des Seils die ſteile Mauer wieder hinauf, brachte das Seil wieder an ſeinen Ort, und kroch mit allen Schmerzen des Leibes und der Seele in meine Hölle zurück. Ja, da mögen die Teufel gelacht haben. . Heinrich ſchlug die Hände vor das Geſicht. Menſch, du brichſt mir das Herz! rief er. Der Jammer wird bald zu Ende ſein, ſagte Chriſtian. Ich muß mir was im Leib verfallen haben, der Tod treibt mich um⸗ her. Der Doctor, der mich ins Lazareth geſprochen hat, weiß natürlich nicht was es iſt; aber ich ſeh' ihm an daß er mich auf⸗ gegeben hat. Soll ich nun meinem Vater, der mich längſt ver⸗ ſchmerzt hat, neues Leid machen? Es iſt vielleicht beſſer, er er⸗ fährt gar nichts mehr von mir. Der Arzt iſt menſchenfreundlich, ſagte Heinrich: laßt mich mit ihm reden. 298 Nein! nein! rief Chriſtian: das käme vor den Comman⸗ danten.. Was iſts mit dem Commandanten? rief eine ſtrenge Stimme und General Rieger ſtand hinter ihnen. Das iſt mir ein ſaube⸗ res und höchſt würdiges Complott! Der Kerl da ſchleicht mir ſeit einiger Zeit ganz heimtückiſch herum, und Sie, mein Herr, was haben Sie mit meinen Soldaten ſo leiſe abzureden?— Er ſah ſeinen Gefangenen verächtlich an.— Sie haben fürs Erſte Zim⸗ merarreſt. Morgen will ich weiter fragen. 3 Heinrich machte eine kurze Verbeugung und wandte ſich um zu gehen. Und du, Kerl, kommſt ſogleich mit mir! Ich will dir die Heimlichkeiten vertreiben. Heinrich, der dieſe Worte gehört hatte, eilte zurück. Ich bitte Sie bei allem was heilig iſt, rief er: ſchonen Sie ihn, er iſt krank! Sie ſchweigen! donnerte der Commandant. Und wenn Sie es noch einmal wagen für ihn zu ſprechen, ſo ſoll er dafür dop⸗ pelte Strafe bekommen. Marſch, Kerl! Heinrich ging auf ſein Zimmer. Nach kurzer Zeit hörte er die Thüre verſchließen. Er eilte an die Sprachlücke und fragte ſeinen Nachbar ob er ihm wohl einen Brief beſorgen könnte. Schubart verſprach es bereitwillig, ſo bald er Gelegenheit haben würde. Der Dichter vernahm das unangenehme Schickſal ſeines Mitgefangenen, ohne daß dieſer die Urſache weitläufig berichten mochte, und gab ſich alle Mühe ihm die Zeit zu verkürzen. Als Heinrich endlich ungeſtört war, ſagte er, im Zimmer auf und niedergehend: Nun, wenn ich dieſem Menſchen noch helfen kann ſo bin ich doch nicht vergebens hier geweſen. Er wollte an den alten Pfarrer in Illingen ſchreiben, aber ſo ſehr die Umſtände drängten, ſo war er doch ungewiß wie bald 4 der Brief fortkommen würde. Wir ſind alle auf das Warten angewieſen, ſagte er. Wie kann ich noch klagen wenn ich an 299 dieſen ſtillen Dulder denke, der in der Nähe der Heimath leidet und ſchweigt, der an der Pforte der Freiheit mit zerſchlagenen Gliedern liegt und in die Verdammniß zurückkriecht, der ſtumm ſeine Schmerzen mit ſich herumträgt! Doch es wird ja nicht am Aeußerſten ſein. Für körperliche Schäden gibts Arzneien, und für Seelenleiden gibt es dießmal auch eine Hilfe, die Heimath. Wenn alles fehlſchlägt ſo muß Riegers Gewiſſen herhalten und den falſchen Wurf zu kauen bekommen; aber heute läßt ſich nicht mehr mit ihm reden. Muth! der alte verlaſſene Vater ſoll noch ſeine Freude erleben! So tröſtete er ſich mit dem Gleichmuth eines Menſchen dem nicht der Hunger und der Kummer und der Tod am Herzen frißt. 8. Ich wohn' in meiner Liebſten Bruſt, In ihren ſtillen Träumen. Was iſt die Welt und ihre Luſt? Ich will ſie gern verſäumen. Was iſt des Paradieſes Luſt Mit grünen Lebensbäumen? Ich wohn’ in meiner Liebſten Bruſt, In ihren ſtillen Träumen. Rückert. Im letzten leichten Morgenſchlummer hatte er ein wunderba⸗ res Geſicht.— Es war ihm als ob er in eine weite unabſehbare Landſchaft verſetzt wäre, die ſo weit ſein Auge reichte voll Getreide ſtand. Die Aehren waren gelb und reif, und harrten der Sichel. Da ſah er einen Greis der langſam durch das hohe Korn herunter kam. Geſtalt und Gewand war nicht wie eines Menſchen. Roſige Morgenwolken ſchwebten um ſeine hohe Stirne, aus ſeinen Augen drang ein nie geſehenes und doch nicht blendendes Licht, und ein göttliches Lächeln ſpielte um ſeinen Mund. In den Aehren aber erhob ſich ein ſanfter Wind, der nicht von Einer Seite, ſondern ſie ſchienen ſich rings vor der überirdiſchen Erſcheinung zu neigen. zugleich von allen Weltgegenden kam. Er bewegte die Aehren daß ihre Wellen von überall her durch die weite Ebene liefen; Der Greis kam näher und erhob das Angeſicht; auch in der 301 Seele des Träumenden war es wie in einem wogenden Saatfeld, und er erwachte mit unbeſchreiblicher Bewegung. Indem er noch dieſem Traumgeſichte nachſann, hörte er wie die Schildwache ſeine Thüre aufriegelte. Ein Soldat trat herein: Einen Empfehl vom Herrn General, und hier überſchicke er eine geiſtliche Seelenſpeiſe, und der General wünſcht daß ſie wohl be⸗ kommen möge! ſagte er mit ſo ſteifem ſoldatiſchem Tone daß Heinrich laut auflachen mußte, und reichte ihm ein Briefpaket. Was mag das bedeuten? rief er als der Rekrut abgegangen war. Er beſah die Aufſchrift: ſie war von einer unbekannten Männerhand. Auch das Siegel erinnerte er ſich nie zuvor geſe⸗ hen zu haben. Er drehte den Brief hin und her und erbrach ihn endlich. Aus dem Couvert fielen ihm mehrere Schreiben entge⸗ gen. Er entfaltete das erſte und erblickte eine weibliche Handſchrift die ihm ebenfalls unbekannt war. Er ſah nach der Unterſchrift: der Brief war einfach„Amalie“ gezeichnet. Noch einmal drehte er das Papier hin und her, ſo wunderlich war ihm zu Muthe. Endlich las er: „Sie werden nicht wenig erſtaunen einen Brief von mir zu erhalten. Aber wie wäre unſrem abgeſtandenen, verwirrten Da⸗ ſein zu helfen, wenn nicht endlich ein Wunder einträte! Auch mit mir iſt eines vorgegangen. Doch ich wollte nicht von mir reden, ſondern nur die beiden beigelegten Briefe mit einigen Erklärungen begleiten. Die Sage die uns zu Ohren kam, daß Sie die Freiheit wohl nie wieder erhalten würden, gab uns den Muth mit ſolcher Offen⸗ heit zu Ihnen zu reden; außerdem wäre es nicht geſchehen. Die Welt freilich wuͤrde ſonderbar darüber urtheilen, Sie gewiß nicht! Uns jedenfalls leitete die Ueberzeugung daß was Sie auch für Fehler begangen haben mögen das Innerſte Ihres Herzens gut und rein iſt. Möchten Sie auch uns dafür erkennen! Unſre Sendung iſt in Ihrer gegenwärtigen Lage gewiß uneigen⸗ nützig, ſie ging aus dem Gefühle hervor daß Sie einſam ſein und ſich nach theilnehmenden Menſchen ſehnen werden. Wenn 30² dieſe Zeilen Ihnen einen frohen Augenblick machen ſo ſind wir zufrieden. Nur noch Eines wünſche ich beizuſetzen. Ich habe einigen Grund zu glauben daß Sie von meiner Schweſter Un⸗ gleiches denken, was dieſer Mittheilung einen bittern Beige⸗ ſchmack zuziehen könnte, und erkläre mich bereit Ihnen Aufſchlüſſe zu geben, die ſie würdig zeigen werden Tröſterin und Freundin eines Gefangenen zu ſein. Daß es nicht ſo gar ſchlimm bei Ihnen ſteht, wie ſie meint, habe ich ihr ſchon geſchrieben.“ Er hatte dieſes räthſelhafte Schreiben zweimal überleſen, eh er es wagte nach den übrigen Papieren zu greifen; denn ſchon ahnte er was ſie enthalten würden, und hatte noch nicht den Muth ſich der ſeligen Gewißheit zu verſichern. Endlich ſchlug er ſie aus einander und las verkehrt und ohne Ordnung. Es war Lott⸗ chens wohlbekannte Hand! Er ſprang aus dem Bette, drückte ſein Geſicht an die Fenſterſcheiben, kleidete ſich an und griff zwiſchen jedem Kleidungsſtücke wieder nach den Briefen der Geliebten. Wir theilen ſie mit, wie ſie der Zeit nach erlaſſen wurden. Das erſte Schreiben(denn beide waren an Amalien gerichtet) begann mit zärtlichen Ausrufen des Erſtaunens über eine plötzliche Aenderung die im Herzen der Schweſter ſich zugetragen haben mußte. Wel⸗ cher Art und wodurch dieſelbe veranlaßt war ging aus dieſer Antwort, denn das war es, nicht deutlich hervor; es ſchien, Ama⸗ lie, die durch irgend eine wunderbare Erſchütterung weich gemacht und ganz geſchmolzen war, hatte ſich mit der neuen Empfindung in ihrer erſten Friſche und Stärke rein aus eignem Antrieb an das Herz der jüngeren Schweſter geworfen und ſie aufs Innigſte wegen ihrer früheren Härte und Verſchloſſenheit um Verzeihung gebeten. So viel war in Lottchens Briefe mehr zu errathen als zu leſen. Die Abbitte war mit liebevoller Heftigkeit zurückgewie⸗ ſen und unveränderliche Zärtlichkeit und Schweſtertreue zugeſichert. Die herzlichſte Bewegung leuchtete aus dem Schreiben hervor, das immer wieder mit Ausrufen einer freudigen Verwunderung unter⸗ brochen war und mit liebenswürdigen Beſchreibungen eines ſtillen 303 Hausweſens, der Sorgfalt für den Vater und ſeines ruhigen Wohlbefindens ſchloß. Nach weiblicher Weiſe war eine Nachſchrift hinzugefügt, welche folgendermaßen lautete: „Ich habe immer die Feder anſetzen wollen und mich immer wieder geſcheut; und doch wäre es ja recht ſchlecht von mir wenn ich dir nicht jetzt mein ganzes Vertrauen beweiſen wollte. Es hat mir immer in der Seele weh gethan daß ich gegen dich nicht das Herz haben durfte nach H. zu fragen. Wie geht es ihm? iſt er noch immer in Stuttgart? Liebſte Schweſter, du ſollſt wiſſen daß ich noch immer die alten Geſinnungen gegen ihn habe. Ach, wenn er das wüßte! Um keinen Preis darf er das erfahren! Ich kanns nicht ändern, aber eben deßhalb denke ich auch daß ers werth ſein muß. Schreibe mir von ihm, doch ja recht viel. Wenn er nur glücklich iſt, ſo will ich zufrieden ſein. Vorwürfe kann ich ihm keine machen, denn wir haben uns ja zuerſt von ihm getrennt, und wenn ich damals nicht ſo jung geweſen wäre— Ach jetzt iſt das Papier zu Ende! Lebe wohl! ich kanns noch immer nicht faſſen!“ Die letzten Worte waren ins Siegel hineingeſchrieben und kaum zu entziffern. Auf dieſe Anfrage ſchien Amalie wieder ge⸗ ſchrieben und was etwa von Stadtgerüchten zuſammengetragen worden war berichtet zu haben. Darauf erfolgte denn das zweite Schreiben, das wir unverkürzt mittheilen wollen: „Gefangen iſt er? und der Herzog iſt unverſöhnlich gegen ihn erbittert? Und du ſchreibſt mir nicht einmal recht deutlich wa⸗ rum? Ja, daß er kein Verbrechen begangen hat, das brauchſt du nicht erſt zu verſichern, das weiß ich wohl. „Ach, ich kann mirs ſchon denken. Ich weiß noch zu gut wie wir ihn mit jener Dame durch die Straße fahren ſahen. Ich fürchtete damals ſchon, es werde zu böſen Häuſern gehen. Es iſt nicht recht von ihm, nein gewiß nicht! Aber ich denke immer, wenn wir ihn nicht von uns getrieben hätten ſo hätte ich ihn an meinem Herzen warm behalten, und dann hätte er nicht nöthig 304 gehabt mit dem ſeinigen in der Irre zu gehen. Denn er kann ſein Herz nicht leer laſſen, dafür kenne ich ihn, und wo er die Wahrheit nicht findet da nimmt er am Ende den Schein, weil er überall Seinesgleichen zu treffen glaubt. Gott weiß was er ſich da nun wieder für überirdiſche Dinge vorgelogen haben mag. Ich bin wirklich recht böſe, und doch möchte ich dann wieder nichts als weinen. Er muß gewiß keinen rechten Freund gehaͤbt haben. Aber die Männer können nicht ſo ſtill und geduldig ſitzen wie wir. „Nun, jetzt hat freilich die Herrlichkeit ein Ende, und ich muß Tag und Nacht daran denken wie er ſo ganz allein und ver⸗ laſſen in ſeinem Gefängniß iſt und gar niemand hat, der Theil an ihm nimmt. Dann denk ich wieder, wenn ich nur des Schlie⸗ ßers Tochter wäre und ihm das Eſſen durch den Schieber reichen dürfte; wenn es auch nicht erlaubt wäre mit ihm zu reden, ſo wollte ich ihn ſo freundlich und tröſtlich dabei anſehen daß er genug an dem Blick hätte bis zur nächſten Eſſenszeit. Ach, ich bin ein thörichtes Mädchen. Nein, Amalie, du lachſt mich nicht aus. Ich bete unter Thränen für ihn, Gott wird gewiß ſeine Lage erleichtern. „Jetzt hab' ich ihn erſt recht lieb, da er ſo unglücklich iſt. Wir ſind ganz geſchieden und ich werde ihn Zeitlebens nicht wie⸗ der ſehen, aber gerade darin fühle ich daß er jetzt ganz mein iſt. Auch trag' ich gar keine Scheu ihm das zu erkennen zu geben; denn jetzt fallen alle die Rückſichten weg. Die ihn ins Unglück ge⸗ bracht hat, die hat ſich nun ſchon längſt von ihm gewendet und in andre Abwechslungen geſtürzt, ich weiß ja wie das ſo geht. Jetzt hat er nur noch mich. Ich will nichts ohne deinen Rath thun, liebe Schweſter, denn du haſt ein Recht auf mich, aber ſieh, ich glaube, ich bin jetzt verbunden ihm das Verſprechen zu halten, das ich ihm einſt gegeben habe. Ach, es war eine unreife Jugendliebe, die nicht ſo beſtehen konnke, aber jetzt iſt ſie anders geworden und weicht nicht mehr aus meinem Herzen. „Ich habe das erſt ſo nach und nach an mir erfahren. Ich 305⁵ hatte meine Unfälle und jene abſcheuliche Tollkühnheit des Men⸗ ſchen den meine Lippen nicht mehr nennen werden mit Faſſung ertragen und inzwiſchen ſo hingelebt. Nun weißt du ja daß der Vater unwohl wurde und wir deßhalb einige Wochen lang einen Vicar im Hauſe hatten. Davon mag ich nur mit dir plaudern. Er war ein ganz guter braver Menſch, an dem ich nicht das Mindeſte auszuſetzen hatte, vernünftig und gebildet, hübſch ſogar, nur etwas linkiſch, wie alle Stiftler, aber welche Pfarrerstochter wird nicht darüber hinwegſehen? H. wars ja auch ein wenig, und wirds gewiß nie ganz verlieren. Nun, du weißt, die jungen geiſtlichen Herrn, trotz aller Unbeholfenheit ſind ſie bald im Zuge. Gewiß, dieſer hätte ein gutes und liebevolles Herz verdient. Aber da lernte ich mich erſt recht kennen. Ich bekam einen wahren Ingrimm gegen ihn, als er ſich mir nähern wollte; es war mir als wollte er einen Diebſtahl begehen. Er nahm es ſehr übel und empfahl ſich ſo ſchnell als möglich, denn der Vater konnte Gottlob! ſein Amt bald wieder verſehen. Aber ich war glücklich ſeit dieſem Augenblicke, denn ich wußte nun was ich hatte. Mein Leben geht darin auf mit aller Entbehrung, und doch bin ich glücklich. „Nein, keiner iſt ihm gleich! Die andern ſind zuerſt Doctoren, Manühe⸗ Schreiber und was ſie ſonſt für Röcke tragen mögen, und viele ſind gar nichts anderes. Er aber iſt zuerſt ein Menſch, und hernach das Uebrige was ihm juſt ſein Beruf zufällig für klein Gewand umgelegt hat. So, meine ich, ſeien die Menſchen urſprünglich aus Gottes Händen gekommen, und haben ſich auf 4 Erden was weiß ich warum verpfuſchen laſſen. Dieſes freie offene Herz, das ſo unerſchrocken allen Weſen entgegenkommt, wie könnte ich vergeſſen daß es mir einmal angehört hat! Auch kann ich gar nicht anders glauben als daß es mir noch gehört, obgleich ich den Grund nicht erklären kann, und in dieſer Ueberzeugung will ich leben und ſterben. Selbſt im Gefängniß muß er mit dieſem Herzen noch mehr zum Glücke fähig ſein, als die meiſten andern 6 chiller's Heimathjahre. II. 20 306 in der Freiheit. Wenn er es nun ſo recht empfinden könnte wie ich hier in der Ferne ganz für ihn lebe, ſo wären wir vielleicht immer noch das glücklichſte Paar auf Erden. „Ich habe dir da einen recht langen Brief geſchrieben, aber ich weiß ja daß du voll Theilnahme biſt. Und nun zum Beſchluß die Hauptſache, eine große große Bitte. Sieh, du haſt ja viele Verbindungen, und kannſt manches möglich machen. Ich habe mir eine Locke abgeſchnitten. Wenn du ſie ihm nun ſenden könn⸗ teſt und ihm dazu ſagen laſſen, er ſei nicht ſo allein wie er viel⸗ leicht glaube, es gebe noch ein Herz in der Welt— Ach, das kannſt du alles viel beſſer ausrichten— Und Gott ſei auch bei ihm— Liebe liebe Schweſter, ich kann nicht weiter ſchreiben. Gott ſegne dich für alles was du thun magſt. Es wird ihm vielleicht wohl thun, und mißverſtehen kann und wird er es nicht. Verzeih daß ich von gar nichts andrem geredet habe, ich will bald wieder ſchreiben. Lebe wohl und behalte lieb 4 Deine Lotte. „Nachſchrift. Da iſt mir ein verwegener Gedanke gekommen, aber es geht nicht, wegen dem— und dem Vicar, ſonſt würd' ich dich gebeten haben ihm geradezu meinen Brief zu ſchicken. Ich habe das alles gegen dich ſo herausgeſagt, wie ichs nimmerme gegen ihn im Stande wäre. Aber ſo kann es jetzt mnr Wenn du ihm aber die Stelle herausſchreiben wollteſt und zu der Locke legen, wo ich dir geſagt habe wofür ich ihn halte, ich glaub das würde ihn freuen, und er verſtünde mich beſſer als ich mich ſelbſt. Vor dem Vater muß es freilich ein Geheimniß bleiben, aber nur um ſein Alter nicht zu beunruhigen, denn wenn er mich fragte ſo wollt ichs ihm freimüthig bekennen. Ich bin gewiß daß es nichts Unrechtes iſt. Wir ſind zuerſt unſrem Herzen Rechen⸗ ſchaft ſchuldig, und was dieſes billigt das will ich getroſt verant⸗ worten. Ich küſſe dich tauſendmal. „Ach ſein Herz wird mich verſtehen, das ſag' ich mir immer 1. 307 wieder vor. Ein ſolches Herz konnte freilich nicht ohne Irrthü⸗ mer durchkommen. „Nein! ſchick' ihm bloß die Locke. Wir dürfen nicht zu weit gehen. Jetzt aber auch keine Nachſchrift weiter! Adieu, Schweſter⸗ herz!“ ** * Und unſer Freund? Wir wollen ihn verlaſſen und uns eine Zeit lang auf den Wall zu den Lerchen begeben, die er einſt be⸗ neidete; denn wir würden jetzt doch nichts aus ihm herausbringen und ſo wenig eine Antwort erhalten als der gute Schubart, welcher zehnmal durch die Sprachlücke herüber fragte was ihn denn ſo ungewöhnlich ins Feuer gebracht habe. Nun endlich, wie das Schönſte was dem Menſchen begegnen kann wieder Geſtalt und Worte in ihm findet, und die erſte Un⸗ geduld Schlöſſer und Riegel zu zerbrechen und ſeinem Mädchen an den Hals zu fliegen überwunden iſt, ſehen wir ihn mit der Locke beſchäftigt, die anfangs unbeachtet aus dem Couvert heraus⸗ gefallen war, und die er unter ſeligen Thränen küßt und beſchaut. Hat ſich meine Erinnerung verwiſcht? oder biſt du wirklich dunkler geworden? Wie glänzend hell waren jene blonden Haare! Ach, der dunkle Anflug ſieht vielleicht noch ſchöner aus, aber er in vorwurfsvoll zu meiner Seele, er erzählt mir von Schmer⸗ zen die ich mitverſchuldet habe! Neeiin, ich habe es nicht verdient! Ihr ganzes Geſchlecht muß ich um Verzeihung bitten. In dumpfer Gleichgiltigkeit war mein alter Glaube an Frauenwerth und Frauenhoheit untergegangen, und während ich Thor mich in eine ſophiſtiſche Verzweiflung hin⸗ einredete, hat ſie das Kleinod ihrer Liebe durch Schmerzen und Entbehrung hindurch getragen, und hat ruhig gelitten wo keine Siegeskrone für Schweigen, Leiden und Lieben zu hoffen war. O Mann, welch ein armſelig Ding biſt du! Wohl haſt du Recht gehabt, unſchätzbare Schweſter, unbe⸗ 308 greifliche! daß du ohne lange Wahl mit einem herzhaften Wurf dieſe Briefe mir in die Hände ſpielteſt. Auch du beſchämſt mich. Welche Verwandlung der harten, ſtörriſchen Amalie! Ich bin von Räthſeln umgeben, aber was thuts? Das Wichtigſte iſt kein Räth⸗ ſel mehr, iſt meines Lebens Evangelium. Sie iſt unſchuldig! Ihr Auge ſieht mich, himmliſch aufge⸗ ſchlagen, aus dieſen Zeilen an. Ein Herz in welchem ſolche Früchte aufgehen hat kein Unkraut in ſich beherbergt. Ich will gar nicht fragen; was bedarf ich weiter Zeugniß! Wie es auch ſein mag ſie iſt unſchuldig! Und was biſt du ihr gegenüber? Ja, wär' ich wie du mich träumſt! Wahrlich, du haſt den Menſchen belauſcht, wie er mit den unſchuldigen großen Augen aus den formenden Händen des Schöpfers kam. Ach, das kann kein Mann begreifen! Wir werden alle in unſre Uniformen hin⸗ ein betrogen. Daß ein Mädchen dieſen Gedanken ausſprechen kann, das gibt mir das Leben wieder. Und welch ein Mädchen? mein, mein Mädchen! Womit kann ich meinen Unglauben zur Genüge abbüßen? O ſelige Demüthigung! Er las und las wieder. Das Couvert lag noch am Boden, er hob es auf und beſah die unbekannte Hand; denn je trunkener unſre Seele durch die Himmel ſchwärmt deſto gemächlicher und prüfender wird das Mechaniſche in uns nach dem Unwi ſ greifen. Vaaiin Eine Seelenſpeiſe! hat er nicht ſo geſagt, der pedantiſche deer meiner Tage? Freilich hat er mir eine Seelenſpeiſe geſ ſandt; aber ſollte das in ſeinem Sinn gelegen haben, und vollends nach dem Auftritt von geſtern? Schwerlich!— Doch was zerbrech' ich mir den Kopf? Was nöthig iſt werd' ich ſchon erfahren. Das ſind lauter Nebenſachen. Das Wunder iſt da, was will ich weiter wiſſen? Er ging im Zimmer auf und ab, ſein klopfendes Herz mit den Händen haltend. Dann riß er ein Fenſter auf, die heißen Schlä⸗ fen zu kühlen. Dann eilte er an den Tiſch und breitete all ſein „ 309 Papier vor ſich aus, um im erſten Drang der Gefühle an Lott⸗ chen und an die wunderbar aufgeſchloſſene Schweſter zu ſchreiben. Aber ſeine Gedanken drängten ſich ſo, daß es ihm unmöglich war einen Brief anzufangen. Zu ſeiner Ehre müſſen wir jedoch ſagen daß auch in dieſer Trunkenheit ein Gedanke ihn mächtig überfiel, die Erinnerung an den unſelig ſchmachtenden Soldaten. Sie kam plötzlich wie eine Geiſterſtimme, und er ſprang empor als ob ihm etwas am Schopf ergriffen hätte. Ja, rief er bitter aus, der gemeine Mann iſt immer das Laſt⸗ thier, das in einem ſtillen Winkel ohne Grabſchrift verkommen mag! Die vornehmen Herren erhalten ja doch zuletzt ein Confect für ihre edlen und wohlgebornen Empfindungen. Er ballte die Hand und ſchlug auf den Tiſch. Das iſt das Erſte und Nächſte, denn der Augenblick iſt Meiſter darüber! rief er und ſetzte ſich hin, einen Brief an die Geliebte zu ſchreiben, der vor allem ihre Thätigkeit für den Sohn des Schmids in An⸗ ſpruch nehmen ſollte. Wohin mit dem Briefe, das wollte er nachher überlegen. Eben als er die Feder eintauchte raſſelte es an der Thüre. Er hörte Stimmen draußen. Die Schildwache ſchloß auf. Dann klopfte es leiſe und höflich. Wer es auch ſein mag, murmelte er, mögen ihn alle böſen Geiſter faſſen und von hinnen führen.— Herein! G 9. Fauſt: Wie fangen wir das an? Mephiſtopheles: Wir gehen eben fort. Göthe. In der geöffneten Thüre ſtand ein junger Mann, in welchem er einen ſeiner Schüler von der Cavaliersabtheilung erkannte, nicht eben den talentvollſten, aber einen der beſcheidenſten und lernbegierigſten, der vor Kurzem erſt die Akademie verlaſſen haben konnte. Wie, lieber Graf, rief er ihm entgegen, Sie beſuchen mich in meiner Einſiedelei? Das iſt ſchön von Ihnen, das überraſcht mich! Der junge Graf eilte herein. Mein theurer Lehrer, mein verehrter Freund, wie geht es Ihnen? Leidlich, will ich hoffen! Laſſen Sie ſich betrachten, Sie ſehen immer noch recht gut aus. Nicht jeder Meiſter vom Stuhle könnte es ertragen ſeine Philoſo⸗ phie ſo auf die Probe ſtellen zu laſſen. Heinrich lächelte: Auch iſt es nicht die Philoſophie allein was mich hier aufrecht gehalten hat. Es iſt vorzüglich die Theilnahme guter Menſchen, die mir auch in dieſe zweifelhafte Lage nachge⸗ folgt iſt. Und die Hoffnung! ſagte der Graf, der dieſe letzten Worte auf ſich ſelbſt beziehen mußte. Wie? und ahnen Sie denn nichts aus meinem Beſuch? 311 Ihre Freundlichkeit, Ihre Güte— Sie ſind frei! rief der Graf, indem er mit der lebhafteſten Freude ſeine beiden Hände faßte. Sie ſind frei! Ich will nicht hoffen! rief der Gefangene in der Verwirrung dieſes Augenblicks, ſo daß der Graf ſich herzlich lachend auf einen Stuhl warf. Bereiten Sie ſich Neuigkeiten zu hören! ſagte er nach einer Weile ruhiger. Daß an Ihrer Befreiung ſeit geraumer Zeit ge⸗ arbeitet wurde dürfen Sie glauben. Ich verlaſſe mich auf Ihre Verſchwiegenheit, wenn ich Ihnen von einem geheimen Bunde ſage, deſſen Mittelpunkt eine hohe Dame von vortrefflichem Herzen iſt; nun, Sie ahnen ſchon wen ich meine. Aber es mußte man⸗ ches zuſammenkommen bis die See ſo weit war. Nun iſt ſie aber noch weiter gediehen. Sagen Sie mir: haben Sie Luſt ins Ausland zu gehen? Alſo Verbannung? Nein! oder doch wenigſtens ine höchſt ehrenvolle. Haben Sie Luſt Erzieher an einem klein n fürſtlichen Hofe zu werden? Sie finden das Nähere in dieſen Papieren. Da ich eine vielfache Zucht durchgemacht habe, ſagte Heinrich nachdenklich als er geleſen, ſo wäre ich vielleicht nicht ganz unfähig. Sie bekommen zwei allerliebſte, hoffnungsvolle Prinzen, und haben, wie Sie da erſehen können, ganz freie Hand in der Er⸗ ziehung. Eine Prinzeſſin iſt nicht dabei; ſonſt hätte der Herzog vielleicht Anſtand genommen Sie zu empfehlen. Wie ſchalkhaft und wie dunkel! Ja, das war immer die größte Schwierigkeit! Der Herzog hatte einen Verdacht auf Sie, den ihm meine Gemahlin mit aller Ueberredung nicht benehmen konnte. Ihre Gemahlin? ich erſtaune! Verſteh⸗ ich Sie? Nun freilich, der Wildfang iſt meine Frau geworden, ſagte der Graf, und weidete ſich an ſeiner Verlegenheit. Heinrich ſah verwirrt zu Boden. Er war ſich bewußt daß 312 die wilde Waldkönigin ihrem nunmehrigen Gemahl denn doch allerlei hätte beichten können von Gedichten und andern Huldi⸗ gungen, wozu er nicht recht wußte was für ein Geſicht machen. Endlich nahm er ſich zuſammen und ſtattete ſeinen Glückwunſch ab, aber mit einem Ton in welchen etwas ſo ſonderbar Mitleidi⸗ ges gemiſcht war, daß er ſich genöthigt ſah ihn mit Lebhaftigkeit und einem künſtlichen Feuer zu wiederholen. Alſo das Haupthinderniß war entfernt, fuhr der Graf fort, und nun war es leicht Ihre Befreiung zu betreiben. Jene phan⸗ taſtiſchen und im Uebrigen ſo harmloſen Poſſen ſind vergeſſen, und auch wir unſrerſeits gedenken uns durch eine lange Hochzeit⸗ reiſe dem freundſchaftlichen Andenken der neugierigen Welt zu entziehen. Ich bin Ihnen großen Dank ſchuldig, verſetzte Heinrich mit mühſam unterdrückter Bitterkeit. Wahrhaftig, Seine Durchlaucht hätte mich hier oben verfaulen laſſen müſſen, da es keine Recht⸗ fertigung für die Strafe gab. Er war in einer mauſſaden Laune, ſagte der Graf, und wußte nicht gleich was mit Ihnen anfangen. Da mag denn alles ſo zuſammengewirkt haben, Ich bin überzeugt daß ers nachher be⸗ reute, denn Sie dürfen glauben daß er immer ein eigenes In⸗ tereſſe für Sie hatte und mit Freuden dieſe herrliche Gelegenheit ergriff. Sie iſt gewiß ganz auch Ihrem Sinn angemeſſen: denn wenn man einmal auf einander geſchoſſen und einander einge⸗ ſperrt hat ſo thut man doch nicht mehr bei einander gut. Mein theurer Graf, ich muß bitten durch ſolch leichtſinniges „Bei einander“ und„Mit einander“ die Geſchichte nicht zu ver⸗ wirren. Meines Erinnerns ſind jene Thathandlungen ſehr ein⸗ ſeitig geweſen. 3 5 Der Graf brach in ein luſtiges Gelächter aus. Wie dem ſei, ſagte er, der Wunſch iſt gewiß reciproc, jetzt in Freud' und Frie⸗ den aus einander zu kommen. Ja, das muß ich geſtehen. Aber ſagen Sie mir nur wie es 313 kommt daß ich ſo plötzlich, ſo ganz ohne mein Zuthun dieſen Ruf erhalte? Mein Freund, ſagte der Graf, es iſt endlich einmal Zeit Ihrer Verdienſte zu erwähnen. Ihr Geiſt, Ihre Art die Lehre im Leben darzuſtellen, Ihre freundlichen Sitten haben Ihnen in der Akademie Freunde genug erworben, an welchen Sie oft wie im Traum vorübergegangen ſind, und durch die abgehenden Zöglinge ſind Sie ſelbſt im fernſten Ausland empfohlen. Man iſt daher an Ihrem neuen Beſtimmungsorte längſt auf Sie vorbereitet, obgleich die Wahl dem Herzog überlaſſen und ganz von ihm aus⸗ gegangen iſt— und Sie werden daſelbſt eine liebe Heimath finden. Auch Dalberg, der Allerweltsgeneralconſul, durch deſſen Hände die Sache ging, iſt bereits auf ähnliche Art von Ihnen unterrichtet und freut ſich Ihre Bekanntſchaft zu machen. Wie? Herr von Dalberg in Mannheim, der Beförderer alles Schönen und Großen? Wie ich Ihnen ſage, Wolfgang Heribert von Dalberg, der Mann der in allen Beziehungen und Verhältniſſen dilettirt. Er iſt eben jetzt bei unſern Feſtins, um die höchſten Herrſchaften zu becomplimentiren, und Sie können ihm gleich morgen Ihre Viſite machen. Heinrich faßte ſich an die Stirne; dieſe raſche Entwicklung ſeiner Schickſale betäubte ihn. Nun aber ein Hauptpunkt! ſagte er: ich bin— ich bin gebunden, ich— kann nicht ohne Anfrage über meine Zukunft verfügen. C' est le dernier coup! rief der Graf. Wie? verſteh' ich Sie? eine zarte Liaiſon? Ja? Gott, welches Unrecht hat man Ihnen gethan! Eine Braut? reden Sie oder ich ſterbe! Ich kann und darf Ihnen nichts Näheres ſagen; aber wenn ich ganz von mir abhinge würd' ich in wenigen Tagen Hochzeit machen. Der Graf ſchlug die Hände zuſammen und that ein paar Sprünge durch das Zimmer, wie der leichteſte Junggeſelle; dann 314 eilte er auf ihn zu und erſtickte ihn mit Umarmungen; endlich warf er ſich auf einen Stuhl und lachte ganz ausgelaſſen. Kehren Sie ſich nicht an meine Tollheit! rief er noch immer lachend: wenn Sie mich gehört haben werden ſo werden Sie mir verzei⸗ hen.— Er ſprang wieder auf und faßte ihn an den Händen: Da drehen ſich nun ein paar Menſchen um einander herum— zwi⸗ ſchen ihnen der allerintricateſte Embarras, die allerdelicateſte Com⸗ miſſion— und wenn man recht hinſieht ſo hat der Zufall ſchon die Tafel ſervirt. Wiſſen Sie wohl daß ich Ihnen gerade dieſes Auskunftsmittel vorzuſchlagen hatte? und mit aller Zartheit nicht wußte wie ich mein Sprüchlein anbringen ſollte? Warum mußten Sie mich denn ſo lang miniren und ſchwitzen laſſen bis Sie mir aus der Noth heraushalfen? Ich verſtehe Sie nicht! erwiderte Heinrich, der ſein Herz von einer bangen Ahnung zuſammengeſchnürt fühlte. Was verlangt man von mir? Gar nichts als daß Sie heirathen, und zwar nach freiſter Wahl! das iſt der beſte Weg, allen etwaigen abenteuerlichen Ge⸗ rüchten, falls ſie auch bis in jene Reſidenz gedrungen ſein ſollten, den Garaus zu machen. Sereniſſimus hat Sie deßhalb förmlich als einen verheiratheten Mann angekündigt, ſo daß Sie gar nicht mehr anders können. Dieß iſt die Bedingung die ich Ihnen nen⸗ nen ſollte und die mich veritabel in der Kehle gewürgt hat. Das iſt in der That zum Tollwerden! rief Heinrich, mit dem Grafen in die Wette lachend: der Kopf dreht ſich mir wenn ich bedenke, wie ſeit einigen Stunden alles zuſammenkommt um mein geſtrandetes Schifflein wieder flott zu machen, ohne daß ich einen Finger zu rühren brauche. Das iſt nicht mehr als billig! Sie haben ſich lang genug abgearbeitet und ſind mit allen Anſtrengungen ſeitwärts getrieben worden und am Ende gar ſitzen geblieben. Jetzt iſts ganz in der Ordnung daß das Schickſal für Sie die active Rolle übernimmt. — Sie haben dabei immer den Troſt, ſetzte er ſchalkhaft lächelnd 315 hinzu, Wirkungen zu ernten deren Urſachen Sie ſelbſt ausgeſtreut haben. Nun, ſo geben Sie mir doch mein Teſtimonium! philo⸗ ſophir'’ ich nicht wie ein Engel? Sie könnten jeden Katheder beſteigen, ſagte Heinrich und drückte ihm die Hand. Aber was ſteh' ich da und plaudre? Fort, der Boden brennt unter mir! Schubart! SchubartV! rief er nach dem Ofen eilend. Mein Gott, compromittiren Sie mich nicht! rief der Graf. Er iſt nicht da! ſagte Heinrich, der die letzten Worte nicht gehört hatte. Adieu, armer Freund! Und nun kommen Sie! Ich habe lang gut gethan, aber jetzt will ich auch keine Minute län⸗ ger bleiben! Er faßte den Grafen an der Hand um ihn fortzuziehen. Die⸗ ſer aber machte ein verlegenes Geſicht: Nein, ſo geſchwinde gehts denn doch nicht! ſagte er: wir haben noch einen Punkt mit ein⸗ ander abzureden, und das iſt auch eigentlich der Grund warum ich mirs ausgebeten habe Ihnen perſönlich Ihre Freiheit ankün⸗ digen zu dürfen. Sie können nicht ſo offen fortgehen. Was? muß ich denn ausbrechen? rief Heinrich von Neuem lachend. C'est ca. Sie gehen heut Abend in aller Stille, wie Sie gekommen ſind, und deßhalb werden wir uns jetzt zum Comman⸗ danten verfügen und das Nöthige mit ihm beſprechen. Sie echappi⸗ ren ihm gewiſſermaßen, übrigens ohne alle Nachfrage und Ver⸗ folgung. Iſt das Ernſt? fragte Heinrich, deſſen Miene ſich plötzlich ge⸗ ändert hatte. Es iſt kein Befehl zu Ihrer Freilaſſung ertheilt, und wird und kann auch keiner ertheilt werden. Nein, liebſter Freund, ſtoßen Sie um einer Bagatelle willen Ihr Glück nicht von ſich! Was liegt an der leeren Förmlichkeit? Da man ſich, ſagte Heinrich ſehr verſtimmt, die Mühe ge⸗ 316 nommen hat mich feſtzuſetzen, ſo kann man auch die Mühe haben mich wieder freizuſprechen. Nun eben! rief der Graf, halb ärgerlich halb luſtig: auch jenes iſt ohne alle gehörige Formalität geſchehen! Sie ſind ſozuſagen perſönlicher Gefangener des Commandanten, und laufen in keiner Liſte. Warum haben Sie den Fehler begangen ſich das gefallen zu laſſen? Jetzt müſſen Sie, wenn Sie nicht hier grau werden wollen, ſich auf die gleiche unceremoniöſe Weiſe zur Freiheit be⸗ quemen. Und wie werd' ich in meiner neuen Sphäre angeſehen ſein, wenn mir die Sage folgt, ich ſei von der Feſtung entſprungen? Pah, keine Seele weiß daß Sie auf der Feſtung waren. Aber vor noch nicht zwei Stunden erfuhr ich daß man in Stuttgart ſagt, ich ſei zu lebenslänglicher Gefangenſchaft verdammt. Das ſind unbeſtimmte Gerüchte, die durch Gegengerüchte nie⸗ dergeſchlagen werden. Die Empfehlung des Herzogs gibt Ihnen einen Charakter gegen den kein ſolches Geſchwätz aufkommen kann. Ich verpfände Ihnen mein Wort daß von unſrer Seite alles Nöthige geſchehen ſoll um Ihnen jede Verlegenheit zu erſparen. Nun gut. Warum dann aber nicht ſogleich fort? „Bei Nacht und Nebel“! ſo lautet die gemeſſene Ordre. Welche Grille! rief der Gefangene unmuthig. Hat es Ihnen nicht Ihr ganzes Schickſal gepredigt daß man den Grillen der Erdengötter nicht entgehen kann? rief der Graf ungeduldig. Glauben Sie denn, Unſereiner ſei beſſer dran als Sie? Wenn Sie mit dem Fürſtenthum der Gegenwart überwor⸗ fen ſind, ſo haben Sie ja nun die Zukunft in Ihrer bildenden Hand. Er war bei dieſen Worten ernſt geworden. Unſer Freund ſah ihn an und trat ans Fenſter. Noch lag der Brief ſeines Mädchens auf dem Tiſche. Er raffte die Papiere zuſammen und ſteckte ſie zu ſich. Iſt denn das nicht die Hauptſache? dachte er: ſoll ich um elende Rechenpfennige auf mein beſtes Gold verzichten? 317 Der Graf war ihm gefolgt und legte ihm die Hand auf die Schulter. Reißen Sie mich aus der Unruhe! geben Sie nach! Ich halte auch etwas auf Ehre, und ich verſichere Sie daß ich mich an Ihrer Stelle keinen Augenblick bedenken würde. Nicht wahr, ich ſchicke heute Abend meinen Wagen? Mit Anbruch der Nacht verlaſſen Sie die Feſtung und gehen ungehindert zum Thor hinaus. Im Dorf Asberg treffen Sie den Wagen, und können wenn Sie wollen ſich nach der Solitude führen laſſen, um die große Illumination mit anzuſchauen. Kein Hahn wird nach Ih⸗ nen krähen. Sie dürfen öffentlich in Stuttgart erſcheinen, Sie dürfen ungeſcheut zu Dalberg gehen. Morgen beſuchen Sie ihn. Dann beſorgen Sie die übrigen Affairen, die zarteſte nicht zu vergeſſen, über Hals und Kopf; denn ich kann Ihnen keinen Tag mehr zugeben. Auch werden Sie dringend erwartet. Und nun zum Commandanten, daß wir Abrede mit ihm nehmen! Ich bin ſehr preſſirt.* Ich ſollte ihn ohnehin etwas fragen, aber— er hat mich ins Zimmer geſprochen. 4 Thut nichts! kommen Sie! Mein Talisman öffnet alle Schlöſ⸗ ſer.— Was giebts denn da? bringen ſie einen Todten oder Sterbenden? Aus dem Arreſtlocal, ſcheint es, rief Heinrich, von einer Ah⸗ nung ergriffen. Sie tragen ihn ins Lazareth. Am Fenſter ſtehend ſahen ſie wie einige Soldaten unten eine mit einem Soldatenmantel bedeckte Bahre über den Platz trugen. Eben wollten die beiden Zuſchauer das Fenſter verlaſſen als ſie den General mit einigen ſeiner Offiziere von der entgegengeſetzten Seite über den Platz kommen ſahen. Er begegnete dem ſtillen Zuge, die Träger hielten, er hob den Mantel etwas auf, und Gelt, Kerl, da liegſt du jetzt? hörte man ſeine tönende Stimme rufen. Da regte es ſich unter dem Mantel, eine Jammergeſtalt rich⸗ zete ſich halb empor, unſrem Freunde nur allzu wohl bekannt, 318 und mit den durchdringenden Tönen einer Bruſt die ihre letzten Kräfte erſchöpft rief Chriſtian: Ja, da lieg' ich! und wer mich ſo weit gebracht hat das biſt du, Menſchenſchinder, falſcher Spie⸗ ler, ſchlechter Kerl! Der General, außer ſich, erhob den Stock, aber die Offiziere fielen ihm in den Arm und einer rief: Excellenz, es iſt ein Sterbender! Nur zu! fubr der Soldat fort: jetzt fürcht' ich deinen Stock nicht mehr. Brauch' ihn zum letzten Mal und erlöſe mich von den Schmerzen die du mir bereitet haſt. Aber hören mußt du vorher was du für ein ſchlechter Menſch biſt. Weißt du nicht mehr wie du die Würfel mißbraucht und Neunzehn geworfen und einen armen Teufel betrogen haſt? Kennſt du den armen Teufel nicht mehr, der dir in Böhmen davonlief? Jetzt geh' ich dir voran, dahin wo man Ungrad nicht grad ſein läßt, und lade dich ein bald nachzukommen. Wart, Heuchler, ob dir deine frommen Flauſen dort was helfen werden. Sieh, auf dieſen Augenblick hab' ich mich gefreut in jeder qualvollen Minute die ich dir ver⸗ dankte. Jetzt hab' ich meine Rache, und kann ruhig ſterben. Jetzt biſt du nicht mehr mein Vorgeſetzter, aus iſts mit der Subordi⸗ nation, ich lache dir ins Geſicht— Eine rohe Beſchimpfung ſchloß dieſe ſprudelnden Reden des Haſ⸗ ſes. Der General, der mit weitgeöffneten Augen und blaurothem Ge⸗ ſichte dageſtanden war, wandte ſich ſchnell, aber nach wenigen Schritten that er einen lauten Schrei und ſtürzte zu Boden. Alles drängte ſich um ihn. Der Platz füllte ſich in wenigen Augen⸗ blicken mit Menſchen, das Gemurmel: Er iſt todt! durchdrang die Feſtung. Das ändert alles! rief der Graf. Packen Sie zuſammen! ſchnell! ergreifen wir den Augenblick eh eine andre Hand das Platzcom⸗ mando übernimmt und uns Schwierigkeiten macht.— Er rief ſeinem Bedienten und befahl ihm die Sachen in den Wagen zu tragen. Heinrich ſah und hörte nicht. Der Graf nahm ihn am Arm und führte ihn hinab. 319 Unten drängte er ſich mit ihm durch die beſtürzte murmelnde Menge. Der Commandant lag leblos in den Armen ſeiner Offi⸗ ziere; der Arzt kniete neben ihm und verſuchte ihm eine Ader zu ſchlagen. Vergebens, das Blut floß nicht mehr: der Dämon den er ſo oft im Zorn heraufbeſchworen hatte ihn ereilt. Ein paar Schritte von dieſer Gruppe ſtanden die Träger mit ihrem Kameraden. Auf einen Wink deſſelben ſetzten ſie ſich in Bewegung und trugen ihn zu der Leiche. Alles wich aus, die Bahre kam dicht neben Heinrich zu halten. Chriſtian erhob ſich, auf eine Hand geſtützt, mit wunderbarer Kraft; ſein Auge ſprühte, ſein Antlitz war geröthet, er ſah aus wie ein Geneſener. Mit dem Stolz eines Siegers der ſeinen Feind erlegt hat blickte er auf die Leiche nieder. Gelt! da liegſt du nun auch? rief er, und mit dem letzten Worte ſank er zurück und ſtarb, einen Blick der Befriedigung und des Dankes auf ſeinen Beſchützer werfend. Der Graf nahm dieſen unter dem Arm und führte ihn hin⸗ weg. Jetzt gilts zu imponiren, ſagte er. Doch war dieß kaum nöthig, denn der Poſten unter dem Thore war von der allgemei⸗ nen Beſtürzung mitergriffen. Immediate Ordre von Seiner herzog⸗ lichen Durchlaucht! rief der Graf mit barſcher Stimme, als der Wachcommandant denn doch die beiden Paſſanten mit zweifelhaf⸗ ten Blicken muſterte. Der Diener war vorausgeflogen und hatte den Riegel aufgeſtoßen. Der Wagen hielt an der Brücke. Der Graf ſchob ſeinen Befreiten hinein und ſie fuhren ſo raſch als möglich den ſteilen Weg durch die Außenwerke hinab. Ich müßte nicht in der Akademie geweſen ſein, ſagte der junge Graf, wenn ich mich nicht auf ſolche Pagenſtreiche verſtünde. Das geht nun eigentlich ſchnurſtracks gegen meine Inſtruction, aber ich will ſchon dafür ſorgen daß es zurechtgelegt wird. Es iſt eine wahre Wonne für einen verheiratheten Mann, wenn er einen ſolchen Coup ausführen darf. Ein Zug des Ernſtes flog wieder über ſein feines, blühendes Geſicht. Er ermunterte ſich jedoch gleich wieder und rief: Aber, 320 mein lieber Entführter, warum laſſen Sie den Kopf ſo hängen? was iſt Ihnen?. Ich habe eine Schickſalsepiſode erlebt, die ich nicht ſo bald aus dem Kopfe bringen werde, verſetzte Heinrich, und erzählte ihm zu ſeiner Rechtfertigung die Geſchichte des Schmids und ſeiner Söhne. Der Graf hörte mit großer Theilnahme zu. Ich beklage ſolche Verwicklungen, ſagte er nach einem langen Stillſchweigen, und kann mirs wohl denken daß wenn oben operirt wird die Fä⸗ den unten oft ganz anders auslaufen. Glauben Sie mir, wenn die Großen wüßten welche langgedehnten Tragödien oft hinter ihren raſchen Federſtrichen einherziehen, ſie würden ſich manchmal beſinnen.— Aber weg jetzt mit ſolchen peinlichen Gedanken! ſehen Sie vorwärts! eine heitere Zukunft liegt vor Ihnen. Ich muß meinem Gewiſſen noch mehr Genüge leiſten eh ich ihrer genießen kann. Da bin ich nun von dem guten Schubart fortgeſtürzt, ohne nur Abſchied nehmen zu können. Er liegt mir ſchwer auf dem Herzen; ich muß mich dieſer leichten Entwicklung meines Schickſals neben dem ſeinigen ſchämen. Sie denken menſch⸗ lich, theurer Graf, und, was oft noch weit mehr iſt, Sie haben Einfluß. Können Sie nichts für ihn thun? Wenn ich Ihnen in dieſem Augenblick etwas verſprechen wollte, erwiderte der Graf, ſo wären es leere Worte. Drum laſſen Sie mich ſchweigen. Ich habe heut eine ſehr unangenehme Scene ſeinetwegen gehabt: ich mußte Sereniſſimo die Fürſtengruft vor⸗ leſen. Denken Sie ſich die Declamation! Die Fürſtengruft? rief Heinrich äußerſt erſtaunt: wie iſt das nur möglich? Es ſind keine drei Tage her daß ich ſie ent⸗ ſtehen ſah. Drum muß man nicht mit Feuer ſpielen!— rief der Graf ärgerlich— und das Sprichwort ſagt: wenn die Kugel aus dem Rohr iſt ſo iſt ſi e des Teufels. Das Ding ſoll bereits gedruckt ſein, es wird überall rumoren. 5 321 Und wie benahm ſich der Herzog, wenn ich fragen darf? Er hörte es zu Ende ohne eine Miene zu verziehen, dann ſagte er ganz ruhig: Er hat Talente wie ein Engel, aber zur Freiheit iſt er noch nicht reif. Ja, das begreif' ich! Das iſt der rechte Weg wenn man von der Feſtung kommen will! Nein, liebſter Freund, an ſolchem Pulver mag ich mir die Hände nicht verbrennen. Enfin, laſſen Sie die Todten und die Verwundeten und die Gefangenen dahinten! Wenn man alles aufladen will ſo bleibt man am Ende ſelber ſtecken und hats weder ſich noch andern zu Danke gemacht. Es iſt ein ſchöner Fehler von Ihnen, den Sie aber bei Zeiten ablegen müſſen, daß Sie ſich immer anſehen als ob die ganze Welt Wechſel auf Sie abzugeben hätte. A propos, Ihre Brieftaſche iſt mir auch für Sie eingehändigt worden. Beinahe hätt' ich das vergeſſen. Sie werden finden daß nichts daraus weggekommen iſt.— Er ſteckte ſie ihm lächelnd in die Bruſt und ſagte: Vorwärts! vivat spes, pereat mundus! Jetzt fahren wir gleich zu Dalberg, dem ich Sie vorſtellen werde. Dann machen Sie die Feſtlichkeiten noch ein wenig mit, und— 3 Halt! rief Heinrich: ich bin in der äußerſten Verlegenheit! ich habe jenem Todten ſtillſchweigend mein Wort gegeben nichts Ei⸗ genmächtiges zu meiner Befreiung vorzunehmen. Absolvo te! rief der Graf lachend. Ich bin Cavalier, und weiß auch was ein Ehrenwort iſt. War denn Herr von Rieger Ihr Herr über Leben und Tod? Nein, er war nur der Feſtungs⸗ Commandant, der Sie heut auf Befehl des Herzogs losgelaſſen hätte. Ich verſichere Sie, er hätte Sie gar nicht mehr behalten, er hätte Sie hinausſchaffen laſſen durch vier Mann mit ſamt Ihrem zarten Gewiſſen. Heinrich mußte lachen. Es iſt wahr, ſagte er: auch hat er mir geſtern Zimmerarreſt angekündigt, und dadurch war ich meines Wortes quitt. Schiller's Heimathjahre. II. 21 322 Nun, ſehen Sie, Mann des Scrupels! In weniger als zwei Stunden trabten die ſcharf ausgreifen⸗ den Roſſe mit ihnen in Stuttgart ein. Heinrich ſah ſich etwas befangen um, er war hier fremd geworden. Aber ſein lebhafter Begleiter ließ ihm keine Zeit zum Nachdenken. Sehen Sie, rief er, während ſie die Ludwigsburger Straße hereinfuhren, was das rennt und läuft! Eine wahre Völkerwanderung! Wir werden mit Mühe über den großen Graben kommen, obgleich die Neben⸗ ſtraßen einen guten Theil des Menſchenſtromes abſorbiren. Dort wälzt ſichs die Seegaſſe herauf in die Landſchaftsgaſſe, ſagte er im Weiterfahren, und hier ſpeit die untere Stadt durch die Schul⸗ gaſſe wie durch einen engen Flaſchenhals ihren Inhalt aus. Es iſt als ob die Straßen toll geworden wären und auch mitwoll⸗ ten. Das zieht alles nach der Solitude. Sie ſteuerten langſam im Strome des Menſchengedränges 1d fuhren am Petersburger Hofe vor, wo Dalberg wohnte. 1 als der Wagen in den Hof raſſelte kam jemand eilig aus dem Gaſthaus herausgeſchoſſen. Heinrich ſah ihn an, es war Schiller. Dieſer blickte ebenfalls auf, da er dem Wagen ausweichen mußte; ein Ausruf der Verwunderung, dann wollte er herzueilen, beſann ſich aber anders, grüßte lebhaft mit der Hand, und ſchoß vorbei. Der preſſirt wohl auch auf die Solitude, dachte Heinrich. Der Empfang bei Dalberg war, wie eine ſolche Einführung vorausſehen ließ, der wünſchenswertheſte. Es wurde von nichts als von den Feſtlichkeiten geſprochen, während unſerem Freunde der Boden unter den Füßen brannte. Nach kurzer Zeit empfahl ſich der Graf, und ſagte ſeinem tumultuariſch Befreiten mit einer herzlichen Umarmung Lebewohl. Der Mannheimer Gönner unter⸗ richtete ihn, der nun allein zurückblieb, mit ſichtbarer Eilfertigkeit über die neue Atmoſphäre in die er einzutreten hatte, und als das Geſpräch zu ſtocken begann, empfahl ſich Heinrich. fort, bogen endlich vom großen Graben in den kleinen ein unn 323 Kennen Sie den jungen Regimentsmedicus Schiller? fragte Herr von Dalberg, als er ſchon unter der Thüre war. Sehr gut! rief Heinrich freudig: ich weiß, er hofft auf Ew⸗ Excellenz. Der junge Mann ſcheint ſich hier nicht heimiſch zu fühlen, ſagte der Freiherr: ich bedaure das und wünſchte etwas für ihn thun zu können. Er erregt Hoffnungen; ſeine Räuber ſind, ge⸗ wiſſe Cruditäten abgerechnet, eine recht brave Arbeit. Freilich, es läßt ſich nicht vorausſehen wie ſich ein Talent dieſer Art ent⸗ wickeln wird. Seine Perſönlichkeit kommt mir etwas excen⸗ triſch vor. . Ew. Excellenz geben Hoffnung? fragte Heinrich, der nichts andres hören wollte. Der Freiherr zuckte die Achſeln: das ſteht im weiten Felde⸗ Mit Dem hat man auch den Mund zu voll genommen! ſagte unſer Freund ingrimmig, als er ſich auf der Straße ſah. Unſre Literatur iſt doch noch viel zu kindlich hinter jedem Sonnenſchimmer her. Aber jetzt meiner Sonne nach! Er eilte zu dem Hauſe des Expeditionsraths. Hätteſt du dir. je geträumt, ſagte er, während er den Klopfer in der Hand hielt, daß du ſo hier wieder einmal eintreten würdeſt?— Er klopfte. Ein Bedienter öffnete und gab ihm den Beſcheid, die Herrſchaft ſei vor einer halben Stunde nach der Solitude abgefahren. Unmuthig ging er weg. Was jetzt thun? rief er, und im ſelben Augenblicke fuhr Dalberg an ihm vorüber. Nun, wenn denn alles auf Einen Magnet losſtürzt, ſo will ich mit dem Strome ſchwimmen; ich muß ja Amalien droben treffen. Er eilte nach ſeiner Wohnung, wo er vorher das Nöthige abmachen wollte. Da er auf dieſem Wege die Menſchenmaſſe die in Bewegung war theils nach der Länge theils quer durchſchneiden mußte, ſo kam er ziemlich langſam vorwärts, und dieſe Verſchieden⸗ heit von Kräften und Wirkungen machte ihn ſehr ungeduldig. Auch hier wäre er beinahe vergebens gegangen. Alles war 324 nach der Solitude; nur eine alte Frau, die gleich ihm zur Miethe hier wohnte, hatte ſich glücklicher Weiſe anheiſchig gemacht das Haus zu hüten. Nach langem Suchen vermochte ſie ihm ſeine Schlüſſel einzuhändigen, und ohne ihren neugierigen Fragen Rede zu ſtehen betrat er ſeine Junggeſellenwohnung mit einem ſeltſamen Gefühl. Hier lag und ſtand noch alles in der alten Ordnung oder Unordnung durch einander: auch hatte ſich ziemlich viel Staub an⸗ geſetzt. Nach einem flüchtigen Blick eilte er an den Schreibtiſch, zählte das Miethgeld ab, und bat in ein paar Zeilen, die er, da die Tinte vertrocknet war, mit Bleiſtift ſchreiben mußte, um Ueber⸗ ſendung ſeiner Siebenſachen nach Illingen. Dorthin wollte er noch dieſe Nacht von der Solitude aus abgehen, auch wenn er Amalien droben nicht zu ſprechen bekäme. Er malte es ſich ſchon aufs Reizendſte aus, wie er mit Tagesan⸗ bruch im Garten ſitzen würde; dann kam natürlich Lottchen herun⸗ ter und machte große Augen über den Beſuch, den ſie noch im tiefſten Verließ träumte. Nun ſprangen ſeine Gedanken auf den Schmid über, der durch die letzten Ereigniſſe ſeinem Herzen ſo nah getreten war. Soll ichs ihm ſagen oder nicht? Er hat ihn ver⸗ ſchmerzt; wozu die Wunde wieder aufreißen? Aber wie ich ihn kenne wird es ſeinem ſtolzen Herzen ein Troſt ſein, zu hören wie ſein Sohn den Verderber ſeines Lebens mit hinabgezogen hat.— Er war endlich entſchloſſen die Mittheilung von den Umſtänden und dem Augenblick abhängen zu laſſen. Als er ſich umkleidete kam ihm erſt ſeine Brieftaſche zu Ge⸗ ſicht, die ihm der Graf ſo ſchnell zugeſteckt hatte. Er öffnete ſie und zwei Papiere fielen ihm entgegen, die einzigen die nicht am gehörigen Platze lagen. Das eine war ein Wechſel auf Frank⸗ furt, der etwas mehr als ſeine ganze rückſtändige Beſoldung be⸗ trug. Das iſt doch ſonſt ſeine Art nicht! ſagte er ſehr verwun⸗ dert: aber jetzt iſt keine Zeit Einwendungen zu machen. Was ſoll ich dieſes Geld nicht willkommen heißen? es iſt auch eines von den Motiven die mich fortbringen ſollen. 325 Er öffnete das andre Papier: es war Schillers Fürſtenge⸗ dicht. Gleich im Aufſchlagen ſah er daß die Stelle die wir ſchon einmal herausgehoben mit einem Nota bene in derben Bleiſtift⸗ ſtrichen bezeichnet war. Er kannte nur Eine Hand die den Blei⸗ ſtift ſo kräftig zu führen pflegte, und wünſchte ſeine Augen wider⸗ legen zu können. Das trifft ſchön mit der Fürſtengruft zuſammen! rief er. Wie? iſt das vielleicht ein Commentar zu der Beſchuldi⸗ gung daß ich mit fremden Klauen kratze? Wie dem ſei, ich muß es Schiller ſagen. Aber er wird fort ſein, er eilte ja ſo ſehr. Gleichviel, ich verſuche es. Ach was⸗kann, was ſoll ich ihm ſa⸗ gen? Gefahr hier, und dort keine Ausſicht! Er übergab der Hausgenoſſin das Geld und die geſchriebenen Aufträge, und wiederum arbeitete er ſich unaufhaltſam durch die fluthende Menſchenmaſſe. Schiller war nicht zu Hauſe. Er wagte nicht, einen Zettel an die Thüre zu ſtecken, da er ſeine Nachricht deutlicher als gut war hätte abfaſſen müſſen, und ſo ging er rath⸗ los hinweg. Nun blieb ihm noch eine Beſtellung übrig, die er, unbedient wie er war, in Perſon beſorgen mußte. Er wollte ſich einen Kutſcher ſuchen, um auf die Solitude und nach Illingen zu fah⸗ ren. Er hatte ſich faſt athemlos gerannt und befand daß auch die Freiheit für den erſten Augenblick ihre Bürde habe. Das Kutſchergäßchen legte ihm zwar weniger Hinderniſſe in den Weg als die größeren von dem Menſchenſtrome durchflutheten Straßen, aber auch dort machte er lauter vergebliche Gänge. Alles auf die Solitude abgefahren! Er hätte ſichs vorſtellen können daß dieſer Tag eine Ernte für die Wagenlenker ſei. Nein! dort in einem Finſchnitte ſtand ein Wagen vor einem Häuschen; der mußte doch noh zu haben ſein. Auf der Treppe waltete die Frau des Kutſchers, vie den Fragenden in Abweſenheit ihres Ge⸗ mahls ſehr unwirſch ei vfing. Mein Andrees, ſagte ſie, hat zwei Herren nach Pforzheim zu führen verſprochen; das müſſen mir wun⸗ derliche Paſſagiere ſein, die da in der Nacht Pforzheim zu hau⸗ 326 dern, während alles zum Feſte geht!— Die kommen ja über Illin⸗ gen! dachte er: ich hätte gute Luſt mich ihnen aufzudringen, denn wir leben auf einem wahren Kriegsfuß heute. Wenn ich nur nicht vorher die unbegreifliche Amalie ſprechen ſollte.— Die Frau ſchnitt ihm jede Hoffnung auf eine Fahrgelegenheit nach der Solitude ab. In der Nachbarſchaft, ſagte ſie, ſei kein Wagen mehr zu ha⸗ ben, und ſie gebe ihm ihr Wort darauf daß er in der ganzen Stadt vergebens nach einem ſuchen würde. Und wenn ich zuſammenbreche, ſagte er im Weitergehen vor ſich hin, Solitude und Illingen, den ganzen Weg mach' ich zu Fuße. Morgen früh muß ich drunten ſein. Während er abſchneidend durch einen der vielen Winkel je⸗ ner engen Stadtgegend ging, widerfuhr ihm etwas Wunderliches. Er war einen Augenblick ſtill geſtanden um Athem zu ſchöpfen. Da hörte er in einem Durchgang nebenan zwei eben ſo heftig gehende Menſchen auf einander ſtoßen, von denen der eine flüſterte: Nun, iſts richtig mit der Wache? Alles richtig! erwiderte der andre im gleichen Flüſterton: Ga⸗ belenz hat die Wache. Sei ganz ruhig, ich bin auf dem Poſten, und will infam werden wenn ich dir ein Haar krümmen laſſe. Höre, das pathetiſche Zeug iſt nicht meine Sache, und wir ſind in der Akademie zu verſchwenderiſch damit geweſen, aber jetzt will ich dirs ſagen: du biſt ein ganzer Kerl, du biſt ein großer Menſch. Er hörte einen Kuß ſchallen. Die Stimmen hatten ihm etwas Bekanntes; auch die Erwähnung der Akademie gab ihm ein ge⸗ wiſſes Recht ſich ihnen beizugeſellen, und ſo ging er auf die Stelle zu wo das ungewöhnliche Geſpräch geführt wurde. Er ſtrauchelte aber heftig über ein Kehrichtfaß; dieſes rollte ihm in den Weg, und bis er das Hinderniß mit dem Fuß beſeitigt und den Platz erreicht hatte ſah er niemand mehr. In der Ferne hörte er eilige Jußtritte, und als er dieſen nachſetzte, gewahrte er einen Men⸗ ſchen der eben um die Ecke bog. Das cylinderförmige Bein, das militäriſche Tuch, was er eben noch erblicken konnte, erweckte ihm 5 — 327 eine Vermuthung. Er nahm alle Kraft zuſammen, aber als er in die Straße kam war die Erſcheinung weg, als wäre ſie in den Boden geſunken. Er hätte darauf ſchwören mögen daß es Schiller geweſen ſei. Noch einmal ging er in deſſen Wohnung; die Thüre war wiederum geſchloſſen. Nun endlich machte er ſich auf den Weg, den letzten Pilgerzügen folgend. In ſeiner Ermüdung von dem un⸗ gewohnten Rennen hatte er ein Gefühl als ob die allgemeine Bewegung ihm einen Theil von ihrer Kraft in die Glieder legte. 10. — Vom Heimathheerde Weit muß ich fort. Von dir ich ſtamme, Stolz ziemt mir wohl: Nun, Heldenamme, Leb wohl, leb wohl! Frithiofſag 6. ——— Zwiefach iſt Des Ruhmes Art. Der eine wächst heran Faſt vor der Zeit, und welkt auch bald hinweg Als hoffnungsvoller Jüngling; doch der andre, Der nachgeborne, iſt unſcheinbar erſt, Und langſam wird er reif bis ihn zuletzt Die Götter mit dem Lorbeer ſelbſt bekränzen. Ludwig Bauer, der heimliche Maluff. Stuttgart, die ſtille Reſidenz, war nie ſtiller Stunden nachdem die Menſchenwell ten fuhr ein Wagen durch die dunkle Stadt. Der Kutſcher, vorſi geweſen. Mehrere en allmählich ſich verlaufen hat⸗ ren Quartiere der ausgeſtorbenen chtig um ſich blickend, lenkte nach dem Thore durch welches einſt die Banner der wirtenbergiſchen Grafen gegen die Reichsſtadt Eßlingen ausgezogen waren. Heute ſchilderte ein Soldat vom herzoglichen Infanterieregimente Gabelenz daſelbſt, der ſich verdrießlich, die Herrlichkeit auf der Solitude nicht ſehen zu können, auf ſeinem Poſten dehnte. Aus dem Offizierszimmer blinkte Licht, das beim herannahenden Rollen des Wagens ſchnell 329 erloſch; das Fenſter öffnete ſich leiſe, aber niemand war darin zu ſehen. Der Soldat trat vor, um die Reiſenden anzuhalten. Halt! Wer da? Unteroffizier heraus! klang es mürriſch. Gut Freund! ſagte eine weiche, etwas zitternde Stimme aus dem Wagen, und ein banges Stillſchweigen folgte. Wer ſind die Herren? war die Anrede des Corporals. Doctor Ritter und Doctor Wolf, nach Eßlingen reiſend, ant⸗ wortete dieſelbe Stimme und eine jugendliche Geſtalt beugte ſich aus dem Wagen. Paſſirt! Der Corporal ging wieder ins Wachhäuschen zurück, der Soldat nahm ſein Gewehr auf die Schulter und wandte ſich, um auf⸗ und abzugehen; der Kutſcher hieb auf die Pferde und raſch fuhr der Wagen weiter. Da erſchien jemand an dem offenen Fenſter; eine Hand winkte den Reiſenden ein Lebewohl nach, die andre fuhr über ein thränenſchimmerndes Auge, und eine herz⸗ liche Stimme flüſterte: Dir alles Glück! Du verdienſt es! Der Wagen fuhr hinter der Akademie hinab, wandte ſich unterhalb des den Eleven zum Bebauen angewieſenen Gartens links, bewegte ſich eine Strecke auf dem alten Rennwege gegen Kanſtatt hinunter, und machte dann am untern Rande des Herr⸗ ſchaftsgartens noch einmal eine ſcharfe Wendung zur Linken. Jetzt zogen die Pferde kräftig an, der Wagen rollte auf feſterem Boden und Hab' ichs brav gemacht? rief der Kutſcher herein: wir ſind auf der Ludwigsburger Chauſſée! Trefflich! war die Antwort. Das ſoll Euch zu Statten kom⸗ men. Wär' ich zum Ludwigsburger Thor hiausgefahren, ſo hätte meine Dulcinea morgen ſchon Wind gehabt wohin ich gehe. Der Wagen fuhr den Berg hinan. Der Galgen des berüch⸗ tigten Finanzminiſters, den die Stände nach dem jähen Tode des vorigen Herzogs gehenkt hatten, ſah ſchauerlich, eine dunkle Schreckgeſtalt, in der ungewiſſen Beleuchtung herüber. 330 Sehen Sie da? fuhr der welcher bisher allein das Wort ge⸗ führt hatte zu ſeinem ſchweigenden Genoſſen fort: aber Die Nürnberger henken keinen, Sie hätten ihn denn zuvor. Er lachte mit kindlicher Fröhlichkeit. Wiſſen möcht' ich übrigens doch, ſetzte er hinzu, wenn die ehemaligen Plusmacher des Herzogs hier vorbeifuhren, ob es ihnen nicht kühl den Nacken hinauf ge⸗ laufen iſt bei dem abſchreckenden Erempel? Doctor Ritter gab durch ein kurzes Lachen ſeine Zuſtimmung zu erkennen, blieb aber in ſich gekehrt, bis der Wagen auf der Höhe angekommen ſich in einen luſtigen Trab ſetzte, und ſein Gefährte wieder anhob: Gottlob! jetzt wären ſie glücklich um die Ecke geſchlüpft, der Ritter und der Wolf. Wär' ich ein Dichter ſo macht' ich eine Fabel draus. Aber ſeis um ein paar Stunden ſo ſind Sie wieder mein lieber Schiller, und auch ich werfe mei⸗ nen Wolfspelz ab, bin wieder das alte gute Schaf und Ihr bis in den Tod getreuer Streicher. Der Dichter athmete hoch auf und reichte ihm dann bewegt die Hand. Sehen Sie, ſagte Streicher, da laſſen wir die Ludwigsburger Straße rechts hinziehen und fahren geradeaus. Jetzt haben wir wohl nichts mehr zu fürchten. Die ganze Welt iſt in leeren Feſt⸗ lichkeiten trunken, und hat nicht Zeit ſich nach einem Verkannten umzuſehen, der tauſendmal reicher und beſſer iſt als ſie.— Ha, ha! und meine Dulcinea, die erfährt gewiß nichts davon, die kommt uns gewiß nicht nach. Was doch eine Doſis Schlechtig⸗ keit einen Menſchen herausſtaffiren kann! Haben Sie nicht geſehen wie der Kutſcher ordentlich Reſpect vor mir bekommen hat, ſeit ich ihm zu verſtehen gab daß ich ein Mädchen ſitzen laſſe? Wenn er Ihren Charakter ſo gut kennte wie ich, ſo würde er dieſes Vorgeben höchſt verdächtig gefunden haben. Nein, wahrhaftig, ſagte der ehrliche Muſikus, ich kann ge⸗ —yy—— — 331 troſt meinen neuen Lebensweg dahin rollen. Adieu Stuttgart, ich habe die Reue nicht hinter mir. Hinter uns Elend und Sorge, und vor uns die Hoffnung, jubelte der Dichter. Hoffnung iſt der Schlüſſel womit man ſich die Welt aufſchließt. Vertrauen und Wagen iſt die Religion des Genius! Ich will dem Tyrannen, der mein Licht hinter den Schirm ſtellen und zu einem unterthänig dämmernden Nachtlichtchen ma⸗ chen möchte, ich will ihm zeigen daß ich von gleich hartem Holze bin wie er. Lieber wäre mirs doch, ſagte ſein Pylades bedächtig, wenn Sie eine ausdrückliche Zuſage von Dalberg erhalten hätten. Das ging nicht an, mein Guter! Die Zeit war nicht paſſend ihm mein Vorhaben mitzutheilen. Er hätte Bedenklichkeiten vor⸗ gebracht, hätte mir verſprochen ſich beim Herzog zu verwenden, und ſo wäre Woche um Woche verpaßt und am Ende nichts dar⸗ aus geworden. Jetzt ſtehen die Sachen einfach: ich bin fort und man wird mich nicht zurückholen, in Stuttgart danken mirs die Nachrückenden und die Verſorgenden, in Mannheim ſind die Be⸗ denklichkeiten zum Schweigen gebracht, die Brücken hinter mir ab⸗ gebrochen, und Ritter Heribert wird am Ende ſelbſt zufrieden ſein daß ich ihn durch dieſen raſchen Schritt gezwungen habe. Zwingen iſt ſo eine Sache, verſetzte der hartnäckige Streicher: die Leute laſſen ſich nicht immer zwingen. Man hat Beiſpiele daß ſie Einen— ſtecken ließen. Uebrigens ſag' ich das nicht gegen Sie. Der Dichter der Räuber wird in Mannheim und überall mit offenen Armen empfangen, der Fiesco mit dem günſtigſten Vorurtheil aufgenommen werden. Lieber wäre mirs freilich wenn Sie ganz ſicher wären; aber ich habe den beſten Muth. Ueber das Schickſal der Ihrigen ſind Sie ganz unbeſorgt? Ganz! Der Herzog iſt in dieſem Punkte kein gemeiner Menſch, und wenn er je gewaltthätig gegen meinen Vater ver⸗ fahren wollte, ſo bin ich ja in der Nähe und kann mich ſogleich ſtellen. 332. Ein langes Stillſchweigen folgte auf dieſe Worte, jeder dachte ſeiner Zukunft nach. Aus der Heimath zu gehen! rief endlich der Dichter ſchmerz⸗ lich aus. Sie hat mich ſtiefmütterlich behandelt, ich habe ihr in der letzten Zeit gegrollt, und nun! noch bin ich nicht fort, und ſchon wandelt michs bitter wie ein Heimweh an. Es iſt ein trau⸗ riges Gefühl in ſeinem Vaterlande nicht bleiben zu können. Die Welt iſt kalt und träg! ſeufzte ſein treuer Gefährte. O es wird ein Tag kommen wo ſie ſich ſchämen werden ihren Edel⸗ ſtein ſo weggeworfen zu haben! Lieber! ſagte der Dichter mit milder Stimme: ein Mann und ſeine Zeit bilden ſich an einander. Mir wäre es zwar wohlthuend geweſen, wenn ſie mir von ihrem Ueberfluß einen Brocken gegönnt hätten, wenn ein Mann von Anſehen vor dem Herzog meine Sache geführt, wenn man mir auf erregte Hoffnungen hin einiges Vertrauen bewieſen hätte; ja es hätte mich ſtolz gemacht meine Bildung meinem Vaterlande verdanken zu dürfen. Aber anſpre⸗ chen konnt' ich das alles nicht, denn ich bin ja kein Fertiger, ich habe ja kaum angefangen. In ſolchen Fällen iſt mit Klagen und Schelten nichts gethan: man muß eben ſtreben daß man es zu etwas bringt. Vielleicht iſt es eben der Genius der Heimath, der mich jetzt hinaustreibt, damit ich ihr nachher etwas mehr ſein kann. Und es iſt doch etwas Großes für ſeine Zeit und ſein Volk zu leben. In reineren Stunden fühlt man da kein Opfer, ver⸗ langt man keine Belohnung, die Arbeit iſt ihr eigener Preis. Wenns nur in Mannheim gut geht! ſagte die ehrliche Seele ſeines Begleiters dazwiſchen: aber es kann ja nicht anders. Die werden Augen machen über die Herrlichkeiten des neuen Drama's! — Sind Sie nicht müde? Sie haben die vergangenen Nächte beſtändig am Fiesco gearbeitet, wollten Sie nicht ein wenig ruhen? Nein, erwiderte Schiller, es iſt eine Spannung in mir die mir nicht zu ſchlafen erlaubt.— Ja, fuhr er nach einer Pauſe ganz in ſeinen Gegenſtand verſunken fort, es hat herrliche Männer hervorgebracht, dieſes Land! Wenn ich an die Hohenſtaufen denke! und an Keppler, der im Licht der Sterne ſeinen Hunger ſtillte! Ich bin auch ein Schwabe, ſagte der Muſikus: aber es thut mir weh wenn ich daran denke, daß von den Hohenſtaufen keiner in der Heimath begraben liegt, als der milde König der durch Meuchelmord fiel, daß der Letzte des Geſchlechts verlaſſen unter fremdem Henkerſchwert verblutete, und daß der edle Keppler eben auch in der Fremde verkommen iſt. Wie Viele hat es hervor⸗ gebracht die in der Heimath geblieben ſind? Wackere, treffliche Männer, verſetzte der Dichter, ſind im Lande geblieben, und haben es hoch zu Ehren erhoben. Laſſen Sie uns nicht ungerecht ſein und jedes einzelne Schickſal dem Vaterlande zur Laſt legen. Mancher hat ſich ſelbſt verbannt, und manche Schuld fällt den Umſtänden zu. Wahr iſt es, die Schwaben ſind neuerdings in vielen Stücken zurück. Der gute Gellert gilt bei ihnen noch für einen ſehr verwegenen Poeten. Aber glauben Sie mir, ſie werden das Verſäumte bald mit großen Schritten nachholen. Es iſt ſo viel Herz, ſo viel Witz in unſrem Stamme, daß er nicht auf die Länge dahinten bleiben kann. Wenn einmal eine Zeit kommt, ſagte Streicher, wo man in Stuttgart nicht mehr über den Räubern die Hände zuſammen⸗ ſchlägt! Ich kann mirs kaum denken. Wenn aber eine Zeit käme wo ich ſelbſt dieſes Product mit ſcheuen Augen anſehen würde? rief der Dichter lachend. Es iſt doch die Frucht eines harten Bodens, und ſo weh es mir thut von ihm zu ſcheiden, meine Muſe ſehnt ſich nach einer glücklicheren Heimath. Getroſt, Freund! es leuchten günſtige Geſtirne zu unſrer Flucht! Wo Herz und Geiſt eine Stätte finden da iſt das Vaterland, und ich bleibe ja doch in meinem großen, ſchönen, reichen Vaterlande, das von jeher das erſte Land der Welt gewe⸗ ſen iſt, ich bleibe ja in Deutſchland! Es wird doch noch einen Winkel haben für ſeinen Sohn. Ah! rief ſein Gefährte mit kindlicher Freude. Der Kutſcher 334 hielt. Streicher deutete links hinauf. Ein märchenhaftes Wunder leuchtete vom Gipfel des Berges herab, ein Feenpalaſt mit vielen tauſend Lichtern, in welchen er aus der Entfernung wie in einer weißen Flamme brannte. Es war die beleuchtete litude, zu welcher hier die Waldſtraße von Ludwigsburg f Wald mit einer faſt meilenlangen geraden Lücke die an ihrem obern Ende wie in einem Rahmen die Aus das Luſtſchloß bot. Die Freunde lehnten ſich zum Wagen hinaus, und ſahen mit beklommenen Herzen bald in das nächtliche Wundergebilde, bald in die unvergänglichere Herrlichkeit des blauen Himmels der ſich darüber wölbte. Nun bekommen wir ja doch auch noch etwas vom Feſtin zu ſehen, und viel ſchöner als in der Nähe! rief der treuherzige Mu⸗ ſikus, der hiedurch unwillkürlich verrieth daß ihm die Entſagung etwas gekoſtet hatte. Sehen Sie doch nur, fuhr er fort es iſt tag⸗ hell! man kann jedes einzelne Gebäude unterſcheiden. Wunderſchön! Der Dichter ſtarrte ſchweigend in das Lichtmeer, aus welchem ihn die bekannten, vertrauten Gegenſtände wie fremd und fabel⸗ haft anſahen; eine tiefe Wehmuth überſchlich ſein Herz bei dem ſchönen Märchen das nach kurzem Glanz in Nacht zurückſinken ſollte. Da fiel ſein Blick auf die Elternwohnung, die verklärt nach ihrem Flüchtling herunterſah. Er zeigte ſie dem Freunde, ſein Herz hob ſich hoch: O meine Mutter! rief er ſchmerzlich und warf ſich in den Wagen zurück. Der Kutſcher trieb die Pferde wieder an, und die Fata Morgana war verſchwunden. Stumm und ſchwermüthig ſetzten die Flüchtlinge ihre Reiſe fort. Zwei engverwandte Lebenswege hatten ſich hier noch einmal berührt, ein überirdiſches Licht hatte ihrem letzten Gruße geleuch⸗ tet, und nun ſollten ſie auf lang, vielleicht auf immer aus einander gehen. Anders war es jetzt dem Dichter zu Muthe: hinter ihm in leuchtendem Glanze lag die Heimath, vor ihm die Zukunft und die Fremde in ungewiſſer Dämmerung. Ein banger Schmerz 33⁵ durchſchnitt den hohen Flug ſeines Strebens, ihn übernahm das Weh und die Schwachheit der Erde. Ach, keiner reißt ſich un⸗ geſtraft von dem Buſen der Heimath los: die Arme die ſie ihm in ſeinen Schritt, ihre mütterlichen Seufzer die hmen ſeinen Muth. RNuſikus ehrte die Gefühle ſeines bewunderten kobachtete ein zartes Stillſchweigen. So ging es eine lange eecke fort und nur der einförmige Knall der Peitſche belebte zuweilen die ſtumme Fahrt. Die Fahrt ging über einen Bergrücken ſteil ins Thal hinab, die Enz rauſchte neben den Flüchtlingen hin. Sie kamen nach Enzweihingen, wo ſie Halt machen mußten. Schiller, der auch am Wirthstiſche nicht unbeſchäftigt ſitzen konnte, zog einige Blätter ungedruckter Gedichte Schubarts, ſeines heimlichen Vor⸗ bildes, aus der Taſche, und las dem empfänglichen Freunde mit leidenſchaftlichem Feuer die Fürſtengruft vor. Er war jetzt wieder angeſpannter, zur Mittheilung und zum Geſpräche geſtimmt. Es iſt doch ein gräßlicher Gedanke, rief er endlich, um einen einge⸗ ſperrten, mißhandelten Dichter! Gibt es einen tollern Widerſpruch, nachſtroee als den Herold der Freiheit und der Menſchenrechte im Kerker zu wiſſen? Hätten wir ihn doch mitnehmen können! Zu guter Zeit hab' ich noch die Thüre gefunden; ſein Loos hätte auch mir ge⸗ blüht. Eilen wir denn! noch immer Filierd. der Boden unter mir. — Er deutete bei dieſen Worten nach der Wand, von welcher ein wohlgetroffenes Bild des Herzogs ſehr ernſt und bedeutend auf ihn blickte. Ein ſtarker Kaffee hatte die müden Lebensgeiſter der Reiſen⸗ den erquickt; ſchon lag etwas von Morgenfriſche in der Luft und der Himmel ſchien bläſſer zu werden, als ſie wieder in den Wagen ſtiegen. Sie fuhren in Vaihingen ein. Sehen Siel rief Schiller leb⸗ haft: hier wurde der Sonnenwirth gefangen.— Nun war er wieder im Zug und knüpfte an alles ſeine tiefſinnigen Bemerkun⸗ 336 gen an. Wer in einer ſolchen Reiſeſtimmung durchs Leben hin⸗ wandern könnte, rief er endlich aus, der wäre zu beneiden! Da leben wir ganz im gegenwärtigen Moment, und genießen fröhlich was ſein Genius, ſo karg oder freigebig er ſei uns ver⸗ gönnen will. Abgeſchüttelt iſt was uns quälte, s kommen wird iſt außer Frage geſtellt. Man taumelt i Sehen Sie doch! rief Streicher: was iſt das für eine Er⸗ ſcheinung? Sie waren eben durch ein Dorf gefahren und e am Ende deſſelben in der nicht weit von der Straße abliegenden Kirche die Fenſter erleuchtet. 1 Was mag das bedeuten? ſagte der Dichter⸗ Iſt hier ein Kloſter, wo man zur Hora geht? Wie heißt die Ortſchaft? Es iſt ein gut proteſtantiſches Dorf, und heißt Illingen. Illingen? rief der Dichter. Wenn es Tag wäre und wir uns einen Augenblick verweilen könnten, hier möcht' ich einen Beſuch machen; hier wohnt jemand der mich intereſſirt. Sie müſſen wiſſen daß unſer ernſthafter Freund Roller hier eine ehmalige Geliebte hat. Roller? ſagte der junge Mann ſehr erſtaunt. Der hat ein Mädchen aufgegeben? Es iſt eine ſonderbare Geſchichte. Er erzählte mir einmal in einer vertraulichen Stunde davon, aber er ging ſchnell drüber weg, es ſchien ihm peinlich zu ſein. Das glaub' ich! rief der Muſikus bitter. Nein, das hätt' ich nicht hinter ihm geſucht. Ich will doch auch dem ehrlichſten Ge⸗ ſichte nicht mehr trauen. Ueber Liebesgeſchichten, verſetzte der Dichter, iſt ſchwer ur⸗ theilen, weil man nie den ganzen und genauen Verlauf erfährt. Bei alle dem, ſagte Streicher, iſt es abſcheulich ein Mädchen ſitzen zu laſſen. 337 Mein beſter Freund, entgegnete der Dichter, wir wiſſen ja nicht ob er ſchuldig oder unſchuldig iſt. Wie, wenn dieſe verlaſ⸗ ſene Dido die Vorwürfe träfen die Sie vorhin meiner armen Hei⸗ math aufgebürdet haben? Wenn ſie ihn nicht genug feſtgehalten hätte, und das vielleicht gerade in einem Augenblicke wo die Auf⸗ gabe des Handelns dem ſchwächeren Theile zugefallen war? Sein Schickſal hat inzwiſchen eine Wendung erfahren, er iſt frei; ſah ihn heute, da er aber nicht allein war ſo mußte ich in in nem Reiſeſtrudel an ihm vorbeiſchwimmen. Mögen ihm die Sterne hold ſein! Wenn ich recht in ſeiner Seele geleſen habe ſo hängt er noch immer an dem Mädchen, und das iſt eine Bürgſchaft daß auch ihr wohl noch die Kraft des Herzens wachſen wird, und im Wiederfinden wird jede bittere Erinnerung untergehen. Laſſen Sie mich hoffen daß es auch zwiſchen mir und meiner verlaſſenen Geliebten, der Heimath, einſt dahin kommen wird. Mit dieſen Worten der Verſöhnung ging er der Landesgrenze entgegen. Der Wagen donnerte am alten Kloſter Maulbronn vorüber, das noch im leichten Morgenſchlafe lag, durchfuhr das wirtenbergiſche Grenzſtädtchen, das den Zauberer Fauſt geboren haben ſoll, und näherte ſich der Heimath Melanchthons, die dem rheiniſchen Nachbarlande angehört. 3 Mit jedem Schritt der Pferde vermindert ſich der Raum. Der Genius des Mutterlandes ſtreckt immer ferner, hilfloſer die Arme nach dem Lieblingsſohne aus. Er kann ihn nicht mehr erreichen. Ein Zug der Roſſe, ein letzter Seufzer— und Schwaben hat ſeinen Dichter verloren. Nun iſt er im Ausland, und eilt über die traurigen Markſcheiden welche das Innerſte von Deutſchland zerreißen. Aber getroſt! er iſt auserſehen das ſchroffſte Gemäuer dieſer Bollwerke mit ſeinem Gedankenſtrome niederzuwerfen. Er geht, und eine lindernde Mutterthräne folgt ihm in Kum⸗ mer und Entbehrung nach. 15 Schiller's Heimathjahre. II. 11. Dann durch mondbeglänzte Wälder Ging die ſonderbare Fahrt, Bis der Anblick offner Felder Endlich mir bekannter ward. Wie im luſtigen Gewimmel Tanzt nun Buſch und Baum vorbei! Und ein Dorf nun! Guter Himmel! O mir ahnet was es ſei. Mörike. Die müden Glieder neigen ſich zur Erde, uUnd bald kann ich dieß Schweigen nicht mehr brechen. Es ſieht mich an mit flehender Geberde Das ſtumme Bild, und drängt mich noch zu ſprechen. Schelling. Heinrich hatte nach langem Rennen und Suchen erſt ſpät den Weg nach der Solitude antreten können. Als er, müde von ſeinen Gängen in der Stadt und der ſtarken Bewegung ſeit längerer Zeit nicht gewohnt, gegen Abend endlich ankam, war der größte und glänzendſte Theil der Jagd ſchon vorüber; die Hirſche waren in den See gejagt worden, wo ſie noch immer von den im Luſthauſe aufgeſtellten Herrſchaften zuſammengeſchoſſen wurden. Er hatte keine Luſt dieſes grauſame Vergnügen mit anzuſehen; auch ſtand die Menge ſo dicht gedrängt um die freigegebene Seite des Sees, daß ihm jeder Blick auf das Schauſpiel verſperrt war; und ſo hörte — 339 er nur aus der Ferne die müheloſen Schüſſe womit die edlen Thiere niedergeknallt wurden. Wie einer der von einer Wünſchelruthe unwiderſtehlich vorwärts gezogen wird, drückte er ſich durch die ſchaubegierigen Menſchenhaufen, und da er immer nur auf die Geſichter ſah, ſo nahm er manchen Fuß, manchen Ellbogen em⸗ pfindlich mit, erhielt auch manchen derben Stoß, theils von der Rache, theils von der Neugier deren Ziel eben ſo rückſichtslos das ſeinige kreuzte. Raſtlos verfolgte er dieſe ſeltſame Jagd, die kei⸗ nem auffiel, da aller Augen nach Einer Seite hin gerichtet waren und ſelbſt die Hinterſten den vorne Stehenden unverwandt auf den Rücken ſahen, als wollten ſie ihnen durch den Leib hindurch nach dem See blicken. Er wurde immer ungeduldiger. Während er ſo in vergeb⸗ lichem Suchen auf der Waldfreiung umherging, fiel ihm ein brau⸗ nes Geſicht in die Augen, das, als er faſt ſchon vorüber war, ſeine Aufmerkſamkeit erregte. Sieh, er war es wirklich, es war Tony. Ein Schauer ging ihm durch die Seele, als er an jenen ſchwerſten Traum ſeines Lebens zurückdenken mußte. Er zögerte und wußte kaum ob er nicht lieber unerkannt an dem jungen Zi⸗ geuner vorbeiſtreifen ſollte; aber in dieſem Antlitz lag ein unend⸗ lich tiefer Schmerz, der ihn nicht vorübergehen ließ. Er wollte ihn anreden, da gewahrte er daß ſeine Augen auch nicht den Blicken der Menge folgten; ſie hingen feſt an einem andern Ziele, und ihr Ausdruck ſprach es aus daß ſie in einen verlorenen Him⸗ mel ſchauten. Heinrich ahnte den Gegenſtand an dem ſie haf⸗ teten, und zaudernd folgte er mit den ſeinigen nach dem Luſthauſe. Dort ſtand ſie im Schein der Abendſonne, nah genug um deut⸗ lich von ſeinem Standort aus geſehen zu werden, antheillos zwiſchen den Schüſſen die neben ihr hervorknallten. Sie ſchien ſtarr in den See zu ſchauen, aber keine Regung daß ſie dort ein Schauſpiel wahrnehme, ſpiegelte ſich in ihren Blicken. Dieß wa⸗ ren vielleicht die drei einzigen Menſchen unter den hier verſam⸗ melten Tauſenden, deren Augen nicht nach dem gemeinſamen Ziel 340 der Neugier gerichtet waren. Heinrich ſah wie der junge Graf zu ſeiner Gemahlin trat; er ſchien zärtliche Worte zu ihr zu reden, ſie antwortete durch eine leichte Bewegung des Hauptes ohne ſich umzuwenden. Ein Zucken hatte bei dieſem Anblick die lebloſe Bildſäule neben ihm in Bewegung geſetzt; er ſah ſich nach dem Zigeuner um. Dieſer ſtand wieder ruhig da, die Arme auf den Rücken gelegt; die eine Hand ruhte ausgeſtreckt offen auf der andern. Heinrich trat leiſe hinzu und legte die ſeinige darein. Der Zi⸗ geuner wandte ſich und ſein Geſicht wurde noch dunkler als er den alten Bekannten erblickte. Hier ſeh' ich dich, Tony? rief Heinrich: hat es keine Gefahr für dich? Nein, erwiderte der Zigeuner: ich bin mit den Meinigen be⸗ gnadigt— Wegen des Verraths, ſetzte er bitter hinzu. Nun, das darfſt du nicht bereuen; du haſt manches Verbre⸗ chen verhindert. Herr, Verrath iſt eben Verrath, ſagte der junge Zigeuner. Heinrich ſuchte den verhaßten Erinnerungen zu entgehen und fragte ihn was er jetzt anzufangen gedenke. Weiß ichs denn ſelbſt? ſagte Tony: fragt den Baum dem die Wurzel abgehauen iſt, was er anfangen wolle?— Ich denke immer, ich will den Flüſſen nachziehen, bis ſie zu den großen Schiffen kommen; die werden mich doch als Matroſen annehmen, denn meine Glieder ſind ſehr leicht. Ich möchte aufs Meer, weil es unergründlich iſt. Nach Amerika möcht' ich, weil es ſo ein grenzenloſes Land iſt mit tiefen, dunklen Waldungen. Ich möchte weit, weit fort, und immer wandern ohne Aufenthalt, und ohne einen Menſchen zu ſehen oder ein Haus. Heinrich drückte ihm die Hand, und das ungewöhnliche Freun⸗ despaar ſtand lange ſchweigend bei einander. Höre, Tony, ſagte Heinrich nach einer Weile: willſt du nicht mit mir gehen? Ich bin angeſtellt in einem andern Lande, und will für dich ſorgen. 341 Der Zigeuner ſchüttelte leiſe den Kopf und drückte ihm die Hand feſter. Es wurde allmählich dunkel und die Schüſſe fielen ſparſamer. Heinrich dachte wieder an die Abſicht die ihn hiehergeführt. Tony, ſagte er, willſt du mir noch einen Gefallen thun? Der Zigeuner lächelte freundlich durch die weißen Zähne und neigte den Kopf. Ich forſche hier nach einer Frau, mit der ich nothwendig reden muß, fuhr Heinrich fort und beſchrieb ihm Amalien: Ihr Kinder der Sonne habt ſcharfe Augen; wenn du ſie ſiehſt, und ich weiß gewiß daß ſie hier iſt, ſo ſag' ihr ich ſuche ſie ſchon den ganzen Abend. Wenns nicht anders geht ſo kannſt du's ihr vor aller Welt ſagen. Du triffſt mich ſpäter am Schloſſe, ich will mich inzwiſchen dort nach ihr umſehen. Der arme Tony verſprach ſein Beſtes, und Heinrich eilte durch die Alleen nach dem Schloſſe. Er traf auch dort ſchon eine Menge Menſchen, welche ſich an der Jagd ſatt geſehen hatten und nun den Anſtalten zu den bevorſtehenden Herrlichkeiten des Feuerwerks und der Illumination zuſahen. Suchend ging er von einer Gruppe zur andern und gelangte endlich an der katholiſchen Kirche vorüber zu Hauptmann Schillers Wohnung. Dort ſiel es ihm bei, ſich nach dem Freunde zu erkundigen und ihm die unerwünſchte aber nothwendige Eröffnung zu machen. Er trat ein und fand nur die Hausfrau, die ihm berichtete daß die ganze Familie zu den Feſtlichkeiten gegangen ſei. Sie war von einem Gebetbuch aufgeſtanden, ihre geiſtvollen Augen ſahen matt und geröthet aus, und eine tiefe Niedergeſchlagenheit ſprach aus ihrer Haltung. Heinrich wagte, da er ſich faſt fremd nennen mußte, nicht nach der Urſache derſelben zu fragen, und erkundigte ſich ob der Doctor nicht auch oben ſei. Fritz iſt nicht hier, ſagte die Mutter: er hat kein Intereſſe an dieſem brillanten Weſen.— Auch ich bin aus ganz andern Gründen da, verſetzte Heinrich. —— 342 Jedenfalls wird es ihn freuen daß ich bei Ihnen war; wenn ich nach Stuttgart zurückgehe, ſo hoffe ich ihn morgen früh zu ſprechen. Wie Gott will! ſagte ſie mit einem tiefen Seufzer, und ent⸗ ließ ihn ſo wehmüthig und müttterlich grüßend, daß der junge Mann in einer frommen Rührung aus dem Hauſe ging. Seine Schritte führten ihn in eine der Alleen, wo er einſam und erſchöpft nach einem Ruheplätzchen ſuchte. Da glänzte es gol⸗ den durch die Gebüſche zur Linken, und betroffen erkannte er die Reiterſtatue, vor welcher er einſt mit ſo wunderbaren Ausſichten geſtanden hatte. Ja, ich erkenne dich wieder, den erſten Zeugen mei⸗ ner Täuſchungen! rief er dem Bilde den Rücken wendend: du haſt mich gelehrt daß nicht alles Gold iſt was glänzt. Auch du biſt nur übergoldet. Du haſt mich von der ächten Liebe, von dem wahren Glück hinweggeſchwatzt. Mit leichter Seele ſag' ich dir jetzt Lebe⸗ wohl! Er wurde in ſeinem Selbſtgeſpräche durch das Menſchenge⸗ wühl geſtört, das jetzt in dichtem Strome von dem See daherge⸗ fluthet kam um das Feuerwerk zu ſehen. Er zog ſich an den Rand der Allee zurück und ließ Welle um Welle an ſich vorüber⸗ ziehen, den Blick ſchärfend, womit er in der anbrechenden Dun⸗ kelheit die Geſichter muſterte, um die ſehnlich Geſuchte herauszu⸗ finden. Auf einmal fühlte er ſich an der Hand ergriffen. Sie hier? rief eine bekannte weibliche Stimme im Ton des höchſten Erſtaunens. Er ſah ſich um. Es war Amalie. Wenig fehlte, ſo wäre er ihr vor der ganzen Menſchenmenge um den Hals gefallen. Mit geflügelten Worten ſagte er ihr, wie er ſie zu Hauſe verfehlt und hier oben geſucht habe, und wie er den Verſtand des Zufalls ſegne der ſie ihn hier ſo unverſehens finden laſſe. Sie müſſen gleich mit mir nach Illingen! rief er. 4 Helfen Sie mir nur erſt meinen Mann ſuchen, erwiderte ſie. Wir haben einander im Gedränge verloren. Wie froh bin ich Sie in dieſem Menſchenſchwall zum Beſchützer zu haben! 343 Er wollte ſich weiter erklären, da ſah er ſeinen ehmaligen Inten⸗ danten im Geſpräch mit dem Stallmeiſter der Akademie hart an ſich vorüberkommen. Im gleichen Augenblick hatte ihn auch Herr von Seeger erkannt, ließ aber ſeinen Gruß unerwidert, indem er mit einem langen fremden Blick auf ihm verweilte, und ging dann zögernd weiter, ſich immer wieder nach ihm umſehend, wie um ihn nicht aus den Augen zu laſſen. Da ſteh' ich noch auf dem ſchwarzen Regiſter, dachte Heinrich lächelnd. Herr von Seeger hat mir mit den Augen ſein Tremblez zugerufen, und wird nicht ſäumen Sereniſſimo die Anweſenheit des Verworfenen zu melden. Amalie blickte ihn fragend an, auch ihr war das Benehmen des Intendanten aufgefallen. Heinrich wollte ihr ſo eben Beſcheid geben, als er die ganze Akademie auf ſich zuſtrömen ſah. Die jungen Leute kamen nach der gewohnten Ordnung abtheilungs⸗ weiſe, jede Abtheilung von ihren Offizieren und Aufſehern beglei⸗ tet, die Allee heran marſchirt um ſich gleichfalls von der beendig⸗ ten Jagd zum Feuerwerke zu begeben. Kommen Sie, ſagte er, ich möchte jetzt nicht mit Bekannten zuſammentreffen. Er bot ihr den Arm und führte ſie in die Seitenallee, wo er weniger beläſtigt, obwohl es auch hier an eilenden Menſchen nicht fehlte, den Weg nach dem Schloſſe mit ihr fortſetzte. Was iſt das? ſagte Amalie, beſorgt über die Schulter ſehend. Herr von Seeger winkt beſtändig ſeinen dienſtbaren Geiſtern. Sehen Sie, da kommt einer herbeigeflogen. Er ſpricht mit ihm und zeigt dabei mit den Augen nach Ihnen. Sie hatte richtig geſehen. Die Dämmerung ließ ihn gerade noch erkennen daß es Nies war, der unentrinnbare Packan, wel⸗ chem der Intendant ſeine Aufträge ertheilte. Verwünſchter, bos⸗ hafter Kobold von einem Zufall! dachte er. Das haben wir bei dieſem luſtigen Abſegeln von der Feſtung doch nicht genug er⸗ wogen. Es iſt klar, ſie wiſſen nichts, ſie halten mich immer noch für vervehmt. Wenn ſie kurzen Prozeß mit mir machen ohne 344 vorher oben anzufragen, ſo verbrennen ſie ſich Zwar dießmal die Finger, dieſe Univerſitätscorporäle, die mich noch ihrem Stock un⸗ tergeben glauben, aber zugleich werden ſie auch mir das Spiel garſtig verderben. Eclat! Ridicule! das ſind die Geſpenſter die er am meiſten ſcheut. Laſſ' ich hier vor den Augen des Stutt⸗ garter Publicums eine Scene mit mir aufführen, ſo iſt zehn gegen eins zu wetten daß er mich fallen läßt, ja es iſt gar am Ende möglich daß er, bei ſeiner Neigung Mißgeſchick wie Ungeſchick zu ſtrafen, ihren Irrthum ſanctionirt und mich in meine Höhle zu⸗ rückſtößt. Die Art meiner Freigebung hat mir gezeigt wie recht⸗ los ich bin: wenn er die Hand wieder von mir abzieht, ſo koſtet es wenig Rechtsverdrehung mir zu beweiſen daß ich vom Asberg ent⸗ ſprungen ſei. 1 Was ſoll denn das alles bedeuten? wiederholte Amalie ängſt⸗ lich. Unbeſonnener, Sie werden doch nicht— Che ſie den Satz vollenden konnte, der nur gar zu ſehr dem Geleiſe ſeiner eigenen fliegenden Gedanken folgen zu wollen ſchien, hatte ſich Nies vor ihnen aufgepflanzt. Der Herr Intendant laſſen Ihnen befehlen hier ſtehen zu bleiben und ſich bis auf Weiteres nicht vom Fleck zu rühren, herrſchte er ihn mit dem patzigen Tone an, der ſchon ſo manchmal, obgleich noch in geziemendere Redens⸗ arten geformt, das Blut unſeres Freundes kochen gemacht hatte. Dennoch nahm ſich Heinrich zuſammen. Mein lieber Nies, ſagte er freundlich, melden Sie dem Intendanten, es liege im wohlverſtandenen Intereſſe aller Betheiligten daß er ſich zuerſt und unverzüglich an den Herzog wende; ich ſei bereit das Ergeb⸗ niß hier abzuwarten. Dieſe begütigenden Worte goßen jedoch nur Oel in das Feuer, da er in ſeiner langen Abweſenheit von der Akademie eine der unumgänglichſten Formalitäten vergeſſen und ſich an den Reſpects⸗ anſprüchen der rechten Hand des Intendanten ſchwer vergangen hatte. Was! ſchrie der dicke Kürbis, indem er ſich majeſtätiſch auf 345 8 die Zehen erhob. Ich bin nicht mein lieber Nies, ich bin der Herr Adjutant! Thun Sie was man Ihnen befiehlt, und merken 8 Sie ſichs, daß bereits Vorſorge getroffen iſt, falls Sie nicht Ordre pariren. Er ſchoß hinweg, aber nicht auf den Intendanten zu, ſondern mitten in den akademiſchen Zug hinein, wo, wie leicht zu erach⸗ ten war, ihm Hilfskräfte genug zu Dienſten ſtanden. Schon hatte auch der Wortwechſel in der nächſten Umgebung bei der vorwärts drängenden Menge Aufſehen erregt, und eine Gruppe machte Miene ſich an dem Orte zu ſammeln, der ihrer Neuigkeits⸗ und Skandalluſt, auch auf die Gefahr hin daß ſie den Beginn des Feuerwerkes nicht zu ſehen bekämen, eine Ausbeute verhieß. Daß ich ein Narr wäre! ſagte Heinrich. Meint denn alle Welt mich gefangen herumſchleppen zu dürfen? Jetzt hab' ichs ſatt. Dießmal ſollen ſie mich nicht handfeſt machen! Laſſen Sie mich nicht ſchutzlos zurück! rief Amalie. Ich bleibe bei ihnen, was auch daraus entſtehen möge! Nur mir nachl ſagte eine wohlklingende Stimme neben ihnen, ſo daß Amalie mit einem Schrei zuſammenfuhr. Tony! rief Heinrich. Du Ueberall und Nirgends! 4 Still! ſagte der Zigeuner. Ich bin ſchon lang bei Euch und hab' alles gehört. Vorwärts! Er lief queer aus der Allee hinaus, und die Beiden folgten ihm ſo ſchnell ſie konnten, denn ſie hörten Stimmen und Tritte hinter ſich. Zu gleicher Zeit fiel ein Kanonenſchuß, und jetzt be⸗ gann ein Ziſchen, Knallen und Knattern, ſo daß Amalie erſchreckt ihre Schritte beſchleunigte, als ob das harmloſe Geräuſch der Raketen und Schwärmerkäſten ein Werkzeug der Verfolgung wäre.— 1 —. —— Tony hielt auf einen der vielen Pavillons zu, die ſich flügelartig ¹ von dem Hauptgebäude weithin erſtreckten und, früher zu man⸗ V cherlei Zwecken beſtimmt, jetzt großentheils verlaſſen waren. Dort 4 wartete er. Schnell um die Ecke! rief er als ſie bei ihm ange⸗ langt waren. Sie ſetzten unter ſeiner Führung ihre Flucht eine 1 346 geraume Strecke auf der Hinterſeite der Pavillons und des Schloſſes fort, von welchem ihnen bereits ein Theil beleuchtet ent⸗ gegenſtrahlte. Da ſie ſich ihm von der Seite näherten, ſo ſahen ſie trotz ihrer Eile das reizende Spiel wie die Lichter weiter und weiter liefen und die architektoniſche Schönheit nach und nach in den beleuchteten Linien ihren Triumph feierte. Jetzt hob ſich auch die Kuppel mit tauſend hellen Augen in den Himmel empor, und Heinrich blieb einen Augenblick von dem Schauſpiel hingeriſſen ſtehen. Dorthin! gebot Tony. Sie verließen ihre Richtung abermals und wandten ſich queerfeldein gegen eine lange Wagenreihe, die, Stuttgart zugewendet, hinter den Schloßgebäuden auf ihre Be⸗ ſitzer oder Miether wartete. Die Kutſcher reckten ſich theils auf ihren Sitzen, um die Beleuchtung anzuſehen, theils ſtanden ſie in Haufen bei einander und ſchwatzten. Die Flüchtlinge ſchlüpften ihrem Führer nach zwiſchen zwei Wagen hindurch und befanden ſich jetzt hinter der Wagenburg, wo ſie den Verfolgern wenigſtens für die erſte Zeit aus den Augen waren. Allein Tony gab ſich hie⸗ mit nicht zufrieden, ſondern eilte rückwärts an den Wagen hinab, bis er mit ſeinen Freunden den letzten erreicht hatte. Der Wagen war verlaſſen. Tony muſterte mit einem⸗ kurzen Blick die Bauart deſſelben und die Pferde, nickte zufrieden und ſagte: Hinein! ſchnell! Amalie bedachte ſich ein wenig. Liebe Schweſter, ſagte Heinrich, ich muß mich um jeden Preis der Verfolgung dieſer Einfaltspinſel entziehen. Wenn Sie mein Schickſal theilen wollen, ſo zögern Sie nicht. Sie ließ ſich von ihm in den Wagen heben, er folgte und Tony ſchlug die Thüre hinter ihnen zu. Heinrich war froh ein Verſteck für den Augenblick gefunden zu haben, aus welchem er, wenn die Verfolgung von ihm abge⸗ laſſen haben würde, vielleicht durch die Vermittlung des Grafen ſicher hervorgehen könnte. Dieſen hätte Tony allenfalls zu finden 347 gewußt, wiewohl er ihm lieber den ſauren Gang erſpart ha⸗ ben würde. Tony aber, der die Requiſition ganz anders verſtan⸗ den hatte, ſprang auf den Bock und jagte im ſchnellſten Galopp davon. Geſchrei und Laufen der Kutſcher verfolgte die Flüchtlinge, die mit Sturmeseile über den weichen Boden hinflogen. Der tollkühne Zigeuner durchkreuzte mit unbegreiflicher Sicherheit ein Labyrinth von Anlagen und Alleen, lenkte dann dem Walde zu und fuhr mitten durch ein Wachtfeuer hindurch, das die fröh⸗ nenden Treiber unterhalten hatten, daß die Brände aus einander ſtoben und die Bauern ſchreiend in den Wald hineinſetzten. Amalie umſchlang ihren Gefährten krampfhaft. Tony, du wirſt uns verderben! rief Heinrich zum Wagen hinaus. Nur ruhig! ertönte es vom Kutſcherſitz: ich war ſchon bei halsbrechenderen— Der Reſt ſeiner Worte verlor ſich im Don⸗ nern der Räder und im Krachen des Wagens. Es ging eine An⸗ höhe hinunter und eine Strecke eben fort, dann wieder bergauf und wieder bergab, auf engen aber fahrbaren Wegen, ohne weitere Gefahr als daß die Räder das eine Mal über eine Baum⸗ wurzel hinkrachten und aufflogen, das andere Mal Büſche in den Wagen herein und den Fliehenden ins Geſicht ſchlugen. Endlich hielt der Zigeuner. Horch! ſagte er: es iſt alles ſtill, jetzt fängt uns niemand mehr ſo leicht. Nur noch den Berg da hinauf. Aber was fiel dir ein, rief Heinrich, den Wagen wegzuneh⸗ men? Wie können wirs vor den Inhabern verantworten? Was? lachte der Zigeuner: die Erdenwürmer, die bei dem lumpigen Spectakel da ihre Zeit verlieren, die wird man lang fragen. Sie ſollen ſich zu Fuß behelfen. Er trieb die Pferde wieder an und lenkte ſie gegen eine ſteile Anhöhe. Aber langſam! bat Heinrich. Tony fuhr, da das Schnellfahren ſich hier von ſelbſt verbot, im langſamſten Schritt hinauf, und nun erſt gewannen die — 348 Flüchtlinge, die bisher vor Schrecken ſtumm geweſen waren, ihre Sprache wieder. Wenn ich nur meinem Manne Nachricht ſenden könnte! ſeufzte Amalie. Indeſſen bin ich froh daß ich Sie geborgen weiß. Wie konnten Sie aber auch die Verwegenheit haben, nachdem Sie von der Feſtung— Sie ſtockte. 3 Auch Sie halten mich für einen Entſprungenen! rief er: es wäre freilich kein Wunder wenn ich in der Freude über dieſe Briefe Schlöſſer und Riegel zerbrochen hätte. Jetzt erſt fanden die beiden ſo ſpät und ſo ſonderbar vereinig⸗ ten Freundesherzen Zeit ihre gegenſeitigen Mittheilungen auszu⸗ tauſchen. Amalie erfuhr wie ſeine Befreiung mit den Briefen, die ihm die Freiheit erſt werth machten, unmittelbar zuſammenge⸗ troffen war. Er dagegen vernahm Lottchens Erlebniſſe, von wel⸗ chen er zu viel und zu wenig wußte, zum erſtenmal in ihrem wah⸗ ren Verlaufe, und es wäre ſchwer die wechſelnden Empfindungen zu ſchildern die ihn während der Erzählung ihrer Schweſter be⸗ ſtürmten. Scham und Reue behielten die Oberhand: er verglich ſich mit der Geliebten, die ihm auch in ſeiner Entfernung von ihr die reinſte Treue bewahrt hatte, und mußte ſich ſagen daß er in der Verkennung des trefflichſten Mädchens einen ſchönen Theil ſeines Lebens verloren habe. O ich bin ihrer nicht werth! rief er, als Amalie zu Ende war. Der Wagen hielt, Tony ſprang ab und öffnete den Schlag. Wir ſind auf einer Lichtung, ſagte er, wo wir ohne Gefahr aus⸗ ruhen und zuſchauen können. Die beiden Flüchtlinge ſtiegen aus. Der Zigeuner deutete in die Ferne, und mit einem Ausruf der Bewunderung ſahen ſie den letzten und ſchönſten Theil des Feſtes, von dem ſie auf eine ſo unerwartete Weiſe entführt wor⸗ den waren. Die Solitude ſtieg auf einer entfernten Anhöhe des Hügelrückens, deſſen Krümmung der kü ihne Wagenlenker eingehalten hatte, beleuchtet aus dem Walde hervor, und in dem wunderbaren Lichte glaubten ſie ein niegeſehenes Zauberſchloß zu erblicken. 8 349 Amalie ſetzte ſich auf einen Baumſtrunk und Heinrich ſtellte ſich neben ſie, um ihr zur Stütze zu dienen. Es war ihm als ſähe er ſein Luftſchloß noch einmal in aller Pracht ihm zuwinken, und er blickte lächelnd von der trügeriſchen Herrlichkeit in den dunkel⸗ blauen Himmel, der ihm ein treueres, ein unzerſtörbares Glück abſpiegelte. Wo wenden wir uns jetzt aber hin? fragte Amalie, wie aus einem Traum erwachend. Nach Illingen! antwortete Tony. So ſagtet Ihr ja vorhin, ſetzte er gegen ſeinen Freund hinzu. Nach Illingen! rief Heinrich in ſeligem Vorgefühl. Weißt du die Richtung, du Hexenmeiſter? fragte er den Zigeuner. Gewiß, ſagte dieſer, mir iſt jeder Schlupfweg bekannt. Könnten wir nicht, meinte Heinrich, in einem Dorf ein Fuhr⸗ werk bekommen und dieſes hier durch einen Burſchen zurückſenden? Der Raub wird mir immer peinlicher. 4 Ich hab' nicht gern mit Schulzen zu thun, war die trockene Antwort ſeines morgenländiſchen Freundes. Iſt auch wahr! rief Heinrich, und ich noch weniger mit Amts⸗ ſubſtituten. Ich bring' die Kutſche, wenn ſie ausgedient hat, an ein Stuttgarter Thor, wo ſie ihren Herrn ſchon wieder finden wird. Der muß ſich eben derweil in Geduld faſſen. Ein Stuttgarter Hauderer ſpringt nicht gleich ins Waſſer. Bei dieſem Troſte mußte ſich unſer gewiſſenhafter Freund beruhigen. Hier, ſagte Tony, hat der Herzog unermeßlich viel Holz ſchla⸗ gen laſſen, das alles in die Münze gekommen iſt, und das Geld geht da drüben wieder in die Luft. Wenn er gewußt hätte wie bequem ers uns gemacht hat! Heinrich ſah ihn freundlich an. Der junge Zigeuner ſchien ſeine Schwermuth abgelegt zu haben: offenbar hatte ihn der Dienſt dem er ſeinem ehmaligen Gegner erweiſen konnte heiterer geſtimmt. —1 ——— 350 Eine ſtattliche Summe mag in dieſen paar Tagen aufge⸗ gangen ſein, bemerkte Amalie. Ob wohl die Landſchaft Vorſtellungen dagegen gemacht hat? verſetzte Heinrich. Die ſcheint auf ihren Lorbeeren zu ſchlummern. Ein plötzlicher Gedanke kam Amalien; ſie legte ihre Hand auf Heinrichs Arm: Wenn Sie zum Vater kommen— haben Sie dieſen Punkt ſchon gegen ihn berührt? Die Landſchaft meine ich. Nicht daß ich wüßte. Sprechen Sie doch vorſichtig davon, es iſt eine empfindliche Saite. Seine Vorfahren ſaßen in der Landſchaft; er ſelbſt hat die Laufbahn ausgeſchlagen, aber es würde ihn kränken wenn er Ungleiches davon reden hörte. Heinrich dankte für den Wink und verhieß ſich in Acht zu nehmen. Beide ſchauten noch einmal nach dem ſchönen Schau⸗ ſpiel hinüber, dann wandten ſie ſich um wieder in den Wagen zu ſteigen. 3 Tony fuhr jetzt mit mäßiger Geſchwindigkeit und wagte ſich, da es hinter ihnen ruhig blieb, auf breitere Fahrwege. Das ſanfte Schaukeln des Wagens wiegte unſern Freund in wonnige Träume ſeines bevorſtehenden Glücks; der Gefahr entronnen und der Freude ſo nahe, befand er ſich in einer ganz eignen Art von Wohlgefühl. Nein, ich hab' es nicht verdient noch ſo glücklich zu werden! rief er ſich immer wieder zu. Was ſoll ich ihr ſagen? wie entgegentreten? wandte er ſich zu ſeiner ſchweigenden Freundin. Angſt und Seligkeit überfallen mich wenn ich daran denke. Sie kehren zu ihr zurück, erwiderte Amalie lächelnd: das iſt ja wohl die beredteſte Erklärung. Noch eine kurze Geduld! wir ſind ja auf dem Wege— Nach Illingen! rief er in ſeligem Jubel. Auch wir, ſagte er indem er ihre Hand faßte, ſind uns nicht mehr fremd. Ich begrüße eine theure Schweſter in Ihnen. 1 Sie erwiderte innig den Druck ſeiner Hand. Ich kann Ihnen 351 nun wohl geſtehen, entgegnete ſie, daß ich gleich von Anfang an eine gewiſſe Theilnahme für Sie gefühlt habe, die ich freilich nach meiner Art verbarg. Habe ich das Zerreißen Ihres Verhältniſſes durch eine ſchweigende Kälte wenigſtens befördert, ſo thue ich jetzt alles um die lieben Fäden wieder zu knüpfen. Ich glaubte Lott⸗ chen zu einfach für Sie, bis der Brief des herrlichen Mädchens kam. Auch an ihr hab' ich gelernt daß Leiden und Verſagung die beſten Taucher ſind, um die Perlen und Cdelſteine aus dem Menſchenherzen zu Tage zu bringen. Ja, fuhr ſie unter Thränen fort, es ſcheint eine Sonne auf dieſes Herz, welche ſelbſt die här⸗ teſte Rinde zuletzt ſprengen kann. heine gute Schweſter! ſagte Heinrich bewegt: unſre Ver⸗ wandtſchaft gibt mir ein Recht Sie zu fragen was Sie ſo ver⸗ ändern oder vielmehr Ihr verborgenes ſchönes Gemüth ſo heraus⸗ kehren konnte. Gönnen Sie mir das Geheimniß dieſer Entpup⸗ pung. Ich kann Ihnen nicht ausſprechen wie hold und lieb Sie geworden ſind. Und die Folge dieſer Umwandlung, Ihr Entſchluß, der Ihnen aus dem Urgrund alles Guten belohnt werden möge, ſich eines verlaſſenen und vergeſſenen Gefangenen anzunehmen! denn Ihre Sendung hat mir Leben und Hoffnung zurückgegeben. — Sagen Sie mir, welch ein Engel hat das alles ſo gelenkt? Sie wandte ſich ſchnell und erſtaunt zu ihm herum. Hahn, rief ſie, der unvergleichliche Mann! Wiſſen Sie es denn nicht? Sie haben ihm ja von mir geſagt, und daß Sie ſelbſt gegen dieſen zuverläſſigſten aller Menſchen kein unſchönes Wort über meine Schweſter ausgeſprochen haben, das hat mich ſo von Neuem für Sie gewonnen. Wie? rief Heinrich: und dieſer würdige Freund iſt durch mich veranlaßt worden Ihre Bekanntſchaft zu ſuchen? Ich begreife Sie nicht, war ihre Antwort: das ſollten Sie doch wiſſen. Er hat Ihnen ja meinen Brief zugeſchickt. Von ihm alſo war der Brief überſchrieben? Der ſeltſame 35² Menſch nahm ſich nicht Zeit auch nur eine Zeile die mich aufge⸗ klärt hätte beizulegen. Das ſieht ihm gleich, ſagte ſie lächelnd: er begnügte ſich den guten Samen auszuſäen, den er dann in frommem Glauben ſich ſelbſt überlaſſen konnte. Das iſt ſeine Art, etwas als unnütz bei Seite zu laſſen, worüber andre ihr ganzes Leben hinbringen. Nun fange ich an, ſagte Heinrich, den Zuſammenhang klar zu ſehen. Alſo deßhalb nannte Rieger den Brief eine Seelen⸗ ſpeiſe? Ja, er hat ihm den rechten Namen gegeben, obgleich er ſich unter der Handſchrift des frommen Freundes etwas ganz andres vermuthet haben mag. Wunder über Wunder! Was ein zufällig hingeworfenes Wort für Folgen haben kann! Auch hier komme ich ohne alles Verdienſt zu einer Ernte deren Saat ich ahnungs⸗ los ausgeſtreut habe. Und ſo iſt denn mein Tröſter in der Ge⸗ fangenſchaft auch Ihr geiſtlicher Vater geworden? Er hat das Wort ausgeſprochen, erwiderte ſie, das mir Frie⸗ den brachte; er hat mein verkümmertes Erdenſchickſal an jenes unſichtbare Reich angeknüpft. Ihm verdanke ich eine Glückſelig⸗ keit auf die ich für dieſes Leben verzichtet hatte, ach, die mir dann auch in jenem nicht geworden wäre! Jetzt erſt, wenn ich an meinen frühern Zuſtand zurückdenke, ſehe ich ein, wie viele Men⸗ ſchen, die ſich ſogar für religiös, für chriſtlich halten, in Worten hinleben, ohne einen Athem von dem Geiſt der im Worte ruht. Glauben Sie nicht daß ich mich einem kleinlichen Buchſtabendienſt ergeben hätte; ich bin entfernter davon als je. Die große Geiſtes⸗ freiheit unſres Freundes läßt auch mir zu, die göttliche Pflanze in meinem Boden und nach meiner Art wachſen zu laſſen. Auf Eines freilich dringt er als unerläßlich, Sie wiſſen es, und es iſt auch mir die Hauptſache. Sie mögen nun darüber lächeln, aber aus den Früchten meines neuen Lebens ſehen Sie am beſten was ich geworden bin. 3 Nimmermehr! rief Heinrich mit Feuer: wie wenig kennen Sie mich, wenn Sie glauben ich könnte über Sie lächeln. Ich 353 ſegne dieſe Umwandlung, und wüßte keine die Ihnen beſſer und natürlicher ſtünde. War es ja doch eine ähnliche Gedankenver⸗ bindung die mich antrieb in den Geſprächen mit Hahn Ihrer zu erwähnen. Wirklich? ſagte ſie: alſo von Ihrer Geiſteshöhe herab haben Sie den beſcheidenen Weg erkannt und gebilligt, der meiner gei⸗ ſtigen Beſchaffenheit angemeſſen iſt? Heinrich ſah ſie ungewiß an; er glaubte eine Empfindlichkeit und einen Anklang von dem alten Ton aus dieſen Worten her⸗ auszuhören. Bleiben Sie lieb, Schweſterherz, bleiben Sie gut! erwiderte er. Nehmen Sie mirs nicht übel, aber das war ein Splitterchen von der alten harten unverdaulichen Schale. Nur heraus damit, daß der edle Kern vollends frei wird! Der wird Ihnen aufs Mindeſte eingeben mich als einen Irrenden mit Freund⸗ lichkeit zu ertragen. Wäre es aber wirklich ſo daß Sie mir eine umfaſſendere Erkenntniß zugeſtehen müßten, ſo wiſſen Sie ja, es gibt einen innern Rang in welchem alle gleich ſind, wie es auch eure Lehre vom Reiche Gottes ſagt. Laſſen Sie mich nicht wieder⸗ holen was ich alles mit Ihrem Beichtvater durchgeſprochen habe; er hat mich auch zuletzt gewähren laſſen müſſen. Vor allem geben Sie keiner Empfindlichkeit Raum, und— ſetzte er hinzu, indem er ſanft ihre Hand faßte— vergeſſen Sie nicht was die erſte aller chriſtlichen Tugenden iſt: ja wir alle, wer wir auch ſeien und was wir auch glauben mögen, bedürfen der Demuth vor allem. Amalie drückte ihm lächelnd die Hand: Dank, lieber Buß⸗ prediger! Sie wiſſen uns zuletzt mit unſern eigenen Waffen zu ſchlagen. Nun, ich will mirs ja gefallen laſſen daß Sie was Beſondres haben wollen; aber mich wird es nicht von meinem Glauben abbringen. Es ſind auch ſchlechte Glaubensgeſinnungen, liebe Amalie, die einander irre machen können. Schau! rief ihr Wagenlenker herein. Sie hatten die Wälder Schiller's Heimathjahre. II. 23 354 weit hinter ſich und hielten auf einem kahlen Bergvorſprung mit vielfach zerriſſenem Boden, über welchen ein ziemlich breiter Weg ins Thal hinunter führte. Da drunten, ſagte Tony, kommen wir auf die Landſtraße. Der Wagen muß vor Tag in Stuttgart ſein, verſetzte Hein⸗ rich. Fühlen Sie ſich ſtark genug den Weg von Vaihingen an vollends zu Fuß zu machen? fragte er Amalien. Ich habe mich völlig erholt, antwortete ſie: den Weg durch das Thal weiß ich von alten Zeiten her, und die Nacht iſt ſo hell daß wir nicht irre gehen können. Tony, der jetzt ein vorſichtiger Kutſcher geworden war, ſperrte ein Rad, und ſo ging es langſam den Berg hinab. Was blinkt denn da im Thale? fragte Heinrich im Hinunter⸗ fahren. Blinder Freund! rief Amalie neckend: haben Sie das Waſſer nicht ſchon längſt erkannt das da unten fließt? Die Enz! rief er frohlockend: wiß nah dem Ziele meiner Hoffnungen! Stumm vor Freude und Erwartung ſetzten ſie die Reiſe fort, bis Tony vor den Thoren von Vaihingen zum letzten Mal die Roſſe anhielt. Nun ſieh zu, Freund, rief Heinrich, daß du den Wagen mit guter Art wieder heimgibſt.— Er bat ihn ferner, nach Stuttgart zum Expeditionsrath zu gehen und ihm die Ereigniſſe dieſer Nacht zu erzählen; ſeine Frau, ſollte er ihm melden, ſei in Begleitung ihres Schwagers nach dem Vaterhauſe abgegangen. Tony verſprach alles treulich zu beſtellen. Heinrich umarmte ihn beim Abſchied, und Amalie bot ihm dankend die Hand. Tony, ſagte unſer Freund, du ſollteſt dieß unſtäte Leben verlaſſen, und vielleicht das Land ebenfalls. Die Welt iſt weit und man kann man⸗ ches Mißgeſchick darin vertummeln. Es wäre Schade um dich. Denk' auf was Geſcheides, ich will dir ſtattliche Empfehlungen verſchaffen. Tony ſchüttelte den Kopf, während er den Kutſcherſitz wieder beſtieg. Mit dem Fortfliegen iſts aus, ſagte er, die Flügel ſind lahm. 35⁵ Und ich weiß doch einen Arzt der ſie wieder heilen könnte, rief Heinrich. Sollte ſo viel Treue und Anhänglichkeit nicht auch ein bischen Erwiderung verdienen? Oder weißt du nicht einmal wo ſie iſt? Die Feddricho? verſetzte Tony zögernd: die iſt wieder in Allerheiligen.— Er wandte den Wagen und fuhr in die Nacht hinein. Der arme Junge! ſagte Heinrich zu Amalien, und erzählte ihr, während ſie das Städtchen auf der Seite des Schloſſes um⸗ gingen, von der treuen Liebe des Zigeuners. Man muß dem braven hübſchen Jungen gut ſein, verſetzte ſie. Aber was mein Mann für Augen machen wird, wenn wir ihm einen Zigeuner als heimlichen Botſchafter zuſenden! Das iſt der Witz des Außerordentlichen, ſagte Heinrich, daß es am Ende auch die regelmäßigen Naturen ergreift, ſie mö⸗ gen ſich ſträuben wie ſie wollen. Ich möchte die geheime Audienz mit anſehen. Sie hatten die ſchlummernde Stadt im Rücken, und gingen durch ein ſchmales Wieſenthälchen, in deſſen Mitte ein Bach ſanft durch die ſtillen Schatten hinrauſchte. Eine kleine Stunde moch⸗ ten ſie gegangen ſein als Heinrich ſtehen blieb. Hier, rief er, war es wo ſie mir die erſten Veilchen brach. Arme Blümchen! ſie ſind lang verwelkt. Dafür wird ſie Ihnen jetzt eine Roſe reichen, ſagte Amalie, die keinem Welken unterworfen iſt. In welcher Leere hab' ich mein Leben hingebracht! klagte er. Es iſt mir als wär ich erſt geſtern weggeritten. Wie viel liegt zwiſchen dieſem Geſtern und Heute, und iſt doch lauter Nichts. Das Heute folgte nicht ſo ſchön auf das Geſtern, ſagte Ama⸗ lie, wenn nicht ein langer trüber Traum dazwiſchen läge. Wie es mit der Zukunft werden ſoll läßt ſich freilich nicht vorausſagen, aber ihr habt einander wieder gefunden, und das iſt die Haupt⸗ ſache. Irdiſche Rückſichten, die mir ſonſt wichtig waren, fechten 356 mich jetzt wenig an. Gott wird für ſeine Kinder ſorgen, die er wunderbar für einander behalten hat. Gute, Holde, Himmliſche! rief Heinrich: Ihr Vertrauen läßt Sie nicht zu Schanden werden. Sie wiſſen nur daß ich frei bin; das andere hätt' ich Ihnen längſt ſagen ſollen, aber ich vergaß es im Wirbel unſrer Flucht. Er theilte ihr die Neuigkeit ſeiner Berufung mit, und ſie ſagte freudig: So ſind meine Wünſche ſchon im Voraus erhört. Laſſen Sie uns eilen! rief er: ich kanns nicht mehr erwarten. Sie beflügelten ihre Schritte und kamen an das Gartenpfört⸗ chen. Es war geſchloſſen. Gottlob! ſagte Amalie, daß der Augenblick dem ich ſo froh und ſo bang entgegenſehe noch ein wenig hinausgeſchoben iſt. Mein Vater, o mein Vater! rief ſie, und brach in bittere Thränen aus. Er zog ſie ſanft auf dem Wege fort. Sie fühlen ſich mit einem höhern, ernſteren Vater verſöhnt, ſagte er, und ſcheuen ſich vor dieſen zu treten? O wie wird der herrliche Greis voll Liebe und Milde ſein! Sie mußten einen Umweg durch das Dorf nehmen. Als ſie gegen die Kirche einbiegen wollten, ſahen ſie hinter einem Fenſter zur ebenen Erde Licht und hörten Stimmen an der Thüre, die ſo eben geöffnet wurde. Gott, das iſt des Vaters Stimme! rief Amalie und zog ihn hinter die Ecke des Nebenhauſes, wo ſie ſich zitternd an ihn an⸗ lehnte. Geht nur nach Hauſe, Herr Schulmeiſter! hörten ſie die klare, freundliche Stimme ſagen: ich werde zur Beruhigung des Kranken noch da bleiben. Die Thüre wurde wieder zugemacht, und ſie ſahen einen Mann mit einer Laterne die Gaſſe hinuntergehen. Kommen Sie, ſagte Amalie: jetzt ſpricht er dem Kranken Troſt ein. Laſſen Sie uns am Fenſter lauſchen, daß ich ſeine liebe Stimme zuerſt von Weitem höre und mich ſo wieder angewöhne. 357 Sie traten an das Fenſter. Die Spalten des geſchloſſenen Ladens ließen nur den Lichtſchimmer durch, geſtatteten aber kei⸗ nen Blick in die Stube. Doch konnte man jeden Laut vernehmen. Eine Todtenſtille herrſchte, nur zuweilen von einem tiefen Athem⸗ zug des Kranken unterbrochen. Endlich ſprach die Stimme des alten Pfarrers: Erleichtert Euch das Herz. Was habt Ihr mir noch zu ſagen? Ein herzzerſchneidendes Aechzen folgte auf dieſe Anrede, dann hörte man eine tiefe Stimme, die von Zeit zu Zeit in ein Ge⸗ murmel herunterſank, abgebrochene Worte ausſtoßen: Ein ſchweres Geheimniß, klang es, das mich nicht ſterben läßt— Ach, und doch— wills nicht über die Lippen! Es iſt eine Beichte, die uns nicht anzuhören gebürt, ſagte Heinrich, und wollte Amalien fortziehen, als ſie nach einem unver⸗ ſtändlichen Geflüſter einen Schrei des Schreckens vernahmen. Das war der Vater! ſagte Amalie angſtvoll: ihm iſt etwas geſchehen. Brechen Sie die Thüre ein! Heinrich hielt ſie feſt an der Hand, denn er hörte den Greis wieder ſprechen, aber ſchwere Worte waren es, die ihn mit Gei⸗ ſtergewalt an das Fenſter bannten. Haben Sie's gehört? ſagte er ſchaudernd. Amalie ſchüttelte den Kopf und drückte ſich feſter an den La⸗ den hin. Der Kranke nahm wieder das Wort. Seine Stimme klang unſrem Freunde bekannt. Er ſchien ſich erholt zu haben und ſprach zuſammenhängender von ſeiner Herkunft, ſeinem Wander⸗ und Jugendleben. Als er aber an den letzten, ſchweren Reſt ſei⸗ ner Mittheilungen kam, ſchien ihn die innere Bewegung zu über⸗ wältigen; er ſtockte und ſtammelte und brachte ſeine Beichte oft wieder ſo geheimnißvoll flüſternd hervor, daß nur einzelne Sätze vor das Fenſter zu den Lauſchenden drangen. Sie wiſſen nicht, hörten ſie ihn ſagen, daß auch ich Soldat war.— Es war ein Fluch der fortgewirkt hat. O wie iſt die 358 Hand Gottes ſo ſchwer!— Sein Sohn wußte von allem nichts, und doch hat die Rache des Herrn ſeinen Arm gegen mich be⸗ waffnet.— Ach, und ich war ein junger Burſche, dem mans nicht ſo hart hätte anrechnen ſollen!— Hören Sie! ſprach die Stimme nachdrücklich weiter, aber die folgenden Worte wurden ganz leiſe geflüſtert. Endlich kam es wieder etwas vernehmlicher: Er wollte den andern Tag verreiſen, hörten ſie ſagen. Ich hatte die Nachtwache— eine Galerie gegen den Schloßgarten hinaus— er begab ſich zeitig zur Ruh— ſo tönte es unheimlich in abgebro⸗ chenen Sätzen heraus. Dann kamen die Worte wieder lauter und raſcher, unter Beklemmungen und Beängſtigungen hervorgeſtoßen. Alles war ſtill, ſagte er. Ich ſtand mit dem Rücken gegen den Garten gekehrt, hatte das Gewehr auf den Boden geſtellt, und ſah einem wunderlichen Schatten nach, der an den Wänden fortlief. Da packts mich an den Armen, entreißt mir die Waffe, und wie ich aufſchau' ſo ſind vier Männer in ſchwarzen Larven um mich her. Der eine ſetzt mir ein Meſſer an den Hals, der andere hält mir einen ſchweren Beutel vor. Keinen LautV! ſagten ſie: du haſt die Wahl.— Drei gingen hinein, der Vierte blieb, mich zu bewachen. O mein Herr und mein Gott! ich hätts verhindern ſollen! Was lag an meinem Leben, wenn ich Lärm gemacht hätte! Nicht der Mammon blendete mich, aber die Furcht. O ich war noch ſo jung Und doch hab' ich den Mammon behalten! Man konnte deutlich hören wie ſich der Sterbende ächzend im Bette wälzte. Nach einer Weile, fuhr er mit matter Stimme fort, kamen ſie wieder heraus. Einem hatte ſich die Larve ver⸗ ſchoben, ich erkannte ihn— Ich will den Namen nicht wiſſen! rief die Stimme des Pfar⸗ rers mit Heftigkeit. Ich will ihn nicht wiſſen! Nimm ihn mit in die Grube! Der Sterbende flüſterte wieder:— Gleich darauf wurde ich abgelöst, ſagte er. Auf dem Weg zur Caſerne hört' ichs ſchon 359 laut werden— laut im Schloß und in der Stadt. Ewige, himm⸗ liſche Barmherzigkeit!— er ſei am Schlagfluß geſtorben! Mit dieſen abgebrochenen Worten ſchloß die geheimnißvolle Beichte, auf welche ein tiefer Seufzer des Pfarrers folgte. Ja, und nachher, hörten ſie ſeine Stimme ſagen, kam das Gerücht noch viel ſonderbarer. O daß ich weiß wozu die Religion her⸗ halten muß! Wir haben genug gehört! rief Heinrich und zog Amalien haſtig am Arme fort. Haben Sie's verſtanden? ahnen Sie? Sie antwortete nicht, aber ihre ſtummen Gebärden bejah⸗ ten es. Laſſen Sie uns dieſe ſchauerliche Beſtätigung halbvergeſſener Gerüchte begraben! ſagte er: ſie ruhe ſtumm bei den tauſend blutigen Geheimniſſen die in Grüften und Archiven modern! Die That ſchläft im Grabe und die Zeit iſt längſt darüber hingegangen. Welche Entdeckung! Kommen Sie, es drängt mich, dieſes traurige Geheimniß an einem treuen, reinen Herzen zu vergeſſen. 12. Dich liebt' ich immer, dich lieb' ich noch heut, Und werde dich lieben in Ewigkeit! 4 Uhland. Die Thüre des Pfarrhauſes war offen geblieben, als der Va⸗ ter zu dem nächtlichen Krankenbeſuche ging. Die unerwarteten Gäſte ſtiegen leiſe die Treppe hinauf. Durch die Thüre des Wohnzimmers blinkte Licht, und ſie traten unhörbar hinein. Da feſſelte ſie der Anblick des Mädchens, das im Sorgenſtuhle des Vaters, mit dem Köpfchen rückwärts auf der Lehne ruhend, ſchlummerte. Ein Licht ſtand neben ihr auf dem Tiſche, und in der herabgeſunkenen Hand hielt ſie ein Buch, über welchem ſie, den Vater erwartend, eingeſchlummert war. Der Herr gibts den Seinen im Schlaf, ſagte Amalie leiſe. Still, o ſtill! flüſterte Heinrich. Ihm war als könnte die holdſelige Erſcheinung, die wie auf einem leichten Nachen im Meer des Schlummers dahinſchwebte, vor einem lauten Worte ſchwinden. Er ſah und konnte ſich nicht ſatt ſehen. Wie voll und ſchön war ſein Mädchen geworden! Welche Hoheit wohnte in dieſem unſchuldigen Antlitz, das im Schlummer offen vor dem Auge Gottes lag und keine Regung verrieth die ſich hätte zu ver⸗ bergen wünſchen müſſen. Er blickte auf die blonden Locken: ſie waren wirklich etwas dunkler geworden, und von der Stirne zog ſich eine leichte Falte zwiſchen die Augen hinein, die ihm mit 361 7 einem tiefen Weh durch die Seele ſchnitt; aber in ihrem ganzen Weſen athmete ein ſanfter Friede, welcher Balſam in ſeine Trauer goß. Der Schmerz hatte in dieſem lieblichen Angeſichte gewaltet, aber ſeine Arbeit hatte keine Zerſtörung hervorbringen können; eine neue, ſeelenvollere Schönheit war an die Stelle der einſtigen Kindesfröhlichkeit getreten. Selbſt die Falte war nicht entſtellend; es war mit ihr eine ſchöne Würde, eine ſinnende Wehmuth auf dieſe Stirne hingehaucht. Er hätte ſie tauſendmal küſſen mögen, doch er gönnte der Lieblichen den holden Schlaf. Ein Engel aber ſchien ihr zuzuflüſtern wer in ihrer Nähe ſei: eine leichte Röthe trat auf ihre Wangen, ihre Bruſt hob ſich höher, und ein himmliſches Lächeln verbreitete ſich über ihr An⸗ geſicht. Wem konnte es gelten? Sie war ja ſein, war noch die Seine. Da vergaß er alle vergangenen Trübſale und auch das letzte Grauſen dieſer Nacht. Er konnte ſich nicht bezwingen, er zog Amalien in ſeine Arme und küßte ſie mit ſtürmiſcher Freude. In dieſem Augenblicke verrieth eine raſche Bewegung und ein leiſer Ausruf das Erwachen der Schläferin; ſie ſaß aufgerichtet da und ſchaute mit ſtarren Blicken auf die beiden Geſtalten die wie Gei⸗ ſter ihrer Träume vor ihr ſchwebten und nun mit ausgeſtreckten Armen zu ihr hintraten. Ein Freudenſchrei rang ſich aus ihrer Bruſt; ſie wurde bleich, zwei große Thränen ſtanden in ihren Augen. Träume ich immer noch? rief ſie. *.* * Minute auf Minute war den Liebenden in ſeligem Rauſch vergangen, nur von Amaliens ſtillfließenden Thränen gezählt, als die Ankunft des Vaters ihre Seelen wieder auf die Erde zurückrief. Er trat gebeugt herein; ſein furchenvolles Angeſicht ſchien friſch geackerte Zeugen des Seelenleidens zu tragen. Verwundert ſah er auf Lottchen und ihren Freund, da fiel ſein Auge von ihnen auf Amalien, die aus der Ecke aufgeſtanden und zögernd näher 362 getreten war. Er hielt ſich die Hand vor die Augen, als wollte er deutlicher ſehen. Amalie! Schmerzenskind! rief er aus, und ſie lag laut weinend zu ſeinen Füßen. Mit jugendlicher Kraft hob er ſie vom Boden und drückte ſie lang an ſeine Bruſt. Vater! rief ſie: ſo hätte ich längſt kommen ſollen! Du konnteſt nie zu ſpät kommen, ſagte er und erſchöpfte ſich in Liebkoſungen. Dann trat eine Wolke auf ſeine Stirne; er ſchien an etwas Schweres zu denken, das er für einen Augenblick vergeſſen hatte. Er ſetzte ſich zitternd in ſeinen Stuhl. Ich bin ſehr müde, ſagte er, ſehr angegriffen. O dieſe Freude! Komm her, du Troſt der Tage die mir nicht zeſallen, daß ich dich in den Armen halte. Sie kniete vor ihm nieder und legte das Haupt in ſeine Hand. Ein unterdrücktes Schluchzen ſchien ihr den Buſen ſpren⸗ gen zu wollen. Der Greis ſpielte ſelig mit ihren ſchwarzen Locken; jetzt erſt verrieth er wie ſehr ſie ſein Liebling geweſen war. Und dieſe Frau, der edelſten Leidenſchaften fähig, durch ein tückiſches Schickſal in allen Lebenshoffnungen verkümmert, war ſie nicht glücklich? Trug ihr dieſer einzige Augenblick nicht eine ganze Erdenſeligkeit mit wucheriſchem Segen nach? Ich habe meinen Joſeph wieder gefunden! ſagte der Vater lächelnd zu Lottchen, die wie ein verklärter Engel zuſah: und mein Benjamin iſt ohne Neid im Vaterhauſe. Nein, meine Kleine grollt nicht ob der lang verhaltenen Liebe die nun mit einem Mal durch alle Schleußen bricht. Sie hat an ihrem eigenen Theil Glück zu zehren, ſagte Ama⸗ lie durch Thränen lächelnd. Sie erhob ſich und beide Schweſtern führten den Freund, der ſtill bei Seite geſtanden war, dem Va⸗ ter zu. Iſt der Trotzkopf wieder da? rief dieſer⸗ kindlich froh. Was will er denn? Ihren Segen, Vater, und Ihre Tochter. Der Greis legte ſeine Hände auf ihre Häupter. Zum zweiten 363 Mal, ſagte er, füg' ich euch zuſammen, zum zweiten Mal ſcheiden ſoll euch nur der Tod. Er ſchloß den Sohn in die Arme. Du haſt richtig geahnt, ſagte er. Ich hätte dich nicht auf den unglückſeligen Ritt aus⸗ ſchicken ſollen. Aber es war Gottes Wille; ſeine Pflanzen ſollen nicht bloß im Sonnenſcheine reifen. Und bleibſt du jetzt bei mir? Ich laſſe dich nicht ſo bald wieder. Vielmehr muß er ſchleunigſt wieder fort! rief Amalie raſch einfallend, und machte Vater und Schweſter mit den Begebenheiten des Tages bekannt. Heinrich ergänzte ihre Eröffnungen. Er müſſe unverweilt ſeinen Beruf antreten, ſagte er, und habe keine Zeit, die Schwierigkeiten, die durch Tonys hilfreichen Ungeſtüm noch vermehrt worden ſeien, von hier aus beizulegen. Auf der nächſten Station jenſeits der Grenze werde er dem gräflichen Freunde ſchreiben, daß er ſogleich auf ſeinen Poſten geeilt ſei, um alle unangenehmen Folgen dieſes Abends abzuſchneiden. Aber, Vater, ohne Lottchen geh' ich keinen Schritt! ſetzte er mit entſchie⸗ denem Tone hinzu. Die Welt kann mir nicht ins Herz, aber ſie kann mir ſtörend zwiſchen meine Lebensplane greifen. Sie hat uns ſchon einmal getrennt; ſie ſoll es nicht wieder! Und haben Sie nicht ſelbſt geſagt, zum zweiten Male ſolle nur der Tod uns ſcheiden? Was auch kommen mag, ich weiche nicht von hier bis Sie uns verbunden haben. Der Alte ſah ihm ſinnend in das Angeſicht. Dir geſchehe dein Wille! rief er endlich entſchieden. Ihr ſollt noch dieſe Nacht getraut werden, und gleich von der Kirche weg abreiſen. Sendet nach dem Schulmeiſter und dem Schulzen, daß ſie der Trauung als Zeu⸗ gen beiwohnen. Den ungewöhnlichen Act will ich beim Conſiſto⸗ rium vertreten.— Er ſchritt in großer Bewegung durch das Zimmer. So plötzlich? ſagte Lottchen beklommen. Wenn es nach der gewöhnlichen Weiſe ginge, erwiderte der Alte, ſo würde doch auch zuletzt ein Tag kommen wo du das Va⸗ terhaus verlaſſen müßteſt und deinem Manne folgen. 364 Auch Amalie redete der Schweſter ermuthigend zu, und dieſe ſchmiegte ſich ſchüchtern an den Freund. Heinrich fühlte ſich betäubt von dem ſchnellen Umſchwung ſeiner Schickſale, von der plötzlichen Erfüllung ſeiner Wünſche. Sein vergangenes Leben zog vor ſeinem innern Auge vorüber. Indem er Lottchen im Arme hielt, ſah er ſich wieder in jene Zeit zurückverſetzt, da er den erſten verhängnißvollen Abſchied von ihr genommen hatte. Er ſah ſich wieder reiſefertig, zu Pferde, unter dem Fenſter des Liebchens halten, und ſah ihr weißes Tuch zum Abſchied flattern. Da tauchte auch eine vergeſſene Geſtalt empor, eine Geſtalt die erſt vor Kurzem noch auf eine ſo traurige Weiſe in ſeine Erinnerung zurückgerufen worden war. Vater, ſagte er, wenn Sie nichts dagegen hätten, ſo möchte ich bitten auch jenen Schmid zur Trauung rufen zu laſſen. Er könnte vielleicht uns nachher über die Grenze führen. Der Greis wandte ſich ab und ſtützte das Haupt auf die Hand. Der iſt nicht mehr zu haben, ſagte er nach einem langen Schweigen: ich kam ſo eben von ſeinem Sterbebette. Großer Gott! rief Heinrich unbedachtſam, wurde aber von Amalien, die ſorgend und zurüſtend durch die Zimmer ging, noch zu rechter Zeit am Arm ergriffen und erinnert. Der Schmid alſo war jener Beichtende geweſen, ſein alter Reiſebegleiter, der un⸗ glückliche Vater unglückſeliger Söhne! Er ſchwieg und ſah in einen Knäuel von Verhängniſſen hinein, die ihn ſchaudern mach⸗ ten. Die liebende Genoſſin, ängſtlich an ſeinen ſtarren Blicken hängend, ſtrich ihm über die Stirne und brachte ihn in die Ge⸗ genwart zurück. Er ſah ſie mit wehmüthiger Zärtlichkeit an. In dieſe Augen mußt du forthin ſchauen, ſagte ſein Herz zu ihm: da wird alles verworrene Leid und alle Bangigkeit verſchwinden. Amalie trat mit den gerufenen Zeugen ein. Unſer Pilger ſah andre Geſtalten, jugendlichere, welche die Aemter der alten Bekannten führten. Der greiſe Pfarrer erhob das kummerſchwere 365⁵ Haupt und redete ſie an; dann begab ſich der ſtille Hochzeitzug in die Kirche. Der ehrwürdige Diener derſelben, der heute Nacht ſeine Toch⸗ ter aus den Armen ſenden ſollte, trat feſten Schrittes in den Altar. Zwei ſilberne Leuchter brannten darauf. Das Brautpaar ſtellte ſich vor ihn, etwas rückwärts auf der linken Seite die beiden Männer, auf der rechten Amalie. Es lag eine Feierlichkeit in dieſem nächtlichen ſang⸗ und klangloſen Gottesdienſt, wie ſie nur in den heimlichen Verſammlungen des erſten Chriſtenthums und verfolgter Confeſſionen gefunden werden konnte. Eine tiefe Stille herrſchte durch das Gotteshaus. Da hörte man das raſche Rollen eines Wagens, und alle wandten ſich beͤtroffen um. Der Ton entfernte ſich auf dem Wege nach der Grenze, und Heinrich, durch dieſes Zeichen gemahnt, wünſchte mit banger Ungeduld ſchon ebenfalls dorthin unterwegs zu ſein. Der Vater und Prieſter begann zu reden und ſprach über die Textesworte„Sie ſoll Vater und Mutter verlaſſen und dem Mann anhangen“ wenige nachdrückliche Worte. Er ermahnte ſeine Kinder, in der fremden kalten Welt, fern vom Vaterhauſe, einander Alles zu ſein, auch durch Leiden ſich um ſo feſter an einander ſchließen zu laſſen. Und wenn ſchwere Ungewitter kom⸗ men, fuhr er fort, wenn Gott euch zu zürnen ſcheint, und ihr ſeid euch keines auffallenden Vergehens bewußt, ſo vergeſſet nicht daß ihr Eltern und Voreltern hattet, die vielleicht ungeſtraft ge⸗ ſündigt haben. Ich kannte einen frommen Mann, der ſeine Ar⸗ muth hergab um die unbezahlten Schulden ſeines Vaters zu tilgen. Als der letzte ſaure Groſchen abgetragen war, legte er ſich zufrie⸗ den hin und ſtarb. Da mag es ihm wohl geweſen ſein. So auch ihr! Der Herr iſt gnädig und ſucht die Kinder nicht immer heim um der Väter willen, aber eben darum ſeid nicht ungeſtüm in euern Wünſchen, verzichtet auf manche Erdenfreuden, und helft die alte Schuld des unglücklichen Geſchlechts bezahlen. Und 366 wenn euch eine Freude zu Theil wird, ſo denket wiederum dabei an das Vaterhaus zurück, denkt daß ein treues Herz, das ihr hier verlaſſen, ſie mit ſeinem Segen für euch erfleht habe. Ihr geht hinaus in die Welt und werdet mich nicht mehr ſehen; aber ich bin, wie ein Höherer zu den Seinen ſprach, ſiehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. Er hielt inne, um ſeine Bewegung zu unterdrücken; dann verlas er mit feſter Stimme die Liturgie, und gab die Hände der Liebenden zuſammen. Die Trauung war geendet, und er trat vom Altar herunter um die Tochter zu umarmen. Sie klammerte ſich laut ſchluchzend an ihn an, Amalie umſchlang ſie von der andern Seite. Eine ſtumme, lange Umarmung. Der Wagen fuhr an das Kirchenthor und ſchreckte ſie aus einander. Die beiden Zeugen, von welchen einer die Neuvermählten über die Grenze führen ſollte, verließen die Kirche. Langſam folgte das Paar, durch einen ſtummen Wink des Greiſes gemahnt. An der Thüre blickte Lott⸗ chen zurück; ſie ſah den Vater, an den Altar gelehnt, in Ama⸗ liens Armen, und flog auf ihn zu. Noch einen einzigen Kuß, Vater! rief ſie: nur einen kleinen Theil, Schweſter, laß mir von ſeiner Liebe! Er bog das Haupt nach ihr hin; ſie drückte ſich an ihn an und war kaum loszureißen. Amalie winkte zur Abfahrt und reichte den Scheidenden die freigebliebene Hand. Heinrich trug die halb bewußtloſe Braut hinaus, der Wagen rollte fort, und Amalie blieb mit dem Vater am Altar zurück. Fünftes Buch. Wiederſehen in der Heimath. Heimathliche Natur! wie biſt du treu mir geblieben! Zärtlich pflegend, wie einſt, nimmſt du den Flüchtling noch auf. und die Pfade rötheſt du mir, es wärmt mich und ſpielt mir Um das Auge, wie ſonſt, Vaterlandsſonne! dein Licht. Hölderlin. Herbſtſchüſſe knallten vom Neufen herüber, und die ſonnige Heiterkeit der Landſchaft war von jener eigenthümlichen Färbung gedämpft, die wir eine elegiſche nennen dürfen, ohne damit bloß die Stimmung anzudeuten die das Menſchenherz der Natur will⸗ kürlich aufzudringen liebt; ſondern es war jenes leiſe Weh das die Mutter der Weſen fühlt, jener Blick der Rührung welchen Himmel und Erde nicht verleugnen können, wenn ſie ihre große Abſchiedsfeier zuſammen begehen. Die Berge der Alp, mit ihren Wäldern im wunderbaren Todesſchmucke prangend, ſahen auf einen lleinen ländlichen Friedhof herein, wo zwiſchen Kreuzen und ſpärlichen Grabſteinen ein Mann in tiefes Sinnen verloren ſtand. Er blickte auf eines der beſcheidenen Denkmale, deſſen verſchiedene Inſchriften ſeltſam gegen einander abſtachen; denn während die Vorderſeite mit einem frommen Bibelſpruche geziert war, hatte auf der Rückſeite ein oſſianiſcher Klageton Platz gefunden und ſprach von Tagen die vorüber ſind. Der Wanderer lächelte; er dachte an den Kampf den er einſt mit ſeinem Vormund führte, Schiller's Heimathjahre. II. 24 370 als es galt ſeinen Eltern dieſen Grabſtein zu ſetzen; er erinnerte ſich welche Mühe es ihn gekoſtet hatte ſeine damalige Geſchmacks⸗ richtung bei einer Inſchrift zu behaupten, die freilich beſſer auf ein Heldenpaar von Morven als auf einen alten Pfarrer und ſeine ihm nachgeſtorbene treue Gattin paßte. Mit ganz andern Gefühlen las er jetzt die herzlichen Worte auf der Vorderſeite:; ſie verſetzten ihn wieder in die Tage der Jugend, der Heimath, und ſein ruhiges Auge war von einem Glanz überflogen der mit dem Ausdruck der Landſchaft übereinſtimmte. Er erſchrack ein wenig als er zu ſeinen Füßen eine Stimme vernahm. Ja, jal rief es aus dem Boden herauf: der Grabſtein iſt wohl das Anſchauen werth; unter dem liegt ein ſo braver Herr wie es wenig mehr gibt, und die Frau deßgleichen. Es war der Todtengräber, der eben eine friſche Schlafſtätte bereitete. Er ſah erſt eine Weile nachdem ſich der Fremde gegen ihn gekehrt hatte von ſeiner Arbeit auf, blickte ihn an, ließ den Spaten fallen, ſchlug die Hände zuſammen und rief: O Herr mein! das iſt ja unſers alten Pfarrers ſein Heinrich! der vor mehr als zehn Jahren das Land verlaſſen hat! Er ſchwang ſich, ein Mann ſtark in den Sechzigen, mit jugend⸗ licher Leichtigkeit aus der Grube, um dem Ankömmling derb in die Hände zu ſchlagen. Wie? rief dieſer: Ihr kennt mich noch, Meiſter Todtengräber? Das will ich meinen! O! der Mutter wie aus dem Geſicht geſchnitten! Das war noch eine Pfarrerin! Gott hab' ſie elig! Da wars noch gut arm und krank ſein, ſo lang die im Pfarr⸗ hauſe ſaß! Und der Herr, in Worten und Werken ſtreng nach der Bibel!— Das war ein andrer als der jetzige.— Nun, es iſt noch ein junger Herr, ich will ihm gerade nichts Uebles nach⸗ geſagt haben, aber im Chriſtenthum iſt er nicht ſo feſt beſchlagen, ich glaub', er hats mit dem Kant. 3 Mit dem Kant! rief der Fremde laut lachend. Was wißt Ihr denn von dem? Der iſt der Antichriſt! erwiderte der Todtengräber: ſonſt weiß ich weiter nichts von ihm. Das wär' auch genug! Wer hat Euch denn das geſagt? Der alte Schulmeiſter, und der weiß es vom alten Special, und der iſt ja ein Gelehrter. Er ſcheint ſich die Gelehrſamkeit wohlfeil zu machen, erwiderte der Fremde mit ſcharfem Ton. Ich ſag' Euch, Mann, der Kant iſt ein Menſch ſo gut wie wir, und hat weder Hörner noch Pferdefuß. Habt Ihr ihn denn geſehen? fragte der Todtengräber etwas ungläubig. Ja, in Königsberg, wohin ich ein paar junge Herren zum Studiren begleitete. Ach du Herr mein! rief der Todtengräber: am End' iſt er gar auch ſo Einer geworden. O Herr, denkt an Euren gottes⸗ fürchtigen Vater und bewahret Eure Seele! Der Fremde drückte ihm freundlich die Hand und ſagte: Ich habe mich dem Manne, der Euch und dem Schulmeiſter und dem Special ein Dorn im Auge iſt, weder verſchworen noch verſchrie⸗ ben; aber ich kanns nicht leiden wenn man mehr oder weniger als einen Menſchen aus ihm macht. Der Alte ſchien ſich zu beruhigen. Da der Gottesacker ſamt dem Kirchlein mitten im Dorfe lag, ſo ſchrie er über die niedrige Mauer hinüber, und bald war der Fremde von alten Bekannten umgingt. Dig Schulzenfrau ſagte ihm er ſei recht tüchtig gewach⸗ ſen, die Schülmeiſterin bewunderte ſeine feine Wäſche, und jedes hatte etwas zu fragen und zu erzählen. Er erfuhr die Annalen des Dorfes ſeit der Zeit da er es verlaſſen, und erzählte dagegen von ſeiner eignen Lebensgeſchichte was er ihnen zu wiſſen für gut hielt. Er ertrug es freundlich daß ihm die Abſicht den Gräbern ſeiner Lieben einen verſchwiegenen Beſuch zu machen vereitelt worden war; da man ihm aber auch auf die Länge keine Einſam⸗ keit gönnte, ſo wollte er ſich eben losmachen, als näher denn von 372 den Weinbergen her Schüſſe fielen und gleich darauf ein Jagd⸗ horn ertönte. Eine Jagd? fragte er. Der Karl Herzog jagt heut in unſrem Wald, ſagte die Schulzenfrau. Unſre jungen Burſche müſſen treiben ſeit vorgeſtern, ſetzte der Todtengräber mit unzufriedener Stimme hinzu. Der Fremde nahm Abſchied von ſeinen Freunden, die ihn ungern entließen. Er müſſe die Jagd und den Herzog ſehen, ent⸗ gegnete er ihren dringenden Einladungen. Während er ſich mit eiligen Schritten entfernte, blickten ſie ihm nach und redeten zu⸗ ſammen, was nicht alles aus ſo einem Herrn, den man einſt auf dem Arme getragen, werden könne. Fürwahr, er hat wenig gealtert. Er iſt doch in der Mitte der Sechzig, und ſieht noch ganz aus wie vor elf Jahren, da er mich durch den Park von Hohenheim führte. Schau wie ſein kleines Hütchen noch immer ſo keck auf dem Haupte ſitzt! Und wie er ſich ſtrack auf dem Pferde hält! Die blauen Augen blitzen noch von Lebensmuth und Lebensluſt. Wer nennt mir das Ge⸗ fühl das ſeine Erſcheinung einflößt? Ich weiß mich ſo frei und unabhängig von dieſem Herzog wie nur ein Franzoſe oder ein Engländer, und dennoch ſchlägt mein Herz bei ſeinem Anblick, und was er mir zu Leide gethan hat iſt alles verhiſen Ob er mich wohl noch kennen mag?. Der Gegenſtand dieſes ſtillen Selbſtgeſpräches hielt zu Pferde inmitten ſeiner Jäger, und ſchoß, obwohl läſſiger als ehemals, unter das Wild das auf einen freien Platz zuſammengetrieben worden war. Endlich gab er das zuletzt entladene Gewehr zu⸗ rück, und nachdem er ſeinem Gefolge Erlaubniß zu ſchießen er⸗ theilt hatte, ließ er einen vergnüglichen Blick über die Zuſchauer hinſchweifen. Deren war eine beträchtliche Zahl aus den benach⸗ barten Orten verſammelt, um ihren Landesherrn zu ſehen, mit welchem ſie bei ſolchen Gelegenheiten manches freie Wort wechſeln konnten. Sie wurden verſtärkt durch eine muntre Knabenſchaar, die ſich trotz alles Warnens und Drohens zweier Lehrer nach und nach zwiſchen die Schützen einzudrängen wagte. Der Herzog be⸗ merkte dieß mit Lächeln und winkte einen von den kleinen Zu⸗ ſchauern, der ſich gerade neugierig nach ihm umſah, herbei. Der Knabe ſtand mit abgezogener Mütze vor ihm und ſah ihm gar aufrichtig in die Augen. Wer ſeid ihr, Jungens? Lateiner aus der Nürtinger Koſtſchul', Ihr’ Durchlaucht. Dceer Herzog, dem der unbefangene Ton der Antwort gefallen hatte, deutete nach einem Haſen hin, der in geringer Entfernung, ſchlecht getroffen, ſich wie ein Kreiſel am Boden wälzte. Der Knabe verſtand den Wink ohne Worte alsbald, eilte hinzu, hob den Haſen an den hintern Läufen auf und gab ihm einen kunſt⸗ gerechten Schlag hinter die Ohren, daß er nicht mehr zuckte. Du biſt ja ſchon ein halber Jäger! rief der Herzog heiter, als er im Triumph den todten Rammler herbeiſchleppte. Wem gehörſt du? Dem Amtmann von Owen. Dein Vater iſt ein braver Mann; ſag' ihm einen Gruß von mir und ſuch' ihm ähnlich zu werden. Der Knabe ſchwenkte ſeine Mütze und begab ſich zu ſeinen Kameraden, deren inzwiſchen die Präceptoren habhaft geworden waren. Nein, nein! man laſſe die Jungen gewähren! rief der Herzog, als er ſah daß die Lehrer ſie abführen wollten: aber ſie ſind hier den Schüſſen ausgeſetzt. Er wies ihnen eine ſichere Stelle an, und die Knaben, die, vor ihren ſtrengen Lehrern Schutz ſuchend, ſein Pferd umdrängt hatten, marſchirten fröhlich dahin ab. Der Herzog rief die Lehrer zu ſich und unterhielt ſich einige Zeit mit ihnen, worauf er eine Handvoll Silbermünzen unter die hoffnungsvolle Jugend aus⸗ theilen ließ. Als er die Zügel rückte um ſich nach einer andern Seite zu begeben, fiel ſein Auge auf den Fremdling in der Heimath, der ihn unterdeſſen unverwandt angeſchaut hatte. Er fixirte ihn eine Weile, ritt dann näher und rief mit ausgeſtreckter Hand: Was muß ich ſehen? Das iſt ja Unſer Freund Roller! Nicht? Ew. Durchlaucht haben ein gutes Gedächtniß, erwiderte Hein⸗ rich Roller, indem er aus den ländlichen Zuſchauern hervortrat: mir aber thut es wohl ſo unverändert befunden zu werden. Nun, nun! ſagte der Herzog gutmüthig lächelnd: ſo ganz unverändert iſt man denn doch eben nicht. Wir müſſen alle vor⸗ wärts, mein Freund; die Jahre thun uns den Gefallen nicht, mit uns zu warten. Aber das Ausſehen iſt gut, etwas voller als ehedem. Nun, ich ſag', das freut mich. Wie lang iſts her daß wir uns zum letzten Mal geſehen haben? Ein volles Jahrzehend und drüber. Der Herzog nickte nachdenklich. Und wie hat Er— wie iſts Ihnen ſeither ergangen? Ew. Durchlaucht wiſſen daß ein Leben aus Sonnenſchein und Wolken beſteht. Damit iſt mein Schickſal in der Kürze bezeichnet. Das ich morgen in Hohenheim des Breiteren zu erfahren hoffe. So ein paar alte Freunde werden doch nicht an einander vor⸗ übergehen? Heinrich verbeugte ſich. Der Herzog trieb ſein Pferd an und zögerte doch zugleich. Beſondre Geſchäfte im Vaterlande? fragte er noch rückwärts gebeugt. Familien⸗ und Freundesangelegenheiten, wobei ich mein Ver⸗ trauen auf Ew. Durchlaucht ſetze. Gut, gut! Alſo morgen in Hohenheim!— Er grüßte mit der Hand und ritt hinweg. Während der Angeredete ihm nachſah, hörte er einen der beiden Lehrer, die ſich in der Nähe befanden, zum andern ſagen: 375 Haben Sie geſehen, Herr Collega, wie er ſeine Halsbinde noch viel feſter anzieht als ſonſt? Mir däucht er will eine rothe Geſichtsfarbe erzwingen, ver⸗ ſetzte der andere. Sie wiſſen ja was Tacitus ſagt: saevus ille vultus et rubor quo se contra pudorem muniebat! Heinrich wandte den Kopf mit einer raſchen Bewegung gegen den Claſſiker. Dieſer ſah ihm an daß er ſeine halblauten Worte verſtanden hatte; er zog ſichtbar erſchrocken den Hut und entfernte ſich unter Verbeugungen, indem er Favete linguis murmelte. In der Mitte des folgenden Tages begegnen wir unſrem lang entbehrten Freund auf einer Waldſtraße, die ehmals von glänzenden Roſſen und Equipagen wimmelte. Jetzt war ſie über⸗ wachſen mit hohem Gras, und das fallende Laub hatte an manchen Stellen jede Spur zugedeckt. Er ritt nachdenklich durch die falben Buchen hin. Sonſt, ſagte er zu ſich, kannten ſchon die neugebo⸗ renen Kinder dieſen Weg, und jetzt iſt er vergeſſen. So wird auch Hohenheim einſt verſchollen ſein. Die Laune eines Menſchen erwählt ſich einen Punkt, der alsdann der Mittelpunkt für viele wird, und ſeine Laune verläßt ihn wieder. Und er ſelbſt, und wir, was ſind wir andres als Launen der wechſelvollen Zeit? Statuen ſchimmerten zwiſchen den Bäumen, eine Kuppel tauchte auf, der Wald öffnete ſich und die Solitude lag in herbſt⸗ lichem Lichte vor dem Reiter. Er hielt an und betrachtete das verlaſſene Luſtſchloß, das noch immer, als Wohnort der Eltern eines Freundes, für ihn bedeutend war. Er mußte lächeln als er der Umſtände gedachte unter welchen er es zuletzt geſehen hatte. Eine hohe Geſtalt, die ſinnend über den Raſen wandelte, zog ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich. Das geneigte Haupt und der hagere Wuchs zeugten noch von der Erſcheinung deren Aeußeres einſt oft der Gegenſtand jugendlicher Neckereien geweſen war; aber die ehmalige Nachläſſigkeit der Kleidung hatte einem edlen Anſtand 376 b Platz gemacht, und in dem gemilderten Stolze der Haltung lag Anmuth und Würde gleich vertheilt. Das blaſſe leidende Aus⸗ ſehen des Freundes erzählte von den Stürmen und Schiffbrüchen ſeiner Jugend, von ſeinen Anſtrengungen im Dienſt der Menſch⸗ heit, und weiſſagte die wenigen Tage der Vollendung die ihm noch vergönnt waren, den kargen Reſt eines vom Geiſt aufgezehr⸗ ten Lebens, in dem er noch ſo viel vollbringen ſollte. Heinrich hatte ihn einen Augenblick betrachtet. Er iſt es, wahrhaftig, er iſt es ſelbſt! rief er, gab dem Pferde beide Sporen und jagte im Galopp hinzu. Schiller! mein Schiller! rief er mit jugendlicher Heftigkeit ſich vom Pferd in ſeine Arme werfend: willkommen in der Heimath! Nicht wahr, es thut doch wohl, es iſt doch etwas Schönes um die Heimath! O mit welcher Bewe⸗ gung hab' ich oft das Wort ausgeſprochen! Der Dichter nickte ſtumm, ihn in den Armen feſthaltend, und beiden Männern ſtanden die Thränen in den Augen. Und du ſchon hier? rief Heinrich weiter. Deine Briefe, den von Jena und den kleineren aus Heilbronn, hab' ich in Stutt⸗ gart bei den Meinigen angetroffen, und jetzt bin ich eben auf dem Wege zu deinem Vater, um ihm die guten Nachrichten zu überbringen, die ich dir nun ſelbſt eröffnen kann! Ich erfuhr in Heilbronn, ſagte Schiller, daß der Herzog öffent⸗ lich geäußert habe, er werde meinem Aufenthalt kein Hinderniß in den Weg legen, und auf dieſes eilte ich hieher. Nun, und daſſelbe wollt' ich dir aus der allernächſten Quelle durch deinen Vater zu wiſſen thun. Tauſend Dank! die Beſtätigung iſt immer noch willkommen.— Wer hätte das gedacht, als ich dich mit deinen Prinzen in Erfurt ſah, daß wir uns hier, auf dieſem Platze, wieder begegnen wür⸗ den!— Du kommſt von Stuttgart? Höre, bei aller Freude wie⸗ der einmal in Schwaben zu ſein, nach Stuttgart geh' ich nicht! dieſe Stadt iſt mir verhaßt! wenigſtens bei Tage ſoll ſie mich nicht er⸗ blicken. Wie ſtehts denn dort? Erzähle mir, wen haſt du alles geſehen? 377 Heinrich lächelte über die heimliche Theilnahme die der Dichter nicht unterdrücken konnte. Außer meiner Schwägerin, ſagte er, ſah ich kaum einen von früheren Bekannten als den herzoglichen Theaterdichter, der einſt neben mir auf Hohenasberg ſaß, und deſſen Dantonsgeſicht ich ſogleich wieder erkannt habe. Den Schubart? rief Schiller. Das war freilich ein Um⸗ ſchwung! es kam mir vor wie ein Märchen der Tauſend und Einen Nacht, als ich ſeine Befreiung und Anſtellung vernahm. Wie gehts ihm jetzt? wie lebt er? Er hätte nicht auf den Asberg kommen oder ihn nicht mehr verlaſſen ſollen. Er genießt ſeine neue Lage und ſeinen Pro⸗ feſſorstitel, lebt flott von dem Ertrage ſeiner Prologe und ſeiner ausgebreiteten Gelegenheitspoeſie,— und macht eine Fauſt in Sack. Er dauert mich, ſagte Schiller. Was wär' aus dem Mann nicht geworden, hätten ihm unſre deutſchen Verhältniſſe nur die Nußſchale voll engliſcher Freiheit gelaſſen, die ihm der Bürger⸗ meiſter von Augsburg verweigerte! Nebenbei, fuhr Heinrich fort, wird er fürchterlich dick, und man braucht kein Prophet zu ſein um ein ſeinem rothen aufge⸗ dunſenen Geſicht einen bevorſtehenden Schlagfluß zu leſen. Da möcht' ich ihm meine Diät anrathen, ſagte Schiller. Heinrich lachte. Die wär' ihm noch ärger als der Asberg! Wir haben, bei der mäßigen Lebensweiſe woran wir uns im nördlichen Deutſchland gewöhnen mußten, gar keinen Begriff von der Schlemmerei dieſer Geſellen im ſchwarzen Adler zu Stuttgart. Da iſt namentlich Schubarts täglicher Genoſſe, der Schieferdecker, von dem du ja gehört haben wirſt. Dem iſts eine Kleinigkeit, ſeine zwanzig, dreißig Flaſchen Wein zu trinken, und um ſich nicht zu verzählen ſteckt er immer nur die Pfropfen zu ſich, die er dann den andern Tag wieder mitbringt und bezahlt. Andre junge Poeten haben ſich dazugeſellt und fabriciren Epigramme gegen einander, namentlich gegen den dicken Schieferdecker, der ſie dafür freihält und dem es nie wohler iſt als wenn er recht un⸗ barmherzig mitgenommen wird. Es iſt Schade um die Maſſe von Witz und Talent und Gutherzigkeit, die da jeden Abend gegen⸗ ſtandlos in den Lüften aufgeht und ſehnlich nach öffentlichem Le⸗ ben verlangt. Freilich ſinds unter dieſen Umſtänden Sechsund⸗ neunzigpfünder, und ob du gleich von alten Zeiten her was Starkes vertragen kannſt, ſo hätt' ich doch kaum den Muth dir davon zu erzählen. Doch weil du von deiner Diät ſprachſt ſo will ich dir ſagen wie ſich Schubart darüber ausdrückt. Er fragte mit leb⸗ hafter Theilnahme nach dir, nach deinen Arbeiten und endlich auch nach deiner Lebensweiſe, die ihm als äußerſt nüchtern be⸗ zeichnet worden war. Als ich ihm dieß beſtätigte, ſagte er: Es iſt mir unbegreiflich, der Mann frißt Eis und— gibt Feuer von ſich! Der Dichter lachte herzlich. Ja, ſagte er, ſonſt hätt' ich die Heimath wohl ſchwerlich wieder geſehen. Aber— er blieb auf einmal ſtehen und nahm den Freund am Arme— aber ſagteſt du nicht daß du mir aus beſonderer Quelle etwas Angenehmes mittheilen könneſt? daß du eben auf dem Wege zu meinem Vater ſeieſt? Freilich! ich komme ja von Hohenheim! Von Hohenheim? warum haſt du mir denn das nicht gleich geſagt? Du ließeſt mich ja gar nicht zu Worte kommen. Ich habe es aus Herzog Karls eigenem Munde— Du haſt den Herzog geſprochen? rief der Dichter mit der lie⸗ benswürdigſten Lebhaftigkeit. O ſage mir, wie fandſt du ihn? was ſpricht er? „Viel Genie, das muß ich ſagen, viel Genie!“ ſagte er als die Rede auf dich kam. Und als ich ihn verſicherte daß du ſeiner Erziehung und ſeiner früheren liebevollen Geſinnungen gegen dich dankbar gedenkeſt, ſo rief er:„Ich ſag', da thut er wohl dran!“ Wie ich nun mit Vorſicht an den Hauptpunkt gelangen wollte unterbrach er mich:„Ich weiß ſchon! Er hätte nicht nöthig ge⸗ habt ſich in Heilbronn vor Anker zu legen: er kann ruhig kom⸗ men und bleiben ſo lang es ihm gefällt.“ Er erkundigte ſich wie⸗ derholt nach deinen Lebens⸗ und Arbeitsplanen und ſchloß endlich: „Ja, ja! der Mann hat ſich recht notabel gemacht.“ Und wie haſt du ihn ſelbſt gefunden? Um es gut ſchwäbiſch zu ſagen, er gefällt mir nicht. Ich ſah ihn geſtern auf einer Jagd bei Nürtingen, wo er mich einlud nach Hohenheim zu kommen. Da ſaß er ſo ſtattlich und aufrecht zu Pferde wie in ſeinen beſten Tagen. Heute aber, im Zimmer, kam er mir ganz anders vor; er ſtützte ſich, gebückt und verfallen, auf den Stock, und als der gebieteriſche Mann endlich der Gicht nachgeben und ſich ſetzen mußte, da konnt' ich die Rührung kaum bezwingen. Er war gütig, ja liebreich gegen mich. Es war mir als ob ich meinen alten Ephorus in Tübingen beſuchte; denn, die paar Soldaten abgerechnet, wars nicht anders als wenn ich zu einem Privatmann gekommen wäre. Auch wohnt er ſehr beſchei⸗ den in der Meierei, und nicht in dem prächtig ausgeſtatteten Schloſſe, das er wie eine Chriſtbeſcherung ſpart. Ich kann dir nicht beſchreiben wie wehmüthig dieſer Beſuch mich geſtimmt hat. Sein Alter iſt einſam und freudenlos. Selbſt ſein Lieblingskind, die Akademie, macht ihm keine Freude mehr: ſie nährt revolu⸗ tionäre Ideen— Das kann ich mir denken! rief der Dichter. Merkwürdige Streiche hab' ich von den jungen Leuten gehört. Daß die Redouten zu Ertravaganzen herhalten mußten, iſt in unſern Tagen wohl auch vorgekommen, und dein Lächeln bezeugt daß dein Gedächtniß dir nicht untreu geworden iſt. Aber ſo ſy⸗ ſtematiſch haben wirs nicht getrieben. Einmal führten auf einer Redoute drei dieſer jungen Geiſter mit einem Vierten, einem Cava⸗ lier obendrein, der ſich dazu hergab, die Abſchaffung des Adels auf, indem ſie, in die franzöſiſchen Farben gekleidet, ihm, der mittel⸗ alterlich coſtumirt war, Wappen und Stammbaum in Fetzen rißen und ihn kahl aus dem Saale jagten; die politiſche Komödie wurde —— ——— 380 unter großem Zulauf geſpielt, und doch kamen die kecken Jungen unentdeckt davon. Auf einer andern Redoute erſchien einer als Kronos mit einer großen Urne, die er bei ſeinem Verſchwinden hinterließ und die einen ganzen Plunder Deviſen, du kannſt dir vorſtellen welchen Inhalts, unter die zuſtrömende Menge ergoß: auch dießmal war die Polizei vergebens hinter den Urhebern her. Und was für einen Sitzungsſaal haben ſie ſich, neulich wenig⸗ ſtens, für ihren Club, denn ſie haben einen förmlichen Revolu⸗ tionsclub, ausgewählt? Keinen geringeren als den akademiſchen Thronſaal, der noch dazu ziemlich hart an die Schloßwache ſtößt. Denke dir ſtatt des Herzogs unter dem Baldachin die Figur der Freiheit, mit Büſten von Brutus und Demoſthenes umgeben, und ſtatt der Thronrede an den hohen Senat denke dir die revolutio⸗ nären Reden womit das nächtliche Feſt begangen wurde! Das wird er aber nicht wiſſen? Nein, er weiß es nicht. Doch weiß er genug, denn es iſt nicht lang her daß ſie ihn wegen einer warnenden Anrede förm⸗ lich ausgepfiffen haben. Wie? rief Schiller: darüber muß ja ſelbſt der Verfaſſer der Räuber erſchrecken! Und er hat nicht mit dem Donnerkeil drein⸗ geſchlagen? Nein, ſagte Heinrich: er warf ihnen einen einzigen Blick zu, und verließ das Inſtitut, das er ſeitdem ſelten mehr beſucht. Wie es mich erſchütterte den ſtolzen Mann ſo reden zu hören? Geht die Welt unter? rief der Dichter. Solche Bekenntniſſe hat dir Herzog Karl gemacht? Nein, das mit dem Auspfeifen hat er mir nicht geſagt, aber es hätte wenig dazu gefehlt. Er klagte ziemlich offenherzig, denn mein Anblick und die Erinnerung an alte Zeiten hatte ihm das Herz weich gemacht.„Ihr hattet doch noch ein wenig Pietät“, ſagte er,„aber die heutige Jugend iſt lieblos und undankbar.“ Er fühlt ſich überhaupt verkannt.„Wenn ich einmal nicht mehr bin“, ſagte er zuletzt,„dann werden ſie einſehen was ich alles gewollt und wie gut ichs gemeint habe.“ O das hereinbrechende, das überwältigende Alter! rief der Dichter aus. Wie verräth es ſich in dieſer Beichte, die mich nicht wenig überraſcht! Auch ſchien er es zu fühlen daß er ſich zu weit herausgelaſſen habe, ſagte Heinrich: er brach auf einmal ab, der alte Götterblitz fuhr über ſeine Miene, er richtete ſich hoch im Seſſel auf und entließ mich mit einem barſchen„Nun adieu!“ Da kann ich ihn ganz ſehen und hören! rief der Dichter. Zuvor hatte er mir noch einen Spaziergang durch den be⸗ rühmten Park erlaubt, und mich aufgefordert die Grabſchrift zu leſen, die der Eremit ſeitdem erhalten hat. Ich durchwandelte den Garten, des Vergangenen eingedenk, mit ſeltſamen Gefühlen, und fand das merkwürdige Epitaphium, das ich auswendig behalten habe und dir, wenn du es hören magſt, wiederholen kann. Sag' an! verſetzte der Dichter. „Freund, ich genoß die Welt, genoß ſie in ihrer ganzen Fülle. Ihre Reize rißen mich dahin. Blindlings folgte ich dem Strome. Gott! welch ein Anblick als mir die Augen aufgingen! Tage, Jahre floßen dahin und des Guten ward nicht gedacht. Heuchelei, Falſchheit vergötterten die niedrigſten Handlungen, und der Schleier der die Wahrheit bedeckte war wie ein dunkler Nebel, den die ſtärkſten Strahlen der wohlthätigen Sonne nicht unterdrücken konnten. Was bleibt mir übrig? Freund, dieſer Stein bedecke mein Grab und damit alles Vergangene! Herr! wache du über meine Zukunft!“ Schiller ſchwieg nachdenklich. Unter dieſen Geſprächen waren ſie zu dem elterlichen Hauſe des Dichters gelangt, deſſen Vater während der Flucht und Abweſenheit des Sohnes dem Herzog, ohne von ihm etwas Ungleiches zu erleiden, ſeine Gärten und Pflanzſchulen treulich gehütet hatte. Dennoch lernte Schiller ſeinen Widerwillen gegen Stuttgart bezwingen. Von Ludwigsburg, wo er längere Zeit wie einſt der Herzog in den Tagen ſeiner Ungnade reſidirte, kam er erſt einige Mal mit dem Hofmedicus Hoven auf einen Abend herüber, und da dieſem ſein ärztlicher Beruf den Ausflug nicht oft genug ge⸗ ſtattete, ſo quartierte ſich der Dichter endlich auf einige Zeit ganz in der Hauptſtadt ein, obgleich als Hinterſaße, denn er wohnte außer⸗ halb, am Fuße der Reinsburg und am Wege nach der Solitude, im großen Hofküchengarten. Die Freunde kamen häufig theils hier theils in andern Häuſern mit ihm zuſammen. Die Sitten und Lebensgewohnheiten waren nach dem Beiſpiel des Herzogs, der, wenn er zuweilen mit ſeiner Franzel nach Stuttgart kam, das Eſſen von einem Traiteur um einen Ducaten bringen ließ, höchſt einfach geworden, und ſo konnte man, ohne ſich wehe zu thun, ein paar gute Bekannte je öfter je lieber mit einem Kruge Weins bewirthen, mochte dieſer nun in den Kriegsbergen oder in Uhlbach gewachſen ſein. Ihr liebt es, begann Zumſteeg eines Abends, und Schiller liebt es insbeſondere, kleine Charakterzüge, ſelbſt Anekdötchen zu hören, wenn ſie zugleich etwas Symboliſches an ſich haben, oder, um mich meinem Fach gemäß auszudrücken, wenn ſie andre Töne und Melodieen mit anklingen laſſen. Nun will ich euch etwas vortra⸗ gen das vielleicht dieſe Eigenſchaft hat und uns eine ganze wohl⸗ bekannte Epoche in einem kleinen Spiegel zeigen wird. Sag' dein Sprüchel und theils uns mit! rief der Dichter. Wohlan! ſprach Zumſteeg. Ihr wißt alle von des Herzogs früheren Beſuchen in Tübingen, da er ſich als Rector Magni- ficentissimus noch neu war und ſeine Reden hielt. Damals hatten etliche Magiſter einen kleinen Club wo ſie einander Gedichte vor⸗ laſen. Nun begab es ſich, daß ein ſolcher Magiſter eines Abends ein Gedicht vortrug, welches anfing:„Tyrann, herab von deinem Thron!“ Ich brauche nicht zu ſagen gegen wen es gerichtet war, — und daß es den rauſchendſten Beifall fand unter den jungen 383 Genoſſen, daß es auf der Stelle abgeſchrieben oder gar auswendig gelernt wurde, das verſteht ſich ohnehin von ſelbſt. Die beiden Freunde wechſelten bedeutungsvolle Blicke mit einander. 8 Zwei Tage mochten etwa vergangen ſein als im Stipendium ein herzoglicher Laufer erſchien, mit dem Vermelden, der Herr Magiſter NN. habe ſich alſogleich zu Sr. Herzoglichen Durchlaucht zu verfügen. Der Magiſter und Dichter warf ſich in ſeine raben⸗ ſchwarze Galatracht und erſtieg den Schloßberg ohne zu wiſſen was ihm dieſe Ehre verſchafft habe. Er wurde aber bald belehrt als ihm der Herzog mit den Worten entgegentrat:„Mein lieber Magiſter, Ich habe vernommen daß Er ein ſehr guter Declamator ſei. Alſo declamir' Er mir mal was!“—„Gnädigſter Herr, es fällt mir im Augenblicke nichts bei was Ewr. Durchlaucht würdig wäre.“—„So will Ich Ihm was geben.“— Der Herzog nahm von einem Tiſchchen ein Blatt das er ihm hinreichte. Der Ma⸗ giſter aber, als er nur die erſten Worte angeſehen hatte, glaubte in den Boden ſinken zu müſſen, denn ſie lauteten:„Tyrann, herab von deinem Thron!“— Der Herzog ſah ihn eine Weile mit durch⸗ bohrenden Augen an, und dann entwickelte er jene Beredſamkeit, ich ſage jene Beredſamkeit! Es wird ja wohl kaum einer unter uns ſein, der ſie nicht auf eine oder die andre Weiſe kennen gelernt hätte.„Schämt Er ſich nicht“, rief er zuletzt,„Sein Talent, das Ihm die gütige Vorſicht zum Wohl der Menſchen geliehen hat, zur Ver⸗ unglimpfung der von Gott über Ihn geſetzten Obrigkeit zu miß⸗ brauchen? Wäre es nicht beſſer dieſe Gabe Seinem Studium und Seinem Berufe gemäß zu verwenden? Aber es iſt freilich leichter ſolche elende Verſeleien zu fabriciren als eine tüchtige Predigt hervorzu⸗ bringen, wodurch die Menſchen gebeſſert werden. Das wird Er ſich nicht getrauen!“— Er hielt inne, und der Magiſter, in der Ueberzeugung daß es nun ſchon einmal um den Kopf gehe, erwi⸗ derte dreiſt:„Gnädigſter Herr, ich getraue mirs doch.“—„Was, Er getraut ſichs?“—„Ja, Ew. Durchlaucht!“—„Geh' Er hin, 384 das andre wird nachfolgen.“— Der Magiſter hatte ſich an ſeinem Pult noch nicht ganz zurechtgeſetzt als bereits ein zweiter Trabant hereinkam und ihm einen Predigttext vom Herzog brachte. Zur Vorbereitung war ihm keine Zeit vergönnt, denn ſchon wurde das geſamte Stift zuſammenberufen, und der Herzog kam, ſeine Franzel am Arm und ſein ganzes Gefolge hinter ſich, in den Kloſterhof hereingeſtiegen. Der Magiſter eilte auf die Kanzel in der alten Kloſterkapelle und predigte was das Zeug hielt. Das war ihm gerathen! Denn als er fertig war und abgehen wollte, verließ der Herzog unten ſeinen Stuhl, tkat ihm entgegen und empfing ihn in ſeinen Armen.„Mein lieber Magiſter,“ rief er, es iſt alles verziehen!“ Er zog ihn ſogleich zur Tafel und ſagte ihm am Schluß derſelben:„Ich erfahre ſo eben daß eine von den beſten Pfarren aufgegangen iſt. Er kann ſich drum melden.“ Nun war es wohl billig daß ihm der junge Pfarrer, dem ſo un⸗ erwartet ein fetter Dienſt in die Hände gefallen war, auch ſeinen Thron dagegen ferner nicht mißgönnte. Der Hof reiste von Tü⸗ bingen ab, und der Magiſter laborirte an der aufgetragenen Bitt⸗ ſchrift, als auf einmal etwas noch Unerwarteteres erſchien, näm⸗ lich ein Reſcript des Conſiſtoriums. Darin ſtand geſchrieben, man habe das Anerbieten Sereniſſimi in Erfahrung gebracht, und gebe Magiſtro wohl zu bedenken ob er dieſen verfaſſungswidrigen Weg zu ſeinem Fortkommen einſchlagen und die Gnade von zwei Au⸗ gen der Gnade von— ich weiß nicht wie vielen vorziehen wolle. Der junge Magiſter ſchlug in ſich und hörete auf die Stimme Samuelis. Da er es nun unterlaſſen hatte ſich um den Dienſt zu melden, ſo wurde er zum Herzog berufen, der eben damals in Stuttgart war. Der Herzog fragte ihn warum er nicht einge⸗ kommen ſei. Der Magiſter ſagte er habe ſich zu jung und uner⸗ fahren gefühlt, und was dergleichen Ausreden mehr waren.„Ach was!“ rief der Herzog und klopfte ihn auf die Schulter:„meint Er, ich hätte meine gelben Vögel hier nicht auch feifen hören?“ 385 Seine gelben Vögel? rief Schiller verwundert. Was meinte er denn damit? Seine Conſiſtorialräthe nennt er ſo, antwortete ihm Peter⸗ ſen, und die ganze Geſellſchaft brach in ein unauslöſchliches Ge⸗ lächter aus. Das alſo war deine Geſchichte? ſagte Schiller. Sie iſt noch nicht zu Ende, verſetzte Zumſteeg. Ein Viertel⸗ jahr nachher kam ein zweites Reſcript vom Conſiſtorium, des In⸗ halts, da beſagter Magiſter ſich als ein gehorſamer Sohn der Kirche bewieſen habe, ſo ſolle ihm hiemit unverholen ſein daß jetzt ein andrer nicht minder einträglicher Pfarrdienſt erledigt ſei und daß er ſich um dieſen melden könne. Er meldete ſich und erhielt den Dienſt. Es fügte ſich aber daß dieſe Pfarre nicht weit von Hohenheim entlegen war, wo der Herzog ſpäter ſein Hoflager aufſchlug. Er hatte dem Pfarrer, mit dem er hier wieder zuſam⸗ mentraf, die erſte Beleidigung und den ſpätern Ungehorſam völlig vergeſſen und vergeben, und fand immer größern Gefallen an ihm, ſo daß er zuletzt eine beſondre Glocke auf das Schloß machen ließ, deren einzige Beſtimmung war den Pfarrer wenn er ſeiner begehrte nach Hohenheim zu rufen. Gleiche Gunſt erlangte dieſer bei der Herzogin; ja ſie machten manches wohlgeſinnte Complot mit einander gegen den Herzog, und benützten ihren Einfluß auf ſein Herz um Blitzableiter gegen ſeine ſchnell auflodernde Leiden⸗ ſchaft zu errichten, indem ſie, gemeinſam aber anſcheinend zufällig, ſeinen keimenden Argwohn oder Groll gegen einen Menſchen im Voraus durch löbliche Züge die ſie ihm von dieſem erzählten um⸗ zuſtimmen und abzulenken wußten.— Sollte nun meine Geſchichte das nicht gehalten haben was ich von ihr verſprach, ſo könnt ihrs nur meiner unvollkommenen Erzählungsweiſe zuſch reiben. Du ſollſt für deine Geſchichte bedankt ſein, ſagte Schiller: nur vermiſſe ich einen Schluß dabei. Ich ſehe, nahm Peterſen das Wort, in dieſer ganzen Ge⸗ ſchichte nichts als einen Wechſel von Tyrannenlaunen; denn Schiller's Heimathjahre. II. 25 386 hätte der Herzog den feſten Grundſatz gehabt mit allen Verfaſſern von Schmähgedichten ſo zu verfahren, ſo wäre Schubart nicht zehn Jahre auf dem Asberg geſeſſen. Mich wunderts überhaupt wie man dieſem Herzog irgend etwas Conſequentes oder Charak⸗ tervolles unterlegen mag. Er iſt heute ſo, morgen ſo. Er gibt ſich das Anſehen eines Protectors der Kunſt und Wiſſenſchaft, und was hat er für dieſe Erkleckliches gethan? Die Kunſt achtet er nicht einmal; ich weiß beſtimmt daß er zu einem unſrer erſten Maler, der noch als Akademiſt dieſen Beruf erwählen wollte, daß er zu Eberhard Wächter geſagt hat:„Schämt Er ſich nicht, Er, ein Regierungsrathsſohn, Maler werden zu wollen?“ Ja ſelbſt die harmloſeſte Art der Kunſt, die Theilnahme am Liebhabertheater, ſcheint ihm für ehrlos zu gelten. Ich ſprach heute den Cabinets⸗ ſecretär Haug, der ſich in die äußerſte Verlegenheit geſtürzt fühlt, denn er iſt abgeſetzt, wenigſtens ſuspendirt. Was, der Haug? riefen die andern. Der Herzog, fuhr Peterſen fort, hat durch irgend eine Klat⸗ ſcherei erfahren, daß er kürzlich auf einem Privattheater, obwohl im engſten Cirkel, mitgeſpielt hat, und ſchickt ihm eine Ordre, was meint ihr, welchen Inhalts?„Der geheime Cabinetskomödiant Haug darf vorläufig nicht mehr zum gewöhnlichen Cabinetsdienſt nach Hohenheim kommen.“ Ein ſchallendes Gelächter erfolgte. Für den Haug iſt mir übrigens nicht bang, ſagte Zumſteeg: der hat gute Fürſprecher. Peterſen, der ſich im Freundeskreiſe ſicher wußte, fuhr unge⸗ ſcheut in Anklagen gegen den Herzog fort, die er beſtändig mit beißenden Anekdoten würzte. Auch dieſe Akademie, rief er, war von jeher nichts als ein Spielzeug ſeiner unbändigen Eitelkeit. Das Schickſal ſo vieler Akademiſten nach ihrem Austritt beweist das am deutlichſten. Vorher hatte er ſie ſeine Söhne genannt und mit ſalbungsreichen Reden gehätſchelt: nachher behandelte er ſie als Sklaven und manche ließ er ohne Anſtellung hilflos in die Welt gehen. Sein Benehmen glich auch hierin einer befriedigten — —-— 387 Leidenſchaft die ſich nicht weiter nach ihren Früchten umſieht. Der Grundzug ſeines Weſens iſt Eitelkeit, und ein Hochmuth der über den ſiebenten Himmel hinausreicht. So weiß ich zum Bei⸗ ſpiel ganz gewiß daß Karl im Wahne lebt, er werde nicht wie andre Menſchen einzeln dahinſterben, ſondern erſt bei einer allge⸗ meinen Conflagration, bei einem Einſturz des Weltgebäudes, vom Schauplatz abtreten. Wie geht es denn jetzt mit ſeiner Geſundheit? fragte Schiller. Er iſt hart von der Eicht geplagt, erwiderte Zumſteeg. Seit der letzten Jagd hat er Hohenheim nicht verlaſſen, und die Aerzte fürchten, die Krankheit möchte ihm ans Herz kommen. Dann wärs aus! ſagte Hoven. Peterſen, bemerkte Schiller gegen Roller, während die andern über den Geſundheitszuſtand des Herzogs ſprachen, Peterſen iſt unerfreulich geworden. Ich laſſ' es mir gefallen wenn man ein Princip haßt, aber wenn man ſo alle Liebe gegen die Perſonen aufgibt, ſo kann man zu keinem reinen Urtheil und productiven Anſchauen mehr kommen. Ihm wäre beſſer geweſen daß er hin⸗ aus und in der Welt herumgeſtoßen worden wäre wie ich; über⸗ haupt droht den Schwaben die ganz zu Hauſe bleiben eine ſchlimme Krankheit: das behagliche Verſauern. Er iſt ſehr zurückgeblieben. Ich hab' ihm, daß ich ſo ſage, das Gewehr viſitirt: er iſt ein kleinlicher Notizenkrämer und liebloſer Curioſitätenhaſcher geworden, während er wohl die Gabe gehabt hätte etwas Ganzes hervor⸗ zubringen. Da ich auch in der Akademie geweſen bin, ſagte Heinrich laut, als die andern ſtill geworden waren, ſo wird es mir erlaubt ſein, euch, die ihr faſt alle ſie durchlaufen habt, an den uner⸗ müdlichen Eifer, an die ſtets nachdenkende Sorgfalt zu erinnern, womit der Herzog Tag und Nacht ſeine Anſtalt geleitet hat. Eine Mutter die ihre Kinder hebt und legt und trägt, ſie kann nicht unverdroſſener ſein als er. Wahrlich, das iſt keine bloße Sache der Eitelkeit! Eitelkeit nimmt einen raſchen Anlauf, und kehrt ſich 388 ſchnell geſättigt von ihrem Gegenſtande wieder ab. Wenn es aber doch Eitelkeit geweſen ſein ſoll, nun ja! ſo will ich ſie unter die erlaubten Fehler rechnen. Die(Eitelkeit die etwas hervorbringt iſt einer von den Angeln welche die Welt bewegen. Das wird man ſpäter noch beſſer erkennen, bemerkte Dannecker: denn wie ſoll die Akademie einmal ohne ihn beſtehen? Dafür iſt ſchon geſorgt, verſetzte Peterſen: ſein Bruder Ludwig hat ſich beſtimmt ausgeſprochen daß er ſie gleich bei ſeinem Re⸗ gierungsantritt aufheben werde. Die Akademie, ſagte Schiller, hat ihren Zweck erfüllt: ſie würde ſich in keinem Fall mehr halten können. Eine Hochſchule unter das Commando eines militäriſchen Intendanten und ſeiner Satelliten zu ſtellen, iſt ein Widerſpruch der ſich nicht mit der jetzi⸗ gen Zeit verträgt. Zwar führt der militäriſche Zwang, wie ich aus eigner Erfahrung weiß, auf dem nächſten Wege zur Freiheit, ja er iſt im Ganzen vielleicht weniger despotiſch als die in manchen Erziehungsanſtalten jetzt beliebte ſogenannte humane Behandlung; aber die Form der Anſtalt hat ſich überlebt, eine Aenderung iſt ſchwierig, und wenn man einmal umgeſtalten will ſo thäte man wohl beſſer die Landesuniverſität zu reformiren. Bei alle dem hat die Akademie unberechenbare Wirkungen und einen weſentli⸗ chen Einfluß auf unſer künftiges deutſches Leben gehabt; ſie hat, zum Theil freilich gegen den Willen ihres Stifters, einen freieren Geiſt erweckt. Hier wurde zuerſt der Geiſt der Abſonderung, der oberflächliche Hochmuth der obern und der ſcheue Trotz der niedern Stände gebrochen, und im furchtloſen Umgang mit adeligen, fürſt⸗ lichen Zöglingen, und mit dem gekrönten Rector ſelbſt, lernten die jungen Leute das Menſchliche menſchlich anſehen, eine auf⸗ rechte Haltung annehmen und das Weſen der Welt mit friſchem keckem Griff erfaſſen. Nach den tauſend Gegenden die ſie her⸗ geſendet, kamen ſie mit dieſer unſchätzbaren Ausſtattung wieder hinaus; ſie haben ſie als Männer bethätigt und verbreitet; und wenn auch das Inſtitut mit der Perſönlichkeit, an welcher es hängt, 389 zuſammenbrechen wird, ſo wird doch ſein Same fortwirken, ja die Geſinnungen ſelbſt die jetzt, in jugendlicher Ueppigkeit aufſchießend, die Anſtalt verwirren und den Stifter verletzen, ſie ſind zum Theil Früchte eben dieſer ſeiner Akademie. Wenn es nun, wie ich glaube, einem Manne als Verdienſt angerechnet werden muß, mit einer lebendigen, ob auch manigfach verworrenen Thätigkeit in ſeine Zeit eingegriffen und, ſelbſt über ſeine Abſicht hinaus, bedeutende Wir⸗ kungen hervorgerufen zu haben, ſo würde wohl ſelbſt ein ägypti⸗ ſcher Todtenrichter an der Pyramide dieſes Mannes keinen ver⸗ nichtenden Spruch fällen. Er hatte große Fehler als Regent, noch größere als Menſch, und dennoch muß man ihm zugeſtehen daß aus ſeinem tyranniſchen Eigenwillen, aus ſeiner oft lächerlichen Eitelkeit ein nachhaltiges, anerkennungswerthes Streben hervor⸗ leuchtet. Ich fürchte, die unfruchtbaren Tugenden ſeines Bruders werden ihn in ein helleres Licht ſetzen als das Land ſich wünſchen mag. Herzog Karl iſt einer der ſelbſtändigſten und ſelbſtthätigſten Regenten die jemals einen Thron beſeſſen haben, voll Fleiß, Auf⸗ ſicht und Energie in den Regierungsgeſchäften. Das iſt wahr, ſagte Peterſen. Er nennt auch ſeine geheimen Räthe nur ſeine Couvertmacher. Obgleich er ein Kind der alten Zeit iſt, fuhr der Dichter fort, ſo hat er doch nach dem Maße ſeiner Einſicht das Land für die Aufgaben des kommenden Jahrhunderts vorbereitet, das ihm nicht vergeſſen wird wie er neben der Beförderung des Ackerbaus, der alten Hauptkraft des Landes, dem Gewerbe und dem Handel, den Kräften der Zukunft, dieſes Brachfeld aufgepflügt hat. Er wollte noch weiter reden, als ein Bedienter mit einem Schreiben eintrat. Heinrich, an den es gerichtet war, ſah es durch und reichte es mit großer Bewegung dem Dichter hin. Dieſer las, erblaßte und ließ die Hand mit dem Blatte ſinken. Alle blickten ſtumm auf ihn. Deine Geſchichte hat einen Schluß, Zumſteeg! ſprach er endlich. Der Mann der als Jüng⸗ 390 ling ſang:„Tyrann, herab von deinem Thron!“ der hat heute in Hohenheim dem Herzog die Augen zugedrückt. Die andern ſprangen auf. Herzog Karl iſt nicht mehr, ſagte Heinrich. Er hat einen ſchweren Todeskampf gehabt. Seine letzten Worte waren:„Pfar⸗ rer, Sterben iſt kein Kinderſpiel.“ Friede ſei mit ihm! ſagte der Dichter. Die Geſellſchaft war tief ergriffen; einigen ſtanden Thränen in den Augen. Das Licht auf dem kleinen Tiſche, wo Kant's Kritik und einige Scenen des Wallenſtein lagen, war ſchon tief herabge⸗ brannt, und noch immer ſaßen die beiden Freunde in lebendigem Geſpräch beiſammen. Der Dichter erwartete von einer ſpät ge⸗ fundenen geliebten Gattin die Geburt ſeines erſten Kindes, und dieß hatte ihre Reden auf die Zukunft gelenkt; der geiſtige Haupt⸗ erbe aber, der erſt in ſeinem Entſtehen war und noch viele Ge⸗ burtsſchmerzen koſten ſollte, führte ſie wieder auf die Gegenwart zurück. Was iſt unſre Poeſie? rief der Dichter aus. Ich habe mich von dem Schaume eines jugendlich gährenden Talents befreit, und nun da ich mir bleibende Geſetze geben will, ſeh' ich daß wir gar keinen Boden haben. Was iſt unſer deutſches Leben? Wir ſind weder einer Tragödie noch einer Komödie fähig, die ſich auf den Boden der Gegenwart gründen ließe; wir kommen nicht über die Familiengeſchichten hinaus. Darum iſt der Inhalt unſrer Poeſie ſchwankend und zweifelhaft, und die Form die wir entleh⸗ nen müſſen iſt eine fremde. Ich bin zu den Griechen zurückge⸗ kehrt, die ich früher theils nicht gekannt theils nicht verſtanden habe. Die hatten ihr Leben! es überläuft mich wenn ich die Geſchichte des peloponneſiſchen Krieges leſe. Wohl gibt es ein höheres Intereſſe als das vaterländiſche, das Intereſſe der Menſch⸗ 391 heit, und auf dieſes ſind wir deutſche Poeten auch einzig ange⸗ wieſen, denn wie ſollten wir die Schule der Nationalität, die jenem glücklichen Volke gegönnt war, in unſern öffentlichen Zu⸗ ſtänden finden? Ich habe mir jetzt zwar einen nationalen Stoff gewählt; aber die Quellen ſind unendlich leblos, ſie athmen nicht den Geiſt der dem Griechen aus ſeiner Geſchichte entgegen kam, der ſogar den Schweizer aus ſeinen Chroniken anweht. Und wie unſre Tragödie keinen feſten Boden unter ſich hat, ſo fehlt es auch am Himmel über ihr. Der chriſtliche iſt nicht ppetiſch. Die Schickſalsidee aber, die uns die Alten überliefert haben, iſt für uns doch nur eine Form die des erfüllenden Inhalts bedarf. Wenn das Wort nicht ſo vieldeutig wäre, ſo würd' ich ſagen, wir Neueren müſſen die Politik an die Stelle des Schickſals ſetzen. Ich glaube dich zu verſtehen, ſagte Heinrich. Was die Alten unter ihrem Schickſal gemeint haben, das iſt ein Fernes, Un⸗ bekanntes und darum auch Leeres. Uns dagegen iſt, ſeitdem die vereinzelte Nationalgeſchichte ſich zur Geſchichte der Menſchheit er⸗ weitert hat, ihr unſichtbarer Inhalt näher getreten und greifbarer geworden, und an ihm haben wir, ſollte ich meinen, ein viel größeres tragiſches Element gewonnen, wenn unſre Dichter jene Macht darſtellen, welche Staaten erhebt oder ſtürzt, die Siege der Gewalt und Liſt in Niederlagen verwandelt und den Kämpfer für die Sache der Menſchheit im Untergehen verklärt. Das iſt es! rief der Dichter lebhaft, das iſt es was ich meine: das Schickſal als eine politiſche, geſchichtliche, göttliche Macht dargeſtellt. Nur iſt leider in poetiſchen Dingen mit der Einſicht ſo gut wie gar nichts gethan. Dazu gehört noch etwas ganz anderes: eine ſchöpferiſche Kraft und eine ſchöpferiſche Zeit. Die Zeit muß ſelbſt wieder einmal einen ungeheuren politiſchen Umſchwung, davon wir jetzt kaum den rohen Anfang geſehen haben, erleben; dann kann erſt die Poeſie dieſer Erlebniſſe ſich bemächtigen. Deßhalb wird die poetiſche Aufgabe immer größer, immer ſchöner und immer ſchwerer werden. Wohl mag dann 392 auch die kosmopolitiſche Bildung das reizende Gewand der natio⸗ nalen annehmen, und eine Poeſie mag erblühen die auf deutſches Leben gegründet iſt, wie die griechiſche auf griechiſches Leben ge⸗ gründet war. Wir aber, die wir jetzt leben, wir müſſen nach jenen Vorbildern greifen, um nur erſt einmal für unſre Nation eine Form und einen Gehalt zu erringen. Und, ſetzte Heinrich hinzu, mögen aus dieſer geiſtigen That unſre Nachkommen praktiſche Früchte für das öffentliche Leben ziehen.— Was iſt das? unterbrach er ſich auf einmal: welche nächtliche Wundererſcheinung? Sie waren im Drang des Redens aufgeſtanden und lehnten im Fenſter, das nach den weſtlichen Anhöhen blickte. Dort tauch⸗ ten Lichter auf, erſt einzeln, dann immer mehrere, und geſtalteten ſich endlich zu einem Zuge wie von hundert Fackeln, die zuletzt den ganzen Berg einnahmen und durch das herbſtliche Laub der Bäume hinflackerten. Ich ahne was es iſt! rief Heinrich. Da geht eine Zeit zu Grabe, ſagte der Dichter. Sie ſahen ſtill und unverwandt nach dem Berge hin; da klopfte es ſacht an der Thüre und der Hausbeſitzer trat ein, mit der Frage ob ſie den Leichenzug des Herzogs ebenfalls gewahr würden? Es iſt mir nur ſonderbar, fuhr er fort: das iſt die Straße die bon der Solitude herunterführt, und ich weiß doch daß der Herzog in Hohenheim, in der Meierei, geſtorben iſt. Seltſam! verſetzte Heinrich: ſollte er denn befohlen haben nach ſeinem Tod auf die Solitude gebracht zu werden? So viel iſt wenigſtens gewiß, war die Antwort, daß man den Hohenheimer Weg von hier aus gar nicht ſehen kann. Der Fackelzug war inzwiſchen unten an der Biegung des Berges angekommen, wo er nach und nach verſchwand. Sie war⸗ teten noch lang um ihn näher auf der ebenen Straße wieder auf⸗ tauchen zu ſehen, aber vergebens. Als ſie am andern Tage nachforſchten, waren ſie nicht wenig erſtaunt zu vernehmen daß die 393 Leiche des Herzogs wirklich um dieſelbe Stunde mit Fackeln von Hohenheim herab nach Ludwigsburg geführt worden ſei; ſie un⸗ terſuchten die Richtung des Fenſters und fanden daß ſie ſich über die Straße nicht hatten täuſchen können, ſo daß ſie den Anblick zuletzt einer wunderbaren Luftſpiegelung zuzuſchreiben geneigt waren. Auch andere hatten denſelben Anblick gehabt, und es wurde noch lang in Stuttgart davon geſprochen, daß viele Men⸗ ſchen aus ähnlich gelegenen Standpunkten den Leichenzug des Her⸗ zogs in jener Nacht die Straße von der Solitude herunterkommen geſehen haben. Ein Wagen hielt in der Straße die am Ludwigsburger Schloſſe vorüberführt. Zwei Männer in Mänteln kamen die Straße herauf und waren im Begriffe in den Wagen zu ſteigen. Dort haben ſie ihn hingebracht, erwiderte Heinrich auf die ſtumme Gebärde des Dichters, der die Hand aus dem Mantel hervorſtreckend nach dem Schloſſe deutete. Komm, ſagte dieſer, laß uns, eh wir heimkehren, noch eine ſtille Feier begehen. Sie hießen den Wagen warten und gingen über den weiten Platz nach dem Schloſſe. Auf ihr Begehren erſchien ein Mann mit einer Leuchte. Er führte ſie durch lange Gänge in die Ka⸗ pelle; dort ſchloß er ihnen eine Thüre auf, und ſie ſtiegen die halberhellten Stufen hinab in ein Gewölbe, wo eine kleine Reihe von Särgen ſtand. Ein neuer war darunter, von geweihten Kerzen umgeben. Sie ſtellten ſich zu ſeinen beiden Seiten und blickten ſtumm auf ihn nieder; ſie ſahen einander nicht an und jeder ehrte des andern Empfindung. Endlich reichten ſie einander ſchweigend die Hände und ſtiegen wieder aus der Gruft empor. Als ſie die Kapelle verlaſſen woll⸗ ten, begegnete ihnen in der Thüre eine verſchleierte Frau, in einen aſchgrauen Mantel gehüllt, unter dem ſie eine Blendlaterne zu 394 verbergen ſuchte. Sie war erſchrocken und ſchlüpfte ſchnell an ihnen vorüber. Heinrich gab dem Dichter einen Wink der ihn zu warten bat, und ging, nachdem ſie verſchwunden war, an den Eingang der Gruft zurück. Er blickte die Stufen hinab und ſah wie die Verhüllte ſich dem Sarge näherte, an ihm niederkniete und ſtill betete. Er war ihr nicht aus bloßer Neugier nachgegangen; er hatte ſie erkannt, als ſich im Vorübergehen ihr Schleier verſchob. Es war Aurora. ————— — 5 9 6““ rnneffffff fffffee 7 8 9 10 11 12 13 14 16 17 — 8