Leihbibliothek deniſcher⸗ engliſcher und franzö öſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Billiotet ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher ieden ag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Nückgabe eines geliehenen Buches wird von e Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe Deſkerdei entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt für aschentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— Bner auf 1 Monat: 1 Mtr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 33 33 Answärtige Abounenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, eſchäidite, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren erkes, ſo iſt der Leſer unn Erſatz des Ganzen verpflichter. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen der Bücher nicht ſattfinden darf, indem Disienicen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 1 5 * 4 4 4 2 Hermann Kurz. Zweite durchgeſehene Auflage. Erſter Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1857. —— Schnellpreſſendruck der J. G. Sprandel'ſchen Buchdruckerei. ¹ 1 2 F Aus der erſten Auflage. Der hiſtoriſche Roman. Die hiſtoriſche Auffaſſung einer vergangenen Zeit, wenn auch der Genius der Geſchichte ſelbſt ſie eingegeben hätte, wird für die welche die Thatſachen mit durchlebt haben immer etwas Fremd⸗ artiges behalten; denn es iſt nun einmal das Geheimniß dieſer Welt und ihrer Traditionen, daß zwiſchen der Geſchichte und ihrer Darſtellung etwas Unauflösliches liegen bleibt, und wenn man die Todten von Jahrhunderten und Jahrtauſenden her erwecken könnte, um ihnen die Weltgeſchichte zur Prüfung vorzulegen, ſie würden ſich ſchwerlich ganz darin zurechtfinden: entweder würden ſie in einem Chaos von Thatſachen jenes Innere vermiſſen das ihre Zeiten beſeelte, oder wo die wichtigſten Data mit philoſophi⸗ ſcher Abſicht geordnet ſind würden ihnen oft die Begebenheiten in ein willkürliches Licht gerückt erſcheinen. Dieſe Willkürlichkeit ver⸗ meidet auch der gewiſſenhafteſte Geſchichtſchreiber nicht: ſein Ge⸗ ſchäft iſt bloß ſich der Wahrheit ſo weit als möglich zu nähern. Dazu kommt daß ihm die Chroniſten oft ſchlecht in die Hände gearbeitet haben; ja, von wichtigen Vorgängen die kaum dreißig Jahre alt ſind iſt oft ſchwer noch eine umſtändliche Nachricht ein⸗ VI zuziehen, und von mancher bedeutenden Periode ſind nur ver⸗ einzelte Züge, todte Thatſachen übrig, aus welchen Auge und Antlitz ihrer Zeit nicht mehr ſicher zu errathen iſt. Hier bleibt denn ein großes dunkles Gebiet zu durchforſchen, in das kein an⸗ deres Licht zu dringen vermag als das Licht der Poeſie, aber nicht zu willkürlichen Spielereien, nicht zu ſchaler Unterhaltung müßiger Köpfe und leerer Herzen, ſondern im Dienſt der Ge⸗ ſchichte. Der Dichter hat ein großes Vorbild, den unbewußten Geiſt der Völker, der ihm hievin vorgearbeitet hat: ich meine jene Sagen welche ſeit Jahrtauſenden neben der Heerſtraße der Anna⸗ len auf grünen Auen geheimnißvoll emporgeſchoſſen ſind. In mißverſtandener, oft falſcher Abſpiegelung der Begebenheiten ſagen ſie uns das eigentliche Was und Warum der Geſchichte und legen uns die Räthſel der Menſchheit wunderbar gelöst vor Augen, un⸗ bekümmert um die Richtigkeit des Unweſentlichen, denn im Dienſt der Wahrheit zu lügen iſt das holde Vorrecht der Poeſie. Für die neuere Geſchichte, welche des Wunderbaren und Fabelhaften genug beſitzt um keiner Mythen zu bedürfen, ſind an ihre Stelle die Denkwürdigkeiten getreten, Quellen welche dem Hiſtoriker eben ſo viele Geheimniſſe eröffnen und eben ſo vorſichtig von ihm be⸗ nützt werden müſſen. Dem Dichter aber geben beide den beſten Stoff zu ſeinen Geweben. Dem einzigen Walter Scott war das große Verdienſt vor⸗ behalten, der Dichtung eine neue, reiche Fundgrube zu ſchenken, und gewiß gibt es für den Dichter im ganzen Kreiſe ſeines Schaf⸗ fens keine ſchönere Aufgabe als den Beruf ſich neben den Geſchicht⸗ ſchreiber zu ſtellen und ſeinen grauen Umriſſen Farbe und Leben zu leihen. Die Zeit des hiſtoriſchen Romans iſt keineswegs vor⸗ über; vielmehr hoffe ich daß derſelbe in Deutſchland, wo er von Anfang an das beſte Verſtändniß fand, erſt noch ſeine rechte Höhe erreichen und ſogar von der Hiſtoriographie als ihr nothwendiger Genoſſe anerkannt werden ſoll. Er hat ihre Lücken auszufüllen: man prangt ſo viel mit Befriedigung von„längſt gefühlten Be⸗ —=— —— — VII dürfniſſen der Zeit“; dieß iſt eins der tiefſten. Nicht um roman⸗ tiſche Verwicklungen handelt es ſich, ſondern das Leben ſoll dargeſtellt werden, das mit ſeinen kleinen Zügen oft einen über⸗ raſchenden Commentar zu den größten politiſchen Ereigniſſen gibt, und die Verwandtſchaft lang hingeſchwundener Generationen in ihrem Fühlen und Streben mit dem Geſchlecht von heute ſoll her⸗ vortreten, auf daß unſre Zeit, die beſtimmt zu ſein ſcheint das Wollen und die Bewegungen ſo vieler Jahrhunderte noch einmal zuſammenzufaſſen und ſtürmiſch oder friedlich, aber jedenfalls kräf⸗ tig zu Ende zu führen, von dem Gipfel wo ſie angelangt die V Vergangenheit klar überſchauen und in ihrem Spiegel die Zukunft erkennen möge. Durch dieſe Aufgabe wird der Dichter zum hell⸗ ſehenden Geſchichtſchreiber, aber es iſt freilich nicht zu erwarten daß jeder an dieſen Magnetismus glauben ſolle. Poeſie iſt eine Mit⸗ gift die jeder Menſch in der Wiege erhalten hat, aber manchem iſt ſie über der kleinlichen Wahrheit der Jahrszahlen und Namen 4 verloren gegangen. Der Mythus verträgt ſich ſchlecht mit der Chronologie, wie man ſchon von der trojaniſchen Helena weiß, und wenn der Dichter, um das treue Bild einer Zeit zu geben, eine Maſſe von Zügen in Eine Gruppe vereinigen will, ſo muß es ihm vergönnt ſein ſie in eine andre Ordnung zu bringen und V an einem willkürlichen Faden aufzureihen. Iſt es doch in der Wirklichkeit eben ſo: der Berg der in einer landſchaftlichen Fern⸗ ſicht klſein genug war um dem Auge einen Ueberblick in noch fernere Gegenden zu geſtatten, wird, wenn wir uns ihm nähern, ſo hoch als der auf welchem unſer erſter Standpunkt war: was . hinter uns liegt erſcheint uns beim Zurückſehen fremdartig ver⸗ ſchoben; den Mond bedecken wir mit einer Hand; jeder Schritt 1 bringt neue Täuſchungen, und die ganze Welt erblicken wir unter dem Geſetz der Perſpective. Es iſt auch das Geſetz des hiſtori⸗ ſchen Romans. Bewundern wir aber den Homer von Schottland, ſo dürfen wir auch ſein Glück beneiden. Wir ſehen in unſrem Vaterlande —= VIII wenig mehr als Hünengräber, Burgtrümmer, und da und dort eine ſtumme Schwedenſchanze; ihm aber hatte jeder Stein auf der Haide eine Mär' zu erzählen, Wälder und Flüſſe rauſchten ihm zuvor⸗ kommend ihre Geheimniſſe zu, die Geſchichte quoll ihm über die Schwelle ins Haus. Ja, ganze Schichten von Sagen waren auf dieſem reichen Boden abzuheben: am Fuße jenes Hügels an den ſich die Schlachtordnung des Regenten lehnte hatte einſt Wallace gefochten, über jene Brücke welche die Leute des Prätendenten be⸗ ſetzten war Claverhouſe mit ſeinen wilden Dragonern geſprengt. Keine von dieſen Begebenheiten wurde über der ſpäteren vergeſ⸗ ſen, alle lebten ſie im Munde des Volks, mit gleicher Liebe und Eiferſucht gehegt, denn ſie hatten alle daſſelbe nationale Intereſſe: der ununterbrochene, in immer neuen Formen wieder aufflam⸗ mende Kampf mit dem endlich ſiegreichen Nachbar, die poetiſch begabtere Nation, die ſich mit ihrem Schmerz und Stolz in die Erinnerung flüchtet, das macht die ſchottiſche Geſchichte ſo beredt! Unſre Geſchichte lebt nicht im Volke nach, ſie lebt faſt nur auf dem Papier. Iſt der poetiſche Sinn geringer im deutſchen Volke als im ſchottiſchen? ich glaube nicht, er iſt vielleicht nur weniger redſelig. Oder hatten wir nicht ſo lange und tiefe Rei⸗ bungen, durch Stammsverſchiedenheit zugleich und Stammsver⸗ wandtſchaft hervorgerufen? denn ſolche Kriege ſind es die den nachhaltigſten Eindruck hinterlaſſen. An tiefeinſchneidendem und verhängnißvollem Hader zwiſchen den einzelnen Stämmen hat es uns gewiß nicht gefehlt, von den alten Feindſeligkeiten der Sachſen und Franken an bis zum öſtreichiſch⸗preußiſchen Dualismus; aber unſre Zerwürfniſſe, ob wir als Hammer oder Ambos aus ihnen hervorgingen, blieben nicht auf den engen Rahmen beſchränkt, in welchem ſich heimiſche Ueberlieferungen am beſten erhalten: viel⸗ mehr führten ſie europäiſche Verwicklungen und grunderſchütternde Stürme herbei, in deren breiter Maſſenhaftigkeit die geſchichtlichen Bilder, die das Gemüth des Volkes auffaſſen kann, immer wieder untergingen. Manche der bedeutendſten Perioden unſrer Geſchichte — —— IX ſind nicht einmal national: die beſten Kräfte der Kaiſerzeiten zer⸗ ſplitterten ſich in der Fremde, und wir haben(wenigſtens unter den hiſtoriſch bekannteren) faſt nur Eine Epoche die durchaus deutſch war, dafür aber auch der ganzen übrigen Welt mehr oder weniger ihr Gepräge aufdrückte, eine Zeit wo religiöſe und politiſche In⸗ tereſſen, aufs Innigſte vermiſcht, Ein großes Feuer entzündeten, das von Nord zu Süd und bis in den fernſten Winkel des weiten Landes ſchlug und ſeine Heldenherzen zu Großthaten wie zu Ver⸗ brechen, aber auch dieſe in ihren Urſachen großartig, verſammelte. Die Geſchichte unſres Volkes ſollte ein langſames Reifen darſtellen, und jedes gewaltſame Unternehmen das dem innern Gang der Bildung vorgriff ſollte ſein Ziel perfehlen: die Reformation, deren tiefere Wirkungen erſt für uns fühlbar zu werden beginnen, mußte der Gleichgiltigkeit und dem Fanatismus, zwei ſehr nahe ver⸗ wandten Gegenſätzen, Platz machen, und der dreißigjährige Krieg, der kaum in etwas anderem national iſt als in ſeinem Elend, verlöſchte mit den Völkerfluthen der halben Europa faſt jede Spur von alten Erinnerungen. Was er und der ihm folgende Frie⸗ denszuſtand hinterließ war ein Heimweh aus der Heimath hinaus, das, mit dem Andenken an ermordete Eltern und an ſelbſterlebtes Unrecht durch Betrug und Gewalt, auf eine Felſenburg im fernen ſtillen Meere floh. Und bis der Deutſche ſich ſo weit erholte um wieder heimiſch in der Heimath werden zu können, kamen neue Stürme, die ſie von Grund aus umwühlten. So war es ihm immer zu weh um die heimiſchen Erinnerungen hegen und pflegen zu können, denn dazu gehört ein Behagen das den Schotten nie ganz verlaſſen hat: dieſes Behagen geſellt ſich gerne zum Schauer den ein abgebranntes Gehöft erregt, aber es weicht von dem Jam⸗ mer eingeäſcherter Städte und Länder. Dafür haben unſre Dichter einen um ſo großartigeren Stoff.— II. Herzog Karl. Es war dem Herzogthum Wirtenberg eine ſchwere Prüfung zugedacht, als das zweite Drittel des achtzehnten Jahrhunderts begann, und der Herzog Karl Alexander— eben, wie die prote⸗ ſtantiſchen Prälaten und Stände des Landes fürchteten, ſein vielleicht nur aus politiſchen Gründen angenommenes katholiſches Glaubens⸗ bekenntniß durch eine gewaltſame Revolution in Wirtenberg ein⸗ zuführen beſchäftigt— eines plötzlichen Todes ſtarb. Sieben Jahre nachher wurde ſein Sohn Karl, in einem Alter das zu jedem an⸗ dern Ding geſchickter iſt als zu einem Scepter, fuͤr mündig erklärt. Dieſen übereilten Schritt, deſſen nächſte Urſache in den Streitig⸗ keiten der Landesadminiſtration mit der ehrgeizigen Herzogin Wittwe lag, hatte Wirtenberg der Verwendung Friedrichs des Großen und den Bemühungen eines gewandten Unterhändlers am kaiſerlichen Hofe, des fränkiſchen Freiherrn von Montmartin, der nur zu bald die Früchte von dieſem vorzeitigen Baume erntete, zu verdan⸗ ken. Die erſte Sorge der Landſchaft war, durch einen Revers die Landesreligion gegen ihren katholiſchen Fürſten, von deſſen Denkungsart ſie in dieſer Hinſicht wohl nichts zu fürchten gehabt hätte, ſicher zu ſtellen. Seine Regierung gewährte anfangs glück⸗ iche A chhten, ſo lang er als ein talentvoller Scholar an ſeiner Berliner Erziehung und an den Lehren zehrte würdig, indem er in jugendlichem Eifer ein philoſophiſches Buch über die Tugenden und Laſter ſchrieb. gling wie Herzog Karl, der von der Na⸗ tur mit allen Eigenſchaften der Selbſtändigkeit und mit einem durchdringenden, obwohl ungebildeten Verſtand außgeauſe war, 8 XI konnte dieſe angelernte Weisheit nicht lang vorhalten. Leiden⸗ ſchaften, die bei der Jugend gewöhnlich die Zeichen großer Anla⸗ 3 gen ſind, begannen unbezähmbar in ihm zu erwachen, die Schmei⸗ chelei des Hofes kam ihm auf mehr als halbem Weg entgegen, er fühlte die gefährliche Macht die in ſeine Hände gegeben war, und adoptirte nur zu willig die orientaliſchen Regierungsgrundſätze die ſich um jene Zeit von Frankreich aus an den deutſchen Höfen ein⸗ geniſtet hatten, die er vielleicht ſelbſt an dem Hofe ſeines angeſtaun⸗ ten Erziehers unter der Firma loyaler Redensarten gelegentlich hatte ausüben ſehen. Eine Heirath, die ſeine beſorgten Räthe als herge⸗ brachtes Dämpfungsmittel vorſchlugen, endigte mit einer Tren⸗ nung, und nun begann für den Fürſten und ſein Land eine trau⸗ rige Schule der Erfahrung, in welcher dieſem aller Druck einer zügelloſen Regierung, jenem aber die Unluſt und der innere Un⸗ friede der im Genuß ſich verzehrenden Despotie zu Theil wurde. Zu beider Unglück fanden ſich ſchnell geſchickte Werkzeuge, die den Willen ihres Herrn oft in weiterem Umfang ausführten als ſein nicht immer erſtickter natürlicher Edelmuth, ohne die Reizmit⸗ tel der Schmeichelei und Aufhetzung, zu befehlen fähig geweſen wäre. Der derbſte in dieſem Kleeblatt war Wittleder, ein Aben⸗ teurer, der ſich vom Handwerksburſchen zum Kirchenrathsdirector emporgeſchwungen hatte und dem Dienſthandel eine unerhörte Or⸗ ganiſation gab. Er hatte zu Ludwigsburg eine eigene Bude er⸗ richtet, wo alle Landesämter vom höchſten Range bis herab zum Nachtwächtersdienſt um verhältnißmäßige Geldſummen nicht bloß zu haben waren, ſondern gekauft werden mußten, wenn einer nicht Gefahr laufen wollte ſich auf dem geſetzmäßigen Wege ſein Leben lang vergebens zu bewerben. Er betrog den Herzog, der für ſeinen ungeheuren Aufwand und die Anſprüche ſeiner italie⸗ niſchen Maitreſſen immerwährend um jeden Preis Geld brauchte, auf eine empörende Art, aber dieſer wußte auch hieraus ſeinen Vortheil zu ziehen; denn er wartete jedesmal geruhig ab bis der unerſättliche Schwamm ſich recht vollgeſogen hatte, und drückte ihn XII dann mit gelinder Manier wieder aus. Die beiden andern waren von einem vornehmeren Schlage. Montmartin, von dem man wiſ⸗ ſen wollte daß er ſich durch zweideutige Verdienſte um den kaiſerli⸗ chen Hof die Reichsgrafenwürde erſchlichen habe, kam nicht lang nach der Thronbeſteigung des Herzogs in das Land, und wußte ſich durch einſchmeichelnde Feinheit und eine Dienſtfertigkeit die auch die niedrig⸗ ſten Wege nicht ſcheute, ſeinem Herrn bald unentbehrlich zu machen. Ihm ſtand Rieger zur Seite, ein offener feuriger Charakter, der unter dem beſcheidenen und doch für ſeine Jahre und ſeine bürgerliche Her⸗ kunft ſtolzen Titel eines Oberſten in der Armee und in der Landesver⸗ waltung unumſchränkt, gewaltthätig, übermüthig ſchaltete, und mit trotziger Unerſchrockenheit alle die gehäſſigen Plane ausführte, die der verſchmitzte und feige Miniſter in der Stille ausgebrütet hatte. Bald aber begann dieſer ſeinen Einfluß zu fürchten, und der hoch⸗ fahrende verblendete Mann war untergraben ehe er es dachte. Sein Glanz und die furchtbare Kataſtrophe die ihn in einen Abgrund des Clends ſchleuderte, ſind durch Schiller's Novelle„Spiel des Schickſals“ jedermann bekannt. Die Urſache ſeines Sturzes aber iſt ein Geheimniß geblieben: ein Briefwechſel mit den feindlich ge⸗ ſtellten Brüdern des Herzogs, nach andern Angaben mit einem hohen preußiſchen Offizier, Documente jedenfalls, die, wenn ſie echt waren, groben Mißbrauch des fürſtlichen Vertrauens beurkun⸗ deten, die aber von Montmartin angeblich aufgefangen worden waren, ſollen den Herzog zu der grauſamen Rache geſtachelt haben, die er gegen das Ende des ſiebenjährigen Krieges über ſeinen Liebling verhängte. Rieger wurde auf Hohentwiel mehrere Jahre lang in einer ſolchen Gefangenſchaft gehalten daß ihm ſelbſt das Mitleid der Patrioten dahin folgte; nach ſeiner Befreiung mußte er das Land meiden und trat erſt ſpät, als die Zeit die ſchroff⸗ ſten Spuren ſeiner Leiden und des fürſtlichen Grolls ausgelöſcht hatte, wieder in die herzoglichen Dienſte, wo wir im Verlauf un⸗ ſerer Begebenheiten mit ihm zuſammentreffen werden. Kurz nach ſeinem Falle ging der Krieg mit Friedrich dem * . XIII Großen zu Ende, woran Karl, nicht bloß als Reichsfürſt und ver⸗ möge eines wenig ehrenhaften, übrigens ſchon während ſeiner Min⸗ derjährigkeit von dem geprieſenen Miniſter Hardenberg abgeſchloſ⸗ ſenen Subſidienvertrags mit Frankreich, ſondern thätig und in eigener Perſon Antheil genommen: er folgte hierin einer merkwür⸗ digen Abneigung gegen den Erzieher der ihn durch ein Verwen⸗ dungsſchreiben in der Majorennitätsangelegenheit an Kaiſer Karl VII. für fähig erklärt hatte,„noch größere Staaten zu regie⸗ ren als diejenigen welche die Vorſicht ſeiner Sorgfalt anvertraut,“ und mit deſſen Vorſchriften er in einen ſo ſchneidenden Widerſpruch getreten war; aber er bewies nur daß er ihm in der Hauptſache nichts abgelernt hatte, und brachte ſehr traurige Lorbeern nach Hauſe. Die unverhältnißmäßige Truppenmacht welche dieſer Krieg auf die Beine geſtellt blieb nach dem Frieden auf dem Lande laſten, und der Herzog vergnügte ſich lange Zeit an einem kleinlichen Sol⸗ datenſpiel, das ohne Nutzen war und unerſchwingliche Summen koſtete. Er hatte es im Luxus ſo weit gebracht daß Ludwigsburg mit Paris wetteifern konnte in der Mode den Ton anzugeben. Die Feſte die er veranſtaltete waren nach den Einkünften eines Kaiſerthums zugemeſſen, und wenn auch die Reſidenz mit den ſtolz⸗ tönenden Namen der Künſtler und Fremden welche durch dieſe unerhörten Schauſpiele ins Land gezogen wurden ſich brüſten konnte, ſo warf doch all dieſer Glanz einen düſtern Schatten auf das Land, und der Bauer vornehmlich konnte die Größe der fürſt⸗ lichen Pracht nur nach dem Druck ſeiner Frohnen und des Wild⸗ ſchadens berechnen, durch deſſen Ueberhandnehmen es dem Herzog möglich wurde, auf der Jagd ſeinen Gäſten eine ſolche Maſſe von Wild vor die Gewehre zu treiben, daß man ganz Wirtenberg für einen Thierpark hätte halten ſollen. Um dieſe Zeit glänzte Wittleders Stern am hellſten; auch Montmartin wagte, auf den Schutz ſei⸗ nes Gebieters trotzend, die Hörner kecker hervorzuſtrecken: die Land⸗ ſchaftskaſſe wurde angetaſtet, neue und einträglichere Steuerplane erſonnen, deren jeder ein Eingriff in die Landesgeſetze war. XIV Aber dieſe Operationen, bei welchen der Haß des Volkes, wie es gewöhnlich geht, ein willenloſes Werkzeug, den Kammerrath Gegel, wegen der unmittelbaren Berührung am ſtärkſten traf, fan⸗ den plötzlich einen Widerſtand den man kaum mehr erwartet hatte. Werth freilich durch die nachher gewechſelten Streitſchriften in ein zweifelhaftes Licht geſetzt wurde, indem der Herzog als Beklagter vor dem Richterſtuhle des Kaiſers nachwies, daß die von ihm be⸗ abſichtigte Vermögens⸗ und Einkommensſteuer(wenn ſie nur nicht für die Ausgaben des Hofes beſtimmt geweſen wäre) die Steuer⸗ laſt im Lande gleichmäßiger vertheilt und von den bisher allein Landſchaftspartei übergewälzt haben würde. Jetzt begann nämlich zwiſchen dem Fürſten und ſeinen Un⸗ terthanen jener denkwürdige Prozeß, der, durch die Verwendung Preußens, Englands und Dänemarks, und durch den Spruch des Reichshofraths, mit einem Vertrag endi vergleich, durch welchen die vielfach angegriffene V 4 derhergeſtellt und befeſtigt wurde, jedoch nicht auf lang, da ſie, kurze Zeit nach Karl's Ableben, ein neuer Sturm zu Boden warf. Zum Pfande des Friedens wurde Montmartin, gegen den die Stände beſonders erbittert waren, in Gnaden und lichen Geh 4 XVII heftigſten Umwälzung. Selbſt ſeine vornehmſte Schöpfung, die Akademie, das Ideal ſeines Lebens, überlebte ihn nicht: ſie wurde gleich nach feinem Tode von ſeinem Bruder und Nachfolger auf⸗ gehoben. Und doch iſt es gerade dieſe Pflanzſtätte junger Geiſter, die Wiege Schillers und manches berühmten Zeitgenoſſen, welche dem Herzog Karl von Wirtenberg eine über die engen räumlichen und geiſtigen Grenzen ſeines Machtgebots weit hinausreichende Bedeutung verlieh. Sie iſt auch der Boden auf welchem ſich die folgenden Lebensbilder wiederholt bewegen, und ich hoffe daher daß dieſelben nicht bloß den engeren Bezirk ähres einſtigen Schau⸗ platzes anziehen, ſondern auch in weiteren Kreiſen freundliche Aufnahme finden werden. III. Bigeuner und Vaganten. Die amtlichen Gauner⸗ und Vagantenliſten Deutſchlands und der Schweiz weiſen in den achtziger Jahren des vorigen Jahr⸗ hunderts eine Anzahl von etwa vierzigtauſend Individuen zigeu⸗ neriſcher und deutſcher Abkunft nach, wovon die Mehrzahl auf den ſchwäbiſchen Kreis und ein bedeutender Antheil auf den Schwarz⸗ wald fällt. Dieſe Heimathloſen trieben ſich theils einzeln theils in kleineren oder größeren Banden umher, und ihr Leben durchlief alle Abſtufungen vom luſtigen Müßiggang bis zum verwegenen Handſtreich auf wohlverwahrte Wohnungen, ja mitten in Dörfern und Städten. Eine vielleicht ſechsmal ſo große Anzahl von Diebs⸗ wiſſern, Diebshehlern und Unterhändlern gab ihnen einen ſtarken Rückhalt. Will man ſich auch nur die Möglichkeit ſolcher Zuſtände wieder vor die Augen bringen, ſo muß man ſich erinnern daß Schiller's Heimathjahre. 1. II XVIII Verwaltung und Gericht in Einem Amt vereinigt, Polizei aber überall beinahe gar keine vorhanden war. Eine Sicherheitswache welche mit den jetzigen Landjägern entfernte Aehnlichkeit hatte waren die Hatſchiere, meiſt ausgediente Soldaten, welche ohne förm⸗ lich ſtationirt zu ſein vereinzelt an der Grenze ſtreiften, wo es ganz von ihrem Naturell abhing ob ſie die Schwachen und Schüch⸗ ternen tyranniſiren oder aber ihr Gnadenbrod im Frieden ver⸗ zehren wollten; ihre Uniform war ſo zufällig wie ihre Organiſation. Die Ortspolizei bildeten die Amtsdiener des Oberamtmanns, die Stadtknechte und Schaarwächter der Stadtgemeinde, in Dörfern der Flurſchütz und bei gelegentlichen Fällen der Nachtwächter. Wurde ein Diebſtahl angezeigt ſo protokollirte man ihn ſorgfältig auf Koſten des Beſtohlenen, knüpfte auch bei beſonderer Energie mitunter einen Unſchuldigen dafür auf. Ließ ein Vagabund ſich ergreifen ſo wurde er ohne Federleſen ausgepeitſcht und unter Auferlegung einer Urphede verwieſen, weil man nichts ſo ſehr ſcheute als un⸗ nütze Koſtgänger; dann konnte er noch am ſelben Tage ſein Hand⸗ werk fortſetzen, gewiß, die blinde Gottheit wieder auf geraume Zeit verſöhnt zu haben. Daher kommt es daß manche Gauner ihren Biographen ſo ſtarke Lebensläufe geliefert haben: Leben, Thaten und ſchreckliches Ende, da ſie denn zuletzt, trunken von Sicherheit und Uebermuth, auf eine unbegreifliche Weiſe der Juſtiz in ihr Spinnengewebe taumelten. Die größte Schwierigkeit für die Beſtrebungen thätiger und durchgreifender Regenten, wie Her⸗ zog Karl und Markgraf Karl Friedrich von Baden⸗Durlach, war das heilige römiſche Reich, deſſen Arterien mit ihrem, matt ten Pulsſchlag in tauſend und aber tauſend Verzweigungen durch ein⸗ ander liefen, ſo daß, wenn je einmal in einem Territorium der ſchlafenden Göttin die Augen unter der Binde geöffnet wurden, ſie nur noch nachſehen konnte wie ihre Beute mit ein paar großen Schritten auf ein kleines fremdes Gebiet entwiſchte und dort unter dem Schirm einer freundnachbarlichen Spannung gewöhnlich ſicher wandeln konnte. Denn an Verfolgung fehlte es nicht: mitunter XIXN wurden ſtarke Streifmannſchaften aufgeboten, zu welchem Dienſt die Bauern ſo gut wie zu den Jagdfrohnen auf den Beinen ſein mußten. Aber dieſe Miliz war nicht immer aufs Beſte gewählt, denn die Bauern empfanden eine ſtille Sympathie für die Feinde: der Zigeuner that den Dörfern keinen Schaden, er ließ vielmehr wenn er juſt volle Taſchen hatte in den Schenken etwas aufgehen, wobei für den Bauer immer auch ein Brocken abfiel; und dann genoß er ſein Brod zwar unrechtmäßig, aber er erregte weniger Neid dadurch, da er es nicht ohne Gefahr und Mühe, alſo doch ſaurer erwarb als die„Herren“ das ihrige. Zudem unterhielten dieſe Banden fortwährende Einverſtändniſſe und geheime Ge⸗ ſchäftsverbindungen auf Höfen und in Dörfern, und bei mancher Streiferei mochte es vorkommen daß Achaier und Trojaner mit blinzelnden Augen an einander vorüberhuſchten. Später jedoch wurden dieſe Streifzüge ernſtlicher: einzelne wenige Cdelleute, nach kriegeriſchen Thaten verlangend, handhabten im Gegenſatze gegen ihre um ſo ſchlafferen und zum Theil den Zigeunern geradezu dienſtbaren Nachbarn ihre Gerichtsbarkeit, oder ließen ſich Patente geben womit ſie gegen dieſe innern Erbfeinde des Reichs zu Felde zogen. Ueberhaupt vertrat die Perſönlichkeit in jener Zeit das⸗ jenige was jetzt in der Gliederung der Staatsgewalten bezweckt iſt, und ſo ſtoßen wir mitten in der allgemeinen Zerbröcklung auf Beiſpiele von Tüchtigkeit, welche uns noch immer zum Muſter dienen können. Nach dieſem wird es begreiflich wie auf einer Seite die größte Unordnung ohne Ausſicht auf eine Abhilfe ſtatt⸗ finden konnte, während auf der andern Seite ein deutſcher Graf, Schenk von Caſtell zu Oberdiſchingen, ſeine Fehdezüge gegen Raub⸗ geſellen bis nach Italien fortſetzte, und ein wirtenbergiſcher Ober⸗ amtmann, Schäfer in Sulz, mit bewaffneter Hand nicht bloß ſeinen eigenen Bezirk ſondern auch die Aemter ſeiner unthätigeren Colle⸗ gen durchſtreifte. Natürliche Wirkung eines ſolchen Eifers, aber auch Eigenthümlichkeit der Zeit iſt es dann ferner, daß dieſer Be⸗ amte in dem ſelbſtgeſchaffenen Charakter von ſeinem Fürſten, vom XX In⸗ und Ausland anerkannt wurde, und gleich einer unabhängigen Macht Botſchaften aus der Schweiz empfing, in Folge deren er mit einem ſtattlichen Gefolge feierlich dahin aufbrach um verhaf⸗ tete Uebelthäter perſönlich in Empfang zu nehmen. Es iſt noch ein Bericht von dieſer Reiſe übrig, worin es auf eine ergötzliche Weiſe unbeſtimmt bleibt ob die großen Ehrenbezeigungen die ihm zu Theil wurden mehr ſeiner Perſon oder dem Herzog, den er repräſentirte, gegolten haben.— —— Berichtigung. S. 41 Z. 6 von unten ſind die durch ein Verſehen in der Correctur ſtehen gebliebenen Worte„Neben ihr ſtand das Herrenhaus“ zu ſtreichen. Erſtes Buch. — 1. — Taceo funesta Ducatus Vulnera. Jos. Gmelin. Der Sonntag ſchien hell durch das einzige Fenſter des kleinen Gaſtſtübchens, in welchem der junge Heinrich Roller noch in tiefem Schlafe lag. Er mußte etwas Angenehmes träumen, denn ein leichtes Lächeln belebte ſeine friſchen Züge. Endlich aber ſtörte ihn das Sonnenlicht, das ihm gerade ins Antlitz fiel. Eben ſchlug die Glocke auf dem nahen Thurm, und die Hähne ließen wetteifernd ihre ländlichen Stimmen ertönen. Im Haus iſt noch alles ſtill, ſagte Heinrich, indem er aus dem Bette ſprang und ſich ankleidete: es iſt noch früh am Tage, und doch ſchon ſo hell zu dieſer Jahreszeit. Sei mir gegrüßt, o Licht! in Tübingen haſt du mich nie ſo früh geweckt. Es iſt doch etwas Herrliches ums Landleben, alles ſo hell und ſo ſtill! Jetzt kann ich eben noch einen Spaziergang in der ſchönen Gegend machen, und viel⸗ leicht dem Liebchen ein Schneeglöcklein, das ſich vorwitzig ans Tages⸗ licht gewagt hat, mitbringen. Sie wird noch ſanft und heilig ſchlummern, das holde Kind! Er eilte in den großen Pfarrgarten hinab, um an deſſen Hintermauer den unmittelbaren Ausgang ins Freie zu gewinnen. Da ſah er ein gelbes Hütchen durch die dicht ſtehenden, noch un⸗ belaubten Bäume blinken; er ſchlich leiſe hinzu, und hielt dem Schiller's Heimathjahre. I. 1 2 ſchlanken Mädchen, das, halb ſtädtiſch, halb ländlich gekleidet, in leichter knapper Tracht an einem Baume lehnte, die Hände vor die Augen. Schelm! rief ſie und ſchlug ihn drauf ich kenne dich ſchon, ich habe dich kommen hören.— Sie wandte ihm ein zärt⸗ liches Geſicht mit zwei hellen blauen Augen zu, und bot ihm willig den Mund zum Kuſſe. Er ſchlang den Arm um ſie, und ſie wandelten durch den Garten ins Freie. Lottchen ſang: Ueb' immer Treu und Redlich⸗ keit! und ihre reine Stimme klang lieblich in den Morgen hinaus. Das enge Thälchen, in welches der Pfad ſich hinabwand, hatte ſchon einen Anflug von dem grünen Teppich, der es nun bald bekleiden ſollte, die Anhöhen zu beiden Seiten lagen in reinem warmem Glanz, aus geringer Entfernung ſchimmerte das Schloß von Vaihingen herüber, in der eigenthümlichen Beleuchtung der frühen Februarſonne ſcharf hervortretend; hinter den Liebenden ragte der Kirchthurm des Dörfchens Illingen hervor, das ſie ſo eben luſtwandelnd verlaſſen hatten. Unſer Pärchen ſog mit un⸗ endlicher Wonne den Hauch des friſchen und doch warmen Mor⸗ gens ein. Dießmal, ſagte Heinrich, verdient der Frühling ſeinen Namen: es iſt ein ſeltenes Feſt, wenn ſchon im Februar die Natur aus dem ſtarren Winterſchlaf erwacht und neu zu leben beginnt. Laß uns glauben, mein Lottchen, freundliche Geiſter haben unſerer Liebe zu Ehren den Freund der Liebenden, den Lenz, erweckt, und er ſchicke ſich nun fröhlich an, unſer Glück mit BZlumen und grünen Zweigen zu bekränzen. Faſt möcht' ich's auch glauben! rief Lottchen, entwand ſich ihm und hüpfte über den kleinen Bach, der das Thälchen mitten 3 durchſchnitt. Sie hatte mit ihren hellen Augen jenſeits zwei Veilchen entdeckt und eilte ſie zu pflücken. Sieh, Liebſter! ſagte ſie und ſteckte ihm die beiden Blümchen an die Bruſt: ſieh, dieß iſt das Erſte was das Jahr uns bringt, das Beſte was dir meine Liebe geben kann. Laß es dir ein Sinnbild ſein! wie dieſe armen beſcheidenen Blümchen iſt auch meine Liebe arm und unſcheinbar, 00 und kann dir nichts bedeuten; aber wie du die zarten Pflanzen an deine ſtarke Bruſt nimmſt und um meinetwillen behüteſt und werth hältſt, ſo thue auch mit deinem Mädchen, das dir weiter nichts gelten kann, als daß ſie dir ſo überaus von ganzem Her⸗ zen gut iſt. Heinrich war von dieſen einfachen Worten aufs Innigſte ge⸗ rührt, und keine von den prächtigen Redensarten, die ihm ſonſt ſo leicht wurden, wollte ihm über die Lippen gehen. Er küßte ſie herzlich, aber eh' er etwas erwidern konnte, vernahmen ſie laute Stimmen in der Nähe; ſie blieben hinter einer dichten Einfaſſung ſtehen und blickten hinaus. Einige Bauern kamen von der An⸗ höhe, hinter welcher ſich die Felder ausbreiteten, gegen das Wieſen⸗ thälchen herunter gegangen. Seht einmal, ihr Mannen! rief einer von ihnen und blieb ſtehen: meiner Treu! das Thal kriegt ſchon ein neues Bärtlein. Da ſiehts getreu aus, wenn's im Februar maielt! Da kommt alles ins Treiben, und nachher nimmts der Froſt. Iſt mir doch immer lieber, ſagte ein andrer mit finſterem Geſicht, wenns von ſelber zu Grund geht. Es gibt keine größere Narrheit für uns Leute, als wenn wir uns viel um unſere Saat bekümmern. Gehts ſchlecht, ſo lamentirt alles zuſammen, und gehts gut, gleich iſt's Wild bei der Hand und frißt, was ihm ſchmeckt, und was ſtehen bleibt, das geht bei der nächſten Jagd zu Schanden. Das iſt auch wahr, Schmidpeter, fiel ihm der erſte bei. Das gibt wieder eine Mahlzeit für die Sauen, Hansjörg, fuhr der Schmid in ſeiner finſtern Laune fort: wenn's der Ernte zugeht, und der Dinkel grad recht in der Milch ſteht, da laden ſie ſich wieder ein. Und wenn ſie meinetwegen noch für den Hunger freſſen thä⸗ ten, Gott verzeih mirs, ich wollt's ihnen noch gönnen, ſagte Hansjörg ärgerlich: aber's iſt ihnen um die pure Wolluſt zu thun; ſie ſehens als Nachtiſch an; da raufen ſie die Frucht hand⸗ 4 vollweis aus dem Boden und quetſchens nur ſo aus, und wenn ſie die Milch geſogen haben, ſo werfen ſie's wieder weg. Es ſind verflucht delicate Beſtien.. Freilich ja, bemerkte der Schmid: das lernen ſie von dem vornehmen Umgang. Die andern lachten.'S iſt wahr, ſagte einer, man ſollte ſich noch für die gnädige Ehre anten en „ρ O wenn nur, ſo brach ein andrer jetzt aus, wenn nur das hei⸗ lige ſiedige Donnerwetter die gnädigen Herren und Sauen und die Jagd mit ſammt uns und dem ganzen Ländlein dreitauſend Klafter tief unter den Boden ſchlüg! Behüt' uns Gott! verſetzte einer mit etwas gereistem Accent: nur nicht gleich oben hinaus!„Schicket euch in die Welt, denn es iſt eine böſe Welt!“ „In die Zeit“ heißts, Schneidermichel! rief der bibelfeſtere Hans⸗ jörg dem Geduldprediger zu. Aber wahr iſt's, die Welt iſt ſchlimm. Der Liebſte von Allen iſt mir noch der Herr ſelber. Er redt doch noch mit unſer einem, wie wenn er Seinesgleichen wär'; ja er iſt viel beſcheidener gegen den gemeinen Mann, als ſeine Bediente und Amtleute, die doch weniger ſind als er. Glaubt mir, Man⸗ nen, wenn alle Oberamtleute und Pfleger und das ganze G'ſchmeiß, wenn die ſo wären wie der Herzog, ſo hätten wir beſſere Tage. O, rief der Schneider, jetzt wird's erſt ſchlimm werden! da kommt der Schulmeiſter. Der ſtudirt vermuthlich auf ſeinem Morgenſpaziergang eine Abdankung, oder, wie er's lieber heißt, eine Leichenrede. Bon dies, Herr Schulmeiſter! woher geht die Fahrt? Der Angeredete, ein hagerer langer Mann von abſolut un⸗ zufriedenem Ausſehen, hatte eben noch die letzten Worte vom Lobe des Herzogs gehört, und brach, ohne die Zwiſchenfrage zu beachten, alsbald gegen den Redner los, indem er eine erkleckliche Anzahl von Majeſtätsbeleidigungen auf einander häufte, welche freilich, wie er ſicher rechnen konnte, von ſeinen Bauern noch 5 weniger als von den Vögeln unter dem Himmel weiter getragen wurden; denn jene waren viel zu ſehr von ſeiner Tüchtigkeit über⸗ zeugt, als daß ſie ihm etwas hätten geſchehen laſſen, und ſie pflegten ihre Meinung von ihm mit den Worten auszudrücken: „Er iſt ein ganzer Schulmeiſter; daß er unſre Buben gehörig herhaut, herſtriegelt und herrichtet, das muß man ihm laſſen; aber freilich, ein bös Maul hat er.“ Der Zuſatz ſollte keineswegs ein Verwerfungsurtheil ſein, denn dieſes böſe Maul ſprach oft genug eine Meinung aus, die ihre eigene war; da ſie aber an dem Inhaber deſſelben allerlei Schwachheiten kannten, ſo ſpielte er bei ihnen doch keine ſo große Rolle als er ſich einbilden mochte, und gehörte darum zu den vielen Leuten in der Welt, welche mehr reden als ſie gelten. Dieſes Bewußtſein aber, wenn es ihm jemals klar wurde, hielt ihn nicht ab ſeine Rede fortzuſetzen. Was? rief er, einen Tyrannen vertheidigen, der eure Felder ver⸗ wüſtet, das Mark des Landes ausſaugt, der eure Söhne aus den Betten reißt und ſteckt ſie in ſeine ſteife Montur— Aber, fiel der Schneider etwas ſchüchtern ein, das iſt doch nicht mehr ſo arg, ſeit die Herren von der Landſchaft mit dem Herzog Prozeß geführt haben. Die? rief der Schulmeiſter und ſchlug ein höhniſches Gelächter auf: dieſe guten Freunde haben ſchön für euch geſorgt, die haben ihr Schäfchen gleichſam bei der Gelegenheit geſchoren! Was thun ſie denn jetzt, nachdem der Vertrag ſchon ſeit Jahren zu Stande gekommen und tauſendfach ſeitdem wieder übertreten und gebrochen worden iſt? Ich will euch was ſagen: wenn ihr die Herren vom Hof zum Land hinaus jagen wollt, ſo bindet je einen mit einem von der Landſchaft zuſammen, es geht gleichſam in Einem hin, und hat's einer ſo gut verdient wie der andere. Schmarozer und Speichellecker! Was ſagt der große Schubart, poeta celerrimus, von den Fürſtendienern in ſeiner Vaterlandschronik, die ich neulich in der Apotheke zu Vaihingen geleſen habe? Ich glaub', flüſterte der Schneider den andern zu, während jener ſich auf das Citat beſann: ich glaub', dort ſchenken ſie dem Schulmeiſter dann und wann einen Starken ein, und treiben ihren Schabernack mit ihm, die jungen Herren. Dann gnade Gott allemal dem Herzog! Der Schneider war einer von den Menſchen, die im Flüſtern nicht glücklich ſind; ſeine Worte pfiffen wie eine ſtarke Zugluft durch die Geſellſchaft, und dem Schulmeiſter entging keine Silbe davon, daher er ſich gleich zur Rache bereitete. O chriſtliches Schneidergemüth! rief er giftig aus: hat man vergeſſen, daß zur Zeit da Sereniſſimus der Schnepfenjagd allhier oblagen— nun, es war juſt nicht gelogen! er hat allerlei gefangen, mehr zahme als wilde— hat mans ſo ganz vergeſſen daß damals auch die Jungfer Tochter gleichſam in Gnaden gewürdiget ward? Nun, die hohe Ehre kam nachher an den Tag, aber beim Kirchenconvent hieß es eben nach dem löblichen Brauche: Serenissimus. Ad acta! Dieſe Erzählung, die in der Reſidenz und ihrer unmittelbaren Nähe für die Betheiligten nach der überwiegenden Anſicht der Mehr⸗ zahl nichts ſehr Schimpfliches gehabt haben würde, that hier, wo ſich die Sitten noch in urſprünglicher Geltung erhalten hatten, die entgegengeſetzte Wirkung. Schulmeiſter! rief der Schneider und ſtreckte ihm die geballten Fäuſte entgegen, während er ſich von den andern, vielleicht nicht ganz ungerne, zurückhalten ließ. Der Schmid warf dem Beleidiger einen Blick der Verachtung zu. Serenissimus; ad Acta! wiederholte der Demoſthenes von Illingen: ja, das iſt ein herrlicher Talisman, der jedes Mädchen vor der Kirchenbuße ſchützt. Serenissimus; ad Acta! Ipse fecit! Der Herr hat's gegeben!— Und dem Pfarrer hat er auch gleich⸗ ſam ſeinen landesväterlichen Segen hinterlaſſen; fragt ihn nur ob er gern von ſeiner Amalie reden hört! Unſer Pärchen ſtand wie auf Kohlen. Sie waren unwillkür⸗ lich zu Lauſchern geworden, und konnten ihren Poſten nicht ver⸗ laſſen, ohne bemerkt zu werden.„ Laßt geſchehene Sachen ſein, bemerkte Hansjörg. 7 Das mein' ich auch! ſagte der Schmid mit ſeiner tiefen Stimme, indem er dem Schulmeiſter einen Schritt näher trat: thut mir den Gefallen und laßt Euer Geſchwätz unterwegen. Ihr ſeid auch keiner von den Feinſten, und es wär'’ Euch einmal bodenbös ge⸗ gangen, wenn nicht die hochwürdige Frau Speciälin ein Einſehen mit Euren fetten Gänſen gehabt hätte. Gelt, alter Sünder, da⸗ mals hieß es auch acacta, und Ihr habt nichts dawider einzu⸗ wenden gehabt. Der Schulmeiſter machte zu ſeinem Schrecken die Erfahrung, daß es in der Politik nicht immer wohlgethan iſt, den Skandal aufzurühren. Er drehte ſich hin und her; räuſpernd und mit einer Stimme, als ob ihm ein Biſſen im Halſe ſtecken geblieben ſei, begann er: Welchen Mißverſtändniſſen iſt man doch gleichſam in dieſer ſublunariſchen Welt ausgeſetzt— Da kam ein ſeltſamer Zufall ſeiner Verlegenheit zu Hilfe: die Glocken im Dorfe ſchlugen unerwartet an und läuteten zum Gottesdienſt. Alle waren erſtaunt. Wer greift mir ins Amt? unterbrach ſich der Schulmeiſter, der, wie's auf dem Land gebräuch⸗ lich, Küſter, Cantor und Kirchendusler in Einer Perſon war.— Was geht da vor? fragten die andern: das iſt ja um eine ganze Stunde zu früh! Indem kam eine Magd herbeigerannt und rief ſchon von Weitem: Laufet, Herr Schulmeiſter, laufet, laufet! Was gibt's? wo brennt's? riefen alle. Schnell! Ihr ſollet die Orgel ſchlagen! keuchte das Mädchen, athemlos und mit verwirrtem Geſicht heraneilend: es iſt ein Be⸗ fehl aus Stuttgart gekommen, der Herzog iſt da und will eine Predigt halten! Was? der Herzog? eine Predigt? Ja, und der Herr Pfarrer ſoll ſie vorleſen. Es iſt ein groß⸗ mächtiger Bogen. Dummes Pecum! was iſt das für ein confuſer Durcheinander! rief der Schulmeiſter. Haſt du den Herzog gleichſam geſehen? fügte er ängſtlich hinzu.* 3 Neeinn, erwiderte das Mädchen, er, iſt noch nicht da, aber er werde gleich kommen. Eilet doch, daß der Herr Pfarrer nicht warten muß.. Der Schulmeiſter begab ſich kopfſchüttelnd auf den Weg. Was mag denn das ſein? fragte einer der Bauern.— Ach, was wird's weiter ſein? brummte ein anderer: eine neue Steuer! die lauft uns nicht davon.— Sie gingen dem Schulmeiſter langſam nach, und unſer Pärchen folgte voll Erwartung der Dinge die da kom⸗ men ſollten. 3 —õõmõmͤ—n 2. Von Gottes Gnaden Carl Herzog zu Wirtemberg und Teck ꝛc. Unſern Gruß zuvor, Liebe Getreue! Wir laſſen Euch anliegendes gnädigſtes Reſcript, welches Unſere landesväterliche zärtliche Ge⸗ ſinnungen gegen Unſere liebe und getreue Unterthanen, aus Ge⸗ legenheit Unſeres durch die Gnade des Allmächtigen heute erlebten funfzigſten, mithin halbjahrhundertjährigen Geburtstags ausdrückt, 3 mit dem gnädigſten Befehl zugehen, ſolches Euren Amtsunter⸗ gebenen mittelſt Ableſung von den Kanzeln in einem abhaltenden Gottesdienſt bekannt zu machen, und verbleiben Wir übrigens Euch in Gnaden gewogen. 2 Carl. Hz. W. Hartmann’s Reſcripten⸗Sammlung. Die Gemeinde hatte ſich, etwas verwundert über den unge⸗ wöhnlich frühen Anfang des Gottesdienſtes, nach und nach ver⸗ ſammelt, der Schulmeiſter hanthierte auf der alten Orgel, daß es in allen Gewölben der Kirche widerhallte. Heinrich hatte im Pfarrſtuhl hinter Lottchen Platz genommen, und vergnügte ſich, den Kopf ihrem Nacken ſo nahe als es möglich und ſchicklich war zu bringen und den Duft ihrer Locken einzuathmen; als aber die Orgel ſchwieg und die ehrwürdige Geſtalt des alten Pfarrers auf der Kanzel erſchien, von weißen Haaren umfloſſen, richtete er ſich ſchnell auf und horchte mit geſpannter Aufmerkſamkeit. Der Greis redete ein kurzes einleitendes Wort über die chriſt⸗ liche Verſöhnlichkeit, welche jeder gegen den andern zu üben habe, ging dann auf das Verhältniß zwiſchen Fürſt und Unterthan über, — 10 „und ſetzte aus einander, daß auch dieſe bei der allgemeinen Sünd⸗ haftigkeit der Menſchen viel Urſache haben, einander liebevoll zu extragen, die Unterthanen aber um ſo mehr ſich ihrer Pflichten erinnern ſollen, wenn der von Gott ihnen gegebene Herrſcher ſelbſt und aus freien Stücken ſeine Unvollkommenheit bekenne. Nicht alle, fuhr er fort, werdet ihrs vergeſſen haben, daß wir herrn, um ſeine fernere Erhaltung beteten; laſſet uns nicht ver⸗ geſſen, daß er ein Lebensziel erreicht hat, wo das Herz ſich ern⸗ ¹ ſteren Gedanken erſchließt und täglich auf den Ruf ſeines Herrn und Richters harret; laſſet uns unſere Herzen ſo gegen⸗ ihn ſtim⸗ men, daß es Gott wohlgefällig ſei.— Und nun vernehmet, prach er nach einer Pauſe, was der Herr unſrem Herrn an ſeinem Geburtstag ins Herz gegeben hat, vernehmet die Worte, welche unſer Fürſt durch mich an euch richtet, ſeine eigenen Worte, die Darauf entfaltete er ein Papier und las:. 2*„Gott, von dem alles Gute kommt und ohne wel lchen nichts Gutes kommen kann, haben wir es zu verdanken, daß durch ſeine Güte Unſre Lebensjahre mit dem heutigen Tage ſich auf funfzig, „ ſeine Gnade verliehen, Unſerem ſo vorzüglichen Berufe gemäß, dasjenige mit guten Kräften und Geſundheit bishero ausführen zu können, was nicht allein Unſere Regentenpflichten mit ſich ge⸗ und getreuen Unterthanen nach Unſrer landesväterlichen Obliegen⸗ bat von Zeit zu Zeit für dienlich befanden.. „Da Wir aber Menſch ſind und unter dieſem Wort von dem ſo vorzüglichen Grad der Vollkommenheit beſtändig weit entfernt geblieben, und auch für das Künftige bleiben müſſen, ſo hat es nicht anders ſein können, als daß theils aus angeborner menſch⸗ ⸗ mithin ein halbes Jahrhundert erſtrecken, wobei er Uns beſonders bracht, ſondern auch was Wir zum wahren Beſten Unſrer lieben licher Schwachheit, theils aus nicht genugſamer Kenntniß, und ſonſtigen Umſtänden, ſich viele Ereigniſſe ergehen. die, wenn ſie 8 vor wenigen Tagen, als am fünfzigſten Geburtstag unſers Landes⸗ — ich euch hiemit nach ſeinem Willen und Befehle vorleſen werde. 4 3 „ * 2 11 nicht geſchehen, wohl fürejetzo und das Künftige eine andere Wen⸗ dung genommen hätten. Wir bekennen es freimüthig, denn dieß iſt die Schuldigkeit eines Rechtſchaffenen, und entladen Uns damit einer Pflicht, die jedem Rechtdenkenden, beſonders aber den Ge⸗ ſalbten dieſer Erden, für beſtändig heilig ſein und bleiben ſollte. „Wir ſehen den heutigen Tag als eine zweite Periode Unſres „Lebens an, Wir ſehen den heutigen Tag als einen erneuerten Geburtstag der Liebe, des Gehorſams, der Treue, des Vertrauens -Unſrer lieben und getreuen Unterthanen an, ja, Wir ſehen ihn an, dieſen Tag, als von Gott geſchenkt, um alle Unſre wahrhaft getreue Diener und alle Uns ſo nahe am Herzen liegende liebe Unterthanen landesväterlicher Gnade, Huld und Vorſorge ver⸗ ſichern zu können.“— Heinrich hatte mit ſteigendem Staunen zugehört; der volle Eindruck dieſes Augenblicks, in welchem ein Fürſt ſich vor ſeinem Volke demüthigte, ſtürmte ſo mächtig auf ſein junges Herz ein, daß er ſich kaum ruhig an ſeinem Platze zu halten vermochte: er bewegte ſich hin und her, und ſah unverwandt mit weit offenen. Augen nach der Kanzel. Das iſt. mehr als fürſtlich! rief es jubelnd in ihm: das iſt einzig in der Geſchichte! welch eine Er⸗ hebung gehörte dazu, dieſen Schritt zu thun! Ihm war, als ſei einer von den großen Tagen des Alterthums heute leuchtend nig⸗ dergeſtiegen, und ſein Herz wogte in ſtolzer Freude, als er nun die Vorſätze und Verheißungen vernahm, welche das Bekenntniß des Herzogs ausſprach:„Sorge für die Wohlfahrt des Staats, Ausübung der lauterſten Gerechtigkeit, perſönliche Sicherheit, Ab⸗ helfung jedes Nothſtandes, die genaueſte Aufſicht über den Ver⸗ beſſerungsſtand der Einzelnen und Geſamtheiten,“ lauter Winge, die, obwohl ſie ohne Weiteres zu den erſten Pflichten eines Re⸗ genten gehören, doch bis jetzt ſo vielfach waren vernachläſſigt worden, daß es dem Volke zur Hoffnung und Beruhigung dienen mußte, ſie vom Herzog bei einer ſo feierlichen Veranlaſſung nennen zu hören. — 12 Jetzt aber nahm der Vortrag eine andere Wendung, und die Freudenfeuer erloſchen nach und nach auf Heinrichs Geſichte. Der Herzog ſprach jetzt ſehr nachdrücklich von den Pflichten der Unter⸗ thanen gegen ihn, und dieſes Thema war unermüdlich mit hun⸗ dert Variationen durchgeführt. Wie kann man doch, rief unſer ungeduldiger junger Freund bei ſich, wie kann man doch die ſchöne Wirkung eines großen Wortes ſo ganz vernichten! Ver⸗ ſteht ſich denn nicht von ſelbſt, daß ein ſolches Bekenntniß, eine ſolche Erklärung dem Fürſten die Herzen des Volkes zuwenden muß? Wie unpaſſend iſt es, noch Ermahnungen hinzuzufügen!— Dann ſtörte ihn noch etwas: der Styl des Reſcripts ſchien ihm zu phraſenreich, ein Wort reihte ſich an das andere, eine Chrie folgte der andern, aber alle nur um wieder daſſelbe zu beſagen. Nun, er rechtfertigt das Prädicat das er ſich gegeben, dachte Heinrich: er zeigt, daß er ein Geſalbter dieſer Erde iſt, denn er redet mit unendlicher Salbung. „Mit dieſen gemeinſchaftlichen Geſinnungen, mit dieſem feſten unabänderlichen Vorſatz muß es Herrn und Lande wohlgehen. Wir, als Landesherr, wiederholen es nochmals und wiederholen es mit dem allergrößten Vergnügen aus der reinen Quelle der Gott gefälligen Wahrheit, daß der heutige Tag Unſerer zweiten Lebensperiode ein Tag der Freude für Uns ſein ſolle, wenn Wir von Neuem die Herzen aller Unſerer lieben und getreuen Diener und Unterthanen an Uns gezogen zu haben glauben können, und wie getroſt muß jeder Unterthan leben können, wenn er in ſeinem Landesherrn einen ſorgenden, einen getreuen Vater verehren kann. Ja, Wirtemberg muß es wohl gehen. Dieß ſei für's Künftige auf immer die Loſung zwiſchen Herrn, Dienern und Unterthanen!“ — So ſchloß das Reſcript, das von der Gemeinde mit Verwun⸗ derung angehört worden war. 1 Heinrich nahm ſich keine Zeit, zu beobachten, welchen Eindruck das merkwürdige Sündenbekenntniß mit ſeinen Klauſeln auf die Illinger gemacht; er brannte nach einer Unterredung mit dem —,— 13 Pfarrer, und als der Schlußvers zu Ende geſungen war, worauf der Schulmeiſter ein gewaltiges Donnerwetter auf der Orgel erhob, eilte er mit Lottchen in das Pfarrhaus zurück, wo man dem alten Herkommen gemäß, das ſich nicht nach der Tageszeit ſondern nach dem Schluſſe des Gottesdienſtes richtete, alsbald zu Tiſche ging. Lottchen nahm zuerſt das Wort. Papa, ſagte ſie, ich habe heut eine wahre Todesangſt ausgeſtanden, bis ich die Sache end⸗ lich begriff und glaublich fand; es war mir ſo unerwartet, daß ich erſchrack und, ſo toll und dumm der Gedanke auch war, an⸗ fangs immer meinte, es ſei eine Erfindung von Ihnen und Sie wollten dem— den Illingern einen Poſſen ſpielen. Der Greis lächelte und ſagte: Das gäbe einen luſtigen Streich, wenn irgendwo im Land ein Beamter auf der gleichen Meinung wäre und ließe nun den Geiſtlichen dafür feſtnehmen. Ich geſtehe übrigens, daß auch ich im erſten Augenblick ſo überraſcht war, daß ich unwillkürlich ſogleich in die Kirche läuten ließ. Was ſagſt denn du zu dieſem Manifeſt, Vetter Heinrich? fragte er: du biſt doch ſonſt immer mit deinem Votum bei der Hand. Heinrich ſchilderte die wechſelnden Empfindungen, welche ſich in der Kirche ſeiner bemächtigt hatten, und ſprach ſeinen Aerger über die unverhoffte Wendung des Reſcripts mit Heftigkeit aus. Inſofern die liebe Jugend aus dir ſpricht, erwiderte der Pfarrer, haſt du nicht Unrecht; aber du mußt bedenken, daß das Reſcript nicht allein für dich abgefaßt iſt, ſondern für ein großes Publicum, welches eine ſolche edelmüthige Erklärung, wie du ſie verlangſt, gar gröblich mißverſtanden hätte; hundert auf einen hätten geglaubt, der Herzog wolle zu Kreuze kriechen, und das iſt das Letzte, was ein Regent, ſelbſt dem bloßen Scheine nach, thun darf. Der Herzog hat ganz Recht gehabt, durch dieſen Zuſatz ſeine Würde zu wahren; ich würde an ſeiner Stelle die ganze Sache unterlaſſen haben, ſie mag vor den Augen des denkenden und fühlenden Menſchen ſo ſchön erſcheinen als ſie will. 14 Sie würden ſich auch keine Veranlaſſung zu einem ſolchen Schritte gegeben haben, Papal ſagte Lottchen. Wir wollen nicht richten und uns nicht erheben, verſetzte der ehrwürdige Alte. Doch ſchien die ungewöhnliche Kundgebung des Fürſten, ob⸗ gleich er ſie um der Autorität willen nicht ganz billigte, ſein Herz tief ergriffen zu haben. Er war anfangs ſtill und bewegt, wurde aber allmählich heiter. Nach Tiſche ließ er eine Flaſche Fünfziger heraufholen und ſchenkte drei Gläſer ein. Du mußt heut auch mittrinken, Lottchen! rief er. Es iſt fürwahr ein ſeltener Tag. Wir wollen den Schöpfer in ſeiner Gabe loben, daß er dem Lan⸗ desherrn ſo gute Geſinnungen eingegeben hat. Lottchen ſah den Vater, dem das Schickſal des Landes über perſönliche Angelegenheiten und geheime Wunden ging, freudig ſtaunend an und rief mit erhobenem Glaſe: Nun denn, ſo will ich den Trinkſpruch ausbringen! Es lebe der Herzog! Hoch! riefen der Greis und der Jüngling und ſtießen mit dem Mädchen an; die Gläſer klangen hell, der Wein funkelte in der freundlichen Mittagsſonne. 3 Jetzt bring du etwas Gutes aus, Heinrich! Der Jüngling bedachte ſich und blickte einen Augenblick ſehü⸗ ſüchtig nach Lottchen hinüber; auf einmal aber nahm er ſich zu⸗ ſammen und rief: Wirtenberg für immer! So recht! rief der Pfarrer: möge es grünen und wachſen und immer das Vaterland wackerer Männer ſein! möge das alte Sprichwort ewig gelten: möge keiner dieſes Land verderben wollen und keiner es verderben können, wenn er auch wollte! Eine andächtige Pauſe entſtand, dann fuhr der Alte mit fröh⸗ lichem Tone fort: Jetzt iſt's an mir! Unſre erſten Pflichten haben wir erfüllt, Fürſt und Land ſollen unſre erſten Wünſche bleiben. Einem alten Manne mag es erlaubt ſein, den dritten hinzuzu⸗ fügen und auf ſich, auf ſein eigenes Haus zurückzublicken.— Er nahm ſein Samtkäppchen ab. Gott, ſagte er, hat mir viel Gutes en gegeben, er ſei dafür gelobt! er hat mir viel Schmerzen zugedacht, er ſei doppelt dafür gelobt! er hat mir großen Troſt und reiche Freude für mein Alter vergönnt, und er ſei dreifach dafür ge⸗ prieſen! Guter Gott, verzeih mir, wenn ich heute meinen Vater⸗ ſtolz nicht überwinden, meine Vaterfreude nicht zügeln kann! blick' auf dieſes gute Kind, das mir noch nie einen Kummer gemacht hat, auf die einzige Freude eines alten Mannes, ſegne ſie, gib ihr, was ihr ſanftes Herz verdient, und führe ſie väterlich, wenn ich nicht mehr bin, mit deinem Schutz auf ebenen Pfaden durch's Leben!— Die Stimme brach ihm, er faßte ſich gewaltſam und rief: Nun herzhaft auf mit⸗den Gläſern, mein Lottchen ſoll leben! Mit geſenktem Haupte unduThränen in den Augen erhob Lottchen ihr Glas, Heinrich aber fuhr in die Höhe und ſtieß ſo heftig mit ihr an, daß das ſeinige mit einem gellenden Klange zerſprang. Gilt nichts! rief er, die üble Vorbedeutung abweh⸗ rend: ich halte das Glas noch feſt in der Hand, es iſt nichts verſchüttet. Wie, liebes Kind! ſagte der Pfarrer zu Lottchen, die ihren Schrecken nicht verbergen konnte: du wirſt doch nicht ſo abergläu⸗ biſch ſein—? Was hat es denn auf ſich, daß der Brauſewind da angeſtoßen hat wie ein Hammerſchmid? Wenn das Zerſprin⸗ gen eines Glaſes etwas bedeuten könnte, ſo ſtünden alle unſre Geſundheiten auf ſchwachen Füßen. Lottchen ſeufzte tief. Und überdieß, fuhr der Vater lächelnd fort, wenn denn ja dem Märchen ſein Recht widerfahren ſoll, ſo gehſt d u auf jeden Fall frei aus. Der Wildfang hat ſein eigenes Glas zertrümmert, und wenn ſich das Schickſal für dieſe Scherben rächen will, ſo iſt er das Opfer; mag er's denn büßen. Nein, er nicht! rief Lottchen ſo leidenſchaftlich, daß der Alte, auf einmal aufmerkſam geworden, das Paar abwechſelnd mit ſcharfen Augen anſah. Das verrätheriſche Blut ſchoß ihnen in die Wangen, ſie 16 fühlten, daß nichts mehr zu verbergen war. Heinrich faßte ſich ein Herz und ſtand auf: Jetzt oder nie! rief er feierlich: ja, ich will es bekennen, Lottchen hat mir ihr Herz gegeben, ſie will ihr Schickſal an das meine knüpfen. Der Pfarrer wiegte langſam und bedenklich das Haupt. Und deine hochfliegenden Plane? fragte er endli. habeſt das Gewand der Demuth für immer Ich bin mit der Welt im Reinen, erwiderte Heinrich, ich ver⸗ lange nichts mehr von ihr; hier, in dieſer friedlichen Einſamkeit, in ländlicher Stille will ich den Kreis meiner Thaten finden, an der Seite dieſes unſchuldigen Kindes will ich meine Tage ver⸗ bringen. Nehmen Sie mich auf, theurer Vater, machen Sie uns glücklich und heißen Sie mich Ihren Sohn! Der Pfarrer ſtützte das weiße Haupt auf die Hand und ſah ernſt nach ſeiner Tochter hinüber. Iſt das alles ſo? fragte er, und biſt du damit einverſtanden, Lottchen? Lottchen wagte nicht aufzublicken und flüſterte ein leiſes Ja. Alſo hinter dem Rücken des Vaters? ſagte er mit einen ſchmerzlichen Blick. Das Mädchen ſprang auf und beugte ſich weinend über ſeine Hand: O verzeihen Sie, liebſter Vater! ich hoffte auf Ihre Zu⸗ ſtimmung, Heinrich hat mich ſo lieb, er meint es ſo gut mit mir! Der Pfarrer ſchwieg lange und ſagte dann mit großer Rüh⸗ rung: Nun, Gottes Wille geſchehe, ich will euch nicht trennen, da Er's einmal ſo gefügt hat. Sie geben es zu, Vater? rief Heinrich. Ja, nimm ſie und laß dir dieſe Stunde für immer wichtig ſein. Ich vertraue mein Kleinod mit Furcht und Hoffnung deinen Händen: du biſt ungeſtüm und feurig, lieber Sohn, und ich fürchte, es werde dir Mühe koſten, im Einfachen und Wechſelloſen zu be⸗ harren. Du ſiehſt wie hier ein Tag ſich ruhig an den andern reiht, ohne einen außerordentlichen Augenblick zu bringen; bedenke 17 dich wohl, ob ein ſolches Glück dir genügen kann, ds ſo einfa ch ſchmeckt wie das liebe Brod.. O gewiß! rief Heinrich: ich kenne mich genau! dieſe Stille wird mich glücklicher machen als das verworrene Weltleben, und Lottchens Liebe ſoll mir jede Stunde würzen. Das gebe Gott! verſetzte der Greis: aber das Leben hat gar viele Stunden. Erwäge den Schmerz dieſes armen Kindes, mein Sohn, erwäge den Jammer eines alten Mannes, der mit Ver⸗ zweiflung in die Grube fahren würde, wenn er ſein Kind an einen Unzufriedenen weggeworfen hätte. Tritt lieber zurück, ſo lang es noch Zeit iſt; ich will dir nicht grollen, wenn du jetzt dein Wort zurücknimmſt. Die Verſicherungen und Schwüre, welche Heinrich dem, be⸗ ſorgten Vater entgegenhielt, beruhigten dieſen, die Liebenden um⸗ armten einander, und er ſegnete und küßte ſie. Jetzt aber verlaßt mich, meine Kinder! ſagte er: geht in den Garten, ich muß eine Weile allein ſein. Als nach einigen Stunden die kleine Familie wieder ver⸗ ſammelt war, wurden die Verlobungsringe gewechſelt und die Zu⸗ kunft in heitern Geſprächen erwogen. Ich will jetzt auch geſtehen, ſagte der Greis, warum ich ſo lange keinen Gehilfen angenom⸗ men, den ich doch nothwendig haben muß, da ich mehr und mehr der Ruhe bedarf.— Er ſah lächelnd ſeine Tochter an: dieſe jungen geiſtlichen Herrn haben ungemein weiche Herzen, fuhr er fort, und. können nicht acht Tage mit einer Pfarrerstochter unter Einem Dache leben, ohne Feuer zu fangen. Nun, wir haben ein Bei⸗ ſpiel. Ich erinnere mich auch eines Jugendfreundes, der dieſelbe Erfahrung machte: wir waren Vicare in zwei benachbarten Dörfern, mein Pfarrer war kinderlos, der ſeinige hatte aber zwei Töchter, die mit überflüſſig großen Naſen begabt waren. Wir kamen häufig zuſammen und wenn ich ihn etwa mit ſeinen Hausgenoſ⸗ ſinnen necken wollte, rief er lachend: per varios nasus, per tot discrimina rerum. Nach einiger Zeit aber ſagte er bedenklich Schillers Heimathjahre. I. 2 18 „Du, ich weiß nicht was ich davon halten ſ mir nicht mehr ſo groß vor, es iſt eingingen; ich fürchte, ich fürchte! aber gib nur Acht! mir einmal vorkommen wie oder ich bin verloren.“ wenn ſie ich fort, hernach und ich verlor einen angenehmen Geſellen. ollte nicht aus dem Lachen kommen, und aber endlich will ich euch meinen Plan mit⸗ theilen. Ich habe an das Conſiſtorium geſchrieben— f Lottchen und küßte ihm mit Innigkeit Nur ruhig! rief er: es geſchieht ja nicht für dich allein. Ich wünſche bald zur Ruhe geſetzt zu werden, und wenn dann mein Herr Amtsnachfolger die Güte haben will, mich alten untauglichen Mann bei ſich zu behalten, ſo werde ich dafür gebürender Maßen r, verträglicher Haus⸗ Das Pärchen jubelte bei dieſen Worten. So gingen denn, ſprach der Greis weiter, unſre Angelegenheiten den gewöhnlichen geiſtlichen Gang. Jetzt aber eine profane Frage: Du kannſt doch reiten, mein Sohn? Für einen lateiniſchen Ritter, erwiderte Heinrich, hab' ich immer eine ziemlich paſſable Figur gemacht. Aber darf ich fragen wie meine Ritterſchaft hier ins Spiel kommt? In dieſer Vorausſetzung, fuhr der Pfarrer fort, ohne ſich unterbrechen zu laſſen, hab' ich das Pferd des Schmids für nic 1 beſtellt; es iſt ein frommer und anſtändiger Buc llus, nur muß man ſich's nicht einfallen laſſen, mit ihm durch die vtraßen von 19 Stuttgart courbettiren zu wollen. Der Peter begleitet dich ſelbſt, um für den Fall, daß du aufgehalten werden ſollteſt, das Pferd wieder zurückzubringen. Aber was ſoll ich denn in Stuttgart? fragte Heinrich ver⸗ wundert. Nun was? den Brief überbringen und dich den Herren vorſtellen. Ich habe zwar allen Grund zu glauben, daß ſie mein Geſuch nicht unberückſichtigt laſſen werden, aber ſie können doch prätendiren, einen jungen Mann, den ich ihnen empfehle, per⸗ ſönlich zu ſehen. Heinrich bewegte ſich unruhig auf ſeinem Stuhle hin und her: O dieſes Stuttgart! rief er: ich bin jetzt ſo gar nicht geſtimmt dahin zu gehen, jetzt da ich die erſten reinen Tage meines Glücks genießen möchte. Ich will nicht hoffen, verſetzte der Pfarrer mit einiger Unge⸗ duld, daß meine Beſorgniſſe jetzt ſchon in Erfüllung gehen. Wenn du deine Braut wahrhaft liebſt, ſo wirſt du doch eine kleine Un⸗ bequemlichkeit und ein paar Tage⸗ der Entbehrung nicht ſo hoch anſchlagen. Es iſt mir zwar lieb, daß du nicht gern in die Re⸗ ſidenz gehſt, aber was ſein muß, muß ſein. Iſt das vorbei, ſo darfſt du zurückeilen ſo ſehr du willſt; du ſollſt gleich nächſten Sonntag deine zweite Predigt hier halten. Ich kann dir die tröſtliche Verſicherung geben, daß die Gemeinde mit der erſten zu⸗ frieden war, obgleich du ſie nur aus Gefälligkeit und bei damals noch ganz andern Vorſätzen übernommen haſt. Heinrich wagte keine weitere Widerrede, aber er fühlte ſich ſonderbar beengt: es war ihm als ſehe er Dämonen die ihn von jener Straße zurückwinkten. Der Abend wurde in ſtiller Traulichkeit verbracht. Nachdem der ehrwürdige Pfarrer zu Bette gegangen war, ſetzte ſich Lottchen hin, und ſchrieb einen Brief, den der Freund, wie ſie ihm auf die Seele bande ihrer Schweſter Amalie in Stuttgart perſönlich übergeben ſollte. * 20 Wie? in Stuttgart iſt ſie? ſagte Heinrich. Ich geſtehe, daß ich bis heute kaum etwas von ihrem Daſein gewußt habe. Als deine Schweſter will ich ſie lieb und werth halten, und nicht aus Gleichgiltigkeit hab' ich's unterlaſſen dich nach ihren Begebenheiten zu fragen. Es iſt lang her und eine traurige Geſchichte, verſetzte Lottchen mit geſenktem Blick: laß mich davon ſchweigen. Unſre Mutter war kurz zuvor geſtorben, und ich war noch ein Kind, aber es iſt mir unvergeßlich, wie der Vater mit feurigen Augen und mäch⸗ tiger Stimme vor dem Herzog ſtand. Später hat mir die alte ſelige Marthe erzählt was er ihm ſagte: denn er ſprach nie da⸗ von. Der Herzog hatte ihn verſöhnen wollen und ihm eine Gnade angeboten. Kann mir das meine Ehre wieder geben? rief er: um Gnade bitt' ich Ihn, vor dem auch Ew. Durchlaucht nur ein armer Sünder ſind.— Der Herzog ritt beſtürzt hinweg. Und Amalie? Kurze Zeit darauf kam ein angeſehener junger Mann, der um ſie anhielt. Der Vater gab ſie ihm, ohne ihn eines Blicks zu würdigen. Jetzt lebt ſie mit ihm in Stuttgart; er ſteht in einem ehrenvollen Amt und iſt wohlwollend gegen ſie, aber ſie fühlt ſich nicht glücklich. Des Vaters Angeſicht hat ſie nicht wieder geſehen, alle Mittheilungen gehen durch mich. Er hat noch immer viel Liebe und Theilnahme für ſie, aber er ſpricht ſelten von ihr. Der Herzog iſt ihm ſehr gnädig geſinnt; Amalie ſchrieb mir ſogar einmal, er habe ihn zu ſeinem Hofprediger machen wollen, aber der Vater habe es abgelehnt; gegen mich hat er nie etwas davon/ geäußert.— Ach die gute Schweſter! geh doch nur gleich zu ihr und ſei recht freundlich: ſie bedarfs und es wird ihr wohl thun, wieder an die Heimath erinnert zu werden. 1 Heinrich verſprachs mit Mund und Hand, und die Liebenden ſaßen noch ein Stündchen unter traulichem Koſen beiſammen. Küſſe erſtickten endlich das Geſpräch und es trat jene Pauſe ein, von der man zu ſagen pflegt, daß ein Engel du mmer gehe. ☛ 21 Aber es war einer von denen die, zwiſchen guten und böſen in der Mitte ſtehend, Ahnungen, Warnungen und Sorgen in die ſchwankende Seele des Menſchen legen. Heinrich konnte ſich einer nie gefühlten Bangigkeit beim Gedanken an die bevorſtehende kurze Reiſe nicht erwehren; auf einmal fühlte er auch, wie ſein Liebchen, von einem Schauer ergriffen, in ſeinen Armen erbebte. Was iſt dir, Lottchen? fragte er erſchrocken. Ach Gott, das Glas! rief ſie erbleichend: das haben wir ganz vergeſſen. Wir hätten uns nicht gleich auf dieſen Unfall verlo⸗ ben ſollen. Heinrich mußte lächeln; ſeine eigene abergläubiſche Regung verſchwand vor dem Wahne der ihm ſo geringfügig erſchien. Es gelang ihm nach und nach ſie zu erheitern. Sie überließ ſich harmloſen Scherzen, und als Heinrich gute Nacht nahm und ſchon in der Thüre ſtand, ſang ſie ihm nach: Jetzt geh i nach Stuggart In d'Hofapothek, Und kauf mir e Mittel, Daß d'Liebe vergeht! Heinrich griff auf ſeinem Zimmer zur Flöte, öffnete das Fen⸗ ſter und blies die Melodie des Liedes hinaus. Lottchen, deren Fenſter unter dem ſeinigen war, miſchte ſich darein, und es gab noch einen ſcherzhaften Zank. Endlich ſchloß ſie das Fenſter, er hörte ſie zu Bette gehen, und ſah noch lange, vom Nachtfroſt durchſchauert, in den Garten hinaus, wo das klarſte Mondlicht auf den Bäumen weilte. Holdes Bild meines Glücks, rief er, ſanfte mondbeglänzte Gegend! ich ſcheide nur auf kurze Zeit, und wie bald, wie fröhlich werd' ich dich wieder grüßen! 3. Sehr klug! wir werden erſt die Reiſen chen müſſen! Göthe, Fauſt. Kleine Steine, die gegen das Fenſter geworfen wurden, er⸗ weckten unſern Freund am andern Morgen früh; er ſah hinaus und erblickte unten den Schmid, der ihm leiſe zurief: Der Tag bricht an, das Pferd wartet ſchon am Gartenzaun!— Schnell war Heinrich reiſefertig und ſchlich ſich aus dem ſtillen Haus; in ſeiner Brieftaſche trug er die Eingabe des Pfarrers an die Kir⸗ chenbehörde und Lottchens Brief an ihre Schweſter. Empfehlungs⸗ ſchreiben an befreundete geiſtliche Magnaten hatte der alte Herr beizulegen nicht vergeſſen. Wir bekommen gutes Reiſ ewetter, Herr Vicarius! redete der Schmid ihn an und Heinrich bot ihm freundlich einen guten Morgen. Dann ſtieg er auf, konnte aber nicht unterlaſſen, das Pferd noch einmal nach Lottchens Fenſter herumzuwenden, die er noch in tiefen Träumen glaubte. Aber ſieh, das Fenſter öffnete ſich, und ſie erſchien, friſch wie die Morgenröthe; mit der einen Hand hielt ſie einen Pelz über Bruſt und Hals zuſammen, mit der andern ließ ſie ein weißes Tuch zum Abſchied flattern. Hätt' wacht! rief ſie hinab: adieu und komm bald ich das gewußt! rief er hinauf.— St! daß i Bater nicht er⸗ Ritter ſah ſehnſüchtig zu dem ſchönen Mädchen emp eder!— Der or, der Stall⸗ 23 meiſter ſtand ſtill zur Seite und ein wohlwollendes Lächeln ver⸗ breitete ſich über ſeine harten Züge. Das Fenſter ſchloß ſich wieder, Heinrich wandte ſein Pferd und ritt aus dem Dorfe hinaus, der Enz zu, immer im Schritt; der Eigenthümer des Pferdes ging neben ihm her. Aus leichten Morgennebeln trat das Vaihinger Schloß hervor und empfing das erſte Licht der aufgehenden Sonne. Bald ſah er den Fluß unter ſich, der im Thal ſeine grünen Wellen dahinrollte und die erwa⸗ chende Landſchaft zu einem heitern Bild belebte. Trotz der Mor⸗ genkälte lag ſchon etwas wie Frühlingshauch in der Luft. Die Seele des jungen Mannes ſpiegelte ſich in der ſchönen Morgenland⸗ ſchaft ab: der Frühling ſeines Lebens war im Anbrechen, er wiegte ſich in den ſeligſten Empfindungen und tauſend ſüße Gedanken wagten auf den ſonnebeleuchteten Auen ſeiner Träume aufzutau⸗ chen. Je tiefer er in das Land hineinkam, deſto feſtlicher ſchien ihm Himmel und Erde auszuſehen; es war ihm als feierten ſie ſtille die Wiedergeburt des Herzogthums. Und wie freute er ſich erſt, Menſchen zu begegnen und die Ausbrüche ihrer Freude, ihren Jubel über Karls Verheißungen zu vernehmen! Endlich ſah er einen Bauer, der ſeine Ochſen auf der Straße dahertrieb. Er konnte ſich nicht enthalten und rief ihn an: He, Freund! jetzt kommen gute Tage! was ſagt Ihr dazu? nicht wahr, der Herzog hat ſich brav gehalten?— Der Bauer ſah ihn grämlich an: Was weiß ich? brummte er: hott, Rother!— und mit einem Schlag der Peitſche trieb er ſeine Thiere gegen das Feld. Dem iſt geſtern auch umſonſt gepredigt worden! rief Heinrich und lachte ärgerlich. So gibts noch viele! verſetzte der Schmid: die meiſten ver⸗ ſtehen gar nicht was das Ding bedeuten ſoll, und die's verſtehen, glauben nicht daran. Auch Ihr, mein Freund, ſagte Heinrich, ſcheint kalt dabei zu bleiben. Sie ſind noch jung, Herr Vicarius! erwiderte ſein Begleiter, 24 und in der Jugend hat man viel Glauben und viel Vertrauen. Ich aber bin, wenn Sie mirs gleich nicht anſehen, über die Sechszig hinaus, und wenn es auch Ernſt wäre daß es anders kommen ſollte, ſo muß ich doch ſagen, wie jener Bauer: was will ich davon? Was gehts mich an? Wie? rief der Reiter eifrig: Ihr wollt gleichgiltig dagegen ſein? das iſt nicht lobenswerth! Kommen denn die Früchte einer gerechten Staatsverwaltung nicht auch Euch zu Gute? Ihr werdet ſie genießen, und wollt es nicht anerkennen? Ein bittres Lächeln ſpielte um den Mund des Schmids. Was genießt ein alter Mann, der allein ſteht in der Welt? ſagte er. Mir kann man nichts Gutes und nichts Böſes mehr thun. Ja, wenn meine Söhne noch lebten, dann freut' ich mich vielleicht. Aber ſie ſind dahin, und der Herzog kann mir ſie mit all ſeinen guten Vorſätzen nicht wieder geben. Armer Mann! ſagte Heinrich theilnehmend: habt Ihr keine Kinder mehr?— Wir wollen das nicht aufrühren, verſetzte der Schmid und ſank in ſein düſteres Schweigen zurück. Im nächſten Dorfe fand Heinrich ebenfalls nicht die feſtliche Stimmung die ſeine erregte Phantaſie heut auf das ganze Land übertrug. Er kam zu einer Fenſterſcene: zwei Eheleute zankten ſich, wobei das Weib ſichtlich bemüht war den Streit ins Oeffent⸗ liche zu ſpielen und ihren Mann vor den Nachbarn an den Pran⸗- ger zu ſtellen. Der Schulz, ein ſtattlicher Mann mit eingeſeiftem Geſichte, das Raſirmeſſer in der Hand, miſchte ſich darein, und rief, als ſeine gütlichen Ermahnungen nicht anſchlagen wollten, uach dem Büttel; unſre Reiſenden ſetzten ihren Weg fort, Hein⸗ rich lachend, zugleich aber auch von allerlei minder idealiſchen Gedanken über ſeinen künftigen Wirkungskreis heimgeſucht. 3 In der Seele ſeines Begleiters, wenn ſie von einem Ereig⸗ niß berührt wurde, ſchien nur Eine Saite engntlingen Er ſagte dumpf vor ſich hin: Herr Schultheiß, das könnte mein Chriſtian jetzt auch ſein, und ſchwerlich thäten unter ihm ſolche Unordnun⸗ gen vorfallen. War er ſo geſchickt? fragte Heinrich. Das will ich meinen! rief der Schmid lebhaft: er war der beſte Rechner den man weit und breit finden konnte, eine Hand ſchrieb er wie geſtochen, und es mochte vorfallen was nur wollte, für alles wußt' er Rath. Ein tiefer Athemzug folgte dieſen Worten. Heinrich fühlte daß dem alten Manne das ſtarre Herz aufzuthauen begann, er bemerkte daß er ihn verſtohlen von der Seite anſah und vielleicht Vergleichungen anſtellte, die ihn an ſeinen Verluſt mahnten; er hütete ſich ſeinen Mittheilungsdrang durch unzeitige Fragen zu ſtören, und ritt langſam den Berg hinauf, der jetzt vor ihnen lag. Nach einer Weile klopfte er den Hals des Pferdes wiederholt, denn er hatte bemerkt, daß das dem alten Manne wohl that. Dann lobte er das Thier:'s iſt ein tüchtiger Paßgänger, ſagte er, und an ſeinen dicken Wampen merkt man, daß er gute Tage hat. Er hat ſein gutes Freſſen und wird nicht ſtark angeſtrengt, ſagte der Schmid. Beſorgt Ihr ihn ſelbſt? fragte der Reiter. Wer anders? verſetzte jener: ich hab' ja niemand. Wenn mein Chriſtian noch da wär', dem könnt' ich ihn getroſt überlaſſen — wiewohl, es geht ihm auch ſo nichts ab. Verſtand ſich Euer Chriſtian auf Pferde? Wie keiner! das war ja eben ſein Unglück. Wie ſo? Er hatte eine Glückshaut, was man ſo ſagt, und gewann bei jedem Spiel; verſteht ſich, bloß Kleinigkeiten. Alſo weil um jene Zeit zu Stuttgart gar ſtark in der Lotterie geſpielt wurde, ſagte er eines Tags zu mir: Vater, der Rapp' iſt den Winter über zu viel geſtanden, gebt ihn mir, ich will ihn einmal recht ausreiten. — Wo willſt denn hin? ſagt' ich.— Nach Stuttgart möcht' ich auch einmal, ſagt er, und dann könnt' ich ja ein paar Sechs⸗ —ÿ————— 26 bätzner in der Lotterie probiren; da gewinnt man Haus und Hof auf einen Zug, das wär' doch kein übler Spaß!— Mir wars nicht recht, aber was wollt' ich machen? er war mein Lieblings⸗ kind, und ich wußt', daß er ſein Aug' auf ein Mädchen geworfen hatte, die hätt' ich ihm gern gegönnt, denn ſein Bruder war ſchon verheirathet. Alſo ließ ich ihn ziehen, aber ich ſpürte eine wun⸗ derliche Angſt dabei. Nun wars dazumal nah daran, daß der Krieg mit Preußen ausbrechen ſollte, und der Oberſt Rieger— Der nachher auf Hohentwiel gefangen ſaß? unterbrach ihn Heinrich. Ja, denn Gott iſt hie und da gerecht! Nun, der ritt eben ſpazieren und begegnete meinem Sohn. Der Burſche, eitel wie er war, macht allerhand Faxen mit ſeinem Roß und flankirt vor dem Oberſten hin und her. Wie das der Oberſt ſieht, daß er ein ſo guter Reiter war und ein prächtiger wohlgewachſener Bub' dazu, denkt er: dich muß ich haben! und reitet ihm nach bis vors Landſchaftshaus. Was hatte denn aber Euer Sohn dort zu thun? fragte Heinrich. 3 Ei, dort hatten ſie ja die Lotterie, ſagte der Schmid. Wie? im Landſchaftshauſe? Ja, im Landſchaftshaus! O Greuel! rief Heinrich. Der Herzog hatte damals die Lotterie an ſich gezogen, weil ſie viel Geld abwarf, und die Landſchaft fragte er nicht lang ob ihrs recht ſei. Nachher, als die Sache gar zu ſchandbar wurde und die Leut' auch nicht mehr recht ſetzen wollten, verbot ers gar ſchwer und bedrohte jeden mit dem Tollhaus, der noch in eine Lotterie ſetzen würde.— Nun, alſo der Oberſt geht hinein und ſetzt auch, und bemerkt daß mein Chriſtian eine Ambe gewinnt. Du haſt Glück, Junge! ſagt er und klopft ihn auf die Achſel: willſt du's einmal mit mir verſuchen? Hier ſetz' ich drei Ducaten: gewinnſt du, ſo ſind ſie dein, verlierſt du, ſo biſt du mein; die —Q——— 27 Kamaſchen würden dir auch nicht übel anſtehen!— Der Oberſt Rieger war ein Mann— wer dem widerſprach, der war un⸗ glücklich auf Zeitlebens; auch ſtanden viele vom Militär dabei, die verſammelten ſich gleich um ihn. Ein Tiſch wurde herbeige⸗ rückt, ein Offizier zieht Würfel aus der Taſche. Fang' an! ruft der Oberſt; mein Bub' nimmt die Würfel zitternd und wirft— achtzehn! Jetzt wirft der Oberſte raſch, deckt den Hut auf den Wurf und ruft: Neunzehn! du biſt Soldat, fort! und eh' er's Maul aufthun konnte, war er abgeführt und unter den Exercir⸗ ſtock gebracht. Seinen Gewinnſt mußte er mit ſeinen Kameraden und Offizieren theilen, und mir ſchickte er noch ein paar Gulden mit einem kläglichen Brief. Herr! das geſchah vor einer großen Menſchenmenge, und niemand wagte ein Wort für ihn zu ſprechen. Ich lief nachher zu Pontio und Pilato, aber eh' einer eine Hand in der Sache regte, war der Krieg ausgebrochen, mein Chriſtian marſchirte mit dem Herzog nach Böhmen, und ich hab' ihn nicht wieder geſehen. Großer Gott! rief Heinrich: aber von dieſer ſchreienden Un⸗ gerechtigkeit hat der Herzog gewiß nichts gewußt. Mag ſein! ſagte der Schmid: aber daß mein älteſter Sohn erſchoſſen wurde, das geſchah auf ſeinen Befehl Erſchoſſen? Der Herzog hatte nicht genug Truppen, als der Krieg zwiſchen dem Reich und der Krone Preußen losbrach. Er hatte an drei Millionen Livres von der Krone Frankreich bezogen, und ſtatt ein Heer dafür aufzuſtellen, hatte er das Geld verbraucht— was weiß iche? die italieniſchen Sängerinnen und Tänzerinnen wer⸗ dens wiſſen. Wie nun der franzöſiſche Commiſſär kommt und ſagt: So, jetzt will ich mir die Leute beſehen! ſo iſt nichts da, als ein paar Regimenter. Zwar, der Herzog wußte ſich gleich zu helfen. Er hielt den Franzoſen ein paar Tage mit Complimenten hin und ſetzte alle Schneider in Bewegung, bis ein paar tauſend Monturen fertig waren; dann ſagte er zu ihm: Jetzt wollen wir . ——————— 28 Heerſchau halten, wenns gefällig iſt. Drauf reiten ſie hin, ein Regiment marſchirt auf, macht ſeine Faction, und nur ums Eck herum, wechſelt die Montur wie der Wind, und ſo gehts fort bis die ganze Waffenmacht vollzählig war und auch kein Mann fehlte. Der Franzos merkt' den Pfiff wohl, war aber galant und ſagte nur: Es iſt doch wunderbar, wie die Schwaben einander ähn⸗ lich ſehen. Heinrich mußte lachen, der Schmid aber ſagte finſter: Lachen Sie nicht, es kommt gleich anders. Die Gaukelei half für den Augenblick, aber nachher mußte man Ernſt machen. Und das ward ein bittrer Ernſt. Jetzt ſuchte der Oberſt Rieger Leute für die leeren Monturen, und zog im Land herum und verübte Dinge die ihm auch bis an den jüngſten Tag nicht vergeben werden können. Wie er meinen Chriſtian gekriegt hatte, ſo machte ers auch mit andern. In die Wirthshäuſer ging er und nahm die jungen Burſche hinter dem Glas weg, Nachts ließ er ſie aus dem Bett reißen, wo er einen wußte den er brauchen konnte. Da ſind manche Eltern kinderlos geworden. Aber es war immer noch nicht genug: nun erließ man ein Ausſchreiben, daß alle Vaga⸗ bunden, alle Aushauſer, darunter auch verheirathete, ſchlechte Haushälter, kurz alles Lumpengeſindel eingeliefert werden ſolle. Zum Todtſchießen, dachte der Herzog, ſind ſie gut genug. Da wurden die Menſchen gejagt wie die wilden Thiere im Wald. Und kaum war mein Chriſtian mit dem Vortrab abmarſchirt, ſo traf das Unglück auch meinen andern Sohn, den Peter. Auf Den hatte der Förſter ſchon von früher her einen Span. Der hätte nämlich ſeine Magd, er wußte wohl warum, gern mit Ehren unter die Haube gebracht, und ließ ſie meinem Peter, noch in ſeinem ledigen Stand, antragen. Der aber ſchlug ſie aus mit ſamt ihrer Ausſteuer, denn er hatte ſchon eine andere gewählt, und wenn auch das nicht geweſen wär', ſo hätt' er den Abtrag von des geſtrengen Herrn Tiſch doch nicht mögen. Darum wurd' ihm der Förſter ſpinnefeind, ſuchte ihm einen Fuß zu ſtellen wo 29 er konnte, und bracht's auch dahin, daß mein Sohn ein paarmal geſtraft wurde, wegen Lumpereien, und größtentheils unſchuldig. Aber das gab eine gute Unterlage: denn wie das Ausſchreiben kam, bracht' ihn der Förſter weiß Gott! durch Angebereien dran, daß er als ein Thunichtgut unters Militär geſchleppt wurde. Ich gleich her, fang' einen Prozeß an, freilich mit ſchlechten Hoffnun⸗ gen, aber während dem wendet ſich das Blatt. Die Soldaten, wie's endlich drauf und dran kam, waren ſuchsteufelswild. Die meiſten ſtacken gezwungen in ihren Kollettern, und dann hielt man damals die Sache für einen Religionskrieg. Für den römiſchen Antichriſt laſſen wir uns nicht aufopfern! ſchrieen ſie: wir fechten nicht gegen den Beſchützer des lutheriſchen Glaubens— das war der König in Preußen, oder wenigſtens galt er dafür. Wenns je gefochten ſein ſoll, ſo gehen wir zu ihm! ſagten ſie, und es lief nachher auch eine große Menge zu ihm über. Damals be⸗ kams dem Herzog übel, daß er katholiſch war, aber dem Land bekams noch übler. In der Kaſerne zu Stuttgart brach der Auf⸗ ruhr aus, und der Herzog mußte über Kopf und Hals aus Böh⸗ men zurück. Aber bis er Ruhe geſtiftet hatte, war ihm die Hälfte des Militärs davongelaufen. So kam auch mein Peter zurück: er glaubte, er könne ſich heimlich halten; den Tag über ſchweifte er in den Wäldern umher, und des Nachts ſchlich er ſich ins Dorf und ſchlief zu Haus. Das wurde dem Förſter verkundſchaftet; der läßt eines Nachts das Haus umſtellen und fängt ſein Wild im Bett. Aus Gnade, wie es hieß, wurde der Deſerteur nicht beſtraft, ſondern bloß wieder unter ſein Regiment gebracht. Mein Sohn war ein blöder Bub' ſonſt, aber damals, als er abgeführt wurde, ballte er die Hände und ſagte zu mir: Lebt wohl, Vater! Ihr ſeht mich nicht wieder, denn entweder ſchieß’ ich mich vor den Kopf oder— einen Andern! Der Förſter aber lachte höhniſch dazu. Indeſſen war die Armee wieder vollzählig gemacht wor⸗ den, durch welche Mittel, können Sie ſich denken. Damals fehlte es um ein Haar, ſo wär' eine Rebellerei im ganzen Wirtenberger 30 Ländlein ausgebrochen. Vielleicht hat es nur an einem Anführer gemangelt. Aber die Landſchaft? der Ausſchuß? warf Heinrich ein. Die Landſchaft? rief der Schmid höhniſch: die gab Vorſtellun⸗ gen ein und blieb warm und breit dabei ſitzen.— Der Herzog brachte ſeine Truppen nicht weiter als bis Geislingen, da ent⸗ ſtand ſchon wieder eine Meuterei. Dießmal war mein Sohn unter den Rädelsführern. Ich hatte gleich Wind davon, ließ den Brau⸗ nen ſatteln— der Rappe war ſamt meinem Chriſtian unters Militär gekommen— und ritt was ich konnte nach Göppingen. Da konnt' ich hängen und füſiliren ſehen nach Herzensluſt. Ich that einen Fußfall vor dem Herzog und bat um Gnade für mein einziges Kind; ich wollte erzählen, durch welche Schurkereien man es ſo weit gebracht habe, aber der Herzog ließ mich nicht ausreden: Ihr ſeid alle Rebellen! rief er und ſah fürchterlich dabei aus: ich will euch Bauern meinen Ernſt zeigen! von euch geht der Unge⸗ horſam aus, ihr habt dieſe verführt, jetzt ſehet zu, wie ſie's büßen! — Herr Gott im Himmel, vor meinen Augen ward mein Sohn erſchoſſen. Kann er mir ihn durch Ausſchreiben, durch Predigten wieder lebendig machen? Nicht einmal den kleinen Troſt hab' ich gehabt, daß mein Feind beſtraft wurde. Man wies mir endlich die rechten Wege, ich lief zum General von Werneck und zum Herrn von Gemmingen, der damals geheimer Referendarius war; die zogen auch mit dem Lager, ſie verſprachen mir eine Unter⸗ ſuchung anzuordnen, aber was halfs? ſie mußten nach Böhmen, und das End' vom Lied war— denn es liefen viel dergleichen Klagen ein— daß der Herzog alle Beamte verwarnen ließ, ſie ſollen ſich nicht durch übertriebenen Dienſteifer zu Ungerechtigkeiten verleiten laſſen. So kam ich zerknirſcht nach Haus und nahm meines Sohnes Wittib und ſein Kind zu mir. Das Kind ſtarb bald darauf, die Mutter aber hat mich verlaſſen und einen An⸗ dern geheirathet. Der Förſter hat im Rauſch den Hals gebrochen, aber was hilft mich das? Ich bin jetzt eben allein in der Welt.— 31 Ja, Herr, ich hab' etwas verdient, es brennt mich etwas auf der Seele, aber die Strafe iſt doch allzu hart über mich gekommen. Er ſchwieg und ging in ſich gekehrt weiter. Heinrich fühlte ſich das Herz durch die Erzählung zuſammengeſchnürt. Keiner ſprach ein Wort. Endlich richtete der Schmid ſich auf; er mochte die Stimmung des Jünglings fühlen, vielleicht wünſchte er auch allein zu ſein. Wenn Sie das Pferd beſſer angreifen wollen, Herr Vicarius, redete er ihm zu, ſo dürfen Sie's nur ſagen. Ich kann wohl nachkommen. Wo treffen wir aber zuſammen? ſagte Heinrich: ich bin wenig bekannt in Stuttgart. Im Hirſch iſt die geiſtliche Heerberge, aber die jüngeren Herren kehren gewöhnlich im Adler ein, verſetzte der Schmid. Gut, alſo im Adler! rief Heinrich. Er grüßte freundlich zum Abſchied und trieb das Pferd an. Trotz dem daß es ſehr hart trabte ritt er eilig vorwärts, um der beengenden Nähe des Un⸗ glücks, das er nicht mildern konnte, zu entkommen; erſt als der Schmid weit hinter ihm war, brachte er das Thier wieder in den vorigen rüſtigen Schritt, und überließ ſich trüben Gedanken über den Lauf der Welt. Wir benützen dieſe Pauſe, um dem Leſer das Wenige, was von dem Jüngling zu wiſſen nöthig iſt, mitzutheilen. Sein En⸗ thuſiasmus, ſeine Unkenntniß des Lebens und die Biegſamkeit ſeines Weſens hätten es verrathen, wenn wir es auch nicht ſchon angedeutet hätten, daß er ein wirtenbergiſcher Magiſter war. Heinrich Roller erblickte in einem Pfarrhauſe in der Nähe des alten Städtchens Nürtingen das Licht der Welt, ungefähr vierundzwanzig Jahre vor den Begebenheiten die ihn jetzt in die Reſidenz führten. Als der Erbe einer geiſtlichen Dynaſtie, die ihren Urſprung in gerader Linie bis in die Reformationszeit zurückführen konnte und deren genealogiſche Tabellen in den eigenhändig geführten Kirchen⸗ büchern der ſeit zwei Jahrhunderten vom Vater auf den Sohn übergegangenen Gemeinde beſtanden, war der Knabe ſchon in der 32 Wiege dem Dienſte des Herrn geweiht. Ein ſtrenger Präceptor in Nürtingen, dem die Eltern, mit betrübtem Herzen der Noth⸗ wendigkeit gehorchend, das einzige Kind in Koſt und Unterricht vertraut hatten, gab dieſer Weihe die gehörige Application, und ſo war es denn das erſte große Ereigniß in ſeinem Leben, daß er im zehnten Jahr eine Reiſe nach Stuttgart machen durfte: aber nur ein flüchtiger Blick auf die Wunder der Hauptſtadt war ihm vergönnt, denn das„Landexamen“, die erſte Vorprüfung, die über ſeine Befähigung zum geiſtlichen Stand entſcheiden ſollte, nahm daſelbſt alle ſeine Sinne ausſchließlich in Anſpruch. Jedes Jahr kehrte er dahin zurück und beſtand fünf ſolcher Prüfungen. Das günſtige Ergebniß derſelben war, daß ſein Leben jetzt neun Jahre lang eine Schule der Prüfung ſein ſollte, ſofern die Kloſtererziehung ihre Zöglinge vom Anfang bis zum Schluß des Bildungslaufes aus einem Examen in das andere trieb. Dieſen begann der vierzehn⸗ jährige Knabe in dem geſchichtlich denkwürdigen Kloſter Maulbronn. Obgleich nämlich die Eltern ein mäßiges und für ihren Stand, den Stand der Armuth und Demuth, ſogar beträchtliches Ver⸗ mögen beſaßen, ſo herrſchte doch bei der Wahl ihrer Erziehung die letztere Eigenſchaft vor, die den Vater beſtimmte, ſeinem Sohne den Genuß von Herzog Chriſtoph's theologiſchen Inſtituten, welchen auch er das Glück ſeines Lebens verdankte, zu verſchaffen. Von Maulbronn aus machte der junge Heinrich, mit Empfeh⸗ lungen ſeiner Eltern verſehen, die ein entferntes Verwandtſchafts⸗ recht geltend machten, ſpärliche, der ſtrengen Kloſterclauſur abge⸗ rungene Beſuche im Illinger Pfarrhauſe, und wenig ahnte er damals, daß das achtjährige roſige Mädchen, das er über den ge⸗ lehrten Geſprächen mit dem Vater kaum bemerkte, einſt eine ent⸗ ſcheidende Bedeutung für ſein Leben gewinnen würde. Dieſe Beſuche wurden nach zwei Jahren durch ſeine Verſetzung in ein höheres unter den ſogenannten„niedern“ Klöſtern abgebrochen. Noch zwei Jahre, und der hoffnungsvolle Alumnus war für die Univerſität reif geworden, von deren Glanz er jedoch wenig genoß, ——— —— 22 50 da das alte zum proteſtantiſchen Oberſeminar umgeſchaffene Au⸗ guſtinerkloſter, in der gewöhnlichen Umgangsſprache„das Stift“ geheißen und unter dieſem Namen vorzugsweiſe bekannt, ihn in ſeine ehrwürdigen Hallen aufnahm und mit müt terlicher Be⸗ hutſamkeit vor jeder profanen Berü⸗ ührung bewahrte. So war er denn nun ein Mitglied jenes eigenthümlichen Menſchenſchlages geworden, auf den von jeher die Augen der Welt, auch im fernen Auslande, mit einer gewiſſen Verwunderung gerichtet waren; denn wohin wäre nicht der wirtenbergiſche Stiftler gedrungen? Wie die Schweiz ihre junge Mannſchaft hinausſandte, um verſchiedenen Herren zu dienen und in verſchiedenen Heeren zu ſtreiten, ſo zogen auch dieſe ſchwäbiſchen J Magiſter, in Kraft und äußerer Form den alten Landsknechten nicht ganz unähnlich, ſchaarenwe eiſe in die Fremde, ſuchten als Hofmeiſter oder als öffentliche Lehrer ihr Unterkommen, und trafen oft, wie jene, als rüſt ige Streiter in öffentlichen§ Kämpfen, beſonders unter den vielfarbigen wiſſenſchaftlichen Panieren, hart auf einander. Heinrich ſtudirte in den erſten Jahren die Philoſophie und ſeine Arbeiten zogen ihm unter den Vorſtehern des Inſtituts den Ruf eines aufgeweckten und in der Weltweisheit bewanderten Kopfes zu; nach Ver rlauf dieſer Periode wurde er Magiſter und ging vorgeſchriebener Maßen zur Gott ttesgelahrtheit über. Was er hierin geleiſtet übergehen unſre Quellen mit bedenklichem Stillſchweigen; dafür melden ſie uns j jedoch deſto mehr von gewiſſen Liebhabereien, die man dort mit dem Kunſtausdruck„Allotria“ zu bezeichnen pflegte, und die wir auf das kürzeſte kennbar machen, wenn wir die Namen Shakſpeare e's, Leſſing's und des eben damals glanzhell aufſteigenden Geſtirnes Göt he nennen. Dieſe Richtung auf die Aeſthetik, die im Tübinger Stif zu allen Zeiten eine geheime Kirche um ſich verſammelt hat, gehörte zu den verpönteſten und mußte vor dem ſtreng dogmatiſchen Geiſte der Anſtalt ſorgfältig verborgen gehalten werden, ſo daß unſer Weltkind kaum zur Noth einen Deckmantel für ſie unter der weitläufigen Rubrik pſycholo⸗ giſcher Studien fand. Sein Curſus en ndete übrigens ziemlich fried⸗ Schiller's Heimathjahre, J. 3 34 lich, und er verließ nach Verfluß von fünf Jahren das Stiſft, an deſſen Pforten er etwas verwundert in eine ganz neue und un⸗ bekannte Welt ohne beſtimmten Lebenszweck hinausſah. Jetzt fühlte er erſt lebhaft den Verluſt ſeiner Eltern, die in⸗ zwiſchen geſtorben waren, und in ſeiner Einſamkeit erfaßte ihn eine wunderbare Sehnſucht, das Kloſter noch einmal zu ſehen, in dem er als Knabe und angehender Jüngling ſeine anmuthigſte Zeit verlebt hatte. Erſt beinahe auf der Reiſe an die badiſche Grenze fiel es ihm ein, daß er in jener Gegend ja noch Verwandte habe; zwei Stunden vor Maulbronn machte er Halt und wurde im Illinger Pfarrhaus aufs liebreichſte aufgenommen. In der Geſellſchaft ſeines ſchönen Mühmchens pilgerte er nach dem ge⸗ liebten Kloſter, beſuchte in den Wäldern und an den Seen die Plätze ſeiner Jugenderinnerungen, und bei einem Anlaſſe wo der ganze Strom ſeines Gemüths unwillkürlich hervorbrach und das Mädchen zu rührender Theilnahme hinriß, geſchah es zu ſeiner eigenen Ueberraſchung, daß ſein unſtet umherſchweifender Geiſt auf einmal bei dieſem lautern Herzen vor Anker ging. So ſehen wir ihn denn auf dem Wege, die äußere Beſtätigung zu dem innern Abſchluß einzuholen, und haben allem menſchlichen Dafür⸗ halten nach die Ausſicht, mit dem nächſten Capitel das Punktum hinter den frühzeitigen Schluß einer allzu einfachen Liebesgeſchichte zu machen.* 4. Hofmarſchall: Sereniſſimus— Kabale und Liebe. Unſer Held wurde aus ſeinen Träumereien auf eine unange⸗ nehme Weiſe aufgeſchreckt. Er ritt eben durch einen der Waldſtriche, welche von dem Hügelzuge herablaufen, den Herzog Karl's Luſtſchloß Solitude be⸗ kränzt, und war im Begriff den Weg zu kreuzen, der in ſchnur⸗ gerader Linie von demſelben nach Ludwigsburg geht, als ihm auf einmal ein ſonderbarer Ton ſauſend und pfeifend am Ohr vor⸗ überfuhr. Es war nichts andres als eine abgeſchoſſene Kugel, denn im gleichen Moment gelangte der Knall eines Gewehrs zu ihm, das ſich hinter ſeinem Rücken gegen ihn entladen hatte. Sein Pferd machte einen Satz; er blickte erſchrocken rückwärts und ſah einen Reiter im leichten Jagdröckchen, das bis oben zugeknöpft war; dieß mußte der Schütze ſein, denn er nahm ſo eben die noch rau⸗ chende Flinte von der Wange und ſetzte ſein Pferd in Galopp gegen unſern Helden. Dieſer riß das ſeine herum und begegnete ihm. Was ſoll das heißen? rief er zornig: ſchießt man auf offener Straße nach einem Reiſenden? J' ſach', Er iß'n rechter Haſenfuß— rief der Unbekannte mit fränkiſchem Accent und die Worte raſch hervorſtoßend— daß Er meint ich hab' Ihn für'n Haſen gehalten! Da, ſperr öculos! was liegt dort? 36 Heinrich folgte mit den Augen ſeinem Fingerzeig und erblickte wirklich einen unglücklichen Lampe, der mitten in dem Unternehmen über die Straße zu ſetzen von ſeinem Geſchick ereilt worden war und nun in den letzten Zuckungen am Boden lag. Gleichwohl konnte er nicht umhin, dem Fremden, aus deſſen Tone er abnahm, daß derſelbe nicht Seinesgleichen, ſondern entweder etwas Beſſeres oder etwas Schlechteres ſein müſſe, derbe Vorwürfe zu machen, welchen er, da ſie wenig zu wirken ſchienen, eine zornige Drohung beifügte.. Schau' mal, Der hat Herz! rief der Unbekannte und betrach⸗ tete ihn mit einer Miſchung von Wohlgefallen und Spott: aber hat Er auch Waffen? wie? ich ſag','s iſt unvernünftig, ohne Waffen im Wald mit einem wildfremden Menſchen Händel anzu⸗ fangen, der einen ſolchen unſchätzbaren Langfinger aufzuweiſen hat.— Bei dieſen Worten richtete er ſein Gewehr gegen unſern Helden, welcher bemerkte, daß es eine ſehr fein gearbeitete Doppel⸗ flinte war. Ja, fuhr der Schütze fort und weidete ſich an der Verlegenheit des jungen Mannes, dem es jedenfalls nicht ganz wohl zu Muthe war: ich hab' noch einen Schuß übrig. Wie, wenn ich jetzt ſagen wollte: La bourse ou la vie? 2 Er rückte dem künftigen Pfarrer von Illingen auf den Leib, dieſer aber gab augenblicklich ſeinem Roß beide Sporen, daß es ſich hoch aufbäumte und mit den Vorderfüßen über das Pferd des Fremden herzufallen drohte. Mit einem leichten Satze jedoch war das wohldreſſirte Thier, ehe ſein Herr die Zügel ergreifen konnte, auf die Seite entwichen und tanzte zierlich um das ſchwer⸗ fällige Ackerpferd herum. Er iß'n verfluchter Kerl! rief der andere, indem er ſein Pferd zur Ruhe brachte: hätt' ich doch nicht geglaubt, als Er ſo kopfhängeriſch einhertrottirte und ich Ihm die Mucken zu ver⸗ treiben dachte, daß ein ſolcher Paladin in Ihm ſteckt. Wie heißt Er denn? Unſer Freund glaubte in dem Ton dieſer Frage eine gewiſſe 37 Inſolenz zu finden, auch empörte es ihn, daß er beſtändig mit Er angeredet wurde. Er erwiderte ziemlich trotzig: Wenn man Euch darnach fragt, ſo ſagt nur, Ihr wüßtet's nicht!— Dieß war eine von den diplomatiſchen Phraſen die er im Stift ge⸗ lernt hatte. Hoho, rief der Fremde: der Junge hat den Teufel im Leibe! Es klang aus dieſen Worten etwas ſo Gebieteriſches heraus, daß unſer Held gerathen fand ſeinen Ton zu ändern: Kenn' ich Sie doch auch noch nicht! ſetzte er etwas einlenkend hinzu. Na, für was hält Er mich denn? fragte der Unbekannte und ſtemmte den Arm in die Seite. Heinrich muſterte ihn von Kopf bis zu Fuße. Er ſchien in mitt⸗ leren Jahren zu ſein, hatte ein paar ſehr lebhafte hellblaue Augen, eine edel geformte Naſe und von Natur um den Mund etwas ungemein Weiches, dem aber ein Zug von gebieteriſchem Trotze das Gleichgewicht hielt. Das durch eine enggeſchnürte Halsbinde ſtark hervorgetriebene Geſicht war wie mit einer bläulich rothen Kruſte überzogen, was ihm einen Anſchein von derber Geſundheit gab; man mochte glauben, es ſei durch Strapazen und Unbilden der Witterung ſo abgehärtet. Heinrich wurde durch das ver⸗ ſchoſſene grüne Jagdkleid, das kleine abgetragene Hütchen, welches tief in die Stirne gedrückt war, und die rauhen gelben Handſchuhe, die der Reiter trug, in ſeiner Vermuthung beſtätigt: Ich hoffe nichts dabei zu riskiren— begann er zögernd. Kurz und gut! unterbrach ihn der Andre: wie komm' ich Ihm vor? Wie einer der mit dem Herzog Halbpart macht, fuhr Hein⸗ rich heraus, indem er auf den erlegten Haſen deutete. Alſo für einen Wilddieb hält Er mich? rief der Fremde und brach in ein gellendes Gelächter aus. Heinrich ſah ihn etwas verblüfft an, aber eh' er eine Erwi⸗ derung geben konnte, ſprengte auf einem Waldpfad von der Rechten ein anderer Reiter daher, ein junger Mann in Jagdkleidung; er 38 zog den Hut tief herunter, als er vor dem Unbekannten hielt, und fragte: Befehlen Ew. Durchlaucht nach Ludwigsburg? 3 Höll' und Teufel! dachte Heinrich und vergaß in dieſem Au⸗ genblick ſeines künftigen Berufes, welcher ſich nicht mit derlei Citationen vertrug: da hab' ich einen feinen Bock geſchoſſen!— Er ſtieg ab und bat ſein verkanntes. Staatsoberhaupt ſo gut er konnte um Entſchuldigung; denn Herzog Karl war es ſelbſt, wel⸗ — chen eine kleine Jagdſtreiferei hier mit unſrem geiſtlichen Reiter, — der ihn noch nie in dieſer Nähe geſehen, zuſammengeführt hatte. Rath' mal, Fritz, wandte ſich der Herzog zu ſeinem Jäger, was mir der Patron da für ein Compliment gemacht hat. Für einen Wilddieb hat er mich gehalten. Trotz des unterthänigen Reſpects konnte doch der Diener das Lachen nicht unterdrücken. Er iſt ein ſchlechter Menſchenkenner, fuhr der Herzog gegen Heinrich fort, deſſen Beſtürzung ihn beluſtigte: das müßt' ein vermaledeit frecher Wilddieb ſein, der ſo ausſehen wollte wie Ich! Paſſ' Er einmal auf, ich will Ihm die Nativität beſſer ſtellen: bei meinem fürſtlichen Wort, ich ſag, in Seiner Redingote ſteckt ein Magiſter! Heinrich mußte dieß zu ſeiner Demüthigung bejahen, und der Herzog war ſehr vergnügt über den Triumph ſeines phyſionomiſchen Scharfblicks. Nun, und zu welchem Zwecke hat Er Seine Lenden gegürtet? frug er: Ich meine, was iſt Seine Miſſion? Sie lautet an das herzogliche Conſiſtorium, dem ich ein Schreiben zu überbringen habe, antwortete Heinrich. Nun, das iſt jedenfalls ſo gut wie an mich, ſagte der Fürſt. Alſo geb' Er's nur her. Keeinrich griff nach ſeiner Brieftaſche, um das Schreiben her⸗ vorzulangen. Der Herzog, als er dieß ſah, rief dem Jäger zu: Ruf' das Gefolge zuſammen! Auf die Solitude zurück! Ich komme nach.. Der Jäger, der ſich inzwiſchen umgeſehen hatte, hob ökono⸗ miſch befliſſen den geſchoſſenen Haſen vom Boden auf, dann ſetzte er davonreitend ſein Horn an den Mund und bald ertönten luſtige Antworten von verſchiedenen Seiten her. Karl nahm jetzt das Schreiben, das ihm Heinrich ſchon eine gute Weile hingehalten hatte: Was zum Henker! rief er, indem er die Aufſchrift las: Er iſt unter einem unglücklichen Stern ge⸗ boren. Vorhin hielt Er mich für einen Wilddieb, und jetzt für irgend eine Expeditionsräthin. Ich bitte unterthänigſt um Vergebung, ſtotterte unſer armer Freund, nahm Lottchens Brief mit ängſtlicher Schnelligkeit zurück und händigte dem Herzog das wenigſtens dreimal größere Schrei⸗ ben des Pfarrers ein. Karl erbrach das Schreiben, und eine Wolke flog über ſein Geſicht als er die Unterſchrift des Pfarrers von Illingen las. Eine peinliche Erinnerung ſchien ihn ergriffen zu haben, die er mit einer raſchen Frage unterbrach: Wie, Er hat in Tübingen ſtudirt und kennt mich nicht? Ich war noch nicht droben, entgegnete Heinrich, als Ew. Durch⸗ laucht der Univerſität die Gnade eines längeren Beſuches gönnten— Ach ja! ſagte Karl dazwiſchen: damals haben Wir vielen Spaß gehabt. Nach dieſer kurzen Anſpielung auf einen vierzehntägigen Be⸗ ſuch, wobei er gleichſam als Gaſt in den Sälen der Wiſſenſchaft geweilt und die neue Würde eines Rector magnificentissimus angenommen hatte, überſchüttete der Herzog, als ein äußerſt frag⸗ ſeliger Fürſt, den jungen Mann mit einer Unzahl von Fragen, welche zugleich geeignet waren, demſelben, wie man ſagt, auf den Zahn zu fühlen, nach den Zuſtänden der Univerſität und nach ſeinem eigenen Bildungsgange. Heinrich beantwortete die Fragen in angemeſſener Kürze, wobei er ſich namentlich von ſeinem guten Genius warnen ließ, von ſeinen äſthetiſchen Liebhabereien allzu viel zu verrathen. Der Herzog, der es bei jener Recognoscirung der Tübinger Eberhardina wohl hauptſächlich auf vortheilhafte Beobachtungen für ſeine Akademie abgeſehen haben mochte, ließ 40 ſich wiederholt und ausführlich über das dortige Weſen berichten, und nahm die Auskunft die Heinrich ihmegab mit ſichtbarer Zufrie⸗ denheit auf, welche dadurch erhöht wurde, daß dieſer ſich durch die Art der Fragen mitunter bewegen ließ heitere Schwänke einzuſtreuen. In ſeiner jugendlichen Unbefangenheit wurde es ihm nur halb bewußt, daß die Anekdoten, die ihn der Herzog aus gelehrten und bürger⸗ lichen Kreiſen zu erzählen nöthigte, mit ihrer Spitze immer in das beliebte Capitel der menſchlichen Schwachheiten ausliefen, und daß gerade dieſe Seite der Unterhaltung den welterfahrenen Fürſten am meiſten beluſtigte, zumal zwiſchen der alten Landesuniverſität und ſeiner perſönlichen Schöpfung große Eiferſucht beſtand. Nun, ſagte er endlich, nachdem er mehrmals laut gelacht hatte, um übrigens auf Seine Angelegenheit zu kommen, ſo iſt Ihm die Bitte in Gnaden gewährt; aber ich will Ihm was ſagen, fuhr er fort und ließ ſein Auge wohlgefällig auf dem Jüngling ruhen: beſinn' Er ſich eines Beſſern und laſſ' Er die Farre fahren. Was will Er im Klerus verſauern? bleib Er bei mir! Er hat ein offnes muntres Weſen und das gefällt mir. Er iſt noch jung, kann noch was lernen, ſich brauchbar machen. Ich will Ihn an⸗ ſtellen und dann hängt es nur von Ihm ab, ſich ſein Glück zu ſchmieden. Was ſagt Er dazu? 3 Ew. Durchlaucht— ſtammelte Heinrich mit kl Morgen Abend um ſechs Uhr komm' Er litude, rief der Herzog: da wollen wir ſehen zufangen iſt!— Er grüßte mit der Hand Wald hinein. Heinrich blieb ſtehen und ſah lange wie betäubt Stelle, wo der Fürſt gehalten. Merkte er mir denn an, nur mit halbem Herzen den Weg zur Kanzel einſ leiſe vor ſich hin. Ich glaubte es doch vor mir ſ zu haben. opfendem Herzen. zu mir auf die So⸗ a was mit Ihm an⸗ und ſprengte in den nach der daß ich chlug? ſagte er elbſt verheimlicht 5B J. Da ſeid Ihr eben recht am Ort. Aufrichtig, möchte ſchon wieder fort. Göthe, Fauſt. Der geiſtliche Ritter hatte endlich den letzten Hügelvorſprung erreicht, und das Ziel ſeiner Reiſe, das er ſeit jenen unfreiwilligen gelehrten Beſuchen kaum einmal berührt hatte, lag zu ſeinen Füßen. Er ritt die Galgenſteige hinunter, auf deren Gipfel noch der eiſerne Käfig des während Herzog Karl's Unmündigkeit hinge⸗ richteten Finanzminiſters Süß hing, und hielt durch das Seethor ſeinen Einzug in die Stadt. Er ritt die Seegaſſe hinauf, wandte ſich dann links, ritt unter dem Schloßbogen durch, gelangte zur Stiftskirche, und ſchlug ein enges Gäßchen ein, das ihn auf den Markt führte. Dort ſtand der ſchwarze Adler. Aber er würde ihn ſchwerlich gefunden haben, wenn ihm der Schmid nicht vorher den Weg deutlich beſchrieben hätte. Dieſer Hauptgaſthof von Stuttgart wurde durch ein großes Gebäude, die öffentliche Biblio⸗ thek, verdunkelt, welche unregelmäßig auf dem freien Platze vor ihn hingepflanzt war. Neben ihr ſtand das Herrenhaus. Nur ein ſchmaler Raum war zur Anfahrt am Gaſthofe gelaſſen; Hein⸗ rich ritt vor und war augenblicklich bedient. Er ſtieg die Treppe hinauf und kam in das Wirthszimmer, das durch einen hölzernen Verſchlag in zwei Gemächer abgeſondert war. In der plebejiſchen Abtheilung ſaßen Fuhrleute und Bauern, welche ihr Daſein für 42 Ohr und Naſe gleich fühlbar machten, in dem kleineren den„Ho⸗ noratioren“ geweihten Raume, wohin ſich unſer Held begab, fand er ebenfalls Geſellſchaft, welche, nach der Converſation zu ſchließen, aus Schreibern und niedern Hofbeamten beſtand. Die Mittags⸗ ſtunde, nach der alten Uhr, war vorüber, und Heinrich forderte etwas zu eſſen. Der flinke Wirth, der, ohne ihn je geſehen zu haben, ihn ganz wie einen guten alten Bekannten behandelte, rückte ihm einen Stuhl zu der Geſellſchaft, und unſer Held, der lieber allein geweſen wäre, mußte ſich dieſe Ehre gefallen laſſen, wenn er ſich keiner Unhöflichkeit ſchuldig machen wollte. Er wurde übrigens nicht beläſtigt, niemand ſprach ein Wort mit ihm, über⸗ haupt ging es für den Augenblick ziemlich ſtille her und er konnte wohl bemerken, daß er hier unter den ſogenannten guten Kunden ſei, welche, wenn die ſoliden Mittagsgäſte aufgeſtanden und ihrer Pflicht entgegen geeilt ſind, ſich erſt recht feſt ſetzen und aus Zeit⸗ erſparniß den Nachmittag mit dem Abend verbinden. Doch konnte er nicht lang beobachten, man trug ihm ein ſchmackhaftes Eſſen auf, das er mit jugendlichem Appetit verzehrte; ein paar Gläſer Wein verſetzten ihn in jene Träumereien, wozu er von Natur ſo geneigt war; die ſeltſamen Abenteuer ſeiner kurzen Reiſe, die Erwartungen und Hoffnungen, die er darauf bauen konnte, ſchwellten ſeine Phantaſie, und er war geraume Zeit für die Außenwelt verloren, bis dieſe, nachdem ſie ſich erſt ſtillſchweigend an ihn gewöhnt hatte, in ihrer Weiſe ſich ſeiner bemächtigte. Er fand ſich in eine eben aufthauende Zunft von weingrünen Lebemännern gerathen, die ſich in luſtigen Poſſen mit einander ergin⸗ gen, ſkandalöſe Anekdoten erzählten und gewaltig dazu tranken. Da ſie ihn in die Unterhaltung zogen, indem ſie ihre Witze und Erzäh⸗ lungen theilweiſe an ihn richteten, ſo zwang er ſich, nicht duckmäu⸗ ſeriſch zu erſcheinen und hörte aufmerkſam zu; auch waren ihm Land und Leute, unter welchen er in klöſterlicher Einſamkeit auf⸗ gewachſen war, noch ſo fremd, daß alles was er ſah und hörte wenigſtens den Reiz der Neuheit für ihn hatte. Einige Stunden . 43 ergötzte er ſich an den derben Späßen, welche aufgetiſcht wurden, und ſo verfloß ihm der Nachmittag bis zu Anbruch der Däm⸗ merung; endlich aber glaubte der dicke Wirth ein gewiſſes Unbe⸗ hagen an ihm wahrzunehmen und zeigte ſich väterlich für die gute Laune ſeines Gaſtes beſorgt. Apropos! ſagte er, für den Abend fehlts Ihnen nicht an Unterhaltung: Herr Schikaneder aus Wien iſt da mit ſeiner Truppe — aber halt! heut Abend iſts nichts, da geben ſie ein Trauer⸗ ſpiel, das wird Ihnen zu langweilig ſein. Wie heißt es? Der Wirth lief nach dem Zettel und ſagte: Der deutſche Haus⸗ vater, vom Herrn von Gemmingen. Morgen müſſen Sie drein gehen, morgen! da wird eine ganz neue Wienerpoſſe gegeben! Morgen hab' ich keine Zeit, ich muß einen Ausflug machen. Wohin, wohin? meine Pferde ſtehen zu Dienſten. Ich danke, bergauf geh' ich lieber zu Fuß. Solitude vielleicht? Warum nicht? aber warten Sie bis Sonn⸗ tag, da haben Sie Geſellſchaft. Kann nicht ſein, ich muß morgen hinauf. Aha, vielleicht ein Geſuch beim Herzog? aber morgen werden Sie nicht vorgelaſſen, es iſt kein Audienztag. Ich werde doch. Gebe Ihnen mein Ehrenwort, Sie werden morgen nicht vor⸗ gelaſſen. Und ich weiß aus guter Quelle, verſetzte Heinrich ungeduldig, daß ichs werde. Aha, das iſt etwas andres, rief der Wirth und maß den jungen Mann mit neugierigen Blicken. Dieſer ließ ſich den Weg nach dem Theater angeben, und brach auf. Da fiel ſein Blick auf den Schmid, der harrend unter dem Eingang ſtand. Heinrich ſchrack beinahe zuſammen über den tiefen Ernſt der auf dem Geſichte des Mannes lag. Wie vieles hatte ſich verändert, wie verſchiedene Empfindungen und Stim⸗ 44 mungen hatten in ihm abgewechſelt, ſeit er ihn verlaſſen! bei dieſem aber war die Stimmung gleich geblieben, man ſah, es war noch derſelbe Gedanke, der ſeine Stirne furchte, der Gedanke an ſeinen Verluſt und ſeine Einſamkeit. Ach mein Freund! Euch hatt' ich ganz vergeſſen! rief ihm Heinrich entgegen. Thut nichts, verſetzte er. Nun, wie iſts? ſchon alles in Richtigkeit? Noch nicht ganz, Ihr müßt allein heimreiten. Wie gut iſts nun daß ich ein paar Kleidungsſtücke aufgepackt habe! Sagt nur zu Hauſe, flüſterte er ihm ins Ohr, daß ich morgen Audienz auf der Solitude habe, und— ſie werden bald von mir hören. Er trug dem Wirthe auf, den Mann zu verköſtigen, und eilte fort. Der Schmid ſah ihm kopfſchüttelnd nach und hieß ſein Pferd ſatteln. 1 Am Ende der Planie ſchimmerte unſrem Freunde neben dem neuen Reſidenzſchloſſe das Luſthaus der alten Herzoge entgegen, welches für die italieniſche Oper und vorübergehend auch für das Schauſpiel benützt wurde. Heinrich fand ein volles Haus, der ſeltene Genuß einer Vorſtellung in deutſcher Sprache hatte viele Zuſchauer herbeigezogen. Als der erſte Act vorüber war, ſah er ſich um und ſuchte das Urtheil des Stücks in den Mienen des Publicums zu ſtudiren. Wie wurde ihm aber zu Muthe, als er zwei ältliche Herren, routinirte Theatergänger, wie es ſchien, die in geringer Entfernung ſaßen, mit einander darüber reden hörte! Es ſcheint, ſagte der eine zum andern, indem er ihm eine Priſe bot, Sie ſind von dem Schickſal des Hausvaters nicht ſonderlich gerührt?— Nein, verſetzte der andre trocken: denn erſtens iſts nicht wahr, und zweitens gehts mich nichts an.— Eine ſchluch⸗ zende Jungfrau, die vor ihnen ſaß, ſah mit großer Verachtung rückwärts„Heinrich aber mußte ſich Gewalt anthun, um nicht in lautes Gelächter auszubrechen. Zu ſeinem Schrecken trat er im Umwenden ziemlich hart auf einen Fuß, der ſich ſogleich zurück⸗ 4 45 zog, und bat höflich um Entſchuldigung, während er die ſeltſame Erſcheinung, den Eigenthümer des Fußes, mit einigem Erſtaunen betrachtete. Es war ein Fremder, das ſah man, fremd in Stutt⸗ gart, im Theater, ja in der Welt! Der zurückgeſchlagene auf⸗ gehakte Rock und die hohen Stiefeln gehörten den Tagen Karl Alexanders an, das eckige Geſicht irgend einer noch unentdeckten Inſel, aber die Gutmüthigkeit, womit der Mann auf die Entſchul⸗ digung entgegnete: o, ich bin nicht ſo wehleidig! die war nicht von dieſer Welt. Heinrich fühlte ſich gefeſſelt, er wußte nicht wodurch; er ſtellte ſich ſo daß er den Fremden immer im Auge behielt; gerne hätte er ein Geſpräch mit ihm angeknüpft, aber unter allen Tonarten wollte ihm keine paſſend ſcheinen, er wußte nicht wo er den Mann„hinthun“ ſollte. Die Berührung ergab ſich jedoch von ſelbſt; denn als nun der Vorhang ſich wieder hob, da folgte der Fremde den Entwicklungen des Schauſpiels mit einer Theilnahme und Innigkeit wie man ſie nur wahren Begebenheiten ſchenkt; man ſah wohl er war zum erſten Mal im Theater; er vermochte nicht ſtumm zu bleiben, und aus den Bemerkungen die er dann und wann an unſern Helden richtete, ſprach eine Recht⸗ ſchaffenheit und ein Mitgefühl, die ihm des Jünglings Herz ge⸗ wannen. Er ſpielte aus voller Seele mit, und unſern Freund wollte es bedünken er habe hier im Parterre noch ein beſſeres Bild eines deutſchen Hausvaters gefunden als auf den Brettern. Das Schauſpiel war vorüber. Heinrich ging mit dem Frem⸗ den, der, lebhaft erregt, ſeine Theilnahme an dem Geſehenen aus⸗ ſprach, den alten Weg zurück, bis dieſer auf einmal, ſeine Rede unterbrechend, ſich die weitere Begleitung des jungen Mannes als eine allzu große Aufmerkſamkeit verbat. Nun ergab es ſich daß beide daſſelbe Ziel hatten, und unter Entſchuldigungen und Ver⸗ ſicherungen, deren Gepräge von der Freundſchaft noch mehr als von der Höflichkeit ſtammte, traten ſie im ſchwarzen Adler ein. Dort ſaßen noch die Geſellen von heut Nachmittag beiſammen. Bei Heinrichs Ankunft entſtand ein allgemeiner Jubel, der aber, 46 wie er ſogleich bemerkte, ſeinem Begleiter galt und von ſehr zwei⸗ deutiger Natur war. Der alte Herr wurde umringt und im Triumph an den Tiſch geſetzt; man feierte ihn mit ironiſchem Pathos, ohne durch die ehrwürdige Treuherzigkeit, womit er die falſche Münze theils empfing theils ablehnte, ſich im Geringſten rühren zu laſſen. Darf man nach Ihren Geſchäften fragen, Herr Bürgermeiſter? hob einer an: oder ſoll ichs errathen? Gewiß haben Sie zu Nutz und Frommen gemeiner Stadt eine Negociation bei unſrer Re⸗ gierung angeknüpft, um eine Compagnie RRR zu bekommen. Nun wußte Heinrich wo er ſeinen Mann hinthun ſollte; denn wohlbekannt war ihm die Stadt, welche, wie der Volkswitz ihr zur Laſt legt, das R nicht ausſprechen kann; lag ſie ja doch in der nächſten Umgegend der Univerſität, wo er ſo geraume Zeit gelebt hatte, und wenn er auch, ein gefangener Magiſter, nie 4 drüben geweſen war, ſo hatte er doch genug von ihr reden hören. Der Reichsbürgermeiſter von Reutlingen runzelte die Stirn, faßte ſich aber zu einer muntern Erwiderung und ſagte, indem er ſich unter den Phäaken umſah, mit ſcharf ſchnarrendem R: O ihr Herren, ich kann wenn ich will mein Laternle ſo gut ans Hirſch⸗ hörnle hängen wie ihr, wiewohl mir bei allem Reſpect vor dem Hirſchgeweih der kaiſerliche Adler lieber iſt; aber wenn ich ein Contingent für mein Alphabet von euch holen wollte, ſo würd' ich eher nach dem S und nach dem T fragen, nach dem Eſſen und Trinken nämlich; denn das ſind eure Hauptartikel, von andern Buchſtaben nicht zu reden. Sollen auch ſchon gute Geſchäfte gemacht haben in dieſen ½ Artikeln, verſetzte ſein Gegner hämiſch: oder iſt es nur eine Er⸗ findung, daß Sereniſſimus einmal den Reutlinger Magiſtrat ein⸗ 3 geladen haben nach Tübingen und zu Ihro beſondrem Vergnügen ganz betrunken heimgeſchickt, auf jede Kutſche hinten ein Schwein aufgebunden? Der alte Herr war in einer üblen Lage: war es natürliche 47 Seelengüte, war es Ungewohnheit einer andern als anſtändiger und zuvorkommender Begegnung, er wußte auf einen Angriff dieſer Art nicht gleich etwas zu erwidern, und maß ſeinen Belei⸗ diger mit ungewiſſen Blicken, das Geſicht von einer Purpurröthe übergoſſen. Heinrich hielt es für die höchſte Zeit ſich einzumiſchen: niemals, rief er etwas unvorſichtig, könne der Herzog etwas ge⸗ than haben was ſo tief unter ſeiner Würde wäre, und zuletzt ſagte er gerade heraus, wer dem alten Herrn etwas anhaben wolle, der habe es mit ihm zu thun. Die Andern lachten anfangs und hiel⸗ ten dieß für einen neuen Scherz, um ſo mehr, als Heinrich, um abzubrechen, an den Bürgermeiſter allerlei Fragen über die Ver⸗ faſſung ſeiner Reichsſtadt zu richten begann. Dieſer lud ihn aufs Freundlichſte ein, dieſelbe in Perſon zu beaugenſcheinigen. Die lärmenden Geſellen, da ſie bei fortgeſetzter Unterredung ſich in ihren Erwartungen getäuſcht fanden, verſtummten nach und nach, und entfernten ſich am Ende ganz: die unbekannte Größe, die morgen auf der Solitude ihren Nennwerth erhalten ſollte(wovon der Wirth nicht unterlaſſen hatte ihnen zu berichten), mochte ihnen einigermaßen imponirt haben. Der alte Herr ſprach, als ſie allein beiſammen ſitzen blieben, ſein Wohlgefallen an dem Jüngling offen aus, und ſchalt eifrig über alle Neckereien und Hänſeleien. Es macht doch niemand Pro⸗ feſſion von dieſem Handwerk, rief er aus, als Müßiggänger, die nichts Ordentliches zu thun noch zu denken haben. Wie ſchön wärs in der Welt, wenn alle Menſchen Ehrenleute wären, die im Frieden mit einander leben wollten! Sie trennten ſich ſpät von der Flaſche, noch ſpäter von ein⸗ ander ſelbſt, Den andern Morgen wurde Heinrich in aller Frühe geweckt: der Herr Bürgermeiſter von Reutlingen, hieß es, wolle durchaus nicht abreiſen, ohne vorher noch einmal Abſchied von ihm genom⸗ men zu haben. Dieſer trat jetzt herein und entſchuldigte ſich treu⸗ herzig, daß er überläſtig werde. Heinrich druͤckte ihm die Hand v 8 48 unnd wurde abermals dringend von ihm eingeladen, ihn doch ſo bald als möglich zu Hauſe zu beſuchen. Nun war an keinen Schlaf mehr zu denken, er ſtand auf, und machte einen Morgen⸗ ſpaziergang, auf dem er von einem Hügel herab die Stadt in friſcher Beleuchtung vor ſich liegen ſah. Als er in den Gaſthof zurück gelangte, war eben der Kaffee fertig geworden; er blieb im Wirthszimmer und trank eine Taſſe, der muntre Wirth ſetzte ſich zu ihm und unterhielt ihn, was unſrem Helden wohl behagte, der indeſſen die Stunden vergehen laſſen wollte, bis er ſchicklicher Weiſe Amalien ſeinen Beſuch machen konnte. Der Wirth lenkte die Rede bald auf den Herzog und begann jämmerlich zu klagen, in wie mancherlei Nachtheile die Reſidenz⸗ ſtadt durch dieſen Herrn geſtürzt worden ſei. Seit Anno 64, ſagte er, iſt unſre Stadt ſo gut als ruinirt; wir thaten alles was wir konnten, den Herzog von dem Zug nach Ludwigsburg abzuhalten; vergebens; er war ſo erbittert daß er nichts hören wollte; der . Hof, die Kanzleien, alles mußte fort. Ludwigsburg iſt reich ge⸗ worden auf unſre Unkoſten: großer Gott, was hat man dort für 3 ein Geld verzehrt! Die Landſchaft kann mir geſtohlen werden, die iſt an allem ſchuldig! was brauchte ſie Händel anzufangen? ſie hat doch nicht viel ausgerichtet. Jetzt iſt ja aber ſeit geraumer Zeit Stuttgart wieder die Re⸗ ſidenz, warf Heinrich ein.. 3 Ein ſchöner Profit! rief der Wirth: ja, die Collegien ſind wieder hier, und der Herzog meiſtentheils auch, ſeit er die Aka⸗ demie ab der Solitude, und das mit einem ſchönen Koſtenbeitrag von der Stadt, hieher verlegt hat; aber er hat ja faſt gar keinen Hof mehr, er lebt als hätte er kaum tauſend Gulden Rente zu verzehren. Und wie iſts nur mit dem Militär zu Ende gegangen! Vielleicht hat er das dem Land zu lieb gethan, vielleicht hat er auch die Luſt am Soldatenſpiel verloren. Jedenfalls iſts nicht gut auf die Launen und Leidenſchaften eines großen Herrn zu ſpeculiren; die vergehen über Nacht, wie ſie gekommen ſind, Das * 3 49 halbe Militär, und verhältnißmäßig noch viel mehr Offiziere als Gemeine, hat er abgedankt. Die gemeinen Soldaten liefen natürlich mit Freuden heim, aber die Offiziere waren angeführt und ſuchten da oder dort unterzukommen. Sie waren wahrha tig iht heikel, wenns nur Brod gab; ich kenne einige die einen beherzten Ent⸗ ſchluß faßten und Handwerker wurden. Da drübten wohnt ein abgedankter Hauptmann— Sie können ihm ins Fenſter ſehen— der ſich und ſeine Familie mit Filetſtricken erhält. Und einen General können Sie herumgehen ſehen— wenn er Ihnen auf der Straße begegnet, ſo pumpt er Sie um einen Sechsbätzner an. Faule Schlingel! rief er, ſich unterbrechend, den Kellnern zu: meint ihr, ich halte hier eine Vorleſung für euch? aufgepaßt, friſch! die Tiſche gedeckt! Kaffeezeug weggeräumt! es gibt immer etwas zu thun.— Mit dieſen Worten trat er ans Fenſter und trommelte einen Marſch. Ja, ja, ſagte er, mit unſrem Militär ſiehts zum Erbarmen aus. Es iſt mir geſtern ſchon aufgefallen, verſetzte Heinrich: die Soldaten, die ich geſtern und heute zu Geſicht bekam, hatten ein miſerables Ausſehen, die blauen Röcke waren ihnen zu eng, große Stücke von andrem Tuch waren auf die zerriſſene Uniform geflickt, die weißen Beinkleider gingen kaum bis aufs Schienbein hinab— ſie nahmen ſich aus wie ruinirte Perrückenmacher! Selbſt die Schildwachen ſahen mich ſo beſcheiden an, daß ich kecklich den Hut vor ihnen ſitzen ließ. Was das Letztere betrifft, ſagte der Wirth zum ſchwarzen Adler, ſo laſſen Sie ſich's nicht verdrießen und nehmen Sie den Hut lieber ein ander Mal ab; Sie könnten leicht Ungelegenheiten haben, denn bei dem Reſt des Militärs herrſcht doch immer noch der ſtrenge Dienſt und auch der esprit du corps, namentlich bei den Offizieren. Ich will Ihnen gerathen haben: wenn ſie ge⸗ legentlich Händel mit einem jungen Lieutenant bekommen ſollten, was ja dem Beſten paſſiren kann, ſo machen Sie jeder Schild⸗ wache auf zehn Schritte die Reverenz, oder man kann nicht wiſſen Schiller's Heimathjahre. J. 4 ——— 50 Heinrich dankte für den guten Rath und begab ſich auf ſein Zimmer, um die nöthigen Vorbereitungen zur Viſite zu machen. Zur ſchicklichen Beſuchszeit erſchien er wohlfriſirt wieder und ver⸗ ließ den Adler. Er ging über den Markt, dem großen Graben zu, wo er unter andern ſtattlichen Gebäuden das Haus ſeines künftigen Schwagers, des Expeditionsraths, fand. Er hatte Amalien noch nie geſehen; nur dunkel konnte er ſich von ſeinen früheſten Beſuchen in Illingen her beſinnen daß ge⸗ legentlich von einer älteren nach Stuttgart verheiratheten Tochter die Rede geweſen war; da über das Ereigniß das ſie dorthin ge⸗ führt in der Gegend nichts verlautete, ſo iſt es bei der Achtloſig⸗ keit der Jugend begreiflich daß keine Spur von ihrem Daſein in ſeiner Erinnerung zurückblieb, bis Lottchen ſeine Aufmerkſamkeit und Theilnahme ſo ſchmerzlich auf ſie lenkte. Wie begierig war er die unglückliche Frau zu ſehen, die, nach den Andeutungen ihrer Schweſter zu urtheilen, zu der ſchauerlichſten aller Einſam⸗ keiten verdammt ſchien, ſich der kranken gepreßten Seele zu nähern und vielleicht ihr einen Troſt zu bringen, den ſie ſchon ſo lang entbehrt haben mochte. 1 Eine ſchweigſame Magd nahm ihm den Meldungsbrief ab, und wies ihn in ein Zimmer, deſſen Ausſtattung man prächtig nennen durfte; Gemälde in reich vergoldeten Rahmen hingen an den Wänden umher; im ganzen Hauſe herrſchte eine Todtenſtille. Heinrich betrachtete die Gemälde und blieb lang vor einer Ma⸗ donna ſtehen; endlich vernahm er leiſe Tritte hinter ſich und wandte ſich um. Er erblickte eine Frau in den Dreißigen, deren Schön⸗ 4 ¼ heit nichts durch die Zeit verloren hatte; ſie trat leiſe auf ihn zu, in ihren Bewegungen herrſchte eine gewaltſame Ruhe, das Feuer ihrer Augen ſchien nicht erloſchen, aber in die geheimſten Winkel 51 der Seele zurückgedrängt, ihre dunkle Kleidung und die ſchwarzen Haare, welche vorn nicht aufgebunden waren, ſondern in unge⸗ wöhnlichen Locken das bleiche Geſicht umringten, gaben der ſtillen Geſtalt den Ausdruck einer ſtarren geiſterhaften Trauer. Sie bringen mir eine unerwartete Nachricht, begann ſie: ich hoffe meiner Schweſter Glück wünſchen zu dürfen. Es lag eine ſo abſchreckende Kälte in dem Ton womit ſie dieſe Worte ſprach, daß der junge Mann ſich eines leiſen Schauers nicht erwehren konnte. Nach einigen Erkundigungen ſagte ſie: Sie erlauben daß ich meinen Mann aus ſeinem Arbeitszimmer rufe. Sie verſchwand und gleich darauf erſchien ein hagerer Mann mit einem Geſchäftsgeſichte voll Abgemeſſenheit und unendlich trockener Reſignation, der ihn ſehr förmlich bewillkommte und wohl eine Stunde lang, während welcher Amalie nicht mehr zum Vor⸗ ſchein kam, über die Einkünfte der Pfarrei Illingen und andre ſtatiſtiſche Memorabilien unterhielt, ein Capitel worin unſer Held ihm beſcheidentlich das Wort überließ. Es wurde Mittag über der Unterredung, man lud ihn ein und er blieb. Als Amalie zu Tiſche kam, glaubte er leicht geröthete Augen zu erblicken, aber ihr Benehmen hatte nichts das dieſe Bemerkung beſtätigen konnte, und ſie ſprach lang von gleichgiltigen Dingen. Der Expeditions⸗ rath fragte hierauf mit diplomatiſcher Ruhe nach ſeinem Schwie⸗ gervater und Heinrich mußte allerlei erzählen. Er konnte aber nicht die rechte Stimmung finden, die Worte ſtockten ihm oft auf den Lippen, und es wollte ihm in dem behaglich eingerichteten Hauſe, an dem reichlichen Tiſche nicht wohl werden. Haben Sie, fragte Amalie, als der Nachtiſch kam, haben Sie ſchon Schritte gethan, ſeit Sie hier ſind? Ein unerwartetes Schickſal hat meine Wünſche ſogar bereits überboten, verſetzte Heinrich und erzählte ſein abenteuerliches Zu⸗ ſammentreffen mit dem Herzog. Amalie ſah ihn ſcharf an und ſagte: Mich däucht, Sie haben nicht klug gehandelt, ein ſicheres Glück von ſich zu ſtoßen. —,— 2——— 52 Ich muß meiner Frau beipflichten, ſagte der Expeditionsrath: Sie hätten bei der Stange bleiben ſollen; man muß ſich auf ſolche fürſtliche Einfälle nicht gar zu ſehr verlaſſen. Ueber kurz oder lang denkt der Herzog nicht mehr daran und Sie ſind doppelt getäuſcht. Heinrich fühlte ſich von dieſen Einwendungen ſehr unange⸗ nehm berührt. Nichts kommt der Jugend unwillkommener in die Quere als wenn man den ſtolzen Flug ihrer Hoffnungen mit eini⸗ gen proſaiſchen Zweifeln durchkreuzt; und dann empfand er es bitter, daß dieſe Menſchen, die er heute zum erſtenmal als Ver⸗ wandte begrüßte, ſchon Vormundſchaft und Tadel gegen ihn gel⸗ kend machen wollten; er bedachte nicht daß es eben die Verwandt⸗ ſchaft war, die Amalien das Recht gab, dem Bräutigam ihrer Schweſter ihre Meinung unumwunden zu ſagen. Wie ich die Sache anſehe, erwiderte er etwas finſter, ſo hab' ich keine Schuld. Wenn der Herzog mir den erbetenen Dienſt nicht geben will, ſo kann ich ihm doch nicht das Meſſer auf die Bruſt ſetzen. Für einen Diener der Kirche, ſagte der Expeditionsrath ſcharf genug, ſind Sie dürftig im Kirchenrecht bewandert. Wenn das Conſiſtorium erführe wie gering Sie ſeine Macht anſchlagen, ſo könnten Sie lang auf eine Bedienſtung warten, und der gute Vater in Illingen müßte alle ſeine Connexionen aufbieten um Sie aus der Klemme zu reißen. Haben Sie denn ſonſt keine Briefe mit bekommen? Heinrich hielt ihm mit verdrießlichem Schweigen ſeine übrigen Creditive hin und der Expeditionsrath rief: Sehen Sie, das ſind ja die Hauptbatterieen, die Sie zuerſt hätten ſpielen laſſen ſollen; das andre iſt nur eine nothwendige Formalität, und daß Se. Durchlaucht Ihnen ein Schreiben an das Conſiſtorium abzunehmen geruhen— der Expeditionsrath ſprach dieſe Worte mit ironiſcher Miene— das heißt etwas extraordinär vom verfaſſungsmäßigen Geſchäftsgang abweichen.— Davon war ich nicht unterrichtet, ſagte Heinrich. — 53 Muß denn die Ente der Ente ſagen wie ſie ſchwimmen ſoll? rief der Expeditionsrath lachend. Kann man auch ſo aus dem Stift hervorgehen? Nein, mein Freund, Sie werdens nie zum Special bringen. Es iſt unerhört, eine Pfarre zu ſuchen und Prälaten und Conſiſtorium dabei übergehen zu wollen! Heinrich ſuchte den Discurs abzubrechen, der ihm peinlich war, weil es ſich allzuſehr verrieth wie träumeriſch er die Jahre hingebracht hatte, in welchen er nicht nur ſeine Fachwiſſenſchaft, ſondern auch ihre äußerlichen Handhaben hätte ſtudiren ſollen. Sie werden mir wenigſtens zugeben, ſagte er, daß der Herzog mich heute erwartet und daß ich alſo vorher keinen andern Schritt zu thun im Stande bin.. Ueberdieß, fiel Amalie ein, will es mir nicht gefallen daß Sie die Gewißheit einer Verbindung mit Ihrer Braut ſo leicht hinaus⸗ zuſchieben ſcheinen. Heinrich fühlte ſich durch dieſen unverdienten Vorwurf auf der empfindlichſten Seite angegriffen; er warf den Kopf in den Nacken und wollte eben eine Erwiderung geben, die vielleicht nur zu bitter ausgefallen wäre, als man die Treppe herauf Sporen klirren und eine Arie trällern hörte. Das iſt der Baron, ſagte der Expeditionsrath: er iſt, fuhr er zu Heinrich gewendet fort, Kammerjunker und Regierungsaſſeſſor, alſo, wiewohl er ſich nicht viel mit Geſchäften zu quälen pflegt, gewiſſermaßen mein Untergebener, der mich aber mit ſeiner Pro⸗ tection zu beehren die Gnade hat. Ein Bedienter riß die Thüre auf und hinter ihm trat der Gemeldete ein, ein junger hübſcher Mann im Reitkleide: Guten Morgen, guten Morgen! ſchon geſpeist? ich komme eben von meinem Spazierritt, und will nur in der Eile ſehen ob Sie noch am Leben ſind. Ach meine ſchöne Räthin, ich küſſe die Hand: waren Sie geſtern in der Komödie? nein, Sie gingen gewiß nicht hin, ich ſage Ihnen, Ihr guter Genius hat Sie abgehalten, denn, auf Chre, das Stück war epouvantable langweilig.— Nun folgten 54 einige Dutzend Couliſſenaneldoten, begleitet von einer Fülle leeren Converſationsſchwalls. Heinrich wunderte ſich über die Zungen⸗ geläufigkeit mit unſäglich vielen Worten Nichts zu ſagen, war aber gar nicht erbaut von der Welt, in die er eingetreten war. Er kannte ſie vom Hörenſagen, er wußte, daß der Adel eine ge⸗ ſellſchaftliche Stellung beſaß, die ihm ohne Rückſicht auf perſön⸗ liche Bedeutung und Fähigkeit erlaubte die bürgerlichen Kreiſe zu ſeinen Füßen hinabzudrücken, oder auch nach Belieben ſich in die⸗ ſelben einzuführen, ſo daß ſelbſt dieſer ernſte Beamte, dieſe un⸗ zugängliche Frau nicht den Muth in ſich fanden, einen faden Gecken, der übrigens gutmüthig ſchien, zurückzuweiſen, wenn er, der Subalterne, einmal die Gewogenheit haben wollte ihr Haus⸗ freund zu ſein. Er wußte, daß ihn hier eine Welt der Verhält⸗ 1 niſſe und Rückſichten umgab, die nicht ſo leicht zu bekämpfen waren; aber es widerte ihn an, dieſe Welt, an welcher er bisher fremd vorübergegangen war, nun in der Nähe zu ſehen und zu hören. Sie haben Beſuch? unterbrach ſich der Baron. Charmant! aber Sie haben mir ja den Herrn noch gar nicht vorgeſtellt! wollen Sie mir nicht die Chre erweiſen? Der Expeditionsrath übernahm dieſe Förmlichkeit, worauf ſich der Baron zu Amalien wandte: Wie, liebe Räthin, rief er: Sie haben eine Schweſter und ich weiß kein ſterbliches Wort davon? 3 Da ſehe man wieder die Verſchloſſenheit der Frauen! Iſt ſie ſchön? O gewiß! ſie müßte ja nicht Ihre Schweſter ſein! Kann man etwas für Sie thun? fragte er eifrig zu dem Gaſte gewendet: zählen Sie darauf, daß ich meinen ganzen Einfluß aufbieten 1 werde— Heinrich dankte und erwiderte, daß er dem Ziele ſeiner Hoff⸗ nungen ſchon ziemlich nahe zu ſtehen glaube. In der That, lieber Freund, nahm der Rath das Wort, ſtehen Sie ihm näher als Sie denken. Die Zeit iſt vorgerückt und Sie haben einen ziemlich weiten Weg vor ſich; verſäumen Sie, da es nun einmal ſein ſoll, die rechte Stunde nicht. 55 Wie ſo? rief der Baron: Sie reden ja in Räthſeln; wo wollen Sie denn unſern Freund hinſchicken? Er iſt zur Audienz auf die Solitude beſchieden, verſetzte der Nath, und wenn Sie es nicht ungnädig nehmen, ſo will ich ihn eine Strecke weit begleiten. Gott bewahre! rief der Baron lachend: Sie ſind ja Expe⸗ ditionsrath! expediren Sie ihn in Gottes Namen! Er empfahl ſich graziös und herablaſſend, und ſchwebte wie ein Zephyr von hinnen. Auch Heinrich brach jetzt mit ſeinen neuen Verwandten auf. Sie verließen die Stadt und gingen der weſtlichen Hügelkette zu, unter Geſprächen die unſrem Freunde unerfreulich waren. Er konnte das Mißbehagen über den Gönner, der ſich ihm aufgedrungen hatte, nicht verbergen, und mußte es dafür dulden, daß er angeſehen wurde wie einer der aus dem Mond gefallen iſt. Auch ſtörte es ihn, Bürgerliche hier mit kalter Gleichgiltigkeit von einer adeligen Bekanntſchaft reden zu hören, während ſie es doch nicht verhehlen konnten, daß ſie innerlich davon geſchmeichelt waren. Sie bogen von der Straße ab und ſchlugen einen Fußpfad ein. Als dieſer ſich zu heben begann, trennten ſich die Beiden von Heinrich, nachdem der Expeditionsrath ihm ſeinen Weg genau beſchrieben hatte. Bringen Sie gute Antwort zurück! rief Amalie zum Abſchied. Ja, und laſſen Sie ſich nicht irre machen, ſagte der Rath, indem er ſich noch einmal umwandte. Ihr Schickſal liegt jetzt in Ihrer Hand. Wenn Ihnen der Herzog nicht ſehr glänzende Aner⸗ bietungen macht— und das wird er ſchwerlich thun— ſo halten Sie ſich unverrückt auf der kirchlichen Straße und ſchlüpfen je eher je lieber wieder in den geiſtlichen Habit, ohne den Sie bei Ihren Hochwürden übel ankommen dürften. Heinrich verſprach das Beſte und eilte von ihnen loszukom⸗ men. Eirſt jetzt da er ſich allein in freier Luft ſah, war es ihm wieder friſch zu Muthe. Der Weg, den er ſich hatte weiſen laſſen, 56 führte erſt durch kahle Weinberge und ſpäter durch Buchenwälder, mit Eichen und immergrünen Tannen untermiſcht, auf moſigem Boden empor und oben gegen Nordweſten auf der Hochebene fort. Unſer Freund ſchritt rüſtig vorwärts. Nach einer Stunde ſahen ihn Gypsſtatuen zwiſchen den Bäumen an, der Jagdpark, neben deſſen langen Schranken der Weg hinlief, ging zu Ende, in einiger Entfernung ſchimmerte das Kreuz einer Kirche hervor, und dicht am Saume des Waldes traf er auf die zerſtreuten Gebäude der Solitude. 6. In magna legatum qugre popina. 8 Juvenal. * ——— Solch ein Mann hat mir Schon längſt gemangelt. Ihr ſeid gut und fröhlich, ——— Drum hab' ich Euch gewählt.— Geht, lieber Marquis, Ruhe meinem Herzen Und meinen Nächten Schlaf zurückzubringen, Schiller, Don Carlos. Mit der Erbauung dieſes Luſtorts hatte der Herzog anfangs nur ein leichtes Landhaus beabſichtigt, aber ſein raſtloſer, nach Vergrößerung und Erweiterung ſtrebender Sinn machte bald eine kleine Pfalz daraus, deren heiteres und behagliches Ausſehen freilich nichts von den Frohnen und andern harten Mitteln erzählte, durch welche es möglich geworden war, mit zauberhafter Schnellig⸗ keit die düſtre Einöde der fünf Eichen zu einem Tempel des Ver⸗ gnügens und der Pracht umzuwandeln. Um das Schloß herum ſtand eine Menge verſchiedener Gebäude, größere und kleinere Pavillons, darunter die Akademie, die ihre jungen Bewohner vor einigen Jahren nach Stuttgart entſandt hatte, ein Opernhaus, ein ſehr langer Marſtall und verlaſſene Caſernen für die Leibgarde des Herzogs. Heinrich ging auf das Schloß zu, betrat die Freitreppe die 58 an der Vorderſeite deſſelben emporführt, ergötzt e ſch an ſeiner leich ten freundlichen Bauart und ließ das Auge über die herrliche Aus⸗ ſicht hinſchweifen, die ſich von jener Stelle, in die Landſchaft eröffnet. Unwillkürlich flog es zuerſt nach Norden, obgleich er die Stätte ſeiner Wünſche und Hoffnungen nicht ſehen konnte. Weit ins Land hinein tauchte dann ſein Blick und glitt über Berge, Hügel und Ebenen hinweg: rechts, von Südweſten nach Oſten, zog ſich die Kette der ſchwäbiſchen Alp, ihre Felſen und Vormauern von weichen Lich⸗ tern umſpielt; die Landesfeſte Neufen trat vor allen ſcharf hervor, ſie thronte luftig in ſtolzer Ruhe und ihre Fenſter blitzten im Son⸗ nenſchein ſo nahe daß der Beobachter hineinſehen zu können meinte; links zog ſich der Stromberg nach Nordoſten und verſchmolz in der Ferne mit den blauen Conturen der fränkiſchen Gebirge. Der Platz war paſſend gewählt für einen ſtolzen Fürſten, um aus den Fenſtern des Schloſſes fremden Gäſten ſein ſchönes Land zu zeigen. Das tempelartige Corps de Logis lag am Rande des Hügels; von hier aus führte eine Straße in unſchöner, gerader Linie, ein Dorf entzweiſchneidend, über den Weg den Heinrich geſtern hergeritten war, nach Ludwigsburg, deſſen Thürme aus der Tieſe emporſtrebten. Dicht daneben ragte die Feſtung Hohenasberg in die Höhe, ſo daß er von hier oben in die Waͤlle hineinſchauen konnte; ſie blinkten heiter im Sonnenlicht, aber er ſah mit ernſten Blicken auf dieſes Denkmal von Gewaltherrſchaft und willkürlicher Grau⸗ ſamkeit, eine Grube die ſchon oft die Opfer des fürſtlichen Zorns, ungerichtet, den Landesgeſetzen zum Trotz, verſchlungen hatte. Hohenasberg, Hohenneufen und Hohentwiel— drei Zwingfeſten in einem ſo kleinen Fürſtenthum!— Ein Trompeterlied unterbrach den Fluß ſeiner Gedanken; es wurde lebendig auf dem Platze und Heinrich las lächelnd die In⸗ ſchrift die er über ſich erblickte: Tranquillitati sacrum voluit! eine Beſtimmung welcher das Schlößchen ſo untreu geworden war wie ſeinem Namen. Und doch war die rauſchendſte Zeit hier vorbei! Die lauten Feſte, die Pracht des Hofes, das glänzende Gewimmel 59 der Fremden, alles war verklungen und verſchwunden, und die Solitude konnte jetzt wenigſtens mit größerem Recht ſo heißen als früher: ſie war keine Stätte jubelnder Bacchanalien mehr, ſie war nur noch eine belebte Einſamkeit. Die Thure nach der Treppe öffnete ſich, ein Hofbedienter, in Roth und Blau gekleidet, trat heraus und ziemlich barſch auf unſern Helden zu; als er ihn aber in der Nähe betrachtete, ſagte er ſehr höflich: Ah, Sie ſind wahrſcheinlich Herr Roller? Der bin ich. Und Sie? Ich bin der Kammertürke Seiner Durchlaucht. Für einen Türken, ſagte Heinrich lächelnd, reden Sie ſchon recht fertig deutſch. 3 Ich bin auch ein geborner Stuttgarter, verſetzte der Türke:— der Herr iſt jetzo ausgeritten; ſo wie er zurückkommt werden Sie gerufen werden. Iſt es Ihnen indeſſen gefällig das Schloß zu betrachten? Wenn Heinrich die Meteorologie der Höfe gekannt hätte, ſo würde er aus dieſem Empfang abgenommen haben daß für ihn gutes Wetter im Anzug ſei. Er folgte dem Kammertürken und beſchaute den Saal, die Kabinette mit ihren tauſend Bequemlich⸗ keiten, mit den Polſtern und Vorhängen von himmelblauer Seide, die der ganzen Umgebung einen Schein von feierlicher Heiterkeit gab, und beſtieg die Kuppel, wo er die Ausſicht noch reicher und ununterbrochener genoß. Hierauf zeigte ihm der chriſtliche Muſelmann den berühmten Lorbeerſaal mit den Deckenſtücken des gefeierten Malers Guibal, und ſchloß ihm zuletzt den Garten auf, wo er ihn allein ließ, nachdem er ihm zu verſtehen gegeben hatte daß dieß eine ganz beſondere Vergünſtigung ſei. Heinrich wan⸗ delte gleichgiltig in dem noch lebloſen Raum umher, die Gewächs⸗ häuſer mit ihren botaniſchen Seltenheiten zogen ihn wenig an, die verſchnittenen Taxushecken ſahen komiſch ſteif aus und erinner⸗ ten ihn an die Soldaten in ihren abgetragenen Zwangsjacken, und die Decorationen kamen ihm ebenfalls langweilig vor. Er 60 verließ den Garten und ging in der Allee auf und ab; da erblickte — er, zwiſchen den Bäumen durchſchauend, eine Reiterſtatue, die goldglänzend vor ihm emporſtieg. An dem unbekümmerten Antlitz, der ſtracken Haltung erkannte er ſogleich den Herzog, der ſehr gut getroffen war: gerade ſo hatte er geſtern, den Arm in die Seite geſtemmt, vor ihm gehalten, ſo hatte er ihn angeblickt als er fragte: Wofür hält Er mich?— Heinrich blieb lange vor dem Kunſtwerk ſtehen und betrachtete nachdenklich die Züge des merkwürdigen Für⸗ ſten, mit welchem ihn ein unerwartetes und noch ungewiſſes Schick⸗ ſal— aber heimlich mit ſeinen innerſten Wünſchen übereinſtim⸗ mend— vielleicht auf lange Zeit verbinden ſollte. Unverſehens klopfte ihn eine Hand auf die Schulter: Wor⸗ über denkt Er nach? fragte der Herzog, der in ſeinem grünen Röckchen von geſtern hinter ihm ſtand. Heinrich wandte ſich ſchnell um und machte eine ziemlich ver⸗ legene Verbeugung. Da treff' ich ja zwei Statuen neben einander, ſagte der Herzog. Geſteh' Er mir offen: auf welchem Gedanken hab' ich Ihn ertappt? Unſer junger Freund war noch voll von den Eindrücken die er in der Kirche zu Illingen empfangen hatte, und die uner⸗ wartete Erſcheinung des Fürſten trug dazu bei, die trunkene Stim⸗ mung in der er ſich befand zu ſteigern. Er verbeugte ſich tief: Da Ew. Durchlaucht mir zu reden befehlen— erwiderte er frei⸗ müthig, indem er auf die Statue zeigte— ſo will ich meinen Gedanken ſagen. Dieſes gebietende Angeſicht kommt mir noch viel edler vor, ſeit ich ein Bekenntniß darauf leſe, das den Für⸗ ſten mit dem geringſten ſeiner Unterthanen auf Eine Linie ſtellt, ohne ihn doch herabzuwürdigen. Und welches? fragte der Herzog. Das Bekenntniß menſchlicher Unvollkommenheit. Ueberraſcht von dieſer unerhörten Sprache, warf Karl einen ſcharfen Blick auf ihn; da er aber in dem laelenvoſlen Auge des 61 Jünglings die reinſte, hingebendſte Treuherzigkeit las, ſo ſagte er freundlich: Er hat Recht! Er hat ganz Recht! Wir Geſalbten dieſer Erde können ein ſolches Bekenntniß nicht oft und demüthig genug wiederholen, denn auf der Schneelinie der Menſchheit, wo wir ſtehen, weht eine feinere, difficilere Luft, und doch haben wir die⸗ ſelben ſchwachen Organe dafür wie die Leutchen im Thal.— Gehn wir ein wenig auf und ab!— Ja, was ich ſagen wollte, Wir Fürſten müſſen die Nachſicht des Menſchenkenners mehr in An⸗ ſpruch nehmen als irgend ein andrer Menſch. Was meint Er? Ew. Durchlaucht haben ein ſchönes Wort geredet, verſetzte Heinrich, der ſich bei all ſeinem Enthuſiasmus doch weislich immer einen Schritt hinter dem Herzog hielt: es iſt eine ſchwere und gefährliche Aufgabe, den Donnerkeil Jupiters in der Hand zu halten ohne dabei über das gemeine Loos der menſchlichen Natur erhaben zu ſein, und doch! gibt es etwas Größeres, etwas das den ſterblichen Erdengott dem himmliſchen näher rücken könnte, als wenn er die Macht, vor welcher ihm ſelbſt oft bang werden muß, nicht zum eigenen Genuß anwendet, ſondern zum Wohle derer für die ſie ihm gegeben iſt? Brav! rief der Herzog: weiter! Er wollte noch etwas ſagen! Darf ich noch Eines hinzufügen, gnädigſter Herr? mich däucht, dasjenige wodurch dieſe Aufgabe ſo ſchwer wird mache ſie zugleich wieder einestheils leichter, nämlich der Abſtand, die Schneelinie, um mich dieſes Wortes zu bedienen. Ein leichtes Lächeln eines Fürſten wiegt hundertmal mehr als ein gewöhnliches Menſchen⸗ antlitz mit dem vollſten Ausdruck des Wohlwollens, und das frohe Volk im Thale, das dem Loos der menſchlichen Schwachheit doppelt in dieſem Zuſtand unterworfen iſt, dankt nicht blos für den warmen Regen der ſeine Fluren befruchtet, es weiß auch daß er anſtatt des Blitzes gekommen iſt, der drohend in den Wolken hing. O! rief der junge Mann mit überſtrömendem Gefühl: es muß ein göttliches Vergnügen ſein der Vater eines glücklichen Volkes zu heißen, Die ſchwerſte Pflicht wird leicht, wenn ſie herzlich ausge⸗ 62 übt und von treuen, wohlverſtehenden Herzen aufgenommen wird: in dieſem Sinne, durchlauchtigſter Herr, erlauben Sie mir, als Einzelner die frohen Geſinnungen Ihrer Unterthanen bei Ew. Durchlaucht Geburtsfeſt auszuſprechen! Der Herzog blieb ſtehen und wandte ſich raſch zu ihm herum, indem er eine ſchnellende Handbewegung machte: Mein lieber Magiſter, verſetzte er mit wohlwollendem Spott, man ſieht's Euch wohl an daß Ihr noch auf keinem Thron geſeſſen ſeid. Das liebe Volk! wer es kennt denkt anders von ihm! Ich ſehe nur undank⸗ bare Kinder die ewig über die Ruthe ſchreien, und mit keinem Biſſen zufrieden ſind, den ihnen der Vater mit ſaurer Mühe zu⸗ getragen hat. Seh' Er um ſich! rief Karl mit ſtolzer Stimme: Er kann nach keiner Seite in mein Land blicken wo Er nicht Er⸗ weiterungen und Vergrößerungen antrifft! ich habe zwanzig Herr⸗ ſchaften angekauft und wirtenbergiſch gemacht, und gedenke es mit Gott vor meinem Abſterben noch höher zu bringen, und daſſelbe Land das ich vermehrt und nach beſtem Wiſſen und Willen in Aufnahme gebracht habe, klagt mich durch die Landſchaft der Ver⸗ ſchwendung an und will durch mich ruinirt worden ſein. Sieht Er, mein Freund, das iſt der Dank des Volks! Freilich kann man nicht läugnen, verſetzte Heinrich, daß eine Verfaſſung den Planen eines wohlgeſinnten und kräftigen Regenten oft mehr Hinderniß als Förderung darbietet, aber— Und vollends, unterbrach ihn der Herzog heftig, eine ſolche wie die unſrige! die ſtatt das Beſte des Landes zu wahren äuf ſeine Koſten eine parlämentariſche Dynaſtie heranzieht! eine Kaſte voll Eigennutz und Vorurtheil, weniger fürs Land bedacht als der eigenſüchtigſte Tyrann! Ein Fürſt ſteht anders da, ſein Intereſſe geht mit dem des Landes Hand in Hand, das wird er bald genug fühlen; aber bei dieſen Menſchen iſt es umgekehrt! ſie haben eine widernatürliche Stellung, und nur durch widernatürliche Mittel können ſie ſich erhalten! Da muß widerſprochen werden um jeden Preis, gemarktet muß um jeden Groſchen werden, Beſchränkung 63 des Fürſten, das iſt das einzige Regiſter aus dem ſie ihre ſtyliſti⸗ ſchen Bravourarien aborgeln! Wie die Themis trägt ihre Weisheit eine Binde vor den Augen— freilich aber nicht zu demſelben Zweck, denn ihre Vettern, die ſie pouſſiren wollen, kennen ſie inſtinktartig am Geruch!— nein, aber den Handlungen, den Abſichten des Regen⸗ ten verſchließen ſie jedes Sehorgan, verſagen ſie jede prüfende Ge⸗ rechtigkeit! verderblich oder ſegensreich, allem wird derſelbe Wider⸗ ſtand entgegengeſetzt, jeder Schritt ſtreitig gemacht, mit blödſinnigem Mißtrauen, wie es dem Ununterrichteten ſcheinen muß, aber in der That mit wohlberechneter Politik! denn das iſt die Art wie dieſe Bonzen und Paſcha's von ſo und ſo viel Gänſekielen ſich am Ruder halten. Und das Land, deſſen Deputirte ſie ſich ſchelten laſſen! und die Wahlfreiheit! Ja, dafür iſt ſeit Jahrhunderten geſorgt! Er that einige Schritte, dann wandte er ſich mit fragendem Blick zu ſeinem Begleiter herum. Darf ich es wagen, Ew. Durch⸗ laucht, ſagte dieſer, meine Anſicht von Verfaſſung überhaupt aus einander zu ſetzen? Verfaſſung iſt todter Buchſtabe, der ſeinen Werth nur durch die Interpretation erhalten kann. Die freiſin⸗ nigſte Verfaſſung iſt eine nutzloſe Hieroglyphe für ein Volk das zur Freiheit nicht reif oder ihrer verluſtig gegangen iſt. Und die ſchlechteſte iſt gut genug für Männer! Seit Jahrhunderten haben ſich die Wirtenberger dieſes Namens nicht unwerth gezeigt, wenn auch zu wünſchen iſt daß unſre politiſche Bildung einen kräftigeren Aufſchwung nehmen möchte. Nur in der Bildung iſt Freiheit, nur über Freie zu herrſchen iſt königlich, und könnte ſich, gnädigſter Herr, für einen deutſchen Fürſten der mit ſeiner Ver⸗ faſſung grollt eine würdigere Aufgabe finden, als daß er ſein Volk über dieſe Scheidewand hinweg in die Arme nimmt, ſeine Erzie⸗ hung, ſeine Bildung vorbereitet und es leiſe der Mündigkeit und dem Genuſſe ſeiner Rechte entgegenführt? Bildung! Erziehung! rief der Herzog, das Stichwort raſch auffaſſend: ja, das iſt's! Ich ſag' Ihm, Er iſt auf dem rechten ———— 64 Wege! Erziehung iſt das Mittel, und bei der Jugend muß man anfangen, die Alten taugen nichts mehr, die ſind verdorben. Wollen ſie mir ja doch ſogar meine Afademie mißgönnen! Er⸗ ziehung, und Erziehung der Jugend— das macht mich zum Vater meines Volks. In jeden Menſchen iſt ein Keim gelegt, der gleich einer Pflanze der weitern Bearbeitung überlaſſen bleibt. Eltern, Verwandte, Freunde ſind ſelten zu dieſer geſchickt; ein Fremder iſt immer ein Miethling. Glück, Unglück, Gelegenheit, oft Zu⸗ fälle entſcheiden. Der Glückliche find't Wege, der Unglückliche irrt meiſtens. Mangel an Willen, Ungewißheit, das iſt der Irr⸗ weg, edle Standhaftigkeit iſt der ſichere Leitfaden. Es iſt nicht wohl möglich dem Großen ſtandhaft entgegenzugehen, wenn nicht gute Erziehung den Weg dazu gebahnet hat. Dieß war der Anfang einer ziemlich langen Stegreifsrede, die dem Herzog mit leichter Beredſamkeit über die Lippen floß. Er wurde nicht müde ſeinen Satz mit den verſchiedenſten Wen⸗ dungen auszuführen, und als er geendet hatte zog er die Schreib⸗ tafel hervor und notirte ſich einige Hauptgedanken. Heinrich ſah verwundert zu; er wußte nicht daß der denkeifrige Fürſt ſich wa⸗ chend und ſchlafend mit ſeiner Akademie beſchäftigte, auch wohl gelegentlich zu den Reden die er bei den öffentlichen Prüfungen hielt auf ſolche Weiſe ſeine Ideen concipirte. Ja, wenn er ge⸗ ahnt hätte daß er manches der hier geſprochenen Worte noch in dem vom Herzog mit Beiträgen beglückten„Schwäbiſchen Maga⸗ zin“ leſen würde, er wäre ſtolz auf ſeinen Hebammendienſt bei dem fürſtlichen Autor geweſen. Nun, da wir gerade von der Erziehung ſprechen, fuhr der Herzog gnädig lächelnd fort, indem er die Schreibtafel einſteckte,— ſo erzähl' Er mir etwas von der Seinigen; zieh' Er die Summe davon und taxir' Er ſich ſelbſt, damit ich weiß was ich mit einem ſolchen Hyperboreer anfangen ſoll. Heinrich mußte ſich entſchließen, die Antworten die er dem Herzog ſchon geſtern gegeben, noch einmal weitläufiger zu wieder⸗ 86 1 65 holen. Hierauf erkundigte ſich derſelbe nach den Lebensplanen womit der junge Mann ſich bis jetzt beſchäftigt, und dieſer fand hier Gelegenheit auf eine zarte Weiſe ſeiner Braut zu erwähnen, die ihm eine dauernde Verſorgung jetzt wünſchenswerth und noth⸗ wendig mache. Alles gut und recht! nahm zuletzt der Herzog das Wort: aber ſieht Er, an Einem fehlt's euch Herren Stiftlern ſamt und ſonders. Ihr ſeid unpraktiſche Köpfe, und das kann ich euch freilich nicht verargen, denn ihr erfahrt zu wenig von der Welt. Die Erzie⸗ hung muß immer neben der Welt, mitten in der Welt ſtattfinden. Zum Exempel, wie alt iſt Er jetzt? Vierundzwanzig, Ew. Durchlaucht. Sieht Er, in dieſem Alter⸗ hatt' ich ſchon acht Jahre lang regiert. Gelt, das klingt doch anders? War aber auch nicht praktiſch, dachte Heinrich bei ſich. Er verſicherte den Herzog ſeines aufrichtigen Eifers das Verſäumte auf jede Weiſe nachzuholen, um ſich des Vertrauens Sr. Durch⸗ laucht würdig zu machen. Da können wir ja gleich eine Probe anſtellen, die wenig Praxis verlangt, ſagte der Herzog. Kennt Er den Schubart?— ich meine literariſch— was hält Er von ihm? Ich kann, verſetzte Heinrich, dem feurigen Schwung ſeiner Muſe meine Bewunderung nicht verſagen, aber er beleidigt mich vielfach dabei— mit Einem Wort, es fehlt ihm an durchgreifender Bildung. Nun, ſieht Er? rief der Herzog lebhaft: da kommen wir ſchon wieder auf das Thema von der Erziehung! Allerdings fehlt es ihm daran, und zwar in mehr als Einem Sinn: er iſt ein un⸗ bändiger Menſch, der weder feine Sitten kennt noch Politik, und doch will er die letztere zu ſeinem Metier machen. Dieſer ver⸗ maledeite Journaliſt, der kein gekröntes Haupt zu ſchonen weiß, wird ſich noch um den Hals reden— ich ſag' Ihm, er hat's auf der Nadel! nicht bei mir, obwohl er auch gegen miich ſich ſchon Schiller's Heimathjahre. I. 5 66 verſündigt hat. Ich mein' es aber gut mit ihm, und darum will ich ihn verwarnen laſſen. Zu dieſem Zwecke hab' ich an Ihn gedacht, mein lieber Roller! Er hat ein heitres treuherziges Be⸗ nehmen, das die Leute anſprechen muß; gegen Ihn kann man kein Arg haben. Reiſ' Er nach Ulm, ſuch' Er den Schubart ganz gelegentlich zu treffen und geb' Er ihm eins und das andre zu verſtehen, nicht in meinem Namen, hört Er wohl? ſondern als ein wohlmeinender Freund, der übrigens unterrichtet iſt und die Sachen von der Quelle hat. Sag' Er ihm, er ſolle in Zukunft vorſichtig nach Oſten blicken wenn er ſchreibt, er ſolle Sourdinen aufſetzen, er könne es nicht mehr lang ſo treiben, es ſei eine große Frage ob ihn die Ulmer gegen gewiſſe Anfechtungen ſchützen könnten— Ahl rief Heinrich etwas vorlaut: die Jeſuiten— Still! laſſ' Er mich reden! Ich habe ſchon längſt ein Auge auf den Mann gehabt; es wäre Schade wenn ein ſo guter Kopf zu Grunde ginge. Aber er muß ſich beſſern, ſich cultiviren, und dazu will ich ihm Gelegenheit geben. Ich gehe eben damit um, ein deutſches Theater zu errichten; wenn er in ſich ſchlägt, ſo bin ich geneigt ihn zum Director und Theaterdichter zu machen. Das braucht Er ihm aber nicht auf die Naſe zu binden, verſteht Er? ſondern Er läßt ihm nur von fern ein Vögelein davon ſingen. Ich würde mich freuen den Mann gerettet zu haben: wenn er bei mir iſt ſo kann ich ihn ſchützen und will ihn ſchützen. Ein zweites und mächtigeres Weimar tauchte vor den Augen unſres entzückten Neulings auf, ein philoſophiſcher Staat, in wel⸗ chen ſich Talent und Freiheit aus ganz Deutſchland flüchten und, ihrer Auswüchſe beraubt, der Kunſt, der Wiſſenſchaft, dem Leben eine neue, glänzende Entfaltung bringen ſollten. Wie ſtolz, rief 4½ er, macht mich Ihr Vertrauen, durchlauchtigſter Herr! die ſchleu⸗ nigſte Eile— 2. Nichts da! unterbrach ihn der Herzog: gerade umgekehrt! Er macht eine kleine Luſtreiſe von ſechs bis acht Tagen, beſucht einige— 67 Gegenden, daß Er davon reden kann— wohlverſtanden?— und berührt bei dieſer Gelegenheit Ulm. Kann Er reiten? Wie ein unpraktiſcher Kopf, Ew. Durchlaucht. Ja ſo, rief der Herzog lachend, ich habe ja geſtern Seinen ritterlichen Heroism bewundert. Ich will Ihm ein altes zahmes Thier geben, mit dem Er einen frommen Ritt machen kann.— Mallſchütz! rief er dem in einiger Entfernung wartenden Kammer⸗ türken zu: beſorge ſogleich daß in Stuttgart dem jungen Manne hier der Muſtapha auf einige Tage überantwortet wird; der alte Klepper ſoll noch einmal ſpazieren traben. Der Diener zeigte ein verwundertes Geſicht und eilte hinweg. „wandte ſich der Her⸗ inem Belieben. Nun Morgen früh kann Er das Pferd haben zog zu Heinrich. Das Uebrige ſteht in Se adien, glückliche Reiſe! Er reichte ihm die H lem Herzen ſeinem Fürſt and und der Jüngling brachte aus vol⸗ en die übliche Huldigung dar. 7. Durch alte Städte thät ich wallen und ſah die hohen Münſter an. Uhland. Die Dunkelheit war ſchon ſtark hereingebrochen, als Hein⸗ rich von dem Herzog entlaſſen wurde. Er wählte die Fahrſtraße zum Rückweg, mit elaſtiſchen Schritten trug ihn ſein Fuß hinab. 3 Dichte Wolkenſtreifen zogen ſchwer und ſchwarz über den Himmel; wenn ſie maſſenhafter geweſen wären, hätte man glauben können, . es bilde ſich, im Widerſpruch mit der Jahreszeit, ein Gewitter, von Zeit zu Zeit brach der Mond, der mit ihnen kämpfte, durch den dünneren Rand hervor und goß ein zauberhaftes Licht auf den breiten Weg und leuchtete tief in den blätterloſen Buchen⸗ wald hinein. In der Seele des Wanderers war es freuden⸗ heell und er eilte getroſt durch die Schatten der Nacht hindurch. Als er nach Stuttgart kam, fand er noch alle Fenſter im Adler erleuchtet, der Wirth kam ihm an der Treppe entgegen und rief: Guten Abend, guten Abend! iſt alles glücklich abgelaufen? haben Sie die Pfarrei bekommen? ja, ja, ich gratulirel ich leſe die Antwort ſchon auf Ihrem vergnügten Geſicht! kommen Sie nur, △ es iſt noch Geſellſchaft da, die luftigen Vögel von geſtern Abend ſitzen noch alle beiſſammen!— Heinrich hatte Mühe ſich von ihm loszumachen, er lehnte die Einladung ab und ließ ſich Erfriſchungen aufs Zimmer bringen; dann beſtellte er Papier und Schreibzeug 69 und ſchrieb tief in die Nacht hinein einen langen Brief an Lott⸗ chen, worin gar hohe Dinge und geheimnißvolle Andeutungen confus durch einander liefen. Er erinnerte ſie an alte Märchen wo die einfache in unſcheinbarer Stille erzogene Unſchuld plötzlich zu den höchſten Ehren gelangt, und wiederholte mehrmals daß es keine weltliche Würde gebe die ihrem innern Werthe gleichkommen könnte, Wendungen welche vielleicht dazu dienen ſollten den Vater auf gewiſſe Ereigniſſe vorzubereiten, die ihm zu weit über ſeine Erwartungen hinaus gehen mochten, als daß ſie ihm willkommen ſein konnten. Ein friſcher wenn gleich nicht ganz heiterer Morgen begrüßte unſern Freund, als er das Gaſthaus verließ um in Muſtapha's Geſellſchaft ſeine Reiſe anzutretén, die er, der Vorſchrift des Her⸗ zogs gemäß, auf Umwegen auszuführen geſonnen war. Der ſanfte Schritt des alten Pferdes ſtellte dieſelbe in einen behaglichen Gegenſatz zu dem Ritt nach Stuttgart, und Nachmittags trabte der Reiter fröhlich durch die Luſtnauer Pappelallee in Tübingen ein, wo er ſichs, nachdem er ſein Pferd untergebracht hatte, zuerſt ange⸗ legen ſein ließ, ein Kneipchen aufzuſuchen, das ihm freundliche Erinnerungen hinterlaſſen hatte. Von dort aus gedachte er ins „Stift“ zu ſenden und ſeinen Freund Matthäus von ſeiner An⸗ weſenheit benachrichtigen zu laſſen, den einzigen ſeiner näheren Bekannten den er noch in Tübingen zu finden hoffen konnte, einen alten Magiſter in den Dreißigen, der das Stipendium ſchon längſt verlaſſen hatte und von einem Vicariat zum andern herumge⸗ zogen, zuletzt aber, als er gerade keine Unterkunft finden konnte, nach alter löblicher Sitte in den Freihafen der Anſtalt zurückge⸗ kehrt war, wo er unſern jungen Freund als Stubengenoſſen kennen lernte und die Seniorenrechte väterlich gegen ihn geltend machte. Da derſelbe als Gaſt und Ehrenbürger den Hausgeſetzen nicht mehr ſo ſtreng unterworfen war, ſo konnte ihn Heinrich für den ganzen Abend in Beſchlag nehmen. Eben wollte er, den Mühl⸗ weg heruntergekommen, um die Ecke biegen, als ihm in ſchwarzer 70 Kutte eine große breitſchultrige Geſtalt mit gebietenden, faſt wilden Zügen in den Weg trat: es war niemand andres als der Geſuchte, der einen Spaziergang vors Neckarthor zu beabſichtigen ſchien. Ehrwürdiger Senior, ſei mir gegrüßt! rief ihn Heinrich an. Guten Tag, Fuchs, wo kommſt her? verſetzte Matthäus mit ſo wenig Ueberraſchung als ob ſie ſich noch vor einer Stunde auf ihrer Stube Eisleben im Stift geſehen hätten. Unſer Freund, der ſeine Weiſe kannte, ließ ſich durch dieſen ſcheinbar gleichgil⸗ tigen Empfang nicht aus der Faſſung bringen. Wo wollen wir hinſtreben? fuhr der Senior in ruhigem Ge⸗ ſchäftstone fort, indem er unter dem Ziel dieſes fraglichen Strebens ein Wirthhaus verſtand: gehn wir zur Frau? ſie iſt am nächſten. Zu ihr wollt' ich dich citiren. 7 Nun denn, vorwärts! Sie traten in das Haus, unſer Freund begrüßte die„Frau“, wie man ſie lakoniſch betitelte, und wurde als alter Stammgaſt mit gemüthlicher Anhänglichkeit aufgenommen, aber auch, wie dergleichen oft geſchieht, mitten in der erſten Freude mit der Nach⸗ richt vom Tode eines hoffnungsvollen, eben erſt der gelehrten Welt bekannt gewordenen Studiengenoſſen überraſcht. 3 Ach Gott! und was ſagen denn Sie dazu? rief ſie. braver ſolider junger Mann! was nicht gar oft vorkommt. betrübt ſein! Ich kann ihn indem ſie die Augen trocknete So ein Der iſt eben zu fleißig geweſen, Wie wird der Herr Lavater darüber noch vor mir ſehen, fuhr ſie fort, „ wie er oft ſo tiefſinnig am Tiſche ſaß, und wenn er wieder luſtig wurde und ſein Lied ſang— kann ich mich doch nicht darauf beſinnen, wie hieß es nur? Catone, Catone Bezwingt der Liebe Macht! recitirte Heinrich lächelnd. Genug jetzt von dem Todten! rief Matthäus, der ſich indeſſen in die Fenſterecke vor den Tiſch gepflanzt hatte: Frau, eine Flaſche ganz Guten! Setz' dich, Fuchs! jetzt erzähl, was biſt, was haſt 71 vor? Siehſt ja hölliſch leichtfertig und weltmänniſch aus in deiner Pekeſche, du aus der Kutte gekrochener Schmetterling! Ich ver⸗ miſſe zum Cavalier nur noch die Treſſen auf dem Hut, und, ſchier hätt' ich geſagt, Und einen Klunker dran, Und einen Rock von Drap d'argent Und alles ſo nach advenant. Da ſiehſt du daß ich noch in meinen alten Tagen beim Asmus franzöſiſch gelernt habe. Eine gute Schule! verſetzte Heinrich, welcher lachen mußte. Doch erſt deine Geſundheit! Er griff nach dem Glaſe und ſtieß mit dem Freunde an, deſſen neugierige Fragen er hierauf mit allerlei Spiegelfechtereien beantwortete, indem er vorgab, er ſei als Leibrieſe eines fremden Potentaten bei dieſem ſchönen Wetter ins Gebirg geſchickt, um dem Frühling entgegen zu reiten. Immer noch der alte Hansdampf! ſagte Matthäus trocken: eine Frühlingsreiſe, während der Winter wieder kommt. Bitt' dich! Ja, ſieh nur was der Himmel ein Profeſſorsgeſicht ſchneidet; er hat nichts Gutes vor. Bleib' du ein paar Tage hier ſitzen, die Frau hat einen koſtbaren Roswaager eingethan, der morgen angeſtochen wird— Roswaager? rief Heinrich: dem ſollt' ichs freilich zu Liebe thunl er iſt jetzt ein halber Landsmann von mir. Wie das? Heinrich gab keine directe Antwort, ſondern kramte ſtatiſtiſch⸗ geographiſche Notizen aus, worin ſich mehrmals die Andeutung wiederholte, daß die beiden Nachbardörfer Roswaag und Illingen Gewächſe liefern, die zu den edelſten im Lande gehören. Dann brach er ab und wandte ſich an den Freund: Nun berichte du mir, Matthäus, was du im Schilde führſt. Wie lang willſt du noch auf deinen Lorbeern ruhen, darüber nachſinnen die Menſch⸗ heit zu ihrem urſprünglichen Naturzuſtande zurückzuführen, und 72 indeſſen den Anfang damit machen daß du deinen Füchſen die Biederkeit und edle Barbarei unſrer Vorfahren beibringſt? Ich bin dieſer Lebensart ſatt, verſetzte jener: es iſt ein trau⸗ riges Phänomen um ſo einen alten Stupendiaten; ich habe nach⸗ gerade drei Decennien auf dem Rücken und ſtehe in einer Epoche wo der große Alexander mit gutem Gewiſſen ſterben konnte. Nun lüſtets mich zwar nicht die ganze weite Welt zu erobern, aber eine kleine Welt möcht' ich mir doch ſchaffen, die ich nach meiner Pfeife tanzen laſſen könnte. Und dazu hab' ich nun einen Plan gefaßt: im Schwarzwald gibts manche abgelegene Pfarreien, die zum Theil ſchlecht dotirt, zum Theil ſo ein daß auch dem ärmſten Schlucker nicht der Mund darna unter dieſen will ich mir die paſſabelſte ausſuchen— du weißt ich bin nicht verwöhnt! Das Conſiſtorium gibt mir ſie von Herzen gern, und dann hab' ich einen Winkel wo kein Hahn nach mir kräht und wo ich meinen Grillen nach Herzensluſt den Lauf laſſen kann. Freilich, und den Rouſſeau einführen, und mit den Zigeunern leben, und deine Bauern zu Wi ſchon ſind, und deine Kinder— da ad modum Emilii erziehen! Ich will es nicht leugnen, tikel auch in meiner Rechnung möchte ein eigen Haus haben, Wir Kleinen müſſen uns doch m der Erde zu geringfügig iſt. 4 So plauderten und tranken ſie, Freundſchaft, die das Wiederſehen nach nung für die beſte Würze der Unte nahm ſich zwar zuſammen um nicht als ihm bereits widerfahren war; doch dern daß ihm im Laufe des fröhlich zu ch wäſſert; rauf reflectirſt du doch?— ganz verſetzte Matthäus, daß dieſer Ar⸗ ſteht: ich bin ein alter Menſch und wenns auch nur eine Baracke iſt. it dem begnügen, was den Herren mit jener Genügſamkeit der längerer oder kürzerer Tren⸗ rhaltung nimmt. Heinrich noch mehr herauszuplatzen konnte er es nicht verhin⸗ gebrachten Abends Andeu⸗ ſam und traurig ſind, lden machen, wenn ſie's nicht 73 tungen entſchlüpften, worunter ſeinem Freunde wenigſtens Eine ſo deutlich war daß er anfing zu ſingen: Catone, Catone Bezwingt der Liebe Macht! Ziemlich ſpät ſuchte Heinrich ſeinen Gaſthof, Matthäus be⸗ gleitete ihn und blieb, ſeine Seniorenfreiheit über die Gebür benützend, in ſeiner Geſellſchaft, nachdem auch dort noch eine Flaſche auf das gemeinſame Zimmer gebracht worden war, ein magiſterliches Uebermaß bei welchem der Herzog nicht Augenzeuge hätte ſein dürfen. Den nächſten Tag konnte unſer Held nicht in der Frühe ab⸗ reiſen, einmal weil er ſehr ſpät aufſtand, und dann weil die „Frau“ ihm zu Ehren ſchon Vormittags ihren Roswaager anzu⸗ ſtechen ſich anheiſchig gemacht hatte. Es war, wie Matthäus ſich ausdrückte, der einzige Wein in allen Univerſitätskellern, den man würdig nennen durfte den Valetbecher zu röthen. Dieſer Valet⸗ trunk wurde ziemlich langwierig, und der Wein rechtfertigte das Prädicat das Matthäus einem ſchwäbiſchen Sprichwort entnahm: er war zäh und zwar deswegen weil er ſich nicht abbrechen ließ. Nachdem ſich die beiden Freunde zum letzten und aber letzten Mal geletzt hatten, ſuchte Heinrich den Muſtapha auf und ritt zum Neckarthor hinaus, Matthäus aber kehrte ins„Stupendium,“ wie er es nannte, zurück, wo den ehrwürdigen Veteranen ſeine drei Decennien nicht vor drei Noten ſchützten, die ihm ob abnocta- tionem coenamque et prandium neglecta ſogleich angeſagt wur⸗ den. Es iſt, wie wir ſehen werden, nicht das einzige Opfer welches ihm das Schickſal für ſeinen Freund auferlegt hat: in Lagen wo ein treues Herz vonnöthen iſt werden wir ihm wieder begegnen. Heinrich entblößte, als er in der friſchen Luft durch die Ebene ritt, das Haupt, um die Folgen von dieſem Rückfall ins alte akademiſche Treiben verwehen zu laſſen, der ihm doch für ſeine jetzige und künftige Stellung in der Welt nicht ganz zu paſſen K 74 ſchien. Auf der Höhe des Burgholzes angelangt, ſah er die Alp vor ſich liegen, an deren Fuße ſich zwiſchen zwei einzelnen als Wachtpoſten vorgeſchobenen Bergen die alte Reichsſtadt Reutlingen entfaltete; denn dieſe war es die er ſich als Ziel ſeines heutigen Reiſeabſchnitts vorgeſetzt hatte, indem er bei der einladenden Gelegenheit einer Irrfahrt, wie ſie ihm auferlegt war, den Bür⸗ germeiſter von Reutlingen, deſſen ſchlichte Treuherzigkeit ſich in ſein Herz eingeprägt hatte, heimſuchen wollte. Er gönnte ſeinem Roſſe Zeit und ließ den Blick auf den Bergen verweilen, welchen er langſam entgegen ritt, das ſtrenge, ernſte Bild der Gegend in ſich aufnehmend. Der Abend brach an, als Muſtapha's Huf die über einen Waſſergraben zum Thor führende Brücke betrat. Das Alterthum, ſah er, waltete hinter dieſen hohen Stadtmauern noch in ſeiner ganzen Macht, denn mit dem Sinken des Tages wurden ſchon Anſtalten getroffen das Thor zu ſchließen. Der Fremde, denn hier war er ein Ausländer, kam noch glücklich hinein und wandte ſich an den Thorwärtel, der ihn verwundert und mißtrauiſch be⸗ trachtete, mit der Frage nach einem guten Wirthshaus und nach der Wohnung des Herrn Bürgermeiſters. Welchen meint Ihr? den Amtsburgemeiſter? Gibt es denn ihrer mehrere? 8 freilich, wir haben noch zwei, und einen Viceburgemeiſter obendrein. Heinrich war in Verlegenheit; da er den Namen ſeines Freun⸗ des nicht wußte, verſuchte er eine Perſonalbeſchreibung zu geben und begann: Ich weiß ihn faſt nicht anders zu bezeichnen als daß er eine ziemlich große Naſe hat. Das haben ſie alle, verſetzte der Wächter. Dann iſt guter Rath theuer. . Was wollt Ihr denn von ihm? Rein gar nichts, mein Freund, als ihn beſuchen. 75 Wie könnt Ihr ihn denn beſuchen wenn Ihr ihn nicht einmal kennt? Unſer reizbarer Freund war über dieſe Fragen ärgerlich und wollte eben aufbrauſen; er beſann ſich aber noch zu rechter Zeit daß er die republicaniſche Freiheit nicht gleich beim Eintreten vor den Kopf ſtoßen dürfe. In Stuttgart, erwiderte er, hab' ich vor drei Tagen ſeine Bekanntſchaft gemacht. Hättet Ihr mir das gleich geſagt ſo hättet Ihr nicht ſo lang auf Antwort warten dürfen. Ich will Euch den Weg zeigen, zum Amtsburgemeiſter wollt Ihr.— Judith, ſchließ' das Thor der⸗ weil! rief er einer ſtämmigen Dirne zu, und nun kommt!— Er ergriff Heinrichs Pferd am Zügel und leitete es durch enge Gäß⸗ chen, wo die vielſtockigen Häuſer und die überragenden Stadt⸗ mauern kaum einen Lichtſtrahl durchließen. Jetzt durchſchnitten ſie eine breitere Straße, wenn man das Bett eines Baches ſo nennen kann, denn dieſer nahm die ganze Mitte derſelben ein und an beiden Seiten waren eine Art von Kai's angelegt. Heinrich mußte durch das Waſſer reiten, ſein Führer ging auf hölzernen Pflöcken, die daraus hervorragten, neben ihm her. Das iſt doch eine etwas unbequeme Paſſage, bemerkte der junge Reiſende. Unſre Alten habens ſo angelegt und wir wollens nicht an⸗ ders haben, verſetzte der Wächter trocken. Sie kamen in eine zweite Straße, die eben ſo beſchaffen war; hier blieben ſie auf der Seite und bewegten ſich an ſchlechtge⸗ bauten Häuſern dem Lauf des Waſſers entgegen. Eigentlich, ſagte der Wächter, wohnt er in der vordern Gaſſ', wo Ihr durch den Bach geritten ſeid, aber wir müſſen hinten an's Haus kommen, um das Pferd in der Scheuer einzuſtellen. Mein Gott! rief Heinrich und zog die Zügel an: ſo iſt's nicht gemeint! ich will mein Pferd in einem Wirthshaus unter⸗ bringen! Das käme dem Burgemeiſter„g'ſpäßig“ vor! rief der Wächter: 76 Mann und Gaul gehören zuſammen, wo der eine hingeht muß der andere auch ſein. Unterdeſſen hatte er das Pferd wieder am Zügel ergriffen und führte es durch ein ſchmales Gäßchen, das zugleich eine Ein⸗ fahrt war, auf eine große Scheune zu, vor welcher ein paar mächtige Düngerhaufen prangten; ein kleines Gärtchen mit einigen Obſtbäumen ſchien hier nicht am rechten Platze zu ſein. Ohne ein Wort weiter zu ſagen ſtieß der Wächter einen hölzernen Rie⸗ gel auf und zog das Pferd, von dem er den Reiter abzuſitzen ge⸗ nöthigt hatte, in den Stall, wo es von einem muthigen jungen Hengſt mit drohenden Sätzen begrüßt wurde. Der iſt nicht wie ſein Herr, ſagte der Wächter, und Muſtapha mußte in einer andern Abtheilung mit der nicht courfähigen Ge⸗ ſellſchaft einiger übrigens ſehr ſchönen Kühe vorlieb nehmen. Der Wächter öffnete vom Stall aus das große Scheunenthor und hieß den Fremden gerade durch die Scheune gehen, von wo er in's Haus gelangen werde; dann trat er den Rückzug an, Heinrich drückte ihm ſchnell ein Geldſtück in die Hand, das denn doch angenommen und mit einem Lüften der Ledermütze erwidert wurde. Durch die Dunkelheit tappte er dann vorwärts, fand eine offene Thüre, kam in einen kleinen Hof, wo ein Brunnen ſtand, und hatte hier zwiſchen drei Eingängen in ein großes Haus und noch andern Thüren, die in Nebengebäude führten, zu wählen. Aus einem von dieſen ſah er einen ſtarken Rauch aufſteigen; es war ein niederes rundes thurmartiges Gebäude, und als er näher trat glaubte er den altergrauen Rumpf einer Kapelle zu erkennen, mit einem ziemlich neuen Ziegeldach bedeckt. Er ver⸗ nahm Menſchenſtimmen darin und beſchloß ſich hier nach dem Wege zum regierenden Bürgermeiſter zu erkundigen. Wie er ſich der Thüre näherte, hörte er eine Stimme halblaut ſagen: Jetzt! ſtoßt ihn aus in Chriſti Namen! Gott bewahr' uns und unſer Haus! Verwundert und bang drückte Heinrich auf das Schloß und —— 77 die Thüre ſprang auf. Eine erſtickende Hitze drang ihm entgegen; er erblickte einige Männer von großem Wuchs, in ſchmutzigen Wämmſern und grauen mit eiſernen Haken vorgeſteckten Schürzen; ihre rauhen Geſichter bekamen durch den Schein des Feuers einen wilden und beinahe furchtbaren Ausdruck, mit dem aber das Thun in welchem der Fremde ſie überraſchte einen ſeltſamen Wi⸗ derſpruch bildete: ſie hatten die Hände, die in ungeheuren Hand⸗ ſchuhen ruhten, andächtig in einander gelegt und blickten wie in ſtillem Gebete vor ſich nieder. Bei dem Eintritt des ungeladenen Zeugen wandten ſich ihre Blicke finſter und drohend gegen ihn, und Heinrich wollte ſchon verlegen zurücktreten, als die ihm zu⸗ nächſt ſtehende Geſtalt, die ihm bisher den Rücken gewandt hatte, ſich gegen ihn kehrte: es war der Bürgermeiſter. Die Miene des wackern Mannes nahm einen Ausdruck großer Ueberraſchung an und er war offenbar einen Augenblick unſchlüſſig was er thun ſollte; ehe er aber auf den Ankömmling zugehen konnte, legte dieſer ſeine Hände ebenfalls zuſammen und blieb unbeweglich an der Thüre ſtehen. Der Bürgermeiſter nickte ihm ſehr freundlich zu und behielt ſeine vorige Haltung. Nun hatte unſer Abenteurer Zeit zur Beobachtung; er ge⸗ wahrte daß die cyklopiſchen Männer um eine viereckige aus Back⸗ ſteinen und großen Ziegeln faſt bis an die Höhe des Gewölbes geführte Maſſe ſtanden, durch deren Lücken der Schein eines mäch⸗ tigen Feuers drang und aus der ein glühender Strom dampfend in den Boden ſchoß. Einer ſo großen Hitze ungewohnt, glaubte er ſich in einem Vulcan zu befinden, er fühlte Flammen im Ge⸗ ſicht und von ſeiner Stirne floß der Schweiß in dicken Tropfen herab. Endlich verſiegte der Feuerſtrom: die Gruppe der Beten⸗ den löste ſich auf und der Bürgermeiſter trat ihm mit einem herz⸗ lichen Willkommen entgegen. Heinrich bat um Entſchuldigung, daß er ihn in einer, wie er ſehe, jedenfalls wichtigen Beſchäf⸗ tigung geſtört habe, und berichtete wie er ſamt ſeinem Roſſe durch den Thorwart auf eine ſehr unumſtändliche Weiſe hier einquartirt 78 worden ſei. Der Bürgermeiſter bezeugte ſeine lebhafte Freude darüber und rief ſogleich nach einer Magd, der er Befehl gab das Pferd zu verſorgen. Man ſagt zwar, fügte er hinzu, daß es Un⸗ heil bringe wenn ein Fremder unerwartet zum Guß einer Glocke komme, aber es iſt ein Aberglaube, und dießmal triffts auf keinen Fall ein, denn ein Geſicht wie Ihr's kann kein Unheil bringen.— Damit ſchüttelte er ihm kräftig die Hand. Wie? eine Glocke iſt hier gegoſſen worden? rief unſer Freund neugierig und fragte ſich im Stillen ob wohl dieſe Verrichtung zu den Prärogativen eines Reutlinger Amtsbürgermeiſters gehören möge: das iſt mir ſehr merkwürdig, es iſt das erſte Mal in mei⸗ nem Leben daß ich ſo etwas ſehe. Das glaub' ich gern! ſagte der Bürgermeiſter lachend: es iſt ein Zunftgeheimniß, zu welchem niemand zugelaſſen wird, und Sie verdanken dieſes Recht nur dem Zufall daß meine Geſellen die Thüre offen gelaſſen haben; durchs Vorderhaus hätten Sie nicht hereinkommen können. Jetzt müſſen Sie aber der jungen Glocke zu Gevatter ſtehen und eins auf ihre Geſundheit trinken! Eigentlich iſt es mit dem Taufen nicht ſo ernſthaft gemeint, das iſt längſt aus der Mode gekommen, und wir halten nur noch einen Umtrunk, wenn wir mit dem Guß zu Stande ſind; doch haben die Geſellen dießmal zum Spaß der Glocke einen Namen gegeben— ſie heißt Margareta, nach meiner Tochter, die ſo eben hier mit dem Weine kommt. Heinrich wandte ſich ſchnell und begrüßte eine reichsſtädtiſche Schönheit, die auch einer andern Heimath Ehre gemacht haben würde und in ihrem knapp über der Bruſt anliegenden Wämms⸗ chen, langen Rock, mit einem Häubchen, deſſen Flor wie lange ſchwarze Wimpern über die Augen fiel, und einer Granatenſchnur um den Hals ganz allerliebſt vor ihm ſtand. Gretle, bring's dem Herrn Vetter! rief der Bürgermeiſter, das ſchöne Mädchen ſchenkte aus einer zinnernen Flaſche einen Becher von gleichem Metalle voll, ſetzte ihn einen Augenblick an die Lippen und reichte ihn 79 dann mit einem verlegenen Knix dem Fremden, von dem er durch die Hände des Bürgermeiſters zu den Geſellen wanderte. Als die Ceremonie zu Ende war, wurde der Gaſt zwei ziem⸗ lich ſteile und enge Treppen hinauf, über einen mit Ziegeln ge⸗ pflaſterten Eſtrich, in ein getäfeltes Zimmer geführt, wo über dem altväteriſchen Kachelofen, den eichenen Tiſchen und an der Wand feſtgenagelten Bänken die heimlichſte Behaglichkeit wohnte. Auf einer dieſer Bänke wurde unſrem Helden ſein Platz angewieſen. Setzen Sie ſich dort in die Ecke, in den Trutzwinkel, ſagte der Bürgermeiſter: da kann man ſich bequem anlehnen.— Heinrich befolgte dieſen Rath und alsbald wurden Erfriſchungen vor ihm aufgetragen, welche ſehr einfach waren und blos in Brod und dem eingekochten Saft von Birnen und Zwetſchen beſtanden; das Geſchirr war ſämmtlich von blankem Zinn. Die Geſellen kamen jetzt auch herauf, um den außergewöhnlichen Vespertrunk auf ihre anſtrengende Arbeit fortzuſetzen; ſie nahmen nicht Platz, ſondern ſchritten langſam und unbehilflich dem Ofen zu, wo ſie, an Wand⸗ ſchränke angelehnt, ſtillſchweigend den Becher unter ſich kreiſen ließen. Heinrich betrachtete erſtaunt die herkuliſchen Geſtalten. Mit beſonderem Wohlgefallen aber verweilte er auf ſeinem Gaſt⸗ freunde, den er daheim völlig verändert fand. So plump und eckig dieſe Geſtalt in dem unpaſſenden Staatskleid erſchienen war, ſo würdig nahm ſie ſich in der ſchlichten Handwerkstracht aus, und über dem bequemen Wamms ruhte ein ſilberhaariger Greiſen⸗ kopf, deſſen edle unſchuldige Züge an jene von der Frömmigkeit entworfenen Bilder der Erzväter mahnten. Nicht lang ſo wurde ein Glöckchen vor dem Fenſter ange⸗ zogen. Ah, da kommt der Gevatter Syndikus! ſagte der Bürger⸗ meiſter: Sie werden es nicht übel aufnehmen daß ich ihn gebeten habe Ihnen Geſellſchaft zu leiſten; die gelehrten Herren werden ſich unter uns unwiſſenden Leuten doch beſſer befinden, wenn ſie zu zweien ſind. Die Thüre ging auf und der Genannte trat ein, von einer —— — — 80 Magd mit einer Laterne begleitet. Er war ein ſtattlicher Mann, den die Gelehrſamkeit nicht gehindert hatte ziemlich beleibt zu werden, während ſie ſich mit ein paar tiefen Falten im Geſichte begnügt zu haben ſchien; Perrücke und⸗Degen gaben ihm einen feierlichen Anſtand. Er wurde vom Bürgermeiſter als Herr Ge⸗ vatter und von Gretchen als Herr„Döte“ begrüßt, wandte ſich jedoch ſogleich zu dem Fremden und redete ihn lateiniſch an. Hein⸗ rich rief zu den Geiſtern Cicero's und Quintilian's, denn er ſah daß er von ſeinen Wirthen neugierig beobachtet wurde. Der gute Bürgermeiſter aber hörte ſeelenvergnügt auf die gelehrte Spiegel⸗ fechterei, ſtieß einmal übers andre den jungen Gaſt an und flüſterte: Er macht ſein Sächlein gut, mein Gevatter; ja, der hat was gelernt. Viſſet Ihr eine Neuigkeit, Herr Gevatter? begann der Syn⸗ dikus deutſch: im Wildpark bei Urach ſind vergangene Nacht zwölf Futterhütten auf einmal abgebrannt; es iſt ein großer Lärm, aber der Thäter hat keine Spur hinterlaſſen, und ich zweifle ob man ihn entdecken wird. Den verräth keiner! ſagte der Bürgermeiſter. Hat man dort ſo große Urſachen zum Unwillen? fragte Heinrich. Das will ich meinen! erwiderte jener: zu tauſenden geht das Wild zwiſchen den Uracher Bergen herum und läßt keinen Halm aufkommen. Sie wagen ſich auch auf unſer Gebiet, aber wir ſchießen ſie brav weg, ſetzte er mit republicaniſchem Stolze hinzu. Gretchen trat zu ihrem Vater und ſagte ihm etwas ins Ohr: Wenns dem Herrn Vetter gefällig wäre, unterbrach ſich dieſer: das Eſſen iſt fertig;— Nun wurde ſchnell der Tiſch gedeckt, der Syndikus nahm unter vielen Complimenten und Weigerungen ſeinen Platz an Heinrichs Seite ein, die Geſellen und eine alte Magd gehörten ebenfalls zur Tiſchgenoſſenſchaft und ſetzten ſich herbei. Heinrich, dem ſchon zuvor jene vertrauliche Benennung aufgefallen war, wandte ſich an das ihm ſo unvermuthet zu Theil 81 gewordene Bäschen mit der Bitte ihm zu erklären wie er zu der Chre komme ihr Vetter zu ſein? Gretchen ſah ihren Vater ver⸗ legen lächelnd an, aber Heinrich hatte ſeine Frage bald zu bereuen, denn das rechtsgelehrte Mitglied des reichsſtädtiſchen Magiſtrats nahm mit einem: Das will ich Ihnen gleich ſagen! das Wort, erkundigte ſich genau nach ſeinen Familienverhältniſſen und ent⸗ wickelte nun eine genealogiſche Abhandlung, ſo lang wie das Tiſchtuch, in Folge deren unſer Held erfuhr, daß er durch ein Glied dieſer Familie, welches vor fünfzig Jahren im Auslande, das heißt in Wirtenberg, Pfarrer geworden war und eine Stief⸗ tochter hinterlaſſen hatte, die den Schwager eines Geſchwiſter⸗ kindes ſeiner Großmutter geheirathet, wirklich und förmlich ein Verwandter des Hauſes geworden ſei. Er mußte auf dieſes freu⸗ dige Ergebniß anſtoßen; um die Unterhaltung auf einen andern Punkt zu lenken, ertheilte er dem Wein einige Lobſprüche, obgleich er ihn bis jetzt, ohne ſeinem Geſchmack eine eigentliche Aufmerk⸗ ſamkeit zu erweiſen, alſo, wie man ſagt, ohne Verſtand getrunken hatte; ein unglücklicher Einfall, der ihn vom Regen in die Traufe brachte. Sie finden alſo unſern Wein doch nicht ſo ſchlecht wie man ihn in Stuttgart machen will? rief der Bürgermeiſter. Iſt es Reutlinger Wein? fragte Heinrich, und erwachte indem er nach dem Glaſe griff aus ſeiner Zerſtreuung: wahrhaftig, ich habe ihn für Unterländer getrunken. Dem Bürgermeiſter that dieſer ſchmeichelhafte Ausſpruch in allen Gliedern wohl. Da ſieht man doch wers mit der Wahrheit hält! rief er triumphirend, indem er ſeinem Gaſte das Glas bis an den Rand vollſchenkte: Sie haben gewiß keinen ſchlechten Ge⸗ ſchmack, und laſſen's doch gelten daß an der Achalm auch mitunter ein gutes Tröpflein wächst. Mehercle! rief der Syndikus, der indeſſen dem Becher tüchtig zugeſprochen hatte: es iſt horribile dictu, welche calumniae über unſre Gottesgabe in Wirtenberg verbreitet werden, wo man ſo⸗ Schiller's Heimathjahre. I. 6 82 gar ohne zu erubesciren behauptet, bei unſern Herbſtfeſtivitäten fallen viele calamitates vor, indem die unvorſichtige Jugend oft Traubenbeeren in die Piſtolen lade und mit dieſen ob eximiam duritiem gleichwie mit Kugeln einem und dem andern Menſchen lethale Verletzungen beibringe. Letzten Herbſt, nahm der Bürgermeiſter das Wort, war einer von Stuttgart hier zu Beſuch; der betrank ſich dergeſtalt daß er ſich Nachts ſtatt ins Bett über eine Truhe legte, auf welcher Trau⸗ ben geſpreitet waren. Der Unflath behauptete nachher, er habe blaue Mäler am ganzen Leibe bekommen und die Trauben ſeien hart geblieben; aber es iſt nicht wahr; die Trauben waren alle zerquetſcht und der Saft ſchwamm auf dem Boden herum. Das Aergſte, ſagte unſer Freund unvorſichtig, was der Volks⸗ witz über Ihren Wein aufgebracht hat, iſt die Geſchichte vom Prinzen Eugen. 4 Die kenn' ich nicht! verſetzte der Bürgermeiſter. Ich bin begierig! rief der Syndikus. Prinz Eugen ſoll nicht lang nach Beendigung ſeines türki⸗ ſchen Feldzuges eine Reiſe durch Süddeutſchland gemacht haben und bei dieſer Gelegenheit nach Reutlingen gekommen ſein. Der Magiſtrat, um die glorreichen Verdienſte des Helden zu feiern, ſei ihm in Proceſſion entgegengezogen und habe ihm einen ſilbernen Becher voll Weins zum Willkomm geboten. Prinz Eugen habe einen guten Schluck davon genommen, ihn aber mit einem ſauren Geſicht wieder abgeſetzt, und geſchworen, lieber möchte er Belgrad noch einmal erobern als einen ganzen Becher dieſes Weins austrinken. Der junge Mann kannte die Luft nicht hinlänglich, in der er ſich befand; dieſe Art ein leichtes Spiel mit Localſpäßen zu treiben und einen heitern Witz ſelbſt an dem Gegner anzuerkennen fand hier keinen Anklang, und er bemerkte mit einigem Schrecken daß er, wie man ſagt, in ein Weſpenneſt geſtochen hatte. Es entſtand eine Aufregung an dem Jiſche; die Geſellen murmelten .““ 83 drohend durch einander, Jungfer Gretchen riß haſtig ihre Flor⸗ haube herab und ſetzte ſie langſam wieder auf; die beiden alten Herrn ſchienen ſich mit einander zu ſtreiten wer zuerſt das Wort haben ſollte, bis es dem Syndikus gelang den ſonnenklaren Be⸗ weis zu führen, daß beſagtes Geſchichtchen ein inane commen- tum, ein ſchlecht erſonnenes Machwerk ſei, ſintemal und alldie⸗ weilen Eugenius princeps gar nie allhier geweſen, in welchem Fall, fügte er hinzu, doch auch unſre Annales eines ſo memo- rablen Ereigniſſes gedenken müßten, als welches ſie jedoch unter⸗ laſſen— silentium omnium scriptorum— wiewohlen der große Eugenius ſich gar nicht hätte ſchämen dürfen eine Stadt zu be⸗ ſuchen und ihre Hospitalität zu genießen, quam multi visere principes atque imperatores dignavere! Fürſten und Kaiſer haben uns beſucht, von den Hohenſtaufen an, qui moenia nobis eêt civitatem dedere, bis auf den glorwürdigen Maximilianum herab, wie ſolches mein Vater ſelig in ſeiner umſtändlichen Rela- tion de Reformatione der Stadt Reutlingen amplius berichtet. Während der Syndikus Athem ſchöpfte, brach nun auch der Bürgermeiſter los und ſagte ſeine Meinung auf gut deutſch, ſo daß der betretene Gaſt, der ſich halb als Mitſchuldigen behandelt ſah, nichts beſſeres zu thun wußte, als dem Weine ſeines beleidig⸗ ten Wirthes thätliche Abbitte zu leiſten, was ſeine Freunde in Kurzem vollkommen mit ihm ausſöhnte. Aber je mehr er trank deſto mehr wurde ihm zugeſprochen, und da er ſich gegen dieſe Nöthigungen bereitwillig erwies, ſo wird wohl von dem aufrich⸗ tigen Gemüthe unſres Freundes angenommen werden dürfen, er habe dem Weine des Bürgermeiſters nur Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen. Dieſer, der ſchon einige Zeit mit einer Frage gekämpft hatte, ſprach die Hoffnung aus, ſein Gaſt werde ihm das Vergnügen auf mehrere Tage ſchenken. Heinrich erwiderte, ſeine Geſchäfte verſetzen ihn in die unerwünſchte Nothwendigkeit ſchon morgen mit dem Früheſten einem ſo gaſtfreundlichen Hauſe Valet zu 84 ſagen. Gegen dieſe Nothwendigkeit wurden beſcheidene Zweifel erhoben, bis der junge Mann endlich mit dem off herausrückte, es ſei ein Auftrag ſeines durchl. der es ihm möglich gemacht habe den verſprochenen Beſuch in Reutlingen ſo bald abzuſtatte Reiſe ſchleunigſt fortzuſetzen. einer liebenswürdigen Neugierde auf mancherlei Umwegen das Ziel dieſer Reiſe abzufragen ſuchte, fügte er hinzu, ſein Weg gehe zunächſt über die Alp, und er werde bei dieſer Gelegenheit Ulm berühren... Ein Abgeſandter des Herzogs von Wirtenberg! und gar vollends an eine Reichsſtadt wie Ulm!— Seine republicaniſchen Freunde ſchauten hoch auf, und er mußte, um allen Mißverſtänd⸗ niſſen vorzubeugen, ausdrücklich verſichern daß der Auftrag des Herzogs nicht an den Rath von Ulm laute, während er innerlich da⸗ rüber betreten war etwas von ſeinem Geheimniß verrathen zu haben. Ja, die Ulmer! rief der Bürgermeiſter im Tone der Be⸗ wunderung. Possis nihil urbe Ulma- Visere majus! ſetzte der Syndikus hinzu. Das iſt eine reiche hoffärtige Stadt! ſagte der Bürgermeiſter: die hat's weit gebracht. Wir leiden freilich immer noch unter den Nachwehen des ſchrecklichen Brandes, der uns vor fünfzig Jahren unſere Stadt in die Aſche gelegt hat; aber mit Ulm haben wir uns doch nie meſſen können. Dort gehts vornehm her! Und im Rath, ſagte der Syndikus, ſitzen lauter Patricii, lauter Studirte. Nicht wahr, ſo ſollt’s hier auch ſein? rief der Bürgermeiſter lachend: das will dem Herrn Gevatter nicht hinunter daß er der einzige iſt.— Im Gegentheil, ſagte Heinrich, ich ſollte denken, es wäre angenehm keinen Nebenbuhler zu haben. 85⁵ Meinen Sie wegen der gelehrten Pfiffe? ſagte der Conſul: ja, was die betrifft, da wird er mit uns nicht fertig, mein Herr Gevatter! wenn er aus ſeinem Korbsjuris etwas durchſetzen will, ſtoßt er manchmal an unſrer Unwiſſenheit an, denn wir kümmern uns nichts um die Flauſen, wir gehen den Weg den unſre unge⸗ lehrten Väter vor uns gegangen ſind, und das iſt gewöhnlich der richtige. Sachte, Herr Gevatter! rief der Syndikus mit ſcherzhaftem Zorn: wenn Ihr gegen mich rebellirt ſo bring' ich die Sache vor den großen Rath— vota majora dolent! ſetzte er lachend gegen Heinrich hinzu— und wenn ichs da nicht durchfechte ſo hetz ich Euch eine Volksverſammlung auf den Hals.— Gott bewahr' uns! rief der Bürgermeiſter mit den Händen abwehrend. Unſer Freund erhielt auf ſeine Fragen von dem Syndikus weitläufigen Beſcheid über die Verfaſſung der freien Stadt, worin ihm ein ſeltnes Beiſpiel der reinſten Demokratie entgegentrat. Bei dieſer Gelegenheit wurde ihm ein Räthſel gelöst: er erfuhr, ſein regierender Gaſtfreund ſei zugleich Glockengießermeiſter, und verſäumte nicht dieſem alten ritterlichen Handwerk ein volles Glas darzubringen. Die Uhr vom nahen Thurme ſchlug mit mächtigen Tönen Acht. Jetzt erhob ſich der Syndikus und nahm einen umſtänd⸗ lichen Abzug, der Bürgermeiſter begann nach einigen vergeblichen Gegenanſtrengungen zu gähnen und ließ den Kopf ſinken, und Hein⸗ rich ſah dieſe Signale früͤhen Zubettegehens mit Grauen an. Die Geſellen hatten ſich nach und nach entfernt, nur einer ſaß noch halbſchlafend hinter dem Ofen. Gretchen war ſitzen geblieben und hatte dem Geſpräche aufmerkſam zugehört; jetzt zündete ſie eine Laterne an, nahm ein Spinnrädchen aus der Ecke, und machte Anſtalt ſich zu entfernen. In den Karz, erwiderte ſie auf die Frage des Gaſtes. O wer mitdürfte! rief dieſer. 86 Wenn Sie mitgehen wollen, ſagte der Bürgermeiſter, ſich ermunternd, ſo werden Sie willkommen ſein, meine Verwandten werden ſichs zur Chre ſchätzen; Gretle, nimm den Herrn Vetter mit. Kommen Sie, ſagte Gretchen, aber können Sie auch ſpinnen? Nein, rief Heinrich lachend, aber ich will Ihnen das Räd⸗ chen tragen. So kommen Sie in Gottes Namen!— Soll ich das Thürle für Ihn offen laſſen? fragte ſie den Geſellen, indem ſie am Ofen vorbeiſtreifte. Wenn Sie ſo gut ſein will, Jungfer. Gretchen ging voraus, und Heinrich mußte ihr durch die Scheune folgen. Er wollte ihr das Rädchen abnehmen, aber ſie lachte und gabs nicht zu. Durch einen Knäul von ſchmalen Winkel⸗ gäßchen gingen ſie jetzt in die Kreuz und Quer, bis ſie zur Stadt⸗ mauer gelangten und ein Hauptthor mit hohem Thurme vor ſich ſahen. Innerhalb des von außen geſchloſſenen Thores öffnete Gretchen eine Nebenthüre, winkte ihrem Begleiter und ſtieg an ſeiner Seite eine Wendeltreppe hinauf; er folgte wie verzaubert in einer ſüßen abenteuerlichen Träumerei. Sie verließen die Treppe die in den Thurm emporführte, und betraten einige Seitenſtufen, an deren Ende ſie wieder auf eine Thüre ſtießen, die nur ange⸗ lehnt war. Sie gingen hindurch und mit einem Ausruf der Ver⸗ wunderung blieb Heinrich ſtehen; er ſah ſich in einem ſchmalen, ausgetretenen und unebenen Gang, der auf der einen Seite offen und mit einer hölzernen Brüſtung verſehen war. Die Laterne warf ein ungewiſſes Licht den Gang hinauf, aber in der Ferne waren einzelne erhellte Stellen zu ſehen, wo der Mond durch die Lucken hereinſchien, die ſteinernen Platten des Bodens und die Bruſtwehr beleuchtend. Wir ſind auf der Mauer, ſagte das Mädchen: kommen Sie nur. Der Gang führte in regelmäßigen Strecken durch kleinere Thürme und Thürmchen, welche ſich über die Mauer erhoben. 87 ſah, daß die Stadt in frühern Zeiten für wohlverwahrt hatte gelten dürfen; die kleinern Schießlöcher waren dicht an einander gereiht und alle paar Schritte von einem größern unterbro⸗ chen, das für Hakenbüchſen und ähnliche ſchwere Feuergewehre diente; an den Thoren und in den Mauerthürmen befanden ſich große Oeffnungen für das grobe Geſchütz. Die Mauer war nicht nur zum Schutze der Vertheidiger auf der Feldſeite erhöht, ſondern auch gegen Wind und Wetter mit einem Dach verſehen, in deſſen Sparrenwerk die Laterne ſeltſame Schlaglichter warf. Hier können Sie beide Augen voll nehmen! rief das Mädchen dem Jüngling zu, der ſchon mehrmals durch die Lucken hinauszu⸗ ſpähen verſucht hatte, und führte ihn vor eine weite Schieß⸗ ſcharte, vor welcher eine alte Feldſchlange lag. Die Oeffnung war ſo tief daß er mit halbem Leib hineinſchlüpfen mußte. Aber er fand ſich reichlich für ſeine Mühe belohnt: im klarſten Mondlicht, in nächſter Nähe, wie in einem engen Rahmen, lag das Gebirge vor ihm, von einem Berg, von einer Felsplatte zur andern konnte er mit dem Auge ſpringen und trunken auf den Höhen verweilen, wo jetzt die Geiſter der Nacht in kühler Ruhe ſich ergehen mochten. Wie heißt der ſchöne Berg mit dem zerfallenen Thurm, der da gerade vor mir liegt? Ach, ich weiß ſchon, es iſt ja die Achalm! Die iſt es, ſagte Gretchen, durch eine andre Lucke ſchauend. Heran! ſie kommen, die Grafen und Ritter! rief der Jüngling mit dichteriſchem Feuer: Fahnen, Speere und Helmbüſche ſchwanken aus dem Schloßthor und neigen ſich den Berg herab. Hört ihr die Trompeten klingen, die Roſſe wiehern? Sie ſtürmen an, Muth, ihr tapfern Bürger, werft die Leitern um, wehrt ab, jeder Pfeil einen Mann! Seht ihr? ſie ſtürzen, ſie weichen! fallt aus, ſtürmt nach! Sieg iſt die Loſung, Sieg und der Kaiſer! Er ſah nach der Jungfrau zurück, die ſich mit ſcheuem Lächeln auf ihr Spinngeräth lehnte. Haben Sie Furcht? fragte er, in⸗ dem er auf den Boden ſprang und ihr die Hand entgegenſtreckte: ruhig! ich biete Frieden im Namen Wirtenbergs. — 1—ᷣ 88 Sie hob ſchnell eine Fallthüre auf und ſtieg eine morſche Treppe hinab; er konnte ihr kaum folgen. Unten war wieder eine Thüre, die ſie mit einem großen Schlüſſel öffnete. Sie traten hinaus und waren außerhalb der Stadt. Der Thurm, aus dem ſie kamen, tauchte ſich unmittelbar, den Zwinger unterbrechend, in den Waſſergraben der die Ringmauer umgab; ein ſchmaler Steg, von zwei Balken gebildet und ohne Geländer, führte hin⸗ über. Das iſt unſer Weg, wenn wir bei Nacht aus der Stadt gehen, ſagte Gretchen: wir haben den einzigen Schlüſſel dazu. Durch dieſe Ausfallpforte, fuhr ſie fort, indem ſie die Thüre vor⸗ ſichtig anlehnte, haben einmal die Bürger einen Ausfall gemacht und den Herzog Ulrich bei St. Leonhard draußen geſchlagen. Den Grafen Ulrich! rief der junge Mann lachend: das iſt ein Irrthum, gutes Kind, der Herzog war es vielmehr der euch dieſe Schlappe wieder heimgab und die Stadt auf ein paar Monate gut wirtenbergiſch machte. Gretchen ging voran, ohne zu anworten; die ſchlanke Geſtalt ſchwebte luftig über dem Graben, wo zwiſchen Schilf und grünen Waſſerpflanzen das Mondlicht auf dem halbverſteckten Spiegel blinkte. Als Heinrich bis in die Mitte der unzuverläſſigen Brücke gekommen war, fing dieſe heftig an zu ſchwanken. O weh, was iſt das? rief er aus. Haben Sie Angſt? fragte Gretchen, ohne den Kopf umzu⸗ wenden. Er lachte und fing nun ſeinerſeits ebenfalls aus Leibeskräften zu ſchwanken an. 5 3 Das Mädchen that einen Schrei und eilte leichtfüßig hinüber. Jetzt iſt der Herzog von Wirtenberg in der Klemme! rief ſie drüben mit hellem Lachen. Heinrich, der beinahe das Gleichgewicht verloren hätte, nahm ſich zuſammen und kam glücklich hinüber; der Steg endete an einer Treppe, die über die Grabmauer ins Freie führte. Gretchen war ſchelmiſch entflohen und er eilte ihr längs der Mauerbrüſtung nach. „ 89 Still! was rauſcht ſo? fragte er. Das iſt die Echaz, die dort hinten vorüberfließt. Sie gingen auf ein Gartenthor zu, durch welches ſie in ein Haus gelangten. Die Treppe war durch viele Fenſter hell vom Mond beſchienen, der Eſtrich mit bunten Ziegeln ausgepflaſtert. Gretchen wies auf eine Thüre, Heinrich trat vor und klopfte an. Jeſus! rief das Mädchen: was machen Sie? Was iſt es denn? fragte er erſchrocken. Wer wird denn anklopfen? bei Nacht klopfen nur die Hexen an! Er blieb verlegen ſtehen, denn er hörte ein ängſtliches Ge⸗ flüſter im Zimmer; endlich öffnete er die Thüre und ſchob das zaudernde Mädchen raſch hinein. Du biſts, Gretle? was machſt du denn für Dummheiten? riefen einige Stimmen durch einander, welche bei dem Anblick des Fremden ſchreckenvoll verſtummten. Gretchen lief auf zwei blonde Mädchen zu, welche an ihren Spinnrädern ſaßen, und unterhandelte flüſternd mit ihnen; den Inhalt des Geſprächs konnte Heinrich aus ihrem lebhaften Kichern errathen. Es dauerte einige Zeit bis auf einen ſo verwirrenden Eintritt eine geſellige Unterhaltung zu Stande kam; ein alter „Herr Vetter,“ ein vielgereister und witziger Kopf, der bald nach den Beiden eingetreten war(denn die Geſellſchaft vermehrte ſich allmählich), trug am meiſten dazu bei ein zuſammenhängendes Geſpräch in Gang zu bringen und dem Gaſte die Honneurs zu machen. Dieſem wurde mit ſo gaſtfreundlichem Eifer zugeſpro⸗ chen, daß er ſich ordentlich ſeines Leibes und Lebens wehren mußte. Zuletzt kam noch der junge Geſell, für welchen Gretchen die Aus⸗ fallpforte offen gelaſſen, und Heinrich errieth aus den Neckereien die ſich die ganze Spinnſtube gegen das Pärchen erlaubte ein öffentliches Geheimniß, wodurch er erſt recht behaglich geſtimmt wurde, indem er ſein eigenes Glück an den Strahlen des frem⸗ den ſonnte. Die Unterhaltung wurde ſehr lebhaft, ein Scherz folgte auf den andern. Gretchen erſann für ihren Gaſt einen 90 ſolchen in Bezug auf ſeine vorhabende Reiſe und gab ihm auf, vie Worte:„'S liegt e Klötzle Blei glei bei Blaubeuren,“ und „Auf der Ulmer Bruck' liegt e blauer Ulmer Ermel“ in ſchneller Wiederholung herzuſagen, welches Penſum, da er ſich jedesmal in den Buchſtaben verwirrte und ſtecken blieb, der Geſellſchaft und ihm ſelbſt großen Spaß machte. Er fand übrigens die Mädchen reichlich mit Mutterwitz begabt; dabei hatte er auf ihre Sprache Acht und überzeugte ſich daß jene in Stuttgart gegen den Bür⸗ germeiſter gerichtete Neckerei ihren guten Grund hatte: ſie ſprachen wirklich das R vor gewiſſen Conſonanten nicht aus, während ſie es vor andern ſcharf und hell hören ließen. Die eigenſinnige Aſſimilation wurde zu ſeiner Beluſtigung mehrmals an Gretchens „Latännle“ ausgeübt. Inzwiſchen nahm das Geſpräch eine Wendung welche von dem abenteuerlichen Eintreten unſres Helden herrührte: es wurden Hexengeſchichten erzählt, und er erfuhr aus dem Zuſammenhang daß in Reutlingen kein ſittlicher Menſch Abends an die Thüren klopfe. Nach dieſen Erzählungen zu urtheilen mußte das ganze Weichbild der guten Stadt voll von Hexen und Teufelsbannern ſein. Von den Hexen kam man auf die Geiſter, und Gretchen wurde aufgefordert dem Vetter eine Säge von dem benachbarten Urſulen⸗ berge zum Beſten zu geben. Sie ſträubte ſich einige Zeit; endlich gab ſie nach, vielfach erröthend und ſtockend, aber allmählich ge⸗ rieth ſie in einen herzhaften Redefluß. Es werden nicht ganz hundert Jahre ſein, begann ſie, daß in Pfullingen droben ein junger Burſche lebte, hübſch wie Milch und Blut, und von Betragen nicht wie die andern ſeines Alters, ſondern ſtill und ſonderlich. Den Mädchen gefiel er um ſo mehr je weniger er mit ihnen machte, und manche nahm ihren Weg ſo daß ſie ihm begegnete. Inzwiſchen gedachte ihn ſeine Mutter— hätt' faſt geſagt unter die Haube zu bringen, und wählte ihm eine aus, die weder gut noch ſchlimm, weder warm noch kalt war: die andern hießen ſie die langweilige Liſe. Der Frieder aber 91 nahm das ſo hin, und verzog das Geſicht nicht dabei, hätt' auch wahrſcheinlich einträchtiglich mit ihr gehaust bis an ſein ſeliges Ende, wenn nicht unvermuthet etwas dazwiſchen gekommen wäre. Denn als er eines Abends Holz fällte allein auf dem Berge, da trat ein Fräulein zu ihm von ſeltſamer Schönheit, daß ihms ganz anders wurde; ſie ſah freilich nicht aus wie ſeine Liſe, noch wie eines der Mädchen im Dorf. Die ſprach zu ihm, ſie ſei das Bergfräulein und der Berg ſei nach ihrem Namen geheißen, er ſolle ſich nicht fürchten und mit ihr kommen. Der Frieder faßt ſich ein Herz, und ſo führt ſie ihn durch den Schacht, den man heut noch ſehen kann, tief in den Berg hinein. Da war eine Herrlichkeit, lauter Kry⸗ ſtall, Gold und Edelſteine. Drauf gab ſie ihm zu eſſen und zu trinken, ſetzte ſich zu ihm und hub an zu erzählen. Sie ſei ein verwünſchter Geiſt, ſagte ſie, aber er ſolle nichts Böſes von ihr denken. Vor mehr als tauſend Jahren ſei hier ein großes Schloß geſtanden, und darin habe ſie geherrſcht als der einzige Sproß von einem alten Königshauſe. Da ſeien ihre böſen Vettern ge⸗ kommen und haben ſie verzaubert und verwünſcht, das Schloß ſei verſunken in den Berg, und in dieſem Augenblick habe ſie nur noch Zeit gehabt eine Eichel in den Boden zu treten und ihren Segen darüber zu murmeln. Und dieſe Eichel, ſprach ſie weiter, wuchs nach und nach auf und ward zur großen Eiche, und ich beſchützte ſie, daß jeder der ihr nahe kam ein wunderbares Grau⸗ ſen fühlte. Der Baum war uralt und ich war müde, da hab' ich's deinem Vater verſtattet daß er ihn umhieb(denn der Mann gefiel mir) und zur Wiege für dich machte. Du biſt in meinem Baume gewiegt worden, und haſt die Kraft überkommen mich zu erlöſen; das verſprich mir.— Der Frieder aber, als er ihr ein⸗ mal in die Augen geguckt hatte, da mußte er Ja ſagen, und wenn's um ſeine Seele gegangen wäre. Nun unterwies ſie ihn: dreimal müſſe er zu ihr in den Berg kommen um ſie zu küſſen, und jedesmal werde ſie ihm in einer ſchrecklicheren Geſtalt erſchei⸗ nen, abſonderlich das dritte Mal; aber er ſolle ſich nicht entſetzen, 92 es werde ihm kein Leid geſchehen und gleich nach dem Kuſſe werde ſie ihr menſchlich Weſen wieder haben. Inzwiſchen ſolle er ſich bedenken, bis es an der Zeit ſei, und häufig bei ihr einſprechen. Damit nannte ſie ihm die Tage wo ſie in ihrer menſchlichen Ge⸗ ſtalt zu ſehen ſei, und geleitete ihn aus dem Berg. Beim Abſchied ſah ſie ihm liebreich ins Auge, legte die Hand auf ſein Haupt und ſprach: Noch eins muß ich dir ſagen, das ich dir lieber ver⸗ ſchwiege, aber es iſt nicht meine Schuld: darum daß du mich geſehen haſt mußt du ſterben über ein Jahr, ob du mich erlöſeſt oder nicht; ſo laß nun dieſe Zeit, die du auf keine Weiſe verlän⸗ gern kannſt, zu meinem Heil gereichen.— Dabei bat ſie ihn ſo beweglich daß er ihrs mit Thränen in den Augen verſprach. Der Frieder kam nach Hauſe, und war er vorher ſtill geweſen, ſo war er jetzt ganz in ſich gekehrt und ſprach faſt mit keinem Menſchen mehr. Nach und nach ſiel das den Leuten auf; noch mehr aber fiel es auf daß er ſo oft allein auf dem Berge war. Wenn er aber mit den Andern Holz herunter führte, da war es wunderbar zu ſehen wie man die andern Wagen an dem jähen Berge ſo mühſelig ſperren mußte, während der Frieder den ſeinen, der doch der ſchwerſte war, ganz leicht herunterbrachte, ohne einen Rad⸗ ſchuh einzulegen; ja, ſeine Thiere mußten noch ziehen, wenn die andern kaum halten konnten: denn eine geheime Gewalt ſtellte ihm die Räder. Nach und nach wurde die Sache ruchtbar, und der Frieder ſelbſt machte zuletzt kein Geheimniß mehr daraus: die Andern ſahens beim Herunterfahren oft mit an, wie ſein Arm in der Luft lag als ob er um einen Hals geſchlungen wäre, und dabei konnte er ausrufen: Seht ihr denn nicht wie ſchön ſie iſt? Auch hörten ſie ihn mit ihr reden, und manche gabs, die ſchwuren Stein und Bein, ſie hätten ſie antworten hören; aber von keinem ward ſie geſehen. Das Ding machte viel zu reden, ſo daß der Liſ' zuletzt die lange Weile verging; man ſah ſie mehr weinen als gähnen, und Frieders Mutter wurde ebenfalls voll Angſt, um ſo mehr als er mittlerweile zwei Küſſe gewagt hatte, wobei 93 ihm der Geiſt in gar zu ungeheurer Geſtalt erſchienen ſein muß, denn er kam beidemal ganz verſtört zurück. Als es nun zum dritten ging, da liefen die Weiber zum Pfarrer, und der ließ den Frieder kommen und vermahnte und bedräute ihn lange Zeit vergebens; als aber alle in ihn hineinredeten, da blieb er ſeiner zuletzt nicht Meiſter und verſprach dem Pfarrer mit einem theuren Cid, er wolle nicht mehr hinaufgehen zum Fräulein. Die aber ſah man von nun an jeden Abend auf dem Berge ſitzen und mit einem weißen Schleier winken, bis daß der Tag vorüber war, an dem er den dritten Kuß hätte beſtehen ſollen; dann verſchwand ſie. Der Frieder aber war tiefſinnig und ſtumm, und die Reue wollt' ihm das Herz abdrücken, aber nun wars zu ſpät. Seine Mutter drang in ihn, mit der Liſe Hochzeit zu machen, und er willigte ein und beſtimmte mit einem traurigen Lächeln den Tag, wie er ihn von dem Fräulein wußte. Von Stunde zu Stunde nahm er ab und ward immer kränker; ſeine einzige Erquickung war Abends am Fenſter zu ſitzen und nach dem Berge zu ſehen, wenn der Mond dahinter hervorkam; hinauf ging er nicht mehr. Ch' man ſichs verſah war er einsmals todt, und er wurde an dem Tag begraben, an dem er hätte Hochzeit halten ſollen. Aber auf dem Kirchhof begab ſich etwas Wunderliches, und das hat mir meine Großmutter, die ſelber beim Begräbniß war, erzählt. Wie man die Bahre ins Grab hinunter ließ, da flog etwas Weißes wie eine Taube oder ein großer Vogel auf die Mauer, und flatterte und klagte und winſelte und wollte ſich nicht zufrieden geben, und eher nicht als bis die erſte Scholle fiel, da ward es ſtill; aber kein Auge hat geſehen was es war. Die Rädchen, die während der Erzählung ſtill geſtanden, be⸗ gannen wieder zu ſchnurren, und der alte Vetter wendete ſich zu dem jungen: So viel iſt Thatſache, ſprach er, daß man Bergleute hat aus Sachſen kommen laſſen, um den Schacht zu verſchließen und dem Gerede ein Ende zu machen. Einer von ihnen ſoll ſich hinabgelaſſen und bei ſeiner Rückkunft geſagt haben, ſchon habe anweiſen.— Gretchen führte ihn der Wand zu, hob dort eine 94 er eine große Helle in dem Berg erblickt, da ſei der Schacht im⸗ mer enger geworden, ſo daß er zuletzt nicht hätte weiter kommen können. Dann trug man Steine herbei, und volle drei Tage dauerte die Arbeit, bis der Schacht ſo verſchüttet war, wie man ihn jetzo ſieht. Auch ſoll der älteſte von den Bergleuten geſagt haben, es ſeien große Waſſer in dem Berg verſchloſſen, und wenn dieſe einen Ausbruch gewännen, ſo würden ſie die Ebene von Reutlingen weithin überſchwemmen. Heinrich erhob ſich, da er bemerkte daß Gretchen Anſtalten zum Gehen machte. Er wurde freundvetterlich beurlaubt und zum„Schiedweck“ eingeladen, einem Abſchiedsimbiß, mit welchem in wenigen Tagen die Lichtkärze zu Ende gehen ſollten. In Gretchens und ihres Liebhabers Geſellſchaft ging er zur Stadt zurück. Die Ausfallpforte wurde ſorgfältig geſchloſſen, dann öffnete Gretchen eine Thüre gegenüber und Heinrich fand ſich in⸗ nerhalb der Ringmauer. Der Geſell, der bei dieſer Gelegenheit von dem romantiſchen Umweg über die Mauer hörte, machte ein ſaures Geſicht, worüber das Mädchen in ein Gelächter ausbrach. Sie kamen ſtillſchweigend vor das Haus, in der ganzen Straße brannte kein Licht mehr, der Wächter rief in der Ferne und der Bach murmelte eintönig durch die ſtille Nacht. Oben zündete Gretchen ein Licht an, um ihrem Gaſt auf ſein Zimmer zu leuchten, und nun hatte er Gelegenheit die wunderliche Bauart des Hauſes kennen zu lernen. Er wurde nämlich durch einen langen Gang geführt, wo an den Seiten verſchiedene Verſchläge mit Lattengittern von einander abgeſondert waren. Holzhaufen, Reiſigbüſchel, Feldgeräthe und ähnliche Gegenſtände kamen in flüchtiger Beleuchtung zum Vorſchein; dann fiel das Licht auf ein viereckiges Loch, das ohne Einfriedigung im Boden angebracht war und zum Heraufziehen des Heus, Strohs und Holzes diente. Da ſind wir ja mitten in der Scheune! dachte Heinrich kopfſchüt⸗ telnd: man wird mir doch mein Lager nicht auf einem Heuſchober 95 Thüre im Boden auf und leuchtete eine ſchmale Treppe hinab; er gelangte in ein freundliches Zimmerchen, das man für ihn zube⸗ reitet hatte und deſſen Fenſter in den Hof ging. Nachdem ihm Margarete gute Nacht geſagt, ſah er ſich in ſeinem wohnlichen Neſtchen um. Sein ſorglicher Wirth hatte eine große Zinnflaſche auf den Tiſch vors Bett ſetzen laſſen; daneben lag ein Buch und einige Hefte. Der gute Syndikus hatte ſeine Merk⸗ würdigkeiten noch herüber geſandt. Es waren theils eigene Auf⸗ zeichnungen über geſchichtliche und rechtliche Verhältniſſe der Stadt, theils Schriften ſeines Vaters, darunter die von ihm erwähnte „umſtändliche Relation.“ Heinrich blätterte in dem Buche, kleidete ſich aus und legte ſich zu Bett, wo er in der behaglichen Wärme die Reformationsgeſchichte von Reutlingen zu leſen begann. Sie war mit gerechtem ſtädtiſchem Selbſtgefühl verfaßt, mit nicht min⸗ derem als womit der Reutlinger Geſandte beim Augsburger Reichs⸗ tag und dem Schmalkaldiſchen Bunde, Joſua Weiß, in ſeinen hier enthaltenen Berichten zu ſchreiben liebte:„Kur⸗ und Fürſten, Nürnberg und Ich haben beſchloſſen ꝛc.“ Er hatte mit Aufmerkſamkeit faſt bis in die Mitte des Buchs geleſen, als er, zufällig aufblickend, aus dem gegenüberliegenden Fenſter im Hauſe den Bürgermeiſter mit beſorgter Miene herunter⸗ ſchauen ſah. Er verſtand das Anliegen des guten Alten, winkte ihm freundlich zu und löſchte das Licht. 8. Was tritt da vor mein Bett zu Nacht Duftneblige Geſtalt? Ich bin doch wahrlich ganz erwacht, Iſt das noch Traumsgewalt? Doch nimmer weicht das dunkle Bild, Scheints gleich nur Duft und Schaum: 4 Es winkt ſo haſtig, blickt ſo wild, O nein, das iſt kein Traum! Schwab. Ein Geſang, den taktgemäße Hammerſchläge begleiteten, er⸗ weckte den Gaſt am andern Morgen ziemlich früh; er ſah ſich verwundert um und brauchte einige Zeit ſich auf ſich ſelbſt und den Ort ſeines Aufenthaltes zu beſinnen. Dann horchte er auf das Lied, das von einer angenehmen Männerſtimme geſungen wurde: 3 4 E biſſele lieb und e biſſele treu, Und e biſſele Falſchheit iſt allweil derbei, ſo lautete die wehmüthig gedehnte Weiſe und der Hammer pochte unmuthig dazu. Heinrich warf ſich in die Kleider und ging dem Geſange nach. Aus ſeinem Stübchen führte eine Thüre in die Werkſtatt, die mit Gießpfannen und kleinen Amboſen angefüll 5 war; ein mächtiges Handrad zur Bewegung verſchiedenartiger Maſchinen war an der Wand angebracht. Nicht weit davon ſaß —— 97 der junge Geſell von geſtern; er war beſchäftigt altes Meſſing zuſammenzuklopfen, neben welchem ſich ein paar neue Salzfäſſer von blankem Zinn ſehr freundlich ausnahmen. Heinrich verweilte einen Augenblick bei ihm, neckte ihn wegen ſeiner Eiferſucht und ergötzte ſich an ſeiner Treuherzigkeit. Nach der Morgenſuppe folgte er dem Bürgermeiſter zum Syndikus, und nun boten ihm die beiden Freunde ein Vergnügen, welches ihre gaſtlichen Bemühungen ihm keine Sehenswürdigkeit entgehen zu laſſen ganz und gar bezeichnete. Sie führten ihn in ihre ſchöne gothiſche Kirche und nöthigten ihn den Thurm zu be⸗ ſteigen, bei welcher mühſeligen Wanderung ihn der Stock des Bür⸗ germeiſters, ein uraltes Stück, deſſen elfenbeinerner Knopf den Pro⸗ pheten Jonas im Rachen des Fiſches vorſtellte(der arme Prophet, der rücklings verſchlungen wurde, hatte jedoch von dem aus dem Nachen hervorragenden Oberkörper den Kopf verloren), vorzüglich unterhielt. Im Hinaufſteigen ſah er häufig durch die Oeffnun⸗ gen, und betrachtete die kunſtreichen und mitunter witzigen Zier⸗ rathen, die in durchbrochener Arbeit außen am Thurm angebracht waren; in der Hälfte der Höhe zeigten ſie ihm die„Sommerlaube“ und erzählten ihm eine Mär von einer Schlange, die einſt hier gehaust haben ſoll und deren Spur das Volk in der ſchlangen⸗ förmig in den Boden gehauenen Waſſerrinne findet; dann mußte er die Glocken betrachten und über dem Glockenſtuhl die zwei ſtei⸗ nernen Umläufe beſteigen, welche an der Spitze des Thurmes über einander angebracht ſind. Von dort aus zeigte ihm der Bürger⸗ meiſter den goldenen Engel, der als Schutz und Wetterzeichen mit ſeiner Fahne auf dem Thurme ſteht. Die Gegend lag unter dem trüben, feuchtkalten Himmel ein⸗ tönig und verſtimmt umher; nur um das Tübinger Schloß glaubte man flüchtige Sonnenſchimmer zucken zu ſehen. Dörfer waren reichlich neben einander geſäet, und der Bürgermeiſter konnte wie Polykrates dem Gaſte ſein ganzes Territorium zeigen, das aus fünfen derſelben beſtand. Der Syndikus aber wies ihm die Berge Schiller's Heimathjahre. I. 7 “ 98 und erzählte die Sagen und Märchen, die wie grünes Moos auf dem alten Geſteine gewachſen ſind, mit großem Behagen; doch ſalvirte er ſein Gewiſſen dadurch daß er immer hintendrein den Epilogus gab, es ſeien merae fabulae, Hirngeſpinnſte, dummes Zeug. Er deutete ihm den Weg an, den er über die Alp zu nehmen habe, und beſchrieb ihn genau. Dann erzählte er von einer Reiſe die er ſelbſt vor einiger Zeit über dieſes Gebirge un⸗ ternommen. Es diene Ihnen zu wiſſen, hob er an, daß ich aller Orten Steine und Felſen genug wahrgenommen. Es dauchte mich, da ich ſolche Gegend überſah, als ob ich in ein Land ge⸗ kommen ſei, durch welches ehedeſſen der tapfre Perſeus mit dem Kopf der Meduſa durchgegangen und vermittelſt dieſes Kopfes alles was ihm vorgekommen in Stein und Felſen metamorpho⸗ ſiret haben müßte! Inzwiſchen habe über dieſen Anblick geur⸗ theilt, es müßte ein Land nicht vollkommen ſein wenn es nicht auch Steine hätte, zumal unſer Schwaben: denn weil dieſes Land alles im Ueberfluß haben ſollte, ſo iſt es nicht anders möglich als daß es auch überflüſſig mit Steinen und Felſen geſegnet wor⸗ den iſt.— Unter dieſer Reiſebeſchreibung, welche die Länge der ſämt⸗ lichen Thurmtreppen einnahm, waren ſie wieder auf ebenem Boden angelangt. Heinrich bemerkte unterwegs daß er von den Reut⸗ lingern auf der Straße und zu den Fenſtern heraus, angeſtaunt wurde wie ein fremder Vogel; alles ſteckte die Köpfe zuſammen und es mochten wunderbare Vermuthungen über ſeine Perſon in Umlauf gebracht worden ſein. Zuletzt mußte er in Geſellſchaft des Syndikus noch ein Alterthum an der Spitalkirche, ein Götzen⸗ bild aus unvordenklichen heidniſchen Zeiten, beſichtigen. Jetzt aber klärte ſich der Himmel auf und die Sonne trat lockend aus 5 8 † den Wolken hervor; die Reiſeluſt erwachte in unſrem Freund und er ließ ſich ſeinen Vorſatz nicht ausreden. Doch mußte er ſo weit nachgeben, das Mittageſſen, das ohnehin nach alter Sitte auf eilf 99 men. Es kam ein ſaftiger Kalbsbraten auf den Tiſch, von dem er im Verlauf der Unterhaltung durch den Syndikus erfuhr daß es einer der ſeltenſten Luxusartikel in der ſtrengen Reichsſtadt ſei, die außer Rind⸗ und Hammelfleiſch kaum ein anderes kenne und nur bei Tauffeierlichkeiten ſich mit Paſteten vom Fleiſche des Kalbes beſchenke. Ja, er hatte große Mühe den Bürgermeiſter und ſeine Tochter zur Theilnahme an der Speiſe zu bewegen, die auch der Syndikus nur mit ſcheuer Ehrerbietung berührte, und nichts als die Drohung vom Tiſche aufzuſtehen vermochte ſie zu einiger Willfährigkeit. Um ſo herzhafter jedoch ließen ſie ſich den Zwie⸗ belkuchen ſchmecken, der, ein ſtehender Artikel der Reutlinger Küche, zu Chren des Gaſtes nicht fehlen durfte.. Muſtapha war ſchwer aus dem Stalle zu bringen, als es nun ernſtlich zum Abſchied kam, und auch unſrem Freunde wurde es weich ums Herz, wie er dieſen Leuten die Hand reichte, bei welchen er ſich ſo heimiſch empfunden hatte, als ob er ſchon ſeit langen Jahren mit ihnen bekannt und verwandt geweſen wäre. In der Vorſtadt, die er zu durchreiten hatte, winkte unſer Reiſender noch einen Gruß nach dem Hauſe hinauf, das er geſtern Abend durch ſein Anklopfen erſchreckt hatte. Er begrüßte den Ur⸗ ſulenberg, während er der nahen Alp entgegenritt: wie Man⸗ chem, dachte er im Hinaufſchauen, hat die verſchleierte Frau vom Berge gewinkt, und er iſt nicht zu ihr hinaufgegangen, und hat die langweilige Liſe geheirathet. Dichte Wolken, von der Sonne gejagt, zogen niedrig über ihm hinweg, indem ſie ihn mit einem leichten Sprühregen über⸗ goßen; eine Zeit lang war er ganz von ihnen eingehüllt, im näch⸗ ſten Augenblick aber ſah er ſie als ernſthafte Hauben auf den Häuptern der Berge ſitzen. Seine Straße konnte er immer nur auf kurze Strecken überſehen, ſie ſchien ſich in den Bergen zu ver⸗ laufen, die wie ein Geduldſpiel in einander geſchoben waren und das enge Thälchen zu immer neuen Krümmungen nöthigten. End⸗ lich war er nah am Schluſſe deſſelben angelangt; links führte 100 eine ſchmale Steige auf den Continent des Gebirges hinauf, rechts ſtieg der Lichtenſteiner Fels ſchroff und einſam aus dem Thal eempor. Zwiſchen hohen Felswänden ſah er die Echaz hervorkom⸗ men; er war dem hellen eiligen Bache bei den Wendungen der Straße oft begegnet. Er ſtieg ab und ſchlürfte den kühlen Schaum, wo er über das reingewaſchene Felsgeſtein perlte. Wilde, friſche Einſamkeit! rief er mit Entzücken: wie lieb, wie neu biſt du mir! für dich wollt' ich, wie gerne! all den gelehrten Kram wegwerfen, an den ich die Hälfte meiner Jugend fern von dir vorloren habe! Ja, hier Ewigkeiten zu verträumen, hingegeben, ein Theil der ewig ſchöpferiſchen Natur, dem träumeriſchen Verweilen der Stunde, und dann weg mit allen Philoſophen und meinetwegen auch mit den Poeten, denn hier bin Ich ſelbſt einer! Er verlor ſich in ſeinen Empfindungen, und beinahe war eine jener Ewigkeiten ſchon verſtrichen, als er aufſprang. Nur Lottchen dürfte mir auch hier nicht fehlen! rief er. Mein blondes Liebchen bannt mich in die Welt zurück. Vorwärts, Muſtapha! wir haben jeder noch eine Lection zu beſtehen. Er führte das Pferd die Bergſteige hinan, die ſchroff wie am Dach emporſtieg. Der Tag täuſchte ihn, der auf der Höhe länger verweilt; er ahnte nicht wie viele Zeit er da unten verträumt hatte. Eine weite öde Bergfläche nahm ihn auf, er blickte in ein 4 unabſehbares Land hinein, aufgethürmt über den vertrauten hei⸗ miſchen Ebenen. Er war noch gar nirgends geweſen als in den Klöſtern und im Vaterhauſe: er war ein Fremder in der Heimath. Cine Wegſpur, welche die Straße vorſtellen ſollte, führte mitten durch das Hochland, an ſpärlich geſä'ten Dörfchen und kümmer⸗ lichen, mit Steinen gegen den Wind beſchwerten Aeckern vorüber; rechts ſah er in einiger Entfernung die Haidkapelle liegen, welche ihm der Syndikus als einen„Wegweiſer und quasi Pharum-“ auf ſeiner Fahrt beſchrieben hatte. In raſchem Trabe trug ihn ſein Pferd über die Haide weg, deren unheimlicher Einſamkeit er zu entkommen ſuchte. Schyn war er weit vom Rande des Ge⸗ 101 birgs entfernt, als er zu ſeiner Ueberraſchung bemerkte daß der Tag abnahm; er eilte einen Ort zu erreichen, aber plötzlich und faſt durch keine Dämmerung angemeldet kam die Nacht über ihn; der Weg, den er ſchon mehrmals, wo die Pfade ſich kreuzten, auf zweideutige Zeichen hin gewechſelt hatte, war nicht mehr zu er⸗ kennen, und nun ritt er auf gut Glück in die Finſterniß hinein. Der Mond muß ja endlich kommen, dachte er, und ich werde mich hinausfinden. Bald aber roch er einen dichten feuchten Nebel, und nicht lang ſo pfiff ihm ein ſchneidender Wind entgegen, der ihn bis aufs Mark durchſchauerte. Bis jetzt hatte ihm ſein gutes Pferd den Muth erhalten, das ihn mit vorſichtig taſtenden Schritten trug; nun aber, da der Wind immer heftiger herſtieß, begann auch Muſtapha ungewiß aufzutreten, und blieb endlich geradezu ſtehen. Heinrich war ſchon entſchloſſen hier den Morgen abzuwarten, aber die Kälte machte es ihm unmöglich auf demſelben Flecke zu bleiben, und der Wind, der nach und nach zum Sturme wurde, heulte ſo wild über die Haide einher, daß unſer Held dem Roß auf einmal einen verzwei⸗ felten Druck mit den Sporen gab und raſch über den weichen Boden davoneilte. So ging es eine Weile fort, bis Muſtapha gegen einen Stein ſtieß und Heinrich den Sturz kaum noch ab⸗ wenden konnte. Er ließ das Pferd wieder ſeinen geduldigen Schritt gehen, zumal der Weg ſehr uneben wurde; eine ſeltſame Ruhe war über ihn gekommen, wie ſie das Unvermeidliche über die biegſame Menſchenſeele bringt, er fühlte ſich ganz der Naturge⸗ walt und dem Willen des zuverläſſigen Roſſes überliefert. So ging es denn bergauf, bergab, aus der Nacht in die Nacht hinein, endlos fort; jede Zeitrechnung war ihm verſchwunden, und er kam ſich vor wie ein Geſpenſt das in der Nacht durch Fels und Schlucht dahinſtreicht, einem dumpfen Drange folgend, der es vorwärts und immer vorwärts treibt. Am Plätſchern hörte er manchmal daß er durch ein Waſſer kam. In dieſer aufgegebenen Lage ſchien es unſrem Freund auf 10²2 einmal als ob die Tritte des Pferdes ſicherer würden, auch glaubte er, ſo viel ſich in der Finſterniß unterſcheiden ließ, auf gebahnte⸗ rem Wege zu ſein, und ſiehe, Muſtapha begann mit hellem Wie⸗ hern ſich in einen muntern Trab zu ſetzen.“ Heinrich hoffte nach dieſen Anzeichen vielleicht in wenigen Minuten einen Ort zu er⸗ reichen; allein auch dieſer Weg ſchien kein Ende nehmen zu wol⸗ len, und als das Pferd zuletzt, häufig an Steine ſtoßend, eine finſtere Anhöhe erklomm, da wußte er nicht mehr was er denken ſollte. Auf einmal fand er ſich von Gegenſtänden umgeben die er in der Nacht nicht zu unterſcheiden vermochte, und ein Echo trug ihm den Schall ſeiner Hufſchläge entgegen. Das Roß machte Halt, und in dieſem Augenblick fiel ein Schimmer herab, der eine zerſtreute Maſſe großer und kleiner Gebäude flüchtig beleuchtete. Heinrich ſah auf und erblickte ein wehendes Licht das gegenüber an einem Fenſter erſchien; eine Steinwand, die in ſeinem Scheine hervortrat, ließ ein Schloß errathen, deſſen übrige Theile chaotiſch in der Finſterniß zerfloßen. Er blickte noch einmal hin: ein Greis mit einem ſchwarzen Käppchen, worunter weiße Locken hervorquol⸗ len, hielt ihm jenes Licht entgegen, aber ſo wie derſelbe ſich näher leuchtend zum Fenſter heraus bog, blies der Wind die Kerze aus und die ganze Erſcheinung war verſchwunden. Doch nicht lang ſo vernahm Heinrich das Geräuſch eines Kommenden, eine Thüre ward geöffnet und der Alte ſtand mit einer wohlverſchloſſenen Laterne vor ihm. Er hielt ſein ſchwarzes Käppchen in der Hand und bewillkommte ihn mit großer Rührung. O Herr General! rief er, daß ich Sie noch einmal ſehen ſoll in meinen alten Ta⸗ gen, das hab' ich nimmermehr gehofft! Ehe Heinrich dieſe ſeltſame Begrüßung erwidern konnte, wandte Muſtapha den Kopf zu dem Greis herum und wieherte laut und freudig. Ich will nicht hoffen, rief dieſer, daß das der Muſtapha iſt! Und doch! fügte er bei näherer Beſichtigung hinzu, denn der Reiter war inzwiſchen abgeſtiegen: freilich iſt ers! komm her, alter Knabe, und laß dich herzen! haſt du denn den Weg noch gefun⸗ 4 4 103 den?— Und ſo ging es fort mit Liebkoſungen, Ausrufen des Erſtaunens und der Freude, Fragen nach dem Befinden des Her⸗ zogs und einer Menge Leute vom Hof⸗ und Forſtperſonal, wovon Heinrich, der nicht zum Worte kam, keine einzige zu beantworten gewußt hätte. Das Pferd war unterdeſſen einem aus dem Schlaf geweckten Diener mit den gemeſſenſten Befehlen übergeben worden, und Heinrich, über das Schickſal des treuen Reiſegefährten beru⸗ higt, folgte ſeinem Führer, ſchwankend vor Müdigkeit, ins Schloß. 4 Er wurde in ein einfaches Zimmer geführt, das nichts ent⸗ hielt als ein Feldbett in einer Ecke und am Fenſter einen Tiſch mit einem aufgeſchlagenen Folianten; der halb weggerückte lederne Lehnſtuhl ließ errathen daß ihn der Alte ſo eben noch eingenom⸗ men hatte. Dieſer unterbrach endlich den Strom ſeiner Erkundi⸗ gungen und fragte was er auftiſchen dürfe, indem er achſelzuckend beifügte, es ſei nicht viel vorhanden. Heinrich, der zu erſchöpft war um einen Biſſen zu ſich zu nehmen, bat um etwas Wein, den er in einem ſilbernen Becher erhielt, und erſt nachdem er ſich mit dieſem Labſal geſtärkt hatte, war er im Stand eine zuſam⸗ menhängende Frage zu thun. Aber in aller Welt, rief er, ſagen Sie mir wo ich bin! Wie? ſagte der Alte erſtaunt: wiſſen Sie es nicht? haben Sie den Ort vergeſſen wo Sie die fröhlichſten Stunden Ihres Lebens zugebracht haben? Niemals war ich hier, verſetzte Heinrich: es ſcheint Sie ſind über mich im Irrthum— aber ſagen Sie mir nur, wo bin ich? In Grafeneck! erwiderte der Alte: im herzoglichen Jagdſchloß Grafeneck! ſetzte er hinzu, als er ſah daß der Name nicht den erwarteten Eindruck auf ſeinen Gaſt machte. Sind Sie denn nicht der Herr General von Wimpfen? Nein, ſagte Heinrich lächelnd: ich wüßte nicht wie ich dazu kommen ſollte es zu ſein. Dann, rief der Alte, iſt es wirklich zum Verwundern, denn Sie ſehen ihm ähnlich wie kein Bruder dem andern. 104 Das mag ſein, verſetzte Heinrich, aber— Sie ſind gewiß der Caſtellan des Schloſſes. Zu dienen, war die Antwort.. Nun ſo laſſen Sie es gelten daß mir der Zufall Einlaß hier verſchafft hat, fuhr der Jüngling fort, worauf er ihm aus einander ſetzte, daß er im Auftrag des Herzogs reiſe, und ihm beſchrieb wie er in Nacht und Sturm hieher verſchlagen worden ſei. Die Hand der Vorſicht hat Sie ſichtbarlich geführt! rief der Caſtellan. Aber der alte Muſtapha hat auch das Seinige dabei gethan! der kennt hier weit herum jeden Schritt und Tritt, denn er war oft mit dem Herrn in Grafeneck. Sie ſind wohl ſehr müde? Es muß tief in der Nacht ſein, erwiderte Heinrich: ich wundre mich daß Sie noch auf ſind. Das glaub' ich, verſetzte der Caſtellan: aber ich bin vielmehr wieder auf, bei mir hat der Tag ſchon angefangen. Sehen Sie, ich bin ein alter Mann und lebe ſehr ſtill und einförmig; ich gehe früh zu Bett und kann nicht lang ſchlafen; bald nach Mitter⸗ nacht treibts mich wieder aus den Federn, und da leſ' ich in meiner alten Chronik, um die Zeit hinzubringen.— Aber was machen wir nun? fuhr er fort. Hier im alten Schloß iſt nirgends ein Zimmer das für Sie paſſend wäre; im neuen ee Sie freilich unterkommen. Nehmen Sie keinen Anſtand, ſagte Heinrich: ich wills beim Herrn verantworten. Es iſt mir nicht um das zu thun, erwiderte der Alte und ſah ihn bedenklich an: ich meine nur, weil Sie drüben ſo allein und abgeſchieden von jeder ſterblichen Seele ſind. Auch darüber brauchen Sie ſich nicht zu Rngſgen, entgeg⸗ nete Heinrich, ich werde dann nur um ſo ruhiger ſchlafen. 8 Der Alte bedachte ſich noch einen Augenblick: Nun ſo kommen Sie, ſagte er endlich, und die Engel Gottes mögen über Ihnen. wachen. —— 105 Er zündete die Laterne an und hieß den Jüngling folgen. Ihr Weg ging durch den Schloßhof in ein andres Gebäude, nied⸗ riger, aber freundlich von Holz aufgeführt, und der Caſtellan brachte unſern Helden über einen langen Corridor in ein präch⸗ tiges Schlafgemach, wo ein großes blauſeidenes Bett aufgeſchlagen war. Heinrich wagte nicht zu fragen ob dies nicht des Herzogs eignes Zimmer ſei, und der Caſtellan entfernte ſich, nachdem er eine Kerze auf einem hohen Candelaber angezündet und den Jüng⸗ ling gebeten hatte, ſie, da er neu und unbekannt hier ſei, den Reſt der Nacht brennen zu laſſen. Ein dumpfer Modergeruch herrſchte in dem Zimmer, und Heinrich wollte, als er allein war, ein Fenſter öffnen, aber der Wind drang ſo ſtürmiſch herein, daß er den Verſuch aufgab und ſich, nur halb entkleidet, in die weichen Wellen des Lagers ſtürzte. Der Ueberreiz der Ermattung und die verſperrte Luft verſetzten ihn in einen Zuſtand der mehr der Betäubung als dem Schlummer glich. Er hatte nicht lang ſo gelegen als er ein Geräuſch zu hören meinte; mit halben Sinnen lauſchte er nach jener Seite hin, da öffnete ſich eine Thüre in der Wand und herein trat eine weibliche Geſtalt, die ſich ihm bis auf wenige Schritte näherte. Unfähig ein Glied zu rühren ſtarrte er ſie an; das Licht brannte trüb und bläulich, ſo daß die Erſcheinung zuerſt, wie von einem dichten Nebel umfloſſen, undeutlich vor ihm ſtand. Aber nach und nach traten ihre Umriſſe ſchärfer hervor: es war ein ſchlankes Mädchen im ländlich weißen Kleide, ſie trug eine Lilie in der einen Hand, mit der ſie dem Jüngling ängſtlich winkte, als wollte ſie ihn zur Flucht aus dem Schloſſe, ja zur Rückkehr von dieſer Reiſe ermahnen; die andre hielt ſie auf die Bruſt gepreßt; ein tiefer Kummer lag in ihren Mienen, die in dieſem Augenblicke eine wunderbare Aehnlichkeit mit Lottchen ausdrückten. Heinrich ſuchte ſich aufzurichten, aber das Grauen übermannte ihn, er ſank auf das Lager zurück, und glaubte zu ſehen wie die Geſtalt ſich um⸗ kehrte und langſam auf die Wand zuging; hier blieb ſie ſtehen, ,⸗ 106 ſah ſich noch einmal um und wiederholte jene geheimnißvolle Ge⸗ bärde; dann verſchwand ſie durch die geöffnete Tapetenthür. In dieſem Augenblick empfand Heinrich eine kalte Zugluft, die ihn bis ins Herz durchfröſtelte und zur hellen Beſinnung brachte. Lott⸗ chen! rief er emporſpringend, und ſein Ruf hallte ſchauerlich von den einſamen Wänden wider. Mit einem Sprunge ſtand er im Zimmer und ſah ſich nach allen Seiten um: nichts war zu ſehen noch zu hören. Hab' ich gewacht oder geträumt? ſagte er, nahm die Kerze und unterſuchte die Wand, in der er keine Spur von einer Thür entdecken konnte. Er fühlte Schwindel und heftiges Kopfweh, und vermochte vor Bangigkeit kaum zu athmen; auch wurde es ihm noch unheimlicher in der Einſamkeit, als wenn ihm die Erſcheinung gegenüber geſtanden wäre. Er warf ſich in die Kleider, um ins alte Schloß zurückzukehren, und kaum hatte er die Thüre hinter ſich zugemacht ſo fühlte er ſich leichter und beſſer. Sorgfältig verwahrte er das Licht, als er aber den Hof erreicht hatte, erloſch es im Sturm der heulend zwiſchen den Gebäuden durchſtrich und ihm kalte Schneeflocken an die Wangen trieb. Er tappte vorwärts, fand eine Thüre, klopfte und rief, und der gute alte Caſtellan war bald bei der Hand. Ich kann in der dumpfen Luft drüben nicht ſchlafen, und obendrein iſt mir etwas Seltſames begegnet, ſagte Heinrich und erzählte ihm ſein Abenteuer. Mein Gott! rief der Alte, ſo iſt ſie immer noch nicht zur Ruhe! Verzeihen Sie mir, es iſt ſchon ſo lang nichts mehr vor⸗ gefallen, daß ichs mit Ihnen wagen zu dürfen glaubte. Heinrich hörte dieſe Worte mit Verwunderung und begann lebhaft zu fragen, der Alte aber, den ſie wieder zu gereuen ſchienen, wich ihm aus, und ſagte, es ſeien früher manchmal Leute drüben im Schlaf beunruhigt worden, er wiſſe aber nichts Näheres davon: den heutigen Vorfall ſchob er auf die verſchloſſene Luft, die ſchwere Träume zu erzeugen pflege, und ließ ſichs angelegen ſein ein andres Geſpräch dazwiſchen zu ſchieben. 107 Er hatte unſern Freund indeſſen auf ſein Zimmer geführt und wollte ihm ſein Bette zurichten, aber Heinrich gab es nicht zu: die paar Stunden bis Tagesanbruch, ſagte er, kann ich wohl auf einem Stuhl zubringen, und rückte ſich einen an den Tiſch, während er den Caſtellan wieder in ſeinem Lehnſtuhl gegenüber Platz zu nehmen nöthigte. Der Greis, um ihn von dem vorigen Gegenſtande abzubringen, erzählte ihm die Geſchichte des Schlößchens. Der alte, höhere Bau hier, ſagte er, in dem wir ſitzen, wurde von Herzog Chri⸗ ſtoph auf den Trümmern eines noch ältern Schloſſes aufgeführt; das neue drüben hat der jetzt regierende Herr gebaut. Ach, es iſt noch nicht zwanzig Jahre alt und doch ſchon wieder im Ver⸗ fall. Ja, damals hätten Sie bei. uns ſein ſollen! das war ein Leben! Damals war der Herr General von Wimpfen oft hier, dem Sie ſo ähnlich ſehen, daß ich ganz vergaß um wie viel älter er jetzt ausſehen müßte; er ſtand damals juſt in Ihrem Alter. Es war eine außerordentliche Gunſt wenn man vom Herzog mit nach Grafeneck genommen wurde; auch lebte man hier ohne alle Etikette, in der beſten Vertraulichkeit. Ein Tag war ſchön wie der andre, und doch nicht einförmig: Muſik erweckte die Schläfer, dann frühſtückten ſie im Freien, im Walde; nun wechſelten länd⸗ liche Tänze mit Spiel, Tafel, Jagd und Fiſcherpartieen ab, und Abends war Ball oder italieniſche Oper oder franzöſiſche Komödie. Lieber Herr, ſo fein verſteht kein Menſch das Leben zu genießen, wie unſer durchlauchtigſter Herzog. Ich ſage Ihnen, es war oft nur eine ſaure Milch, und doch, wer ſie miteſſen durfte der hätte ſie mit keinem Leckerbiſſen der Welt vertauſcht, ſo heiter, unge⸗ zwungen und liebenswürdig war die Unterhaltung. Freilich, die jungen Mädchen von der Oper und aus der Umgegend— junges Blut hat Uebermuth! Und je ſchöner etwas iſt deſto ſchneller gehts zu Ende. Ich will den Tag nicht vergeſſen, iſt mirs doch, als wärs erſt geſtern geweſen: wir waren auf dem Hirſchplan, 3 und der Herzog hatte mit der Zeit neun und neunzig Hirſche ge⸗ 108 4 ſſcoſſen, die ich ihm nachzählte, denn er iſt der beſte Schütz im Lande. Ja, ſagte Heinrich, ich habs erfahren.. Nun ſeh' ich mich um, fuhr der Alte fort: Durchlaucht, ruf' ich, dort ſteht noch einer.— Nein, ſagt der Herr, ich ſchieß' ihn * nicht: neun und neunzig iſt eine größere Zahl als hundert.— Und dabei macht er ein paar Augen an mich hin, wie nur Er es kann. Das war der letzte Tag. Mitten in der Nacht werd' ich geweckt und zum Herzog geruf er ſah ſehr finſter aus und be⸗ fahl mir Anſtalten zu ſeiner Abreiſe zu treff mir die Hand, hieß mich gute Aufſicht führen, und— fort war er mit ſeinem ganzen Gefolge, und iſt ſeitdem nicht wieder nach 79 Grafeneck gekommen. Auf einer J 6 der Förſter von Eglingen erzählt den der Fürwitz ſtach, ein; der Herzog, im lebhaften Geſpräch, bemerkte es nicht gleich; auf einmal aber lant e halten, umkehren, und jagt wie im Sturm davon; er ſoll ganz außer ſich geweſen ſein. . Seltſam! rief Heinrich: was marden die Urſache? Der Alte ſchwieg lange. Ich we iß es nicht, ſprach er endlich: aber— im Herbſt, wenn auf einem en verlaſſenen Freuden⸗ platze das Laub von den Bäumen fe„da iſts am ehſten Zeit nach ſolchen Dingen zu fragen.— „Er nahm das Käppchen ab und hielt es zwiſchen den gefal⸗ teten Händen; nicht lang ſo ließ er das Haupt auf die Bruſt ſinken und lag im Lehnſtuhl, vom Gebet in den Schlummer des Gerechten hinübergeführt. Heinrich bemächtigte ſich des Buchs; es war Gottfried's hiſtoriſche Chronik. Er blätterte eine Weile darin, bald aber ließ auch er, vo ieblichen Wärme befangen, das Haupt tiefer und tiefer ſinken, un letzt, ein umgekehrter Atlas, mit geſchloſſenen Augen über koblättern der Welt⸗ geſchichte.. — 9. War das die Meinung, Buttler, als wir ſchieden? Gott der Gerechtigkeit, ich hebe meine Hand auf! Ich bin an dieſer That nicht ſchuldig! Schiller, Wallenſtein. Die harte Lage auf Gottfried's Chronik ließ unſern Freund nicht lang ſchlafen; er richtete ſich verſtört in die Höhe, blickte nach dem Caſtellan, der noch feſtſchlummernd in ſeinem Lehnſtuhle ſaß, dann erhob er ſich und öffnete ein Fenſter, um ſich die bren⸗ nenden Schläfen zu kühlen. Vor dem Fenſter lag dichter Schnee, ein trauriger weißgrauer Nebel, in dem ſich die Grundmauern des Schloſſes verloren, umhüllte die Gegend. Heinrich hielt es nicht lang aus; ſowie der Alte, der ihn beim Erwachen wieder als General begrüßte, ſich ermuntert hatte, brach er auf und hieß ſein Pferd ſatteln; der Caſtellan nahm ſein ſchwarzes Käppchen ab und ſagte wehmüthig: Gott ſchenke Ihnen eine glückliche Reiſe bei dieſem üblen Wetter! ich wollte Sie wären länger geblieben, es that mir ſo wohl wieder einen Menſchen zu ſehen. Wenn Sie zum Herrn zurückkommen, ſo ſagen Sie ihm lieber nichts davon daß Sie in Grafeneck waren, er hört es vielleicht nicht gerne. Heinrich ritt in ſonderbaren Gedanken die Anhöhe hinab: war 4 Wirklichkeit oder Phantaſie, was er in der vergangenen Nacht geſchaut hatte? Was ſollte ihm dieſe Erſcheinung bedeu⸗ ten? wollte ſie ihm wohl oder übel? Sie hatte ihn zurückgewinkt: 1 110 wollte ſie ihn vor dieſem Wege warnen?— Eine Bangigkeit lag auf ſeiner Seele, ſchwer wie die Wolken die über der Erde hingen; ſein Roß arbeitete ſich mühſam durch die tief beſchneite Ebene; alte Tannen ſtanden traurig am Weg. Die Straße führte ihn durch rauhe öde Gegenden, die der Schnee noch einförmiger machte. Die jugendlich friſche Stimmung worin er Stuttgart verließ, in der er noch von Reutlingen aus⸗ geritten war, hatte gewaltig abgenommen: war es das Aben⸗ teuer dieſer Nacht, war es die Rückkehr des Winters, der ſo plötzz lich alle Frühlingskeime zu erſticken drohte und dieſen Theil des Gebirges ſo unwirthbar machte, oder war es eine Ahnung? genug, er fühlte ſich mißmuthig, zerſtreut, und be mühte ſich vergebens ſeine Gedanken auf den Zweck ſeiner Reiſe, auf die Art wie er dem Verfaſſer der deutſchen Chronik entgegentreten wollte, zu rich⸗ ten. Endlich ſenkte ſich die Hochebene und er gelangte in das enge tiefe Thal von Blaubeuren. Zwei alte Burgtrümmer, Rugg und das Ruſenſchloß, ſahen ruhig von ihren ungleichen Höhen auf das wunderliche Menſchenkind herab, das ſo haſtig und ver ſtört unter ihnen dahineilte. Der Weg führte zwiſchen hohen Waldbergen hin, aus welchen Klippen und Schloßruinen hervor⸗ blickten; die Blau rollte durch ſchneebedeckte Wieſen zur Seite. Nach einigen Stunden erblickte er einen aus weiter Fläche mächtig aufragenden Dom, er erkannte die rieſige Geſtalt die ihm aus Abbildungen tief eingeprägt war, und wußte daß er ſich nun wieder auf reichsſtädtiſchem Gebiet befinde: es war das Münſter von Ulm. 3 1 Bei vorgerückter Tageszeit ritt er durch das Thor der Stadt, die ſich feierlich vor ihm aufthat. Die vielen ſteinernen Häuſer, die mittelalterliche Bauart mit den Erkern und runden Fenſter⸗ ſcheiben, die gothiſchen Brunnen, alles das gab ihr ein sſehen bei welchem man freilich nicht an das verunſtaltete Re⸗ lingen denken durfte. Er fragte nach einem guten Wirthshaus und wurde in den Baumſtark, eine vielbeſuchte Heerberge, gewieſen. Seine 111 erſte Sorge war den müden Muſtapha unterzubringen, und ſobald er ſich ſelbſt etwas erholt hatte ließ er ſich ſogleich zu Schubart's Wohnung führen. Dort kam ihm eine Frau entgegen, deren an⸗ genehmes Geſicht die Spuren tiefer Leiden trug und erwiderte auf ſein Befragen: Mein Mann iſt nicht zu Hauſe, er hat einen kleinen Ausflug gemacht; ich erwarte ihn aber dieſen Abend zu⸗ rück, denn er will morgen ein Concert geben. Ach, es iſt mir immer bang wenn er ſich aus den Mauern wagt, ſetzte ſie nieder⸗ geſchlagen hinzu: er hat ſo viele Feinde, und überall wird ihm aufgelauert.— Sie ſah ihn bei dieſen Worten forſchend an, und Heinrich entfernte ſich mit dem Verſprechen ſeinen Beſuch morgen zu wiederholen. Er ging verdrießlich in den Baumſtark zurück und blieb den ganzen Abend in dem großen Wirthszimmer ſitzen, ohne an der lebhaften Unterhaltung die um ihn her geführt wurde Antheil zu nehmen. Wenn er einmal mit halbem Ohre hinhorchte, ſo traf er auf die alte unerquickliche Wahrheit daß die Menſchen nirgends zufrieden ſind. Es wurde lebhaft über einen Proceß geſprochen, der eben damals zwiſchen dem Magiſtrat und der Bürgerſchaft ſich entſponnen hatte, da die Souveränetät des erſte⸗ ren, in welcher ſogar die unumſchränkte Verwaltung der Juſtiz begriffen war, nicht ohne Druck für die Stadt ſein konnte. Aus den Reden die bei dieſer Gelegenheit fielen konnte er ſich ent⸗ nehmen, daß der Unterſchied zwiſchen den Patriciern und Bürgern ſchneidend gehandhabt werde. Er ſuchte frühzeitig ſein Lager und holte die verlorene Nacht herein. Als ihn am andern Tag ein Kellner weckte, ſchien die Sonne hell durch die Fenſter, die Glocken läuteten aus der Kirche, und er erfuhr, daß es beinahe Mittag ſei. Sie brauchen ſich nicht zu bemühen, ſagte der Kellner: Herr Schubart wird heute bei uns ſpeiſen; der Herr Kloſteramtmann von Blaubeuren iſt am frühen Morgen angekommen und hat ihn eingeladen.— Auf dieſe erwünſchte Nachricht kleidete er ſich ſchleunig an. Nun hatte er 112² noch Zeit ein Viertelſtündchen am Fenſter zu verweilen und dem hellen Wintertag in die friſchen Augen zu ſehen. Heute erquickte ihn der Schnee, der ihm geſtern ſo verhaßt erſchienen war: ſo veränderlich ſind die Stimmungen des Menſchen und ſo aufſchlie⸗ ßend wirkt ein Sonnenſtrahl auf ſein Gemüth! Die Mittagsſtunde kam heran und unſer Freund begab ſich in das Speiſezimmer, aus welchem ihm ſchon von ferne der Ton eines Klaviers entgegenſchallte. Er trat ein und wurde von einem Säulen ſaß ein Mann der ihm beim erſten Anblick ſtark in die Augen fiel; er ſtellte ſich ans Fenſter, ſo daß er ihm gerade ins Geſicht ſehen konnte, und beobachtete ihn, während er einen hellen Blick um den andern von ihm empfing, ohne daß jedoch der Spieler ſich hiedurch irgend hätte unterbrechen laſſen. Es war ein breitgebauter Mann mit hoher Stirne, in ſeinen Augen lag eine ernſte Gluth, doch der unmäßig große Kopf ließ auf ein Miß⸗ Kinn einen trotzigen aber ſinnlichen Mund zu verdecken und ſich den Augenbraunen zu nähern ſuchte, ſtimmte nicht recht zu dem ausdrucksvollen Oberkopf. Heinrich hatte ſeinen guten Grund ihn ſo aufmerkſam zu betrachten: an dem gewandten ſeelenvollen Spiel, in welchem feurige und ſchmelzende Aecorde abwechſelten, erkannte er ſeinen Mann; die weitverbreiteten Beſchreibungen von Schubart und der Art wie er das Klavier zu behandeln pflegte, ließen ihn keinen Augenblick im Zweifel daß er den merkwürdigen Gäſte und das Eſſen wurde aufgetragen. Schubart mußte mehr aufzuſtehen. Er ſetzte ſich neben einen Mann in einem ſaubern, ein blaſſes Geſicht und ſah wie ein gewöhnlicher Geſchäftsmann rauſchenden Allegro empfangen. An dem Flügel zwiſchen zwei verhältniß ſchließen, und das aufgeſtülpte Geſicht, in welchem das 8 Dichter in Perſon vor ſich habe. Indeſſen kamen noch andre mals gerufen werden, bis er ſich entſchließen konnte vom Flügel geſchonten braunen Rock, der, wie Heinrich bereits vom Kellner erfahren, der Kloſteramtmann von Blaubeuren war; er hatte aus, Ihnen gegenüber ſaß der Publiciſt Afſprung, der es wegen — 113 ſeiner dem Rathe mißfälligen Schriften in ſeiner Vaterſtadt nicht weiter als bis zum Kanzliſten gebracht hatte, ein ſtiller Mann, der nur hie und da auf eine Frage antwortete, ohne ſich ſonſt ins Geſpräch zu miſchen. Heinrich konnte ein freundſchaftliches Verhältniß zwiſchen zwei Menſchen wie Schubart und dem Amt⸗ mann nicht begreifen; er ſollte aber bald darüber ins Klare kom⸗ men. Der Amtmann begann dem Dichter ſtarke Schmeicheleien in der Manier eines mit den Muſen mehr aus der Ferne bekannten. Mannes zu ſagen, welche Huldigung ſehr bereitwillig entgegenge⸗ nommen wurde und eine Scene abgab die auf den jungen Mann nicht den angenehmſten Eindruck machte. Sie ſind aber doch ein Tauſendſaſa, Herr Schubart! fuhr der Amtmann fort: hab' geſtern wieder in der Chronik geleſen— Teufel, was kommen da für Sachen drin! unſer eins könnte ſich ein ganzes Jahr lang vergebens auf ſo einen geſcheiden Einfall beſinnen, und Sie haben in einer Minute ein halbes Dutzend. Sie ſchüttelns aus dem Ermel, wahrhaftig! Schubart, der das letztere Lob in der That verdiente und dafür bekannt war daß er jeden Augenblick über ganze Armeen witziger Einfälle zu gebieten hatte, auch keine Gelegenheit vorüber ließ ſie zu entwickeln, erwiderte auf der Stelle: Soll ich Ihnen ſagen wie es kommt daß ich ſo aus dem Ermel ſchütteln kann? Ihr Andern habt zu viel Futter im Ermel, und davor kann kein Witz aufkommen: bei mir aber iſt Platz genug, deßwegen kann ich auch immer ein paar Schnurren herausſchütteln. Dieſer Witz wurde um ſo lebhafter belacht, als der Amtmann eben ein tüchtiges Stück Ochſenfleiſch in den Mund geſchoben hatte und nun als Titelkupfer daſaß. Schubart jedoch verhielt ſich im Eſſen mäßig und war, wiewohl breit und unterſetzt, dennoch ſehr mager. Er lachte gutmüthig mit, wobei ihm eine tiefe Falte zwiſchen den Augbraunen ein eigenthümliches Ausſehen gab, und klopfte dem Amtmann etwas derb auf die Schulter. Ja, ja! fuhr dieſer fort, als er das Fleiſch und vielleicht Schiller's Heimathjahre. I. 8 114 auch einigen Verdruß damit geſchluckt hatte: manchmal ſtecken aber auch verteufelte Schnurren drin. Nehmen Sie ſich in Acht! Zwar— ſo ein geſcheider Kopf iſt nicht leicht zu fangen, und die Nürnberger henken keinen— Sie wiſſen ſchon! doch dürfen Sie ſich vorſehen, und ich rathe Ihnen behutſam zu ſein, wenn Sie zum Beiſpiel irgend eine Reiſe über das Ulmer Gebiet hinaus machen; ſei es wohin es wolle, folgen Sie keiner Lockung, und vertrauen Sie ſich nur ganz bewährten Freunden! Das thu' ich ja, ſagte Schubart mit einer verbindlichen Hand⸗ bewegung gegen ihn. Hier in Ulm ſitz' ich ſicher, fuhr er fort: hier kann mir kein Teufel ein Haar krümmen. Meine preußiſchen Werber würden eher die ganze Stadt demoliren als mir etwas geſchehen laſſen. Ich kann es laut ſagen: meine Feinde und Verfolger machen mir nur Spaß! Wenn ſo eine ganze Meute Hunde hinter einem einzigen Wild her iſt, ſo beweist das daß es ein tüchtiges Stück ſein muß, denn wegen eines Haſen würden ſie ſich nicht ſo bemühen, und das macht mich ſtolz. Doch heißt es im Sprichwort: viel Hunde ſind des Haſen Tod! ſagte Afſprung und erhob lächelnd den Finger. Des Haſen, ja, aber nicht des Ebers! rief Schubart prah⸗ leriſch, indem er auf die Tafel ſchlug: der zerſchlitzt einen nach dem andern. So hab' ich wieder meinen dicken Jeſuiten ein wenig am Wanſt gekitzelt, daß er ſein ganzes Fett verſchwitzen ſoll! Exempli gratia!— Er zog ein Blatt heraus und las einen Ausfall auf den Pater Merz in Augsburg, ſeinen erbittertſten Gegner, vor, worin ſolche Bomben von Witz geſchleudert wur⸗ den, daß die Geſellſchaft Eſſen und Trinken vergaß und unaufhör⸗ lich lachte. Mit der halben Welt ſich herumbalgen! rief der kecke Schrift⸗ ſteller, der jetzt recht im Feuer war: das iſt ein Freſſen für einen Mann! das iſt mein Element! Die Zeit iſt ſo lumpig geworden, die altdeutſche Kraft iſt ſo geſchwunden, kein Haudegen darf mehr dreinſchlagen im ehrlichen Kampfe, drum muß man ſich durch 4³ 115 ſolche Exploſionen Luft zu verſchaffen ſuchen. Ich glaube, der Schlag würde mich treffen, wenn ich ein halb Jahr lang Frie⸗ den hätte. Das wäre! ſagte der Amtmann und beugte ſich über ſeinen Teller.. Freilich, die guten Weiber, fuhr Schubart fort, können ſo etwas nicht begreifen. Meine Helene gibt mich jeden Tag ver⸗ loren, und weint und betet; ich glaub' es wär' ihr am liebſten wenn ſie einen ganzen Ofenhocker aus mir machen könnte. Geſtern Abend, als ich nach Hauſe kam, lief ſie mir zitternd entgegen und ſtotterte, es ſei ein Herr da geweſen, der nach mir gefragt habe. Was brauchts denn da zu jammern? rief ich: hab' ich doch ein gutes Gewiſſen! und was wirds weiter ſein? er wird mich kennen lernen wollen, wie ſchon Tauſende vor ihm. Dießmal haben Sie ganz richtig vermuthet, Herr Schubart, ſagte Roller, indem er ſich gegen ihn verneigte: Ich war der Fremde, und habe ſo wenig bösliche Abſichten gegen Sie, daß ich vielmehr gekommen bin Ihnen etwas Angenehmes zu ſagen. Würden Sie die Güte haben mir eine Stunde zu beſtimmen wo ich Sie ungeſtört ſprechen kann?— Schubart, der den jungen Mann ſchon mehrmals, und na⸗ mentlich wenn er die Wirkung eines Bonmots oder eines markir⸗ ten Wortes beobachten wollte, ins Auge gefaßt hatte, erwiderte ſehr freundlich: Ei, das iſt ja recht Schade daß Sie mich geſtern verfehlt haben, und doppelt Schade daß ich heute den ganzen Tag beſchäftigt bin. Wie fangen wirs nur an? heute Abend hab' ich Concert, und dieſen Nachmittag muß ich meine Chronik ſchreiben, weil ich morgen mit dem Herrn Amtmann hier nach Blaubeuren fahren will. Ja, ſagte dieſer, der Herr Schubart wollen mich obligiren und meinen Schwäger wieder ſehen, der auf zwei Tage zu Beſuch bei mir iſt. 116 Das kommt mir ſehr ungelegen, verſetzte Heinrich: ich hätte dringend gewünſcht Ihre nähere Bekanntſchaft zu machen. Wiſſen Sie was, Herr Landsmann! ſagte der wirtenbergiſche Beamte: wenn es Herrn Schubart Vergnügen macht, ſo will ich Sie gehorſamſt eingeladen haben auch von der Geſellſchaft zu ſein. Mein Schlitten hat Platz für alle drei, mein Tiſch ebenfalls, und meinem Schwager wird es eine Ehre ſein Ihre Connaiſſance zu machen. Schubart bezeugte ſeine lebhafte Freude über dieſen Vorſchlag und redete dem jungen Manne ſo herzlich zu, daß dieſer trotz einer unüberwindlichen Abneigung die Partie annahm. So führen Sie mich alſo, ſagte er, gleich den Weg wieder zurück, den ich geſtern hergeritten bin. Alle Welt! rief Schubart: dann waren wir nicht weit aus einander! Sie ſind ziemlich nahe an mir vorübergekommen. Sie kennen ja wohl Söflingen, die alte Reichsabtei? dort war ich! hätten Sie das nur gewußt und wären hingeritten! Sie hätten Ihre Freude an dem herrlichen Kloſtergebäude gehabt; denn da⸗ gegen bin ich nicht blind, wenn ich auch ihre dumpfen Inſtitu⸗ tionen auf den Tod haſſe. Aber wie mochten Sie ſich dahin wagen? fragte Heinrich. Söflingen iſt reichsfrei, dort konnte man mir nichts anhaben. Und wiſſen Sie auch, Afſprung, warum ich dort war? Das iſt eine hölliſche Geſchichte! Ich glaube Sie haben damals den jun⸗ gen Menſchen von dort bei mir getroffen— Den Juriſten? Eben den! Er war das einzige Mal bei mir, und ich lieh ihm einen ganz unſchuldigen Roman, ich weiß nicht mehr wie das Buch hieß. Vor einiger Zeit kam dieſer junge Menſch in ein katholiſches Wirthshaus und führte daſelbſt unvorſichtige Reden. Gleich faſſen ſie ihn am Fittig, er wird ins Kloſter Wiblingen gebracht, in ein ſcheußliches Loch geſperrt, gefoltert und zuletzt als ein Läſterer Gottes und der Heiligen aus Gnade und Barmher⸗ 2 117 zigkeit heimlich geköpft, verbrannt und ſeine Aſche in die Iller geſtreut. 3 Alles ſchauderte bei dieſer Erzählung, die Schubart mit wil⸗ den Augen vorbrachte. Iſt es auch ganz gewiß? fragte der bedächtige Afſprung. So ſagte man mir wenigſtens in Söflingen, wo ich mich nach ſeinem Schickſal erkundigte, weil er von dort gebürtig iſt. Nun, Gottlob! verſetzte Afſprung: wenn es noch bloße Sage iſt ſo kanns ja auch erlogen ſein. Aber eins iſt wahr! rief Schubart zornig: die Mönche ver⸗ breiten das Gerücht, er habe ſeine gottloſen Grundſätze von mir geholt, und zwar ſoll er ſelbſt dieß auf der Folter geſtanden haben. Das gibt wieder neue Verfolgungen, ſagte Afſprung mit einem Seufzer. Mags! rief Schubart: wenn ich nur wüßte was an der Sache iſt. Irgend einen Spuk haben die verfluchten Pfaffen jedenfalls gemacht. Und das Stückchen ſieht ihnen gar nicht ſo unähnlich: denn ich weiß wie ſie's mir gemacht hätten, wenn ich in ihre Hände gefallen wäre. Da laſſen Sie ſich eins erzählen— Sie wiſſens zwar ſchon, lieber Afſprung— Als ich auf meiner Flucht von Augsburg nach Günzburg kam lein preußiſcher Werboffizier machte die Reiſe mit), fand ich im Wirthshaus einen Troß dick⸗ bäuchiger Pfaffen um den Tiſch ſitzen. Sie ſoffen das Bier in Strömen hinab, und da kein andrer Tiſch im Zimmer war ſo mußten wir uns zu ihnen ſetzen. Nun können Sie ſich denken was ich für Augen machte, als ich ſah daß ſie einige Nummern meiner Chronik und— mein allerhöchſteigenes Portrait in den Klauen hatten, das zum Glück eine ſcheußliche Fratze war. Da⸗ mals hatte ſich die Sage durch kluge Freunde verbreitet, ich ſei unterwegs arretirt worden, und die Beſtien jubelten darüber: Jetzt hand mer den Galgenkerl! brüllten ſie: werden'm wohl d' Zung rausſchneida und da Kätza lebendi verbrenna! dann ſchreib, Hund!— Proſit! dacht' ich bei mir, und halb aus Angſt ——— ——ęxx:—’Z’BOLõ—An-o--—— 118/ halb aus tollem Muthwillen miſcht' ich mich in das Geſpräch, ſchimpfte durch alle Octaven auf mich ſelber, beſchrieb mich ſo un⸗ ähnlich als möglich, zerriß das Portrait des Belialskindes(heim⸗ 8 lich aus Aerger über die Carricatur), und brachte ſo infames Zeug 4 vor, daß ſie ganz begeiſtert wurden und mir den Segen der Mutter Gottes und aller Heiligen auf den Hals wünſchten. Mein Preuße, der ſo witzig war mich mit einem falſchen Namen anzureden, ſah mit Behagen zu und ſprach unterwegs noch oft von der Poſſe. Die Geſellſchaft, deren Mittelpunkt er vom erſten Wort an geweſen war, lachte und ſtieß auf ſeine Geiſtesgegenwart an. Ja! rief Schubart: und pereant alle Pfaffen und Pfaffen⸗ freunde und Tyrannen! denn das Geſchmeiß hängt wie Kletten an einander! Sollten Sie's glauben daß man mich jetzt verfolgt, weil ich in der Chronik gemeldet habe, Maria Thereſia ſei vom Schlage getroffen? Ich war falſch berichtet, aber was benimmt denn das der guten Kaiſerin an ihrer Majeſtät, wenn ſie ein Unglück hat, das dem beſten und vernünftigſten Menſchen zuſtoßen kann? 1 So ſind Sie ſchon in Kenntniß geſetzt—? rief Heinrich. Ich weiß alles! erwiderte Schubart: ich habe Freunde und Anhänger durch ganz Deutſchland, und ſo lang es ein Preußen⸗ gibt hab' ich nichts zu fürchten.— Uebrigens ſeien Sie ruhig, ſagte er harmlos lachend zum Amtmann: ich werde Sie morgen auf wirtenbergiſchem Boden nicht compromittiren. O, fuhr Heinrich etwas vorſchnell heraus, unſer Herzog iſt ganz gnädig gegen Sie geſinnt, darauf können Sie ſich verlaſſen. Der Amtmann ſah ihn forſchend an. Wiſſen Sie das ſo genau? fragte Schubart: mir iſt jeden⸗ falls am wohlſten wenn ich ſeiner Gnade nicht bedarf. So iſts recht, Herr Schubart! rief ein ſtämmiger Bürger — vom untern Ende der Tafel herauf: bleiben Sie nur bei uns! 3 wir Ulmer laſſen Ihnen nichts geſchehen! und geben Sie uns heut Abend ein ſchönes Concert, dann iſt alles für Sie. Dieß brachte das Geſpräch auf die angekündigte muſikaliſche 4 119 Unterhaltung und auf Muſik überhaupt, wodurch Schubart Gelegen⸗ heit erhielt ſich von ſeiner vortheilhafteſten Seite zu zeigen. Er ſetzte ſich an den Flügel und ſpielte mit Geiſt und Kraft einige Choräle, um an dieſer Grundlage der deutſchen Muſik nachzuweiſen welche Vorzüge dieſelbe vor der italieniſchen habe; dann geſellte er ſich wieder zu den Tiſchgenoſſen und entwickelte ſo neue und kühne Ideen zu Gunſten der deutſchen Tonkunſt, daß Heinrich ihm mit Bewunderung zuhörte. Ach, da fällt mir eine artige Schnurre ein, rief Schubart auf einmal: als ich in Ludwigsburg Muſikdirector war, hatte ich ſchwere Mühe die geiſtliche Muſik unſrer großen Componiſten, eines Graun, eines Bach und ſolcher genialen Meiſter einzuführen. Ueberhaupt gaben die Italiener den Ton an, und eine Muſik war verdächtig wenn nur ein deutſcher Name auf dem Blatte ſtand. Nun ſetzte ich einmal eine Cantate und brachte ſie dem Orcheſter zur Probe, legte ſie aber unter dem Namen Trabuſchi auf; ſie wurde geſpielt und mit glänzendem Beifall aufgenommen, Jomelli war entzückt, Lulli ſpielte ſeine Partie mit dem größten Feuer und alle Virtuoſen jubelten über den excellenten Landsmann. Da ſagt' ich: Meine Herren, haben Sie doch die Gefälligkeit den Namen verkehrt zu leſen! Wie heißts?— Man buchſtabirte, lachte, und der Dichter ſah ſich ſelbſtgefällig um. Der Amtmann, der ihn im Fluß zu erhalten ſtrebte, brachte ihn auf die abenteuerlichen Fahrten die er ſeit jener Zeit gemacht zu reden, und der lebhafte Mann war unerſchöpflich im Erzählen, wobei er jedoch, uneingedenk daß er einſt zu München aus Noth beinahe katholiſch geworden wäre, oder vielleicht eben darum, keine Gelegenheit vorübergehen ließ um ſeinem Pfaffenhaſſe Luft zu machen. Nie, erzaͤhlte er, werd ichs vergeſſen wie ich auf meiner Durchreiſe durch das Ellwangiſche die Straßen angefüllt ſah mit Blinden, Lahmen, Krüppeln und Kranken aller Art, die zum großen Wunderthäter, zum Pater Gaßner wallfahrteten, um ſich heilen zu laſſen. O, dacht' ich, Gaßner! wenn du all dieſem Jammer 120 mit einem Segensſpruch abhilfſt, ſo will ich auf den Knieen zu dir kriechen und dir meinen Unglauben und meine Ausfälle und Spöttereien abbitten; aber leider kommen dieſe Elenden noch elender zurück. Den Gaßer haben Sie kräftig zur Ruhe verwieſen, ſagte der Amtmann. Er hat ſich, erwiderte der Dichter, die Augen ſchelmiſch zu⸗ drückend, er hat ſich erſt neulich verlauten laſſen, er wolle mich auf ein Weinfaß bannen.— Er mags thun! rief er mit aufge⸗ hobenem Römer: aber nur auf ein Faß ächten Hochheimer oder Nierſteiner. Da wollt' ich ſtolzer drauf ſitzen als Bacchus da er im Triumphe nach Indien zog, und die Löwen und wilden Pardel ſollten wie Kinder um mich her greinen, ihnen Götterſaft aus der vollen Schale zu reichen. Ich aber, mit Epheu bekränzt, würde die Schale hoch emporheben und jauchzen: Es lebe die Vernunft! es ſterbe der Fanatismus und Aberglaube! Jubelnd ſtimmte die Geſellſchaft in den Trinkſpruch ein. Der Dichter leerte ſein Glas mit feuerſprühenden Augen umherblickend; dann ſetzte er hinzu: Uebrigens muß man das Kind nicht mit dem Bad ausſchütten! mich empörts wenn die Religion, wie es bei dieſen Wunderkuren geſchieht, auf eine ſchändliche und lächerliche Weiſe mißbraucht wird; aber die ſogenannte Sympathie möcht' ich doch nicht ganz verwerfen: ich habe wirklich ſchon Wunderdinge davon gehört und zum Theil ſelbſt erlebt. Der Amtmann erzählte zur Beſtätigung von einer ſympa⸗ thetiſchen Cur wodurch einem ſeiner Kinder die Warzen vertrieben worden ſeien, und Heinrich citirte lachend die zwei berühmten Zeilen des Hamlet. Ja, ja! verſetzte Afſprung, man kann auch die Aufklärung zu weit treiben. So hört man gewöhnlich behaupten daß Träume keinen Sinn haben, und doch kann ich verſichern daß ich von Träumen weiß welche einen tiefen Sinn, ja ſogar eine prophe⸗ tiſche Bedeutung hatten; ich kenne hier eine ganze Familie die 121 mit ſolchen Träumen ich weiß nicht ſoll ich ſagen geſegnet oder geſtraft iſt.— Er erzählte einige Fälle welche die Aufmerkſamkeit und Verwunderung der Geſellſchaft in hohem Grade erregten. Ich glaube, ſagte Schubart, es iſt in ſolchen Dingen ſchwer eine beſtimmte Linie zu ziehen, eine Theorie zu bilden. So hat zum Beiſpiel meine gute Helene Träume und Ahnungen; davon iſt nun einiges eingetroffen, andres nicht, und ich kann alſo nur ſagen daß ich nicht an alle glaube, oder vielmehr daß ich an alle ſo lang nicht glaube bis ſie eingetroffen ſind. Dieß iſt namentlich gegenwärtig mein Troſt und meine Vertheidigung gegen das gute Weib; denn ſeit einigen Tagen ſieht ſie allenthalben Geſpenſter. Er verſank in tiefes Nachdenken, eine große Stille entſtand. Sonderbar! fuhr er auf: da kommt mir auf einmal ein Traum wieder in Erinnerung, den ich längſt vergeſſen hatte. Als ich von Geislingen nach Ludwigsburg berufen wurde und den Bakel mit dem Taktirſtab vertauſchte, was nicht ohne ſcharfen Kampf mit meiner Frau und ihrem Vater abging, träumte mir in einer Nacht, ich wandle einſam in der äußerſten Finſterniß; ich wußte nicht wo ich war und wohin ich mich wenden ſollte, mein Fuß trat unſicher auf, es wimmelte unter mir, als ob der Boden lebendig wäre; auf einmal erhellte ein rother Blitz die ganze Ge⸗ gend und ich ſah mich in einer ſchauerlichen Wüſte, Schlangen und ſcheußliches Gewürme zu meinen Füßen; ich ſchrie, da ergriff mich eine ſtarke Hand und ſtellte mich auf einen Berg der über und über mit Aſche bedeckt war; durch die Aſche mußte ich zu einem Thurme waten, wo ein Troß Dämonen in ſchwarzen Kutten mich hohnneckend empfing; kaum war ich bei ihnen angekommen ſo fielen ſie teufliſch lachend über mich her und zerfleiſchten mich mit den langen Nägeln an ihren Fingern, ſo daß ich in Schweiß gebadet erwachte und die ganze Nacht kein Auge mehr ſchloß. Ich hatte damals ein unbezwingliches Vorgefühl, dieſer Traum müſſe in Erfüllung gehen, nachher aber vergaß ich ihn, und jetzt, nach acht Jahren, taucht er plötzlich wieder vor mir auf. Und es ————m 122 iſt doch ominös! ein Theil davon iſt bereits in Erfüllung ge⸗ gangen: die Pfaffen ſind mir aufſäßig geworden und möchten mir wenigſtens gern ſo mitſpielen wie es ihre Ebenbilder in jenem Thurme thaten. Heinrich ſchrack zuſammen, denn in dieſem Augenblicke fiel ihm wie durch einen elektriſchen Schlag das Begegniß in Grafeneck wieder ein, das ihm während ſeines langen Schlafes in der ver⸗ gangenen Nacht ganz aus der Seele verſchwunden war. Er ſtützte den Kopf auf die Hand und brütete in düſtrem Sinnen vor ſich hin; wenn ihn jemand gerade jetzt über Aufklärung und Aber⸗ glauben befragt haben würde, er hätte keine Antwort zu geben vermocht. Wie, ihr Herren! rief der Amtmann von Blaubeuren, dem dieſe Wendung des Geſprächs nicht nach dem Sinne zu ſein ſchien: luſtig, aufgeweckt! wofür ſtehen die vollen Flaſchen umher? Pfui, Herr Schubart! wo iſt Ihre gute Kehle, Ihre muntere Laune, Ihr Witz? Geſchwind, geben Sie uns einen luſtigen Einfall zum Beſten, einen Vers! Warten Sie, über was denn gleich? Ja, ſehen Sie, hier werf' ich dieſen goldnen Ring in Ihr Glas: wenn Sie ohne ſich zu beſinnen einen Vers darüber machen, ſo ſoll er Ihnen gehören. Ein unbehaglicher Kampf war während dieſer Worte auf Schubart's Angeſicht zu leſen: das ſchnelle Abbrechen eines be⸗ deutenden Gegenſtandes, die Empfindung, ſein Talent vor dieſem jungen Mann auf eine doch nicht gar würdige Weiſe verwenden zu ſollen, ſchien ihm peinlich zu ſein, auf der andern Seite aber konnte er es nicht ertragen ſich durch Stillſchweigen vor der Geſellſchaft eine Blöße zu geben und ſeinen Ruf Lügen zu ſtrafen; vielleicht zog ihn auch das Gold einen Augenblick an, das in ſeinem Hauſe nicht überflüſſig war; genug, ſo wie der Amtmann das letzte Wort geſprochen ergriff er das Glas mit dem Ring und ſagte ganz geläufig: Zwei Götter können ſich zuſammen nicht vertragen: Drum, Plutus, an die Hand, und, Bacchus, in den Magen! 123 Damit leerte er das Glas auf Einen Zug und ſteckte den Ring an den Finger. Heinrich war über die Schnelligkeit dieſer Improviſation er⸗ ſtaunt, die dem Dichter, ganz wie der Amtmann geſagt, ohne alles Beſinnen gelungen war; denn eine Naturgabe die uns ab⸗ geht ſetzt uns immer am meiſten in Verwunderung. Das iſt mir doch eine wahre Hexerei! rief der Amtmann: hätt' ich es doch nicht für möglich gehalten daß man über einen Ring den ich ins Glas werfe etwas ſagen könnte! was iſt da irgend Auffallendes dran? was läßt ſich dabei Vernünftiges denken? und doch bringen Sie gleich einen Vers heraus und noch dazu einen Witz! aber ich ſag' es ja immer, Sie ſind ein Tauſendſaſa! das war wieder aus dem Ermel geſchüttelt! 3 Schubart betrachtete ihn lächelnd; dann zog er den Ring wieder ab und legte ihn dem Amtmann in die Hand, indem er ſagte: Nicht das Metall das glatt durch ſchmutz'ge Hände rollt, Dem Dichter ziemt des Weins, der Saiten reines Gold. Dieß nur gewähre mir, Apoll, und bleib' mir hold! Und nun, Herr Amtmann, hier! behalten Sie Ihr Gold. Hatte der erſte Vers eine gute Wirkung gehabt, ſo erregte dieſer zweite, den er eben ſo leicht von ſich gab, einen wahren Enthuſiasmus, wovon ein großer Theil auf die feine und würdige Wendung die der Dichter nahm geſchrieben werden durfte. Die Geſellſchaft brach in lautes Beifallsgeſchrei aus, Heinrich drückte ihm herzlich die Hand, der Amtmann aber nahm den Ring durch⸗ aus nicht zurück und nöthigte den Dichter auf jede Weiſe: es würde ihm eine wahre Beruhigung ſein, ſagte er mit einem ſelt⸗ ſam traurigen Blick, und ließ nicht eher nach bis er den Ring wieder an Schubart's Finger ſah. Jetzt wurden noch ein paar luſtige Flaſchen geleert, Schubart blieb ſich gleich und war oft groß in ſeinen ſchlagenden Erwide⸗ rungen, wobei ihn ſein Witz auch nicht eine Secunde lang im 3 ſ 124 Stiche ließ; einige ſtarke Derbheiten, die gelegentlich mit unter⸗ liefen, waren mit dieſer Würze wohl durchgeſalzen und für den ekelſten Gaumen genießbar gemacht.„. Endlich brach der Dichter auf, um in den paar Stunden vor dem Concerte das bevorſtehende Chronikblatt zu füllen. Er ſchüt⸗ telte unſrem Freunde die Hand und ſagte: Morgen ſehen wir uns alſo wieder! Sie müſſen morgen Abend mit mir zurück, wir bleiben einige Tage beiſammen und ich zeige Ihnen alle Merk⸗ würdigkeiten Ulms, wo es manches was ſich der Mühe verlohnt zu ſehen gibt. Namentlich aber verbiet' ich Ihnen bei Leibes⸗ und Lebensſtrafe, das Münſter ohne mich zu beſteigen! das iſt ein Gang den wir mit einander thun müſſen. Inzwiſchen will ich Ihnen hier eine Unterhaltung verſchaffen.— Er warf ein paar Worte auf ein Blatt, gab es ihm und ſtürmte hinaus. Es war eine vertraulich geſchriebene Empfehlung an den Verfaſſer des Sigwart, den Freund und Genoſſen des Göttinger Hainbundes, Johann Martin Miller, der jetzt als Geiſtlicher in ſeiner Vater⸗ ſtadt lebte. Heinrich machte ſogleich Gebrauch davon und fand einen ſanften Mann mit einer liebenswürdigen Gattin; beide ſprachen mit Theilnahme und zarter Beſorgniß von der Lage des rückſichtsloſen Dichters. Heinrich brachte bei dieſen wohlwollenden Menſchen eine angenehme Nachmittagsſtunde zu, welche ihm nach⸗ der geräuſchvollen Fröhlichkeit ganz ſanft that. Abends beſuchte er Schubart's Concert und hatte Gelegenheit ſeine muſikaliſchen und declamatoriſchen Talente kennen zu lernen. Er hörte ihn einige Oden von Klopſtock vorleſen und bewunderte ſeine metallene Stimme, nur hätte er ihm etwas mehr Mäßigung in der ungebändigten Kraft ſeines Vortrags gewünſcht. Das Publicum, unter dem er ſich umſah, beſtand großentheils aus Ulmer Bürgern mit ihren Frauen und Töchtern; Patricier ſchienen wenige da zu ſein. Der weibliche Theil des Auditoriums war ſehr anziehend zu nennen; er meinte eine Auswahl der ſchwäbiſchen Frauen vor ſich zu haben. Selten hatte er einen ſo ſchlanken 125 Wuchs, eine ſo gefällige Haltung geſehen; eine ſanfte Ruhe lag auf dieſen feinen Geſichtern, deren Schönheit im umgekehrten Maße zunahm je mehr ſich ihre eigenthümliche Tracht dem Mittel⸗ ſtande näherte. Sie ſchienen ihm mehr ſüdliche Grazie in ihren Bewegungen zu haben als ihre übrigen Stammsgenoſſinnen, und unſer Freund, ein ächter fahrender Ritter, erlaubte ſich nur ſein Lottchen von dieſem Urtheil auszunehmen. Schubart's Frau ſaß unter ihnen mit ſchwermüthig geſenktem Kopfe, ſie nahm wenig Antheil an dem Beifall den ihr Gatte erntete, und ſchien mit einer unbezwinglichen Trauer zu kämpfen; wie viel mochte dieſe treue Seele ſchon durch den unruhigen Muſikus gelitten haben! Dieſer benützte eine Pauſe, um Rollern, den er mit ſeinen ſcharfen Augen erſpäht hatte, aufzuſuchen und ein paar Worte mit ihm zu ſprechen. Er dankte ihm lebhaft für ſeine Beifalls⸗ bezeugungen: Haben Sie meinen Bruder Miller geſprochen? rief er, nicht wahr, das iſt ein herrlicher Menſch? Heinrich ſtimmte von Herzen ein. Ich weiß nicht, ſagte Schubart und fuhr mit der Hand lang⸗ ſam über die Stirne: es iſt als wäre etwas von meiner Frau auf mich übergegangen; ſie will dieſe Reiſe kaum zugeben, und doch! was iſt denn für eine Gefahr dabei? ja, wenn's nach Stutt⸗ gart, nach Ludwigsburg ginge, wo ich noch manches auf der Nadel habe, da könnte man Beſorgniſſe hegen, aber an die nächſte Grenze! nach Blaubeuren! wer kann da an eine Geſahr denken? wie kann der Herzog etwas davon erfahren, oder hat er ſo weit⸗ ſichtige Augen und einen ſo langen Arm um mich von Stuttgart aus in Blaubeuren zu faſſen? Sie ſind im Irrthum, liebſter Schubart, wenn Sie glauben, Herzog Karl wolle Ihnen übel; im Gegentheil— Still, ſtill! fiel Schubart lächelnd ein: ich kenn' ihn beſſer, er kann mir nicht grün ſein! das Land iſt mir nicht umſonſt verboten. 3 Es iſt hier nicht der Ort davon zu ſprechen, ſagte Heinrich: 126 aber wenn Sie eine Abneigung haben nach Blaubeuren zu gehen, ſo laſſen Sie uns hier bleiben. Nehmen Sie mir meine Offen⸗ herzigkeit nicht übel, aber wie mögen Sie ſich mit dieſem Amt⸗ mann einlaſſen? er hat gar nichts, was einen Mann Ihrer Art anziehen könnte. Schubart lachte: Ich wills geſtehen, ſagte er, es iſt eine Schwachheit, eine Eitelkeit! Es liegt in unſrer Natur, daß wir lieber nach dem Fernen greifen als nach dem Nahen, und der Beifall einer Schreiberſeele thut mir oft, der Seltenheit wegen, wohler als das Lob eines Zunftgenoſſen. Wenn ich das Gelübde thun wollte, nur mit Poeten umzugehen, ſo würd' es mir oft an Geſellſchaft fehlen. Was aber Den betrifft, ſo iſt er ein tüchtiger Geſchäftsmann, rechtſchaffen ſo viel ich weiß, gewandt und von ſehr raſchem Weſen, und dafür hab' ich eine gewiſſe Sympathie. Ueberdieß verſprech' ich mir von ſeinem Schwager einen ange⸗ nehmen Tag; ich kenn' ihn von früher her und kann nur nicht begreifen warum er mir durch den Amtmann ſagen ließ, er wünſche mich kennen zu lernen.— Nun, ich muß wieder an meine Funktion! Nicht wahr, meine reichsbürgerlichen Virtuoſen halten ſich brav? Als das Concert vorüber war, holte Schubart ihn ab und führte ihn in eines der Schenkzimmer. Es thut mir leid, ſagte er, daß wir nur noch ein paar Minuten beiſammen ſein können, aber ich bin mit der nächſten Nummer meiner Chronik noch nicht ganz zu Ende— oder— ich weiß einen beſſern Vorſchlag! gegen Sie. ſetze ich mich über alle Förmlichkeiten weg, denn Sie thun mir den Gefallen gerne. Was es auch ſei! rief Heinrich. Wenn ich jetzt zu Hauſe hinſitze, ſagte der Dichter, ſo zerkaue ich mir die Feder, ihr Kritzeln ſtört mich jeden Augenblick, und ich brauche die halbe Nacht bis ich etwas zu Stand gebracht habe, das dann doch kalt und leer iſt; dagegen wenn ich jemanden hätte dem ichs dictirte, ſo wär' in einer halben Stunde etwas fertig womit ich eher zufrieden ſein könnte, 127 Papier, Tinte und Feder! rief Heinrich einem vorübereilenden Kellner zu, und wollte als das Verlangte gebracht war ſich in eine entfernte Ecke begeben, aber das war nicht nach Schubart's Geſchmack. An den beſetzteſten Tiſch, wo in einer dicken Tabaks⸗ wolke kräftige Geſtalten vor den ſchäumenden Bierhumpen ſaßen, wo das Geſpräch am lauteſten war, ſetzte er ſich mit ihm hin und ſagte: Nun warten wir bis der Geiſt über mich kommt!— Aber es war ihm nicht anzuſehen daß er über irgend etwas nach⸗ dachte; vielmehr unterhielt er das lebhafteſte Geſpräch mit ſeinem neuen Freunde, der immer größern Gefallen an ihm fand, und warf dazwiſchen Bomben nach allen Seiten hin. Die Unterredung begann allgemein zu werden; Heinrich vernahm einen kecken ent⸗ ſchiedenen Ton womit über die Zeitläufe geſprochen wurde, ein körniger Witz kam ihm überall entgegen, und ſogar literariſche Anſpielungen miſchten ſich ins Geſpräch, aus welchen er abnehmen konnte wie tiefe Wurzeln Schubart's Wirken bereits in der Stadt geſchlagen hatte. Mitten in der beſten Unterhaltung ergriff dieſer plötzlich die Feder und warf einige Worte hin, reichte das Papier unſrem Freunde, welcher darauf mit einer für dieſen Mann des Sturm⸗ drangs ungemein zierlichen Hand geſchrieben fand:„Memento mori für die Krittler,“ und ſagte: Ich habe eben jetzt allerlei zu recenſiren, und dazu will ich mir die Grundſätze der ächten Kunſt⸗ richterſchaft einmal recht klar machen. Schreiben Sie, Beſter! ich ſetze mich auf mein Rößlein, es geht auf Siebenmeilenſtiefeln, ſchreiben Sie— und damit begann er zu dictiren: „Haſt ein Buch vor dir und möchteſts oder ſollſts recenſiren, ſo geh' in dein Kämmerlein, und ſchleuß die Thür nach dir zu, und frag' dich vor: verſtehſts Buch auch? „Schlag nicht gleich mit dem Schwert drein, lieſ'ſt du ein ſchales Buch; denk, s könnt' ein alter Mann ſein, der dieß Buch ſchrieb— hats wohl nicht bös gemeint— und du willſt ihn ſchlagen, den Glatzkopf, der ohnehin ſchon zum Grabe wankt. Ihn 128 der vielleicht als Bürger, als Menſch und Chriſt manch edle That gethan, köſtlicher als das ſchönſte Buch mit Modetitel und Mode⸗ fratzen, und Modewitz und NModeſchnitt. „Oder denk:'s könnt' ein Jüngling ſein, der furchtſam und blöde am Neſtchen ſteht und ſeine Flügelein verſucht. Sieh, er wagt ſich in die Luft, ſetzt ſich wieder, flattert allenfalls auf deinen Flintenlauf, glaubt's ſei ein Aſt. Und du willſt ihn morden, Barbar? Ihn der, wo er nicht fliegen wird wie ein Adler, und ſingen wie die Nachtigall, doch fliegen wird in Gottes Luft, und zwitſchern aus dem dunkeln Buſch! „Da ſteht einer, ſetzt den Zirkel an, ſagt beſcheiden: für den Kreis ſchreib' ich! thuts auch und verbreitet Ordnung, Wohlbe⸗ hagen und Freud' in dieſem Kreiſe— und du gehſt her, erwei⸗ terſt den Kreis, daß Welten drin tanzen könnten, und ſiehſt du daß der beſcheidene Schriftſteller nun nicht mehr ausreicht mit ſeinen Strahlen, gleich über ihn herfährſt und ihm Perrück' und Kragen und Mantel vom Leib reiß'ſt und über ihm kollerſt und deine Gebärde verſtellſt, daß dir der Geifer herabfließt in deinen Bart— ſags und richte ſelber: biſt du nicht ein unbeſcheidener, ungerechter, unchriſtlicher, herzloſer Kerl, den man mit Schnee⸗ ballen vom Richterſtuhl werfen ſollte? „Stößt dir aber ein unbeſcheidner Knab' auf, der mit Schwa⸗ nenſtolz daherſchwimmt, und ſpottet der Vögel über ihm, und hochhalſig anſchielt die Thier' am Ufer, und hinunterſtürzt nach den Fiſchlein im Waſſer, ſie zu verſchlingen, den wirf bis er liegt! Scheu' nicht des Giganten Tritt und ſeinen Jaſt und ſein Hohn⸗ ſprechen, ſondern nimm Stein' und ſchleudr' ihn zur Erde. Nur Demuth verdient Schonung, Arroganz aber Wurf und Tod. „Ueberlaß das Meiſte der richtenden Zeit. Sie ſteht mit der Wage hoch und wägt. Siehſt du wie gelehrte Spreu auffährt in der Wagſchal' und Sturmwinds Raub wird?— Was willſt du richten?— Siehſt du die ſinkende Schale mit Goldſand und Edelgeſtein?— Was willſt du richten?— 129 „Und über das alles, Krittler, bedenke das Ende, ſo wirſt du nimmermehr Uebels thun. Schrecken dich die Kunſtrichtergerippe und der Anblick ihrer hohlen Schädel und ihres Gebeins Dürre in Bücherſälen nicht? Halt dir einen Mann, nach Egypterbrauch, der dir zuruft, wenn Galläpfelſaft in deiner Feder ſprudelt: Me- mento mori!— Gieb Acht, entſinken wird die Feder deiner Rechten, und haſt ein Herz im Leib, ſo wird ein Thränchen ſtürzen aufs Papier und jede Bruderbeleidigung wegflößen. „So richte mich, Leſer, ich werde ſie halten, meine ſieben Gebote.“ Auch unſrem Freund entſank die Feder hier, die er nicht mehr in der Hand zu führen vermochte; ſie hatte kaum mit dem raſchen Gedankenſtrome des genialiſchen Mannes gleichen Schritt halten können, der überdieß noch unter dem Dictiren an dem Geſpräche rings umher Antheil nahm und da und dorthin ein Wort, einen Witz fliegen ließ. Heinrich ſprang begeiſtert empor. Das könnte Göthe geſchrieben haben! rief er aus: hoch lebe Ihr Talent, lieb⸗ ſter Schubart! Glück und Gedeihen Ihrer friſchen, lebenvollen Chronik! möge es nicht die letzte Nummer ſein! Schubart zog ihn lächelnd nieder und die Freunde blieben noch eine Weile aufs Cordialſte zuſammen, bis Frau Schubart, die ſich inzwiſchen bei einigen Freundinnen aufgehalten haben mochte, mit ihrem ſanften traurigen Blick an der Thüre erſchien. Schubart nickte ihr zärtlich zu, ſagte dem jungen Manne gute Nacht und entfernte ſich mit ihr. Unfer Freund war ebenfalls im Begriff zu Bette zu gehen, da trat ihm aus einer Ecke der Amtmann von Blaubeuren entgegen und Heinrich mußte noth⸗ gedrungen Rede ſtehen. Verzeihen Sie meine Kühnheit, begann der Amtmann: Sie haben heute bei Tiſch eine Bemerkung über unſern durchlauchtig⸗ ſten Herzog in Betreff Schubart's gemacht, die mir aufgefallen iſt. Sind Sie vielleicht über ſeine Geſinnungen näher unterrichtet? Ich glaube ſo ziemlich, erwiderte Heinrich kurz. Schiller's Heimathjahre, I. 9 130 Der Amtmann rückte ihm mit einer gewiſſen Vertraulichkeit auf den Leib und fragte ganz leiſe, indem er mit den Augen zwinkerte: Sind Sie vielleicht von Sr. Durchlaucht abgeſandt? Heinrich war betroffen, dem Amtmann entging ſeine Verlegen⸗ heit nicht. Ich bitte tauſendmal um Vergebung, ſagte er: ich habe vorhin zufällig im Stall die Schabrake Ihres Pferdes geſehen. Heinrich ſchwieg mit gerunzelter Stirne und verwünſchte inner⸗ lich die herzoglichen Stalldiener und ſeine eigene Unbeſonnenheit, die, wie ihm jetzt einfiel, ſchon in Grafeneck ſich hätte warnen laſſen ſollen. Ich begreife nicht, fuhr der Amtmann fort: übrigens wenn der Herzog einem Diener wie mir etwas befiehlt, ſo kann er ſich ruhig ſchlafen legen und braucht mir keinen Succurs zu beordern. Ich weiß nicht was Sie ſagen wollen, erwiderte Heinrich. Nun, Sie haben mir wenigſtens recht ſchön in die Hände gearbeitet; ich werde das zu rühmen wiſſen. Hat Ihnen der Herzog vielleicht Aufträge gegeben? fragte Heinrich. Bei Karl's Neigung zu ſchnellen und wechſelnden Ent⸗ ſchlüſſen war es nicht undenkbar daß der Fürſt ihm einen Ge⸗ hilfen nachgeſchickt habe. Vertrauen gegen Vertrauen, ſagte der Amtmann trocken und drehte an ſeinen Weſtenknöpfen. Nun, wir können ja morgen darüber ſprechen, verſetzte Hein⸗ rich: für jetzt, däucht mich, wiſſen wir genug von einander, näm⸗ lich daß wir gemeinſchaftlich auf Schubart's Wohl bedacht ſind. Gewiß! erwiderte jener, indem er ihn zum erſtenmal mit einem langen, ungewiß forſchenden Blick betrachtete: das ſind wir, und in dieſem Glauben können wir jetzt ſchlafen gehen. Ich habe das Vergnügen angenehme Ruh' zu wünſchen. „Was wollte mir denn der Menſch eigentlich ſagen? dachte Heinrich, als er ſein Bett beſtieg: welche ſchnöde Neugier, mein Pferd auszuſpioniren! Wenn der Herzog durch Dieſen mit einem * 131 Mann wie Schubart ins Reine kommen will, dann hätte er meiner nicht bedurft. Aber vielleicht iſts bloße Zudringlichkeit.— Nun⸗ iſt doch nichts in der Welt vollkommen! ſetzte er hinzu, während ihm ſchon die Augen zufielen: bei alle dem war es ein ſchöner, reicher Tag! Ob er wohl auch bei Schubart einen bleibenden Eindruck hinterlaſſen hat? Ach, der hat mich in einigen Wochen wieder vergeſſen! An ſo einem berühmten Manne, der täglich neue Bekanntſchaften macht, huſchen die Menſchen vorüber wie Schatten an der Wand. Nun, wenn alles wird wie's werden ſoll, ſo kommen wir wieder zuſammen, und vielleicht für lange Zeit. Gute Nacht, mein Lottchen! Als er den andern Morgen aufſtand und ins Wirthszimmer hinunter ging, traf er Schubart und ſeinen Begleiter ſchon reiſe⸗ fertig bei einem Glaſe Wein; der Schlitten hielt vor der Thüre. Heinrich aber fand es zu kalt zum Fahren und ließ ſchnell den Muſtapha ſatteln. Eine Zeitlang ritt er neben dem raſch dahin⸗ klingelnden Schlitten und warf von Zeit zu Zeit einen Blick hin⸗ über. Die beiden Männer ſaßen ſtumm neben einander, Schubart ließ den Kopf hängen, ein düſterer Gedanke ſchien ſich ſeiner be⸗ mächtigt zu haben; die Miene des Amtmanns hatte etwas Ge⸗ ſpanntes, Gebieteriſches angenommen. Heinrich ſchrieb das Miß⸗ behagen, das ihn gleichfalls ergriff, der Kälte zu. Als er die Felſenſchlöſſer von Weitem erblickte, blieb er zurück, um den armen Muſtapha zu ſchonen. Die Sonne traf jetzt mit vollen Strahlen auf den Schnee, der wie ein diamantenbeſä'ter Teppich im Thale flitterte. Blaubeuren war erreicht. Er ſtellte das Pferd im Wirths⸗ hauſe ein und fragte nach der Wohnung des Kloſteramtmanns. Wenn Sie noch einen Augenblick warten wollen, verſetzte der Wirth, ſo können Sie mit dem Herrn Major von Varnbüler und dem Herrn Oberforſtmeiſter Grafen von Sponeck, die ſo eben im Zimmer drüben eine Taſſe Warmbier zu ſich nehmen, in Geſell⸗ ſchaft hingehen. 132 Was wollen denn dieſe Herren dort? Ich weiß es nicht. Das geſchieht dem Dichter zu Ehren, dachte Heinrich und ließ ſich zu der Wohnung des Amtmanns weiſen. Er wurde dem Kloſter zu geführt. Die beiden Andern werden ſchon aufgethaut ſein, ſagte er zu ſich, und ich werde bereits ein paar Bonmots verſcherzt haben.— Durch den Kloſterhof gelangte er ins Amthaus und erſtieg die Treppe wohlgemuth. Als er ſich nach dem Wohnzimmer umſah, erblickte er auf der Flur eine rundliche Frau, die ihm den Rücken bot; ſie rang die Hände wie im tiefſten Jammer und ſchien ſich nicht faſſen zu können. Bei dem Geräuſche wandte ſie ſich um und er ſah in ein Geſicht mit edlen Zügen, in Thränen gebadet, die ihm das tiefſte Mitleid abnöthigten. Er vermuthete die Frau vom Hauſe zu ſehen und ihm ahnte ein Unglück. Was iſt geſchehn? rief er ihr entgegen: iſt den beiden Herren etwas widerfahren? Wem? fragte ſie und ließ ihre Augen prüfend auf ihm ruhen. Iſt denn der Schlitten noch nicht da? O ja, verſetzte ſie, Herr Schubart und mein Mann ſind glücklich angekommen. Was ſteht zu Befehl? fügte ſie etwas ſtutzig hinzu. Ich gehöre zur Geſellſchaft, wenns Ihnen genehm iſt, entgeg⸗ nete er mit einer freundlichen Verbeugung: der Herr Amtmann war ſo gütig mich ebenfalls einzuladen. Sie bedachte ſich einen Augenblick. Sie⸗müſſen ſich ein wenig gedulden, ſagte ſie endlich und ſchien mit ſich im Kampfe zu ſein: ich will Ihnen meines Mannes Arbeitszimmer öffnen; hier, wenns gefällig iſt, und— ein beinahe flehender Blick begleitete dieſe Worte— haben Sie die Güte ſich hier zu verweilen bis ich Sie rufe. Mit dieſen Worten machte ſie die Thüre hinter ihm zu. Viel⸗ leicht ein häuslicher Kummer, dachte Heinrich: aber fürwahr ein ſeltſamer Empfang, das!— Er ſah ſich um, beſah flüchtig einige 133 Kupferſtiche an der Wand und trat zu einem Arbeitstiſch, auf welchem Bücher und Acten lagen. Er erblickte ein Blatt von Schubarts Chronik und irrte mit den Augen darauf umher. Da ſtieß er auf eine grün angeſtrichene Stelle, die ihn in nicht ge⸗ ringe Beſtürzung verſetzte. Es war eine Klage über die Kinder⸗ loſigkeit ſo vieler deutſchen Fürſtenthrone; auch Wirtenberg war unter dieſen genannt, und die Urſache, hieß es, ſei leichter zu denken als zu ſagen.— O über den ewigen Störenfried! rief Heinrich: was geht denn ihn das an? er iſt ja auch nicht rein! Wenn doch dieſe Zionswächter der Moralität bei ſich ſelbſt an⸗ fangen wollten! Aber wie ſtimmt dieſe Notiz zu meinem Auftrag? iſt ſie älter oder jünger?— Er ſah nach der Nummer und hielt das Datum ſeiner Audienz auf der Solitude damit zuſammen: es war nicht klar zu entſcheiden, der Herzog konnte das Blatt damals ſchon geleſen, er konnte es erſt nachher bekommen haben; zudem war zu bezweifeln ob Karl irgend eine Zeitſchrift regelmäßig leſe. Freilich hatte er einige Worte fallen laſſen, die wenigſtens ſo gedeutet werden konnten, als wußte er um jene Beleidigung. Ich kann nicht weiter gehen, dachte Heinrich: ich muß vorher wiſſen wie der Herzog das aufnimmt. Wenn er wüßte daß der Unbeſonnene jetzt auf ſeinem Boden iſt— aber der Amtmann will ja auch Aufträge haben— der Amtmann? o mein Gott, jetzt ſeh' ich!— Wie ein Blitz zuckte ihm eine Klarheit durch die Seele: inſtinktmäßig fuhr er auf, den verrathenen Mann zu ret⸗ ten, die Verfolger waren ja ſchon angekommen. Jetzt durchſchaute er die Abſicht der gutgeſinnten Frau: ſie hatte ihn, den ſie dem⸗ ſelben Looſe verfallen glaubte, auf die Seite bringen und verber⸗ gen wollen bis alles vorüber wäre. Er riß eine Thüre auf, die in ein Schlafzimmer führte. Er eilte hindurch, öffnete eine zweite, und in dieſem Augenblick hörte er die metallene Stimme die er geſtern bewundert hatte mit feſtem und ſtarkem Tone ſagen: Ich hoffe, der Herzog werde mich nicht ungehört verdammen, noch weniger mich im Kerker verfaulen laſſen. 134 und einigen Männern in Civiluniform umringt und verhaftet. Zwei Soldaten hielten die Thüre beſetzt. Der Amtmann ging mit bedauernder Gebärde im Zimmer hin und her: Mir iſts leid! wiederholte er fort und fort, Gott weiß, mir iſts leid! Seine Frau ſtand mit gerungenen Händen da. Ein Mädchen, über ihr Spinngeräthe gebeugt, hüllte ihr Geſicht in die Schürze. Sprach⸗ los und vernichtet mußte ſich der Jüngling an den Thürpfoſten lehnen. So ſah er vom Nebenzimmer aus, wie der Gefangene abgeführt wurde, wie einer der Civilbeamten ihm herzlich die Hand drückte, für die kalte Reiſe ſeine Handſchuhe mitgab, und der Major mit Theilnahme und Schonung ihn hinausbegleitete. Alle folgten, und Heinrich legte die Hand an die Stirne, ob er nicht geträumt habe; da er aber den menſchlich fühlenden Beamten be⸗ merkte, der allein zurückgeblieben war und ſich mit der Hand über die von Thränen ſchimmernden Augen fuhr, eilte er auf ihn zu, faßte ihn krampfhaft am Arm und ſagte mit zitternder Stimme: Mein Herr! ich habe ein gewiſſes Recht mich in dieſe Sache zu miſchen— ich will es Ihnen darthun— ich will Ihnen alles anvertrauen— kehren Sie ſich nicht an meine Verwirrung— wollten Sie mir zwei Worte vergönnen? Reden Sie! Nicht hier, o nicht hier! rief der Jüngling: hier iſt die Luft vergiftet! ich bitte, gönnen Sie mir in einem andern Zimmer Gehör! Der Beamte nahm ihn ſtillſchweigend bei der Hand und führte ihn in ein andres Zimmer. Heinrich ſtammelte eine Erzählung von den Abſichten des Herzogs auf Schubart, von jenem Auf⸗ trag und ſeiner Reiſe heraus. Der Beamte zuckte die Achſeln. Eine ſo ſchnelle Umwandlung aller Vorſätze, ſagte er, iſt mir unbegreiflich; gleichwohl hat ſie ſtattgefunden, wenn ich Ihnen glauben darf, worin ich keinen Er ſah ſich um und fand— Schubart von einem Offizier Augenblick anſtehe. Hier, ſehen Sie die Verhaftungsordre.— 5 * * 13⁵5 Sie war nur um einen Tag jünger als ſein Auftrag.— Wenn ich meinen Vermuthungen Raum geben darf, fuhr der Beamte 1 fort, ſo war dieſe Scene längſt vorbereitet; aber nach dem was Sie mir ſagen, ſcheint der Herzog Gnade und Ungnade gleich ab⸗ gewogen und, vielleicht ſelbſt ungewiß, dem Zufall oder dem Schickſal des unglücklichen Mannes überlaſſen zu haben. Sein böſer Stern hat die Ungnade auf ſein Haupt gelenkt, und ſie wird ihn ſchwer drücken. Vermag ich etwas über Sie, mein Sohn, ſo bitten Sie beim Herzog für Schubarts Familie: er hinterläßt ſie in tiefer Noth, ſie hat wie ich weiß nur noch für ein paar Tage zu leben. Bitten Sie ihn! er iſt menſchlich, wenn auch leidenſchaftlich; ich werde daſſelbe thun. Leben Sie wohl. Leben Sie wohl! rief Heinrich: bin ich denn ſo ganz hilflos? Dort muß ich einen verrathenen Freund abführen ſehen, und hier muß ich einen Biedermann zurücklaſſen an der Seite eines— Der Beamte drückte ihm den Finger auf die Lippen. Still! ſagte er: ich darf nicht hören was Sie ſagen wollen. Wenn ich bedenke, wie Vorurtheile und falſche Rückſichten einen Mann, der mir ſo manches Jahr ſchon rechtlich und tadel⸗ los zur Seite ſtand, zu einer ſolchen That veranlaſſen konnten, ſo möcht' ich blutige Thränen weinen.— Er ging ein paarmal im Zimmer auf und ab, eine ehrwürdige, gebeugte Geſtalt, dann trat er vor den jungen Mann und legte ihm beide Hände auf die Schultern: Dieß iſt, ſagte er mit leiſer Stimme und vor⸗ ſichtigem Blick, dieß iſt wieder ein Beweis, wie ſehr unſer Be⸗ amtenſtand gehoben zu werden bedarf. Dieſer Mann hat es nicht aus Geiz gethan, denn er iſt wohlthätig, ja er opfert ſein Ver⸗ mögen; auch bekommt er nichts für dieſen Fang, ich weiß viel⸗ mehr, der Herzog iſt noch ſehr im Reſt bei ihm; ich wage nicht einmal zu ſagen aus Chrgeiz, denn er iſt ſo viel ich weiß mit — 4 ſeinem Poſten zufrieden, ſondern aus Dienſteifer! Fragen Sie Männer wie Moſer und Huber, wie ſie über die That dieſes 4 Mannes urtheilen werden. Glauben Sie, dieſer Mann iſt nicht 4 — ſ1 — 136 der Einzige, der die Befehle des Herrn für abſolut, und einen un⸗ ruhigen Schriftſteller— einen Grenzfeind ſeines Herzogs, wenn ich ſo ſagen darf— für ein rechtloſes Subject anſieht, dem man nicht einmal ein moraliſches Benehmen ſchuldig iſt. Ueberdieß behauptet er, er habe ihn gewiſſermaßen gewarnt.— Sie ſind noch jung, mein Freund, und ich habe Vertrauen zu Ihnen: wenden Sie Ihr Leben dazu an, den Samen ächter Bildung auszuſtreuen; denn dieſe iſt es allein was den Menſchen auf eine höhere Stufe hebt, der ohne ſie, er ſei was er wolle, doch immer nur ein Sklave bleibt. 3 Er umarmte den Jüngling, der, ſich ſeiner kaum bewußt, aus dem Hauſe fortſtürzte, ſein Pferd aus der Herberge riß und wie ein Raſender durch die noch immer verſammelten Volkshaufen ſprengte. Nicht weit von der Stadt traf er auf den Wagen, in welchem Schubart abgeführt wurde. Er bog links ab, um ihn nicht mehr ſehen zu müſſen, denn was konnte er ihm jetzt ſein? Ein augenblickliches Gefühl trieb ihn nach Reutlingen, es war ihm als müßte er in dem friedlichen Hauſe des Bürgermeiſters Troſt ſuchen. Aber es war nur das Gefühl eines Augenblicks: als er an die Wegſcheide kam lenkte er mit Heftigkeit rechts ein und ritt über Urach ins Unterland. Dort war der Schnee ſchon wieder geſchmolzen, und er ritt, ſchläfrig und gedankenlos über dem Pferde hängend, durch einen tiefen Koth. 10. In jenem ſel'gen Augenblicke, Ich fühlte mich ſo klein, ſo groß! Du ſtießeſt grauſam mich zurücke Ins ungewiſſe Menſchenlos. Göthe, Fauſt. Als unſer Freund wieder in Stuttgart eingeritten war und ſein Pferd in den Marſtall zurückgeſandt hatte, war es ſein erſtes Geſchäft, ſich nach dem Aufenthalt des Herzogs zu erkundigen. Er wollte zu ihm eilen, dringend ſich für den unglücklichen Schu⸗ bart verwenden— noch immer hatte er Zweifel: vielleicht war es mit der Verhaftung nicht ſo ernſtlich gemeint, vielleicht war es nur auf einen Schreck abgeſehen, und alles konnte ſich noch heiter löſen. Aber leider! auf ſeine Anfrage erfuhr er, der Herzog be⸗ finde ſich mit der Gräfin von Hohenheim auf dem Asberg, um für den Gefangenen einen engen Käfig zurichten zu laſſen und bei ſeiner Einſperrung zugegen zu ſein. Er konnte nicht länger zweifeln. Abends kam der Herzog zurück und verweilte den folgenden Tag in ſeiner Reſidenz. Heinrich ging ſo früh als ers wagen durfte ins alte Schloß und ließ ſich melden. Nach einer ſtarken Stunde wurde er vorgelaſſen. Der Herzog ſtand an ein Tiſchchen gelehnt, die dichten blauen Vorhänge warfen einen blaſſen Schatten über ſein Geſicht, er muſterte den Eintretenden vom Kopf bis zu den Füßen: Wer iß Er? rief er ihm herriſch entgegen. ————— 138 Heinrich Roller, den Ew. Durchlaucht nach Ulm zu ſenden die Gnade gehabt haben.. Ah ſo! Unſer Abenteurer von neulich! Er hat ſchlechte Ge⸗ ſchäfte gemacht. Wie? rief Heinrich: alſo geſchah es wirklich auf Befehl Eurer Durchlaucht—? Seh' doch einer! ich glaube gar, Er will mich conſtituiren? Er? Geruhen Ew. Durchlaucht, entgegnete Heinrich, mir keine An⸗ maßung zuzutrauen; aber nach dem Auftrag deſſen ich gewürdigt worden bin iſt es wohl natürlich, daß mir die ſchnelle Wendung dieſer Angelegenheit kaum glaublich ſein kann, zumal ich nicht weiß was der Unglückliche verbrochen hat. Und das iſt Er gekommen mich zu fragen? Ich bin gekommen, rief Heinrich mit überwallendem Herzen, um Gnade für einen Mann der verrätheriſch ins Netz iſt gelockt worden, und für ſeine hilflos hinterlaſſene Familie zu flehen. Für die Familie iſt geſorgt, beſſer als jemals, ſprach der Her⸗ zog: für Seinen Zeiſig iſt ebenfalls geſorgt, und, damit Er Sa⸗ tisfaction hat, proditorem odi. Will Er ſonſt noch was? Die Pfarre von Illingen, wenn Ew. Durchlaucht gnädigſt geruhen wollen. Der Herzog trat einen Schritt zurück und maß ihn mit den Augen. Ich glaub', Er hat ſich wieder auf Seinen ritterlichen Ackergaul geſetzt, ſagte er endlich. Was will Er denn Seinen Leuten vorpredigen? Er hat ja noch gar nichts erlebt. . Gnädigſter Herr, ich habe von dem verworrenen Lauf der Welt mehr geſehen als ich mir jemals wünſchen mochte, und es bedarf keiner weitläufigen Erfahrung um die mir anvertrauten Seelen in ihren einfachen Pflichten zu erhalten. Ja, rief der Herzog, ſo treulich, daß dieſe Einfalt, wenn ſie mit der Vielfältigkeit zuſammentrifft, gleich ſtrauchelt und elendig⸗ lich hinfällt. Ich kenne das, ich hab' in meinen jüngern Jahren auch ſo einen Magiſterstractat geſchrieben. Da wird die Tugend 139 ganz weiß und das Laſter ganz ſchwarz gemalt, und hernach wenn ſich die arme Seele in der Welt umſieht, ſo ſind die beiden Far⸗ ben nirgends zu finden. Wärs nicht mit zu großen Schwierig⸗ keiten verknüpft, ſo hätt' ich dem Unfug ſchon längſt geſteuert, daß man euch junge Leute gleich aus eurer Lernhöhle weg auf die Kanzel ſtellt; denn von Gott und Rechts wegen ſollte man keinen zum Pfarrer machen, der ſich nicht wenigſtens zehn bis zwölf Jahre tüchtig in der Welt herumgetrieben hat. Heinrich verbeugte ſich ſchweigend. So iſt Er zum Beiſpiel, fuhr der Herzog fort, nachdem er ihn eine Weile fixirt hatte, ſo iſt Er jetzt voll moraliſchen In⸗ grimms, weil Er zum erſten Mal auf eine curioſe Art mit der Welt zuſammentrifft. Aber hätte Er in die Karten ſehen können ſo würde Er ganz anders urtheilen. Gnädigſter Herr, ſagte Heinrich, ich bin nicht gekommen zu urtheilen, ſondern um Gnade zu bitten. Die ſoll Ihm auch gewährt werden, wenns an der Zeit iſt, verſetzte der Herzog. Für jetzt kann Er zufrieden ſein daß ich Seinen Mann gerettet habe. Ja, ſeh' Er mich nur an ſo groß Er will! wenn er nicht auf dem Asberg ſäße, ſo ging' er jetzt irgend einem ungariſchen Schloßverließ und daſelbſt der Tortur und dem Hungertod entgegen. Wegen einer Kleinigkeit— Dieſe Kleinigkeit war unter den jetzigen politiſchen Conjunc⸗ turen ein ſehr dummer Streich, um ſo mehr als er ſchon ein volles Kerbholz in Wien hatte. Ich erfuhr das Vorhaben, kaum als Er weggeritten war, und man konnte nicht mehr zögern. Nun, wie iſt denn Seine Reiſe abgelaufen? Heinrich mußte erzählen, und malte mit ſo ſtarken Farben daß der Herzog zuletzt finſter ſagte: Was kann ich davor daß meine Ordre auf ſo plumpe Weiſe ausgeführt wurde? Uebrigens iſt Seines Helden Zartgefühl auch nicht groß. Da leſ' Er zum Beiſpiel, fügte er hinzu, indem er ein Blatt vom Tiſchchen nahm: leſ' Er! und es iſt nicht die einzige Sottiſe die Sein Chroniſt begangen hat. Heinrich las und erkannte mit Beſtürzen Schubart's Hand; der Himmel mochte wiſſen welchem Unvorſichtigen oder Bösge⸗ ſinnten er das Epigramm anvertraut hatte, und auf welchem Weg es ſo unglücklich an die rechte Behörde gekommen war. Leſ' Ers laut! rief der Herzog. Gnädigſter Herr! Ich ſag', Er liest mirs vor! Da half kein Proteſtiren noch Bitten; Heinrich mußte den fatalen Vers laut und vernehmlich leſen:— „Als Dionys zu Syrakus Aufhören mus Tyrann zu ſein, Da wird er ein Schulmeiſterlein.“ Eine beigeſchriebene Chiffre bezeichnete den Stifter der Akademie deutlich genug. Na, das ſoll er nicht in den Wind geſprochen haben, verſetzte der Herzog, als unſer Freund geleſen hatte: ein Schulmeiſter will ich ihm ſein, und ich hoffe, die Lection ſoll ihm wohl bekommen. Eigentlich wär' es die glänzendſte Strafe wenn ich ihn dafür in die Akademie unter die jungen Leute ſteckte, aber das geht nicht an, er iſt zu alt und hartgeſotten dazu. Drum hab' ich ihn anderswohin gethan und will an ihm nachholen was in ſeiner Jugend verſäumt worden iſt und was wir neulich beſprochen haben, die Erziehung. Da wirds nun ganz von ihm ſelbſt ab⸗ hängen wie lang dieſer Curſus dauern ſoll: ſo wie er zur Frei⸗ heit reif iſt ſoll er ſie haben, und das Nöthige dazu.— Uebrigens, fügte er mit ſtrengem Tone bei, übrigens glaub' Er ja nicht daß ich mich vor Ihm habe rechtfertigen wollen; meine Intention war, Ihm den Kopf zurechtzuſetzen und einen Standpunkt anzu⸗ geben auf welchem der verworrene Weltlauf klar erſcheint. Mit dieſem halb gnädigen halb ungnädigen Beſcheid entlaſſen, 141 ſtand unſer armer Freund im Schloßhof eh er wußte wie er eigent⸗ lich heruntergekommen war. Er befand ſich in einer ſeltſamen Stimmung: vor wenigen Augenblicken hatte er für einen Freund gezittert, und nun war er über ſein eignes Schickſal ungewiß. Schubart machte ihm keine große Sorge mehr: das Schlimmſte was er für ihn vorausſehen zu können glaubte war, daß der Her⸗ zog ihn, um den Schein gegen den kaiſerlichen Hof zu beobachten, und zugleich um den eigenen Unwillen an ihm auszulaſſen, einige Monate auf der Feſtung laſſen und dann etwas mürb und zer⸗ knirſcht nach Stuttgart berufen würde, um ihn in ein Amt ein⸗ zuſetzen das erfreulicher und ſicherer war als das Chronikſchreiben. Aber was ſollte aus unſrem Helden werden? Er war ent⸗ laſſen, ohne eine Andeutung deſſen was man mit ihm vorhabe. Lag ſein Loos in einer gnädigen Hand zu baldiger Entſcheidung? oder war er auf die Seite gelegt, mit jenem ſeltſamen Aberglauben der Großen, die den Zufall der einem ihrer Werkzeuge in den Weg getreten iſt ſo oft für einen Wink des Schickſals halten? War er für immer aus den weichen Armen der Mutter Kirche ge⸗ riſſen? und aus den noch weicheren ſeiner Braut? Liebte er ſie nicht genug um den gehörigen Nachdruck zur Durchſetzung ſeines erſten Planes anzuwenden? Denn er hätte nur darauf beſtehen dürfen den Fürſten an ſein gegebenes Wort zu erinnern: die Pfarre war ihm zugeſagt, und ob ein, nach des Herzogs Anſicht, allzu junger Geiſtlicher mehr oder weniger im Klerus war, das fiel nicht ins Gewicht; überdies war die Frage ob er ſeinem Poſten gewachſen ſei etwas das zunächſt vor das Forum der Kirche und vor ſein eigenes Gewiſſen gehörte. Aber hier kommen wir auf einen ſonderbaren Punkt im menſchlichen Gemüth: eine dämoniſche Macht ſcheint uns oft zu hindern, wenn wir den raſchen Schritt thun wollen, ſo lang wirs noch können, den Schritt der über unſer Leben entſcheidet; die Menſchen nennen es Feigheit, Zer⸗ ſtreutheit, Trotz— und es war vielleicht unſer Schickſal. Wie dem nun ſein möge, der ſonſt ſo lebhafte und zu extremen —ſſ—y— 142 Schritten geneigte junge Mann blieb die nächſte Zeit unthätig im ſchwarzen Adler zu Stuttgart liegen. Unthätig, denn obgleich er ſeinen Shakſpeare kommen ließ und einige Dramen zu über⸗ ſetzen begann, ſo war ſein Gemüth doch wenig dabei beſchäftigt, und die Arbeit mag froſtig genug ausgefallen ſein. Er verließ das Zimmer nicht, und der Wirth, der dieſem Treiben verwundert zuſah, ſuchte ihn vergebens unter die Menſchen zu bringen. Er konnte es nicht über ſich gewinnen, ſeinem Schwager und ſeiner Schwägerin gewiſſermaßen als Schiffbrüchiger vor die Augen zu treten. Und nun vollends Lottchen! Wenn er an ſeine letzte hochtrabende Epiſtel zurückdachte, was ſollte, was konnte er ihr jetzt ſchreiben? Ach, nicht ihr treues blaues Auge war es was er fürchtete, wenn er das Briefpapier zurechtlegte und wieder auf die Seite warf; es war der ernſte Blick des Vaters, den er im Geiſt auf ſeine Bekenntniſſe gerichtet ſah. Nun fühlte ers wie ſchnell man durch den erſten Schritt aus der Bahn des Gewöhn⸗ lichen, wie weit man ſeitwärts getrieben wird! Er verſchob das Schreiben von einem Tag zum andern; der Herzog konnte ja ſchicken, es konnte was Neues, Günſtiges zu melden ſein. Aber der Herzog ſchickte nicht nach ihm. Wer es ſchon erlebt hat, dieſes dumpfe Brüten, dieſes ängſtliche Harren, wo die Zeit in gleich⸗ giltigem Wechſel an uns vorübergeht, wo die Sphinx unſres Le⸗ bens wie ein Alp auf unſrer Seele liegt, die einmal ums andere ſchmerzlich aufſchreien möchte: Hüter, iſt die Nacht nicht hin?— der mag die Lage unſres armen Freundes ermeſſen. Auf ihm war ein Bann, den auch kein Shakſpeare zu löſen vermag. Ein Genius von minder hoher Bedeutung, aber einer von den freundlichen, ſollte ihm dieſe Gefangenſchaft erleichtern. Sie mochte etwa eine Woche gedauert haben, als der Wirth eines Tags zu ihm ſagte: Sie kramen ja den ganzen Tag in Büchern, warum gehn Sie denn nicht auf die Bibliothek, die Ihnen vor der Naſe liegt?— Heinrich, der das große Gebäude die ganze Zeit über vor den Augen gehabt hatte, war über dieſe Bemerkung 143 betroffen und ging im gelehrten Inſtinkt auf der Stelle hinüber. Die Antiken, die ihm auf der Treppe entgegenſahen, wirkten in ihrer großartigen Ruhe erhebend auf ihn, und oben traf er den Profeſſor Balthaſar Haug, der die ganze gelehrte und ſchöne Literatur von Wirtenberg in ſeiner Perſon vereinigte. Dieſer freundliche Mann, der häufig auf der neu errichteten Bibliothek arbeitete, war ihm gleich bei der Frage nach dem erſten Buch be⸗ hilflich und ſein Betragen munterte die Bibliothekare zu derſelben Gefälligkeit auf. Heinrich brachte von jetzt an täglich einige Stun⸗ den auf der Bibliothek zu, wo er meiſt mit Haug zuſammentraf; die Bibelausgaben, deren Sammlung ſich der Herzog angelegen ſein ließ, und manche ſeltene Schätze der Wiſſenſchaft wurden ge⸗ muſtert, oft auch war Schubart, für welchen Haug die innigſte Freundſchaft fühlte, der Gegenſtand ihrer Unterredungen, und ſie waren tief gerührt, als ſie eines Tages in der Chronik, die nun von dem guten, vorſichtigen Miller fortgeſetzt wurde, Schubarts Portrait, das er ſelbſt noch ſeinem Leſer verſprochen hatte, mit den ausdrucksvollen Worten angekündigt fanden:„Er weiß es nicht daß ſein Verſprechen erfüllt wird! O wüßt' ers! könnt' er dir ſelbſt dieß Geſchenke machen! Er kann nicht!“— Glücklicher Weiſe wußten ſie nicht wie jammervoll der Arme inzwiſchen ſeine Tage hinlebte. Die Zeit brachte endlich unſrem Freunde eine unbefangene Stimmung, in welcher er ſich entſchließen konnte, zu ſeinem Schwager hinzugehen und durch eine offenherzige Darſtellung ſeiner Begegniſſe jedes Mißverſtändniß zu vertilgen. Auch lief die Un⸗ terredung freundlicher ab als er ſich gedacht hatte; denn das Ge⸗ ſchehene hat eine mächtige Wirkung auf die Menſchen, die ſich dem Kommenden oft ſo ungebärdig entgegenſtellen. Er wurde ſowohl von ſeinem Schwager als von Amalien ohne Bitterkeit empfangen, und bei ſeinem Weggehen ſagte der Expeditionsrath in ſeiner ruhigen Weiſe: Der Karren iſt eben jetzt verführt; laſſen wir ihn eine Zeit lang ſtecken, mein lieber Freund, und ſehen wir zu, ob 144 ſich nicht noch der Weg durchs Conſiſtorium machen läßt, den Sie gleich anfangs hätten einſchlagen ſollen, und der freilich jetzt, da ſich der Herzog einmal in die Sache gemiſcht hat, ſeine Schwie⸗ rigkeiten haben wird. Nun eilte Heinrich, einen einfachen, treuen und klaren Brief an Lottchen zu ſchreiben, und ſchlief als dieß geſchehen war zum erſten Mal ſeit langer Zeit wieder leicht und ungeſtört. Der Herzog aber hatte ihn nicht vergeſſen. Denn als er um dieſe Zeit eines Tages hohe Gäſte auf die Bibliothek führte, nickte er ihm gnädig zu und ſagte im Vorübergehen: Beſuch' Er auch meine Akademie und ſag’ Er mir wie ſie Ihm gefällt. Weiß er was? morgen Abend hat Er die beſte Gelegenheit dazu, da wird ein Theater aufgeführt, und übermorgen kann Er zu Tiſche kommen; dann ſieht Er beides wies mit Leib und Seel' be⸗ ſtellt iſt. —— 11. D es ärgert mich in der Seele, wenn ſolch ein handfeſter haarbuſchiger Geſelle eine Leidenſchaft in Fetzen, in rechte Lumpen zerreißt— ich möchte ſolch Bramarbaſiren prügeln laſſen. Hamlet, nach Schlegel. Der gute Heinrich hatte die Aufforderung des Herzogs für eine förmliche Chreneinladung genommen, und verfügte ſich zur beſtimmten Zeit gepudert und betreßt in ſeiner beſten Galatracht nach dem Akademiegebäude, zu welchem ſeit der Verlegung des Inſtituts von der Solitude nach Stuttgart eine Kaſerne auf der Hinterſeite des neuen Schloſſes umgeſchaffen war. Eben ſchritt er ſorglos auf eine Thüre zu, welche durch die Lampen als Ein⸗ gang bezeichnet wurde, als ihm eine große Figur mit plumpem wie aus Holz gehauenen Geſichte plötzlich den Weg vertrat; die blaue Livree und der inſolente Ton der Rede verriethen den fürſt⸗ lichen Bedienten. Halt! man paſſirt nicht! Iſt hier nicht der Schauſpielſaal? fragte Heinrich. Ja, das Theater iſt wohl da,— aber nicht für jedermann. Ich bin eingeladen, verſetzte Heinrich kurz und muſterte den Burſchen.. So? das iſt was anders, brummte dieſer etwas geſchmeidiger: wo haben der Herr Ihr Billet? Schiller's Heimathjahre. I. 10 einen Kerl für ſein⸗ 146 Ich habe keins. So? dann wird auch nicht paſſirt, replicirte der Thürſteher mit dem vorigen ungezogenen Ton und mit einer abweiſenden Gebärde. 4 Heinrich nahm ſich zuſammen und ſagte ſo impoſant wie möglich: Der Herzog hat mich in Perſon auf dieſen Abend ein⸗ geladen, und ich beleidige Seine Durchlaucht wenn ich nicht auf dem Eintritt beſtehe; Er aber, mein Freund, ſetzt ſich ſichern Un⸗ annehmlichkeiten aus.. Der Menſch maß ihn von Kopf bis zu den Füßen, ohne ſich von ſeinem Platze zu rühren. Das könnte mir jeder ſagen, erwi⸗ derte er endlich. Unſer Freund war ärgerlich und verlegen. Er wollte die Chre die er ſich auf heute zugedacht glaubte nicht verſcherzen, er wußte daß man an dieſem Hofe ſich eher zudringlich benehmen als eine günſtige Gelegenheit vorbeilaſſen dürfe, und ſagte zu dem Thürſteher: Daß ich kein Billet habe iſt ein Irrthum an dem ich nicht ſchuldig bin; der Einladung aber muß ich gehorchen, und Sache vorträgt. Charles! rief der Diener und öffnete die Thüre zu einem kleinen unſaubern Käfig, wo ein anderer vom gleichen Schlage Gog und Magog hinter einer Flaſche ſich dehnte: Charles! gehn Sie doch zum Herzog hinein und fragen ob der Herr— wie iſt der wertheſte Name? wandte er ſich höhniſch herum. Roller. Und der Charakter? Ich bin Sr. Durchlaucht unter dieſem Namen hinlänglich bekannt. Ob der Herr Roller hinein dürfe; er habe kein Billet. Es koſtet doch, ſagte Heinrich bitter lächelnd zu ſich, während jener hineinging, es koſtet doch mitunter große Mühe dem allmäch⸗ 1 1 tigſten Herrn im Lande zu Willen zu ſein, weiß nichts andres als daß Er hineingeht und dem Herzog die —: 147 Endlich kam Charles zurück und ſagte mit nicht ſehr reſpec⸗ tueuſem Tone: Sereniſſimus meinen, der junge Mann könne ein⸗ gelaſſen werden.— Der Thuͤrſteher wich um einen halben Zoll zurück und unſer Held hatte Noth ſich durchzudrängen und den Saal zu gewinnen. Die Ouvertüre hatte bereits begonnen. Heinrich ſah ſich zu⸗ vörderſt nach dem Herzog um: der Hof ſaß auf einer Reihe von Stühlen, die unmittelbar ans Proſcenium geſtellt waren, dicht vor einem grünen Vorhang, der, in der Mitte theilbar, bis auf den Boden des Saals herunterhing, ſo daß man ſah, die Bühne ſei zu ebener Erde und nicht über den Standpunkt der Zuſchauer erhöht. Dieſe beſtanden nächſt den fürſtlichen Perſonen aus den Zöglingen der Akademie mit ihren Vorſtehern, und einer Anzahl von Fremden, vermuthlich Verwandten der Eleven. Alles ſtand, nur die Standesperſonen ſaßen. Heinrich drängte ſich an der Wand des Saales durch, in der ſtolzen Erwartung, der Herzog werde, ſeiner Einladung eingedenk, einen Stuhl für ihn haben ſtellen laſſen; er konnte aber nirgends einen leeren Sitz erblicken. Eben wollte er ſich präſentiren, als das Auge des Herzogs auf ihn fiel; es glitt aber mit einem ſo gleichgiltigen Blick über ihn weg, daß er ſich abgeſchreckt ſah einen Schritt zu wagen der ge⸗ wiß zu ſeiner großen Demüthigung ausgefallen wäre. Er be⸗ gnügte ſich daher mit einer ſtillen Beobachtung. Links vom Her⸗ zog ſaß die Gräfin von Hohenheim. Heinrich hatte ſie noch nie ſo nahe geſehen und betrachtete ſie mit einiger Neugier. Francisca trug eine ſehr beſcheidene Kleidung, die ihren angenehmen Wuchs hervortreten ließ; ihr keineswegs ſchönes Geſicht zierte ein Aus⸗ druck unendlicher Güte, die durch einen Zug von Langweile welche ſie dieſen Abend empfinden mochte vielleicht noch hingebender wurde. Von Zeit zu Zeit warf ſie einen zärtlichen Blick auf den Herzog, der ihn mit einem Händedruck erwiderte. Rechts neben ihm ſaß der Markgraf von Baden, der, wie Heinrich nachher ver⸗ nommen hatte, mit auf der Bibliothek geweſen war, der berühmte 148 Karl Friedrich, deſſen Streben einer weiſen, wohlwollenden Staats⸗ wirthſchaft zugewendet war, nebſt der Markgräfin, deren Spar⸗ ſamkeit und Begünſtigung jeder Art von Induſtrie eben ſo ſehr 3 geprieſen als angefochten wurde, und einigen verwandten Prinzen: die nächſte Reihe der Sitze war von wirtenbergiſchen und badi⸗ ſchen Cavalieren beſetzt. Der Markgraf, aus deſſen Zügen Gut⸗ müthigkeit und Wohlwollen ſprachen, hörte ſehr aufmerkſam auf die Muſik und richtete von Zeit zu Zeit einige Worte an den Herzog, welche verbindlich lauten mochten, denn dieſer erwiderte ſie mit einer freundlichen Verbeugung und wandte ſich dann wieder mit Kennerblicken gegen das Orcheſter, welches um den ſchuldi⸗ gen Reſpect nicht zu verletzen an der Seite des Saales ange⸗ bracht war. Heinrich fühlte ſich dadurch gedrungen ſeine Aufmerkſamkeit ebenfalls dorthin zu lenken, und fing nun an zu begreifen, an was er vorher nicht gedacht hatte, nämlich daß hier ein Dilettan⸗ tenkunſtwerk aufgeführt wurde. Die Muſiker waren ſämmtlich Akademiſten; ſie trugen die ſtahlblaue Uniform mit Auſſchlägen von ſchwarzem Mancheſter, weiße Beinkleider, ſilberne oder viel⸗ ¹ mehr verſilberte Knöpfe, ſilberne Achſelſchnüre, und eine feſt an⸗ geklebte Friſur, die heute, als bei feſtlicher Veranlaſſung, aus einer Galerie von doppelten Locken beſtand und hinten in einen Zopf endigte; ihre Hälſe ſtacken in enggeſchnallten ſchwarzen Lederbinden, was beſonders den Violiniſten, die den Kopf nicht biegen konnten und daher gleichſam in einer Parabel in ihre Notenblätter ſchauen mußten, eine ganz närriſche Haltung gab. Der Kapellmeiſter, 3 3 ein ſanftes rundes Geſicht, ſo jung wie die andern, bewegte ſich lebhaft auf ſeinem Sitz und drehte ſeinen ſchlanken Körper, bald beifällig bald ärgerlich winkend, von einem Inſtrument zum an⸗ 8 dern, wobei ſein Zöpfchen hinter ſeinem Rücken die luſtigſten Sprünge machte. Die Länge der Ouvertüre hatte unſrem Freund alle dieſe Be⸗ obachtungen geſtattet; jetzt, nach einem rauſchenden Schluſſe, theilte 149 ſich der Vorhang und auf dem zur Bühne beſtimmten Theil des Saales ſtanden zwei Perſonen in Offizierskleidung, die er an ihrer ſteifen Haltung ſogleich für Akademiſten erkannte. Der eine hatte gepudertes Haar, der andre aber, der ohne Epauletten war und ſeine Rolle ins Unbeſtimmte hinüber ſpielen zu wollen ſchien, trug eine lange ſchwarze Lockenperrücke im Styl der Ritterſchau⸗ ſpiele: ſein langer Hals überragte noch die hohe Halsbinde, ſeine Beine gingen von oben gleich dick bis auf die Ferſen herab, und waren nur in der Mitte durch eine ſtarke Neigung gegen einander, welche die Kniee bezeichnete, unterbrochen. Es hätte nicht des Con⸗ traſtes bedurft den die moderne Tracht mit dem romantiſchen Kopfputz machte, der Patron ſah an ſich toll genug aus, und Hein⸗ rich erwartete bei dem trockenen Ernſt der in den geſpannten Geſichtszügen lag einen ganz vorzüglichen Komiker zu ſehen. Dieſer begann jetzt: nach einer Pauſe, in der er ein Papier zwiſchen den Händen zerknittert und einige undeutliche Worte gemurmelt hatte, fuhr er plötzlich auf den andern los und rief ihn in einem hoch⸗ tragiſchen Ton und mit etwas näſelnder Stimme an:„Sag' mir, Carlos, glaubſt du nicht daß meine Wochenſchrift jetzt eine der erſten in Europa iſt?“ Heinrich ſtand erſtarrt: um alle neun Muſen! ſagte er vor ſich hin: es iſt Clavigo! wollen ſie denn das Stück parodiren?— Er gab auf Carlos Acht; dieſer ſpielte ſeine Rolle mit ruhigem Anſtand und gutem Humor, und es ſchien keineswegs auf eine Poſſe abgeſehen. Clavigo aber erhitzte ſich in dieſer reinen Con⸗ verſationsſcene immer mehr, er wurde immer geſpreizter und krei⸗ ſchender, rannte wie beſeſſen auf dem Theater umher, und donnerte die gleichgiltigſten Sachen von der Welt mit einem wuͤthenden Pathos herunter, in welches ſich, um die Carricatur zu vollenden, noch ein gewiſſer Kanzelton miſchte. Als er endlich dem Bedienten zu ſagen hatte:„Tragt das Blatt in die Druckerei,“ ſo klang es wie wenn ein Tyrann gerufen hätte: Geht zu meinem Miniſter! 150 er ſoll die Scharfrichter verſammeln, in zwei Stunden will ich die ganze Nation rädern laſſen. Nun trat Marie auf, eine zierliche, etwas magere Geſtalt; der junge Menſch der ſie ſpielte machte ſeine Sache recht brav, nur trat einige Male, und zwar gerade an den zarteſten Stellen, der mißliche Umſtand ein, daß die Stimme in Folge des Ueber⸗ gangs zum Jünglingsalter brach und in einen tiefen hohlen Baß hinunterfiel; dann entſtand jedesmal ein luſtiges Gelächter unter den Zuſchauern und die unglückliche Verlaſſne konnte ſelbſt ein leichtes Lächeln nicht unterdrücken. 1 Jetzt kam Beaumarchais, ebenfalls in Offiziersuniform, und zwar zinnoberroth; er machte auf unſern kritiſchen Freund einen ſehr angenehmen Eindruck. Geſtalt und Spiel waren einander völlig angemeſſen: er war mittlerer Größe oder noch etwas drüber, kräftig und ſchön gebaut, ſtattlicher als die andern; die wackere Ehrenhaftigkeit und Strenge vie er in ſein Spiel legte waren auch in ſeinem markirten Geſicht ausgedrückt, und man ſah ihm an daß er ſich ſelber ſpielte. Mit ſtarker feſter Stimme ſprach er ſeine Vorſätze aus, und der Aufzug ſchloß. Wer iſt denn, fragte Heinrich einen neben ihm ſtehenden Aka⸗ demiſten, wer iſt das tragiſche Bullenkalb das den Clavigo ſo maſſacrirt? der geringſte Bediente ſpielte ja beſſer. Der Gefragte betrachtete ihn hochmüthig, ob er wohl einer Antwort werth ſei, und ſagte dann: S iſt ein unglückliches Genie, will überall mehr ſein als andre, ein unruhiger Menſch, der ſich in keine Diſciplin fügt und dem die Poeten den Kopf ver⸗ rückt haben. Alſo auch wieder einer der ſich ohne Beruf herzudrängt! dachte Heinrich: der thäte beſſer was Tüchtiges zu lernen.— Sein Un⸗ wille über den armen Schauſpieler wurde zur Verachtung, und er fand keinen Grund ſich in dieſer zu mäßigen, als nach einer kurzen Muſik der Vorhang wieder aus einander ging und die Scene zwi⸗ ſchen Beaumarchais und Clavigo aufs Theater kam. Als dieſer ſeine Verlegenheit ausdrücken ſollte, betrug er ſich ſo abſcheulich daß Heinrich ihm den Kopf hätte herunter reißen mögen. Er fuhr convulſiviſch hin und her und lief große Gefahr mit dem Seſſel zu Boden zu fallen, ſein Geſicht verzerrte ſich, und als er endlich aufſprang um ſeiner Beängſtigung Luft zu machen, verſchob ſich die ſchwarze Lockenperrücke und ein rothes Haar kam zum Vor⸗ ſchein, mit dem er wie ein Irrwiſch auf dem Theater hin und herfuhr. Das unterdrückte Gelächter, das bisher unter den Zu⸗ ſchauern umhergelaufen war, wurde kaum noch durch die Gegen⸗ wart des Herzogs gemäßigt; Clavigo ſchien aber nichts zu hören und war nicht aus der Furie zu bringen; auch Beaumarchais blieb in ſeiner Faſſung und ließ ihn, was man ſagt, aufs Schänd⸗ lichſte herunterlaufen, was unter dieſen Umſtänden um ſo größere Wirkung that, weil es ausſah als gelte die verächtliche, vernich⸗ tende Sprache die er gegen ihn führte, faſt noch mehr dem ſchlechten Schauſpieler als dem Archivarius des Königs. Heinrich lachte herzlich, als der Vorhang ſich wieder ſchloß, und ſuchte ſeinen Nachbar der ihm vorhin Auskunft gegeben hatte. Dieſer aber war verſchwunden und an ſeiner Stelle ſtand ein anderer Akademiſt, mit offenem keckem Antlitz, der ihn freundlich grüßte. Nicht wahr, da gehts toll her? ſagte herzigen Tyroler Accent. Freilich! verſetzte Heinrich: aber der Beaumarchais wird ſehr gut geſpielt. Der iſt in guten Händen, ja! Wie heißt denn der Schauſpieler? Scharffenſtein. Nicht wahr, er hats ihm ſcharf geſagt? Heinrich lachte. Und die Marie? ſie baſſirt hie und da, aber dafür kann das gute Kind nichts; ſonſt paſſirt ſie. Heißt Pfaff, erwiderte der junge Menſch. Carlos geht auch an, fuhr Heinrich fort: wie heißt er? Lempp. Das iſt halt'n g'ſcheider Kerl! Nach dem Unthier das den Clavigo ſpielt will ich nicht fragen. er mit einem treu⸗ —— 4 152 Haltens, Herr! rief der Andre eifrig: nit ſo geſchwind! Spie⸗ len thut er ganz verteufelt ſchlecht, das iſt wahr, aber deßwegen iſt er doch ein ganzer Menſch, und die Akademie hat keinen Aehn⸗ lichen aufzuweiſen. J habs vorhin wohl gehört was einer von uns zu Ihnen g'ſagt hat, aber glaubens ihm nit! das Lumpen⸗ volk iſt nit capabel über ſo Einen z' urtheilen; weil ſie ihn nit verſtehn, haſſen ſie ihn, und weil er nit ſo zahm iſt wie die an⸗ dern Beſtien, verachten ſie ihn. Natürlich, er kann nit überall durchbrechen mit ſei'm Kopf. J kenn' ihn nit genau, aber i weiß doch was hinterm iſt! Wie heißt er denn? fragte Heinrich. — Schiller. Schiller, ſo? und was iſt denn hinter ihm? Ja ſehens, er iſt nit bloß'n guter Kopf, ſondern auchn freier Kopf, der ſich um das Zeug da den Teufel nix bekümmert und ſeinen eigenen Weg geht. Der denkt: Zopf iſt Zopf, aber 1 Menſch iſt Menſch! Er trägt zwar auch einen wie die andern Sklavenſeelen, und wie ich auch einen tragen muß, aber das iſt der einzige Stempel den ihm der Herzog hat auf den Leib ſchrei⸗ ben können; ſonſt iſt er ein ächter Capitalkerl, wie nur einer aus unſers Hergotts Händen gekommen iſt, und der Herzog wird ihn nicht verpfuſchen können, das ſag' Ich! Lieber junger Freund! ſagte Heinrich leiſe zu ihm: nehmen Sie ſich in Acht! wenn der Herzog etwas von Ihren Reden er⸗ führe! wie können Sie denn mir, einem fremden Menſchen den Sie zum erſtenmal ſehen, ſolche Sachen ſagen? J bin halt'n ehrlicher Tyroler! verſetzte der Akademiſt, und hab' das Schmiegen und Kriechen in dem Loch da noch nicht lernen können, und Sie ſehn mir auch grad aus wie einer der —— trätſcht und'n ehrlichen Kerl in den Pfeffer reitet. Wie heißt denn, fragte Heinrich um auf ein andres Thema zu kommen, wie heißt der Maeſtro dort? er ſcheint viel Talett zu haben. 153 Viel Talent! ja, das iſt ein g'ſchickter Burſch! Zumſteeg heißt er, und die Muſik die er da ſpielen läßt, das hat er alles ſelber componirt; aber er iſt auch nicht an einem Platz! Er iſt mehr für das Sanfte, Gefällige geboren; nun liebt der Herzog das Rauſchende, was recht Lärmen macht, und der arme Schelm muß wildes Zeug componiren, wenn er dem Herrn gefallen will. Der Herzog läßt keinen werden wozu ihn unſer Herrgott beſtimmt hat; alles muß umgeorgelt ſein: wie ers bei ſeinen Feſten ſonſt mit der Natur gemacht hat— wo eine Haide war da mußte ihm ein See her, und wo Waſſer war da machte er eine trockene Land⸗ partie draus— gerade ſo treibt ers auch mit den Menſchen, nur b daß ſich die nicht ſo leicht trocken legen laſſen. Zum Beiſpiel— So wird der arme— wie heißt er?— auch am Ende wider Willen in den Clavigo gefahren ſein? unterbrach ihn Heinrich theilnehmend: wiewohl ich fürchte, der Herzog werde mit all ſeiner Energie keinen Schauſpieler aus ihm machen können. Der Schiller? ſagte der Akademiſt: nein, dazu hat ihn der* Herzog nicht gezwungen; das iſt eine Luſtbarkeit, da haben die 6 Leute gewöhnlich ihre eigene Wahl. Dann erlauben Sie mir aber an ſeinem Kopf zu zweifeln, ſagte Heinrich ſchnell: wie wird denn ein vernünftiger Menſch ein Fach wählen zu dem er ſo gar nicht paßt? Nu was? verſetzte der unverbeſſerliche Jüngling ärgerlich: das iſt jetzt eben ein Irrthum von ihm— Sie werden auch Ihren Sparren haben. 3 Der dritte Act, der ſo eben anhob, verhinderte unſern Freund eine Replik auf dieſen eigenthümlichen Analogieſchluß zu geben. Clavigo erſchien und er folgte jetzt mit milderen Geſinnungen ſeinem verfehlten Spiele, das trotz der erſchöpfenden Anſtrengun⸗ gen der vorigen Acte an Kraft eher gewonnen als verloren hatte. Zwar ſchien der Schauſpieler ſich gebeſſert zu haben: in der Rück⸗ kehr eines reuigen Geliebten mochte etwas liegen das er mitem⸗ pfinden konnte, und ſein Spiel drückte dieſe Empfindung aus; er 8 154 ſtand, ſanft geneigt, mit ausgebreiteten Armen vor dem Mädchen, und ſeine von Rührung gedämpfte Stimme ſprach zu den Her⸗ zen; er ſchien ganz der Täuſchung hingegeben; aber eben dieſe Selbſtvergeſſenheit war ſein Unglück: plötzlich, wie ein Nacht⸗ wandler der bei ſeinem Namen gerufen wird, warf er einen er⸗ ſchrockenen Blick auf die Zuſchauer, die Arme fielen ihm herunter, und er ſtand einen Augenblick regungslos da, in der miſerablen Stellung eines Menſchen der ſich ein Kleid will anmeſſen laſſen. Die Heiterkeit des Publicums, und die Kraftanſtrengung deren er bedurfte um aus dieſer böſen Situation herauszukommen, warf ihn rettungslos in die frühere Unnatur zurück, womit er jeden Gedanken an die Zuſchauer übertäuben zu müſſen ſchien. Er raste vor Marien umher, brüllte ſich heiſer und warf ſich mehrmals mit einer Gewalt vor ihr nieder, daß man fürchten mußte, er zerſchelle ſich ſeine Kniee am Boden. Ohne das Gelächter, das durch den Saal rauſchte, im Geringſten zu vernehmen oder zu beachten, ſtürzte er wieder hinaus, nachdem er ſeine Rolle abgeſtampft hatte. Sie haben ſo freundlich meinen Cicerone gemacht, wandte ſich Heinrich im Zwiſchenact zu ſeinem Nachbar: wollen Sie nicht auch die Güte haben mich mit Ihnen ſelbſt bekannt zu machen? Ich bin ein Maler, verſetzte der junge Menſch, oder vielmehr i möcht' einer werden, und das wollens nit leiden, und i kann auch nix lernen hier, drum gedenk ich nächſter Tagen andre Saiten aufz'ziehn, dann könnens mich— Er ſchlug ſich auf den Mund, als ob er zu viel geſagt hätte, und war den Reſt des Stücks über ſehr ſchweigſam. Die Tragödie ging zu Ende. Clavigo wurde erſtochen, ließ ſeinen Degen vorn im Proſcenium, wohin er ſich„ wie ein Löwe fechtend und Beaumarchais' ganze Tapferkeit auf die Probe ſetzend, „durchſchwadronirt“ hatte, mit der Spitze zwiſchen Francisca's Füße, die ſich ſchnell zurückzogen, in den Boden fahren, wankte einige Zeit auf dem Theater herum, ſo daß es Beaumarchais für nöthig fand ihm noch einen Stich beizubringen, und ſtürzte dann 155 mit einem welterſchütternden Getöſe über Mariens Sarg. Der Vorhang ſchloß ſich während der ſichtbaren Anſtrengungen der Leiche ſich unter ihm hervorzuarbeiten. Der Herzog gab lachend das Signal zum Klatſchen; hierauf kamen die Schauſpieler hervor, wurden im Coſtüme vorgeſtellt und erhielten jeder ein gnädig Wort.— Heinrich ſah ſich ver⸗ gebens nach dem Tyroler um, und ging nachdenklich in ſeine Wohnung, wo er das Schauſpiel noch einmal vornahm und mit ruhigem Geiſtesgenuſſe durchlas. 12. * Die Weisheit baut ſich einen Tempel, Und ihre Zwillingsſchweſter, Wahrheit, Wandelt in den Säulengängen; 4 Die Zöglinge der Weisheit Horchen der Weisheit und Wahrheit. 3 4 Karl dacht' es zu thun und thats! Schubart. Heinrich beſann ſich den ganzen nächſten Vormittag, wie es denn mit der geſtrigen und heutigen Einladung eigentlich möchte gemeint geweſen ſein. Endlich kam er auf das Reſultat, der Her⸗ zog habe geſtern, da die Komödie ſeine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch genommen, nicht Zeit finden können ſich ihm zu widmen; heute, da er die Ehre haben ſollte mit ihm oder doch wenigſtens in ſeiner Gegenwart zu ſpeiſen, werde er hervorgezogen, vielleicht gar vor den badiſchen Gäſten ausgezeichnet werden. Kaum hatte er dieſe Hypotheſe aufgeſtellt ſo glaubte er auch ſchon mit uner⸗ ſchütterlicher Feſtigkeit daran. Er ließ das Eſſen auf heute ab⸗ ſagen und begab ſich Punkt zwölf Uhr in die Akademie, wo er ſich den Speiſeſaal zeigen ließ. Durch eine halbdunkle Rotunde trat er ein und ſah ſich in einem großen hellen Saal, den oben eine Galerie umgab; die allegoriſchen Deckengemälde erinnerten ihn an die Solitude, und er mußte ſich geſtehen daß das Tübinger Stift ſeinen Alumnen 8 kein ſo vornehmes Refectorium zubereitet habe. Die Tafeln waren gedeckt und eine lange Reihe von Stühlen, an welchen er im Hinuntergehen flüchtig die Namen las, erwarteten ihre Beſitzer. Er fand an einem Fenſter eine Gruppe von neugierigen Frem⸗ den, denen er ſich in Erwartung des Weitern beigeſellte. Gleich darauf trat der Herzog mit dem ihm eigenen raſchen Schritt her⸗ ein, hinter ihm der Markgraf, die Gräfin Francisca am Arm; er mochte ſeiner ehmaligen Unterthanin dieſe Ehre nicht ganz gern erweiſen, denn er machte ein etwas ſaures Geſicht. Ein ſtarkes Geräuſch verkündigte jetzt die Ankunft der Aka⸗ demiſten, welche zur entgegengeſetzten Thüre des Saals in ſolda⸗ tiſcher Ordnung, nach der Größe gereiht, hereinmarſchirt I, von Majors, Hauptleuten und Lieutenants umgeben. Sie machten in vier Gliedern, welche, Adelige rechts und Bürgerliche links, zwei Linien formirten, Front gegen die Tafeln, ein Adjutant nä⸗ herte ſich dem Herzog mit dem Rapport, und jetzt nahm dieſer den Markgrafen bei der Hand oder vielmehr bloß beim Finger, und zog ihn mit ſich an den Reihen der Zöglinge vorüber, wobei er höchſt charakteriſtiſch zur Behauptung ſeines Ranges dem Gaſt immer um einen Schritt vorauszubleiben ſuchte. Er ſtellte ihm einzelne Zöglinge vor, welchen dann ein freundliches Wort von dem Markgrafen zu Theil wurde. Bald waren Verdienſte der Eltern, bald Geſchicklichkeit der jungen Leute, bald auch irgend ein Scherz den der gnädige Stifter vorhatte, die Veranlaſſung zu ſolchen Präſentationen. Sehen Ew. Liebden, wandte er ſich zu ſeinem Gaſt, als er ans Ende der einen Linie, in die Nähe der Zuſchauer, kam, und deutete auf einen Kleinen mit rundem naſe⸗ weiſem Geſicht: ſehen Ew. Liebden, das iſt der Muthwilligſte in meinem ganzen Inſtitut!— Der Markgraf klopfte den verlegenen Knaben auf die Schulter und ſagte: Nur heiter, junger Mann! das ziert die Jugend— aber nicht ausgelaſſen!— Dann ſchritten ſie an der andern Linie wieder hinauf, das ganze Gefolge der Offiziere, Lehrer und Aufſeher hinter ſich, während Francisca 158 bei den jüngſten Zöglingen, die zum Theil noch Kinder waren, verweilte. Ein Commandowort mahnte die junge Schaar ans Gebet, welches einer der Jüngſten von der in der Mitte ſtehenden Kanzel vortrug; alle Hände wurden zugleich mit klatſchendem Laut ge⸗ faltet, und als dieß vorüber war, die Stühle mit ſo ſchnellem und egalem Geräuſche gerückt und beſetzt, wie wenn ein Bataillon die Gewehre abfeuert. Dann blieben ſie eine Weile ſteif und un⸗ beweglich ſitzen, bis der Herzog, an die oberſte Tafel tretend, deren junge Inhaber theils Medaillen, theils Kreuze und ſogar Sterne trugen, mit den Worten: Dinez, Messieurs! welche mit einer tiefen Verbeugung erwidert wurden, das Zeichen zur Mahlzeit gab. So weit hatte Heinrich ſich mit einer ruhigen Beobachtung begnügt, bei dieſer Aufforderung aber begann er an ſich zu denken und ſich nach einem Couvert umzuſehen. Der Herzog hatte doch wohl nicht die Abſicht ihn unter die Eleven zu ſetzen und mit dieſen ſpeiſen zu laſſen? aber auch hier war kein leerer Platz zu erblicken. Endlich gerieth er auf die Vermuthung, der Herzog werde ſein Diner nachher ebenfalls in der Akademie halten und ihn dazu ziehen, ein Gedanke welcher ſeinem Stolze tröſtlicher klang als ſeinem Magen. Er ſuchte ſeine Augen wieder zu beſchäftigen und muſterte die einzelnen Geſichter der ſpeiſenden Jugend, wozu er, da ihn ſeine Umgebung in die Mitte des Saals gezogen hatte, hin⸗ längliche Gelegenheit fand. Ein lautes Gelächter an den Tiſchen der Jüngſten machte ihn aufmerkſam; die Urſache davon blieb nicht lang verborgen, ſie lief von Tiſch zu Tiſch, und ſo hörte er bald darauf in ſeiner Nähe erzählen, der Herzog habe den Kleinen Apfelküchlein vorſetzen laſſen, welche ſie ſchnell angebiſſen aber noch ſchneller wieder weggeworfen, weil dieſelben mit Werg und Roßhaar gefüllt geweſen ſeien. Alles blickte lachend dorthin; es war luſtig anzuſehen, wie ſie arbeiteten den Unrath wieder aus dem Munde herauszuſpinnen. Eben trug man ihnen neue Schüſſeln vom ächten Gericht auf, welche zum Erſatze dienten; ſie machten keine Miene ſie abzuweiſen und hieben tapfer ein. Francisca näherte ſich ihnen und ſprach ihnen zu; der Herzog ſtieg mit dem Markgrafen, immer einen Schritt voraus, im Saale auf und ab, und führte ein lebhaftes Geſpräch, von dem die Zuſchauer, wenn die Fürſten an ihnen vorüberkamen, jedesmal einige Worte er⸗ haſchten. Das muß ich ſagen, hörten ſie den Markgrafen einmal ſprechen: Ew. Durchlaucht Projecte ſind ſehr gut gelungen. 3 auf eins, Herr Nachbar! verſetzte der Herzog ſchnell: Ew. Liebden wiſſen ja, was uns beiden mißlingt!— Der Markgraf wurde feuerroth und die Zuſchauer ſahen einander mit verbiſſenem Lachen an; denn jedermann wußte was Karl damit ſagen wollte. Der Markgraf von Baden hatte nämlich früher einmal die mißmu⸗ thigen Worte, die natürlich nicht verſchwiegen blieben, ausge⸗ ſtoßen: Ich gebe mir alle Mühe mein Land emporzubringen, und der Herzog von Wirtenberg läßt ſichs ſauer werden das ſeinige zu ruiniren, aber keinem von uns beiden gelingts!— eine Aeuße⸗ rung die er bei Karls gutem Gedächtniß nothwendig wieder ein⸗ mal zu verdauen bekommen mußte. Der Herzog verwickelte ihn darauf in ein Geſpräch mit Fran⸗ cisca, ließ ihn bei ihr ſtehen, und ging allein mit Späherblicken im Saale hin und her. Heinrich glaubte, er werde ihn jetzt an⸗ reden, und ſetzte ſich, als der Herzog plötzlich auf ihn zuſchoß, in Poſitur; es galt aber nicht ihm, ſondern einem Tiſche wo das ſcharfe Auge des Stifters irgend eine Unordnung bemerkt haben mußte. Warum eßt ihr nicht, meine Söhne? fragte er. Ew. Durchlaucht! das Wildprät hat nicht den beſten Geruch, erwiderte einer der Zöglinge mit ruhigem und beſcheidenem Ton. Laßt michs verſuchen, befahl der Herzog und koſtete die Speiſe in eigener höchſter Perſon. Fi Teufel! rief er: das iſt ein ſcheuß⸗ liches Fleiſch! wo ſteckt der Küchenmeiſter? Der Unſelige war bald zur Stelle und wurde mit einem zornig ſpöttiſchen Ton angefahren: Hör' Er, ich ſag' Ihm! kann 160 Er kein beſſer Fleiſch auftiſchen? Wozu hat Er denn Seine Beſol⸗ dung? Wozu hat Er den großen Abtrag von der Tafel?— Er faßte den Mann, der einen neuen Rock anhatte, ſchärfer ins Auge und fuhr fort, indem er ihm auf das Kleid deutete: Das iſt doch lauter Haſenbalg! alles vom Abtrag! will Er das Beſte ſchon 4 vorher verſchachern? Sieht Er, damit Er ſichs merkt und Ihm nicht mehr der Art paſſirt, ſo bringt Er augenblicklich ander * und heut Abend trägt Er für dieſen ganzen Tiſch Göckel auf, en à Perſon, verſteht Er? auf Seine Koſten. So, jetzt kann Er gehn. Der Küchenmeiſter entfernte ſich niedergeſchlagen, der Herzog aber wandte ſich zu den jungen Leuten denen er eine ſo glänzende Genugthuung verſchafft hatte: Warum habt ihr denn nicht ge⸗ klagt? fragte er: ich war ja zugegen, und ihr werdet mich kennen. Wir wollten vor den fremden Herrſchaften kein Aufheben machen, antwortete einer den Heinrich an ſeinem rothen Haar und ſeiner näſelnden Stimme ſogleich für den Clavigo von geſtern Abend erkannte. Brav, meine Kinder! verſetzte der Herzog ſehr freundlich: das macht euch alle Chre; laßt euch denn heut Abend die Göckel recht wohl ſchmecken! Er ging wieder auf und ab; Heinrich folgte ihm mit den Blicken und beobachtete ſeinen raſchen ſtolzen Gang. Hierauf fiel ſein Auge auf ein andres Schauſpiel: in ſeiner Nähe, ſeitwärts von einer der Tafeln, ſtand ein Zögling, der keinen Antheil an der Mahlzeit nahm, mit niedergeſchlagenen Augen; ein zuſam⸗ mengefaltetes Papier ragte ihm aus der Uniform. Die Zuſchauer, wenn ſie an ihm vorüberkamen, betrachteten ihn halb mitleidig halb neugierig, auch der Markgraf hatte vorhin im Aufundabgehen einen verwunderten Blick auf ihn geworfen. Unſer Freund brauchte ſich nicht lang zu beſinnen um zu errathen daß dieß irgend eine Strafe bedeuten ſollte; um darüber aufgeklärt zu werden, ſah er ſich unter den Zuſchauern nach einem um, den er befragen könnte. 161 Nicht weit von ihm ſtand ein junger Menſch mit beinahe weißen Haaren und einem runden Geſicht, aus dem eine unbeſchreibliche Kindlichkeit ſprach; er ſtarrte wie verloren nach einem der Tiſche hin. Heinrich redete ihn an, er fuhr etwas zuſammen und gab ihm auf ſeine Frage mit ſchüchternem Tone Beſcheid: Ja es iſt allerdings eine Strafe, der junge Mann hat ein Billet erhalten und muß nun cariren. 35 Was iſt denn das, ein Billet? Wenn einer etwas peccirt hat, wurde ihm entgegnet, ſo ſchreibt einer der Vorgeſetzten das Vergehen auf ein Blatt Papier, das ihm zwiſchen die Weſte geſteckt wird, um es bei Gelegenheit dem Herzog zu überreichen und von dieſem die weitere Strafe zu erwarten. 3 Das iſt ein luſtiger Brauch, ſagte Heinrich: das kommt mir vor wie auf den alten Bildern die Figuren mit einem Zettel im Mund, wodurch ſie den Beſchauern anzeigen wer ſie ſind und was ſie wollen. Sein Nachbar lachte zutraulich und verſetzte dann: Es iſt aber doch hart für den armen Schelm, gerade heute, vor einem ſo hohen Beſuch, an den Pranger geſtellt zu werden. Er ſchrack heftig zuſammen, denn eben traf ihn das Falken⸗ auge des Herzogs, der in dieſem Augenblicke vorüberſchritt. Dieſer ſchien etwas von ſeinen Worten vernommen zu haben, denn er ging ſtracks auf den Miſſethäter zu und fragte: Womit hat Er dieſe Ehre verdient? In militäriſcher Haltung, aber mit Angſtblicken, zog der Angere⸗ dete ſein Billet aus dem Buſen und überreichte es. Karl ſchlug es aus einander und las laut:„Hat zu dem Eleven von Wolzogen geſagt: „n Cavalier, ſo dumm und ſtolz, Schnitz' ich aus jedem Scheite Holz!“ Eine tiefe Stille entſtand in dem Saal; die Magnatentafel, für welche dieſer Auftritt eine Lebensfrage war, blickte aufmerkſam herüber und erwartete geſpannt den Richterſpruch. Schiller's Heimathjahre. I. 11 1 162 Hat Er ſchon mehr Billets bekommen? fragte der Herzog. Es iſt das erſte, Ihro Durchlaucht, erwiderte der Delinquent aufathmend. Nun, ſo laß'mal ſehn! rief der Herzog und winkte einen Aufwärter herbei, der nach wenigen Augenblicken mit einem mäch⸗ tigen Holzſcheit aus der Küche zurückkam. Wenn Er ein ſolcher Künſtler iſt wie Er ſich berühmt, fuhr der Herzog fort, ſo leiſt' Er jetzt was er geprahlt hat, und ſchnitz' Er mir einen Cavalier; dann ſoll Ihm die Strafe erlaſſen ſein. Der Herzog hatte dieß mit einer angenommenen Strenge ge⸗ ſagt, gegen welche kein Widerſpruch galt; dem Jüngling wurde ein großes Tranchirmeſſer überreicht und er mußte wohl oder übel Hand ans Werk legen. Der Speiſeſaal erbebte unter dem Ge⸗ lächter das an allen Tiſchen entſtand; der Markgraf, der näher gekommen war und die Procedur mit angehört hatte, hielt ſich den ſtattlichen Bauch, Francisca aber trat freundlich herzu und ſprach: Arbeite getroſt, mein Sohn; Seine Durchlaucht werden zufrieden ſein, wenns nur ähnlich ausfällt. Alles blickte unter wiederholtem Gelächter auf die vergeblichen Bemühungen des neuen Pygmalion. Als es endlich ſtill wurde, hörte Heinrich eine näſelnde Stimme halblaut ſagen: Ich müßte doch lachen wenn er einen herausbrächte.— Nun ging das Ge⸗ lächter mit verdoppelter Stärke los und lief nach und nach, ſo wie die Urſache bekannt wurde, an allen Tiſchen fort; die Cava⸗ liere wandten ſich unwillkürlich mit einiger Aengſtlichkeit nach dem Bildſchnitzer herum. Heinrichs Auge ſuchte den kecken Sprecher, und ſiehe, es war wiederum Clavigo! Er ſaß ganz ruhig da, ein leichtes Lächeln ſpielte um ſeinen Mund, und die Augen glitten mit einem ſchlauen Blinzeln über die Lacher hin. Der Herzog, der ſich eben in einem entfernteren Theil des Saales befand, war mit drei Schritten zur Stelle, und fuhr auf einen vorübergehenden Aufſeher los, einen dicken Kegel, deſſen faltenreiches und bornirtes Geſicht unſrem Helden ſchon vor⸗ 163 hin aufgefallen war. Nies! rief er: Ich ſag', Nies, was gibts hier? Ihr' Durchlaucht, antwortete dieſer, der Eleve Schiller hat da eine Anmerkung gemacht. Was für eine Anmerkung? fragte der Herzog raſch. Er hat geſagt, verſetzte Nies mit der größten Trockenheit, er müßte doch lachen, wenn er einen herausbrächte. Der Herzog verzog den Mund ein wenig und erhob den Finger gegen ſeinen Zögling: Schiller, nicht naſeweis! rief er. Dann fuhr er gegen den Aufſeher herum, und ſagte, mit einem Blick auf den Markgrafen: Einen wie Er, nicht wahr? wer heißt euch denn heute dieſe Prangerſcene aufführen? Ihr' Durchlaucht! ſagte Nies, hoch und heilig betheuernd: Ihr' Durchlaucht halten zu Gunden⸗ der Herr Intendant haben es ſo befohlen. Ach was! ſtieß der Fürſt herans— hol⸗ Er den Intendanten. Ein hagerer Offizier mit einem Orden eilte herbei. Wozu der Eclat, Herr von Seeger? redete ihn der Herzog verdrießlich an. Ew. Durchlaucht, verſetzte der Intendant, man hat mir nichts von dem hohen Beſuch gemeldet;— und der Herzog, da ihm das Ziel ſeines Unmuths immer weiter entfloh, ließ dieſen fahren und ging mit dem Intendanten eine Weile auf und ab, indem er ihm Aufträge ertheilte und einige flüchtig mit dem Bleiſtift geſchriebene Notizen übergab; denn die Akademie war gewiſſermaßen zugleich ſein geheimes Cabinet. Nach einer Weile ließ der Herzog den Intendanten ſtehen und kam zu dem Akademiſten zurück, der noch immer eifrig mit ſeiner Schnitzelei beſchäftigt war und nur von Zeit zu Zeit außblickte, ob ihm ſeine Strafarbeit noch nicht erlaſſen ſei.— Wie gehts? rief er ihm zu: ich glaube, darin iſt Er den größten Poeten ähn⸗ lich, daß Seine Proſa nicht hält was Seine Verſe verſprochen haben. Ei, ſieh doch! fuhr er fort, indem er die Arbeit näher betrachtete: einen leidlichen Kopf hat der Schelm bereits zuwege⸗ 164 gebracht, den man mit einigem Puder, einem Zopf und einem Ordensband um den Hals ziemlich à la cavalier zuſtutzen könnte. — Er trat der Cavalierstafel näher und ſagte: Merken Sie ſichs, meine Herren! ſo unartig der Einfall von ihm war und ſo wenig er auf denjenigen paßte den er beleidigen wollte, ſo entnehmen Sie ſich doch daraus die Lehre daß ein hohler Kopf, bürgerlich oder adelig, nicht mehr werth iſt als ein Stück Holz, daß Geburts⸗ und Rangſtolz jedem Vernünftigen lächerlich erſcheinen muß, und daß nur das Verdienſt den Menſchen adelt.— Bei dieſen Worten ließ er einen ſcharfen Blick über die Tafel hinlaufen, und wandte ſich dann an einen jungen Mann von angenehmem und beſcheidenem Ausſehen, der die ganze Zeit über in der peinlichſten Verlegenheit unter ſeinen adeligen Tiſchgenoſſen geſeſſen hatte. Ce west pas à vous que j'en veux, mon cher Wolzogen! ſagte er gütig zu ihm. Zugleich erließ er dem unfreiwilligen Künſtler den Reſt ſeiner Arbeit. Laß Er Seine Kunſt nach Brod gehen, ſagte er, indem er ihn zu Tiſche ſchickte. Alles dies war raſcher und kürzer vor ſich gegangen als ſich erzählen läßt; der Herzog ging auf den Markgrafen zu und ent⸗ ſchuldigte ſich: Ew. Liebden verzeihen mir daß ich Sie abandon⸗ nirt habe; man nennt mich bekanntlich einen Schulmeiſter, und ich muß meine beſte Zeit an dieſe ungezogene Jugend verlieren. Es iſt eine liebe und muntere Jugend, verſetzte der Markgraf freundlich, und die Beſchäftigung mit ihr muß Ew. Liebden ein belohnendes Gefühl gewähren. Ja, ja! entgegnete Karl achſelzuckend, aber man hat auch viele Laſt davon.— Der Ton mit dem er dieſes ſagte widerſprach den Worten und bewies wie ſehr er ſich in ſeinem Elemente fühlte. Er nahm ſeinen Gaſt bei der Hand und führte ihn einem Cre⸗ denztiſche zu, der indeſſen mit Erfriſchungen beſetzt worden war. Durch den eben vorgefallenen Auftritt war Heinrichs Aufmerk⸗ ſamkeit dem unglücklichen Dilettanten von geſtern zugewendet worden, und er begann zu ahnen daß hinter dem ſchlechten Schau⸗ 165 ſpieler wenigſtens ein guter Kopf ſtecken könnte. Er rückte lang⸗ ſam aufwärts, bis er ihm faſt gerade gegenüber zu ſtehen kam, und betrachtete ſeine Geſtalt mit forſchenden Blicken. Was ihm zuerſt auffiel war unter einem buſchigen dunkelrothen Haar die breite ſchöngewölbte Stirne, die man, wenn man auch nur im Entfernteſten an Lavater glaubte, für einen Thron von mäch⸗ tigen Gedanken halten mußte. Sie hatte, ſo wie die dünne, weiße, ſehr gebogene Naſe, etwas Felſiges und glich einem Vorgebirge, unter welchem die Augen wie in einer ſichern Bucht verwahrt lagen; die halbgeſchloſſenen Augenlieder hatten eine krankhafte Röthe, die Augenbraunen, von derſelben Farbe wie das Haupt⸗ haar, liefen in einem kühnen Bogen über den Rand der Stirne und bildeten an der Naſenwurzel eine Art von dem was man Rätzel heißt. Hiedurch kam etwas Eigenſinniges in den obern Theil des Geſichts, der vielleicht abſtoßend ſchroff erſchienen wäre, wenn nicht der feine Mund, um den ein Zug von grenzenloſer Güte ſpielte, und die dichten Sommerſproſſen, welche den blaſſen Wangen eine kindliche Naivetät gaben, dieſen Eindruck wieder gemildert hätten. Dazu kam noch ein langer ſchwanenweißer Hals, den die Binde kaum zur Hälfte bedecken konnte, und durch den die ganze Geſtalt einen rührenden Anhauch edler Jungfräulichkeit em⸗ pfing. Aber der vorherrſchende Charakter, zu dem die vorſprin⸗ gende gewölbte Bruſt beitrug, war Stolz und Selbſtändigkeit, auffallende Eigenſchaften an einem Jüngling, der, obgleich er die meiſten der neben ihm Sitzenden an Reife übertraf, doch höchſtens neunzehn Jahre zu zählen ſchien. Der Gegenſtand dieſer Beobach⸗ tung war indeſſen aufrecht dageſeſſen und hatte, ohne zu ſpeiſen, wie ſinnend vor ſich hin geſehen; doch ſchien er dieſelbe bemerkt und ruhig geduldet zu haben, denn auf einmal ſchlug er, als ob ſie ihm jetzt läſtig würde, zwei blitzende Augen auf und warf einen ſo ſcharfen Blick auf ſeinen Phyſiognomen, daß dieſer unwillkürlich die ſeinigen ablenkte und ſich aus Verlegenheit die Structur des Saals zu muſtern beſchäftigte. 166 Während er dieſe Diverſion machte, trat jener junge Fremde wie⸗ der zu ihm und redete ihn mit einer beſcheidenen Vertraulichkeit an. Sie ſind gewiß zum erſten Mal hier, ſagte er: ich ſchließe dieß aus dem Erſtaunen womit ſie dieſen magnifiken Saal betrachten. Er iſt hundert neunzig Schuh lang und acht und dreißig breit gerade ſo groß wie der Rangirſaal, der eine Etage weiter unten liegt und aus dem die Eleven in Reih und Glied hieher mar⸗ ſchiren. Sehen Sie einmal dieſe gekuppelten Wandſäulen im jo⸗ niſchen Styl, es ſind zwei und achtzig an der Zahl; kann man eine ſchönere Arbeit ſehen? Die Büſten die Sie zwiſchen ihnen erblicken ſind die Bildniſſe der größten Beförderer der Künſte und Wiſſenſchaften— Iſt der Herzog auch darunter? fragte Heinrich lächelnd. Der hat ſeine Statue beſonders, ſehen Sie dort unten in der Mitte; bei dieſer wird das Gebet verrichtet; und außerdem hängt in jedem Lehr⸗ und Schlafſaal ſein Bild, mit den Attri⸗ buten der betreffenden Wiſſenſchaft.— Und nun betrachten Sie die ſchöne Galerie die von den Säulen getragen wird; die präch⸗ tige Uhr die über ihr angebracht iſt zeigt uns an daß das Eſſen bald zu Ende ſein wird. Aber das Beſte kommt zuletzt: das ſind die herrlichen fünf Plafonds, die von Guibal gemalt ſind; zwei junge talentvolle Maler, Heideloff und Hetſch, die der Herzog in der Akademie erzogen hat, haben daran mitgearbeitet. Neben dieſem Saale, fuhr der gefällige Erklärer fort, ohne unſrem Freunde Zeit zu längerer Betrachtung zu laſſen, iſt ein runder Tempel, welchen vier und zwanzig freiſtehende und vier und zwan⸗ zig gekuppelte Wandſäulen im korinthiſchen Style ſchmücken; die drei Thüren die Sie dort ſehen führen lich der Herzog ſeine Tafel, denn er ſpei ſen, äußerſt ſelten im Schloſſe drüben. Sagen Sie mir, unterbrach ihn Heinrich, wer ſind denn die großen Herren, die dort zu oberſt tafeln? Wenn ſie nicht ſo jung niform der Akademie trügen, ſo müßte man dahin; hier hält gewöhn⸗ st, wie Sie vielleicht wiſ⸗ ausſähen und die U 167 ſie für Staatsmänner erſten Ranges halten. Sind es etwa Prinzen die hier ſtudiren? Nein, das ſind die Chevaliers. Von welchem Orden? Vom akademiſchen. Wer in einer Prüfung vier Preiſe er⸗ halten hat, wird in dieſen Orden aufgenommen und mit der ſchwe⸗ ren goldenen Medaille decorirt; wer es aber gar zu acht Preiſen auf einmal gebracht hat, wird Grandchevalier mit dem Großkreuz um den Hals und dem Stern auf der Bruſt. Erhalten auch bürgerliche Eleven dieſen Orden? Ja wohl, mehr als adelige! Und werden dadurch förmlich dem Adel gleich geſtellt? Noch höher! Sie ſehen ja, daß der Chevalierstiſch über dem Cavalierstiſch rangirt. Freilich bei dem Austritt aus der Anſtalt hat die Herrlichkeit ein Ende; doch bleibt ſie immerhin von Ein⸗ fluß auf die künftige Carriere. Und den größten Einfluß muß ſie auf die geſellſchaftlichen Meinungen und Vorurtheile ausüben! ſagte Heinrich lebhaft. Zwar mag das Wettrennen nach den meiſten Nummern ſeine Schattenſeite haben, aber in den beſtehenden Verhältniſſen weiß ich doch kein wirkſameres Mittel, den ſchauderhaften Kaſten⸗ geiſt unſrer Tage in den jungen Gemüthern an der Wurzel zu erſchüttern. Fürwahr, ich muß dieſe Einrichtung bewundern, die den Junker und ſelbſt den Prinzen unter das Verdienſt des Ro⸗ turiers erniedrigt! Das iſt denn doch nicht ſo ganz der Fall, fiel ſein Nachbar ein. Wenn ſich Prinzen in der Anſtalt befinden, was ſelten aus⸗ bleibt, ſo werden Sie ganz zu oben an, über der Ordens⸗ und der Adelstafel, einen beſondern Prinzentiſch erblicken. Indeſſen haben die Chevaliers doch den Vorzug daß ſie zwiſchen Fürſten⸗ und Edelmannsſöhnen den mittleren Rang behaupten. Auch ge⸗ nießen ſie gleich den beiden andern Klaſſen die Ehre des Hand⸗ kuſſes; denn die bürgerlichen Eleven, die es zu keiner ſolchen 168 Auszeichnung gebracht haben, dürfen nur den durchlauchtigſten Rockflügel küſſen. 1 Heinrich lächelte ſtill vor ſich hin. Seltſame Dämmerung des Jahrhunderts, ſagte er zu ſich, worin Großartiges und Klein⸗ liches, Bildung und Herkommen, Aufklärung und Vorurtheil mit einander ſtreiten!— Sie ſcheinen hier ſehr unterrichtet zu ſein, bemerkte er gegen ſeinen Nachbar. Ich komme häufig in die Akademie, verſetzte der junge Mann mit einiger Lebhaftigkeit: eigentlich iſt es die Muſik welche— Nun, wie gefällt Ihm meine Akademie? fragte der Herzog, der auf einmal zwiſchen ihnen ſtand. Der Redner entwich mit ſichtbarem Schrecken, auch Heinrich fühlte ſich durch die unerwar⸗ tete Anrede ein wenig außer Faſſung gebracht, und mußte ſich zu⸗ ſammennehmen um etwas Schickliches zu antworten. Der Eindruck den die Großartigkeit des Locals, die überall herrſchende Ordnung, das Perſönliche das, bei aller Majeſtät, in dem Verhältniß des Landesfürſten zu ſeinen freimüthigen Schülern obwaltete, und endlich der Eindruck den die hübſche halb militäriſche Kleidung der Zöglinge im Vergleich mit den groben ſchwarzen Kutten der Kloſter⸗ ſchüler auf ihn machte, ließ ihn die ſchmeichelhafte Rede die ihm durch die Macht der Umſtände in den Mund gelegt war mit Ue⸗ berzeugung und jener nachdrücklichen Lebendigkeit vortragen, welcher auch ein mißtrauiſcher Menſchenkenner Glauben ſchenkt. Es ſoll mich freuen wenn meine Bemühungen den öffentlichen Beifall finden, erwiderte der Herzog mit herablaſſender Freund⸗ lichkeit. Heinrich wollte etwas darauf ſagen, der Herzog aber unter⸗ brach ihn und fuhr fort: Ich muß zu meiner Freude ſagen, die Akademie ſchreitet vorwärts, ſie erhält mit jedem Jahre neuen Zuwachs, und ich muß von Zeit zu Zeit auf Erweiterungen den⸗ ken.— Ja, was ich ſagen wollte, Er hat hauptſächlich Philoſophie ſtudirt? nicht wahr? Wie ich Eurer Durchlaucht ſchon früher ſagen durfte, erwiderte 169 er, ſo hat mich die Philoſophie mit ihren Nebenzweigen mehr an⸗ zuziehen gewußt als— Gut, unterbrach ihn der Herzog: es iſt eine ſchöne Wiſſen⸗ ſchaft um die Philoſophie, ſie macht den Menſchen zu dem was er eigentlich ſein ſoll, ſie gibt ihm eine allgemeine durchgängige Bildung, ſo daß nachher alle einzelne Wiſſenſchaften und Kennt⸗ niſſe ſich in freiem Spiel bei ihm entwickeln können. Doch iſt es nicht hinlänglich ſich der Philoſophie allein zu widmen; ſie iſt mehr Vorbereitung, Propyläe; allein es iſt nicht genug ein Menſch zu ſein, ſondern jeder hat ſeine eigene Beſtimmung der er nach⸗ kommen muß: zum Beiſpiel, Ich muß regieren und ihr Andern müßt eure Unterthanenpflicht erfüllen; das ſind Sachen die viel⸗ fache Kenntniſſe erfordern, über die man ins Beſondre nachdenken muß, namentlich das Erſtere; jeder muß einen Beruf haben— 3(wenn er mir nur endlich einen anwieſe, dachte Heinrich)— jeder muß der Welt durch eine zweckmäßige Anwendung ſeiner Talente nützlich zu werden ſuchen, und hiefür reicht die Philoſophie nicht aus. Heinrich nahm dieſe Lehre mit einer tiefen Verbeugung hin. Was ſagt Er dazu, Schiller? rief der Herzog über den Tiſch hinüber. Der Eleve richtete ſich empor, drückte ſeine Augen zu dem Blinzeln zuſammen das wir bereits geſehen haben, und ent⸗ gegnete: Ew. Durchlaucht erlauben mir Dero hohen Worten ge⸗ mäß meine eigene Beſtimmung im Auge zu behalten und als Me⸗ diciner zu antworten. Als ſolcher finde ich die Anſprüche welche die Philoſophie gegenwärtig macht zu hoch: ſie thut als wenn die Erſchaffung und Erhaltung der Welt allein ihre Sache wäre, und vergißt ganz daß die Welt beſtand noch eh' es Philoſophen gab, und daß ſie auch ohne ſolche beſtehen kann, freilich durch ſo gemeine Mittel die ein anderer als ein Mediciner nicht zugeben wird, nämlich durch Hunger, Durſt und Liebe. Was weiß Er von der Liebel rief der Herzog ſpöttiſch, konnte 170 aber den wohlgefälligen Blick den ihm ſein witziger Zögling ab⸗ lockte nicht ganz verbergen. Heinrich wollte ſich rechtfertigen, aber der Herzog ließ ihn nicht zu Worte kommen. Wie ſteht es denn gegenwärtig mit der Philoſophie in Tübingen? fragte er das drittemal ſeit jenem Jagd⸗ abenteuer: was macht denn Unſer alter Ploucquet? Er beſchäftigt ſich noch immer mit der Leibnitziſchen Mona⸗ dologie. Das iſt ſehr vernünftig; man muß nicht immer ſelbſt etwas erfinden wollen, ſondern lieber einem bedeutenden Vorgänger fol⸗ gen. Leibnitz war ein großer Mann. Dieſes mit impoſanter Miene vorgetragene Axiom wußte Heinrich nur mit einer Verbeugung zu beantworten. Stellt der Ploucquet die Ewigkeit immer noch unter dem Bild eines Hundes und eines Haſen dar, die einander unaufhörlich nachlaufen? fragte der Herzog weiter. Er bedient ſich dieſes Gleichniſſes noch jährlich, ſeit er die Gnade gehabt dieſen Gegenſtand vor Ew. Durchlaucht in der Aula zu tractiren.. Ja, es wurden damals mächtige Reden gehalten, ſagte der Herzog lachend. Jetzt, hoff' ich, wird meine Carolina nächſtens der Eberhardina die Stange halten können. Was iſt denn gegen⸗ wärtig das Neuſte in der Philoſophie? Man beginnt nach und nach, erwiderte unſer Held, von der Ontologie zurückzukommen, namentlich ſeit Hume einen ſo großen Riß in die Metaphyſik gemacht hat; das Neuſte was ſich bemerk⸗ lich macht iſt eine Wendung gegen die Pſychologie, welche, wenn ich nicht ſehr irre, einer Schrift des Abbé von Condillac zugeſchrieben werden muß, obgleich die philoſophiſche Stimmung in Deutſchland ſich ſchon ſeit einigen Jahren nach dieſer Seite hinzuneigen ſchien. Wir müſſen machen daß wir auch einmal wieder einen deut⸗ ſchen Philoſophen bekommen, verſetzte Karl: man muß nicht alles dem Ausland verdanken wollen.— Er blieb einen Augenblick 171 überlegend ſtehen und ſpielte mit ſeinem Stöckchen.— Komm' Er doch geſchwind mit mir! rief er plötzlich, ging ſchnell nach dem Chevalierstiſch, neben welchem die Profeſſoren verſammelt ſtanden, und näherte ſich einem noch jungen, liebenswürdig ausſehenden Manne. Da will ich Ihn dem Profeſſor Abel vorſtellen, ſagte er:— Abel, examinir' Er mir doch den jungen Philoſophen da, aber in aller Geſchwindigkeit, und ſag' Er mir ob Er ihn zum Ge⸗ hilfen brauchen kann; Er weiß, wir müſſen die Facultät erweitern. Der Profeſſor verbeugte ſich, betrachtete den Vorgeſtellten mit freundlich forſchenden Blicken, und richtete einige Fragen an ihn, nach deren Beantwortung er dem Herzog ſeinen Bericht abſtattete. Alſo, richtig? ſagte dieſer, und fuhr auf Abels bejahende Verbeu⸗ gung gegen Heinrich fort: Komm Er heut Abend präcis um ſechs Uhr zu mir ins Schloß, dann ſoll Er Seine Beſtallung als aka⸗ demiſcher Lehrer empfangen. 4 Bei dieſen Worten ſah ſich der Herzog um; die Zöglinge hatten abgeſpeist und machten ungeduldige Bewegungen. Er gab einen Wink, unter donnerähnlichem Geräuſche wurden die Stühle gerückt und die Jugend marſchirte nach Abhaltung des comman⸗ dirten Gebets hinaus, wie ſie herein gekommen war. Die drei Thüren zu dem Tempel öffneten ſich und ließen eine gedeckte Tafel erblicken. Der Markgraf, der den Speiſeſaal verlaſſen hatte, er⸗ ſchien mit ſeiner Suite, der Herzog ging auf ihn zu, und Heinrich ſah im Abgehen eben noch wie ſich die Pforten zu dem Mahl der obern Götter für ihn verſchloßen. 13. En disant ces paroles Mentor le prit par la main et l'en- tratnait vers le rivage. Télémaque suivait à peine, regardant toujours derriere lui. II considérait Eucharis qui s'eloignait de lui.— Quoiqu' absente, il la voyait.— Aussitôt le sage Mentor poussant Télémaque, qui était assis sur le bord d'un rocher, le précipite dans la mer, et s'y jette avec lui. Télé- maque surpris de cette violente chüte but l'onde amdère et devint le jouef des flots. Fénélon, les aventures de Télémaque. 1 Während unſer Freund durch das Treppenhaus hinunterſtieg, kreuzten ſich verſchiedene Gedanken in ſeinem Kopfe. Er war noch etwas betäubt durch die ſchnelle Entſcheidung die ſein Schickſal erhalten hatte. Obgleich er wußte daß der Herzog zu raſchen Reſo⸗ lutionen geneigt ſei, ſo war er doch von einem beſcheidenen Stau⸗ nen befangen. Dabei erfüllte ihn der Gedanke an den Verkehr mit ſo manchen aufgeweckten jungen Geiſtern, die wohl, wie der Darſteller des Clavigo, der Philoſophie nur im Scherze den Krieg erklärten, die Hoffnung etwas zu der Entwicklung dieſer vielver⸗ ſprechenden Jugend beitragen zu können, mit einer lebhaften ſchönen Freude; er träumte ſich als einen Prometheus, der den Feuer⸗ funken in die aufkeimenden Seelen wirft und den entzündeten zu höherer Glut entfacht. Mitten unter dieſen freundlichen Phan⸗ taſieen trat ihm das Bild ſeines Mädchens vor die Seele und 173 erfüllte ihn mit unausſprechlicher Fröhlichkeit; er lachte hell auf über die häuslichen Freuden die einem Philoſophen blühen ſollten, und malte ſichs ſchon aus, wie er nach beendigtem etwas trockenem Vortrag vom Katheder weg dem Weibe ſeiner Liebe in die Arme fliegen und ſich an ihren Lippen erquicken werde. Die Abneigung des Pfarrers gegen die Reſidenz hoffte er durch vollwichtige Gründe zu beſeitigen, um ſo mehr als ihm jetzt kein Abfall mehr von der Wahl ſeines Berufes vorgeworfen werden konnte; er hatte ja nur, ſo meinte er, das Lehramt in einer höhern und ſeinen Neigungen mehr angemeſſenen Form ergriffen. Zuletzt aber behielt, wie es ſich bei dem ſchnellen Durcheinanderwühlen der Gedanken oft er⸗ eignet, einer die Oberhand, der ſeltſam gegen die übrigen abſtach. Heinrich war nämlich, eben als er ſich zum Fortgehen aus dem Speiſeſaal anſchickte, noch Augenzeuge eines Beiſpiels von der ſchnellen und prompten Juſtiz des Herzogs geworden. Die Zög⸗ linge waren im Abmarſchiren an dem Marmortiſchchen, wo der Markgraf, vielleicht an eine frühere Mittagsſtunde gewöhnt, etwas zu ſich genommen hatte, vorbeidefilirt; einer derſelben ſchien von irgend einem ſeltenen Leckerbiſſen unwiderſtehlich gereizt zu ſein; es war eben jener Kleine den der Herzog dem erlauchten Gaſte als ſeinen Muthwilligſten vorgeſtellt hatte; er blickte behutſam um ſich, ob er ſich keiner Beobachtung eines Vorſtehers ausſetze, und als er die Gelegenheit günſtig fand escamotirte er mit ſeltner Geſchicklichkeit den Gegenſtand ſeiner Begier in die Taſche. Hein⸗ rich hatte den Vorgang mit angeſehen und ſtill für ſich gelächelt, aber das Auge eines Andern, das wie die Vorſehung überall gegenwärtig war, hatte den Raub ebenfalls bemerkt; der Herzog trat freundlich näher, als wollte er ſeine Schaar noch einmal überſehen, und als der Taſchenſpieler an ihm vorüberzog, klatſch! hatte er eine Ohrfeige, von ſo guter Währung als die untadel⸗ haften Münzen welche Karl prägen ließ. Dieſe eigenhändige aller⸗ höchſte Ohrfeige nun war es was unſrem Helden nicht aus dem 4 174 Sinn kommen wollte und alle näher liegenden Gedanken nach und nach verdrängte; immer ſah er noch den Herzog vor ſich ſtehen, wie er mit majeſtätiſcher Ruhe ausholte und das hartgebackene Confect dem nichts Arges ahnenden Sünder an den Kopf ſauſen ließ. 6 In dieſer Träumerei unterbrach ihn ein Akademiſt der aus einem Seitengang auf ihn zueilte; es war der junge Tyroler den er von geſtern Abend her kannte; er ſchien ſich aus ſeiner Schlacht⸗ reihe weggeſchlichen zu haben, um eine Unterredung mit Heinrich zu ſuchen. Sie haben mit dem Herzog geſprochen— begann er. Sei'n Sie ruhig, fiel ihm Heinrich lächelnd ins Wort: es iſt nichts von Ihnen vorgekommen, wiewohl ich Sie jetzt vor mir warnen muß: reden Sie behutſam mit mir, denn Seine Durch⸗ laucht haben mich ſo eben zum akademiſchen Lehrer zu ernennen geruht. Der freiheitliebende Tyroler ſah ihn faſt mitleidig an und ſagte in einem gedehnten Tone: So? ich gratulire. Und wenn die Künſtler, fuhr Heinrich freundlich fort, es nicht verſchmähen bei den Philoſophen in die Schule zu gehen, ſo kön⸗ nen wir recht gut mit einander zu ſtehen kommen. Ja, wenns g'wiß iſt! war die naive Antwort. Wollen ſehen was die Zeit bringt, ſagte der junge Menſch nach einer Pauſe und empfahl ſich ſchnell. Heinrich eilte gleichfalls die Akademie zu verlaſſen; er dachte nicht mehr daran für ſeines Leibes Nahrung zu ſorgen, ſondern begab ſich ſchleunigſt zu ſeinen Verwandten, welchen er, ehe die Thüre ſich ganz hinter ihm geſchloſſen hatte, ſeine Neuigkeit ent⸗ gegen rief. Dann ſah er ſich erſt im Zimmer um und bemerkte zu ſeinem Verdruſſe, daß der Baron zugegen war. Dieſer ſprang auf und rief geräuſchvoll: Wie? unſer Freund iſt befördert wor⸗ den! ich gratulire, Herr Profeſſor, ich gratulire! hab' ichs nicht 175 immer geſagt daß der Herzog Ihren Verdienſten noch werde Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laſſen? Sehen Sie, Sie haben Freunde bei Hof! ſie wollen ſich nur nicht errathen laſſen, dieſe Freunde. Wäre unſer Freund vielleicht Ihnen Dank ſchuldig gewor⸗ den, Herr Baron? fragte Amalie und ſah ihn forſchend an. Bitte, Madame, bitte! rief er und lachte: das ſind Geheim⸗ niſſe die ich nicht ausplaudern dürfte, auch wenn ich ſie wüßte. Heinrich biß die Zähne auf einander; dieſe Art, ſich halb und halb ein Verdienſt zuzueignen ohne doch einer geradezu ausge⸗ ſprochenen Lüge ſchuldig zu werden, ärgerte ihn ganz unſäglich; ſtatt aller Antwort erzählte er den Vorgang in der Akademie umſtändlich und ſchloß, er erkläre ſich den Zuſammenhang ſo daß der Herzog ſich über ihn zuvor bei ſeinen ehmaligen Lehrern er⸗ kundigt haben werde. Wo er nur Gutes erfahren konnte, fiel der Baron verbindlich ein: ja, natürlich! der Herzog geht auf keinen Antrieb, ohne die Sache näher zu unterſuchen.— Was ich ſagen wollte— der Herr Profeſſor werden jetzt bald Ihre ſchöne Braut heimführen, und ich ſchmeichle mir ſagen zu dürfen, daß ſie als eine Zierde der hie⸗ ſigen Geſellſchaft glänzen wird. Heinrich ſah ſeine Schwägerin mit einem peinlichen Blicke an: er hätte das Geſpräch von ſelbſt gern auf dieſen Punkt gelenkt, wenn der läſtige Zeuge nicht zugegen geweſen wäre. Zum Glücke kam der Expeditionsrath dazwiſchen und ſagte: Man muß nur vorher wiſſen wie viel Beſoldung mit dieſer neuen Stelle verbun⸗ den iſt, ehe man vom Heirathen ſprechen kann. Iſt auch wahr, mein Freund! rief der Baron mit einem Strom von Gelächter: Sie geben doch immer den Ausſchlag! Sie wiſſen das Eine was noth iſt!— Er ſah auf die Uhr und ent⸗ fernte ſich zu Heinrichs großer Beruhigung. Dieſer kam jetzt ernſtlich auf ſein Vorhaben zu ſprechen und führte aus, wie er das Haupthinderniß, den Widerwillen des Vaters, zu bekämpfen —:—P—⸗—;—;x:O;ꝛBU—SBℳ·—O§-A-—— 176 gedenke. Amalie ſetzte ihm Zweifel auf Zweifel entgegen, behaup⸗ tete, Lottchen tauge ihrer ganzen Erziehung nach durchaus nicht in die Stadt, ſtellte die Vermuthung auf, der Herzog werde die Lehrerſtelle nur gering dotiren, und malte ihm ein ſo widerwär⸗ tiges Bild von einer beſchränkten, mit Mangel kämpfenden Haus⸗ haltung in der Stadt vor, daß er ſie in der höchſten Verſtimmung verließ. Glücklicher Weiſe jedoch fühlte er jetzt einen Hunger, der ander⸗ weitige Nahrungsſorgen vorerſt nicht auflommen ließ. Bei Tiſche wichen mit der Nüchternheit alle Zweifel, und eine Flaſche Wein verſetzte ihn in die frohmüthigſte Laune. Er weidete ſich lang an den ſcherzhaften und heitern Einfällen die ihm durch den Kopf gingen, und als er endlich nach der Uhr ſah und fand daß er noch einige Stunden bis zur Audienz vor ſich hatte, ſo beſchloß er inzwiſchen den Profeſſor Abel zu beſuchen. Nun, iſt alles in Richtigkeit? rief dieſer ihm entgegen, und führte ihn in ein Zimmer wo eine große Junggeſellen⸗Unordnung herrſchte. Noch nicht! entgegnete Heinrich, und als ihn der Profeſſor verwundert anſah, fuhr er fort: ich komme eigentlich nur um Ihnen meinen Dank für das gelinde Examen zu ſagen. Ah ſo! lachte Abel: gar nicht Urſache! wenn ich auch nicht dem Herzog ſeinen Willen an den Augen abgeſehen hätte, ſo würde ich Ihnen ſchon deßhalb meine Stimme gegeben haben, weil die paar wenigen Worte die wir bei dieſer Gelegenheit wech⸗ ſeln konnten mir ſo ſehr im Einverſtändniß mit meinen eigenen Ideen zu ſein ſchienen, daß ich mich auf einen ſolchen Collegen nur freuen konnte. Wiewohl, es iſt vielleicht nicht politiſch von mir, denn gerade deßwegen ſollt' ich Ihnen feind ſein; es geht mir wie dem König Franz von Frankreich, der jenem Mönch auf die Ermahnung, mehr nach dem Evangelio zu handeln und mit ſeinem Bruder Karl von Deutſchland nicht länger um Mailand 177 zu hadern, die Antwort gab:„das iſts ja eben was uns ent⸗ zweit, daß ich das Gebot der Schrift ſo wörtlich befolge, denn was mein Bruder will das will ich auch.“ Sie werden an mir keinen Kain finden, verſetzte Heinrich luſtig. Abel lachte. Aber mein Bruder will die Pſychologie, und die will ich auch! rief er. So will ich dabei literariſche Abſtecher machen und vorzüglich auf den Shakſpeare recurriren. Ei zum Kuckuck! rief Abel, das iſt juſt meine Hauptpaſſion! kommen Sie, ich ſehe ſchon, wir müſſen uns vergleichen. Die beiden jungen Männer theilten ihre philoſophiſchen Län⸗ dereien unter ſich aus, und ſchieden als die beſten Freunde; ge⸗ wiß ein ſeltner Fall! aber übereinſtimmend mit dem Namen des nengelgleichen Mannes,“ den Abels Freunde und Schüler ihm gegeben haben. Nun? rief der Herzog ſeinem Schützling entgegen, als dieſer um ſechs Uhr im Schloß erſchien: bleibts bei unſrer heutigen Abrede? Heinrich verſicherte ihn ſeiner Ergebenheit und berichtete ihm die vorläufige Conferenz mit Profeſſor Abel. Wohlan! verſetzte der Herzog und nahm ein Papier vom Schreibtiſch: hier iſt Seine Beſtallung, bereits unterſchrieben und confirmirt.— Will Er wiſſen was drin ſteht? fuhr er fort, als er die ſchlechtverhehlte Spannung bemerkte, womit Heinrich das Papier entgegennahm: mach' Ers herzhaft auf! Er ſoll die Katze nicht im Sacke kaufen. Heinrich verbeugte ſich tief und öffnete das Diplom. Wie? iſt Er nicht zufrieden? rief der Herzog raſch. Ew. Durchlaucht halten zu Gnaden, ſtammelte der Jüngling in großer Verlegenheit: mir war ſchon einmal vergönnt meinem gnädigſten Herzog anzuvertrauen daß mein Glück unzertrennlich an das einer geliebten Perſon gekettet iſt. Was? Er hat eine Braut? rief der Herzog verdrießlich und Schiller's Heimathjahre. I. 12 178 ſchien ſich jener erſten Unterredung auf keine Weiſe mehr erinnern zu wollen. 3 Auf Heinrichs Zunge ſchwebten die Worte: Es iſt die Tochter 4 des Pfarrers von Illingen! aber ein unbezwingliches Gefühl hin⸗ derte ihn ſie auszuſprechen, obgleich er ahnte, ſeine ganze Zukunft . könnte an dieſem Augenblicke hängen. Freilich, fuhr der Herzog fort, für eine Familie iſt der Ge⸗ halt nicht berechnet— da wirds etwas knapp hergehen. Es iſt unmöglich, Ew. Durchlaucht! fiel Heinrich ein. 3 Das ſteht bei Ihm! rief der Herzog in hohem Tone: wenn Er nicht will, ſo darf Ers nur ſagen, es werden ſich genug Andre 3 finden.— Das muß doch gleich geheirathet haben! kann man denn nicht leben ohne das? Heinrich ſchwieg und ſah zu Boden: von allen Repliken die ſich hierauf hätten geben laſſen war leider keine einzige anwendbar. Ich kann Ihm jetzt nicht helfen, fuhr der Herzog nach einer Pauſe etwas freundlicher fort: das Decret iſt nun einmal ausge⸗ 4 fertigt und läuft bereits unter dieſer Summe in den Rechnungen. Wenn ich Ihm gut zum Rathe bin ſo ſag' ich: laſſ' Er der Sache ihren Lauf und fahr'’ Er nicht oben hinaus; dagegen verſprech' ich Ihm, Er ſoll avanciren ſobald es möglich iſt. Dann kann Er 4 ja Seine Duleinea heirathen. Hat Er aber nicht Geduld bis dahin, ſo probir’ Ers in Gottes Namen und ſuch' Er ſich neben⸗ her durch Stundengeben und dergleichen noch etwas zu verdienen. — Na, will Er oder will Er nicht? 4 Heinrich wußte wohl daß er ſich durch eine abſchlägige Ant⸗ wort jeden andern Weg zu ſeinem Fortkommen abſchneiden würde, 9 und ſagte: Im Vertrauen auf die Gnade Eurer Durchlaucht will ichs wagen, obwohl ich jetzt bedauern muß meine geiſtliche Lauf⸗ bahn verlaſſen zu haben. 8 Ah was! ein Faff! rief der Herzog, der den Hieb wohl fühlte, und ging heftig auf ihn zu: ein Faff, ſieht Er, iſt gar nichtsl 179 Wenn ich Ihn auf Seinem Dorf angeſtellt hätte ſo wärs mit Ihm aus für dieſes Leben, aber jetzt, ſag' ich, bleiben Ihm noch die größten Ausſichten offen. Nun, alſo Ja? Was blieb unſrem armen Freunde übrig, als ſich in den Willen des Herrn zu fügen? Die günſtige Stunde war nun ein⸗ mal vorüber, die nicht wiederkehrende Gelegenheit verſcherzt. Nachdem er ſeine Annahme des Diploms erklärt hatte, erwartete er das Zeichen der Entlaſſung; der Herzog aber ging ein paarmal auf und ab und trat dann wieder zu ihm mit den Worten: So, das wäre denn im Reinen. Jetzt bleibt nur noch eine Kleinigkeit übrig, eine Kleinigkeit, ſag' ich, für den Dienſt womit ich Ihn ſo eben verſehen habe. Wir wollens gnädig ma⸗ chen: hundert Gulden, denk' ich, ſind nicht zu viel für jährliche dreihundert. Heinrich ſah ihn verblüfft an. Na, verſteht Er mich nicht? rief der Herzog: Er ſoll mir hundert Gulden geben für Seinen Dienſt; das iſt doch ſehr klar. Ew. Durchlaucht— Was, Ew. Durchlaucht! iſt Ihm das nicht genehm? Wo ſoll ich denn die ſchweren Koſten für meine Akademie aufbringen, für die mir die Landſchaft nichts beiſteuern will? Meint Er, Er dürfe für nichts und wieder nichts jedes Jahr Seine dreihundert Gulden einſtreichen? Will Ers beſſer haben als Seine Collegen? als Seine Univerſitätslehrer? Die haben alle Haar laſſen müſſen. Nur der Ploucqutt, ſetzte er lachend hinzu, der wußte ſich mit guter Manier zu dispenſiren. Aber— hört Er?— Er braucht niemanden von den hundert Gulden etwas zu ſagen! die Andern wollens ſonſt auch ſo billig haben. Ich habe beſondere Conſideration für Ihn gehabt! Mit dieſem Troſte wurde unſer Held entlaſſen und trat nicht in der angenehmſten Laune aus dem Schloſſe. Er hatte Amalien verſprochen ſie das Reſultat der Audienz ſogleich wiſſen zu laſſen, und begab ſich nun zögernd in ihr Haus. — — 180 Das hätt' ich Ihnen vorausſagen können, verſetzte ſie auf ſeinen Bericht bitter lächelnd, daß Ihnen nicht auf Roſen gebettet werden würde. Bin ich daran ſchuldig? rief er mit überſtrhmendem Unmuth. Das kann man nicht geradezu behaupten, ſagte der Expedi⸗ tionsrath, den ſie aus ſeinem Arbeitszimmer gerufen hatte: und doch haben Sie vielleicht zu ſchnell, zu willig eingeſtimmt, als der Herzog Ihnen Ihren erſten Vorſatz ausredete. Man muß ſich den Menſchen koſtbar machen, wenn man ihrer verſichert ſein will. Das kann ich noch jetzt! rief Heinrich, den ein ſolcher Vor⸗ wurf aufs Tiefſte erbitterte. Ich habe als ein ehrlicher Junge ge⸗ handelt und einer fürſtlichen Verheißung getraut; deſſen brauch' ich mich nicht zu ſchämen! Aber koſtbar machen kann ich mich und bin es ſehr geſonnen! Sie dürfen mir wahrhaftig nicht viel ſagen, ſo ſend' ich dem Herzog ſeinen Wiſch zurück, und adieu, Akademie!— 4 Und adieu, Kirche, und adieu, Lottchen! So geh' ich ins Ausland— Und ſetzen ſich am erſten beſten Ort und leben in gloria. Als ob das ſo ſchnell ginge! Wo haben Sie denn Ihre Empfeh⸗ lungen? Lieber Freund, draußen iſts grade wie hier. Warum haben Sie denn keine Hoffnung mehr auf die Pfarre? weil Sie verſäumt haben ſich den geiſtlichen Machthabern zu empfehlen und mit dem Herzog hierin nichts mehr anzufangen iſt. Wie würde das erſt draußen ſein, wo Sie keine Seele haben! Nehmen Sie guten Rath an: die Sachen ſind zu weit gediehen als daß Sie umkehren könnten. Fügen Sie ſich in das Unabänderliche. Der Herzog hat einen Fehler begangen, indem er Sie vom ſichern und— Sie werdens wohl ſelbſt geſtehen— vom beſſern Wege abwendig machte und Ihnen jetzt kein Equivalent dafür geben kann; er fühlt das, Sie dürfen verſichert ſein, und auch ich glaube dießmal ſeiner Zuſage. Er wird Sie über kurz oder lang 181 entſchädigen, dann ſind Sie auf einem kleinen Umwege zum Ziel gelangt. * Heinrich blickte ihm prüfend ins Geſicht; wußte er ja doch nicht ob er hier trauen dürfe, ob man es hier gut mit ihm meine. Bürgen Sie mir dafür? ſagte er. 3 Der Expeditionsrath zuckte die Achſeln. Das kann ich nicht, erwiderte er, aber ich zeige Ihnen den Weg der unter vielen zwei⸗ felhaften der beſte iſt. Sie ſind jetzt zu aufgeregt, nahm Amalie das Wort, um einen ruhigen Entſchluß zu faſſen; was Sie auch thun mögen, verſchie⸗ ben Sie's bis morgen. Ja, rief er, ich bin aufgeregt, ich mags nicht läugnen. Und ich weiß nicht was mich am meiſten erbittert: iſt es daß das Elen⸗ deſte was es auf Erden gibt, das Geld, mich hindert einen Ent⸗ ſchluß zu faſſen der einem edlen Manne ziemt, oder iſt es das unfürſtliche Benehmen des Herzogs, der das Glück meines Lebens „ zu gründen verſpricht und nun auch mich zum Wortbrüchigen macht; denn ſo kann ich meiner Braut die Hand nicht reichen! . in Mangel, in Verlegenheiten aller Art kann ich ſie nicht ein⸗ führen. Und der ſchmähliche Tribut den ich noch zahlen ſoll! es iſt mir nicht um die hundert Gulden, obgleich ich ſie nicht weg⸗ zuwerfen habe, aber geſtehen Sie, es liegt etwas Unwürdiges in dieſem Handel, für den Fürſten und noch mehr für mich ſelbſt! 3 es ſieht ja aus, als ob ich mich durch dieſen Kauf des Amts erſt würdig machen müßte. Wenn das meine Fähigkeiten nicht be⸗ wirken können, ſo ſoll ers einem Andern geben. Ja, lachte der Expeditionsrath, da haben Sie nun den be⸗ rühmten Dienſthandel von Angeſicht zu Angeſicht kennen gelernt! Tröſten Sie ſich, jetzt geht es doch gelinder her: ſeit ihn der Her⸗ zog in eigener Perſon betreibt, darf er Schanden⸗ und Chrenhalber 3 doch nur taugliche Leute anſtellen, alſo wirft das keinen Schatten auf Ihre Qualitäten. Aber früher, als der Wittleder noch ſeine — ————— neeRU ——y—-—6õũ;¾‧“ 18² Bude in Ludwigsburg hatte! davon könnt' ich Geſchichten erzäh⸗ len daß ſich Ihnen die Haare ſträuben ſollten. A propos, da fällt mir eine hübſche Schnurre ein, die dem Herzog einmal auf einer ſeiner Landesviſitationen paſſirte: er war mit dem Schult⸗ heißen eines Dorfes ſehr unzufrieden, der ihm auf keine ſeiner Fragen gehörigen Beſcheid geben konnte, und rief vom Pferd herab den verſammelten Bauern zu:„Hört'mal, Bauern! ich ſag', euer Schulz iſt'n rechter Eſel!“— Da trat ein alter Bauer, die Mütze in der Hand, unerſchrocken hervor und verſetzte:„Ihr“ Durchlaucht, drum iſts'n einkaufter!“— Darauf ſoll der Herzog ſeinem Roß die Sporen gegeben haben und davongejagt ſein ohne ſich umzuſehen. Heinrich mußte unwillkürlich lachen und ſein Zorn war, wenn auch nicht verflogen, doch wenigſtens etwas gedämpft. Es kommt eigentlich nur auf das Kleid an, in welchem ſich eine Sache präſentirt, ſagte der Expeditionsrath im Verlaufe die⸗ ſes Geſprächs: bei uns hatte dieſes Kleid freilich eine ſtarke Lum⸗ penfacon und ſieht auch noch jetzt nicht ganz honnett aus; aber denken Sie zum Beiſpiel an England, dieſe geprieſene Republik! Dort iſt es ſeit langen Jahren herkömmlich daß die Aemter ge⸗ kauft werden, wenigſtens, ſo viel ich weiß, die militäriſchen, aller⸗ dings unter andern Formen; aber es iſt eben doch auch ein Aemter⸗ kauf, ein Dienſthandel. Ich ſehe die Sache ſo an: wo der Bauer von ſeinem bischen Grund und Boden, der Gewerbsmann von ſeiner Profeſſion ſeine Steuer zahlen muß, wo der Capitaliſt von dem Vermögen das er geerbt oder erworben hat, an den Koſten der Staatseinrichtungen, die ihm Sicherheit gewähren, ſeinen Theil tragen muß oder wenigſtens tragen ſollte, da ſind' ich es keineswegs unbillig, wenn man auch auf Fähigkeiten, Talente, die dem Inhaber ihren guten Nutzen tragen, indem ſie vom Staate belohnt werden, wenn man, ſage ich, auf dieſe ebenfalls eine Steuer legt— 183 Die aber dann von der Staatskaſſe eingezogen werden müßte, unterbrach ihn Heinrich, und nicht vom Fürſten oder ſeinen Creaturen. Mein lieber Freund! verſetzte der Expeditionsrath: unſer Herr, den es beſtändig zu neuen und großartigen Organiſationen drängt, hat ſchon vor Jahren eine Staatskaſſe errichtet, aber— bis Ihre⸗ Ideen von einer Staatskaſſe realiſirt werden, bis dahin hats noch gute Wege. Heinrich ging, und der Rath bezeugte ſeiner Frau ſeine Ver⸗ wunderung über die hochfahrenden Anſprüche des vierundzwanzig⸗ jährigen jungen Menſchen, und ſetzte ihr aus einander, wie ſauer er ſichs habe werden laſſen müſſen bis er es ſo weit gebracht. Was mag er ſich nur vorgeſtellt haben, ſagte er, als ihn der Herzog an ſich ziehen wollte? glaubte er denn man werde ihm das Ruder des Staats in die Hände geben? Ich fürchte er iſt ein Phantaſt oder gar ein Poet, und dann wird es gerathen ſein daß wir die gute Lotte noch in Zeiten von ihm losmachen. Als Heinrich am nächſten Morgen bei kühlerem Blute ſeine Angelegenheiten erwog, ſah er freilich keinen andern Ausweg vor ſich als ſofort ſeinen Poſten anzutreten. Er ſchrieb nach Illingen, und erhielt umgehend eine Antwort die er zwar hätte erwarten können, die ihn aber doch überraſchte. Ein paar freundliche, aber kurz gehaltene Zeilen des alten Pfarrers bedeuteten ihm, da er unſchlüſſig geweſen ſei ſogleich die ſichere Zukunft zu ergreifen, an deren Schwelle er geſtanden habe, ſo ſei es wünſchenswerth daß die Verbindung mit Lottchen vorderhand aufgehoben werde. Der Verlobungsring war ihm ſchon bei Eröffnung des Briefes in die Hände gefallen. Eine Nachſchrift von Lottchen, halb durch Thränen verwiſcht, ſchien beſtimmt zu ſein den bittern Eindruck dieſer Er⸗ klärung bei ihm auszulöſchen. Der Würfel liegt! rief er, und legte Ring und Schreiben in das entfernteſte Schubfach; den ſei⸗ nigen ſandte er ohne Antwort an Amalie, denn er zweifelte keinen Augenblick daß ſie es ſei welcher er dieſen Dienſt zu ver⸗ 184 danken habe. Nach einigen Stunden aber beſann er ſich anders und ſchrieb einen ziemlich langen Brief an Lottchen, worin er ſie ſeiner unverbrüchlichen Liebe verſicherte. Die gehorſame Tochter gab ihm keine Antwort. Sein Eintritt in die Akademie war ebenfalls von keinem guten Omen begleitet: der junge Tyroler, auf den er ſich im Stillen herzlich gefreut hatte, entfloh zwei Tage darauf nach Ita⸗ lien und ſandte dem Herzog aus der Schweiz ein Dankſagungs⸗ ſchreiben, in welches— ſein Zopf gewickelt war. Zweites Buch. —. “ ——— — Vom Corridor her ſchimmert Licht.— Still! horch! wer ſpricht da?— Die Stimme kenn' ich——— Was für ein Ruf Des Jammers weckt die Schläfer dieſes Hauſes? Wallenſtein. In einem der vielen Gänge des Akademiegebäudes begegnen wir einem nächtlichen Wanderer. Die Lampe in ſeiner Hand wirft ihren Schein auf ein noch immer blühendes Geſicht, in das aber ein abgemeſſener oder gar etwas grämlicher Zug ſich eingegraben hat. Bald geht er raſch vor ſich hin und blickt mit einer gewiſſen Strenge rechts und links, als müßte er ſich der umgebenden Ord⸗ nung und Stille verſichern; bald bleibt er an einem der Fenſter ſtehen und ſieht gedankenvoll in die Nacht hinaus. Er ſcheint ein Vorgeſetzter zu ſein, vielleicht ſogar ein Menſch. Ein entferntes Geräuſch weckt ihn aus einer ſeiner Träume⸗ reien. Es iſt ein leiſes Gehen und Rutſchen, wie von vielen Füßen, dazwiſchen ein unterdrücktes Kichern, und wie er näher kommt ſo zeigt ſich ihm ein ſeltſames Schauſpiel. Er ſieht ein Bett im Gange ſtehen, worin einer ruhig ſchlummert, ſeiner un⸗ gehörigen Lage unbewußt; die Geiſter aber, die ihn hergetragen, ſind verſchwunden. Schlechter Spaß! murmelte der Nachtwandler im augenblick⸗ lichen Aerger, doch ſiegte bald ein Lächeln über den angenom⸗ menen Ernſt, als der Schein der Lampe den Schläfer erweckte, 188 der mit unbeſchreiblicher Beſtürzung um ſich ſah und dem fragenden Vorgeſetzten keine Rechenſchaft über ſein ungewöhnliches Nacht⸗ lager zu geben vermochte. Dieſer öffnete die Thüre des nächſten Schlafſaales, der fünfzig Zöglinge unter der Obhut eines Offiziers und zweier Aufſeher beherbergte. Jede dieſer perlgrau angeſtrichenen Bettſtätten war, weil die Schlafſäle am Tage zugleich als Arbeitsſäle dienten, mit einer kleinen Haushaltung umgeben. Jede war durch ein Gitter zwiſchen zwei Säulen abgeſchloſſen, innerhalb deſſen ſich der Ar⸗ beitstiſch des Zöglings nebſt dem darüber an der Wand befeſtigten Bücherbrette befand. Hinter dieſen ſchwarzen Gittern abgeſperrt, an dieſen bläulichgrauen Tiſchen eingeengt, auf welchen in Abwe⸗ ſenheit des Bewohners nicht einmal ein Buch bis zur Rückkehr deſſelben aus dem Lehrſaale liegen bleiben durfte, rang ſich eine junge Welt mit rebelliſchen Pulsſchlägen, gährendem Moſte gleich, einer freieren Zukunft entgegen. Für den Augenblick freilich herrſchte die tiefſte Stille, und die Bewohner des Saales ſchienen kaum weniger der Ruhe und Ordnung ergeben zu ſein als ihre Strümpfe, welche reglementsmäßig über den beiden Enden jeder Bettſtelle hingen. Der Vorgeſetzte jedoch, der die Runde machte, ließ ſich durch dieſes trügeriſche Schauſpiel nicht täuſchen. Er überzeugte ſich zuerſt vom argloſen Schlafe der Wächter, deren Betten oben und unten im Saale ſtanden, und ſpähte dann beim Lichte der in der Mitte hängenden großen Nachtlampen ſorgfältig umher. Bald entdeckte er ein jugendliches Geſicht, das halb muth⸗ willig halb ängſtlich aus den Kiſſen lauſchte. Ein ſtrenger Wink berief den Akademiſten, der im ſchnell umgeworfenen Ueberrock mit bittenden Gebärden dem verehrten Lehrer zueilte. Schämt euch doch der tollen Poſſen, Kinder! ſagte dieſer: werdet ihr denn nie vernünftig werden?— Nun, nun, ſetzte er mit aufgehobenem Finger hinzu: ich will nichts geſehen haben, aber tragt ihn gleich wieder hinein. Nun erhob ſich ein regſames Gewimmel: die eingeſchloſſene 189 Jugend, die der gefeſſelten Phantaſie in tauſenderlei Poſſen Luft zu machen ſuchte und dießmal den gegen das gewöhnliche Opfer ihrer Laune gerichteten Streich mißlungen ſah, war froh, ſo leich⸗ ten Kaufs davonzukommen, und eilte rings in Ueberröcken her⸗ bei, um dem Vorgeſetzten, deſſen Milde Aller Herzen gewonnen hatte, Gehorſam zu leiſten. Während nun das muthwillige Werk der Nacht ſo ſchnell als es entſtanden war wieder vom Schauplatze verſchwand, ſetzte jener ſeinen beauſſichtigenden Gang fort, noch ein paarmal zurücklau⸗ ſchend, ob kein gefährlicheres Ohr als das ſeinige vom Geräuſch erwacht ſei; er war aber kaum um die nächſte Ecke gekommen, als ein neuer Auftritt ſeine Aufmerkſamkeit erforderte. Eine dickköpfige, ſtark beleibte, kürbisartige Figur ſtand ihm im Wege, die ſich raſch wie ein Kreiſel um ſich ſelber drehte und dabei die Hand heftig in die Lüfte ſchleuderte. Ein Strom von Flüchen begleitete dieſe ſonderbaren Geſticulationen. Sind Sie es, Herr Lieutenant Nies? rief der Andere, als er näher kam: was iſt Ihnen denn? Die vermaledeiten gottloſen Racker! verſetzte der Cerberus der Akademie mit ſchmerzlichem Stöhnen: da ſehen Sie ſelbſt! Die Buben! Die Böſewichter! weil ſie wußten daß ich kommen und viſitiren würde, ſo haben ſie die Thürklinke heiß gemacht; meine Finger ſind verbrannt, daß Zeitlebens kein Haar mehr dran wachſen wird. O wenn doch ſieben und ſiebenzigtauſend Schock ſchwere Teufel— Ei, ei! rief der Andere: fluchen Sie doch nicht ſo, Herr Lieutenant! wir wollen die Sache gleich unterſuchen. Unterſuchen! äffte Nies mit wildem Spott: hat ſich was zu unterſuchen! Wenn die Teufelsbrut nicht an einander hinge wie Kletten! Man bringt ja niemals nichts heraus! Aber ich wills ihnen eintränken, ſetzte er giftig hinzu: ich will!— Was unter⸗ ſuchen! Kartoffeln will ich mir ſchaben, das wird geſcheider ſein als Ihr Unterſuchen. 190 Sei'n Sie doch nicht ſo grob! erwiderte der Andere: ich habs ja gut gemeint. Ach was! Sie haben gut reden mit Ihren kühlen Fingern. Nun, da michs nicht brennt ſo will ichs auch nicht blaſen.— Mit dieſen Worten entfernte ſich der junge Vorgeſetzte, der noch lang die Flüche und Seufzer des Verbrannten hinter ſich hörte. Wer wird den Nachtwandler nicht auf den erſten Blick er⸗ kennen? Noch immer das jugendliche Herz, nur etwas zahmer und ſtiller geworden im überwältigenden Dienſte des Berufes, etwas abgeſtandener, möchte man ſagen, in den pedantiſchen Um⸗ gebungen. Doch hat es ihm nicht an Leben und Friſche gefehlt: die Jugend, der er mit redlichem Herzen ſeine Dienſte weihte, hat ihm vergolten wie nur ſie es vermag mit dem geſunden Blute, mit der rothwangigen Heiterkeit; von den älteren Zöglingen namentlich hat ſich ein eng verwandter Kreis um ihn gezogen, deſſen Vertrauen und männlichem Streben er auf die freiſinnigſte Weiſe und im Gefühl ſeiner eigenen noch nicht überſchrittenen Jugend faſt um den Preis ſeiner amtlichen Stellung entgegen⸗ gekommen iſt; wenigſtens hätte der fürſtliche Rector des Inſtituts manchen Zug von Nachſicht, von geheimer Uebereinſtimmung, wenn er in das wahre Verhältniß des Lehrers und ſeiner Schüler eingeweiht geweſen wäre, nach ſeiner jähen Art für verbrecheri⸗ ſches Complottiren erklärt. Daneben iſt der junge Mann auch mit der Welt etwas bekannter geworden, nicht bloß mit der ge⸗ lehrten, die bei Prüfungen und ſonſtigen Anläſſen in die Säle der Karlsſchule pilgerte, ſondern auch mit der feineren Geſellſchaft. Der Akademie nämlich ſtand ein Schweſterinſtitut zur Seite, die Ecole des Demoiselles, welche, wie jene unter dem Herzog und ſeinem Intendanten, ſo unter der Leitung der Gräfin von Hohen⸗ heim und der Aufſicht der Frau von Seeger ſtand, und in einem Theile des alten Schloſſes ihren geräumigen Sitz inne hatte; ade⸗ lige und bürgerliche Zöglinge wurden hier, wie in der männlichen Anſtalt, herangebildet, die einen für das Leben, die andern für Oper 191 und Theater. Sie genoßen den Unterricht verſchiedener akademi⸗ ſcher Lehrer, und ſo waren unſerem Freunde geſchichtliche und äſthetiſche Vorträge zugefallen, die ihn nicht nur in die freundliche Nähe Francisca's führten, ſondern ihm auch manches angeſehene Haus erkenntlicher Eltern und den Zutritt in manche Kreiſe des vornehmen Lebens öffneten,— ein Vorzug, den er in ſeiner träumeriſchen Weiſe hinnahm, ohne für ſeine äußere Bildung oder ſein äußeres Fortkommen ſonderlichen Nutzen daraus zu ziehen. Denn noch immer war er in der beſcheidenen Stellung die wir ihn vor drei Jahren mit Widerſtreben antreten ſahen. Noch war nichts geſchehen was ihn in Stand geſetzt hätte, eine Abſicht zu erreichen wie diejenige die er bei ſeinem erſten Beſuch auf der Solitude einem allzu unſichern Nachen anvertraut hatte. Oft ge⸗ dachte er mit Wehmuth ſeiner hinſchwindenden Jahre und man⸗ ches Kloſtergenoſſen der jetzt ſchon das Weib ſeiner Jugend in den Armen wiegte: ihm ſchienen die Freuden der Erde fremd bleiben zu ſollen. Das Bild des Pfarrtöchterleins hatte er nicht ver⸗ geſſen, noch war es ihm gleichgiltig geworden, aber ein däm⸗ mernder Schleier lag davor, der es in eine gewiſſe Ferne ent⸗ rückte. Sie waren gar zu früh wieder getrennt worden durch das raſche Abbrechen des Vaters, worein das Mädchen, wie es ihrem Freunde ſchien, nur gar zu willig eingeſtimmt; und wenn Zeit und Nachdenken den erſten Groll in ihm gemildert hatten, war zugleich damit auch das heftige Feuer der Leidenſchaft, das an Beruf und Beſchäftigung ſein ſicheres Dämpfungsmittel findet, nach und nach wieder erloſchen. Mit den einſtigen Stuttgarter Verwandten war er in dieſer ganzen Zeit nicht ein einziges Mal zuſammengetroffen; Erkundigungen, die ihm dann und wann bei Gelegenheit auf der Zunge waren, drängte er wieder zurück, denn wozu ſollten ſie dienen? Das Mädchen, das ihn ſo glücklich gemacht hatte, ſchien nicht mehr auf Erden für ihn zu ſein, ſie hatte ſich, mehr noch als ihm bewußt war, in einen ſtillen Winkel ſeines Her⸗ zens zurückgezogen, und die ſchönen Tage von Illingen glichen jetzt 192 einem längſtgeträumten Traume, der nur zuweilen in einem un⸗ bewachten Augenblicke wehmüthig mahnend vor die Seele tritt.— Der Herzog war gegen ihn derſelbe wie ſonſt, manchmal beſon⸗ ders gnädig, und doch ſchien immer etwas wie ein leerer Raum zwiſchen ihnen zu ſein; unter ſeinen Vertrauten pflegte Heinrich, wenn er auf dieſes Capitel kam, zu ſagen: Er hält mich nicht feſt, und läßt mich auch nicht fahren. Dagegen hatte ſich ſeit einigen Wochen ein neuer Eindruck ſeiner Seele bemächtigt, der immer herrſchender zu werden begann. Freundlich aufgenommen in einem Hauſe, das er, wegen einer anſehnlichen Sammlung von Meiſterwerken älterer und neuerer Malerei, gerne zu beſuchen kam, war er einſt mit einer Dame vor einer ſterbenden Virginia zuſammengetroffen, und, mochte ſie nun von einer ſeiner Aeußerungen über die Kunſt oder den Gegen⸗ ſtand oder auf welche Weiſe ſonſt angezogen ſein, genug, Aurora näherte ſich ihm mit lebhafter Theilnahme, und bald brachte er jede freie Stunde an ihrer Seite zu. Nachdem die erſte reizende Verlegenheit über den Abſtand des Rangs und der Formen über⸗ wunden und der Neuling nah genug gerückt war, um ihr geiſt⸗ reiches Geſpräch und ihre Weltkenntniß unbefangen ſich zueignen zu können, kam die Freundſchaft zwiſchen ihnen gar bald ins Wachſen und nahm eben jetzt eine leidenſchaftlichere Färbung an, der die ſchöne Frau kein Hinderniß in den Weg legen zu wollen ſchien. Ihr Gemahl war abweſend, in Paris, und zwar für län⸗ gere Zeit; ſo viel vernahm er aus ihren gelegentlich hingewor⸗ fenen Reden, der einzigen Quelle, woraus er ſich über ihre Ver⸗ hältniſſe unterrichtete. Wenn wir hier wieder auf eine ſeiner Eigenheiten ſtoßen, ſo müſſen wir von ihm bekennen, daß er zu wenig Weltkind war um ſich aufs Fragen und Umherhorchen zu verſtehen, ein Mangel der ſchon für manchen jungen Mann von bittern Folgen geweſen iſt und ſelten auf einen günſtigen Zufall rechnen kann, da eben das was alle wiſſen wenig beſprochen wird, und am wenigſten in Gegenwart eines Betheiligten. Andrerſeits * 193 aber iſt nicht zu läugnen, daß dieß gerade bei ihm auf jener tiefen ſittlichen Zartheit beruhte, die ſich vor jedem Mißtrauen ſcheut und die Freunde, wenn es möglich wäre, ohne Namen und Woh⸗ nung beſitzen möchte, um die Theophanie im Verkehr der Menſchen deſto reiner zu genießen. Auch ſeinen nächſten Freunden verſchwieg er dieſes Verhältniß: er hatte nicht den Muth, wenn er ſich die ſchlanke vornehme Geſtalt vergegenwärtigte, ihren Namen über die Lippen zu bringen, und außerdem gebot ihm ein gewiſſer bürgerlicher Stolz jeden Schein eines Prunkens mit ihrem Stande zu vermeiden. Und nun, welch ein ſeltſamer Widerſpruch, wenn er ſich, die nächtliche Lampe in der Hand, als Zuchtmeiſter durch die Hallen der Wiſſenſchaft wandeln ſah! Zwar hatte dieſer Beruf mit ſeinem Lehramte nichts zu ſchaffen und war auch nur vor⸗ übergehend: eine Laune des Herzogs, der die Kränklichkeit eines der militäriſchen Aufſeher ſchonen wollte, hatte ihm den Auftrag gegeben, deſſen Poſten für einige Zeit zu verſehen und bei dieſem Anlaß neben den täglichen officiellen Berichten noch einen beſon⸗ dern„von ſeinem Standpunkt aus“ über den„phyſiſchen und moraliſchen“ Zuſtand der Anſtalt zu entwerfen. In ſeine Gedanken vertieft war unſer Freund in den ent⸗ legeneren Flügel des Gebäudes, der an den Garten ſtieß, gekom⸗ men, als er in der Ferne einen Lichtſchimmer gewahrte. Er ging den Gang hinunter, einer lauten Stimme folgend, die ſeltſam durch die nächtliche Stille klang. Er wollte ſeinen Ohren nicht trauen, als er abgebrochene Laute der gräßlichſten Verwünſchung hörte, den„Fluch glühenden Rachedurſts vor den Augen der Schöpfung, vor des Ewigen Angeſicht!“ So lauteten die Worte einer halbbekannten Stimme, die ſich nun wieder in ein entfern⸗ teres Gemurmel verlor. Sind denn alle Teufel los in dieſer Nacht? ſagte Heinrich, indem er ſich einer Thüre näherte, hinter welcher das Geſpenſt ſchlurfend auf und nieder ging. Jetzt kam es wieder näher, die Worte wurden vernehmlicher:„Und Entſetzen Schiller's Heimathjahre. I. 13 194 um ſie!“ hörte er mit Donnertönen ausgeſtoßen:„fahr“ ich da wüthend auf! ſtampfe gegen die Erd', ſchalle mit Sturmgeheul deinen Namen, Verworfner, in die Ohren der Mitternacht!“ Das anfängliche Grauſen des jungen Vorgeſetzten machte einem herzlichen Gelächter Platz. Er riß unvermuthet die Thüre auf und fand ſich einer Geſtalt gegenüber, die in weitem Schlaf⸗ rock und ungeheuren Schlappſchuhen wie ein Geiſterbeſchwörer in der Mitte des Zimmers ſtand, jetzt aber in ſichtlichem Schrecken dem Tiſch zueilte, mit der unzweideutigen Abſicht, eine daſelbſt befindliche Bierflaſche zu ſalviren. Doch ſchien eine ſolche mora⸗ liſche Niederlage den Erdeſtampfenden und Sturm heulenden wieder zu gereuen, er hielt inne, nahm ſich zuſammen und trat mit ſtolzer Haltung dem unwillkommenen Beſuch entgegen. Ei zum Henker, Schiller! rief dieſer noch immer lachend, hal⸗ gräßlich in die Ohren ſchreien? Ach jetzt erkenn' ich Sie erſt! erwiderte der Zögling halb be⸗ ruhigt halb beſchämt. Räumen Sie nur die Flaſche weg, fuhr jener fort: man kann nicht wiſſen— So, und nun ſagen Sie mir, wer iſt denn der Verworfene, und was hat er gethan, daß Sie der Mitternacht ſo grimmig in den Ohren liegen? 3 Fragen Sie mich lieber nicht; es iſt eine alte Ode, die ich ſchon vor ein paar Jahren machte, und welcher ich mich jetzt zu ſchämen anfange. Aha! Mercur ſah ſie und lachte, Drum fliegt ſie nur bei Nachte, recitirte Heinrich neckend. Wer iſt denn der Gegenſtand Ihrer Flüche? Ein Eroberer. Ein Eroberer? Was in aller Welt geht Sie denn ein Er⸗ oberer an? Wir leben ja im tiefſten Frieden. ten Sie denn die Mitternacht für taubſtumm, daß Sie ihr ſo 9 195⁵ Aber ich ſage Ihnen ja, der Paroxysmus iſt längſt vorüber, verſicherte der Dichter. Oder feiern wir heute, fragte Heinrich, irgend einen Klop⸗ ſtockſchen Kalendertag, zu deſſen Ehren der alte Geiſt noch einmal verſtohlen durch die Nächte hinbraust? 1 Nein, es hat ſeinen beſondern Zweck: ich möchte mir eine gewiſſe muſikaliſche Stimmung aus dem Gedichte reproduciren, die ich eben jetzt nöthig habe, und da ich Ihnen, beim ſauren Bier erwiſcht, ohnehin eine Beichte ſchuldig bin, ſo will ich ſie ablegen, wenn Sie gut und ernſthaft ſein wollen. Geſchwind, was iſts? ich bin gut und ernſthaft und ſehr begierig. Ein— Sie müſſen mich aber nicht auslachen— ein Trauerſpiel. Ein Trauerſpiel! Bewahre, das iſt nichts zum Lachen. Wie? alſo das wäre das Leiden wegen deſſen Sie ſich auf den Kranken⸗ ſaal bringen ließen? Nun, ich wills auf mich nehmen. Poeſie iſt eine Auſterkrankheit. Ich wills vor dem ganzen mediciniſchen Collegio verantworten. Es iſt nicht die erſte Verpflichtung, ſagte der Jüngling mit Feuer: wie viel haben Sie ſchon für mich gethan! Aber mein Dank und mein Vertrauen kennt auch keine Grenzen mehr. Still davon! entgegnete ſein Vorgeſetzter lächelnd: ich befinde mich hier in einer Colliſion von Pflichten, wo ich mir den Aus⸗ weg ſelber ſuchen muß. Aber nun rechtfertigen Sie mich bei mir und verrathen Sie mir Ihr Sujet. Alſo ein Eroberer? aus den finſtern Zeiten roher Volksanfänge? Gewiſſermaßen ein ſolcher, aber mitten im Schoß unſerer friedlichen Zeit. Das geht nicht mit rechten Dingen zu, verſetzte Heinrich, indem er ein wenig nachſann.— Er müßte nur in den Rang derer gehören, die ſich bei Shakeſpeare beſcheidener Weiſe die För⸗ ſter Dianens nennen. Beinahe getroffen, nur noch etwas ſchlimmer. 196 Räuber und Mörder! rief Heinrich mit komiſchem Entſetzen. Räuber und Mörder, wiederholte der junge Dichter und ſagte ihm ſein Räuberlied vor. Nicht übel, bemerkte Heinrich, aber etwas ſtarker Tabak. Der Sonnenwirthle iſt ein Kind dagegen. Uebrigens, beiläufig geſagt, Der wär' auch kein ſchlechter Stoff. Warum nicht gar! lachte der Dichter. Eine Lederhoſe auf den tragiſchen Kothurn zu ſtellen! Der Modegeſchmack wird mir meine Extravaganzen ohnehin kaum verzeihen. Nun, ſo laſſen Sie hören. Ich ſage Ihnen nichts vom Plan voraus, ſagte Schiller, während jener ſich einen Stuhl an den Tiſch rückte. Vielleicht errathen Sie ihn.— Er las mehrere Scenen ohne innere Folge vor, wobei ihn der ältere Freund nur von Zeit zu Zeit mit der Bitte nicht ſo ſehr zu ſchreien unterbrach. Als er geendigt hatte und ſeinen Kunſtrichter erwartungsvoll anſah, ſagte dieſer: Iſt das nicht die Geſchichte von den zwei Brüdern, die ich neulich im Schwäbiſchen Magazin geleſen habe? Der eine gleicht dem verlornen Sohn im Evangelium aufs Haar, und der andre iſt das ſaubre Früchtchen das den Frommen ſpielt, zu Hauſe bleibt, und im Stillen Vater und Bruder zu verderben ſucht. Nicht? Der Dichter nickte.. Sie ſcheinen mir einen guten Griff gethan zu haben, fuhr Heinrich fort: ich dachte damals gleich, das Sujet könnte zu brau⸗ chen ſein. Freilich, daß der Held unter die Räuber geht, das iſt etwas bedenklich, gibt aber Gelegenheit zu kräftigen Schilderungen. Nur ſehe ich nichts von einem großen tragiſchen Stoff— es iſt eben eine Familiengeſchichte. Ich habe Ihnen noch zu wenig geleſen, erwiderte der Dichter leiſe und beſcheiden. Gut! ſo viel hab' ich verſtanden daß Ihre Räuber einiger⸗ 197 maßen der ganzen Welt den Krieg erklären. Was ſetzen Sie aber den Verbrechen der Empörung entgegen? Da liegt es ja eben: die Verbrechen des Friedens. Ah! nun geht mir ein Licht auf. Das iſt freilich eine Welt. Davon muß ich noch mehr hören. Wohin verlegen Sie aber die Verſöhnung? 1 Verſöhnung? wiederholte der Dichter nachdenklich. Nach 3 einer Weile ſtützte er den Kopf auf die Hand und ſagte leiſe: Daran hab' ich nicht gedacht— ich bin eingeſperrt. Ein langes Schweigen entſtand. Endlich legte Heinrich dem Dichter die Hand auf die Schulter und ſagte: Auf jeden Fall ſ muß Ihr Catilina zuletzt den Katzenjammer bekommen. Katzenjammer! fuhr der Dichter zornig empor: ja, und hören W Sie was für einen!— Er las mit anfangs zitternder Stimme die Stellen wo ein zerſpaltenes edles Herz ſich aus der Rohheit und Verödung nach der verlorenen Unſchuld, dem vergeſſenen Friedensthale der Heimath zurückſehnt, und mit Thränen wieder 5 die Schwalbenneſter, das Gartenthürchen und die goldnen Maien⸗ jahre der Knabenzeit begrüßt. Das iſt rein ſchön! rief Heinrich: geben Sie mir die Hand, das haben Sie vortrefflich gemacht. Aus dieſen Zeilen ſpricht 1 das Gemüth des Dichters, oder daß ichs eigentlich ſage, ein Stück von ſeinem Leben. Da ſehen Sie ſelbſt, wie viel die Poeſie durch V b Erlebtes gewinnt. Sagen Sie vielmehr, ſie iſt gar nichts andres als Erlebtes. Das hab' ich am deutlichſten gefühlt, als ich Göthe ſah. Wie? rief Heinrich lebhaft: Sie haben ihn geſehen? 8 Nun freilich! vor vielen Jahren, hier, in der Akademie! Er 3 W war mit dem Herzog von Weimar da und wohnte einer öffent⸗ lichen Preisvertheilung bei. O ſprechen Sie mir von ihm! Wie erſchien er Ihnen? Ein ſchöner, ſtiller junger Mann, mit dem Siegel Apollo's ——ÿ 198 auf der Stirne und mit dem Prometheusfeuer in den Augen. Man ſah ihm gar nichts Wildes, Sturm⸗ und Drangmäßiges an; er wurde feuerroth als einer der Redner eine Stelle aus ſeinen Werken citirte. Damals hatte ich die Knabenſchuhe noch an, und doch hätt' ich ihm an den Hals fliegen mögen. Ach, wie benei⸗ dete ich ihn! nicht weil er geehrt unter den Großen und Vornehmen ſtand, ſondern weil er, noch ſo jung, die Welt frei beſchauen durfte, an der Seite ſeines Fürſten und Freundes auf Abenteuer ausreitend. Jetzt bin ich ſelbſt in dem Alter wo er ſchon ſo viel erlebt hatte, und wenn ich daran denke möcht' ich durch die Wände brechen. Und ſelbſt auf ein paar Wochen unter Räuber gehen, um ſie deſto beſſer ſchildern zu können? Nein! lachte der Dichter. Das brauchts nicht, die ſind auch ein Stück Leben. Sehen Sie ſich um, ich will Ihnen die Origi⸗ nale nicht verrathen, Sie finden Sie leicht ſelbſt heraus: freie Seelen, Schleicher, Schufte, alles was man braucht. Richtig! da haben Sie die ganze Brüderſchaft, mit der Sie, wie Sie ſagen, eingeſperrt ſind, unter die Flügel genommen und incognito in die böhmiſchen Wälder getragen. Ein ſauberes Com⸗ plott das ich entdecken muß! Und natürlich, je größer hier der Zwang, deſto ärger dort die Licenzen. Lauter Portraitmalerei! fuhr der Dichter fort: brave Kerls, die für einen braven Kerl was riskiren, und wenn auch der Galgen drauf ſtünde; zum Beiſpiel— Er ſah den Vorgeſetzten ſchalk⸗ haft an. 3 Ich will nicht hoffen! rief dieſer erröthend. Man kann nicht wiſſen, ſagte Schiller: die dramatis personae ſind noch nicht alle getauft. Nun, nun! compromittiren Sie mich nicht bei den Verbrechen der Empörung. Gehen wir jetzt zu den Verbrechen des Friedens über.„Franz heißt die Canaille?“ Wie? — 199 Schiller nahm ſein Manuſcript und las. Roller hörte ver⸗ wundert zu, ſchüttelte den Kopf immer ſtärker und ſprang endlich auf. Nachdem er ein paar Mal heſtig im Saale hin und her gegangen war, kam er zurück, ergriff die Lehne des Stuhls und rief: Das iſt eine Mißgeburt, die man in Spiritus aufbewahren ſollte, wenn Sie nicht leider deſſen ſchon zu viel hätte! Nein, lieber Schiller, das iſt ein moraliſches Unding, das müſſen Sie mir ändern. Es iſt nicht bloß ein Diebſtahl, ſondern zugleich ein Verrath an Shak⸗ ſpeare, den man hierin kaum nachahmen, geſchweige überbieten ſollte, weil ſeine Böſewichter eine beſondere Menſchenſorte ſind, die nur in England wächst, pathologiſche Abnormitäten, hinter deren Treiben eine gewiſſe Narrheit ſteckt, ein Spleen, daher man ihm in dieſem Punkte mehr nachſehen muß als einem deutſchen Poeten. Ja, der Böſewicht, das iſt immer die gefährliche Klippe für dieſe jungen Genies. Wie ſiehts doch in der wirklichen Welt ſo ganz anders aus! Wer mir ein paar Menſchen ſchildern könnte, die von Haus aus gut ſcheinen, aber durch Gegenſatz und Leiden⸗ ſchaft böſe und zuletzt, ohne Umkehr ihren Weg fortrennend, ſchlecht, ja mit Bewußtſein ſchlecht werden und damit ihren eigenen Untergang decretiren,— wer das könnte, den wollt ich einen Dichter heißen, das wäre ein tragiſches— Er hielt plötzlich inne. Auch Schiller ſah betroffen auf; beide ſchwiegen und horchten einen Augenblick. Leiſe, nicht zu beſchrei⸗ bende Schwingungen kamen durch die Luft, die, wie ſie ſich näher⸗ ten, in ein eigenthümliches, kaum fühlbares Schüttern des Bodens übergingen und inſtinktmäßig auf die beiden jungen Männer wirkten. Roller ſtand kerzengerade und nahm eine Amtsmiene an: Schiller hatte mit einem Griff das Trauerſpiel zuſammenge⸗ rafft, und im nämlichen Moment wo es in ein verborgenes Schub⸗ fach flog, ſprang die Thüre auf und der Herzog ſtand vor ihnen. Was macht Er da? 6 Heinrich wollte nicht lügen, aber auch nicht die volle Wahrheit 200 ſagen. Er verſuchte den goldenen Mittelweg und verſetzte: Ich habe den Eleven Schiller wegen ſeiner poetiſchen Verſuche ge⸗ tadelt. Ich ſage, da hat Er wohl gethan; das iſt reiner Zeitverderb. Wie? wo ſteckt denn das Corpus delicti?— Er eilte an Schillers Arbeitstiſch und las in der inzwiſchen aufgelegten Schrift:„Ueber den Zuſammenhang der thieriſchen Natur des Menſchen mit ſeiner geiſtigen.“ Hierüber mußte der Zögling ein haſtiges Examen be⸗ ſtehen, das aber zur Zufriedenheit des durchlauchtigſten Rectors ausfiel. Es gefällt mir, ſagte er am Ende, daß Er die Seele nicht ganz unabhängig vom Körper gemacht hat, wie ich nahezu von Ihm vermuthet hätte. Er hat ſich hier als Mediciner gehalten; aber vergeſſ' Er nicht, daß die Beſtie im Menſchen doch unter⸗ worfen werden kann durch moraliſche Freiheit oder, was ein wohl⸗ thätiges Surrogat dafür iſt, durch ſtrenge Erziehung, worüber freilich die Beſtie ſeufzt. Er ſah ſeinem Zögling ſcharf in die Augen und kramte darauf wieder in deſſen Papieren. Unglücklicher Weiſe ſtieß er hier auf die Ode, welche liegen geblieben war. Er las ſie, und warf ſie verächtlich wieder hin. Wenn Er Beruf zur Dichtung hätte, ſagte er, ſo würde Er nicht nach ſolchen Nebelbildern von Eroberern haſchen. Das iſt die unnatürliche neue Mode, die ſich in Stoff und Form vergreift. Ich weiß nicht ob es von der deutſchen Un⸗ cultur herkommt oder vom Shaklſpeare. In dieſem hab ich denn kürzlich auch einmal geleſen: mon Dieu, welch barockes Zeug! Genie hat er freilich, und das zeichnet ihn vor ſeinen Nachtretern aus; aber ſeine Manier wird immer nur bei jungen unerfahrenen Menſchen Anklang finden, die keinen Geſchmack haben. Was iſt das für eine Poeſie, wo Kothurn und Narrenkappe, wo die tollſten Gegenſätze und Widerſprüche ſich durch einander treiben! Es iſt mir überhaupt eigentlich nicht darum zu thun, daß ein Dichter aus meiner Anſtalt hervorgehe. Die Franzoſen haben den Kreis 201 der Dichtkunſt abgeſchloſſen. Alle künftigen Autoren werden ſich, wenn ſie Beifall erwerben wollen, an Voltaire's Manier halten müſſen, und doch hat dieſer den Gipfel vorweg eingenommen, leider freilich auf Koſten der Religion! Ueber ihn hinaus kann keiner mehr. Wozu nun enfants perdus heranziehen? während es 3 auf einer andern Seite Noth thut! Dichter haben wir genug, aber eines Denkers bedarf die Zeit, der ihr wieder einen Umſchwung gibt. Zwar die Bewegung iſt ſchon da: es braucht keine große geiſtige Spürkraft, um zu wittern daß neue Ideen auf dem Wege ſind; aber ſich ihrer zu bemächtigen, ſie auszuſprechen und zwi⸗ ſchen feſten Dämmen zu leiten, dazu bedarf es eines hellen Kopfes. Ihm hätt' ich ſo was zugetraut, Schiller: das heißt— Ein flüchtiges Blinzeln des Zöglings begleitete dieſe päda⸗ gogiſche Einlenkung. — Das heißt, ich meine daß Er nach dieſer Richtung viel⸗ leicht etwas Brauchbares hätte beitragen können, das den rechten Mann hervorgerufen oder ſecundirt haben würde. Deßhalb hab' ich Ihm auch immer den philoſophiſchen Tic innerhalb Seiner Fachwiſſenſchaft nachgeſehen. Aber ſeit Er ſich auf das lüderliche Verſemachen gelegt hat, ſcheint Er den Kopf nicht mehr auf dem rechten Flecke zu haben. Ew. Durchlaucht, wagte Heinrich einzuwenden, erlauben mir zu fragen ob dieſe neuen Ideen nicht auch von einem Dichter ausgeſprochen werden könnten? Die Wirkung wenigſtens wäre ſtärker und ſicherer. Nein! rief Karl. Der Dichter iſt nur der Colporteur des Philoſophen, der ſeine Abſchnitzel in zierliche Quincailleriewaaren umſchmelzt. Und wozu dann die Verſe? warum nicht in einfacher überzeugender Form? Bedarf denn die Wahrheit einer glänzenden Täuſchung? Bei einem ſo abſoluten Mißverſtändniß war es am beſten zu ſchweigen. 202 Geſtatten Sie, gnädigſter Herr, nahm Schiller das Wort, mich des ſo hart verurtheilten Shakſpeare ein wenig anzunehmen, wiewohl er ſich ſelbſt am beſten zu vertheidigen weiß. Ich will nichts davon hören! rief der Herzog ungeduldig: es iſt ein unnatürliches Weſen mit rohen Natürlichkeiten im Ein⸗ zelnen, im Ganzen aber ein Tollhaus von Contraſten, die ſo gegen alle Natur und Wahrheit aus einander fahren, daß kein Hexen⸗ meiſter ſie unter Einen Hut bringen könnte. Aber, gnädigſter Herr, verſetzte ſein Zögling lächelnd, ich hatte immer gemeint, in den Gegenſätzen beſtehe eben das Weſen des Drama's. Das werd' ich von Ihm lernen ſollen! rief der Herzog: aller⸗ dings, aber es find einfache Gegenſätze, die auf klaren Fundamen⸗ ten ruhen und einander direct gegenüberſtehen, Gegenſätze die dann mit einem einzigen Soyons amis, Cinna! wieder zu vereinigen ſind. Sieht Er? die Einheit iſts woran es jenem Britten fehlt, alſo die Poeſie; denn das Weſen der Dichtkunſt iſt Einheit, weil ſie uns auf uns ſelbſt zurückführt. Die Schlacht geht ſcharf, dachte Heinrich: er hat ſchon wieder ein neues Roß beſtiegen. Der Dichter aber verſetzte blinzelnd: Und in uns ſelbſt, durch⸗ lauchtigſter Herzog, treffen wir jene Manigfaltigkeit wieder. Die pſychologiſche Betrachtung zeigt uns eine große Reihe von Thier⸗ und Menſchengattungen die in Einem Individuum beiſammen wohnen, ſo daß es aufs Haar einem Shakſpeare'ſchen Drama gleichen wird: eine Welt der tollſten Contraſte, die doch am Ende unter Einem Hut vereinigt ſind. Mochte nun Karl bei dieſen Worten an ſein eigenes drei⸗ eckiges Hütchen denken, oder hatte ihn die Einwendung etwas ver⸗ wirrt, er ſchwieg einen Augenblick, ſpielte mit ſeinem Stöckchen und fuhr endlich heraus: Er will alles beſſer wiſſen!— Mach Er jetzt daß Er zur Ruhe kommt! fügte er hinzu: Er hat eine 203 feuergefährliche Krankheit, die ich mit Nächſtem genauer unterſuchen laſſen muß, wenn ſie ſich nicht von ſelber gibt; ohnehin gegen das Poeten⸗ und Eroberersfieber werd' ich Ihm eine gute Doſis Tartarus emeticus verſchreiben laſſen.— Und Er, wandte er ſich zu Roller, ſeh' Er zu, daß Er mir den Bericht über die Anſtalt in Bälde liefert; es iſt mir darum zu thun. Er ging, und Heinrich mußte ihn begleiten. O der Erzſta⸗ tiſtiker! rief ihm der Dichter nach, der über des Freundes Drang⸗ ſal ſeinen eigenen Aerger vergaß. 2. Geſelle! Du ſeiſt ein guter oder ſchlimmer, Leg dich auf's Ohr und rühr’ dich nimmer! Uhland. Noch einen Gang durch den Tempel Salomonis! Wir feiern den Abſchied unſres Helden aus der Akademie, der nicht zwar als Lehrer aber als interimiſtiſcher Aufſeher nach langem Warten und großem Mißmuth endlich des verdrießlichen und mühſeligen Amtes enthoben wurde. Morgen durfte er ſeine Wohnung wieder in der Stadt aufſchlagen, und dieſe Nacht mußte er die letzte Runde bei ſeinen ſchwer zu hütenden Truppen machen. Eine Abſchiedsfeier eigener Art war ihm zubereitet: nichts Ge⸗ ringeres als die Vorleſung der Räuber, wozu Schiller den nach⸗ ſichtigen Vorgeſetzten eingeladen hatte. Seit jener Nacht war Heinrich ein Freund und heimlicher Beſchützer der vielverſpre⸗ chenden Arbeit geworden; er ſah ſie wachſen oder vielmehr reif werden, und wenn es auch zu ſpät war einen Einfluß auf die urſprüngliche Anlage auszuüben, ſo wirkte doch bald ſeine Billi⸗ gung bald ſeine Verwerfung vortheilhaft auf die Geſtaltung des Einzelnen und auf den Ausbau des Ganzen. Der Dichter hatte alle Segel aufgezogen, um wenigſtens mit den Hauptſcenen für dieſe Nacht fertig zu werden; es war ein Feſt, auf das er ſich kindlich freute. Die erſte Leſeprobe hatte er vor wenigen Wochen — — 205 im Kreiſe ſeiner Mitſchüler, auf einem der ſpärlichen Ausflüge die ihnen vergönnt waren, mitten im dichteſten Walde der ſtrengen Disciplin abzuſtehlen gewußt: jetzt ſollte die Hauptprobe folgen. Doch wo? Zwar hätte der Act ohne viele Umſtände am Einfachſten auf Heinrichs Zimmer vorgehen können; aber dort war man von Lauſchern oder Störern umgeben: über Nieſen konnte trotz der verbrannten Finger der Speculationsgeiſt kommen, ein Aufſeher konnte etwas zu melden, zu fragen haben, denn das Rapportiren ging wie eine Seuche um. Ja vor dem Herzog ſelbſt, den eine Galerie vom Schloß herüber führte, konnte man keines⸗ wegs ſicher wohnen. Die Krankenzimmer waren ein abgenütztes und für den Augenblick nicht zu brauchendes Motiv, und mancher Rath wurde von Schiller und ſeinen Verſchworenen gepflogen, bis endlich einer von den wenigen bewährten Mitzöglingen, der Componiſt Zumſteeg, der bei den Geſängen des Trauerſpiels zu Gevatter ſtand vom Geiſt erleuchtet wurde. Er hatte noch in den letzten verzweifelten Stunden ausfindig gemacht daß die Thüre zum Carcer zufällig offen geblieben war, und dorthin wurde, omi⸗ nöſer Weiſe, der Schauplatz der Tragödie verlegt. So begleiten wir denn unſern Freund auf dem Katzenweg ins oberſte Stockwerk des hinterſten Flügels. Doch dieſen Cha⸗ rakter nimmt ſeine Wanderung erſt ſpäter an. Jetzt iſt ſein Schritt noch feſt, ſein Gang noch unbefangen: er iſt noch der Vor⸗ geſetzte der die Runde macht. Es iſt doch eine eigene Sache um das Gewiſſen! In dieſem Augenblick dürften ihm alle hölliſchen Legionen die Straße verlegen, er würde ſich nichts darum be⸗ kümmern, denn er iſt auf ſeinem Berufsweg; aber nach wenigen Minuten wird ſein Gang unſicher, ſein Tritt leiſe werden, ſein Auge wird ängſtlich umherſchweifen, und das einzige geringfügige Ungethüm, Nies genannt, würde ihm durch ſeine Erſcheinung einen größern Schrecken einjagen als das gehörnte Oberhaupt des rebelliſchen Reiches, das den Menſchen zu jeglicher Inſubor⸗ dination zu verleiten beſchuldigt wird. 206 Als er das Ende eines der mittleren Flügel, welche die Schlafſäle enthielten, erreicht hatte, hörte er etwas die Treppe herauſpoltern. Er zog ſich ein wenig zurück und ſah wie ein ſehr betrunkener Aufſeher über den Gang taumelte und hart neben ihm ſeine Operationen gegen die Thüre eines Schlafſaales richtete. Zwei, dreimal machte er höchſt kunſtgerechte Ausfälle auf die Klinke, bis es ihm endlich gelang, ſie zu ergreifen. Er ruderte, die Thüre hinter ſich offen ſtehen laſſend, in den Saal hinein, wo über eine Abtheilung der jüngſten Pflänzchen der Bock zum Gärtner geſetzt war. Die Lampen im Schlafſaal brannten hell und geſtatteten eine genaue Beobachtung der verſchiedenen Manoeuvres die jener brauchte um endlich zur Ruhe zu kommen. Erſt hielt er ſich an ſeiner Bettſtelle und ſtarrte nachdenklich vor ſich hin; offenbar ſchien er mit großer Umſicht zu Werke gehen zu wollen. Dann begab er ſich an das Geſchäft ſeinen Rock auszuziehen; da er ſich aber in den Ermeln verwickelte ſo fiel er mehrmals auf das Bett, wobei er aufflatterte und zurückſank wie eine Fledermaus. Endlich hatte er ſich herausgeſchält und ſetzte ſich mit einem Seufzer der Erleichterung auf das Bett um ein wenig zu raſten. Ein kummervoller Gedanke ſchien in ihm aufzuſteigen: er erhob ſich und blickte auf dem Boden umher; als ihm aber der Stiefelzieher in die Augen fiel, den ein wohlthätiger Genius ſchon bereit ge⸗ ſtellt hatte, da heiterten ſich ſeine Mienen wieder auf. Von mili⸗ täriſchem Geiſt durchdrungen, recognoscirte er ſeine Stellung und lehnte dann den rechten Flügel an das Bettende. Dieſe Taktik wurde mit ſolchem Nachdruck ausgeführt, daß die Bettſtelle ge⸗ waltig krachte. Hierauf beſetzte er mit dem linken Fuß das er⸗ wähnte Inſtrument, verſuchte mit dem rechten einige Umgehungen und brachte ihn endlich glücklich in die Gabel. In dieſem kriti⸗ ſchen Augenblick aber rutſchte der treuloſe Stiefelknecht vorwärts: ein ſchwerer Fall, ein dumpfer Fluch, dann Stille. Nun erhob er ſich halb, griff nach dem unentbehrlichen Inſtrument, ſchob es an den vorigen Platz zurück und ſtand mit grenzenloſer Anſtren⸗ — — 207 gung wieder auf. Endlich war er auf den Beinen. Infamer Stiefelhund! brummte er und bediente ihn mit einem Fußtritt. Dann wiederholte er den Verſuch, aber, als wäre die ſo geſchol⸗ tene Beſtie wirklich belebt, ſie wiſchte ihm abermals unter den Füßen weg und es erfolgte dieſelbe Kataſtrophe. Heinrich hatte dieſelbe das erſte Mal einem Zufall zugeſchrieben, jetzt aber, da er genauer hingeſehen, ſtiegen aus phyſikaliſchen Gründen Zweifel in ihm auf, und der Umſtand, daß die junge Bevölkerung bei den zwei ſchweren Fällen ſich ſo ſtill und ſchlafergeben verhielt, be⸗ ſtärkte ſeinen Verdacht. Er trat leiſe näher an die Thüre, wo er den Schlafſaal überſehen konnte, und ſuchte als ſcharfſinniger Philoſoph die bewegende Urſache außerhalb des bewegten Etwas. Er durfte nicht lange forſchen; bald regte ſich etwas in der Ecke und ſein gutes Auge zeigte ihm einen Eleven, der halb aus dem Bette hing und eine Schnur in der Hand ſpielen ließ. Dieſen Conductor verfolgte er; derſelbe verlor ſich bald in der Dunkelheit, bald tauchte er an erhellten Stellen wieder auf und leitete ſein Auge bis zu dem Stiefelknecht zurück, welchem er ſomit Leben, Abſicht und Handlung mittheilte. Der Betrunkene hatte ſich in⸗ zwiſchen zum dritten Mal in Poſitur geſtellt; ſchnell blickte Hein⸗ rich auf den kleinen Spiritus rector. Der Geiſt des Muthwillens war nicht müßig: ſiehe da, ein Ruck! und die alte Wirkung wiederholte ſich zum dritten Mal, krachender als zuvor. Dießmal aber ſprang der Geſtürzte mit einem gräßlichen Fluch alſobald wieder auf die Beine; ein zweiter Satz brachte ihn geſtiefelt und geſpornt ins Bett, wo er nach wenigen Secunden ruhig zu ſchnarchen anfing. Kaum war dieſes Signal erſchollen, ſo regte es ſich in den Betten, wo es vorher ſo ſtill geweſen war; Köpfe kamen zum Vorſchein, nickten einander zu, und fünfzig junge Stimmen lachten einen luſtigen Chorus. Das geheime Publicum im Carcer war ſchon längſt verſam⸗ melt, als Heinrich ankam. Durch eine kluge Vorrichtung hatte man das Licht außer Stand geſetzt einen Schein auf das Fenſter 208 zu werfen, und als die Hauptperſon auf dem bereit gehaltenen Stuhle Platz genommen hatte, beſetzte Schiller, dem man die Un⸗ geduld in den Augen anſah, den andern noch übrigen und begann zu leſen, während der Reſt des Auditoriums ſtehend den Tiſch umgab. 4 Es iſt die ſchönſte Aufgabe der Poeſie, den Menſchen über ſich ſelbſt zu erheben, das Wahre in der Wirklichkeit aus dem manigfaltigen Schein herauszulöſen und das ſchwankende, ver⸗ worrene Daſein auf das ruhige Maß der Schönheit zurückzuführen. Dieſen Beruf haben die griechiſchen Dichter ausgeübt, und unſre deutſchen Dioskuren, nachdem ſie die ungebundene Jugendkraft verſprudelt, haben ſich nach langem Widerſtreben auf demſelben Wege brüderlich zuſammen gefunden. Jeder vollendete Dichter wird ihn einſchlagen, und wenn ſeine Zeit, mit ihrer Noth und ihren Leidenſchaften im Gedränge, nicht Zeit hat auf ihn zu hören, ſo werden die folgenden Geſchlechter mit dankbarer Vergütung zu ihm zurückkehren; denn nichts Aechtes kann auf die Dauer ver⸗ loren ſein. Wer aber das Wohl und Wehe ſeiner Zeit im Herzen bewegt, ihren ganzen Zwieſpalt ungelöst ausſpricht, der herben Gegenwart ihr herbes Bild im Spiegel zeigt und mit der Stimme von Tauſenden und aber Tauſenden redet, dem wird im gleichen Augenblick ein tauſendſtimmiges Echo des Beifalls entgegentönen, Ein Tag wird ihm vollere Kränze bringen als jener ſich in Jahr⸗ hunderten erwirbt, und auch die Späteren werden ihm ſeinen unbeſtrittenen Platz unter den Lenkern der Geſchichte zugeſtehen. Sein Dichterkranz vielleicht wird welk auf die Nachwelt kommen, aber der mächtigſte von allen Herrſchern, der ſo reich belohnt, weil er nur einmal lohnen kann, der Augenblick hat ihm gehuldigt. Solches widerſuhr dem Erſtling von unſres Dichters Muſe. Er fand ſchon in ſeinen Freunden einen Hörerkreis den er nicht dank⸗ barer hätte wünſchen können. Jede Saite der jungen Herzen war in dieſer Dichtung angeſchlagen: gleich in der erſten Studentenſcene 209 war dem unüberwindlichen Triebe, den verhaßten Zwang abzu⸗ ſchütteln, ſich ins unbekannte Leben zu ſtürzen, die Welt mit der von Gottes Gnaden zu allem Großen geborenen Jugendkraft zu erobern und zu erfriſchen, und zugleich dem immer übertäubten, immer wiederkehrenden leiſen Zweifel:„Aber was denn eigentlich anfangen?“ ein ſo lebendiger Ausdruck geliehen, und von Seiten der Zuhörer kam jeder halben Anſpielung, die, den nächſten Krei⸗ ſen entlehnt, von Fremden nur dem äußern Zuſammenhange nach verſtanden werden konnte, ein ſo raſches Verſtändniß entgegen, daß er bei dieſer Vorprobe im Jubel der Seinigen einen vollkommenen Vorſchmack der Triumphe genoß, welche die Welt, im Großen eben ſolch ein Gefängniß wie die Akademie im Kleinen, ſeiner Dichtung vorbehalten hatte. Der Dichter ſollte aber auch erfahren, wie der Becher mit dem ſüßen und ſchäumenden Trank des Augenblicks ſeine Hefe hat, wie der Stoff, der, weil er der Zeit entnommen iſt, die allgemeinſte Theilnahme findet, eben darum auch die bitterſten Anfeindungen, die abgeſchmackteſten Mißverſtändniſſe herausfor⸗ dert:— das ganze künftige Schickſal ſeines Gedichtes ſollte wie in einem Spiegel an ihm vorübergehen. Er hatte ohne ſich eine Pauſe zu gönnen und mit unauf⸗ haltſam wachſender Kraft bis zum fünften Aufzug fortgeleſen, und war eben an jener Viſion worin er den alten Propheten ihre Rieſenbilder und der Offenbarung ihre geheimnißvollen Schauer abgelauſcht— ſeine heftige, alles Maß überſteigende Stimme ent⸗ ſprach dem ſchrankenloſen Inhalt deſſen was er las, und von den begeiſterten Zuhörern merkte keiner mehr, daß er ſie ſo entfeſſelt walten ließ, als wären ſie in einer Wüſte und nicht in Karls Akademie, ja ſelbſt der ältere Freund, dem die 2 ganze Welt darüber vergeſſen— d pochte es auf einmal laut der verſchloſſenen Thüre. Aufgemacht! rief eine nur zu bekann Schiller's Heimathjahre.. 14 * 210 Stentorſtimme, und die Stürme und Engel des jüngſten Gerichts zerſtäubten vor einem Hauch aus dem Munde des Lieutenants Nies. Aufgemacht, Herr Schiller! wiederholte dieſer: werden Sie aufmachen? Meinen Sie ich hätte Sie nicht erkannt am Gebrüll? Zumſteeg öffnete die Thüre, nachdem der unglückliche Dichter ſein Manuſcript verborgen hatte. Der Verhaßte trat herein, von einem Aufſeher gefolgt, der eine ungeheure Laterne trug. Das iſt nun ſchon das zweite Mal, ſagte er zu Schiller, daß ich Sie ſo fluchen und durniren und krakeelen höre. Sie ſollten ſich recht ſchämen, ſo wüſt auf ein In⸗ ſtitut zu ſchimpfen, dem Sie Ihre Exiſtenz verdanken und alles was Sie ſind. Der Dichter maß ihn mit Löwenblicken, gab aber keine Antwort. 3 Aber ſo wahr ich Melchior Nies heiße, fuhr der Lieutenant fort, wenn ich noch einmal ſo was höre ſo rapportir'’ ichs dem Herzog. Seine Durchlaucht werden ſo einen ſchwarzen Undank zu belohnen wiſſen, wie ers verdient. Hab' wohl gehört was mir der junge Herr neulich nachgerufen haben:„Ein confiscirter Kerl!“ ich weiß recht wohl was das bedeutet; hab' mirs auch ins Wiachs gedruckt. Man wird dem Herrn Schiller auch noch allerlei confisciren, wenn das ſo fort geht. Unter dieſen Reden hatte ihn Schiller wie in tiefer Zerſtreu⸗ ung angeſehen; auf einmal ſchien ein Gedanke in ihm aufzuſtei⸗ gen, und er trat ſchnell ans Fenſter. Dieſe völlige Gleichgiltigkeit brachte den Zuchtmeiſter aufs Aeußerſte. Was habens da am Fenſter zu ſchaffen? rief er, einige ritte vortretend und geſpreizt wie ein kalekutiſcher Hahn: Allo⸗ iſch, meine Herren! Sie gehören nicht daher. Gehen Sie gleich zu Bett, wo Sie hingehören. Wollen Sie in den Rapport kom⸗ men oder— ⸗ Schiiller trat vom Fenſter mit erheiterten Blicken zurück, wünſchte dem Lieutenant mit geſetztem PWeſen gute Nacht und eilte 211 hinaus, die andern Eleven folgten. Nies ſah verwundert nach, ſchloß dann die Carcerthüre ab und ging mit ſeinem Begleiter ebenfalls die Treppe hinunter. Alle Wetter! ſagte Dannecker zu den Andern, während ſie ihrem Schlafſaal zueilten: wo iſt unſer Doctor hingekommen? Das weiß ich wohl! verſetzte Schiller lachend: den muß ich vom Galgen erretten. Deßhalb hab' ich während Nieſens Phi⸗ lippika immer drauf ſtudirt wie ich ihm die Schlüſſel entreiße. Ich ſah in den Hof hinunter und bemerkte daß in der Anatomie noch Licht iſt. Ich hab' was ganz Tolles vor, weiß aber nicht anders zu helfen. Geht nur zu Bett und haltet euch ruhig; ich komme bald. Gut' Nacht inzwiſchen! Er rannte über Gänge und Treppen zu den anatomiſchen Zimmern hinab, wo er auch ſeine Vermuthung nicht getäuſcht fand. Einige Mediciner ſaßen bei den Karten zuſammen. Er ſtürzte herein. Kinder! rief er athemlos, thut mir den Gefallen und ſpielt ſo laut daß ihr mir den Nies herbeilockt. Riegelt alle Thüren ab, daß er nur durch die Todtenkammer her⸗ ein kann, und dann retirirt euch auf der andern Seite hinaus. Gebt mir einen weißen Ueberwurf, und fragt nicht lang, ich will euch nachher Alles ſagen. Die Spieler ſahen ihn erſtaunt an, da ſie aber ſeine Haſt gewahrten und begriffen daß es dem gemeinſamen Feind einen Streich zu ſpielen gelte, ſo ſäumten ſie nicht. Einer brachte dem Kameraden ein weißes Tuch, und ein Anderer leuchtete ihm nach der Todtenkammer, wo er ſich im dunkelſten Winkel verſteckte. Bald hörte er mit innigem Behagen wie es im Nebenzimmer laut und lärmend wurde. Und gleichwie, wenn die Mäuſe zir⸗ pen, auch die Katze nicht fern iſt, ſo vernahm er nach einer kleinen Friſt Tritte die ſich näherten; es raſſelte an mehreren Thüren, die Spieler löſchten das Licht u nd entflohen mit Gepolter; endlich drehte ſich der Schlüſſel im Schloſſe zur Todtenkammer, und her ein kam der Schrecken d demiſten im Geleite ſeines Unter⸗ 212 offiziers. Ihm voraus aber ging ein ſtarker Duft des ſchlechteſten Rauchtabaks, den ſein Mund verbreitete. Er nahm dem Aufſeher die Laterne ab und hielt ſie vorſichtig in die Höhe. Pfui, ſagte er, da tödelts, da ſtinkts! Es ſind doch abſcheuliche Leute, dieſe Mediciner.— Er zog ſeine große Horndoſe hervor, drehte den Deckel, der einen markzerreißenden Ton von ſich gab, und nahm eine volle Priſe. Was war denn das für ein Lärm? hob er wieder an. Jetzt iſts ja ganz ſtill. Es wird doch auch geheuer ſein?— Sieh da, der macht eine Grimaſſe, die wird mir im Schlaf nachgehen. Dem muß der Tod weh gethan haben. Ein ſcheußlicher Kerl! Er war unter dieſen Worten halb unſchlüſſig vorwärts ge⸗ kommen: da erhob ſich auf einmal hinter den Todten hervor eine lange Geſtalt im weißen Leichengewande und führte mit der Fauſt einen wohlgezielten Streich, der dem Lieutenant die emporgeho⸗ bene Laterne aus der Hand ſchlug und ihn noch obendrein ziem⸗ lich derb auf die Naſe traf. Der Auſſeher ſchrie wie ein Kalb und entfloh; Nies fiel lautlos zu Boden. Das Geſpenſt ſprang jetzt hervor, beugte ſich zu ihm hinab und nahm ihm die Schlüſſel: Wenn der Scherz nur nicht zu weit gegangen iſt! mur⸗ melte er beſorgt: aber jetzt iſt keine Zeit.— Er raffte die Schlüſſel zuſammen, blies das noch in der Laterne brennende Licht aus und rannte die Treppe hinauf. Heinrich war inzwiſchen in einer üblen Lage geweſen. Als er den Lieutenant an der Thüre hörte und die Vorleſung unter⸗ brochen wurde, war ſein erſter Gedanke, zum Fenſter hinauszu⸗ ſpringen, um nur nicht hier gefunden zu werden. Aber er war im oberſten Stockwerk! Schnell ſah er ſich um. Kein anderer Schlupfwinkel war vorhanden als die Bettſtelle, welche glücklicher Weiſe mit einem Strohſack bedeckt war. Während Zumſteeg die Thüre aufſchloß, kroch er unter dieſelbe und hörte mit einer Art von Verzweiflung, wie alle fortgin nd die Thüre geſchloſſen wurde. Nun wagte er endlich wi vorzukommen, und nach⸗ dem er ſich abgeſtäubt hatte, trat er ans Fenſter und malte ſich ſeinen peinlichen Zuſtand aus. Ein Vorgeſetzter und Lehrer an der Anſtalt— und im Carcer eingeſperrt! Er konnte ſich keiner Seele entdecken, und wußte nicht wie er loskommen ſollte. Es huſchte die Treppe herauf, es klirrte im Schloß, und während er wieder unter das Bett fahren wollte, ſprang die Thüre auf. Herr Doctor! riefs herein: wo ſind Sie? Herr Roller! ge⸗ ſchwind! ich bins, Schiller! Heinrich ſprang auf den Retter zu: Schiller, das werd' ich Dir in meinem Leben nicht vergeſſen! rief er. Wir ſind Brüder von dieſem Augenblick! Hörſt Du? Von Herzen! rief Schiller, indem er ihm die Hand hinſtreckte. Ich hab' in die Geiſterwelt gepfuſcht und den Nies auf den Tod erſchreckt. Was thut man nicht für einen Freund? Nur heraus! ſchnell! fort! 3 5 Er zog den Staunenden zur Thüre hinaus, ſchloß wieder ab, eilte mit ihm die Treppe hinunter, ſprang an ein Fenſter, warf die Schlüſſel in den Hof, gute Nacht! rief er athemlos, und jagte von dannen. Heinrich wußte nicht wie ihm geſchehen war, und ging noch ganz beſtürzt nach ſeinem Zimmer. Da hörte er ein Rennen und Laufen und ein Gemurmel vieler Stimmen. Er folgte dem Ge⸗ räuſche und ſtieß auf den Intendanten, welcher, von Aufſehern und Bedienten umgeben, eilig daherkam; der erſchrockene Aufſeher zeigte ihnen, ungern genug wie es ſchien, den Weg. Heinrich ſchloß ſich an und gelangte mit ihnen zur Todtenkammer, wo ihm das Räthſel alsbald klar wurde; denn hier lag Nies, der ohnmächtig in eine Ecke getaumelt war, wie todt am Boden. Man bemühte ſich ihn wieder in das Leben zu bringen. Ein herzugekommener Mediciner, der ihn vielleicht lieber gleich ſecirt hätte, goß den Weingeiſt von einem Präparat ab, rieb ihm die Stirne damit ein, und gab ihm, als er endlich zu ſich kam, ſogar davon zu 214 trinken. Nies ſchaute mit wilden Blicken um ſich und behauptete von einem Geiſt einen Naſenſtüber bekommen zu haben. Die Einen lachten, die Andern bekreuzten ſich. Herr von Seeger ſchüttelte mißtrauiſch den Kopf, unſer Freund aber entfernte ſich mit dem tröſtlichen Glauben daß auch die ſtrengſte Unterſuchung dem Geſpenſte nicht auf die Spur kommen werde. 3. Wie ſchwach Voͤn dieſen ſtarken Geiſtern! Weibergunſt, Der Liebe Glück der Waare gleich zu achten, Worauf geboten werden kann! Sie iſt Das Einzige auf dieſem Rund der Erde, Was keinen Käufer leidet als ſich ſelbſt. Die Liebe iſt der Liebe Preis, Schiller, Don Carlos. Ein Roſabriefchen, das Heinrich am andern Tag auf dem Wege zur Ccole erhielt, berief ihn eilig zu ſeiner Dame. Er be⸗ gab ſich nach geendigtem Unterricht in ihr Haus, fand ſie ſchöner und geiſtreicher denn je, und wurde, nachdem ſie ihm liebevoll ſein ganzes gegenwärtiges Treiben und Befinden abgefragt hatte, mit folgender Anrede von ihr überraſcht: Es hat ſich, ſchneller als wir denken konnten, eine Freund⸗ ſchaft zwiſchen uns befeſtigt, der wir, ſo lang unſer Schickſal noch in unſrer Hand iſt, Geſetze und eine Staatsverfaſſung zu geben uns angelegen ſein laſſen müſſen. Sie, mein Freund, ſind ein lieber Träumer und wandeln in Ihrem ſonnambulen geraden Striche vor ſich hin, ohne zu ſehen was links und rechts etwa mitzunehmen oder zu vermeiden iſt; Sie erlauben daher meinem Weltſinn für die Dehors zu ſorgen— Zuvor aber von etwas andrem. Zwiſchen Freunden wie wir ſind oder zu werden be⸗ 216 ginnen, muß, däucht mich, reines Feld ſein, nichts Unklares darf zwiſchen ihnen liegen, keine zu ſpäte Entdeckung der Freundſchaft Gefahr bringen. In dieſem Sinne wenigſtens, hoff' ich, werden Sie mich zu achten nicht aufhören. Iſt es wirklich? Sie wiſſen nichts von meinen Schickſalen?. Nein, erwiderte er, ſie ruhig anblickend. Sie ſah ihm lang in die Augen und ſagte dann mit einer Miſchung von Spott und Bewunderung: das ſieht Ihnen gleich. Ein Bedienter trat ins Zimmer. Iſt angeſpannt? rief ſie ihm ungeduldig entgegen. Der Diener verbeugte ſich bejahend. Nun ſo kommen Sie, wandte ſie ſich zu unſrem Helden: wir fahren ein wenig aus und wählen einen einſamen Weg, zu ſolchen Mittheilungen geeignet. Sie ging und bot ihm im Gehen den Arm, ſo daß er unten mit ihr im Wagen ſaß ehe er ſich beſinnen konnte. Die raſche CEhre die ihm widerfuhr, ſeine ſeltſame Lage— in einem wahr⸗ haft fürſtlich ausgeſtatteten Wagen von prächtigen Roſſen gezogen, an der Seite der koſtbar gekleideten Dame— das alles betäubte ihn ſo ſehr daß er ſtumm vor ſich hin ſah, ohne zu bemerken wie ihm dann und wann ein bekanntes Geſicht mit Verwunderung nachblickte. Endlich ſchlug er die Augen auf und ſah— o Himmel! in Lottchens Augen. Sie war es: ſie ſtand am Fenſter mit Ama⸗ lien, unter deren Hauſe der Wagen ſo eben hinfuhr. Beide Schweſtern erkannten ihn im nämlichen Augenblick wo er empor ſah: ein Blick, und ſie wandten ſich und verließen das Fenſter. Aber, welche Entdeckung hatte er in ſeinem Innern gemacht! Ein elektriſcher Schlag, der ihn bei dieſem Anblick durchfuhr und ihm alles Blut zum Herzen zurück und wieder heraus aus dem Herzen jagte, hatte ihn belehrt daß das keine Halbvergeſſene ſei, welcher er in einem ſtillen Eckchen ſeiner Erinnerung ein wohl⸗ wollendes Denkmal errichtet zu haben glaubte. Er hatte ihr in die Augen geſehen und ihre Seele hatte ihn wieder angerührt; 217 in ſeinen heftig klopfenden Pulſen arbeitete die Seligkeit und die Pein dieſes Augenblicks. Aurora ſchien nichts davon bemerkt zu haben. Vor dem Thor angekommen hielt ſich der Wagen eine Zeit lang auf der Straße nach der Solitude, lenkte dann rechts auf einen fahrbaren Feld⸗ weg ein, wo keine ſtörende Begegnung zu fürchten war, und um⸗ fuhr in einem weiten Bogen die Stadt. Mittlerweile hatte Aurora ein Heftchen hervorgezogen, das ſie dem Freunde mit den Worten übergab: Sie werden wenn Sie geleſen haben das natürliche Gefühl billigen, das mich abhielt, meine Beichte mündlich abzulegen. Sie iſt in dieſen Blättern enthalten.— Und nun, fügte ſie mit feuchten Augen und zittern⸗ der Stimme hinzu: nun leſen Sie, gleich, hier, an meiner Seite! ich muß dabei ſein, damit die Lectüre das iſt was ſie ſein ſoll, ein Unterredung zwiſchen uns, und ohne Qual des Harrens auf die Entſcheidung. Leſen Sie, mein Freund: wir gehen beide einer ſchweren Probe entgegen. Heinrich nahm die Blätter zerſtreut und bang, aber mit dem Leſen ſtieg ſeine Aufmerkſamkeit, ſo daß er ſeine Geſellſchaft, die ſich ſtill genug verhielt, bald ganz darüber vergeſſen hatte. Die Confeſſion war mit edlen Schriftzügen franzöſiſch abgefaßt, und lautete im Weſentlichen ſo: Ich war ein armes Fräulein. Meine Eltern gaben mir eine ſehr ſorgfältige Erziehung und beſchäftigten meine Einſamkeit mit Lectüre. Ich wuchs mit den großen Frauencharakteren der franzö⸗ ſiſchen Tragödie auf, und die römiſchen Lucretien und Virginien waren mir Vorbilder welche mich für die Märtyrerkrone der Tu⸗ gend ſchwärmen machten. Ach leider war meine Imagination zu hoch geſpannt als daß ihre Gebilde nachher vor den Farbenmi⸗ ſchungen der wirklichen Tageswelt hätten beſtehen können. Meine Eltern ſtarben faſt zu gleicher Zeit, und ich ſah mich allein. Mein Schwager nahm mich zu ſich in die Hauptſtadt, und in ſeinem Hauſe war ich nur um ſo verlaſſener: die Scenen der Wirklichkeit, 218 von welchen ich ſo oft geträumt hatte, umbrausten mich hier; ſie ließen mich leer, und ſchienen mir nichtiger zu ſein als alle meine früheren Träume. Ich verlebte meine Tage in dumpfer Erwar⸗ tung das eigentlich Wirkliche, meinte ich immer, werde erſt nach⸗ folgen, und jeden Morgen erwachte ich mit einer gewiſſen Neu⸗ gier ob ſich nicht jetzt die Leere des äußern Daſeins für mich be⸗ völkern würde. Dieſe Schilderung verräth es daß mir die Liebe noch nicht bekannt war. Ich ſah achtungswerthe junge Männer um mich, aber mein Herz wurde ſie nicht gewahr, das, von der Einbildung getragen, hoch über den Wolken wandelte. Mein Schwager war einer von den Menſchen die nach Um⸗ ſtänden gut oder ſchlecht ſind. Er hätte mich immer als eine arme Verwandte mit Güte behandelt und mich nichts von der Rauheit meines Schickſals fühlen laſſen, wenn ich nicht— ſchön geweſen wäre. Aber meine heranblühende Jugend fiel ihm auf und führte ihn auf ein Project das ſeinem CEhrgeiz wie ſeinen Bedürfniſſen ſchmeichelte; denn weder ſeine Stellung noch ſein Einkommen konnte ſeiner Sucht nach einer glänzenden Rolle ge⸗ nügen. Lang entging mir die vermehrte Rückſicht, die ſteigende Achtung, mit der er mich behandelte; auch die Andeutungen die er ſich entſchlüpfen ließ gingen ſpurlos an meinem unbefangenen Ohr vorüber. Endlich eines Tages— o, dieſen Tag werd ich nie vergeſſen! kam er im Triumph nach Hauſe: der Fürſt, erzählte er, ſei ſehr gnädig geweſen und habe ihm zugeſagt heute in ſeinem Abend⸗ zirkel zu erſcheinen. Das ganze Haus kam in Bewegung und wurde mit Zubereitungen erfüllt; mich aber nahm er bei Seite um mir Vorſchriften für mein Verhalten zu geben, und nun ging mir endlich ein Licht auf! Meine erſte Empfindung war heftiges Erſchrecken; ich warf mich ihm zu Füßen, ich bat, weinte, drohte. Er blieb kalt. Mein Muth, mein Stolz erwachte in ſeiner ganzen Kraft; ich legte mich zu Bette, und alle Bemühungen des Nieder⸗ trächtigen, mich in die Geſellſchaft zu bringen, ſcheiterten an meiner Feſtigkeit. Unglücklicher Heroismus! wie leicht zu beugen, wenn man die Mittel anwendet welche die Dichter in der Regel nicht zu ſchildern pflegen. Seine Rache war ſo wohlberechnet als ab⸗ ſcheulich. Der Prinz hatte das Haus unzufrieden verlaſſen, doch ohne eine Ahnung von meinem Widerwillen zu haben; Gott weiß was er ihm für Entſchuldigungen vorgeſchwatzt haben mag. Von nun an behandelte er mich wie eine Magd, und das ganze Haus beeilte ſich in den neuen Ton einzuſtimmen. Welch ein Gefühl, ſich von dem elenden Bedientengeſchmeiße, das man ſonſt faſt nur auf den Knieen ſah, mit Hohn und Verachtung behandelt zu finden, auf einen Befehl keinen Gehorſam, auf eine Bitte ein leeres So⸗ gleich! ohne Folge, auf eine Frage keine Antwort zu erhalten. Wenn ich aus Furcht vor unwilligen Blicken, aus Abſcheu vor unwürdigen Reden nicht zu Tiſche kam, ſo brachte man mir kein Eſſen aufs Zimmer. Das hätt' ich nun zwar wohl verſchmerzen können, aber die Demüthigung, die Schmach! und dieſe eben da erleiden zu müſſen wo man zuvor Ehre und Anſehen genoß! Das wirkt. Aber es wirkte noch nicht genug. Man gab mir zu ver⸗ ſtehen, eine erwachſene Perſon habe die Pflicht für ſich ſelbſt zu ſorgen, und könne niemanden zumuthen ſich mit ihr zu beläſtigen. Der Wink war ſo gegeben daß er nicht mißverſtanden werden konnte. Ich erwiderte daß mir nichts übrig bleibe als betteln, und wenn man ſich nicht der Verwandtſchaft halber bedenke, ſo werde ich die Erlaubniß auf der Stelle benützen. Nun wurde dieſe Saite nicht mehr berührt. Ich hatte keinen Menſchen auf der weiten Welt, bei dem ich eine Zuflucht hätte finden oder auch nur ſuchen können. Ein kleines Gut, worauf ſich mein ganzes Erbe beſchränkte, war ſchon zu Lebzeiten meiner Eltern beſtritten und wurde bis zum Austrag der Sache von den Gerichten verwaltet. Nicht einmal was ich in Romanen immer noch als den letzten Troſt gefunden hatte, nicht einmal ein alter ehrlicher Diener war im Hauſe, um mich durch Theilnahme und Zuſpruch aufrecht zu erhalten. Ich war allein mit meinem Elend. Wie beneidete ich die armen Spinnerinnen und Nähterinnen, deren glückliche Niedrigkeit ihnen die Mittel gab ſich ſelbſt zu ernähren und von ſich ſelbſt abzu⸗ hängen! Darauf war meine Erziehung nicht berechnet geweſen. Ich begann jetzt ernſtlich auf die Flucht aus dieſer Hölle zu denken, aber ach wie paſſend fand ich den Volksausdruck von den Grenzen der Welt! Das Leben iſt überall mit Brettern vernagelt, und das was der jugendlichen Phantaſie gar keine Schwierigkeit macht, ja gar nicht in die Augen fällt, das iſt das einfach Un⸗ mögliche. Nur Ein Ausweg war hier zu betreten, und er war mir willkommen. Meine Träume von dem männlichen Ideal nahmen eine andre Richtung, aus dem Helden ward ein Retter, und dieſes Bild ſtand der Menſchlichkeit bei Weitem näher als jenes; ja ich hätte einem Soldaten, einem Taglöhner meine Hand reichen können. Wenn ich in ſtiller Nacht meine Plane machte— o wer hat je die Gedanken eines Mädchens belauſcht! Das Schick⸗ ſal, die Beſtimmung des Weibes hat etwas Unausſprechliches: ſich einem andern Weſen, ſich einem Manne ganz und gar zu eigen geben! kann eine dieſen Gedanken denken ohne Erröthen, ohne banges Herzklopfen? Und vollends wenn nicht Liebe dieſe Hin⸗ gebung herbeigeführt hat, wenn der Beſchluß daſteht als eine kalte Nothwendigkeit, noch ohne Gegenſtand! Der Preis war hoch, aber ich entſchloß mich ihn zu wagen. Der Gegenſtand fand ſich und ich hätte mir kaum einen beſſern wünſchen können. Es war ein wackerer Mann unter meinem Stande, nicht zur Liebe aber zur Achtung geſchaffen; ſeinem Charakter war alles zuzutrauen. Ich ſah daß ich ihm nicht gleichgiltig ſei, und ſeine Ehrerbietung recht⸗ fertigte mein Entgegenkommen. Schon hatte ich gegründete Hoff⸗ nung durch ihn frei zu werden, und dünkte mich höher als eine Königin. Mein Schwager, ſo meinte ich, werde in meine Erniedri⸗ gung mit lachendem Munde willigen, aber das war nicht ſeine Abſicht! Noch ehe das Verhältniß zu einer Verſtändigung ge⸗ diehen war, wußte er den biedern Freund zu entfernen und dieſer 221 Maßregel den Schein zu geben als ob ſie von mir ſelbſt ausge⸗ gangen wäre. Ein Moment und er war mir unwiederbringlich verloren! Als meine argloſen Augen aufgingen war es zu ſpät. Wenn es wirklich die Höllenſtrafen gibt, welche die Kirche lehrt, ſo kann ich den Verräther manchmal bemitleiden; denn die Tage und Nächte, die ich nach dieſer Entdeckung zubrachte, müſſen ihm dereinſt die härteſten hilfloſeſten Qualen zuziehen. In der boden⸗ loſen Tiefe meines Elends ſah ich den letzten Weg der Rettung vor mir, der mir jäh und ſchwindelnd aus der ewigen Nacht ent⸗ gegenwinkte. Ich betrat ihn. Rechne mir, o du endloſe Barm⸗ herzigkeit, dieſen Verſuch nach ſeinem Ausgang an, nicht nach meiner Abſicht! Er mißlang, und ſchaudernd floh ich vom Ab⸗ grunde weg: die Religion, die mir ſtreng und warnend an den Pforten der Ewigkeit erſchien, führte mich wieder ins Leben zurück. Ach, hätte ſie mir auch jenen tiefen Halt gegeben, der allein dem Leben einen Werth zu leihen vermag! Wie leicht hätt' ich den Hohn und die Verachtung der Menſchen getragen, wie hätt' ich durch unerſchütterte Geduld die Schläge des Unglücks, die Plane der Bosheit gelähmt! Aber ich kannte den Glauben nur durch Ueberlieferung; ich hatte ihn nie geprüft, und noch jetzt erſcheint er mir nur wie ein Inſtinkt, der mich bei bedeutenden Wendungen meines Geſchicks ergreift. Dahin rechne ich auch den Muth der mich antrieb und in den Stand ſetzte für meinen Freund dieſe Bekenntniſſe niederzuſchreiben. Mein Schwager mochte fühlen daß der Bogen für jetzt nicht ſtärker geſpannt werden dürfe. Er ließ mich in Ruhe und be⸗ handelte mich gleichgiltig, doch nicht unfreundlich. Ich hätte dieſes ſo wenig empfunden als ich jenes empfand, denn auf die gewalt⸗ ſamſte Aufregung war eine dumpfe Verſunkenheit gefolgt, und die Tage gingen an mir vorüber wie an den Abgeſchiedenen im Reich der Schatten. Doch auch dahin drangen endlich die Gerüchte die das Land ſeit einiger Zeit in Bewegung ſetzten. Die fürſtliche Regierung war in immer größern Zwieſpalt mit der Conſtitution getreten; Eigenmächtigkeiten gegen die Geſetze, Gewaltſchritte gegen Einzelne waren geſchehen. Eine gährende Unzufriedenheit bemäch⸗ tigte ſich der Gemüther. Schon führten die Stände eine entſchie⸗ denere Sprache, und Feindſeligkeiten drohten auszubrechen, von welchen man nicht vorherſehen konnte wie lang ſie bloß auf dem Papiere geführt werden würden. Ich hörte von dieſen Zuſtänden ohne Theilnahme, wie mir anfangs ſchien; aber eh' ichs gewahr wurde hatten ſie meine Seele eingenommen und waren ein Theil meines Denkens geworden. Denn der Menſch hat eine unergründ⸗ liche Lebenskraft; was ihm auch begegnen mag, er ſtellt ſich immer wieder her. Wenn der Schlag nicht zum Tod oder zum Wahnſinn geführt hat, ſo iſt in irgend einem Punkte ſeines Weſens ein Lebens⸗ funke zurückgeblieben, und wenn auch noch ſo klein und ſchwach, das Fünkchen glimmt fort, wächst, breitet ſich aus und belebt die abgeſtorbenen Theile wieder; nicht lang ſo lebt und webt das Individuum, und bewegt ſich ſeiner alten Organiſation gemäß. Das mußt' ich bald empfinden. Es waren die alten Phantaſieen eines unbelehrten Heroismus, welche wieder erwachten; die groß⸗ artigen Geſtalten des geliebten Kothurns tauchten wieder vor mir auf, und die tiefe dumpfe Lähmung machte einer Anſpannung Platz, die, unnatürlich wie ſie war, mich auch jetzt noch einmal alle Grenzen der Wirklichkeit überſehen machte. Ich begann zu glauben, das Geſchick habe die große Rolle in meine Hände gelegt, als Friedensengel zwiſchen dem Regenten und dem Lande auf⸗ zutreten; meine Anſprüche an das Leben waren vernichtet, und ſo wollte ich, aus Beweggründen die ſchon manchen Märtyrer ge⸗ ſchaffen haben, all mein Glück, ja meine Ehre einer großen Idee zum Opfer bringen, von der Mitwelt verkannt, von der Nach⸗ welt angebetet werden. Ich Arme wußte nicht daß man für den höchſten Gedanken nicht immer auch die höchſten Accorde greifen darf; ich ahnte nicht daß dieſe Rolle einer viel gewöhnlicheren Seele zu Theil werden, daß dieſe feſtliche Arbeit einen weit werk⸗ täglicheren Gang nehmen ſollte. 223 Dieſe Stimmung traf mit erneuerten Verſuchen meines Schwa⸗ Ggers zuſammen und wurde zum Theil durch ſie erzeugt; denn auch ihm waren die politiſchen Conjuncturen, freilich aus ganz andern Gründen, eine luideruno ſein Project wieder aufzunehmen. Aus der erſten leiſen 2n raee— denn ich hütete mich wohl 3 15 ihn von meiner w nhta nur etwas ahnen zu laſſen— entnahm der verſe us daß ſeine Waare brauchbar zu werden beginne. Es bedurfte keiner weitläufigen Vorberei⸗ tungen. Ich wurde eines Abends auf ainam ſyftall ſo geſtellt daß der Prinz gerade auf mich zugehen mußte. Er redete mich ſehr gnädig an, und nun bat ich vorgeſchriebener Maßen um Ver⸗ wendung in meiner Rechtsſache. Dieſe wurde mit Freuden zu⸗ geſagt; nur mußten zuvor die Documente vorgelegt werden, und dazu bedurfte es natürlich meiner mündlichen Erörterung. Wie 84 es die Umſtände doch fügen können daß ein unerfahrenes Mädchen 8 wichtige juriſtiſche Nachweiſe zu geben vermag! b Wlein Schwager ließ das Eiſen nicht kalt werden, und der fand mich ſchon im Schloſſe. Ich wurde in ein Gabinet geführt. Die halbgeöffnete Seitenthüre zeigte 3 mir den Fürſten im Geſpräche mit dem berüchtigten, ſeither ge⸗ ſtürzten Günſtling. Laß ſie nur raiſe rief er, laß ſie nur klagen! Ich will noch mit Skorp en dieſen privile⸗ girten Landſchaden zu Felde ziehen. gen will ich dieſe 8½ Hemmketten, und wenn auch mein Wagen in donnerndem Sturze bergab müßte. Der Inhalt der Unterredung war leicht zu errathen, ob⸗ woohl ſie bei meiner Ankunft abgebrochen wurde; denn der Mini⸗ ſter, der, als er mich gewahr wurde, ſich alsbald empfahl, ſagte: Ew. Durchlaucht gehen den Weg Cäſars und aller großen Män⸗ ner— und verſchwand, nachdem er mit der Stirne beinahe den Boden berührt hatte. Ah, meine holde Supplicantin! rief der Prinz und eilte auf mich zu: tauſchen wir die Rollen aus! nehmen Sie die gebietende 224 Miene an, die Ihnen gebürt. Sie ſehen den Demüthigſten aller 8 Bittenden vor ſich. 1½ 5 Dann iſt dieß hier nicht am Platze, verſetzte ich, indem ich lächelnd meine Schrift zerriß. Aber eine Bitte habe ich doch, gnädigſter Herr, eine große, ſch Ditte⸗ und was Sie mir darauf antworten das wird für aesehahu entſcheidend ſein. Nun begann ich mit großem Feue en Zuſtänden des Landes und von der Verſöhnung mit ſeinem Volke als dem Pfande der aienneehen unſrer Seelen zu ſpr 35 A ch, es war auf hen 4 ein Meiſterſtück jugendlicher Verſaer if das 3 und Beſchämung zurückſehe. Ich will es hier nic Er ließ mich ungeſtört ausreden. Erſt hörte er verwundert zu, dann warf er den Kopf in den Nacken und biß ſich in die Lippen, ein ſchneidender Hohn zuckte um ſeinen Mund, und als ich geendigt hatte erwiderte er kurz: Ich glaubte Sie wären ge⸗ kommen mir etwas Andres zu ſagen⸗ Alſo ohne Umſtände: können Sie mich lieben?„ Nein, ſagte ich empört. 1 Adieu. F Er ließ mich bis an die Thüre gehen und ſetzte dann hinzu: Ich wundre mich wi t man Sie inſtruirt hat. Ich bin doch wahrlich ni ann unter dem eine— daß ich ſage, ein Weiberregin ommen kann; ich habe keine Luſt das traurige Beiſpiel meines Vetters ir ir zu wiederholen. 4 Ich wandte mich um: Sie wiſſen nicht wie ſehr, wie tief Sie mich kränken! rief ich und brach in einen Strom von Thränen aus. Er ſchien bewegt. Beruhigen Sie ſich, ſagte er, und nahm mich bei der Hand: ich will ja gern glauben daß ich Ihnen Un⸗ recht gethan habe. Nun gut, gut! es war Ihr Ernſt; glauben Sie mir daß ich dieſe Geſinnung ſchätze. Aber überlaſſen Sie den Männern was nur Männer verſtehen, und miſchen Sie ſich 3 nicht in ſolche Dinge; ich weiß ſchon was ich zu thun habe. Daß ein ſo liebliches Kind ſein eigenes ſchönes Element verkennen kann r 225 Ihre Aufgabe iſt federleicht: Sie haben nichts als zu lieben, und ob Sie das können oder nicht, das überlegen Sie in einer ruhi⸗ geren Stunde. Er gab mir den Arm und führte mich an die Thüre, wo er mich freundlich auf die Stirne küßte. Ich kam betäubt nach Hauſe und ließ mich den ganzen Tag nicht außerhalb meines Zimmers ſehen. Ich war in der ſonder⸗ barſten Verfaſſung. Ach, ich liebte ihn! Er hatte mein Herz ge⸗ ſennthi Augenblicke wo er es ſo ſchmerzlich mißver⸗ ſtand. T ie dieß kommen konnte weiß ich nicht zu ſagen. Es gibt Ereigniſſe i innern Leben die keine Seelenlehre vollkommen abzuleiten ve g. Seine Liebenswürdigkeit, die Hoheit ſeines Weſens, meine Demüthigung, das Gefühl daß ich werth geweſen wäre beſſer von ihm gekannt zu ſein— alles das reicht nicht hin dieſe plötzliche wunderbare Erſchütterung zu erklären. Genug, ich wußte daß ich ihn liebte. Es war meine erſte Liebe, und mein Herz taumelte zwiſchen Abſcheu und Wonne hin und her. Aber mein Stolz erhob ſich gebieteriſch über alle andern Gefühle, und ich beſchloß dieſes Geheimniß in der Bruſt zu begraben als ein ſüßes Gift, das mir, ohne Ausweg zehrend, bald den erwünſchten Tod bringen ſollte. Es ſollte noch anders kommen. Mein Schwager, der jenen Vorgang nur halb erfuhr und gar nicht verſtand, zeigte zu mei⸗ nem Erſtaunen nicht den geringſten Verdruß: er glaubte das Eis nun einmal gebrochen und hielt das kleine Mißverſtändniß nur für 4 eine vorübergehende Störung. Auch als er ſeine Täuſchung einſah 3 beharrte er in ſeiner verdachterregenden Freundlichkeit und ſchien ſeinen Plan völlig aufgegeben zu haben. Bald genug zeigte es ſich welchen wohlangelegten Schlag er bis zuletzt aufgeſpart hatte. Ein Freier trat plötzlich auf, der widrigſte und verhaßteſte von außen und von innen der mir in der ganzen Welt hätte begegnen können. Schon längſt, bei gleichgilt ger Bekanntſchaft, war er mir zuwider geweſen, und mit welchem Haß und Ekel ich ihn jetzt Schillers Heimathjahre. I. 15 5 226 empfing brauche ich nicht zu ſagen. Deſto entzückter ſchien mein Schwager über dieſe Partie, welche mich über meinen Rang er⸗ hob und mir einen ehrenvollen Schutz gegen jede Nachſtellung, jede ſchmähliche Nothwendigkeit verſprach. Je mehr es ihm Ernſt mit dieſem Zureden zu ſein ſchien, um ſo höher ſtieg meine Ver⸗ zweiflung. Jetzt hatte ich alle Anſprüche auf ſeine Hilfe verloren, jetzt hatte er das Recht wieder die alte Litanei von Beläſtigung, von unbilligen Anſprüchen anzuſtimmen, und er machte einen grauſamen Gebrauch von ſeinem Rechte. Alles drängte mich zu der Heirath die ich verabſcheute; mußte ich ſie ja noch für ein Glück halten, denn— mein guter Ruf war ſchon verl! Die Welt wußte nur Eine Deutung für jenen Beſuch im Schloſſe, und das war ihr nicht zu verargen. Zwar konnte mir dieſes Gerücht in den höfiſchen Kreiſen nicht eben ſonderlich ſchaden, aber der freie Adel dachte nicht durchgängig ſo, und auch meine bürger⸗ lichen Bekannten zogen ſich zum Theil mit ſtiller Verachtung, mit vorſichtigem Widerwillen von mir zurück. Ich war von der ganzen Gegenwart abgeſchnitten, und die Zukunft lag peſtartig vor mir. Meine Lage war jetzt ganz das Gegentheil von jener früheren: hatte ich damals in einer Heirath meine Rettung geſucht, ſo ſuchte ich jetzt Rettung vor der Heirath in— Erlaſſen Sie mir eine weitläufige Schilderung! Wenn ich heute auf jene Zeit zurückſehe und meine Gefühle, meine Leiden von damals abwäge, ſo möchte ich behaupten, Schritt wäre mir leichter geworden wenn ich den Fürſten nicht geliebt hätte.— Da ich mit dieſen Worten etwas Paradoxes ge⸗ ſagt habe ſo will ich ſie ohne weitere Erörterung ſtehen laſſen. Meinem Schwager übrigens war das ganz gleichgiltig. Er hatte ſeinen Zweck erreicht und triumphirte, aber ganz im Stillen. Ja, ſo weit wußte er die Verſtellung zu treiben daß ich faſt das erſte Wort auszuſprechen genöthigt war; wenigſtens gab er einem Seufzer, einem halben Ausruf dieſe Deutung, und ſtellte ſich an als ob er ſehr erſtaunt darüber wäre. Mit kaltem Lächeln 7 227 ließ er mir die Wahl, und ich— ich wählte! Feſten Muthes, aber mit wankender Stimme gab ich meine Erklärung ab. Er verſprach die ehrenvollſten Maßregeln einzuleiten, die ich ihm un⸗ bekümmert überließ; auch hielt er, nach ſeinen Begriffen von Chre, vollkommen Wort. Schon am folgenden Tage kam er ſehr ver⸗ gnügt und ſagte, er bringe mir einen Gemahl, den bequemſten, lenkſamſten, den ich mir wünſchen könne. Dieſe Nachricht ſetzte mich in neue Verwirrung; ich war aber ſogleich aufgeklärt als er den Checontract hervorzog, worin dieſer Gemahl ſich anheiſchig machte mich gleich nach der Trauung zu verlaſſen, niemals auf meinen Beſitz Anſpruch zu machen und die Reſidenz, ja das Land ohne meine Erlaubniß nicht zu betreten. Ich gerieth nicht einmal in Erſtaunen als ich den Namen meines verhaßten Freiers las — denn dieſer war es— und nun dahinter kam daß Alles eine längſt abgekartete Sache ſei; die Entdeckung war ohne Werth für mich, und mit ſtumpfer Ruhe unterzeichnete ich den Contract, den mein Schwager wieder zu ſich nahm, um mich ganz in ſeiner Gewalt zu haben. Er hatte mich, wie ich nachher erfuhr, ſehr theuer verkauft. Den anſehnlichſten Theil der Rente behielt er für ſich, mit der Verpflichtung für meinen ſtandesgemäßen Unterhalt zu ſorgen; um eine ſchöne Abfindungsſumme hatte mein Amphi⸗ tryo ſeinen Namen feil getragen, und ein beſcheidenes Nadelgeld blieb dem abgehetzten Opfer dieſer Cabale. Die unheilige Ceremonie wurde bei Nacht begangen. Ich darf mir das Zeugniß geben daß ich den Altar nicht beleidigt habe; eine tiefe Betäubung, die mich nichts hören noch ſehen ließ, erſparte mir dieſe Schuld. Auch habe ich auf die Frage des Prie⸗ ſters nichts geantwortet: man nahm es nicht ſo genau. Ein be⸗ reitſtehender Wagen entführte den Bräutigam auf Nimmerwieder⸗ ſehen; er begab ſich nach dem Haag, das er ſpäter mit Paris verwechſelt hat. Ein anderer Wagen wartete an der entgegen⸗ geſetzten Kirchenthüre auf mich, um mich nach Hofe zu bringen. Ich nahm mich zuſammen, denn nun begann meine Rolle. 228 So gewöhnlich endete ein Geſchick das einer rühmlicheren Löſung vielleicht nicht unwerth geweſen wäre. Ich bin am Schluß, und kann das Uebrige kurz zuſammenfaſſen. Meine Herrlichkeit dauerte nicht viel länger als mir jeder Eingeweihte hätte voraus⸗ ſagen können. Der geiſtreiche, vielerfahrene Prinz achtete die Frauen nicht, und hatte wenig Grund ſie zu achten; die Männer wie die Frauen lieben eigentlich nur einmal, und in der Regel iſt die erſte Liebe eine Täuſchung, die über das ganze Leben ent⸗ ſcheidet. Wenn die Liebe jener Zeiten von welchen uns die Dichter erzählen keine Fabel iſt, ſo muß ſie einen eigenen Gott gehabt haben, der die Führung der Glücklichen übernahm, der aber ſeit⸗ dem ſein Scepter niedergelegt hat. Ich habe mich viel umgeſehen in den Geheimniſſen der großen und kleinen Welt, und mancher Schleier hat ſich mir gelüftet: ich entdeckte überall wenig Glück, und auch dieſes wenige ließ mich zweifelhaft ob es nicht ein Schein ſei, über den die erſte gründliche Probe richten würde. Lächeln Sie über dieſe Reflexionen! ich wollte es der ganzen Menſchheit gönnen wenn ſich nur mein eigenes und einzelnes Schickſal in denſelben abſpiegelte.— Aber auch unſre Freundſchaft iſt viel⸗ leicht nur ein Schein. Ich ſelbſt beſaß zu wenig Elaſticität um meine Eigenthüm⸗ lichkeiten zu verläugnen; ich ahnte nicht einmal wie nothwendig dieß ſei. Die Liebe bedarf ſolcher perſönlicher Wahrzeichen, ſie braucht ſie als die Gefäße eines verklärenden Cultus. Ach, die Liebe freilich! Aber ich war nicht geliebt. Ich fluchte ihm nicht als ich wieder vom Schauplatz abtrat: ich hatte ihm früher ge⸗ flucht, ſeit ich aber einſah daß er die geringſte Schuld an meinem Unglück trug, daß er nur wählen durfte unter den Opfern die ihm freiwillig dargebracht wurden, ſuchte ich und ſuche noch heute jenen Fluch durch tägliche Gebete und Segenswünſche zu vertilgen. Die letzten Tage meiner ſinkenden Macht benützte ich noch um meinem Schwager zu vergelten. Es bedurfte keiner Erfindung um ein anſehnliches Sündenregiſter zuſammenzuſtellen. Sein Sturz N 229 brachte mich wieder in den Beſitz jenes wichtigen Documents, und er lebt jetzt in einer entfernten Stadt von meinen Almoſen. Und ich! um mein ganzes Lebensglück betrogen, umgeben von einem leeren Menſchenſchwarme, den mein Rang, mein Reichthum und mein nie ganz erloſchenes Anſehen um mich verſammelt hat, ſetzte ich bis jetzt ein trauriges Daſein fort. Die Ideale meiner Ju⸗ gend hab' ich weggeworfen; an ihre Stelle iſt eine kalte Lebens⸗ anſicht getreten, die, genau betrachtet, gar keine Grundlage hat. Ich mache mir kein Gewiſſen daraus meinen wohlfeil und doch ſo ſauer erworbenen Reichthum zu genießen: er bietet mir die tau⸗ ſend kleinen Surrogate der Glückſeligkeit, und während er ſonſt ſeinen nach wahrhaft menſchlichen Zwecken ſo ſchwer zu berechnen⸗ den Weg durch die Canäle des geſellſchaftlichen Verkehrs gegangen wäre, ſetzt er mich nun in den Stand unmittelbar an Ort und Stelle der Menſchheit die Hand zu bieten, zu erfreuen, zu lindern, zu tröſten, und, unermüdlich in dieſer Beſchäftigung, erlange ich in ihr das einzige Gefühl das mit dem Glück verglichen werden kann. Längſt hatt' ich auf alles Andre verzichtet. Und nun ſollte mir noch ein Spätſommer der Freundſchaft, ein Schimmer der Jugend zu Theil werden, reicher als ich ihn je verlangt, ja, ich will es offen ſagen! ſchöner als ich ihn verdient habe. Ich mag mir nicht mit eiteln Hoffnungen ſchmeicheln: es iſt einer von den kur⸗ zen ſpäten Tagen, wo eine flüchtige Frühlingserinnerung von der heraneilenden Nacht verſchlungen wird, und, ich fühle es, dieſe Entdeckungen haben ihn noch ſchneller hinabgeführt. Ich begehre es nicht zu ändern. Mit beſcheidenem Danke hab' ich ihn genoſſen⸗ den vorübergehenden ſchönen Lohn, den mir ein nicht ganz un⸗ gütiges Schickſal für meine früheren Leiden zugedacht. Mag auch dieſe Aufrichtigkeit mir verderblich ſein, ich war ſie meinem Cha⸗ rakter, ich war ſie der Argloſigkeit meines Freundes ſchuldig, und wenn er hinfort ſcheu vor meiner Begegnung zurückweicht, der letzte Act meiner Freundſchaft, ich weiß es, die Art wie ich ſeine Achtung verlor, wird mir einen Theil dieſer Achtung erhalten.— 230 e Hier ſchloßen die Bekenntniſſe der unglücklichen Frau. Hein⸗ rich hatte ſie tief bewegt geleſen und war mit einer ſchwer zu be⸗ ſchreibenden peinlichen Verwirrung am Schluſſe angelangt. Er ſchien noch immer zu leſen, während raſtloſe Gedanken ſich in ſeiner Seele ſtritten. Zuerſt ſchien es ihn zu drängen ihre Hand zu faſſen, ſie ſeiner Achtung, ſeiner unverbrüchlichen Freundſchaft zu verſichern, aber— es handelte ſich um mehr als das! wollte er alle Folgerungen dieſer ſophiſtiſchen Freundſchaft mit unter⸗ ſchreiben? Er fühlte ſein Herz zugeſchloſſen, die aufkeimende ſon⸗ derbare Neigung, von einer ſo reinen Nebenbuhlerin berührt, von einer ſo ſchweren Beichte niedergedrückt, war verdorrt, verſchwun⸗ den, und eine öde leere Empfindung nahm ihre Stelle ein. Wäre eine ſo beiſpielloſe Offenherzigkeit einer weiblichen Seele nicht einer völligen Abſolution würdig geweſen? Er geſtand es zu, aber die einzige Losſprechung die hier genügen konnte, die Abſolution der Liebe, war ihm verſagt. Dieſe herbe Enttäuſchung führte ihn auf hundert Gedanken, deren jeder ein Todesurtheil war; ſie machte ihn ſtreng gegen die Sophismen die er leicht von den Zwangs⸗ mitteln der Noth unterſchied; ſie machte ihn ſtreng gegen den Genuß von Schätzen die ein ächter Stolz weggeworfen hätte ſtatt ſie einem ſchwer in Anſpruch genommenen Lande zu entziehen; ſie erinnerte ihn an die öffentliche Meinung, die er keine Urſache hatte gering zu ſchätzen, denn er beſaß Freunde, deren Achtung ſein Leben ſchmückte, und dieß gab den letzten Stoß! Nun fiel ihm auf einmal bei daß dieſe Frau ihn vor den Augen des Volks, vor den Augen der einſtigen Geliebten durch die Straßen der Stadt geführt hatte, und er glaubte einen Kunſtgriff hierin zu ſehen, der ihm die weitern Schritte dadurch erleichtern wollte daß der erſte einmal unwiderruflich geſchehen war. Er hatte vielleicht Unrecht, aber das menſchliche Herz, zumal das Herz einer Frau, ſelbſt einer ſo aufrichtigen, hat Falten, von welchen es oft ſelbſt nichts zu wiſſen ſcheint. Eine ſtille Bitterkeit ſtieg in ihm auf, gegen alle Welt, gegen ſich ſelbſt, den unbedachtſamen Nacht⸗ 231 wandler im hellen Sonnenlichte, am meiſten aber gegen die ſchöne Frau, die doch vielleicht eine andre Wirkung von ihrer Confeſſion erwartet baben mochte. Er legte die Blätter neben hin und ſah ſtumm vor ſich nieder. Aurora, welche jeder ſeiner Bewegungen mit haftenden Augen gefolgt war, ſank mit einem tiefen Seufzer in die Ecke des Wa⸗ gens und verhüllte das Geſicht. Keines von Beiden ſprach ein Wort mehr. Der Kutſcher, der ſich mehrmals umgeſehen hatte, fuhr langſam nach der Stadt zurück. Der Wagen hielt vor einem erleuchteten Gebäude; Heinrich erhob ſich; Aurora machte eine unverſtändliche Gebärde; er ergriff ihre Hand, hielt ſie lang, ungewiß was er ſagen ſollte, und ſtürzte dann plötzlich hinaus. Mechaniſch folgte er dem Menſchengedränge, das nach dem er⸗ hellten Hauſe ſtrömte, und erſt drinnen ward er gewahr daß er ſich im Theater befinde. Unwillig wollte er zurück, obgleich er eigentlich nicht wußte wie er die nächſten Stunden zubringen ſollte, als auf einmal das Zauberwort„Emilia Galotti,“ das er von einem der Mitdrängenden hörte, ihn vorwärts trieb: es paßte wunderbar zu ſeinen heutigen Erlebniſſen. Das Trauerſpiel hatte ſchon begonnen als ſich die Thüren hinter ihm ſchloßen. Er war eine Weile aufmerkſam, ſank aber bald in einen Strudel von zerſtreuten Gedanken zurück. In den Zwiſchenacten hörte er bang und verwirrt auf die Reden der Nachbarn, ohne doch einen Sinn davon aufzufaſſen. Zuletzt vernahm er von Bühne und Parterre nichts mehr als ein Schwirren und Rauſchen und Sprechen, dem er ſich zu entreißen nicht die Kraft hatte; er ſtand wie gebannt bis zu Ende, und das Stück blieb ihm ſo fremd als ob es in einer unbekannten Sprache geſpielt worden wäre. Der Vorhang fiel, das Publicum erhob ſich, und dieſes Ge⸗ räuſch brachte ihn zu ſich ſelbſt. Indem er ſich zum Fortgehen anſchickte, wagte er einen ſchüchternen Blick nach der Galerie zu werfen, ob Aurora wohl zugegen ſei. Sie war nicht da, aber in der Loge neben an ſah er wiederum— Lottchen! und zwar in 232 der Geſellſchaft jenes jungen Edelmanns, den er früher im Hauſe ihres Schwagers kennen gelernt hatte. Der Baron war eben be⸗ ſchäftigt ihr den Mantel umzulegen, und that dieß mit jener Ver⸗ traulichkeit die oft ſo viel ſagt und ſo wenig bedeutet. Auch das noch! Unſer Freund, dem alle Furien im Nacken ſaßen, machte daß er hinauskam. Draußen blieb er in einem Menſchenknäuel ſtecken, was den ſonſt gemäßigten und duldſamen jungen Mann faſt unſinnig machte; aber er mußte ausharren, und die Püffe und Stöße die er den unſchuldigen Nachbarn in ſeiner Wuth austheilte wurden ihm mit Wucher zurückgegeben. In dieſem Gedränge wurde er ganz nach hinten getrieben und war der Letzte der ins Freie kam. Die Wagen waren ſchon alle abgefahren; nur einer ſtand noch da, an welchem Heinrich vorüber mußte, und zum dritten Mal war es Lottchen die ihm ſein böſer Genius zeigte. Sie ſtieg eben ein, von dem Baron unterſtützt, der ihr ſodann folgte. Der Kutſcher hieb auf die Pferde und in donnern⸗ dem Trabe flog der Wagen davon, aber nicht nach dem Hauſe wo Lottchen wohnte, ſondern nach einer ganz andern Seite. Heinrich eilte unwillkürlich nach und ſah noch wie der Wagen zum Thor hinausfuhr, und hörte wie der Lärm der Räder in nächtlicher Ferne nach und nach verhallte. Ein kaltes Kopfnicken ſandte er nach; dann preßte er mit den Händen das Herz zuſammen, um nicht laut zu ſtöhnen; aber unaufhaltſame Thränen ſtürzten ihm aus den Augen. Hätte er gewußt welchen Bedrängniſſen das unſchuldige, lieb⸗ liche Mädchen entgegenfuhr, wie hätte er alle Kräfte angeſtrengt um den Wagen aufzuhalten und ſie in die Arme zu nehmen nach welchen ihre ſtille Sehnſucht begehrte! Er wußte es nicht, und nachdem er ſeinen Thränen zornigen Einhalt gethan hatte, ging er, betäubt von ſo vielen Schlägen, faſt gedankenlos hinweg; nur ein unarticulirter Laut verrieth zu⸗ weilen wie das unbegreifliche Ereigniß in ihm wühlte. V — yn—— 4. 0 Vierge Marie, Pour moi priez Dieu! Franzöſiſches Volkslied. Ja, es war wirklich Lottchen, das blonde Pfarrtöchterlein von Illingen, das er heute am Fenſter, im Theater, und zuletzt im Wagen geſehen hatte! Das gute Kind war der Einförmigkeit des väterlichen Hauſes, die ſie doch früher nie empfunden, und einem heimlich nagenden Gram entflohen; wenigſtens glaubte ſie dieß zu erreichen, als ſie dem guten Vater die Erlaubniß abſchmei⸗ chelte, eine Woche bei der lang entbehrten Schweſter zubringen zu dürfen. Es war nicht ihr einziger Wunſch: ſie trug noch einen andern im Herzen, den ſie aber dem Vater wie der Schweſter ſorgfältig verbarg. Nach langem Harren und manchem vergeblichen Blick aus dem Fenſter wurde ihr endlich dieſer Wunſch, ach auf eine grauſame Weiſe, gewährt. Sie ſah den Mann an dem ihre Seele hing mit einer andern vorüberfahren, und, als ob es an dieſem Schmerz nicht genug geweſen wäre, ſie mußte auch noch an ihm irr werden; denn was ihm ſeit Wochen ein Geheimniß war das hatte das Mädchen, hierin der weiblichen Natur keines⸗ wegs ungetreu, ſchon während eines fünftägigen Aufenthalts er⸗ fahren. Dieſer eine Blick war genügend ihr jeden Wunſch eines 234 nochmaligen Zuſammentreffens zu benehmen, und das Heimweh zu ſteigern, das ſeit dem erſten Tage ihres Hierſeins in ihrem Herzen eingezogen war. Sie mußte es bitter bereuen daß ſie auch nur auf kurze Zeit die friedliche harmloſe Heimath verlaſſen hatte, wo alles klar und eben war. Hier war es nicht ſo: ſie konnte nicht heimiſch werden. Schon fünf Tage war ſie in dieſem Hauſe und wußte immer noch nicht wie ſie dran ſei. Ihr Schwager beharrte in ſeiner rückſichts⸗ vollen Höflichkeit, aber die Ehrenbezeugungen womit er ſie über⸗ häufte waren ohne Werth für ſie, weil ohne Wärme, ja ſie wurden dem ungewohnten Kinde läſtig; die ſchweigſamen Spielpartieen, die nach vornehmer Art faſt jeden Nachmittag Statt fanden, waren ihr fremd und langweilig, und ihre Schweſter behielt ein unheim⸗ liches räthſelhaftes Weſen, aus welchem ſie auf keine Weiſe heraus⸗ zutreiben war. Jeder Blick, jedes Wort der Liebe prallte von dieſem Felſen zurück. Wenn man nur einiger Maßen darüber klar geweſen wäre auf welchem Fuße man mit ihr ſtehe! Aber der Expeditionsrath ſchien es ſelbſt nicht zu wiſſen; auch ſchien er kein Organ für dieſe Rechnungsart zu beſitzen. Das arme Lott⸗ chen mochte ihr zu Liebe thun und reden was ſie wollte, ſie wußte nachher niemals ob ſie's ihr zu Danke gemacht oder ob ſie an⸗ geſtoßen habe. Ein kleines Verſehen, das dem guten Kind auf dem glatten Boden der Geſellſchaft widerfahren konnte, wurde eben ſo aufgenommen wie die freundlichſte liebevollſte Hingebung. Sie verzweifelte nach und nach, und als ſie den Freund auf jener verhängnißvollen Spazierfahrt geſehen ſo fehlte wenig daß ſie zum Zimmer und Haus hinaus und athemlos bis in die Heimath gelaufen wäre. Aber eine Zuſage band ſie: es ſtand ihr noch eine unwillkommene Ehre für den Abend bevor. Der Baron war noch immer der unermüdliche Hausfreund. Er hing an Amalien mit einer beharrlichen Ausdauer, welche ihm durch nichts belohnt wurde. Es war als ob er auf keine Weiſe davon abzubringen wäre die Naturgeſchichte dieſes ſeltſamen Ge⸗ ————V—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—x—— 235 ſchöpfs zu ſtudiren, und ſo ſchien er, im Widerſpruch mit der Leichtigkeit ſeines geiſtigen Gewichtes, doch auf der andern Seite wieder jenen grundfleißigen Forſchern zu gleichen, die ihre undank⸗ baren Bemühungen den ſtarren Hieroglyphen zugewendet haben. Lottchens friſcher Jugendreiz brachte einige Verwirrung in dieſe Studien, und er wußte ſehr gewandt zwiſchen beiden Schweſtern ſeine Huldigungen zu vertheilen, welche von Amalien mit unver⸗ ändertem Gleichmuth, von Lottchen aber mit verlegener Freund⸗ lichkeit aufgenommen wurden. Auch hier ſtand das arme Mäd⸗ chen wieder auf einem unbekannten und unſichern Boden: ein reines Gemüth, offen wie Gottes blauer Himmel und allen Künſt⸗ lichkeiten fremd, wußte ſie Convenienz und Herzlichkeit wenig zu unterſcheiden. Eine Sprache die ſo innig ſchien mußte doch, ſo kam es ihr vor, von Herzen gehen, und dieſes Herz verdiente doch einige Anerkennung. Es ſchmeichelte vielleicht nicht einmal ihrer Eitelkeit— oder wenn dieß unmöglich ſcheinen ſollte, ſo blieb dieſelbe doch ſehr im Hintergrunde— daß ein Mann deſſen Aeu⸗ ßeres keineswegs zu überſehen war, daß ein Edelmann ſie ſolcher Auszeichnung würdigte; nein, ihrer redlichen Seele war dieſes Hingeben eine Schuld die ſie nicht unabgetragen laſſen konnte. Allzu ſchlicht erzogen, wußte ſie nichts von dem weiblichen Königs⸗ rechte, ſich durch keine Unterwerfung beſtechen, durch kein Opfer irgendwie verpflichten zu laſſen. So war ſie, die alles anders nahm und alles anders gab, nach und nach in ein Netz von kleinen unwillkürlichen Zugeſtändniſſen verſtrickt worden, das, als ſie es endlich mit Schrecken bemerkte, ihr den hieſigen Aufenthalt noch unheimlicher machte. Denn in dieſem Punkte war der junge Mann nichts weniger als verwahrlost: mit hinreichender Feinheit verſtand er ſich dieſer Zugeſtändniſſe zu bemächtigen und dabei fühlbar zu machen daß es ſolche ſeien; raſch wußte er kleine Blößen der Gutherzigkeit zu benutzen und immer neue Folge⸗ rungen darauf zu bauen, welche, wenn einmal jene zugegeben waren, nicht mehr mit rechtskräftigen Gründen abgewieſen werden —eeEſ 236 1 konnten. Wenn aber ſeine ſchöne Beute die Tyrannei dieſer Fol: gerungen empfand und das Netz zu zerreißen drohte, ſo ließ er 1 wieder Züge ſehen die er recht eigentlich ihrem Herzen abgelauſcht hatte und die alle Gegenwehr dieſer Güte und Unſchuld wieder auf einige Zeit entwaffnen mußten. Eine ſolche Diverſion war die Einladung zum heutigen Trauerſpiel, wobei er ein doppeltes Opfer brachte, ein Opfer des Geſchmacks und des Standes, und die von den beiden Frauen angenommen worden war, von Ama⸗ lien der Ehre wegen, die ſie nicht zu verſchmähen ſchien, von ihrer Schweſter aus Antheil an der Dichtung die ſie einſt von einem geliebten Munde hatte loben hören, und mit einer daran geknüpf⸗ ten Hoffnung, die ſie nun ſeit ihrem unerwarteten und uner⸗ wünſchten Eintreffen mit heimlichem Jammer von ſich ſtieß. So vergingen die Stunden bis zum Abend in traurigem Stillſchweigen. An Amalien war, ſeit jenem Anblick den ſie mit Lottchen zuſammen gehabt, eine eiſige Kälte fühlbar, um deren Urſache das Mädchen nicht fragen mochte, wenn ſie auch Zeit dazu gefunden hätte vor der Bemühung ihr leiſe weinendes Herz zur Ruhe zu bringen. Nun ergab ſich aber eine unvorhergeſehene Verwicklung. Der Expeditionsrath kam nach Hauſe, über Froſt und Hitze klagend, und obgleich er wenig aus ſeiner Unpäßlichkeit machte ſo mußte er ſich doch zu Bette legen. Amalie war alſo genöthigt ſeiner Pflege wegen zu Hauſe zu bleiben. Lottchen fügte ſich gern in dieſes Hinderniß, ja, es war ihr, ſo weit ſie die Krank⸗ heit als ungefährlich betrachten konnte, ſogar willkommen, denn ſie hatte nun alle Luſt zum Theater verloren. Sie äußerte gegen Amalien ihre Bedenklichkeit allein hinzugehen. Möglich, daß es dieſer mißfiel, eine Verzichtung die ſich von ſelbſt verſtehen ſollte in eine bloße Bedenklichkeit verwandelt zu ſehen; aber durch ihre niederſchlagende Art alle Anreden aufzunehmen hatte ſie das arme Mädchen ſchüchtern gemacht, irgend etwas, und wär' es auch das Nothwendigſte und Vernünftigſte geweſen, geradezu vorzu⸗ bringen. Genug, ſie gab eine lakoniſche Erwiderung, welche eher 237 ſo zu deuten war als mißbillige ſie es daß Lottchen ihre Zuſage zurücknehme. Aber ich ſollte doch zu Hauſe bleiben um dir an die Hand zu gehen, ſagte Lottchen, die gar zu gern einen Grund gehabt hätte mit ihrem Herzen ungeſtört zu ſein. Ich brauche niemanden, das darf dich nicht abhalten, verſetzte Amalie mit jener tonloſen Gleichgiltigkeit der es unmöglich iſt ihren wahren Sinn abzugewinnen. In dieſem Augenblick der Rathloſigkeit hörte man einen Wagen vorfahren. Gott, es iſt der Baron! rief Lottchen, die ans Fenſter geſprungen war: er kommt mit dem Wagen! So? ſagte Amalie trocken. Sprich, Schweſter, was ſoll ich thun? Das ſteht dir frei, das iſt deine Sache, verſetzte jene: nur wünſche ich nicht daß du meinetwegen zu Hauſe bleibeſt. So abgewieſen, ging Lottchen halb trotzig halb gehorſam auf ihr Zimmer, um den angefangenen Anzug zu vollenden. Der Baron konnte, ſo ſehr er Meiſter ſeiner Mienen war, doch kaum ſeine Freude verbergen, als er hörte daß er mit dem Mädchen allein ſein ſollte. Hätte Amalie von Anfang an ſchärfer zugeſehen, hätte ſie ihm nicht ſo oft während ihrer Spielpartieen freie Hand gelaſſen, gewiß ſie wäre dießmal vorſichtiger und wach⸗ ſamer geweſen. Lottchen kam und ſagte mit einer Verſtimmtheit die ihrer Schweſter zu ſpät auffiel guten Abend, der Wagen fuhr ab und nach einigen Augenblicken ſaß ſie an der Seite ihres vornehmen Beſchützers in der Loge. Gepeinigt von den Schmerzen um ihren Freund, verlegen unter den vielen fremden Geſichtern die ſich nach ihr umſahen, gedrückt unter den vielen geputzten Geſtalten, wußte ſie ſeine Galanterieen kaum zu erwidern. Der Vorhang ging auf und das Drama beſchäftigte ſie eine Weile, aber die haarſcharfen Schrauben und Spitzen des Dialogs drangen ihr nicht ins Herz, und als ihr bei einer zufälligen Wendung Heinrich ins Auge 238 fiel, war ſie für die übrige Fabel ſo gut wie verloren. Er ſah verſtört aus und ſtand ſtarr wie eine Bildſäule. Sie ſah ihm genauer ins Antlitz: ſeine Augen gingen nicht auf die Bühne, ſie gingen nirgends hin. Was mochte er haben? Dieſe Frage beſchäftigte ſie während des ganzen Stücks, und ſie hatte Mühe in den Zwiſchenacten ihrem Begleiter die ſchickliche Aufmerkſam⸗ keit zu erweiſen. Deſto mehr nahm dieſen das deutſche Trauerſpiel in Anſpruch, zu dem er mit ſo geringen Erwartungen gekommen war. Es ſchien ihm als ob hier ſeine eigene Angelegenheit ver⸗ handelt würde, und mit ungemeiner Spannung folgte er den In⸗ triken des ſchlauen Miniſters, deſſen raſche Geiſtesgegenwart er bewunderte, während er dachte, der Dichter hätte nicht nöthig ge⸗ habt ihn ſo ſchlecht zu machen. Ein verwegener, wahnſinniger Gedanke ſtieg in ihm auf, den er immer wieder zu unterdrücken ſuchte; aber es war als ob Marinelli ihm alle Zweifel wegſcherze, er konnte nicht widerſtehen und wie verzaubert oder trunken ſtand er endlich auf um draußen ſeinen Bedienten zu rufen und zu un⸗ terrichten. Selten wohl hat eine Dichtung ſo toll, ſo verkehrt gewirkt! Er ſprach mit dem Bedienten, ſchickte ihn zum Wagen und ließ den Kutſcher kommen, gab dieſem ausführliche Befehle, war zwei halbe Acte abweſend, und als er zurück kam hörte er eben wie Emilia von ihrem jugendlichen warmen Blute ſprach; mit einem leichten Lächeln wandte er ſich zu ſeiner Nachbarin, aber dieſe ſah ins Parterre und hatte nicht Acht gegeben. Er ließ ſie gewähren und dachte ſeinen Planen nach. Nun wollte ihm doch bang werden, aber er mochte den Schritt nicht widerrufen, er fürchtete ſich vor dem unterdrückten Spotte ſeiner Dienerſchaft. Lottchen indeſſen hing mit unverwandten Blicken an ihrem Freunde; ſie konnte ſich nicht ſatt ſehen. Er war ſchöner, voller geworden, ſeine Haltung hatte etwas Feineres als ſonſt; ach! da fiel ihr ein in welchem Umgang er ſich dieß erworben habe, und ein Seufzer dehnte ihr die Bruſt bis zum Zerſpringen aus. Das Stück war zu Ende, ihr Beſchützer legte ihr den Mantel 239 ſo langſam als möglich um, und ſie verließen die Loge. Das Stück hat im Ganzen ziemlich kurz gedauert, ſagte er draußen und wollte nach der Uhr ſehen. Ciel! er hatte ſie verloren. Er rief laut und lang, daß alle Vorübergehenden es hörten, nach ſeinem Be⸗ dienten, und ſchalt als dieſer nicht kam mit gut geſpieltem Grimm auf den armen Teufel, der ſchon ſeit einer Viertelſtunde im Ga⸗ lopp voraus war. Das gute Landmädchen, beſorgt um die koſt⸗ bare Uhr, die ſie noch vor kurzer Zeit geſehen hatte, erbot ſich ihm ſuchen zu helfen. Sie ſuchten in der Loge und im Gang, und fanden nichts. Inzwiſchen hatte ſich das Publicum faſt ver⸗ loren, der Baron machte ſie ſelbſt darauf aufmerkſam und ergab ſich mit gezwungenem Lächeln in ſein Schickſal. Was iſt die Zeit in Ihrer Nähe? ſagte er. Sie ſtiegen ein und der Wagen fuhr fort. Lottchen, zwiſchen einer anziehenden Erzählung ihres Begleiters, der mit raſch ein⸗ geſtreuten Fragen ihre Aufmerkſamkeit beiſammen hielt, zwiſchen den Gedanken an Heinrich und den Nachwirkungen der Tragödie, ſo viel ſie davon geſehen hatte, getheilt, merkte erſt ſpät wie lang die Fahrt ſchon daure. Der Wagen war ſehr tiefſitzig, und ſie mußte ſich erheben um aus dem Fenſter zu ſehen. Der Baron kam dieſer Bewegung zuvor, ſah auf der andern Seite hinaus und rief ſo laut daß der Kutſcher ihn hören konnte: Höll' und Teufel! die Pferde ſind läufig geworden! und wirklich flog in dieſem Au⸗ genblice der Wagen wie vom Sturm geführt dahin. Lottchen that einen angſtvollen Schrei; er zog ſie ſanft auf ihren Sitz zu⸗ rück, bat ſie ja nichts Verzweifeltes zu thun, ſondern ruhig den Ausgang des Abenteuers abzuwarten, und verſicherte daß der Kutſcher ſeines Gleichen in der Welt nicht habe, daß ihm noch nie ein ſolcher Streich widerfahren ſei, daß es gewiß keine Gefahr haben werde, und dergleichen mehr. Sein Gleichmuth in dieſer mißlichen Lage beruhigte das argloſe Mädchen einiger Maßen. Dazwiſchen rief er von Zeit zu Zeit den Kutſcher an und erhielt jedesmal eine tröſtliche Antwort. Die Racker, ſagte der Burſche 240 endlich lachend, laſſen ſich links und rechts führen, wie's beliebt, nur halten wollen ſie ums Teufels willen nicht. Sie ſind zu lang im Stall geſtanden, fügte der Baron hinzu: wenn ſie ſich müd' gelaufen haben ſo werden ſie ſchon gut thun. Ach! jammerte Lottchen: meine Schweſter! mein Schwager! wie werden ſie warten! was werden ſie denken! Das iſt noch das Geringſte! rief der Baron noch kläglicher: die ſind bald und leicht aufgeklärt. Ich bin in weit größerer Ver⸗ legenheit: ich habe auf dieſen Abend Revanche bei einer Spiel⸗ partie zugeſagt, und wer wird an eine ſolche Entſchuldigung glauben? Der Zeit nach zu urtheilen hatten ſie in toller Eile einen ſehr bedeutenden Raum zurückgelegt, als die Pferde auf einmal lang⸗ ſamer gingen. Lottchen fuhr ans Wagenfenſter und bemerkte daß ſie von der Fahrſtraße abgekommen waren und mitten im Wald einen ſteilen Berg hinanfuhren. Gottlob! rief ſie: die Gefahr iſt vorüber; aber wo ſind wir denn? Der Baron rief den Kutſcher herbei, der abgeſtiegen war und neben den Pferden herging, und befahl ihm nähere Auskunft über den Vorfall zu geben. Wir waren, erzählte der Menſch, ſchon an des Herrn Expe⸗ ditionsraths Haus gekommen, und ich wollte eben anhalten, als einer mit einer Laterne vorübergeht; den reitet der Teufel daß er ſie plötzlich in die Höhe halten muß, der Schein fällt den Beſtien in die Augen, und mir nichts dir nichts brechen ſie durch und davon, als ob ſie brennendes Stroh im Leibe hätten. Da war nichts zu halten; faſt hätten ſie mich vom Bock'runter geriſſen. Ich kann noch jetzt nicht begreifen wie wir um die Ecken herum und zur Stadt hinausgekommen ſind. Der gnädige Herr und das Fräulein, ſetzte er luſtig hinzu, habens erſt ſo lang nicht gemerkt. Eine ſehr unangenehme Empfindung ſtieg bei dieſen Worten in Lottchen auf, ſie ſuchte ſie zu unterdrücken und ſagte: Da müßten wir der Richtung nach im Schönbuch ſein. 241 Ohne Zweifel, verſetzte der Baron, ihren Irrthum begierig ergreifend, und fragte den Kutſcher: haſt du ſchon nach Stuttgart eingelenkt, Johann? Gewiß, gnädiger Herr! Ich denk', wir werden bald wieder drunten ſein. Ja, ja, ganz recht! wandte ſich der Baron zu Lottchen: ſehen Sie, dort geht eben der Mond auf! Er ſteht uns gerade ent⸗ gegen: alſo waren wir nach Weſten gefahren, und kehren jetzt nach Oſten zurück. Kein Zweifel; wir haben die rechte Richtung. Dieß leuchtete ihr ein, aber ſie wußte freilich nicht daß ſie ſchon vom Theater an in Einer und derſelben Richtung gefahren waren, und ſich auf einer den weſtlichen Wäldern gerade entgegen⸗ geſetzten Seite befanden. Der Berg war erſtiegen, und die Reiſe ging auf ungebahnten Waldpfaden, die den Wagen von einer Seite zur andern warfen, weiter, bald eben bald ziemliche Anhöhen hinab und wieder hinauf. Der Baron befahl dem Kutſcher einmal übers andre, er ſolle doch ſehen daß ſie wenigſtens einen Ort erreichen; aber dieſer ſchien von allem was man ihn hieß das Gegentheil thun zu müſſen: ſie kamen zu keiner Menſchenwohnung und die Wildniß wurde eher dichter und unwegſamer. Hätte Lottchen genauer hingeſehen oder mehr davon verſtanden, ſo würde das Nadelholz, das jetzt häufig mit den Buchen abwechſelte, ihr verdächtige Aufſchlüſſe über die Gegend und über die Entfernung von der Hauptſtadt gegeben haben. Sie war, wie der Kutſcher auf dem Bock vor ſich hin murmelte, ſie war ſchon ſo weit von Stuttgart weg daß ſie dort keinen Hahn mehr nach ihr krähen hören konnte. Je mehr die Tannen zunahmen deſto breiter und weicher wurde der Weg. Lottchen, die oft genug vergebens nach Stutt⸗ gart gefragt hatte, überließ ſich endlich ihrem Verhängniß, da ſie zugeben mußte daß ſie jetzt doch jedenfalls zu einer ungewöhnlichen Stunde nach Hauſe kommen würde. Von der langen Angſt und den Stößen des Wagens erſchöpft, legte ſie ſich in die Ecke und Schiller's Heimathjahre. I. 16 242 ließ ſich zur Ruhe wiegen; doch konnte ſie nicht ſchlafen und dachte mit halboffenen Augen ihren Sorgen nach. Da bemerkte ſie daß ihr Begleiter leiſe lauernd näher rückte und ſich über ſie herab⸗ beugte; aber im Augenblick wo er ſie küſſen wollte ſtieß ſie ihn heftig zurück und bat ihn um Gotteswillen, ihre hilfloſe Lage nicht zu benützen, wenn ſie nicht argwöhnen ſollte daß er das ganze Abenteuer mit böſer Liſt abſichtlich angeſtellt habe. Er betheuerte bei allen Heiligen, er ſei ſo unſchuldig wie das Kind im Mutterleibe, erklärte aber den Zufall für ſo wunderbar gütig und führte ſo zärtliche Reden daß das Mädchen ihm mit ſehr beklemmtem Herzen zuhörte. Sie rückte weg und duckte ſich ſo gut ſie konnte in ihr Eckchen. Ein zweiter Angriff ward wie der erſte zurückgeſchlagen, ein dritter eben ſo, aber als die Scene leidenſchaftlicher zu werden drohte nahm ſie ſich zuſammen und ſagte: Wir ſind hier allein und ich kann auf keine Hilfe hoffen, denn Ihr Kutſcher wird für ſolche Bedrängniſſe taub ſein. Ich habe nur Eine Waffe, ſie iſt meiner und Ihrer unwürdig. Zwingen Sie mich nicht dazu! So wahr Gott lebt, wenn Sie's nicht an⸗ ders haben wollen, gnädiger Herr, ich kratze Ihnen die Augen aus!— Zum erſten Mal ſeit der ganzen Bekanntſchaft hatte ſie „gnädiger Herr“ geſagt, was in dieſem Zuſammenhange ſehr komiſch ließ und den jungen Edelmann zum lauten Lachen brachte. Sie ließ ſich aber dadurch nicht verwirren, ſondern fuhr mit großem Ernſte fort: Oeffnen Sie mir augenblicklich den Wagen, oder ich ſchlage das Fenſter entzwei! Laſſen Sie mich hinaus! ich will lieber im wilden Walde verkommen als länger ſo bei Ihnen ſein. Da ſie ſich auch wirklich anſchickte dieſe Worte durch die That zu bekräftigen, ſo bot er Frieden und gab ihr ſein aufrichtiges Ehrenwort, nichts mehr, ſo lang ſie ſich in dieſem Wagen befinde, gegen ihre Ruhe vornehmen zu wollen. Ueberhaupt fing er ſeinen verzweifelten Einfall zu bereuen an: die tiefe Beſtürzung, der hohe Ernſt und das ganz verwandelte Weſen der Jungfrau zeigten ihm wie wenig er zu hoffen habe. Er warf ſich mürriſch und — 243 verdutzt in ſeine Ecke, und ſchien endlich zu ſchlafen. Auch Lott⸗ chen, die ſeinem Ehrenworte vertrauen zu dürfen glaubte, über⸗ ließ ſich nach ſo vielen Erſchütterungen einem ſpäten Schlummer, der nicht weiter geſtört wurde. Ein dumpfes Geraſſel erweckte ſie. Sie fuhr auf und ſah im dämmernden Morgenlichte wie die ermüdeten Roſſe den Wagen langſam durch einen gepflaſterten Thorweg zogen. Auch ihr Ent⸗ führer hatte ſich ermuntert und blickte verlegen zu ihr herüber. Sie ſah ihm in die überwachten Augen und fand ihn ganz fremd und verändert: ſie konnte gar nichts mehr von dem entdecken was ihr ſonſt an ihm gefallen hatte; er kam ihr garſtig und abſcheu⸗ lich vor. So gewiß iſt es daß jede blinde Leidenſchaft, jede trübe Gluth bei einem reinen Mädchen die entgegengeſetzte Wirkung hervorbringt, daß nur natürliche, freie Entwicklung der Neigungen die Liebe zu einem heitern, reueloſen Ziele führt. Ein Diener kam herbei und öffnete den Wagenſchlag. Du hier, Friedrich? rief der Baron mit erheucheltem Staunen: wo ſind wir denn? Andre eilten herzu. Willkommen, gnädiger Herr! riefen ſie: willkommen auf Ihrem Schloſſe! Nun verſteh' ich die geſcheiden Beſtien erſt! ſagte der Kutſcher lachend: ſie hatten das Heimweh. Wie ſie nur den Weg ſo gut gefunden haben? Da fiel es der Jungfrau wie Schuppen von den Augen. Sie ſtieß den Baron, der inzwiſchen ausgeſtiegen war und ihr heraus⸗ helfen wollte, zurück und rief: Alſo ein abgemachtes Bubenſtück war es! Aber es wird noch Gerechtigkeit zu finden ſein in Wir⸗ tenberg, ich hoffe es. Ich will, ich befehle daß Sie mich ohne Verzug in dieſem Wagen nach dem nächſten Städtchen bringen laſſen— denn weiter mag ich mich Ihren Helfershelfern nicht anvertrauen— und ich verſpreche Ihnen daß Ihr Vergehen keine ſchweren Folgen haben ſoll; aber hüten Sie ſich, ſo lieb Ihnen Ihr Kopf iſt, die Sache weiter zu treiben. Ich bin in Ihrer 244 Gewalt, wenn Sie ein Verbrechen begehen wollen; unentdeckt wird es nicht bleiben, und die Geſetze werden ein armes, ſchändlich mißhandeltes Mädchen rächen. O mein Vater! mein alter Vater! rief ſie und ihr Zorn ſchmolz in eine Fluth von Thränen hin. Der junge Mann war beſtürzt bei dieſem Auftritt: ein ſol⸗ ches Ende ſeines unüberlegten Streiches hatte er nicht erwartet; er erkannte die Jungfrau gar nicht wieder, die ihm erſt ſo leicht in die Schlingen ſeiner Artigkeiten gegangen war. Ge⸗ ſcholten wie ein Knabe ſtand er vor ſeinem Geſinde, und hatte nicht den Muth irgend etwas Entſcheidendes zu thun. Endlich faßte er ſich und bat ſie mit ſanften, beſcheidenen Worten, nur jetzt kein Aufſehen zu machen; das Mißverſtändniß werde ſich ja geben; es ſolle alles geſchehen was ſie wolle; nur keinen unver⸗ züglichen Aufbruch ſolle ſie verlangen, denn die Pferde ſeien nicht im Stande ſchon wieder Dienſte zu leiſten, und ſie ſelbſt bedürfe der Ruhe ſehr. Mit einer geſchickten Wendung hob er ſie bei die⸗ ſen Worten aus dem Wagen und wollte ſie triumphirend über den Hof geleiten; aber ſie hatte ſich ihm ſchon wieder entriſſen und rief heftig: Nicht einen Augenblick will ich mit Ihnen unter Einem Dache ſein! Was Sie mit Liſt angefangen haben mögen Sie mit Gewalt vollenden, aber mit meinem Willen ſoll nichts geſchehen was einer Beiſtimmung ähnlich ſieht; ich rufe alle dieſe Leute zu Zeugen auf! Sie ſah ſich im Kreiſe um und gewahrte eine häßliche alte Frau, in deren Miene ſie Theilnahme zu leſen glaubte. Es war doch ein weibliches Weſen, und mit einem Laut der Freude eilte ſie auf ſie zu. Bei Euch will ich bleiben, gute Fraul rief ſie: ſei Eure Wohnung beſchaffen wie ſie wolle, mir ſoll ſie anſtändig ſein! Gönnt mir einen Aufenthalt von ein paar Stunden, und dann begleitet mich, am liebſten zu Fuße, nach der nächſten Stadt. Es wird doch Beiſtand zu finden ſein, ich bin ja nicht unter Tür⸗ ken und Tartaren. Sie nahm ſie dringend bei der Hand und zog ſie fort, indem .“ ————————— —— 245 ſie gegen den herantretenden Junker eine abwehrende Gebärde machte. Dieſer aber gab der Alten hinterrücks einen Wink und ließ dieſelbe ungehindert mit ihrem Schützling gehen. Seinen Dienern nahm er unter freundlichen und ſtrengen Ermahnungen das Verſprechen der Verſchwiegenheit ab, ließ etwas davon fallen daß man die Sache auf eine vernünftige Weiſe wieder in Ord⸗ nung bringen müſſe, und begab ſich, von ihnen gefolgt, in das Schloß. 5. Weg haſt du aller Wegen, An Mitteln fehlts dir nicht. Altes Kirchenlied. Lottchen wurde von der Alten wieder durch den Thorweg zurückgeführt wo ſie hereingefahren war; ſie gingen ſeitwärts an einem Meiereigebäude vorüber, deſſen freundliche Wände und neue Fenſter der armen Verfolgten zu winken ſchienen. Aber ihre Hoffnung war vergebens: die Alte ging vorbei ohne ſich aufzu⸗ halten, und bedeutete ſie mit der Hand raſch zu folgen. Hinter der Meierei zog ſich der Weg längs des Schloſſes hin und führte zu einem Thurme, der eine abgeſonderte Warte zu ſein ſchien, aber mit dem alten Herrenhauſe in Verbindung ſtand. Die Alte⸗ ſchloß eine Thür an ſeinem Fuße auf und bat das Mädchen ein⸗ zutreten; Lottchen aber weigerte ſich und wollte in der Meierei ein Unterkommen finden. Das geht nicht, ſagte die Alte: wenn Sie bei mir ſein wol⸗ len, Fräulein, ſo müſſen Sie ſich hier bequemen, denn hier iſt meine Wohnung; der Meier iſt unverheirathet und Sie finden keine weibliche Seele in ſeinem Hauſe. Lottchen ſah ihr genau ins Geſicht; es war nichts Verdäch⸗ tiges darin zu leſen, und doch konnte ſie ſich nicht entſchließen ihr zu trauen. Ein raſcher Gedanke fuhr ihr durch den Kopf: die Alte ſchien ſchwach von Kräften und in dieſem Augenblick ohne Beiſtand zu ſein— wie wenn ſie ihr entwiſchen könnte? Sie ſchaute ſchnell umher, aber ach, in der Ferne waren Leute auf dem Feld beſchäftigt, gewiß Eigene ihres Entführers, die ihr die Flucht zu verſperren drohten. Verſuchen Sie's einmal, fuhr die Alte fort: das Neſtchen iſt nicht ſo unwohnlich wie's von außen ſcheint. Kommen Sie nur, Sie werden ſich wundern. Lottchen war zum Umſinken erſchöpft; wenn ſie Ruhe finden wollte ſo mußte ſie ſich in ihre Lage fügen. Sie ſtiegen zwei Treppen hinan und betraten ein allerliebſtes rundes Zimmerchen, mit etwas altmodiſchem Hausrathe behaglich angefüllt; ein friſch überzogenes Bett auf der einen und ein großer gemalter Ofen⸗ ſchirm auf der andern Seite vollendeten die Ausſtattung. Die Alte ſagte, dieß ſei ihr Gaſtſtübchen, und ſie ſelbſt wohne unten. Dann trippelte ſie fort um einen Kaffee zu kochen, brachte dazwi⸗ ſchen Hauskleider und war ihrem ſchönen Gaſt beim Umkleiden behilflich. Lottchen verwunderte ſich über den jugendlichen Schnitt der Gewande, und erfuhr, ſie gehören einer Nichte die dann und wann zum Beſuch hier erſcheine, aber nur wenn der Herr abwe⸗ ſend ſei. Die Alte war, wie aus ihren Reden hervorging, ſeine Schaffnerin und das einzige Frauenzimmer das er, einen zwei⸗ deutigen Anſtand beobachtend, in ſeinen Dienſten hielt. Bald dampfte auf dem Tiſchchen ein herrliches Frühſtück, das überwachte, geängſtigte Mädchen von Grund aus erquickend. Ihre Wirthin lud ſie ein ſich zur Ruhe zu legen, und verließ das Zimmer. Lottchen ging gedankenvoll auf und ab und trat ans Fenſter, von wo ſie nach der Meierei und weiterhin über endloſe dunkle Waldungen hinſah. Dann warf ſie ſich aufs Bett, gab ſich der Pein ihrer hilfloſen Lage hin, dachte an ihren ehrwürdigen Vater, an das Schickſal ihrer Schweſter, und weinte bitterlich. Endlich aber ſiegte die bis zum Aeußerſten angegriffene Natur, und ſie fiel in einen ſchlummerartigen Zuſtand, aus dem ſie in unruhigen Träu⸗ men bald ſchluchzend bald ſchreiend hundertmal wieder emporfuhr. So zwiſchen Schlaf und Wachen hinſchwebend glaubte ſie auf einmal in der Nähe ein Geräuſch zu hören. Sie richtete ſich auf und horchte, den Kopf auf den ſchönen Arm geſtützt. Alles war wieder ſtill. Da richtete ſich ihr Auge zufällig auf den Ofen⸗ ſchirm, deſſen ſeidene Wand an einigen Stellen zerriſſen war, und ſie ſah ganz deutlich die Bewegung einer dahinter verborgenen Geſtalt. Mit einem Schrei ſprang ſie vom Bett herab und eilte nach der Thüre. Aber dieſe war geſchloſſen. Um Gotteswillen! rief Lottchen mit Entſetzen: wer iſt da? Gut Freund! antwortete die Stimme des Barons. Er ent⸗ fernte den Schirm, hinter welchem ſtatt eines Ofens eine kleine Thüre zum Vorſchein kam. Auch er ſchien geſchlafen zu haben, denn er ſah friſch und blühend aus, und ſtand in einem knappen Jagdkleide mit entzückten Augen vor dem Mädchen, in deſſen ver⸗ ändertem Anzug eine gewiſſe Aufforderung zur Vertraulichkeit für ihn zu liegen ſchien. Eh' er aber einen Schritt näher treten konnte, war ſie von der Thüre nach dem Tiſch geſprungen, griff zum nächſten beſten Gegenſtand und ſchleuderte ihm eine Taſſe entgegen, die ihm die Haare ſtreifte und an der Wand in hundert Scherben zerfuhr. Noch hatte dieſe ihr Ziel nicht erreicht als Lottchen ſchon die Kaffeekanne in der Hand hielt und drohend gegen ihren Angreifer ſchwang. Laſſen Sie uns Waffenſtillſtand ſchließen, meine ſchöne Gefan⸗ gene! rief dieſer und nahm ſich einen Seſſel in beträchtlicher Ent⸗ fernung von ihr: ſtecken Sie ein oder vielmehr ſetzen Sie ab! Ciel, wenn Sie einen Mord begehen würden! Mein Juſtizamt⸗ mann ſeufzt ſchon längſt nach einem Maleficanten, und dieſer Götternacken wäre doch wahrlich zu gut für ihn. Legen Sie die Waffen nieder und reſpectiren Sie dieſe Friedensflagge. Er ſchwang ſein Taſchentuch mit Grazie gegen ſie und ſetzte ſich. Auch Lottchen nahm Platz, denn ihre Kniee zitterten, doch rückte ſie den Tiſch zwiſchen ſich und ihren Feind und ſah mit 249 kampfbereiten Blicken nach ihm hinüber, keineswegs beruhigt durch den muthwilligen Ton den er angenommen hatte. Sehen Sie, eröffnete er die Friedensverhandlungen, ich habe einen dummen Streich begangen; das iſt mir jetzt ſehr klar, und ich bekenne es freimüthig. Nehmen Sie ſich ein Exempel an dieſer Aufrichtigkeit und geſtehen Sie daß auch Sie nicht ganz außer Schuld ſind. Sie haben mir Hoffnungen eingeflößt die ich jetzt mit Erſtaunen getäuſcht ſehe, Sie haben mir Avancen gemacht— Bei dieſen Worten war es der Jungfrau als ob ihr das Herz von einer kalten Hand in der Bruſt umgekehrt würde. Sie fuhr empor und unterbrach ihn: Wie? rief ſie, erröthen Sie nicht, ein Mädchen dem Sie mit gutem Gewiſſen nicht in die Augen ſehen können ſo herabwürdigen zu wollen? Hätt' ich geahnt wie gren⸗ zenlos meine vertrauende Freundlichkeit von Ihnen mißdeutet wer⸗ den würde, o wie wollt' ich Sie von Anfang an nach Verdienſt behandelt haben! Trachten Sie nicht meine unerfahrene Güte bei mir ſelbſt zu erniedrigen. Es iſt das Einzige was ich noch habe, mein gutes Bewußtſein. Vergiften Sie es nicht mit Ihren glatten höhniſchen Worten; nein, lieber werfen Sie die Maske ab, die Ihnen ſo übel ſteht, und brauchen Sie Ihre ganze Macht gegen mich! laſſen Sie Ihre feilen Knechte kommen— Der Baron ſprang erbittert auf und ſtampfte auf den Boden. Sie dürfen mich nicht lang mehr reizen, rief er: bei Asmodi und Belphegor, ich hin ſehr geſonnen nach Ihren Worten zu thun! Lottchen war einer Ohnmacht nahe, aber ſie bot alle ihre Kräfte auf und rief emporſpringend: Gehen Sie, werfen Sie zuvor einen Blick in Ihren Adelsbrief, und dann kommen Sie wieder mit Ihren Henkern. Er ſah ihr mit Bewunderung in die flammenden Augen. Gott, rief er unwillkürlich, wie ſchön Sie ſind! Nein, fürchten Sie nichts von mir. Aber auch Sie müſſen ſich mäßigen, wenn Ihre Sprache mich nicht zum Aeußerſten bringen ſoll. Er ſetzte ſich wieder und gab ihr einen Wink das Gleiche zu abſchließen. Um Ihren Ruf brauchen Sie nicht beſorgt zu ſein: thun. Mort de ma vie!l rief er: Sie kleine Heldin! Sie könnten ja eine ganze Reichsarmee aus der Faſſung bringen. Wo haben Sie denn dieſe prachtvollen Augen her? Wie? was haben Sie 1 da von dem Briefe geſagt? Es war glanzvoll gegeben! Nein, bei allen meinen Ahnen! das alte Pergament dürfte ſich Ihrer nicht ſchämen. Gerade heraus! wollen Sie's mit mir theilen? wollen Sie?— Sehen Sie mich nicht ſo ungewiß an! Sie ver⸗ ſtehen mich wohl. Keine Verſtellung! wollen Sie? Er ſtreckte ihr die Hand entgegen. Sie wehrte ſie ab: Und wenn ich das für einen neuen Kunſtgriff nähme, ſagte ſie, könnten Sie mir's verargen? Er ſprang auf, trat vor ſie hin und legte feierlich die Hand auf den Tiſch: Ich gebe Ihnen mein ritterliches Wort daß es mein Ernſt iſt, rief er. Und im Vertrauen geſagt, es iſt die ver⸗ nünftigſte Art wie wir beide uns aus der Affaire ziehen können. Sie blickte eine Weile vor ſich nieder, denn der letzte Grund hatte ſeine Wirkung nicht verfehlt; allmählich aber begann ſie das Köpfchen zu ſchütteln, und immer ſtärker; dann ſah ſie ihn ernſthaft an und ſagte: Ich habe Unrecht gethan Sie zum Schwur herauszufor⸗ dern. Glauben Sie mir, wir taugen nicht zuſammen; wir würden nicht glücklich ſein. Er biß ſich auf die Lippen und ſetzte ſich. Auch gut! ſagte er: es wäre vielleicht wieder ein dummer Streich geweſen. Nun alſo, da wir nicht zuſammen taugen, wie machen wir's daß wir 4 aus einander kommen? 1 Geben Sie mich den Meinigen zurückl rief ſie innig bittend: noch in dieſer Stunde laſſen Sie anſpannen! Ich will Ihnen 4 alles verzeihen! Sie können ſich ja ſelbſt vorſtellen daß das für meinen Ruf das Beſte iſt. Was kümmert ſich ein ſo ſtolzes Bewußtſein um den? verſetzte er. So ohne alle Bedingung kann ich Sie nicht los⸗ laſſen— ich bin zu weit gegangen— wir müſſen einen Tractat 251 niemand weiß um das Geheimniß als die Ihrigen und ein paar meiner Leute, die ſchweigen werden. Und die Ihrigen— Wiſſen gar nichts als daß ich nicht nach Hauſe gekommen bin! rief Lottchen. Bedenken Sie doch nur daß man überall fragen und klagen wird! Wiſſen Sie was? ſagte er: ſetzen Sie ſich geſchwind und ſchrei⸗ ben Sie ein Brieſchen, das ich augenblicklich durch einen Courier abſende. Sie ſagen, Sie ſeien wohl, man möchte ſich ſtille halten und die Aufklärung abwarten, oder wie Sie das geben wollen. Nimmermehr! rief ſie empört: das würde mich ja in ein ganz falſches Licht bei den Meinigen ſetzen. Sehen Sie da? hab' ich Sie wieder ertappt daß Sie's noch immer nicht ehrlich meinen? Aber nur zu! Sie ſpinnen Ihre Ränke gegen ſich ſelbſt: wenn die Sache Aufſehen macht ſo kann man auch Sie nicht ſchonen. Sie können ruhig ſein, erwiderte er: ich habe dafür geſorgt daß man nicht nachforſcht, nicht klagt, und daß überhaupt kein unnöthiger Skandal gegeben wird. Fragen Sie nicht, ich ſage nichts weiter. Und nun, meine ſchöne Freundin oder Feindin, welches von beiden Sie ſein wollen, das hängt nicht ſo ganz von Ihnen ab wie Sie meinen; denn je länger Sie hier mein Gaſt geweſen ſind deſto mehr haben Sie Urſache zur Verſchwie⸗ genheit und deſto weniger hab' ich nachher von Ihrer Verfolgung zu fürchten. Auch gebe ich noch nicht alle Hoffnung auf, das Trotzköpfchen doch noch etwas zahmer zu machen; vielleicht taugen wir am Ende beſſer zuſammen als Sie ſich bis jetzt ſchmeicheln wollen. Auf Wiederſehen, meine liebenswürdige Arreſtantin— und, Scherz bei Seite, Unritterliches haben Sie nichts von mir zu fürchten. Er verbarg Verdruß und Verlegenheit hinter einem imponi⸗ renden Lächeln, grüßte mit einer Handbewegung, und verſchwand nach der Seite von welcher er gekommen war. LCottchen ließ es ihr Erſtes ſein an die von der Alten verſchloſſene Thüre zu eilen und den Riegel von innen vorzuſchieben. Hierauf ſetzte ſie ſich, um 252 die völlige Entfernung des Barons abzuwarten, und dann zu verſu⸗ chen ob der geheime Zugang deſſen er ſich bedient nicht auch für ſie einen Ausweg hoffen laſſe. Unruhig ſprang ſie wieder auf, ging nach allen Richtungen im Zimmer hin und her und trat endlich ans Fenſter. Sie ließ die Augen ungeduldig und in die Wette mit den beneidenswerthen Vögeln über die Wälder hinſchweifen, da erblickte ſie— nein! war ers oder war ers nicht? dort am nahen Waldſaum! er wars! In dem Jagdkleide von vorhin, von einem Bedienten begleitet der zwei Gewehre trug, ritt er in den Wald hinein, um die mißlungene Jagd mit einer glücklicheren zu vertauſchen. Fort! fort! riefen tauſend Stimmen in ihr: der Augenblick iſt gekommen! Es klirrte an der größeren Thüre; ſie hörte wie man von außen aufſchloß und dann klinkte und drückte, da der innere Riegel widerſtand. Machen Sie doch auf! rief die Stimme der Alten: ich bringe Ihnen zu eſſen. Ich begehre nicht zu eſſen! erwiderte Lottchen und befahl dem verrätheriſchen Weibe mit harten Worten ſich zu trollen. Nun erſt wagte ſie die unbekannte Gegend hinter dem Ofen⸗ ſchirme zu unterſuchen. Das Thürchen gab dem leiſeſten Drucke nach; es war nicht verſchließbar, konnte alſo nicht zu ihrer Ein⸗ ſperrung, aber auch nicht zu ihrem Schutze dienen. Sie gelangte durch daſſelbe in eine ſchmale Galerie die ins Schloß hinüberführte, und deren Anblick ihr beim Kommen durch den Thurm entzogen geblieben war. Am Ende der Galerie öffnete ſie eine Thüre und trat in eine Waffenkammer, wo roſtige Schwerter, Lanzen, Morgen⸗ ſterne und Hellebarden mit neuen Jägerwaffen in bunter Zuſam⸗ menſtellung durch einander lehnten und hingen. Einen flüchtigen Blick warf ſie auf dieſe Geräthſchaften und ſchritt ohne Verzug hindurch. Mit klopfendem Herzen flog ſie auf die entgegengeſetzte Thüre zu, um ihr Heil an derſelben zu verſuchen. Aber ach, die Thüre war von außen verſchloſſen, und verarmt an Hoffnung — 253 mußte Lottchen den Rückzug in ihr Thurmgefängniß erwählen. Sie trat jedoch dieſen nicht an ohne zuvor den Riegel vor die Thüre geſtoßen zu haben. Indem ſie durch die Kammer zurück⸗ ging, hatte ſie den Einfall, ein paar Piſtolen, die leichteſten die ſie finden konnte, und einen ſchön gearbeiteten Hirſchfänger mit⸗ zunehmen, und ſie erſchrack vor ſich ſelbſt, als ein ſpiegelblanker Schild ihr zeigte, wie ſeltſam ſie, die ſchüchterne Jungfrau, in dem Waffenſchmuck erſchien. Zum Ueberfluß verſchloß ſie auch die nach der Galerie zurückführende Thüre feſt, indem ſie den roſtigen Schlüſſel mit äußerſter Anſtrengung mehrmals umdrehte. Dann unterſuchte ſie die Galerie genau. Dieſelbe hatte keinen andern Ausgang, und ſo überzeugte ſie ſich, in ihr Zimmerchen zurück⸗ kehrend, daß auf dieſem Wege an kein Entkommen zu denken ſei; doch hatte ſie in ihrer Niedergeſchlagenheit den Troſt, in der Rüſt⸗ kammer ſich gegen jeden weiteren Ueberfall vom Schloſſe her ge⸗ ſichert zu haben, und hoffte nun für ihre Erlöſung auf eine ſpätere, ſtillere Stunde: denn die Nacht war ſie feſt entſchloſſen nicht mehr in dieſem Kerker zuzubringen. Sie ſetzte ſich an das Tiſchchen um ihren Plan zu machen. Es gab nur Einen, und zur Durch⸗ führung deſſelben, in welcher Art auch dieſe erfolgen mochte, er⸗ kannte ſie es für nothwendig, die Alte, von deren Wiederkommen ſie überzeugt ſein durfte, friedlich ins Zimmer hereinzulaſſen. So⸗ bald ſie dieſen Entſchluß gefaßt hatte, verbarg ſie ihre Waffen im Bette und legte ſich im Gefühl der vollkommenſten Sicherheit nieder, um den lang entbehrten Schlaf in die Arme zu ſchließen und Kräfte für die bevorſtehenden Anſtrengungen und Stürme zu ſammeln. Aus dieſem tiefen geſunden Schlummer wurde ſie endlich durch ein anhaltendes Pochen aufgeweckt. Es dämmerte ſchon als ſie ſich aufrichtete; ſie rief und die Stimme der Alten ließ ſich zur Erwiderung vernehmen. Sie bat dringend um Ein⸗ laß: der Herr iſt fortgeritten, ſagte ſie, und wird erſt ſpät in der Nacht zurückkommen; er jagt mit einem Freunde. Nehmen Sie doch um Gotteswillen einen Biſſen zu ſich: Sie müſſen ja um⸗ 254 kommen vor Schwäche! Und werfen Sie Ihren Zorn nicht auf mich: ich bin unſchuldig und thue nur was mir befohlen iſt, aber auch kein Haarbreit darüber. Lottchen ging an die Thüre und unterhandelte mit der Alten. Erſt als dieſe bei allen Erzvätern und Propheten, bei den heiligen 5* Wunden und beim Brief Pauli an die Korinther geſchworen 3 hatte daß ſie allein ſei, ſchob das Mädchen den Riegel zurück. Die 4 Alte war allein; ſie trug ein Abendeſſen nebſt einer Flaſche köſt⸗ lich duftenden Weines auf. Lottchen ließ ſich das Eſſen herz⸗ lich ſchmecken; die Alte ſetzte ſich ihr gegenüber und ſah mit Behagen zu. Ihrer Ermahnung den Wein zu koſten wollte aber die Jungfrau keine Folge leiſten, weil ſie fürchtete es möchte irgend etwas Hinterliſtiges darin enthalten ſein. Die Alte, um ihr dieſen Verdacht zu benehmen, holte ein zweites Glas aus der Taſche her⸗ vor, ſchenkte ſich ein und trank mit ſo handwerksmäßigen Zügen und ſo vergnügtem Schnalzen, daß die Gefangene ſich alsbald das 4 Mittel an die Hand gegeben ſah durch welches ſie ihren Anſchlag am ſicherſten und ohne alle Gewalt ausführen konnte. Sie über⸗ ließ der Alten den Wein gänzlich, ohne ihr auf eine auffallende Weiſe zuzuſprechen, verwickelte ſie aber in ein lebhaftes Geſpräch, das ſie beſtändig nöthigte Lippen und Zunge anzufeuchten. An den Reden des dankbaren, treuherzig gemachten Weibes, das den gegen ein ſo rechtſchaffenes junges Blut geübten Muthwillen bitter tadelte, merkte ſie daß ſie von dieſer Seite keine böſe Abſicht, keine freiwillige Feindſeligkeit zu beſorgen habe. Aber aus den redſelig ausgeſponnenen Mittheilungen der Alten über die Fami⸗ lienverhältniſſe und ſonſtigen Beziehungen des Schloßherrn, ſelbſt aus dem Freimuthe womit ſie von ihm Gutes und Böſes durch einander ſprach, klang zugleich fortwährend eine Unterwürfigkeit heraus, die das vorſichtige Mädchen überzeugte daß ſie bei einer ſolchen an unbedingten Gehorſam gewöhnten Seele nicht auf Ein⸗ verſtändniß und Hilfe rechnen dürfe. Die Flaſche ſtand leer auf dem Tiſch und noch war keine — 2⁵⁵ Wirkung von dem Weine zu verſpüren. Die Zeit verrann, die Nacht rückte vor, der Verfolger konnte nun bald zurückkommen: und wie, wenn bei ihm ein inzwiſchen mit dem befreundeten Nim⸗ rod genoſſenes Glas auf andre Weiſe wirkte als ſie bei der alten Schwätzerin beabſichtigte? Da war keine Zeit zu verlieren. Lottchen blickte ein paarmal lüſtern nach der leeren Flaſche und äußerte endlich ihr Bedauern den Wein verſchmäht zu haben, der vielleicht Arznei für ſie ge⸗ weſen ſein würde. Dieß gab der Alten Flügel: mit freudefun⸗ kelnden Blicken ſtand ſie auf und eilte fort eine neue Ladung zu holen. Lottchen rief ihr nach und bat ihre Kleider mitzubringen, die ſie morgen wieder anzuziehen gedenke: denn nicht ein Fetzen von ihr ſollte als Trophäe in dieſem Neſte zurückbleiben! Die Alte kam zurück mit den Kleidern und mit einem ziemlich großen Kruge Weins. Lottchen gab es zu daß ſie ihr das Glas bis oben füllte, und nippte zuweilen ein wenig daraus. Aber ein Höllengeiſt ſchien in dem Wein zu ſitzen, denn die Alte, obgleich ſie nachgerade kaum die Zunge mehr zu rühren vermochte, ſaß immer noch mit hellen Augen da. Der Krug war beinahe auf der Neige als endlich der armen Gefangenen die Geduld zu ſchwin⸗ den begann. Schon blickte ſie entſchloſſen nach dem Bette, wo die Waffen lagen, und war im Begriff den Quälgeiſt mit vorge⸗ haltener Piſtole zu meiſtern, da begann die Alte laut und unan⸗ ſtändig zu gähnen, noch einmal und zum dritten Mal; ihre Augen wurden gläſern und ſie ließ das matte Haupt auf den Tiſch ſinken. Lottchen wartete noch ein wenig; aber nach einigen Minuten erklang eine heroiſche Schlafmuſik, unter deren Orgeltönen das Mädchen getroſt ihre Kleider zu einem Bündel zuſammenmachte. Che ſie weiteres zu unternehmen wagte, öffnete ſie das Fenſter und horchte in die Ferne nach den Jägern. In den Wäldern war alles ſtill, aber von der Meierei her vernahm ſie lautes Ge⸗ ſpräch und Gelächter. Sie ſuchte ſich die Gegend und die Rich⸗ tungen die ſie der Alten abgefragt hatte genau einzuprägen. Dann 256 ſchnallte ſie ſich den Hirſchfänger um, ſteckte die Piſtolen in den Gürtel, ergriff das Licht, nahm der Alten ihren Schlüſſelbund von der Seite, wandte die Augen flehend gen Himmel, dann noch einmal auf die Schlafende, und eilte zur Thüre hinaus und die Treppen hinab. Unten war die Thurmthüre geſchloſſen, aber einer der Schlüſſel öffnete. Sie löſchte das Licht, ſchloß den Thurm wieder zu, blieb einen Augenblick lauſchend ſtehen, warf dann Licht und Schlüſſel weit von ſich, und haſt du geſehen? war das Vögelein entflogen.. ——— 6. Mit Widerwillen Betret' ich ſchaudernd dieſen Pfad, Allein ich muß.— Ein ſchauerlicher Ort, ein traurig Licht— Ihr Götter, welch ein Nachtgeſicht! Göthe. Alle himmliſchen Geſtirne hatten die Wacht bezogen als Lott⸗ chen den Thurm verließ, es war hell genug um auch das kleinſte Steinchen unterſcheiden zu können. Der Abendſtern ſtand noch am Himmel, und ſchien ihr freundlich den Weg zu zeigen den ſie wählen ſollte. Sie umging einen kleinen Hügel, an welchen die Meierei ſich lehnte, und fand einen ſanft anſteigenden Fußpfad, auf welchem ſie nach der Seite die ſie ſich vom Fenſter aus ge⸗ merkt hatte zu dem Walde kam. Ein tiefer Schauer faßte ſie, als ſie ſich, zum erſten Mal in ihrem Leben, ein hilfloſes Mäd⸗ chen, in einſamer Nacht ſeinen geheimnißvollen Schatten überließ. Aber die Gefahr die ſie hinter ſich fürchtete trieb ſie unaufhalt⸗ ſam durch die Schreckbilder die ihr entgegentraten hindurch. Ihr Bündel wurde ihr beſchwerlich, ſie hielt an einem Ge⸗ büſche und öffnete es, um ihre eigenen Kleider über die andern anzuzuziehen. Kaum war dieß geſchehen ſo vernahm ſie Stimmen in der Ferne und bald Fußtritte aus der Tiefe des Waldes. Sie verbarg ſich hinter dem Gebüſch, aber wie ward ihr zu Muth Schiller's Heimathjahre. I. 17 258 als ſie beim Näherkommen die Stimme ihres ärgſten, gefährlich⸗ ſten Feindes erkannte! Er war es wirklich; er kam zu Fuß, von ſeinem Jäger begleitet, der einen Hund an der Leine führte. Sie glaubte eine finſtere Entſchloſſenheit in ſeinem Geſichte zu leſen; verzweifelnd zog ſie den Hirſchfänger und hielt eine der Piſtolen, ach! mit ungeſpanntem Hahne, vor ſich hin. Der Hund ſchlug an; er hatte ſie gewittert, ſo ſehr ſie auch den Athem zu unterdrücken ſtrebte. Hier ſteckt etwas, gnädiger Herr! ſagte der Jäger. Laß ſtecken! verſetzte der Baron verdrießlich: es iſt kein Glücks⸗ tag; ich mag Uichts mehr heute. Das iſt kein Wild, hub jener wieder an: ſehen Sie wie der Hund ſich anſtellt, er will ja das Seil zerreißen. Nichts da! rief der Edelmann lachend: was wirds am Ende ſein als ein ehrlicher Kerl der mir einen Haſen ſtiehlt! Leben und leben laſſen! Vorwärts! Das möge dir Gott vergelten! flüſterte das Mädchen und ſank, während die Schritte ſich entfernten, halb ohnmächtig zu Boden; ſie glaubte die Schläge ihres Herzens von allen Enden widerhallen zu hören. In der Ferne winſelte der Hund, der an der Leine weiter geriſſen wurde. Der feuchte Thau, der ihr die Wangen netzte, und der kühle Nachtwind, der ihr durch die Locken ſäuſelte, erfriſchten ſie und gaben ihr Muth ſich zu erheben und ihre traurige Pilgerſchaft fortzuſetzen. Sie ſtützte ſich auf die blanke Waffe und wanderte dahin, ſo gut ihre wankenden Glieder ſie tragen wollten. Der Steig führte zu Gründen nieder, wo es ſo finſter war daß ſie über Baumwurzeln ſtrauchelte, dann wieder zu freieren Anhöhen empor, wo die Lichter des Himmels ihr neues Vertrauen einflößten. Auch ſchwebten da und dort aus den Gebüſchen grünſchimmernde Leuchtkäferchen hervor; ſie konnten ihr die öde ſchauerliche Finſterniß nicht erhellen, doch begleiteten ſie die Verlaſſene mit ihrem tröſt⸗ lichen Lichte und mit der willkommenen Geſellſchaft lebendiger ——— 259 Weſen. Zuweilen kreuzten ſich die Pfade; ſie wählte den ihrigen auf gut Glück, und war bald über die eingeſchlagene Richtung völlig ungewiß. Lang, lang war ſie ſo durch den Wald hingeirrt, von jedem Buſch der einen Arm in die Höhe ſtreckte, von jedem fallenden Blatt, von jedem aufrauſchenden Wild, oder wenn ein Vogel im Schlaf einen Laut von ſich gab, bis auf den Tod erſchreckt, als ſie endlich einem breiteren Wege, den die Bauern zu ihren Holz⸗ fuhren benutzen mochten, begegnete. Die Sterne, allmählich von Wolken da und dort überzogen, beleuchteten ihn kümmerlich. Sie eilte auf ihm fort und fort, und horchte zuweilen erſchrocken zu⸗ rück, wenn der Widerhall ihres Ganges ſie mit dem Geräuſch nach⸗ eilender Tritte betrog. Kaum konnte ſie ſich mehr auf den Füßen halten, als endlich der Wald wie zu einer Thorwölbung ausein⸗ andertrat und ſie ins Freie ſehen ließ. Mit beflügelten Schritten, als ob der letzte Baum noch ein Ungethüm verbärge, flog ſie über die Waldöffnung hinaus, und als ſie das Reich des Schreckens hinter ſich hatte, ſetzte ſie ſich auf einen Stein und weinte vor Hoffnung und Furcht. Der Weg ſenkte ſich von da aus ſchroff ins Thal hinab. Es war etwas heller als zwiſchen den Bäumen, aber der Himmel umwölkte ſich mehr und mehr, und ihre Augen, die forſchend drunten umherſchweiften, konnten nur ſo viel erkennen daß dort freies Feld ſich ausbreitete, ſo daß ſie den größten Aengſten entron⸗ nen zu ſein hoffte. Auch glaubte ſie das Rauſchen eines Waſſers zu vernehmen. Dort unten mußte doch eine Menſchenwohnung, ein menſchlicher Empfang, und Schutz vielleicht zu hoffen ſein. Von Verfolgung hatte ſie noch keine Spur wahrgenommen: ſie lauſchte noch einmal nach dem Walde hin: kein Ruf, kein Hundegebell weckte das nächtliche Schweigen auf, und nur der Nachthauch be⸗ wegte mit leiſem Sauſen die Wipfel der Bäume. Sie verließ ihren Sitz und begann langſam den Berg hinab⸗ — ͦ——————ę—ę—ę—QOQ.ñOꝑ——ꝭO˖O—˖—— 260 zuſteigen. Je tiefer ſie kam je kälter wehte ihr die Luft entgegen, ſo daß ſie ihre aufgelösten und verwirrten Kleider feſt um ſich zuſammen zog. Es ſchien als ſollte dieſer letzte Reſt ihrer Reiſe noch ſchauerlicher und leidensvoller ſein; denn die himmliſchen Lichter, die ſie ſo lang tröſtend begleitet hatten, verließen ſie jetzt ganz und ſie tappte in völliger Nacht auf einem ungewiſſen Boden fort. Dazu rauſchte das Waſſer näher und näher: ſie erreichte es endlich, und wagte keinen Schritt weiter zu gehen. Aber die Kälte ward trotz der doppelten Kleidung empfindlich, und noch immer fürchtete ſie Gefahr im Rücken. Die Nacht, in welcher ihr Auge nach und nach ſehen lernte, ließ ſie einen Steg erkennen, auf beiden Seiten ohne Geländer, aber breit genug um auch in der Dunkelheit ohne allzu großes Wagniß hinüberzukommen. Mit Hilfe des Hirſchfängers, der ihr als Stab diente, betrat ſie ihn; er krachte und dröhnte unter ihr; die eine Angſt trieb ſie blind⸗ lings dahinzulaufen, die andere hieß ſie angewurzelt ſtill ſtehen, und lang dauerte es bis ſie wieder ſichern Boden unter ſich hatte. Nun konnte ſie den Weg raſcher fortſetzen, deſſen Grenzen Ge⸗ hege zu beiden Seiten ihr bezeichneten und ſie mit ihrer abſte⸗ chenden Dunkelheit auch durch Krümmen und Wendungen richtig hindurchführten. Sie mochte ſo einige Büchſenſchüſſe weit gegangen ſein, als auf einmal eine große ſchwarze Maſſe vor ihr auftauchte und eine Menſchenſtimme, die ſie ſchon ſeit einiger Zeit vernommen zu haben glaubte, näher und deutlicher ihr zu Ohren drang. Es waren tiefe feierliche Töne wie eines Betenden, die aber in dem Augenblick da ſie anhielt verſtummten. Sie ſtützte ſich auf ihre Waffe und hielt Rath mit ſich. Am liebſten wäre ſie in den Himmel geflohen und hätte ſich dem ewigen Vater weinend ans Herz gelegt, ſo bang und weh war es dem verlaſſenen, geängſtig⸗ ten Erdenkinde. Aber ſie mußte doch vorwärts; ſie konnte ja nicht hier in der Nacht umkommen wollen, und Gott iſt überall, dachte ſie, und gute Menſchen auch. 261 Sie ging auf den formloſen Rieſenſchatten zu, ihre Hand griff an Stein und ſie taſtete längs einer endloſen Mauer fort, von Pfeilern unterbrochen, bis ſie eine halb offene Thüre fand, vor welcher ſie wieder zögernd ſtehen blieb. Leiſe trat ſie endlich ein, den Hirſchfänger vor ſich hinſtreckend, und während dieſer etwas Eiſernes traf daß es klirrte und wie ein Haken ſchwankte, fand ſie mit der Linken etwas wie eine Bank, worauf ſie ſich, zuſammenfahrend über das Geräuſch, mit einbre⸗ chenden Knieen niederſetzte. Da begann die nämliche tiefe und feierliche Stimme von Neuem. Horch! da klirrt es wieder, ſprach ſie: da raſſelt wieder einer an den Riegeln ſeines Grabes. Seid ihr noch nicht alle beiſam⸗ men? Wankt noch da und dort einer verſchlafen hervor, den die grenzenloſe Leerheit und die ewige Sehnſucht aus ſeinem Kerker treibt? Noch verzeucht das Licht. Noch iſt die Nacht nicht hin. Das Mädchen klammerte ſich, angefeſſelt von Entſetzen, an ihren Sitz und ſtarrte, von kalten Schauern durchrauſcht, athemlos in das Dunkel hinein. War ſie im Haus des Wahnſinns? War ſie in eine Verſammlung nächtlicher ſchlafloſer Geiſter gerathen? Jeden Augenblick fürchtete ſie von einem angerührt zu werden, aber ſie konnte nicht vorwärts und nicht zurück. Ihre Gedanken begannen zu kreiſen, ſie fühlte ſich dem Wahnſinn nahe. Den kenn' ich, ſprach es weiter: aber er gehört nicht hieher. Biſt du mir nachgezogen aus der Ferne, herrſchſüchtiger Vogt? Sieh mich nicht ſo finſter und ingrimmig an! Ich war dir nicht feind, ich habe nur deinen Gewaltthätigkeiten gerechte Dämme ge⸗ ſetzt. Was du leideſt, leideſt du nicht von mir; in dir ſelbſt wohnet dein Gericht.— Da kommt noch einer, der jüngſte derer die da ſchlafen. Noch iſt er nicht verfault, und ſchon treibt ihn das innere Gericht wieder unruhig hervor aus ſeiner Kammer. Armer Amtmann! Nicht wahr, die äußere Güte machts nicht aus, und der äußerliche Anſtand und das Wohlleben? Nun iſt er verſchwunden, der prachtvolle Weltſinn und der höfliche Stolz, 262 dem der Geiſt Gottes eine Thorheit war; nun iſt der Anſtrich abgefallen vom übertünchten Grabe; betroffen ſtehſt du da und ſchüchtern, wie einer der nicht das Herz hat in vornehme Geſell⸗ ſchaft zu gehen. Deine Galakleider ſind zu Lumpen geworden: flicke ſie alle zuſammen, ſie geben kein hochzeitlich Kleid. Eine tiefe Stille entſtand. War es der Nachtwind, war es etwas anderes, was ſchauerlich durch die öden Räume hinſeufzte? Seid ihr nun alle da? fuhr die Stimme fort. Ich überſehe ſie, die langen Reihen, die von den nimmer ſättigenden Ver⸗ gnügungen, von den nimmer beſchwichtigenden Mühen des Lebens Ruhe ſuchen und keine Ruhe finden. Da ſind die Kuttenträger von dem alten Baalsdienſt her, eine anſehnliche Verſammlung; ſie haben ihre Todten begraben Jahrhunderte lang und ſind ihnen nachge⸗ folgt im geiſtlichen Tode; ſie haben ſich durſtig getrunken am Weine Babylons und lechzen nach den Waſſerſtrömen der ewigen Stadt. Harret eine kleine Weile! denn das Ende iſt nahe.— Da ſind auch meine eigenen Schafe, die ich, o nur allzuſchlecht! gehütet habe. Cuer Treiben iſt verkehrt, ihr trotzige und verzagte Herzen. Einſt ſchliefet ihr da ich euch das Wort verkündigte; mit gähnen⸗ dem Mund und gläſernen Augen ließet ihr meine väterlichen Er⸗ mahnungen vorüberwehen wie leichten Wind: aber jetzt da ihr ſchlafen ſolltet in euern ſtillen Betten, jetzt wachet ihr und höret mit hungriger Aufmerkſamkeit meinen Worten zu. Wie kommt das? hättet ihr damals nicht geſchlafen, ſo ſchliefet ihr jetzt. Da⸗ rum bin ich zu euch gekommen, daß euer keins verloren gehe. Denn dazu, ſagt Petrus, iſt auch den Todten das Evangelium verkündiget, auf daß ſie gerichtet werden nach dem Menſchen am Fleiſch, aber im Geiſt Gott leben. Ja, Meere von Nationen, die keine Zunge mehr zu nennen vermag, ſtrömen in ihre Geiſter⸗ kirchen und horchen auf ihre Prediger, daß ſie alle vorbereitet werden auf jenen Tag, daß keines ſich rechtfertigen kann: wir haben es nicht gewußt. Wie auch Er einſt hinabgefahren iſt nach ſeinem Tode und hat geprediget im Gefängniß den Geiſtern derer 263 die ertrunken ſind in der Fluth. Seht ihr ſie da, die Heiden, eure Väter, die einſt in dieſen Wäldern hausten? ſie ſind alle da und hören mit aufrichtigem Herzen das WortV! ſie ſind ſchon beſſer denn ihr.— Schüttelſt du den Kopf? Geht es dir ſchwer ein? Freilich, du gingeſt mit den Kindern Gottes und hielteſt dich für beſonders gezeichnet. Auch andre Fromme ſieht mein Auge, die ich nicht hier geſucht hätte. Warum ruhet ihr nicht von eurer Arbeit und habt eure Werke zur Decke und euren Glauben zum Kopfkiſſen? Iſt die Decke kalt, iſt das Kopfkiſſen hart? O ihr wahrhaft Armen, ihr Bettler am Geiſt! ihr habt nicht recht ge⸗ glaubt, ihr ſeid nur dem Schall der Worte gefolgt und habt geklebt am Buchſtaben! Ihr ſeid nicht chriſtlich: ihr ſeid pauliſch und kephiſch und apolliſch! Herunter mit der Hülle, die euch nichts hilft zum Seligwerden! Dazu verkündige ich euch das Evange⸗ lium daß ihr gerichtet werdet am Fleiſch. Denn jede Sünde kommt jetzt wieder und iſt ein Hinderniß. Nach Menſchenweiſe habt ihrs verfehlt und nach Menſchenweiſe müßt ihrs büßen, zwei⸗ fach, vierfach, ſiebenfach, je nachdem die Sünde geweſen iſt: wie die Krankheit ſo die Heilung. Aber je mehr ein Verſehen geiſt⸗ licher Natur iſt, deſto ſchwerer iſt es den Verluſt wiederzubringen. Und muß doch alles hergeſtellt werden, alles vom Anfang der Welt; eher kann das Reich Gottes nicht kommen. Ich ſehe ja Bergleute unter euch: laßts euch von ihnen ſagen wie man das edle Metall von dem unreinen Erdenſtoff ſcheidet. Das iſt der Proceß den der große Chemiker mit euch vorhat. O ſeid aufrich⸗ tigen Herzens, damit euch die unermeßliche Pein verringert werde! Es thut weh wenn alles ausgeſchmolzen wird, woran die thörichte Seele hing. Sehet auf das ewige Gut, auf das gediegene Metall das keinen Roſt annimmt, und laſſet die nichtigen Schlacken fahren!— Er ſeufzte und betete; dann fuhr er for anche Nacht habe ich euch das Evangelium verkündigt daß ih llt gerichtet werden am Feeiſch, aber vernehmet nun auch daß ihr darnach Gott leben 264 ſollet im Geiſt. Siehe, ich verkündige euch eine fröhliche Offen⸗ barung und ein großes Geheimniß! ein Geheimniß das den Le⸗ bendigen verborgen ſein ſoll, weil ſie ſonſt in Sicherheit wandeln würden. Höret, was der Geiſt den Gemeinden ſagt! Euer Ge⸗ richt wird nicht ewig dauern. Der große Chemiker wird ſeinen Proceß vollenden: er iſt kein Zuchtmeiſter, ſondern ein Arzt, und eure Strafen ſind keine Strafen, ſondern eine Heilung, und das Höllenfeuer iſt nicht nur ein Feuer der Qual, ſondern ein Feuer des Schmelztiegels, in dem ihr rein werdet, um würdig einzugehen in die ewige Stadt. Siehe, ich rede von dem Geheimniß der Wiederbringung aller Dinge. Noch eine Zeit, und Zeiten, und eine halbe Zeit, dann werden die Schalen ſeines Zornes ausgeleert und die Plagen werden vorüber ſein und eure Schlacken ausge⸗ brannt, und ſeine heilige Tinctur wird ſein neues geſundes Blut ſchaffen. Dann werden alle Natio n der Erde zu ihm, kommen, und die Sterne werden ihre Völker hergeben, der Himmel wird auf Erden ſein, und der zweite Tod wird ſeinen Raub heraus⸗ geben zum ewigen Leben, das Nichtige wird nicht mehr ſein und Gott Alles in Allem. Selig, ſelig alle Völker! Danket Ihm der den Tod verwandelt hat ins Leben! Heilig, heilig iſt der Herr! Sein Tag iſt nahe und ſeine Dämmerung rieſelt durch die Nacht. Sein Friede ſei mit eurer Angſt und ſein Licht wehe in eure Schatten! Amen! Amen!— Die Jungfrau lauſchte noch der furchtbaren und doch lieb⸗ lichen Stimme als ſie ſhan e g verklungen war. Da raſſelte es hoch über ihr, ihre Haare ſträubten ſich— es hob aus, und zwölf Glockenſchläge fielen hinter einander; ſie mußte ſie wider⸗ ſtrebend nachzählen, und von jedem glaubte ſie ſich tiefer in den Boden geſchlagen zu fühlen. Mit dem letzten Schlage ward es glänzend hell um ſie; ſie meinte ſchon den ſchrecklichen Tag an⸗ brechen zu ſehen welchem die Stimme geſprochen hatte. Aber es war der Mo der hinter den Bergen herauſſteigend und die Wolken zerſtreuend in das Fenſter trat. Sein Licht zeigte ihr 265⁵ wo ſie war: eine Kirche dehnte ihre unermeßlichen Räume über ihr aus— ſo ſchienen ſie wenigſtens in der phantaſtiſchen Be⸗ leuchtung— und leere Stühle umgaben ſie rings; ſie ſelbſt aber ſaß— nie hatte ein Mädchen es ſo unverdient eingenommen!— auf dem Armenſünderbänkchen.— Nachdem ſie die nächſten ſinnlichen Wahrnehmungen geprüft hatte, wagte ſie die Augen weiter ſchweifen zu laſſen. Von der ſchauerlichen Zuhörerſchaft war nichts zu ſehen. Sie blickte ſchüchtern nach der Kanzel und dem Prediger. Dort ſtand er! Abgewandt von ihr ruhte er mit dem Angeſicht auf den gefalteten Händen und ſchien ſtill zu beten; eine ſchwache Zugluft ſpielte mit ſeinen weißen Haaren. Es ſchien der Geiſt eines alten Seelenhirten zu ſein, den der Berufseifer nächtlich aus ſeiner Ruhe hervortrieb, um ſeinen ſtillen Nachbarn Aufmunterung und Troſt zu bringen. Aber wie ward ihr als er ſich erhob und vor ſeinem Abgang noch einmal die Kirche überſah, ob an ſeiner unſichtbaren Gemeind noch eine Pflicht zu erfüllen wäre. Sein Auge fiel auf ſie un ruhte prüfend auf ihr. Sie wagte ſich nicht zu bewegen. Er öffnete den Mund. Biſt du allein noch da, ſprach er, du bange Seele? Siehe, die andern ſind in ihre Kammern gegangen, geh auch du in deine Kammer. Warſt du vielleicht eine unkluge Jungfrau und haſt deine Lampe mit falſchem Oel genährt, mit Augenluſt und Fleiſchesluſt? Sei getroſt, deine Sünden ſind nicht die ſchwerſten: ſie ſterben ab mit dieſem ſchwachen irdiſchen Leibe. Du wirſt aus dieſer Wurzel des Todes in ein neues verherrlichtes Leben aufwachſen. Fülle deine Lampe mit dem Oel der Gnade und gehe heim in deine Kammer. Er ſtreckte die Hand wie zum Segen gegen ſie aus, verließ die Kanzel und ging langſam an den leeren Kirchenſtühlen her⸗ unter. Als er ihr gegenüber war wandte er ſich nach ihr und blieb verwundert ſtehen. Noch immer nicht zur Ruhe? ſagte er: haſt du denn ein beſonderes Anliegen?— Wie? du trägſt ein Schwert in deiner Hand? und das Malzeichen der Liebe, nicht 4 — 266 der ſchwachen, ſündigen, iſt auf deiner Stirne? Biſt du ein Bote der ewigen Gerechtigkeit und bringſt eine ſtrenge Botſchaft, ſcharf wie ein zweiſchneidig Schwert? Thue deinen Mund auf, ich bin bereit zu hören. Er wartete auf eine Erwiderung; da das zitternde Mädchen aber ſchwieg ſo ſchüttelte er das Haupt und ſchritt ruhig auf ſie zu. Es war ihr wie man von den kleinen Vögeln erzählt, die durch den Blick der Schlange gebannt ſind: ſie mußte die immer näher kommende Erſcheinung unverwandt anſtarren und vermochte kein Glied zu rühren. Erſt als er nur noch zwei Schritte von ihr entfernt war und die Hand ausſtreckte, da wich der Zauber von ihr: ſie that einen gellenden Schrei und ergriff die Flucht. In der furchtbaren Angſt aber verfehlte ſie den Ausgang und gerieth. mitten zwiſchen die Stühle, wo ſie in Ohnmacht ſank. Als ſie wieder zu ſich kam fühlte ſie zuerſt eine Hand auf ihrer Stirne, kalt zwar aber doch von Fleiſch und Bein; ſie fühlte die ( Fruae der Finger und aller Theile einzeln und zuſammen, und dieß gab ihr ein Gefühl der Wirklichkeit. Sie wagte die Augen aufzuthun, und ſah in zwei ſcharfe feurige Augen, die ſie liebreich anblickten. Sie ſaß in einem Kirchenſtuhle neben dem Prediger, den Kopf an ſeine Bruſt gelehnt; er hatte ihr die Hand aufgelegt und beugte ſich über ſie herab. Sie überzeugte ſich daß es ein Lebendiger ſei, ein Greis von ehrfurchtgebietendem Ausſehen, und von einer Milde die jeden unheimlichen Gedanken verbannte. Ruhe und Vertrauen drangen aus dieſen Augen in ihr Herz, aber ihr Körper bebte vor Froſt unter den Nachwehen des Schreckens und in der nächtlichen Kälte. Der Greis, von deſſen Worten vor⸗ hin die große Kirche widerhallt hatte, ſprach jetzt nichts mehr; er ſtand auf, nahm ſie ſtillſchweigend bei der Hand und führte ſie fort. Sie verließen die Kirche und kamen über ein Steinpflaſter, das mit Gras faſt überwachſen war, zu einem weitläufigen Ge⸗ bäude, welches ein Kloſter zu ſein ſchien. Ein ſchwaches Licht brannte hinter einem Fenſter. Sie trat I — xꝑꝑ————— 267 an der Hand ihres Führers ein. Oben an der Treppe kam ihnen eine Frau mit dem Licht entgegen, dem Ausſehen nach eine Haus⸗ hälterin; ſie war in mittlern Jahren, Stille und Rechtſchaffenheit ſprachen aus ihrem Geſichte, das jetzt von Beſorgniß zu Verwun⸗ derung überging. Sie ſchien aber nicht gewohnt unnöthige Fragen zu thun, empfing gelaſſen das Mädchen aus der Hand des alten Herrn, der ſich ſtumm entfernte, und führte die Zitternde, Er⸗ ſchöpfte in ein einfaches Zimmer mit einem bereit gehaltenen Bett, wo ſie ihr beim Auskleiden half und ſie nach wenigen Minuten ſchlafend verließ. Aus einem tiefen todähnlichen Schlafe wurde Lottchen durch die Sonnenſtrahlen geweckt, welche durch einen offen gebliebenen Fenſterladen auf ihr Bette fielen. Sie fuhr auf, erſchrocken über die fremde Umgebung, und hatte Mühe ſich auf die Ereigniſſe des geſtrigen Tages zu beſinnen. Noch blieb ihr vieles räthſelhaft, aber ihr erſtes Gefühl war dem unſichtbaren Lenker ihrer Schickſale zu danken, und ihr zweites Anliegen einen Boten nach Stuttgart zu ſchicken. Sie kleidete ſich ſchnell an. Daß ſie in guten Händen ſei ſagte ihr ſchon ein gewiſſes Etwas in der Ausſtattung des Zim⸗ mers, die anſtändig, beſcheiden, heimathlich war, und ein Gefühl der Sicherheit hervorrief. Sie öffnete eine Nebenthuͤre und trat in ein leeres Studirzimmer, das mit Schreibgeräthe reich verſehen war. Als ob ſie zu Hauſe wäre, ſetzte ſie ſich, wie ſie beim Vater dann und wann zu pfuſchen gewagt hatte, in den Lehnſtuhl am Schreibtiſch, kritzelte drei Zeilen hin, faltete den Brief, und ging hinaus um ſich jetzt nach ihren Wirthen umzuſehen. Auf dem Gange kam ihr die Haushälterin entgegen, mit einem Geſicht das ſo friſch gewaſchen, ehrlich und wohlwollend ausſah, daß man ihr auf den erſten Blick freundlich geſinnt ſein mußte. Sie war verwundert den ſeltſamen Gaſt ſchon ſo früh wach zu finden. Ich habe ſogar ſchon einen Brief geſchrieben, erwiderte Lott⸗ chen, und bitte Sie dringend, ihn ſogleich durch einen Reitenden ————— ——õ—ͤͤͤͤͤ 268 nach Stuttgart zu ſenden. Der Bote darf auf eine gute Beloh⸗ nung rechnen: Er ſoll mündlich hinzuſetzen wo ich ſei und wo man mich abzuholen habe. Daſſelbe wünſchte ich jetzt von Ihnen zu erfahren. Die Haushälterin rief einen Knecht, dem ſie den Brief zur Beſorgung übergab, dann führte ſie Lottchen zum Früh⸗ ſtück und befriedigte ihren Wunſch umſtändlich. Das Mädchen erſtaunte nicht wenig, zu vernehmen daß ſie ſich im Hauſe eines vielgenannten, wegen Myſticismus angefochtenen, weit allgemeiner aber um ſeiner lautern Frömmigkeit willen verehrten Würdenträgers der Landeskirche befinde, von welchem ſie bei ihrem Vater oft als von einem Manne der alten Zeit reden gehört, und den ſie ſchon längſt todt geglaubt hatte. Auch iſt er todt, ſagte die Haushälterin, aber es ſcheint nur äußerlich ſo. Innen iſt er noch voll Lebens; jedoch von der Welt weiß er nichts mehr, auch thut er ſelten den Mund auf, und niemals kommt ein Wort über ſeine Lippen, das vom täglichen Leben handelt.— Lottchen dachte dem wunderbaren Verhängniß nach, das ihr dieſen Mann vor ſeinem Ende noch zu ſchauen vergönnt hatte. Da können Sie ihn in ſeiner ganzen Art ſehen, rief die Haushälterin vom Fenſter her und winkte ihr. Sie trat hinzu und ſah in den Hof hinab. Dort ſaß der Mann deſſen Wiſſenſchaft manchen Gelehrten beſchäftigte, in all ſeiner Ehrwürdigkeit am Boden mitten unter einer blühenden Kinderſchaar, die ihn fröhlich umgab und mit ihm ſpielte. Zu⸗ weilen kroch eines an ihm hinauf, ſtreichelte ſeine weißen Locken und küßte ihn. Lottchens Augen füllten ſich mit Thränen. Wohl dem den Gott lieb hat! rief ſie aus. Sie ſagen er ſei kindiſch geworden, fuhr die Haushälterin fort: denn mit dieſen ſpricht und ſpielt er Stunden lang. Auch gibt es unnütze Leute die mir zureden, ich ſolle es nicht leiden. Ich möchte ihm nur auch ſo was ſagen! da würde er mich mit 269 einem einzigen Blick anſehen, daß ich den Mund hernach nicht wieder aufthäte. Wer ihm in die Augen geſehen hat der wird nicht behaupten daß er kindiſch ſei. Oft und viel geht er bei Nacht in die Kirche, daß ich in großen Sorgen auf ihn warten muß. Man hört ihn dann oft lang predigen; was er aber pre⸗ digt darauf bin ich nicht fürwitzig, denn es iſt nicht meines Amts. Lottchen hätte es ihr ſagen können, aber ſie ſchwieg und ſah zum Fenſter hinaus. Ihr Auge verweilte auf den waldigen Höhen von welchen ſie in der vergangenen Nacht herabgekommen war. Es lag nichts Schauerliches mehr in ihrem Dunkel, ſie waren ernſt aber freundlich, und die Engel der Heimath ſchienen darüber zu ſchweben. In der Ferne hörte man durch die ſtille Gegend den Huf⸗ ſchlag des Boten der nach Stuttgart ritt. So heimiſch ſie ſich in dieſem Hauſe fühlte, ſo lag ihr doch daran mit ihrer Rechtferti⸗ gung nicht zu zögern, und bald fand ſie noch einen andern Grund dem Boten Flügel zu wünſchen. Schon beim Frühſtück hatte ſie keinen Appetit empfunden; jetzt aber fühlte ſie wie ein jäher Schwindel ihr nach dem Haupt emporſtieg. Die Gegenſtände ver⸗ ſchoben ſich vor ihren Augen; ſie wankte und mußte zu Bette ge⸗ bracht werden, wo ſie in heftige Fieberſchauer verfiel. Gegen Abend ſiegte ihre kräftige Natur; die ſorgſame Pfle⸗ gerin flößte ihr einen kühlenden, von ihrem Herrn bereiteten Trank ein, und ſie ſank in einen ſanften Schlummer, in welchem ſie vom elterlichen Hauſe, vom Vater und von Heinrich träumte. Als ſie erwachte ſaß der alte Geiſtliche an ihrem Lager; er hatte ihr wieder die Hand auf die Stirne gelegt und ſah ihr mit freundlichem, tief dringendem Blick in die Augen. Endlich erhob er ſich und beugte ſich über ihr Antlitz: Selig, ſagte er mit ſeiner feierlichen Stimme, ſelig ſind die reines Herzens ſind, denn ſie werden Gott ſchauen. Er verließ das Zimmer. Sie ſtand auf, genoß eine kräftige Erquickung und fühlte ſich vollkommen geneſen. Kaum hatte ſie 270 Speiſe zu ſich genommen ſo fuhr ein Wagen in den Hof und der Expeditionsrath ſtieg aus, der ſie, nachdem er ihr in die hellen Augen geſehen, achtungsvoll, ja mit einer gewiſſen Demuth be⸗ handelte. Er ſchickte ſogleich einen Boten zu dem verwegenen Edelmann und beſchied ihn hieher. Der Expeditionsrath und ſeine Frau hatten an jenem Theater⸗ abend zu ihrem großen Befremden durch einen unbekannten Diener die Nachricht erhalten, daß Lottchen im Theater eine Freundin ge⸗ troffen habe, mit der ſie noch in derſelben Nacht heimgereist ſei. Sie warteten den folgenden Tag auf eine nähere Erklärung und Entſchuldigung, und als dieſe ausblieb wurden am nächſten Morgen ihre Kleider zuſammengepackt und ein ſpitziges Schreiben beigeſchloſſen, welches eben abgehen ſollte als der Bote mit Lott⸗ chens Briefe kam. Der Expeditionsrath, von ſeiner leichten Un⸗ päßlichkeit hergeſtellt, machte ſich in größter Eile auf den Weg zu ihr, ſo daß er die nicht unbeträchtliche Entfernung mit Anbruch der Nacht zurückgelegt hatte. Sie brachte dieſe noch in dem ihr ſo lieb gewordenen Hauſe zu, bat aber ihren Schwager, ſie den andern Tag auf dem nächſten Wege zum Vater zu geleiten, wozu er auch nach einigen dringenden Einwendungen willig war. Er fühlte daß er ihr, wenn auch mehr im Namen ſeiner Frau als in ſeinem eigenen, ein großes Unrecht abzubitten hatte. Nicht ſo nachgiebig zeigte er ſich gegen den Baron, welcher am Morgen gehorſam und demüthig wie ein Lamm herüberkam. Der von Natur nicht bösartige junge Mann, welchem Lottchens zu fpät entdeckte Flucht in unwirthlicher Nacht einen tödtlichen Schrecken eingejagt hatte, zeigte ſich von Reue ganz zerknirſcht und bot wiederholt jede beliebige Genugthuung an; der Expeditionsrath aber ſchien die Gelegenheit gern zu ergreifen, um den Hausfreund los zu werden, der ihm in mehr als Einer Hinſicht läſtig gewor⸗ den ſein mochte. Dieſer mußte ſein Ehrenwort geben, das Land auf zehn Jahre zu verlaſſen und die Diener mitzunehmen welche bei ſeinem unſinnigen Streiche betheiligt geweſen waren; beider⸗ 271 ſeitige Verſchwiegenheit verſtand ſich von ſelbſt. Nur unter dieſer Bedingung verſprach der ernſte, vom Herzog perſönlich vorgezo⸗ gene Geſchäftsmann, von der bitterſten, mit ſeinem ganzen Ein⸗ fluß unterſtützten Verfolgung, ja von öffentlicher Beſchimpfung abzuſtehen. Eine ehrenvolle Entlaſſung aus den fürſtlichen Dien⸗ ſten erbot er ſich zu vermitteln. Lottchen kehrte nach Hauſe zu ihrem Vater zurück, der jedoch ſo lang er lebte kein Wort von dieſen Begebenheiten erfuhr. Ihre Geſundheit hatte mit dem ſchnell vorübergegangenen Sturme alle weiteren Folgen abgekauft, aber in ihrem Gemüthe blieb ein tiefer Eindruck haften. In allen Lagen und Stimmungen des Lebens, ſelbſt in den fröhlichſten Stunden, ruhte fortan ein Geiſt des Ernſtes auf ihrem ſchönen Angeſicht, der alle die ihr nahe kamen wunderbar ergriff. ——ii 7. Wir ſind ſo arm, wir ſind ſo müd; Warum, wir wiſſens kaum, Wir fühlen nur, das Herz verblüht, und alles Glück iſt Traum. E. Geibel. Wer vermöchte es, die traurigen Tage und Nächte die unſer armer Freund ſeit jenem verhängnißvollen Abend durchlebte zu be⸗ ſchreiben? Das Mädchen, mit dem er einſt Aug' in Auge eins gewe⸗ 3 ſen, ſollte über dem hohlſten aller Schwätzer ihn und ſich ſelbſt ver geſſen haben! Er mußte ſich das immer wieder vorſagen, und that es mit verwundertem Kopfſchütteln; es war nicht wie eine Ueber⸗ zeugung die von Grund aus den Geiſt durchdringt, es war wie ein oberflächlicher Glaube der buchſtäblich nachgeſprochen und hundert⸗ mal wieder weggeworfen wird. Oft verſuchte er, um ſich in ma⸗ thematiſcher Gewißheit zu erhalten, alle einzelnen Umſtände, die er mit angeſehen, ihr Einſteigen, den triumphirenden Blick ihres Begleiters, und das Davonrollen des Wagens ſich vorzumalen; mit einem ſeltſamen Lächeln ſchaute er ſeinen qualvollen Bemü⸗ hungen zu, dann fühlte er einen Schlag der ſein ganzes Weſen umkehrte, und immer wieder brach der gewaltige Schmerz durch alle Dämme hindurch. Jetzt erſt fühlte er wie tief ſie ihm ins Herz gewachſen war, und in ſtillen Stunden, wo die Außenwerke welche der Mann gegen Seinesgleichen aufführt keine Dienſte zu 273 thun hatten, glich dieſes Herz einem weinenden, bloßgegebenen Kinde, das ſeine Mutter verloren hat.. Dazwiſchen raffte er ſich mit ingrimmigem, höhnendem Stolze wieder auf, um dann und wann einen raſchen Schritt ins Leben hinein zu thun. Seine jungen Schüler, durch welche er mit der Welt zuſammenhing, traten nach und nach aus der Akademie und bekamen Civil⸗ oder Militärſtellen, theils in der Reſidenz theils in der Nähe. Dem langen, unnatürlichen Zwang entnommen, ließen ſie die unterdrückten Neigungen feſſellos walten und gaben ihre Jugend an ein wildes, tolles Treiben hin. Auch Heinrich nahm an dieſem Räuberleben, wie es genannt wurde, eine Zeit lang Theil. Es ging ihm wie dem Beraubten, der, wenn er geſtern durch einen Heerzug Haus und Hof verlor, ſich heute den verwilderten Horden anſchließt, um vom Opfer zum Genoſſen der Zerſtörung zu werden. Der Kelch war bald geleert, und eine bittere Hefe blieb zurück. Er lernte ſich endlich wieder faſſen und ſagte ſich daß ihm nichts Ungewöhnliches widerfahren ſei. Er ſah ſich um und er⸗ kannte daß unter den tauſend Herzen die um ihn ſchlugen keines hoch auf den Wellen ging. Glück und Unglück ſind nur Stim⸗ mungen, pflegte er zu Schiller zu ſagen, wenn das Geſpräch dieſe Richtung nahm. Wagte ſein Herz dabei leiſe zu widerſprechen, ſo wies er es mit ſtrengen Worten wie ein albernes Kind zum Schweigen. Er wartete ſeines Berufs mit aller Treue und ſah ohne Wunſch und Hoffnung den Ereigniſſen zu. Eine ſonderbare Erfahrung machte er, als er gewahr wurde daß eben dieſer Zuſtand, den er als die reinſte Theilnahmloſigkeit zu empfinden glaubte, zum Beobachten geeigneter war als jeder andere. Nie hatte er die Einrichtungen der Akademie und das Erziehungsſyſtem ihres Stifters mit ſo ſcharfen Augen angeſehen. Freilich ſtand das Wort das der Herzog einſt geſprochen, daß die Erziehung mitten in der Welt ſtattfinden müſſe, mit der That in ſtarkem Widerſpruch; denn er hielt ſeine Zöglinge ſo klöſterlich 18 Schiller's Heimathjahre. I. 274 abgeſperrt, daß ſie nicht einmal mit ihren nächſten Verwandten frei verkehren durften, ja daß ſelbſt die Briefe die ſie an ihre Eltern ſchrieben oder von dieſen empfingen, der ſtrengſten Aufſicht unterlagen und vom Intendanten, als ob er der Vorſteher eines Gefängniſſes wäre, erbrochen wurden. Nun war jenes Wort zwar nicht ganz leer geweſen, da er auch außer den großen jährlichen Prüfungen, bei welchen er ſich und ſeine Akademie mit einer zahlreichen und glänzenden Verſammlung umgab, die jungen Leute zuweilen auf ſeine Weiſe einen Blick in die Welt thun ließ, aber die Art wie dieß geſchah war nicht eben ſehr zu empfehlen: denn wenn es ihm einfiel ſo wurden ſie truppweiſe in das Theater oder auf die Redoute commandirt, und wehe dem der etwa aus religiöſer Bedenklichkeit von dem Zwangsvergnügen zurückbleiben wollte. Einem Solchen ging es nicht beſſer als dem der aus Ge⸗ wiſſensſkrupeln, wirklichen oder vorgeſchobenen, gegen ein kirch⸗ liches Gnadenmittel zu proteſtiren wagte. Denn auch mit den Religionsübungen wurde es ſtreng gehalten, um ſo mehr da der Herzog als Katholik die eiferſüchtige Wachſamkeit der proteſtanti⸗ ſchen, auf der Tübinger Univerſität beruhenden Landeskirche zu berückſichtigen hatte; aber der Beſuch des Gottesdienſtes trug den⸗ ſelben uniformirten und commandirten Charakter wie das übrige Getriebe der Anſtalt: die Haltung in der Kirche, das Zuſammen⸗ legen der Hände beim Eintritt und Ausgang, die Verbeugungen bei den betreffenden Stellen der Predigt, Alles hatte ſeinen vor⸗ geſchriebenen, gleichmäßigen, militäriſchen Gang; und wenn auch ausdrücklich dabei befohlen war daß die innere Geſinnung dem äußeren Verhalten entſprechen müſſe, ſo konnte begreiflicherweiſe nur dieſes letztere vermittelſt des nie fehlenden Reglements zu ge⸗ höriger Taktfeſtigkeit gebracht werden. Faſt in allen Dingen ſah er die geiſtige Seite der Erziehung unter dem ertödtenden Drucke einer unerbittlichen„Propreté“ erliegen. So war denn für den abgekühlten Beobachter, der jeder Illuſion den Krieg erklärt hatte, das ganze akademiſche Leben Aeußerlichkeit, Schein, ſtarre 275 Form; und der Gedanke ein Theil dieſer allgemeinen Verſteinerung zu ſein trug nicht beſonders zu ſeiner Glückſeligkeit bei. In ſeinen Hoffnungen auf einen freiſinnigeren Geiſt der aus der An⸗ ſtalt hervorgehen würde, glaubte er ſich völlig getäuſcht: hing ja doch der Herzog, wenn er auch bei mancher Gelegenheit den Ge⸗ burtsſtolz demüthigte, gleichwohl ſo ſehr an ariſtokratiſchen Dog⸗ men, daß er, wie die jungen Freunde ſich lachend ſagten, aus Rückſicht auf den Rang des Akademieſtallmeiſters im Adreßkalender an der Spitze des geſamten Inſtituts die Reitkunſt figuriren ließ, während die„Artiſten“ in der unterſten Abtheilung das Verzeich⸗ niß beſchloßen. Arm, wie das Talent faſt immer iſt, waren dieſe ihrem Verſorger, der ſie meiſt beim Theater und Bauweſen zu äußerlichen Zwecken verbrauchte, willenlos verſchrieben, ein Schick⸗ ſal das auch andere Zöglinge in andern Fächern theilten: denn wen der Herzog zur unentgeltlichen Aufnahme in die Anſtalt aus⸗ wählte— und dieß war eine Gnade die aus Furcht vor gefähr⸗ licher Ungnade von den Eltern nicht leicht abgelehnt wurde— der mußte ſich ihm durch förmlichen Revers zu lebenslänglichem Dienſte verpflichten. Dieſe Verſchreibung war, wie Heinrich wohl wußte, der Kirche abgelernt, welche gleichfalls ihre Kloſterſchüler mit Leib und Seele ſich zu eigen machte; aber die Kirche durfte über ihre Pfleglinge nicht ſo rückſichtslos verfügen; auch konnte man, wie Beiſpiele genug bewieſen, aus ihrem Joche weit eher entkommen als aus dem eines in ſeinem ſelbſtgeſchaffenen Kreiſe ſchranken⸗ loſen Gebieters, der die Willkür die er in ſeinem Staate nicht mehr ſo ſchreiend walten laſſen durfte häufig auf ſein Inſtitut übertrug. Wohl mußte der herbe Beurtheiler, der den Geiſtes⸗ druck der Klöſter aus eigener Erfahrung kannte, in unbefangenen Stunden ſich bekennen, daß der Herzog Manchem der nach ſeiner oder ſeiner Eltern Wahl den bisher für die begabteren Söhne des Landes geläufigſten Nahrungszweig, den geiſtlichen nämlich, vor⸗ gezogen haben würde, mit der Durchkreuzung dieſer Abſicht und mit der Eröffnung eines verhältnißmäßig jedenfalls weit größeren 276 Geſichtskreiſes eine wenn gleich aufgedrungene Wohlthat erwieſen habe; aber dennoch verletzten ihn dieſe Eingriffe in die Freiheit des Menſchen, und mit Unwillen ſah er es an, wie junge Leute durch Anwendung jener Gewalt die dem Herzog, auch ohne un⸗ mittelbaren Machtſpruch, zu Gebote ſtand, in die Anſtalt gezogen, nach der Körpergröße eingetheilt, unter die Aufſicht dreſſirter Cor⸗ poralsſeelen ohne geiſtige Bildung geſtellt, an die Kette eines oft widerſtrebenden Faches geſchmiedet und nur unter beſondern Um⸗ ſtänden zu einem Tauſche zugelaſſen, mitunter aber auch gegen ihren Willen zu einer andern Facultät verſetzt wurden; mit Em⸗ pörung aber war er in einzelnen Fällen Zeuge, wie ein Eleve dem die Wohlthat in dieſer Form zu drückend wurde, durch offene Bedrohung ſeines Vaters, deſſen Wohl und Weh in den Händen des Herzogs lag, mit nackter Gewaltthätigkeit alſo, in der Akade⸗ mie feſtgehalten wurde. Und doch mußte er dieſem herriſchen Manne, ſo oft er ihn ſprach, eine eigenthümliche Macht über ſein Gemüth zugeſtehen, obgleich er es ihm kaum verzeihen konnte, daß er den Dichter der Räuber, deſſen Vater, als Aufſeher der An⸗ lagen bei der Solitude, unbedingt von der Laune des Herzogs abhing, gleich den übrigen Geſchöpfen ſeiner Erziehung am Drahte hielt, ohne ſeinen hervorragenden Geiſt nach Gebür zu würdigen. Schiller verließ jetzt gleichfalls nach vollendetem Curſus die Akademie, und wurde als Regimentsmedicus mit kümmerlichem Gehalte angeſtellt. Unſer Freund kam häufig mit ihm zuſammen, und wenn über Poeſie verhandelt wurde ſo glaubte er oft einen Blick in ſeinen verlorenen Himmel zu thun. Er traf jenen ſchüch⸗ ternen jungen Mann den er einſt bei dem akademiſchen Mittags⸗ mahl geſprochen oft in dem Zimmer des Dichters an, und lernte in ihm den jungen Muſikus Streicher, einen Menſchen von ſel⸗ tener Herzenseinfalt, kennen. Sie pilgerten manchmal zuſammen nach der Solitude, und wurden von des Dichters Eltern mit der freundlichſten Bewirthung für ihren Gang belohnt. 1 Heinrich erlebte es halb im Traume wie die Akademie vom 277 Kaiſer zur Hochſchule erhoben wurde; er mußte die Feſtlichkeiten welche der entzückte Herzog deßhalb an ſeinem Geburtstage ver⸗ anſtaltete mitmachen, und drückte dabei ſeinem alten Freunde, dem hiezu abgeordneten Bürgermeiſter von Reutlingen, die Hand. Aber wie er auch thätig oder leidend die Schuld ſeiner Zeit ab⸗ tragen half, der innerſte Puls ſeines Herzens ſtand ſtill; niemand ſah ihm äußerlich an wie völlig er verwandelt war. Durch Beſchäftigung jeder Art ſuchte er Meiſter über ſich zu bleiben, und als Schiller, bald nach Veröffentlichung der Räuber, ſeine Anthologie unter dem wunderlichen Titel einer ſibiriſchen Gedichteſammlung begann, ſo zeigte er den lebhafteſten Antheil an dieſer Arbeit und ſuchte eifrig für ſeinen Freund nach poetiſchen Stoffen. Aber wie man auch unter einem grauen Himmel, wenn die Sonne lang nicht geſchienen hat, ſich anſtrengen und abarbeiten mag, der Menſch, des freundlichen Lichtes gewohnt, hat ein Gefühl als ob kein Segen ſeine Mühen begleite, als ob ſein Gott ihm das Angeſicht entzogen hätte. So grau und lichtlos war es unſerem Freunde zu Muth, der, als er in einer ſcherzhaften Epiſtel von der Redaction der Anthologie um eigene Gewächſe erſucht wurde, ein paar unbedeutende Epigramme hergab und das Beſſere, als ſchämte er ſich ſeiner wahren Gefühle, in der Brieftaſche behielt. 8. Sein Leben Liegt faltenlos und leuchtend ausgebreitet. Wallenſtein. In der Stube welche Schiller bei dem Profeſſor Haug zur Miethe bewohnte fanden ſich eines Abends verabredetermaßen ſeine akademiſchen Freunde, der Lieutenant Scharffenſtein, der Actuarius Lempp, der Doctor Hoven von Ludwigsburg, der Bibliothekar Peterſen und Heinrich Roller ein. Das Zimmer war in einer gewaltigen Unordnung: in einer Ecke ruhte noch ein guter Stoß Exemplare von der erſten unſpeculativen Ausgabe der Räuber, halbzerbrochene Schüſſeln mit den Ueberreſten einer ſehr frugalen Mahlzeit lagen darauf und daneben umher, einige Flaſchen, auf welche Peterſen ſogleich ein forſchendes Auge warf, ſtanden dabei, und an den Wänden hingen die disjecti oder, wenn man will, dissoluti membra poctae, das heißt die zerſtreute und hart ſtra⸗ pazirte Garderobe des Regimentsmedicus. Der Genius in ſeiner erſten Entfaltung iſt dem neugebornen Kinde gleich, ungeſäubert und hilflos, aber in dem groß aufge⸗ ſchlagenen Auge verkündigt ſich der Geiſt der über den Waſſern ſchwebt, und die Prophezeiung einer herrlichen Zukunft. So war der Bewohner dieſer genialen Wirthſchaft. Er trat den Ankommenden in einem durchlöcherten Hausrock entgegen. 279 Willkommen, rief er luſtig, willkommen, meine Sibirier, in der Räuberhöhle! Welche den verſöhnenden Strahlen der Civiliſation nachgerade einigen Eingang zu gewähren verſpricht! erwiderte Heinrich. Wie ſo? fragte Schiller und ſah ſich zweifelhaft um. Er merkt es nicht einmal in ſeiner wilden Unſchuld, dieſer Urteutonier, wie anſtändig es bei ihm riecht ſeit ſein Stubenge⸗ noſſe Kapff ihn verlaſſen hat! In der That, man könnte eine Jungfernviſite herbitten, ſeit die Qualmwolken des virginiſchen Krautes ſich aus dieſer göttlichen Spelunke hinausgezogen haben. Dann würd' ich aber doch rathen dieſe angeſtrichenen Bein⸗ kleider vorher zu verbergen, rief Scharffenſtein dazwiſchen, indem er das beſagte Kleidungsſtück an der Wand ergriff und ſchüttelte. Nun, was geht in Genua vor? rief Scharffenſtein. Was macht der Fiesco? fragte Peterſen. Er ſpielt noch immer den Brutus, antwortete Schiller ver⸗ drießlich: das heißt er rückt um keinen Schritt vorwärts. Es ſind neuerdings bei dieſem ungeſunden Wetter ſo viele Erkrankungen unter meinen Grenadieren vorgefallen, daß ich die Burſche erſt wieder auf den Beinen haben muß eh' ich an eine offene Rebellion denken darf. Auf den Beinen oder unter dem Boden, fiel Lempp ein. Ja, ja! rief Scharffenſtein: man will wiſſen, du macheſt ver⸗ zweifelt revolutionäre Stücke und wütheſt mit Purganzen und Laxanzen in den Leibern deiner Myrmidonen, als obs die böhmi⸗ ſchen Wälder wären. Futter für Pulver! lachte Heinrich: Freund Schiller hat den Falſtaff in die Apothekerſprache überſetzt, und in ſo weit muß man zugeſtehen daß ſeine Mordthaten wenigſtens claſſiſch ſind. Schiller, der anfangs ein krauſes Geſicht gemacht hatte, mußte hier in das Gelächter der Andern einſtimmen. Um übrigens auf den Fiesco zurückzukommen, ſagte er, will ich euch anvertrauen, daß ich doch, ohne eine Feder einzutauchen, einen großen Schritt 280 darin gethan habe: ich bin nämlich über den Schluß mit mir einig geworden. Nun, da bin ich begierig! rief Roller: von der Geſchichte mußt du jedenfalls abweichen. Verſteht ſich, ſagte Schiller: der Zufall iſt nicht tragiſch. Alſo bleibt der Held am Leben? fragte Peterſen. Eben ſo wenig: man ſoll der Geſchichte nicht geradezu wider⸗ ſprechen. Alſo ſtirbt er doch! rief Peterſen. Schon wieder ein Mord! ſagte Lempp. Donner und Doria! rief Scharffenſtein: der Herzog von Genua, höchſt grauſamlich hingerichtet vom Regimentsmedicus Schiller in Stuttgart! An was ſtirbt er denn? an einem Pul⸗ ver? einer Latwerge? einer Mixtur? Der Dichter wandte ſich etwas verſtimmt zur Seite. Wer wird lang nach der Todesart fragen? rief Peterſen ſehr laut: ſterben muß er, obgleich er Herzog iſt! kein Gott ſoll ihm helfen!. Ich glaube du kommſt aus dem Ochſen, Peterſen! ſagte Lempp, indem er ihm den Mund zuhielt: ſchrei' doch nicht ſo gräß⸗ lich! du könnteſt uns bei den Vorübergehenden in den Verdacht bringen als hätten wir ein wirtenbergiſches Staatscomplott vor. Dann, rief Roller, würde Schiller vollends ein zweiter Shak⸗ ſpeare werden, denn dieſem iſt in der That einmal ein ſolcher Streich paſſirt. Als er einſt mit einigen andern Dichtern und Schauſpielern im wilden Schweinskopf zu Caſtcheap fröhlich und guter Dinge ſaß, hörten einige friedliche Londoner Bürger die eben nach Hauſe gehen wollten eine lärmende höchſt verdächtige Berathung in der Taverne.„Laß den König leben!“ hörten ſie einige Stimmen rufen: udu könnteſt ihn ja mit einem blauen Auge davon kommen laſſen,“ und dergleichen mehr.„Nein, er muß ſterben!“ erwiderte eine ſanfte aber entſchiedene Stimme, und brachte allerlei Gründe vor, welche vielleicht damals auf den —— 281 König Jakob ihre beſondere Anwendung finden mochten. Genug, die Zuhörer liefen nach der Wache, und es dauerte nicht lang ſo drang der Sheriff mit ſeinen Leuten im wilden Schweinskopf ein, als eben Shakſpeare's Votum für den Königsmord einſtimmig durchgegangen war; die Verſchwörer wurden ergriffen und vor Gericht geführt, wo es ſich dann freilich ergab daß man einem dramatiſchen Tyrannen nach dem Leben geſtrebt hatte, und nicht ſeiner geheiligten Majeſtät von England. Gott bewahre mich vor einer ſolchen Aehnlichkeit! rief Schiller: das könnt' ich eben noch brauchen! das würde mir den Reſt geben! ich werde an einem Mißverſtändniß dieſer Art noch lang zu ſchlucken haben. Weißt du noch, Roller? in der Nacht da ich euch die Räuber vorlas— — und mich vom Galgen retteteſt— — ja, und wie der verwünſchte Nies dazu kam und die Flüche des Franz mir zuſchrieb, als ſakermentirte ich über das Inſtitut— Wahrhaftig, du könnteſt Recht haben! rief Heinrich: aber wie kommſt du darauf? haſt du etwas erfahren? Nein, aber geſtern dachte ich zufällig der Sache nach und da ging mir plötzlich ein Licht auf. Der Nies muß rapportirt haben; denn es iſt auffallend wie ſehr der Herzog ſeit jenem Abend ſeine Geſinnungen, die freilich längſt nicht mehr die gnädigſten waren, gegen mich geändert hat. Es kommt mir auch ſo vor, ſagte Heinrich, und jetzt fang⸗ ich erſt an, einige Reden die der Herzog gelegentlich gegen mich fallen ließ zu begreifen. Aber, was zum Teufel! rief Schiller auf einmal: ſetzt euch doch, Kinder! das iſt mir eine trockene Unterhaltung! Geſchwind! — Mit einem einzigen Strich der Hand hatte er den großen Tiſch abgeſtreift, von welchem viele Blätter, mit Verſen und dazwiſchen mit dicken Strichen bedeckt, herunterfielen, und ſchleppte ihn don⸗ nernd und krachend vor die Bank die an der Wand feſtgenagelt 282 war; auf dieſer nahmen ſeine Freunde neben einander Platz, Schiller ſtellte den einzigen Stuhl der im Zimmer war ihnen gegenüber für ſich, und begann aufzutiſchen. Hier ſind ein paar Würſte! rief er:„doch theilt euch brüderlich darein!“ und hier drei Flaſchen, denen wir jetzt die Hälſe brechen wollen. Nur eins zur Warnung: laßt keine zu nah bei Peterſen ſtehen! ich fürchte viel von ſeinem wiſſenſchaftlichen Eifer, er könnte zu ſeinem Werk über die Nationalneigung der Deutſchen zum Trunk, woran er jetzt arbeitet, höchſt einſeitige Studien machen wollen. Die Geſellſchaft griff zu und ließ es ſich bei dem beſcheidenen Schmauſe trefflich munden. Als die Würſte verzehrt waren ſagte Scharffenſtein: Ueber Genua wären wir belehrt! jetzt fragt es ſich nur noch wie unſre Angelegenheiten in Tobolsko ſtehen; wie iſts, ſeid ihr fleißig, daß die Anthologie bald zu Stande kommt? Jeder rückte auf dieſes Commando mit ein paar Beiträgen hervor. Die Andern hatten ſich mit kleinen Epigrammen ihrer Pflicht entledigt; nur Schiller konnte einige größere Gedichte auf⸗ weiſen, die er mühſam auf dem Boden zuſammenſuchen mußte um ſie vorzuleſen. Eines derſelben war an die Fürſten gerichtet, und enthielt eine Stelle welche unſchwer zu deuten war: Ihr bezahlt den Bankerott der Jugend Mit Gelübden und mit lächerlicher Tugend, Die— Hanswurſt erfand!— Scharffenſtein ſchüttelte den Kopf, als dieſe Zeilen vorkamen, Roller hörte nachdenklich zu und ſann in der Stille auf ein freund⸗ ſchaftliches Auskunftsmittel, die Uebrigen aber zollten dem herben Gedichte den lauteſten Beifall. Im Ernſt, Schiller, ſagte Heinrich zu dem Dichter, du haſt es ſo kräftig gemacht daß ich, da ich ohnehin nichts von deiner Hand beſitze, mir dein Manuſcript zum Andenken ausbitte; ich kann es ja dann für die Anthologie abſchreiben. Da haſt du es mit Haut und Haar, das heißt mit allen 283 Strichen und Emendationen; ich kann es auswendig und habe es bald wieder geſchrieben. Heinrich ſteckte das gefährliche Blatt ſorgfältig in die Brieftaſche, innerlich nicht ſehr erbaut daß ihm ſeine wohlgemeinte Abſicht mißlungen war; denn er hatte dem Dichter, dem in ſolchen Dingen ſchwer beizukommen war, nicht bloß die Handſchrift ſondern auch ihren Inhalt mit guter Art aus den Händen ſpielen wollen, um den Druck zu verhüten und den Freund vor Schaden zu bewahren. Jetzt aber, rief dieſer, ſchenkt ein! erzählt Neuigkeiten! wer weiß mir zu ſagen was in der Welt vorgeht? Wie viel Zoll hoch tragen unſre Frauenzimmer neuerdings den Kopfputz? ich brauche ſo was für den Fiesco. Wie viel Puder verbraucht General Waſhington täglich zu ſeinem Heldenkopf? oder, was mir lieber zu hören wäre, hat er die Engländer wieder tüchtig gepudert? Er bereitet ſich vor, ſagte Hoven: Frankreich hat ihm Geld gegeben, das ihn auf einmal aus dem Schlummer aufgeweckt hat. Ah, eine Nervenſtärkung! rief der Dichter: wir Mediciner wiſſen dieſes toniſche Mittel zu ſchätzen, und wenn ihr es in dieſem Augenblicke nicht wie alles andere bei mir unordentlich herum⸗ liegen ſeht, ſo kommt das bloß daher daß kein Tractat zwiſchen mir und der Krone Frankreich iſt. Aber dennoch auf mit den Gläſern! Die republicaniſchen Waffen hoch! und hoch das Kro⸗ nengold das ihre Siege fördert! Und Frankreich— wohl bekomme ihm die Allianz mit der Freiheit, die es aus Neid und mit fal⸗ ſchem Herzen geſchloſſen hat! Die Gläſer klangen heftig zuſammen, und das Motto der Räuber: In tyrannos! bildete den Kern fulminanter Trinkſprüche, welche gegen die Machthaber der Erde, ſelbſt in der nächſten Nähe, geſchleudert wurden. Die Republik in Chren! ſagte Scharffenſtein, als der Dichter das Zimmer verlaſſen hatte: aber Schiller ſpricht neuerdings oft über ſeine Lage und den Herzog in einem Tone der mehr ſagt als ſeine Worte, und das Gedicht das er vorhin las hat Ausdrücke, 284 daß man glauben könnte er wolle ſich an ihm rächen. Es ſcheint er mache im Stillen ſehr ſtarke Anforderungen an den Herzog, und könne es dieſem nicht verzeihen daß er ſie nicht erfülle. Du thuſt ihm Unrecht, nahm Roller das Wort. Schiller iſt viel zu edel, zu beſcheiden und zugleich zu ſtolz, als daß er dem Herzog eine Unterſtützung, wie du anzunehmen ſcheinſt, zumuthen ſollte. Deſto mehr haben jedoch andre, zum Beiſpiel wir, dieſes Recht, und ich für meine Perſon muß geſtehen, ich finde es unver⸗ antwortlich daß der Herzog für dieſes unverkennbare Genie rein nichts thut, da er doch prunkſüchtig genug geweſen iſt, nichts⸗ nutzigen Talenten und Halbtalenten eine Menge Geldes nachzu⸗ werfen. Wenn er auch die Poeſie nicht ſchätzt, ſo ſollte er, der erleuchtete Regent für den er angeſehen ſein will, doch wiſſen was er den geiſtigen Kräften ſeines Landes ſchuldig iſt. Der Herzog erkennt dieſes Genie nicht, erwiderte Scharffenſtein, und das aus mehreren Gründen die man in Anſchlag bringen muß. Einmal hat er bekanntlich ein Aber gegen dieſe ganze Art von Dichtkunſt, und es heißt Uebermenſchliches von einem ſchwa⸗ chen Sterblichen gefordert, wenn er das belohnen ſoll was ihm mißfällt. Dann hat Schiller, bei allem Schönen was er geleiſtet, doch ſelbſt für dieſe Gattung noch beſonders wilde und rohe Aus⸗ wüchſe, die einen Verehrer der galliſchen Muſe eher abſchrecken als gewinnen können; er iſt ein Vulcan der mitunter ſtarke Schlacken auswirft, was auch wohl Urſache ſein kann daß die Räuber bis jetzt noch nicht diejenige Anerkennung gefunden haben die der Autor vielleicht im Stillen erwartet hat. Es ſind jetzt doch einige Monate her daß ſie erſchienen ſind, und die Wirkungen dürfen nicht mehr lang ausbleiben, wenn ich nicht fürchten ſoll das Buch ſei durchgefallen. Endlich aber kommt noch etwas Per⸗ ſönliches hinzu. Ihr wißt, Freunde, daß ich Schillern liebe und achte, und ſo hoffe ich von euch nicht mißverſtanden zu werden. Er iſt auch in ſeinem Benehmen, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, ein ungeſchlachtes Genie; ſeine Formen ſind von der Art 28⁵ daß ſie dem Geſchmack des Herzogs nicht zuſagen können; dazu ſind ihm in der Akademie, zum Theil ſchon früher, einige lächer⸗ liche Malheurs begegnet, die der Herzog gewiß nicht vergißt und die ihm den Reſpect vor einem ſonſt ſo bedeutenden Geiſt in etwas benommen haben mögen. Ich möchte es ihm nicht ins Geſicht ſagen, aber in der That, ſein Auftreten hat oft etwas das einen Spötter an den Don Quixote erinnern könnte. Das iſt zu arg! rief Peterſen: ein Don Quixote! Ich finde keinen ſo großen Anſtoß an dem Namen, ſagte Roller. Quixote iſt bei allen ſeinen Lächerlichkeiten eine hoch⸗ herzige Erſcheinung, und der Dichter deſſelben ſcheint mir wohl⸗ bewußt dafür geſorgt zu haben, daß die wirkliche Welt, mit der er ſo oft in Colliſion kommt, meiſt recht ärmlich neben ſeiner idealen erſcheint; ja ich glaube daß jeder bedeutende Menſch der noch nicht ganz ausgegohren hat eine gewiſſe Aehnlichkeit mit dem ingenioſen Junker aus der Mancha haben wird. Uebrigens ſind hier nach und nach ſolche Mißverhältniſſe und Mißverſtändniſſe eingetreten, daß der Herzog und ſein Regimentsmedicus ſich ſchwer⸗ lich je wieder zuſammenfinden werden. Schon dieſe geringe Stelle, rief Peterſen, beweist deutlich daß er ihn aufgegeben hat. Und doch, ſagte Scharffenſtein, konnte er nicht mehr von ihm verlangen. Wie ich es nach dem ſtrengen Recht anſehen muß, ſollte er ihm dankbarer ſein. Wenn nun jenes Gedicht dem Her⸗ zog vor die Augen käme, wenn er erführe oder erriethe daß Schiller der Verfaſſer iſt, was würde er denken? Wenn Schiller es vollends mit ihm ganz verdirbt, wie ſoll es dann werden? Ich ſehe keinen Ausweg für ihn! Könnte ich ihn nur bewegen, eine mildere Denkungsart in dieſer Sache anzunehmen, aber er ſpricht gar nicht darüber, er verſchließt ſeinen Unmuth in ſich. Das größte Unglück iſt daß er nicht berechtigt iſt etwas vom Herzog zu for⸗ dern; alles was er erhält muß er als eine Gnade anſehen, ſo groß ſind die leidigen Verpflichtungen die er gegen ihn hat: er verdankt 286 ihm nun einmal ſeine ganze Erziehung, und er bedenkt nicht wie viel das heißen will, wie viel er dieſer Anſtalt ſchuldig geworden iſt. In dieſem Augenblick ging die Thüre auf und Schiller trat herein. Er hatte die letzten Worte noch gehört und ſetzte ſtill⸗ ſchweigend eine Flaſche auf den Tiſch, die er in eigener Perſon aus dem nächſten Wirthshauſe geholt hatte. Die Geſellſchaft ſchwieg etwas verlegen, eine bittere Empfindung malte ſich in den Zügen des Dichters, und nach einer Pauſe, als keiner der Andern reden wollte, begann er: Man verlangt Dankbarkeit von mir. Es iſt wahr, die Welt kann mir Verpflichtungen vorhalten, und ich werde ſie vor der Welt nicht abläugnen. Hier aber, wo wir allein ſind, lüſtet michs doch einmal dieſe Verpflichtungen vor mein Tribunal zu ziehen, und ihr ſollt meine Geſchwornen ſein. Man hat mich in einem Alter wo ich noch nicht fähig war über meine Beſtimmung nachzudenken, aus den Träumen meiner Kindheit herausgeriſſen, man hat mir ohne mich zu fragen, ohne einen Blick in die magna charta zu werfen die Gott in meine Wiege gelegt hat, die Gnade der Erziehung zu Theil werden laſſen. Was heißt das? es heißt mit andern Worten, man hat den Kitzel mit Gottes Ge⸗ ſchöpfen Chriſtmarkt zu ſpielen, die berühmte Raſerei Menſchen zu drechſeln, an mir ausgeübt, man hat Deukalions Kunſt an mir verſucht, welche denn auch gewöhnlich ſo gut anzuſchlagen pflegt daß man aus Menſchen Steine macht, wie jener aus Steinen Menſchen gewann. Ob das bei mir gelungen iſt— ich glaube nicht ganz, ob ich aber je wieder meine urſprüngliche von Gott empfangene Menſchennatur erringen werde, die ich gratis und ohne unterthänigſte Dankſagung mit auf die Welt gebracht habe, das weiß ich nicht. Dabei hat man obendrein mit meiner Be⸗ rufsneigung wie mit Würfeln geſpielt. Meine unmittelbarſten Rechte hat man mit Füßen getreten, und durch neunjährige Dreſſur in der Erziehungsfabrik mich zu der Puppe gemacht welche jetzt Regimentsfeldſcheerer und Creatur der fürſtlichen Gnade heißt, die 287 mich freilich gnädigſt verhindert hat etwas Beſſeres zu werden. In dieſer Lage gibt es nur Einen Dank, und das iſt der den ich mir ſelbſt ſchuldig werden muß. Mir will ich es verdanken daß ich dieſe alberne Puppe abſtreife, mir allein! Keine Unterſtützung, keine Befreiung will ich anſprechen, ohne fremden Beiſtand will ich meine Ketten zerbrechen! Meinen Geiſt will ich anrufen in meiner Noth, ich will arbeiten, ſchaffen! was mir angeboren iſt, was in mir lebt, meine innere Welt will ich hervorzwingen an das Auge des Tages, und den Menſchen ein neues Leben aufthun in dem ſie wandeln mögen! Und zwar— ſetzte er hinzu, indem er, Scharffenſteins Beſtürzung gewahrend, mit bezaubernder Herzens⸗ güte plötzlich aus ſeiner zornigen Begeiſterung in einen ſcherzhaften Ton herunterſprang— will ich das Machwerk, Fiesco genannt, ſo bald als möglich zu Ende bringen und dann, ohne viel nach dem Urtheil der Leute zu fragen, gleich wieder etwas Andres vor⸗ nehmen, damit dieſe neue Welt recht bald in Reih' und Glied auftirtt. So iſts recht! rief Scharffenſtein und ſchüttelte ihm herzlich die Hand: mit dieſen Truppen ſicht deine Sache aus und erobere dir die Welt! Du kannſt dann von denen die dich hätten unter⸗ ſtützen können und nicht unterſtützt haben um ſo unabhängiger denken. Und nun gute Nacht! es iſt ſchon ſpät. Nichts dal rief Schiller: keiner darf ſich von der Stelle rühren bis dieſe Flaſche geleert iſt!— Die Freunde blieben ſitzen, Schiller machte mit der liebenswürdigſten Heiterkeit den Wirth, die Span⸗ nung war gelöst, alle Saiten der Geſelligkeit wurden noch einmal angeſchlagen und klangen in einem heitern Schluſſe aus. Als die letzte Flaſche leer war erhob ſich die Geſellſchaft, Schiller begleitete ſie auf die Straße und nahm dort gute Nacht. Dann kehrte er in ſein Zimmer zurück, öffnete das Fenſter und ſah aus der Tiefe der Erdenwelt gedankenvoll an den Himmel empor. Wolken, vom Winde gepeitſcht, zogen ſchnell vorüber. Vom Thurm der Stiftskirche ertönte jetzt das mitternächtige Zeichen, ein Ueberbleibſel aus jenen rauheren Zeiten wo dem 288 Wanderer in Forſt, Wildniß und auf ungebahnten Wegen man⸗ cherlei Gefahren drohten, das ſilberne Glöckchen, deſſen heller Klang dem Verirrten draußen anzeigen ſollte daß ein Afyl in der Nähe ſei, das ihn gaſtlich in die ſchützenden Mauern lade. Ein unnennbar bitteres Gefühl von Heimathloſigkeit durchdrang den Dichter, durch alle unbewehrten Pforten ſeiner Seele ſtürmten die nächtlichen tückiſchen Dämonen der Muthloſigkeit und Verzweiflung herein, er ſah ſich als einen Flüchtling an, der auf Erden nirgends eine Stätte hat, einem ſchmählichen Ende blickte er entgegen, er hatte ſich noch nie ſo elend gefühlt! Von Schauern geſchüttelt eilte er ſein Lager zu gewinnen, wo ein wohlthätiger Schlaf ſich ſeiner bald erbarmte. In dieſem ärmlichen Stübchen, o Deutſchland! ſchlummert einer deiner größten Geiſter. Noth und Sorge haben ihre Schlan⸗ genarme um ihn gewunden, Verkümmerung droht ſeinem Genius — aber getroſt! während er ſchläft weichen die Wolken leiſe vom Firmament, die ewigen Sterne treten hervor und wachen freundlich über ſeinem Schlummer. Getroſt, auch ſein Stern iſt unter ihnen. Die ſtrengen Züge des Schlafenden verklärten ſich zu einem unbeſchreiblichen Frieden, und von den goldnen Funken die durch den Himmel wandelten thauten lichte Bilder auf ſeine gedanken⸗ volle Stirn herab. Ein Traum kam über ihn. Er ward im Geiſt auf einen Weg verſetzt, dergleichen er im Vaterland ſchon oft betreten zu haben meinte. Der Pfad ging zwiſchen Weinbergen empor, volle Trauben lockten ihn, aber er ließ ſie hinter ſich und ſchritt leichten Fußes aufwärts. Die Wein⸗ berge gingen zu Ende, eine ſteinige Haide folgte, über die der Weg ſchroff und zerriſſen hinaufſtieg. Endlich führte er in einen Wald und lief unter hohen Buchen in vollem Blätterſchmucke fort, immer den Berg hinauf, immer enger und ſteiler. Zuweilen ſchlüpften furchtſame Mondſtrahlen zwiſchen dem Laub hindurch und ſielen auf den Weg. Endlich ging der Berg zu Ende und der Wanderer betrat eine Hochebene. Er wandte ſich um und 289 blickte nach der Seite wo er hergekommen war: aus dem Wald hervor, über Wieſen, an einem klaren Teich vorbei wand ſich der Pfad herauf, und über den Wipfeln des Waldes erſchienen in deutlicher Ferne die Berge der Alp, wie er ſie oft von der Soli⸗ tude aus geſehen hatte, aber ſie waren höher und er konnte die ganze Kette überſchauen. Sie ſtanden im klarſten Lichte da; die Vormauern, die Bollwerke traten ſanft hervor, er unterſchied jede Gruppe, er ſah in die Seitenthäler hinein, und immer heller tauchte die Landſchaft vor ihm auf, und die Mondnacht wurde zu einem ſchönen Frühlingsmorgen, und er wußte daß es Sonntag war. Aus dem Thal herauf drangen die Klänge der Sonntags⸗ feier aus vielen Ortſchaften, und auf den Klängen ward er im Geiſt wie auf einer Wolke emporgehoben. Er ſchwebte über dem Thale hin, das in ſeligem Frieden unter ihm ruhte, weiter und immer weiter, bis er eine große Stadt unter ſich ſah, größer als er je eine geſehen. Sie ſchien ihm bekannt und doch wußte er ſie nicht zu nennen, ſo ſehr hatte ſie ſich verändert, aber er erkannte auf einmal daß es Stuttgart war. Er ſuchte zu entfliehen, denn er gedachte der vielen Leiden die er in dieſer Stadt erduldet, aber er konnte nicht. Jetzt befand er ſich vor dem neuen Schloſſe, deſſen abgebrannter Flügel endlich ausgebaut war, und ſiehe, eine Königskrone ſchimmerte ſtatt der herzoglichen von den Zinnen. Verwundert wandte er ſich und erblickte das alte Schloß, das in ehrwürdiger Düſterheit vor ihm aufſtieg. Er ſchwebte vorüber, da feſſelte ihn der Anblick eines ehernen Monuments: hat man endlich, dachte er, dem Herzog Chriſtoph hier ein Denkmal er⸗ richtet? Aber es war kein Fürſtenbild: er ſah eine Geſtalt in faltigem Gewande, einen Lorbeerkranz in den Locken; und als er näher ſchwebte erkannte er, o Wunder! in den mächtigen Zügen des Antlitzes ſein eigenes Bild, mit dem ſchwer errungenen Lor⸗ beer gekrönn. Er weilte ſtaunend über der Statue, da nahte ſich unten eine feſtliche Menſchenmenge und verſammelte ſich um ſein Bild, zu deſſen Füßen tauſend Kränze gelegt wurden: Muſik P Schiller's Heimathjahre. I. 19 84 290 ertönte und ein liebliches Lied ſchwebte zu ihm empor, aus welchem eine ſanfte Klage ſprach. Er wußte daß es ihm galt, und erhob ſich lächelnd auf den Tönen in die Lüfte, wo ihn ein noch höheres Wunder erwartete. Denn jetzt erfüllte ſich mit einer Herrlichkeit die nicht von dieſer Welt war der leiſeſte Wunſch ſeiner Bruſt, den er noch nie auszuſprechen gewagt hatte. Aus einer Wolke trat ihm das Bild des unbekannten Freundes, des Retters, ent⸗ gegen, auf den er ſo lang in bangem Schweigen geharrt. Wie oft, wenn er auf der Straße ging, meinte er der Erſehnte folge ihm auf den Ferſen und werde ihn jetzt gleich freundlich auf die Schulter 1 klopfen, oder wenn er auf der Bibliothek ſaß und in den Quellen zum Fiesco ſtudirte, wie oft unterbrach er ſich mit der ſtillen Hoffnung, ein Fremder, den doch ſein Herz ſo gut kannte, der ſo ganz anders und höher war als alle mit welchen er umging, müſſe 1 jetzt eintreten und ihm auf einmal über die Schulter ins Buch ſehen— aber er hatte immer vergebens gehofft, und nun! Ein* 1 Lichtſtrahl drang ihm aus den Augen des hohen Mannes ent⸗ gegen, in die er irgend einmal auf dieſer Erde ſchon geblickt zu haben glaubte, olympiſche Locken wehten um ſeine ernſte Stirne, er reichte ihm lächelnd die Hand, zog ihn zu ſich und ſagte: Es iſt nicht zu ſpät! ſo wollten es die Götter. Und jetzt ſaßen die Beiden auf goldnen Stühlen neben einander, alle Noth dieſer Welt war von ihnen hinweggeſchmolzen und floß als ein leichter Regen zur Erde hinab. Durch die Wolken hindurch aber ſahen ſie wie tief unten das Getümmel der Welt ſich um ihre Bilder drängte und ſtritt. Sie aber lächelten und drückten ſich die Hände 4 feſter. Und immer höher ſchwebten ſie empor, bis ein reiner ſtarker Lichtglanz ſie umgab, in dem der Geiſt des Traums ver⸗ ſchwebte. Die Augen des Schlafenden ſchloßen ſich zu einem tiefen Schlummer ohne Geſtalt und Erinnerung, er erwachte ſpät und fand ſich verwundert in ſeiner elenden Höhle, deren Anordnung die Spuren des ärmlichen Gelags von geſtern trug. Ein heiterer Morgen ſah herein, im Hauſe und auf der Straße A 41 N war es ſtill, die Sonne ſchien dem Langſchläfer durch das offene Fenſter aufs Bett, und er wiegte ſich träumeriſch im Gemurmel des nahe rauſchenden Brunnens. Nun läuteten die Glocken zur Kirche, der Jüngling lauſchte dem herrlichen Klang und fühlte ſich dichteriſch angeregt; er nahm das immer bereit liegende Blatt mit dem Bleiſtift von dem Wandgeſims neben dem Bett und be⸗ gann, ſeiner Empfindungen von geſtern Abend gedenkend, jene Klage des Flüchtlings:„Friſch athmet des Morgens lebendiger Hauch.“ Da klopfte es an der Thüre. Der Briefträger kam herein: Guten Morgen, Herr Doctor! rief er: ei! ei! noch in den Federn, und ich bin ſchon in der halben Stadt herumgaloppirt— aha, ich ſehe man hat geſtern eine luſtige Nacht gehabt! Hier iſt ein Brief aus Weimar, einer aus Mannheim und ein Paket aus Frankfurt; die Briefe ſind halb frankirt, alles zuſammen thut fünfundvierzig Kreuzer. Lieber Freund, ſagte Schiller hocherröthend, Sie ſehen, ich liege noch im Bett, und— Verſteht ſich, dahin nimmt man die Börſe nicht mit! verſetzte der Briefträger lächelnd: nun, das iſt in guten Händen, werde bald wieder meine Aufwartung machen. Ich habe die Ehre mich zu empfehlen, Herr Doctor! Er grüßte mit ſoldatiſchem Anſtand und ging ab. Schiller griff mit fieberiſcher Eile nach dem Briefe mit dem Poſtzeichen Weimar. Er wußte wohl von wem er war: er hatte vor einiger Zeit ein Exemplar der Räuber an Wieland geſendet, die ſchwäbiſche Landsmannſchaft in Anſpruch nehmend, und hier war die Antwort. Er erbrach das Schreiben, ſah nach der zier⸗ lichen Unterſchrift und las dann langſam mit großen Augen und ſtolzer Freude die Lobſprüche die ihm der feine Dichter des Oberon ertheilte. Es war die erſte Stimme von Gewicht— jetzt durfte er ſich für etwas halten! Er öffnete den zweiten. Alle Wetter! rief er, das kommt ja 292 hagelsdicht!— Es war eine Aufforderung von Herrn von Dalberg in Mannheim, die Räuber für die dortige Bühne zu bearbeiten. Jetzt bin ich nur noch auf das Paket begierig.— Immer beſſer und ſchlimmer! rief er als er es aufgemacht hatte, und ſchleuderte es ins Zimmer, daß die Blätter umherflogen. Es waren einige Exemplare der Räuber, von einem Frankfurter Nachdrucker in tief⸗ ſtem Reſpect und unfrankirt überſandt. Da erwach' ich nun, ſagte der Dichter nachdenklich lächelnd, frühmorgens als ein berühmter Mann, kann für die Hymnen meiner Gönner nicht einmal das Porto bezahlen, und meine halbgewachſenen Lorbeern hat mir der vermaledeite Frankfurter Preßbengel ſchon für ſeine Küche geſtoh⸗ len! Doch halt, es hat alles ſeinen Nutzen, ich habe eben noch bemerkt daß er mich auf ſolideres Papier gedruckt hat als ich zu meiner Edition aufzuwenden vermochte; das kann ich nun zu dieſer Bearbeitung brauchen. Wohlan,„dem Manne kann ge⸗ holfen werden!“ Er ſprang eilends aus dem Bette, ſuchte ein Exemplar des Nachdrucks auf dem Boden zuſammen, und ging gleich daran Dal⸗ bergs Vorſchläge zu vergleichen, wobei ihn bald dieſe bald die reichlichen Druckfehler des größten unter allen Druckfehlern, des Nachdrucks, gewaltig in Harniſch jagten. 9. Herz, mein Herz, was ſoll das geben? Was bedränget dich ſo ſehr? Welch ein fremdes neues Leben! Ich erkenne dich nicht mehr. Weg iſt alles was du liebteſt, Weg warum du dich betrübteſt, Weg dein Fleiß und deine Ruh— Ach wie kamſt du nur dazu! Göthe. Auch unſer Freund hatte in der gleichen Nacht eine Viſion, obwohl von andrer Art. Denn als er auf dem Wege nach ſeiner Wohnung am alten Schloſſe vorüber kam, ſah er einen Wagen, von ermüdeten Pferden gezogen, langſam auf daſſelbe zufahren. Er begegnete ihm ganz in der Nähe, und eine weibliche Geſtalt beugte ſich etwas heraus. Der Schein einer Laterne fiel auf ſie und zeigte ihm ein Geſicht von ſo wunderbarem Ausdruck daß er in ein Märchen hineinzuſehen glaubte; zwei friſche, prächtige Au⸗ gen funkelten ihn fragend an. Es war wie ein Blitz, dem Lichtſchimmer folgte ein Schatten und nahm die Erſcheinung hin⸗ weg. Der Wagen fuhr ins Schloß. Ein doppelter Lichtblick! ſagte Heinrich, der auf dem Platze ſtehen blieb und in das dunkle Portal des Schloſſes hineinſtarrte. Er wäre noch lang ſo geſtanden, aber auf der Stiftskirche nebenan ſchlug es zwölf Uhr und das ſilberne Glöckchen erinnerte ihn ſeine Gedanken aus der Irre zuſammenzurufen und heimzubringen. — 294 Den andern Tag wurde er zu der hohen Protectorin der Ecole des Demoiselles berufen. Er traf im Vorzimmer mit dem alten Balthaſar Haug zuſammen und Beide wurden zu gleicher Zeit eingelaſſen, um dem neuſten Mitgliede des Inſtituts, einem jungen Fräulein, vorgeſtellt zu werden, welches der ältere Lehrer in der Religion und Moral, der jüngere in der Geſchichte und Geographie unterrichten ſollte. Heinrich konnte ein elektriſches Zucken und eine aufſteigende Röthe nicht bemeiſtern als er die Erſcheinung von geſtern Nacht erblickte; auch über das Geſicht des Fräuleins ſchien ein Blitz des Erkennens zu fliegen. Hätte nicht in dieſem verhängnißvollen Augenblick der greiſe College zu einem ſchicklichen Sermon den Mund geöffnet, er würde ſeine Faſſung gänzlich verloren haben. Nun gewann er Zeit ſich zu⸗ ſammenzunehmen und mit verſtohlenen Blicken ſich der Wirklich⸗ keit dieſes Tagtraumes zu verſichern. Denn traumhaft war die Erſcheinung noch immer: eine Geſtalt, zum Zerbrechen ſchlank, ein Geſicht von ſeltſamer, regelloſer Schönheit, das eine Fülle kaſtanienbrauner Locken neckiſch umflog, und unter der weißen Stirne zwei kohlſchwarze Augen, die wildfremd in die Welt hinein⸗ ſahen, Räthſel aufgaben und oft plötzlich mit einem unſagbar innigen Blick um ihre Löſung zu flehen ſchienen. Aus einer feinen Andeutung Francisca's konnte man ſchließen daß die fürſt⸗ lichen Manieren der jungen Dame mehr der Natur als der Er⸗ ziehung zuzuſchreiben wären. Heinrich war wie gefeſſelt, und doch wurde es ihm wohl als die Audienz zu Ende ging; niemals hatte er eine ſo ſeltſame Spannung in ſeinem Innern wahrgenommen. Auch der alte Balthaſar ſchien das Fremdartige der Erſcheinung empfunden zu haben; denn er machte im Fortgehen die gelehrte Bemerkung: es ſei ihm ſo wunderlich zu Muth als ob er eine von den egyptiſchen Sphinxen geſehen hätte, und die erlauchte Beſchützerin habe daher wohl mit Recht zu verſtehen gegeben daß das Fräulein von einem alten Geſchlechte ſei. Von nun an ging unſrem Helden ein neues Leben auf, und zubrechen beginne. Das Verhältniß zwiſchen einem jugendlichen Lehrer und einer jungen Schülerin hat ſeines Gleichen nicht, und noch ſind wenige ihrem Schickſal entgangen, das ihnen gebot die Herrſchaft in die Hände des anfangs ſo ehrfurchtsvollen und ge⸗ horſamen, zuletzt aber ſiegreichen und gebietenden Zöglings zu legen. Fräulein Laura— ſo wurde ſie genannt— war ſehr be⸗ vorzugt und empfing den Unterricht meiſt unabhängig von den übrigen Töchtern der Ecole, nur in Gegenwart der Gräfin von Hohenheim. War nun die Aufſicht dieſer gefürſteten Frau zwar geeignet eine gewiſſe Entfernung zu unterhalten, ſo hatte dagegen ihre Güte, ihr Wohlwollen eine Sonnenwirkung auf das Gemüth, welche mancherlei ſchüchterne Blumen und Pflanzen daſelbſt her⸗ vorkeimen machte. Francisca ſtand nicht nur als ein ſchützender Wetterableiter zwiſchen ihrem raſchen Gemahl und den Menſchen: ſie wußte auch perſönlich ihren Umgebungen aufs Freundlichſte und Liebevollſte zu begegnen, und ſo hatte es in mancher guten Stunde das Ausſehen als ob Mutter und Tochter mit einem be⸗ günſtigten Freunde zuſammenſäßen, dem vielleicht noch größere Rechte bevorſtehen ſollten. Und wie im Leben oft unbeachtete Umſtände folgenreich werden, ſo kam eben um dieſe Zeit eine drückende, nie erlebte Sommerhitze hinzu, welche die vortreffliche Dame mitunter etwas in Schlummer verſenkte, und das Fräulein verfehlte niemals einen ſolchen Augenblick zu einer plötzlichen Kreuz⸗ und Querfrage zu benutzen, wodurch die Gedanken des bedrängten Lehrers noch mehr in Verwirrung kamen. Des Lehr⸗ plans hatte ſie ſich ſchon nach den erſten Stunden bemächtigt, denn ihrer eigenthümlichen, beweglichen Anſchauungsweiſe war nicht zu widerſtehen. Sie fand die Geographie langweilig, und der junge Inſtructor, der dieſes Fach ſelbſt in der Geſchwindigkeit ſich aneignen mußte um es wieder mitzutheilen, mochte in der Stille derſelben Meinung ſein. Nun hatte ſie eines Tages eine er fragte ſich bald, ob denn wirklich wieder ein Lenz für ihn an⸗ Gemäldeſammlung beſchaut und rief ihm als er zur gewohnten— 296 Stunde kam ſchon von Weitem mit all ihrer Lebhaftigkeit entge⸗ gen, ſie ſei ſo glücklich geweſen eine neue Methode zu erfinden! man müſſe die Geographie als ein intereſſantes landſchaftliches Gemälde behandeln und darauf die Geſchichte als Staffage er⸗ ſcheinen laſſen! Sie wußte ihm dieß ſo anmuthig vorzuſagen daß er überraſcht und hingeriſſen in den Gedanken einging. Als dieſer aber zur Ausführung kommen ſollte, fand er ſeine Kenntniſſe ſo⸗ wohl als ſeine Hilfsmittel ſo unzulänglich daß er in große Ver⸗ legenheit gerieth. Das Fräulein kehrte ſich nicht daran: mit.Witz und Phantaſie wußte ſie ſich die trockenen Fachwiſſenſchaften mund⸗ gerecht zu machen, und ſo pfuſchten ſie ſich h manche artige Unter⸗ haltung zuſammen. Der Herzog, der gelegentlich eraminirte, ſchien ſehr zufrieden, aber der eigentliche Unterricht war zerſtört, und unſer Freund hatte ſeine liebe Noth mit der ſelbſtherrlichen Schü⸗ lerin. Da der landſchaftliche Boden häufig unter ihm wankte, ſo mußte er ſichs gefallen laſſen wenn ſein ſchöner Zögling ihn ge⸗ legentlich auf ein andres Terrain führte, nämlich auf das des reinen Plauderns. So benützte ſie namentlich jene Schlummer⸗ pauſen zu Einfällen, blitzartig und wunderſeltſam, wie ihr ganzes Weſen. Sie war auf einem einſamen Waldſchloß aufgewachſen, was ſie oft plötzlich, irgend einen andern Gegenſtand unterbrechend, mit einem hingeworfenen Wort berühren konnte, und das Gerücht nannte ſie die Tochter eines Hauſes deſſen Andenken der Herzog ehren wollte. So war die Gefahr beſchaffen welche dem Herzen unſres Freundes drohte. Dieſes Herz bebte noch von den leiſen Nachwehen einer verletzten Neigung, und ſtand auf jener empfindlichen Stufe des Geneſens welche die Dichter als die geſährlichſte ſchildern. Zuerſt gab das Ungewöhnliche, das Unerhörte der neuen Erſchei⸗ nung einen Reiz, und ſo gerieth er von einer Feſſel in die andere. Nicht die geringſte dieſer Anziehungskräfte lag in einer gewiſſen ſüßen Heimlichkeit die ihn mit ihr verband: denn wenn ſie auch, bei aller Rückſicht auf das Schickliche, der ſtrengen Hofetikette manches für ihre mütterliche Freundin erſchreckende Schnippchen ſchlug und überhaupt des Heuchelns unfähig war, ſo ließ ſie doch ihre unbeſchreiblich entzückende Natürlichkeit und die phantaſtiſche Freiheit ihres beweglichen Geiſtes nur in jenen vertrauten Augen⸗ blicken vor dem Lehrer ganz ſchrankenlos walten, wodurch ſie ihn in eine Art ſtiller Verſchwörung verſtrickte und nach und nach unvermerkt gefangen nahm. Daß Fräulein Laura hierin, ſo einzig ſie auch ſonſt ſein mochte, den Geſetzen der weiblichen Natur ge⸗ folgt ſei, läßt ſich leicht erachten; hatte ja doch ſchon die erſte Begegnung jenen eigenthümlichen Blick entladen, mit welchem ſie zu fragen und heranzurufen verſtand. Am kürzeſten iſt ſein Schickſal ausgeſprochen in den Worten:„Halb zog ſie ihn, halb ſank er hin.“ Daß er aber darum, wie die Ballade ſchließt, nicht mehr geſehen worden wäre, folgt nicht daraus: vielmehr war er um dieſe Zeit ſichtbarer als je. Er fühlte daß er etwas geheim zu halten habe, und ſo verbarg er ſein Geheimniß unter der lauteſten Fröhlichkeit im Kreiſe der jungen Geſellen. Dieß gelang ihm um ſo leichter da Schiller für den Augenblick die Zielſcheibe der Witze war, welche durch ſeine Lauralieder in vertrauter Geſellſchaft her⸗ vorgelockt wurden. Der Dichter ſelbſt war offenherzig genug es nicht gerade zu beſtreiten daß hier eine unzulängliche Wirklichkeit zum Ideal habe herhalten müſſen, und Heinrich, der das magere Frauchen, mit etwas Seele in den waſſerblauen Augen, mehrmals geſehen hatte, ſtimmte luſtig in die Neckereien ein, obgleich er den Namen nie ohne eine gewiſſe Bangigkeit über die Lippen brin⸗ gen konnte. Die Räuber hatten auch bei Hofe Aufſehen gemacht, obwohl nicht zu Gunſten des Dichters. Franzöſiſche Schriften, worin der Zuſtand der Geſellſchaft in Frage geſtellt war, wurden, wenn 3 auch mit einiger äußerlichen Apprehenſion, doch im Stillen gern geleſen; die neueren deutſchen Erzeugniſſe aber, welche den Boden der Geſellſchaft ganz verließen, waren 4* fremdartig um ein Ver⸗ ſtändniß oder gar einen Beifall in Anſpruch nehmen zu können. Doch hatte Francisca, die im Bücherkaufen nicht verſchwenderiſch war, ſich von Heinrich die wilde Tragödie zum Leſen geben laſſen, und ſeit dieſer Zeit begann das Fräulein ſich mit einiger Leb⸗ haftigkeit nach dem Dichter zu erkundigen. 1 Er hatte ſchon mehrmals verſprochen ihr den außerordent⸗— lichen Züngling bei einer der Paraden auf dem Schloßplatze zu zeigen, und eines Tages, als die erlauchte Duenna eben ſchnell zum Herzog berufen worden war, zog ſie ihn ans Fenſter und fragte: Sind das nicht Augé's Grenadiere? Die Parade begann ſo eben. Heinrich, mit Farben und Waffengattungen nicht ſonderlich vertraut, ſah ſich nach bekannten Geſtalten um und entdeckte bald den dithyrambiſchen Arzt. Der Regimentsmedicus ſtand in dieſem Augenblick den beiden Zuſchauern gegenüber faſt in der Mitte des Platzes, mit etwas geſenktem Haupte den Befehl erwartend der ihn zur Abſtattung des Rapports berief. O ja, antwortete Heinrich: denn dort ſteht Freund Schiller. Wie? welcher? wo? Er zeigte hin. Sie betrachtete den Dichter eine Weile und brach dann in ein lautes Gelächter aus. Was? dieſer Storch? rief ſie: ſteht er nicht da, geſpreizt, als ob er juſt einen Familien⸗ ſegen zu beſcheren hätte?— Jetzt! jetzt! ſehen Sie wie er mit dem Zopfe rudert!— Und die beiden unförmlichen Walzen mit den ſchwarzbeklexten Camaſchen drüber! Pfui! Das iſt der Dichter der Räuber? Die Freundſchaft war in dieſem Augenblick nicht die oberſte unnter den Mächten die das Herz des jungen Lehrers beſaßen: denn ſonſt wäre er der muthwilligen Spötterin gram geworden. Doch lachte er nicht mit, ſondern erwiderte ernſthaft: Wer ihn näher 4 kennt ſieht über dieſe Außendinge hinweg. Aber wenn Sie das nicht können ſo erblicken Sie wenigſtens darin den Jammer unſrer Tage! Was in dieſer unangemeſſenen Hülle ſteckt das iſt ein herrliches Werden: das andre iſt nur eine Satyre auf unſre Zeit. lachend. Wiſſen Sie auch was mir am beſten an ihm gefällt? daß er ſeine Heldin unter die Räuber gehen läßt. Das iſt ein Gedanke der die Hofdamen zur Verzweiflung bringt. Es iſt auch etwas ſtark für eine von Edelreich. Sie werden doch nicht den Geſchmack haben, mein gnädiges Fräulein, ſo weit von der Höhe Ihres Standes herabſteigen zu wollen? Stand! Rang! rief ſie: das Weib hat keinen Stand, oder vielmehr ſie haben alle nur Einen. Wiſſen Sie wohl daß ich anfangs alles was man von Unterſchieden, Mesalliancen und dergleichen ſprechen hört, für thörichte Ammenfaſelei hielt, bis mich mein Eintritt in die Welt belehrte daß es bittre Wahrheit iſt? Bei dieſem unumwundenen Glaubensbekenntniß ging in Hein⸗ richs Herzen eine Hoffnung auf, wie ein helles Meteor. Wie ward ihm aber als das Fräulein lachend fortfuhr: Und wiſſen Sie auch daß ich ſchon eine Amour mit einem Zigeuner ge⸗ habt habe? Er ſtutzte, aber es fiel ihm bei daß es ihre Gewohnheit war den Leuten mit Märchen und Flunkereien in die Queere zu kom⸗ men und ſie zu verblüffen. Daher verſetzte er gleichfalls lachend: Doch wohl nur im Traume? Verſteht ſich daß es ein Traum war! anwortete ſie, indem ſie ihn bedeutend anſah. Es wird nächſtens an der Zeit ſein die Augen zu ſchließen und den alten Traum fortzuſetzen. Alſo gute Nacht, meine Gnädigſte? Nein! rief ſie plötzlich ausbrechend: nein, mein Freund, Sie können ſich nicht vorſtellen wie ich mich ennuyire! Dieſes Cere⸗ moniell! dieſe abgeſchmackten Fratzen! Wozu denn? wenn ich doch nur wüßte wozu? Er hat doch Witz und Geiſt! warum hat er ſich denn ſo ein ſteifes Leben zugerichtet? O daß ich hexen könnte! ich möchte mich in einen Vogel verwandeln, und wenn ich mich unter der Hefe des Pöbels, wenn ich mich Zeitlebens unter den Sperlingen umhertreiben müßte! In der That, eine gute Vertheidigung! ſagte ſie noch immer 300 Da möcht' ich noch eher rathen das Genre der Bachſtelze zu ergreifen, ſagte Heinrich unwillkürlich. 3 Keine ſchlechten Witze! ich bin wirklich unglücklich, ich bin ſehr unglücklich. Ihr ſeid noch der einzige Menſch hier— ach geht, und Ihr ſeid auch nur ein halber! Sie hatte ihn heftig am Arm gefaßt und dann wieder weg⸗. geſtoßen. Jetzt trat ſie zu ihm und ſogte mit dem zärtlichſten Tone: Kommt, wir wollen das Räuberhandwerk ergreifen! In die böhmiſchen Wälder! oder lieber auf den Schwarzwald, wo's noch luſtiger iſt! La bourse ou la vie! Sie hatte ſich an ihn angelehnt und ſah ſchelmiſch an ihm empor. Indem ſie ſich rückwärts beugte, öffnete ſich das aus⸗ geſchnittene Kleid über der Bruſt und ließ ihn in einen blendenden Himmel ſchauen, ſo daß er vor Ueberraſchung faſt die Augen ſchloß. Es war ein Augenblick. Er hatte ihre Hand ergriffen: Ma viel rief er und drückte einen feurigen Kuß darauf. Sie konnte ihm kaum noch die Hand entreißen als die Gräfin von Hohenheim wieder ins Zimmer trat. Francisca ſchien zer⸗ ſtreut und hatte nichts bemerkt. Die Stunde ſchlug; der Lehrer wurde von den Damen gnädig entlaſſen. Es war ihm als ob tauſend Raketen um ihn ziſchten, und in verworrenen Gedanken ging er aus dem Schloſſe. 10. Sie war ein wildes keckes Blut, Als ſollt's ein Knabe werden. J. G. Fiſcher. Und unter verworrenen Gedanken verging ihm der Sommer und ein großer Theil des Winters, der zu Anfang des Februar mit einem kurzen Schnee und einigen Regengüſſen Abſchied neh⸗ men zu wollen ſchien. Der Geburtstag des Herzogs war dießmal feierlicher als ge⸗ wöhnlich begangen worden, und noch immer wiegte ſich der Hof in mancherlei Freuden der Nachfeier. Die gelinde Jahreszeit geſtat⸗ tete ſchon Luſtbarkeiten im Freien, aber auch Abends im geſchloſ⸗ ſenen Saal entzündete ſich der bunte Glanz, und unter der Maske wagte ſich das Leben mit ſeinem Haß und ſeiner Liebe freier zu bewegen. So war auf den nächſten Abend eine Redoute ange⸗ ſagt, zu welcher außer dem Hofe nur wenige Glückliche den Zu⸗ tritt haben ſollten. Heinrich war nicht unter dieſen, und doch hatte er tauſend Gründe die es ihm unmöglich machen wollten wegzubleiben. Durch die Feſtlichkeiten war der Unterricht bei dem Fräulein ſeit geraumer Zeit unterbrochen worden, und es ſchien ihm, ſo wenig er die Schuld davon trug, als hätte er ſeine Pflichten verletzt. Er wußte ſie war unzufrieden, und dieſe Krank⸗ heit wuchs immer mehr, ſo daß ſie ſelbſt ihn zuletzt mit fühlbarer 302² Gleichgiltigkeit behandelt hatte: wie konnte er nun die Aufgabe abweiſen, die ihm von der Freundſchaft, vom Gewiſſen, und wie dieſe zarten Behörden alle heißen mögen, geſtellt wurde! er mußte ſich von ihrem Zuſtand überzeugen, er mußte ſehen ob ſie eines Troſtes bedürftig ſei. So treffen wir ihn denn auf einem Gange den er nicht unter der Eingebung der Weisheit Salomonis an⸗ getreten hat. An geheimen Mitteln und Wegen fehlte es nicht, um auch ungeladen zu dem Feſte zu kommen, wo er gewiß war mit ihr zuſammenzutreffen. Vorſichtig hatte er ſich zwei Maskenanzüge verſchafft, um ſich mit deren Hülfe aus jeder Verlegenheit zu ziehen. Schon war er als Zitherſchläger gekleidet: als ſolcher wollte er vor ſie treten, wenn er erſt die nöthige Kunde und Sicher⸗ heit erlangt haben würde. Er warf eine braune Mönchskutte über die maleriſche Tracht und eilte fort, da ſeine Uhr ihm ſagte daß die glänzenden Räume nunmehr gefüllt ſein würden. In einem ſpärlich beleuchteten Gange, wo man die Muſik leis und fern vernahm, ſtieß er auf zwei Zigeunermasken, deren Aus⸗ ſehen und Haltung ihm täuſchend gelungen ſchien. Sie mochten auch ihr Geheimniß haben, denn als er ſich ihnen näherte hörte er die eine zur andern ſagen: Paſſ' ja recht auf, Duly, und ent⸗ ferne dich keinen Augenblick von hier.. Wohl, wohll entgegnete die andre Maske. Heinrich drückte ſich an ihnen vorüber. Der fremdartige Name war ihm aufgefallen, aber er hatte keine Zeit zum Grübeln, denn ſchon war das Pförtchen erreicht das ihn einlaſſen ſollte. Er öff⸗ nete ſacht und, begünſtigt von dem blendenden Schein der Kron⸗ leuchter, war er unbemerkt in den Saal getreten. Die Aufmerk⸗ ſamkeit der bunten Verſammlung war nach einer andern Seite gerichtet, wo ein hoher Venetianer, den Hut mit blitzenden Steinen geziert, einhergeſchritten kam. Alles wich ihm aus, und Hei nrich, ſein Terrain überſehend, ſchlug ſich zu einer Gruppe wo er ihm vorerſt weit genug aus den Augen war. Um ſeine Befangenheit 303 zu überwinden ging er dreiſt auf einen unterſetzten Sarazenen zu und bot ihm den frommen Gruß der im Charakter ſeiner eigenen Maske lag. Dceer Heide wandte ſich erſchrocken um und machte mehrere Verbeugungen:„Fehl' mich ganz gehorſamſt! ſtotterte er endlich verlegen heraus. Mich auch! erwiderte Heinrich laut lachend. Er glaubte an der Stimme einen alten Kanzleiherrn erkannt zu haben, mit dem er ſchon ſonſt wo zuſammengetroffen war. Der komiſche Auftritt hatte ihm Muth gemacht. Er fühlte feine Geſtalt unter dem Umfang der doppelten Kleidung hinläng⸗ lich verſteckt, und viel zu lebhaft für einen Kapuziner begann er ſich im Saal umherzutreiben. Er ſuchte, fand aber nirgends. Unter keiner dieſer prachtvollen, ſtummen Masken, die mit ruhiger Haltung an einander vorüberwandelten, höchſtens einige Worte flüſterten und dann weiter gingen, konnte er ſie vermuthen. War ſie nicht da? Nein, denn gewiß hätte ſie in dieſes Hadesleben Aufregung und bunte Manigfaltigkeit gebracht. Er bereute ſich hier unnützer Weiſe in Gefahr begeben zu haben. Da fühlte er ſich leicht angeſtreift. Ein wunderſchlanker Zi⸗ geunerknabe, an deſſen Schmuck ein Juwelier ſeinen Vorrath er⸗ ſchöpft zu haben ſchien, war neben ihn getreten und zwei muth⸗ willig funkelnde Augen bohrten ihm durch ſeine Doppelmaske hindurch. Gelobt ſei Jeſus Chriſt! ſagte eine holde Stimme, vergebens bemüht einen jugendlichen Baß zu erzwingen. In Ewigkeit! erwiderte Heinrich, den beim Klange dieſes Grußes ein freudiges Zittern befiel. Ihr habt Euch verirrt, mein frommer Vater, fuhr der Knabe fort: was hat Euer Fuß zu ſuchen auf dieſem Schauplatz der bunten Narrheit? Und iſt es nicht paſſend, antwortete er, der Fröhlichkeit den Ernſt und dem bunten Schimmer jenes Grau vorzuhalten, das, wie man meint, die Grundfarbe des täuſchenden Regenbogens iſt? 304 Gut geſagt, mein Vater. Aber wenn es, wie ich ſchon ge⸗ hört habe, Menſchen gibt welche die Sprache dazu erſchaffen glau⸗ ben um die Gedanken und den Charakter zu verbergen; ſo ſeid Ihr der völligſte Gegenfüßler von dieſen, und wenn Ihr Euren Styl nicht beſſer zu verſtellen und Euren Kopf nicht gelenkiger zu halten vermögt, ſo fürchte ich Ihr werdet nichts als ein lebendig wandelnder Steckbrief ſein. Er nahm ſchnell eine gebeugtere Haltung an. Du redeſt die Wahrheit, mein Sohn, ſagte er: empfange dafür meinen Segen. Dank, heiliger Vater. Alſo Ihr ſeid gekommen uns von unſrer unheiligen Thorheit zu bekehren? Soll ich Stille aus⸗ rufen, damit Alles Eurer Predigt lauſchen möge? Nein, nein! ich bin zufrieden Eine Seele gefunden zu haben, der ich meinen Zuſpruch und die Tröſtungen anbiete die mein theilnehmendes Herz zu geben vermag. Dieſe Seele iſt Euch ſehr verbunden. Wie aber wenn ich Euch vertraue daß ſie bereits— ich will nicht ſagen getröſtet, aber bekehrt iſt? daß ſie mit Nächſtem gerettet ſein wird aus dieſer argen, ſchlimmen Welt? Ich verſtehe dich nicht, meine— mein Sohn! du redeſt als ob dieſe Seele in ein Kloſter gehen wollte. Und wenn es ſo wäre? Sch weiß ein Kloſter mit viel tau⸗ ſend hohen Säulen, eine blaue Wölbung ſpannt ſich drüber her, und ſeine Bauart hat ihres Gleichen nicht. Gar ſchöne Muſik iſt darin zu hören, und eine Rieſenorgel füllt den weiten Bau mit ihrem Athem aus. Du redeſt in Räthſeln, mein Sohn. Gott erleuchte dich— oder mich! 4 Das wird er, mein Vater, beides zu ſeiner Zeit. Für jetzt aber ein leiſes Wort: neigt Euch tiefer, tiefer: Schweigen und — Nachfolgen! Ja, mein frommer Vater, ein ſolcher Beichtiger wie Ihr wird dort willkommen ſein. Wollt Ihr folgen wann es an der Zeit iſt? wollt Ihr? 30⁵ Ich will! rief er, ergriffen von dem innigen Ton der Stimme, obgleich er kein Wort von allem verſtand. Der anmuthige Knabe legte ſich ſeine Hand aufs Haupt, wie zum Segen, und huſchte davon. Was dieſer Geiſt immerwährend wunderſame Blaſen aufwirft! ſagte er, der zierlichen Geſtalt nachſehend, wie ſie durch die Reihen dahinſchlüpfte. Er konnte ſichs nicht verſagen ihr von Weitem zu folgen; noch einen Blick, vielleicht noch ein Wort, dann hatte er ja ſeinen Wunſch erreicht und konnte gehen. Was ſie nur ge⸗ meint haben mochte? doch er war ja ihrer phantaſtiſchen Reden gewohnt. Da ſah er ſie auf einmal mit einem Zigeuner im Geſpräch, und glaubte dieſelbe Maske zu erkennen die ihm im Corridor be⸗ gegnet war. Das Geſpräch ſchien lebhaft geführt zu werden, der Zigeuner hatte eine Stellung angenommen als ob er Befehle em⸗ pfinge. Heinrich konnte die Augen nicht abwenden, unwillkürlich näherte er ſich ihnen und ein eiferſüchtiges Gefühl hatte ihn beſchli⸗ chen. In dieſem Augenblick wurde er hart am Arm gefaßt, und wie er ſich umwandte vermochte er kaum einen Ausruf der Be⸗ ſtürzung zu unterdrücken, denn er ſah niemand Geringeres als den leibhaftigen Satanas. Der hölliſche Fürſt war ſo vollſtändig coſtü⸗ mirt wie ihn nur der alte Köhlerglaube erdacht und dargeſtellt hat, und ſeine Larve ſo ausdrucksvoll gemalt daß gleich der erſte Anblick den Verdacht erwecken mußte, dieſe Erſcheinung ſei nicht aus den Kreiſen des Hofes, ſondern möge wohl eher eine Ausge⸗ burt der Akademie oder ihrer kaum flügge gewordenen Kinder ſein. Satan ſchwang ſeinen Schürhaken wie ein Scepter über die Verſammlung und ſagte mit einer tiefen gequetſchten Stimme: Willkommen, ehrwürdiger Pater, in meinem Territorio! du haſt mir allein noch gefehlt, nun iſt meine Freude vollkommen. Sind wir ja doch von jeher natürliche Verbündete geweſen! Wenn dieſer euer Menſchenocean von Grund aus umgerührt werden ſoll ſo werden wir beide wohl die unentbehrlichſten Werkzeuge ſein. Ich Schiller's Heimathjahre. I. 20 306 für meine Perſon bin nie verlegen wie ich den alten Sauerteig anbringen muß, und du, in welche Jacken und Uniformen ſich auch die Geiſter der Sterblichen ſtecken mögen, du weißt deine Tracht zu accommodiren und tauchſt allzeit wieder empor, thronend mit der fin⸗ ſtern händelſüchtigen Prophetenmiene oder mit dem lächelnden Voll⸗ mondsgeſicht! Sei mir geſegnet, du beſondrer Liebling meiner gu⸗ ten Großmutter! Komm, wollen eine Runde machen und unſre Leutchen muſtern. Das Hofgelichter iſt meine tractabelſte Waare: da treib' ich nun ſo zu meinem Privatvergnügen einen Trödelkram mit abgetragenen Kleidern, in die man alles hineinſtecken kann, nur nichts Capitales. Er faßte ihn traulich unter dem Arm und ſchleppte ihn mit⸗ ten durch das Maskengewühl. Das Gemurmel über die auffallende Erſcheinung wich dem allgemeinen Gelächter, als man ſah, wie der corpulente Kapuziner ſich aus Leibeskräften ſträubte, ſeine Brü⸗ derſchaft mit dem verſchrieenen Geſellen öffentlich zu declariren. Laß dichs nicht anfechten, Ehrwürdigſter! ſagte Satan zu ihm: laß dichs nicht verdrießen, daß ſie dich ſo unanſtändig ver⸗ lachen. Im Gegentheil, nur recht viel Hohn, nur recht viel Mär⸗ tyrerthum! da liegt der größte Gewinn für den der ſeinen Vor⸗ theil verſteht. Das Verſpottete, Abgeſchmackte übt eine geheime Anziehungskraft— Er wollte weiter reden, als die Menge ſich theilte und der venetia⸗ niſche Nobile mit Einem Mal vor ihnen ſtand. Erſchrocken riß ſich der Kapuziner los, ſein ſchwarzer Gefährte aber, von einem diaboli⸗ ſchen Gedanken durchzuckt, ging frech auf den Venetianer zu, in⸗ dem er ſich anſtellte als ob er ihn mit dem Schürhaken faſſen wollte. Ein Schrei des Zorns entfuhr der Maske, und Satan, den Schürha⸗ ken dahinten laſſend, begab ſich eiligſt auf die Flucht. Ein allge⸗ meiner Aufruhr entſtand im Saale. Greift ihn! riefen viele Stim⸗ men, und von allen Seiten begann die Verfolgung gegen den wunderlichen Sohn des Chaos. Heinrich ſah es noch wie er den Ausgang gewann und wie ihm von der zuſchlagenden Thüre der 307 Schweif abgekippt wurde, aus welchem eine Menge Sand auf den Boden rollte. Er ſah wie die beiden Reliquien des böſen Geiſtes von dienſtfertigen Masken aufgehoben und herbeigetragen wurden, und vernahm ganz in ſeiner Nähe den lauten Vorſchlag die Thü⸗ ren zu ſchließen und ſämmtliche Anweſende ſich demaskiren zu laſ⸗ ſen. Da ſchien es ihm nicht mehr geheuer zu ſein, zumal er ſelbſt eine Rolle in dieſem Drama mitgeſpielt hatte. An dem Pförtchen wagte er es noch einmal ſeine Blicke durch den Saal ſchweifen zu laſſen; er ſah den Zigeunerknaben nicht mehr, und mit einer bit⸗ tern Verwünſchung gegen den dummen Teufel, der ihn um dieſen Abend gebracht, ſchlüpfte er fort. Laura's Fenſter waren noch nicht erleuchtet; ſie mußte noch auf der Redoute ſein. Er kämpfte mit ſich, ob er nicht noch ein⸗ mal als Zitherſpieler hinſchleichen ſollte: aber er wollte die Ge⸗ fahr nicht allzu verwegen herausfordern, und ging endlich zögernd nach Hauſe, um den ſchattenhaften Traum wachend und ſchlafend fortzuſetzen. Der Schlaf wollte jedoch nicht lang bei ihm verwei⸗ len; ſeine Gedanken quälten ihn unabläſſig, und er erhob ſich früh am Morgen, die holde Sonne begrüßend, die ihn wieder wie einſt mit Hoffnung und Lebensluſt erfüllte. Sein Herz trieb ihn hin⸗ aus in die ſchöne Morgengegend; ein Feiertag war angebrochen, und er beſchloß ihn nicht auf ſeinem Zimmer zu verſeufzen. 11. — Wollen wir uns luſtig machen? — So luſtig wie Heimchen, mein Junge.— — Ich bin jetzt zu allen Humoren aufgelegt, die ſich ſeit den alten Tagen des Biedermanns Adam bis zu dem unmündigen Alter der ge⸗ genwärtigen Mitternacht als Humore gezeigt haben. Shakſpeare, Heinrich der Vierte. In Ermanglung eines wilden Schweinskopfes frequentirten unſre jungen großen Geiſter den„Ochſen“, ein beliebtes Gaſthaus in der Hauptſtätter Straße. Schiller traf dort gewöhnlich mit Peterſen zuſammen, Lieute⸗ nant Kapff, ſein ehemaliger Stubenburſche, kam oft ſpät am Abend aus andrer Geſellſchaft, Roller ließ ſich dann und wann bei ihnen ſehen, auch die übrigen Bekannten gingen aus und ein. Man trank einen guten Rothen und aß einen„Schunken“ oder rauchte eine von der Wirthſchaft gelieferte Pfeife dazu, laut einer Rechnung des Ochſenwirths Brodhag,„Nota über Herrn D. Schiller und Hrn. Bibliotarius Peterſin“, welche mit der monatlichen Beſoldung die der Titanenſohn von ſeinem durchlauchtigſten Beſchützer als Regi⸗ mentsmedicus bezog, in einem wehmüthigen Contraſte ſteht. Heinrich kam, nachdem er auf einem benachbarten Dorfe noch einige Stunden geſchlafen und dann in der milden Sonne den .* 9 ganzen ſchönen blauen Tag umhergeſchwärmt hatte, die Weinſteige herab. Mit dem Winter ſchiens ganz vorüber zu ſein, und der Feiertag, der auch ihn von ſeiner Kette losgeſpannt hatte, lockte eine Menge Spaziergänger nach vollendetem Abendgottesdienſt zwiſchen der langen Reihe noch kahler Gärten ins Freie. Sie ſtrebten hinaus, er ſtrebte ſchon wieder zurück. Die raſtloſe Leidenſchaft trieb ihn dem Schloſſe zu, ob er vielleicht das Wehen eines Schleiers, ob er einen Blick erhaſchen könnte. Dießmal aber war es anders beſchloſſen. Denn als er durch das Hauptſtätter Thor gekommen war und am Ochſen einen zufälligen Blick hin⸗ aufgleiten ließ, glaubte er hinter einem Fenſter etwas wie die Strahlen der Abendröthe wahrzunehmen. Er ſah noch einmal ge⸗ nauer hin und ſprang hinauf. Errathen! Schiller ſaß in der ge⸗ wohnten Ecke, gedankenvoll in das leere Glas ſtarrend. Er reichte dem Freunde ſchweigend die Hand. Was haſt du? wie gehts dir? fragte dieſer, indem er ſich an ſeine Seite ſetzte: die Räuber ſind ja aufgeführt, und du warſt heimlich in Mannheim? Ich habe dich eine ganze Ewigkeit nicht geſehen. Es ging vortrefflich, ſagte Schiller: aber laß dirs lieber von andern erzählen. Es liegt hinter mir, und was vor mir liegt— Nun? Höre, was auch Käſtner ſagen mag daß es keinen leeren Raum gebe, das Menſchenleben kommt mir doch oft wie ein Vacuum vor. Was iſt das für ein Treiben! Ich möchte mich flüchten und weiß nicht wohin. Ja, aus Schwaben nach Deutſchland! Wüßt' ich nur wo das liegt! Aber auch gegen Mannheim ſteigen mir Zweifel auf. Wenn du ſo ſprichſt, verſetzte Roller, ſo muß es in deinen Arbeiten ſtocken. Was treibſt du denn? iſt der Fiesco bald fertig? Faſt noch immer der rohe Stoff! erwiderte Schiller tonlos; das Ding ſieht aus wie das ewige Chaos. 310 Nun, ſiehſt du? aus dem iſt ja auch mit der Zeit etwas ge⸗ worden. Ja, aber unter andern Händen. Mir iſts zu Muth als ob ich gar nichts mehr herausbringen würde. Ich hab' ein Gefühl als ob ich fertig wäre. Heinrich lachte. Nein! rief er: um auf den Lorbeern einzu⸗ ſchlafen, dazu iſts noch zu früh am Tage. Dieſe Stimmung geht vorüber; ſie iſt Qual für die Seele, aber Wohlthat für den Geiſt. Laß ihn nur brach liegen, er fängt von ſelbſt wieder zu tragen an. Unter dieſen Umſtänden ſchwerlich, verſetzte der Dichter. Mein Leben, meine Stellung, alles iſt verfehlt. Ich bin im Begriff lang⸗ ſam in den Sumpf zu ſinken, wenn ich mich nicht mit einem kecken Sprung herausreiße. Oft komm' ich mir vor wie Catilina gottſeligen Angedenkens, nur daß ich mir auf eine beſſere Art helfen möchte. Du laborirſt an einer poetiſchen Entwicklungskrankheit, ſagte Heinrich: das iſt alles. Laß ſie ruhig auskochen, du haſt ja in⸗ zwiſchen Diverſion genug. Laß das Dichten eine Zeit lang und wirf dich mit um ſo größerer Wuth auf deine Grenadiere. Das iſt das Gute was ein Beruf hat, daß man nie leer mahlen kann. Auch daran fang' ich ſtark zu zweifeln an, erwiderte der Dich⸗ ter. Es kommt mir nicht ehrenhaft vor, einen Beruf an welchem das Vertrguen des Staats, ja, das Leben von Menſchen hängt, nur ſo nebenher zu treiben. Das Schlimmſte aber(was unter uns bleibt) iſt das daß ich— nicht dazu geboren bin: es gelingt mir nichts, und wenn man mich heute wegwirft ſo kann ichs nicht verargen. Es iſt eben der Fehler daß man zu ſeinem Berufe kommt wie der Blinde zur Ohrfeige. Aber zu was hätteſt du ſonſt getaugt? Das iſt ſchwer zu ſagen, ſprach der Dichter: ich ſehne mich auch nicht mehr nach den Fachſtudien die ich verlaſſen mußte. Ueberhaupt kann meines Erachtens ein Menſch nur Einen Beruf haben, und den meinigen glaub' ich mit den Räubern bewieſen zu haben. Freilich ſcheint er nicht facultäts⸗ und brodfähig zu ſein. Aber das bin ich feſt überzeugt: wer ſein Tagewerk pflichtmäßig abſpinnt und medicaſtrirt oder Parteien verhört oder docirt, und zwiſchen hinein eben ſo gleichmüthig wieder Verſe macht, der iſt kein ächter, kein berufsmäßiger Dichter: ſeine Liebhaberei will ich ihm übrigens nicht verwehren. Er hatte in aller Unſchuld einem Dilettantenherzen eine Wunde geſchlagen; denn nichts verzeiht man ſchwerer als wenn ein Poet, welchen man doch mit Herausforderungen auch nicht verſchont, ſich gelegentlich einmal in die Bruſt wirft. Er ſah dem Freunde die Verſtimmung die dieſer nicht verbergen konnte in den Augen an und fügte hinzu: Dagegen iſt auch kein Menſchenkind ſo übel dran als ein Dichter in den Stunden wo er von ſeinem Genius verlaſſen iſt. Die andern ſind doch noch immer alles Mögliche: er aber iſt dann gar nichts. Und ſolche Seußzer einer leeren Bruſt ſind die Wiegenlieder des Fiesco.— Ueberhaupt, rief er plötzlich abſpringend, es iſt ein unausſprechlich armſeliges Leben hier! Ich wollte mich gar nicht ſträuben wieder in die Akademie zurückzu⸗ kehren; wie ganz anders hab' ich mir dort die Welt vorgeſtellt! Und vollends die Weiber! ich möchte nur wiſſen ob ſie anderswo auch ſo wären. Höre, wir ſind unter uns und ich will dir frei bekennen daß ich alle Anſprüche auf Dichterruhm mit Freuden einem rechten Mädchen opfern wollte, und ich glaube es geht jedem bra⸗ ven Jungen ſo. Freilich müßte ſie darnach ſein. Aber es iſt was gar zu Armſeliges um die Weiber wie ſie jetzt ſind! Die einen bloß ſinnlich, die andern bloß moraliſch. Die Liebe fordert in bei⸗ derlei Hinſicht einen gewiſſen Heroismus, und der geht allen ab. Es iſt mir als wäre eine alte heilige Religion verloren gegangen. — Dieſes Schwaben! fuhr er fort: wie haben die Minneſänger ſeine Frauen geprieſen! War es Lüge und poetiſche Fabel, oder hat ſich das ſo ganz geändert? Höre, ich will mir eine Phantaſie⸗ geliebte erfinden, aber keine idealiſirte Laura, ſondern ein Geſchöpf mit allen Eigenſchaften der Wirklichkeit. Ich will ſie beſingen, ihr 312 will ich all mein Dichtertalent widmen, und dieſe Liebeslieder ſollen den Inbegriff der Poeſie in ſich ſchließen und mein ganzes Lebensglück ſein. Armer Ixion! ſagte Heinrich lächelnd: wie bald würdeſt du ungenügſam werden und eine lebenswarme Wirklichkeit in deine Arme wünſchen! Nein! rief der Dichter feurig: es iſt beſchloſſen und ſo ſoll es ſein! Du aber mußt ſie noch in dieſer Stunde taufen. Gut! Incognita ſoll ſie heißen. Das gäbe Stoff zu artigen Epigrammen. Nein, ich will einen landläufigen Namen haben, bei dem ich ſchwören kann, und dann will ich dir alle Tage ein Stück aus der Geſchichte meiner Liebe erzählen. Bedenke doch wie gut dir Incognita anſtünde, und wie der Name mit den Forderungen der Treue, der Wahrheit in Einklang zu bringen wäre! Wie hieß die Dame die Sie geſtern aus dem Theater führten? Incognita. Und Ihre heutige Liebe, bitte, wie wird ſie heißen? Incognita. Morgen und alle Tage Incognita, mit treuem, unwandelbarem Gemüth. O ſtill! rief der Dichter erröthend. W unbekannten Gott ſo will ich meiner Unbekannten einen Altar errichten und jede unlautere Regung darauf opfern. Und einen landläufigen Namen willſt du? fuhr Heinrich un⸗ erbittlich fort: ich dächte doch, Incognita ſei der landläufigſte Name und Charakter den man finden kann. Du wirſt mich ernſtlich bös machen, ſagte der Dichter: laß dieſe Scherze die mich nur allzu bitter berühren und mir die Elendig⸗ keit dieſes hieſigen Lebens vor Augen rücken. Wahrhaftig, ich möchte ſeine Skorpionengeißel ſchwingen gegen mich und alle, alle! Oder einen Schürhaken, wie geſtern Abend der Teufel auf der Redoute. Schiller ſah ihn groß ie jene Griechen dem an und lächelte geheimnißvoll. Warſt du denn auch dort? fragte er. — 313 Wie? rief Heinrich: iſts möglich? Ach, ich hätt' es ja gleich errathen ſollen! Du? du— Still, ums Himmels willen! ſei zufrieden das Geheimniß zu beſitzen, und ſprich es nicht aus! In einigen Wochen wollen wir davon reden. Für jetzt kann es keinen Athemzug ertragen. Nimm dich ſehr in Acht! ich bitte dich. Man wird dir ſcharf auf den Ferſen ſein. Nur ſtill, ſtill! es iſt als hätten wirs gar nicht berührt.— Gib mir einen Namen für mein unſichtbares Mädchen, ich will den Roman mit Ernſt und Feuer durchſpielen. Nun, was gilts? bei dir iſts gegenwärtig nicht ganz richtig; Schalk Amor guckt dir zu den Augen heraus. Wie heißt deine Geliebte? Sei ehrlich; die meine ſoll ihren Namen haben. Warum willſt du nicht, fragte Heinrich ausweichend, bei dem alten Namen bleiben den du vom Petrarca für deine Liebeslieder entlehnt haſt? Richtig! rief Schiller und ſah ihn ſcharf an: damit wäre dir „ gedient, nicht wahr? Ja, ja, man munkelt allerlei.— Nein, allen Reſpect vor deiner Dame, aber mit meiner Laurapoeſie iſts vorüber. Ich mag das gute Weibchen immer noch recht wohl leiden, hab' ihr auch verſprochen ſie zur nächſten Aufführung mit * nach Mannheim zu nehmen— aber dieſe Weiber— Wer wagt von Weibern zu reden wenn ich zugegen bin? rief ———— Peterſen, der in dieſem Augenblicke mit dem Lieutenant Kapff in die Stube trat. Pfui, ſie haben uns das Paradies vernaſchtein alle Ewigkeit. Ein Pereat ihnen im ſauren Moſt! Bei einem Glaſe guten Weins werde ihrer nicht gedacht! Mihi est propo- 1 situm in taberna mori! Hie iſt Weisheit! rief Kapff: aber mich ſoll jener Geſchwänzte 1 holen der vergangene Nacht die Redoute alarmirt haben ſoll, wenn Peterſen nicht zum Propheten wird. In taberna mori! Ich wette, er wird einſt, ſchwer an Haupt und Gliedern, aber leicht was die Fäſſer betrifft— iſt das nicht eine wundervolle 314 griechiſche Conſtruction?— auf einem Weinſchlauch mit dem vol⸗ len Becher in der Hand nach dem verlorenen Paradieſe. ſegeln, wo ihn der Urwinzer Noah, der bereits auf ſein Werk über die Nationalneigung der Deutſchen abonnirt hat, mit dem Henkelkrug an der Pforte empfangen wird. Freundchen! Schillerchen! ſagte Peterſen, indem er ſich zu ihm ſetzte: was Neues, Literariſches! eine Unternehmung! Heute war das gelehrte Wirtenberg bei mir auf der Bibliothek und ver⸗ traute mir er wolle ſein„Magazin“ aufgeben. Er klagt ſehr über Mangel an Abonnenten. Laß ihn klagen! rief der luſtige Lieutenant: dafür hat er Ueberfluß an Exemplaren, das gleicht ſich aus. Wie? der alte Balthaſar will vom Schauplatz abtreten? Welch ein casus tra- gicus! Ich ſehe lange Klagereihen von Bibliotheken, ich ſehe einen Trauerconduct von Folianten und Quartanten die ihre Eſelsohren hängen laſſen und ihr Waſſer reichlich vergießen; ich ſehe die bücherne Wirtenbergia im Thränenmeere waten, den löſchpapiernen Unterrock— Sei doch ſtill, du toller Burſch, und laß vernünftige Leute reden! unterbrach ihn der Bibliothekar. Ja, und ſieh, da will uns nun die alte ehrliche Haut— Zu lachenden Erben einſetzen? ergänzte der Lieutenant. Dießmal hat ers errathen, ſagte Peterſen. Gut! rief Schiller: ich bin dabei. Wir wollen das Ding unter einem andern Namen fortſetzen, und, verſteht ſich, in einer andern Art. Die junge Generation ſoll an den Reihen. Immer voran! rief Peterſen: und jeden Tanzplatz beſetzt, wo die alten Herrn mit den wackelnden Knieen abtreten müſſen. Du mußt auch mitthun, Roller! Auch was Klingendes, hoff' ich, ſolls abſetzen. Kommt, ſtoßen wir auf glückliche Auſpicien an. Schiller, was, du trockener Häring, du haſt ja leer! Gleich laß dir einen Schoppen geben! Was machſt denn für ein verlegenes * —— 315 Bei allen Göttern, er wird roth, ſagte Kapff. Ermanne deinen Heldengeiſt, Schiller! Auch Patroklus hatte Schulden, Und war mehr als du. War er etwa Lieutenant? fragte Schiller. Ueber ſeinen Rang kann ich keine genaue Auskunft geben, aber darüber ſind die Gelehrten einig daß er nicht ganz ohne Porte-epée war. Alſo wirklich mehr als ich! lachte der Dichter, der im Rang dem unterſten Offiziere nachſtand. Aber woher die Schulden? Hatte Patroklus Lieutenantsgage? 3 Seine Gage, verſetzte Schillers einſtiger Stubengenoſſe, belief ſich ſchwerlich höher als achtzehn Gulden Reichswährung monat⸗ lich, da er, wie wir bei Homero leſen, ſich mit Achill zuſammen in Einem Logis behelfen mußte. Während Alle über die muntern Einfälle des Lieutenants lachten, fühlte ſich Heinrich am Arm ergriffen. Als er ſich umſah, erblickte er einen herzoglichen Trabanten, der über ſeine Anweſen⸗ heit die lebhafteſte Freude bezeigte. Gott Lob und Dank, rief er, daß ich den geſcheiden Einfall hatte! Kommen Sie geſchwind, Sie ſollen zum Herrn, und zwar wie Sie ſind, ohne allen Ver⸗ zug; man hat Sie den ganzen Tag vergebens geſucht. Heinrich war über dieſe unerwartete Vorladung betreten. Sein Gewiſſen ſagte ihm nichts Gutes. Sollte etwas von ſeinem Beſuch der geſtrigen Redoute verlautet haben? Er fragte den Hof⸗ bedienten was es denn ſo Dringendes gebe; der wußte jedoch nichts oder wollte nichts wiſſen. Mit ſchwerem Herzen ſagte er dem fröhlichen Kreiſe gute Nacht, und ſein Gang wurde ihm ſaurer als einſt der Weg ins Schulzimmer, wenn er irgend eine Urſache hatte welche ihm die Augen gegen den ſtrengen Präceptor nicht frei aufzuſchlagen erlaubte. — 12. König:—— Außerordentliche Mittel Erlaubt die dringende Gefahr— Hier, Marquis— Euch brauch' ich keine Schonung zu empfehlen— Marquis(empfängt den Verhaftsbefehl): Es iſt aufs Aeußerſte, mein König. Don Carlos. Es war böſes Wetter was Heinrich bei ſeinem Eintritt in das fürſtliche Cabinet gewahrte. Der Herzog ging heftig im Zim⸗ mer auf und ab; ſeine Augen funkelten zornig, und ihr helles Blau hatte eine dunklere Färbung angenommen, was ſeinen Blicken etwas Furchtbares gab. Die Gräfin von Hohenheim ſaß beſtürzt und verlegen auf einem Canapé. Unſer Freund, kein Neuling mehr in der Taktik ſolcher Scenen, hatte ſich gleich beim erſten Eintreten eine Stelle auszuwählen gewußt, die der Schein der Kerzen weniger beherrſchte und wo er ſein Mienenſpiel eini⸗ germaßen verbergen konnte. Endlich! fuhr ihm der Herzog entgegen. Wo ſteckt Er den ganzen Tag? Wo kommt Er her? Heinrich erwiderte daß er einen Spaziergang gemacht und ſo eben erſt an einem Erholungsorte den herzoglichen Befehl erhalten habe, dem er auch alsbald Folge geleiſtet. Einen Spaziergang? rief der Herzog: wann hat Er ihn an⸗ getreten, dieſen Spaziergang? erſt heute oder ſchon geſtern Nacht? Iſt Er auf richtigen Wegen gewandelt? . — 317 Heinrich glaubte ſein ganzes Geheimniß verrathen; doch be⸗ ſchloß er, ſich an die buchſtäbliche Faſſung der Fragen haltend, noch eine Weile zu laviren, und verſicherte daß er erſt dieſen Morgen, nachdem er aufgeſtanden, den Gedanken gehabt habe die heutige Muße zu einem kleinen Ausfluge zu benutzen, den er um Zeit zu gewinnen Punkt für Punkt beſchrieb. Mein Schatz, ſagte hierauf Francisca, Sie ſehen er iſt un⸗ ſchuldig, wie ich ja gleich geſagt habe. Er hat den Sinn Ihrer Frage nicht einmal begriffen. Ruhig, mein Schatz!— Hat Er niemanden begleitet auf dieſem Spaziergang? Ich ſage, Er hat jemanden begleitet. Ew. Durchlaucht halten zu Gnaden— nein! Komm' Er näher zum Licht! hieher! ich will Ihm ins Ge⸗ ſicht ſehen. Heinrich überzeugte ſich mehr und mehr daß es ſich hier um eine ganz außerordentliche, ihm noch unbekannte Angelegenheit handeln müſſe, und daß ſein kleines Abenteuer von geſtern keinen ſolchen Sturm erregt haben würde. Er hatte ſeine Faſſung wieder gewonnen, trat an das Licht und ſah dem Herzog ruhig in die Augen. Der Herzog blickte ihn ſcharf an. Weiß Er, ſagte er, warum ich Ihn habe rufen laſſen? Nein, Ew. Durchlaucht. Meine Gemahlin mags Ihm ſagen. Francisca huſtete ein wenig, dann begann ſie: Sie werden erſtaunen, lieber Roller! Ihre Schülerin—— Fräulein Laura! Sie wird doch nicht— er war unbedacht⸗ ſam herausgefahren, und ſtockte. Wo iſt ſie? ſtürmte der Herzog halb bittend halb drohend auf ihn ein. Auf dem Schwarzwald! rief Heinrich unwillkürlich mit der Miene der ſchreckenvollſten Entdeckung. Es war mit einem elektri⸗ ſchen Schlage wie ein prophetiſches Schauen in ihm aufgegangen. ——— Woher weiß Er das? Woher weiß Er daß ſie— nicht mehr da iſt? 3 Das erfahre ich, erwiderte Heinrich, in dieſem Augenblick aus Ew. Durchlaucht eigenem Munde; ich hatte keine Ahnung davon als ich kam. Der Herzog ging eine Weile ſchweigend auf und ab, dann ſagte er: Seine unverkünſtelte Alteration beweist mir zwar etwas für Seine Unſchuld; aber wie kommt Er denn, wenn Er nicht mit im Complott iſt, auf den Schwarzwald zu rathen?. Ich ſchließe das, antwortete Heinrich nach einigem Zögern, aus vielen Aeußerungen die ich von dem Fräulein vernehmen mußte. Sie gab mehr als einmal zu verſtehen daß ſie ſich hier von den gemeſſenen Formen, von der ſtrengen Etikette beengt fühle; ſie ſprach namentlich mit Vorliebe, mit einer Art Heimweh vom Schwarzwalde, und wußte ein freies Leben in den dunkel⸗ grünen Tannenwäldern nicht reizend genug— Nonſens, ſag' ich, unterbrach ihn der Herzog. Sie wird ja wohl gar zum Hannikel gegangen ſein. Schweig' Er von dieſer Affaire, ſo lieb Ihm meine Gnade iſt, und geh' Er übrigens im Frieden hin. Ich will ſchon allein fertig werden. Nein, mein Schatz! rief Francisca: laſſen Sie uns nicht ſo übers Knie abbrechen! Dieſe Idee, ſo unbegreiklich ſie auch er⸗ ſcheinen mag, iſt doch nicht ohne Gewicht; denn ich erinnere mich ähnlicher Aeußerungen. Mein Schatz, ich ſage, das kann nicht ſein! Welche Abge⸗ ſchmacktheit! In jenem Spitzbubengau! Aber ich werd' ihn ſäu⸗ bern, ich werde! Ich will mich gern eines beſſern belehren laſſen, ſagte Hein⸗ rich. Das Fräulein könnte ſich vielleicht zu Verwandten begeben haben. Sie hat ja faſt keine Seele! warf der Herzog hin. Nach den Richtungen die man etwa vermuthen konnte hat ſich nichts ergeben, ſagte die Gräfin. — 319 Die Nachforſchung iſt auch darnach, bemerkte der Herzog ärgerlich. Man kann ja den Leuten nicht deutlich ſagen auf wen ſie eigentlich fahnden ſollen. Sie ſind der Einzige, verſetzte die freundliche Francisca, dem man die ganze Wahrheit vertraut hat.— Wie wäre es denn, wenn Freund Roller ſich nach dem Schwarzwald aufmachte um daſelbſt nachzuſpüren? Sie hat immer viel auf ihn gehalten. Ja, vielleicht hieße es auch den Bock zum Gärtner ſetzen, mur⸗ melte der Herzog vor ſich hin und warf ſich in einen Seſſel: Ich traue keinem Menſchen mehr! Unſer Freund beſtand in dieſer kritiſchen Stunde eine harte Prüfung. So klar ſeine Reden waren ſo trüb und ſtürmiſch gährte es in ſeinem Innern. Indem er in leidenſchaftlicher Ahnung dem Herzog das Geheimniß von der Flucht des Fräuleins gewiſſermaßen entriſſen, hatte er zugleich einen Theil ſeines eigenen, und zwar gerade denjenigen Theil den er als anvertrautes Gut betrachten mußte, preisgegeben. Dabei war er keineswegs ſicher ob er den andern Theil dieſes Geheimniſſes, der ihn ſelbſt betraf, hinreichend bewahrt habe, ob nicht der Scharfblick des Herzogs, auch in dieſer Stunde der Aufregung, groß genug ſei um ſeinen wahren Herzens⸗ zuſtand zu durchſchauen; das Verhör in das er ihn berufen, das Mißtrauen das er ihm bewies, ſchien zum mindeſten von einem unbeſtimmten Argwohn zu zeugen. Aber noch mehr als alles dieſes peinigte ihn der Gedanke an den unbekannten Nebenbuhler, mit deſſen Hilfe, ja ohne Zweifel in deſſen Geſellſchaft ſie entflohen war. Er ſah während des ganzen Geſpräches immer jene Zigeu⸗ nermaske vor ſich; wie ein Blitz war ihm die Erinnerung an ein neckiſches Wort gekommen das Laura vor langer Zeit einmal hin⸗ geworfen hatte, das er vielleicht nicht ſo uneigentlich hätte ver⸗ ſtehen ſollen wie er es damals verſtand. Er mußte ſich um jeden Preis Aufklärung verſchaffen und wandte ſich daher an die Gräfin: Wenn meine Vermuthungen für Sie von Gewicht ſind, gnädigſte 320 Frau, ſagte er, ſo dürfte es vielleicht gerathen ſein mich lieber 8 vollends alles wiſſen zu laſſen was ich irgend wiſſen darf. Was ich Ihnen ſagen kann iſt wenig, erwiderte Francisca. Zu einer Verabredung hatte ſie keine Gelegenheit, es müßte denn bei der letzten Schlittenfahrt geweſen ſein, wo ſie es durchſetzte auf einem kleinen Schwanenſchlitten die Pferde lenken zu dürfen: da war ſie einen kurzen Augenblick in der Nähe der Solitude allein, indem ſie ihre Geſellſchafterin nach etwas Verlorenem aus⸗ ſchickte. Außerdem weiß ich nichts als daß ſie ſeit der Redoute von geſtern Nacht vermißt wird und ihr Schmuckkäſtchen mitge⸗ nommen hat. Der Herzog ſprang empor. Auf dieſer Redoute, rief er zornig, iſt die ganze Sottiſe ausgeheckt worden. Ich werde eine ſcharfe Unterſuchung ergehen laſſen. Bis jetzt' ſind alle Masken bekannt geworden, bis auf drei, die in dieſes Complott verwickelt ſein müſſen, einen Zigeuner und einen Kapuziner, die man beide hat eifrig mit ihr reden ſehen, und einen dummen Harlekin von Teufel, der ſich ungezogener Bubenſtreiche erfrecht hat um die all⸗ gemeine Aufmerkſamkeit auf Einen Punkt zu lenken. Das ſaubre Kkleeblatt wird mir nicht entgehen; ſie mögen zittern vor mir. Er ging wieder auf und ab. Heinrich ſtand wie auf Kohlen: er ſah auf einmal wie hier der Zufall eine verwünſchte Verwick⸗ lung herbeigeführt hatte, und war eben im Begriff ſeinen eigenen harmloſen Antheil an dieſer vermeintlichen Intrike offenherzig zu bekennen, als ein alter vertrauter Bedienter hereintrat und leiſe dem Herzog eine lange Meldung machte. Der Herzog nickte, und als der Kammerdiener ſich entfernt hatte ſagte er nachdenklich: Ich glaube jetzt ſelbſt daß wir die Spur haben. Ein Jäger will heute früh im Walde bei Beben⸗ hauſen etliche Zigeuner geſehen haben, unter welchen ſich ein Knabe von apartem Ausſehen befunden haben ſoll. Da die Nach⸗ frage in ſehr allgemeinen Ausdrücken erging ſo haben wir auch keine genauere Bezeichnung erhalten können. 321 Großer Gott! rief Francisca: ich habe keinen Zweifel mehr! ſie hat ſich in ihrer Maske unmittelbar von der Redoute weg ent⸗ fernt, Jetzt iſt ſie ſchon tief im Schwarzwalde; wer will ſie in jenen Schlupfwinkeln ausfindig machen? Sein Shakſpeare hat am Ende doch nicht ſo ganz Unrecht, warf der Herzog finſter lächelnd gegen Heinrich hin, und das Ab⸗ ſurdeſte iſt vielleicht gerade darum das Wahrſcheinlichſte. Er machte einen Gang durch das Zimmer, dann kam er plötzlich mit dem Ausdruck des Vertrauens auf ihn zu, legte ihm beide Hände auf die Schultern und ſagte: Meine Franzel hat einen geſcheiden Einfall gehabt. Geh' Er auf den Schwarzwald und ſeh' Er was zu thun iſt. Ich verlaſſe mich auf Ihn daß Er vernünftig handeln wird. Und, was ich Ihm ſage, lieber zögern als übereilen! wir haben ſie jetzt ſchon einen Tag aus den Händen: ob's mehrere werden iſt ſo ziemlich egal. Wenn Er ſie aufſtöbert und ſie folgt Ihm nicht gutwillig, ſo gibt Er mir ſogleich Nach⸗ richt— oder— ich will Ihm eine Vollmacht ausſtellen, welcher Er ſich aber nur im alleräußerſten Fall bedient. Wenn es an dem iſt daß Er ſie zurückbringen kann, ſo nimmt Er aus dem nächſten beſten Hauſe eine ordentliche Frau zur Begleitung mit. Aufſehen vermeiden! das iſt die einzige Ordre die ich Ihm mitgeben kann; ſonſt hat Er unbedingte Freiheit nach Umſtänden zu handeln. Vergeſſ' Er mirs nicht: lieber Alles zu Schanden gehen laſſen als Skan⸗ dal erregen! Er verſteht mich! Heinrich kam dem Auftrag mit Jubel entgegen; er hatte kein Auge für die Schwierigkeit des Unternehmens, für das Gefahrvolle und Verantwortliche dieſer unbedingten Vollmacht; er hatte den unglücklichen Ausgang einer früheren ähnlichen Sendung völlig vergeſſen. Ein trunkener Muth zeigte ihm die Dinge welchen er entgegengehen ſollte im heiterſten Lichte. Nun konnte er den Verrath den er in der Ueberraſchung ſeines Herzens an dem Fräu⸗ lein begangen wieder gut machen, er konnte die ſchlimme Ver⸗ wicklung mild und liebreich löſen, er konnte dem verhaßten Unbe⸗ Schiller's Heimathjahre. I. 21 — — 322 kannten die Spitze bieten, er konnte— ach, was konnte er nicht alles! Noch immer klang ihm jene Aufforderung nach, die ſie ihm beim Abſchiede zugerufen hatte; wenn ſie wollte daß er ihr folgen ſollte, wenn ſie in dieſer neuen Umgebung ſeine Gegen⸗ wart ertragen konnte, ſo konnte ihr Verhältniß zu dem Gefährten ihrer Flucht unmöglich ein leidenſchaftliches ſein. Francisca gab ihm die mütterlichſten Ermahnungen während der Herzog ſchrieb. Die fromme Sorge die aus ihren Worten ſprach rührte ihn beinahe zu Thränen. Der Herzog überreichte ihm eine Vollmacht die ihm überall Mannſchaft aufzubieten geſtattete, und ſchärfte ihm wiederholt ein dieſelbe auf den dringendſten Fall zu reſerviren. Hat Er ſich ſchon einen Plan ausgedacht? fragte er. Ja, antwortete Heinrich. Mein nächſtes Ziel iſt das Haus eines genauen Univerſitätsfreundes, das ich zum Mittelpunkt meiner Operationen beſtigimt habe. Von dort aus kann ich durch unverdächtige Kundſchafter wirken, während ich ſelbſt in der erſten Zeit ganz unſichtbar bleibe. Der Einfluß eines Pfarrers hilft mir am eheſten dieſes koſtbare Document ſparen. Er ſetzte das Wer? Wo? und Wie? mit geflügelten Worten aus einander, ſo daß der Herzog endlich rief: Das laſſ' ich mir gefallen! Reiſ' Er glücklich und laſſ' Er Uns bald was Erwünſchtes hören. Ueberſeh' Er nicht daß Er hier ganz als ein vertrauter Freund tractirt worden iſt. Adieu, mein lieber Roller! ſagte Francisca als er ihr die Hand küßte: es iſt mir leichter um das Herz, ſeit ich Sie mir in einem befreundeten Hauſe, bei wackern Leuten denken darf. So endete dieſe Audienz wider alles Erwarten weit freund⸗ licher als ihr Beginn hatte vorausſehen laſſen, und wenige Au⸗ genblicke darauf ſaß unſer Held voll Muth und Feuer zu Pferde. ——— ſinfſnn ſiſnnſſnſſſnfſſnſnſiſnnnſſnſn 8 9 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20