„„ Erzählungen von Hermann Kurz. 5 Erzählungen von Hermann Kurz. Erſter Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1858. Hofbuchdruckerei Zu Guttenberg in Stuttgart. 4 — 2 An K. Rudolf. „ Alte Bekannte ſind es, alter lieber Freund, die hier in der Dämmerung des Herbſtabends auf Deinem Berge aulangend au Deinem Häuschen klopfen. Wie ſie Dir vor achtzehn Jahren zugeeignet waren, ſo wollen ſie Dir auch heute wieder angehören. Sie bringen neue Geſellſchaft mit, die Deine Gaſtfreundlichkeit gleichfalls in An⸗ ſpruch nimmt, und melden Dir auf Oſtern noch einen zweiten Beſuch. Wenn Du jedoch dieſe Deine Pflegebefohlenen von damals muſterſt, ſo wirſt Du ein und das andere Pathchen darunter vermiſſen, wirſt übrigens, denke ich, darob weder mir den Rock zerreißen noch Dir die Haare ausraufen. Biſt Dy doch ſelbſt daran ſchuld, denn ſie haben vor den mittelalterlichen Geſtalten Deines nſchwarzen Schloſſes“ das Feld geräumt, weil in dieſem Spiegel deutlich zu leſen war, daß man den Studenten des 19. Jahrhunderts, wenigſtens der erſten Hälfte deſſelben, nur dann erträglich ſchildern kann, wenn man ihn geradezu um dreihundert Jahre älter macht. VI Dieſe neun Erzählungen, die Du vor ſechs Jahren hier bei A. Krabbe erſcheinen ließeſt, ſind mir ſeither ein Lieblingsbuch ge⸗ blieben oder vielmehr erſt recht geworden; denn ſo ſehr mir der Werth des Buches gleich bei dem erſten Leſen einleuchtete, ſo bedarf man doch einer Ruhe und Sammlung, die mir zu jener Zeit abging, um ſeine Gehalt des Gewebes vollkommener zu würdigen. Ich habe Dir münd⸗ lich gedankt, aber immer auf eine Gelegenheit gehofft, dieſen Dank, wie es dem ſchriftſtelleriſchen Gewiſſen Bedürfniß iſt, öffenklich auszu⸗ ſprechen; denn jedem Kenner und Freunde jener älteren Novellen⸗ literatur, die wir großentheils nur in Ueberſetzungen deutſch leſen können, habe ich, falls dieſe Zeilen ihn anregen und Deine Erzählungen ihm noch fremd ſein lilen. ein, viß weiß, willkommenes Geſchenk gemacht. 3 Herzlich grüßend Stuttgart, 28. October 1857. Dein H. K. leiſe, feine Sprache, die Leichtigkeit der Erfindung und den edlen —— Inhalt. Eine reichsſtädtiſche Glockengigßerfamilie... Wie der Großvater die Großmutter nahm.. Das Wittwenſtüblein. Bergmärchen.. Das weiße Hemd Den Galgen! ſagt der Die Zaubernacht.. Das Schattengericht.......... Das Arcanum........ Die blaſſe Apollonia........ 1 Eine reichsſtädtiſche Glockengießerfamilie. Es ſind die alten Glocken, Die ich als Kind vernahm. Kurz, Erzählungen. I. Der Erzähler der nachfolgenden Geſchichten lebt mit ſeinen früheſten Erinnerungen noch im alten Reiche, obſchon die Stadt ſeiner Väter zu der Zeit, als er in ihr das Licht erblickte, lang den Fall der Kaiſerkrone geſehen und noch länger eine der freien Städte des heiligen römiſchen Reiches zu heißen aufgehört hatte. Sie, die einſt auf ihr Siegel ein ſtolzes S. P. O. R. geſchrieben— berechtigt durch die Gleichheit des Anfangsbuchſtabens, aber etwas zu ſtolz für ein kleines Gemeinweſen, das dem mäch⸗ tigeren Nachbarfürſten ſeit. Jahrhunderten ein Schirmgeld zahlte — hatte nun ſchon über ein Jahrzehend die Farben dieſes Nach⸗ bars, herzogliche, kurfürſtliche, königliche, getragen. Aber die Gemüther hatten dieſe Farben noch wenig angenommen und wenn auch nicht, wie in einer andern der ſchwäbiſchen Reichs⸗ ſtädte, der Bürgermeiſter bei Uebergabe der Gewalt an den fürſtlichen Oberamtmann mit gebrochenem Herzen todt zu Boden geſtürzt war, ſo lebte doch bei uns der reichsſtädtiſche Geiſt in ſeiner Stärke und Schwäche unvertilgbar fort; die„fremden“ Beamten hatten oft Mühe, Wohnungen zu finden, und mußten unter einander ſelbſt zuſammenhalten lernen, wie die Bürger⸗ ſchaft ſpröd und abgeſchloſſen unter ſich zuſammenhielt; ja der Zwieſpalt zwiſchen Gegenwart und Vergangenheit äußerte ſich ſo wunderlich, daß man zum Beiſpiel einen Weinberg, der vom Hagel oder Froſt beſchädigt jene halb ſchwarze halb rothe Fär⸗ 1 —— 4 bung blicken ließ, ſpottweiſe etwas nannte, was man doch ſelbſt war, nämlich„wirtenbergiſch“. Wie die Alten ſungen, ſo zwitſcherten die Jungen. Für uns Knaben konnte es kein größeres Feſt geben, als wenn wir in irgend einem vergeſſenen Winkel eines der alten Wap⸗ penzeichen entdeckten, die man der Stadt gleich im erſten Feuer der„proviſoriſchen“ Beſitzergreifung, noch»dem Reichsdeputa⸗ tionsſchluſſe, weggenommen hatte, und de aalter nicht mehr in herzoglichen Bea bei der Zer n die Zunftnflichtinen. gegangen Maeeihi der Eifer 84☛10 1+Q00 welchem eine im Schoße des mediatiſirten Reichsbürgerthums nachwachſende Jugend die Reliquien alter Herrlichkeit wieder aufzuſpüren wußte. Als beſonders glücklichen Entdecker beneideten wir den Dicken, wie wir ihn zu nennen pflegten, einen ſehr phlegmatiſchen Mitſchüler, der aber eine zähe Beharrlichkeit hatte und mit der ſichern Schärfe ſeiner langſam bohrenden Augen Dinge ausfindig machte, die von jedem Andern überſehen worden wären. Er hatte an Einem Tage nicht weniger als zwei Reichsadler entdeckt, die den Hän⸗ den der Verfolger entgangen waren, beide inrder Kirche; der eine, ein Doppeladler, horſtete hoch am Gemölbe des Schiffs, der andere, in älterer einfacher Form, ſaß am Gewölbeſchluß der Taufkapelle. Wir hüteten ſie wie heilige Schätze, zeigten ſie einander nur mit den Augen und verriethen ihr Daſein mit keinem Athemzuge, wiewohl die Vorſicht überflüſſig ſein mochte, denn die ſchreckliche Ausrottungsjagd nach den harmloſen Wahr⸗ zeichen hatte aufgehört. Die Kluft zwiſchen Vergangenheit und Gegenwart begann zu ſchwinden, einzelne Beamtenfamilien befreundeten ſich mit einzelnen Bürgershäuſern, vornehmlich mit ſolchen, die auswär⸗ tige Frauen heimgeführt hatten, und, was mehr iſt, auch die widerſtrebenden Theile gewöhnten ſich an die Verſchmelzung des 5 winzigen Staates mit dem größeren; wir aber fuhren fort, uns in der Empfindungsweiſe von Mediatiſirten zu gefallen, obgleich und vielleicht eben weil wir die letzten Tage der Reichsunmittel⸗ barkeit nicht mit erlebt hatten. Dieſe reichsſtädtiſche Romantik wurde genährt durch den Familiengeiſt, der uns in einzelnen überlebenden Erſcheinungen die ganze„gute alte Zeit“ erſchauen ließ. Was an ier Zeit Gutes geweſen war, hatte faſt aus⸗ aehört. Das wußten wir nicht, aber amilienbräuche ihr Schönes hatten, daß die Fa. e ehrwürdig waren, und aus dieſen enenenbg nnennen bauten wir uns die geſammte Vergan⸗ genheit in einem verklärenden Lichte auf. Wie konnte ich an der Ehrwürdigkeit einer Zeit zweifeln, aus welcher mein Großvater ſtammte, ein zu Anfang der zwanziger Jahre mehr als achtzigjähriger Greis, der noch unter Kaiſer Karl VI. geboren war! Wer ihn ſah, pflegte zu ſagen, ſo müſſe Jo⸗ hannes ausgeſehen haben, als er ſeinen„Kindlein“ nur noch die Liebe predigte. Er hieß auch Johannes, und war liebreich wi E Greiſenkopf mit langen ſilberweißen Haaren, das rothwangige Ge, dt voll Freundlichkeit, ſein ganzes Weſen ohne Arg und Falſch. Wie konnten mir die Vorzüge eines reichsſtädti⸗ ſchen Rathes fraglich ſein, in welchem der alte Glockengießermeiſter geſeſſen hatte! Mußte mich doch ſchon die Achtbarkeit überzeu⸗ gen, die von ihm auf ſeine ganze Familie ausgefloſſen war, gar nicht als ob ſie für reich gegolten hätte, denn da ſie gerade ſo groß war wie die Kinderzahl des Erzvaters Jakob, ſo ging ſein mäßiger Wohlſtand in ſehr kleine Theile, auch nicht weil kein Makel auf ihr ruhte, denn es gab noch andere unbeſcholtene Leute genug, die uns bei aller bürgerlichen Gleichheit doch um einen leiſen Grad nachſtanden, wie auch wir unſererſeits wie⸗ der an den Familien von Geblüt, nämlich vom Blute der letzten 6 Reichsbürgermeiſter, in der Stille emporzuſchauen hatten. Derlei kleinere oder größere ariſtokratiſche Paſſionen erwachſen auch in der reinſten Demokratie, und eine reinere hatte es wohl im gan⸗ zen Reiche nicht gegeben als die unſerer Stadt, in welcher jedes Jahr auf einen beſtimmten Tag alles Stadt⸗ und Zunftregiment erloſch und durch eine— wenigſtens nach den Verfaſſungs⸗ ſtatuten— völlig freie Wahl von Neuem zu beſetzen war. Adelige Geſchlechter zumal hatte es ſeit dem Mitt der Stadt gegeben; das Bürgerrecht war geknüpft und der höchſte Würdenträger ſo guͤk wi itbür⸗ ger ein Handwerker oder mindeſtens Angehöriger r Hand⸗ werkerfamilie geweſen; aber wenn ich den Namen des Groß⸗ vaters an einer der älteren ſtädtiſchen Feuerſpritzen las, die er in ſeinen thätigen Jahren verfertigt hatte, ſo bildete ich mir dar⸗ auf nicht weniger ein, als wenn ich mit ihm über die Straße gehend Zeuge war, wie er als„Herr Senator“ begrüßt wurde und beſcheiden dankend ſein dreieckiges Hütlein zog. An den Glocken konnte ich ſeinen Namen nicht leſen, denn dazu hingen ſie zu hoch, wie⸗ wohl ich oft in ihre Nähe kam, da es eine unſerer gewöhnlichen Beluſtigungen war, am Sonntag vom Knabenſtande bei der Orgel in den Thurm hinauf zu ſchleichen und dem betäubenden Geläute das Gehör preiszugeben. Was aber vollends in uns ein Gefühl erweckte, das einem 4 hochwohlgebornen Ahnenſtolze nicht ganz unähnlich ſah, das war die Geſchichte der alten Reichsſtadt ſelbſt. Und dieſe Ge⸗ ſchichte lernten wir nicht auf dem Papiere kennen, ſondern ſie hatte ſich von Mund zu Munde fortgepflanzt. Durch die natür⸗ lichſten Beziehungen wurde ſie ſo für uns, neben den groß⸗ artigen aber todten Bildern aus der griechiſchen und römiſchen Geſchichte, die wir in der Schule laſen, zu einer lebenden Her⸗ zensgeſchichte, deren kleiner Umfang ſich gewaltig erweiterte, 7 indem ſie eine Zeit vor uns aufthat, die einer Stadt von mit⸗ telmäßiger Größe ihren Namen in die Reichsgeſchichte einzutra⸗ gen geſtattete. Mündliche Sage und Rede machte uns zuerſt mit den Hohenſtaufen bekannt, die unſerem alten Dorfe Mauern und Stadtrecht verliehen, und die ſchöne münſterartige Marienkirche zeugte ja gleichſam in Lebensgröße noch von den Tagen, da die junge Stadt dem ſchwäbiſchen Kaiſerhauſe ihre dankbare Treue bewies. Nach der unglücklichen Schlacht bei Frankfurt, die durch den Ab⸗ fall zweier ſchwäbiſchen Grafen mit entſtellten aber leicht kennt⸗ lichen Na für König Konrad verloren gegangen war, wurde dieſe Rine von den Bürgern während der Noth der Beren⸗ nung gelobt und nach dem Siege über die Belagerer alsbald in Bau genommen. Dieſer„Pfaffenkönig“ Heinrich Raſpe, der unſeren Vorfahren heiß gemacht, war der erſte Gegenſtand, wel⸗ cher unſere Leidenſchaft in Bewegung ſetzte: wir haßten ihn wie den Teufel, obwohl wir uns etwas ziemlich Eiſernes unter ihm vorſtellten und uns ſchon die Ehre unſerer Stadt gebot, ihn nicht als einen geringfügigen Gegner anzuſehen. Mit voller Parteinahme waren wir dann dabei, als die Stadt in den folgenden Zeiten, mit den anderen Städten verbündet, die„Landherren“ befehdete, und bei aller Liebe zu unſrem Schiller wollte es uns doch keines⸗ wegs behagen, daß er ſich vom wirtenbergiſchen Parteigeiſte ſo weit fortreißen ließ, uns„Gift kochen“ zu laſſen, von wel⸗ cher Kochkunſt uns doch nicht das Entfernteſte bewußt war; doch ſöhnte uns das einigermaßen mit ihm aus, daß er ſeinen Grafen von uns„gepantſcht“ nach Hauſe ſandte. Aber Uhland mit ſeinen„Gerbern“ und„Färbern“ hatte es eben doch ganz anders getroffen! Ueber die Geſchichte bei Döffingen ſodann mußten wir freilich achſelzuckend wegzukommen ſuchen. Eine weitere Nahrung bot unſerem ſtädtiſchen National⸗ ſtolze, wenn ich das Wort in ſo verjüngtem Maßſtab anwenden 8 darf, das ſechszehnte Jahrhundert dar, das unſere Vorfahren abermals mannhaft in die Geſchichte, leider nicht mehr des Rei⸗ ches, ſondern ſeiner Zertrennung eingreifen ſah. Die Verhältniſſe zu den oberſchwäbiſchen Klöſtern, deren ehemalige weitläufige Höfe noch jetzt in verſchiedenen Stadttheilen an die katholiſche Zeit erinnern, aus welcher auch im Archiv der Kirche noch ein Schatz verblichener Paramente vorhanden iſt, hatten ſolche Miß⸗ ſtände herbeigeführt, daß die Stadt, wie unſer Selbſtbewußtſein mit ſeinem correcteſten Ausdrucke zu ſagen liebte, ſchon ein paar Jahre vor Luther's erſtem Auftreten zu reformiren begann. In den ſtrengen Confeſſionsformen, die unſere Ki heit um⸗ gaben, lag noch ein Nachklang von der politiſchen Bedeutung, die der Proteſtantismus einſt gehabt hat. Löblich war jedenfalls die Zuverläſſigkeit, womit die Stadt an der ergriffenen Ueber⸗ zeugung und an den Verbündeten feſthielt, und ſo findet ſie ſich auch nach dem ſchmalkaldiſchen Kriege in der kaiſerlichen Straf⸗ matrikel aufgeführt. Die Stürme des dreißigjährigen Krieges gingen nicht ſpur⸗ los über ihre Mauern weg. Freund und Feind erſchienen nach einander und nahmen mit dem gleichen Rechte der Gewalt ihren Säckel in Anſpruch. Das alte Lied:„Der Schwed' iſt kommen,“ klingt bekanntlich in den proteſtantiſchen Theilen Deutſchlands nicht um einen Ton anders als in den katholiſchen. Doch be⸗ gnadigte uns Guſtav Adolf mit zweien der eben genannten geiſtlichen Höfe, nur daß uns dieſe ſchwediſche Schenkung nicht ſo gut bekam wie dem Stuhle Petri die„konſtantiniſche“. Gänz⸗ lich erſchöpft ging die Stadt aus den Drangſalen dieſes Krieges hervor, ſo daß man ſchwer begreift, wie ſie noch die Heim⸗ ſuchungen überſtehen konnte, die gleich darauf durch Ludwig XIV. über das Reich gebracht wurden. Und dennoch war ihr Schick⸗ 9 ſal nach der Nördlinger Schlacht im Vergleich mit den Nachbar⸗ landen ein gnädiges geweſen. Eine unmittelbare Erinnerung an die Zeiten des dreißig⸗ jährigen Krieges hatte ſich in einer Sitte erhalten, welche der Großvater unverbrüchlich beobachtete. Er pflegte am Peter⸗ und Paulstage zu faſten. Bis in ſein höchſtes Alter genoß er an dieſem Tage keinen Biſſen; erſt Abends aß er ein Stücklein trocken Brod, trank Zann einen Schluck Wein und ging zu Bette. Der Faſttag galt dem Andenken einer Rettung, deren ſich die Stadt im„Kirſchenkriege“, einer wenig rühmlichen Epiſode jener endloſen Kriegswirren, zu erfreuen gehabt. Schon war ſie vom kaiſerlichen General, der vor den Thoren lag, durch einen Trom⸗ peter und„Schröck⸗Capitain“ zur unbedingten Uebergabe auf⸗ gefordert, Major Widerhöld, der nachmalige Oberſt und Com⸗ mandant von Hohentwiel, war mit ſeiner unzulänglichen Truppe abgezogen, und das Aergſte ſtand bevor; da gelang es dem Syn⸗ dikus, von den Kaiſerlichen eine Capitulation zu erwirken, die den Bürgern Raub, Mord, Brand und den gefürchteten Glau⸗ benswechſel erſparte. Das Gedächtniß dieſes Tages überlebte größere Glücks⸗ und Unglücksfälle beinahe zwei Jahrhunderte lang. Einen zweiten Faſttag feierte der Großvater zum Andenken eines Tages von verhängnißvollerer Bedeutung. In ſeiner Stube befand ſich ein alterthümlicher Ofen, auf deſſen Vorder⸗ platte das Bild unſerer Stadt in vollen Flammen ſtehend und von flüchtenden Menſchen erfüllt gegoſſen war, mit einer dar⸗ über ſchwebenden Inſchrift:„Dein Sünd, dein Brand.“ Die Inſchrift flatterte ſteif und die Flammen loderten ſchwerfällig, aber um ſo friſcher überrankte die lebendige Ueberlieferung das Unglücksdatum des 23. Septembers 1726, des Tages, an wel⸗ chem die Stadt der Raub jener Flammen geworden war. Oft 10 erzählte der Großvater von dem furchtbaren Brande, an deſſen Andenken ſich für uns eine anmuthige Familienſage knüpfte. Er hatte ſie aus dem Munde ſeines Vaters, der, zu jener Zeit neun Jahre alt, in der Verwirrung des Augenblicks mit ſechs anderen Kindern in einen großen Kleiderkaſten geſperrt und zur Stadt hinausgetragen wurde. Einen Tag lang blieb der Kaſten auf einer Anhöhe unter dem verzweifelten Geſchrei der Kinder ſtehen. Zum Glück hatte er Luft, der alterthümlich rieſige Schrank, und ſie waren noch immer beſſer daran, als manche andere Kinder, die in jenen Schreckenstagen verloren gingen und erſt ſpät oder gar nicht mehr gefunden wurden. Die Stadt wurde unvorbereitet in völliger Sorgloſigkeit vom Schickſal überfallen. Zwar erinnerte man ſich nachher, daß der fromme Hauptprediger längſt das Unglück von der Kanzel geweiſſagt hatte. Da in den Schrecken der unaufhörlichen Kriegszeiten Geſchlecht um Geſchlecht verwildert war und die obrig⸗ keitlichen Mandate jetzt im Frieden wenig zur Herſtellung der alten ſtrengen Zucht bewirkten, ſo hatte er jeden Sonntag gegen die ſündenbeladene Stadt gedonnert und jede ſeiner Predigten mit den Worten geſchloſſen:„Aber es wird dereinſt ein Feuer kommen, das Niemand löſchen kann.“ Er ſelbſt erlebte es nicht, daß ſeine Worte, die vielleicht geiſtlich gemeint waren, ſo buch⸗ ſtäblich in Erfüllung gingen; aber die zerknirſchte Stadt ſchrieb ſeine Weiſſagung über ihre rauchenden Trümmer, und es lag in der Anſchauung jener Zeit, welche Herzenshärtigkeit mit Buß⸗ fertigkeit wunderbar vereinigte, in jedem Ausbruch der Elemente ein himmliſches Strafgericht zu erblicken. An jenem Septembertage jedoch ahnte Niemand etwas von einem Strafgerichte, vielmehr war der Jahrgang ſo günſtig geweſen, daß man wohlgemuth dem herbſtlichen Dankſagungs⸗ feſt entgegenſah. Die Vorrathskammern waren voll, und zum 11 erſtenmal in zwölf Friedensjahren hatte man Hoffnung, die langen Nachwehen der Kriege vollends zu überwinden. Die Glocken hatten geſtern ſo fleißig wie immer zu der ſtrengen Sonntagsfeier geläutet. Heute ſchlugen ſie zu ungewohnter Stunde, doch nicht zu unbekanntem Zwecke wieder an, indem ſie dem alten Thürmer, der zu Grab getragen wurde, den letzten Gruß nachriefen. Wer hätte gedacht, daß ſeine Glocken noch einmal dieſen Abend zuſammen laut werden würden, daß ſein Thurm ſo bald nach ſeinem Scheiden unwohnlich werden ſollte? Noch vor Kurzem hatte man durch einen„fremden“ Schieferdecker aus Heidelberg den Engel von der Thurmſpitze abnehmen und neu vergoldet unter großen Feierlichkeiten wieder aufſetzen laſſen. Wie ſollte nicht Alles im beſten Stande ſein? Die Abendglocke hatte längſt geläutet, das Nachteſſen war vorüber, doch wachte noch die ganze Stadt, und die früheſten Schläfer hatten den Abendſegen noch nicht ausgeleſen, als vom Thurm und in den Gaſſen Feuerlärm ertönte. Der Mann, in deſſen Hauſe das Feuer ausbrach, war ſchon in früheſter Kind⸗ heit gleichſam vom Schickſal gezeichnet worden. Sein Vater ſtand mit dem Kind auf dem Arm am Laden, der ſtatt des Fenſters diente, ſcherzte mit ihm und that als ob er es hinaus⸗ werfen wollte, da verlor er das Gleichgewicht und ſtürzte mit ihm auf die Gaſſe hinab, ſo daß das Kind ein Aermlein brach. Jetzt nach vierundſechzig Jahren war es dieſem beſtimmt, daß ſein Haus ein Herd der Zerſtörung für ſeine geſammte Mitbürger⸗ ſchaft werden und ſein oder der Seinigen ſchuldhafter Leichtſinn ihn mit ſeiner ganzen Familie in die Verbannung führen ſollte. Noch ehe die Lohe ausſchlug, war die Hilfe zur Hand, aber es war ein Feuer, das Niemand löſchen konnte. Die Bewohner hatten es zu lang verheimlicht, nun befreite es ſich mit doppelter Gewalt, und im Angeſichte der Löſchanſtalten ſtand 12 plötzlich das Haus nach allen Seiten in vollem Brande. Die Flamme ſprang über die enge Straße auf das gegenüberliegende Haus und bildete einen Bogen, deſſen feuerſpeiender Regen die Mannſchaft zurücktrieb. Alsbald zündeten die beiden brennenden Häuſer auch die in ihrem Rücken gelegenen Häuſerreihen an und das Feuer wüthete in drei Gaſſen zugleich, alle Rettungsver⸗ ſuche zerſplitternd und verwirrend. Die Gaſſen waren eng, die Giebel vorſpringend, ſo daß ſie einander über der Straße bei⸗ nahe berührten, die Gebäude faſt alle von Holz, die Stuben ge⸗ täfelt, die Böden mit ſchlechtgefugten Brettern belegt, alle Stock⸗ werke vollgepfropft mit dem Hausrath einer eng zuſammenge⸗ drängten Bevölkerung, alle Häuſer angefüllt mit den Gaben des Jahres, mit Frucht, Futter, Stroh und Holz. Speiſe im Ueber⸗ maß für jenes Ungeheuer, das nur hungriger vom Freſſen wird! Und es fraß nach allen Richtungen der Stadt: abwärts die kurze Strecke gegen das untere, und aufwärts die lange Zeile gegen das obere Thor. Am Himmel hatte ein gelinder Süd geweht; aber das Feuer ſchuf ſich ſeinen eigenen Luftzug, der zum Sturme wurde und die Flamme vor ſich hertrieb, ſo daß die Häuſer nicht mehr einzeln, ſondern reihenweiſe in Brand geriethen. Wenn das Feuer eine Straße durchrast hatte,— dies erzählten Augenzeugen noch viele Jahre lang als das Schrecklichſte,— dann drehte ſich der Wind, als ob er eigens dazu beſtellt wäre, und jagte die Lohe wieder eine andere Straße hinab. Umſonſt verſuchte man durch Niederreißen von Häuſern dem Gluthſtrom ſeine Nahrung zu rauben; die Maſchinen zerbrachen oder verbrannten. Die rüſtige Bürgerſchaft, die ſchon manche Feuersbrunſt unverzagt überwäl⸗ tigt hatte, verlor den Muth, und nun entſtand ein verworrenes Gedränge derer, die noch zu retten ſuchten, und derer, die unter Jammergeſchrei flüchteten. Dieſe füllten die Gaſſen und Stadt⸗ 13 thore, ſo daß es oft eine Stunde dauerte, bis der Eine zum Thor hinaus, der Andere wieder hereingelangte. Kranke und Alte wurden in Betten, oder was der Zufall an die Hand gab, erſt nach den noch unverſehrten Stadttheilen und dann, wenn hier das Feuer nachſtürmte, vor die Thore geſchleppt. Da draußen war es wie eine weite Wahlſtatt anzuſehen, wo Tauſende unter freiem Himmel lagen, wund an Leib und Seele. Viele erkrank⸗ ten tödtlich in der naſſen Kälte, die außerhalb des Feuerbezirks herrſchte. Kreiſende Frauen wurden aus den Flammen heraus⸗ getragen, andere wurden im Freien unzeitig von der Geburt übereilt. Eltern und Kinder ſuchten einander, kläglich rufend, und ſtürzten in die brennende Stadt zurück oder zerſtreuten ſich Stunden weit in die Nachbarſchaft. Thiere irrten zwiſchen den obdachloſen Menſchen umher; die einen rannten im blinden Schrecken Alles nieder, die anderen winſelten nach ihren Herren. Zahlloſe Habe ging nicht bloß im blinden Drang des Flüchtens, ſondern auch durch untreue Hände zu Grunde, indem ſchlechte Menſchen ſich die Verwirrung zu Nutzen machten. Der anbrechende Morgen ſah den dritten Theil der Stadt in Aſche und Flammen, und noch immer ſpottete das Feuer aller menſchlichen Gegenwehr. Es hatte inzwiſchen nach dem Markt⸗ platze herauf gebrannt, und eben jetzt mit Tagesanbruch loderte das ſchöne Rathhaus auf ſeinen ſteinernen Säulen mit ſeinen gemalten Fenſtern, welche die Wappen beſiegter Ritter tru⸗ gen, und ſeinem Sturmbock, dem Siegesdenkmal aus noch älte⸗ rer Zeit. Dieſer Mauerbrecher war von dem Heere des Hohen⸗ ſtaufengegners, als es die Belagerung der Stadt aufheben mußte, zurückgelaſſen und von den Bürgern Jahrhunderte lang in der über ihm erbauten Kirche aufbewahrt worden, bis Kaiſer Mar bei einem Beſuch der Stadt das Kriegswerkzeug aus dem Got⸗ teshauſe entfernen hieß; da die Kirche faſt rings von Häuſern 14 umgeben war, die ihm keinen Durchgang geſtatteten, ſo durch⸗ b brach man die Mauer im Chor und ſchob den mehr als hundert Werkſchuhe langen Widder nach der einzigen freien Seite hinaus, worauf er am Rathhaus aufgehängt wurde, mit dem er jetzt bis auf den eiſernen Schnabel verbrannte. Noch immer ſtießen die Straßen dicht an die hohe Marienkirche, und wer über den eige⸗ nen Jammer noch hinausdenken konnte, der zitterte für das Kleinod der Stadt, als die lange, vom untern nach dem obern Thore führende„Kramergaſſe“ nun auch aufwärts vom Marktplatz zu brennen begann. Sie lag zwiſchen zwei Feuern, die ſie von den beiden hinter ihr brennenden Gaſſen her zugleich ergriffen. Man riß die größten Gebäude an der Kirche ein, und zu gleicher Zeit wälzte ſich die Flammenmaſſe nach Süden weg, ſo daß die Umgebung der Kirche völlig frei vom Feuer wurde; aber das Gluthmeer, von deſſen Athem das Waſſer in den Röhrenbrunnen ſott, die hölzernen Staffeln im Bache verbrannten uud die dick⸗ ſten Fäſſer in den Kellern zu Aſche wurden, hauchte auch nach der Spitze des Thurmes empor, und von oben herab wurde die Kirche ein Spiel der Flammen. Am Abend des zweiten Tages ſah man kleine Lichter im Gebälke des Glockenſtuhls erſcheinen; ſie liefen hin und her und floßen zuſammen; auf einmal ſchlugen die Flammen zu den Bo⸗ genfenſtern heraus; ein ſtürmender Wirbelwind erhob ſich und die ganze Kirche ſammt allen angränzenden Häuſern ſtand im Feuer. Zum letzten Mal bewegten ſich die Glocken, aber nicht von Menſchenhand; ſie läuteten ſich ſelbſt zu Grabe, bis ſie mit furchtbarem Krachen herabſtürzten und in dem Feuerofen zer⸗ ſchmolzen. Nächte lang ſtand der Thurm ſchneeweiß glühend, dann ſchwarz und ausgebrannt über der weiten Schuttſtätte. Die Röthe am Himmel ſah man bis in die Schweiz, und die Umgegend war ſo ſtark erleuchtet, daß man, wie alte Leute zu —— 15 erzählen pflegten, in ſtundenweiter Entfernung mitten in der Nacht einen„Kreuzer vom Boden aufleſen konnte“. In den Morgenſtunden des dritten Tages hatte das Feuer auch den oberſten Stadttheil von der Kirche bis zum obern Thore vollends verzehrt. Dort ſprang es über die Stadtmauer und wollte die große Vorſtadt ergreifen, die ihm jedoch wegen ihres weiteren Raumes glücklich widerſtand. Nun aber wandte es ſich rächend abwärts und fraß an der Mauer eine große Strecke entlang Gaſſen und Gäßchen, die es noch verſchont hatte, bis es zu den bereits in Aſche gelegten Stadtvierteln zurück⸗ kehrend erſtarb. Die ganze Stadt war mit Ausnahme eines unanſehnlichen Halbkreiſes von Häuſern in Flammen aufgegangen. Wunder⸗ barer Weiſe begann dieſer gerettete Halbkreis mit ſeinem brei⸗ teſten Stücke gerade da, wo das zuerſt in Brand gerathene Haus ſeine Flammen in die hinter ihm liegende Gaſſe geworfen hatte. Als ein zweites Wunder ſtaunte man die Nikolauskapelle an, neben welcher der Brand ausgebrochen war. Sie ſtand, ohne Glocken zwar, doch unverſehrt, in einem Kreiſe von Schutthaufen. Daß der Kaiſer auf dem Marktbrunnen den Brand überdauert hatte, war gleichfalls Allen ein Räthſel, weil er durch die Trüm⸗ mer der hart an ihm gelegenen großen Gebäude, beſonders des Spitals, der Zerſtörung ausgeſetzt geweſen war. Nicht ſo glück⸗ lich war auf dem Röhrenbrunnen an der Hauptkirche die Bild⸗ ſäule des andern Kaiſers gefahren, dem die Stadt ihr Mauer⸗ recht verdankte. Das Bild des Hohenſtaufen war untergegan⸗ gen, das des Habsburgers war erhalten geblieben. Aber nun, als es nichts mehr zu fürchten noch zu hoffen gab, erwachte das Gefühl des Elends erſt in ſeiner ganzen Schärfe und zählte die Verluſte der Geſammtheit wie des Ein⸗ zelnen auf. Der Menſch jedoch, ſo lang Leben in ihm iſt, hebt S 16 auch nach dem ſchwerſten Schlage wieder den Kopf empor, wie viel mehr eine thätige und entſchloſſene Gemeinde. Unter den drei bis vier öffentlichen Gebäuden, die wie Inſeln im Feuer⸗ meere dem Verderben entgangen waren, befand ſich das alte Franciscanerkloſter, das ſeit ſeiner Aufhebung als Schwörhof bei den Rathswahlen diente. Dort richtete die Obrigkeit ſich ein und begann die unterbrochene Regierung mit der ſchwierigen Ausſcheidung des Eigenthums, das dem Schutt etwa noch abzu⸗ gewinnen war. Die ſtehengebliebene Kapelle wurde zur Kirche gemacht; ſtatt der Glocke rief die Trommel zum Gottesdienſt, der mit einem Buß⸗ und Faſttage begann; denn das Dankfeſt war mit dem Segen des Jahres dahin; man hatte die Frucht⸗ vorräthe wie Schneeflocken in den Feuerſäulen umherwirbeln ſehen. Doch ſtand die Traube noch am Stock, und ihr Ertrag gewährte diesmal ein reichliches Brod. Die Witterung blieb mild, daß man bis tief in den Winter an den Neubauten ar⸗ beiten konnte. Mangel und Theurung blieb abgewendet, und die auflebenden Bürger hatten zu rühmen, daß ihnen von allen Seiten„ritterlich“ zugeführt worden ſei. Reichsſtädte und Fürſten⸗ lande, Kreis und Reich griffen der heimgeſuchten Stadt unter die Arme. Freilich gab es bei der Vertheilung der Beiträge und der Verrechnung der Steuernachläſſe viel Beſchwerde und Murren, Streit und Mißtrauen; doch ſchritt das Werk der Her⸗ ſtellung unter allen dieſen Unruhen freudig fort. Das Erſte, was man in Angriff nahm, war die Hauptkirche; ihr Thurm war ausgeſchält, die Schwibbögen zerſprengt, ein Theil des Gewöl⸗ bes lag am Boden, die zierlich gewundenen Säulen waren zer⸗ borſten, die Kanzel mit dem großen Simſon verbrannt, die bunten Chorfenſter zerſprungen und der prächtige Altar mit⸗ Schmuck und Zier vernichtet; aber indem man ſich auf das Nothdürftigſte beſchränkte, kam man mit den Arbeiten ſo weit 8 4 1 — 17 4 voran, daß am erſten Jahrestage des Brandes wieder der erſte Gottesdienſt, noch ohne Glocken, in der Kirche gehalten werden konnte. So baut der Menſch, was die Natur mit Einem Schlage in den Staub warf, langſam wieder auf, ihre Gewalt⸗ ſtreiche überbietend durch zähe Geduld und Ameiſenfleiß. Indeſſen wurden viele Familien durch dieſen Brand in bittere Armuth geſtürzt. Auch mein Ururgroßvater, der vorher reich geweſen war, kam dabei um ſein ganzes Vermögen. Er hatte, als Glockengießer und Spritzenmeiſter der Stadt, ſeinen Poſten im Kampfe mit dem Feuer, und während er hier ſeiner Pflicht oblag, vertraute er ſein Silber und Gold einem vieljährigen Freunde anz; nachher, als er es wieder von ihm fordern wollte, leugnete dieſer etwas empfangen zu haben. Was konnte man ihm anhaben? Ein allgemeines Unglück iſt wie eine Kriegszeit, in welcher der Stärkere und Schlechtere oft die Oberhand behält. Mein Ururgroßvater faltete die Hände und ſprach:„Was Gott thut, das iſt wohlgethan;“ darauf richtete er ſich mit ſeinem Handwerk wieder ein, ſo gut es ging, goß neue Glocken und Feuerſpritzen für die wiedererſtehende Stadt und nährte ſich red⸗ lich. Zwar wollte ihm nach dem Rathswechſel der neue Amts⸗ bürgermeiſter, der ihn nicht liebte, das Leben ſauer machen; aber er behauptete ſein Recht, und der geſtrenge Herr gab weis⸗ lich bei Zeiten nach; denn die kleinen Obrigkeiten im Reiche hat⸗ ten einen zwar läſſigen, jedoch immer noch durchgreifenden Rich⸗ ter über ſich, und fürchteten nichts ſo ſehr wie einen Kammer⸗ boten von Speier. Mehr als ſeine eigenen Widerwärtigkeiten ging ihm der Kummer eines lieben Gevatters zu Herzen, der zur Zeit der Feuersbrunſt erſter Bürgermeiſter geweſen war. Herr Matthäus Baur hatte in einer jener beiden Schreckensnächte ein Kind verloren, ein liebliches Mädchen von drei Jahren; er vermißte ſie erſt am Kurz, Erzählungen. I. 2 18 Morgen, als ihm die Sorge für das öffentliche Wohl einige Zeit ließ, nach ſeinem eigenen Hauſe zu ſchauen. Man wußte nicht, war ſie im Feuer oder im Gedränge der Flüchtenden um das Leben gekommen. In den erſten Wochen hatte man noch Hoff⸗ nung, die Kleine wieder zu finden, denn es kamen viele verloren geglaubte Kinder zum Vorſchein, die ſich in die Nachbarſchaft verlaufen hatten. Der Bürgermeiſter ſandte Boten nach allen Seiten aus, zu nahen und fernen Freunden, aber Niemand wollte etwas von der verlorenen Katharina wiſſen. Da faßte er ſein weinendes Weib in die Arme und richtete ihr das Antlitz gen Himmel, wo ſie ihr Kind als einen ſchönen Engel von nun an ſuchen ſollte. Abends aber, wenn er mit ſeinem Gevatter auf der Zunftſtube zu einem Glas Wein zuſammenkam, dann ſprachen ſie einige halbe Worte über das ſüße Mädchen, der Bürgermeiſter wiſchte ſich eine Thräne aus dem Auge und trank einen Schluck Wein dazu, und ſein Freund drückte ihm die Hand und ſagte: Ich habe immer geglaubt, mein Franz werde ſie ein⸗ mal zum Weibe haben. Dieſer, das Aelteſte von den Sieben, die im Kaſten geweſen waren, wuchs mittlerweile heran und ward ein ſtattlicher Jüng⸗ ling. Er erlernte das Handwerk ſeines Vaters, die edle Gießer⸗ kunſt, und ſetzte mit ſeinem im Feuer gebräunten Geſicht und durch den Druck ſeiner kräftigen Hand manches Mädchenherz auf dem Tanzboden in Flammen. Er aber ſchaute nur nach der ſchönen Regine, die er in ſeinem Herzen für die Königin des Tanzbodens erklärte. Die ſchöne Regine war ein Mädchen von ſtolzem, vollem und ſchlankem Wuchſe; ſie hatte ein majeſtätiſches Geſicht, ſchwarze Haare und ſchwarze Augen, und dabei eine blendend weiße Haut; ſie galt für das ſchönſte Mädchen in der ganzen Stadt, nur wollten ſtrenge Richter den Umfang und die Biegung ihrer Naſe zu kühn finden, und es iſt nicht zu leugnen, 19 daß die Stellung dieſes Gliedes in dem feinen Antlitz etwas ſehr Gebieteriſches hatte. Von dieſer Art war auch Reginens gan⸗ zes Weſen; ſie that zurückhaltend, ſtolz und ſpröde. So betrug ſie ſich auch gegen Franz; aber wenn er ſie im feurigen Tanze den Saal hinunter ſchwang, ſo ſteckten alle Leute die Köpfe zu⸗ ſammen und flüſterten: Das iſt doch das ſchönſte Paar auf dem Tanzboden; die thäten zuſammen paſſen! Das ſah und hörte Franzens Mutter ſehr ungerne, denn die ſchöne Regine war die Enkelin des alten, reichen Stadtſchrei⸗ bers, und der ſtand bei meiner Ururgroßmutter in keinem guten Andenken. Er war ihr Vormund geweſen, und ohne daß man wußte wie es zuging, war bei der Abgabe der Pflegſchaft der Vormund ein reicher Mann und ſein Mündel ein armes Mäd⸗ chen. Aus Großmuth bot er ihr ſeine Hand an, aber ſie weinte und rief: Ihr ſeid ja ſo alt, daß ihr mein Vater ſein könntet; wär't Ihr's nur geweſen, dann ſtände es jetzt anders! Dies klang ihm zu unbeſcheiden, und er jagte ſie aus dem Hauſe. Damals war die Waiſenjuſtiz noch nicht im beſten Zuſtande, und meine Ururgroßmutter ſah ein, daß es klüger ſei, zu ſchwei⸗ gen und zu dulden, als ein Recht zu ſuchen, von dem ſie nicht wußte wo es zu finden war. Ein entfernter Verwandter nahm ſie auf, und da ſie zu Feldarbeiten nicht kräftig genug war, ſo mußte ſie ihm die Schafe hüten. So ſaß ſie den lieben langen Tag, und vertrieb ſich die Zeit damit daß ſie ſchöne Lieder ſang; ſie wußte deren viele und hatte eine gute Stimme. Aber als ein ehrbares Mädchen ſang ſie nichts was für leichtfertig angeſehen werden konnte; die ſtrengſte Kirchencenſur hätte ihre Lieder hören dürfen, eine Art halbgeiſtlicher Lieder mit lang⸗ tönenden wehmüthigen Melodieen, welche recht geeignet waren einem betrübten Herzen Luft zu machen. Solche pflegte die arme Dorothea zu ſingen, wenn ſie bei ihrer Heerde ſaß; ſie 2*2 20 gewährten ihr einen ſchmerzlichen Troſt, und wer in den Fel⸗ dern oder in den Weinbergen an der Arbeit war, ließ gern ſein Werkzeug auf eine Weile ſinken, um der klaren, ſanften Stimme zu lauſchen, wie ſie hinter dem kleinen Hügel hervordrang, der den Weideplatz verdeckte. So ſang ſie einmal ihr Lieblingslied: „Himmliſche Geduld“ mit beſonderem Ausdruck, als die Tochter ihres ehemaligen Vormunds, die es ihr immer noch nicht ver⸗ zeihen konnte, daß ſie einſt eine Stiefmutter in ihr hatte fürch⸗ ten müſſen, an ihr vorbeikam, von einer Magd und einem Hündchen begleitet, auf dem Kopfe einen ſchäferlichen Bänderhut, wie ihn damals die Vornehmen und Reichen trugen. Sie blieb ſtehen, betrachtete die Hirtin hochmüthig und, als verſtände ſie die Worte des Liedes nicht, wandte ſie ſich zu der Magd, die ihr den Korb nachtrug: Was ſingt Die da für Schelmenlieder? Das ſchöne Lied:„Himmliſche Geduld“ ein Schelmenlied! Das Wort gab der armen Dorothea einen Stich durch's Herz. Sie war ſehr verſöhnlichen Gemüths und hatte ſchon oft für ihren Vormund gebetet; aber das konnte ſie der tückiſchen Judith nie vergeſſen, daß ſie nicht nur im Elend ihrer geſpot⸗ tet, ſondern auch ihren Sinn und Wandel verleumdet hatte. Ein alter Winzer, der in der Nähe zugehört, kam herbei und tröſtete die Weinende. Sei ruhig, Kind, ſagte er: der dir jetzt Trübſal widerfahren läßt, wird dich noch in Freude führen. Er wird dir einen braven Mann beſcheren, dann hat all der Jammer ein Ende.. So geſchah es auch. Eines Tages hütete Dorothea ihre Schafe an der Straße, da kam ein ſtattlicher Reiter auf einem Friesländer dahergezo⸗ gen; er war ausländiſch gekleidet, trug einen kurzen Mantel und ein Federbarett, an ſeiner Seite hing ein zierliches Schwert. Es war mein Ururgroßvater, der weit in der Welt herumge⸗ 21 zogen, in den Niederlanden, in Frankreich und Spanien geweſen war, um die damals neuen Verbeſſerungen in der Glocken⸗ und Spritzenmacherkunſt aus dem Grunde zu lernen, und jetzt in die Heimath zurückkam, wo er ſich niederlaſſen und ſeine Kunſt aus⸗ üben wollte. Er hielt ſein Pferd an und richtete mit auslän⸗ diſchem Accent einige Fragen an Dorothea, die ſie ſchüchtern beantwortete. Kennſt du mich denn nicht mehr? rief er auf einmal in der heimiſchen Sprache. Sie ſah ihn genauer an und erkannte in ihm einen Vetter und Jugendgeſpielen, der ſeit vielen Jahren nichts von ſich hatte hören laſſen. Die Freude öffnete ihr das Herz, ſie erzählte ihm ihr Schickſal, wie der Vormund ſie ver⸗ kürzt habe und wie ſie jetzt in Noth und Verachtung leben müſſe. Laß du ihm ſeinen Mammon, Dorothea, ſagte er, und gib mir den Strauß, den du da an der Bruſt haſt. Sie verſtand ihn und gab ihm die Blumen mit Erröthen. Er ſteckte ſie an's Koller, ſpornte ſein Pferd und ritt in die Vaterſtadt ein. Damals hatte das Handwerk noch einen gol⸗ denen Boden; der junge Meiſter war der einzige weit und breit, aus allen Gegenden kamen Beſtellungen, manche Ortſchaften waren noch gar nicht mit Spritzen verſehen, auch waren die neuen erſt eigentlich brauchbar; ähnlich ſtand es mit den Glocken, die man bis dahin nicht ſo bequem zu gießen verſtanden hatte. Er mußte ein ganzes Haus voll Geſellen und Lehrlinge anneh⸗ men; der Verdienſt überſtieg alle Erwartungen. Nach einem halben Jahr führte er die demüthige Hirtin in ſein Haus. Um dieſelbe Zeit heirathete auch die hochmüthige Judith, und die ſchöne Regine war ihre Tochter. Aus dieſem Grunde hörte die Ururgroßmutter es nicht gerne, wenn man Franzen und Reginen ein Paar nannte; ſie dachte immer wieder an die„Himmliſche Geduld,“ konnte aber darob ſehr ———-——y—————— 22 ungeduldig werden. Ferner erwog ſie ein großes Hinderniß: Franz hatte ſeinem künftigen Weibe nicht viel anzubieten, denn das Wenige, was ſeit dem Brand erübrigt war, ging in meh⸗ rere Theile; Regine aber war reich, und ihre Mutter hatte den Hochmuth nicht abgelegt, den Geiz aber noch dazu gelernt. Eines Morgens ſaß Franz betrübt hinter dem Ofen und hatte ganz vergeſſen, zu dem Vater in die Werkſtatt zu gehen. Die Mutter beobachtete ihn eine Weile, endlich trat ſie zu ihm und ſagte: Was iſt dir, Franz? warum biſt du ſo verdrießlich? Der Jüngling ſchrack auf und ſagte: Ich bin noch ſchläfrig vom geſtrigen Tanz; Ihr wißt, Mutter, ich kam ſpät in der Nacht erſt nach Hauſe; nun muß ich aber gehen und formen, der Vater ſchilt ſonſt. Bleib' noch ein wenig, ſagte die Mutter, ich muß dich etwas fragen. Sie ſetzte ſich ihm gegenüber und fuhr fort: Du biſt nicht ehrlich gegen mich, Franz; ich habe ſchon längſt bemerkt, daß du etwas auf dem Herzen haſt; geſteh' mir's, was macht dich ſo bekümmert? Es iſt nicht recht, daß du mich betrügen willſt: wie kannſt du denn ſchläfrig ſein, da du heut ſchon ſo früh aufgeſtanden biſt? Ich habe dich gehört, du warſt vor uns allen auf den Beinen. Franz ſträubte ſich; endlich fragte ſie: Haſt du etwas mit der Regine gehabt auf dem Tanz? Nicht wahr, die macht dir das Herz ſchwer? Sie mußte ihm noch lange Zeit freundlich zureden, bis es endlich herauskam. Regine hatte ihm geſtern zweimal nach ein⸗ ander einen Korb gegeben, und als er zum dritten Mal wieder kam, hatte ſie gerade heraus geſagt: Ich bin nicht für Euch allein auf dem Tanzboden, und mag mir auch nichts nachſagen laſſen, probirt's doch einmal mit anderen Tänzerinnen, ſie neh⸗ men's Euch ſonſt übel. Und dabei hatte ſie ſpöttiſch auf ſeine Schuhe geblickt, deren Schnallen nicht von Silber, ſondern bloß von Meſſing waren. Seht einmal die hoffärtige Prinzeſſin! rief die Mutter ent⸗ rüſtet. Wenn alle Menſchen redlich geweſen wären, ſo trügeſt du Silberſchnallen an den Schuhen und das Nuſter an ihrem Halſe wäre nicht von echten Granaten. Aber es geſchieht dir ganz recht, was läufſt du auch dem großnaſigen Dinge nach? Es ſind viel ſchönere Mädchen in der Verwandtſchaft, und ſind auch nicht arm, und keine ſo aufgebauſchte Pfauen, wie die. Was wird da von Rüädchen geleiert? rief eine zornige Stimme hinter ihr; der Vater war unbemerkt in's Zimmer ge⸗ treten, um ſeinen Sohn zu ſuchen. Mein Ururgroßvater war ein ſehr ſtrenger und heftiger Mann, der gute Zucht im Hauſe hielt und groß von ſeinem Stand und ſeiner Würde dachte. Er ſaß ſeit den letzten Wahlen im Rath, welches Amt zwar jedes Jahr einer Neuwahl unterworfen, aber im gewöhnlichen Lauf der Dinge doch ſo gut wie lebenslänglich war; durfte Stock und Degen tragen, ohne welche man ihn nie ausgehen ſah, und wachte mit einer gewiſſen Eiferſucht darüber, ob ihm von Jedermann die ſchuldige Ehrerbietung erwieſen werde. Ja, die böſe Welt ſagte ihm nach, er habe einmal, als er über den Markt auf's Rathhaus gegangen ſei, einer Gans, die den Schnabel gegen ihn aufſperrte, in gerechter Entrüſtung den Kopf mit dem Ehren⸗ degen abgeſchlagen und dazu ſeinen Lieblingsfluch„Pugio“, den er aus Spanien mitgebracht, ausgeſtoßen. Er war daher ſehr entrüſtet, als ihm ſeine Frau geſtand, wovon die Rede ſeiz er fühlte ſich durch den Hochmuth Reginens in ſeiner Würde ge⸗ kränkt und ließ den Zorn an ſeinem Sohne aus. Pugio! rief er, was fällt dem Burſchen ein? Iſt noch nicht hinter den Ohren trocken und ſieht ſchon nach den Mädchen? —— 4——— —————————————— 24 Ich will's ihm vertreiben, ſo wahr ich Senator und Zunftmei⸗ ſter bin! Wenn er einmal ſein Handwerk aus dem Fundament gelernt hat und ein gemachter Mann i*ſt, dann iſt's Zeit, ſich nach einer Frau für ihn umzuſehen, das heißt, nach einer Frau, die ſeinen Eltern anſteht und fromm und fleißig iſt, und nicht in Hoffahrt gekleidet, wie die Lilien auf dem Felde, die da weder nähen noch ſpinnen. Pugio! ich habe nicht eher an ſolche Sachen gedacht, als bis ich von meinen Reiſen zurückkam und mich hier niederließ, und der milchbärtige Junge hat ſeine Geſellenjahre noch nicht einmal hinter ſich, und in der Welt iſt er auch noch nicht geweſen. In der Welt muß man geweſen ſein, das gibt den Verſtand und den rechten Schick.— Ich habe mir's ſchon lang bedacht, ſagte er etwas freundlicher zu ſeinem Sohn, du mußt fort in die Fremde, ich ſehe, es iſt nunmehr Zeit dazu, und dann kommſt du mir auch aus der einfältigen Lieb⸗ ſchaft heraus. Ich bin weit gereist, aber für's Erſte will ich dich nicht ſo weit forttreiben. Du ſollſt mir in die kurkölniſche Stadt Attendorn; daſelbſt iſt ein geſchickter Glockengießermeiſter, Chriſtoph Woltmann, mein ſehr werther Freund, mit dem ich lange Zeit zu Lüttich als Geſell geſtanden bin. An den will ich dir einen Brief mitgeben, daß er dich in Arbeit nimmt, und hernach, wenn du mir anſtändig ſchreibſt und triftige Gründe dafür weißt, bin ich auch nicht abgeneigt, dich noch weiter reiſen zu laſſen. Franz war ein gehorſamer Sohn und ein verſtändiger Jüng⸗ ling; er ſagte: Ja, Vater, ich din's zufrieden; ließ ſich den Wanderbrief ſchreiben, nahm Abſchied vom Hauſe und wanderte nach Norden zu. In der fröhlichen Rheingegend hatte er bald ſeinen geſun⸗ den Muth wieder gefunden; Herzweh, Heimweh und was ihn drücken mochte, warf er in den Strom, als er mit dem Schiffe —y— 25 hinuntertrieb. Die erſte Reiſe iſt wie die erſte Liebe, ſie verwan⸗ delt das ganze Weſen des Menſchen. Bei Bingen beſtand er ein kleines Abenteuer, doch ließ ihn die Lurlei mit dem Schrecken davon kommen. Auf dem Wege nach Attendorn hatte er einen günſtigen Angang, eine Lämmerheerde, und in Attendorn ſelbſt, vor einem Eckhauſe, zu welchem er auf ſeine Frage nach Mei⸗ ſter Chriſtoph Woltmann gewieſen worden war, ſtand ein Engel und fragte ihn: Wat belieft, myn Heer? Er gab ſeine Auskunft ziemlich verwirrt, und der Engel führte ihn die Treppe hinauf in ein Zimmer, wo der Meiſter, der ſo eben Feierabend ge⸗ macht hatte, beſchäftigt war, ein Stück echten Limburger Käſes und eine Kanne Wein durch ein gelaſſenes Schmelzverfahren mit einander zu vereinigen. Wo biſt du geweſen, Katharina, und wen bringſt du mir da? fragte der freundliche Mann. Ich habe den Geſellen ihren Trunk gebracht, Vater, ſagte das holde Mädchen, das mit Franz in die Thüre getreten war. Dann ging ich in die Abendmette, und wie ich zurückkam, blieb ich noch eine Weile unter der Hausthüre ſtehen, es iſt ſo ein war⸗ mer Tag heute; nun kam der Fremde hier auf mich zu und ſagte, er wolle Geſell bei Euch werden, und habe Euch einen Brief zu überreichen. Meiſter Woltmann hieß den Ankömmling näher treten und nahm ihm den Brief ab. Er war ausnehmend vergnügt, als er hineingeſehen hatte; abwechslungsweiſe las er den Brief und betrachtete den Jüngling. Sei mir herzlich willkommen in mei⸗ nem Hauſe, lieber Junge! rief er endlich. Was du deinem Vater gleichſt! Zug für Zug, wie aus dem Geſicht geſchnitten! Ja, das war ein hübſcher, luſtiger Burſche zu ſeiner Zeit, wir haben manchen guten Tag mit einander verlebt in Lüttich. Nun, das iſt brav von ihm, daß er dich zu mir ſchickt; ich will dir ein 26 getreuer Freund ſein bei all deinem Thun und Laſſen, du ſollſt Ar⸗ beit bei mir haben, wie ein wackerer Geſell, und ſollſt gehalten werden, wie das Kind im Hauſe. Katharina, geh und bring ihm zu trinken. Da, ſitz zu mir her, du wirſt müde ſein; heute und morgen haſt du Raſttag, übermorgen fangen wir eine Spritze nach einem ganz neuen Modell an; da kannſt du Hand anlegen und ler⸗ nen zugleich. 3 In dieſem Tone ſprach der Meiſter noch lang; er erkundigte ſich nach ſeinem Jugendfreunde, nach deſſen Haushalt und Hand⸗ werk, fragte, wie es bei jenem Brande zugegangen, deſſen Kunde überall hingedrungen war, ob ſein Freund ſich jetzt wieder ganz er⸗ holt habe von ſeinem damaligen Schaden, und tauſend freundſchaft⸗ liche Dinge mehr. Franz gab über Alles Auskunft; es war ihm ſo wohl, als ob er in der Heimath wäre. Beim Abendeſſen mußte er ſich zwiſchen Meiſter Woltmann und Katharinen ſetzen, und die⸗ ſer Platz wurde ihm für immer angewieſen. Dann fing der Meiſter wieder an, von Lüttich zu erzählen und zu fragen und wieder zu erzählen; Franz mußte von ſeiner Reiſe berichten und brachte aller⸗ hand Merkwürdiges und Ergötzliches vor. Er war in Köln gerade zum Faſching eingetroffen, und gab die luſtigſten Bilder davon zum Beſten, wobei er beſonders an Katharinen eine aufmerkſame Zu⸗ hörerin hatte. Die Geſellen, die am gleichen Tiſche mit der Mei⸗ ſterſchaft ſaßen und Franzen fröhlich bewillkommt hatten, nahmen ebenfalls Antheil an der Unterhaltung und Jeder erzählte ein Abenteuer von ſeiner Wanderſchaft. Katharina war ſehr heiter und rief einmal über's andere: Nun ſitzen wir ſchon ſo manches Jahr beiſammen, und doch iſt's noch Keinem eingefallen, ſo viele hübſche Sachen zu erzählen! noch keinen Abend ſind wir ſo vergnügt ge⸗ weſen, wie heute. Die Abendglocke unterbrach dieſe Geſpräche, und eine andäch⸗ tige Stille trat ein. Franz horchte mit Staunen und Wohlgefallen auf den herrlichen Klang. Fürwahr, begann er, als er ſah, daß die Andern ihre kurze Andacht beendigt hatten, ich bin immer ſtolz auf das Geläute meiner Vaterſtadt geweſen, glaube auch nie ein reineres und einſtimmigeres gehört zu haben, aber Eure Glocke ſticht Alles aus, ſie hat einen wahrhaft goldenen Ton, bei dem es Einem ganz anders wird. Einen goldenen Ton, verſetzte Meiſter Woltmann, ja, du haſt's getroffen, und zwar iſt's nicht bloß figürlich, ſondern buch⸗ ſtäblich ſo. Die Glocke iſt ein altes koſtbares Werk, wie heutzutage keines mehr gegoſſen wird, denn ſie hat einen ſtarken Zuſatz von echtem Gold erhalten. Du weißt, daß man früher, um einer Glocke den rechten Ton zu geben, eine Beimiſchung von Gold oder Silber für nöthig hielt, die jedoch meiſt in den Säckel des Gießers gefloſſen ſein mag. Hier aber hat der Zufall die Miſchung vollbracht, und eben darum iſt das Gold auch wirklich der Glocke zu Theil gewor⸗ den, wiewohl ſie hinwiederum, ſo oft ſie den Mund aufthut, eine Trauermär' erzählt von dem Fluch, der auf dem Golde ruht. Ich will ſie dir berichten, wie ſie von unſern Alten hinterlaſſen wor⸗ den iſt. Er gab Katharinen einen Wink, die zinnernen Becher vollzu⸗ ſchenken, und begann hierauf die Geſchichte der Glocke, die, weil nach Ortsbrauch der Eintritt der Nacht durch langes Läuten ge⸗ feiert wurde, die ganze Erzählung mit ihren weichen bebenden Schlägen begleitete. Vor längerer Zeit, begann der Meiſter, als die Glockengießer⸗ kunſt noch ſelten und nur in den Händen weniger Meiſter war, die mit ihrem Geheimniß in der Welt herumzogen und großen Reich⸗ thum erwarben, kam einſt ein ſolcher wandernder Glockengießer mit ſeinem Geſellen hieher, und erbot ſich, den Bürgern eine Glocke zu gießen. Sein Antrag wurde mit Freuden angenommen, denn ſie hatten noch keine größere. Alles gerieth in Bewegung, man legte 28 zuſammen und Jeder trug nach Kräften bei; die Reichen gaben Geld, um Metall zu kaufen und den Meiſter zu unterhalten, und wer kein Geld hatte, brachte Stücke Metall herzu, ſo viel oder ſo wenig er beſaß, zerbrochene eherne Töpfe und dergleichen, ſo daß in kurzer Zeit eine Menge Metalls beiſammen war und der Meiſter mit dem Schmelzen anfangen konnte. Dieſer aber war ein wilder, jähzorniger Mann; er trug einen unmäßigen Schnurrbart, ſoff, fluchte und ſtrich ſich bei jedem Schwure den Bart; dazu war er un⸗ leutſelig und grob gegen Jedermann. Die Bürger hätten ihn längſt gern zur Stadt hinausgejagt, wenn es ihnen nicht um ihre Glocke zu thun geweſen wäre. Deßhalb trauten ſie ihm auch nicht recht, und es mußten immer einige vom Rath zugegen ſein, wenn er in ſeiner Werkſtätte arbeitete, um aufzuſehen, daß das geſammelte Metall auch wirklich alles zum Guſſe verwendet werde. Nun lebte zu derſelben Zeit in dieſer Stadt eine arme Wittwe, die ſich von einem kleinen Kramladen kümmerlich nährte. Dieſelbe hatte ihren einzigen Sohn nach Holland geſchickt, um reichen Kauf⸗ leuten allda zu dienen. In dieſem Geſchäfte hatte ſich der junge Mann, der ſehr anſtellig war, Gunſt und Geld in hohem Maße er⸗ worben, ſo daß er jährlich ſeiner Mutter einen Zuſchuß ſenden konnte. Nach und nach brachte er ein hübſches Vermögen zuſam⸗ men, mit dem er in ſeine Vaterſtadt und zu ſeiner Mutter zurückzu⸗ kehren beſchloß. Beim Abſchied ſchenkten ihm die Kaufleute, bei denen er gedient hatte, zur Belohnung und zum Zeichen ihrer Zu⸗ friedenheit eine große Platte von lauterem Golde. Da er auf einem Umwege in die Heimath reiſen wollte, ſo ſandte er die Goldplatte ſchwarz angeſtrichen voraus und ſchrieb ſeiner Mutter, ſie werde ihn bald wieder ſehen, aber von der Platte ſchrieb er nicht, aus welchem Metall ſie beſtehe, ſondern nur, man ſolle ſie bis zu ſeiner Ankunft aufbewahren. Als daher in der ganzen Stadt Metall zu der Glocke geſammelt wurde, gab die unberichtete alte Frau ihre 29 Platte her, und dachte, ihr Sohn werde es zufrieden ſein, das un⸗ nütze Stück auf dieſe Art angewendet zu ſehen. Aber der Glocken⸗ gießer erkannte den Schatz ſogleich und trachtete von Stund an dar⸗ nach, ihn in ſeine Gewalt zu bringen; nur war es für jetzt nicht möglich, weil er in all ſeinem Thun und Laſſen beobachtet wurde. Doch wußte er Mittel und hoffte zuverſichtlich, noch vor dem Guſſe das Gold von dem andern Metall zu ſondern und ſich zuzueignen. Als nun die Zeit des Guſſes herangekommen war, unternahm der Meiſter ſchnell eine Reiſe gen Arensberg, um auch dort etliche Glocken anzufangen und ſo viel Metall an ſich zu bringen, daß er das Gewicht des Goldes damit erſetzen könnte. Er trat daher zu ſeinem Geſellen und ſagte: Ich muß auf etliche Tage verreiſen; du bleibſt indeſſen hier und richteſt noch eins und das andere zu, was wir zum Guſſe brauchen; aber höre, ſo lieb dir dein Leben iſt, un⸗ terſtehe dich nicht, den Guß in meiner Abweſenheit vorzunehmen, und wenn ich auch noch ſo lang ausbliebe! Du verſtehſt es nicht, denn ich habe dir noch nicht alle Geheimniſſe unſerer Kunſt mitge⸗ theilt, und welche Schande wäre es für uns, wenn das Werk miß⸗ länge; übrigens werde ich ſpäteſtens in acht Tagen wieder da ſein. Der Meiſter reiste ab, der Geſell blieb zurück. Dieſer war ein feiner, frommer, ſittſamer Jüngling, bei Jung und Alt beliebt. Er war fleißig am Werke und brachte vollends alles Nöthige in Richtigkeit. Als nach vier Tagen der Meiſter noch nicht da war, fing er an, Hand an die Maſchinen und Werkzeuge zu legen, durch welche die Glocke auf den Thurm gehoben werden ſollte. Acht Tage waren verſtrichen und noch einige dazu; das Geſchäft des Geſellen war beendigt, aber der Meiſter ließ nichts von ſich ſehen noch hören. Da entſtand eine große Unruhe in der Stadt, man ſchrie, der Meiſter ſei ein Betrüger, der ſich auf ge⸗ meine Unkoſten habe unterhalten laſſen, und jetzt, da er ſeine Kunſt zeigen ſollte, entflohen ſei. Der Geſell fürchtete, es ſei ihm ein Un⸗ 30 glück zugeſtoßen; er verſicherte, ſein Meiſter ſei der geſchickteſte Glockengießer in der Welt, und falls er nicht zurückkäme, ſo ver⸗ ſtünde ja er die Glocke zu gießen, nur habe der Meiſter es ihm ver⸗ boten; man möchte ihm erlauben, einige Tage ſich zu entfernen, um den Meiſter aufzuſuchen. Aber die Bürger wollten auch ihm nicht mehr trauen; ſie verboten ihm bei Todesſtrafe, die Stadt nur einen Augenblick zu verlaſſen, und ob man ihm gleich nichts zu Leide that, ſo wurde er doch bewacht und wie in feſtem Gewahrſam ge⸗ halten. Da ging ihm endlich die Geduld aus, und er verhieß, wenn am Ende von zwei Wochen der Meiſter nicht zurück ſei, ſo wolle er die Glocke gießen. Die vierzehn Tage gingen auf die Neige und der Meiſter kam nicht. Da ging der Geſell an's Werk, betete eifrig und goß dann die Glocke. Sie war auf's ſchönſte gerathen, als er die Form zer⸗ ſchlug, kein Eckchen fehlte, Namen und Bilder, Alles hatte ſich auf's deutlichſte ausgedrückt, und das Metall glänzte in einem gelben Scheine, als wenn es beſtändig von der Sonne angeſtrahlt würde. Der Geſell war voll Freuden und mit ihm alles Volk. An einem Sonnabend wurde die Glocke auf den Thurm gebracht, der Schwen⸗ gel aber erſt in der Nacht darin befeſtigt, denn ſie ſollte ihr Erſt⸗ lingsgeläute nicht eher als zum Sonntagsgottesdienſt ertönen laſſen. Als nun am andern Morgen die Frühmeſſe eingeläutet wurde, da gab die Glocke einen ſo reinen, herrlichen Klang, daß alle Herzen bewegt wurden. Zu Mittag aber richtete die Stadt dem Geſellen ein großes Bankett auf dem Rathhauſe an; daſelbſt wurden ihm reichliche und ehrenvolle Geſchenke gereicht und wacker mit ihm ge⸗ zecht bis an den Abend. Der Jüngling aber war ſeltſam betrübt, und mußte ſich zwingen, in die Freude der Andern einzuſtimmen. Er klagte, dem Meiſter müſſe wohl etwas Böſes widerfahren ſein, daß er ſo lang ausgeblieben, und ſagte, er wolle ihn in der ganzen 31 Welt aufſuchen, um ihm die Geſchenke zu überbringen, die nicht ihm ſelbſt, ſondern Jenem gebührten. Als nun der Abend herankam, nahm er Abſchied von den Bürgern; aber viele wollten ſich's nicht nehmen laſſen, ihm noch das Geleite zu geben. So ritten ſie mit ihm und folgten ihn aus mit Kannen und Gläſern; der Geſell ritt in der erſten Reihe und neben ihm ging ein Saumroß, das die Ehrengaben trug. Der Rath aber befahl, ihm die Glocke nachzuläuten, ſo lang er ſie hören könne. In ſolcher Ehre und Fröhlichkeit kam er bis auf die ſtei⸗ nerne Brücke zwiſchen hier und dem Schloſſe Schnellenberg, und that eben noch ſeinen Geleitern, von denen er ſich beurlauben wollte, zum letzten Mal Beſcheid; da ſah man einen Reiter auf ſchweißtriefendem Roſſe heranjagen; als er näher kam, erkannten ſie den Meiſter. Er war in mehreren Städten geweſen, bis er das erforderliche Metall beiſammen hatte; ſeine Haſt und ſein Aerger hatten ihm eine hitzige Krankheit zugezogen, an der er bis jetzt dar⸗ nieder gelegen. Er ſah todtbleich aus, trotz der raſenden Eile, mit der er geritten war; aber ſeine Augen funkelten wie zwei Fackeln, als er den Reiterhaufen gewahr wurde, denn er ahndete, daß er zu ſpät komme. Er hielt vor ihnen, und in dieſem Augenblick trug die Luft den goldenen Ton ſeiner Glocke vernehmlich herüber. Hunde⸗ ſohn, ſchrie er den Geſellen an, haſt du ſie gegoſſen? Wohlan, ſie ſoll deine Todtenglocke ſein! Damit riß er das Schwert von der Seite und ſtieß es ihm in die Bruſt; der unſchuldige Jüngling ſtürzte ohne einen Laut unter das Pferd. Seine Genoſſen aber warfen ſich über den Mörder her, rißen ihn herunter, banden ihm die Hände und brachten ihn ſo nach der Stadt zurück. Man ſtellte ihn vor den Magiſtrat; er war zerknirſcht und ge⸗ ſtand Alles, wie er das Gold erkannt habe und dem Satan anheim⸗ gefallen ſei. Nur noch Eines bat er ſich aus: wie ſeine Glocke dem Ermordeten zur Todesglocke geworden ſei, ſo möchte man ſie ihm 32 als Armeſünderglocke läuten, wenn er zum Tode geführt werde. Sein Urtheil wurde geſprochen, ſeine Bitte gewährt. Man führte ihn unter dem Klang der Glocke hinaus, feſten Schrittes trat er in den Ring, blieb eine Weile ſtehen und horchte mit durſtigem Ohr den letzten Tönen der verhängnißvollen Glocke, dann kniete er nie⸗ der und ſein Haupt fiel in den Sand. Dem Geſellen aber wurde auf der Brücke, wo er ſein Ende genommen, ein eiſern Kreuz zum ewigen Gedächtniß aufgerichtet. Mit dem Todesurtheil hatte der Magiſtrat beſchloſſen, die Glocke ſolle nie mehr geläutet werden, wegen des Verbrechens, woran ſie ſchuldig ſei. Aber bald hernach traf der Sohn der Witt⸗ we, der Eigenthümer des Goldes, in der Heimath ein; ſobald er die Begebenheit vernommen und von ſeiner Mutter erfahren hatte, daß ſie jene Platte zum Guß der Glocke hergegeben habe, ließ er ſich vor den Rath führen und erzählte, in wie fern er bei dieſer Sache betheiligt ſei. Es wurde ſogleich beſchloſſen, die Glocke wie⸗ der einzuſchmelzen und durch kundige Leute das Gold für ihn aus⸗ ſcheiden zu laſſen oder ihm eine angemeſſene Entſchädigung in Geld anzuweiſen, aber er weigerte ſich deß und ſprach: Ehrſame Herren, ich bin nicht vor Euch getreten, um das Meinige anzuſprechen, der liebe Gott hat väterlich für mich geſorgt, daß ich in dieſem Le⸗ ben keine Noth leiden werde. Aber weil ich das Gold zurückbegeh⸗ ren könnte, habe ich auch ein Recht auf die Glocke, und darum bitte ich Euch, ſie der Gemeinde nicht zu entziehen; wohl muß ich trauern, daß mein Gold Zween um das Leben gebracht hat, einen unſchul⸗ dig und einen ſchuldig, aber die Glocke hat durch dieſe Begebenheit eine ernſte Taufe erhalten, und wie ſie dem Unſchuldigen und dem Schuldigen zu Grabe geläutet hat, ſo ſoll ſie auch hinfüro allezeit fortklingen, dem Frommen zur Andacht und dem Gottloſen zur Warnung. Der Meiſter ſchwieg und noch immer hörte man die Glocke, 33 die gleichſam mitredend ihre letzten Schwingungen jetzt zu verneh⸗ men gab, auf einmal aber, wie wenn ſie noch ein lautes Wort hätte hinzufügen wollen, mächtig anſchlug und mit dieſem Schlag verſtummte. Ein leiſer Schauer kam über die Hausgenoſſenſchaft in der ſtillen abendlichen Stube, und doch war es Allen, als ob nur noch dieſes Grauen vor den unbekannten Abgründen des Lebens gefehlt hätte, um das trauliche Gefühl des Daheimſeins in ihnen zu erhöhen. Noch eine Weile blieben ſie ſchweigſam bei ein⸗ ander ſitzen, dann ging Alles zu Bette, und auch der Ankömmling ſuchte ſein neues Nachtlager auf. Als er am andern Morgen die Treppe herunter kam, begeg⸗ nete ihm Katharina auf dem Flur. Guten Morgen! rief ſie ihm entgegen. Sagt mir nur gleich, was Euch geträumt hat dieſe Nacht, denn es iſt ein alter Glaube, was einem träumt in der erſten Nacht an einem Orte, wo man zum erſten Mal iſt, das trifft ein. Oder ſeid Ihr vielleicht ſo müde geweſen, daß Euch gar nichts geträumt hat? Alllerdings hat mir geträumt, ſagte Franz, und zwar etwas, das mir ſeltſam vorkam und mir immer noch lebhaft vor der Seele ſteht. Nun, laßt hören! Mir träumte, ich hütete eine Heerde Schafe, und dartnter! war ein zartes, kleines Lamm, das ich beſonders lieb hatte; es war am Halſe roth gezeichnet, fraß immer aus meiner Hand und ging auf jedem Schritt und Tritt mit mir. Nun entſtand Nachts, als ich im Pferche lag und ſchlief, ein großes Geſ ſchrei, die Lämmer blöckten, die Hunde bellten, daß die Luft überall wiederhallte; ich fuhr auf und wollte herausſpringen, aber der Pferch war feſt verſchloſſen, und ich mochte mich anſtrengen wie ich wollte, ich blieb gefangen, während das Getümmel draußen immer mehr überhand nahm. Es dauerte, Kurz, Erzählungen. I. 3 34 ſo deuchte mir, bis an den Morgen fort, da wurde es auf einmal ſtill, der Pferch ſprang von ſelber auf und ich fuhr hinaus. Meine Schafe lagen friedlich umher im Frühroth, aber mein Lieblings⸗ lamm fehlte. Ich ging in der ganzen Gegend umher und lockte ihm, ich ſandte alle meine Hunde aus, es zu ſuchen, aber vergebens, es kam nicht mehr zum Vorſchein. Da war ich ſo ernſtlich betrübt, daß ich es jetzt ſelbſt nicht mehr begreifen kann; aber ich ward im Traum auf einmal in eine andere Gegend geführt, ſie war mir un⸗ bekannt und kam mir doch bekannt vor; in dieſem Augenblick iſt es mir, als ob es die hieſige Gegend geweſen wäre, wie ſie geſtern bei meiner Ankunft vor mir lag. Auf einmal war ich mitten in mei⸗ nem Handwerk: vor mir ſtand eine Form aus Lehm, Geſellen wa⸗ ren dabei, und auf der Seite lehnte der Meiſter, Herr Woltmann, auf einem Stock, und ſah uns zu. Die Form aber war fertig und ganz trocken, und ich wußte, daß die Glocke, ſchon gegoſſen, darun⸗ ter verborgen war. Auch wußte ich, daß es mir oblag, die Form zu zerbrechen; ich nahm alſo den Hammer und führte einen Schlag auf die Form. Sie ging in Stücken, aber ſtatt der Glocke ſprang ein Lamm darunter hervor, das blöckte fröhlich und hüpfte an mir hinauf und leckte mir die Hände; es war am Halſe roth gezeichnet, und als ich es näher anſah, war es das verlorene Lamm. Ich neigte mich und liebkoste es, und in demſelben Augenblicke fing eine Glocke zu läuten an, da dachte ich: die Glocke iſt ja auch fer⸗ tig. Dieſe läutete aber immer ſtärker, ſo daß ich erwachte, da war es die Morgenglocke hier in Attendorn.— Nun ſagt aber, ob das nicht ein ſonderbarer Traum iſt? Der Traum hat gewiß eine Bedeutung, erwiderte Katharina: ich wünſche, daß er Euch auf eine fröhliche Art in Erfüllung gehe. Ich wollte, alle verlorenen Lämmer könnten ihre Heerde wieder finden. 35 Thränen ſtanden ihr in den Augen und ſie ging ſchnell hinweg. Franz ſuchte Meiſter Woltmann auf. Guten Morgen, lieber Junge, ſagte dieſer, du mußt nun ſchon leiden, daß ich dich dutze; ich habe es einmal ſo angefangen und kann mir's jetzt nimmer abgewöhnen. Bleibt dabei, Meiſter, rief Franz, Ihr macht mir eine große Freude damit, und ich kann Euch um ſo eher wie meinen Vater anſehen.. Nun, mit der Vaterſchaft, Franz, können wir jetzt gleich an⸗ fangen: wir müſſen über einen Punkt in's Reine kommen, von dem ich geſtern nicht ſchon reden mochte. Unſere Stadt iſt katho⸗ liſch und ich bin es auch, wie du weißt, dein Vater aber iſt ein vernünftiger Mann und mocht ſich nichts daraus.„Ich habe zu viele Menſchen und Secten geſehen,“ ſchreibt er mir,„als daß ich nicht wiſſen ſollte, wie wenig es mindeſtens bei uns ungelehrten Leuten auf den Religionsunterſchied ankommt; ich habe ſehr gute Katholiken und ſehr ſchlechte Proteſtanten kennen gelernt, und wieder umgekehrt; aber an dem Glauben, den Einer mit der Mut⸗ termilch eingeſogen hat, ſoll er feſthalten ſein ganzes Leben lang; dadurch prüft er ihn am beſten, wenn er ihm treu bleibt, denn ſein Glaube bleibt dann auch ihm treu und wird ſeine Stütze in Gefahr und Anfechtung. Darum, und auch damit Niemand kein Aerger⸗ niß nehme, wünſchte ich, daß mein Sohn Franz ſich von eurem Gottesdienſt entfernt hielte, und habe ihm dannenher für ſeine ſonntägliche Andacht Benjamin Schmolkens Erbauungsbuch mit⸗ gegeben. So aber ein evangeliſches Haus in eurer Stadt wäre, mit dem er den Tag des Herrn begehen könnte, ſo ſollte mir das freilich noch lieber ſein.“— Sieh Franz, fuhr Meiſter Woltmann fort, jetzt haſt du die Wahl. Ich denke in dieſer Sache gerade wie dein Vater, und es 3* wird dir auch ſonſt Niemand hier zuſetzen, denn die Leute ſind friedlich und duldſam; du kannſt alſo den Sonntag über deinem Schmolke zubringen oder bei einem Religionsverwandten, der hier wohnt, wofern nämlich dieſer nichts dagegen hat. Franz entſchied ſich für das Letztere, und Meiſter Woltmann ließ ihm ſogleich das Haus ſeines Glaubensgenoſſen, eines Leine⸗ webers, zeigen. Dort wurde er aber nicht auf's beſte empfangen, denn als er ſeinen Wunſch vorgebracht hatte, ſchlug der Leineweber die Hände zuſammen und rief: Was? die ganze Woche hindurch wollt Ihr Euch verunreinigen im Hauſe der Gottloſen, und am Sonntage muthet Ihr mir dann zu, Euch aufzunehmen in meine reine Hütte, daß ich ſelber verdächtig würde vor dem Herrn der Heerſchaaren? Nein, das kann nicht ſein! O leichtſinniger junger Menſch, habt Ihr denn keine Eltern mehr, oder ſind ſie ſo unchriſt⸗ lich, daß ſie Euch verkauft haben in die Gemeinſchaft Belials? Rettet Eure Seele und fliehet augenblicklich aus dem Hauſe der Verdammniß. Ich will Euch aufnehmen gegen ein billiges Koſtgeld und ſo lang beherbergen, bis Ihr wiſſet wo Ihr hinziehen und Arbeit finden werdet. Aber wenn Ihr bei Eurem Meiſter bleibt, iſt Euch meine Thüre verſchloſſen, die da verſiegelt iſt mit dem Blute des Lammes; ja, wenn Ihr es wagen wolltet, zu mir zu kommen mit Eurem unbeſchnittenen Baalsherzen, ſo müßte ich, ſo wahr mir Gott helfe, Euch von hinnen treiben, wie unſer Herr die Wechsler aus dem Tempel trieb, und dazu ſprechen:„Hebe dich weg von mir, Satan!“ Franz, der anfangs etwas verblüfft geweſen war, brach end⸗ lich, als die Rede immer ſalbungsvoller und die Geſten des Red⸗ ners immer poſſierlicher wurden, in ein herzliches Gelächter aus, ſo daß der Leineweber ihn ganz entſetzt anſah. Verzeihet, rief er endlich, als er ſich wieder erholt hatte, verzeihet, daß ich ſo unſchick⸗ lich vor Euch herausgeplatzt bin, aber es iſt mein angeborener ⸗. 37 Fehler, daß ich mich nicht bezähmen kann, wenn mir wäs Luſtiges vorkommt. Eure Meinung habe ich wohl verſtanden, und es kommt mir nicht von Weitem in den Sinn, ſie Euch beſtreiten zu wollen; unſer Streit könnte gerade ſo lang dauern, wie der dreißigjährige Krieg, und dann wären wir erſt nicht fertig, ſon⸗ dern ſäßen noch, wer weiß wie lang, zu Münſter und Osnabrück; auch bin ich zu jung gegen einen Mann wie Ihr, und verſtehe mich beſſer auf's Glockengießen als auf's Controverſiren. Doch meine ich, wenn ich eine Glocke gieße, ſo ſieht man ihr's nicht an, ob ſie für Evangeliſche beſtimmt iſt oder für Katholiſche; ſie iſt von gleichem Metall, auch hat ſie den gleichen Ton, ſie mag hän⸗ gen wo ſie will, ob ſie zur Meſſe läutet oder zur Betſtunde, und ſeht, es wird doch Jedem wohl um's Herz, wenn er die Glocken in die Kirche läuten hört. Vielleicht ſieht der liebe Gott die Sache auch ſo an und hat Wohlgefallen an unſerer unverſtändigen Fröm⸗ migkeit, wenn ſie nur vom echten Metall iſt und keinen falſchen Ton gibt. Aber, wie geſagt, ich will gar nicht mit Euch ſtreiten, ich habe da nur ſo meine junge Meinung, und Ihr ſeid älter als ich, und vielleicht beſſer angeſchrieben im Himmel. Ich wünſche Euch nur, daß Euch dereinſt nicht mit demſelben Maße gemeſſen werde, mit dem Ihr Andern gemeſſen habt. Gott ſei mit Euch! Mit dieſen Worten verließ er das Haus und betrat es niemals wieder. Der Meiſter fragte ihn ſogleich, wie es gegangen ſei, und Franz erwiderte ganz kurz, der Leineweber wolle es nicht haben, daß Jemand aus einem katholiſchen Hauſe zu ihm komme. Das hätt' ich dir vorausſagen können! rief Meiſter Wolt⸗ mann lachend: aber ich wollte ganz unparteiiſch ſein, und dann iſt es dir auch kein Schade, wenn du die Menſchen ein wenig ken⸗ nen lernſt. Katharina war dazu gekommen und fragte: Was hat denn der Mann gegen uns? Geh du nur ruhig in deine Kirche, mein Kind, ſagte ihr Vater, indem er ſie küßte: für dich iſt gar nichts Bedenkliches dabei, denn das Lallen der Unmündigen, heißt es, gefällt dem Herrn. Franz arbeitete ſich nunmehr bei ſeinem Meiſter als Geſelle ein, und das tägliche Leben ging ſeinen ruhigen Gang. Er war geſchickt und fleißig, geachtet von ſeinem Meiſter und geliebt von den Mitgeſellen, welchen er ein treuer und freundlicher Geſährte war. Und wie der Meiſter in Handwerksangelegenheiten gern auf ſeinen verſtändigen Rath hörte, ſo hatte er auch im Haus ein Wörtchen mitzuſprechen; es kam bald dahin, daß nichts ohne ſein Beiſein hier vorgenommen wurde, und die junge, lebhafte Katha⸗ rina ließ ſich, wenn es nothwendig ſchien, willig von ihm hof⸗ meiſtern. Sonntags hielt er ſeine Andacht zur gleichen Zeit mit den Andern; wenn die Glocken anſchlugen, ging er auf ſeine Kam⸗ mer, hörte zu, bis das Geläute ſchwieg, dann nahm er ſein Buch und las ſein„Geſetzlein“ darin. Mit wem er in Attendorn in Berührung kam, der gewann ihn lieb wegen ſeines aufrichtigen, freundlichen und geſelligen Weſens. Wegen der Religion erfuhr er von Niemand etwas Widerwärtiges. Nur einige junge Mädchen mochten in ihrem Herzen den hübſchen Ketzer bedauern und in den Schoß der allein ſeligmachenden Kirche zurückgebracht zu ſehen wünſchen. Franz aber hatte für keine ein Auge; er war ſo eifrig in ſeiner Arbeit, daß ihm kein anderer Gedanke in den Sinn kam; Reginen hatte er völlig vergeſſen. Katharina hatte täglich mit ihm zu thun und zu verkehren; er lehrte ſie zeichnen und, was da⸗ mals ſtatt des Claviers galt, die Orgel„ſchlagen“. Er hatte dies zu Hauſe, wo eine kleine Orgel im Zimmer ſtand, von ſeiner Mut⸗ ter gelernt, und auf ſeinen Betrieb erhielt Katharina einmal zu ihrem Geburtstag ebenfalls eine kleine, zierlich gebaute und mit mehreren Regiſtern verſehene Orgel, über die ſie in das höchſte Entzücken gerieth. Sie war ſehr gelehrig und ſpielte bald auf 39 dem anmuthig tönenden Inſtrument proteſtantiſche wie katholiſche Choräle nebſt den gebräuchlichen und erlaubten Liedern, worunter auch die„himmliſche Geduld“ nicht fehlen durfte. Franz war an ſie gewöhnt wie ein Bruder an ſeine Schweſter; ihr beſtändiges Beiſammenſein war es eben, was Beide ſo unbefangen machte; an eine Trennung dachten ſie gar nicht, denn dieſer Gedanke hätte ſie wohl ſchnell aus ihrem ruhigen Traume geweckt. Katharina war von einer Schönheit, die ſich erſt nach und nach durch das Gemüth den Augen offenbarte; man mußte viel zu viel auf ihr liebes, gutes Weſen achten, und erſt allmählich ent⸗ deckte man die ſtillen Reize des blonden Kindes, ihren edeln Kör⸗ perbau, ihr zartes Antlitz und ihre ſeligen, blauen Augen. Aber dem jungen Glockengießergeſellen kam nichts anderes in den Sinn, als täglich bei ihr zu ſein, mit ihr zu reden, mit ihr zu zeichnen und die Orgel mit ihr zu ſchlagen. So vergingen zwei Jahre. Glocken und Spritzen wurden in Menge geliefert, und außerdem verfertigte Franz kleine, zierliche Gefäße aller Art aus Zinn und Meſſing, die ſich bald in der Um⸗ gegend und noch weiter verbreiteten; in den Freiſtunden ging er mit dem Meiſter, oder ſaß er mit ihm bei Katharinen. Dieſe ganze Zeit von zwei Jahren, die einem Menſchen ſo lang werden kann, ließ ſich für ihn in die kurzen Worte befaſſen: ein Tag war ſchön wie der andere. Aber mit dem nächſten Frühling ſollte Alles ganz anders kommen. Ein reicher Kaufmann, aus Attendorn gebürtig, kam von wei⸗ ten Reiſen zurück; er hatte ſein Leben genoſſen und wollte ſich jetzt, da er kein Jüngling mehr war, in ſeiner Vaterſtadt häuslich nieder⸗ laſſen. Er warf ſein Kennerauge auf die Töchter des Landes um⸗ her, und hatte bald ausgefunden, daß keine mit Katharinen ſich meſſen könne. Bei einem ſtädtiſchen Tanzvergnügen, mit welchem die Maifeier beſchloſſen wurde, bemühte er ſich den ganzen Abend 40 um ſie und machte ihr in mancherlei ausländiſchen Weiſen und Fi⸗ guren den Hof. Franz meinte einen kalekutiſchen Hahn zu ſehen, und wußte nicht, ob er ihn mehr um ſeine Zuverſichtlichkeit benei⸗ den, oder ſich über ſeine Zudringlichkeit ärgern ſolle. Aber ſeine ganze, ihm ſelbſt verborgene Liebe zu dem Mädchen wachte mit einer unwiderſtehlichen Heftigkeit auf, ſobald ihm ſein Inſtinkt in dieſem„fliegenden Holländer“ einen Nebenbuhler zeigte, und er verließ den Tanzplatz mit ganz anderen Gefühlen, als an jenem Abende, da er in kindiſchem Zorn von Reginen geſchieden war. Der Kaufmann ſetzte ſeine Bewerbung entſchloſſen fort; am fol⸗ genden Tage machte er in Meiſter Woltmanns Hauſe einen Be⸗ ſuch, der in Franzens Herz ſpitzige Pfeile grub; er erkundigte ſich, was damals noch nicht Sitte war, nach dem Befinden ſeiner ſchönen Tänzerin, und ſagte ihr ſchon viel ernſthaftere Süßig⸗ keiten, als geſtern Abend. Am dritten Tage kam er wieder, er trug ein Päckchen köſtlicher Brabanter Spitzen und ſagte mit zierlichen Verbeugungen zu dem Vater, den er allein fand, dies ſei das Brautgeſchenk für Jungfrau Katharina, dafern ſie es als ſolches anzunehmen gewillet ſei. Hiemit hielt er förmlich um ſie an. Liebwerther Herr, entgegnete Meiſter Chriſtoph Woltmann, Ihr erweiſet mir und meiner Tochter durch Euren Antrag große Ehre, ſeid deſſen freundlichſt bedankt; aber ehe ich Euch eine Antwort gebe, muß ich wiſſen, wie Katharina davon denkt, denn ich bin nicht geſonnen, ſie in einer ſo wichtigen Sache zu zwin⸗ gen. Habt daher die Güte und gebt uns Beiden eine Bedenk⸗ zeit von acht Tagen. Indeſſen muß ich auch bitten, daß Ihr Euer ſchönes Geſchenk wieder mit Euch nehmet, auf daß es zu keiner Mißdeutung Anlaß gebe; wenn das Mädchen einmal Eure Braut iſt, ſo kann ich Euch nicht hindern, ihr zu ſchenken, ſo viel und ſo wenig Ihr wollt. — — 41 Der Kaufmann wußte, daß die Schicklichkeit einen ſolchen Beſcheid erforderte; er fügte ſich daher mit guter Miene in die anberaumte Friſt, da er nicht im mindeſten zweifelte, Katharina werde nach einer ſo vollen Hand mit Freuden greifen. Er ſagte, er wolle dieſe acht Tage zu einer Reiſe benutzen, um noch vor⸗ her einiges Nöthige abzumachen, und ſchied mit den beſten Hoff⸗ nungen. Franz war es, welchem Meiſter Woltmann die Sache zuerſt vortrug; der gute Mann wollte ihn um Rath fragen. Franz wurde wechſelsweiſe roth und blaß, und fragte endlich, ob er Katharinen vorbereiten ſolle. Der Meiſter gab dies unbefan⸗ gen zu. Mit Bitterkeit im Herzen ſuchte Franz die Jung⸗ frau auf und benachrichtigte ſie von ihrem Glück, aber er war gleich verſöhnt, als er gewahr wurde, wie ſie darüber erſchrack. Nun Katharina, ſagte er, macht Euch der Antrag keine Freude? Habt Ihr keine Luſt zu dem reichen, vielgereisten Freiersmanne? Nein, flüſterte ſie zitternd, lieber wollte ich ſterben.— Alle Heiterkeit und Vertraulichkeit war von ihr gewichen, ſie war ſcheu, wie ein verfolgtes Reh. Steht ihm vielleicht ein Anderer im Wege, dem Ihr den. Vorzug gebt? fuhr Franz fort. Sie ſah ihn mit flehenden Augen an. Liebe Katharina, wir haben nun ſo lange Zeit mit einander gelebt, wie Kinder, ich habe Vater, Mutter und Heimath ver⸗ geſſen in deiner Nähe, und wenn es mir dennoch über der Ar⸗ beit manchmal heimwehleidig um's Herz wurde, ſo kam dies blos daher, weil ich meinte, du müſſeſt immer neben mir ſein, und mir zuſehen oder mit mir reden. Und jetzt, wo dich mir ein Anderer wegnehmen will, jetzt weiß ich es ganz gewiß, daß ich ohne dich nicht leben kann. 42 Eine dunkle Röthe lag über ihrem Angeſicht, ſie ſenkte die Augen, aus welchen Thränen ſtrömten; ſie hob ſie wieder und ſah ihn ſo herzinnig an, daß er ihr bis auf den Grund des Herzens blicken konnte. Katharina, rief er, indem er ſie mit den Armen umfing und feſt an ſich drückte, haſt du mich lieb? Sie lächelte durch die Thränen hindurch, flüſterte: Sprich mit dem Vater! und eilte hinweg. Ganz betäubt und trunken kam Franz zum Vater zurück und ſagte: Wenn Ihr nichts dagegen einzuwenden habt, Meiſter, ſo iſt Katharina heute noch Braut. Ei! ſo ſchnell hat ſie ſich entſchließen können, ihn zu nehmen? Nicht ihn. Wen denn? Mich. Da ſchüttelte aber der Meiſter den Kopf ſehr bedenklich und ſagte: Knabe, du haſt mir was Schönes angerichtet! Doch ich kann dich nicht ſchelten, ich bin ſelber ſchuld daran: ich ließ mich von euch täuſchen, denn ihr waret wie Geſchwiſter mit ein⸗ ander, und ich hätte bedenken ſollen, daß das nicht in die Länge gut thun konnte. Nun, jetzt iſt es einmal ſo, und es bleibt nichts anderes übrig, als der Sache ſo ſchnell wie möglich ein Ende zu machen. Was ſagt Ihr, Meiſter? unterbrach ihn Franz erſchrocken. Warum ſoll es denn nicht ſein? Ich verſtehe kein Wort von alle dem, was Ihr da redet. Die Sache hat zwei große Schwierigkeiten, entgegnete jener, die von uns Beiden keiner heben kann. Zum erſten iſt das Mädchen katholiſch. 43 Und glaubt Ihr, es wäre um ihre Seligkeit gethan, wenn ſie mir zu lieb epangeliſch würde? So? einer Liebesgrille wegen zieht man einen neuen Glau⸗ ben an, wie man eine andere Schürze vorbindet? Da müßte es mit Eurer Angelegenheit ſchon weit gekommen ſein, und, Gottlob das iſt nicht der Fall; ſie iſt ja erſt von heute. Ach nein, erwiderte der Geſell, genau genommen, hat ſie mit dem Tage begonnen, an dem ich Euer Haus betrat; wir wußten es nur nicht ſo, es war eben als wenn wir immer bei einander ſein müßten. Es mag ſein, wie es will, es würde mir nicht an Katharinen gefallen, wenn ſie deswegen die Religion wechſelte. Ich denke, da braucht es kein Gefallen und kein Mißfallen, Ihr ſeid ja der Vater und könnt befehlen; ohne Euren Willen geſchieht freilich nichts, und wenn Ihr dagegen ſeid, ja, dann iſt's abgethan. Nicht ſo ſehr wie du denkſt; denn da eben iſt noch ein grö⸗ ßerer Haken: du mußt wiſſen, Katharina iſt nicht meine Tochter. Wie? rief Franz, was muß ich hören? Katharina iſt nicht Eure Tochter? Nein, mein Sohn, ſie iſt nur ein angenommenes Kind. Bei dieſen Worten trat Katharina herein. Ja, ſagte ſie weinend, der Vater hat mich aufgenommen, gepflegt, erzogen und geliebt, wie ſein leibliches Kind, aber ich bin es nicht. Ach, ich habe es Euch oft geſtehen wollen, Franz, aber— Ich habe es verboten, ſagte ihr Pflegevater. Man muß ſo was nicht unter die Leute bringen; es dient zu nichts Gutem, und ſie machen nur ein unnützes Geſchrei daraus. Und wenn du ein Bettelkind wäreſt, mir wär's gleich, ſagte Franz zu ihr. Aber kann man denn deine Eltern nicht ausfin⸗ dig machen, daß ſie ihre Einwilligung geben? 44 Sie weinte heftig und ſagte: Ein Bettelkind bin ich aller⸗ dings, ja! Wer aber meine Eltern geweſen ſind, weiß ich nicht zu ſagen, eben ſo wenig, aus welchem Land ich gebürtig bin; ich kenne Niemand als den Vater hier, den mir der liebe Gott geſchenkt hat. Aus meiner frühſten Kindheit kann ich mich nur ſo viel entſinnen, daß ein Bettelweib weit, weit in der Welt mit mir herumzog. Wenn ſie die Leute um ein Almoſen anſprach, ſo ließ ſie mich dabei ſehen, um ihr Mitleid zu erwecken. Aber ſie war immer gut gegen mich, und gab mir immer das Beſte von Allem was ſie geſchenkt bekam. Hie und da erzählte ſie mir, ich ſei nicht ihre Tochter, ſie habe mich einmal, ich weiß nicht wo, an der Straße ſchlafend gefunden, in zerriſſenen Klei⸗ dern, denen man aber doch angeſehen, daß ich von keinen ſchlechten Leuten abſtamme. Aus mir ſelbſt habe ſie nichts herausbringen können, als daß ich Katharina heiße. Darauf habe ſie mich zu ſich genommen und ſei ihren Weg mit mir weiter gezogen; an allen Orten habe ſie gefragt, ob kein Kind vermißt werde, Niemand aber habe davon etwas wiſſen wollen. Ungefähr ein Jahr lang bettelte ſie mit mir den Rhein herunter— Da kamſt du in meine Hände, ſagte Meiſter Woltmann und klopfte ihr auf die Wange. Dies ging ſo zu. Mein ſeliges Weib war aus Brüſſel gebürtig und hatte dort einen reichen Vetter. Der war alt und krank und ſchrieb ihr, er fühle, daß ſein Stündlein nahe ſei, und habe ſie zu ſeiner einzigen Erbin eingeſetzt; zuvor aber wünſche er, ſie noch einmal zu ſehen, ſie ſolle kommen und ihm die Augen zudrücken, damit er nicht unter Fremden ſterbe. Da ſie nicht allein hinreiſen wollte und wir leider keine Kinder hatten, ſo entſchloß ich mich, mein Haus ſo lang zu ſchließen, und das Handwerk liegen zu laſſen, bis der Vetter zu ſeinen Vätern verſammelt wäre. Wir zogen alſo mit einander gen Brüſſel zu dem alten, kranken Mann, dem es wohl that, unter den Seinigen zu ſein. Aber mit ſeinem Sterben verzog es ſich, und wir hatten viel Ungemach mit ſeiner Pflege. Es dauerte Jahre bis ſeine Krankheit zu Ende ging, da ſegnete er uns und ſtarb. Wir nahmen die Erbſchaft ohne Hinderniß in Empfang, wollten aber nicht gleich zurückkehren, ſondern reisten noch eine geraume Zeit in den Landen zu unſerer Er⸗ götzung und Erholung umher, denn mein Weib hatte als Kran⸗ kenwärterin viel ausgeſtanden. Endlich machten wir uns auf den Rückweg, und beſchloſſen über Kevlaar zu gehen, da gerade die Wallfahrtszeit herangekommen war. Wir gingen, wie die andern Wallfahrer, zu Fuß und nur langſam, weil das Wandern mei⸗ nem Weibe ſtark zuſetzte. In Kevlaar blieben wir eine Zeit lang und verrichteten unſere Andacht. Am Tage, da wir wieder fortgehen wollten, ſahen wir ein Bettelweib mit einem ſchönen Kind unter dem Muttergottesbilde liegen; ſie ſah ſehr abgezehrt aus und ſchien am Sterben zu ſein. Wir nahmen uns ihrer an, ließen ſie in ein Haus bringen und verpflegen, und da ſagte ſie uns von dem Kinde daſſelbe, was du aus Katharina's Munde gehört haſt. Weil ihr aber das Kind Gewinn brachte, ſo mag ſie vielleicht den Eltern nicht allzu eifrig nachgeforſcht haben. Das Weib ſtarb, und da wir kinderlos waren, ſo hatten wir zu gleicher Zeit den Gedanken, das Mädchen an Kindesſtatt an⸗ zunehmen; wir ließen ſie kleiden und kehrten mit ihr nach Attendorn urück. Um weder ſie noch uns dem Gerede der Leute auszu⸗ ſetzen, gaben wir vor, ſie ſei unſer Kind und während der mehr⸗ jährigen Abweſenheit von meinem Weibe geboren worden; man wünſchte uns Glück und ſcherzte über den ſpäten Eheſegen. Mein gutes Weib kränkelte aber ſeit der Brüſſeler Reiſe und ging nach einigen Jahren in die ewige Heimath ein. Nun wäre ich allein in der Welt geweſen, aber das liebe Mädchen wurde mein Troſt und die Freude meines Alters. Um das Geheim⸗ 46 niß weiß Niemand in der ganzen Stadt, aber es iſt eine Ehren⸗ ſache, es ihrem Freier zu entdecken, denn wie ich ſie nicht un⸗ nöthigerweiſe in den Mund der Leute bringen wollte, ſo will ich doch auch Niemand mit ihr betrügen. Sobald ſie einwilligt, den Kaufmann zu heirathen, ſo muß er ihre ungewiſſe Herkunft erfahren und kann ſich darnach halten; will ſie ihn aber nicht, ſo braucht er auch nichts zu wiſſen.— Jetzt frage ich dich, Franz, wie du es bei deinen Eltern angreifen willſt, um ihre Einwilligung zu dieſer Heirath zu erlangen? Ich habe Katha⸗ rinen, wie es meiner Tochter geziemte, in meinem Glauben erziehen laſſen, und es geht nicht ſo leicht, damit eine Aende⸗ rung vorzunehmen. Geſchähe es aber auch, ſo könnten doch die Deinigen immer noch Scrupel genug darin finden. Aber noch mehr: wenn ſie dich fragen, wer iſt die Frau, die du einführen willſt in unſer ehrſames Haus? woher iſt ſie? und wer ſind ihre Freunde, mit denen wir uns verſchwägern ſollen? was kannſt du antworten? Du haſt mir ſelbſt Beiſpiele erzählt, wie ſchwer bei euch, wo Alles in die Verwandtſchaft heirathet und die ganze Stadt unter ſich verwandt iſt, eine fremde Frau eine Heimath findet: wie würde es nun vollends einem Findelkinde gehen? Niemals werden deine Eltern in dieſe Heirath willigen. Zwar kann man es meinem Kinde nicht anſehen, weß Standes ſie iſt: ſie kann meinetwegen von einem Fürſten oder Grafen abſtammen, aber es kann auch anders ſein, und ihre Herkunft könnte doch immer noch an den Tag kommen. Mir gilt das gleich, ich kann der Entdeckung ruhig entgegenſehen, denn Ka⸗ tharina iſt und bleibt meine herzliebe Tochter, mein gutes Kind, und wenn ſie von einem Abdecker herkäme. Aber die Deinigen denken nicht ſo und werden in einer ſo wichtigen Sache nichts auf’s Ungewiſſe wagen. Deswegen bitte ich dich, Franz, ſtehe lieber von deiner Werbung ab und frage zu Hauſe gar nicht 47 an; ich weiß, du würdeſt es nicht durchſetzen, und dein bloßes Anfragen brächte dir Verdruß auf den Hals. Mit dem hieſigen Freier iſt es ein ganz anderer Fall; der hat keine Eltern und keine nahe Verwandtſchaft, die er zu fragen brauchte, er iſt ſein eigener Herr, und da er Katharinen ſehr gut zu ſein ſcheint ſo glaube ich nicht daß er ſich an dieſer Schwierigkeit ſtoßen wird. Bei ihm fällt ohnehin das Haupthinderniß weg: er iſt gleichfalls katholiſch, wie ſie, und da braucht keins dem andern ſeinen Glauben zum Opfer zu bringen. Ja, ja, ſagte Franz mit jener Bitterkeit, die ſo leicht in jungen Herzen aufſteigt, wenn ſich der Leidenſchaft Gruͤnde in den Weg ſtellen, deren Gewicht ſie wider Willen anerkennen muß,— ja, ja, ich ſehe ſchon, Ihr habt Alles mit dem Mynheer Nabob ſo gut wie in's Reine gebracht. Sei kein Kind, Franz! rief der Meiſter gutmüthig auf⸗ brauſend. Meinſt du denn, du wäreſt mir als Schwiegerſohn nicht ſo willkommen oder willkommener denn jeder Andere? Ich habe nichts mit ihm abgemacht, wiewohl nur die Eiferſucht leugnen kann, daß der Mann nicht ſo geradehin zu verwerfen iſt. Aber ich ſage dir ja, daß ich die ganze Sache in ihren freien Willen ſtelle. Sagt ſie nein, ſo könnten wir, dächt' ich, von andern Dingen reden. Hat ſie ſich's aber in den Kopf ge⸗ ſetzt, keinen Andern zu nehmen als dich, je nun, ſo wißt ihr ja die Bedingungen. Vor Allem muß ſie zu deiner Religion übertreten, um dir in deine Heimath folgen zu können. Da ſteht ſie: frage ſie, ob ſie bereit ſei, ihren Glauben abzuſchwören. Oder hat ſie dir ſchon das Wort darauf gegeben? Nein, antwortete Franz, und blickte mit geſpannter Erwar⸗ tung auf Katharinen. Sie hatte den Kopf geſenkt, hob die Augen nicht vom Boden und ſprach kein Wort. Genugl verſetzte der Meiſter, der mit einem Blick die Hal⸗ tung des Mädchens und den tiefen Eindruck derſelben auf den jungen Mann überſchaut hatte. Für jetzt iſt genug geſprochen. Es bleibt bei der Bedenkzeit, die ich dem Freier geſetzt habe. In acht Tagen, ſagte er hierauf zu ſeiner Tochter, will ich dich wieder fragen, und bis dahin, ſetzte er gegen Beide gewendet hinzu, wird es das Beſte ſein, einander das Herz nicht weiter ſchwer zu machen. Sie trennten ſich ſchweigend. Die acht Tage vergingen ſehr langſam und doch auch wieder ſehr ſchnell. Geſprochen wurde faſt gar nichts, auch zwiſchen den beiden Liebenden nicht, denn Er ſcheute ſich die Frage zu wiederholen, die ſie ihrem Vater zu beantworten gezögert hatte, und Ihr war die Zunge wie gebunden. An ihm war eine von Tag zu Tag wachſende unheimliche Spannung zu bemerken, die Niemand deuten konnte, die aber Katharinen, wenn ein düſterer Blick aus ſeinen Augen auf ſie fiel, mit Schrecken er⸗ füllte. Er arbeitete raſtlos, aber mit einer peinlichen Haſt und Heftigkeit. Der Meiſter ſah ihm kopfſchüttelnd zu, und Katha⸗ rina ging oft auf ihr Kämmerlein, um ſich ſatt zu weinen. Der letzte Tag der gegebenen Friſt war herangekommen, der Meiſter und ſeine Tochter ſaßen mit gepreßtem Herzen bei⸗ ſammen, denn Franz hatte gegen alle Gewohnheit dieſen Morgen um Vergünſtigung gebeten, einen längeren Ausgang machen zu dürfen, und war zum Mittageſſen nicht zurückgekehrt. Ein heran⸗ nahendes Gewitter vermehrte ihre Bangigkeit. Der Himmel war ſchwarz überzogen, der Donner, der noch in der Ferne drohend murrte, ſchien ſich allmählich zu nähern, der Tag ver⸗ finſterte ſich, Blitze ſpielten durch das Dunkel, und man hatte ein Gewitter zu befürchten, ſchwerer als der Mai es ſonſt mit ſich zu bringen pflegt. Die alte Glocke ſandte ihre bebenden 49 Töne hinaus, die der geängſtigten Stadt die Gefahr beſchwören helfen ſollten. Endlich kam das Gewitter, und mit ihm Franz. Er trat mit finſterer Entſchloſſenheit herein und ſprach: Meiſter, wollt ihr mir ein paar Worte vergönnen? Sprich, mein Sohn, erwiderte dieſer, und möge es etwas Gutes ſein! Herr Woltmann, lieber Meiſter, hub der Jüngling an, Ihr habt mir zwei Hinderniſſe genannt, die zwiſchen mir und Eurer Pflegetochter ſtehen. Ich bin nun dieſe acht Tage mit mir zu Rath gegangen, und habe gefunden, daß es ein Mittel gibt, durch welches beide mit Einemmal zu heben ſind. Ihr habt geſagt: daß ich ein Proteſtant ſei, das ſtehe der Heirath im Weg; und weiter: ein Mädchen von ungewiſſer Herkunft könnt' ich bloß dann zur Frau nehmen, wenn ich keine Eltern hätte, wie ſie. Das hab' ich nicht geſagt! unterbrach ihn der Meiſter. Gleichviel, fuhr Franz fort, ich will Euren Glauben anneh⸗ men, der gut ſein muß, weil Katharina nicht von ihm laſſen zu wollen ſcheint. Dann iſt die Religion kein Hinderniß mehr. Und, ſetzte er mit brechender Stimme hinzu, ich hoffe zwar, meine Eltern werden mir ihren Segen nicht ganz entziehen, aber drein⸗ reden werden ſie mir dann nichts mehr, und werden mir nicht ver⸗ wehren, die Tochter des Kaiſers oder des Scharfrichters zu hei⸗ rathen. Der Meiſter ſah nach Katharinen hinüber; ſie hatte das Ge⸗ ſicht verhüllt. Haſt du das mit dem Mädchen abgeredet? fragte er. Kein Wort! betheuerte Franz. Nun, und was ſagſt du dazu, meine Tochter? Katharina ließ die Hände ſinken, ſie ſah ſehr bleich aus. O Franz, rief ſie, begehe keine Sünde um meinetwillen! Bin ich denn ſo wichtig, daß du die Liebe deiner Eltern um mich Kurz, Erzählungen. I. 4 50 auf's Spiel ſetzen mußt? Ich bitte dich, verlaß uns, kehre wie⸗ der in deine Heimath zurück und thue deinen Eltern kein ſolches Leid an; du wirſt gewiß eine Andere finden, bei der du mich vergeſſen kannſt. Franz zitterte wie im Fieber. Sünde? ſprach er. Was iſt denn für eine Sünde dabei, die mir meine Eltern vorwerfen könnten? Habt ihr einen andern Gott als wir? Deucht mir doch, der Hauptunterſchied beſtehe in ein paar Tropfen Wein. Junge! donnerte der Meiſter, fürchteſt du dich nicht, ſo gott⸗ los zu reden? Hörſt du nicht, wie der Himmel über deine gott⸗ vergeſſenen Reden zürnt? Laßt's gut ſein, Meiſter, lachte Franz, der Himmel iſt jetzt zornig, weil gerade ein Wetter iſt. Er würde eben ſo ſchelten, wenn ich geſagt hätte, es ſei ein Tiegel umgefallen. Siehſt du wie der Unglaube aus dir ſpricht? rief der Mei⸗ ſter halb ärgerlich halb lachend. Du biſt, ſorg' ich, nicht ein⸗ mal gut evangeliſch, du würdeſt mir einen ſchönen Katholiken geben! Das Gewitter wurde ſtärker, heftige Schläge fuhren zwiſchen die ſtreitenden Reden der beiden Männer. Und, kurz und gut, ſagte Meiſter Woltmann, bleibe auf deinem Willen, werde katholiſch, aber mein Jawort bekommſt du nicht! Wenn ſich dein Herrgott, wenn ſich dein Vater nicht auf dich verlaſſen kann, ſo mag ich's auch nicht. Was würde dieſer von mir ſagen, der dich mir anvertraut hat? Der Chriſtoph, würde er ſagen, iſt ein alter bigotter Narr und ein ſchlechter Kerl geworden, er hat mir meinen Sohn katholiſch gemacht. Gut, entgegnete Franz, wenn's das iſt, ſo bleibt auf Eurem Sinn, aber laßt auch Katharinen den ihrigen. Ihr könnt's ihr nicht verwehren, wenn ſie in mir einen Katholiken nimmt. Oder verſtoßt ſie meinetwegen, ich trage ſie auf den Händen durch die Welt. Ich hoffe, ſprach Meiſter Woltmann, mein Kind werde ver⸗ nünftig ſein und bei mir bleiben. Katharina ſieht jetzt ſchon ein, was du erſt ſpäter einſehen würdeſt. Ja, und auch du ſiehſt mir nicht aus, als ob du dein Gewiſſen völlig überwun⸗ den hätteſt. Und wenn du nun dennoch deinen Willen durch⸗ ſetzteſt, wie würde es in ein paar Jahren ſein? Verſtoßen von deinen Eltern, verflucht von deinen ehemaligen Glaubensbrüdern, von allen beſſeren Katholiken verachtet, ohne Auskommen, ohne Beiſtand, wirſt du mit ihr herumirren; der erſte Rauſch iſt ver⸗ flogen, und du ſiehſt in dem armen Kinde Nichts mehr, als die Urſache alles deines Ungemachs. Ich traue dir wohl zu, daß du nicht ſo unedel ſein wirſt es ihr zu ſagen, aber in deinem Herzen wirſt du's denken, und Katharina wird's in dem ihren fühlen, und Beide werdet ihr unglücklich ſein. Das ſagt ſich mein kluges Kind von ſelbſt, ehe es zu ſpät iſt, und damit wird ſie ſich und dich vor Schaden behüten. Glaubſt du denn, es könne ihr Vertrauen einflößen, wenn du um ihretwillen die Ge⸗ meinſchaft deiner Glaubensgenoſſen, deiner Eltern, deiner Ver⸗ wandten und Mitbürger wie altes Eiſen wegwirfſt? Ich glaub's nicht. Hab' ich doch ſchon einmal einen ähnlichen Fall erlebt, den du dir zur Lehre dienen laſſen kannſt. Es wird juſt ſo gut wie ein Wetterſegen ſein, wenn ich dir's erzähle; denn mir ſcheint es, das Ungewitter in deinem Innern ſei gefährlicher als das am Himmel. Höre alſo auf ein warnendes Beiſpiel, da du nicht auf die Stimme hören willſt, die aus den Wolken ſpricht. Franz machte eine ungeduldige Bewegung, als ob er wenig geneigt wäre, ſich in dieſer ſchweren Stunde durch eine Geſchichte, wie ſie der Meiſter zu erzählen liebte, zerſtreuen zu laſſen; doch hielt ihn die Achtung vor dem väterlichen Freunde in Schranken. 4* 52 Nach einem gewaltigen Vorſpiel, das dieſer dem Donner hatte einräumen müſſen, hob der Meiſter zu erzählen an: In Brüſſel, im Hauſe meines Meiſters, deſſen Tochter ich nachher heimführte, lernte ich einen Studenten kennen, der da⸗ ſelbſt wohnte und wegen einiger großen Dienſte, die er als ge⸗ ſchickter Arzt geleiſtet hatte, ein vielgeliebter Hausfreund gewor⸗ den war. Von Geburt war er ein Deutſcher, proteſtantiſcher Confeſſion und hieß Ludwig mit ſeinem Vornamen. Er hatte in Löwen ſtudirt und vollendete jetzt ſeine Studien bei der be⸗ rühmten mediciniſchen Geſellſchaft zu Brüſſel, war aber bei allem Fleiß eine luſtige Haut, immer zu Späßen und tollen Streichen aufgelegt. Er hat mir manche ſchlafloſe Nacht bereitet, denn er ſtellte ſich als ob er mir die Meiſterstochter wegfiſchen wollte und ruhte nicht eher als bis ich eiferſüchtig wie ein Türke gewor⸗ den war; dann aber machte er der Neckerei ein Ende und brachte es durch ſeine Fürſprache bei meinem Schwäher dahin, daß ich mich ſchon als Geſell mit meinem lieben Weibe verloben durfte. Ich that mir nicht wenig darauf zu gut, daß ich ſo viel CEhre von einem ſo gelehrten Herrn genoß. Eins aber wollte mir nicht ganz an ihm gefallen: er war mir zu leichtſinnig in Religionsſachen. Zwar nahm er ſich vor mir in Acht, weil er wußte daß ich in dem Punkte keinen Spaß verſtand, doch ſpöt⸗ telte er hie und da über unſre katholiſchen Bräuche. Oft lachte er mich aus, wie ich mir nur habe in den Kopf ſetzen können, daß er im Ernſt mein Nebenbuhler ſei, da er doch ſchon als Proteſtant nicht daran hätte denken können, eine Katholikin zu heirathen. Damals ſah ich nicht voraus, wie es ſich nachher ſo ganz mit ihm wenden ſollte. Er nahm von uns und von Brüſſel Abſchied; die mediciniſche Geſellſchaft ernannte ihn zu ihrem Mitglied, die Univerſität Löwen ſetzte ihm den Doctorhut auf, und er verließ die Niederlande in großen Ehren, um auf gelehrte — 53 Reiſen zu gehen. Zuvor beſuchte er ſeine Eltern in Deutſchland, deren Stolz und Freude er als einziger Sohn war; dann wollte er ſich in die Schweiz und hierauf nach Montpellier, als einem berühmten Sitz der Arzneiwiſſenſchaft, begeben. Aber er kam nicht weiter als bis Konſtanz. Dort beſuchte er, nach ſeiner Gewohnheit, einen großen Arzt, den er am Krankenbette eines einzigen Kindes traf, und der ihm geſtand, daß er mit all ſeiner Kunſt rathlos ſei und die Hoffnung, ſeine Tochter Cornelia zu retten, völlig aufgegeben habe. Auf Ludwigs Andringen ließ er ihm die Kranke zur Behandlung, und der junge Doctor hatte ſie mit einer ſeiner kecken Kuren nach wenigen Wochen dem Tod aus dem Rachen geriſſen. Die Folge war, daß die beiden jun⸗ gen Leute einander liebgewannen, nur meinte es Cornelia nicht für dieſe Welt; denn als er ihr Herz und Hand anbot, erklärte ſie ihm mit bittern Thränen, ſie werde nie einem Andern die Hand reichen, aber auch von ihm ſei ſie durch eine unüberſteig⸗ liche Kluft getrennt. Ihr Vater jedoch, ſei es nun daß er in Wahrheit vom Eifer für unſere Religion entflammt war, oder wollte er den Proteſtanten ein ſolches Licht der Wiſſenſchaft ent⸗ reißen, oder hatte er andre weltliche Beweggründe vor Augen, kurz, der Alte ſagte ihm, er ſolle nur der Ketzerei entſagen, dann ſei er auf dem geraden Weg zum Ziele ſeiner Wünſche. Ludwig drückte ihm die Hand, und fort war er, ohne Cornelia zuvor noch einmal geſehen zu haben. Nach einigen Wochen aber kam er von Sanct Gallen zurück, wo damals ein ſehr glaubenseifri⸗ ger Abt war, der's ihm leicht gemacht haben mag. Gelobt ſei Jeſus Chriſt! rief er Cornelien entgegen. In Ewigkeit, antwor⸗ tete ſie und kehrte ihm den Rücken zu. Um jene Zeit ſaß ich einmal mit meinem Weib Abends drunten vor der Hausthür' auf der Bank. Da kam ein Fremder die Straße herauf, ein bleicher Menſch mit hohlen Augen und ſtruppigem Haar. Gott — verzeih mir's, das alte Lied vom Tannhäuſer fiel mir ein, da ich ihn ſah, aber wie ward mir erſt, als ich ihn erkannte! Er erzählte uns ſeine traurige Geſchichte, und das Merkwürdigſte war, daß er jetzt Cornelien Recht gab. Wohl mag vor Gott kein Unterſchied im Glauben ſein, hatte ſie geſagt, aber leider Gottes haben die Menſchen einen gemacht, und daraus ſind durch beiderſeitige Schuld Verhältniſſe entſtanden, die der Einzelne nicht überſpringen kann; wo Kampf in der Welt iſt, wo ein Theil den andern zu unterdrücken ſucht, da erkennt man den Menſchen vor Allem an der Treue, die er den Seinigen hält, und dem Ueberläufer werden meiſt nur die Eitlen vertrauen. Wir ſuchten ihn vergebens zu halten, unſtät und flüchtig ſetzte er ſei⸗ nen Stab weiter, und bald hernach iſt er auf der Reiſe, in der Fremde, fern von Eltern und Verwandten geſtorben. Sieh, Franz, ſo beſtraft ſich der Abfall, der dir in deiner jetzigen Verfaſſung ein Leichtes dünkt. 4 Ein furchtbarer Donnerſchlag folgte auf dieſe Worte; man hatte die Wahl, ob man eine Bekräftigung oder einen Wider⸗ ſpruch darin finden wollte. Gott ſteh' uns bei! murmelte der Meiſter unwillkürlich und ging nach dem Fenſter, um zu ſehen, ob der Streich irgendwo eingeſchlagen habe. Er fand Alles ruhig und kehrte wieder zurück. Die drei Menſchen, die einander ſo lieb hatten und dennoch durch die Macht der Einrichtungen und Anſichten unwiederbring⸗ lich getrennt ſchienen, ſtanden einander eine Weile ſtumm gegen⸗ über. Jedes ſah die Züge der Andern entſtellt im fahlen Licht der Blitze, und der Donner, der jetzt faſt unausgeſetzt das Haus erſchütterte, war ihnen ein Widerhall des innern Herzenskam⸗ pfes. Durch das Getöſe aber klang die flehende klagende Stimme der Glocke wie eine vergebliche Bitte an die harten Mächte die⸗ ſer Welt. — — 55 Franz raffte ſich zuerſt auf. Leb' wohl, Katharina, lebt wohl, Meiſter, ſagte er, Beiden die Hände hinſtreckend. Franz! rief Katharina. Was fällt dir ein? rief Meiſter Woltmann. Ich muß fort, antwortete er dumpf, ſo daß ſie ihn unter dem Rollen des Donners kaum verſtanden. Ihr mögt Recht haben Beide, der Meiſter mit ſeinem Reden, und Katharina mit ihrem Schweigen. Ich will nicht ſtreiten darüber. Eine Welt, in der es zum Verrath wird, nach dem Beſten und Lauterſten zu greifen, was der Menſch begehren kann, eine ſolche Welt iſt auch des Streitens nicht werth. Grüßet meine Eltern, Meiſter. Wenn ich dieſen Stoß überwinden kann, ſo geh' ich wieder heim; kann ich's nicht, ſo werden ſie ja lieber Leid haben wollen, als Schande. Wo willſt du hin? Wo ſich ein Weg aufthut. In den Krieg— auf's Meer — weiß ich's? In dem Unwetter, Franz! rief Katharina, die mit ſich kämpfte und nur durch des Vaters Gegenwart abgehalten wurde, ihn zu umklammern. Behüt' Euch Gott! rief er mit ſtarker Stimme, die den Donner übertönte, und wandte ſich der Thüre zu. Jeſus! Jeſus! ſchrie Katharina. Das Zimmer ſtand im Feuer, und zugleich fiel ein Streich, der einen Augenblick ſtockte, um im nächſten mit betäubender Gewalt und ſchmetterndem Krachen die Luft zu zerreißen. Blitz und Schlag waren ſich ſo raſch gefolgt und der Donner war mit jenem eigenthümlichen Tone eingefallen, daß Niemand zweifelte, es müſſe eingeſchlagen haben. Zugleich wurde es auch laut auf den Straßen, Feuer⸗ ruf ertönte, Pferde raſſelten im geſtreckten Lauf herbei, von ihren Reitern wüthend geſpornt. Die beiden Männer ſtürzten hinab; das ganze Gewicht der Stunde lag auf dem Gießer als 56 Spritzenmeiſter. Er mußte das Gewölbe öffnen, wo ſämmtliche Löſchwerkzeuge aufbewahrt wurden, die Spritzen für die harren⸗ den Pferde herausziehen und ihre Leitung übernehmen. Auf die größte ſetzte er ſich ſelbſt, in die andern theilten ſich Franz und die übrigen Geſellen. Alles dies war geſchehen, ehe man nur wußte wo der Blitz gezündet hatte; aber es blieb nicht lang verborgen, denn nun ſtreckte die Flamme zu allen Fenſtern des Kirchthurms, deſſen Glocke verſtummt war, ihre rothen Zungen heraus. Die Spritzen wurden rings herum vertheilt und ſpieen dem Feuer ſein feindliches Element entgegen; doch der Thurm war zu hoch und die Waſſerſtrahlen, die zwar bis zu den Fenſtern reichten, waren ohne Kraft und Sicherheit, ſie trafen nur die Spitzen der Flamme, ſtatt innen unter dem Gebälke des Glockenſtuhls ihren Mittelpunkt aufſuchen zu können. Das Feuer nahm ſichtbar überhand, und jetzt beſchäftigte eine andere Sorge die Schaaren der Rettenden. Es war zu be⸗ fürchten, daß ein Theil des Thurmes ausgehöhlt und morſchge⸗ brannt herabſtürzen würde; daher war man beſchäftigt, die um⸗ liegenden Häuſer, die von dem Sturze dieſer Trümmer bedroht waren, auszuleeren und ſich im Voraus gegen das Umſichgreifen des Brandes zu waffnen. Der Thurm wurde verloren gegeben, die Spritzen traten langſam, ihre letzten Kräfte gegen die ge⸗ fährliche Höhe verſendend, den Rückzug an. Alles ſtand unthätig umher, auf die weitere Entwicklung des bangen Schauſpiels gerüſtet. Da ſchlug eine Glocke an, eine andere folgte, und bald erklang das vereinte Geläute aller Glocken, als wollten ſie zum feſtlichen Kirchgang laden. Die Menge ſah ſich erſtaunt und dann traurig an, denn man er⸗ kannte bald, daß es die Kraft der Hitze war, die das Glocken⸗ ſpiel zum letzten Mal in Bewegung ſetzte. Die Goldglocke hatte 3 57 angefangen, ihr reiner, klagender Ton war aus allen heraus zu vernehmen und drang erſchütternd in die Herzen der Umſtehen⸗ den, die bei dieſem Schwanengeſang ihrer verhängnißvollen Ge⸗ ſchichte gedenken mußten. Franz aber, der in der Aufregung des Augenblicks einen Theil ſeines eigenen Leidens vergeſſen hatte, fühlte ſich im Geiſt in jene Nacht zurück verſetzt, da er den Brand ſeiner Vaterſtadt mit erlebt hatte, und wie er nun hier vor ſeinen Augen ſah, was damals ſeinen Blicken entzogen ge⸗ blieben war, wie er endlich die aus dem brennenden Gebälke los gewordenen Glocken mit unausſprechlichem Getöſe durch das Innere des Thurmes herabſtürzen hörte, ſo wachten alle die Er⸗ zählungen, die ihm während ſeines Heranwachſens geläufig ge⸗ worden waren, mit ſchauriger Lebendigkeit in ihm auf. Aber die unthätige Ruhe, mit der das Volk dieſem Ereig⸗ niß nachſtarrte, dauerte nicht lang; ein Schrei erhob ſich aus der Menge, Alles wich ängſtlich zurück. Die Spitze des Thurmes wankte, neigte ſich und ſiel, weithin die Zerſtörung tragend; Steine und brennendes Holzwerk ſchlugen durch die Dächer und in demſelben Augenblick ſtanden mehrere Häuſer in Flammen. Nun wurden alle Kräfte aufgeboten. Die Feuereimer flogen durch die Kette hindurch, die Spritzen reihten ſich vor den Häu⸗ ſern auf. Doch konnte man das Umſichgreifen des Feuers nicht hindern, es züngelte von einem Nachbardach auf das andere, und bald ſchlug auch auf Meiſter Woltmanns Hauſe der rothe Hahn ſeine Flügel. Franz eilte mit der ihm zugetheilten Spritze herbei; das Haus war ihm eine zweite Heimath geworden, deren Untergang er nicht ertragen konnte, und zudem drohte von hier aus die höchſte Gefahr, da das Haus eine Ecke nach einer noch unverſehrten Straße hin bildete. Achtſam ſaß er oben auf ſeiner Spritze und lenkte die Röhre hierhin und dorthin, um⸗ ſichtig ſpähend, wo dem Feuer am beſten beizukommen wäre. 58 Indem er ſo mit forſchenden Blicken und von der Höhe ſeines Sitzes begünſtigt durch die Fenſter tief in die Gemächer und Kammern ſah, gewahrte er auf einmal, wie ein geſpenſtiges Blendwerk, mitten im Wohnzimmer Katharinen. Sie ſtand noch auf demſelben Platze, wo er ſie vorhin verlaſſen hatte. Er ſah hin und ſah noch einmal hin, und herab war er von der Spritze, deren Röhre, ſeiner Hand entfallen, herunterſchlug und die Ver⸗ wunderung der Umſtehenden über das Benehmen des Spritzen⸗ lenkers durch einen derben Waſſerſtrahl nicht eben angenehm vermehrte. Katharina war von jenem Donnerſchlage betäubt ſtehen ge⸗ blieben, ſie ſah und hörte nichts, ihre Gedanken flogen wild und geſtaltlos durch einander. Die fortwährende Spannung der letz⸗ ten Woche, die Erſchütterungen des leidenſchaftlichen Wortwech⸗ ſels, an dem ſie einen ſtummen, aber um ſo bewegteren Antheil genommen hatte, der jähe Schmerz bei Franzens plötzlichem Ab⸗ ſchied und endlich der Schreck über die heftige Entladung des Ge⸗ witters, dies Alles hatte zuſammen ſo ſehr auf das ſonſt ſtarke Mädchen gewirkt, daß ſie jetzt einer Schlafwandelnden glich. Die Außenwelt ging ihr nicht ganz verloren, aber ſie nahm dieſelbe bewußtlos und nur wie von ferne auf; ſie gewahrte Alles, was bei dem Brande vorging, durch den Spiegel eines magnetiſchen Traums, ſie hörte den Feuerruf und ſah den Brand des Thurmes, aber es war ein anderer Thurm, den ſie in ihrem Innern erſchaute. Größer und ſchöner ſtieg er in ihrem Traumgeſicht empor mit Nebenthürmen, Thürmchen und Spitzen, die zwölf Apoſtel, lebensgroß in Stein gehauen, ſtanden in Niſchen an der Kirche umher, oben aber, aus den hohen Bo⸗ genfenſtern am Glockenſtuhl, ſchlug die Flamme gräßlich hervor, unten eilten flüchtige Menſchen ſich drängend vorüber, Kinder irrten dazwiſchen, geängſtigte Hausthiere ſuchten aus den bren⸗ 21 59 nenden Häuſern in ein ſicheres Neſt zu entkommen. Das Läu⸗ ten der Glocken, das Geſchrei der Menſchen, das Krachen der ſtürzenden Trümmer, Alles drang mit fremden Stimmen an ihre traumbetäubten Sinne. Oben auf der dünnſten Spitze des Münſterthurmes ſtand ein Engel, wie aus lauterem Golde ge⸗ trieben, er ſchien ſeine Flügel rettend über dem Graus und der Verwüſtung zu ſchwingen, auf einmal wandte er ſich leuchtend gegen die Schauende und rief: Katharina, Katharina, komm zu dir! Sie ſchrack auf, Franz hielt ſie in ſeinen Armen. Ihre Spannung war gelöst, ſie warf ſich ihm laut weinend an die Bruſt. Er umfaßte ſie und trug ſie hinweg wie ein hilfloſes Kind, über ihnen das Sauſen der Flammen, das Praſſeln des Sparrenwerks. Das Feuer war im Dach und in den obern Räumen, die Böden waren noch nicht durchgebrannt, aber die obern Treppen ſtanden ſchon in lichten Flammen; doch Franz, der jeden Winkel des Gebäudes kannte und auch in dieſem drang⸗ vollen Augenblicke ſeines Berufes nicht vergaß, hoffte alsbald die geeigneten Mittel zur Rettung des geliebten Hauſes anwen⸗ den zu können. Er eilte mit ſeiner Bürde die Treppe hinab, Bretter und Treppentheile, die ſich oben lösten, fielen neben ihm nieder, und ein ſchweres Holzſtück ſtreifte ihm den Kopf. Er merkte es nicht einmal, ſtürzte zum Hauſe hinaus, legte Katha⸗ rina den aufſchreienden und herzuſpringenden Leuten in die Arme, gab der Mannſchaft die nöthigen Mittheilungen über den Sitz des Feuers und die zugänglichſten Stellen, und wollte ſich munter auf ſeine Spritze ſchwingen. Aber im Anſetzen ſank er zurück und fiel ohnmächtig nieder. Die Weiſungen jedoch, die er gegeben hatte, entſchieden über den Verlauf des Brandes. Die Flamme wurde an den bezeich⸗ neten Punkten gedämpft, und die herabfallenden Brandtrümmer, 60 von welchen den unteren Stockwerken Gefahr drohte, zog man mit Haken heraus. Das Woltmann'ſche Haus wurde gerettet, und wie im erſten Vortheil, den man über einen Feind erringt, ſich ſchon der vollſtändige Sieg ankündigt, ſo gelang es auch in der Nachbarſchaft allmählich den angeſtrengten Bemühungen der Löſchenden, das Feuer zurückzudrängen, auf ſeine bereits ge⸗ machte Beute zu beſchränken und endlich ganz zu überwältigen. Meiſter Woltmann hatte, wie er bei der näheren Beſichtigung ſeines Hauſes fand, keinen großen Verluſt gehabt. Die untern Geſchoße waren unbeſchädigt, nur ein Theil des Daches und der Bodenräume mußte, nebſt den Treppen, die nach oben führten, neu gebaut werden. Aber in den nächſten Tagen war in dem Woltmann'ſchen Hauſe, das im vollen Stande der Wohnlichkeit geblieben war, von einem ſolchen Geſchäfte nicht die Rede. Die Bewohner gingen geräuſchlos hin und her oder ſprachen leiſe und ängſtlich mit einander; von Zeit zu Zeit ſah man Katharinen mit ver⸗ weinten Augen vorüberſchweben: ſie ging nach dem Zimmer, in welchem Franz ſeit zwei Tagen beſinnungslos darnieder lag, und das ſie nur verließ, um irgend ein für ihn nothwendiges Bedürfniß zu beſorgen. Das brennende Trümmerſtück, von dem er am Haupte getroffen worden war, hatte eine Verletzung zu⸗ rückgelaſſen, die der Arzt für ſehr bedenklich erklärte. Als die erſten Maßregeln, den Jüngling aus ſeiner Ohnmacht zu er⸗ wecken, fruchtlos geweſen waren, ſchlug derſelbe eine Operation vor, die bei dem nicht über jeden Zweifel erhabenen Grade der Heilkunſt mit Recht als das Aeußerſte zu fürchten war. Daher ſetzte ſich ihm Katharina hartnäckig entgegen und verſicherte, ſie werde es durchaus nicht zugeben, daß man eine ſo gewagte und grauſame Kur mit dem Kranken vornehme. Eben kam der Arzt wieder, und nachdem er die Kopfwunde 61 unterſucht hatte, erklärte er, man müſſe, ohne länger zu zögern, „mit der Katz' durch den Bach.“ Nimmermehr! rief das Mädchen. Eher ſollt Ihr mir ſelbſt den Kopf zerſägen. Ihr habt Eure Freude daran, die Menſchen zu martern, aber ſo lang ich ein Wort zu ſagen habe, ſoll er Euch nicht preisgegeben werden. Ich glaube es nimmermehr, daß dieſes ſchreckliche Verfahren nöthig iſt, ich weiß vielmehr ge⸗ wiß, er wird zu ſich kommen, er wird ohne Sägen und Schnei⸗ den und Brennen gerettet werden. Zu Grunde gehen wird er durch dieſe Bedenklichkeiten! Ich will noch einen Tag warten und mit den alten Mitteln fort⸗ fahren, aber dann muß er dran! ſo ſagte der Arzt und ging verdrießlich hinweg. Katharina glaubte nur ſchwach an das, was ſie gegen den Arzt ausgeſprochen hatte. Sie trat an das Lager ihres Lieb⸗ lings und beugte ſich weinend über ihn, ſie fühlte ihre Liebe durch die Gefahr beſiegelt, ſie war ſich bewußt, auf Leben und Tod mit ihm verbunden zu ſein, und gelobte ſich feſt, wenn er geneſe, keiner Rückſicht mehr zu folgen, ſondern, was ſie längſt ſchon war, die Seinige zu werden unter jeder Bedingung, und die Härte der Welt oder die Abneigung ſeiner Verwandten freu⸗ dig zu tragen um ſeinetwillen; ſie war bereit, ſeine Religion zu der ihrigen zu machen; war doch ſeine Treue die ihrige! Mit dieſem Entſchluſſe beging ſie im Stillen ihre feierliche Verlobung und drückte dem Ohnmächtigen einen langen Kuß auf die blaſſen Lippen. Da ſchlug Franz die Augen auf und ſah verwundert umher; er konnte ſich nicht beſinnen, was mit ihm vorgegan⸗ gen war. Katharina erzählte ihm den Unfall, der ihn betroffen hatte, dann berichtete ſie ihm, wie das Feuer gelöſcht und die Ruhe des Hauſes bloß durch ſeinen hoffnungsloſen Zuſtand bis jetzt —— getrübt worden ſei. Sie geſtand ihm, daß ſie ſich mit ſtillen Schwüren ihm verlobt habe, und reichte ihm die Hand zum Zei⸗ chen ihrer unauflöslichen Verbindung. Ach, ſagte ſie, du haſt mich nicht recht verſtanden; ich habe nicht deshalb geſchwiegen, weil ich unüberwindliche Bedenklichkeiten hatte, ſondern bloß, weil ich nicht wußte, wie ich's angreifen ſollte, um den Vater nicht zu beleidigen, und dein finſteres Weſen hat mich vollends ganz rathlos gemacht. Verzeih mir mein blindes Ungeſtüm, erwiderte Franz. Von jetzt an wird nichts mehr zwiſchen uns treten. Um die Zukunft bin ich ohne Sorgen, denn die Hauptſache, nämlich daß wir zu⸗ ſammengehören, iſt im Reinen, und was Gott ſo vereinigt hat, das kann der Menſch nicht ſcheiden. Aber ſage mir nur, Herzliebſte, fuhr er fort, nachdem ſie eine Weile ſtumm ihr Glück genoſſen hatten, was hat ſich denn Sonderbares mit dir begeben? Ich dachte dich während des Brandes ſicher untergebracht und ging ruhig dem Löſchen nach, ohne die mindeſte Furcht für dich zu haben. Daher glaubte ich zu träumen, als ich dich ſo allein in dem brennenden Haus ge⸗ wahrte; und dazu ſahſt du ſo ſeltſam aus. Nun erfuhr er von Katharina jenen wunderbaren Zuſtand und das Geſicht, das ihr erſchienen war. Er wurde immer auf⸗ merkſamer und griff nur von Zeit zu Zeit nach dem Haupte, wo er einen ſchmerzhaften Druck fühlte. Alſo ein goldener Engel ſtand oben auf dem Thurme? fragte er tief bewegt. So deutlich ſah ich ihn mit meinen innern Augen, antwor⸗ tete Katharina, daß ich gewiß bin, ihn auch ſchon vor meinen äußeren geſehen zu haben. Ja, Franz, laß dir ſagen: ich weiß es feſt und klar, daß dieſe Erſcheinung kein leerer Traum, ſon⸗ dern eine Erinnerung aus meiner früheſten Kindheit war. Nun kann ich mir mein ganzes Schickſal erklären: bei einem großen 3 63 Brande bin ich als ein hilflos umherirrendes Kind verloren ge⸗ gangen, und in meinem Geſichte habe ich die Stadt erſchaut, in der ich geboren, die Kirche, in der ich getauft worden bin. Alle jene längſt verlöſchten Bilder ſind in ihrer ganzen Kraft vor meine Seele zurückgekommen; ich ſehe wieder die brennenden Häuſer meiner Vaterſtadt, ich höre das Wehgeſchrei und den Jammer der Flüchtenden, und erinnere mich, wie ich als kleines Kind in dem Gedränge herumgeſtoßen werde. Jeden Augenblick bin ich in Gefahr, zertreten zu werden, Niemand kümmert ſich um mich, Jeder iſt nur mit der eigenen Noth beſchäftigt, ich weine, ich ſchreie nach meiner Mutter— ach, meine Mutter! welchen Schmerz muß ſie um mich erlitten häaben! und noch jetzt! gewiß lebt ſie noch, gewiß härmt ſie ſich um ihr verlorenes Kind. Erinnerſt du dich deiner Mutter noch, kannſt du mir ſie beſchreiben? rief Franz in der höchſten Aufregung. Nein, erwiderte ſie, ich meine zwar einen Eindruck von ihr behalten zu haben, doch nur ganz innerlich, lauter Liebe und Güte, aber nichts von perſönlicher Geſtalt und Ausſehen. Viel⸗ mehr iſt es etwas ganz anderes, was mir vorſchwebt, ach, eine Creatur, die man ſich Sünden fürchten ſollte neben einer Mutter zu nennen, und ich muß mich wundern, was es für ein unver⸗ ſtändiges Ding iſt um die Erinnerung, die das Wichtigſte ver⸗ gißt und das Geringſte behält. Und doch muß ich mir immer wieder den Kopf zerbrechen, wie er hieß. Wer denn? Sieh, wie ich von der Menſchenmenge hin und her geſtoßen wurde, ſchoß auf einmal ein ſchwarzer, zottiger Hund denen, die mir zunächſt waren, zwiſchen den Beinen durch, und gerade auf mich zu. Ich ſchrie laut auf vor Schrecken, denn ich kannte ihn wohl; er gehörte einem Nachbar, und wir Kinder fürchteten ihn ſehr, weil er immer ſo grimmig und biſſig war, wenn wir in — 64 der Nähe ſpielten, wo er an der Kette lag; nun glaubte ich feſt, er werde mir ein Leid anthun, aber die allgemeine Angſt war auch über ihn gekommen, er hatte den Schweif zwiſchen die Beine geklemmt, heulte kläglich und ſtrich, ohne mich anzu⸗ ſehen, an mir vorbei. Dieſer Hund ſteht mir jetzt wieder ſo lebhaft vor dem Gedächtniß, ach! und er hatte einen ſo ſpaß⸗ haften Namen! Wie hieß er doch nur? Pfauſer! rief Franz, und Beide brachen in das luſtigſte Ge⸗ lächter aus. Pfauſer! rief ſie, ja wahrhaftig, ſo hieß er! Aber ſage mir nur— und mit großen Augen ſah ſie ihn an— woher weißt du denn das? O ich weiß noch viel mehr, und du ſollſt Alles erfahren, aber zuvor ſage mir, weißt du denn gar nichts mehr von den Geſpielen deiner Kindheit? Kannſt du dich auf keines beſinnen, das dir beſonders lieb geweſen wäre? Die Wahrheit zu ſagen, erwiderte Katharina, habe ich keine beſtimmte Erinnerung, weder an meine Mutter, noch an ſonſt Jemand, und doch bringſt du mich mit deiner Frage auf Man⸗ ches, was mir ſchon wie ein leichter Nebel vor der Seele ge⸗ ſchwebt hatte. In meinen Träumen habe ich mich manchmal als ein Kind geſehen und mit einem andern Kinde ſelig geſpielt; wenn ich dann erwachte, ſo glaubte ich, es ſei mein Schutzengel geweſen, und betete zu ihm, und dann mußte ich immer an etwas recht Liebes, an ein recht großes Glück denken, das ich mir aber nicht deutlich vorſtellen konnte. Ich wußte auch nicht, ob ich es ſchon einmal beſeſſen habe, oder ob es mir noch be⸗ vorſtehe, bis du kamſt, Franz und alle meine Wünſche und alle meine Träume in dir erfüllt waren. Und du ein altes Eigenthum wieder fandeſt, das du in früher Kindheit verloren hatteſt! Nun will ich dir ſagen wer — — 65 du biſt: meine Landsmännin, meine Baſe, meine Braut, die mir von Anbeginn zugedacht war! Jetzt wird das Weib, das ich heimführe, keine Fremde mehr ſein im Hauſe meiner Eltern, und dich, Katharina, dich bringe ich zu einem guten Vater und zu einer guten Mutter. Mein Traum iſt erfüllt, ich habe mein verlorenes Lamm wieder gefunden! Er umſchlang ſie und drückte ſie in tiefer Rührung an ſich, Katharina ſah ihn mit unverwandten Blicken an und ſprach kein Wort, ſie war wie im Traume. So hielten ſie ſich lang umfaßt, als auf einmal Franz erbleichte und bewußtlos zurück⸗ ſank; ein Strom von Blut ſchoß ihm über das Geſicht. Alles eilte auf Katharinens Hilferuf herbei, der Arzt war ſogleich bei der Hand, und unter ſeinen Bemühungen kam Franz wieder zu ſich. Wie iſt mir nur? ſagte er: ich fühle mich ſo wohl, der Schmerz in meinem Haupte hat völlig nachgelaſſen, mir iſt ſo leicht, ich meine, ich könnte fliegen. Das iſt der Tod! jammerte Katharina. Mit nichten, ſchöne Jungfrau, ſagte der Arzt, vielmehr iſt es das Leben und die Geneſung. Irgend eine große Gemüths⸗ erſchütterung, von der in meinem Compendio nichts, aber vielleicht in Eurem Herzen einiges geſchrieben ſteht, muß die Kopfwunde noch einmal aufgeſprengt und die Materiam peccantem ausge⸗ ſtoßen haben. Der bedenkliche Druck, der auf dem Gehirne lag, iſt jetzt beſeitigt, und wenn Ihr, verehrungswürdige Collegin, den Kranken noch etliche Tage, ſo viel es Euch möglich iſt, in Ruhe laßt, ſo wird er ſchneller als Ihr Euch vorſtellt wieder disponibel ſein und unter den Lebendigen wandeln. Er gab die nöthigen Verordnungen und entfernte ſich. Die Prophezeiung des Arztes traf ein. Franz erholte ſich ſchnell und war bald im Stande, ausführlichere Nachweiſungen Kurz, Erzählungen. 5 — — — 66 über Katharinens Herkunft zu geben. Name, Alter und Ah⸗ nung trafen wunderbar zuſammen, und der luſtige Ausſchlag, den der Name des Hundes gegeben, ließ gar keinem Zweifel mehr Raum. Dieſer Name, erklärte Franz dem Meiſter, iſt ein Eigen⸗ thum meiner Vaterſtadt und wird Euch deshalb völlig unbe⸗ kannt ſein; man braucht ihn von Einem, der da ſchmollt, trutzt oder mault, und er paßte zum Lachen gut auf das weinerlich zänkiſche Geſicht des Köters, das mir noch ganz lebhaft vor Augen ſteht. Wie geht's ihm, dem böſen Pfauſer? fragte Katharina. Aber der wird nicht mehr am Leben ſein. Nein, ſagte Franz, er nahm nach dem Brande ſeine alte Natur wieder an, und wurde nach und nach ſo ſchlimm, daß ſein Herr gensthigt war, ihn todtſchlagen zu laſſen; wir müſſen ihm alſo die Wurſt, die er wahrſcheinlich ſehr gegen ſeinen Willen an uns verdient hat, ſchuldig bleiben. Auch Meiſter Woltmann ließ ſich durch dieſes Zuſammen⸗ treffen ſo vieler Umſtände überzeugen. So habe ich alſo meine Tochter verloren, ſagte er, und ſollte billig darüber traurig ſein. Doch habe ich dich viel zu lieb, Katharina, als daß ich dir dein neues Glück nicht von Herzen gönnen ſollte, und deinen neuen Glauben dazu, der ja ein älteres Recht hat. Denn über die Religion kann jetzt kein Streit mehr ſein, da es ſich von ſelbſt verſteht, daß du zu der deiner Eltern zurückkehrſt, in welcher du geboren biſt. 5 Natürlich! ſagte der anweſende Arzt mit Lachen. Das wird ganz nach dem instrumento pacis gehalten: cujus regio, ejus religio. Es iſt gut, daß ſie nicht wiſſen was ihnen bevorſteht, fuhr der Meiſter fort, denn ſie müſſen ſich noch eine Weile ge⸗ dulden. Ich bin nämlich geſonnen, mit euch hinzureiſen und 67 ihnen ihre Tochter zu bringen, damit ich ſie gleich wieder mit⸗ nehmen kann, falls ſie mir heimgeſchlagen wird. Warum denn erſt in einiger Zeit, Vater? rief Franz, warum nicht morgen, heute noch? Herr Doctor, Ihr müßt ihm noch einmal für das Fieber thun, ſagte der Meiſter. Meinſt du denn, wandte er ſich zu Franz, ich werde vor meinem— beinah hätt' ich geſagt, vor meinem Ende— ich werde nach den langjährigen Dienſten, die ich dieſer Stadt geleiſtet habe, die Krone meines ganzen Wir⸗ kens aus den Händen laſſen? werde nur ſo davonlauſen, ohne das neue Geläute zu gießen, das meinen Namen noch bei den ſpäten Enkeln in Ehren erhalten ſoll? Das dauert aber eine Ewigkeit! meinte Franz. Es dauert nicht ſo lang, ſagte der Meiſter. Ich habe ge⸗ ſtern neue Geſellen angenommen, die ſich bei mir gemeldet haben, und will deren noch mehr verſchreiben. Aber auch du hätteſt allen Grund, dabei Hand anzulegen und der Stadt, in der du dein Glück gefunden haſt, den Dank mit der That abzutragen. Ein zweifelhafter Dank! bemerkte Franz, den ſein Ver⸗ druß über den Aufſchub etwas ſpitzig machte. Wo man zum Gewitter läutet, da hat der dankbare Gießer auch gleich den Wetterſtrahl mit hinterlaſſen. Aus der Gefahr wenigſtens wirſt du befreit, ſetzte er gegen Katharinen hinzu: in unſerer Kirche läutet man nicht den Blitz herbei. Nur nicht ſo hitzig! ſagte Meiſter Woltmann. Wenn du meinſt, die Glocke habe mit ihrer Wetterbeſchwörung den Strahl angezogen, wofür doch den Gießer keine Verantwortung träfe, ſo ſollteſt du ihr und dem alten Brauche, ſtatt zu ſticheln, alle Chre erweiſen, denn ohne dieſen Strahl würde es bei dir und uns vermuthlich finſter ausſehen. Und kurz und gut, es bleibt 5* 68 bei dem was ich geſagt habe. Willſt du aber allein voraus⸗ ziehen, ſo biſt du dein eigener Herr; ich komme dann mit dem Mädchen nach. Mitgeben kann ich ſie dir nicht, denn wenn ſie auch deine Braut iſt, ſo würde das doch nicht angehen. Franz ſah ein, daß er ſich fügen mußte. Die Arbeit ging jedoch raſch von Statten; der Meiſter ſelbſt trieb redlich zur Eile. Er ließ ſich nur ſeine Auslagen erſtatten, die Arbeit lie⸗ ferte er unentgeltlich. Während dieſer Zeit ſah man ihn oft auf das Rathhaus gehen, aber Niemand wußte warum. Franz, der ihn einmal befragte, erhielt die kurze Antwort, er werde es ſchon noch erfahren. Als man an die Herſtellung des Thur⸗ mes ging, befand es ſich daß die alte Sage diesmal die Wahr⸗ heit geſprochen hatte: man fand nämlich beim Wegräumen des Schuttes in dem geſchmolzenen Erze eine beträchtliche Menge Goldes, das ſich leicht ausſcheiden ließ und hinreichend war, um den Thurm wieder auszubauen und mit Blei zu decken. Da hiedurch der größte Theil des Schadens erſetzt war, ſo be⸗ ſchloß die Bürgerſchaft, die übrigen Verluſte gemeinſchaftlich zu tragen und die wenigen Abgebrannten auf Koſten der Stadt zu entſchädigen. Franz wollte vor Ungeduld vergehen, als die neuen Glocken gegoſſen waren und nun noch die Vollendung des Glockenſtuhls abgewartet werden mußte; aber Katharina wußte ihn mit manchem holden Worte zu beſchwichtigen. Endlich war auch das Letzte vollbracht; die Glocken ſchwebten an ihrer Stelle, und unter ihrem wohltönenden Geläute wurde ein Feſt began⸗ gen, bei welchem dem Meiſter und ſeinem erſten Geſellen viele Ehre widerfuhr. Die Umſchrift am Kranze der größten von den neuen Glocken hatte Franz erdacht; ſie lautete: In Freud und Leid Bin ich bereit, In Noth und Tod Bin ich der Bot. 69 Nun endlich ſchloß der Meiſter ſein Haus und die Reiſe wurde angetreten. Sie eilten ſehr, und hielten ſich nirgends länger auf, als nöthig war; denn Franz wollte die monatelange Verzögerung durch die Wahl eines bedeutungsvollen Datums gut machen und Katharina am Jahrestage des großen Brandes, der ſie entführt hatte, in die Arme ihrer Eltern zurückbringen. Je mehr ſie, am Rhein hinauf, gegen Süden kamen, deſto hei⸗ miſcher fühlte die Jungfrau ſich; ſie meinte, alle dieſe Gegen⸗ den, dieſe alten berühmten Städte ſchon geſehen zu haben. Als ſie über den Neckar gekommen waren, fragte Katha⸗ rina: Was ſind dies für Berge? und deutete auf eine wald⸗ bewachſene Gebirgskette, die grün und ſonnig vor ihren Blicken emporſtieg. Es ſind die Berge der Heimath, die Wächter deiner Kind⸗ heit, denen du, böſes Kind, entlaufen biſt. Ach, da iſt er! rief ſie wieder und deutete auf die Stadt, die ſich am Fuß des Gebirges entfaltete; die dunkle Geſtalt des Thurmes ragte aus ihrer Mitte empor, und in der Abendſonne leuchtete der goldene Engel, deſſen Fahne eben ein friſcher Süd⸗ wind gegen die drei Reiſenden wendete. Das iſt er! jubelte Franz. Grüß dich Gott, Katharina, du biſt daheim! Nun trafen ſie ihre Verabredung. Franz nahm es auf ſich, das Schauſpiel des Wiederſehens anzuordnen; er verſprach ihnen einen vertrauten Mann entgegenzuſenden, der ſie in Empfang nehmen ſollte, und eilte voraus. Er trat durch das Thor, aus dem er vor zwei Jahren gezogen war, die Ringmauern der Vaterſtadt ſchloſſen ihn wieder ein. Durch die alten Straßen, an wohlbekannten Häuſern vorüber, aus deren Fenſtern ſchon gaſtliche Lichter winkten, ſchritt er der Kirche zu, in deren rie⸗ ſigem Schatten das Vaterhaus lag. Um ſeine Rührung zu däm⸗ 70 pfen, hatte er einen Scherz erſonnen: als reiſender Handwerks⸗ geſell wollte er auftreten und ſich bei ſeinem Vater zur Arbeit oder zur„Ausſchenk“ anmelden; denn das Handwerk war eines von den„geſchenkten“, das heißt, von denen die an wandernde Ge⸗ ſellen aus der Lade Geſchenke ertheilten. Die beiden Eltern ſaßen in der großen Stube bei Licht, und ſprachen von dem fernen Sohne; eben ſagte der Vater: In Attendorn darf er mir jetzt nicht lang mehr bleiben, ent⸗ weder muß er zurück zu mir oder— Da klopfte es an die Thüre. Alle guten Geiſter! rief die Mutter und ſchmiegte ſich ängſtlich an den Vater; denn bei Nacht, glaubte man, klopfe nichts Geheures an. Sei nicht ſo einfältig, Weib! wer wird's ſein? vielleicht ein Reiſender, der nicht weiß was man hier zu Lande für Aber⸗ glauben hat. Nur herein! Die Thüre ging auf und herein trat der Fremdling. Er begann den üblichen Spruch und ſagte beſcheidentlich: Mit Gunſt, Meiſter. Ich bin ein fremder Glockengießergeſell und begehre bei dem Meiſter in ſeiner Werkſtatt zu arbeiten, ſeinen Schaden zu wenden und ſeinen Nutzen zu fördern. Kann mir ſolches widerfahren, ſo wäre es mir ein guter Dienſt. Die Mutter hatte ihn ſogleich erkannt und drohte ihm hin⸗ ter des Vaters Rücken mit dem Finger. Der Vater aber erkannte ihn nicht und antwortete ihm in derſelben Weiſe: Mit Gunſt, Fremder. Ich bedanke mich für diesmal ganz 5 freundlich. Was iſt Euer Begehren weiter? Es iſt mein Begehren eine friſche, freie und redliche Aus⸗ ſchenk, wie es einem ehrlichen Glockengießergeſellen gebürt und zuſteht, der ſein Handwerk ehrlich und redlich erlernt hat. Kann mir ſolches widerfahren, ſo wäre es mir lieb. Kommt mir von — Euch oder ſonſt woher ein anderer ehrlicher Glockengießergeſell wieder zu Handen, ſo will ich ihm dasjenige wieder erweiſen, nach Handwerksgewohnheit und Gebrauch, nach ihrem Begehren und nach meinem Vermögen. Mit Gunſt, Fremder. Wo ſeid Ihr zu einem Geſellen ge⸗ macht worden? Mit Gunſt, in Wien.— Ein Scherz, dachte Franz, iſt keine Lüge. Wo habt Ihr zum letzten gearbeitet? In Nürnberg. Der Vater fühlte ſich geſchmeichelt, daß ein Geſell von ſol⸗ chen Städten her zu ihm komme. Er fuhr fort: Mit Gunſt. Was iſt Euch anbefohlen worden? Es iſt mir anbefohlen worden von Meiſtern und Geſellen in Nürnberg, ich ſoll Meiſter und Geſellen allhier fleißig grüßen von wegen des Handwerks. Sei Dank von wegen Meiſter und Geſellen. Iſt Euch ſonſt nichts anbefohlen oder mitgegeben worden?. Mit Gunſt, es iſt mir anbefohlen und mitgegeben worden ein kleiner Zettel, den ſoll ich mir ſo lieb ſein laſſen als mein eigen Leib und Leben und ehrlichen Namen, und ſoll ihn auf⸗ weiſen bei Meiſter und Geſellen, wo das Handwerk redlich und ehrlich iſt. Wo es aber nicht ehrlich und redlich iſt, da ſoll ich's helfen ehrlich und redlich machen, ſoll ſtrafen, was ſtrafen heißt, ſoll ſtrafen, daß ihnen der Beutel kracht und mir mein junges Herz im Leibe lacht. Mit Gunſt, Meiſter, ſeht ob die Kundſchaft gut iſt. Nachdem Franz dieſen Geſellengruß, der die löbliche Ver⸗ bindung der Handwerksgenoſſen zu gegenſeitiger Förderung und Unterſtützung ſo treuherzig ausſpricht, in der üblichen eintönigen, halb ſingenden Weiſe vorgebracht hatte, zog er das Zeugniß von ſeinem Meiſter hervor. Der Vater ging damit an's Licht und fing mit Erſtaunen an zu leſen: Attendorn, den—— Da vernahm er den Schall eines herzhaften Kuſſes. Er wandte ſich um, und nun erkannte er den Sohn, der in den Armen der Mutter lag. Was, rief er, gottloſer Junge, deine alten Eltern ſo zu betrügen! und faßte ihn wohlgefällig, um ihn ebenfalls an's Herz zu ſchließen. Da bin ich wieder, liebe Eltern, ſagte Franz. Vergebt mir, daß ich Euch ſo unangemeldet über die Schwelle ſpringe, aber ich will mich noch darüber rechtfertigen; daß ich nicht muth⸗ willig davon gelaufen bin, beweist der Zettel dort. Der Vater nahm eifrig das Papier wieder auf und las. Du biſt ja ein wackerer Burſche geworden! ſagte er hierauf vergnügt.. Nun, wenn Ihr mit mir zufrieden ſeid, erwiderte Franz, ſo könntet Ihr mir gleich eine Bitte erfüllen. Es ſoll geſchehen, wenn's nichts Unſtatthaftes iſt. Richtet noch auf dieſen heutigen Abend einen kleinen Nacht⸗ trunk an und ladet, ich bitte Euch inſtändig, den alten Bürger⸗ meiſter, den Herrn Matthäus Baur, auch ſeine Frau und noch einige andere Verwandte und Freunde dazu. Was ſoll das? jetzt, da es ſchon ſo ſpät iſt? Fraget nicht, lieber Vater, Ihr werdet Alles erfahren. Glaubet nicht, es ſei eine ſündliche Eitelkeit von mir, und ich wolle aus meiner Ankunft ein Feſt machen; nein, es hat ſeinen guten Zweck, ich habe etwas auf dem Herzen, etwas Wichtiges, was ich da entdecken will. Ich bitte Euch, Vater, thut mir die Liebe. Der Vater ſah wohlgefällig auf den männlich gebildeten Sohn und gewährte ſeine Bitte. Während er nach ſeinen Gäſten 73 umherſendete, wollte die Mutter den Sohn ausforſchen; er ver⸗ traute ihr jedoch nur einen Theil ſeines Geheimniſſes an, ſo weit er ihrer Mitwirkung bei ſeinem Vorhaben bedurfte. Aber da fällt mir auf einmal ein, ſagte ſie, die Bürger⸗ meiſterin wird ſchwerlich kommen; es iſt heut der Dreiundzwan⸗ zigſte, weißt du? und den feiert ſie immer noch in tiefer Trauer um ihr verlorenes Kind. Dann, erwiderte Franz, thut mir den Gefallen, Mutter, und ſendet noch einmal ausdrücklich zu ihr: es ſei mein liebſter Wunſch und meine höchſte Bitte. Der Eintritt ſeiner Geſchwiſter, die ſich jetzt herzufanden, unterbrach die Berathung, und die Mutter eilte ihm ſeinen Willen zu thun. Die Geſellſchaft hatte ſich verſammelt. Franz ſaß zwiſchen ſeinem Vater und ſeiner Mutter, gegenüber hatten Herr Matthäus und ſeine Frau, die nur mit ſchwerer Ueberwindung gekommen war, ihren Platz genommen. Franz bemerkte mit einigem Schrecken, daß auch Regine zugegen war, um ſo mehr, da ihm ſeine Mutter zuflüſterte, ſie ſei noch zu haben, und man ſage ſich in's Ohr, ſeine Abreiſe ſei ihr ſehr zu Herzen gegangen, zumal nachdem ſich eine andere Ausſicht, die ſie vielleicht vor⸗ gezogen haben würde, zerſchlagen habe. Durch die Verhei⸗ rathung eines Bruders war ſie der Gefreundſchaft einverleibt worden, und daher kam es daß man ſie eingeladen hatte. Sie deuchte ihm aber nicht mehr ſo ſchön wie einſt, ſie war etwas magerer geworden, und ein grabender Unmuth war in ihrem Geſichte zu leſen, der ihr einen unangenehm ſcharfen Zug an die Mundwinkel geſchrieben hatte und ihre Naſe über Gebür hervortreten ließ. Eine neugierige Baſe, welche feſt überzeugt war den Na⸗ gel auf den Kopf zu treffen, ſagte im Verlauf der fröhlichen Unterhaltung zu ihm: Jetzt wird man dem Herrn Vetter bald gratuliren dürfen. Wozu? Zur Brautſchaft.— Dabei ſah ſie Reginen an, die über und über roth wurde. Franz wollte eben etwas erwidern, als ſeine Mutter aus der Stubenkammer, wohin ſie von Zeit zu Zeit gegangen war, zurückkam und ihm ein leiſes Zeichen gab. Alſo zu einer Braut⸗ ſchaft wollt Ihr mir Glück wünſchen, wandte er ſich nunmehr zu der Baſe, und wen habt Ihr mir zugedacht? Ei ja, gab ſie zurück, das ſind Eure Sachen, Vetter, in die ich mich nicht miſche; aber es ſind hübſche und vermögliche Mädchen genug in der Stadt, und ich glaube, Ihr braucht Euch nicht weit umzuſehen, um die rechte zu finden. So meine ich auch, erwiderte Franz, und wenn meine lieben Eltern nichts dagegen einzuwenden haben, ſo bin ich heute noch geſonnen, mir eine Braut zu wählen. Die Frau des Bürgermeiſters wiſchte ſich die Thränen aus den Augen, ſeine Eltern ſaßen wie auf Kohlen, und der Vater blickte ihn zornig an, aber Franz fuhr fort: Und doch würdet ihr diejenige ſchwerlich errathen, der ich mein Herz zugewendet habe, wiewohl meine Brautſchaft ſchon ſehr alt iſt. Nur dieſe Einzige könnte ich zum Weibe nehmen, wenn ihr Vater, der Herr Bürgermeiſter, meinen Wunſch erfüllen und mir meine längſt verlobte Braut heute wieder beſtätigen wollte. Biſt du wahnſinnig, Junge? rief ſein Vater, oder willſt du dieſen meinen achtbaren Herrn und Freund mit Fleiß betrüben? Weder das Eine noch das Andere, verſetzte Franz, meine Abſicht iſt gut, ich will ihm ſeine Tochter und mir meine Braut ——j ÿö 75 wieder geben. Ich habe in Weſtphalen eine große Zauberkunſt erlernt, ich kann die Todten wieder lebendig machen, und ver⸗ ſpreche, die verlorene Katharina auf der Stelle hieher zu be⸗ ſchwören, wenn ihre und meine Eltern mir zuſichern, daß ſie dann mein Weib werden ſoll. Ein allgemeines Staunen folgte dieſen Worten, Alles ſchwieg und blickte auf den kecken Jüngling, der ſo toll zu ſcherzen wagte. Nur Katharinens Mutter ſagte ſchluchzend: Ach ja, von Herzen gern! Aber Franz erhob ſich und rief, indem er in die Hände klatſchte: Die Todten ſtehen auf! herbei, Katharina, herbei! Eine Seitenthür öffnete ſich, Katharina trat an Meiſter Woltmanns Arm herein. Nun entſtand ein großer Aufruhr; einige der Weiber glaub⸗ ten im Ernſt, Franz könne hexen, und hielten die Fremde in ihrer ausländiſchen Tracht für ein Geſpenſt; aber Franz eilte ihr entgegen und führte ſie zu ihren Eltern. Hier, Vater, ſagte er, hier, Mutter, iſt Eure Tochter; Ihr hofftet ſie in Eurem Leben nicht mehr zu ſehen, uber der Himmel hat ſich ihrer ange⸗ nommen und ihr in dieſem Manne einen liebevollen Pflegevater beſcheert. Darauf ſtellte er den Meiſter Chriſtoph Woltmann ſeinem Vater vor. Die beiden Jugendfreunde weinten vor Freude, als ſie einander, mehr aus Erinnerungen der ver⸗ gangenen Zeiten und Begebenheiten, als an der Geſtalt, er⸗ kannten. Katharina aber lag ihrer Mutter an der Bruſt und ſah ihr unverwandt in's Angeſicht, bis Herr Matthäus ſie ihr aus den Armen nahm. Es iſt meine Tochter, rief er, ich erkenne ſie an der Aehnlichkeit mit dir; ſo ſahſt du aus, als wir Beide noch jung waren und ich um dich freite. Die Anweſenden ſchwankten zwiſchen Glauben und Zweifel, 76 und die Ankömmlinge mußten immer wieder von neuem und ausführlicher erzählen.— Was man wünſcht, das glaubt man, bemerkte endlich Regine mit bitterſüßem Lächeln. Ja, ich glaube es, aber ich will's gewiß wiſſen! rief Ka⸗ tharinens Mutter zitternd vor Spannung. Unſer Kind hatte ein Muttermal am linken Knöchel; wenn auch das noch zutrifft, dann iſt Alles ſicher wie das Evangelium. Sie nahm das tief erröthende Mädchen bei der Hand und führte ſie hinaus. Franz, deſſen Ueberzeugung bis jetzt uner⸗ ſchütterlich geweſen war, ſchwebte in peinlicher Angſt. Nach wenigen Augenblicken aber traten Beide wieder herein und die Mutter rief: Sie iſt es, ſie iſt unſere Tochter, ſie hat das Zeichen! Nun war ein allgemeiner Jubel, Vater und Mutter ſtritten ſich um die Tochter und wollten ſie liebkoſen, Alles drängte ſich herzu und bewillkommte die Wiedergefundene. Franz ſah ſeinen Vater an, dieſer erhob ſich, nahm ihn bei der Hand und trat mit ihm zu den glücklichen Eltern. Ich mache unſere alte Ueber⸗ einkunft wieder geltend, ſagte er, und komme zu euch als Braut⸗ werber für dieſen meinen Sohn; wir können, glaube ich, nichts mehr als Ja ſagen, denn die Hauptſache iſt, ſcheint mir's, zwi⸗ ſchen den beiden jungen Leuten ſchon in's Reine gebracht. Er ſoll ſie haben! rief Herr Matthäus, zog ſeinen Ring vom Finger und gab ihn Katharinen; ebenſo that Franzens Mutter mit ihrem Sohne. Die Verlobung wurde geſchloſſen, und Franz drückte ſeinem lieben Mädchen den Brautkuß auf die Lippen. Nun ſich Alles ſo glücklich gefügt hat, ſagte Meiſter Wolt⸗ mann, entſage ich hiemit allen Vaterrechten auf meine Pflege⸗ 77 tochter, trete ſie ihren wahrhaftigen Eltern ab und gebe ſie ihrem angeborenen Glaubensbekenntniß zurück. Und was Euch ſelbſt betrifft, lieber Vater, ſagte Katharina zu ihm, ſo dürft Ihr uns nun und nimmermehr verlaſſen. Ich kann es mir nicht denken, daß wir ſo weit aus einander leben ſollten, und muß Euch wenigſtens einmal täglich ſehen. So geht es mir auch, rief Franz, und ich erbiete mich, Euch nach Weſtphalen zurückzubegleiten und Eure Ueberſiedlung bewerkſtelligen zu helfen. Wir brauchen uns Beide nicht ſo viele Mühe zu geben, erwiderte der Meiſter mit lachendem Munde: ich habe für den Fall, daß Ihr mich bei Euch behalten wollt, das Alles ſchon im Voraus beſorgt und in den letzten Wochen mit dem Ma⸗ giſtrat von Attendorn abgeredet. Die Stadt kauft mir mein Haus, meine Güter und mein Privilegium ab, und hat ſich ver⸗ pflichtet, wenn ich nicht zurückkommen ſollte, dem Boten, den ich ſenden würde, die ganze Summe nebſt dem Teſtament, das meine Tochter Katharina zu meiner Erbin einſetzt, auszuliefern. Ich darf ſie doch noch ſo nennen? Es wäre gewiß unbillig, wenn bei dieſer wunderbaren Fügung ich allein leer ausgehen und mein Kind auf meine alten Tage verlieren ſollte. Um dem Müßig⸗ gang zu ſteuern, will ich mir Güter und Weinberge kaufen, die mir etwas Neues ſind, und an Regen⸗ und Wintertagen hat vielleicht mein alter Freund eine Gießpfanne übrig, an der er mich als freiwilligen Geſellen beſchäftigen mag. Von Herzen gern! rief dieſer, und der Entſchluß des Mei⸗ ſters wurde von den beiden neuverbundenen Familien freudig begrüßt. Nach wenigen Wochen feierten Franz und Katharina ihre Hochzeit. Wie ſie in der fröhlich theilnehmenden Schaar der 78 Gäſte dort am Ehrenplatz unter dem Schmettern der Muſik und dem Klingen der Gläſer ſo ſelig Hand in Hand ſitzen, ein ſchmuckes junges Paar! Und doch koſtet es mich eine einzige Formel, und ich ſtreue ihnen jene zauberhafte Aſche auf die blühenden Häupter, vor der ſie ſelbſt in Aſche zerſtäuben. Und dieſes Zauberwort heißt: es war mein Urgroßvater und meine Urgroßmutter. Sanft ruhe ihre Aſche! Wie der Großvater die Großmutter nahm. — Ich war ſchon dreißig— erzählte mir einmal der Groß⸗ vater, ohne damit auf das Mantellied anzuſpielen, denn das gab es damals noch nicht.— ich war ſtark dreißig, und wiewohl ich unter meinen bereits verheiratheten Geſchwiſtern der Stamm⸗ halter war, ſo hatte ich doch immer noch keine Frau. Dies kam von meiner großen Schüchternheit her: ich hatte nicht das Herz, einem Mädchen keck in die Augen zu ſehen, und fand auch wenig Gelegenheit dazu, weil ich nicht tanzen konnte und deshalb niemals auf den Tanzplatz kam. Mein Vater war ſehr ungehalten hierüber und ſagte oft zu meiner Mutter: Es iſt eine Schande, alle ſeine Brüder und Schweſtern ſind untergebracht, und er, der Aelteſte, läuft mir noch ledig in der Welt herum! Man muß ja bei Gott glauben, die Mädchen halten ihn für einen Dummkopf oder wir können ihm nichts mehr mitgeben!— Aber die Mutter pflegte ihn zu beſchwichtigen und ſagte: Laß ihm doch ſeine Art, Vater; es kommt nichts Gutes dabei heraus, wenn man einen Menſchen zu etwas zwingt, und der liebe Gott wird gewiß auch noch für ihn ſorgen. Das that er auch. Eines Sonntags ging ich am Zwinger ſpazieren, allein, nach meiner Gewohnheit, denn mit meinen ehemaligen Genoſſen konnte ich wenig Umgang mehr haben, Kurz, Erzählungen. 6 82 weil ſie ſich zu ihren Weibern hielten, und die jüngern paßten auch nicht für mich. Da ging ich ſo ſtill meines Wegs, und freute mich am Sonnenſchein, als mir auf einmal ein Papagai in die Augen fiel, der in einem der Zwingergärten im Salate ſaß. Ich kannte ihn wohl, er gehörte der Tochter des Stadt⸗ phyſikus, des Herrn Doctor Rieber. Dieſer Herr Doctor Rieber war ein ſehr geſchickter Arzt, übrigens aber ein ſonderbarer Mann, was man ſchon daran ſehen konnte, daß er preußiſch ſprach. Er war nämlich im ſieben⸗ jährigen Kriege geweſen und ahmte in ſeinen Manieren, beſon⸗ ders aber in ſeinem Hauscommando, den großen Fritz nach, auf den er jedoch ſonſt übel zu ſprechen war. In der Schlacht bei Zorndorf hatte ihn nämlich eine Kanonenkugel, die von der Seite hergeflogen kam, geſtreift und auf eine Weiſe verwundet, daß ihm das Sitzen und Gehen für geraume Zeit, das Reiten auf immer unmöglich wurde. Der Feldſcheerer erſetzte den Verluſt durch ein Stück Kalbfleiſch, aber von Kriegsdienſten konnte natürlich keine Rede mehr ſein, und der gute Rieber wurde mit einer geringen Gratification entlaſſen.„Ich habe mein Geld nicht für Ausländer,“ ſagte der König, der damals nicht in der beſten Laune war:„warum iſt Er der Kugel nicht aus dem Weget gegangen?“ Daher behielt der Herr Doctor Rieber ſein Leben lang einen Grimm gegen den großen König, und wenn die Rede auf ihn kam, ſo rief er unwillig aus: Ein großer Tyrann war er, und hat mir ungerecht meinen wohlverdienten Lohn entzogen, weil mir nicht gleich ein ſo guter Witz einfiel, wie jenem Soldaten, der ihm auf die Frage:„In welcher Kneipe biſt du ſo zerkratzt worden?“ zur Antwort gab:„Bei Zorndorf, wo Ew. Majeſtät die Zeche bezahlt haben.“ Freilich konnte der König dieſe Frage nicht an ihn richten, denn die Wunde war ja nicht im Geſicht. Aber deſſen unge⸗ 83 achtet galt er weit und breit für einen Arzt, der wenig Patien⸗ ten ſterben laſſe. Wer ihn kannte der hatte ein unbedingtes Vertrauen zu ihm, aber die Apotheker waren ihm nicht grün, denn er wendete wo möglich bloße Naturmittel an und pflegte zu ſagen, wenn die Leute durch eine unvernünftige Lebensweiſe ihren innern Menſchen verſchmiert und verſudelt haben, ſo glauben ſie ihn mit Mixturen abzuwaſchen, aber dadurch werde er meiſt nur noch ſchmutziger. Unter andern Eigenſchaften hatte er die, daß er es nicht leiden konnte, wenn Jemand ein Licht ausblies. Er pflegte darüber ſo wild zu werden, daß er alle Faſſung verlor und den Leuten unerhörte Grobheiten machte. In dem Geruch eines ausgeblaſenen Lichtes, ſagte er, ſei alle Infamie und Niederträchtigkeit der Welt verſammelt, und wer dieſen Ge⸗ ruch einathmen könne, ohne des Teufels darüber zu werden, der müſſe eine verſtunkene Seele haben; man ſollte ſolche Stink⸗ ſeelen als Giftmiſcher beim Kopf nehmen, denn der Höllendunſt, in den ſie verliebt ſeien, ſitze ihren Nebenmenſchen heimtückiſch auf die Bruſt und bringe Krankheiten hervor, von welchen Niemand ahne wo ſie herkommen, ja ganze Seuchen brüte dieſer Unfug aus, weil er leider ſo ſehr verbreitet ſei. So konnte er Stunden lang fortwettern, und weil er in unſerem Hauſe als Orakel galt, ſo iſt dieſe ſeine Eigenheit an uns hän⸗ gen geblieben, daher ſich ſchon ein Manches über uns aufgehalten hat, daß wir ſo zarte Naſen haben. Es hilft aber Alles nichts, ich rieche eben lieber an einer Roſe, als an einem ausgeblaſenen Licht. Sie ſagen, weißt du, wir haben ein„bordirtes Hütlein“ auf; aber das rührt eigentlich von meinem Herrn Ehni her, vom alten Pugio, dem ſie nachſagen, daß er als Senator einen ſolchen Hut getragen habe. Nun, alſo der Herr Doctor Rieber hatte eine Tochter, 6* 84 Namens Salome, die an Geſtalt keinem Mädchen in der Stadt nachſtand. Freilich hielt man ſie für ſtolz, denn ſie kam wenig unter die Leute, und ob ſie gleich nicht preußiſch ſprach wie ihr Vater, ſo lauteten ihre Reden doch etwas vornehmer als bei andern Leuten. Am meiſten Aufſehen aber machte ihr Papagai, der allerdings in unſerer guten Stadt eine große Seltenheit war. Sie hatte ihn von einem Vetter, der eine Reiſe nach Holland und Oſtindien gemacht und große Reichthümer mitzu⸗ bringen verſprochen hatte, zum Geſchenk erhalten; das Glück war ihm nicht günſtig geweſen, und um nur nicht mit leeren Händen zu kommen, brachte er ſeinem Bäschen den ausländiſchen Vogel mit. Eine Kiſte voll Goldwaaren hätte ihr keine größere Freude machen können. Sie gab ſich Tage lang mit dem Vogel ab, deſſen Käfig unter dem Fenſter hing und der allerlei wun⸗ derliches Zeug von ihr krächzen lernte. Bald rief er ſie bei ihrem Namen und wünſchte ihr guten Morgen, bald ſchalt er die Vorübergehenden oder kauderwälſchte einige lateiniſche Brocken, die er dem Doctor abgelernt hatte. So oft ich unter ihrem Fenſter vorüberging, blieb ich ſtehen, wie andere Leute auch, und ſchaute nach dem Papagai. Niemand konnte daran Aergerniß nehmen, aber Salome, die faſt immer neben d Käfig ſtand, mochte glauben, ich gucke nach ihr, denn ſie verz den Mund ſchelmenmäßig, wenn ich ſo vorüber ging und hi aufſah; wenn ich ſie aber ſo lächeln ſah, da kamen mir doch auch dieſe und jene Gedanken. Als ich nun des Vogels anſichtig wurde, ſagte ich zu mir: Wie wird ſie betrübt ſein, daß ihr der Vogel entflohen iſt! Du mußt ihn aus dem Salate holen, und wenn auch ein paar Länder darüber Schaden leiden ſollten. Salomel rief er, Bomben und Granaten, wo ſteckſt du denn? Ich ging auf ihn dar, er that ſehr bös und krächzte: 85⁵ Manum de tabula! aber es half ihm nichts, daß er den Lieb⸗ lingsausdruck ſeines Herrn ſo paſſend anwandte. Ich ergriff ihn, in der Schnelligkeit jedoch mußte ich ihm den Schnabel freilaſſen und er hieb mich tüchtig in den Finger. Ich verbiß den Schmerz, hielt den Papagai an Kopf und Flügeln feſt und trug ihn nach ſeinem Gefängniß zurück, wobei er aus Leibeskräften ſchrie und ſchimpfte. Salome war in großen Freuden, als ſie den Ausreißer in meinen Händen ſah. Auf ihren Ruf kam auch ihr Vater herzu und ſagte: Er iſt ein braver Burſche, hört er? und couragirt! denn die kleine Beſtie hätte ihn übel zurichten können; doch das hat Er vielleicht nicht gewußt. Nein, ſehen Sie, Papa, rief Salome, der Vogel hat ihn gewiß gebiſſen, er hat ja ſein Taſchentuch um die Hand ge⸗ wickelt. Warum hat Er denn die Hand verbunden? fragte ſie mich. Laß Er ſehen! O incommodir' Sie Sich nicht, ſagte ich, Sie kann nichts daran ſehen. 3 Sreilich! Was iſt es denn? Nun, der Vogel hat ein wenig nach mir gehackt. Laß Er ſehen! laß Er ſehen! Ach Gott! das ſieht ja ſchrecklich aus, wie der Finger zugerichtet iſt! ich will ihn ver⸗ binden. Manum de tabula! rief Herr Doctor Rieber und hinkte mit ſeiner Krücke herzu: was verſtehſt du von einer Wunde, Naſeweis? Wie, laßt mal ſehn: ja, ja, Er hat eins abgekriegt, der Papagai führt keine ſchlechte Waffengattung; aber ſei Er nur ruhig, es hat nichts zu bedeuten, das wollen wir bald wieder im Reinen haben. Salome, geh und hol' mir meinen Wundbalſam, du kennſt ja das Glas. Salome! Bomben und Granaten, wo ſteckſt du denn? rief er, als ſie nicht ſogleich 86 wieder zurückkam. Endlich brachte ſie den Balſam. J der Satan, Mädchen, ich glaube du haſt geweint? Warum haſt du geweint? Sie zögerte mit der Antwort. Du haſt rothe Augen; was iſt dir geſchehen? Warum haſt du geflennt? Weil der Papagai dem— Sie ſtockte. Dem? Was dem? Dem— Sie ſah auf mich. Dem da was zu Leide gethan hat? Ja, ſchluchzte ſie und brach wieder in Thränen aus. Dummes Mädel, brummte der Vater, es hat ja gar nichts zu ſagen! Gib her, mein Balſam wird mehr helfen als deine Thränen. So, jetzt halt Er die Hand her,'s thut nicht weh, brennt nur ein wenig. Ich hielt ſtill, um das mitleidige Mädchen nicht noch mehr zu betrüben. Nun iſt's fertig, jetzt, Salome, kannſt du ihm die Hand verbinden. Ich kam ganz in Verlegenheit, wie ſie mit ihren klei Fingern meine Hand anrührte. Als es geſchehen war, Herr Doctor Rieber: Komm' Er morgen wieder her, hört daß ich nach der Wunde ſchauen kann. Adien Nun, Salome, bedankſt du dich nicht? Sie dankte mit einem zierl lichen Knix und ſagte: Adieu, komm' Er morgen wieder her. 8 Als ich Abends nach Hauſe kam, fiel meine verbundene Hand Allen auf. Sonntags aßen nämlich alle Söhne und Söhnerinnen bei den Eltern zu Nacht. Sie fragten was mir geſchehen ſei, und ich mußte die ganze Geſchichte erzählen, wobei ich tüchtig roth wurde. Die Mutter lächelte und gab dem Vater die Hand. Ich wußte nicht was dies bedeuten ſollte; aber die — 87 Andern lachten ebenfalls und meine Brüder hießen mich von Stund an den Vogelſteller. Am andern Tag kam ich wieder zum Herrn Phyſikus, am dritten und vierten ebenfalls und ſo fort, bis mein Finger ge⸗ heilt war. In dieſer Zeit war ich ſo bekannt im Hauſe gewor⸗ den, daß er mich einlud, ich ſolle immerhin wieder kommen, wenn ich ihn jetzt auch nicht mehr nöthig habe. Ich war froh, daß er dies ſagte, denn ich hätte mich an der andern Hand auch verwundet, wenn mir die Gelegenheit in's Haus zu kommen ausgegangen wäre. Von da an ging ich häufig hin, und Herr Doctor Rieber ſchien das nicht ungern zu ſehen. Wenn der Vater nicht zu Hauſe war, traf ich die Tochter. Natürlich war der Papagai faſt immer der Gegenſtand unſerer Unterhaltung. Sie erzählte mir, wenn ich kam, wie er ſich in der Zwiſchenzeit befunden und was er für Schelmenſtreiche ausgeübt habe. Ich ſteckte ihm den Finger in den Käfig, dann rief er: Manum de tabula! und hackte nach mir. Wenn ich nun nicht ſchnell genug zurück⸗ fuhr und noch ein wenig von ſeinem Schnabel getroffen wurde, ſo neckte ſie mich, und ich ließ mich oft abſichtlich von ihm zwicken, nur um von ihr geneckt zu werden. Einmal hatte ſie in meiner Abweſenheit einen Scherz aus⸗ gedacht und den Vogel die Worte„ungeſchickter Hans!“ gelehrt. So wie ich nun in's Zimmer trat, fuhr der Vogel wie beſeſſen im Käfig umher undſchrie an einem fort: Ungeſchickter Hans! ungeſchick⸗ ter Hans! Ich wußte wohl, daß ſie ſich irgendwo verborgen hatte, um den Spaß mit anzuhören, und drohte dem Vogel, ich ſchlage ihn auf den Schnabel, wenn er nicht ſtill ſei. Als ich ihm hierauf wirklich eins verſetzte, rief er um Hilfe: Salome! Bomben und Granaten, wo ſteckſt du denn?— Ungeſchickter Hans! erſcholl. es aus einem großen Kaſten, der im Zimmer ſtand. Da⸗ 88 durch ermuntert fing der Vogel ſein Spottlied wieder an. Wenn du nicht ſtill biſt, rief ich, ſo will ich den rechten Vogel auf den Schnabel treffen! und machte den Kaſten auf. Salome warf mir eine von ihres Vaters Perrücken in's Geſicht, daß ich in einer Staubwolke ſtand, und ſprang aus dem Kaſten hervor. Ich lief ihr nach und jagte ſie im Zimmer herum, ſie ſchrie, der Papagai tobte, und ich lachte, ſo daß es einen ſchönen Lärmen gab. Endlich erwiſchte ich ſie, und war eben im beſten Zuge meine Drohung in's Werk zu ſetzen, da rief es hinter uns: Manum de tabula! Aber es war nicht der Papagai, der ſich drein legte, ſondern es war der Papa. Der war ſo eben nach Hauſe gekommen und von dem Lärmen in's Zimmer gezogen worden. Fixſtern⸗ element! rief er: was ſoll das heißen von einem ehrbaren Junggeſellen in einem fremden Haus? Ich ſtand da, wie Butter an der Sonne. Ungeſchickter Hans! rief der Papagai, wie wenn der kleine Spitzbube wirk⸗ lich Menſchenverſtand gehabt hätte. Veer hat den Vogel das gelehrt? fragte Herr Rieber. Salome ſenkte die Augen.“ Aha, ich habe mir's gedacht. Und Er hat Satisfaction nehmen wollen? Nicht wahr? Ja, ſtotterte ich, ich wollte— Was Er gewollt hat, braucht Er mir nicht zu ſagen, ich hab's wohl geſehen. Hat Er ſie denn lieb? Freilich! Will Er ſie heirathen? Wenn Salome nichts dagegen hat. Nun, Mädchen, was ſagſt du dazu? Willſt du ihn? Sie ſchwieg verſchämt. 89 Höre, wenn du nicht antworteſt, ſo kriegſt du ihn auch nicht. Oder willſt du ihn nicht? Sag Nein! Salome lachte und rief: Bewahre, Nein ſagen thu' ich um alles in der Welt nicht! Duplex negatio affirmat! ſagte Herr Doctor Rieber. Nun, da hat Er ſie, halt' Er ſie wohl und warm, es iſt mein einzig Kind! und laſſ' Er ihre eigenſinnigen Launen nicht aufkommen! ſie bedarf einer guten Zucht, aber in Sanftmuth und Liebe! Hört Er? Ich verſprach alles Liebe und Gute. Aber, ſagte ich, jetzt muß ich nach Hauſe und die Einwilligung meiner Eltern holen. Die hat Er ſchon, ſagte mein Schwiegervater. Meint Er denn, Er hätte ſonſt ſo ungenirt zu mir kommen dürfen? Ich und Sein Vater haben ſchon längſt mit einander geſprochen. Ich werde daher Seine Eltern ſogleich holen laſſen, um die Ver⸗ lobung zu feiern. Meine Eltern kamen und gaben mit Freuden ihr Wort. Da nichts im Wege ſtand, ſo wurde feſtgeſetzt, die Hochzeit ſolle in vier Wochen ſein. Aber dieſe vier Wochen wurden mir ſauer. Kaum war Salome meine Braut geworden, als ſie ſich völlig gegen mich veränderte. Wo ſie mich vorher geneckt hatte, da quälte ſie mich jetzt. Immer wußte ſie etwas an mir auszuſetzen: meine Kleidung, mein Betragen, mein Gehen und Kommen, alles zog ihren Tadel auf ſich. Dazu hatte ſie ewig zu befehlen: bald mußte ich etwas thun, bald etwas laſſen, bald etwas bringen, bald etwas forttragen, und nichts konnte ich ihr zu Danke ma⸗ chen. Am meiſten aber peinigte ſie mich mit einer unbegreif⸗ lichen Eiferſucht: ſie wußte doch gewiß, daß ich für keinen Men⸗ ſchen in der Welt Augen hatte als für ſie, und doch, ſo oft wir von einem Spaziergang nach Hauſe kamen, warf ſie mir vor, 90 ich hätte nach dieſer oder nach jener geſehen. Dann ſchalt ſie mich und weinte. Ich bin doch recht unglücklich, ſagte ſie, einen ſo ungetreuen Mann zu bekommen! noch ehe wir verheirathet ſind, ſieht er ſchon nach andern. Ich gerieth oft in Verzweiflung, denn ich ſah nur zu ſehr, daß es ihr mit ihrer Eiferſucht der bitterſte Ernſt war, aber ihr Vater tröſtete mich. Laß Er ſie ganz machen, ſagte er, ſie weiß ſich in ihren neuen Zuſtand noch nicht zu finden; das wird ſchon alles anders werden. Bleib' Er für jetzt nur wie Er bisher geweſen iſt, aber nach der Hochzeit muß Er ihr die Zügel etwas ſtraffer anziehen. Ich habe ſie verzogen, denn ſie iſt mein einziges Kind, und wenn ich auch fluchte und wetterte, ſo wußte das unartige Ding doch wohl, daß es nicht mein Ernſt war. Ganz kurz vor der Hochzeit, als ich bei meiner Braut ſaß, geriethen wir halb im Scherz in einen Streit über ihr Braut⸗ kleid. Es war damals die Zeit, wo die Reifröcke nach und nach aus der Mode kamen, und ich war über dieſe Veränderung ſehr erfreut, weil ich das häßliche bauſchige Weſen nie hatte leiden können. Wunderlicher Weiſe aber bildete ſich Salome ein, dieſe Tracht ſtehe ihr beſſer als ein anliegendes Kleid, das doch ihre zierliche Geſtalt viel mehr gezeigt hätte. Wir ſtritten hin und her, bis ich endlich den Haupttrumpf auszuſpielen vermeinte und zu ihr ſagte: Du hältſt doch mehr auf die Mode als ich, wie magſt du nur ſo hinter der Mode zurückbleiben?— Seht doch! erwiderte ſie: was ſchwatzt er da von der Mode! was weißt denn du von der Mode, du ungeſchickter Hans?— Kaum hatte ſie das geſagt, ſo fiel auch der Papagei ein und rief unaufhör⸗ lich: Ungeſchickter Hans! ungeſchickter Hans!— Wie wir nun einmal im Scherze waren, drohte ich wieder, den Vogel auf den Schnabel zu ſchlagen; ſie wollte mir abwehren und indem wir „ 91 mit einander um den Käfig kämpften, ſtieß eines von uns Bei⸗ den— ich weiß heute noch nicht wer es war— das Thürchen auf, der Vogel ſchoß wie ein Pfeil heraus— Das Fenſter zu! rief Salome, aber es war ſchon zu ſpät, der Vogel hatte das offene Fenſter bemerkt, und ehe ich mich umſehen konnte, welches Fenſter offen ſei, war er draußen. Nun ging der Jammer an, und nachdem der Jammer zu Ende war, brach der Zorn aus, natürlich über mich: ich war an allem ſchuldig, ich hatte den dummen Einfall gehabt, nach dem Vogel zu ſchlagen, und ich war es natürlich geweſen, der die Thüre abſichtlich aufſtieß, der ſchon vorher das Fenſter ge⸗ öffnet hatte, um ihr dieſen Poſſen zu ſpielen. Ich mochte ſagen was ich wollte, ſie nahm keine Vernunft an; ich betheuerte, ich bat, ich ſchalt— alles vergebens! Ich verſprach nicht eher zu ruhen, als bis ich den Vogel wieder habe; er werde doch noch zu fangen ſein. Das rath' ich dir, ſagte ſie, denn ich verſichere dich, eh du mir den Vogel wieder zur Stelle ſchaffſt, darfſt du nicht daran denken, mich zur Frau zu bekommen. Ich ging trübſelig fort. Sie war ſeit vielen Tagen zum erſten Mal wieder guter Laune geweſen, und nun mußte die Freude ſolch ein Ende nehmen! Ueberall erkundigte ich mich vergebens nach dem Papagai. Erſt den andern Tag erfuhr ich, ein Bürger habe ihn im Wein⸗ berg geſehen und ergriffen, da ihn aber der Vogel ingrimmig gebiſſen habe, ſei er nicht im Stand geweſen ihn länger zu hal⸗ ten; darauf ſei der Vogel fortgeflogen, man wiſſe nicht wohin? Salome that nicht mehr böſe, als ich ihr dies hinterbrachte, be⸗ handelte mich aber mit einer ſo kränkenden Gleichgiltigkeit, daß ich mir feſt vornahm, alles anzuwenden, um den Papagai wie⸗ der zu bekommen. Nach einigen Tagen wurde ich wieder auf eine Spur geleitet: von einem benachbarten Dorfe kamen Leute 6 82 2 8 in die Stadt und erzählten gekegentlich, es ſei daſelbſt ein wun⸗ derſamer Vogel mit ganz buntem Gefieder aufgefangen worden. Ich ſagte dies meiner Braut ſogleich und machte mich am ſelben Tage noch auf den Weg. Wenn du ihn mitbringſt, ſagte ſie beim Abſchiede, ſo ſoll dir etwas Gutes widerfahren, und eher als du denkſt. Ich wußte nicht was dies zu bedeuten habe: wollte ſie mir vielleicht entgegengehen? Ich war noch nicht weit im Walde gegangen, auf dem Wege nach der Ortſchaft, wo der Flüchtling gefangen ſitzen ſollte, da begegnete mir ein Bauernmädchen, das mir auf meine Frage woher? berichtete, ſie ſei von oben dieſem Dorfe. Dann kannſt du mir vielleicht einen Gang erſparen, ſagte ich, denn ich ſuche dort etwas. Und was? Ich beſchrieb ihr den Vogel und ſagte ihr, er ſei aus fer⸗ nen Landen und gehöre meiner Braut. Ich will dir ein gutes Trinkgeld geben, ſetzte ich hinzu, wenn du mir wieder zu ihm verhilfſt. Ja, das wird ſchwer halten, erwiderte ſie. Warum denn? wie ſteht's denn mit ihm? Ha,'s ſteht gar nicht mehr mit ihm,'s liegt! Wie? Ja, unter dem Boden! Es werden ungefähr drei, vier Tage ſein, da hat ein Bube aus unſerem Dorf ſelbigen Vogel gefan⸗ gen, mit großer Mühe, denn er hat ihm die Finger tüchtig zer⸗ hackt. Darauf hat er ihn zu meinem Vetter, dem Schulmeiſter, gebracht, und hat ihn gefragt, was denn das für ein Thier ſei. Der Schulmeiſter hat's nicht gewußt und Niemand im Dorf hat's gewußt, aber Alles iſt zuſammengeſprungen, um den ſchecki⸗ gen Vogel zu ſehen. Endlich hat der Schulmeiſter geſagt, der Vogel werde nicht von Natur ſo ausſehen, er werde gefärbt ſein. — Nun hätten wir aber gar zu gern gewußt, wie er denn eigent⸗ lich ausſehe; alſo haben wir ihn in eine Schüſſel mit kaltem Waſſer geſetzt und haben ihm die Federn eifrig abgerieben, aber es iſt nichts runtergegangen. Das iſt noch nicht genug, hat der Schulmeiſter geſagt, verſuchet's einmal mit warmem Waſſer. Wir haben recht warmes Waſſer in die Schüſſel gethan und haben den Vogel eingeſeift und gerieben, wie'n Strumpf, aber 's iſt alles nichts geweſen. Dann haben wir's noch einmal im kalten probirt, aber der Vogel hat die Farb' nicht hergeben wollen. Nur iſt er ſo pfludrig worden und hat den Kopf hän⸗ gen laſſen, und hat kein Futter genommen, und wir haben ihm doch ein groß Stück ſchwarz Brod vor den Schnabel gehalten. Kurzum, ich glaub', das Bad iſt ihm nicht gut bekommen, und er iſt noch am nämlichen Tag krepirt. Da hat er uns doch erbarmt, weil er ſo ein ſchöner Vogel geweſen iſt, und wir haben ihm ein Gräblein gemacht und haben ihn in's Schul⸗ meiſters Garten vergraben. Das hörte ich ſehr ungern, und doch mußte ich lachen. Ihr ſeid recht dumme Leute, ſagte ich zu dem Mädchen, und beſon⸗ ders euer Schulmeiſter iſt mir ein ſauberer Gelehrter. Der Vogel hat von Natur ſo ausgeſehen und ihr habt nun meine Braut darum gebracht. Hättet ihr euch vorſtellen können wie viel der Vogel werth war, ſo hättet ihr ihn nicht ſo behandelt. Einen Papagai waſchen und anbrühen! Das iſt doch gar zu toll!— Ich mußte immer wieder lachen, aber das Mädchen nahm mir's ſehr übel und ging mit vielen Scheltworten davon. Ich wunderte mich, daß dieſe Leute ſo einfältig ſein konnten, denn ſie ziehen mit einem Blumenhandel in ganz Europa und halb Aſien herum, und hätten eben deswegen mehr Erfahrung haben ſollen als andere Bauern in der Gegend. Unter dieſen Gedanken kam es mir auf einmal vor, als 94 ſähe ich einen gelben Strohhut mit einem grünen Bande durch die Bäume ſchimmern. Salome trug einen ſolchen: ich ging auf den Ort zu, ſah aber nichts. Ich ſuchte in den Gebüſchen und rief, aber ſie kam nicht zum Vorſchein, und ich ging nachdenk⸗ lich in die Stadt zurück. Wie ich zu ihr kam, um ihr das Unglück zu erzählen, machte ſie ein paar Augen gegen mich, ſo wunderlich, daß ich nicht wußte wie mir geſchah. Sie ließ mich ruhig reden und machte nicht viel aus der Sache, auch ſprach ſie nur ein paar Worte, nicht freundlich und nicht unfreundlich, auch nicht gleich⸗ giltig, wie ſonſt; ich wußte gar nicht wie ich ſie nehmen ſollte. Aber ich hielt mich nach ihres Vaters Worten: ich dachte, es werde ſchon alles anders kommen, und beſchloß indeſſen ruhig zuzuſehen. Der Hochzeittag kam heran. Nach der damaligen Sitte konnten Braut und Bräutigam an dieſem Tage wenig bei ein⸗ ander ſein: die Braut mußte, bis man in die Kirche ging, bei den Weibern bleiben und ihre Glückwünſche annehmen; der Bräutigam trank ein Glas Wein mit den Männern; erſt bei Tiſche wurden ſie zuſammengeſetzt, hatten aber auch hier wenig Zeit, mit einander zu reden, weil ſie beſtändig herumgehen und den werthen Gäſten zuſprechen mußten. Ich konnte alſo an dieſem Morgen meine Braut wenig beobachten, war aber ſehr beruhigt, da ich ſie ſo gelaſſen ſah. Doch hatte ſie es durch⸗ geſetzt, ihren Reifrock anzuziehen. Ihr Vater ſagte deshalb zu mir: Laß Er ihr in Gottes Namen ihren Willen, den Reifrock kann Er ihr ja heut Abend in den Kaſten hängen und dann dafür ſorgen, daß ſie ihn nicht wieder ankriegt. 3 Die Glocken läuteten zur Kirche, wir gingen ſtillſchweigend neben einander her. Es war eine große Gemeinde verſammelt, denn man nahm es für eine Merkwürdigkeit, daß ich vieljäh⸗ 95 riger Junggeſelle mich doch noch in's Joch der Ehe ſpannen laſſen wolle. Der Herr Hauptprediger trat in den Altar und die Trauung begann. Als er mich fragte, ob ich gegenwärtige Salome zum Weibe haben wolle, ſagte ich mit lauter freudiger Stimme Ja, und war in meinem Herzen nur begierig, ob ſie es auch laut ſagen werde, denn gewöhnlich ſprechen die Bräute dieſes entſcheidende Wort nur mit halber zitternder Stimme aus. Aber als der Geiſtliche ſeine Frage an ſie richtete, vernahm ich ein eben ſo lautes und herzhaftes Nein! Pugio! rief ich in meinem Schreck und Grimm: was hat das zu bedeuten? Der Herr Hauptprediger verwies mir dieſen unkirchlichen Ausruf mit ſtrengen Worten, und fragte dann die Braut, was ſie zu ihrem ungewöhnlichen und unziemlichen Beginnen getrie⸗ ben habe? Ich werde mich nachher erklären, ſagte Salome; ſie ſah jetzt bleich und erſchrocken aus. Die Handlung war geſtört, die Verſammlung ging verwirrt aus einander und ich kam halb unſinnig vor Zorn und Scham nach Hauſe.; Meine Eltern waren nicht weniger beſtürzt über dieſen unerhörten Vorfall; ſie fragten mich, was ich denn dabei ver⸗ ſchuldet habe, aber ich konnte ihnen nichts ſagen, denn der Tod des Papagai's ſchien mir doch eine gar zu geringfügige Urſache zu ſein. Während wir ſo in aller Noth uns unterredeten, hinkte der Doctor Rieber mit feierlichem Anſtand zur Thüre herein und ſprach: Ich würde nach dem heutigen Vorgang nicht das Herz haben, vor dieſer ehrbaren Familie zu erſcheinen, wenn ich nicht dächte, hier müſſen Sonde und Meſſer her. Meine ungerathene Tochter hat mir nämlich geſtanden, ſie habe den heutigen Spektakel deswegen angefangen, um ihren Bräutigam für eine haarſträubende Untreue zu beſtrafen. Nun bin ich 96 zwar ſelber weit entfernt, ihrem Vorgeben ſo geradezu Glauben beizumeſſen, und würde auch im ſchlimmſten Falle ihren heutigen Streich nicht um ein Haar breit verzeihlicher finden, aber die Ehre des jungen Mannes ſowohl als meine eigene erfordert eine nähere Unterſuchung der Sache. Ich hatte ein gutes Gewiſſen und ſagte: Reden Sie, Herr Doctor! was hat ſie gegen mich vorgebracht? Sie behauptet, verſetzte er, Ihr habet eine Liebſchaft mit einem Bauernmädchen, und will ſogar wiſſen, Ihr ſeiet vor wenigen Tagen im Walde mit beſagter Perſon zuſammengekom⸗ men, wobei, wie ſie von Anfang an geargwöhnt, Euer Ausflug wegen des Papagai's zum Vorwand habe dienen müſſen. Alſo iſt ſie mir nachgegangen im Walde! rief ich, und er⸗ zählte was daſelbſt geſchehen war. Che ich aber noch ge⸗ endet hatte, klopfte es an der Thüre, und ſiehe da! vor uns ſtand jenes Bauernmädchen und bot Eier und Butter feil. Kaum hatte ſie mich erblickt, ſo rief ſie ärgerlich: Wenn ich gewußt hätt', daß Er da wär', ſo hätt' ich das Haus links liegen laſſen. Was hat er dir gethan, mein Kind? fragte Herr Doctor Rieber, der alsbald das Wort ergriff und vor ſie hintrat. Wüſt hat er mir gethan! erwiderte ſie. Zum Dank dafür, daß ich ihm das Maul gönnt hab' und hab' ihm Auskunft ge⸗ ben über ſeinen lumpigen Vogel, hat er mich eine dumme Gans geheißen. Alſo hat er dir nicht ſchön gethan? Was? Die böſe Welt behauptet, er habe dir Flattuſen gemacht. Das wollt' ich ihm vertrieben haben, beim Strahl! Ja, Flattuſen! Grobheiten hat er mir gemacht. Und von Euch laſſ' ich mir auch keine gefallen. Wenn Ihr meine Eier nicht wollt, 97 ſo brauch' ich auch Euer Geſchwätzwerk nicht. Unſer Eins läßt nicht mit ſich reden, als wär' man Euer Unterthan. Wir ſind nicht von Euren Dörfern, wir ſind wirtenbergiſch. Damit trappte ſie hinaus und ſchlug die Thüre hinter ſich zu. Die hat Haar auf der Zunge, ſagte Herr Doctor Rieber. Dann trat er auf mich zu und entſchuldigte ſich mit wohlgeſetz⸗ ten Worten wegen der Freiheit, die er ſich hier genommen habe. Da es nunmehr am Tage iſt, fuhr er hierauf fort, daß meine Tochter überdies nicht den mindeſten Grund zu ihrem unver⸗ zeihlichen Schritte gehabt hat, ſo will ich nunmehr dem Herrn die Satisfaction proponiren, die ich für ihn ausgedacht habe. Er ſoll Gleiches mit Gleichem vergelten: ich komme ſo eben von dem Geiſtlichen her, der ſich auf dringendes Bitten dazu ver⸗ ſtanden hat, meinen Plan ausführen zu helfen. Morgen ſoll nämlich die Trauung noch einmal ſtattfinden— Nein! rief ich, um alle Welt nicht— Nehme der Herr Vernunft an und laſſ Er mich ausreden: morgen, ſag' ich, ſoll die Ceremonie wiederholt werden, und wenn ich die ungezogene Dirne mit Gewalt in die Kirche ſchlep⸗ pen laſſen müßte. Dann werdet ihr zuſammen vor den Altar treten, und damit für ſie keine Ausflucht mehr übrig bleibt, ſo wird der Geiſtliche die Frage an ſie zuerſt richten; ſeid unbe⸗ ſorgt, ſie wird nicht Nein ſagen, dafür ſteh' ich Euch, ſie hat meinen Ernſt kennen gelernt. Sodann werdet Ihr, mein acht⸗ barer junger Mann, zu ihrer Beſchämung und Eurer Satis⸗ faction hierauf von Eurer Seite mit Nein antworten und da⸗ durch zu verſtehen geben, daß Ihr nichts von ihr wollt und ſie nicht werth achtet, Eure Frau zu werden. Herr Doctor, ſagte ich, das bring' ich nicht über's Herz! Junger Mann! rief er hitzig und griff an den Degen: nichts für ungut, aber das verſteht Ihr ganz und gar nicht! Kurz, Erzählungen. 7 98 Es iſt ein Schimpf, den Ihr nicht auf Euch ſitzen laſſen könnt, und wenn Ihr für Euch ſelbſt nicht Manns genug ſein ſolltet, ihn abzuwaſchen, ſo iſt es Eure Pflicht gegen Eure Eltern und auch gegen mich als ehrlichen Mann, meine Satisfaction anzunehmen. Geht zu Eurer Tochter, lieber Herr, verſetzte ich, und ſagt ihr, ſie habe nicht wohl an mir gethan, aber ich trage keinen Groll gegen ſie und ſei nicht im Stande ſie zu beſchimpfen. Bomben und Granaten! ſchrie er: Ihr müßt, Ihr mögt im Stande ſein oder nicht, und wenn Ihr nicht wollt, ſo habt Ihr's mit mir zu thun. Eine Execution in der Kirche! ſagte ich. Das geht ja gar nicht an. Wird ſchon angehen, wenn's morgen angeht! Wir ſind reichsfrei und haben unſer eigenes Conſiſtorium; wer fragt viel nach uns? So viel Macht haben wir ſchon, um eine widerſpen⸗ ſtige Dirne gehörig zu züchtigen! Nun trat mein Vater hervor, in dem ſich etwas vom alten Pugio regte: Herr Doctor, ſagte er, es thut mir leid um Ihre Tochter, aber ich muß Ihren Antrag annehmen, denn der Unglimpf wäre in der That gar zu groß, wenn er nicht in etwas ver⸗ golten und vertheilt würde. Wie geſagt, es thut mir leid, und es ſollte mir lieb ſein, wenn ſich ein anderer Ausweg finden könnte.. Das heißt geſprochen wie ein Ehrenmann, ſagte Herr Doctor Rieber, aber einen andern Ausweg gibt es nicht, und ſomit bleibt's bei der Verabredung. Er ging, nachdem alles beſprochen und feſtgeſetzt worden war. Mich fragte man gar nicht weiter bei der Sache, man be⸗ trachtete mich eben als den der den Schimpf der Familie rächen müſſe. Nur meine Mutter war theilnehmend gegen mich 99 und ſtimmte mir bei, daß hier aus Uebel nur Aerger gemacht werde. Es iſt jammerſchade um das Mädchen, ſagte ſie. Ich will ihr gewiß nicht das Wort reden, aber die Bräute ſind nicht immer ganz zurechnungsfähig. Das iſt ein Stand, in dem nicht jede gleich daheim iſt, und wenn man vollends in ſo kurzer Zeit, wie ſie, mit einem Sprung in ein völlig neues Leben hinein ſoll, ſo verliert man leicht den Kopf, und dann kann die Geſcheidſte oft die dümmſten Streiche machen. Ich glaube feſt, daß ſie den ihrigen bitter bereut, und nicht bloß wegen ſeiner Folgen; denn ihre Eiferſucht beweist, daß du ihr doch nicht gleichgiltig warſt. So weit ich mich auf Menſchen verſtehe, hätt' ich dafür bürgen mögen, daß etwas Rechtes aus ihr zu machen geweſen wäre. Freilich hat ſie ſich bodenlos verfehlt, und ich glaube nicht daß ich's ihr verzeihen kann; aber ich ſehe nur nicht ein, was du dabei gewinnſt, wenn du noch einmal mit ihr am Pranger ſtehen mußt. Doch vielleicht beſinnen ſich die Väter bis morgen auf etwas Beſſeres. 4 Aber dem war nicht ſo. Die Mutter verſuchte umſonſt den Vater anders zu ſtimmen: er drohte mir mit ſeinem höch⸗ ſten Zorn, wenn ich nicht gehorchen würde. Ein Angriff auf Herrn Doctor Rieber war ebenfalls vergeblich: er blieb viel zu ſehr auf ſeine Ehre, wie er'’s hieß, verſeſſen, als daß er nach⸗ gegeben hätte. Gib dich in Gottes Namen drein, es iſt nicht zu ändern, ſagte meine Mutter endlich, und ich ging zur feſt⸗ geſetzten Zeit in die Kirche. Eine große Menſchenmenge hatte ſich eingefunden, denn Herr Doctor Rieber gedachte, wie er ſich ausdrückte, nicht ein bloßes Manöver, ſondern eine Hauptaction zu liefern: öffent⸗ lich, wie der Frevel geweſen ſei, ſagte er, müſſe auch die Buße ſein. Die Meinigen begleiteten mich in die Kirche. Salome wurde mir erſt dort von ihrem Vater zugeführt. Sie ſah blaß 7* 100 wie der Tod und verweint aus, und wagte nicht die Augen gegen mich aufzuſchlagen, aber doch glaubte ich in ihrem Ge⸗ ſicht etwas Anderes als bloße Demüthigung zu leſen. Der Geiſtliche trat wieder in den Altar: Alles war neugierig und mäuschenſtill. Er hatte kein Buch mitgenommen, um die Trau⸗ ungsformel zu leſen, ſondern ſagte nur: Es ſind hier zwei Brautleute erſchienen, um vor Gott und dieſer chriſtlichen Ge⸗ meinde ihren Willen und Meinung gegen einander auszuſpre⸗ chen. Darauf winkte er uns zu ſich und fragte Salome zuerſt, ob ſie mich zum Manne haben wolle. Meine Mutter hatte recht geſprochen: es war mir wie wenn ich am Pranger ſtünde. Ich mußte meine Leidensgefährtin heimlich anblicken; ſie ſprach das Ja mit demüthiger Ergebung aus, weder zu laut noch zu leiſe. Da überkam mich ein unausſprechliches Erbarmen mit uns bei⸗ den, und als der Geiſtliche mich anredete und fragte, ob ich ſie zum Weibe haben wolle, ſprach ich mit feſter Stimme ein ge⸗ troſtes Ja. Dieſes Ja ging wie ein elektriſcher Schlag durch die Kirche, denn ich hörte hinter mir eine Bewegung— wenn man von einem ſtillen Windſtoß reden könnte, ſo wäre der Ruck bezeich⸗ net, der die Verſammlung durchlief. Aber ich hatte für Niemand Augen als für meine Braut. Sie war wie vom Donner gerührt, und wäre niedergeſunken, wenn ich nicht den Arm um ſie gelegt hätte. Nun ſah ich ſie erſt recht an, und auch ſie ſchlug jetzt die Augen gegen mich auf; aber ich könnte nicht ſagen daß ich in ihren Blicken etwas von einem Vorwurf gefunden hätte. Ich bot ihr, als ſie ſich wieder gefaßt hatte, die Hand, ſie ſchlug willig ein, und nun ſagte ich leiſe: Halte feſt an mir, ich werde dich nimmermehr verlaſſen. Der Herr Hauptprediger war über meine unerwartete Ant⸗ wort einen Augenblick betroffen geweſen, aber jetzt erhob er 4 101 beide Hände und rief: Gott ſegne dich, junger Mann, du haſt das beſte Theil erwählet.— Darauf ſegnete er uns ein. Soll ich noch weitläufig erzählen wie es weiter ging? Unſere Verbindung war nun einmal feſt geſchloſſen und nicht mehr rückgängig zu machen. Mein Vater wollte ſich anfangs nicht recht darein finden, wich aber doch endlich dem Zureden meiner Mutter. Dieſe war von ganzem Herzen vergnügt. Sie küßte meine Braut und ſagte lachend: Geſtern glaubte ich noch, ich könne dir nicht verzeihen, heute aber ſoll dir verziehen ſein, weil ich nun doch meine Hochzeitkuchen nicht umſonſt gebacken habe. Wer zuletzt einwilligte war der Herr Doctor Rieber. Er ſchalt mich einen Haſenfuß, ſagte, ich habe mit ſeiner Ehre Komödie getrieben, und dergleichen mehr, aber zuletzt ließ er ſich doch beſänftigen, und war im Stillen froh, daß es mit ſeinem einzigen Kinde noch ſo gut abgelaufen war. Salome hat mir nachher geſtanden, ſie hätte ſich ſchier die Zunge abgebiſſen über ihr Nein, aber ſie ſei wie im Fieber geweſen, und hat mir mein Ja durch Liebe und Treue vergolten ihr ganzes Leben lang. So erzählte mir der Großvater, und wenn ich im Nach⸗ erzählen etwas mehr geſagt habe, als ich aus ſeinem Munde vernahm, ſo kommt dies nicht auf Rechnung einer am Horn des Ueberfluſſes leidenden Gedächtnißkraft, ſondern daher daß mir die Geſchichte auch ſpäter noch manchmal von Andern, denen er ſie vielleicht anvertraut, und ausführlicher als er ſelbſt ſie dem Knaben erzählen mochte, mitgetheilt worden iſt. Manche alte Geſchichte erzählte er, wenn er mit mir im Feld oder Garten beſchäftigt war. Wir ſetzten uns dabei auf eine 102 Bank oder auf einen Rain und ruhten aus; wenn er dann ge⸗ nug erzählt hatte, gingen wir wieder an die Arbeit. Seine Habe beſtand nämlich, wie faſt der ganze Reichthum der Stadt, in Grundeigenthum, und ſo war ich zu jeder freien Stunde mit ihm im Garten, auf einem Baumgut oder einem Acker, lernte von ihm die Früchte kennen und die Bedingungen ihres Wachsthums, durfte auch nach Herzensluſt mit Hand anlegen, Aepfel, Birnen, Nüſſe ſchütteln oder ſammeln, in den Heuhaufen ſpringen, auf dem Garbenwagen fahren, Kartoffeln herausthun, und Trauben nicht bloß ſchneiden, ſondern auch treten. Beſonders luſtig war die Obſtleſe in den bucklig gelegenen Baumgütern, an deren Fuße der kleine Fluß vorübereilte; da mußte man ſich unten am Ufer aufſtellen und die den Abhang herabrollenden Aepfel wie Bälle auffangen, ehe ſie ins Waſſer hüpften. In ſeinen letzten Tagen verſprach er mir noch, ſobald die geeignete Jahres⸗ zeit gekommen ſein würde, mich das Impfen der Bäume zu lehren. Ich freute mich unbeſchreiblich darauf, aber er hielt mir nicht Wort, er ſtarb ehe die Zeit des Impfens gekom⸗ men war. Sein Lieblingsaufenthalt war ſein großer Garten, wo er mich in der Behandlung ſeines Blumenflors unterrichtete, der jedoch nicht ſonderlich vornehm war, ſondern aus einfachen Roſen, Nelken, Tulpen, Sternen, Sonnenblumen, Aſtern und Aurikeln beſtand. Sonſt ſah der Garten ſchlicht und altfränkiſch aus, wie der„Herr Ehni“ ſelbſt; denn ſo nannten wir Enkel den Großvater. Ein etwas ſchief hängender, von der Witterung entfärbter Bretterzaun umgab den Garten auf drei Seiten; die vierte war durch eine graue Mauer geſchloſſen, an die ſich in der Ecke ein alter Hollunderbaum lehnte; der Brunnen war aus einem rohen Stamm gemacht; einen verwandten Bauſtyl trug das alte Häuslein mit dem Immenſtande, nicht weit von der — 103 Eingangsthüre. Dort hat mich einmal eine Biene ſo unver⸗ ſehens und heftig geſtochen, daß ich von dem faſt ſtockhohen Gartenſtuhle, auf dem ich ſaß, herunterfiel, und beinahe den Hals gebrochen hätte. In dieſem Fall wäre die Ermahnung zum Fleiße, wofern die induſtriöſe Brummerin eine ſolche beabſichtigte, rein überflüſſig geweſen. An Tagen wo man nicht ins Freie gehen konnte, ſaß der Großvater gewöhnlich in ſeinem grün gepolſterten Lehnſtuhl am Fenſter vor dem kleinen Tiſche mit den geſchweiften Füßen, und las durch das große Brennglas, das er über die Zeilen hin und her führte, halblaut in ſeiner Foliobibel von 1608, wobei ihm die Haare von den Seiten her, denn die Stirne war zunehmend kahler und kahler geworden, wie Schneeflocken in das Buch herabfielen. Seine alten Augen mußten wohl ſehr der Nachhilfe benöthigt ſein, daß er ſich des Vergrößerungsglaſes bediente, denn die Bibel war mit mächtigen Buchſtaben gedruckt. Doch war es ihm vielleicht auch um die Randgloſſen zu thun, die in etwas kleinerer Schrift ſteilrecht an dem Text herunterliefen und dem Leſer manche wiſſenswürdige Dinge ſagten, mitunter in einer ſehr anheimelnden Art, denn ihr Verfaſſer hatte eine beſondere Liebhaberei, hebräiſche Ortsnamen durch deutſche von bekanntem Klange zu erklären, wie er denn unter andern zum Beiſpiel zu verſtehen gab,„Eben⸗Czer“ das ſei gerade ſo viel wie„Helfenſtein“. Mit dieſer Bibel iſt mir übrigens, beiläufig geſagt, einſtens ein böſer Streich begegnet. Ich weiß nicht mehr wie es kam, daß eines Tages in der Schule von älteren Bibel⸗ ausgaben die Rede war. Bei ſolchen Gelegenheiten regt ſich in den jugendlichen Claſſikern die Ambition, und jeder glaubt den andern mit einer ältern Ausgabe ausſtechen zu können. Der Lehrer, der einen natürlichen Zug zum Anſchauungsunterricht hatte, obwohl dieſe Methode damals noch nicht recht gebräuchlich 104 war, gab uns mit ſeinem humanen Lächeln anheim, den andern Tag die älteſten Ausgaben, deren wir habhaft werden könnten, zur Vergleichung mitzubringen. Nun erhob ſich eine wilde Bibel⸗ jagd. Im Gedanken an die Ausgabe des Großvaters, die mir zu Gebote ſtand, hätte ich ruhig ſchlafen können, aber der Ehr⸗ geiz„verderbt die Beſten“, wie viel mehr den Mittelſchlag, und nach einer dunklen Nacht erſchien ich in der Schule mit der Foliobibel, an deren mit römiſchen Ziffern gedrucktem Datum MDCVIII das C meinem nächtlich mordenden Radirmeſſer als Opfer gefallen war. Mein Datum machte, als es vorgeleſen wurde, vor Allen bei dem Lehrer ſelbſt das größte Aufſehen. Eine deutſche Bibel von 1508, ſagte er als geſchichtskundiger Mann, ſei fürwahr ein ſeltenes Werk, denn ſie ſei juſt in dem Jahr erſchienen, in welchem Luther der rothledernen lateiniſchen Bibel des Erfurter Auguſtinerkloſters Valet geſagt habe, um den Katheder in Wittenberg zu beſteigen und ſich noch mehr als ein Jahrzehend lang neben andern Vorarbeiten auch auf ſeine Bibel⸗ verdeutſchung vorzubereiten; allerdings habe es auch vorher ſchon deutſche Bibeln gegeben, allein ſie ſeien nicht in der Reichs⸗ ſprache, welcher er ſich ſo glücklich bediente, und noch weniger mit dem gleichen Geiſt geſchrie ben, wiewohl man ſie immerhin als Alterthümer von hohem Werthe zu betrachten und darum mit Sorgfalt ins Auge zu faſſen habe. Ehe er ſich jedoch hiezu anſchicken konnte, hatte unſer Dicker, ein bis zur Grauſamkeit gegen ſeine Schulkameraden unerbittlicher Thatſachenmann, ſeine handfeſte Beaugenſcheinigung allbereits vollzogen, und referirte ritelblatte der merkwürdig alten nmach des theuren Gottesmannes Dr. Martini Lutheri Ueberſetzung;“ bald auch wies er in lang⸗ ſamer Eile nach, daß zwiſchen dem D und V des Datums eine Lücke ſei, die nicht mit rechten Dingen entſtanden ſein könne. — 105 Hierauf entſchied der Lehrer die Streitfrage, ohne ſich auf die Urheberſchaft der offenbaren Fälſchung einzulaſſen. Es war dies ſeiner Art gemäß; er hatte einſt einem ſeiner Schüler auf eine faſt zweifelloſe Lüge, weil er weder ſich ſelbſt eine Blöße geben noch die ſtatutenmäßige harte Strafe verhängen wollte, einfach bemerkt:„Ich will thun als ob ich's glaubte;“ und dieſes Zucht⸗ mittel hatte eine tiefe Wirkung hinterlaſſen. Der Bibel meines Großvaters wurde, auch mit Hinzurechnung des unglücklichen C, vor allen andern Ausgaben der Preis zuerkannt, und am Abend dieſes Tages bemühte ich mich ernſtlich mir das Lied einzuprägen, das ich eben damals in einer Blumenleſe gefunden hatte:„Ueb' immer Treu und Redlichkeit.“ Dem Großvater ſtellte ich jedoch ſeine Bibel wieder zu, ohne ihm etwas von meinem Abenteuer zu erzählen. Der Eindruck dieſer Erfahrung war zwar ſo ſtark, daß die verbrannten Finger ſich auch des unſchuldigeren Kunſt⸗ griffs weigerten, den weiland gedruckten Buchſtaben durch einen gemalten zu erſetzen, aber doch wieder nicht ſtark genug, um den Miſſethäter zur vollen Buße und Beichte anzutreiben. Dieſe moraliſche Halbheit hatte die Folge, daß der ahnungsloſe Eigen⸗ thümer des Buches zum erſtenmal in ſeinem Leben einen hiſto⸗ riſchen Roman in Händen hielt, nämlich eine Luther'ſche Bibel von 1508. Indeſſen hat ihn ja die hohle Willkür meiner miß⸗ rathenen Erfindung niemals in dem was ihm heilige Wahrheit und Geſchichte war, beirren können. Kurze Zeit vor ſeinem Tod erlebte er noch einen ungewöhn⸗ lichen Triumph. Es war ein Scheibenſchießen angekündigt, und er ging mit mir nach dem Schießhaus, um zuzuſehen. Schießen kann ich nicht mehr, ſagte er, mein Auge läßt mich im Stich und meine Hand zittert; aber ich bin allezeit ein Liebhaber vom Schießen geweſen, und ſo will ich wenigſtens ſehen wie's Andere machen. Kaum waren wir auf dem Schießplatz angekommen, 106 ſo empfingen ihn viele Bekannte. Er wünſchte ihnen Glück und ſah aufmerkſam zu. Als er ſich erheben wollte, um nach Hauſe zu gehen, trat ein ebenfalls bejahrter Mann mit einer geladenen Büchſe auf ihn zu und ſagte: Wie, Herr Senator, Sie, der beſte Schütze zu Ihrer Zeit, wollen wieder ſo fortgehen, ohne uns mit einem Schuß beehrt zu haben?— Der Großvater lachte treuherzig und ſagte: Da käm“ ich ſchön weg, ich glaube ich würde kaum die Scheibe mehr treffen; ja, ich gehöre eben unter das alte Eiſen.— Verſuchen Sie's nur, bat ihn Jener, nur einen einzigen Schuß!— Die Andern kamen ebenfalls her⸗ bei und drangen in ihn, wenigſtens Einen Schuß zu thun. Ver⸗ gebens wandte er ein, er habe ſchon ſeit Jahren nicht mehr geſchoſſen, es half Alles nichts, die Geſellſchaft ſetzte ihm zu, bis er endlich die Büchſe ergriff. Er nahm ſeinen Stand und zielte lang; trotz dem daß er zitterte, gaben diejenigen, die ihm über die Schulter ſahen, den Andern durch beifällige Zeichen zu verſtehen, daß er ſcharf auf die Scheibe halte. Endlich ſiel der Schuß und— ein allgemeines Jubelgeſchrei entſtand! er hatte den Zweck hinausgeſchoſſen. Er behauptete zwar, es ſei Zufall geweſen, aber Keiner ließ ihm dies gelten. Sie riefen, er habe den beſten Schuß heute gethan, und ließen ihn hoch leben. Nun trank er auch einen Schluck auf das Wohl der Geſellſchaft, und ging wieder mit mir hinweg, wobei er ſehr vergnügt vor ſich hin lächelte. Ich aber ging ſtolz wie ein König neben ihm her, indem ich, wie Knaben zu thun pflegen, ſeinen Ruhm friſchweg mir zueignete. Es iſt ſonderbar, ſagte er unterwegs zu mir, ich ſehe in die Ferne beſſer als in die Nähe. Zu Hauſe angekommen blickte er lang mit einem eigenthümlichen Lächeln auf das Bild der „Frau Ahne“, die manchen ſolchen Ehrentag mit ihm erlebt haben mochte. Das Bild hing ſeinem Lehnſtuhl gegenüber: ein mildes, ſtilles, feines Geſicht, dem man nicht anſah, daß je eine 107 leidenſchaftliche Mädchenlaune darin gewohnt haben könnte. Frei⸗ lich ſtellte es die Großmutter nicht in ihrer Jugend dar, und ſie war dem Maler nicht einmal geſeſſen, ſondern er hatte ſie, im Hochzeitkleide zwar, aber auf dem Todtenbette gemalt. Etwa vier Tage nachher begleitete ich ihn nach einem ſeiner Weinberge; wir wollten nach ſeiner Lieblingsfrucht, den Pfir⸗ ſichen, ſehen, die er daſelbſt im obern Theile zwiſchen den Reben gepflanzt hatte. Ich bin zu müd, um den ſteilen Weg hinauf⸗ zukommen, ſagte er: geh du und ſieh nach dem Bäumchen, wie's mit ihm ſteht; wenn du ein paar reife findeſt, ſo brich ſie und bring ſie herunter, ich will mich unterdeſſen auf die Ladſtatt ſetzen und dich erwarten. Mit dieſen Worten ließ er ſich auf einen berasten Hügel aufgeworfener Erde nieder, der dazu diente, im Herbſte die Kelterfäſſer auf den Wagen zu laden, und ich ſtieg die unregelmäßigen, in ihr lichtes Grün gehüllten Ter⸗ raſſen empor, und freute mich auf die Freude des Großvaters, wenn ich ihm einen reifen Pfirſich bringen würde. Ich fand deren drei und rannte athemlos wieder hinunter. Dreil rief ich ihm frohlockend ſchon von weitem zu. Er antwortete nicht. Als ich näher kam, ſah ich ihn nicht mehr an dem Orte wo ich ihn verlaſſen hatte. Eine bange Ahnung flog mir durch die Seele, ich eilte hinzu und ſah ihn, von ſeinem Sitz herab⸗ geſunken, regungslos in Gras und Feldblumen liegen. Angſt⸗ voll lief ich hin und her, und als ich endlich einen Arbeiter in einem benachbarten Weinberg erblickte, winkte ich ihm und rief um Hilfe. Was iſt dem Herrn Senator? fragte er und kam eilig herbei. Tröſt' Er ſich, junger Herr, ſagte er, nachdem er ihn vergebens aufzurichten verſucht hatte: er hat ſein Leben in Ehren hoch gebracht, und nun iſt er ſanft geſtorben. Wer ſo ſtirbt, der ſtirbt wohl! Aber er lebte noch; es war nur ein Schlaganfall geweſen, 108 von dem er ſich ſchon unterwegs im Wagen wieder erholte. Er konnte ſogar, in der Stadt angelangt, die Treppe hinaufgehen; droben aber mußte er ſich ſogleich in's Bett legen, das er nicht mehr verließ. Sein Lebenslicht wurde von Tag zu Tage ſchwä⸗ cher, und wenn man ihn fragte: Wie geht's? ſo antwortete er lächelnd: Wohl! und bald noch wohler. Eines Abends, die Dämmerung brach eben herein, war er zur Verwunderung aller Anweſenden kräftig und heiter, er ſprach viel und ſagte, er fühle ſich wieder ganz geſund und gedenke morgen aufzuſtehen. Auf einmal jedoch hielt er inne und blickte wie erſtaunt vor ſich hinaus, dann richtete er ſich auf und breitete mit leuchtenden Augen die Arme aus einander, ein freudiger Ausruf entfuhr ſeinen Lippen, er machte eine Be⸗ wegung, als wollte er aus dem Bette ſpringen, zugleich aber ſank er in das Kiſſen zurück und die Augen fielen ihm zu. — —— Das Wittwenſtüblein. Schon bei Lebzeiten des Großvaters hatte mich ſeine älteſte Tochter in ihr Herz geſchloſſen, weil mein Vater als ihr jüngſtes Geſchwiſter, wie das ſo häufig bei den Jüngſten der Fall iſt und ſich ſelbſt auf deren Nachkommenſchaft vererbt, von jeher ihr Liebling geweſen war. Dieſe Vatersſchweſter war nach dem Abſcheiden ihres zweiten Gatten, der auf einem Dorfe unſerer republicaniſchen Landſchaft Pfarrer geweſen, in die regierende Stadt zurück⸗ gekehrt und hatte hier eine ſtille Wittwenwohnung bezogen. Ein Jahr lang wagte ſie nicht in die Kirche zu gehen, um nicht vor der Gemeinde in lautes Weinen ausbrechen zu müſſen; da ſie aber zuletzt Aufſehen und Mißdeutung befürchtete, ſo beſann ſie ſich— das einzige denkbare Mittel ihr Herz zu verhärten,— auf irgend eine Kränkung, ein auch noch ſo kleines Unrecht, das ſie von dem Seligen erlitten hätte, um eine Stunde lang mit ihm„pfauſen“ und ſo den Gottesdienſt ruhig aushalten zu können. Nachdem ſie ihr Gedächtniß lang vergebens ange⸗ ſtrengt, um in der zwanzigjährigen Ehe auch nur einen leiſen Zwiſt aufzufinden, fiel ihr endlich doch etwas bei, was ihr brauchbar ſchien: ſie hatte einmal, mit dem Kaffeebrett anſtoßend, dem guten Pfarrer eine ſchön eingebundene Bibel, die ſich noch von ſeinen Studienjahren als Lohn des Wohlverhaltens herſchrieb, auf den Boden geworfen, und die Folge davon war geweſen, daß er die Augen etwas ernſthaft erhob und ſie ſo gut zu ſein und 112 ein andermal beſſer Achtung zu geben bat. ſer Umſtand war, ſo hielt ſie ſich doch an ihm Anker feſt: der etwas mißbillig im Stillen zu ſchaffen gemacht eines Sonntags, während die So geringfügig die⸗ als an dem letzten ende Ton mochte ihr ſchon damals haben, und nun gelang es ihr Glocken zur Kirche läuteten, ſich den alten Verdruß wieder zu Herzen zu nehmen, wie an jenem Sonntag, an dem ſie vielleicht ein wenig trutzig in die Kirche gegangen war und vielleicht eine kleine Zeit gar nicht zu der Kanzel aufgeſehen hatte. Aber ach, mit all ihrer Kunſt hatte ſie einen zerbrechlichen Panzer angelegt, denn diesm al klang die Stimme von der Kanzel fremd, und als ſie die Augen aufhob, ſo ſtand ein Anderer droben! Sie verbarg das Geſicht in dem ſilberbeſchlagenen Geſangbuche, ihre Thränen ſtrömten unauf⸗ haltſam, und es koſtete noch manchen vergeblichen Verſinſ. bis ſie mit trockenen Augen in der Kirche ſitzen lernte. Ihre Tage verbrachte ſie jedoch nicht in müßigem Leid, ſondern in der Pflege ihres alten Vaters, in thätiger Theil⸗ nahme an den Freuden und Leiden der Familie, und daneben in rüſtiger Aufſicht über ihre Obſtbäume und Reben. Sie hatte die Kinder ihrer ſämmtlichen Geſchwiſter aus der Taufe ge⸗ hoben, und wurde von dieſer zahlreichen Pathenſchaft, die jedes Alter bis zum heirathsfähigen hinauf umfaßte,, nach alther⸗ kömmlicher Redeweiſe„Frau Dote“ genannt. 5 Einen Hauptgrund ihrer Zuneigung zu mir habe ich be⸗ reits angegeben. Zu dieſem kam noch ein zweiter von kaum minderem Gewicht. Man hatte mich als Kind eines Sonntags dem Dienſtmädchen in die Kirche mitgegeben, vermuthlich um die unruhige Kleinigkeit auf eine Weile los zu werden. Dort aber hatte ich mir den feierlichen Ton und die wunderlichen Gebärden des Predigers ſ ſo in's Gedächtniß geprägt, daß ich dieſen, kaum nach Hauſe gebracht, zur Beluſtigung der Erwach⸗ . 113 ſenen nachzuahmen begann. Der Beifall, den ich erhielt, und der ſich nicht bloß auf Worte beſchränkte, ermunterte mich zur Fortſetzung der begonnenen Laufbahn, worin mir denn auch aller Vorſchub geleiſtet wurde. Sobald ich eine Predigt an⸗ kündigte, mußten alle im Zimmer vorräthigen Stühle in die Runde geſtellt werden, die Anweſenden ſetzten ſich und ſangen ein Lied, darauf beſtieg der kleine dreijährige Predigtamtscan⸗ didat einen in der Mitte ſtehenden Schemel und ſchnurrte die paar frommen Reimlein und Ermahnungen an unartige Kinder, die gelegentlich an ihm hängen geblieben waren, mit dem ernſthafte⸗ ſten Geſichte herunter. Wer konnte zweifeln daß in dieſem kin⸗ diſchen Spiele ſich der Finger Gottes ankündigte? Ein großer Theil der„Familie wenigſtens ſah in mir den ſeligen Pfarrer wieder aufleben, und für ſeine Wittwe war dies ein Gedanke, der mich nothwendig zu ihrem Augapfel machen mußte. Meine Mutter ſchüttelte zwar bedenklich den Kopf, und ſagte, es ſei nicht gut, dem Kinde ein unreifes Bild eines künftigen Berufes einzuimpfen; der Vater aber meinte lachend, es bleibe ja dem Burſchen eine lange Friſt, um nach Belieben wieder„aus dem Neſt zu hüpfen“. Nach dem frühen Tode des Vaters gehörte ich der Mutter und der Tante Pfarrerin zu beinahe gleichen Theilen an. So ſehr ich an der Mutter hing, ſo mochte ich doch zu Zeiten gerne ihr Wittwenkämmerlein in dem geräumigen alten Gebäude mit den ſchauerlichen düſtern Gängen und Winkeln, welche Nachts ein mißwollender Traumgeiſt, den Schlaf des Kindes verbitternd, mit drohenden Geſtalten be ölkerte, gegen die ſchief gegenüber gelegene Wohnung vertauſ i, wo die Tante mit einer alten Magd, einem Staar und einem Kanarienvogel, den Reliquien ihres früheren glücklichen Lebens, hauste. Dies war ein kleines, wohnliches, heimliches Häuschen, oder vielmehr ein ſchmaler Kurz, Erzählungen. J. 8 114 abgeſchloſſener Hausantheil, zu eng um Raum für ein unheimliches Schattenbild zu haben, mit einem ſchmalen ziegelgepflaſterten Eſtrich, der zugleich die Küche in ſich faßte, wo nach alter Bauart über dem großen Herde das obere Stockwerk offen und mit einer Galerie umgeben war. Wie oft hab' ich, auf dieſer herum⸗ kletternd, der„Frau Dote“ die ängſtliche Bitte entlockt, ich möchte ihr nicht vom Himmel herab in die ſiedenden Töpfe fallen! Wie oft ſtand ich, meine Augen am kniſternden Feuer weidend, auf die Ofengabel gelehnt, neben der alten Anna Marei, die mir eine Geſpenſtergeſchichte erzählte, während ſie das Mehl zur Suppe röſtete. In der gruſelnden Behaglichkeit des Zu⸗ hörens benützte ich dann wohl einen Augenblick, wo ſie auf die Seite ſah, um mir mit einem bereit gehaltenen Kochlöffel etwas von der Leckerſpeiſe zuzueignen, und fuhr erſchrocken zurück, wenn der ſpionirende Staar Huidieb ſchrie, und der Kanarien⸗ vogel in der Stube, durch den Signalruf aufgeregt, mörderiſch zu lärmen begann. Halbe Tage und ganze Abende hielt ich mich in dieſer klei⸗ nen Wohnung auf. Dann hörte man nach dem Nachteſſen eine Hausglocke von der andern Seite der Straße ertönen, das Zei⸗ chen womit die Mutter mich nach Hauſe rief. Von alten Zei⸗ ten her hatte nämlich jede Familie, ob gewerbtreibend oder nicht, vor dem Fenſter ihre kleine Glocke, die zu allerlei Verkehr und Zwieſprache diente. Eine Schnur hing von ihr auf die Gaſſe herab, die meiſt etwas abgekürzt über der Steinbank vor dem Hauſe endigte, um dem Muthwillen, der ſie zu manchem Scha⸗ bernack mißbrauchte, nicht gar zu bsquem in der Hand zu liegen. An dieſer Schnur zog der vorübergehende Bekannte, der ein paar Worte wechſeln und ſich das Treppenſteigen erſparen wollte. Die Kinder des Hauſes, einen Augenblick vom Spiele wegſprin⸗ gend, läuteten daran um ihr Veſperbrod; ja, ihr mögt es mir 115 glauben oder nicht, ſelbſt ein ſachkundiger Gänſerich ſchwang ſich einmal den Stein hinauf und zerrte an der Glockenſchnur, um die vergeßliche Hausfrau an das Futter für ſich und ſeine Un⸗ tergebenen zu erinnern. Aber auch unmittelbar vom Fenſter aus wurden dieſe Glocken in Bewegung geſetzt und gaben dann Lärmzeichen von manigfacher Bedeutung für hausabweſende Angehörige, die ſich innerhalb Hörweite befanden, auch für ver⸗ 4 trautere Nachbarn, denen das verabredete Zeichen zurief, daß* man ihnen etwas mitzutheilen habe. Bei Anbruch der Nacht, wenn die Jugend von ihren verſchiedenen Sammelplätzen den Weg nicht nach Hauſe zu finden wußte, erging oft ein vielſtim⸗ miges Geläute ſturmglockenartig die Straßen hinauf und hinab, und jedes Kind kannte ſeine Glocke, und wußte was ſie geſchla⸗ gen hatte. Daher, wenn ich mein Zeichen hörte, beeilte ich mich, meiner Verpflegerin gute Nacht zu ſagen; dann konnte es aber auch wohl geſchehen, daß die liebe Frau zum Fenſter hinaus⸗ griff, um mit ein paar kurzen Glockenſchlägen von gleichfalls bekanntem und gutem Klange zu erklären, daß der Gegenſtand hiemit noch nicht erſchöpft ſei, vielmehr ſie das Wort auch zu neh⸗ men begehre. Frau Schwägerin, er kommt heut nicht heim! rief ſie nun hinüber, und die Mutter zog ſich dann beruhigt zurück, indem ſie mich verſorgt und aufgehoben wußte. Mein Nachtlager, für ſolche Fälle ſtets bereit, befand ſich in einer hintern Kammer. Der Boden derſelben war mit rothen Ziegelplatten gepflaſtert, ein Laden ohne Fenſter ging nach dem kleinen Hof und nach dem Gärtchen hinaus. Eine ungeheure zweiſchläfrige Himmelbettlade mit einem bibliſchen Deckengemälde, worunter ein frommer Bc gewährte mir hinlänglichen Raum, die erſten Lebensprüfungen, nämlich die Leiden der Schule, gründlich zu verſchlafen. Von der Decke hing eine Quaſte herab, an der man ſich aufziehen konnte, um alsdann mit beträcht⸗ 8* 116 lichem Behagen in dieſen Bodenſee von einem Bett zurück⸗ zuplumpen, worin der Schläfer, in meinen Jahren wenigſtens, nicht nur der Länge, ſondern auch der Quere nach vollſtändig unterging. Morgens beim Erwachen konnte ich mit dem ſtets vorhandenen friſchen oder getrockneten Obſte ein Tröſteinſamkeits⸗ geſpräch beginnen, oder meine Augen an einer anſehnlichen Reihe von Zinnflaſchen weiden, die wie Orgelpfeifen geordnet auf einem Geſimſe neben dem Bette ſtanden. Die größte hielt wohl ſechs Maß und darüber. Sie wurden im Sommer beim Feld⸗ bau, im Herbſt bei der Weinleſe gebraucht, und ihr Anblick erregte daher immer frohmüthige Erinnerungen. Alle dieſe Fla⸗ ſchen und alle jene Glocken waren in der Familie gegoſſen. Wenn ich aber da von„Lebensprüfungen“ rede, ſo iſt das ein ſchnöder Undank gegen die beiden Frauen, unter deren Flü⸗ geln ich im weichen warmen Neſte ſaß, ja gar nach Belieben aus dem einen Neſt ins andere hüpfen durfte. Wie konnte da von etwas dergleichen die Rede ſein? Die wirklichen und oft harten Prüfungen, die das Schickſal auch den Kindern aufer⸗ legen kann, empfinden ſie ja gewöhnlich nicht ſo ſtark, wenn ſie auch etwas davon zu fühlen und zu verſtehen glauben. Eine an⸗ dere Gattung von Prüfungen kann freilich nach und nach der Jugend zu einer Art Leiden werden, beſonders wenn ſie, wie bei einem gewiſſen Fache, ſich dutzend⸗, ja hundertfältig wieder⸗ holen, nämlich diejenigen Prüfungen die man„auf deutſch“ Examina heißt. Aber unſere Lehrer waren ohne Ausnahme von gutem und treuem Gemüth, und legten uns keine härtere Laſt aere man ertragen kann, Sela“. Taucht mir nun auch bei Erwähnung des Tragens und r dazu beſtimmten Glied⸗ maßen eine, ich weiß nicht mehr, wie große Anzahl von etwas knorrigen oder„knaupigen“ Erinnerungen auf, ſo ſchreibe ich dieſelben nicht ihren Urhebern, ſondern der„Zeitperiode“ zu, 117 und muß obendrein mit der„Obiectivität“ des unbefangenen Geſchichtſchreibers beifügen: etwas hatten wir immer ver⸗ dient. Und hatten ſie nicht Recht, jene eifrigen und doch bei allem Ernſt ſo liebevollen Männer, wenn ſie feſt darauf dran⸗ gen daß wir etwas lernen ſollten? Auch haben wir gottlob etwas bei ihnen gelernt: einen Grund in Sprachen, den weder Wind noch Regen ganz abtragen konnten, die erſten Blicke in die Natur⸗ und Menſchengeſchichte, dazu manches Trümmchen und Endchen Wiſſenſchaft, wie es eben für unſere angehenden Faſſungs⸗ kräfte ab⸗ und zugeſchnitten werden mußte, ja ſogar ſchon ein bischen Algebra, das mir freilich nachher über ſo manchem an⸗ dern& wieder in die Brüche gegangen iſt. Und doch iſt etwas„dran“, wenn ich von Prüfungen und Leiden rede. Ja, wahrhaftig, ich kann's nicht hinunterſchlucken, ich muß ſie heute noch verfluchen, dieſe gottverlaſſenen, gottver⸗ haßten lateiniſchen Diſticha, die der Pfahl im ſanftlebenden Fleiſch unſerer Jugend waren! Aber ich klage nicht über unſere Leh⸗ rer, denn das Verſemachen war uns ja nicht von ihnen, ſon⸗ dern ihnen ſelbſt ſo gut wie uns von einer hochpreislichen Ober⸗ ſchulbehörde auferlegt, und ich glaube nicht fehlzugehen, wenn ich dreiſt zu behaupten wage, daß ſie dieſer Centralgewalt in dem beſagten Punkte nicht einmal allzu gern gehorcht haben. Aber natürlich,„Gehorſam iſt des Chriſten Schmuck“, ſagt einer un⸗ ſerer geiſtlichen Liederdichter, mit dem Anfangsbuchſtaben heißt er Schiller, und wer das nicht verſtand, dem erklärte man's deutſch und lateiniſch zugleich. Fiat justitia, pereat mundus! hieß es nämlich unter„Applicirung“ des bekannten Nürnberger Trichters, der ſich von den gewöhnlichen Trichtern in einigen nicht unweſentlichen Eigenſchaften unterſchied: er war nämlich nicht hohl, dafür aber etwas länger, auch nicht ſo leicht zu bie⸗ gen und zu brechen, wenn wir ihn nänlich nicht vorher„gerin⸗ 118 gelt“ hatten. In letzterem Falle war er, wie der Inhaber ver⸗ drießlich bemerken konnte, ein„dummes Möbel“, ſonſt aber ein Zauberſtab, der Wunder wirkte, ja Poeten ſchuf! Aber iſt es denn auch wirklich ein Mirakel, ein Dichter zu ſein oder in einem andern Menſchen ein dichteriſches Bewußtſein anzuregen? O keineswegs, vielmehr iſt jeder natürliche, das heißt, ſeinem Volk und ſeiner Sprache getreue Menſch in den ungetrübten Stunden ſeines Lebens ein Dichter, und trifft ſelbigen Nagel ſo gut, ja oft noch beſſer als der größte Künſtler auf den Kopf, den Nagel meine ich, den er nicht erſt zu ſchmieden braucht, weil ihm derſelbe gewachſen iſt, nämlich das rechte Wort in der rechten Sprache. Für den Dichter jedoch, denn von dieſem reden wir ja, gibt es nur Eine: ſeine Mutterſprache. Ein Poet ſo⸗ dann iſt derjenige, der eine Sprache nicht bloß ihrem Gehalte nach, ſondern auch in ihren Formen künſtleriſch zu handhaben verſteht; und wenn er dabei ein Dichter bleibt, ſo kann er zufrieden ſein. Ein wirklicher Dichter aber in einer ihm frem⸗ den Sprache ſoll mir erſt noch vorkommen. Poeten, ja, können in fremde Sprachen eindringen, tiefer als Alexander und alle ſeine Nachfolger in Indien eingedrungen ſind, nämlich bis ins Herz der Sprache hinein; weil man jedoch nicht anders in eine fremde Sprache eindringen kann als mit dem Kopfe voraus, ſo hört man auch ihren Herzſchlag immer nur durch den Kopf, alſo ſelbſt bei dem beſten Verſtändniß ganz anders als den Herzſchlag der Mutterſprache, den man bekanntlich lang vor aller Kopfarbeit mit dem Herzen pernommen hat. Ich habe lateiniſche Diſticha von unſeren alten farrern geleſen, die nicht bloß„epigrammatiſche Spitzen“ entwickeln konnten, wie das artigſte franzöſiſche Couplet, ſondern auch eine elegiſche Tiefe und Weichheit, daß man Glocken vom Metall der alten römiſchen Dichter zu hören glaubte, aber auch beim ſchönſten Klange, der durch den Kopf zum Herzen ging, ſprach daſſelbe mit einem ge⸗ wiſſen Leid: dieſer vortreffliche Poet wäre ein Dichter geweſen, wenn er deutſch geſchrieben hätte. Wozu ſollten alſo wir arme kleine Schmiedezunft, die wir erſt in die Lehre gingen und das Lernen ſo nöthig hatten, ein Eiſen zu gießen verſuchen, das ſelbſt alte Meiſter nicht ganz weich hämmern ſund noch weniger zum Schmelzen bringen konnten? Das war ein quaestio tusculana, das heißt eine Frage an das Schickſal, die ich mir, dem Herrn Interpellanten, nicht zu beantworten vermochte. Ich kann darauf auch nur eine ähnliche Antwort geben wie diejenige, die einer mei⸗ ner dickſten Freunde— aber nicht der oder jener Dicke, ſon⸗ dern der Dicke, verſteht mich, der nicht bloß bei uns dick thun kann, ſondern auch im Weſten, Süden und Norden, ja, wenn's ſein muß, zur Noth vielleicht ſogar noch ein wenig im Oſten— in dieſer brennenden Frage einſtmals ertheilt oder vielmehr, weil er ein Vogel iſt, geſungen hat. Die Frage war doppelt heiß, denn wir ſollten uns in lateiniſchen Verſen über das Weſen Gottes verbreiten, alſo promovirte Poeterei mit theologiſcher Färbung. Nun lieferte dieſer erzböſe Schalk, ich hab's nie ver⸗ geſſen können, ein Contingent, mit dem doch auch kein Falſtaff durch Coventry marſchirt wäre. Es war nicht einmal ein Diſti⸗ chon, ſondern ein einziger melancholiſch einſiedleriſcher Hexa⸗ meter bei Gott! und dazu noch für einen Philologen von ſolcher Propreté— dafür, wißt ihr ja, haben wir ihn Alle gelten laſſen— ſo malpropre, daß Minerva, wenn ſie nicht gerade den Schild zur Hand hatte, das Taſchentuch des Herrn Pro⸗ feſſors mit all ſeinem Schnupftabak vor'’s Antlitz halten mußte. Ich muß ihn losgeben, er würde mir ſonſt das Herz abdrücken. Hört alſo, Alle, die ihr jene namenloſen Schmerzen mit mir getragen habt. So heißt er: Quid Deus est? Animus meditatur, nec capit illud. 120 Gottverlaſſen war er nun freilich, ut ſigura docet, das heißt, wie die Redefigur ſelbſt nach Form und Inhalt zeigt. Ob er aber Gott verhaßt war, das iſt denn doch eine andere Frage. Einmal habe ich hierüber keine beſondere Offenbarung em⸗ pfangen, und dann, wenn man ihn in die ungebundene Rede überſetzt, ſo gibt er immerhin einen Sinn, worüber man reden kann, und worüber auch bekanntlich ſehr, ſehr viel geredet iſt. Ich werde alſo den zweiten Fluch ſtreichen müſſen, und würde es auch thun, wenn er nicht ſchon gedruckt wäre, oder vielmehr, die ganze Wahrheit zu ſagen, wenn ich ihn nicht mir ſelbſt zum abſchreckenden Exempel ſtehen laſſen wollte. In meinem dummen Zorn überſehe ich oft die beſten Gründe, und wenn ſie mir wie Brombeeren am Wege winken. Gott kann— wenigſtens in den Augen derer die an ihn glauben, und für die Andern hat ja ein ſolches Fluchwort gar keinen Sinn, auch wenn ſie es ſelbſt gebrauchen— Gott kann nichts haſſen was er zuläßt, obgleich er's gewiß nicht immer liebt; und das glaube ich nun einmal ſchlechter⸗ dings nicht von dieſen ſauren Aepfeln, in die man, wie verlautet, die Jugend gerade jetzt wieder beißen laſſen möchte. Wenn er aber gleichwohl die Sache zuließ, ſo mußte bei alledem etwas„dran“ ſein, nämlich etwas Richtiges. Es kann jedoch geſchehen, daß man von einem richtigen Punkt ausgehend auf einen verfal⸗ lenen Weg geräth, und gerade das gibt den meiſten Hader und Krieg. Betreffend nun den richtigen Punkt, ſo hab' ich mich ſchon damals belehren laſſen müſſen, eine hochpreisliche Anſicht gehe nun eben einmal dahin, daß das Verſeleſen und Verſemachen „ſo äußerſt bildend“ ſei. Damals hab' ich dies weder verſtanden noch geglaubt; jetzt wo ich etwas mehr davon verſtehe, ſeh' ich ein, daß es richtig iſt. Aber wo und wie? Für den Deutſchen, wenigſtens in ſeinen jugendlicheren Jahren, nur auf ſeiner Seite von Weichſel, Donau, Alpen, Rhein und Canal. Auf der 5₰ 121 andern Seite des letzteren, wo man zwar auch lateiniſche Verſe fabricirt, I was ever of opinion, und ich dächte, Jedermann könnte mir beiſtimmen, daß eine honnette Proſa, das heißt, ein guter und geſunder Brief⸗ oder Schriftſatz in gleichviel welcher der gebildeten und großen Weltſprachen, die man in England, Frankreich, Deutſchland ſpricht, und in Italien und Griechen⸗ land ſpricht und ſprach, daß eine ſolche Proſa, wenn man ſie leſen, nachbilden, ja ſelbſt entwerfen lernt, für Kopf und Herz doch wahrhaftig weit bildender iſt, als ſchlechte Verſe, die man paſſiv oder activ würgen muß. Einem angehenden Poeten oder Philo⸗ logen mag man dieſen Genuß meinetwegen freiſtellen, denn ein Solcher muß in allen Waſſern gewaſchen ſein, nicht blos in reinen, ſondern auch in unreinen, nämlich in Dinten⸗ und Kienruß⸗ pfützen jeglicher Art, die da lehren können wie man's nicht machen ſoll. Die Andern möge jedoch ein gnädiges Schickſal vor allen Schreib⸗ Druck⸗ Leſe⸗ Rede⸗ und Thatfehlern bewahren, ſo unter andern vor dem ſchreienden geographiſchen Bock, den jeder lateiniſche Gradus ad Parnassum ſchießt, beſonders aber vor aller falſchen Ausländerei und falſchen Poeterei; denn dieſe gerade tödtet zu allermeiſt den echten Dichter, der, wie ſchon geſagt, in jedem Menſchen lebt, und ohnehin durch das äußere Leben ſchon ſo manchen Druck erleidet. Aber noch ein ganz Anderes kann ich nun vollends gar nicht begreifen, und Jeder, den es traf, wird es gleichfalls ſchwer verdaut haben. Da prügelten ſie Einen im Schweiß ihres und ſeines Angeſichts zum Poeten, und wenn ſie unverſehens ein⸗ mal einen heraus gebracht hatten, ſo wuſchen ſie die Hände in Unſchuld, und wollten nicht einmal einen Dank von ihm. Ja er durfte froh ſein, wenn er nicht hinterher für das einſtehen ſollte, was er nicht geworden war. — Irdeſſen befinden wir uns ja dermalen in keiner Conferenz, 8 122 wo ich mich obendrein trotz mancher unumſtößlichen Ueberzeugung durch Hören weit beſſer als durch Reden belehren würde, ſondern in dem ſtillen Wittwenſtüblein einer alten Pfarrerin, in welchem wir uns jetzt wieder ländlich ſittlich zurechtſetzen. Nämlich um lateiniſche Diſticha zu machen, was uns durchaus nicht erlaſſen wird. Gedruckt aber ſoll nichts weiter davon werden, es iſt an dem Einen„Specimen doctrinæ“ vollauf genug. Alſo vorwärts! „Juppiter omnipotens, hilf mir meine Diſticha ſchmieden!“ das iſt nun auch ein Hexameter, aber zum größten Theil ein deutſcher, zwar nicht ganz ſo gut wie ſie„in Jena und Weimar“ gemacht wurden, doch kann man ihn immerhin drucken laſſen. Unglücklicherweiſe jedoch, obwohl ich ganz gewiß weiß daß ich mit dieſem Geiſtesproduct bei allen meinen Schulzeitgenoſſen Chre einlegen werde, weil es ja eine gemeinſame poetiſche That von uns Allen iſt, unglücklicherweiſe, ſage ich, durfte daſſelbe ſich nicht im Exercitienhefte blicken laſſen, denn da hätte es„unlieb⸗ ſame“ Folgen gehabt. Und jetzt wirds gedruckt! Es iſt doch eine wunderliche Welt, doch das hat ſchon Herzog Chriſtoph's Kammerſchreiber geſagt.— Aber, Pugio! was hab ich von dem einfältigen Geſchwätz? Noch keinen Viertelsvers auf dem Papier! Alſo aufgepaßt, den Kopf zuſammengenommen!— Und nach dieſer„Feinheit“, mit der ich mich ſelbſt freigehalten, nahm ich ihn mit beiden Händen zuſammen und drückte ihn wie ihn einſt der Gehilfe eines in Arbeit begriffenen Zahnarztes gedruckt hat, näm⸗ lich ſo daß ich nicht mehr wußte was mir wehe that, der Zahn oder der Kopf. O du armer Kopf, und mußteſt noch obendrein faſt täglich die Verleumdung hören, du ſeieſt ein„guter“ Kopf. Das kam nämlich von den deutſchen Verſen her, die dieſen kleinen Rangen manchmal ſo nichtsnutzig gelingen, daß man's nicht begreift, bis man ſich erinnert daß ihnen dabei die Sprache hilft. Denn in dieſer liegt der allergrößte Theil der Hexerei, 123. die den kleinen wie den großen Dichter macht. Du lieber Gott, die deutſchen Verſe, die ich ſeit damals bis heute geſchmiedet oder viel⸗ leicht zum Theil vermeintlich gegoſſen habe, ſie ſind freilich, ſelbſt nach dem Urtheil wohlmeinender Freunde, nur„ſo ſo“, aber Jeder geſteht ihnen ohne Umſtände zu, daß wenigſtens etwas„Factur“ und etwas„Cultur“ drin iſt. Kein Wunder, denn die Uebung, verbunden mit einiger„techniſchen“ Voranlage, macht, in der Mutterſprache einmal, wenn auch nicht immer einen Meiſter, ſo doch jedenfalls einen brauchbaren Geſellen; und wie ſollte es an Uebung gefehlt haben, wenn Einer in ſo einer halben Lebensſpanne nicht bloß mehr Verſe gemacht hat als Homer, ſondern ohne allen Zweifel mehr Reime als Göthe, dieſe faulen Olympier! Noch einmal, o du armer„guter“ Kopf! Und ſie ſagen, du ſeieſt noch faul dazu, und es iſt wahrhaftig nicht ein⸗ mal ganz gelogen, ich muß es ſelber ſagen.— Aber Donner und Doria(man hat nämlich nebenher auch den Fiesco geleſen), was fällt dir ein? Träumſt von einem Himmel voll Baßgeigen, die du ſtreichſt oder die dir um den Kopf geſchlagen werden, und ſollſt Diſticha machen, Tropf, der du biſt! Hic Rhodus, hic salta! Lateiniſch iſt Trumpf!— Ja, ja, Lateiniſch und Griechiſch, das ſind zwei gute Karten: welche dritte nehmen wir noch dazu, daß wir den Squisemon haben und„fein“ ausmachen können? O„Jerum,“ wie kann ich da in die Karten gerathen? Je nun, es iſt ein akademiſches Studium, das nicht leicht Einem erlaſſen wird, am wenigſten einem Theologen, wenigſtens zu unſerer Zeit. Aber Testimonia in dieſem Zweig der Wiſſen⸗ ſchaft waren pauvre und konnten ſich nicht einmal neben den Examinalzeugniſſen ſehen laſſen, die doch auch nur ſehr ptaliter qualiter“ ausgefallen ſind; freilich gings auch„hundshärig“, denn wenn ich je einmal ein Solo hatte, ſo war das Spiel„vergeben“. — Und meine griechiſchen und lateiniſchen Trümpfe? Gehen .124 ſehr nah zuſammen. Daß ich den Oedipus auf Kolonos und Stücke aus dem Agamemnon und Prometheus zu meinem „Privatvergnügen“ überſetzt habe, was hilfts mich? ich habe ja nicht einmal die Ueberſetzungen mehr, die Gott weiß wo in der Welt herumfahren. Und die Urſchrift? Ja, da heißts jetzt auch: graeca sunt, non leguntur.„Sie waren aber eben doch auch ein ſehr flüchtiger Kopf, mein lieber junger Mann.“ Ja, Herr Profeſſor, das iſt wahr, ich kanns nicht leugnen, aber dieſer flüchtige Kopf iſt doch, Dank Ihnen und mir ſelbſt, manch⸗ mal tüchtig zuſammengenommen worden. Nur wurde uns, die wir eben nicht lauter Philologen von Profeſſion waren oder werden ſollten, die Grammatik mitunter ſo ſtark eingeheizt, daß ich ſogar den Homer zu den Raben wünſchte und mich an einem Meiſter der Sprachwiſſenſchaft, wie der ſelige Buttmann, ſo ſchändlich ver⸗ ging, ihn für einen Wiener Hofkriegsrath zu halten, der den beſten joniſchen Generalen nichts als Prügel in den Weg werfe. Ich bin nur froh, daß wenigſtens noch ſo viel Latein an mir hän⸗ gen geblieben iſt, daß ich die Handvoll Vocabeln zur Nothals roſtige Schlüſſel gebrauchen kann, um gelegentlich da oder dort eine Thüre aufzuſtoßen, hinter welcher deutſche Geſchichte in lateiniſchen Urkun⸗ den vergraben liegt. Und wem dank ich das? Juſt dem mei⸗ ner Lehrer, dem ich oft im Herzen gram war, weil er mir freilich auch auflud, daß das kleine Laſtthier beinahe darunter zuſammen gebrochen wäre. Aber eben darum iſt wenigſtens etwas an mir hängen geblieben, und wie ließ ſichs denn auch anders machen, wenn die Lehrcurſe einander jagten, beinahe wie jetzt oft die Bör⸗ ſencurſe. Ohne allen perſönlichen Vorwurf ſage ich dem„Syſtem“: wir haben alle zu viel und zu wenig gelernt, ſind, jeder in ſeiner Art, zu lang und zu kurz geworden. Aber Formſinn und Sprachformen haben wir uns angeeignet, Dank auch dem Syſtem; und das iſt ein großer Beſitz, denn die Form iſt für den Ge⸗ 125 danken was der Körper für die Seele iſt Dund beſonders wo es ſich um Gedanken von„Recht und Licht“ handelt, da ſollte immer die ſchönſte Seele im ſchönſten Körper wohnen. Uebrigens das ſag' ich: meine Buben, wenn ich das Leben behalte, ſollen mir nicht ſo früh anfangen und dann vielleicht auch nicht ſo viel wieder vergeſſen.— Was? jetzt möcht' Einer„hinaus wo kein Loch iſt“! Faſelſt von„Buben“, und biſt ſelbſt noch ein zwölf⸗ jähriger Bub', der dahockt, Verſe machen ſoll und keinen her⸗ ausbringt! Haſt doch erſt heut deinem Vetter in der Fremde einen lateiniſchen Brief geſchrieben, den du könnteſt drucken laſſen, Kerl! Drum noch einmal dran, und ſei endlich geſcheid, es hilft ja doch ſonſt nichts.— Ja, iſt gut ſagen, man ſoll geſcheid ſein. Wenn man ein Poet ſein ſoll, und iſt keiner, da hat ja der Kaiſer das Recht verloren, warum nicht auch die Schulmonarchen?— Wenn nur der Nürnberger Trichter als Weindieb zu brauchen wär', wenigſtens beim Süßen! Aber der läßt nichts durch.— Was der Herkules ein Glückskind ge⸗ weſen iſt! der hat bloß einen Stall miſten dürfen, aber keine Diſticha machen.— Nein, hör' doch auf mit den Späßen, ſo bringt man nichts zu Stand.— Noch immer nichts, du ſchnöder, erbärmlicher Hirnkaſten?— Ich möcht' nächſtens nheulen wie ein Schloßhund“.—„Juppiter“— O Herr⸗ gott von Bentheim, bringſt du die Narretheien nicht aus dem Kopf?— Nein, jetzt ſoll aber auch die ganze Geſchichte der Teufel holen! Und ſiehe da, ſo wie man ihn ernſtlich citirt, ſo erſcheint er auch umgehend in Kraft der betreffenden Paragraphen der Mythologie, die ja bei der Poeterei einer der geſetzgebenden Fac⸗ toren iſt, und zwar erſcheint er immer ganz ſo wie man ihn gerade braucht als nordiſches Phantom oder, wenn man will, als einer der Götter Griechenlands, die ja gleichfalls zu 126 Teufeln degradirt worden ſind.„'s iſt Ein Teufel!“ pflegte in allen ähnlichen Fällen„beharrlich“ der Dicke zu ſagen, näm⸗ lich nicht der Dicke, ſondern der Dicke. Und ſo war's denn auch in dieſem Falle wie immer, nämlich es war eben Seine omnipotente Impotenz, diesmal thronend auf der oberſten Sproſſe des Blocksbergs mit dem griechiſchen Namen, den man lateiniſch beſteigen oder,„deutſch“ geſagt,„ſcandiren“ ſollte. Jedennoch wechſelte er nach Umſtänden die Geſtalt. Ambroſiſche Locken hab' ich damals nie an ihm wahrgenommen. Das eine⸗ mal war er mir ein hausbackener, fleißiger, ehrlicher, guter, dummer Teufel, breitmäulig ſteinharte Spondeen beißend wie ein Nußknacker, ſchwirrende Daktylen ſchluckend wie ein Laubfroſch, ein Sägmehl ſprühender Holzbock, der ſich höchſtens unterweilen in einen gemüthlichen Schafbock verwandelte, und als ſolcher zum Bei⸗ ſpiel einmal poteret ſtatt posset blöckte. Dieſer täuſchend ſchöpfe⸗ riſche Latinismus war nämlich„gar keine Hexerei, ſondern pure Geſchwindigkeit“, ich bemerke das nur, damit man mich nicht für unbeſcheiden hält, aber, Pugio! was hat mir Der eingetragen! Ja, wenn mir meine Böcke jetzt ſo vollwichtig honorirt würden, da hätt' ich ſchon längſt ein Dutzend Rothſchilde aus dem Sattel gehoben. Das andremal, um auf beſagten Teufel zurückzukom⸗ men, ſah er nicht ſo harmlos aus, da glich er etwa dem„Mars“, nicht dem Speerſchwinger, ſondern dem penſionirten Götzenbild an unſrer Spitalkirche, der wüſten gansfüßigen Fratze, die gegen den penſionirten Kaiſer auf dem Marktbrunnen die Zunge herausſtreckt. Je mehr er nun den Gans⸗ oder Ziegenfuß ſammt den bekannten Hörnern und Klauen hervorkehrte, deſto näher hätte ich der Poeſie ſein ſollen, wenn nämlich das begründet wäre, was Voltaire ſagt: ein vollendeter Poet(„Dichter“ konnte er ja in ſeiner Sprache nicht ſagen) könne keiner werden, der ſich ͤͤſͤſͤͤn 127 2 nicht zuvor rein dem Teufel ergeben habe. Es ſcheint aber nicht daß es ihm Ernſt geweſen iſt, denn er ſetzt gleich hinzu, er habe dieſes nicht gethan, und wenn er damit ſagen wollte, er ſei keiner, ſo glaube ihm das ein Anderer. Aber kennen wird man ihn allerdings müſſen, den„Schwarzen“, ja auf Du und Du mit ihm ſtehen, das haben wir ja vom Dr. Fauſt ge⸗ lernt. Ich meine nicht den alten Dr. Johann, deſſen berühmter Höllenzwang auf meinem Bücherbrette ſteht, mir übrigens bis zur Stunde noch weniger geleiſtet hat als der Zauberſtab der Schule, nämlich gar nichts. Nein, ich meine den Doctor oder vielmehr Meiſter Wolfgang, durch den wir ja in der Hexen⸗ küche der Dichtung ſo heimiſch geworden ſind, wie es eine Magd in ihrer Küche iſt. Dort hängt er ja, der Zauberſpiegel, der— eine ſchöne Helena ſchauen läßt? Je nun, je nachdem ein Ge⸗ ſicht hineinſieht. Er iſt nämlich der Wirkung nach ein ganz gewöhnlicher Spiegel, wie jeder andere, und wer vor ihm ſteht, ſieht nichts anderes darin als ſich ſelbſt. Es kommt nur darau an, ob er in einer ſeiner lichten oder in einer ſeiner ſchwarzen Stunden vor den Spiegel tritt. Man mag über die beiden großen theologiſchen Weſenheiten, eine oberſte und eine unterſte, glauben, zweifeln oder ſtreiten, ſo viel man will, ſo kann doch im Kleinen nicht der mindeſte Zweifel ſein, daß es einen per⸗ ſönlichen Gott und einen perſönlichen Teufel gibt, nämlich eben in jedem einzelnen Menſchen ſelbſt. Dem Menſchen iſt das auch vollkommen bewußt, beſonders dem jüngeren, wie denn dieſer, wenn man ihn hört, einmal„heiter wie ein junger Gott“ und dann nur allzu bald wieder„wild wie der Teufel“ iſt. Andere drücken es anders aus, aber Alle kommen, bewußt oder unbe⸗ wußt, darin überein, daß die eine und untheilbare Perſon des Menſchen aus zwei grundverſchiedenen Weſen beſteht, die ſich in einander verwandeln oder in einander verwandelt werden können. 128 * Dieſe getheilte oder wenigſtens theilbare innere Perſon, ſage ich, iſt der Dichter im Menſchen, und dieſes Doppelweſen ge⸗ ſtaltet ſich ſo, wie es durch das faſt undurchdringliche Zuſam⸗ menwirken des äußeren Schickſals und des eigenen Gemüths geleitet wird. Leider geht in Vielen der Dichter, zum Glück in Wenigen mit dem Dichter der ganze Menſch zum Teufel. Nun, dieſen Teufel kannte ich bereits, ohne des Spiegels zu bedürfen. Es war ja derſelbe, der mit irgend einer ſchönen ſchriftgelehrten Perrücke auf dem Kopfe, natürlich aus„purem Intereſſe“ für die älteſte Ausgabe, mich angeſtiftet hatte, dem Großvater das C aus ſeiner Bibel zu ſtehlen. Und das war noch wenig. Wir waren im Ganzen„gute Buben“, muntere Füllen, wenn uns nicht eben„der Teufel ritt“; hatte er uns aber einmal zu ſeiner„Brut“ gemacht, ſo heckten wir mit ein⸗ ander und gegen einander mitunter„teufelmäßige Teufeleien“ aus. Meines Wiſſens hat keiner dem andern etwas nachgetra⸗ gen, aber ich muß doch geſtehen, daß ich über unſern lateiniſchen „Fineſſen“ manchmal von einer Art Wehmuth und Sehnſucht nach meinen noch früheren Schulkameraden, den ſogenannten „Deutſchen“, angewandelt worden bin. Dies klingt ſonderbar, wenn ich meinen Empfang in der deutſchen Schule beſchreibe. Ich war als ein zartes Kind, unter dem Zittern und Zagen meiner Mutter, dort eingeliefert worden, und ſah mich nun in einer Art Bärenzwinger, deſſen Wärter unbeweglich auf dem Katheder in der Ecke thronte, ſeine Bären bei Namen zum Leſen der Bibelverſe oder zum Herſagen der chriſtlichen Sprüche und Lieder aufrief, und dazwiſchen von Zeit zu Zeit einen antreten ließ, um ihm die Tatzen zu lecken, aber nicht mit der Zunge, ſondern gleichfalls durch den Nürnberger Trichter. Kaum hatte ich meinen angewieſenen Platz unter dieſen Bären eingenommen, ſo packten meine beiden Nachbarn 129 2 rechts und links,„Gott zum Gruß“, meine damals noch kleinen Hände, um die Haut der Oberhand mit ihren langen Nägeln zu„klauben“, daß ich hätte nach Gott ſchreien mögen. Hätte ich das gethan, ſo hätten ſie ihre Pranken am Katheder prä⸗ ſentiren müſſen. Ich beſaß aber gerade noch ſo viel reichs⸗ ſtädtiſchen Geiſt, um nicht jede Kleinigkeit„nach Speier und Wien zu tragen“, verbiß alſo meinen Schmerz und lächelte ſo ſäuerlich ruhig, wie ein alter Bürgermeiſter, der den Glocken⸗ ſchlag und Uhrengang bei ſeinen Mitbürgern kennt. Damit hatte auch die Tortur ein Ende, die ihnen von ihren Vorvätern und Vormüttern her noch in den Klauen ſtecken mochte, ſie ſetzten die Schraub⸗ und Marterwerkzeuge ab, und von Stund an wurde ich von meinen Bären auf den Händen getragen und fand in ihnen gar geheure Menſchen. Später mögen ſie, jeder nach ſeiner Art und Führung, wohl auch den Teufel kennen gelernt haben; damals aber ſah ich ihn nicht bei ihnen. Freilich, ja, wie ich nachher— ein Jahr ſpäter als meine Altersgenoſſen, deren ſämmtliche Eltern meinen Vater darum ſchalten— aus dem deutſchen Neſt in das lateiniſche hüpfte, da erfuhr ich gleich in den erſten Tagen, daß und wo der Teufel los war, nämlich zwiſchen den Lateinern und Deutſchen, und das ſchier nicht viel anders, als es zu den Zeiten der Römer und Germa⸗ nen der Fall geweſen ſein mag, machte auch alsbald auf meine perſönlichen Unkoſten die Erfahrung, die mir ſpäter durch das Nibelungenlied beſtätigt wurde, daß das ſoloniſche Gebot, in Parteizeiten müſſe jeder Bürger Partei nehmen, füglich unterblei⸗ ben kann, weil ſich das auch gegen den Willen des Einzelnen ganz von ſelber macht. Doch konnte ich nie vergeſſen, daß bei mei⸗ nen ehemaligen Freunden und jetzigen Feinden, den Deutſchen, mehr Treuherzigkeit und weniger„Ambition“ geweſen war. Sie hatten freilich auch nicht ſo viel zu lernen gehabt, wie wir, die Kurz, Erzählungen. I. 9 130 4 wir zuletzt aus lauter Wuth, einander zu überlernen und hinunterzuſtechen, unter den Augen des Lehrers die Börſencurſe, nämlich den„Notenzettel“, fälſchen lernten. Und iſt das der einzige Laufzettel, den ich in meinem Leben habe fälſchen ſehen? Nun, auch der Ehrgeiz iſt von Gottes Gnaden oder wenigſtens mit Gottes Zulaſſung da; er iſt eben einmal die Kraft, die ſo manches Gute und ſo manches Böſe ſchafft. Und doch, wenn ich einmal außerhalb meiner„ambitiöſen“ Kreiſe einem meiner alten Schulfreunde vom Bärenzwinger her oder Seinesgleichen begegnete, hat es mir oft wohl und weh zugleich gethan, wie wir ſo mit einander„liefen“ und mit einander„ſprachten“, er mit dem„Butten“ auf dem Rücken, ich mit dem„Butzen“ im Kopf. Wohl, weil er ſich ſogleich über den Nationalkampf unſerer Jugend hinüber unſerer alten Kundſchaft erinnerte, und faſt noch wohler, wenn er mir ſchulfremd war und dennoch ſich und mir geſtand, es komme ihm vor, als wären wir ſchon ein⸗ mal,„vor Olim's Zeiten“, zuſammen den Weg„geloffen“. Weh aber that es mir, wenn er neben einer gewiſſen Zutrau⸗ lichkeit ein gewiſſes Mißtrauen blicken ließ, als ob der„Herr“, hinter dem doch gerade von dem was in dieſer Welt den Herrn macht, im beſten Fall verteufelt wenig ſteckte, ſich nur ſo zum Zeitvertreib mit ihm„gemein“ machen wollte; und weh wurde es mir, wenn ich mich ihm bei dem beſten Willen nicht ganz verſtändlich machen konnte, was ich immer zuerſt daran ſpürte, daß ich mich unter dem Reden oft ſelbſt nicht ganz verſtand; denn ich war nicht bloß ihm, ſondern auch mir ſelbſt gegenüber ein Römer(alten oder neuen Styls), und wäre doch immer ſo gern ein Deutſcher geweſen. Zwiefach wunderlich aber, alſo„viereckig“ nach der Mathematik, war es mir zu Muth, wenn ich mich einmal ausnahmsweiſe recht zu verſtehen und deutſch zu reden glaubte, er aber mir nun lateiniſch 131 antwortete und„geſcheider“ war als ich, ſo daß ich wie auf dem Kopfe ſtand und gar nicht mehr wußte was ich ſagen ſollte. Da geſchah mir denn freilich dreimal ſo weh als wohl, wie es ja bei der Eitelkeit des Menſchen nicht anders ſein kann; und doch ſah ich mit leiſer Freude die„Cultur“ mehr und mehr in das Volk eindringen, und wünſchte ihm nur daß ſie ihm nicht ſo viel Kopfweh machen möchte wie mir.„Cultur“ aber muß ein Volk annehmen, wenn etwas aus ihm werden ſoll; denn dahin zielt ja das ſauſende Treiben und Weben der Ge⸗ ſchichte des menſchlichen Geiſtes, daß durch die„babyloniſche Verwirrung“ der Sprachen und Culturen jedes Geiſtesvolk ſich zu ſeiner ureigenen Bildung zurück durcharbeitet, um mit dieſem Weine wieder die andern Völker zu berauſchen oder, was beſſer wäre, zu tränken. Von dieſer letzteren Gattung hat mir oft zur rechten Stunde, wenn es mir über meinen Culturbüchern zu heiß oder zu kalt geworden war, weit draußen auf der Landſtraße ein Bote oder auf dem Feld ein alter Bauer unverſehens einen reinen und wackern Schluck eingeſchenkt. Das war ein bloßes Wort, wie es ſo ein guter alter Deutſcher manchmal fallen läßt, ohne gerade ſelbſt viel darauf zu achten, aber ein altes Wort, in das viel⸗ leicht ganze Geſchlechter ihren Sinn hineingewoben hatten, in dem vielleicht eine lange Geſchichte voll Herz⸗ und Kopfzerbre⸗ chens lag; ein Wort, das mich wie ein Blitzſtrahl treffen konnte, während mir mein ganzer deutſcher„Parnaß“, dieſer abermalige erratiſche Blocksberg, darüber in eine Art von Erdbeben gerieth. Die Geſtalten der Meiſter, die ich im gleichen Augenblicke hoch über ihm ſchweben ſah, blieben unerſchüttert; nur der Berg zitterte. Die gleiche Erfahrung wird der Romane, der Anglier machen, wenn ihn zur rechten Stunde ſolch ein altes Erbwort aus der Mutterſprache trifft. Bei uns hat dieſes alte 9* 132 Deutſch, wie man es noch im Volke reden hört, einen vorherr⸗ ſchend chriſtlichen Klang, oder auch, wenn es an die erſte Hälfte der Bibel anklingt, einen vorchriſtlichen, nämlich altjüdiſchen. Aber die Ueberlieferung vom Quickborn iſt ja bei allen Völ⸗ kern dieſelbe, bei den Juden wie bei den Heiden, nur daß der Jude bekanntlich zu Fuß durch die Weltgeſchichte geht, die andern dagegen beritten ſind. Bei den Juden iſt es der Mann Cottes, der mit dem Stabe Waſſer aus dem Felſen ſchlägt, bei den Heiden iſt es, wenn nicht der Gott ſelbſt, das Roß des Gottes, deſſen Huf den Born aus dem harten Boden ſpringen läßt. Das Wunder iſt bei beiden das gleiche, nur hat die jüdiſche Theologie den Hergang menſchlicher, die heidniſche hat ihn, je nachdem man urtheilen mag, göttlicher oder teufliſcher, alſo, wie wir geſehen haben, dichteriſch aufgefaßt. Ob es aber der Huf⸗ ſchlag eines Gottes iſt oder der Stab eines fußgehenden Gottes⸗ boten, womit ein dürſtendes Volk getränkt werden und andere tränken ſoll, der volle Quickborn wird ihm nur aus den mit Hilfe der fremden Culturwerkzeuge aufgeſchürften Gebirgen ſeiner eigenen alten Art, nur in den klar verſtandenen„Roßquellen“ und„Roßbächen“ ſeiner eigenen alten Sprache und Bildung fließen. Dieſe Bildung, ſo kindlich ſie war, ſchuf tiefſinnige Gedankenbilder, die für die Deutung vielſeitig, aber unerſchöpf⸗ lich ſind. Sie war kindlich, indem ſie ſtatt einer göttlichen Ge⸗ ſtalt nur die wohlverſtandenen„Attribute“ ihrer Gottheit, Wid⸗ derhörner, Pferdeohren, Menſchenkopf und Gans⸗ oder Schwa⸗ nenkörper meißelte; ſie wurde aber auch kindiſch im ſchlimmſten Sinn des Worts, indem ſie durch den breitgeöffneten Mund und die ausgeſtreckte Zunge offenbar nur Einen Sinn andeuten wollte, nämlich die Bereitwilligkeit des Gottes, das Blut ſeiner Opfer in Empfang zu nehmen. Dieſe Deutung iſt unzweifel⸗ haft, denn in der gleichen Markung, der das Götzenbild ange⸗ 133 hört, liegen Güter und Weinberge, die noch heute nach dem „Opferſtein“ benannt ſind, und wir ahnten nicht welch ein Grauen in unſern Worten waltete, wenn wir dort beim Spiele riefen:„Blutiger Mann, rühr' mich nicht an!“ Das Uebermenſch⸗ liche aber, das ſich nicht mit dem Menſchlichen verträgt, wird unter⸗ menſchlich, das nicht mehr verſtändliche Gottesbild verſinkt zur Teu⸗ felsfratze, und die unentwickelte Bildung geht unter, indem ſie in eine menſchlichere Schule genommen wird. Eine Schule jedoch, die alle Keime der Bildung entwickeln will, muß den Denker und Dichter im Menſchen zugleich befriedigen können, indem ſie dem einen ein unumſtößliches Wiſſen und dem andern ein unver⸗ ſiegbares Wunder aufthut, beides in einer jedes Zweifels lachen⸗ den Wirklichkeit. Das Erſte kann ſie ohne Zweifel durch über⸗ tragene Begriffe leiſten, wenn nämlich die Vernunft dieſelben anerkennen muß, das Zweite niemals, und mögen auch die Begriffe noch ſo gut übertragen ſein; denn zum Wunder gehört mehr als Wiſſen oder Glauben, es gehört Schauen und Hören dazu. Das iſt nur möglich im wirklich lebendigen Wort, und dieſes lebt nur in der Mutterſprache. So lang aber die über⸗ tragenen Begriffe nicht gänzlich in derſelben aufgegangen ſind, ſo lang auch nur noch ein unaufgelöstes Wort aus fremder Zunge aushelfen muß, ſo lang hört ſelbſt das Kind ſchon der Mutter Sprache zum Theil mehr mit dem Kopf als mit dem Herzen, weil die Mutter nicht ganz die uralte Mutter ſprache ſpricht. Dieſe geht halbverſtanden, unverſtanden im Volk umher, wie der Geiſt einer abgeſchiedenen Mutter bei ihren Kindern umgeht, und raunt uns leiſe manch verlorenes Wort ins Ohr. Mit ihr ſchleichen auch immer noch die alten Geſtalten zwiſchen den Menſchen hin, nicht mehr zu Teufelsfratzen verzerrt, aber wie in Nebelkappen gehüllt, und aus dunklen Worten, Sagen, Sprichwörtern und Redensarten klingt es oft heraus, wie fern⸗ 134 dröhnender Hufſchlag eines Reiſigen, der uns eine Botſchaft bringen möchte, oder wie das Rauſchen von Quellen, die einſt hellſpiegelnd hier floßen und dann in die Tiefe verſunken ſind. Eine jener Geſtalten aber iſt nicht ganz in den Berg einge⸗ ſchloſſen, der alte ewig junge Lichtgott, in dem der deutſche Heide das jugendlich verklärte Bild ſeines Volksgemüthes ſah, dem vielleicht nie ein blutiges Opfer gefallen iſt. Die unbe⸗ wußte Erinnerung, die durch die Sprache wirkt, hat ihn, ohne den Namen und die Geſtalt, in manchem Wort und Bild ver⸗ körpert, und ſo ſchwebt er über den leuchtendſten Höhen, über den ſonnigſten Hügeln unſerer Dichtung, wie ein Wunſchgebilde, das mit halbem Leibe aus dem Spiegel taucht und wieder ver⸗ ſchwindet. Nach dem Buchſtaben iſt er zweimal untergegangen, einmal ſchon im alten Glauben und dann durch den neuen, der jedoch offen ſeine Verwandtſchaft mit ihm anerkannte, aber der Geiſt, der in unſerem durch ſo viele Culturmühlen gerüttelten Volke fortlebt, verkündigt, daß er wiederkehren wird, nichts Trübes, nichts Dunkles duldend, alſo auch nicht, wie der Buch⸗ ſtabe der alten Sagen predigt, in mythiſcher Geſtalt, ſondern als ein heller lichter Volks⸗, Menſchen⸗ und Gottesgeiſt, in welchem Wiſſen, Glaube und Dichtung vereinigt ſind. Die Keime aller dieſer Gedanken, in wirrer, kindiſcher, unge⸗ borener Geſtalt, ſausten durch den Kopf des„Buben“, der im Wittwenſtüblein ſaß und„mit Teufelsgewalt“ ein lateiniſcher Poet werden ſollte. Denn alles Culturmaterial, an dem ſich die Geiſter dieſe dreißig Jahre her abgearbeitet häben, kam,— wie dies ja immer bei„Buben“ die dereinſt„ſtudiren“ ſollen ge⸗ ſchieht— frühzeitig, wenn auch klein gemahlen, auf unſere Mühle. Vom erſten Leſen und Schreiben weg lernte man gleich„viel“ Römiſch, dann Griechiſch, bald auch„etwas“ Hebräiſch und Franzöſiſch, kurz, einen ganzen Wald, von welchem, wie wir ——— ₰ 135 geſehen haben, juſt der nackte Grund und Boden mit einigen Stümpfen und Wurzeln übrig geblieben iſt. Zwiſchen hindurch ſchlang ſich die ſonntägliche Theologie der Predigt und„Kinder⸗ lehre“, wie man dieſe damals noch hieß, obgleich, je nach dem Geſchmack des Katecheten, ſehr erwachſene„Allotria“ darin vor⸗ kommen konnten, wie ich denn zum Beiſpiel bei einer dieſer Gelegenheiten erſtmals in der Hexerei des„Syllogismus“ unter⸗ richtet, folglich auf ſtrengſtkirchlichem Wege in die Logik einge⸗ führt worden bin. Dazu kamen ſechs Gattungen Deutſch in ſehr bunter Miſchung: Alt⸗ und Urdeutſch, wie es ſich in der mundartlichen und redeweislichen Sprache einer altſchwäbiſchen, noch halb gothiſch redenden Stadt erhalten hatte; Kerndeutſch, wie es aus Luthers Bibel tönt, hallt, läutet und donnert;„hö⸗ heres“ Deutſch, vornehmlich aus Schiller, und zwar bei dem Vater aus„Tell“,„Don Carlos“,„Götter Griechenlands“, bei der Mutter aus dem„Kampf mit dem Drachen“; noch einmal Altdeutſch in den„dummen“,„abgeſchmackten“, aber unentreiß⸗ baren Volksbüchern, die unter unſern Augen gedruckt wurden, in Märchen und Sagen, dann auch in dem eben damals allmäh⸗ lich weiter verlautenden Hammerſchall aus den Schmiedeklüften der deutſchen Mythologie; dazwiſchen aber unendliches Schmier⸗ deutſch jeglicher Art und Gattung, beſonders leihbibliothekariſches, und zwar dieſes in ſündfluthartiger Fülle; endlich, ſeit dem griechiſchen Aufſtande, auch„etwas“ Zeitungsdeutſch. Alles das mußte, theils freiwillig theils unfreiwillig, in die beiden kleinen Hälften des winzigen Deutſchlands, von welchem wir reden, nämlich in Kopf und Herz eines zwölfjährigen Deutſchen hinein. Kein Wunder, daß dieſes kleine junge Deutſchland dadurch daſſelbe wurde, was das große alte Deutſchland ſchon ſo oft geweſen iſt, nämlich der Tummelplatz eines mehr als dreißigjährigen Krieges. Und, um als Proteſtant in dieſem Bilde fortzufahren, unter 136 allen Schlachten, die ich im Activum oder Paſſivum mitmachte, war jedesmal das Diſtichenmachen meine Nördlinger Schlacht, oder, bei dem Bilde von der Mühle ſtehen zu bleiben, unter allen Mahlgängen, welchen ich zutragen mußte, war mir der⸗ jenige, in dem ich oben nichts als meine dermalige deutſche Kleie aufzuſchütten hatte und unten lateiniſch⸗poetiſches Mehl heraus⸗ bringen ſollte, jederzeit der„penibelſte“, ja ſo peinvoll, daß ich oft nicht bloß der zweibeinigen, ſondern auch der vierfüßigen Sackträger ganzen Jammer darin zu mahlen glaubte. Die beiden Frauen, die dieſes kleine Deutſchland zu regieren bekommen hatten, geriethen hierüber oft in ſchwere Regierungs⸗ ſorgen, die ſie jedoch auf verſchiedene Weiſe trugen. Die Jün⸗ gere, die Mutter, hatte alle Eigenſchaften, dem Sohne nicht bloß die beſte Führerin, ſondern, in Ermanglung eines Vaters, auch der beſte Führer gerade dann zu werden, wann die Führung am nöthigſten iſt, nämlich in dem Alter, in welchem er ſie nach⸗ her zu Grabe geleiten mußte. Aber zur Leitung eines Kna⸗ ben braucht es Hörner und Zähne irgend welcher Art, und dergleichen beſaß ſie nicht, denn ſie war die Milde und Sanft⸗ muth ſelbſt. Ein aus den Knabenſchuhen herauswachſender Wittwenſohn wird auch der ſtärkſten Mutter von Zeit zu Zeit über den Kopf wachſen. Sie ſieht in ihm des Vaters Ebenbild, durch eingewobene Züge des ihrigen entweder noch gekräftigt, oder, was häufiger der Fall ſein wird, gemildert; ſie kann mit ihm ſchon manches berathen, was ſie einſt mit dem Vater be⸗ rieth; und ſo wird er unvermerkt Theilhaber im Regiment über das Haus und die jüngeren Geſchwiſter. Sind dieſe noch unent⸗ wickelt, ſo gelten ſie, wenn auch nicht bei der Mutter, ſo doch bei vielen Beiräthen und Beiſtändern, einſtweilen für„minder begabt“, obwohl es ſehr oft vorkommt, daß ſo ein„Aſchenbrödel“ von jüngerem Bruder nachher im bürgerlichen Leben„was ——— Tüchtiges vor ſich bringt“, nachdem Ihro Durchlaucht oder Hochwürden⸗Gnaden der Herr Erſtgeborene das eigene oder gar das gemeinſchaftliche„Sächlein“ längſt zu„verſtudiren“ geruht haben, um dann auf mehr vornehmem als großem Fuße die „ſolide Proſa“ eines dienſtbaren„Herrenlebens“ ſtricken zu lernen oder auf mehr freien als guten Sohlen das Trauerſpiel eines „talentvollen“ Kopfes fortzuſpinnen. Dieſe Erſcheinung war und iſt ſo häufig, daß ſie recht eigentlich der theologiſch⸗bureau⸗ kratiſchen Cultur⸗ und Geſellſchaftsgeſchichte angehört. Ein ſolcher Mitregent im Mutterhauſe kann nun binnen kurzer Zeit ſehr verſchiedene Geſtalten annehmen. Er iſt nach einer wahr⸗ haft rührenden Unterredung mit der Mutter, lauter„Ideale“ im Herzen, aus dem Hauſe gegangen; während ſeiner kurzen Abweſenheit hat ſie ihn vollends zum Jüngling, zum Manne herangeträumt; und nun kommt er als„Gaſſenbube“ heim. Aus dem ſo„geſcheiden Buben“ iſt ein„dummer Junge“, der nicht einmal lateiniſche Verſe herausbringt, die doch gemacht ſein müſſen, oder vielmehr aus dem„folgſamen“ Knaben, den man num den Finger wickeln“ konnte, ein„Stock“ geworden; und ſo geht es fort, bis das„weiche gute Kind“ ſich vollends in einen„wahren Teufel“ verwandelt und der Wortwechſel mit den bitterſten Thränen ſchließt. Meiſt fließen dieſe Thränen auf beiden Sei⸗ ten, aber nicht zu gleicher Zeit; denn unſere meiſten Männer, die ja ſchon in den„Buben“ ſtecken, können bekanntlich ſelten Weiberthränen vertragen; ſie werden davon nur noch„wilder“ und„wüthiſcher“. Nun iſt es an der Zeit, die andere Reichsgewalt zu Hilfe zu rufen, die„ſchräg“ über der Straße drüben wohnt, oder vielmehr, nach örtlichem Sprachgebrauche,„ſitzt“. Und dieſe verſteht das Regieren aus dem Fundament, wenigſtens nach dem alten Styl, weltlich und geiſtlich. Es gehört blutwenig dazu, * 138 denkt ſie mit dem ſchwediſchen Kanzler, wenn ſie deſſen Dictum kennt, aber gelernt will es ſein und geübt, denn es iſt nicht bloß eine Wiſſenſchaft, ſondern ein Handwerk, oder vielmehr eine Kunſt. Zur Uebung aber hat ſie als reichsſtädtiſche Pfarrerin alle Ge⸗ legenheit gehabt, und hat dabei auch gelernt, daß der bloße religiöſe oder moraliſche Imperativ bei den alten Kindern nicht ausreicht, geſchweige bei den jungen, ſondern daß noch etwas mehr dazu gehört. Sie empfängt den„Buben“, auf deſſen Ge⸗ ſichte Sonnenſchein und Regenwetter ſtreiten, mit ihrer immer gleichen Freundlichkeit, und wartet ab, bis er ſeinem Herzen Luft macht, oder, wenn dies zu lang dauert, ſo fragt ſie was es gegeben habe. Gewiß wird's wieder über den lateiniſchen Verſen angegangen ſein, ſetzt ſie gleich hinzu: ich möchte nur auch wiſſen, warum man euch ſo mit dieſen einfältigen lateiniſchen Verſen plagt; ihr mögt ja nachher einen Beruf haben, welchen ihr wollt, ſo verlangt's kein Menſch mehr von euch; wozu ſoll's denn alſo gut ſein? ſollſt denn du einmal deinen Bauern oder den Stadtleuten in lateiniſchen Verſen predigen?— Das iſt die rechte Tonart, um ſo mehr als ſie zugleich unverfälſcht iſt; denn der„Bub“ weiß ganz genau, daß die alte Frau kein Wort anders ſpricht, als ſie es denkt. Nun geht es eine Weile in dieſer Tonart fort, beide ereifern ſich mit einander, und ihm wird immer wohler dabei. Wieder nach einer Weile fragt ſie: Aber, Männlein, was haſt du denn gethan, daß deine Mutter ſagt, ſie könne nicht mehr Meiſter über dich werden? Du kannſt doch ſonſt ſo ein braves Kind ſein, wenn du willſt.— Nun muß er beichten, und wenn er mit den„griffigſten“ Ausdrücken, die er ſich zu Schulden kommen ließ, nicht zum zweitenmal heraus⸗ rücken will, ſo hilft ſie ihm freundnachbarlich nach, weil ſie gewöhn⸗ lich recht gut weiß was vorgefallen iſt. Alsdann aber ſpricht ſie deutſch mit ihm, jedoch nicht ein ſolches wie man es gewöhn⸗ lich im Zuſammenhange dieſer Redensart verſteht, und dennoch mit dem Erfolge, daß der„junge Herr“ zu ſeiner eigenen Ver⸗ wunderung plötzlich wie ein bis an den Kopf in den Boden ge⸗ ſchlagener Nagel vor ihr ſitzt und zu ihr aufſchaut. Es liegt das rein in der Sprache. Die moderne Redeweiſe iſt mehr eine Fechtart, die die Perſon des Redenden in den Vordergrund ſtellt und auf ſeinen perſönlichen Hieb einen wo möglich eben ſo per⸗ ſönlichen Gegenhieb herausfordert; und wenn es auch in dieſer Fechtart eine verdeckte Klinge gibt, die ſcheinbar ins Blaue haut, und den Gegner in den Nachtheil ſetzt, den Hieb erſt auf ſich beziehen zu müſſen, ſo iſt das eine bloße Finte, die Keinen täuſchen kann. In der älteren Sprache dagegen tritt die eigene Meinung nicht zum Scheine, ſondern in Wahrheit zurück, und es wird bloß ein allgemeines Geſetz ausgeſprochen, in der Weiſe, daß die Perſon des Urtheilenden ſich ihm mehr unterwirft als daß ſie es„promulgirt“. Gleichwohl kann ein ſolches Urtheil ſehr grob lauten, gröber als ein moderner Grobian es zu geben wagt, aber die Grobheit geht von der Sprache aus, nicht vom Sprechenden, und eben darum wirkt auch das Urtheil ſtärker als die ſtärkſten modernen„Treffe“, ob dieſe nun in Fineſſen oder in Derbheiten beſtehen mögen. War nun der junge Herr recht in den Boden geſchlagen, ſo wurde er alsbald mit der liebreichſten Art wieder herausgezogen. Wollte er aber„aufbe⸗ gehren“, ſo wurde ihm im ruhigſten Tone von der Welt erwi⸗ dert: Wenn's dir bei mir nicht gefällt, ſo weißt du ja wo der Zimmermann das Loch hinaus gemacht hat. Allein der Ton hatte nicht die geringſte herausfordernde Beimiſchung; er war von einem ſchalkhaften Lächeln begleitet, und klang bloß wie eine Betheurung, daß hier kein Kerker ſei. Im Nothfall baute ſie auch noch eine goldene Brücke hinzu, indem ſie beifügte: Ich ſage das bloß für den Fall daß du hinaus willſt; denn du 140 weißt ja wie lieb ich dich hab' und wie du mir immer willkom⸗ men biſt; drum wird es geſcheider ſein, du machſt deine Verſe heut bei mir, und bis morgen iſt alles wieder im Gleis; ich weiß ja, du haſt deine Mutter noch lieber als mich, und da thuſt du auch recht dran, denn ſie iſt dir ja Vater und Mutter zugleich. Gewöhnlich waren nach einem ſolchen Vorgang die Verſe bald fertig, und dann wurde der Abend auf die allerluſtigſte Weiſe verbracht; denn die alte Frau konnte, obwohl ſie in nicht ge⸗ meinem Grad verſtändig mar, doch ein ausbündiger Kindskopf mit einem Kinde ſein. Oft kam dann noch die Mutter herüber, oder es wurden wenigſtens Friedensbotſchaften ausgewechſelt, und der ganze Krieg hatte ein um ſo innigeres Einvernehmen zur Folge. Aber nicht immer ging es ſo gut, und das ſtille Wittwen⸗ ſtüblein erlebte Stunden der düſterſten Poetenverzweiflung. In eine ſolche verſetzen wir uns jetzt. Der arme„Bub“ hat alle Götter nach einander angerufen, auch den mit dem Gerbersge⸗ ruch, den griechiſch⸗lateiniſchen Poetenſchinder Apollo, aber ver⸗ gebens, keiner will über ihn kommen. Dazu iſt der Abend zum Erſchrecken vorgerückt. Die Uhr ſteht ſtill, nämlich die alte Sanduhr, deren ſich der ſelige Pfarrherr ehedeſſen auf der Kan⸗ zel bedient hatte und die nun ſeinem vermeintlichen Nachfolger als etwas„Apartes“ eingeräumt iſt, um die Arbeitszeit daran zu meſſen. So oft er ſie aber auch umgekehrt hat dieſen Abend, nichts iſt unten herausgekommen, nicht einmal Kleie oder Spreu, nichts als Sand und immer wieder Sand, und deshalb hat er ſie mürriſch auf die Seite geſchoben. Dafür iſt die andere Uhr inzwiſchen um ſo fleißiger gegangen, die alte kleine Standuhr mit dem vergoldeten Schnitz⸗ und Schnörkelwerk, die auf dem Nußbaumſchranke drüben ſteht; und o alle neun Muſen, ihr ——————— 141 alten Jungfern! ſie ſchlägt jetzt halb zehn Uhr, und ihr habt mir noch nicht einmal einen Hexameter beſchert. Um zehn Uhr aber iſts Matthäi am letzten, denn die alte Frau hat ihre feſte Hausordnung,„da beißt die Maus keinen Faden davon.“ Um zehn Uhr muß der künftige Pfarrherr in den federweichen Bodenſee unter dem großen Himmel ſpringen, während die ehe⸗ malige Pfarrfrau in der ſchmalen Bucht unter dem kleineren Himmel vor Anker geht, nicht ohne zuvor mit herzlichem Flehen und innigem Seufzen— er hörts oft bis in ſeine Kammer hinaus— den Ueberwinder der Welt um Schutz vor der Angſt und Noth dieſer Welt zu bitten. Warum hat doch ſelbſt die echteſte Frömmigkeit, die immer ſo heiter und gottvertrauend iſt, manch⸗ mal wieder ſo bittere Angſt vor den böſen Mächten dieſer Welt? Sind ſie denn immer noch nicht überwunden? Und wenn eine alte gute deutſche Chriſtin den Stab der Hoffnung, daß die Welt überwunden ſei, nicht immer ganz feſt in der Hand fühlt, ſo wird doch wohl auch ein kleiner ſchwacher lateiniſcher Blocksbergs⸗ reiſender, dem bei jedem Schritt die ſcandirenden Kniee einbrechen, über der Angſt und Noth der Welt ein wenig vergehen dürfen. Den ſchlechten Poeten hilft er nun einmal nicht, der liebe Gott, da läßt er ſich nichts abbetteln, und es wäre auch eine unbillige Zumuthung, denn er müßte dann wahrhaftig einen der nützlich⸗ ſten Zweige des nützlichen Gerberhandwerks verdorren laſſen. Aber irgend ein Deus ex machina muß in dieſer halben Stunde noch helfen, ſonſt geht's diesmal„letz“. Es iſt zwar erſt Sam⸗ ſtag Abend, und wir haben alſo noch einen ganzen Tag vor uns, aber der iſt zu einem„gottvollen“ Ausflug beſtimmt. Auf Montag früh iſt kein Verlaß, wir kennen dieſe Montagmorgen, und zumal nach einem Gebirgsmarſch wird er etwas„bläulich“ ſein. Ohne Verſe kommen? Das haben wir letzten Montag probirt, haben das Erercitienheft getroſt zum„Einſammeln“ her⸗ 142 gegeben, und wie es hernach aufgeſchlagen wurde, ſo ſtand hin⸗ ter dem lateiniſchen und dem griechiſchen„Argumentlein“, da wo der Nachtiſch mit dem bewußten Backwerk hätte folgen ſollen, nichts als ein heroiſches„Invita Minerva“! Aber die„Diction“, obgeich echt„antik“ und„elaſſiſch“, war„modern“, ja„revo⸗ lutionär“ befunden worden; und kein Volk macht eine verun⸗ glückte Revolution nach acht Tagen zum zweitenmal. Es wäre auch„kein Witz“. Welche Macht, o Muſe, muß„jetzo“ angerufen werden, nachdem der Olymp und der Acheron vergeblich beſtürmt wor⸗ den ſind? Ich lache dich aus, alte Kamöne, denn du weißt es nicht. Und geholfen muß bis zehn Uhr werden, alſo mit Eiſen⸗ bahngeſchwindigkeit, während doch die Eiſenbahn noch in ſo wei⸗ ter, weiter Ferne ſteht! Du ſpitzſt den Mund und lächelſt? Ja, du warſt ein wunderſchönes Hexlein zu deiner Zeit, und haſt deinen„Machern“, Hof⸗ und Verſemachern, manche ſtolze Dampf⸗ bahn gebaut. Mich aber haſt du den ganzen Abend auf's ſchnö⸗ deſte ſitzen laſſen, darum will ich auch nichts mehr von dir. Aus deiner Ecke, abgedankte„Tochter Jovis“, kannſt du jetzt zu⸗ ſehen, wie eine alte Pfarrerin ſtatt deiner die Verſe„macht“, ohne Hexerei, ohne den Gradus ihres Seligen, ohne ein Wort Latein zu verſtehen.— Die alte Frau hat den ganzen Abend ſtill und ruhig fortgeſtrickt, obgleich ihre Augen, und ſie hat trotz ihrer Jahre noch ſehr gute Augen, ihr ſchon längſt heimlich erzählt haben, daß es auf dem Parnaß„getreu“ ausſieht, nämlich übel. Sie thut aber nicht„desgleichen“, denn ſie weiß, wiewohl aus kei⸗ nem Epos, daß der Deus ex machina nicht eher einſpringen kann, als bis die Noth ihren Gipfel erreicht hat. Dieſer günſtige Zeit⸗ punkt iſt eben jetzt mit dem Glockenſchlage halb zehn Uhr ein⸗ getreten. Zugleich mit dieſem Schlage hat ſie ihren Strumpf 143 abſolvirt und legt ihn nun mit einem ſeelenvergnügten Auf⸗ athmen weg. Gottlob daß der langweilige Strumpf fertig iſt! beginnt ſie. Nun könnten wir wohl noch ein halbes Stündlein mit ein⸗ ander ſchwätzen. Du haſt ja den ganzen Abend noch den Schna⸗ bel nicht aufgethan. Sei nur nicht gar zu fleißig. Du über⸗ treibſt's, die Herren können doch nicht wollen daß du dich zu Schanden rackerſt. Vier Verſe könnten für heut auch genug ſein. Oder haſt ſchon ſechs? Welches Fegefeuer, Tropfen um Tropfen, auf eine arme gepreßte ſterile Poetenſeele! Mit erſterbenden Blicken reiche ich ihr das Papier, und ſie überzeugt ſich in der Nähe, daß ſie aus der Ferne richtig geſehen hat. Aber Männlein, was iſt das?„Hier iſt nichts und da iſt nichts, und aus Nichts hat Gott die Welt erſchaffen?“ Dies war die wohlbekannte Geſchichte von der Stegreif⸗ predigt, die auch ſchon zu Zeiten Wunder bei mir gethan hatte. Heute aber war ſie abgenutzt. Biſt denn mit deinen Gedanken im Pfefferland geweſen? fährt ſie fort. Oder gehſt du morgen nicht mit auf den Jung⸗ fernfelſen? Da hatte ſie nun meine Meinung keineswegs getroffen. Ich wollte freilich auf den Jungfernfelſen, nur nicht auf den Parnaß. Ja, dann müſſen aber die Verſe heut noch gemacht ſein. Was würde deine Mutter ſagen? Sie würde ja glauben, ich habe dich zum Müßiggang verleitet. Und ſag' mir nur nicht, du bringeſt nichts heraus. Du kannſt Alles was du willſt. Es kommt ganz darauf an, in welcher Faſſung, mit wel⸗ chem Ton und bei welchem Anlaß die letzten Worte geſprochen ———— 144 werden; denn ungeſchickt angebracht können ſie den Zweck völ⸗ lig verfehlen. Und ſchaffſt ja ſonſt ſo gern, oft mehr als man von dir verlangt. Haſt du nicht heut einen lateiniſchen Brief geſchrie⸗ ben, den man drucken laſſen könnte? O wie wahr! Ganz das Nämliche hatte ich ja ſelbſt erſt vorhin zu mir geſagt, und jetzt wo die alte Frau es gleichfalls ſagte, mußte es zweimal wahr ſein. Sie hatte freilich den Brief nicht geleſen, und das aus guten Gründen, ſie hatte ihn bloß geſehen, weil er an ihrem Tiſche geſchrieben worden war; da aber alles richtig war, was ſie ſagte, ſelbſt das Unangenehme, warum ſollte nicht auch das Angenehme richtig ſein? Die Mut⸗ ter pflegte bei ſolchen Gelegenheiten den Kopf zu ſchütteln, denn ſie meinte, man brauche die jungen Leute nicht noch eitler zu machen als ſie von ſelbſt ſchon ſeien. Die alte Frau dagegen war der Anſicht, es ſei beſſer, dieſe Eitelkeit hie und da ein wenig zu ſtreicheln, bis ſie das Pfötchen hervorſtrecke, weil man ihr dann eher die Kralle beſchneiden könne, das einemal oben⸗ hin das andremal„behäber“, je nachdem es eben die Umſtände mit ſich bringen. Diesmal war nicht viel mit der Scheere zu machen, denn der„Bub“, obgleich bis in den Grund des Herzens geſchmei⸗ chelt, erwiderte, der Brief, wenn er auch vom Cicero ſelbſt ge⸗ ſchrieben wäre, was doch gute Wege habe, ſei eben in Proſa geſchrieben, und das ſei„was anderes“. Jetzt muß ich aber lachen! ruft die alte Frau. Zu einem Brief gehört doch Kopfſchmalz, und in den Verſen iſt man mit einem„Plumpidibum“ zufrieden; ich hör's ja allemal wie's beim Durchleſen thut. Wer wird ſich denn ſo vor den dummen Ver⸗ ſen fürchten? Ich thät mich ja ſchämen, ſetzt ſie ganz grob hinzu, vor den dummen Verſen ſo einen dummen Reſpect zu haben. ——. Nun regt ſich's in der ledernen Poetenader. Aus Gering⸗ ſchätzung etwas zu thun, was man nicht„mit Freudigkeit, um Gottes Willen“ vollbringen kann, das iſt wenigſtens„pikant“. Da jedoch über dem Geſpräch noch fünf weitere Minuten verfloſſen ſind, ſomit vermehrte Pferde⸗ oder Dampfkraft nöthig wird, ſo beſchließt die alte Frau, die Sache noch pikanter zu machen, und etwas„ſaftig“ nebenbei. Wenn ich jetzt doch nicht mit dir ſprechen kann, ſagt ſie, ſo will ich lieber einen neuen Strumpf anfangen. Wollen wir ſehen, wer am ſchnellſten vor⸗ wärts kommt? Mit dieſen Worten bietet ſie eine förmliche Wette an, und renommirt dabei auf eine Weiſe die ganz gegen ihre Gewohn⸗ heit iſt. Sie bezeichnet am Finger ein Geſtricklängenmaß, das keine Hexe in der angegebenen Zeit zu Stande brächte, und ſetzt es je gegen einen Vers. „Nunmehro“ kommen wir in's Fahrwaſſer. Der„Ehrgeiz“ iſt angeregt. Das iſt aber etwas anderes als die„Ambition“ der Schule, iſt auch nicht jener Ehrgeiz, der in des Lebens„Renn⸗ laufbahn“, auf deutſch Carridre, vorgeſpannt wird. So wenig zwar der„Bub“ geneigt war, ſich im„Exponiren“ und„Com⸗ poniren“, das heißt, im proſaiſchen Lernen, von ſeinen Kamera⸗ den„lumpen“ zu laſſen, ſo gleichgiltig war ihm doch die Con⸗ currenz in der Poeterei, denn er gab um die Verſe der An⸗ dern eben ſo wenig einen Kreuzer wie um ſeine eigenen. Ja, mit einer fleißigen Strumpffſtrickerin zu concurriren, das konnte ſich eher der Mühe lohnen, weil da wenigſtens auf einer von bei⸗ den Seiten etwas Nützliches zu Stande kam; aber der„Bub“ hätte ſehr„auf den Kopf gefallen“ ſein müſſen, wenn er nicht die Abſicht der Strickerin durchſchaut hätte. Beide waren durch⸗ aus verwandte Naturen, welche die Eulenſpiegelei, ſich gegen⸗ ſeitig mit ſtillem Bewußtſein von einander überliſten zu laſſen, Kurz, Erzählungen. I. 10 146 ſchon oft in usum Delphini, das heißt, zum Nutzen des jüngern Theils, mit einander aufgeführt hatten. Der Ehrgeiz beſtand alſo darin, jetzt endlich, nach einem trübſeligen Abend, Glock' halb zehn Uhr zu begreifen, daß es geſcheider ſei, aus dem „dummen“ Ernſt einen vernünftigen Spaß zu machen oder, wie dies ſpäter auf der Univerſität ausgedrückt wurde,„des Lebens Unverſtand mit Wehmuth zu genießen.“ Der arme kleine Poet hatte auch den ganzen Abend nach dieſer Art von Wehmuth ge⸗ ſeufzt, aber die alte Frau hatte ihn weislich zappeln laſſen, weil ſie ſich ſagte, daß ſie ja doch nicht ſein Leben lang neben ihm ſitzen bleiben könne, um ihn zu allen Drachenkämpfen mit dem „Unverſtand des Lebens“ durch ihren Strickſtrumpf zu inſpiriren. Eine Wette aber muß auch ihren Preis haben, und nun geht die alte Frau an den Schrank, nicht an den der die Standuhr trägt, ſondern an den gegenüberſtehenden mit dem ein⸗ gebogenen Aufſatze von altkünſtleriſcher Arbeit, und öffnet die Thüre, hinter welcher allerlei Koſtbarkeiten und Reliquien ver⸗ wahrt ſind. Was bringt ſie hervor 2 Vier Aepfel, etwas bleich⸗ ſichtig, aber die Bäcklein röthlich angehaucht, kurz, die erſten reifen Jakobiäpfel, die erſten Aepfel des Jahres, in die der Sieger kecklich beißen darf, denn die alte Frau iſt Kennerin und gibt nichts Unreifes her. Dieſer Anblick iſt nun wahrhaft niederſchmetternd für den Ehrgeiz des jungen Herrn, denn auch er hat heute nach der Schule ſeinen Spaziergang durch ver⸗ ſchiedene„angeſtammte Territorien“ gemacht, um zu„inſpiciren“, zu„ſpioniren“, zu„loſchoren“, aber er, hat das kleine Bäum⸗ chen überſehen, von dem doch ſchon letzten Winter ſo viel ge⸗ ſprochen worden und das dieſen Sommer allen andern zuvor⸗ gekommen iſt. Es gibt unter den Bäumen weit frühreifere Kinder als unter den Menſchen, und obendrein ſind jene frucht⸗ bringend, wogegen dieſe ſehr oft nur taube Blüthen tragen. Sieh, Lieber, ſagt die alte Frau, indem ſie die vier Aepfel auf den Tiſch legt, ich habe ſie eigentlich dir beſtimmt gehabt, aber erſt auf morgen für unterwegs. Jetzt ſteht's anders, und ich kann dir nicht helfen, jetzt gehören ſie eben dem der ge⸗ winnt. Auch dieſe Kriegsliſt war leicht zu durchſchauen, aber ſich täuſchen zu laſſen, war ja eine noch größere. Eben darum be⸗ kam die Sache jetzt ein ſehr ernſtes Ausſehen, und über dem „Pathos“, das die vier Jakobiäpfel hervorbrachten, ver⸗ ſchwand vollends der natürliche Ekel vor dem mechaniſchen„Or⸗ ganismus“ der Poeterei, wenigſtens auf eine halbe Stunde. Die beiden Muſen, die Strickmuſe und die Scandirmuſe, begannen ihren Wettlauf. Die erſtere in ihrer Herzensangſt, daß ſie zu früh fertig werden könnte, ließ Maſche um Maſche fallen, um ſie mühſelig wieder aufzunehmen; denn die„Oekono⸗ mie“ dieſes„Epoſſes“ war ja darauf angelegt, daß die„Kopf⸗ arbeit“ über die„Handarbeit“ ſiegen ſollte. Die Scandirmuſe dagegen ließ halbe und ganze Füße dahinten, mit dem Vorbe⸗ halt, ſie in der blauen oder grauen Frühe des Montags nach⸗ zutragen. Ich glaube es heute noch nicht, aber es iſt dennoch buch⸗ ſtäblich wahr, daß noch vor zehn Uhr die vier Aepfel gewonnen waren, nur mit dem Unſtern, daß ich, wie dies leicht in der Geſchwindigkeit geſchieht, dem„Gedanken“ die Schuhe zu weit angemeſſen hatte und deshalb, weil man nicht wohl mit einem Komma aufhören kann, noch ein fünftes Diſtichon dreinzugeben genöthigt war, dem es überlaſſen blieb, ſich, wie jede Tugend, ſelbſt zu belohnen. Aber mit dem letzten Glockenſchlage der zehn⸗ ten Stunde war auch das letzte Glied der Mißgeburt fertig, nämlich die erſte Hälfte des fünften Pentameters, welche der zweiten, wie Serah dem Perez, nachgeboren wurde. Nur war das kein organiſcher Hergang, wie bei der immerhin wunder⸗ 10* 148 ſamen Geburt der beiden Patriarchenzwillinge, ſondern ein rein „techniſcher“, nach Art des Mechanikers, der begreiflicherweiſe zuerſt die hauptſächlichſten Fugen, Schließen und Klappen fertig macht, und dann erſt das Nebenwerk. Die gleiche kluge Vor⸗ ſicht wird freilich oft genug auch bei der deutſchen Reimkunſt beobachtet; doch gibt es da Geburten, bei welchen, zur eigenen Ueberraſchung des„Machers“, aus dem lebendigen Gedanken die lebendigen Reime ſich von ſelbſt machen; dieſes Wunder aber hat die Sprache bis jetzt auch ihren beſten Lieblingen nicht im⸗ mer, ſondern nur an beſondern Feiertagen beſchert. Nun ſaßen die beiden Schälke einander eine Weile mit ernſthaften politiſchen Geſichtern gegenüber, wie zwei Schach⸗ ſpieler, die nach beendigtem Spiele Sieg und Niederlage mit Anſtand zu tragen wiſſen, oder wie Scipio und Hannibal in jener berühmten Stunde, in der ſie über die Frage, wer der größte Feldherr des Jahrhunderts ſei, ihre lateiniſchen„Com⸗ plimente“ wechſelten. Der junge Schalk aber, nachdem er in den erſten der erſiegten Aepfel gebiſſen hatte und den erſten friſchen Eindruck dieſes Naturgedichts verſpürte, konnte nicht um⸗ hin, auf ſeine eigenen Unkoſten, wie er wohl voraus wußte, „den Haſen aus dem Buſch zu jagen“. Er ſtellte ſich nämlich jetzt, als ob er ſich für den rechtmäßigſten Sieger auf Erden hielte, und krähte ſein Siegeslied, mit dem Zeigefinger der rech⸗ ten Hand an dem der linken ſchabend, ſo endlos fort, bis die alte Frau die Geduld verlor und nun gleichfalls losbrach. Gelt, ich hab' dich drangekriegt! rief ſie. Was ſteht jetzt auf deinem Papier? Fünf baare blanke Verſe, ſie glänzen noch von der naſſen Dinte! Zu was ſind nun die„Phyſimathenten“ und „Umſtände“ nöhig geweſen? Hätteſt nicht von ſelber fertig werden können? Und willſt mich noch einmal anlügen, du bringeſt nichts heraus? O Lieber, Lieber, wenn ich's vermöchte und 149 wenn ich immer um dich ſein könnte, ſo wollt' ich ja gern alle harte„Brettlein“ für dich bohren. Aber du weißt ja:„Selbſt iſt der Mann!“ heißt's im Sprichwort. Ja, wenn man nur die Bretter bohren dürfte, zu denen man Luſt und Liebe hat, da wär' die Kunſt nicht ſo groß. Aber wähl' deinen Beruf wie du willſt, es werden dir überall ſolche unter die Hände kommen, die du nicht bohren magſt, und doch bohren mußt. Was hilft's dich dann, wenn du ſagſt, es ſei eine Dummheit, und wenn du zehnmal Recht haſt? Die Welt iſt eben ſtärker als wir. Viel⸗ leicht kommt einmal eine Zeit, wo die Menſchen nicht mehr mit ſo viel unnöthigem Zeug geplagt werden; aber das muß man dem lieben Gott anheimſtellen. Er weiß am beſten, was ſeinen Kindern gut iſt. Und ſag' nur nicht mehr, wenn's einen Herr⸗ gott gäbe, ſo müßteſt du keine lateiniſche Verſe machen. Sieh, das thut mir allemal ſo weh, und deiner Mutter auch; und du glaubſt's doch ſelber nicht, es iſt nur ſo ein dummes Geſchwätz. Das war nun freilich wieder eine Grobheit, und zwar diesmal eine perſönliche, die ſich nicht im Hintergrunde hielt. Aber bei der Denkungsart der alten Frau waren die Reden, auf die ſie anſpielte, für ſie ebenfalls perſönliche Beleidigungen; denn Nie⸗ mand hört gern ſeinen Vater läſtern. Ich war alſo ſchon ge⸗ wöhnt, mir ſolche Erwiderungen mit dem Sprichwort:„Wie man in den Wald ſchreit, ſo hallt's wieder heraus“, zurechtzu⸗ legen. Zudem war ich eben am„Butzen“ des Apfels angekommen und fand ihn ſo merkwürdig zart, daß ich ihn mit Haut und Haar zu ſchlucken beſchloß, wobei ſodann die Grobheit in aller Stille mit hinunter ging. Jetzt les nur die Verſe geſchwind noch durch, daß kein Fehler drin ſtehen bleibt. Ich will noch ſo lang warten. Darauf hatten wir nicht gewettet.„Gebiete mir was 150 menſchlich iſt!“ Und menſchlich konnte es nicht ſein, denn der bloße Gedanke machte mir Empfindungen, die mich verſicherten, daß, wenn der Apfel bei mir bleiben ſolle, auf dieſe Durchſicht für jetzt verzichtet werden müſſe. Ein traurig ſanftes Kopf⸗ ſchütteln war meine Antwort, worauf die alte Frau ſich zufrieden gab und das Buch mit dem Abendſegen zur Hand nahm, um ihr Gemüth nunmehr von irdiſchen Mühen und Sorgen abzu⸗ lenken. Dabei wußte ſie freilich nicht, obwohl ihr eine Ahnung davon durch die Seele geflogen, wie ſehr der lateiniſche Strumpf, den ſie zuwegegebracht hatte, benöthigt war, daß ſie ihn auch zu flicken verſtanden hätte. Denn am Montag früh nahm ich zwar noch einige gewiſſenhafte chirurgiſche Operationen mit ihm vor, aber gerade über dieſem Geſchäfte überſah ich jenes verhängnißvolle, von der Grammatik als„einzige Lesart“ zu verzeichnende„Poteret,“ mit welchem ich im unbewußten Gei⸗ ſtesdrange die richtige Mitte zwiſchen Impotenz und Omnipotenz zu erſtraucheln geſucht hatte. Es machte mich auf acht Tage zu einem berühmten Mann, und blieb unſterblich, ſo lang mein Exercitienheft vorhielt, worin es am Falze von„höherer Hand“ durch ein„greulich Zeichen“, einen„Unhold im Haus des Lebens“ verewigt war. Und dieſer Schaden Joſef's mußte auch gerade im fünften Diſtichon ſtehen, im freiwilligen! O ſauer erworbener Ruhm! o bitterer Lohn der Tugend! Da mochte man wohl mit dem Sprichwort ſagen:„Ein Schelm, der mehr thut als er ſoll!“ So bleibt alſo der Nürnberger Trichter, auch wenn er durch Weiberliſt und Weibertreue zum Grünen und Ausſchlagen ge⸗ bracht werden konnte, doch immer ein gefährliches Inſtrument. Welch eine angenehme Entdeckung daher für eine ſtrebſame Jugend, als ſie ſpäter eine ſo weſentliche Verbeſſerung deſſelben, wie der Königsberger Trichter iſt, zuhanden bekam! Das iſt kein todter Stecken, ſondern ein wirklicher, lebendiger Baum, 151 der ſeine Wurzeln tief in den ſchaffenden Grund hinunter ſtreckt, und ſeine Aeſte oft hoch und weit verbreitet. Seine Inſchrift, wenn man ihn im botaniſchen Garten claſſificirt findet, heißt bekanntlich:„Du kannſt, denn du ſollſt!“ Alles kann er nun zwar nicht, doch vermag er viel. Mit einem Reis von dieſem Baume kann man über den Höllenſchlund mancher„blaſſen Un⸗ möglichkeit“ ſetzen, um es jenſeits in den mütterlichen Boden der Möglichkeit und Wirklichkeit zu pflanzen. Zwar geht die Reiſe oft hart am Teufel vorbei, aber er behält das Nachſehen; zwar haben die Früchte des Baumes oft lang einen herben Holzapfel⸗ geſchmack, aber man weiß ja daß gerade dieſe Arten ſich beſonders zur Veredlung eignen. Ich kann juſt keine genaue Rechenſchaft geben, wie weit ich mit dem Pfropfen gekommen bin; wenn mir aber meine Aepfel ſchon gar zu ſehr den Mund zuſammenge⸗ zogen haben, ſo habe ich beide Augen zugedrückt und in die Vergangenheit zurückgeſchaut. Da ſah ich gleich wieder die alte, fromme, heitere, ſchalkhafte Frau am Tiſche ſitzen; ſie hatte den reſoluten Strickſtrumpf in den Händen, durch den ſie deutſch und im Nothfall auch lateiniſch reden konnte, und lachte mich wieder wegen meiner„Phyſimathenten“ aus. Dies iſt zwar keine gothiſche, aber doch eine ländlich⸗ſittliche Redensart, die man anwendet, wenn Jemand ſich ziert, etwas zu genießen, was ihm nun doch einmal vorgeſetzt und aufgewartet iſt. Als⸗ dann mußte ich gleich mitlachen, wie wir ſo oft mit einander ge⸗ lacht haben, und in demſelben Augenblick hatte ich ſtatt des Holzapfels wieder einen Jakobiapfel im Munde. Ich weiß wohl, es iſt nicht ſpartaniſch, und im Schlachtruf der alten Königsberger Garde ſteht nichts von Jakobiäpfeln; aber wenn es eben vom Sollen zum Können kommen ſoll, ſo muß man den Menſchen oder der Menſch ſich ſelbſt nicht bloß nach dem Maße ſeiner Kraft, ſondern auch nach dem Maße ſeiner Schwachheit regieren, 152 und darum hilft mir der Königsberger Trichter am beſten dann, wenn ich ihn wie ein Fernrohr ins Wittwenſtüblein meiner alten hilfreichen Minerva richte. 5 Sie war von den Letzten einer heimgegangenen Familien⸗ generation, von einem Geſchlechte der„alten Welt“, deſſen Ge⸗ ſinnungen vornehmlich in den Frauen lebten. Dieſe waren es, die den Gemeinſinn in der Familie pflegten: aufmerkſam ſaßen ſie in der Mitte der„Sippſchaft“ und blickten nach allen Seiten hin, der entfernteſte Verwandte wurde nicht überſehen, jeder ſollte es gut haben und eher die ganze Familie gegen eine Welt in Waffen tretett, als ſich in einem einzigen Gliede be⸗ ſchädigen laſſen. Wer heranwachſend die letzten Trümmer einer ſolchen Vorwelt noch erlebt hat, dem iſt in der Familie das Bild einer mittelalterlichen Stadtgemeinde aufgegangen: im Innern beſtändige Bewegung, worin ſich harte ſcharfe Ecken an einander reiben, bis ein äußerer Feind an die Thore klopft, und nun plötzlich Alles mauerfeſt zuſammenſteht und zuſammen⸗ hält. Das Stadtleben hat ſich zum Staatsleben, das Familien⸗ leben gar zum Weltleben erweitert. Der Kreis, der oſt ſo lißb⸗ reich im engen Umfange hoher Mauern beiſammen„ſaß“, iſt aus einander geſprengt, zum Theil weit in die Lande hinaus, zum Theil ſelbſt über den„großen Bach“ hinüber, und der Fa⸗ miliengeiſt, für den die Welt zu weit und zu breit geworden iſt, blickt in hilfloſer Trauer nach, und gedenkt„der Tage die vor⸗ über ſind“, der Tage wo die Familie noch ihre Angehörigen halten, und tragen konnte, wo Jedem noch unter den Seinen weich gebettet war. Und nach dem frühen Tode der Mutter fand auch der jüngere Sohn bei der alten Frau ſein weiches warmes Neſt, während dem älteren ihre Briefe ins akademiſche Leben folgten, gewöhnlich kleine abgeriſſene Papierſchnitzel mit wenigen Herzens⸗ 153 worten voll Sorge und Liebe, an jedem Botentage einer. Guter Gott, was war das für eine„Orthographie“! Die deutſche Schule, die bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts pflichtlich und treulich lehrte, muß ſich gegen das Ende deſſelben unbegreif⸗ lich verſchlechtert haben. Man ſieht dies an alten Handſchrif⸗ ten aus dem Familienleben. Die alte Frau aber wußte für Alles Rath, und mit der ſchlechten Feder, mit der ſie von der Schule ausgeſtattet war, brachte ſie einen Satz zu Stande, der „ſich gewaſchen hatte“. Nur mußte man ihn leſen können. Ihre Schrift glich nicht der Bilderſchrift, die von verſchiedenen Völkern in verſchiedenen Sprachen gleichmäßig geleſen wird, ſondern ſie hatte ſich eine Art von Gehörshieroglyphen zurechtgemacht, die faſt noch ſchwerer zu entziffern waren. Wie ſie nämlich ihre Gedanken nach der Eingebung des Herzens friſch und warm auf das Papier warf, ſo ſchrieb ſie alle Wörter bloß dem Laute nach, und man mußte nicht nur mit ihrem Gedankengang, ſondern auch mit ihrer Ausſprache auf's genaueſte vertraut ſein, man mußte das Auge in Ruheſtand verſetzen und mit dem Ohre leſen, wenn man dieſe Geheimſchrift, worin oft ganze Worte maskirt auftraten, enträthſeln wollte. Kind, ſagte ſie eines Tages zu mir,— denn ſeit ich größer geworden war, nannte ſie mich nicht mehr„Männlein“, ſondern„Kind“, wogegen der Herr Studioſus, zwar kein Elegant, doch„Herr“ genug war, das altfränkiſche „Frau Dote“ nicht mehr über die Lippen bringen zu können, — Kind, jetzt geſteh mir nur aufrichtig, ob du dir nicht den Hals voll lachſt über meine Briefe?— Aufrichtig zu geſtehen, Tante, ich muß manchmal herzlich kachen.— So, iſt das auch recht, eine alte Frau auszulachen, die es ſo gut mit dir meint? — Liebſte Tante, ich lache dich nicht aus, mein Lachen geht aus einer andern Tonart.— Wie denn das?— Ich kann dir nicht deutlich ſagen wie's zuſammenhängt, aber wie man oft lachen 154 muß, wenn ein Kind etwas recht Geſcheides ſagt, ſo geht's mir gerade mit deinen Briefen, wenn ich die wunderlichen Kratzfüße mit dem prächtigen Inhalt vergleiche; ich habe den herzlichſten Reſpect davor, und muß doch lachen.— Nun, ſo will ich mir's gefallen laſſen, aber nur nicht auslachen! das kann ich nicht leiden; und das bitt' ich mir auch aus, daß du ſie deinen guten Freunden nicht zeigſt, ich müßte mich ja ſchämen.— Sei ruhig, ich halte ſie geheim wie Liebesbriefe. Es war auch in der That eine vollkommene Liebſchaft, die in fliegenden Zetteln und leidenſchaftlichen Beſuchen eifrig ge⸗ pflegt wurde. Die letzteren konnten, da die Entfernung nur wenige Wegſtunden betrug, zu Pferde leicht ausgeführt werden. Da wurden denn wieder einmal holprige Hexameter und hin⸗ kende Pentameter auf gejagten Muſenroſſen zurückgelegt, und es war gerade wieder wie damals: viel Geſchwindigkeit aber wenig Hexerei. Ein demolirter Steinhaufen am„Burgholz“ erzählte eine Zeit lang als Denkmal von einem ſolchen Reiterſtücklein, das man perfect mit Poteret hätte überſetzen können; jedoch ein „guter“ Kopf zerbricht nicht ſo leicht, er ſchlägt eher noch ein paar Steine zuſammen. Die Hufſchläge jener lahmen Studen⸗ tenpferde aber haben wahrlich manche lebendige Quelle aus dem Boden geſchlagen, nicht auf der Straße, ſondern im Wittwen⸗ ſtüblein. Ja, ſie hatte es richtig vorausgeſagt, die Welt war mir zu ſtark und zu klug geworden. Es gab Stunden wo ich mit Niemand mehr zu reden verſtand als mit ihr. Sie wußte ſich in ihr gutes Deutſch zu überſetzen, was ich zu ihr in ſchlechtem Latein redete, vielleicht eben weil die entfernteſten Richtungen ſich beſſer mit einander vertragen, als mit den mittleren, dazwi⸗ ſchen liegenden. Ja, ſie verzieh mir, daß ich ihre liebſte Hoff⸗ nung nicht erfüllte und alle jene Träume, die ſie ſich während meiner Knabenzeit ausgemalt hatte, zunichte zu machen begann. Bleib' du nur bei der Wahrheit, ſagte ſie, und denke, was du jetzt nicht begreifeſt, das wolle dir Gott für jetzt nicht auferlegen. Es iſt beſſer, du folgſt deiner Ueberzeugung, als du redeſt und handelſt wider ſie. Sei aber auch nicht trotzig, ſondern halte dein Herz offen, daß dich die Wahrheit allezeit finden kann.— Errieth ſie aber aus den Reden des„Schmerzenskindes“ oder noch mehr aus der ſtummen Zurückhaltung ſeiner Briefe den Trotz und die Bitterkeit, die ein junges Herz in den Wirrniſſen dieſes Lebens ergreifen können, ſo antwortete ſie mit einem Bibelſpruch, in der Hoffnung, daß doch vielleicht etwas davon „hängen bleiben“ könnte. Dagegen war es ihr beſchieden, auch einmal von einem meiner Propheten erbaut zu werden und mir hiedurch eine Ueberraſchung zu bereiten, die mir oft durch Schriften ſehr ent⸗ gegengeſetzter Art wieder ins Gedächtniß gerufen wird. An einem Oſtertag, ich war eben in der„Vacanz“ auf Beſuch bei ihr und hatte einen Ausgang gemacht, fand ich ſie beim Heim⸗ kommen an dem aufgeklappten Schranke, den ſie mir zum „Studiren“ eingeräumt hatte, über einem Band von Göthe. Ich war bei dieſem Anblick ein wenig betroffen, denn die Bücher, die ich mitzubringen pflegte, hatten mit den ihrigen immer fried⸗ lich zuſammen gehaust, indem wir Beide den Grundſatz beobach⸗ teten,„Jedem das Seine“ zu laſſen. Wie wurde mir aber, als die alte Frau mit ſonnenheller Freundlichkeit zu mir aufſah und mir entgegenrief, ſie ſei in meiner Abweſenheit zufällig bei mir zu Gaſte gerathen und habe ſich wahrhaft gelabt! Kind, fuhr ſie fort, da ſagen ſie immer, der Göthe ſei ſo ein arger Heide, ich glaub's aber nicht, denn das iſt ja ein ganz gottesfürch⸗ tiger Mann.— Dieſe Worte ſprach ſie mit dem feierlichen Tone, den ſie annehmen konnte, wenn von einem großen Kirchen⸗ 156 lehrer die Rede war. Ich zuckte zuſammen, nicht über ihre Worte, ſondern über den Lärm, der mir in beiden Ohren gellte, denn ich ſah mich im Geiſt umringt von meinen jungen„Brü⸗ dern im Herrn“, dicken und mageren, und hörte das„unaus⸗ löſchliche“ Gelächter das ſie bei dieſem„Dictum“ aufſchlugen. Zum Lachen aber fand ich nicht den mindeſten Grund, denn ich wußte recht gut, daß die alte Frau nichts las, ohne der Frage zu gedenken:„Verſteheſt du auch, was du lieſeſt?“ Sie gab mir das Buch und bezeichnete die Blätter. Es war eine von den ſeltenen Stellen, wo der Dichter, nicht durch die Blume eines „chriſtlichen Parnaſſes“, ſondern unverhüllt, von Gott und gött⸗ licher Führung ſpricht. Man ſieht's ihm bei jedem Wort an, ſetzte ſie hinzu, daß er ein Mann iſt, der nichts zum Schein ſagt. Mach' du nur ruhig fort und laß dich nicht anfechten. Der Mann wird dir gewiß keinen Schaden bringen.—— Von da an klagten ihre Briefe immer ſtärker über den Huſten, den„böſen Kerl“, und verriethen immer mehr das Zit⸗ tern ihrer Hand. Der Sommer brütete eines jener Segensjahre aus, die meiſt mit Menſchenopfern aus der Kindheit und dem hohen Alter erkauft werden müſſen, und während ſie mir von dem herrlichen Stande ihrer Reben ſchrieb, war ſie ſelbſt ſchon um die Zeit der Ernte für die Senſe des Schnitters ge⸗ reift. Ich hatte ſtets ein Pferd bereit ſtehen, ſaß beinahe täg⸗ lich an ihrem Bett, und ſah mit verzweifelnder Gewißheit, wie das theure Leben nach und nach erloſch. Sie aber war heiter, das Meer des Irdiſchen rauſchte tief und unvernehmlich unter ihr, alle Sorgen um ihr Schmerzenskind, wie ſie mich ſo oft genannt, hatte ſie dem niedern Dunſtkreiſe, dem ſie ſich ſchon zu entheben begann, zurückgelaſſen. Nur wenn ſie mich ungebärdig ſah, verſprach ſie mir wieder geſund zu werden. So ſchieden wir an einem Auguſtabend unter tröſtlichen Geſprächen, und noch einmal 4 V 157 ſaß die Hoffnung mit mir zu Pferde, aber am andern Morgen hinkte mir die Todesbotſchaft nach. In einſamen Dämmerſtunden, wenn die Lieben, die dem ſpätern Leben zum Erſatze der Verlornen geſchenkt wurden, nicht zugegen ſind, da thut es dem Herzen wohl, die freundliche Ge⸗ ſellſchaft alter glücklicher Zeiten um ſich zu verſammeln. Vor dem träumenden Auge ſteigt es wie Nebel auf, die Wände, die Geräthſchaften wandeln ſich, und der Knabe ſitzt wieder in dem Stüblein, wo er ſo heimiſch war. Draußen pfeift der Sturm, Flocken rieſeln an die Fenſter, aber er hat den Tiſch zum warmen Ofen gerückt und blättert in der alten Türkenkriegs⸗ chronik, betrachtet den Kaiſer Leopold mit den dicken Lippen, den jungen ſchönen Joſef I. im Krönungszuge, wohnt den Be⸗ lagerungen von Belgrad bei, folgt den Bomben und Granaten, deren Flug zu mehrerer Deutlichkeit durch Bogenſtriche verſinn⸗ licht iſt, und berechnet wo ſie niederfallen werden. Die alte Anna Marei iſt ſtrickend neben ihm eingenickt, der Staar ſchläft in der Ecke, der Kanarienvogel ſpricht hie und da im Traume, die kleine Standuhr auf dem Schranke hat ſchon neun Uhr ge⸗ ſchlagen, und der Pendel geht heute in langſamen ſchläfrigen Schwingungen, aber die alte Frau ſitzt mit wackern Augen da und läßt ihre Spindel munter auf dem Boden tanzen. Frau Dote, ſagte ich und klappte die Chronik zu, ich bin ganz müde vom Leſen, die Augen thun mir weh, jetzt erzähl' du mir noch eine Geſchichte, bevor wir ſchlafen gehen. Was ſoll ich denn erzählen? Du weißt ja wohl, aus der alten Zeit, wo wir noch unſere eigene Regierung hatten. Ci, was weißt du von eigener Regierung, kleiner Kannen⸗ gießer, ſei du zufrieden, daß es ſo geworden iſt! Du hätteſt 158 deine Rechnung ſchlecht gefunden bei der alten Wirthſchaft; da⸗ mals gab man nicht viel um die Studirten. Aber die Geſchichten von damals gefallen mir eben beſſer als die jetzigen. Geh, Frau Dote, es iſt dir ſelber nicht Ernſt mit dem was du ſagſt! Von was ſoll ich denn aber erzählen? erwiderte ſie aus⸗ weichend: ich habe dir ja ſchon längſt Alles geſagt, was ich weiß. Beſinne dich doch, du weißt immer wieder was Neues. Nun ja, da fällt mir eben etwas ein, ſagte ſie lächelnd. Soll ich dir vom Urban und der Margarete erzählen, auf welche wunderbare Art es zugegangen iſt, daß ſie ein Paar wurden? O ja, bitte, bitte! Wer war denn die Margarete? Margarete war eines Rathsherrn Tochter von hier und wurde ſeit ihrem vierzehnten Jahre bei Verwandten auswärts erzogen. So lieb ſie aber auch dieſe hatte, ſo gefiel es ihr doch nicht ganz in deren Hauſe, denn die Stadt, in der ſie lebten, war zwar ebenfalls eine Reichsſtadt, wurde aber von Adeligen regiert, die überall das große Wort führten und ihre Mitbürger über die Achſel anſahen; dann war ſie auch zum größten Theil katholiſch, und die wenigen Proteſtanten, die darin wohnten, glaubten ſich nicht bloß im Stillen von den Lebenden angefeindet, ſondern ſogar von den Geiſtern der Verſtorbenen beunruhigt. Als es nun Margareten einige Male Nachts widerfahren war, daß ſie, wie es ihr vorkam, durch eine kalte Hand, die ihr über's Geſicht hinſtrich, aufgeweckt wurde, auch die Mägde im Hauſe behaupteten, ein todter Mönch, Namens Bonifaz, ſpuke auf den Gängen und in den Kammern, und reiße ihnen oft die Bett⸗ decken weg, ſo ſchrieb ſie einſt einen kläglichen Brief in die Heimath, welcher zur Folge hatte, daß ihr Vater alsbald hin⸗ auf kam, um ſie abzuholen. Die Art, wie ſie ihre Reiſe be⸗ werkſtelligten, war nun freilich nicht ſo bequem, wie man es —— 159 jetziger Zeit den jungen Frauenzimmern macht; denn der Vater nahm das Töchterlein zu ſich auf's Pferd, und ſo ritten ſie wie die Haimonskinder mit einander zum Thor hinaus; aber Margarete war froh, endlich wieder in die Heimath, und von den leichtfertigen Agneſen und Waldburgelein zu den ſittſamen Even und Eſthern ihrer Vaterſtadt zu kommen. Ihr Weg führte ſie durch einen tiefen Wald, wo ſie auf einem ebenen Fußpfade fortritten. Der Vater ließ das Pferd ſachte gehen, die Tochter aber wünſchte weit davon zu ſein, denn es wurde Abend, und ihre Angſt vermehrte ſich, als finſtere Wetterwolken am Himmel aufzogen und den Reiſenden vollends den kleinen Reſt von Tageslicht wegnahmen. Das Pferd ging ſeinen unbarmherzigen Schneckenſchritt fort, Margarete aber in ihrer Noth erſann ſich ein Mittel, die Reiſe zu beſchleunigen; ſie öffnete leiſe ihr krummes Taſchenmeſſer, und indem ſie ſich feſt an dem Vater hielt, beugte ſie ſich hinunter, eine Gerte im Gebüſch abzuſchneiden; dies gethan, räuſperte ſie ſich heftig und verſetzte zugleich dem Pferd einen Streich in die Seite, worauf es unge⸗ ſäumt einen ziemlichen Trab anſchlug. Hoho, preſſirt's ſo, Brauner? rief der Vater, indem er die Zügel anzog: mach dir's nur bequem, wir haben einen weiten Weg, kommen heut doch nicht mehr heim.— Das Schelmengeſicht hielt ſich mäuschenſtill, zündete aber nach einer Weile abermals mit der Gerte hinunter. Was Henkers hat denn der Gaul im Kopf? rief der Vater und blickte allenthalben umher. Als aber das Roß zum dritten Mal ſich in Trab ſetzte, hatte er eben noch das Geräuſch, das die Gerte machte, vernommen, ſah ſich ſchnell um und ertappte die Kleine auf friſcher That. So, du biſt das Geſpenſt, das meinen armen Braunen ſo im Athem erhält? rief er: kein Wunder, daß du dich ſo feſt um meine Hüften klammerſt! Willſt du gleich die Gerte fallen laſſen, oder ſoll ich dich hier mitten im Wald 160 abſetzen?— Sei nur ruhig, fügte er hinzu, es geht nicht mehr lang ſo fort, drüben hinter dem Walde kehren wir ein; es dauert keine Stunde mehr, und ich mag das Pferd nicht unnö⸗ thig ermüden. Margarete ergab ſich geduldig in ihr Schickſal und verſtat⸗ tete ſich nur von Zeit zu Zeit einen leiſen Stoßſeufzer, auf ein⸗ mal aber rief ſie: Jeſus, Maria! denn die Büſche kniſterten laut, aus einem Seitenwege brach ein Reiter hervor, von einem dunklen Mantel umflogen, und hielt dicht vor ihnen an. Gelobt ſei Jeſus Chriſt! ſprach er mit gedämpfter Stimme. Margarete aber antwortete ſo ſchnell, als ob Leben und Tod daran hinge: In Ewigkeit! 4 Was zum Kukuk! rief der Vater, was ſollen die Fratzen? iſt Er's, Urban? J freilich, Herr Senator! Seid Ihr's? ich glaubte, ich käme zu ganz andern Leuten. Wo geht denn der Weg her? In Geſchäften? Ja, da hinten vom See. Nun, Er kann ſich zu uns halten, wenn Er will; für heut wird Er ohnehin genug haben. Aber ſag' Er mir nur, mit was für Geſchichten kommt Er mir da angezogen? Hat Er ſich etwa am See umtaufen laſſen? Wenn man ſo allein in der Nacht iſt und viel Geld bei ſich hat, entgegnete jener zögernd, ſo thut man wohl, gegen Jeden, der einem begegnet, höflich zu ſein, und da ich auf dieſe Art mit der Parole angerufen wurde, ſo hielt ich's für das Gerathenſte— Mit den Wölfen zu heulen? ſiel der Alte ein. Ja, geehrter Herr Senator! antwortete der junge Mann getroſt. Nun, da ſiehſt du, für was man dich hält! rief der Vater 161 zu ſeiner Tochter herum, die ſich hinter ihm verſteckte.— Ihr Gruß gibt's, fuhr er gegen Urban fort, daß ſie eine halbe Crescenz geworden iſt, das wird ihr aber bald wieder vergehen. — Huil jetzt wollen wir die Gäule austraben laſſen, rief er, als ein heftiger Donnerſchlag fiel. Wir ſind auf der breiten Straße. Gretle, halt dich feſt an mich, vorwärts! Kaum hatten ſie das Wirthshaus erreicht, ſo ſchlug der Regen praſſelnd auf die Dächer, das Gewitter aber war mit ein paar Schlägen vorbei. Margarete mußte heimlich lachen, als ſie den Mantel des Fremden, der ihr ſo ſchauderlich vor⸗ gekommen war, für einen gewöhnlichen grauen Reitermantel erkannte, aus welchem ſich ein hübſcher, ſchlanker Menſch, mit Backen wie Aepfel, herauswickelte. Er ſetzte ſich auf ihres Va⸗ ters Einladung zu ihnen an den Tiſch. Der Herr Senator, der ein großer Liebhaber von Schnecken war und wußte, daß die⸗ ſelben von der Wirthin dieſes Hauſes vorzüglich gebraten wur⸗ den, hieß ſie ſogleich ſeine Leibſpeiſe zubereiten. Bald kamen auch die Schnecken dampfend auf den Tiſch, und er machte ſich mit großem Eifer drüber her, Margarete aber, der er davon anbot, wies ihn mit einem Schrei des Abſcheus zurück. Auch Urban ſchien keinen Geſchmack an dem häßlichen Gewürme zu finden, und beſtellte ſich Strauben, eine ſehr wohlſchmeckende Art von Pfannenkuchen. Zu dieſem Gerichte leitete ihn wahrſcheinlich der Gedanke, daß damit zugleich für ſeine Reiſegefährtin geſorgt ſein könnte; als aber die Strauben aufgetragen wurden, hatte er nicht den Muth, ihr davon anzubieten. Nun durfte die arme Margret mit langem Magen zuſehen, wie ihr Vater in die Schnecken und Urban in die Strauben einhieb. Der Letztere aß zwar zögernd und warf bei jedem Biſſen einen verlegenen Blick auf das Mädchen, er hätte ihr gar zu gern davon gegönnt, Margretlein aber meinte, er ſehe ſie aus Schadenfreude ſo an, Kurz, Erzählungen. I. 11 —— ——— —— 162 er thue ſich etwas auf ſeinen vollen Beutel und weiß der Him⸗ mel auf was mehr zu Gute, und faßte innerlich einen unbe⸗ ſchreiblichen Aerger gegen den ſchönen jungen Menſchen. Gretle, ſagte endlich der Vater, der das Ding eine Weile ſo im Stillen mit angeſehen hatte, du wirſt doch auch etwas eſſen wollen? Wenn du Strauben willſt, du darfſt's nur ſagen. Urban nahm ſich zuſammen und ſtotterte: Warum ißt denn die Jungfer nicht von dieſen? Sie ſind nicht mein, erwiderte Margarete trocken. Mir liegen ſie nicht am Herzen, verſicherte er, und wenn ſie aus ſind, ſo kann man ja noch mehr machen. Ich habe ge⸗ meint, ſie ſeien„in's Genere“ gebracht, fügte er hinzu, indem er die Platte von ſich weg und etwas gegen Margareten hinſchob. O, es ſcheint, der Herr könne wohl allein damit fertig werden, verſetzte ſie ein wenig anzüglich. Nun, ſei nicht ſo dumm, ſagte ihr Vater, indem er ihr die Platte bot. Wenn der Vetter nichts dagegen hat, ſo iß mit ihm. Es bedurfte noch einiger Zureden„in die endlich Urban herzhaft einſtimmte, und als Margarete den erſten Biſſen ver⸗ ſchmeckt hatte, konnte ſie vor lauter Geluſt nicht länger trutzen. Am andern Morgen bei der Abreiſe bezahlte der Herr Senator, ſo ſehr ſich Urban dagegen wehren mochte, die ganze Zeche. Nun hatte Margarete, wie ſich nicht wohl leugnen läßt, an dem unerwarteten Reiſegenoſſen wenig auszuſetzen gefunden; nur trug ſie ihm ſeine vermeintliche Ungefälligkeit ſchwer nach, und ſo ſehr auch Urban ſich bemühen mochte, ihr eine andere Meinung von ſich beizubringen, ſo ſchlug ſie doch alles in den Wind, und that bei jeder Gelegenheit, als ob ſie ſich kein Ster⸗ bensbröſelein aus ihm machte. An ſolchen Gelegenheiten fehlte es nicht, denn die damalige Jugend war ſo tanzluſtig wie die 163 heutige, obgleich ſie noch nichts von Bällen und dergleichen wußte. Man tanzte nirgends als auf den Zunftſtuben. Zwei Geigen und ein Baß machten gewöhnlich die ganze Muſik aus, und wenn der Ländler anhub, ſo wandelten die jungen Tänzer ehrbarlich nach der Seite, wo die Mädchen bei einander ſtan⸗ den, und ſagten Jeder zu ſeiner Erwählten: Jungfer, will Sie ſo gut ſein und ein Tänzlein mit mir machen? Margareten wurde dieſe Ehre oft zu Theil, denn ſie galt ohne Widerrede für die beſte Tänzerin in der ganzen Stadt, und ob ſie gleich kein ſeidenes Kleid mit Puffärmeln trug, wie ſie jetzt in der Mode ſind, ſo behaupteten doch alle junge Leute, ihr ſchwarzes mit ſilbernen Ketten und Haken geheftetes Mieder und das Florhäublein auf den glattgeſcheitelten Haaren ſtehe gar nicht übel zu ihrem Geſicht. Wie geſagt, es war wenig Mangel an Tanzgelegenheiten: Zunftfeſte und Hochzeiten gaben eine Menge Feiertage ins Jahr, an welchen, da alles unter einander vervettert und ver⸗ baſet war, die ganze Stadt Antheil nahm. Hier trafen faſt jedesmal die beiden jungen Reiſegefährten wieder zuſammen. Urban, von ſeiner Mutter, der er die Noth mit den Strauben gebeichtet hatte, tüchtig ausgeſcholten, ſuchte ſeinen Unſchick durch das ausgeſuchteſte Betragen wieder gut zu machen, aber es war vergebens; denn Margarete hielt ihn lange Zeit für eigennützig, was er doch aus bloßer Schüchternheit geweſen war, und als ſie zu ihrem heimlichen Vergnügen endlich einſah, wie gut er gegen ſie geſinnt ſei, ſo wurde ſie zwar in ihrem Herzen anders, aber äußerlich ließ ſie ihn gar nichts davon merken. Es ging ihr eben, wie es jungen Mädchen oft widerfährt: ſie hatte ſich in ihren eigenen Trogkopf verliebt, und ſo ſehr ſie ſich ihres Unrechts bewußt war, ſo konnte ſie es nicht laſſen, den braven ſchüchternen Menſchen zu plagen. Da er keiner von den ge⸗ 11* 164 ſchickteſten Tänzern und auch ſonſt, wie er bei den Strauben be⸗ wieſen hatte, kein großer Springinsfeld war, ſo koſtete es einem muthwilligen Mädchen wenig Mühe, ihm ein Herzeleid um's andere anzuthun. Das that ſie auch redlich, nur hatte ſie ſelbſt den größten Schaden und Schrecken davon. Urban blieb nämlich auf einmal weg, nicht aus Trutz, denn er war die gute Stunde ſelber, ſondern aus Betrübniß, weil er meinte, ſie könne ihn nicht lei⸗ den, und alle Mühe, die er ſich gebe, führe zu nichts als ſie nur noch mehr gegen ihn aufzubringen. Jetzt kehrte ſich das Spiel um, und Margretlein merkte, daß ihr der Muthwille verging. Sie hätte gern Alles gethan, um dem Urban zu zei⸗ gen, daß es nicht ſo bös gemeint geweſen ſei, und ſie that auch, was ſie mit Ehren thun konnte; aber nun mußte ſie erfahren, was Vergebens heißt. Dazu bot ſich auch, wie es faſt immer bei Mißverſtändniſſen geht, keine rechte Gelegenheit zum Zuſam⸗ menkommen: er blieb von den gewöhnlichen Tanzbeluſtigungen weg, eine Hochzeit, bei der ſich Beide hätten treffen müſſen, wurde wegen eines Trauerfalls hinausgeſchoben, und ſie konnte ihm doch nicht, wie man's im gemeinen Leben heißt,„mit dem Holzſchlegel winken“. Kurz, ſie glaubte, er habe jeden Gedan⸗ ken an ſie aufgegeben, und wußte nicht mehr was ſie vor Leid und Reue anfangen ſollte. In dieſem Jammer war ſie eines Morgens aus dem Bett geſtiegen, und hatte noch Thränen in den Augen, als auf ein⸗ mal unvermuthet eine Zigeunerin vor ihr ſtand. So ſehr ſie erſchrack, ſo war ihr dieſelbe doch nichts weniger als unbekannt, denn die braune Hexe hatte ſich, obwohl gegen Geſetz und Her⸗ kommen, ſchon ſeit mehreren Wochen in der Stadt unangefochten aufhalten dürfen, weil ſie der regierenden Bürgermeiſterin einen mächtigen Kropf, zwar nicht ganz vertrieben, doch wenigſtens 165 einigermaßen zum Weichen gebracht hatte. Sie trieb ſich bet⸗ telnd und wahrſagend in den Häuſern umher, und es ging das Gerücht, daß ſie Zauberkünſte verſtehe. Mit ihrem Beſuche war es aber ſo bewandt. Urban hatte ſich, von einigen Freunden zum Glauben an die Hexe überredet, nach langem Zaudern und vielem Herzklopfen ihr anvertraut und die beſten Verſprechungen von ihr erhalten, obgleich ſie nicht von weitem wußte wie es bei Margareten ausſah. Dieſe aber machte der Alten das Geſchäft leichter als ſie gedacht hatte, denn kaum hatte dieſelbe ihr erſtes Wort über die Lippen ge⸗ bracht und ihre guten Dienſte für Herbeiſchaffung von verlore⸗ nen Dingen aller Art angeboten, ſo fragte Margretlein, die eine ganz beſondere Schickung in dieſem Zuſammentreffen zu ſehen meinte, ob ſie im Stande wäre, ein entfremdetes Ge⸗ müth Jemanden wieder zuzuwenden. Die Alte verſetzte, aller⸗ dings vermöge ſie das, doch ſei hiezu der Name und Vorname des Ungetreuen nothwendig, und als Margarete über dieſe un⸗ erwartete Auslegung ihrer Worte erſchrack, wußte ſie ihr ſo klug und ſo gleichſam allwiſſend zuzuſetzen, daß ihr zuletzt, wie ſie wenigſtens meinte, nichts übrig blieb, als ihre Scheu abzu⸗ legen und unverblümt zu geſtehen, daß ſie wiſſen möchte, ob der beſte Freund, den ſie je gehabt, nämlich der Urban, ſein Herz gänzlich von ihr abgewendet habe. Die Zigeunerin war hierüber im Stillen ſo vergnügt, als ob ſie zwei„Tiſchlein deck' dich“ gefunden hätte, und trachtete nur noch, wie ſie den Handel in die Länge ziehen könnte, um ſo viel als möglich dabei zu gewinnen. Aber auch hierin kam ihr Margarete wie gerufen entgegen; denn da ſie ſchon ſeit ge⸗ raumer Zeit nirgends mit Urban zuſammen geweſen war, ſo fragte ſie endlich die Alte, aber ganz leis und erſchrocken, ob ſie nicht vielleicht einen Kryſtall beſitze, in welchem ſie ihr das 166 verſcheuchte Hühnlein und ſeine verborgenen Geſinnungen zeigen könnte. Dieſe ſagte mit großer Bereitwilligkeit zu, ja noch mehr, ſie verhieß den Flüchtling in Lebensgröße an ihr vorübergehen zu laſſen, als erſtes Zeichen, wie viel ſie über das Reich der Geiſter vermöge. Damit verließ ſie das Mädchen, das wie be⸗ hext war, und ſuchte den guten Urban auf, dem ſie das Gleiche vorzuſpiegeln wußte; denn die freche Hexe gedachte Beide gegen⸗ ſeitig als Zauberbilder zu gebrauchen und dieſes Blendwerk ſo lang fortzutreiben, als bei einem von Beiden ein Groſchen zu finden ſei. Nachdem ſie ſie genugſam durch Erwartung geſpannt und durch unſinnige Gaukelreden eingethan hatte, lud ſie Beide auf einen Abend unter geheimnißvollen Bedingungen zu ſich, indem ſie Jedes das Andere ſehen zu laſſen verſprach. Margarete trat ihren Gang mit Furcht und Zagen an, juſt um die Zeit wo man zu Verwandten oder Bekannten in die Lichtſtube geht, und ſchlich in der Dunkelheit, mit der klei⸗ nen Handlaterne hie und da unter der Schürze hervorleuchtend, der Stadtmauer zu, wo in einem niedern, an dieſe angebauten Häuschen die Zigeunerin ihre Wohnung aufgeſchlagen hatte. Zitternd tappte ſie hinauf, und wollte beim Anblick des vom Rauch geſchwärzten, mit Eulen und Kröten verzierten Kämmer⸗ leins wieder zurückfliehen, aber die Alte ergriff ſie beim Arm, redete ihr freundlich zu und nöthigte ſie in ein Verſteck, um, wie ſie vorgab, ihr den Anblick der Geiſter, deren Beiſtand ſie zu dem Zauberſtück anrufen müſſe, zu erſparen. Dann unter⸗ wies ſie das angſtvolle Mädchen, und gebot ihr, ſich nicht eher herauszuwagen, als bis ſie den Ruf:„Hervor! erſcheine!“ von einem Schlag ihres Zauberſtabes an die Wand begleitet, ver⸗ nehmen würde; dicht an der Seite, wo ſie hervorkommen mußte, zeigte ſie ihr einen Kreis; in dieſen ſollte ſie dann ſogleich tre⸗ ten und ſich durch nichts bewegen laſſen, auch nur einen Fuß —— 167 herauszuſetzen, weil ſonſt die Geiſter ihr auf der Stelle den Hals umdrehen würden. Margarete, von dieſer Eröffnung nicht ſehr erbaut, begab ſich in den angewieſenen Winkel, ſchaute dort, vor Angſt halb todt, durch eine Mauerlucke in den Zwin⸗ ger hinaus, wo ſie unheimliche Geſtalten umherwanken zu ſehen glaubte, und weinte bitterlich. Auf einmal hörte ſie die Haus⸗ thüre gehen, ſchwere Tritte die Stiege ſtrauchelnd heraufkommen, ſie meinte zu vergehen und drückte ſich an die kalten Steine. Da vernahm ſie drinnen ein eifriges Geflüſter und auf einmal ertönte der Ruf der Zigeunerin. Bebend trat ſie hinein und ſuchte ſo geſchwind ſie konnte in ihren Kreis zu gelangen; als ſie aber die Augen aufſchlug, ſiehe! da ſtand Urban in der ent⸗ gegengeſetzten Ecke, ebenfalls von einem Kreis umſchloſſen, leib⸗ haftig vor ihr; zwiſchen beiden aber hielt ſich die Alte, ſie trug einen Mantel von wunderlich zuſammengeflickten Lappen und ſchwang ihren Zauberſtab, gleichwie dräuend, nach beiden Sei⸗ ten hin. Das war aber eine Verwunderung bei den beiden Leutlein, wie ſie einander ſo in Lebensgröße vor ſich ſahen! Es war nur ewig ſchade, daß nicht die ganze Verwandtſchaft zuſehen konnte, denn kein Menſch hatte etwas dawider, im Gegentheil, es war ſchon lang allerſeits ein ſtiller Wunſch geweſen, daß die beiden einander einmal heirathen möchten. Sie waren jetzt wie ausgetauſcht. Margretlein guckte zuerſt nur ganz verſtohlen und ängſtlich hin, Urban aber ſchaute gar nicht ſchüchtern her, ſon⸗ dern machte ein paar Augen, die gerade ausſahen als ob ſie vor ihm voraus aus dem Kreiſe ſpringen wollten, und in den Augen war nichts von Trutz oder Unwillen zu leſen. Wie ſie aber ſah, daß er ſo freundlich war, ſo konnte ſie ſich nicht ent⸗ halten ihn ebenſo liebreich anzublicken, denn ſie glaubte ja, es ſei nur ſein Bild, und vor dem brauche ſie keine Scheu zu tra⸗ 168 gen. Der Urban aber war vor ihrem Bilde noch weniger verzagt, und darum geſchah jetzt was die Alte mit ihren ſchwe⸗ ren Warnungen und Drohungen verhüten zu können geglaubt hatte. Mit einem Sprung war er aus ſeinem Kreiſe und bei Margareten, die er feſt in die Arme ſchloß. Die Hexe wollte mit dem Stab dazwiſchenfahren, Margarete ſchrie in Todes⸗ noth: Heiliger Gott, die Geiſter erwürgen mich! aber im ſelben Augenblicke fühlte ſie, daß es kein Geiſt ſei, der ſie in den Armen hielt, und war noch mehr erſtaunt als zuvor. Ihm widerfuhr daſſelbe, als das Schattenbild, an das er ſein Leben zu wagen glaubte, nicht unter dem Drucke ſeiner Arme zerfloß. So ſtanden ſie, hielten ſich an den Händen und blickten einan⸗ der ſprachlos ins Geſicht. Auf einmal aber ging dem betrogenen Geiſterbanner mitten in ſeinem Glück ein Licht auf wie eine Fackel: pfeilſchnell fuhr er auf die Zauberin, die eben zur Thüre hinauswiſchen wollte, los, faßte ſie am Haubenband unter dem Kinn, daß ſie nicht mehr entkommen konnte, und rief: Geſteh, verruchte Hexe! du haſt uns angeführt.— Ich glaube, Ihr ſolltet noch beſſer mit mir zufrieden ſein, wenn's ſo iſt, ſagte ſie trotzig. Ihr habt nichts dabei verloren, wenn das Jungferlein hier mehr als ein Scheinbild iſt.— Aber das Poſſenſpiel, das ſie mit ihm getrie⸗ ben hatte, empörte den Stolz des jungen Mannes, und er wurde vollends ganz wild, als Margarete, die ihm an dem un⸗ heimlichen Orte nicht mehr von der Seite ging, geſtand, daß ſie auf dieſelbe Weiſe getäuſcht worden ſei. Hätteſt du uns nicht auch ohne das nützlich ſein und dir deinen Lohn verdienen kön⸗ nen? fuhr er die Alte an: aber ſei nur ſo gut und komm mit, du wirſt niemand mehr zum Narren haben!— Die Alte unter Schloß und Riegel zu bringen, war eine Kleinigkeit; denn da ſie in der Stadt ohnehin verbotene Waare, dazu auch etlicher —yᷓÿ—xyᷓyᷓ— 169 Diebereien bezichtigt war, ſo koſtete es Urban nur zwei Worte bei ſeinem Vetter, dem Bürgermeiſter, oder vielmehr bei ſeiner Baſe, der Bürgermeiſterin, und die Heilung des Kropfes war ins Meer der Vergeſſenheit verſenkt, die braune Alte aber ins Thorgefängniß gelegt. Wenn du es nun jedoch unbillig finden ſollteſt, daß man eine Heirathsſtifterin für das Glück, das ſie gebracht hat, mit ſolcher Münze bezahlt, ſo kannſt du dich alsbald über das Schickſal der Hexe tröſten. An Urbans und Margaretens Hochzeittage, der nun ſogleich angeordnet wurde, da die Eltern die Sache längſt unter ſich ins Reine gebracht und nur auf die Biegſamkeit der beiden Trutz⸗ köpfe gewartet hatten,— an dieſem Tage alſo ging es hoch her, und Martin, der Stadtknecht, hatte des Guten ſo viel be⸗ kommen, daß er der Gefangenen ihr Eſſen nicht auf dem gera⸗ den Wege, ſondern in der ſchrägen Schlachtordnung, von der du mir aus deinen griechiſchen Büchern ſchon ſo viel vorgeſagt haſt, nach ihrem Käfig trug. Die Hexe winſelte und krümmte ſich auf ihrem Lager, als er eintrat; denn ſie hatte ihn ſchon durch das Schiebfenſterlein ausgekundſchaftet, wie er den Gang her⸗ aufgewackelt kam, und that nun wie wenn ſie am Sterben wäre. Das Eſſen wies ſie von ſich und bat aufs Beweglichſte, er 4 möchte nur, damit ſie ruhig ſterben könne, die Spinnwebe dort 3 an der Decke über dem Fenſter wegkehren; denn die Spinnen ſeien ihr Tod, und daß ſie in der eingeſperrten Luft, die ſie ohnehin nicht vertragen könne, auch noch die grauslichen Webe⸗ rinnen bei ſich haben müſſe, das habe ſie vollends in dieſen Zuſtand gebracht, den ſie nicht überleben werde. Der gute Martin, heut ſehr menſchenfreundlich aufgelegt, holte auf dem Gange einen Beſen, und ſchickte ſich an, die Spinne auszutrei⸗ ben. Legt vorher Euren ſchweren Schlüſſelbund auf den Tiſch, 170 ſagte die Sterbende: er würde Euch ja an der Arbeit hindern. Martin befolgte den guten Rath, ſtellte den einzigen Stuhl, der im Gefängniß war, vor das ziemlich hohe Geſimſe, ſtieg mit großer Mühe und unter vielen vergeblichen Anſtrengungen hin⸗ auf, hielt ſich am Fenſtergitter und ſtieß nun mit dem Beſen ungeſchickt nach dem oben in die Ecke gebauten Spinnen⸗ neſt. Dieſe Beſchäftigung wurde ihm nach und nach zu einem Zeitvertreib, er brummte wenn er daneben ſtieß, lachte bei je⸗ dem beſſer geführten Stoße hell auf, und als endlich die Spinn⸗ webe zerſtört und die unſchuldige Bewohnerin des Neſtes an der Wand zerdrückt war, dachte er vergnüglich auf ſeinen Rück⸗ zug. Er ließ den einen Fuß hinab, fand aber keinen Boden, und wie er ſich nach dem Stuhl umſah, der ihn in dieſe Höhe be⸗ fördert hatte, ſo erblickte er ihn nach langem Suchen mitten im Gemach. Nun fing er an Verdacht zu ſchöpfen, und warf die Augen auf das Lager, das er leer, ſo wie die Thüre geſchloſ⸗ ſen fand. Ei du vermaledeite Hexe! rief er und wagte den nicht ungefährlichen Sprung auf den Boden, auf welchen er auch gleich der Länge nach niederfiel. Nun machte er verwickelte Anſtalten, ſich wieder zu erheben, als aber dieſes nicht gelang, beruhigte er ſich mit einem doppelten Troſte: Verfallen hab' ich mir nichts im Leibe, ſagte er zu ſich, denn ich fühle keine Schmerzen, und was das Hinauskommen betrifft, ſo iſt ja doch die Thüre geſchloſſen und jeder Verſuch vergebens. Unter die⸗ ſen Gedanken ſchloß er die Augen und verſchlief die Beulen und blauen Mäler vom Fall, den Zorn über die Hexe, die Unbild der Gefangenſchaft und die Schreckniſſe der Racht. Als man am andern Morgen auf allen Thoren nach ihm ſuchte, fand man ihn endlich hier und konnte ihn kaum aus ſeinem Zauberſchlaf erwecken. Er erzählte eine ſchreckliche Ge⸗ ſchichte, wie die Hexe, kaum als er zu ihr eingetreten, ſich in —— 4 eine ungeheure Kreuzſpinne verwandelt, einen Faden in die Höhe geſchoſſen habe und daran an die Decke hinauf geklettert ſei; er, in ſeinem Berufseifer, habe ſie mit dem Kehrbeſen bis dorthin verfolgt, ſie habe ihn aber mit ihrem Netz umſponnen und ſo mächtig an ſeinem Hirn geſogen, daß er darüber das Bewußtſein verloren habe; er habe ſie nur noch mit feurigen Drachen zum Schlüſſelloch hinaus fahren ſehen, und ſeitdem habe er nichts mehr von ſich gewußt; die Spinnwebe, in der er gelegen, müſſe ſpäter nachgegeben haben, ſo daß er Nachts heruntergeſtürzt und in ſeiner Ohnmacht liegen geblieben ſei.— Die halbe Stadt erzählte ihm dieſes Hexenſtücklein noch lange Jahre nach, doch ergötzten ſich Manche im Stillen an dem eigentlichen Hergang, den man leicht aus ſeinen Reden zuſammen⸗ ſetzen konnte. Die Hexe hat ſich nie wieder im Weichbilde der Stadt betreten laſſen; als aber der Mauergraben geraume Zeit nachher vollends ganz ausgetrocknet und ringsum, wie es zuerſt nur auf einer Seite war, in Weihergärten verwandelt wurde, ſo fand man den alten Schlüſſelbund, der damals ſammt der Arreſtantin verloren gegangen war. Martin aber führte von jenem Tage an in der Stadt den Spottnamen des Hexen⸗ banners.— Frau Dote, ſagte ich, als ſie geendet hatte, komm her, ich will dir was ins Ohr ſagen. Die Margrete iſt niemand anders als du. Närr'ſcher Kerl, verſetzte ſie, meinſt denn du, ich würde dir ſo etwas von mir erzählt haben? Ich glaub's auch nicht ganz, erwiderte ich. Ich weiß ja, wie ſchnell du ein Märchen zuſammenbringſt, wenn man eins von dir haben will. Und ich hab' auch gemerkt was du dies⸗ mal im Schild geführt haſt. Du haſt an meine Träume gedacht, in denen mir ſchon ſeit der erſten Kindheit immer die fürchter⸗ . 172. liche alte Zigeunerin vorkam, lang eh' ich eine ſolche in der Wirklichkeit geſehen hatte; und um dieſe Träume mit andern Bildern zu verweben, haſt du mir jetzt von einer Zigeunerin eine luſtige Geſchichte erzählt. So? ſagte ſie, und ſonſt hätt' ich nichts im Schild geführt? Meinſt du, es wäre nicht vielleicht auch der Mühe werth, dir die dummen Phantaſtereien in deinen Leihbibliothekenbüchern durch natürlichere Geſchichten zu verleiden? Unterſagen kann man euch die dummen Schwarten nicht, das würde doch nichts helfen; drum iſts immer noch beſſer, ihr leſet ſie wenigſtens unter unſern Augen. Aber ſiehſt du denn nicht ein, wie über⸗ hirniſch das Zeug iſt? Da wird alles Mögliche und Unmög⸗ liche an den Haaren herbeigezogen, damit ſo ein läppiſches Paar endlich zuſammenkommen ſoll; und doch iſts immer das alte Lied. Kriegen ſie einander, ſo iſts recht, wenn ſie nämlich für einander taugen, und kriegen ſie einander nicht, ſo müſſen ſie auch zufrieden ſein. Das iſt das einzige Vernünſtige dabei, nur ſteht das nicht im Buch, ſondern immer erſt auf dem wei⸗ ßen Blatt hinter der letzten Seite. Freilich, wenn ſie vor Jam⸗ mer ſterben, ſo lautets anders; aber ich kann dich verſichern, daß das Alles nicht wahr iſt. Im Leben gehts anders her als in deinen Leihbibliothekenbüchern. Darum biſt du auf dem Holz⸗ weg, wenn du glaubſt, ich ſei die Margrete, von der ich dir er⸗ zählt habe. Ich habe keinen Zauberſpiegel zu meinen beiden Heirathen gebraucht, ſondern bin meinem Vater gehorſam ge⸗ weſen, der mich zwar zu nichts gezwungen, aber doch ſeinen Wunſch und Willen geäußert hat. Hätten die Beiden das Gleiche gethan, ohne ſich vorher unnöthige Grillen in den Kopf zu ſetzen, ſo hätten ſie ſich nicht von einer alten Hexe an der Naſe herumführen zu laſſen gebraucht. Siehſt du, das iſt die Moral von der Fabel, die ich dir erzählt hab. 4 3 Iſt alles gut und recht, ſagte ich hartnäckig, aber an der Fabel muß doch etwas ſein, du magſt auch noch ſo viel dazu gethan haben. Ich kann dirs beweiſen. Einmal iſt Margarete dein Name. Dann hat dein erſter Mann Urban geheißen, und wenn er ſeinem Büblein glich, deinem früh verſtorbenen Johan⸗ nes, deſſen Bild da oben hängt und von dem du ſo gern er⸗ zählſt, ſo muß er dir gewiß recht von Herzen lieb geweſen ſein. Ferner weiß ich aus deinem eigenen Mund, wo du vom vier⸗ zehnten bis ins achtzehnte Jahr erzogen worden biſt. Und end⸗ lich haſt du mir auch einmal vertraut, daß du die beſte Tänzerin deiner Zeit geweſen ſeieſt. Gelt, ich hab' was errathen? rief ich, indem ich ihr Rübchen ſchabte. Ihr Finger drohte, ihr Auge lachte. Komm her, Männ⸗ lein, ſagte ſie, ich will dir auch was ins Ohr ſagen. Wenn du in der Schule immer ſo aufpaſſen thäteſt, wie bei einer nichtsnutzigen Geſchichte, ſo ſäßeſt du dort allezeit näher am Fen⸗ ſter denn am Ofen. Gelt, ich hab' auch was gewußt? He, was iſt das für ein Geſicht? Regt ſich dir auch ſchon das„bordirte Hütlein“ auf dem kleinen Strobelkopf? Lern' du ein andermal beſſer, und mach' daß du wieder hinaufkommſt, das wird ge⸗ ſcheider ſein. Und laß dich's aber auch nicht ſo arg anfechten. Jedes Leiden hat zuletzt ein End', das iſt eine alte Hiſtorie. Bergmärchen. In den ungetrübten Stunden ſeines Lebens iſt der natür⸗ liche Menſch ein Dichter, alſo auch der Knabe, denn dieſer iſt bei aller vorlauten Unreife doch gewiß im Grunde ſeines Weſens ein natürlicher Menſch. Darum, wenn ihm auch die Woche über der Kopf vor Romanismus ſchier zerſpringen wollte, der Sonn⸗ tag— wohlgemerkt, wenn er am Samſtag Abend ſeine ganze Gelehrſamkeit in Proſa und Verſen ſäuberlich los geworden war— der Sonntag fand den kleinen lateiniſchen Lehrling ſo froh⸗ und hochgemuth wie einen alten deutſchen Handwerks⸗ mann. Der Deutſche hat in jener ſo hausbackenen und doch zugleich träumeriſchen Zeit, die wir Mittelalter nennen und die vielleicht in künftigen Geſchichtsbüchern erſt mit dem Jahre 1830 ſchließen wird, eine eigenthümliche Gabe beſeſſen, zu gewiſſen Stunden die Welt mit andern als Werktagsaugen anzuſehen, nämlich ſo wie Hans Sachs ſie ſchildert, wenn er am Sonn⸗ tagmorgen in den grünen Wald luſtwandeln geht. Es iſt die alte wunderſame Sonntagsſtimmung, die die Welt im Feſtkleide ſah und die ich nur mit dem Namen eines geiſtigen Sonntags⸗ ſonnenſcheins bezeichnen kann. Sobald ich aufgeſtanden war, legte ich mich unter eine Dachlucke, ließ die Augen rings an dem waldbewachſenen Halbrund der Berge, die unſere Stadt bewachten, herumgehen, und bildete meine Zauberkreiſe, in die ich das Nahe und Ferne hereinzog. Ich bin nicht im Stande, den Schmelz, in elchem dieſe ſtille Landſchaftsmalerei die Welt Kurz, Erzählungen. I. 12 ——— 178 überhauchte, mit Worten auszudrücken: alle Farben waren geſteigert und durch einen wunderbaren Duft, der wie ein Thaumeer über ihnen ſchwebte, in ihrer durchſchimmernden Ma⸗ nigfaltigkeit zu einem gemeinſamen Licht verbunden. Ich darf mich der erquicklichen Gabe wohl rühmen, wie man ſich jedes verlorenen Beſitzes rühmen darf, denn ſie iſt mir nachher, als ich in den nüchternen Tag hinausgeſtoßen wurde und der Sonntag mir wie ein„andrer Mann“ erſchien, untreu geworden. Eben ſo ſcheint ſie mir auch der übrigen Welt ab⸗ handen gekommen zu ſein, und das iſt kein Wunder, denn wir haben eben den alten deutſchen Sonntag nicht mehr, der nicht bloß heilig war, ſondern auch gedankenvoll und bilderreich; und alle Wiederherſtellungsverſuche werden ſich unzulänglich erwei⸗ ſen, den unbefangenen alten Sonntag wieder heraufzuführen, an dem es ſich eben ohne künſtliche Nachhilfe von ſelbſt ver⸗ ſtand, daß es Sonntag war. Die Poeſie gießt einen ähnlichen Schmelz über die Welt; nur iſt es oft mehr ein Lack, ein Fir⸗ niß, ein Verſuch, den duftigen Ueberflug wieder herbeizuzaubern, nicht aus der Anſchauung ſelbſt entſprungen, ſondern bloß aus dem Heimweh nach ihr. Doch iſt mir durch die deutſche und die engliſche Dichtung oft wieder die alte Heimath aufgeſchloſſen worden, daß ich den Sonnenſchein meiner einſtigen Sonntage wieder ſah; oft haben mir dieſe unſere Dichter die Welt aus ihrem magiſchen Muſchelkaſten gefärbt, daß ſie für Augenblicke wieder in einer andern, in jener früheren heimiſchen Geſtalt vor mich trat. Aber auch die ſchönſte dieſer Beleuchtungen glich dem Sonntagsglanze meiner Kinderjahre doch nur wie die Erinnerung der Wirklichkeit. Denn das war es geweſen, was ich durch meine Dachlucke erſchaut hatte, und was mich glauben macht, daß das Kind ein größerer, das heißt, ein lebendigerer Dichter iſt als der reife Menſch, obgleich* Schauen nicht 179 in Worte kleiden kann. Das Beſte, was der Dichter ſagt, und wenn er ſich noch ſo hoch über die bloße Allegorie erhebt, iſt nur Parabel, Symbol, Gleichniß, Bild oder Wahrzeichen; aber aus meiner Kindheit iſt mir unauslöſchlich ins Gedächtniß ge⸗ prägt, daß ich von dieſen Dingen eine wirkliche, eine körperliche Anſchauung gehabt habe. „Ich wußte wohl wie mir geſchah, Und wie das wurde was ich ſah.“ Aber ich blieb nicht in dieſer myſtiſchen Beſchaulichkeit. Oft ſtieg ich von meiner einſamen Warte herab und ſchweifte fröh⸗ lich durch Berg und Thal. Da ging mir die Muſe leibhaftig zur Seite, in Geſtalt eines alten Buchdruckers. Wie muß ich es be⸗ klagen, daß mir die Kunſt des Zeichnens verſagt iſt, ſelbſt die leichte des einfachen Umriſſes, und daß ich ihn nicht wenigſtens mit ein paar Strichen hinwerfen kann, den Mann mit den wun⸗ derlich geformten Beinen, die bei jedem Tritt elaſtiſch beinahe in einen rechten Winkel einwärts ſprangen, mit dem tiefgefurchten Ge⸗ ſicht und den nachdenklichen grauen Augen, wie er neben mir her⸗ ſchritt und mit ſeiner dumpfen Stimme die maleriſchen Punkte der Gegend durch Geſchichte und Sage, hier auf Denkzeichen verſcholle⸗ ner Grafen und Pfalzgrafen, dort auf die geſpenſtige Wohnung eines„verwunſchenen“ Fräuleins weiſend, vor meinen Augen befeſtigee. Denn Mythus und Hiſtorie wohnten in ihm fried⸗ lich beiſammen. Gebürtig aus einem Dorfe der Landſchaft, welche der kleinen Republik unterworfen war, hatte er in der Zeit, die der franzöſiſchen Revolution vorherging, das abenteuerlich ungebundene Leben der reichsſtädtiſchen Jugend, die„poetiſchen Licenzen“, die ſie ſich gelegentlich auf dem Jagdgebiete der Stadt und„leider“ auch des benachbarten Herzogthums in Wald und Fluß erlaubte, getheilt, nachher war er wandernd weit in * 12* * —y——— der Welt umhergezogen, mit einer Spieluhr, die er ſehen ließ, ſogar vor dem Diviſionsgeneral Bonaparte aufgetreten, hatte im Umgang mit Alchymiſten, Schatzgräbern, Magnetiſeurs und Ho⸗ roſkopſtellern an geheimnißvolle Künſte glauben gelernt, und aus dem Sturm der Weltgeſchicke, der an ſeinem aufmerkſamen Auge vorüberrauſchte, ſich eine Philoſophie auf ſeine Weiſe gebildet. Dazu hatte er Alles geleſen, was ihm unter die Hände gekom⸗ men war, und konnte uns ganze Bücher im auserleſenſten Chro⸗ nikſtyl wiederholen,„gleich einem Hausvater, der aus ſeinem Schatz Neues und Altes hervorträgt.“ Sein Kopf war ein un⸗ erſchöpfliches Repertorium, und er ließ ſich nicht ungern mit einem Gelehrten vergleichen, brach aber auch manchmal in rüh⸗ rende Klagen über die unverdiente Dunkelheit ſeines Schickſals aus, und verſicherte, wenn er im Stande geweſen wäre zu ſtu⸗ diren, ſo würde er nichts Geringeres ſein als die Pfarrer und Profeſſoren, die er in der Schule neben, ja wohl unter ſich er⸗ blickt habe. Doch war er meiſt heiterer Laune und immer von demſelben Wohlwollen beſeelt; am vergnügteſten erſchien er, wenn es ihm gelang, eine ſingende Jugend um ſich zu verſam⸗ meln, die er durch ein unnachahmliches Schnurren der Lippen mit einem dröhnenden Baß gleich dem Pedal der Orgel zu begleiten wußte. Ueberhaupt hielt er ſich am liebſten zu der Jugend, und ſo konnte er hie und da an Feiertagen als Führer eines muntern Knabenſchwarmes durch Dick und Dünn, aller Wald⸗ pfade kundig, mit uns ſchweifen, ſteigen und klettern, bis eine Spitze erreicht war, die eine belohnende Ausſicht in das nächſte Thal oder in die weite Landſchaft hinaus eröffnete. An gewöhnlichen Tagen aber hielt er uns ſeine Vorleſun⸗ gen innerhalb Etters: Wenn die Schulſtunden beendigt und die Schulaufgaben ausgearbeitet waren, ſo hüpfte am ſpäten Abend immer noch ein wißbegieriges, hoffnungsvollos Auditorium durch 181 die Einfahrt in den kleinen Hof, wo von überragenden Nach⸗ barhäuſern umgeben ſein beſcheidenes Hinterhäuschen ſtand. Hier pflegte man ſich amphitheatraliſch auf Schichten umher⸗ liegender Bretter, Balken oder Steine zu gruppiren, und glück⸗ lich, wer ſeinen Platz in der Nähe des Sagenmannes erlangen konnte! Sogar der Mond ſchien manchmal näher zu kommen, als ob er lauſchend herbeiſchliche, um ſeinen Theil an den Er⸗ zählungen des alten Buchdruckers zu bekommen. Zuweilen waren auch noch andere Zeugen zugegen, und noch erinnere ich mich des Schreckens, der uns eines Abends befiel, als er uns die Geſchichte vom Apoſtaten erzählte, der den lutheriſchen Glau⸗ ben abſchwor, ohne dafür ein guter katholiſcher Chriſt zu wer⸗ den und obendrein ohne die Braut heimzuführen. Er hatte noch nicht zu Ende erzählt, da ertönte auf einmal eine krächzende Stimme aus der Höhe, und gellend rief es wie vom Himmel herab: „Du biſt weder kalt noch warm, darum will ich dich ausſpeien aus meinem Munde! Offenbarung Johannis im dritten Capitel, im ſechszehnten Vers.“ Wir drückten uns ſchaudernd zuſammen, aber der Buchdrucker rief lachend gegen das Fenſter eines an⸗ ſtoßenden Hauſes hinauf: Sie ſind ja recht bibelfeſt, Frau Nach⸗ barin! So, Sie ſind auch noch auf?— Es war ein altes Weib, das ganz in der Stille die Galerie bei unſern Verhandlungen beſetzt hatte. Ernſtlicher wurden dieſelben geſtört, wenn die Hausglocken in dieſen Weltwinkel, der uns vor allen andern anzog, herein⸗ grillten; ſie durften aber oft redlich ſtürmen, bis das kleine Parlament mit Hilfe ſeines alten Vorſitzers dazu gelangen konnte, ſeinen Vertagungsbeſchluß zu faſſen. 4 Nun aber war endlich der erſehnte Tag angebrochen, dem ein Dutzend Knabenherzen ſo lang entgegengeſchlagen hatten, und ſchon vor Sonnenaufgang rannten die Wecker in der Stadt um⸗ ——-—— her, um ihre läſſigeren Geſpielen herauszuſtöbern. Es ging nicht viel anders zu, als wie wenn Morgens den Gänſen oder Kühen das Zeichen zum Ausfahren gegeben wurde, worauf der Halb⸗ ſchläfer, ſich auf dem Kiſſen umdrehend, alsbald ein Schnattern oder Muhen die Straße entlang ziehen hörte; nur dienten ſtatt des krummen Hornes die Fenſterglocken, die heute aber auch vor Eifer beinahe heruntergeriſſen wurden. Binnen Kurzem war der letzte Träumer aufbruchsfertig, und mit mächtigem Halloh ſtürmte das wilde Heer dem Sammelplatze zu. Dort ſtand unſer Hirt in der Einfahrt ſeines Hofes ruhig lächelnd; er brauchte uns nicht zu blaſen, und konnte das Weckeramt ge⸗ troſt den Ungeduldigen überlaſſen, die ſich deſſelben bemächtigt hatten; denn er wußte wohl, daß keines von ſeiner Heerde zurückbleiben würde. Er hatte ſein blaues Sonntagswamms angezogen; aus der einen Taſche hing wohlgefällig ein langer Zipfel des friſchen geblümten Nastuches, in der andern ſteckte die blanke zinnerne Doſe, die er fleißig hervorzog, ein Geſchenk unſerer dankbaren Anhänglichkeit, bei deſſen Ueberreichung gleich⸗ falls von Allen keiner zurückgeblieben war. Vergnüglich vor ſich hinſummend begrüßte er die heranſtürmende Schaar, und war offenbar ein wenig ſtolz darauf, daß ihm ein ſo ſtarkes Capital von Zukunft anvertraut wurde. Das aber war kein Wageſtück, denn er lenkte uns an unfühlbaren Fäden, indem er uns wie Erwachſene behandelte, und der Halsſtarrigſte, der zu Hauſe und in der Schule wider den Stachel löckte, gegen ihn war er, von einem verſteckten Worte ſeines Tadels getroffen, kirre wie ein Lamm. Und was war es für ein Tag, den wir mit ihm begehen wollten? Sommerjohanni war gekommen, das uralte Feſt, an welchem man vordem große Feuer anzündete und darüber ſprang, zur Feier der heiligen Zeit, in welcher die Sonne auf dem 183 4 Gipfel ihrer Bahn ſich wendet, um durch die Scheeren des Krebſes wieder nach den Hörnern des Steinbocks abwärts zu wandeln. Längſt waren in unſerer Stadt dieſe Feſtlichkeiten vergeſſen: man ließ kein brennendes Rad mehr vom Berge lau⸗ fen, das die am Himmel hinabrollende Sonne vorſtellen ſollte, man zündete kein Sonnwendfeuer mehr an, und die Kartoffel⸗ feuer, durch die wir im Herbſte gelegentlich ſprangen, hatten wohl kaum mehr eine Beziehung auf die alte Sitte. Aber dennoch war eine dunkle Erinnerung daran zurückgeblieben. Obgleich ein gewöhnlicher Feiertag im Kalender, wurde doch der Johan⸗ nistag viel höher als ein ſolcher gehalten, und alles Volk aus Stadt und Dorf pflegte bei ſeinem Anbruch nach den Höhen der umliegenden Berge zu ziehen, wo vielleicht in grauer Zeit die Sommerſonnenwende gefeiert worden war. Der Beſuch der Berggipfel war damals überhaupt noch weit häufiger im Brauche als jetzt, und uns hätte keine größere Freude zu Theil werden können, als die längſt zugeſicherte Erlaubniß, an Johanni, falls die Witterung nicht gar zu heiß wäre, mit unſrem alten Buch⸗ drucker eine Wallfahrt auf den Roßberg, die höchſte Anhöhe unſeres Gebirges, machen zu dürfen. Luſtig lärmend, wie die Vögel, wenn ſie ihr erſtes Morgen⸗ gezwitſcher anſtimmen, hatten wir bald den„Waſen“ erreicht, einen herrlichen alten Eichenhain, der. in ſeinem früheren Beſtande manches Feſt zu Ehren der alten Götter geſehen haben mag und nun der Schauplatz des jährlichen„Maientages“ geworden war. Das heutige Geſchlecht hat ſich ſchwer an ihm verſündigt; da⸗ mals aber ſtanden ſeine Eichen noch ſo dicht als man es von dieſen unverträglichen Nachbarn erwarten kann, die mit den endlos ausſchreitenden Wurzeln jeden ſchwächeren Nebenſiedler aus dem Wege zu ſchieben wiſſen. Ungeachtet dieſer am Boden lauernden Wurzeln trabten wir in der Friſche des Morgens ſo — 184 er über den weichen thauigen Raſen hin, daß der Alte Mühe G hatte, uns zuſammen zu halten. Er kannte aber ein ſicheres Mittel, das er ſtets in Bereitſchaft hatte: ſo wie er zu erzählen begann, und die Nächſten ſich um ihn drängten, um kein Wort von ſeinem Munde zu verlieren, ſo war darauf zu rechnen, daß der Vortrab die Schritte anhielt, und die Nachzügler die ihrigen beflügelten, um ſich mit der Hauptmacht zu vereinigen. Die Umgegend ließ es nicht an Stoff zu Erzählungen fehlen. Vor 3 uns aus dem Walde, dem wir entgegen zogen, ragte ein kahler Hügel, die„alte Burg“, auf welcher einſt Raubritter in rothen Mänteln gehaust. Das Hüterhäuschen am Waldſaume, rechts von der Stelle wo die Fahrſtraße in den Wald geht, zeugte von den Nachfolgern jener alten Räuber, nämlich von den Jaunern des vorigen Jahrhunderts, die dort einen ſchauerlichen Mord begangen. Eine kalte düſtere Waldſchlucht zu unſerer Linken und weiterhin ein einſamer Hof auf grünem Bühl hatten dieſe Zigeuner beherbergt, wiewohl man auch in der Stadt ſelbſt noch ein Wirthshaus nannte, das ihnen offen geweſen ſein ſoll. Zwiſchen den Bergen dort, tief im Walde, barg ſich der„blaue Hof“ oder vielmehr die öde Stätte, wo er einſt gelegen, denn er war längſt abgegangen, ſo daß Niemand mehr etwas Be⸗ ſtimmtes von ihm zu ſagen wußte; aber der Name hatte ſich erhalten, der mit einer gewiſſen Scheu ausgeſprochen wurde, und leiſe ſtammelte die Sage, daß dort in grauen Zeiten grau⸗ ſige Dinge geſchehen ſein müſſen. Unter den Höhen, die nun ſchon hinter uns lagen, waren das„Rangelbergelein“ und die „Frau Näget“ als Sabbathplätze der Hexen berüchtigt,— ein Capitel das der Buchdrucker mit wohlanſtändiger Unmaßgeb⸗ lichkeit behandelte, indem er nur Gehörtes nachzuerzählen ver⸗ ſicherte, von ſeiner eigenen Meinung jedoch ſo viel vermerken ——— 185 ließ, daß eben doch unterweilen zwiſchen Himmel und Erde e gar Wunderliches ſich begebe. Am Nande der Schlucht, weit links ab der Straße, Thun wir endlich den Wald, der ſchon eine gute Weile neben uns hergelaufen war, und bewegten uns auf einem ſchmalen Fuß⸗ ſteig, den nur unſer Führer kannte, im Gänſereihen fort. Im Walde zu ſchweifen war ſelbſt an Feiertagen ein ſeltnes Feſt für uns, denn die Aecker und Baumgüter, mit denen ſich die Stadt umgeben, hatten ihn nach allen Seiten, hier ans Gebirge hinauf, dort gegen das Land hinunter, ſo weit zurückgedrängt, daß wir ihn lange Zeit faſt nur wie ein fernes Märchen ge⸗ kannt hatten. Es war eine Luſt, ſich unter den ſchönen Buchen zu tummeln. Unſer Mentor, der von der Ceder bis zum Yſop Alles kannte, wußte bei jeder Frage unſere Neugier zu befrie⸗ digen. Er lehrte uns die Stimmen der Vögel unterſcheiden, ehe ſie mit dem Steigen des Tages verſtummten, und gab den Kä⸗ fern des Waldes, den fremden Kräutern und Blumen der Wild⸗ niß ihre Namen. Bei ſolcher Art zu wandern fand ſich mancher Aufenthalt, und wir brauchten wohl die doppelte Zeit, bis wir uns dem Ziel der Reiſe näherten. Dafür hatten wir aber auch auf einem ſanft anſteigenden Umweg den Gebirgsſtock unter die Füße bekommen, ohne zu wiſſen wie es zugegangen war. An einem Waldbrunnen, der unter einem Ahorn rieſelte, machten wir Halt, um den mitgenommenen Imbiß zu verzehren, wozu uns der Brunnen den Tiſchtrunk ſchenkte. Wir freuten uns des grünen Daches, das ſich gleich einer Kellerwölbung über ihm ausbreitete, und prieſen den ſchönen gaſtlichen Baum. Der Buchdrucker aber vertraute uns, kaum eine Stunde von da ſtehe ein noch merkwürdigerer, nämlich eine alte hohle Eſche, worin — nach der Behauptung Vieler, ſetzte er vorſichtig hinzu— ein Geiſt hauſe, ein„moroſer“ Einſiedler in rother Weſte, ſchwar⸗ 186 zen Hoſen und weißen Strümpfen, der ſich ſogar im hellen Tageslichte zeige, und gleichfalls eine Art Gaſtfreundſchaft übe, ſofern er die Vorbeigehenden in ſeine Spelunke hole und nicht mehr loslaſſe. Wir fragten ob er ihn ſchon geſehen habe. Er verneinte es, aber wir brachen dennoch eilends auf, da unſre Richtung glücklicherweiſe die entgegengeſetzte war. In einem gelinden Bogen, der ſich durch Buchen⸗ und Eichenwald um den Hauptkörper des Berges herzog, führte uns der Fußſteig immer aufwärts, bis wir auf eine offene waldumkränzte Ebene hinaustraten, die mit duftigen Kräutern bewachſen war. Heut, am Feiertage, lag ſie ſtill und einſam, ſonſt aber war ſie, wie uns der Buchdrucker belehrte, die Weide für die umliegenden Ortſchaften, und die Roſſe und Rinder kannten ſie, wie die Zecher das beſte Wirthshaus kennen. Auch für uns wuchs auf ſolchen Bergflächen eine Pflanze, die uns höchlich zu ergötzen pflegte, deren Namen ich aber nicht anzu⸗ geben weiß; es war eine ſtrohartige, frühzeitig ausgefallene Blume ohne Stiel, deren Boden wir als muſikaliſches Inſtrument benützten, da ſie, wenn man durch ein Stückchen Fließpapier in die zarten Oeffnungen hineinſang, verſtärkte„humſende“ Töne von ſich gab. So„humſeten“ wir denn durch einander, was uns einfiel, Choräle und Schelmenlieder, während wir auf dem erſtiegenen großen Abſatze gelagert uns zur letzten Anſtrengung vorberei⸗ teten; denn auf dieſem ruhte wie auf einem breitſchulterigen Rumpfe der Kopf des Berges, den es noch zu überwinden galt. Hier war keine Bogenlinie, keine ſanft geſchlängelte Umgehung mehr anzuwenden, ſteil und ſchroff ging es durch dichten Wald hinauf, aber wir ermunterten einander durch Zuruf, zogen, feſt mit der Ferſe einhauend, die ſchwächeren Genoſſen nach, und in einem ſauern Stündchen war der letzte Gipfel vollends erſtürmt. Mit Verwunderung fanden wir nun die ſchmale Spitze, als 187 welche ſie ſich von ferne gezeigt, in eine ziemlich geräumige Fläche verwandelt, die obendrein ſo hoch und dicht bewaldet war, daß wir zwar vor Bäumen wohl den Wald, nicht aber eine Spur von Landſchaft oder Gebirge erblicken konnten. Halb verdrießlich, halb muthwillig lachten wir und neckten einander mit der ſchönen Ausſicht. Der Buchdrucker lächelte ſtill in ſich hinein und fragte, was wir zuerſt zu ſehen wünſchen. Natür⸗ lich wenigſtens die„Schwedenſchanze“, das vielbeſprochene Wahr⸗ zeichen des Berges, das uns allein ſchon ſo weit herauf gelockt haben würde! Er führte uns nach der Südſeite des Abhangs und zeigte uns eine verworrene Maſſe bemooster Steine, die wie von der Hand der Natur hingeworfen ſchienen, und eine Spur von Erderhöhung, durch Gebüſch und Raſenwuchs halb unkenntlich gemacht. Für Knabenaugen war das nichts Beſonderes. Ja, wenn wir gewußt hätten, daß der alte Wall, der ſich noch weiter nach Süden zieht, vielleicht um anderthalb Jahrtauſende älter iſt als die Soldaten Guſtav Adolfs! Was ſollten auch dieſe da oben zu ſchanzen gehabt haben? Aber ſelten geht eine unſerer Volksüberlieferungen hinter den dreißig⸗ jährigen Krieg zurück, zum Beweiſe wie gründlich die Sünd⸗ fluth war, mit der er das Gemüth des Volkes überwaſchen hat. Schon wollten wir uns mit dem Ruhm begnügen, den Roß⸗ berg erklommen und die waldbegrabene Schanze beſucht zu haben, als wir mit unſerem Führer über die Gipfelfläche hin und her kreuzend mitten im Waldesdickicht auf ein Gerüſte ſtießen, das mit den höchſten Bäumen in die Wette emporſtrebte und mit einer rechtſchaffenen Treppe verſehen war. Der Buchdrucker weidete ſich an der Ueberraſchung, die er uns bereitet hatte, und lachte ſeinen gemüthlichen Baß dazu. Die Herren Topographen, erklärte er uns in ſeinem Latein, haben es gleichfalls uncon⸗ venirlich gefunden, daß eine ſo wohlgelegene Bergſpitze wie ein 188 Kopf ohne Augen ſein ſollte, und die Pläſirlichkeiten, die ſich die Großen verſchaffen, kommen jezuweilen auch den Kleineren zu Gute. Nun ging es hinan, daß das Balken⸗ und Stangen⸗ werk ächzte und krachte, aber die genannten Herren Grafen hat⸗ ten es dauerhaft hingeſtellt. Da droben war nun Ausſicht im Ueberfluß. Landkartenartig, wie von allen dieſen Höhen, lag gegen Weſten und Norden die Landſchaft weitgebreitet mit ihren Städten und Dörfern, mit ihren Hügeln, Wäldern und Waſſern vor den Blicken. Nach der andern Seite war der Geſichtskreis begrenzter, aber um ſo ſchöner: gegen Oſten ſtieß das Auge an die Gebirgsgeſtalten der näheren und ferneren Nachbargegenden, während es von der Ecke, die unſer Standpunkt bildete, den Zug des Gebirges nach Süden hin in ausgedehnteren Reihen verfol⸗ gen konnte. Unſer Menice hatte ein ſcharfes Kreuzfeuer von Fragen zu beſtehen; der Eine wollte eine Ortſchaft, der Andre einen vereinzelt aufragenden Kirchthurm, ein Dritter dieſen, ein Vierter jenen Berg, ein Fünfter den blinkenden Streif eines Fluſſes, ein Sechster die d klen Säume des Schwarzwaldes, wieder Andere wollten Schloöſſer und Kapellen und die Menge der Burgruinen benannt wiſſen, und Alles fragte und zwitſcherte zu gleicher Zeit. Geduldig und ſicher wand er ſich durch das Gewirre der Fragen hindurch, und blieb keine Antwort ſchuldig, ja er zeigte uns nicht bloß das was zu ſehen war, ſondern auch dasjenige was bei beſonders günſtiger Beleuchtung etwa geſehen werden konnte. Dieſes Unſichtbare entzündete alsbald die junge Phantaſie in Verbindung mit dem knabenhaften Ehr⸗ geiz, und Alles ſtrengte die Augen an, wer am weiteſten ſähe. Auch fehlte es nicht an jenen Berühmungen, bei welchen Betrug und Glaube in einander laufen, die aber der Alte mit ſeiner gutmüthigen Ironie aus dem Felde ſchlug. So, als unſer Dicker, aus ſeinem Gleichmuth aufgeſtachelt, hinter dem Schwarzwalde 189 richtig die Vogeſen ganz deutlich ſah, wünſchte er ihm guten Abend, und einem Andern, der noch ſcharfſichtiger im fernen Süden eine weiße Linie entdeckte, die offenbar nichts andres als die Schneeberge der Schweiz vorſtellen konnte, ſagte er im glei⸗ chen Athem guten Morgen, und lachte dann ſeinen Grunddaß über die Liſt, die er vorhin gehabt, die Tageszeiten zu ver⸗ ſchweigen, in welchen jene ſeltenen Erſcheinungen allein möglich ſeien. Sehen Sie nur gefälligſt recht ſcharf nach der Sonne, die dem Einen auf und dem Andern untergeht! rief er den bei⸗ den Entdeckern zu: vielleicht ſehen Sie ſie eben jetzt über Ihren Adlerblick die drei Freudenſprünge machen, die ſie übrigens ſonſt nur an Oſtern thut. Ein helles, vielſtimmiges Gelächter ſchlug in die Lüfte, ſo daß ein paar Raben, die ſich nicht weit davon auf Baumwipfeln wiegten, wie ertappte Miſſethäter die Flucht ergriffen. Der Buchdrucker lächelte noch ein wenig vor ſich hin, und beeiferte ſich dann, den beiden beſchämten Fernſehern eine Anzahl wirk⸗ licher Fernſichten zu zeigen. Er mar ſehr höflich und ſagte zu unſern Wenigkeiten niemals andersnals„Sie“.. Das Merkwürdigſte und Vergnüglichſte jedoch war für Kna⸗ ben jedenfalls, bekannte Gegenſtände in einige Ferne gerückt zu ſehen, den Weg zu überblicken, den wir hieher gemacht hatten, und die Heimath, aus deren Mauern wir am Morgen ausge⸗ zogen waren, von da oben zu grüßen. Sie lag ſchimmernd am Gebirge, die ſonſt ſo altergraue Stadt; der Engel auf dem Thurme blitzte in der Sonne. Der Gebirgskreis, in den ſie ſich ſchmiegte, war von eigenthümlichen Formen, ſtreng und reizlos, wie der Ernſt des Lebens, wenn ſolche Vergleichung erlaubt iſt; aber der einzelne ſchlanke Bergkegel, der hinter ihr aufſtieg, milderte durch ſeine Anmuth den Eindruck der Härte, und die weite Ebene, die ſich vor der Stadt und den Bergen her aus⸗ 190 dehnte, gab der Gegend, trotz des verſchloſſenen Hintergrundes, ein offenes Ausſehen und bedeutend geſtaltete Raumverhältniſſe. Wir ſtanden daher keinen Augenblick an, ſie als eine der groß⸗ artigſten auf dieſem weiten Erdenrunde zu preiſen, obwohl wir weder Gelegenheit gehabt hatten ſie mit andern Gegenden zu vergleichen, noch das was ihr nach ſolcher Vergleichung eigen blieb, mit Worten auszuſprechen fähig geweſen wären; aber wir waren eben ſtolz auf alles was der Vaterſtadt näher oder ferner angehörte. Stolz waren wir auch auf den ſchlanken Berg, der vor dem Gebirge ſtand wie eine Schildwache vor dem Lager, oder wie ein Befehlshaber vor ſeinen Truppen, oder auch, wenn man will, wie in den griechiſchen Trauerſpielen eine der handelnden Perſonen vor dem Chor, und die Mützen ſchwingend riefey! wir unſerer Achalm ein Hurrah zu; denn der Eigenſinn einer unerforſchten Vorzeit hat ſie weiblich benannt, ohne einen Grund hiefür anzugeben, ja ohne ein Wort zur Entzifferung ihrer dunklen Namensrune zu hinterlaſſen. Der Thurm auf ihrem Gipfel, das einzige Ueberbleibſel der gräflichen Doppel⸗ burg, ragte ſcharf gezeichnet in die klare Luft; ſogar die Fahne auf dem Thurm war zu erkennen; eben ſo deutlich ſah man den an der Vorderſeite des Berges emporführenden Zickzackweg. Wir hatten dieſen alten Reitpfad ſtets verſchmäht und lieber mit Handen und Füßen in die Wette den ſteilen Gipfel geradenwegs erklettert; nicht anders ging die Rückfahrt, geradeaus bergab, wie die Kugel aus dem Rohr, unter Geſchrei und Gelächter, und wenn man ſich nicht mehr halten konnte, ſo blieb nichts übrig als ſich rückwärts zu Boden zu werfen. Dort ja hatten wir uns in den Anfangsgründen des Bergſteigens geübt, von den Zinnen jenes alten Thurmes hatten wir manches Lied auf unſerer ſtrohernen Bergharmonika geblaſen, manches„Ammons⸗ horn“ hatten wir von jenem Gipfel mitgebracht, ja ſelbſt ein 191 ſeltener„Apollo“ war uns dort oben je und je ins Schmetter⸗ lingsgarn gerathen. So gering jedoch die Entfernung war, ſo reichte ſie hin, den anmuthigen Berg ſchlanker und zierlicher zu zeigen als wir ihn je geſehen hatten, und ihm das zu geben was die Nähe nicht ſo entſchieden erſcheinen läßt: eine Geſtalt. Eine zweite, dieſer ähnlich, war der Hohenneufen, der etwas weiter entfernt ſich mit ſeiner ſchönen Mauerkrone von dem Gebirge hob und gleichſam mit einem Fuß aus demſelben herauszutreten ſchien. Der dritte im Kleeblatt dieſer ſchlanken Berge und der ſchönſte war der Hohenſtaufen, der in den blauen Duft der Ferne gehüllt einſam aus Nordoſten herüber blickte. Zwiſchen der Achalm und dem Neufen hatte ſich der Sattelbogen lang⸗ geſtreckt wie ein Kameelsrücken hingelagert. Hinter dem Neufen ſah die Teck hervor, als ob ſie einen Lauſcherpoſten einnähme. Dieſe ganze Gruppe von Bergen, die den öſtlichen Theil der Ausſicht bildete, bot eine höchſt lebendige Erſcheinung dar, und trotz ihrer ſtummen Unbeweglichkeit nahmen ſie ſich nicht anders aus als wie wenn ſie in einem ſtillen Verkehr, ja in einer leib⸗ haften Handlung mit einander begriffen wären. Ich mußte immer wieder nach ihnen hinſchauen, während der Buchdrucker von den wunderlichen Steinbildern der Belſener WHeidenkapelle! docirte, die auf der andern Seite des Berges lag. Mittlerweile war die Sonne höher herauf gekommen, die klaren Umriſſe der Landſchaft lösten ſich in nebligen Flor, und die Hitze begann auf unſere obdachloſe Warte zu drücken. Wir verließen dieſelbe, und nach wenigen Augenblicken lag die junge Bande feſt eingeſchlafen im kühlen Schatten des Waldes. Nur Drei von der Geſellſchaft wachten noch: der alte Buchdrucker ſaß nauf Roſen mit Veilchen bekränzt“— denn er hatte ſein ge⸗ blümtes Taſchen uch über das Moos gebreitet— an einem 192 dicken Baumſtamm, der ihm eine Lehne gewährte, und hing ſei⸗ nen Gedanken nach; ich hatte ſeine Stellung an einem benach⸗ barten Baume nachgeahmt, wo ich in einem mooſigen Auswuchs ein bequemes Kopfkiſſen fand; und der Dicke lag neben mir im Gras auf dem Rücken, die Hände unter dem Kopf gefaltet, und langſam, wie er in allem war, den Gefährten ins Reich der Träume nachzuſegeln bemüht. Ein leiſer Luftzug ſtrich über die Höhe und athmete in den Blättern. Was geht Ihnen im Kopf herum? fragte der Alte nach einer Weile. Er hatte mich beobachtet, wie ich die Augen bald ſchloß bald öffnete und in einer Art Verwunderung vor mich hinſah. Sonderbar, antwortete ich, unſere Berge ſtehen noch immer vor mir, ſo deutlich, als wäre eine Oeffnung durch das Dickicht gehauen, und was noch ſonderbarer iſt, ſchon da droben hab' ich mirs eingebildet und kann mirs nicht aus dem Sinn ſchlagen, daß die Achalm und die Teck nach dem Neufen hinſehen, die eine von hier, die andre von dort, wie wenn ſie etwas Beſonderes mit ihm hätten. Hm! verſetzte er mit ſeinem nachdenklichen Lächeln. Es muß doch wohl nicht ganz„ohne“ ſein. Davon kann ich Ihnen etwas erzählen. Er ſetzte ſich zurecht und machte ſeine gewohnten Vorberei⸗ tungen, indem er ſtatt des Sacktuchs, das ihm als Teppich diente, ein großes Blatt aus dem Gebüſche holte und ſich hie⸗ rauf mit einer friſchen Priſe verſah. Ich nahm gleichfalls in meiner halb ſitzenden halb liegenden Stellung einen kleinen Wechſel vor, um einen deſto ruhigeren Zuhörer abzugeben; und der Dicke, der noch nicht ganz hinüber war, legte ſich gähnend, mit dem Kinn in der Hand, auf unſere Seite. Mit dem rechten 193 Auge ſchlief er fort, mit dem linken hörte er— da hier ein Sinn dem andern aushelfen mußte— der Erzählung zu. Das Nämliche was Sie da ſagen, begann der Buchdrucker, hab' ich ſchon vor langen Jahren von einem Jugendgeſpielen gehört, mit dem ich aufgewachſen bin. Das war ein ſcheckiger Menſch, das einemal voll luſtiger Flauſen und wilder Sprünge, dann wieder ſtill und duckmäuſerig, als wenn er nicht Fünfe zählen könnte. Ich kam als Lehrling in die Stadt, er ver⸗ dingte ſich in den Pferch. Zuletzt wurde er Schäfer auf dem Reiſſenſteiner Hof, über dem Neidlinger Thal, da wo hinten das Thal ſich verengt und der Reiſſenſtein mit ſeiner Ruine und der Heimenſtein mit ſeiner Höhle einander gegenüber liegen. Dort blieb er einige Jahre, und lernte in Holz ſchnitzen, ganz aus ſich ſelbſt und für ſich ſelbſt, aber ſeine Kunſt ward nach und nach in der Umgegend bekannt, und wie es im Leben wunderlich zugehen kann, ſo kam es am Ende, ich weiß nicht mehr durch welche Verbindungen, daß er ein vortheilhaftes An⸗ erbieten aus Paris erhielt. Er brachte aber auch mit ſeinen mangelhaften Werkzeugen Dinge hervor, die ihres Gleichen nicht hatten. So ſah ich einen Stock bei ihm— das war ein Wach⸗ holder von einer Größe die man ſelten ſieht, tief unter der Heimenhöhle aus einer Felſenritze gegraben, man hatte dazu einen Mann an Stricken hinablaſſen müſſen— dieſen Wach⸗ holder hatte er zu einem wahren Kunſtwerk umgearbeitet und in die mächtige Wurzel, welche die gekrümmte Handhabe des Stockes bildete, eine wilde Jagd geſchnitzt, die von lebenden Figuren wimmelte. Oben, an der Spitze der Wurzel, jagte der wilde Jager auf ſeinem Schimmel dahin, geſtreckten Leibes, ſo daß man bequem hinter ihm die Handhabe erfaſſen konnte, eine geſpenſterhafte Geſtalt von furchtbarem Ausſehen, und doch ſchön dabei; das Roß warf beide Vorderfüße frei in die Luft, und Kurz, Erzählungen. I. 13 ———xxx 194 aus ſeinen weiten Nüſtern erwartete man Feuer fahren zu ſehen; dem Reiter aber folgte eine Flucht von Hirſchen, Rehen, Eulen, Hunden und geſchuppten Drachen, alles ſo fein gearbeitet und ſo natürlich, daß man jeden Augenblick meinte, ſie könnten aus dem Stock herausſpringen. Ich hätte weiß nicht was da⸗ rum gegeben, wenn ich das Stück hätte behalten dürfen, aber er ſchien ſelbſt daran zu hängen, und da er ſehr gutherzig war, ſo mochte ich ihn nicht mit Bitten beſchweren. Das koſtbare Werk hat ihn nach Paris begleitet. Dort iſt er verſchollen, ich habe nie wieder etwas von ihm gehört. Nach ſeinem Abſchied vom Reiſſenſtein ſuchte er mich auf, und dort drunten auf dem Hügel, den ich vorhin dem Herrn Dicken habe zeigen müſſen, vor dem einzelnen Wirthshaus, am Steintiſch in dem Baumgar⸗ ten, dem Gebirge gegenüber, dort brachten wir einen vergnüg⸗ lichen Herbſtabend mit einander zu. Ich hatte mir was drauf zu Gute gethan, daß ich als Handlanger der Muſen etliches aufge⸗ ſchnappt hatte und vielleicht ein wenig gewählter reden konnte als mancher Andere meines Gleichen: ihm aber konnte ich das Waſſer nicht reichen, er ſprach wie ein Buch. Der Himmel weiß wie es ihm angeflogen iſt, hat er zur Winterszeit auf ſeinem Hofe verlegene Bücher gefunden oder iſt ihm ein Pfar⸗ rer in der Gegend an die Hand gegangen. Er that mit allem was er wußte ſehr geheimnißvoll, und ſagte nicht woher er's hatte; noch weniger ließ er ſich, wenn man ihm Zweifel ent⸗ gegenſetzte, in einen Streit ein, vielmehr ſchien es ihm ganz gleichgiltig, ob man ihm glaubte oder nicht. So machte er's auch, als ich gegen die Geſchichte, die er dort vorbrachte, nach⸗ her einige Bedenken äußern wollte; er lachte nur und ließ eine friſche Flaſche kommen. Dort nämlich, nachdem er lang zu den Bergen hinüber geſchaut hatte, die in der herbſtlichen Luft ſo nah und greifbar vor uns lagen, hub er an, die Hoheiten 8 8 da drüben ſeien nicht immer ſo unbeweglich dageſtanden, wie ſie jetzt erſcheinen. Doch ich will mit ſeinen eigenen Worten be⸗ richten. Ich weiß das anders, ſagte er, und hab's in einer ſonder⸗ lichen Stunde erfahren. Als Reiſſenſteiner Schäfer bin ich dort herum überall hin⸗ gekommen, nur nicht auf den Reiſſenſtein ſelbſt, wiewohl der Meierhof gleich hinter ihm liegt, kaum einen Gedanken entfernt. Ich hab' auf dem ganzen Berg dort, wo er das Thal ſchließt, durch Haide und Wald herumgeweidet, bis auf die andere Seite, wo der Heimenſtein mit ſeinen herrlichen Futterkräutern liegt. Oft und viel bin ich in ſeiner Höhle geweſen, die ſich gegen das Thal öffnet, ſo daß man wie zu einem großen Fenſter hinaus⸗ ſchaut und gegenüber den Reiſſenſtein aus Wald und Felſen aufſteigen ſieht, gerade wie zwei Häuſer auf den beiden Seiten einer breiten Straße gegen einander über liegen, nur daß ſtatt der Blumenſcherben ganze Bäume im Fenſter ſtehen. Bin vor⸗ gekommen bis auf den Breitenſtein, von deſſen Zacken man vor⸗ wärts in die weite lachende Landſchaft und links über die Berge ſieht; die Teck ſtreckt ſich weit hinaus; hinter ihr halb verſteckt lauert der Rauber; vom Neufen iſt nur die Spitze ſichtbar, die wie eine große ſteinerne Blume aus der Hochfläche herauszu⸗ wachſen ſcheint; und weiter drüben ſieht der Kopf der Achalm über den Gebirgsſtock herüber. Bin auch im kleinen Thal ge⸗ weſen, das hinter unſrem Hofe liegt, am Drackenſtein, der mit ſeinen„Duftſteinfelſen“ ein eigenes niedliches Gebirg im Thale bildet. Kurz, überall bin ich herumgekommen, nur, wie geſagt, die paar Schritte nach dem Reiſfenſteiner Felſen ſelbſt hat ſich's 13* 196 nie thun wollen, ſei's, weil der Menſch dahin wo er am nächſten hat am wenigſten kommt, ſei's, weil das alte Gemäuer nicht den einladendſten Zugang hat. Nachdem ich aber die Schippe niedergelegt und die Heerde übergeben hatte, um meinen eigenen Pferch anderswo aufzu⸗ ſchlagen, wollte ich doch nicht ſo unbekannterweiſe von dem Schloß abziehen, das den Rieſen Heim ſein ſchweres Geld gekoſtet haben ſoll. Ich hatte noch einen aufrechten Valettrunk mit dem Meier gethan; wie der aber, um ſeinen Duſel verſaufen zu laſſen, ſich auf die Bank legte— was er mühſelig von mir gelernt hatte, denn niemand verſteht bequem auf der Bank zu liegen, als ein Schäfer— ſo griff ich zu meinem Gehſtab und ſchlug den Weg zur Linken ſtatt zur Rechten ein. Durch Wald und wider⸗ wärtiges Geſträuch kommt man zu dem Felſen, der hier mit dem feſten Land zuſammenhängt, ſonſt aber nach allen Seiten abgeſchnitten und gäh ins Thal abfällt. Zwiſchen Schutt, Ge⸗ ſtein und Mauerwerk, das alles wie zuſammengebacken iſt, öffnet ſich ein enges Loch, durch das man auf Händen und Füßen krie⸗ chen muß— froh darf man ſein, wenn man nicht ſtecken bleibt— und dann ſteht man auf einmal im Schloßhof. Alles verwittert und verfallen, ohne Dach und Fach, daß Sonne und Mond hinein ſcheinen können. Man ſieht noch Fenſter und Thüren in den Mauern, an einer innern Wand auch ein Kamin, aber alles iſt nach allen Seiten offen, daß der Wind nach Herzens⸗ luſt durchſtreichen kann. Nur ein großer Thurm ſteht noch in ſeiner ganzen Höhe da, aber oben iſt er auch zerbröckelt. An der vordern Seite des Felſen ſieht man durch Lücken in den mächtigen Wallmauern die ſenkrechte Tiefe hinab, aus welcher Bäume heraufſtreben, die mitten im Geſtein gewachſen ſind. Gegenüber an der andern Thalwand gähnt die dunkle Oeffnung im Felſen des Heimenſteins. Unten aber, im Thalſchluß, ziehen 197 viele ſilberne Fäden durch einander; das ſind die Quellen und Bächlein, die in zahlloſem Gerieſel zur Lindach zuſammen⸗ fließen. Ich war doch oft in der Heimenhöhle drüben ganz allein geweſen und hatte an nichts dabei gedacht, weiß alſo nicht wa⸗ rum mir jetzt in den Reiſſenſteiner Mauern ſo curios wurde. Vielleicht kam es ein wenig daher, daß ich gewiſſermaßen ein⸗ geſperrt war, denn das Schlupfloch war nur auf der Schnecken⸗ poſt zu paſſiren, und dann fand auch ein kleiner Unterſchied ſtatt zwiſchen dem Herein und dem Hinaus. Im Hereinkriechen hatte ich die lebendige Welt hinter mir, und die, dacht' ich, wird dich nicht in Fuß beißen; was aber beim Hinausrutſchen hinter Einem drein kommen kann, wenn's auch nur eine Blindſchleiche wäre, das weiß man nicht, und die Augen kann man nicht hin⸗ ten haben, denn wenn man mit den Füßen voraus will, ſo bleibt man ſtecken. Ich kann nicht gerade ſagen, daß ich Angſt gehabt hätte, aber die Stille in dem öden grauen Gemäuer machte mich ganz verwirrt. Was aber noch viel ſtärker auf mir lag, das war eine verwunderliche Mattigkeit, die mich ge⸗ fangen nahm, und ſtatt mich zum Tempel hinaus zu machen, mußte ich mich hinlegen, als ob ich ganz da zu Hauſe wäre. Ein weicher Moosfleck gab ſich unter einer niedrigen Steinlinde, die mit andern Bäumen im Gebröckel und Malm aufgekommen war, als ob ſie gleichfalls von je ihr Heimweſen da gehabt hätten. Eine Zeit lang lag ich ſo in einer Art von Traum, ich weiß nicht wie lang, da hörte ich ſchwere Tritte, die in den unterſten Gewölben des Felſenneſtes wiederhallten, und— du magſt mir nun glauben oder nicht— hinter dem Thurm kam eine Geſtalt hervorgeſtampft, die wie ein junger Thurm neben dem alten ſtand. Nur war ſein Ausſehen nichts weniger als 198 jung; das Angeſicht hatte Furchen, ähnlich den tiefen Einſchnit⸗ ten die ſich durch Felsſtücke hinziehen, Haar und Bart waren wie altes verblichenes Moos, ungekämmt und wie mit Steinge⸗ röll durchſä't, Gewand und Glieder trugen die verwitterte graue Farbe des Geſteins. Wer mochte es ſein als der alte Rieſe, der Bauherr des alten Neſtes? Wie ich ihn ſo anſah, konnte ich's begreifen warum die Thüre ſo hoch oben im Thurm iſt, und war mir auch nicht mehr unglaublich, daß er den Schloſ⸗ ſergeſellen mit Einer Hand frei zum Fenſter hinaus gehalten haben ſoll, um den fehlenden Nagel vollends einſchlagen zu laſſen. Er ſchien nicht wohl aufgelegt, denn er brummte und brut⸗ telte allerlei in ſeinen Bart, ſtellte endlich den Fuß auf ein Mauerſtück, das ich nicht mit der Hand hätte erlangen können, wie auf einen Schemel, und bemühte ſich den Schuh auszuſuchen. Da aber ſeine Finger zu dick waren um hineinzukommen, ſo ſtellte er den Fuß wieder auf den Boden und zog den Schuh aus, indem er ihn gegen den andern ſtemmte. Bis daher hatte er gethan als ob er mich gar nicht ſähe, und ich hatte mich auch nicht gerührt; jetzt aber ſchob er mir den Schuh hin und ſagte mit einer Art, wie wenn wir alte gute Bekannte wären: Da, ſieh einmal in dem Schuh nach, was mich ſo drückt. Ich hielt es nun für gut, den Höflichen zu ſpielen, griff in den Schuh, der wie ein kleiner Badzuber ausſah, aber ziemliche Löcher hatte, und brachte einen Stein hervor, aus dem man eine ſchöne Kegelkugel hätte drehen köͤnnen. Dann ſtand ich auf und überreichte ihm den Fund manierlich, wiewohl ein wenig zaghaft, denn wenn er mir ihn ins Geſicht geſchmiſſen hätte, ſo hätt' ich wohl in dieſem Leben wenig Kopfweh mehr gehabt. Er warf aber den Stein weg und ſagte bloß, derweil er wieder 199 in den Schuh ſchloff: Hätt' nicht geglaubt, daß ſo ein Kieſelbatzen ſo beſchwerlich ſein könnte. Da er mich bei dieſen Worten anſah, als ob er mich auf⸗ fordern wollte, ich ſolle auch was ſagen, ſo nahm ich mir die Freiheit und bemerkte: Ja, wenn Unſereiner ſo ein Sandkörn⸗ lein im Stiefel hätte, damit würd' er nicht weit ſpringen. Er lachte, und das klang, wie wenn ein Wagen über ein hohles Pflaſter fährt. Das will ich meinen, ſagte er. Und doch, ſeit ihr uns nicht mehr zu fürchten habt, haltet ihr euch für die Herren der Welt. Darauf fragte er mich aus, wie es auf Erden ſtehe, und ich gab ihm Beſcheid, ſo gut ich konnte. Er ſchüttelte den Kopf und ſagte: Wenn ich ſo von hundert zu hundert Jahren nachſehe, ſo iſt's eben immer wieder das nämliche Lied, und will nimmer beſſer werden. In unſern Tagen iſt wohl auch nicht alles ge⸗ weſen wie es ſein ſollte, aber ihr Wichtlein und Würmer ſeid doch das ungerechteſte und hochmüthigſte unter allen Geſchlechtern, die nach einander unter der Sonne dahingewandelt ſind. Das beſte war das älteſte, das Geſchlecht der erſten Rieſen, mit dem ich noch gelebt habe als ein kleiner Knirps; denn ich gehöre ſchon zum zweiten Rieſengeſchlecht, bin aber der älteſte von die⸗ ſen, daher ich auch meinen Namen trage, weil ich vor allen meinen Brüdern hier daheim geweſen bin. Du mußt aber nicht meinen, ich ſei damals kleiner geweſen als jetzt, nein, ich war nur ein Knirps gegen die Urrieſen, die zuerſt das Land inne hatten. Damals waren ſie noch viel größer als jetzt.— Nun? unterbrach er ſich, da ich ihn bei dieſen Worten verwundert an⸗ ſah, haſt du ſie noch nie geſehen, oder ſind ſie dir nicht groß genug? Wer denn? fragte ich. Krabbelſt ja zwiſchen ihnen herum, erwiderte er, und ſiehſt 200 ſie nicht? Meinſt du denn, die ſeien immer ſo ſtill und ruhig geweſen, wie jetzt, wo ihr ſie für Berge haltet? Nein, die haben auch ihren Tag gehabt, und Händ' und Füß', ſo gut wie ich und du, und Leben und Lebensluſt, und wenn ſie zuſammen⸗ kommen wollten, ſo haben ſie nicht ſo viel Schritte gebraucht wie ihr Erdenkäfer. So groß ſie aber waren, ſo waren ſie doch wie Kinder, ohne Arg und Falſch, und die Zeit, die ich unter ihnen gelebt habe, iſt meine beſte geweſen. Aber alles hat ſein Ende, und ein trauriges Ende hat ſelbiger alte Rieſenſtamm ge⸗ nommen, wie du ja noch heut an ihnen ſehen kannſt. Ich will dir's erzählen, ſo gut ich's noch weiß, denn mein Kopf iſt alters⸗ ſchwach geworden und mein Gedächtniß hat nachgelaſſen. Er wollte ſich's zu ſeiner Erzählung bequem machen, der alte Heim, und ließ ſich auf ein Stück Mauer am Rande des Felſen nieder; ein Theil davon brach unter ſeinem Gewich! wie mürber Kalk zuſammen, und ich fürchtete ſchon, es werde mit ihm in den Abgrund hinunterſtürzen, aber er griff gleichmüthig hinter ſich und drehte ſich mit dem Hauptſtück, ohne aufzuſtehen, einwärts auf feſten Grund, während die übrigen Trümmer kra⸗ chend in die Tiefe polterten. Für das verfluchte Gemäuer hab' ich auch zu viel Baulohn bezahlt, ſagte er mürriſch: das elende Zeug will nicht mehr halten.— Alſo, um wieder auf die Ge⸗ ſchichte zu kommen, fuhr er fort, indem er ſich zurecht ſetzte und, die Ellbogen auf die Kniee geſtemmt, das Kinn in beide Fäuſte legte. Du mußt nämlich wiſſen, daß es damals in der Welt zuging, wie es nachher auch jederzeit unter den Menſchen ge⸗ gangen iſt, ich will ſagen, es hat damals Liebſchaften gegeben ſo gut wie jetzt. Die Namen erzählen dir ja davon, daß es unter ſelbigen großen Kindern Buben und Mägdlein gegeben hat; und daß es hoch bei ihnen hergegangen iſt, das kannſt du dir denken; nur konnten ſie nicht ſo leis küſſen wie die jetzige 201 Welt, im Gegentheil, ſo einen Kuß hörte man Stunden weit wie einen Wetterſchlag, und Alles lachte dazu und hatte ſeine Freude dran. Eine ſolche Liebſchaft war auch zwiſchen dem Neufen und der Achalm, das war ein ſchmuckes blutjunges Pär⸗ lein, und die ganze Sippſchaft hatte ihre Luſt an ihhewe nur nicht die Teck. Die war nämlich ſelber in den Neufen I verliebt, was ihrem Geſchmack auch gar keine Schande machte, denn der Neufen war ein ſchlanker hochgewachſener Geſell, das ſieh⸗ 1 ihm jetzt noch an, wiewohl ſie alle mit einander im Lauf der Zeit ziemlich heruntergekommen ſind. Das ſah ſeinerſeits wie⸗ der der Rauber ungern, der hatte ſein Herz an die Teck gehängt, aber ſie wollte nichts von ihm, denn er war ein windiger Bur⸗ ſche, der einzige von Allen der nicht ſauber unterm Bruſttuch war, und man ſprach wenig Gutes von ſeiner Lebensart. Der Neufen aber fragte nichts nach der Teck, weil er alle ſeine Sinne bei der Achalm hatte, nicht als ob es ſchon zu einem Einver⸗ ſtändniß zwiſchen ihnen gekommen wäre, denn ſie waren gar ſchüchtern gegen einander, doch ſahen ſie ſich allezeit an und gingen einander auf allen Schritten und Tritten nach. Alle die Andern wußten ihr Geheimniß beſſer als ſie ſelbſt, und freuten ſich auf die Stunde wo ſie einmal Laut geben würden. Nun weiß ich nicht mehr recht wie es kam— richtig ja, es gab Ver⸗ druß am Rhein oder vielmehr am großen Landſee, denn das war der Rhein damals noch. Die überm See drüben waren ein unruhiges Volk, wie's ja die Franzoſen nach ihnen bis die⸗ ſen Tag geblieben ſind. Sie hatten einen König, was die Un⸗ ſern nicht hatten, den ſetzten ſie immer wieder ab und wieder einen andern ein mit lauter Poſſen und Gelächter, bis ſie zuletzt einen bekamen, der ſtärker war als ſie und dem ſie gehorchen mußten. Der wollte nun auch die Nachbarn in ſein Joch ſchirren, und machte den Anfang mit dem Volk am See, das auf beiden ——y——— 202 Ufern wohnte und zu den Unſrigen gehörte. Als er aber Unter⸗ würfigkeit von ihnen verlangte, ſchoßen ſie in ihrer Noth zu den Unſern einen Farrenbaum herüber, denn was jetzt Kräuter ſind, das waren damals rieſengroße Bäume. Der Baum kam geflo⸗ gen, ſtand eine Weile auf dem Kopf oder vielmehr auf den langen Rippen, ſtreckte die Wurzeln in die Höhe und fiel dann langſam zu Boden. Das war ein Zeichen, daß es bei dem See⸗ volk drunter und drüber ging, und daß Hilfe Noth that. Alſo wurde der Zuzug beſchloſſen und Alles brach in Eile auf. Der Neufen aber, ehe er mit den Andern zu ſeiner erſten Waffenthat auszog, gedachte er ſeiner Achalm ein Andenken zu hinterlaſſen; er hatte nämlich ſchon längſt ein großes Stück Gold gefunden, das er mühſam verarbeitele, denn eiſerne Werkzeuge gab es noch nicht; manche Nacht hatte er daran geſchmiedet und Glied um Glied zu einer Kette gefügt; nun machte er die Arbeit ge⸗ ſchwind vollends fertig und gab ſeinem Schatz die Kette zum Abſchied. Du mußt aber nicht glauben, das Metall, aus dem die Kette war, ſei das trübe ſchlechte Gold geweſen, um das ſich die Menſchen jetzt plagen, nein, es war etwas ganz anderes, viel lichter und beſſer von Art; es wird nicht mehr auf Erden gefunden, aber in der Tiefe liegt es noch, und verſchmilzt in die Gewächſe, die aus dem Boden kommen; ihr eſſet's im Korn, ihr trinket's im Wein; auch in die edlen Geſteine iſt es verwachſen. Die Achalm nahm die Kette mit Freuden an und hing ſie um den Hals, der Neufen aber zog eilig fort, den Andern nach. Als nun die Teck bei der Achalm die goldne Kette ſah, an der ſie den Neufen hatte ſchmieden ſehen, weil ſie ihn immer be⸗ lauſchte, da ward ſie ſehr unmuthig. Der Rauber aber, der feigerweiſe nicht mit in den Krieg gezogen war, dachte auf eine ſchnöde Meinthat. Ob er ſie mit der Teck verabredet hat, weiß ich nicht; jedenfalls aber meinte er in ſeiner Verblendung, er 203 werde ſich ihr angenehm machen, wenn er es dahin brächte jene Beiden zu entzweien. Indeſſen ging der Feldzug an. Das war aber kein menſchenfreſſender Krieg wie jetzt, er fraß höchſtens Wälder, denn die Kämpfer warfen einander Bäume an den Kopf, und balgten ſich, daß es eine Art hatte; aber niemand blieb, obgleich man eine ſolche Schlacht mit ihrem Getöſe ganze Länder weit hören konnte. Darum wurde der Krieg damals auch nicht als ein Unheil angeſehen, wofür er doch in den beſten Helden⸗ zeiten immer gegolten hat; aber er war nur zwiſchen Volk und Volk, und nie zwiſchen nahen Freunden, die einander kund wa⸗ ren und ein Volk ausmachten. Es lief jedoch eine alte Pro⸗ phezeiung um, ein ſchwerer und tödtlicher Hader werde dereinſt überall unter den nächſten Freunden ausbrechen, und dann werde die Welt untergehen. Die Prophezeiung kam von einem be⸗ tagten gebückten Rieſen her, der ſonſt wenig redete; ſie nannten ihn nur den Alten; jetzt iſt er einer von den Sattelbogen, die zwiſchen den Bergen liegen; der Weg von der Achalm zum Neu⸗ fen führt über ihn. Der Nämliche hatte auch wider dieſen Zug geſprochen, weil von Urzeiten her zwiſchen den beiden Völkern eine Blutsverwandtſchaft ſei, die ihnen den Krieg verbiete; aber man hatte nicht auf ihn geachtet und, weil es Noth that, auch nicht auf ihn achten können. Nun, die Schlacht war geſtritten, der König über'm See mußte mit einer meilenlangen Naſe ab⸗ ziehen, und die Seinigen haben ihn richtig unterwegs noch ab⸗ geſetzt. Die Unſrigen zogen gleichfalls heim, mit ihnen der Neu⸗ fen. Der hatte ſich ritterlich gehalten, war von Männiglich be⸗ lobt worden und freute ſich, vor der Achalm in ſeinem Kriegs⸗ ruhm zu erſcheinen. Auch war er kecker geworden bei den Ueber⸗ rheiniſchen, und gedachte jetzt weniger Umſtände zu machen als zuvor. Aber in der Nacht eh' er ankam, vollbrachte der Rauber ſein ſauberes Stück. Er lauerte bis die Achalm eingeſchlafen 204 war, dann ſchlich er hinzu und ſtahl ihr die goldne Kette. Das war der erſte Diebſtahl in der Welt; vorher war alles Eigen⸗ thum frei und ohne Gefährde auf den Hügeln umhergelegen, denn Berge hatte die Erde noch nicht. Ich ritt damals gerade auf dem Rücken des Sattelbogens und ſah im hellen Mondſchein alles was vorging, Aber ich durfte mich nicht darein miſchen, ſie hätten einen Daumling, wie mich, zertreten, wenn ich ein Wort in ihre Sachen geredt hätte, denn ſie waren trotz ihrer Gutherzigkeit alle mit einander gar ſtolz, und nur der Sattel⸗ bogen ließ etwas mit ſich anfangen, der alte träge Kerl, der immer auf der Naſe lag und ſchlief. Deswegen trommelt' ich ihm mit den Füßen auf dem breiten Theil herum: Alter, auf und leid's nicht! rief ich; aber er that einen Schnarcher, daß ſich alle Bäume bogen, und ſtreckte ſich noch länger aus. Da mußt' ich's denn in's Kukuks Namen geſchehen laſſen. Wie nun früh Morgens der Neufen ins Land kommt, den andern vor⸗ aus, zitternd vor Ungeduld— das erſte was er zu Geſicht kriegt, iſt dir der Rauber, der mit der goldenen Kette vor ihm herum⸗ ſtolzirt. Dem gab er einen Tritt, daß er der Länge nach zu Boden fiel. Da war das Aufſtehen eine ſchwere Sache. Dann warf er einen Blick auf die Achalm, die ihm voll Freuden ent⸗ gegen kam, nur einen einzigen, und dann blieb er trotzig ſtehen und ſah ſie nich 5 halm, da ſie die Kette am Rauber ſah, n h die Dinge verhielten; aber ſie war zu ſtolz, gen, und daß ihr der Neu⸗ fen kein be bas k ſich auch abwandte ſchritt der Staufen herzu, Kriege zurückkam, und wollte den Strei jedoch der Neufen ſtieß ihn zornig zurück, denn es war bis dahin noch nicht vorgekommen, daß ſich einer ungefrogt in die Händel des Die —— 205 Andern einmiſchte, und hatte Jeder ſich vor dem Schein gehütet als ob er Richter und König werden wollte. Durch den letzten Krieg aber war Alles wie verſchoben und verkehrt worden, und es waren doch vorher viele Balgereien in der Welt geweſen. Wie die Teck das Unheil ſah, das der Rauber angerichtet hatte, nahm ſie ihm die goldne Kette ab und warf ſie der Achalm entgegen. Dieſe aber ſtampfte das Kleinod mit Zorn und Haß in den Grund des Bodens, wo es noch jetzt verborgen liegt, und aus ihrem Munde ging ein feuriger Athem, daß es Alle mit Grauſen ſahen. Da brach auch dem Neufen die rothe Gluth aus Mund und Naſe, und der Staufen, der ergrimmt von ihm weggegangen war, begann gleichfalls Feuer und Flam⸗ men zu ſpeien. Die Feuerſtröme aber ſchoßen immer höher in die Lüfte, und von dem Rauchdampf ward es Nacht, und in dieſer Nacht ſtiegen rings umher in allen Fernen die gleichen Feuerzeichen auf. Da gedachte alles Volk der Weiſſagung und erkannte, daß in allen Landen zu gleicher Zeit der innere Hader ausgebrochen und auf den luſtigen Krieg der traurige gefolgt war; und eine Angſt kam über ſie, daß ihre mächtigen Gebeine erzitterten, ſtärker als wenn ein Erdbeben den Grund bewegt. Der Feuerqualm erloſch endlich und es wurde wieder Tag, aber Alle wußten, daß es ihr letzter war. Da kehrte ſich die Achalm noch einmal mit halbem Leibe gegen den Neufen herum und hub an bitterlich zu weinen, und der Neufen weinte mit, und alles Volk weinte, und den Bäumen ſtanden die Thränen in der Rinde, als ſie ihre Fürſten ſo betrübt ſahen, und die Erde weinte brauſende Fluthen aus ihren Tiefen und der Him⸗ mel öffnete ſeine Schleuſen, und die ganze Welt wurde zu einem Meer, das wuchs und ſtieg immer höher und ſchwoll endlich über die höchſten Bäume hinaus. Als mirs zu arg geworden war, hatte ich mich auf eine Fichte hinauf gemacht— zehn 206 der heutigen geben keine ſolche, denn ſie war zwanzigmal ſo groß als ich— und hatte droben das Fallen der Gewäſſer abwarten wollen. Die aber rißen zuletzt den Weltsbaum mit ſammt den Wurzeln aus, ſo daß er mein Schiff wurde, auf dem ich in den Fluthen trieb. Einen umherſchwimmenden Schaft, dergleichen jetzt nur Halme ſind, der aber dick und lang wie ein Balken war, nahm ich zum Ruder, aber die Strömung riß mich mit meinem Fahrzeug fort. Aus weiter Ferne ſah ich noch einmal das Rieſenvolk; es hatte ſich zuſammengedrängt, wie jetzt eine Heerde Schafe vor dem Gewitter ſich an einander ſchmuckt, und die Waſſer leckten ſchon nach ihren Häuptern empor. Endlich ſah ich nichts mehr und trieb lange Tage auf der Fluth umher. Die Kurzweil war nicht groß, aber ich labte mich mit dem Waſ⸗ ſer, das friſch und röſch wie eure Sauerbrunnen ſchmeckte. Da kam aber über einmal ein harter Froſt, der erſte Winter, den ich erlebte, und bald war Alles Stein und Bein gefroren, das Meer, ſo daß ich mit meinem Schiff im Eiſe ſteckte, und das Mark in meinen Knochen, ſo daß ich, mit dem Kopf in den Fichtenzweigen liegend, entſchlief. Wie ich wieder zu mir kam, war die Fluth geſchmolzen und abgelaufen, und ich erwachte zwi⸗ ſchen den Trümmern meines Baumes, der zu Modererde geworden war, hier auf dieſer Rieſenfauſt, wo ich mich hernachmals angebaut habe. Ich war aber ſehr verwundert, daß ich auf einer Höhe ſtand und in ein Thal hinabſah; denn zuvor war alles Land faſt ſo gut wie eben geweſen. Da ſtieg ich hinunter und watete durch Sumpf und Moor in die Ebene hinaus, und nun, wie ich mich umſah, erkannte ich erſt was geſchehen war. Das Rieſenvolk war zu Bergen geworden, alles todt und ſtill und ausgeſtorben. Gerade wie ſie bei dem Untergang ihrer Welt geſtanden waren, ſo ſtanden ſie und ſo ſtehen ſie jetzt noch: der Neufen ſtolz und in ſich gekehrt; die Achalm ſchaut halb umgewendet nach ihm 207 hin; die Teck hat ſich, den Leib nach hinten geſtreckt, auf die Ellbogen gelegt, und ſieht immer noch drein, wie es wohl gehen werde; hinter ihr ſchielt der Rauber mit böſem Gewiſſen hervor, und hat alle Urſache dazu, denn er hat nachher ſein ſchlechtes Handwerk fortgetrieben oder es wenigſtens andern zugelaſſen und ihnen einen Schlupfwinkel geſtattet; und drüben ſteht der Hohenſtaufen mit ſeinen beiden Brüdern abgeſondert, wie er damals vom Neufen weggegangen war, aber keck und frei, denn er hat's doch noch ſo weit gebracht, daß er König und Kaiſer über Alle wurde. Der große Haufen aber ſteht noch wie damals, als die Noth über ſie hereinbrach, zuſammenge⸗ drängt und nach und nach ganz in einander verſchmolzen und eingeſunken, ſo daß man an den meiſten keine Geſtalt mehr wahr⸗ nehmen kann; ſie ſind zum Grundſtock des Gebirges geworden, die Erde hat ſie überkleidet, und Gras und Wälder ſind über ihrem Schickſal gewachſen. Damals aber waren die meiſten noch zu erkennen, nur hatten die Gewäſſer an ihnen genagt und gewaſchen, und ihre Knochen und Zähne waren in Geſtein und Felſen verwandelt. Ich ſtieg weit und breit zwiſchen ihnen herum, und es erbarmte mich ihrer, aber noch mehr erbarmte es mich meiner ſelbſt, daß ich nun mutterſeelenallein war in der Welt. Aber bald ſpürte ich etwas das noch ſtärker war und mich an nichts anderes denken ließ. Du mußt nämlich wiſſen, daß vor der Fluth und Kälte vom Eſſen keine Rede war und daß ich wie alle Andern von der Luft und vom Waſſer gelebt hatte. Nun aber war eine Veränderung in mir vorgegangen und ein allmächtiger Hunger war über mich gekommen. Aber es war bereits für mich geſorgt. Auf den Hügeln über den Sumpfgründen waren, derweil ich noch ſchlief, Fruchtbäume ge⸗ wachſen, anders geſtaltet als die vorigen Bäume, die nur Blü⸗ then getragen hatten, und gelbes Getreide war aufgeſchoſſen, 208 das ich zwiſchen Steinen zermalmen und bereiten lernte. So hatte ich Eſſen im Ueberfluß, und hätte gern getheilt, wenn ich nur Miteſſer gefunden hätte. Aber auch dieſe ſtellten ſich ein. Aus den Felſen wuchſen Rieſen und Zwerge hervor, woran ich ſah, daß den Bergen noch Trieb und Lebenskraft innewohnte. Das iſt das zweite Rieſengeſchlecht, das jüngere, kleinere, zu dem ich mich rechne, obwohl ich von anderer Herkunft bin. Dann kamen die Menſchen, die wuchſen aus Bäumen, tief im Wald, und vermehrten ſich ſchneller als uns lieb war; aus dem Schlamm der Sümpfe und Moräſte aber ſind die Thiere gewach⸗ ſen. Nun war wieder Leben in der Welt, aber mit dem Leben zog auch das Unrecht wieder ein und wurde viel größer denn zuvor, ſo daß ich oft meine ſtillen Urrieſen anſehen mußte und denken: wenn den lebenden Geſchlechtern mit dem gleichen Maß gemeſſen würde wie euch, ſo müßte die Welt jeden Tag zweimal untergehen, Morgens und Abends. Das ſag' ich abſonderlich von euch Menſchlein, die ihr's zuletzt gewonnen und das Feld behalten habt, denn die Zwerge ſind vor eurem Uebermuth in die Steinwände verſchloffen, und von den Rieſen bin ich Einer noch übrig und werd's auch nicht mehr lang treiben. Ich hab' wenig Freude an euch erlebt. So lang ihr den Wiſent auf den Bergen jagtet, war noch etwas von alter Rieſenart in euch; ſeit ihr mir aber meinen Felſenſitz gebaut habt um Lohn aus meinen Schatzgewölben, iſt der Geiſt des Hungers, der mit euch auf die Welt gekommen iſt, immer größer in euch geworden. Eure Ritter, mit deren Heldenthaten ihr Wunder wie prangen wollt, was ſind ſie andres geweſen als Prozeßkrämer, die um's Mein und Dein auf einander loshackten, denn das waren alle ihre Fehden, und bei ihrem Heldenthum war das Geſchrei grö⸗ ßer als die Wolle, denn ich ſah es oft mit an, wie ſie einander ſtärker auf den Schild klopften als auf die Haut. Seit ihr aber 209 vollends Geldwechsler und Krämer geworden ſeid, die einander im Frieden unterdrücken, kann euer letzter Tag nicht mehr ferne ſein. Von euch iſt jede Kraft gewichen, die da ſchätzen könnte, was Eins dem Andern werth ſein ſollte. Geiz und Gier, Neid und Haß und Falſchheit ſind euer täglich Brod. Aber nur Ge⸗ duld, alte Liebe roſtet nicht. Schau, die Achalm, wiewohl man ihr immer noch anſieht, wie ſchön ſie einſt geweſen ſein muß, iſt jetzt eine alte Jungfer mit einem tüchtigen Raffzahn und mit eingeſunkener Bruſt, und doch kann ſie's nicht laſſen, immer noch mit halbem Leib nach ihrem alten Schatz zu blicken. Dem Neu⸗ fen geht es ebenſo: vor vielen hundert Jahren, wenn ich in ſtiller Nacht vorüberging, und ſein Ritter im Schloſſe droben ein Liebeslied zur Harfe ſpielte, da hört' ich oft wie er von einem tiefen Widerhall in ſeinen Gründen erzitterte, und ſpäter vernahm ich auf meinen nächtlichen Gängen manchen Seufzer aus ſeinem Innern, nicht bloß von den Gefangenen, die er un⸗ gern genug in ſeinen Eingeweiden beherbergte. Ja, es wird nicht immer ſo bleiben: die Berge ſind nicht ſo todt wie ſie aus⸗ ſehen! Aus den Quellen und Flüſſen, die ſie hervorſtoßen, kann man abmerken daß noch Leben in ihnen iſt; auch hör' ich wohl, wenn ich in der Nacht vor ihnen ſtehen bleibe und horche, daß in ihrem Innern noch die Herzen ſchlagen, und gib Acht, gib Acht! ſie halten's nicht aus, einander ewig ſo anzuſehen, ſie reißen ſich gewiß noch aus ihren Wurzeln und ſchreiten auf einander zu und werden wieder jung, denn alte Liebe roſtet nicht! Dann aber wird eure Welt untergehen, wie einſt die ihre untergegangen iſt, denn wo Die herumwandeln, da iſt kein Platz für euch, und ohnehin, wenn die Waſſerkammern zu ihren Füßen aufbrechen, ſo wird's ein Seelein geben, das euch nicht bloß bis an den Hals geht, und ein Bad, in dem ihr euren Golddurſt löſchen werdet. Wenn ihr nur auch wüßtet, was Kurz, Erzählungen. I. 14 210 das Gold und Silber iſt, dem ihr ſo hitzig nachzujagen verdammt ſeid, ihr würdet das Angſtding wahrhaftig nicht in die Hand neh⸗ men. Aber das iſt ein Geheimniß, das eurem Witz und Hochmuth hat verborgen bleiben ſollen, damit ihr einmal recht zu Schanden werdet. Oder kannſt du ein Geheimniß bei dir behalten? Der Rieſe dämpfte bei dieſen Worten ſeine Stimme, daß ſie mir gerade vorkam wie die große Baßpfeife, wenn die Orgel aufhört und das Pedal noch eine Weile allein fortbrummt; da⸗ her, wenn die Worte auch nicht ganz ſo leis klangen wie es ver⸗ muthlich ſeine Abſicht war, ſo klangen ſie doch ſo geheimnißvoll, daß es mir ganz eng um die Bruſt wurde. Ich dachte, jetzt werd' ich doch auch einmal etwas erfahren was der Mühe werth ſei. Ja, rief ich mit allem Nachdruck, ich kann's für mich behalten! Ich auch, ſagte er, und ſtieß ein Gelächter aus, daß Thurm und Mauerwerk ſchütterten. Ich ſchluckte einen Fluch hinunter, daß er mich ſo drangekriegt hatte, und lachte mit, um ihn bei guter Laune zu erhalten. Wenn ich ſo von Ouellen und Fluthen rede, hob der alte Heim nach einer Weile wieder an, ſo wäſſert mir gleich der Mund. Zudem hat mich das lange Reden durſtig gemacht. Ich muß doch nach meinem Keller ſehen; ich ſag' dir, da drun⸗ ten hab' ich noch ein paar Mutterfäßlein liegen, ſo was find't man in keinem Hofkeller. Du kannſt's auch verſuchen. Er tappte an den Löchern im Boden umher, aber er konnte mit den Rieſenarmen, die ſo dick wie mäßige Eichenſtämme waren, nicht hineinkommen. Das Zeug, brummte er, verſtopft ſich immer mehr, am Ende komm' ich gar noch um meinen Wein; da will ich mich lieber einmal einen Tag herſetzen und will ihn vollends wegbürſten. Er ſah ſich um, ſchob einen Felsblock weg, unter welchem eine breite Oeffnung ſichtbar wurde, legte ſich platt auf den Boden nieder, wobei er die Beine über den Felsrand hin⸗ aushängen ließ, griff hinunter und brachte keuchend ein großes länglichrundes Geſtein in Geſtalt eines Faſſes herauf. Sieh, ſagte er, das war einſt ein Faß! Seine Dauben waren dicker als jetzt eure Küfer ſie machen, und doch ſind ſie abgefault, von den ſchweren Eiſenreifen ſind nur noch ein paar Splitter da, aber mein Wein iſt mir getreu blieben und hat ſich ſelbſt von innen her ein ſteinern Haus gezimmert; da ſieh her, ſieh, ſo ſieht ein weinſteinernes Weinfaß aus. Ich muß nur ein Stück herunterbeißen, daß ich dem Trunk beikommen kann. Er that einen Biß in die Ecke des Faſſes, daß es knirſchte und krachte, ein heller, voller Weinſtrahl ſchoß heraus und bereg⸗ nete ihn, daß ihm Haar und Bart wie von Perlen glänzten. Dann ſetzte er an, und einen guten Zug hatte er noch zu ſeinem Alter; ſeine Kehle arbeitete wie ein Blasbalg. Das Faß war wenigſtens zur Hälfte geleert, als ers abſetzte; er bot es mir mit einem freundſchaftlichen Gurren hin, denn ſprechen konnte er noch nicht ſo gleich. Dank' Euch, Vater! ſagt' ich ſcheu, denn ich traute dem Weſen doch nicht ganz: ich geh' nicht gern weit hinter den Ferndigen zurück, ich kann den Alten nicht wohl vertragen, und zudem ſo iſt mir das Mundloch zu weit, und einen Weindieb haben wir nicht bei der Hand. So laß bleiben, wenn du nicht magſt, murrte er. Da muß ich eben den Reſt vollends ſelber verſorgen, denn lang hält ſich der Wein doch nicht mehr, nun das Faß ein Loch hat. Er hob es noch einmal mit beiden Armen zum Mund, und ließ ſo lang laufen bis ers ſenkrecht über ſich hielt; ich hätte für die Nagelprobe ſtehen mögen. Dann ſetzte ers mit einem ſchweren Athemzug ab, ſchwang es in der einen Hand und warf es nach dem Heimenſtein hinüber, an deſſen Felſen⸗ krone es in tauſend Stücke zerſchellte. 14* ———— Hätteſt du getrunken, ſagte er dann, ſo wär' dir in deinem dunklen Kopfſtüblein ein Licht aufgegangen. Weißt du denn nicht, was das Sprichwort ſagt von der Wahrheit im Wein? Das iſt ja eben das Urgold, das in ihm ſteckt. Aber von dem hat der meine etliche Karath mehr als euer Rachenputzer, das hätteſt du dir denken können. Nun, wer nicht will der hat ge⸗ habt, das iſt auch ein Sprichwort. Du haſt das Nachſehen, und laß dirs nicht einfallen, etwa hier nachzugraben; ohne mich findeſt du meinen Keller nicht. So, jetzt muß ich um ein Haus weiter, ich muß heunt noch ein paar Felſenlöcher viſitiren. Ge⸗ hab' dich wohl, heut über hundert Jahr' komm wieder her, da triffſt du mich vielleicht, wenn wir bis dahin noch beide friſch und munter ſind. Er hob den Fuß, und da war es nun wunderbar, wie lang der Fuß aus dem Leib herauswuchs und ſich über das ganze Thal hinüber ſtreckte bis zum Heimenſtein. Eine be⸗ quemere Stelzengängerei hab' ich in meinem Leben nicht geſehen. Doch lief das Ding nicht ganz eben ab, denn wie er hüben dem Fuß nachwollte, der ſchon drüben aufſtand, ſtieß er mit Macht an den Thurm, ſei es daß ihm die Weinfeuchte doch ein wenig in den Kopf gerathen war oder daß ihn eine kleine Alters⸗ ſchwäche anwandelte, und dicht hinter ihm fiel ein Haufen Quaderſtücke herab. Aber das verſchlug ihm nichts, er war noch feſt auf den Füßen. Gib Acht, brummte er, es will hier ſchon lebendig werden; da hab' ich nun, was man ſo ſagt, ein Eck mitgenommen. Er lachte laut auf und mit Einem Schritt war er drüben auf dem Heimenſtein, und verſchwand dort hinter der Felſenwand. Sein Lachen aber rollte wie ein Donner dahin, brach ſich am Gebirge, kehrte im Umkreis des Thales immer näher und ſtärker wieder zurück, und jetzt gings auf einmal Krach und Schlag wie aus hundert ſchweren Stücken über mir 4 — 213 los. Ich ſprang auf, und war wie verblendet, denn vorhin wars noch Tag geweſen, aber jetzt ſtand ich in einem falben Zwie⸗ licht, und in dieſem ſah ich den Thurm beben und wanken; er ſeufzte wie in ſeinen Grundfeſten erſchüttert; Schutt bröckelte an ihm herab, und es kam mir vor, das ganze Trümmerwerk neige ſich zum Einſturz. Nun wollte es mir in dem alten Rieſenneſte nur noch halb gefallen, ich machte daß ich von dannen kam. Das Schlupf⸗ loch war mir zu eng und umſtändlich für meine Eile, und es iſt die Frage ob ichs in der Geſchwindigkeit gefunden hätte. Mir blieb nur Eine Wahl. Die Flucht hatte mich an einen Abſturz geführt, da wo der Fels ſich vom feſten Lande ſcheidet. Aber die Kluft war zu breit zum Sprung, wenigſtens für einen der den Fuß nicht nach Belieben wie ein Fernrohr herausſchieben kann. Zur Rechten ſtieg eine Mauer ſenkrecht aus dem Fels herauf; ſie war zu hoch zum überſteigen und unzugänglich an ihrem Fuß; aber von der Mauer ſpringt der Fels, wo ſie mit ihm verwächst, mit einer Platte hervor, die zwar abſchüſſig iſt, doch in der Mitte eine Vertiefung hat, wie einen Tritt, ſo daß man zur Noth darauf Fuß faſſen und auf dieſe Art in zwei Sprüngen ſtatt in Einem über die Kluft ſetzen kann. Fehlen darf man nicht, ſonſt gehts über die Felſen ins Thal hinunter. Zum Glück hatte ich keine Zeit mich zu beſinnen, denn eben fing das Getöſe wieder an. Ich faßte die Felsplatte in beide Augen, um den Abgrund nicht zu ſehen, und ſprang feſt auf; der Schwung war ſo ſtark, daß ich gar nicht anders konnte, ſondern gleich den zweiten Sprung machen mußte. Den möcht' ich nicht noch einmal thun, denn er ging ein wenig aufwärts, aber drüben war ich, und hatte zum Ueberfluß noch mit den Händen den grünen Boden gefaßt. Jetzt war ich wieder wo ich hergekommen war. Wie ich mich aber aufrichtete, war mir's 214 doch auch, als ob der ganze Berg unter mir in Bewegung käme. Zu verlieren hatte ich nichts mehr da oben, griff nach Stock und Bündel, die ich vor dem Eingang gelaſſen hatte, und fuhr den nächſten Weg ins Thal wie auf einer Rutſchbahn hinab. Es war ein Holzriß, der mich in Kurzem an den Waſſerfall brachte. Da mich meine Kniee nicht weiter trugen, und Alles ſtill war, ſo warf ich mich dort einen Augenblick ins feuchte Gras und kühlte mir Geſicht und Hände mit dem Bergwaſſer. Doch war auch da meines Bleibens nicht, denn abermals krachte es über mir, wie wenn der Reiſſenſtein mit Thurm und Mauern und Felſen auf mich herabkommen wollte, und mit ein paar Sätzen war ich vollends im Thal. Mit ſin⸗ kendem Abend machte ich mich zum Thal hinaus, während es unaufhörlich hinter mir tobte, und erſt jetzt merkte ich, in was ſich der Lärm verwandelt hatte: es war ein ſpätes herbſt⸗ liches Gewitter, das dem Sommer ſeinen Abſchied gab. Aber ich wußte darum doch wer mir das Donnerwetter auf den Hals geſchickt hatte, denn ich hatte ja in dem alten Rieſenſchloß dro⸗ ben gelernt, daß, um gleichfalls ein Sprichwort anzuwenden, mit großen Herren, auch mit den beſten, nicht gut Kirſchen eſſen iſt. Als jedoch das Gewitter nachgelaſſen hatte, blieb ich ſtehen und ſah zurück. Da lag der alte Thurm weit hinten überm Thal, und durch zwei gegenüberliegende Fenſterlücken blinzelte ein Sternlein durch, ſo freundlich, daß es mir faſt vorkam, der alte Rieſe ſchaue mir nach und grüße mich noch einmal. Alſo lautete des Buchdruckers oder vielmehr ſeines Schäfers Erzählung, wenn ich ſie recht im Gedächtniß behalten habe. Kaum war ſie beendigt, ſo erhob ſich der Dicke auf den Ellbo⸗ gen und ließ, was er meiſterlich verſtand, einen gellenden Pfiff —— + 215 durch die Fauſt ertönen, ſo daß ſämmtliche Schläfer faſt zugleich auf die Beine ſprangen. Es war in der That an der Zeit, den Gipfel zu verlaſſen, den bereits die Nachmittagsſonne von der andern Seite zu umwandeln begann. Im beliebten Pfeilſchuſſe gings die ſteile Höhe hinab, und die zuerſt unten angekommen waren, ſtellten ſich mit ausgebreiteten Armen auf, um unter Lachen und Jauchzen die Nachſchießenden aufzufangen. Der Berg verbreitete ſich allmählich in ſanfteren Abſätzen, bis uns die Straße aufnahm, die bequem, aber immer noch hoch hinab⸗ führte und nach den Bergen, von welchen die Erzählung ge⸗ handelt hatte, eine offene Ausſicht bot. Mit einem Sonnenſteine, den er gefunden hatte,— man hält den Strahlenkranz darauf für ein Spiegelbild der Sonne — lockte der Dicke mich unterwegs vom Buchdrucker weg, um deſſen Erzählung herunterzumachen. Du, das iſt aber dummes Zeug! begann er, nachdem er fruchtlos den ſchönen Stein zer⸗ ſchlagen hatte, um das Gold daraus zu gewinnen, das ihm angedichtet wird. Wie können denn die Berge einmal Menſchen oder wenigſtens ſo etwas wie Leute geweſen ſein? Sie haben ja gar keine Geſtalt darnach. Aber, entgegnete ich, warum legt man ihnen denn heut noch Glieder bei, wie ſie nur lebendige Weſen haben, Kopf, Hals, Rücken, Fuß und dergleichen? Ei, das ſind bloße Metaphern! erwiderte mein Grund⸗ gelehrter. Und dann vollends wegen einer Liebſchaft zwiſchen zwei Bergen und wegen einer goldenen Kette ſoll die Sünd⸗ fluth über die Welt gekommen ſein! Das kommt mir doch ſpa⸗ niſch vor! Man hört alle Tage von nichts als von dummen Lieb⸗ ſchaften, wie kann's alſo eine geſcheide geben? wendete ich ein. Und was die Kette betrifft, ſo ſind ſchon aus geringeren Ur⸗ 216 ſachen Händel und ganze Kriege entſtanden. Du haſt ja aber gehört, daß die Welt auch ohne das untergegangen wäre, weil überall die goldene Zeit von ihr gewichen war. Ja, aber aus der Bibel weiß man das alles ganz anders, rief der hartnäckige Gegner. Was unterſteht ſich dieſer Rieſe dem Noah ins Handwerk zu pfuſchen und gar auf dem Reiſſenſtein zu landen ſtatt auf dem Ararat? Der Rieſ' iſt ein Renommiſt, und weil er ſich recht ſteinalt machen und von älterem Datum ſein wollte als Seinesgleichen, ſo hat er dem Schäfer einen Bären aufgebunden. Oder vielmehr— ſetzte er nach einigem Beſinnen hinzu— der Schäfer hat den Bären ſelber gemacht, denn wo wird er einen Rieſen geſehen haben? Jetzt gibt's ja keine Rieſen mehr. Dieſe Angriffe auf eine Erzählung, mit der ich mich gewiſſer⸗ maßen verwachſen fühlte, ſofern ich ſie durch meine Träumerei über die vor uns liegenden Berge hervorgerufen hatte, waren mir äußerſt unbequem. Da ich mich jedoch nicht ſattelfeſt genug fühlte, um den Kampf nach Art der Erwachſenen zu führen, ſo wehrte ich den Gegner mittelſt einer wohlberechneten Flanken⸗ wendung ab. Was willſt denn du ſagen, du Vogeſenſeher! fuhr ich ihn an. 4 Das wirkte, und er ſchlich beſchämt zu den Andern. In dem Dorfe, das im tiefen Loch am Fuße des Ber⸗ ges liegt und deſſen Bewohner durch ihre Blumenzwiebeln auf den fernſten Karavanenſtraßen des Oſtens bekannt ſind, in dem nämlichen, wo einſt ein dunkler Naturforſchungs⸗ drang aus dem Papagai meiner Großmutter das„Ding an ſich“ herauszuhringen verſucht hatte, dort gönnten wir uns einige Stunden Raſt bei Milch und Butterbrod. Doch Eſſen und Trinken vergaß ich, und hörte nichts vom Geplauder mei⸗ ner Genoſſen, denn die Erzählung ging mir beſtändig im Kopf 217 herum, und unſer Alter, der dies ſah, nickte mir zuweilen mit ſeinem bedeutungsvollen Lächeln zu. Und als die Wanderſchaar am ſpäten Abend müd und ſchlaftrunken daheim eingezogen war, konnte ich trotz der Müdigkeit nur wenig ſchlafen, und wachte immer wieder aus wunderlichen Träumen auf. Das einemal ſah ich wie die Berge ihre Erdmäntel abwarfen, die Glieder frei bewegten und im Lande ſpazieren gingen; das anderemal erſchien mir der Rieſe, auf ſeiner Fichte durch die Fluth dahin ſteuernd; dann wieder ſtand ich auf dem Gipfel der Achalm, der Boden aber war unter mir durchſichtig wie Glas, ich ſchaute hinab auf den Grund und ſah die goldene Kette, hell wie Mor⸗ genroth und flüſſig wie Feuer, die Wurzel des Berges umkreiſen. Viele Jahre waren vergangen und ich hatte des Rieſen⸗ märchens lang nicht gedacht, als ich einſt auf einer Reiſe ſon⸗ derbar daran erinnert wurde. Ich bog eben bei Sargans aus dem vorzeitlichen in das jetzige Rheinthal ein, betrachtete mir die Berge, und war nicht wenig verwundert, ſie unſern ſchwä⸗ biſchen Särgen an Geſtalt und Höhe ſo ähnlich zu finden, daß ich mir einbilden konnte, ich ziehe auf dem alten Bergſträßchen durch das Herzogthum Teck und die Grafſchaft Eichelberg. Gleich den meiſten der unſrigen zeigten ſie ſtatt eines Gipfels einen lang⸗ geſtreckten Rücken, auf welchem die ſteten Begleiter und Affen der Berge, die Wolken, in langen Streifen und über dieſen in großen Ballen ſaßen. Während ich mich nun frage, wohin die gerühmte Höhe eines Galanda, eines Falkniß, die ich zum erſten⸗ mal in der Nähe ſehen ſollte, gekommen ſei, trifft auf einmal, berghoch über der vermeintlichen Gipfelfläche des Berges, ein Gegenſtand mein Auge, der mich. ordentlich in Schrecken ſetzt: ein Kopf, der rund und zierlich aus den Wolken ſchaut, gerade wie ein Menſchenkopf aus Kiſſen und Decke! Was iſt denn das? rief ich meinem vorderrheiniſchen Gefährten zu und zeigte — 218 auf die Erſcheinung, die ſich in dem Augenblick neckend wieder verſteckte. Es war der Falkniß, zur größeren Hälfte in Wolken gehüllt. Kaum konnte es ein beſſeres Mittel geben, das Maß jener Höhen im Vergleich zu den unſrigen zu finden. Abends ſodann, aus der wundervollen Schlucht der Tamina zurückkom⸗ mend, ſah ich ihn über Ragaz in ſeiner vollen Geſtalt vom Kopf bis zum Fuße. Die Wolken waren von ihm gewichen, und der Rieſe ſtand frei vor mir, auf der mächtigen Maſſe des Unterſtocks ſchlank wie von einem Künſtler aufgebaut. Ich brauchte ihm nur einen zweiten Seinesgleichen aufzuſetzen, und dann hatte ich in Gedanken den Montblanc beſtiegen; mehr als die Hälfte mußte ich ihm nehmen, wenn er unſerem Roß⸗ berge gleichen ſollte. Und doch dünkte er meinem Auge jetzt nicht mehr ſo hoch wie am Mittag: das Maß, das die Wolken ſo anſchaulich bezeichnet hatten, war weggefallen, und das Auge gewöhnt ſich ſchnell an neue Verhältniſſe. Nur hatte dieſe Ge⸗ wöhnung zur Folge, daß ich nachher in der Heimath meine Berge beim erſten Blicke gar nicht ſah; als ich am Morgen nach der Nacht, in der ich ſie durchreist hatte, nach ihnen zurück⸗ ſehen wollte, glaubte ich nur eine Kette von Vorhügeln zu finden und ſuchte hinter dieſen vergebens, obgleich bei hellem Wetter, die Alb— denn gerne wird man ſie, wenn man aus der Schweiz kommt, mit dem beſcheidenen b ſchreiben, ſtatt mit dem pompöſen p. Bald aber waren ſie mir wieder die alten geworden; denn der Berg hat in ſich ſelbſt ſein Eigenmaß, das von fremden Höhenverhältniſſen unabhängig iſt, und der Ein⸗ druck ſeiner Erſcheinung beruht vor allem in der Geſtalt, durch die er eine gewiſſe Perſönlichkeit erhält. Freilich gerade hierin haben die Alpen ihres Gleichen kaum; ein ſolcher Rieſe ſteht ſo vollgeſtaltig da, als ob es nur an ihm läge, aus ſeiner be⸗ chaulichen Ruhe herauszutreten, wofür ſich freilich die kleine 56 219 Nachbarſchaft im Thal bedanken würde, da mancher dieſer Rie⸗ ſen nicht bloß einen Kopf, ſondern ſogar Hörner trägt. Wiederum wurde ich an Rieſenverwandlungen erinnert, als ich eines Abends eine Albſteige gegen das alte Städtchen herab⸗ ging, das ſeinen Namen vom Wiſent führt. Sonſt nicht ganz unvertraut mit unſern heimiſchen Sagen, hatte ich eine, die eben jener Gegend angehört, entweder nicht gekannt oder wieder ver⸗ geſſen. Wie ich nun auf dem unterſten Abſatz der Straße ſtehen bleibe und rückwärts in die Höhe ſchaue, feſſelt mich ein über⸗ raſchender Anblick: eine hohe ſchlanke Frau in grauem nieder⸗ fließendem Gewande, die, den Fuß zum Schritt anſetzend, regungs⸗ los, wie ganz in Gedanken verſunken, ins Weite ſtarrt. Erſt der zweite Blick belehrte mich, daß die Geſtalt, die hoch über mir an der Seite des Berges aus dem Walde ragte, in der Nähe ein Maß weit über das menſchliche haben müſſe. Ein Denkmal an dieſem Orte zu vermuthen lag fern genug, und ich erfuhr denn auch im Städtchen, daß das Standbild, das Jeder⸗ mann dort unter dem Namen des ſteinernen Weibes kennt, ganz allein von der Hand der Natur gemeißelt ſei. Hier hatte ich nun an mir ſelbſt erfahren, wie ſo manche Sagen von Rieſen oder hünenhaften Menſchen, die in Felsblöcke verwandelt wor⸗ den, ganz ungezwungen aus der Anſchauung ſelbſt entſprungen ſein mögen. Allerdings haftet dieſe letztere Gattung von Sagen, deren Deutſchland unzählige hat, an vereinzelten Felſengebilden, die, wie die ſteinerne Frau und deren Nachbar, der Graf von Geiſel⸗ ſtein, ſich einigermaßen der menſchlichen Geſtalt nähern und auch von der Höhe derſelben ſich wenigſtens nicht um Tauſende von Maßen entfernen. Nicht auf ſo anſchaulichem Grunde, ruht das Märchen, das ich ſo eben nachzuerzählen verſucht habe. Soll ich mich nun auf einen Schäfer berufen, der verſchollen —— 220 iſt, oder gar auf einen Rieſen, der, wenn Alles gut geht, nicht vor Anfang des nächſten Jahrhunderts wieder zu ſprechen ſein will? Lieber weiſe ich auf die ſo nahverwandte griechiſche Sage hin, deren Freunde ſchwerlich zugeben werden, daß ſie an Form⸗ loſigkeit die deutſche übertreffe. Jene aber hat Bergrieſen, neben welchen der Neufen und die Achalm zu ganz unterſetzten Leutchen werden. Zwar ihre Niobe gleicht immer noch den Geſtalten der deutſchen Sage: ſie iſt ein mächtiger Fels, der noch obendrein durch Nachhilfe einer kindlichen Kunſt dem Bilde des trauernden Weibes näher gebracht worden iſt. Aber ihr Atlas, ihr Hämos — fragt die Franzoſen, die Ruſſen, was das für Gebirge ſind! Und dieſe land⸗ und lufterfüllenden Maſſen ſind der griechiſchen Sage vormalige Menſchen oder, wenn ihr wollt, Rieſen, jener von Perſeus durch den Meduſenſchild, dieſer nebſt Rhodope von den Cöttern ſelbſt in Berge verwandelt. Gleicherweiſe lebt ihr König Kithäron in dem Berge dieſes Namens fort. Die Echina⸗ den vollends waren Nymphen, die von dem beleidigten Fluß⸗ gott nach dem Meer hinaus geriſſen und in Eilande verwan⸗ delt wurden. 1 Dieſe Beiſpiele, Dicker, von welchen wir beide damals noch wenig wußten, halte ich dir jetzt entgegen, wenn du noch immer ſtreiten willſt. Sollteſt du aber auch dann noch nicht zufrieden ſein, ſo lies in den Verwandlungen des römiſchen Dichters, was der weiſe Lelex dem ungläubigen Sohne des Ixion ſagte. Denn als dieſer„Verächter der Götter“ nicht zugeben wollte, daß Mädchen zu Inſeln werden können, ſo antwortete,„gereift an Geiſt und an Jahren,“ ſein Jagdgefährte, die Allmacht der Götter ſei ohne Maß und Ende, und zum Beleg erzählte er ihm auf der Stelle eine weitere Geſchichte, wo nicht noch wunderbarer, ſo doch nicht viel weniger wunderbar als diejenige, die der Zweifler angetaſtet hatte. Das weiße Hemd. Es war zu einer Zeit da wunderbare Dinge in der Welt geſchahen, da die abendländiſche Menſchheit, wie ein Strom der gegen ſeine Quelle fließt, auf das Zauberwort eines armen Einſiedlers nach dem Morgenlande zurückwallte, Löwen ſchlug oder zu Hunden zähmte, auf Einen Streich Mann und Roß in zwei Stücke hieb, oder auch mit ſchönen Sultanstöchtern aus der Gefangenſchaft entfloh, um eine heidenchriſtliche Doppelehe zu ſchließen: zu jener Zeit, berichtet die Sage, zog ein edler Ritter aus einer deutſchen Reichsſtadt mit Kaiſer Friedrich dem Rothbart in das heilige Land. Er war vom Reichstage zu Mainz, wo der Kreuzzug beſchloſſen wurde, nach Hauſe geritten, um ſeiner Verlobten dieſes Vorhaben zu verkündigen und Ur⸗ laub von ihr zu nehmen. Dieſelbe war Frau Florentina ge⸗ heißen, was jedoch nicht beſagen will, daß ſie zuvor eines An⸗ dern eheliche Hausfram geweſen wäre; ſondern die Sitte nannte damals, wie es die Sprache jetzt noch thut, jede Jungfrau eine Frau, das unvermählte Weib galt ſo gut für ein Weib als das vermählte, und die Tochter einer Frau Königin wurde eben ſo wie ihre Mutter angeredet, nur hieß man ſie, zum Unter⸗ ſchiede von dieſer, Frau junge Königin. Auch ging es nach dem Mainzer Reichstage zwiſchen den Verlobten in Einem Dinge nicht anders denn zwiſchen den Ehe⸗ gatten, und war das beinahe allenthalben im Reiche daſſelbe e 224 Ding: nämlich die Frauen ſahen es ungern, daß die Männer ſich von ihnen hinweg auf eine ſo ferne und weit ausſehende Fahrt begeben wollten. Mein Herr Alexander, edler herzlieber Mann, ſagte Frau Florentina, müſſet Ihr denn bis gen Auf⸗ gang ziehen, um Eure Gottesminne und Ritterſchaft zu erzeigen? Wir haben ja Kirchen in Stadt und Land, wo Ihr Eure An⸗ dacht halten könnet, an Gelegenheit zu Almoſen fehlt es leider nirgends, und wenn es Euch gelüſtet, Eures Armes Kraft, Eures Schwertes Schärfe zu verſuchen, ſo habt Ihr in der Nähe der Feinde genug. Wollt Ihr mich, die ich doch eine Waiſe bin, allein in der Welt laſſen? Meine Frau Florentina, ſchönes tugendreiches Weib, ſprach Herr Alexander dagegen, mein ganzes Herze klebt Euch an, und ich weiß nicht wie ich ohne Euch leben ſoll, aber dennoch müſſen wir uns ſcheiden, denn ich habe dem gekreuzigten Gotte die Wallfahrt gelobt und dem römiſchen Kaiſer mein Wort zum Pfande gegeben; ich kann jene nicht wenden und dieſes nicht brechen. Euch will ich dem Schutze der Gottesgebärerin und dem Schirme meiner Freunde anbefehlen. Gedenket nun allezeit, ſüß reines Lieb, daß Euer Leben das meine iſt, und bewahret mir Eure Treue, Eure Ehre, Eure Keuſchheit, derweil ich zum Ruhme Gottes und der werthen Chriſtenbeit dieſe ungläubigen Hunde verderben helfe. Die edle Frau trug großes Leid, da ſie ſah daß ſie ihren Bräutigam in ſeinem Willen nicht wankend machen konnte, auch gefiel es ihr nicht, daß er ſie der Tugenden und Würden ge⸗ mahnte, deren ſie doch ungemahnt aus freien Stücken wahrge⸗ nommen hätte. Doch ſchwieg ſie ſtill, ſetzte ſich an ihre Rahme und wirkte ihm ein ſchneeweißes Hemde mit meiſterlicher Kunſt; denn es war insgemein der Glaube, ſie ſtamme vom Geſchlecht der alten Schwanfrauen, die ſo wunderbar zu ſpinnen, zu weben * und zu wirken verſtanden. Manche Thräne ließ ſie auf das Gewirke fallen, manches Lied von Lieb und Treue ſang ſie mit ihrer klaren Stimme dazu, und als ſie es vollbracht hatte, gab ſie es ihm und bat ihn, es zum beſtändigen Andenken an ihre treue Liebe zu tragen. Er verhieß ihr das, herzte und küßte ſie, und zog auf den gebotenen Tag von dannen. Nun ver⸗ lebte die ſchöne Frau viele Tage und Nächte in banger Trau⸗ rigkeit, und wartete ihres Freundes. Sie mußte aber lange Zeit warten. Herr Alexander kam mit dem Kaiſer in das Morgenland, wo die Dinge anfangs trefflich wohl gingen. Die Saracenen wurden beſiegt, wobei ein einziger Kriegsmann, einer von Ulm, in Einem Angriff zehn Feinde ſchlug, und der Kaiſer eroberte die Stadt Iconium. Bald aber wandte ſich alles anders, ſo daß es ein Feldzug wurde, aus welchem Wenige zurückkamen, ja ſo Wenige, daß man in der Heimath nicht einmal recht ver⸗ nahm, welches Ende der Kaiſer genommen hatte. Der Rothbart, begierig, ſich mit Saladin, dem Stern des Oſtens, zu meſſen, hatte unter unerhörten Mühſalen des Kreuzheeres ſchon den Taurus überſtiegen, da kühlte ihm ein Fluß in den ciliciſchen Gefilden das Heldenfeuer mit ſammt dem Pilgerſchweiße, denn in dem eiſigen Bade fand ſein Leben und alle ſeine Kreuzfahrt ein Ziel. Das Chriſtenheer war wie eine Heerde ohne Hirten, und unter der Zeit, daß Herzog Friedrich von Schwaben die Gebeine ſeines Vaters, denen die heilige Stadt verſchloſſen war, zum Begräbniß gen Antiochien geleitete, fielen die Saracenen über eine Abtheilung der chriſtlichen Schaaren her, tödteten und fingen deren Viele, und führten die Gefangenen ihrem Sultan zu. Unter dieſen war auch Herr Alexander. Saladin aber trug um jene Zeit den Chriſten keinen hol⸗ den Sinn. Sie hatten, noch vor des Kaiſers Ankunft, während Kurz, Erzählungen. 1. 15 226 eines beſchworenen Waffenſtillſtandes Friedensbruch und Unſug verübt, auch ſeine Mutter überfallen und beraubt; darum ach⸗ tete er ſie für ein treuloſes Volk. Ihn verlangte nach einem Feinde den er ehren mußte; aber wie hätte er dies vermocht, da er wußte daß ſie durch ihre Entzweiung und Verrätherei den Fall Jeruſalems, das in ſeine Gewalt gekommen war, ver⸗ ſchuldet hatten. Hieraus erwuchs den Gefangenen manche bit⸗ tere Frucht. Der Sultan vertheilte ſie unter ſeine Kriegsober⸗ ſten und Landherren, die er nach Gutdünken mit ihnen verfah⸗ ren hieß. Herr Alexander wurde nebſt andern Leidensgenoſſen einem Emir geſchenkt, der bei dem Sultan in Gnaden ſtand. Derſelbe hatte viel Land und Feld, und trug nach ſaraceniſcher Sitte Gefallen am Acker⸗ und Gartenbau. Weil er aber ſeine edlen arabiſchen Roſſe nicht zu ſchlechtem Dienſt erniedrigen wollte, und des Zugviehs ein großer Theil von den Chriſten bei einem Ueberfall geſotten und gebraten oder hinweggeführt worden war, ſo hieß er die ihm übergebenen Chriſten, meiſt adelige Herren, gottwillkommen, ſo mit Worten als mit Werken: er gebot ſie alsbald in den Pflug zu ſpannen, und unter harten Geißel⸗ hieben mußten ſie das Feld ackern, ſo daß oft das Blut von ihren Leibern lief. Waren etwa Leutſchinder unter ihnen, die vordem ihre Leibeigenen im Abendlande mit unbarmherzigen Frohnen gedrückt hatten, ſo haben ſie zweifelsohne bei dieſem Pflugziehen zu allen Heiligen gelobt, ſich ſolcher üblen Gewohn⸗ heit nach beglückter Heimkehr für immer abzuthun. Die armen Herren hatten ſchlimme Tage, und mancher, der einſt ſtolz aus ſeines Schloſſes Pforte auf den Reichstag oder zum Turnier geritten war, ſah jetzt ſchlechter aus denn ſonſt der geringſte ſeiner armen Leute. Sie magerten zu Gerippen ab, Bart und Haare hingen ihnen ungeſchoren, verfilzt und ſtruppig im Geſicht, ihre Gewande verdarben durch Regen, Schweiß und das — Blut der Geißelhiebe, und fielen ihnen allmählich vom Leib. Nur Einer unter ihnen ging aufrecht in einem reinen weißen Hemd einher: es war Herr Alexander, der mit freudigem Stau⸗ nen ſah, wie das Geſchenk ſeiner Freundin den Unbilden des Wetters und des Schickſals widerſtand. Der Gedanke an ihre herzinnige Liebe und ausdauernde Treue hielt ihm den Kopf empor; in all ſeinem Ungemach umſchwebte und tröſtete ihn das gegenwärtige Bild ſeiner Getreuen, und obwohl ihm die von der ſyriſchen Sonne verbrannten Wangen nicht minder ein⸗ fielen als die ſeiner Mitſklaven, ſo verrichtete er doch mit un⸗ gebrochenem Muthe ſein hartes Tagwerk und behütete dadurch ſein Hemde vor blutigen Flecken, indem er wenigſtens den un⸗ milden Hieben der Geißel entging. Die Reinheit des Hemdes fiel nach und nach ſowohl den Sklaven als ihren Treibern in die Augen, und dieſe thaten das ſeltſame Wunder endlich auch dem Emir zu wiſſen. Von ihm erfuhr es der Sultan, der einſt zu ihm kam, um die Dienſte, die er kürzlich in einem Treffen wider Richard Löwenherz ge⸗ leiſtet hatte, durch die Ehre ſeines oberherrlichen Beſuchs zu lohnen. Saladin ließ alsbald den Sklaven vor ſich führen. Wer biſt du und wie heißeſt du? fragte er, indem er ſeine durch⸗ dringenden Augen auf ihn heftete. Mit Namen heiße ich Alexander und bin ein Ritter aus dem Heerbann des großen römiſchen Kaiſers. Des Melek Alaman? Vergebens habe ich mich darauf ge⸗ freut, ihm zu begegnen. Gott hat ihn von uns genommen und uns den Kelch der Trübſal gereicht. Wo haſt du dieſes Hemde her? Man ſagt, es habe eine wunderſame Eigenſchaft. 15* 228 Das Hemd, Herr Sultan, habe ich von einem wonniglichen Weibe; daß es ſo weiß bleibt, das zeigt mir ihre unwandelbare Treue und Keuſchheit an. Unter dem ergrauenden Barte, der Saladin's Mund be⸗ ſchattete, zuckte es wie ein wunderliches Wetterleuchten. Eure Weiber, warf er hin, müßen aus beſſerem Thon geſchaffen ſein als ihr. Nachdem er ſeine Herkunft und Heimath näher erfragt hatte, gab er einen Wink, den Sklaven abzuführen. Wir wollen doch eine Probe machen, ſagte er hierauf, ob der Chriſt nicht ſein Hemd am Ende waſchen muß. Er rief einen ſeiner Emire, der durch Jugendſchönheit und eine beredte Schmeichelzunge Allen vorging. Mit dieſem berieth er ſich, und entließ ihn reich mit Gold und Kleinodien ausge⸗ ſtattet. Ali reiste auch zur Stunde ab, während ſein Gebieter abermals gegen den Löwenherz zu Felde zog. Drei Jahre nahezu war Herr Alexander von Hauſe fern geweſen, da erſchien daſelbſt ein italiſcher Kaufherr, der koſt⸗ bare Juwelen zur Schau trug und in königlicher Pracht lebte. Er fand leichten Zutritt bei den Geſchlechtern der Stadt, bei denen er auch die edle Florentina kennen lernte, und wußte ſich hiedurch auch Eingang bei dieſer ſelbſt zu erwirken, die ihn, wie es ihr geziemte, ſtets von ihren beiden Dienerinnen umgeben empfing. Da erzählte er ihr nun, wie ihn ſeine Kaufmann⸗ ſchaft weit herum in den Landen führe, ſo daß er auch ins Morgenland gekommen ſei und da mit Chriſten und Heiden ver⸗ kehrt habe; er berichtete von der letzten Kreuzfahrt; von des Rothbarts Kriegstugend und eiſerner Mannszucht, die auch ſei⸗ nen Feinden Grauen machte, faſt mehr noch als ſeine Waffen⸗ thaten; von ſeinem Tod und Begängniß, wie ihn nämlich die Seinen im Eſſig kochten und das Fleiſch an der Stätte, wo er geſtorben war, begruben, die Knochen aber in einem Schreine 229 weiter führten, um ſie, wenn es hätte ſein mögen, am heiligen Grabe beizuſetzen; vom großen Harlemer Schiff, das, den Kiel mit Sägezähnen bewaffnet, in den Hafen von Damiate ein⸗ lief und die vorgezogenen Ketten zerſchnitt; er pries die Helden⸗ thaten der Chriſtenritter, ſchwieg aber auch nicht von dem bittern Leben derer, die, vom Muth getrieben und vom Glück vergeſſen, in Saracenenhände gefallen ſeien. Nach dieſem Vorſpiel nannte er zögernd und lauernd unter andern Namen auch den des Herrn Alexander. Die edle Frau erbleichte; ſie hatte kein Hehl, daß dies ihr Verlobter ſei, und bat den Fremden weinend, ihr zu ſeiner Löſung zu helfen; alle ihre Schätze wolle ſie dem Heiden⸗ ſultan bieten. Saladin nimmt kein Geld, auch ſeine Getreuen nicht! ant⸗ wortete da der Fremde, und es klang bei dieſen Worten etwas ſo Stolzes und Höhniſches aus ſeiner Stimme heraus, daß die ſchnellſinnige Frau alsbald errieth, dies müſſe ein Saracene ſein und keiner von den Geringſten. Was ihn zu dieſer Verkleidung bewogen, konnte ſie ſich freilich nicht einbilden; aber ihr erſter Gedanke war, ihn auf der Stelle handfeſt zu machen, um ihn dem Sultan zur Aus⸗ wechslung gegen ihren Herrn anbieten zu können. Allein ſie wußte nicht, wem ſie dieſe weitſchichtige Verrichtung anvertrauen ſollte: der Rothbart war todt, der neue Kaiſer waltete in Apu⸗ lien, und in Deutſchland wußte ſie, auch unter Herrn Alexanders Gefreundſchaft, Niemand, den ſie für fähig gehalten hätte, eine ſolche Sache nach Gebür an die Hand zu nehmen. Sie achtete es alſo für beſſer, ihr Gemüth zu verbergen und den Fremden weiter auszuforſchen. An eine Auslöſung des Gefangenen, wie⸗ derholte dieſer, ſei nicht zu denken; nur durch liſtige Anſchläge und durch Beſtechung des Sklavenaufſehers, ſagte er, möchte es gelingen, ihn heimlich zu befreien und auf das Meer zu ent⸗ 230 führen. Zu dieſem Wageſtück erbot er ſich ſelbſt, da er als Kaufmann in der Heidenſchaft Zugang habe, auch alle Tritte und Schliche daſelbſt kenne, und wie die hocherfreute Florentina ihm alles, was er nur begehren möge, als Preis verſprach, ſo meinte er mit einem loſen Lächen, über den Preis könnte ſie leicht mit ihm einig werden, da ſchon ein freundlicher Blick ihrer Augen ihm höher als alle ihre Schätze dünke. Die edle Frau erröthete, verſchloß aber ihren Unmuth ſo gut ſie vermochte. Der freundlichen Blicke, erwiderte ſie, habe ſie genug für ihn, da er ihr ſo troſtreiche Ausſicht eröffne; er möge daran ermeſſen, wie freundlich ſie ihn erſt nach vollbrachter Freundes⸗ that anſehen werde. Eine Freundesthat ſei es allewege, gab er ihr hinwieder zu bedenken, eine That, die er nur aus großer, Gut und Blut opfernder Liebe zu ihr unternehme; er malte ihr aus, wie viel er dabei wage, und unterſtand ſich endlich zu ſagen, eine ſo heiße Liebe wäre wohl eines ebengleichen Lohnes werth, und wer ſein Leben daran ſetze, einer ſchönen Frau ihren liebſten Freund aus der Gefangenſchaft wiederzubringen, der ſollte in ihrem Herzen nicht enger noch niedriger wohnen, als dieſer ſelbſt. Frau Florentina lächelte fein, indem ſie ent⸗ gegnete, wenn das Spiel ſo ſtehe, da möchte es ja gerathener ſein, den Gefangenen in Syrien zu laſſen, denn ſeine Befreiung würde im Grund dem Preiſe, um den dieſelbe erkauft ſein ſollte, zuwider laufen. Der Heidenritter ſah ihr in die klugen Augen und wußte nicht wie er ſich dieſe ſchalkhaften Worte zu deuten habe; im Herzen gab er ihr vollkommen Recht, und wünſchte nur, daß es ihr Ernſt ſein möchte. Sie entließ ihn auf's Freundlichſte, indem ſie ihn wiederzukommen bat. Der Heide, der ſich ſolch Reden und Gebaren zu ſeinen Gunſten auslegte, betrat nun ernſtlich der Minne Pfad. Er machte großen Aufwand und gab Feſte, zu welchen er die ganze 231 Stadt einlud. Frau Florentina erſchien ſelten dabei, obwohl ſie es geſchehen ließ, daß er die Luſtbarkeiten ihr zu Ehren ver⸗ anſtaltete; denn ſie war Urſache von allem, während ſie ihn doch zu nichts verleitete. Wenn er ſie beſuchte, war ſie niemals allein, empfing ihn aber ſtets mit ſo holdſeliger Gaſtlichkeit, daß er, obgleich jedesmal in ſeinen Wünſchen getäuſcht, doch immer wiederkehren mußte. Die Thränen, die ſie in der Stille um ihren Verlobten weinte, verbarg ſie weislich, und zeigte einen Tag wie den andern ein ſo heiteres Geſicht, daß der Saracene in Zweifeln und Gedanken wie auf einem ungewiſſen Meere umgetrieben ward. Am meiſten ſchien es ſie zu erfreuen, wenn er ihr von der fremden Sitte und Weiſe des Morgenlandes, vor allem von dem großen Sultan Saladin, dem unbeſiegten Krieger, dem ſcharfſinnigen Weiſen, dem Freund der Künſte, des Saiten⸗ ſpiels und Geſangs, erzählte. Sie konnte nicht müde werden, ihn immer wieder zu neuem Schildern und Ausmalen anzureizen. Der Gaſt, von der anmuthigen Wißbegier ſeiner ſchönen Zu⸗ hörerin hingeriſſen, konnte gleichfalls nicht müde werden, immer wieder zu kommen und zu erzählen. Wochen und Monde ver⸗ ſtrichen; da der Saracene nicht wankte noch wich, ſo kam ſie zuletzt auf den Gedanken, Herr Alexander möchte in der Ge⸗ fangenſchaft eines Tages von ihr geſprochen und ein ſo uchtes Bild von ihr aufgeſtellt haben, daß dieſer Heide dadurch zu ſeinem wunderlichen Unternehmen entzündet worden ſei,— und damit hatte ſie auch die Wahrheit nahezu getroffen. Endlich kam die Stunde, die ſie ſchon lang mit Sehnſucht erwartet hatte. Der Fremde ſah den Boden ſeines einſt ſo wohlgefüllten Geldſchreins, ohne etwas anderes erlangt zu haben, als große Ehre und Würde, die ihm ohne Unterlaß von den edlen Geſchlechtern der Stadt und von der benachbarten Ritterſchaft erzeigt worden war. Seine Habe war ſo geſchwächt, 232 daß er keinen Tag länger weilen durfte, wollte er nicht zu Fuße heimkehren. Niemals in der ganzen Zeit ſeines Aufenthalts hatte ihm die ſchöne Frau ſo wonneſam gelächelt, wie bei dem Urlaube, den er von ihr nahm, ſo daß ihm ihre Huld zur Pein wurde, denn er hielt ſich jetzt verſichert, die Burg müßte, wenn er nur noch eine Woche die Belagerung fortſetzen könnte, unfehl⸗ bar in ſeine Hände fallen. Doch unternahm er eine letzte Be⸗ rennung, ſtellte ihr vor, daß er eben jetzt mit ſeinem Kaufrath gerades Weges gen Syrien ziehe, und erbot ſich abermals zur Befreiung des Ritters: er wolle keine Koſten ſparen und keine Gefahren ſcheuen, ſagte er, wenn ſie nur endlich einmal auf⸗ hören wollte, ſo kargegegen ihn zu ſein. Sie lächelte und wiegte das Haupt, ihm ſeine Raſchheit verweiſend, und als er ihr vor⸗ rechnete, wie oft ſie ihn ſchon mit ſolchen Worten ermahnt und wie lang er nunmehr in Geduld ausgeharrt habe, ſo antwortete ſie mit ſtrahlenden Augen: Geduld, Herr, überwindet Alles, das glaubt mir, die ich in meiner Verlaſſenheit einzig durch Geduld ein Großes gewonnen habe. Darum, ſetzte ſie mit ſchalkhaftem Lächeln hinzu, wenn Ihr, in Hoffnung, durch fernere Ausdauer Ener Ziel zu erreichen, noch länger weilen wollt, ſo ſollt Ihr mir nun und immer unvertrieben ſein. Da er ihr aber unmu⸗ thig erwiderte, daß ſeine Friſt ſchon längſt abgelaufen und kein längeres Verbleiben möglich ſei, ſo erkundigte ſie ſich theilneh⸗ mend nach dem Wege den er ziehen wolle, ſagte ihm freund⸗ lichen Dank für die viele Zeit die er an eine arme einſame Verlaſſene gewendet habe, und entließ ihn, da ſie ihn nicht mehr zurückhalten zu können ſchien, mit tauſend guten Reiſewünſchen und Segensworten. Er zog auch noch in derſelben Stunde hinweg, indem er den Verluſt an Zeit, Gut und Mühe verfluchte und doch im gleichen Athem zu ſeinem Propheten ſchwur, er 233 wolle alsbald wiederkehren, um auf eigene Gefahr eine zweite Glücksfahrt zu unternehmen. Wie er nun in Genua ankam, wo er auf guten Wind warten wollte, fand er daſelbſt Abends am Hafen viel Volks um einen jugendlichen Pilger verſammelt, der zu ſeiner Harfe ſang. Bald wußte er ſo luſtige und ſcherzhafte Lieder, daß Niemand aus dem Lachen kam, bald klangen ſie ſo traurig, daß Allen die Thränen in den Augen ſtanden. Seine Stimme war überaus ſüß, rein und reich: nun ließ er die Töne wie Perlen vom Munde fallen, nun wehten ſie wie erſterbende Hornweiſen hin, nun flatterten ſie wieder wie muthwillig jauchzende Vögel umher. Er erſchien jeden Abend mit ſeiner zierlichen Harfe, und da er keine Gabe begehrte, ſo fehlte es ihm niemals an Zulauf. Ja, er ſchlug alle Geſchenke aus: ſein einziges Trachten, ſagte er, ſei, an den Hof eines preiswürdigen Königs zu kommen und dem ſeine beſten Lieder zu ſingen. Auch warben Viele um ihn mit lockenden Erbietungen, denn die Anlände wimmelte ſtündlich von fahrenden Leuten und Boten aus der ganzen Chriſtenheit, und Mancher hätte ihn gerne, um Lob zu erwerben, ſeinem Herrn gebracht, aber der Sänger erzeigte ſich ſehr koſtbar, und that als wäre ihm kein König noch Kaiſer gut genug. Der Saracene aber hatte kaum von ſeinem Vorhaben gehört, ſo kam ihm in den Sinn, daß dies eine gute Gelegenheit wäre, bei dem geſangliebenden Sultan die erlittene Scharte auszuwetzen. Be⸗ hende trat er den Pilger an, warb ihn, wie er vorgab, für den Hof von Cypern, wo er mit großer Huld und Ehre aufgenom⸗ men werden würde, und der Jüngling ſagte auch, zur Verwun⸗ derung aller Andern, die ihn ſo wähleriſch geſehen hatten, ohne Verzug und Bedenken zu. Auf dem Weg zum Geſtade, nachdem der Wind umgeſprun⸗ gen war und die beiden Reiſenden ſich anſchickten, an Bord ihrer Galeere zu gehen, hielt der Pilger inne und ſprach: Meſſere, Ihr ſehet, daß ich mich mit gutem Vertrauen in Eure Hände gegeben habe; nun hoffe ich auch, daß Ihr als ein redlicher Edelmann, aus deſſen Munde kein falſch Wort geht, an mir handeln werdet. Der Saracene erröthete, nahm ſeinen geſtutzten Bart in die Hand und wandte ſich dann mit Lächeln zu ſeinem Genoſſen: Sieh, du haſt Recht, lieber Sänger, der Mann muß dem Manne Treu und Glauben halten.— Bei welchen Worten der Pilger ſein Angeſicht, gar ſchelmiſch lächelnd, auf die Seite wandte.— Darum, fuhr jener fort, will ich dir auch jetzt, wo du den Fuß noch auf dem Lande haſt, die volle Wahrheit ſagen. Ich führe dich nicht gen Cypern, und habe das auch nicht vorgegeben, um dich zu täuſchen, ſondern um von den Andern, mit denen wir im Kriege leben, nicht angefochten zu werden. Ich führe dich vielmehr, wenn es dir genehm iſt, an den Hof des großen Sul⸗ tans Almalich Alnaſir, genannt Saladin, der Geſang und Harfe liebt und dich wie einen Fürſten empfangen wird. Den großen Sultan Saladin zu ſehen und vor ihm zu ſpielen, erwiderte der Pilger freundlichen Antlitzes, iſt der Wunſch aller Wünſche. Nichts Beſſeres und Lieberes könnte mir werden. Aber Saladin haßt die Chriſten. Er haßt die Chriſten nicht, er haßt nur die Meineidigen, die Verräther, und als ſolche haben ſich manche deiner Glaubens⸗ genoſſen vor ihm erwieſen. In dir zumal ſieht er nur den Sänger, und der ſteht unter ſeinem beſondern Schutze. Schwöre mir denn bei der Ehre, an die ja auch die Sara⸗ cenen glauben, daß ich frei, wie ich gekommen bin, von Sala⸗ din's Hofe wieder gehen werde. Ich ſchwöre dir's, rief der Emir, indem er die Hand des ———— Pilgers ergriff, und verpfände meine Ehre, die dem Moslem ſo theuer iſt wie euch. Unter dieſen Reden gingen ſie mit einander zu Schiffe, ſtießen ab und fuhren wohlbehalten gen Syrien hinüber. Saladin empfing ſeinen Abgeſandten ſehr wohlgemuth. Er war ſo eben eines tapfern Gegners ledig geworden; denn der engliſche König hatte ſich mit den andern chriſtlichen Herren ver⸗ uneinigt, und da er ohne die Deutſchen und Franzoſen zu ſchwach war, den Krieg allein fortzuſetzen, ſo hatte er mit dem Sultan Frieden geſchloſſen und das hohe Meer geſucht, um fortan ſeine abendländiſchen Händel auszumachen. Saladin aber konnte nach ſeiner Abfahrt wenig zweifeln, daß er nun auch die letzten Plätze, welche die Chriſten noch inne hatten, Joppe, Tyrus, Ptolemais, in ſeine Gewalt bekommen würde. Wie nun, Ali? rief er neckend ſeinem Emir entgegen: ge⸗ ſtern noch ließ ich nach dem Chriſtenſklaven ſchauen, aber ſein Hemd war weiß wie der Schnee des Libanon. Das glaube ich wohl, Beherrſcher der Gläubigen, ant⸗ wortete jener kleinlaut: ich wenigſtens habe es nicht ſchwarz gemacht. Saladin lachte und hieß ihn Bericht über ſeine Reiſe er⸗ ſtatten. Der Emir erzählte. Am Ende ſeiner Rede war es ihm tröſtlich, dem Sultan ſagen zu können, welch eine Nachtigall Er, um wenigſtens nicht ganz vergebens in der Chriſtenheit geweſen zu ſein, für ſeinen Gebieter mitgebracht habe. Einen Sänger? rief Saladin vergnügt. Geſchwind, Ali, führ' ihn herein. Wir wollen ihn unverzüglich hören. Der Pilger trat ein; er verneigte ſich tief vor dem Sultan und griff in die Saiten. Dann ließ er ſeiner Stimme den Lauf, und 1eh e dem erſten Liede ſtrich ſich der alte Held wohl⸗ gefälli den Bart, rief ihm in der Frankenſprache zu und hieß ihn ſingen ſo lang er einen Ton in ſeiner klangreichen Kehle habe. Nun ſtrömten Lieder auf Lieder aus des Sängers Munde, die Lays und Chanſons von Frankreich, die künſtlich gefügten welſchen Paſtoralen und Rondaten, dann die leichten Weiſen vom Rhein, die langgezogenen aushallenden Klagetöne des ſchwäbi⸗ ſchen Geſangs, und zuletzt, nach einem fröhlichen Fluge durch die Saiten, die keck quellenden, gemſenartig hüpfenden Liederbrünn⸗ lein, die den ſüddeutſchen Hochgebirgen entſprungen ſind. Der feinhörende Saladin begleitete alle dieſe Geſänge mit ſeinem ſcharfſinnigen Urtheil, von jedem Liede wollte er wiſſen aus welchem Lande es ſtamme, und ſtellte ſeine Vergleichungen da⸗ rüber an. Nun folgte er ſpürſam den leiſe wandelnden Wen⸗ dungen der Kunſt, nun ergötzte er ſich wieder an den ungezwun⸗ gen ſprudelnden Sangwellen, die der Pilger, wie er ſagte, dem Volksmund abgelauſcht hatte. Dann ließ er ihm ſaraceniſche Weiſen vortragen, um auch dieſe von ſeinem liedermächtigen Munde nachgeſungen zu hören. Seine Seele wohnt auf ſeiner Zunge! rief er, als der Pilger ſie noch reiner und ſchöner, als er ſie vernommen hatte, wiedergab, und er überhäufte den Hei⸗ mathloſen mit Ehre, Gunſt und Liebe. Der Pilger aber griff von Tag zu Tag tiefer in ſeine Harfe und in ſeinen Liederſchatz, und eines Abends, als er das Glück und das Leid der Liebe ſang, die Sehnſucht, die Geduld, die Hoffnung, die Treue pries, da drangen die bald zarten, bald ſtarken Klänge der Harfe und des Liedes durch jedes Herz, auf manchem Barte ſchimmerte es wie friſchgefallener Thau, und Saladin rief, nachdem er geendigt hatte: Bei Allah ſei es ge⸗ ſchworen, Knabe! was du von mir begehren magſt— Da ſtieß der Pilger ſeine Harfe zur Seite; ehe der Sultan die Rede vollenden konnte, kniete er vor ihm, ſeine Bitte aus⸗ 4 ——N—ööööͤͤͤſſ 237 zuſprechen, und ſeine hellen Augen waren von Thränen ver⸗ dunkelt. Saladin beſann ſich ſchnell. Halt, ſagte er vorſichtig, wir müſſen unſer Verſprechen im Voraus ein wenig beſchränken. Du haſt ſo ſchwärmeriſche Augen, daß du wohl gar im Stande wäreſt, Jeruſalem von meinen Händen zurückzufordern. Darum, wenn dir nach meiner Schatzkammer gelüſtet, ſo ſoll mein unter⸗ brochener Schwur ſeine volle Kraft haben, iſt es aber etwas anderes, worauf dein Sinn gerichtet iſt— und deine Augen ſcheinen mir nicht nach Gold zu funkeln— dann müſſen wir uns vorher in Güte mit einander vertragen. Herr, gebt die armen gefangenen Chriſten frei! rief der Pilger, und drückte die Hände vor die Augen, um ſeine Thränen zu verbergen. Alle? verſetzte Saladin kopfſchüttelnd. Fürwahr, es iſt gut, daß ich den Schwur nicht vollendet habe. Nein, Freund Sänger, das geht nicht. Schon einmal habe ich es gethan, will aber nicht mehr meine Hände in Dornen und Diſteln ſtecken. Ja, wenn ſie Wort hielten, wie wir! Aber ihre Prieſter würden ſie ihres Eides wieder entbinden, und ich werde doch nicht aber⸗ mals ein Feindesheer wider mich ſelbſt ins Feld ſtellen ſollen. Bitte etwas anderes, Knabe. Es iſt mir leid, daß auch die Macht der Töne ihre Grenzen hat; aber ſieh, diesmal haſt du falſch gegriffen. Der Pilger antwortete nichts, er blieb unbeweglich auf den Knieen liegen und ſah den ſtrengen Sultan flehend an. Haſt du vielleicht einen Landgenoſſen, einen Freund darunter? fuhr Saladin liebreich fort. Einen will ich dir ſchenken, er ſei hoch oder nieder, und will es ſeinem Herrn nach Gebür ent⸗ gelten. Geh hin und ſieh dich um, ob du einen unter ihnen 44 f 238 erkundeſt. Du ſcheinſt nun einmal deinen Sinn darauf geſetzt zu haben. Der Pilger erhob ſich in Freude und Trauer; zitternd legte er, ohne ein Wort zu ſprechen, zum Zeichen ſeines Dankes die Hand aufs Herz. Der Sultan gab ihm einen ſeiner Diener mit, der ihm durch Vorzeigung des königlichen Befehls den Willen der Sklavenherren geneigt machen ſollte. Der Pilger ritt voraus, und es war als ob er ſeinem Rößlein etwas ins Ohr geraunt hätte; denn es ging geraden Weges, ohne rechts oder links zu treten, durch die Ebene auf die Hügel zu. Vergebens unterwies ihn ſein Begleiter, daß hier ringsum in der Landſchaft Sklaven, junge und alte, zu finden ſeien. Der Pilger ſchüttelte den Kopf. Gott hat mir meine Straße bereitet, ſagte er, und warum ſollte ich ohne Noth ſo viele Hoffnungsloſe ſehen, da ich doch nur Einen löſen darf. Am Fuße des Gebirges, auf urbarem Boden, lag ein großes Ackergut, vor allen andern wohl gebaut. Dorthin lenkte der Pilger ſein Roß und ſtieg mit dem Gewaltboten ab. Dann nahten ſie ſich den Sklaven, die unterſchiedliche Felddienſte ver⸗ richteten, zumeiſt aber im Pfluge gingen. Der Pilger hatte ſeinen Muſchelhut tief in die Augen gedrückt, als er herantrat, um ſich unter ihnen umzuſchauen. Mit weinendem Herzen mußte er zu⸗ ſehen, wie die Armen, voll Wunders und Freude, einen Chri⸗ ſtenpilger zu gewahren, die einen auf ihn zueilen, die andern im Ziehen innehalten wollten, aber von den Aufſehern geſchol⸗ ten und zu ihrem Tagwerk angetrieben wurden. Der Pilger ging bei ihnen umher, fragte ſie nach ihren Namen und Be⸗ gebenheiten, und ſprach ihnen tröſtlich zu, ſo gut er es vor Leid vermochte. Auf einmal aber ſchrack er zuſammen, gab ſeinem Gefährten einen Wink und trat zu einem Rain, an welchem ein Mann in weißem Hemde den Pflug zog. Es war Herr Alexander, 239 der, weniger hart gehalten als die Andern, ſeinem rüſtigen Werke oblag; er ſah verblichen und eingefallen aus, nur ſeine Augen hatten noch den alten kühnen Blick. Der Pilger ſenkte 6 das Haupt mit dem Hute, ſo daß ihm Niemand ins Angeſicht ſehen konnte. Dieſen will ich, ſagte er leiſe zu dem Sara⸗ cenen, laß ihn mir losgeben. Er verweilte, nachdem er dies geſagt und noch einen fliegenden Blick auf den Sklaven geworfen hatte, nicht weiter mehr, ſondern ſchlug ſich hinter eine Palme, und wurde eine Zeit lang nicht geſehen. 8 Der Ritter wußte kaum, wie ihm geſchah, als man ihn aus dem Pfluge nahm. Erſt als ihn der Bote zu dem Emir führte, dem er eigen war, und mit dieſem über das Löſegeld handelte, wurde es ihm offenbar, daß er frei werden ſollte. Der Emir hielt ihn nicht viel mit dem Urlaube hin; er ſah ein wenig ſauer dazu, daß er ihn miſſen ſollte; doch ließ er ſich nichts anmerken und gab ihm noch ein mageres Rößlein mit auf den Weg. Der „ Pilger war, nachdem er Geſchenke unter die zurückbleibenden Chriſten vertheilt hatte, hinweggeritten; er hielt in der Ferne an einem Hügel, winkte den beiden Andern und trabte wieder ſchnell voraus. So blieb er immer im Vorſprung und ließ ſie nicht an ſich herankommen. Herr Alexander fragte den Sara⸗ eenen aus, und wunderte ſich nach deſſen Beſcheide ſehr, wer ☛ wohl der Pilger und Sänger ſein möge, der ihn losgebeten habe. Als ſie zu Saladin's Hoflager kamen, richtete der Sultan ſein Auge zuerſt auf den freigegebenen Sklaven, denn ihn ver⸗ langte zu wiſſen wen ſich der Sänger erkoren habe, und nicht lang, ſo hatte ſein ſcharfer Blick denſelben wieder erkannt. Lä⸗ chelnd und forſchend ließ er nun die Augen auf dem Pilger ruhen; dann rief er ihn näher zu ſich, während dem Befreiten auf ſein Geheiß ein Bad bereitet und reichliches Gewand gege⸗ ben wurde. Das Hofgeſinde ſah, wie der Sultan den Pilger mit ſchlauem Lächeln anredete, worauf dieſer, das Geſicht mit den Händen deckend, betreten und verwirrt vor ihm in die Kniee ſank. Der greiſe Saladin drohte ihm mit dem Finger, hob ihn auf, ſetzte ihn zu ſich auf das goldgeſtickte Polſter und legte ihm hold wie ein Vater die Hand auf das Haupt. So ſah man Beide lang mit einander ſprechen. Zuletzt wurde auf Saladin's Geheiß dem Pilger ſeine Harfe gebracht; die ſaraceniſchen Herren, die bisher der Unterredung nur von Weitem hatten zuſehen dürfen, traten, durch einen Wink des Sultans eingeladen, hinzu, und der Sänger begann noch einmal jenes Lied, das ihm alle Herzen gewonnen hatte. Er ſang es, die Augen je nach dem Laut der Worte und Töne, bald dankend, bald bittend, bald vertrauend auf den Sultan gerichtet. Ich verſtehe dich, ſprach dieſer, als das Lied zu Ende war: du haſt noch immer einen Wunſch auf dem Herzen. Nun, beruhige dich. Freilaſſen kann ich ſie nicht, aber ich verſpreche deinen Brüdern ein menſchlich Loos, und damit will ich meinem unausgeſprochenen Eide Geltung geben. Bei dieſen Worten trat die hohe Geſtalt des deutſchen Rit⸗ ters, herrengleich wie je zuvor, in das Gemach. Er vereinigte ſeinen Dank mit dem des Pilgers, während ihm Saladin prüfend in die Augen ſah. Dann reichte ihm der Sultan ein koſtbares Schwert: Brauche es wider deine Feinde, ſagte er, und vergiß nicht, daß du mich zum Freunde haſt. Da ich jedoch weiß, daß bei euch keine Vergabung geſchehen kann ohne Gegenleiſtung, ſo will ich dir für die Freiheit und Wehrhaftigkeit, die ich dir wieder geſchenkt habe, gleichfalls eine Lehnspflicht auferlegen, doch mit dem Recht, daß es bei dir ſelbſt ſtehen ſoll, dich von ihr loszuzählen, wenn ſie dir gegen deinen Glauben oder deine Ehre zu ſtreiten ſcheint. Wenn es an der Zeit iſt, wird dir ein Bote von mir ſagen, was ich an dich begehre. —— —— 241 Der Ritter legte ſeine gefalteten Hände zwiſchen die Hände des Sultans und ſchwur ihm auf dieſe Bedingung den Lehenseid. Der Pilger war indeſſen unruhig geworden, als ob ſeines Bleibens nicht länger ſein könnte. Saladin ſah es und erhob abermals den Finger gegen ihn: Freund Sänger, ſagte er, es thut mir leid daß ſich Ali ſo ſtark mit Betheuerungen gegen dich herausgelaſſen hat; ſonſt würde ich euch Beide bei mir behalten.— Er erbat ſich ſeine Harfe zum Andenken und ließ ihm dagegen eine andere bringen, deren Geſtell aus arabiſchem Golde getrieben war und oben mit einem großen Cdelſtein ge⸗ ziert. Da es nun zum Scheiden kam, das der Pilger immer mehr beſchleunigte, ſo ſchloß der Sultan dieſen in die Arme und küßte ihn auf die Lippen. Die Saracenenritter ſtanden mit ſtummer Verwunderung dabei; ſelten hatten ſie ihren Herrn ſo bewegt geſehen.* Nach der Abreiſe der beiden Deutſchen ließ Saladin ſeinen Geſandten rufen. Haſt du mich wiſſentlich oder unwiſſentlich betrogen? redete er ihn mit ſtrengem Tone an. Beherrſcher der Gläubigen, weſſen hat ſich dein Knecht ſchuldig gemacht? Ich will des Todes ſterben, wenn ich dich verſtehe. Haſt du dieſen Pilger gekannt oder nicht? 2 Ich ſah ihn zu Genuag und gedachte Ehre bei dir zu erlan⸗ gen, wenn ich dir ihn brächte, Gebieter. 5 Saladin ſah ihn noch ſchärfer an. Weißt du denn nicht, wen er ſich aus den Sklaven erwählt hat? Wie, Ali, haſt du ihm nicht ein einzigmal in die Augen geblickt? Solche Augen ſieht man doch nicht alle Tage. Dieſe Augen! rief der Emir, lauter, als es ſich vor dem Angeſichte des Sultans geziemte. O, wo habe ich doch die mei⸗ nigen gehabt! 4 Kurz, Erzählungen. I. 16, ——— “ 8———— 242 Saladin weidete ſich an ſeiner Beſtürzung. Ich ſehe dir an, daß du unſchuldig biſt, ſagte er. Um ſo ſchlimmer für dich! Aber ihr alltäglichen Menſchenkinder achtet auf jedes Merkzeichen eher, als auf die Augen, die treuſten Spiegel des verborgenen Lebens; ſonſt hätteſt du ſchon in ihrem Frauengemache voraus⸗ gewußt, daß dieſe Taube dir mit verwandeltem Gefieder nach⸗ fliegen würde. 4 Sie hat aber auch ihre Augenbrauen und Haare ſo dunkel gefärbt, daß ich wette, es wird eine gute Weile dauern, bis ihr eigener Verlobter ſie erkennt, die doch der nie fehlende Blick meines Gebieters erkannte, ohne ſie je geſehen zu haben. Mußte mir auch dieſer zweite Betrug widerfahren! ach, und der zweite iſt noch ärger, denn der erſte war! Saladin lachte, dann ging er nachdenklich auf und ab. Höre, Ali, hob er endlich an, ich bin in Gefahr, ein Irrgläu⸗ biger zu werden. Beherrſcher der Gläubigen? rief Ali verwundert. Du weißt, die Chriſten haben mich noch nie in die Ver⸗ ſuchung gebracht, nach einer Gemeinſchaft mit ihnen zu verlan⸗ gen. Wenn aber ihre Frauen dieſer Einen gleichen, dann iſt es ein Glück, daß meine Jahre mich ſchützen, ſonſt könnte ich leicht des Paradieſes verluſtig gehen. Herr, wagte der Emir zu bemerken, hat nicht auch der große König Daud, da er älter und betagter war als du, an allen Enden nach einer Schönheit ſuchen laſſen, auf daß ſie ſeines Alters pflege? Und wenn du ſie aus der Chriſtenheit nimmſt, brauchſt du darnm ein Chriſt zu werden? Du wäreſt alsdann wohl der Erſte, der ſich bei mir um die Geſandtſchaft bewärbe, nicht wahr, Ali? Nein, rief der Emir und wehrte den Gedanken mit beiden Händen ab, nein, Beherrſcher der Gläubigen, verſchone deinen 243 Getreuen mit dem dornenvollen Amte! Denn, Herr, laß mich nicht vergeſſen, daß dieſe Tauben, da du ſie einmal ſo nennſt, die Klugheit der Schlange haben. Sende den weiſen Muſa Ben Maimun, deinen berühmten Leibarzt, oder den anſchlägigen Bohadin Ben Sjeddad, deinen vertrauten Rath, ſende wen du willſt, nur mich nicht, der ich bereits genug zu Schanden wor⸗ den bin. Abermals lachte Saladin, der noch oft hernach den armen blinden Ali neckte. Aus der Sendung aber wurde nichts; denn nicht allzulang nach dieſer Begebenheit ſtarb der hochgeſinnte Saracenenheld, deſſen Hände an Freund und Feind ſo freigebig geſpendet hatten, daß er in ſeiner Schatzkammer nicht mehr als ſiebenundvierzig Silberdrachmen und Einen goldenen Tyrier hinterließ. Sterbend gebot er, daß man ihn ohne Gepränge begraben und vor ſeiner Leiche weder Fahnen noch Siegeszeichen hertragen ſolle, ſondern nur ſein Todtenhemde, mit dem Ruf: „Saladin, der große Sultan von Aegypten und Syrien, Befreier des Morgenlandes, bringt von allen ſeinen Königreichen und Fürſtenthümern nichts davon, als dies. Allah gebe, daß er es rein davonbringe.“ Mittlerweile war Herr Alexander mit ſeinem Nothhelfer in die Lagunen von Venedig eingelaufen. Von da eilten ſie vollends dem Feſtlande zu, wo ſie auf Saladin's fürſtlichen Roſſen, der Pilger auf einem zarten Zelter, der Ritter auf einem hohen Renner, weiter zogen. Schon auf dem Schiffe hatte der Ritter den Pilger gefragt, warum er gerade ihn aus ſo Vielen erleſen habe. Der Ruf von Eurem Hemnde, der an des Sultans Hof erſcholl, bewog mich dazu, hatte der Pilger geant⸗ wortet, und Herr Alexander hatte ſich dieſe Antwort genügen laſſen, wie es ihm auch geſiel, daß der Jüngling ſtets demüthie von ferne ſtand, als ein fahrender Sänger, dem es niche gebüre, 16⸗ 244 mit einem hochgebornen Ritter, auch wenn er ihm noch ſo wohl gethan hätte, Freundſchaft zu bauen. Er gedachte ihn daher mit nach Hauſe zu nehmen und als Diener zu behalten oder, wenn ihm dies nicht anſtünde, ihn reich belohnt ſeine Straße ziehen zu laſſen. Doch ſchwieg er noch davon, ließ es auch geſchehen, daß der Knabe in den Heerbergen, wo ſie einrit⸗ ten, mit einem ſchlechten Nachtlager zufrieden war und nicht begehrte ſeine Schlafklammer mit ihm zu theilen. Auf dieſe Weiſe ſprachen ſie wenig mit einander, denn der Ritter hatte alle ſeine Gedanken in der Heimath, und der Pilger ritt ſtill neben ihm her, hatte den Hut ins Geſicht gerückt und trieb ſein Thier beſtändig zur Eile an. Als aber die Alpen hinter ihnen lagen, machte der Pilger auf einmal Halt. Bruder, ſagte er, unſere Wege ſcheiden ſich. Nun gebt mir zum Andenken ein Stücklein aus Eurem Hemde, von deſſen Tugend ich ſo viel habe reden hören, damit ich das auch Andern erzählen und beglaubigen kann. Herr Alexander, der ſich des plötzlichen Scheidens nicht verſehen hatte, bat ihn nun inſtändig, daß er mit ihm käme, und verhieß ihm größere Dinge als er ſelbſt ihm von Anfang zugedacht hatte. Aber der Pilger weigerte ſich und ſagte, er bedürfe keines Lohnes, außer der kleinen Gabe, woran ihm genüge. Der Ritter, der ohne Säumen nach Hauſe trachtete, willfahrte ihm zuletzt, ſchnitt ein Stück aus ſeinem Hemde, gab es ihm mit innigem Dank, wiewohl der Pilger, da er es nahm, wenig Dank und kühle Freude kund werden ließ, und ſo ſchieden ſie, mit kurzem Gruße zwar, doch in Frieden und Güte von ein⸗ ander. Herr Alexander wunderte ſich in ſeinem Herzen, während er allein fürbaß zog, warum doch dieſer Jüngling, der erſt ſo Großes an ihm gethan, ſich darnach ſo ſauertöpfiſch gegen ihn erzeigt nad alle angebotenen Ehren und Geſchenke ausgeſchla⸗ 245 gen habe; doch dachte er, das Eine werde einem Gelübde und das Andere einer unlieblichen Sinnesart zuzurechnen ſein. Wie er endlich wieder in die Heimath kam und durch das Thor einritt, wurde er alsbald erkannt, und es erhob ſich viel Freude und großer Zuſammenlauf. Durch die ganze Stadt war es im Fluge lautbar geworden, daß Herr Alexander, der werthe Degen, aus der heidniſchen Gefangenſchaft wiedergekommen ſei. Da drängten ſich auch ſeine Gefreundten und Geſippen zu, um ihn zu begrüßen, und der Ritter umfing und küßte ſie, und hieß alsbald ihnen Allen ein fröhliches Gaſtmahl anrichten. Sie aber vergalten ihm nicht Gleiches mit Gleichem, denn noch ehe er ſein Haus erreichte, hatten ſie ihm eine böſe Märe ins Ohr geblaſen. Seine Verlobte, ſagten ſie, und wetteiferten mit einander, und konnten es ihm nicht ſchnell genug zu wiſſen thun,— Frau Florentina habe ſich nicht ſo gehalten, wie es einer ehrbaren Magd gebüre; vielmehr habe ſie einen welſchen Ami bei ſich gehabt, und wenn ſie ihm auch nicht öffentlich zu⸗ gethan geweſen ſei, ſo müſſe dies doch im Geheimen geſchehen ſein; denn ſie ſei ihm nachgezogen, und habe wohl in zwölf Monden, bis geſtern, da ſie unverſehens heimgekehrt ſei, nichts von ſich vernehmen laſſen.— So ſprachen ſie, und die mit dem ver⸗ kappten Saracenen am meiſten geſchmaust und geſchlemmt hatten, die wußten nun am meiſten Schande und Laſter von ihr zu ſagen. Entbrannt von Zorn kam Herr Alexander mit dem ganzen Gefolge von Neſſelzungen in ſein Haus, und als ſeine Braut aus dem ihrigen Botſchaft ſandte und ihn fragen ließ, ob ſie allein von Allen ungeladen bleiben ſolle, ſo entbot er ihr, er gedenke ſie fürder mit keinem Zwange zu beſchweren, ſondern ſtelle es ihr frei, in der Welt umherzufahren, wo und mit wem ſie wolle. Aber die Dienerin kam eilends wieder zurück und verkündete, ihre Frau habe ſich einen Bürgen erleſen, der dem 246 edlen Herrn ſonder Zweifel genehm ſein werde, und der Bürge ſtehe auch ſchon vor der Thür. Während nun Herr Alexander und ſeine Gäſte ſich über dieſe Rede wunderten, ertönte von draußen ein Harfenklang. Das iſt der Pilger! rief er und ſprang empor. Oeffnet die Thüre, daß ich ihn empfange! Die Thüre wurde weit aufgethan, und herein trat Floren⸗ tina. Sie hatte den Muſchelhut aufgeſetzt, über dem Arme hing ihr Pilgergewand, in der einen Hand trug ſie die Goldharfe und in der andern das Stück das der Ritter aus ſeinem Hemde geſchnitten hatte. Alles dieſes legte ſie getroſt vor ihm nieder und ſprach: Hier iſt meine Beglaubigung, Herr. Nehmet Ihr den Pilger zum Bürgen an? Er iſt Euch ja, bei all Eurem Stolze, ſo werth, daß es Euch ein Kleines zu ſein dünkte, ihm zu Ehren ein Werk meiner Hände zu zerſtücken. Sie konnte nicht weiter reden, denn ſchon lag ihr Bräutigam weinend zu ihren Füßen und umfaßte ihre Kniee. Es war ihm wie Schuppen von den Augen gefallen, und er ſchämte ſich bit⸗ terlich. Auch Florentina mußte weinen, doch trocknete ſie ſchnell ihre Thränen, hob ihn auf und drückte ihn an ihre Bruſt. Nachdem die Beiden ſich geherzt und verſöhnt hatten, trat der Ritter vor die Ankläger ſeiner Verlobten, und erzählte was ſie in dieſen zwölf Monden gethan hatte und wo ſie geweſen war. Sie aber offenbarte ihnen, wer der italiſche Kaufherr war, mit dem ſie ſo manchen Tag herrlich und in Freuden ge⸗ lebt hatten. Da fielen auch ſie ihr zu Füßen und baten mit großem Schall um Vergebung. Die wohlgezogene Frau verzieh ihnen Allen. Herr Alexander aber ordnete noch in derſelben Stunde die Brautleite an, und ließ das Mahl nicht eher auf⸗ tragen, als bis ihm ſein getreues Lieb zur Ehe beſtätigt war. Nachdem man nun zum Hochzeitmahle niedergeſeſſen war, 247 und die Gäſte fröhlich aßen und tranken, und ihre tugendſame Wirthin prieſen, zog er die minnigliche Frau an ſein Herz und fragte ſie, warum ſie ſich ihm nicht früher zu erkennen ge⸗ geben habe. ¹ 3 Ich weiß nicht, antwortete ſie, warum ichs bei unſerem erſten Wiederſehen nicht vermochte; ich meinte, ich müſſe warten bis Ihr im ritterlichen Gewand und Weſen vor mir ſtündet. Nachher aber hat mirs Saladin verboten. Ich habe ihm mein Wort darauf geben müſſen, Euch auf dem ganzen Wege, dafern Ihr mich nicht von ſelbſt erkennen würdet, fremd zu bleiben. Zürnet mir nicht, lieber Herr, daß ich das gethan habe. Ich hatte keine Wahl, denn der Sultan ſagte, er habe mir als einem Manne geſchworen, und ſei mir nun nicht ſchuldig den Eid zu halten, außer auf neue Bedingungen. Wohl ſagte ers mit Scherz und Glimpf, aber in ſeinen ſpielenden Worten gab ſich ſein ernſtlicher Wille zu vernehmen.. So habt Ihr Euch dem Sultan eher zu erkennen gegeben, denn mir? fragte Herr Alexander und zog die Stirne in Falten. Mit keinem Worte! betheuerte ſie. Erſt als er mich mit Euch aus dem Gebirge zurückkommen ſah, wußte er wer ich wäre. Der Ritter ſchlug die Augen zu Boden. So ſeid Ihr denn wohl auch der Bote den er mir zu ſenden verhieß? hob er nach einer Weile wieder an. Und was iſt die Leiſtung die er mir angeſonnen hat? Sie ſtockte, und ihre Botſchaft wollte ihr nicht über die Lippen gehen. Wenn ich nicht ſo eilig mit der Abfahrt geweſen wäre, ſo hätte er Euch wohl noch ſpitzere Räthſel erſonnen, erwiderte ſie ausweichend. Er aber ließ nicht ab und bat, ſie wolle ihm nichts verheh⸗ 248 len, was es auch ſein möge. Auch gab er ihr zu bedenken, ſie habe ja dem Sultan ihr Wort verpfändet, und ein gegebenes Wort müſſe gehalten ſeig Darauf nahm ſie hm das Verſprechen ab, daß er ihr ob Saladin's Begehren nicht zürnen noch gram bleiben wolle, und als er ihr dies zugeſchworen hatte, ſo that ſie ihm mit nieder⸗ geſchlagenen Augen und leiſer Stimme des Sultans Willen kund. Wenn es ſo verlaufen würde, wie es ſich unterwegs und heute bei Eurer Heimkunft zugetragen hat, ſagte ſie, ſo legt er Euch auf, zu thun was Frauenhänden obliege, nämlich Euer Hemd zu waſchen. Der Ritter fuhr empor und ſchlug an ſein Schwert, daß es klirrte. Bläſſe und Röthe wechſelten auf ſeinem Angeſichte. Gedenket des Wortes das Ihr mir ſo eben gabet, mein Herr und Gemahll ſagte die ſchöne Frau ein wenig erſchrocken, und fuhr dann mit lieblichem Lachen fort: Merket Ihr denn nicht, daß Ihr Eurer Pflicht entledigt ſeid, denn wo habt Ihr je geſehen, daß Frauen reine Hemden waſchen? 1 Nun verſtand er auf einmal des Sultans Meinung, und war ſo betroffen, daß er nicht reden konnte, ſondern beſchämt in ſich verſank. Da ſie aber ſeine Hand ergriff und ihm holdſelig in die Augen ſah, ſo ſchmolz ihm vollends alles Eis vom Herzen weg. Krone der Frauen, herzliches Gemahl, ſagte er, wenn Ihr mich je wieder unweiſe und unhold ſehet, ſo gemahnet mich nur des Lehens das ich von Saladin trage, und Ihr werdet. mich wie Euren Ermel umwenden, ja gar, wenn es Euch gefiele, in den Pflug ſpannen können. Den Galgen! ſagt der Eichele. Item, einsmals hatten die Beutelſpacher und die Bopfinger einen Span mit einander. Derſelbige hatte ſich erhoben wegen eines Zolles, mit welchem die Bopfinger den Beutelſpachern den Weg verlegt hatten. Nun wäre es zwar das Beſte geweſen, wegen ſolchen Zolles eine Einung mit einander aufzurichten; allein ſo viele Einungen auch dazumal gemacht wurden, ſo ſchoßen doch die Zweiungen reichlicher und luſtiger ins Kraut. Auf beiden Seiten ſtanden mannhafte und ſtreitbare Helden, die ihr heißes Blut in etwas abkühlen wollten. Alſo beſchloßen ſie den Krieg, und ſchickten einander Abſagebriefe, die fein lang⸗ ſam und deutlich geſchrieben waren. Damals aber war in deutſchen Landen ein ſonderlicher Brauch: wenn zween Theile mit einander ſtößig wurden und ein Krieg zwiſchen ihnen anging, ſo griffen ſie, ehe denn ſie das Schwert zogen, zu mancherlei vorgängigen Thathandlungen, um warm zu werden und förderlich in Harniſch zu gerathen. Die Beutelſpacher fingens züchtig an: ſie fuhren hin, hieben den Bopfingern ihre Bäume um und zogen wieder heim. Da gingen die Bopfinger auch nicht müßig, rückten her und ſchnitten den Beutelſpachern die Weinberge aus, trieben auch ihre Ziegen hin⸗ ein, welche die jungen Schöße freſſen mußten fürs kommende Jahr; dann zogen ſie gleichfalls wieder heim. Nun war es den Beutelſpachern ſchon ein wenig heiß um die Leber geworden; ſie machten ſich auf, legten ſich in einen Hinterhalt nicht weit von einer Aue, wo die Frauen und Töchter der Bopfinger luſt⸗ wandelten, fielen in ſie und ſchleppten dieſelbigen gefangen hin⸗ weg, einen ganzen Schwarm; ihrer etliche aber ließen ſie ohne Gürtel wieder ziehen, darum daß ſie, wie ſie fürgaben, böſe Mäuler hätten. Solches verdroß die Bopfinger über alle Maßen ſehr; ſie brachen den Beutelſpachern in ihre Landſchaft und ſeng⸗ ten und brannten, daß die Vögel aus der Luft gebraten her⸗ unter fielen, und die Engel im Himmel ihre Füße hinaufziehen mußten. Dieſes Fürnehmen war den Beutelſpachern unleidlich, ſammelten ihr Volk, und jagten mit einem reiſigen Zuge den Bopfingern nach, legten eine Wagenburg um ihre Stadt und Gezelte, und begunnten ſie zu belagern und ſchwerlich zu berennen. Die Bopfinger aber hielten ſich ſtattlich, und ließen die Feinde nicht hinein, außer wen ſie mit ihren langen Haken über die Mauern in die Stadt zogen, und Selbige wären lieber draußen geblieben bei den Ihrigen. Die Beutelſpacher wurden auch nicht laß, und wollten nimmermehr von dannen weichen, bis daß ſie die Stadt bezwungen hätten. Am Ende gedieh es dahin, daß auf beiden Seiten alles was die Zähne brechen oder malmen konnten, aufgezehrt war, und eine Wurſt nicht für Gold zu haben geweſen wäre, weder im Lager noch in der Stadt. Da verſah man ſich wohl, wer den andern niederhungern könnte, würde Meiſter ſein. Die Bopfinger aber waren gar zäh, ſchnür⸗ ten ſich Stricke um den Leib, auf daß ſie den Magen wenn er knurrte in der Botmäßigkeit erhielten, und that ihnen der Hun⸗ ger allzu weh, ſo machten ſie grimmige Geſichter von ihren Mauern herunter, wie vor lauter Streitluſt. Die Beutelſpacher dagegen hatten größere Mägen denn die Bopfinger, darum ge⸗ ſchah ihnen vom Hunger zwier ſo viel weh, konnten ſich auch zuletzt nicht mehr friſten, ſondern beſchloßen ihr Letztes zu wagen, einen erſchrockenlichen und ſorgfältigen Sturm. So thaten ſie — 253 auch, aber der Sturm gerieth ihnen übel, denn ſie fielen aus Magenſchwäche wie auch von den Stößen der Bopfinger haufen⸗ weiſe die Leitern herab, und ſahen, daß ſie dieſe harte Nuß un⸗ zerſchroten laſſen müßten. Da hielten ſie einen Kriegsrath, und wurden eins: weil die Feinde müde und hinfällig ſein würden vom Streit, ſo woll⸗ ten ſie verſuchen ob ſie dieſelbigen nicht durch Schrecken und Ueberfahrung des Gemüths bezwingen könnten. Schickten alſo zween Herolde unter die Mauern, und ließen ſie auffordern, von Stund an ihre Stadt einzugeben, ſonſt wollten ſie ſtürmen, daß man den Schall und Tos bis vor Gottes Thron hören müſſe, wollten auch des Kindes im Mutterleib nicht ſchonen, und noch andere grauſame Reden mehr. Die Bürger aber lie⸗ ßen ſich nicht bedräuen, riefen von den Mauern herab, ſie woll⸗ ten die Stadt nicht übergeben, nicht einen Stein; und einer von ihnen, er hieß Eichele, ein kecker frohmüthiger Geſell, der allezeit gar fromm unter den Vorderſten geſtritten hatte, ſchrie ſpöttlich hinunter: Ja, den Galgen, den könnet ihr han! Die andern riefens ihm nach und lachten die Herolde aus. Damit ritten die Herolde wieder davon, und berichteten im Lager getreulich was ihnen abſeiten der Stadt anbefohlen wor⸗ den war. Die Beutelſpacher konntens nunmehr mit Händen greifen, daß ſie für diesmal das Spiel verloren hätten, und ſchickten ſich ohne fernere Umſchweife zum Abzug an. Wie ſie aber am Galgen vorüberkamen, der im freien Felde ſtund— die Bopfinger hatten vergeſſen eine Schildwache bei ihm zurück⸗ zulaſſen— da gedachten ſie der Antwort, die ihre Herolde über⸗ bracht hatten, und deuchte ihnen gerathen ſolch ehrlich Erbieten nicht von der Hand zu weiſen. Trugen alſo den Stock und Galgen ab, um doch nicht ganz unpreislich heimzukommen, ſon⸗ 254 4 4 dern wenigſtens ein Denkmal mitzubringen, und richteten ihn hernach in ihrem eigenen Gebiete wieder auf. Nachdem ſich aber beide Theile in etwas geſtärkt hatten, brachen ſie von Neuem gegen einander hervor. Die Bopfinger hatten ihre Helfer verſammelt, eine waidliche Schaar; die Beutel⸗ ſpacher hatten auch ihre Bundesgenoſſen um Hilfe gemahnt; und ſo trafen beide Heerhaufen auf einem Felde zuſammen am Tage Allerſeelen und ſtritten mit einander den ganzen Tag. Da gab es ein großes Geſchläg. An dieſem Tage kämpfte auch der Eichele mit, der den Beutelſpachern den Galgen zum Schmer⸗ zengeld angeboten hatte, und ihm zur Seite ſtund ein Söhnlein ſeines Stadtmeiſters, ſo nannte man den Bürgermeiſter; daſſelbe hatte der Herr Stadtmeiſter ihm in ſeine Obhut und Fürſorge gegeben, weil er bekannt war für einen tapfern und zuverläſ⸗. ſigen Mann. Das junge Herrlein war aber ſehr unmüßig und 8 fürwitzig, und ſuchte ſich allenthalben vorzudrängen in ſeinem grünen Wappenröcklein, ſo daß der Eichele ſeine liebe Noth, Mühe und Arbeit mit ihm hatte. Da wurde er mit eins von den zween Herolden angerannt, die er mit Unehren von der Stadtmauer fortgewieſen hatte, und während er ſich gegen die⸗ ſelben zur Wehr ſetzte, wiſchte das Herrlein von ihm weg, um auch mit Jemand auf dem Blachfelde anzubinden. Dah ſtieß es auf einen langen Beutelſpacher, der ſtand mitten im Feld allein, hatte Feierabend und ſah dem Getümmel zu. Das Herr⸗ lein machte ſich an ihn, begann höhniſch mit geſchwungenem Schwert um ihn herumzutanzen, und rief: Du langes Krokodil, beiß' in mein Schwert und bück' dich nicht!— Dieſe Rede war dem Reiſigen beſchwerlich, und er hob ſeinen Streitkolben, der mit ſpitzigen Stacheln beſchlagen war. Du kleiner Grashupfer, küß' meinen Morgenſtern und ſtreck dich nicht! ſagte er und ſchlug das Herrlein zwiſchen die Ohren, daß es erbärmiglich zap⸗ 255 pelnd auf den Boden fiel. Unterdeſſen entſtrickte ſich der Eichele ſeiner beiden Widerwärtigen und gedachte dem Stadtmeiſterlein beizuſpringen, aber er kam zu ſpät, ſeinen Freund, der ihm anver⸗ traut war, zu erledigen, und konnte nichts weiter als den langen Schlagetodt zu ihm in den rothen Klee werfen, was er auch mit einem einzigen Hieb zuwege brachte. Das arme Herrlein reichte ihm vom Boden herauf die Hand, radbrechte noch ein paar Worte, befahl ihm einen letzten Gruß an ſeinen Vater, und löste ſein Halsgeſchmeide, um es ſeinem getreuen Schirmer und Rächer in Gedächtnißweiſe zu verlaſſen. Dieſer drückte ihm die Augen zu und eilte in das Getümmel zurück, wo er ungebärdig unter die Feinde ſchlug. Es war aber alles vergebens. Da der Tag ſich neigte, neigte ſich der Sieg auf die Seite der Beutelſpacher, die Bopfinger ſammt ihren Eid⸗ genoſſen wurden auf's Haupt geſchlagen und flohen eilends heim, ein Jeglicher in ſeine Hütte. Doch brachten ſie ihre Todten ehrlich von der Wahlſtatt mit hinweg, und ließen den Feinden nichts denn einen alten wollenen Kappenzipfel, welchen ein Pfahlbürger auf der Flucht verlor. Der durfte wohl des Ferſen⸗ gelds nicht ſparen vor den Beutelſpachern, denn wenn ſie ihn gefangen hätten, ſo hätten ſie ihm beide Augen ausgeſtochen, weil er ihnen zuvor verbürgert war und hatte ihnen geſchworen, war aber ein unverrechneter Amtmann, der ſich nicht getraute ſeine Rechnung abzulegen, und hatte ſich darum von ihnen ent⸗ fremdet und war Pfahlbürger worden bei den Bopfingern. Die Beutelſpacher aber hielten den erbeuteten Kappenzipfel gar hoch als ein großes Siegeszeichen, ja nicht weniger denn wie wenn ſie ein erſiegtes Fähnlein zu Handen gebracht hätten, ſetzten ihn auf eine Stange und verwahrten ihn in der Kirche, wo ſie ihre Todten begruben, und in der Inſchrift zu deren Häuptern, worin Tag und Stunde geſchrieben ſtand, wann dieſe Biedermänner 256 ehrlich und ritterlich erſchlagen worden, denen Gott eine fröh⸗ liche Urſtänd verleihen möge, gedachten ſie auch des Kappen⸗ zipfels mit den Worten:„Und auf die Stund wurd dieſer Kap⸗ penzipfel in Fähnleinsſcham den Feinden abgewonnen.“ Es waren aber bei der Geſchichte auf beiden Seiten viele Gefangene gemacht worden. Und obwohl die Bopfinger feld⸗ flüchtig geworden waren, ſo war es doch nicht Noth, daß ihre Gefangenen mit ihnen geflohen wären, denn damals war es Brauch, wer im Streit zu Gefängniß gedrungen worden war, der leiſtete Feldſicherheit und konnte ohne Weiteres auf freien Fuß zu den Seinigen kehren. Nach der Schlacht aber wurden von beiden Theilen diejenigen, die ſie auf ſolche Weiſe gefangen und geſichert hatten, bei ihren Eiden eingemahnt, und mußten ſich bei dem Feinde ſtellen und in offener Herberge bei ihm ver⸗ bleiben mit ſtarkem Leidweſen und allda ihr Hab und Gut ver⸗ zehren und durften ohne ſein Wiſſen und Willen nicht von dannen kommen. Da erhub ſich auf beiden Seiten groß Weh⸗ klagen der Weiber und Kinder von Armuths wegen, auch er⸗ kannten beide Theile, daß ihnen dieſer Krieg in vieler Weiſe ſchädlich geweſen ſei, und ließen es zu, daß Freunde dazwiſchen traten mit wohlbedachtem Muthe und gutem Willen, die ſchieden und verrichteten und vertrugen den Streit, und machten zwiſchen beiden eine friedliche Stallung, und wurde auch zuletzt ein ſteter und feſter und ewiger Friede geſchloſſen, mit dem Beding, daß ſie ihn halten ſollten, ſo lang es ihnen anſtehen würde. Denn das war der Brauch in deutſchen Landen dazumal. Wer ſich aber des Friedens wenig zu erfreuen hatte, das war der Eichele. Der wurde von dem geſtrengen Herrn Stadt⸗ meiſter gar übel empfangen und hart angelaſſen, darum daß er ſeines Söhnleins nicht beſſer gewartet habe. Er wollte ihm den Kopf vor die Füße legen laſſen; da aber namhafte Zeugen 257 geſehen hatten, wie er angegriffen wurde und ihm das Herrlein derweil entlief, ſo mußte der Stadtmeiſter von ſolchem Vorhaben zurückſtehen. Er erdachte alſo einen andern Weg, um ſeinen unverſöhnlichen Grimm zu ſättigen, und da der Eichele das ge⸗ ſchenkte Halsgeſchmeide frei öffentlich ſehen ließ, wie er auch mit gutem Gewiſſen thun konnte, ſo zog er ihn vor Gericht und klagte ihn an, daß er ſeinem Söhnlein freventlich einen alten unveräußerlichen Erbſchmuck abgeſtohlen habe. Dagegen ſchwur zwar der Eichele hoch und theuer, das Herrlein habe ihm den Schmuck zu eigen gegeben, aber Niemand von ſeinen Freunden war zu der Stunde im Streit an ſeiner Seite geweſen, und der Stadtmeiſter wußte vieles vorzubringen, um ſeine Ausſage un⸗ glaublich zu machen. Die Herren vom Rath, da ſie ſahen, daß der Stadtmeiſter von ſeinem Willen nicht laſſen und dem Eichele an Leib und Leben gehen wollte, ſo ließen ſie der Sache ihren Lauf. In der Gemeinde dagegen hatte er viele Freunde, die auf ſeine Unſchuld ſchwuren und mit Eut und Blut zu ihm ſtehen wollten. Es war ohnehin eine Spaltung zwiſchen der Bürgerſchaft und ihrem Rath entſtanden; denn die Zünfte, die bei den unaufhörlichen Kriegsläuften in Wehr und Harniſch frei⸗ ſam geworden waren, wollten ſich die Herrlichkeit der Geſchlechter, die im Gericht und Rathe ſaßen, nicht allewege mehr gefallen laſſen. Die Mißhellung wurde je länger je größer, und wußte man oft kaum mehr zu ſagen, ob es ein Rechtshandel ſei des Stadtmeiſters mit dem Eichele oder eine Sache zwiſchen Rath und Bürgerſchaft. Darüber verzog ſich der Entſcheid, aber der Rath, der im langen Herkommen des Regiments gewitzt war, machte ſich den Frieden zu Nutze, um ſich zu befeſtigen, und wie er allmählich ſeine Macht wieder erlangt hatte, ſo wagte er's doch zuletzt und ſprach das Todesurtheil, daß der Eichele wegen ehrbrüchiger Kurz, Erzählungen. I. 17 ————— 258 Beſtehlung eines Kampfgefährten zwiſchen Himmel und Erde an ſeinen Hals gehenkt werden ſolle. Da nun das Armenſünderglöcklein grillte, machte ſich alles Volk auf und zog zum Thor hinaus, um den Eichele auf ſeinem letzten Gange zu begleiten. Niemand unterſtand ſich ihm zu helfen, aber ſie riefen ihm Abſchiedsgrüße zu und ſahen ihn traurig an, denn er war ein treuer, kühner, fröhlicher Geſell. Fröhlich und aufrecht ſchritt er auch bei dieſem ſauren Gang einher, alſo daß ſich männiglich über ihn verwunderte; ja es ſchien zuweilen, als ob er ſich Gewalt anthun müßte, um das Lachen zu verbeißen. Zu ſeiner Rechten ging ein Pfaffe, zu ſeiner Linken ſein Procurator und Rechtsanwalt, der ſeine Sache vor Gericht geführt hatte. Endlich, als ſie zur Richtſtätte gelangten, ſah ſich alles Volk um, ſtill und verwundert; aber bald brachen ſie in ein großes Gelächter aus, denn es war ihnen auf einmal klar, warum ihr Freund ſolche fröhliche Zuverſicht blicken ließ. Die Bopfinger hatten, erſt über dem Kriegslärmen, dann über dem Rechtshan⸗ del, ganz und gar vergeſſen, was mit ihrem Galgen vorgegan⸗ gen und wie ihnen derſelbige von den Beutelſpachern weggebro⸗ chen worden war. Nun erſt, als ſie im Eifer daherkamen und ihn nicht mehr auf ſeinem Platze ſahen, gedachten ſie daran, und waren die Gerichts⸗ und Rathsherren faſt ſehr erbost, und be⸗ fahlen, daß alsbald ein neuer Galgen aufgerichtet werden ſolle. Da trat Eichele's Procurator hervor und ſprach: Mit Nichten, edle Herren, das wäre wider Recht und Geſetz; habt Ihr den Galgen nicht mehr, ſo habt Ihr auch die Gerechtigleit verloren, denn ſonſt könnte ein Jeglicher, der etliche Balken auf einander zu zimmern vermag, den Blutbann ausüben; wollet Ihr aber henken nach wie vor, ſo müſſet Ihr entweder das Eurige bei den Beutelſpachern oder aber einen neuen Freibrief für Galgen und Stock und alles Hochgerichte, auch was das Blut und Leib und Gut betrifft, bei dem Kaiſer holen. Was der Procurator geſprochen hatte, das wurde von dem ganzen Volke mit Einer Stimme für Recht erkannt, und der Rath mußte ſich, wiewohl mit widerhärigem Herzen, darein fü⸗ gen. Der Stadtmeiſter wollte zwar den Eichele als einen ſtin⸗ kenden Ruffianer, der den Blutbann meineidig, ehrlos, loblos, treulos an den Feind verrathen habe, von der ganzen Gemeinde zu Tode ſteinigen laſſen, konnte aber nicht durchdringen, ſondern der Eichele wurde dieſer Schuld halber freigeſprochen. Auch legten ſeine Freunde eine große Sicherheit und Bürgſchaft für ihn dar, daß er bis zu Austrag der ganzen Sache auf freien Fuß geſtellt werden mußte. Nun wurmte es jedoch den Geſchlechtern und Zünften und allem Volk, und auch dem Eichele ſelbſt, daß die Beutelſpacher ihren Stock und Galgen haben ſollten. Schickten demnach zu ihnen und ließen ihr dreibeiniges Eigenthum zurückfordern. Die Beutelſpacher lachten und antworteten, ſie ſeien nicht gewohnt, ein geſchenktes Gut wieder herauszugeben; wenn man den Gal⸗ gen mit Gewalt holen wolle, ſo ſei ſolches nicht verwehrt; in Minne aber werden ſie ihn nun und nimmer laſſen. Dabei verwieſen ſie auf den Richtungsbrief, der bei der Sühne aufge⸗ ſetzt worden war, laut Urkund deſſen die aufgewandten Kriegs⸗ koſten jedem der beiden Theile an ſeinem Part zur Laſt fielen, dagegen aber auch beide Theile alles das behalten ſollten, was ſie in dieſen Spänen und Stößen, Zweiungen, Kriegen und Auf⸗ läufen mit Gewalt zu Handen gebracht und ſich zugeeignet, und ſollte auch aller Unwille ab und todt ſein und kein Theil dem andern nichts geahnden noch geäfern, weder Mord, noch Brand, noch Raub und Nahme, weß Namens es auch ſein möge, weder mit Worten, noch mit Werken, noch mit Rathen, noch mit Ge⸗ 17* ——— thaten, weder heimlich, noch öffentlich, noch in irgend einer Weiſe, ohne alle Argliſt, ohne alle Gefährde. Wäre es nun den Bopfinger Herren nach ihrem Sinn er⸗ gangen, ſo wäre abermals der Krieg entbrannt, und auch der Eichele hätte ſich gern wieder friſch gehalten vor dem Feind, um die Scharte auszuwetzen, und hätte es ihn auch nachher den Hals gekoſtet; aber die Zünfte wollten keinen neuen Krieg und ſagten, der vorige ſei nur aus Eigennutz der Herren angeſponnen wor⸗ den, die die meiſten Weinberge hätten und mit ihrem Zoll den Beutelſpachern den Weinhandel hätten abſtricken und für ſich allein behalten wollen. Alſo waren die Herren genöthigt, von ihrem Fürnehmen abzuſtehen. Da wurde der Rath des Sinnes, an den Kaiſer zu gehen und eine neue Galgengerechtſame von Vollkommenheit kaiſerlicher Macht und Gnade zu erwirken; denn der Kaiſer war für alle Schäden gut, wenn man an ihn kommen konnte. Nur war er nicht leicht zu finden, denn er zog das ganze Jahr im Reich umher, und war bald da, bald dort. Alſo rüſteten ſie mit großen Koſten Geſandte aus, die zogen dem Kaiſer nach und fragten allenthalben nach ihm. Es währte aber lang, bis ſie ihn fanden. Und als ſie ihn gefunden hatten, konnten ſie nicht gleich vor ihn kommen, denn es waren Botſchafter und Verordnete aus allen Landen da, und jeder wollte etwas von ihm und hatte ihm etwas zu klagen, alſo daß er viel zu richten und zu ſchlichten hatte. Da blieben ſie einſtweilen bei ihm, bis daß ſie Gehör erlangen ſollten, und zogen mit ſeiner Hofhaltung von Ort zu Ort durch das ganze Reich. Und weil ſie auf ſolche Weiſe ihren Reiſepfenning verzehrten, ſo mußten ſie jeweils einen aus ihnen gen Bopfingen heimſchicken, um neue Wegzehrung für ſie zu holen. Auch mußten ſie Allen die Hände ſchmieren und ſalben vom unterſten Diener bis zu den oberſten Erzämtern hinauf, 261 um endlich zu dem Kaiſer durchdringen zu können; und auch vor dem Kaiſer ſelbſt durften ſie nicht mit leeren Händen erſcheinen. Solches dauerte Jahre lang, und haben die Bopfinger viel Gelds und Guts dabei zuſetzen müſſen. Unter dieſer Zeit begab ſich's einmal, daß ein fremder Dieb zu Bopfingen auf handhafter That ergriffen wurde. Da ſaßen ſie über ihn zu Gericht, und er bekannte ihnen frei, daß er um dieſer und anderer Thaten willen den Galgen reichlich verſchuldet habe. Sintemal ſie aber nicht hatten woran ſie ihn henken konnten, ſchämten ſie ſich ſehr, gaben ihm fünfzig Gulden und ſagten, er ſolle ſich anderswo einen Galgen ſuchen. Der Dieb meinte, ſie hätten das aus Verachtung ſeiner gethan, ward ſehr erbost, lief hin zu ihrer ſauren Nachbarſchaft, den Beutelſpa⸗ chern, und bot dieſen die fünfzig Gulden, ſo ſie ihm zu ſeinem Recht verhelfen wollten. Die Beutelſpacher aber pochten und ſprachen: Was bedürfen wir eines Fremden? Dieſer Galgen iſt für uns und unſere Kinder.— Ließen ihn mit dieſen Worten wieder laufen. Der zog auch lang umher im Reich und konnte nicht zu ſeinem Rechte kommen, bis er zuletzt nach Weſtphalen gerieth und der heiligen Vehme in die Hände fiel. Dieſelbige erbarmte ſich ſein, henkte ihn an den nächſten Baum, wie es ihre Weiſe, Handhabung und Gewohnheit war, und ſteckte ihr Meſſer dazu. Denn dieſes Gericht übte großen Fleiß, und nahm ſich aller vehmwrogigen Miſſethaten an, die ſonſt in den Landen deutſcher Zunge ihr Recht und ihren Strick nicht finden konnten. Den Beutelſpachern erwuchs inzwiſchen auch unmancher Se⸗ gen von ihrem Galgen. Sie hatten ihn an einem ungereimten Ort aufgerichtet, und als ſie auf einen Tag etliche Diebe, weiß nicht eigene oder fremde, daran gehenkt hatten, ſo trug es ſich zu, wenn die Sonne dahinter ſtand, daß die Schatten der Ge⸗ henkten in die Häuſer hereinfielen, an den Wänden hin und 262 wieder ſpielend, und die Weiber, die mit einem Kinde gingen, zum Schaden ihres Leibes an dem Schattenſpiel erſchracken. Da beſorgten ſie ſich ſchwerer Gefahr für ihre Nachkommenſchaft, ja ſie fürchteten gar, es möchten von dieſen Dingen mit der Zeit Erbdiebe unter ihnen aufkommen; brachen daher den Galgen wieder ab und führten ihn an einem gelegeneren Orte auf alſo, daß er ihnen auch nicht wenig Unluſt, Zeit und Geld gekoſtet hat. Nachdem nun die Geſandten der Bopfinger viele Jahre mit dem Kaiſer umhergefahren waren, erdrangen ſie endlich einen Brief von ihm, worin ihnen die Freiheit und Gewalt ertheilt war, einen neuen Stock und Galgen aufzurichten und ſich deſſelbigen zu gebrauchen. Und alsbald, da ſie das Perga⸗ ment mit dem kaiſerlichen Siegel nach Hauſe brachten, ließ der Rath den Galgen zimmern und den Eichele hinausführen, um das vergilbte, aber noch rechtskräftige Urtheil nunmehr durch die Hand des Meiſters Hämmerling an ihm zu vollſtrecken. Und abermals zog die Gemeinde traurig mit, und getraute ſich nicht ihren Freund zu erretten. Der aber war betagt und lebensſatt, und als ſein Procurator im Hinausziehen zu ihm ſprach, diesmal werde ihm nicht mehr zu helfen ſein, ſo antwortete er, es liege ihm nicht viel daran, und doch, ſo lang er noch nicht von der Leiter geſtoßen ſei, könne ſein Heil noch blühen, und hätten ſeine Feinde keine Urſache ſich zu freuen. Da er nun auf der Leiter ſtund, ſo verlas ein Rathsherr mit lauter Stimme den kaiſer⸗ lichen Freibrief vor der Gemeinde. Der Eichele hörte aufmerk⸗ ſam zu, und bei einer Stelle gab er ſeinem Procurator einen Wink; deſſen Geſicht aber ſah mit einmal ganz freundlich aus, wie ein Herbſttag, wenn ſich das Gewölke verzieht. Der Raths⸗ herr, da er zu Ende war, wollte den Befehl zur Hinrichtung geben, und der Henker griff ſchon zu; da trat aber der Prd⸗ curator hervor und ſprach: Edle, geſtrenge, feſte, wohlweiſe, für⸗ ſichtige Herren, Ihr habt zwar von kaiſerlichen Gnaden die Frei⸗ heit erlangt, Holz im Walde zu fällen und einen Galgen daraus zu zimmern, ſelbigen auch aufzurichten, nebſt Bewilligung andern Zubehörs an Eiſen, Klammern, Nägeln, Leiter und mehr, aber die Hauptſache iſt von kaiſerlicher Majeſtät überſehen und ver⸗ geſſen worden, nämlich die Gerechtigkeit, einen Strick an dem Galgen zu haben, da doch ſonſten in dem Privilegio aller Punkten gar beſonders gedacht wird und kein Jota mangelt, nur allein den Strick ausgenommen; bin derhalben gänzlich der Meinung, Ihr müſſet den Kaiſer noch einmal beſchicken und des Strickes wegen um ein vollſtändiges Privilegium einkommen, anheute aber und bis auf ein Weiteres Euch vorhabender dieſer Execution bemüßigen. Ueber ſolchen Proteſt entſtand ein unermeßliches Frohlocken in der Bürgerſchaft, und der Eichele ward mit lachendem Munde von der Leiter herabgeholt. Der Rath wollte ſich zwar dagegen ſetzen, aber er mußte die Satzung und den Rechtsbuchſtaben un⸗ geſcholten laſſen, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als auf ein oberſtrichterliches Erkenntniß anzutragen, bis zu deſſen Fin⸗ dung und Fällung der Maleſicant abermals gegen Bürgſchaft ſeiner Freunde auf freien Fuß geſetzt werden mußte. Die Sache kam vor das löbliche Kammergericht, das jegliches Unrecht von Herzen ſcheute und darum ein Urtel in keinerlei Weiſe übereilte. Endlich aber erließ es doch ſein Mandat, und erkannte, daß der Rath allerdings den Kaiſer erſt um ein beſonderes Privilegium, ſich des Stricks zu bedienen, bitten müſſe, und daß er, bevor ihm ſothanes Privilegium ertheilt ſein würde, ſich eines peinlichen Halsgerichts, wobei auf den Strick erkannt werde, in alle Wege zu enthalten habe. 1 Da nun der Spruch, nach welchem der Verurtheilte den dürren Baum reiten ſollte, nicht mehr zu ändern war, und ſeine -—õ ñ Widerſacher ſich nicht unterſtehen durften, ihn mit einer andern Strafe anzuſehen, ſo zogen die Geſandten wieder dem Kaiſer nach und mit dem Kaiſer im Reich umher; weil jedoch der Herr bei dem großen Drang des Regiments nicht gern don derſelbigen Sache zweimal hören wollte, ſo hatten ſie nun mit dem Strick noch viel mehr Kummer, Aufhalt und Hinderſal, denn ſie zuvor mit dem Galgen gehabt hatten. Da ſie aber zuletzt doch ihre Werbung vollbracht hatten und mit der Gerechtigkeit des Stricks als alte eisgraue Männer nach Hauſe kamen, da fanden ſie die Geſchlechter vertrieben, die Zünfte in Rath und Gericht einge⸗ ſetzt und die ganze Ordnung umgekehrt. Ste legten der neuen Obrigkeit Rechenſchaft von ihrer Sendung ab, überlieferten die beſiegelte Urkunde und erlangten freien Abzug, worauf ſie eilends weiter reisten, um ihre alten Freunde aufzuſuchen. Der unverſöhnliche Stadtmeiſter war am Tage, wo die Zünfte über den Rath obſiegten, vor Leid und Unmuth geſtor⸗ ben, und auch der Eichele ſchlief ſchon längſt, aller Todesangſt überhoben, unter einem ſchönen Grabſtein, den ihm ſeine Freunde aus den Zinſen des Bürgſchaftsgeldes hatten ſetzen laſſen. Nach alter Sitte war der Inſchrift beigefügt: Ascensionem exspectans, und heißt das zu deutſch: Er harret ſeiner Erhöhung. Auf ſolche Weiſe ſind die Bopfinger endlich wieder zu ihrem Galgen und Strick gekommen. Es hat ſich aber davon viele hundert Jahre lang in Bopfingen und Beutelſpach ein Sprich⸗ wort erhalten. Nämlich wenn Einer von einem Andern etwas Unbilliges, oder was dieſem unbillig ſchien, begehrte, und der es ihm recht nachdrücklich abſchlagen wollte, ſo ſchlug ers ihm ab mit den Worten: Ja, den Galgen! ſagt der Eichele. „Die Zaubernacht. „Wir Petrus, Guardian, und Johannes, Viceguardian in hieſigem Barfüßerkloſter, Sanct Franciskenordens geweßt, beken⸗ nen öffentlich und thun kund männiglich mit dieſem Briefe: Nachdem uns Gott der Allmächtige durch Verkündung des hei⸗ ligen Evangelii aus der papiſtiſchen Irrſal gnädiglich geführt und mit dem Licht ſeines lebendig machenden Worts unſere Herzen erleuchtet, daß wir von unſern Ceremonien, Kleidung, Kutten, Kappen und Platten mit gutem Gewiſſen frei abgeſtanden, und alſo mit gutem freiem Willen aus dem Kloſter gangen ſind, daſſelbige auch nach gethaner Rechnung dem fürſichtigen, ehr⸗ ſamen und weiſen Herrn Bürgermeiſter und Rathe hieſiger des heiligen römiſchen Reiches Stadt, unſern günſtigen Herren, mit aller ſeiner Zugehör, Nutzung, Renten, Gilten und Einkommen, frei übergeben und zugeſtellt haben; übergeben und ſtellen wir ihnen auch daſſelbige zu, in Kraft dieſes Briefs. Verſprechen auch bei unſeren wahren Treuen und Eiden, nun fürohin, die⸗ weil wir im Leben ſeien, unſer Leibgeding, ſo uns von gemeldten Kloſters Pflegern jährlich gegeben wird, allhie in der Stadt zu verzehren, und ſonſt nindert anderswo an keinen Enden, Städten noch Flecken, allda wir unſere Wohnung haben wollten, zu ver⸗ brauchen, ſondern unſer Leben allhie zu verſchließen und zu vollenden. Wobei wir uns auch aller Gnaden, Privilegien, Frei⸗ heiten, Satzungen, Statuten, Conſtitutionen der geiſtlichen oder weltlichen Rechte, ſonderlich unſeres vermeinten Ordens, ſo uns 268 von Päbſten, Concilien, Kaiſern, Königen, oder andern Fürſten und Herren, was Gewalts oder Herrlichkeit die wären, gegeben, gänzlich verziehen und begeben haben, in Kraft dieſes Briefs“ ꝛc. Die beiden geiſtlichen Obern unterzeichneten dieſe Urkunde, nachdem der Stadtſchreiber ſie verleſen hatte, in Gegenwart einer Rathsdeputation, und ſchickten ſich hierauf an, der Obrigkeit die bisher bewohnten Räume zu übergeben. Hiemit hatte die Re⸗ formation in der Reichsſtadt den letzten Boden erobert; ſie war, von den demokratiſchen Zünften mit raſcher Hand ergriffen, dem Magiſtrat bald über den Kopf gewachſen, ſo daß dieſer an die Spitze der Bewegung treten mußte und auch in anfänglich kräf⸗ tiger Einung mit den Fürſten und Städten ſich bei dieſen das Lob entſchiedenen Beharrens erwarb. Die Stadt hielt feſt, auch als nachher in Deutſchland die Geſinnungen herüber und hinüber ſchwankten. Das alte Franciscanerkloſter, mitten in ihr gelegen und von den Fluthen der neuen Zeit umrauſcht, ſah allmählich die alten geiſtlichen Dämme brechen. Der junge kecke Geiſt war auch in die feſten Zellen gedrungen; ſelbſt die ſchweigſamen Be⸗ wohner der nahe gelegenen Karthauſe konnten ihn nicht von ſich abhalten, und von den Barfüßern trat bald einer um den andern aus, als Prädicant oder in andern rührigen Verrichtungen ſich ſeinen Weg durch die Welt zu bahnen. Andere, welche treu an der Regel hielten, hatten ſich in entferntere Klöſter auf ſicheren Boden zurückgezogen, und ſo blieb ein kleiner Reſt der Bruderſchaft, der jetzt mit den Vorſtehern den letzten Schritt in die Welt hinaus zu thun ſich bereitete. Es geſchah mit jenem Ernſt, mit welchem beſonnene Männer einem neuen Leben und einer völlig veränderten Geſtalt der Zeit entgegentreten. Auch die Rathsperſonen, obgleich ſie das vergnügliche Bewußtſein, für den gemeinen Säckel geſorgt zu haben, kaum verbergen konnten, ehrten den Abſchied der Bruderſchaft von ihrem Stand und 269 Herd. Die geiſtlichen Herren ſchwiegen; der Guardian gab von Zeit zu Zeit die nöthigen Anordnungen und Nachweiſungen mit gehaltener Stimme. Er war ein friſch ausſehender Mann in mittleren Jahren, deſſen freimüthiges Geſicht den Ausdruck der Ueberzeugung trug. Seit Jahren hatte er ſich innerlich dem neuen Lichte angeſchloſſen, dabei aber ſein perſönliches Meinen und Wollen von der ihm auferlegten Stellung wohl unterſchieden und gewiſſenhaft für ſeine Gemeinde geſorgt, bis nichts mehr zu ſorgen übrig war und er in Freiheit mit ſeinem eigenen Be⸗ kenntniß hervortreten konnte. Er hatte der Stadt ſeine Dienſte als Lehrer angeboten, und ſein Benehmen war ſo allgemein mit Wohlgefallen aufgenommen worden, daß ihm der Stadtſchreiber ſeine Tochter, die er aus Anlaß vielfältiger Beſprechungen in deſſen Hauſe kennen gelernt und deren verſtändiges Geſicht Ein⸗ druck auf ihn gemacht hatte, von freien Stücken zur Ehe gab. An dem Tage, da das Kloſter übergeben wurde, ſollte zugleich die Hochzeit gefeiert nnd die neue Heimath eingeweiht werden. Eben hatte er die letzten Schlüſſel den Rathsherren über⸗ geben, als ſein bisheriger Amtsgenoſſe zu ihm herantrat. Herr Guardian— Herr Petrus, ſagte er etwas verlegen: der Bruder Severin will nicht aus ſeiner Zelle weichen. Bruder Severin! Den hätten wir beinahe vergeſſen! rief der Guardian, und auf die fragenden Blicke der Rathsherren erwiderte er: das iſt ein alter Laienbruder, der ſich ſeit undenk⸗ lichen Zeiten im Kloſter befindet. Keiner weiß, wie er herein⸗ gekommen iſt. Die älteren Brüder erinnerten ſich noch ſeines Fleißes und ſeiner unabläſſigen Dienſtleiſtungen. Nun iſt aber ſeit Jahren ſein Körper und ſein Geiſt in eine Art Schlummer verſunken, aus welchem ihn Niemand ſtört. Die Zeit hat ihr Antlitz umgewandelt, ohne daß er es gewahrte, und es wäre —y—ÿ 270 ſchwer, ihm begreiflich zu machen, daß die alte Ordnung hier aufgehört habe und der Convent ſäculariſirt worden ſei. Was fangen wir aber mit ihm an? fragte der Viceguardian. Ich muß mich ſchelten, ſagte der Guardian, daß ich im Ge⸗ dränge dieſer neuen Sorgen und Geſchäfte nicht an ihn gedacht habe. Wenn ich nur wüßte, wo man ihn unterbringen könnte. Er war mir immer gehorſam und ſonderbar anhänglich: ich denke, wir ſchaffen ihn doch noch ohne Mühe hinaus. Einer der Zunftrichter von der Rathscommiſſion erbot ſich, dem Gebrechlichen ein Hinterſtübchen einzuräumen, welches einer Zelle nicht ganz unähnlich ſehe. Der Guardian dankte ſehr er⸗ freut und ſchritt alſogleich zum Werke. Die Andern ſchloßen ſich ihm an. Ueber mehrere lange Gänge, wo ihre Tritte öde und einſam wiederhallten, gelangten ſie zu einer Zelle, welche der Guardian öffnete. Hier lag ein Greis in der Barfüßerkutte. Er ſchien zu beten. Unverſtändliche Worte durch den ſtruppigen Bart murmelnd, warf er unter den buſchigen Augenbrauen her⸗ vor einen ſcheuen Blick auf die Eintretenden. Bruder Severin! rief der Guardian mit ſanfter aber ern⸗ ſter Stimme. Der alte Mönch erhob ſich raſch, verbeugte ſich vor ſeinem Obern, und als dieſer fortfuhr: Kommt, und thut wie ich Euch heißen werde— ſo folgte er mit klöſterlichem Ge⸗ horſam und wurde ohne Schwierigkeit hinausgebracht. Er ſchritt ruhig durch die Straßen mit, als ginge er in einer Proceſſion. Der ehmalige Guardian verließ ihn nicht, bis er ihn in ſeiner neuen Wohnung einigermaßen eingerichtet ſah. Hier bleibt, Bru⸗ der Severin, bis man Euch anders weiſen wird, ſagte er beim Fortgehen, und der alte Mönch folgte ihm zwar mit verwunder⸗ ten Blicken, blieb aber auf einen Wink des Guardians an der Thüre ſtehen und ſchien ſich in das Unbegreifliche zu fügen. Die Hochzeit wurde ſtill, wie es ſich gebürte, gefeiert. Der 271 Ernſt der Zeit, die bedenklichen Nachrichten von dem bundesver⸗ wandten Augsburg, die drohenden Rüſtungen des Kaiſers ließen nicht an Tanz und Luſtbarkeiten denken, die auch der Sinn des Bräutigams bei einem ſo eigenen Uebergang von ſeiner bisheri⸗ gen Lebensſtufe auf die jetzige verſchmäht haben würde. Nach einem beſcheidenen Mahle im Hauſe des Schwieger⸗ vaters ſaßen die Neuvermählten Abends in ihrer Wohnung. Die Verwandten, die ſie heimgeführt, hatten ſich entfernt, und die anbrechende Dämmerung brachte zum erſtenmal das ſüße Gefühl des heimiſchen, traulichen Beiſammenſeins. Ihr habt ſo etwas Thätiges in Eurem Ausſehen, lieber Herr, wie ſeid Ihr denn ins Kloſter gekommen? fragte die junge Frau, indem ſie ihm freundlich in die Augen ſah. Wie ſo mancher Andere auch. Ich war ein vater⸗ und mutterlos Kind. Darum habe ich mich auch ſo lang zurückge⸗ halten, weil es mir wehe that, des Undanks beſchuldigt zu werden. Ach, es muß traurig ſein, wenn man niemand in der Welt hat, keinen Freund und Verſorger, wenn man abhängig wird und dann mit Pflichten und Geſinnungen in Widerſpruch kommt. Und doch, liebe Hausfrau, wird es wenig Menſchen geben, die nicht in ſolche Widerſprüche gerathen. Eine Zeit, wie die jetzige, läßt keinen ruhig ſeiner Wege gehen. Es hätte wohl manches bleiben können, unbeſchadet der Wahrheit; aber die Einen wollen über alle Berge hinaus, die Andern hinter alle Maulwurfshügel zurück, und dieſe Beiden kehren die Welt mit einander um. Wie iſts Euch in Eurer Jugend ergangen, und wie habt Ihr Eure Eltern verloren? Davon weiß ich wenig zu ſagen. Ein wunderlicher Beſchü⸗ tzer zog mit mir in der Welt herum, ein fahrender Schüler, der 83 — ··-· 272 mit Künſten und Poſſen den Unterhalt für uns Beide erwarb und mich faſt mehr noch wie eine Mutter denn wie ein Vater pflegte. Er war mit einer wahren Angſt darauf erpicht, daß ich ihm anhänglich ſein ſollte, und erzählte mir oft, wie viel er für mich gethan habe. Aus dem Feuer habe er mich mit Lebens⸗ gefahr geriſſen, als meine Mutter ſchon todt geweſen ſei. Verbrannt? Um Jeſu willen nicht! Nein, ſie war an der Geburt geſtorben, und er ſchleppte mich mit ihrer Leiche aus den Flammen heraus. Aber ich konnte nicht klug werden aus ſeinen Erzählungen. Bald wüthete er gegen meinen Vater, der in die weite Welt gelaufen ſei und ihm die Sorge für mich arme fremde Brut überlaſſen habe— da konnte er dann thun, als ob ich eine ſchwere Laſt für ihn wäre, und doch lief er mir ſo ängſtlich nach, wie die Henne ihren Küchlein— bald ſagte er wieder, mein Vater ſei unſchul⸗ dig und ein Anderer habe den Jammer angerichtet; wenn ich aber nach dieſem Andern fragte, ſo rief er mit ſtrengem Blicke: Schweig' ſtill, es iſt dir beſſer, du erfährſt es nie! Dazwiſchen warf er ſich auf die Kniee, rang inbrünſtig die Hände und ſchrie in Einem fort: O du Selige, du Heilige, bitt' für uns und vergib uns unſere Schuld. Ich weiß nicht ob das der Jungfrau Maria galt; es kam mir aber nach ſeinen wunderlichen Reden oft vor, als meinte er meine Mutter damit. Ich könnte nicht aufhören⸗ wenn ich alle ſeine Seltſamkeiten erzählen ſollte. Er war jeden Tag ein Anderer, das einemal leichtfertig und gugelführiſch, dann wieder zerknirſcht bis zur Todesangſt. Den Leuten machte er Künſte und Stücke vor, daß ich heute noch glauben müßte, er habe es mit dem Böſen gehalten, wenn es uns nur nicht oft ſo gar kümmerlich gegangen wäre. Denn wenn er etwas hatte, ſo brachte ers durch, und keine Sorge um mich, die doch gewiß groß war, konnte ihn vermögen, etwas zurückzulegen. So kamen 273 wir eines Tages abgeriſſen und hungrig im hieſigen Barfüßer⸗ kloſter an. Kaum hatte man uns ein wenig mit Eſſen gelabt, ſo verfiel mein Pflegevater in ein tödtliches Fieber. Die guten Franciscanermönche nahmen ſich ſeiner und meiner an, konnten ihn aber nicht anders beruhigen als durch das Verſprechen, mich im Falle ſeines Hinſcheidens im Kloſter zu behalten und geiſtlich werden zu laſſen. Sein Tod war grauenvoll: er wälzte ſich vor mir auf dem Boden und flehte mich unaufhörlich um Ver⸗ zeihung an. So ſtarb er, und ich weiß heute noch nicht was ich von ihm denken ſoll. Wider meinen Willen ſtieg ich bis zum Guardian auf. Ich erfüllte treulich meine Pflichten, aber mein Herz war nicht im Kloſter; lieber hätte ich als der geringſte Knecht durch Schaufeln und Graben im Schweiß meines Ange⸗ ſichts mein Brod erworben. Oft dachte ich, mein ſeltſamer Be⸗ ſchützer habe mich deshalb auf dem Sterbebette ſo um Verzeihung gebeten, weil er vorausgeſehen, daß er mir ein trauriges Leben bereite, und es doch nicht habe ändern können. Manchmal war es mir auch wieder, als ſtecke ein beſonderes Geheimniß da⸗ hinter. Er hat vielleicht eine unrechte Liebe zu Eurer Mutter ge⸗ tragen, und hat ſie dadurch ins Unglück geſtürzt. Meinſt du, Magdalene? Der damalige Guardian, dem er vor ſeinem Tode beichtete, ſagte mir in ſpäteren Jahren, meine Mutter ſei aus Angſt und Schreck in den Wehen geſtorben, weil ihr Mann, der ſehr lang abweſend und ſehr argwöhniſch ge⸗ weſen, das Kind nicht habe für das ſeinige erkennen wollen. Ich ſolle aber meiner Mutter, die einen unſträflichen Wandel geführt und als ein erbarmungswerthes Opfer einen wahren Martertod erlitten habe, wie einer Heiligen gedenken. Uebrigens zieme mir nicht mehr zu wiſſen. Das iſt eine traurige und geheimnißvolle Geſchichte. Kurz, Erzählungen. I.. 18 274 Es iſt gar keine, erwiderte er. Liebe Hausfrau, nehmt an, ich ſei durch einen langen finſtern Gang, wo hin und wieder ſchaurige unſichtbare Fittige wehten, hindurchgewandelt, und die Höhle ſei nun hinter mir verſchüttet worden. Nun bin ich ge⸗ borgen bei Euch, und fange ein neues Leben im Licht und in der Wärme an; das vorige aber iſt als wäre es nicht geweſen. Der erſte Stern erſchien über den hohen Häuſern und ſah freundlich in die Fenſterniſche, worin die beiden Gatten ſtanden. Siehſt du dieſen Boten, Magdalene? rief der glückliche Bräuti⸗ gam, und wollte eben liebreich ſein junges Weib in die Arme ſchließen, als draußen geklopft wurde. Er öffnete und eine dunkle Geſtalt trat herein. Es war die Tochter des Zunft⸗ meiſters. Ihr Vater, ſagte ſie, laſſe den Herrn Petrus bitten, doch in Eile zu ihm zu kommen, der alte Mönch ſei ſehr unruhig geworden und faſt nicht zu ſtillen. Auch begehre er ſehnlich nach ſeinem Guardian. Der ehmalige Kloſtervorſteher brach alsbald auf. Das Mäd⸗ chen aber blieb, damit, wie ſie ſagte, ihrer Muhme nicht gleich am erſten Tage die Zeit zu lang werden möchte. Der Zunftvorſteher empfing ihn auf dem Hausflur. Es thut mir leid, würdiger Herr, daß ich Euch ſtören mußte, ſagte er: aber ich weiß nicht was ich mit meinem Pflegebefohlenen anfangen ſoll. Ich beſorge, er wird's nicht lang mehr treiben. Er hat ſich ganz verändert und aus ſeiner ſtillen Stumpfheit aufgerafft. Erſt tobte er in ſeiner Kammer umher, begehrte mit Gewalt in ſein Kloſter zurück, ſchrie, man habe ihn herausge⸗ lockt, man habe einen Anſchlag auf ſein Leben, und dergleichen verwirrtes Weſen mehr. Dann fragte er ſehnlich nach Euch, Herr, und ſagte, er müſſe Euch beichten, er könne ja ſonſt nicht ſterben, und er habe es wider alle Kloſterregeln bis jetzt ver⸗ halten. Da ich nicht mehr wußte wie ich ihn beruhigen ſollte, — 275 ſo habe ich heimlich nach Euch geſchickt, ihm aber derweil eröffnet, das Kloſter ſei aufgehoben und es gebe keinen Guardian mehr. Das hat denn auch bei ihm gewirkt: er ſah mich ſtarr und ver⸗ geiſtert an, und hat ſeitdem den Mund nicht mehr geöffnet. Hört Ihr? es iſt ganz ſtill in ſeiner Kammer. Kommt, Herr, wir wollen nach ihm ſehen. Sie traten mit der Lampe bei ihm ein. Der lange hagere Greis, immer noch mit der Kloſtertracht bekleidet, ſaß auf einem Stuhl in der Ecke, und ſeine Augen blitzten hervor, wie die Augen eines Löwen, den man in ſeinem Neſt beſuchen will. Auf einmal erkannte er im Schein der Lampe das Antlitz des Guardians. Er fuhr auf, ſtürzte ihm zu Füßen und ergoß ſich, bald murmelnd bald ſchreiend, in einen Strom von Reden. Er ſchien zu glauben, das Kloſter ſei überfallen und ſein Oberer gemordet worden. Dann verſicherte er ſich wieder ſeiner Gegen⸗ wart, weinte, bat ihn um Schutz, und flehte in ſeine ſtille einſame Zelle zurückkehren zu dürfen. Er war wie außer ſich, und der Guardian, der ihn ſo lange Jahre kaum ein Wort ſprechen gehört, erachtete wohl, daß dies Aufflackern ein nahes Erlöſchen verkündige. Seid ruhig, Bruder Severin, ſagte er ſänftlich zu ihm. Der Ton der wohlbekannten Stimme wirkte wie ein ſchmerzſtil⸗ lendes Mittel, indeſſen der Guardian ihn vom Boden erhob und fortfuhr: Ihr ſeid in guten Händen, niemand will Euch etwas zu leide thun, und ich werde Euch täglich beſuchen, ob Euch nichts abgeht. Der Alte hatte ſich nach ſeinem Stuhle führen laſſen, und ſaß mit geſenktem Haupte da. Ins Kloſter! murmelte er, wie ein Kind, das trotz aller Gegenreden auf ſeinem Willen beharrt. Ihr habt ja auch hier gemächliches Leben, verſetzte der Guardian und legte ihm die Hand auf die Schulter. 18* 276 Der Alte ſchien dies wie einen Vorwurf zu nehmen, der ihn lebendig machte. Gemächlichkeit, rief er und hob das Haupt, Gemächlichkeit für einen alten wilden Kriegsknecht! Ich bin mit Maximilian gegen die Schweizer gezogen, ich habe Neapel und Mailand erobern helfen, mit dem großen Gonſalvo hab' ich mich herumgeſchlagen. Aber im Kloſter, da iſts ſtill. Ihr habt vergoſſenes Bruderblut auf der Seele, begann der Guardian, um ihn bei dieſem Gedanken feſtzuhalten. Aber ſeid getroſt: was Ihr im Kriege nach Gebot und Pflicht gethan habt, das kann vergeben werden. Der Alte antwortete nicht. Sein Haupt war ihm wieder auf die Bruſt geſunken, jedoch nicht aus Schwäche oder Stumpf⸗ ſinn. Man ſah vielmehr, daß etwas in ſeiner Bruſt arbeitete, wie eine Macht die durch alle Nerven wühlt. Langſam hob er das Haupt wieder, ſeine Augen wurden heller und immer heller. Er ſah dem Guardian lang in das Angeſicht, dann ſank er mit gefalteten Händen in die Kniee, ſchaute innig zu ihm auf, und mit einer Stimme, ganz verſchieden von ſeiner bisherigen, ſprach er: Mein Vater, höre mich, ich will und muß dir beichten. Der Guardian ſah ſich nach dem Hausherrn um. Dieſer nickte ihm zu, ſtellte die Lampe auf den Tiſch und ging leiſe hinaus. Sprich, mein Sohn, erwiderte der Guardian, während er ſich, ihn zu beruhigen, in der Weiſe eines Prieſters, der da Beichte hört, auf dem Stuhle niederließ; und der Knieende be⸗ gann ſeine Beichte gefaßt und im Tone voller klarer Beſinnung. Er war in wenigen Augenblicken ein ganz Anderer geworden. Ich war in meinen jungen Jahren ein ehrſamer Bürger. Ich hatte Geld und Gut, ein blühendes Gewerbe, ein ſchönes junges ſanftes Weib.. Er hielt inne. Die Thränen ſtrömten ihm über den ſtrup⸗ 277 pigen Bart; es ſchien als ob bei ihm nach langem Winterfroſt ein mildes Thauwetter eingetreten wäre. Der Guardian hörte aufmerkſam zu und ließ ihn gewähren. Plötzlich umſchlang der alte Mann mit Heftigkeit ſeine Kniee: Mein Vater, rief er, du weißeſt alle Dinge, ſage mir ob ſie ſchuldig war! Ach, ſie hatte ſo ein reines Herz, und doch, und doch! Wie kann ich das wiſſen? verſetzte Herr Petrus. Wodurch erregte ſie denn deinen Verdacht? War ſie vielleicht zu freund⸗ lich gegen andere Männer? Das iſts, mein Vater! Sieh, du ſprichſt wahr! Ich hatte an ihrem Betragen nichts zu tadeln, als daß ſie freundlich und liebreich wie ein Engel war gegen jedermann, und das konn⸗ ten die Leute ja mißverſtehen.— Freilich, murmelte er dumpf, ein Engel muß ja liebreich gegen alle Menſchen ſein. Du warſt alſo eiferſüchtig? Lang war ichs nicht; nur wurde ich hie und da ein wenig unmuthig; denn, ſie mochte es wollen oder nicht, ſie entzündete alle Herzen mit ihrer Freundlichkeit. Aber da kam ein fahren⸗ der Schüler. Der Guardian machte eine raſche Bewegung und erblaßte. Der buhlte gar zu offen um ſie, und war ſo muthwillig und ſo argliſtig und ſo höhniſch. Sie aber hatte eine Luſt an ſeinen Gaukeleien und lachte fröhlich dazu, obgleich ſie wohl hätte wiſſen können, daß ſich das nicht gebürte und daß ſie als eine ehrbare Ehefrau ihn ſtracks hätte abweiſen ſollen. Sie hätte wohl wiſſen können, daß mir bei ſolchem Unweſen ein Stich um den andern durch das Herz fuhr. Iſt das ein Grund, mit einer argloſen jungen Frau zu hadern, daß ſie ſich an den Gaukelkünſten eines fahrenden Scho⸗ laſten ergötzte? Hatteſt du denn keine Kinder, die dir für ihre Treue bürgten? Das war es ja, mein Vater, das war ja eben der Fehler! Ich hatte keine. Unſere dreijährige Ehe war ungeſegnet geblie⸗ ben, und trotz aller Liebe kam eine Leere zwiſchen uns. Ich hatte eine Sehnſucht nach Kindern, die mir das Herz oft mit dem bitterſten Weh erfüllte. Hundertmal warf ich mich vor der gebenedeiten Jungfrau, der Mutter aller Gnaden, nieder, und flehte ſie an, mein Haus zu ſegnen, aber ich hoffte umſonſt. Endlich wachte ich eines Morgens mit dem Gedanken auf, nach Köln, zu allen Heiligen die dort ſind, zu pilgern. Er war mir ſo unverſehens gekommen, daß ich ihn ungezweifelt für eine Eingebung von oben hielt. Ich ſagte ihn meinem Weibe, und ſie war zufrieden, wie mit allem was ich that. Aber beinahe wäre nichts aus der Fahrt geworden. Denn am Tage vor der Abreiſe, auf einem Schützenfeſte, war es, daß der Gaukler ſeine Buhlkünſte am ärgſten trieb; und daß ſie ſtatt der Abſchiedsge⸗ danken, die ſie billig hätte haben ſollen, ſo ſcherzen und lachen konnte, das verfinſterte mein Gemüth gegen ſie. Ich fürchtete, der ſpöttiſche Bube werde meine Entfernung benützen, und wollte von meinem Vorſatz abſtehen; aber ich hatte ihn ſchon allen meinen Freunden geoffenbart, wir hatten den Schützentag zugleich zu einem Scheide⸗ und Minnetrunk beſtimmt, und ich ſchämte mich deshalb, eine ſolche Veränderlichkeit laut werden zu laſſen. Im Heimgehen machte ich ihr bittere Vorwürfe; ſie weinte ſtille vor ſich hin, und es reute mich wieder, ſie geſcholten zu haben. Sie kam mir vor wie ein Kind, das unſchuldiger Weiſe mit einem gefährlichen Werkzeuge geſpielt hat. Darum redete ich wieder gütlich zu ihr, und wir kamen verſöhnt nach Hauſe. Ich meinte, ich habe ſie nie zuvor ſo lieb gehabt, und mein Gehen war mir jetzt aus Liebe noch leider als es mir zuvor aus Eifer⸗ 279 ſucht geweſen war. Des Morgens, als der Tag graute, wollte ich mich leiſe von ihrer Seite fortſchleichen, um ſie nicht zu ſtören; aber ſie erwachte bei meiner erſten Bewegung, klammerte ſich an mich an und flehte mit inniglichem Weinen, ich möchte ſie nicht verlaſſen, Gott könne mir ja meinen Wunſch auch un⸗ gereist erfüllen. Mein Herz ſagte freilich Ja, aber mein Mund wollte ſich nicht dazu verſtehen, ein ausgeſprochenes Wort rück⸗ gängig zu machen. Ich küßte und herzte ſie, und wir nahmen mit großem Weh und vielen Thränen Abſchied von einander. O daß ich doch ihren Worten gefolgt und bei ihr geblieben wäre! Wie großes Unheil hätt' ich dadurch verhütet! Er wühlte ſchmerzlich in ſeinen grauen Haaren und legte das müde Haupt dem Guardian aufs Knie. Dieſer hatte die Hände vor ſein Angeſicht geſchlagen; dicke warme Tropfen quol⸗ len durch ſie hervor. Endlich erhob der alte Mann das Haupt wieder und fuhr fort: Als ich in Köln nach langem heißem Gebet im Abend⸗ zwielicht den Dom verließ, geſellte ſich ein verhüllter Mönch zu mir. Er bot mir den Gruß des Friedens; ſeine Stimme er⸗ weckte in mir ein ſolches Vertrauen, daß es mir war, als ob ich ihm mein ganzes Herz öffnen müßte, und da er mich fragte, was mich hiehergetrieben, ſo gab ich ihm unverhalten von allem Kunde, von meiner Sehnſucht nach Kindern und von der ängſt⸗ lichen Sorge, mit der ich mein Weib daheim gelaſſen habe. Wie ich nun des Schülers erwähnte, da ward er ſehr nachdenk⸗ lich und befrug mich genau nach deſſen Ausſehen von Antlitz und Geſtalt. Den kenne ich wohl, ſagte er auf meine Beſchrei⸗ bung: das iſt gar ein arger Geſell, und verſteht ſich auf teuf⸗ liſche Zauberſtücke, womit er ſchon manchen guten Chriſtenmen⸗ ſchen unter den Boden gebracht hat. 280 Ich war über die Maßen erſchrocken bei dieſen Worten, und fragte ihn, wie denn das zugegangen ſei. Der Teufel und ſein Geſinde hat manche Mittel und Wege, antwortete er. Am kürzeſten iſt es, wenn man den Feind, den man vom Leben haben will, im Bild erwürgt. Ein ſolcher Unhold erſchießt dich aus weiter Ferne. Mein, wäre das möglich? rief ich. Es iſt nicht lang her, gab er mir zur Antwort, daß Einer gen Rom ging, St. Peter und St. Paul zu beſuchen. Wie er aber weg war, da wurde ſeine Frau einem Andern hold, der war auch ſo ein fahrender Schüler, die immer die Schlimmſten ſind und ihr Höllenwerk einer vom andern lernen, und begehrte ihrer zur Ehe. Die Frau ſprach: Mein Mann iſt gen Rom ge⸗ zogen; wär' er todt oder könnteſt du ihn umbringen, ſo wollt' ich dich vor allen Männern lieb haben. Er ſprach: Ja, ich kann ihn umbringen; und kauft wohl ſechs Pfund Wachs und macht ein Bild daraus. Da nun der fromme Mann gen Rom in die Stadt kam, da trat ein Gottesmann zu ihm, gerade wie ich zu dir, und ſprach: O du Sohn des Todes, was gehſt du hin und her? Hilft man dir nicht, ſo biſt du heute lebendig und todt. Da nahm er ihn in ſein Haus und zeigte ihm, was die beiden Fleiſchböſewichte in ſeiner Heimath wider ihn vor⸗ hatten, und er ſah mit Augen, wie in ſeinem eigenen Hauſe Einer ein wächſern Bild an die Wand ſtellte und ſeine eigene Armbruſt nahm, um in das Bild zu ſchießen. Da behütete ihn aber der Mann Gottes, der Mörder ſchoß daneben, und der Mann ſah zu, wie der Mörder todt umfiel, wie die Frau jam⸗ merte und dann hinging und den Todten unten im Hauſe ver⸗ grub. Da wollte er ſeinem Retter viel ſchenken; der wollte aber nichts nehmen und ſprach: Bitte Gott für mich und geh' hin im Frieden. Der Bürger zog wiederum heim, und wie er 281 heimkam, wollte ihn die Frau freundlich empfangen. Er aber gab ihr keine Gnade, berief ihre Freunde, ſprach zu ihnen, was ſie ihm für eine Frau gegeben hätten, und ſagte ihnen alles, wie ſie gehandelt habe. Die Frau läugnete es in Einem fort. Da führte er die Freunde dahin wo ſie den Mörder verſcharrt hatte, und grub ihn wieder heraus. Die Frau aber wurde verbrannt. Ich hatte ihn kaum zu Ende erzählen laſſen, ſo begierig war ich, eine Frage an ihn zu thun. Wie hat denn der fremde Mann den Bürger vor den teufliſchen Schüſſen behütet? ſprach ich: und wie iſt es zugegangen, daß der Pfeil den Mörder traf? Er neigte ſich geheimnißvoll zu meinem Ohr. Waſſer iſt ein bergend Element, ſagte er. Weißt du nicht, daß jeder Zau⸗ ber ſeinen Gegenzauber hat? Aber wirken muß ein kräftiger Zauber auf alle Fälle: daher, wenn er auf einen ebenſo kräf⸗ tigen Gegenzauber ſtößt, daß er nicht vorwärts kann, ſo ſchlägt er zurück, und dann trifft der Pfeil den eigenen Schützen. Meine Gedanken wogten wie ein Heer von Wolken, die zwiſchen Sturm und Sonnenſchein ziehen. Vielleicht meint er's doch nicht ſo bös mit mir, ſagte ich: iſt mir doch auf dieſer langen weiten Reiſe kein Unfall widerfahren. Das beweist, daß er Euer Weib bis jetzt noch nicht hat zu ſeinem Willen bringen können, antwortete der Mönch. Weiſet Eure Hand her, fuhr er fort. Kommt in die Kirche, hier iſt es zu dunkel. Wir gingen in den Dom zurück. Beim Schein der ewigen Lampe ſah er mir lang in die innere Fläche meiner Hände, und es war mir unſäglich bang zu Muth unter den vielen beten⸗ den Menſchen um mich her. Ich konnte nicht mehr beten; es war mir als ob jetzt über mein Leben der Würfel geworfen würde. 282 Nachdem er die Zeichnung meiner Hände erforſcht hatte, gab er mir einen Wink und wir gingen wieder hinaus. Draußen fragte er mich um Tag und Stunde meiner Geburt, und wie ich ihm das, ſo gut ichs wußte, berichtet hatte, fing er an, vor ſich hin zu murmeln und zu rechnen und an den Fingern zu zählen. Bruder, ſagte er endlich, Euch iſt eine gefährliche Nativität in die Hand geſchrieben, ein blutiges Unglückszeichen, das juſt in Euer gegenwärtiges Alter trifft und jede Stunde Euer Lebenslicht auslöſchen kann. Rettet mich, Herr! rief ich und wollte mich zu ſeinen Füßen werfen.. Seid ruhig, erwiderte er, noch iſt der Augenblick nicht da. Seht Ihr den gelben Stern dort hinten? Er ſteht noch tief und machtlos am Himmel; wenn er aber ſo weit heraufgerückt iſt, daß er über dem Dom culminirt, dann haben die böſen Stunden ihre Gewalt und Euer Unheil wird nicht ferne ſein. Dies be⸗ ginnt erſt um Mitternacht. Ihr müßt heut den ganzen Abend faſten; nicht Speiſe noch Trank darf über Eure Lippen gehen. Eh es Zwölf ſchlägt, findet Euch hier wieder auf dem Platze ein. Da ſollt Ihr mich treffen, und ich will Euch getreulich bei⸗ ſtehen. Bis dahin gehabt Euch wohl. 3 Bei dieſen Worten drückte er mir den Arm und war auf einmal weg. Ich ſtand mehr todt als lebendig da. In ſchweren Gedanken ging ich meiner Herberge zu, und als man mich dort mit den andern Gäſten zu Tiſch ſetzen wollte, ſtellte ich mich wegemüde, obwohl es, mir hart fiel und beinahe über meine Kräfte ging; denn ich hatte den ganzen Tag nichts gegeſſen, weil ich nach meiner Ankunft gleich zu Sanct Urſula und darauf in den Dom gegangen war. Doch überwand ich mich und dankte Gott, einen ſo unerwarteten Freund in der Noth gefunden zu haben. Die Unruhe litt mich nicht in der Herberge; ich ging 283 wieder fort, nachdem ich mir von einem Knechte gegen guten Lohn verſprechen laſſen, mir in der Nacht zu öffnen. Er zeigte mir ein Fenſter wo ich klopfen ſollte, und wünſchte mir lachend fröhliche Aventüre. Ich irrte durch die Straßen hin und her, und behielt nur immer den Dom im Auge, um mich wieder zurecht finden zu können. Meine Angſt ſtieg mit jedem Athem⸗ zuge, ich fühlte mein Herz im Leibe nicht mehr ſicher. Der Mörder konnte ja den Teufelsbolzen von meiner Armbruſt fliegen laſſen, ehe ich mich dagegen zu ſchirmen vermochte. Ich bin nie furchtſam geweſen: ich bin nachher Schwertern, Spießen und Feuerſchlangen gegenüber geſtanden, und habe nicht mit dem Auge gezuckt; auch den Donner habe ich ohne Zagen vom Himmel krachen hören und den Wetterſtrahl ſehen vor mir niederſchla⸗ gen. Aber ein ſolcher unſichtbarer Feind, der aus weiter Ferne den Mord durch die Lüfte ſchickt, machte mir ein Grauſen, daß ich vor Bedrängniß zu erſticken meinte. Lang vor Mitternacht war ich am Dom. Ich ſetzte mich aus großer Müdigkeit in ſeinen Schatten, ſtand wieder auf, lief umher, und ſetzte mich wieder. Endlich hörte ich Schritte kom⸗ men. Er wars. Ich eilte auf ihn zu, als ob ſeine Nähe mir ein Schild wäre. Er bedeutete mich zu ſchweigen, und führte mich einen langen Weg durch immer engere Gaſſen, und endlich über einen Hof zu einem halbverfallenen Hauſe. Dort zog er mich durch finſtere Gänge hin, bis er an eine Thüre kam, die er aufſchloß. Als er Licht angezündet hatte, ſah ich mich in einem Gemach mit allerlei fremdem Geräthe. Mitten darin hatte er ein Waſſerbad in einer überaus wunderlichen Kufe gerüſtet, vor welcher ein Spiegel angebracht war. Nun höre mich an, ſprach er zu mir. Du wirſt jetzt bald ſchauen wie es bei dir zu Hauſe ſteht. Wenn die Zeichen gut ſind, ſo reiſeſt du gleich morgen heim und darfſt hinfüro an —— ——— deinem Weibe nicht mehr zweifeln. Siehſt du aber, daß ſie ſich mit ihrem Buhlen die Zeit deiner Wallfahrt zu Nutze macht, dir deſto ſicherer ans Leben zu gehen, ſo verſprich mir, daß du die Rache dem Herrn anheimſtellen willſt. Dann iſt es am beſten, du kehrſt nicht mehr, ſondern trittſt je eher je lieber in ein Kloſter ein; denn was ſoll dir die Welt, dein Haushalt, dein Hab' und Gut, wenn dein Haus verſchändet iſt? — Alſo redete er mir noch mit vielen weiſen und gottſeligen Worten zu. Ich aber verſprach ihm Alles, um nur Schutz bei ihm zu finden; denn jeden Augenblick fürchtete ich etwas Feind⸗ liches zu erleiden. Darauf gebot er mir, von nun an, ſo lieb mir mein Leben ſei, zu ſchweigen, und, was ich auch ſehen möchte, weder in Lieb noch Leid ein Wort zu ſprechen. Dann mußte ich meine Kleider ablegen und in das Waſſer ſteigen, das, wie er mir ſagte, geweiht und geſegnet war. Er hieß mich in den Spiegel ſchauen und ſetzte ſich hinter denſelben, ein Buch zu Handen nehmend, aus dem er mit leiſem unaufhörlichem Mur⸗ meln, bald ſchnell, bald langſam, Zauberſprüche zu leſen be⸗ gann. Ein dumpfer Geruch verbreitete ſich in dem Gemach. Wolken und Nebel flogen über den Spiegel hin; ſie verdichte⸗ ten ſich allmählich, und mir war, als ſähe ich eine Geſtalt. Auf einmal ward es hell im Spiegel und ich erkannte das Bild. Es war mein Weib, das gleichwie lebendig darin erſchien. Sie ſah nicht nach mir her, aber ſie lächelte ſo liebreizend, daß ich die Arme nach ihr ausſtrecken mußte; da bedräute mich aber der Meiſter, daß ich mich ſtille verhalten ſollte. Wiederum ging ein Gewölk über den Spiegel; wie es ſich verzog, ſchien ſie mich erſt gewahr zu werden. Ihre Gebärde verwandelte ſich, ſie warf mir einen Blick voll Haß und Widerwillen zu, und verſchwand in einem Nebel. Abermals hellte ſich der Spiegel auf; ſie ſah wieder ſo ſchön und freundlich aus, wie zuvor, aber ſie war 28⁵ auch wieder zur Seite gewendet und lächelte Einem zu, den ich nicht ſehen konnte. Nun kam es mir vor, daß ſie gar die Arme nach ihm ausbreite; zugleich aber zerbrach das Bild in tauſend Nebelflitter und zerfloß endlich in eine unkennbare Schatten⸗ geſtalt. Der Meiſter fing wieder ſtärker zu murmeln an, ſo daß mir der Kopf ſchwindelte, und gebot mir, unverwandt in den Spiegel zu ſchauen. Allmählich wurde der Schatten darin wie⸗ der lichter und begann menſchliche Züge anzunehmen, die nach und nach bekannter wurden. Jetzt war es als ob das Bild einen ſchnellen Schritt vorwärts gemacht hätte; denn ich er⸗ kannte auf einmal meinen Feind und Verfolger, der mit einem boshaften und grauſamen Geſichte ganz nahe vor mir ſtand. Abermals wollte ich mich erheben, ich balite die Fauſt gegen ihn; da ſah ich plötzlich eine Armbruſt in ſeinen Händen, die mit aufgelegtem Pfeile nach mir gerichtet war. Ich weiß nicht, war es der Schein der metallenen Spitze, oder war es der dräuende Blick ſeiner Augen, aber aus dem Spiegel züngelte etwas wie eine Schlange nach mir hervor. Jetzt war es dicht an mir, das Grauſen lähmte mich, ſo daß ich mit offenem Munde nicht ſchreien, mit ausgeſtreckten Händen mich nicht bewegen konnte. Tauch' unter! rief der Meiſter, und ich war unter dem Waſſer. Eine ſtarke Hand, ſo ſchien mir's, hatte mich hinab⸗ gedrückt. Drunten aber war es wie Orgelſpiel und Glocken⸗ läuten um mich, und die Sinne ſchwanden mir. Als ich wieder zu mir kam, fühlte ich, daß ich gar hart gebettet war. Ich ermunterte mich mit Mühe, in meinem Haupte wühlte ein glühender Schmerz, aber meine Glieder zitterten vor Froſt und meine Zähne ſchlugen gegen einander, obgleich ich meine Kleider wieder anhatte und in meinen Mantel geſchlagen war. Endlich ſuchte ich zu erkunden, wo ich mich befände: ich lag auf den ſteinernen Stufen eines Hauſes in einer völlig un⸗ 286 bekannten Stadtgegend. Hatte ich geträumt? War der Fremde vielleicht ein Geiſt geweſen, der auf einige Stunden herabkom⸗ men durfte, um mich von der äußerſten Gefahr zu retten, und der mich dann, weil ſeine Zeit abgelaufen war, hilflos zurück⸗ laſſen mußte? Ein Uebelthäter war er nicht, denn ich fand meine Reiſetaſche am Gürtel, und es fehlte weder Blappart noch Heller darin. Ich konnte meine Gedanken nicht zuſammenbringen, ſie liefen wild und kraus durcheinander. Die Sterne waren blaß geworden, die Morgenkälte drang mir ſchneidend durch Gebein und Mark. Ich raffte mich auf, wobei ich über meine große Leibesſchwäche erſchrack, und wankte Straß' auf Straß' ab, bis ich den rieſigen Rumpf des Domes gewahr wurde. Gegen die⸗ ſen richtete ich meine Schritte, und nun war ich im Stande, meine Herberge wieder zu finden. Als ich dem Knecht ans Fenſter geklopft hatte, brach ich zuſammen, und er mußte mich von der Straße auf meine Kammer tragen. Meine naſſen Haare erregten den Verdacht, daß ich auf einem leichtfertigen Nacht⸗ wandel entweder durch Unkunde des Weges, oder etwa bei einem Streit mit Ribalden von gleichem Schlag ins Waſſer gerathen ſei. Fragen konnte man mich nicht, weil ich in dunklen Fieber⸗ träumen lag, und wie ich nach Wochen meiner Sinne wieder mächtig ward, da kümmerte ſich Niemand mehr um mich, weder Arzt noch Wirth, denn ſie hatten ſich für Pflege und Lager aus meiner Taſche bezahlt gemacht, bis ſie leer war, und da ich nun erſt recht in eine tödtliche Schwachheit verfiel, ſo ſchafften ſie mich zu den Sonderſiechen, in der Meinung, ich werde dort allmählich vollends verglimmen und verlöſchen. Aber mein feſter Körper half ſich durch, damit ich des Bittern noch mehr ſchmecken ſollte. Viele Monde waren hingegan⸗ gen, als ich endlich wieder auf meinen Füßen ſtehen konnte und mit ein paar abgeſchätzten Weißpfenningen aus dem Spital ent⸗ 287 laſſen wurde. Ich kannte zu Köln keine Seele, daß ich hätte zu einem Darleihen kommen mögen. So zog ich nun baar und bloß von dannen, und bettelte mich durch von Ort zu Ort, mit Hunger und Kälte, auch mit neuen Anfällen meiner Krankheit kämpfend. Dazu quälte mich die Ungewißheit, wie es bei mir zu Hauſe beſchaffen ſei, und that mir weher als alle andern Beſchwerden. Das Geſicht jener Nacht ſchwebte mir immer vor; doch wußte ich nicht, was ich davon halten ſollte. Lange Zeit jagte es mich durch die Lande, daß ich im Elend umherzog und die Heimath mied; endlich aber trieb es mich, heimzukehren und mit eigenen Augen zu ſchauen. Die Nähe aber peinigte mich noch mehr als die Ferne, denn mein Herz ſchlug je ſchnel⸗ ler und verzehrte ſich, je langſamer mein kraftloſer Leib vor⸗ wärts kroch.— In der Frühlingsnachtgleiche war ich ausgezogen, zu Win⸗ terſonnwenden ſtand ich Abends wieder an der Schwelle meines Hauſes; ſo lang war ich fort geweſen. Ich trug die Hoftracht des bittern Kummers. Nun ſollte es ſich entſcheiden, ob ich wieder ein getröſteter glücklicher Mann ſein, oder ob es ſchlimmer wer⸗ den ſollte, denn zuvor. Nachdem ich mit zagendem Herzen lang vor meiner Thüre geſtanden, zog ich den Schlüſſel heraus, den ich mitgenommen hatte, um zu jeder Stunde eintreten und den Frieden des Hauſes ergründen zu können. Ich ging hinauf und trat leiſe ein. Da lag mein Weib auf den Knieen vor einem Betpulte, worauf ein trübes Licht brannte. Sie betete gar hart, als ob ſie viel Verzeihung zu erflehen hätte. Bei dem Ge⸗ räuſche wandte ſie ſich um, und ſtieß einen wilden Schrei aus, da ſie meiner anſichtig wurde. Keine Freude machte ihr mein Kommen, ich las in ihrer Miene nichts als Todesſchrecken. Ich trat ihr näher, mit einem eiskalten Weh im Herzen; ſie ſtreckte die Hände gegen mich aus, und als ihr ſchwarzes Ge⸗ 288 3 wand aus einander fiel, da ſah ich, daß ſie mich in meiner Ab⸗ weſenheit betrogen hatte und daß ſie ein Kind unter ihrem Her⸗ zen trug, Gott weiß wo ihr Verderber hingekommen ſein mochte; denn ſie war allein und ſah wie eine Verlaſſene aus. Ich mag nicht wiederholen, was ich zu ihr ſprach; ſchwere Flüche waren es, die ich über ihr Haupt ausſchüttete. Sie wollte meine Kniee umklammern; ich ſtieß ſie zurück, ſie ſchwankte und fiel mit dem Betpult auf den Boden. Das Licht flog wie ein feuriger Pfeil durch das Gemach. Aber ich wußte nichts von dem was mein Auge ſah, ließ ſie liegen und brach hinaus, hinab, fort von Haus und Hof, Stadt und Heimath, auf Nimmerwiederſehen, in den Krieg, und, ob Gott mirs gönnte, in den Tod. Als ich draußen die letzte Höhe erſtieg, zitterte ein rother Schein am Himmel hin. Ich ſah ſchwerathmend zurück. Die helle Lohe ſchlug aus der Stadt empor, und als den Herd des Feuers er⸗ kannte ich die Gegend in der mein Haus gelegen war. Ich warf mich zu Boden und betete ein glühendes Ave für die arme Seele, die dem Scheiterhaufen der Menſchen entgangen war und durch das Bußfeuer des richtenden Gottes hingerafft wurde; dann riß ich mich auf und eilte weiter, unſtät und flüchtig dahinirrend. 3 Unſeliger! rief der Guardian aus ſeinem kummervollen Brüten auffahrend: du haſt ein ſchuldloſes Weib gemordet, eine reine Heilige, die keiner Verſuchung erlag, auch da nicht, als ihr der Verſucher die fälſchliche Nachricht von deinem Tode brachte! Mein Vater, ſtammelte der Alte, und weißeſt du es ganz gewiß? Nicht dein Vater! dein Sohn, dein und ihr Kind, das in den Schrecken jener Todesnacht geboren wurde! Der Alte that einen Schrei. Sein Sohn hielt ihn, daß —, 289 er nicht rücklings überſchlug. Mit fliegenden Worten erklärte er ihm das Gaukelſpiel, das der Verführer, vermuthlich von Spießgeſellen unterſtützt, in Köln mit ihm getrieben hatte, um ihn von Sinnen zu bringen oder gar zu morden, und das viel⸗ leicht nur halb gelungen oder wieder aufgegeben worden war. Er erzählte ihm, wie jener dann zurückgeeilt ſei, um das arme unſchuldige Weib von ihrer Wittwenſchaft zu unterrichten; wie er auch da kein Gehör bei ihr gefunden, ſie aber ſtets gleich einem böſen Geiſt umſchwebt und endlich ihre Leiche ſammt dem Kinde, das ſie ſterbend geboren, aus den Flammen getragen habe. Alles dieſes ſetzte er aus abgebrochenen Worten und Selbſtgeſprächen ſeines frevlen Pflegevaters zuſammen, die ihm erſt unter der Erzählung des Sterbenden klar geworden waren. Es bedurfte eines kurzen Beweiſes, um die Unſchuld ſeiner Mut⸗ ter darzuthun: der Alte glaubte nun das Gute ſo ſchnell wie er einſt das Böſe geglaubt hatte. Jammernd und flehend, ſeg⸗ nend und geſegnet lag er an dem Herzen des Sohnes, der ihm unaufhörlich ſeine und ſeiner Mutter Vergebung zurief. Die letzte Lebenskraft des Greiſen war gebrochen; ſie ſtrömte in Thränen und Seufzern aus. Sein Schluchzen ward immer lauter und heftiger, bis er endlich mit einem ſtarken Herzſtoß ausgeſtreckt in den Armen ſeines Sohnes lag. Dieſer legte den Leichnam ſanft auf das Lager und kniete zu einem ſtillen Gebete daneben hin. Lang lag er ſo, und wurde nicht gewahr, daß ſeine Neuvermählte, über ſein langes Ausbleiben beſorgt, bei ihm eingetreten und leiſe neben ihm in die Kniee geſunken war, ſein mitliebender und mitleidender Engel, der ihm der Engel einer lichteren Zukunft zu werden verhieß. Kurz, Erzählungen. 1. 19 Das Schattengericht. N Auf einen Tag— ſo las ich in einem alten Buche— ſaß Doctor Martinus Luther an ſeiner Hausorgel, zu ſeiner Rechten ſtand ſeine getreue Hausfrau Katharina, zu ſeiner Linken die kleine Maria, ſein Lieblingskind, das ihm bald hernach zu großem Leide durch den Tod entriſſen wurde; die andern Kinder ſtan⸗ den hinter ihm in einem Kreis umher, und Alle ſangen mit lieblicher Stimme zuſammen ſeinen Leibchoral:„Ein feſte Burg iſt unſer Gott,“ den er einſt bei einer ſchweren Trübſal gedich⸗ tet und in Muſik geſetzt hatte und von nun an als eine geiſt⸗ liche Waffe gegen alle Anfechtungen gebrauchte. Eben vollendete die Orgel das Nachſpiel zum zweiten Verſe, das Zimmer dröhnte noch von Luthers kräftigem Baß, und eben wollten ſie wieder einfallen:„Und ob die Welt voll Teufel wär,“ da klopfte es beſcheidentlich an der Thüre, und herein trat Herr Doctor Gre⸗ gorius Bruck, der hochgeehrte Kanzler des Kurfürſten. Ich bitte um Verzeihung, hochwürdiger Herr Doctor Mar⸗ tine, ſagte er, daß ich Euch in Eurem ſchönen Liede geſtört habe. Ich ſtand ſchon eine gute Weile draußen und habe mit herz⸗ licher Andacht zugehört, mochte auch während des Geſangs nicht anklopfen, aber es iſt eine grimmige Kälte, die mir bei meinem Alter ſchwer zu ertragen fällt. Mit Nichten, unterbrach ihn Luther mit freundlicher Demuth, mit Nichten habt Ihr uns geſtört, hochgelehrter Herr Doctor 294 Gregori, Ihr bezeiget mir gar große Ehre, daß Ihr mich auch wieder einmal aufſucht in meiner Hütte. Kommt, ſetzt Euch hier zum warmen Ofen, und du, Käthe, wandte er ſich zu ſeiner Frau, geh' eilends und bringe dem edlen Herrn einen Becher Weins. Das erwärmt die Glieder, gibt fröhlichen Muth und ſtärkt zu guten Gedanken. Stelle zugleich ein Licht auf, denn der Tag hat ſich geneigt und es will Abend werden. Der Kanzler ſetzte ſich am Ofen nieder, Frau Katharina rückte einen Tiſch herzu und ſtellte zwei ſilberne Pokale, Ge⸗ ſchenke von Fürſten und Herren, darauf. Luther nahm den einen und trat zu ſeinem Gaſte. Seine kurfürſtliche Gnaden! rief er, indem er den Becher hob: wie ſteht es mit dem theu⸗ ren Herrn?. Der Kanzler entblößte ſein weißgelocktes Haupt und ſprach, nachdem er getrunken hatte: Er iſt wohl auf und guter Dinge, und hat erſt heut erklärt, daß er, wie auch der Kaiſer dräuen möge, in ſeines Glaubens Feſtigkeit nicht weichen noch wanken werde. Dann ſtehet es wohl mit uns! rief Luther fröhlich: der Herr ſegne den frommen Fürſten! Auch ich gedenke nicht laß zu werden und will mein angefangenes Werk mit Gottes und meines Kurfürſten Hilfe zu einem guten Ende führen. Wie⸗ wohl, leider! es ſind der Hinderniſſe und Anfechtungen ſo gar viele, und iſt mirs doch oft, als ſollte es nicht ſein. Der Fürſt dieſer Welt iſt allezeit geſchäftig, wie er böſen Samen ſtreue in meine Saat; denn er iſt mir ganz aufſäßig und will's nicht haben, daß ich dem Pabſt ſo hart mitſpielen ſoll. Da kommt er nun oft über mich und ſucht mich zu quälen, hat mich auch wohl ſchon in Verzweiflung gebracht, daß ich nicht gewußt, ob auch ein Gott wäre, und an unſerm lieben Herrn Gott ganz und gar verzagte; aber mit Gottes Wort habe ich mich ſeiner 295 wieder erwehrt, denn das iſt der beſte Schild wider ſeine Ränke und Tücke. Und dann die edle Muſika, das iſt auch ein treff⸗ lich Mittel, ihn zu vertreiben, denn die hört er nicht gern. Wenn David jetzund auferſtände von den Todten, ſo würde er ſich ſehr verwundern, wie doch die Leute ſo hoch ſind kommen mit der Muſika; ſie iſt nie höher kommen als jetzt. Wenn Da⸗ vid wird auf der Harfe geſchlagen haben, ſo wird's nicht höher gegangen ſein, als das Magnificat anima mea; und dennoch hat der Teufel dieſe Einfalt nicht leiden können, hat auch dieſer müſſen Platz geben! An Euch, Herr Doctor, ſagte der Kanzler lächelnd, wird er ſich doch nicht wagen, Ihr ſeid ihm zu feſt gewappnet. O, er hat's freilich ſchon probirt! rief Luther lebhaft. Ich kenne ihn wohl; er hat mir oft ſo hart zugeſetzt, daß ich nicht wußte, ob ich todt oder lebendig wäre. Als ich Anno Einundzwanzig zu Wartburg im Patmo auf dem hohen Schloß mich aufhielt, da ſaß ich fern von den Leuten in einer Stube, und konnte Nie⸗ mand zu mir kommen, denn allein zween Edelknaben, die mir des Tags zweimal Eſſen und Trinken brachten. Nun hatten ſie mir einen Sack mit Haſelnüſſen gekauft, die ich zu Zeiten aß, und hatte denſelben in einen Kaſten verſchloſſen. Als ich des Nachts zu Bette ging, zog ich mich in der Stube zuvor aus, löſchte das Licht, ging in die Kammer und legte mich zu Bett. Da kommt mir ein Poltergeiſt über die Nüſſe und hebt an und quitzt eine nach der andern an die Balken, mächtig hart, rum⸗ pelt mir am Bett, aber ich fragte nichts darnach; wie ich nun ein wenig einſchlief, da fängt's draußen ein Poltern an, als würfe man ein Schock Fäſſer die Treppe hinab, und ich wußte doch wohl, daß die Treppe mit Ketten und Eiſen wohl ver⸗ wahrt war, ſo daß Niemand herauf konnte. Ich ſtehe auf und gehe auf die Treppe, will ſehen was da ſei, da war die Treppe 296 wohl verſchloſſen; da ſprach ich: Biſt du es, ſo ſei es! und be⸗ fahl mich dem Herrn Chriſto, von dem im achten Pſalm ge⸗ ſchrieben ſtehet: Alles haſt du unter ſeine Füße gethan! und legte mich wieder nieder zu Bett. Eben um jene Zeit kam „Hanſen von Berlepſch's Frau von Eiſenach; die hatte gehört, daß ich auf dem Schloſſe ſei, und wollte mich gern geſehen haben, es konnte aber nicht ſein; da brachten ſie mich in ein anderes Gemach und legten die Frau von Berlepſch in meine Kammer; da hat's die ganze Nacht ein ſolches Gerumpel ge⸗ habt, daß ſie meinte, es wären tauſend Teufel drin. Das iſt vielleicht ein alter Schloßgeiſt geweſen, der gerne rumoret, verſetzte Doctor Bruck. Man ſpricht von einem alten Landgrafen von Thüringen, wagte Frau Katharina, vielleicht ein wenig muthwillig, zu be⸗ merken; aber ſie erſchrack über den verweiſenden Blick des Kanz⸗ lers, und ging geſchäftig des Hauſes wartend weiter, als ob ſie nichts geſagt hätte. O nein, entgegnete Luther, es war ein Stärkerer! Ich habe ihn wohl gekannt; denn weil ich gerade dazumal das Wort Gottes zu überſetzen anhub, ſo war's ihm leid und bitter, und trachtete allezeit darnach, wie er mich ſtören möchte, damit's am Ende gar unterbliebe. Aber ich habe mich nicht anfechten laſſen, ſondern im Gegentheil ihm auch wieder weidlich zugeſetzt, habe ihn verachtet und höhniſch angeredet mit Anrufung Chriſti: Biſt du ein Herr über Chriſtum, ſo ſei es! Und als er einmal über meine Nüſſe kam und zu poltern anhub, da rief ich aus dem Bette: Ei, welch eine ſchöne Muſikam machſt du wieder! Weißt du was! ſingſt du die Noten, ſo will ich den Text ſingen! und intonirte ein ſchönes geiſtliches Lied; da ſchwieg er gleich ſtille. Wiederum, wie ich auf eine Zeit in meinem Stüblein ſaß und gegen die Wand ſah, nahm ich eines Marienbildes wahr, das —— alsbald wieder verſchwand; dem hab' ich geantwortet: Nein, Teufel, du wirſt mich mit dieſem Bild und Farb' nicht be⸗ trügen, ich kenne dich zu wohl, und weiß daß du dich auch in einen Engel des Lichts verſtellen kannſt, warum wollteſt du denn dich nicht auch in ein Marienbild verwandeln können? Ein andermal, als ich über der Bibel an einer ſchweren Stelle ſaß, kam er über mich mit Anfechtungen und wollte mir keine Ruhe laſſen; da nahm ich das Dintenfaß und warf's ihm an den Kopf, ſprechend: Wohlan, Teufel! haſt du ſo großen Durſt, ſo will ich dir hie einen Starken zutrinken! ich will dich ſchwarz machen, wenn du noch nicht ſchwarz genug biſt. Da trollte er ſich alsbald und ließ ſich lang nicht wieder ſehen; denn er iſt ein ſtolzer Geiſt, läſſet ſich nicht gern vexiren. Herzlieber Herr, ſagte Frau Katharina, die inzwiſchen ab⸗ und zugegangen war, vielleicht iſt's doch nicht alſo, daß er ſich an Euch gewagt hat. Ihr ſeid ſo heftig in Eurem Gemüth, und wenn Ihr Euch Gedanken macht, daß Euch ſo Viele in der Welt zuwider ſind, ſo meint Ihr vielleicht etwas zu ſehen, was doch nicht iſt. Aber damit war ſie übel angekommen. Luther wandte ſich zornig herum. Schweig⸗ ſtill, Käthe! rief er. Willt du etwa daherſcharren und widerbellen, wie die ungöttlichen Naturmen⸗ ſchen, die keinen Teufel glauben? Frau Käthe reinigte ſich mit hohen Betheurungen, ver⸗ ſichernd, daß ſolche Gottloſigkeit ferne von ihr ſei; nur, gab ſie ſchüchtern zu verſtehen, könnte ein⸗ und das anderemal ein we⸗ nig Phantaſey die Hand im Spiele haben. Ja, Phantaſey! erwiderte er etwas gelaſſener. Ich weiß beſſer wie das iſt. Iſt es auch Phantaſey, wenn der Teufel einem Bruder wider den andern mordliche Gedanken eingibt, wie kürzlich dem Diazio, den er überredete, ſeinen leiblichen 298 Bruder von hinten mit dem Beile niederzumachen, weil er von den Irrthümern der Papiſten ab und zum lautern Evangelio übergegangen war? Iſt's auch Phantaſey, wenn er einem Men⸗ ſchen in den Sinn gibt, ſich ihm zu verſchreiben mit einer klaren Obligation und Chriſto aufzukünden mit dieſen Worten: Ich ſage dir, Chriſte! meinen Dienſt und Glauben auf, und will einen andern Herrn annehmen, nämlich den Fürſten dieſer Welt! ſo doch Jedermann bekannt, daß dieſe Todſünde, welcher faſt alle Päbſte angehangen haben, jetzt wieder gar ſehr im Schwange geht? Iſt ja doch unſeres lieben Herrn Philippi Landsmann, Doctor Fauſtus genannt, ſo namhaft, daß ſich leider Grafen und Herren im Reich um ihn reißen, ja, daß ein anderer Schwarzkünſtler aus Italien, den ich ſelbſt kürzlich in Beiſein vieler guter Her⸗ ren ſolches erzählen hören, von ſeinem Geiſt mit Gewalt er⸗ mahnt worden iſt, ſich nach Deutſchland zu thun, wo einer über ihm ſei, von dem er viel ſehen und lernen könne. Er kann ihn bei den Domherren zu Magdeburg finden, die ihn in einem großen Werth halten. Es treibe jedoch dieſer Fauſtus, was er wolle, ſo wird's ihm am Ende wieder reichlich belohnt werden. Denn es ſteckt nichts andres in ihm, denn ein hoffärtiger, ſtol⸗ zer und ehrgeiziger Teufel, der in dieſer Welt einen Ruͤhm will erlangen, denn kein hoffärtigeres Thier nie entſtanden und dar⸗ über ſo hoch gefallen iſt, als der Teufel; ei warum wollt' denn Fauſtus ſeinem Herrn nicht nachahmen, auf daß er ſich auch zuletzt an den Kopf ſtoße? Aber das ſage ich, und Jedermann ſoll's hören, er noch der Teufel gebrauchen ſich der Zauberei nur nicht wider mich! Denn das weiß ich wohl, hätte der Teu⸗ fel zuvor längſt mir vermocht Schaden zu thun, er hätte es lang gethan, aber ſo oft er mich ſchon bei dem Kopf gehabt hat, mich hat er dennoch müſſen gehen laſſen. Ich hab' ihn wohl verſucht, was er für ein Geſell iſt, ja, erſt an dieſem heutigen 4 299 Tag, wo mir wieder ein Exempel von einem ſolchen Fauſtulo aufge⸗ ſtoßen iſt, hab' ich dem brüllenden Löwen dieſes verlorne Lamm aus dem Rachen geriſſen; will auch nicht hoffen, daß es ſich wieder in dieſen Abgrund verirren wird. Iſt's möglich? was ſagt Ihr da? rief Herr Bruck erſchro⸗ cken, während Weib und Kinder ſich angſtvoll um Luther drängten. Ja, es iſt ſo, edler Herr! entgegnete dieſer. Ein Junger von Adel, ich will ſein Geſchlecht nicht nennen, ob zwar ich es wohl thun könnte, dieweil ich durch keinerlei Ohrenbeichte gebun⸗ den bin, dieſer hat ſich vor fünf Jahren dem Teufel verſprochen, auch ſeitdem ein überaus ruchloſes Leben geführt, davon ſein Prä⸗ ceptor, mit dem er Studirens halber hieher nach Wittenberg gekom⸗ men iſt, viel Noth und Aergerniß hat leiden müſſen. Dem hat er nun heute, da er plötzlich durch ein göttliches Wunder in ſich gegangen, ſeine ſchwere Schuld gebeichtet, darauf ihn dieſer zu mir geführt und ich, nach vorangegangenem reu⸗ und wehmüthi⸗ gem Bekenntniß, in der Kirche in Beiſein ſeines Präceptoris und der Diakonen ihn abſolvirt habe. Ich ſchalt ihn hart und fragte mit Ernſt: ob's ihm auch leid wäre und er ſich wiederum zum Herrn Chriſto bekehren wollte? Da er nun Ja ſagte und emſig und fleißig anhielt mit Bitten, da legte ich die Hände auf ihn, kniete mit den Andern, ſo da waren, nieder, und betete inbrünſtiglich für ihn zu Gott, daß er dieſen verlorenen Sünder nach ſeiner väterlichen Gnade wieder annehmen ſolle, ſpürte auch bald, daß dieſes mein Gebet erhöret ſei. Darauf mußte er mir ſein nunmehriges Glaubensbekenntniß, wie daß er hin⸗ füro des Teufels abgeſagter Feind ſein und Gott ſeinem Herrn willig dienen wolle, Wort für Wort nachſprechen, und entließ ich ihn mit Vermahnung zur Buße und Gottesfurcht, daß er hinfort wolle leben in Gottſeligkeit, Ehrbarkeit und im Gehor⸗ ſam, auch des Teufels Eingebungen widerſtehen im Glauben 300 und Gebet, und wenn der Teufel ihn mit böſen Gedanken würde angreifen, ſolle er flugs zu ſeinem Präceptor gehen, ihm ſolches offenbaren und den Teufel mit ſeinen Rathſchlägen verklagen. Der Kanzler ſaß eine Zeitlang ſeufzend und nachdenklich da; endlich ſagte er: Es iſt betrübt, wie die Welt im Argen liegt, und ſonderlich die Jugend, und unter dieſer zumeiſt der Adel. Ja, rief Luther mit bittrem Tone, Niemand hat mich in meinem Werk ſo ſehr geſtört, wie der Adel, der da vermeint hat, das ſei Waſſer auf ſeine Mühle, und unſerem Herrn Gott nichts, aber dem leidigen Satan Alles zu Lieb thun wollen. Ich kann Euch wohl ſagen, Herr Kanzler, daß ich den Bauern Anfangs gern geholfen hätte wider die Tyrannei des Adels und der Klöſter, denn es hat auch die Engel Gottes empört, wie grauſamlich ſein Ebenbild in die Klauen der Diebe und Räuber gegeben war, ſo nicht dieſe armen unwiſſenden Leute über alle Grenzen menſch⸗ licher und göttlicher Gerechtigkeit hinausgegangen wären; denn als der Münzer zu ihnen kam, da iſt der Teufel in ſie gefahren, und haben ärger gehaust als die Heiden und Türken. Aber der Adel hat die erſte Schuld daran, ſagte Doctor Bruck, und hat es mit Recht gebüßt, wie verdammlich und gottes⸗ läſterlich es auch iſt, was ſie an dem von Helfenſtein und den Andern zu Weinsberg gethan haben. Nun, ſie haben ihren Lohn dahin. Bei der Hiſtoria von dem Studenten, die Ihr vorhin erzählt habt, Herr Doctor, iſt mir eine andere eingefallen, eine verlaufene wahrhafte Geſchichte, die Einer bei Hof unlängſt angefuhrt hat, gar ſeltſam und greulich, auch von zween Adeli⸗ gen, die durch des Teufels Blendwerk und Tücke einen böſen Ausgang genommen haben. Erzählet, Herr Kanzler! ſagte Luther: es verlangt mich, Eure Hiſtoriam zu hören. Frau Katharina ſtellte ſich einen Stuhl 301 hinter den Ofen, und die Kinder ſtanden lauſchend umher. Der Kanzler nahm einen Schluck Wein und begann: Der nunmehr in Gott ruhende Kaiſer Maximilian hatte an ſeinem Hofe zween Edelleute, Namens von Trotta und von Purgſtall. Dieſelben waren als Junkherren mit einander auf⸗ gewachſen und immerdar in Frieden und in der beſten Freund⸗ ſchaft unter ſich geſtanden. Als ſie aber älter wurden, erregte ſich zwiſchen ihnen ein leidiger Neid und Eiferſucht, ſintemal ſie gleicherweiſe nach Ehre und Hoffahrt ſtrebten, alſo daß immer einer meinte, der andere habe vor ihm in kaiſerlicher Gunſt einen guten Schritt voraus, und entzweiten ſich darüber, wurden einander todfeind und ſchwuren einer gegen den andern hoch, daß er ihn wollte aufreiben und erwürgen. Nun geſchah es auf einem Reichstage, auf den die Beiden mit dem Kaiſer geritten waren, da hatte der von Purgſtall eines Nachts, als er in ſeinem Bette lag, einen ſchweren Traum, und däuchte ihm nicht anders, als ob er aufſtände, nähme ſein Schwert, ginge in die Kammer des von Trotta und erſtäche ihn. Wie er nun erwachte und ſich beſann, daß er eine ſolche ſchreckliche Miſſethat nicht begangen habe, wurde es darüber Morgen und ſein Reitknecht kam vor ſein Bett, meldend, daß ſein Pferd im Stall die ganze Nacht getobt und gerast habe, ſich in der Streu gewälzt, gewiehert, dann wieder aufgeſtanden, gezittert und geſchwitzt. Indem ſie ſo mit einander redeten und nicht wußten was das bedeuten ſollte, ging die Thüre auf und die Gerichtsdiener traten herein, den von Purgſtall zu ver⸗ haften, mit Weiſung, er hätte heute Nacht den von Trotta, ſeinen alten Todfeind, in deſſen Bett erſtochen, und hätte deſ⸗ ſelben Knecht ihn bald nach Mitternacht leibhaftig aus ſeines Herrn Kammer gehen ſehen. Der von Purgſtall war ſehr er⸗ ſchrocken, betheuerte ſich ſeiner Unſchuld und ſchwur, daß er nicht 30² Kammer des von Trotta, wo derſelbige lag, mitten durch's Herz geſtochen, und zu ſeinen Häupten lehnte das Schwert des von Purgſtall, das er ſelbſt für ſein eigenes bekennen mußte, in die Scheide geſteckt, und als man's herauszog, da war es ganz blutig. Niemand wußte was er dazu denken ſollte, aber der von Purgſtall ward ins Gefängniß gelegt und hart ver⸗ ſchloſſen. Und als man ihn verhörte, da ſchwur er mit theuren Eiden, daß er wiſſentlich dieſen Mord nicht begangen habe, und konnte auch beweiſen mit ſtattlichen Zeugen, daß er die Nacht über aus ſeiner Kammer nicht kommen war. Da kam es nun heraus, daß der Teufel den Mord begangen und dem von Purg⸗ ſtall nächtlicherweile ſein Schwert entwendet hatte, ſonderlich weil kein Blut aus des Ermordeten Wunde floß, da der, ſo als Thäter gehalten war, vor ſein Bett geführt wurde. Doch aber, weil man wußte, daß er dem von Trotta Mord und Tod ge⸗ ſchworen, auch im Traum ihm vorgekommen war, daß er jenen erſtäche, alſo ihn zu ermorden Willens war geweſen, ſo ward er zum Tode verurtheilt; denn ob es wohl vom Teufel ge⸗ ſchehen, war er doch des Todes ſchuldig. Da führte man ihn auf den Markt in den Ring, ihn zu richten. Bürgermeiſter und Rath hoben die Hände zum Kaiſer auf, und baten, in dieſer Sache, die doch einigen Zweifel erleide, ihre Stadt nicht mit Blut zu beladen; aber er blieb unbeweglich, wie ſein übergüldetes Standbild, das ſie ihm zu Ehren auf dem Marktbrunnen auf⸗ geſtellt hatten, und hieß den Purgſtall in den Sand knieen. Nun hatte ſich eine große Menge verſammelt, um ſein letztes Stündlein zu ſehen, dazu alle Herren vom Hofe, die Rich⸗ ter und Rechtsgelehrten, und unter ihnen hielt auch Kunz von der Roſen, des Kaiſers kluger Rath. Der ritt an den Kaiſer aus ſeinem Bett gekommen wäre. Da führten ſie ihn in die heran, ſtellte ſich unwiſſend, und fragte, was es da gäbe? Als —-ðↄ— 303 er nun das ganze Blendwerk erfahren, ſprach er: Mit Nichten gebüret ihm alſo zu ſterben, ſondern merket auf meinen Rath, Herr Kaiſer! Weil der Delinquent beweiſen kann, daß er in jener Nacht ſeine Kammer nicht verlaſſen habe, auch kund und offen⸗ bar iſt, daß der Teufel an ſeiner Statt die Mord⸗ und Miſſe⸗ that vollbracht hat, ſo achte ich, daß derſelbe zu dieſem Frevel des Delinquenten Larvam angenommen und mit dieſer die That ausgerichtet habe, derwegen nicht er, da er doch über die ganze Zeit ruhig in ſeinem Bett gelegen, ſondern einzig ſein Schatten, mit dem der Teufel hanthiert, des Todes ſchuldig ſei. Als nun ſchon das Schwert über dem armen Sünder ge⸗ zückt war, gebot der Kaiſer auf dieſe Rede Kunzens einen Still⸗ ſtand, und ward noch einmal auf der Blutſtätte Gericht gehalten, auch Kunzens Rath befolgt und die Strafe gelindert, alſo daß der Delinquent gegen die Sonne geführt und hinter ihm die Erde ſeines Schattens weggeſtochen und zwar dem Schatten der Kopf abgeſtoßen wurde; darauf ward er zum bürgerlichen Tod verdammt, und ward des Landes verwieſen für ewige Zeiten. Sei ruhig, Maria, mein Kind! rief Luther und küßte ſein Töchterlein, das ſich mit Thränen ſchmerzlicher Angſt an ihn ſchmiegte: ſei ruhig, wie kannſt du dich nur in unſerer hellen, warmen Stube eine ſolche Furcht ankommen laſſen! Kennſt du nicht den Spruch des Herrn: In der Welt habt ihr Angſt, aber ſeid getroſt, ich habe die Welt überwunden! Käthe, bring das arme Würmlein zu Bett! Und du, Hänschen, ſetzte er hinzu, als er gewahrte daß der Kanzler im Aufbruch begriffen war, leuchte vor, auf daß ich meinen geehrten Gaſt geleite. Ja, fuhr er gegen dieſen fort, indem er mit ihm die Treppe hinunter ging, alſo gehets denen die mit dem Teufel einen Bund machen, und ſich in Sünden ſtürzen und in böſe Luſt und Begierde führen laſſen; dieſe hält er eine Zeitlang wohl, kunzelt mit ihnen und läßt ihnen ihren Willen, daß ſie machen was —yxI 304 ſie nur gelüſtet, aber zuletzt bezahlt er ſie redlich und lohnet ihnen, wie der Henker ſeinem Knecht.— Nun ſchlafet wohl, hochgelehrter Herr Doctor, beſchloß er, indem er unter der Hausthüre dem Herrn Gregorius die Hand zum Abſchied ſchüttelte. Gott behüte Euch, daß ich Euch bald geſund wieder ſehe, und ſchütze uns Alle vor den Ränken und Anläufen des leidigen Teufels, ſon⸗ derlich aber den Kurfürſten, meinen gnädigen Herrn. Sagt ihm, daß ich für Seine Gnaden Gott mit Gebet anliege Tag und Nacht. Mit ſchauernder Verwunderung hatte ich bis hieher geleſen, und es war mir kaum anders ergangen als der kleinen Maria Luther, obgleich die grauerlichen Geſchichten des alten Buches auch wieder ſehr viel Anziehendes für mich hatten, zumal am hellen Tage. Es war nänlich ein ſchöner freundlicher Octobernach⸗ mittag, ich ſaß ganz allein im Stüblein der„Frau Dote“, die mit der großen Zinnflaſche und einem nicht minder großen Käſe⸗ laib ins Feld zu ihren Arbeitern gegangen war, und hatte den Kanarienvogel verhängt, das heißt durch ein über den Käfig gehängtes Tuch zum Schweigen gebracht, um recht ungeſtört in meinem„Teufelsbuche“ leſen zu können. Dieſen Namen trug es von den zahlloſen Teufelsgeſchichten die darin ſtanden, ſo wie von ſeinen vielen Bildern, in welchen Teufel, Geſpenſter, Hexen und dergleichen Unholde dargeſtellt waren. Wo werde ich ſeines Gleichen wieder ſehen 2 Ach, und wo iſt es hingekommen? Bücher haben ihre Schickſale, das iſt ein altes bewährtes Sprichwort. Und dieſe Schickſale ſind oft noch dunkler als der Tod des großen Barbaroſſa, von welchem ſeine chriſtlichen Zeit⸗ genoſſen trotz aller Bewunderung ihres Helden ſo wenig über⸗ einſtimmende Nachrichten aufgezeichnet haben, daß wir heute noch 1 305 nicht darüber im Klaren wären, wenn nicht glücklicherweiſe die Saracenen einen helleren Sinn für Geſchichtſchreibung beſeſſen hätten. Aber wie manches Buch iſt ſpurlos in den Abgrund eines räthſelhaften Verhängniſſes geſunken, ohne daß ein Ge⸗ ſchichtſchreiber zugegen war, der uns eine Erklärung dieſes Ver⸗ ſchwindens hinterlaſſen konnte! Wo ſind die verlornen Bücher des Livius hingekommen? Warum ſind gerade dieſe unſichtbar geworden und warum ſind die andern erhalten geblieben? Aus Karl's des Großen Zeit fließen uns Urkunden und Aufzeichnungen aller Art reichlicher als in den folgenden Jahrhunderten; aber wo ſind die Volksdichtungen die er ſammeln ließ und um die wir ewig klagen müſſen? Nun, letzteres iſt eine Frage, die man nicht eben dem delphiſchen Gotte vorzulegen braucht. In dieſen Liedern ſchlug der vollſte Puls des Heidenthums, das er ſo eben ſelbſt mit Feuer und Schwert hatte ausrotten helfen, und der Zug der ihn uns theuer macht, der ihn hoch über ſein Nachbild Napoleon erhebt, mußte der Kirche als eine ver⸗ wünſcht widerſpruchsvolle Grille des großen Mannes erſcheinen, die, als ſein volksthümlicher Geiſt und ſeine ſtarke Fauſt nicht mehr walteten, unter ſeinem frommen Sohne leicht auszutilgen war. Wie manches Schloß ſodann im Mittelalter hatte ſeine eigene Hauschronik, die der Culturgeſchichte unerſetzliche Lebens⸗ bilder, der Sagenforſchung unſchätzbaren Stoff darbieten würde! Noch im 15. Jahrhundert hat erweislich manche dieſer Chroniken geblüht, hoch in Ehren gehalten und von keinerlei Verwahrloſung bedroht. Wo iſt ſie? vermuthlich im Bauernkriege mit den Ver⸗ zeichniſſen der Rauchhühner im Rauch aufgegangen. Aber ſeit der Erfindung, deren feſſelloſes Walten ſo viel zum Brande jener Zeit beigetragen hat, und deren gefeſſelte Wirkung noch ſubverſiver iſt, ſeit der Kunſt, die Bücher durch den Druck zu vervielfältigen, ſollte man glauben, daß ihr dunkles Kurz, Erzählungen. I. 20 306 8 Fatum verſöhnt ſei. Nichts weniger als das. Ganze Auflagen ſind vom ſchwarzen Strudel der Vergeſſenheit dahingeriſſen wor⸗ den. Einzelne Fälle dieſer Art erklären ſich. Von der Bibel, in welcher die rachſüchtige Frau des Druckers die Stelle„Und er ſoll dein Herr ſein“ in die Worte„Und er ſoll dein Narr ſein“ verwandelte, wird man ſchwerlich irgendwo etwas ſehen. Ich weiß nicht mehr, wie zeitig das Verbrechen entdeckt wurde, aber ſo viel ich noch weiß, kam die Entdeckung zeitig genug, um die Ausgabe auch nur eines einzigen Exemplars zu verhüten; man brauchte alſo nur das Wort im Satz zu ändern, den Bogen neu zu drucken und von der ſacrilegiſchen Correctur, die der Frau den Kopf koſtete, jeden Abzug zu verbrennen. Die gleiche Execution iſt manchem Buche zu Theil geworden, das für Staat oder Kirche mißliebig war; doch kennt man Beiſpiele, daß die Vorurtheils⸗ loſigkeit oder Eitelkeit der mit der Vernichtung beauftragten Ge⸗ richtsperſonen für die Nachwelt dankenswerthe Fürſorge getra⸗ gen hat. Wiederum Auflagen von Büchern, für welche die Mitwelt blind war, ſind vom zürnenden Verleger maculirt worden, und dieſer Claſſe dürften die meiſten der Dahingegangenen angehören; doch das Naturgeſetz, daß kein Buch ganz ohne allen und jeden Abſatz iſt, hat ein paar wenige Exemplare gerettet, welchen eine ſehendere Nachwelt, ſehend wenigſtens für die Werthe und Schätze der Vergangenheit, leidenſchaftlich nachjagt. Aber auch nach ihnen, und wenn ſie ſchier auf allen Gaſſen als Koſtbar⸗ keiten ausgerufen ſind, ſcheint beſtändig aus der Nacht hervor eine dunkle Hand zu greifen, die ſie neidiſch und argliſtig dem Licht entziehen will. Wer hat nicht mit Wehmuth in gelehrten Abhandlungen von manchem verſunkenen Horte dieſer Art ge⸗ leſen? Noch vor dreißig, zwanzig, zehn Jahren beſaß ihn ein gelehrter Forſcher, der ihn wie einen Drachenſchatz bewachte. 2 307 Noch in ſeiner letzten Arbeit hat er eine nicht mit Gold aufzu⸗ wiegende Notiz aus dem ſeltenen Buche gegeben, und die ſeitdem weiter fortgeſchrittene Wiſſenſchaft bedürfte nur einiger Worte mehr daraus, um eine ganze Kette von Entdeckungen aus der Tiefe zu heben; ſtatt dieſer aber erhält man die niederſchlagende Kunde, daß das Buch ſeit ſeinem Tode verſchwunden ſei. Schmexzlich blickt man in den gähnenden Abgrund, der ſchon ſo viel Geiſt und Wiſſen verſchlungen hat,„und immer fragt der Seufzer: wo?“ Ich halte es demnach für lehrreich, die Geſchichte eines ſolchen Bücherſchickſals zu erzählen, eine Geſchichte, deren Held zu ſein ich mir nicht eben beſonders zur Ehre rechne. Ich ſaß, wie geſagt, allein im Stüblein, und hatte eben die Geſchichte von der Hinrichtung des edelmänniſchen Schattens geleſen, als mein Schulkamerad, der Dicke, bei mir eintrat, mich mit der Mahnung unterbrechend, daß es jetzt Zeit zum Feuerwerke ſei. Hierüber gerieth ich in beträchtliche Verlegen⸗ heit, und unwillkürlich mußte ich den Namen des Verſuchers murmeln, von welchem unſere Alten lehrten, daß er mit ſeinen liſtigen Anläufen den Sterblichen nachſtelle. Der Streich aber, den ich dieſem Dämon Schuld gab, war folgender. Der Kartoffelherbſt hatte begonnen und die Weinleſe mit der„Vakanz“ ſtand vor der Thüre. Dies war eine beſonders feſt⸗ liche Zeit für die edle Jugend, welche in jeder freien oder erſtoh⸗ lenen Stunde die bevorſtehende Ausſchirrung aus dem Schul⸗ karren und die Herbſtfreuden, die bald Berg und Thal mit Knall und Ziſchen erfüllen ſollten, vorausgenoß. Aufs Leidenſchaft⸗ lichſte wurde die Vorfeier der letzteren begangen. An der Aſche, in welcher die erſten Kartoffeln brieten und dufteten, gingen ſchon Dutzende von„Feuerteufeln“ los, die einfachſte Art von Feuerwerkerei, welche darin beſteht, daß man ein Häufchen Pul⸗ ver aufflammen läßt. Noch beliebter waren die„feuerſpeienden 20* 308 Berge“, die man dadurch bewerkſtelligte, daß man in weichen Boden, am zweckmäßigſten in Lehm, mit dem Finger einen arte⸗ ſiſchen Brunnen bohrte und in ſeiner ganzen Tiefe möglichſt feſt mit genäßtem Pulver füllte. Dieſe kleinen Krater ſpieen erſtaun⸗ lich lang und empfahlen ſich hiedurch den jungen Pyrotechnikern, die Urſache genug hatten, ihre Munition auszuſparen. Denn von diar rtigen Erſcheinungen, als da ſind Raketen, Feuerräder, romaniſche oder(im Zweifelsfall) romantiſche Lichter, konnten wir natürlich bloß als von künftigen Weltbegebenheiten träu⸗ men, die in der Entwicklung der Dinge zur beſtimmten Zeit eintreten mußten, ohne unſer geringes Zuthun in Anſpruch zu nehmen; ſelbſt Schwärmer und Fröſche blieben paſſender den eigentlichen Herbſttagen vorbehalten, in welchen die Taſchen⸗ gelder reichlicher floßen; und ſo konnten wir denn nur nach dem beſcheidenſten Maßſtabe und im engſten Rahmen wirken. Gleich⸗ wohl hatten wir dieſes Spätjahr bereits mehr Pulver verpufft, als wir, Alle und Jeder, zu erfinden Manns geweſen wären. Ungemein befriedigend war das letzte Feuerwerk ausgefallen, vorzüglich dadurch, daß unſer trefflicher Dicker dabei, nicht eben zu ſeinem Beneſice, aber deſto mehr zur Beluſtigung ſeiner Ka⸗ meraden, eine kleine Tragikomödie geſpielt hatte. Er war ein Sohn des Mißgeſchicks. Wenn wir ein Weſpenneſt belagerten und die wüthende Beſatzung einen Ausfall machte, ſo konnte man mit Sicherheit darauf rechnen, daß Alle unverwundet durch⸗ kamen bis auf ihn allein, den wir einſt kaum von ſeinen Ver⸗ folgern zu befreien vermochten, weil ſie den verruchten Ein⸗ fall gehabt hatten, ihm den Rücken hinabzuſchlüpfen und ſein weiches Fleiſch incognito zu zerſtechen. Diesmal verdankte er ſeinen Unfall dem Ehrgeize, der ihn verleitet hatte, einen Feuer⸗ teufel ohne Hilfe des Zunders durch bloßes Feuerſchlagen zu entzünden. Es iſt das juſt keine Hexerei, nur muß man darauf 309 bedacht ſein, den Stahl, während man mit dem Stein über ihn hinſtreicht, ſo ſchief als möglich gegen das Pulver zu halten. Er aber nahm in ſeinem Feuereifer eine immer ſenkrechtere Haltung an, und nun war auf einmal der flammende Kobold ſo ungeſchickt, ihm durch den Ermel hinauf zu fahren und ſei⸗ nen Arm etwas mehr als billig zu wärmen. Dergleichen Un⸗ glücksfälle wurden nicht hoch angeſchlagen, ſie erweckten höchſtens den Wunſch der Wiederholung; ja der Betroffene ſelbſt, als Märtyrer für das allgemeine Beſte, und in der Hoffnung, die Ehre eines ſolchen Opfers auch Andern zu Theil werden zu ſehen, trieb nur um ſo erpichter Mannſchaft und Beiträge be⸗ hufs der nächſten Kunſtübung zuſammen. Aber da eben ſaß der Teufel für mich. Dieſe Beiträge wur⸗ den unnachſichtig von jedem Theilnehmer eingefordert; man hatte die Freiheit, ſie in Münze oder Kraut zu entrichten, nur vor⸗ ausgeſetzt, daß die eine nicht etwa einen„Vögelisgroſchen“ ent⸗ „hielt und das andere nicht zu grobkörnig war; hierauf wurde ſtreng gehalten, doch ſtrenger noch darauf, daß Keiner mit leeren Händen kam. Ich aber hatte das letztemal meinen letzten Kreu⸗ zer beigeſteuert, und die neue Contributionspflicht, die ich ob den Spukgeſtalten des Mittelalters vergeſſen hatte, kam mir als ein noch größeres Schreckensgeſpenſt über den Hals. Theil⸗ nehmer am letzten Feuerwerke, konnte ich mich dem heutigen unmöglich entziehen. Meine ganze geſellſchaftliche Stellung war bedroht. Mit anſcheinendem Gleichmuth hieß ich den Treiber Jehu vorausgehen, indem ich ihm ſagte, ich habe nur noch ein kleines Penſum zu abſolviren und werde zu rechter Zeit auf dem Platze ſein. Als ich ihn draußen hatte, athmete ich auf, doch nur für einen Augenblick. Rath mußte geſchafft werden, und das in der kürzeſten Friſt. Wunder geſchehen nicht alle Tage, das wußte ich bereits, 310 aber ich hatte auch bereits eine Art Providenz kennen gelernt, mit der ſich die Lücke des ermangelnden Wunders nothdürf⸗ tig ausfüllen ließ; und das war eben der Fleck, in welchem ſich der Bewußte, nicht erſt ſeit heute, feſtgeſetzt hatte. Ich war nämlich ſchon vor langer Zeit in den Beſitz einer kleinen Bibliothek gekommen, die ich meiſt von der guten Tante aus der Verlaſſenſchaft ihres Eheherrn geſchenkt erhalten, viel⸗ leicht auch ſonſt da und dort, wo ich ein beſtaubtes Buch in der Ecke liegen ſah, zuſammengebettelt hatte. Den Grundſtock dieſes Bücherſchatzes bildeten einige Folianten des ſeligen Pfarr⸗ herrn, ehrfurchtgebietende Kirchenſäulen aus verſchiedenen ab⸗ gelaufenen Epochen der Dogmatik. Die Meinung der Geberin war allerdings nicht geweſen, daß ich nach Gutdünken mit ihnen ſchalten und walten könne, ſondern ſie waren zu meinem künf⸗ tigen Studio beſtimmt, deſſen ich jetzt ſchon bei ihrem Anblick eingedenk ſein ſollte, und auch ich ſelbſt hatte die Uſucaption in keinem andern Sinne angetreten; da ich aber häufig mit meinem frühzeitigen gelehrten Beſitze prahlte, ſo mußte ich gar bald von unterrichteter Seite hören, daß dieſe Tröſter längſt über⸗ holte Größen ſeien, und daß ich meine Studien dereinſt aus neugefaßten, nicht mehr ſo breiten, aber um ſo tieferen Brun⸗ nen ſchöpfen müſſe. Dies wurmte mir ſehr, und da zu jener Zeit eben die Kirſchen reif waren, die einzige Obſtfrucht, die mir nicht in befreundeten Gärten und Feldern in den Mund wuchs, ſo ließ ich kurz entſchloſſen meine Theologie den Weg alles Fleiſches oder vielmehr alles Käſes gehen, das heißt, ich trug ſie nach und nach zum gründlichſten der Antiquare, zu demjenigen, der die ledernen Deckel bei Seite warf und den Inhalt als Packpapier dem Pfund nach kaufte, gerade wie ich meine Kirſchen. Bei einem ſo wenig ausgiebigen Erlöſe mußte ſchon das mäſßigſte Gelüſte furchtbar unter der Theologie auf⸗ 311 räumen, der ich jedoch die mercantile Dienſtbarkeit auch dann nicht erlaſſen konnte, als, von den wunderthätigen Jakobiäpfeln an, die Fülle des ſommerlichen und herbſtlichen Obſtes auf mich herabregnete; denn nun kamen andere Ausgaben, die der geſel⸗ lige Anſtand erforderte, für Bälle, Marbel, Drachen, Schwimm⸗ blaſen, Pulver und was die wechſelnden Jahreszeiten mit ſich brachten, die ſtändige Poſition der Leihbibliotheksgebüren nicht zu vergeſſen. Bei ſolcher Grundſtocksverwaltung hatte ich bald genug mit den Folianten reines Feld gemacht, und mußte nun meine Opferwahl auf verwandte, ja auf andere Fächer ausdehnen. Noch lebhaft iſt es mir erinnerlich, welche Ueberwindung es mich gekoſtet hat, einen würdigen Buxtorf hebräiſch lernen zu laſſen, deſſen er doch gewiß nicht bedurfte; ich hatte aber gehört, daß das jetzt lebende Geſchlecht durch eine andere Thüre in die Ge⸗ heimniſſe der Suffixen eingehe, und darum„fort mit Schaden“! 3 Der Feuerteufel, der dem Dicken in den Ermel fuhr, hatte die letzten Tropfen dieſer Einnahmequelle mit ſich genommen, oder ich konnte dieſelbe wenigſtens nicht ohne die brennendſten Gewiſſensbiſſe weiter fließen laſſen. Außer einigen Scharteken, die nicht ins Pfundgewicht fielen, waren jetzt noch drei Haupt⸗ werke übrig, und unter dieſen bloß zwei, die in Frage kommen konnten, denn das dritte war eine Bibel, die ich nur als ſehr entferntes Eigenthum beſaß, ſofern ich nicht eher als am Tage meiner erſten Predigt in ihren Vollbeſitz kommen ſollte. Es war nicht die Foliobibel des Großvaters mit dem unterſchlagenen G, ſondern eine kleinere und um gute hundert Jahre jüngere, dieſelbe welche die Sanftmüthigkeit eines friedfertigen Pfarrherrn ein einziges Mal in ſeiner ganzen Ehe auf die Probe geſtellt hatte, das Meiſterſtück eines jungen Buchbinders im vorigen Jahrhundert, das unter dem blanken Goldſchnitt, den es ge⸗ ſchloſſen zeigte, einen zweiten, bunten Schnitt verbarg, der erſt — 312 beim Oeffnen hervortrat, die verſchiedenen Schriften alten und neuen Bundes zur Erleichterung des Nachſchlagens farbig unter⸗ ſcheidend; und wenn ich das theure Familienſtück, woran ſo viele Erinnerungen hafteten, zur Stunde nicht mehr habe, ſo iſt dies nicht meine Schuld, ſondern die Schuld der unvollſtändig ent⸗ wickelten Rechtsbegriffe, welche mancher ſonſt biedere Mann dem gedruckten und gebundenen Eigenthum gegenüber hat. Es iſt unter den Nationalökonomen herkömmlich geworden, die Culturſtufen nach dem Verbrauch der Seife zu claſſificiren. Hiemit iſt zugleich ſchon ein zweiter Maßſtab berührt, der des Verhaltens zu den Büchern, ſofern nämlich der Zuſtand mancher Bücher, wenn man ſie vom Entlehner zurückerhält, die tuscu⸗ laniſche Frage nach dem Seifenverbrauche deſſelben in Anregung bringt. Freilich, wenn man ſie zurückerhält; und dieſe weitere Frage löst den zweiten Maßſtab vom erſten ab. Denn daß gleichfalls ſehr viele Leute, die ehedem zu den„gebildeten Stän⸗ den“ gehörten und jetzt zu den„gebildeten Leſern“ gehören, ein Buch bei ſeinem Verfaſſer entlehnen, und daß dieſer es für eine ſchmeichelhafte Anerkennung nehmen muß, wenn man ihm ſagt, man halte das Buch zu werth, um es ihm heimzugeben, das iſt noch das Geringſte; aber gar nichts Seltenes iſt es, daß Bücher, die ihren Beſitzer ſein ſchweres Geld gekoſtet haben, als gänzlich ungebundenes Eigenthum betrachtet oder vielmehr geradezu als herrenloſes Gut ſequeſtrirt werden. Man nennt dies„ſchießen“, und die tugendhafteſten Seelen, die ſonſt in Dingen von Geld und Geldeswerth gegen ſich und Andere mit löblicher Strenge verfahren, ergeben ſich ſolcher Arquebuſade, ohne daß ihnen ein graues Härchen drüber wächst. Allerdings walten, das muß ich zugeben, eigennützige Beweggründe bei dieſer Obſervanz nicht vor, denn ſonſt hätte ich gar nichts mehr von meinem Göthe, da er mir doch in den zwanzig Jahren, ſeit ich ihn ge⸗ 313 kauft habe, allmählich nur etwa bis auf die Hälfte eingeſchmolzen iſt; allein ſo tröſtlich die Betrachtung ſein mag, ſo wenig nützt ſie mir, einem Pechvogel, dem es faſt regelmäßig widerfährt, daß das Bändchen, in dem er gerade etwas aufſchlagen will, ſich unter den„geſchoſſenen“ befindet. Daß mein Schiller noch ganz iſt, wundert mich nicht; denn Niemand entlehnt ihn, weil Jedermann ihn hat. Das Gleiche aber ſollte man doch wohl auch von der Bibel vorausſetzen, und ich muß in mehr als einem Sinn den Kopf darüber ſchütteln, daß eine Bibel irgendwo hän⸗ gen bleiben konnte. Darum, wer du auch ſein mögeſt, ruchloſer Unbekannter, wenn dein Auge auf dieſe Zeilen fällt, ſo gib mir meine alte Bibel wieder! Ich verſpreche dir dagegen diejenige, die du mich zu kaufen gezwungen haſt. Es iſt eine ganz ſaubere Ausgabe, hat noch einen etwas größeren Druck, und die alten Leibgeſchichten unſeres Volkes, von Simſon und den Philiſtern, von Saul, David, Jonathan, Bathſeba, Judith, Tobias, leſen ſich vortrefflich darin. Nur läſe ich ſie lieber in meiner Erbbibel, obgleich dieſe die Augen mehr anſtrengt; denn einestheils hängt mein Herz an dem alten Familienbuche, anderntheils bin ich an den Schnitt mit den grünen, rothen, blauen, gelben Farben ge⸗ wöhnt, der mich leichter nachſchlagen und das was für mich apo⸗ kryph iſt, überhüpfen läßt. Nun, ſind doch dieſe und noch manche andere ähnliche Heim⸗ ſuchungen wohl nur verdiente Strafen für die Verbrechen, die ich in meinen jungen Jahren an einer Sammlung achtbarer Bücher, wenn auch meiner eigenen, begangen habe. Da ſtand ich denn unſchlüſſig zwiſchen den beiden letzten Stücken meines Schatzes, zwei Lieblingswerken, von denen ich nie geträumt hatte, daß ſie das Schickſal der andern theilen ſollten, und deren eines jetzt unrettbar nach der Schlachtbank gebracht werden mußte. Das eine war das„Teufelsbuch“, in dem ich ſo eben geleſen 314 hatte. Das andere war„das beunruhigte, doch alerte Teutſch⸗ land“, eine Art Zeitung vom Ende des ſiebenzehnten Jahrhun⸗ derts in mehreren Bänden, worin die Kämpfe des Reichs mit Ludwig XIV. geſchildert waren. Auch dieſem Werke war ich ſehr zugethan, denn es hatte trotz ſeiner Perrückenſprache einen friſchen Ton voll patriotiſcher Begeiſterung, und ließ überall ohne Ausnahme die deutſchen Waffen ſiegen. Hiedurch brachte die wohlmeinende Geſchichtsquelle, die nicht bis zum Ryswicker Frieden reichte, eine ſtarke Verwirrung in meine hiſtoriſchen Vorſtellungen, und ich bin ihr ſpäter, als ich dieſelben empfindlich berichtigen mußte, ein wenig gram geworden; damals aber konnte ich mich nur ſchwer von dem Buche trennen. Und doch mußte es ſein; denn die wunderbaren Geſchichten, die in dem andern Buche ſtanden, glaubte ich noch weniger miſſen zu können. Es war mir peinlich zu Muth, aber mein kleines Ich war nun eben einmal durch den Kribskrabs geſelliger Vanitäten auf jene ge⸗ neigte Ebene geführt worden, die ſchon manches größere Ich gewandelt iſt, bis es von der Erfahrung noch mehr als von der Vernunft ſich hat ſagen laſſen, daß es den Kukuk nach der Ge⸗ ſellſchaft zu fragen braucht, weil dieſe im Grund ihres Herzens nach ihm noch weniger als dem Kukuk fragt. Wehmüthig ſteckte ich meine patriotiſchen Schwarten unter beide Arme und trug ſie in die Region des Pfeffers, nicht wo er wächst, ſondern wo eer ausgewogen wird, denn zur lothweiſen Aufnahme dieſes Ge⸗ würzes erkannte der Käufer das Format geeignet. Ach, kein Glücksfund, ſo ſorgſam ich auch bei jedem Schritt auf der Straße ſpähte, hatte mir den Verrath am Vaterland erſpart! Er trug mir übrigens bei meinen Geſellen nicht wenig Ehre ein, denn ich brachte ein reichliches Quantum des feinſten Pulvers mit, das wir in langen dünnen Schlangen verfeuerwerkten. Meine Einnahme reichte über den Herbſt, und als geheimer Beſtandtheil 315 in dem allgemeinen Knallen, Knattern, Praſſeln, Sauſen, ging mein„alertes Teutſchland“ nach und nach glücklich in die Luft. Aber die Hölle war mit dieſem Opfer noch nicht zufrieden. Das Leben hatte ſeinen werktäglichen Gang wieder angenommen, und ich wollte eben in meinem„Teufelsbuche“ da fortleſen, wo ich durch den Beginn der Herbſtfreuden unterbrochen worden war, als abermals der Bürgerruf an mich erging. Einige unſerer Freunde beſaßen noch anſehnliche Pulvervorräthe, vielleicht weil ſie die Pulverhörner ihrer ältern Brüder oder Vettern geplündert hatten, und nun war ein brillantes Schlußfeuerwerk beantragt, in welchem das letzte Korn draufgehen ſollte. Kein Mann von CEhre oder auch nur von Lebensart konnte ſich dieſem Ruf ent⸗ ziehen. Abgebrannt, wie ich in dem unſeligen Augenblicke war, und ſtumpfſinnig geworden durch die nun ſchon einmal eingeriſſene Uebertretung aller Grundſätze einer rationellen Oekonomie, warf ich ein paar flüchtige Abſchiedsblicke in mein„Teufelsbuch“ und ſchickte es dem„alerten Teutſchland“ nach. Ein Glück, daß die Türkenkriegschronik an einen Liebhaber alter Bücher ausgeliehen war: ich wäre wohl nicht minder alert mit ihr verfahren. Da waren ſie nun in der That„verlaufene Geſchichten“, alle jene wahrhaftigen Hiſtorien von Teufelspact und Teufelsſpuk, und nichts iſt mir davon im Gedächtniß geblieben, als die Erzählung von dem Gericht, bei welchem der Schatten eines Mannes ge⸗ köpft wurde. Einen Theil des Erlöſes legte ich zurück, um Erſatz für das Wunderbuch aus der Leihbibliothek zu beziehen, die mir denn auch im folgenden Winter höchſt merkwürdige Dinge erzählte, zum Beiſpiel von dem kühnen Epplein von Gailingen, der den Nürnbergern auf ſeinem windſchnellen Roß aus dem Gefängniß über den Stadtgraben entflog, während ſein Knecht den kurzweiligen Umweg erwählte, auf dem Beſen die Mauer hinabzureiten. Den größeren Theil des Geldes aber machte ich 316 zu Pulver, und ſo konnte ich mich abermals in der Geſellſchaft ſehen laſſen. Da die Witterung nicht ſo beſchaffen war, um ins Freie zu verlocken, ſo wählten wir zum Schauplatz unſeres Vorhabens, gewiß äußerſt zweckmäßig, eine große Scheuer, deren friſch mit Lehm beſchlagener Boden die Bohrarbeiten für die feuerſpeienden Berge ſehr begünſtigte. Dieſer Umſtand hatte unſere Wahl ge⸗ leitet; denn daß das Heu und Stroh in der Scheuer nachgerade dürr genug geworden war, um bei unſerer Aufführung eine ſchöne Gaſtrolle mitzuſpielen, das war uns Nebenſache. Ich enthalte mich von unſern Leiſtungen mehr zu ſagen, als daß ſie vollendet waren. Nur mußten ſie zuletzt überſtürzt werden, denn eine abendliche Schulſtunde, an die wir nicht gleich gedacht hatten, mahnte zum Aufbruch. Aber eben dieſe Beſchleunigung gab unſerem Verfahren eine Großartigkeit, welche es bis dahin, im Einklang mit unſern beſchränkten Mitteln, entbehrt hatte, führte aber auch zuletzt einen Effect herbei, der alle unſere Wünſche übertraf. Der Dicke nämlich, der Alles mit Einem Schlag ab⸗ gethan haben wollte, riß mir unverſehens die noch ſehr volle Pulverdute aus der Hand: Gib nur her, s iſt Ein Teufel! ſagte er, ſchüttete die ganze Maſſe auf ein großes Krautblatt und warf ein Stück brennenden Zunders darauf. Da blieb nichts übrig, als zurückzuſpringen, und im gleichen Augenblick ſchlug eine Flamme auf, deren Lohe faſt bis zur Decke ſtieg, die ſteil⸗ rechte Leiter, den Heuboden, die Feldgeräthe an den Wänden und uns ſelbſt mit grellem Licht beleuchtend. Unſere kleinen Männerherzen pochten, denn es überkam uns eine Ahnung, daß unſere Thätigkeit vielleicht nicht ohne alle Gefahr ſein möchte, aber es war nur ein Augenblick, die Flamme hatte nirgends gezündet und machte gleich wieder dem dichten Qualme Platz, der ſchon längſt den weiten Raum einhüllte. Jetzt aber weckte uns 317 Geſchrei von außen aus unſerer ſchnell wiedergekehrten Sorg⸗ loſigkeit, und wir ſtürzten hinaus. Von allen Seiten jahen wir die Nachbarn herbeieilen. Sie hatten ſchon ſeit einiger Zeit Rauch aus den Oeffnungen der Scheuer dringen ſehen, dann vollends den Blick des Rieſenfeuerteufels wahrgenommen, und kamen nun mit Eimern und Kübeln, um den vermeinten Brand zu löſchen. Der Lärm erwies ſich bald als ein blinder, aber zugleich war unſer ſauberes Treiben nur allzu ſichtbar geworden. Die drei Erforderniſſe, deren jedes bei den alten Gerichtsformen allein ſchon zum Thatbeſtand genügte, waren beinahe vollſtändig vereinigt: der„blickende Schein“ war nicht abzuleugnen, ſtatt der„hebenden Hand“ waren wenigſtens geſchwärzte Hände und Geſichter genug vorhanden, und unter dieſen Umſtänden konnte auch der„gichtige Mund“ nicht dahinten bleiben. Wir legten demnach offen unſere Urgicht ab, und mußten es zu unſerer nicht geringen Demüthigung erleben, daß die Feuerwerkerkünſte, zu welchen wir uns bekannten, mit dem erniedrigenden Titel„Zün⸗ deleien“ belegt wurden. Die betheiligten Eltern aber kamen überein, aus dem Vergehen, das ihnen zu„arg“ für eine gewöhn⸗ liche Behandlung ſchien, eine Schulangelegenheit zu machen, wobei der Gedanke, die empörten Nachbarn zufrieden zu ſtellen, maßgebend ſein mochte. So geſchah es auch. Wir wurden in der Schule an einem der nächſten Tage vorgefordert, peinlich verhört, mußten aber⸗ mals bekennen, was wir angerichtet hatten, und erhielten ſodann den Urtelsbeſcheid, daß uns die Wahl gelaſſen ſei, ob wir auf öffentlichem Markte die ſchwere Hand einer löblichen Polizei kennen lernen oder aber in der Schule eine väterliche Züchtigung von Lehrershand—„jedoch, wohlgemerkt, aus dem Salz!“— in Empfang nehmen wollen. Der Popanz wirkte wie man be⸗ rechnet hatte, und einmüthig gaben wir die ehrenfeſte Erklärung 318 ab, das patriarchaliſche Salz und die intramurane Abwicklung des Prozeſſes vorzuziehen. Ohne Säumen wurde uns willfahrt, und das in einer Weiſe, daß es uns freilich lieber geweſen wäre, unſern Schatten ſtatt uns ſelbſt die Hände ſo bearbeitet zu ſehen. Ja, es war fürwahr kein Schattengericht, und wenn ich hinzu⸗ füge, daß juſt an jenem Tage der erſte Schnee gefallen war und daß wir uns vor der Schule unbedachtſam mit Schneeballen be⸗ luſtigt hatten, ſo wird dies für den Sachkenner genügen, um ihm jenen Zuſtand zu vergegenwärtigen, worin die Palme der Hand gleichſam durch eine Beize zubereitet und für gewiſſe Ma⸗ nifeſtationen einer unumſtößlichen Realität ganz beſonders em⸗ pfänglich geworden iſt. Große Seelen dulden ſtill, wiewohl es ſich nicht immer unterdrücken läßt, daß ihnen eine Männerthräne dabei in die Augen tritt. Der Himmel aber meinte es wohl mit uns und unſerem Schmerz, denn während der Schulſtunde hatte er den Schnee wieder gehen laſſen, und wie wir hinaus⸗ kamen, tropfte es mildiglich von den hohen Kirchendächern herab. Wir hielten unſere feuernden Hände in den Dachtrauf, deſſen weiches Naß für Leiden ſolcher Art als Specificum empfohlen werden darf, und bald kam uns dieſes irdiſche Jammerthal wieder als eine ziemlich erträgliche Wohnſtätte vor. ˙S iſt Ein Teufel, ſagte der Dicke behaglich. Beſſer iſts aber doch, ſetzte er hinzu, in Menſchenhände zu fallen, als in die Klauen der Polizei. Daß bei der Gelegenheit auch mein ſtilles Antiquariats⸗ geſchäft entdeckt und gründlich niedergelegt wurde, läßt ſich leicht erachten. Nur kam die Maßregel, wie ſo manche ähnliche, etwas zu ſpät. Dies iſt ſehr zu beklagen, denn ohne Zweifel hat die Bücherverſchleuderung nachtheilige Folgen für mich gehabt. Zwar daß ein„alertes“ Deutſchland bis zum heutigen Tage, eine kurze Fata Morgana abgerechnet, ein Luftſchloß geblieben iſt, das iſt 319 gewiß nicht meine Schuld. Wohl aber ſcheint es mir denkbar zu ſein, daß mit dem zuletzt verkauften Buche mir auch der Teufel, nämlich der in Rede ſtehende, zum Teufel gegangen iſt; wenig⸗ ſtens kann ich, wie ſchon geklagt, die drei⸗ bis vierfachen„Höllen⸗ zwänge“, den ſchwarzen Raben“, den„großen und gewaltigen Meer⸗ geiſt“, die„praxis magica“, und was uns das ſechzehnte Jahrhun⸗ dert von dergleichen Zauberſchriften und Zauberformeln hinterlaſſen hat, vorwärts und rückwärts leſen, ohne daß ſich ein Mäuschen rührt. Wie kann ich mir das anders erklären, als daraus daß er mit mir„pfauſet“, weil er mir einmal feil geweſen iſt? Wir habens ja gehört:„er iſt ein ſtolzer Geiſt, läſſet ſich nit gern vexiren.“ Die ſpärlichen Erinnerungen, die mir aus dem zu Duten gemachten Buche noch vorſchweben, ſind mir ſeither durch manche andere Aufzeichnungen aus der Reformationszeit beſtätigt worden; aber in meinem alten„Teufelsbuche“ war eben alles viel ſchöner. Indeſſen habe ich die Hoffnung immer noch nicht ganz aufgegeben, des verlorenen Schatzes in einem andern Exemplare wieder einmal habhaft zu werden, um ſo mehr als die an meinem eigenen Beiſpiel gewonnene Erfahrung mich be⸗ lehrt hat, daß eine umſichtige Nachforſchung ein literariſches Kleinod bis in die letzten Stadien der Maculatur verfolgen muß, ja daß ſie es ſelbſt am Rande der Pappſchüſſel noch ſeinem Ver⸗ hängniß entreißen kann. Das Arcanum. Kurz, Erzählungen. I. 21 Kaſper, noch eine Kanne Türkenblut für mich und den Hanngeorg! rief der Graubart in der Fenſterecke dem Wirthe zu, indem er ſeinen Stelzfuß behaglich auf den leeren Stuhl neben ſich legte. Die Glocken können derweil ohne mich ſchlagen. Gern, Thurmulrich, ſagte der Wirth. Kommſt ohnehin ſo wenig zu mir herunter, und ſind doch alte Schulgeſpielen. Was iſt dem Hanngeorg? unterbrach er ſich und gab dieſem einen vertraulichen Puff. Ich glaub' als, der blast Trübſal. Ja, und auf was für einer Poſaune! erwiderte der Ange⸗ redete, indem er ein hochrothes, vom Schmerz ſchiefgezogenes Geſicht aus den Händen erhob. Mag nichts mehr trinken, Thurm⸗ ulrich, ſonſt muſicirts noch ärger da drinnen.— Er deutete mit dem Finger auf die Wange. Potz Schlankement, Zahnweh haſt, alter Bußpſalm? rief der Stelzfuß lachend. Hätteſt du's gleich geſagt, ſo wär' dir ſchon geholfen. Nimm das und halt's mit der Hand drauf, in einer Viertelſtunde ſpürſt nichts mehr, das iſt ſo ſicher, daß du mir den Arztlohn in Wein vorausbezahlen kannſt. Er zog ein Läppchen heraus, das der Leidende mit einem ungläubigen Blicke nahm, aber doch folgſam auf die Wange drückte. Möcht' wiſſen, ſagte der Wirth, auf welchem Kreuzweg der Ulrich in die Lehr“ gegangen wär'. Der weiß mehr als Unſer eins, der kann Alles. 21* 324 Nur nicht Waſſer in Wein verwandeln, bemerkte der Alte. Drum eben brauch ich dich, denn das iſt deine Kunſt. Haſt nicht umſonſt die Hochzeit von Kana dort an der Wand hängen. Voran, jetzt reg' deine Knochen. Aber auch einmal einen Unge⸗ tauften, Kaſper, du Täufer in der Wüſte, und einen dem man nicht nöthig hat die Kratzborſten in Waſſer einzuweichen, ſonſt ſag ich mit meinem durchlauchtigſten Prinzen Eugenius: Lieber Belgrad noch einmal erobern als von deinem Krätzer trinken. Der Wirth brachte die Kanne. Der, ſagte er, wirds thun, wiewohl er nicht den Blutfahnen führt. Der iſt in den Pfalz⸗ grafen gewachſen, ſetzte er mit feierlichem Tone hinzu, in der beſten Lage, und zwar Anno damals, wo du aus der Stadt ent⸗ laufen biſt.. Iſts möglich? den Jahrgang laſſ' ich mir gefallen, der kann abgelegen ſein. Aber ſo oft auch ſeitdem die Reben wieder ge⸗ blüht haben, ſo denkt mirs doch noch, als ob's erſt geſtern ge⸗ weſen wär', wie der lang' Aſſas vor mir am Boden lag und nicht mehr zuckte. Ich hab' unter der Zeit Manchen ſo vor mir liegen ſehen, Türken und Chriſten, und hab' mich dran ge⸗ wöhnt, aber ſelbiges erſte Mal, und im Frieden, potz Schlankement, das war kein Spaß. Zudem wenn man ſich an einem Rathsherrnſohn ver⸗ griffen hat. Freilich, Herren ſind überall Herren, auch wo ſie, wie hier, vom Rathhaus heim zu Fleiſchſchragen, Schuſtersbank, Gerber⸗ loch und Schneiderhölle wandeln. Dem langen Aſſas ſtack das ſchon im Geblüt, bei jeder Luſtbarkeit wollte er mehr ſein als wir Andern, und ſo ſtieß er auch damals gleich mit dem Meſſer drauf los, als ob er nach gar nichts zu fragen hätte. Mich aber machte das ſo wüthend, daß ich nichts mehr von mir ſelber wußte; nur das erinnere ich mich, daß ich den Aſſas gewürgt * 4 3 2 3 — 4 4 325 und zu Boden geworfen haben muß. Ich wurde juſt weggeriſſen, als ich auf ihm herumtrappelte. Wie ich aber ſah, daß er nicht mehr aufſtand, kam ich wieder zu mir und lief— Bis nach Belgrad in Einem Tag. Das grad nicht, aber ſelbigen Tag doch weit genug, daß ich nicht geglaubt hätte, ich ſollte den langen Aſſas je wieder ſehen, weder lebend noch todt. Den Aſſas wieder ſehen? fragte der Wirth verwundert. Wie kommſt du denn auf den Gedanken? Der Veteran drückte ein Auge zu und ſetzte die Kanne an den Mund, hielt nach dem erſten prüfenden Zuge mit angeneh⸗ mem Staunen inne, ſchaute eine Weile gleichwie andächtig auf die goldhelle Flüſſigkeit, ſetzte dann wieder an und vertiefte ſich liebevoll in die Kanne. Zwar lebendig hätteſt du ihn noch ein paar Jahre ſehen können, fuhr der Wirth fort, und hätteſt nicht nöthig gehabt, deine Verlegenheit an den Heiden auszulaſſen, denn dem Aſſas hat dein Würgen und Treten nichts gethan, vielmehr iſt er nachher immer noch länger und länger geworden, als ob er erſt jetzt, ſeit du fort warſt, recht auflommen könnte, und oft hat er gelacht über deine unnöthige Flucht, hat ſich auch nicht wenig gerühmt, daß er dich bis Belgrad gejagt habe. Aber deine Heimkehr hat er nicht erlebt, denn er war ſo in die Länge ge⸗ ſchoſſen, daß ihm die Lebenskraft in die Breite mangelte, und juſt auf den Tag, wo er hätte unter die Zwölfer kommen ſollen, wiewohl es wider die Statuten iſt, daß Vater und Sohn im Rath ſitzen, iſt ihm ſein engbrüſtiger Athem ausgeblieben. So viel hat ihm ſeine Wahl noch eingetragen, daß er als neuge⸗ borener Rathsherr nicht zu ſeinen gemeinen Mitbürgern auf den Todtenacker vor der Stadt gekommen iſt, ſondern man hat ihn in der Kirche begraben, allwo auch ſein Name auf ſeiner Fa⸗ milientafel prangt. Als ob ich nicht alles das wüßt'! ſagte der Veteran, die Kanne lüpfend. In allweg, erwiderte der Wirth, denn ſeit du von den Türken zurück und Thurmwächter bei uns worden biſt, haſt du ja Nachbarſchaft mit ihm, und das ſchon manch liebes Jährlein, nur keine ſichtbare. Der Thürmer drückte beide Augen zu, blinzelte ihn an und reichte ihm die leere Kanne. Biſt ein Biedermann, ſagte er, dein Pfalzgräfler krabbelt mir bis in den Stelzfuß hinab, am End thut er noch ein Wunder. Laß ihn aufwärts ſteigen, Ulrich, ſagte der vorſichtige Wirth, indem er nach dem Keller ging. Abwärts iſt der Wunderthäter zu kurz, er macht ſchon ſeinen letzten Willen. Vor Belgrad habt Ihr Euch den hölzernen Juß wachſen laſſen, Thurmulrich? fragte einer der Gäſte, welche ſich, in der Hoffnung von der alten Kriegsgurgel eine Geſchichte zu hören, herzugeſetzt hatten. Nein, ſo weit braucht' ich nicht nach meinem Glück zu laufen, es lag näher. Der Türk' hat mir kein Härlein gekrümmt, und wo ich mit dabei geweſen bin, da hat er Haar laſſen müſſen. Gleich das erſtemal, daß ich dazu gekommen bin, bei Mohatſch, da hab' ich mich mit meinem jungen Prinzen Eugenius und mit dem alten Lothringer ſo gehalten, daß der Türk' hat aus Ungarn weichen müſſen. Das nächſte Jahr war ich mit bei griechiſch Weißenburg, wo unſere Kreisvölker die erſten in der Feſtung waren. Nachdem ſie aber abgerufen worden ins Reich, weil der Franzos, der Mordbrenner, über den Rhein ge⸗ fallen war, ſchlug ich mich zu dem jungen Baierfürſten und machte mit ihm den Sturm auf Belgrad, der durch den Vigor 327 unſerer Truppe gelang. Das war ein Krachen und Donnern, als ob der Welt Einfall vor der Thüre wäre. Mein glorwür⸗ diger Savoyer, der von der andern Seite ſtürmte hätte ſchier ſeine Laufbahn beſchloſſen, da ſie noch in ihrem erſten Anfang war; aber er kam von ſeiner ſchweren Bleſſur wieder auf, denn ihm war ein anderer Tag von Belgrad in ſein Lebensbuch ge⸗ ſchrieben, der das Blut des erſten bezahlen ſollte. Darauf zog ich mit dem Markgrafen von Baden ins Feld und half ihm den Graf Deckele jagen, den ungriſchen Rebellen, daß er froh ſein mußte, ſein Leben als Weinhändler zu Konſtantinopel beſchließen zu dürfen. Drum ſagt man auch ſeit der Zeit: Hochmuth kommt vor dem Fall, wie beim Graf Deckele. War doch ein vigoroſer Herr, und gut evangeliſch, wie. Unſer eins, wenn ers nur nicht mit dem Erbfeind gehalten hätte Und ſeine Frau Helene, die war euch ein Weib, über einen Mann, war Commandant in Munkatſch, und wenn ſie nicht ver⸗ rathen worden wäre, ſo hätten wir die Feſtung heut noch nicht. Wir haben ihr aber auch alle Reverenz angethan und haben ſie gegen einen gefangenen kaiſerlichen General ausgewechſelt. Derweil aber hat der Halbmond wieder zugenommen die untere Donau herauf und hat uns alle unſere ſerbiſche Feſtungen auf die Hörner geſpießt. Da haben wir auch Belgrad wieder ver⸗ loren auf lange Zeit, weil es für unſern Fürnehmſten aufge⸗ ſpart bleiben ſollte. Bin aber nicht dabei geweſen, wie der Türk' es nahm, ſonſt hätt' ich vielleicht auf der Taubenpoſt mit⸗ reiſen können. Acht Regimenter ſind dort dem Kaiſer in die Luft geflogen auf Einen Schlag. Da mags erſt gekracht haben, ſagte einer der Gäſte. Ja, fiel der Wirth ein, ich weiß noch, wie das Geſchrei im Reich erging, der Türk' ſei wieder in Belgrad. Man hat ſchon gemeint, morgen werde er vor Ofen und übermorgen wieder vor Wien ſtehen, wie Anno Dreiundachtzig. Das haben wir ihm vertrieben, ſagte der Türkenfreſſer, indem er die krummen Spitzen ſeines Schnurrbarts nach beiden Seiten gerade zog und ein paar greuliche Augen dazu machte. Bei Schlankement ſind wir über ihn her, Anno Einundneunzig wars, am neunzehnten Auguſt, es iſt mir wie geſtern, und iſt eine ſolche Action und Victori unerhört geweſen ſeit der Ent⸗ ſetzung von Wien. Aber der Durcheinander war auch darnach. Es gab keine Generalsperſon, die nicht hätte ihr Gewehr löſen und ſich ihrer Haut wehren müſſen, ſo gut wie ein Gemeiner. Zuletzt rief der Markgraf: Drein geraſſelt! und mit donnerndem Hufſchlag gings dem Feind in den rechten Flügel, den warfen wir auf den linken, und jetzt, eben wie der Türk' ſich noch ein⸗ mal zuſammennehmen will, auf einmal verſtummen ſeine Becken und Schellen, denn unter der Schlacht machen die Heiden an Einem fort türkiſche Muſik.— Iſts noch nicht beſſer? warf er dazwiſchen gegen Hanngeorg hin, welcher den Kopf ſchüttelte. — Und da iſt euch alles ſo ſtill geworden, daß man hat ſein eigen Wort hören können. Was wars? Der Muſtapha Köpperle war gefallen, ihr Großweſier, das Teufelskind, vor dem der Kaiſer nächſtens nicht mehr in ſeiner Hofburg ſicher ge⸗ ſeſſen wäre. Wir aber erſehen den Augenblick und brechen durch, denn der Türk' iſt dageſtanden wie eine vermähte Krot', ganz beſtürzt, und drin ſind wir im Lager, und zwanzigtauſend pump⸗ hoſige Heiden decken euch den Wahlplatz, wie Garben, und Paſcha an Paſcha. Aber auch wir hatten viel hohe Offiziere eingebüßt, und war ſchier die ganze Armata zerhauen, wie wenn ſie von der Fleiſchbank käme; nur ich allein bin heil davongekommen. Wiſſet ihr denn nicht, daß er feſt war, der gottloſe Kerl? 329 rief der Wirth. Er führte ein Galgenmännlein bei ſich, ich habs einmal geſehen. Habt Ihrs noch, Ulrich? fragte einer der Gäſte. Was werd' ichs noch haben? verſetzte der Thürmer. Dann hätt' ich ja auch meinen Fuß noch. Nachdem wir mit dem Gröbſten fertig geweſen ſind und die Sache weiter keine Gefahr gehabt hat, ſo hab' ich mich wieder ins Reich heraus gemacht, hab' auch bald verkundſchaftet, daß über dem alten Verdruß Gras gewachſen iſt, und hab' gedacht, es ſei dem Kaiſer eben ſo wohl gedient, wenn ich jeden Tag für ihn die Türkenglocke läute. Und weil ich nicht meinte, daß ich noch einmal in den Krieg müßte, ſo hab' ich mein Gläslein einem Dünewald'ſchen Kü⸗ raſſierer, da ſie hier im Quartier gelegen ſind, verkauft. Wo habt Ihr denn aber Euren Fuß gelaſſen? fragte ein Gaſt. Wo werd' ich ihn gelaſſen haben? Im lieben Baierland. Wie Anno Zwei das Ungewitter von Neuem losbrach, und unſere Stadt an die dreihundert Mann zum Kreiscontingent ſtellen mußte, ſo ſprachen mir die Herren zu, ich ſolle als ein verſuchter Soldat mitgehen. Es war mir nur halb lieb; denn die Zunft⸗ meiſter wählten inſonders verthunliche Leute aus, an denen nicht viel verloren war; auch zog ich nicht gern gegen den Kurfürſten als meinen alten Alliirten von Belgrad her; doch verdroß michs auch wieder an ihn, daß er ſich mit dem Franzoſen gegen den Kaiſer verbunden und uns den Handſtreich auf Ulm gemacht hatte; auch ſchafften mirs die Herren, daß mein Weib den Thurmdienſt verſehen durfte an meiner Statt; und ſo ließ ich mich bereden, zog den grauen Rock an und ging mit. In Hep⸗ pach, Anno Vier, am neunten Juni, bin ich mit dabei geweſen als Schildwache, wie mein Prinz Eugenius mit dem Herzog von Malbruck und dem Wirtenberger Herzog Kriegsrath gehalten 330 hat; denn der Herzog Eberhard Ludwig, als Kreisdirector, war damals noch gar ein martialiſcher junger Herr, und hatte lieber mit Haubitzen zu thun als mit Grävenitzen. Er bekam auch einen Schuß auf den Bruſtharniſch, der ihn quetſchte, wie wir drauf am zweiten Juli den Schellenberg ſtürmten bei Donau⸗ wörth; auch der Prinz Karl Alexander, ſein Vetter, der katho⸗ liſch geworden iſt, wurde bleſſirt; wer aber am ſchlimmſten weg⸗ kam, das war ich, denn eine bairiſche Karthaune machte mich um einen Fuß kürzer. Das half aber alles nichts; ſo hitzig ſie ſich in ihrem Retranchement wehrten, herunter mußten ſie, Baiern und Franzoſen alle miteinander, und wurden dreizehn Bataillone und Esquadronen aufgerieben und bei achthundert Mann in die Donau geſprengt. Aber ohne dich! brummte ſein Patient, der die ganze Zeit über leidend und mürriſch mit dem Kopf in der Hand auf dem Tiſche gelegen war. Freilich ohne mich, ſonſt hätt' ichs ja machen müſſen, wie die Gänſe, wenns regnet. Hab' dann auch im Auguſt nicht beim Kehraus ſein können, und den Tallard mit ſeinen Unüberwind⸗ lichen fangen helfen; aber was meint ihr denn? wenn wir nicht im Monat zuvor ſo ſauber den Schellenberg gefegt hätten, ſo hätten die Unſern bei Höchſtätt nicht ſo ebenen Tanzboden ge⸗ habt. Drum, wenn ich auch dieſe Tänze jetzt nur noch in mei⸗ nem Thurmſtüblein mitmachen kann, ſo oft mir der Organiſt den Poſtreiter zu leſen gibt, ſo iſt mirs doch ſo leibhaftig, daß die Zeitungsbuchſtaben wie ganze Regimenter vor mir aufmarſchiren, und die letzten großen Actionen meines Savoyers, bei Peter⸗ wardein und Belgrad, ſind mir geweſen wie Fleiſch von meinem Fleiſch und Bein von meinem Bein, und wenn mir die Glori meines Helden wohl thut wie die warme Mittagsſonne, ſo denk' ich dran, daß ich ſchon am frühen Morgen mit ihm auf der E 331 Bahn geweſen bin, lang eh ers ſo weit gebracht hatte wie jetzt, und hab' mit ihm den Halbmond geſtutzt und nachher auch noch den Gockelhahn gerupft, unſere beiden Erbfeinde. Das iſt ein guter Troſt für das Stillſitzen, lachte einer der Gäſte, aber ein ſchlechter für den ſeligen Fuß. Für den muß ich mich eben mit dem häuslichen Sinn tröſten, erwiderte der Thürmer, denn die vielen ſteilen Stiegen thuts freilich nicht oft und geht mir allemal lang nach, klappert auch, wie nichts Gutes, abſonderlich in der Nacht. Es muß doch etwas Apartes ſein, hob ein Anderer an, wenn man ſo hoch über den Häuſern und Dächern ſitzt im engen Thurmſtüblein. Ja, ja, verſetzte der Thürmer und ſchaute lang in die Kanne; ſein Geſicht hatte einen eigenthümlichen Ausdruck, es war ſchlau und träumeriſch zugleich. Wenn man Abends ſo durch das einzige kleine Fenſterlein auf das Meer von Lichtern drunten ſieht, ſo iſts als ſäße man auf einem umgekehrten Felſen und hätte die Sterne unter ſich. Oder, fuhr er abgebrochen fort, man ſteht draußen unter dem Glockenſtuhl im hohen Thurmfenſter, zwiſchen den heraufragenden Thürmlein, Zacken und Löwenköpfen, die Lichter löſchen eins ums andere aus, die Stadt liegt tief unten und thut keinen Athemzug, der Nachtgeiſt ſtreicht durch die offenen Fenſterbogen, haucht leis über die Glocken hin, endlich entſchläft er, nun lebt nichts mehr in der Welt als unter den Füßen die Unruhe der Uhr mit ihrem Ruck⸗Ruck, Ruck⸗Ruck, und dann und wann raſſelts wie ein plötzliches Zuſammenſchrecken in den großen Rädern und Gewichten, ſo daß es Einem vorkommt, der Thurm ſei ein lebendig Weſen mit Herz und Puls im Innern, und oben im Kopf da wohnt die metallene Stimme, und neben ihr das lichte Ding, das über allem dieſem brütet und ſimulirt— ver⸗ ſteht ihr, das iſt der Wächter ſelbſt, denn der ſitzt recht dem — 332 alten Rieſen im Kopf, wie der Gedank' im Kopf des Menſchen ſitzt.— Haſts immer noch im Zahn? fragte er unverſehens den Trübſalbläſer, der ſich bei den letzten Reden aufgerichtet hatte. WVie du's im Hirngehäus haſt, brummte dieſer, ohne jedoch die Hand mit dem Läppchen von der Wange zu entfernen. Ich glaub', ich thät' mich fürchten, ſagte Einer, wenn's bei ſtiller Nacht im Thurm ſo ruckt und lebt. 3 Contrari, verſetzte der Thürmer blinzelnd, da droben iſt man ſicher wie in Abrahams Schoß, und hört nichts von dem was drunten vorgeht, tief unter der Uhr und unter dem Kreuz⸗ gewölb. Denn dort möcht' ich nicht jede Nacht ſein. Was? wo? Nun, in der Kirche ſelber. Woher wiſſet Ihr das, Ulrich? riefen die Andern, indem ſie näher zuſammenrückten. Vom Sehen. Ich bin einmal dazu gekommen, es war am Bürgermeiſterstag, die Herren feierten die Wahl mit einem Bankett und Tanz auf dem Rathhaus, und weil meine Glocken am Morgen ſo luſtig zur Rathsproceſſion geläutet hatten, ſo meinte ich am Abend, mir könnte wohl auch einiges Türkenblut ſpringen bei meinem Kaſper da. Nun, es war ſpät geworden, aber eine glanzhelle Julinacht, der Vollmond ſtand am Himmel, und wie ich den ſteinernen Schnecken wieder heimſteige, ſchlägt's eben Mitternacht über mir. Nachdem es aber ausgeſchlagen hatte, da war mirs als hört' ich neben drunten ein Geräuſch. Ich bleibe ſtehen, und richtig hör' ich ein Klopfen und Poltern von der Kirche her, daß ich gleich denken muß: da gibt's etwas. Ich ſteige alſo vollends hinauf bis zur Sommerlaube, gehe weiter, bis wo die Glockenſeile durchs Gewölb ins Paradies hinabhängen, in die Vorhalle der Kirche, lege mich auf den Boden und gucke durch eins der Löcher hinunter. Aber was ———————— ſehen meine Augen? Es war ſo hell drunten, daß man jede Fuge in den Bodenplatten unterſcheiden konnte. Und da er⸗ luſtirte ſich eine Geſellſchaft, wie man nicht leicht eine ſchauen wird, lauter Knochen und klapperdürre Gebeine ohne Haut und Fleiſch. Sie wackelten an den Wänden und Niſchen hin, klopf⸗ ten mit den beinernen Fingern an die Grabſteine, daß es hallte, und da kamen immer noch mehr, bis die ganze Vorhalle von ihnen erfüllt war. Man konnte nicht anders denken als ſie ſeien dem Wahltag zu Ehren aus dem Bett geſchlupft, um ge⸗ ziemender Maßen als Rathsverwandte auch ihre Feſtivität zu haben. Ulrich, verbrenn' dir das Maul nicht! unterbrach ihn der Wirth. Und ihr, rief er den Gäſten zu, indem er die Stimme dämpfte, hütet eure Zungen. Wenn's durch ihn lautbar würde, daß die todte Rathsherrenſchaft am Bürgermeiſterstag im Pa⸗ radies bankettire, er müßt' in den Diebsthurm, wie verwichen der Kantengießer, der mit den Herren gehadert hat im großen Rath. Wir ſagen's nicht weiter! betheuerten die Andern in won⸗ nig grauſiger Erwartung der Dinge, die da kommen ſollten. Zu bankettiren hatten ſie nichts, verſetzte der Thürmer. Es ging ganz mager und trocken her, aber luſtig bei alledem. Man ſollt's nicht glauben, wie Leute, die bei Lebzeiten vielleicht bockſteife Geſichter gemacht haben, nach ihrem Tod ſo kurzweilige Geſellen werden können. Sie hingen ſich an die Glockenſeile, wie wir's in unſerer grünſten Jugend gemacht haben, und flogen daran durch die ganze Halle hin und her. Dann faßten ſie einander Alle an den Händen und begannen einen Reigen zu wackeln, ob dem ich ſchier laut lachen mußte. Es iſt nicht zum Beſchreiben, und ging über jeglichen Faſtnachtsſchwank, wie bei dieſem Tanz die langen Beine einknickten und die dürren Knochen durch einander ſchlotterten. Zuweilen fielen ſie haufenweiſe zu Boden, und Manche, die nicht mehr niet⸗ und nagelfeſt ſein —————· 334 mochten, gingen dabei in Scherben; ſo wie ſie aber wieder auf die Beine kamen, waren ſie wieder ganz und wackelten weiter, als ob nichts geſchehen wäre. Das war euch ein Getöſe, ein Regiment Störche kann nicht ärger zuſammenklappern. Manch⸗ mal hielten ſie auch mit dem Tanzen inne und ruhten aus, wie es auf dem Tanzboden Sitte iſt, Etliche an die Säulen gelehnt, Andere mit einander auf⸗ und abgehend, wobei ſie gleich⸗ ſam in eifrigem Geſpräch mit den hohlen Schädeln gegen ein⸗ ander nickten und wackelten. Wenn ein Tanz aus war, ſo ſchlupften ſie ehrbar in ihre Gewande, wer eins hatte, denn daran konnte man erkennen, wie lang einer ſchon in die Sipp⸗ ſchaft verbürgert war; die Einen waren noch ziemlich wohl verſehen, die Andern trugen nur noch ſchlechte Fetzen, wo⸗ mit ſie zur Noth ihre Blöße deckten, und wieder Andere gin⸗ gen nackt und bloß, ließen ſichs aber nicht anfechten, waren vielmehr froh, wenn ſie nur noch ihre Knochen vollſtändig bei einander hatten und ihnen der Mond nicht ſo breit durch die Rippen ſchien, wie den gar Alten. Hub der Tanz wieder an, ſo legten die ſo bekleidet waren, ihre Hemdlein ſäuberlich auf eine Schranne in der Ecke, nicht weit von der Thurmthüre. Ganz zuletzt, nachdem ſchon ein paar Klappertänze vorbei waren, kam noch ein Nachzügler auf den Plan, der ſich erſt kurz zur Ruh begeben zu haben ſchien, denn er wankte verſchlafen daher, ein himmellanger Kerl— Der Wirth ließ ein kurzes bedeutſames Lachen hören. Er hatte ein langes weißes Leintuch um, dem man anſah daß es noch neu war, und ſtolzirte darin herum, als ob's ein Alamodekleid wär'. Auch wollt' ers nicht ablegen, wie ihm nach einer Weile vom Zuſehen die Luſt zum Tanzen kam. Die Andern aber hielten ſtreng auf ihre Tanzordnung, ſchüttelten ihre Köpfe, zerrten ihn am Hemd, und als er ſich wehrte, ſtießen 335 ſie ihn, daß er zu Boden fiel und die langen Beine in alle Höhe ſtreckte. Da mußte er Spaß verſtehen lernen und ſein Hemd zu den andern auf die Schranne legen, worauf er mit⸗ thun durfte. Sie rißen ihn aber ſo muthwillig herum, daß euch das lange dürre Gerippe, das über Alle um mehr als einen Kopf hinausragte, den poſſirlichſten Tänzer abgab, über den man je auf einem Tanzboden gelacht hat. Ich hatte das Ding eine gute Zeit ſo angeſehen, da reitet mich der Teufel— O nur das nicht! rief unwillkürlich einer der Gäſte aus. Was nicht? fuhr ihn der Erzähler an. Weiß ichs denn? entgegnete der verblüffte Zuhörer, deſſen Zunge der Einbildung vorausgelaufen war. Das wär' juſt ein Grund zum Schweigen, dächt' ich, be⸗ merkte Jener. Ich konnte dem Einfall nicht widerſtehen, fuhr er fort, ſchlich hinunter, riegelte leiſe die Thür' auf, die in die Kirche führt, kundſchaftete einen Augenblick, ob ſie meiner nicht gewahr würden, aber ſie tanzten und klapperten wie beſeſſen fort, und mit einem Schritt war ich in der dunklen Ecke, hatte das oberſte Stück von ihrer Guardaroba erwiſcht, und eben ſo geſchwind war ich wieder draußen aus dem Paradies. Nun wurde mirs aber doch ein wenig viſierlich ums Bruſttuch, und ich hätte nicht geglaubt, daß man einen Wendelſtieg ſo ſchnell hinaufkommen könnte. Mit dem Stelzfuß? fragte der Zahnwehkranke ſo ſpöttiſch, als ob er ein Kartenhaus umgeblaſen hätte. Der Thürmer drehte ſeine Schnurrbartſpitzen, daß ſie wie krumme Säbel emporſtanden. Verſtehſt du nicht deutſch? erwi⸗ derte er. Haſts doch deutlich hören können, daß ich noch nicht lang aus dem Türkenkrieg zurück war. Die Kugel, die mir das Thurm⸗ ſteigen ſauer macht, war damals noch nicht gegoſſen oder ſchlief noch im Ingolſtadter Zeughaus. Auch war ich noch ledig, hatte — —— 336 aus dem Feldlager eine harte Bärenhaut mitgebracht und hätte wohl wollen den Tod hinter dem Ofen fangen und den Teufel im Sack prügeln. Alſo ſtreckte ich mich wieder bei meinem Guck⸗ loch nieder und ſah, daß ich die Zeit gut getroffen hatte, denn ſie machten eben wieder Feierabend und legten ihre Mäntel an, während die Unbekleideten nach und nach hinter den Grab⸗ ſteinen verſchwanden, wie ſich die Fliegen, wenns Winter wird, in die Wände verlieren. Mein Langer aber, denn das war der Beſtohlene, geiſtete unruhig durch die jüngere Geſellſchaft hin und her und wollte da und dort einem Andern das Gewand von den Knochen reißen, worüber es zu Balgereien kam, wie ſie in keinem Dockenkaſten närriſcher ſein können. Dann krab⸗ belte er an den Wänden und Grabſteinen herum, ob einer der vorangegangenen Schlafgeſellen ſich ſeines Hemdes bedient habe. Auf einmal aber, ich weiß nicht, hab' ich vielleicht das Lachen nicht recht verhalten können oder hat ers ſonſt gemerkt, auf einmal mit einem Affenſprung hängt er am Glockenſeil und ſchießt dran herauf wie ein Pfeil, ich hab' mich kaum noch zurückwerfen können, da fährt ſchon ſein beinerner Arm durch das Loch und flügelt nach allen Seiten umher, kriegt aber nichts, und fort iſt er wieder. Nun aber überliefs mich wie geſchmol⸗ zenes Blei, denn es fiel mir ein, daß ich die Thür' unten offen gelaſſen hatte. Mein einziger Troſt war, daß er mit ſeinem Gliederſpiel nicht ſo raſch den Schnecken heraufſpringen werde, aber trau ſchau wem? Das Leintuch um den Arm gewickelt, das ich um keinen Preis hergegeben hätte, lief ich Sturm die Stiegen empor, und ein Wunder wars, wie ſicher das in dem ſtockſinſtern Thurme ging. Aber ſo ſehr ich auch eilte, denn zehn Batterieen im Rücken hätten mich nicht ſtärker gejagt, ſo kam es mir doch wie eine Ewigkeit vor, und erſt als ich die oberſte Stiege hinter mir hatte und wieder unter meinen Glocken 337 ſtand, wagte ich Athem zu ſchöpfen. Da oben war's auch wie⸗ der hell und freundlich, wie am Tag, der Mond ſah zum Bogen⸗ fenſter herein. Drei Viertel ſchlug's, wie ich oben angekommen war. Jetzt: kommt er oder kommt er nicht? Ich horchte hinab⸗ hörte aber nichts als den ſchweren Gang der Uhr. Halt, was war das? Zwiſchenhinein ein hölzerner Ton, etwa wie wenn ein Fenſterladen oder ſo etwas anſchlägt. Es kommt näher, wird immer deutlicher. Manchmal iſt's wieder ſtill, dann ſchwingt aber eins von den⸗ Glockenſeilen, zum Zeichen daß er ſich dran heraufzieht, bis er dem Gebälk oder ſonſt einem Hinderniß be⸗ gegnet und wieder den beſchwerlicheren Weg auf den Stiegen machen muß. So geht es abwechſelnd fort, aber unverdroſſen, und immer lauter wird das Geklapper, und jetzt iſt's kein Zwei⸗ fel mehr: er kommt, kommt richtig. Hu! riefen die Zuhörer. Was thun? fuhr der Erzähler fort. Mich in meinem Stüb⸗ lein verſchanzen? Was ſind Dem Riegel und Blockwerke? Der kommt hinein und erwürgt mich ſchmählich zwiſchen den niedrigen vier Wänden! Mich auf den Umlauf hinaus flüchten? Da kommt er nach und wirft mich elendiglich über die Bruſtwehr hinab. Beſſer alſo, hier, unter meinen Glocken, auf meinem Poſten bleiben und mich halten wie ein ehrlicher Soldat. Ich nahm mir nicht Zeit, meine Hellebarde aus dem Stüblein zu holen, den Stundenhammer machte ich aus Riemen und Nagel los, und ſo ſtand ich mit hochgehobenem Arm am Stiegenrand unter der großen Glocke, die halb dort über der Stiege hängt. Und jetzt kam's an dieſe oberſte Stiege. Bei jedem Tritt brachen ihm die Kniee ein, aber er krallte die weit vorauslangenden Hände in die Staffeln und zog ſich nach, wie ein langer langer Schnak', ſo daß es ſchneller ging, als ich ihm zugetraut hätte. Und während es noch weit unten auf den Staffeln klapperte, Kurz, Erzählungen. I. 22 338 fuhr auf einmal mit einem mächtigen Schwung ein Kopf und ein Arm unter der Glocke weg aus dem Dunkel hervor, und der Arm thut einen langen Griff nach mir— IJeſus! ſchrieen die Zuhörer. Schüttelt's dich doch endlich, Hanngeorg? ſagte der Wirth. Ein Laut ging durch den Thurm, als ob ihn der Schreck durchzuckt hätte, aber es war die Uhr, ſie hatte gewarnt. Ich war drei Schritte zurückgeſprungen und bereitete mich zum Schlag— da, denket euch, wie mir zu Muth wird, als ich den Kerl erkenne! Schier wär' mir der Hammer aus der Hand gefallen. Denn wer war's? Wer anders als der lang' Aſſas! ſagte der Wirth. Geſchwätz! bemerkte der Patient, der zum erſtenmal frei⸗ willig den Mund aufthat. Wie ſollt' an einem Todtenkopf etwas zu erkennen ſein? Der hat ja kein Geſicht. Und ich ſag' euch, rief der Thürmer, es war der lang' Aſſas, ich ſah ihn ſo deutlich, wie ich euch alle da vor mir ſehe. Es war als ob die Knochen ſich zu einem Geſicht ver⸗ zögen, das im weißen Mondlicht einen Schein von Leben an⸗ genommen hätte. Er grinste mich mit einem grimmigen Lachen an, und ob er gleich keinen Laut von ſich gab, ſo verſtand ich doch, was er ſagen wollte: Gelt, ich hab' dich bis nach Belgrad und Schlankement gejagt, und nun will ich dich vollends in's Bockshorn jagen.— Probir's! dachte ich und wollte ihm eins zwiſchen die Ohren geben, das mir wohl wenig geholfen hätte, da raſſelt's mit aller Macht, und holt aus, und auf der kleinen Glocke ſchlägt es Eins. Meine alte Suſanna über mir wurde unruhig und hätte gleichfalls gern geſchlagen, aber ſie konnte nicht, weil ich ihr den Hammer genommen hatte. Nun weiß ich nicht, wie es mich überkam: war mir's in die Glieder gefah⸗ ren, als guter Thurmwächter meiner Glocke beizuſpringen, oder 339 iſt's eben in der Verwirrung meiner Sinne geſchehen, kurz, ſtatt dem Aſſas geb' ich der Glocke den Streich, und das mit beiden Händen, einen Streich, wie wenn man einen Ochſen ſchlägt: Sie hat aber auch Laut gegeben, die gute Suſanna mit ihrer tiefen Stimme, einen zornigeren Baß habe ich keine Karthaune jemals ſingen hören. Und ſiehe da, ich hatte in mei⸗ nem Unverſtand das rechte Mittel getroffen. Der Donnerſchlag, der mich ſelbſt ſchier zu Boden geworfen hätte, fuhr dem Geſel⸗ len auf den Kopf, und zuſammen bricht er, und krach, krach, klatſch, klatſch, geht's die Stiegen hinunter, immer ferner, immer dumpfer aufſchlagend, bis endlich nichts mehr zu hören iſt. Es blieb auch ſtill, und ich will nicht läugnen, daß mir's wohler war als zuvor. Das glaub' ich, ſagte einer der Zuhörer. Aber hat er wirklich den Hals gebrochen? Den andern Morgen, das könnt ihr euch denken, ſah ich zeitig nach. Tief unten, wo die unterſte Stiege wieder auf dem Gemäuer aufſteht, lag ein Haufen Gebeine, zerſtreut und zerbrochen. Bis dahin waren ſie durch die halb offenen Stock⸗ werke hinunter gefallen und mögen ſich unterwegs an manchem Balken geſtoßen haben, bis ſie auf dem ſteinernen Grund vol⸗ lends den Reſt bekamen. So iſt's alſo kein Traum geweſen? rief einer der Zuhörer, den das Entſetzen jetzt erſt recht zu ergreifen ſchien. Der Thürmer nickte. Ich trug ſie nach der Sommerlaube hinab und über das Gewölb des Kirchenſchiffs bis ganz nach hinten, wo ſich ein Abgrund zu Füßen aufthut. Ihr wißt, das iſt der grüne Thurm, der durchein hohl und von außen und von innen unzugänglich iſt. Man glaubt, es ſei gar nichts drin, aber ich weiß es beſſer, denn dort drunten liegt der Aſſas. Dort hab' ich ihn hinuntergeſchüttet. Aber wißt ihr, wem ich's er⸗ 22* aann— zählt habe? Dem Enakskind, das an dem großen Haus unter der Kirche gemahlt iſt. Dem Niemand! riefen die Gäſte lachend; denn Alle kann⸗ ten das Bild, das die allegoriſche Perſon, die ſo Vieles weiß und ſo Vieles gethan haben muß, in rieſiger Geſtalt darſtellte. Und iſt er nicht mehr gekommen? fragte Einer. Der Niemand? Nein, der Aſſas. Bis jetzt nicht. Er wär' auch bei meiner Alten noch übler gefahren, als bei mir. Ich hab' nämlich bald hernach geweibet, um nicht ſo allein zu ſein, und auch damit die Herren nichts ſagen konnten, wenn ich vielleicht einmal die Türkenglocke da unten beim Kaſper zog ſtatt droben im Thurm. Und das Beuteſtück, haſt du das deiner Alten zur Morgen⸗ gabe gebracht? fragte der Wirth, nachdem er einen Blick mit dem Erzähler gewechſelt hatte. Was willſt du damit ſagen? Das Todtenhemd mein' ich, das du erobert haſt. Ja ſo, das hätt' ich bald vergeſſen, ſagte der Thürmer, aus den halb zugekniffenen Augen einen langen Blick auf ſeinen Patienten werfend. Das Leintuch hab' ich wohl aufgehoben, hab's auch gleich hernach brauchen können. Denn in der nämlichen Nacht, in der ich zweihändig hab' Eins geſchlagen, hat noch ein Anderer in der Kirche ein wunderliches Stück er⸗ lebt. Des Organiſten Bub', wem's noch denkt— Der in der Kirche verſchlafen iſt? rief der Wirth. Ja, unter der Veſperpredigt. Vermuthlich war ihm etwas vom Bürgermeiſterswein zugefloſſen, denn damals hat man reich⸗ licher ausgetheilt, wie jetzt. Da iſt er an der Orgel ſitzen blie⸗ ben, bis er ausgeſchlafen hatte, und wie er nach Mitternacht er⸗ wacht und ſich umſieht, iſt kein Menſch weder zu hören noch 341 zu ſehen. Vielleicht iſt er an meinem Glockenſchlag aufge⸗ wacht, der wohl einen Todten hätte erwecken können, oder auch von dem andern Geräuſch. Ein couragirter Bub' iſt er geweſen, und wie er ſieht daß Niemand ſein Geſchrei in Acht nimmt, ſo ſteigt er über die Orgel beim Rückpoſitiv, ſchlägt beide Füße hinüber und läßt ſich auf die Singpore hinab. Ihr wißt wie hoch das iſt, der Bub' hätt' ſich leichtlich zu todt fallen können. Auch iſt er im Herablaſſen auf den Rücken ge⸗ fallen und hat an einem Fuß angefangen zu hinken, iſt aber endlich hinab über die zwei Stiegen in die Kirche gehunken und hat dem Meßner an der Thür' geklopft, der ihn dann hinaus⸗ gelaſſen hat. Ja, fiel der Wirth ein, ſein Vater hat mir's den andern Tag geklagt, wie er ihm Nachts vor's Haus gehoppet kommen ſei, und wie man jetzt den Barbierer für den Fuß brauchen müſſe. Der Fuß wär' bald geheilt geweſen, nahm der Thürmer wieder das Wort, aber nun iſt das Hitzige am Buben ausge⸗ brochen, und da hat kein Barbierer und kein Phyſikus geholfen. Mein Weib war damals noch beim Organiſten im Dienſt, und da hab' ich ſie beredet, und wir haben mit einander den Buben in das Leichentuch eingewickelt ohne ſeiner Eltern Wiſſen, denn erſt nachher hab' ich's ſeinem Vater heimlich geſagt. Es hat ihm aber auch in einer einzigen Nacht alle Hitze herausgezogen. Es kühlt ſo, gelt Hanngeorg? Der Patient, der die ganze Zeit den Lappen gewohnheits⸗ mäßig an die Wange gehalten, unter den letzten Reden aber mißtrauiſch immer weiter von ihr entfernt hatte, warf ihn jetzt auf den Tiſch, als hätte er eine Schlange wegzuſchleudern. Ein ſchallendes Gelächter erfolgte. Es iſt doch etwas Un⸗ menſchliches um ſo einen alten Soldaten! rief einer der Gäſte. 342 Ei was! verſetzte der Thürmer. Das Mittel iſt heut noch probat, wie bei der erſten Kur. Hab' manche ſeitdem gemacht, verſteht ſich, in der Stille. „Und nach dem Buben haſt du gleich ſeine Wärterin kurirt? fragte der Wirth. Der Türk' hat keine Kur begehrt, lachte der Thürmer. Aber wahr iſt's, weil ſie am Krankenbett des Buben ein Ver⸗ trauen zu mir gefaßt hat, ſo hat ſie ihr Kreuz auf ſich genom⸗ men und iſt mir unter den Glockenſtuhl nachgefolgt. Und der Bub' iſt jetzt auch ſchon eine Weile her beweibt, der damals noch ſo jung war. So vergeht die Zeit. Ja, und deswegen muß ich jetzt heimklappern, ſonſt kocht mir meine Alte Kifferbſen. Gut' Nacht bei einander. Wie ſteht's denn mit dem Schmerz, Hanngeorg? fragte er im Auf⸗ ſtehen. Das Zahnweh iſt weg, verſetzte dieſer, ich kann's nicht läug⸗ nen. Aber mit deinem Teufelszeug bleib' mir vom Leib. Der Thürmer lachte, ſteckte den Lappen ſorgfältig ein und ſtelzte nach der Thüre. Der Wirth ließ ihn halb über die Schwelle gehen, dann rief er ihm nach: Alter Schlankementer! Was iſt's, Kaſper? 1 Wenn du jetzt im ſtockfinſteren Thurm hinaufſteigſt und dein Todtenbein auf den Stiegen klappert, denkſt du nie dabei an den beinernen Schnaken, der den Weg dort hinauf kennt? Wenn er ſich jetzt aus dem grünen Thurm aufgemacht hat und- dich vielleicht ſcon in der Sommerlaube erwartet? Oder du biſt im beſten Steigen, da zittern und raſſeln auf einmal die Glockenſeile neben dir, und unter dir klappert ein Zweiter auf der Stiege, der dir folgt und mit langem langem Arm nach dir greift—? Der Thürmer hatte ſich bedächtig umgewendet. Er ſtrich 343 die Spitzen ſeines Schnurrbartes herab, daß ſie wie Trauer⸗ weiden niederhingen. Dann machte er leiſe die Thüre wieder zu, kam zurück und warf ſich auf die Bank, daß der Stelzfuß gerade hinausragte. Die Gäſte ſahen einander an, theils in grauslichem Mitleid, theils verſtohlen lächelnd über die Schwäche, die den alten Türkenhammer überkommen zu haben ſchien. Es iſt nicht chriſtlich von dir, ſagte dieſer endlich, daß du mir eine ſolche Zehrung mit auf den Weg gibſt. Du haſt gut reden, du darfſt im geheuren Neſt ſitzen bleiben. Ich muß jetzt nur ein wenig warten, bis die Anwandlung vorüber iſt, und du, ſchaff' du derweil noch eine Kanne her. Die andern fallen dem Hanngeorg auf's Kerbholz, aber die da mußt du leiden. Es iſt ſelbſtverſchuldet. Nun kam die Reihe des Ausgelachtwerdens an den Wirth, der jedoch luſtig mitlachte und willig⸗ noch einmal in den Keller ging. Die Kanne war bald geleert. Aber jetzt muß ich Sturm laufen, ſagte der Thürmer. Meine Alte kommt am Ende ſo in Angſt, daß ſie nach mir ſucht, und dann brächten wir ſie nicht ſo leicht mehr fort, denn die Angſt, habt ihr geſehen, wirkt auf den Durſt. Er beurlaubte ſich zum zweiten Mal und ging. Unter der Thüre aber blieb er ſtehen. Kaſper! ſagte er. Was, Ulrich? Oder willſt mich noch einmal fürchtig machen? Nein, nein! rief der Wirth lachend. Mit Fried' und Freu⸗ den fahr' dahin! Das Fäßlein iſt leer. Alter Wein hält nicht ſo lang wie alte Geſchichten, ſonſt brauchte unſer Herrgott kei⸗ nen neuen wachſen zu laſſen. Die blaſſe Apollonia. Die wandelnde Chronik, die lebendige Sage, die Hand in Hand mit mir an ſchönen Sonn⸗ und Feiertagen ſpazieren ging, kurz und gut mein alter Buchdrucker hatte mich eines Abends an der Einfahrt ſeines Hofes erwartet, wohin ich in meinen Frei⸗ ſtunden immer zuerſt geſprungen kam, und munter zuſchreitend verließen wir mit einander die hohen Stadtmauern, in deren Umkreis ſchon die Nacht eingebrochen war und Lichter aus den Fenſtern blinkten, während draußen vor dem Thor noch alle Vögel ſangen und die Sonne, nach den weſtlichen Hügeln zu Golde gehend, mit ſanft gebrochenen Strahlen durch das volle Laub der Bäume drang. Wir ſchlenderten zwiſchen Gärten, die von Stachelbeerhecken begrenzt waren, auf ſchmalem Pfade hin, bis wir einen freien Platz erreichten, der, öde und reichlich mit Unkraut überwuchert, gegen das Flüßchen zu gelegen war. In der Mitte dieſes Platzes erhob ſich ein ſeltſames Ding. Es war ein runder Bau, eine Plattform, niedrig aus Steinen auf⸗ geführt. Ich war nie zuvor hier geweſen, konnte mir auch nicht erklären, was dieſe Erſcheinung bedeuten ſollte, und die wilde Einſamkeit der brach liegenden, von des Menſchen thätiger Hand gemiedenen Stätte flößte mir eine unheimliche Empfindung ein. Aber eine Knabenſeele, die den Schulſtaub hinter dem räucherigen ——— 348 Stadthore gelaſſen hat, iſt nicht ſo leicht aus der Faſſung zu bringen, und lachend ſagte ich zu meinem Mentor: Ich will Hans heißen, wenn das Ding da nicht ausſieht wie ein ſteiner⸗ ner Käſelaib; eine Vergleichung, welche durch irgend einen An⸗ blick am Fenſter eines Kaufladens, wo wir vorübergekommen, geweckt worden ſein mochte. Ja, davon hat es auch den Namen, erwiderte er nickend und mit dem verſtändigen Lächeln, das ihm ſo eigen war, unter⸗ brach ſich aber in ſeiner Rede, da er mich plötzlich gleich einem Wilde ſtutzen ſah, und folgte mit den Augen meinem Blicke. Der war auf ein altes Weib gefallen, welches gebückt, wie eine Kräuter ſuchende Zauberfrau, um das Gemäuer ſchlich und eben jetzt in unſern Geſichtskreis gekommen war.. Treffen wir uns hier, Frau Nachbarin? rief ihr der Buch⸗ drucker, gleichfalls ein wenig betroffen, entgegen. Was machen Sie denn? Ihr ſeht's ja, Erdbeeren ſuch' ich, erwiderte ſie und rich⸗ tete ſich empor, indem ſie ein paar rothe Beeren in ihre Schürze warf. So ein altes Weib, das zum Schaffen nicht mehr brauch⸗ bar iſt, muß doch ſehen, wie es ſeine Zeit herumbringt. Und in dem Revier gibt's ſöllich ſchöne; auch hat der Platz das Gute, daß mir die Buben nicht ſo ins Handwerk pfuſchen. Das glaub' ich, ſagte der Buchdrucker, aber Sie, ſcheuen Sie das Blut nicht? Die Alte lachte: Bin nicht ſo dumm. Ich horchte hoch auf. Blut, das war mir ein beſonderes Wort, hinter dieſen Reden mußte irgend ein Geheimniß ſein. Das iſt längſt vertrocknet, fuhr die Alte fort. Wie lang iſt's her, daß hier das letzte Blut gefloſſen iſt? Ihr werdet etwa ein, zwei Jahre jünger ſein als ich; nun rechnet einmal; ſie war gerade in meinem Alter, und wenn ſie noch lebte, ſo müßte 349 ſie gerade ſo ein altes ſteifes Scheit Holz ſein, wie ich; aber ich ſeh' ſie noch ſo deutlich vor mir, als ob's erſt geſtern geweſen wäre. Nun, Ihr wart ja auch dabei, werdet Euch an das blaſſe Appele noch wohl erinnern können.“ Ja wohl, die arme Apollonia! ſie haftet feſt in meinem Gedächtniß, verſetzte der Buchdrucker, welcher ſich ſeinen eigen⸗ thümlichen hochdeutſchen Styl gebildet hatte. Sie beſaß die feinſte Geſichtsbildung, die man je bei einem fünfzehnjährigen Mädchen ſehen konnte, und dieſe ſeltſame rührende Bläſſe— ich werde ſie nie vergeſſen. Ja, fünfzehn Jahr', Ihr habt Recht, ſo alt war ſie, und ihr Geſicht, ja, das war auch ſo. So viel iſt gewiß, daß es ein Wunder bleibt, wie ſie unter das grobe Bauernvolk hinein gekommen iſt, deren Geſichter wie mit der Holzhape geſchnitzelt ſind. Wie nur die dumme ſtille Gans ſo etwas thun konnte! Was hat ſie denn gethan? rief ich. Ein Kind umgebracht. Kindsmörderin mit fünfzehn Jahren! ſo jung und ſo ſchlecht! rief ich mit der ganzen Strenge eines unerfahrenen Richters aus. Es war nicht ihr eigenes Kind, bemerkte der Buchdrucker mit ſeiner ſanften Stimme, und überhaupt liegt etwas Selt⸗ ſames in der ganzen Begebenheit.. Bei dieſen Worten bereitete ich mich, eine Geſchichte zu hören; denn die Art und Weiſe, wie der Buchdrucker ſeine Er⸗ zählungen einleitete, war mir wohl bekannt. Die alte Frau zog ihre Schürze höher, warf einen liebäugelnden Blick hinein und ſetzte ſich am Fuße des Gemäuers auf etwas, das wie ver⸗ fallene Stufen ausſah. Der Buchdrucker ſtützte ſich auf einen Dornſtecken, den er unterwegs geſchnitten hatte, und begann: Da drüben, wo der grüne Kirchthurm etwas über die Bäume ragt— das Dorf war uns zu Zeiten der Reichsſtadt unterthänig— da erwuchs das Mädchen, von dem die Rede iſt, als das jüngſte Kind armer Bauersleute, von den früheſten Jah⸗ ren an das blaſſe Appele genannt. In dieſen Familien pflegt man nicht viel Umſtände mit einander zu machen, und ſo wuchs auch die Apollonia unter gleichgiltig kühlen Umgebungen heran; doch hatte ſich in dem Kinde früh ein eigener Geiſt entwickelt. Ja, ein dummes Ding war ſie, fiel die Alte ein. Ich hab's nachher oft gehört. Weil ſie das Jüngſte war und ſchwach dazu, ſo mußte ſie oft Tage lang die Schafe hüten, und ſie freute ſich auch immer darauf; wenn aber Leute durch das Eichenwäldchen kamen, wohin ſie ihre Heerde trieb, ſo ſah man ſie meiſtentheils in bittern Thränen ſitzen, und wenn dann die Leute hingingen und fragten, warum ſie weine, ſo ſagte ſie, ſie wiſſe es nicht. Kann es etwas Einfältigeres geben? Bei einem großen Hange zur Einſamkeit, ergriff der Buch⸗ drucker wieder das Wort, empfand ſie doch beſtändig die ſchmerz⸗ lichſte Sehnſucht nach den Ihrigen. Wenn ſie Abends nach Hauſe kam, ſo war's als wenn ſie von einer weiten, vieljähri⸗ gen Reiſe heimgekommen wäre; da ſprang ſie zu ihren Eltern und Geſchwiſtern hin und wollte ſie vor Freude faſt erdrücken. Natürlich hieß es da nur: Dumme Appel, mach' dich fort, laß mich in Ruh'! und gelegentlich bekam ſie für ihre Zärtlichkeit auch noch einen Puff. Dann grämte ſie ſich wieder, bis ſie zu ihren Schafen kam, und bei ihren Schafen hatte ſie abermals keine Ruhe, bis die Abendglocke zum Einfahren läutete. In ihrem fünfzehnten Jahre wurde ſie nach der Stadt ge⸗ ſchickt, um in einen Dienſt zu treten. Da ſie keine ſchwereren Arbeiten verrichten konnte, ſo kam ſie als Kindsmädchen in ein wohlhabendes Haus, wo man, ohne ſich ſonſt viel um ſie zu bekümmern, mit ihr zufrieden war. Sie hatte ein ſehr kränk⸗ liches Kind von etwa zwei Jahren zu hüten, das ihr viel Un⸗ bequemlichkeit und Mühſal verurſachte. Ich erinnere mich„ daß ich ſie manchmal mit ihm ſah, wie ſie an ſonnigen Abenden traurig auf den Kirchenſtaffeln ſaß. Wenn ich da vorüberging, das Kind und das Mädchen anſchauend, ſo wollte mir, obgleich ich kaum die Kinderlehre hinter mir hatte, das Herz beinahe vor Mitleid brechen; ſie kamen mir vor wie zwei Blümlein, die man in einem Glaſe ohne Waſſer ſtehen läßt. Aus dieſem kümmerlichen Leben, fuhr er fort, nachdem er ſich über die ſcharfe Luft beklagt und die Augen gewiſcht hatte, ſog ihr angebornes ſehnſüchtiges Weſen immer mehr Nahrung; ihr Heimweh, das früher gleichſam heimathlos geweſen war, nahm jetzt eine beſtimmte Richtung, alle ihre Gedanken waren nach der Heimath, nach den Ihrigen gewendet. Wohin ſie eine Stunde und nicht einmal ſo weit zu gehen hatte, fiel die Alte ein. Ja, Frau Nachbarin, aber allein zu gehen, dazu hatte ſie keine Muße, und mit dem Kinde durfte ſie ſich nicht ſo weit ent⸗ fernen. Die Ihrigen kamen auch nicht ein einziges Mal, um nach ihr zu ſehen. Darum war es ja auch ſo einfältig, rief die Alte, ſolches Heimweh nach ihnen zu haben. Das iſt ja eben das Seltſame, verſetzte der Buchdrucker etwas ungeduldig. Wenn alle Leute ſo geſcheidt wären, wie Sie, Frau Nachbarin, ſo würde gar nichts Merkwürdiges in der Welt vor⸗ fallen. Ja, ſeltſam iſt es, aber wer je auf Reiſen geweſen iſt, wie ich, der begreift auch, wie die Abweſenheit nicht bloß das Herz, ſon⸗ dern auch die Einbildungskraft des Menſchen umwandeln kann. So ging es dem armen blaſſen Mädchen, das bei ſeiner Herr⸗ ſchaft unbeachtet wie ein Schatten umherſchwebte. Das ärmliche Häuschen, das ſchlechte Eſſen, das rohe Betragen der Ihrigen hatte ſie vergeſſen; mit einem Worte, ihre Heimath war das Feenland ihrer Gedanken. Dieſe Empfindung gewann nach und nach die Oberhand über alle andern, und es kam ſo weit, daß, wie man nachher erfuhr, Apollonia eines Abends heimlich ihre paar Habſeligkeiten zuſammenſchnürte, um nach Hauſe zu fliehen. Aber die Furcht vor der Strenge ihres Vaters machte, daß ſie ihren Entſchluß wieder aufgab und das Bündelchen aus einander riß. Es ſcheint jedoch, daß ſie von dieſem Augenblicke an nicht mehr recht bei ſich geweſen ſei. Die vielen Anſtrengungen, die ihr die Pflege des Kindes verurſachte, der Kummer bei Tag und die ſchlafloſen Nächte untergruben ihre von Natur zarte Geſund⸗ heit; der Drang nach der Heimath, der immer wilder und hef⸗ tiger wurde, während ſie doch nicht den Muth hatte ihm zu fol⸗ gen, zerrüttete ihren Geiſt. Sie ſah das Kind, deſſen tägliches Leiden ihr im innerſten Herzen weh that, doch als die Urſache ihres ganzen Elends an. In ihren ungeordneten Gedanken fiel ſie darauf, wenn das Kind ſtürbe, ſo würde ihre Herrſchaft ſie als unnütz nach Hauſe ſchicken. So ſcheint es, daß nach und nach, nur wie dämmernd, der Wunſch in ihr aufgeſtiegen ſei, es möchte das Kind und mit dem Kinde ſie ſelbſt erlöst werden. Ja, ſiel die Alte wieder ein, und wenn ſie noch ein Woche⸗ ner zwo gewartet hätte, ſo wäre das auch von ſelber geſchehen, denn das Kind hätte keine vierzehn Tage mehr gelebt; das hab' ich ſeinen eigenen Vater nachher mehr denn einmal ſagen hören. Aber wenn's einmal mit einem Menſchen hinunter will, ſo iſt der Teufel gleich bei der Hand und hält ihm die Leiter dazu. Da hat Ihr Mund ein ſehr wahres Wort geſprochen, ſagte der Buchdrucker mit feierlichem Ernſt. So ging es auch bei der armen Apollonia; denn in dem unglückſeligen Gemüthszuſtande, von dem ihre Herrſchaft keine Ahnung hatte, wurde ſie eines Tages, da eben Beſuch im Hauſe war, in die Schenke geſendet, um eine Flaſche Wein zu holen. — 353 Jetzt aber laßt mich ans Brett, unterbrach die Alte den Erzähler: in dem Punkt weiß Niemand ſo gut Beſcheid wie ich. Ich bin ja dabei geweſen und hab' jede Silbe mit angehört; denn der Wirth war mein Vater, und wo das blaſſe Appele jenen Wein holte, das war meiner Eltern Haus, und ich kannte ſie recht gut, obgleich wenig mit ihr zu haben war. Ich ſeh' ſie noch vor mir, wie ſie zu uns hereintrat und mit ihrer leiſen Stimme eine Flaſche Wein begehrte; nämlich ihr Herr hatte ſie aus Stolz geſchickt,, weil ſeine Gäſte behaupteten, mein Vater ſchenke einen beſſern Wein, als er einen im Keller habe, und nun wollte er einen Ver⸗ gleich anſtellen. Es iſt ihm aber übel bekommen. Wir hatten eben die Lichter angezündet, und etliche junge Geſellen ſaßen um den Tiſch. Wie nun manches unnütze Wort unter den Men⸗ ſchen geredt wird, zumal beim Wein, ſo ging's auch ſelbigsmal. Es war nämlich kurz zuvor der Fall vorgekommen, daß mit Mausgift in einem Hauſe nahezu ein großes Unglück angerichtet worden wäre, und ein wohlweiſer Rath, wie man dazumal ſagte, hatte ein Verbot an die Apotheker und eine Warnung an die Bürgerſchaft ergehen laſſen. Das Verbot aber wurde nicht groß geachtet, und ich holte meinen Mäuſen fort und fort ihr richtiges Futter, ohne daß mir Jemand was in den Weg gelegt hätte. Von dem Verbot aber war ſelbigen Abend die Rede. Die jungen Burſche ſchlugen auf den Tiſch und machten ein groß Ge⸗ ſchrei; der Eine meinte, das Ding ſehe aus, als ob man die ganze Bürgerſchaft für lauter Giftmiſcher hielte, der Andere ſchrie, das gehe einen wohlweiſen Rath einen Pfifferling an, und wieder Einer ſagte— das war der überzwerche Balthas, wißt Ihr, er hatte ſo eine große Warze auf der Naſe— das iſt Alles für nichts, ſagte er, die geſtrengen Herrn können ver⸗ bieten, Mausgift, Rattengift— und da zählte er noch eine Menge Gifte her— aber andere Sachen können ſie nicht verbieten, Kurz, Erzählungen. I. 23 — ‚˖—— 354 ſagte er, und da gibt's noch genug Tränklein, die einen in die ſchwarze Schublade fördern können, ohne daß man ſie für Gift ausgeben kann. Wenn mir einmal des Lindenwirths Rother nicht mehr ſchmeckt, oder wenn ich ſonſt Würmer im Hirn hab', ſo geh' ich in die Apotheke und kaufe mir Vitriolöl. Schwefelſäure! unterbrach ſie der Buchdrucker etwas indi⸗ gnirt, denn er hatte ſich auch einige chemiſche Kenntniſſe an⸗ geeignet. Meinetwegen alſo Schwefelſäure. Für einen Kreuzer, ſagte er, krieg' ich genug, um mit euch und der ganzen Kameradſchaft abfahren zu können, ja vierſpännig, hat er geſagt, und was weiß ich was Alles noch, es iſt ſchon gar zu lang her. Die 1 Andern trieben ihren Schabernack mit ſeinem Geſchwätz; ich hörte aber wenig auf ſie, ſondern ſchaute ganz verwundert dem 5 blaſſen Appele zu, wie es mit ſtarren Augen drein ſah. Ich meinte, es denke was ganz Anderes, ünd habe von all den gott⸗ loſen Reden ſchier gar nichts vernommen. Aber, o mein Herr und mein Gott! wer hätt' ſich das eingebildet, als meine Mut⸗ ter aus dem Keller kam und nun das Mädchen mit ſeinem Wein von dannen ging! Es iſt doch gar zu unglaublich, wenn ich wieder an das ſtille feine Kind mit dem blaſſen Geſichtlein denke. Aber dem Balthas iſt's auch nicht gar wohl bekommen, ja wahr⸗ haftig, es iſt doch eigentlich der Grund, warum er das Leben laſſen mußte; denn als es herauskam, was er mit ſeinem loſen Maul für ein Unglück angerichtet hatte, und ihn Alles in der Stadt drum ſcheel anſah, ſo konnte er's am Ende ſelber nicht mehr aushalten und zog nach Holland und nach Amerika, und„ wenn er das nicht gethan hätte, ſo könnte er heut noch da ſein; ſo aber hat er unterwegs Schiffbruch gelitten und iſt erſoffen, obgleich er in meiner Stube mehr als einmal geſchworen hatte, das Waſſer ſollt' ihm kein Leid anthun. Was that denn aber das blaſſe Mädchen? fragte ich. Was wird ſie gethan haben? verſetzte die Alte. Aus dem Maul des jungen Burſchen war der böſe Geiſt in ſie gefahren, und fort ging ſie zum Apotheker. Nun, die Knochen will ich Euch zum Abnagen laſſen, Nachbar. Danke, will's aber kurz damit machen. Das verwahrloste, verlaſſene, unſinnige Mädchen rannte allerdings in die Apotheke, denn leider trug ſie ein paar geſchenkte Kreuzer bei ſich. Bei jenen Worten war ihr alles Denken und Fühlen vergangen; ſie hatte nur noch Einen dunkeln gebieteriſchen Trieb. Eine Stimme, ſagte ſie nachher aus, habe ihr immer ins Ohr gerufen, ſie müſſe es thun. Leider war der Apotheker, wie es in ſolchen verhängnißvollen Fällen zu gehen pflegt, arglos verblendet, und ihr ſonderbarer Blick fiel ihm nicht auf. Sie empfing das tödt⸗ liche Mittel, brachte den Wein nach Hauſe, und während im Wohnzimmer fröhlich auf die Geneſung des Kindes, auf das Gedeihen der Familie angeſtoßen wurde, eilte ſie in die Schlaf⸗ kammer, trat an das Bettchen und vollbrachte, ein kindiſcher Würgengel, ihr abſcheuliches Werk. Ein durchdringender Schrei des Kindes, der aber alsbald verſtummte, rief die Mutter her⸗ bei, die, mit dem Licht in der Hand ſich dem Bette nähernd, ſchon von Weitem ein gräßlich Bild erblickte. Die ſchwächliche Natur des Kindes, die ſogleich unterlegen war, hatte die freilich unwiſſende Grauſamkeit der bejammernswerthen Mörderin ver⸗ mindert. Man fand ſie im entlegenſten Winkel des Hauſes. Die Starrſucht ihres Gemüthes, denn anders weiß ich's nicht zu nennen, hatte nachgelaſſen. Sie lag auf den Knieen, drückte den Kopf an die Wand und ſchluchzte beſtändig: Du biſt jetzt ein Engel und wir kommen Beide heim! Heim, heim! antwor⸗ tete ſie auf alle Fragen, die man ihr that. Vor den Mißhand⸗ lungen der Mutter ſchützte ſie der Vater mit Mühe; er fragte 23* ſie: Wie haſt du uns das thun können mit deinem unſchuldigen Antlitz? Sie gab nichts zur Antwort, als Heim! Den her⸗ beieilenden Behörden geſtand ſie ihr Verbrechen mit leiſem, de⸗ müthigem Kopfnicken. Das Sonderbarſte iſt, daß bald, ja gleich nach der That eine völlige Verwandlung mit ihr vorging. Gegen die Gefangenſchaft, gegen die Einſamkeit des Kerkers hatte ſie gar keinen Widerwillen. Nach den Ihrigen hatte ſie keine Sehn⸗ ſucht mehr; auch kam keines von ihnen zu ihr, ihr Vater ver⸗ ſtieß und verfluchte ſie. Der ſelige Herr Hauptprediger hat nachher oft geſagt, es ſei ein merkwürdiger Geiſt in dem Mäd⸗ chen geweſen, der nach dieſer That der Finſterniß auf einmal zum hellen Tag erwacht ſei. Sie habe nicht nur ihr Verbrechen vollkommen erkannt und bereut, ſondern auch über viele andere Dinge klar, vernünftig und wie mit einer Erleuchtung geſprochen. Ihm ſelbſt ſei durch dieſes Mädchen Manches klar geworden, was er früher nicht begriffen oder an was er gar nicht gedacht habe. Dies ſagte er häufig, aber er ſprach ſich nicht näher darüber aus. Nur das erzählte er, daß ſie gegen ihn geäußert habe, ſie erkenne nun deutlich, was es mit ihrem Heimweh ge⸗ weſen ſei. Was iſt ihr geſchehen? fragte ich leiſe und ſtockend. In ihrer Kindheit ſchon, ſagte das alte Weib, als ſie ein⸗ mal wegen eines kranken Schafes zum Scharfrichter geſchickt wurde, ſoll ſein Schwert von ſelbſt nach ihr gezuckt haben. So ſagte man; ich weiß nicht, ob es wahr iſt; aber die Herren vom ge⸗ heimen Collegium müſſen es gewußt haben, denn die machten eine Wahrheit draus. Das war die Regierung und zugleich das Blutgericht, ſagte der Buchdrucker und nickte bedeutend mit dem Haupte. Ich blickte nach dem ſteinernen Bau und ein unheimliches Licht begann mir aufzugehen. Die Alte, die auf den Stufen 357 ſaß, zeigte mit dem Daumen über die Schulter rückwärts. Hier, ſagte ſie, hat das Schwert zum zweiten Mal nach ihr gezuckt, denn damals fuhr man mit den Mörderinnen nicht ſo ſäuberlich wie jetzt. Hat denn das junge Bürſchlein nie was vom Käs gehört? Dieſes Gemäuer, fügte der Buchdrucker hinzu, war das Schafott in den ſpäteren Zeiten der Reichsſtadt. Den Reigen der Mörder und Uebelthäter, die hier gerichtet wurden, hat die blaſſe Apollonia beſchloſſen. Ja, und recht freudig iſt ſie geſtorben, ſagte die Alte, indem ſie mir gutmüthig von ihren Erdbeeren anbot. Ich wies die rothe Frucht, ſo herrlich ſie duftete, mit Abſcheu zurück, und warf einen Blick der Neugier und des Grauens auf die Blutſtätte. Längſt iſt das Gemäuer nun von der Erde verſchwunden, und die Wildniß, die damals noch öd und traurig, ohne Baum, mit niedrigem Geſträuche bewachſen war, hat ſich in blühende Gär⸗ ten verwandelt, aus denen da und dort freundliche Gartenhäu⸗ ſer blinken. Anmerkungen. S. 9 ff. vergl. Gayler, hiſtoriſche Denkwürdigkeiten der ehemali⸗ gen freien Reichsſtadt Reutlingen, zweite Abtheilung, S. 286 ff. S. 228, Z. 2 v. u. In id omnium sententias consensisse, ut in ceto coqueretur, ossibusque in loculum conditis deportare- tur in urbem sanctam ibique sepeliretur. Bohadin, Hi- storia Regis Alamannorum im Leben Saladin's, arabiſch und lateiniſch von Schultens, P. II, c. 69, S. 120.— Dux Fridericus... cdrnem quidem patris honorifice tumulavit, sed ossa usque Accharon transtulit. Chronographus Weingart. bei Heß, Mon. Guelf. 67, angeführt von Stälin, wirtemb. Geſchichte II, 119, Note 1, wo zugleich die widerſprechenden Angaben über den Tod Friedrich's I. zuſammengeſtellt ſind. Vergl. Raumer, Geſchichte der Hohenſtaufen und ihrer Zeit, 2. Auflage, II, 448 f. Den Ausſchlag dürfte Bohadin geben, der zwar auch nur vom Hörenſagen ſchrieb, aber als unmittel⸗ barer Zeitgenoſſe, in der Nähe des Schauplatzes, und in einer Stellung, die ihn mit möglichſt ſicherer Kunde verſah. Vergl. P. II, c. 70: Exemplum epistolæ Kaikousi Armeni(ad Sala- dinum), worin es heißt:(Regem) cupido invadit lavandi in aqua(fluminis) frigida; unde vix egressum, sic jubente Deo, ex frigore infestus corripuit morbus, quo intra dies paucissimos extinguitur. S. 122.— Die conſtante Benennung„Rex Alaman- norum“, wie ſie ſich bei Bohadin findet, iſt eine ſehr deutliche Antwort auf die Rechtsanſchauung, nach welcher„Pridericus di- vina favente clementia Romanorum Imperator“ von Saladin die„Provinzen⸗ zurückforderte,„welche die Feldherren ſeiner kaiſerlichen Vorgänger, Antonius und Craſſus, zum Reiche ge⸗ bracht haben.“ Gleicherweiſe ſchrieb ſich ſein Sohn Philipp, als „Nachfolger“ des römiſchen Philippus Arabs, Philipp II. Vergl. 4 v. Lancizolle, die Bedeutung der römiſch⸗deutſchen Kaiſer⸗ würde nach den Rechtsanſchaunngen des Mittelalters, S. 25. Und ſein Urenkel Konrad IV., der Vater Konradin's, ſprach, als er ſeinen frühzeitigen Tod herannahen ſah:„Das Reich, das ſchon vor Chriſti Geburt und bis auf dieſe Tage geblühet hat, verwelket nun, und naht ſich ſeinem Ende.“ Vgl. Oeſtreich, Preußen und Weſtdeutſchland im Dreiſtaatenbund, Leipzig, O. Spamer, 1849, S. 35. . 293 ff. vergl. Wahrhaftige Hiſtorien von D. Johannes Fauſtus, mit nothwendigen Erinnerungen ꝛc. durch Georg Rudolph Widmann, 1, Erzählung, was D. Luther von D. Fauſto gehalten hab(in der Vorrede), III, Erinnerung zu Cap. 18, u. a. m.— S. 296, Z. 1 v. u., 297, Z. 1—5 v. o. vergl. Ebd. I, Erinnernng zu Cap. 4. G& Seite 122, Zeile 8 v. u. lies gedrückt ſtatt gedruckt.— S. 123, Z. 4 v. o. l. auch nur ſo ſo.— S. 124, Z. 15 l. der den beſten achajiſchen Gene⸗ ralen nichts als joniſche Prügel in den Weg werfe.— S. 125, Z. 2 v. u. beliebe man ein Komma einzufügen oder auch zwei.— S. 196, Z. 9 v. o. I. verſauſen ſtatt verſaufen.— S. 314, Z. 11 v. u. l. den ſtatt dem Kukuk. — S. 351, Z. 9 v. u. I. geſcheid ſtatt geſcheidt. ——— 3— ſf I Kiftaünen ſſiſſiſi ſſſſt ſſüſſſiiſſſſiſiſi ſiniiſfſiſiſiſiſiſin finſenſſn 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 ‿ 9 9 v L V zul 1