——— Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſt er 4A lorenc oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werter, ſo i iſ Schloßgaſfe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur eſ zfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgen 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 5 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stu 5 den angenommen. 1 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entge ärnnahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechend e Sumn hterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir züräerRmtie. wird 55 b cteA Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden unp eträgt. 1 für mbchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Pücher: 3 auf 1 Monat: 1 Nr. f. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— f. 85 Auswärtige Abonnenten“ haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene uid defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern: der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverlethen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Dieienigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8 — — Mimoſen. (Mimosa Pu di e a. I.) Erzaͤhlungen fuͤr gebildete Frauen. Von Dr. Augu ſt Kuh n. Verlin, bei Heinrich Philipp Petri. 1822. Sein er geliebten Gattin Soph ie geb. Reyher aus wahrer Hochachtung geweiht von 8 Au guſt Kuhn. — Meine gute Sophie! Wem Anders, als Dir, der Ver⸗ trauten meiner Gedanken und Ge⸗ fuͤhle, der treuen Gefaͤhrtin mei⸗ nes Lebens, koͤnnte ich dieſe Bogen vorzugsweiſe weihen!— Moͤgen dieſe Erzaͤhlungen, von mir ſelbſt geſammelt, Dir in dieſer neuen Geſtalt ein nicht un⸗ willkommenes Geſchenk ſeyn. Es iſt ein ſchoͤnes Vorrecht der Dich⸗ ter, daß ſie Perſonen, die ſie lieben, durch ſolche Zueignungen einen oͤffentlichen Be⸗ weis ihrer Achtung ablegen koͤnnen. Nie hab' ich es mit großerer, mit gefuͤhlteſter W Herzlichkeit gethan, als diesmal. Berlin, 4 1 am gten April 1822. Auguſt Kuhn. — Inhalt. Blaͤtter aus Edmunds Tagebuche Seite Zwanzig Jahre.. Biondina. Eine Sieilianiſch e Novelle aus der erſten Haͤlfte des ſiebzehn⸗ ten Jahrhunderts. Die Quelle der Liebenden. Reiſe⸗Abentheuer.... Die edle Gattin. —,—— 1 Blaͤtter 8 4„ aus Edmunds Tagebuche. Den Iſten Januar 18 Ein neues Jahr beginnt; ein ſo wichtiger als Aroher Zeitpunkt fuͤr Millionen— auch fuͤr mich! Wie der hoffende Menſch, ſtets das Beſſere erwartend, am heutigen Tage mit Sehnſucht dem bluͤhenden Fruͤhling mit ſeinem Glanze, ſeinen Duͤften und uͤppigen Farben entgegen ſieht:— ſo blickt der Juͤngling freudig, hoff⸗ nungsvoll in das Leben, mit ſeinen wunderba⸗ ren Erſcheiungen, und in die verhuͤllte Zukunft. Auch ich! Vor dem zwanzigjaͤhrigen Juͤng⸗ ling liegt die Welt wie ein verſchloſſenes Buch da, wo er erwartungsvoll, zoͤgernd und doch mit heißer Begierde, ein Blatt nach dem an⸗ dern umſchlaͤgt, und auf jeder Seite den Fruͤh⸗ ling ſeiner Lebensverhaͤltniſſe zu finden hofft, durch den Zauber der Liebe erhoͤht; aber oft 5 A 2 getaͤuſcht das Auge voll Thraͤnen abwendet, und doch immer wieder nach dem raͤthſelhaften Buche greift, worin ſein Wohl und Weh ver⸗ zeichnet ſteht. Es ſchien Thorheit, als meine edeln treff⸗ lichs Aeltern mich vom zwoͤlften Jahre an zwangen, ein Tagebuch zu fuͤhren. Es war aber Thorheit, daß ſie dieſes Tagebuch, worin ich von mir und eigentlich wohl auch allein zu mir ſprechen ſollte, jeden Sonnabend zu leſen ver⸗ langten. Die freie Mittheilung meiner Ge⸗ fuͤhle und Erfahrungen ging durch dieſe despo⸗ tiſche Maaßregel verloren. Ich ward ein Heuch⸗ ler, und verſchwieg das, woruͤber ich mir mit Recht Vorwuͤrfe zu machen hatte. In mein Tagebuch ſchrieb ich Notizen, die groͤßtentheils werthlos waren, und offenbarte Gefuͤhle, die ich zum Theil gar nicht oder nur halb empfun⸗ den hatte, die aber immer ſo beſchaffen waren, daß ſie mir keine Vorwuͤrfe zuziehen konnten. Jetzt ſtehe ich allein in der Welt; um ſo unbefangener kann ich in dem Tagebuche, das 8 ich heute beginne, und das nur Gott naͤchſt mir ſieht,*) meine Anſichten, Gefuͤhle und die ungeſchminkte Darſtellung meiner Handlungs⸗ weiſe niederlegen. Ich will ehrlich gegen mich zu Werke gehen. Ein großes Verſprechen, das ich mir ſelbſt gebe! Der rechtliche Menſch be⸗ luͤgt niemand, als ſich ſelbſt; er thut es, weil er ſich ſeiner Schwaͤche ſchaͤmt. Aber ich will ſtark ſeyn, und das Geſtaͤndniß meiner Fehler offen und muthig vor mir ſelbſt ablegen, damit ich ſie hinfort vermeiden und mein moraliſches Selbſt ſorgfaͤltiger ausbilden kann. Auch was mir Schmerzliches und Freudiges begegnet, will ich mit Fleiß aufzeichnen, um einſt im Alter den Gang der Begebenheiten meines Lebens uͤber⸗ blicken und Den aufrichtig preiſen zu koͤnnen, der uͤber uns wacht, uns Freuden und Leiden ſendet, und bie Kraft uns giebt, das Ueber⸗ maaß beider zu ertragen. . * Als Edmund dies ſchrieb, wußte er nicht, daß er den Druck dieſer Blätter einſt wünſchen würde. Den 2ten Januar. Ich muß laͤcheln, wenn ich aͤberleſe, was ich geſtern ſchrieb. Ich war uͤberraſcht durch die Wichtigkeit des Tages, erſchuͤttert durch den Klang der Glocken, der ſchon in der Fruͤhe, wie die Stimme des Ewigen, uͤber die ruhige, vom klaren Mondlicht beſtrahlte Stadt ſchwebte, und betaͤubt von dem bacchantiſchen Laͤrm der Genoſſen meiner Jugend am Sylverſterabend, wo ich nur mit Muͤhe ihren luſtigen Trinkſpruͤ⸗ chen und rauſchenden Liedern entfloh, um mich in die ſtille Heimath meiner Gedanken und Ge⸗ fuͤhle zu retten. Ich ſprach von Liebe— als ich geſtern die Einleitung zu meinem Tagebuche auf das Papier warf. Von Liebe? Kenn⸗ ich ſie denn? Ich kenne ſie nicht, dieſe Liebe, die das Leben verſchoͤnt, die es mit Morgenroͤthen und Blumen ſchmuͤckt, mit ſeeligen Hoffnungen und Genuͤſſen— Aber ich ahne ſie! Wie ein Engel ſteht mein Genius vor mir; mit dem Lilienſtabe der Verheißung deutet er wehmuͤthig laͤchelnd auf ein Paradies, das ſich vor meinen Blicken entfaltet, ſich ausbreitet in unabſehliche Fernen, und mich einladet, es zu betreten; aber weder er, noch ich, kennen die Pforte, die zu dem Wunderlande fuͤhrt. Laͤcheln und Wehmuth— ja Beides miſcht ſich in den himmliſchen Zuͤgen meines Genius. uUnd mit Recht! ich fuͤhl' es in der Tiefe mei⸗ nes Herzens; die Liebe, die wie eine zarte Ahn⸗ dung mich durchbebt, hat ihre Wonnen, aber auch ihre Schmerzen. ꝗ Den roten Janugr. Was habe ich geſehen! Ein Maͤdchen, ſchoͤn wie das hohe Ideal, das von Jugend auf mir vor Augen ſtand, iſt mir begegnet! Wie der laͤchelnde Fruͤhling, zog ſie mit bluͤhenden Wangen durch den kalten Winter, der ſie umſtarrte. Wer iſt ſie? Ach! doch wohl nur eine Gau⸗ kelei des Schickſals! Haͤtte ſie wirklich gelebt, ſie wuͤrde ſtehen geblieben ſeyn und empfunden haben, was aus meinen Blicken zu ihr ſprach. Ich hab' ihr lange nachgeſehen, ach! ſo lange, bis ſie vor meinen Augen verſchwand. Wie haͤtt' ich den Muth haben koͤnnen, ihr zu d folgen? Den arſten Januar. Was heute mir geſchah, kann ich mir ſelbſt nicht mit Worten genuͤgend darſtellen; aber in meinem Tagebuche meine Empfindungen nieder⸗ ſchreiben will ich, und die Scene ſchildern, die ich ſah, und den Engel, den ich erblickte. Ich liebe das Schlittſchuhlaufen nicht; es iſt eine gedankenloſe Beſchaͤftigung. Aber einige Freunde baten mich heute, ſie nach dem mit Eis bedeckten Strome zu begleiten. Ich folgte ihnen. Wir flogen die Bahn hinab, wir ſcherzten mit einander. Einer wollte dem andern zuvor eilen. Ein lauter Schrei feſſelte uns; ein Stuhlſchlitten war durch die ungeſchickte Hand des Fuͤhrers umgeworfen worden. Einem jun⸗ gen Maͤdchen war dieſer Wehruf entpreßt— und dieſes Maͤdchen war ſie, die ſeit dem 10ten Januar meine Gedanken und Gefuͤhle beſchaͤf⸗ tigt hat. Waͤhrend der alberne Fuͤhrer des Stuhlſchlittens— ein bartloſer ſiebzehnjaͤhriger Juͤngling,— unentſchloſſen ſtehen blieb, raffte ich eiligſt den Engel, halb todt vor Schrecken und Schaam, mit der Rieſenkraft der Jugend auf, und trug ihn, pfeilſchnell mit der ſuͤßen Laſt uͤber die leuchtende, glaͤnzende Flaͤche ſchwe⸗ bend, nach dem nahen Hauſe, worin Erfriſchun⸗ gen kaͤuflich ſind. Ich trug ſie an meinem Herzen— es war der ſeligſte Augenblick meines Lebens. „Louiſe— Louiſe! um Gotteswillen, was iſt geſchehen?“ rief eine Matrone mit ausge⸗ breiteten Armen dem an meiner Bruſt ruhen⸗ den, halbbewußtloſen Engel zu. Sie antwortete nicht; von einem Schwa⸗ me von Gaffern begleitet, trug ich ſie in des Haus und legte ſie auf ein Sopha. Aber jeezt waren meine Kraͤfte erſchoͤpft, ich ſank ohn, 3 maͤchtig nieder. — 10— Als ich die Augen aufſchlug, ſtand der En⸗ gel vor mir.„Louiſe, nicht zu heiß,“ ſprach die mir ſchon bekannte Stimme der Matrone — und das himmliſche Maͤdchen hauchte, durch Thraͤnen laͤchelnd, in die Taſſe, worin ſie mir Chokolade darbot. Und als ich ſie vor mir ſtehen ſah und ih⸗ ren Namen hoͤrte— da klang es hell in mei⸗ nem Innern wieder:„Louiſe! Louiſe! auch der Zauber dieſes heiligen Namens mußte Dir noch werden!“ Ich trank, und meine Kraͤfte kehrten zuruͤck. Louiſe und ihre Mutter verließen das Zimmer, ich wankte ihnen nach. Ein glaͤnzender Wagen fuhr vor, und Beide ſtiegen hinein. „Ich bin die Graͤfin Strahlenburg“— ſagte die Mutter freundlich—„beſuchen Sie uns bald in unſerm Hotel.“ 4 Der Wagen rollte fort— und ich ſah ilnen ſtarr nach.— Louiſe hatte nichts geſagt. Aber in ihren Augen lag, was der Mund nicht verrathen konnte. Die wahre Liebe iſt ſtumm; M — 11— Blicke ſind ihre einzige Sprache. Wie helle Strahlen fallen ſie in die verbundenen Herzen, und rufen darin den ſeligen Bruͤhling der Liebe hervor. Den 6ten Februar(Nachts um Ein Uhr). Ich glaubte Liebe in Louifens Augen zu leſen, als ſie, mit ihrer Mutter in den Wagen ſteigend, einen langen ſeelenvollen Blick mir zuwarf— und es war nur Dankbarkeit! Ich Verblendeter— ich konnte darin Liebe erblik⸗ ken! Wie erhob mich dieſe ſuͤße Taͤuſchung, und wie tief ward ich von dem Gipfel meines er⸗ traͤumten Gluͤcks herabgeſtuͤrzt! Der Jaͤger der Graͤfin Strahlenburg ließ mich heute fruͤh durch meinen treuen Franz wecken. Ich hatte ſo ſchoͤn von vouiſen ge⸗ traͤumt— ich hatte ſie auf Roſenwolken ſchwe⸗ ben geſehen, von Engeln umgaukelt, von Fruͤh⸗ lingsbluͤthen umduftet— Ihre Mutter lud mich auf den Abend zu. einem freundſchaftlichen Cirkel in ihrem Hotel — 12— ein, und der Jaͤger machte meinen Franz auf⸗ merkſam, daß ein wenig getanzt werden wuͤrde. Ob ich die Einladung ausſchlagen konnte? Ich ſah ja Louiſen— ich nahm ſte dankbar an. Der Anſtand erforderte, daß ich noch die⸗ ſen Vormittag den Damen aufwartete. Ih kleidete mich ſorgfaͤltiger, als gewoͤhnlich, und fuhr nach dem Hotel der Graͤfin. Louiſe war reizender, ſchoͤner, als je. Ein geſchmackvolles Morgenkleid umſloß ihre liebliche, zarte Go⸗ ſtalt, der friſche Glanz der Jugend bluͤhte auf ihren Wangen— und ihr ſchoͤnes Auge duͤnkte mich beſeelter, als je. Sie hielt eine Roſe in der Hand. Bemerkte ſie, daß ich mit einem An⸗ flug von Eiferſucht die Blume anſtarrte, oder ahndete ſie ein ſolches Gefuͤhl wenigſtens in mir? Genug, mit einem himmliſchen, zauberi⸗ ſchen Laͤcheln ſprach ſie, auf die Roſe deutend: „Das Morgengeſchenk einer Freundin, Herr Graf; darf ich es Ihnen anbieten?“ Sollte ich das ſchoͤne Geſchenk annehmen? Dies war Kuͤhnheit; es auszuſchlagen, wuͤrde — 13— angel an Bildung verrathen haben. Louiſe konnte mir leicht daruͤber zuͤrnen. Ich ergriff die Roſe und kuͤßte die liebe Hand, die ſie mir darbot oulſe ſchlug das ſchoͤne Auge erroͤ⸗ thend zu Boden, und die Mutter wandte den Kopf mit einem uͤberaus feinen Laͤcheln auf die Seite. Ich hatte mich verrathen, ich war von Beiden durchſchaut worden. Ohne Zweifel bemerkten ſie eine zu freudige Beſtuͤrzung in meinen Zuͤgen. Ich beabſchiedete mich nach einem kurzen, meiſtens um unbedeutende Gegenſtaͤnde ſich her⸗ umdrehenden Geſpraͤch, und war den Abend— einer der Letzten unter den Ankommenden. Ich fuͤrchtete durch zu fruͤhe Ankunft mich von neuem zu verrathen, und mich als ein Zudringlicher in Louiſens Augen laͤcherlich zu machen. Was fuͤrchtet der Liebende nicht! Die Groͤfin und Louiſe erwiederten freund⸗ lich, guͤtig meinen Gruß; aber es ſchmerzte mich, daß ſie mich nicht auszeichneten. Ein junger Offizier umgaukelte das holde 8 — 14— Maͤdchen, und begierig ſchien ſie, wie mich duͤnkte, die Suͤßigkeiten von ſeinen Lippen zu haſchen, die er ihr ſagte. Das verdroß mich doppelt, und kaum vermochte ich vor Unmuth, nach Louiſen hinzublicken. Der Soldat, durch eiſerne Pflicht, durch die Mangelhaftigkeit der menſch⸗ lichen Natur beſtimmt, ſeine Bruͤder zu mor⸗ den, muß nie den Suͤßling ſpielen wollen, nie aus der Haltung ernſter Wuͤrde heraustreten. Louiſe ſchien dies nicht zu fuͤhlen— zu freund⸗ lich, zu hingebend waren ihre Mienen, ihre Bewegungen. Ich haͤtte verzweifelnd zu Bo⸗ den ſtuͤrzen moͤgen. Louiſe! Louiſe! alſo auch du eine der Alltaͤglichen, die nur im Umgang mit Gecken ſich gluͤcklich fuͤhlen! Ich wollte ſie nicht mehr ſehen, und doch riſſen Schmerz und Liebe meine Augen immer wieder nach dem Maͤdchen hin, das ich verach⸗ ten wollte, und nicht zu verachten vermochte. Aber in dieſem Augenblick zuͤrnte ich ihr we⸗ nigſtens. Sie erſchien mir nicht als die hohe, enle, herrliche Louiſe, die ich anbetete, ſondern 2 8 — 15— als ein Aeſichen, das mit Bonbons 3eſitrer wird. Das Theeſervice ward vhherhum⸗ man ordnete Spieltiſche an und die junge Welt zog paarweiſe in den feſtlich eerleuchteten Tanzſaal. Jener Offizier gab Louiſen den Arm, und ich— einer ſchoͤnen jungen Baronin, die ich fruͤher nur einige Mal fluͤchtig geſehen habe. Sie iſt ſeit einem halben Jahre Wittwe, und zeichnet ſich durch blendende Schoͤnheit und glaͤnzenden Witz aus. Trotz dieſer Vorzuͤge wird ſie, wie ich bemerke, nicht ſehr geſucht; man giebt ihr eine frivole Lebensweiſe Schuld. Indeß muß das Geruͤcht luͤgen, oder ſie iſt ſchlau genug, ſich meiſterhaft zu verſtellen— man kann ihr nichts beweiſen, nicht einmal einen der ausge⸗ zeichneteren jungen Maͤnner der Reſidenz als ihren Liebhaber bezeichnen. Ich waͤhlte ſie nicht— das ſteht klar vor meiner Seele— weil ſie mich anzog: ſie war mir die naͤchſte. Gedankenvoll, halb bewußtlos— reichte ich ihr die Hand. Sie nahm ſie freundlich an; aber 7 — —— ——— — 16— Louiſe, nach mir umßlickend, erroͤthete, und ſah mir mit einem Blick ins Auge, der mich ſelt⸗ ſam ergrlff. Noch kann ich mir ihn nicht deu⸗ ten. Der Tanz begann. Der Offizier eroͤff⸗ nete ihn mit Louiſen. Mehr ſeine Fuͤße und Beine betrachtend, als ſeine Taͤnzerin und die uͤbrigen Figuranten, kokettirte er mit dem leicht dahin ſchwebenden Engel den Saal auf und ab. Einige Mal ſchien es mir, als wenn Louiſe ihn belaͤchelte; aber nein— das war Taͤuſchung; ſie ſchien ihm ja ſo recht von Herzen gewogen zu ſeyn! Ernſt, in mich ſelbſt verſunken, ſtand ich in einem der hohen Bogenfenſter des Saals und blickte auf die bunte jugendliche Schaar hin, die im Glanze mehrerer hundert Lichter umherwogte. Da weckte mich Louiſens Stim⸗ me:„Herr Graf, Sie tanzen nicht? O wel⸗ cher Himmel von Unſchuld, Freundlichkeit, Her⸗ zensguͤte lag in ihren Blicken! Und doch wie truͤgeriſch! Mir wollt' ein bittres Wort uͤber die Lip⸗ *. pen — 17— pen ſchluͤpfen; gluͤcklich genug hielt ich es zu⸗ ruͤck.„Mir iſt nicht ganz wohl, gnaͤdige Graͤ⸗ ſin“— war meine Antwort—„auch gewäͤhrt es mir ſchon Genuß genug, die Grazie, die Anmuth Ihres Tanzes zu bewundern.“ Sie ſah mich einen Augenblick lang ſehr ernſt an, dann neigte ſie das ſchoͤne Lockenkoͤpf⸗ chen erroͤthend, und wandte ſich mit den Wor⸗ ten von mir:„ich wuͤnſche baldige Beſſerung.“ Ihr Taͤnzer conrhettirte ihr entgegen, und ſie trat zu einem neuen Tanze mit ihm an. Neine Quaal verdoppelte ſich; zu meinem Unmuth geſellte ſich noch die Schaam uͤber mein albernes Benehmen und der Schmerz, Louiſen beleidigt zu haben. Ich dankte Gott, als der Tanz beendigt 3 war, und ich dieſem Wirrwarr von Gefuͤhlen, dieſem Zwange entfliehen konnte. Ich war eeiner der Erſten, die ſich bei der Graͤfin und⸗ Louiſen heabſchieheten. z Louiſe war nicht kalt, ſie ſchien nicht be⸗ leidigt; aber ſie war ernſt und doch nicht ſo B — 18— freundlich, wie vorher.. O, wo iſt der Mann, der ſich ruͤhmen duͤrfte, ſcharfſichtig ge⸗ nug zu ſeyn, um ein weibliches Herz ganz durchſpaͤhen zu koͤnnen! Soll ich ihr hoͤfiſch ſchmeicheln, ihre Gunſt zu gewinnen ſuchen durch Feſte, Gedichte, Se⸗ renaden, und wie dieſe elenden Mittel alle hei⸗ ßen, womit man der weiblichen Eitelkeit ſchmei⸗ chelt, um ſie zur Fuͤrſprecherin zu machen, zur Kupplerinn? Nein, nein, nein! Um dieſen Preis mag ich Louiſens Gunſt nicht beſitzen. Ich wuͤrde vor mir ſelbſt erroͤthen, ich wuͤrde mich verach⸗ ten, und der Menſch kann nie ſich wahrhaft gluͤcklich fuͤhlen, der ſich ſelbſt verachten muß. Die Liebe iſt das freie Geſchenk des Her⸗ zens; es iſt des Mannes unwuͤrdig, ſie vom Weibe durch Erniedrigungen zu erbetteln. Den 6ten Februar Welcher Wechſel und wie pläͤtzlich! Louiſe empfand und dachte ganz wie ich, — 19— und ich Thor konnte ihr Liebe zu dem Gecken zutrauen, der ſie geſtern umgaukelte! Ich war heut fruͤher auf, als gewoͤhnlich! Ich hatte die ganze Nacht durchwacht. In meinem Kopf, in meiner Bruſt tobt' es wie Sturm, ein Feuerſtrom ſchien ſich durch meine Adern zu ergießen. Ich kleidete mich raſch an und flog ins Freie. Ich ſah recht deutlich, daß mein alter Franz den Kopf dazu ſchuͤttelte! Ich erklimmte einen Berg, auf deſſen Ruͤcken ein fernhin ſich erſtreckender Wald ſteht. Ich hab' ihn im vorigen Fruͤhjahr, im Sommer und Herbſt, mit Blumen, mit Morgen⸗ und Abendroͤthen geſchmuͤckt geſehen, und immer mit erneuter Luſt beſucht. Diesmal war er kalt und ſtill. Kein Fluͤ⸗ ſtern in den Blaͤttern, kein belebender Fruͤh⸗ lingshauch, der mir zuweh'te, kein Nachtigall⸗ geſang! Nur einige Kraͤhen unterbrachen zu⸗ weilen das ernſte Schweigen der Natur. Wie Geiſter, ſtarr, kalt und ohne Leben, ſtreckten die beeiſten Baͤume ihre Aeſte mir entgegen. B 2 — 20— Aber dieſe Stille, dieſer hohe Ernſt, der rings um mich verbreitet war, kuͤhlte, mehr als der Nordwind, der meine Locken bereifte, meine Bruſt ab. Ich ward ruhiger ich warf mei⸗ nen Schmerz als eine unnuͤtze Laſt von mir— ich fuͤhlte mich ſtark genug, auf Louiſen zu verzichten. 5 Und als ich lange im Wald umhergeirrt war und mich gaͤnzlich beruhigt fuͤhlte, da kehrte ich nach der Stadt zuruͤck. Die Natur hatte mich geheilt. In welchem Gewand ſie auch erſcheinen mag, immer iſt ſie faͤhig, den denkenden Menſchen zu beſchaͤftigen, immer be⸗ reit, kranke Herzen zur Geneſung zu leiten. Der Anſtand gebot mir, mich heute per⸗ ſoͤnlich nach dem Befinden der Damen zu er⸗ kundigen, die ſo wohlwollend den Fremdling eingeladen hatten. Louiſe empfing mich; ihre Mutter ſaß noch an der Toilette. Wir unter⸗ hielten uns uͤber den geſtrigen Abend. Unſere — Anſichten waren voͤllig dieſelben. 7 — 21— Meiner Verſtimmung gedachte ſie nicht, wie haͤtt' ich ihrer gedenken koͤnnen! Nicht ein⸗ mal ein kalter ſtrafender Blick erinnerte mich an meine Albernheit. Unſchuld und Zartgefuͤhl lag in ihren Blicken— aber ſolche Unſchuld, ſolche Reinheit, daß ich es gar nicht wagte, Liebe darin zu leſen. Sah ſie, daß ich befangen war? Ohne Zweifel, denn ſie fuͤhrte das Geſpraͤch mit einer Leichtigkeit fort, die ich mir nie zu eigen ma⸗ chen werde, ſo ſehr ich es auch wuͤnſchte. Ich erſchien neben ihr einfaͤltig und toͤlpelhaft. Sie lenkte das Geſpraͤch auf die deutſchen Dichter, die ſie ſo hoch verehrt. Ihr erſter Liebling iſt Schiller. Ihr Auge leuchtete, als ſie des hei⸗ ligen Namens erwaͤhnte.„Verehren Sie ihn ebenfalls ſo innig, wie ich?“ fragte ſie— und es war das erſte Mal, daß ich mich von Louiſen beleidigt fuͤhlte. Ihre Frage hatte mich aus tiefem Sinnen geweckt; der Anblick ihrer Wundergeſtalt beſchaͤftigte mich mehr, als ihre Worte. Sie mochte bemerken, was in mir v. 4 vorging, denn ſie erroͤthete und ſchlug das ſchoͤne Auge zu Boden. In dieſem Augenblick ergriff mich ein helles Bewußtſeyn, ein lebendiges Gefuͤhl, das an Begeiſterung grenzte. Ich ſprach mit Leiden⸗ ſchaftlichkeit von dem hohen Werthe unſerer Dichter, beſonders von der zarten Achtung, welche der unſterbliche Schiller den Frauen in jeder ſeiner Dichtungen geweiht, und wie er ſie verherrlicht und ihr ganzes Weſen und ihre Beſtimmung ſo wahr aufgefaßt, ſo ſchoͤn dar⸗ geſtellt habe. Mit tiefer Bewegung hoͤrte Louiſe mir zu. Sie laͤchelte bei manchen meiner lei⸗ denſchaftlichen Aeußerungen, wie es mir ſchien, durch Thraͤnen. Und als ich geendet hatte, reichte ſie mir guͤtig die Hand und ſagte:„Graf Edmund, Ihre Anſichten ſind die meinigen, es freuet mich, daß wir einverſtanden ſind.“ 1 Ich druͤckte ihre Hand an meine Lippen, und rief im hoͤchſten Entzuͤcken:„Louiſe!“ bereit ihr zu Fuͤßen zu ſtuͤrzen, und ihr die Gefuͤhle — 23— zu geſtehen, die mich beſeelten— da ſprangen die Fluͤgelthuͤren auf und in ernſter Hoheit trat die Graͤfin herein. Louiſe gieng ihr mit kindlicher Zaͤrtlichkeit entgegen, ich nahte mich ihr ehrfurchtsvoll. Das erwachte Gefuͤhl mußt' ich in die heiße Bruſt zuruͤckdraͤngen und mich in die kalte Form der Convenienz ſchmiegen. Louiſen bewunderte ich. Mit wahrer Kind⸗ lichkeit und hellem Verſtande fuͤhrte ſie das Geſpraͤch fort, das ihre Mutter anknuͤpfte und von mir nur ſchwach unterſtuͤtzt wurde. Nur zuweilen ſchwieg ſie verlegen, wenn meine Blicke, vielleicht zu feurig, den ihrigen begegneten. Dann erroͤthete ſie. O wie ſchoͤn iſt Louiſe, wenn ſie erroͤthet! wie wundervoll ihr Auge, wenn ſie es ſittig zu Boden ſchlaͤgt! Nach Verlauf einer halben Stunde riß ich mich von den geiſtvollen Frauen jos. Die Graͤfin bat mich freundlich, ungezwungen, ſie bald wieder zu beſuchen. Louiſe verneigte ſich ſchweigend; aber in ihren Blicken lag Geneh⸗ * migung der muͤtterlichen Erlaubniß, und als ich erroͤthete Louiſe noch einmal— und wie be⸗ rauſcht verließ ich ihr Hotel. O gewiß— ich werde gluͤcklich ſeyn— Louiſens Gunſt oͤffnet mir ein Wunderland voll Lieb' und Freude. Den roten Februar. Ueberraſchend war fuͤr mich die Einladung, die ich geſtern von der Baronin zum Thee und Abendbrodt erhielt.„Die Graͤſin Strahlen⸗ burg nebſt Comteſſe ſind auch zugegen“— hatte der Jaͤger hinzugeſetzt, und ich erroͤthete, noch an der Thuͤr mich gruͤßend umwandte— als mein Franz mir dieſe Aeußerung des Jaͤ⸗ gers mittheilte. Hatte das ſchlaue Weib mich ebenfalls durchſchaut? Gewiß! gewiß! Vielleicht bin ich durch meine Leidenſchaft fuͤr Louiſen ſchon zum allgemeinen Geſpoͤtt geworden! Die Baronin lud mich ohne Zweifel nur ein, um mich zur Zielſcheibe ihres Witzes zu machen, mich zu beobachten und mit Spoͤttereien zu uͤberhaͤufen.— Und welcher reiche Stoff fuͤr die Witzige! Vielleicht las ich nur in Louiſens — 25— Augen, was ich darin zu leſen wuͤnſchte; moͤg⸗ lich, daß ſie im Stillen mich ſelbſt belacht, und mit der Baronin Eine Karte ſpielt. Gewiß⸗ heit! Gewißheit! ſie wuͤrde meine ganze See⸗ lenruhe mir wiedergeben; mein Stolz wuͤrde meine Liebe beſiegen; denn der Menſch iſt wahrhaft zu bedauern, der, zuruͤckgewieſen von der Geliebten, kriechend, ſchmeichelnd ſich zu ihr draͤngt, um ihre Gunſt wie einen Zehr⸗ pfennig durchs Leben zu erbetteln. Er umarmt eine Wolke, die der Sturm ihm ſpottend ent⸗ fuͤhrt, und den Hagel der Beſchaͤmung und Selbſtverachtung ihm ins Geſicht wirft.—— Die Geſellſchaft bei der Baronin war zahl⸗ reich und gewaͤhlt; die ſchoͤne Wirthin hatte alles ſo feſtlich und reizend angeordnet, daß jeder, welche Neigung ihn auch beherrſchen mochte, befriedigt wurde, und nie ein muͤßiger oder langweiliger Moment entſtehen konnte. Das Ganze war ein ſchoͤn geruͤndeter, wohl abgeſchloſſener Zirkel, der ſich, nach der Laune der Einzelnen, in kleinere aufloͤſete. Jedes — 26— fand ſich leicht mit denen zuſammen, die ſein Gemuͤth anſprachen. Es iſt eine eben ſo ſchwie⸗ rige Kunſt, ein angenehmer Gaſt zu ſeyn, wie als Wirth den Wuͤnſchen und phyſiſchen und geiſtigen Beduͤrfniſſen ſeiner geladenen Freunde Genuͤge zu leiſten; aber die Gaͤſte, die ich bei der Baronin fand, verſtanden dieſe Kunſt mei⸗ ſterhaft, und wußten die reizende Wirthin kraͤf⸗ tig zu unterſtuͤtzen. Louiſe ward abermals von dem Offtzier umgaukelt, der fruͤher meine Eiferſucht rege gemacht hatte, und diesmal geſellte ſich noch ein zweiter zu ihm, der ihn an Albernheit und Geckerei uͤbertreffen zu wollen ſchien. Aus Un⸗ muth ſchloß ich mich an die Baronin an; ich brauchte das elende, gemeine Mittel, Louiſens voon mir geahnete Liebe zu ſteigern, indem ich auch in ihr Eiferſucht zu erwecken ſuchte. Aber — dies ſchlug mir fehl. Louiſe war harmlos, undefangen, ſelbſt froͤhlich, ſo weit die Grenzen des Anſtandes und weiblicher Sittſamkeit es ihr geſtatteten. Die Baronin war ſehr guͤtig * gegen mich, ſehr zuvorkommend. Beinahe koͤnnte ich ſagen, ſie habe mich ausgezeichnet. Louiſe bemerkte es und blieb ruhig. Kein einziger Zug, kein Blick bezeugte Unzufriedenheit oder Schmerz.—— Nein, nein! Louiſe liebt mich nicht, ſie liebt mich gewiß nicht!——— „Werden Sie uͤbermorgen die Redoute be⸗ ſuchen?“ fragte die Baronin mich mit einem Blicke, worin Bitte und Befehl ſich wunder⸗ bar miſchten. „Redoute? Redoute?— erwiederte ich in Zeiſttenans⸗—„gewiß, wenn ich weiß, daß ich Sie dort finde.“ 4 Sie laͤchelte und entſchluͤpfte mir, um durch ihren Geiſt einen der naͤchſten Zirkel zu beleben, der zufaͤllig veroͤdet zu ſeyn ſchien. Ich blieb einſylbig gegen Alle, die ſich mir naͤherten. Ich beobachtete Louiſen, und jer 3 Blick verwundete mich, den ſie einem Andern zuwarf. * Ich darf, ich kann Louiſen nicht mehr trauen. Ach! gewiß iſt ſie auch eine der Ge⸗ — 28— woͤhnlichen, die ſich nur im Rauſch der Ge⸗ fuͤhle, in Intriguen und dem ruͤckſichtsloſen Haſchen nach gemeinen Genuͤſſen gluͤcklich fuͤhlen! Die Baronin fluͤſterte mir bei einer fluͤch⸗ tigen Begegnung, nur mir hoͤrbar⸗ zu:„Louiſe erſcheint aͤbermorgen als Gaͤrtnermaͤdchen.“ Ich kuͤßte der Baronin die Hand; ich er⸗ kannte jetzt, daß ſie Louiſen und mich verei⸗ nigen, als Mittlerin zwiſchen uns erſcheinen wollte. Aber taͤuſchte ich mich auch nicht? Und iſt wohl Louiſe meiner, meines gluͤhenden Her⸗ zens wuͤrdig?—— Wir ſchieden ſpaͤt von einander. Die Ba⸗ ronin druͤckte mir bei der Trennung lebhaft die Hand, und ſagte:„ſeh' ich Sie bald wieder?“ Ich entgegnete mechaniſch:„morgen.“ O gewiß gleicht ſie den Syrenen, die durch ſchmeichelnde Toͤne den Irrfahrer vormals ins Verderben ſtuͤrzten! Und Louiſe? Sie iſt gewiß moraliſch beſſer, als die Baronin,— aber doch immer nur ein Weib— doch nur ein Maͤdchen! Den riten Februar. Louiſe— die Baronin— beide gaukelten wie zwei verſchwiſterte, und ſich doch ſo unaͤhn⸗ liche Weſen in voriger Nacht durch meine Traͤu⸗ me. Louiſe duͤnkte mich edler, reiner, groͤßer, die Baronin iſt offenbar ſchoͤner. Ich hielt es fuͤr Pflicht, der Letztern heute meinen Beſuch abzuſtatten, ihr fuͤr den geſtrigen genußreichen Abend zu danken. Sie ſchien uͤberraſcht, als ich, mit meiner gewohnten Lebhaftigkeit, raſch hinter dem mich anmeldenden Jaͤger ins Zim⸗ mer trat; ein junges Fraͤulein, Geſellſchafterin der Baronin, war nicht minder verlegen, und trug eilig Schneidereien, womit ſie beſchoͤftigt war, ins Nebenzimmer. Die Baronin, mit der ihr eignen Welt⸗ klugheit, ſcherzte uͤber mein jugendlich⸗raſches Eintreten, fand es aber eines kraͤftigen jungen Mannes wuͤrdig.„Wie gluͤcklich“— rief ſie aus—„iſt die Jugend in dieſer Ungebunden⸗ heit! Alter und Verhaͤltniſſe fuͤhren ohnehin zu fruͤh den Zwang der Gefuͤhle, Anſichten und Meinungen, wie des aͤußern Betragens her⸗ bei.“ Ich kuͤßte ihre ſchoͤne Hand; in dieſem Kuſſe lag der Dank fuͤr die Guͤte, womit ſie meinen Ungeſtuͤm entſchuldigte. Die Baronin ſelbſt wandte das Geſpraͤch auf Louiſen. Sie war von ihr entzuͤckt. Un⸗ eins mit mir ſelbſt, ſtimmte ich nur mit hal⸗ ben Phraſen in ihre Lobeserhebungen ein. Ich wollte mir keine Bloͤße geben. Noch waren wir mit Louiſen beſchaͤftigt, als die Geſellſchaf⸗ terin der Baronin wieder ins Zimmer trat, und mit einem feillen ſatyriſchen Laͤcheln be⸗ merkte: Die Frau Baronin ſchiene zu ſehr fuͤr die junge Graͤfin eingenommen zu ſeyn; ihr duͤnke ſie nichts weniger, als ſchoͤn. Ihr Mund ſey nicht grazioͤs genug, auch gefalle ihr die Naſe und ein markirter Zug unter den Augen nicht.— Die Baronin beſtritt dies lebhaft, und blickte mir dabei wiederholt ſehr freundlich ins Auge, als erwarte ſie Dank von mir. Aber ich ſchwieg und warf mechaniſch einen kalten 4-— — Blick auf einen ſchoͤnen hriſenstapf der mir gegenuͤber hing. Fraͤulein Minette— ſo hieß die Geſell⸗ ſchafterin— wandte ſich und verließ das Zimmer. Auch ich beabſchiedete mich bei der Baro⸗ nin, nachdem ſie ſich geweigert hatte, mir zu ſagen, in welchem Coſtuͤm ſie morgen erſchei⸗ nen wuͤrde.. Ein Redoutenſcherz, Herr Graf“— ſprach ſie, ſchelmiſch laͤchelnd—„darf vorher nicht verrathen werden.“ Sie verneigte ſich guͤtig, und ich ſchied von ihr mit der Verſicherung, daß ich ſie aus dem bunten Maskengewuͤhl herausfinden werde. Sie laͤchelte, als wenn ſie zwar meiner Ge⸗ wandtheit vertraue, aber doch durch eine Schel⸗ merei mich noch zu taͤuſchen hoffe. Allein ſie wird ſich irren. Die zierliche Geſtalt mit dieſer Lebhaftigkeit iſt leicht zu er⸗ kennen; ſie ſoll mir morgen nicht entſchluͤpfen. Louiſe erſcheint als Gaͤrtnermaͤdchen, und ——— — —“ ich als Gaͤrtnerburſche. Sehen wir, in welche Beruͤhrung das gleiche Coſtuͤm uns ſetzen, und wer die ſchoͤnſten Fruͤchte den maskirten Gaf⸗ fern bieten wird. 8 Den 12ten Februar. Welche wundervolle Nacht! Taͤuſchung im Saale der Taͤuſchung! Aber war es Bosheit oder Liebe? Ich Unbeſonnener konnte den Wor⸗ ten dieſer raͤnkevollen Baronin trauen?! Mein alter Franz hatte mir ein reizendes Gaͤrtner⸗Coſtuͤm beſorgt. Er fand, daß es mich gut kleide. Er freute ſich herzlich, daß ich mir darin wohl gefiel. Er beſah mich von allen Seiten.„Na, gnaͤdiger Herr!“— rief der ehrwürdige Graukopf ſelbſtgefaͤllig aus,— „heute muͤſſen ſich Prinzeſſinnen in Sie ver⸗ lieben!“ Prinzeſſinnen? klang es in meinem Innerſten wieder. Ach! wenn ich in Louiſens Gunſt nur eine hoͤhere Stufe erringe— dann nur fuͤhle ich mich wahrhaft gluͤcklich. Erwiederte Liebe wirft 5 wirft einen himmliſchen Glanz uͤber die Bauern⸗ huͤtte; hoffnungsloſe Liebe duͤſtern Schatten uͤber den Thron. 3 Ein Koͤrbchen, voll der ſchoͤnſten Pfirſichen, hatte Franz mir angeordnet. Alle Treibhaͤuſer waren gepluͤnd ert worden; Franz war außer ſich vor Freude, daß(er wußte das genaun) niemand eine Pfirſiche mehr erhalten konnte. Rur mit Pflaumen und Kirſchen konnte Louiſe ihr Koͤrbchen fuͤllen. 1 Neun Uhr war vorbei; aber ich zoͤgerte noch mit meiner Abfahrt. Es iſt ein baͤngli⸗ ches Gefuͤhl, in einem ſchoͤn geſchmuͤckten Re⸗ outenſaal eine der erſten Masken zu ſeyn. Wie kranke Huͤhner, ſich ſelbſt und Andern mißtrauend, ſchleichen die erſten Ankoͤmmlinge, ſich beobachtend und ſtets ausweichend, umher, bis der Saal ſich fuͤllt und der entfeſſelte Scherz in tauſendfachen Neckereien ſein luſti⸗ ges Spiel beginnen kann. Als ich anlangte, war der San⸗ gedraͤngt voll. Eine rauſchende Janitſcharen⸗Muſik C ————em ———ÿÿõÿõöä — — —— — — klang mir einladend entgegen. Ich kann es nicht laͤugnen, mit einiger Schuͤchternheit trat ich von einer Eſtrade hinab in das bunte Ge⸗ wuͤhl. Charactermasken erregen immer vor⸗ rzuͤgliche Aufmerkſamkeit; es waren dieſesmal ungewoͤhnlich viel und ſehr barocke zugegen, welche von den Schauluſtigen umdraͤngt wur⸗ den; deshalb blieb ich einige Minuten unbe⸗ merkt, bis drei ſchelmiſche Damen mich mit verſtellter Stimme um den Preiß meiner Pfir⸗ ſichen befragten. Ich ward ſie los, indem ich jeder ein Stuͤck reichte. Sie nahmen ſie zo⸗ gernd an, weil ſie ohne Zweifel eine Schelme⸗ rei befuͤrchteten. Ich verſicherte, daß ſie gut und unſchaͤdlich ſehen, und bewog die Damen „5 ſie zu koſten, was ſie mit Grazie thaten. Jetzt ward ich aber von mehreren Maske n umſtellt, und vorzuͤglich von dem weiblichen Geſchlecht gepluͤndert. In dieſer Verlegenheit— ich wollte ſo gern eine meiner Pfirſichen fuͤr das Gaͤrtnermaͤdchen, fuͤr die himmliſche Louiſe be⸗ wahren— wandte ich mich um, und ein wun⸗ o derſchoͤn gekleidetes Maͤdchen in laͤndlicher Tracht, ein Fruchtkoͤrbchen mit Blumen und Kirſchen am Arme, ſtand hinter mir. Es war Louiſe— Die Baronin hatte mich nicht getaͤuſcht. Ich bot ihr entzuͤckt meine letzte und ſchoͤnſte Pfit⸗ ſiche. Sie nahm ſie an, und ich bemerkte das ſanfte Erroͤthen, das unter der halben Maske uͤber die lieblichen Wangen flog. Sie reichte mir dagegen eine Roſe und einige Kirſchen aus ihrem Koͤrbchen, die ich mit Entzuͤcken aus ih⸗ rer ſchoͤnen Hand nahm. In Zeit von drei Minuten war auch ihr Koͤrbchen leer; vorzuͤg⸗ lich zeichneten ſich einige Fledermaͤuſe durch ihre Fertigkeit und Habſucht aus. Der Schwarm zertheilte ſich wieder, und die raubſuͤchtigen Fledermaͤuſe ſchwirrten mit ihnen von dannen. Ich blieb mit dem reizen⸗ den Gaͤrtnermaͤdchen allein, nur einige Gaffer beobachteten uns noch. Sollte ich Louiſen mich zu erkennen geben, den Scherz ihr verderben? Nein, das konnte, das durfte ich nicht. Ich ergriff ihre Hand und zeichnete ein zierliches L. C 2 hinein. Sie ſchuͤttelte den Kopf. Ich fluͤſterte ihr leiſe zu:„Louiſe.“ Sie ſchuͤttelte aber⸗ mals. Es war eine Neckerei von ihr, das ſchien mir klar zu ſeyn, und ich drang nicht weiter in ſie, ſich mir zu entdecken! Im Buͤffet demaskirt man ſich ja— dachte ich— dorthin wirſt du ſie fuͤhren. Ich bot ihr den Arm, den ſie nur erſt dann annahm, als ſie ein E. in meine Hand gemahlt und ich bejahend ge⸗ nickt hatte. Wie laut jauchzte mein Herz auf, Louiſen am Arme zu fuͤhren, mit ihr durch den bunten Glanz und die barocke Schaar zu wallen. Sprechen konnten wir nicht, zu laut war das Getuͤmmel rings umher, und zu hell ſchmetter⸗ ten die Trompeten, zu laut wirbelten die Pau⸗ ken. Wir verließen den Saal und naͤherten uns dem erſten Buͤffet, nur von wenigen Gaf⸗ fern noch verfolgt, weil andere Gegenſtaͤnde ſie reizten. Meiner ſchoͤnen Gefaͤhrtin, wie auch mir, war bei unſerm Zuge durch den Saal hie und da ein Buchſtabe in die Hand geſchrieben worden; aber man hatte uns nie errathen. Das Buͤffet war erreicht; ich floß nach Erfriſchungen, und bat meine Dame, die ſich in einen Seſſel geworfen hatte, die beſchwerli⸗ che Maske zu luͤften. Sie demaskirte ſich— und die Baronin ſaß vor mir. Niie hat irgend eine Taͤuſchung mich ſo tief erſchuͤttert, wie dieſe; nie hab' ich einen aͤhnlichen Zwang mir auflegen muͤſſen. Durfte ich ihr grollen, mich kalt und unhoͤflich gegen ſie betragen? Ich raffte mich zuſammen, alle meine Geiſtesgegenwart, und ſtellte mich ent⸗ zuͤckt, in dem reizenden Gaͤrtnermaͤdchen ſie ge⸗ funden zu haben. Sie laͤchelte und ſprach er⸗ roͤthend:„Sie vermutheten die Graͤfin Louiſe? Das mußten Sie auch, denn ich ſagte es Ih⸗ nen ja. Indeſſen muß die Graͤfin eine andere Maske gewaͤhlt haben; denn ich habe kein Gaͤrt⸗ nermaͤdchen bemerkt. Um Sie und Louiſen zu necken, waͤhlte ich die Verkleidung, zu der ſie ſich, wie ich durch Minetten und dieſe durch Louiſens Kammerfrau erfuhr, fruͤher entſchloſſen hatte.“ Alſo durch die ſchelmiſche Minette und Louiſens Kammerfrau, die mir gar nicht ſo mittheilungsluſtig erſchienen war, kannte die ſchlaue Baronin die Plaͤne meiner Geliebten? Dies ſchien mir ſonderbar, ſelbſt widerſpre⸗ chend; aber ich konnte keinen Unterſuchungen Raum geben. Die Baronin bemerkte, daß ich in mich verſunken war, und weckte mich durch einige Scherze, die ſie mit einer Gewandtheit fortfuͤhrte, welche mir keinen ruhigen Augen⸗ blick verſtatteten; wohl aber glaubte ich trium⸗ phirende Bosheit, zart verhuͤllt, in dieſem Scherze zu erblicken. Wir verließen das Buͤffet, und kehrten nach dem Tanzſaale, nach dem bunten Maskenge⸗ ſchwirr zuruͤck.— Da trat ein Paar, feſtlich gekleidet, vor uns hin. Es war Apoll, an ſeinem Arme ſtand eine Muſe. Der gefeierte Gott ergriff die Hand meiner Begleiterin und malte den An⸗ fangsbuchſtaben des Namens der Baronin hin⸗ ein, ſie nickte; die Muſe zeichnete in meine Hand ein E. und mit zarten Lauten, in denen ich Louiſens himmliſche Stimme erkannte, fluͤ⸗ ſterte ſie mir leiſe, und doch bedeutungsvoll die Worte zu:„Trau, ſchau, wem!“ Ich war wie vernichtet. Die Baronin hatte mich getaͤuſcht, ſie war bemuͤht, ein Band zu trennen, deſſen wirkliche Exiſtenz mir ſelbſt noch zweifelhaft war, von ihr aber geahnet wurde. Das ſchien mir klar und deutlich. Ach! und es iſt gewiß dem ſo. Louiſe war mit ihrem Begleiter verſchwun⸗ den, ehe ich mich erholt hatte, und die Baro⸗ nin zog mich mit ſich fort, mit ihr zu einer Quadrille anzutreten, deren erſte Zierde ſie durch die Grazie und Leichtigkeit ihres Tanzes ward. Ich war zerſtreut; jeder Ton der rauſchen⸗ den Muſik donnerte mir das inhaltsſchwere: Trau, ſchau, wem— in die Ohren. Ach! und Loniſe hatte es ausgeſprochen. Ich habe ge⸗ wiß nie ſchlechter getanzt. Und doch mußt ich mich zu faſſen, meine Zerſtreuung zu verbergen, — 40— und gute Miene zu einem furchtbar ſchlechten Spiele zu machen ſuchen! Wenn Louiſe, ſie, das Idol meines Herzens, mit einem Weibe, das ſie zu verachten ſchien, in trauter Vereini⸗ gung mich im Saal umher tanzen ſah— o wie tief mußte ſie mich verachten! Wie kann ich je ihr Vertrauen, das Hoͤchſte, was ich mir enken kann, ihre Liebe zu gewinnen hoffen? Dieſer Gedanke peinigte mich, und peinigt mich noch. Und wer war Apoll? Mußte ich ihn nicht fuͤr einen beguͤnſtigten Liebhaber halten, der Louiſens gegenwaͤrtige bittere Stimmung benutzen wuͤrde, um ein Herz an ſich zu reißen, das doch vielleicht waͤhrend einigen Wochen fuͤr mich geſchlagen hat? Ich habe ihn ſtets hoch verehrt, den freundlichen, guͤtigen, geiſt⸗ reichen Gott— ich verachtete ihn jetzt. Unter ſeiner Maske ſollte das Hoͤchſte, was ich kenne, mir entriſſen werden! Erſchoͤpft ſank ich auf eine Bank, als die Quadrille beendigt war, und benutzte ſogleich die Gelegenheit, mich von der Baronin zu entfernen, als ein Prinz ihr ³ — — — 4¹— die Hand zu einem neuen Tanze bot.„Wir ſehen uns bald wieder, Graf?“ fluͤſterte ſie mir mit einem lebhaften Haͤndedruck zu.— Ich bejahte es, und fuͤhlte meine Bruſt erleichtert. Ich muſterte den ganzen Saal, keine Maske entging mir. Die Muſe fand ich nicht; wohl aber ſah ich Apoll, eine Phoͤbe am Arme, an mir voruͤbergehen. Louiſens Wuchs hatte ſie nicht, Louiſe war nach Hauſe gefahren. In dieſem Augenblick habe ich mich gluͤcklicher ge⸗ fuͤhlt, als je. Oder duͤrfte ich dieſem Apoll demungeachtet nicht trauen? Welche goͤttliche Gewalt vermag den Schleier zu zerreißen, in den die Zauberei der Liebe mich gehuͤllt hat! Welches Intereſſe haͤtte mich noch an den Re⸗ doutenſaal zu feſſeln vermocht? Ich warf mich in meinen Wagen, und war froh, als ich in meiner Wohnung anlangte, und in ſtiller Ein⸗ ſamkeit mir ſelbſt uͤberlaſſen war. Noch glaube ich den rauſchenden Laͤrm der Muſik, das Schwirren der Fledermaͤuſe und Louiſens: Trau, ſchau, wem, zu hoͤren— und — 42—. noch den bunten Wechſel abentheuerlicher Ge⸗ ſtalten rings um mich her zu erblicken; aber ich bin ruhiger— denn— ganz gleichguͤltig bin ich Louiſen doch wohl nicht! Den aſten Februar. Ich mußte heute Louiſen ſprechen; eine wun⸗ derbare Sehnſucht, ſie zu ſehen, ergriff mich. Ich ließ mich bei ihr melden, und freund⸗ lich, guͤtig empfing ſie mich. Ich fragte ſie, „ob ſie an der letzten Redoute Theil genommen habe?“ Sie laͤchelte, und ſagte:„ja:“„Als Muſe“— rief ich lebhaft, eines Triumphes gewiß, der— jedoch mit einem ſchmerzlichen Gefuͤhle verbunden war.. „Als Muſe?“— erwiederte ſie ſennend, gleichſam wie um eine Antwort verlegen, und helle Roͤthe uͤberflog ihr liebliches Geſicht.— „Nein,“ fuhr ſie fort,„nicht als Muſe.. Ich bemerkte ihre Verlegenheit und— ſe ſchmerzte mich. Raſch ſprang ich zu Details uͤber und ſie erhielt ihre ganze Faſſung wieder. 7 —— ———ſſ Ich ſagte ihr, daß ich ſie im Coſtuͤm eines Gaͤrt⸗ nermaͤdchens erwartet haͤtte. Da blickte ſie mir forſchend, aber zugleich wunderfreundlich Auge, und fragte:„warum?“ „Die Baronin wußte um das Geheimniß.“ „Die Baronin?— ich habe mit ihr uͤber die Redoute kein Wort gewechſelt. Ich war ſogar noch am Morgen unſchluͤſſig, ob ich dar⸗ an Theil nehmen wuͤrde. Mein Couſin war es, der mich endlich beſtimmte. Er erſchien als Apofl— „Und Sie— Sie neigte erroͤthend das Lockenkoͤpfchen und fluͤſterte leiſe:„als Muſe.“ „ Und aufjauchzen haͤtt' ich moͤgen, an die Bruſt der Himmliſchen mich ſtuͤrzen— aber wieder oͤffnete ſich die Thuͤr des Saales, und es trat ihre hohe herrliche Mutter mit einer Freundin herein. Zum Erſtenmale druͤckte ich Louiſens Hand beim Abſchied. Ste erroͤthete; aber den Haͤndedruck erwiederte ſie nicht. Louiſe hatte alſo wirklich das warnende Trau, ſchau, — 44— wem, geſprochen?— O Louiſe! Engel meines Lebens! Moͤchteſt Du immer mir voranſchwe⸗ ben— immer mit dieſer Zartheit und Freund⸗ lichkeit den Weg der Tugend mir zeigen! Er iſt nicht rauh, wenn Deine Liebe ihn mit himmliſchen Blumen beſtreut. Aber die Baronin—! Darum alſo fluͤ⸗ ſterte ſie jene taͤuſchenden Worte mir zu:„Louiſe erſcheint als Gaͤrtnermaͤdchen.”“ Darum floh die falſche Minette mit den Schneidereien bei meinem raſchen Eintreten davon, um die Ge⸗ genſtaͤnde meinen Augen zu entziehen, womit die Taͤuſchung vollendet werden ſollte, und die ich durch einen feſten, aufmerkſamen Blick ſo⸗ gleich zerſtoͤren konnte! Louiſe! Louiſe! Das Leben iſt ein Irrge⸗ winde, von allen Schrecken der Nacht bedeckt, umhuͤllt; aber ſo ſchwarz iſt dieſe Nacht nicht, daß der Stern der Liebe ſie nicht zu erhellen vermoͤchte. 5 O! moͤchteſt Du, Louiſe, Ariadne mir ſeyn! Edmund iſt kein Theſeus⸗ * — . 3 Den 6ten Aprit.* Bruchſtuͤcke aus einer Nachtphan⸗ taſie an Louiſen. Verwegener Gedanke! Duͤrft' ich's wagen, Was mich durchgluͤht, Louiſe, Dir zu ſagen? Nein, ſolches Wagniß waͤre allzukuͤhn, Du wuͤrdeſt zuͤrnen, und den Frevler fliehn. *) Eine Freundin Louiſens hatte Edmund zufällig ge⸗ ſagt, daß dieſer Tag ihr Geburtstag ſey. Er ging zu ihr, um ihr Glück zu wünſchen, konnte aber keine Auszeichnung erwarten, weil ſie von zu viel gratulirenden Herren und Frauen umdrängt wurde. Edmund, den dieſe nothwendige Kälte ſchmerzte, überreichte ihr eine Roſe, die ſie zwar mit Güte, aber doch mit einiger Verlegenheit, annahm. Sie ahnete ohne Zweifel den Gedanken, welchen das Geſchenk ausſprechen ſollte. Edmund ward zum erſten Male der tiefe Sinn klar, welcher in der Blumenſprache des Mor⸗ genlandes liegt. So viel aus ſeiner mündlichen Ueberliefe⸗ rung. Von ſeinem Beſuche bei Louiſen hat er nichts nie⸗ dergeſchrieben, aber obige Bruchſtücke in der Nacht auf⸗ gezeichnet. O warum ward dem Menſchen doch das Herz! Mit ſolchem ungeheuern Schmerz, Mit Seufzern, wie ſie ſich aus meinem Buſen ſtahlen, Hat Syſiphus den Stein gerollt; Und Tantalus, dem der Olympos grollt, Erſehnte ſo das Ende ſeiner Qualen. Du ſchlaͤfſt wohl ſanft, von keinem Harm bedraͤngt, Richt ahnend, was den Buſen mir beengt? Du theilſt nicht meine Wonnen, meine Schmerzen! Ich bin wohl nur ein Fremdling Deinem Herzen? O ſicher iſt mit Edmunds Bild Jetzt Deine Seele nicht erfuͤllt! 2 Du, Kummerloſe, biſt von keinem Gram befangen, Du fuͤhlſt in Deiner Bruſt kein ſehnendes Ver⸗ langen! O ſchlummere ſanft! mein bruͤnſtiges Gebet Hat Gottes Frieden auf Dein Haupt herabgefleht. Wenn Engel hell durch Deine Traͤume ſtiegen/ O trinke dann in vollen Zuͤgen Die Wonnen, die Dir Himmliſche geſandt! In Deinem Buſen wohnt ein hoͤh'res Ahnen, An Deine Abkunft darf ich Dich nicht mahnen— Der Sterne Heimath iſt Dein Vaterland. Impromptu auf Louiſens Geburts⸗ tag. und feſtlich war der Reigentanz der Horen, Und wonneyoll ſchlug jedes Herz, tind rings war Freudigkeit und Luſt und Scherz! Ein Engel hatte ſich auf unſern Stern verloren, Louiſe war geboren. Den 8ten Mai. O ſeelige Fruͤhlingsfeier der Natur und der Liebe! Wonne uͤber Wonne! Louiſe, das leuch⸗ tendſte Meiſterſtuͤck der ſchaffenden Natur, mein! — Mein! Ich muͤßte untergehen in dieſem Meere von Seeligkeit, hielten die himmliſche Liebe und die Ahnung einer genußreichen Zu⸗ kunft mich nicht mit kraͤftigen Armen uͤber die Wellen. — 48— (eine halbe Stunde ſpäter.) Ich bin ruhiger geworden; der Sturm na⸗ menloſen Entzuckens hat ſich beſaͤnftigt— ich bin gefaßt genug, die ſeeligen Augenblicke, die ich dieſen Nachmittag lebte, mit allen Einzeln⸗ heiten, meiner Einbildungskraft und meinem Herzen voruͤber zu fuͤhren, noch einmal darin zu ſchwelgen. Die Baronin, wie nicht zu laͤugnen iſt, ein Weib voll Geiſt und Phantaſie, hatte eine Fruͤhlingsfeier in dem benachbarten ſchoͤngele⸗ genen Dorſe Friedenswald angeordnet. Loniſe und ihre Mutter, auch ich, waren dazu einge⸗ laden. Die Baronin hatte das Ganze mit der ihr eigenen, bewunderungswuͤrdigen Fertigkeit und ihrem gebildeten Geſchmack zu ordnen ge⸗ wußt. Um zwoͤlf Uhr verließ der Zug, aus Fahrenden und Reitenden beſtehend, die Neſi denz. Ich war unter den Letztern. Unter Scherz und Lachen, jedoch die Schran⸗ ken des in den feinern Zirkeln herrſchenden An⸗ ſtandes nicht uͤberſchreitend, langten wir in Frie⸗ ————x— 1 5-.* — 49— Friedenswald an. Seine wunderſchoͤne Lage entzuͤckte Alle. Die Natur hatte ihren Fruͤh⸗ lingsglanz uͤber das bluͤhende Thal ausgeſtroͤmt; wie Geiſter des Friedens ſtanden die fernhin in klarer, warmer Luft ihre Wipfel wiegenden Birken da, von dem zarten jungen Laube wie von einem gruͤnen Dufte umflogen. Quellen ſprangen von Felſen und Huͤgeln herab in die lachenden Wieſen, als freuten ſie ſich ihrer Freiheit, und daß ſie der langen Haft des ſtar⸗ ren Winters entlaſſen worden waͤren. Ich ritt neben Louiſens Wagen. Ihr Auge ſchwelgte in den Wundern einer ſtets guͤtigen, ſtets freigebigen Natur. Wir fuhren durch eine Pflanzung von Kirſchbaͤumen. Ein ſanfter Hauch, wie der Geiſt des Allmaͤchtigen, ging durch ihre Wipfel, und uͤbergoß uns mit einem Bluͤthenregen. Auf Louiſen waren die meiſten gefallen, gleichſam als haͤtten ſelbſt die lebloſen Blaͤtter ſich durch mangnetiſche Gewalt zu der Lieblichen hingezogen gefuͤhlt. Ich aͤußerte dies halblaut gegen Louiſen; ſie laͤchelte erroͤthend D — 4 — 5⁰— und mit geſenktem Haupte. Die Uebrigen lachten uͤber das Ereigniß, aber, wie es ſchien, ſehr gedankenlos. 7 Als wir Alle im Saale verſammelt waren, lud die Baronin zum Genuß des Fruͤhſtuͤcks, was mit hoͤchſter Eleganz bereitet war.„Meine verehrten Freunde und Freundinnen“— be⸗ merkte ſie bei dieſer Gelegenheit—„werden an dieſem Tage, welcher den Wundern der Natur einzig und allein geweiht iſt, mir ſchon die Gefaͤlligkeit erzeigen, aus unſerer Mitte allen Zwang zu verbannen; denn die Natur vertraͤgt ihn nicht.“ Die ganze, ſehr gut gewaͤhlte Geſellſchaft genuͤgte ihren Wuͤnſchen, ein Paar alte Ma⸗ ma's und ein Paar Tanten abgerechnet, die ihre Toͤchter und Nichten ohne ihre Begleitung nicht fahren laſſen wollten, da ſie ſich aus der Hof⸗ Etiquette nicht loswinden konnten, ſich aber der Baronin doch gefaͤllig erweiſen wollten, und ſo in ihrer aͤußern Erſcheinung einen innern Kampf darſtellten. So wollte die eine, Am den Zwang * — 5¹— 8 zu verbannen, den die Natur nicht vertragen koͤnne, uͤber einen Graben ſpringen, uͤber deſſen, an Vergißmeinnicht reiche, Ufer die Juͤngern ſcherzend huͤpften; ſie wuͤrde aber verungluͤckt ſeyn, wenn nicht ein nacheilender Kammerjun⸗ ker, welcher die Schwaͤche ihrer lebensſatten Beine kannte, ſie raſch unter die Arme gefaßt und uͤber den Bach gehoben haͤtte Sie dankte ihm auf das Verbindlichſte in einem ſehr fei⸗ nen, gebildeten Franzoͤſiſch. Kleine Gruppen zerſtreuten ſich, ſcherzend und genießend, auf den neubegruͤnten Wieſen oder in dem geheimnißvollen Walde. Louiſe, die ich nicht aus den Augen verlor, unterhielt ſich mit ihrem Couſin, dem kokettirenden Offi⸗ zier, der einſtmals meine Eiferſucht rege ge⸗ macht und mit ſo tiefem Unmuth mich erfuͤllt hatte. Als ſie mich ihr nahen ſah, verneigte ſie ſich gegen ihn und kam mit den Worten auf mich zu:„Sehen Sie, Graf Edmund, den wundervollen Glanz des Waldes. Ein Theil unſerer Geſellſchaft hat ihn ſchon in Beſitz ge⸗ D 2 — 32— nommen. Laſſen Sie uns ſein Inneres naͤher unterſuchen. Der Duft der Blaͤtter iſt ſo ein⸗ ladend. Begleiten Sie mich, wenn es Ihnen nicht laͤſtig iſt, Herr Graf. Wir wollen ein wenig philoſophiren. Ich weiß, Sie lieben das.“ Ein Strahl unendlichen Entzuͤckens durch⸗ flog meine Bruſt. In dieſem Augenblicke er⸗ ſchien mir Louiſe als die geweihte Hoheprieſte⸗ rinn der Natur. Der Weg, den wir einſchlugen, war ſteil; hie und da, bei einer vorſpringenden Klippe, bot ich Louiſen die Hand. Stets freundlich, aber auch ſtets erroͤthend, nahm ſie ſie an. So gelangten wir, unter den ſaͤuſelnden Birẽen empor klimmend, auf eine Bergebene. Louiſe ſchoͤpfte tief Athem, als ſie ſie erſtiegen hatte Das Getoͤſe unſerer muthwilligen Genoſſen hatte ſich verloren; wir betraten das Heil 3 thum der Natur und der Liebe. 4 Bis hieher waren wir beinahe ſtumm ge⸗ weſen; unſere Unterhaltung beſtand nur aus 0 kurz abgebrochenen, alltaͤglichen Redensarten. Gleiche Schuͤchternheit erzeugte gleiche Wir⸗ kung. Jedes ſchien ſeine Gedanken und Ge⸗ fuͤhle gefangen halten zu wollen; jedes rang nach einer Herrſchaft uͤber ſich ſelbſt, die ein bedeutendes Wort, ein Blick, der das Innere des Herzens zeigte, umſtoßen konnte. Zuerſt mich ſammelnd und Loniſens Hingeworfenen Gedanken benutzend:„wir wollen ein wenig philoſophiren,“ ſagte ich mit Waͤrme:„Louiſe, auch die ſtillen Waͤlder haben ihre Geheimuiſſe, wie die Bruſt des Menſchen die ihrigen be⸗ wahrt. Aber ſie ſind von hoͤherer, edlerer Art; denn es ſind Geheimniſſe der Natur."“. Louiſe blieb mit ernſter und feierlicher Nieng ſtehen.„Nicht wahr, Graf Edmund, wir Menſchen ſind doch ſehr alberne Geſchoͤpfe? Wir halten uns fuͤr die Herren der Schoͤpfung, fuͤr Gottes Lieblinge, und bedenken nicht, daß Alles, was unſer Aug' erblickt, bis zum Blatte, das uns hier zuwinkt, Geſchoͤpf Gottes iſt und gleiche Rechte mit uns hat?“ „Sie ſprachen ſehr richtig, verehrte Graͤ⸗ fin,“— erwiederte ich gleichfalls ernſt—„auch das Blatt iſt ein Geſchoͤpf Gottes, und hat Anſpruͤche auf ſein Vaterherz und Vervoll⸗ kommnung. Wir alle koͤnnen das innere Leben eines Baumes, eines Blattes, einer Bluͤthe nicht beurtheilen. Wir wiſſen nicht, welchen Schmerz das Umhauen eines Baumes ihm verurſacht; oder einem Blatte, wenn man es vom Zweige losreißt, oder einer duftenden Blu⸗ me, wenn man ſie bricht. Daher ruͤhrt der fromme Glaube der Alten, daß jeder Baum von einer Dryade bewohnt werde; daher die Heiligkeit der Haine bei den Voͤlkern aller Zei⸗ ten und aller Himmelsſtriche.“ 4 Louiſe legte, in Nachdenken verſunken, die Hand an die Stirn, und ging langſam weiter. Dieſer Gedanke ſchien ihr neu zu ſeyn. Ich fuhr fort:„Gehen wir von dem Pflan⸗ zenreiche, das wir wohl mit Unrecht leblos nen⸗ nen, da wir das innere Leben der Gewaͤchſe nicht beurtheilen koͤnnen, zu dem Thierreiche * uͤber! Finden wir nicht alle Faͤhigkeiten, alle geiſtigen Elgenſchaften des Menſchen in dem⸗ ſelben zerſtreut? Finden wir nicht z. B. in dem Affen, der dem Menſchen am naͤchſten ſteht, einen hohen Grad von Neugierde, welcher im Menſchen zur Begierde nach Vervollkommnung veredelt iſt? Finden wir im Fuchs nicht die Schlauheit, im Hunde nicht die Treue, im Ele⸗ phanten nicht die Klugheit, im Tiger nicht die Grauſamkeit des Menſchen? Sie alle, bis zum Infuſions⸗Thiere hinab, haben gleiche Rechte, gleiche Anſpruͤche.“ Unter ſolchen Geſpraͤchen gingen wir weit in den Wald hinein; wir blieben ploͤtzlich auf einer Anhoͤhe ſtehen, die ein kleines freundli⸗ ches Thal mit einem Hauſe und dazu gehoͤri⸗ gen Gehoͤft uns zeigte. Wie durch Zauberei ſchien dieſes heitere Thal, voll Fruͤhlingsblu⸗ men, in den ringsum rauſchenden Birkenwald herabgeſenkt zu ſeyn. Drei vor dem Hauſe ſpielende Kinder erhoͤhten die Lebendigkeit des Gemaͤldes, als Symbole des Friedens. - — 66— Louiſens Auge ruhte mit Wohlgefallen auf dem freundlichen Thale; der Anblick dieſes Le⸗ bensfriedens ſchien ſie tief zu ruͤhren.„Gehen wir zu den Leuten herab, Graf Edmnnd,“— ſagte ſie ernſt und ſinnig—„warum ſollten wir das nicht? Die Groͤße und Hoͤhe des Stan⸗ des beſteht nur in der Einbildung. Wir Un⸗ gluͤckliche muͤſſen einige, dem allgemeinen Aber⸗ glauben zufolge abwaͤrtsfuͤhrende, Stufen nicht ſcheuen, wenn wir Menſchen in der edelſten Bedeutung des Wortes finden wollen. Hier ſcheinen dergleichen und zwar ſehr gluͤckliche zu— wohnen.“ Wir ſtiegen in das Thal hinab. Die ſpie⸗ lenden Kinder bezeigten keine Furcht— aber ſie beobachteten uns mit kindlicher Neugierde. Ein ſchoͤnes junges Weib trat mit einem blank geſcheuerten Eimer aus dem Hauſe, um Waſſer zu holen; ich bat ſie um ein Glas Milch. „Ich werde gleich wieder kommen“— er⸗ wiederte ſie freundlich und flog in das Haus zuruͤck. —,— 4 * Louiſe betrachtete unterdeſſen alles, was ſte umgab. Eine neue Welt ſchien ihr aufgegan⸗ gen zu ſeyn. Ach! auch mir hatte dieſe neue Welt ſich aufgeſchloſſen! Zum erſten Male fuͤhlte ich, daß eheliches Gluͤck und haͤuslicher Frieden die Grundlage aller menſchlichen Wohlfahrt ſey, daß der Menſch einem Verbannten gleiche, dem nicht ein freundliches Weſen ſeine Wohnung zum Lieblingsplaͤtzchen macht. Die junge Frau brachte uns einen Krug der ſchoͤnſten Milch. Louiſe hatte ſich auf einen Stein niedergeſetzt, der vor dem Hauſe lag, das mit Knospen treibenden Reben umſpon⸗ nen war. Die freundliche Wirthin bat ſie, in die Stube zu kommen,„weil ſie, nach raſcher Wan⸗ derung, leicht ſich eine Erkaͤltung zuziehen koͤnne.“ Wir traten in das Innere des Hauſes; uͤberall war Reinlichkeit und Nettigkeit. Wir machten dem jungen Weibe unſere Freude dar⸗ uͤber bemerklich, und Louiſe vorzuͤglich bezeigte ihre große Zufriedenheit. „Du lieber Gott!“— antwortete das Weibchen—„man muß es ja dem Manne ſo angenehm machen, als man nur kann! Der Mann verdient ja Alles! Ach! und mein Mann iſt ſo gut, ſo gut......“ Sie ſchluchzte, und auch Louiſens Augen wurden feucht. Dann fuhr das brave Weib fort:„Mein Mann und ich ſollten uns durchaus nicht heirathen, und wir waren uns doch ſo gut. Ich hatte zwei⸗ hundert Thaler im Vermoͤgen, und darum ſollte ich einen reichen Mann nehmen, der mir nicht anſtand. Aber ich habe es mit Gottes Huͤlfe durchgeſetzt. Ich habe meinen Mann bekom⸗ men und bin ſehr gluͤcklich.“— „Eigentlich muͤßte er ſchon da ſeyn“— fuhr ſie fort, nachdem ſie durch's Fenſter ge⸗ blickt hatte—„er hat Zinſen in der Stadt zu zahlen, vom Haͤuschen da. Wenn ihm nur nichts zugeſtoßen iſt!“ Louiſe hoͤrte mit tiefer Bewegung ihr zu. Sie muſterte, als die Frau geendigt hatte, das Zimmer. Meine Augen folgten den ihrigen. — —— Alles war einfach, alles zweckmaͤßig, alles auf das Leben berechnet. Da war keine Schlaguhr, welche dem Menſchen jede Minute vorzaͤhlt, die er noch zu leben hat; kein Vogelbauer, worin ein lieblicher Saͤnger der Natur gequaͤlt wird; an den Waͤnden hingen keine koſtbaren Gemaͤlde— aber bedeutungsvoll ſprachen uns die Zuͤge des edlen Fuͤrſten und der trefflichen Fuͤrſtin, aus zwei kleinen, wohlgetroffenen Por⸗ traͤts, an. Als Schutzgoͤtter ſchienen ſie in dleſer Huͤtte des Friedens aufgehangen zu ſeyn. Der Fußboden war nicht mit Teppichen bedeckt; aber die Kinder hatten ihn ſpielend mit Blu⸗ men beſtreut. Louiſe konnte ſich nicht ſatt ſehen. Ich fuͤhlte in der eignen Bruſt, wovon die ihrige bewegt war. Unſere junge Wirthin rief die Kinder her⸗ ein, um ihnen ein Butterbrot zu geben. Bluͤ⸗ hend wie die Engel ſprangen ſie, dem Rufe der geliebten Mutter folgend, ins Zimmer; aber immer ernſtlicher und ſorglicher ſpaͤhte ſie beim Beſtreichen des Butterbrotes durch die kleinen Scheiben. Die muntern Kinder waren verſorgt. Da rief ſie ploͤtzlich in uͤberwallen⸗ der Freude, gleichſam ſich ſelbſt und uns ver⸗ geſſend:„Der Vater kommt!“ Mit einem Sprunge war ſie aus dem Hauſe, und die Kinder legten ihr Butterbrot auf den Tiſch und flogen ihr nach. Ruͤhrend war es fuͤr Louiſen und mich, die treue Gattin an der Bruſt des geliebten Mannes ruhen zu ſehen, und die Kinder zu beobachten, wo eins dem andern ſich vorzudraͤngen ſuchte, um dem Vater zu huldigen und ſeine Liebe ihm zu beweiſen. Der Vater, ein angenehmer junger Mann, von ungefaͤhr dreißig Jahren, bot uns traulich und treuherzig die Hand. Unſer Beſuch ſchien ihn zu freuen. Aus den Augen ſeiner Gattin leuchtete die innigſte Zufriedenheit, als er den Queerſack ablegte und mit froher Miene ſagte: „Na, liebe Frau, das war auch abgemacht. Nun brauch' ich nicht eher, als nach drei Mo⸗ naten wieder nach der Stadt zu gehen.“ „ — 61— Louiſe und ich wurden wenig beruͤckſichtigt; die edlen Menſchen waren zu ſehr mit ſich ſelbſt beſchaͤftigt. 1 Louiſe ſtand auf und gab jedem der Kin⸗ der ein Goldſtuͤck; ich gab jedem zwei. Die Mutter hatte jede Bezahlung fuͤr die genoſſene Nilch abgelehnt, und nur mit Muͤhe konnten wir ſie und den Gatten bewegen, daß ihre Kinder ein Geſchenk annehmen durften, wel⸗ ches ſie von zu hohem Werthe duͤnkte. Herzlich und tiefgeruͤhrt durch das ſchoͤne Gemaͤlde haͤuslichen Gluͤckes, das der Zufall in dieſem einſamen Thale uns dargeſtellt hatte, verließen wir das freundliche Haus und ſeine biedern Bewohner. Mit gleicher Herzlichkeit druͤckten ſie uns die Haͤnde beim Abſchied, und ſahen uns lange nach, als wir durch das bluͤ⸗ hende Thal gingen und die Anhoͤhe erklimmten, die das Wunderland des innern Friedens, ſo unbekannt denen, welche auf dem Meere der großen Welt ſich umhertreiben laſſen, uns ge⸗ oͤffnet hatte. 3 — 62— Es war Abend geworden. Die Sonne neigte ſich zum Untergange. Louiſe blieb ſte⸗ hen, und blickte ſinnig in das ſchoͤne Geſtirn, das zur Ruhe zu gehen ſchien, nachdem es einen ganzen Tag lang Seegen geſpendet hatte. Die blendenden Strahlen zogen eine Glo⸗ rie um das wunderliebliche Maͤdchen. „vLouiſe!“— rief ich, ſelbſt halb bewußt⸗ los, auf die Huͤtte deutend, die ſchon im Schat⸗ ten lag und worin ſo gluͤckliche Herzen ſchlu⸗ gen—„welches Bild hat der Zufall uns hier gezeigt!“ 1 Louiſens Auge ruhte mit ſtiller Schwaͤrme⸗ rei auf dem freundlichen Thale, und oft flog es nach der Huͤtte der Gluͤcklichen. Mit feier⸗ lichem Ernſte ſprach ſie:„Der Menſch iſt um ſo ſeeliger, je mehr er der Natur ſich naͤhert. Unſer Stand, von denen beneidet, die dem Range nach unter uns ſtehen, entfremdet uns der Natur und beraubt uns darum der hoͤch⸗ ſten und edelſten Genuͤſſe.“ „Louiſe!“— rief ich aus, und blickte ihr — 8 feſt in das ſchoͤne Auge, in das Engel Gedan⸗ ken und Gefuͤhle gelegt zu haben ſcheinen— „Louiſe! in dieſen Worten gaben Sie meine ei⸗ gene Anſicht des Lebens und der Verhaͤltniſſe. Aber koͤnnen wir in unſerem Stande nicht eben ſo gluͤcklich ſeyn, als dieſe Beneidenswerthen im Thale? Die Liebe iſt es, die das Leben mit himmliſchen Blumen ſchmuͤckt— die wahre, reine, innige Liebe, die der Worte entbehren kann, da ihre Blicke hinreichend ſind, um ſich zu verſtaͤndigen.“— Eine Thraͤne glaͤnzte in ihrem Auge.— Sie ſchwieg. Jetzt war ich mei⸗ ner nicht mehr maͤchtig; ich ſank dem himmli⸗ ſchen Weſen zu Fuͤßen und geſtand ihr, daß ich ſie liebe, daß meine Liebe zu ihr Anbetung ſey. „Stehen Sie auf, Edmund, dies iſt nicht Ihr Platz,“ erwiederte ſie tief erſchuͤttert. „Aber hier“— rief ich aufſpringend und an ihr Herz mich legend. Sie fluͤſterte leiſe, kaum hoͤrbar*„Ja. Ich hielt Louiſen feſt umſchloſſen; wir 2. waren Beide unfäͤhig, ein Wort zu ſprechen. — 64— Mich losreißend von dem Herzen der Gelieb⸗ ten, mit der Kraft des feurigen Zuͤnglings, blickte ich ihr forſchend in das ſchoͤne Auge, voll von Thraͤnen tiefſter Ruͤhrung, und fragte ſie leiſe:„O meine himmliſche Louiſe! wollen Sie meine Gattin werden?“ Zwiſchen Furcht und Hoffnung ſchwankend, habe ich jeden ihrer Blicke, jeden ihrer Zuͤge, jede ihrer Bewegungen belauſcht. Sie ſah ſtill und ernſt in das hell leuchtende Abendroth, ſie ſuchte ſich zu ſammeln. Dann wandte ſie ſich mit den begluͤckenden Worten zu mir:„Graf Edmund! Als ich Sie zum erſten Male ſah, waren Sie mir nicht gleichguͤltig; als ich Sie naͤher kennen lernte, als ich bemerkte, daß un⸗ ſere Anſichten und Gefuͤhle beinahe immer uͤber⸗ einſtimmten— da liebt' ich Sie. Wenn die Verhaͤltniſſe es geſtatten, ſo nehme ich Ihre Hand freudig an, und bin entſchloſſen, Sie ſo gluͤcklich zu machen, als es einer Gattin nur moͤglich iſt.“ „Wenn die Verhaͤltniſſe es geſtatten?“— 5 rief —-— 65— rief ich hefti aus.—„Sind wir uns nicht im Range gleich?“ „Edmund“— erwiederte ſie freundlich, aber meiner Frage ausweichend,—„man wird uns vermiſſen; laſſen Sie uns zur Geſellſchaft zuruͤckkehren.“ Mit den letzten Sonnenſtrahlen zogen wir durch den Wald. Unterwegens gelang es mir, in traulichem Geſpraͤche naͤhere Aufſchluͤſſe uͤber die Hinderniſſe von Louiſen zu erhalten, welche Verhaͤltniſſe einer Verbindung zwiſchen uns in den Weg legten. Ihr Vater lebt noch; er iſt gerichtlich von ſeiner Gattin getrennt. Nicht Liebe ſchloß dies eheliche Band; Verwandte ketteten zwei ſich ganz ungleiche Weſen zuſam⸗ men, weil ſie deren innern Frieden Famtlien⸗ Ruͤckſichten, Familien⸗Eitelkeiten aufopfern zu duͤrfen glaubten. Louiſens Aeltern leben in einem ſehr geſpannten Verhaͤltniſſe, und ſie fuͤrchtet, daß ihr Vater ſeine Einwilligung zu einer Verbindung nicht geben werde, wenn ſie von ihr oder ihrer Mutter gewuͤnſcht wuͤrde. E — 5— Er iſt alſo ein Tyrann, ein Menſch ohne Herz und Gefuͤhl. Das Bewußtſeyn kindlicher Pflicht hielt Louiſen wohl nur ab, ſich deutlicher zu erklaͤren. Unter ſolchem Geſpraͤch hatten wir den rechten Pfad verfehlt, und wir ſtanden an einer Felſenkluft, die uns den Weg verſperrte. Wir wurden Beide verlegen.„Eine ſolche Kluft — ſagte Louiſe leiſe und ſinnend—„trennt uns.— Aber die Liebe wird uns eine ſichere Bruͤcke daruͤber bauen“— ſetzte ſie groß und zuverſichtlich hinzu, und Hoheit lag bei dieſen prophetiſchen Worten in ihrem ſeelenvollen Auge. „Das wird dieſe himmliſche Liebe, die uns erfuͤllt, die uns verbunden hat,“— rief ich jauchzend aus, ergriff das zarte bluͤhende Maͤd⸗ chen, und ſetzte es, raſch mit der ſuͤßen Laſt die ſchwarze Kluft uͤberſpringend, auf einen Huͤgel nieder, den drei Aepfelbaͤume mit ihren ſilbernen Bluͤthenblaͤttern beſtreut hatten. Louiſe zitterte vor Angſt, Schmerz und Freude. Auch 1 — 07— ſie fuͤhlte das Symboliſche, was in meiner ra⸗ ſchen Handlung lag. Nach kurzer Raſt ſtand Louiſe von dem Huͤgel auf, den eine Fee mitten in der gruͤnen Wildniß hervorgezaubert zu haben ſchien. Mehr durch Blicke und Haͤndedruͤcke, als durch Worte, uns verſtaͤndigend, kehrten wir nach Friedens⸗ wald zuruͤck. Man hatte uns vermißt und uns aufſuchen laſſen. Louiſens Mutter wollte zuͤr⸗ nen; aber mit Innigkelt legte das liebliche Maͤdchen das Lockenkoͤpfchen an die muͤtterliche Bruſt, ſagte ihr, welches himmliſche Gemaͤlde des haͤuslichen Gluͤckes ſie geſehen habe, und die Mutter war verſoͤhnt. Die Baronin ſah mich ernſt und bedeu⸗ tungsvoll an.„Herr Graf“ ſagte ſie, wie es mir ſchien, ſatyriſch,—„wir haben viel verlo⸗ ren, daß wir Ihrer und der Graͤfin Louiſe Ge⸗ ſellſchaft entbehren mußten.“ Durch einen Handkuß ſuchte ich die Zuͤr⸗ nende zu verſoͤhnen. Wir fuhren nach der Stadt zuruͤck.—— E2 Jetzt erſt iſt mir mein Leben, mein inneres Leben ganz klar geworden.— Louiſe liebt mich— ich habe den Gipfel des Gluͤckes erſtiegen. Ich ritt bei der Heim⸗ kehr wieder an Louiſens Wagen. Selige Ge⸗ fuͤhle ſchwellten meine Bruſt; ſolche Wonne habe ich fruͤher nie empfunden. Aber nur we⸗ nig Worte konnte ich mit der Geliebten wech⸗ ſeln, und was wir ſprachen, war auf die Gren⸗ zen der Allgemeinheit beſchraͤnkt. Unſeliger Zwang! Was Louiſe fuͤhlte, lag in ihren Blicken. HO welche wundervolle Sprache hat die Liebe ſich erſchaffen! Groß genug, durch Blicke ſich zu verſtaͤndigen, bedarf ſie der armſeligen Worte nicht. * Den roten Mai. O wonnevolle Nacht! Louiſe mein! Ich habe die Hoͤhen des Lebens erſtiegen; ihre Liebe hat mir den Pfad gebahnt.— Ich habe die ganze Nacht beinahe gar nicht geſchlafen. Ihr Bild und mein innerer Frieden erquickten mich mehr, als alle koͤrper⸗ liche Ruhe. Was iſt dieſe auch gegen die innere? Gegen Morgen eſſt uͤberfiel mich ein leiſer Schlummer, und der Gott der Traͤume, ſo freundlich den Liebenden, fuͤhrte ihre liebe Ge⸗ ſtalt meiner Phantaſie voruͤber.— Mein Franz weckte mich ploͤtzlich; Louiſens Kammermaͤdchen brachte mir ein Billet von ihr. Ich habe es beinahe zerriſſen vor Haſt, um zu leſen, was ſie mir ſchreiben moͤchte.— Ich werde thun, was ſie gebeut.*) 8 *) Anmerkung des Herausgebers. Das Billet Louiſens, welches Edmund im Original in ſein Taſchenbuch gelegt hatte, lautete folgendermaßen:„Graf Edmund! Was uns „Beide beſeelt, bleibe für jetzt noch ein Geheimniß. Halten 5 „Sie nicht bei meiner Mutter um meine Hand an; bei „den Verhältniſſen, in denen ſie mit meinem Vater lebt, „würde ſie Ihnen nur eine undeſtimmte Antwort geben „können. Sie ahnet indeß unſere Liebe und mißbilligt „ſie nicht. Gott ſey ſtets mit uns! Edmund, ewig Ihre 3„Louiſe./ Den rrten Juni. O wie praͤgt ſich Louiſens Wundergeſtalt mit jedem Male tiefer meiner Phantaſie ein, je oͤfter ich ſie ſehe! Wie ſchoͤn iſt ihr gedankenreiches Auge; wie hinreißend die zarte Melancholie, die darin liegt! Das Verhaͤltniß, worin wir leben, ſcheint kein Geheimniß mehr zu ſeyn; aber welchen Zwang legt uns dies auf! Man muß ſeine Blicke zuͤgeln, wenn ſie bewacht werden, damit die Flamme der Liebe, die im Buſen brennt, ſich durch das Auge nicht verrathe. Den 2oſten Juni. Louiſe reiſet morgen mit ihrer edlen Mut⸗ ter nach Wiesbaden; von dort aus wird dieſe die Genehmigung unſerer Verbindung von ih⸗ rem vormaligen Gatten zu erhalten ſuchen. Um den Weg, den ſie einzuſchlagen hat, iſt ſi ſie ſelbſt noch verlegen. Aber die Frauen ſind ja ſo gluͤcklich in der Wahl der Mittel, um einen — — 7¹— Zweck zu erreichen, ſo thaͤtig, ſo eifrig, wenn die Vereinigung liebender Herzen das leuchtende Ziel ihrer Beſtrebungen iſt.—„Die Hoffnung iſt die zarteſte und treueſte Freundin der Liebe; ihre ſanfte himmliſche Stimme wird auch zu unſern Herzen ſprechen und mit hoher Troͤſtung ſie erfuͤllen, wenn unſre Trennung uns darin eine Oede fuͤhlen laͤßt,“— ſagte Louiſe ſinnig und laͤchelnd, als ſie jene Bothſchaft mir ver⸗ kuͤndet und ich die Klugheit der Frauen in mei⸗ ner Antwort beruͤhrt, auf dieſe meine Hoff⸗ nungen geſtuͤtzt hatte. Aber in meinem Herzen fuͤhle ich es tief; eine Trennung der Liebenden, welche mehrere Monate umfaßt, muß ſehr ſchmerzlich ſeyn; ach! und fuͤr uns, die wir uns mit ſolcher Innig⸗ keit lieben, wird ſie es doppelt ſeyn. Beim Abſchiede druͤckte ich Louiſens Hand; diesmal erwiederte ſie den Druck, und eine Thraͤne entſiel dem ſchoͤnen Auge. „Leben Sie wohl, Louiſe,“— ſagte ich mit erzwungener Faſſung; denn wir wurden beobachtet. „Leben Sie recht wohl, Edmund,“— er⸗ wiederte ſie halb laut und ſchlug das Auge in die Hoͤhe, als erwarte ſie von oben Troſt herab. Als ich an ihrem Fenſter voruͤber ging, ſtand ſie bei einem Roſenſtocke, ihrem Lieblinge, und benetzte ihn, herzlich meine Gruͤße erwie⸗ dernd, mit ihren Thraͤnen. Louiſe! Louiſe! Auf die Hoffnung, die treueſte Schweſter der Liebe, haſt du uns verwieſen;— ſie wird uns nicht taͤuſchen! Den 2rſten Juni. 9, daß ich durch meine unſeeligen Ver⸗ haͤltniſſe gehindert wurde, Louiſen nach Wies⸗ baden zu folgen.*) Wie oͤd' iſt Alles in mir, um mich her! 3. Um ſechs Uhr fuhren die edlen hohen Frauen ab. Louiſe nickte mir, als ſie an mei⸗ * Er war Legations⸗Sekretär. ner Wohnung voruͤber fuhr, noch einmal guͤtig zu, und raſch flog der Wagen davon. An ſeine Raͤder haͤtt' ich mich heften moͤgen— und mußte Zeuge ihres Verſchwindens ſeyn, ohne ihr nacheilen zu duͤrfen, da ich ein Selave meiner unſeligen Verhaͤltniſſe bin.— Unſelig nannte ich meine Verhaͤltniſſe? Wie frevelhaft! Ohne ſie wuͤrde ich Louiſen vielleicht nie geſehen ha⸗ ben. Wohlan! muthig! ſtandhaft! Lieben, dul⸗ den und hoffen! Den raten Juli(Vormittags). Der Geſandte ließ mich heute ſehr fruͤh zu ſich rufen. So freundlich, ſo wohlwollend hab' ich ihn nie geſehen. „Sie kennen die Baronin“*¹, lieber Graf?“ fragt' er, mich ſcharf ins Auge faſſend. „Ich kenne ſie, Excellenz“— war meine Antwort. 4 „Sie hat mit Achtung von Ihnen ge⸗ ſprochen.“ Ich verbeugte mich. — 4— „Sie muͤſſen das benutzen, Graf. Sie iſt ſchoͤn, reich, geiſtvoll.“ Ich ward verlegen; der Geſandte liebt ſchnelle Antworten, und ſein Blick durchbohrte mich. Er wurde ploͤtzlich wieder freundlicher. „Graf Edmund“— ſprach er gemeſſen,—„es iſt nothwendig, daß Sie der Baronin den Hof machen.“ „Ew. Excellenz haben zu befehlen“— ent⸗ gegnete ich. Er ward immer freundlicher, nahm mich bei der Hand und fuͤhrte mich in einen Winkel des Zimmers.„Die Baronin ſteht in einem ſehr innigen Verhaͤltniſſe mit dem erſten Staats⸗ miniſter dieſes Hofes“— ſprach er halblaut.— „Sie kennen die Schwierigkeiten, welche die neueſten Grenzberichtigungen verurſachen, und Ihre Pflichten. Mehr brauche ich dem Grafen Edmund nicht zu ſagen.“ Er wollte gehen, wandte ſich aber noch einmal nach mir um, und ſagte in einem Tone, welcher zwiſchen Wunſch, Bitte und Befehl 3 ſchwankte:„Um eilf Uhr dieſen Abend ſinden Sie mich noch an meinem Arbeitstiſche, Graf Edmund, ich erwarte von Ihrer Klugheit einen zum Zwecke fuͤhrenden Bericht.— Die Baro⸗ nin iſt dieſen Nachmittag zu Hauſe; ich weiß dies. Adieu, lieber Graf!“ Der Baronin, dieſem raͤnkevollen Weibe, mich gegenuͤberſtellen zu wollen! Welche Keck⸗ heit! Aber muß ich den Befehlen des Geſand⸗ ten nicht genuͤgen? Muß ich dem Staate nicht zu nuͤtzen ſuchen, der mich in die Wogen des Lebens warf, und dem ich Alles verdanke? Ich muß der Eitelkeit der Baronin zu ſchmeicheln, ihre Gunſt in hoͤherm Grade zu erwerben ſuchen. Louiſe, vergieb mir! Pflicht⸗ gefuͤhl zwingt mich, ein Heuchler zu werden. Nachts um Ein Uhr. Die Baronin empfing mich mit vieler Guͤte; indeß ſchien mir in ihrer Bemerkung: die Graͤ⸗ fin Louiſe iſt abgereiſt, und in dem ſie beglei⸗ tenden Blick einige Bosheit zu liegen. Sie .— 76— gewahrte meine Ueberraſchung, und brach ab, als ich etwas froſtig erwiederts:„ſo hoͤrt' ich.“ Je laͤnger ich mich mit ihr unterhielt, deſto mehr verſchwand die unzarte Kaͤlte, mit der ich debuͤtirt hatte. Selbſt mein Inneres fuͤhlte ich durch ihre geiſtreiche unterhaltung erwaͤrmt. Aber in ihren Augen lag etwas, das ſonderbar mich ergriff. Was ſprachen ihre Blicke aus? Welche Gefuͤhle wurden in mir rege? Loulſens Augen werfen einen ſanften, wohlthuenden Schimmer in mein inneres Leben— die Blicke der Baronin eine lodernde Fackel in daſſelbe, ₰ die mich vor mir ſelbſt erroͤthen macht.— Ich bin nicht mehr, was ich vor wenigen Stunden war. Mein Inneres iſt verwandelt.——— Louiſe, Schutzgeiſt meines Lebens! Erhalte mich auf der Hoͤhe, auf welche Deine Liebe mich ge⸗ ſtellt hat!— Eine neue Welt der Gefuͤhle hat ſich mir geoͤffnet; aber ach! das empfind' ich tief ſo rein ſind ſie nicht, als die, welche Du, meine himmliſche Louiſe, in mir weckteſt! Der Geſandte klopfte mir laͤchelnd auf die lich—„und werde Ihres Eifers mit ausge⸗ gen Ihres Herzens zu vereinbaren. Gehen 1 uvorzukommen ſuchen.“ Er nickte bedeutunge⸗. 44 — 2— Schulter, als ich ihm zur beſtimmten Stunde meinen Bericht abſtattete. „Ich ſende dieſe Nacht noch einen Courier mit Depeſchen ab, Graf,“— ſagte er freund⸗ „zeichnetem Lobe gedenken.— Aber muthig und klug!— Erlaubte Ihnen die Baronin, ſie oͤfters zu beſuchen. 1. „Taͤglich, Ew. Excellenz. 11 „Sie werden, Sie muͤſſen ſie taͤglich ſehen, Graf. Sie iſt ſo liebenswuͤrdig, als einfluß⸗ reich. Es wird Ihnen nicht ſchwer werden, die Pflichten Ihres Amts mit den Empfindun⸗ Sie mit der Feinheit zu Werke, welche bei di⸗ plomatiſchen Verhandlungen unumgaͤnglich noth⸗ wendig iſt. Er zerknitterte ein Papier in der „Hand, und, abgewandt von mir, fuhr er fort: „Sie werden ſich der Baronin ſo angenehm ninchen⸗ als moͤglich, und allen ihren Wuͤnſchen voll und ich trat ab. — Den 14ten Juli. Ich kann mir es nicht verhehlen— meine taͤglichen Beſuche bei der Baronin machen mir immer mehr Verguuͤgen; die Auszeichnung, die Guͤte, mit der ſie mich empfaͤngt, ſchmeicheln zu ſehr meiner Eitelkeit. Und— auch das muß ich mir ſelbſt geſtehen, ſie iſt ein verfuͤh⸗ reriſches Weib. In ihrem Auge liegt eine Welt. Aber iſt es nicht die Welt der Sinn⸗ lichkeit? Droht ſie nicht, mich in dieſelben Bande zu verſtricken, durch welche ſodann mein beſſeres Selbſt mit in den Abgrund gezogen wuͤrde? Nur leiſen Schrittes, mit diplomatiſcher Be⸗ hutſamkeit, kann ich den Zweck meiner Beſuche, eine ſchnelle und fuͤr uns vortheilhafte Grenz⸗ berichtigung zu bewirken, erreichen. Einige Au⸗ ſpielungen beantwortete ſie mit einem feinen Laͤcheln. O unſeliger Befehl des Geſandten! Warum wußte er nicht andere Mittel zur Er⸗ reichung ſeines Staats⸗Zweckes zu waͤhlen! Ein Ungewitter ſeh' ich uͤber mir ſeine furchtbaren —y,— —— Wolkenmaſſen ſammeln, deſſen Schlaͤgen ich/ ach! ſo leicht erliegen kann! Den aoſten Juli. Der erſte furchtbare Schlag iſt gefallen. Louiſe, reines, himmliſches Weſen, weine uͤber Edmund, er iſt Deiner nicht mehr werth. 9! wie tief muß ich Abtruͤnniger mich verachten! Und doch— wie ſuͤß iſt der Rauſch der Ge⸗ fuͤhle, die ich fruͤher wohl ahnete, aber nicht kannte! Wie magiſch war die gruͤne Nacht, welche die zugezogenen gruͤnen Gardinen in dem von Bluͤthenduͤften erfuͤllten Zimmer verbreite⸗ ten! Wie wuͤndervoll die liebliche Geſtalt, die halb entkleidet auf dem Sopha ruhte, nach Kuͤhlung der innern und aͤußern Gluth lech⸗ zend! Welchen Feuerſtrom goſſen ihre Kuͤſſe, die ich in ſeliger Trunkenheit nicht abzuwehren vermochte, durch mein Inneres! Wie ſuͤß war der Kampf, der mit den Zuckungen der hoͤch⸗ ſten Wolluſt endigte! Louiſe, Edmund iſt der nmaht mehr, den 8 — 8⁰— Du liebteſt. Er iſt Deiner nicht mehr wuͤrdig. Weine, weine uͤber ihn— weine auch uͤber Dich, Louiſe! Den 24ſten Juli. Die Baronin ließ mich heute zu einer Spa⸗ zierfahrt einladen. Sie ſelbſt lenkte den ele⸗ ganten Whisk, und uͤbertrug mir das Geſchaͤft, die Peitſche zu halten. Wir fuhren vor Loui⸗ ſens Wohnung vorbei. Sie that dies ohne Zweifel abſichtlich, um mich zu beobachten; denn ſie faßte mich ſcharf ins Ange, als ich nach Louiſens Hotel aufſah, deſſen Fenſter von wei⸗ ßen Rouleaux verhuͤllt waren. Wenn Louiſe zuruͤckkehrt! O wie duͤrft' ich's wagen, ihr offen ins Auge zu ſehen? Wie erbaͤrmlich muß ich ihr erſcheinen! O der Gluͤcklichen im Thale des Friedens, deren erſte Pflichten mit dem hoͤch⸗ ſten und reinſten Genuſſe des Lebens verknuͤpft ſind, die ſich nur zu lieben, ihre Kinder ſittlich auszubilden, und ihren Acker zu beſaͤen und ſeine — — 8¹— ſeine Fruͤchte zu ernten brauchen, um alle ihre Pflichten erfuͤllt zu haben! Den agſten Juli. Die Baronin zeichnet mich oͤffentlich zu ſehr aus, als daß das Verhaͤltniß⸗ in dem wir leben, ein Geheimniß bleiben koͤnnte. In jeder Geſellſchaft, wo wir erſcheinen, ordnet man Alles ſo an, daß wir nicht getrennt werden. Man glaubt uns außerdem zu beleidigen. Bei den Zirkeln, die ſie in ihrem Hauſe bildet, traͤgt ſie mir haͤufig kleine Verrichtungen auf, welche man nur dem gefaͤlligen Hausfreunde uͤbertra⸗ gen kann, und die unſer Einverſtaͤndniß in das hellſte Licht ſetzen.— O Louiſe! Louiſe! Ich zittere vor Deinem Wiedererſcheinen, wie der Suͤnder vor dem Weltgericht am großen Tage der Auferſtehung! Den 6ten Auguſt. Louiſens Umgang feſſelte mich mit jedem Tage mehr— der Umgang mit der Baronin F uͤberſaͤttigt. Die himmliſche Liebe und die ſinn⸗ liche— welcher Unterſchied! Die erſtere erhebt den Menſchen uͤber ſich ſelbſt; die letztere zwingt ihn zur Selbſtverachtung. Ich bin es muͤde, mich von der Buhlerin gaͤngeln zu laſſen; aber bisher durft' ich mich noch nicht durchblicken laſſen. Meinem Auftrage hatte ich noch nicht ge⸗ nuͤgt, obgleich die Baronin das Ganze ſo fein zu leiten wußte, daß ein gluͤcklicher Ausgang der Unterhandlungen nicht mehr zu bezweifeln war. Der Geſandte umarmte mich bei jedem neuen Rapport, den ich ihm brachte. Geſtern iſt das Geſchaͤft voͤllig ins Reine gebracht wor⸗ den, und alle Wuͤnſche meines Kabinets ſind erfuͤllt. Der Geſandte, dem ich die dahin ein⸗ ſchlagenden Papiere vorlegte, war außer ſich vor Freude, und verſicherte mich, daß der Ver⸗ dienſtorden mir ungeſaͤumt zugeſandt werden wuͤrde! Er freue ſich auf den Tag, an dem er mich mit dem glaͤnzenden Pfande der Achtung meines Fuͤrſten ſchmuͤcken werde. 8.— Q⏑— Armſelige Taͤuſchung! Koͤnnen ſilberne Strahlen und Brillanten ein ſtrafendes Ge⸗ wiſſen beſchwichtigen? Den Frieden meines Herzens, das Gluͤck meines Lebens, die Achtung vor mir ſelbſt— das hab' ich einigen armſeli⸗ gen Doͤrfern aufgeopfert, mit denen ich das Gebiet meines Fuͤrſten erweiterte!! Den zoſten Auguſt. Bevor die Ratiſicationen des Vertrages zwi⸗ ſchen beiden Staaten nicht ausgewechſelt ſind, darf ich nicht aufhoͤren, meine Rolle bei der Baronin zu ſpielen. „Die Graͤfin Louiſe wird mit ihrer Mut⸗ ter in Kurzem erwartet,“ ſagte die Baronin mit ihrer gewoͤhnlichen ſchlauen, lauernden Miene, wenn von dem lieblichen Engel die Rede iſt. 1 „Sagt man das?— erwiederte ich kalt und ruhig; denn ich habe mich im Umgange mit der Baronin gewoͤhnt, Meiſter meiner auf⸗ ruͤhreriſchen Gefuͤhle zu werden. F 2 — 34— O Louiſe, wie zittert der Suͤnder vor Dei⸗ nem, ſonſt ihn ſo begluͤckenden, Anblick! Den 25ſten Auguſt(Nachts um 12 Uhy). Das Schickſal hat ſeine furchtbare Rolle begonnen! Es wird auftreten mit ſeiner ganzen vernichtenden Gewalt! Schon ſeh' ich fernhin die Blitze leuchten, die das Haupt des Schul⸗ digen treffen ſollen. Heute lud mich die Baronin zu einer neuen Spazierfahrt ein. Abſichtlich hat ſie gewiß wieder den Whisk vor Louiſens Wohnung vor⸗ uͤbergefuͤhrt! Ich blickte zu ihren Fenſtern auf! — Die Rouleaux waren aufgezogen— Louiſe ſtand da, ein weißes Tuch in der Hand. Ihr Geſicht war bleich, und als wir heran kamen und ſie gruͤßen wollten, da wandte ſie ſich um. Sataniſcher konnte die Eiferſucht der Barsnin mich nicht fuͤr meine Liebe zu dem Engel der Reinheit und Liebe zuͤchtigen. Fieberſchauer durchſtroͤmten mich.„Mein Gott, was iſt Ih⸗ nen, Graf?“ fragte ſie erſchrocken;„Sie ſind blaß wie der Tod.“ „Ich fuͤhle mich unwohl, gnaͤdige Frau,“ — erwiederte ich halblaut—„genehmigen Sie, daß ich nach meiner Wohnung gehe.“ Sie ſelbſt begleitete mich dahin, und fuhr ſodann nach ihrem Hotel zuruͤck. Ich warf mich auf mein Bett, ich war keines Gedankens maͤchtig. Ich hatte nur Thraͤnen, um mein und Louiſens Ungluͤck zu beweinen.— Aber die Ruhe flieht mich. Alle Geiſter des Schreckens und der Nacht ſteigen vor meiner Phantaſie auf. Die Furien der Selbſtverachtung und des raͤchenden Gewiſſens peitſchen den Verraͤther!— Ach! Ach!— Edmund und Louiſe ſind verloren! Den 26ſten Auguſt. Louiſe iſt krank! gefaͤhrlich krank! O All⸗ maͤchtiger! Allerbarmender! ſchuͤtze ihr zartes bluͤhendes Leben! Wenn ſie ſtuͤrbe!— wenn ich durch meine Treuloſigkeit ſie in die Gruft ge⸗ — 86— ſtuͤrzt haͤtte— ich muͤßte ja ein Raub der Ver⸗ zweiflung werden! Eine Stunde ſpäter. Ich konnte es nicht laͤnger abhalten, ich ließ mich bei Louiſen melden. Sie koͤnne nich nicht annehmen, weil ſie krank ſey, lautete die Antwort. Ich ließ die Graͤfin um einige Au⸗ genblicke Gehoͤr erſuchen— ſie verbat ſich mei⸗ nen Beſuch, weil ſie ihre kranke Tochter war⸗ ten muͤſſe. Den Tod im Herzen bin ich nach Hauſe gegangen. O ich habe die bleichen Mienen der Dienerſchaft wohl verſtanden! Wie muͤſſen ſie den Engel lieben! Und ich— das furchtbare Bild der nahen Zukunft wird vor meinem gei⸗ ſtigen Auge ſchon aufgerollt. Louiſe, wenn Du ſtirbſt, wenn Du nur eine voruͤbergehende freundliche Erſcheinung auf dieſem duͤſtern Sterne warſt, dann iſt Edmund Dein Moͤrder⸗ 82 Den 27ſten Auguſt.„ Es iſt vorbei! Keine Hoffnung mehr! Sie ſtirbt! Großes, unerforſchliches Weſen, wie hart ſtrafft Du den Meineid! Ich ging zu ihrem Arzte. Ich kenne den alten wuͤrdigen Mann. Trotz einer langen Praxis und den gluͤcklichſten Kuren hat er ſich die Kaͤlte, Haͤrte und Stumpfheit der gewoͤhn⸗ lichen Aerzte nicht angeeignet. Er war verle⸗ gen, als ich eintrat. Aus meiner Haſt, aus meiner zerſtoͤrten Miene mochte er ſchließen, weshalb ich ihn aufſuche.„Gerechter Gott!“ rief ich aus, und ſchloß ihn mit heißen Thraͤnen in meine Arme,„wie ſteht es mit Louiſen?“ Nit abgewandtem Geſicht, eine Thraͤne im Auge zerdruͤckend, ſagte er leiſe und mit cinem Seufzer:„ſchlecht.“ Ich ſank in einen Lehnſtuhl und ſchlug die Haͤnde vor das Geſicht. Er kam ſanft auf mich zu, und ſprach mit Ruͤhrung:„Sie ha⸗ ben das nicht gut gemacht, lieber Graf! Wie liebte Sie Louiſe! Ihrer Mutter war es ge⸗ —— ÿ··Q·QQ—C—— lungen, die Einwilligung ihres ehemaligen Gat⸗ ten zu einer Verbindung mit Ihnen zu erhal⸗ ten. Das liebe Maͤdchen iſt außer ſich vor Freude. Sie kann den Zeitpunkt nicht erwar⸗ ten, wo ſie die frohe Botſchaft Ihnen bringen kann. Auf den Fluͤgeln der Liebe eilt ſie hier⸗ her— und findet Sie in den Armen einer Buhlerin, die von jedem edlen weiblichen We⸗ ſen verachtet wird.“ „Oh! Ohl! ſchonen Sie meiner! Sie ver⸗ nichten mich!“— rief ich außer mir aus. Mein Schmerz mußte ihn tief ruͤhren Mit noch weicherer Stimme ſprach er:„Nun, nun, lieber Graf, beruhigen Sie ſich nur. Wir Menſchen wollen unſere Maͤngel und Gebre⸗ chen nicht ſo hart richten. Wir ſind ja alle ſchwache Geſchoͤpfe.“ 3 „Sie ſtirbt alſo gewiß? Rettung iſt un⸗ moͤglich?“— fragt' ich wild. „Ich gebe ihr hoͤchſtens noch vierundzwan⸗ zig Stunden,“— ſagte der wuͤrdige Mann 1* — 89— leiſe und abermals tief ſeufzend. Auch ſeinem Herzen war der Engel werth. In die Naͤder der Zeit haͤtt' ich mich ſtuͤr⸗ zen moͤgen, um ſie im unſeligen Umſchwung aufzuhalten. Aber, o der Ohnmacht des Men⸗ ſchen! Den kleinſten Augenblick vermag er nicht zu feſſeln. Ich wankte vernichtet nach Hauſe. Wie ich hergekommen bin, weiß ich ſelbſt nicht. Mein Franz erſchrack, und ſah mich mit Thraͤnen im Auge mitleidig an.— Das Schattenſpiel iſt⸗ zu Ende— der Vorhang faͤllt. Um Mittternacht. Der Geſandte ließ mich dieſen Nachmittag zu ſich rufen. Ich vermocht' es nicht, zu kom⸗ men, und entſchuldigte mich mit einer Unpaͤß⸗ lichkeit. Nach Verlauf einer Stunde kam er ſelbſt zu mir, eine ſeltne Auszeichnung, um mir das Patent als Legationsrath zu bringen, und mich mit der Decoration des Verdienſtordens eigenhaͤndig zu bekleiden! Mit wahrem Ekel — 9⁰0— blickte ich auf den elenden Tand, den ich mit dem Gluͤck meines Lebens, ja, mit dieſem ſelbſt erkauft habe. Ich ſchauderte. Der Geſandte ſah, daß ich nicht wohl war, und verließ mich. Hier ſitz' ich am Fenſter; ein mattes Nacht⸗ licht flimmert in ihrem Zimmer. Ach! das Licht ihres ſchoͤnen Lebens wird ja bald auch verloͤ⸗ ſchen! Und weſſen Peſthauch hat es angeweht? Edmunds, den ſie ſo uͤberſchwenglich liebte. Da quaͤl' ich mich nun, jede frohe Stunde, die ich mit ihr verlebte, jeden ſeligen, wonnereichen Augenblick, den ich der lieben Erſcheinung ver⸗ dankte, in meine Phantaſie zuruͤckzurufen. Still! ſtill! da ſchlaͤgt die Thurmuhr zwoͤlf! Jeder Schlag kuͤndet den nahen Tod eines Engels an.——— Das Laͤmpchen brennt noch.——— Es brennt noch immer.—— — Aber wie lange noch?——— Der Mor⸗ gen wird aufgehen— und ſeine Strahlen wer⸗ den ſich in Thraͤnen ſpiegeln und auf einen theuern, geliebten Leichnam fallen! Der ent⸗ feſſelte Geiſt iſt einem hoͤheren Lebensmorgen zugeſlogen. Ich Ungluͤcklicher! was hab' ich gethan! —— Den 28ſten Auguſt. So iſt es denn alſo voruͤber! Ich habe die Fruͤchte meiner Thaten geſchaut! Aber dieſe bitteren Tropfen noch in den Kelch meiner un⸗ ausſprechlichen Leiden? O Graͤfin, Sie beſitzen eine furchtbare Groͤße! Was ich uͤber Louiſens letzte Augenblicke hier niederſchreibe, iſt nicht fuͤr mich, iſt fuͤr Euch, meine Freunde, niedergezeichnet, die Ihr, meinen Wuͤnſchen gemaͤß, dieſes mein Tagebuch leſen werdet, um mich nicht ungehoͤrt wegen eines Schrittes zu verdammen, den die Noth⸗ wendigkeit mir vorſchrieb. Ich bin Antſchloſſen und voͤllig ruhig. Sehr fruͤh ließ die Graͤſin mich bitten, zu ihr zu kommen. Eine duͤſtre Ahnung durchflog mein Gehirn. Ich eilte, zitternd wie ein Ver⸗ brecher, nach dem Hotel der Graͤfin. Tiefe — 99— Stille rings. Alles ging leifen Schrittes um⸗ her, keines vermochte dem andern ins Geſicht zu blicken. Man fluͤſterte nur halbe Laute.— Alles ſchluchzte. Louiſens Moͤrder trat unter ſie. Er ward nach dem Krankenzimmer gefuͤhrt. „Die junge Graͤfin wuͤnſchte Sie noch ein⸗ mal zu ſehen,“ ſagte eine der Frauen in ab⸗ gebrochenen Worten, als ſie mir das Zimmer offnete. 65s Ich trat ein. Die Graͤfin ſtand am Fen⸗ ſter, und kehrte mir den Ruͤcken zu. Ein Paar Kammerfrauen weinten ſtill fuͤr ſich, damit die Kranke es nicht hoͤren moͤchte. Ich ging raſch, aber mit leiſen Tritten, auf das Bette zu, riß die ſeidenen Gardinen haſtig von einander—— O ich kam zeitig genug, um das letzte Laͤcheln zu erhaſchen, das bei meinem Anblick um ihre bleichen Lippen ſchwebte! O und was lag in dieſem zarten, himmliſchen Laͤcheln! Liebe, Ver⸗ zeihung und Mitleid. Es war der Scheideblick einer untergehenden Sonne. — 93— Noch ein ſanftes Zucken um den ſchoͤnen Mund— ſie hatte geendet. Ich ſtuͤrzte uͤber ſie hin, halb ohnmaͤchtig, und kuͤßte den blei⸗ chen Engel, den ich gemordet hatte. Dann wieder rafft' ich mich auf, rang die Haͤnde und rief verzweifelnd aus:„ſie iſt todt!“ 4 3 — Da wandte die Graͤfin ſich zu mir und ſprach mit ſanftem Schmerz die fuͤr mich furcht⸗ baren Worte:„Herr Graf, ich bedaure Siel“ Siee ging ſofort raſch in das Nebenzimmer. O welche furchtbare Groͤße des Herzens! Sie be⸗ dauert mich, ſie bedauert den Moͤrder ihrer Tochter, der das Liebſte ihr entriſſen hat!— Ich ſank ohnmaͤchtig nieder. Als ich erwachte, lag ich auf dem Sopha, worauf Louiſe ſo oft geſeſſen hatte. Die Graͤfin ſtand mit ihren Frauen neben mir, und bemuͤhte ſich, mich ins Leben zuruͤckzurufen.— Geſprochen wurde nichts, keines vermochte ein Wort uͤber die Lippen zu bringen. Stumm empfahl ich mich der Graͤfin und wankte nach Hauſe. — 94— Jetzt bin ich ruhig; ich habe das Grauſen des Todes beſiegt, mein Entſchluß ſteht feſt. Wie der Reiſende, der in ein fernes Land wandern will, Alles vorher ſorgfaͤltig ordnet, ſo hab' auch ich es gethan. Auch das Reiſe⸗ geraͤth iſt in Ordnung— blank und ſchoͤn. Warum ſollt' ich vor dieſem Schritte zit⸗ tern? Iſt er denn ſo ungeheuer? Iſt er mit Gefahren verbunden? O! was auch die Philo⸗ ſophen, die Materialiſten ſchwatzen moͤgen— es giebt eine beſſere Welt, es giebt ein Wieder⸗ ſehen nach dem Tode. Ein Blick in die hohen, hellleuchtenden Sterne, in die Wunder der Natur— der Anblick eines ſterbenden En⸗ gels, der heimkehrt nach ſeinen himmliſchen Gefilden, das Alles uͤberzeugt genug. Der Glaub' iſt in mir klar und lebendig geworden: Der letzte Pulsſchlag vernichtet das Große und Schoͤne im Menſchen nicht.————— Mein Tagebuch iſt geſchloſſen.— In we⸗ nig Stunden iſt es mein Leben auch. ——— Als ich erfuhr, daß Louiſe todt ſey, eilt' ich zu Edmund, der mich unter ſeinen Freun⸗ den beſonders ausgezeichnet hatte. Ich konnt' ihn aber nicht ſprechen; ſein alter Franz ſagte mir, daß er ſchriebe, und niemand zu ſich laſſe. Er ſchrieb? Konnte er in einer ſolchen Lage ſchreiben? Eine duͤſtre Ahnung durchflog mich. — Am Abend ging ich wieder zu ihm;— aber⸗ mals umſonſt. Ich hatte die ganze Nacht keine Ruhe; am andern Morgen war ich ſehr fruͤh in Edmunds Wohnung. Franz berichtete mir: der Graf habe die ganze Nacht geſchrieben, aber keine Speiſe zu ſich genommen. Zweimal hab' er ihm Waſſer zu trinken geben muͤſſen. Er haͤtt' ihn ſorgfaͤltig durch's Schluͤſſelloch belauſcht; ſein Aeußeres zeuge von Ruhe. Kurz vor meiner Ankunft hab' er knieend ein Gebet verrichtet. Er haͤtte den Ruͤcken der Thuͤr zu⸗ gekehrt, weshalb er(Franz) des Grafen Zuͤge nicht habe beobachten koͤnnen. Er muͤſſe es aber bemerkt haben, daß er beobachtet werde; denn er haͤtte das Schloß mit einem Tuche verhangen. Die Thuͤr war immer verriegelt geweſen.— Ich lauſchte recht aufmerkſam auf jede Bewegung im Zimmer. Einmal hoͤrt' ich Edmund huſten.— Ploͤtzlich ſiel ein Schuß— und Franz lag ohnmaͤchtig an meiner Bruſt, der ich ſelbſt mich nur muͤhſam aufrecht erhal⸗ ten konnte. Die ganze Dienerſchaft des Gra⸗ Ifen ſtuͤrzte herbei. Ich empfahl den treuen Franz ihrer Sorgfalt, und ließ die Thuͤr ſpren⸗ gen. Der edle, ungluͤckliche Juͤngling lag in halbſitzender Stellung auf dem Sopha. Die Piſtole war herabgefallen. Pulverdampf er⸗ fuͤllte das Zimmer. Er hatte ſich durch das Herz geſchoſſen; die Kugel war durch den Stern gedrungen, den der Geſandte ihm den Tag zu⸗ vor an die Bruſt geheftet hatte. Ich nahte mich ihm ernſt und feierlich, legte mit heißen Thraͤnen meine Hand auf das ſchoͤne Herz, das ſchon von tauſend Quaalen zerriſſen worden war, ehe das toͤdtende Blei es zerſtoͤrte, und ſagte leiſe:„Ruhe ſanft, edler Freund! Dir iſt jetzt wohl!“ Mehr vermocht' ich nicht. In ſeinem ſeinem Geſicht war keine Spur von Leiden⸗ ſchaft. Es herrſchte vielmehr die Ruhe eines Weiſen darin, welcher die Hoͤhen des Lebens erſtiegen hat, und kalt auf die Felſen herab⸗ blickt, an denen er auf ſeiner Wanderung ſich wund geritzt hat. Daß er ſich durchs Herz geſchoſſen hatte, ruͤhrte ohne Zweifel von einer ſehr verzeihli⸗ chen Eitelkeit her. Er aͤußerte fruͤher oft, daß er nicht begreifen koͤnne, warum die meiſten Selbſtmoͤrder ſich durch den Mund ſchooͤſſen, und denen, die ſie erblickten, einen ſo affreuſen Anblick bereiteten. Er hat uͤbrigens den Selbſtmord nie ver⸗ theidigt, nicht einmal in gewiſſen Faͤllen fuͤr erlaubt gehalten. Auf ſeinem Schreibtiſche lag ein Billet an mich, worin er mich bat, ſein Tagebuch, nehmlich was der Leſer hier erhaͤlt, und was er mit rother Dinte darin angezeich⸗ net hatte, durch den Druck bekannt zu machen, damit man ſeinen Tod nicht aus einem falſchen Geſichtspunkte beurtheile, ſondern ſich von der G ——— den mich Antheil nehmen, mit dem Du Deine Nothwendigkeit uͤberzenge:„daß er, der ſich ſelbſt verachten muͤſſe und durch ſeine Schuld das hoͤchſte irdiſche Gluͤck verſcherzt habe, nicht laͤnger haͤtte leben koͤnnen.“ Zugleich bat er mich, einen Brief an ſeine Nutter und ſeinen Vetter, der in ſeine Rechte tritt, abzuſenden. Sie enthielten nothwendige Verfuͤgungen. Auch ſein letztes Gebet lag ſchriftlich da. Es lautete folgendermaßen: „Allmaͤchtiger! Du haſt mir das Leben ge⸗ geben— es war ein goͤttliches Geſchenk. Ich bin deſſen unwerth und gebe es Dir zuruͤck. Nichte mich, Allguͤtiger, nach den Leiden, wel⸗ che Deine Weisheit mir auferlegt hat, nicht aber nach dem Schritte, den ich gegenwäͤrtig zu thuneim Begriffe bin. Verſtoße mich nicht, ſondern laſſ' auch mich eingehen in das Reich Deiner Herrlichkeit, nimm auch mich an Deine Vaterbruſt, und laſſ' an dem himmliſchen Frie⸗ Kinder erquickſt. Amen!“ Ich nahm den Schluͤſſel des Zimmers zu mir, und ließ den Leichnam niemand ſehen, um ihn nicht zum Gegenſtand frivoler Neugierde zu machen. Auch die Graͤfin ließ niemand zu Louiſens Huͤlle. Ich handelte in allen Stuͤcken nach Edmunds Willen. Dem Geſandten zeigte ich ſeinen Tod perſoͤnlich an. Er war ſchon davon unterrichtet. Der kalte Diplomatiker zuckte die Achſeln, und bedauerte, einen guten Arbeiter verloren zu haben. 4 Die Graͤfin uͤbertrug mir die Beſorgung „ des Begraͤbniſſes beider Leichen, und ich ließ . ſie in der Stille in ihrer Familiengruft bei⸗ ſetzen. Edmunds Leichnam wurde ſpaͤter, aus Familien⸗Wahn und Familien⸗Eitelkeit, nach ſeinen Guͤtern abgefuͤhrt. Die Graͤfin haͤrmt ſich im Stillen uͤber den Verluſt ihres Lieblings ab. Sie reift der Vollendung entgegen. Die Baronin, welche allgemein als Ed⸗ munds und Louiſens Moͤrderin betrachtet wird, ſah auf allen Geſichtern Kaͤlte, Geringſchaͤtzung und Verachtung, und hat ſich nach Wien zu⸗ . G 2 —/— 3——— — 100— ruͤckgezogen, wo ſie einen ungariſchen Grafen mit ihrer Hand begluͤckt haben ſoll. 1 Der treue Franz, dem Edmund ein ſehr ſtarkes Legat ausgeſetzt hatte, uͤberlebte den ge⸗ liebten Juͤngling nur ſechs Monate. Betrauern Sie, gefuͤhlvolle Leſer, den jun⸗ gen Schiffer, der mit zu reizbarer Phantaſie, mit weit in die Ferne ſtrebendem Sinn und mit wenig Erfahrung ſich auf das Meer der großen Welt wagte, und, an den ſchroffen Klippen ſcheiternd, ein fruͤhes Grab in den Wellen fand. 4 ₰ II. Zwanzig Jahre. —ÿ’;;yqõ——ÿy ——— ——y „Iohann, aufgeſtanden!“— rief der Baron Adolph von Bergheim haſtig—„ beſtelle · Poſt⸗ pferde; raſch, raſch! ich muß ſogleich nach Berlin reiſen.“ „Lieber Herr“— erwiederte der treue Diener, indem er ſich die Augen gaͤhnend rieb —„thun Sie das nicht. Seit zwei Tagen ſind wir erſt bei Ihrer guten Frau Mutter an⸗ gekommen; kaum hat ſie Sie umarmt, und ſchon wollen Sie ſie wieder verlaſſen? Ich fuͤhle noch die Seereiſe von Amerika bis hier⸗ her in allen meinen Gliedern.— Ihre Unter⸗ thanen haben Ihnen ihre Aufwartung noch. nicht gemacht, kurz „Schweig, Schurke! Gehorche, oder ich jage Dich fort.“ — 104— „Schurke? Schurke?“— rief Johann ſchmerzlich aus—„behandeln Sie ſo einen alten treuen Diener, der funfzehn Jahre Ih⸗ nen nicht von der Seite gewichen iſt, und alle Gefahren zu Waſſer und zu Lande redlich mit Ihnen getheilt hat? O mein guter, lieber Herr! Wie waren Sie ſonſt immer ſo guͤtig, ſo freund⸗ lich gegen mich! Ich kenne Sie gar nicht mehr.“ „Johann, ich habe unrecht gehandelt, ſehr unrecht! Ich kenne Dich. Du biſt mir werth. Als ich keinen Freund hatte, als ich in der Welt umher irrte, keines Gedankens faͤhig, ein Raub des tiefſten Schmerzes— da warſt Du der Einzige, der mich nicht verließ, mich nie be⸗ trog.— Johann, beſtelle die Poſtpferde... mein Leben haͤngt von dieſer Reiſe ab.“ „Ihr Leben? gnaͤdiger Herr!— Ihr Le⸗ ben?— In weniger als einer Stunde ſind die Poſtpferde hier. Ja, wenn das der Fall iſt, dann muͤſſen wir reiſen.“ Der brave, treue Diener fuͤhlte keine Er⸗ muͤdung mehr— das Leben ſeines Herrn hing —— — 105— von dieſer Reiſe ab!— Er ging nicht, er fiog nach der Poſt. Noch war keine Stunde ver⸗ floſſen, und der Reiſewagen ſtand vor der Thuͤr, der Baron hatte ſeiner Mutter Lebewohl ge⸗ ſagt, und beim froͤhlichen Klange des Poſthorns verließ er das Stammſchloß ſeiner Ahnen. „Fahr zu, Schwager“— rief der Baron dem Poſtillon zu, als ſie den Steindamm im Ruͤcken hatten—„fahr zu— ich gebe einen Dukaten Trinkgeld fuͤr die Station.“ Das wirkte. Kein Courier kann ſchneller fahren, als der Baron fuhr. Der Poſtillon zeigte dem Kameraden beim Wechſeln der Pferde den glaͤnzenden Hollaͤnder, dieſer ihn dem Dritten, und— in vierundzwanzig Stunden hatte der Baron, vermittelſt der Kraft ſeiner Dukaten, zwanzig Meilen zuruͤckgelegt. Da brach, vor den Thoren der Stadt L..., eine Achſe, wie der Wagen eben eine Anhöhe herabrollte: er ſtuͤrzte um. Der Sturz hatte den Baron und den treuen Johann fuͤr einige Augenblicke betaͤubt. 4 — 106— Letzterer erhielt zuerſt ſeine Beſinnung wieder, ſprang raſch aus dem Wagen und zog ſeinen 4 Herrn heraus. Er hatte ſich den rechten Arm ausgefallen. „Was fuͤr ein Ungluͤck!“ rief der treue Diener aus, und heiße Thraͤnen rollten ihm uͤber die Wangen. „Ruhig, Johann, ruhig!“— erwiederte der Baron.—„Das groͤßte Ungluͤck fuͤr mich iſt, daß ich ſpaͤter in Berlin ankomme. Wir ſind gleich in L...., dort nehmen wir einen andern Wagen, und fahren auf der Stelle wei⸗ ter. Dieſer Unfall kann unſere Reiſe hoͤchſtens um einige Stunden verzoͤgern.“ „Nein, mein guter, lieber, einziger Herr! Dieſen Gedanken muͤſſen Sie ganz aufgeben. Und wenn Sie mir gram werden, und mich noch einmal einen Schurken nennen, und mich mit Fortjagen bedrohen, ſo laſſe ich Sie doch nicht weiter reiſen.“ Und nun mochte der Baron auch ſagen, was er wollte; der treue Johann trug ihn mit — 107— Huͤlfe des Poſtillons auf eine nahe Wieſe, ſandte dieſen ſpornſtreichs nach der Stadt, und in weniger als einer halben Stunde lag der Ba⸗ ron im beruͤhmteſten Gaſthofe, in einem reinli⸗ chen Bett, im eleganteſten Zimmer, und ein Wundarzt leiſtete ihm die noͤthige Huͤlfe. An die Fortſetzung der Reiſe war nun vor der Hand nicht zu denken. Die U geduld des Barons, ſeine Verzweiflung iſt nicht zu be⸗ ſchreiben. Er ſprang aus dem Bette, ließ ſich Feder und Tinte geben— und konnte kei⸗ nen Gebrauch davon machen. Nicht einmal den Troſt ſollte er haben, der ſo innig Gelieb⸗ ten die Gefuͤhle ſchriftlich mitzutheilen, die ihn beſeelten, und die eine zwanzigjaͤhrige Irrfahrt nicht aus ſeinem Herzen verbannt hatte.„Ich kann nicht reiſen“— rief er aus,—„ich kann nicht ſchreiben; Alles iſt verloren.“ 8 „Lieber Herr“— zegann Johann—„Sie wiſſen, daß ich ein wen. g ſchreiben kann. Und iſt meine Handſchrift auch nicht ſchoͤn zu nen⸗ nen, ſo iſt ſie doch wenigſtens leſerlich. Wenn 108— Ihr Leben, Ihre Ruhe davon abhaͤngt; ſo koͤnnten Sie.. 2 „Du haſt Recht, Johann“— erwiederte 1 der Baron mit Lebhaftigkeit, und wie aus einem ſchweren Traum erwachend—„ſetze Dich ich will diktiren. Aber ſchreibe ja recht deutlich, und ſo zierlich, als— ſchriebſt Du in eignen Herzensangelegenheiten.“ Der Baron warf ſich in einen Seſſel; Johann ſetzte ſich an den Tiſch und machte ſich fertig. Nachdem der Baron einige Mal tief geſeufzt und ſeine Gedanken ein wenig geord⸗ net hatte, diktirte er folgendes: „Seit jenes ſcheußliche Verbrechen uns „Beide von einander trennte“— (Johann blickte, nachdem er geſchrieben, ſeinen Herrn mit einem aus Furcht, Entſetzen und Mitleid ge⸗ miſchten Gefühl an) „ſeit jenem ungluͤcklichen Augenblick, wo ein „gefuͤhlloſer Vormund Sie zwang, meinem Ne⸗ „benbuhler vor dem Altare Ihre Hand zu geben, „auf die ich, der ich ſo gluͤcklich war, Ihr Herz „zu beſitzen, die heiligſten Rechte hatte— ſeit⸗ „dem kenne ich keine Ruhe mehr.“ (Johann athmete wieder leichter.) „Als Sie fuͤr mich verloren waren, da „ward mir der Aufenthalt in Deutſchland die „druͤckendſte Buͤrde. Ich beſchloß, auf mein „Vaterland fuͤr immer zu verzichten. Ver⸗ „zweiflung im Herzen, irrte ich auf den un⸗ „wirthlichen Kuͤſten Afrika's und Amerika's „umher. Ich ſah Sklaven, die unter den Peit⸗ „ſchenhieben ihrer entmenſchten Gebieter blu⸗ „teten, und fuͤhlte, daß ſie gluͤcklicher waren, als ich, deſſen Leiden mit nichts verglichen „werden konnten. Ich ſtuͤrzte mich in Gefah⸗ „ren, ich ſuchte den Tod— und fand ihn nicht. „Mit meinem tiefen Kummer wuchs meine „Leidenſchaft. Gleichguͤltig ging ich an den „reziendſten weiblichen Weſen aller Laͤnder, aller „Zonen voruͤber. Keines vermochte mich zu „feſſeln; denn mit unausloͤſchlichen Zuͤgen war „das Bild meiner himmliſchen Virginie in mein 3„Herz gegraben.“ 8* (Johann erinnerte ſich in dieſem Augenblick einer allerliebſten kleinen Kreolin, in welche ſich der Baron während ſeines Aufenthalts in Carracas ſterblich verliebt zu haben ſchien, und die Virginie hieß. Er lächelte deshalb etwas verſchmitzt. Der Baron bemerkte es nicht, und fuhr fort?. — „Virginie! Virginie! In den Schluchten „der Alpen, in den Sandwuͤſten Afrika's, in „den Anden und Cordilleras rief ich verzwei⸗ „felnd Deinen heiligen Namen den Felſen und „den Luͤften zu Nach einer zwanziajährigen „Jerfahrt lockt eine eitle Hoffnung mich nach „Deutſchland zuruͤck. Ein Geruͤcht ſagt mir, „daß der Tod ein durch Zwang geknuͤpftes „Band zerriſſen und Dir Deine Freiheit wie⸗ „der gegeben habe. Ich entreiße mich den Ar⸗ „men meiner Mutter, um Dir ein Herz an⸗ „„zubieten, das noch mit der ganzen⸗ Kraft der „Jugend fuͤr Dich ſchlaͤgt. Wenn Du auch „mir eine treue Liebe bewahrt haſt’— Sohann ſchüttelte bei dieſer Stelle: bedenklich den: Kopf) — —— —— „o wie gluͤcklich, wie ſelig koͤnnen wir Beide „dann noch jetzt werden.“ „Adolph, Freiherr v. Bergheim.“ „Wiſſen Sie wohl, lieber Herr”“— ſprach Johann, als er den Brief beendigt hatte— „daß der Anfang dieſes Schreibens mir wah⸗ res Entſetzen eingejagt hat? Verbrechen! ſcheuß⸗ liches Verbrechen! na! gluͤcklicher Weiſe bin ich mit der bloßen Angſt davon gekommen. Aber was iſt das fuͤr eine Liebe! Ich glaube, ſo hat noch Niemand geliebt, ſo lange die Welt ſteht. Und was muß das fuͤr eine Dame ſeyn! Ich bin auch einmal in meinen jungen Jahren ver⸗ liebt geweſen, und zwar in ein allerliebſtes Maͤdchen; ein Kind wie Milch und Blut; wir ſind uns aber aus dem Geſicht gekommen, und, iſt es ihr wie mir gegangen, ſo haben wir uns in den erſten acht Tagen vergeſſen.“ „Johann“— erwiederte der Baron— „thue mir den Gefallen, und verſchone mich mit Deinen Erzaͤhlungen und Deinen Betrach⸗ — 112— tungen. Sieh Dich lieber nach einem reiten⸗ den Boten um, der dieſen Brief ſogleich nach Berlin uͤberbringt.“ Johann verbeugte ſich, und that wie ihm befohlen. Fuͤr eine bedeutende Summe fand ſich ſogleich ein Courier, der die Depeſche auf der Stelle zu beſorgen verſprach. Als er da⸗ mit davon ſprengte, ſeufzte der Baron noch einmal aus tiefer Bruſt und wurde heiterer. Es war ihm, als wenn ihm ein Stein vom Herzen gewaͤlzt worden waͤre. Virginie, Graͤfin von Fuͤrſtenſtein, die ehe⸗ malige Geliebte des Barons, hatte beinahe das achte Luſtrum zuruͤckgelegt Sie konnte noch immer bei denen, die ſie in ihrer Jugend nicht ekannt hatten, fuͤr ſchoͤn gelten. Sie war in g den letzten Jahren ſtark geworden; aber was ſie dadurch an Eleganz der Taille verlor, ge⸗ wann ſie an edlem, imponirenden Anſtande. Ihre ſchoͤnen blonden Haare, ihre ſchwarzen Augen, ihre herrlichen Augenbraunen, ihre blen⸗ dend weißen Zaͤhne— ihr liebliches, hold ſeli⸗ ges 1 — 113— ges Lächeln— dies Alles lieh ihr Reize, denen nur die Friſche der Jugend mangelte, um alle Maͤnner, die in ihrem Kreiſe ſich bewegten, mit unaufloͤsbaren Banden an ſie zu feſſeln. Ueberdies hatte ſie jaͤhrliche, ſehr ſichere Reve⸗ nuͤen von zehntauſend Thalern, und ihr Haus war eins der ſchoͤnſten in der Reſidenz, und der Sammelplatz der feinſten und gebildetſten Geſellſchaft. Solche Vorzuͤge mußten allerdings einen Schwarm von Freiern um ſie bilden. Seit funfzehn Monaten hatte der Tod — 5 das Band geloͤſt, das Stolz und Eigennutz knuͤpften; und in dieſem Zeitraume war Virgi⸗ nie mit ſoviel Heirathsantraͤgen beſtuͤrmt wor⸗ den, daß ſie ſelbſt unſchluͤſſig war, fuͤr welchen der Bewerber ſie ſich entſcheiden ſollte. Dies behauptete ſie wenigſtens im Kreiſe vertrauter Freundinnen, von denen ſie oft mit Neckereien verfolgt wurde; aber ihr Herz hatte ſchon gewaͤhlt. Der Oberſt von Roſenſtern war der Gluͤckliche, den ſie den uͤbrigen Bewer⸗ bern weit vorzog; und eben theilte ſie ihrem H 4 — 114— Kammermaͤdchen, dem ſchelmiſchen Lottchen, mit der Beredſamkeit der Liebe ihre Empfin⸗ dungen fuͤr den geliebten Roſenſtern mit, als ſie ploͤtzlich in ihrer Schilderung durch einen ungewoͤhnlichen Laͤrm unterbrochen wurde. „Er ſoll aber nicht hinein“— rief der Kammerdiener der Graͤfin in ſehr vernehmlichen Toͤnen;—„ich hab' es ihm ſchon zehnmal ge⸗ ſagt. Es iſt der ausdruͤckliche Befehl Ihrer Execellenz, daß in dieſer Stunde niemand vor⸗ gelaſſen werden ſoll.“ 3 „Ich muß aber die Frau Graͤfinn ſpre⸗ chen“— war die Antwort.—„Soll ich mein armes Pferd halb zu Tode geritten haben, ohne zum Zweck zu gelangen? Ich habe einen Schwur gethan, dieſen Brief in ihre eigenen Haͤnde zu geben, und den will ich ſehen, der mir es wehren will.“ Der Kammerdiener und der Courier des Barons— denn dieſer war es, der mit jenem in heftigem Streit begriffen war— wollten eben von Worten zu Handgreiflichkeiten uͤber⸗ 8 — 1425— gehen, als Lottchen, den Befehlen ihrer Gebie⸗ teerin zufolge, ins Vorzimmer eilte, um ſich von der Urſache des ungebuͤhrlichen Laͤrms zu un⸗ 15 kerrichten. Der Courier theilte ihr mit vielen Kratzfuͤßen den Zweck ſeiner Reiſe mit, ohne ihr jedoch den Brief zu uͤbergeben. Lottchen ging wieder in das Zimmer der Graͤfin und tuattete Bericht ab. „Ein Brief aus L***2“ fragte Virginie etwas verwundert.—„Von wem?“ „Vom Baron von Bergheim.“ 4 5„Von Bergheim? Nein, nein! das iſt* nicht moͤglich!“ „Gewiß, gnaͤdige Frau. Ich habe ven Namen ganz deutlich gehoͤrt. Der Courier fuͤgte noch hinzu, daß der Herr, welcher dieſen Brief uͤberſende, eben von Amerika zuruͤckge⸗ kommen waͤre.“ „Er ſoll ſogleich hereinkommen“— befahl die Graͤfin, und die ſeltſamſten Empfindungen wechſelten in ihrem bewegten Gemuͤth. Der Bote erſchien; er erzaͤhlte der aͤngſt⸗ — 116— lich lauſchenden Graͤfin den Unfall, der den Baron getroffen hatte, mit allen Nebenum⸗ ſtaͤnden, und ſchilderte ihr ſeinen Unmuth, daß er ihr, ſtatt des Briefes, den er ihr bei dieſer Darſtellung uͤberreichte, nicht ſogleich ſelbſt per⸗ ſoͤnlich aufwarten koͤnne. Mit wunderbarer, maͤchtiger Ruͤhrung las die Graͤfin den feurigen Brief des alten, ſo treuen Geliebten. Sie warf ſogleich einige Zei⸗ len an ihn auf's Papier, belohnte den eifrigen 3 Boten mit einem vollwichtigen Doppellouisd'or * und ſandte ihn mit ihrer Antwort nach 2***. 8 Sie konnte ſich gar nicht faſſen. Sie las den Brief wiederholt mit der innigſten Ruͤh⸗ rung, und las ihn ſo oft, daß ſie ſelbſt ihre Toilette zu machen verſaͤumte, und von Lott⸗ chen einige Mal erinnert werden mußte. Die Vergangenheit trat in blendendem Glanze vor ihre Seele. Dus Bild des Barons, den ſie einſt mit unnennbarer Innigkeit geliebt hatte, wurde mit den kleinſten Zuͤgen in ihrem Her⸗ zen, in ihrem Gedaͤchtniß wieder aufgefriſcht; —; tiger Bewegung—„daß ich durch dieſe Bot⸗ ſchlug— ich hab' ihn wieder. Dieſer Gedanke heute mochte, heute konnte ſie ſich nich Sie warf ſich in einen Lehnſtuhl, und dem kopfſchuͤttelnden Lottchen, auf den« Morgen, fruͤh um vier nbeſPeielene be⸗ ſtellen zu laſſen. Lottchen wußte nicht, was ſie von dieſem Befehle denken ſollte. Sie zoͤgerte mit der Ausfuͤhrung. Endlich faßte ſie den Muth, mit Beſcheidenheit nach der Urſache eines ſo ploͤtz⸗ lichen, fruͤheren Anordnungen widerſtreitenden, Entſchluſſes ſich zu erkundigen. 4 „Wiſſe“— erwiederte die Graͤfin in ſchaft zugleich die gluͤcklichſte und ungluͤcklichſte Frau geworden bin. Ich habe meinen Adolph den erſten unter allen Maͤnnern, fuͤr die mein Herz geſchlagen hat, und dem es am waͤrmſten berauſcht mich. Mein Gluͤck iſt grenzenlos, iſt unbeſchreiblich. Aber er iſt unwohl. Er wollte mich im Fluge uͤberraſchen, und ein ſchmerzli⸗ ches Krankenlager muß ſeinen Eifer, ſeine Liebe — 448— echt lohnen! Ich kenne meine Pflicht; h zu ihm, ihn warten und pflegen. Der oden brennt mir unter den Fuͤten; erſt, wenn ich ihn au er Gefahr weiß, werde ich wie⸗ der ruhig werden.“ „und der Herr Oberſt von Roſenſtern“ heit—„was wird aus dieſem werden?“ „Der Oberſt? Der Oberſt?“(Die Graͤfin wurde ein wenig verlegen).„Das iſt ſeine Sache. Er wird mich zu vergeſſen ſuchen, er ird mich vergeſſen.“ „Die gnaͤdige Frau ſprachen eben mit vie⸗ lem Intereſſe von ihm.“ .„Ich kann es nicht laͤugnen, ich bin ihm gut, ſehr gut. Seine Bewerbung ſchmeichelt meiner Eitelkeit. Er iſt jung, ſehr huͤbſch, die Seele der feinen Geſellſchaft, und reich. Ich war feſt entſchloſſen, ihm meine Hand zu ge⸗ ich Adolph fuͤr immer verloren. Aber er lebt; er iſt mir treu geblieben— ſo treu.. Ich — bemerkte Lottchen mit einiger Schuͤchtern⸗ ben; und wie ich dieſen Entſchluß faßte, glaubte — 119— fuhl es, daß ich ohne ihn nie gluͤcklich werden kann.“* 4 „Der Oberſt wird in Verzweiflung ge⸗ 4“ 1 rathen.“ 8 „ Er wird ſich zu troͤſten wiſſen.“ 3 „Er wird ſich todt ſchießen.“ „ Dann wuͤrde er beweiſen, daß er ein ein⸗ faͤltiger Tropf und meiner fruͤhern Zuneigung unwuͤrdig waͤre.“ *„Und wie betet er Sie an!“ 4 „Ich ſage Dir— es wird ihm leicht wer⸗ den, mich zu vergeſſen. Nach zwei Monaten hat er ſein Herz von neuem verſchenkt.“ „Das Beiſpiel des Herrn Barons koͤnnte die gnaͤdige Frau uͤberzeugen, daß man Sie nicht ſo leicht vergißt.“ „Der Baron macht eine Ausnahme; ein ſolcher Mann iſt eine Seltenhelt. Gluͤcklich iſt die, welche ein ſolches Herz gefunden hat.“ Lottchen bot alles auf, um die Graͤfin fuͤr den Oberſten guͤnſtig zu ſtimmen; aber umſonſt. Zu viel ſuͤße Erinnerungen, zu viel ſchoͤne Bilder 2ZL Lot der Vergangenheit waren durch den Brief des Barons in ihr rege geworden.„O wenn Du wuͤß steſt⸗“— Kerach ſie mit Leidenſchaft zu was er um mich gelitten hat! Gefahren hat er ſonſt trotz geboten, um e mich nur zu ſehen! Wie oft ſetzte er ſein Leben auf's Spiel, um mit mir nur einige Worte zu wechſeln. Er erſtieg die hoͤchſten Wipfel der Baͤume, die in der Nachbarſchaft meiner Wohnzimmer ſtanden, um mich zu be⸗ obachten, um, wenn ich zufaͤllig ihn bemerkte, einen freundlichen Blick von mir zu erlauſchen. In Sturm und Regen, in Schneegeſtoͤber, in heitern und truͤben Naͤchten ging er ſtill unter meinen Fenſtern voruͤber, um mir nur einiger⸗ maßen nahe zu ſeyn. Wie gluͤcklich war er dann, wie ſelig, wenn ich ihm ein freundliches Wort, einen herzlichen Gruß, ein trauliches: Gute Nacht! zufluͤſterte. O Adolph, Adolph! Dich hab⸗ ich nie vergeſſen. Durch Dich werd' ich erf das wahre Gluͤck des Lebens kennen lernen!“ „Es iſt wahr, gnaͤdige Frau, ein ſolcher Liebhaber iſt eine ſeltene Erſcheinung.“ „Sage, die einzige in dieſer Art. Berg⸗ heim iſt der liebenswuͤrdigſte, der vollkommenſte allor Maͤnner. O, wenn Du ſeine raben⸗ ſchwarzen Haare, ſeinen ſchoͤngebauten Koͤrper, ſeine offenen blauen Augen,— doch, wozu eine detaillirte Schilderung!— Wenn Du ihn ſehen wirſt— dann erſt wirſt Du faͤhig ſeyn, meinen jetzigen Entſchluß zu beurtheilen.” So ſprach die Graͤfin noch manches mit der Leidenſchaftlichkeit der Liebe, und das kluge Lottchen, das ſehr wohl einſah, daß jetzt der rechte Zeitpunkt nicht da ſey, um ſich mit Eifer fuͤr den Oberſten zu verwenden, fuͤgte ſich in die Launen der Gebieterin. Aber den erſten guͤnſtigen Moment, wo ſie von der Graͤfin nicht bemerkt wurde, benutzte ſie, um dem Jokei des Oberſten folgende Zeilen zu ſchreiden. „Lieber Junge! Wenn Dein Herr nur „dann in unſre Heirath willigen mag, wenn „er der Gemahl meiner Frau Graͤfin wird— — 122— „ſo werden wir nun und nimmermehr ein Paar. „Da iſt ſo eben ein Baron von Bergheim in „unſerer Naͤhe angelangt, der nach zwanzig⸗ „jaͤhriger Abweſenheit ſeine Rechte auf das „Herz der Graͤſin geltend macht, und uͤber „Deinen Herrn Oberſten den Sieg davon ge⸗ „tragen hat. Da dieſer Menſch aus Amerika, „alſo direkt von den Menſchenfreſſern kommt, „ſo kannſt Du Dir leicht denken, daß er Haare „auf den Zaͤhnen hat, und die Rechte, die er „zu haben meint, mit Nachdruck, ſelbſt gegen „einen HuſarenOberſten, vertheidigen wird. „Morgen mit Tagesanbruch reiſen wir zu die⸗ „ſem Phoͤnix der Treue— wie meine Gnaͤdige „ihn ſelbſt genannt hat,— hin, und werden „unter ſeiner, uns Allen Gefahr drohenden, „Begleitung nach Berlin zuruͤckkommen. Ich „muß ſchließen, weil meine Graͤfin eben klin⸗ „gelt. Ich wollte Dir nur einen Wink dar⸗ „uͤber geben, was Deinem Herrn, Dir und „mir bevorſteht. Der fatale Baron! waͤre er „doch bei den Menſchenfreſſern geblieben, oder — 123— „haͤtten ſie ihn lieber gar... Lebe wohl, „lieber Heinrich! Der Himmel moͤge Alles zum 4 „Beſten wenden!“ „Deine „Charlotte.“ Waͤhrend die Graͤſin ſich den ſuͤßeſten Taͤu⸗ ſchungen uͤberließ, und ſich herzlich der Ueber⸗ raſchung freute, die ſie ihrem Geliebten berei⸗ tete; waͤhrend Lottchen ihrerſeits auf Mittel und Wege dachte, um eine Verbindung zu hin⸗ tertreiben, welche ihrem Intereſſe ſo ganz ent⸗ gegen war, ward der Baron Bergheim durch eine ruͤhrende Scene aus den Traͤumen der Liebe aufgeweckt. Der Wundarzt war eben bei ihm, als die Beſitzerin des Gaſthauſes raſch ins Zimmer trat, und die Huͤlfe des Arztes fuͤr eine fremde Dame in Anſpruch nahm, die ſich in der groͤß⸗ ten Gefahr befaͤnde. Er entſprach ſogleich ih⸗ ren Wuͤnſchen, und Bergheim folgte ihm. Die Wirthin fuͤhrte ſie in das Zimmer der Unbe⸗ — 124½— kannten. Sie erblickten auf einem Bett eine Frau von mittleren Jahren, die im tiefſten Schlafe zu liegen ſchien. Am Fuße des Bettes kniete ein junges Maͤdchen, oder vielmehr ein Engel von Schoͤnheit. Sie hatte den Kopf in die Kiſſen gedruͤckt, und ſchluchzte hoͤrbar. Als ſie die Eintretenden hoͤrte, wandte ſie den Kopf nach ihnen um; ihre Zuͤge waren wirklich von idealiſcher Schoͤnheit. Nach einem fuͤchti⸗ gen Blicke ſenkte ſie aber ihr von Thräͤnen be⸗ thautes Geſicht wieder in die Kiſſen, und nahm die kalten Haͤnde der Sterbenden in die ihri⸗ gen, um ſie zu erwaͤrmen. Der Arzt naͤherte ſich der Kranken, und hielt ihr ein Riechflaͤſchchen vor; ſie ſchlug die Augen auf, druͤckte krampfhaft das junge Maͤd⸗ chen in die Arme, und rief aus:„Du, Gott der Guͤte und Gnade, wache uͤber meine Betty!“ Es waren ihre letzten Worte. Das treue Mut⸗ terherz hatte ausgeſchlagen; der entfeſſelte Geiſt war in jene unbekannten Gefilde entſchwebt⸗ welche die Hoffnung und der Troſt des wahren Chriſten ſind. Die liebliche Waiſe konnte nicht mehr wei⸗ nen; ſie richtete das ſchoͤne, ſeelenvolle Auge gen Himmel, ward in dieſem Augenblicke tod⸗ tenbleich, ſchwankte, und ſtuͤrzte, ohne einen Laut von ſich zu geben, uͤber den muͤtterlichen Leichnam hin. Sie ward ſogleich in das Schlaf⸗ zimmer der Wirthin getragen, und erhielt hier nach einiger Zeit ihre Beſinnung wieder. Als ſie die Augen wieder aufſchlug, rief ſie in einem herzzerreiſſenden Tone aus:„O Gott! Gott! was ſoll aus mir werden! Meine Mutter war mein Alles! Jetzt bin ich huͤlflos und verlaſſen! Wer wird meine Stuͤtze werden?“ „Ich“— entgegnete Bergheim mit groͤß⸗ ter Lebhaftigkeit—„nicht umſonſt hat mich die Vorſehung zum Zeugen Ihres Ungluͤcks ge⸗ macht. Ich ſchwoͤre Ihnen, Ihr Beſchuͤtzer zu werden; ich ſchwoͤr' es bei dem Schatten Ihrer verklaͤrten Mutter! Ich will Ihnen Va⸗ ter, Bruder,— Freund ſeyn!“ Betty heftete ihre Augen auf den Baron, Schmerz und Dankbarkeit beſeelten ihre himm⸗ liſchen Zuͤge, und mit tiefem Gefuͤhl und einem Strom von Thraͤnen ſprach ſie, gleichſam wie betend:„Geiſt meiner Mutter! Du ſiehſt, wie huͤlflos und verlaſſen ich bin, erlaube mir, daß ich mein Schickſal in die Haͤnde dieſes edlen, großmuͤthigen Unbekannten lege.“ „Betty“— erwiederte der Baron—„Sie koͤnnen mir unbedingt vertrauen. Ihre Mut⸗ ter ſelbſt koͤnnte nicht mit mehr Sorgfalt uͤber Sie wachen, als ich fuͤr Ihr wahres Beſte ſor⸗ gen werde.“ 4 Der Baron erſuchte jetzt die Wirthin, eine geachtete Frau ausfuͤndig zu machen, in deren Hauſe die Verlaſſene vor der Hand einen Zufluchtsort finden koͤnnte, und dieſe erinnerte ſich ſogleich einer ganz vortrefflichen Frau, einer Wittwe, die einen Platz als Erzieherin zu er⸗ halten wuͤnſchte. Noch denſelben Abend ward Betty ihr uͤbergeben. So hatte ſich denn alſo Bergheim durch — 127— ſein edles Herz bewegen laſſen, der Beſchuͤtzer des jungen Maͤdchens zu werden, ohne nur ein Wort von ihrem Schickſale zu wiſſen, ſogar ohne ihren Familiennamen zu kennen. Daß ſie tugendhaft ſey? Man brauchte ihr bloß in das offene, ſpiegelreine Auge zu blicken, um dafuͤr ſogleich Buͤrge zu ſeyn. Um ſo mehr freute ſich Adolph alſo ſeiner wohlthaͤtigen Handlung, und hielt dieſen Tag mit Recht fuͤr einen der gluͤcklichſten ſeines Lebens. Als er mit Johann wieder allein war, ſo geſchah es nur aus zarter Achtung fuͤr Betty, daß er ihren Namen nicht erwaͤhnte, ſondern bloß von Vir⸗ ginien mit ihm ſprach; aber der treue Diener bemerkte doch, daß ſeine Ausdruͤcke und Schil⸗ derungen minder excentriſch, gemaͤßigter waren. Das in jeder Hinſicht großmuͤthige Be⸗ nehmen des Barons hatte auf Betty's zartfuͤh⸗ lendes Herz einen wunderbar tiefen Eindruck gemacht. Sie dachte oft, ſehr oft an ihn, und dann verweilte ſie in Gedanken gern bei ſeinem Bilde, und rief ſich ſeine wohlwollenden Zuͤge, — 128— die das Gepraͤge der hoͤchſten Biederkeit trugen, ſeinen maͤnnlich ſchoͤnen Anſtand, die Feinheit ſeines Benehmens, und vorzuͤglich den Zug von Schwermuth ins Gedaͤchtniß zuruͤck, der in ſei⸗ nen Augen lag, und Betty beſonders lebhaft ergriffen hatte. Oft verwechſelte ſie die Zuͤge ihres Wohl⸗ thaͤters mit denen ihrer Mutter. Sie konnte ja den Tod der Letzteren nicht betrauern, ohne zugleich auch den Erſteren zu ſegnen. Beide fuͤllten, als zwei Weſen, die ſie nicht von ein⸗ ander zu trennen vermochte, ihre ganze Seele aus. Wie oft haben ſolche Empfindungen ſchon die heftigſte Liebe erzeugt! Und der Baron? Virginie?.. Als die Perſtorbene zur Erde beſtattet war, theilte Betty dem Baron eine kurze Darſtel⸗ lung ihrer Verhaͤltniſſe mit. Sie war die Tochter des engliſchen Schiffs⸗Capitains Wood. Nach ſeinem Tode war ihre Mutter, eine ge⸗ bohrne Deutſche, mit ihr in ihr Vaterland zu⸗ ruͤckgekehrt, um, da ihr Gatte, nach großen Ver⸗ Verluſten, nicht in den glaͤnzendſten Umſtänden geſtorben war, bei reichen Verwandten einen Zufluchtsort zu ſuchen. Man nahm ſie gut uf, da man ſie fuͤr reich hielt; man ließ ſie fuͤhlen, daß man ſie entbehren koͤnne, wie man ſah— daß man ſich geirrt hatte. Die edle Frau konnte nur kurze Zeit eine ſolche Behand⸗ unng erdulden. Sie beſchloß, nach England zuruͤckzukehren, und die brittiſche Großmuth um eine maͤßige Penſion anzuflehen, worauf ſie ge⸗ gruͤndete Anſpruͤche machen konnte. Eben im Begriff, dieſen Entſchiuß auszufuͤhren, ward ſie unterweges von einem heftigen Fieber er⸗ griffen, das in L⸗*ꝛs ihrem Leben und ihrem Kummer ein Ziel ſetzte. „Wood?“— fragte der Baron nachſin⸗ nend, als wenn dieſer Name ihm nicht unbe⸗ kannt waͤre, und gewiſſe, noch ſchlummernde Erinnerungen in ihm weckte,—„Wood? Schiffs⸗Capitain Wood? O mein Fraͤulein! welche Verpflichtungen hat dieſer edle Mann mir auferlegt! Er hat mir und vielen andern 5 — Menſchen das Leben gerettet. Vor funfzehn Jahren reiſte ich von London nach Suͤdamerika ab; das Schiff, auf dem ſich außer mir und neinem Diener noch zwanzig Paſſagiere befan⸗ den, ſcheiterte unweit Cuba, wohin widrige Winde uns verſchlagen hatten, und wir Alle wuͤrden ein Raub des Todes geworden ſeyn, wenn nicht das Schiff Ihres verſtorbenen Va⸗ ters, das zum guͤnſtigſten Zeitpunkte bei uns anlangte, uns gerettet haͤtte. O noch ſeh' ich die Freude auf dem Geſicht des Biedermannes ſtrahlen, als er, bis zur Kochsmagd, dem klei⸗ nen Schiffsjungen, herab, alle Menſchen von der Hoffnung— ſo hieß unſer Schiff— ge⸗ rettet ſah.“ „Ich kenne dieſen Ungluͤcksfall“— erwie⸗ derte Betty—„mein Vater hat davon ge⸗ ſprochen.“ „Wie entzuͤckt es mich“— fuhr der Ba⸗ ron fort—„dieſe alte Schuld dadurch abtra⸗ gen zu koͤnnen, daß ich Ihnen eine gluͤckliche Lage zu bereiten ſuche.“ 4 —. — — 131— In dieſem Augenblicke kehrte der Courier wieder zuruͤck, und uͤberreichte dem Baron fol⸗ gende Antwort der Graͤfin: „Das Schickſal konnte uns trennen, aber „die Gefuͤhle nicht erſticken, die uns beſeelten. „Mein Herz hat nicht aufgehoͤrt, fuͤr Sie zu „ſchlagen. Bald werden Sie Beweiſe erhalten, „daß Virginie Adolphs nicht unwuͤrdig iſt.“ Mit tiefer Ruͤhrung ergriff der Baron Betty's Hand.„Meine heißeſten Wuͤnſche“ — ſprach er—„ſind erfuͤllt. Das Weſen, das ich ſeit laͤnger, als zwanzig Jahren, ange⸗ betet habe, wird in kurzer Zeit meine treue Le⸗ bensgefaͤhrtin. Soll ich Ihre zarte bluͤhende Jugend unter ihren Schutz, oder unter den meiner alten, ſehr ehrwuͤrdigen Mutter ſtellen? Die Wahl ſey Ihnen uͤberlaſſen.“ „Erlauben Sie, Herr Baron, daß ich mich fuͤr den Aufenthalt bei Ihrer Frau Mut⸗ ter entſcheide“— erwiderte Betty lebhaft. „Meine Geſellſchaft hat alſo nicht den ge⸗ ringſten Werth fuͤr Sie?“ & J 2 — 122— 32 „Das ſag' ich nicht; aber meine Trauer ſteht in Widerſpruch mit den Freuden eines glaͤnzenden Hochzeitfeſtes. Ich wuͤnſche einige Zeit in ſtiller Einſamkeit zuzubringen.“ „Ich achte Ihr Zartgefuͤhl und billige Ihren Entſchluß. Morgen werde ich Sie in Be⸗ gleitung Ihrer Gouvernante nach dem Schloſſe meiner Mutter ſenden. Sobald meine Ver⸗ bindung mit der Graͤfin geſchloſſen lſe, n werde ich Sie wiederſehen.“ Betty ſeufzte. Der Baron hielt ihre Trau⸗ rigkeit nur fuͤr die Folgen eines unerſetzlichen Verluſtes. Johann— wir kennen den alten Schlaukopf— beurtheilte Betty's Trauer an⸗ ders, und als ſie ſich entfernt hatte, begann er laͤchelnd:„Wahrhaftig, lieber Herr, das arme Maͤdchen dauert mich.“ „Wie ſo? Betty wird nach und nach ru⸗ higer werden; meine Mutter iſt gut, und wird ſie zu troͤſten ſuchen. „Wenn ich mich nicht irre, ſo moͤchte ſie ſich wohl lieber von Ihnen troͤſten laſſen.“ * 4 4 5 4 — 133— „Seltſame Behauptung.“ „Seltſam? Ich weiß, was ich geſehn habe. Mit welcher Zaͤrtlichkeit hingen ihre Augen an Ihnen.“ „Das iſt Dankbarkeit.”“* „Und Liebe. Ich fuͤrchte, daß das arme Maͤdchen ſich jetzt ſehr ungluͤcklich fuͤhlt.“ Der Baron laͤchelte— und ſchwieg. Als er allein war, wiederholte er ſich wohlgefaͤllig Johanns Bemerkungen, und— Virginiens Bild trat in den Hintergrund. Betty ihrer Seits war mehr mit dem Ba⸗ ron, als mit ihrer verſtorbenen Mutter beſchaͤf⸗ tigt; indeſſen geſtand ſie ſich ſelbſt ihre wahren Empfindungen nicht, und als ſie in der ſtillen Nacht das weinende Geſicht in die Kiſſen druͤckte, ſuchte ſie ſich zu uͤberreden, daß ihre Thraͤnen nur dem Andenken der theuren Verklaͤrten floͤſſen⸗ Unterdeſſen langte die Graͤfin in L“** an. Wie klopfte ihr Herz beim Anblick der Thuͤr⸗ me dieſer Stadt, wo ſie den Mann wiederſe⸗ — 334— hen ſollte, den ſie einſt mit ſo unbeſchreiblicher Innigkeit geliebt hatte! Sie trat in einem andern Hotel ab. Kaum einige Stunden Raſt goͤnnte ſie ſich, und ſie ſaß an der Toilette, und war eigenſinniger als je. Wie wurde das arme Lottchen gequaͤlt! Dieſe Locke war nicht gerathen, jene Schleife verunſtaltete ſie. Der Hut ward mindeſtens zehnmal abgenommen und wieder aufgeſetzt. Virginie fand, daß alles, was Lottchen heute fuͤr ſie zurecht legte, ſie ſchlecht kleide, und aͤlter mache, als ſie wirklich ſey, oder— was ſie ſelbſt ſich nur ungern geſtehen mochte— als ſie heute ſcheinen wollte. Lottchen haͤtte berſten moͤgen. Jeder Nadelſtich, der die Graͤ⸗ fin verſchoͤnerte, zerſtoͤrte ihre ſuͤßen Hoffnun⸗ habt, und Heinrich— war einer der huͤbſche⸗ ſten Burſchen in Berlin. Endlich war das wichtige Werk vollbracht. Die Graͤfin glaubte nichts mehr an ihrem An⸗ zuge tadeln zu koͤnnen.„Gott! wie ſchoͤn ſind * gen. Sie haͤtte gar zu gern einen Mann ge⸗ — 155— heute die gnaͤdige Graͤfin!“— rief Lottchen mit einem Enthuſiasmus aus, hinter dem ſie ihren Ingrimm verſteckte.—„Der Herr Ba⸗ ron hat Sie gewiß noch nie ſo geſehen!“ „Charlotte, glaubſt Du, daß er mich noch kennen wird?“— erwiederte die Graͤfin laͤ⸗ chelnd, und muſterte ſich von neuem im Spiegel. „Noch kennen, gnaͤdige Frau?“ „Du weißt, daß er mich ſeit zwanzig Jah⸗ ren nicht geſehen hat.“ „Die gnaͤdige Graͤfin werden heute von Jedem, der das Gluͤck hat, ſich Ihnen zu na⸗ hern, fuͤr eine Dame von chthehn Jahren ge⸗ halten werden.“ „Du willſt mir ſchmeicheln.“ „Das that ich nie.“ „Du glaubſt alſo wirklich, daß er mich ſo⸗ gleich fuͤr ſeine Virginie halten wird, wenn er mich ſieht, ohne daß er von meinem Hierſeyn unterrichtet iſt?“ „Das will ich meinen. Alle Welt ſagt, — 136— daß die gnaͤdige Graͤfin ſich durchaus nicht ver⸗ aͤndert haben.“ „In einigen Stuͤcken vielleicht zu meinem Vortheil. Nun, es gilt einen Verſuch.“— Das ſchlaue Lottchen ſchoͤpfte wieder Athem. „Zwanzig Jahre!“— flaͤſterte ſie leiſe.— Ihr 1 ging ein Schimmer von Hoffnung auf. Noch einige Mal laͤchelte ſich die Graͤfin im Spiegel an, und ſchritt zur Ausfuͤhrung eines Plans, deſſen Gelingen ihr hoͤchſter Triumph ſeyn mußte. Der Baron hatte eben Betty, ach! die reizende Betty, das war ſie— wie er ſich ſelbſt geſtand— verlaſſen, als Johann ihm meldete, daß eine Dame ihn zu ſprechen wuͤnſche. „Betty?“ fragte der Baron, jetzt aus⸗ ſchließend mit dem Bilde des himmliſchen Maͤd⸗ chens beſchaͤftigt. Johann laͤchelte.„Eine fremde Dame,“ war die Antwort. „Bitte fir, einzutreten.“ — 137— Johann ging. An die Graͤſin dachte der Baron mit keinem Gedanken. Wie haͤtte er ſie hier erwarten koͤnnen! Virginie erſchien. Der Baron, der unangenehm geſtoͤrt wurde, machte ihr eine hoͤfliche, aber kalte Verbeugung. Virginie gerieth in Verlegenheit. Sie ſah, daß der Baron ſie nicht erkannte, und ſah auch zugleich— daß der Mann, welcher vor ihr ſtand, der Adolph nicht mehr war, dem ihr Herz vor zwanzig Jahren mit ſolcher Waͤrme geſchlagen hatte. Unter den ehemals rabenſchwarzen Haaren fand ſich eine bedeutende Mehrzahl von grauen; ſeine Geſichtsfarbe war braͤuner, als vormals, und die Fuͤlle ſeines Koͤrpers kleidete ihn min⸗ der, als fruͤher ſein ſchlanker, ſchoͤner Wuchs. Sonſt war er ein Adonis geweſen, geeignet zum Helden eines Trauerſpiels oder Romans; jetzt— konnte er auf die Rolle der zaͤrtlichen Vaͤter An⸗ ſpruch machen.— Und, daß er ſie nicht erkannte — das konnte ſie ihm vollends nicht verzeihen. Sie erſchien ihm als eine ganz fremde Perſon; das ward bei ihr durch ſeine kalte hoͤfliche Frage: — 138— mit wem er die Ehre habe, zu ſprechen? zur vollen. Gewißheit. 14 Virginie biß ſich in die Lippen.„Sind Ihnen meine Zuͤge ſo fremd geworden?“— fragte ſie mit einem muͤhſam erzwungnen Laͤ⸗ cheln, bei dem ſie kaum der Thraͤnen ſich ent⸗ halten konnte. „Gott! iſt es moͤglich? Virginie? Sie hier?“— rief der Baron mit Feuer aus, und druͤckte ihre Hand an ſeine Lippen. „Erkennen Sie mich jetzt erſt wieder?“— ſprach ſie ernſt.. „O meine Virginie!“ erwiederte der Ba⸗ ron, und fiel vor ihr auf die Kniee. Ach! aber mit welcher Schwerfaͤlligkeit fuͤhrte der Baron dieſen Akt der Huldigung aus! Ehemals hatte er ſich mit entzuͤckender Leichtigkeit Virginien zu Fuͤßen geworfen; ſeine jetzige Huldigung glich mehr einem Falle. Der Boden zitterte, und die Taſſen, Glaͤſer und Flaſchen auf den naͤchſten Tiſchen erklangen. —————————2P y ·—— —— — 139— Das war der Adolph nicht mehr, bei deſſen bloßem Namen Virginiens Herz vor zwanzig Jahren ſo heftig klopfte, als wenn es ihre Bruſt zerſprengen wollte. „Wir haben uns Beide ſehr veraͤndert;“ — ſprach Virginie nach einer kurzen Pauſe, mit einem tiefen Seufzer. „Sie ſind“— erwiederte der Baron,— „in meinen Augen noch ganz die Virginie, die ich ehemals angebetet habe.“ „Und doch erkannten Sie mich uicht?“ (Bei dieſen Worten zuckte ein ſchmerzliches Lacheln, wie ein leichter Schatten, uͤber ihr Geſicht.) Ich konnte dieſen Beweis von Guͤte und Liebe nicht erwarten, noch weniger darauf An⸗ ſpruch machen. Der Baron ſetzte noch einiges zu ſeiner Entſchuldigung hinzu; aber an Allem, was er ſprach, bemerkte Virginie einen gewiſſen Zwang, * — 140— eine Kaͤlte, die ſie ſehr ſchmerzlich beruͤhrte. Die ſchoͤne Taͤuſchung war vernichtet. Beide fuͤhlten, was eine zwanzigjaͤhrige Trennung be⸗ wirken koͤnne, und nach Verlauf einer Viertel⸗ ſtunde ſchieden ſie ſehr kalt von einander. „Zwanzig Jahre! Ja, ja, das iſt ein be⸗ deutender Zeitraum!“— ſagte der Baron leiſe zu ſich, als Virginiens Wagen fortrollte. Seine Stirn faltete ſich; aber er ward ploͤtzlich wie⸗ der heiter, und zwar ſehr heiter; denn eben dachte er an Betty.. „Wie hat ſich Adolph geaͤndert!“— fluͤ⸗ ſterte Virginie einige Mal ſinnend, als ſie im 1 Wagen ſaß.—„Ja, ja! zwanzig Jahre ver⸗ moͤgen etwas.“ Sie ſtellte Vergleichungen zwi⸗ ſchen dem Baron und dem Huſaren⸗Oberſten an, die allerdings zum Vortheil des etiene ausfallen mußten.. Adolph und Virginie— Beide befanden ſich in einem aͤngſtlichen, geſpannten Verhaͤlt⸗ niſſe. Sie fuͤhlten Beide, daß ſie einander 4 — 141— nicht mehr bedurften, um ſich gluͤcklich zu waͤh⸗ nen— ja, ſogar, daß eines das andere hindern tönne, gluͤcklich zu werden. Dieſes unangenehme Verhaͤltniß wand durch den Oberſten von Roſenſtern geloͤſt. Er hatte den Zweck von Virginiens Reiſe erfahren, und war ihr auf dem Fuße gefolgt. Als ſie von Adolph nach ihrer Wohnung zuruͤckkehrte, fand ſie ihn in ihren Zimmern. Auf einige zaͤrtliche Vorwuͤrfe von Seiten des geaͤngſtigten Liebhabers folgte eine Verſoͤh⸗ nung, die, zu Lottchens unausſprechlicher Freude, das alte Verhaͤltniß wieder zwiſchen ihnen her⸗ ſtellte; und nach Verlauf einer Stunde erhielt Bergheim folgendes Billet vom Obriſten: „Herr GBaron! Sie ſind aus Amerika zu⸗ „ ruͤckgekehrt, um fruͤhere Anſpruͤche auf das „Herz und die Hand der Frau Graͤfin von „Fuͤrſtenſtein geltend zu machen. Da Sie da⸗ „durch die Rechte beeintraͤchtigen, welche mir „die Frau Graͤfin ſeit dem Tode ihres Gemals „ — 142— „uͤber ihr Herz eingeraͤumt hat: ſo erklaͤre ich „Ihnen hiermit kurz und buͤndig, daß der Weg „zu ihrem Beſitz nur uͤber meinen Leichnam „geht. Wenn Sie Ihrer eingebildeten An⸗ „ſpruͤche ſich nicht begeben wollen, ſo erwarte „ich Sie morgen fruͤh um vier Uhr vor dem „* ſchen Thore in der** ſchen Haide. Beim „Eingange derſelben werden Sie meinen Neit⸗ „knecht ſinden, der Sie zu mir in einen von „der Heerſtraße abgelegenen Theil des Waldes „bringen ſoll.“ „Oberſt von Roſenſtern. 11 Virginie las den Brief, ehe der Oberſt ihn abſandte, und gab ihm ihre Zuſtimmung.„Vor zwanzig Jahren haͤtte der Oberſt ſo nicht an Adolph ſchreiben duͤrfen!“ fluͤſterte ſie leiſe ſich zu, als jener den Brief zuſiegelte. In aͤngſtlicher Spannung erwartete ſie Bergheims Antwort. Sie lautete folgendermaßen: „Virginie iſt frei; ſie allein kann uͤber „ihre Hand und ihr Herz entſcheiden. Wenn, — 143— „woran ich nicht zweifle, ihre Wahl Sie trifft: „ſo wird es mich herzlich freuen, Sie Beide „gluͤcklich zu wiſſen.“ „Adolph von Bergheim.“ Als der Baron dieſe Antwort abgeſendet 4 hatte, war ihm viel leichter ums Herz, als vor⸗ her. Er ging zu Betty. Sie war im Garten und weidete ſich am Untergang der Sonne. Das Abendroth zog eine Glorie um ſie her. Sie hatte die Haͤnde auf der Bruſt gefaltet, und ſtand unbeweglich, im ſtummen Anſchauen verſunken da. Bergheim naͤherte ſich ihr leiſe, ſie bemerkte ihn nicht. Er ſah, daß ſie ſich die Augen trocknete. „Betty!“— rief er mit tiefem Gefuͤhl aus. Das holde Maͤdchen erſchrak, und ſucht⸗ ſich zu faſſen. „Betty!“— fuhr der Baron fort, und ergriff ihre Hand—„auf Ihren Wangen er⸗ blick' ich Spuren von Thraͤnen... Koͤnnt' ich Sie doch gluͤcklich wiſſen!“ — 144— Bei dieſen Worten ſtahlen ſich noch einige Thraͤnen aus ihren ſchoͤnen Augen, und indem ſie auf die untergehende Sonne deutete, ſprach ſie mit unbeſchreiblicher Wehmuth die gefuͤhl⸗ vollen Worte:„O daß ich ihr folgen koͤnnte!“ Der Baron ſchloß ſie in die Arme; er kuͤßte ihr die Thraͤnen von den Wangen, und halb gewaͤhrend, halb verweigernd lag ſie an ſeinem Herzen, und eine himmliſche Noihs flog uͤber ihr liebliches Geſicht. „Betty,“— begann der Baron nach einer Pauſe—„morgen reiſen wir zu meiner Mut⸗ ter; ich werde Sie ihr als meine kuͤnftige Gat⸗ tin vorſtellen. Darf ich auf Ihre Einwilligung rechnen?“ Ueberraſchung und Freude wirkten zu hef⸗ tig auf das holde, liebende Maͤdchen. Sie war keines Lautes maͤchtig. Der Baron wiederholte ſeine Frage, und ſetzte hinzu:„Ich habe noch nie mein Wort gebrochen.“ Mit ** 8 4 — 145— dit einem himmliſchen Laͤcheln erwiederte ſie:„Ich glaube Ihnen;“ und das verſchaͤmt geſtammelte:„Ich bin die Ihrige!“ kuͤßte ihr der Baron mit Feuer von den Lippen. Beide wurden gluͤcklich, im volleſten Sinne des Worts; der Oberſt und Virginie nicht minder.. Wenn Johann die goldlockigen Knaben des Barons euf ſeinen Knieen ſchaukelte, ſo lachte ihm das Herz im Leibe; und jeden Mor⸗ gen, wenn er die ſchoͤne junge Baronin mit wirthlicher Emſigkeit um ihren Gatten beſchaͤf⸗ tigt ſah, rief er freudig aus:„Herr Baron, daß war ein gluͤcklicher Zufall. Gott ſey Lob und Dank, daß es ſo gekommen iſt. Lottchen heirathete ihren Heinrich. Die Graͤfin beſorgte ihre Ausſtattung, und ſchoß dem jungen Paare eine bedeutende Summe vor, mit welcher es einen Gaſthof, an einer lebhaften Heerſtraße, kaufte, der daſſelbe gut naͤhrte. Oft erzaͤhlten ſie den Reiſenden die K 82*— 146— Geſchichte ihrer Verheirathung, und wenn zwei Liebende bei ihnen einkehrten, ſo gaben ſie ihnen immer den wohlmeinenden Rath: ſich nie nach einer Trennung von zwanzig Jahren wieder zu ſehen, wenn ſie als treue Liebende ſterben wollten. III. Biondin a. Sicilianiſche Novelle aus der erſten Haͤlfte des ſiebzehnten Jahrhunderts. K 2 Die Sonne ſank in die leuchtenden Wellen des mittellaͤndiſchen Meeres. Die Schwuͤle des Tages ward durch die kuͤhlenden Abend⸗ winde gemildert, welche uͤber die Fluthen da⸗ herweheten, und tauſend Blumen und Stau⸗ den hauchten ihre Fruͤhlingsduͤfte in die klare milde Abendluft. Da huͤpfte Biondina, die einzige Tochter des Herzogs von Roſara, von der vaͤterlichen Burg an das Geſtade des Mee⸗ res hinab, und kaum vermochte die Pflegerin ihrer Jugend, die greiſe Caͤcilia, welche die Stelle ihrer fruͤh verſtorbenen Mutter einge⸗ nommen hatte, ihr zu folgen. In romantiſcher Abgeſchiedenheit lag das Schloß⸗ worin Biondina geboren und erzogen * — 150— worden war, und in gleicher Abgeſchiedenheit von dem Welt⸗Geraͤuſche hatte ſie die erſten funfzehn Jahre ihres Seyns verlebt. Ihr Vater, einer der angeſehenſten Maͤnner Siei⸗ liens, brachte gewoͤhnlich den Sommer auf ſei⸗ nem Schloſſe, den Winter in Meſſina und Pa⸗ lermo zu; aber ſeine Tochter in die glaͤnzen⸗ den Zirkel dieſer Hauptſtaͤdte einzufuͤhren, hatte er immer Bedenken getragen, da er die Gefah⸗ ren fuͤrchtete, welche dem unbefangenen Natur⸗ Maͤdchen dort drohen und ſein altes edles Ge⸗ ſchlecht leicht beſchimpfen koͤnnten. Seine Fa⸗ milie einſt auf Siciliens Thron zu erheben, war ſein ſeligſter Gedanke. Da ihm die Vor⸗ ſehung keinen Sohn gegeben hatte, ſo mußte er all' ſeine Hoffnung auf Biondina ſetzen. Er liebte ſie nicht mit vaͤterlicher Herzlichkeit, er ſah ſich nicht in ihrer lieblichen Jugendlichkeit verjuͤngt, es war ihm gleichguͤltig, daß aus je⸗ dem ihrer holden Zuͤge das Bild ihrer ſanften, von ihm in truͤben Stunden oft gemißhandelten Mutter hervorleuchtete— er erblickte in ihr — 15¹— nur das Werkzeug, das ſeine ehrgeizigen Plaͤne vollfuͤhren, ſeinem Ahnenſtolze froͤhnen ſollte, und wenn ſie auch dem Ruhme ſeines Ge⸗ ſchlechts das Gluͤck ihres Lebens, ja, noͤthigen⸗ falls dieſes ſogar ſelbſt, zum Opfer bringen muͤßteꝭ. Der alte Herzog wurde auf ſeiner Burg haͤufig von edlen Rittern heimgeſucht; aber keiner davon machte auf Biondina's Herz nur den geringſten Eindruck. Der eine war dem offenen Maͤdchen zu verſteckt, der andere zu dreiſt; dieſer ſchien ſich mehr um ihre weitlaͤuf⸗ tigen Beſitzungen, als um ihre Gegenliebe zu bewerben; jener ſagte ihr fade Schmeicheleien vor und wollte das goldne Hirtenalter wieder hergeſtellt wiſſen, das Theokrit beſang und mit ihm verſchwunden iſt— und auch er mißfiel ihrem reinen unbefangenen Gemuͤth durch eine Ziererei, die ſeinem Herzen ſichtbar fremd war. Dem Herzog war dies ſehr angenehm. Von all' dieſen Freiern konnte keiner ſeinen ehrgeizigen Abſichten genuͤgen; aus koͤniglichem — 152— Gebluͤt mußte ſein Eidam entſproſſen ſeyn, denn nur ein ſolcher konnte Biondinen den Weg zum Throne bahnen und ihm einen Wir⸗ kungskreis eroͤffnen, wie er ihn laͤngſt erſehnt hatte. Die Kaͤlte, mit welcher Biondina die Schaa⸗ ren jener Freier empfing und abwies, erwarb ihr deßhalb ſeine volle Zufriedenheit, da ſie ihm die Nothwendigkeit erſparte, ſein Jawort zu verweigern, wodurch er ſich die angeſehenſten Familien Siciliens zu Feinden gemacht haben wuͤrde. Oft pries er im Stillen ſeinen Ent⸗ ſchluß, Biondinen fern von dem Geraͤuſche der Welt erzogen, und ihr Herz vor den lebendigen Eindruͤcken bewahrt zu haben, welche rauſchen⸗ de, die Eitelkeit erweckende Feſte und der ſtete Wechſel betaͤubender Vergnuͤgungen auf das Gefuͤhl und die Phantaſie eines jungen Maͤd⸗ chens zu machen pflegen. 3 Aber der Herzog triumphirte zu fruͤh. Waͤhrend er nur die Entwickelung der Gefuͤhle Biondinens verhindert hatte, glaubte er dieſel⸗ ben ganz erſtickt zu haben, und hoͤrte nicht die Vorboten des Sturmes ſich nahen, der ſeine glaͤnzenden Ausſichten vernichtete und ſeine gi⸗ gantiſchen Plaͤne uͤber den Hauſen warf. Biondina war zur Jungfrau herangewach⸗ ſen, aber ihr Herz noch ganz kindlich und en⸗ gelrein.— Ja, ſie war ſogar noch mehr unbe⸗ fangenes Kind, als junge Maͤdchen es in die⸗ ſem Alter und in jenem Himmelsſtriche, wo die Regungen des Gefuͤhls ſo fruͤh ſich offen⸗ baren, gewoͤhnlich zu ſeyn pflegen. Wenn der Herzog ſie fuͤr kalt, fuͤr unempfindlich hielt, weil ſie faden, egoiſtiſchen Stutzern keinen Ge⸗ ſchmack abgewinnen konnte, ſo irrte er ſich ſehr. Noch hatte der heilige Funke der Liebe ihr In⸗ nerſtes nicht entzuͤndet; noch glich ſie Gala⸗ theen, als ihr marmorner Buſen durch die himmliſchen Maͤchte noch nicht erwaͤrmt, noch nicht belebt war. Keiner der Freier, die ſich um ihre Gunſt, um ihre Hand deworben hatten⸗ war ein Pygmalion geweſen. Aber in dem Augenblicke, in dem ihr Vater, ſie ſelbſt es am wenigſten erwartet haben wuͤrde, nahte er ſich und entſchied fuͤr immer ihr Schickſal. Biondina ſtand am Ufer des Meeres und blickte froͤhlich hinaus in die unendlichen Flu⸗ then, und ergoͤtzte ſich an den ſilbernen Fun⸗ ken, die das Abendroth auf die krauſen Wellen ſtreute. Schiffe flogen an ihr voruͤber und ver⸗ ſchwanden im Dufte unabſehlicher Fernen; Fi⸗ ſcherboͤte glitten auf den Wogen hinab nach der Kuͤſte, mit reicher Beute beladen, und heitere Geſaͤnge toͤnten von Meer und Land ihr zu. Ihre treue Fuͤhrerin ſaß ſtill und in ſich ge⸗ kehrt an einem Felſen, und ſchien ſich in den Strahlen der Abendſonne zu waͤrmen. Biondina nahte ſich immer mehr den Wel⸗ ten, um blutrothe Muſcheln zu ſuchen, die an den Strand geſpuͤhlt worden waren. Caͤcilie warnte von fern; und ſie verſprach, vorſichtig zu Werke zu gehen. Da rauſchte es in gerin⸗ ger Entfernung von ihr auf den Fluthen daher. Es war ein Fiſcherboor und ein Juͤngling, kraft⸗ voll wie Herkules, ſchoͤn wie Apell, lenkte daſ⸗ ſelbe dem Ufer zu. Die Erſcheinung war ihr fremd und feſ⸗ ſelte ihre Aufmerkſamkeit. Aber waͤhrend ſie mit einer wunderbaren Theilnahme dem herrli⸗ lichen Juͤngling und dem Kahne, der wie be⸗ ſtuͤgelt die Wellen durchſchnitt, entgegenſchaute, rauſchten die Wellen, vom Abendwinde getrie⸗ ben, ihr um die Fuͤße, ein glatter Stein, auf dem ſie ſtand, rollte unter ihren Fuͤßen hinweg, und, geblendet von den letzten Strahlen der ſcheidenden Sonne, ſtuͤrzte ſie in die Fluthen. Als Biondina die Augen aufſchlug, lag ſie auf weichem Moos, in einem kleinen Myrthen⸗ waͤldchen, das ſich den Fuß des Berges ent⸗ lang zog, auf dem ihre vaͤterliche Burg erbaut war, Caͤcilie ſtand haͤnderingend neben ihr— der wunderbare Juͤngling vor ihr und ſchaute ihr mit unbeſchreiblicher Innigkeit ins Auge. Er war es, der ſie gerettet hatte. Caͤcilie, die fromme, gute Mutter, wollte ſchelten; doch — 156— uͤber der Freude, den geliebten Pflegling wie⸗ der ins Leben zuruͤckgekehrt zu ſehen, vermochte ſie es nicht. Biondina dankte ihre m Retter— aber ihr Auge war beredter, als ihr Mund— und Er— ſchien durch den Anblick des lieblichen Weſens eben ſo ſehr uͤberraſcht worden zu ſeyn, als ſie — durch den ſeinigen. Cacilia trieb Biondinen, nach dem Schloſſe zuruͤckzukehren und die naſſen Kleider mit trok⸗ kenen zu vertauſchen und einer Erkaͤltung vor⸗ zubeugen, und willig folgte ſie dem Rathe der erfahrnen Pflegerin. Aber ihre Schritte waren wankend, beinahe waͤre ſie zu Boden geſtuͤrzt. Da nahm ſie der fremde Juͤngling auf ſeine Arme und trug ſie mit einer Leichtigkeit, mit einer Schnelligkeit den Berg hinan, daß Caͤ⸗ eilie ihr nur mit Muͤhe folgen konnte. Und als er den Gipfel mit ſeiner ſuͤßen Laſt erreicht hatte, da druͤckte er Biondinen mit ſeltſamer Haſt an ſeine Bruſt, empfahl ſie dem Schutze der heiligen Jungfrau und eilte wieder den Berg hinab. „Wo iſt er hin?“ fragte Biondina ihre Fuͤhrerin, wie aus einem Traum erwachend. „Der Fiſcher?— erwiederte Caͤcilie— „ohne Zweifel nach ſeinem Nachen.“ Biondina ſchwieg und folgte Caͤcilien lang⸗ ſam und feierlich. An den Pforten des Schloſ⸗ ſes blickte ſie noch einmal zuruͤck. Das Meer war ſtill und duͤſter, kein Laut regte ſich rings umher. Da fuuͤſterte ſie leiſe:„Er iſt fort.“ℳ Und als ſie in den finſtern Schloßhof trat, der ihr nach dem Anblicke des weiten freien Mee⸗ res wie ein Kerker erſchien, da blickte ſie ſchwer⸗ muͤthig zu den erſten Sternen auf, die am Fir⸗ mament hervortraten, fluͤſterte nochmals, doch ihr nur hoͤrbar:„Er iſt fort!“ und folgte dann Caͤcilien nach ihren Zimmern. Ohne ſich ihrer Gefuͤhle ganz bewußt zu ſeyn, empfand jetzt Biondina das ganze ſuͤße Weh der erſten Liebe, und die Dankbarkeit, die ſie ihrem Retter ſchuldig war, ſchien ihr jene — 158— innige Zuneigung, die nur in reinen Herzen bei der erſten Begegnung ſo maͤchtig erwachen kann, zu rechtfertigen, ja ſelbſt zu heiligen. Die erſte Liebe iſt bei einem jungen Maͤdchen der Moment, wo ſie aus dem Kindesalter raſch in den Jungfrauenſtand uͤbertritt. Alle ihre Neigungen aͤndern ſich wie mit einem Zauber⸗ ſchlage. Was ſie fruͤher ergoͤtzte, duͤnkt ihr laͤppiſch und kindiſch, was ſie vorher entzuͤckte, kann ihr jetzt kaum ein mitleidiges Laͤcheln ab⸗ locken; ſie ſucht die Einſamkeit und wirft ſich an den muͤtterlichen Buſen der Natur, weil ſie hier von jedem Haine, von jedem Blatte, jeder Blume verſtanden zu ſeyn glaubt; weil ſie in jedem Saͤuſeln des Weſtes, im Rauſchen der Quellen, im Geſange der Voͤgel des Ge⸗ liebten Namen nennen zu hoͤren und aus jedem Wellenſpiegel, aus jedem Morgen⸗ und Abend⸗ roth ſein Bild hervorleuchten zu ſehen waͤhnt. Dies war der Zuſtand, in welchem Bion⸗ dina ſich jetzt befand. Nicht mehr durchwan⸗ delte ſie die Umgebungen des Schloſſes mit — 59—— jener heitern Unbefangenheit, mit der ſie ſie fruͤ⸗ her an Caͤciliens Hand durchſtreift hatte. Die Sorgſamkeit, mit welcher die Pflegerin ſie bei jedem Schritte bewachte, ward ihr laͤſtig; ſie wuͤnſchte einſam zu ſeyn, und benutzte jede Ge⸗ legenheit dazu. Sonſt war ſie gern mit ihrer geliebten Fuͤhrerin durch Wald und Flur ge⸗ ſchweift und hatte mit herzlicher Theilnahme den lehrreichen Erzaͤhlungen der erfahrnen Frau gelauſcht; jetzt— war der duͤſtere Schloßgar⸗ ten der Ort, wo ſie am liebſten verweilte. Hierg das wußte ſie, folgte ihr Caͤcilie nicht auf je⸗ dem Schritte. Hier konnte ſie oft halbe Stun⸗ den lang im Schatten hoher Pinien umher⸗ wandeln, ohne von ihr geſtöͤrt zu werden. Hier war es, wo ſie ernſte, pruͤfende Blicke in ihr Herz warf, und ſich das Bild des geliebten Juͤnglings mit den hellen Farben der erſten Liebe malte. Aber, was ſie nicht minder anzog, war ein Altan, auf der Mauer des Schloßgartens er⸗ richtet, von dem aus ſie den Spiegel des mit⸗ — 160— 4 tellaͤndiſchen Meeres bis in weite Fernen uͤber⸗ ſchauen konnte. und wie bedeutend waren ihr dieſe Fluthen geworden! Wie blickte ſie ſo raſt⸗ los auf die Wellen, die in ernſter Eintoͤnigkeit friedlich an das Ufer plaͤtſcherten, in der fro⸗ hen Erwartung: daß endlich doch eine derſelben den Nachen des geliebten Juͤnglings ihr vor⸗ uͤberfuͤhren wuͤrde.* Und wieder war es Sonnenniedergang, da ſah ſie endlich den Erſehnten in dem Nachen daherſchweben. Frei und muthig, als wenn er der Beherrſcher der Wellen waͤre, ſtand er in dem ſchwankenden Fahrzeuge, landete, und ſprang, eine Laute in der Hand, ans Land. Nachdem er den Nachen feſtgebunden hatte, ging er ſinnig dem Myrthenwaͤldchen zu, und ſetzte ſich auf die Stelle, wohin er Biondinen getragen, als er ſie den Wellen entriſſen hatte. Des holden Maͤdchens Herz klopfte laut vor Entzuͤcken und ſuͤßem Weh. Sollte ſie ihm ein Zeichen geben? Sie zitterte vor Verlangen, es zu thun, und fuͤrchtete, daß es unweiblich ſeyn moͤchte. —— —— — 161— moͤchte. Da uͤberließ ſie es dem Zufall, ob er ſie ſehen werde oder nicht, und ſtellte ſich vorn an die Bruͤſtung des Altans und ſchaute mit bewegter Seele nach dem weit duftenden Myr⸗ thenwaͤldchen hinab. Er ſah ſie nicht. Er ſchien auf der Laute zu phantaſiren. Wie gern waͤre ſie noch einmal in die Wellen geſtuͤrzt, um noch einmal von ihm gerettet zu werden. Er ſpielte fortwaͤhrend auf ſeiner Laute; die weiche Abend⸗ luft trug die Klaͤnge der Saiten und die vollen Töne ſeiner ſchoͤnen Stimme zu ihr herauf;— aber er ſah ſie doch nicht. Da ſtand er auf. Er ſchien unentſchloſſen. Er legte die Hand an die Stirn. Jetzt blickte er raſch nach dem Schloſſe auf— er mußte ſie bemerkt haben; denn er legte eiligſt die Laute nieder und ſtieg den Berg hinan. In wenig Ninuten ſtand er unter dem Altan und blickte Biondinen mit einer Innigkeit, Offenheit und Traulichkeit ins Auge, welche die alte, ihnen Beiden ſo liebe Bekanntſchaft ſchnell wieder an⸗ knuͤpfte, und ſie, da jedes des Andern Gefuͤhle L — 162— errieth, oder vielmehr aus ſeinen eigenen Em⸗ pfindungen deutete, uͤber alle Foͤrmlichkeiten hin⸗ · wegſetzte. Was die Gluͤcklichen zuſammenſprachen? Wir wiſſen es nicht; aber jeder unſerer Leſer, jede unſerer Leſerinnen, welche je geliebt haben, werden es mit uns ahnen. Seit dieſem Abende ſahen ſich Biondina und Guiskardo— ſo hieß der fremde Juͤng⸗ ling— oͤfter. Wer dieſer war? Weder Graf noch Ritter. Sein Vater war ein Fiſcher auf der heitern Inſel Iſchia*) und Guiskardo zum Beſuch bei dem Bruder ſeines Vaters, einem alten Ein⸗ ſiedler, der in der Entfernung einer Stunde von der Burg des Herzogs in einer einſamen Zelle lebte, die in einer wilden Felsſchlucht er⸗ baut war, von der aus er indeſſen die freie Ausſicht nach dem Meere hatte. Guiskardo erzaͤhlte das Biondinen mit einer Offenheit und *) Wird Iskia geſprochen. — 163— Einfachheit, die ihn ihr immer theurer machte und ihr ganzes Zutrauen ihm erweckte. Aber nicht immer ſahen ſich Guiskardo und Biondina auf dieſe entfernte Weiſe: des Maͤdchens Guͤte und Freundlichkeit machte den Jaͤngling einſt ſo kuͤhn, an einer zugaͤnglichen Stelle der Gartenmauer dieſelbe zu uͤberſprin⸗ gen, und ſich ihr mit dem Feuer gluͤhender Lei⸗ denſchaft zu Fuͤßen zu werfen. Biondina em⸗ pfing ihn mit Schuͤchternheit; aber jeder ihrer holdſeligen Zuͤge ſprach die Empfindungen ihres Herzens aus und machte ein. Geſtaͤndniß⸗ in. kalten Worten unnuͤtz. Taͤglich beſuchte jetzt Guiskardo die Fuͤr⸗ ſtentochter, die ihn nicht nur immer lieber ge⸗ wann, ſondern auch ſeinen kenntnißreichen, ge⸗ bildeten Geiſt zu bewundern Gelegenheit fand. Er war nicht nur mit den Dichtern vertraut, die damals in dem herrlichen Italien bluͤhten, ſondern auch mit mehrern der fruͤhern, die in einer nicht minder ſchoͤnen Vorzeit dort geſun⸗ gen hatten. Vorzuͤglich war Theokrit, der die L 2 — 164— Sieuliſchen Hirten mit ſolcher Aumuth ſchil⸗ dert, ſein Liebling, und er theilte ihr manche ſeiner Idyllen in ſließenden, von ihm ſelbſt ver⸗ faßten Ueberſetzungen mit. Aber dieſe Kennt⸗ niſſe waren nicht die einzige Zlerde des leben⸗ und ſeelenvollen Juͤnglings. Als ein Meiſter des Lautenſpiels und Geſanges, warf er ſich, wenn er Biondina verließ, unter der Garten⸗ mauer in das Myrthenwaͤldchen und beſang in gefuͤhlvollen Canzonen die Reize ſeiner ange⸗ beteten Herrin mit einer Kunſtfertigkeit, wie Biondina ſie an manchem beruͤhmten Meiſter⸗ ſaͤnger damaliger Zeit— ſo duͤnkte es ihr min⸗ deſtens— nicht wahrgenommen hatte. Eines Tages bezeigte ihm Biondina ihr Befremden daruͤber, daß er, wie er ſelbſt ſage, der Sohn eines einfachen Fiſchers, ſo hohe Bildung ſich habe erwerben koͤnnen, wie ſie bei vielen Grafen und Rittern nicht anzutreffen ſey. Aber Guiskardo loͤſete ihr bald das Raͤth⸗ ſel. In Iſchia lebte ein ehrwuͤrdiger Greis, Anſelmo mit Namen. Dieſer war ſein⸗ eigent⸗ ——y — o—, 85 — 165— licher Erzieher, ſein Bildner geweſen. Ihn hatte Guiskardo taͤglich beſucht, und was er wußte, verdankte er lediglich dem Umgange des wuͤrdigen Greiſes. Wer derſelbe eigentlich war, hatte Guiskardo nie erfahren koͤnnen. Er ſchien nicht immer die einfache Lebensweiſe gefuͤhrt zu haben, die er jetzt auf der Inſel befolgte; dieß ließ ſich wenigſtens aus ſeinen Reden abneh⸗ men. Auch lief auf Iſchia ein dunkles Ge⸗ ruͤcht um, dem zu Folge Anſelmo ein ſtattlicher, vornehmer Herr geweſen, aber auf die Inſel verbannt worden ſey, oder widriger Verhaͤlt⸗ niſſe wegen ſich ſelbſt dahin verbannt habe. Mehr wußte Guiskardo nicht von ſeinem edlen Lehrer zu ſagen; aber er ſchilderte ihn und ſeine Vorzuͤge mit einer Liebe und Innigkeit, die Biondinen tief ruͤhrte. So hatten die jungen Leute ſich vierzehn Tage lang geſehen und geſprochen, als ſie bei einem ſolchen Rendezvous beinahe von Caͤcilien, die Biondinen eine ziemlich gleichguͤltige Neuig⸗ keit erzaͤhlen wollte, uͤberberraſcht worden waͤren. — 166— Nur durch einen gewagten Sprung uͤber die Gartenmauer entzog ſich Guiskardo den Augen der ehrwuͤrdigen Matrone und Biondinen einer peinlichen Verlegenheit. Zwar kannte dieſe das Herz ihrer muͤtterlichen Freundin zu gut, als daß ſie haͤtte fuͤrchten ſollen, durch ſie bei ihrem Vater angeklagt zu werden. Aber die wuͤrdige Frau wuͤrde ſie doch ſtrenger bewacht und des Juͤnglings Beſuche verboten und durch ſtete Begleitung unmoͤglich gemacht haben. Jetzt fingen Biondina und Guiskardo an, vorſichtiger zu werden; aber mit dieſer Vorſicht und Heimlichkeit wuchs auch das Trauliche ih res gegenſeitigen Verhaͤltniſſes— und ihre Lei⸗ denſchaft. Biondina wußte ſich den Schluͤſſel zu einer Pforte des Gartens zu verſchaffen, die nie eroͤffnet wurde. Ihn gab ſie Guis⸗ kardo, damit er nicht mehr, wie bisher, uͤber die Gartenmauer zu ſteigen brauche, was leicht einmal vom Schloſſe aus bemerkt werden koͤnne. Auch vertauſchten ſie den Altan mit einem heimlichen Gebuͤſch, das nur ſelten von den — 267— Bewohnern der Burg beſucht wurde. Doch auch hier fanden ſie ſich bald nicht mehr ſicher, und beſchloſſen dieſe gefahrvollen Zuſammen⸗ kuͤnfte mit andern zu vertauſchen, bei denen ſie ruhiger ſeyn konnten. Was ſie den Blicken des Tages und des verraͤtheriſchen Abendroths entziehen mußten, glaubten ſie unbedenklich der ſtillen verſchwiegenen Nacht vertrauen zu duͤr⸗ fen. Wenn alles im Schloſſe ſich dem Schlum⸗ mer uͤberließ, da ſchlich ſich der beherzte Juͤng⸗ ling in den Park, trat unter die gewoͤlbte Halle des alterthuͤmlichen Schloſſes und gab durch einige volle Accorde auf ſeiner Laute der hor⸗ chenden Biondina das Zeichen, daß die Stunde der Liebe gekommen ſey. Dann eilte das holde Maͤdchen, zitternd vor Verlangen und Furcht, im Nachtgewand die Treppe hinab und flog an Guiskardos Hand in den Park. Aber ſo rein und fleckenlos, wie ihr Ver⸗ haͤltniß bisher geweſen war, konnte es unter dieſen Umſtaͤnden nicht bleiben. Was fuͤr Winke gab ihnen der Mond, der durch die Zweige — 163— blitzte, unter denen ſie ſaßen, was fluͤſterte ih⸗ nen alles der warme Nachtwind zu, der mit Biondinens Locken und leichtem Gewande ſpiel⸗ te! Welcher Feuerſtrom floß durch Guiskardos Adern, wie gluͤhte Biondinas Wange! Wie er⸗ hoͤhte der Duft zahlloſer Blumen und Bluͤthen ihre beiderſeitige Reizbarkeit! Geraume Zeit war Guiskardo ſo, die Laute in der Hand, unter den ernſten Hallen der Burg erſchienen, und keines Spaͤhers Auge hatte ihn bemerkt; aber was noch nicht geſche⸗ hen war, konnte geſchehen und geſchah wirklich, und die Liebenden giengen in ihrer Sorgloſig⸗ keit mit raſchen Schritten der Erfuͤllung ihres Schickſals entgegen. Einer der Diener des Herzogs, der zufaͤllig uͤber den Schloßhof gieng, gewahrte den fremden Juͤngling einſtmals, be⸗ lauſchte ihn, ſah Biondinen im Nachtgewande auf ihn zueilen und folgte ihnen in den Gar⸗ ten. Willkommene Gelegenheit, ſich in der Gunſt ſeines Herrn feſter zu ſetzen! Augenblick⸗ lich weckte er den Herzog und vertraute ihm, — 169— was er geſehen. Ehe dieſer von ſeinem Er⸗ ſtaunen ſich erholen konnte, waren die Lieben⸗ den, von ſonderbarer Ahnung getrieben, aus dem Garten in den Schloßhof zuruͤckgekehrt, und ſtanden unter einem Saͤulengange, vom magiſchen Schimmer des Mondes beglaͤnzt. Unſchluͤſſig trat der Herzog an das Fenſter, er⸗ ſtarrte, als er Biondinen und Guiskardo Arm in Arm ſtehen ſah, griff wild nach einem gela⸗ denen Gewehr, und druͤckte es in raſender Wuth auf den Juͤngling ab. Guiskardo ſtuͤrzte blu⸗ tend nieder, und mit einem Schrei des Ent⸗ ſetzens fiel Biondina ohnmaͤchtig auf ſeine ent⸗ ſeelte Huͤlle. Der Schuß hatte alle Bewohner des Schloſſes aufgeweckt. Von allen Seiten flogen Diener mit Fackeln herbei und bildeten eine ſtarre Gruppe um die Ungluͤcklichen. Auch Caͤcilia, ſelbſt einer Ohnmacht nahe, befand ſich unter ihnen. „Was iſt geſchehen?“ rief alles erſchrok⸗ ken aus. „So ſtraft man Verraͤther!“ rief der Her⸗ — 170— zog mit donnernder Stimme zu ihnen hinab und warf die hohen Bogenfenſter ſo heftig zu, daß die Scheiben ſprangen und die Stuͤcken klirrend in den Schloßhof ſielen. Noch ſtand die bleiche Gruppe der Diener unentſchloſſen um die Liebenden her, als der Herzog herriſch und gebietend in den Schloß⸗ hof trat, und Biondina nach ihren Zimmern, den Entſeelten aber zum Schloſſe hinaus nach dem Walde zu tragen befahl, damit er dort den Raben zur Atzung dienen moͤge. Bion⸗ dina ſchlug eben die Augen wieder auf; aber neue Bewußtloſigkeit bemaͤchtigte ſich ihrer, als ſie dieſe ſchauderhafte Sentenz vernahm. Des Herzogs Befehl ward puͤnktlich voll⸗ zogen. Als Biondina den vollen Gebrauch ihrer Sinne wieder erhielt, als ſie die treue Caͤcilia knieend an ihrem Bette ſah, die ver⸗ weinten Augen in ihre Kiſſen druͤckend— da vermochte auch ſie es, ihren Schmerz durch wohlthaͤtige Thraͤnen zu erleichtern. — 171— Liebe, Schaam, Furcht und Verzweiflung kaͤmpften in ihrem Herzen; aber das quaͤlendſte fuͤr ſie war die Ungewißheit, ob Guiskardo wirklich todt ſey oder noch lebe, und nicht viel⸗ leicht durch ſorgſame Pflege gerettet werden koͤnne. In die Bruſt der edlen Caͤcilia legte ſie jene bangen Zweifel nieder, und dieſe, die ſo ſehnlich den geliebten Pflegling zu beruhigen wuͤnſchte, verſprach ihr, und noch in dieſer Nacht, daruͤber Forſchungen anzuſtellen. „O thue das, wenn Du mich je geliebt haſt,“— erwiederte Biondina mit leuchtenden Augen, und helle Roͤthe, wie ein Strahl der Hoffnung, flog uͤber ihr bleiches Geſicht.— „Nimm den alten treuen Rodrigo und den be⸗ daͤchtigen, verſchwiegenen Piedro— ach! dieſe haben mich nicht verrathen! Beide ſind erfah⸗ ren in der Wundarzneikunſt und werden um meinetwillen dem Ungluͤcklichen gerne alle Huͤlfe leiſten. Iſt er aber todt“— bei dieſem Ge⸗ danken ſchauderte ſie zuſammen:—„ſo— be⸗ ſtattet ihn, daß er, der ſo edel und liebens⸗ — 2 wuͤrdig im Leben war, doch ein chriſtliches Grab finde, und nicht im Tode noch beſchimpft werde.“ Czeilia that wie Biondina gewuͤnſcht hatte. Sie uͤberließ die Bewachung der geliebten Her⸗ rin einer gepruͤſten Kammerfrau, weckte die treuen Diener, vertraute ihnen Biondinens Willen und machte ſich mit ihnen auf den Weg, nachdem ſie ſich mit den noͤthigen Werkzeugen verſehen hatten. Unterdeſſen war der Morgen angebrochen. Als ſie in den Wald traten, ſahen ſie in geringer Entfernung vom Schloſſe den Ungluͤcklichen liegen. Er gab kein Zeichen des Lebens von ſich. Piedro, als der erfahrenſte von beiden Dienern, unterſuchte Guiskardos Wunde, und fand, daß ſie nicht toͤdtlich ſey, daß der Schuß den Juͤngling nur betaͤubt und die kuͤhle Nachtluft ſein Erwachen verhindert habe. Caͤcilia wußte nicht, ob dieſe Nachricht ſte mir Freude oder Beſorgniß erfuͤllen ſollte; aber bald bemerkte ihre Anhaͤnglichkeit an Bion⸗ dina, daß ſich ihre Empfindungen zur erſtern hinneigten; und ihre Freude und Zufriedenheit wuchs, als der ungluͤckliche Juͤngling, nachdem er einige Mal tief aufgeathmet hatte, die Au⸗ gen aufſchlug. Es lag etwas in ſeinem Blicke, was ihr Innerſtes erſchuͤtterte. Eine ſeltſame Aehnlichkeit mit einem, einſt von ihr mit un⸗ nennbarer Innigkeit geliebten Manne, ſprach ſie aus ſeinen Zuͤgen an. 3 Was ſollte nun aber mit dem armen Juͤng⸗ ling geſchehen? Dies war eine Frage, welche Guiskardo ſelbſt ſogleich entſchied. Er bat, daß man ihn nach der Klauſe ſeines Oheims tragen moͤchte, die er genau bezeichnete. Ro⸗ drigo und Piedro waren dazu ſogleich erboͤtig und wollten eben Hand anlegen, als Laͤrilien beiſiel, daß der Herzog noch einmal nach dem Leichnam ausſenden wuͤrde, oder vielleicht auf den Gedanken kommen koͤnnte, ſich durch ſeine eigenen Augen zu uͤberzeugen, wie man ſeine Gebote vollzogen habe, und daß ſein ganzer Zorn von neuem erwachen wuͤrde, wenn der Leichnam verſchwunden ſey, in welchem Falle aber nach dem Schloſſe zuruͤck, und meldete — 174— er ſo lange nachſpuͤren werde, bis er den Auf⸗ enthaltsort des ungluͤcklichen Guiskardo er⸗ forſcht habe. Dieſem mußte durch eine Taͤu⸗ ſchung vorgebeugt werden, die ſich ſehr leicht bewerkſtelligen ließ. Die treuen Diener muß⸗ ten naͤmlich auf der Stelle, wo ſie Guiskardo gefunden hatten, ein Grab graben, mit Stei⸗ nen ausfuͤllen und einen foͤrmlichen Huͤgel dar⸗ uͤber bilden. Das Grab zu eroͤffnen und ſich ſo an dem Heiligſten zu vergreifen, das, wußte ſie, vermochte weder der bigotte Herzog, noch einer ſeiner Diener uͤber ſich. Waͤhrend man alſo Guiskardos Leichnam in dieſem Grabe ver⸗ muthete, konnte derſelbe unbeſorgt in der Zelle⸗ ſeines Oheims ſeine Geneſung abwarten. Cacilens trefflicher Rath ward auf der Stelle ausgefuͤhrt, und um die Taͤuſchung zu vollenden, waͤlzte man einen maͤchtigen Stein auf den Grabhuͤgel. Hierauf! den die Diener Guiskardo auf die Schultern und trugen ihn nach der bezeichneten Klauſe.— Ceilia kehrte ——ͤ— ——— ——— — 175— dem Herzog, daß ſie den Leichnam des Ungluͤck⸗ lichen habe beerdigen laſſen. Zugleich bat ſie ihn, ihr dieſes eigenmaͤchtige Verfahren, das ihr Herz und die Religion ihr vorgeſchrieben habe, zu verzeihen. Der Herzog billigte und tadelte ihre fromme Handlung nicht; aber ſein Schweigen und ein nachdenkliches Kopfnicken ſchien eher Zufriedenheit, als Mißfallen aus⸗ zudruͤcken. Auf Biondinen machte Caeiliens Erzaͤh⸗ lung des Vorgefallenen den wohlthaͤtigſten Ein⸗ druck, und da ihr Vater uͤber den ganzen, ih⸗ rem Gefaͤhle ſo ſchmerzhaften Vorgang ſchwieg und ſich ſehr ſichtbar bemuͤhte, ſie mit Achtung und Theilnahme zu behandeln: ſo genas ſie in kurzer Zeit wieder, und wie ein Traum lag die naͤchſte Vergangenheit hinter ihr. Aber nichts vermochte Guiskardos Bild aus ihrem Herzen zu verloͤſchen. Immer ge⸗ dachte ſie mit Ruͤhrung und ſchmerzlicher Sehn⸗ ſucht der heitern Stunde der Liebe, die ſie mit ihm und durch ihn gelebt hatte. Ach! und es war noch etwas, das ſie ſtuͤndlich an ihren Liebling erinnerte. Der vertraute Umgang mit dem holden feurigen Juͤngling war nicht ohne Folgen geblieben. Was ſie Anfangs ſich kaum zu geſtehen wagte, ward in wenig Wochen zur vollſten Gewißheit. So maͤchtig das frohe Ge⸗ fuͤhl, Mutter zu werden, auf ſie wirkte, eben ſo ſehr zitterte ſie vor den Folgen, welche die⸗ ſes Ereigniß fuͤr ſie herbei fuͤhren mußte. Ihr Vater hielt Guiskardo fuͤr todt; die ſaͤmmtlichen Bewohner des Schloſſes, Caͤcilia, Rodrigo und Piedro au sgenommen, theilten dieſen Wahn; und da Biondinas Geſundheit keine ſtrenge Aufſicht mehr erforderte: ſo ge⸗ noß ſie jetzt bei ihren Spaziergaͤngen derſel⸗ ben Freiheit, wie ehemals. An einem ſchoͤnen Sommermorgen wan⸗ delte ſie einſam in dem benachbarten Walde umher. Sie hatte eine lange Zeit wehmuͤthig bei dem Scheingrabe verweilt, worin der Ge⸗ liebte ruhen ſollte, und dieſes Verweilen den letzten Wunſch, ihn wieder zu ſehen oder von ſeinem — 177— ſeinem Beſinden Kunde zu erhalten, in ihr ge⸗ weckt. Dieſer Entſchluß war kaum gefaßt, als Biondina auch ſchon zur Ausfuͤhrung ſchritt. Den Weg nach der Klauſe des ehrwuͤrdigen Eremiten kannte ſie aus den Erzaͤhlungen der treuen Diener, die Guiskardo dahin getragen hatten, und raſch verfolgte ſie ihn. Sie fand ihn gluͤcklich, ſo verſteckt er auch war; und nachdem ſie eine Stunde lang uͤber Klippen geſprungen war und durch Abgruͤnde voll Ge⸗ ſtruͤpp ſich durchgearbeitet hatte, ſah ſie in ei⸗ nem friedlichen, von ſteilen Felſen amphithea⸗ traliſch begrenzten Thale die Klauſe liegen, worin ihr Liebling weilte. Ihr Herz klopfte laut; ihre Schritte wurden zoͤgernder— aber Liebe und Sehnſucht machten ihr Muth, und raſch gieng ſie auf die aͤrmliche Huͤtte zu. Eine Kuh und einige Schaafe weideten auf einem kleinen Grasplatze vor der Klauſe, und ein Hund ſprang munter ihr entgegen und begruͤßte ſie mit lautem Gebell. Es war ihr hier ſo heimiſch, als wenn ſie hier geboren waͤre; das Wunderland einer gluͤcklichen, harmlos durch⸗ lebten Jugend glaubte ſie in dieſem engen be⸗ ſchraͤnkten Raume wieder zu finden. Des Hundes Gebell rief den Eremiten, einen ernſten Mann mit feierlicher Miene und Ehrfurcht gebietender Haltung, aus der Klauſe heraus. Biondina wollte ſich ihm eben nahen, um ihm die Hand zu kuͤſſen, als Guiskardo, ſchoͤner, bluͤhender, als je, hinter ihm heraus⸗ trat und ein gegenſeitiges Erkennen, ein glei⸗ cher Ausruf der Liebe und Verwunderung, dem Einſiedler das Raͤthſel von Biondinens Erſchei⸗ nung loͤſete. Mit Guͤte empfing er die edle Fuͤrſtentochter und fuͤhrte ſie in eine aͤrmliche Zelle, ihr doppelt heilig, weil Guiskardo hier gelebt, fuͤr ſie und ſeine Liebe hier gelitten hatte. 3 Der Alte war von allem unterrichtet; er konnte Biondinens und Guiskardos Verhaͤlt⸗ niß weder billigen, noch misbilligen; wohl aber beurtheilte er des Herzogs Verfahren ſehr hart, und rieth als warnender Freund, einer Leiden⸗ — — — — — ¹79— ſchaft Grenzen zu ſetzen, welche zwei edle Men⸗ ſchen ins Verderben ſtuͤrzen muͤſſe. 1 Guiskardo blickte Biondinen, dieſe den Geliebten mit Bedeutung und forſchend an; Beide verſtanden ſich, Beide fuͤhlten ſympathe⸗ tiſch, daß ſie unaufloͤslich verbunden waren. Der ernſte Alte ſah bald ein, daß er tauben Ohren predige, und ſchloß mit der Bemerkung, daß er von Guiskardos nahe bevorſtehender Entfernung die Aufloͤſung eines Verhaͤltniſſes erwarte, das fuͤr beide Theile gleich verderblich werden muͤſſe. Nach einiger Raſt trat Biondina den Ruͤck⸗ weg an. Guiskardo begleitete ſie. O welche ſeligen Augenblicke nach ſo ſchmerzlichen Auf⸗ tritten! Welche ſuͤße Vereinigung nach einer 3 ſolchen Trennung! Solche Sekunden wiegen Ronate voll Gram und Ungluͤck auf. Arm in Arm wandelten ſie den kaum gehahnten Weg, und wo Dornen Biondinen den Weg verſperr⸗ ten, da trug ſie Guiskardo auf nerviger Rechte ſiegend daruͤber hinweg. — 180— Auf einer Felſenſpitze blieben ſie ſtehen, wo ſie das wogende Meer weithin uͤberſchauen konnten.„Sieh“— rief Biondina geruͤhrt aus—„dort unten war es, wo Du mich aus den Wellen gerettet haſt.“— Guiskardo blickte mit leuchtenden Augen hinab und ſeufzte tief auf.—„Und dies“— fuhr Biondina fort, ſeine Schlaͤfe beruͤhrend,—„iſt die Narbe, die Du um meinetwillen, um unſerer Liebe willen erhielteſt.“— Guiskardo druͤckte ſie mit Innigkeit an feine Bruſt und rief aus:„Wie gern wuͤrde ich mein Leben hingegeben haben, um ſolchen Gram und ſolche Schmerzen Dir zu erſparen.“ Unter ſo ſuͤßem Gekoſe nahten ſich Beide dem Schloſſe. Hier mußten ſie ſich trennen; hier erſt entdeckte Biondina dem Geliebten ihre Hoffnungen und ihre Sorgen. Guiskardo, feurig wie er war, ſchrie laut auf vor Freude und Entzuͤcken; jetzt erſt konnte er Biondinen ſein nennen.„Jetzt“— rief er freudig aus —„biſt Du mein Weib, und ich bin Dein — — 18²— Gatte; dies— ſtuͤrzt alle Schranken des Stan⸗ des, alle fruͤheren Verhaͤltniſſe nieder. Sey ruhig! Dein harter unmenſchlicher Vater hat fuͤrder keinen Theil mehr an Dir. Dein Wohl und Wehe hat das Schickſal in meine Hand gelegt, wie die Liebe Dich, herrliches Maͤdchen, an mein Herz legte. Nochmals ſey ruhig! Groß genug iſt die Welt fuͤr zwei genuͤgſame Menſchen; laß uns einen Winkel der Erde ſu⸗ chen, wo wir nur, uns und unſerer Liebe leben koͤnnen— er wird bald gefunden ſeyn.““ Seine feurige Rede beſchwichtigte Bion⸗ dinens Sorgen. Sie verſprachen ſich, den fol⸗ genden Tag um dieſelbe Stunde, wieder auf derſelben Stelle zuſammen zu kommen, und ſchieden mit der Gewißheit und dem feſten Ver⸗ trauen, einſt miteinander und durcheinander gluͤcklich zu werden. Ihre Spaziergaͤnge taͤglich bis zu der Klauſe des Eremiten auszudehnen, durfte Biondina 4 nicht wagen wenn ſie nicht ein Verbot ihres Vaters, ohne Caͤcilien auszugehen, befuͤrchten 8¾ — 182— wollte. Die Liebenden waͤhlten deshalb eine kleine abgelegene Grotte im Walde, worin ſie taͤglich ſich fanden, der Gegenwart genoſſen und Blicke in die Vergangenheit und Zukunft warfen. Die letztere aber machte bald den wichtigſten Gegenſtand ihrer Unterhaltung aus. Biondinens immer bedenklicher werdende Lage forderte raſche Maßregeln, und es ward unſern Liebenden nicht leicht, ſich uͤber dieſelben zu vereinigen. Guiskardo rieth zu einer gemeinſamen Flucht; aber Biondina wies dieſen Rath hart⸗ naͤckig von ſich. Was wuͤrde ihr Vater, ihre uͤbrige Familie, was ganz Sieilien von ihr den⸗ ken, von ihr urtheilen! Und doch war ſie um beſſeren Rath verlegen. 5 Sollte ſie ſich Caͤcilien entdeckeng Sie ver⸗ mochte das nicht. Der Geliebte, den gleiche Schuld druͤckte, war der Einzige, dem ſie ein ſolches Geheimniß vertrauen konnte. Welchen Rath wuͤrde ihr auch Caͤcilia*ℳ erthoten koͤnnen? 7 4 — 183— Waͤhrend Beide ſo zwiſchen mancherlei, meiſtens unſtatthaften, zu nichts fuͤhrenden Plaͤ⸗ nen ſchwankten, verſtrich der Sommer: Guis⸗ kardos Ruͤckkehr nach Iſchia ward von einer Woche zur andern anberaumt, und immer wie⸗ der verſchoben. Er konnte ſich von ihr nicht trennen; am wenigſten mochte er Biondinen in dieſem Zuſtande verlaſſen, wo ſie ſeiner Huͤlfe, ſeiner Gegenwart ſo ſehr bedurfte. Eines Tages trat er ſpaͤter, als gewoͤhnlich, bleich und verſtoͤrt in die Grotte, wo Bion⸗ dina ſeiner ſchon eine geraume Zeit mit zaͤrtli⸗ cher Beſorgniß geharrt hatte. Sie blickte ihn theilnehmend und forſchend an, und ſogleich theilte ihr Guiskardo die Urſache ſeines Kum⸗ mers mit. Ein Einwohner von Iſchia war einige Stunden vorher bei ſeinem Oheim ange⸗ kommen und hatte dieſem die Botſchaft mitge⸗ bracht, daß Guiskardos Vater toͤbtlich krank aſey, und die haͤuslichen Beſchaͤftigungen, vor⸗ aͤgklch das Fiſchergewerbe jetzt, wo der Herbſt vor der Thur ſey und Vorrath fuͤr den Winter — 184— eingeſammelt werden muͤſſe, die ſchleunige Ruͤck⸗ kehr des Sohnes erfordere. Sein Oheim, ſo ſehr er den Juͤngling noch laͤnger bei ſich zu haben wuͤnſchte, hatte ihm den Rath ertheilt, in zwei Tagen nach Meſſina zu reiſen und mit einem Schiffe nach Iſchia abzuſegeln, weil die Fahrt in einen kleinen Boote, in dieſer Jah⸗ reszeit, wo ein Sturm es leicht auf offenem Meere uͤberfallen konnte, zu gefaͤhrlich ſchien. So ſehr Guiskardo durch dieſe Botſchaft die ihm mit dem Verluſte eines theuren Vaters und einer angebeteten Geliebten zugleich bedrohte, erſchreckt worden war, eben ſo erſchuͤtternd, wohl noch erſchuͤtternder mußte ſie auf die ungluͤckli⸗ che Biondina wirken.„Guiskardo!“— rief ſie aus—„ich kann Dich nicht ſcheiden ſehen; ich bin verlaſſen und elend ohne Dich! Und was ſoll aus dem Kinde werden, das ich unter meinem Herzen trage? Wenn Du es nicht be⸗ ſchuͤtzeſt, ſo hat es keinen Freund, der ſich ſei⸗ ner annimmt und es vor der Wuth meines ahnenſtolzen, barbariſchen Vaters ſichert. Guis⸗ 5 — 185— kardo, Du kannſt, Du darfſt mich nicht ver⸗ laſſen.“ Mit dieſen Worten warf ſie ſich an die Bruſt des tiefbewegten Juͤnglings und be⸗ netzte ihn mit ihren Seänene 21 HI. „Du haſt recht,“— erwiederte Guiskardo, maͤnnlich gefaßt und entſchloſſen—„wir koͤn⸗ nen uns nicht trennen, keines darf das andere verlaſſen. Auf Sieilien laͤnger zu verweilen, vermag ich nicht; ich wuͤrde undankbar an mei⸗ nem Vater handeln; aber Du, Biondina, mußt mir nach der Heimath folgen. Was Du hier verlierſt, Nang, Reichthuͤmer und vielleicht einſt ein geraͤuſchvolles Leben in Palermo, Meſſina oder Neapel— das kann ich Dir auf Iſchia nicht verſchaffen; aber Liebe, Treue, innige Liebe, und ein friedliches Stillleben unter einem frohen und biedern Voͤlkchen, das kann ich Dir verbuͤrgen. Die Groͤße macht nicht innss glüͤck⸗ lich, ſo wenig wie die Schaͤtze einer halben Wait; aber die Liehe begluͤckt— unter ihren ſchuͤtzen⸗ den Fittig wollen wir uns begeben— und ge⸗ wiß— wir werden gluͤcklich ſeyn.“ — 186— Jetzt konnte Biondina dem geliebten Juͤng⸗ ling nicht laͤnger widerſtehen. Sie willigte in die Flucht, und alles wurde ſorgfaͤltig verabredet. Schon in der folgenden Nacht ſollte Guis⸗ kardo ſie in der Naͤhe des Schloſſes erwarten. Mit den noͤthigen Kleidungsſtuͤcken, und dem was ſie an Gold und Koſtbarkeiten von ihrer verſtorbenen Mutter geerbt hatte, verſehen, wollte ſie ſich aus der Burg ſchleichen und raſch mit dem Geliebten nach Meſſina, wo ſie am andern Morgen zeitig anlangen konnten, ent⸗ fliehen. Wenn ſie Meſſina erſt erreicht hatten, ſo waren ſie geborgen.. Damit der Herzog Biondinen fuͤr todt halten ſollte, ward beſchloſſen, eins der Kleider welches ſie taͤglich trug, nebſt ihrem Schleier, an das Meeres⸗Ufer zu legen, und ihm ſo glauben zu machen, daß ſie ſich in einem Anfall uon Schwermuth in die Wellen geſtuͤrzt habe. Es ließ ſich berechnen, daß dies ihn von ſorg⸗ faͤltigen Nachforſchungen, die als ganz unnuͤtz erſcheinen mußten, abhalten wuͤrde. — 187— Dieſer Plan wurde puͤnktlich ausgefuͤhrt. Um Mitternacht ſchlich Biondina ſich vorſichtig aus dem Schloſſe nach dem Walde, wo der Juͤngling ihrer ſchon harrte. Raſch nahm er ihr das Kleid und den Schleier aus der Hand, ſprang nach dem Meeres⸗Ufer hinab, legte das Gewand und den Schleier auf die Stelle nie⸗ der, wo Biondina einſt in die Wellen geſtuͤrzt, und von ihm gerettet worden war; flog nach der aͤngſtlich harrenden Geliebten zuruͤck und wanderte wohlgemuth mit ihr gen Meſſina zu. Ehe man Biondina noch im Schloſſe vermißte, hatten die Liebenden die prachtvolle Seeſtadt erreicht; ein nach Iſchia beſtimmtes Schiff lag im Hafen ſegelfertig, und nach Verlauf von zwoͤlf Stunden ſchwebten ſie bereits auf den Wellen. Jetzt, wo die Liebenden ſich vor allen Nach⸗ ſtellungen ſicher wußten, waren ſie erſt ganz ruhig. Schmeichelnd legte Biondina ſich an Guiskardos Bruſt und blickte mit ihm nach der vaterlaͤndiſchen Inſel zuruͤck, die ſich immer — 268— mehr von ihnen entfernte, und von der ſie end⸗ lich nichts weiter, als des Aetnas leuchtende Spitze, erblickten, die ihnen noch weithin ſicht:— bar blieb, bis endlich auch ſie ſich im Dufte der Ferne verlor. „Jetzt habe ich mein Schickſal, das Wohl und Wehe meiner Zukunft ganz in Deine Hand gelegt“— fluͤſterte Biondina dem Ge⸗ liebten zu:—„wirſt Du mich auch niemals taͤuſchen?“ „Nie! nie!“— rief Guiskardo feurig aus; —„ewig werde ich Dich als den Engel mei⸗ nes Lebens verehren und mit unwandelbarer Treue lieben.“ Eine innige Umarmung beſiegelte das feier⸗ liche Verſprechen. Nach einer kurzen und gluͤcklichen Fahrt landeten Biondina und Guiskardo auf Iſchia. Die kleine, aͤrmliche Hauptſtadt konnte ſie nicht feſſeln, und raſch eilten ſie der vaͤterlichen Huͤtte zu. — 189— Sie war verſchloſſen; eine truͤbe Ahnung ſtieg in Guiskardos Seele auf. Da trat ein Nachbar an ihn heran, uͤbergab ihm den Schluͤſ⸗ ſel zu der oͤden Wohnung, und meldete ihm: daß ſein Vater geſtorben und bereits ſeit drei Tagen beerdigt ſey. In einiger Entfernung zeigte er ihm ſeinen Grabhuͤgel mit dem einfa⸗ chen Kreuze, das die Achtung und Liebe ſeiner Nachbarn ihm errichtet hatte. Guiskardo eilte darauf zu und kuͤßte den Huͤgel, der die Huͤlle des edlen Vaters enthielt, und beneßte ihn mit Thraͤnen kindlicher Liebe und Dankbarkeit. 8 Als er von dieſer frommen Handlung zu⸗ ruͤckkehrte, trat der gefaͤllige Nachbar noch ein⸗ mal zu ihm heran, und aͤußerte: daß er ihm ein Geheimniß zu entdecken habe, welches ihm von dem Verſtorbenen in der Todesſtunde ver⸗ traut worden ſey. Mit ſeltſam beaͤngſtigenden Gefuͤhlen fuͤhrte Guiskardo Biondinen und den biedern Fiſcher in die einfache Wohnung und dieſer begann: 2½ — 1 90— „Der, den Ihr fuͤr Euern wahren Vater hieltet, Guiskardo, war nur Euer Pflegevater. Als er ſein Ende herannahen fuͤhlte, ließ er mich und den Pfarrer rufen, vertraute uns dieſe fuͤr uns Alle uͤberraſchende Neuigkeit und diktirte dem Pfarrer einen Brief, den Ihr in dieſem Kaͤſtchen ſindet, das noch andere, fäͤr Euch wichtige Dokumente enthaͤlt.“ Mit dieſen Worten uͤberreichte ihm der Fiſcher ein Kaͤſtchen, aus feinem Holze kunſt⸗ reich verfertigt, und mit Gold und Silber zier⸗ lich ausgelegt, und zugleich den Schluͤſſel, den der Verſtorbene ſorgfaͤltig in ein Papier geſie⸗ gelt hatte. Ueberraſcht und in beinahe angſtlicher Spannung, was fuͤr merkwuͤrdige Aufſchluͤſſe er erhalten werde, oͤffnete Guiskardo das Kaͤſt⸗ chen, und das erſte, was ihm in die Augen ſiel, war der Brief ſeines geliebten Pflege⸗ vaters. Raſch entfaltete er ihn und las folgendes: — 191— „Lieber Guiskardo! „Ich fuͤhle, daß mein Ende herannaht, „und mir die Freude nicht zu Theil werden „ſoll, Dich vor meinem Hinuͤbergang in eine „beſſere Welt noch einmal zu ſehen und Dir „meinen vaͤterlichen Segen zu ertheilen. Auch „kann ich Dir die wichtigen Geheimniſſe nicht „muͤndlich entbecken, die ich auf dem Herzen „habe, und ſehe mich deshalb zu einer ſchrift⸗ „lichen Eroͤffnung genoͤthiget. Zu dieſem Zweck „habe ich unſern Herrn Pfarrer rufen laſſen, „um dieſen Brief an Dich abzufaſſen, und un⸗ „ſern braven Nachbar, damit er bezeugen moͤge, „daß er die Thatſachen die Du jetzt erfahren „wirſt, wirklich in meiner Todesſtunde von mir „vernommen, und daß Du, Gutskardo, der „Juͤngling biſt, von dem in dieſem Briefe und „den uͤbrigen Dokumenten, die Dir jetzt einge⸗ „haͤndiget werden, die Rede iſt.“. „Es war am 13. Oktober des Jahrs 1615, „als ein kleines Schiff unfern unſerer Kuͤſte „erſchien, und, da es dem Sturme uhd den — 292— „Wellen nicht mehr widerſtehen konnte, entwe⸗ „der an den Felſen ſcheitern oder unrergehen „mußte. Der Anblick jammerte mich und alle „am Ufer wohnende Fiſcher. Das Schiff zu „retten, war keine Moͤglichkeit; denn ſchon ge⸗ „wahrten wir, daß es langſam zu ſinken an⸗ „fing; aber die Rettung der Menſchen war „mit weniger Schwierigkeiten verbunden, und „dieſe zu verſuchen, gebot uns Chriſtenpflicht. „Wir Fiſcher, ſechs an der Zahl, nahmen „drei Kaͤhne und kamen den Ungluͤcklichen zu „Huͤlfe. Die Vorſehung beguͤnſtigte unſer „kuͤhnes Unternehmen, und wir retteten durch „mehrmaliges Ueberfahren die ganze aus drei⸗ „ßig Perſonen beſtehende Bemannung des „Schiffes. Das groͤßte Mitleid floͤßte vor allen „ein Mann ein, der, einen halbtodten zwei⸗ „jaͤhrigen Knaben in den Armen, in den Na⸗ „chen und aus demſelben herausgetragen wer⸗ „den mußte. Die Stunden, die er noch zu „durchleben hatte, ſchienen gezaͤhlt, und ſchleu⸗ „nige Huͤlfe war nothwendig. Ich ließ ihm . nmit — 193— „mit dem erſtarrten Knaben nach meiner Huͤtte „tragen; denn ſie war die naͤchſte von Allen. „Hier lebte er noch vierundzwanzig Stunden, „und gab dann, mit der Ruhe eines Chriſten, „der ſtets ein tadelloſes Leben gefuͤhrt hatte, „ſeinen Geiſt auf.“ „Das Kind, das er immer krampfhaft „umſchlungen hielt, und das wir, nach ſeinem „Verſcheiden, nur muͤhſam aus ſeinen erſtarr⸗ „ten Armen reißen konnten, warſt Du, Guis⸗ „kardo. Was ich uͤber ſein und Dein Schick⸗ „ſal erfahren konnte, war Folgendes:„„Du „ſeyeſt““— erzaͤhlte er mir, und Dein Tauf⸗ „ſchein, den Du heute ebenfalls erhaͤltſt, beſtaͤ⸗ „tigt ſeine Ausſage:—„„der Sohn des Mar⸗ „cheſe Rinaldo di Paluzzi zu Florenz, und einer „Kammerfrau ſeiner Mutter, der Giulia Mon⸗ „tagni, der Tochter eines daſigen Buͤrgers.““ „Ninaldo's ſtolzer Vater haßte eine Verbin⸗ „dung, welche ſein altes Geſchlecht ſchaͤndete, „zwang ſeinen Sohn, Militaͤr⸗Dienſte zu neh⸗ „men, und warf die verſtoßene Giulia in ein N — 194— „Nonnenkloſter. Weder ihre Familie, noch ir⸗ „gend jemand hat ſeit dieſer Zeit wieder etwas „von ihr gehoͤrt. Rinaldo blieb in einer Schlacht „gegen die Franzoſen, und Dich hatte Dein „barbariſcher Großvater dem Tode geweiht, „um das Andenken an jene, ihm ſo verhaßte „Verbindung gaͤnzlich zu verwiſchen. Aber die „Treue eines alten bewaͤhrten Dieners rettete „Dir das Leben. Dein Vater hatte ihm eine „bedeutende Summe eingehaͤndigt, um Dich „in Sicherheit zu bringen, und er benutzte ſie „redlich zu dieſem edlen Zwecke. Er hatte Ver⸗ „wandte in Sicilien, und wollte Dich dieſen „uͤbergeben. Um den Nachſtellungen des Groß⸗ „vaters zu entgehen, unternahm er die Reiſe „dahin zur See. Aber bald wurde er fiebeer⸗ „krank; ein Sturm, der das Schiff, dem er „ſich mit Dir, dem huͤlfloſen, zweijaͤhrigen „Knaben, anvertraut hatte, uͤberfiel, vermehrte „ſein Uebelbefinden, und er war ſchon eine „Beute des Todes, als er von uns, den Fi⸗ nſchern von Iſchia, gerettet wurde. Ehe er — 195— „verſchied, uͤbergab er mir das Kaͤſtchen, das „Du jetzt mit dieſen Zeilen erhalten wirſt. Es „enthaͤlt 3000 Dukaten und Deinen Taufſchein. „Jene bedeutende Summe beſtimmte der treue „redliche Mann zu Deiner Erziehung; aber ich „habe ſie nicht angegriffen, unverkuͤrzt liefere „ich ſie in Deine Haͤnde. Wenige Wochen vor „Deiner Ankunft war mein Weib von einem „Knaben entbunden worden, der zu derſelben „Zeit, wo ich Dich in meine Huͤtte trug, ge⸗ „ſtorben war. An ſeine Stelle nahm ich Dich „an Kindesſtatt an, ohne meiner Frau die Ge⸗ „heimniſſe zu vertrauen, die jener treue Diener „Deiner Eltern mir mitgetheilt hatte. Auch „Dir verſchwieg ich Deinen Urſprung immer „ſorgfaͤltig, da die Kunde deſſelben Dich leicht „ungluͤcklich machen und Dir nichts nuͤtzen „konnte. Ich wollte Dir das peinliche Gefuͤhl 5„erſparen, aus einer großen Familie entſprun⸗ „gen zu ſeyn, ohne die Vortheile genießen zu „koͤnnen, die mit dieſen Zufaͤlligkeiten verbun⸗ „den ſind. Deshalb erzog ich Dich auch zu N 2 — 196— „meinem Gewerbe, um Dich an Arbeit und „die Muͤhſeligkeiten des Lebens zu gewoͤhnen, „und gewiß wirſt Du mir dieß Dank wiſſen. „Wenn einſt die Vorſehung Dich in den Stand „ſetzt, die Rechte geltend zu machen, welche „Deine Geburt Dir ertheilt, ſo wirſt Du Dich „um ſo gluͤcklicher fuͤhlen, das Andenken an „Deinen ehrlichen Pflegevater Dir um ſo wer⸗ „ther ſeyn. Dein Großvater ſoll, obgleich im „hohen Alter, noch leben. Bewahre deshalb „das Geheimniß Deiner Geburt fortdauernd, „damit ſein Zorn Dich nicht noch jetzt erreiche. „Außer den 3000 Dukaten und dem Taufſcheine „findeſt Du in dem Kaͤſtchen noch die Klei⸗ „dung, die Du damals trugſt, als die Vorſe⸗ „hung Dich in meine Arme legte. Vielleicht „wecken ſie Erinnerungen in Dir, die Dir „Freude machen. Lebe wohl, mein Guiskardo, „mein Sohn. Mein letzter Seußzer iſt ein „Gebet fuͤr Dein Wohl; moͤgſt Du gluͤcklich „ſeyn.“ „Antonio Buzzi.“ ———ÿ,— — 197— Dieſer Brief weckte in Guiskardo und Biondinen die ſeltſamſten Empfindungen. Kein Gefuͤhl von Stolz regte ſich in des Juͤnglings Herzen; aber es that ihm wohl, daß er durch jene Zufälligkeiten der Geburt, wie Vater An⸗ tonio ſich fehr richtig ausgedruͤckt hatte, der liebenswuͤrdigen Fuͤrſtentochter naͤher geruͤckt worden war; und dieſe, ſo gleichguͤltig ihr auch Stand und Wäͤrden waren, fand in jenen merkwuͤrdigen Fuͤgungen einen Fingerzeig des Himmels, der ihre Liebe zu billigen und ihr eine deſto gluͤcklichere Zukunft zu verheißen ſchien.. Indeſſen verſchwiegen Beide das Geheim⸗ niß, das uͤber Guiskardo waltete, ſorgfaͤltig; ſelbſt vor dem biedern Anſelmo, der Biondinen mit vaͤterlicher Herzlichkeit empfing, und in deſſen belehrendem Umgange ſie viele heitere, genußreiche Stunden verlebten. Der Verſchwie⸗ genheit des Pfarrers und des biedern Nach⸗ bars waren ſie gewiß, und ſo konnten ſie faſt uͤberzeugt ſeyn, daß jenes Geheimniß nicht eher 4 — 198— entdeckt werden wuͤrde, als bis ſie es ſelbſt fuͤr · rathſam hielten. Aber auch Biondinens Abkunft, und die ſeltſamen Ereigniſſe, die ſie mit Guiskardo ver⸗ einigt hatten, wurden ſorgfaͤltig von ihnen ver⸗ hehlt. Sie galt fuͤr die Tochter eines Fiſchers in Sicilien, und als eine ſolche ward ſie von dem biedern Pfarrer, der jenes Schreiben An⸗ tonio's abgefaßt hatte, mit Guiskardo ehelich verbunden. Den Stuͤrmen, die die Liebenden beſtan⸗ den hatten, und denen ſie ihre Vereinigung verdankten, folgten frohe, heitere Tage. Gern entſagte Guiskardo dem rohen Fiſchergewerbe, und erbaute ſich von dem Vermoͤgen, das Biondina ihm zugebracht hatte, und unterſtuͤtzt von den 3000 Dukaten, dem Vermaͤchtniſſe ſei⸗ nes ungluͤcklichen Vaters, auf dem ſchoͤnſten Punkte der Inſel eine reizende Villa, von freundlichen Gaͤrten umgeben, und fuͤhrte hier mit ſeiner Gattin, in ruhiger Abgeſchiedenheit, ein patriarchaliſches Leben. Anſelmo, der edle 4 — 199— Greis, deſſen myſtiſches Schickſal ſie eben ſo ſehr an ihn feſſelte, als ſeine Kenntniſſe und ſeine Herzensguͤte, war beinahe ihr taͤglicher Geſell⸗ ſchafter, und als Biondina ihren Gatten nach und nach mit zwei Soͤhnen und einer Tochter beſchenkte, da mangelte ihrem Gluͤcke nichts mehr, und ſie ſegneten die Vorſehung, die ſie dieſe wunderbaren Wege gefuͤhrt, und auf ſo ſeltſame Weiſe vereinigt hatte. Kehren wir jetzt nach Sicilien zuruͤck. Un⸗ beſchreiblich war die Verwirrung im Schloſſe, als Biondina vermißt wurde. Man glaubte, daß ſie vielleicht einen Morgenſpaziergang ge⸗ macht habe, und rief und⸗ ſuchte ſie uͤberall, im Garten und im Walde; aber nirgend fand man eine Spur von ihr. Da brachte ein Fiſcher 3 Biondinens Kleid und Schleier, die er am Meeresufer gefunden, und mit ihnen den Be⸗ wohnern des Schloſſes die Ueberzeugung, daß die Ungluͤckliche ſich in einem Anfalle von Schwermuth in die Wellen geſtuͤrzt habe. Hart war dieſer Schlag fuͤr den Herzog; all' die — 200— rieſenhaften Plaͤne, die er fruͤher entworfen, und mit Stolz und Luſt gehegt hatte, waren mit einem Male geſcheitert. Er wuͤthete gegen Caͤcilien, der er Unvorſichtigkeit, Nangel an Dienſteifer vorwarf, gegen ſeine ganze Diener⸗ ſchaft, gegen ſich ſelbſt. Umſonſt! ſein Schmerz, ſeine Wuth brachten die Verſchwundene ihm nicht zuruͤck, und ſein Zorn ging endlich in ſtumpfe Gefuͤhlloſigkeit uͤber. Zwar fingen mehrere von den Bewohnern des Schloſſes bald an, Biondinas Tod zu be⸗ zweifeln. Man fand, ſo ſorgfaͤltig man auch uͤberall umherſpaͤhen ließ, nirgend ihren Leich⸗ nam, der von den Wellen doch gewiß an das Ufer geſpuͤhlt worden waͤre. Aber die wahre Urſache ihres Verſchwindens errieth man nicht und konnte man nicht errathen, und in Kurzem verbreitete ſich der allgemeine Glaube, daß Biondina bei einem in der Fruͤhe unternom⸗ menen Spaziergange von Seeraͤubern ergriſfon und entfuͤhrt worden ſey. Ein Unfall hat haͤufig ein Heer anderer 1 — 201— Unfaͤlle im Gefolge. Zu derſelben Zeit fing der Herzog an, in der Gunſt des Neapolitaniſchen Hofes zu ſinken. Sein fruͤherer Einfluß ward beſchraͤnkt, und er in die Grenzen eines ge⸗ woͤhnlichen Vaſallen zuruͤckgewieſen. Dieſer neue Schlag war fuͤr ihn nicht minder erſchuͤt⸗ ternd, als der erſte. Seine Geſundheit litt be⸗ deutend, und nur die Kunſt der Aerzte friſtete ſein zweck⸗ und freudenloſes Leben. 5 So verſtrichen ſechs truͤbe Jahre. Der Schmerz, der in der Bruſt des Ungluͤcklichen wuͤthete, zehrte von Tage zu Tage ſeine Kraͤfte mehr ab, und bald glich er einem wankenden Schatten; und von der Heftigkeit und Energie, die fruͤher ihn ausgezeichnet hatte, war keine Spur mehr vorhanden. Da riethen die Aerzte ihm, zur Wieder⸗ herſtellung ſeiner Geſundheit, die Baͤder von Iſchia zu gebrauchen, deren Wirkſamkeit ſie ihm auf das nachdruͤcklichſte angeprieſen. Des Lebens uͤberdruͤſſig, jeden Tag als eine neue ſchwere Laſt betrachtend, wollte der Herzog die⸗ — 202— ſen Rath zuruͤckweiſen; aber Caͤcilia, die durch herzliche Theilnahme und wahren Edelmuth in kurzer Zeit das unbeſchraͤnkteſte Vertrauen des Herzogs ſich wieder erworben hatte, drang ſo lange bittend in ihn, bis er ſich zu der Reiſe nach Iſchia entſchloß. Ach! Beide ahneten nicht, daß ſie der Entwickelung ihres Schickſals entgegen giengen, und wie gluͤcklich ſie in Kur⸗ zem werden wuͤrden. Der Herzog trat die Reiſe in Begleitung Caͤciliens, deren Umgang ihm unentbehrlich ge⸗ worden war, und zweier Diener an. Ohne Unfall langte er auf Iſchia an. Die heitere Inſel, die Gutmuͤthigkeit ihrer Bewohner und die heilſamen Quellen zogen ihn an; und er verweilte laͤnger dort, als es anfaͤnglich ſein Plan geweſen war. Den Reſt der Badezeit genaete er dazu, die Inſel genau kennen zu lernen. Er unter⸗ nahm öͤfters kleine Reiſen in die verſchiedenen. Diſtrikte derſelben, von denen er immer mit erhoͤhter Lebensfuͤlle und Heiterkeit zuruͤckkehrte. 4½ — 205— Auf einer ſolchen Streiferei, wo Caͤeilia ihn begleitete, langte er bei Guiskardos Villa an. Der Tag war heiß, der Herzog ermuͤdet. Er ſetzte ſich mit Caͤcilien auf eine Bank nie⸗ der, und ließ den Beſitzer des Hauſes um eine Erfriſchung bitten. Piedro war es, dem er die⸗ ſen Auftrag ertheilte. Der treue Diener trat in die Villa, und— Biondina, ein liebliches Kind auf dem Arme, war es, der er zuerſt be⸗ gegnete. Gleiche Ueberraſchung auf beiden Sei⸗ ten; Piedro war ſprachlos, Biondina vermochte keinen Laut uͤber die Lippen zu bringen. In⸗ deſſen erholte ſie ſich zuerſt wieder; ſie reichte dem biedern Manne, dem Retter des geliebten Gatten, freundlich die Hand; mit dem Gefuͤhle, der innigſten Verehrung warf ſich dieſer ihr zu Fußen. Von Piedro erfuhr ſe jetzt in der Kuͤrze Alles⸗ was ſeit ihrer Entfernung von Sieilien geſchehen war, wie ſehr des Herzogs ſtarre Sinnesat ſich geaͤndert hatte, und daß er ſelbſt, mit der edlen Caͤcilia, auf einer Bank vor der — 205— Villa ſitze, und ſie, die Herrin, um eine Er⸗ friſchung bitte. Welche Empfindungen erwach⸗ ten in ihrem Herzen! Wie ſuͤß war es fuͤr das edle gefuͤhlvolle Weib, einem Vater und einer treuen Pflegemutter Erquickung reichen zu koͤn⸗ nen! Jetzt war der Augenblick gekommen, wo ſie Schritte zur Verſoͤhnung thun konnte. Er mußte benutzt werden. Sie ließ den Herzog bitten, einzutreten, und flog in den Garten, wo Guiskardo eben mit Biondinas Lieblings⸗ blumen beſchaͤftigt war. Mit leuchtenden Au⸗ gen verkuͤndigte ſie ihm, was vorgefallen, und was ſie zu thun Willens ſey. Guiskardo mochte ihre Freude, ihre Hoffnungen nicht truͤben, und ließ ſie gewaͤhren. In einem heitern Pavillon oronete ſie ſogleich eine wohlbeſetzte Tafel an, und als ſie damit fertig war, ließ ſie den Her⸗ zog und Caͤcilten zu ſich bitten und ſtellte ſich in tiefer Ruͤhrung mit ihrem Gatten und ihren Kindern, das juͤngſte auf dem Arme, dem Eingange des Pavillons gegenuͤber. 5 Der Herzog erſchien, von Caͤcilien gefuͤhrt. — 205— Da konnte Biondina, die von ihnen nicht ſo⸗ gleich erkannt wurde, ſich nicht laͤnger halten; ſie warf ſich mit Guiskardo dem erſtaunten Vater zu Fuͤßen, und ihre Kinder folgten dem Beiſpiele der Aeltern. „Was ſeh' ich?“— rief der Herzog uͤber⸗ raſcht aus und breitete freudig die Arme der lieblichen Gruppe entgegen—„Biondina? o mein Kind! hab' ich Dich wieder!“ Es war eine Scene ſtummer Ruͤhrung; aber nur ſolche Auftritte koͤnnen nach ſolchen Ereigniſſen ver⸗ ſoͤhnen und zerriſſene Bande von neuem an⸗ knuͤpfen. Auf dieſe erſten Ausbruͤche des Gefuͤhls folgten Erlaͤuterungen. Der Herzog erfuhr alles, was geſchehen war; Biondinas Liebe zu dem edlen Juͤnglinge, deſſen Rettung und ihre gemeinſame, durch die Umſtaͤnde nothwendig gewordene Flucht. Als aber Biondina, um den geliebten Gatten in den Augen des Va⸗ ters zu erhoͤhen, von Guiskardos wahren Ver⸗ haͤltniſſen ſprach, als ſie ihm die Dokumente — 206— zeigte, worin es klar bewieſen war, daß er aus der beruͤhmten Florentiniſchen Familie Paluzzi abſtamme— da entſtand eine, der vorigen äͤhnliche, Scene; denn Caͤcilia ſank dem jungen Manne mit den Worten:„Guiskardo! Du biſt mein Sohn, ich bin Giulia Montagni!“ Pohnmaͤchtig in die Arme. Aber noch wunder⸗ barer ward die Seene, als ploͤtzlich der edle Anſelmo, der taͤglich ſeine jungen Freunde be⸗ ſuchte, in den Pavillon trat.„Rinaldo!“— rief Caͤctlie aus,—„Giulia!“ Anſelmo, und auch ſie erkannten ſich trotz der langen Treu⸗ nung und den ſichtbaren Spuren, welche Gram und Jahre in ihren Zuͤgen zuruͤckgelaſſen hat⸗ ten. Ihr Aeußeres war veraͤndert; aber in ihren Herzen gluͤhte noch die alte heilige Flamme. Wir wollen unſern Leſern nicht Guiskar⸗ dos Gefuͤhle, der ſo unerwartet in zwei gelieb⸗ ten Perſonen ſeine Aeltern ſand, und eben ſo wenig die Empfindungen Rinaldos und Giulias ſchildern, die mit einem liebenswuͤrdigen, von — 207— ihnen todt geglaubten Sohne vereinigt wurden. Dergleichen Scenen laſſen ſich nur ſehr man⸗ gelhaft beſchreiben. Aber wir wollen Ihnen mit wenig Worten die fruͤhern Ereigniſſe mit⸗ theilen, welche dieſem uͤberaus merkwuͤrdigen Zuſammentreffen vorhergingen. Rinaldo hatte das Geruͤcht, daß er in einer Schlacht geblieben ſey, abſichtlich verbrei⸗ ten laſſen, um ſich entfernen und die Geliebte Giuliag aufſuchen zu koͤnnen. Wenn er ſie fand: ſo wollte er ruhig und gluͤcklich in einem Win⸗ kel der Erde mit ihr leben. Aber ſein heißer Wunſch ward nicht erfuͤllt. Er durchpilgerte halb Europa; doch Giulia ſand er nicht, und er mußte fuͤrchten, daß der Gram oder die Hand irgend eines verruchten Banditen, auf Befehl ſeines Vaters, ihrem Leben ein Ende gemacht habe. Unfaͤhig, dieſem ſich wieder zu naͤhern, ſiedelte er auf Iſchia ſich an, um ſein Leben daſelbſt in Frieden und ſtiller Trauer um die Verlorne zu beſchließen. Hier war es, wo die Vorſehung ihn mit ſeinem Sohne zu⸗ ſammenfuͤhrte, deſſen Erzieher er ward, ohne zu ahnen, wer der liebliche Knabe eigent⸗ lich war. Giulia fand Gelegenheit, aus dem Kloſter zu entfliehen, und lebte unter den Namen Caͤ⸗ cilia, den ſie im Kloſter angenommen hatte, bei mehrern angeſehenen Familien Italiens als Erzieherin, bis ſie in gleicher Eigenſchaft zum Herzog von Roſara berufen und zu Biondi⸗ nens Bildnerin erwaͤhlt wurde. Zu auffallend hatte das Schickſal hier den Mittler geſpielt, als daß ein ſolches Zuſam⸗ mentreffen nicht jeden Ueberreſt von Groll in Aller Herzen haͤtte vernichten ſollen. Alle ge⸗ ſtanden ſich, gluͤcklicher geworden zu ſeyn, als ſie nur haͤtten erwarten koͤnnen. Ninaldo rei⸗ ſete ſogleich nach Florenz ab. Sein Vater war ſchon vor einigen Jahren geſtorben, und ſeine großen Beſitzungen fielen ihm als Eigenthum zu. Er konnte einem Wuͤtherich keine Thraͤnen ſchen⸗ — 209— ſchenken, dem er zwar das Leben, aber auch eine Reihe leidenvoller Jahre verdankte. Er vermaͤhlte ſich hierauf foͤrmlich mit Giulia Montagni, und bewirkte bei dem milden Groß⸗ herzoge, daß Guiskardo zum Marcheſe und zu ſeinem Nachfolger in allen ſeinen Wuͤrden und Guͤtern ernannt wurde. Der Herzog hatte ſich von der Nichtigkeit ſeiner großen Entwuͤrfe, ſeiner ehrgeizigen Plaͤne uͤberzeugt, und der, den er fruͤher den Raben zur Atzung hatte vorwerfen laſſen wollen, war ihm jetzt ein willkommner Eidam. Ja, er brachte es in der Folge bei dem Nea⸗ politaniſchen Hofe ſogar dahin, daß auf Guis⸗ kardo auch ſein Name und ſeine Wuͤrde uͤber⸗ getragen wurde. 5 Rinaldo und Giulia, durch fruͤheren Gram niedergebeugt, lebten von neuem auf, und gluͤck⸗ liche Jahre entſchaͤdigten ſie fuͤr die truͤbe Ver⸗ gangenheit. 9 Guiskardo und Biondina aber— ſeliger als je, da jetzt keine Schuld ſie mehr druͤckte,— brachten den Sommer hinfort in Sicilien, den Winter in Florenz zu, und erheiterten ſo den ehrwuͤrdigen Perſonen, denen ſie das Leben verdankten, durch innige, zaͤrtliche Liebe den Abend des Lebens. IV. 2 — ᷣ — — ½ — ᷣ 2 — — ᷣ — * — O 2 Im Jahr 1576, waͤhrend der Regierung Carls V., der mit Recht der Weiſe genannt wurde,— denn die Wiſſenſchaften bluͤhten un⸗ ter ihm, und das Ritterthum ſtand im hoͤchſten Glanze und wirkſam da— ward in einem, angenehm an den Ufern der Seine gelegenen Schloſſe Berenger de Presles geboren. Sein Vater war einer der tapferſten Offiziere des Koͤnigs, und deshalb bot der edle Fuͤrſt ſich dem gluͤcklichen Vater ſelbſt zum Taufzeugen an, und beauftragte einen der beruͤhmteſten Ritter damaliger Zeit, den Kapitain Jean de Neuville, ſeine Stelle bei der Taufe zu ver⸗ treten. 4 Berenger lag noch, ein Saͤugling, in der Wiege, als ſein Vater ſtarb. Aber ſorgfaͤltig * 8 — 214— ward er von ſeiner Mutter erzogen, in den ed⸗ len ritterlichen Kuͤnſten unterrichtet, und, wie er das zwoͤlfte Jahr zuruͤckgelegt hatte, als Schildknappe zu ſeinem beruͤhmten Pathen ge⸗ ſandt, damit er unter deſſen Augen ſich ferner ausbilden moͤge. Als der Juͤngling am Tage ſeiner Abreiſe fruͤh zum letzten Mal in das Schlafzimmer der geliebten Mutter trat: da ſchloß ſie ihn mit heißen Thraͤnen in ihre Arme, und wuͤnſchte ihm das hoͤchſte Gluͤck des Lebens. Und immer druͤckte ſie den holden Liebling mit neuer Luſt und erneutem Schmerz an ihre Bruſt, als „Ungluͤckliche Mutter! Du ſiehſt Deinen Sohn nie wieder.“ —n die Stimme der Ahnung ihr ſagte: Und als Berenger, von einem bewaͤhrten Diener begleitet, immer nach dem vaͤterlichen Schloſſe umſchauend und gruͤßend, die Straße entlang ritt— da winkte ihm die liebevolle Mutter, auf hohem Soͤller ſtehend, oft mit dem von Thraͤnen benetzten Tuche ihre Gruͤße, ihren 7 1.₰ — —— — 215— Segen zu, ganz mit den Gefuͤhlen, als wenn ſie dieſen, ihren einrzigen Sohn, den Liebling ihres Herzens, die Hoffnung und die Stuͤtze ihres Alters, den Wellen eines fernehin wo⸗ genden Meeres vertraute. Und iſt denn das wechſelvolle Leben, worin der muthige Juͤng⸗. ling mit inniger Luſt und freudigen Hoffnungen ſich ſtuͤrzt, etwas anders, als ein wellenſchla⸗ gendes Meer, wo wir ſo oft mit unſern glaͤn⸗ zendſten Ausſichten und Hoffnungen ſcheitern? Als Berenger am Horizont verſchwunden, die letzte Staubwolke unter den Hufen ſeiner Roſſe vor den Augen der betruͤbten Mutter aufgewirbelt und von der friſchen Morgenluft zertheilt worden war— da wankte ſie er ft ihren Frauen zu, und ſank ihnen mit heißen Thraͤnen und dem ſchmerzlichen Ausrufe in die Arme:„Ach! ich ſeh' ihn ja doch nicht wieder!“ Als Berenger mit ſeinem treuen Diener um einen Huͤgel bog, der ihm den Anblick der Heimath entzog— da druͤckte er weinend einen innigen Kuß auf den glaͤnzenden Achat, den ſeine Mutter ihm an einer goldenen Kette in der Scheideſtunde um den Hals gehaͤngt hatte. Durch einen edlen Vorfahren war er von den Ufern des Jordan in das Vaterland mit ge⸗ bracht worden, und auf ſeiner leuchtenden Flaͤche waren die Worte eingegraben:„Gott, Frankreich, Ehre.“ Sobald dieſe fromme Pflicht erfuͤllt war, ſtieß der ritterliche Juͤngling ſei⸗ nem muthigen Roſſe die Sporen ſo kraͤftig in die Seiten, daß es ſchnaubend durch die bluͤ⸗ henden Felder, durch den ſtrahlenden Morgen flog, und mit Muͤhe, aͤngſtlicher Sorge voll, folgte der treue Gottfried dem feurigen Juͤng⸗ ling. Am andern Tag in der Fruͤhe langte Be⸗ renger beim Schloſſe Neuville an. Es war ihm, als wenn eine andere Welt ſich beim An⸗ blick dieſer ſtark befeſtigten Burg vor ſeinen Au⸗ gen entfaltete. Die zackigen Mauern, die hohen Waͤlle und tiefen Graͤben, die weitumſchauenden Thuͤrme und leicht beweglichen Zugbruͤcken— dies alles machte einen wunderbaren Eindruck auf das empfaͤngliche Gemuͤth des jungen Man⸗ nes, der noch ein Fremdling in der Welt war. In dieſem Augenblick ertoͤnte das Angelus aus der nahen Kapelle, und Berengers Bruſt ward von den ſeltſamſten Empfindungen bewegt. Eine gewiſſe Aengſtlichkeit bemaͤchtigte ſich ſei⸗ ner, und begleitete ihn zum Herrn von Neu⸗ ville, dem er ſogleich vorgeſtellt wurde. Aber dieſer ſchloß ihn mit beinahe vaͤterlicher Waͤrme in die Arme, verſprach ihm ſeinen Schutz und die ſorgfaͤltigſte Ausbildung ſeiner Talente, und fuͤhrte ihn zur Graͤfin, ſeiner Gemahlin, der er den lieblichen Juͤngling mit Herzlichkeit em⸗ pfahl. Auch ſie empfing ihn mit muͤtterlicher Zaͤrtlichkeit, und wohler ward es Berenger um die Bruſt. Einen vorzuͤglich angenehmen Ein⸗ druck malhta Alip, die einzige Tochter des Gra⸗ fen, die neben ihrer Mutter ſaß, und ein Jahr juͤnger war, als er, auf den beſtuͤrzten Juͤng⸗ ling. Mit Zartheit und kindlicher Anmuth bot ſie dem ſchuͤchternen Ankoͤmmling die Hand, um ihn willkommen zu heißen, und Berenger — 218— druͤckte einen innigen Kuß auf die ſchoͤn ge⸗ formte Rechte des lieblichen Kindes. Am andern Morgen ſchon ward Berenger in den edlen ritterlichen Kuͤnſten unterwieſen und auf die militairiſche Laufbahn vorbereitet, die er betreten ſollte. Der geringſte Fehler, den er beging, ward mit Ernſt und Strenge geruͤgt. Alix, das holde, zarte Maͤdchen, ver⸗ goß haͤufig Thraͤnen, wenn ſie aus ihren Fen⸗ ſtern dies ſah; aber ruhig, voll Ergebung er⸗ duldete Berenger den Tadel ſeiner Lehrer; denn der beruͤhmte Held Neuville, unter deſſen Augen er gebildet wurde, war ja ganz auf dieſelbe Weiſe erzogen worden. 4 Wenn die Waffenuͤbungen beendigt waren, da ruhte unſer junger Held nicht. Seine Frei⸗ ſtunden widmete er den Wiſſenſchaften, vor⸗ zuͤglich der Dichtkunſt, die er mit jugendli⸗ cher Regſamkeit leidenſchaftlich liebte, oder er ſchwelgte in den Reizen der Natur, die ſo hell ihm entgegen leuchtete, ſo kraͤftig die Saiten ſeines Gefuͤhls beruͤhrte. Der Groß⸗Oheim der jungen Graͤfin Alix, der Prior de Rieux, unterrichtete Berenger taͤglich einige Stunden lang in der Dichtkunſt. Dieſer geiſtvolle Greis litt an zwei unheilba⸗ ren Uebeln: an der Gicht, und an der Sucht zu ſatyriſiren. Die einflußreichſten Perſonen am Hofe nahm er am Liebſten zur Zielſcheibe ſeines Witzes. Je verwundender ſeine Ausfaͤlle waren, deſto ſorgfaͤltiger ſuchte er ſich unter dem Schleier der Anonymitaͤt zu verbergen; und um allen . Verdacht gaͤnzlich von ſich abzuwenden, ließ er 38* Epigramme von ſeinem hoffnungsvollen Zoͤgling abſchreiben, der dieſem Geſchaͤft ſich mit Fleiß und Sorgfalt widmete, und nicht ahnete, daß er durch die Erfuͤllung der Pflicht 3 der Dankbarkeit gegen ſeinen Lehrer ſein eige⸗ nes Lebensgluͤck zerſtoͤren wuͤrde. Das Schloß Neuville lag auf einer An⸗ hoͤhe, und beherrſchte die Oiſe. Hinter den reizenden Gaͤrten der Burg ſprang eine klare Quelle von einem kleinen Huͤgel, uͤber male⸗ — 220— eiſch gruppirte Felſen, luſtig auf blumenreiche Wieſen herab. Sie verlor ſich in einem Erlen⸗ gebuͤſch. Von dieſem Huͤgel aus, der die Aus⸗ ſicht uͤber die umliegende Gegend eroͤffnete, be⸗ gann der Graf gewoͤhnlich ſeine Jagdbeluſti⸗ gungen, und hier erwartete ihn an heitern Ta⸗ gen ſeine Tochter mit ihrer Erzieherin. Den lieblichen Berenger erblickte Alix im⸗ mer zuerſt, und der Graf konnte die Spi be des Huͤgels und die Zinnen der Burg noch nicht gewahren, als der ruͤſtige Juͤngling ihm ſchon mit Gewißheit verſicherte, daß Alix ihnen vom Huͤgel herab eiligſt entgegen kaͤme. Be⸗ renger und Alix wußten, daß ſie ſich hier zu ſuchen hatten, und daß ſie ſich hier fanden. Es war eine freundliche, angenehme Gewohnheit, und Beide waren uͤberzeugt, daß ihre Ahnun⸗ gen ſie nicht taͤuſchten. Die Erlenquelle— ſo wurde jener Bach von den Bewohnern der Gegend genannt ward das Lieblingsplaͤtzchen von Alix und Be⸗ renger, und haͤufig fanden ſich Beide dort zu⸗ —— — 221— ſammen, wenn der Vater mit dem kraͤftigen Juͤngling auch nicht auf die Jagd gegangen war. Aber dann blieben ſie einſylbig und ſchuͤchtern; des Maͤdchens Wangen gluͤhten heller, als das Abendroth, das ſeinen Purpur uͤber die bluͤhenden Waͤlder und das duftende Land warf, und Berenger ſtarrte auf die Blu⸗ men, die am Rande der Quelle zu ſeinen Fuͤ⸗ ßen glaͤnzten; und ſo ſtanden Beide, verſunken in fuͤr ſie raͤthſelhaften Gefuͤhlen, ſich ſo lange oft ganz lautlos gegenuͤber, bis die Erzieherin, den kuͤhlen Abendthau fuͤr das zarte bluͤhende Madchen fuͤrchtend, Alix nach dem Schloſſe zu⸗ ruͤckfuͤhrte, welche oft noch ſich nach dem freund⸗ lichen, gefaͤlligen Juͤngling umblickte, der trun⸗ ken ihr nachſchauete, und erſt, wenn das holde Weſen uͤber die Zugbruͤcke in das finſtre Schloß mit der Leichtigkeit eines Engels geſchwebt war, gedankenvoll ihr folgte. So verfloſſen zwei Jahre. Berenger hatte das funfzehnte Jahr noch nicht erreicht, und ſchon bei mehreren Gefechten, in denen er nicht von der Seite ſeines Herrn wich, Proben von Tapferkeit und Klugheit abgelegt, welche einem Erwachſenen zur Ehre gereicht haben wuͤrden. Selbſt am Hofe Carls ward einige Male mit Bewunderung von dem jungen Schildknappen des Grafen von Neuville geſprochen. Von ſeinem Herrn geachtet, von ſeinen Waffenbruͤdern geliebt, von Alix, dem liebli⸗ chen Maͤdchen, im Stillen angebetet, von ihr, zu der er mit der Schuͤchternheit der aufkei⸗ menden Liebe empor ſah— ſchien er als ein Guͤnſtling des Gluͤcks in die große Welt zu treten. Aber dem war nicht ſo. Oft ſchon verkuͤndigte eine hellleuchtende Morgenroͤthe ei⸗ nen ſtuͤrmiſchen Tag. Seit einiger Zeit waren mehrere gehaͤſſige Pasquille erſchienen, und am Hofe und in der Stadt begierig verſchlungen worden. Man⸗ ſpuͤrte dem Verfaſſer nach; aber umſonſt. Der Prior, von dem dieſe Satyren verfaßt wurden, wußte ſich mit zu viel Schlauheit in den Man⸗ tel der Anonymitaͤt zu huͤllen; denn Berenger, — 223— ſein Zoͤgling in den Wiſſenſchaften, mußte ja durch ſeine Abſchriften die Pfeile verſenden, die er ſchnitt und zuſpitzte. Auch ward er das Opfer ſeiner Gefaͤlligkeit gegen den Prior, deſſen Tuͤcke und Verſchlagenheit ihm das Gluͤck ſei⸗ nes Lebens raubte. Ein wichtiges politiſches Ereigniß gab dem Prior Veranlaſſung, von neuem ſeine ſatyri⸗ ſche Feder in Bewegung zu ſetzen. Er ließ ſie ſich nicht entſchluͤpfen. Der Herzog von⸗ Berry hatte aus Unvorſichtigkeit ein militairiſches Un⸗ ternehmen, das ſehr klug berechnet war, ſchlecht ausgefuͤhrt, und der Prior machte ſich in eini⸗ gen Verſen auf eine Weiſe daruͤber luſtig, wel⸗ che fuͤr die Ehre des Prinzen kraͤnkend ſeyn mußte. Berenger mußte auch dieſes Mal Ab⸗ ſchriften von dieſem Spottliede verfertigen, und zwar zu einer Zeit, wo er einige Tage ſpaͤter in Auftroͤgen ſeines Herrn nach Paris reiſen mußte, als der Ueberbringer wichtiger De⸗ peſchen.. Er langte in der Hauptſtadt an. Seine Hoheit befand ſich in Vincennes, ward aber gegen Abend im Palaſte Saint⸗Paul, den der Koͤnig damals bewohnte, zuruͤck erwartet. Be⸗ renger verweilte alſo hier, entledigte ſich am andern Morgen ſeiner Auftraͤge, und erhielt den Befehl, ſogleich nach Fontainebleau zu rei⸗ ten, wo die Koͤnigin ſich aufhielt. Hier mußte er vier Tage verweilen⸗ und erſt nach einer Abweſenheit von acht Tagen langte er wieder in Neuville an. Er war am Hofe Carls wohl aufgenom⸗ men und mit Auszeichnung behandelt worden, und brachte dem Grafen eine genuͤgende Ant⸗ wort zuruͤck. Welche Freude mußte ſein Herz erfuͤllen, als er die Zinne der Burg im Abend⸗ roth leuchten ſah! Schon befand er ſich in der Naͤhe der Quelle, die fuͤr ihn und die liebende Alix ſo hohe Reize hatte. Er glaubt ſie in der Ferne zu ſehen; er taͤuſcht ſich nicht, ſie iſt es, ſie ſteht an der Kapelle, die auf dem Huͤgel er⸗ baut iſt, und deren bunte Scheiben in den letz⸗ ten ten Sonnenſtrahlen zu gluͤhen ſcheinen. Als ſie den geliebten Ritter erblickt, da ſchwingt ſie lebhaft ihr Schnupftuch in die weiche Abend⸗ luft empor, ihm ein Zeichen zu geben, und der Juͤngling ſpornt das keuchende Roß zum ge⸗ ſtreckten Galopp, und liegt in wenig Minuten zu den Fuͤßen der Geliebten. Aber ſo glaubte Berenger das liebevolle Maͤdchen nicht zu finden! Ihre Wangen waren bleich, ihre Augen voll Thraͤnen, und als ſie den knieenden Juͤngling erſchrocken ſie anſtar⸗ ren ſah, erſt da hatte ſie Faſſung genug, ihm mit aͤngſtlicher Haſt zuzurufen:„Fliehen Sie, Berenger, ſſiehen Sie; Sie haben alles zu fuͤrchten, wenn Sie nach dem Schloſſe kom⸗ men.“ Sle lehnte ſich au die Maner des hei⸗ ligen Hauſes und weinte ſtill. „Um Gottes Willen, Alix, was iſt geſche⸗ hen?“— rief Berenger mit bleichem Geſicht, raſch aufſpringend, aus. Alix wußte nicht, was vorgefallen war; aber ſie war Zeuge von der Wuth ihres Vaters — ꝗoy= geweſen, und hatte ihn die ſchrecklichſten Des⸗ hungen gegen Berenger ausſtoßen hoͤren. Sie mußte das Schrecklichſte fuͤr den geliebten Juͤng⸗ ling befuͤrchten. Berenger faßte ſich zuerſt wie⸗ der; ſein Gewiſſen machte ihm keine Vorwuͤrfe, kein Verbrechen beſchwerte es. Fliehen konnte er nicht, die Ehre gebot ihm, ſich in den Au⸗ gen ſeines Herrn von jedem entehrenden Ver⸗ dacht zu reinigen. Alix beſchwor ihn mit heißen Thraͤnen, ſein. Leben nicht aufs Spiel zu ſetzen und ihrem Hrel Vater zu keiner verbrechertſchen Handlung Ge⸗ legenheit zu geben, ſich mindeſtens auf einige Tage verhorgen zu halten— aber Berenger hatte den Muth, diesmal ihren flehentlichen Bitten zu widerſtehen und auf dem einmal ge⸗ faßten Entſchluß zu beharren. Alix, einen langen Blick voll Schmerz und Liebe auf den Juͤngling heftend, wankte mit Bertha, der aͤlteſten ihrer Frauen, durch die Pforte des Parks nach dem Schloſſe zuruͤck, und Berenger ritt muthig, gefaßt, und erhoben —— durch das Gefuͤhl der Unſchuld, uͤber die Zug⸗ bruͤcke in den Schloßhof. 8 Er ſah ſich nach einem Knecht um, der ihm das Pferd abnehmen ſollte; es erſchlen keiner. Er mußte es ſelbſt abſchirren und nach dem Stalle fuͤhren. Einige Diener begegneten ihm, und er trug ihnen auf, ihn beim Grafen zu melden; aber ſie ſchuͤttelten mit den Koͤpfen, machten einige leere Ausfluͤchte und entfernten ſich. Ganz verwundert, aber entſchloſſen, ging Bedenger nach dem Wappenſaale und ſah hier den Gra⸗ fen ruhig ſitzen. Er unterhie lt ſich mit dem Prior. Als er aber den Juͤnglit 18. gewahrte, der ernſt und beſcheiden ſich ihm nahte, ſo warf er ihm einen wuͤthenden, durch bohrenden Blick zu, und zeigte ihm, ohne ein Wort zu ſagen, die letzte, von ſeir er Hand geſchrlebene Satyre. Berenger hatte ſie in dem Zimmer, welches er im Pallaſt des Koͤnigs bewohnte, aus Unachtſamkeit aus ſeiner Taſche fallen laſſen. Durch den Herzog von Berry ſelbſt war ſie P dem Grafen zugeſandt worden, und um ihm einen Beweis von Achtung zu geben, hatte der Fuͤrſt ihm die Beſtrafung des jungen Verbre⸗ chers uͤberlaſſen. Berenger wurde bald blaß, bald roth, als er ſeine Handſchrift erkannte, und warf einen ungewiſſen fragenden Blick auf den Prior, der demſelben auszuweichen ſuchte. Der Juͤngling wollte ſich durch Laͤugnen retten; aber wes konnte das da helfen, wo ein ſchriftlicher Be⸗ weis vor Augen lag? Nachdem der Graf ihm die heftigſten Vorwuͤrfe gemacht hatte, befahl er ihm im hoͤchſten Zorn, auf der Stelle ſein Schloß zu verlaſſen; ſelbſt die Bitten der Gra⸗ fin, die durch den Schmerz ihrer Tochter ge⸗ kuͤhrt ward und ſich, um ſie wieder rut higer zu ſehen, fuͤr den Verurtheilten verwa undte, ver⸗ mochten der Unerblttlichen nicht zu einer Mil⸗ derung ſeines Urtheils zu benean⸗ und mitten in der Nacht oͤffnete ſich das Schloßthor, und mit zerriſſenem Herzen rerür der unſchuldige Juͤngling mit den Gefuͤhlen des tiefſten Schmer⸗ 3 zes die Burg, die ſein Alles umſchloß. Eben ſchlug die Schloßuhr zwoͤlf, als Berenger zum Burghofe hinausritt. Der Mond ſchien hell, und beleuchtete die Gegend, die in magiſchem Schimmer vor ihm ausgebreitet lag. Gedan⸗ kenvoll, und mit Muͤhe die Thraͤnen im Auge zuruͤckpreſſend, ritt er durch die ſtille, glanz⸗ volle Nacht. Ploͤtzlich hielt er, blickte ſinnend nach dem Schloſſe zuruͤck, breitete, als er in Alix Zimmer Licht ſah, die Arme mit tiefer Nuͤhrung nach dem Engel aus, der dort jetzt um ihn weinte, und gab dann dem muthigen Roſſe die Sporen, um im Galopp aus einer Gegend zu jagen, wo er einige gluͤckliche Jahre verlebt hatte, und das zuruͤckließ, was allein ihn an das Leben feſſelte und zu den ritterlich⸗ ſten Thaten zu entflammen vermechte. Erſt den folgenden Tag— beim Nieder⸗ gang der Sonne— langte Berenger in der Naͤhe ſeiner Heimath an. Wie hob ſich ſeine Bruſt, welche unbeſchreiblichen Gefuͤhle durch⸗ ſtroͤmten ihn, als er die ihm ſo bekannte, ach! und ſo liebe Gegend erblickte, wo er froh und harmlos die ſeligen Jahre der Kindheit verlebt hatte! Er weidete ſich lange mit inniger Luſt an den Gegenſtaͤnden, die ihn umgaben, und von denen jeder ſo freundliche Erinnerungen in ihm weckte. Das, ja das war das Fenſter, aus dem ſeine Mütter ihm beim Scheiben mit dem feuchten Tuche ihren Seegen nachwinkte; aus jeuem dort im Erdgeſchoß war er ſo oft in den Graben geſprungen; auf dieſem gruͤnen Pläͤtz⸗ chen hatte er im Fruͤhling immer die erſten Veilchen gepfluͤckt, und dort an dem uͤppigen Zanne ſtets die erſten Roſen gebrochen. Eine Wunderwelt von Gefuͤhlen und Erinnerungen oͤffnete ſich ihm. Er ritt ſehr langſam und gedankenvoll auf einem Fußſteige der hintern Pforte zu, durch die er als ein neunjaͤhriger Knabe zum erſten Male ins Weite gejagt war. Er ritt mit beengter Bruſt in den Schloßhof. g) Der alte treue Diener, der ihn vor beinahe drei Jahren auf ſeinem erſten Ausfluge beglei⸗ ————— — 4— — tet hatte, und den er, wegen Altersſchwaͤche, ſeiner Mutter zuruͤckſenden mußte, ſchrie laut i Freude, als er den geliebten Juͤngling * ickte; aber mit Thraͤnen naͤherte er ſich ihm und hauchte matt und tief erſchuͤttert die Worte hervor:„Sie iſt nicht mehr!“ „Gott! Gott! Meine Mutter!“— rief Berenger aus und ſchlug die Haͤnde vor die Augen.— Er fand keine Worte mehr; er hatte nur Thraͤnen. „Ach! ſie wuͤnſchte Sie nur noch ein ein⸗ ziges Mal zu ſehen!“ ſchluchzte der treue Die⸗ ner; aber beinahe zornig winkte Berenger ihm, zu ſchweigen; ſein Herz war zerriſſen— jedes Wort des Alten ſchaͤrfte ſeinen Schmerz, er⸗ hoͤhte ſeine Quaal. Ein heftiges Fieber ergriff den zart em⸗ pfindenden Juͤngling und feſſelte ihn an das Bette; erſt nach vierzehn Tagen gelang es der Kunſt des Arztes, ihn voͤllig wieder herzu⸗ ſtellen. — 232— Nachdem er den Sarg, der die irdiſche Huͤlle der hoch verehrten Mutter umſchloß, mit heißen Thraͤnen benetzt hatte, uͤbergab er den Kaſtellan des Schloſſes die Verwaltung ſei Vermoͤgens, beauftragte ihn, die vier tugend⸗ hafteſten Maͤdchen des Dorfes mit einer be⸗ ſtimmten Summe auszuſtatten, ihnen aber zur Pflicht zu machen, daß ihre erſten Kinder die Namen Alix und Berenger fuͤhren ſollten, und bereitete ſich, zum zweiten Male das Vaterhaus zu verlaſſen, ſich zum zweiten Male den Wellen des Lebens und der Verhaͤltniſſe anzuvertrauen. Am Morgen ſeiner Abreiſe ſchloß er ſich in das Zimmer ein, das ſeine Mutter ehemals bewohnt hatte, und ſchrieb ein Billet an Alix, übergab es dem treuen Alten, um es dem lie⸗ ben Maͤd chen an der Erlenquelle einzuhaͤndigen, und ſchwang ſich ſodann auf ſein Roß, um ſich nach Dijon, an den Burgundiſchen Hof, zu wenden. Dahin ſollte der greiſe Liebesbote auch von Alix Antwort bringen, wenn— was er mit Beſtimmtheit erwartete— die Geliebte „ 3 3 — 233— ieder ſchreiben wuͤrde— eine Hoffnung, ee ein heller Strahl in ſein Herz ſielt. der Herzog von Burgund hatte den Gra⸗ von Neuville einſtmals beſucht und Beren⸗ ger beſonders ausgezeichnet. Zu ihm ſich zu wenden, rieth dem Juͤngling die Klugheit und — ſein Herz. Nur durch Auszeichnung und ritterliche Thaten konnte er Alix Beſitz ſich er⸗ werben. Der Wunſch, groß und beruͤhmt zu werden, erwachte in ihm nicht; nur die Liebe fuͤllte ſein ganzes Herz aus. Acht Tage lang war er ſchon durch Waͤlder und Fruchtgefilde, uͤber Huͤgel und durch Thaͤler mit ſeinem edeln Roſſe dem freundlichen Burgund zugeritten, als, einige Stunden von Auxerre entfernt, die Gluth der Sonne ihn bewog, in einem ſchatti⸗ gen Walde Halt zu machen, um ſich und ſei⸗ nem Roſſe einige Ruhe zu goͤnnen. Ploͤtzlich vernahm Berenger, der, den Zuͤgel des Pfer⸗ des am Arme haltend, ſinnig auf duftenden Waldblumen lag, Degengeklirr und Huͤlferuf. Naſch warf er ſich auf das Roß und flog der 234 Gegend zu, aus welcher das Getoͤs erſch Drei Bewaffnete drangen auf einen Wtätzt ein, und es ſchien, daß er ihnen in wenig genblicken erliegen wuͤrde. Mit Blitzesſch das ſtrahlende Schwert in der erhobenen Rech⸗ ten, ſtuͤrzte Berenger ſich auf die Angreifer, die einen ſo unritterlichen Kampf fuͤhrten, ſchlug een Einen mit einem kraͤftigen Hiebe zu Bo⸗ den, jagte die Beiden Andern, die uͤber ſeine ploͤtzliche Erſcheinung ſo beſtuͤrzt als verwun⸗ dert waren, in das Dickicht, und ein zitternder Greis ſank, halb erſchoͤpft durch Angſt und Wunden, vor ſeinem jugendlichen Retter nie⸗ der. Vom Pferde herabſpringen und den dank⸗ baren Greis vom Boden aufheben, war das⸗ Werk eines Augenblicks. Der Angefallene war der edle Marſchall von Loigny, ſeine Angreifer waren Raͤuber, und ſein Schloß lag in der Naͤhe. Berenger verſchwieg ihm zwar ſeinen Namen, nach dem der Greis ſich erkundigte; aber ſeine Bitte, ihn nach ſeiner Burg zu geleiten, konnte er nicht unerfuͤllt laſſen. DSeit Carls des V. Tode lebte der Mar⸗ ſchall, ruhig den Abend ſeines Lebens genießend, unter ſeinen Unterthanen, die wie einen Vater ihn liebten und ehrten. Gleich einem Sohn ward Berenger von dem wuͤrdigen Manne auf⸗ genommen, und ſchon nach zwei Tagen gelang es dieſem, von ſeinem jungen Netter zu erfah⸗ ren, warum ſolche tieſe Schwermuth ſein Auge bewoͤlkte. Da ſchloß der Marſchall ihn mit Waͤrme an ſeine Bruſt, und erbot ſich, ihn ſelbſt am Burgundiſchen Hofe einzufuͤhren, und dort laut zu verkuͤnden, wie dem tapfern Juͤng⸗ ling ſo weh geſchehen ſey. Aber ſo ſchmeichel⸗ haft ein ſo ehrenvolles Anerbieten fuͤr dieſen auch war: ſo ſah er ſich doch gezwungen, es abzulehnen. Die Ehre gebot ihm, uͤber jenen Vorfall tiefes Schweigen zu deobachten, da er ſonſt den Grafen von Reuville, den Prior— ach! und vielleicht auch Alix in den Augen der Welt compromittirt haben wuͤrde. Der Mar⸗ ſchall konnte dem Juͤngling darin nicht ganz Unrecht geben, pries ſein Zartgefuͤhl und nach einer kurzen Raſt auf dem Schloſſe ſeines dank⸗ baren Wirthes zog Berenger dem glaͤnzenden Dijon zu. Den treuen Diener fand er bereits; und — o ſeliges Entzuͤcken!— er hatte einen Brief von Alix, den er ihm triumphirend, die Wonne ſeines jungen Gebieters ganz fuͤhlend, einhaͤn⸗ digte. Haſtig riß Berenger das Siegel ab und las: „Mein Vater zuͤrnt noch immer mit der „Heftigkeit auf Sie, von der Sie Zeuge wa⸗ „ren. Aber muthig! Sie werden ſich Ruhm „erwerben und wir Beide gluͤcklich ſeyn. Leben „Sie wohl, mein Berenger! Ihr eigen bis in „den Tod.“ „ Alix. Hundertmal las der liebende Juͤngling die ſuͤßen Worte, von der geliebten Hand geſchrie⸗ ben, und druͤckte gluͤhende Kuͤſſe auf dieſes erſte — 237— Unterpfand ihrer Lieb' und Treue. Er warf ſogleich folgende Zeilen auf das Papier: „Sie werden mich nicht eher wieder ſehen, „nicht eher von mir hoͤren, Engel meines Le⸗ „bens, als bis ich Ihrer wuͤrdig bin,“ und beauftragte den treuen Diener, dieſe Ant⸗ wort ſogleich in Alix Haͤnde abzuliefern. Bis zum Herzog gelaſſen zu werden, ge⸗ lang dem einfachen Schildknappen nicht; er machte zwanzigerlei Wege, um zum Ziele zu ge⸗ langen, und immer umſonſt. Da wurden ploͤtz⸗ lich Truppen gegen den Herzog von Geldern geworben, welche der Koͤnig in Perſon anfuͤh⸗ ren wollte. Berenger faßte raſch den Ent⸗ ſchluß, als Freiwilliger mit in den Kampf zu ziehen. Der Krieg war nicht von langer Dauer, aber moͤrderiſch. Ueberall kaͤmpfte unſer junger Held mit hoher Auszeichnung, und ruhmvoll wuͤrde ſein Name genannt worden ſeyn, wenn ihn nicht die Anweſenheit des Herzbgs von Berry im Lager gezwungen haͤtte, ihn zu ver⸗ ſchweigen. Der Herzog von Geldern ſchloß Frieden, und unterwarf ſich dem Koͤnig von Frankreich; Berenger aber, um alles zu verſuchen, was ſei⸗ den Blumenſpielen Antheil zu nehmen, zu de⸗ nen in kurzer Friſt die poetiſchen Einſendungen beginnen ſollten. Dieſe Wettſpiele beſchaͤftig⸗ ten damals ganz Frankreich; jeder nur einiger⸗ 3 maßen gebildete Mann, jedes gebildete Weib, jedes zartfuͤhlende Maͤdchen, nahm an der Ver⸗ theilung des Preiſes den waͤrmſten Antheil. Berenger entwarf einen Koͤnigsgeſang, worin er die Vorzuͤge des jungen Fuͤrſten erhob; und — trug uͤber Caſtel und Jean de la Fontaine, die beruͤhmteſten Meiſterſaͤnger damaliger Zeit, den Preis davon— ihm ward die goldene Amaranthe zu Theil. Auf dem Schloſſe des edlen Marſchalls von Loigny, den er auf ſeiner Burg heimgeſucht hatte, empfing er dieſe gluͤck⸗ jetzt wuͤrdig genug, mit ſeinem guten, nie ent⸗ weihten Schwerte zum Ritter geſchlagen zu nen Namen verherrlichen konnte, beſchloß, an liche Botſchaft, und der Marſchall fand ihn werden. Berenger war außer ſich vor Freude— Alix ward ihm durch dieſe Wuͤrde weit, weit naͤher geruͤckt. Die Schloßkapelle ward zur Vollziehung der feierlichen Handlung beſtimmt; mehrere Waffengefaͤhrten wurden vom Mar⸗ ſchall eingeladen, und zogen wohlgewappnet in die Burg ein. Nachdem der Kapellan die Waf⸗ fen des Juͤnglings geweiht hatte, uͤbergab ihm der Marſchall nach einander die Sporen, das Panzerhemd, den Kuͤraß, die Armſchienen und Handſchuhe. Sodann guͤrtete er ihm das Schwert um und ſprach: „Berenger, empfangen Sie dieſen Degen, „den ich jetzt in Ihre Haͤnde gebe. Ich bitte „Gott, daß er Ihnen Ihr edles Herz bewahre, „das ſo ſchaͤtzbar iſt, als Ihre ritterliche Ta⸗ „pferkeit, damit Sie Ihrem Vater ruhmwuͤr⸗ „digen Andenkens in allen Stuͤcken gleichen.“ Hierauf umarmte er ihn und ſprach, nach⸗ dem er ihm dreimal mit dem Schwerte den Nacken beruͤhrt hatte: „Im Namen Gottes, des heiligen Michaels — 240— „und des heiligen Georgs ſchlag' ich Dich zum „Ritter. Sey tapfer, kuͤhn und rechtſchaffen!“ Der Reſt des Tages wurde mit einem fro⸗ hen Gelag ausgefuͤllt. Der neue Ritter war zu ſtolz auf ſeine Wuͤrde, als daß er ſeine Laufbahn nicht mu⸗ thig haͤtte verfolgen ſollen. Um Ludwig den Zweiten, Koͤnig von Siei⸗ lien und Vetter des Koͤnigs Carl, feſtlich zu begruͤßen, waren glaͤnzende Feſte angeordnet worden. Ein Turnier ward veranſtaltet; alle adeligen Juͤnglinge wurden dazu eingeladen. Berenger beſchloß, von Liebe und Sehnſucht nach der Geliebten ergriffen, dieſe ſchoͤne Gele⸗ genheit zu benutzen, um ſich der liebenswuͤrdi⸗ gen Alix noch wuͤrdiger zu machen. Der Wunſch, ſie zu beſitzen, war ſein einziges Gefuͤhl, ihrer wuͤrdig zu ſeyn, ſein einziger Gedanke. Be⸗ renger eilte nach St. Denis; die trefflichſten Ritter ſeiner Zeit fand er daſelbſt verſammelt. Feſte wechſelten mit Spielen, und der Tag des Turniers erſchien. Die Ritter zogen auf den Kampf⸗ — 24— Kampfplatz, die Koͤnigin ſaß unter dem Thron⸗ himmel, die Frauen ihres Hofes umringten ſie. Da erblickte Berenger die Geliebte, ſie war durch die Koͤnigin beſtimmt, dem Sieger den Preis zu ertheilen. Die Ritter flogen mit ihren Lanzen einan⸗ der entgegen; Berenger war zuerſt auf dem Kampfplatz erſchienen, und nachdem er viermal Sieger geweſen war, ſchmetterten die Trompe⸗ ten, um den Schluß des Turniers zu verkuͤndi⸗ gen, da keiner der mannhaften Ritter den kraͤf⸗ tigen Juͤngling bekaͤmpfen zu koͤnnen hoffte. „Wer iſt dieſer tapfere Ritter?“— rief der Koͤnig aus,„wer iſt der junge Held, der die erſten Krieger meiner Staaten zu Boden warf?“ Berenger ſchlug das Viſir auf, und nannte mit Schuͤchternheit dem Koͤnig ſeinen Namen. Der Koͤnig laͤchelte ihm freundlich zu, und winkte Alix heran zu treten, und mit zittern⸗ den Haͤnden umſchlang ſie ihn mit der dem Sieger beſtimmten Feldbinde. Halb bewußtlos fluͤſterte ſie dem ſo innig Geliebten ganz leiſe Q — 242— die Worte zu:„in drei Tagen, des Abends um acht Uhr an der Erlenquelle.“ Der Herzog von Berry war Zeuge des Triumphs unſers jungen Helden, und Wuth ergriff ihn, als er ſeinen Namen nennen hoͤrte. Einem ſeiner Guͤnſtlinge, La Beaume, der eines der erſten Hofaͤmter bekleidete, hatte er die Hand der liebenswuͤrdigen Alix verſprochen. Er bemerkte, daß Alix und Berenger ſich verſtan⸗ den; um den Verhaßten, der ihn ſo ſchwer be⸗ leidigt hatte, niederzuſchmettern, ſuchte er die Verbindung ſeines Guͤnſtlings mit dem ſchoͤnen Madchen zu beſchleunigen. Alix und Berenger erfuhren davon nichts. Das holde Maͤdchen kehrte mit ihrem Vater nach den freundlichen Ufern der Oiſe zuruͤck, wo jeder Baum, jeder Huͤgel, ja beinahe jeder Stein ſuͤße Erinnerungen in ihr erweckte. Der dritte Tag war verſtrichen, Alix flog nach der Erlenquelle. Von der Schloßuhr er⸗ toͤnte die achte Stunde.„Er kommt, o ja, er kommt gewiß; mein Herz ſagt es mir.“ Sie — 243— irrte unter den benachbarten Baͤumen umher; ſie hatte den Namen des Geliebten in die Rinde ſo vieler derſelben geſchnitten, und weit hin durch den Wald waren die ſchoͤnſten Erlen von Berengers Hand mit Alix Namen geſchmuͤckt. Was Aliyx geſchrieben hatte, war friſch oder er⸗ neuert; was Berenger in den Baum grub, war bemooſt— aber mit Kindlichkeit und inniger Liebe flog Alix mit den Sonnenſtrahlen durch den heiligen Wald, um an den Zuͤgen des Ge⸗ liebten ſich zu weiden— ſeine Hand war an jedem einzelnen Striche ihr kennbar. Ein Ritter jagte durch den Wald— es war Berenger— die Liebenden lagen ſich in den Armen. „Mein Vater“— ſprach Alix zu dem Ge⸗ liebten, nachdem Beide ruhiger geworden wa⸗ ren—„hat mich dem Ritter La Beaume zur Gattin beſtimmt; aber, Berenger, noch kennt mein Vater Deinen Namen nicht, noch weiß er nicht, welchen Ruhm Du Dir erworben haſt, wie Dein Name in ganz Frankreich von Lippe zu Lippe fliegt. Dein innerer Werth, Deine Verdienſte— Alles iſt unſerm gerechten Koͤnig bekannt. Eile zu ihm, nur er kann uns verei⸗ nigen. Berenger! mit dem heiligen Schwur reiche ich Dir die Hand, nur Dir, oder“— ſie ſchlug das ſchoͤne, ſprechende Auge zum Him⸗ mel auf—„nur Gott zu gehoͤren.“ Berenger, ſeliger Hoffnungen voll, eilte nach Paris; um ſo gluͤcklicher fuͤhlte er ſich, weil der Prior auf dem Todtenbette dem Her⸗ zog von Berry ſich als den Verfaſſer des ihm ſo verhaßten Spottgedichts genannt, und Be⸗ renger ſowohl vor dem Herrn von Neuville, als auch am Hofe des Koͤniss gerechtfertigt hatte.— Erhoben durch ſeine Gefuͤhle, durch die Gewißheit, von Alix geliebt zu ſeyn; erhoben durch den Gedanken, in kurzer Zeit ſie, die er ſo innig liebte, um die er ſo viel gelitten, ganz zu beſitzen, langte Berenger in Paris an. Der Koͤnig empfing ihn mit Auszeichnung, gab mit Freude ſeine Einwilligung, und ſelig — 245— eilte Berenger nach dem Schloſſe zuruͤck, wo die Geliebte wohnte. Und wieder war es Sonnenniedergang, als Berenger an der ihm und der ſchoͤnen Alix hei⸗ ligen Erlenquelle anlangte; da ſtuͤrzten, waͤh⸗ rend das edle Roß des ritterlichen Juͤnglings aus der klaren Fluth trank, verkappte, ohne Zweifel von La Beaume beſtochene Moͤrder her⸗ bei, und— Berenger ſank, nicht uͤberwunden, aber meuchelmoͤrderiſch erſtochen, an der um⸗ bluͤhten Quelle nieder. Die Moͤrder hatten ihre Sendung erfuͤllt und flohen.— Alix, uͤberzeugt, den Geliebten an dem, Beiden ſo lieben, Orte dieſen Abend zu ſinden, gluͤcklich, daß kein Hinderniß ihrer Vereinigung mehr entgegenſtehen koͤnnte, eilte der Erlen⸗ quelle zu, als das Abendroth, dem ſie mit Sehnſucht entgegenblickte, durch die klaren Scheiben ihres Zimmers ſchien. Sie fand ihn, — und ohnmaͤchtig ſank ſie auf die Leiche des Geliebten. Leblos wurde ſie in das Schloß zuruͤckgetragen. 4 — 246— Was ihr Vater, ihre Verwandten ihr auch ſagen mochten— ſie blieb kalt, ruhig, aber entſchloſſen. Sie nahm den Schleier, und folgte nach drei Monaten dem, den ſie ſo in⸗ nig geliebt hatte, und den ſie in dem Augen⸗ Die Bewohner der Gegend nannten ſeitdem die Erlenquelle die Quelle der Liebenden, und wenn noch jetzt Liebende ſich ihr naͤhern, ſo pfluͤcken ſie an dem freundlichen Ufer im Morgen⸗ und Abendroth Vergißmeinnicht, und das Maͤdchen „ſagt traulich und wohlwollend zum Juͤngling: ſey muthig und tapfer wie Berenger, und der liebende Juͤngling ſchließt das holde Weſen mit Innigkeit in die Arme, und ſagt, auf die Quelle deutend: ſey treu, wie Alix. blicke ſo ſchmerzlich verlor, wo ſie nach langen. Stuͤrmen durch ihn gluͤcklich zu werden glaubte. 8₰ — ‿ — — — — A — — — „Sie koͤnnen durchaus nicht abreiſen, gnaͤdi⸗ ger Herr! Es iſt eine reine Unmoͤglichkeit. Ich muß ja mein Lokal kennen. Wenn ein ſolches 4 Gewitter, wie das heutige, in unſere Berge kommt,— da wird immer die Paſſage auf zwei bis drei Tage gehemmt. Sie ſetzen Ihr Leben aufs Spiel, ich das meines Poſtillons, meine Chaiſe und meine Pferde.“ So ſprach der Poſtmeiſter zu N““, und fuͤgte die Einladung hinzu, daß ich zwei Tage in ſeinem ſchlechten Hauſe vorlieb nehmen ſolle. Mein Bedienter trug mein weniges Reiſege⸗ paͤck nach dem Zimmer, das ihm angewieſen wurde, und ich blieb, in ziemlich aͤrgerlicher Stimmung, im Wohnzimmer des Poſtmeiſters, mit dem ich mich uͤber unbedeutende Gegen⸗ ſtaͤnde unterhielt, bis mein Eſſen aufgetragen wurde, das die Frau Poſtmeiſterin und zwei recht niedliche Toͤchter eigenhaͤndig mir bereitet hatten., Die Sonne ſtand ſehr hoch und lud zu einem Spaziergange ein. Wohin? Der Poſt⸗ meiſter mußte wiſſen, welches der intereſſanteſte Punkt in der umliegenden Gegend war; ich befragte ihn, und er nannte mir den Park des Grafen B“***, wo eine reizende Ausſicht uͤber das ganze Thal und die umliegenden Berge die kurze Wanderung reichlich belohne. Ich gieng. Beim Eintritt in den Garten duftete mir eine, in perſpektiviſcher Ferne ſich verlierende, Linden⸗Allee entgegen.(Es war im Juli.) Der Regen hatte die Vegetation von neuem belebt; Pflanzen, Blumen, Straͤu⸗ che— alles war mit hellerem Gruͤn, mit bren⸗ nenderen Farben uͤberzogen. Mein Aerger, an einem Orte verweilen zu ———— muͤſſen, der fuͤr mich durchaus kein Intereſſe haben konnte, verſchwand. Die heitere Natur⸗ die mich rings umgab, verſetzte mich in eine ſuͤß⸗ſchwermuͤthige Stimmung—— aus der ich durch eine weibliche Geſtalt geweckt wurde, welche, ein Buch in der Hand, in einem der verſchlungenen Seitenwege umherwandelte. Der naͤchſte Weg, der ſich durch eine gluͤhende Ro⸗ ſenhecke wand, fuͤhrte mich ihr entgegen⸗ Ich ſchlug ihn ein. Sie ging leſend an mir voruͤber; ſie ſchien mich nicht zu bemerken. Ich aber bemerkte, daß ſie noch jung war, daß ich nie einen herrli⸗ cheren Wuchs, nie einen Nacken von ſolcher blendenden Schoͤnheit und Weiße, und nie ſchoͤ⸗ nere ſchwarze Haare geſehen hatte. Die Er⸗ ſcheinung war mir zu intereſſant, als daß ich ihr nicht mehr Aufmerkſamkeit haͤtte widmen ſollen, als der um mich herum bluͤhenden und duftenden Natur. Ein anderer Schlangenweg mußte mich ihr abermals entgegen fuͤhren, und ich betrat ihn, wiewohl mit zoͤgernden Schrit⸗ — 25²— ten, um nicht durch plumpe Zudringlichkeit die Delikateſſe zu verletzen. Nach fuͤnf Minuten erreichte ich ſie, und— ein Engel an Schoͤn⸗ heit ſtand vor mir. Ich wagte es nicht, ſie anzureden; aber ich gruͤßte ſie, und in ihrem Danke lag eine Unbefangenheit— die mich ſchmerzte. Ich ſchien ihr ſehr gleichguͤltig zu ſeyn; aber ſie mir....! Ich ſegnete und ver⸗ fluchte den Wolkenbruch um die Wette. Jetzt fing ich an, die Geographie des Gar⸗ tens mit allem Eifer zu ſtudieren. Ein ſolcher Park, ein ſolches Verſchlingen der Wege gleicht der Auffuͤhrung einer Quadrille. Man trennt ſich, um ſich in Kurzem wiederzufinden. Denn das iſt eben der zarte, ſchoͤne Sinn, der in der Auadrille liegt, daß ſie durch kurze Tren⸗ aung und Wiedervereinigung, und durch innige Umarmung des geliebten Gegenſtandes im ra⸗ ſchen Walzer den ganzen Roman der Liebe im heitern Tanze darſtellt. Ich ſchlug einen neuen Schlangenweg ein, und begegnete ihr zum dritten Male. Jetzt —— ——— — 253— ſchweigend an ihr voruͤberzugehen, wuͤrde eine Unhoͤflichkeit geweſen ſeyn. Ich begleitete mei⸗ nen Gruß mit der Bemerkung:„daß man ſich hier oft begegnen muͤſſe.“ Sie ſollte einer Entſchuldigung gleichen. Mit einem himmliſchen Laͤcheln erwiederte ſie:„Der Garten iſt nicht groß genug, als daß man in demſelben ſich nicht oͤfters begegnen ſollte, wenn man nicht gefliſſentlich ſich aus⸗ weicht.“ Ich erbat mir die Erlaubniß, ſie, wenn ich nicht befuͤrchten muͤſſe, ſie in ihrer Lectuͤre zu ſtoͤren, begleiten zu duͤrfen. Sie ſchlug das Buch ſogleich zu, und erwiederte:„Daß muͤnd⸗ liche Unterhaltung ihr von jeher angenehmer geweſen ſey, als die, welche todte Buchſtaben gewaͤhrten; indeß koͤnne ſie nicht laͤugnen, daß das Buch, womit ſie eben beſchaͤftigt geweſen, fuͤr ſie viel Anziehendes habe.“ Sie ſchlug den Titel auf— es war Men⸗ ſchenhaß und Reue von Kotzebue. Wenn Kotzebue uns auch nicht mit ſo vie⸗ — 254— len genialen und anziehenden Schriften be⸗ ſchenkt haͤtte— ſchon dieſes Schauſpiel muͤßte ihn als Dichter achtungswerth machen. Ich theilte dem jungen Maͤdchen— dafuͤr mußte ich ſie halten— hieruͤber meine Anſicht mit, und ſie ſprach mit einer Waͤrme von Kotzebue, die mich um ſo mehr entzuͤckte, je empfindlicher mir es oft geweſen iſt, in großen Cirkeln mit Geringſchaͤtzung von dieſem trefflichen Schrift⸗ ſteller ſprechen, und dagegen andere, ganz mit⸗ telmaͤßige Koͤpfe, weit uͤber ihn erheben zu hoͤ⸗ ren; eine Affectation, die beſonders einigen uͤberbildeten Frauen, in gewiſſen Theecirkeln Berlins, eigen iſt. Das Geſpraͤch mit meiner ſchoͤnen Unbe⸗ kannten ſpann ſich fort, und lenkte ſich vor⸗ nehmlich auf das Verhaͤltniß Eulalias zu ihrem Gatten. Ich ſprach mit Lebhaftigkeit von den Pflichten, welche beide Theile im ehelichen Leben gegen einander zu beobachten haͤtten, und un⸗ terzog Eulalias Verbrechen gegen Meinau einer ſehr ſcharfen Kritik. Ich kann nicht laͤugnen⸗ 3 V — — 255— daß der Gedanke, vielleicht einſt mit einem ſol⸗ chen Weibe, wie meine reizende Unbekannte war, verbunden zu ſeyn, und dann ihren Beſitz mit einem beguͤnſtigten Liebhaber theilen zu muͤſſen, die Bitterkeiten mir ablockte. Meine ſchoͤne Begleiterin ward ernſt; ſie zerrupfte gedankenlos eine Blume und warf mir einen Blick zu, in dem ſich einiges Miß⸗ trauen mahlte. Mit einem ſchmerzlichen Laͤ⸗ cheln ſprach ſie:„Und trotz Ihrer ſtrengen Verurtheilung glaube ich doch, daß es Verhaͤlt⸗ niſſe geben kann, in denen eine zweite Eulalia⸗ fuͤr einen aͤhnlichen Fehltritt Verzeihung er⸗ halten kann.“ Sie ſchwieg und ſah vor ſich nieder. Mir ſchien es, als wenn ſie eine Thraͤne im Auge zerdruͤckte. Der fatale Strohhut hinderte mich, ſie genau zu beobachten. Ich fuͤhlte, daß ich ihr Gemuͤth verwundet hatte. O gewiß war eine Freundin in Eulalias Falle geweſen! Ich wollte mein hartes Urtheil etwas mildern: aber ich bemerkte, daß ich mich in Widerſpruͤche ver⸗ wickeln wuͤrde, und daß die Fortſetzung des Geſpraͤchs uͤber dieſen Gegenſtand meine ſchoͤne Unbekannte nicht mehr zu intereſſiren ſchien. Ich brach nach den erſten Worten raſch ab, und ſchweigend gingen wir durch mehrere ver⸗ ſchlungene Gaͤnge zwiſchen heiter bluͤhenden Straͤuchen fort. 8* So langten wir bei e einer Bank an, welche am aͤußerſten Ende des Gartens angebracht war, und durch die Ausſicht in einen benach⸗ barten, nicht minder ſchoͤnen, dem Publikum aber verſchloſſenen Park, ſo wie durch uͤberaus reizende Umgebungen, zu freundlicher, trauli⸗ cher Raſt einlud. „Sehen Sie, mein Herr!“— begann jetzt die ſchoͤne Unbekannte in einem recht heitern, wieder ganz unbefangenen Tone—„dies hier iſt mein Lieblingsplaͤtzchen; mein Muſeum, moͤcht ich ſagen. Mir gefaͤllt die Heimlichkeit, die in dieſem Theile des Gartens, der ſo we⸗ nig betreten wird, herrſcht; und hier iſt es, wo die großen Geiſter unſerer Nation mich beſu⸗ chen — 257— chen und meine Geſellſchafter ſind. Setzen wir uns ein wenig.“ Der Zwang, mit dem ſie fruͤher ſprach, als das Geſpraͤch ſich noch um die ungluͤckliche Eu⸗ lalia drehte, war ganz verſchwunden, und ihre vorige Kindlichkeit, Offenheit und Unbefangen⸗ heit zuruͤckgekehrt. Sie pfluͤckte ſcherzend Blu⸗ men und bot ſie mir freundlich dar; das Fremde, was zwiſchen uns beſtanden, war ver⸗ ſchwunden; uns Beiden ſchien es, als wenn wir alte Bekannte waͤren, die ſich ſchon etwas gegen einander erlauben duͤrften. Ich ergriff ihre Hand; ſie duldete es. Ich druͤckte ihr die Hand ſanft; ſie erwiederte den Haͤndedruck nicht, aber ſie duldete ihn. Da ſetzte ſich eine Muͤcke auf ihren wunderſchoͤnen Nacken, und ich— was wagt die Liebe nicht— kuͤßte ihr, raſch und feurig, das ſtechende Inſekt hinweg. Sie ſchrak zuſammen, und ſah mich ernſt an. Es lag nichts Strafendes in ihrem Blicke, wohl aber etwas, was mir ſagte: mein Be⸗ nehmen befremde und ſchmerze ſie. Jetzt erſt R — 258— ſah ich, welche Albernheit ich begangen hatte, und ſuchte ſie ſogleich dadurch gut zu machen, daß ich das abgebrochene Geſpraͤch mit einiger Leichtigkeit fortfuͤhrte. Sie ward ſogleich wie⸗ der ſo freundlich und unbefangen, wie vorher, und ſo hatte ich Gelegenheit, ihre Herzensguͤte und die Reinheit ihres Gemuͤths zu bewun⸗ dern, die ich, der ich ſeit fruͤhſter Jugend mich in der großen Welt umher getrieben, noch nie bei einem weiblichen Weſen in einem ſo hohen Grade gefunden hatte.⸗ G Ihr ſchoͤnes zartes Gefuͤhl aͤußerte ſich auf eine ſo mannigfache Weiſe, und doch ſo ganz ohne alle Ziererei, daß ich ſie, als eine zu ſel⸗ tene Erſcheinung, mit ſteigendem Entzuͤcken be⸗ trachtete und reden hoͤrte. Geraume Zeit hat⸗ ten wir auf ihrem Lieblingsplaͤtzchen geſeſſen, als mir der beaͤngſtigende Gedanke beifiel, daß ich ihr durch mein zu langes Verweilen vielleicht laͤſtig geworden ſeyn moͤchte. Ich wollte mich entfernen; aber mit Freundlichkeit und Guͤte bat ſie mich, zu bleiben.„Es giebt noch meh⸗ — 259—— rere ſehr anziehende Parthieen hier, mit denen ich Sie noch nicht bekannt gemacht habe,“ ſprach ſie. Und ich blieb. Ach! und wie gern gehorchte ich ihr: Wir ſetzten unſern Spazier⸗ gang fort, und wie in einem ſeligen Rauſche wandelte ich an ihrer Seite hin. Unter den Parthieen, die ſie mir zeigte, ſchien ihr eine einfache Bank unter einem Apfelbaume die angenehmſte zu ſeyn; aber einer duͤſtern Huͤtte, aus Baumzweigen erbaut und mit Baumrinde bekleidet, konnte ſie durchaus keinen Geſchmack abgewinnen. Sie zeigte ſie mir nur im Fluge, und ſprach dabei mit ſicht⸗ baxer Aengſtlichkeit:„Immer, wenn ich dieſe Huͤtte betrachte, uͤberfaͤllt mich ein Grauen, das mir voͤllig unerklaͤrlich iſt. Es iſt eine kin⸗ diſche Furcht, deren ich aber nicht Meiſter wer⸗ den kann. Selten betrat ich auch deshalb die⸗ ſen Theil des Parks. Es iſt laͤcherlich, das ſag' ich mir ſehr oft; aber es iſt mir ſtets, als wenn eine leiſe Ahnung mir ſagte: daß ich durch dieſe Huͤtte einſt ſehr ungluͤcklich werden R 2 — 260— wuͤrde.“ Erſt als wir voruͤber waren, wurde ſie wieder ruhig und heiter. Ich ſuchte ihre Aengſtlichkeit hinweg zu ſcherzen; aber ſie ward ſogleich wieder ernſt, und ich ſchwieg. Unter dem breiten Apfelbaume nahmen wir Platz, und hier wagte ich es, ſie um ihren Vornamen zu fragen. Ich fuͤgte meiner Frage die Bemerkung hinzu: daß bei einer Dame, die mich feſſele, der Vorname fuͤr mich immer mehr Intereſſe habe, als ihr Familien⸗Name. Mit einem holden Laͤcheln ſprach ſie:„ich heiße Henriette.“ „Jetzt iſt mir mein Name erſt lieb gewor⸗ den“— erwiederte ich—„denn ich fuͤhre ja denſelben.“ Sie ſah' mich aufmerkſam an, und lichelte von neuem. 4 „Dieſe Bank“— begann ſie nach einer kurzen Pauſe—„iſt deshalb ſehr huͤbſch gele⸗ gen, weil man Jeden ſieht, der in den Garten tritt, und ich erwarte eine Freundin, die ſehr ungluͤcklich iſt, und jeden Abend dieſen Park beſucht, um mit mir ein Stuͤndchen hier auf und ab zu gehen. Da ſie zu niemand, als zu mir, Zutrauen faſſen kann, ſo bin ich ihr ein⸗ ziger Troſt, ihre einzige Stuͤtze. Nur wenn ich bei ihr bin, vergißt ſie auf Augenblicke ihren Schmerz und ihr großes Ungluͤck. Alle uͤbri⸗ gen Menſchen flieht ſie, und niemand kann ihr Rede abgewinnen.“ Ich dachte an Eulalia. Eine ſolche war dieſe Freundin beſtimmt; ihr galt die Verthei⸗ digung von Eulaliens Fehltritt. Meine Muth⸗ maßung war gegruͤndet geweſen. Henriette ſchien mir etwas Naͤheres von ihr erzaͤhlen zu wollen; allein in dieſem Augen⸗ blicke zeigte ſie mir eine weiße Geſtalt, welche mit ſchwankenden Schritten, geiſteraͤhnlich, die Allee hinaufſchwebte. Da meine Gegenwart die Ungluͤckliche ohne Zweifel in Verlegenheit geſetzt und vielleicht ganz verſcheucht haben wuͤrde, ſo ſtand ich ſogleich auf, kuͤßte dem holden engliſchen Weſen die Hand, die ſie mit Freundlichkeit mir darbot, nahm Abſchied von ihr durch einen Blick, der ihr gewiß mehr ſagte, als Worte, denn ſie ſchlug erroͤthend die Augen nieder, und entfernte mich auf Nebenwegen nach dem Ausgange des Parks. Als ich, von ihr unbemerkt, hinter einem bluͤhenden Strau⸗ che ſtehen blieb, um ſie zu beobachten, und ſie mit ſchweſterlicher Zaͤrtlichkeit der ungluͤcklichen Freundin entgegen eilen ſah— da ſagte ich leiſe zu mir:„o wie gluͤcklich iſt der, welchem dieſer Engel der Unſchuld und Liebe zu Theil wird. Moͤge die Vorſehung den Frieden dem liebens⸗ wuͤrdigen Maͤdchen bewahren, und der, den ſie zum Gatten waͤhlen wird, ihren hohen Werth, ſeinem ganzen Umfange nach, empfinden und ſchaͤtzen!“ Mit dieſen Worten verließ ich den Park und eilte dem Poſthauſe zu. Ich dachte jetzt nur an Henrietten. Jedes Wort, was ſie geſprochen, war mir erinnerlich; ihr Bild beſchaͤftigte mich ausſchließend. Ach! wie war ſie ſo ſchoͤn, ſo reizend! Welche An⸗ muth lag in jeder ihrer Bewegungen— welche 4 2* — 263— Unſchuld in jeder ihrer Aeußerungen! Erzogen in der großen Welt, gewoͤhnt, die Frauen zu verachten— war ich durch ein ſo engelreines Weſen auf eine Weiſe uͤberraſcht worden, die mein ganzes Syſtem uͤber den Haufen warf. Ich ſchlief die Nacht uͤber wenig. Alle zmeine Gedanken bezogen ſich auf Henrietten; ich fuͤhlte zum erſten Male— daß ich wahr⸗ haft liebte. Den andern Morgen brachte mir der Poſt⸗ meiſter ſelbſt den Kaffee.„Herr Baron“— f ſprach er—„das geſtrige Gewitter hat nicht ſo viel Schaden angerichtet, als ich befuͤrchtete. Ich freue mich, Ihnen ankuͤndigen zu koͤnnen, daß die Straße nach Ner zu paſſiren iſt, und Sie haben nur zu befehlen, zu welcher Stunde Sie abreiſen wollen.“ Ich kann die Verlegenheit nicht ſchildern, in welche dieſe Nachricht mich verſetzte. „Herr Poſtmeiſter”“— war meine Ant⸗ wort—„ich bin von Ihnen ſo gaſtfreundlich aufgenommen worden, die reizende Umgegend ihrer Stadt gefaͤllt mir ſo wohl, daß ich noch einige Tage hier verweilen werde, wenn meine Gegenwart Ihnen keine Beſchwerde verur⸗ ſacht.“ Ach! er und ſein Haus feſſelten mich nicht — aber Henrterte! Ich haͤtte viel gewinnen koͤnnen, und wuͤrde doch nicht im Stande gewe⸗ ſen ſeyn, weiter zu reiſen 1 Der Poſtmeiſter erſchoͤpfte ſic, um mir ſeine Dankbarkeit auszudruͤcken. Er ſprach von Ehre— von Gnade— ich hoͤrte nur halb was er ſprach; denn— was haͤtte mich wohl jetzt noch intereſſiren koͤnnen, als— Henriette. Der Himmel war freundlich— die Luft ſo klar und warm! Die Stunden haͤtten Fluͤ⸗ gel haben muͤſſen, um meiner Ungeduld zu ge⸗ nuͤgen. Ich wandelte den halben Vormittag im Garten umher— aber Henrietten fand ich nicht. Ich Thor! wie konnte ich glauben, daß ſie den ganzen Tag im Park zubringen wuͤrde! Die Stunde des Mittagseſſens rief mich nach dem Poſthauſe zuruͤck. Eine lange Tafel war mit fremden und angeſehenen Bewohnern des Orts beſetzt. Die Unterhaltung ward all⸗ gemein; aber ich nur blieb einſylbig, wortkarg. Wer je geliebt hat, wird meine Empfindungen kennen, und mich mindeſtens nicht belaͤcheln. Es ſchlug vier Uhr. Das Deſſert ward aufgetragen— aber ich vermochte nicht mehr, mit ruhiger Faſſung ſitzen zu bleiben. Mir brannte der Boden unter den Fuͤßen— ich ſtand auf und ging— nach dem Garten des Grafen B**. Doch ich ging nicht— ich lief, und erſt als ich das Portal des Parks erreicht hatte, bemerkte ich, daß ich mich unterwegs ſehr hart an den Eckſtein eines Hauſes geſtoßen hatte. Wie ich im Garten eingetreten war, wie hier, ganz wie den Tag zuvor, die herrliche Linden⸗Allee mir entgegen duftete, und große Beete buntfarbiger Blumen ihren Reichthum vor mir entfalteten— erſt dann erhielt ich meine volle Beſinnung wieder. Hier war ja — 266— Henriette umhergewandelt; ſie hatte den gan⸗ zen Garten geweiht. Ich ging die Linden⸗Allee hinauf, ſorgfaͤl⸗ tig, nach allen Richtungen hin, die mir jetzt ſo bekannt gewordenen Schlangenwege durchſpaͤ⸗ hend.— Henrietten fand ich nicht. Da ſah ich ein weißes Gewand durch gruͤne 3 Straͤuche leuchten. Mir ſtockte der Athem— ich naͤherte mich der Erſcheinung; aber es war Henriette nicht. Eine junge Frau mit zwei Kindern, die auf dem Raſen ſpielten, hatte 3 mich getaͤuſcht. Ich ging gruͤßend an ihr vor⸗ uͤber, und eilte Henriettens freundlichem Lieb⸗ lingsplaͤtzchen zu, nicht, weil ich ſie dort zu finden hoffte, ſondern um mich da nieder zu ſetzen, wo ſie mit mir geweilt hatte, und wo jeder Zweig, jedes Blatt, jede Blume ihre An⸗ muth und Liebenswuͤrdigkeit mir lebendig ins Gedaͤchtniß zuruͤckrief. Ich erſtieg die kleine Anhoͤhe. Ein weib⸗ liches Weſen, das Geſicht von einem großen ——— — 267— Strohhute beſchattet, ſaß da. Meine Tritte machten ſie aufmerkſam; ſie ſah ſich um— es war Henriette. Ganz mit der Freundlichkeit und Unbefan⸗ genheit, die ich den Tag zuvor an Henrietten bewundert hatte, trat ſie mir, die Hand mir darreichend, entgegen. Wir ſetzten uns zuſammen nieder, und es konnte nicht fehlen— das Geſpraͤch mußte auf ihre beklagenswerthe Freundin fallen. Eine Eulalia war dieſe nicht; ihr Ungluͤck ruͤhrte von der Lebhaftigkeit ihrer Gefuͤhle und der Unbeſonnenheit eines jungen Rittmeiſters her. Beide wohnten, in Einer Straße, einander ge⸗ genuͤber. Der junge Mann wußte ſich Roſa⸗ lien— ſo hieß die ungluͤckliche Freundin,— bemerkbar zu machen, und knuͤpfte durch Mie⸗ nen und Gebehrden ein Verſtaͤndniß mit ihr an. Durch ſeine Aufwaͤrterin und ihr Dienſt⸗ maͤdchen ſandte er ihr Briefe, welche die hoͤch⸗ ſte Gluth der Leidenſchaft athmeten. Roſalie hatte nie geliebt; des Rittmeiſters Briefe weck⸗ ten Empfindungen in ihr, die ſie vorher nie gekannt hatte. Der ſchoͤne junge Mann gefiel ihr. Wenn er auf dem ſtolzen Braunen die Straße heraufflog, und dann das feurige Roß vor ihrem Fenſter raſch zu zaͤhmen wußte, und ſie mit Ehrerbietung gruͤßte, da huͤpfte ihr Herz, als wollte es dem muthigen Renner nachah⸗ men, und ihre Bruſt flog und ward von den ſeltſamſten Gefuͤhlen beſtuͤrmt. Zwei Briefe ließ Roſalie unbeantwortet— den dritten— mußte ſie erwiedern. Ihr Herz forderte dieß laut, und das unbeſonnene Dienſtmaͤdchen be⸗ ſeitigte vollends die Einwuͤrfe, welche ihr Ver⸗ ſtand gegen dieſen Schritt machte. Ein Vier⸗ teljahr war verfloſſen; der Rittmeiſter und Ro⸗ ſalie hatten ſich beinahe taͤglich geſchrieben, und einen Roman in Briefen fortgefuͤhrt— ohne ſich je geſprochen zu haben; denn zu eingezo⸗ gen lebte Roſalie, als daß ſie irgendwo mit dem Geliebten haͤtte zuſammentreffen koͤnnen, und zu ſittig war ſie, als daß ſie ſeinen flehentli⸗ — 269— chen Bitten, ſie des Abends in ihrem Zimmer heimſuchen zu duͤrfen, nachgegeben haͤtte. Da brach ein blutiger Krieg aus; der Rittmeiſter mußte mit ſeiner Eskadron ploͤtzlich marſchiren — und Roſalie war allen Qualen einer un⸗ gluͤcklichen Liebe Preis gegeben. Sie ward das Opfer ihrer Unbeſonnenheit. Anfaͤnglich war ſie ſchwermuͤthig und in ſich gekehrt. Sie verſchwieg die Urſache dieſer truͤben Stimmung ſorgfaͤltig; ſelbſt ihrer Mut⸗ ter, die ſie mit kindlicher Zaͤrtlichkeit liebte. Sie mußte zu Verwandten auf das Land rei⸗ ſen, mit einer geachteten Familie ein Bad be⸗ ſuchen— umſonſt; ihre Schwermuth wuchs, ſtatt abzunehmen. Und wenn ihre Nutter, ihre Freundinnen mit Thraͤnen ſie baten, den Grund ihres Tiefſinns ihnen zu entdecken; da fiel ſie ihnen um den Hals, weinte— und entdeckte nichts. Henrietten gelang es endlich, die wahre Urſache ihrer Schwermuth zu erfor⸗ ſchen; aber nichts vermochte Roſalien, den Na⸗ — 270— men des Geliebten auszuſprechen. Es wurden Unterſuchungen angeſtellt, wie der Offtzier, der im gegenuͤber liegenden Hauſe einquartiert ge⸗ weſen war, geheißen habe. Es hatten daſelbſt viele Kavallerie⸗Offiziere gewohnt, und eine naͤhere Bezeichnung verſagte Roſalie durchaus. Das 4 Dienſtmaͤdchen, welches dieſe vielleicht haͤtte geben koͤnnen, war, kleiner Veruntreuungen wegen, aus dem Hauſe, und von der Polizei aus der Stadt verwieſen worden, und— die Aufwaͤrterin kannte ſelbſt Roſalie nicht. Nur durch unendliche Geduld gelang es Henrietten, ſo viel von ihr zu erfahren;— aber das we⸗ nige reichte nicht hin, um die Heilung der Un⸗ gluͤcklichen auf pſychiſchem Wege mit Gluͤck ver⸗ ſuchen zu koͤnnen. Die beruͤhmteſten Aerzte wurden um Nath gefragt, und die Behand⸗ lung der Beklagenswerthen ihnen anvertraut. Umſonſt! Sie ward immer duͤſterer, verſchloſſe⸗ ner, und nur der himmliſchen Henriette gelang es, in ihrem Vertrauen ſich zu erhalten. Alle uͤbrige Menſchen floh ſie. Selbſt gegen ihre — 271— Mutter, welche der Gram um die geliebte Toch⸗ ter verzehrte, war ſie kalt und gleichguͤltig.*) Das erzaͤhlte mir Henriette mit einer Theil⸗ nahme und Innigkeit, die mich tief ruͤhrte. Als ſie geendet hatte, trocknete ſie ihre ſchoͤnen Au⸗ gen, und ſprach mit tiefem Gefuͤhl.„O mein Herr! es muß ein ſehr großes Unglück ſeyn, wenn man den Gebrauch ſeines Verſtandes verliert.“ Ach, ſie war in dieſem Augenblicke ſo ſchoͤn,— ich haͤtte ſie kuͤſſen moͤgen. Aber ich dechte an die Muͤcke und fuchte Herr meiner Gefuͤhle zu werden. Es gelang mir. Henriettens Erzaͤhlung hatte uns Beide ernſt geſtimmt, und Hand in Hand, ſchweigend, nur durch Blicke unſere Empfindungen gegen⸗ ſeitig uns mittheilend, wandelten wir durch die verſchlungenen Gaͤnge des Gartens. Da ſahen *) Ich muß hier hinzufügen, daß dieſe Epiſode buchſtäb⸗ lich wahr iſt. Vielleicht iſt ſeit geraumer Zeit kein Mäd⸗ chen wegen eines Mannes wahnſinnig geworden, den ſie nie geſprochen hat. wir in der Ferne die Geſtalt der Ungluͤcklichen, abermals geiſterartig, vom Eingange des Parks herwandeln; ich entfernte mich ſogleich, und diesmal— erwiederte Henriette meinen Haͤn⸗ dedruck mit wahrer Innigkeit und mit einem ſeelenvollen Blicke, der mir mehr ſagte, als tauſend Worte vermocht haͤtten, und mich auf den Gipfel des hoͤchſten Entzuͤckens erhob. Nie war zwiſchen Henrietten und mir, wenn wir uns trennten, von einer ſogenann⸗ ten Beſtellung die Rede; aber von jebt an ſahen wir uns taglich im Garten, und an eine Fortſetzung meiner Reiſe war vor der Hand, zum goͤßten Erſtaunen meines Dieners und des Poſtmeiſters, durchaus nicht zu denken. Keiner von Beiden konnte indeß den Grund meines Verweilens errathen. Eines Abends kam Henriette ſpaͤter in den Garten, als gewoͤhnlich. Sie war ſehr weh⸗ muͤthig geſtimmt. Sie hatte einen Beſuch bei Roſa⸗ — 275— Roſalien abgeſtattet, die koͤrperlich unwohl war, und das Zimmer huͤten mußte. Sie wuͤrde ſo ſpaͤt den Garten nicht beſucht haben, wenn ſie mir nicht einen guten Abend haͤtte wuͤnſchen wol⸗ len. Mit welcher Herzlichkeit und Innigkeit ſagte ſie mir das! Ich konnte mich nicht enthalten, ſie in meine Arme zu ſchließen und einen Kuß auf ihre Lippen zu druͤcken. Sie duldete es. Der Abend war ſchwuͤl. Auf unſerm Lieb: lingsplaͤtzchen legte ſie Hut und Umſchlagetuch ab, und ihre himmliſchen Reize lagen offen und un⸗ verhuͤllt vor mir. Wir ſprachen wenig, aber wir verſtanden uns. Unſer Verhaͤltniß naͤherte ſich der Cataſtrophe, die wir bei mehr Erfah⸗ rung vorherſehen mußten. Es erhob ſich plötzlich ein Sturmwind. Er fuhr mit wildem Getoͤſe durch die Wipfel der Baͤume und wuͤhlte den Sand und die gefalle⸗ nen Blaͤtter auf. „Wir muͤſſen eilen, wenn wir noch die Stadt erreichen wollen,“ ſagte Henriette aͤngſt⸗ lich;„das Gewitter uͤberraſcht uns.“ 6 .— 274— Sie ſprang haſtig auf und ergriff den Strohhut und das Tuch. So ſlog ſie von der Bank hinweg und ich folgte ihr auf dem Fuße. Einzelne Tropſen fielen ſchon; es ward bei je⸗ dem Schritte duͤſterer. Ein Blitz, der uͤberra⸗ ſchend uns voruͤberfuhr, und ein gewaltiger Schlag hemmten Henriettens Schritte. Sie lehnte ſich an meine Bruſt. Sie war bleich und zitterte.„Henriette“— ſprach ich— „wir muͤſſen noch verweilen; in dieſem Unge⸗ witter kann ich Sie nicht nach der Stadt ge⸗ hen laſſen; Sie wuͤrden Ihr Leben auf das Spiel ſetzen.“— In dieſem Augenblicke be⸗ fanden wir uns in der Naͤhe der dunkeln Huͤtte, die von jeher dem holden Maͤdchen ein ihr ſo unerklaͤrliches Grauſen eingefloͤßt hatte. Kein anderer Zuſtuchtsort war zu finden in der Naͤhe; ich zog ſie, trotz ihres Widerſtrebens, hinein auf die ſchwellende Moosbank, und umſchlang ſie mit meinen Armen. Das Gewitter war furchtbar. Blitz folgte auf Blitz, Schlag auf Schlag, und bei jedem — 275— 8½ Blitze verbarg das himmliſche Maͤdchen ihr Koͤpfchen an meiner Bruſt. Das Gewitter zog weiter; es fiel ein ſanf⸗ ter Regen. Nur fernhin leuchteten noch die Blitze, und in groͤßeren Pauſen rollte der Don⸗ ner; Henriette lag an meiner Bruſt; ſie dul⸗ dete alle Scherze und Spiele der Liebe, und gab ſich ganz meinen Umarmungen hin. Ich Elender benutzte ihre Schwaͤche, und der jugend⸗ liche Ungeſtuͤm trug den Sieg davon.—— Das Verbrechen war begangen. Henriette riß ſich aus meinen Armen los und floh. Ich eilte ihr nach.„Um Gottes⸗ willen, Heinrich, laß mich allein gehen“ rief ſie mit der Stimme der Verzweiflung aus, die taub iſt fuͤr jeden Troſt, fuͤr alle Gruͤnde der Vernunft.„Jetzt bin ich ganz ungluͤcklich.— ich rechne Dir es nicht zu: ſondern mir ſelbſt. Du kannteſt meine Verhaͤltniſſe nicht ſo, wie ich ſie kenne. Ich bin eine Verbrecherin und Deiner unwuͤrdig. Wir duͤrfen uns nie wie⸗ derſehen.“ S 2 1* — 276— Ich bat ſie, ruhig zu ſeyn, und mir nur auf einige Augenblicke Gehoͤr zu goͤnnen. Sie bebte wie eine Fieberkranke, und verſuchte auf alle Weiſe, mir zu entſchluͤpfen. Es gelang ihr nicht. Ich ſagte ihr meinen Namen, mit we⸗ nig Worten meine Verhaͤltniſſe, und bot ihr meine Hand an. Wie ein Verbrecher ſein Ur⸗ theil erwartet, mit denſelben Empfindungen harrte ich ihres Ausſpruchs. Sie blickte ſchmerzlich auf zu dem leuchtenden Monde, an dem die letzten Gewitterwolken vor⸗ uͤber ſlogen, legte die Hand auf die Bruſt und ſagte leiſe, gleichſam mit dem Tone einer Ster⸗ benden:„Heinrich, ich bin ſeit zwei Monaten Gattin.“ Gattin und doch Jungfrau?— klang es in der geheimſten Tiefe meiner Seele; aber meine Lippen vermochten das Wort nicht auszuſprechen. „Ich bin an einen Greis verheirathet, der einen biedern Charakter und ein großes Ver⸗ mögen beſitzt. Er beging eine Schwachhelt, als er ein junges Maͤdchen zur Gattin waͤhlte, — 277— mein Vater ein Verbrechen, als er mich zu ei⸗ ner Verbindung zwang, die mich ungluͤcklich ma⸗ chen mußte. Genug, Heinrich, wir duͤrfen uns nie wieder ſehen. Du haſt Eulalien verdammt; jetzt bin ich nicht beſſer, als ſie. O Du weißt es nicht, wie tief es mich ſchmerzt, daß der, welcher mich ungluͤcklich machte, ſelbſt mein Verdammungsurtheil ausgeſprochen hat!“ Mit dieſen Worten riß ſie ſich von mir los und eilte dem Portal des Parks zu. Ich folgte ihr auf dem Fuße. Sie blieb ſtehen und ſagte mit einem Ernſt, in dem etwas Drohendes lag: Hein⸗ rich, wenn Du mich liebſt, ſo folge mir ja nicht; Du koͤnnteſt es bald auf eine ſehr ſchmerzliche Weiſe bereuen.“ Ich war wie zu Boden geſchmettert. Nie hat vor und nach dieſem furchtbaren Abend, in irgend einem Verhaͤltniſſe, ein ſolches vernich⸗ tendes Gefuͤhl ſich meiner bemaͤchtigt. Ich lehnte mich an einen Baum, und ſah ſie wie einen ſtillen Geiſt der Nacht zum Garten hin⸗ aus ſchweben. In weiter Entfernung folgte ich ihr. Ihr weißes leuchtendes Gewand bezeich⸗ nete mir den Weg, den ſie nahm. Sie eilte der Stadt zu und verlor ſich bald in den lan⸗ gen oͤden Straßen. Halb bewußtlos irrte ich geraume Zeit in 1 der Stadt umher; ich wußte nicht, was mir geſchehen war, nicht, was ich beginnen ſollte. Der Nachtwind goß ganze Regenſchauer aus den Wipfeln alter Linden und Akazien uͤber mich aus; ich bemerkte es nicht. Ich ſtuͤrzte einige Nal nieder, einem Trunkenen gleich, und achtete es nicht. Mein Geſicht gluͤhte alle meine Pulſe klopften, und Fieberſchauer durchbebten mich. Halb ohnmaͤchtig langte ich im Poſthauſe an. Die juͤngſte Tochter des Poſtmeiſters empfing mich.„Gott! wo ſind Sie ſo lange geblieben, Herr Baron? fragte ſie mit Aengſtlichkeit.— „Ihr Bedienter hat Sie uͤberall geſucht. Und wie ſehen Sie aus? Sie haben ja Fieber! Kommen Sie, kommen Sie ſchnell, ich will Ih⸗ nen gleich Thee machen.“ Sie zog mich, der ich halb mechaniſch ihr folgte, nach meinem Zimmer, * 85 1 — 279— uͤbergab mich meinem Bedienten, und in einer kleinen Viertelſtunde dampfte der Thee der klei⸗ nen Huͤlfreichen vor meinem Bette. Schon den andern Morgen war ich wieder geneſen. Beinahe den ganzen Tag verweilte ich im Gar⸗ ten des Grafen P*“, aber— Henriette kam nicht. Noch acht Tage ſetzte ich die ungluͤckli⸗ chen Verſuche, ſie zu ſehen, fort; ſie war gaͤnz⸗ lich verſchwunden, und tiefe Schwermuth er⸗ griff mich. „Lieber Herr“— ſagte mein Diener freund⸗ lich-mitleidig zu mir—„Sie ſind nicht mehr wie ſonſt. Laſſen Sie uns fortreiſen. Was Ihnen widerfahren iſt, weiß ich nicht; aber ſo viel iſt gewiß, daß Sie der Zerſtreuung be⸗ duͤrfen.“ Der brave Junge hatte Recht. Ich war zu ſehr davon uͤberzeugt, und folgte ſeinem Rathe. Am andern Morgen ſaß ich im Wagen, und ſechs Tage ſpaͤter wieder zu Hauſe an meinem Arbeitstiſche. Schon die Reiſe, der Wechſel der Gegenſtaͤnde hatte meinen Schmerz — 230— gemildert. Beſchaͤftigung und Vernunftgruͤnde gaben mir allmaͤhlig meine vorige Ruhe wieder. Zwar konnte nichts Henriettens Bild aus meiner Seele verdraͤngen und den Eindruck ſchwaͤchen, den das himmliſche Weſen auf mich gemacht hatte: aber gezwungen, auf ihren Beſitz zu verzichten, betrauerte ich ſie wie eine Verſtorbene, deren Andenken mir heilig war, und die mir, trotz dem Siege, den ich Elender uͤber ihre Schwaͤche davon getragen hatte, als das unerreichbare Ideal aller weiblichen Vollkommenheiten erſchien. Drei Jahre hatte ich unter den Akten bei ſehr ernſter Beſchaͤftigung zugebracht. Mein Abentheuer in N**rr war zwar nicht aus meinem Gedaͤchtniſſe verwiſcht worden; aber ich dachte doch ſchon ſeltner daran, und ſelbſt Henriettens Bild begann etwas zu verbleichen. Ein Zufall, den ein zweites Abentheuer herbeifuͤhrte, friſchte es mit allen ſeinen Farben wieder in mir auf. Der Kummer, den ich vorzuͤglich in der er⸗ ſten Zeit meiner Heimkehr uͤber mein Verhaͤlt⸗ — 281— niß zu Henrietten empfand, und die angeſtreng⸗ teſte Arbeit, ohne alle Unterbrechung, hatten meine fruͤher ſo heitere jugendliche Laune gaͤnzlich ver⸗ wiſcht und ſo ploͤtzlich eine voͤllige Umwand⸗ lung in meinem aͤußeren Leben hervorgebracht. dein Ernſt, die Schwermuth, die mich oft in den froͤhlichſten Kreiſen anwandelte— kurz, meine ganze duͤſtere Haltung, war allen denen, die mich fruͤher gekannt hatten, eine auffallende Erſcheinung. Mehrere meiner Bekannten und frohen Jugendgenoſſen befragten mich mit aller Schonung daruͤber, ohne jedoch genuͤgenden Aufſchluß zu erhalten. Dem naͤchſten Ver⸗ wandten, dem innigſten geliebteſten Freunde wuͤrde ich ein Geheimniß nicht vertraut haben, das ich, ſo druͤckend es auch auf meinem Herzen laſtete, als ein Heiligthum bewahren zu muͤſ⸗ ſen glaubte. Da ich mit Hartnaͤckigkeit jeden Aufſchluß verweigerte, da man bemerkte, daß dergleichen Anfragen mir peinlich waren— ſo ſchwieg man, und ließ mich gewaͤhren. Nur der alte Leibmedikus des Fuͤrſten wollte — 282— ſich durchaus nicht dabei beruhigen. Er hatte mich als Kind auf ſeinen Knieen geſchaukelt, mir in drei gefahrvollen Krankheiten das Leben geret⸗ tet, und glaubte alſo vorzugsweiſe ein Recht auf mein unumſchraͤnktes Vertrauen zu haben. „Maͤnnchen!“— ſagte der alte treffliche, gemuͤthliche Mann—„Maͤnnchen, Sie ſind gar nicht mehr, wie ſonſt. Wo ſitzt's? Wo fehlt's? Kann ich mit meiner ſchwachen Kunſt helfen? He?“ Ich betheuerte, daß mir durchaus nichts fehle.— „Maͤnnchen! Maͤnnchen!“— fuhr er mit freundlich⸗liſtiger Miene fort,— Sie entſchluͤpfen mir nicht.— Sagen Sie mir, ſind Sie etwa verliebt? Sie tiſee ich habe Einfluß, kann viel⸗ leicht dienen Ich verneinte dieß.— „Oder wollen vielleicht gern heirathen, oßne gerade in ein Subjekt verliebt zu ſein? Da iſt die junge Graͤfinn R***.— Maͤnnchen, was iſt Ihnen die gut, und welches Vermoͤgen! Das 8 drie, und die muß man nicht einwurzeln laſſen, denn ſie iſt dann durchaus nicht wieder aus⸗ — 283— Fraͤulein von Cr*rr hat mir vertraut, daß ſie ſchon viermal von Ihnen getraͤumt haͤtte. Maͤnnchen! was fuͤr eine ſchoͤne Herrſchaft braͤchte Ihnen die zu! Wenn Sie wollen, ſo heißt's: Eins, Zwei, Drei, und die Sache iſt arrangirt.“ Ich dankte ihm mit der Bemerkung, daß ich keine Neigung zum Heirathen verſpuͤre. Jetzt wurde der gute Alte beinahe aͤrger⸗ lich.„Na“— ſagte er mit gerunzelter Stirn, indem er auf meinen Unterleib deutete—„ſo fehlts hier. Das iſt ein Anſatz zur Hypochon⸗ zurotten. Das wuchert fort wie Quecken. Der alte Sauerteig muß heraus; Sie muͤſſen Ihren vorigen Lebensmuth wieder bekommen. Nichts beſſer, als eine Reiſe...“ Bei dieſem Worte befiel mich ein leiſer Schauer.. „Nach Pyrmont muͤſſen Sie, nach Nenn⸗ dorf oder dem Alexis⸗Bade. Sie werden mir es Dank wiſſen. Sie ſollen ſehen, Sie kom⸗ — 284— men als ein ganz anderer Meunſch wieder zuruͤck.“ Der gute Alte war in dieſem Augenblick ein ſehr gluͤcklicher Prophet, ohne ſelbſt zu ah⸗ nen, daß ſeine Prophezeihung in ihrem ganzen Umfange eintreffen wuͤrde. 1 Ich verſprach dem trefflichen Manne, mir ſeinen Vorſchlag zu uͤberlegen, und ehe ich ihm 8 eine beſtimmte Antwort gaͤbe, meine Geſchaͤfts⸗ Verhaͤltniſſe zu pruͤfen, ob dieſe auch mit mei⸗ ner Reiſe vereinbar waͤren. Mit dieſer Erkla⸗ rung war er zufrieden, und meinte, daß er noch heute mit meinem Chef ſprechen, und dieſem ſelbſt die Sache ans Herz legen wuͤrde. Er that dies, und mein Chef, in deſſen Gunſt ich mich durch unermuͤdete Thaͤtigkeit feſtgeſetzt hatte, forderte mich ſelbſt, auf eine! ſo herzliche und gleichſam gebietende Weiſe, auf, dem Rathe des biedern Arztes Folge zu leiſten, daß ich durchaus nicht wagen durfte, zu wider⸗ ſprechen. Ich waͤhlte Pyrmont, und acht Tage ſpaͤ⸗ — 285— ter ſaß ich wieder mit meinem treuen Diener im Reiſewagen, und eilte der heilbringenden Nymphe zu, der ſo mancher Geneſene ſchon erneute Geſundheitsfuͤlle verdankt. Es war eine graͤßliche⸗Nacht. Der Regen ſiel in Stroͤmen nieder. Der Poſtillion mußte Schritt vor Schritt fahren, damit die Pferde ſich in der Haide, in der wir umherirrten, nicht an den Baͤumen die Koͤpfe zerſtießen. Endlich hielt er ſtill, fluchte wie ein Matroſe und ſagte: Da mag der T**s weiter fahren.“ Er hatte in der Dunkelheit den rechten Weg verfehlt, und wußte nicht, wo wir uns be⸗ fanden. Weder ich, noch mein Diener, waren je⸗ mals in dieſer Gegend geweſen, und konnten es alſo noch weniger wiſſen, als er, welcher von den zahlreich ſich durchkreuzenden Wegen einzu⸗ ſchlagen ſei. Nach langem Hin⸗ und Herreden ward beſchloſſen, aufs Gerathewohl den befah⸗ rendſten zu waͤhlen, und dies geſchah. 5 Was mir ein widriger Zufall ſchien, war — 286— eins der nothwendigſten Glieder in der Kette der Ereigniſſe meines wechſelvollen Lebens. Eine Stunde noch waren wir langſam durch den oͤden Wald, von Regenguͤſſen uͤberſchuͤttet, ge⸗ fahren, als Lichtglanz uns entgegen ſchimmerte. Ein altes Schloß auf einem hohen Felſen gele⸗ gen, zeigte ſich uns in geringer Entfernung. Mir und meinem Diener ward es wieder leicht ums Herz als wir das finſtere beengende Ge⸗ hoͤlz hinter uns liegen ſahen, und unſer Poſtil⸗ lion, der in ſeinem und ſeiner Pferde Namen unſere Empfindungen zu theilen ſchien, blies ein froͤhliches Lied. n „Was iſt dies fuͤr ein Schloß, Schwager?“ fragte ich den Pferdebaͤndiger. „Das Zuchthaus!“— Das Zuchthaus! wiederholte ich fuͤr mich.— Ich war dieſen Schauplaͤtzen menſchlichen Elends und menſch⸗ licher Verworfenheit ſtets ſorgfaͤltig aus dem Wege gegangen, und hier fuͤhrte ein tuͤckiſcher Daͤmon mich einem ſolchen in der bedenklichen Geiſterſtunde zu!— Ich wußte nicht, ob ich 1 mich uͤber das ſonderbare Spiel des Zufalls aͤrgern, oder daruͤber lachen ſollte. So wie mir damals, mag ungefaͤhr dem ermuͤdeten Wanderer zu Muthe ſein, der in der ſtillen dunkeln Nacht auf einem Huͤgel den Morgen erwarten will, und beim Erwachen durch Schaͤdel und Gebeine und ein ſeltſames Bauwerk belehrt wird, daß er die Nacht unter dem Galgen zugebracht hat.— Ich war mit meinen Reflexionen noch nicht zu Ende, als der Poſtillion vor einem duͤſtern ge⸗ woͤlbten Thore hielt und kraͤftig ins Horn ſtieß. Eine Stimme, die hoch oben aus der Luft herab zu toͤnen ſchien, rief uns ein verdrießli⸗ ches: Wer da? zu. „Eine Extrapoſt, die ſich verirrt hat,“— war die Antwort.—„Wir wuͤnſchen in dieſem Unwetter nur auf einige Stunden Nachtquar⸗ tier.“ „Muß dem Kommandanten gemeldet wer⸗ den,“— klang es herab, und ein Fenſter ward hoch, oben, wo Raben und Dohlen herumkraͤchz⸗ ten, mit ziemlicher Heftigkeit zugeſchlagen. Nach Verlauf einer halben Stunde raſſelten Schloͤſ⸗ ſer an dem wohlverwahrten Thore, und ein baͤrtiger Invaliden⸗Unteroffizier mit einer maſ⸗ ſiven Brantweinſtimme ſagte kalt und aͤrger⸗ lich:„Kann paſſiren.“ Wie der Schlund der Hoͤlle, oͤffnete ſich vor uns ein hohes finſteres Gewoͤlbe, wo jeder Tritt der Pferde zehnfach wiederhallte. Der Unteroffizier zeigte uns den Weg mit einer Handlaterne. Mir war, als wenn ein wun⸗ derbarer Traum mich ergriffen haͤtte. Im Schloßhofe ſah es ſchon freundlicher aus. An einer kleinen Thuͤr mußte der Wagen halten; der Unteroffizier erbat ſich ein Trink⸗ geld, und verſicherte, daß der Herr Inſpektor, der allhier wohne, von unſerer Ankunft unter⸗ richtet ſei, und uns nach Kraͤften beherbergen werde.„Es iſt ein billiger Mann“— ſagte er halblaut—„hat auch einen guten Doppel⸗ kuͤmmel.“ Der Herr Inſpektor, ein Sammtkaͤppchen auf dem kahlen Scheitel und in einen Schlaf⸗ rock — 289— rock von großbluͤmigem Kattun gehuͤllt, empfing mich, mit dem Lichte in der Hand, am Eingange des Hauſes. Mich hoͤchlich bedauernd, daß ich an der Fortſetzung meiner Reiſe gehindert wor⸗ den ſei, und die beſte Bewirthung nach NRoͤglichkeit verſprechend, fuͤhrte er mich in ein freundliches, nettes Stuͤbchen. In kur⸗ zer Zeit war ein Abendeſſen zubereitet, das mir ſehr willkommen war. Ich lernte bei dieſer Ge⸗ legenheit das dienende Perſonal meines gaſt⸗ freundlichen Wirthes, aber auf eine hoͤchſt uͤber⸗ raſchende Weiſe, kennen. Ein Invalid brachte mir eine Flaſche Bier. „Alter Kammerad“— redete ich ihn freundlich an—„gewiß haſt Du manchen blutigen Feld⸗ zug mitgemacht! Man ſieht Dir's an.“ Ja, gnaͤdiger Herr,— erwiederte er ſtam⸗ mernd— alle Feldzuͤge unter dem großen Frie⸗ drich. Ich waͤre immer noch ein ruͤſtiger und brauchbarer Kerl, haͤtt' ich nicht das Malheur gehabt! Indeſſen, Gott ſei Dank! es hat ſich ſehr mit mir gebeſſert. Ich bekomme jetzt nur — T — 290— etwa alle 8 bis 14 Tage den Pa— Pa— Paroxismus. Mich fror. Der Invalid ging wieder ſort, und ein junges huͤbſches Maͤdchen ſetzte mit einneh⸗ mender Freundlichkeit eine Schuͤſſel mit zwei koͤſtlichen gebratenen Huͤhnern auf den Tiſch. „Wird Dir hier in dieſem oͤden Schloſſe die Zeit nicht lang, liebes Maͤdchen?“ fragte ich die Liebliche mit Theilnahme. „Ach beſter Herr!“— war die Antwort; —„wenn ich nur nicht hier bleiben muͤßte. In⸗ beſſen wird es nun auch am laͤngſten gedauert haben. Sott ſei tauſendmal Dank! ich raſe doch nicht mehr. Das macht der Sack.— Da iſt aber oben in No. 15 die Jungfrau von Or⸗ bleahn; die wird noch alle Tage zweimal in den Sack geſteckt. Mir ward ganz unheimlich. Der Biſſen quoll mir im Munde. Da hoͤrte ich ploͤtzlich Kettengeraſſel, aͤhnlich dem eines Pferdes, das mit einer Kette an der Krippe befeſtigt iſt. „Was iſt das fuͤr ein Geraſſel?“ fragte ich die Mittheilungsluſtige. „Das iſt der Koönig Salomo“— erwie⸗ derte ſie—„der liegt an der Kotte.— Ach!“⸗ — fuhr ſie fort und neigte ſich traulich zu mei⸗ nem Ohre—„der hat heute hoͤlliſche Hiebe gekriegt.“ Draußen auf dem Flur rief des Herrn In⸗ ſpektors kraͤftige Stimme:„Doͤrte! Doͤrte!“ und die Holde, die nicht mehr raſ'te, flog zur Thuͤr hinaus. Ich wandte mich nach meinem Diener um, der zitternd in einer Ecke des Zimmers ſtand, und als ein guter Katholik ein Kreuz uͤber das andere ſthlug. „Sott ſei bei uns, gnaͤdiger Herr!“— ſprach er aͤngſtlich—„ich glaube, wir ſind in ein Narrenhaus gerathen.“ „Schweig,“ erwiederte ich kleinlaut, denn ich hoͤrte jemand ſich dem Zimmer naͤhern—„es kommt mir auch ſo vor.“. Der Herr Inſpektor erſchien, um zu fragen, T2 — 292— ob ich noch etwas befoͤhle, und, als ich dieß verneinte, mir gute Nacht zu wuͤnſchen. So aͤngſtlich mir auch der Aufenthalt in einem ſolchen Hauſe war, ſo ſchlief ich doch ganz vortrefflich. Der Poſtillion weckte mich mit ei⸗ ner verdrießlichen Botſchaft. Eins von ſeinen Pferden war krank geworden, und er zeigte mir an, daß er es hier ſtehen laſſen und mit dem andern nach Hauſe reiten wolle: uͤbrigens wuͤrde der Herr Inſpektor mich mit ſeinen Pferden, die er den Mittag zuruͤck erwartete, bis zur naͤchſten Station fahren laſſen. Was war zu thun? Ich mußte mich ſchon in mein Schickſal fuͤgen und noch einen halben Tag in dieſer traurigen Burg verleben. Der Inſpektor leiſtete mir beim Kaffee Ge⸗ ſellſchaft. Es war ein alter, biederer, geſpraͤchi⸗ ger Mann. Ich erzaͤhlte ihm, wie ſehr ich den Abend vorher durch ſeine Dienerſchaft uͤber⸗ raſcht worden ſei, und er lachte herzlich daruͤber. — — — 293— Beides waren, wie er(ſich ausdruͤckte, Recon⸗ valeszenten; der Invalid aß hier ſein Gnaden⸗ brod, und das Maͤdchen ſollte in Kurzem aus dem Irrenhauſe, welches mit der Strafanſtalt vereinigt war, entlaſſen werden. Ungluͤckliche Liebe hatte auch dieſem Maͤdchen auf einige Zeit den Gebrauch der Vernunft geraubt. Der Inſpektor erzaͤhlte mir eine Menge aͤhnlicher Faͤlle, die er in dieſer Anſtalt erlebt hatte, und ſprach mit ganz beſonderem Inte⸗ reſſe von einer jungen Dame, von ſehr guter Familie, welche noch hier lebe, und, obgleich ſie zu ihren Verwandten haͤtte zuruͤckkehren ſol⸗ ten, ſich nie wieder von ihrem jetzigen Aufent⸗ halt zu treunen beſchloſſen haͤtte. Jedes ſeiner Worte ſpannte meine Erwartung hoͤher, und die ſeltſamſten Gefuͤhle und Ahnungen wurden in mir rege, als er berichtete, daß dieſe junge Dame ſich ſtets Eulalia genannt habe, und es viele Muͤhe gekoſtet haͤtte, ihr dieſen Wahn zu benehmen. 3 Ich fragte nach dem Namen der Ungluͤckli⸗ 1 — 294— chen.„Es iſt die Graͤfinn Rothenburg”“— raunte mir der Inſpektor ins Ohr. — Und ihr Vorname? fragte ich, mit ſtei⸗ gender Aengſtlichkeit, weiter. „Werde gleich die Ehre habe aufzuwarten“ erwiederte der Inſpektor, und griff nach einem roßen Hauptbuche, worin alle anweſende Nar⸗ ren und Nicht⸗Narren verzeichnet waren. Er ruͤckte die Brille zurecht und las: Caroline, Louiſe, Henriette.— 3 „Henriette!“— rief ich wie ein Verzwei⸗ felnder aus.— 1 1 Henriette— erwiederte der Inſpektor, und ſah mich mit großen Augen an, als wenn er in mir ein neues Mitglied ſeiner thoſtläſen Co⸗ lonie zu erhaſchen glaubte. „Ich muß ſie ſehen, ſie ſprechen”“— rief ich mit einer Wildheit, die den guten Mann er⸗ ſchreckte.—„Verſchaffen Sie mir Gelegenheit! Ich habe einſt ein weibliches Weſen ungluͤcklich gemacht. Nur ich kann meiner Henriette die verlorne Ruhe wiedergeben.“ .— 295— Ich ſprach dies mit einer Heftigkeit, welche dem braven Inſpektor vielleicht noch nie vorge⸗ kommen war. „Sie ſollen ſie ſehen,“— erwiederte er; —„nur einige Augenblicke Geduld.“ Er ließ mich eine halbe Stunde allein. Eu⸗ lalia— Henriette— ich haͤtte vor lauter Freude mit dem Kopfe gegen die Wand rennen möogen⸗. — Das war meine Henriette— mein Herz ſagte mir es laut. Der Inſpektor kam zuruͤck.„Herr Baron“ — ſagte er achſelzuckend—„die Frah Graͤ⸗ fin will ſich von Niemand ſprechen laſſen. Ich ſagte ihr Ihren Namen; aber ſie kannte Sie nicht. Wollen Sie ſie indeß ſehen— ſo kom⸗ men Sie mit mir;z ſie wird eben in den Gar⸗ ten gehen.“ Ich folgte ihm— halb bewußtlos. Der Garten war uͤberaus angenehm. Un⸗ ter einem Apfelbaume blieb mein Fuͤhrer ſtehen. „Das iſt eins der Lieblingsplaͤtzchen der Frau — 296— Graͤfin“— ſagte er leiſe, nach allen Seiten ſich ſchuͤchtern umblickend. Es waren mehrere Namen in die, unter dem Apfelbaume ſtehende, Bank eingeſchnitten. „Dieſes H u. I haben die Frau Graͤfin eigenhaͤndig in die Bank eingegraben,“— be⸗ richtete der gute Inſpektor. Heinrich und Henriette— das bedeutete dieſe Ziffer.„Ich bin Heinrich— ſie Henriette!“ rief ich halb ohnmaͤchtig aus.„Hier waltet durchaus kein Zweifel ob!“ * „Mein Herr, Sie koͤnnen ſich irren;“— erwiederte der Inſpektor—„folgen Sie mir.“ Er zeigte mir eine zweite Bank, welcher Henriette gleichfalls ihren Platz angewieſen hatte.— O wie glich ſie durch ihre Umgebun⸗ gen der Bank im Garten des Grafen von B*⸗ zu N***, wo wir ſo oft im freundlichen Ge⸗ ſpraͤch zuſammen geſeſſen hatten! „Sie kommt! ſie kommt!“— fluͤſterte mir der Inſpektor zu, und deutete auf eine lange — 297— weiße Geſtalt, die eine kleine Lindenallee her⸗ aufſchwebte. Ich ging ihr entgegen— ich erkannte ſie. „Henriette!“— rief ich, halb wild, halb ohne Beſinnung, und breitete ihr die Arme entgegen. Sie erkannte mich, ward bleich, ſchwankte, und ſtuͤrzte mir mit einem leiſe hingehauchten „Heinrich!“ an die Bruſt. Der Inſpektor, der gute treffliche Mann, war der Gefaßteſte von uns Allen. Thraͤnen ſtanden ihm in den Augen.„Was iſt das?“ — fragte er verwundert und mißtrauiſch. Der Zufall hat zwei Menſchen gluͤcklich ge⸗ macht, lieber Inſpektor,“ war meine Antwort. Ich bin der Baron***, und Juſtizrath und Kammerherr des Fuͤrſten von**. Hier ſind meine Paͤſſe. Die Frau Graͤfin reiſet mit mir zu ihren Verwandten, und wird mein Weib; um Sie aber ganz zu decken, werde ich bei Ih⸗ nen hiermit tauſend Louis dor als Caution nie⸗ derlegen. Der Inſpektor machte jetzt einen Buͤckling — 298— uͤber den andern, und fuͤhrte uns kopfſchuͤttelnd nach ſeiner Wohnung. Ich ſpeiſte mit Henrietten zu Mittag— doch nein! wir ſpeiſten nicht! Wir kuͤßten, wir umarmten uns nur, und wußten uns kaum in unſer Gluͤck zu finden. Um zwei Uhr Nachmittags trat der In⸗ ſpektor ins Zimmer und ſagte:„Meine Herr⸗ ſchaften, der Wagen iſt angeſpannt; Sie koͤn⸗ nen reiſen, wenn es Ihnen beliebt.“ Wiir brachen auf. Henriettens ganzes Mo⸗ biliar ward dem Inſpektor uͤbergeben. Als das finſtere Schloß hinter uns lag— da war Hen⸗ riette heiter, und ich mit ihr. Mein Diener ſaß neben dem Fuhrmann und freute ſich hald todt. Nach Pyrmont fuhr ich nicht; ſondern ge⸗ rades Weges zu Henriettens Oheim.(Ihre Eltern waren bereits geſtorben). Wir ſagten ihm, wie Alles gekommen ſei, welche Ausſichten ich Henrietten erröffnen koͤnne, und er gab uns gern und willig ſeinen Segen. Ein halbes Jahr war ich mit Henrietten — — 299— verheirathet, als der von ihr geſchiedene Graf Rothenburg ſtarb, mit dem ſie vermaͤhlt geweſen war; er ſetzte ſie, die er ſo innig verehrt hatte, zur Erbin ſeines ungeheuern Vermoͤgens ein, und jetzt erſt erzaͤhlte ſie mir(ich hatte aus Delikateſſe nicht fruͤher Aufſchluͤſſe von ihr ver⸗ langen wollen) die Geſchichte ihrer letzten Jahre. Als ſie mich des Abends im Garten des Grafen von B**“ verlaſſen hatte, war ſie athemlos nach ihrer Wohnung geeilt. Sie ward krank, gefaͤhrlich krank, und der Gedanke, daß ſie eine Eulalia, und als eine ſolche von mir anerkannt ſei, brachte ſie ſo ſehr zur Ve zweiflung, daß ſie haͤufig Spuren von O her abweſenheit blicken ließ. Der Graf ſah ein, daß er fuͤr ein ſo reiz⸗ bares junges Maͤdchen zu alt ſey. Er trennte ſich von ihr, und ſetzte ihr jaͤhrlich tauſend Tha⸗ ler aus. Ihre Familie hielt ſie fuͤr wahnſinnig; aber ſie war nur ſchwermuͤthig. Deshalb ward ſie dem biedern Inſpektor zu L*⸗*⸗ anvertraut, der ſie wie eine Fuͤrſtin behandelte, und den ſie — 300— nicht wieder verlaſſen haben wuͤrde— wenn nicht der Zufall mich in ihr Aſyl verſchlagen haͤtte. Ich ſegnete jetzt die Nacht, die mich dem alten Schloſſe zufuͤhrte, das Ungewitter, die ſchlechte Wegekenntniß meines Poſtillions, und meine Ankunft auf der alten Burg, wo ich Die fand, welche das Gluͤck meines Lebens zu ma⸗ chen beſtimmt war. Der alte Leibmedikus war ilberans vergnuͤgt, als er mich bei der erſten Hofaſſemblee wieder, und zwar ſo uͤberaus froͤhlich ſah.„Maͤnnchen.“ — ſagte er freundlich, und rieb ſich die Haͤnde,— „nicht wahr, Pyrmont iſt ein Wunderbad?“ Ich fuͤhrte ihm Henrietten zu, und ſagte: „Dies iſt die Quelle, diemich geſund gemacht hat.“ Er ließ ſich alles erzaͤhlen, und war vor Freuden wie von Sinnen. Der Inſpektor behielt die tauſend Louis⸗ d'or. Der herrliche Mann hatte mich zu gaſt⸗ freundlich aufgenommen, meine himmliſche Hen⸗ riette zu liebreich behandelt, als daß wir ihm nicht auf eine ſolche Weiſe unſere Dankbarkeit 6 9 —— haͤtten beweiſen ſollen. Der Invalid, das freundliche Dienſtmaͤdchen, die ungluͤckliche Jung⸗ frau von Orleans, der Koͤnig Salomo in ſei⸗ nen Ketten— alle dieſe Ungluͤcklichen erhielten von mir und meiner Henriette Geſchenke, wie wir ſie ihrem Zuſtande angemeſſen glaubten⸗ Jetzt bin ich— ach! ſo gluͤcklich, als ich fruͤ⸗ her nie zu werden dachte.— Ich hoffe— Hen⸗ riette iſt es auch. So erzaͤhlte mir der Baron, bei meiner letz⸗ ten Anweſenheit in Pyrmont, die Geſchichte ſei⸗ ner Liebe und ſeines Lebens. Zufaͤllig hatte ich ihn kennen gelernt, und wir beide fuͤhlten uns an ein⸗ ander gezogen⸗ „Wollen Sie Henrietten ſehen?“— fragte er mich freundlich. „O wie gern!“— war meine Antwort.— „Sie haben ſie mir zu lieblich geſchildert, als daß ich nicht——“ Ich konnte nicht vollenden.„Hier iſt meine Frau,“— unterbrach mich der Baron, und ſtellte — 302— mir ein liebenswuͤrdiges junges Weib vor, das, einen Knaben an der Hand, ein allerliebſtes Kind von ſechs Monaten auf dem Arme, aus einem Seitenwege hervortrat, und plötzlich, zu unſerer Ueberraſchung, vor uns ſtand. Henriette ſchlug die Augen nieder. Sie hatte uns belauſcht. Ihr liebenswuͤrdiger Gatte nahm den aͤltern Knaben auf den Arm, kuͤßte das holde Weib, und freundlich laͤchelnd, verzeihend, ſchie⸗ den ſie von mir. Oft noch war ich mit beiden herrlichen Men⸗ ſchen zuſammen, und wenn ich mich erinnerte, wie hart ſie gepruͤft worden waren, da traten mir im⸗ mer Thraͤnen in die Augen, und ich fuͤhlte es tief⸗ daß nur die Ehe gluͤcklich ſein koͤnne, deren Bande gegenſeitige Liebe geknuͤpft habe, und daß nur die Liebenden eines ſolchen Gluͤckes wuͤrdig waͤren, die alle Pruͤfungen des Lebens muthig beſtanden haͤt⸗ ten, ohne je in ihren Gefühlan und Geſiunungen zu wanken. VI. 8 — — + —2 O — + 4 ᷣ — G& Raſch flog der Wagen, in welchem ie lie⸗ benswuͤrdige Graͤſin Roſalie von Re...„mit ihrem Gatten ſaß, die Straße von Charlotten⸗ burg nach Berlin herab. Beide hatten am Morgen deſſelben Tages das Band geknuͤpft, 4 von dem ſie das hoͤchſte Gluͤck des Lebens er⸗ warteten. Nie konnte eine eheliche Verbindung unter guͤnſtigern Auſpicien geſchloſſen werden. Beide waren gleich jung, gleich reich, gleich lie⸗ benswuͤrdig und gebildet— durfte man da wohl bezweifeln, daß ſie gluͤcklich werden mußten? Sie wurden es auch; aber erſt in ſpaͤtern Jah⸗ ren, und nachdem ſie ſehr ungluͤcklich geweſen waren. Um dem Schwarme der Hochzeitgaͤſte und deren laͤrmender Freude fuͤr einige Stunden zu u — 306— entſchluͤpfen und in trauter Einſamkeit ſich ſelbſt zu genießen, waren ſie nach dem hochzeit⸗ lichen Mahl nach Charlottenburg gefahren, um in den heitern, duftenden Blumenlabyrinthen, die ſpaͤter durch die Huͤlle ber unſterblichen Koͤ⸗ niginn Louiſe geweiht wurden, Arm in Arm geſchlungen, umher zu wandeln, und Plaͤne fuͤr die Zukunft zu entwerfen. Was den neu ver⸗ maͤhlten Gatten einen ſo ſuͤßen Stoff zum Ge⸗ ſpraͤch giebt, die Erziehung der Kinder, machte einen Hauptgegenſtand ihrer Unterhaltung aus. 3 Wie oft unterbrachen ſie ſich aber, um in dem ernſten Dunkel der ſanft rauſchenden Buchen ſich gegenſeitig an die Bruſt zu ſchließen, und ſo Gefuͤhle einander mitzutheilen, welche mit Worten auszudruͤcken, alle Sprachen des Erd⸗ bodens zu arm ſind. Jetzt waren die Gluͤcklichen auf dem Nuͤck⸗ wege nach dem hochzeitlichen Hauſe begriffen. Der Mond, der manchen freundlichen Blic durch die klaren Spiegelſcheiben in den rollen⸗ den Wagen warf, war Zeuge ſo vieler Gunſt⸗ — 3007— bezeugungen, die der freudetrunkene Heinrich von der ſchoͤnen Roſalie erhielt. Die Linden, Erlen und Buchen, welche am Thore begin⸗ nen, rauſchten ernſt und feierlich in ihre Wonne, bis der Wagen hielt und das barſche Wer da? der Schildwacht ſie aus dieſer Welt von Ge⸗ fuͤhlen weckte. Die Victoria, damals noch nicht durch das herrliche Kreuz geziert, und die gi⸗ gantiſchen Saͤulen des Brandenburger Thors, vom Glanze des Mondes aͤbergoſſen, ſtrahlten ihnen hehr und ernſt entgegen. Sie rollten durch das dunkle Portal dem hell erleuchteten Hauſe zu, und wurden hier von den noch ver⸗ ſammelten Hochzeitgaͤſten mit Scherzen und Neckereien, die an einem ſolchen Freudentage ſo gewoͤhnlich als zweckmaͤßig ſind, empfangen und verfolgt. Als die Liebenden ihnen nun zum zweitenmale entflohen waren, als das braͤutliche Gemach, voll Ahnung und Wonne, ſie umſchloß, als es ſtiller und ſtiller im Hauſe wurde, und die davon eilenden Wagen die Ent⸗ fernung des befreundeten Schwarmes verkuͤn⸗ U 2 — 308— digten— wer vermoͤchte wohl die Gefuͤhle zu beſchreiben, die Heinrich und Roſalien da er⸗ fuͤllten? Heinrich unterbrach ihre traulichen Her⸗ zensergießungen zuerſt durch einige ernſte, durch⸗ dachte Worte:„Liebe Roſalſe“— ſprach er in einem wuͤrdevollen Tone—„Gatten, welche gluͤcklich zuſammen leben wollen, handeln ſehr zweckmaͤßig, wenn. ſie aufrichtig und ehrlich ſich von ihren Schwaͤchen unterrichten, um dieſe im Umgange zu ſchonen, oder, wenn es moͤg⸗ lch iſt, einander davon zu befreien.“ Roſalie nickte mit einem feinen Laͤcheln. „Ich will mit meinen Schwaͤchen den An⸗ fang machen,“— fuhr Heinrich fort,—„und ich will ganz ehrlich ſein.“. Roſalie laͤchelte noch einmal, und lauſchte auf das, was ſie wohl hoͤren wuͤrde. „Erſtlich bin ich ſehr lebhaft, und laſſe mich leicht zum Zorne hinreißen.“ „Die kluge Frau“— war Roſaliens Ant⸗ wort—„muß wiſſen, wo ſie ſtehen bleiben ſoll, — 309— wenn ein Zwieſpalt der Meinungen einen leb⸗ haften Wortwechſel herbeifuͤhrt. Jetzt laͤchelte Heinrich, und fuhr abermals fort⸗ „dann bin ich feſt uͤberzeugt, keine Liebe koͤnne ohne Eiferſucht beſtehen; und ich— ich fuͤhle das— ich werde ſehr ſtark eiferſuͤchtig ſein.“ Die Schwaͤche zu ſchonen, iſt die erſte Pflicht des einen Gatten, wenn er ſie an dem andern bemerkt. Wie leicht iſt das zu bewerk⸗ ſtelligen! „Jetzt bin ich mit mir fertig;“— nahm Heinrich wieder das Wort—„wenn Sie naͤm⸗ lich nicht einen kleinen Hang zu Vergnuͤgun⸗ gen in die Kategorie der Fehler ſetzen wollen. Indeſſen iſt dieſer in unſerm Stande ſehr na⸗ tuͤrlich, und unſer beiderſeitiges Vermoͤgen ge⸗ ſtattet uns, dieſen Hang auf eine anſtaͤndige Weiſe zu befriedigen.“ Roſalie bejahte dies, und begann nun mit ihren Maͤngeln. Es waren deren eigentlich gar keine vorhanden, da Heinrich Putzliebe, ein wenig weiblichen Eigenſinn, und eine gemaͤßigte — 310— Gefallſucht nicht fuͤr Fehler gelten laſſen wollte. Beide glaubten ſich nun hinlaͤnglich zu kennen, um Alles zu vermeiden, was ihr Gluͤck und ihre Harmonje zu ſtoͤren faͤhlg ſei, und— beide irrten ſich. Nicht nur die Flitterwochen, ſondern die beiden erſten Jahre verſtrichen, ohne daß nur im geringſten ein Zwiſt zwiſchen Heinrich und Roſalie entſtanden waͤre. Sie hatten W.. zum beſtaͤndigen Aufenthalte gewaͤhlt, weil der Graf durch Beſitzungen und Verhaͤltniſſe an die Kaiſerſtadt gefeſſelt wurde. Roſalie hatte ihm hier einen lieblichen Knaben geboren, der das Gluͤck der beiden Gatten ſehr erhoͤhte. Nur im zweiten Jahre, und zwar am Schluſſe deſſelben, runzelte Heinrich einige Mal die Stirn, und warf Roſalien ernſte bedeu⸗ tungsvolle Blicke zu. Der zweite von den Feh⸗ lern, den er ſich fruͤher geziehen, hatte ihm ei⸗ nen Streich geſpielt. Ein junger polniſcher Graf, Namens Kra⸗ 4 — 311— ſinsky, der in ganz Wien wegen ſeiner geſell⸗ ſchaftlichen Vorzuͤge beliebt war, und von den Frauen beſonders ausgezeichnet wurde, ſchien auf Roſalien Eindruck gemacht zu haben. Wenn ſie auf einem Balle ihrem Gatten geſtand, daß ſie ermuͤdet ſei, und nun nicht mehr tanzen koͤnne— ſo nahm ſie doch Kraſinskys Hand zum raſchen Walzer an; Heinrich ſah: dieſem konnte ſie nichts abſchlagen. Er. verfolgte die Wirbelnden mit gefalteter Stirn, und warf Roſalien finſtere Blicke zu, wenn ſie nach ge⸗ endigtem Tanze ſich in einen Seſſel nieder ließ, und Kraſinsky mit ihr ſcherzend, ſich auf einen Stuhl neben ſie warf. Das geſchah nicht ein⸗ mal, ſondern weit oͤfter; denn Roſalie ſchien die Bedeutung von Heinrichs Blicken nicht zu verſtehen, und er ſelbſt fuͤhlte zu fein, um et⸗ was ſo uͤberaus Zartes in Worten gegen ſie abzuhandeln, oder es gar bis zu einem, bei den Eheleuten der ungebildeten Klaſſen ſo gewoͤhn⸗ lichen, Zanke kommen zu laſſen. Aber das war ſehr ſchlimm; denn der ſtumme Unmuth iſt der quaͤlendſte, und laͤßt im Herzen tiefere Spuren zuruͤck, als die Unzufriedenheit, die in Worten ausgeſprochen wird. Eine Schlittenfahrt des hohen Adels, wo Keaſinsky die ſchoͤne Graͤſin fuhr, und ſich ausſchließend mit ihr beſchaͤftigte, vollendete Heinrichs Unmuth. Er behandelte Roſalien mit Kaͤlte, und dieſe ſchrieb es auf die Rechnung des gewoͤhnlicher. Wankelmuths der Maͤnner. Kraſinskys Huldigungen, deſſen Bewerbung um ihre Gunſt ihr ſchmeichelte, ohne daß ſie nur im mindeſten Liebe fuͤr ihn empfand, entſchaͤdigten ſie fuͤr die Kaͤlte ihres Gatten, die ſie nicht zu verdienen glaubte. Beide verſtanden ſich nicht. Haͤtten ſie doch den Verſuch gewagt, ſich zu verſtaͤndigen!! An dem Tage, wo die Schlittenfahrt ge⸗ halten worden war, ſchmerzte Roſaliens Freund⸗ lichkeit gegen den verhaßten Staroſten den ar⸗ men Heinrich am meiſten. Er hatte ſich ſo ſehr darauf gefreut, ſie ſelbſt zu fahren. Kraſinsky lud ſie aber in ſeinen Schlitten ein, ſie— konnte es ihm nicht abſchlagen, und zwang ih⸗ rem Gatten durch einen Kuß und ſraundiiche Blicke ſeine Einwilligung ab. Als Heinrich und die Graͤfin urkgekeher waren, und letztere ſich zur Ruhe niedergelegt hatte— da ergriff ihn eine Wehmuth, wie er ſie noch nie empfunden. Er riß das Fenſter auf, blickte ernſt in die ſchneidend⸗kalte Winter⸗ nacht hinaus, als wenn er den verfuͤhreriſchen Mond und die funkelnden Sterne zu Zeugen ſeines Schmerzes machen wollte, und rief, die Bruſt wie von tauſend Dolchen zerriſſen, mit zuſammen geſchlagenen Haͤnden aus:„Roſalie! Roſalie! wenn du mich zu taͤuſchen, zu betruͤ⸗ gen vermoͤchteſt!— Gerechter Gott! welche Zukunft ſtuͤnde uns bevor!“ Sein Schmerz ließ ihn nicht raſten: er trieb ihn in das Schlafgemach der Graͤfinn. Sie ſchlummerte ſanft, wie ein Engel der Un⸗ ſchuld, beim Lichte der Schimmerlampe; ihr lieblicher Knabe, den ſie in die Arme gedruͤckt hatte, ruhte an dem Herzen, an dem der Graf, gluͤcklich wie ein Gott, ſo oft geruht hatte. — 314— In geringer Entfernung von Roſaliens Bette ſchlief die Amme. Sie hatte nicht geſtatten wollen, daß das Kind von ihr getrennt wuͤrde. Welche gute, ſorgſame Mutter war Roſalie! Der Graf ſchlich leiſe uͤber die bunten Tep⸗ diche zuruͤck nach ſeinem Zimmer; der Anblick der holden Schlaͤferinn, und des lieblichen Kna⸗ ben hatten ihn ruhiger gemacht. Er konnte ſich in Kraſinskys Verhaͤltniß zu Roſalien ja leicht geirrt haben! Das fruͤhere innige Verhaͤltniß zwiſchen Heinrich und Roſalie war wieder hergeſtellt. Aber der heilloſe Polniſche Graf! Stets ver⸗ folgte er das liebenswuͤrdige Weib mit ſeinen Schmeicheleien und Artigkeiten, welche ſie nur zu gern hoͤrte, und zeichnete ſie zu ſichtbar aus, als daß es dem Grafen haͤtte unbemerkt blei⸗ ben ſollen. Der fruͤhere Argwohn ward in ihm wieder rege, er bewachte Roſalien mit aͤngſtli⸗ her Sorgfalt, und benahm ſich von neuem kalt, und ſelbſt muͤrriſch gegen ſie. In dieſem Zeitraum mußte Heinrich in Auftraͤgen des Hofes eine Reiſe nach Spanien antreten, welche, wie vorher zu ſehen war, ihn laͤnger als ein Jahr von W... entſernt hielt. Er wuͤnſchte, daß Roſalie ihn begleiten moͤchte, ſie war aber dazu durchaus nicht geneigt. So ſchmerzlich ihr auch die Trennung von ihrem Gatten ſiele— aͤußerte ſie— ſo koͤnne ſie doch unmoͤglich den kleinen lieblichen Knaben ver⸗ laſſen, und noch weniger denſelben den Gefah⸗ ren und Muͤhſeligkeiten einer ſo weiten Reiſe ausſetzen. Heinrich fand nach einigem Nach⸗ ſinnen, daß ſte Recht habe, und reiſete ab, ohne von Roſalien Abſchied zu nehmen. Er hinterließ ihr ein Billet, worin er ihr ſagte, daß er ſich und ihr den Schmerz der Trennung habe erſparen wollen, und ſie zur Fortdauer ihrer Liebe, und mit einem gewiſſen Nachdruck, zur Treue aufforderte. Das edle Weib laͤchelte durch Thraͤnen bei dieſer, in einem feierlichen Tone abgefaßten, Ermahnung. Sie verſtand ſie gar nicht. Bedurfte es denn bei ihr einer ſolchen? — 316— Beide ſchrieben ſich mit jedem Courier, der Depeſchen hin und her brachte, und mit einem Feuer, einer Innigkeit, wie ſie der wahren Liebe nur eigen iſt. Roſalle unterhielt den geliebten Gatten am Liebſten von ihrem Sohne; von den Fortſchritten deſſelben im Laufen und Sprechen, und von den Anlagen, die ſich in ihm bemer⸗ ken ließen. Sie verſicherte ihm zugleich, daß ſie ſehnlichſt nach ſeiner Ruͤckkehr verlange, und daß ſie moͤglichſt eingezogen und haͤuslich lebe. Sie gehe nur ſo oft in Geſellſchaft, oder ſehe befreundete Familien bei ſich, als der Anſtand es erfordere und eben nothwendig ſey, um die alten Verbindungen zu erhalten. Des Polni⸗ ſchen Grafen ward gar nicht gedacht; Heinrich wollte keine Eiferſucht zeigen, und Roſalie wußte ja von ſeinem Argwohn nichts. Ein halbes Jahr hatte Heinrich in Ma⸗ drid zugebracht, als mit einem Courier zwei Briefe anlangten, welche den Frieden ſeiner Seele vernichteten und ihn grenzenlos elend machten. Der eine war von einem ſeiner in⸗ — 317— nigſten Freunde von bewaͤhrter Rechtſchaffen⸗ heit. Dieſer meldete ihm, daß man viel von einem Einverſtaͤndniſſe Roſaliens mit dem Gra⸗ fen Kraſinsky ſpreche, und daß der Schein al⸗ lerdings gegen ſie ſey. Sie ſehe nie Geſellſchaft bei ſich, ohne auch den Grafen einzuladen, und dieſer benehme ſich beinahe wie der Herr vom Hauſe bei ihr, mache haͤufig die Honneurs fuͤr den abweſenden Gatten, und gebe dadurch zu verſtehen, daß er dieſe Rolle auch in anderer Ruͤckſicht ſpiele. Er, der Briefſteller, halte es fuͤr Pflicht der Freundſchaft, ſeinen lieben Hein⸗ rich auf die Gefahr aufmerkſam zu machen, die ſeiner Ehre drohe, und, wie er beinahe uͤber⸗ zeugt ſey, gegenwaͤrtig durch eine Warnung noch abzuwenden ſey.— Der zweite Brief war anonym, und weit plumper. Er ſprach Roſa⸗ liens Verbrechen mit duͤrren Worten aus, und ſchilderte ſelbſt die Tage und Stunden ausfuͤhr⸗ lich, an denen Kraſinsky bei Roſalien naͤchtliche Beſuche zu machen pffge. Sogar das wollte der unbefugte Correſpondent wiſſen, daß Ro⸗ beinahe abgebrannt. Sein Kammerdiener, ein — 518— ſalie mit dem Grafen Kraſinsky ſchon vor ih⸗ rer Verheirathung in genauen Verhäͤltniſſen ge⸗ ſtanden habe, und daß man den kleinen Theo⸗ dor nicht anders, als den„kleinen Baſtard“ nenne. Heinrich war wie vom Schlage getroffen; den Verfaſſer des anonymen Briefes wuͤrde er fuͤr einen Verlaͤumder erklaͤrt haben— aber einer ſeiner bewaͤhrteſten Freunde hatte ihm ja daſſelbe, was jener, geſchrieben, jedoch mit zar⸗ ter Schonung berichtet! Seine Ehre ſtand auf dem Spiele— er mußte als Mann handeln. Er ſchwankte zwiſchen hundert Entſchluͤſſen. Eine ploͤtzliche Trennung forderte ſetne Ehre; — aber ſein Herz, das mit unbeſchreiblicher Innigkeit fuͤr Roſalien ſchlug, rieth ihm Vor⸗ ſicht, und ſorgfaͤltige Pruͤfung der Verhaͤltniſſe. Er konnte zu keinem beſtimmten Entſchluſſe ge⸗ langen. Die Nacht fand ihn noch auf dem Sopha, das weinende Geſicht in die Kiſſen ge⸗ druͤckt. Es war zwei Uhr. Die Lichter waren —j— . —— 2 — 319— treuer ehrlicher Menſch, trat ins Zimmer. Er ging leiſe auf ſeinen Herrn zu, klopfte ihm ſanft auf die Schulter, und ſagte wehmuͤthig, theilnehmend:„Gnaͤdiger Herr, Sie goͤnnen ſich zu wenig Ruhe! Es iſt ſchon ſo ſpaͤt.... Gnaͤdiger Herr!.... Gehen Sie zu Bette.“ „Du haſt Recht, Joſeph“— erwiederte der Graf— ganz erſchöpft vom Sopha aufſtehend. „Ich muß aber erſt noch drei Briefe ſchreiben— dann iſt es voruͤber— Joſeph, ganz voruͤber.“ Er winkte dem treuen Diener, ſich zu ent⸗ fernen, warf ſich in ſeinen Arbeitsſtuhl und ſchrieb: „Roſalie! „Die Zeit der Taͤuſchung iſt voruͤber Meine „Freunde, meine beſten, treueſten Freunde ha⸗ „ben mir die Augen geoͤffnet, und Ihnen die „Larve der Tugend vom Geſicht geriſſen, hin⸗ „ter welcher Sie Ihre heuchleriſchen Geſinnun⸗ „gen, Ihre Buhlerei dem Gatten zu verber⸗ „gen ſtrebten.“ „Roſalie! Sie ſelbſt werden von der Noth⸗ „wendigkeit etner Trennung zwiſchen uns uͤber⸗ „zeugt ſeyn. Laſſen Sie uns bei derſelben den „Anſtand beobachten, welchen der Rang, den wir in der buͤrgerlichen Geſellſchaft behaupten, „erfordert.“ „Sie haben mir dreißigtauſend Thaler zu⸗ „gebracht; der Aufſeher meiner Guͤter erhaͤlt „durch denſelben Courier, der Ihnen dieſen „Brief uͤberbringt, die Ordre, dieſe Summe „Ihnen baar zu erſtatten. Sie ſind durch Ihre „Beſitzungen zu reich, als daß ich Ihnen noch „eine jaͤhrl iche Penſion anbieten ſollte. Im „Fall Sie aber einer ſolchen beduͤrftig zu ſeyn „glauben, ſo werde ich auch dazu mich gern ver⸗ „ſtehen.“ „Wenden Sie vorzuͤgliche Sorgfalt auf die „Erziehung des kleinen Theodors— ſo heißt „ja der ſogenannte„kleine Baſtard.“ Suchen „Sie beſonders das moraliſche Gefuͤhl in ihm „zu wecken und zu bilden; es iſt die erſte „Grundlage der buͤrgerlichen Wohlfahrt.“ „Die Gruͤnde, welche unſere Trennung for⸗ „dern, ſind Ihnen ſelbſt zu wohl bekannt, als „daß ich ſie hier weitlaͤuftig auffuͤhren ſollte. „Mein Anwald wird ſie in die, bei gerichtli⸗ „chen Verhandlungen noͤthige, Form bringen. „Da wir Beide Proteſtanten, und gewiß voͤl⸗ „lig einverſtanden ſind, ſo wird einer Trennung „zwiſchen uns kein Hinderniß im Wege liegen, „um ſo weniger, da ich mit Vergnuͤgen auf „Ihren Sohn verzichte.“ „Es wird mich freuen, Sie ganz gluͤcklich „zu wiſſen.“ 4 „Madrid, den z3oſten Juli 17. „Heinrich, Graf von R““ Der Graf ſchrieb noch an ſeinen Oekono⸗ mie⸗Inſpektor und an ſeinen Anwald und er⸗ theilte ihnen die noͤthigen Inſtruktionen. Bei jedem Federſtriche zitterte ſeine Hand.— Als er geendigt hatte, ſtand er halb ohnmaͤchtig auf. Seine Kraͤfte waren ganz erſchoͤpft. Er wollte ſeinen Diener rufen; aber der Hals war ihm wie zugeſchnuͤrt. Er konnte keinen Schritt wei⸗ ter gehen. Um ſich aufrecht zu erhalten, griff er nach einem Seſſel und ſtuͤrzte beſinnungslos mit ihm nieder. Joſeph eilte mit einem lauten Ausrufe des Schreckens herbei. Der Graf lag bewegungs⸗ los mitten im Zimmer, das Geſicht nach dem Fußboden gekehrt. Mit Muͤhe richtete Joſeph ihn auf, und ſah ſein bleiches Antlitz von Blut geroͤthet. Er hatte ſich zwei Wunden in die Stirn geſchlagen. Joſeph wollte nach einem Arzte eilen: aber er konnte ja den Grafen in dieſem Zuſtande nicht verlaſſen. Mit Aufwand aller ſeiner Kraͤfte gelang es ihm, ihn aufs Bette zu bringen. Ein furchtbares Gewitter, das ſich uͤber Madrid entlud, erhoͤhete das Feierliche und Furchtbare der Scene. Joſeph ſuchte die Wunden, ſo gut es ihm in der Eile nur moͤglich war, zu verbinden, und bald dar⸗ auf erwachte der Graf aus einer zweiſtuͤndigen Ohnmacht.„Roſalle! nun iſt es vorbei!““ Dieß waren die einzigen Worte, die er ſprach: dann ſchlief er, gaͤnzlich erſchoͤpft, ein, und Jo⸗ — — — — 335— 0 ſeph wachte mit aͤngſtlicher Sorgfalt an ſeinem Bette, jeden Athemzug belauſchend. Der am andern Morgen herbeigerufene Arzt erklaͤrte die beiden Stirnwunden fuͤr un⸗ erheblich, und den Grafen fuͤr koͤrperlich geſund. Fuͤr die Krankheit— meinte er— die er bei demſelben vermuthe, habe Materia medica keine Heilmittel gelehrt. Er ſchlage dem Grafen eine Reiſe nach Valencia vor, wo manches kranke Herz in der klaren heitern Luft ſchon geneſen ſey. Heinrich fand den Rath ſeines Arztes zweckmaͤßig, erbat ſich von ſeiner Regierung ei⸗ nen Nachfolger in ſeinen Geſchaͤften, und waͤhlte Valencia auf ein halbes Jahr zu ſeinem Auf⸗ enthalte. Seinen ehemaligen Frohſinn erhielt er zwar nicht wieder, aber ſein Schmerz war doch milder. Roſaliens Bild fing an zu ver⸗ bleichen und die Nachricht, daß das proteſtanti⸗ ſche Conſiſtorium die Trennung ausgeſprochen habe, beruhigte ihn vollends. Roſaliens Erſtaunen, als der Courier, dem ſie immer mit liebendem Verlangen entgegen geſehen hatte, ihr den eben mitgetheilten Brief uͤberbrachte, iſt nicht zu beſchreiben. Ihr Herz war zerriſſen; ſie wuͤrde vielleicht ihrem Schmerze erlegen ſeyn, wenn nicht Heinrich dadurch, daß er zugleich ihren Stolz beleidigte, ſich in ihren Augen veraͤchtlich gemacht, und wenn der lieb⸗ lich laͤchelnde Knabe, der ihr uͤberlaſſen werden ſollte, ſie nicht einigermaßen getroͤſtet haͤtte. Das wunderſchoͤne Kind auf dem Arme, trat ſie vor Heinrichs Bild, das er ihr an ihrem erſten Geburtstage zum Geſchenk gemacht hatte, und fluͤſterte unter heißen Thraͤnen die Worte: „„Heinrich! iſt es nur moͤglich!““ Mehr ſpre⸗ chen konnte ſie nicht. Sie hatte nur Thraͤnen. Am andern Morgen ließ ſie den beruͤhm⸗ teſten Rechtsgelehrten We... s zu ſich einladen, trug ihm den ganzen Fall vor, und erklaͤrte ihm ihren Entſchluß, in die von ihrem Gemahl be⸗ gehrte Trennung zu willigen, ſo ungegruͤndet auch die Beſchuldigungen waͤren, die Heinrich ihr in ſeinem letzten Briefe gemacht habe. Ihre Ehre und ihr Gefuͤhl forderten dies. Nachdem ——— alles reiflich uͤberlegt und geordnet worden war, reiſ'te Roſalie nach ihren Guͤtern ab, um hier einſam im Schooße der Natur, den Erinne⸗ rungen an gluͤcklichere Zeiten, der Erziehung ihres geliebten Kindes und den Armen zu le⸗ ben, fuͤr die ſie mit muͤtterlicher Zaͤrtlichkeit zu ſorgen, und, ſoviel als moͤglich, Segen um ſich zu verbreiten beſchloß. Kaum war ſie auf ihren Guͤtern angelangt, als zu ihrem großen Befremden Graf Kra⸗ ſinsky bei ihr eintraf, und ihr das furchtbare Dunkel lichtete, das uͤber ihrem Verhaͤltniſſe zu ihrem Gatten waltete. Der Graf war in ſeinem Betragen freier, ungezwungener, ſelbſt zudringlicher, als fruͤher, wo der Anſtand ihn in einer gewiſſen Entfernung von der ſchoͤnen Graͤ⸗ fin hielt. Als Roſalie einige Kaͤlte, und uͤber ſein Betragen einige Ueberraſchung blicken ließ, lach te der herzloſe Boͤſewicht laut auf und bat ſie in einem ſehr unfeinen Tone, ſich nicht laͤn⸗ ger zu verſtellen, da er recht gut wiſſe, daß ſie ihm gewogen ſey; ſie habe ihm ja dadurch die Veranlaſſung gegeben, durch ein anonymes Schreiben an ihren Gemahl den Argwohn ei⸗ nes innigen Verhaͤltniſſes mit ihm zu wecken, und ſo eine Trennung zwiſchen ihnen beiden herbeizufuͤhren. Das Plaͤnchen ſey nun zwar gluͤcklicher Weiſe gelungen, aber es habe ihm viel Kopfzerbrechens gekoſtet Roſalie ſah ihn, als er geendet hatt, ei⸗ nige Augenblicke, ſtarr vor Verwunderung, ſchweigend an. Ein edler Zorn gluͤhte auf ih⸗ ren hochgeroͤtheten Wangen, ſpruͤhte aus ihren ſchoͤnen leuchtenden Blicken, und mit auf der Bruſt zuſammen gefalteten Händen ſprach ſie ernſt und feierlich:„Alſo Sie, Sie, Herr Graf, ſind es geweſen, der ſich zwiſchen zwei gluͤckliche, ſich innig liebende Gatten geſtellt hat?“— Der Graf wurde verlegen—„Ihnen hat es mein armer Theodor zu danken, daß er von ſeinem Vater fuͤr einen Baſtard gehalten wird?“ „Frau Graͤfin“— erwiederte der Suͤnder bleich und zitternd—„die Art und Weiſe, wie Sie mich dei jeder Gelegenheit auszeichneten, nachte mir den Muth, bei Ihnen einige Nei⸗ gung zu mir vorausſetzen.“ „Elender! eben dieſe Auszeichnung, fuͤr die ich jetzt ſo ſchwer, ſo graͤßlich beſtraft werde, mußte Ihnen ein Beweis von Unſchuld und MNeeiinhelt des Herzens ſeyn, deren ich mich ruͤh⸗ men darf. Sie haben mich erniedrigt, herab⸗ gewuͤrdigt, mich und mein gutes unſchuldi⸗ ¹ ges Kind den Fluͤchen eines geliebten Gatten und Vaters, dem Achſelzucken der Welt Preis gegeben, die jetzt Zweifel in meine Tugend ſetzt.“ „Gnaͤdige Frau“— erwiederte Kraſinsky noch verlegner—„dies iſt ſehr leicht gut zu ma⸗ chen; ich bin ja eben gekommen, Ihnen meine Hand anzubieten.“ „So will ich der Welt und meinem Gat⸗ ten beweiſen, wie ſchuldlos ich bin. Ich ver⸗ achte, ich haſſe Sie; ich verwerfe Ihren Antrag. „ Das Bubenſtuͤck haben Sie begangen; aber der — 328— ſchimpfliche Lohn, den Sie dadurch beabſichtig⸗ ten, ſoll Ihnen nicht zu Theil werden.“ Sie nahm den kleinen Theodor auf den Arm, verließ raſch das Zimmer, warf ſich in einen Wagen, und reiſ'te auf einige Tage zu einer zwei Stunden von ihr auf einem heiteern Schloſſe wohnenden Freundin, und ließ den Grafen durch ihren Haushofmeiſter bitten, ſo⸗ gleich abzureiſen. Zaͤhneknirſchend gehorchte der Verbrecher dem Gebote, und kam voll Unmuth 1 uͤber den ſchlechten Erfolg ſeines Vubenſtless wieder in W⸗*⸗. an. Jetzt erſt ſchmerzte Roſalien ihr Verhaͤlt⸗ 3 niß zu ihrem Gatten tief. Sie haͤtte ihm ſo gern geſchrieben, ſo gern den erſten Schritt 1 zur Verſoͤhnung gethan; aber Heinrich hatte ſie beleidigt, ſie dadurch, daß er einem anonymen Schreiben ſo viel Glauben belmeſſen konnte, zu tief gekraͤnkt. An ihm war es, den erſten Schritt zu thun. Sie erwartete, daß dies ge⸗ ſchehen wuͤrde; ſie malte ſich ſchon die erſte Zuſammenkunft nach einer ſo ſchmerzlichen Tren⸗ nung nung ſo ſuͤß vor— aber umſonſt! Heinrich ſchrieb nicht, wohl aber nach Verlauf dreier Monate ihr Anwald, der ihm den Ausſpruch des Gerichts, welches die Trennung der Ehe ſanktionirte, zuſendete. Oft, wenn ſie des Abends beim Sonnen⸗ unteraanae, nach einen uir hauvrichen Beſchaſ⸗ tigungen und Wohlthun angefuͤllten Tage, auf ihrem Lieblingsplaͤtzchen im Park ſaß, das ſchoͤne Auge auf die ſinkende Sonne, den leiſe vor⸗ uͤber fluͤſternden Strom geheftet, und Theodor, der holde Knabe, vor ihr mit Blumen im Graſe ſpielte— oft beſchlich ſie dann eine tiefe Trauer, und die Sehnſucht der innigſten Liebe erwachte in ihrem Herzen. An einem ſolchen Abend, als Roſalie dem horchenden Kinde vieles von ſeinem Vater er⸗ zaͤhlt hatte, um Liebe zu den Urheber ſeines Lebens in ſeinem zarten Gemuͤthe zu wecken, verlor ſie ihre ganze Faſſung, und ihr ungeſtuͤ⸗ mer Schmerz ward beinahe Verzweiflung, als Theodor mit kindlicher Einfalt und ruͤhrender Y keinen Vater mehr?“— Sie umſchlang ihn mit Innigkeit, benetzte ſein Lockenkoͤpfchen mit heißen Thraͤnen, und fluͤſterte wie vernichtet⸗ „Nein, Theodor, Du haſt keinen Vater mehr.“ Auf ihrem Lieblingsplaͤtzchen war es, wo Roſalie einen rreinen aitrur wweichesn Iloß. der Erinnerung gewidmer; ein Bach rieſelte ſanft, als wenn ihn Lieb' und Trauer geheiligt häͤt⸗ ten, daran voruͤber, und verlor ſich im Strome. Hier feierte ſte ihre ſchoͤnſten Abende; hier jeden Geburtstag des geliebten Heinrich, ſo wie den der Verlobung, und den ſeligen Tag der innigſten Verbindung. Alle geraͤuſchvollen Zirkel vermied ſie ſorg⸗ faͤltig; laute, laͤrmende Freude ſtimmte mit ih⸗ rem Schmerze, ihrer Trauer nicht uͤberein. Bloß eine Freundin, welcher der Tod einen theu⸗ ren Gatten entriſſen hatte, ſah ſie oͤfters. Frau von D.. wohnte nur eine Meile von Roſaliens Gute entfernt, und beide ſuchten, da .— 331— ſie die Gegenſtͤnde ihrer Liebe verloren hatten, Erſatz in der Freundſchaft. Eines Tages war Roſalie mit ihrem Theo⸗ dor zu ihrer geliebten Freundin gefahren. Noch ſpaͤt am Abend, als ſie nach ihrem Gute zu⸗ ruͤckkehren wollte, langte eine Bekannte der Frau von D... an, die von letzterer ſchon ſeit mehreren Tagen erwartet worden war, und verkuͤndigte Roſalien die in den neueſten Zei⸗ tungen enthaltene Nachricht, daß ihr Gatte— ſie kannte Roſaliens Verhaͤltniſſe— in Italien von den Franzoſen verhaftet, und in einer Fe⸗ ſtungeingekerkert worden ſey. Das Verbrechen, deſſen man ihn beſchuldige, ſey eine zu große Anhaͤnglichkeit an das Oeſtreichiſche, mit Frank⸗ reich in Krieg begriffene Kaiſerhaus, und ei⸗ nige unvorſichtige Aeußerungen haͤtten ihn den Gensdarmen, in die Haͤnde geliefert. Roſalie ſchrak zuſammen. In dieſem Au⸗ genblick fuͤhlte ſie es mehr, als je, daß ſie, der gerichtlichen Scheidung ungeachtet, noch immer Heinrichs Gattin, und daß er der Vater ihres — 352— Theodors war. Einen großen Entſchluß faſſend, den ihre noch nicht erloſchene Liebe zu Hein⸗ rich, und ihr Herz, ihr eingaben, beabſchiedete ſie ſich bei ihrer Freundin und kehrte nach ih⸗ rem Gute zuruͤck. Es war Nacht, als Roſalie mit Theodor auf ihrem Gute anlangte. Halb bewußtlos flog ſie in den Park, um ſich zu ſammeln. Der Mond beglaͤnzte den Altar; und die bedeutungs⸗ vollen Worte:„der Erinnerung geweiht“ leuch⸗ esten ihr entgegen. Sie ſank vor dem Altar nieder, umfaßte ihn, kuͤßte die goldne Schrift, und ſtand, uͤber ſich felbſt erhoben, auf. Jetzt haͤtte nichts vermocht, ſie in ihrem Entſchluſſe wankend zu machen. Sie uͤbergab einem treuen, gepruͤften Diener ihre Guͤter zur Verwaltung, und was ſie an baarem Gelde und Juwelen be⸗ ſaß, nahm ſie zu ſich, und eilte mit Theodor nach Italien. So ſchnell, wie ſie ſich gedacht hatte, konnte Heinrichs Befreiung nicht bewirkt werden. Der Kommandant der Feſtung laͤug⸗ nete ſeine Anweſenheit nicht; konnte ſich aber — 335— durchaus auf keine Unterhandlungen einlaſſen, weil das Schickſal des Gefangenen nicht von ihm, ſondern von der Republik abhing. Roſalie wuͤnſchte Heinrich wenigſtens zu ſehen, zu ſprechen. Der Kommandant bedauerte, ihren Wuͤnſchen nicht genuͤgen zu koͤnnen; in⸗ deſſen geſtattete er, auf Roſaliens flehentliche Ditten, und durch ein bedeutendes Geſchenk be⸗ wogen, daß der kleine freundliche Theodor ſei⸗ nen Vater beſuchen, und ihm beſſere Koſt brin⸗ gen durfte, als ihm bisher gereicht worden war. An einem Feſttage oͤffnete ſich die Thuͤr des Gefaͤngniſſes, und ſtatt des ſinſtern Kerker⸗ meiſters, deſſen Anblick Heinrich immer ſo ſchmerz⸗ lich beruͤhrt hatte, trat der heitere, freundliche Knabe, in einem Gewande von himmelblauer Seide, eine weiße Schaͤrpe um den Leib, in das kleine Gemach, und uͤberreichte dem Gra⸗ fen auf einer ſilbernen Schuͤſſel die Speiſen, die Roſalie dem noch immer geliebten Gatten ſelbſt bereitet hatte. Heinrich erſtaunte.„Wer biſt du, liebes — 334— . den aͤrmlichen Tiſch, —„Wie iſt dein Name?“ „Theodor.“ ſanft bei der Hand faſſend: Vater? dors Antwort. „Ihr Name?“ faͤllt mir nicht.“ Kind?“ fragte er in hoͤchſter Ueberraſchung.— Theodor laͤchelte, und ſetzte die G zuſſel auf „Theodor?— Theodor!“— Der Graf ging einige Male raſch im Zimmer auf und ab, ſchlug ſich vor die Stirn, olteb vor dem vertr⸗ genen Knaben ploͤtzlich ſtehn, und fragte, ihn „Wer iſt Dein „Ich habe keinen Vater mehr“— war Thog, „Alſo eine Waſſe!— und Deine Mutter? „O meine Mutter iſt ſehr gut! ach, ſo gut!“ „Sch ſage immer nur zu ihr: Meine gute liebe Mutter. Das hoͤrt ſie gern.“ „Theodor, wirſt Du mich oͤfter beſuchen?““ „Ach ja! recht gern. Aber Dein Zimmer ge⸗ „Theodor, man gewoͤhnt ſich in der Welt 1 — 335— an Alles; auch Du wirſt Dich an dieſes kleine dunkle Zimmer gewoͤhnen. Jetzt verlaß mich. Grüße die, welche Dich geſandt haben; ſiemuͤſ⸗ ſen ſehr edle Menſchen ſeyn.“ Mit Lebhaftigkeit fiel hier der Knabe ein: „Meine Mutter hat mich geſandt,“ und mit Nuͤhrung ſetzte er leiſe hinzu:„Die arme gute Mutrer! fir hat recht geweint.“ Heinrich winkte, und der Knabe entfernte ſich. Seine Erſcheinung war ein Raͤthſel, das der Graf ſich nicht loͤſen konnte. Wer hatte die Hand im Spiele? wer den Knaben geſandt? Er ging von Vermuthung zu Vermuthung uͤber; doch den Schluͤſſel zur Loͤſung des Raͤthſels fand er nicht. Er dachte wohl an Roſalien; aber— nein, das war unmoͤglich! Roſalie konnte es ja nicht ſeyn, die ſo innigen Antheil an ihm nahm. Am Abend kam Theodor wieder, und re⸗ gelmaͤßig jeden Tag zweimahl. Er gewoͤhnte ſich an den Anblick des finſtern Kerkers und des ernſten bleichen Mannes, deſſen Augen vor Freu⸗ den leuchteten, wenn der holde Knabe wie ein troͤſtender Engel in ſeine Einſamkeit trat, und durch kindliche unbefangene Aeußerungen ſeinen Schmerz milderte, ſeinen Unmuth verſcheuchte. Zwei Monate verſtrichen, ehe es Roſalien gelang, durch Beſtechungen Heinrichs Freiheit zu bewirken. Endlich ſprengte doch ihr Gold die Thuͤr ſeines Kerkers, und ungrſtaͤm verlangte Heinrich nach dem wohlthaͤtigen Weſen, das ihn in zwei ſchmerzlichen Monaten ſo liebevoll un⸗ terſtuͤtzt, ihn vor Verzweifelung geſchuͤtzt hatte. Er ward zu Roſalien gefuͤhrt. Sie empfing ihn, den kleinen Theodor an der Hand. „Roſalie!“— rief Heinrich ſtarr vor Er⸗ ſtaunen aus, als er ſie erkannte. Sie kam ihm ſanft, und mit Thraͤnen im Auge entgegen, und ſprach:„Ja, Heinrich! Ro⸗ ſalie, die ein ungegruͤndeter Verdacht von Dir entfernte, und die jetzt Dir beweifen wollte, daß ſie nicht aufgehoͤrt hat, Dich zu lteben.“ „Ein ungegruͤndeter Verdacht?“ „Ja, Heinrich, ein voͤllig ungegruͤndeter — 337— Verdacht bewog dich, eine Trennung unſerer Ehe zu fordern. Graf Kraſinsky iſt der Ver⸗ faſſer des Briefes, der Dir anonym nach Ma⸗ drid geſchrieben wurde. Der Elende glaubte durch dieſes Bubenſtuͤck meine Hand, und, wor⸗ an ihm wohl mehr lag, mein Vermoͤgen zu er⸗ halten. Er ſelbſt hat es mir eingeſtanden. In⸗ deſſen— er irrte ſich, und als er, nach vollen⸗ deter That, nach meinen Guͤtern kam, und die⸗ ſes Geſtaͤndniß ablegte, da wies ich ihn mit dem Ernſte und der Verachtung zuruͤck, die jede recht⸗ liche Frau in ſolchen Verhaͤltniſſen empfinden wird. Kraſinskys Umgang war mir angenehm, ſo lang⸗ er ſein ſchwarzes Herz mir nicht ent⸗ huͤllt hatte; aber nie hab' ich nur im mindeſten Liebe fuͤr ihn gefuͤhlt. Ich haſſe ihn wie die Suͤnde, ſeitdem ich ſeine Nichtswuͤrdigkeit kenne. Du, Heinrich, biſt der Einzige, den ich geliebt habe; ich war Dir nie untreu.“ Roſalie war erſchoͤpft, und ſetzte ſich auf ein Sopha nieder. Heinrich, als er von ſeinem Erſtaunen ſich erholt hatte, warf ſich ihr zu Fuͤ⸗ — 338— ßen und rief mit Thraͤnen aus:„Roſalie, En⸗ gel meines Lebens! Kannſt Du mir verzeihen?“ „Ich habe Dir laͤngſt verziehen,“— ſprach ſie in mildem Tone, und kuͤßte ihm die Stirn— „wir haben ja beide gefehlt. Denn auch ich habe gefehlt, als ich, ohne jedoch dabei etwas Arges zu denken, oder zu beabſichtigen, Kraſinsky vor⸗ zuͤglich auszeichnete, und Wohlgefallen an ſei⸗ nem Umgange blicken ließ“ „Roſalie— o meine Roſalie!“— rief Hein⸗ rich, aufſpringend, feurig aus—„ſo biete ich Dir jetzt zum zweiten Male meine Hand an. Laß uns dieſe truͤben Jahre ins Meer der Ver⸗ geſſenheit ſenken, Roſalie, laß uns wieder gluͤck⸗ lich werden!“ Und ſie willigte ein, und die drei gluͤcklichen Menſchen— denn Theodor jubelte laut, als er hoͤrte, daß er nun wieder einen Vater habe— reiſten ſogleich nach Deutſchland ab. Auf dem Gute, wo Roſalie gelebt hatte, ward ihre zweite Verbindung, einſam und geraͤuſchlos, vollzogen. Es war ein Feſt fuͤr die naͤheren Bekannten — 339— der Gluͤcklichen, und fuͤr Roſaliens Untertha nen, die ſie hoch verehrten. Heinrich und Roſalie waren darin einver⸗ ſtanden, daß das geraͤuſchvolle Leben der Reſi⸗ denz, das Umhertreiben in großen glaͤnzenden Zirkeln nicht gluͤcklich mache, ſondern daß das Gluͤck auf einem andern Wege zu ſuchen ſey. Sie ſuchten und fanden es in ſich ſelbſt, im Ger auſſe der Natur, und in der Geſellſchaft we⸗ niger, aber gepruͤfter Freunde. An Roſaliens erſtem Geburtstage ließ Heinrich auf einer Anhoͤhe des Parks, ohne daß ſie es wußte, einen kleinen Tempel errichten, mit der Inſchrift: der edelſten Gattin, wo all⸗ jahrlich dieſer Tag durch ein frohes Mahl ge⸗ feiert wurde; und als Theodor herangewachſen war, und das Maͤdchen gefunden hatte, durch deſſen Hand er allein gluͤcklich zu werden hoffte, da fuͤhrte Heinrich die holdſelige Braut nach dieſem Tempel, erzaͤhlte ihr die Geſchichte ſei⸗ ner Trennung von Roſalien, und was ſie fuͤr ihn, der ſie ſo ſehr verkannt, gethan hatte⸗ — 340— und forderte ſie auf, ſeinem Theodor in allen Verhaͤltniſſen das zu ſeyn, was Roſalie ihm geweſen. Adelaide— ſo hieß Theodors Braut— ge⸗ lobte dies mit Thraͤnen in die Hand ihres kuͤnf⸗ tigen Schwiegervaters, und hielt Wort; und lange noch waren Heinrich und Roſalie Zeugen des Gluͤckes ihrer Kinder. Berlin, gedruckt bei G. Hayn. ———— * ſInnſnfſſſnſnſnſinſſnſinſſ 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19