5 ₰— 1 7 4 Leihbibliothek 5 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur P½ Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeven Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 ¹ „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 5 den angenommen. 3 ſ „3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werd beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. Ir. Pf. „ 7 * 5. Auswürtige Avonnenten haben für Hin⸗ und Zur ckſendung der Bücher auf ihre eigenen Kyſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 1 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſ ſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ 4 lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.“ 8 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben Naphael, 5 eine Kiebesgeſchichte, von Alphonſe de Lamartine. Deutſch 1 von à Dr. Scherr. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 4 Prolog. 4 Unſer Freund, von welchem die folgenden Blätter herrühren, hieß eigentlich nicht Raphael. Wir, ſeine übrigen Freunde und ich, gaben ihm ſcherzweiſe dieſen Namen, weil er in ſeinem Jünglingsalter einem den großen Raphael in deſſen Jugendzeit darſtellenden Portrait ähnelte, welches man zu Rom in der Galerie Barberini, zu Flo⸗ renz im Palazzo Pitti und zu Paris im Mu⸗ ſeum des Louvre findet. Auch gaben wir ihm dieſen Namen, weil ein ungemein lebhafter Sinn für die Schönheiten der Natur und der Kunſt den hervorragendſten Zug ſeines Charakters bildete und ſeine Seele ſo zu ſagen ein Widerſchein der in den Werken Gottes und der Menſchen vorhan⸗ denen materiellen und idealiſchen Schönheit war. Es rührte dieß von einer außerordentlichen Em⸗ pfindſamkeit her, welche, bevor ſie durch die Zeit etwas abgeſtumpft worden, faſt krankhaft war; wir ſagten daher immer, indem wir auf jenes Gefühl anſpielten, welches man das Heimweh nennt, er habe das Himmelsweh. Er gab es lächelnd zu. Lamartine, Raphael. 1 2 Dieſe Leidenſchaft für das Schöne machte ihn unglücklich; in anderen Verhältniſſen hätte ſie ihn berühmt machen können. Würde er den Pinſel geführt haben, ſo hätte er Foligno'ſche Madonnen gemalt; würde er den Meißel gehand⸗ habt haben, ſo wäre die Pſyche von Canova unter demſelben hervorgegangen; hätte er die Sprache gekannt, mittelſt welcher man Töne ſchreibt, ſo würde er die luftigen Klagen der Meereswinde in den Fibern der Fichten Italiens oder das Athem⸗ holen eines jungen ſchlafenden Mädchens, das von Demjenigen träumt, den ſie nicht nennen will, in Noten geſetzt haben. Wäre er Poet ge⸗ weſen, ſo hätte er Hiob's Klagelieder an Jehovah, Taſſo's Stanzen an Herminia, Shakespeare's Ge⸗ ſpräch des Romeo und der Julie beim Mondſchtin⸗ Byron's Bild der Hardee gedichtet. Er liebte das Gute nicht minder als das Schöne, allein die Tugend liebte er nicht, weil ſie heilig iſt, ſondern hauptſächlich weil ſte ſchön iſt. Ohne irgend welchen Ehrgeiz im Charakter, hätte er Ehrgeiz in der Einbildungskraft gehabt. Würde er in jenen alten Republiken gelebt haben, wo der Menſch ſich ganz in der Freiheit ent⸗ wickelte, wie der Körper ſich ungehindert in der freien Luft und unter der Himmelsſonne entfaltete, ſo hätte er, wie Cäſar, alle Gipfel zu erreichen geſtrebt, ſo hätte er geſprochen wie Demoſthenes, ſo wäre er geſtorben, wie Cato. Allein ſein nie⸗ driges, undankbares und dunkles Loos verurtheilte 3 ihn wider Willen zum Müßiggang und zu einem beſchaulichen Leben. Er hatte Schwingen, die ſich entfalten wollten, aber keine Luft um ſich her, die ihn trug. Er ſtarb jung, den Raum, mit dem Blicke umfaſſend, ohne ihn durchwandert zu haben Sein Traum war ſeine Welt. Möge er ſich wenigſtens im Himmel verwirklichen! Kennt Ihr das Bild, von dem ich Euch vorhin ſprach, welches Raphael in der Jugendzeit vorſtellt? Es iſt ein ſechszehnjähriges, etwas blaſ⸗ ſes und von der Sonne Roms etwas braun an⸗ gehauchtes Geſicht, auf deſſen Wangen jedoch noch der Flaum der Kindheit blüht. Ein über daſſelbe verbreiteter Lichtſtral ſcheint in dem Sammet der Haut zu ſpielen. Der Ellbogen des Jünglings ſtützt ſich auf einen Tiſch, der aufſtehende Vor⸗ derarm trägt das Haupt, das in der flachen Hand ruht; die bewunderungswürdig geformten Finger drücken dem Kinn und der Wange eine leichte Furche ein. Der Mund iſt fein, melancholiſch, träumeriſch, die Naſe zwiſchen den beiden Augen dünn mit einem etwas bläulichen Anflug, als ließe die zarte Haut das Blau der Adern durch⸗ ſchimmern; die Augen ſind blau, wie der Himmel der Apenninen vor dem Morgenrothe; ſie blicken mit einer leichten Richtung nach dem Himmel vor ſich hin, als ſchauten ſie immer über die Na⸗ tur hinaus. Sie ſind glanzvoll bis in ihre Tiefe, ſcheinen, jedoch etwas feucht von den im Thau oder in Thränen gebrochenen Stralen. 12 ¹ Stirne 4 iſt ein ſchwachgerundetes Gewölbe; unter ihrer feinen Oberhaut ſieht man die Muskeln des Ge⸗ dankenorgans; die Schläfe ſind nachdenklich, das Ohr horcht. Schwarze Haare, die zum erſten Mal durch die ungeſchickte Scheere eines Ateliergenoſſen oder einer Schweſter ungleich abgeſchnitten wur⸗ den, werfen einige Schatten auf die Wange und die Hand. Eine kleine platte, ſchwarze Sammet⸗ mütze deckt den Scheitel und ſitzt auf der Stirne auf. Kommt man an dieſem Bilde vorbei, ſo wird man nachdenklich und betrübt, ohne zu wiſſen warum. Es iſt das Kindergenie, das auf der Schwelle ſeines Schickſals träumt, bevor es dieſelbe überſchreitet. Es iſt eine vor der Pforte des Lebens ſtehende Seele. Was wird aus ihr werden? Wohlan, gebt dem Alter dieſes träumen⸗ den Kindes noch ſechs weitere Jahre, laßt dieſe Züge ſchärfer hervortreten, die Geſichtsfarbe dunk⸗ ler werden, furcht dieſe Stirne mit einigen Falten, laßt dieſe Haare maſſenhafter hinabquellen, be⸗ nehmt dieſem Blicke etwas von ſeinem Glanze, laßt einen düſtern Zug um dieſe Lippen ſpielen, macht dieſe Geſtalt größer, gebt dieſen Muskeln ſtärkere Formen, tauſcht dieſes italieniſche Koſtüm aus der Zeit Leo's X. gegen das dunkle und einförmige Koſtüm eines jungen, in ländlicher Einfachheit erzogenen Mannes, der von ſeinen Kleidern Nichts weiter verlangt, als daß ſie ihn anſtändig kleiden; laßt die ganze Stellung ein ge⸗ wiſſes nachdenkliches oder ſchmerzliches Schmachten 5 beibehalten und ihr habt das vollkommen getreue Bild des zwanzigjährigen Raphael. Seine Familie war arm, obwohl alt, und wohnte im Forezgebirge, woher ſie ſtammte. Gleich den ſpaniſchen Edelleuten hatte ſein Vater den Degen gegen den Pflug vertauſcht. Seine Würden beſtanden in ſeiner Ehre, die ſo viel werth iſt, als alle jene. Seine Mutter war eine noch junge und ſchöne Frau, welche für ſeine Schweſter hätte gelten können, ſo groß war ihre Aehnlichkeit mit ihm. Sie war im Luxus und den feinen Sitten einer Hauptſtadt erzogen wor⸗ den, hatte aber nur jenen Duft der Sprache und des Benehmens davon beibehalten, welcher gleich dem Dufte der im Serail einheimiſchen Roſen⸗ kügelchen in dem Kryſtallgefäße, worin ſie auf⸗ bewahrt wurden, nie verdunſtet. Einmal verbannt in dieſe Berge mit einem Manne, den ſte aus Liebe genommen, und Kin⸗ dern, auf welche ſte all ihr Wohlgefallen und all ihren Mutterſtolz übertrug, hatte ſie Nichts mehr vermißt. Sie hatte das ſchöne Buch ihrer Jugend mit den drei Worten geſchloſſen: Gott, ihr Mann, ihre Kinder. Für Raphael hegte ſie eine beſon⸗ dere Vorliebe. Sie hätte ihm ein königliches Leben verſchaffen mögen; aber ach, ſie beſaß Nichts als ihr Herz, um ihn zu erheben. Das Schick⸗ ſal zertrümmerte ſtets ihre Träume und erſchüt⸗ terte oft die Grundlage ihres kleinen Vermögens. Zwei heilige Greiſe, welche einige Zeit nach 6 der Schreckensregierung um ich weiß nicht was für religiöſer Meinung willen, die Etwas mit dem Myſticismus gemein hatten und eine Er⸗ neuerung des Jahrhunderts verkündeten, verfolgt 3 wurden, hatten ſich in dieſe Berge geflüchtet. Ihr 4 Haus bot ihnen eine Zufluchtsſtätte. Sie liebten Raphael, der damals noch auf ſeiner Mutter Schooß ſaß. Sie verkündeten ihm Gott weiß was, be⸗ zeichneten einen Stern als den ſeinen und ſagten zu ſeiner Mutter: „Leitet dieſen Knaben mit aller Kraft Eurer Seele!“ Eine Mutter glaubt ſo gerne! Sie machte ſich's zwar zum Vorwurf, weil ſie ſehr fromm war, allein ſie glaubte ihnen. Dieſe Leichtgläu⸗ bigkeit ſtärkte ſie in vielen Prüfungen, veranlaßte ſte aber bei Raphaels Erziehung zu Anſtrengungen, die ihre Kräfte überſtiegen, und täuſchte ſie am Ende. Ich kannte Raphael von ſeinem zwölften Jahre an. Nach ſeiner Mutter liebte er mich am meiſten. Als unſere Studien beendiget waren, fanden wir uns in Paris, dann in Rom wieder. In dieſe Stadt war er von einem Verwandten ſeines Vaters mitgenommen worden, um in der Bibliothek des Vaticans Manuſeripte mit ihm ” abzuſchreiben. Hier hatte er eine Leidenſchaft fur die italieniſche Sprache und den italieniſchen Geiſt gefaßt. Er ſprach das Italieniſche beſſer als ſeine Mutterſprache. Zuweilen dichtete er Abends unter ³ 7 den Fichten der Villa Pamfili beim Anblick der untergehenden Sonne und der in der Ebene zer⸗ ſtreuten Ueberreſte des alten Roms Stanzen, die mich bis zu Thränen rührten. Er ſchrieb jedoch Nichts nieder. „Raphael,“ ſagte ich manchmal,„warum zeichneſt Du ſo was nicht auf?“ „Bah!“ antwortete er,„ſchreibt der Wind nieder, was er in dem klangvollen Laube über unſern Häuptern ſingt? Schreibt das Meer die Klagen ſeiner wellengepeitſchten Ufer nieder? Nichts, was geſchrieben, iſt ſchön und das Göttlichſte im Herzen des Menſchen tritt nie an's Licht. Das Inſtrument iſt von Fleiſch, die Note von Feuer. Was willſt Du da machen? Zwiſchen Dem, was man fühlt, und Dem, was man ausdrückt,“ fügte er traurig hinzu,„iſt die gleiche Entfernung, wie zwiſchen der Seele und den vierundzwanzig Buch⸗ ſtaben eines Alphabetes, das heißt eine unermeß⸗ liche. Willſt Du auf einer Holunderpfeife die Harmonie der Sphären nachahmen?“ Ich verließ ihn, um ihn in Paris wieder anzutreffen. Er ſuchte damals vergeblich, ſich durch die Verbindungen ſeiner Mutter eine thä⸗ tige Stellung zu verſchaffen, die ihn von der Laſt ſeiner Seele und dem Drucke ſeines Looſes be⸗ freien würde. Er ward von den jungen Leuten unſers Alters geſucht, die Frauen blickten ihm mit Wohlgefallen nach, wenn er durch die Straßen 8 ging. Die Salons beſuchte er nie und liebte außer ſeiner Mutter kein weibliches Weſen.. Plötzlich verloren wir ihn drei Jahre lang aus dem Geſichte und erfuhren nachher, daß man ihn in der Schweiz, in Deutſchland und in Sa⸗ voyen, dann auch einen Winter durch in Paris geſehen habe, indem er immer einen Theil der Nacht auf einer Brücke oder einem Kai zugebracht habe. Sein Aeußeres habe die größte Entblö⸗ ßung verrathen. Erſt nach manchen Jahren er⸗ fuhren wie dann mehr von ihm. Obwohl er ab⸗ weſend, dachten wir immer an ihn. Er gehörte zu jenen Naturen, die man unmöglich vergeſſen kann. Endlich brachte uns der Zufall zwölf Jahre ſpäter wieder zuſammen. In ſeiner Provinz war mir ein Erbe zugefallen und ich reiste hin, um ein Landgut zu verkauſen. Ich erkundigte mich nach Raphael. Man ſagte mir, er habe in dem Zwiſchenraum einiger Jahre ſeinen Vater, ſeine Mutter und ſeine Frau verloren; nach dieſen Un⸗ fällen hätten ihn auch ökonomiſche Schläge ge⸗ troffen und von dem kleinen Stammgute ſeiner Ahnen ſei ihm nur das aus einem alten vier⸗ eckigen, zur Hälfte niedergeriſſenen Thurme be⸗ ſtehende und am Abhange einer Schlucht liegende Wohngebäude nebſt dem Gemüſe⸗ und Baumgar⸗ ten, der Wieſe in der Schlucht und fünf bis ſechs Morgen ſchlechten Landes geblieben. Er bearbeite das ſelbſt mit zwei mageren Kühen und unter⸗ 9 ſcheide ſich von den ihm benachbarten Bauern nur noch dadurch, daß er Bücher mit auf's Feld nehme, von denen er oft eines in der Hand halte, während er mit der andern die Pflugſterze leite. Seit einigen Wochen habe man ihn jedoch nie geſehen. Man dachte, er habe vielleicht wieder eine jener Reiſen unternommen, die jahrelang dauerten. „Es wäre Schade,“ fügte man hinzu;„Je⸗ dermann in der Nachbarſchaft hat ihn gern. Ob⸗ wohl arm, thut er ſo viel Gutes, als ein Reicher. Wir haben viel ſchönes Tuch im Lande, das aus der Wolle ſeiner Schafe gearbeitet iſt. Abends lehrt er die Kinder der benachbarten Weiler ſchreiben, leſen und zeichnen. Er erwärmt ſie an ſeinem Feuer, er gibt ihnen ſein Brod und doch weiß Gott, ob ihm etwas übrig bleibt, wenn die Ernte wieder ſo ſchlecht wird, wie voriges Jahr!“ So ſprach man mir von Raphael. Ich wollte wenigſtens die Wohnung meines alten Freundes ſehen und ließ mich bis an den Fuß des Hügels führen, auf deſſen Gipfel ſich ſein ſchwärzlicher Thurm nebſt einigen Viehſtällen wie aus einem Buchs⸗ und Haſelnußbüſchel erhob. Auf einem Baumſtamme ging ich über den in der Tiefe der Schlucht ſich hinwälzenden, faſt aus⸗ getrockneten Strom. Ich ſtieg einen ſteinigen Fuß⸗ weg hinan; zwei Kühe und drei Schafe weideten an den verſengten Seiten des Hügels unter der Obhut eines alten, faſt blinden Dieners, der auf 10 einem alterthümlichen, in Stein gehauenen und vom Thürgiebel herabgeſtürzten Wappenſchilde ſaß und ſeinen Roſenkranz betete. Er ſagte mir, Raphael ſei nicht abgereist, ſondern ſeit zwei Monaten krank und er ſehe wohl, daß er ſeinen Thurm nur noch verlaſſen werde, wenn man ihn dort auf den Kirchhof trage, den er mir mit ſeiner fleiſchloſen Hand auf dem gegen⸗ überliegenden Hügel zeigte. „Kann man Raphael ſehen?“ fragte ich. „O ja,“ ſagte der Greis;„ſteigt nur die Treppe hinauf und zieht links an der als Klinke dienenden Schnur. Ihr kommt dann in den großen Sal und werdet ihn dort auf ſeinem Bette ausgeſtreckt finden.... ſanft wie ein Engel und ſo einfach wie ein Kind!“ fügte er hinzu, ſich mit der Rückſeite der Hand die Augen abwiſchend. Ich ſtieg die außen hinlaufende, ſteile, hohe und ausgetretene Treppe hinan. Oben an den, an der Thurmmauer hinaufgehenden Stufen be⸗ fand ſich ein mit Bretterwänden eingefaßter Ab⸗ ſatz, der mit einem kleinen Dache bedeckt war, deſſen meiſte Ziegel auf den Steinplatten der Treppe umherlagen. Ich zog die Schnur an der Thüre zur Linken und trat ein. Dieſen An⸗ blick werd' ich nie vergeſſen. Das Zimmer war geräumig und nahm den ganzen innerhalb der Mauer des Thurmes befindlichen Raum ein. Es war durch zwei große Keuzfenſter erhellt, deſſen ſtaubige und zerbrochene Scheiben in Blei ein⸗ 41 gefaßt waren. Die Decke beſtand aus großen, vom Rauch geſchwärzten Balken; der Fußboden war mit Ziegelſteinen gepflaſtert; in einem hohen Kamin, deſſen Pfoſten aus grob ausgekehltem Holz beſtanden, hing an einem Keſſelhaken ein Topf voll Erdäpfel, unter welchem ein am Ende brennender Aſt rauchte. Das ganze Mobiliar des Zimmers beſtand aus zwei hohen Armſtühlen mit gedrehten hölzernen Lehnen und überzogen mit einem aſch⸗ grauen Stoffe, deſſen urſprüngliche Farbe man unmöglich mehr erkennen konnte; aus einem großen Tiſche, der zur Hälfte mit einem Tiſchtuch von rohem Hanfe, auf welchem Brod lag, und zur andern Hälfte mit unter einander liegenden Bü⸗ chern und Papieren bedeckt war; und endlich aus einem Bette mit wurmſtichigen Säulen und Vor⸗ hängen von blauer Sarſche, die an die Säulen zurückgebunden waren, um durch das offene Fen⸗ ſter die Luft eindringen zu laſſen und die Son⸗ nenſtralen, welche auf der Bettdecke ſpielten. Ein noch junger, aber durch die Auszehrung und das Elend entkräfteter Mann ſaß auf dem Rande dieſes Bettes und war, als ich die Thüre öffnete, eben beſchäftigt, einem Schwarm kleiner Schwalben und Sperlinge, die auf dem Fußboden ſeine Füße umflatterten, Brod vorzukrümeln. Beim Geräuſch meiner Tritte flogen die Vögel auf und ſetzten ſich auf das Karnieß des Sales und auf die Säulen und Randleiſten des Bett⸗ himmels. Bei aller ſeiner Bläſſe und Magerkeit 12 erkannte ich Raphael doch. Wenn ſein Geſicht auch die Jugendfriſche verloren, ſo hatte es doch ſeinen Charakter nicht verloren und ſeine Schönheit nur gewechſelt, indem es jetzt die Schönheit des Todes in ſeinen Zügen trug. Rembrandt hätte keinen andern Typus zu ſeinem Chriſtus am Oelberge geſucht. Seine ſchwarzen Haare wallten in Locken über ſeine Schultern herab, wie die eines Land⸗ mannes nach der im Schweiße vollbrachten Tages⸗ arbeit. Sein Bart war lang, aber mit einer natürlichen Symmetrie geordnet, welche den an⸗ muthsvollen Schnitt der Lippen zeigte und das edle Oval der Wangen, die Bogenwölbung der Augen, die fein ausgeſpitzte Naſe, die den Denker verrathende Hohlründung der Schläfe und die Weiße der Haut hob. Sein auf der Bruſt oöffenes Hemd zeigte einen fleiſchloſen aber muskeligen Oberleib, welcher ſeiner Geſtalt etwas Majeſtäti⸗ ſches verliehen hätte, wenn ſeine Schwäche ihm erlaubt haben würde, ſich aufzurichten. Er erkannte mich auf den erſten Blick, that mit ausgeſtreckten Armen einen Schritt vorwärts, um mir entgegenzukommen und mich zu umarmen, ſank aber auf das Bett zurück. Ich lief auf ihn zu. Anfangs weinten wir, dann fingen wir an zu plaudern. Er erzählte mir ſeinen ganzen Lebenslauf und wie das Schickſal oder der Tod ſtets, wenn er eine Blume oder eine Frucht ſeines Strebens zu pflücken wähnte, ihm dieſelbe vorher entriß; den Tod ſeines Vaters, den ſeiner Mutter, den ſeiner Frau und ſeiner 13 Kinder; dann ſeine ökonomiſchen Unfälle, den ge⸗ zwungenen Verkauf des väterlichen Gutes und endlich ſein Einſtedlerleben in dieſem Ueberbleibſel des väterlichen Daches, wo ſein einziger Gefährte der alte Küher war, der ihm aus Anhänglichkeit an den Namen des Hauſes unentgeltlich diente, und zuletzt machte er mich auf ſein Zehrfieber aufmerkſam, das ihn, ſagte er, im Herbſt mit dem fallenden Laube wegraffen und auf dem Kirch⸗ hof ſeines Dorfes an der Seite ſeiner Lieben zur Ruhe legen werde. Seine geſteigerte Einbildungs⸗ kraft offenbarte ſich bis zu ſeinem Tode. Man ſah, daß er ſeine Empfindungen in Gedanken dem Raſen und dem Mooſe mittheilte, die auf ſeinem künftigen Grabe blühten. „Weißt Du, was mich am meiſten betrübt?“ ſagte er zu mir, indem er mit dem Finger auf den Kranz von Vögelchen deutete, die auf dem Rande ſeines Betthimmels ſaßen,„das, daß im nächſten Frühling dieſe armen Kleinen, die ich zu meinen letzten Freunden gemacht, mich in meinem Thurme vergebens ſuchen und keine zerbrochene Scheibe mehr finden werden, um in's Zimmer zu kommen, und auf dem Fußboden auch keine Woll⸗ flocken meiner Matratze mehr, um ihr Neſt zu bauen.... Doch die Amme, der ich meine kleine Habe hinterlaſſe, wird Sorge für ſie tragen, ſo lange ſie lebt,“ fuhr er fort, gleichſam um ſich ſabſ zu tröſten,„und nach ihr... wohlan! ... Gott... 14 Der auch den kleinſten Vögelein die Speiſe reicht zu ihrer Zeit. Er ward weich, indem er von dieſen Thier⸗ chen ſprach. Man ſah, daß die Zärtlichkeit ſeiner Seele, von den Menſchen zurückgeſtoßen oder ihnen entzogen, ſich auf die Thiere übertragen hatte. „Verweilſt Du einige Zeit in unſern Bergen?“ fragte er mich. „Ja,“ war meine Antwort. „Wohlan, deſto beſſer,“ entgegnete er, ſo wirſt Du mir die Augen zudrücken und dafür ſorgen, daß man mein Grab ſo nahe als möglich an dem meiner Mutter, meiner Frau und mei⸗ nes Kindes mache.“ Er bat mich dann, ihm einen großen, aus⸗ geſchnitzten hölzernen Koffer herbeizubringen, der in einer Ecke des Zimmers hinter einem Sacke mit Mais verſteckt war. Ich ſtellte den Koffer auf ſein Bett. Er nahm eine große Menge Pa⸗ piere daraus und beſchäftigte ſich wohl eine halbe Stunde lang, dieſelben zu zerreißen, indem er ſeine Amme bat, die Fetzen vor ſeinen Augen in's Feuer zu werfen. Es waren eine Menge Verſe in allen Sprachen und zahlloſe Blätter mit durch Daten getrennte Bruchſtücke, gleich einem Tagebuch. „Warum verbrennſt Du alles das?“ fragte ich ihn ſchüchtern;„kann der Menſch nicht den ihn Ueberlebenden ſo gut ein geiſtiges als ein ma⸗ terielles Erbe hinterlaſſen? Du verbrennſt vielleicht 15 hier Gedanken oder Gefühle, die eine Seele be⸗ leben könnten?....“ 3 „Laß mich machen,“ anwortete er,„es fließen Thränen genug in dieſer Welt, ſo daß es nicht nöthig iſt, noch ein paar Tropfen weiter in das Herz des Menſchen zu träufeln... Das ſind die erſten Federn meiner Gedanken; ſie haben ſich ſeither gemauſt und jetzt ſind ihnen die Schwin⸗ gen der Ewigkeit gewachſen!....“ Und er fuhr mit ſeinem Zerreißen und Ver⸗ brennen fort, während ich durch die zerbrochenen Scheiben eines Fenſters die dürre Landſchaft be⸗ trachtete. Endlich rief er mich an das Bett zuruͤck. „Da,“ ſagte er zu mir,„nur dieſes kleine Manuſeript rette, ich habe nicht den Muth, es zu verbrennen. Nach meinem Tode würde die Amme Duten für ihre Sämereien daraus machen. Ich— will nicht, daß der Name entweiht werde, der auf jeder Seite darin vorkommt. Nimm es mit Dir und hebe es auf, bis Du meinen Tod erfährſt. Dann verbrenne es oder behalte es bis in's Alter, um Dich beim Durchleſen deſſelben zuweilen meiner zu erinnern.“ Ich nahm die Papierrolle, verbarg ſie unter meinem Rocke und entfernte mich mit dem Ver⸗ ſprechen, morgen und alle Tage wieder zu kom⸗ men, um Raphael's Ende durch die Pflege und die Unterhaltungen mit einem Freunde zu verſüßen. Im Hinabgehen traf ich auf der Treppe gegen 16 zwanzig Kinder an, die mit ihren Holzſchuhen in der Hand heraufkamen, um in den Unterricht zu gehen, den er ihnen noch auf ſeinem Sterbe⸗ bette ertheilte, und etwas weiter weg den Pfarrer vom Dorfe, der den Abend bei Raphael zu⸗ bringen wollte. 6 Ich grüßte den Prieſter ehrerbietig. Er be⸗ merkte meine rothen Augen und erwiderte mit betrübtem Einverſtändniß meinen Gruß. Am folgenden Tage kehrte ich in den Thurm zurück. Raphael's Leben war in der Nacht er⸗ loſchen. Die Dorfglocke begann eben das Todten⸗ geläute. Frauen und Kinder traten aus den Häu⸗ ſern und blickten weinend nach dem Thurme hinüber. Auf einem kleinen grünen Platze neben der Kirche ſah man zwei Männer den Boden aufgraben und am Fuße eines Kreuzes ein Grab aufwerfen. Ich trat unter die Thüre. Ein Schwarm von Schwalben flatterte unter heftigem Gezwit⸗ ſcher ſum die Fenſter herum, unabläſſig herein und hinaus fliegend, als hätte man ihre Neſter zerſtört.. Erſt ſpäter, als ich die folgenden Blätter las, ward mir klar, warum er ſich mit dieſen Vögeln umgab und welche Erinnerung ſie bis zu ſeinem Tode in ihm wach riefen. — —— Naphael. 1. Es gibt Orte, Klima's, Jahreszeiten, Stunden, äußerliche Umſtände, die mit gewiſſen Eindrücken des Herzens ſo in Uebereinſtimmung ſtehen, daß die Natur einen Theil der Seele und die Seele einen Theil der Natur zu bilden ſcheint und, wenn Ihr die Scene vom Drama und das Drama von der Scene trennt, die cene ihre Färbung verliert und die Empfindung ſchwindet. Nehmt René die jähen, ſteilen Geſtade der Bretagne, Atala die Savannen der Wüſte, Werther die Nebel Schwabens, Paul und Virginie die ſonne⸗ durchglühten Wellen und die dampfenden Hügel, ſo verſteht Ihr weder Chateaubriand, noch Peunhardin de Saint⸗Pierre, noch Göthe. Die Natur und die Dinge ſind durch ein enges Band mit einander ver⸗ knüpft, denn die Natur iſt in dem Herzen des Menſchen wie in ſeinen Augen eine und dieſelbe. Wir ſind Kin⸗ der der Erde. In ihrem Safte wie in unſerm Blute fließt das gleiche Leben. Alles, was die Erde, unſere Mutter, zu empfinden und in ihren Geſtalten, in ihrer Darſtellung, in ihrer Phyſionomie, in ihrer Düſterkeit oder ihrer Pracht den Augen zu ſagen ſcheint, findet einen Widerhall in uns. Man kann eine Empfindung nur an dem Orte, wo ſie erzeugt ward, recht verſtehen. 2. Beim Eintritt in Savoyen, dieſem von der Natur gebildeten Labyrinthe von tiefen Thälern, welche wie Lamartine, Naphael⸗ 2 18 eben ſo viele Strombette vom Simplon, vom St. Bern⸗ hard und dem Mont Cenis gegen die Schweiz und Frankreich herniederſteigen, löst ſich bei Chambery ein roßes, breiteres und weniger eingezwängtes Thal vom Knoten der Alpen ab und gräbt ſich ſein von Flüſſen und Seen durchſchnittenes grünes Bett zwiſchen dem Mont du Chat und den ſtarren Wänden des Beauges⸗ gebirges gegen Genf und Annecy zu. Links zieht ſich in einer Linie zwei Stunden lang der himmelhohe Mont du Chat mit ſeiner düſteren, einförmigen, durch keine Abſtufungen zerriſſenen Kante hin, wie ein ungeheurer, ſchnurgerader Wall. Kaum unterbrechen an ſeinem öſtlichen Ende zwei oder drei graue, ſpitze Felszacken die geometriſche Einförmigkeit ſeiner Geſtalt und erinnern den Blick, daß nicht eine Menſchenhand, ſondern nur die Hand Gottes mit dieſen Maſſen ſpielen konnte. Gegen Chambery zu breitet, ſich der Fuß des Mont du Chat mit einer gewiſſen Weichheit in die Ebene aus und bildet im Hernieder⸗ ſteigen einige Stufen und einige mit Tannen, Nuß⸗ bäumen und rebenumrankten Kaſtanienbäumen bekleidete Hügel. Zwiſchen dieſer dichten und beinahe wilden Begetation hindurch ſieht man hie und da weiße Land⸗ häuſer ſchimmern und die hohen Kirchthürme ärmlicher Dörfer oder die alten ausgezackten Thürme von Schlöſ⸗ ſern der Vorzeit hervorragen. Weiter unten hat die Ebene, die früher ein großer See war, die Höhlung, die zackigen Ufer, die vorſpringenden Landſpitzen ſeiner ehe⸗ maligen Form beibehalten. Nur ſieht man jetzt ſtatt dem Waſſer die grünen oder gelben Wogen der Pappeln, der Wieſen, der Ernten ſich wellenförmig bewegen. Einige Erhöhungen, die vormals Inſeln waren, quel⸗ len in Mitte dieſes ſumpfigen Thales auf und tragen auf ihrer Oberfläche ſtrohbedeckte, unter Laubwerk ver⸗ borgene Häuſer. Jenſeits dieſes ausgetrockneten Beckens taucht der nackter, rauher und abſchüſſiger gewordene Mont du Chat ſeinen felſigen Fuß in das Waſſer eines See's, das blauer iſt, als das Firmament, in welches 19 ſein Haupt emporſtarrt. Dieſer etwa ſechs Stunden lange See, der wechſelweiſe eine bis drei Stunden breit iſt, wird auf der Seite gegen Frankreich hin von ſenkrecht niederſteigenden Felsmaſſen zu einer bedeuten⸗ den Tiefe eingezwängt. Auf der ſavoyiſchen Seite bildet er ohne Hinderniſſe hübſche Buchten und Landzungen zwiſchen Hügeln, bedeckt mit Gehölz, Weinlauben, hohen Reben, Feigenbäumen, die ihre Blätter in ſein Waſſer tauchen. Er verliert ſich unbemerkt am Fuße der Felſen von Chätillon; dieſe Felſen öffnen ſich, um den Abfluß des See's der Rhone zueilen zu laſſen. Nördlich erhebt ſich auf einer granitenen Strebemauer die Abtei von Haute⸗Combe, in welcher ſich die Gruft der Prinzen des Hauſes Savoyen befindet, und wirft den Schatten ihrer weitläufigen Kloſtergebäude über das Waſſer des See's hin. Von der Wand des Mont du Chat den ganzen Tag vor der Sonne geſchützt, erin⸗ nert dieſes Gebäude durch die es umgebende Dunkelheit an die ewige Nacht, deren Schwelle es für dieſe vom Throne in ſeine Gruͤfte herabgeſtiegenen Prinzen iſt. Nur Abends wirft die untergehende Sonne einen Stral auf daſſelbe, der einen Augenblick auf ſeinen Mauern ruht, als wolle er gleichſam am Ende des Tages den Menſchen den Lebenshafen zeigen. Einige Fiſcherbarken ohne Segel gleiten ſchweigſam über das ſtille Waſſer an den jähen, ſteilen Seiten des Gebirges. Das Al⸗ ter ihrer Planken macht, daß man ſie ihrer Farbe wegen von dem dunkeln Felſen kaum unterſcheiden kann. Adler mit grauem Gefieder kreiſen unabläſſtg über den Felſen und Barken, als wollten ſie den Netzen ihre Beute ſtreitig machen oder ſich auf die fiſchenden Vögel ſtürzen, welche den Furchen dieſer längs dem Ufer hin⸗ fahrenden Barken folgen. —. 20 3. Das Städtchen Air in Savoyen, äußerſt geräuſch⸗ voll, ganz dampfend und riechend von den Bächen ſeiner warmen, ſchwefelhaltigen Quellen, ſitzt unweit von da ſtockwerkweiſe auf einem breiten, abſchüſſigen, mit Re⸗ ben, Wieſen und Baumgärten bekleideten Abhange. Eine lange Allee hundertjähriger Pappeln, ahnlich jenen unfehlbaren Taxusalleen, welche in der Türkei zu den Begräbnißplätzen führen, verbindet das Städtchen mit dem See. Rechts und links von dieſer Straße liegen Wieſen und Felder, welche durch die felſigen und oft ausgetrockneten Bette der Gebirgsſtröme durchſchnitten und von rieſigen Nußbäumen beſchattet ſind, an deren Aeſte kräftige Reben gleich den Lianen Amerika's ihre Ranken und Trauben aufhängen. Zwiſchen den Lich⸗ tungen dieſer Nußbäume und Reben hindurch erblickt man in der Ferne den blauen See, der je nach dem Gewölke und der Tageszeit ſchimmert oder blaß wird. Als ich nach Air kam, waren die Badegäſte ſchon abgereist. Die Gaſthöfe und die Salons, dieſe Sam⸗ melplätze, auf welchen ſich den Sommer über die Frem⸗ den und die Müßiggänger drängen, waren allen ge⸗ ſchloſſen. Nur noch einige gebrechliche Arme ſaßen an den Thürſchwellen der ärmlichſten Wirthshäuſer und einige hoffnungsloſe Kranke ſchleppten ſich in den war⸗ men Mittagsſtunden müden Schrittes über das dürre, nächtlicherweile von den Pappeln abgefallene Laub. 4. Der Herbſt war früh eingetreten, aber mild. Es war um die Zeit, wo die am Morgen vom Reif ge⸗ troffenen und einen Augenblick rothgefärbten Blätter von den Reben, den Kirſch⸗ und Kaſtanienbäumen 21 herabregnen. Die Nebel lagerten gleich gewaltigen nächtlichen Ueberſchwemmungen bis gegen Mittag auf allen Betten des Thales und ließen ſich nur von den halbeingehüllten Wipfeln der höchſten Pappeln in der Ebene, von den gleich Inſeln emportauchenden Hügeln und den Gebiraszacken überragen, die Vorgebirgen oder Klippen auf einem Ocean glichen. Stand die Sonne hoch am Himmel, ſo fegten die lauen Windſtöße des Föhns all dieſen Schaum von der Erde weg. Solche Windſtöße, die ſich in den Schluchten dieſer Berge verfingen und an dieſen Felſen, über die Gewäſſer und Bäume hinſtreiften, veranlaßten ein wohlklingendes, wehmüthiges, melodiſches, mächtiges oder kaum ver⸗ nehmbares Geflüſter, das in einigen Minuten die ganze Tonleiter der Wonnen, der Kräfte oder der Schauer der Natur zu durchlaufen ſchien. Die Seele ward bis in den Grund davon bewegt. Dann erſtarben ſie wie Unterredungen himmliſcher Geiſter, die vorbeigezogen ſind und ſich entfernt haben. Ein Schweigen, wie das Ohr es nirgends anderswo findet, folgte darauf und dämpfte ſogar das Geräuſch jedes Athemholens. Der Himmel nahm ſeine faſt italieniſche Reinheit wieder an. Die Alpen ſchwammen im unendlichen und uner⸗ gründlichen Firmamente; die vom Morgennebel gebil⸗ deten Tropfen fielen tönend auf das welke Laub oder funkelten auf den Wieſen. Dieſe Stunden waren kurz. Die blauen und kühlen Schatten des Abends glitten raſch herbei und breiteten ſich als Sargtuch über dem Horizonte aus, der kaum die letzten Sonnenſtralen ge⸗ noſſen hatte. Die Natur ſchien zu ſterben, aber wie Jugend und Schönheit ſterben, in all ihrer Anmuth und in all ihrer Reinheit. Eine ſolche Gegend, eine ſolche Jahrszeit, eine ſolche Natur, eine ſolche Jugend und ein ſolches Schmach⸗ ten aller Dinge um mich her war ein wunderbarer Zuſammenklang mit meinem eigenen Schmachten. Es ward geſteigert durch alle dieſe Reize. Ich verſank in tiefe Traurigkeit. Allein dieſe Traurigkeit war lebendig 22 genug und bot der Seele der Gedanken, der Eindrücke, der innigen Beziehungen zur Unendlichkeit und des Helldunkels genug, um mich ihr gern zu überlaſſen. Sie iſt eine Krankheit des Menſchen, aber eine Krank⸗ heit, deren Empfindung ſogar, ſtatt ein Schmerz zu ſein, ein Reiz iſt, und in welcher der Tod einer wol⸗ lüſtigen, in der Unendlichkeit ſchwindenden Ohnmacht gleicht. Ich war entſchloſſen, mich ihr künftig ganz hinzugeben, mir jede Geſellſchaft, die mich davon zer⸗ ſtreuen konnte, vom Hals zu ſchaffen, mich in Mitte der Welt, die ich hier antreffen würde, in Schweigen, Einſamkeit und Kälte zu hüllen, meine geiſtige Ver⸗ einzelung war ein Sargtuch, durch welches ich die Menſchen nicht mehr ſehen wollte, ſondern nur noch die Natur und Gott. Auf der Durchreiſe in Chambery hatte ich meinen Freund Ludwig von*r geſehen. Ich hatte ihn in der gleichen Stimmung gefunden, in der ich mich ſelbſt befand; die Lippe mit Eckel von dem bittern Kelch des Lebens abgewandt, der Geiſt ſchlummernd, die Seele in ſich ſelbſt zurückgezogen, der Körper vom Denken ermüdet. Ludwig hatte mir ein vereinzelt ſtehendes, ruhiges Haus im obern Theile des Städtchens Air bezeichnet, wo man Kranke in Koſt und Wohnung nehme. Dieſes Haus, das durch einen guten alten, zurückgezogen lebenden Arzt und deſſen Frau gehalten ward, hing mit der Stadt nur durch einen ſchmalen Fußweg zuſammen. Dieſer ſtieg zwiſchen den Bächen der warmen Quellen hinan. Der hintere Theil des Hauſes ging nach einem Garten, der von Reblauben und einem bedeckten, nach der einen Seite offenen Gange umgeben war. Weiter⸗ hin führten Wieſenabhänge und Wälder von Kaſtanien⸗ und Nußbäumen über Grasplätze und Schluchten, wo man ſicher war, nur Ziegen anzutreffen, an die Berge hinauf. Ludwig hatte mir verſprochen, einen Aufenthalt in Aix mit mir zu machen, ſobald er noch einige 23 Angelegenheiten, die ihn nach dem Tode ſeiner Mutter in Chambery zurückhielten, erledigt haben würde. Seine Gegenwart mußte mir angenehm ſein, denn ſeine und meine Seele verſtanden ſich durch ihre Entzauberung. Auf gleiche Weiſe leiden, brinat einander näher, als auf gleiche Weiſe genießen. Der Schmerz hat ganz andere Bande als das Glück, um zwei Herzen innig zu vereinen. Ludwig war in dieſem Augenblick das einzige Weſen, deſſen Berührung für mich keine ſchmerz⸗ liche war. Ich erwartete ihne ohne Ungeduld, aber auch ohne Sehnſucht. 5. In dem Hauſe des alten Arztes ward ich gütig und freundlich aufgenommen. Man gab mir ein Zim⸗ mer, das die Ausſicht auf den Garten und die Land⸗ ſchaft bot. Faſt alle andern Zimmer waren leer. Die lange von der Familie gehaltene Tafel war ebenfalls verödet. Bei den Mahlzeiten fanden ſich nur noch die Leute des Hauſes und drei oder vier verſpätete Kranke von Chambery und Turin ein. Dieſe Kranken hatten die Bäder erſt beſucht, nachdem der größte Theil der Bade⸗ geſellſchaft ſchon abgereist war, um ein billigeres Unter⸗ kommen zu finden und ein zu ihrer Dürftigkeit paſſen⸗ des, ſparſames Leben führen zu können. Es war Niemand da, mit dem ich mich hätte unterhalten oder in vertrauliche Verbindung ſetzen können. Der alte Arzt und ſeine Frau fühlten das wohl. Sie entſchuldigten ſich daher, mit der allzu⸗ ſpäten Jahrszeit oder den zu früh abgereisten Gäſten. Sie ſprachen einzig mit einer ſichtbaren Begeiſterung und einer zärtlichen und mitleidsvollen Achtung von einer jungen, fremden Dame, die durch eine Schwäche, von der man befürchtete, ſie möchte in eine langſame Abzehrung ausarten, in den Bäaͤdern zurückgehalten 24 85 ward. Sie bewohnte ſeit einigen Monaten mit einer Kammerfrau das entlegenſte Zimmer ihres Hauſes. In den Speiſeſaal kam ſie nie. Sie aß auf ihrem Zimmer; man ſah ſie nur zwiſchen dem Reblaub hin⸗ durch, wenn ſie an ihrem Fenſter ſaß, das nach dem Garten ging, oder auf der Treppe, wenn ſie von einem Spazierritt auf einem Eſel in die Sennhütten im Ge⸗ birge nach Hauſe zurückkehrte. Ich hatte Mitleid mit dieſer, gleich mir allein in ein fremdes Land verbannten Dame, die krank ſein mußte, weil ſie hier Geſundheit ſuchte, und jedenfalls eine ſtille Trauer barg, weil ſie den Lärm und ſogar die Blicke der Menge mied. Ich hatte jedoch kein Ver⸗ langen, ſie zu ſehen, welche Bewunderung auch um mich her ihrer Anmuth und ihrer Schönheit geſpendet wurde. Das Herz eingeäſchert, der erbärmlichen und ſchwankenden Neigungen müde, von denen ich keiner, ausgenommen der der armen Antonia, eine wahre Ehr⸗ erbietung in meiner Erinnerung weihte, voller Scham und Reue über leichtſinnige und unordentliche Verbin⸗ dungen, die Seele verbittert durch meine Fehler, ver⸗ trocknet und verſengt durch den Ueberdruß gemeiner Sinnesluſt, von ſchüchternem und zurückhaltendem Cha⸗ rakter und Benehmen, Nichts von jenem Selbſtver⸗ trauen beſitzend, das gewiſſe Menſchen verleitet, aben⸗ teuerliche Begegnungen und Vertraulichkeiten zu ſuchen, dachte ich weder an ein Sehen noch an ein Geſehen⸗ werden. Noch weniger dachte ich an eine Liebe. Ich freute mich im Gegentheil mit einem höhniſchen und falſchen Stolze, dieſe Kinderei in meinem Herzen auf immer erſtickt zu haben, und bei den Leiden und Ge⸗ fühlen dieſer Erde mir ſelbſt zu genügen. An Glück glaubte ich nicht mehr. 5 25 6. Ich brachte meine Vormittage in meinem Zimmer mit einigen Büchern zu, die mein Freund mir von Cham⸗ bery ſandte. Nachmittags ſchlenderte ich allein in der wilden Alpennatur und an den Bergen umher, welche nach Italien hin das Thal von Air einſchließen. Von Müdigkeit zerſchlagen, kam ich Abends heim, ſetzte mich zur Abendtafel, zog mich in mein Zimmer zurück und lag noch Stunden lang, den Kopf auf den Ellbogen geſtützt, unter meinem Fenſter. Ich betrachtete das Firmament, das die Gedanken der Seele an ſich zieht, wie der Abgrund Den, der ſich über ihn hinlehnt, als hätte er ihm Geheimniſſe zu enthüllen. In dieſem Meer von Gedanken, auf welchem ich kein Ufer ſuchte, ſchlief ich dann ein und erwachte, wenn die Sonne mir ihre Stralen in's Zimmer ſandte. Das Murmeln der warmen Quellen rief mich in's Bad und nach dem Frühſtück unternahm ich immer wieder meinen Spazier⸗ gang und immer war die Schwermuth mein Begleiter, wie Tags zuvor. Zuweilen gewahrte ich Abends, wenn ich über mein nach dem Garten gehendes Fenſter lehnte, einige Schritte von dem meinen ein anderes offenes, durch ein Licht erhelltes Fenſter und eine weibliche Geſtalt, die gleich mir ihren Kopf auf den Ellbogen ſtützte und zuweilen mit der Hand ſich die langen, ſchwarzen Flech⸗ ten ihrer Haare aus der Stirne ſtrich, um ebenfalls den vom Mond erleuchteten Garten, die Berge und das Firmament zu Piidchtrr In dieſem Helldunkel unterſchied ich nur ein reines, blaſſes, zartes Proſil, das ſchwarze Wellen eines feinen, an den Schläfen glattliegenden Haares einfaßten. Das Geſicht zeichnete ſich auf dem hellen Hintergrunde des durch die Lampe im Zimmer erleuchteten Fenſters deut⸗ lich ab. Zuweilen hatte ich auch den Ton einer weib⸗ lichen Stimme vernommen, welche einige Worte ſprach 26 oder, dem Innern des Zimmers zugewandt, einen Be⸗ fehl ertheilte. Der etwas fremdartige, obwohl reine Accent, der einigermaßen ſieberhafte, ſchmachtende, ſanfte und doch unendlich wohltönende Klang dieſer Stimme, deren Seele ich verſtand, ohne die Worte zu verſtehen, hatte mich bewegt. Dieſe Stimme hallte noch lange, nachdem ich das Fenſter ſchon geſchloſſen hatte, gleich einem Echo in meinem Ohre nach. Ich hatte ſelbſt in Italien nie eine Stimme gehört, die Aehnlichkeit mit dieſer hatte. Sie klang zwiſchen den halb geſchloſſenen Zähnen, wie jene kleinen metallenen Leiern, welche die Inſelbewohner des Archipelagus Abends am Ufer des Meeres zwiſchen ihren Lippen ertönen laſſen. Es war mehr ein Klingen, als eine Stimme. Ich hatte ſie ver⸗ nommen, ohne zu denken, daß dieſe Stimme ſo tief und auf immer in mein Leben hineinklingen würde. Am folgenden Tage dachte ich nicht mehr daran. Eines Tages jedoch, als ich vor Abend heimkehrte und den Weg durch die kleine Gartenthüre unter den Reblauben nahm, ſah ich die Fremde, die in den war⸗ men Sonnenſtralen auf einer Gartenbank gegen Son⸗ nenuntergang ſaß, mehr in der Nähe. Sie hatte das Geräuſch der Thüre, die ich wieder hinter mir zuſchloß, nicht gehört und glaubte ſich allein. Ich konnte ſie lange betrachten, ohne geſehen zu werden. Wir waren nur etwa zwanzig Schritte von einander entfernt und durch ein Rebengeländer getrennt, das durch die erſten Fröſte ſeines Schmuckes größtentheils beraubt worden war. Der Schatten der letzten Rebblätter machte ihr Antlitz den Sonnenſtralen ſtreitig, die auf demſelben zu ſchwimmen ſchienen. Ihre Geſtalt ſchien größer, als ſie es von Natur war, wie die jener marmornen, in Gewänder eingehüllten Badenden, deren Wuchs man bewundert, ohne die Formen recht zu unterſcheiden. Auch ſie war in ein Gewand mit weiten, loſen Falten gehüllt, ein weißer am Körper anliegender Shawl ließ nur ihre beiden Hände ſehen, die kreuzweis auf ihren Knieen ruhten. Zwiſchen ihren etwas magern und — —— 27 ausgeſpitzten Fingern drehte ſie nachläſſig eine jener rothen wilden Nelken, die in den Bergen unter dem Schnee erblühen und Dichternelken genannt werden, warum, weiß ich nicht. Ein gleich einer Kapuze auf⸗ geſchlagener Zipfel ihres Shawls bedeckte den obern Theil ihres Kopfes, um ihre Haare vor dem Abend⸗ thau. zu ſchützen. Zuſammengeſunken und ſchmachtend den Hals der linken Schulter zugeneigt, die Augenlider der Blendung der Sonne wegen durch die langen, ſchwar⸗ zen Wimpern geſchloſſen, die Züge verſteinert, die blaſſe Farbe, die in ſtummes Denken verſunkene Phyſionomie, Alles das machte ſie einer Bildſäule des Todes ähnlich; aber jenes Todes, welcher die Seele der Empfindung der menſchlichen Qualen entzieht und in die Regionen des Lichtes und der Liebe unter die Stralen des glück⸗ lichen und ewigen Lebens emporträgt. Beim Geräuſch meiner Tritte auf dem dürren Laube ſchlug ſie die Augen auf. Dieſe Augen waren von heller, braungeäderter Meer⸗ oder Azurfarbe, rautenförmig geſchnittzn, bei der Schwäche der Augenlider etwas geſchloſſen und mit jener natürlichen Franſe dunkler, ſchwarzer und langer Wimpern geſchmückt, welche die Frauen des Orientes durch die Hülfsmittel der Kunſt hervorzubringen ſuchen, um den Ausdruck des Blickes zu heben und ſogar dem Schmachten Energie und der Wolluſt etwas Wildes zu verleihen. Der Blick dieſer Augen ſchien aus einer Entfernung zu kommen, die ich ſeither in keinem menſchlichen Auge mehr ſo unermeßlich fand. Er glich vollkommen dem Feuer jener Sterne, die uns zur Nachtzeit aufſuchen, um gleichſam unſer Herz zu rühren, und die vom Himmelsraume einige Millionen Meilen weit zu uns hernieder ſtralen. Die griechiſche Naſe verband ſich durch eine unmerklich tiefer⸗ liegende Linie mit einer hohen und ſchmalen Stirne ähnlich den Stirnen, die von hoher Denkkraft zeugen; die Lippen waren etwas dünn und in den beiden Mund⸗ winkeln durch eine von ſteter Traurigkeit herrührende Falte leicht eingedrückt; die Zähne eher Perlmutter als 28 Elfenbein ähnlich, gleich denen der Töchter der feuchten Meeresufer und der Inſeln; das Geſicht von einem Oval, welches unterhalb des Mundes und gegen die Schläͤfe zu ſchmächtiger ward; die Phyſionomie mehr die eines Gedankens als die eines menſchlichen Weſens. Und über dieſem Allem ſchwebte ein Ausdruck des Träu⸗ mens, des Schmachtens, unbeſtimmt, ob von Leiden oder Leidenſchaft erzeugt, der dem Blicke nicht geſtattete, ſich von dieſem Antlitz abzuwenden, ohne das ewige Bild deſſelben mitzunehmen. Kurz, es war die Erſcheinung einer anſteckenden Seelenkrankheit unter den Zügen der majeſtätiſchen und anziehendſten Schönheit, die ſich je ein gefühlvoller Menſch träumen konnte. Indem ich ſchnell durch den Gang und an ihr vorbeiging, verneigte ich mich ehrerbietig vor ihr; meine beſcheidene Haltung und meine geſenkten Augen ſchienen ſie um Verzeihung zu bitten, ſie unwillkürlich zerſtreut zu haben. Bei meiner Annäherung färbte eine leichte Röthe ihre blaſſen Wangen. Ganz zitternd kehrte ich in mein Zimmer zurück, ohne zu wiſſen, warum ich an dieſem Abend von einem eigenthümlichen Fröſteln befallen ward. Einige Mi⸗ nuten nachher ſah ich auch die junge Dame in's Haus zurückkehren und einen gleichguͤltigen Blick auf mein Fenſter werfen. Die folgenden Tage ſah ich ſie zur nämlichen Stunde im Garten oder im Hofe, ohne je den Gedanken oder die Kühnheit zu haben, ſie anzureden. Zuweilen traf ich ſie ſogar auf den Grasplätzen vor den Sennhütten, von kleinen Maͤdchen begleitet, die ihren Eſel trieben und ihr Erdbeeren pflückten; hie und da auch in einer Barke auf dem See. Ich gab ihr kein anderes Zeichen meiner Naͤhe und meiner Theilnahme, als eine ehrer⸗ bietige und gemeſſene Verbeugung; ſſie erwiederte die⸗ ſelbe mit melancholiſcher Zerſtreuung und Jedes von uns verfolgte ſeinen Weg im Gebirge oder auf dem Waſſer. — 4* 29 7. Und doch war ich Abends traurig und fühlte mich nicht recht heimiſch, wenn ich ſie den Tag über nicht angetroffen hatte. Ohne mir Rechenſchaft von dem Beweggrunde abzulegen, ging ich in den Garten hinab. Trotz der kalten Nachtluft blieb ich dort, die Augen oft auf ihr Fenſter geheftet. Ich konnte nicht in mein Zimmer zurückkehren, bis ich durch die Vorhänge ihren Schatten wahrgenommen oder eine Note ihres Klaviers oder den wunderſamen Klang ihrer Stimme gehört hatte. Der Salon des Zimmers, in welchem ſie ſich Abends aufhielt, ſtieß an mein Zimmer und war von dieſem nur durch eine dicke, eichene Thüre mit zwei feſten Niegeln getrennt. Ich konnte, zwar undeutlich, das Geräuſch ihrer Tritte, das Anſtreifen ihres Kleides, das Raſcheln der Blätter des Buches vernehmen, wenn ihre Finger die Seiten umſchlugen. Inſtinktmäßig hatte ich den Tiſch, auf welchem ich ſchrieb und meine Lampe ſtand, an dieſe Thüre gerückt, weil ich mich weniger allein fühlte, wenn ich dieſe leichten Bewegungen eines lebendigen Weſens in meiner Nähe fühlte. Ich bildete mir ein, mit dieſer unbe⸗ kannten Zugabe, die unvermerkt alle meine Tage aus⸗ füllte, beiſammen zu leben. Mit Einem Worte, ich hatte insgeheim alle Gedanken, alle Geſchäftigkeit, alle Spitzfindigkeiten der Leidenſchaft, bevor ich noch ahnte, daß ich liebte. Die Liebe lag für mich nicht in dieſem oder jenem Symptome, in dieſem oder jenem Blicke, dieſem oder jenem Geſtändniß, dieſem oder jenem äußerlichen Umſtande, gegen die ich mich hätte waffnen können; ſie lag gleich jenen unſichtbaren, in der mich umgebenden Atmoſphäre verbreiteten Anſteckungsſtoffen in der Luft, in der Beleuchtung, in der ſterbenden Sommerszeit, in der Vereinzelung meines Daſeins, in der geheimniß⸗ vollen Annäherung dieſes andern Daſeins, das ebenfalls vereinzelt ſchien, in jenen langen Spaziergängen, die 30 mich nur von ihr entfernten, um den unwillkürlichen Reiz, der mich zu ihr zurückführte, beſſer zu fühlen, in ihrem weißen Kleide, das ich von ferne zwiſchen den Tannen des Gebirges erblickte, in ihren ſchwarzen Haaren, die der Wind auf dem See löste, ſo daß ſie auf den Rand des Nachens herabquollen, in ihren Schritten auf der Treppe, in ihrem erleuchteten Fenſter, in dem leichten Krachen des tannenen Fußbodens, wenn ſte in ihrem Zimmer hin und her ging, in dem Raſcheln ihrer Feder auf dem Papier, wenn ſie ſchrieb, ja ſogar in dem Schweigen jener langen Herbſtabende, die ſie einige Schritte von mir allein mit Leſen, Schreiben oder Träumen zubrachte, und endlich in dem Zauber jener phantaſtiſchen Schönheit, die ich ſchon viel zu oft geſehen hatte, ohne ſie anzublicken, und die ich, auch wenn ich die Augen ſchloß, durch die Mauer hin⸗ durch ſah, als wäre dieſe durchſichtig für mich geweſen! Uebrigens war dieſes Gefühl in mir weder mit einer unbeſcheidenen Zudringlichkeit noch mit der lei⸗ ſeſten Neugier vermiſcht, die mich hätten verleiten kön⸗ nen, das Geheimniß dieſer Einſamkeit zu durchdringen und den leicht zerſtörbaren Wall unſerer, ſo zu ſagen, freiwilligen Trennung zu zertrümmern. Was konnte mir, redete ich mir ein, an dieſer körperlich und ſeelen⸗ kranken Dame gelegen ſein, die ich durch Zufall mitten in den Bergen eines fremden Landes antraf? Ich hatte, ſo glaubte ich wenigſtens, den Staub von meinen Füßen geſchüttelt; ich wollte mich durch kein Band der Seele und der Sinne und beſonders nicht durch eine Schwäche des Herzens wieder an das Leben ketten. Ich verachtete die Liebe gründlich, weil ich unter dieſem Namen nur ihre Verſtellungen, ihre Koketterien, ihren Leichtſinn oder ihre Entweihung kennen gelernt hatte, ausgenom⸗ men bei der Liebe zu Antonia, die bloß eine entzückende Kinderei des Gefühls, eine vor der Stunde ihres Duf⸗ tes vom Stengel gefallene Blume war. —.— —— 31 8. Und übrigens, wer war dieſe Dame? War ſie ein Weſen, wie ich, oder eine jener Erſcheinungen, eines jener lebendigen Meteore, welche ſich am Himmel unſerer Einbildungskraft vorbei bewegen, ohne etwas Anderes, als eine ſchnelle Blendung des Auges zurück⸗ zulaſſen? War ihr Vaterland auch das meine oder lag es in weiter Ferne, auf einer Inſel des Orients oder in den Tropenländern, wohin ich ihr nicht folgen könnte, nachdem ich ſie einige Tage angebetet hätte, um ſie nachher auf immer beweinen zu müſſen? Und war fer⸗ ner ihr Herz frei, um dem meinigen antworten zu können? War es wahrſcheinlich, daß eine ſo berau⸗ ſchende Schönheit in der Welt gelebt und zu dieſer Reife, ja beinahe an die Gränze der Jugend gelangt war, ohne auf ihrem Wege Einen von Denen entflammt zu haben, auf welche ihre Blicke gefallen waren? Beſaß ſie noch einen Vater, eine Mutter, Schweſtern, Brü⸗ der? War ſie nicht verheiratet? Gab es in der ganzen Welt nicht einen Mann, welcher durch unerklärliche Um⸗ ſtände für den Augenblick von ihr getrennt war, aber im Herzen bei ihr lebte, wie ſie ohne Zweifel im Her⸗ zen bei ihm? Das Alles redete ich mir ein, um ihr Bild aus meiner Seele zu verſcheuchen, das ich unwillkürlich, muthlos und doch mit wonniger Empfindung ſtets bei mir trug. Ich verſchmähte ſogar, mich darnach zu er⸗ kundigen. Ich fand es meines Stoicismus unwürdig, dieſe mir unbekannten Verhältniſſe zu erforſchen zu ſuchen. Ich fand es würdiger und vielleicht auch an⸗ genehmer, meinen Geiſt in der Ungewißheit ſchwanken zu laſſen. 9. Die Familie des alten Arztes beſaß jedoch nicht den gleichen Stolz der Seele, um dieſes Geheimniß zu achten. Die bei Wirthen ſolcher Häuſer, in wel⸗ chen Fremde leben, natürliche Neugierde brachte bei der Tafel alle Umſtände, alle Muthmaßungen, ſogar die geringfügigſten Umſtände, die ſie über die junge Fremde erfahren konnte, zur Sprache. Ohne zu fragen und indem ich ſogar vermied, die Unterhaltung auf ſie zu lenken, vernahm ich das We⸗ nige, was über dieſes verborgene Leben verlautete. Ver⸗ geblich brach ich die Unterhaltung ab. Täglich und bei allen Mahlzeiten kam ſie auf den gleichen Gegenſtand zurück; Männer, Frauen, Kinder, junge Mädchen, Baderinnen, das Hausgeſinde, die Führer im Gebirge, die Schiffer auf dem See, Alle hatte ſie gewonnen, auf Alle Eindruck gemacht, Alle gerührt, ohne mit Jemand zu ſprechen. Sie war eines Jeden Gedanke, Unterhaltung, Bewunderung und Gegenſtand der Ehr⸗ erbietung. Es gibt Weſen, welche ſtralen, blenden und ohne daran zu denken, ohne es zu wollen, ohne es ſelbſt zu wiſſen, Alles in die Sphäre ihrer Anziehungskraſt hineinlocken. Es iſt, als ob gewiſſe Naturen gleich den Geſtirnen ein Syſtem hätten und die⸗Blicke, die Seelen und die Gedanken ihrer Tecbanten vermöge der Geſetze der Schwerkraft in ihre eigene Bewegung hin⸗ einzögen. Die phyſiſche oder moraliſche Schönheit iſt ihre Macht, die Beſtrickung ihre Feſſel, die Liebe der Ausfluß ihrer Seele. Man folgt ihnen über die Erde bis zum Himmel, in welchen ſie ſich noch in ihrer Jugend verlieren, und wenn man ſie nicht mehr ſieht, ſo iſt das — Auge gleichſam blind von der Blendung. Man ſchaut Nichts mehr an oder ſteht Nichts mehr. Selbſt der gewöhnliche Menſchentroß erkennt dieſe Menſchen an ich weiß nicht was für Zeichen. Er bewundert ſie, ohne ſie zu verſtehen, wie die Blindgeborenen, welche die Stralen fühlen, ohne die Sonne zu ſehen. 33 10. Auf ſolche Weiſe vernahm ich, daß die junge Dame in Paris wohne; ihr Gemahl war ein Greis, der ſich in dem letzten Jahrhundert durch Arbeiten berühmt gemacht hatte, welche unter den Entdeckungen des menſch⸗ lichen Geiſtes Aufſehen erregten. Er hatte das junge, fremde Mädchen, deſſen Schönheit und Geiſt großen Eindruck auf ihn gemacht hatten, zur Frau genommen, um ihr nach ſeinem Tode ſeinen Namen und ſein Ver⸗ mögen zu hinterlaſſen. Sie liebte ihn wie einen Vater. Sie ſchrieb ihm täglich Briefe, welche das Tagebuch ihrer Seele und ihrer Eindrücke waren; ſeit zwei Jah⸗ ren war ſie in eine Entkräftung verfallen, welche ihren Mann beunruhigt hatte. Man hatte ihr eine Luftver⸗ änderung und Reiſen nach dem Süden verordnet und da die Gebrechlichkeit des alten Herrn ihn verhinderte, ſie zu begleiten, ſo hatte er ſie einer befreundeten Fa⸗ milie in Lauſanne anempfohlen, mit welcher ſie die Schweiz und Italien durchreist hatte; und da endlich die Luftveränderung nicht hinreichend war, ihre Kräfte wieder herzuſtellen, ſo hatte ein Arzt aus Genf, der eine Herzkrankheit bei ihr befürchtete, ſie in die Bäder von Aix gebracht und wollte ſie dann wieder abholen, um ſte zu Anfang des Winters nach Paris zurückzu⸗ führen. Das iſt Alles, was ich damals von dieſem mir ſchon ſo theuren Daſein erfuhr, während ich beharrlich glaubte, alle dieſe Einzelnheiten ſeien mir höchſt gleich⸗ gültig. Mein Herz fühlte ſich noch ſtärker gerührt durch dieſe entzückende Frauenſchönheit, welche in ihrer Blüthe von einer Krankheit betroffen wurde, die das Leben verzehrt, indem ſie ſeine Empfindungen ſchärft und ſeine Flamme, die ſie auszulöſchen droht, gewal⸗ tiger bewegt. Wenn ich der Fremden auf der Treppe begegnete, ſuchten meine Augen in ihren etwas blaſſen Mundwinkeln Lamartine, Raphael. 3 34 und um ihre ſchönen blauen, oft von Schlafloſigkeit gemarterten Augen einige kaum bemerkbare Linien des Leidens zu entdecken. Ich intereſſirte mich dafür um ihrer Reize willen, mehr aber noch um dieſes Schat⸗ tens des Todes willen, durch welchen hindurch ſie mir mehr wie ein Geſpenſt der Nacht als wie ein Gebild der Wirklichkeit vorkam. Das war Alles. Unſer beiderſeitiges Leben floß immer noch dahin wie im Anfang, einander nahe im Raum und von einander getrennt durch die Unbekannt⸗ ſchaft. 3 II. Als ſich der erſte Schnee auf den Tannenwipfeln ₰— der Hochgebirge Savoyen's wiegte, gab ich meine Spa⸗ ziergänge in die Berge auf. Eine milde und bis Ende Octobers andauernde Wärme hatte ſich im Thale con⸗ centrirt. Am Ufer des Sees und auf demſelben wehte noch eine laue Luft. Die lange Pappelallee, welche hinführt, war zur Mittagszeit noch von der Sonne beſchienen und das Wiegen ihrer Aeſte und das Ge⸗ flüſter in ihren Wipfeln entzückte mich. Ich brachte einen Theil meiner Tage auf dem Waſſer zu. Die Schiffer kannten mich; ſie erinnerten ſich, ſagten ſie mir, noch der langen Fahrten, die ſie mit mir in die entfernteſten und wildeſten Buchten der bei⸗ den Ufer, des franzöſiſchen und des ſavoyiſchen, machen mußten. Mittagszeit zu einer zwar kürzeren Fahrt ein. Stolz darauf, ſie führen zu dürfen, und aufmerkſam auf die geringſten Anzeichen von Kühle, Gewölk oder Wind, die am Himmel erſcheinen konnten, ließen die Schiffer Auch die junge Fremde ſchiffte ſich zuweilen zur ſich angelegen ſein, ſie davon zu benachrichtigen; die Geſundheit und das Leben der ſchönen Frau waren 35 ihnen lieber, als der Fahrlohn und gerne verloren ſie einen Tag. Ein einziges Mal täuſchten ſie ſich. Sie hatten ihr eine leichte Ueber⸗ und Rückfahrt verſprochen, um die am jenſeitigen Ufer gelegenen Ruinen der Abtei von Haute⸗Combe zu beſuchen. Allein ſie hatten kaum zwei Drittheile des Weges zurückge⸗ legt, als ein Windſtoß aus den engen Schluchten des Rhonethales daherbrauste und die Wellen ſich bäumten und ſchäumten, wie bei einem jähanſtürmenden Wir⸗ belwind, der oft bei der Wendung um ein Vorgebirge auf dem Meere Schiffe in den Grund bohrt. Die kleine Barke, in deren Segel ſich der Wind verfing und die durch die beiden vom Schiffer ange⸗ wandten Ruder nur mühſam im Gleichgewicht gehalten wurde, tanzte wie eine Nußſchale auf den immer ge⸗ waltiger werdenden Wellen. Die Rückkehr war unmög⸗ lich und man mußte noch mehr als eine halbe Stunde ſich abmühen und in Gefahr ſchweben, bevor man ſich unter dem Schatten der jähen Felsabhänge von Haute⸗ Combe in Sicherheit ſah. Das Schickſal oder das Verhängniß meiner Seele, welches an dieſem Tage und zur nämlichen Stunde mein Segel unbeſtimmt auf dem See umhertrieb, hatte mich eine ſtärkere und mit vier kräftigen Ruderern be⸗ mannte Barke beſteigen laſſen. Ich wollte auf einer in der Mitte des See's gelegenen Inſel einen Ver⸗ wandten meines Freundes in Chambery, einen Herrn von Chaͤtillon beſuchen. Sein Schloß lag auf der Höhe dieſer Inſel auf einem Felſen. Wir befanden uns nur noch einige Ruderſchläge von der Anlände von Chätillon weg, als meine Augen, welche mechaniſch in der Ferne dem Nachen der jungen Kranken folgten, ihre Noth und den gefährlichen Kampf ihres Schiffes mit dem Wirbelwind bemerkten. Meine Ruderer und ich wandten einmüthig die Barke und fuh⸗ ren trotz allem Sturm wieder in den See hinaus, um dem dem Untergang nahen Nachen, der oft in den ſchäu⸗ menden Wygen verſchwand, zu Hülfe zu Flen 36 Während der Stunde, die wir brauchten, um auf ſolche Weiſe faſt die ganze Breite des Sees zu durch⸗ fahren und zu dem gefährdeten Nachen zu gelangen, ſtand ich eine unendlich lange und ſchreckliche Angſt aus. Als wir ihn endlich erreichten, war er eben im Landen begriffen. Eine große Welle warf ihn vor unſern Augen auf den ſichern Sand am Fuße der Rui⸗ nen der Abtei. Wir ſtießen ein Freudengeſchrei aus und ſtürzten um die Wette in's Waſſer, um ſchneller bei dem Nachen zu ſein und die ſchiffbrüchige Kranke au's Ufer zu tragen. Mit Geberden der Betrübniß und unter Jammergeſchrei rief uns der arme, beſtürzte Schiffer zur Hülfe. Mit der Hand wies er auf den Boden ſeiner Barke, den wir noch nicht ſehen konnten. Als wir dahin gelangten, erblickten wir die junge Dame, welche ohnmächtig auf dem Boden der Barke lag. Die Beine, der Körper und die Arme ſchwammen in einer eiskalten, mit Schaumflocken vermiſchten Waſſer⸗ lache; nur der Obertheil des Körpers lag außerhalb des Waſſers und der Kopf lehnte ſich wie todt auf die kleine hölzerne Kiſte im Hintertheil des Schiffes, welche zur Aufbewahrung der Netze und der Mundvorräthe der Schiffer dient. Ihre Haare hingen über ihren Hals und ihre Schultern hinab, wie die Schwingen eines ſchwarzen, am Ufer eines Teiches halb untergeſunkenen Vogels. Auf ihrem Antlitz, aus dem die Lebensfarbe nicht ganz gewichen war, lag der Friede des ruhigſten Schlafes. Es trug jene übernatürliche Schönheit, welche der letzte Seufzer auf dem Antlitz todter junger Mäd⸗ chen zurückläßt, die Stirne jenen reizendſten Stral des entweichenden Lebens und die Züge gleichſam die erſte Dämmerung der Unſterblichkeit, die ſich in dem An⸗ denken der Ueberlebenden vergöttlichen will. Nie ſah und nie werde ich ſie wieder ſo göttlich verwandelt ſehen. War der Tod das Tageslicht für dieſes himm⸗ liſche Antlitz? Oder wollte mir Gott in dieſem erſten und feierlichen Eindrucke das Vorgefühl und das Bild 37 dieſer unwandelbaren Form geben, unter welcher dieſe Schönheit meinem Gedächtniß einzuprägen, ſie ewig darin zu ſehen und immer darin anzubeten mir be⸗ ſtimmt war?... Wir ſtürzten in die Barke, um die Sterbende aus ihrem Schaumbett zu heben und über die Felſen zu tragen. Ich legte die Hand auf ihr Herz, wie ich ſie auf einen Marmorblock gelegt hätte. Ich hielt mein Ohr an ihre Lippen, wie ich es an die Lippen eines ſchlafenden Kindes hingehalten hätte. Das Herz ſchlug unregelmäßig, aber ſtark; der Athem war fühlbar und lau; ich ſah ein, daß wir es bloß mit einer lang⸗ dauernden Ohnmacht, einer Folge des Schreckens und der Kälte des Waſſers, zu thun hatten.. Einer der Schiffer hob ſie bei den Füßen und ich bei den Schultern auf, ſo daß ihr Kopf an meiner Bruſt ruhte. Auf ſolche Weiſe trugen wir ſie, ohne daß ſie ein Lebenszeichen gab, in eine kleine Fiſcher⸗ hütte unter den Felſen von Haute⸗Combe. Dieſe Hütte diente den Fiſchern als Wirthshaus, wenn ſie Fremde zu den Ruinen führten. Sie beſtand nur aus einer engen, dunkeln, rauchigen Stube, mit einem mit Brod, Käſe und Flaſchen beladenen Tiſche möblirt. Eine am Kamin angebrachte hölzerne Leiter führte in eine nie⸗ drige Kammer hinauf, welche durch eine auf den See hinausgehende Dachlucke ohne Fenſter Licht empfing. Der Raum derſelben ward durch drei, mit hölzernen Thüren geſchloſſene Betten, die tiefen Käſten glichen, faſt ganz eingenommen. Hier ſchlief die ganze Familie. Wir übergaben die junge, ohnmächtige Frau der Mutter und zwei jungen Töchtern des Hauſes, welche ſie, als wir Anſtand shalber die Stube verlaſſen hatten, auf eine Matratze beim Kamin legten, ein kleines Feuer von Stroh und Ginſterzweigen anzündeten, ſie aufſchnürten, ihr die Kleider auszogen, um dieſelben zu trocknen, ſie ſelbſt und ihre von Seewaſſer triefen⸗ den Haare abtrockneten, dann die noch immer Ohn⸗ mächtige in eines der Betten in der Kammer hinauf⸗ 38 trugen, in das ſie reine Leintücher gelegt hatten, welche nach dem Gebrauche der Bauern dieſer Gebirgsgegend, mit einem der warmen Steine des Herdes durchwärmt worden waren: Sie verſuchten vergeblich, ihr einige Tropfen Eſſig und Wein einzuflößen, um ſie in's Leben zurückzurufen. Als ſie ſahen, daß alle Bemühungen verloren und alle ihre Anſtrengungen vergeblich waren, brachen ſie in ein Schluchzen und ein Jammergeſchrei aus, das uns in's Haus zurückrief. „Das Fräulein iſt todt, die Dame iſt geſtorben! Wir können ſie nur noch beweinen und den Prieſter herbeiholen!“ riefen ſie. Die beſtürzten Schiffer ſtimmten in die Klagen der Weiber ein und verdoppelten den ſchauerlichen Jammer. Ich ſtürzte die Leiter hinauf, trat in die Kammer und bog mich über das Bett hin; die Dämmerung verbrei⸗ tete noch einige Helle; ich legte meine Hand auf die Stirne der Ohnmächtigen, ſie war brennend; ich fühlte die ſchwache aber regelmäßige Bewegung des Athem⸗ holens, wodurch ſich das grobe, rohe, hänfene Leintuch auf ihrer Bruſt hob und ſenkte; ich hieß die Weiber ſchweigen, gab einem der jüngſten Schiffer einen Tha⸗ ler und beauftragte ihn, einen Arzt herbeizuholen. Man ſagte mir, es wohne ein ſolcher zwei Stunden von Haute⸗Combe in einem am Mont du Chat gele⸗ genen Dorfe. Der Schiffer eilte fort. Beruhigt durch die Ge⸗ wißheit, daß die Dame nicht todt ſei, ſetzten ſich die Andern zu Tiſche. Die Weiber gingen ab und zu, bald in die Kammer, bald in die Stube und von dort in den Keller oder in den Hühnerhof, um das Abend⸗ eſſen zu bereiten. Ich blieb auf einem Sack von Mais⸗ mehl neben dem Bette zu den Füßen der Kranken ſitzen, die Hände auf den Knieen gekreuzt, die Augen auf das unbewegliche Antlitz und die geſchloſſenen Augenlider der Fremden gerichtet. Die Nacht war angebrochen. Eines der jungen Mädchen hatte den Laden der Dachlucke geſchloſſen und 39 eine kleine kupferne Lampe an der Mauer aufgehängt, deren Schein auf das Leintuch und das ſchlummernde Antlitz fiel, wie der Schein einer Wachskerze auf ein Grabtuch. Ach, auf ſolche Weiſe habe ich ſeitdem bei ühen Antlitzen gewacht, aber ſie ſind nicht wieder. er⸗ wacht!... 12. Nie vielleicht verſenkten ſich der Blick und die Seele eines jungen Mannes Stunden lang in ein ſo ergreifendes, ſeltſames Anſchauen. Zwiſchen dem Tod und der Liebe ſchwebend, war ich unfähig, zu beſtim⸗ men, ob das vor meinen Augen ſchlummernde, engel⸗ gleiche Antlitz ein ewiger Schmerz oder eine ewige Anbetung ſei, welche dieſe Nacht mir in ihrem geheim⸗ nißvollen Schooße bereitete oder der Morgen mir mit dem Erwachen zum Leben bringen würde. In den Krämpfen des Schlafes, die nicht ſtark genug waren, um ſie wieder zu beleben, hatte ſich das Leintuch verſchoben und eine ihrer Schultern entblößt. Ihre Haare rollten in großen, ſchwarzen und dichten Ringeln auf dieſelbe hinab. Ihr in das Kiſſen zurück⸗ geſunkener Hals bog ſich unter dem Gewicht ihres rück⸗ wärts hängenden, ein wenig auf die rechte Wange ge⸗ neigten Hauptes. Einer ihrer Arme hatte ſich unter der Decke hervorgemacht und unter dem Halſe durch⸗ geſchoben. Der nackte, wie aus Elfenbein gedrechſelte Ellbogen zeichnete ſich hübſch von der grauen Farbe des rauhen Leinwandhemdes ab, das die Bäurinnen ihr angezogen hatten. An einem ihrer von den Haaren halb verdeckten Finger ſah man einen kleinen Goldreif mit einem Rubine ſchimmern, in welch Letzterem ſich die Lampe ſpiegelte. Die jungen Töchter des Hauſes hatten ſich unaus⸗ gekleidet auf den Boden zur Ruhe gelegi; die Mutter 40 war auf einem hölzernen Stuhle, den Kopf und die Hände auf deſſen Rückwand geſtützt, eingeſchlummert. Als der Hahn im Hofe krähte, ermunterten ſie ſich, nahmen ihre Holzſchuhe in die Hand und ſtiegen ge⸗ räuſchlos die Leiter hinab, um an ihre Arbeit zu gehen. Ich blieb allein. 1 Der erſte Schein der Morgendämmerung begann faſt unmerklich durch die Spalten des geſchloſſenen Ladens der Dachlucke zu dringen. Ich öffnete den Laden, in der Hoffnung, die Morgenkühle und die balſamiſche Luft des Sees und der Gebirge, vielleicht auch der erſte Sonnenſtral könnten den Einfluß des allgemeinen Erwachens der Natur auch auf dieſes Leben, das ich mit Hingeben meines eigenen Lebensodems hätte erwecken mögen, geltend machen. Eine friſche und faſt eiſige Luft verbreitete ſich in der Kammer und blies die halb verlöſchte Lampe an. Allein auf dem Bette blieb es regungslos. Ich hörte, wie die armen Weiber unten mit ein⸗ Die Hände auf dem Rande des Bettes gefaltet, die Blicke auf das Antlitz der en Frau geheftet, warf ich mich auf die Kniee. Ich betete lange und inbrünſtig, bis meine Augen zuletzt in Thränen ſchwam⸗ men und mir das Antlitz Derer, um deren Erwachen ich ſo leidenſchaftlich bat, umflorten. Ganze Stunden hätte ich ſo zubringen können, ohne die Dauer der Zeit ewahr zu werden und Schmerz in meinen Knieen zu Fuhlen, ſo vollſtändig war meine Seele von einer einzigen Empfindung und einem einzigen Wunſche in Anſpruch genommen. Plötzlich fühlte ich, als ich mechaniſch mit der Hand über meine Augen fuhr, um ſie abzuwiſchen, eine —— 41 Hand, welche die meine berührte und ſachte über meinen Kopf hinglitt, als wolle ſie meine Haare zurückſtreichen, mein Geſicht ſehen und mich ſegnen. Ich ſtieß einen Schrei aus, blickte auf, ſah, daß die Kranke die Augen geöffnet hatte, ihre Bruſt frei athmete, ihr Mund lächelte, ihr Arm gegen mich ausgeſtreckt war, und hörte die Worte: „O mein Gott, ich danke Dir. Ich habe alſo einen Bruder!“ 13. Wäͤhrend ich am Rande ihres Bettes mit in Thrä⸗ nen gebadetem und von meinen Haaren halb verhülltem Antlitz betete, hatte die Morgenkühle ſte aufgeweckt. Sie hatte Zeit gehabt, aus der Inbrunſt meines Ge⸗ betes die Inbrunſt meines Mitleids zu erkennen, und war ſo völlig bei Bewußtſein, daß ſie mich beim Tages⸗ licht, das jetzt hell in die Kammer drang, ſogleich erkannte. Ein ſich vereinzelt fühlendes, von Gleich⸗ gültigkeit umgebenes Weſen war ſie in Ohnmacht ge⸗ ſunken und erwachte jetzt, umringt von Mitleid, Theil⸗ nahme und vielleicht der Liebe eines frommen Unbekannten. In der vernachläſſigten Blüthe ihres Lebens jeder Seelen⸗ verwandtſchaft beraubt, hatte ſie plötzlich an ihrer Seite das Antlitz, die Haltung, die Pflege, das Gebet, die Thränen eines jungen Bruders gefunden und indem ſie mit der Empfindung des Lebens auch das Gefühl dieſes Glückes fand, war dieſer Name ihrem Herzen und ihren Lippen entwiſcht. 3 „Ein Bruder? O nein, Madame,“ antwortete ich ihr, indem ich die gegen mich ausgeſtreckte Hand ergriff und ehrerbietig von meiner Stirne entfernte, als wäre ich nicht würdig geweſen, von ihr berührt zu werden; „ein Bruder? O nein, aber ein Sklave, aber ein leben⸗ diger Schatten ihrer Schritte, der ſich von dem Segen des Himmels und der Glückſeligkeit der Erde nur das Recht erbittet, ſich dieſer Nacht zu erinnern, und auf immer das Bild dieſer übermenſchlichen Erſcheinung zu bewahren, der er bis zum Tode folgen möchte und die ihm allein das Leben erträglich machen könnte!“ Während meine Lippen verlegen, zögernd und mit halblauter Stimme dieſe Worte ſtammelten, trat die Roſenfarbe des Lebens wieder auf ihre Wangen und um ihren Mund ſpielte ein wehmüthiges Lächeln, das eine beharrliche Weigerung, an Glück zu glauben, an⸗ deutete; ihre gen Himmel gerichteten Augen ſchienen mit dem Blicke Worte anzuhören, welche nur ihre Ge⸗ danken beantworteten. Nie zeigte ſich der Uebergang vom Tode zum Leben und von einem Traume zur Wirk⸗ lichkeit ſo ſchnell und ſo ſichtbar auf einem Antlitz. Staunen, Sehnſucht, Trunkenheit, Ruhe, Schwermuth und Freude, Schüchternheit und Hingebung, Anmuth. und Zurückhaltung, Alles malte ſich zu gleicher Zeit auf ihren durch das Erwachen erfriſchten und in Jugend⸗ farbe prangenden Zügen. Ihr ſtralendes Angeſicht ver⸗ breitete ſo viel Helle in der dunkeln Kammer, als das Morgenlicht. In dieſem Antlitz und dieſem Schweigen lagen mehr Worte, Enthüllungen, vertraute Mitthei⸗ lungen, lag unendlich mehr als in Millionen Worten. Das menſchliche Antlitz iſt die Augenſprache, die Phy⸗ ſtonomie in der Jugend iſt ein Klavier, das die Lei⸗ denſchaft mit Einem Blicke durchſpielt. Sie pflanzt Geheimniſſe ſtummer Vertraulichkeit, die von keiner Sprache der Erde überſetzt werden können, von einer Seele in die andere hinüber. 3 Ohne Zweifel verkündete auch meine Phyſionomie dem Blicke, der ſo forſchend auf meinen Zügen ruhte, einen Freund. Meine noch feuchten Kleider, die Büſchel meiner langen, braunen, während der Nacht von mei⸗ nen Händen tauſendmal durchwühlten Haare, mein Hals, nur loſe von der aufgeinüpften Halsbinde um⸗ ſchlungen, meine vom Wachen eingefallenen Augen, meine durch Schlafloſigkeit und Aufregung blaß ge⸗ 43 wordene Geſichtsfarbe, die faſt religiöſe Begeiſterung, mit welcher ich mich vor dieſer Heiligkeit der leidenden Schönheit neigte, die Unruhe, die Gemüthsbewegung, die Freude, die Ueberraſchung, das Halbdunkel dieſer nackten Kammer, in Mitte deren ich ſtehen blieb, ohne einen Schritt zu wagen, als hätte ich gefürchtet, den Zauber eines göttlichen Traumes ſchwinden zu ſehen, und endlich die erſten Sonnenſtralen, die durch die Dachlucke ſielen, meine Augen blendeten und in meinen ſchlecht abgewiſchten Thränen glänzten, Alles mußte meinem Antlitz eine Macht des Ausdrucks und einen Schimmer von Zärtlichkeit verleihen, die ſie ohne Zweifel während eines langen Lebenslaufes nicht zum zweiten Mal finden konnte. 4 Da ich den Rückprall dieſer Empfindungen und die innerliche Beredtſamkeit dieſes Schweigens nicht länger ertragen konnte, ſo rief ich die Frauen herbei. Sie kamen herauf und brachen in Rufe der Verwun⸗ derung aus, als ſie dieſe Auferſtehung ſahen, die ihnen ein Wunder ſchien. Im nämlichen Augenblicke trat auch der Arzt ein, nach welchem ich Abends zuvor ge⸗ ſchickt hatte. Er empfahl der Kranken Ruhe an und verordnete einige Aufgüſſe von Pflanzen, die in dieſen Bergen einheimiſch ſind und das Herzklopfen ſtillen. Er beruhigte uns, indem er ſagte, dieſe Krankheit junger Frauen hebe ſich oft mit den Jahren, ſie ſei nur eine geſteigerte Reizbarkeit, welche die Ueberfülle des Lebens dem Tode ähnlich mache, jedoch den Tod nicht herbeiführe, wenn wenigſtens das innerliche Lei⸗ den nicht durch moraliſche Urſachen verſchlimmert und in eine andauernde Schwermuth und unheilbaren Lebens⸗ überdruß verwandelt werde. Während die Weiber in den Wieſen die von dem Arzte bezeichneten Pflanzen ſuchten und in der untern Stube die noch feuchten Kleider der Dame über ein warmes Eiſen zogen, verließ ich das Haus und durch⸗ ſtreifte allein die Ruinen der alten Abtei. V 44 14. Mein Herz war jedoch zu voll von Eindrücken, als daß dieſe Einſiedler mich hätten intereſſiren können. Die ſtrengen geiſtlichen Uebungen und die Begeiſterung der erſten Klöſter ſind zu einer Profeſſion geworden. In ſpäteren Zeiten haben ſich in dieſen Anſtalten Men⸗ ſchenleben verloren, welche durch keine Bande mit ihren Mitbrüdern mehr in Verbindung ſtanden, für die Welt nutzlos waren und unbetrauert und keine Spur hinterlaſſend in das Grab ſanken. Ich bewunderte nur, wie ſchnell die Natur ſich leerer Plätze und vom Menſchen verlaſſener Wohnungen bemächtigt, wie überlegen ihre lebendige Architektur von Geſträuchern, die im Mörtel Wurzel ſchlagen, von Brombeerſtauden, von flatterndem Epheu, von herab⸗ hängenden Steinnelken, von Schlingpflanzen, die ihren dichten Mantel über die Riſſe der Mauern breiten, der kal⸗ ten Symmetrie der Steine und der todten Ausſchmückung der unter dem Meißel des Menſchen hervorgegangenen Monumente iſt! Unter den einſtürzenden Pfeilern, in dem abgedeckten Schiff und unter den geborſtenen und herabhängenden Gewölben der alten, verödeten Kirche der Abtei war mehr Licht, mehr Wohlgeruch, mehr Geflüſter, waren mehr heilige Pſalmgeſänge der Winde, der Gewäſſer, der Vögel, der ſchallenden Echo's des Sees und der Wälder vorhanden, als ehemals bei dem Scheine der Wachskerzen, dem Weihrauchduſte und den einförmigen Geſängen bei den Ceremonien und Pro⸗ zeſſtonen, die Tag und Nacht ſtattfanden. Die Natur iſt der Hoheprieſter, der große, heilige Dichter, der erſte Muſiker, der beſte Bühnenmaler Gottes. Das Schwalbenneſt unter dem rieſigen Dachkranze eines alten Tempels, in welchem die Jungen nach dem Vater und der Mutter ſchreien und ihre Wiederkehr begrüßen; die Seufzer des Meereswindes, welche das Flattern der Segel, das Brauſen der Woge und die letzten 45 Klänge der Fiſchergeſänge in die entvölkerten Klöſter des Gebirges zu tragen ſcheinen; die balſamiſchen Luft⸗ ſtröme, welche zuweilen durch das Schiff der Kirche ziehen; die ſich entblätternden Blumen, deren Staub⸗ fäden auf die Gräber herniederregnen; das Wiegen der grünen Teppiche, welche die Mauern bekleiden; das ſchallende und mehrfach zurückgegebene Echo der Schritte des Beſuchers in den unterirdiſchen Gewölben, wo die Todten ruhen; Alles das erregt ſo fromme Ge⸗ fühle, ſo unendlich viel Eindrücke, ſtimmt ſo zur Samm⸗ lung, wie ehemals das Kloſter in all ſeiner heiligen Pracht. Nur die Menſchen mit ihren erbärmlichen Leidenſchaften, durch den engen Raum, in welchen die⸗ ſelben eingegränzt, aber nicht begraben ſind, kleinlicher gemacht, fehlen; aber dafür iſt jetzt Gott hier heimiſcher, der nirgends ſo ſichtbar und ſo fühlbar, wie in der Natur iſt, Gott, deſſen ſchattenloſer Glanz mit den Sonnenſtralen und dem lachenden Firmamente, die nicht mehr von düſtern Gewölben aufgefangen werden, in dieſe Grüfte des Geiſtes zurückzukehren ſcheint. 15. Ich war in dieſem Augenblicke nicht genug Herr meiner Gedanken, um mir ſelbſt über dieſe vagen Be⸗ trachtungen Rechenſchaft abzulegen. Ich war wie ein Menſch, dem man ſo eben eine ungeheure Bürde ab⸗ genommen hat und der nun hoch aufathmet, indem er ſeine zuſammengezogenen Muskeln ausdehnt und in ſeiner wiedergefundenen Kraft hierhin und dorthin geht, als wolle er den ganzen Raum für ſich in Anſpruch nehmen und alle Himmelsluft in ſeine Lungen einziehen. Dieſe Bürde, die mir ſo eben abgenommen worden, war mein Herz. Indem ich es verſchenkte, meinte ich, zum erſten Mal die Fülle des Lebens erlangt zu haben. Der Menſch iſt ſo ganz für die Liebe geſchaffen, daß 46 er ſich erſt von dem Tage an Menſch fühlt, wo er das Bewußtſein hat, vollkommen zu lieben. Bis dahin ſucht er, iſt er unruhig, aufgeregt und unſtät in ſeinen Gedanken. Von dieſem Augenblick an bleibt er ſtehen, ruht er aus, hat er ſein Schickſal ergründet. Ich ſetzte mich mit nach dem Abgrund überhängen⸗ den Beinen auf die mit Epheu überzogene Mauer einer ungeheuren und hohen, aber halb eingeſtürzten Terraſſe, welche den See beherrſchte. Meine Augen ſchweiften über die leuchtende Unermeßlichkeit des Waſſers hin, die ſich mit der leuchtenden Unermeßlichkeit des Him⸗ mels verſchmolz. Ich hätte nicht ſagen können, wo der Himmel anfing, wo der See aufhörte, ſo ganz in einander verſchmolzen waren die beiden Azurfarben an der Linie des Horizontes. Es ſchien mir, als ſchwimme ich ſelbſt in dem reinen Aether und verſenke mich in den Ocean der Welten. Allein die innerliche Frende, in der ich ſchwamm, war tauſendmal unendlicher, leuch⸗ tender und unermeßlicher, als die Atmoſphäre, die mich umwehte. Zwar hätte ich mir dieſe Frende oder vielmehr dieſe innere Heiterkeit unmöglich erklären können. Sie war gleichſam ein unergründliches Geheimniß, das ſich mir nicht durch Worte, ſondern durch Empfindungen kund gegeben hatte, ohne Zweifel etwas jenem Gefühl des Auges Aehnliches, wenn dieſes aus der Dunkelheit in die Helle kommt, oder dem einer myſtiſchen Seele, welche Gott zu beſitzen glaubt; ein Licht, eine Blen⸗ dung, eine Trunkenheit ohne Schwindel, ein Friede ohne Niedergeſchlagenheit und ohne Unbeweglichkeit. In dieſem Zuſtande hätte ich ſo viel tauſend Jahre leben können, als der See Wellen auf den Sand ſeiner Küſte warf, ohne zu bemerken, daß ich mehr Sekunden gelebt hätte, als einer meiner Athemzüge erfordert. Das muß für die Unſterblichen im Himmel das Auf⸗ hören des Gefühls von der Dauer der Zeit ſein; ein viiwndelbarer Gedanke in der Ewigkeit eines Augen⸗ icks..— 47 16. Dieſe Empfindung war nicht beſtimmt, deutlich oder entſchieden in mir. Sie war zu vollkommen, um einen Maßſtab an ſie legen zu können, eine viel zu gewaltige, um durch den Gedanken getheilt und durch Ueberlegung ſogar zergliedert werden zu können. Sie war weder eine Anbetung der Schönheit dieſes über⸗ natürlichen Geſchöpfes, denn der Schatten des Todes lag noch zwiſchen dieſer Schönheit und meinen Augen, noch ein Stolz, von ihr geliebt zu werden, denn ich wußte nicht, ob ich in ihren Augen etwas An⸗ deres ſei, als ein Morgentraum; noch die Hoff⸗ nung auf den Beſitz ihrer Reize, denn meine Ach⸗ tung für ſie war tauſendmal größer, als der gemeine Trieb zur Befriedigung der Sinne, zu dem ich mich nicht einmal in Gedanken erniedrigt hätte; war auch nicht die befriedigte Eitelkeit, eine weibliche Eroberung zur Schau zu tragen, denn von dieſer kalten Eitelkeit war meine Seele ſtets entfernt und ich hatte in dieſer Einöde Niemand, gegen den ich mich meiner Liebe hätte rühmen und dieſe durch die Preisgebung ihres Geheim⸗ niſſes entweihen können; war wiederum nicht die Hoff⸗ nung, dieſes Loos an das meine zu knüpfen, denn ich wußte, daß ſie einem Andern angehöre; war nicht die Gewißheit ſie zu ſehen, und die Glückſeligkeit zu eenießen, mich an ihre Schritte heften zu können, denn ich war nicht freier, als ſie, und in wenigen Tagen mußte das Schickſal uns trennen; war endlich nicht die Gewißheit, geliebt zu ſein, denn die Gefühle ihres Herzens waren mir mit Ausnahme der Geberde und des Wortes der Erkenntlichkeit, die ſie an mich gerich⸗ tet, unbekannt. Ddieſe Empfindung war etwas Anderes; ſie war jenes uneigennützige, reine, friedliche, unkörperliche Gefühl, die Beruhigung, endlich den ſtets geſuchten und nie angetroffenen Gegenſtand jener aus Mangel 48 an einem Idol leidenden Anbetung, jenes aus Mangel an einer Gottheit vagen und unſtäten Cultus gefunden zu haben, in welch letzterem ſich die Seele abquält, bis wir den Gegenſtand dieſes Cultus angetroffen haben und unſere Seele ſich an ihn hingehängt hat, wie das Stroh an den Magnet, oder ſich in ihm verſchmolzen und in ihm aufgeloͤst hat, wie der Hauch des Athems in den Wellen der zum Athmen eingerichteten Luft. Und ſonderbar! es drängte mich nicht, ſie wieder zu ſehen, ihre Stimme zu hören, mich ihr zu nähern, mich frei mit ihr zu unterhalten, die ſchon mein ganzer Gedanke und mein ganzes Leben war. Ich hatte ſie geſehen, ich trug ſie in mir; Nichts vermochte fortan meiner Seele dieſen Beſitz zu rauben; nah und fern, abweſend oder gegenwärtig, ſchloß ich ſte in mir ein; alles Uebrige war mir gleichgültig. Die vollkommene Liebe iſt geduldig, weil ſie unbedingt iſt und ſich ewig fühlt. Um ſie mir zu entreißen, hätte man mir das Herz ausreißen müſſen. Ich fühlte, daß dieſes Bild mir fortan ſo unentbehrlich ſei, als das Licht dem Auge, wenn es daſſelbe einmal erblickt hat, als die Luft der Bruſt, wenn ſie dieſelbe einmal eingeathmet hat, als der Gedanke der Seele, wenn ſie denſelben einmal empfangen hat. Ich wußte, daß ſogar Gott mir dieſe Erſcheinung meiner Wünſche nicht werde rauben können. Ich hatte ſte geſehen, das war genug; beim Anſchauen iſt Sehen Genuß! Ja, es lag mir beinahe wenig daran, ob ſie mich liebe und an mir vorbeigehe, ohne mich zu bemerken. Ihr Glanz hatte mich angezogen; ich blieb in ihre Stralen gehüllt. Sie konnte mir dieſelben ſo wenig mehr entziehen, als die Sonne diejenigen zu- rückziehen kann, womit ſie einmal die Natur überflutet hat. Ich fühlte, daß wenn ich noch ein Jahrtauſend leben müßte, weder Nacht noch Kälte in meinem Her⸗ zen mehr wohnen könnte, denn ſie würde immer darin leuchten, wie in dieſem Augenblick. 49 17. Dieſe Ueberzeugung gab meinem Herzen die Sicher⸗ heit des Unwandelbaren, die Ruhe der Gewißheit, die Fülle der Unendlichkeit, die überfließende Trunkenheit einer Freude, die nie mehr verrauſchen konnte. Ich ließ die Stunden vorüberfließen, ohne ſie zu zählen, überzeugt, daß Stunden ohne Ende vor mir lägen und jede mir ewig dieſe innerliche Vergegenwärtigung ſchen⸗ ken würde. Ich konnte mich ein Jahrhundert von die⸗ ſem Weſen trennen, ohne daß dieſes Jahrhundert die Ewigkeit meiner Liebe um einen Tag kürzer zu machen vermöchte!. Ich ging, ich kam, ich ſetzte mich, ich ſtand wieder auf, ich rannte herum, ich ſchlug einen langſamern Schritt an, ich ging, ohne den Boden unter meinen Füßen zu berühren, gleich jenen Geſpenſtern, welche die Körperloſigkeit ihrer luftigen Natur emporhebt und über den Boden hingleiten, ohne Tritte darauf zu bilden. Ich breitete meine Arme nach der Luft, dem See, dem Lichte aus, als hätte ich die Natur an meine Bruſt drücken und ihr danken wollen, daß ſie für mich in einem Weſen, das in meinen Augen alle ihre Geheim⸗ niſſe, alle ihre Pracht, all' ihr Leben, alle ihre Berau⸗ ſchung in ſich vereinigte, lebendig und zu Fleiſch ge⸗ worden ſei! Ich fiel auf den Steinen oder den Brom⸗ beerſtauden der Ruinen auf die Kniee nieder, ohne ſie zu fühlen, am Rande der Abgründe, ohne ſie zu ſehen! Ich ſtieß unartikulirte Worte aus, die ſich in dem Ge⸗ räuſch der plätſchernden Wellen des See's verloren; ich heftete auf den Azur des Himmels Blicke, die lang und durchdringend genug waren, um Gpott ſelbſt darin zu entdecken und ihn durch meines Dankes Hymne dem Entzücken meiner Glückſeligkeit beizugeſellen! Ich war nicht mehr ein Menſch, ich war eine lebendige, jauch⸗ zende, ſingende, betende, flehende, dankende, anbetende, in wortloſen Ergüſſen überfließende Hymne, ein trun⸗ Lamartine, Raphael. 4 50 kenes Herz, eine närriſche Seele, die einen auf ihre Veranlaſſung am Rande von Abgründen hinwandelnden Körper aufregte, welcher ſeine Körperlichkeit nicht mehr fühlte, der weder an Zeit noch Raum, noch Tod mehr glaubte; ſo ſehr verlieh das Leben der Liebe, welche in meinem Innern ſprudelte, mir das Gefühl, den Vor⸗ ſchmack und die Fülle der Unſterblichkeit! 18. Ich ward das Entfliehen der Stunden erſt an der Mittagsſonne gewahr, welche ſchon den Gipfel der Vor⸗ derſeite des Gemäuers der Abtei beſchien. In luſtigen Sprüngen eilte ich von Fels zu Fels, über Stock und Stein den Wald hinunter. Mein Herz pochte zum Zerſpringen. 42½ Als ich mich dem kleinen Wirthshauſe näherte, ſah ich in einer am Abhange gelegenen Wieſe die junge Kranke am Fuße einer nach Süden liegenden Mauer ſitzen. Ihr weißes Kleid ſchimmerte in dem grünen, ſonnenbeſchienenen Wieſengrunde. Der Schatten eines Heuſchobers ſchützte ihr Geſicht. Sie las in einem kleinen, auf ihren Knieen liegenden Buche. Zuweilen unterbrach ſie ſich, um mit derm kleinen Kindern des Gebirges, welche ihr Blumen und Kaſtanien brachten, zu ſpielen. Als ſie mich erblickte, wollte ſie aufſtehen, als hätte ſie im Sinne, mir entgegen zu kommen. Dieſe Bewegung genügte, mich zu ermuthigen, daß ich ihr nahte. Sie empfing mich erröthend und mit einem Beben der Lippen, das meinen Blicken nicht entging und meine eigene Schüchternheit verdoppelte. Das Seltſame un⸗ ſerer Lage machte uns Beide ſo verlegen, daß wir uns lange Zeit Nichts zu ſagen wußten. Endlich lud ſie mich durch eine unſichere und kaum verſtändliche Ge⸗ berde ein, mich unweit von ihr an den Rand des Heu⸗ 561 ſchobers zu ſetzen. Ich glaubte zu bemerken, daß ſie mich erwartet und mir einen Platz behalten habe. Ehrerbietig ſetzte ich mich noch etwas weiter weg. Noch immer dauerte das Schweigen unter uns. Sicht⸗ bar ſuchten wir Beide, ohne ſie finden zu können, jene Gemeinplätze, welche man im gewöhnlichen Umgange gleich einer falſchen Münze austauſcht und die dazu dienen, die Gedanken zu verbergen, ſtatt zu offenbaren. Indem wir daher fürchteten, zu viel oder zu wenig zu ſagen, hielten wir unſere Seele auf unſern Lippen zurück. So blieben wir noch eine Weile ſtumm und das Schweigen vermehrte unſer Erröthen. Als endlich unſere geſenkten Blicke ſich im gleichen Augenblicke hoben und einander mit ihren Gluten begegneten, gewahrte ich in dem ihrigen eine ſolche Unendlichkeit des Gefühls und ſie ohne Zweifel in dem meinigen ſo viel zurückgehaltene Regungen ſo viel Unſchuld und ſo viel Tiefe, daß wir ſie nicht mehr wegwenden konnten, ich nicht mehr von ihrem Antlitz, ſie nicht mehr von meinem Geſichte, und daß, als aus unſern beiden Herzen Thränen in unſere Augen ſtiegen, wir inſtinktartig die Hände vor dieſelben hielten, als wollten wir unſere Gedanken verhüllen. Ich weiß nicht, wie manche Minuten wir in dieſer Stellung blieben. Endlich ſagte ſie mit zitternder Stimme, wiewohl mit etwas Zwang und Ungeduld im Tone: „Sie haben mir Thränen geweiht; ich habe Sie Bruder genannt, Sie haben mich als Schweſter an⸗ je gegeben hat!...“ Dann fügte ſie mit einer etwas vorwurfsvollen Betonung hinzu: „Bin ich Ihnen denn wieder ſo fremd geworden, ſeit ich Ihrer Bemühungen nicht mehr vebarfe... —* 5² O, was mich betrifft,“ fuhr ſie in entſchloſſenem und ſicherem Tone fort,„ſo iſt mir nur Ihr Name und Ihr Geſicht bekannt, aber dennoch kenne ich Ihre Seele. Ein Jahrhundert durch könnte ich ſie nicht beſſer ein⸗ ſtudiren!“ „Und ich, Madame,“ entgegnete ich ſtammelnd„ich brauche nie Etwas von Allem dem zu wiſſen, was Sie zu einem gleich uns lebenden und durch die nämlichen Bande wie wir an dieſe traurige Welt gefeſſelten We⸗ ſen macht; ich brauche nur das Eine zu wiſſen, daß Sie in demſelben gewandelt, daß Sie mir erlaubt haben, Sie von Weitem anzublicken und mich Ihrer ewig zu erinnern!“ O, täuſchen Sie ſich nicht ſo,“ erwiderte ſte,„ſehen Sie in mir kein vergöttlichtes Blendwerk Ihres Her⸗ zens; ich würde zu ſehr leiden, wenn dieſes Hirn⸗ geſpinnſt einſt verſchwände; Sehen Sie in mir nur, was ich wirklich bin, eine arme Frau, die in der Muth⸗ loſigkeit und Einſamkeit ihrer langen Todesqual ſtirbt und von der Erde nichts Göttlicheres, als ein wenig Mitleid mitnehmen wird!... Sie werden das ein⸗ ſehen, wenn ich Ihnen ſage, wer ich bin,“ fügte ſie hin⸗ zu;„aber vorerſt ſagen Sie mir Etwas, was mich ſeit dem Tage, wo ich Sie im Garten erblickt habe, be⸗ unruhigt. Warum ſind Sie bei Ihrer noch ſo jungen und ſo ſanften Phyſionomie ſo allein und ſo traurig? Warum halten Sie ſich immer von der Geſellſchaft und der Unterhaltung der Gäſte des Hauſes fern und irren in den unbeſuchteſten Berg⸗ oder Seegegenden umher oder ſchließen ſich in Ihr Zimmer ein? Man ſagt, Ihr Licht brenne gewöhnlich bis in die ſpäte Nacht hinein! Haben Sie ein Herzensgeheimniß, das Sie nur der Einſamkeit anvertrauen?“ Sie erwartete meine Antwort mit ſichtbarer Angſt und geſenkten Augenlidern, um den Eindruck zu ver⸗ bergen, den dieſelbe auf ihr Gemüth machen konnte. „Dieſes Geheimniß,“ antwortete ich,„beſteht darin, keines zu haben, die Laſt eines Herzens zu fühlen, das 53 bis zu dieſer Stunde durch keine Begeiſterung gehoben wurde und daß ich, nachdem ich mehrmals verſuchte, unvollkommene Gefühle einzuflößen, ſtets genöthigt wurde, Bitterkeiten, Umſtände oder Verdrießlichkeiten mit in den Kauf zu nehmen, welche mir bei meiner Jugend und Empfindlichkeit auf immer den Muth be⸗ nommen haben, zu lieben! Ich erzählte ihr nun, ohne Etwas zu verhehlen noch zu bemänteln, ſo aufrichtig, wie ich es nur gegen Gott hätte ſein können, Alles, was ſie in meinem Le⸗ ben intereſſiren konnte, ſprach ihr von meiner Herkunft aus einer unbedeutenden und armen Familie; von mei⸗ nem Vater, als einem Militär noch altem Schrot und Korn; von meiner Mutter, als einer äußerſt feinfüh⸗ lenden und in ihrer Jugend wiſſenſchaftlich gebildeten Frau; von meinen jungen Schweſtern, als von Mäd⸗ chen von frommer, engelgleicher Einfachheit; von meiner Erziehung durch die Natur in Mitte der Kinder mei⸗ ner Berggegend; von meinen Anlagen und meiner Lei⸗ denſchaft zum Studium, von meiner gezwungenen Un⸗ thätigkeit, meinen Reiſen; von meiner erſten ernſtlichen Herzensneigung zu der jungen neapolitaniſchen Fiſchers⸗ tochter; von der ſchlechten Geſellſchaft, in die ich bei meiner Rückkehr nach Paris gerieth; von meinem Leicht⸗ ſinn, meinen Ausſchweifungen und den ſchändlichen Ver⸗ irrungen, zu welchen dieſe Verbindungen mich verleitet hatten; von meiner Liebe zum Militaͤrſtande, die nicht befriedigt werden ſollte, da gleich nach meinem Eintritt in die Armee der Friede abgeſchloſſen wurde; von mei⸗ nem Austritt aus dem Regimente, meinen zweckloſen Reiſen, meiner Hoffnungsloſigkeit und Rückkehr in's väterliche Haus, der Schwermuth die mich verzehrte, von dem Wunſche zu ſterben, von meiner Enttäuſchung in jeder Beziehung und endlich von meiner phyſtſchen Schwäche, einer Folge der Mattigkeit der Seele, welche unter den Zügen, den Haaren und der ſcheinbaren Jugendfriſche von vierundzwanzig Jahren das Losreißen 4 54 vom Irdiſchen und die frühzeitige Greiſenhaftigkeit der Seele eines reifen und lebensmüden Mannes verbarg. Indem ich mich umſtändlich auf dieſe Widerwär⸗ tigkeiten, dieſe entmuthigenden Verhältniſſe und meinen Lebensüberdruß einließ, empfand ich dabei einen inner⸗ lichen Genuß, denn ich fühlte ſte ſchon nicht mehr. Ein einziger Blick hatte mich wiedergeboren. Ich ſprach von mir, wie von einem todten Weſen; ein neuer Menſch war in mir erwacht. Als ich zu Ende war, hob ich die Augen zu ihr auf, als ob ſte mein Richter wäre. Sie zitterte und war ganz blaß vor Aufregung. „Ach Gott,“ rief ſite,„wie zitterte ich bei Ihrer Erzählung!“ „Und warum?“ fragte ich. „Weil,“ entgegnete ſte,„zwiſchen uns eine Ueber⸗ einſtimmung weniger obgewaltet hätte, wenn Sie hie⸗ nieden nicht unglücklich und einſam geweſen wären. Sie hätten dann nicht das Bedürfniß empfunden, Je⸗ manden zu beklagen, und ich ſelbſt hätte das Leben verlaſſen, ohne den Schatten meiner Seele anderswo als in dem Spiegel wiedergeſehen zu haben, der mein kaltes Bild zurückwirft!... „Ihre Lebensgeſchichte,“ fuhr ſie fort,„iſt auch die meine, nur daß das Geſchlecht und die Umſtände ver⸗ ſchieden ſind und die Ihrige erſt beginnt, die meine aber... Ich ließ ſie nicht ausreden. „Nein, nein,“ rief ich dumpf, indem ich meine Lippen an ihre Füße drückte und ſie krampfhaft mit meinen Armen umfaßte, als wollte ich ſie auf der Erde zurückhalten;„nein, nein, ſie geht nicht zu Ende oder wenn ſie endigt, ſo fühle ich, daß ſie für Beide endigen wird.“ Ich zitterte über die Bewegung, die ich gemacht, und den mir unwillkürlich entfallenen Ausruf und wagte nicht mehr, mein Geſicht von der Stelle zu erheben, von der ſie ihre Füße weggezogen hatte, 55 „Stehen Sie auf,“ ſagte ſie mit ernſter, aber nicht zorniger Stimme zu mir,„beten Sie nicht einen Staub an, welcher tauſendmal mehr Staub iſt, als der, worin Sie Ihre ſchönen Haare beſchmutzen, und beim erſten Hauche des Herbſtes ſchneller und ſpurloſer als dieſer letztere verſchwinden wird! Täuſchen Sie ſich nicht über das arme Geſchöpf, das Sie vor Augen haben. Sie iſt nur der Schatten der Jugend, der Schatten der Schönheit, der Schatten der Liebe, welche Sie einſt fühlen und einflößen werden, wenn dieſer Schatten ſchon längſt entflohen ſein wird. Bewahren Sie Ihr Herz Solchen, welche leben dürfen, und ſchenken Sie dem Tode nur, was man den Sterbenden ſchenkt, eine freundliche Hand, um ſie bei den letzten Schritten des Lebens zu unterſtützen, und eine Thräne, um ſie zu be⸗ weinen!... Der ernſte, beſonnene und ergebene Ton, in welchem ſie dieſe Worte ſprach, erſchütterten mich auf's Tiefſte. Als ich jedoch die Augen zu ihr aufſchlug und dieſes Antlitz, deſſen jugendliche Züge und Reinheit des Aus⸗ drucks von Stunde zu Stunde herrlicher leuchteten, als ob in dieſem Herzen eine neue Sonne aufgegangen wäre, in dem roſigen Abendlichte ſchimmern ſah, konnte ich nicht an einen in dieſen ſprechenden Symptomen des Lebens verborgenen Tod glauben. Und was kümmerte mich das übrigens? Wenn dieſe engelgleiche Erſcheinung der Tod war, wohlan, ſo betete ich alſo den Tod an! War vielleicht nur in ihm die ungeheure und vollkommene Liebe zu finden, die mich umgewandelt hatte? Zeigte mir vielleicht Gott nur einen auf Erden dem Erlöſchen nahen Schein, da⸗ mit ich ſeiner Spur bis zum Grabe und zum Himmel folgen könne? „Brüten Sie nicht ſo,“ ſagte ſie zu mir,„ſondern hören Sie mich an!“ Sie ſprach das nicht im Tone einer Liebenden, welche mit der Stimme die Ernſthafte ſpielt, ſondern im Tone einer noch jungen Mutter oder einer älteren —y 56 und geſetzteren Schweſter, die einem Bruder oder einem Sohne Vernunft predigen. „Ich will nicht, daß Sie ſich an einen eiteln Schein, an eine Täuſchung, einen Traum hängen; Sie ſollen wiſſen, wem Sie ſo verwegen eine Seele verpfänden, die ich nur für mich behalten könnte, indem ich ſie täuſchen würde. Die Lüge war mir ſtets ſo verhaßt und ſo unmöglich, daß ich auf die höchſte Seligkeit des Himmels verzichten würde, wenn ich den Himmel täuſchen müßte, um zu ſeiner Herrlichkeit einzugehen. Ein geraubtes Glück wäre für mich kein Glück, ſondern ein Gewiſſensbiß.“ Indem ſie ſo ſprach, lag eine ſo ernſte Offenher⸗ zigkeit auf ihren Lippen; eine ſolche Aufrichtigkeit in ihrem Tone, eine ſolche Klarheit in ihren Augen, daß ich unter dieſer reinen Geſtalt im Sonnenglanze, die das Ohr mit ihrer Stimme, das Auge mit ihrem Blick, das Herz mit ihrer Seele erfreute, die unſterb⸗ liche Wahrheit ſitzen zu ſehen glaubte. Die Ellbogen auf den Boden und mein Haupt auf die Fläche der rechten Hand geſtützt, die Augen auf ihre Lippen ge⸗ heftet, von denen ich keine Bewegung, keinen Hauch, keinen Seufzer verlieren wollte, ſtreckte ich mich längs dem Heuſchober halb ſitzend, halb liegend zu ihren Füßen aus. 19. „Ich bin,“ begann ſie,„in der Nähe von Virginien geboren, denn die Einbildungskraft des Dichters hat ſeinem Traume ein Vaterland auf einer der Inſeln der Tropenländer gegeben. Sie müſſen das an der Farbe meiner Haare, meiner Geſichtsfarbe, welch letztere bläſſer iſt als die der Europäerinnen, bemerken, Sie müſſen es aus meinem Accente hören, den ich nie ganz verlieren konnte. Im Grunde behalte ich dieſen Aecent gerne bei, weil er die einzige Erinnerung iſt, die ich —— 57 aus dem Himmel meiner Kindheit mitgenommen habe. Er erinnert mich an ich weiß nicht was Klagendes, das in den heißen Stunden in der Meeresluft unter den Cocusnußbäumen ſingt. Sie müſſen es hauptſächlich an der undenbeſſerlichen Nachläſſigkeit meiner Haltung und meines Ganges wahrnehmen, in denen keine Spur von der Lebhaftigkeit der Franzöſinnen liegt, und wo⸗ durch die Creolinnen eine etwas wilde, der Verſtellung oder Verheimlichung unfähige Natur und eine völlige Hingebung der Seele verrathen. Mein Familienname iſt von**, mein Taufname Julie. Meine Mutter kam beim Stranden einer Scha⸗ luppe um, als ſie bei der Niedermetzelung der Weißen von St. Domingo entfliehen wollte. Ich war, durch die Wellen an's Ufer geworfen, dort aufgefunden worden. Eine Negerin ſtillte mich und gab mich einige Jahre ſpäter meinem Vater zurück..... Entblößt, geächtet, krank, kehrte mein Vater, als ich ſechs Jahre alt war, mit mir und einer ältern Schweſter nach Frankreich zurück. Er ſtarb kurze Zeit nach ſeiner Rückkunft bei armen Verwandten in der Bretagne, die uns aufgenommen hatten. Hier ward ich von der zweiten Mutter, welche die Verbannung mir geſchenkt hatte, bis zu ihrem Tode als ihr Pflegekind erzogen.... In meinem zwölften Jahre übernahm es die Re⸗ gierung, für mich, die Waiſe eines Creolen, welcher dem Vaterlande Dienſte erwieſen hatte, zu ſorgen. Ich ward in allem Glanze des Luxus und in der auser⸗ leſenſten Geſellſchaft jener prachtvollen Häuſer erzogen, in welche der Staat die Töchter der für das Vaterland geſtorbenen Bürger aufnimmt. Hier nahm ich zu an Alter, frühzeitigen Talenten und auch, wie es hieß, an Dem, was man damals Schönheit nannte, einer ernſten und wehmuthsvollen Anmuth, welche nur die Blume einer Pflanze der Tropenländer war, die für einige Tage unter einem fremden Himmel erblühte.... Dieſe Schönheit und dieſe unnützen Talente er⸗ freuten indeß kein Auge und erwarben mir keine Nei⸗ 1 58 gung außerhalb des Raumes, in den ich eingeſchloſſen war. Meine Gefährtinnen, mit welchen ich jene Kin⸗ derfreundſchaften geknüpft hatte, die gleichſam Herzens⸗ verwandtſchaften werden, traten eine nach der andern aus, um zu ihren Müttern zurückzukehren oder ſich zu verheiraten. Mich rief keine Mutter zurück. Mich beſuchte keine Verwandte. Kein junger Mann hörte in der Welt von mir reden und begehrte mich zur Ehe. Dieſes allmälige Scheiden aller meiner Freundin⸗ nen ſtimmte mich traurig; ich war traurig, mich ſo von der ganzen Welt verlaſſen zu fühlen, traurig über dieſen ewigen Wittwenſtand des Herzens, bevor es noch geliebt hatte. Ich weinte oft im Geheimen. In meinem In⸗ nern machte ich der Negerin den Vorwurf, daß ſie mich nicht von den Wellen meines erſten Vaterlandes be⸗ graben ließ, welche weniger grauſam geweſen wären, dentdi der Welt, in welche das Schickſal mich geworfen atte. Ein berühmter und ſchon alter Mann beſuchte von Zeit zu Zeit im Namen des Kaiſers die Nationaler⸗ ziehungsanſtalt und erkundigte ſich nach den Fortſchritten, welche die Zöglinge in den Wiſſenſchaften und Künſten machten, in denen man von den erſten Lehrern der Haupt⸗ ſtadt unterrichtet wurde. Man ſtellte mich ihm unauf⸗ hörlich als das vollendetſte Muſter der dieſen Waiſen gegebenen Erziehung vor; auch hatte er mich von mei⸗ ner Kindheit an mit einer ganz beſondern Vorliebe behandelt. „„Wie bedaure ich,“ ſagte er zuweilen laut genug, daß ich es hören konnte,„keinen Sohn zu haben!““ Eines Tages ward ich in den Salon der Vor⸗ ſteherin gerufen. Hier fand ich den berühmten Greis, der mich erwartete. Er ſchien ſo ſchüchtern als ich es ſelbſt war. „„Mein Fräulein,““ redete er mich endlich an, „„die Jahre fließen für Jedermann dahin, für Sie langſam, für mich ſchnell! Sie ſind heute ſiebzehn Jahre alt. In einigen Monaten ſtehen Sie in dem Alter, wo Sie aus dieſem Hauſe in die Welt treten müſſen. Allein die Welt bietet Ihnen kein Unterkommen. Sie haben keine Heimat, kein Vaterhaus, kein Vermögen, keine Verwandten in Frankreich. Das Land in welchem Sie geboren ſind, iſt im Beſitz der Schwarzen. Dieſe Entbehrung jeder unabhängigen Eriſtenz und jedes Schutzes macht mir ſchon ſeit Jahren für Sie bange. Das durch die Arbeit eines jungen Mädchens gefriſtete Leben iſt voller Schlingen und Bitterkeit. Eine bei Freunden angenommene Zuſluchtsſtätte iſt etwas Schwan⸗ kendes und die Würde der Seele Demüthigendes. Die außerordentliche Schönheit, womit die Natur Sie be⸗ gabt hat, iſt ein Glanz, welcher die Dunkelheit des Looſes verräth und zum Laſter verlockt, wie der Glanz des Goldes zum Diebſtahl. Wo gedenken Sie gegen dieſes herbe Geſchick oder gegen dieſe Gefahren Zuflucht zu ſuchen?“ „„Ich weiß es nicht,“ antwortete ich,„„und ſehe ſeit einiger Zeit ein, daß nur Gott oder der Tod mich vor dem meiner wartenden Looſe retten können.““ „„O,““ entgegnete er mit trübem und unſicherem Lächeln,„„ich habe noch an eine andere Rettung ge⸗ dacht, wage aber kaum, Ihnen dieſelbe vorzuſchlagen.““ „„Reden Sie, mein Herr,““ ſagte ich,„„Sie haben mir ſchon ſo lange in Blick und Ton das Wohl⸗ wollen eines Vaters bewieſen, daß ich dem meinigen zu gehorchen glaube, wenn ich Ihnen Gehorſam leiſte.“ „„Eines Vaters?““ entgegnete er,„„o tauſend⸗ fach glücklich Der, der eine Tochter hätte, wie Sie. Verzeihen Sie mir, wenn ich zuweilen einen ſolchen Traum zu nähren wagte.... Hören Sie mich an,““ ſagte er dann mit ernſterer und zärtlicherer Stimme, „„ und antworten Sie mir ganz freimüthig und mit Ueberlegung. SIch ſtehe in meinen letzten Lebensjahren und bald wird ſich das Grab für mich öffnen; ich habe keine Verwandten, denen ich mein Erbe, den beſcheidenen Glanz meines Namens und das Bischen Vermögen 8 60 hinterlaſſen könnte, das ich mir durch meine Arbeiten erworben habe. Ich habe bis jetzt allein gelebt und einzig in jene Studien verſenkt, die mich früh alt ge⸗ macht und mir einen Ruf verſchafft haben. Ich gehe meinem Lebensende entgegen und gewahre mit Schmerz, daß ich noch nicht zu leben begonnen habe, da die Liebe mir bisher fremd blieb. Zur Umkehr iſt es jetzt zu ſpät; ich kann ſtatt der Bahn des Ruhmes, die ich un⸗ glücklicherweiſe gewählt habe, nicht mehr die Bahn zum Glück einſchlagen, und doch möchte ich nicht ſterben, ohne in einem Gedächtniß jene Fortdauer unſers Da⸗ ſeins in dem Daſein eines Andern, was man ein Gefühl nennt, hinterlaſſen zu haben und das die einzige Un⸗ ſterblichkeit iſt, an die ich glaube! Dieſes Gefühl kann nur das einer kleinen Erkenntlichkeit ſein. Ich fühle, daß ich mir in Ihnen eine Stätte der Erinnerung wahren möchte. Allein um dieſes zu bewerkſtelligen,““ fügte er ſchüchterner hinzu,„„müßten Sie den Muth haben, in den Augen der Welt und bloß um der Welt willen den Namen, die Hand und die Anhänglichkeit eines Greiſes anzunehmen, der unter dem Titel eines Gatten nur Ihr Vater ſein und von dieſem Titel nur das Recht verlangen würde, Sie in ſeinem Hauſe auf⸗ zunehmen und wie ſein Kind zu lieben!““ Er ſchwieg und entfernte ſich, indem er ſich für jenen Tag jede Antwort verbat, und doch ſchwebte dieſe Antwort ſchon auf meinen Lippen. Er war der einzige Mann, der unter den Beſuchern des Hauſes ein anderes Gefühl für mich bezeigt hatte, als jene gewöhnliche und faſt unverſchämte Bewunderung, die ſich durch Blicke und Ausdrücke verräth und ſowohl eine Belei⸗ digung als eine der Unſchuld und Schüchternheit dar⸗ gebrachte Huldigung iſt. Ich kannte die Liebe nicht, ich fühlte bei der Ent⸗ behrung aller Familienbande nur die Leere eines gänz⸗ lichen Alleinſtehens in mir; es ſchien mir ſüß, einen Vater wieder zu finden, deſſen Herz mich ſo großmüthig an Kindesſtatt aufnehmen wollte. Ich fand eine ehr⸗ 61 bare und ſichere Zufluchtsſtätte ſtatt der ungewiſſen Eriſtenz, der ich nach einigen Monaten preisgegeben ſein wuͤrde, einen Namen, deſſen Glanz ſich auch auf die Frau übertragen mußte, deren Diadem er ward; zwar fand ich weiße Haare, aber ſie waren unter dem Rufe weiß geworden, der ſeine Lieblinge täglich ver⸗ jüngt; zwar eine Zahl von Jahren, welche die meine faſt fünfmal ausmachte; dafür aber reine und majeſtä⸗ tiſche Züge, welche Achtung vor der Zeit ohne Abnei⸗ gung gegen das Alter einflößten, und endlich ein Antlitz, deſſen Geiſt und Gutmüthigkeit, dieſe beiden Schönheiten des Alters, ſogar die Augen auf ſich zo⸗ gen und die Zuneigung der Kinder erwarben... An dem Tage, an welchem ich für immer aus dieſer Waiſenanſtalt treten mußte, ward ich nicht als Frau, ſondern als Tochter in das Haus meines Gatten ein⸗ geführt. Zwar nannte ihn die Welt ſo; er jedoch wollte nie, daß ich ihn anders als Vater nannte, und erwies mir auch alle Achtung, alle Liebe, alle Sorg⸗ falt eines Solchen. Er machte mich zum ſtralenden und geprieſenen Mittelpunkt einer zahlreichen und gewählten Geſell⸗ ſchaft, die aus dem Kern jener in der Literatur, der Philoſophie und Politik herühmten Greiſe beſtand, welche der Glanz des letzten Jahrhunderts geweſen und dem Beil der Revolution und der freiwilligen Knecht⸗ ſchaft des Kaiſerreichs entronnen waren. Er wählte mir unter den durch ihr Verdienſt und ihre Talente berühmten Frauen dieſer Zeit Freundinnen und Lei⸗ terinnen. Er ermuthigte mich ſelbſt zu jenen Verbin⸗ dungen des Herzens oder des Geiſtes, welche geeignet ſein konnten, einigen Reiz und einige Abwechslung in das einförmige Leben eines Greiſes zu bringen. Weit entfernt, ſich gegen meine Bekanntſchaften ſtreng oder eiferſüchtig zu zeigen, ſuchte er mit einer gefälligen Aufmerkſamkeit alle vorzüglichen Männer auf, deren Geſellſchaft einen Reiz für mich haben 62 konnte. Es würde ihn gefreut haben, wenn ich Je⸗ mandem in der Menge den Vorzug gegeben hätte, und ſein Vorzug hätte ſich dem meinigen beigeſellt. Ich war der Abgott und der Gegenſtand der Ver⸗ ehrung dieſes Hauſes. Dieſe Vergötterung war es viel⸗ leicht, was mich vor jedem Gefühl einer Vorliebe ſchützte. Ich war zu glücklich und man ſtreute mir zu viel Weihrauch, um Zeit zu haben, mein Herz zu fühlen; und dann lag in den Beziehungen meines Mannes zu mir eine ſo zarte Väterlichkeit, deren Zärtlichkeit ſich jedoch darauf beſchränkte, mich zuweilen an ſein Herz zu drücken und auf die Stirne zu küſſen, indem er mit der Hand meine Haare zurückſtrich. Ich hätte gefürchtet, mein Glück zu ſtören, wenn ich auch nur um es zu vervollkommnen, eine Veränderung in demſelben hätte eintreten laſſen. Und doch warf mir mein Gemahl, wenn er mit mir ſcherzte, zuweilen meine Gleichgültig⸗ keit vor und ſagte, je glücklicher ich wäre, deſto glück⸗ licher würde auch er ſich fühlen. Ein einziges Mal glaubte ich zu lieben und ge⸗ liebt zu werden. Ein Mann, berühmt durch ſeinen Geiſt, mächtig durch die hohe Gunſt, in der er bei dem Haupt der Regierung ſtand, verführeriſch durch den Ruhm, der ihn umgab, und durch ſein Aeußeres, ob⸗ wohl er ſchon das reife Alter überſchritten hatte, ſchien eine Anhänglichkeit an mich zu haben, die mich ſelbſt täuſchte. Ich war berauſcht, nicht vor Stolz, ſondern vor Erkenntlichkeit und Staunen. Ich liebte ihn einige Zeit oder vielmehr ich liebte das Blendwerk, das ich mir unter ſeinem Namen ſchuf. Ich ſtand im Begriff, ein Gefühl zu erwidern, das ich für eine lei⸗ denſchaftliche Zärtlichkeit der Seele hielt und bei ihm nur ein Sinnenrauſch war. Seine Liebe ward mir verhaßt, als ich ihre Natur erkannte; ich erröthete über meinen Irrthum, meine Seele zog ſich zurück und verſchloß ſich mehr als je in die Einförmigkeit meines kalten Glückes. Den Vormittag brachte ich mit eifrigen Studien 63 und anziehender Lectüre in der Bibliothek meines Man⸗ nes zu, wobei ich gern ſeine Schülerin war, Nach⸗ mittag machten wir einen einſamen Spaziergang mit einander in den großen Wäldern von Saint⸗Cloud oder Meudon und Abends ſahen wir einen kleinen Kreis von Freunden, meiſtens ernſten, älteren Leuten bei uns, in welchem eine freimüthige und vertrauliche Unterhaltung geführt wurde. Alle dieſe kalten, aber nachſichtigen Herzen ſchienen zu meiner Jugend durch jenen ſonnigen Abhang hingezogen, an dem das Gefühl der Greiſen⸗ herzen ſchmilzt, wie das die Gipfel der Berge be⸗ deckende Eis. Züge ſchienen Beſorgniſſe bei ihm zu erwecken. Er hätte um jeden Preis meiner Seele Luft und meinem Herzen Bewegung zu geben gewünſcht. Er trieb mich unabläſſig zu allen angenehmen Zerſtreuungen an, welche geeignet ſein konnten, mich meiner Schwermuth zu ent⸗ reißen. Er vertraute mich den Frauen ſeiner Geſell⸗ ſchaft an, er zwang mich zärtlich, mich bei Feſten, auf Bällen und im Theater zu zeigen. Der Glanz meiner Jugend und meines Aeußern konnte mir ſelbſt dabei die Freude und den Stolz des Entzückens verſchaffen, das ich um mich her verbreitete.. Anm Tage nach dergleichen Partien trat er dann bei meinem Erwachen in mein Zimmer. Ich mußte I 64 ihm erzählen, was ich für Eindruck gemacht, für Blicke auf mich gezogen, ja ſogar was ich für Herzen zu erobern geſchienen hatte. „„Und Du,““ fragte er mich dann freundlich,„„Du bleibſt alſo unempfindlich bei allen den Gefühlen, die Du um Dich her einflößeſt? Dein zwanzigjähriges Herz iſt alſo ſo alt, wie das meine? O wie lieb wäre es mir, wenn Du unter allen dieſen Bewunderern ein edles Weſen bevorzugen würdeſt, das einſt durch eine reine Liebe Dein Glück vervollkommnen und nach mei⸗ nem Tode meine Zärtlichkeit gegen Dich fortſetzen, ja, ſie an Deiner Seite verjüngen würde!““ „SDeine Freundſchaft genügt mir,““ antwortete ich ihm ſtets; ich leide nicht, ich ſehne mich nach Nichts, ich bin glücklich.““ 4 „„Wohl,““ entgegnete er,„„aber Du wirſt mit zwanzig Jahren alt! O, bedenke, daß Du mir die Augen ſchließen ſollſt! Verjünge Dich, liebe, lebe um jeden Preis, damit ich Dich nicht überleben muß!““ Er berief einen Arzt nach dem andern. Nachdem ſie mich mit Fragen überhäuft hatten, kamen alle über⸗ ein, daß ich von Herzkrämpfen bedroht ſei. Die erſten Anzeichen dieſer Beſchwerde waren ſchon vorhanden. Sie ſagten, mein Leben bedürfe einer gewaltigen An⸗ regung, es ſei ein andauerndes Losreißen von meiner ſitzenden Lebensweiſe, eine vollſtändige Luftveränderung nothwendig, um meiner orientaliſchen, aber in den Nebeln von Paris erkalteten Natur den Schwung und die Kraft zuruckzugeben, deren ſie bedurſte, um wieder aufzuleben. ¹ Mein Gemahl zögerte nicht, die Freude, mich unabläſſig an ſeiner Seite zu haben, der Hoffnung, mich zu erhalten, zu opfern. Da er ſeines Alters und ſeiner Amtsgeſchäfte wegen mich nicht begleiten konnte, ſo anvertraute er mich einer fremden Familie, welche mit zwei Töchtern von ungefähr meinem Alter Italien und die Schweiz beſuchte. Mit dieſer Familie reiste ich zwei Jahre; ich habe 65 Berge und Meere geſehen, welche mich an die meiner Kindheit erinnerten; ich habe die laue Luft der Wellen und die ſcharfe der Gletſcher geathut und Nichts ver⸗ mochte mir die in meinem Herzen verwelkte Jugend zutückzubringen, obwohl mein Geſicht noch zuweilen meine eigenen Augen darüber täuſcht. geſehen zu haben, dieſen Bruder der Seele, von dem ich zufolge eines krankhaften Inſtinktes bis auf den hentgin Tag träumte und deſſen vorhergeſchautes Bild, das ich zu meinem Ideale machte, zum Voraus allen andern wirklichen Weſen in meinen Augen jeden Zau⸗ „Ja“ ſagte ſie zum Schluſſe, indem ſie die Augen mit ihren langen oſgen Fingern verhüllte, zwiſchen denen ich eine oder zwei Thränen herabſickern ſah,„ja, der Traum aller meine Nächte iſt heute Morgen bei meinem Erwachen unter Ihren Zügen zu Fleiſch ge⸗ worden!... O, wenn es nicht zu ſpät wäre, um noch leben zu können! Ach, jetzt möchte ich Jahrhun⸗ derte leben, um das Gefühl bei dieſem über mir wei⸗ nenden Blicke, dieſen im Gebete für mich gefalteten Händen, dieſer Seele, die Mitleid mit mir hatte, und dieſer Stimme,“ fügte ſte hinzu, indem ſie plötzlich die Hände von den Augen nahm und zum Himmel aufblickte,„um das Gefühl bei dieſer Stimme verlängern Lamartine, Raphael. 5 3 14 4 66 zu können, welche mich Schweſter nannte.... und mir dieſen ſüßen Namen nicht mehr entziehen wird,“ fuhr ſie mit zärtlich forſchendem Ton und Blicke fort, Ai⸗ mehr, weder ſo lang ich lebe, noch nach meinem ode?.... ... 20. Aufgelöst in Seligkeit, ſank mein Kopf auf ihre Füße herab und mein Mund drückte ſich auf dieſelben, ohne ein Wort finden zu können. Ich hörte die Schiffer kommen, welche uns benach⸗ richtigten, daß der See ruhig und es Zeit zum Auf⸗ bruch ſei, um noch bei Tag an das ſavoyiſche Ufer hin⸗ überzufahren. 3 Wir ſtanden auf und folgten ihnen und zwar Beide mit ſchwankenden Schritten, wie im Rauſche. O, wer könnte beſchreiben, was ich empfand, als ich die ſüße Laſt ihres geſchmeidigen, aber von Leiden eingeſunkenen Körpers auf mir ruhen fühlte, als hätte ſie ſich unwill⸗ kürlich gefallen, zu fühlen und auch mich fühlen zu laſſen, daß ich künftig die einzige Kraft in ihrer Ent⸗ kräftung, das einzige Vertrauen bei ihrer Schwäche, der einzige Stützpunkt in ihrer Losgeriſſenheit von der Erde ſei!— Noch jetzt, zwanzig Jahre nach dieſer Stunde, höre ich das Raſcheln des dürren Laubes unter unſern Tritten, ſehe ich unſere beiden langen Schatten in einen verſchmolzen, den die Abendſonne zu unſerer Linken auf die grüne Wieſe warf, wie ein bewegliches Bahrtuch,⸗ das der Jugend und der Liebe folgte, um ſie vor der Zeit zu begraben! Noch jetzt fühle ich die angenehme Wärme ihrer an meine Bruſt gelehnten Schulter, das Anſtreifen einer ihrer Flechten, welche der Seewind gegen mein Geſicht wehte und die zurückzuhalten meine 67 Lippen ſich bemühten, um Zeit zu haben, ſie zu küſſen! O Zeit, was für Ewigkeiten von Seelenwonnen be⸗ gräbſt du in einer ſolchen Minute! Oder vielmehr, wie ohnmächtig biſt du, zu begraben, wie ohnmächtig, die Vergeſſenheit herauf zu beſchwören! 21. Auf dem Waſſer war es an dieſem Abend ſo ruhig und ſo warm, als es am vorhergehenden ſtürmiſch und kalt geweſen war. Die Berge ſchwammen in einem leichten, bläulichen Dufte, welcher ſie groͤßer erſcheinen und mehr in die Ferne zurücktreten ließ. Man konnte nicht ſagen, ob es Berge oder große bewegliche, kry⸗ ſtallene Schatten ſeien, durch welche man den warmen Himmel Italiens hindurchblicken ſah. Am azurnen Fir⸗ mamente ſchwammen kleine, purpurne Wölkchen, ähnlich den blutigen Federn aus dem Flügel eines von Adlern zerriſſenen Schwanes. Mit dem einbrechenden Abend hatte ſich der Wind gelegt. Die langgezogenen und ſich kräuſelnden Wellen warfen nur noch eine kleine, leichte Schaumfranſe am Fuße der Felſen auf und benetzten die herabhängenden Blätter der Feigenbäume. Von den an den Abhängen des Mont du Chat zerſtreuten Hütten ſtieg hie und da ein leichter Rauch empor und kroch an den Bergen hin⸗ auf, während die Waſſerfälle in den Schluchten wie Dampfſäulen herabſtürzten. Die Wellen des Sees waren ſo durchſichtig, daß man den Schatten der Ru⸗ der und das eigene Geſicht darin abgeſpiegelt ſah, wenn man ſich über den Rand der Barke beugte; ſo lau, daß, wenn man die Fingerſpitzen hineintauchte, um das Ge⸗ murmel unſerer furchenziehenden Hände zu hören, man nur leichte, wollüſtige Schauer, die dem Waſſer eigen⸗ thümlichen Liebkoſungen fühlte. Ein kleiner Vorhang, ganz wie bei den venetia⸗ 5 8 —y 68 niſchen Gondeln, trennte uns von den Schiffern. Sie lag auf einer der Bänke des Schiffes, die ihr als Bett diente, den Ellbogen auf das Kiſſen geſtützt, den Körper in einige Shawls gehüllt, um ſich vor der Feuchtigkeit des Abends zu ſchützen, meinen Mantel mehrfach um ihre Füße gelegt, das Geſicht bald im Schatten, bald erleuchtet und geblendet von dem letzten, roſigen Schein der Sonne, die an den Gipfeln der ſchwarzen Tannen der großen Chartreuſe hing. Ich lag auf einem im Boden der Barke befindlichen Haufen Netze; das Herz war mir voll, aber mein Mund war ſtumm; nur meine Augen ruhten auf ihren Augen. Was brauchten wir zu reden, wenn die Sonne, die anbrechende Nacht, die Berge, die Luft, das Waſſer, die Ruder, das wollüſtige Schaukeln der Barke, das leichte Gekräuſel der Furche, die murmelnd uns folgte, unſere Blicke, unſer Schweigen, unſer Athemholen, unſere in Uebereinſtimmung jubelnden Seelen ſo göttli für uns ſprachen? Wir ſchienen vielmehr inſtinktmäßig zu fürchten, der geringſte Schall der Stimme oder der Worte möchte den Zauber eines ſolchen Schweigens ſtören. Wir glaubten, von dem azurnen See zum azur⸗ nen Horizonte emporzuſchweben, ohne die ſo eben ver⸗ laſſenen noch die vor uns liegenden Ufer zu ſehen. Ich hörte, wie ein ſtärkerer und längerer Athem⸗ zug, als die andern, langſam über ihre Lippen glitt, als hätte ihre durch eine unſichtbare Laſt bedrückte Bruſt mit einem einzigen Hauche den ganzen Lebens⸗ odem ausſtrömen wollen. Ich ward beſorgt und ſagte traurig: „Leiden Sie?“ „Nein,“ antwortete ſie,„es war kein Schmerz, ſondern ein Gedanke.“ „An was denken Sie ſo ſtark?“ entgegnete ich. „Ich dachte,“ antwortete ſte,„daß, wenn Gott in dieſem Augenblick Regungsloſigkeit über die ganze Na⸗ tur verhängte, wenn dieſe Sonnenſcheibe, halb hinab⸗ geſunken hinter jene Tannen, welche Wimpern am 69 Augenlide des Himmels gleichen, ſo hängen bliebe; wenn dieſes Licht und dieſe Schatten in der Atmoſphäre ſo verſchmolzen und ſchwankend blieben, wie ſie jetzt ſind; dieſer See in ſeiner nämlichen Entfernung von dieſer Barke, dieſer nämliche ätheriſche Lichtſtral auf Ihrer Stirne, dieſer Ihr nämlicher mitleidsvoller Blick auf meine Augen gefeſſelt, dieſe nämliche Flut von Freude in meinem Herzen bliebe, ſo würde ich endlich be⸗ greifen, was ich, ſeit ich denke oder träume, noch nicht begriffen habe.“ „Und was denn?“ fragte ich ſie ängſtlich. „Die Ewigkeit in einer Minute und die Unend⸗ lichkeit in einer Empfindung!“ rief ſie, ſich halb über den Rand der Barke lehnend, als wollte ſie das Waſſer etrechien und mir die Verlegenheit einer Antwort er⸗ paren.“ 3 Ich war ungeſchickt genug, ihr durch eine der ge⸗ wöhnlichen galanten Plattheiten zu antworten, welche mir ſtatt eines Ausdrucks der keuſchen und unausſprech⸗ lichen Anbetung, von der mein Herz überſtrömte, von ungefähr auf die Lippen trat. Der Sinn davon war, daß ein ſolches Glück mir nicht genügen würde, wenn es nicht die Verheißung und der Vorſchmack einer an⸗ dern Seligkeit wäre. Sie verſtand mich nur zu gut und erröthete mehr für mich, als für ſich ſelbſt. Mit dem Ausdruck entweihter Heiligkeit im Antlitz wandte ſie ſich um und ſagte leiſe und mit einem ſo zärtlichen, aber feſteren und feier⸗ licheren Tone, als ich ihn je von ihren Lippen gehört hatte: „Sie haben mir recht weh gethan; kommen Sie näher und hören Sie mich an. Ich weiß nicht, ob, was ich für Sie fühle und Sie für mich zu füh⸗ len ſcheinen, das iſt, was man in der armen und unzulänglichen Sprache der Welt, in der man mit den nämlichen Worten Dinge ausdrückt, die ſich nur in dem Tone gleichen, den ſie auf den Lippen der Menſchen hervorbringen, Liebe nennt; ich will es nicht wiſſen; 70 und Sie, o, ich beſchwöre Sie, ſuchen Sie ſich nie Gewißheit hierüber zu verſchaffen! Aber das weiß ich, daß es das höchſte und vollkommenſte Glück iſt, welches die Seele eines lebendigen Weſens aus der Seele, den Augen, der Stimme, eines andern ihr ähnlichen We⸗ ſens, das ihr mangelte und durch deſſen Begegnung ſte erſt vollkommen wird, ſchlürfen kann! Gibt es neben dieſem unermeßlichen Glücke, neben dieſer gegen⸗ ſeitigen Anziehung der Gedanken durch die Gedanken, der Gefühle durch die Gefühle, der Seele durch die Seele, wodurch ſie in ein untheilbares Daſein ver⸗ ſchmolzen und ſo unzertrennlich werden, als es der Stral dieſer untergehenden Sonne und der Stral dieſes aufgehenden Mondes iſt, wenn ſie ſich am nämlichen Himmel begegnen, um mit einander verſchmolzen in dieſem nämlichen Aether zu wallen, gibt es neben dieſem Glück ein anderes Glück, oder wäre es nur ein oberflächliches Bild von dieſem und ſo entfernt von der körperloſen und ewigen Vereinigung unſerer Seelen, als der Staub von dieſen Sternen und die Minute von der Ewigkeit entfernt iſt? Ich weiß es nicht und will es nicht wiſſen, ach! und kann es nie wiſſen,“ fügte ſie in wegwerfendem und betrübtem Tone hinzu, deſſen für mich räthſelhafte Bedeutung ich nicht ſogleich verſtand.- „Aber,“ fuhr ſte mit einer hingebungsvollen Hal⸗ tung, einem hingebungsvollen Tone und Vertrauen fort, wodurch ſie ſich mir ganz zu eigen zu geben ſchien, „was liegt an Worten? Ich liebe Sie, die ganze Na⸗ tur würde es ſtatt meiner ſagen, wenn ich es nicht fagte; oder vielmehr, laſſen Sie mich's zuerſt und un⸗ umwunden ſagen, für Beide ſagen: Wir lieben uns!“ „O, ſagen Sie es, ſagen Sie es noch einmal, wiederholen Sie's tauſendmal!“ rief ich aufſtehend und wie ein Verrückter mit großen Schritten in der unter meinen Füßen erdröhnenden und ſchwankenden Barke umherlaufend.„Wir wollen es mit einander ſagen, wir wollen es Gott und den Menſchen, dem Himmel 71 und der Erde, den ſtummen und tauben Elementen ſagen! Ewig wollen wir es ſagen und ewig ſoll es die ganze Natur mit uns ſagen!...“ Mit gefalteten Händen und das Geſicht mit meinen Haaren bedeckt, ſiel ich an der Einfaſſung des Schiffes vor ihr auf die Kniee. „Nuhig,“ ſagte ſie, indem ſie ihren Finger auf meinen Mund legte,„und laſſen Sie mich zu Ende reden, ohne mich zu unterbrechen.“ Ich ſetzte mich wieder und ſchwieg. „Ich habe Ihnen geſagt,“ begann ſte,„oder ich habe es Ihnen vielmehr nicht geſagt, ſondern, als ich Sie erkannte, mit jubelnder Seele zugerufen: Ich liebe Sie! Ich liebe Sie mit der ganzen Erwartung, mit all den Träumen, all der Ungeduld eines achtundzwanzig⸗ jährigen unfruchtbaren Lebens, das hinfloß in Schauen, ohne zu ſehen, in Suchen, ohne anzutreffen, was ſeine Natur ihm durch eine Ahnung, deren Geheimniß Sie waren, offenbarte. Aber ach, ich habe Sie zu ſpät kennen und lieben gelernt, wenn Sie die Liebe auf⸗ faſſen, wie die übrigen Menſchen ſie auffaſſen und wie, aus dem profanen und unuͤberlegten Worte zu ſchließen, das Sie zu mir ſagten, Sie dieſelbe noch ſo eben auf⸗ zufaſſen ſchienen.... Hören Sie mich weiter an,“ fuhr ſie fort,„und verſtehen Sie mich wohl; ich bin die Ihrige, ich gebe mich Ihnen zu eigen, ich gehöre Ihnen an, wie ich mir ſelbſt angehöre; und ich kann es ſagen, ohne mich gegen jenen Pflegevater, der in mir ſtets nur ſeine Tochter ſehen wollte, zu vergehen. Nichts hindert mich, Ihnen ganz anzugehören, und es ſei Ihnen Nichts vor⸗ enthalten, als was Sie ſelbſt mir zu behalten befehlen. Staunen Sie nicht über eine Sprache, wie die Eu⸗ ropäerinnen ſie jedenfalls nicht führen; dieſe lieben nur ſchwach, ſie fühlen ſich ebenſo geliebt und würden fürchten, das Verlangen, das ſie einflößen, zu erſticken, wenn ſie ein Geheimniß geſtänden, das man ihnen ent⸗ reißen ſoll. Ich gleiche ihnen weder durch Abſtammung, 72 noch durch Erziehung, noch im Herzen. Erzogen durch einen philoſophiſchen Gatten, im Schooße einer Ge⸗ ſellſchaft von Freigeiſtern, welche ſich vom Glauben und den Gebräuchen der Religion losgeſagt haben, bin ich frei von dem Aberglauben, der Geiſtesſchwäche und den Bedenken, welche die gewöhnlichen Frauen veran⸗ laſſen, ſich vor einem andern Richter als ihrem Ge⸗ wiſſen zu beugen. Ihr Gott der Kindheit iſt nicht der meine. Ich glaube nur an den unſichtbaren Gott, deſſen Symbol in der Natur, deſſen Geſetz in unſern In⸗ ſtinkten, deſſen Moral in unſerer Vernunft geſchrieben ſteht. Die Vernunft, das Gefühl und das Gewiſſen ſind meine einzigen Offenbarungen. Keiner dieſer drei Götterſprüche würde mir verbieten, Ihnen anzugehören; meine ganze Seele würde mich in Ihre Arme werfen, wenn Sie nur um dieſen Preis glücklich ſein könnten! Aber ſollten wir Ihr und mein Glück an dieſen flüch⸗ tigen Rauſch heften, deſſen freiwillige Entbehrung der Seele tauſendmal mehr Genuß gibt, als ſeine Befrie⸗ digung den Sinnen? Werden wir nicht mehr an die Unkörperlichkeit und Ewigkeit unſerer Liebe glauben, wenn ſie auf der Höhe eines reinen Gedankens, in den dem Wechſel und dem Tode unzugänglichen Regionen bleibt, als wenn ſie ſich zu der verächtlichen Natur gemeiner Sinnlichkeit erniedrigte, indem ſie ſich durch unwürdige Wolluſt entweihen würde?... „Ueberdieß,“ begann ſie nach einem kurzen Schwei⸗ gen wieder, indem ſie erröthete, wie eine dem Feuer nahe Wange,„wenn Sie je in einem Augenblick der Ungläubigkeit und des Wahnſinns dieſe Probe meiner Selbſtverläugnung von mir fordern ſollten, ſo wiſſen Sie, daß dieſes Opfer nicht nur das meiner Würde, ſondern auch das meines Lebens wäre; daß meine Seele, wie man ſagt, mit einem einzigen Hauche entfliehen kann, daß Sie, indem Sie mir die Unſchuld meiner Liebe nehmen, mir zu gleicher Zeit das Leben nehmen würden und, indem Sie Ihr Glück in ihren Armen 1 73 zu halten glaubten, nur einen Schatten beſäßen und vielleicht nur den Tod wieder aufhöben!...“ Wir blieben einander lange ſtumm gegenüber. End⸗ lich ſagte ich mit einem aus tiefſter Bruſt geholten Seufzer: 3 „Ich habe Sie verſtanden und in meinem Herzen den Eid ewiger Unſchuld meiner Liebe geſchworen, be⸗ vor Sie denſelben von mir verlangt hatten.“ 22. Dieſe Entſagung ſchien ſie mit Glück zu erfüllen und die reizende Hingebung ihrer Zärtlichkeit zu ver⸗ doppeln. Die Nacht hatte ſich über den See gelagert, die Sterne des Firmamentes betrachteten ſich darin und das hehre Schweigen der Natur lullte die Erde in Schlaf. Die Lüfte, die Bäume, die Wellen ließen in uns die flüchtigen Eindrücke des Gefühls oder des Ge⸗ dankens vernehmen, welche in glücklichen Herzen mit leiſer Stimme reden. Die Schiffer ſangen zuweilen jene ſchleppenden und eintönigen Weiſen, welche dem harmoniſchen Wellenſchlag am Ufer gleichen. Das er⸗ innerte mich an ihre Stimme, welche unabläſſig in meinem Ohre ertönte. „Ach, Sie ſollten die Wonne dieſer Nacht für mich erhöhen, indem Sie dieſen Wellen und dieſen Schatten einige Töne zuwerfen, damit ſie auf immer von Ihnen erfüllt bleiben!“ ſagte ich zu ihr. Ich gab den Schiffern ein Zeichen, zu ſchweigen, und ſo wenig Geräuſch als möglich mit ihren Rudern zu machen, deren Tropfen jetzt nur wie eine muſtkaliſche Begleitung von zarten, ſilberhellen Tönen auf das Waſſer rieſelten. S ie ſang mir jene ſchottiſche Ballade, in welcher ein junges Mädchen, das von ſeinem Geliebten, einem armen Matroſen, verlaſſen wurde, damit er in Indien 75 23. Wir gelangten an den kleinen Damm der in den See ſich erſtreckenden Landzunge, an welchem die Schiffe angebunden werden; das iſt der Hafen von Aixr. Er liegt eine halbe Stunde von der Stadt entſernt. Es war über Mitternacht. Auf dem Damme be⸗ fanden ſich weder Gefährte noch Eſel mehr, um die Fremden in die Stadt zu führen, und doch war der Weg zu lang, als daß eine arme, leidende Frau den⸗ ſelben zu Fuß hätte zurücklegen können. Nachdem wir vergebens an die Thüren von zwei oder drei am See gelegenen Hütten geklopft, hatten, machten die Schiffer den Vorſchlag, die Dame bis nach Aix zu tragen. Munter zogen ſie ihre Ruder aus den Ringen, wodurch dieſelben an die Planken befeſtigt waren, und banden ſie mit den Stricken ihrer Netze zuſammen; dann legten ſie eines der Kiſſen aus dem Schiffe auf dieſe Stricke und bildeten ſo eine weiche und elaſtiſche Bahre, auf welche die Fremde ſich legen mußte. Ihrer Vier faßten dann ein Jeder eines der äußerſten Ende der Ruder, luden es auf ihre Schulter und ſetzten ſich in Marſch, ohne daß das bei ihren Sechritten ſich wiegende Tragebett je den leiſeſten Stoß ekam. Ich hatte ihnen die Freude, einen Theil dieſer ſüßen Bürde zu tragen, ſtreitig machen wollen, allein ſie hatten mich mit eiferſüchtiger Dienſtfertigkeit ab⸗ gewieſen. Ich ſchritt nun neben der Tragbahre her, meine rechte Hand in den Händen der Kranken, damit ſie ſich bei dem durch das Laufen verurſachten Schau⸗ keln an mir halten konnte. Ich ſorgte dafür, daß ſie nich über das ſchmale Kiſſen hinabglitt, auf welchem ſie lag. Schweigend und langſam zogen wir auf ſolche Weiſe beim Scheine des Vollmonds durch die lange Pappelallee. O, wie kurz ſchien mir dieſe Allee! Und 74 ſein Glück ſuche, erzählt, daß ſeine Eltern nicht laͤnger auf die Rückkehr des jungen Mannes harren wollten und ſie an einen Greis verheirateten, an deſſen Seite ſie glücklich wäre, wenn ſie nicht immer an den erſten Geliebten denken würde. Die Ballade beginnt ſo: Wenn die Schaf' in der Hürd' und im Stall iſt die Kuh, Wenn all' die müde Welt begeben ſich zur Ruh, Dann fließen Thränenſtröme vom Aug' vor bitter'm Leid, Indeß in tiefem Schlafe mein Mann mir ruht zur Seit'.*) Nach jeder Strophe kommt eine lange, wortloſe Variation, welche die Seele in unendliche Traurigkeit wiegt und die Thränen der Stimme in die Augen treibt; dann fährt die Erzählung in der nächſten Strophe mit dem dumpfen und ſehnſüchtigen Tone einer klagenden und ſchmerzlichen Erinnerung fort. Wenn die griechi⸗ ſchen Strophen Sapho's das Feuer der Liebe ſelbſt ſind, ſo ſind dieſe ſchottiſchen Verſe die Thränen des Lebens und das vom Schickſal tödtlich verwundete Herz⸗ blut ſelbſt. Ich weiß nicht, von wem dieſe Melodie iſt; aber wer auch der Schöpfer derſelben ſei, er ſei geſegnet, einige Noten für die Unendlichkeit der menſch⸗ lichen Traurigkeit gefunden und in dem melodiſchen Seufzen einer Stimme ausgedrückt zu haben! 4 Von dieſem Tage an konnte ich nie mehr die erſten Takte dieſer Melodie hören, ohne zu fliehen, wie ein von einem Geſpenſte Verfolgter; und fühle ich das Bedürfniß, mein Herz durch eine Thräne zu erleichtern, ſo ſinge ich ſelbſt in meinem Innern die klagende Weiſe, und ich, der ich nie weine, fühle mich dann zum Wei⸗ nen geſtimmt! *) Anfang der berühmten, von Anna Barnard gedichteten ſchottiſchen Ballade„Auld Robin Gray.“ Anm. d. Ueberſ. 76 wie hätte ich gewünſcht, ſie möchte mich ſo bis zum letzten Schritte unſerer beiderſeitigen Leben führen! Sie ſprach nicht und auch ich ſagte Nichts zu ihr; allein ich fühlte, wie ſie mit dem ganzen Gewichte ihres Körpers vertrauensvoll auf meinem Arm ruhte, fühlte, wie ihre beiden kalten Hände die meine faßten und von Zeit zu Zeit machte mir ein unwillkürlicher Druck, ein wärmerer Hauch auf meinen Fingern be⸗ merklich, daß ſie ihre Lippen meinen Händen genähert hatte, um dieſelben zu wärmen. Nein, nie enthielt wohlein ſolches Schweigen ſo ſtumme Herzensergießungen. In einer Stunde hatten wir das Glück eines Jahr⸗ hunderts gekoſtet. Als wir im Hauſe des alten Arztes angelangt waren und die Kranke an der Schwelle ihres Zimmers abgeſetzt hatten, da ſtürzte eine ganze Welt unter uns ein. Ich fühlte, daß meine Hand von ihren Thränen ganz naß war, trocknete ſie mit meinen Lippen und an meinen Haaren ab, und warf mich angekleidet auf mein Bett. 24. Ich mußte mich lange auf meinen Kiſſen hin und her wälzen, ich fand keinen Schlaf. Die tauſenderlei Umſtände dieſer beiden Tage traten mit einer Ahe Kraft und einer ſolchen Rückwirkung der Eindrü or meine Seele, daß ſie mir nicht wie Bilder der Ver⸗ gangenheit erſchienen, ſondern daß ich Alles, was ich in der vorhergehenden Nacht geſehen und gehört hatte, jetzt wieder vor mir ſah und hörte. Das Fieber meiner Seele hatte ſich meinen Sinnen mitgetheilt. Ich ſtand zwanzigmal auf und legte mich wieder nieder, ohne Ruhe finden zu können. Zuletzt gab ich das auf und ſuchte durch ein ha⸗ ſtiges Auf⸗ und Abgehen die Aufregung meiner Ge⸗ — 77 danken zu beſchwichtigen. Ich öffnete das Fenſter; ich blätterte in Büchern, ohne Etwas zu verſtehen; ich rückte meinen Tiſch und meinen Stuhl bald da bald dort hin, um einen guten Platz zu finden und die Nacht ſitzend oder ſtehend zuzubringen. All dieſes Geräuſch mußte im anſtoßenden Salon gehört werden. Mein Umherlaufen ſtörte die arme Kranke, die ohne Zweifel ſo wenig ſchlief, als ich. Ich hörte, daß der Boden unter leichten Tritten krachte, die ſich der mit zwei Riegeln verſchloſſenen eichenen Thüre näherten, welche ihren Salon von meinem Zimmer trennte; ich legte mein Ohr an die Felder der⸗ ſelben und hörte ein zurückgehaltenes Athmen und das Rauſchen eines ſeidenen Kleides an der Wand. Der Schein einer Lampe drang durch die Spalten der Thüre und unterhalb ihrer Flügel auf meinen Boden. Sie war es; ſie war da; auch ſie hielt ihr Ohr nur einige Linien von meiner Stirne weg an die Thüre geheftet; ſie konnte mein Herz ſchlagen hören. „Sind Sie krank?“ ſragte mich ganz leiſe eine Simme, die ich an einem einzigen Seufzer erkannt hätte. „Nein,“ antwortete ich,„aber zu glücklich bin ich! Das Uebermaß des Gluückes erregt Fieber, wie das Uebermaß der Angſt. Es iſt dieß das Fieber des Lebens, ich fürchte es nicht, ich fliehe es nicht und wache, um es zu genießen.“ iind,“ ſagte ſie,„legen Sie ſich ſchlafen, waͤh⸗ re wache; heute iſt es an mir, an Ihrer Seite zu machen. rief ich ihr! „Aber Sie!“ rief ich ihr leiſe zu;„warum ſchlafen Sie nicht?“ ſ in ſihii „Ich,“ entgegnete ſie,„ich will nicht mehr ſchla⸗ fen, um keine Minnte mehr das Gefühl von Seligkeit zu verlieren, das mich durchflutet. Ich kann meine Freude nur kurze Zeit genießen und will durch das Vergeſſen während des Schlafes nicht einen Tropfen „ von ihr verlieren. Ich habe mich hiehergeſetzt, um Sie vielleicht zu hören und mich wenigſtens in Ihrer Nähe zu wiſſen.“ „O,“ murmelte ich zwiſchen den Lippen,„und warum noch ſo weit von mir? Warum dieſe Wand zwiſchen uns?“ „Iſt denn dieſe Thüre zwiſchen uns nicht unſer Wille und unſer Gelübde?“ ſagte ſie.„Da, wenn Ihr Schritt nur durch dieſes materielle Hinderniß zuruͤck⸗ gehalten wird, ſo überſchreiten Sie es!“ Und ich hörte, wie ihre Hand den Riegel auf ihrer Seite zurückſchob. „Ja, Sie können das jetzt thun,“ fuhr ſie fort, „wenn in Ihnen nicht Etwas wohnt, das ſogar ſtärker als Ihre Liebe iſt, das Sie beherrſcht und Ihren Un⸗ geſtüm unterdrückt.... Ja, Sie dürfen ſie über⸗ ſchreiten,“ fuhr ſte mit einem zugleich leidenſchaftlicheren und feierlicheren Tone fort,„ich will nur Ihnen Etwas ſchulden; Sie werden eine Ihrer Liebe gleichkommende Liebe finden; aber wie ich Ihnen ſagte, in dieſer Liebe werden Sie auch meinen Tod finden!“ Das Uebermaß meiner Aufregung, der ſtürmiſche Drang meines Herzens zu dieſer Stimme, die moraliſche Gewalt, die mich von dem Schritte abhielt, machten, daß ich in der Stellung eines toͤdtlich verwundeten Menſchen vernichtet auf der Schwelle dieſer verſchloſſenen Thüre niederſank. Ich hörte, wie ſie ſich auf der andern Seite auf ein Sophakiſſen ſetzte, das ſie auf den Boden des Salons warf. Wir fuhren einen Theil der Nacht fort, durch die zwiſchen dem Fußboden und den Thuürpfoſten befindlichen Fugen der groben Schreinerarbeit hindurch leiſe mit einander zu plaudern. Es waren vertrauliche, in der gewöhnlichen Sprache der Menſchen nicht übliche Worte, die wie Träume der Nacht zwiſchen dem Himmel und der Erde ſchwebten und oft durch langes Schweigen unterbrochen waren, während deſſen die Herzen um ſo mehr ſprachen, je mehr es den Lippen an Worten ge⸗ brach, um unausſprechliche Empfindungen auszudrücken. 8 3 79 Zuletzt war das Schweigen andauernder, wurden die Stimmen matter und ich entſchlief vor Müdigkeit, die Wange an die Wand gelehnt und die Hände auf mei⸗ nen Knieen gefaltet. .0 25. Als ich erwachte, warf die ſchon hoch am Himmel ſtehende Sonne eine leuchtende Flut von Stralen in mein Zimmer. Die Rothkehlchen trippelten zwitſchernd „ auf dem Rebengeländer unter meinem Fenſter und ſchnä⸗ belten an den Johannisbeerſtauden; die ganze Natur war vor mir erwacht und ſchien geſchmückt, erleuchtet und lebensvoll, um den Tag unſerer Geburt zu einem neuen Leben zu feiern. 3 Alles Geräuſch im Hauſe ſchien mir ſo voll Fröh⸗ lichkeit, wie ich ſelbſt es war. Ich hörte im Gange die leichten Tritte der Kammerfrau, die ging und kam, um ihrer Gebieterin das Frühſtück zu bringen; die Kinderſtimmen der kleinen Mädchen des Gebirges, welche . am Rande von Gletſchern gepflückte Blumen brachten; das Stampfen und die Schellen der Maulthiere, welche im Hofe warteten, um ſie zum See hinab oder in die Wälder zu führen. Ich wechſelte meine mit Staub und Schlamm be⸗ deckten Kleider, wuſch mir die truͤben und von Schlaf⸗ loſigkeit gerötheten Augen tüchtig aus, kämmte meine iin Unordnung gerathenen Haare durch, zog lederne Kamaſchen an, wie die Gemsjäger der Alpen ſie tragen, nahm meine Flinte und ging in den Speiſeſaal hinab, wo der alte Arzt mit ſeiner Familie und ſeinen Gäſten kbben beim Frühſtück ſaß. An der Tafel unterhielt man ſich von dem Sturme auf dem See, von der Gefahr, in welcher die junge Fremde geſchwebt ſei, von ihrer Ohnmacht in Haute⸗ Combe, von ihrer zweitägigen Abweſenheit und dem 8 Glück, das mir zu Theil geworden, ſie anzutreffen und zurück zu begleiten. Ich bat den Arzt, zu ihr zu gehen und ſie in mei⸗ nem Namen um die Erlaubniß zu bitten, mich nach ihrer Geſundheit erkundigen und ſie auf ihren Ausflügen begleiten zu dürfen. 4 Er brachte ſie mit herab, durch ihr Glück reizen⸗ der und jünger gemacht, als man ſie je geſehen hatte. Sie blendete Jedermann. Sie ſah nur mich an und ich allein verſtand dieſe Blicke in Worte zu überſetzen. Unter Jauchzen hoben ihre Führer ſie auf den Seſſel mit dem ſchwebenden Fußſchemel, welcher in Sayvoyen den Frauen als Sattel dient. Das Maulthier mit den bimmelnden Schellen ſollte ſie heute zu den„ höchſtgelegenen Sennhütten auf dem Bergrücken tragen. Ich folgte zu Fuße. 1 4 Wir verbrachten den ganzen Tag, faſt ohne mit einander zu reden, ſo vollkommen verſtanden wir uns ſchon ohne Worte. Bald beſchäftigt, das ſonnenbeglänzte Thal von Chambery zu betrachten, das immer tiefer und breiter zu werden ſchien, jd höher wir ſtiegen; bald uns am Rande von Waſſerfallen aufhaltend, deren von der Sonne vergoldeter Staub uns in wogende Regenbogen hüllte, die uns eine übernatürliche Ein⸗ rahmung oder ein geheimnißvoller Heiligenſchein unſerer Liebe ſchienen; bald auf den Wieſenabhängen vor den Sennhütten die letzten Blumen der Erde pflückend und ſie gegenſeitig austauſchend als ewig nur für uns allein verſtändliche Buchſtaben dieſes balſamiſchen Alphabetes der Natur; bald die am Fuße der Kaſtanienbäume lie⸗ gen gebliebenen Kaſtanien aufleſend und aushülſend, 8 um ſie Abends beim Feuer ihres Kamines zu braten; bald unter den von ihren Bewohnern ſchon verlaſſenen. Sennhütten ſitzend, ſagten wir zu einander, wie glück⸗ lich zwei Weſen ſein müßten, welche durch ihr Geſchick in eine dieſer verlaſſenen, aus einigen Baumſtämmen und einigen Brettern zuſammengezimmerten Hütten ver⸗ bannt würden und hier in der Nähe der Sterne, wo . 2 u eſſen. 81 der Wind unaufhaltſam durch die Tannen rauſcht und die mit ewigem Schnee bedeckten Gletſcher emporſtarren, getrennt von den Menſchen in Einſamkeit leben und ſich dieſem von einer einzigen Empfindung erfüllten und überfließenden Leben widmen könnten. 4 26. Abends ſtiegen wir langſam wieder in das Thal hinab. Traurig ſchauten wir einander an, als ob wir unſere Wohnung und unſer Glück auf immer hinter uns zu⸗ rückgelaſſen hätten. Sie ging in ihr Zimmer. Ich blieb im Speiſe⸗ ſaal, um mit der Familie und den Gäſten zu Nacht Nach dem Nachteſſen klopfte ich unſerer Verabre⸗ dung gemäß an die Thüre ihres Zimmers. Sie em⸗ pfing mich wie ein nach langer Abweſenheit wieder gefundener Freund aus der Kindheit. Von nun an brachte ich jeden Tag und jeden Abend ſo zu. Ich fand ſie gewöhnlich halbliegend auf einem weißüberzogenen Kanapee, das in der Ecke zwiſchen dem Fenſter und dem Kamine ſtand; auf einem kleinen Tiſche von Nußbaumholz, auf welchem eine kupferne Lampe brannte, befanden ſich Bücher, empfangene oder an jenem Tag begonnene Briefe, eine kleine, fein⸗ gearbeitete Theebüchſe, welche ſie mir bei ihrer Abreiſe ſchenkte und die ſeitdem ſtets auf dem Kamine meines Zimmers ſtand, und zwei blau und roſafarbene Taſſen von chineſiſchem Porzellan, aus welchen wir gegen Mitternacht Thee tranken.— Der gute alte Arzt kam gewöhnlich mit mir hin⸗ auf, um mit ſeiner jungen Kranken zu plaudern; da jedoch dieſer treffliche Mann wohl bemerkte, daß meine Gegenwart mehr als ſeine Rathſchläge und ſeine Bäder zu der ſichtbaren Rückkehr einer uns Allen ſo theuren Lamartine, Raphael. 6 8² Geſundheit beitrug, ſo ließ er uns gewöhnlich nach einem halbſtündigen Geſpräche mit unſern Büchern und unſerer Unterhaltung allein. Um Mitternacht küßte ich ihr die Hand, die ſie mir über den Tiſch hin reichte, und zog mich dann in mein Zimmer zurück, wo ich mich erſt niederlegte, wenn ich in dem ihrigen kein Geräuſch mehr hörte. 27. Wir führten noch fünf lange und kurze Wochen dieſes vertrauliche und wonnige Leben mit einander; ich ſage lang, wenn ich an die zahlloſen ſeligen Genüſſt denke, die ſie unſern Herzen ſchenkten; kurz, wenn ich betrachte, wie raſch und unvermerkt die Stunden in denſelben hinflohen! Es ſchien, als ſtimme durch ein Wunder der Vorſehung, das unter zehn Jahren einmal vorkommt, die Jahreszeit als Mitverſchworene unſers Glücks mit uns überein, demſelben eine längere Dauer zu verleihen. Der ganze Monat October und eine ſtarke Hälfte des Novembers glichen einem vom Winter auferſtandenen Frühling, der nur ſeine Blätter im Grabe vergeſſen hatte. Die Lüfte waren lau, die Tannen grün, das Waſſer blau, das Gewölke roſig, die Son⸗ nenſtralen glänzend. Nur die Tage waren kurz; aber die langen Abende beim Kaminfeuer ihres Zimmers brachten uns einander deſto näher. Sie machten, daß Eines dem Andern noch ausſchließlicher lebte, indem unſere Blicke und unſere Seelen jetzt weniger von der Pracht der äußeren Natur angezogen wurden. Wir gaben ihnen den Vorzug vor den langen Sommertagen. Unſer Inneres ſtralte jetzt in ſeinem Glanze. Wir nahmen denſelben beſſer wahr, ſeit wir in den langen Novemberabenden und Nächten beim Praſſeln des erſten Rauhreifes oder Schnees an unſere Fenſter und beim Geheul des Herbſtwindes in unſer Zimmer verbannt 83 waren. Dieſer Herbſtwind ſchien uns in uns ſelbſt zu verſenken und uns zuzurufen: „Beeilt Euch, Euch Alles zu ſagen, was Euere Herzen bisher nicht ſagten, und Alles, was geſagt werden muß, bevor der Mann und die Frau ſterben; denn ich bin die Stimme der ſchlimmen Tage, die herannahen und Euch trennen werden.“ 28. Wir beſuchten nach und nach alle Buchten, alle Bran⸗ dungen, alle Anländen des Sees, alle Gipfel, alle Rücken der Berge, alle Schluchten, alle einſamen Thä⸗ ler, alle Grotten, alle die hübſchen, gewöhnlich in Felsſpalten eingezwängten Waſſerfälle dieſes Theiles von Savoyen. Wir ſahen mehr erhabene oder liebliche Stellen, mehr einſame, geheimnißvolle Plätzchen, mehr zaubriſche Einöden, mehr Häuschen, an den vorſprin⸗ genden Kanten der Berge zwiſchen Abgründen und Wol⸗ ken ſchwebend, mehr Baumgärten, mehr milchweiß ſchäumende Bergwaſſer über Wieſen hinabfließen, mehr Tannen⸗ und Kaſtanienwälder, die den Blicken ihre dunkeln Säulengänge öffneten und unter ihren Domen den Schall unſerer Stimmen zurückwarfen, als deren vonnöthen wären, um eine Welt von Liebenden zu verbergen! 1 Jedem dieſer Orte ließen wir einen unſerer Seufzer, eine unſerer Begeiſterungen, einen Segen von uns zurück. Wir baten ſie ganz leiſe oder ganz laut, die Erinnerung an die Stunde zu behalten, die wir hier mit einander zugebracht, an die Gedanken, die ſie in uns erregt hatten, an die Luft, die wir athmeten, an das Waſſer, das wir aus unſerer hohlen Hand tran⸗ ken, an das Blatt oder die Blume, die wir hier gepflückt, an die Spur unſerer Tritte, die wir dem feuchten Graſe eingedrückt hatten, und uns einſt das 6* 84 Alles mit dem Theilchen unſers Lebens zurückzugeben, das wir im Vorbeigehen und Athmen hier zurückließen, um Nichts von der Seligkeit zu verlieren, von der unſere Herzen überfloſſen, und um alle dieſe Minuten, alle dieſe Entzückungen, all dieſes Ausſtrömen unſerer ſelbſt in dieſem treuen Verwahrungsort der Ewigkeit wiederzufinden, wo Alles, ſelbſt der Athem, den man ausgehaucht und die Minute, die man verloren zu ha⸗ ben glaubt, wiedergefunden wird.* Wohl nie hatten ſich ſeit der Schöpfung dieſer Seen, dieſer Ströme und dieſer Granitfelſen ſo zärt⸗ liche und ſo glühende Hymnen von dieſen Bergen zu Gott emporgeſchwungen. In unſern Seelen lag Leben und Liebe genug, um dieſe ganze Natur, Gewäſſer, Himmel, Erde, Felſen, Bäume, Cedern und Yſop zu beleben und ihnen Seufzer, Regungen, Umſchlingungen, Stimmen, Rufe, Düfte, Flammen zu entlocken, die fähig waren, das ganze Heiligthum einer noch um⸗ fangreicheren und ſtummeren Natur, als die, in welche wir uns verirrt hatten, zu erfüllen. Wäre eine Welt nur für uns allein geſchaffen worden, wir allein hätten vermocht, ſie auf Ewigkeit zu bevölkern, zu beleben und ihr die Stimme, das Wort, den Segen und die. Liebe zu verleihen! Und nun ſage man, die menſchliche Seele ſei nicht unendlich! Wer hat an der Seite einer angebeteten Frau, Angeſichts der Natur und der Zeit und unter dem Auge Gottes die Gränzen ſeines Lebens, ſeiner Kraft, zu ſein und zu lieben, je gefühlt? O Liebe! wie wirſt du gefürchtet von Elenden und geächtet von den Böſen! Du biſt der Hoheprieſter dieſer Welt, die Offenbarung der Unſterblichkeit, die Opferflamme des Altars! Ohne dein Licht würde der Menſch die Unend⸗ lichkeit nicht ahnen! 3 85 29. Dieſe ſechs Wochen waren für mich eine Feuer⸗ taufe, welche meine Seele umwandelte und von allen Flecken reinigte, die ihr bis jetzt angeklebt waren. Die Liebe war die Fackel, welche, indem ſie mich ent⸗ flammte, mir zugleich die Natur, dieſe Welt, mich ſelbſt und den Himmel in hellerem Lichte zeigte. Ich erkannte das Nichts dieſer Welt, indem ich ſah, wie es vor einem einzigen Funken des wahren Lebens ſchwand! Ich erröthete über mich ſelbſt, indem ich in meine Vergangenheit zurückblickte und zwiſchen dieſer und der Reinheit und Vollkommenheit Der, die ich liebte, einen Vergleich anſtellte. Ich trat in den Himmel der Seelen ein, indem ich mich mit Augen und Herz in dieſes Meer von Schönheit, Empfindſamkeit, Reinheit, Melancholie und Liebe verſenkte, welches von Stunde zu Stunde in den Augen, der Stimme und den Ge⸗ ſprächen des himmliſchen Geſchöpfes, das ſich mir offen⸗ barte, einladender winkte. Wie oft warf ich mich mit dem Gefühle und in der Stellung der Anbetung vor ihr auf die Kniee, die Stirne in's Gras gedrückt! Wie oft bat ich ſie, wie man ein Weſen höherer Natur bittet, mich mit einer ihrer Thränen abzuwaſchen, mich mit einer ihrer Flam⸗ men zu entzünden, mir einen ihrer Athemzüge einzu⸗ hauchen, damit in meinem Innern Nichts mehr von mir bliebe, als das reinigende Waſſer, mit dem ſie mich gewaſchen, das himmliſche Feuer, mit dem ſie mich durchglüht, der neue Odem, mit dem ſie mein neues Leben beſeelt haben würde; damit ich ſie oder ſie ich würde und Gott ſelbſt, wenn er uns zu ſich riefe, nicht mehr zu erkennen oder zu trennen vermöchte, was das Wunder der Liebe umgewandelt oder verſchmolzen haben würde!... O, wer da einen Bruder, einen Sohn oder einen Freund hat, welcher die Tugend nie erkannte, der bitte den Himmel, daß er ihn ſo lieben laſſe! So lange er 86 liebt, wird er aller Hingebung, jedes Heldenmuthes fähig ſein, um dem Ideal ſeiner Liebe ähnlich zu werden. Und liebt er einſt nicht mehr, ſo wird in ſeiner Seele auf ewig ein Nachgeſchmack himmliſcher Wolluſt blei⸗ ben, der ihm den Trank des Laſters entleiden wird, und ſtets wird er heimlich einen Blick nach der Quelle zurückwerfen, an der zu trinken ihm einſt vergönnt war! Ich kann nicht ſagen, welche öftere und heilſame Scham vor mir ſelbſt mich in Gegenwart Der ergriff, die ich liebte! Ihre Vorwürfe waren jedoch ſo zärllich, ihre wiewohl ſo durchdringenden Blicke ſo ſanft, ihr Verzeihen ein ſo göttliches, daß, wenn ich mich vor ihr demüthigte, mir nicht war, als erniedrige ich mich, ſondern als erhöhe und ſtärke ich mich. Ich glaubte faſt zu fühlen, daß in meiner eigenen Natur die Rein⸗ heit und der Glanz erblühe, die bloß ein Widerſchein ihres Lichtes in mir waren! Unaufhörlich mußte ich ſte unwillkürlich mit den andern Frauen vergleichen, die ich ſchon angetroffen hatte! Mit Ausnahme Antonia's, welche mir wie die unſchuldige Kindheit Julie's erſchien; mit Ausnahme meiner Mutter, die ihr in der Heiligkeit und Gedie⸗ genheit glich, kam ihr in meinen Augen keine Frau nur im Geringſten nahe. Ein einziger ihrer Blicke warf den ganzen übrigen Theil meines Lebens in Dun⸗ kelheit zurück. Ihre Geſpräche enthüllten mir eine Tiefe, einen Umfang, ein Zartgefühl, eine Schönheit, eine Göttlichkeit des Gefühls und der Leidenſchaft, die mich in unbekannte Regionen verſetzten, in welchen ich zum erſtenmal die Heimatluft meiner eigenen Gedanken zu athmen glaubte. Alles, was in den ſchlimmen Jah⸗ 4 ren meiner Jugendzeit von Leichtſinn, Eitelkeit, kin⸗ diſchem Weſen, Trockenheit, Ironie oder Bitterkeit des Gemüthes in meinem Innern lag, verſchwand ſo gänzlich, daß ich mich ſelbſt nicht mehr erkannte. Wenn ich ſie verließ, fühlte ich mich gut, glaubte ich mich rein. Ich fand den Ernſt, die Begeiſterung, das Gebet, die innere Frömmigkeit, die heißen Thränen 87 wieder, die nicht durch die Augen fließen, ſondern wie eine verborgene Quelle aus dem Grunde unſerer ſchein⸗ baren Dürre hervorſprudeln und das Herz reinigen, ohne es weibiſch zu machen. Ich gelobte mir, nie wie⸗ der von dieſen Himmelshöhen herabzuſteigen, wo man von keinem Schwindel erfaßt wird und zu welchen mich zu erheben ihre zärtlichen Vorwürfe, ihre Stimme, ihre bloße Gegenwart die Gabe hatten. Bei den Stra⸗ len der ewigen Jungfräulichkeit ihrer Liebe nahm meine Seele gleichſam eine zweite Jungfräulichkeit an. Ich konnte nicht ſagen, ob in dem Eindruck, den ſie auf mich machte, mehr Frömmigkeit als Liebreiz lag, ſo durchaus gleich gemiſcht waren Leidenſchaft und Anbe⸗ tung darin und verwandelte ſich tauſendmal in einer Minute in meinen Gedanken die Liebe in Verehrung und die Verehrung in Liebe!— 3 O, iſt das nicht der höchſte Gipfel der Liebe, die Begeiſterung im Beſitz der vollkommenen Schönheit und die Wolluſt in der höchſten Anbetung?.... Alles, was ſie geſagt hatte, däuchte mich ewig, Alles, was ſie angeblickt hatte, erſchien mir heilig. Ich beneidete den Boden, den ſie unter ihren Tritten berührt hatte; die Sonnenſtralen, die ſie auf unſern Spaziergängen umfluteten, ſchienen mir glücklich, ſie berührt zu haben. Ich hätte die Luft, die ſie in mei⸗ nen Augen durch ihren Athem vergöttlicht hatte, auf⸗ fangen mögen, um dieſe auf immer von den übrigen Wellen der Luft zu trennen; ich hätte ſogar jeden Platz, den ſie verließ, im großen Weltenraume ein⸗ rahmen mögen, damit kein geringeres Geſchöpf den⸗ ſelben mehr einnehmen könnte, ſo lange die Erde ſtünde! Kurz, bei dieſer Göttlichkeit meiner Liebe betete ich Alles an, ſah ich, fühlte ich Alles, ja Gott ſelbſt!... „Wenn ein ſolcher Seelenzuſtand im Leben andauernd ſein könnte, ſo würde die Natur ſtille ſtehen, der Blut⸗ umlauf ſtocken, das Herz vergäße zu ſchlagen, oder es gäbe vielmehr für unſere Sinne weder Bewegung, noch Nachlaſſen, weder Ermattung noch Ungeſtuͤm, weder 88 Tod noch Leben mehr; es gäbe nur noch eine ewige und lebendige Verſteinerung unſers ganzen Weſens in einem andern Weſen. Dieſer Zuſtand muß dem Zu⸗ ſtande der in Gott aufgelösten und zugleich in ihm lebenden Seele gleichen! 30. Welch ein Glück! Die niedrigen Begierden der ſinnlichen Leidenſchaft waren— weil ſie es ſo gewollt— in dem gegenſeitigen vollſtändigen Beſitze unſerer Seelen erſtorben. Das Glück machte mich, wie das immer der Fall iſt, beſſer und frömmer, als ich es je geweſen wäre. Gott und ſte verſchmolzen ſich ſo völlig in meiner Seele, daß die Anbetung, mit der ich ſie verehrte, auch eine ewige Anbetung des gött⸗ lichen Weſens ward, das ſie geſchaffen hatte. Ich war nur eine Hymne und in meiner Hymne kamen nicht zwei Namen vor; denn Gott war ſie und ſie war Gott! Blieben wir zuweilen auf unſern Spaziergängen an den Abhängen des Gebirges ſtehen, um Athem zu ſchöpfen und die Natur zu betrachten und zu bewun⸗ dern; wandelten wir am Ufer des Sees oder ſaßen wir auf einem ſonnigen Wieſenplatze auf den Wurzeln eines Kaſtanienbaumes, ſo lenkle ſich unſer Geſpräch bei dem natürlichen Ueberfließen zweier zu voller Seelen oft auf die unergründliche Tiefe aller Gedanken, das heißt, auf die Unendlichkeit und das Wort, das allein die Unend⸗ lichkeit ausfüllt, auf Gott. Ich war erſtaunt, wenn ich dieſes letztere Wort mit der ſegnenden Begeiſterung des Herzens ausſprach, die in einer Betonung eine ganze Offenbarung enthält, zu ſehen, daß ſie ihre Blicke abwandte oder niederſchlug und ſich in den Falten ihrer ſchönen Augenbraunen oder in den Mundwinkeln ein wehmüthiges Gefühl oder eine traurige Ungläubigkeit zeigte, die mir mit unſern 89 Gefühlen in Widerſpruch ſchien. Eines Tages fragte ich ſie ſchüchtern nach dem Grunde davon. „Dieſes Wort thut mir weh!“ antwortete ſie. „Und wie kann dieſes Wort, dieſer Name, der alles Leben, alle Liebe, alles Gute in ſich begreift, der vollkommenſten ſeiner Schöpfungen weh thun?“ „Ach,“ erwiderte ſie im Tone einer verzweifelten Seele,„weil dieſes Wort für mich die Idee des Weſens in ſich begreift, von dem ich am leidenſchaftlichſten wünſchte, ſein Daſein möchte kein Traum ſein; und dieſes Weſen,“ fügte ſie mit dumpfer und beklommener Stimme hinzu,„für mich und die Weiſen, die mir Unterricht gaben, die wunderbarſte, aber leerſte der Täuſchungen unſerer Denkkraft iſt!“ „Wie!“ ſagte ich,„Ihre Lehrer glauben nicht an einen Gott? Und Sie, die Sie lieben, auch Sie kön⸗ nen dieſen Glauben verwerfen? Iſt denn nicht jeder unſerer Herzſchläge eine Verkündigung des Unendlichen?“ „O,“ beeilte ſie ſich zu antworten,„legen Sie die Weisheit von Männern nicht für Wahnſinn aus, welche mir die Schleier der Philoſophie gelüftet haben und durch das Licht der Vernunft und Wiſeenſchaft, das ſie vor meinen Augen leuchten ließen, die phantaſtiſche und blaſſe Lampe des menſchlichen Aberglaubens ver⸗ drängten, die nur das willkürliche und abſichtlich um ihre kindiſche Gottheit verbreitete Dunkel erhellt. Nur an den Gott Ihrer Mutter und meiner Amme glaube ich nicht mehr; aber dafür an den Gott der Natur und der Weiſen. Mit dieſen glaube ich an ein Weſen, das der Anfang, die Grundlage, die Quelle, der Inbegriff und das Ende aller andern Weſen, oder vielmehr, das ſelbſt nur die Ewigkeit, die Form, und das Geſetz aller jener ſichtbaren oder unſichtbaren, verſtändigen oder unverſtändigen, beſeelten oder ſeelenloſen, lebendigen oder todten Weſen iſt, aus denen der einzige richtige Name dieſes Weſens der Weſen, das Unendliche, be⸗ ſteht! Allein die Idee der unermeßlichen Größe, der verhängnißvollen Macht, der unumſchränkten und unbeug⸗ 90 ſamen Nothwendigkeit der Handlungen dieſes Weſens, das Sie Gott und wir Geſetz nennen, verbietet uns, irgend ein beſtimmtes Einverſtändniß, eine richtige Be⸗ zeichnung, eine vernünftige Vorſtellung, eine perſönliche Kundgebung, eine Offenbarung, ein Fleiſchwerden, irgend einen möglichen Zuſammenhang zwiſchen dieſem Weſen und uns, ſelbſt nicht durch die Huldigung und das Gebet, anzunehmen! Kann denn die Wirkung zu ihrer Urſache beten?... „O, wie grauſam iſt das,“ fügte ſte hinzu,„und wie hätte ich ſchon, ſeit ich Sie liebe, dieſen Gott geprieſen und zu ſeinen Füßen gebetet und Thränen vergoſſen!..“ Dann nahm ſie ſich zuſammen und fuhr fort:„Ich ſetze Sie in Staunen und Betrübniß, aber verzeihen Sie mir; denn iſt nicht die Wahrheit die erſte der Tugenden, wenn es Tugenden gibt? Ueber dieſen ein⸗ zigen Punkt können wir uns nicht verſtändigen, d'rum ſprechen wir nie mehr davon. Sie wurden von einer frommen Mutter im Schooße einer chriſtlichen Familie erzogen und athmeten mit der Luft des häuslichen Her⸗ des auch deſſen heilige Leichtgläubigkeit ein; man hat Sie an der Hand in Tempel geführt, hat Ihnen Bil⸗ der, Myſterien, Altäre gezeigt, hat Sie Gebete gelehrt und geſagt:„„Gott iſt da und ſieht und höret Dich!“ Und Sie haben es geglaubt, weil Sie noch nicht in dem Alter ſtanden, um das prüfen zu können. Später haben Sie ſich von dieſem Kindertand losgemacht, um ſich einen minder kindiſchen und minder weibiſchen Gott als dieſen Gott der chriſtlichen Lauberhütten vorzuſtellen. Allein die erſte Blendung iſt noch in Ihren Augen ge⸗ blieben; das Licht, das Ihnen aufzugehen ſchien, war ohne Ihr Vorwiſſen noch mit jenem trüglichen Lichte vermiſcht, mit dem man Sie bei Ihrem Eintritt in's Leben geblendet hat. Zwei Schwächen ſind an Ihrem Geiſte hängen geblieben: das Myſterium und das Gebet.. „Es gibt kein Myſterium!“ ſagte ſie mit ſtärkerer . 91 und feierlicher Betonung.„Ein Betrüger oder ein Leicht⸗ gläubiger hat das Myſterium erfunden; Gott aber hat den Verſtand geſchaffen. Und auch kein Gebet gibt es,“ fuhr ſie trauriger fort,„denn an einem unbeugſamen Geſetze iſt Nichts zu beugen und an einem nothwen⸗ digen Geſetze Nichts zu ändern... Bei ihrer volksthümlichen Unwiſſenheit, unter wel⸗ cher ſich ihre tiefe Weisheit verbarg, wußten die Alten das wohl,“ fügten ſie noch hinzu,„denn ſie beteten zu allen ihren ſelbſterfundenen Göttern, aber ſie beteten nicht zu dem höchſten Geſetze: dem Schickſal!“ Sie ſchwieg.. „Mich dünkt,“ entgegnete ich ihr nach einem lan⸗ gen Schweigen;„die Lehrer, welche Sie in dieſer Weisheit unterrichteten, haben in ihren Theorieen über die Verhältniſſe des Menſchen zu Gott das fühlende Weſen dem denkenden Weſen allzuſehr untergeordnet; mit Einem Worte, Sie haben beim Menſchen das Herz, dieſes Organ jeder Liebe, wie der Verſtand das Organ jedes Gedankens iſt, vergeſſen. Die Vorſtellun⸗ gen, welche der Menſch ſich von Gott macht, mögen kindiſch und falſch ſein. Aber zuweilen müſſen ſeine Inſtinkte, die ſein ungeſchriebenes Geſetz ſind, richtig ſeins ſonſt hätte die Natur bei ſeiner Schöpfung ge⸗ ogen.... „Sie ſelbſt glauben nicht, daß die Natur eine Lüge iſt,“ fügte ich lächelnd hinzu;„denn Sie ſagten ja ſo eben, die Wahrheit ſei vielleicht die einzige Tugend? Was nun auch die Abſicht Gottes geweſen ſein mag, indem er in das Herz des Menſchen dieſe beiden In⸗ ſtinkte, das Myſterium und das Gebet, legte; habe er ihm dadurch offenbaren wollen, daß er, Gott, der Unbegreifliche, und das Myſterium ſein wahrer Name ſei, oder wollte er, daß alle Geſchöpfe ihm Ehre und Preis darbrächten und das Gebet der allgemeine Weih⸗ rauch der Natur ſei; ſo viel iſt gewiß, daß der Menſch, wenn er an Gott denkt, dieſe beiden Inſtinkte in ſich trägt, das Myſterium und die Anbetung!...“ 92 „Das Myſterium?“ fuhr ich fort.„An der menſch⸗ lichen Vernunft iſt es, daſſelbe zu erforſchen, aufzu⸗ klären und immer mehr zu entfernen, ohne es je voll⸗ ſtändig zu beſeitigen. Das Gebet? Es iſt ein Bedürfniß des Herzens, unabläſſig ein nützliches oder unnützes Anſuchen, werde es erhört oder nicht, gleich einem Gott angenehmen Dufte empor zu ſchicken. Steige dieſer Duft nun zu den Füßen Gottes oder falle er zu Boden, gleich viel; er bleibt immer ein Tribut der Schwäche, der Demuth und der Anbetung!... „Aber wer weiß, ob es verloren iſt?“ fügte ich im Tone einer Hoffnung hinzu, welche in der Stimme des Redenden ſelbſt über den Zweifel triumphirt; wer weiß, ob das Gebet, dieſer geheimnißvolle Umgang mit der unſichtbaren Allmacht, nicht wirklich die größte der übernatürlichen oder natürlichen Kräfte des Menſchen iſt? Wer weiß, ob der höchſte und unſterbliche Wille dieſe Kraft nicht in alle Ewigkeit dem Betenden ein⸗ flößen, ihn erhören und eben durch das Gebet den Menſchen am Mechanismus ſeines eigenen Schickſals Theil nehmen laſſen wollte? Wer weiß endlich, ob Gott, in ſeiner unwandelbaren, ſegenſpendenden Liebe zu den von ihm ausgegangenen Weſen ihnen nicht dieſe Verbindung mit ihm gleich einer unſichtbaren Kette laſſen wollte, welche den Gedanken der Welten dem ſeinigen anſchließt? Wer weiß, ob er in ſeiner maje⸗ ſtätiſchen, von ihm allein bevölkerten Einfamkeit nicht wollte, daß dieſes lebendige Gemurmel, daß dieſe unver⸗ tilgliche Unterredung mit der Natur unabläſſig auf allen Punkten des Unendlichen von allen Weſen, die er belebt, die er mit ſeinen Vaterarmen umfaßt und liebt, zu ihm empor und von ihm zu dieſen Weſen herniederſteige? Jedenfalls iſt das Gebet das erhabenſte Vorrecht des Menſchen, weil es mit Gott zu reden erlaubt; und wäre Gott auch taub, ſo würden wir doch zu ihm beten; denn wenn er in ſeiner Größe uns auch nicht hören wollte, ſo würden wir unſere Größe da⸗ durch zeigen, daß wir fort und fort zu ihm beten!“ 93 Ich ſah, daß meine Vernunftſchlüſſe ſie rührten, ohne ſie zu überzeugen, und daß ihre durch die Wiſſen⸗ ſchaft etwas vertrocknete Seele ihre Quellen noch nicht in der Richtung nach Gott geöffnet hatte. Nachdem die Liebe nun aber ihr Herz erweicht, mußte ſie unum⸗ gänglich auch ihre Religion erweichen; die Wonnen und die Qualen der Leidenſchaft mußten bald die An⸗ betung und das Gebet, dieſe beiden Düfte der glühen⸗ den und ſchmachtenden Seele in ihr erblühen laſſen, deren einer berauſchend, der andere voller Thränen iſt, die aber beide göͤttlich ſind! 31. Das Glück, unſere ungeſtörte Einſamkeit, dieſes Eden zärtlicher Seelen; die tägliche Entdeckung irgend einer ſich enthüllenden Gedankentiefe in mir, welche den Geheimniſſen ihrer eigenen Natur entſprach; die Herbſtluft in den Bergen, welche gleich Ofen, die den. Sommer durch geheizt wurden, bis nahe zum Schnee hin eine angenehme Wärme beibehalten; die weiten Ausflüge nach den Sennhütten oder auf dem Waſſer; das Schaukeln der Barte oder das ſanfte Wiegen auf dem Rücken der Maulthiere, welches dem der leichten und langſam einherrollenden Meereswogen gleicht; die Milch von dieſen Alpen, welche man ihr Morgens und Abends noch ſchäumend in hölzernen, von den Hirten aus Rothbuchen geſchnitzten Bechern brachte; und zudem die ſüße Aufregung, der friedliche Rauſch, der beſtän⸗ dige Schwindel einer Seele, die durch eine erſte Liebe gleichſam auf Schwingen von der Erde emporgehoben und von Gedanken zu Gedanken, von Traum zu Traum in einer beſtändigen Ergießung des Herzens in einen neuen Himmel getragen wird: Alles das ſtellte indeſſen ihre Geſundheit ſichtbar wieder her. Man ſah, wie ſte ſich vom Abend bis am Morgen verjüngte. Es 32. Wenn ich mich in den kurzen Augenblicken, wo ich ſie verlaſſen mußte, in meinem Zimmer befand, war mir ſogar um die Mittagszeit, als ſei ich in einem Kerker ohne Luft und ohne Licht. Selbſt die herrlichſte Sonne leuchtete für mich nicht mehr, wenn ſie wenig⸗ ſtens nicht durch ſie in meine Augen zurückgeſtralt wurde. Je mehr ich ſie ſah, je mehr ich ſte bewunderte, um ſo weniger konnte ich glauben, daß ſie ein Geſchöpf meiner Gattung ſei. Die Göttlichkeit ihrer Liebe war zuletzt ein Glaube meiner Einbildungskraft geworden. Unabläſſig warf ich mich im Geiſte vor dieſem Weſen nieder, das zu zärtlich war, um ein Gott zu ſein, zu göttlich, um ein Weib zu ſein. Ich ſuchte einen Na⸗ men für ſie und fand keinen. In Ermangelung eines Namens nannte ich ſie bei mir ein Myſterium. Unter dieſem vagen und unbeſtimmten Namen weihte ich ihr einen Cultus, welcher durch ſeine Zärtlichkeit der Erde, durch ſeine Begeiſterung dem Traume, durch die Ge⸗ genwart der Wirklichkeit und durch die Anbetung dem Himmel angehörte! Sie hatte mich zuletzt zu dem Geſtändniß ge⸗ bracht, daß ich zuweilen Verſe machte; ich hatte ihr jedoch noch keine davon gezeigt. Uebrigens ſchien ſie dieſe künſtliche und zuſammengeſtoppelte Form der Sprache, welche der Einfachheit des Gefühls und des Eindrucks ſchadet, wenn ſie dieſelbe nicht idealiſirt, nicht ſonderlich zu lieben. Ihre Natur war zu beweg⸗ lich, zu tief und zu ernſt, um an den Förmlichkeiten und den ſchleppenden Umriſſen der geſchriebenen Poeſie Gefallen zu finden. Sie war die Poeſie ohne Leier; nackt wie das Herz, einfach wie das erſte Wort, träu⸗ meriſch wie die Nacht, leuchtend wie der Tag, ſchnell wie der Blitz, unermeßlich wie der Weltraum. Ihre Seele war eine unendliche Tonleiter, die keine Proſo⸗ die aufzuzeichnen vermocht hätte. Selbſt ihre Stimme 94 war gleichſam eine Geneſung der Seele, welche ſich ihren Zügen mittheilte. Ihr Geſicht, das Anfangs um die Augen jene matten, blauen Flecken trug, welche gleichſam das Gepräge der Finger des Todes ſind, be⸗ kam wieder volle Wangen, warmes Blut, eine friſche Farbe, die rauhe Haut eines jungen Mädchens, das lange auf den Bergen herumgelaufen iſt, wo ſeine Wan⸗ gen von der kalten Gletſcherluft gezwickt wurden; ihre Augenlider hatten ihre Mattigkeit, ihre Augen das Truͤbe, ihre Lippen die Falten verloren. Ihre Blicke ſchwammen in einem beſtändigen leuchtenden Nebel der Seele, dem Dampfe eines brennenden Herzens, der in dem Rund der Augen zu immer aufſteigenden Thränen verdichtet wird, welche durch dieſes nämliche Feuer getrocknet werden und nie fließen! Ihre Stellungen bekamen wieder Kraft, ihre Bewegungen Geſchmeidig⸗ keit, ihre Schritte die Leichtigkeit und Lebendigkeit derer eines Kindes. Sooft ſie von ihren Ausflügen mit mir zu⸗ rückkehrte und im Hofe des Hauſes abſtieg, brachen der alte Arzt und ſeine Familie in Rufe der Verwunde⸗ rung über die merkwürdige Veränderung aus, welche ſeit vierundzwanzig Stunden mit ihrer Geſundheit vor⸗ gegangen war, und über die blendende Jugend⸗ und eenaſäle die ſie umgab, und womit ſie jedes Auge ach. Und wirklich ſchien das Glück Stralen zu haben be und eine Atmoſphäre um ſie her zu verbreiten, in welche ſie gehüllt war und auch Die hüllte, die ſie be⸗ trachteten. Dieſes Stralen der Schönheit, dieſe At⸗ moſphäre der Liebe ſind nicht, wie man meint, reine Einbildungen des Dichters. Der Dichter ſieht nur beſſer,— was den zerſtreuten oder blinden Blicken der andern Menſchen entgeht. Man hat ſchon oft von einem ſchö⸗ nen jungen Mädchen geſagt, ſte erhelle die Dunkelheit der Nacht. Von Julie konnte man ſagen, ſie erwärme die Luft um ſie her. Ich lebte und wandelte, umhüllt von dieſer warmen Ausſtrömung ihrer wiederaufleben⸗ den Schönheit; Andere fühlten ſie im Vorbeigehen. 96 war ein beſtändiger Geſang, dem keine Harmonie des Verſes gleichzukommen vermochte. Wenn ich lange an ihrer Seite gelebt hätte, ſo würde ich nie weder Verſe geleſen noch geſchrieben haben. Sie war für mich das lebendige Heldengedicht der Natur und meiner ſelbſt. Meine Empfindungen widerhallten in ihrem Herzen, meine Bilder in ihren Blicken, meine Melodie in ihrer Stimme!. Ueberdieß war die ganz materialiſtiſche und ganz nur auf den Wohlklang berechnete Poeſie des Endes des achtzehnten Jahrhunderts und des Kaiſerreichs, deren hauptſächlichſte Werke, wie die von Delille und Fontanes, ſie bei ihr hatte, nicht für uns gemacht. Ihre Seele, welche von den melödiſchen Wellen der Tropenländer gewiegt worden, war ein Herd von Schmerz, Träumerei und Liebe, die auszuhauchen alle Stimmen der Luft und der Gewäſſer nicht vermocht hätten! Sie verſuchte zuweilen in meiner Gegenwart, dieſe Bücher zu leſen und ihres Rufes wegen zu bewundern, warf ſie aber bald mit einer ungeduldigen Bewegung wieder weg; ſie blieben unter ihren Händen ſtumm wie zerbrochene Saiten eines Klaviers, deren Stimme man durch Anſchlagen vergeblich hervorzubringen ſucht. Die Note ihres Herzens war nur in dem meinen ent⸗ halten, konnte aber nie aus demſelben heraustreten. Die Verſe, die ſie mir eingeben mußte, ſollten nur auf ihrem Grabe widerhallen. Sie wußte nie, wen ſie liebte, bevor ſie ſtarb. Ich war ihr ein Bruder. Ob die Welt mich einen Dichter hieß, darum hätte ſie ſich wenig gekümmert. Ihre Liebe hing nur an mir ſelbſt, an nichts Anderem von meinem Wefen. Ein einziges Mal zeigte ich ihr unwillkürlich eine ſchwache Gabe der Poeſie, welche ſie im Entfernteſten nicht bei mir ahnte, noch an mir zu finden wünſchte. Mein Freund Ludwig es hatte einige Tage bei uns zugebracht. Der Abend war bis um Mitternacht mit Leſen, vertraulichen Geſprächen, wehmüthigen oder hei⸗ tern, gegenſeitig ausgeſprochenen Träumereien ausgefüllt 91 8 worden. Wir ſtaunten, wie drei ſo junge, vor kur⸗ zer Zeit einander noch unbekannte Leben jetzt unter dem nämlichen Dache, am nämlichen Kaminfeuer, beim Rauſchen des nämlichen Herbſtſturmes ſich in einem kleinen Hauſe in den Bergen Savoyens ſo eng ver⸗ bunden zuſammenfinden konnten, und ſuchten voraus⸗ zuſehen, durch welch ein Spiel der Vorſehung oder des Zufalls die nämlichen Lebensſtürme uns zerſtreuen und von Neuem vereinigen könnten. Zuletzt hatten dieſe Blicke nach dem Horizonte un⸗ ſers künftigen Lebens uns traurig geſtimmt. Stumm ſtützten wir uns auf den kleinen Theetiſch, um welchen wir ſaßen. Endlich fühlte Ludwig welcher ein Dich⸗ ter war, eine Note der Wehmuth in ſeiner Seele hervorquellen und wollte ſie aufzeichnen. Sie lieh ihm einen Bleiſtift und Papier. Er ſchrieb auf den Marmor des Kamins einige klagende, thraͤnenſchwere Strophen, ähnlich den Grabesſtrophen Gilbert's. Er glich Gilbert und auch er hätte ſolche Strophen ſchreiben können, die leben werden, ſo lange Hiob's Klagelieder in der Sprache der Menſchen leben: An's Gaſtmahl wollte ich des Lebens kaum mich ſetzen, Ein ſchüchterner und unwillkommner Gaſt, Und ſchon ruft mich der Tod und keine Thränen netzen Den Raſen, der mein Grab umfaßt. Ludwig's Verſe rührten mich. Ich nahm ihm den Bleiſtift aus der Hand, entfernte mich für einen Augen⸗ blick in eine Ecke des Zimmers und ſchrieb dieſe Verſe, die mit mir ſterben werden, ohne geſammelt worden zu ſein; es waren die erſten Verſe, die meinem Herzen und nicht meiner Einbildungskraft entſprangen. Ich las ſie, ohne daß ich wagte, die Augen zu Der auf⸗ zuſchlagen, an welche ſie gerichtet waren. Hier ſind ſie; doch nein, ich löſche ſie aus; mein ganzes Talent lag in meiner Liebe; mit ihr iſt es erloſchen. Als ich ſte vorgeleſen hatte, nahm ich auf Julie's von der Lampe beſchienenem Antlitz einen ſo zärtlichen Lamartine, Raphael. 7 98 Ausdruck des Staunens und eine ſo übermenſchliche Schönheit wahr, daß, wie meine Verſe zwiſchen Engel und Weib, ich zwiſchen Liebe und Anbetung ſchwankte. Dieſe letztere Empfindung war ſowohl in meiner als in meines Freundes Seele die vorherrſchende. Wir fielen vor ihrem Canapee auf die Kniee nieder und küßten den Zipfel des ſchwarzen Shawls, der um ihre Füße gehüllt war. Dieſe Verſe ſchienen ihr bloß eine momentane und vereinzelte Ergießung meiner Gefühle für ſie. Sie lobte ſie, ſprach aber nie mehr davon. Unſere natür⸗ lichen Geſpräche und ſelbſt unſer träumeriſches Schwei⸗ gen bei einander waren ihr lieber, als dieſe Spiele⸗ reien des Geiſtes, welche mehr eine Entweihung als ein Ausdruck der Seele ſind. Einige Tage nachher verließ uns Ludwig. 33. Nachdem ſie einmal dieſe erſten Verſe von mir gehört hatte, die bloß eine ſchwache Strophe der be⸗ ſtändigen Hymne meines Herzens waren, bat ſie mich, ihr eine Ode zu dichten, die ſie als einen Tribut der Bewunderung und einen Verſuch meines Talentes einem der Männer ihrer Geſellſchaft in Paris widmen würde, für den ſie die meiſte Achtung und Anhänglichkeit hegte. Er hieß Herr von Bonald. Ich kannte dieſen Mann nur dem Namen und dem glänzenden Rufe nach, in dem er gerade und mit Recht zu dieſer Zeit ſtand. Ich ſtellte mir vor, zu einem neuen Moſes ſprechen zu müſſen, der aus den Stralen eines andern Sinai das göttliche Licht ſchöpfe, mit dem er die menſchlichen Geſetze überflute. Ich ſchrieb dieſe Ode in einer Nacht. Am Mor⸗ gen las ich ſie Derjenigen, welche mir die Begeiſterung dazu geliehen, unter einem Kaſtanienbaume im Gebirge . 99 vor. Ich mußte ſie ihr dreimal leſen. Am Abend ſchrieb ſie dieſelbe mit ihrer leichten, aber ſeſten Hand ab. Ihre Schriftzüge glitten wie der Schatten ihrer Gedankenſchwingen und mit der Schnelligkeit, der Zier⸗ lichkeit und Klarheit des Fluges eines Vogels in der Luft über das weiße Papier hin. Am folgenden Tage ſchickte ſie dieſe Ode nach Paris. 1 Herr von Bonald antwortete ihr über mein Ta⸗ lent in Aeußerungen, die von guter Vorbedeutung wa⸗ ren. Das war der Anfang zu meiner Verbindung mit dieſem trefflichen Manne, deſſen Charakter ich ſeither bewunderte und liebte, ohne ſeine theokratiſche Gelehr⸗ ſamkeit zu theilen. Meine Annahme ſeiner mir un⸗ bekannten Symbole war nur eine Gefälligkeit gegen die Liebe geweſen und ſeither war ſie eine Huldigung der Tugend geworden. Herr von Bonald war, wie Herr von Maiſtre, einer jener Propheten der Vergan⸗ genheit, einer jener Greiſe der Ideen, welche man mit Ehrfurcht begrüßt. Auf der Schwelle der Zukunft ſttzend, wollen ſie dieſelbe nicht betreten, ſondern ſtehen einen Augenblick ſtill, um die ſchönen Klagen der Dinge zu hören, welche im Menſchengeiſte ſterben! 34. Schon war es nicht mehr Herbſt; ein milder, zu⸗ weilen noch durch die das Gewölk durchbrechenden Son⸗ nenblicke erhellter und erwärmter Winter war ange⸗ brochen. Wir ſuchten uns zu täuſchen und anzunehmen, es ſei noch Herbſt, ſo bange ſträubten wir uns, den Winter zu erkennen, der uns trennen ſollte! Am Morgen ſtreute der Schnee oft leichte weiße Flocken gleich dem Flaum von Schwänen, die ſich während der Nacht am Himmel, wo wir ſie hinziehen ſahen, gemauſert hatten, auf die bengaliſchen Roſen und die Immortellen des Gartens. Mittags ſchmolz dieſer Schnee und dann 3 7 100 bot uns der See oft einige wonnige Stunden. Die Wogen und die Dünſte des Waſſers wurden noch lau durch das Zurückſtralen der letzten Sonnenblicke des Jahres. Die Feigenbäume, welche in ſchützenden Buchten von dem mittäglich gelegenen Felſen auf die Wellen herabhängen, hatten noch ihre breiten Blätter. Das Zurückprallen der Sonne an dieſen Felſen lieh⸗ ihnen noch die Farben, den Glanz und die Wärme, wie an Sommerabenden. Nur flohen dieſe Stunden ſo ſchnell wie die Ruder, die uns in die Nähe der be⸗ leuchteten Klippen, welche die mittägliche Seite des Sees bilden, ſpazieren führten. Das an den Tannen hinſtreifende Sonnenlicht, das grüne Moos; die Win⸗ tervögel, ſtärker befiedert, mehr hüpfend und vertrau⸗ licher als die des Frühlings; der ſich über die Wieſen⸗ abhänge hinſchlängelnde Schaum der tauſend reichen Waſſerfälle, die ſich von den glatten, ſchwarzen, aus dem See aufſteigenden Felſen brauſend und toſend in Schluchten ſtürzten; der taktmäßige Schlag der Ruder, ihre ſeufzenden Furchen, die gleich einer Stimme unter den Wellen ein geheimnißvolles Schluchzen um uns her zu verbreiten und uns mit ihren Klagen zu be⸗ gleiten ſchienen; endlich das übernatürliche Wohl⸗ behagen, das wir in dieſer leuchtenden und warmen Atmoſphäre neben einander, von der Erde durch dieſe Abgründe von Waſſer getrennt, empfanden, das alles verurſachte uns noch zuweilen ein ſolches Gefühl von Wolluſt, eine ſolche Fülle innerer Freude, ein ſolches Ueberfließen des Friedens in die Liebe, daß der Himmel felbſt uns keine größere Seligkeit zu bieten vermocht hätte. Allein dieſe Seligkeit war in uns mit dem Ge⸗ fühle vermiſcht, daß ſte bald ein Ende nehmen werde; jeder Ruderſchlag widerhallte in unſern Herzen wie ein Schritt, der uns dem Tage der Trennung näher brachte. Wer weiß, ob morgen dieſe zitternden Blätter nicht in's Waſſer gefallen ſind, ob dieſes Moos, auf das wir uns noch ſetzen könnten, nicht mit einem dichten Schnee⸗ 101 lager bedeckt iſt, ob dieſe glänzenden Felſen, dieſer blaue Himmel, dieſe ſchimmernden Wellen nicht durch die Nebel der nächſten Nacht in einen Ocean von blaſſem, trübem Reif begraben ſein werden? Ein langer Seufzer ſtahl ſich bei ſolchen Gedanken aus unſerer Bruſt; wir hegten ſie Beide zu gleicher Zeit, ohne zu wagen, einander dieſelben mitzutheilen, aus Furcht, das Unglück durch deſſen Nennung zu wecken. O, wer hat nicht ſchon in ſeinem Leben ein ſo unſicheres Glück genoſſen, dem kein Morgen vorauszu⸗ beſtimmen war und bei welchem das Leben ſich in eine Stunde concentrirt, die man ewig machen möchte, während man fühlt, wie ſte Minute für Minute zer⸗ rinnt, den Perpendikel der Uhr hört, der die Sekunde ſchlägt, den Zeiger anſteht, der den Weg einer Stunde auf dem Zifferblatt zurücklegt, das Wagenrad ſpürt, deſſen jeder Umſchwung den Raum abkürzt oder während man hört, wie das Vordertheil eines Schiffes die Wellen zertheilt und hinter ſich läßt, indem es unaufhaltſam dem Ufer naht, wo wir aus dem Himmel unſerer Träume auf den harten, kalten Boden der Wirklichkeit herab⸗ ſteigen müſſen? 35. An einem ſonnigen Nachmittage, wo wir uns in einer ruhigen und warmen Bucht zwiſchen zwei Armen des Mont du Chat, von der Barke und dem fernen Getöſe eines kleinen Waſſerfalles, der unter den Grot⸗ ten, durch die er ſich windet, bevor er ſich in dem Abgrunde des Sees verliert, einen beſtändigen Geſang bildet, in wonnige Träumereien wiegen ließen, ſtiegen unſere Schiffer aus, um die Netze einzuziehen, die ſie am Tage vorher ausgeworfen hatten. Wir blieben allein in dem nur durch einen dünnen Strick an dem Aſte eines Feigenbaumes befeſtigten 102 Schiffe zurück; das Schwanken deſſelben brach den Aſt und wir wurden, ohne es zu gewahren, in die Mitte der Bucht, etwa dreihundert Schritte von den ſenk⸗ enht ariſteigsnden Felſen getrieben, von denen ſie ein⸗ gefaßt iſt. Das Waſſer des Sees hatte an dieſer Stelle jene Erzfarbe, jenen, geſchmolzenem Metall ähnlichen Spie⸗ gel, jene ſchwerfällige Unbeweglichkeit, die es immer durch den zurückgeworfenen Schatten jäher, ſteiler Ab⸗ hänge und in der Nähe von ſchroffen Felszacken erhält, welche von der unermeßlichen Tiefe der Wogen eines nicht zu ergründenden Bettes zeugen. Ich hätte das Ruder ergreiſen und wieder dem Ufer zuſteuern können, allein dieſe Abgeſchiedenheit von der ganzen lebendigen Natur erregte in uns einen wonnevollen Schauer. So hätten wir untergehen mö⸗ gen, zwar nicht in einem Meere, das Uſer hat, ſondern in einem uferloſen Firmamente. Wir hörten die Stimmen der Schiffer nicht mehr, welche weit am ſavoyiſchen Ufer hinauf gegangen waren und durch die Vorgebirge unſern Blicken entzogen wurden; wir hörten nur noch das ferne und oft unterbrochene Plätſchern des Waſſer⸗ falls, hie und da einen Windſtoß, der mit dem har⸗ moniſchen Aechzen der Fichten durch die regungsloſe Luft fuhr, und das ſchwache, dumpfe Anprallen der Wellen an die Seiten der Barke, welche durch die bloße Bewegung unſeres Athmens gewiegt ward. Die Sonne und der Schatten des Berges theilten ſich gleicherweiſe in unſer Schiff; das Vordertheil deſ⸗ ſelben lag im Sonnenglanze, der Hintertheil im Halb: dunkel. Ich ſaß im Boden der Barke zu Julie's Füßen, wie am erſten Tage unſers Beiſammenſeins, wo ich ſie von Haute⸗Combe zurückgebracht hatte. Wir er⸗ innerten uns mit Luſt aller Umſtände dieſes traulichen Tages, dieſer geheimnißvollen Aera, von der an die Welt für uns begann, weil ſich von dieſem Tage unſere Begegnung und unſere Liebe datirte. 103 Sie ſaß halbliegend auf einer Bank, einen Arm über den Rand der Barke geſtreckt, den andern auf meine Schulter gelehnt, während ihre Hand mit einer Locke meiner langen Haare ſpielte; ich hatte den Kopf etwas zurückgeworfen, damit meine Augen von dem ganzen Horizonte nur das Firmament und ihre in dem Blau des Himmels ſcharf ſich abzeichnende Geſtalt ſehen konnten. Ihr Antlitz neigte ſich über das meine, als wolle es auf meiner Stirn ſeine Sonne und in meinen Augen ſein Licht betrachten. Ein Ausdruck ruhigen, tiefen, unausſprechlichen Glücks. lag in allen ihren Zügen und verlieh ihrem Antlitz einen Glanz und einen ſeelenvollen Schimmer, würdig des Himmelsrahmens, in welchem ich ſie anbetend betrachtete. Plötzlich ſah ich, daß ſie erblaßte, ihre beiden Arme, den einen von meiner Schulter, den andern vom Rande des Schiffes weg zog, gleichſam jählings von ihrem Sitze aufſprang, ihre beiden Hände vor die Augen hielt, dann einen Augenblick ihr Geſicht damit ver⸗ hüllte, nachdenklich, ſtumm ward, endlich ihre mit einigen Thränentropfen benetzten Häͤnde ſinken ließ und im Tone heiterer und ruhiger Entſchloſſenheit ausrief: „O, laß uns ſterben!...“ Nach dieſem einzigen Worte blieb ſie einen Augen⸗ blick in Schweigen verſunken, dann fuhr ſie fort: „O ja, laß uns ſterben, denn die Erde kann uns Nichts mehr geben, der Himmel uns Nichts mehr ver⸗ heißen!“. Sie blickte lange den Himmel, die Berge, den See und die durchſichtigen neben dem Schatten des Schiffes halb leuchtenden Wellen an. „Siehſt Du,“ ſagte ſie dann— und es war das erſte und auch das letzte Mal, daß ſie ſich im Geſpräche mit mir dieſer, je nachdem ſie an Gott oder an den Menſchen gerichtet wird, feierlichen oder traulichen Sprachform bediente—,„ſiehſt Du, wie Alles um uns her zu einem göttlichen Erlöſchen unſerer beiden Leben vorbereitet iſt! Bald geht dort die Sonne des ſchönſten 104 unſerer Jahre unter, um morgen vielleicht nicht wieder aufzugehen; vielleicht ſpiegeln ſich dieſe Berge hier zum letztenmal in dieſem See, ſie dehnen ihre langen Schat⸗ ten bis zu uns aus, als wollten ſie uns ſagen:„„Be⸗ grabt Euch in das Sargtuch, das wir Euch reichen.““ Dieſe reinen, klaren, tiefen, ſtummen Wellen bereiten uns ein Sandlager, auf dem Niemand uns wecken und mahnen wird:„„Wir müſſen aufbrechen!““ Kein menſch⸗ liches Auge ſieht uns. Niemand wird wiſſen, durch welch ein Geheimniß die leere Barke vielleicht morgen an einem Felſen der Küſte zerſchellen wird. Nicht eine Furche dieſer Wellen wird den Neugierigen oder Gleich⸗ gültigen die Stelle verrathen, wo zwei Körper in in⸗ niger Umarmung unter die Wellen geſunken⸗, wo zwei Seelen vereint in den ewigen Aether emporgeſtiegen find. Die Erde wird Nichts mehr von uns hören, als das Strudeln der ſich theilenden und über uns ſich ſchließenden Welle!... O, ſterben wir in dieſer Trunkenheit der Seele und der Natur, bei der wir vom Tode nur die Wolluſt koſten werden! Wenn wir ſpäter ſterben möchten, ſo werden wir vielleicht weniger glücklich ſterben! Ich bin einige Jahre älter als Du; dieſer jetzt unmerkliche Unterſchied wird ſich mit der Zeit fühlbarer machen. Die geringen Reize meines Geſichtes, die Dich verführt haben, werden frühzeitig welken und in Deinen Augen wird nur die Erinnerung bleiben und Du wirſt über Deine erloſchene Begeiſterung ſtaunen. Zudem kann ich Nichts als eine Seele für Dich ſein... Du aber wirſt das Bedürfniß eines andern Glückes empfinden... Die Eiferſucht wird mich tödten, wenn Du dieſes bei einer andern Frau findeſt... der Schmerz wird mich tödten, wenn ich Dich um meinetwillen un⸗ glücklich ſehe!... O, laß uns ſterben, laß uns ſter⸗ ben! Laß uns ſolch eine zweifelhafte oder trübe Zu⸗ kunft in dieſem letzten Seufzer erſticken, der wenigſtens auf unſern Lippen nur den unvermiſchten Geſchmack vollkommener Glückſeligkeit haben wird...“ Meine Seele ſagte mir im gleichen Augenblick und 105 eben ſo mächtig, was ihr Mund zu meinem Ohre, was ihr Antlitz zu meinen Augen, was die feierliche, ſtumme Natur in dem prachtvollen Trauergewand ihrer letzten Stunde zu allen meinen Sinnen ſprach. So ſagten mir denn die beiden Stimmen, deren eine ich von innen, die andere von außen vernahm, die nämlichen Worte, als ob eine dieſer Sprachen nur das Echo oder die Ueberſetzung der andern geweſen wäre. Ich vergaß das Weltall und antwortete ihr:—. „Laß uns ſterben!“ Ich ſchlang die Stricke der Fiſchernetze, welche ſich in der Barke vorfanden, achtmal gleich einem Sarg⸗ tuche um ihren und meinen Leib, die ſich eng um⸗ ſchlungen hielten. Dann hob ich ſie mit meinen Armen, die ich frei gelaſſen hatte, auf, um mich mit ihr in die Wellen zu ſtürzen... 1 In demſelben Augenblicke, wo der Anlauf, den ich mit meinen Füßen genommen hatte, uns auf ewig mit einander begraben ſollte, fühlte ich, wie ihr blaſſes Haupt mit der Schwerfälligkeit eines todten Körpers rückwärts über meine Achſel ſank und ihre Kniee ein⸗ brachen. Das Uebermaß der Gemüthsbewegungen, das Glück, mit einander zu ſterben, waren dem Tode ſelbſt zuvorgekommen. Sie war in meinen Armen ohnmächtig geworden. Ein plötzliches Grauſen erfaßte mich bei dem Ge⸗ danken, ihre Ohnmacht zu mißbrauchen, um ſie ohne ihr Vorwiſſen und vielleicht ohne ihren Willen mit in mein eigenes Grab zu reißen. Ich ſtürzte unter meiner Bürde auf den Boden der Barke hin und eilie, die uns umſchlingenden Stricke abzuwerfen. Dann legte ich ſie auf die Bank. Lange träufelte ich ihr von dem kalten Seewaſſer auf die Stirne und die Lippen. Ich weiß nicht, wie lange ſie ſo ohne Empfindung, ohne Farbe und ohne reden zu können, liegen blieb. Als ich wahrnahm, daß ſie die Augen wieder öffnete 106 und zum Leben zurückkehrte, brach die Nacht an und das unmerkliche Schwanken der Wellen hatte uns in den offenen See hinausgetrieben! „Gott hat es nicht zugegeben,“ ſagte ich zu ihr; „wir leben, und war, was uns ein Recht unſerer Liebe ſchien, nicht ein doppeltes Verbrechen? Gehören wir denn Niemand auf der Erde an?... auch Niemand im Himmel,“ fügte ich hinzu, indem ich ehrfurchts⸗ voll mit dem Auge und der Geberde nach dem Firma⸗ mente hinwies, als hätte ich dort den Richter und Herrn unſeres Schickſals geſehen. „Sprochen wir nicht mehr davon,“ ſagte ſie raſch und leiſe,„ſprechen wir nie mehr davon! Sie woll⸗ ten, daß ich lebe, ich werde leben; mein Verbrechen beſtand nicht darin, ſterben zu wollen, ſondern darin, Sie mitreißen zu wollen!“ 3 Es lag eine gewiſſe Bitterkeit und gleichſam ein zarter Vorwurf in ihrem Ton und Blicke.. „Hat der Himmel ſelbſt,“ ſagte ich zu ihr, ihre Gedanken beantwortend,„Stunden, wie die, welche wir ſo eben mit einander zugebracht haben? Das Leben bietet uns ſolche und das reicht für mich hin, es an⸗ zubeten.“ 3 Ihre Farbe und ihre Heiterkeit fanden ſich dieß⸗ mal ſchnell wieder ein. Ich ergriff die Ruder und lenkte das Fahrzeug nach der kleinen Sandbank zurück. Wir vernahmen ſchon von Weitem die Stimmen der Schiffer, welche unter der Felshöhlung ein Feuer an⸗ gezündet hatten. 1 In Träumereien verſunken, ließen wir uns über ben, Sre rudern und kehrten ſchweigend nach Hauſe 5 zurück. 2 —p ——.— 107 36. Als ich Abends in ihr Zimmer trat, fand ich ſie ganz in Thränen vor ihrem Tiſche ſitzen; mehrere ent⸗ ſtegelte Briefe lagen zerſtreut zwiſchen den Theetaſſen. „Wir hätten beſſer gethan, den plötzlichen Tod zu wählen; denn jetzt beginnt der lange Tod der Trennung für mich,“ ſagte ſie, indem ſie mit dem Finger auf die Briefe wies, welche das Poſtzeichen von Genf und Paris trugen. 4Jhr Gemahl ſchrieb ihr, daß ihre lange Abweſen⸗ heit in einer Jahreszeit, welche von einem Tage zum andern rauh werden könnte, ihn zu beunruhigen be⸗ ginne; daß er ſelbſt fühle, wie er von Monat zu Monat ſchwächer werde und ſie vor ſeinem Tode noch zu um⸗ armen und zu ſegnen wünſche. Seine wehmüthigen Bitten waren mit ganz väterlichen Zärtlichkeiten und heitern Anſpielungen auf den ſchönen jungen Bruder gewürzt, welcher ſie veranlaſſe, ihre andern Freund⸗ ſchaftsbande zu ſehr zu vergeſſen. Der andere Brief war von dem Arzte in Genf, welcher ſie abholen ſollte, um ſie nach Paris zurück⸗ zuführen. Er ſchrieb ihr, daß er genöthigt ſei, ſchleu⸗ nig zu einem deutſchen Fürſten zu reiſen, der ſeine Hülfe in Anſpruch nehme, und daß er ihr ſtatt ſeiner einen ehrenwerthen und zuverläſſigen Mann ſchicke, der ſte nach Paris begleiten und ihr unterwegs als Kam⸗ merdiener und Kurier dienen werde. Dieſer Mann war angekommen und die Abreiſe auf den zweitfolgenden Tag feſtgeſetzt. Dieſe wiewohl täglich vorhergeſehenen Nachrichten verſetzten uns in eine Beſtürzung, als wären ſie uns nie bevorgeſtanden. Wir brachten den langen Abend und faſt die Hälfte der Nacht ſchweigend, mit trockenen Augen, Eines dem Andern gegenüber auf das kleine Tiſchchen geſtützt, zu, wagten weder uns anzublicken, noch mit einander zu reden, aus Furcht, in Thränen zu zerfließen, und unterbrachen dieſe lange, ſtumme Todesqual unſerer Gedanken nur bisweilen durch einige unzuſammenhängende und zerſtreute Worte, die mit hohler, dumpfer Stimme ausgeſprochen wurden, Worte, die im Zimmer ertönten, wie Thränentropfen auf einem Sarge. Ich beſchloß ſogleich, ebenfalls abzureiſen. 87. Der folgende Tag war der Tag vor unſerer Tren⸗ nung. Als wollte er uns verhöhnen, erhob er ſich ſtralender und wärmer, als an den reinſten October⸗ morgen. Während man die Koffer packte und auf den Wagen lud, machten wir noch einen Spazierritt auf den von Führern begleiteten Maulthieren. Wir be⸗ gaben uns in das Thal und auf den Berg, um gleich⸗ ſam von jeder Station unſerer Liebe, von jedem Plätz⸗ chen, wo wir uns zuerſt geſehen, dann angetroffen hatten, wohin wir uns dann während unſers langen und göttlichen Umgangs mit dieſer einſamen Natur zuſammen begeben hatten, wo wir uns niedergeſetzt, unterhalten und geliebt hatten, Abſchied zu nehmen. Wir begannen mit Treſſerves, einem reizenden Hügel! Er erhebt ſich gleich einer langen, grünen Düne zwiſchen dem Thale von Air und den Seen. Seine nach den Seen hinliegenden, aus zackigen Felſen beſtehenden Soiten ſind mit Kaſtanienbäumen bedeckt, wie ſie in Sieilien nicht hübſcher gefunden werden. Ihre über den Abgrund gebreiteten Aeſte bilden einen Rahmen zu dem Himmel oder zu den blauen Stücken des Sees, je nachdem man von oben herab oder von unten hinauf ſieht. Auf den moosbewachſenen Wur⸗ zeln dieſer ſchönen Bäume, welche auf junge Männer und junge Frauen wie auf Ameiſen herabblicken, hatten ——— 10⁰9 wir in unſern beſchaulichen Stunden die meiſten Träume geſponnen! 3. Von hier aus ſtiegen wir einen ſteilen Abhang zu einem einſamen Schlößchen hinab, das man Bon⸗Port nennt. Dieſe alte Burg iſt von der Landſeite aus ſo ganz unter den Kaſtanienbäumen von Treſſerves und von der Seeſeite her in den tiefen Windungen einer vor den Wellen geſchützten Bucht verſteckt, daß man ſie kaum wahrnimmt, beſuche man nun den Hügel oder fahre man auf dem kleinen Meer von Bourget. Eine mit etlichen Feigenbäumen bedeckte Terraſſe trennt das Schlößchen von dem ſandigen Ufer, an welchem be⸗ ſtändig die blauen Zünglein der Wogen ſterben, ſchäu⸗ men, lecken und ſtammeln. O, wie beneideten wir die glücklichen Beſitzer dieſes von den Menſchen nicht ge⸗ ahnten, zwiſchen Bäumen und dem Waſſer verſteckten und nur den Seevögeln, dem Südwinde und der Sonne bekannten Neſtchens! Tauſendmal prieſen wir es um ſeiner Ruhe willen und wünſchten ihm, daß es Herzen wie die unſern beherbergen möchte! 38. Von Bon⸗Port aus gingen wir um den Hügel von Treſſerves herum, ſtiegen an ſeiner Nordſeite gegen die hohen Berge hinauf, welche das Thal von Chambery nach Genf beherrſchen, und beſuchten noch einmal ihre Hochebenen, ihre Weiden, die unter den Nußbäumen begrabenen Hütten aund die berasten Bergſpitzen, wo die Färſen blöcken. Ihre Schellen bimmeln bei jedem ihrer Schritte und thun den Hirten, welche ſie in der Ferne hüten, ihren Aufenthalt kund. Wir ſtiegen bis zu den letzten Sennhütten hinan. Hier hatte der eiſige Winterwind ſchon die Spitzen der Gräſer verdorrt. Wir erinnerten uns der herrlichen Stunden, die wir hier zugebracht, der Worte, welche wir 110 hier geſprochen, der Vorſtellungen von einem einſamen Leben in dieſen Hütten, die wir uns gemacht, der Seufzer, die wir hier den Winden und den Nebelhauben des Berges anvertraut hatten, um ſie gen Himmel zu tragen. Wir gedachten aller dieſer entflohenen Stunden der Seligkeit und des Friedens, aller dieſer Worte, aller dieſer Träume, all dieſes Treibens, aller dieſer Blicke, all dieſes Sehnens, wie man aus einem Hauſe, das man verläßt, das Köſtlichſte wegzieht. Im Geiſte begruben wir alle dieſe Schätze, alle dieſe Erinnerungen, alle dieſe Hoffnungen als ein anvertrautes Gut unſerer Seele in die hölzernen Wände dieſer bis zum Früh⸗ jahr geſchloſſenen Hütten, um ſie bei unſerer Rückkehr, wenn je eine ſolche ſtattfinden ſollte, unverſehrt wieder zu finden! 39. Ueber breite, holzbewachſene Hochebenen ſtiegen wir zu dem ſchäumenden Bette eines Waſſerfalles hinab. Hier hatte man einer ſchönen jungen Frau, einer Frau von Broe, ein kleines Denkmal errichtet. Von einem Waſſerwirbel fortgeriſſen, ſtürzte ſie vor einigen Jahren in die Schlucht, in deren Schaum erſt lange nachher. ihr weißes Kleid bemerkt und in Folge deſſen ihr Kör⸗ per gefunden wurde. Liebende kommen oft hieher und ſetzen ſich vor dieſes feuchte Grab hin. Ihre Herzen ziehen ſich zuſammen, ihre Arme ſchlingen ſich in ein⸗ ander, wenn ſie bedenken, daß ihre hinfällige Glück⸗ ſeligkeit von einem einzigen Fehltritt auf einem ſchlüpf⸗ rigen Stein abhängen kann!— Von dieſem Waſſerfalle aus, der den Namen Frau von Broc erhalten hat, ritten wir ſchweigend dem See zu. Von dem Schloſſe Saint⸗Innocent aus über⸗ ſteht man ihn ganz. Hier ſtiegen wir in einem hohen, lichten, von Haidekrautplätzen unterbrochenen und da⸗ 111 mals noch einſamen Eichwalde von unſern Maulthieren. Seitdem hat ein reicher, aus Indien zurückgekehrter Pflanzer in dieſem ſeinem väterlichen Gehäge ein hüb⸗ ſches Landhaus gebaut und Gärten angelegt. Wir ließen unſere abgezäumten Maulthiere im Walde unter der Obhut der uns begleitenden Jungen weiden und ſchritten allein von Baum zu Baum, von Lichtung zusLichtung bis an das äußerſte Ende dieſer Landzunge, wo wir den See ſchimmern und das Waſſer rauſchen hörten. Der Wald von Saint⸗Innocent iſt ein Vorgebirge, das ſich an dem melancholiſchſten und unbewohnteſten Theil ſeines Ufers weit in den See hinein erſtreckt. Es endigt in einigen grauen Granitfelſen, die beim Winde vom Schaume beſpritzt werden, aber trocken ſind und glänzen, wenn der Waſſerſpiegel ruhig iſt.„ Jedes von uns ſetzte ſich auf einen dieſer an ein⸗ ander ſtoßenden Steine. Uns gegenüber ſtieg auf der andern Seite des Sees die Abtei von Haute⸗Combe wie eine ſchwarze Pyramide empor. Wir hefteten unſere Blicke auf einen kleinen weißen Punkt, der am Fuße der düſtern Terraſſen des Kloſters im Sonnenſchein glänzte. Es war die Fiſcherhütte, in welche jene Welle uns Beide geworfen hatten, um uns durch den Zufall dieſes Zuſammentreffens auf ewig zu vereinen; dort war die Kammer, in welcher für uns jene traurige und zugleich göttliche Nacht dahingefloſſen war, welche über unſer beiderſeitiges Leben entſchieden hatte! „Dort!“ ſagte ſie zu mir, den Arm nach dem See ausſtreckend und mit dem Finger auf den leuchtenden Punkt deutend, der aus dem Dunkel des jenſeitigen Ufers hervortrat, bei der Entfernung aber kaum ſicht⸗ bar war. „Gibt es einen Ort und einen Tag,“ fügte ſie traurig hinzu,„wo die Erinnerung an das, was dort in unſterblichen Stunden zwiſchen uns vorgegangen iſt, in der Ferne Ihrer Zukunft Ihnen nur noch wie jener kleine Punkt auf dem dunkeln Grunde der jenſeitigen Küſte erſcheinen wird?“ Ich konnte nicht antworten, ſo hatten dieſer Ton, dieſer Zweifel, dieſe Ausſicht auf den Tod, auf Unbe⸗ ſtändigkeit, Vergänglichkeit, auf die Möglichkeit eines Vergeſſens mir das Herz gebrochen und die Seele mit dunkeln Ahnungen erfüllt. Ich zerfloß in Thränen, verbarg ſie aber unter meinen Fingern, indem ich mich abwandte, daß der mich anwehende Abendwind ſie trocknen konnte, ohne daß ſie dieſelben wahrnahm; allein ſie bemerkte ſie dennoch und fuhr zärtlicher wieder fort: „Nein, Raphael, Sie werden mich nie vergeſſen. Ich weiß es, ich fühle es; allein die Liebe iſt kurz und das Leben lang. Sie werden noch lange Jahre nach mir leben. Sie werden in der Natur koſten, was ſie Süßes, Kräftiges, Bitteres für die menſchlichen Lip⸗ pen hat. Sie werden Menſch ſein. Ich entnehme es aus Ihrer männlichen und zugleich weiblichen Em⸗ pfindſamkeit. Sie werden Menſch ſein in der ganzen Erbärmlichkeit und der ganzen Größe des Menſchen, mit welchem Namen Gott eines ſeiner ſeltſamſten Ge⸗ ſchöpfe bezeichnet hat! In einem einzigen Ihrer Athem⸗ züge liegt der Odem für tauſende von Leben! Sie wer⸗ den leben mit der ganzen Kraft und im ganzen Um⸗ fang des Wortes: Leben! Ich..“ Sie hielt einen Augenblick inne, hob die Augen zum Himmel auf, ſtreckte dann ihre Arme empor und ſenkte den Kopf, wie zu einem Dankgebet. „Ich, ich habe gelebt!... Ich habe genug ge⸗ lebt!“ hob ſie in zufriedenem Tone wieder an,„denn ich habe den Odem der einzigen Seele, die ich auf Er⸗ den erwartete, eingeathmet, um ihn auf immer in mir zu tragen; und dieſer Odem wird mich ſelbſt im Tode, von dem er mich ſchon einmal zurückgerufen hat, noch beleben. Ich werde jung ſterben und werde jetzt ohne Klage ſterben, denn ich habe aus einem Hauche jenes Leben geſchöpft, das Sie nicht ſchöpfen werden, Sie, 113 bevor dieſe ſchönen braunen Locken weiß geworden ſind, wie der Schaum, der Ihre Füße beſpritzt.... „Dieſer Himmel, dieſes Ufer, dieſer See, dieſe Berge waren der Schauplatz meines einzigen wahren Lebens hienieden. Schwören Sie mir, in Ihrem Ge⸗ dächtniß dieſen Himmel, dieſes Ufer, dieſen See, dieſe Berge mit der Erinnerung an mich ſo zu verſchmelzen, daß das Bild dieſes heiligen Ortes fortan in Ihnen mit meinem eigenen Bilde unzertrennlich iſt; daß dieſe Natur in Ihren Augen und ich in Ihrem Herzen nur Eines ſei!... damit,“ fügte ſie hinzu,„wenn Sie nach langer Zeit dieſe herrliche und prachtvolle Natur wieder beſuchen, unter dieſen Bäumen irren, ſich an das Ufer dieſer Wellen ſetzen, wenn Sie dieſes Rauſchen wieder hören und dieſe Lüfte wieder athmen, Sie mich ſo gegenwärtig, ſo lebendig, ſo liebend, wie jetzt, wie⸗ der vor Ihnen ſehen und hören!...“ Sie konnte nicht ausreden, denn auch ſie zerfloß in Thränen. O, wie weinten wir! Und wie lange weinten wir! Unſer durch unſere Hände erſticktes Schluch⸗ zen vermichte ſich mit dem Schluchzen des Waſſers auf dem Sande. Durch unſere Thränen hindurch ſchien der zu unſern Füßen ſchlummernde Waſſerſpiegel kleine Furchen zu haben. Noch fünfzehn Jahre ſpäter kann ich das nicht aufzeichnen, ohne zu ſchluchzen! — nſchen, ſeid Euerer Gefühle wegen ruhig und fürchtet nicht, daß ſie mit der Zeit ſchwinden. Es gibt in dem gewaltigen Widerhall des Gedächtniſſes weder ein Heute noch ein Morgen, ſondern nur ein Immer. Der, welcher nicht mehr fühlt, hat nie gefühlt! Es gibt zwei Gedächtniſſe: das Gedächtniß der Sinne, das mit den Sinnen altert und vergäng⸗ liche Dinge entſchwinden läßt; und das Gedächtniß der Seele, für das die Zeit nicht vorhanden iſt und das zugleich auf allen Punkten der Vergangenheit und der Gegenwart ſeines Daſeins wieder auflebt; eine Fähig⸗ keit der Seele, welche, wie die Seele ſelbſt, die All⸗ Lamartine, Raphael. 8 114 gegenwart und Unſterblichkeit des Geiſtes beſitzt! Be⸗ ruhigt Euch, Ihr, die Ihr liebt, die Zeit hat nur Macht über die Stunden, keine über die Seelen. 40. Ich verſuchte zu reden, vermochte es aber nicht. Mein Schluchzen ſprach für mich, meine Thränen ſchwuren. Wir ſtanden auf, um uns wieder zu den Maul⸗ thiertreibern zu geſellen. Bei Sonnenuntergang kamen wir durch die lange entblätterte Pappelallee, wo ſie an jenem Abend wäh⸗ rend unſers Zuges mit der Tragbahre meine Hand ſo lange gehalten hatte. Als wir durch die lange, aus Hütten beſtehende Vorſtadt, über den Platz und die Bergſtraße von Aix hinauf ritten, grüßten uns an den Fenſtern und auf den Schwellen der Hausthüren betrübte Geſichter, wie zarte Seelen noch zwei verſpäteten Schwalben nachwinken, welche als die letzten die Schieß⸗ ſcharten einer Stadtmauer verlaſſen. Die armen Wei⸗ ber erhoben ſich von der ſteinernen Bank vor ihren Häuſern, wo ſie ſpannen; die Kinder verließen ihre Ziegen und ihre Eſel, die ſie von den Wieſen heim⸗ trieben; Alle kamen, um der jungen Dame und Dem, den ſie für ihren Bruder hielten, noch entweder einen Blick zuzuwerfen oder ein Wort an ſie zu richten, oder ihnen eine ſtumme Verbeugung zu machen. Sie er⸗ ſchien Allen ſo ſchön, ſo anmuthig; ſie war von Allen ſo geliebt! Es war, als ſcheide der letzte Sonnenſtral des Jahres aus dem Thale. Als wir die Höhe der Stadt erreicht hatten, ſtie⸗ gen wir von unſern Maulthieren ab und verabſchiedeten die Jungen. Da wir keine Stunde dieſes letzten Tages verlieren wollten, der auf dem roſigen Schnee der Al⸗ pen noch nicht erloſch, ſo klommen wir langſam und 115 allein einen Hohlweg hinauf, der zu dem mit Terraſſen angelegten Garten eines hübſchen Hauſes führt, welches man das Ritterhaus nennt. Von ſeiner Terraſſe aus ſchweift der Blick frei über die Stadt, den See, die Rhoneſchluchten, die ſtufen⸗ weis hinanſteigenden Hochebenen, über die Firnen und die Gipfel der Alpenlandſchaft, von welcher dieſer Ort gleichſam eine in Mitte eines Panoramass erhöhte Platt⸗ form iſt. Stumm und unbeweglich blieben wir hier auf einem am Boden liegenden Baumſtamme ſitzen, die Ellbogen auf die Bruſtwehrmauer der Terraſſe geſtützt und ab⸗ wechſelnd oder auf einmal die verſchiedenen Stellen be⸗ trachtend, die wir ſeit ſechs Wochen mit unſern Blicken, unſern Schritten, unſern Geſprächen, unſern beiderſei⸗ tigen Träumen, unſern Seufzern erfüllt hatten. Als alle dieſe Stellen allmälig in der Dämmerung erloſchen waren und ſich in Dunkel getaucht hatten, als nur noch an einem Striche des weſtlichen Horizon⸗ tes ein leichter röthlicher Schein blieb, ſtanden wir Beide, ohne übereingekommen zu ſein, jählings auf und flohen, indem wir vergeblich noch einen Blick zu⸗ rückwarfen, als hätte eine unſichtbare Hand uns aus dieſem Eden vertrieben und grauſam hinter unſern Schritten dieſen ganzen Schauplatz unſers Glückes und unſerer Liebe auf ewig für uns abgeſchloſſen! 41. Wir kehrten nach Hauſe zurück und brachten einen trüben Abend zu, obwohl ich Julie in ihrem Wagen bis nach Lyon begleiten wollte. Als der Zeiger ihrer kleinen Pendeluhr auf Mitternacht wies, verließ ich ſie, damit ſie ſich bis am Morgen noch einiger Ruhe überlaſſen konnte. Sie begleitete mich bis zur Thürses ach öffnete 116 ſte, küßte die Hand, die ſie noch nach mir ausſtreckte, und ſagte: „Auf Wiederſehen morgen!“ Sie antwortete Nichts; aber als ich die Thüre hinter mir ſchloß, hörte ich, wie ſie ſchluchzend zwiſchen den Lippen murmelte: „Für uns gibt es kein Morgen mehr!“ Es gab zwar noch mehrere; aber ſie waren kurz und bitter, wie die letzten Tropfen eines geleerten Kelches. Um unſere von Schlafloſigkeit blaſſen und von Thränen gerötheten Augen nicht zu zeigen, reisten wir vor Tagesanbruch nach Chambery ab. Dort brachten wir den Tag in einem kleinen Wirthshauſe in der ita⸗ lieniſchen Vorſtadt zu. Dieſes Wirthshaus, deſſen höl⸗ zerne Galerien nach einem von einem kleinen Flüßchen durchſchnittenen Garten gingen, verſetzte nns noch einige Stunden in ſüße Täuſchung, indem es uns an die Ga⸗ lerien, die Einſamkeit und Stille unſerer Wohnung in Aix erinnerte. 42. Bevor wir Chambery und ſein liebes Thal ver⸗ ließen, wollten wir noch mit einander in Charmettes das kleine Haus Jean⸗Jacques Rouſſeau's und der Frau von Warens beſuchen. Eine Landſchaft erhält nur durch einen Mann oder eine Frau Bedeutung. Was iſt die Vaucluſe ohne Petrarca? Was iſt Sorrento ohne Taſſo? was Sici⸗ lien ohne Theokrit? was Paraclet ohne Heloiſe? was Annecy ohne Frau von Warens? was Chambery ohne Jean⸗Jaeques Rouſſeau? Ein Himmel ohne Stralen, Stimmen ohne Echo's, Orte ohne Seelen! Der Menſch beſeelt nicht nur den Menſchen, er beſeelt eine ganze Natur. Er nimmt eine Unſterblichkeit mit ſich in den Himmel und läßt eine andere an den durch ihn ge⸗ 117 weihten Orten zurück. Wenn man ſeine Spur ſucht, ſindet man ſie und tritt in wirklichen Verkehr mit ihm! Wir nahmen den Band der„Bekenntniſſe“ mit uns, in welchem der Dichter von Charmettes dieſen ländlichen Aufenthaltsort beſchreibt. Rouſſeau war, durch die erſten Schiffbrüche ſeines Schickſals hieher geworfen, von einer jungen, ſchönen und, wie er, ſchiffbrüchigen Abenteurerin aufgenommen worden. Dieſe Frau ſchien von der Natur eigens aus Tugenden und Schwächen, aus Empfindſamkeit und Ausgelaſſenheit, aus Fröm⸗ migkeit und Unabhängigkeit des Geiſtes zuſammengeſetzt zu ſein, um das Jünglingsalter dieſes ſeltſamen Genie's auszubräten, deſſen Seele einen Weiſen, einen Lieben⸗ den, einen Philoſophen, einen Geſetzgeber und einen Wahnſinnigen zugleich in ſich faßte. Bei einer andern Frau wäre vielleicht ein anderes Leben aufgeblüht. Man findet in einem Manne die erſte Frau, die er geliebt hat, vollſtändig wieder. Glücklich der, der Frau von Warens vor ihrer Entweihung angetroffen hätte! Sie war ein anbetungswürdiges Idol, aber dieſes Idol war befleckt worden. Sie ſelbſt zog die Verehrung, die eine neue und liebende Seele ihr widmete, in den Staub. Die Liebſchaft dieſes jungen Mannes und dieſer Frau iſt eine aus„Daphnis und Chloe“ geriſſene Seite, die auf dem Bett einer Buhlerin befleckt und beſchmutzt wieder gefunden wurde. SGleichviel! Es war die erſte Liebe oder der erſte Rauſch dieſes ſchönen, jungen Mannes. Der Ort, wo dieſe Liebe entſtand, die Laube, wo Rouſſeau ſeine erſten Geſtändniſſe ablegte, das Zimmer, wo er über ſeine erſte Regungen erröthete; der Hof, wo der Schü⸗ ler ſich rühmte, ſich zu den niedrigſten körperlichen Ar⸗ beiten herablaſſen zu wollen, um in ſeiner Beſchützerin ſeiner Geliebten zu dienen; die zerſtreuten Kaſtanien⸗ bäume, in deren Schatten ſie mit einander ſaßen, um über Gott zu ſprechen, und dieſe heitern theologiſchen Geſpraäͤche durch närriſches Gelächter und kindiſche Lieb⸗ koͤſungen unterbrachen; ihre beiden, durch dieſe Land⸗ 118 ſchaft ſo hübſch eingerahmten und in dieſer wilden, gleich ihnen eingeſchloſſenen, geheimnißvollen Natur ſo verſchmolzenen Geſtalten; Alles das hat für Dichter, Philoſophen und Liebende einen verborgenen, aber tie⸗ fen Reiz. Selbſt indem man ſich ihm überläßt, kann man ſich denſelben nicht erklären. Für Dichter iſt dieſer Ort die erſte Seite dieſer Seele, die ein Gedicht warz für Philoſophen iſt er die Wiege einer Revolution; für Liebende das Neſt einer erſten Liebe. 43. Unter Geſprächen über dieſe Liebe ſtiegen wir den felſigen Fußweg der Schlucht hinan, der nach Char⸗ mettes führt. Wir waren allein. Selbſt die Ziegen⸗ hirten hatten die dürren Grasplätze und die entblätter⸗ ten Hecken verlaſſen. Zwiſchen ſchnell dahinziehenden Wolken hindurch ſtahl ſich zuweilen ein glanzvoller Sonnenblick. Die in der Schlucht concentrirten Stra⸗ len ſchienen an ihren geſchützten Seiten um ſo wärmer. Die Rothkehlchen in den Gebüſchen hüpften faſt unter unſern Händen durch. Von Zeit zu Zeit ſtanden wir ſtill und ſetzten uns an den mittäglich gelegenen Gra⸗ ben des Fußweges, um eine oder zwei Seiten aus den „Bekenntniſſen“ zu leſen und uns an Ort und Stelle Alles recht zu vergegenwärtigen. Wir ſahen den jungen, faſt in Lumpen gekleideten Vagabunden an die Thüre von Annecy klopfen und auf dem öden Fußwege, der von dem Hauſe zur Kirche führte, erröthend ſein Empfehlungsſchreiben der ſchönen Klausnerin übergeben. Der junge Mann und die junge Klausnerin ſchwebten unſerm Geiſte ſo lebendig vor, daß uns war, als erwarteten ſie uns und ſollten wir ſie am Fenſter oder in den Gartenalleen von Char⸗ mettes ſehen. Dann ſetzten wir unſern Weg fort, um bald wieder ſtille zu ſtehen. Dieſer Ort zog uns an 119 als ein Ort, wo ſich die Liebe geoffenbart hatte, und war uns zugleich zuwider als ein ſolcher, wo ſie auch ent⸗ weiht worden war. Uns verſetzte er nicht in dieſe Ge⸗ fahr. Wir hätten ſie ewig ſo rein und ſo göͤttlich, wie wir ſie herbrachten, in unſern Seelen hinweg⸗ getragen.. „O,“ ſagte ich bei mir,„wenn ich Rouſſeau wäre, was hätte nicht dieſe andere Frau von Warens, die ſo viel höher ſteht, als die von Charmettes, als ich— nicht an Gefühl— ſondern an Geiſt hinter Rouſſeau zurück⸗ ſtehe, aus mir gemacht!“ Unter ſolchen Betrachtungen erklommen wir einen ſteilen, da und dort mit einigen alten Nußbäumen be⸗ pflanzten Grasplatz. Dieſe Bäume hatten auf ihren Wurzeln die beiden Liebenden ſpielen geſehen. Rechts trägt an der Stelle, wo die Schlucht ſich verengt, wie wenn ſie ſich völlig ſchließen wollte, eine Terraſſe von rohen, ſchlecht zuſammengefügten Steinen das Haus der Frau von Warens. Es iſt wie ein Würfel aus grauen Steinen, auf der Seite der Terraſſe mit einer Thüre und zwei Fenſtern und eben ſo viel gegen den Garten zu und enthält im obern Stock drei niedrige Zimmer und zu ebener Erde einen großen Sal ohne irgend ein an⸗- deres Mobiliar, als ein Portrait der Frau von Wa⸗ rens aus ihrer Jugend. Ihr anmuthiges Geſicht ſtralt durch den Staub der rauchigen Leinwand hindurch in Schönheit, Träumerei und Heiterkeit. Armes, reizendes Weib! Wenn ſie dieſes auf der Landſtraße irrende Kind nicht angetroffen, wenn ſie ihm nicht ihr Haus und ihr Herz geöffnet hätte, ſo würde dieſes gefühlvolle und leidende Genie im Staube erloſchen ſein. Dieſes Zuſammentreffen gleicht einem Zufall, es war jedoch die Vorherbeſtimmung dieſes großen Mannes, die ſich hier unter der Geſtalt einer erſten Geliebten zu erfüllen begann. Dieſe Frau ret⸗ tete ihn; ſie bildete ihn aus. In dieſer Einſamkeit begeiſterte ſie ihn für die Freiheit und die Liebe, wie die Huris des Orientes junge Seiden durch Wolluſt zum 120 Märtyrerthum vorbereiten. Sie brachte ihm ſeine träͤu⸗ meriſche Einbildungskraft, ſeine weibliche Seele, ſeinen zärtlichen Ton, ſeine Leidenſchaft für die Natur bei. Indem ſie ihm ihre träumeriſche Seele mittheilte, flößte ſie ihm Begeiſterung für Frauen, für junge Leute, für Liebende, für Arme, für die Bedrückten, für die Unglücklichen ſeines Jahrhunderts ein. Sie gab ihm die Welt und er war undankbar!... Sie verſchaffte ihm Ruhm und er vermachte ihr Schmach!... Die Nachwelt muß ihnen jedoch dankbar ſein und eine Schwäche verzeihen, die uns den Propheten der Freiheit ſchuf. Als Rouſſeau jene ſchmachvollen Seiten über ſeine Wohlthäterin ſchrieb, war er ſchon nicht mehr Rouſſeau, ſondern ein armer Wahnſinniger. Wer weiß, ob ſeine kranke und geſtörte Einbildungskraſt, die ihn dann in der Wohlthat Beſchimpfung, in der Freundſchaft Haß ſehen ließ, ihn nicht auch in der gefühlvollen Frau die Buhlerin und in der Liebe Cy⸗ nismus ſehen ließ? Ich vermuthete dieß immer. Ein vernünſtiger Mann kann unmöglich den Charakter, den Rouſſeau ſeiner Geliebten zutheilt, aus den wider⸗ ſprechenden Elementen, die er in dieſer Frauennatur vereinigt, mit Wahrſcheinlichkeit zuſammenſetzen. Eines dieſer Elemente ſchließt das andere aus. Wenn ſie Seele genug beſaß, um Rouſſeau anzubeten, ſo liebte ſte nicht auch Claude Annet zugleich. Wenn ſie Claude Annet und Rouſſeau beweinte, ſo liebte ſie den Per⸗ rückenmacherjungen nicht. Wenn ſie fromm war, ſo prahlte ſie nicht mit ihren Schwächen, ſondern beklagte ſte. Wenn ſie rührend, ſchön und leichtſinnig war, wie Rouſſeau ſie uns ſchildert, ſo mußte ſie ihre Be⸗ wunderer nicht unter Landſtreichern und auf den Straßen ſuchen. Wenn ſie ſich bei einem ſolchen Leben gottes⸗ fürchtig ſtellte, ſo war ſie ein berechnendes Weib und eine Heuchlerin. Wenn ſie eine Heuchlerin war, ſo „war ſie nicht die offenherzige, freimüthige und hinge⸗ bungsvolle Frau der„Bekenntniſſe“. Dieſes Bild iſt nicht richtig. Es iſt ein Kopf und ein Herz der Phan⸗ — — 121 taſte. Da ſteckt ein Geheimniß darunter. Vielleicht liegt es mehr in der irregegangenen Hand des Malers, als in der Natur der Frau, deren Züge er wiedergibt. Wir müſſen weder den Maler anklagen, der ſeine Ur⸗ theilskraft nicht mehr beſaß, noch an dieſe Zeichnung glauben, die ein anbetungswürdiges Geſchöpf, nachdem er es obenhin entworfen, verunſtaltet. Was mich betrifft, ſo habe ich nie geglaubt, daß Frau von Warens ſich in den verdächtigen Seiten aus Rouſſeau's Alter erkannt habe. Sie ſchwebte meiner Einbildungskraft ſtets vor, wie ſie in Annecy dem jun⸗ gen Dichter erſchien, ſchön, gefühlvoll, zärtlich, etwas leichtſinnig, obwohl wirklich fromm, verſchwenderiſch in Güte, nach Liebe dürſtend und glühend vor Verlan⸗ gen, bei ihrer Anhänglichkeit für dieſes Kind, das die Vorſehung ihr zuſchickte und ihr Bedürfniß, zu lieben, aufnahm, die ſüßen Namen einer Mutter und Geliebten zu verſchmelzen. Das iſt das wahre Bild, wie alte Leute von Chambery und Annecy es tauſendmal von ihren Eltern ſchildern hörten, ſagten ſie mir. Selbſt Rouſſeau's Seele legt Zeugniß gegen ſeine Beſchuldi⸗ gungen ab. Woher ſollte er ſeine erhabene und zärt⸗ liche Frömmigkeit, ſeine weibliche Melancholie des Her⸗ zens, ſeine feine und zarte Empfindſamkeit haben, wenn eine Frau ihm dieſelbe nicht mit ihrem Herzen geſchenkt hätte? Nein, die Frau, die einen ſolchen Mann ge⸗ ſchaffen hat, iſt keine unfläthige Buhlerin, ſondern eine gefallene, Heloiſe; aber eine Heloiſe, die in Liebe und nicht in Schande und Verdorbenheit fiel. Ich appellire von dem alten mürriſchen, die menſchliche Natur ver⸗ läumdenden Rouſſeau an den jungen und liebenden Rouſſeau; und was ich zuweilen träumend in Char⸗ mettes ſuche, das iſt Frau von Warens, die in meinen Augen und in meinem Herzen rührender und verführe⸗ riſcher iſt, als in denen des finſtern Greiſes. 8 44. Eine arme Frau zündete uns in dem Zimmer der Frau von Warens ein Feuer an. An die Beſuche von Fremden und ihre langen und ernſten Geſpräche über dieſen Schauplatz der erſten Jahre eines berühmten Mannes gewöhnt, ſetzte die Gärtnerin, ohne uns weiter zu beachten, ihre Beſchäftigungen in der Küche und im Hoſe fort. Sie ließ uns ungeſtört uns wärmen oder nach Gefallen den Garten, den Sal und die übrigen Zimmer durchſtreifen. Der Garten, von der Sonne beſchienen und von einer kleinen Mauer umgeben, die ihn von einem Wein⸗ berge trennt, war ſeiner Gemüſe und jeder Zierde be⸗ raubt, mit Wucherpflanzen, Malven und Brennneſſeln überwachſen und glich jenen Dorfkirchhöfen, auf welchen an Winterſonntagen die Bauern, an die Kirchenmauer gelehnt, auf den Gräbern in der Sonne ſtehen, um ſich zu wärmen. Die ehemals ſandigen, jetzt mit feuch⸗ ter Erde und gelbem Moos überzogenen Alleen zeigten hinlänglich die Vernachläſſigung, in welche das Land⸗ gut durch die Abweſenheit ſeiner Eigenthümer gerieth. O, wie hätten wir gewünſcht, irgendwo eine Fußſtapfe der Frau von Warens aus jener Zeit zu entdecken, wo ſie mit Körben in der Hand von Baum zu Baum, von Weinſtock zu Weinſtock ging, um im Baumgarten Bir⸗ nen oder im Weinberge Trauben zu brechen, oder wo ſie mit dem Zögling oder dem Beichtvater Muthwillen trieb! Allein ſelbſt in ihrem Hauſe iſt keine andere Spur mehr von ihnen übrig, als ſie ſelbſt! Ihr Name, ihr Andenken, ihr Bild, die Sonne, die ſie geſehen, die Luft, die ſie geathmet haben und die noch ſtralend von ihrer Jugend, lau von ihrem Athem, ſonor von ihrer Stimme ſcheint, umgeben uns mit dem nämlichen Licht, der nämlichen Atmoſphäre, den nämlichen Träͤu⸗ men und dem nämlichen Geräuſch, die ihrem Frühling den Zauber verliehen! 123 Aus Julie's Sammlung, ihrer nachdenklichen Phy⸗ ſionomie und ihrem Schweigen nahm ich ab, daß dieſes Heiligthum der Liebe und des Geiſtes keinen geringern Eindruck auf ſie mache, als auf mich. Sie floh mich ſogar auf Augenblicke, um mit ihren Ge⸗ danken allein zu ſein, als hätte ſte gefürchtet, mir alle mitzutheilen, kehrte bald, um ſich zu wärmen, in's Haus zurück, während ich im Garten war, ging bald in den Garten und ſetzte ſich auf die ſteinerne Bank in der Laube, wenn ich mich beim Feuer zu ihr geſellte. Zuletzt ſuchte ich ſie in der Laube auf; die letzten gelben, am Gelaͤnder herumflatternden Blätter hingen zum Ab⸗ fallen bereit an ihren Ranken und ließen ſich von der Lnne beſcheinen und gleichſam mit ihren Stralen be⸗ leiden. „Woran wollen Sie denn denken ohne mich?“ ſagte ich im Tone eines zärtlichen Vorwurfs zu ihr.„Denke ich je allein, ich?“ „Ach!“ ſagte ſie,„Sie werden mir nicht glauben; allein ich dachte, ich möchte nur einen einzigen Som⸗ mer hindurch für Sie Frau von Warens ſein, und müßte, wie bei ihr, der Reſt meiner Tage in Verlaſſen⸗ heit hinfließen und mein Andenken mit Schmach befleckt werden!... und ſollten Sie auch ein Undankbarer und ein Verläumder ſein, wie Rouſſeau!... „Wie glücklich ſie iſt!“ fuhr ſie mit einem zum Himmel gerichteten Blicke fort, als ob ſie das Bild der ſeltſamen Frau, die ſie beneidete, dort geſucht und wahrgenommen haͤtte;„wie glücklich ſte iſt; ſie hat ſich für Den, den ſie liebte, opfern können!“ „O, welche Undankbarkeit und Entweihung Ihrer ſelbſt und unſers Glückes!“ antwortete ich, ſie lang⸗ ſamen Schrittes über das unter unſern Füßen raſchelnde, dürre Laub nach dem Hauſe zurückführend.„Habe ich Ihnen denn durch ein einziges Wort, durch einen ein⸗ zigen Blick, durch einen einzigen Seufzer gezeigt, daß meiner bittern, aber vollkommenen Seligkeit Etwas mangle? Kann denn Ihre engelgleiche Einbildungs⸗ . 124 kraft ſich nicht einen andern Rouſſeau— wenn die Natur deren zwei geſchaffen hätte— und eine andere Frau von Warens denken? Eine junge, jungfräuliche, reine Frau von Warens, einen Engel, eine ſolche, die Geliebte und Schweſter zugleich iſt, die ſtatt ihrer ver⸗ gänglichen Neize ihre ganze Seele, ihre unverletzliche unſterbliche Seele hingibt, ſie einem jungen, verirrten, verlorenen und wieder gefundenen Bruder gibt, der auch, wie der Sohn des Uhrenmachers, in dieſer Welt umherirrt? Eine Frau von Warens, welche dieſem Bru⸗ der ſtatt ihres Hauſes und ihres Gartens den leuch⸗ tenden Heerd ihrer Zärtlichkeiten öffnet, ihn in ihren Stralen reinigt, mit dem Waſſer ihrer Thränen ſeine erſten Flecken abwäſcht, ihm auf immer jede andere Wolluſt als die einer Betrachtung und eines inner⸗ lichen Beſitzes verleidet, ihn lehrt, ſelbſt in ſeinen Ent⸗ behrungen Genuß zu finden, die tauſendmal über jenen ſinnlichen Befriedigungen ſtehen, welchedas Thier mit dem Menſchen theilt; die ihm mit dem Lichte der ihn hütenden Blicke ſeine Lebensbahn vorzeichnet, die ihn zu Ruhm und Tugend anſpornt und ihn für das Opfer belohnt durch den Gedanken, daß Ruhm, Tugend, Opfer, Alles ihm im Herzen einer Geliebten angerechnet wird, daß Alles ihre Liebe ſteigert, ihre Erkenntlichkeit ver⸗ mehrt und Alles ſich zu dem Schatze von Zärtlichkeit hinzugeſellt, der ſich hienieden füllt und erſt im Him⸗ mel ſich öffnen wird?..“ Nichtsdeſtoweniger ſank ich während dieſer Worte vernichtet und das Geſicht mit den Händen verhüllt, auf einen an der Wand ſtehenden Stuhl unweit dem ihrigen. Lange blieb ich dann ſo, ohne Etwas zu ſprechen, bis ſie zuletzt ſagte: „Wir wollen gehen, mich friert; dieſer Ort bekommt uns nicht gut!“ Wir gaben der guten Alten ein Trinkgeld und kehrten langſam nach Chambery zurück. — 125 45. i Am folgenden Tage wollte Julie nach Lyon ab⸗ reiſen. Ludwig e beſuchte uns Abends in unſerm Wirths⸗ hauſe. Ich überredete ihn, mit mir zu reiſen, um einige Wochen in meinem väterlichen Hauſe zuzubringen, welches an der Straße von Lyon nach Paris lag. Wir gingen mit einander aus und ſuchten bei den Sattlern von Chambery eine kleine, offene Ka⸗ leſche zu miethen, in welcher wir dem Wagen meiner Freundin bis zu der Stadt, wo wir uns trennen mußten, mit Poſtpferden folgen konnten. Wir fanden, was wir ſuchten.. Vor Tagesanbruch befanden wir uns ſchon auf dem Wege und jagten ſchweigend durch die gewundenen Schluchten Savoyens, welche ſich bei der Brücke von Beauvoiſin auf die ſteinigen und einförmigen Ebenen der Dauphiné öffnen. Bei jedem Pferdewechſel ſtiegen wir aus, um uns an den Schlag des vorderen Wagens zu verfügen und uns nach der Geſundheit der armen Kranken zu erkundigen. Ach, jeder Umſchwung des Wagenrades, der ſie von der Lebensquelle entfernte, die ſie in Savoyen gefunden hatte, ſchien ihr die Farbe zu benehmen und ihren Augen und ihren Zügen jenes Schmachten und jenes heimlich wühlende Fieber wieder zu bringen, die, als ich ſie zum erſtenmale ſah, mich wie die Schönheit des Todes ergriffen. Das Heran⸗ nahen des Augenblicks, wo wir ſie verlaſſen mußten, preßte ihr ſichtbar das Herz zuſammen. Zwiſchen la Tour du Pin und Lyon beſtiegen wir, um ſie zu zerſtreuen, für einige Stunden ihren Wagen. Ich bat ſie, meinem Freunde die Romanze des ſchotti⸗ ſchen Matroſen zu ſingen. Sie that es, um mir zu willfahren. Allein bei der zweiten Strophe, welche die Abreiſe der beiden Liebenden erzählt, ward ſie durch die Aehnlichkeit unſerer Lage mit der verzweiflungs⸗ 126 vollen Traurigkeit der Melodie der Ballade ſo bewegt, daß ſie mit uns in Thränen zerfloß. Sie warf einen ſchwarzen Shawl, den ſie an dieſem Tage trug, wie einen Schleier über ihr Geſicht. Ich ſah ſie lange unter dem Shawl ſchluchzen. Bei dem letzten Pferde⸗ wechſel fiel ſie in eine Ohnmacht, welche dauerte, bis wir an der Thüre eines Gaſthofes in Lyon ausſtiegen. Wir waren ihrer Kammerfrau behülflich, ſie auf ein Bett zu tragen. Im Laufe des Abends erholte ſie ſich und am folgenden Tage ſetzten wir unſere Reiſe bis Macon fort. 46. Hier mußten wir uns ganz trennen. Mein Freund und ich ertheilten ihrem Kuriere Verhaltungsbefehle. Aus Furcht, ihr Uebel zu verſchlimmern, wenn dieſe ſchmerzlichen Gemüthsbewegungen noch lange andauern würden, beſchleunigten wir den Abſchied, wie man eine Wunde ſchnell aufreißt, um das Schmerzgeſchrei nicht lange zu hören. Mein Freund reiste auf das Landgut meines Vaters ab, wohin ich ihm am nächſten Tage folgen ſollte. Ludwig war indeß kaum abgereist, ſo fühlte ich mich außer Stande, mein ihm gegebenes Wort zu halten. Der Gedanke, Julie in Thraͤnen eine lange Winter⸗ reiſe bloß mit zwei Bedienten fortſetzen zu laſſen, ohne zu wiſſen, ob ſie nicht in irgend einem Wirthshauſe einſam und krank liegen bliebe und, vergeblich nach mir rufend, ſtürbe, ließ mir keine Ruhe. Ich hatte kein Geld mehr. Der gute Greis, der mir die erforderlichen fünfundzwanzig Louisd'or ge⸗ liehen hätte, war während meiner Abweſenheit ge⸗ ſtorben. Ich nahm meine Uhr, eine goldene Kette, die ich drei Jahre früher von einer Freundin meiner Mutter erhalten hatte, einige Kleinodien, meine Epau⸗ letten, meinen Säbel, die ſilbernen Treſſen meiner Uni⸗ * 3 127 form, verſteckte Alles unter meinen Mantel und ging zu dem Juwelier meiner Mutter, der mir für den ganzen Plunder fünfunddreißig Louisd'or gab. Von da eilte ich in den Gaſthof, wo Julie über⸗ nachtete, und ließ ihren Kurier rufen. Dieſem ſagte ich, daß ich von Weitem den Wagen bis an die Thore von Paris begleiten werde, jedoch nicht wolle, daß ſeine Gebieterin mich bemerke, aus Furcht, ſie möchte ſich dieſem Vorſatze aus Rückſicht für mich widerſetzen. Er mußte mir die Namen der Städte und der Gaſthöfe nennen, wo er unterwegs zu halten und auszuruhen gedachte, damit ich in denſelben Städten halten, jedoch in andern Gaſthöfen abſteigen konnte. Für ſeine Ver⸗ ſchwiegenheit belohnte ich ihn zum Voraus freigebig. Ich eilte auf die Poſt, beſtellte Pferde und reiste iuefchälbs Stunde nach dem Wagen ab, dem ich folgen ollte. 47. Kein unvorhergeſehenes Hinderniß ſtellte ſich der geheimen Beaufſichtigung in den Weg, die ich unſicht⸗ bar über das Schickſal, das ich begleitete, üben wollte. Der Kurier benachrichtigte insgeheim die Poſtillione von der nahen Ankunft einer zweiten Kaleſche und be⸗ ſtellte zwei Pferde für ſie. Auf jeder Station fand ich das Geſpann ſchon in Bereitſchaft. Ich fuhr lang⸗ ſamer oder ſchneller, je nachdem ich mich näher oder entfernter von dem erſten Wagen halten wollte. Bei den Poſtillionen erkundigte ich mich nach der Geſund⸗ der jungen Dame, die ſie vor mir geführt hatten. Von Hügeln herab erblickte ich in einiger Entfernung den im Nebel oder Sonnenſchein dahinfahrenden Wa⸗ gen, der mein Glück mit forttrug. In Gedanken holte ich die Pferde ein, ſtürzte mich in die Kutſche, betrach⸗ tete die ſchlafende und von mir träumende oder die wachende Julie, welche unſere ſchönen dahingefloſſenen 8 4 128 Tage beweinte. Wenn ich die Augen ſchloß, um ſie deutlicher vor meiner Seele zu ſehen, glaubte ich ihr Athemholen zu hören. Jetzt vermag ich kaum zu begreifen, wie ich Macht genug üͤber mich ſelbſt beſaß, während einer Reiſe von hundert und zwanzig Stunden dem innern Drange zus widerſtehen, der mich unabläſſig jenem Wagen nach⸗ trieb, dem ich nacheilte, ohne ihn erreichen zu wollen, und in welchem meine ganze Seele eingeſchloſſen war, während mein Körper allein, unempfindlich für den Schnee den eiſigen Regen und die Fröſte durch die Stöße des Fuhrwerks wie ein Ball umhergeworfen ward, ohne Etwas von ſeinen Leiden zu merken. Die Befürchtung jedoch, Julien eine unerwartete Gemüths⸗ bewegung, die ihr ſchädlich ſein könnte, zu verurſachen und eine herzzerreißende Abſchiedsſcene zu erneuern, wie auch der Gedanke, auf ſolche Weiſe gleich einer liebenden Vorſehung mit engelgleicher Uneigennützigkeit über ihre Sicherheit zu wachen, feſſelte mich an meinen Entſchluß. Das erſte Mal ſtieg ſie in dem erſten Gaſthofe von Autun ab und ich in einem unweit gelegenen Wirthshauſe der Vorſtadt. Vor Tagesanbruch rollten die beiden Gefährte ſchon wieder auf der wellenförmigen und weißen Linie hin, welche die Straße durch die grauen Steppen und die aus den Druidenzeiten ſtam⸗ menden Eichwälder von Hoch⸗Burgund zeichnet. In dem Städtchen Avallon hielten wir von Neuem an; ſie ſtieg am Mittelpunkt, ich am Ende der Stadt ab. Am folgenden Tage fuhren wir Sens zu. Um die dürren Hochebenen von Lucy⸗le⸗Bois und Vermanton herum ſiel der vom Nordwind zuſammengewirbelte Schnee in großen, wäſſerigen Flocken auf die Berge und die Straße und dämpfte das Geraſſel der Räder. Man ſah bei dieſem Schneegeſtöber rundum kaum einige Schritte vor ſich hin und weder das Gehör noch das Auge konnte mehr die Entfernung der beiden Kaleſchen von einander bemeſſen. 129 Plötzlich gewahrte ich hart vor dem Kopfe meiner Pferde Julie's Wagen, der mitten auf der Straße hielt. Der Kurier war von ſeinem Sitze herabgeſtiegen, ſtand auf dem Wagentritte und rang jammernd die Hände. Ich ſprang aus meinem Gefährte, eilte im erſten Schrecken, der größer war, als meine Klugheit, an den Wagenſchlag und ſtürzte in den Wagen, wo die Kam⸗ merfrau bemüht war, ihre Gebieterin aus einer durch die Ermüdung und den Orkan, vielleicht auch durch die Aufregung ihres Herzens hervorgerufenen Ohn⸗ macht in's Leben zurückzurufen. Was ich empfand, als ich dieſes angebetete Haupt eine lange Stunde der Bewußtloſigkeit in meinen Ar⸗ men hielt, wünſchend und zitternd zugleich, ſie möchte meine Stimme hören und erkennen und dieſe ſie in's Leben zurückrufen, während der Kurier in entfernten Hütten warmes Waſſer holte und die Kammerfrau die auf ihren Knieen ruhenden erſtarrten Füße ihrer Ge⸗ bieterin mit ihren Händen rieb und in ihren Schooß drückte; das kann Niemand weder begreifen noch aus⸗ ſprechen, der wenigſtens an ſeinem Herzen nicht auf ſolche Weiſe Tod und Leben mit einander ringen fühlte! „Zuletzt brachten dieſe zärtlichen Bemühungen, die Wirkung der mit warmem Waſſer gefüllten Krüge, welche der Kurier herbeigebracht hatte, die meiner Hände auf ihre Hände, meines Athems auf ihre Stirne Wärme in die Glieder zurück. Die Farbe, die wieder auf ihre Wangen trat, und ein ſchwacher und langer Seufzer, der ihren Lippen entglitt, kündigten mir das Erwachen aus ihrer Ohnmacht an. Ich ſprang aus dem Wagen, um nicht erkannt zu werden, wenn ſie die Augen öffnen würde, und blieb, das Geſicht in meinen Mantel gehüllt, einen Augenblick neben den hintern Rädern ſtehen. Den Bedienten an⸗ empfahl ich, mein Erſcheinen zu verſchweigen. Sie bedeuteten mir durch Zeichen, daß die Reiſende wieder vollends zu ſich komme. Ich hörte, wie ihre Stimme Lamartine, Raphael. 9 130 behn Erwachen wie in einem Traume die Worte ſtam⸗ melte: „O,, wenn Raphael da wäre! Ich glaubte, es ſei Raphael?“ Ich eilte in mein Gefährt zurück. Die Pferde wurden angetrieben und bald trennte uns wieder eine große Strecke. Abends begab ich mich in Sens in den Gaſthof, in welchem ſie abgeſtiegen war, und erkun⸗ digte mich nach ihrem Zuſtande. Der Kurier ver⸗ ſicherte mich, daß ſie ſich wieder beſſer befinde und ruhig ſchlafe. Ich folgte noch ihrer Spur bis Froſſard, einer Station in der Nähe des Städtchens Mactereau. Hier theilt ſich die Straße von Sens nach Paris in zwei Wege, deren einer über Fontainebleau, der andere über Melun führt. Da der letztere einige Stunden kürzer iſt, ſo wählte ich dieſen, um einige Augenblicke vor Julie in Paris anzukommen und ſie an der Thüre ihrer Wohnung ausſteigen zu ſehen. Ich gab den Po⸗ ſtillionen doppelte Trinkgelder und kam lange vor Ein⸗ bruch der Nacht in dem Gaſthofe an, in welchem ich in Paris einzukehren pflegte. Bei Anbruch der Nacht begab ich mich auf einen der Kai's und ſtellte mich Julie's Hauſe gegenüber auf, welches ſie mir ſo oft beſchrieben hatte und das ich erkannte, als hätte ich meiner Lebtage darin ge⸗ wohnt. Durch die Scheiben ſah ich im Innern deſſelben jene beweglichen Schatten, die man in einem Hauſe, wo ein ungewohnter Gaſt erwartet wird, kommen und gehen ſieht. An der Decke ihres Zimmers bemerkte ich den Widerſchein des im Kamine angezündeten Feuers. Die Geſtalt eines alten Herrn näherte ſich mehrmals einem Fenſter und ſchien über den Kai hin zu blicken und auf jedes Geräuſch zu horchen. Das war ihr Ge⸗ mahl, ihr Vater. Das Hausgeſinde hielt die Haus⸗ thüre offen und von Zeit zu Zeit überſchritt Einer die. Schwelle, um ebenfalls nachzuſehen und zu horchen. Eine durch den ſtürmiſchen Decemberwind geſchaukelte 131 Laterne warf zuweilen einen blaſſen Schein auf das Pflaſter vor der Thüre und entzog ihm denſelben eben ſo raſch wieder. Endlich raſſelte aus einer der umliegenden Straßen eine Poſtchaiſe auf den Kai hin und hielt unter den Fenſtern des Häuſes. Ich eilte hin und ſtellte mich unter der Thüre des Nachbarhauſes in den Schatten einer Säule. Ich ſah, wie die Bedienten auf den Kutſchenſchlag zuſtürzten. Ich ſah, wie Julie von den Armen des alten Herrn herausgehoben wurde und wie er ſie gleich einem Vater umarmte, der ſein Kind nach langer Abweſenheit küßt. Mühſelig und von dem Haus⸗ verwalter unterſtützt, ſtieg er dann wieder die Treppe hinauf. Der Wagen ward abgevackt. Der Poſtillion fuhr ab, um ihn in einer andern Straße unter Dach zu bringen; die Thüre ward geſchloſſen. Ich nahm meinen Platz an der Bruſtwehr des Fluſſes wieder ein. . . 48. Von hier aus betrachtete ich lange die durch Lichter erhellten Fenſter von Julie's Haus. Ich ſuchte wahr⸗ zunehmen, was im Innern vorging. Ich ſah die ge⸗ wöhnliche Bewegung von Leuten, welche bei Ankunft eines Gaſtes beſchaͤftigt ſind, Koffer umherzutragen, Päcke aufzumachen und das Mobiliar in Ordnung zu bringen. Als die Bewegung ſich gelegt hatte, die Lichter nicht mehr von einem Zimmer in’s andere gingen und das Zimmer des alten Herrn im erſten Stockwerk jetzt durch den matten Schein einer Nachtlampe erleuchtet ward, nahm ich durch die Scheiben des Halbgeſchoſſes hindurch die ſchlanke und zarte Geſtalt Julie's wahr, deren Schatten ſich einen Augenblick unbeweglich auf den weißen Vorhängen abzeichnete. Sie blieb einige Zeit in dieſer Haltung; dann ſah ich, mie ſie trotz der Xℳ 132 Kälte das Fenſter öffnete, einen Augenblick nach der Seine hinüberſchaute, wo ich ſtand, als wären ihre Augen durch eine übernatürliche Offenbarung der Liebe auf mich gezogen worden, dann ſich von dieſer Stelle abwandte und lange einen nach Norden liegenden Stern betrachtete, den wir oft mit einander anzuſchauen pfleg⸗ ten. Wir hatten uns gegenſeitig verſprochen, ihn ferne von einander oft anzuſehen, um gleichſam unſern Seelen in der unzugänglichen Einſamkeit des Firmamentes ein Stelldichein zu geben. Ich fühlte dieſen Blick, er brannte anf meinem Herzen, wie eine feurige Kohle. Ich ahnte, daß unſere Seelen ſich in dem gleichen Gedanken vereinigten. Dahin waren meine Vorſätze. Ich ſtürzte über den Kai, näherte mich ihrem Fenſter und wollte ihr ein Wort zurufen, aus dem ſte erkennen ſollte, daß ihr Bruder zu ihren Füßen liege. In demſelben Augen⸗ blicke ſchloß ſie ihr Fenſter wieder. Mein Ruf ging in dem Wagengeraſſel verloren. Das Licht im Halbgeſchoſſe erloſch. Regungslos blieb ich mitten auf dem Kai ſtehen. Eine Uhr in einem der umliegenden Gebäude ſchlug langſam Mitternacht. Ich trat an die Hausthüre hin und küßte ſie convul⸗ ſiviſch, ohne daß ich anzuklopfen wagte. Ich knieete auf der Schwelle nieder und bat den Stein, mir das höchſte Gut zu erhalten, das ich ſo eben zurückgebracht und den Mauern ſeines Hauſes anvertraut hatte, und entfernte mich. 49. Am folgenden Tage reiste ich wieder von Paris ab, ohne einen einzigen von meinen Freunden, die ſich gerade dort aufhielten, geſehen zu haben; ich war innerlich froh, Niemand außer ihr einen einzigen Blick, ein einziges Wort, einen einzigen Schritt gewidmet 133 zu haben. Die übrige Welt war für mich ſchon nicht mehr vorhanden. Bevor ich jedoch abreiste, warf ich ein von Paris aus datirtes und an Julie adreſſirtes Briefchen auf die Stadtpoſt. Sie mußte es bei ihrem Erwachen em⸗ pfangen. Es enthielt nur folgende Worte: „Ich bin Ihnen nachgefolgt und habe unſichtbar über Sie gewacht. Ich vermochte nicht, Sie zu ver⸗ laſſen, bevor ich Sie unter der Obhut Ihrer Lieben wußte. Als Sie geſtern um Mitternacht das Fenſter öffneten und ſeufzend nach dem Sterne ſchauten, war ich da! Sie hätten meine Stimme hören können. Wenn Sie dieſe Zeilen leſen, werde ich ſchon weit weg ſein.“ 50. Ich reiste Tag und Nacht in einer ſolchen Gedan⸗ kenbetäubung, daß ich weder Hunger, noch die Kälte noch die Entfernung ſpürte und in Merr ankam, als ob ich aus einem Traum erwachte, und faſt ohne mich zu erinnern, daß ich in Paris war. Hier fand ich meinen Freund Ludwig**, der mich in dem kleinen Landhauſe meines Vaters erwar⸗ tete. Seine Anweſenheit war mir höͤchſt angenehm. Ich konnte wenigſtens mit ihm von Der ſprechen, die er ſo ſehr, wie ich, bewunderte. 9 Wir ſchliefen im nämlichen Zimmer und brachten einen Theil unſerer Nächte in Geſprächen über dieſe göttliche Erſcheinung zu, die ihn nicht weniger als mich geblendet hatte. Er betrachtete ſie als eine jener phantaſtiſchen Täuſchungen, als eine jener Frauen, die größer ſind, als die Natur, wie Dante's Beatrice, Taſſo's Eleonore, Petrarca's Laura oder die Vittoria Colonna, eine Dichterin, Liebende und Heldin zugleich; ſämmtlich Gebilde, welche über die Erde wandeln, faſt ohne ſie zu berühren und ſich auf ihr aufhalten, einzig um die Blicke einiger von der Liebe bevorrechteter Männer zu beſtricken, ihre Seele zu unſterblicher Sehn⸗ ſucht zu verleiten und das sursum corda einer feurigen Einbildungskraft zu ſein. Was Ludwig betraf, ſo wagte er nicht, ſeine Liebe ſeiner Begeiſterung gleichkommen zu laſſen. Sein zartes, krankhaftes und früh verwundetes Herz war damals von dem rührenden Bilde einer armen und frommen Waiſe in ſeiner Familie erfüllt. Er hätte ſich glück⸗ lich gefühlt, ſie heiraten und in Dunkelheit und Frieden in einem Häuschen in der Gegend von Chambery mit ihr leben zu können. Die Beſitzloſigkeit der beiden armen Liebenden hielt ſie innerhalb der Gränzen einer wehmü⸗ thigen und zärtlichen Freundſchaft zurück aus Furcht, ihren Familennamen in Dürftigkeit fortzuſchleppen und Kindern nur Armuth zu hinterlaſſen. Das junge Mäd⸗ chen ſtarb nach einigen Jahren aus Muthloſigkeit und Einſamkeit. Sie war eine der lieblichſten Geſtalten, die ich je aus Mangel an einigen Stralen von Glück er⸗ löſchen ſah. Ihr Antlitz, in welchem man noch den Reſt einer blühenden Jugend, gleicherweiſe zum, Wie⸗ deraufblühen oder zum Erlöſchen bereit, wahrnahm, war der anmuthigſte und erhabenſte Ausdruck jener Tugend des Unglücks, die man Ergebung nennt. Sie erblindete von heimlichem Weinen während der langen Jahre ihres Harrens und ihrer Ungewißheit. Auf einer Rückreiſe aus Italien traf ich ſie einſt an. Sie ward von einer ihrer kleinen Schweſtern durch die Straßen von Chambery geführt. Als ſie meine Stimme hörte, wurde ſie bleich und ſuchte taſtend einen Gegen⸗ ſtand, an dem ſie ſich halten konnte. „Verzeihung,“ ſagte ſie zu mir,„ach, wenn ich früher dieſe Stimme hörte, ſo hörte ich ſtets noch eine andere bei ihr....“ Das arme Mädchen! Sie hört jetzt im Himmel die Stimme ihres Geliebten. 135 51. Wie lang kamen mir die beiden Monate vor, die ich fern von Julie in meinem väterlichen Hauſe auf dem Lande oder in der Stadt zubringen mußte, bis ich mich wieder zu ihr nach Paris begeben konnte! Ich hatte in den drei oder vier verfloſſenen Monaten das Jahrgeld, das mir mein Vater gab, die geheimen Un⸗ terſtützungen meiner zärtlichen Mutter und die Börſe meiner Freunde erſchöpft, um die Schulden zu bezahlen, in welche mich die Verſchwendung, das Spiel und Reiſen geſtürzt hatten. Ich beſaß kein Mittel, mir die kleine nothwendige Summe zu verſchaffen, um nach Paris gehen und dort auch nur in Zurückgezogenheit und mit Einſchränkungen zu leben. Ich mußte den Januar, die Verfallzeit eines Penſionsquartals meines Vaters abwarten, zu welchem Zeitpunkt auch ein reicher, aber ſtrenger Oheim und gute alte, wiewohl vorſich⸗ tige Tanten mir kleine Geſchenke zu machen pflegten. Mittelſt aller dieſer Hülfsquellen hoffte ich eine Summe von ſechs⸗ bis achthundert Franken zuſammen⸗ zubringen, die zu einem mehrmonatlichen Aufenthalte in Paris hinreichend wäre. Ein Leben in Mittel⸗ mäßigkeit fiel fortan meiner Eitelkeit nicht mehr ſchwer, denn ich lebte nur noch in der Liebe. Alle Reichthümer der Welt hatten mir nur noch dazu gedient, den erſehnten Tag und Augenblick, den ich bei ihr zubringen könnte, zu erkaufen! 3 4 Während der Tage meines Harrens war ich nur von dem Gedanken an ſie erfüllt. Wir hatten uns Beide alle Stunden unſeres Tages gewidmet. Bei ihrem Er⸗ wachen am Morgen ſchloß ſie ſich ein, um mir zu ſchreiben. In demſelben Augenblicke ſchrieb auch ich au ſie. Unſere Briefe und unſere Gedanken kreuzten ſich; alle Kuriere brachten uns ohne Unterbrechung eines einzigen Tages Fragen und Antworten. So wa⸗ ren wir in Wirklichkeit nur einige wenige Stunden, 136 die des Abends und der Nacht, von einander abweſend. Dieſe füllte ich wieder mit ihrem Bilde aus. Ich nahm ihre Briefe hervor, öffnete ſie, beſäete meinen Tiſch und mein Bett damit, lernte ſie auswendig und ſagte mir ſelbſt die leidenſchaftlichſten und ſeelenvollſten Stel⸗ len derſelben her, indem ich ihre Stimme, ihren Aus⸗ druck, ihre Geberde, ihren Blick darein legte. Dann antwortete ich ihr. Auf ſolche Weiſe meinte ich ſo ganz, ſie wirklich um mich zu haben, daß ich traurig und ungeduldig ward, wenn ich zum Eſſen gerufen oder durch Beſuche geſtört wurde. Es war mir dann, als werde ſie mir entriſſen oder aus meinem Zimmer vertrieben. Auf meine langen Spaziergänge in die Berge oder in den nebelumhüllten, endloſen Wieſen am Fluſſe nahm ich ihren Brief vom Morgen mit. Ich ſetzte mich mehrmals auf Felſen oder an das Ufer oder auf Eisſchollen, um ihn wieder zu leſen. So oft ich ihn las, meinte ich ein mir bisher entgangenes Wort oder einen ſolchen Ausdruck darin zu entdecken. Ich erinnere mich, daß ich meine Spaziergänge immer mechaniſch nach Norden lenkte, als hätte jeder Schritt, den ich gegen Paris hin that, mich ihr näher gebracht und die grauſame Entfernung, die uns trennte, vermindert. In ſolchen Gedanken legte ich zuweilen eine weite Strecke auf der Straße nach Paris zurück, und wenn ich umkehren mußte, kämpfte ich lange mit mir ſelbſt. Langſam und voller Unluſt trat ich dann den Rückweg an und wandte mich mehrmals traurig nach jenem Punkte des Horizontes um, wo ſie athmete. O, wie beneidete ich die Raben, die durch den Nebel nach Nor⸗ den flogen, um ihre ſchneebeladenen Schwingen! O, wie wehmüthig ſah ich den Wagen nach, die auf der Straße an mir vorbei und Paris zurollten! Wie gerne hätte ich nicht meine unnützen jungen Lebenstage hin⸗ gegeben, um an der Stelle eines dieſer müßigen Greiſe zu ſitzen, die mit zerſtreutem Blicke durch die Wagen⸗ fenſter den jungen, einſamen Mann anſahen, welcher — 137 am Rande des Weges in der dem Zuge ſeines Herzens entgegengeſetzten Richtung hinſchritt! O, wie endlos lang ſchienen mir die doch ſo kurzen Tage des Decem⸗ bers und Januars! Von allen dieſen Stunden war mir nur eine lieb, die, wo ich von meinem Zimmer aus die Schritte, die Klapper und die Stimme des Briefträgers hörte, wel⸗ cher an den Hausthüren des Stadtviertels die Briefe austheilte. Sobald ich ihn hörte, öffnete ich mein Fenſter. Ich ſah ihn dann, die Hand voll Briefe, welche er den Mägden übergab, die Straße heraufkommen und vor jedem Hauſe warten, bis man ihm das Porto brachte. Wie verwünſchte ich die Langſamkeit dieſer guten Weiber, die nicht fertig werden konnten, ihre Münze zu zählen! Bevor noch der Briefträger an der Thüre meines Vaters geſchellt hatte, war ich ſchon die Treppe hinunter, über der Hausflur und auf der Schwelle. Während der Alte in ſeinem Pack von Briefen ſtöberte. ſuchte ich den Umſchlag von feinem holländiſchem Pa⸗ pier mit der ſchönen engliſchen Adreſſe zu entdecken, die mir unter allen dieſen groben Papieren und ſchwer⸗ fälligen Aufſchriſten von gewöhnlichen und Handels⸗ briefen meinen Schatz verkündeten. Ganz zitternd er⸗ griff ich ihn dann. Eine Wolke trat vor meine Augen. Mein Herz ſchlug. Meine Beine wankten. Aus Furcht, es möchte mir Jemand auf der Treppe begegnen und eine ſo häufige Correſpondenz meiner Mutter verdächtig erſcheinen, verſteckte ich den Brief unter meinem Rocke, flüchtete mich in mein Zimmer und riegelte mich ein, um mit Muße und ohne Unterbrechung die Zeilen zu verſchlingen. Wie mußte das liebe Papier durch meine Thränen, meine Küſſe und Biſſe leiden! Ach, und als ich nach Jahren dieſen Band von Briefen wieder er⸗ öffnete, wie viele Worte mangelten da dem Sinn der Sätze, welche durch meine Lippen verwiſcht, durch meine Thränen ausgewaſchen oder durch mein Entzücken durch⸗ löchert worden waren! 2 138 52. Nach dem Frühſtück ging ich wieder in mein Zim⸗ mer hinauf, um meinen Brief nochmals zu leſen und dann zu beantworten. Das waren die köſtlichſten und aufgeregteſten Stunden meiner Tage. Ich nahm vier Blätter des größten und dünnſten höolländiſchen Papiers, das Julie mir zu dieſem Gebrauche von Paris geſchickt hatte, fing jede Seite ganz oben an, endigte ſie ganz unten, ſchrieb auf die Randlinien und erſt noch quer über die Zeilen, ſo daß ein ſolcher Brief tauſende von Wörtern enthielt. Jeden Morgen füllte ich dieſe Blät⸗ ter an und fand ſie nur zu ſchnell voll und zu ſchmal für den leidenſchaftlichen und ſtürmiſchen Erguß meiner Gedanken. Dieſe Briefe hatten weder Anfang noch Ende, noch Mitte und waren weder grammatikaliſch noch was man gewöhnlich gut ſtyliſirt nennt. Meine Seele trat darin in ihrer Nacktheit vor eine andere Seele und druͤckte, wie ſie konnte, die ſtürmiſchen Empfin⸗ dungen aus, von denen ſie voll war, oder vielmehr ſtammelte dieſelben in der unzulänglichen Sprache der Menſchen, die nicht geeignet iſt, das Unausſprechliche auszudrücken, deren unvollkommene Zeichen, leere Worte, hohle Phraſen, eiſige Laute wir jedoch durch die Fülle, die Vereinbarung und das Feuer unſerer Seelen gleich einem unſchmelzbaren Metall zu ſchmelzen ſuchten, um, ich weiß nicht was für eine unbeſtimmte, ätheriſche, liebkoſende, Flammenzungen gleich lodernde Sprache daraus zu bilden, die fuͤr Niemand Sinn hatte und wir allein verſtanden, weil ſie uns allein angehörte! Nie hielt dieſe Ergießung meiner Seele inne oder erkaltete ſie. Wenn das Firmament bloß eine Seite geweſen wäre und Gott mich geheißen hätte, ſie mit meiner Liebe anzufüllen, ſo hätte dieſe Seite nicht Alles enthalten, was ich in mir fühlte und ſagen wollte! Ich hörte erſt auf, wenn die vier Seiten angefüllt waren, und immer ſchien mir, als hätte ich Nichts 13³9 geſagt! Ich hatte auch wirklich Nichts geſagt, denn wer hat je das Unausſprechliche ſagen können? 58. Dieſe Briefe, welche ich mit aller Anſpruchsloſig⸗ keit des Geiſtes ſchrieb und die nicht eine Arbeit, ſondern eine Wolluſt waren, hätten mir zwar ſpaͤter treffliche Dienſte geleitet, wenn ich von der Vorſehung beſtimmt geweſen wäre, zu den Menſchen zu ſprechen oder in Arbeiten der Einbildungskraft die Abſtufungen, das Schmachten oder die Wuth der Leidenſchaften der Seele zu ſchildern. Ich kann ſagen, daß ich ohne mein Vor⸗ wiſſen verzweiflungsvoll und wie Jakob mit dem Engel in denſelben gegen die Armuth, die Strenge und den Widerſtand der Sprache ankämpfte, deren ich mich aus Mangel an Kenntniß der Himmelsſprache bedienen mußte! Die übernatürlichen Anſtrengungen, die ich machte, um die Ausdrücke zu drehen, zu wenden, zu biegen, zu dehnen, zu vergeiſtigen, zu ſärben, zu ent⸗ flammen oder zu ſchwächen; das Bedürfniß, durch Worte die zarteſten und unfaßlichſten Schattirungen des Gefühls, das ätheriſchſte Streben des Gedankens, den unwiderſtehlichſten Schwung und die enthaltſamſte Keuſchheit der Leidenſchaft, ja ſogar die Blicke, die Stellungen, die Seufzer, das Schweigen, das Sehnen, die tiefſte Demüthigung des Herzens in der Anbetung des unſichtbaren Gegenſtandes ſeiner Liebe auszudrücken; dieſe Anſtrengungen, ſage ich, welche meine Feder unter meinen Fingern gleich⸗ einem rebelliſchen Inſtrumente brachen, ließen ſie nichtsdeſtoweniger zuweilen, ſelbſt indem ſie brach, das Wort, die Wendung, das Organ, den Schrei, die ſie ſuchte, finden, um dem Unmöglichen eine Stimme zu geben. Ich hatte keine Sprache ge⸗ ſprochen, aber den Schrei meines Herzens ausgeſtoßen und war gehört worden. 1⁴0 Ich erinnere mich, daß wenn ich nach dieſem her⸗ ben und wonnigen Kampfe mit den Worten, der Feder und dem Papier von meinem Stuhle aufſtand, un⸗ geachtet der winterlichen Kälte in meinem Zimmer ein eiſiger Schweiß von meiner Stirne rann. Ich öffnete dann das Fenſter, um mich zu erfriſchen und meine Haare trocknen zu laſſen. 54. Dieſe Briefe waren jedoch nicht bloß Rufe der Liebe, ſondern meiſtens Bitten, Betrachtungen, mit⸗ getheilte Träume der Zukunft, Ausſichten auf den Him⸗ mel, Tröſtungen, Gebete. Dieſe Liebe, ihrer Natur zufolge aller der Wollüſte beraubt, welche das Herz abſpannen, indem ſie die Sinne befriedigen, hatte in mir die durch gemeine Vergnügungen getrübten oder vertrockneten Quellen der Frömmigkeit wieder geöffnet. Dieſes Gefühl erhob ſich in meiner Seele zu der Höhe und der Reinheit der göttlichen Liebe. Ich bemühte mich, auf den Schwingen meiner aufgeregten und faſt myſtiſchen Einbildungskraft dieſe zweite leidende und vertrocknete Seele mit mir zum Himmel zu erheben. Ich ſprach ihr von Gott, der allein vollkommen genug ſei, um dieſe übermenſchliche Vollkommenheit von Schönheit, Geiſt und Zärtlichkeit geſchaffen zu haben; allein groß genug, um die Uner⸗ meßlichkeit unſers Sehnens in ſich zu faſſen; allein unendlich und unerſchöpflich genug, um ſeine Bruſt zu einem Herd der Liebe zu machen, die er in uns ent⸗ zündet habe, damit ihre Flamme uns gegenſeitig ver⸗ zehre und wir mit einander unſere Seufzer in ſeinen Schooß aushauchen könnten. Ich tröſtete Julie für das Opfer eines vollkomm⸗ neren irdiſchen Glückes, welches die Pflicht von uns 141 erheiſchte. Ich ſtellte ihr vor, wie hoch der ewige Ver⸗ gelter unſerer Handlungen uns dieſes Opfer eines Augenblicks anrechnen werde. Ich ſegnete die Reinheit und Uneigennützigkeit unſerer gebrochenen Gefühle, weil ſie uns einſt in der ewigen Atmoſphäre der reinen Geiſter eine geiſtigere und himmliſchere Seligkeit er⸗ werben mußten. Ich ging ſo weit, mich glücklich zu nennen und Hymnen der Ergebung zu ſingen, zu welcher wir durch die Liebe ſelbſt und zwar durch eine große Liebe verurtheilt waren. Ich beſchwor Julie, nicht an meine Leiden zu denken und ſich ſelbſt keinen hinzugeben. Ich zeigte ihr einen Muth und eine Ver⸗ achtung des irdiſchen Glückes, die ich oft nur in mei⸗ nen Worten beſaß. Ich brachte ihr Alles, was Menſch⸗ liches in mir war, zum Opfer. Ich erhob mich zu der Körperloſigkeit der Engel, damit ſie nicht vermuthe, es ſchmerze mich Etwas oder ich vermiſſe Etwas bei meiner Anbetung. Ich flehte ſie an, in einer zarte Ge⸗ fühle nährenden Religion, im Schatten der Kirchen, in dem geheimnißvollen Glauben an jenen Chriſtus, den Gott der Thränen, vor dem ſie ſich betend nieder⸗ werfen ſolle, näher liegende Hoffnungen, den Troſt und die Wonnen zu ſuchen, die ich ſelbſt in meiner Kind⸗ heit darin gefunden hatte. Sie hatte mir das Gefühl der Frömmigkeit zurückgebracht. Ich ſchrieb glühende und friedliche Gebete für ſie, die gleich einer Flamme zum Himmel emporſteigen, aber wie eine Flamme, die ſich durch keinen Wind hin und hertreiben läßt. Ich bat ſie, dieſe Gebete zu gewiſſen Stunden des Tages und der Nacht zu ſprechen, wo auch ich ſie ſprechen wolle, damit unſere beiden, durch die nämlichen Worte vereinten Gedanken ſich mit einander zu derſelben Stunde und im nämlichen Flehen zum Himmel er⸗ höben!.... Und dann benetzte ich Alles mit meinen Thränen und ſie ließen ihre Spuren auf den Worten zurück, die ohne Zweifel beredter und heiliger waren, als die Woͤrte ſelbſt. 142 Verſtohlen warf ich dann dieſes Mark meiner Kno⸗ chen auf die Poſt und fühlte mich beim Nachhauſekom⸗ men ſo erleichtert, als hätte ich einen Theil meiner Herzenslaſt weggeworfen. 55. Aber wie groß auch meine beſtändigen Anſtren⸗ gungen und die fortwährende Spannung meiner jungen und feurigen Einbildungskraft war, um meine Briefe mit dem mich verzehrenden Feuer zu durchglühen, um eine Sprache für meine Seufzer zu ſchaffen und um meine ganz warm auf das Papier ausgegoſſene Seele die Entfernung überſpringen zu laſſen, die mich von der ihrigen trennte, in dieſem Kampfe gegen die Ohn⸗ macht der Ausdrücke ward ich immer durch Julie be⸗ ſtegt. Ihre Briefe enthielten mehr in einem Satze, als die meinen in meinen acht Seiten; man athmete ihren Hauch in ihren Worten ein; man ſah ihren Blick in den Linien; man fühlte in ihren Ausdrücken die Wärme der Lippen, durch die ſte eingegeben wurden. Bei dem langſamen und ſchwerfälligen Uebergang von der Empfindung zum Worte, der unter der Feder des Men⸗ ſchen die Lava des Herzens erkalten und blaß werden läßt, verdunſtete Nichts von ihr. Die Frau hat keinen Styl, deßhalb ſagt ſte Alles ſo trefflich. Der Styl iſt ein Gewand. Im Munde oder unter der Hand der Frau iſt die Seele nackt. Gleich einer Venus des Wortes tritt ſie in ihrer Nacktheit aus dem Gefühl hervor. Sie entſteht von ſelbſt, ſie wundert ſich, ent⸗ ſtanden zu ſein, und man betet ſie an, ſie, die noch nicht weiß, daß ſie geſprochen hat. 143 56. Welche Briefe! Welche Flammen! welch ein Hell⸗ dunkel! welche Tinten! welche Töne! welch ein Feuer und welche Reinheit, mit einander vermiſcht, wie die Flamme und die Klarheit im Diamante, wie die Glut und die Verſchämtheit auf der Stirne eines jungen Mäd⸗ chens, das liebt! Welche kräftige Natürlichkeit! welche unverſiegliche Herzensergießung! welch ein plötzliches Erwachen in der Sehnſucht! welche Geſänge und Schreie! Dann welche traurige Wendungen gleich unerwarteten Noten am Ende einer Melodie; dann welche Liebkoſun⸗ gen von Worten, die man über ſeine Stirne hinziehen fühlte, gleich jenem Odem, welchen die mit dem lächeln⸗ den Kinde ſpielende Mutter über ſeine Stirne hinhaucht! Und welches wollüſtige Einwiegen durch halbausgeſpro⸗ chene Worte und träumeriſche, ſtammelnde Sätze, die uns mit Stralen, Geflüſter, Düften und Frieden zu umhüllen und durch die Dämpfung der Sylben uns unmerklich zur Ruhe der Liebe, zum Schlummer der Seele, ja ſogar auf der Seite, die Lebewohl ſagt, zum Kuſſe zu führen ſchienen, zu einem Lebewohl und einem Kuſſe, die man ſtille empfängt, wie ſie ihr auch durch die Lippen aufgedrückt wurden!. Ich habe ſie alle wieder gefunden, dieſe Briefe. Ich habe nach ihrem Tode dieſe Correſpondenz durch⸗ blättert, ſorgfältig geordnet und durch die Hand from⸗ mer Freundſchaft einbinden laſſen, ſo daß ein Brief den andern beantwortete, von dem erſten Billet an bis zu dem letzten Worte, das von einer ſchon vom Tode erfaßten, jedoch durch die Liebe noch gekräftigten Hand geſchrieben wurde. Ich habe ſte wieder geleſen und unter Thränen verbrannt, indem ich mich dazu ein⸗ ſchloß, wie zu einem Verbrechen, und der Flamme zwanzigmal die halbverſengte Seite ſtreitig machte, um ſie noch einmal zu leſen!... „Wozu das?“ wirſt Du mich fragen. „Ich habe ſie verbrannt, weil ſogar ihre Aſche, die ich in die Lüfte ſtreute, für die Erde zu heiß geweſen wäre! 57. Endlich kam der Tag, an welchem ich die Stunden zählen konnte, die mich noch von Julie trennten. Sämmtliche kleinen mir zu Gebote ſtehenden Hülfs⸗ quellen reichten nicht hin, um mir einen Aufenthalt von drei bis vier Monaten in Paris zu geſtatten. Meine Mutter, die meine Qual wahrnahm, ohne den wahren Beweggrund davon zu kennen, zog aus dem letzten ihrer durch ihre Zärtlichkeit ſchon geleerten Schmuckkäſtchen einen großen, in einem Ringe gefaßten Diamant, lei⸗ der den einzigen, der ihr von den Kleinodien ihrer Jugend noch geblieben war. Mit Thränen ſteckte ſie mir denſelben heimlich zu, indem ſie mit bekümmerter Miene ſagte: „Ich leide nicht minder als Du, Raphael, wenn ich ſehen muß, wie Deine unbeſchäftigte Jugend ſich im Müßiggange eines kleinen Städtchens oder in den Träumereien eines Landaufenthaltes verzehrt. Ich hatte ſtets gehofft, die Gaben Gottes, die ich von Deiner erſten Kindheit an ſegnend pries, würden Dir einen Ruf in der Welt verſchaffen und Dir eine Laufbahn des Glücks und der Ehre öffnen. Die Armuth, mit der wir zu kämpfen haben, geſtattet uns nicht, Dir eine ſolche ſelbſt zu öffnen. Gott hat es bisher nicht gewollt. Wir müſſen uns mit Ergebung in ſeinen Wil⸗ len fügen, der ſtets der beſte iſt. Dennoch bemerke ich mit Verzweiflung dieſe Niedergeſchlagenheit an Dir, welche fruchtloſen Anſtrengungen folgt. Laß uns noch einmal das Schickſal verſuchen. Reiſe ab, weil der Boden dieſer Gegend Dir unter den Füßen brennt. Lebe einige Zeit in Paris. Klopfe beſcheiden und mit Würde an die Thüre der alten Familienfreunde, die 145 heutzutage Geltung haben. Laß die geringen Talente, welche Du der Natur und Deinem Fleiße verdankſt, bekannt werden. Die Häupter der neuen Regierung müſſen gewiß junge Männer an ſich zu ziehen ſuchen, welche faͤhig ſind, wie Du es auch werden kannſt, das Regiment der Fürſten, die Gott uns zurückgegeben hat, zu ſtützen und zu zieren. Es fällt Deinem armen Vater ſchwer, ſeine ſechs Kinder zu erziehen und bei unſe⸗ rer kümmerlichen, bäuriſchen Lebensweiſe nicht unter ſeinen Rang hinabzuſteigen. Deine übrigen Verwandten ſind gute und zärtliche Leute, allein ſie wollen nicht verſtehen, daß man zum Athmen Luft und die verzeh⸗ rende Thätigkeit einer zwanzigjährigen Seele einen Wir⸗ kungskreis braucht! Das iſt mein letztes Kleinod. Ich hatte meiner Mutter verſprochen, mich nicht ohne die äußerſte Nothwendigkeit von demſelben zu trennen. Nimm es, verkaufe es; mögeſt Du aus dem Erlös deſſelben einige Wochen länger in Paris leben können! Es iſt das letzte Pfand der Zärtlichkeit, das ich für Dich in die Lotterie der Vorſehung lege. Es wird Dir Glück brin⸗ gen, denn mit dieſem Ringe lege ich alle meine Ge⸗ bete, meine ganze Zärtlichteit und alle meine Sorgen für Dich ein.“ Ich nahm den Ring und küßte die Hand meiner Mutter, indem eine Thräne auf den Diamant fiel. Ach, ich benützte ihn nicht, um die Gunſt mächtiger Männer und der Fürſten, die mir bei meiner Dunkel⸗ heit den Rücken kehrten, nachzuſuchen oder abzuwarten, ſondern um drei Monate lang das göttliche Leben des Herzens, in welchem ein einziger Tag Jahrhunderte von Größe aufwiegt, zu leben. Dieſer heilige Dia⸗ mant war für mich die Perle Kleopatra's, welche in dem Kelch meines Lebens geſchmolzen ward und mich noch einige Zeit mit Liebe und Seligkeit tränkte! Lamartine, Raphael. 10 58. Aus Achtung für die vielſältigen Opfer meiner armen Mutter und bei der Concentrirung aller meiner Gedanken in den einen Gedanken, daß ich wiederſehen werde, was ich liebte, und durch die ſtrengſte Spar⸗ ſamkeit die gezählten Tage, die ich bei Julie zubrin⸗ gen dürfte, verlängern könne, veränderte ich indeſſen meine Natur vollſtändig. Ich geizte wie ein Greis mit dem wenigen Golde, das ich bei mir hatte, und berechnete meine Ausgaben ängſtlich. Es war mir, als ginge mit dem kleinſten Betrage, den ich ausgab, eine Stunde meiner Seligkeit oder ein Tropfen meines Le⸗ bens verloren. Ich beſchloß, wie Jean⸗Jacques Rouſ⸗ ſeau, von Nichts oder von Wenig zu leben und Alles, was ich der heiligen Trunkenheit meiner Seele zuwen⸗ den wollte, meiner Eitelkeit, meinem Anzuge, meiner Nahrung abzubrechen. Inzwiſchen hegte ich doch für meine Liebe eine dunkle Hoffnung, aus meinem Talente einigen Nutzen zu ziehen. Dieſes Talent hatte ſich zwar bloß durch einige Verſe ein paar Freunden geoffenbart. Ich hatte während der drei letztverfloſſenen Monate in ſchlafloſen Stunden einen kleinen Band verliebter, träumeriſcher oder frommer Gedichte geſchrieben, je nachdem die Ein⸗ bildungskraft in zarten oder ernſten Weiſen in mir ſang. Dieſe Sammlung hatte ich ſorgfältig und ſo ſchön ich konnte, abgeſchrieben und theilweiſe meinem Vater, einem trefflichen Richter von ſtrengem Geſchmacke, vor⸗ geleſen. Einige Freunde wußten Bruchſtücke davon aus⸗ wendig. Ich hatte meinen poetiſchen Schatz in grünen Pappendeckel eingebunden, eine glückverheißende Farbe für einen zu hoffenden Ruhm. Meiner Mutter, deren keuſche und fromme Reinheit des Gemüthes durch die mehr antike als chriſtliche Wolluſt einiger dieſer Ele⸗ gien beunruhigt worden wäre, hatte ich ſie jedoch ver⸗ borgen. 147 Ich hoffte, die natürliche Anmuth und die beflü⸗ gelte Begeiſterung dieſer Poeſien würden einen ſachver⸗ ſtändigen Verleger verführen, mir meinen Band abzu⸗ kaufen, oder wenigſtens veranlaſſen, ihn auf ſeine Koſten zu drucken, und der Geſchmack des Publikums, ange⸗ lockt durch die Neuheit dieſes in den Wäldern geborenen und friſch aus der Quelle ſprudelnden Styls, mir viel⸗ leicht ein kleines Vermögen und einen Namen zugleich verſchaffen. 59. Für eine Wohnung brauchte ich in Paris nicht zu ſorgen. Einer meiner Freunde, der junge Graf von Veze, welcher erſt kürzlich von ſeinen Reiſen zurück⸗ gekehrt war, wollte den Winter und das Frühjahr da⸗ ſelbſt zubringen. Er hatte mir angeboten, ein kleines Halbgeſchoß mit ihm zu theilen, das er in dem pracht⸗ vollen Hôtel des Marſchalls von Richelieu in der Straße Neuve⸗Saint⸗Auguſtin, einem ſeither zerſtörten Höôtel, oberhalb der Wohnung des Haushofmeiſters bezogen hatte. Der Graf von Verr, mit dem ich in faſt täglicher Correſpondenz ſtand, war von Allem unterrichtet. Ich hatte ihm einen Brief für Julie mitgegeben, damit er die Seele meiner Seele kennen lerne und wo nicht meine Trunkenheit, doch wenigſtens meine Anbetung dieſer Frau begreifen könne. Und wirklich hatte er auf den erſten Anblick hin meine Begeiſterung begriffen und getheilt. Die Briefe, die er mir ſchrieb, athmeten Rührung, Ehrfurcht und beinahe fromme Verehrung für dieſe melancholiſche, zwiſchen Tod und Leben ſchwebende Erſcheinung, die, wie er ſich ausdrückte, nur durch ihre unausſprechliche Liebe zu mir hienieden zurückgehalten werde. Er ſprach mir unaufhoͤrlich von ihr als von einer Himmelsgabe, die Gott meinen Augen und meinem Herzen geſchenkt habe und die mich über die Menſchheit zudörhoden müſſe, 1 148 ſo lange ich von ihren göttlichen Stralen bedeckt blei⸗ ben wuͤrde. Von der übernatürlichen und heiligen Natur unſe⸗ rer Neigung überzeugt, betrachtete Ver⸗ unſere Liebe als eine Tugend. Er erröthete nicht, der Vertraute und Vermittler derſelben zwiſchen uns zu ſein. Ihrerſeits ſprach mir Julie von Vaes als von dem einzigen, meiner würdigen Freunde, für den ſie meine Freundſchaft ſtatt durch eine engherzige Eiferſucht mei⸗ nes Herzens verringern, ſteigern möchte. Der Eine und die Andere drangen in mich, bald zu kommen. Vrer allein kannte die geheimen Beweg⸗ gründe und die materielle Unmöglichkeit, die mich bis dahin fern gehalten hatten. Trotz ſeiner großen Hin⸗ gebung für mich, die er mir bis zu ſeinem Tode in allen Schwierigkeiten meines Lebens ſo vielfach bewieſen hat, lag es dazumal nicht in ſeiner Macht, dieſe Hin⸗ derniſſe zu heben. Seine Mutter hatte ihre Hülfs⸗ quellen erſchöpft, um ihm eine ſeines Ranges würdige Erziehung zu geben und ihn ganz Europa durchreiſen zu laſſen. Selbſt ſehr verſchuldet, kehrte er zurück. Er konnte mir in Paris Nichts anbieten, als ein Plätz⸗ chen in der Wohnung, die ihm ſeine Familie bezahlte. Im Uebrigen war er in dieſem Zeitpunkt ſeines Lebens ſo arm und durch jene, von Horaz mit den Worten: Res angusta domi ſo grauſam bezeichnete Verlegenheit eben ſo gehemmt, als ich. Ich reiste von Mers mit einem jener kleinen ein⸗ ſpännigen Fuhrwerke ab, die aus einer Bretterbank über der Achſe und vier hölzernen auf dem Schwang⸗ baum ruhenden Pflöcken beſtehen. Jedes dieſer Gefährte wurde durch ein einziges Pferd gezogen und alle vier Stunden von Flecken zu Flecken umgeſpannt. Sie wur⸗ den damals gewöhnlich zwiſchen Lyon und Paris von Maurergeſellen des Bourbonnais und der Auvergne, von müden Fußgängern und armen Soldaten, die ſich wunde Füße gelaufen hatten und um etliche Sous eine Herberge erreichen wollten, benützt. 149 Ich ſchämte mich dieſer gemeinen Art zu reiſen nicht, und hätte ich den ſchneebedeckten Weg mit nackten Füßen zurücklegen müſſen, ſo würde ich mich weder minder ſtolz noch minder gluücklich gefühlt haben. Ich konnte auf ſolche Weiſe einen bis zwei Louisd'or er⸗ ſparen und mir mittelſt dieſer glückliche Tage erkaufen. Ich kam an dem Schlagbaum von Paris an, ohne die holperigte Fahrt nur verſpürt zu haben. Die Nacht war dunkel, der Regen ſiel in Strömen. Ich nahm meinen Mantelſack auf die Schulter und pochte an die Thüre der beſcheidenen Wohnung des Grafen von Verr. 3 Er erwartete mich. Er fiel mir um den Hals, er ſprach mir von ihr. Ich konnte nicht müde werden, ihn auszufragen und anzuhören. Noch an dieſem Abend ſollte ich Julie wiederſehen! Verr wollte ihr meine Ankunft verkündigen und ſie auf die Freude vorbereiten. Er wollte heute Julie's Salon zuletzt verlaſſen, und wenn alle Gäſte fort wären, mich in einem naheliegen⸗ den Kaffeehauſe, in welchem ich auf ihn warten ſollte, von dem Augenblicke benachrichtigen, wo ſie allein ſein würde und ich mich zu ihren Füßen ſtürzen könnte. Erſt nachdem er mir dieſe Mittheilungen alle ge⸗ macht hatte, dachte ich daran, meine Kleider an ſeinem Kamine zu trocknen, einige Nahrung zu mir zu neh⸗ men und mich in dem dunkeln Alkoven ſeines Vorzim⸗ mers einzurichten. Dieſes Vorzimmer war durch ein Kappfenſter erhellt und durch einen Ofen erwärmt. Ich kleidete mich reinlich und anſtändig, damit Die, welche mich liebte, ſich meiner vor ihren Freun⸗ den nicht ſchämen mußte. Um elf Uhr gingen Verr und ich aus. Wir be⸗ gaben uns bis unter das mir ſchon bekannte Fenſter. An der Thüre hielten drei Wagen. Vess ging hinauf und ich an den verabredeten Ort, wo ich ihn er⸗ warten ſollte. Wie lang kam mir die Stunde vor, während der ich auf ihn warten mußte! Wie verwuünſchte ich dieſe 150 vielleicht gleichgültigen Beſuche, die nur müßige Stun⸗ den auszufüllen ſuchten und deren unwillkürliche Ueber⸗ läſtigkeit, ohne es zu wiſſen, die Befriedigung der ſtürmiſchen Sehnſucht zweier Herzen hemmte, denen jeder Schlag eine Marter ward. Endlich erſchien Vere. Ich eilte mit ihm fort. P verließ mich an der Thüre und ich ſtieg die Treppe inan. 3 3 60. Wenn ich tauſendmal tauſend Jahre leben würde, ſo könnte ich dieſen Augenblick und dieſen Anblick nie vergeſſen. Sie ſtand in der Beleuchtung, den Ellbogen nach⸗ läſſig auf den weißen Marmor des Kamins geſtützt; ihre ſchlanke Geſtalt, ihre Schultern und ihr Profil wurden vom Spiegel zurückgeſtralt und verdoppelt; ihr Geſicht war der Thüre zugekehrt; die Augen heftete ſie auf einen kleinen dunkeln Gang, der in den Salon führte; den Kopf neigte ſie etwas auf die Seite und die ganze Haltung war die einer Perſon, welche mit dem Ohre das Geräuſch ſich nähernder Tritte zu unter⸗ ſcheiden ſucht. Sie trug ein ſchwarz ſeidenes, um den Hals, die Arme und unten herum mit ſchwarzen Spitzen beſetztes Kleid. Dieſe Spitzen, durch die Kiſſen des Lehnſtuhls, in welchem ſie ſich bei ihrer Schwäche und Entkräftung meiſtens aufhielt, zerknittert, glichen jenen ſchwarzen Traubenkämmen des Hollunders, die der Herbſt⸗ wind abgebeert hat. Die dunkle Farbe dieſer Kleidung ließ nur die Schultern, den Hals und das Geſicht beleuchtet hervor⸗ treten. Die Trauerfarbe des Gewandes wurde durch die natürliche Trauer ihrer ſchwarzen, um den Hals geſchlungenen Haare vervollſtändigt. Die Einförmigkeit dieſer Farbe hob noch die Höhe und die anmuthige 151 Biegſamkeit ihres Wuchſes. Der Widerſchein des Ka⸗ minfeuers im Spiegel, das Licht einer auf einer Ecke des Kamins ſtehenden Lampe, das auf ihre Wange fiel, die Aufregung der Erwartung, der Ungeduld und der Liebe verbreiteten auf ihrem Antlitz einen Glanz von Ingend, Farbe und Leben, der einer Verwandlung durch die Liebe glich. Meine erſte Bewegung war ein Schrei der Freude und des Glücks, als ich ſie lebensvoller, ſchöner und unſterblicher vor meinen Augen ſah, denn je unter der ſchönſten Sonne Savoyens. Ein trügeriſches Gefühl von Sicherheit und ewigem Beſitze zog bei ihrem An⸗ blick in mein Herz ein. Als ſie mich erblickte, verſuchte ſie einige Worte zu ſtammeln. Sie vermochte es nicht. Ihre Lippen bebten vor Aufregung. Ich ſiel vor ihr nieder. Ich drückte meinen Mund auf den Teppich, den ihre Füße berührten. Ich rich⸗ tete meinen Kopf wieder auf, um ſie nochmals anzu⸗ ſchauen und mich zu verſichern, daß ihre Gegenwart kein Traum ſei. Sie legte eine ihrer Hände auf meine von Schauer durchrieſelten Haare, hielt ſich mit der andern an der Marmorecke des Kamins und ſiel eben⸗ falls vor mir auf die Kniee. Wir ſchauten uns von Weitem an. Wir ſuchten nach Worten. Es gab keine für das Uebermaß unſers Glücks. Schweigend blieben wir in dieſer Stellung, ohne eine andere Sprache, als eben dieſes Schweigen und dieſes gegenſeitige Knieen vor einander; ein Knieen, bei mir durch Anbetung, bei ihr durch in ſich verſchloſſenes Glück veranlaßt, eine Stellung, die hinlänglich beſagte: Sie beten ſich an, aber das Geſpenſt des Todes ſteht zwiſchen ihnen und indem ſie ſich gegenſeitig in ihren Blicken berauſchen, werden ſie ſich dennoch nie in die Arme ſchließen! 152² 61. Ich weiß nicht, wie viel Minuten wir in dieſer Stellung blieben, noch wie viel tauſend Fragen und Antworten, Thränengüſſe und Freudenſtröme auf ſolche Weiſe, ohne ſich auszudrücken, über ihre ſtummen und meine geſchloſſenen Lippen, aus ihren und meinen naſſen Augen, auf ihrem und meinem Antlitz floſſen und wogten. Das Glück hatte uns regungslos gemacht. Die Zeit war nicht mehr vorhanden; die Ewigkeit lag ſchon in einem Augenblicke! Ein Schlag des Klöpfels an der Hausthüre ließ ſich vernehmen. Es kamen Schritte die Treppe herauf. Ich ſtand auf; ſie nahm ſchwankend den Platz auf ihrem Kanapee wieder ein. Ich ſetzte mich auf die andere Seite deſſelben in den Schatten, um die Glut meiner Wangen und den Thau meiner Thränen zu verbergen. Ein ſchon in hohem Alter ſtehender Mann von Achtung einflößender Natur und edlem, leuchtendem und ſanftem Antlitz trat mit langſamen Schritten in das Zimmer, näherte ſich, ohne zu ſprechen, dem Ka⸗ napee und küßte väterlich Juliens zitternde Hand. Es war Herr von Bonald. Trotz der Störung meines Entzückens, welche der Schlag des Klöpfels mir mit der Ankunft eines Unbe⸗ kannten verkündete, ſegnete ich innerlich Herrn v. Bonald, daß er einen erſten Blick, bei welchem der Verſtand der Trunkenheit hätte unterliegen können, unterbrochen hatte. Wir befanden uns in einem jener Momente, wo die Seele jenes Eiſes bedarf, welches der Ton eines Weiſen auf den Brand der Sinne wirft, um die Trieb⸗ feder eines energiſchen Entſchluſſes zu ſtählen. 153 62. Julie ſtellte mich Herrn von Bonald als den jungen Mann vor, deſſen Verſe er geleſen habe. Er verwun⸗ erte ſich über meine Jugend und nahm mich mit Nach⸗ icht auf. Er unterhielt ſich mit Julie mit jener väterlichen Hingebung eines durch Geiſt berühmten, aber heitern alten Mannes, der bei einer jungen Frau für ſeine Augen einen Stral von Schönheit und am Ende des Tages ein ruhiges Plauderſtündchen ſucht. Seine Stimme war tief, wie eine aus der Seele kommende Stimme. Seine Unterhaltung ergoß ſich mit jener anmuthigen und ernſten Nachläſſigkeit eines Geiſtes, welcher ſich der Abſpannung überläßt, um auszuruhen. Der Accent des Ehrenmannes lag in ſeinen Worten, wie ſeine Stirne den Charakter deſſelben trug.. Da das Geſpräch ſich in die Länge zog und die Uhr auf Mitternacht wies, ſo hielt ich es für ange⸗ meſſen, mich zuerſt zu entfernen, um bei dieſem ältern und ehrenwerthern Hausfreunde, als ich es war, kei⸗ nen Schatten des Verdachtes einer allzu engen Ver⸗ traulichkeit auffommen zu laſſen. Als Lohn für ein ſo glühendes Harren und eine ſo beſchwerliche Reiſe nahm ich nur einen Blick und ein Schweigen mit. Aber ich nahm auch ihr Bild und die Gewißheit mit, ſie künf⸗ tig täglich zu ſehen; das war genug; das war nur zu viel. Ich irrte noch lange auf den Kai's von Paris umher, meinen Mantel der Luft und meine Lippen dem Winde öffnend, um meine Bruſt zu erfriſchen und das mich aufregende Fieber von Glück zu ſtillen. Als ich in Verr's Wohnung zurückkehrte, ſchlief er ſchon mehrere Stunden. Ich jedoch konnte erſt beim Frühlichte und dem Geſchrei der Trödler in den Stra⸗ ßen von Paris einſchlafen. ... 154 Das waren die unperänderlichſten Tage meines Lebens, weil ſie nur noch ein einziger Gedanke waren, der in meiner Seele und ſogar in meiner Phyſionomie aufbewahrt lag gleich einem Wohlgeruch, von dem man fürchtet, es moͤchte ein Theilchen deſſelben verdunſten, wenn man das ihn einſchließende Gefäß der Luft ausſetzte. Ich ſtand mit dem erſten Schein des Tages auf, der zwar ziemlich ſpät in den dunkeln Alkoven des kleinen Vorzimmers drang, in welchem mein Freund mir wie einem Bettler der Liebe eine Unterkunft ge⸗ währte. Mit einem langen Briefe an Julie begann ich mein Tagewerk. In dieſem ſetzte ich mit ausgeruh⸗ tem Kopfe das Geſpräch vom vorhergehenden Abend fort. Ich ergoß die Gedanken darein, die in mir auf⸗ geſtiegen waren, nachdem ich ſie verlaſſen hatte. Süßes Vergeſſen, wonnige Gewiſſensbiſſe der Liebe, deren ſie ſich anklagt, die ſie ſich vorwirft und die ihr jede Ruhe rauben, bis ſie Alles wieder gut gemacht hat; Diamanten, aus der Seele oder von den Lippen des geliebten Gegenſtandes gefallen, welche den Ge⸗ danken des Liebenden unverweilt zu ſich zurückziehen, um ſie aufzuleſen und den Schatz ſeiner Gefühle zu. vergrößern! Julie empfing dieſe Briefe bei ihrem Erwachen; ſte waren für ſie gleichſam eine Fortſetzung des Ge⸗ ſpräches vom vorhergehenden Abend, das während ihres Schlafes mit leiſer Stimme in ihrem Zimmer geführt worden war. Noch vor Mittag nahm ich die Antwort perſönlich entgegen. Nachdem die Unruhe der Nacht auf ſolche Weiſe in meinem Herzen gedämpft worden war, bemühte ich mich, die ungeduldige Sehnſucht nach der Zuſammenkunft am Abend, die mich zu erfaſſen begann, zu beſchwich⸗ tigen. Ich verſchaffte zwar nicht meiner Seele, wohl aber meinen Gedanken und meinen Augen ſtarke Zer⸗ ſtreuungen. Ich hatte mir manche Stunden zum Leſen, zum Studiren und zur Arbeit beſtimmt, um mir die Zeit zwiſchen der Stunde, wo ich Julie verließ, und 155 der, wo ich ſie wieder ſehen ſollte, kürzer zu machen. Nicht um Anderer, ſondern um ihretwillen wollte ich mich ſelbſt vervollkommnen. Ich wollte, daß ſie über den Vorzug, welchen ſie Dem gab, den ſte liebte, nicht erröthen müſſe; daß die geiſtreichen Männer, die ihre Geſellſchaft bildeten und mich zuweilen in ihrem Salon antrafen, gleich einer beſcheidenen Sphinx oder einer Statue des Nachdenkens an der Ecke ihres Kamins ſtehend, unter dem Aeußern dieſes jungen ſchüchternen und ſtillen Unbekannten eine Seele, Einſicht, eine Hoff⸗ nung, eine Zukunft entdecken könnten, wenn ſie etwa ein Wort an mich richten würden. Und dann vertiefte ich mich in Gott weiß was für verworrene Träume von glänzenden Handlungen, einer thatenreichen Beſtim⸗ mung, die mich vielleicht einſt in ihren Strudel reißen würde, wie der Wirbelwind in dem beſcheidenen Gar⸗ ten meines Vaters ein Blatt von einem Baume reißt, um es mit in die Lüfte hinaufzunehmen; von einer Beſtimmung, wobei Julie den Genuß hätte, mich von Weitem mit dem Glück ringen, gegen die Menſchen kämpfen, an Kraft, Größe und Tugend wachſen zu ſehen und ſich leiſe rühmen dürfte, mich vor der Menge er⸗ rathen und vor der Nachwelt geliebt zu haben. 5* 63. Alles dieſes und beſonders die gezwungene Muße, die ich bei dem Leben in einem einzigen Gedanken, bei der Geringſchätzung alles Uebrigen und dem Geldmangel hatte, der mir keine andern Zerſtreuungen geſtattete, verdammten mich in der klöſterlichen Klauſe, in die ich eingeſchloſſen war, zu ausgedehnteren und leidenſchaft⸗ licheren Studien, als ich noch je getrieben hatte. Ich ſaß den ganzen Tag vor einem kleinen Arbeits⸗ tiſche, der durch ein nach dem Hofe des Hötel Richelieu gehendes Fenſterchen Licht erhielt. Ein Fayenceofen . 156 heizte das Zimmer; Tiſch und Stuhl waren hinter einer ſpaniſchen Wand verſteckt, die mich den Blicken der jungen vornehmen Herren entzog, welche meinem Freunde häufig Beſuche abſtatteten. Der Umkreis die⸗ ſes geräumigen Hofes bot mir bald das Geraſſel von Wagen, bald wieder tiefe Stille und zuweilen einige ſchöne Winterſonnenſtralen, die mit dem in den Straßen von Paris einherkriechenden Nebel rangen. Dieſes Ge⸗ töſe und dieſe Stille erinnerten mich ein wenig an das Lichtſpiel, das Rauſchen des Windes und die durch⸗ ſichtigen Nebel meiner Berge. Von Zeit zu Zeit ſah ich in dem Hofe einen aller⸗ liebſten acht- bis zehnjährigen Knaben ſpielen. Es war der Sohn des Hausverwalters. Sein Engelskopf mit dem wehmüthigen Ausdrucke, ſeine ſchönen, auf der Stirn gelockten Haare, ſeine verſtändige und ge⸗ fühlvolle Phyſionomie gemahnten mich an die treu⸗ herzigen Kindergeſichter meiner Gegend. Seine Familie, die in der That aus einem dem Dorfe meines Vaters benachbarten Orte ſtammte, war verarmt und nach Paris überſiedelt. Der Knabe, der mich immer an meinem Fenſter⸗ chen oberhalb der Loge ſeiner Mutter ſah, war mir zuletzt anhänglich geworden und widmete ſich freiwillig und unentgeltlich meinem Dienſte, Er beſorgte mir jeden Auftrag, den ich zu ertheilen hatte, brachte mir zum Frühſtück mein Stück Brod, etwas Käſe And Obſt, und kaufte mir alle Morgen bei der Obſthändlerin mei⸗ nen Mundvorrath ein. Dieſes beſcheidene Mahl hielt ich auf meinem Arbeitstiſche mitten unter den offenen Büchern und den unterbrochenen Studien. Der Knabe hatte einen ſchwarzen Hund, der einſt von einem Fremden im Höotel zurückgelaſſen worden war. Der Hund und der Knabe verließen einander nie. Zuletzt war auch der Hund mir anhänglich ge⸗ worden, wie der Kleine. Waren ſie einmal die kleine hölzerne Treppe heraufgeſtiegen, ſo wollten ſie nicht mehr hinunter. Den größten Theil des Tages lagen — 157 ſie unter dem Tiſche auf dem Strohteppich zu meinen Füßen und ſpielten mit einander. Bei meiner Abreiſe habe ich den Hund mitgenommen und ihn lange Jahre als eine treue und liebe Erinnerung an dieſe Zeit der Einſamkeit behalten. Ich verlor ihn, nicht ohne Schmerz, im Jahr 1820, als ich durch die Wälder der Pontini⸗ ſchen Sümpfe zwiſchen Rom und Terracina kam. Der Knabe iſt groß geworden und hat das Gewerbe eines Kupferſtechers erlernt, das er mit Talent in Lyon ausübt. Als dann mein Name einmal in ſeine Werk⸗ ſtätte drang, ſuchte er mich auf und weinte bei meinem Wiederſehen vor Freude und bei der Nachricht von dem Verluſt des Hundes vor Betrübniß. Armes Menſchenherz, dem Alles nothwendig iſt, was es einmal geliebt hat und das für den Verluſt eines Reiches oder für den Verluſt eines Thieres Thrä⸗ nen vom nämlichen Waſſer hat!... 64. Während der tauſend Stunden, die ich ſo mit dem Knaben und dem Hunde zwiſchen dem Ofen, der ſpa⸗ niſchen Wand und dem Fenſter eingeſchloſſen war, las ich das ganze geſchriebene Alterthum durch, mit Aus⸗ nahme Poeten, womit man uns in der Schule überſättigt hatte und in deren Verſen unſere ermüdeten Augen nur noch Ruhepunkte, lange und kurze Sylben unterſchieden. Traurige Wirkung einer frühen Ueber⸗ ſättigung, wodurch in der Seele des Kindes die farbigſte und wohlriechendſte Blume des menſchlichen Gedankens verwelkt!. Ich las jedoch alle Philoſophen, alle Redner und alle Hiſtoriker in ihrer Sprache wieder. Beſonders bewunderte ich die, welche in ihnen die drei Mächte des Geiſtes vereinigten, die Schilderung, das Wort, die Betrachtung; die Handlung, die Rede, die Moral; * 158 vor allen aber Thucydides und Tacitus; dann Machiavelli, dieſen erhabenen Arzt der Krankheiten der Reiche; dann Cicero, dieſes klangvolle Gefäß, das von den geheimen Thränen des Menſchen, des Gatten, des Vaters, des Freundes an bis zu dem Untergange Roms und der Welt Alles, ſogar die traurigen Ahnungen ſeines eige⸗ nen Looſes enthält. Cicero iſt gleichſam ein Seiher, in welchem ſich alle dieſe Quellen auf einem Grunde göttlicher Philoſophie ablagern und klären und der her⸗ nach ſeine große Seele in Wellen von Beredtſamkeit, Weisheit, Frömmigkeit und Harmonie ſich ergießen läßt. Bis dahin hatte ich ihn für einen großen und leeren Schwätzer gehalten, deſſen lange Perioden wenig Sinn enthielten; allein ich hatte mich geirrt. Er iſt neben Plato der Wortmeiſter des Alterthums; er iſt der größte Styl aller Sprachen. Man hält ihn für mager, weil er prachtvoll drapirt iſt. Aber nehmt dieſen Purpur weg und es bleibt eine große Seele, die Alles gefühlt, Alles verſtanden und Alles geſagt hat, was zu ſeiner Zeit in Rom zu verſtehen, zu fuͤhlen und zu ſagen war. 65. Was Tacitus betrifft, ſo wagte ich ihm meine Leidenſchaft nicht ſtreitig zu machen. Ich zog ihn ſo⸗ gar Thucydides, dieſem Demoſthenes der Geſchichte, vor. Thucydides ſtellt mehr dar, als daß er belebt und das Herzklopfen macht. Tacitus iſt nicht der Hiſtoriker, ſondern der Hauptinhalt des Menſchengeſchlechts. Seine Schilderung iſt der Rückprall der That in dem Herzen eines freien, tugendhaften und gefühlvollen Mannes. Der Schauer, der uns durchrieſelt, wenn wir ihn leſen, iſt nicht nur ein Hautſchauer, ſondern ein Erbeben der Seele. Seine Empfindſamkeit iſt mehr als Gemüths⸗ bewegung, ſie iſt Mitleid. Seine Urtheile ſind mehr 159 als Mitleid, ſte ſind Gerechtigkeit. Seine Entrüſtung iſt mehr als Zorn, ſie iſt Tugend. Man verſchmilzt ſeine Seele mit der des Tacitus und fühlt ſich auf die Verwandtſchaft mit ihm ſtolz. Wollt Ihr Eueren Söhnen das Verbrechen un⸗ möglich machen? Wollt Ihr ihnen Leidenſchaft für die Tugend beibringen? Nährt ihre Einbildungskraft mit Tacitus! Wenn ſie in dieſer Schule nicht Helden wer⸗ den, ſo hat die Natur ſie zu Feiglingen oder Böſe⸗ wichten geſchaffen. Ein Volk, deſſen politiſches Evan⸗ gelium Tacitus wäre, würde ſich über die gewöhnliche Größe der Völker erheben. Dieſes Volk wurde endlich vor Gott das tragiſche Drama des Menſchengeſchlechts in ſeiner ganzen Größe und in ſeiner ganzen Majeſtät ſpielen. Ich für mich verdanke dieſem Schriftſteller nicht nur alle fleiſchlichen, ſondern alle metalliſchen Fibern meines Weſens. Er hat ſie geſtählt. Wenn je unſere gewöhnliche Zeit den großartigen und tragiſchen Gang ſeiner Zeit nähme und ich das würdige Opfer einer hühegen Sache werden ſollte, ſo würde ich ſterbend agen: „Den Meiſter und nicht den Schüler ehrt in mei⸗ nem Leben und in meinem Tode; denn Tacitus hat in mir gelebt und iſt in mir geſtorben.“ 66. Auch die Redner liebte ich leidenſchaftlich. Ich ſtudirte ſie mit dem Vorgefühl eines Mannes, der be⸗ ſtimmt wäre, einſt zu der tauben Menge zu ſprechen, und zum Voraus die Tonleiter des menſchlichen Au⸗ ditoriums los haben müßte. Demoſthenes, Cicero, Mirabeau, Lord Chatham beſonders, der neuer und in meinen Augen faßlicher war, als alle andern, weil ſeine ganz begeiſterte und ganz lyriſche Beredtſamkeit mehr ein Schrei, als eine Stimme iſt, waren mein Lieblingsſtudium. Dieſe Beredtſamkeit ſchwingt ſich mit den gewaltigſten Flügeln der Poeſie über die be⸗ ſchränkte Zuhörerſchaft und über die Leidenſchaft der Zeit zu den beſtändigen Regionen der ewigen Wahrheit und des ewigen Gefühls empor. Chatham nimmt die Wahrheit aus der Hand Gottes und macht nicht nur das Licht, ſondern auch den Blitz der Rede aus ihr. Leider blieben von ihm, wie von Phidias im Parthenon, nur Trümmer, verſtümmelte Häupter, Arme, Rümpfe. Setzt der Gedanke aber dieſe Trümmer wieder zuſam⸗ men, ſo bildet man Wunder und Gottheiten der Be⸗ redtſamkeit aus ihnen. Ich ſtellte mir die Zeiten, Um⸗ ſtände, Leidenſchaften, den Ehrgeiz und das Forum ähnlich denen vor, welche dieſe großen Männer zu ihrer Höhe emporgehoben hatten, und wie Demoſthenes zu den Wellen des Meeres, ſo ſprach ich innerlich zu den Ge⸗ bilden meiner Einbildungskraft. 23 67. Zum erſtenmal las ich jetzt die Reden von For und Pitt. Ich fand, For ſei ein, wiewohl proſaiſcher, Prunkredner, einer jener rabuliſtiſchen Genie's, die geboren ſind, um zu widerſprechen, nicht um zu ſpre⸗ chen; einer jener Advokaten ohne Toga, die nur in der Stimme ein Gewiſſen haben und vor Allem für ihre Volksthümlichkeit plaidiren. In Pitt fühlte ich den Staatsmann, deſſen Worte Handlungen ſind und der bei dem Einſturze Europa's faſt allein ſein Land auf der Grundlage ſeines geſun⸗ den Menſchenverſtandes und ſeiner Charakterbeſtändig⸗ keit aufrecht erhielt. Pitt war Mirabeau mit mehr Redlichkeit und weniger Schwung. Mirabeau und Pitt wurden und blieben ſeither die zwei neuern Staats⸗ männer, für die ich eine beſondere Vorliebe hegte. 161 Moutesquieu erſchien mir neben ihnen ein gelehrter, ſinnreicher und ſyſtematiſcher Pamphletiſt, Fenelon gött⸗ lich aber chimäriſch; Rouſſeau mehr leidenſchaftlich als begeiſtert, mehr ein großer Inſtinkt als eine große Wahr⸗ heit; Boſſuet eine goldene Zunge, eine Schmeichlerſeele, der in ſeinem Betragen und in ſeiner Sprache vor Lud⸗ wig XIV. den Deſpotismus eines Doktors und die Ge⸗ fälligkeiten eines Höflings vereinigte. Von dieſen hiſtoriſchen und Rednerſtudien ging ich natürlich zur Politik über. Das Nachgefühl des kaum zerbrochenen Joches des Kaiſerreichs und der Abſcheu vor der Militärherrſchaft, die wir erdulden mußten, zogen mich zur Freiheit hin. Die Familienerinnerun⸗ gen, die Freundſchaftsverhältniſſe, die pathetiſche Lage jener königlichen Familie, die vom Throne auf's Schaf⸗ fot und in die Verbannung wanderte und von der Verban⸗ nung wieder auf den Thron gehoben wurde; jene ver⸗ waiste Prinzeſſin im Palaſte ihrer Väter, jene Greiſe, mit Mißgeſchick, wie mit Ahnen gekrönt; jene Prinzen, deren Jugend und Unglück, die ſtrengen Lehrer, jeder Hoffnung Raum gaben; Alles das erweckte in mir den Wunſch, der alte Thron und die neue Freiheit möchten ſich mit dem Königthum unſerer Väter vereinigen. Auf dieſe Weiſe hätte die Regierung die beiden großen Blend⸗ werke der menſchlichen Dinge, das Alterthum und die Neuheit, die Erinnerung und die Hoffnung beſeſſen. Es war ein ſchöner und in meinem Alter natürlicher Traum. Jeder Morgen zerſtörte einen Theil daſſelben in meinem Geiſte. Ich erkannte mit Schmerz, daß die alten Formen ſchlechte Gefäße für neue Ideen ſind und daß die Monarchie und die Freiheit nicht in dem nämlichen Knoten halten, ſondern ewig reißen würden; daß dieſes Zerreißen die Kräfte des Staates erſchöpfen müßte; daß die Monarchie beſtändig verdächtig ſein und die Frei⸗ heit beſtändig verrathen würde. 1 Lamartine, Raphael. 11 Von dieſen allgemeinen Studien ging ich für einige Monate zu einem Studium über, das meinen Geiſt um ſo mehr beſchäftigte, als es ſeiner mageren, trock⸗ neren, eiſtgern Natur nach dem Herzen eines jungen liebetrunkenen Mannes mit glühender Einbildungskraft ferner ſtand. Ich meine den politiſchen Haushalt oder die Kunde des Vermögenszuſtandes der Nationen. Vere beſchäftigte ſich mehr der Neugier willen da⸗ mit, als daß dieſer Zweig der Wiſſenſchaft ihn anſprach. Italieniſche, engliſche, franzöſiſche Bücher, die darüber handelten, lagen auf ſeinen Tiſchen und Büchergeſtel⸗ len umher. 4 Wir laſen und beſprachen dieſe Bücher mit einan⸗ der und zeichneten die Bemerkungen auf, zu denen dieſe Lectüre uns veranlaßte. Dieſe Wiſſenſchaft des poli⸗ tiſchen Haushaltes, welche damals mehr Axiome als Wahrheiten, mehr Probleme als Reſultate aufſtellte und heutzutage noch aufſtellt, hatte gerade deßwegen für uns den Reiz eines Geheimniſſes. Zudem war ſie für uns der endloſe Tert zu jenen Geſprächen, die mit den Lip⸗ pen geführt werden und den Geiſt beſchäftigen, ohne die Seele zu zerſtreuen, welche geſtatten, beim Reden die Gegenwart des geheimen, in der Tiefe ſeines Her⸗ zens verborgenen Gedankens zu fühlen. Eine Art Räth⸗ ſel, deſſen Löſung man ſucht, ohne einen ungeheuren Werth darauf zu ſetzen, daß man ſie finde! Nachdem ich Alles geleſen, Alles beſprochen und Alles aufgezeichnet hatte, woraus damals dieſe Wiſſen⸗ ſchaft beſtand, glaubte ich einige theoretiſche Grundſätze zu unterſcheiden, die in ihrer Allgemeinheit richtig, in ihrer Anwendung zweifelhaft, bei ihrer Anmaßung, ſich in die Reihe der abſoluten Wahrheiten zu ſtellen, ehr⸗ geizig, in ihren Formeln oft leer oder betrüglich ge⸗ nannt werden können. Ich wußte Nichts darauf zu 163 antworten, allein mein Drang, mir anſchauende Ge⸗ wißheit zu verſchaffen, war nicht gehörig befriedigt. Ich warf die Bücher auf den Boden und harrte auf Licht. Dieſe Kenntniß war damals noch nicht zur Wiſſenſchaft gediehen. Als eine ganz auf Erfahrung gegründete Wiſſenſchaft war ſie weder alt noch reif ge⸗ nug, um ſo viel behaupten zu können. Sie iſt ſeither älter geworden; ſie verſpricht den Staatsmännern einige Dogmen, die mit Maß in der menſchlichen Geſellſchaft angewendet werden können, einige Quellen der Wohl⸗ habenheit und einige zwiſchen den Nationen zu knüpfende Bruderbande mehr. 69. Ich miſchte dieſe trockenen Studien mit dem Stu⸗ dium, das mich von meinem Jünglingsalter an mehr angeſprochen hatte, dem der Diplomatie oder der gegen⸗ ſeitigen Verhältniſſe der Regierungen zu einander. Ein Zufall hatte mir die Quellen deſſelben eröffnet. Wäh⸗ rend ich mich mit Fleiß dem Zweige des Staatshaus⸗ haltes widmete, hatte ich über eine Frage, welche da⸗ mals die Geiſter lebhaft beſchäftigte, eine Brochüre von etwa hundert Seiten geſchrieben. Der Titel derſelben lautete: Was für eine Stelle kann der Adel in Frankreich unter einer conſtitutionellen Re⸗ gierung einnehmen? Ich behandelte dieſe in einem ſolchen Augenblick ſehr zarte Frage mit dem Inſtinkt des geſunden und ziemlich klaren Menſchenverſtandes, den die Natur mir gegeben hatte, und mit jener Unparteilichkeit eines jun⸗ gen unabhängigen Geiſtes, der ſich ohne Mühe über die Eitelkeiten der obern, den Neid der untern Regio⸗ nen und die Vorurtheile ſeiner Zeit erhebt. Vom Volke ſprach ich darin mit Liebe, von den verſchiedenen Stif⸗ tungen mit Einſicht, von dem hittoriſchen, Adel, deſſen Namen lange Zeit auf den Schlachtfeldern, in der Staatsverwaltung und im Auslande Frankreichs Name ſelbſt waren, mit Achtung, Ich erkannte dem Adel kein anderes Vorrecht zu, als das Andenken der Völker für geleiſtete Dienſte, das ſich nicht abſchaffen läßt. Ich verlangte wählbare Pairs und bewies, daß es in einem freien Lande keinen andern Adel als den der Wahl gebe; ein beſtändiges Anregungsmittel, ſich dem Dienſte des Landes zu weihen, und eine temporäre Belohnung für das Verdienſt oder die Tugend der Bürger. Julie, welcher ich dieſes Manuſcript geliehen hatte, um ſie in meine Arbeiten wie in mein Leben einzu⸗ weihen, hatte es einem berühmten Manne ihrer engern Geſellſchaft zu leſen gegeben, auf deſſen Urtheil ſie einen beſondern Werth legte. Es war Herr Merns, der würdige Sohn des berühmten Mitglieds der conſtitui⸗ renden Verſammlung, welcher lange Zeit Privatſecre⸗ tär des Kaiſers und dann conſtitutioneller Royaliſt war; einer jener Geiſter, die keine Jugend haben, die ſchon reif geboren werden und jung ſterben, indem ſie eine große Leere in ihrer Zeit zurücklaſſen. Nachdem Herr Merr meine Arbeit geleſen hatte, fragte er Julie, wer der Politiker ſei, der dieſe Seiten geſchrieben habe. Sie lächelte und geſtand ihm, daß ſie das Werk eines ſehr jungen Mannes ſeien, der weder Namen noch Erfahrung, noch frühere Arbeiten in dieſem Fache aufzuweiſen habe. Herr Mexs wollte mich ſehen, um es zu glauben. Ich ward ihm vorgeſtellt. Er bewies mir ein Wohl⸗ wollen, das nachher in Freundſchaft überging, die ſich bis zu ſeinem Todbette nicht verläugnete. Ich übergab dieſe Arbeit nicht dem Drucke; da⸗ gegen ſtellte mich Herr Meee ſeinem Freunde, Herrn von Reyneval vor, einem Manne von glänzendem Geiſte, offenem Herzen und anziehender, heiterer Gemüthlichkeit, dabei aber von arbeitſamem und ernſtem Weſen. Er war damals die Seele unſerer auswärtigen Angelegen⸗ heiten. Er ſtarb als Geſandter in Madrid. 165 Herr von Reyneval, der meine Arbeit geleſen hatte, empfing mich in ſeinem Hauſe mit jener aufmuntern⸗ den Leutſeligkeit und jenem freundlichen Lächeln, das den Unterſchied des Standes aufhebt und das Herz eines jungen Mannes auf den erſten Blick hin gewinnt. Er war einer jener Männer, von welchen man gern lernt, weil ſie beim Lehren bloß ihr Herz auszuſchütten und ſtatt zu imponiren zu geben ſcheinen. Bei dieſem angenehmen Manne lernte man an einigen Vormittagen im Geſpräche Europa beſſer kennen, als aus einer Bi⸗ bliothek für Diplomatie. Er beſaß Takt, dieſes bei Unterhandlungen ſo unumgänglich nothwendige Talent. Ihm verdanke ich den Geſchmack an den großen Ange⸗ legenheiten, die er leitete und deren Wichtigkeit er fühlte, ohne daß er jedoch deren Laſt zu fühlen ſchien. Seine Kraft machte Alles leicht, ſeine Gewandtheit verlieh den Angelegenheiten Leben und Anſtand. Er naͤhete in mir den Wunſch, die diplomatiſche Laufbahn zu betreten. Er führte mich perſönlich bei Herrn von Hauterive, Director der Archive, ein und ermächtigte ihn, mir die Sammlungen unſerer ausländiſchen Unter⸗ handlungen zu öffnen. Herr von Hauterive, ein über den Depeſchen er⸗ grauter Greis, war die unwandelbare Ueberlieferung und das lebendige Dogma unſerer Diplomatie. Bei ſeiner Achtung einflößenden Geſtalt, ſeiner dumpfen Stimme, ſeinen buſchigen und gepuderten Haaren, ſei⸗ nen langen, über tiefliegende und matte Augen geſenkten Brauen ſchien er ein redendes Jahrhundert. Er nahm mich väterlich auf und, glücklich, mir das Erbe ſeiner alten, zuſammengeſparten Wiſſenſchaft ein⸗ händigen zu können, ließ er mich in ſeinem Cabinette unter ſeinen Augen die Akten durchſtöbern, leſen, ar⸗ beiten und Notizen machen. Zweimal wöchentlich ſtu⸗ dirte ich einige Stunden unter ſeiner Leitung. Dieſes muntere Alter, das ſich ſo verſchwenderiſch einem jun⸗ gen, ſogar dem Namen nach unbekannten Manne hin⸗ gab, gehört unter meine liebſten Erinnerungen. 166 Herr von Hauterive ſtarb im Jahr 1830 während des Julikampfes und beim Donner der Kanone, welche die Politik des Hauſes Bourbon und die Verträge von 1815 zerriß. 1 70. Solche ernſte und fleißige Studien waren die Be⸗ ſchäftigung meiner Tage. Ich wünſchte Nichts weiter; ſelbſt mein Ehrgeiz, eine Laufbahn zu betreten, war im Grunde nur der Ehrgeiz meiner armen Mutter und der Schmerz, ihren Diamant zu veräußern, ohne ihr durch Verbeſſerung meiner Lage einigen Erſatz zu ge⸗ währen. Wenn man mir in jenem Augenblick eine Geſandtſchaftsſtelle geboten hätte, um mich von Paris zu entfernen, und einen Palaſt ſtatt meiner Pritſche in meinem Vorzimmer, ſo würde ich die Augen geſchloſſen haben, um das Glück nicht zu ſehen, und die Ohren, um es nicht zu hören. Ich war in meiner Dunkelheit zu glücklich bei dem für Andere unſichtbaren Stral, der meine Nacht erhellte und durchglühte. Wenn die Sonne unterging, ſo ging mein Glück auf. Ich aß gewöhnlich allein in meiner Zelle. Brot, ein Stück geſottenes, mit Peterſilie gewürztes Ochſen⸗ fleiſch und einige Salate von Wurzeln bildeten gemei⸗ niglich mein Mittagsmahl. Ich trank bloß Waſſer, um die Ausgabe für das Bischen Wein zu erſparen, der in Paris eigentlich nothwendig iſt, um das fade und oft ſtinkende Waſſer zu verbeſſern. Auf ſolche Weiſe reichten etwa zwanzig Sous zu meinem täglichen Mittageſſen hin. Dieſe Mahlzeit nährte neben mir noch den armen Hund, der mich zu ſeinem Herrn er⸗ koren hatte. Ermüdet durch die Einſamkeit und die Arbeit des Tages warf ich mich auf mein Bett und kürzte durch Schlaf die langen nächtlichen Stunden ab, welche mich 167 noch von dem einzigen Augenblicke trennten, wo wirk⸗ lich die Zeit für mich begann; Stunden, welche die jungen Leute meines Alters, wie ich es ſelbſt vor meiner Umwandlung gethan, in den Theatern, anf öffentlichen Orten und in den koſtſpieligen Erholungen einer Haupt⸗ ſtadt zubringen. Um elf Uhr erwachte ich ſtets und kleidete mich dann mit der anſtändigen Einfachheit eines jungen Mannes, deſſen Wuchs, Geſicht und mit dem Kamm wellenförmig geglättete Haare wenig Schmuckes bedürfen. Eine reinliche Fußbedeckung, weiße Wäſche, ein ſchwar⸗ zes, immer eigenhändig ausgebürſtetes und bis an den Hals zugeknöpftes Kleid, gleich dem Koſtüm junger Schüler des Mittelalters, ein in großen Falten über die linke Schulter zurückgeſchlagener Militärmantel, der das Kleid auf der Straße vor Kothſpritzen ſchützte, das war das einſache, einförmige und dunkle Koſtuͤm, das, ohne meine Lage zu verrathen, weder Lurus noch Armuth zur Schau trug und mir geſtattete, aus meiner Einſamkeit in einen Salon zu gehen, ohne die Augen Gleichgültiger weder auf ſich zu ziehen, noch zu ver⸗ letzen. Ich ging zu Fuß hin, denn das Fahren hätte mich ſo viel gekoſtet, als mein Lebensunterhalt für einen Tag. Ich ſuchte die Trottoirs zu benützen, ging hart an den Häuſern hin und vermied ſo viel als möglich die Mitte der Straßen. Ich lief langſam und auf den Zehenſpitzen, um meine Kleider vor Koth zu bewahren, der in dem hellerleuchteten Salon den beſcheidenen Fuß⸗ gänger verrathen hätte. 3 Da ich wußte, daß Julie jeden Abend die Freunde ihres Gemahls in ſeinem Zimmer oder in ihrem Salon empfing, ſo beeilte ich mich nicht. Bevor ich anklopfte, wollte ich warten, bis der letzte Wagen weggefahren war. Ich übte dieſe Behutſamkeit nicht nur, um Be⸗ merkungen über den fleißigen Beſuch eines jungen Un⸗ bekannten im Hauſe einer ſo jungen und ſo ſchönen Frau zu vermeiden, ſondern hauptſächlich, um ihren 168 Blick und ihre Worte nicht mit den Gleichgültigen theilen zu müſſen, deren Unterhaltung obzuliegen ſie um dieſe Stunde genöthigt war. Es war mir, als raube Jeder von ihnen mir einen Theil ihrer Gegen⸗ wart und ihrer Seele. Sie nicht allein zu ſehen, zu hören und zu beſitzen, war bisweilen ſchmerzlicher für mich, als ſie gar nicht zu ſehen. 71. Um die Zeit zu tödten, ſchritt ich immer auf der über die Seine führenden Brücke, die dem Hauſe, wel⸗ ches Julie bewohnte, beinahe gegenüber lag, von einem Ende bis zum andern. Wie viel tauſendmal habe ich nicht die unter meinen Füßen erdröhnenden Bretter dieſer Brücke gezählt! Wie manches Stück Kupfer⸗ münze habe ich nicht im Hin⸗ und Hergehen in die blecherne Schale des armen Blinden geworfen, der beim Regen und Schnee an der Bruſtwehr dieſer Brücke ſaß! Ich betete, mein in der Seele des armen Unglücklichen und von dort im Ohre Gottes widerhallender Heller möchte mir als Vergeltung den Weggang eines jener Ueberläſtigen erwerben, die mein Glück und die Ge⸗ wißheit eines langen Abends aufſchoben! Julie, welche wußte, wie unangenehm es mir war, Fremde bei ihr zu finden, hatte mit mir ein Zeichen verabredet, das mir von Ferne die Gegenwart oder Abweſenheit von Beſuchenden in ihrem kleinen Salon kund thun ſollte. Waren viele Leute da, ſo waren die zwei innern Laden des ſchmalen Fenſters geſchloſſen und ich ſah zwiſchen den beiden Flügeln derſelben nur den Schein der Wachskerzen durchſchimmern. Befanden ſich nur ein bis zwei Vertraute dort, ſo war nur ein Laden geſchloſſen. War dann endlich Alles fort, ſo wurden beide Laden geöffnet und die Vorhänge zurück⸗ geſchoben, ſo daß ich vom andern Ufer aus die Helle 169 der auf dem Tiſche ſtehenden Lampe ſehen konnte, an welchem ſie in Erwartung meiner las oder ſchrieb. Meine Augen verloren dieſen fernen Schein nie aus dem Geſicht, der mitten unter den tauſendfachen Fenſtern, Laternen, Kaufläden, Wagen, Kaffeehäuſern zurückgeſtralten Lichtern und jenen beweglichen oder un⸗ beweglichen Feuern, welche Nachts das Aeußere und die Horizonte von Paris erhellen, für mich allein ſicht⸗ bar und verſtändlich war. Alle die andern Beleuch⸗ tungen verſchwanden für mich. Es gab für mich keine andere Helle auf Erden, keinen andern Stern am Firmamente mehr, als jenes runde Fenſterchen, das gleichſam ein für mich geöffnetes Auge war, um mich in der Dunkelheit zu ſuchen, und nach welchem meine Augen, mein Sinn und meine Seele unabläſſig und einzig gerichtet waren. O, unbegreifliche Macht der unendlichen Menſchen⸗ natur, welche die Räume von tauſend Welten ausfüllen und ſie für ihren Umfang immer noch zu eng finden kann, oder die ſich in dem Ocean von Lichtern einer ungeheuren Stadt in einem einzigen hellen, durch den Nebel eines Fluſſes hindurchſchimmernden Pünktchen concentriren und in dieſem einzigen Funken, der ſich kaum dem Leuchtwürmchen einer Sommernacht an die Seite ſtellen dürfte, eine Unendlichkeit von Wünſchen, Empfindungen, Sympathie und Liebe finden kann! Wie oft ſagte ich mir das damals, wenn ich, bis an die Augen in den Mantel gehüllt, über meine dunkle Brücke ſchritt! Wie oft habe ich nicht gerufen, wenn ich von ferne dieſes ſchimmernde Kappfenſter ſah: „Mein Gott, blaſe alle Lichter auf Erden aus, löſche alle jene leuchtenden Weltkugeln am Firma⸗ mente, aber laß dieſe kleine Helle, dieſen geheim⸗ nißvollen Stern zweier Leben ewig leuchten. Dieſer Schein wird alle Welten hinlänglich erhellen und Deine Ewigkeit hindurch meinen Augen genügen!“ „Ach, dieſen Stern meiner Jugend, dieſes Feuer meiner Augen und meines Herzens ſah ich ſeither 170 erlöſchen! Lange Jahre ſah ich die Fenſterläden über der traurigen Dunkelheit des kleinen Zimmers verſchloſſen Nächtlicherweile bin ich dann oft zurückgekehrt und gehe jetzt noch alljährlich hin und nähere mich mit furchtſamen Schritten dieſer Mauer, berühre dieſe Doch um Vergebung, mein Freund, ich fahre in meiner Erzählung fort, weil Du es willſt. 72. Julie hatte mich am Tage nach meiner Ankunft dem Greiſe vorgeſtellt, der Vaterſtelle bei ihr vertrat und deſſen letzte Tage ſie mit den Stralen ihrer Seele, ihrer Zärtlichkeit und ihrer Schönheit erhellte. Er hatte mich wie einen zweiten Sohn empfangen. Er kannte durch ſie unſer Zuſammentreffen in Savoyen, unſere gegenſeitige geſchwiſterliche Anhänglichkeit, unſern 171„ täglichen Briefwechſel und jene durch die Ueberein⸗ ſtimmung unſerer Inſtinkte, unſerer Alter und unſerer Gefühle kundgewordene Verwandtſchaft unſere Seelen. Er kannte die übernatürliche Reinheit unſrer Neigung, welche je zu verletzen die Natur und die Geſellſchaft uns verboten. Er war keineswegs eiferſüchtig und nur um das Glück, den Ruf und das Leben ſeiner Mündel be⸗ ſorgt. Er fürchtete nur, ſie möchte durch jene erſten Blicke, welche zuweilen eine Offenbarung, zuweilen ein Blendwerk für junge Frauen ſind, verführt oder getäuſcht worden ſein und ihr Herz einem Manne ge⸗ ſchenkt haben, den bloß ihre Einbildungskraft ſchuf. Zwar hatten ihn meine Briefe, aus denen ſie ihm zahlreiche Stellen vorlas, einigermaßen beruhigt. Meine Phyſtonomie allein konnte ihm ſagen, ob meine in die⸗ ſen Briefen ausgedrückten Empfindungen Natur oder Kunſt ſeien; denn der Styl kann lügen, das Antlitz nie. Der Greis betrachtete mich mit jener etwas un⸗ ruhigen Aufmerkſamkeit, die man unter einem momen⸗ tan verſtohlenen Blicke verbirgt. Je mehr er mich aber beobachtete und frug, um ſo offener ſah ich dieſen Blick werden, um ſo deutlicher ſeine innerliche Zufrie⸗ denheit hervortreten, um ſo rührender und vertraulicher ward die Aufnahme, um ſo ſicherer ſeine Stellung mir gegenüber, um ſo liebevoller hafteten ſeine Augen auf mir, welche die ſtummen, aber die beſten Worte einer erſten Unterredung ſind. Der heiße Wunſch, dem Greiſe zu gefallen, die natürliche Schüchternheit eines jungen Mannes, welcher fühlt, daß das Loos ſeines Herzens in dem Urtheil liegt, das man über ihn fällen wird, die Befürchtung, dieſer Eindruck möchte ungünſtig für mich ausfallen, die Anweſenheit Julie's, welche mich verwirrte, während ſie mich ermuthigte, alle dieſe Abſtufungen meines Ge⸗ dankens, welche in der Beſcheidenheit meiner Haltung und der Röthe meiner Wangen zu leſen waren, ſprachen dün Zweifel beſſer für mich, als ich ſelbſt geſprochen ätte. 172 Mit einer ganz väterlichen Bewegung ergriff der Greis meine Hände und ſagte: „Faſſen Sie Muth, mein Herr, und rechnen Sie ſtatt auf eine, auf zwei Freundesperſonen in dieſem Hauſe. Julie konnte keinen Beſſeren als Bruder wählen und ich würde keinen Beſſeren als Sohn wählen können. Er umarmte mich und wir plauderten mit einan⸗ der, als hätte er mich von Kindheit an gekannt, bis ein alter Diener kam, der ihn regelmäßig mit dem Schlage Zehn abholte, um ihm den Arm zu geben und ihn die Treppe hinauf in ſein Zimmer zu führen. 73. Es war ein ſchöner und anmuthiger alter Herr, dem man Nichts als die Sicherheit eines Morgen wünſchte. Dieſes ganz uneigennützige und rein väter⸗ liche Alter neben dieſer jungen Frau, verletzte den Blick keineswegs. Es wax ein wenig Abendſchatten auf einem Heraufſtralen des Morgens. Allein man fühlte, daß dieſer Schatten ein ſchützender ſei und daß er dieſe Jugend, dieſe Unſchuld und dieſe Schönheit ſchirme, ſtatt ſie welk zu machen. Die Züge dieſes berühmten Mannes waren regel⸗ mäßig, wie jene reinen Linien der antiken Profile, die auch durch Magerwerden ſich nicht verändern. Seine blauen Augen hatten den milden, aber durchdringenden Blick eines geſchwächten Geſichts, das durch einen leich⸗ ten Nebel ſchaut. Sein Mund war fein, wie ein Räthſel, heiter wie ein väterliches Lächeln zu Enkeln. Seine durch Studien und Alter dünn gewordenen Haare waren weich und geſchmeidig wie Schwanenflaum. Seine Hände waren ausgeſpitzt und weiß, wie die Marmorhände der Statue des ſterbenden Seneca, der von Pauline Abſchied nimmt. Sein mageres und durch anhaltende Arbeiten des Geiſtes blaß gewordenes 173 Antlitz hatte keine Runzeln, weil es nie Fleiſch beſaß. An den flachen Schläfen ſchlängelten ſich nur einige blaue, blutarme Adern. Auf ſeiner Stirne, dieſem Organe, das die Gedanken als erſte Schönheit des Menſchen meißeln und glätten, ſpiegelte ſich das Feuer des Kamines ab. Die Wangen hatten jene zarte Haut, jene durchſichtige Farbe eines Antlitzes, das im Schatten der Mauern gealtert iſt und nie weder vom Winde noch von der Sonne mitgenommen wurde; eine Frauen⸗ farbe, welche der Phyſtonomie von Greiſen am Ende ihres Lebens etwas Weibliches, ja zuweilen etwas Luftiges, Flüchtiges und Ungreifbares verleiht, als wären ſie ein Schatten, der Gefahr liefe, von einem allzu ſtarken Hauche weggeweht zu werden. Seine reifen, beſonnenen, in kurze Sätze natürlich eingereihten, klaren und lichtvollen Worte trugen die Beſtimmtheit eines Mundes, der beim Dictiren oder Schreiben ſeiner Gedanken wähleriſch war. Er unter⸗ brach dieſe Sätze durch langes Schweigen, als wolle er ihnen Zeit geben, in's Ohr zu dringen und von ſeinen Zu⸗ hörern gehoͤrig aufgefaßt zu werden. Er würzte ſie mit einer ſtets anmuthigen und niemals cyniſchen Munter⸗ keit, mit deren leichten Schwingen er zuweilen abſichtlich die Unterhaltung hob, um ſie zu verhindern, unter einem allzu anhaltenden Gedankendrucke ſchwerfällig zu werden. 714. Schon nach einigen Tagen betete ich dieſen weiſen und anmuthigen Greis an. Wenn ich alt werden ſollte, ſo möchte ich wünſchen, wie er zu altern. Nur Etwas betrübte mich, wenn ich ihn anſah, daß er nämlich heiteren Schrittes dem Tode entgegen ging, ohne an die Unſterblichkeit zu glauben. Die Naturwiſſenſchaften, die er gründlich ſtudirt hatte, hatten ſeinen Geiſt gewöhnt, ausſchließlich dem Urtheil ſeiner Sinne zu vertrauen; was nicht greifbar war, das war für ihn nicht vor⸗ handen; was nicht berechenbar war, das hatte in ſeinen Augen keine Grundlage der Gewißheit; der Stoff und die Zahl bildeten ſeiner Anſicht nach das Weltall; die Zahlen waren ſein Gott, die Phänomene ſeine Offenbarung; die Natur war ſeine Bibel und ſein Evangelium; ſeine Tugend war bloßer Inſtinkt; er wollte nicht einſehen, daß die Zahlen, die Phänomene, die Natur und die Tugend nur auf den Vorhang des Tempels geſchriebene Hieroglyphen ſind, deren einſtim⸗ miger Sinn iſt: Gottheit. O, über die erhabenen, aber widerſpenſtigen Geiſter, welche die Treppe der Wiſſen⸗ ſchaft von Stufe zu Stufe wundervoll hinanſteigen, ohne je die letzte überſchreiten zu wollen, welche zu Gott führt!— 75. In wenig Tagen faßte dieſer zweite Vater eine ſolche Anhänglichkeit zu mir, daß er mir zuweilen Morgens in ſeiner Bibliothek Lectionen in den höhern Wiſſenſchaften ertheilen wollte, welche ihm ſeinen Ruf verſchafft hatten und jetzt ſeine Erholung waren. Ich ging nun von Zeit zu Zeit an Vormittagen hin. Julie kam oft zu derſelben Stunde herauf. Es war ein ſeltenes und rührendes Schauſpiel, dieſen Greis mitten unter ſeinen Büchern ſitzen zu ſehen, gleich einem Monumente der Menſchenkenntniß und der Philoſophie, deren Blätter er ſein ganzes Leben hindurch ſtudirt hatte, und einem hinter ihm ſtehenden jungen Manne die Geheimniſſe der Natur und des Gedankens eröffnend, während eine ſchöne, junge Frau, wie die Beatrice des florentiniſchen Dichters, dieſe idealiſirte Philoſophie, dieſe verliebte Weisheit, der erſte Schüler des Greiſes und der Mitſchüler des jungen Bruders war. Sie 175 holte die Bücher herbei, ſchlug die Seiten auf, bezeich⸗ nete mit ihrem ſchönen roſigen Finger die Kapitel, ſie wandelte zwiſchen den Himmelskugeln, den Weltkugeln, den Inſtrumenten, den Bücherhaufen, in dieſem Staube der menſchlichen Wiſſenſchaft umher und glich dabei der Seele der Natur, die ſich von dieſem Stoffe befreite, um ihn anzuzünden und verbrennen und lieben zu laſſen. In wenig Tagen hatte ich mehr gelernt und mehr gefaßt, als bei jahrelangen trocknen und einſamen Studien. Nur unterbrachen die Gebrechlichkeiten des Alters den Lehrer zu oft in dieſen vormittägigen Beſprechungen und Lektionen. 76. Ich fuhr jedoch fort, allabendlich einen Theil mei⸗ ner Nächte Der zu widmen, die allein für mich Nacht und Tag, Zeit und Ewigkeit war. Wie ich Dir ſchon geſagt habe, fand ich mich in dem Augenblicke ein, wo die Ueberläſtigen ihren Salon verließen. Zuweilen blieb ich ſtundenlang auf der Brücke oder auf dem Kai, bald hin und her gehend, bald ſtille ſtehend und vergeblich harrend, der innere Laden möchte ſich ganz oder zur Hälfte öffnen, um mir die verabredete ſtumme Benachrichtigung zu ertheilen. Wie vielen trägen Wellen der Seine, welche in ihrem Fliehen den ſchwankenden Schein des Mondes oder den Widerſchein der Lichter in der Stadt mit ſich fortwälzten, folgte nicht auf dieſe Weiſe mein Auge! Wie viele Stunden⸗ und Halbeſtundenſchläge der Glockenhämmer benachbarter oder ferner Kirchen habe ich nicht auf dieſe Weiſe gezählt, indem ich ihre Lang⸗ ſamkeit verwünſchte oder ſie der Uebereilung beſchul⸗ digte! Ich kannte den Klang dieſer ehernen Stimmen eines jeden Thurmes von Paris. Es gab Glücks⸗ oder Unglückstage für mich. Zu⸗ weilen konnte ich hinaufgehen, ohne einen Augenblick warten zu muͤſſen. Ich fand da bei ihr, der ſich die Stunden un nur ihren Gemahl vor Schlafenszeit an ihrer Seite mit luſtigen Erzählungen und heiterem Geplauder vertrieb. Zuweilen traf ich nur einen oder zwei Hausfreunde bei ihr an, die für einen Augenblick eingetreten waren, um ihr eine Neuigkeit oder das Tagesgefpräch mitzutheilen. Sie widmeten der Freund⸗ ſchaft die Erſtlinge ihres Abends, ſchen Salons zugebracht wurde. der nachher in politi⸗ Es waren dieß ge⸗ wöhnlich Männer des Parlamentes, vorzügliche Redner der beiden Kammern, wie Suard, Bonald, Mounier, Reyneval, Lally⸗Tollendal, ein Greis mit einer Jüng⸗ lingsſeele; Lainé, der reinſte Abdruck der antiken Tugend und Beredtſamkeit, der je in unſerer Neuzeit Verehrung verdiente, ein Römer von Herz, Sprache und Aeußerem, dem vom Römer Nichts fehlte, als die Toga, um der Cicero oder Plato ſeiner Zeit zu ſein. Für dieſe Menſchwerdung eines großen Bürgers hegte ich eine beſonders zarte Bewunderung und Ach⸗ tung. Herr Lainsé ſelbſt zeichnete mich durch einige Vorliebe verrathende Blicke und Worte aus. Er wurde nachher mein Lehrer. Wenn ich einſt meinem Vater⸗ lande dienen und eine Rednerbühne beſteigen dürfte, ſo würde die Erinnerung an ſeinen Patriotismus und ſeine Beredtſamkeit vor mir ſtehen wie ein Vorbild, das man nie erreichen, aber von ferne nachahmen kann. Dieſe Männer lösten einander gewöhnlich vor dem kleinen Arbeitstiſche ab. Julie ihrem Kanapee. Ich hielt mich ſaß halb liegend auf ehrerbietig und ſchwei⸗ gend fern von ihr in einer Ecke des Zimmers und horchte auf die Geſpräche, erwog, bewunderte oder mißbilligte ſie bei mir ſelbſt, öffnete aber ſelten den Mund, wenn man wenigſtens nicht eine Frage an mich richtete, und miſchte in dieſe Unterhaltung ſtets nur einige ſchüchterne, zurückhaltende und halblaute Worte. Ich ſprach ſelbſt meine feſteſte Ueberzeugung ſtets nur mit größter Ver⸗ legenheit vor ſolchen Männern aus. Sie ſchienen mir 177 an Autorität ſo unendlich überlegen wie an Alter. Ach⸗ tung vor dem Alter, dem Genie und dem Rufe liegt in meiner Natur. Ein Stral von Ruhm blendet mich. Ein weißes Haar flößt mir Ehrfurcht ein. Vor einem berühmten Namen neige ich mich gern. Mein wirklicher Werth hat bei dieſer Schüchternheit oft und viel eingebüßt, dennoch habe ich ſie nie bereut. Dieſes Ge⸗ fühl der Ueberlegenheit Anderer iſt in der Jugend und in jedem Alter gut. Es erhebt das Ideal, dem man nachſtrebt. Das Selbſtvertrauen iſt eine Unverſchämt⸗ heit gegen die Natur und die Zeit. Wenn dieſes Ge⸗ fühl der Ueberlegenheit Anderer eine Täuſchung iſt, ſo iſt es wenigſtens eine Täuſchung, welche die Menſchheit größer macht. Sie iſt beſſer, als jene Täuſchung, welche ſie kleiner macht. Ach, ſie wird bald genug auf ihr richtiges und trauriges Verhältniß zurückgeführt! Dieſe Männer ſchenkten mir im Anfang wenig Aufmerkſamkeit. Ich bemerkte oft, daß ſie ſich gegen Julie vorbeugten und ſie leiſe fragten, wer der junge Mann ſei. Meine nachdenkliche Phyſtonomie und die beſcheidene Unbeweglichkeit meiner Haltung ſchienen ſie in Erſtaunen zu ſetzen und ihnen zu gefallen. Un⸗ merklich näherten ſie ſich mir und ſprachen abſichtlich und mit einer wohlwollenden Bewegung einige Worte nach der Seite hin, wo ich mich befand. Das war gleichſam eine unmittelbare Ermuthigung, mich in das Geſpräch zu miſchen. Ich that es in wenig Worten, um ihnen meine Erkenntlichkeit auszudrücken. Allein aus Furcht, das Geſpräch zu verlängern, indem ich es aufnähme, trat ich ſchnell wieder in mein Dunkel und mein Schweigen zurück. Ich betrachtete ſie nur als den Rahmen eines Gemäldes. Das Einzige, wofür ich mich wirklich intereſſirte, war das Geſicht, das Wort und die Seele Derjenigen, welche mir durch ihre Anweſenheit entzogen wurde. Lamartine, Raphael. 12 —— 178 77. Wie innig freute ich mich daher und wie mächtig pochte mein Herz, wenn ſie fortgingen, wenn ich unter der Einfahrt den Wagen wegrollen hörte, der endlich den Letzten von ihnen wegführte! Nun blieben wir allein. Die Nacht war vorge⸗ rückt. Die Sicherheit unſerer einſamen Stunden mehrte ſich mit jedem Ruck des Minutenzeigers, der ſich auf dem Zifferblatt der Wanduhr der Mitternachtszahl näherte. Man hörte nur noch ſelten einen Wagen über das Pflaſter des Kai's rollen und dafür das Schnarchen des alten Hausverwalters, der in der Hausflur auf einem Bänkchen am Fuß der Treppe ſchlief. Gleichſam erſtaunt über unſer Glück, ſchauten wir uns Anfangs an, ohne zu ſprechen. Ich näherte mich dann dem Tiſche, an welchem Julie beim Schein der Lampe mit einer Damenarbeit beſchäftigt war. Die Arbeit entglitt ihren zerſtreuten Fingern. Unſere Blicke leuchteten auf. Unſere Lippen lösten ſich. Unſere Her⸗ zen floßen über. Unſer Redefluß ſtockte Anfangs, wie durch eine zu ſchmale Oeffnung zurückgedrängte Wellen. Die Worte ergoſſen ſich nur tropfenweis aus dem Strome unſerer Gedanken. In dem Durcheinander von Dingen, die wir uns zu ſagen hatten, konnten wir nicht ſchnell genug das wählen, was Jedes am meiſten drängte, dem Andern mitzutheilen. Zuweilen entſtand gerade durch die Verlegenheit und das Uebermaß von Worten, die ſich in unſern Herzen aufhäuften, ohne ſich Bahn bre⸗ chen zu können, ein langes Schweigen. Dann began⸗ nen ſie langſam zu fließen, wie jene erſten Tropfen, welche aus der Wolke brechen und ſie beſtimmen, ſich zu entleeren. Dieſe erſten Worte riefen andere Worte hervor, die ihnen antworteten. Der Ton der Stimme des Einen zog den Ton der Stimme des Andern nach ſich, wie ein fallendes Kind das andere mit ſich zieht. Unſere Worte vermiſchten ſich einen Augenblick ord⸗ 179 nungslos, ohne Antwort und ohne Zuſammenhang, da Keines von Beiden dem Andern das Glück laſſen wollte, ihm ſelbſt in dem Ausdruck eines gemeinſamen Gefühls zuvorzukommen. Jedes von Beiden glaubte zuerſt em⸗ pfunden zu haben, was ſeine Gedanken ſeit dem geſtri⸗ gen Geſpräche oder dem Briefe vom Morgen Neues eröffneten. Endlich legte ſich dann dieſer ſtürmiſche Erguß, über den wir zuletzt errötheten und lachten, und machte einem ruhigen Ueberfließen der Lippen Platz, die mit einander oder abwechſelnd die Fülle ihrer Ausdrücke ausſchütteten. Es war eine beſtändige und murmelnde Umgießung der Seele des Einen in die des Andern, ein rückhaltloſer Tauſch unſerer beider Naturen, eine vollſtändige Verwandlung ihrer in mich und meiner in ſie durch die gegenſeitige Gemeinſchaft Alles deſſen, was in uns lebte, fühlte, dachte oder glühte. Ohne Zweifel gaben nie zwei in ihren Blicken und ſogar in ihren Gedanken ſo tadelloſe Weſen ihre Seelen einan⸗ der ſo bloß hin und enthüllten ſich, alles Körperliche ſo ganz verläugnend, den geheimnißvollſten Grund ihrer Gefühle. Dieſe unſchuldige Nacktheit unſerer Seelen blieb bei aller ihrer Enthüllung keuſch. Sie war wie das Licht, das Alles zeigt und Nichts befleckt. Wir hatten uns nur die fleckenloſe Liebe zu enthüllen, die uns rei⸗ nigte, indem ſie uns durchgluhte. Unſere Liebe erneuerte durch eben dieſe Reinheit unabläſſig das nämliche Licht in der Seele, den näm⸗ lichen Thau auf den Augen, die nämliche jungfräuliche Schmackhaftigkeit des erſten Erblühens. Alle Tage waren wie der erſte Tag. Alle Augenblicke waren je⸗ nem unausſprechlichen Augenblick ähnlich, wo man ſie in ſich aufblühen und ſie in dem Herzen und dem Blick eines andern Ichs beantwortet fühlt, während ſie ſtets eine Blume, eine Duft, ein Rauſch bleiben muß, weil ihre Frucht nie gepflückt werden wird. 12* 180 78. Unſere Liebe nahm, um ſich zu äußern, alle die unendlichen Formen an, wodurch Gott der Seele ge⸗ ſtattet hat, ſich bei der durchſichtigen Schranke der Sinne einer andern Seele mitzutheilen; von dem Blicke an, welcher in einem beinahe körperloſen Strale das Meiſte von uns enthält, bis zu den geſchloſſenen Augen⸗ lidern, welche das empfangene Bild in uns einzuſchließen ſcheinen, um ſeine Verfluͤchtigung zu verhindern, vom Schmachten an bis zum Wahnſinn, vom Seufzer an bis zum Schrei, von dem langen Schweigen an bis zu den unverſieglichen Worten, die ohne Pauſe und ohne Ende von den Lippen ſließen, den Athem erſchöpfen, die Zunge ermüden, welche man ausſpricht, ohne ſie ſelbſt zu hören, und die im Grunde keine andere Be⸗ deutung haben, als die einer ohnmächtigen Anſtrengung, um zu ſagen und wieder zu ſagen, was nie genug ge⸗ ſagt werden kann!.... 3 So hatten wir oft Stunden lang halblaut mit einander geſprochen, den Ellbogen auf den kleinen Tiſch geſtützt, Geſicht an Geſicht und die beiderſeitigen Blicke beinahe verſchmolzen, ohne gewahr zu werden, daß die Unterhaltung länger als ein Athemzug gedauert habe, und ganz erſtaunt, daß die Minuten ſo ſchnell dahingeflohen ſeien, wie unſere Worte, und die Uhr die unerbittliche Trennungsſtunde ſchlage. Der Inhalt dieſer Unterhaltung bald Fragen und Antworten über die feinſten Abſtufungen unſerer Na⸗ turen und unſerer Gedanken, Geſpräche mit kaum ver⸗ nehmbarer Stimme, mehr ein articulirter Athem als faßliche Worte, Bekenntniſſe, erröthend über unſere geheimſten und dumpfeſten innerlichen Seufzer, Aus⸗ rufe des Staunens und des Glücks, wenn wir uns gegenſeitig gleiche Eindrücke entdeckten, die vom Einen auf das Andere zurückprallten, gleich dem Widerſchein des Lichtes, gleich dem Schlag beim Gegenſchlage, gleich 181 der Geſtalt im Bilde. Indem wir in der nämlichen Regung gleichzeitig aufſtanden, riefen wir: „Wir ſind nicht Zwei! Wir ſind nur ein Weſen unter zwei Naturen, die uns täuſchen. Welches wird zu dem Andern Sie ſagen? Welches wird ich ſagen? Es gibt kein Ich, es gibt kein Sie, es gibt nur ein Wir!“ Und vernichtet vor Bewunderung über dieſe merk⸗ würdige Uebereinſtimmung ſanken wir auf unſeren Platz zurück und weinten vor Wonne, uns auf ſolche Weiſe doppelt zu fühlen, indem wir nur Eines waren, und unſer Weſen durch Hingebung deſſelben vervielfältigt zu haben. 79. Zuweilen und am gewöhnlichſten verſetzten wir uns an alle die Orte, in alle die Umſtände, in alle die Stunden zurück, welche den Anfang unſerer Liebe her⸗ beigeführt oder bezeichnet hatten, und ſammelten dieſe Erinnerungen mit einer Genauigkeit, ähnlich der eines jungen Mädchens, dem unterwegs koſtbare Perlen aus ſeinem Halshande fielen und das nun Schritt für Schritt zurückkehrt und die Augen auf den Boden nieder heftet, um ſie wieder zu finden und eine um die andere auf⸗ zuleſen. Wir wollten keine der Erinnerungen an irgend einen jener Orte, an irgend eine jener Stun⸗ den verlieren, aus Furcht, mit ihnen die Erinne⸗ rung und den kargen Genuß einer einzigen unſerer Wonnen zu verlieren. Die Berge Savoyens, das Thal von Chambery, die Waſſerfälle, die Ströme, der See, die ſchwellenden, von Schatten verdunkelten oder durch zerſtreute Lichtſtellen gefleckten Grasplätze unter den weit ausgebreiteten Aeſten der Kaſtanien⸗ bäume; die durch die Zweige brechenden Stralen; der Himmel, der zu den Spalten des über unſern Häuptern ſich wölbenden Blätterdoms hereinguckte, das azurne Tuch und die weißen Segel zu unſern Füßen; 182 unſere erſten unwillkürlichen Begegnungen auf den Ge⸗ birgspfaden; die Vermuthungen, die ſich dann Eines Betreffs des Andern bildete; unſer Zuſammentreffen auf dem See, wenn unſere Barken, bevor wir uns kannten, an einander vorbeifuhren; ihre durch den Wind auf⸗ gelösten, flatternden ſchwarzen Haare; meine gleich⸗ gültige Haltung; meine von der Menge abgewendeten Blicke; das doppelte Räthſel, das wir auf ſolche Weiſe beſtändig für einander bildeten und deſſen Löſung für Beide eine ewige Liebe ſein mußte; dann der verhäng⸗ nißvolle Tag des Sturmes und der Ohnmacht; die im Gebete, in Todesbangigkeit und Thränen durchwachte Nacht; das Erwachen im Himmel; die gemeinſame Rückkehr durch die Pappelallee beim Mondſcheine, wo ihre Hand in der meinen lag; ihre erſten gefühlten und und getrunkenen Thränen; die erſten Worte, durch welche unſere beiden Seelen ſich geoffenbart hatten; das Glück, die Trennung.... kurz, Alles wurde zurückgerufen! Wir konnten nicht ſatt werden an dem Rückblick auf dieſe Einzelnheiten. Es war, als ob wir uns eine Geſchichte, doch nicht die unſere, erzählten. Aber was war denn fortan außer uns in der Welt? O uner⸗ ſchöpfliche Neugier der Liebe, du biſt keine kindiſche Zerſtreuung der Stunde, du biſt die Liebe ſelbſt, die nicht müde werden kann, zu betrachten, was ſie be⸗ wundert, die keinen Eindruck, kein Haar, keine Bewe⸗ gung der Wimper, kein Schauer, keine Röthe, keine Bläſſe, kein Seufzer des geliebten Weſens entwiſchen laſſen will, um einen Grund zu haben, noch ſtärker zu lieben und mit jeder dieſer Erinnerungen eine Nahrung mehr auf den Herd der Begeiſterung zu werfen, auf welchem ſie ſelbſt mit Luſt ſich verzehrt!... 80. Zuweilen begann Iulie plötzlich mit befremdender Traurigkeit zu weinen. Der Grund davon war, daß ſie mich durch den ſtets verborgenen, uns aber immer gegenwärtigen Tod verdammt ſah, an ihr nur einen Schatten von Glück vor Augen zu haben, der in dem Augenblick, wo ich ihn an mein Herz drücken möchte, in Nichts zerfließen würde. Sie ſeufzte und klagte ſich an, mir eine Leidenſchaft eingeflößt zu haben, die mich nie glücklich machen könnte. „O, ich möchte ſterben, bald ſterben, jung und noch geliebt ſterben,“ ſagte ſie zu mir.„Ja ſterben, weil ich nur ein unvollkommener Gegenſtand und eine bittere Täuſchung der Liebe und der Seligkeit für Dich ſein kann, weil ich zugleich Deine Wonne und Deine Qual ſein muß! Ach, das heißt, das göttlichſte Glück und die grauſamſte Strafe in einem und demſelben Schickſal verſchmolzen! Möchte die Liebe mich tödten! Möchteſt Du mich überleben, um nach mir zu lieben, wie Deine Natur und Dein Herz es verlangen! Ster⸗ bend werde ich weniger unglücklich ſein, als ich es bei dem Gefühl bin, daß ich auf Unkoſten Deiner lebe und Deine ügend und Dein Glück einem beſtändigen Tode weihe!“. „O über dieſe Läſterung der höchſten Seligkeit!“ antwortete ich ihr, meine zitternde Hand unter ihre Augen legend, damit ihre Thränen auf meine Finger fallen moͤchten.„Was für eine ſchiefe Idee machen Sie ſich denn von Dem, den Gott würdig erfunden hat, Sie anzutreffen, Sie zu verſtehen und Sie zu lieben? Birgt dieſe Thräne, die ganz warm von Ihrem Herzen auf meine Hand fäͤllt und die ich trinke, wie den Blutstropfen der göttlichen Marter unſerer Seele, nicht mehr Oceane von Zärtlichkeit und Glück als tau⸗ ſend befriedigte Begierden und ſtrafbare Wollüſte, in welchen ſich die gemeinen Neigungen baden, deren Ent⸗ 184 behrung Sie für mich hin beklagen. Schien ich Ihnen je nach etwas Anderem zu geluͤſten, als nach dieſem beiderſeitigen Schmerz? Stempelt er uns nicht zu zwei freiwilligen und reinen Opfern? Iſt er nicht dieſes Brandopfer der Liebe, welches vielleicht von Heloiſe bis auf uns nie mehr zu den Engeln emporgeſtiegen iſt? Habe ich nur ein einziges Mal, ſelbſt in der Auf⸗ regung meiner einſamſten Stunden, dem Schickſal zum Vorwurf gemacht, mich durch Sie und für Sie über die Beſtimmung der Menſchen emporgehoben zu haben? *Es ließ mich in Ihnen nicht eine Frau lieben, die man in ſterbliche Arme drücken und ſchänden kann, ſon⸗ dern eine ungreifbare und heilige Menſchwerdung der körperloſen Schönheit. 4 Verzehrt nicht das himmliſche Feuer, das mich ſo wonnig durchglüht, in mir jede Kohle gemeiner Be⸗ gierden? Wandelt es mich nicht ganz in Flamme um? Iſt dieſe Flamme nicht ſo rein und ſo lieblich, wie die Stralen Ihrer Seele, die ſie entzündet haben, wäh⸗ rend ſie ewig durch Ihre Augen genährt wird? Ach, Julie, hegen Sie eine würdigere Idee von Ihnen ſelbſt und weinen Sie nicht über die Leiden, die Sie mir auf⸗ zulegen glauben! Ich leide nicht. Mein Leben iſt ein beſtändiges Ueberfließen von Glück; Sie allein füllen es aus, geben ihm Frieden! Es iſt ein Schlaf, deſſen Traum Sie ſind! Sie haben mich zu einer andern Natur verwandelt.... Ich leiden? Ach, ich möchte in der That zuweilen leiden, um dem Schickſal Etwas bieten zu können für Das, was es mir in Ihnen ge⸗ geben hat, und wäre es nur das Gefühl einer Ent⸗ behrung und die Bitterkeit eine Thräne! Denn um Ihretwillen leiden, wäre vielleicht das Einzige, was noch einen Tropfen mehr in den Glückskelch träufeln⸗ könnte, aus dem ich ſchlürfe. So leiden, heißt das wohl leiden oder genießen? Nein, ſo leben heißt ſter⸗ ben, es iſt wahr, aber es heißt von dieſem elenden Leben einige Jahre früher wegſterben, um zum Voraus ein himmliſches Leben zu leben!“ 185 81* ¹.- Sie glaubte es. Ich glaubte es, weil ich ſelbſt es ſagte. Ich faltete die Hände vor ihr. — Nach ſolchen Geſprächen trennten wir uns endlich; ſie behielt den Eindruck des letzten Blickes, und das Echo des letzten Tones, von denen wir einen ganzen langen Tag in der Erwartung der Erneuerung leben mußten, ich trug ſie mit mir weg, um, bis zum folgen⸗ den Tage getrennt, uns davon zu nähren. Ich ſah, wie ſie ihr Fenſter öffnete, wenn ich die Schwelle ihrer Thüre überſchritten hatte, und wie ſie ſich zwiſchen ihren Blumen auf die Eiſenſtange des Balkons ſtützte, um mir mit ihren Blicken ſo lang zu folgen, bis mein Schatten ſich auf der Brücke in dem Nebel der Seine verlor. Alle acht bis zehn Schritte wandte ich mich um, um ihr mit meiner Seele noch einen Seufzer und einen Blick zuzuſenden, der ſich nicht von ihr trennen konnte. Es war mir, als ſcheide ſich mein Weſen in zwei Theile, in die Gedanken, welche zu ihr zurückflogen und bei ihr weilten, und in den Körper, der allein, wie eine Maſchine, im Dunkel der verödeten Straßen langſamen Schrittes in das Hötel zurückkehrte, wo ich mein Nachtquartier hatte. 82. So verfloſſen ohne eine andere Abwechslung als die meiner Studien und unſerer Eindrücke dieſe herr⸗ lichen Wintermonate und nahten ihrem Ende. Schon ſchimmerte der erſte Frühlingsglanz auf den Gipfeln der Dächer über dem feuchten und kalten Straßen⸗ labyrinthe von Paris. Von ſeiner Mutter nach Hauſe gerufen, reiste mein Freund Verr ab und ließ mich in dem kleinen 186 Zimmer, in welchem er mich für die Zeit meines Aufent⸗ haltes aufgenommen hatte, allein zurück. Da Ver im Herbſt wieder zu kommen gedachte, ſo hatte er dieſe Wohnung für das ganze Jahr bezahlt. Noch in ſeiner Abweſenheit genoß ich ſeine brüderliche Gaſtfreundſchaft. Seine Abreiſe that mir weh. Ich hatte jetzt Nie⸗ mand mehr, mit dem ich von Julie ſprechen konnte. Meine Gefühle mußten nun um ſo ſchwerer auf meinem Herzen laſten, als ich ſie nicht mehr in ein anderes Herz ausſchütten konnte. Es war jedoch eine Laſt des Glücks, die ich noch gut zu tragen vermochte. Bald aber ward ſie zu einer Laſt der Angſt, die ich Niemand anvertrauen konnte, am wenigſten Der, die ich liebte. Meine Mutter ſchrieb mir, mein Vater ſei von unerwarteten Vermögensunfällen und häuslichem Miß⸗ geſchick ſo hart betroffen worden, daß das ehemals ſo freigebige, ſo offene und ſo gaſtfreundliche Vaterhaus beziehungsweiſe in eine Dürftigkeit gerathen ſei, die meinen armen Vater zwinge, mein Jahrgeld um die Hälfte zu verringern, um, ohnedieß noch mit großer Mühe, den Unterhalt und die Erziehung ſeiner ſechs andern Kinder zu beſtreiten. Ich müſſe daher, äußerte ſie ſich, mich entweder beeilen, durch meine eigenen Anſtrengungen in Paris ehrenhafte Exiſtenzmittel zu finden, oder zur Familie zurückkehren und mit ihnen Alen auf dem Lande in Mittelmäßigkeit und Entſagung leben.. Die Zärtlichkeit meiner Mutter tröſtete mich zum Voraus für dieſe ſchmerzliche Nothwendigkeit. Sie ſchilderte mir das Glück, das ſie in meinem Wiederſehen finden würde. Sie malte mir die Ausſicht auf die Land⸗ arbeiten und die einfachen Freuden des ländlichen Lebens anmuthig aus. Andererſeits erinnerten mich einige in Armuth geſunkene Freunde aus meinen früheren aus⸗ ſchweifenden Jahren, die mich in Paris angetroffen hatten, an kleine Schulden, welche ich für Spiel und Luſtbarkeiten bei ihnen gemacht hatte, und baten mich, ihnen zu helfen. Auf ſolche Weiſe brachten ſie mich 187 allmälig um den größten Theil meiner zu einem länge⸗ ren Aufenthalte in Paris geſammelten Erſparniſſe. Ich kam auf den Boden meiner kleinen Börſe und ge⸗ rieth nun auf den Gedanken, das Glück durch Erwer⸗ bung eines Rufes zu verſuchen. Eines Morgens trug nach einem heftigen Kampſe zwiſchen meiner Schüchternheit und meiner Liebe die Liebe den Sieg davon. Ich ſteckte das kleine grün eingebundene Manuſeript zu mir, das die Poeſien, meine letzte Hoffnung, enthielt. Zögernd und oft in meinem Vorhaben ſchwankend, machte ich mich auf den Weg nach dem Hauſe eines berühmten Verlegers, der ſich in der Literatur und dem franzöſiſchen Buchhandel einen Namen erworben hatte. Dieſer Name zog mich vor allen an, denn außer ſeiner Berühmtheit als Ver⸗ leger war Herr Duren zudem ein damals geſchätzter Schriftſteller. Er hatte ſeine eigenen Gedichte mit all dem Prunk und Klange eines Poeten herausgegeben, der die Stimmen ſeines eigenen Rufes beſitzt. In der Jakobsſtraße und an der Thüre des Herrn Drerc, einer mit Ruhm bekleideten Thüre angekommen, mußte ich mich doppelt zuſammennehmen, um die Schwelle zu überſchreiten, und wieder, um die Treppe hinaufzugehen; und endlich bedurfte es einer großen Anſtrengung über mich ſelbſt, um an der Thüre ſeines Kabinetes zu klingeln. Allein ich ſah hinter mir Julie's angebetetes Antlitz, das mich ermuthigte, und ihre Hand, die mich trieb. Ich wagte Alles. Herr Duwi, ein Mann von reiferem Alter, einem ſtrengen, handelsmänniſchen Geſicht und kurzer, bün⸗ diger Redeweiſe, die von einem Menſchen zeugt, der den Werth der Minute kennt, empfing mich höflich und fragte nach meinem Begehren. Ich ſtotterte verlegen jene zweideutigen Phraſen, die einen Gedanken verber⸗ gen, der zur Sache kommen will und nicht will. In⸗ dem ich Zeit gewann, glaubte ich Muth zu gewinnen. Zuletzt knüpfte ich meinen Rock auf und zog den klei⸗ nen Band hervor, den ich demüthig und mit zitternder 188 Hand Herrn Drun überreichte, indem ich ihm ſagte, daß ich der Verfaſſer dieſer Verſe ſei und ſie drucken zu laſſen wünſchte, wenn nicht, um mir Ruhm zu er⸗ werben, da dieſer lächerliche Wahn mir fremd ſei, ſondern um wenigſtens die Aufmerkſamkeit und das Wohlwollen der im Literaturfache bedeutenden Männer auf mich zu ziehen; daß ich bei meiner Dürftigkeit die Unkoſten für den Druck nicht aufzuwenden vermöge; daß ich mein Werk in ſeine Hände lege und ihn bitte, daſſelbe herauszugeben, wenn er es nach einem Durch⸗ blicke der Nachſicht und einer wohlwollenden Aufnahme der Gebildeten für würdig halte. Herr Dres lächelte mit einer mit Güte gemiſchten Ironie, ſchüttelte den Kopf, nahm das Manuſcript zwiſchen zwei Finger, die mir an ein geringſchätzendes Zerknittern des Papiers gewöhnt ſchienen, legte meine Verſe auf ſeinen Tiſch und hieß mich nach acht Tagen wieder kommen, um eine Antwort über den Gegenſtand meines Beſuches zu holen. Ich entfernte mich. Dieſe acht Tage ſchienen mir acht Jahrhunderte. Meine Zukunft, mein Vermögen, mein Ruf, der Troſt oder die Verzweiflung meiner armen Mutter, meine Liebe, kurz, mein Leben und mein Tod lagen in den Händen des Herrn Drer. Bald ſtellte ich mir vor, er leſe dieſe Verſe mit der gleichen Trunkenheit, welche mir dieſelben in den Bergen oder am Rand der Ströme meiner Heimatgegend eingegeben hatte, er finde in ihnen den Thau meiner Seele, die Thränen meiner Augen, das Blut meiner jungen Adern wieder; er verſammle befreundete Gelehrte um ſich, um ihnen dieſe Verſe vorzuſagen, und dann hörte ich in der Einſamkeit mei⸗ nes Alkovens ihr Beifallklatſchen. Bald erröthete ich bei mir ſelbſt, den Blicken eines Unbekannten ein der Veröffentlichung ſo unwürdiges Werk preisgegeben, um einer eiteln Hoffnung auf Erfolg, die ſich ſtatt in Freude und unter meinen Händen in Gold, auf meiner Stirne in Demüthigung verwandeln würde, meine Schwäche 189 und meine Blöße enthüllt zu haben. Indeſſen behielt die Hoffnung, die ſo hartnäckig war, als meine Dürf⸗ tigkeit, immer wieder die Oberhand in meinen Träu⸗ men und führte mich von Stunde zu Stunde bis zu der von Herrn Ders bezeichneten Stunde. 83. Als ich am achten Tage ſeine Treppe hinaufſtieg, gebrach es mir gänzlich an Muth. Ich blieb lange auf dem Treppenabſatze ſtehen, ohne daß ich zu klingeln wagte. Es kam Jemand heraus. Die Thüre blieb offen. Nun mußte ich wohl eintreten. 4 Das Geſicht des Herrn Deer war ausdruckslos und zweideutig wie ein Orakel. Er hieß mich Platz nehmen, ſuchte unter mehreren Stößen Papier meinen Band hervor und ſagte: „Ich habe Ihre Verſe geleſen, mein Herr. Sie ſind nicht ohne Talent, aber es gebricht ihnen an Stu⸗ dinn Sie beſitzen Nichts von Allem dem, was unſern Poeten eigenthümlich iſt und von ihnen geſucht wird. Man weiß nicht, wo Sie die Sprache, die Ideen, die Bilder dieſer Poeſte hergenommen haben. Sie reiht ſich in keine beſtimmte Klaſſe ein. Das iſt Schade, denn es iſt Harmonie darin. Geben Sie Neuerungen auf, wodurch Ihren Poeſien der franzöſtſche Geiſt ent⸗ fremdet wird. Leſen Sie unſere Meiſter, Delille, Parny, Michaud, Raynouard, Luce de Lancival, Fontanes; das ſind Poeten, welche das Publikum liebt. Suchen Sie Einem von dieſen ähnlich zu werden, wenn Sie wollen, daß man Sie leſe und Ihnen Anerkennung zolle! Ich würde Ihnen einen ſchlechten Rath erthei⸗ len, wenn ich Sie aufmunterte, dieſen Band heraus⸗ zugeben, und Ihnen einen ſchlimmen Dienſt erweiſen, wollte ich es auf meine Unkoſten thun.“ 190 Mit dieſen Worten ſtand er auf und gab mir das Manuſcript zurück.. Ich ſuchte nicht mit dem Schickſal zu ſtreiten; es ſprach durch den Mund dieſes Orakels zu mir. Ich ſteckte den Band wieder zu mir, dankte Herrn Drl, entſchuldigte mich, ſeine Zeit in Anſpruch genommen zu haben, und ging mit gebrochenen Beinen und feuch⸗ ten Augen die Treppe hinab. Ach, hätte Herr Ders, dieſer gute, gefühlvolle Mann und Beſchützer der Wiſſenſchaften, in meinem Herzen leſen und einſehen können, daß der junge Un⸗ bekannte mit ſeinem Werke in der Hand weder um Vermögen noch um Ruhm bei ihm bettle, ſondern Liebe und Leben von ihm erbitte, ſo bin ich überzeugt, er hätte den Band gedruckt. Der Himmel würde es ihm wenigſtens vergolten haben! 84. In verzweifelter Stimmung kehrte ich in mein Zimmer zurück. Zum erſtenmal verwunderten ſich das Kind und der Hund über meine finſtere Phyſtonomie und mein beharrliches Schweigen. Ich zündete ein Feuer im Ofen an und warf den ganzen Band Blatt für Blatt hinein, ohne eine einzige Seite zu begnadigen. „Da du mir nicht einmal einen Tag des Lebens und der Liebe zu erkaufen vermagſt,“ rief ich dumpf, als ich ihn brennen ſah,„was liegt mir daran, ob die Unſterblichkeit meines Namens ſich mit dir verzehre! Nicht der Ruhm, meine Liebe iſt meine Unſterblichkeit!“ Am nämlichen Abend ging ich mit anbrechender Nacht aus und verkaufte den Diamant meiner armen Mutter, den ich bis dahin behalten hatte, in der Hoff⸗ nung, meine Verſe würden mir ſo viel eintragen, daß ich ihr den Ring unberührt wieder zurückbringen könne. 191 Bevor ich den Diamant dem Juwelier übergab, drückte ich noch verſtohlen einen Kuß darauf und be⸗ netzte ihn mit Thränen. Der Kaufmann ſchien ſelbſt gerührt. Er merkte an dem Schmerze, den ich nicht verbergen konnte, als ich ihm das Kleinod übergab, daß ich daſſelbe nicht geraubt habe. Als ich die dreißig Luisd'or zählte, die er mir dafür gab, ließen meine Finger das Gold fallen, als wäre es der Preis einer Entweihung geweſen. O, wie viel Diamanten von zwanzigmal größerem Werthe hätte ich ſeither nicht oft gegeben, um dieſen nämlichen Dia⸗ mant, dieſen für mich einzigen Diamant, ein Stück des Herzens meiner Mutter, eine der letzten Thränen ihrer Augen, das Licht ihrer Liebe, zurückkaufen zu können!... An was für einen Finger mag er gewan⸗ dert ſein?... 85. Der Frühling war herangekommen. Die Tuilerien deckten Morgens die Müßiggänger mit dem grünen Schatten der Blätter und dem balſamiſchen Schnee der Kaſtanienbäume. Von den Brücken erblickte ich jenſeits des ſteinernen Horizontes von Chaillot und Paſſy die langen wellenföͤrmigen und grünenden Linien der Hügel von Fleury, Meudon und Saint⸗Cloud. Die Hügel ſchienen aus dieſem Ocean von Kreide gleich einſamen und friſchen Inſeln hervorzuragen. Sie ſandten mir gleichſam Gewiſſensbiſſe und ſtechende Vorwürfe in's Herz. Es waren die Bilder, die Erinnerungen und der Durſt nach der Natur, die ich ſeit ſechs Monaten vergeſſen hatte. Abends ſchwamm der Mond mit ſeinen Funken von Helle auf den lauen Wellen des Fluſſes. Das träumeriſche Geſtirn bildete an den äußerſten Enden des Seinebeties leuchtende Straßen und phantaſtiſche Fernſichten, wo das Auge ſich in Landſchaften von Dunſt 192 und Schatten verlor. Die Seele folgte den Augen un⸗ willkürlich. Vor den Läden, auf den Balkons und vor den Fenſtern an den Kai's ſtanden Blumentöpfe, die ihre Wohlgerüche bis zu den Vorübergehenden verbreiteten. An den Straßenecken und am Ende der Brücken ſaßen die Blumenhändlerinnen hinter einem Vorhang blühen⸗ der Pflanzen und wedelten mit Fliederzweigen, als wollten ſie die Stadt mit dem herrlichen Dufte anfüllen. In Julie's Zimmer war der Heerd des Kamines in eine Moosgrotte umgewandelt und auf den Spiegel⸗ tiſchchen und andern Tiſchen ſtanden Töpfe mit Veilchen, Maiblümchen, Roſen und Schlüſſelblumen. Arme, den Feldern entfremdete Blumen! Sie glei⸗ chen den Schwalben, welche aus Unbeſonnenheit in Zimmer hineinfliegen und ſich an den Wänden die Flü⸗ gel verletzen, während ſie den armen Bewohnern die ſchönen Tage des April verkünden. Der Duft dieſer Blumen ging uns zu Herzen. Unſere Gedanken führten uns natuͤrlich vermöge des Eindrucks der Düfte und der Bilder zu jener Natur zurück, in deren Schooße wir ſo allein und ſo glücklich geweſen waren. Wir hatten ſie vergeſſen, dieſe Natur, ſo lange die Tage düſter, der Himmel rauh, der Ho⸗ rizont umhüllt geweſen waren. In dem engen Zimmer eingeſchloſſen, in welchem Eines für das Andere die ganze Welt war, dachten wir nicht mehr daran, daß ein anderer Himmel, eine andere Sonne, eine andere Natur außerhalb uns vorhanden ſei. 2 Dieſe ſchönen Tage, die wir zwiſchen den Dächern einer ungeheuren Stadt wahrnahmen, erinnerten uns daran. Sie ſtörten uns, ſie ſtimmten uns traurig, ſie lockten uns durch unbeſiegliche Inſtinkte an, ſie zu be⸗ trachten, zu genießen und ihre Wonnen in den Wäl⸗ dern und an einſamen Orten in der Umgegend von Paris zu koſten. Indem dieſes unwiderſtehliche Ver⸗ langen uns beſiel und wir mit einander Pläne zu großen Spaziergängen in die Wälder von Fontainebleau, 193 Vineennes, Saint⸗Germain, Verſailles machten, war es uns, als würden wir unſere Wälder und unſere Ge⸗ wäſſer in den Alpenthälern wieder finden. Wenigſtens dachten wir die nämliche Sonne und den nämlichen Schatten wieder zu ſehen und in den Aeſten das har⸗ moniſche Rauſchen der nämlichen Winde wieder zu er⸗ ennen. Der Frühling, welcher dem Himmel die Klarheit und den Pflanzen den Saft zurückbrachte, gab Julien auch eine lebensvollere Jugend zurück. Die Farbe ihrer Wangen ward friſcher, die Stralen ihrer Augen wur⸗ den blauer und durchdringender. Der Ton ihrer Rede ward auſgeregter, ihr Schmachten hatte mehr Seufzer, ihr Gang und ihre Stellung mehr Schwung und Kind⸗ lichkeit. Ein Lebensfieber regte ſie ſogar in der Ein⸗ ſamkeit ihres Zimmers auf. Dieſes angenehme Fieber drängte die Worte auf ihren Lippen und ließ ihre Füße auf dem Boden keine Ruhe finden. Abends zog Julie ihre Vorhänge nicht vor, ſon⸗ dern legte ſich alle Augenblicke unter's Fenſter, um die Kühle des Waſſers, die Stralen des Mondes und die Wellen der balſamiſch durchwürzten Luft einzuziehen, welche aus dem Thale von Meudon her in die Gemächer am Kai einzogen. „O,“ ſagte ich zu ihr,„verſchaffen wir unſeren Seelen inmitten aller unſerer Glückstage einige Feſt⸗ tage! Wir, die gefühlvollſten und erkenntlichſten aller dieſer Weſen, für welche Gott ſeine Erde und ſeine „Himmel neu belebt, wir wollen nicht die einzigen ſein, für die er ſie vergeblich belebt. Tauchen wir uns mit einander in dieſe Luft, in dieſen Glanz, in dieſes Grün, in dieſe Zweige, in dieſen Ocean von Vegetation und Leben, der in dieſem Augenblick die Erde über⸗ flutet! Schauen wir, ob in den Werken ſeiner Schöpfung Nichts um einen Tag gealtert, ob jene Begeiſterung, welche auf den Bergen oder den Wellen Savoyens in uns ſang, ſeufzte, liebte und jubelte, nicht um einen Ton, um eine Note nachgelaſſen hat!“ Lamartine, Raphael. 13 1 194 „O ja, gehen wir,“ antwortete ſie,„wir werden zwar nicht mehr fühlen, nicht ſtärker lieben, nicht in⸗ niger preiſen. Aber wir werden ein Plätzchen der Erde und des Himmels mehr zum Zeugen des Glücks zweier armen Weſen gemacht haben. Der Tempel unſerer Liebe, der ſich nur auf jenen ſo lieben Bergen befand, wird überall ſein, wo ich an Deiner Seite athmete und wandelte!“ 5139 Der Greis munterte uns zu ſolchen Ausflügen in die ſchönen Wälder der Umgegend von Paris auf. Er hegte die Hoffnung und ward von den Aerzten darin beſtärkt, daß die vegetabiliſche Luft, der unmittelbare Einfluß der Sonne, welcher Alles kräftigt, und eine mäßige Bewegung im Freien die Nervenſchwäche Julie's heben und ihrem Herzen die Elaſticität wieder geben würde. Die fünf erſten Wochen der Frühlingszeit holte ich ſie nun täglich gegen Mittag ab. Der Wagen, den wir beſtiegen, war verſchloſſen, um die Blicke und die leichtſinnigen Bemerkungen zu vermeiden, welche Vor⸗ übergehende ihrer Bekanntſchaft oder Unbekannte hätten machen können, wenn ſie eine ſo entzückende junge Frau allein mit einem Manne meines Alters ſähen. Ich hatte nicht ſo viel Aehnlichkeit mit ihr, um für ihren Bruder gelten zu können. Am Saum der großen Wälder, am Fuße der Hügel oder an den Thüren der Parke in der Umgegend von Paris ſtiegen wir aus. In Fleury, in Meudon, in Sévres, in Sartory, in Vincennes ſuchten wir die längſten und einſamſten, mit blühendem Graſe beklei⸗ deten Alleen auf, die der Huf der Pferde bloß an den Tagen einer königlichen Jagd betritt. Hier trafen wir nur zuweilen einige Kinder oder arme Frauen an, welche mit einem Meſſer im Boden wühlten, um Weg⸗ warten zu ſammeln. Von Zeit zu Zeit rauſchte eine aufgeſchreckte Hindin durch das Laubwerk, ſetzte über die Allee und vertiefte ſich, nachdem ſie uns angeſchaut hatte, in's Gehölz. Wir wandelten ſchweigend einher, bald das Eine hinter dem Andern, bald einander führend. Dann ſprachen wir wieder von der Zukunft, von dem Glück, für ſich allein nur einen von dieſen tauſend Morgen unbewohnten Landes nebſt einem Häuschen unter einer dieſer alten Eichen beſttzen zu können. Wir träumten laut. Wir pflückten Veilchen oder Immergrün und bil⸗ deten Hieroglyphen daraus, die wir gegenſeitig aus⸗ tauſchten. Zwiſchen glatten Blättern von Nießwurz aufbewahrt, fügten wir dieſen Blumenbriefen irgend eine Bedeutung, eine Erinnerung, einen Blick, einen Seufzer, eine Bitte bei und behielten uns vor, dieſel⸗ ben wieder zu leſen, wenn wir getrennt ſein würden. Sie ſollten uns auf immer an alle Einzelnheiten dieſer wonnigen Unterhaltungen erinnern, deren wir keine aus dem Gedächtniß verlieren wollten. Am Rande der Allee ſetzten wir uns in den Schat⸗ ten, öffneten ein Buch und verſuchten zu leſen, vermoch⸗ ten jedoch nie mit einer Seite fertig zu werden. Wir laſen lieber in uns ſelbſt die unerſchöpflichen Seiten unſerer eigenen Eindrücke. Später holte ich dann Milch und Schwarzbrot in einem nahgelegenen Meierhofe; wir aßen auf dem Graſe und warfen den Reſt im Becher den Ameiſen und die Brodkrummen den Vögelchen zu. Bei Sonnenuntergang kehrten wir in den tumultreichen Ocean von Paris zu⸗ rück; der Lärm und die Menge ſchnürten uns das Herz zuſammen.⸗ 1 Berauſcht von den Wonnen des Tages begleitete ich Julie bis an die Schwelle ihres Hauſes, kehrte dann erſchöpft von Glück in mein leeres Zimmer zurück und ſchlug an den Mauern herum, damit ſie einſtürzen möchten und mir das Licht, die Natur und die Liebe wieder gäben, deren ſie mich beraubten. Ohne Appetit nahm ich mein Mahl zu mir. Ich las, ohne Etwas zu verſtehen. Ich zündete meine Lampe an; ich harrte, die Stunden zählend, bis der Abend vorgerſckt genug 196 wäre, um zu ihr zurückzukehren und von der Nacht die am Morgen abgebrochenen Unterhaltungen verlangen zu dürfen. 86. Am folgenden Tage machten wir ſtets einen ähn⸗ lichen Händedruck. Ach, wie viele Baumſtämme ſind für mich in dieſen Wäldern auf der Wurzel oder an der Rinde mittelſt meines Meſſers mit einem Zeichen verſehen worden, an welchem ich ſie immer erkennen werde! Es ſind die, deren Schatten ſie labten, die, an deren Fuße ſie eine Welle von Leben, ein Sonnenſtral, ein Duftſtrom der Wälder einathmete! Der Vorüber⸗ gehende ſieht dieſe Bäume, ohne zu ahnen, daß ſie für Jemand die Säulen eines Tempels ſind, deſſen Gottheit im Himmel, ihr Anbeter aber auf Erden weilt! Jeden Frühling beſuche ich ſie noch ein paarmal an den Jah⸗ restagen dieſer Spaziergänge. Wenn die Art einen derſelben fällt, ſo iſt mir, als treffe ſie mich ſelbſt und nehme ein Stück von meinem Herzen mit! 87. Auf dem höchſten und gewöhnlich einſamſten Gipfel des Parkes von Saint⸗Cloud befindet ſich an der Stelle, wo der Rücken des Hügels ſich abrundet, um zwei ent⸗ gegengeſetzte Abhänge, den einen nach dem Thälchen von Sevres und den andern nach der Vertiefung, in welcher das Schloß liegt, zu bilden, ein aus dem Zu⸗ ſammentreffen drei langer Alleen, entſtandener Kreuz⸗ weg, der eigentlich ein großer leerer Grasplatz iſt. Das Auge entdeckt hier ſchon von ferne den ſeltenen Spaziergänger, der etwa Morgens ein ſicheres Allein⸗ ſein ſtören könnte. Dieſes Vorgebirge einer Hügelkette beherrſcht die Ebene von Iſſy, den Lauf der Seine und die Straße von Verſailles. Durch die drei Waldzungen einge⸗ ſchloſſen, welche ſich zwiſchen den Alleen vorſchieben, und in die langen Schatten der daſſelbe umgebenden Bäume getaucht, gleicht es dem runden Becken eines Sees, deſſen Wellen das Gras und das Blätterwerk wären. Schaut man nach dem Thälchen von Sovres hin, ſo beſchränkt ſich die Ausſicht bloß auf einen breiten und langen Grasplatz, der ſich mit ſeinen vom Winde bewegten Halmen raſch gleich einem grünen wogenden Gießbache zu dem Beete eines Baches herabſenkt. Dieſer Grasplatz verliert ſich in dem Thälchen in ſchwarzen Gehölzmaſſen, die von Ziegen bevölkert ſind. Ueber dieſem Gehölze erblickt man jenſeits der Seine die großen bläulichen Schieferdächer und den Gipfel der majeſtätiſchen Parke von Meudon, welche ſich auf dem ſommerlichen Himmel abzeichnen. Hier auf dieſem Vorgebirge, wo man die Berges⸗ höhe, die Stille und den Schutz eines Thales und die Einſamkeit einer Einöde zugleich genießt, ſetzten wir uns oft nieder. Die Bruſt athmet freier, das Ohr horcht mit mehr Sammlung, die Seele nimmt ihren Schwung über die Horizonte des Lebens hinaus. Wir erſtiegen es an einem der erſten Maimorgen. Um dieſe Zeit ſind nur Damhirſche die Gäſte in dieſem ungeheuren Walde. Sie ſpringen in ſeinen verödeten Alleen herum. Einige ſeltene Waldhüter durchwandern ihn und man ſieht ſie nur hie und da am äußerſten Ende des Horizontes gleich einem ſchwarzen Punkte erſcheinen. Wir ſetzten uns, dem grünen Thale von Soevres zugekehrt, unter den ſiebenten Baum, welcher den con⸗ caven Halbkreis des Kreuzwegs bildet. In dem leben⸗ digen Holzwerk dieſer Eiche und ihrem Geäſte ſind Jahr⸗ hunderte vergraben. Ihre Wurzeln, die der Saft an⸗ ſchwellte, um ihren Stamm zu ernähren und zu tragen, 198 haben an ihrem Fuße den Boden durchbrochen und umgeben ihn mit einer Böſchung von Moos, dieſes Moos bildet eine natürliche Bank, deren Rückwand die Eiche ſelbſt und deren Thronhimmel ihr Laubwerk iſt. Der Morgen war ſo klar, wie bei Sonnenaufgang das Waſſer des Meeres unter einem grünen Vorgebirge der Inſeln des Archipelagus. Heiße, ſchon ſommerliche Sonnenſtralen fielen von dem blauen Himmel auf den waldbewachſenen Hügel. Dieſe Stralen quollen als laue Wellen aus dem Gehölze empor, wie die ſonnen⸗ getränkten Wogen ſich an's ſchattige Ufer wälzen, um die Füße der Badenden zu beſpülen. Man hörte kein anderes Geräuſch, als hie und da das Fallen dürrer Blätter, die den Winter über an den Bäumen geblie⸗ ben waren. Von den Pulsſchlägen des Saftes erſchüt⸗ tert, fielen ſie an den Fuß des Baumes um den neuen, kaum entwickelten Blättern Platz zu machen. Schwärme von Vögeln peitſchten mit ihren Schwingen die Aeſte und flatterten um ihre Neſter herum und eine Woge lichtberauſchter Inſekten wirbelte bei dem geringſten Erzittern des blühenden Graſes mit mächtigem Sum⸗ men gleich einer Staubwolke empor. 88. Es lag eine ſolche Uebereinſtimmung zwiſchen unſerer Jugend und dieſer Jugend des Jahres und des Tages, eine ſo vollſtändige Harmonie zwiſchen dieſem Lichte, dieſer Wärme, dieſem Glanze, dieſem Schweigen, die⸗ ſem leiſen Rauſchen, dieſer gedankenvollen Trunkenheit der Natur und unſerer eigenen Empfindungen; wir fühlten uns gleichſam verwandelt und ſo wonnig ver⸗ ſchmolzen in dieſer Luft, in dieſem Firmamente, in dieſem Leben, in dieſem Frieden, in dieſer ſichtbaren Unwandelbarkeit des Werkes Gottes um uns her; wir beſaßen einander in dieſer Einſamkeit ſo vollkommen, 199 daß unſere Gedanken und unſere überfließenden aber befriedigten Empfindungen uns ſchon genügten. Sie bemühten ſich nicht einmal, Worte zu ſuchen, um ſich auszudrücken. Wir waren wie ein volles Gefäß, deſſen flüſſiger Inhalt gerade um dieſer Anfüllung willen unbeweglich bleibt. Nichts konnte weiter in unſern Herzen Raum finden. Aber unſere Herzen waren weit genug, um Alles in ſich zu faſſen. Nichts ſuchte ihnen zu entſchlüpfen. Man hätte uns kaum athmen gehört. Ich weiß nicht, wie lange wir ſo ſtumm und unbe⸗ weglich neben einander auf den Wurzeln der Eiche ſaßen, die Hände vor die Augen gehalten und den Kopf darauf geſtützt, die Füße auf dem ſonnenbeſchienenen Graſe, die Stirne vom Blätterdache beſchattet. Als ich aber den Kopf aufrichtete, hatte ſich der Schatten ſchon über Julie's auf dem Raſen ausgeſpreitetes Kleid ausgedehnt. Ich ſchaute ſte an. Wie durch den gleichen An⸗ trieb, der mich veranlaßt hatte, den Kopf aufzurichten, richtete auch ſie ihr Antlitz auf, blickte mich an und zerfloß plötzlich in Thränen, ohne ein Wort ſagen zu können. „Warum weinen Sie,“ fragte ich ſie unruhig und bewegt, obwohl nur halblaut, aus Furcht, ihre ſtum⸗ men Gedanken zu ſtören. „Ich weine vor Glück!“ antwortete ſie. Und ihre Lippen lächelten, während große Thränen über ihre Wangen floſſen und gleich Frühlingsthau darauf glänzten. „Ja wohl, vor Glück,“ fuhr ſie fort.„Dieſer Tag, dieſe Stunde, dieſer Himmel, dieſer Ort, dieſer Friede, dieſes Schweigen, dieſe Einſamkeit mit Ihnen, dieſe vollſtändige Aehnlichkeit unſerer beiden Seelen, die nicht mehr zu ſprechen brauchen, um ſich zu ver⸗ ſtehen, und die in einem einzigen Athemzuge für Zwei athmen, das iſt zu viel! Das iſt zu viel für eine ſterb⸗ liche Natur, welche durch das Uebermaaß von Freude wie durch das Uebermaaß von Schmerz erdrückt werden 200 bald wieder. „Raphael, Raphael!“ rief ſie mit einer Feierlich⸗ keit des Tones, die mich ſtaunen machte, und als ob ſie mir eine große, lange und peinlich erſehnte Neuig⸗ keit verkünden wollte;„Raphael, es iſt ein Gott!“ „Und wodurch wurde es Ihnen heute beſſer offen⸗ bar, als an jedem andern Tag?“ fragte ich. „Durch die Liebe!....“ antwortete ſie, ihr ſchö⸗ nes feuchtes Augenrund langſam zum Himmel aufſchla⸗ gend;„ja, durch die Liebe, deren Ströme ich murmelnd und ſprudelnd und mit einer Fülle in meinem Herzen fließen fühle, wie ich es bei derſelben Stärke und dem⸗ ſelben Frieden noch nie empfunden habe. Nein, ich zweifle nicht mehr,“ fuhr ſie mit einem Tone fort, worin ſich Gewißheit und Freude vermiſchte,„die Quelle, aus welcher eine ſolche Seligkeit in die Seele fließen kann, kann nicht auf Erden ſein; dieſe Quelle kann ſich nicht auf ihr verlieren, nachdem ſie aus ihr hervorgeſprudelt iſt! Es gibt einen Gott; es gibt eine ewige Liebe, von der die unſere bloß ein Tropfen iſt. Wir werden uns mit ihr in den göttlichen Ocean tau⸗ chen, aus welchem wir ſie geſchöpft haben! Dieſer Ocean iſt Gott! In meinem Glücke habe ich ihn die⸗ ſen Augenblick geſehen, gefühlt und verſtanden! Ra⸗ phael, ich liebe nicht mehr Sie! Sie lieben nicht mehr mich! Das Eine und das Andere beten wir fortan Gott an, Sie durch mich, ich durch Sie; Sie und ich durch dieſe Thränen von Seligkeit, die uns den unſterb⸗ lichen Herd unſerer Herzen zugleich enthüllen und ver⸗ bergen.... Weg,“ fügte ſie mit mehr Glut in Blick und Ton hinzu,„weg mit den leeren Namen, die wir bis dahin unſerer gegenſeitigen Hingebung an einander geliehen haben! Es gibt nur noch einen, der ſie ausdrückt, den, der ſich mir endlich in Ihren Augen geoffenbart hat!... Gott! Gott! Gott!“ rief ſte von Neuem, als hätte ſie ſich ſelbſt eine neue Sprache lehren wollen,„Gott, das biſt Du! Gott, das bin ich für Dich! Gott, das find wir! Und das Gefühl, das uns für einander beherrſchte, wird für uns fortan nicht mehr Liebe, ſondern eine heilige und wonnige Anbetung ſein! Raphael, verſtehen Sie mich? Sie werden nicht mehr Raphael ſein, Sie ſind mein Gottesdienſt!“ In einem Sturme von Begeiſterung ſtanden wir auf und küßten die Rinde des Baumes. Wir ſegneten ihn für die Eingebung, die ſich aus ſeinen Zweigen auf uns herabgeſenkt hatte. Und wir gaben ihm einen Namen. Wir nannten ihn den Baum der Anbetung! Langſamen Schrittes gingen wir den Abhang von Saint⸗Cloud hinab, um in den Lärm von Paris zu⸗ rückzukehren. Doch ſie kehrte zurück mit dem endlich in ihrem Herzen gefundenen Glauben und Bewußtſein Gottes und ich mit der Freude, in ihrem Herzen dieſe lichtvolle Quelle von Troſt, Hoffnung und Frieden auf⸗ geſchloſſen zu wiſſen! 89. In kurzer Zeit hatten die Ausgaben, die ich ma⸗ chen mußte, um Iulie auf ſolche Weiſe faſt täglich auf das Land zu begleiten, den Erlös des letzten Diaman⸗ ten meiner Mutter ſo erſchöpft, daß mir nur noch zehn Louisd'or blieben. Ich gerieth in Anfälle von Ver⸗ zweiflung, wenn ich Abends die kleine Zahl glücklicher Tage zählte, welche dieſe ſchwache Summe mir noch bieten konnte, und doch hätte ich mich geſchämt, Der, die ich liebte, meine große Dürftigkeit zu geſtehen; ich 202 verbarg ihr daher, wie ſchwer mir ſolche Ausgaben fielen. Selbſt nicht beſonders reich, hätte ſie mir geben wollen, was ſie beſaß, und dadurch wäre in meinen Augen mein Verhältniß zu ihr herabgewür⸗ digt worden. Meine Liebe ging mir über mein Leben, aber lieber wäre ich geſtorben, als meine Liebe zu er⸗ niedrigen. Das ſitzende Leben, das ich den ganzen Winter hindurch in der Dunkelheit meines Alkovens geführt hatte, meine emſigen Studien, die auf einen einzigen Gedan⸗ ken gerichtete Anſtrengung des Geiſtes, die Schlafloſig⸗ keit der Nächte und über Alles dieſes die moraliſche Erſchöpfung, welche das beſtändige Ueberfließen der Seelenkräfte in einem Herzen verurſacht, das zu ſchwach iſt, um ein zehnmonatliches anhaltendes Entzücken zu ertragen, hatten meine Organiſation untergraben. Ich war unter einem blaſſen und abgemagerten Antlitz nur noch eine brennende Flamme ohne Nahrung, die zuletzt ihren eigenen Herd verzehren mußte. Julie beſchwor mich, die Heimatluft einzuathmen und mein Leben ſelbſt auf Unkoſten ihres Glücks zu erhalten. Sie ſchickte mir ihren Arzt, damit ſich der Machtſpruch der Kunſt mit den dringenden Bitten der Liebe vereine. Dieſer Arzt oder vielmehr dieſer Freund, der Doctor Alain, war einer jener Segensmenſchen, deren Phyſtonomie in die Manſarde der Armen, welche ſie beſuchen, einen Widerſchein des Himmels zu bringen ſcheint. In Folge einer geheimen und reinen Leiden⸗ ſchaft für eine der ſchönſten Frauen von Paris ſelbſt an einer Herzenskrankheit leidend, im Beſitze eines kleinen, für ſein mäßiges Leben und zu Ausübung ſeiner Wohlthaten hinreichenden Vermögens, ein Mann von zarter, thätiger und duldſamer Frömmigkeit, übte er ſeinen Beruf nur für einige Freunde und für Dürf⸗ tige aus, daher derſelbe bloß eine thätige Freundſchaft oder Nächſtenliebe war. Es iſt dieß ein ſo ſchöner Beruf, wenn er nicht habſüchtig iſt, und er übt das menſchliche Gefühl ſo ſtark, daß er, als Gewerbe angefangen, zuletzt oft zur Tugend wird. Für den armen Doctor Alain war aber die Arzneiwiſſenſchaft mehr als eine Tugend, ſie war eine Leidenſchaft geworden, das Elend der Seele und des Körpers zu erleichtern, die zuweilen ſo nahe mit einander verwandt ſind. Wo Alain das Leben hintrug, trug er auch Gott hin und verbreitete bis in den Tod Heiterkeit und den Glauben an Unſterblichkeit um ſich her. Einige Jahre ſpäter ſah ich ihn ſelbſt jenen Tod der Guten und Gerechten ſterben, den er am Kopfkiſſen ſo manches Sterbenden eingelernt hatte. Während ſechs Monaten regungslos auf ſein Lager gefeſſelt, zählte er mit dem Auge die Stunden, die ihn von der Ewig⸗ keit trennten. Am Fuße ſeines Bettes war eine kleine Wanduhr angebracht. Zwiſchen ſeinen auf der Bruſt gefalteten Händen hielt er ein Crucifir, das Symbol der Geduld. Seine Blicke verließen dieſen himmliſchen Freund nicht mehr; es war, als unterhielte er ſich mit ihm am Fuße des Kreuzes. Wenn er über ſeine Kräfte litt, ſo verlangte er, daß man ihm das Crueifix für einen Augenblick an den Mund hielt und dann erſtar⸗ ben ſeine Klagen unter Lobpreiſungen. Er entſchlief endlich in ſeinen Hoffnungen und im Bewußtſein des Guten, das er gethan hatte. Schon viele Arme und Kranke hatten ſeinen Schatz an guten Werken vor ihm her zu dem Gott der Barmherzigkeit emporgetragen. Er ſtarb, ohne Etwas zu hinterlaſſen, in einer Man⸗ ſarde auf einem armſeligen Lager. Die Armen trugen ſeinen Leichnam zur Ruheſtätte. Sie gaben ihm ihrer⸗ ſeits aus Barmherzigkeit ein Begräbniß in der gemein⸗ ſamen Erde. 3 O heilige Seele, die ich noch in der Erinnerung auf jenem gütigen und von innerm Jubel ſtralenden Antlitz lächeln ſehe, wäre Dein Lohn für ſolche Tu⸗ gend nur eine Lüge? Sollteſt Du dahin ſein, wie der Widerſchein meiner Lampe auf Deinem Bilde, wenn meine Hand das Licht entfernt, mittelſt deſſen ich Dich 20⁴ betrachte? Nein, nein, Gott iſt getreu! Er wird Dich nicht getäuſcht haben, Dich, der Du nie ein Kind hätteſt täuſchen wollen! 90. Der Arzt widmete mir die zarteſte Theilnahme. Es war, als hätte ihm Julie einen Theil ihrer Zärt⸗ lichkeit mitgetheilt. Er merkte mein Uebel wohl, ohne es mir zu zeigen. Er verſtand ſich zu gut auf mora⸗ liſche Leidenſchaften, um nicht die Symptome derſelben in uns zu erkennen. Er befahl mir, abzureiſen, wenn nicht ein ſicherer Tod mich ereilen ſollte. Julie mußte ſeinen Ausſpruch unterſtützen. Er theilte ihr ſeine Be⸗ fürchtungen mit. Um mich der Liebe zu entreißen, be⸗ diente er ſich der zärtlichen Autorität der Liebe. Durch die Hoffnung verſüßte er die Trennung. Er verordnete mir, zuerſt für einige Zeit zu meiner Fa⸗ milie zurückzukehren und dann die Bäder von Savoyen zu beſuchen, wo ſich auf ſeinen Befehl auch Julie zu Anfang des Herbſtes einfinden ſollte. Trotz ſeiner Fröm⸗ migkeit ſchienen ihn die Symptome einer gegenſeitigen Leidenſchaft zwiſchen dieſer jungen Frau und dieſem jungen Manne, die ihm unmöglich verborgen bleiben konnten, nicht zu beunruhigen. Dieſes reine Feuer ſchien ihm zwar ein Fehler, aber auch eine Läuterung. Auf ſeiner Phyſtonomie laſen wir nur die Nachſicht des Menſchen und das Erbarmen Gottes. Er löste daher, um uns Beide zu retten, eine Umſchlingung, welche uns zu demſelben Tode führen mußte. Ich willigte endlich ein, zuerſt abzureiſen. Julie gelobte, mir in Bälde zu folgen. Ach, ihre Thränen, ihre Blaͤſſe, das Beben ihrer Lippen gelobten es beſſer, als ihre Schwüre. Man kam überein, daß ich Paris verlaſſen ſolle, ſobald meine Kräfte mir geſtatten wür⸗ 205 den, zu reiſen. Als Tag der Abreiſe ward der 18. Mai feſtgeſetzt. Eine ſo nahe Trennung einmal beſchloſſen, zähl⸗ ten wir die Minuten gleich Stunden und die Stunden gleich Tagen. Wir hätten in einer Sekunde Jahre aufhäufen und concentriren mögen, um der Zeit zum Voraus das Glück, das wir ſo manchen Monat ent⸗ behren ſollten, ſtreitig zu machen und zu rauben. Dieſe Tage waren Wonnen, aber auch Qualen und Todeskämpfe. Bei jeder Zuſammenkunft, bei jedem Blick, bei jedem Worte, bei jedem Händedruck fühlten wir die Kälte des herannahenden folgenden Tages. Ein ſolches Glück iſt kein Glück mehr, es wird zu Qualen des Herzens und zu Martern der Liebe! Den Tag vor meiner Abreiſe widmeten wir ganz unſerm Abſchiednehmen von einander. Wir wollten uns nicht im Schatten der die Seele drückenden Mauern und unter dem Auge Ueberläſtiger, vor denen ſich das Herz zuſammenzieht, Lebewohl ſagen, ſondern unter freiem Himmel, in der reinen Luft, im Sonnenglanz, in der Einſamkeit und Stille. Die Natur geſellt ſich allen Empfindungen des Menſchen bei. Sie verſteht ſie und ſcheint ſte gleich einem unſichtbaren Vertrauten zu theilen. Sie trägt ſie zum Himmel empor, um ſie zu ſammeln und zu vergöttlichen. 91. Am Morgen dieſes Tages führte uns ein Wagen, den ich bis Abends gemiethet hatte, von dannen. Die Fenſter waren niedergelaſſen, die Vorhänge gezogen. Wir fuhren durch die faſt verödeten Straßen der hoͤher gelegenen Stadtviertel von Paris, welche ſich bis zu dem von hohen Mauern umſchloſſenen Parke von Mon⸗ ceaux ausdehnen. In dieſen Garten, damals ausſchließlich ein Spazierort 206 für die Prinzen, denen er angehörte, erhielt man bloß gegen Erlaubnißkarten Eintritt, die nur äußerſt ſpär⸗ lich an Fremde oder Reiſende verabreicht wurden, welche dieſes Wunderwerk der Vegetation zu ſehen wünſchten. Durch einen Jugendfreund meiner Mutter, der im Hauſe dieſer Prinzen bekannt war, hatte ich eine ſolche Eintrittskarte erhalten und dieſe Einſamkeit gewählt, weil ich wußte, daß die Gebieter abweſend, weitere Eintrittskarten keine ertheilt würden und ſelbſt die Gärtner fort waren, um ſich einen Tag Muße zu gönnen oder ein Feſt zu ſeiern. Dieſe prachtvolle Einöde, bepflanzt mit Gebüſchen, von Wieſen durchſchnitten, von laufenden Gewäſſern oder ſchlummernden Teichen beſpült, durch Monumente, Säulen und Ruinen, den Bildern jener Zeit, wo die Kunſt das Alter des Geſteins nachahmte, deſſen Ueber⸗ reſte das Epheu zernagt, poetiſch ausgeſchmückt, ſollte an dieſem Tage keine andere Gäſte ſehen, als die Son⸗ nenſtralen, die Inſekten, die Vögel und uns! Ach, und nie ſollten auch ihre Raſen und ihr Laubwerk mit mehr Thränen begoſſen werden! 4 Je milder und leuchtender der Himmel war, je herrlicher beim Hauche der ſommerlichen Lüfte ſich die Schatten und das Licht auf dem Graſe ſtritten gleich dem Schatten der Schwingen eines Vogels, der einen andern verfolgt; je trunkener die Nachtigallen ihre Lieder in die klangvolle Luft hinausſchmetterten; je deutlicher die Gewäſſer in ihrem glatten Spiegel die Maiblümchen, die Maßliebchen und das blaue Immer⸗ grün, welche die Böſchung ihrer Bette bekleideten, ver⸗ kehrt zurückgaben, um ſo duſterer ſtimmte uns dieſe Heiterkeit und in um ſo grellerem Widerſpruche ſtand dieſe glänzende Klarheit eines Frühlingsmorgens mit dem dunkeln Gewölke, das auf unſern Herzen laſtete. Vergeblich ſuchten wir uns einen Augenblick ſelbſt zu täuſchen, indem wir in laute Bewunderung der Schönheit der Landſchaft, des Glanzes der Blumen, der Wohlgerüche der Luft, der kühlenden Schatten und 207 der hehren Stille dieſer Orte ausbrachen, welche hin⸗ reichend geweſen wären, die Seligkeit einer ganzen Liebeswelt in ihrem Heiligthum zu begraben. Wir warfen ihnen aus Gefälligkeit einen zerſtreuten Blick zu, allein dieſer Blick wurde ſchnell wieder zu Boden geſchlagen. Indem ſich unſere Stimmen gegenſeitig in eiteln Formeln der Freude und der Bewunderung ant⸗ worteten, verriethen ſie die Leere der Worte und die Abweſenheit unſerer Gedanken; ſie waren anderswo! Vergeblich ſetzten wir uns auch abwechſelnd an den Fuß der duftendſten Fliederbäume, unter die grünen Arme der ſchönſten Cedern, auf die ausgekehlten Rümpfe der am meiſten in Epheu vergrabenen Säulen, an den Rand der in den Grasplätzen ihrer Becken ſchlummern⸗ den Gewäſſer, um daſelbſt die langen Stunden der letzten Unterhaltung zuzubringen; kaum hatten wir einen dieſer Orte gewählt, ſo zwang uns eine un⸗ beſtimmte Unruhe, ihn zu verlaſſen, um einen andern zu ſuchen. Hier brachte uns der Schatten, dort das Licht, weiterhin das läſtige Geräuſch des Waſſerfalls oder der beharrliche Schlag der Nachtigall über unſern Häuptern all die bittere Wolluſt und das ganze miß⸗ liebige Schauſpiel zurück. Wenn das Herz in der Bruſt ſchmerzhaft bewegt iſt, ſo thut uns die ganze Natur weh. Selbſt das Eden würde zu einem Orte der Qual, wenn es der Schauplatz der Trennung zweier Liebenden wäre. Müde endlich, ſeit zwei Stunden umherzuirren, ohne einen Zufluchtsort gegen uns ſelbſt zu finden, ſetzten wir uns zuletzt neben eine kleine, über einen Bach führende Brücke und zwar etwas entfernt von einander, als wäre uns ſogar das Geräuſch unſers Athemholens läſtig geweſen oder als hätten wir einan⸗ der inſtinktmäßig das dumpfe Grollen unſers inner⸗ lichen Schluchzens, das wir dem Ausbruch nahe fühlten, verheimlichen wollen. Wir ſiarrten lange Zeit zerſtreut in das grünliche und ölige Waſſer, das ſich langſam unter dem Bogen 208 der kleinen Brücke durchzwang und bald ein weißes, vom Ufer weggeſpieltes Maiblümchen, bald ein leeres, vorjähriges Vogelneſt, das der Wind von einem Baume geſchüttelt, mit ſich forttrug. Plötzlich ſahen wir mit regungsloſen und herabhängenden Flügeln den Körper einer armen kleinen Frühlingsſchwalbe daherſchwimmen. Sie war ohne Zweifel ertrunken, indem ſie aus dieſer Schale trinken wollte, bevor ihre Schwingen ſtark genug waren, um ſtie zu halten. Sie erinnerte uns an die Schwalbe, welche eines Tages am Ufer des Sees von dem zerſtörten Thurme des alten Schloſſes todt zu unſern Füßen ſiel und uns gleich einer düſtern Vorbedeutung in eine traurige Stimmung verſetzt hatte. Der todte Vogel flog langſam an uns vorbei und das Waſſer wälzte ihn fort, ohne eine Furche zu ziehen, und verſenkte ihn allmälig in das Dunkel unter dem Bogen der Brücke. Als der Körper des Vogels ver⸗ ſchwunden war, ſahen wir, wie eine andere Schwalbe wohl hundertmal mit Klagetönen unter dem Bogen hin und her ſchwirrte und ihre Flügel an dem Holz⸗ werk derſelben zerſchlug. 3 Unwillkürlich blickten wir einander an. Ich weiß nicht, was unſere beiderſeitigen Blicke ſagten, als ſie ſich begegneten, allein dieſe Verzweiflung eines armen Vogels fand unſere Augenlider ſo voll und unſere Herzen ſo zum Brechen bereit, daß wir Beide im näm⸗ lichen Augenblicke unſere Geſichter abwandten und den Mund auf den Boden geheftet, in Schluchzen aus⸗ brachen. Eine Thräne lockte eine andere herbei, ein Gedanke einen andern Gedanken, ein Vorzeichen ein anderes Vorzeichen, ein Schluchzen ein anderes Schluch⸗ zen. Zuweilen verſuchten wir, einander anzureden, aber der gebrochene Ton der Stimme des Einen brach die Stimme des Andern nur um ſo mehr, ſo daß wir zu⸗ letzt der Natur ihren Lauf ließen und während mehrerer Stunden, die der Schatten allein maß, ſchweigend unſere innerlichen Quellen all ihrer Thränen entleerten. Das Gras wurde davon durchnäßt, der Wind trocknete, b V 209 die Erde trank, Gott zählte ſie und die Sonnenſtralen ein Ocean von Thränen, ſogen ſie auf. Als wir uns wieder aufrichteten, faſt ohne uns durch die Wolke vor unſern Augen zu ſehen, war kein Tropfen Qual in unſern beiden Seelen zurückgeblieben. Das war unſer Abſchied; ein Bild des Todes, ein ewiges Schweigen. So trennten wir uns, ohne uns noch einmal an⸗ zublicken, aus Furcht, dem Gegenſtoß dieſes Blickes zu unterliegen. Dieſen Garten, welcher der letzte Zeuge unſerer Liebe und unſeres Lebewohls war, wird mein Fuß nie mehr betreten. 92. Vernichtet und ſchweigſam, den Kopf in meinen Mantel gehüllt, rollte ich am folgenden Tage zwiſchen fünf bis ſechs Unbekannten, welche ſich gemüthlich über die Eigenſchaft des Weines und den Preis des Mit⸗ tageſſens in den Wirthshäuſern unterhielten, in einer jener gemeinen Landkutſchen, in welchen die Reiſenden ſo recht eigentlich auf einander geſchichtet werden, über die nackten Hügel nach dem Süden zu. Während dieſer lan⸗ gen und trübſeligen Reiſe that ich den Mund nicht ein einziges Mal auf. Meine Mutter empfing mich mit jener heitern und hingebungsvollen Zärtlichkeit, welche das Unglück an ihrer Seite beinahe zum Glück ſtempelte. Ich brachte ihr ſtatt ihres nutzlos für mein Glück verſchleuderten Diamants nur einen kranken Körper, vereilelte Hoff⸗ nungen und eine Melancholie zurück, die ſie der un⸗ thätigen Jugend und einer Einbildungskraft ohne Nahrung zughrdeh. deren eigentliche Urſache ich ihr aber ſorgfältig verbarg, aus Furcht, ihren Leiden noch einen unheilbaren Schmerz mehr beizugeſellen. Ich brachte den Sommer allein in einem einſamen Lamartine, Raphael. 14 210 Thale einer wilden Gebirgsgegend zu, wo mein Vater eine kleine, von einer Bauernfamilie bebaute Meierei beſaß. Ich hatte mich auf Antrieb meiner Mutter hin⸗ begeben, die mich der Sorgfalt dieſer wackern Leute 4 anempfohlen hatte, um die Bergluſt zu genießen und Milch zu trinken. Meine einzige Beſchäftigung war, die Tage zu zählen, die mich von dem Augenblicke trennten, wo ich in unſerm lieben Alpenthale Julie erwarten ſollte. Ihre Briefe, die ich täglich erhielt und beantwortete, beſtärkten mich in meiner Sicherheit und zerſtreuten durch ihre heitern und liebkoſenden Worte die Wolke düſterer Ahnungen, welche unſer Abſchied auf meiner Seele zuruͤckgelaſſen hatte. Hie und da ſchien mir zwar ein zwiſchen dieſen Ausſichten von Glück hin⸗ geworfener oder unwillkürlich eingeſchlichener Satz voller Muthloſigkeit und Traurigkeit, gleich einem dürren Blatte unter grünen Frühlingsblättern einigermaßen im Widerſpruche mit der Ruhe und der blühenden Geſundheit, von der ſie mir ſprach. Allein ich ſchrieb dieſe ſeltenen Mißlaute irgend einer Erinnerung oder der Ungeduld über den langſamen Gang der Zeit zu und dachte mir, dieſe Schatten ſeien wohl, während ſie mir ſchrieb, über ihr Blatt Papier gezogen. Die elaſtiſche Gebirgsluft, der Schlaf bei Nacht, die Spazirgänge bei Tage, das Arbeiten in dem Garten und auf den Wieſen der Meierei meines Vaters und vor Allem das Herannahen des Herbſtes und die Ge⸗ wißheit, Die bald wieder zu ſehen, die in ihrem Blicke mein Leben trug, hatten mich raſch wieder hergeſtellt. Es blieb keine andere Spur von Leiden bei mir zurück, als eine milde und nachdenkliche Melancholie, die über meinen Zügen gleich einem Nebel über einem Sommer⸗ morgen ausgebreitet war. Sie beſtand in einem Schwei⸗ gen, das ein Geheimniß zu enthalten ſchien, und in einem Trieb zur Einſamkeit, der die abergläubiſchen Bauersleute dieſer Gebirgsgegend auf den Glauben brachte, ich unterhielte mich mit den Waldgeiſtern. 211 Die Liebe hatte jeden Ehrgeiz in mir verdrängt. Ich hatte mich unwiederbringlich für mein ganzes Leben der Armuth und Dunkelheit ergeben. Die fromme und reine Ergebung meiner Mutter war mit ihren Pßheiligen und ſanften Worten in mein Gemüth ein⸗ gezogen. Ich bildete keinen andern Traum mehr, als den, zehn bis zwölf Monate des Jahres mit der Hand oder der Feder zu arbeiten, mir auf ſolche Weiſe eine hinlängliche Summe zu erſparen, um jährlich einen bis zwei Monate bei Julie zuzubringen und mich, wenn der Greis ihr einſt fehlen ſollte, als Sklave ihrem Dienſte zu weihen, wie Rouſſeau der Frau von Warens; uns in einer abgelegenen Hütte dieſer Berge oder in einer der bekannten Sennhütten unſers Sa⸗ voyens niederzulaſſen, dort mit ihr zu leben, wie ſie mit mir leben würde, ohne in dieſe leere Welt zurück⸗ zukehren oder ſie zu miſſen, und ohne ſogar von der Liebe einen andern Lohn zu verlangen, als das Glück, zu lieben!... 98. 3 Nur Etwas rief mich zuweilen unfreundlich aus dieſem Reich meiner Träume, die bittere Dürftigkeit nämlich, in welche das väterliche Haus in Folge der verlorenen großen Ausgaben für mich geſunken war. Die Ernte hatte mehrere Jahre nach einander fehlgeſchla⸗ gen und Vermögensunfälle hatten den beſcheidenen Mittel⸗ ſtand meiner Eltern faſt in einen Nothſtand verwandelt. So oft ich Sonntags meine Mutter beſuchte, entdeckte ſie mir ihre Verlegenheit und vergoß Thränen vor mir, die ſie meinem Vater und meinen Schweſtern verbarg. Ich ſelbſt war damals in die äußerſte Entblößung ge⸗ rathen und lebte auf der Meierei nur von Schwarz⸗ brot, Milchſpeiſen und Eiern. Ich verkaufte nach und nach in der Stadt heimlich Alles, was ich an Kleidern und Büchern von Paris mitgebracht htte. um das 14*— Porto für Julie's Briefe bezahlen zu können, für die ich den letzten Tropfen meines Blutes verkauft hätte. Indeſſen nahte der September ſeinem Ende. Julie ſchrieb mir, daß Beſorgniſſe über den Geſundheitszuſtand ihres Gemahls, der von Tag zu Tag ſchwächer werde — o frommer Betrug der Liebe, um ihr eigenes Uebel zu verhehlen und meine eigene Beſorgniß fern zu halten! — ſie länger als ſie geglaubt hatte, in Paris zurück⸗ hielten. Sie lud mich jedoch ein, unverzüglich ſelbſt abzureiſen und ſie in Savoyen zu erwarten, wohin ſie mir Ende Octobers unfehlbar folgen würde. Dieſer Brief war voller Ermahnungen einer zärtlichen Schwe⸗ ſter an den geliebten Bruder. Sie beſchwor mich und befahl mir mit der mächtigen Autorität ihrer Liebe, auf ein Uebel zu achten, welches zuweilen unter der blühenden Oberfläche der Jugend glimme, dieſe ver⸗ zehre und ſie in dem Augenblick, wo man über daſſelbe triumphirt zu haben glaube, plötzlich knicke. Zudem enthielt dieſer Brief einen Rath und eine Verordnung ihres und meines Arztes, des theilnahmvollen Doctor Alain. Dieſe Verordnung befahl mir in den gebiete⸗ riſchſten Ausdrücken und unter den beunruhigendſten Drohungen einen langen Aufenthalt in den Bädern von Aix. Um doch einen Grund für meine Abreiſe anzuführen, hatte ich dieſen Rath des Doctor Alain meiner Mutter vorgewieſen, deren Herz dadurch ſo beängſtigt ward, daß ſie unabläſſig ihre Bitten mit den Befehlen des Arztes vereinigte, um mich zur Abreiſe zu zwingen. Aber ach, ich hatte mich vergeblich an einige eben ſo arme Freunde als ich und einige grauſame Wechsler gewandt, um die zu meiner Reiſe benöthigte ſchwache Summe von zwölf Louisd'or aufzutreiben. Mein Va⸗ ter war ſeit einem halben Jahre abweſend und meine Mutter wollte um keinen Preis ſeine Verlegenheit und ſeine Sorgen vergrößern, indem ſie ihn um Geld bat. Entlehnen konnte er nur, wenn er ſeine Dürftigkeit 213 ldecke durch die er ſich ohnedieß ſchon zu erniedrigt ühlte. Mit zwei bis drei Louisd'or in meiner Börſe be⸗ reitete ich mich zur Abreiſe vor, indem ich das Uebrige in der Börſe meines Freundes Lrer in Chambery zu finden hoffte. Allein wenige Tage vor meiner Abreiſe fand meine Mutter, welche Tag und Nacht auf Mittel zu der Reiſe ſann, in ihrem Herzen eine Hülfsquelle, die nur ein Mutterherz finden konnte. 94. In einer der Ecken des kleinen Gartens, welcher das väterliche Haus von zwei Seiten umgab, befand ſich ein kleines Luſtwäldchen, beſtehend aus zwei bis drei Linden, einer Eiche und ſieben bis acht Hagebuchen, ein Ueberbleibſel eines vor Jahrhunderten gepflanzten Gehölzes, das man ohne Zweifel gleich einem Schutz⸗ geiſt des Ortes geachtet hatte, als der Hügel urbar gemacht, das Haus gebaut und der Garten ummauert worden war. Dieſe ſchönen Bäume waren an Sommertagen für die Familie ein Salon im Freien. Ihre Knoſpen im Frühling, ihre Schattirungen im Herbſt, ihr welkes Laub im Winter, an deſſen Stelle der Reif trat, den ſie gleich weißen Haaren auf ihren alten Aeſten trugen, bezeichneten uns die Jahreszeiten. Ihr Schatten, der ſich bis an ihren Fuß zurückzog oder ſich über den Raſenplatz rings um ſie her ausdehnte, zeigte uns die Stunden beſſen an, als eine Sonnenuhr. Unter ihrem Laubwerk hatt meine Mutter uns geſtillt, gewiegt und laufen gelehrt. Bei der Rückfehr von der Jagd hing mein Vater ſeine glänzende Flinte an einen ihrer Aeſte und ſetzte ſich mit einem Buch in der Hand in ihren Schatten, während die keuchenden Hunde ſich neben der Bank lagerten. Ich ſelbſt hatte die ſüßeſten Stun⸗ 214 den meiner Jugendzeit dort zugebracht, den Homer oder Telemach auf dem Graſe vor mir aufgeſchlagen. Ich ſtreckte mich gerne auf dem warmen Raſen aus, den Kopf auf den Ellbogen geſtützt und den Band vor mir, deſſen Linien mir oft durch Mücken oder Eidechſen ver⸗ deckt wurden. Nachtigallen erfreuten uns mit ihrem Geſang, ohne daß man je ihre Neſter oder nur den Aſt entdecken konnte, von welchem ſie ihre Lieder herab⸗ ſchmetterten. Dieſes Gebüſch war der Stolz, die Erinnerung, die Freude Aller. Der Gedanke, es in ein Säckchen Thaler zu verwandeln, an dem ſich das Herz nie wie⸗ der in der Erinnerung laben konnte, das uns keine Freude, keinen Schatten mehr leihen ſollte, wäre Nie⸗ mand in den Sinn gekommen, außer einer Mutter, welche die Angſt um das Leben ihres einzigen Sohnes faſt tödtete; und meine Mutter kam auf dieſen Ge⸗ danken. Mit dem raſchen Inſtinkt und der feſten Entſchloſ⸗ ſenheit, die ſie charakterifirten, und ohne Zweifel auch in der Befürchtung, es möoͤchte ſie gereuen oder mein zärtlicher Widerſtand ſie daran verhindern, wenn ſie mich vorher zu Rathe zöge, ließ ſie bei ihrem Erwachen Holzhauer kommen, unter Thränen die Axt an die Wurzeln legen und wandte ſich dann weg, um den Fall und das Aechzen dieſer alten Zufluchtsſtätten ihrer Jugend auf dem erdröhnenden und nackten Boden des Gartens nicht zu hören. 95. Als ich am folgenden Sonntag nach Merr zurück⸗ kehrte, ſuchte ich mit dem Auge von der Höhe des Berges herab die Baumgruppe, die den Hügel ſo an⸗ muthig kleidete und der Sonne einen Theil der grauen Mauer des Hauſes entzog, und meinte zu träumen, als 215 ich an ihrer Stelle nur noch einen Haufen umgehauener Stämme und der Ninde beraubter Aeſte auf dem Bo⸗ den umherliegen ſah und dann gleich einem Marter⸗ inſtrument den Bock wahrnahm, auf welchem die Säge kreiſchte, die mit ihren Zähnen die Bäume ſpaltete. Mit ausgeſtreckten Armen lief ich der Mauer zu und öffnete zitternd die kleine Gartenthüre.... Ach, nur die Eiche, eine Linde und die älteſte der Hagebuchen ſtanden noch und unter dieſe war die Bank geſtellt worden. 18 „Genug,“ ſagte meine Mutter zu mir, die, ihre Thränen verbergend, mir entgegenkam und ſich in meine Arme warf;„der Schatten eines Baumes iſt ſo viel werth als der eines Waldes. Und welcher Schatten könnte mir übrigens ſo lieb ſein, wie der Deine? Mache mir keinen Vorwurf. Ich habe Deinem Vater geſchrieben, daß die Bäume anfingen, am Gipfel zu verdorren und dem Gemüſegarten ſchadeten. Spre⸗ chen wir nicht weiter davon!....“ Dann zog ſie mich in das Haus, öffnete ihren Schreibtiſch, langte einen halbgefüllten Sack mit Tha⸗ lern hervor und ſagte: „Da, nimm und reiſe ab! Die Bäume werden mir hinlänglich bezahlt ſein, wenn Du geneſen und glück⸗ lich zurückkehrſt!“ Erröthend und unter Schluchzen nahm ich den Sack an. Er enthielt ſechshundert Franken. Ich nahm mir jedoch vor, dieſe ganze Baarſchaft meiner armen Mutter zurückzubringen.“ In ledernen Kamaſchen und mit der Flinte über der Schulter, gleich einem Jäger, reiste ich zu Fuß ab. Ich hatte bloß hundert Franken aus dem Sacke ge⸗ nommen und meinem geringen, aus dem Ertrage mei⸗ ner letzten verkauften Werke beſtehenden Beſitzthum beigefügt, um meine Mutter Nichts zu koſten. Der Erlös der Bäume hätte mich gedrückt. Ich ließ ihn heimlicherweiſe in der Meierei zurück, um ihn bei meiner Rückkunft Der zurückzugeben, die ſich denſelben 216 um meinetwillen ſo heldenmüthig ihrem Herzen ent⸗ riſſen hatte. Ich aß und übernachtete in den geringſten Wirths⸗ häuſern der Dörfer. Man hielt mich für einen armen Schweizerſtudenten, der von der Univerſttät von Straß⸗ burg kam. Man forderte mir bloß den genauen Werth des Brotes, das ich gegeſſen, des Lichtes, das ich ver⸗ brannt, des Lagers auf welchem ich geſchlafen hatte. Ich trug nur ein Buch bei mir, das ich Abends auf der Bank vor der Thüre las. Es war„Werther“ in deutſcher Ausgabe. Dieſe unbekannte Schrift beſtärkte meine Wirthe in dem Gedanken, ich ſei ein fremder Reiſender. Auf ſolche Weiſe durchwanderte ich die langen und maleriſchen Schluchten des Bugey. Am Fuße des Felſen von Pierre⸗Chatel überſchritt ich die Rhone. der eingezwängte Strom wühlt hier ewig an den Grundpfeilern dieſes Felsſtockes mit einer Welle, ſo ſchnell wie in einem Mühlgange und ſchneidend wie ein Meſſer, als arbeitete er an dem Einſturze dieſes Staatsgefängniſſes, das durch ſeinen Schatten ſein Bett verdüſtert. Langſam erklomm ich auf Gemsjägerpfaden den Mont du Chat. Auf dem Gipfel angelangt, erblickte ich in der Ferne die Thäler von Aix, Chambery und Annecy und zu meinen Füßen den durch die Abend⸗ ſonnenſtralen mit roſigen Tinten übergoſſenen See. Mir war, als fülle eine einzige Geſtalt die Unermeßlichkeit dieſes Horizontes für mich aus. Sie winkte mir von den Sennhütten, wo wir uns angetroffen hatten, ent⸗ gegen, von dem Garten des alten Arztes, deſſen ſpitzes Schieferdach ich durch den aus der Stadt aufſteigenden Rauch hindurch erkannte, von den Feigenbäumen des Schlößchens Bon⸗Port in der Tiefe einer gegenüber⸗ liegenden Bucht, von den Kaſtanienbäumen des Hügels von Treſſerves, von den Gehölzen von Saint⸗Innocent, von der Inſel Chatillon, von den auf die Rhede zu⸗ 217 rückkehrenden Barken, von dieſer ganzen Erde, dieſem ganzen Himmel und aus allen dieſen Wellen. Ich fiel vor dieſem von einem Schatten erfüllten Horizonte auf die Kniee, breitete die Arme aus und ſchloß ſie wieder, als hätte ich, indem ich die Luft umarmte, welche über allen dieſen Scenen unſeres Glücks, uͤber allen dieſen Spuren ihrer Tritte geweht hatte, ihre Seele umarmt. Dann ſetzte ich mich hinter einen mit Buchs bedeckten Felſen, welcher mich ſogar den Blicken der Ziegenhirten entzog, die des Weges kamen. Hier blieb ich in Betrachtung und Erinnerungen verſunken, bis die Sonne beinahe die ſchneeigen Gipfel von Nivoler berührte. Ich wollte bei Tage weder über den See fahren, noch die Stadt betreten. Mein bäuriſcher Anzug, die Dürftigkeit meines Geldbeutels, die ſparſame Lebensweiſe, zu der mich die Nothwen⸗ digkeit verdammte, wenn ich einige Monate an Julie's Seite leben wollte, wäre den Bewohnern und den Gä⸗ ſten im Hauſe des alten Arztes zu auffallend erſchienen. Alles dieſes ſtand mit der Eleganz der Kleidung und der Lebensweiſe, die ich dort voriges Jahr gezeigt hatte, in zu ſtarkem Widerſpruche. Wenn ich auf den Straßen⸗ als ein junger Mann erſchien, der nicht einmal ſo viel beſaß, um an dieſem Aufenthalte des Luxus in einem anſtändigen Gaſthofe wohnen zu können, ſo hätte ſich Die, in deren Begleitung man mich ſpäter ſehen ſollte, meiner ſchämen müſſen. Ich hatte daher den Entſchluß gefaßt, mich nächtlicherweile in die aus Strohhütten beſtehende Vorſtadt zu ſchleichen, welche zwiſchen den aningürten der untern Stadt am Rande eines Baches iegt. 1 Hier kannte ich eine arme junge Magd, Namens Fanchette, die ſich voriges Jahr mit einem Schiffer verheirathet hatte und auf dem Dachboden ihrer Hütte ſtets ein bis zwei Betten zur Beherbergung eines oder zweier dürftigen Kranken in Bereitſchaft hielt, und zwar ſammt der Koſt um fünfzehn Sous täglich. Ich hatte eines dieſer Betten und einen Platz an dem 218 ärmlichen Tiſche dieſer guten Magd unter Anempfehlung des Geheimniſſes für mich beſtellen laſſen. Mein Freund Leer von Chambery, dem ich in einem Brieſe den Tag meiner Ankunft am See ange⸗ zeigt hatte, war einige Tage zuvor angekommen und hatte Fanchette perſönlich hievon benachrichtigt und mir eine Wohnung bei ihr beſtellt. Zudem hatte ich ihn erſucht, in Chambery die Briefe für mich anzunehmen, die mir unter ſeiner Adreſſe von Paris aus geſchrieben würden, und mir dieſelben durch den Conducteur der Carriolen, welche beſtändig zwiſchen dieſen beiden Städten hin⸗ und hergehen, zukommen zu laſſen. Ich wollte mich während meines Aufenthaltes in Aix den Tag über in dem Kämmerchen der Hütte in der Vorſtadt oder in den nahen Baumgärten aufhalten und erſt bei eingebrochener Nacht ausgehen, dann außer⸗ halb der Stadt zum Hauſe des alten. Arztes hinan⸗ ſteigen, durch die in's Freie führende Gartenthüre hineingehen und die einſamen Stunden des Abends in wonnigen Geſprächen zubringen. Ich wußte, daß ich mich bei dieſem Zwang und dieſer durch ſolche Stunden der Liebe tauſendmal belohnten Erniedrigung glücklich fühlen würde. Auf ſolche Weiſe, dachte ich bei mir, würde ich die Achtung, die ich dem Opfer meiner armen Mutter ſchuldete, mit der Verehrung des Bildes, das ich anbeten wollte, vereinen. 96. Vermöge eines frommen Aberglaubens der Liebe hatte ich meine Schritte auf meiner weiten Fußreiſe ſo abgemeſſen, daß ich am Jahrestage unſeres erſten Zuſammentreffens in der armen Fiſcherſchenke am Ufer des Sees, wo die wunderbare Eröffnung unſerer beiden Herzen ſtattfand, auf der andern Seite des Mont du Chat in der Abtei von Haute⸗Combe ankam. Es dünfte 219 mich, die Tage hätten ihre Beſtimmungen wie die an⸗ dern menſchlichen Dinge, und indem ich die nämliche Sonne, den nämlichen Monat, das nämliche Datum an dem nämlichen Orte wieder fand, fände ich einen Theil Derjenigen wieder, die ich mißte. Es ſollte wenigſtens eine Vorbedeutung für unſere bevorſtehende und lange Vereinigung ſein! — ü 97. 4 Von dem ſteil abſchüſſigen Pfade aus, welcher von dem Gipfel des Mont du Chat zu dem See hinabführt, erblickte ich ſchon zu meiner Linken die alten Ruinen und die langen Schatten der Abtei, welche einen wei⸗ ten Strich des Waſſers verdunkeln. Die Sonne tauchte ſich hinter die Alpen hinab. Die Berge, das Ufer und die Wellen waren in die herbſtliche, langdauernde Däm⸗ merung gehüllt. Ich hielt mich bei den Ruinen nicht auf und ſchritt raſch durch den Baumgarten, in welchem wir uns neben den Bienenſtöcken am Fuße des Heuſchobers niedergeſetzt hatten. Die Bienenſtöcke und der Heuſchober waren noch da, aber durch die Fenſter der kleinen Schenke erblickte man weder Licht noch Feuer, noch ſah man einen Rauch aus dem Kamine ſteigen oder an dem Gartenzaun Netze zum Trocknen aufgehängt. Ich klopfte; Niemand gab Antwort. Ich rüttelte an dem hölzernen Drücker, die Thüre ging von ſelbſt auf. Ich trat in die kleine, von Rauch geſchwärzte Stube. Der Heerd ſtand verödet und ſogar die Aſche war weggefegt. Der Tiſch und das übrige Hausgeräthe war fort. Die Steinplatten des Bodens waren mit Strohhalmen und Federchen bedeckt, welche aus fünf bis ſechs leeren Schwalbenneſtern herabgefallen waren, die wie ein Karnieß an dem ſchwarzen Gebälke der Diele hingen. 220 Ich ſtieg die mittelſt einer eiſernen Ringſchraube an der Mauer befeſtigte, hölzerne Leiter hinan, welche die Treppe zu der obern Kammer bildete, in der Julie mit der Hand auf meiner Stirn aus ihrer Ohnmacht erwacht war; ich betrat ſte, wie man ein Heiligthum oder eine Gruft betritt, und ließ meine Blicke umher ſchweifen. Die hölzernen Bettſtellen, die Käſten, die Schemel waren verſchwunden. Beim Geräuſch meiner Schritte entfaltete ein Nachtvogel ſchwerfällig ſeine Schwingen, flatterte an den Mauern herum und ent⸗ wiſchte mit einem Schrei durch die offene Fenſterlucke nach dem Baumgarten. Nur mit Mühe konnte ich die Stelle wieder er⸗ kennen, auf der ich während dieſer ſchrecklichen und wonnevollen Nacht am Fuße des Bettes oder des Sar⸗ ges der jungen Todten gekniet war. Ich küßte den Fußboden an derſelben und ſetzte mich auf den Rand des Fenſters, wo ich lange blieb, indem ich in meinem Gedächtniß den Ort, das Geräthe, das Bett, die Lampe, die Stunden wiederherzuſtellen verſuchte, die in meinem Innern an ihrem Platz geblieben waren, während in einer einjährigen Abweſenheit Alles von der Stelle gerückt worden war. Es befand ſich Niemand in der öden Umgegend der Hütte, der mir über die Urſache der Räumung dieſes Hauſes hätte Auskunft geben können. Aus den Reiſtgbündeln, die im Hofe zuruͤckgeblieben waren, und den Hennen und Tauben, welche von ſelbſt ihr Nacht⸗ quartier in der Kammer oder auf dem Dache aufſuchten, und den noch unberührten Heu⸗ und Strohſchobern im Baumgarten glaubte ich zu entnehmen, die Familie ſei zur Späternte in die höher gelegenen Theile des Berges gegangen und noch nicht zurückgekehrt. Dieſe Einſamkeit, der ich mich bemächtigt hatte, kam mir traurig vor und doch ſtimmte ſie mich weniger traurig, als die Anweſenheit und die Schritte Gleich⸗ gültiger an dieſem für mich heiligen Orte es gethan hätten. Ich hätte vor Solchen meinen Augen, meiner 221 Stimme, meinen Gebärden und den Eindrücken, von denen ich beſtürmt ward, Zwang auflegen müſſen. Ich beſchloß, die Nacht hier zuzubringen, holte mir ein Bund friſches Stroh herauf und breitete ihn an derſelben Stelle, wo Julie in einem Todesſchlummer lag, auf dem Boden aus. Ich lehnte meine Flinte an die Wand, langte aus meinem Torniſter ein Stück Brot und etwas Ziegenkäſe hervor, die ich mir in Seyſſel als Mundvorrath auf den Weg gekauft hatte. Dann begab ich mich noch auf einer grünen Hochebene oberhalb der Ruinen der Abtei an den. Rand einer Quelle, welche abwechſelnd fließt und wieder ſtille ſteht, gleich einem ausſetzenden Athemholen des Berges, und verzehrte daſelbſt mein Nachteſſen. ——-——————ÿ ——— 98. Vom Rande dieſer Hochebene und den niederge⸗ riſſenen Terraſſen des alten Kloſters aus hat man zu dieſer Abendſtunde die berauſchendſte Ausſicht, die das Auge eines Einſiedlers, eines Naturfreundes oder eines Liebenden genießen kann; den grünen und kühlen Schat⸗ ten des Berges mit dem Gemurmel ſeiner Quelle und dem Rauſchen ſeines Laubgehölzes hinter ſich; die Ruinen, die epheubekränzten Mauerbrüſtungen, die in Nacht und Geheimniß gehüllten Säͤulenhallen; den See und ſeine todten Wellen, die langſam eine um die andere ihrer kleinen Schaumfranſen gleich Falten ihres Bettlackens einherwälzen, um ſie auf dem feinen Sande am Fuße der Felſen weich zum Schlummer zu betten; am gegenüberliegenden Ufer die blauen, in durchſichtige Schatten gehüllten Berge; rechts am äußer⸗ ſten Ende des Sees in faſt unabſehbarer Ferne die ſchimmernde Anlände, welche die Sonne, indem ſie ihr ihren Glanz entzieht, gleich dem Himmel noch mit Purpur malt. Ich tauchte mich in dieſe Schatten und in dieſes Licht, in dieſes Gewölke und in dieſe Wellen; ich ver⸗ leibte mich dieſer Natur ein und glaubte mich auch dem Bilde Der einzuverleiben, welche dieſe ganze Natur für mich war. Ich ſagte zu mir: „Dort habe ich ſie geſehen! In dieſer Entfernung befand ich mich von ihrem Nachen, als ich gewahrte, wie er mit dem Sturm kämpfte. An dieſem Geſtade landete ſie! In jenem Baumgarten dort überließen 4 wir uns mit einander im Sonnenſchein jener langen, vertraulichen Herzensergießung, durch die ſie zum Leben zurückkehrte, um mir zwei Leben zu geben! Dort ragen in der Ferne die Wipfel der großen Pappelallee hervor, welche ſich wie eine grüne, dem Waſſer entſteigende Schlange fortrollt! Dort ſind die Sennhütten, die Grasplätze, die Kaſtanienwälder, die Hohlwege auf den letzten Flächen der Berge, wo ich die Blumen, die Erdbeeren, die Kaſtanien pflückte, mit der ich ihre Schürze füllte! Hier hat ſie mir Dieſes geſagt; dort habe ich ihr jenes Geheimniß meiner Seele anvertraut; anderswo blieben wir einen ganzen Abend durch in Schweigen verſunken, die Augen der untergehenden Sonne zugewandt, das Herz in Begeiſterung ſchwim⸗ mend, der Mund lautlos. Dort auf jener Woge wollte ſie ſterben. An dieſem Geſtade gelobte ſie mir, zu leben. Unter dieſer damals entblätterten Gruppe von Nuß⸗ bäumen ſagte ſie mir Lebewohl und verſprach, ich ſollte ſie wieder ſehen, bevor die neuen Blätter gelb würden! Jetzt fangen ſie an, gelb zu werden. Aber die Liebe iſt ſo treu, wie die Natur. In wenig Tagen werde ich ſie wieder ſehen.... Ich ſehe ſie ſchon, denn bin ich nicht ſchon hier, um ſie zu erwarten? Und iſt ein ſolches Warten nicht ſchon Wiederſehen?“ 223 99. Und dann dachte ich mir den Augenblick, wo ich, in den ſchattigen, mit Nußbäumen bepflanzten Wieſen ſpazirend, welche ſich hinter dem Garten des alten Arztes in's Thal hinabſenken, endlich das ſtets ver⸗ ſchloſſene Fenſter des Zimmers, das für ſie in Bereit⸗ ſchaft ſtand, zum erſtenmale offen erblicken und eine— Frau mit langen ſchwarzen Haaren zwiſchen den Vor⸗ hängen ſehen würde, welche, die Ellbogen auf das Ge⸗ ſimſe geſtützt, an den Bruder dächte, den ſie mit den Augen in dieſer Natur ſuchte, in welcher auch ſie nur ihn ſah.... Und indem ich mir dieſes Bild aus⸗ malte, ſchlug mir das Herz in der Bruſt mit ſolchem Ungeſtüm, daß ich genöthigt war, mich einen Augen⸗ lia von demſelben abzuwenden, um wieder athmen zu önnen. Indeſſen hatte ſich die Nacht vom Gebirge herab vollends über den See ausgebreitet. Man erblickte das Waſſer nur noch durch ein nebliges Helldunkel, das über ſeinem dunkeln Tuche lagerte. In den tiefen und allgemeinen Schweigen, welches der Dunkelheit vorhergeht, ſchlug der regelmäßige Takt zweier Ruder an mein Ohr, der ſich dem Üfer zu nähern ſchien. Ich ſah bald einen kleinen, beweglichen Punkt auf dem Waſſer, der ſichtlich größer ward und zu bei⸗ den Seiten eine leichte Schaumfranſe aufwerfend, in die nahgelegene Bucht des Fiſcherhäuschens glitt. Im Gedanken, es möchte vielleicht der Fiſcher ſelbſt ſein, welcher von der ſavoyiſchen Küſte in ſeine verlaſſene Wohnung zurückkehre, ſtieg ich eilig von den Ruinen an's Geſtade hinab, um bei der Ankunft des Nachens zugegen zu ſein. Ich wartete auf dem Sande, bis der Fiſcher gelandet hatte. 1 h h 224 100. Sobhbald er meiner anſichtig ward, rief er mir zu: „Mein Herr, ſind Sie der junge Franzoſe, den man bei Fanchette erwartet und dem ich dieſes Papier übergeben ſoll?“ Mit dieſen Worten ſprang er in's Waſſer, das ihm bis an die Waden reichte, ſchritt mit einem großen Briefe in der Hand auf mich zu und übergab mir den⸗ ſelben. Aus dem Gewichte dieſes Briefes entnahm ich, daß er deren mehrere enthielt. Raſch erbrach ich den erſten Umſchlag und überlas beim Licht des Mondes flüchtig ein vom nämlichen Morgen datirtes Billet meines Freundes Leis in Chambery. Lerr ſagte mir, die bewußte Wohnung bei der alten Magd in der Vorſtadt ſei für mich beſtellt und in Bereitſchaft; bei unſerm Freunde, dem alten Arzte, ſei noch Niemand aus Paris angekommen; da er von mir ſelbſt wiſſe, daß ich Abends in Haute⸗Combe ſein und dort die Nacht und einen Theil des folgenden Tages zubringen würde, ſo wolle er ſich die Abfahrt eines ſicheren Schiffers, der an der Abtei vorbeikomme, zu Nutze machen, um mir das Paket mit den ſeit zwei Tagen unter meiner Adreſſe angekommenen Briefen, nach welchen ich mich ſehnen müſſe, zu überſchicken; er werde mich den nächſten Abend perſönlich in Haute⸗ Combe abholen und wir mit einander im Dunkel der Nacht über den See fahren und in'’s Städtchen gehen. 101. Während ich dieſes Billet durchlief, hielt ich das Paket mit zitternder Hand, Es ſchien mir ſchwer, wie mein Schickſal. — 225 Ich beeilte mich, den Schiffer zu bezahlen und zu verabſchieden, da er ſogleich wieder abſtoßen wollte, um noch vor Einbruch der tieferen Dunkelheit aus dem See in die Rhone einfahren zu können; bat ihn jedoch um ein Kerzenſtümpchen, um meine Briefe leſen zu können, was ich auch erhielt. Ich hörte das Geräuſch ſeiner Ruder, die von Neuem in das dunkle Tuch einſchnitten und kehrte hüpfend vor Freude in die Kammer zurück, wo ich mir Stroh zu einer Schlafſtätte auf dem Boden ausgebreitet hatte. Ich wollte die heiligen Schriftzüge dieſes Engels auf eben der Stelle wiederſehen, wo er ſich meinen Andt in ſeinem Glanze und in ſeiner Liebe geoffen⸗ bart hatte. Ich zweifelte nicht, daß einer dieſer Briefe mich benachrichtigen werde, ſie ſei von Paris abgereist und nahe. Ich ſetzte mich auf den Strohhaufen, zündete mit⸗ telſt Zündkraut meiner Flinte das Licht an und ent⸗ ſtegelte den Umſchlag. Erſt jetzt bemerkte ich, daß das Siegel des erſten Umſchlags ſchwarz und die Aufſchrift vom Doctor Alain ſei. Schauer durchrieſelte mich, als ſtatt der erwarteten Freude dieſes Trauerzeichen mir entgegentrat. Die andern in einem beſondern Umſchlage befindlichen Briefe glitten aus meiner Hand auf die Kniee hinab. Ich wagte nicht, ein Wort weiter zu leſen, aus Furcht... ach! das darin zu finden, was weder die Hand, noch die Augen, noch das Blut, noch die Thränen, noch die Erde, noch der Himmel mehr darin auszulöſchen ver⸗ mochten.... den Tod!.... Und dennoch las ich unter einem Erbeben meiner Seele, wobei die Sylben auf dem Papier tanzten, dieſe ſichten ſind; erwarten Sie Niemand mehr!... Su⸗ chen Sie ſie nicht mehr auf Erden; ſie iſt, Ihren Namen auf den Lippen, zum Himmel zurückgekehrt.... Lamartine, Raphael. 15 226 Alain.“ 102. Das Licht brannte noch; den Brigf des Arztes ingern. Das um dieſes Glück noch genießen zu können!.... Al ich an der Thüre des Gartens von Monceaux zu Ihnen ſagte: Auf Wiederſehen, Raphaell da haben Sie mich nicht verſtanden; aber Gott, er verſtand mich. Ich wollte ſagen: Auf Wiederſehen.... im Himmel.... um ewig zu preiſen und ewig zu lie⸗ 227 nirgends mehr erwarten! Ich werde dort ſein! Ich werde überall und immer ſein, wo Sie ſind!... 85 In dem andern, vom folgenden Tage datirten, ſtand: „Mitternacht, den.. Himmel erwirkt. Ich dachte geſtern an den Baum der Anbetung in Saint⸗Cloud, an deſſen Fuße ich durch Ihre Seele hindurch Gott erblickt habe. Es gibt jedoch noch einen göttlicheren Baum, den Baum des Kreu⸗ zes!... Ich habe ihn umfaßt.... und werde mich nicht mehr von ihm trennen! O, wie gut iſt man in dieſem Blute und in dieſen Thränen aufgehoben, die uns abwaſchen und durchduften!... Ich ließ geſtern einen heiligen Prieſter rufen, von dem Alain mir ge⸗ ſprochen hatte. Es iſt ein Greis, der Alles kennt und Alles verzeiht!... Ich habe ihm meine Seele ent⸗ deckt, er hat das Licht und das Leben Gottes in ſte gegoſſen!... O, wie gut iſt dieſer Goit. wie nach⸗ 1 * 228 ſichtig, wie voller Milde! Wie wenig kennen wir ihn! Er erlaubt, daß ich Sie liebe, daß Sie mein Bruder ſeien, daß ich, ſo lange ich lebe, hienieden Ihre Schwe⸗ ſter, und ſterbe ich, dort oben Ihr Engel ſei!... O, Naphael, lieben wir ihn, weil er will, daß wir uns lieben, wie wir uns lieben!...“ Unter dieſe Worte war ein kleines Kreuz hinge⸗ zeichnet und rings um daſſelbe erkannte man den Druck eines Kuſſes.. 103. Ein anderer Brief mit ganz veränderter Handſchrift und Buchſtaben, welche kreuz und quer auf dem Blatte ſtanden, als wären ſie in der Dunkelheit geſchrieben worden, lautete: 3 „Raphael, ich will noch ein Wort mit Ihnen reden. Morgen kann ich es vielleicht nicht mehr! Wenn ich todt bin, ſo ſterben Sie nicht auch. Ich will dort oben über Sie wachen. Ich werde gut und mächtig ſein, wie jener ſo gute Gott, mit dem ich mich ver⸗ einigen werde!... Lieben Sie auch nach mir noch.... Gott wird Ihnen eine andere Schweſter, ſenden, die Ihnen überdieß eine heilige Lebensgefährtinſein wird... Ich ſelbſt will ihn darum bitten.... Fürchten Sie nicht, meine Seele zu betrüben, Raphael!... Ich, ich ſollte im Himmel auf Ihr Glück eiferſüchtig ſein?... Mir iſt wohler, ſeit ich Ihnen das geſagt habe. Alain wird Ihnen dieſe Gedanken und eine Flechte meiner Haare zuſtellen. Jetzt will ich ſchlafen!...“ Endlich enthielt noch ein anderer, beinahe unleſer⸗ licher Brief folgende ganz abgebrochene Zeilen: „Raphael, Raphael, wo ſind Sie? Ich fühlte mich kräftig genug, um das Bett zu verlaſſen.... Ich ſagte zu der bei mir wachenden Frau, daß ich zu ruhen und allein zu ſein wünſche. Ich habe mich beim Schein der Nachtlampe von Möbel zu Möbel bis an den Tiſch — 229 geſchleppt, an dem ich ſchreibe.... aber ich ſehe Nichts mehr... es iſt dunkel vor meinen Augen... ich ſehe nur ſchwarze Flecken auf dem Papier gaukeln... Raphael, ich kann nicht mehr ſchreiben.... O, wenig⸗ ſtens nur noch dieſes Wort!...“ 4. Dann folgten mit großen Schriftzügen, ähnlich denen eines Kindes, welches zum erſtenmal die Feder verſucht, folgende zwei Worte, welche die ganze Linie einnehmen und den ganzen übrigen Theil der Seite ausfüllen: „Raphael, lebe wohl!“ 1 104. Alle dieſe Briefe waren meinen Händen entfallen. Ich ſchluchzte, ohne Thränen finden zu können, als ich noch ein weiteres Briefchen von der Handſchrift des alten Herrn, ihres Gemahls, bemerkte. Dieſes Billet war, als ich den zweiten Umſchlag entſiegelte, zwiſchen den andern Briefen hindurch auf den Boden gefallen. Es enthielt bloß Folgendes: „Ihre Hand in der meinen, iſt ſie einige Stun⸗ den, nachdem ſie Ihnen ihr letztes Lebewohl geſchrieben, erloſchen. Ich habe meine Tochter verloren.... ſeien Sie während der wenigen Tage, die ich noch zu leben habe, mein Sohn.... Sie liegt wie ſchlafend auf ihrem Bette, mit einem Ausdruck in den Zügen, als hätte ſie etwas Ueberirdiſches geſehen, dem ihre letzten Gedanken zulächelten. Nie ſah ich ſie ſo ſchön. Wenn ich ſie anſchaue, ſo muß ich an Unſterblichkeit glauben Ich habe Sie um ihretwillen geliebt; um ihretwillen lieben Sie auch mich!“ 230 105. Ddie Art Unmöglichkeit, ſogleich an das völlige Verſchwinden eines heißgeliebten Weſens zu glauben, iſt etwas Merkwürdiges und ein Glück für die menſch⸗ liche Natur. Von den um mich her zerſtreuten Zeugniſſen ihres Todes umringt, konnte ich doch noch nicht glauben, daß ich auf immer von ihr getrennt ſei. Ihr Gedanke, ihr Bild, ihre Züge, der Ton ihrer Stimme, der eigen⸗ thümliche Geiſt ihrer Worte, der Zauber ihres Antlitzes waren mir unaufhörlich ſo gegenwärtig und, ſo zu ſa⸗ gen, ſo einverleibt, daß mir war, als ſei ſie mehr als je hier, als umgebe ſie mich, als rede ſie mit mir, als nenne ſie mich beim Namen und als würde ich, wenn ich aufſtünde, ſie wieder ſehen und zu ihr hintreten können. Es iſt dieß ein Zwiſchenraum, den Gott zwi⸗ ſchen die Gewißheit des Verluſtes und das Gefuͤhl der Wirklichkeit legt, wie ein ſolcher bei den Sinnen wäh⸗ rend der Zeit ſtattfindet, wo das Auge das Beil an den Stamm des Baumes fallen ſieht, bis das Ohr den Schlag lange nachher erdröhnen hört. Durch die Täu⸗ ſchung dämpft ſomit dieſer Zwiſchenraum das Uebermaaß des Schmerzes. Noch einige Zeit nachdem man ein eliebtes Weſen verloren, hat man es nicht ganz ver⸗ oren; man lebt von der Verlängerung dieſes Daſeins in ſich ſelbſt. Man empfindet Etwas, das der Em⸗ pfindung des Auges zu vergleichen iſt, wenn es lange nach der untergehenden Sonne geſchaut hat. Obwohl das Geſtirn am Horizonte verſchwunden iſt, ſeine Stra⸗ len ſind in unſern Augen noch nicht untergegangen; ſie erglänzen noch lange in unſerer Seele. Erſt allmälig, wenn die Eindrücke erlöſchen, erkalten und in Folge deſſen beſtimmter hervortreten, kommt man dazu, die völlige Trennung zu fühlen und ſich ſagen zu können: Sie iſt in mir geſtorben! Denn nicht der Tod, ſondern das Vergeſſen iſt eigentlich der Tod! Während dieſer Nacht fühlte ich dieſes Phäͤnomen 231 des Schmerzes in all ſeiner Kraft in mir. Gott wollte nicht, daß ich meinen Schmerz in einem einzigen Zuge trinke, um meine Seele nicht darin zu ertränken.( ſchenkte und ließ mir lange die Ueberzeugung der Gegen⸗ wart dieſes himmliſchen Weſens in mir, um mich herum und vor mir, des Weſens, das er mir bloß ein Jahr lang gezeigt hatte, um ohne Zweifel mein ganzes Leben hin⸗ durch meine Augen und meinen Sinn dem Himmel zu⸗ zuwenden, wohin er ſie in ihrem Frühling und in ihrer Liebe zurückgerufen hatte. Als die von dem armen Schiffer erhaltene Kerze erloſchen war, verwahrte ich die Briefe auf meiner Bruſt, küßte tauſendmal den Boden dieſer Kammer, welcher die Wiege unſerer Liebe geweſen und nun ihre Grabſtätte geworden war, hing meine Flinte um und ſtürzte auf's Gerathewohl wie ein Wahnſinniger in die Schluchten des Gebirges. Die Nacht war dunkel; es hatte ſich Wind erhoben. Die Wellen des See's ſchlugen mit ſo dumpfem Pral⸗ len an die Felſen und ſtöhnten ſo ganz wie menſchliche Stimmen, daß ich mehrmals keuchend ſtillſtand und mich umwandte, als hätte Jemand hinter mir meinen Namen gerufen... O gewiß, man rief mir, ich täuſchte mich nicht, aber der Ruf kam vom Himmel! 106. Du weißt, mein Freund, wer mich am Morgen des andern Tages, in einer in Nebel gehüllten Schlucht der Rhone umherirrend fand. Du weißt, wer mich mit ſich nahm, mich pflegte und in die Arme meiner armen Mutter zurückbrachte..... Und jetzt find zehn Jahre verfloſſen, ohne daß ſie eine einzige der Erinnerungen dieſes großen Jahres 232 meiner Jugend dahin nehmen konnten. Nach Julie's Verheißung, mir eine Tröſterin zu ſenden, hat Gott mir ſtatt ihrer ein anderes Weſen zur Gattin geſchenkt. Mit dieſer, die meine Hoffnung geduldig und füß wie die Seligkeit macht, beſuche ich oft das Thal von Chambery und den See von Aixr. Wenn ich mich auf den Höhen des Hügels von Treſſerves an den Fuß jener Kaſtanienbäume ſetze, deren Rinde ihr Herz pochen fühlte; wenn ich dieſen See, dieſe Berge, dieſen Schnee, dieſe Wieſen, dieſe Bäume, dieſe Felszacken in der warmen Atmoſphäre ſchwimmen ſehe, welche die ganze Erde in einem flüſſigen Ambra⸗ duft zu baden ſcheint; wenn ich die Blätter wiſpern, die Inſekten ſummen, den Wind flüſtern, die Wellen des Sees wie einen ſeidenen Stoff, der ſich Falte für Falte entrollt, ſachte an's Ufer rauſchen höre; wenn ich den Schatten Derer, welche Gott mir bis zu mei⸗ nem Lebensende zur Gefährtin gegeben hat, neben mir auf dem Sande oder im Graſe ſich abzeichnen ſehe; wenn ich die Ueberfülle meines Innern empfinde, das vor dem Tode Nichts mehr bedarf, und einen Frieden fühle, der durch keinen Seufzer mehr getrübt wird: dann glaube ich den ſeligen Geiſt Derjenigen, welche mir einſt an pieſen Orten erſchien, ſtralend und unſterblich an allen Punkten dieſes Horizontes heraufſteigen, allein dieſen Himmel und dieſe Gewäſſer erfüllen, in dieſem Glanze leuchten, dieſen Aether einſchlürfen, in dieſen Gluten brennen, dieſe Wogen durchdringen, in dieſem Geflüſter athmen, in dieſer Lebenshymne, welche mit den Waſſerfällen dieſer Gletſcher in dieſe Seen rieſelt, beten, preiſen, ſingen und auf dieſes Thal und Die, welche ſich ihrer hier erinnern, gleichſam einen Segen ausgießen zu ſehen, den das Auge wahrnimmt, das Ohr hört und das Herz fühlt! (Hier brach Raphaels Manuſcript ab.) Ende. In unſerem Verlag iſt erſchienen: Der Erzähler aus der Heimath und Fremde. Originalerzählungen und Ueberſetzungen. Herausgegeben von Carl Spindler. Jahrgang 1846, 1847, 1848. Je 4 Bde. in 8. Eleg. geh. à 1 fl. 36 kr. oder 1 Thlr. Jahrgang 1846: Erſter Band: 1) Der Hofzwerg. Von C. Spind⸗ ler. 2) Croir-Fontaine. Ein Charaktergemälde aus dem 18. Jahrh. Nach Leon Gozlan, von Neuberger. 3) Der Aſſaſſinen-Club. Nach Theophil Gautier, von J. Smith. 4) Cimaroſa. Nach P. A. Fiorentino, von v. Chézy. 6) Des Bildhauers erſte Liebe. Nach dem A. Zoller. 5) Das Heckenröschen von d Von W. Engliſchen, von A. Zoller. 7) Das Scharfrichterskind. Nach dem Vlämiſchen des H. Conſcience, von E. Zoller. 8) Züge aus dem Leben des Cages. Von Clementi. Zweiter Band: 1) Ein ächter Edelmann. Von C. Spindler. 2) Marie Zerjoulet. Einer wahren Be⸗ gebenheit nacherzählt von R. Färber. 3) Juan Joſe, der Taucher. Californiſche Erinnerung nach G. Ferry, von Ad. Weber 4) Der arme Doctor. Eine Geldge⸗ ſchichte. Nach dem Engliſchen von A. Zoller. 5) Des Guerilla's Tochter. Eine Geſchichte aus dem Halbinſel⸗ Kriege. Nach d. Engl. von A. Zoller. 6) Egyptiſche Brautſchau. Nach Ge de Nerval von R. Heimberger. 7) Züge aus dem Leben des Cages. Von Clementi. ——— Dritter Band: 1) Grimming-Jägerſage. Von C. Spindler. 2) Ein Staatsgefängniß. Skizze von W. v. Chézy. 3) Das Schloß am Ühein. Nach dem Däniſchen des C. Hauch, von E. Zoller. 4) Das Schloß La Frette. Nach Gozlan, von Neuberger. 5) Bie Nachſchrift eines Ceſtamentes. Nach Ad. v. Salfrey, von A. Zoller. 6) Michele Orombello, von William Harriſon Ainsworth. Nach dem Engl. von A. Zoller. 7) Ein nächtliches Abenteuer in Mom. Von W. H. Ains⸗ worth. Nach dem Engl. von A. Zoller. 8) Züge aus dem Leben des Cages. Von Clementi. a) Die Khuans. b) Cayetano, der Schmuggler. Erinnerungen von den Küſten des ſtillen Meeres. Vierter Band: 1) Saat und Ernte. Von C. Spindler. 2) Umbra lethifera. Zwiſchenſtück aus einem Roman. Nach G. de Moleènes, von Neuberger. 3) Se⸗- liſe. Eine Pariſer Kloſtergeſchichte nach Ch. Reybaud, von J. Smith. 4) Rikke-tikke-tak. Nach dem Vlä⸗ miſchen des H. Conſcience, von E. Zoller. 5) Ein Galopp nach Gretna. Nach dem Engl. von A. Zoller. 6) Züge aus dem Leben des Cages. Von Clementi⸗ Die Gambuſinos. Nach G. Ferry. Jahrgang 1847: Erſter Band: 1) Der Herenmeiſter von Wald- kirch. Von C. Spindler. 2) Das Bild ohne Gnade. Eine Stadtgeſchichte aus Madrid, von W. v. Chézy. 3) Der Kampf des Lebens. Liebesgeſchichte, nach Ch. Dickens von A. Zoller. 4) Die Günſtlinge des Mon- des. Nach E. Gonzales von A. Zoller. 5) Züge aus dem Leben des TCages. Von Clementi. Geſchichte aus der Hacienda de la Norig. Nach G. Ferry. 2 Zweiter Band: 1) Der Judenbrand an der Elz. (Zweiter Theil des„Hexenmeiſters von Waldkirch.*) Von C. Spindler. 2) Die Tarantata. Nach Darien, von Auguſt Zoller. 3) Liebesgluth und Prikſterweihe. Nach Mery, von A. Widerhorſt. 4) Eine Hochzeit 1 unter Stürmen. Epiſode aus d'Arlincourt's„Blut⸗ flecken.“ 5) Fünf Dolchſtäße. Nach J. Lecomte, von Auguſt Zoller. 6) Geſchichten aus der Harienda de la Norig. Der Siebentödter. Dritter Band: 1) Ciſerne Liebe. Von C. Spind⸗ ler. 2) Das Lotterieloos. Eine vlämiſche Dorfgeſchichte, von J. A. de Laet; deutſch von J. W. Wolf. 3) Cine Partie Billard. Nach A. Luchet, von A. Widerhorſt. 4) Croiſilles. Von A. de Muſſet. Aus dem Franz. von A. Zoller. 5) Das verlorene Paradies. Nach Ar⸗ ſene Houſſaye, von A. Widerhorſt. 6) Der Engel der Srele. Nach dem Schwediſchen des C. J. L. Almauiſt, von E. Zoller. 7) Bekenntniſſe rines alten Junggeſellen. Nach Lady Bleſſington, von A. Zoller.„ Vierter Band: 1) Fortunati Welt- und Glücks- ſahrt. Von C. Spindler. 2) Bekenntniſſe eines alten Junggeſellen. Nach Lady Bleſſington.(Fortſetzung und Schluß.) 3) Der Student von Madrid. Nach dem Engliſchen, von A. Zoller. 4) Ein Unbeannter. Nach dem Franzöſiſchen, von A. Zoller. 5) Capitain Bravaduria. Novelle aus Mexiko, von A. Zoller. 6) Ketha. Nach E. Gonzales, von A. Zoller. 7) Züge aus dem Leben des Tages. Von Clementi. Jahrgang 1848: Erſter Band: 1) Eine Werbergeſchichte. Aus der guten alten Zeit, von C. Spindler. 2) Dir armen Leut’' von Au, von W. v. Chézy. 3) Der Bilderſtürmer und ſeine Braut. Nach E. Gonzales, von A. Widerhorſt. 4) Der Piſtolenſchuß. Nach B. Gallet. 5) Der unglücklichſte Menſch. Nach Haw⸗ thorn, von A. Zoller. 6) Exinnerungen aus dem Sol- datenleben. Ein Abenteuer auf der Heerſtraße. Nach Capitain S. d'Arpentigny, von A. Zoller. 7) Die Cochter Reichskanzlers. Nach dem Schwed. des G. H. Mellin, von E. Zoller. ———— 3 6 „ 4 Zweiter Band: 1) Aufſchneidereien des Tou- riſten Langenſtrick, genannt„Grand⸗Fuſil“(Frag⸗ mente aus ſeinen Memoiren), von C. Spindler. 2) Die. gefahrvolle Nacht. Nach dem Engl. 3) Die Kerzen des Ceufels. Nach Louiſe Boyeldieu d'Auvigny, von K. Schmitt. 4) Juan Mareda, der Sklavenjäger. Nach dem Engl. 5) Der, Merikaner. Nach Paul Dupleſſis, von A. Zoller. 6) Das Mädchen aus Creta. Novelle nach dem Engl., von E. Zoller. 7) Die bei⸗- den Spitzbuben. Erzählung nach dem Berberiſchen des Ahmed⸗ben⸗Abd⸗Ebn⸗Abu⸗Mehalli, aus der Wüſte Mleila. 8) Eine ungedruckte Liebe von Lord Byron. Nach Anſelm Houſſayn. Dritter Band: 1) Ein Duell in Flätz.(Zwei⸗ ter Theil der„Aufſchneidereien des Langenſtrick“), von C. Spindler. 2). Ethel van Dyk. Nach Peter Zaccone, von G. Widerhorſt. 3) Der Armenarzt. Nach Paul Legarde. 4) Die ſieben Noten der Can- leiter. Nach Paul Smith, von A. Zoller. 5) Die Keitpeitſche. Nach Marie Aycand, von P. Bunz. Vierter Band: 1) Stunden vor'm Pinſel, von Spindler. 2) Die ſieben Noten der Tonleiter. Nach Paul Smith(Fortſetzung und Schluß). 3) Mittag bis um vierzehn Uhr. Nach Alphonſe Karr. 4) Ein Abenteuer auf einer Hochzeitreiſe. Nach Dudley Ca⸗ ſtello. 5) Die Goldſucher vom Sacramento. Nach Paul Dupleſſis. * e N EEERR ſſnſnfſ 15 1 3 9 10 11 12 13 14 u