Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uyr offen. 5 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 1 4 1 4 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus zahlt werden beträgt: 3 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mt. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 4„,.„ 3„= 4„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersätz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit. Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß Lebengbilder. Lebensbilder. Von Chriſtoph Kuffner. 1. Mariechens ſchwarze Stunde. Der Liebesdienſt. . Der Traum des verirrten Kindes. . Die dreyzehnte Perſon. . Die Erdbeeren, oder das wandelnde Geſchenk. . Die Strafe des Rächers. ———— TWien, 1324. Bey Tendler und v. Manſtein. Gedruckt bey J. P. Sollinger. Mlariechens s chwarze Stunde. ſſͤ — Enſam ſaß Mariechen in ihrem, ungliücklicherweiſe ſehr hohen und geräumigen Zimmer. Auf dem Tiſche vor ihr lag eine Weſte von weißem Atlas, mit großen bunten Blumen geſtickt, ein Angebinde für den Vater, der morgen ſeinen achtzigſten Geburtstag feyerte. Tiefe Stille herrſchte im Hauſe, ſo wie im ganzen Dorfe. Jetzt aber ſchollen vom nahen uralten Kirchthurme eilf Schläge ſo dumpf und ſchauerlich, als hätten ſie's rech darauf angelegt, die Leute zu erſchrecken. Sie verfehl⸗ ten auch ihre Wirkung nicht, denn Mariechen, über⸗ raſcht von der unerwartet angekommenen Geiſterſtunde, erblaßte beym wohlgezählten eilften Schlage, und ließ die ſo eben ans Licht gehaltene Weſte fallen. Plötzliches Zittern ergriff ſie, und die aufgeregte Furcht ſteigerte ſich ſelbſt ſo ſehr, daß das arme Mädchen ſich ſogleich vor ſich ſelbſt zu fürchten anfing. Um vor Allem ihre eigene Geſtalt nicht mehr zu ſehen, die ſie doch am Tage nicht ungern ſah, wollte ſie den Spiegel mit einem Tuche behängen; weil ſie ſich aber ſcheute, einen Blick hinein zu thun, ſo ſchloß 1* 4 ſie die Augen, und verrichtete das Geſchäft in frey⸗ williger Blindheit, ſtieß aber dabey mit dem ausge⸗ ſtreckten Arm an den Käfig des Kanarienvogels, wor⸗ aus das Waſſer auf ihren Nacken herabtrof. Mit einem Schrey des Entſetzens taumelte ſie zurück, und erſchüt⸗ terte dadurch ein zierliches Tiſchchen mit einer ſchim⸗ mernden Encyelopädie von Kaffehſchalen und Gläſern, die, aus ihrer philoſophiſchen Gemüthsruhe verſtört, wehklagend auf den Boden ſtürzten. Mariechen, vor Ge⸗ ſpenſtern zitternd und ſelbſt einem Geſpenſte nicht un⸗ gleich, faßte ſich endlich, mit hörbar ſchlagendem Her⸗ zen, durch die langſam erhaltene überzeugung, daß die Spuckgeſchichte von irdiſcher Art ſey. ⸗Sie ermannte ſich wirklich ſo ſehr, daß ſie zwiſchen dem mit Glas⸗ und Porzellain-Trümmern bedeckten Schlachtfelde mit ruhi⸗ gem Ernſte einherſchritt, und nur einige Mahle laut aufſchrie, da einige ächzende Trümmer unter ihrem auftretenden Fuße ſich in noch kleinere Unterabtheilun⸗ gen verwandelten. Etwas ermüdet, aber noch ſchlafunluſtiger als vor⸗ her, ſetzte ſie ſich auf das Sopha und zündete aus Vorſicht— zu den bereits brennenden Kerzen noch zwey andere an, welche ſie— der Symmetrie wegen— auf zwey ſich gegenüberſtehende Käſten vertheilte. 1 — 5§ 1 * 5½ 5 Die Geiſterfurcht verminderte ſich zwar nun in dem Grade, als ſich die Zimmerbeleuchtung vermehrte; al⸗ lein eine andere, nicht weniger peinigende Furcht ſtellte ſich dafür ein, gleich einer ablöſenden Schildwache,— die Furcht vor Dieben, Räubern und Mördern. Na⸗ türlich war nun vor Allem zu unterſuchen, ob alles feſt verſchloſſen ſey; ſelbſt die Fenſter mußten ſich einiges Mißtrauen gefallen laſſen. Aber hier erwartete ein neuer Schlag des Schickſals das arme Mädchen; denn wie ſie, in jeder vor ſich hingeſtreckten Hand einen Leuchter hoch empor haltend, die Runde hielt, wurde ein obe⸗ res, nicht feſt genug verſchloſſenes Fenſter von einem plötzlich anfallenden Windſtoße ſo heftig aufgeriſſen, daß ein ganzer Glas⸗Hagelregen auf ſie herabſtürzte.„Hül⸗ fe! Hülfe!“ ſtöhnte ſie leiſe; aber die Hülfe kam nicht. Um zu den Dienſtleuten zu gelangen, mußte ſie eine Treppe hinab ſteigen und durch einen großen Vorſaal gehen. Das war denn aber doch geradezu unmöglich! — Im dritten Zimmer ſchlief freylich der alte Vater, deſſen Geburtstag mit der zwölften Stunde begann; er ſchlief aber gewöhnlich ſo ſanft und erwachte dann ſo früh,— ſeine Ruhe war ihr heilig, und ſie be⸗ ſchloß, lieber in dieſer qualvollen Nacht zu vergehen, als ſeinen Schlaf zu ſtören, der dem Tode des Gerech⸗ ten glich. 6 »Ach!“— ſeufzte ſie:„Um zwölf Uhr beginnt der Tag ſeiner Geburtsfeyer. Aber wie mag denn der Tag, ein ſo lichtes, freudiges Weſen, in einer ſo abſcheuli⸗ chen Stunde anfangen? Ach! wenn etwa dieſe Nacht— meine letzte ſeyn ſollte?— Gewiß iſts: es geht etwas vor— etwas Fürchterliches! Mein Gott! Wenn er er⸗ wachte— und fände mich todt, das überlebt er nicht! — Oder— was könnten alle dieſe Schreckniſſe ſonſt bedeuten?— Carl! Carl! biſt du mir treulos gewor⸗ den? Vierzehn Tage— keinen Brief von ihm— und mein Vater— bricht er nicht das Geſpräch ſchnell ab, ſobald ich es auf Ihn hinwende? O Himmel! es iſt gewiß,— er liebt mich nicht mehr, iſt vielleicht ſchon verheirathet— und ich bin verlaſſen!— Ach! Wenn dieß wäre, dann— ja dann moͤgen noch in dieſer Nacht alle Schreckniſſe, dann ſoll der Tod——— hu!““ Mariechen fuhr mit beyden Armen abwehrend em⸗ por, als ſtände der angerufene blaſſe Tod wirklich ſchon vor ihr, verhüllte das Geſicht, und barg den Kopf in das Bettkiſſen, denn die aufgeforderten Schreckniſſe lie⸗ ßen ſo wenig auf ſich warten, daß ſie, von dieſem Au⸗ genblicke an, auf die Unglückliche in Maſſe losſtürmten. Den Anfang machte ſogleich eine überwinterte große Fleiſchfliege, die, nachdem der durch das Fenſter ein⸗ dringende Luftzug drey Kerzen ſchon ausgeblaſen hatte, 1 b 1 1 7 auch die vierte und letzte, in die Flamme hineinraſend, verlöſchte, ſo daß nur die Ohllampe in einer Ecke des Zimmers noch brannte. Durch dieſe melancholiſche Be⸗ leuchtung ward der weite Raum für die Verzagte natür⸗ lich noch viel ſchauerlicher; und doch hatte ſie nicht ein⸗ mahl den Muth, eine Kerze wieder anzuzünden. Sie ſchien vielmehr in der geräuſchloſen Unbeweglichkeit ei⸗ nigen Troſt und ſogar etwas Sicherheit zu finden. Was bis jetzt geſchah, war aber noch wenig; die ſchwarze Stunde brach immer ſchwärzer herein. Im Fortepiano— eine Wirkung der Nachtluft— ſprang die tiefe A Saite, dumpf wie eine Stimme aus dem Grabe; bald nach ihr verklang berſtend das hohe D wie ein ätheriſch wehklagendes Geiſtergeflüſter. Ein Stich durch Mariens Herz und ein leiſer Angſtruf begleitete beyde Jammertöne. Nun kam auch der Mond auf ſeiner Wanderſchaft durch den nächtli⸗ chen Himmel dem Spiegel gegenüber zu ſtehen, von dem er bleich herausſchaute, da eben Mariechens Blick auf ihn traf. Zugleich flogen die Schatten vorüberzie⸗ hender Wolken über den Mond und mit dem Monde geſpenſterartig über den Spiegel. Kaum hatte die Bebende von dieſem Schrecken ſich erhohlt, als ſchon ein anderer anrückte. Sie fühlte et⸗ was— ſchauerlich leiſe— an der Schleife des Hals⸗ 8 tuches ziehen. Das Band war ein Geſchenk von Carl. Im erſten Grauen glaubte ſie ſchon, ſein Geiſt wolle die Gabe zurück nehmen. Natürlicher Inſtinet führte ihr die Hand nach der unheimlichen Stelle,— Weh! rief ſie, die Hand zog ſich krampfhaft zuſammen, und— hielt den Kanarienvogel, deſſen Käfig, wie gewöhnlich, offen geblieben war. Der Vogel, durch die Unruhe ſchlaflos geworden, verließ ſein Haus, ſpazierte hüpfend umher, und war endlich ſehr erfreut, bey der wohl⸗ bekannten Schutzfrau ein warmes Ruheplätzchen zu fin⸗ den. Auf die kaum Beruhigte ſtürmte ſogleich ein neues Entſetzen, mit viel heftigerer Erſchütterung los: die Thorglocke dröhnte fürchterlich und ſtürzte endlich— man vernahm's deutlich— heulend zur Erde herab. Mariechens Beſinnung ſchwand immer mehr und mehr, und ward zu einer Art von ſchreckhafter Starrſucht, als jetzt eine neue unheimliche Erſcheinung ſich einfand, eine Fledermaus, die am Anfange des Märzmonaths ihren Winterſchlaf in einem nahen Schornſteine geen⸗ digt hatte, und nun mit durchdringend hellem, kurz abgebrochenem Pfeifen, durch das zertrümmerte Fenſter dem eicht und dem Luftzuge folgend, mit ausgeſpann⸗ ter Flughaut das Zimmer durchjagte. Mariechen barg ihr Haupt immer tiefer in das Kiſſen, ſo tief, daß ſie kaum mehr den nöthigen Athem fand; der dunkle Gaſt B ☛ Ax 6 » ☛ r 9 aber, im ungewohnten Orte eben ſo ſcheu als das arme Mädchen ſelbſt, ſchoß an allen Wänden umher, bis er endlich— jetzt erreichte das Unheil ſeinen Gipfel— an Carls Miniaturporträt kam, und ſo heftig daran ſtieß, daß es herabſiel. Nun ſprang Mariechen mit dem Mu⸗ the der Verzweiflung vom Bette auf, und machte, raſend gleich dem kleinen Ungeheuer, die Runde durchs Zimmer, bis ihre Kräfte ſie verließen, und ſie be⸗ wußtlos zu Boden ſiel. Die jugendliche friſche Naturt errang nach kurzer Zeit den Sieg; das erſchöpfte Mäd⸗* chen ſank aus den bleyernen Armen der Ohnmacht in die weichen des Schlafes. 3*. Wer aber vermag ſich ihr entſetzliches Erwachen in ihrer vollen, ſchauderhaften Gräßlichkeit zu denken! In einer entfernten Ecke des Zimmers ſaß eine hohe ſchwarze Geſtalt, ſtumm, unbeweglich, grauenhaft. Aus Mariechens Bruſt drang ein Ruf des Entſetzens herauf, aber eben dieſes Entſetzen ſchloß ihr den Mund ſo feſt, daß der erſtickte Ruf keinen Ausgang finden konnte, ſondern in der Wiege ſein Grab fand, und mit kaum hörbarem Stöhnen dumpf erſtarb. Da erhob ſich die ſchwarze Geſtalt, ergriff die düſtere Lampe und näherte ſich ihr, langſam— feyerlich ſchreitend. Da preßte ſich der verhaltene Angſtruf aus Mariechens Bruſt gewaltſam hervor, und ward von einem verſtärkten Echo, 10 Schrey begleitet; ein unbekanntes Etwas ſprang beym Ofen empor, die ſchwarze Geſtalt ſtürzte über das halb⸗ todte Mädchen hin, das in dieſem Augenblicke ſich ganz überdeckt, in tiefe Nacht verſunken fühlte und kaum ſo viel Luft fand, um noch athmen zu können. „Hülfe!“— ſchrie Mariechen— „Verzeihung!“— rief die ſchwarze Geſtalt.„Ach mein Gott!”“— weinte das unbekannte Etwas. Die ſchwarze Geſtalt. Marie! Marie. Alle guten Geiſter— Hülfe! Das Etwas. Bruder! komm zu mir! Marie arbeitete ſich unter dem, ſie umhüllenden Mantel der ſchwarzen Geſtalt mühſan. hervor, die ſchwarze Geſtalt half ihr ſelbſt, aber das Etwas ſtürzte auf die ſchwarze Geſtalt, und mit dieſer zugleich auf Marie, die zu Boden ſank und kläglich jammerte. Ich kann mir jetzt recht wohl denken, wie den Le⸗ ſerinnen bey dem Spectakel zu Muthe ſeyn muß, theils voll neugieriger Ungeduld, theils voll Ungewiß⸗ heit, ob ſie erſchrecken oder lachen ſollen, und ob ich mit ihnen Ernſt oder Spaß mache?— beydes zugleich! wie's in der Welt gewöhnlich geht. *₰ 1 » 1 ☛ 11 Ernſt iſt hier in ſo fern, als die drey über einan⸗ der Geſtürzten wirklich voll Schrecken ſind. Spaß, in ſo fern ſie dazu keine gegründete Urſache haben. Mariechen kennt der Leſer ſchon, faſt ſo gut als ich ſelbſt. Die ſchwarze Geſtalt iſt niemand anderer als derſelbe Carl, deſſen Porträt die Fledermaus zu⸗ vor herabgeworfen hat, obſchon er davon nichts weiß. So gehts aber in der Welt: Mancher iſt par-terre, eh' ers glaubt. Das Etwas heißt Cäcilie, und iſt Carls Schwe⸗ ſter. Das wäre nun ganz recht; aber wann und wie kommen denn die Beyden ins Zimmer? Sehr natürlich. Carl hatte ſchon ſeit vierzehn Tagen beſchloſſen, Marien zu überraſchen; indem er ihr, ſtatt des Ge⸗ liebten, plötzlich den Bräutigam zeigen wollte. Einige kleine Hinderniſſe— die ſelten ausbleiben, wenn der Menſch einem Ziele recht heiß und haſtig entgegen eilt — traten ihm in den Weg; er ſchrieb, damit die Über⸗ raſchung dennoch vor ſich gehe, dieß nicht Marien, ſon⸗ dern nur dem Vater mit der närriſchen aber ſehr ver⸗ zeihlichen Bitte, der auch, wie wir aus Mariens Mo⸗ nolog ſchon wiſſen, ſehr geheimnißreich that, wenn das Töchterchen fragte, kurz abbrach, und dadurch die Armſte 12 in ihrer ſchwarzen Stunde auf den noch ſchwärzern Ge⸗ danken brachte, Carl ſey ihr untreu geworden. In eben dieſer ſchwarzen Stunde aber, da es Ma⸗ riechen in ihrem Schlafzimmer ſo übel ging, befand ſich Carl mit ſeiner Schweſter Cäcilie, die er als Kranz⸗ jungfer mit ſich genommen hatte, im Freyen noch übler, indem der letzte Winterſturm mit der Natur den Kehr⸗ aus mit cannibaliſcher Wuth tanzte. Der Frühling und die Theater überziehen den Boden gerne grün, der Frühling zu ſeinen Freuden⸗ ſpielen, wo die Silberquellen fließen, die Theater mei⸗ ſtens zu ſolchen Trauerſpielen, wo viel Blut im höhern Styl vergoſſen wird; der Winter behängt die Erde, gleich einer in Italien offen getragenen Leiche, mit dem weißen Grabtuche. Dieſes Grabtuch, wenn es in Natura aus Schnee beſteht, wird leicht in tiefe— wenn nicht Gräber— doch Gruben verwandelt, ſobald der Himmel darauf weint. Dieß geſchah nun; eine Art von Früh⸗ lingsregen zerweichte Eis und Schnee, und— Carls Wagen brach, nachdem er zwey Stunden lange gegen die böſen Furchen und Gruben wacker gekämpft hatte. Ganz matt und durchnäßt langte er endlich mit ſeiner Schweſter im Dorfe an, war aber von dem mühſeligen langen Herumirren— und Stolpern ſo verſtört, daß er das erwünſchte Haus in einer Art von Betäubung —— — 13 inſtinetmäßig fand, ohne es zu erkennen. Vom übeln Wetter erbittert, blieb er zürnend vor dem Thore ſte⸗ hen, und ſagte zu Cäcilien:„Nun geh' ich keinen Schritt weiter! Mag dieſes Haus gehören wem immer, mag die Stunde ſeyn welche immer,— ich bleibe hier und muß hinein.“ Mit dieſen Worten riß er an der Thorglocke, riß mehrere Mahle vergebens, folglich immer ſtärker, bis — wie wir ſchon wiſſen,— zu Mariechens großem Schrecken, die Glocke lautheulend herab ſiel. Über die⸗ ſes Getöſe war der alte Jacob erwacht, öffnete, und erkannte den Eintretenden ohne von ihm erkannt zu ſeyn, der in ein fremdes Haus zu treten glaubte, ſich wegen der Störung entſchuldigte, und um Nachther⸗ berge bath. Jacob hielt das für Überraſchung und Scherz, und führte die Beyden unter vielen Ausbrü⸗ chen von Verwunderung und Mitleid eilig hinauf, da er aber ſelbſt etwas ſchlaftrunken war, nicht in das Gaſtzimmer, ſondern vor die Thür von Mariechens Schlafgemach, wo er ihnen ein Licht gab, und ſie ver⸗ ließ. Beyde traten ein, als das arme Mariechen, von der Ohnmacht zum Schlafe übergangen, in einem Win⸗ kel des Zimmers zuſammen gekauert lag, und gar nicht bemerkt wurde. Carl ſetzte ſich, in ſeinen Mantel ge⸗ 14 hüllt, in der ſchon beſchriebenen Stellung an den Tiſch, indeß Cäcilie, ſchaudernd vor Kälte, ſich auf das So⸗ pha legte, wo ſie im angenehmen Gefühl des Erwär⸗ mens und des Ausruhens ſehr bald einſchlief. Indeß er⸗ wachte Marie, und glaubte in Carls ſchwarzer Geſtalt einen Geiſt zu ſehen, worauf denn die zuletzt geſchil⸗ derte Gruppe erfolgte. Es iſt Zeit, daß das— in Schrecken und Ver⸗ wirrung über einander geſtürzte Kleeblatt ſich endlich er⸗ hebe, und erfahre, woran es denn eigentlich ſey. Carl faßte ſich natürlich zuerſt, und erkannte Marien; aber nur mit vieler Mühe gelang es ihm, ihr begreiflich zu machen, daß er kein Geiſt ſey. Endlich glaubte ſie der unverkennbaren Wahrheit, wurde aber nun von einer Bangigkeit ergriffen, die faſt noch ſchmerzlicher war als ihre überſtandene Todesangſt. „Wie 29— rief ſie—„Carl! Sie hier— allein bey mir,— und in dieſer Stunde! Gott im Himmel! wel⸗ che Schmach für mich!“— Carl verſtand die Qual des Zartgefühls, und rief:„Cäcilie! ſo komm doch!“— Aber Cäecilie— lag, in feſten Schlaf zurück geſunken, neben ihnen.—„Cäcilie“ riefen Beyde, und ergriffen Haupt und Hände. Endlich erwachte ſie, faßte ſich ſehr ſchnell und umarmte Marien, der ſie dreyfach willkom⸗ 15 men war: als Freundinn, als Carls Schweſter, und als Retterinn aus der peinlichen Verlegenheit. Nun kehrte Ruhe und Wohlbehagen in die Herzen zurück. Kerzen wurden angezündet, das zerſchlagene Fenſter wohl behängt, und der Ofen mit Holz verſe⸗ hen. Im freundlich hellen, angenehm erwärmten, von außen umſtürmten Zimmer ſetzten ſich die drey Erfreu⸗ ten an den runden Tiſch von glänzendem Nußbaumholz und die holdſeligſte Geſprächigkeit lebte auf Was war natürlicher, als daß mit dem Geiſte der Fröhlichkeit auch eine Sehnſucht nach dem Kaffeh erwachte? Marie ſelbſt that den Vorſchlag, denn ſie hatte nun ein Über⸗ maß von Muth. Mußte das muthige Mädchen vor die Zimmerthür hinausgehen, ſo ging die nicht weniger mu⸗ thige Cäcilie mit ihr, und Carl folgte mit zwey Kerzen als Geiſter Gensd'armerie für mögliche Fälle. So kam es unter vielen Schäckern und Lachen dahin, daß der Kaffeh aromatiſch dampfend auf dem Tiſche ſtand. Das lieblich durchglühende Getränk erzeugte die mildeſte Begeiſterung, ſo daß Carl ſich nicht länger zurückhalten konnte, ſondern ohne weiters mit dem Geheimniß der ganzen Überraſchung herausplatzte. Dieſer Entdeckung folgte nun, wie dem Lerchengeſange der Tag, das licht⸗ helle Geſtändniß der freudigſten Liebe von beyden Sei⸗ 16 ten, auf deren Flügeln nun die noch übrigen Stunden der Nacht ſo ſchnell davon flogen, daß der Tag wirk⸗ lich, eh' man es vermuthete, mit ſeinem rothen Geſicht friſch und luſtig zum Fenſter hereinſah. Lachend löſchte man die noch brennenden Kerzen aus, und erwartete ungeduldig das Erwachen des alten Vaters, den man zum Geburtsfeſte mit einer Gruppe überraſchen wollte. Wie freudig ſchlugen die Herzen im Vorgefühl! Aber obſchon er ſonſt gewöhnlich mit dem Tage zugleich erwachte, heute brannte ſchon der ganze Himmel hoch⸗ roth, aber im Gemache des Greiſes herrſchte noch tiefe Stille. Schon einige Mahle war Mariechen leiſe an die Thüre geſchlichen und horchte; aber nichts regte ſich. Da fühlte das gute Mädchen ſich von ſteigender Ban⸗ gigkeit ergriffen, erblaßte, und ihre Augen füllten ſich mit Thränen. Carl bemerkte ihr ſtilles Weinen und hatte ſelbſt ſchon erfahren, wie leicht dem grauen Haupte jede Nacht zur Todesnacht werden kann.„Mein Gott!“ flüſterte Marie,—„wenn nur nicht“—— Mehr vermochte ſie vor Ächzen nicht zu ſagen. Carl und Cäcilie, auf die des Mädchens Angſt ſympathetiſch wirkte, drangen ſelbſt in ſie, die Thür zu öffnen; ſollte ihm— gegen alle Wahrſcheinlichkeit irgend Etwas zugeſtoßen ſeyn, ſo ſey ſchnelle Hülfe ja 127 das Beſte, zu frühes Erwecken aber kein Unglück.— »Von heute an, ſchwor Mariechen, dürfe der Vater nie mehr allein ſchlafen!“— Mit dieſen Worten ſchlich ſie unhörbar leiſe auf den Zehen bis an die Thüre des Schlafgemachs, wo ſie ſtehen blieb, bis die Beyden ihr eben ſo ſorgfältig folgten. Mit zitternder Hand drückte ſie nun die Klinke, öffnete, erblickte das Bett leer— und den Greis am Fuße desſelben knieend. Das Morgenroth unleuchtete ſein ſchneeweißes Haupt. Die gefalteten Hände hielt er hoch empor, und bethete. Ehrfurcht und Andacht beugten die Knie der Tochter. Beym leiſen Geräuſch dieſer Bewegung wandte der alte Vater das Haupt nach der Thür, und erblickte die geliebten Geſtalten, die zu ihm hinflogen und ihn umſchlingend empor hoben. Sanft ſagte er zu den Lieb⸗ koſenden:„Ich erblickte euch gerade in dem Augenblick, da ich Gott für euch um ſeinen Segen bath. Möge das glückliche Zuſammentreffen euch ein gutes Zeichen der Erhörung ſeyn!“—„Und habt Ihr uns den Segen des Himmels erfleht,““— ſagte Carl—„ſo verſagt uns in dieſem ſchönen Augenblick auch den Eurigen nicht!“* — NMit Freudenthränen drückte der Greis Beyde an ſeine Bruſt; und ſagte tiefgerührt:„So iſt denn nun mein letzter Wunſch hienieden erfüllt.“ 18 „Und damit ich nicht ganz müßig daſtehe,“ ſagte die muntere Cäcilie:„So gebe ich Euch die Beyden da zum Angebinde für das heutige Geburtsfeſt.”“ Und ſo wurde denn Mariechens ſchwarze Stunde zur roſenfarbenſten ihres Lebens. Der Liebegdiengt. ——————õ—— 55———— 21¹ „Nein! lieber den Tod, als Beſchämung,“ ſagte Bellau, indem er den Hut wieder abnahm, und ihn ſeufzend auf ein griechiſches Ruhebette warf, von welchem das aus dem Schlaf aufgeſchreckte Windſpiel mit einem fin⸗ ſtern Seitenblick herabſprang. „Lieber ewigen Kummer,“ rief er nochmahl,„lieber den Tod, als Eine Beſchämung! Das ganze Glück meines Lebens mag dahin fahren, eh' ich den Brief ſelbſt in ihre Wohnung abgebe. Wenn Sie mich etwa am Fenſter ſchon von Weitem erblickte, oder mir gar auf der Treppe begegnete— Gott! ich ſänke zur Erde. Mein ärgerliches Erröthen, meine alberne Verlegen⸗ heit, ſelbſt jeder meiner Blicke müßte Ihr ſagen, daß ich den Brief mit der Liebeserklärung in der Taſche trage.“ „Seltſamer Menſch!“ ſagte Rudolph, und ließ die zum Accord über das Fortepiano erhobene Hand klang⸗ los fallen.„Du willſt Ihr deine Liebeserklärung ſchrift⸗ lich geben, und— Sie ſoll nicht merken, daß du Sie liebſt. Wir zwey ſind in der Liebe gerade die entgegen⸗ 22 geſetzten Pole. Lieb' ich, ſo geh ich meiner Auserwähl⸗ ten wie ihr Schatten nach, und meine Zärtlichkeit läßt ihrem Ohre keinen freyen Augenblick.“ »Du meideſt dagegen ängſtlich jeden Ort, wo du ihr auffallen könnteſt, und ſprichſt nur, von der noth⸗ wendigen Höflichkeit gezwungen, über gleichgiltige Dinge. Ich denke wenig an meinen Ornat, ſondern einzig an meine Göttinn, und bey mir iſt nie etwas in Gala, als das Herz. Du aber kleideſt dich ſchön und zierlich, wie ein Bräutigam, und läßt dich dabey ſo wenig ſehen, als ob du nur dir ſelbſt oder dem Himmel Gala mach⸗ teſt. Hör' einmahl— ſo gehts nicht! Du wirſt auf die Art ein alter Junggeſell und gehſt aus der Welt, wie du hineinkamſt. Will man den Mädchen gefallen, ſo iſt vor Allem eine gute Doſis Muth nöthig, und eine noch größere von Geduld und Unbefangenheit. Man muß ihnen, ſo viel es nur ſchicklich iſt, immer vor den Augen ſtehen, um jede günſtige Gelegenheit zu ergrei⸗ fen; denn was uns Zeit und Zufall biethen, kann keine Klugheit der Welt bewirken. Höre alſo: Du biſt in der Liebe noch unmündig, ich will dein Vormund wer⸗ den. Gib mir die verſiegelte Urkunde deiner Zärtlich⸗ keit! Ich will dir den Liebesdienſt erweiſen, und ſie ſelbſt der erſten Inſtanz, der zärtlichen Grazie deiner Venus, überreichen.“ * 23 Der entzückte Bellau gab ſeinem willfährigem Freunde den liebeathmenden Brief, und ſchlug beyde Arme über den Kopf zuſammen. Rudolph ſagte:„Erwarte mich P' und ging an die Vollziehung ſeiner diplomatiſchen Sendung. Bellau that indeß in einem Stündchen ſo viel, als er ſonſt kaum in einer Woche that; denn quälende Unruhe trieb ihn umher. Er ſetzte ſich fürs erſte an das geſchloſſene Fortepiano, zog die geſtoßenen Finger vom Holz beleidigt zurück, ſprang auf, ergriff die Guitarre die er ſchnell weglegte, ſchaute hierauf in alle Bücher, die auf dem Tiſche lagen, richtete ſich vor dem Spiegel die Halsbinde, ſprach mit dem, der vorigen Störung wegen, noch mißvergnügten Windſpiele, ſah zum Fenſter erwartungsvoll hinaus, ſang und brummte, ſchrieb und zerriß, trank Waſſer und zer⸗ brach das Glas, jubelte und ſeufzte, und ließ keine Stellung unverſucht, kein Meubel im Zimmer unbe⸗ rührt, durchlief das unendliche Feld aller Empfindun⸗ gen, ſah ſich vor dem Altare und auf der Bahre, die Geliebte als Göttinn und als Furie, und wiederhohlten dieß Alles vom Ende zum Anfang zurück. Endlich trat, nach einer langen Stunde, Rudolph in das Zimmer. Bellau ſtand verſteinert, Rudolph ſtumm wie das gemahlte Erſtaunen. Dem neutralen Windſpiele kam die Gruppe höchſt ſonderbar vor. Es 24 ffing ſogar zu zweifeln an, ob ſeine beyden Schlafge⸗ fährten noch am Leben ſeyen, näherte ſich Einem nach dem Andern mit kunſtrichterlicher Naſe, und begab ſich dann brummend, und hochſt unzufrieden über die be⸗ wegungsloſe Pantomime, an ſeine Schlafſtelle zurück. Endlich unterbrach Bellau die heilige Stille, indem er einen Schritt vorwärts, Rudolph aber einen zurück that, wie ein Menſch, der ein böſes Gewiſſen hat. „Warum ſprichſt du nicht?“ ſagte Bellau lakoniſch. »Weil es manchmahl beſſer iſt, nicht zu ſprechen,“ ant⸗ wortete Rudolph eben ſo lakoniſch. Und Beyde ſchwie⸗ gen von neuem.„Dein Schweigen,“ begann Bellau end⸗ lich,„hat mir ſchon mehr geſagt als ich eigentlich zu wiſſen brauche. Nun verkünde mir immerhin auch die Urſachen und die kleinſten Nebenumſtände,“ fuhr er fort, immer blaſſer werdend. „»Ich muß wohl in den ſauern Apfel beiſſen,“ ſagte Rudolph,„obſchon er für mich ſüß iſt.“ Bellau. Die Hauptſache zuerſt! Sie liebt mich nicht? Rudolph. Nein. Bellau. Warum nicht? 8 Rudolph. Weil ſie ſchon einen Andern liebt. Bellau. Wer iſt der unſelige Andere? Rudolph. Ich ſelbſt. e. — 4 — 2 — 25 · Bellau. Iſt's möglich? Verräther! Rudolph. Alte Liebe roſtet nicht. Bellau. So haſt du mich betrogen? Rudolph. Mich ſelbſt nur. Höre! Ich ſtehe vor der Thüre, klingle ſanft, und eben ſo ſanft wird auf⸗ gemacht— von den Händen einer alten— Geliebten. Ich bin voll Entzücken, Sie nicht minder, weil ſie glaubt, ich ſey nach ſo langer Zeit, während welcher ſie ihr)e Wohnung, aber nicht ihr Herz verändert hatte, in der Abſicht wieder gekommen, zum erſten Band un⸗ ſers Romans den zweyten und letzten— zugleich den beſten— zu liefern. Wir ſprechen. Sie zweifelt nicht, die wieder erwachte Liebe hätte mich hergeführt, und — in dem Augenblicke erwacht die geſchmeichelte Liebe wirklich! Sie ſchildert mir ihre Sehnſucht, und ver⸗ gißt ſogar die Etiquette, welche ſie noch nie vergaß; ich ſchildere Ihr darauf meine Liebe, und vergeſſe ſo⸗ gar Dich, den ich noch nie vergaß. Endlich ſieht Sie deinen Brief an Sie, den ich immer in den Händen und, ohne es zu wiſſen, ihr vor die Augen halte. Ein Brief an mich? rief Sie mit weiblicher Neugierde. Ich — kann's nicht leugnen, ſagt' ich. Eh' ich mirs ver⸗ ſah, war das unglückliche Document geöffnet und ge⸗ leſen. Dann gab Sie mir das zierliche Papier mit ei⸗ ner zierlichen Verbeugung zurück, und flüſterte hoch⸗ 2 2 26 roth:„Mir thut leid, daß er zu ſpät kömmt. Wie meinen Sie?“ Was konnt' ich anders meinen, als daß es mir auch ſo ſcheine?— Nun— lieber Bellau! was meinſt du? Bellau. Ich meine— daß ich für meine Thor⸗ V heit mit Recht beſtraft bin; denn was man ſelbſt thun kann, dazu ſoll man keinen Andern verwenden, und blöde Feigheit verdient an jedem Manne empfindlich gerügt zu werden.. Rudolph. Du haſt ſo unrecht nicht. Befolge deine Lehre künftighin recht gut, und vergiß der gee machten Erfahrung und des Liebesdienſtes ja nie. In⸗ 3 deß, Freund! wenn du deinen Wunſch dennoch durchſe⸗ tzen willſt— Bellau. Das iſt nicht dein Ernſt. Sey glücklich! Altere Liebe geht vor. Liebe zündet oft wohl ſchnell wie der Blitz, kann aber noch ſchneller vom Blitz eines Zufalls verzehrt werden. Ich will klüger werden. Beyde umarmten ſich; Rudolph ſehr heftig, Bellau etwas froſtiger, und das wedelnde Windſpiel freute ſich der Bewegungen beyder Freunde, da die Mittagsſtunde ſchon ankam. Die Zeit iſt der beſte, manchmahl der ſchnellſte Arzt; ſie eurirt aber gewöhnlich nach der browniſchen Heilart, durch ſtärkende Mittel. Nach ſechs Wochen ſtand Rudolph mit Louiſen vor dem Altar, 27 und Bellau ſchon ziemlich geſtärkt dicht hinter ihnen. Beym fröhlichen Hochzeitſchmaus ſagte er laut:„All⸗ 4 männiglich ſey hiemit kund und zu wiſſen: Wer der Liebe dient, laſſe ſich ja keinen Liebesdienſt von An⸗ dern erweiſen, denn echte Liebe hat ſo volle Macht, daß ſie keinen Bevollmächtigten duldet!“— Darauf ſchwang er ſein Glas, und trank auf das Wohl der Brautpaars und aller anweſenden Schönen. Unter ih⸗ nen ſaß auch Louiſens Schweſter!!— Sapienti pauca! Der Traum des verirrten Kindes. — —j— —.,— — Auf der Schwelle der ſchmalen Hüttenthüre ſaß die kleine Adeline, und lächelte mit wunderlieblicher Freund⸗ lichkeit unverwandten Auges nach dem grünen Anger hin, der in ſeinem ſanften Schmelz vor ihr ſchimmerte, bis er von der, immer tiefer dunkelnden Dämmerung überſchattet ward. Vom unſchuldigſten Frohſinn zu freu⸗ digem Spiel erregt, hob ſie jetzt das Köpfchen zum Himmel, wo die Sterne,— dann ſenkte ſie es zur Erde, wo die Johanniskäfer brannten; endlich gab ſie den letztern den Vorzug, theils weil ſie ſich bewegten, theils weil ſie ihr näher waren als jene. Adelinens Mutter hieß Johanna; der nächſte Mor⸗ gen leuchtete zum Nahmensfeſte der Theuern, und Ade⸗ line hatte— ach, noch kein Angebinde für ſie. Da ge⸗ rieth das gute Kind auf den Einfall: ſie wolle der liebe⸗ ſanften Mutter von jenen leuchtenden Weſen ein Dia⸗ dem bilden, und dieſes ihr, wenn ſie ſchlafe, heimlich auf das lockenreiche Haupt ſetzen. „Wie wird die gute Mutter ſich freuen,— dachte ſie,— wenn ſie erwachend die helle Diamantenkrone 52 erblickt, und kaum den Morgen erwarten kann, das ſchimmernde Geſchmeide noch genauer zu beſehen!“— Daß ſo mancher angenehm täuſchende Glanz nur im Dunkel der armen Lebensnacht leuchtet, und daß aller irdiſche Schimmer erlöſchen muß,— dieſer Ge⸗ danke, den die traurige Wirklichkeit uns oft ſchmerzlich wie eine Dornenkrone auf's Haupt drückt, blieb der kindlichen Unſchuld ganz fremd. Die ſchwärmenden Licht⸗ käfer waren ihr echte Diamanten mit unvergänglichem Glanze. Wie glücklich fühlte ſich Adeline, die Mutter mit einem ſolchen Schatze überraſchen zu können! Dabey ſtogen gar verſchiedene Ideenbilder ſie an. So ſchienen ihr die ſchwebenden Lichter bald ſcherzende Geiſter, bald vom Himmel gefallene Sternchen, die wieder hinauf⸗ zukommen ſtrebten, bald Blumen, die nur in der Nacht blühten. Haſchend verfolgte ſie nun die immer weichenden Glanzpuncte, ohne einen einzigen zu erhaſchen. Mit der Schwierigkeit des Erhaltens wuchs die Begierde darnach,— etwas, das beym Kinde wie beym Erwach⸗ ſenen zutrifft und ſich gleich bleibt von der Wiege bis ans Grab. Adeline, mit jeder Minute haſtiger, vergaß Nacht und Entfernung, und verfolgte immer eifriger die neckiſchen Wandelſterne, die überall erloſchen, ſo⸗ bald ſie ihnen nahe kam. „Ich habe doch mein eigenes Schickſal!“ ſagte das Kind mit demſelben Ton der Wehmuth, in dem es von der leidenden Mutter dieſen Ausruf öfter gehört hatte. Indeß war die Kleine in einen Wald gekommen, hatte den Fuß an aufragende Wurzeln geſtoßen, und ſetzte ſich nun ermüdet und weinend auf einen gefällten Baum⸗ ſtamm, der ihr den Weg verlegte. Kaum war das arme Kind entſchlummert, als auch ſchon die Traumwelt aufging und ihr Zauberſpiel be⸗ gann. Kummervoll, wie die Kleine auf den bemooſten Baumſtamm hinſank, ſtiegen zuerſt auch nur ſchrecken⸗ de Träume aus dem bewegten Gemüth empor. Mit dem von der Ruhe beſänftigten Blut gewann die innere Phantasmagorie endlich ein milderes Weſen. Das Stür⸗ zen von himmelhohen Felſen, das Kämpfen gegen trüb⸗ hintoſende geſchwollne Ströme, das Verſinken in bo⸗ denloſe Sümpfe, der tolle Flug durch ſchwarze Wol⸗ kenmaſſen, das dumpfe Geheul aus unbekannter Ge⸗ gend, das Aufſteigen düſtrer Geſpenſter aus dem Ab⸗ grund, und ihr entſetzliches Anſtarren,— alle dieſe Schreckbilder hörten auf, und ein liebliches Licht, gleich dem aufglimmenden Roſenſchein vor dem Aufgang der Sonne, floß durch den unendlichen hellblauen Him⸗ 54 melsraum. Und aus dem Himmelsraum ſchwang ſich ſanft ein Engel herab, der noch viel lichter und ſchö⸗ ner war als der Himmel ſelbſt. Und da er nahe zur Erde kam, ſtand er auf einer hochſproßenden ſchnee⸗ weißen Lilie, die ſich nicht beugte, und unter dem En⸗ gel matte Mond⸗Silberſtrahlen, wie begrüßend, ausgoß. Adeline ſtand raſch auf, um ſich zu dem Engel em⸗ porzuſchwingen; der aber deutete ihr, auf dem grü⸗ nen Boden zu bleiben, und ſagte:„Auch da iſt's ſchön; ich ſelbſt ſchaue noch gern hinab!“— Bey dieſen Worten ließ der Engel zu dem aufbli⸗ ckenden Kinde ein ſchimmerndes Diadem hinunter ſchwe⸗ ben; und als das Erſtaunende ausrief:„Es iſt von meinen Glühwürmchen! das gehört der lieben Mutter!“ — Da lächelte die Lichtgeſtalt und ſprach melodiſch⸗ ſanft:„Kennſt du mich denn nicht? Ich bin ja deine Mutter!“— Und Adeline erkannte in dem Engel die Mutter und jauchzte:„Du Engel biſt meine Mutter! und war⸗ um biſt du denn ein Engel geworden?2“— Der Mutter⸗Engel antwortete:„Um dir das Dia⸗ dem zu verſchaffen, zur Gabe für mich.“ »So darf ich dich jetzt nicht mehr Mutter nennen?“ erwiederte Adeline furchtſam.—„Immerhin!“ ſagte jene;„auch als Engel bleib' ich ja deine Mutter, und —, 55 glaube mir, ſelbſt ein Engel kann nicht mehr lieben als eine Mutter!*— Bey dieſen Worten bengte ſich die holde Lichtge⸗ ſtalt und küßte Adelinchen; der Kuß aber flog von ih⸗ ren Lippen herab wie ein Strahl. Da erwachte das ſe⸗ lige Kind, und fand ſich allein im lichtfrohen Schooße des Morgens. Unſchuld und Freude ſtrahlten aus den ſich öffnenden hellblauen Augen; Freude und Himmel rötheten die verklärte Wangenblüthe. Aber zur freudi⸗ gen Unſchuld geſellte ſich die ehrwürdige Andacht in der Geſtalt Hilarions, des Einſiedlers, der ſeit zwey Jah⸗ ren den unbeſuchten Theil dieſes Waldes bewohnte. Thautropfen flimmerten, wie auf den Bäumen rings umher, auch auf dem blumigen Kinde, das nus den Blumen heraus zu wachſen ſchien. Auch auf Hila⸗ rions Wangen lagen die ſchönſten Perlen vom Thau der Rührung und des Entzückens. Segnend beugte er ſich zu Adelinen, die, ſich aufrichtend, ſeine Rechte küß⸗ te, aber dazu ängſtlich rief:„Ach Mutter! wo biſt du?“ — Verwunderungsvoll um ſich ſchauend, ſetzte ſie hin⸗ zu:„Und wo bin ich?“— 3 Da ſing ſie bitterlich zu weinen an. Hilarion trö⸗ ſtete, mitweinend über den Schmerz und die Sehnſucht des Mädchens; und er rief:„Ame Mutter! Armes Kind!— Aber— auch Vaterherzen konnen verblu⸗ 15 ten— So geleitete er die Kleine, die, erſt noch ſcheu, nun zutraulich ſich an ihn ſchmiegte, in die nahe, von Binſen gebaute Vorrathskammer, und ließ ſie zuerſt mit Früchten den Hunger ſtillen; dann begann er zu forſchen, wie ſie in dieſen Wald gekommen, und wo ihre Altern wohnten. Da entſpann ſich ein ſeltſames Geſpräch; indem Adeline den kaum entflohenen täuſchenden Traum für Etwas hielt, das ſich wirklich zugetragen habe, und ihn daher, mit dem Wirklichen wunderbar vermiſcht, als eine wahre Begebenheit erzählte. 3 Hilarion ſtand in der Blüthe der Männlichkeit. Ein hoher, kräftiger Körper, ſtarke ſchöne Geſichtszüge voll Leben und Geiſt, ſchienen durch frühere Leidenſchaft⸗ lichkeit und daraus entſprungene bittere Leiden verſtört zu ſeyn. Des Kindes Unſchuld und Schmerz ergriffen ihn auf das heftigſte, ſo wie er überhaupt ſelbſt in ſei⸗ ner jetzigen gebeugten Lage zur Heftigkeit noch ſehr ge⸗ neigt zu ſeyn ſchien. Im Verlauf ihrer ſeltſamen Erzählung ſagte Ade⸗ line:„Es wurde dunkel; da begannen alle Blumen um mich her Funken zu ſprühen. Auf dem Boden rings umher lagen funkelnde Edelſteine, und hellſchimmernde 57 Sternlein flogen vor meinen Augen vorbey durch die Sträucher und über den Anger.“— Das waren Johanniskäfer, liebes Töchterchen! ſagte Hilarion, gerührt lächelnd. Eifrig entgegnete das Kind:„ So leuchtend ſchön ſind Käfer nicht; das weiß ich beſſer! Es war, was ich dir ſagte; darum wollte ich meiner lieben Mutter daraus eine ſchimmernde Kro⸗ ne machen und ihr im Schlafe ſie aufſetzen, ein Ge⸗ ſchenk für ſie, weil ſie morgen das Feſt ihrer Schutz⸗ heiligen Johanna feyert.“ Hilarion gerieth beym Nahmen Johanna in eine Bewegung, die er kaum zu bemeiſtern vermochte, und rief mit thränenfeuchten Augen:„Johanna heißt ſie? Johanna? Ja, dann gebührt ihr das ſchönſte Diadem, und— vielleicht hat ſchon der Himmel ſelbſt ſie mit einer— Sternenkrone belohnt!— Seufzer erſtickten ſeine Stimme. Adeline ſeufzte:„Die mag freylich ſchöner ſeyn als die meinige! Aber das weiß ich, der Himmel kann ihr dieſe Krone nicht lieber geben, als ich die meinige, wenn ſie auch nicht ſo ſchön iſt.“— Hilarion forſchte nach manchem Umſtande; dann ging er wehmuthsvoll weg, kam erſt nach einigen Mi⸗ nuten wieder, liebkoſ'te dem Kinde, und bath es, in ſeiner Erzählung fortzufahren. 58 „Du mußt mich aber nicht mehr Lügen ſtrafen, ſagte das Mädchen, und wenn ich dir die reine Wahr⸗ heit erzählt habe, mich zur Mutter führen. Das mußt du!“— Hilarion verſprach, und Adeline begann: „Ich rief; aber die Mutter kam nicht. Weil ich ge⸗ wiß wußte, daß ſie mich ſuchen würde, ſetzt' ich mich auf einen Baum, damit ſie mich leichter fände. Und ſie kam auch ſehr bald, und war lichter und ſchöner als je. Von oben herab kam ſie, ganz anders als ſonſt, und ſtieg auf eine ſchneeweiße Blume, die ſo licht war als ſie ſelbſt. Ich wollte zu ihr, und wäre gewiß zu ihr gekommen, aber— ſie winkte mir zurückzubleiben.“— Hilarion. Und du? Adeline. Wie kannſt du fragen? Ich blieb zu⸗ rück. Den Ältern muß man ja gehorſam ſeyn! Hilarion. O wäreſt du mein Kind! Adeline. Ich möchte dich wohl zum Vater ha⸗ ben, denn ich habe keinen, und du biſt gut. Hilarion. Wüär ich's doch immer geweſen! Adeline. So haſt du der Mutter nicht immer gefolgt? das war nicht recht! Hilarion. Muß denn die Wahrheit aus dem Munde des Unwiſſenden kommen, um den Wunden noch tiefer zu verwunden? 59 Adeline. Aber plötzlich bekam meine Mutter Flü⸗ gel, und ward ein Engel, küßte mich, ließ mir das Diadem herab, das genau ſo ausſah, wie das, was ich ihr zuſammenſetzen wollte, und— verſchwand— ich weiß nicht wohin! Ich rief ihr nach; da ſtandeſt du vor mir. Du mußt ſie noch geſehen haben. Wohin ging ſie? Haſt du ſie verborgen? Lieber Mann! Ich bitte dich, laß ſie kommen! Wenn ſie auch kein Engel— wenn ſie nur die Mutter wie ſonſt iſt! Ich bitte, laß ſie kommen!— 4 Vergebens bemühte ſich Hilarion, dem Kinde zu beweiſen, das für Wirklichkeit Gehaltene ſey nur eine Traumerſcheinung geweſen; Adeline verharrte darauf, die Mutter ſey ein Engel geworden. Da rief er in der weichſten Rührung:„Die Mutter— ein Engel? Ja — ſie war's! O daß ich ſo ſchön träumen könnte wie du! Ich träumte mich ſchuldlos,— dann wäre mir ja der Engel ſogleich gegenwärtig! Aber komm, armes Kind! Die Unſchuld iſt keinem heiliger als dem reui⸗ gen Verbrecher! Und je mehr ich litt, mit Recht litt, — um ſo weniger foll Ein Weſen durch mich leiden, wenn ich's ändern kann!“ Und Hilarion ſchloß ſeine Hütte, und führte das freudige Kind 2 das bey jedem Geräuſche die Mutter aus einem Gebüſche hervortreten 4⁰0 zu ſehen glaubte. Mit jedem Schritte vorwärts ver⸗ ſicherte Adeline, die Gegend bekannter zu finden, und Hilarion, von des Kindes Freude beflügelt, eilte im⸗ mer haſtiger; aber durch das Eilen ward die Kleine um ſo früher müde, und endlich athemlos. Da ſchwang er ſie auf ſeinen Arm, und eilte noch haſtiger, indem er ſich die Scene des Entzückens beym Wiederfinden der Mutter und des Kindes mit den glühendſten Far⸗ ben der Phantaſie ausmahlte, bis er endlich, ſelbſt er⸗ ſchöpft, niederſank; aber auch ſinkend hielt er das Kind ſo ſicher, daß es, den Fall gar nicht gewahrend, in den Armen des Gefallenen ruhig fortſchlief. So, unbewußt aller irdiſchen Freuden und Leiden, lag Hilarion, und in ſeinen Armen Adeline, als— ein Schrey beyde zugleich aufſchreckte. Hilarion blieb aufgerichtet, aber das Kind ſank ſogleich wieder in die Schlafbetäubung zurück; da riß eine fremde Geſtalt dem kaum Erwachten die zarte Blume aus den Armen, fiel aber plötzlich lautſchluchzend auf die Knie, indem ſie mit dem einem Arme das noch ſchlummernde Kind feſthielt, mit dem andern, um die übermäßige An⸗ ſtrengung ertragen zu können, ſich auf die Erde ſtützte. Das erſchütterte Kind erwachte, mit weit geöffneten Augen, ausrufend:„Mutter!“— Und Johanna ſchrie: 41 „O mein Kind!— Und vor der Mutter, die das Kind ſtürmiſch an die Bruſt drückte, ſtürzte Hilarion nieder, und rief:„Engel meines Lebens!“— 3 Johanna blickte nach dem Kinde; Hilarion auch; und auf dem freudeleuchtenden Antlitz des Kindes be⸗ gegneten ſich die Blicke der lange getrennten entzückten Ältern, die über dem Kinde ſich zum erſten Mahle wie⸗ der in die Arme ſanken. Frage nun kein neugieriger Horcher, was die Al⸗ tern trennte und weſſen Schuld die größere war. Schuld drückt jeden von uns, ob leichter oder ſchwerer,— iſt nicht immer unſer eigenes Verdienſt; und fey doch Keiner ſtolz auf ſich 1 Jn dieſem Augenblicke prangt die Schneemaſſe rein und ſchön auf dem ſonnenhellen Al⸗ pengipfel,— und im nächſten liegt ſie zerfallen in der Thalſchlucht!— Johanna und Hilarion fanden in dem wiederge⸗ fundenen Kinde den verlornen Himmel der Liebe wie⸗ der. Johanna's leuchtender Blick ſagte dem Gatten: „Das Kind iſt uns ein Engel der Liebe!— Und Hi⸗ 4 2² larions Entzücken ſtrahlender Blick erwiederte:„Des Lebens Engel bleib' uns die Liebe!“— Als den Glücklichſten aber preiſe ich den, der ſei- 4 ne himmliſchen Träume für Wirklichkeit hält; er ge⸗ nießt in ewiger Jugend, was keine Wirklichkeit ihm geben kann! 2 — 882 4 Lee r — — 8 — ₰ 42 — 8 5 45 Der Witwe des Juſtizraths Haberlin gings nicht zum Beſten, weil ſie zu viel hatte, nähmlich zu viel Töch⸗ ter, nähmlich nicht weniger als ſechs, denen es nicht an Reizen und Tugenden, auch nicht an Bewunderern, wohl aber an Vermögen und an Männern fehlte. Dieſe ſechs Töchter gingen bis ins F, aber nicht in der muſikaliſchen Scala, ſondern in der alphabeti⸗ ſchen; denn die jüngſte hieß Adelgunde, die nächſte Beatrigx, die dritte Chriſtina, die vierte Doro⸗ thea, die vorletzte Euphroſine, und die älteſte Feliecitas. In ihrem iſolirten Zuſtande war jedes Mädchen mit ſich ſelbſt unzufrieden, und die alte Fran war s mit ihnen allen. 4 Da gab's denn in der myſtiſchen Zahl ſieben man⸗ ches trübe Stündchen daheim, und die Töchterleins hat⸗ ten jetzt zwey Haupturſachen, ſich Männer zu wünſchen: die erſte, um Männer zu haben, die zweyte, um von dem tagtäglichen König⸗ Verdruß⸗ Spiel einmahl los zu kommen. 46 Das weibliche Sertett hatte auch wirklich gar viele Ungemächlichkeiten auszuſtehen. Zur Zeit mütterlicher und ſchweſterlicher Diſſonanzen, das ſieht wohl jeder ein, gab's der fatalen Scenen genug. Dann ſah die erſte dahin, die zweyte dorthin, die dritte ſchmollte, die vierte weinte, die fünfte ſang, und die ſechste lach⸗ te vor Verdruß, zum Arger aller übrigen. In ſolchen ſtürmiſchen Zeiten ging die Parteywuth manchmahl ſo weit, daß die Schweſtern weder zuſam⸗ men ſaßen, noch zuſammen ausgingen, und die alte Frau dann alle zuſammen dahin verwünſchte, wo der Pfeffer wächſt.. 3 War Friede im Lande und die Harmonie am ſchön⸗ ſten, dann traten wieder Störungen anderer Art ein. Gingen ſie zuſammen auf der Promenade, ſo hörten ſie hie und da was von dem vacanten Halbdutzend fliſtern. Traten ſie in einen Geſellſchaftsſaal, ſo ver⸗ lautbarte hie und da eine mokante Stimme etwas von dem ſtattlichen Einzug. Es kam ſo weit, daß der holde Schweſtern⸗Verein in concreto öffentlich nicht mehr erſcheinen konnte, und wenigſtens die Hälfte abwech⸗ ſelnd für unpäßlich oder verhindert gelten mußte. Wie viel haben's da die Frauen beſſer als die Mäd⸗ chen! Eine Frau geht mit ihrem Mann, oft ſogar quaſi als Mann mit Mädchen, die ihre Freundinnen ſind; — 47 denn ſie nimmt von ihrem Manne, ſo wie ſie ihn hei⸗ rathet, alſogleich zwey Dinge an: ſeinen Nahmen, und ſeine Courage, die letztere aber in verkehrtem Ver⸗ hältniſſe, nähmlich ſo: hat der Mann viel Courage, ſo nimmt die Frau davon den kleinſten Theil; hat er aber wenig, ſo nimmt ſie von dem Wenigen das Mei⸗ ſte. Daher kommt's, daß ſich oft das ſchüchternſte Täub⸗ chen, ſo wie die Flitterwochen vorüber ſind, ſchon als Heldinn zeigt, gleichſam, als wäre der girrenden Zärt⸗ lichkeit von dem frühern Schnäbeln nur der bickende Schnabel noch übrig geblieben. Indem ich nach dieſer kleinen Excurſion in der Erzählung fortfahre, beginne ich ſogleich mit dem Freu⸗ denruf:„Land! Land! Triumph 1 Triumph P denn wir halten wirklich einen Heirathscanditaten ſchon feſt, nähmlich den Kammerſecretär Vollauf, welcher nun einmahl mit Leib und Seele der Felicitas gehört, die ihn bey einer muſikaliſchen Akademie gefangen nahm. Ein altes Sprichwort ſagt: Wo Tauben ſind, flie⸗ gen Tauben zu. So geht's auch mit den Liebhabern. Einer bringt den andern ins Haus. Der Kammerſeere⸗ tär brachte den Skonomie⸗Verwalter Zangler, deſ⸗ ſen Herzensökonomie Adelgunde zu verwalten über⸗ nahm. Der Hkonomie⸗Verwalter introducirte den Ge⸗ richts⸗Actuar Volkmar, über welchen Beatrir 48 die Gerichtsbarkeit des Cour d'Amour auszuüben an⸗ ſing. Der Gerichts⸗Actuar zog den Zollinſpector Fla⸗ ving nach ſich, welchen Chriſtina in Beſchlag nahm. Der Zollinſpector führte den Bataillenmahler Gra⸗ natenfels ein, den Dorothea auf's Haupt ſchlug, vielleicht als Vorſpiel der künftigen häuslichen Batail⸗ len. Der Bataillenmahler endlich präſentirte den Pro⸗ feſſor Lorch, der zu Euphroſinen in die Schule ging. So war denn alles auf dem beſten Wege, und die Schweſtern, deren jede nun hatte, was ſie wünſch⸗ te, lebten in der unerhörteſten Einigkeit. Ihrem har⸗ moniſchen Beyſpiele folgten die ſechs Brautwerber und die alte Frau trieb die Freude ſo weit, daß ſie ſich vor Freude eine Indigeſtion zuzog und ſtarb. Nachdem die Trauerzeit glücklich überſtanden war, kamen ſämmtliche Parteyen überein, die ſechsfache Hoch⸗ zeit an einem Tage, doch ganz unter ſich allein oh⸗ ne alle fremde Gäſte, auf dem Landhauſe des Hkono⸗ mie⸗Verwalters Zangler zu feyern. Schon war der prieſterliche Segen geſprochen; ſchon ſaßen die ſechs glücklichen Paare an einer ſplen⸗ did gedeckten und reichbeſetzten Tafel, freundlich be⸗ müht, den kußmüden Lippen eine ſolidere Beſchäftigung zu geben, und zu der Fülle der Herzen das Gleichge⸗ wicht der Mägen herzuſtellen. Der heitere Geiſt zufrie⸗ dener Liebe jubelte umher, als jetzt plötzlich ein ſchö⸗ ner junger Mann in einer ſchönen Uniform hereintrat, ſo ungenirt, als wäre er ein uralter Bekannter und Freund von Hauſe.. So wie der Ruhe⸗ und Freudenſtörer ſich zeigte, bekam nicht nur die ganze Sache, ſondern auch jedes Brautpaar ſogleich ein anderes Geſicht, nähmlich jede Braut ein ſehr höflich⸗ neugierig⸗verlegenes, jeder Bräutigam ein ſehr düſter⸗fixirend⸗verwünſchendes. Der Eintretende aber nahm von den finſtern Ge⸗ ſichtern gar keine Notiz, ſondern begrüßte zuerſt die Damen auf das freundlichſte, küßte jeder gemächlich die Hand, dann jedem Bräutigam flüchtig den Mund, ſagte lächelnd:„Mit Erlaubniß!'“und ſetzte ſich an den unterſten Platz der Tafel. Die Brautherrn fragten nun feyerlich:„Wie kom⸗ men wir zu der Ehre?“— Er antwortete:„Die Ehre iſt meinerſeits! ergriff mir nichts dir nichts eine Wein⸗ flaſche, füllte ein Glas, hob es aufſtehend empor, und rief:»Auf das Wohl des hochzeitlichen Sextets!“— Dieſen Actus wiederholte der liebenswürdige Held dreymahl, und leerte dabey das Glas jedes Mahl auf einen Zug. Als das vorbey war ließen die Brautherren in ihrem eigenen, und im Nahmen der erröthenden 3 4 5⁰ 1 Damen die wiederhohlte Frage ergehen:„Wie kommen wir zu der Ehre 2“ Der Gerichtsaetuar ſagte ganz leiſe zum Profeſ⸗. ſor:„Eine dreyzehnte Perſon; fatal!“— Und der Profeſſor fliſterte zurück:„Man fürchtet die dreyzehn⸗ ten Perſonen mit Recht; ſie bringen nichts Gutes.“— Da ſagte der Fremde:„Damit ich nicht ganz aus den Wolken gefallen ſcheine, ſo gebe ich mir die Ehre, I in Kürze anzuzeigen, daß ich der Lieutenant Hirſch⸗ horn, und mit der Einquartierung, wie dieſe Schrift zeigt, hierher angewieſen bin.“— Der ominöſe Nahme Hirſchhorn nöthigte ſämmtlichen Bräuten ein verſchämtes, ſämmtlichen. Brautherren ein ſarkaſtiſches Lächeln ab, welches der zweyfach Belächelte gar nicht zu bemerken ſchien. Er nannte jeden Brautherrn mit Nahmen, und ſprach mit jedem über ſein Fach ſo vollkommen, als wäre es ſein eigenes. Zuerſt mit dem Kammerſeeretär über cameraliſti⸗ ſche Gegenſtände, wobey er jedoch meiſtens der liebens⸗ würdigen Felieitas, die als Frau Kammerſeecretärinn kaum drey Stunden alt war, in die Augen ſah. Dem Kammerſecretär wurde heiß, und einmahl wetzte er ſogar auf dem Stuhle, als ſich der Lieute⸗ nant im Anſchauen der Braut ſelbſt zu vergeſſen ſchien, 51 die ſich ſo ereiferte, daß ihre Wangen brannten, weil ſie in der Cameraliſtik— als dem Lieblingsfache ihres Gatten— auch nicht fremd ſcheinen wollte, und daher alle cameraliſtiſchen Worte und Redensarten, die ſie je gehört hatte, oder gehört zu haben glaubte, auf das möglichſtbeſte zuſammen ſetzte. Nachdem Lieutenant Hirſchhorn das Licht dhrer goldbraunen Augen eingeſaugt hatte, wie ſchwarzes Tuch die Sonnenſtrahlen einſaugt, ließ er von ihr ab, und der Kammerſeeretär athmete wieder frey. Der Lieutenant aber wendete ſich mit der pfiffigſten Wendung an die ökonomieverwalteriſche Braut, die darüber nicht böſe ſchien, obſchon der ökonomieverwal⸗ teriſche Bräutigam ein Geſicht machte, als fiel ihn plötz⸗ lich eine Migräne an. Adelgunde, welche befürch⸗ tete, der Held möchte das nächtliche Angeſicht des ge⸗ liebten Gatten übel nehmen, und die Sache etwa gar bis zum Duell treiben, both alle Freundlichkeit auf, um die Aufmerkſamkeit des jungen Kriegsgottes auf ſich zu ziehen. Beatrix aber, die Angetraute des Herrn Gerichtsactuar Volkmar bemerkte, daß das ökonomie⸗ verwalteriſche Antlitz immer dunkler wurde, und ent⸗ ſchloß ſich großmüthigſt, den Martisſohn von Adel gunden abzuziehen, und auf ihr eigenes Teritorium zu locken. 5 5² Hirſchhorn ließ die Lockſtimme nicht vergebens tönen, und wendete ſich mit ſeiner ganzen Electricität zu Beatrix, welche den Blitzableiter vorſtellte. Aber indeß der Hkonomieverwalter ſeinen ehemah⸗ ligen Frohſinn wieder fand, machte der Gerichtsactuar ein Geſicht, als würde ihm ſelbſt ſein Todesurtheil ver⸗ kündet. Die Angſt, den Falken bey ſeinem Täubchen zu ſehen, betäubte ihn ſo ſehr, daß er mit großer Ge⸗ läufigkeit Franzöſiſch zu reden anfing, in welcher Spra⸗ che er ſonſt immer ſogleich ins Stottern und Stocken kam. Hirſchhorn beniützte das aufs beſte, und re⸗ dete gleichfalls Franzöſiſch mit größter Fertigkeit. Bea⸗ trix, dieſer Sprache beſonders hold, ſtimmte ſeelen⸗ vergnügt ein. Hirſchhorn ließ nun in dieſer frem⸗ den Rüſtung ein ganzes Heer von Schmeicheleyen ge⸗ gen ſie los, und ſo ſchnellgängig, daß der verſtummen⸗ de Actuarius kein Wort davon verſtand, und nur aus den erröthenden Wangen ſeiner Gattinn den Sinn der erotiſch⸗ militäriſchen Leuchtkugeln zu entziffern ver⸗ mochte. Der fatale Lieutenant ſchien aber beynahe keine weibliche Provinz unerobert laſſen zu wollen, und la⸗ gerte ſich jetzt mit Siegermienen zwiſchen den Zollin⸗ ſpector und die ſchmachtende Chriſtine. Er glaubte auf ihren Wangen, die nur der Wohnſitz der Grazien ſeyn ſollten, eine Spur von Melancholie zu ſehen, und hielt es für die Pflicht ritterlicher Galanterie, ſeine Theilnahme zu bezeigen. Der betroffene Zollinſpector hätte ihm dieſes Pflichtgefühl gern geſchenkt, und ſtampf⸗ te mit dem Fuß, als der galante Ritter Chriſtinens Hand ganz vertraulich zwiſchen ſeine beyden nahm. Er zupfte Chriſtinen, welche die Keckheit geduldig litt, zweymahl am Kleide; dieſe aber merkte ſie nicht, oder wollte ſie nicht merken, und ließ die Hand, wo ſie war. Der verzweifelnde Zollinſpector wußte ſich nicht anders zu helfen, als daß er eine Flaſche— wie aus Ungeſchicklichkeit— mit dem Ellenbogen über den Tiſch ſtreifte. Hirſchhorn ſprang— der Fluth zu entge⸗ hen— ſchnell auf, und ſaß eben ſo ſchnell zwiſchen den Bataillenmahler und ſeiner auserwählten Dorothea, welcher er ſogar etwas in das Ohr zu fliſtern wagte, das die Verrätherinn mit einem holden Lächeln erwie⸗ derte. Der Bataillenmahler, in Wuth gerathend, ſprang auf, warf den Stuhl um, und ſchrie:„Das iſt doch zu arg!„Was fehlt dir mein Schatz?' rief die beſorgte Dorothea. Er aber ſtürzte ohne Antwort zur Thür hinaus. Alle Männer eilten ihm nach. Profeſſor Lorch, als der Letzte, wollte Euphroſinen, als die ein⸗ zige noch Schuldloſe mit ſich wegführen; Hirſch⸗ 4 54 horn wußte aber ſo geſchickt zu manövriren, daß der Profeſſor zur Thür hinausgeſchoben wurde, und zu ſei⸗ nem Leidweſen Euphroſinen in dem umſchlingen⸗ den linken Arm des Unholds zurückbleiben ſah. Die ſechs Bräutigame gingen jetzt mit großen Schritten und langen Geſichtern im Vorſaale auf und nieder, aber ohne ein Wort zu reden. Jeder ſchien ſo⸗ gar die Blicke der Übrigen zu meiden. Wer weiß, wie lange die Stummheit gedauert hätte, wäre nicht zum Glück ein Bedienter und eine Magd mit den Deſert⸗ tellern angekommen. Nun machte ſich der verbiſſene Är⸗ ger Luft, und Alle ſchrien in demſelben Augenblick, wie mit einer Stimme ein donnerndes: Zurück!— Verzeihen Sie!— ſagte die Magd— es iſt ja das Deſert. Zurück! ſcholl's nochmahl, und zum dritten Mahl⸗ als würde die Zauberflöte aufgeführt. 4 Und die große Torte, als die Sonne des Deſert⸗ Syſtems, ſammt den Backwerktellern und Obſtkörbchen als kleineren Fixſternen und Planeten, machte eine re⸗ trograde Bewegung nach der Küche. Das tiefe Schweigen war einmahl gebrochen, und nun ſagte der Kammerſecretär. Ein ſehr kecker junger Herr! — 55 Der Hkonomieverwalter. Ja die Weiber! Der Zollinſpector. Und leiden wir das ſo geduldig? Der Gerichtsactuar. Fiat justitia, pereat mundus! Der Bataillenmahler. Bomben und Gra⸗ naten! DerProfeſſor. Die Sache fordert Überlegung. Der Kammerſecretär. Weiber und Geld ſind das unſicherſte Gut auf der Welt. HOkonomieverwalter. Schöne Weiber ſind Hein reiches Feld, auf dem ſich auch die Schmetterlinge gerne einquartieren. Gerichtsactuar. Fiat justitia, pereat mundus! Bataillenmahler. Heute haben wir einmahl die Kriegserklärung; die ehelichen Bataillen werden nicht ausbleiben. Zollinſpector. Ich denke, wir machen den Lieutenant ganz ordentlich Contreband. Profeſſor. Meine Herren! laßt mich gewähren! Ich will ihm eine Vorleſung halten, an die er den⸗ ken ſoll. Bataillenmahler. Und glauben Sie, daß er Ihnen zuhören wird?„ Gerichtsactuar. Ich denke, wir wollen ihn zuerſt verhören. Zollinſpector. Vorher aber ihn gut unterſu⸗ chen, ob er etwa—— Hkonomieverwalter. Was viel verhören und unterſuchen? Wir fallen alle zuſammen über ihn her wie das Hagelwetter über ein Getreidefeld und— Kammerſecretär. Roma deliberante Sagun- tum perit. Wir halten da eine Plenarſitzung und laſſen den Wolf bey der Heerde. Das leuchtete allen ein. Sie fanden es ſogar thö⸗ richt, das Zimmer und die Frauenzimmer verlaſſen zu V haben, beſchloßen, gute Miene zum böſen Spiel zu ma⸗ chen, ſogleich hineinzugehen, und den verliebten Lieu⸗ tenant, als wäre gar nichts geſchehen, zu umringen, und mit Freundſchaftsverſicherungen und Liebkoſungen ſo zu überhäufen, daß er weder zu Wort noch zu den Weibern kommen könne. Sie horchten, hörten im Zimmer lachen, öffneten die Thür,— aber beym erſten Anblick, der ſich hier präſentirte, flogen alle guten Vorſätze davon, denn der Herr Lieutenant ſprang wie ein Kreiſel unter den Frauen, 4 umarmte und küßte eine nach der andern. Jetzt brach das Ungewitter von allen Seiten los. Der Lieutenant aber ſtand wie ein Fels im Meere ge⸗ G 7 gen Brandung, Sturm und Blitz. Die Damen ſtell⸗ ten ſich um ihn her wie Meernymph en. Im Augen⸗ blick, da die Gefahr den hoͤchſten Grad erreicht hatte, rief der Held aus ſeiner lebendigen Sch önheitsverſchan⸗ zung im Commandoton ein gebietheriſches: Halt! her⸗ vor. Und als dieß Wort ſeine Wirkung nicht verfehlte, wendete er ſeine Rede an die, ihn umgebenden Da⸗ men:„Bald wird der grimmige Tod mit den ihm an⸗ gebornen Waffen würgen; bald wird das Schlachtfeld mit Leichen bedeckt ſeyn: aber eh noch Blutſtröme wie Cascaden ſpringen, und ein Hagelregen von Gliedern umherfliegt wie eine handvoll Erbſen, ſo geſteht, ihr Schönen, vor den Augen der Welt, daß ihr ſehr un⸗ recht thatet, zu behaupten eure vierſtündigen Gatten, die vor Eiferſucht wüthen, ſeyen keiner Eiferſucht fä⸗ hig!“— »Wie iſt das zu verſtehen?“ fragte der Gerichtsactuar. —„»Scherz oder Ernſt?' ſetzte der Kammerſeecretär hinzu. Darauf nahm Felicitas das Wort, und ſprach mit hohem Pathos: „Vernehmt und wiſſet denn! durchdrungen von Bewunderung eurer unendlich großen Eigenſchaften, und entzückt von dem ſel igen Bewußtſeyn eurer Liebe, ver⸗ mißten wir nur Eines bey Euch.— Die Anlage zur Eiferſucht, ohne welche— nach unſerm unmaßgeblichen Erachten und Ermeſſen— wahre Liebe nicht beſtehen kann. Wir legten unſere Beſorgniſſe in den Buſen die⸗ ſes edlen jungen Mannes und er war großmüthig ge⸗ nug, hierher zu eilen, um Euch in höchſt eigener Per⸗ ſon auf die Probe zu ſtellen. Ihr wurdet eiferſüchtig wie die Araber, ihr habt geſiegt, und wir ſind nun eure zweyfachen Selavinnen. Umarmt den edlen Hel⸗ denjungling!“— Und der edle Heldenjüngling trat zur Umarmung her, aber die ſechs Edlen traten zurück. Da rief Fe⸗ liceitas:„Umarmt den Bruder ſechs glücklicher Schweſtern!“— Jetzt wurde es Tag, bald auch heller Mittag. Der Bruder war wirklicher Bruder. Die ſechs Schweſtern hatten ihn verſchwiegen, um den ſechs Ehegatten am Hochzeittage mit ihm eine Überraſchung zu machen. 5 9 5 Während der ſtarken Correſpondenz hatte jede Schwe⸗ ſter ihren Geliebten und quaſi Bräutigam dem Bruder als Ideal aller männlichen Vollkommenheiten gerühmt. Alle Briefe waren eben ſo viele Lobreden; aber jedem Hochgeprieſenen fehlte nach Verſicherung jeder Schwe⸗ ſter— nur ein Erforderniß: die Anlage zur Eiferſucht, von welcher bey Keinem die geringſte Spur zu finden war. Nun ſtimmten aber die ſechs Schweſtern darin überein, daß ein Mann ohne Anlage zur Eiferſucht — keiner wahren Liebe fähig ſey. Der brüderliche Lieute⸗ nant ſchrieb ihnen zurück jeder Mann ſey eiferſüchtig, ihre Geliebte ſeyen aber Männer, folglich eiferſüchtig, welches er am Hochzeittage ſelbſt genügend darthun wolle. Und ſo wurde denn das Spiel mit der dreyzehn⸗ ten Perſon und mit der Einquartierung verabredet. Die ſechs Herren wollten lange nicht dran, an den aus den Wolken gefallenen Herrn Bruder zu glauben; endlich mußten ſie nachgeben, folglich müſſen es auch die Leſer. Das zurückbeorderte Deſert wurde jetzt auf gemein⸗ ſchaftliches Verlangen hereingebracht und ein Toaſt nach dem andern getrunken. Der Herr Lieutenant reiste nach glücklich beendigtem Experiment noch in der Nacht mit Extrapoſt ab, und die Brautpaare gaben ſich am näch⸗ ſten Morgen das Wort, künftighin alle Proben und Experimente als unſichere Dinge zu meiden, und die dreyzehnten Perſonen als mögliche Frieden⸗ oder Freu⸗ denſtörer von ihren häuslichen Kreiſen entfernt zu hal⸗ ten.— Soll dieſe Geſchichte wirklich eine der erſtern Veranlaſſung geweſen ſeyn, die dreyzehnten Perſonen ſo verrufen und gefürchtet zu machen? Mag ſeyn; ein leichter Scherz hat oft mehr geſchadet als der bitterſte Ernſt. 2. „ b — DZie Erdbeeren oder das wandelnde Geschenk. Luſtſpiel in drey Aufzügen. — Perſonen. Petrowna, Witwe. Natalie, ihre Tochter. Janka, Dienſtmädchen. Alexiewicz. Federow. Tolſtoi, Natalien's Vormund. Iwan, deſſen Sohn. Ein Haushofmeiſter. Waſilko, Reitknecht des Alexiewiez. Dmitri, ein Gärtnerknabe. Ein Bedienter. Die Handlung ſpielt in St. Petersburg. — Erſter Aufzug. —— (Zimmer im Hauſe des Alexiewicz. Waſilko ſitzt ſchlafend am Ofen⸗ Alexiewicz ſtürmt mit freudiger Heftigkeit herein. Ihm folgt Dmitri, der ein Fruchtkörbchen trägt.) 4 Alerxiew ie z. Endlich, endlich gelingt's!— Waſilko! Schläft er ſchon wieder? Richtig! Müſſen denn die beſten Men⸗ 4 ſchen immer den beſten Schlaf haben?— He da, Wa⸗ ſilko! wach auf, du treue ſchläfrige Seele!(Er ſtampft mit den Füßen⸗) Hollah!— Waſilko(uuffahrend). Halt! Was gibt's? halt! Ich ſchieße!— Er ergreift die neben ihm ſtehende Branntweinflaſche, und zielt damit, als ob er ein Gewehr abfeuern wollte.) Wer da? Alexiewicz. Dein Herr, du Siebenſchläfer! Waſilko(cchlaftrunken). 1 Erlogen! Mein Herr iſt ausgegangen, Antwort — oder ich—— 64 Alexiewiez. So, will ich dir zeigen, daß dein Herr wieder zu Hauſe iſt!(Er ſchüttelt ihn.) 3 Dmitri Gieht ihn weg). Laßt ihn! Mein Vater ſagt, man ſoll dem nichts thun, der ſelbſt nicht weiß, was er thut. Alexiewicz. Haſt recht. Welche ſanfte Keckheit der Bube hat! Waſilko. (Er kommt zu ſich und erkennt ſeinen Herrn.) Der verwünſchte Branntwein!(Er wirft die Flaſche zu Boden und fällt auf die Knie.) Verzeiht! Der Brannt⸗ wein wollte ſchießen, nicht Waſilko! Aleriewiz. Steh auf! Heut verzeih' ich dir dieß— und noch mehr— Alles! Waſilko ſteht auf). Nu, Herr, ſo hat Waſilko bey Euch was gut für ein andermahl. Aber warum ſeyd Ihr denn heute mit meinem Rücken ſo gnädig, als gäb's gar keine Knute auf der Welt? Alexiewicz. Waſilko! Endlich iſt's mir gelungen! Waſilko. O ſchön! 65 Alexiewicz. Ja⸗ was mein' ich denn? Waſilko. Das weiß ich nicht. Ihr meint aber doch Etwas, und das freut den Waſilko⸗ 88 Alexiewiecz. Ehrliche Dummheit! So höre denn! Gelungen iſt's mir endlich, ein Geſchenk zu finden, deſſen An⸗ nahme die ſchöne Natalie mir nicht verweigern kann; ein Geſchenk, welches, ungeachtet ſeines hohen Preiſes, das Zartgefühl eines ſtolzen Mädchens nicht verletzen kann. Waſilko. Ein prächtiges Geſchenk! Aber Waſilko begreift's nicht; bin zu dumm dazu. Dmitri(aacht). Das glaub' ich ſelbſt. Waſilko(fährt gegen ihn). Wart' ich will dich—— Alexiewicz. Halt!— Sieh!(Er nimmt von Dmitri das Körbchen und ſtellt es auf einen Tiſch.) Dieſes ſpielte mir der Ge⸗ nius der Liebe ſelbſt in die Hände. 66 Waſilko. Iſt der Herr ein Deutſcher? Waſilko kennt ihn nicht. Dmitri. Nicht? Meine Schweſter Kathinka kennt ihn recht gut. Ein deutſcher Oſſicier von der Leibgarde hat ihr viel von ihm erzählt. Alexiewicz. So iſt ſie wohl ſchön? Dmitri. Schön wie die Erdbeeren in dieſem Korbe. Alexiewicz. Für die ich dir achtzig Rubel zahlen muß, Sxitz⸗ bube! Aber was thut's? Es lebe der Genius der Liebe! Waſilko(traurig). Waſilko kann nicht auf ſeine Geſundheit trinken; die Branntweinflaſche iſt zerbrochen! Alexiewicz. Laß dir eine volle neue geben! Waſilko. Guter Herr!(Er küßt ihm das Kleid.) Schon ſeit acht Tagen ſah Euch Waſilko nicht ſo froh und ſo gnädig. Alexiewicz. Hab' auch alle Urſache dazu. Was verſuchte ich nicht Alles, um die reitzende Natalie zur Annahme ei⸗ 82 67 nes Geſchenkes zu bewegen! Nichts war mir zu theuer für ſie, aber— was ich ihr auch darboth, ſie ſchlug es aus. Das ärgerte mich; noch war kein Mädchen ge⸗ gen mich ſo ſpröde. Schon war ich Willens, die ſtolze Schöne aufzugeben und weder an ein Geſchenk für ſie, noch an ſie ſelbſt mehr zu denken. Da geh' ich heute über den Schloßplatz vor dem Winterpallaſt. Mich friert; ich ſtelle mich an eines der vielen Feuer, die da brannten. Am Nande des einen hockt der Knabe da, lüftet ſein Körbchen, und ich erblicke darin, wie er ſelbſt lüſtern hineinguckt, Erdbeeren, deren Purpur, von den Flammen angeleuchtet, noch heller glüht als das Feuer ſelbſt. O ich Glücklicher! Geld und Edel⸗ ſteine both ich Natalien, und ſie verſchmähte es, die Gaben zu berühren mit der weißen Hermelinhand; euch, ihr Erdbeeren, die ihr glücklicher ſeyd als Gold und Sdelſteine und als ich ſelbſt,— euch werden ihre Lip⸗ pen berühren, und ihr ſollt, noch im letzten Augen⸗ blick von ihrer Purpurgluth beſchämt, im ſanfteſten Tode die duftende Seele aushauchen! Waſilko(ängſtlich). O Herr! redet nichts vom Sterben! denkt Wa⸗ ſillo an Euern Tod, ſo muß er weinen. Seyd Ihr denn krank?2 66 Alexpiewicz. Wenn das Glück eine Krankheit iſt, dann bin ich ſterbenskrank. Dmitri. Waſilko hat recht, Ihr redet ſo viel Schönes, daß es gefällt, auch wenn man's nicht verſteht. Meine Schweſter Kathinka, ja— die verſtünde Alles, was Ihr ſagt. Alexiewicz(ins offne Körbchen ſchauend). Da ſieh, Waſilko! Waſilko. Was iſt das? Dmitri. O dummer Menſch! Kennſt du die Erdbeeren nicht? Waſilko. Schelm, du weißt's auch nicht, und ſtellſt dich nur ſo. Dmitri. Wie kann man auf der Welt ſeyn und die Erd⸗ beeren nicht kennen! Sie gehören zum Eſſen. Waſilko. Und du haſt ſo theure Speiſe ſchon gegeſſen? Dmitri(heimlich). *MNur die geſtohlnen. 69 Alexiewicz. Welcher himmliſche Duft! O ihr köſtlichen Früchte! Seyd ihr nicht wohlriechende Rubinen? Dem Lieben⸗ den gehört ihr an, wie keine andere Frucht, denn ihr ſeyd die echten Sinnbilder der Liebe. Vom Eishauche des Nordwindes umtobt, ſeyd ihr aus der froſtigen Schneedecke aufgeglüht, ſiegreich wie die Liebe, deren Macht allen Hinderniſſen und allen Elementen trotzt. Euch gab der Winter ſeinen Muth und euern Leib, der Frühling euern Reiz und ſeinen Geiſt; darum ver⸗ einigt ihr auch den wunderbarſten Widerſpruch; eure Purpurgluth gibt Kühlung, indem ihr kühlend die Liebe entflammt.— Waſilko criecht zum Körbchen). Riecht gut— faſt wie Branntwein. Alexriewicz éöffnet eine Schatulle). Nun, Dmitri, hier ſind die achtzig Rubel.(Er gibt dem Knaben das Geld.) Viel Geld! Aber—— Waſilko. Achtzig Rubel? Gott ſteh mir bey! Achtzig Rubel das Bißchen!(gegen Omitri losfahrend.) Spitzbube, du betrügſt meinen Herrn! Dmitri. Helft! Er würgt mich! Alexiewicz(Waſilko wegziehend). Ehrlicher Dummkopf, laß ihn! Waſilko. Achtzig Rubel!— Herr! Laßt Euch wenigſtens um eine einzige Gnade bitten! Alexiewicz. Nun? 3 Waſilko. Wenn die theure Speiſe gar ſo verdammt gut iſt, ſo eßt ſie doch ſelbſt! Alexiewicz. Du ſelbſt ſollſt ſie der ſchönen Natalie überbringen. Waſilko. Nein, Herr! Alexiewicz. Dort liegt die Knute. Waſilko. Ja, Herr) Dmitri. Laßt mich den Bothen ſeyn. Alexriewicz. Dich?— Bürſchchen, du ſcheinſt mir ein feiner Schelm zu ſeyn. Dieſe muntern Augen über den hell⸗ rothen Backen, dein ganzes flinkes Weſen— das Ge⸗ gentheil von dieſem ehrlichen Siebenſchläfer— höre, —7 7¹ du biſt zu einem Postillon d'Amour wie geſchaffen. Ganz Paris hat keinen beſſern. Willſt du dir auch den ein und achtzigſten Rubel noch verdienen? Dmitri. O ja! den ſchenk' ich dann meiner Schweſter Ka⸗ thinka, damit ſie dem Leibgardiſten auch einmahl ein Präſent kaufen kann. Waſilko. Laßt mich den Rubel verdienen! Waſilko wird's ſo gut machen als der kleine Schelm da. Und zeig' ich dem Fräulein auch ein ſaures Geſicht, ſo ſeyd Ihr bey mir doch ſicher, daß die ſchöne Natalie ihre Eßwaare bekommt. Der da wäre im Stande und—— Dmitri(oor Zorn ſpringend). Was? du altes Branntweinfaß! Du Siebenſchlä⸗ fer! Meine Ehre greifſt du an? Mein Vater iſt Gärt⸗ ner, und ich bin ſein einziger Sohn, weißt du das? Und meine Schweſter Kathinka hat einen Leibgardiſten zum Liebhaber! Komm her, ich kratze dir die Augen aus, komm her! Waſilko. Balgen willſt du? Bin ſchon da. 7² Dmitri. Nur her! Ich fürchte dich nicht Gzu Alexiewicz.) Ver⸗ wahrt mein Geld indeſſen! (Beyde ſtellen ſich gegeneinander.) Alexiewicz. Alter Waſilko! was fällt dir ein? haſt dreyßig Jahre beym lithauiſchen Tataren⸗Regiment gedient und willſt jetzt mit einem Knaben balgen! Du biſt freylich älter als Dmitri, aber er iſt geſcheiter. Waſilko. Nu— weil meine Ehre wieder hergeſtellt iſt, ſo will ichs ihm verzeihen. Alexiewicz. Da haſt du auch einen Rubel für deine wieder⸗ hergeſtellte Ehre! Waſilko. Topp!(Er umarmt Dmitri.) Gut Freund! Dmitri. Pfui, dein Bart ſticht! Alexiewicz. So nimm das Körbchen und bring' es der ſchönen Natalie! Dmitri. Nicht wahr? die iſt Eure Liebſte, gnädiger Herr? nicht wiſſen. 75⁵ Alexiewicz. Ja, die Liebſte,— bis mir etwa eine Andere noch lieber wird.— Ich ſelbſt führe dich zu ihrer Woh⸗ nung. Du mußt ihr das Körbchen dann mit ſehr arti⸗ gen Ausdrücken geben; darfſt aber nicht ſagen, daß es von mir kommt. 3 Dmitri. Ich will recht artig ſeyn. Aber— wenn ſie frägt, von wem? 4 Alexiewicz. Ein Unbekannter ſchickt dich. Darfſt mich nicht nen nen! Dmitri. Aber errathen laſſen! Alexiewicz. Nein, nein!. Dmitri(beyſeits). Ich glaube: ja, ja!(laut.) Alſo nein? Alexiewicz. Komm nur! Dmitri(eeiſe zu Waſilko). Wie heißt dein Herr? Sag's leiſe, denn ich darf's 84 4 74 Waſilko. Darfſt es nicht wiſſen, Camerad? da muß ich ſchon leiſe reden. Komm her!(Er führt ihn beyſeits.) Er heißt Alexiewicz. Dmitri. Wie? Waſilko(ihm ins Ohr ſchreyend). Alexiewicz! Dmitri⸗ Gut. Alepiewicz. Das hab' ich nicht gehört.— Dmitri, wie heiß' ich? Dmitri. Ich darf's ja nicht wiſſen? Alexiewicz. Nein. Mir ſcheint aber, durch deine verliebte Schweſter biſt du Schelm recht pfiffig geworden. Hat ſie dich auch ſchon als Courier gebraucht? Dmitri. Gar oft. Alexiewicz. Nun, Herr Courier, ſo komm! Dmitri. Ihr ſollt mit mir zufrieden ſeyn. (Beyde ab.) —— — 5 7 Waſilko. Ich bin auch zufrieden, und gehe, eine volle Fla⸗ ſche ſtatt der zerbrochenen zu kaufen. Branntwein iſt doch beſſer als alle die kleinen rothen Dinge.(Ab.) Zweyter Auftritt. (Zünmer im Hauſe der Witwe Petrowna.) Petrowna(auf⸗ und niedergehend). Es iſt doch eine ſchöne Sache um ein großes Zim⸗ mer! Man geht da mitten im ſtrengſten Winter wohl⸗ behaglich ſpazieren, und hat ſo ganz ſeine eigene kleine Welt. Ja fürwahr! Wenn's nicht ſchon ſo eingeführt wäre, daß jedes Madchen in der Ordnung heirathet, ſo ſäh' ichs lieber, wir hätten eine ſehr geräumige Wohnung und ein ſorgenfreyes Leben, und Natalie bliebe ledig bis an mein Ende. Aber— wenn ich ſter⸗ be, dann wäre ſie ganz allein! Und doch— doch— erwartet ſie das Alleinbleiben. Alexiewiez will lieben — aber nicht heirathen, Federow liebt, kann aber nicht heirathen. Könnt' ich aus Beyden Einen machen, dann wär's gut; vielleicht auch nicht! Dritkter Auflrit. Natalie. Petrowna. Natalie(ans Fenſter tretend). Schön! ſchön! Petrowna. Was denn? Natalie. Sehen Sie doch nur! der ruhende weiße Schnee und die raſtlos flackernden Feuer! Wahre Sinnbilder! Petrowna. Von? Natalie. Von den Männern. Petrowna. Das heißt— von denen, die du kennſt, nähmlich von Alexiewiez und Federow? 1 Natalie. Getroſſen, Mutter! Petrowna. Und dann wäre Alexiewicz—— Natalie. Das unſtät auflodernde Feuer, und Federow der ruhige reine Schnee. 77 Petrowna. Im Schnee erfriert man. Natalie. Das Feuer verliſcht bald. Vierter Auftritt. Janka. Dmitri. Die Vorigen. Janka. Nur herein! Petrowna. Was will der hübſche Knabe? Janka. Dem Fräulein ein Geſchenk bringen. Natalie. Mir?. Dmitri. Ja, Fräulein; Ihr ſeyd ſo ſchön, daß Ihr Euch nicht wundern dürft, wenn alle Welt Euch huldigt. Petrowna. Man hat dir deine Rolle gut einſtudiert. Dmitri. Was ich ſage, kommt von mir ſelbſt, gnädige Frau; nicht aber das, was ich bringe. 78 Natalie. Von wem? Dmitri. Ich darf ihn nicht verrathen. Natalie. So darf ich das Geſchenk nicht nehmen. Ja nka(zu Natalien). Nehmen Sie doch einmahl ein Geſchenk! Es iſt ge⸗ wiß Schmuck oder irgend ein ausländiſcher Stoff. . Dmitri. Sie dürfen es ohne Bedenken nehmen; es iſt ſo einfach, daß es nur den guten Willen des Gebers zeigt. Janka. O weh! G Dmitri. Reiche Geſchenke— ſagt man— beleidigen leicht das Zartgefühl. Janka. Ganz und gar nicht. Natalie. Man hat dir recht ſchöne Redensarten in den Mund gelegt. Janka. Wären's lieber ſchöne Geſchenke! 79 Petrowna. Geh! lieber Kleiner! Bring das Geſchenk dem un⸗ bekannten Geber nebſt unſerm Dank zurück! Dmitri. Das wird ihn ſchmerzen!— Armer Alexi— Natali. Was ſagſt du? Dmitri. Armer Dmitri, wollt' ich ſagen, und—— Petrowna. Du nannteſt einen andern Nahmen. Dmitri. That ich das,— ſo geſchah's in der Verwirrung über—— Janka. Sagteſt du nicht Alexi——— 2 Dmitri. O weh! da wird er mir zürnen.— Weil aber die erſte Hälfte ſchon da iſt, ſo will ich nun in des Him⸗ mels Nahmen— Janka(heimlich) Heraus damit! Natalie. Schweig! Petrowna. Geh! Dmitri. Nun, ſo geh ich denn— weil ich muß. Armer Alexiewicz! Natalie. Er? Petrowna. Er denkt doch immer an uns.— Ja, höre, Na⸗ talie, da wir nun wiſſen, daß das Geſchenk von ihm iſt, ſo können wirs, ohne unartig zu ſeyn, nicht wohl zurück weiſen. Natalie. Wenn es nicht von Werth iſt. Janka(für ſich). Gewiß was recht Koſtbares. Dmitri(reeicht Natalien das Körbchen). Iſt's gefällig, Fräulein? Natalie(azu Petrowna). Soll ich? Petrowna. Nimm es! (Natalie nimmt das Körbchen.) —————. ——— 81 Natalie. Was enthält es? Dmitri. Erdbeeren. Janka(mit Natalie und Petrowna zugleich). O weh! Natalie(öffnet). 4 O ſchön! Petrowna.(Zugleich.) So? Dmitri(öchſt freudig). Gott ſey Dank! Nu— wie wird der gute Herr ſich freuen! Seht, nun will ich Alles erzählen, Alles. (Mit zunehmender Schnelligkeit.) Ich ſollte die Erdbeeren in ein vornehmes Haus tragen; ſie waren beſtellt zu ſechzig Rubel. Mich friert; ich hocke mich an ein Feuer auf dem Platz, mich ein Bischen zu wärmen, weil mir die Naſe und die Ohren gar zu weh thaten. Ich öffne das Körbchen, um zu ſehen, ob an der ſeltenen koſtba⸗ ren Frucht nichts verletzt ſey. Da guckt, über meinen Kopf herab, ein ſchöner Herr hinein, und ruft:„Herr⸗ liche Erdbeeren! Was verlangſt du dafür?“”— Ich ſa⸗ ge ſie ſeyen ſchon beſtellt.—»Wie theuer?“„Sechzig Rubel.“—„Siebzig— achtzig!“ ruft er, faßt das Körb⸗ 82 chen und läßt's nicht aus. Ich— mache den Geſchei⸗ ten, und ſage: Ja!— Denn achtzig Rubel, das weiß ich, ſind meinem Vater lieber als ſechzig, und in's vor⸗ nehme Haus kann ich ja andere Erdbeeren bringen. Seht, Fräulein, man muß ſich zu helfen wiſſen, ſonſt kommt man nicht durch. Und ſo ward mir geholfen, und dem Herrn, und— vielleicht Euch ſelbſt auch!— Lebt wohl und laßt's Euch gut ſchmecken. Mehr darf ich nicht ſa⸗ gen!(Läuft ab.) Petrowna. Warte! Natalie. Nimm doch! Petrowna. Janka, lauf ihm nach! Janka(ans Fenſter eilend). Dort läuft er ſchon, und hört uns nicht mehr. Natalie. So muß ich ſie behalten? Janka. Es iſt nicht der Mühe werth. Petrowna. Laß' uns allein! 83 Janka(im Abgehen brummend). Eßt nur! Ich verlange mir nichts davon.(Ab.) Natalie(das Körbchen betrachtend). Alexiewicz hat doch viele Aufmerkſamkeit für mich! Es iſt doch ſchön von ihm, daß er ſelbſt den leicht hin⸗ geworfenen Wunſch der Laune eines Augenblicks von mir ſo ſchnell auffaßte und ſo feſt hielt! Und dennoch beläſtigt mich das Geſchenk. Es wäre ſchön, wenn es nicht ſo theuer wäre. Ich verwarf ſeine glänzenden Ga⸗ ben, weil ſie zu koſtſpielig waren, um ſie ohne Eigen⸗ nützigkeit anzunehmen. Nun gibt er mir ein Geſchenk, das— viel koſtet, und dennoch keinen andern Werth hat als denjenigen, den es vom Willen des Gebers er⸗ hält. Ein gefährlicher Werth! Je zarter die Gabe, deſto kräftiger ihre Wirkung. Und doch— Federow würde das nicht gethan haben. Er hätte vielleicht für dieſe Summe etwas Gutes im Stillen gethan, ohne mir zu ſagen, daß er's that. 4 Petrowna. Das ſieht ihm gleich. Er iſt der brillanten Großmuth nicht hold, ſelbſt wenn ſie ſich für die Liebe ſchmückt. Natalie. Ja, Mutter, ſo iſt's, fürwahr, ſo iſt's. Und je mehr ich nachdenke, deſto mehr ſeh' ich ein, daß Ale⸗ 84 riewicz um meinen flüchtigen Wunſch nach einem lieb⸗ lichen Nichts zu befriedigen, eine beträchtliche Summe ausgab, womit manches Schöne oder Gute zu beſtrei⸗ ten wäre. Petrowna. Sogar manches Nothwendige. Und glaube mir, je⸗ ne gar zu feurigen Anbether, die das Geld zum Fenſter hinaus werfen, um der albernſten Laune eines Mädchens zu huldigen,— ſie werden als Eheherren meiſtens in eben dem Grade kühl, launenhaft und karg, als wollten ſie das früher Verſchwendete wieder zuſammen bringen. Natalie. 3 Aber, Mutter, wir ſind doch gegen Alexiewiez zu ſtreng. Gemeint hat er's gewiß gut. Petrowna. In ſo ferne Leichtſinn und Eitelkeit etwas wahr⸗ haft Gutes thun können. Liebes Mädchen, laß mich auf⸗ richtig reden! Alexiewicz weiß, daß unſere Vermögens⸗ umſtände ſehr beſchränkt ſind. Seine fruhern Geſchenke verwarfſt du und mußteſt du verwerfen, weil ſie zu koſtſpielig und in unſerer Lage zum Gebrauch zu koſtbar waren. Nun will er's klüger machen, und wirft Geld hinaus für etwas, das keinen Werth hat. Warum gab er nicht— wie Vernunft und Zartgefühl ihm ſagen 85 ſollten,— etwas das uns nützlich wäre, ohne uns zu beſchämen? Wir entbehren ſo manche Bequemlich⸗ keit, ſo manchen erlaubten kleinen Putz, wir müſſen ſo manches unſchuldige Vergnügen uns durch mühſames langes Arbeiten erwerben. Das weiß Alexiewicz, und ſolls bedenken, und thut ers nicht, ſo deutet's auf Man⸗ gel an Klugheit oder Aufmerkſamkeit. Faſt wollte ich wetten, Federow ſammelt jetzt ſchon, was er nur bey Seite zu legen vermag, um die Braut einſt mit dem Erſparten zu überraſchen. Natalie. Ja, Mutter, das glaube ich gerne. Er handelt recht und genügt ſich ſelbſt; ſein ganzes Weſen iſt ein ſtiller— aber tiefer Strom. Petrowna. Natalie! wie wär's, wenn wir uns mit dem lieb⸗ lichen Geruche begnügten, der lüſternen Zunge ſchöne Worte gäben, und das koſtſpielige unnütze Geſchenk in aller Stille wieder verkauften. Natalie. Der Duft iſt zwar köſtlich, und——— Petrowna. Ja wenn's ſo iſt, dann genieße, liebes Kind! laß ſie dir ſchmecken. 86 Natalie. Mutter— verdien' ich das, weil dieſe kleine Schwä⸗ che mich beſiel? Petrowna. Verzeihung! Ich wollte dich nicht kränken und that's doch. Natalie. 5 Alſo geſchwinde damit fort. Sie ſollen ſehen, daß ich mich beherrſchen kann. Janka! Petrowna. Wackeres Mädchen! (Janka kommt.) Natalie. Weißt du Niemand, der dieſe Erdbeeren kaufen möchte? Janka. O das iſt ſchön! Zehn Wege für einen weiß ich. Nur her damit! Der Verkauf ſey meine Sorge. Natalie. Da— nimm!(Sie gibt ihr das Körbchen.) Petrowna. Natalie— du verbirgſt irgend einen Schmerz. 87 Natalie. Schmerzen würde mich nur der Mutter Zweifel an meinem guten Willen und an meiner Liebe zu ihr.— Janka, fort, fort! Janka. Bald ſehen Sie mich wieder!(Ab.) Petrowna. Natalie— deine Augen widerſprechen deinem Mun⸗ de; ſie trüben ſich. Du bereueſt! Natalie. Was ich that, war ja recht; wie könnte ich be⸗ reuen, daß ich dem klugen Rath meiner lieben Mutter folgte. Petrowna. Und dennoch drückt dich etwas. Ich bitte dich, ver⸗ birg es nicht, ſonſt—— Natalie. Aufrichtig geſtanden: Mir bangt, wenn Alexiewichz nun kommt,— Petrowna. Wir dürfen ja nicht wiſſen, daß das Geſchenk von ihm kam. Natalie. Aber er wird doch heimlich forſchen, ob wir nichts erriethen oder errathen wollen; wird hoffend und ſchmei⸗ 88 chelnd in unſern Augen leſen wollen, ob Freude—— (Man pocht an die Thüre. Natalie erſchrickt.) Mein Gott— er iſt's! Petrowna.⸗ Faſſe dich!—(wiederhohltes Pochen.) Natalie. Was beginn' ich?— jetzt— gerade jetzt! Petrowna. Nur Muth!— Herein! Fünfter Auftritt. Federow. Die Vorigen. Federow. Ich komme vielleicht ungelegen? Natalie. Verzeihen Sie, wenn—— Petrowna. Im Gegentheil, Sie kommen—— Natalie. Sehr erwünſcht. Federow. Meine Damen, Sie ſind ſehr gütig. Und doch ſcheint es, als ob ich ſtörte— vielleicht in einem in⸗ tereſſanten Geſpräche, das ich unterbrach? 39 Natalie. Ja, ja; wir ſprachen—— Petrowna. (Zugleich.) —,—— Nein, nein; wir ſprachen—— Federow. Alſo— ja und nein? Welches von Beyden erlau⸗ ben Sie mir zu wählen? Ich möchte wohl für das Ja ſtimmen, da zwey Damen von Geiſt und Gefühl nie anders als intereſſant ſprechen können. Petrowna. Für uns wenigſtens——— Natalie. War das komiſche Geſpräch ſehr intereſſant. Federow. Komiſch? Dann betraf es wohl kein Geheimniß? Natalie. Keineswegs! Petrowna. Und doch ſollten wir Ihre Neugierde prüfen. Federow. So darf ich rathen? Petrowna. Glaubſt du, Natalie? Natalie. Rathen— erräth nicht immer. 9⁰ Federow. Sie meinen das weibliche Herz? Petrowna. Ironiſche Pfeile auf unſer Geſchlecht lieb' ich nicht. Federow. Verzeihen Sie den argloſen Scherz! Ich ehre auch das kleinſte Geheimniß. . Petrowna. Um jedem möglichen Mißverſtändniß auszuweichen, könnten wir ja am beſten ein neues Geſpräch anfangen. Federow. Sogleich! Auf dem Platze begegnete mir Janka— Natalie und Petrowna Getroffen). Janka! Federow. Sie lachte, als ſie mich erblickte, bog ſchnell vom Wege ab, und ließ ein Körbchen, das ſie unterm Ar⸗ me trug,—— Natalie(ängſtlich). Petrowna. Albernes Ding! Natalie(leiſe)- Meinen Sie Janka oder— mich? 9¹ 4 Petrowna. Zum Theil wohl Beyde! Federow. Es gelang mir noch; ſie und das Körbchen vor dem Ausglitſchen zu retten. Natalie(cchnell einfallend). Wiſſen Sie, wovon wir eben ſprachen, als Sie eintraten? Von Erdbeeren! Federow. Sie ſcherzen? Petrowna. Wir ſprachen wirklich davon. Natalie. In vollem Ernſt. Federow. Sind Erdbeeren ihre Lieblingsfrucht? Natalie. Ich liebe ſie ungemein. Petrowna. Glauben Sie ihr nicht!(leiſe zu Ratalien.) Sey klug! Federow. Die Erdbeeren vereinigen viel Schönes in ſich. Sie duften wie der Frühling, glühen wie die Liebe, und— kühlen wie die Weisheit. Sie ſind das feinſte 9² und geiſtigſte Obſt, wie geſchaffen für die Lippen der zarteſten Schönheit. Natalie. Ich möchte eine Lobrede auf die Erdbeeren leſen, —— eine ſatyriſche. Petrowna. Was ſchwärmſt du denn? Federow. Sie ſelbſt würden ſich wohl am beſten loben. Natalie. Im Winter vorzüglich. Petrowna. Genug des Scherzes! Leicht könnte Federow glau⸗ ben—— Natalie. Es ſey Ernſt. Gewiß nicht! Federow. Auf jeden Fall ſcheint hinter den Scherz ſich doch irgend ein Ernſt hier zu verbergen. Natalie. Federow! Die Wahrheit zu geſtehen: wir ſahen heute Erdbeeren, und die ſeltene Erſcheinung brachte uns auf ſo ſeltſame Betrachtungen, daß Sie uns ver⸗ zeihen müſſen, wenn wir ſelbſt Ihnen etwas ſonderbar erſcheinen. 95 Sechster Aufktrvitt. Janka. Die Vorigen. J anka(hereinſpringend, ohne Federow zu bemerken). Freude! Jubel! Es iſt gelungen! Hier—— 7 Petrowna. Schweig! Natalie.(ugleih. Rede— nein! 4 Federow. Selten? ſeltſam? ſonderbar?— Ja wohl! Für den Augenblick, wenigſtens ſcheint der Scherz Ernſt, und Federow hier überflüſſig zu werden. Ich werde die Ehre haben, Ihnen ein andermahl aufzuwarten. Natalie. Es ſcheint, als ob—— und doch—— Petrowna. Sie ſind uns ſtets willkommen. Federow. Um es zu bleiben, darf ich Ihre Güte nicht miß⸗ brauchen.(Er geht.) Natalie. Mutter— Er geht! Petrowna. Nun, Janka, wie ſtehts? Janka. Fünfzig Rubel hat mir ein Haushofmeiſter dafür gebothen. Darf ich? Petrowna. Herrlich!— Hörſt du, Natalie?— Hörſt du denn nicht? Janka. Fraͤulein! hören Sie doch: Fünfzig Rubel! 1 Natalie. Mein Gott! Wir haben ihn beleidigt! Er war tief gekränkt, als er weg ging. Armer Federow! (Sie eilt ins Nebenzimmer.) Petrowna. Wie kindiſch du biſt! Gehtihr nach.) Natalie, höre doch! Janka. Huſch fort, den Handel abzuſchließen; ſonſt kommt noch ein Gegenbefehl!(lb.) (Der Vorhang fällt.) Zweyter Aufzug. (Eine breite Gaſſe. An einigen Häuſern brennt Feuer.) Erſter Auftritt. Haushofmeiſter. Bedienter. Bedienter tträgt das Körbchen mit den Erdbeeren). Ich bitte, ſie gleich jetzt anzuſchauen. Haushofmeiſter. Hier, in der Kälte? wird wohl im warmen Zim⸗ mer noch Zeit haben? Bedienter. Nein, Herr, ich habe mein Ehrenwort gegeben, binnen zehn Minuten entweder das Geld dafür zu brin⸗ gen, oder die Erdbeeren zurückzuſtellen. Haushofmeiſter. Und von wem ſind ſie denn? Bedienter. Mir gab ſie ein hübſches Mädchen; wem ſie ei⸗ gentlich gehören, das darf ich nicht verrathen. 96 Haushofmeiſter. Hm hm! Eine pauvre honteuse, der keine Roſen blühen, deßhalb verſchleißt ſie Erdbeeren. Nu, in Got⸗ tes Nahmen! laß ſehen!* (Der Bediente öffnet das Körbchen. Während beyde hineinſchauen, omimt Federow an ihnen ſo nahe vorbey, daß er den Inhalt des Körbchens ſieht, und betroffen hinter ihnen ſtehen bleibt.) Zweyter Auftritt. Federow. Die Vorigen. Haushofmeiſter. Schönes Obſt! Bedienter. Groß! hochroth! aromatiſcher Geruch! 4 Federow(für ſich). Erdbeeren! Jetzt— gerade jetzt. Euch ſchickt mir der Himmel in den Wegz euch muß ich habhaft werden! Haushofmeiſter. Und was ſollen ſie koſten? Bedienter. Fünfzig Rubel, der letzte Preis. 97 Haushofmeiſter. Ein bischen theuer! Aber— eine ſolche Selten⸗ heit, hier in Petersburg mitten im Winter; ſie wer⸗ den durch ihr Erſcheinen auf der Herrſchaftstafel große Freude erregen. Da haſt du das Geld, bezahle ſogleich und komm mir bald nach! 4 Bedienter. Sehr wohl.(Er will fort.) Federow(voortretend). Halt, guter Freund! Nur einen Angenblick!(zum Haushofmeiſter.) Verzeihen Sie meine Zudringlichkeit! Haushofmeiſter. Was ſteht zu Dienſten? Federow. Wäar's Ihnen nicht gefällig, mir dieſe Erdbeeren zu überlaſſen? Haushofmeiſter. Ich hoffe, damit im Herrſchaftshauſe viel Freude zu machen. Man wird mich, beſonders die jungen Grä⸗ finnen, gewiß ſehr loben, und wohl auch belohnen. Federow. Ich gebe Ihnen mehr dafür. Beſtimmen Sie ſelbſt 3 den Preis! 1 Haushofmeiſter. Iſt Ihnen denn gar ſo ſehr darum zu thun? 5 93 Federow. Sie machen mich glücklich, wenn Sie mir dieſe Erdbeeren überlaſſen. Sie können nicht glauben, wie viel mir daran liegt, ſie zu bekommen. Haushofmeiſter. Glaub's gerne! Aber— Sie wiſſen, wenn man ſich die Gunſt ſeiner Herrſchaft—— Federow. Ich kann einem liebenswürdigen Weſen damit eine unendliche Freude machen. Sie würden durch Ihre Güte zum Glück zweyer Menſchen beytragen. O wenn ich Ihnen ſo ganz oſſen ſagen könnte,— o wenn Sie wüßten—— Haushofmeiſter. Ja ja, ich weiß ſchon genug. Sie ſcheinen mit ei⸗ ner Krankheit von der Art behaftet zu ſeyn, die man am beſten mit ſympathetiſchen Mitteln heilt. Nicht wahr? Federow. Sie vermuthen etwa—— Haushofmeiſter. Daß dieſe Erdbeeren Ihrem Herzen Labſal und Erfriſchung geben, ſobald fremde Roſenlippen ſie ver⸗ zehren? Iſt's nicht ſo? 99 Federow. Ich will's nicht leugnen. Aber nun— Sie ſchei⸗ . nen ein Mann von Gefühl zu ſeyn— 1 Haushofmeiſter. Das will ich meinen! War zu meiner Zeit verliebt, wie ſich's gehört. Es wäre unmenſchlich, Ihnen das zu verweigern, worauf Sie ſo viel bauen. Ich bin kein Tyran. Nehmen Sie! Fünfzig Nubel koſtet der ganze Plunder. Federow. Tauſend Dank! tauſend Dank, edler, guter Mann! Kann ich Ihnen je einen Gegendienſt—— Haushofmeiſter. Herr, verzeihen Sie,— es iſt hier kalt! Federow. Kalt? das finde ich gar nicht. Haushofmeiſter. Das liegt ſo in der— Erdbeeren⸗Krankheit; die Patienten finden den Nordwind warm und lieblich. Federow. 3 Darf der Bediente mir nach Hauſe folgen, um das Geld zu übernehmen? Haushofmeiſter. Recht gerne. Ich empfehle mich!(Im Abgehen für ſich.) Die Verliebten! ja, ja, die Verliebten!(ub.) 5* 100 Federow. ℳ☛.— 2 O welche ſchöne Stunde wartet meiner! Geſchwin⸗ de, geſchwinde! Komm er!— O ich Glücklicher!(Ab. mit dem Bedienten.) Dritter Auftritt. (Zimmer im Hauſe der Petrowna.) Natalie. Petrowna laus dem Nebengemach kommend). Natalie. Ich hätte dieſes Mahl meiner Mutter nicht nach⸗ geben ſollen. Ein Geſchenk verkaufen— ſey es groß oder gering, von Dieſem oder Jenem,— ein Geſchenk verkaufen, bleibt auf jeden Fall unſchicklich, ja unrecht. Petrowna. Wie traurig ſtehſt du wieder da? Liegen dir die Erdbeeren gar ſo ſchwer auf dem Herzen? Natalie. Mutter— ich will's nicht leugnen: Mir wär's lie⸗ ber, wir hätten ſie nicht zum Verkaufe weggeſchickt. Petrowna. Kindiſches Mäͤdchen! Vom flüchtigen Geſchenk ei⸗ nes leichtſinnigen jungen Herrn einen klugen Gebrauch machen,— iſt das ein Fehler? 101 Natalie. Klug wohl; war's aber recht, hier klug zu ſeyn? — Ich kann's nicht verhehlen, daß ich mich ſchäme. Petrowna. Weißt du was? Schenke mir das Geſchenk! Natalie. Sie nehmen es? Dank ſey dem Himmel! Mir fällt nun ein Stein vom Herzen. Erdbeeren oder Rubel— ſie ſind von dieſem Augenblick Ihr Eigenthum. Petrowna. Sie ſinds; ich nehme ſie mit dem ruhigſten Gewiſſen. Vierter Auftritt. Janka. Die Vorigen. Janka. Hier, gnädige Frau, bring' ich für die vergäng⸗ lichen Erdbeeren fünfzig ſolide, unſterbliche Rubel. Petrowna. Sie gehören mein!(Sie nimmt das Geld.) Natalie. Aber, Mutter— Sie dürfen für mich von die⸗ ſem Gelde auch nichts kaufen. 102 Petrowna. Nichts, gar nichts. Ich möchte dein Gewiſſen nicht beſchweren. (Jankg lacht.) Natalie. Ungezogene!— Hören Sie, Mutter? Uns, uns gilt das Gelächter! Petrowna. Warum lachſt du? Janka. Wer müßte da nicht lachen! Wiſſen Sie, wer die Erdbeeren gekauft hat? Natalie. Wer denn? geſchwinde! Janka. Nun? Federow. Petrowna. Komiſches Spiel des Zufalls! 4 Natalie. 4 Entſetzlich! Cusſeiche Janka. Prächtig! Natalie. Ich vergehe vor Scham! Mutter! Wenn er ſie— etwa für mich gekauft hätte! Ich ſprach— ohne es 105 zu wollen— in der Verwirrung ſo viel davon, daß er leicht glauben konnte, ich wollte etwa—— Janka. Ohne Sorge, Fräulein! In dieſes Zimmer ſpa⸗ zieren dieſe Erdbeeren nicht mehr herein; die ſind für andere— ohne Zweifel— auch recht hübſche rothe Lippen beſtimmt. Natalie. So? Wie denn— du Allwiſſende! Janka. Ja, ſehen Sie, ich konnte dieſen ſteifen Herrn nie leiden, und er mich eben ſo wenig, darum gab er mir auch noch keinen kupfernen Rubel, viel weniger einen ſilbernen. Deſſen ungeachtet aber ſag' ich die Wahrheit, und laſſ' ihm Gerechtigkeit widerfahren. Er verſteht zu leben. Heute Abends gibt er ein Souper, einer ſchö⸗ nen Koſakinn zu Ehren. Die wird dieſe Erdbeeren verzehren. Geſegnete Mahlzeit! Natalie. Nu— das freut mich von Herzen! Petrowna. Natalie— das freut dich nicht, denn du wirſt — kaum hochroth, jetzt immer bläſſer. Natalie. Das iſt Zufall. — 104 Petrowna. So ſprichſt du zu mir? Natalie— ich gehöre auch zum weiblichen Geſchlechte. Natalie. Ich war undankbar gegen Alexiewiez, darum wer⸗ de ich von einem Undankbaren beſtraft. Sehen Sie nun, Mutter? Das Souper! Darum war er ſo zerſtreut bey uns; darum brach er ſo ſchnell auf; darum eilte er fort. Ja, ſo mußte es kommen. Ein Geſchenk, das die Liebe des guten Alexiewicz mir ſendet, muß ich weggeben, damit der zärtliche Federow ſeine Geliebte damit erfreuen kann. Wie hübſch ſich das macht! Petrowna. Wie leichtgläubig du auch biſt, Janka! du logſt jetzt, wie ſchon manchmahl; geſteh'! Janka. Jetzt gewiß nicht— ich wenigſtens nicht. Natalie. O wenn ſie auch ſonſt immer lügt,— jetzt ſprach ſie gewiß wahr. Petrowna. Woher weißt du das Mährchen? 105 Janka. Federow's Bedienter—— (Es wird gepocht. Ein Bedienter tritt ein.) Da kommt er, und kann's ſelbſt beſtätigen! Fünfter Auftritt. Bedienter. Die Vorigen. Bedienter. Gnädiges Fräulein! mein Herr empfiehlt ſich Ihrer Huld, und bittet, dieſes Körbchen als einen Beweis ſeiner Ergebenheit nicht zu verſchmähen. Natalie(nimmt das Körbchen). Mutter— die Erdbeeren!— O Federow! Petrowna. Wie unrecht du ihm thateſt! Natalie(zum Bedienten). Ich wünſche, ſeinem Herrn bald mündlich zu danken. Bedienter. Sehr wohl.(Will gehen.) Petrowna. Natalie!(Sie deutet. Natalie geht nach der Schatulle, nimmt Geld und gibt dem Bedienten. Petrowna wendet ſich indeß an Janka.) Nun, Lügnerinn? Dein Souper? 106 Janka(zum Bedienten). Warum haſt du mich belogen? 1 Bedienter.. Um dir deine Neugierde abzugewöhnen, die ein⸗ mahl im Eheſtande üble Folgen haben könnte. Janka. Die Lüge ſollſt du zehnfach zurück bekommen! . Bedienter.— Deine Fertigkeit in dieſer Kunſt iſt mir bekannt. — Ich küſſe die Hande.(Ab.) Natalie(mit dem Körbchen beſchäͤftigt). So ſeh' ich dich zum zweyten Mahl wieder, du lieb⸗ liches Körbchen! 4 Petrow na. Sonſt theilen Mädchen den Männern Körbchen aus; bey dir iſt die verkehrte Welt. Auch iſt's eine ſel⸗ tene Erſcheinung, daß ein erhaltenes Körbchen ſo viel Freude verurſacht.„ Natalie. Sehen Sie Mutter, wie auch hier Federows treu⸗ herzige Geradheit ſich ausſpricht! Ohne alle Umwege, ohne Heimlichkeit und Verſtellung, ſchickt er das Körb⸗ chen mit der beſcheidenſten Bitte geradezu in ſeinem ei⸗ genen Nahmen. 107 Petrowna. Lin wackerer Mann! Sein Wille iſt ſehr gut; wenn nur—— Natalie. Wie zartſinnig! Shen Sie! Jöm genügt es nicht, das Geſchenk zu geben, er gibt zugleich ſich ſelbſt. Mit ſchönen Blumen, mit farbigen Schleifen hat er das Körbchen geſchmückt. Kommt mir doch dieſes Frucht⸗ körbchen jetzt beynahe wie das Gluck ſelbſt vor, dieſes wandelnde Geſchenk des Himmels, das immerfort bald erſcheint und Freude bringt, bald verſchwindet und bittre Schmerzen erregt, jetzt in dieſer, dann wie⸗ der in jener Geſtalt. Kaum glauben wir's feſtzuhalten — huſch iſt's weg! Und klagen wir um das Entflohe⸗ ne,— unvermuthet plötzlich lächelts auf unſre Thrä⸗ nen herab. Petrowna. Und was gedenkſt du denn jetzt mit dem perſoni⸗ fizirten Glück anzufangen? Nun gehörts eigentlich wie⸗ der dir? Natalie. Wünſchen Sie es, Mutter? Petrowna. Wenn du mir eine Freude machen willſt,— 108 Natalie. Gott! Sie wollen es doch nicht nochmahl vver⸗ kaufen? 4 Petrowna. Das würde dich ſchmerzen. Ich gebe dir mein Wort, die Erdbeeren jetzt nicht zu verkaufen. Natalie. Nicht? Nu, dann— bleiben ſie Ihr Eigenthum⸗ Petrowna. Aber, gutes Mädchen,— ein ſchönes Plänchen habe ich doch damit. Natalie. Ich bitte——— Petrowna. Es iſt gewiß ſchön, ſich einer Verbindlichkeit auf eine feine Weiſe zu entledigen; ſo manche Verbindlich⸗ keiten aber— und gerade die edelſten— laſſen ſich nicht mit Geld abthun. Auch gibt es Menſchen, denen man den Dank, den man ihnen ſchuldig iſt, nicht an⸗ ders als durch den guten Willen, den man ihnen zeigt, und durch die uneigennützige Freude, die man ihnen macht, gehörig beweiſen kann. Natalie. Sehr wahr, Mutter; aber die Anwendung? 1⁰9 Petrowna. (Fällt dir nicht dein Vormund ein, der biedere, edle Tolſtok, der in allen Lagen für uns ſo Vieles that? deſſen Wohlthaten wir mit nichts erwiedern kön⸗ nen als durch unſere Liebe? deſſen Geburtstag heute iſt² Natalie. 1 Wie— Sie meinen, daß wir—— Petrowna. Du erräthſt? Natalie. Wie ſollt' ich nicht! O der gute, edle, liebevolle Greis! Was wären wir ohne ihn! Petrowna. Es würde ihn gewiß ſehr freuen, wenn— Natalie. Wenn wir—— Petrowna. Die Erdbeeren Natalie. Ihm—— Petrowna.* Schickten. Wir werden wenigſtens ſchwerlich je wie⸗ der eine Gelegenheit finden, ein ſo feines, liebliches, gerade für uns ſehr paſſendes Geſchenk—— 110 Natalie. Sie haben recht, Mutter,— ganz recht! Ja, es iſt ein Geſchenk, wie wir— nicht ſobald— Ja, Mut⸗ ter, eilen Sie, thun Sie es— ſogleich— ich bitte—— . Petrowna. Ich muß ihm doch ein Billet in verbindlichen Aus⸗ drücken dazu ſchreiben. Komm, Janka! Mein Schrei⸗ bezeug! Gleich bin ich wieder da. (Sie geht mit Janka ins Nebenzimmer. Da ſie weg ſind, wirft ſich Natalie auf einen Stuhl und bricht in lautes Schluchzen aus.) Natalie. So muß ich mich von dir trennen, du ſchöne Ga⸗ be, noch eh' die frohe Stunde des Empfanges vorüber iſt! Kaum hab' ich dich ein Sinnbild des Glückes ge⸗ nannt, und ſchon geht das unſtäte Weſen des wandel⸗ baren Dämons bey mir in Erfüllung! Kaum biſt du mir durch deine zweyte Erſcheinung noch werther ge⸗ worden, ſo fliehſt du mich. Iſt das nicht eine böſe Vorbedeutung, daß ich nie glücklich werden ſoll?— Horch! die Mutter kommt. Weg von der Wange, ihr Thränen!(Sie trocknet ſich das Geſicht.) Eine einzige von euch würde meiner guten Mutter die Freude verder⸗ ben. Fahr' wohl, du ſüße Gabe!(Sie küßt das Korbchen.) Doch—(mit ſteigenden Entzücken) nicht ganz ſollſt du mir 7..— A. Aöb:„—; 2 verloren ſeyn! Dieſer Raub iſt kein Unrecht!(Sie nimmt 111 eine Schleife und eine Blume aus dem Körbchen.) Ihr bleibt mir als freundliche Tröſterinnen zurück; Federow— ſie kamen aus deiner Hand!— Jetzt bin ich ſtark; 8 ich ſelbſt, hellflimmerndes Körbchen, liefere dich der Mutter aus, ohne Klage, ohne Thräne;— dein Be⸗ ſtes bleibt mir doch!* Pel do w n a(im Nebenzimmer)⸗ Natalie! 3 Natalie. Wir kommen, ich und das Körbchen. Glückliche Reiſe, ihr kleinen Wanderer, ihr flüchtigen Bilder des flüchtigen Glücks! Fort! fort! Eure Gluth will ſich mittheilen. Fort! fort!(Sie eilt mit dem Körbchen hinein.) Sechster Auftritt. (Saal im Tolſtoi's Hauſe.) Tolſtoi. Was kümmert mich das Treiben der großen Welt! Ich habe das Meinige gethan; thu jetzt ein Anderer das Seinige! Meine Stelle hab' ich nieder gelegt, nun bin ich nichts als der alte Tolſtoi, und wenn ich für mein verarbeitetes Leben nichts verlange, als den Ge⸗ nuß der Hefe dieſes Lebens,— ey nun— das iſt doch 2 112 nicht zu viel verlangt. Wie die Feuer da drunten auf dem Platze über den Schnee hin leuchten und wärmen, ſo iſt's mit der Freude hienieden auch; gäbe ſie uns nicht Licht und Wärme, ſo müßten wir in Froſt und Dunkelheit dieſes Lebens erfrieren. Ihr, meine ſiebzig Jahre, ſollt nicht umſonſt über meinen ſiberiſchen Grau⸗ kopf hingeflogen ſeyn; ich habe mir nichts Schlechtes vorzuwerfen, kann mit mir ſelbſt noch gut Freund ſeyn; nun— AÄmter und Würden und Ehren, fahrt wohl! Heute bin ich in den Ruheſtand geſetzt, darum ſoll mir Ruhe werden; heute iſt mein ſiebzigſter Geburtstag, darum will ich heute für meinen Lebensreſt neu gebo⸗ ren werden; ja von heute an iſt der alte Tolſtoi nichts — als ein Menſch, und macht— ſo viel's nur ſeyn kann— von heute an, jeden Tag ſeines Lebensreſtes zu einem Freudentag. Ja ich habe mich in meinem Le⸗ ben ſchon genug geärgert; nun aber gelob ich es, von heute an mich über nichts mehr, mich über gar nichts mehr zu ärgern, geſchehe was da wolle! Hilf dir ſelbſt! das ruft ja— dem Menſchen die ganze Welt zu. 113 Siebenter Auftritt. Tolſtoi. Iwan. Iwan. Voilà, Papa!(Er hält das Körbchen mit beyden Händen über den Kopf, und läßt ſich in dieſer Stellung vor ſeinem Vater auf ein Knie nieder.) Daignez d'accepier les offrandes d'un coeur sensible à vos bontes et à mes appas! Tolſtoi. Was ſoll das heißen? Iwan(ſteht auf). Das ſoll heißen in der Alltagsſprache: Fräulein Natalie, von der Natur freygebig, vom Glück aber karg ausgeſtattet, gibt ſich die Ehre, in ihrem eigenen und im Nahmen ihrer Frau Mama, dieſes zierlich ge⸗ ſchmückte Körbchen mit winterlichen Frühlingskindern dem verehrten Munde des Vormunds zu überſchicken. (Abgewendet) Doch findet ſie: ein Sohn ſey intereſſan⸗ ter als der Vater, und der Fruchtbaum gerade der Frucht wegen gut. Tolſtoi(beſchauend). Erdbeeren! Welche Seltenheit! Und wie ſchön!— Das liebe, gute Mädchen! Sie hat's gewiß ſelbſt als Geſchenk bekommen; war gewiß ſehr lüſtern darnach, — aber nein! Sie weiß, daß heute mein ſiebzigſter 114 Geburtstag iſt, und trotzt ſich die köſtliche Frucht vom Munde ab, um nur mir eine Freude zu machen. Der Vormund kommt bey ihr noch vor dem Mund! Siehſt du, Witzling, ich kann auch witzig ſeyn! Iwan. Der Vater eines ſolchen Sohnes—— Tolſtoi. Kommſt du mir wieder ſo? hör' auf! Du weißt, daß ich die Albernheit deines geckenhaften Weſens nicht leiden kann. Lerne was, und werde was! So lang du ein Nichts biſt, ſollſt du auch nichts reden. Iwan. Ich wäre— nichts? Ich bin ein ſchöner Menſch, — und das iſt ſehr viel! Und wenn Sie mir's auch nie zugeſtehen, Vater, ſo weiß ich es doch, daß Sie an Ihrem vielgetadelten und vielgeliebten Sohn ein herzliches Wohlgefallen haben. Tolſtoi. Degen und Feder brauchen Einen, der ſie zu füh⸗ ren weiß; du aber verführſt dich durch deine Meinung von dir ſelbſt. Iwan. Richtig, Vater! Ich fühl's wohl, daß ich bisher noch im Irrgarten des Lebens herumtaumle. Mich freut ſo Vieles, daß ich nicht einmahl recht weiß, was mich 115 freut. Kommt Zeit, kommt Rath; darauf verlaß' ich mich, denn jeder Menſch hat wenigſtens das Gute in ſich, daß er täglich älter wird. Tolſtoi. Burſche! der Unſinn und der Leichtſinn ſind bey dir zu Hauſe. Iwan. Verſteht ſich, darum hab' ich ja die neueſte Poeſie und Philoſophie ſtudiert. Aber— um auf ein anderes Thema zu kommen!— Daß bey dieſen Erdbeeren Sie genannt ſind,— ich aber— gemeint bin, folg⸗ lich ſie eigentlich mir gehören,— das weiß ich doch gewiß. Tolſtoi(beyſeite). Das aber weiß er nicht, daß heute mein ſiebzigſter Geburtstag iſt. Petrowna und Natalie wiſſen's ſchon. —(Zu Jwan.) Der Tag gehört mein— von Rechts⸗ wegen? darum laß ich mir ihn nicht verderben. Ver⸗ ſtanden?(Ab.) Iwan. So? Warum ärzert er ſich denn? Curios! Naka⸗ lie wäre doch froh, wenn ich ſie heirathen möchte! Bin ich auch nichts, ſo kann ich doch Alles werden. Aus Nichts hat Gott die Welt erſchaffen. Und wenn ich ewig nichts bleiben könnte,— das wäre mir erſt das 116 Liebſte. Nun aber wollen wir vor Allem das Geſchenk der zärtlichen Liebe ein bischen verkoſten. (Er ſetzt ſich an den Tiſch und will von den Erdbeeren eſſen.) Achter Auflkritt. Iwan. Federow. Iwan(beyſeite). O weh! der ſolide, moraliſche Monsieur Federow! Federow. Ergebener Diener. — Iwan. Ah, lieber Federow, willkommen!(Beyſeite.) Hol' dich der Teufel!(Laut.) Was ſteht zu Dienſten? Federow. Ich wünſche Ihrem ehrwürdigen Herrn Vater zu ſeinem ſiebzigſten Geburtstag, den er heute——— Iwan. Heute? Federow. Sie werden doch—— Iwan. Mir keine Vorleſung halten?— Mein Vater iſt zu Hauſe. 117 Federow. Ich empfehle mich! (Da er abgehen will, bemerkt er plötzlich das Körbchen.) Gott! was ſeh' ich? Mein Körbchen! bey dem Gecken?— O Natalie! hab ich das verdient? Iwan. — Was ſtarrt er denn das Körbchen an wie eine Gei⸗ ſtererſcheinung?— Federow! Er hört nicht; iſt er zu Stein geworden? Federow! hören Sie doch! Federow ſſicch faſſend). Verzeihen Sie! Eine Erinnerung an—— Iwan. Sind die Erdbeeren etwa verzaubert? 5 Federow. Vielleicht— ja vielleicht, mehr als Sie es glauben. Iwan. point du tout! Um Sie vom Gegentheil zu über⸗ zeugen, mache ich Ihnen ſogleich die Probe. Da, ſehen Sie!(Er will von den Erdbeeren eſſen.) 3 Federow(ihn abhaltend). Nein! nein! Iwan. Erlauben Sie gütigſt! Ich werde doch meine 6 Erdbeeren—— 118 Federow. Ihre? wirklich? 4 94 Iwan. Warum denn nicht? Federow. Vermuthlich ein Geſchenk von ſchönen Händen? Iwan(beyſeite). Puh! Etwa gar eine Eiferſucht? Scharmant! Der muß ſich ärgern!(laut.) Errathen! Von ſchönen, ſehr ſchönen Händen. Federow. Wenn es nicht unbeſcheiden wäre, ſo würde ich fra⸗ gen—— Iwan. Wem die Arme zu dieſe m ſchönen Händen gehö⸗ ren?— Nu— man ſoll zwar in der Liebe verſchwie⸗ gen ſeyn; einem ſoliden Mann aber wie Ihnen, dem kann ich's ſchon vertrauen. Federow. Allerdings— mir gewiß! Nun, ſo reden Sie doch; ich bin ſehr neugierig. Iwan. Sie— und— Neugier— wie kämen die zu⸗ ſammen! 119 Feder ow. Sie foltern mich!“ Iwan. Gott bewahre mich! Die Folter iſt ja in allen kul⸗ tivirten Ländern abgeſchafft⸗ Federow. Ich bitte, reden Sie! Ich habe Urſache— drin⸗ gende Urſache— Iwan. Alſo denn: Die ſchönen Hände, die mir dieſe ſchoͤ⸗ nen Erdbeeren als Geſchenk verehrten, gehören den ſchönen Armen— der ſchönen—— Natalie! Federow. Sie ſelbſt— Iwan. Ihr ſelbſt! natürlich. Sie hat ihre eigenen Arme und Hände, wie jedes Mädchen. Federow(aachend). Schön! ſchön! Allerliebſt! Iwan. Sehr wahr!— Geyſeite.) Da brennt's! laut.) Aber Sie wollten ja meinem Vater zu ſeinem ſiebzigſten Geburtstag——— 120 Federow. Gut, daß Sie mich erinnern 1Ich muß ſogleich— —— Allerliebſt! Herrlich!— Iwan. Wie zierlich ſie das Körbchen anit Blumen und Schleifen geſchmückt hat! 3 Federow. In der That— ein Anblick— Entzücken! (Beyſeite.) Um raſend zu werden! und an dieſen eiteln Gecken verſchwendet ſie die Gabe der redlichſten Liebe! Jwan. r Sie vommen ja vor Bewunderung außer ſich? Federow. Ja— ich vermag mich kaum davon zu trennen! (Beyſeite.) Und werd' es auch nicht! Iwan. Vergeſſen Sie nur nicht auf das Glückwünſchen! Federow. Glückwünſchen! jetzt— in dieſem glücklichen Au⸗ genblick! recht paſſend! Iwan. Sonſt geht⸗mein Vater aus!— Ah, ſieh da! Ale⸗ riewiez!(Beyſeite.) Der muß mir helfen, den Spaß noch weiter treiben. — 121 RNeunter Auftritt. dleriewics Ske Vorigen. Aeniewicz. Ihr Diener, Federow! Ich einer Schlittenfahrt. Iſt's gefällig? 1 Fiederow. Ich danke. Iwan. Laß ihn! Er iſt melancholiſch. ⸗ Alexiewicz. Die Krankheit kenn' ich Gott ſey Dank, nur aus Beſchreibungen. Lieber Federow, eben weil Sie melan⸗ choliſch ſind, müſſen Sie die Luſtpartie mitmachen. derow. Ich bedaure, daß ich's nicht kann. So eben fiel mir ein dringendes Geſchäft ein, welches keinen Aufſchub 2 leidet. Alekiewicz. Glauben Sie's nicht! Alles laͤßt ſich aufſchieben, wenn man nur ernſtlich will. Iwan. Laß ihn doch! Was thun wir denn mit dem lang⸗ weiligen Herrn? 122 Federow(für ſich). Ja ſogleich— alſogleich eile ich zu Ihr; Sie ſoll mir Rechenſchaft geben über dieß unzarte liebloſe Betra⸗ gen, ſoll erröthen vor mir— und vor ſich ſelbſt. A lexie wicz(zu Jwan). Aber warum iſt er denn ſo melancholiſch? Federow. Ich empfehle mich.(Ab.) Iwan. Adieu! Alexiewicz. Der gute Menſch ſieht ja ganz verſtört aus! Iwan. Weißt du warum? Die Eiferſucht quält ihn. Alexiewicz. Eiferſucht? Die kenn' ich eben ſo wenig als die Me⸗ lancholie. Iwan.— Und, ſtelle dir vor— auf wen iſt er eiferſüchtig? — auf dieſes ſtumme lebloſe Körbchen mit Erdbeeren! Alexiewiez(frappirt). Erdbeeren? hier? Wem gehören ſie? 123 Iwan. Mir.(Beyſeite.) Der ſtutzt auch? Wird denn jeder petrificirt, der dieſe Frucht anſchaut? Curios!(aut.) Mir gehören ſie; ich verſichere dich. Alepiewicz. Dire Bekamſt du ſie— ſchon mit dem Körbchen? Iwan. Ja. Alexiewicz. Von? Iwan. Von— Natalien. Alexiewicz. Natalie! Iwan. Es bleibt aber unter uns. Alexiewicz. Verſteht ſich! Geyſeite.) Spitzbübinn! Dir will ich die Hölle heiß machen. Meine Erdbeeren verſchenken! Welche Beleidigung! Iwan. Was gibt's denn? Alexiewicz. Schweig!(Nachſinnend.) Was thu ich ihr? Revange muß ich haben; aber wie? 124 Iwan. Was wird denn da noch heraus kommen? Ver⸗ dammtes Obſt! Faſt wär's mir ſchon lieber, ich hätte nicht gelogen. Am Ende lernt der die unbekannte Ei⸗ ferſucht heute zum erſten Mahl kennen, und es gibt ei⸗ ne Geſchichte. Dazu noch Federow, der—— Alexiewicz(für ſich). Ich hab's. Das verſchenkte Geſchenk muß ſie aus meiner Hand nochmahl bekommen; das wird ſie är⸗ gern, und ſo hab' ich eclatante Satisfaction, indem ich ſie über ihren Arger auslache.(Zu Zwan.) Höre, du mußt mir einen Gefallen thun! Iwan. Herzlich gerne. Alexiewicz. Dieſes Körbchen gib mir! Iwan. Freund! das kann nicht ſeyn. Alexiewicz. Ich bitte dich. Iwan. Ich darf nicht!(Für ſich.) Mein Vater ſinge keinen kleinen Sturm an! Alexiewicz. Du mußt. 125 Iwan. Es iſt nicht möglich. Alexiewicz. Die Möglichkeit will ich dir gleich zeigen, indem ich es mit Gewalt nehme. Iwan. Wenn ich nicht Gewalt entgegen ſetze. Alexpiewicz. Wollen ſehen!(Er geht nach dem Tiſche, und langt nach dem Körbchen.) Iwan(hält ihn zurück). Nicht angerührt! ſonſt— (Während beyde dieſes thun, iſt Tolſtoi aus dem Nebenzimmer ge⸗ kommen, tritt zwiſchen ſie, nimmt das Körbchen vom Tiſch, und geht damit fort. Jwan und Alexiewicz ſtehen im heftigſten Streit plötzlich unbeweglich, bis ſie in lautes Gelächter ausbrechen)⸗ (Der Vorhang fällt.) 126 Dritter Aufzug. (Zimmer im Hauſe der Petrowna.) Erſter Auftritt. Natalie. Hat man einmahl Etwas ſo recht im Kopf, ſo bringt man's auch nicht mehr heraus, zumahl wenn man ganz allein im Zimmer iſt, wie ich ſeit einer Stunde es bin. — Ja, ſo eine Stunde kann recht lang ſeyn, wenn ſie will! Und wo ich geh' und ſteh', hab' ich immer den Erdbeerenduft in der Naſe, und ſehe das niedliche Körb⸗ chen mit Blumen und Schleifen vor mir ſchimmern. Wäre ich abergläubiſch, ſo müßte ich an Geiſtererſchei⸗ nungen glauben; denn, während ich die lieben Erdbee⸗ ren ſehe und rieche, plötzlich— ſiehe da! ſteigen zu bey⸗ den Seiten des Körbchens Alexiewicz und Federow links und rechts auf, ſchauen ſich mit grimmig glühenden Au⸗ gen an, rufen, lärmen, und Degen klirren. Ach, gu⸗ ter Himmel! mit dieſen Erdbeeren— ich prophezeih' es 127 — gibt's gewiß noch ein Spectakel! Wenn mein Vor⸗ mund ſie nur ſchon gegeſſen hätte! So lange ſie noch auf der Welt ſind, hab' ich keine Ruhe.— Liebe Mutter! du liebſt mich und biſt ſehr klug;— aber du haſt mich in eine abſcheuliche Verlegenheit ge⸗ ſetzt, in eine wahre Todesangſt! Hätt' ich nur nicht nach⸗ gegeben! Einer von Beyden erfährt's gewiß! Und— wie kann ich mich denn rechtfertigen? Soll ich dich, Mut⸗ ter verrathen? Nein, nein! Eh' leid' ich Alles! Aber wie lange weilt ſie denn?— Da geht ſie nun von Bu⸗ de zu Bude, und kauft nützliche Sachen, und— ich möchte vor Kummer vergehen. So komm' doch!—(Sie tritt ans Fenſter.) Nichts zu ſehen!—(Sie thut einen Schrey.) „Gott im Himmel! Alex—— Al—— Er geht in's Haus— ich bin des Todes!(Sie ſinkt auf einen Seſſel. Nach einiger Zeit ſchlägt ſie die Aug en auf und ſchaut umher.) Wo iſt er denn?— Er iſt ja nicht da! Freudig.) Es war nur Einbildung!(An der Thüre wird gepocht.) Gott ſteh' mir bey! Ich bin verloren!— Ach— ach— her — ein!(Sie deckt die Augen mit beyden Händen und ſteht unbeweglich am Fenſter, als ſähe ſie hinaus.) 128 NA Zweyter Auft vitt. A Natalie. Alexiewiez. 1 Alexiewicz. Fräulein!—— Mein Fräulein!— Schönſtes Fräu⸗ lein!—— Gür ſich.) Iſt das Ernſt oder Scherz?(laut.) Erlauben Sie gütigſt, daß ich——(Eeyſeite.) Iſt ſie indeß taub geworden?—(laut.) Verzeihen Sie, wenn ich etwa—— Fräulein!(Fur ſich.) Hat ſie etwa den Starrkrampf am ganzen Körper, oder ſchläft die holde A Grazie ſtehend wie der Elephant?— (Natalie ſeufzt und läßt ſich auf einen neben ihr ſtehenden Seſſel* nieder.) Alexiewiez beyſeite). Gott ſey Dank! Sie ſetzt ſich— alſo iſt ſie wenig⸗ ſtens noch am Leben. Natalie. Alexiewicz? Alexiewicz. Steht ſchon lange hier, wie ein unerhörter Lieb⸗ haber. Aber auch Sie ſtanden ſo unbeweglich, daß—— 4 A Natalie. Ich— ich? ich ſitze ja! Ich ſah zum Fenſter hin⸗ aus—— 129 Alexiewicz. Mit verdeckten Augen 2— So ſchien's wenigſtens! Doch— Verzeihung! Damen darf man nie widerſprechen. Natalie. Meine Mutter—— iſt nicht zu Hauſe,— und — und— nicht wahr? es iſt heute doch grimmig kalt! Alexiewicz. Sehr kalt im Freyen; wie man aber in dieſes Zimmer kommt, glaubt man plötzlich wie durch Zaube⸗ rey in das Reich des Frühlings verſetzt zu ſeyn. Natalie(lachend). Weil das Zimmer grün iſt? Alexiewicz. Nichtig; und zugleich ein ſo angenehmer Wohlge⸗ ruch— beynahe— womit ſoll ich ihn vergleichen— beynahe wie— Erdbeerenduft! Natalie. So?— Ja— Sie haben recht! wirklich! Alexriewiecz. Haben Sie etwa vor Kurzem hier Erdbeeren ge⸗ geſſen? Natalie. Erdbeeren— meinen Sie?— Es duftet wirklich ſtark. Der Geruch iſt Ihnen vielleicht nicht angenehm— Janka! Janka! 150 Alexiewicz. Ich bitte— wozu—(beyſeite.) Sehr ungelegen! Dritter Auftritt. Janka. Die Vorigen. Natalie. ffne doch geſchwinde die Fenſter! Alexiewicz(für ſich). Ein wahres Bild der Seelenangſt! Bald wird ſie genug beſtraft ſeyn. Janka. Die Fenſter? Ey, Fräulein! bey dieſer grimmigen Kälte! was fällt Ihnen ein? Natalie. Ja ſo! doch— doch— der Geruch—— beynahe betäubt er mich ſelbſt. Janka. Ich rieche nichts.(leiſe zu Natalien.) Faſſen Sie ſich! (laut.) Ja— nun weiß ich's! Der Geruch kommt von dem Jasminöhl⸗Fläſchchen, das ich heute morgens hier zerbrach. Es riecht aber jetzt beynahe wie Erdbeeren. Natalie. O— die Erdbeeren! 1531 Janka. Sind ein fatales Obſt. Alexiewicz. Und ich glaubte, Fräulein Natalie ſey den Erdbee⸗ ren ſehr hold! Natalie. Im Sommer— allerdings! doch im Winter—— Alexiewicz. Verkühlen ſie— und die Gluth wird Eis. Das iſt gefährlich! Ein Bild der Weiblichkeit! Natalie. Sie ſpotten über das ſchnelle Verwelken der weib⸗ lichen Schönheit? Alexiewicz. Das nicht! Aber der ſchnelle Wechſel des weibli⸗ chen Herzens dürfte vielleicht—— Janka. Sehen Sie nur, wie hell die Feuer auf dem Platze brennen! Natalie(zu Janka). Wie er mich quält! Ich möchte weinen! Janka. Gibt's denn in unſerm Petersburg Erdbeeren? Aleriewicz. Wer in dieſem Zimmer iſt, kann kaum daran zweifeln. 132 Janka. Ich möchte doch einmahl Erdbeeren ſehen! Alexiewicz. Sahſt du nie welche? Janka. Nicht Eine, ſo lang ich lebe! Aber, Gu Alexiewicz) Sie machen uns ganz lüſtern darnach! Natalie(eeiſe). Lügnerinn! Janka(eeiſe zu Natalien). Schon recht! Das muß ſeyn; ſonſt zieht man mit den Männern immer das Kürzere. Alexiewicz Geyſeite). O Spitzbübinn und Helfershelferinn!(laut.) Auch Sie, Fräulein, aßen noch keine Erdbeeren? Natalie. Ich?— ja, o ja— Janka. Gott bewahre! Sie irren ſich.(Man pocht.) Natalie(zu Janka). Nun werd' ich befreyt! Herein! Janka. Wie gerufen! (Beyde rufen zugleich freudig: Herein! Federow tritt ein. Beyde erſchrecken und treten mit einem halb unterdrückten Angſtruf zurück.) Janka(für ſich). O-weh! Vom Regen in die Traufe! Natalie eeben ſo). Grauſames Schickſal! O Mutter, komm! Alexiewicz. Da führt mir der Teufel die Melancholie in den Weg! Vierter Auftritt. Federow. Die Vorigen. Federow(ohne Alexiewicz zu bemerken). Fräulein! hab' ich das verdient? Natalie. Sie waren ſo gütig—— Federow. Und Natalie ſo ungütig! Natalie beyſeite). Gott! er weiß es gewiß ſchon! Federow. Gering war die Gabe allerdings,— Natalie. Ich danke herzlich. Sie erfreute mich ſehr. —— 154 Federow. Und doch— und doch— Alexiewicz(für ſich). Da wird gleich ein kleines Gewitter ausbrechen! Natalie. Sie wiſſen etwa ſchon—— Federow. Leider! Mit dieſen Augen mußt' ich meine Schmach ſehen. Natalie. Federow! Ich bin zwar nicht tadelfrey, aber auch gewiß nicht ohne Entſchuldigung. Alexriewicz beyſeite). Steht's ſo? da ſchein' ich faſt überflüſſig; und die Erdbeeren wie meinen gerechten Zorn hätte ich mir er⸗ ſparen können. Federow. Fräulein! Warum verweigerten Sie nicht der Ga⸗ be, wenn ſie Ihnen läſtig war, die Annahme? Alexiewicz(für ſich). Auch eine Gabe? Curios! 4 Federow. Aber tief muß es mich kränken und ſchmerzen, ſie auf beſchämende Art einem Unwürdigen dahin gegeben zu ſehen. 155 Natalie. Einem Unwürdigen? Federow! Sie ſind ungerecht. Er iſt edel und liebt mich herzlich! Wie vielen Dank bin ich ihm ſchuldig! Federow. Eine ſo warme Lobrednerinn? Das überraſcht mich. Ja nun hab' ich nichts mehr zu ſagen; aber verwün⸗ ſchen muß ich dieſe unſeligen Erdveeren, und Tolſtoi muß mir Genugthuung geben. Alepiewiez(auf Federow zuſtürzend). Erdbeeren? Unſelige Erdbeeren? Genugthuung? O reden Sie, reden Sie! welche Erdbeeren? Federow. Sie hier?— Verzeihung, Fräulein! das wußt' ich nicht. Sah ich ihn, ſo würde ich geſchwiegen haben.— Alexiewiez, da Sie ſchon die Hälfte wiſſen, ſo müſſen Sie, um einem ärgern Mißverſtändniſſe vorzubeugen, das Ganze erfahren. Alexiewicz.. Erdbeeren? Huldigt denn alle Welt mit Erdbeeren? Und werden alle Erdbeeren ſchmählich behandelt? Federow. Erlauben Sie, Fräulein, daß Alexiewicz in der Sache Schiedsrichter ſey! Er entſcheide; ich bin bereit, mich ſeinem Ausſpruche zu fügen. Natalie(zu Janka). Er entſcheiden! Ich vergehe! Janka. Fräulein! Ihnen iſt nicht wohl? Natalie. Sehr unwohl! Janka. Kommen Sie!(leiſe.) Für den Augenblick bleibt ſonſt nichts übrig.(Sie führt Natalien halb mit Gewalt fort.) Natalie(im Abgehen). Verzeihen Sie!(Ab mit Janka.) Alexiewicz. Nun reden Sie! Ich ſtehe auf brennenden Kohlen. (Petrowna tritt ein. Erſchrickt, da ſie die Beyden ſieht, und bleibt horchend im Hintergrunde.) Federow. Sie haben jenes Körbchen mit Erdbeeren bey Iwan Tolſtoi geſehen? Alexiewicz. Ja leider! Es war das Meinige. Federow. Mit Erlaubniß! Das Meinige war es! Alexiewicz. Sie irren. Ich ſandte es Natalien. 137 Federow. Verzeihen Sie! Von mir erhielt es Natalie. Alexiewicz. Die Undankbare ſandte das Körbchen dem jungen Tolſtoi. Federow. Das iſt wahr. Nun urtheilen Sie ſelbſt, wie es mich kränken mußte. Alexiewicz. Siee Michl mich! 3 Federow. Sie ſcherzen. Jetzt iſt's aber wahrhaftig nicht Zeit dazu. Alepiewicez laacht). Das iſt zum Todtlachen! Federow. Zum Todtärgern! Janka éöffnet die Thüre). Meine Herren! Ich bitte etwas ſtiller zu ſeyn. Das Fräulein bedarf der Ruhe.(Sie ſchließt zu.) Federow. Es iſt zum Verzweifeln! Aleriewicz. Jetzt gefällt mir das Ganze erſt. 138 Federow. Ich will Genugthuung! Alexiewicz. Ich auch; aber je luſtiger, deſto beſſer. Federow. Entſcheiden Sie! Alexiewicz.— Ich kann ja nicht Richter ſeyn in meiner eigenen Sache. Federow. Sie treiben den Spaß zu weit. Herr! ich bin jetzt nicht in der Stimmung, mich foppen zu laſſen. Ernſt, oder— Alexiewicz. Keine Drohung, oder— Fünfter Auftritt. Petrowna(vortretend). Die Vorigen. Petrowna. Erlauben Sie, meine Herren, daß ich die Verthei⸗ digung der Unſchuldigen fuͤhre, die Schuldige aber vor Gericht ſtelle in meiner Perſon. 159 Federow. Verzeihen Sie, gnädige Frau! Es ging hier viel⸗ leicht etwas ſtürmiſch zu. Alexiewicz. Wir geriethen in Eifer.— Petrowna. Erlauben Sie mir, Ihnen die kleine Univerſalge⸗ ſchichte der vielgewanderten Erdbeeren genau und un⸗ parteyiſch vorzutragen! Federow. Zuerſt bitte ich, gütigſt zu erklären, welchem von uns Beyden das Körbchen gehört? Alexiewicz. Mir; das verſteht ſich. Petrowna. Ihnen beyden, meine Herren! Alexiewicz. Wie kann das ſeyn. Federow. Scherzen auch Sie, gnädige Frau? Petrowna. Keineswegs. Hören Sie nur die ſonderbare Ge⸗ ſchichte! Zuerſt brachte dieſes Körbchen ein—— — 140 Sechster Auftritt. Natalie. Die Vorigen. Natalie. Mutter! Mutter! ſind Sie endlich da? Gott ſey Dank! Vertheidigen, retten Sie mich! Petrowna. Wie du bebſt! Armes Kind! Komm zu Athem! Federow. Meine unſelige Heftigkeit! O zeigeißen Sie! Ich — ich bin ſtrafbar. Alexiewiez lleiſe zu Federow). Der Zuſtand gehoͤrt bey den Weibern zum Coſtüm. Hat nichts zu bedeuten. Federow. O— es hat viel zu bedeuten! Ich ließ mich vom erſten Eindruck hinreiſſen, ohne abzuwarten, was ſie zu ihrer Rechtfertigung ſagen kann, und die ſoll man immer hören, bey jedem Manne, noch mehr bey jedem Weibe, und noch viel mehr, wenn das Weib eine Na⸗ talie iſt. Alexiewicz. Freund! Sie nehmen das Ding viel ernſthafter, als ich. Sagen Sie aufrichtig: Wollen Sie Natalien etwa gar heirathen? 14¹. Federow. Ob ich will?— Fragen Sie doch auch: Ob ich glücklich ſeyn will! 3 Alexiewicz. Ja— wenn's ſo iſt, dann— tret' ich zurück. So ernſthaft nehm' ich die Sache nicht. 3 Petrowna(zu Alexiewicz). Iſt's Ihnen gefällig, mir Gehör zu gönnen? Alexriewicz. Mit Vergnügen.(Er geht mit Petrowna in den Hinter⸗ grund, während Natalie vortritt.) Federow(zu Natalien). Fräulein! Sie zürnen mir. Und doch— drängt es mich, Ihnen ſelbſt in dieſem Augenblicke offen zu ge⸗ ſtehen, daß ich Sie liebe, folglich glaube, daß ich Un⸗ recht hatte, Sie zu tadeln. 5 Natalie. Eh' ich Ihnen dieſe überraſchende Außerung beant⸗ worten kann, erlauben Sie mir, mich zu rechtfertigen. Federow. Rechtfertigen? Dürfte ich ein Wort von Liebe ſpre⸗ chen, wenn ich von Ihnen irgend eine Rechtfertigung verlangte? Natalie! ich glaube an ihre Reinheit;— kann es ohne dieſen Glauben eine wahre Liebe geben 2 O ich bitte, ich bitte,— wenn Sie mir nur eine Spur von Gegenliebe zeigen wollen,— ſo entſchuldigen Sie ſich nicht! Laſſen Sie vielmehr dieß den erſten Beweis meiner Ergebenheit ſeyn! Natalie. Federow! Federow!— Wer von uns Beyden hat denn nun Unrecht? Federow. Wahre Liebe hat nie Unrecht; und im ſchlimmſten Falle ſind wir Beyde wohl zu entſchuldigen, wenn auch wir ſelbſt uns nicht entſchuldigen. Natalie(reicht ihm die Hand). Sie glauben an mich,— ich baue auf S Siez— Verſöhnung! Federow(ihre Hand küſſend). Und Liebe! (Petrowna mit Alexiewicz vortretend.) Petrowna. So verhält ſich's, genau ſo; Tadeln Sie nun im⸗ merhin mich, wie Sie wollen! Natalie bleibt tadelfrey. Alepiewicz. Gnädige Frau! So wie Sie mir die Sache da aus⸗ einander ſetzen, ſind Sie ſelbſt eben ſo tadelfrey als Natalie. Ich aber bin's nicht. Es war das Werk ver⸗ liebter Eitelkeit, daß ich für die Erdbeeren achtzig Ru⸗ bel ausgab, und den Geber errathen ließ. Sie ſahen 143 ein, daß man für achtzig Rubel etwas Beſſeres haben kann als ephemeren Gaumenkitzel. Natalie gab dem Willen der Mutter nach, das war recht und ſchön von der Tochter; Sie kauften was Nützliches, das war recht und klug von Ihnen. Nur Eines kann ich nicht begrei⸗ fen: Warum ſchickten Sie die Erdbeeren dem jungen Tolſtoi? Petrowna. Dem jungen keineswegs; dem ehrwürdigen Alten ſandten wir ſie zu ſeinem Geburtstag als einen Beweis unſeres dankbaren Willens. Alexiewicz. Der Umſtand iſt der einzige, der mir nicht ganz klar werden will. Petrowna. So überzeugen Sie ſich ſelbſt!—(Der alte Tolſtoi tritt ein.) Tauſendmahl Willkommen! Natalie. Theurer Vormund! Schönen Dank, Mutter und Tochter! Meine Freu⸗ de war zu groß; ſie trieb mich aus dem Hauſe, Ihnen heute noch zu danken.— Guten Abend meine Herren! Dieſe freundliche Annahme iſt ein neuer Beweis Ih⸗ res Wohlwollens. Hier bringe ich—— Wie? das Körbchen bringen Sie uns wieder? 144 Siebenter Auftritt. Tolſtoi. Die Vorigen. Tolſtoi. Petrowna. Tolſtoi(zeigt das Körbchen). Natalie(freudig). Alexiewicz(zu Federow). Kommt das verwünſchte Körbchen nochmahl? Federow. Und wird nun in Nataliens Händen bleiben. Tolſtoi. Ich bringe nicht das Körbchen allein, ſondern auch ſeinen duftenden Inhalt. Petrowna, Alexiewicz und Federow(uugleich). Die Erdbeeren? Natalie. Und Sie haben nicht—— 145 Tolſtoi. Wie konnt' ich! Einſam genießt das Thier; der Menſch liebt ſeines Gleichen dabey. Und insbeſondere: Eine ſo herzlich geſpendete Gabe wun in traulicher Ge⸗ ſelligkeit genoſſen ſeyn.(Er ruft zur Thür hinaus.) Herein damit! (Janka und ein Bedienter bringen einen gedeckten runden Tiſch. Petrowna. Guter Tolſtoi! Was ſoll das? Tolſtoi. Mit Ihnen will ich den Abend meines ſiebzigſten Geburtstages beſchließen. Bey Ihnen iſt mir wohl. Se⸗ tzen wir uns! Meine Herren, ohne Complimente!(Alle ſetzen ſich.) Gut und fröhlich, das ſey der Wahlſpruch für dieſen Abend— wie für den Reſt meiner Tage! Liebt mich, und gedenkt des alten Tolſtoi in Ehren, wenn er einmahl nicht mehr— hier ſitzt! Nach dem Sitzen kommt ja endlich— das Liegen! Das lange Liegen! bis dahin luſtig geſeſſen beyſammen! Petrowna. Der Himmel erhalte Sie uns noch lange! (Alexiewicz und Federow nehmen Gläfer und halten ſie empor.) Alexiewicz. Auf die fröhliche Stunde! Aber— 2 ———— 146 Federow. Auf die gute Stunde!— Aber— Tolſtoi. Glück auf! Aber—(Petrowna präſentirt die Erdbeeren) halten Sie ein! die Erdbeeren ſind die Zierde unſerer Tafel, und müſſen als des Feſtes ſchönſter Theil den Beſchluß machen. Aleriew ic z. Recht! Aber verzeihen Sie— jetzt kann ich mich nicht länger halten! Tolſtoi. Was denn? Federow. Auch ich wollte ſchon lange fragen, ob denn dieſe Erdbeeren—— Alexiewicz. Wirklich Ihnen gehören? Tolſtoi. Ich glaub' es; wenigſtens erhielt ich ſie zum Geſchenk. Federow. Nicht Ihr Herr Sohn? Sie ſelbſt? Tolſtoi. Ja doch! Warum zweifeln Sie? Dieſe liebenswür⸗ digen Damen beehrten mich mit dem Angebinde zu mei⸗ nem ſiebzigſten Geburtstag. 147 Alexiewicez. So hat Iwan gelogen? Tolſtoi. Das thut er gar oft! Alepiewicz. O du Böſewicht! Federow(zu Nataliens Füßen). Edles Mädchen! Tolſtoi(zu Petrowna). Er auf den Knien— und Sie purpurroth wie dieſe Erdbeeren?— Iſt das etwa ein Paar? Petrowna. Was nicht iſt, kann wenigſtens noch werden. Tolſtoi. Glück auf! Alexiewicz. Es leben die Erdbeeren! Federow(zu Petrowna). Darf ich Ja ſagen? Natalie. Auch ich, Mutter? Petrowna. Ich verwehr' es euch nicht, meine lieben Kinder! (Zu Tolſtoi.) Welchen Spuck haben dieſe wunderbaren Erdbeeren heute getrieben! Sie ſollen's hören!— * — ſie Ihnen, 148 Natalie. So viel Leid und Freude! Alexiewicz. Zwiſt und Liebe! Federow. Die ſüßen Unheilſtifter! Erſt haben ſie uns von einander getrennt, und nun werden wir durch ſie freu⸗ dig vereint! Natalie. Mich trieb wohl ein prophetiſcher Geiſt, ſie ſchon früher mit dem Glücke ſelbſt zu vergleichen. Tolſtoi. Das ſollen ſie euch bringen, und darum gebe ich — ſchöne Mündel, in dieſem frohen Augen⸗ blick zum— Brautgeſchenk! Sey das Glück auch wan⸗ delbar wie dieſe Erdbeeren, wahre Liebe weiß den Flüchtling doch feſtzuhalten. Tolſtoi und Alepiewicz. Hoch lebe das Brautpaar! (Gläſerklang. Der Vorhang fällt) Die Strake des Rächers. — Noch lagen die Rieſengeſtalten der ſchweren Nacht⸗ wolken auf den ſchwarzen Felswänden des ſchottiſchen Hochlandes. Auf den weiten Flächen heulte der Sturm, jagte die ſtürzenden Gießbäche, und verſank wimmernd in den gähnenden Klüften der ſich verengenden Ge⸗ birgspaͤſſe. Eine Schutzwehr gegen das freche Toben, ſtanden die ungeheuren Mauern des Schloſſes Dunbar. Aus dieſem flimmerte ein röthlich trüber Glanz, in grellem Contraſt gegen die tiefſte Finſterniß, die rings umher brütete. Im weiten Viereck des, mit Wällen, Gräben und Thürmen umgebenen Burghofes glühte ein Licht, noch grauenhafter als die Nacht außenher, waltete ein Leben, düſter und leiſe, wie das Treiben der Geſpenſter auf Kirchhöfen. Harriot, einer der mächtigſten Barone des Hoch⸗ landes, lebte in Fehde mit ſeinem rauhen Nachbar Ascabart. Mit dem erſten Grauen der Morgendäm⸗ merung war ein Anfall auf die Burg des Feindes be⸗ ſchloſſen. Darum füllten die verſammelten Krieger den 152 Burghof; ſchweigend und bewegungslos ſtanden ſie an den beyden Seitenmauern auf dem unterſten Walle; und ihre düſtern Fackeln ſprühten Funken in den Nacht⸗ ſchooß. Jetzt öffneten ſich die Thore der erleuchteten Burg⸗ capelle. Bewaffnete mit der geweihten Fahne traten heraus. Ihnen folgte Harriot, von Alice, ſeiner Gat⸗ tinn, wehmüthig umſchlungen; nach beyden ſchwankte Ethelinde einher, das bleiche Antlitz auf die Bruſt geſenkt. Nun ſangen die Krieger, während ſie aus der Burg zogen, ein dumpfes Lied, das in der Entfernung ſchauerlich verhallte. Alice, aus deren Armen Harriot ſich endlich losriß, ward, von Schmerz und Nachtfroſt bebend, in ihre Gemächer gebracht. Ethelinde allein blieb im öden dunklen Hofraume zurück, die Stirne an einen Pfeiler gelehnt.— Lange ſelbſt ſtarr, gleich einem Bilde von Stein, erhob ſie ſich endlich langſam, und ſchritt in der tiefen Stille des grauenden Dunkels zur Burgeapelle, deren ſchwere Pforte der ſchwachen Kraft der ſie zurückdrän⸗ genden Hand nur langſam wich. Die Lichter waren ſchon ausgelöſcht, nur in der Mitte des hohen Gewölbes flimmerte noch der matte Schein einer hängenden Ampel. 153 Schaurig rauſchte das Gewand der Wallenden. Da ſie in die Nähe der, bald hochauflodernden bald dahinſterbenden Ampel gekommen war, ließ ſie ſich auf die Knie, und bethete zu Gott um Erhaltung ihres geliebten Edgar, der ſchon früher mit dem Vor⸗ trabe Ascabart's Scharen entgegen gezogen war.— Aber indem ſie die Augen aufſchlug, glaubte ſie im traurigen Tämmerſchein der flackernden Ampel ei⸗ nen Schatten zu erblicken, der an ihr dahinglitt und in der Nähe der Gruft verſchwand; ſeltſamer Lichtglanz wallte am Altare vorüber, und ein leiſes Röcheln ſtöhnte in der langen Halle wie der Todesruf eines Sterbenden. Schauder durchrieſelte die Glieder des vor Entſetzen bebenden Mädchens. Mit zermalmender Ge⸗ walt faßte ſie der Gedanke, das, was ſie hier zu ſehen glaubte und zu hören ſchien, ungewiß ob Erſcheinung oder Wahn— ſey das Anzeichen von Edgar's Tode, der in dieſem Augenblicke vielleicht auf dem Schlacht⸗ felde fiel. Indeß erhellte ſich das Morgengrau in den wie mit Blut befleckten Wolken, ſo, daß man die Formen der verſchiedenen Kirchengeräthe allmählig erkennen konn⸗ te. An einer Saule zeigte ſich eine hohe, ſchwarze Mannesgeſtalt. Vom Schrecken gefeſſelt, heftete Ethelinde, ſtarr und athemlos, den ſcheuen Blick auf die Erſcheinung, die eben ſo unbeweglich blieb, und erſt ſpät, da eine Goldfluth der aufgehenden Sonne, durch ein Seiten⸗ fenſter hereinbrechend, das Altarbild verklärte, wie aus einem Traume auffuhr, und, vom lichten Heiligthum verſcheucht, entfliehen wollte. Da erkannte Ethelinde in dem Fliehenden den düſtern Roderik, den ſie, gleich allen übrigen Bewohnern der Burg Dunbar, eben ſo bemitleidete als ſcheute, weil ſein Unglück je⸗ den in dem Grade rührte, als ſein unheimliches Weſen zurückſtieß. Obſchon der Flüchtling wie von einem böſen Gei⸗ ſte weggetrieben zu werden ſchien, ſo kehrte er doch, bey Ethelindens erſtem Rufe, ſchnell zurück. Sein blei⸗ ches Geſicht wurde von einer lichten Röthe überflogen, und die verwilderten Züge zeigten ſogar eine Spur von freudigem Erſtaunen, welches aber ſchnell in gräßliche Verzerrung überging, als Ethelinde ihm die vernom⸗ menen Todes⸗Vorzeichen erzählte.„Bebe nicht!“ deutete der Sprachloſe mit ſchauderhaft ſtummem Geber⸗ denausdruͤck,„nicht dir, du Schuldloſe— mir, mir galt die Erſcheinung!“— Bey dieſen lautloſen Zeichen wurde der heftig zitternde, in ſchwarze Tracht gehüllte, todtenbleiche Mann von ſolcher Verzweiflung befallen, 25 daß ſelbſt Ethelindens Troſt ihn nicht zu begütigen ver⸗ mochte. Vergebens ſagte die Holde:„Meine Schweſter Eu⸗ melia ſtarb ja ſchuldlos von euch geliebt. So wird der Geiſt der Gattinn dem Gatten nicht die Ruhe des Le⸗ bens ſtören! Aber wehe ihrem Mörder!“— Während dieſer Rede brach mehrmahlen aus Noderiks dunklem Auge ein Feuer, vor dem das ſchüchterne Mädchen ei⸗ lig zurück trat, weil die Höllengluth frevelhafter Be⸗ gierde darin glomm. In dem Augenblicke, da er Ethe⸗ linden's Hand heftig ergriff, traten die zurückgebliebe⸗ nen wenigen Dienſtleute, Alice vor ihnen, in die Ca⸗ pelle, die Meſſe zu hören. Ethelinde nahm ihren Platz neben der verweinten Frau, Roderik aber verließ un⸗ geſtümm das Heiligthum der Andacht. Die edle Familie, in deren Schloſſe Dunbar der unglückliche Roderik ſeit wenigen Monathen lebte, wuß⸗ te von ſeinen traurigen Umſtänden nicht mehr als das Folgende: Nach langem Werben war es dem lange Verſchmäh⸗ ten endlich gelungen, die Hand Eumeliens, der ältern Schweſter Ethelindens, zu erhalten, wobey aber jene nicht dem Drange ihres Herzens, ſondern dem Willen ihres ſtolzen Vaters, des mächtigen Laird Lothion folgte; denn ihre Liebe beſaß Lomond, einer der edel⸗ ſten und ſchönſten Jünglinge des ſchottiſchen Hochlan⸗ 156 des. Seine vielen Tugenden verloren aber bey Lothion ihren Werth dadurch, daß er unbegütert war; ein hin⸗ reichender Grund, Eumelien ihm zu verſagen, ja nicht einmahl einen Strahl von Hoffnung dem Troſtloſen zu laſſen. Lo mond dachte ſo edel, liebte ſo wahrhaft, daß er ſich verpflichtet hielt, der Geliebten jedes Opfer zu bringen; er entſagte ihr und mit ihr dem Glück ſeines Lebens, um nur das ihrige nicht zu ſtören. Nicht minder edel dachte Eumelia. Das Bild des Geliebten aus ihrem Herzen zu vertilgen, vermochte ſie zwar nicht, dagegen aber beobachtete ſie als Gattinn die äußerſte Strenge in der Erfüllung aller Pflichten gegen den geachteten, doch ungeliebten Roderik. So waren drey Jahre verfloſſen; ein lieblicher Knabe wur⸗ de endlich gleichſam der Opferherd, auf welchen die Flamme der älterlichen Liebe ſich entzündete, die oft wohlthätig wärmt, wo leidenſchaftliche Gluth verzehren würde. So entſtand denn zwiſchen den Gatten ein nicht inniges, aber zartes Verhältniß, worin beyde ſich mit verdoppelter Aufmerkſamkeit und Schonung behandel⸗ ten. Eumelia ſchien ihre frühere Liebe, Roderik ſeine Eiferſucht ganz vergeſſen zu haben, und von Lomond wurde kaum mehr geſprochen, als Roderik den Ver⸗ haßten eines Tages plötzlich in der Nähe der Burg er⸗ 157 blickte. Was hierauf folgte, wurde ſo verheimlicht, daß man nur das gräßliche Ende der nicht zu verbergen⸗ den Begebenheit erfuhr.— Die Thatſache, von einem im nahen Gebüſche verſteckten Augenzeugen erzählt, war dieſe: Am Abend eines ſchaurigen Herbſttages lag Eu⸗ melia— im dichteſten Theile des an die Nordſeite der Burg gränzenden Fichtenwaldes, nahe bey der Höhle am Nigpenteiche,— todt mit lilienblaſſem Angeſichte; aus einer Bruſtwunde am Herzen floß das Blut über ihr weißes Gewand. Über ihr ſtanden, wuthſchnaubend und mit glühenden Blicken, Noderik und Lomond, ſich mit einem Hagel von Schwertſtreichen bedeckend, bis Lomond todt zur Erde ſtürzte. Aus einem Geſträuch trat nun ein Knappe hervor; mit ſeiner Beyhülfe trug Roderik den Leichnam der Gattinn auf einer ſchnell geflochtenen Bahre von Äſten in die Burg, wo ſie erſt beym Einbruche der Nacht anlangten. Nach drey Tagen wurde Eumeliens Leiche in die Familiengruft beygeſetzt; aber mit ihr war— niemand wußte ſich das Wie zu erklären— auch der Knappe verſchwunden, welcher ſie mit Roderik Nachts in die Burg getragen hatte. Bald erfüllte ein noch viel ſon⸗ derbareres Ereigniß alle Bewohner der Burg und des nahen Dorfes mit Grauen Roderik war in dem erſten —— — ͦ— Augenblicke des Entſetzens über der geliebten Todten plötzlich verſtummt. Niemand vernahm von ihm ein Wort; jede angſtvoll an ihn gerichtete Frage blieb un⸗ beantwortet. Die nöthigſten Befehle ertheilte er durch Zeichen. Auf ſolche Weiſe bedeutete er eines Tages dem Caſtellan, daß er die Burg auf unbeſtimmte Zeit ver⸗ laſſen wolle, und übertrug jenem während ſeiner Ab⸗ weſenheit die volle Macht eines Gebiethers nicht nur in der Burg ſondern auch in dem ganzen Clan. Hier⸗ auf ſchritt Roderik, ein dreyjähriges Kind an der Hand, durch das hohe Thor, deſſen hallende Flügel ſich weh⸗ klagend hinter ihm ſchloßen. Schweigend ging der klei⸗ ne Erik neben dem ſtummen Vater. Um den grauen⸗ haften Wald an der Nordſeite der Burg zu vermeiden, nahm dieſer einen andern Weg, der gleich anfangs ſehr rauh und ſteinig war, endlich gar über kahle ſchroffe Klippen führte. Das Kind, nach vergeblich wiederhohl⸗ ten Fragen über das Ziel der Reiſe, ermüdete. Rode⸗ rik nahm es gerührt auf den Arm, trug es unter vie⸗ len Küſſen, und verdoppelte die Schritte, da er der Felſen noch immer kein Ende ſah, und Gipfel über Gipfel hinanklimmen mußte. Endlich war der letzte Gipfel erreicht und die Höhe ſenkte ſich wieder abwärts nach einem waldumſchloſſe⸗ nen Thale. Da Roderik ſchon eine beträchtliche Strecke * 2 559 hinabgeſtiegen war, ſeine Kraft ihn immer mehr ver⸗ ließ und das Kind immer ängſtlicher zu wimmern be⸗ gann, erkannte er den in der Tiefe ſtehenden Wald mit Schaudern für ebendenſelben, den zu vermeiden er den beſchwerlichen Umweg genommen hakte. Auch den Nigpenteich erkannte er und das ſchwarze Geſtein der nahen Höhle. Er glaubte eine blutige Stelle durch die düſtre Fichtenmaſſe vom Grund aufleuchten zu ſe⸗ hen; da ergriff ihn ein böſer Schwindel, der ihn im Kreiſe zu drehen ſchien. Sich vor dem Sturze zu ſchü⸗ tzen, hob er das weinende Kind empor, um es wie eine Ägide gegen das Böoſe vor ſich zu halten. Aber die auf⸗ geſchreckte Phantaſie wirkte ſo ſinneverwirrend, daß ſie ſelbſt Grauengeſtalten zum Verderben ſchuf. Eine böſe Ahndung ließ ihn von Schritt zu Schritt den na⸗ hen Tod des Kindes ſo fürchten, daß er es immerfort auf den zackigen Klippen blutig vor ſich liegen ſah. Peinlich zerrüttet im Denken und Wollen, zitternd am ganzen Leibe, trug er das Kind, faſt athemlos, über ſtarrende Felstrümmer und gähnende Schluchten, ſah es wieder in der nächſten Tiefe blutigtodt vor ſich lie⸗ gen, ſtrauchelte, vom Schwindel in Wirbel gedreht, ſiel auf die Klippe, und aus des Fallenden Armen ſtürzte das Kind. Da er aus langer Ohnmacht zu ſich kam, fand er ſich an der glatten Wand eines Abgrun⸗ 8 160 des liegend; ein Dornſtrauch hielt ihn vom Sturze zurück, aber das Kind lag in der Tiefe auf eben der Stelle blutigtodt, wo die aufgeſchreckte Phantaſie vor⸗ her es liegen ſah. Er verſuchte hinabzurufen, aber auch die Wehklage ward dem Verſtummten verſagt und ein Wolf, aus einer Kluft hervorſpringend, trug die kleine Leiche vor ſeinen Augen davon. Da ſank er, alle Glie⸗ der aufgelöſt, aufs Neue in todtähnliche Bewußtloſig⸗ keit zurück. Ein dicht über ihn hinwegrauſchender Geyer weckte ihn durch Gekreiſch und Flügelſchlag. Mühſam erhob er ſich, ſchleppte ſich kriechend von Klippe zu Klippe, bis er zu einem Hauſe kam, das an der Gränze einer langen öden Fläche ſtand. Hier ward er kümmerlich erquickt, von dem armen Bewohner nothdürftig gepflegt, und ſetzte ſeine Reiſe bis zum Schloſſe Dunbar fort, wo ſein Freund Har⸗ riot ihn mitleidsvoll aufnahm, Alice für den zerſtörten Körper des— der Sprache beraubten Unglücklichen ſorgte, und Ethelinde mit ihren herzlichen Thraͤnen in ſeine lautloſen Klagen einſtimmte. Das Gerücht von Eumeliens Tode hatte ſich ſchon einige Tage vor Roderiks Ankunft durch alle Clans bis nach Dunbar verbreitet. Was noch zur Aufklärung des ganzen Vorfalles zu wiſſen nöthig war, verkündete Ro⸗ derik den Forſchenden theils ſchriftlich, theils durch Ge⸗ 161 berden, doch, durch augenblickliche Ausbrüche ſeines wilden Schmerzes verwirrt, nie auf befriedigende Wei⸗ ſe. Die Frauen vergoſſen Thränen, indeß Harriot dem Mörder Lomond fluchte. Ein ſchwerer Fluch aber ſchien auf Roderik zu la⸗ ſten, und beynahe dahin zu deuten, als ſey der gräß⸗ liche Tod des Kindes die Folge eines früheren Gräuels. Harriot ſelbſt gerieth manchmahl darüber auf arge Ge⸗ danken, die er jedoch in ſich verſchloß. Nur eine ge⸗ ſpanntere Aufmerkſamkeit auf Roderik war die Folge davon. Er ließ ihn wenig aus dem Auge, und be⸗ wachte ihn ſogar in gewiſſen Momenten ſorgfältig. End⸗ lich aber mußte er, in eine Fehde mit ſeinem ritterli⸗ chen Nachbar verwickelt, ausziehen. Schonend empfahl er den Frauen die genaueſte Aufſicht, in der Hoffnung, bald wieder heimzukehren und dann ſein Werk zu vol⸗ lenden. Indeſſen nahm die Sache während ſeiner Ab⸗ weſenheit eine ganz unerwartete Wendung. Ethelinde war das ſprechendſte Ebenbild der todten Schweſter⸗ Die zarte Fülle der edlen ſchlanken Geſtalt, der ſanfte Schmelz des blauen Sternenlichts der Augen, die Fülle der blonden Locken, die den Engelskopf umwallten, der weiche Flötenton der Stimme, die etwas langſame Sprechweiſe, die ſittige Zierlichkeit in jeder Bewegung des lieblichen Körpers— ſie riefen bey jedem Blick auf 162 Ethelinde das Bild Eumeliens in Roderiks Seele, an⸗ fangs ſchmerzlich, endlich wonnig zurück. Bald aber verlor ſich das Bild in die Wirklichkeit, und die Ver⸗ lorne erſchien ihm in der Lebenden. Seine Neigung entflammte ſich, bey der Heftigkeit ſeines Weſens, zur Leidenſchaft, die er kaum mehr zu verbergen vermoch⸗ te. Man konnte wohl bemerken, welcher Kampf in ſei⸗ nem Innern vorging, ja, wie er ſich ſelbſt haſſe, ohne ſich jedoch beſiegen zu können. Ethelinden entging ſein Zuſtand nicht. Sie fing an, ihn zu meiden; dann aber ward ſein Weſen noch gräßlicher. Nun ſuchte ſie ſelbſt wieder ſeine Geſellſchaft, wußte aber immer zu veranſtalten, daß Alice dabey gegenwärtig war. Indeß kamen erwünſchte Siegesnachrichten. Harriots und des geliebten Edgar bald zu hoffende Rückkehr zeigten ihr das erwünſchte Ende des peinlichen Zwanges ihrer qualvollen Lage. Am Abende nach jenem Zuſammen⸗ treffen mit Roderik in der grauenden Burgeapelle ſchien die Leidenſchaft des Unglücklichen ihren höchſten Grad erreicht zu haben und für Ethelindens Sicherheit gefährlich zu werden. Nur mit Mühe vermochte ſie dem ſtummen Geſtändniß ſeiner raſenden Liebe zu entflie⸗ hen; aber jede Miene und Geberde des Glühenden ſagte deutlich, daß er entſchloſſen ſey, Alles zu wagen. 163 Deſto mehr fühlte ſich Ethelinde überraſcht, als man ihr am nächſten Tage die Nachricht brachte, Ro⸗ derik werde vermißt. Mehrere Tage verfloſſen; er kam nicht. Er war wirklich, wie von einem böſen Geiſte ge⸗ trieben, plötzlich von Dunbar entflohen, und in ſeine Burg zurückgekehrt, um in ihren öden Grauen ſich ſelbſt zu beſtegen, und in der Nähe der Todten die ſträſliche Neigung zur Lebenden zu vernichten. Roderiks Burg ſchien durch ihre Bauart ſelbſt zum Wohnſitz der Schwermuth beſtimmt. Vier ungeheure hohe und dicke Steinmauern umſchloſſen eine weite Fläche. An der Ecke jeder Mauer drohte ein viereckiger Thurm, und einer, einſam in der Mitte des innern Hofes ſtehend, ragte höher als alle übrigen empor. Alles, was Ro⸗ derik nun vornahm, zeigte deutlich, wie feſt er enk⸗ ſchloſſen ſey, ſich immer tiefer in den Schmerz ſeines zerrütteten Innern zu verſenken. Das entlegenſte Zimmer der Burg, welches zu⸗ gleich die Ausſicht auf jenen Fichtenwald hatte, ließ er ſchwarz behängen, vorher aber in eine Wand desſelben eine tiefe Niſche hineinwölben. Als dieß geſchehen war, verſchloß er ſich; nur dem Caſtellan war einmahl des Tages der Zutritt geſtattet. Eine verborgene Thür führte über eine enge Wendeltreppe in die Familien⸗ 164 gruft hinab. Der Spätherbſt kam mit ſeinen feindſeli⸗ gen Nächten voll heulender Stürme. In einer derſelben öffnete Roderik jene Pforte, und ſtieg, eine Fackel in der Hand, zur Wohnung der verwandten Todten hin⸗ ab. Das dumpfe Gewölbe, worin jeder Fußtritt ein ſchauerliches Echo gab, mit kecker Scheue durchwan⸗ delnd, erkannte er in dem Labyrinth der Särge erſt nach langem Forſchen den Sarg der Gattinn. Nur mit vieler Anſtrengung gelang es ihm, den feſt verſchloſſe⸗ nen ſo ungeſtümm zu öffnen, daß der aufſpringende Deckel ihn zu Boden ſchlug. Nachdem er lange Zeit in Betäubung gelegen war, raffte er ſich endlich auf, ſchaute in den Sarg, und er⸗ kannte die geliebten Züge der Todten, die noch unver⸗ ſehrt und ſchön da lag. In dem Augenblicke aber, da er vor den theuren Reſten bethend auf die Knie ſin⸗ ken wollte, drang ein klägliches Wimmern und ein lang verhallender Wehruf in ſein Ohr. Da riß er ſich empor, floh wie ein vom Entſetzen ergriffener Böſe⸗ wicht, und ſtürzte wie leblos am Eingange des erreich⸗ ten Zimmers zu Boden. So fand ihn am nächſten Mor⸗ gen der Caſtellan, der, das Zimmer wie gewöhnlich aufſchließend, zu ihm eintrat. Mit allen Geberden des Entſetzens deutete Roderik dem Erſtaunenden die Schreckniſſe der Nacht, und forderte den Aufſchluß über 165 jenes klägliche Wimmern und bangverhallende Wehru⸗ fen. Er ließ aber den Caſtellan kaum bis zur Hälfte der Erklärung kommen, die er nur zu bald zu verſte⸗ hen ſchien. Die wenigen Worte, die der Alte ſprechen durfte, waren die folgenden:„Die Gruft liegt dicht an dem nördlichen Thurm, in dem ſich, nur durch eine dünne Mauer abgeſondert, das unterirdiſche Gewölbe befin⸗ det, worin Urisk, dem Tode nah, und doch noch le⸗ bend“—— Weiter ließ Roderik den Caſtellan nicht reden, ſondern deutete ihm, mit einer ſonderbaren Miſchung von Verſtocktheit und Verzweiflung, zu ſchweigen und ſich zu entfernen. Als er allein war, brach die gewaltſam zurückge⸗ haltene Verzweiflung mit ganzer Macht aus. Er rieß ſein Schwert, das neben einer Sanduhr auf dem Ti⸗ ſche lag, aus der Scheide, ſetzte ſichs an die Bruſt, riß es eben ſo ſchnell wieder davon weg, und trat mit dem Fuße ſo wüthend darauf, daß es klirrend in Trüm⸗ mer ſprang. Mehrere Wochen hindurch verlebte er in dumpfem Hinbrüten. In einer böſen Nacht endlich öffnete er wieder jene Thüre, die zur Gruft führte. Eumeliens Leiche lag im offenen Sarge, wie damahls, unverſehrt 166 und ſchön; da ſtürzten zum erſten Mahl Thränen aus Roderiks Augen; er warf ſich mit ausgebreiteten Ar⸗ men über den Sarg, als wollte er die Leiche umfaſſen, die aber, wie in ihrer heiligen Ruhe von einem Un⸗ heiligen geſtört, im Augenblicke der heftigen Sarger⸗ ſchütterung ſo plötzlich zu nichtigem Staube zerfiel, daß auch keine Spur von körperlicher Geſtalt übrig blieb. Vom heftigſten Schrecken zu einer noch ſchreckli⸗ cheren Gleichgültigkeit übergehend, hob Roderik den Sarg mit Rieſenkraft empor, trug ihn mit der äußer⸗ ſten Anſtrengung über die enge Wendeltreppe, und ſtellte ihn tief in die Niſche hinein. Eines Tages kniete er, was er oft ſtundenlang that, vor dem Sarge und der Aſche der Todten, die ihm Troſt und Verzweiflung zugleich einzuflöſſen ſchien. Er bethete inbrünſtig, und ſeine zum Himmel erhobe⸗ nen Augen zeigten, daß ſeine entzündete Phantaſie die Geſtalt der Verklärten erblickte. Von einem leiſen Rauſchen geweckt, wendete er ſich, und vor ihm ſtand eine lilienweiße Huldgeſtalt. Keiner Bewegung mächtig, ſtarrte er der lichten Erſcheinung entgegen, bis dieſe, langſam zu ihm hinſchwankend, mit melodiſcher Trauer flüſterte:„Gott ſey mit Euch! Erkennet mich! Nicht Eumeliens Geiſt,— Ethelinde ſteht vor Euch!“— 167 Und Ethelinde reichte ihm zitternd die Hand, und als er ſich, wie von einem Traum erwachend und noch zweifelnd an dem, was er ſah und fühlte, vom Bo⸗ den erhob, traten auch Harriot und Alice herein, und ſchloſſen ihn in ihre Arme. Dem edlen Harriot flüſterte der alte Caſtellan, ſobald es ihm möglich wurde, heimlich ins Ohr:„Mei⸗ ne Zunge darf ſelbſt der Tod nicht löſen; ich muß das Geheimniß mit mir in's Grab nehmen. Nur er ſelbſt kann es Euch enthüllen; und nur Euch kann es ge⸗ lingen, ihn zum Geſtändniſſe zu bringen, wodurch al⸗ lein er vielleicht noch Ruhe im Leben finden,— wenig⸗ ſtens ruhig ſterben kann!“— Harriot hatte Roderiks Rückkehr in die Burg und ſeine mit jedem Tage zunehmende Schreckensqual durch den Caſtellan vernommen, und war mit den Seinigen hieher geeilt, das in Dunbar begonnene, aber wieder geſtörte Werk, wo möglich, zu Ende zu bringen. Auch Edgar war mit ihnen gekommen, aber vor der Burg zurückgeblieben, um ſich erſt dann zu zeigen, wenn man Gewißheit haben würde, daß ſeine Erſcheinung dem, von böſer Gemüthskrankheit Zerſtörten nicht mehr ge⸗ fährlich werden könne. Auch wäre dem edlen Harriot und den beyden weichen Frauenherzen ohne Zweifel ein ſchönes Werk gelungen, hätte ſich nicht eine feind⸗ felige Erſcheinung zwiſchen ſie und den Leidenden ge⸗ drängt. Roderiks wilde Verzweiflung neigte ſich ſchon mit⸗ jedem Tage mehr zur ſtillen Schwermuth einer vom Schmerze zermalmten Seele hin, und man hatte Ur⸗ ſache, von ihm ſelbſt die nöthige Enthuͤllung eines ſchrecklichen Geheimniſſes zu hoffen. Da erſchien plötz⸗ lich Lothion, unerwartet zurückgekehrt von dem viel unterbrochenen, doch immer von neuem wieder fort⸗ geſetzten Kriege, den die Bergſchotten gegen die Eng⸗ länder führten. Er hatte die Nachricht von Eumeliens Tode, wegen des entfernten Kriegsſchauplatzes an der ſchottiſchen Gränze, ſpät erfahren, und konnte als Laird und Führer mehrerer Clans ſeine Heerſchar erſt bey einem Waffenſtillſtande verlaſſen. Jetzt zurückgekehrt, brach der lange verſchloſſene Schmerz des Vaters, eben ſo mächtig hervor, als die Wuth des leidenſchaftlichen Mannes ge⸗ gen den Mörder ſeines Kindes aufloderte. Selbſt Ethe⸗ lindens Anblick vermochte nicht, ſeinen Schmerz zu mildern, ſeinen Grimm zu beſänftigen. Im Wahne, Lomond lebe noch, ſchwor er in Roderiks Gegenwart: „Er wolle überall den Möorder aufſuchen, und ſo lange unter freyem Himmel bey Nacht und Sturm wohnen, bis ernihn gefunden, und das Schwert der Rache in — 169 ſeine Bruſt geſtoßen habe!“— Roderiks bleiches Ge⸗ ſicht ward, da er den Schwur vernahm, von dunkler Röthe überflogen, und ein Blitz, der in ſeinem düſtern Auge plötzlich aufloderte, zeigte, daß er von einem neuen, ſchnell entſtandenen Gedanken mächtig ergriffen ward. Er ſchüttelte, ſeltſam bewegt, Lothions Rechte, und ſchied. Einige Tage waren verfloſſen, als Lothion, da ſchon die grauen Abendnebel aufſtiegen, jene traurige Stelle im Fichtenwalde beſuchte, indem er am näch⸗ ſten Morgen wieder zum Heere abzureiſen gedachte. Roderik hatte hier einen Hügel mit einem grauen Denkſtein aufrichten laſſen. Als Lothion jetzt in die Walddämmerung trat, ſah er eine Geſtalt in voller Rüſtung, mit geſchloſſenem Helme über den Denkſtein hingebeugt. Selbſt das Geräuſch des Kommenden ver⸗ mochte nicht den Fremden aus ſeinen Träumen zu wecken. Lothion krat näher. Die Geſtalt blieb unbe⸗ weglich in ihrer Stellung. Indem Lothion ſie anrufen wollte, ſiel ſein Blick auf den Schild des Fremden, und er erkannte darauf Lomond's Sinnbild: eine Flam⸗ me, von einem Zypreſſenkranze umgeben. Von dieſem Anblick zur höchſten Wuth gebracht, rief Lothion, ſein Schwert aus der Scheide reißend, mit fürchtsrlich hallender Stimme:„Lomond! Pörder! . 8 170 Gott erhielt dir das Leben nur für dieſen Augenblick der Nache!“— „Die Geſtalt erhob und wendete ſich, und der wohl⸗ bekannte Helmſchmuck ließ dem mit Wuth eindringen⸗ den Vater keinen Zweifel übrig, daß Lomond vor ihm ſtehe.. »Der ewige Rächer ſelbſt,“ rief Lothion,„führte dich hierher, um auf der Stelle, wo du mein Kind ge⸗ tödtet, von meinem Schwerte zu fallen!“ Statt aller Antwort, zog jener gleichfalls das Schwert, nahm den Schuͤld, und ſtellte ſich ſchweigend zum Kampfe, der ſogleich begann, und dicht am Hügel des Denkſteins höchſt ſchauerlich geführt wurde, in⸗ dem Lothion unaufhörlich die gräßlichſten Verwünſchun⸗ gen ausſtieß, jener aber ſich ſchweigend verhielt wie der Tod. Endlich ſank er, von Lothion mit einem ſchweren Streiche— dem er felbſt nicht auszuweichen ſchien— auf's Haupt getroffen, zu Boden. Der zer⸗ ſchmetterte Helm ſiel in Trümmer,— und Lothion erkannte Roderik's, von Todesſchmerz verzerrtes Antlitz. Von Schrecken ergriſſen, ſchrie Lothion:„Was hab' ich gethan!“ Bebend reichte Roderik ihm ein Blatt, mit den wenigen, ſchon vorher abſichtlich aufgezeichne⸗ ten Worten:„Ihr habt den Schwur der Rache erfüllt an— Eumeliens Mörder, auf der Stelle, die ihr 171 Blut trank! Meine Strafe war mein Wunſch. Der Tod von Eurer Hand wird der Anfang meiner Ent⸗ ſühnung.“— Schaudernd und doch noch zweifelnd, rief Lothion:„Ihr— Eumeliens Mörder?!“— Ro⸗ derik bejahte ſchweigend, und ſank ſtarr, ohne Lebens⸗ zeichen, zurück. Lothion eilte mit Grauen und Abſcheu hinweg.— Als Roderik wieder Leben und Bewußtſeyn fand, war der Hügel und die Gegend umher von einem ſanf⸗ ten Licht umfloſſen, in deſſen Himmelsglanz ein En⸗ gel— ſo ſchien es ihm— in lilienweißem Verklä⸗ rungskleide, die erhobenen Hände im Gebethe gefal⸗ ten, zu ſeiner Seite kniete. Der bethende Engel war Ethelinde. Lothion hatte die Burg mit Entſetzen er⸗ füllt und nicht zugegehen, daß der todte oder ſterbende Mörder Eumeliens dahin gebracht wurde. Da eilten Ethelinde und Edgar noch in der Nacht hinaus zur grauenvollen Stelle, und verbanden den verlaſſenen Unglücklichen, an dem ſie noch Lebensſpuren bemerk⸗ ten, indeß Harriot und Alice bey Lothion zurückblie⸗ ben, der von wilder Begierde brannte, ſelbſt die Leiche des Mörders gräßlich zu verſtümmeln. So war die Nacht verfloſſen; erſt als das aufglim⸗ mende Morgenroth auf die offene Waldſtelle herab⸗ 8* K 172 leuchtete, kam Roderik wieder zu ſich, erkannte Edgar und Ethelinde, bezeigte mit herzzerreißender ſtummer Geberdenſprache ſeine tiefe Reue, und gab ihnen dann eine Schrift, die ſte, nach ſeinem Hindeuten, aus ſei⸗ nem Bruſtharniſche hervorzogen. Sie laſen auf ſeinen Wink die Schrift, deren weſentlicher Inhalt in Kürze ihnen die folgende Aufklärung gab: Der edle Lomond hatte ſich, nachdem Eumelia, durch den Willen ihres Vaters, Roderiks Gattinn ge⸗ worden war, freywillig verbannt, um nicht ſtörend einzuwirken. Er konnte wohl ſich ſelbſt beſiegen, und durch Geiſteskraft ſeinen Willen lenken, aber die Liebe zu Eumelien aus ſeinem Herzen zu verbannen, ver⸗ mochte er auch in ſeiner freywilligen Verbannung nicht. Endlich faßte er den Entſchluß, nicht nur Schottland, ſondern Europa zu verlaſſen, und in Paläſtina, gegen die Ungläubigen kämpfend, ein frühes und rühmliches Grab zu ſuchen. Nur einmahl noch, eh er von dem Leben und von der Geliebten ſich trennte, wollte er ſie— die Seele ſeines Lebens, ſehen, dann ſcheiden auf immer. Erfüllt von dieſer verwegenen, aber un⸗ ſträflich reinen Sehnſucht, begab er ſich in die Nähe von Roderiks Burg. Hier aber erwachte die alte Liebe mit ihrer ganzen Gewalt ſo heftig, daß er von ihr wie mit Zauberbanden umſtrickt und betäubt wurde. In —; — 173 dieſem gefährlichen Zuſtande wuchs die Kühnheit des ſonſt ſo ſanften Jünglings zu dem Grade, daß er es ſogar wagte, Eumelien durch einen Brief um eine einzige Zuſammenkunft zu beſchwören. Eumelia, die mit Recht in ſeine Redlichkeit und in die Wahrheit ſeiner Betheuerungen volles Vertrauen ſetzte, hielt es für Pflicht, dem Edlen dieſen letzten Troſt nicht zu ver⸗ ſagen, und glaubte hierbey in Gott einen mildern und gerechtern Richter zu finden, als in dem Gatten. So erſchien ſie denn, von einer Zofe und einem Knappen begleitet, auf der beſtimmten Stelle im Fich⸗ tenwalde beym Nixenteiche, wo Lomond ihrer harrte.— Roderik hatte aber ſchon erfahren, daß Lomond im Gaue geſehen ward; der ſchon entwichene böſe Dä⸗ mon der Eiferſucht kehrte in ſeine Bruſt zurück, ſchreck⸗ licher als je. Seinen Groll tief in ſich verbergend, zeigte er im Außern keine Spur von Argwohn, indeß ſein Inneres von Haß und Wuth glühte. So ver⸗ folgte er denn Eumelien allenthalben, und ließ jeden ihrer Schritte belauern. Auch das unſelige Beyſam⸗ menſeyn mit Lomond ward ihm von einem jungen Reiſigen nur zu bald gemeldet, und er erſchien in dem Augenblick, da Eumelia nicht ſtark genug war, dem auf immer von ihr Scheidenden— einen Abſchiedskuß zu verweigern. —— 174 Wie ein Tiger mit blutrothen Augen auf die Beute, ſtürzte Roderik nun auf die Unglücklichen. Mit ſauſendem Schwerte drang er auf Lomond, der, theils in ihm Eumeliens Gatten ſchonend, theils verwirrt durch die Verzweiflung der Geliebten, ſich gegen Ro⸗ deriks ſchnelle und mächtige Schwertſtreiche nur ſchwach vertheidigte. Ein heftiger Stoß fuhr ihm durch die Hüfte in dem Augenblick, als Eumelia, ihrer ſelbſt nicht mehr mächtig, zwiſchen die Streiter ſtürzte, und von dem wuthſchnaubenden Roderik mit den Worten: »So folg' ihm zur Hölle!“ durchbohrt wurde. Aber dieſe Worte waren auch ſeine letzten. Die Stimme ſchien in ſeiner Wuth erſtickt zu ſeyn, und mit dem Schreckenslaut: Hölle! verſtummte er, und blieb ſtumm für immer. Vergebens bemühte er ſich, auf die Erblaßte hinſtürzend, ſeine Verzweiflung auszu⸗ ſprechen, vergebens ſogar um Hülfe zu rufen. Der Bruſt des Mörders war jedes Wort, jeder Laut ver⸗ ſagt. Eumeliens Begleiter waren voll Entſetzen und Furcht vor Roderiks Zorn entflohen. Lomond lag athemlos und ſtarr. Mit Urisk, der ihm die unſelige Kunde gebracht hatte, trug Roderik die Leiche der Gat⸗ tinn beym Anbruche der Nacht in die Burg, wo Lo⸗ mond für ihren Mörder erklärt wurde. Urisk allein wußte, daß des Gatten eigenes Schwert die Bruſt der 175 Schuldloſen durchbohrt hatte. Durfte Roderik auf ewige Verſchwiegenheit rechnen? Am Tage nach dem Begräbniſſe ließ er den alten Caſtellan zu ſich rufen, und händigte ihm eine Schrift ein, durch welche ihm aufgetragen ward, den ſchuld⸗ loſen Urisk(der öffentlich als Lomonds Mitſchuldiger erklärt ward) ſogleich in den tiefſten Kerker zu werfen, und ihn ſo zu verſchließen, daß Niemand ihn weder ſehen noch ſprechen könne. Indeß beſaß der Caſtellan doch von jeher Rode⸗ riks volles Vertrauen; er war auch ſeinem Herrn mit Leib und Seele blindlings ergeben. Deßhalb machte ihn Roderik in der Folge zum Vertrauten jener Gräuel⸗ that, obſchon Lomond noch fernerhin vor aller Welt für Eumeliens Mörder galt. Roderik ſelbſt ſuchte ſich mit dem Scharfſinne des Verbrechers zu beſchönigen, indem er einen Theil der Schuld auf Lomond wälzte, den er für die veranlaſſende Urſache des verübten Ver⸗ brechens und für den böſen Geiſt erklärte, der ihn zum Morde der ſchuldloſen Gattinn trieb. Eben ſo warf er auch auf Urisk einen glühenden Haß, weil er ihm jene Inſammenkunft verrathen hatte. War aber dieſer Haß gleich die erſte Urſache, den böſen Diener in den Kerker verſchließen zu laſſen, ſo trug eine zwey⸗ te, die er ſich ſelbſt nicht geſtand, zu dieſer Mißhand⸗ — 176 lung wenigſtens eben ſo viel bey: Die Furcht, daß Urisk das entdecke, wovon er ein Augenzeuge war. Anderſeits dachte Roderik nicht ruchlos genug, ihn tödten zu laſſen.— Indeß ſtieg Roderiks Gewiſſensangſt mit jedem Tage. Es war ihm nicht länger möglich, die Burg zu bewohnen, wo Blutſpuren und Todesgeröchel ihn über⸗ all und unaufhörlich verfolgten. Verzweiflung jagte ihn raſtlos umher. Endlich erwachte in ihm der Ge⸗ danke, den Ort des Schreckens zu verlaſſen, und zu ſeinem Freunde Harriot zu fliehen. Er nahm ſein Kind mit ſich. Aber die Strafe ſchien ihm auf dem Fuße zu folgen. Die vom böſen Gewiſſen zerrüttete Phantaſie bewirkte den Tod des Kleinen. In dieſem Zuſtande kam er in der Burg Dunbar an, wo man ihn als einen Unglücklichen mit offenen Armen empfing. Aber Freundſchaft und Liebe wetteifern vergebens, den zu tröſten, der ſich ſelbſt ein Gegen⸗ ſtand des Abſcheues iſt. Je mehr Roderik hier gepflegt und bemitleidet wurde, deſto verhaßter ward er ſich ſelbſt. Zu dieſer Qual geſellte ſich bald eine noch grö⸗ ßere. Ihn ergriff, gleich einem böſen Zauber, heftige Leidenſchaft zu Ethelinden, Eumeliens holdſeligem Ebenbilde. Er glaubte auch hierin eine Strafe ſeines Verbrechens zu finden, und da er nicht die Kraft fühl⸗ 17 te, ſich zu beſiegen, that er das Einzige, was er über, ſich vermochte,— er floh wieder in den Schauplatz ſeiner Unthat zurück, um dort, wo er den Gräuel ver⸗ übt hatte, ſeine frevelhafte Liebe zu zernichten, und durch Selbſtbeſtrafung zu büßen. Jenes klägliche Wimmern, jener bang verhallende Wehruf, den er in der Gruft in dem Augenblicke ver⸗ nahm, da er vor der unverſehrten Leiche bethend auf die Knie ſinken wollte, war die Stimme des leidenden Urisk, der ſich in dem unterirdiſchen Thurmgewölbe befand, welches an die Gruft ſtieß. Dem Unglückli⸗ chen in der lautloſen Tiefe, fern vom Anblick des Son⸗ nenlichts und der Menſchen, ward hier durch eine Off⸗ nung von oben ſeine tägliche Nahrung hinabgeſenkt. Bey Lothions Schwur, an Eumeliens Mörder blutige Nache zu nehmen, erwachte in Roderik plötzlich die Idee zu dem fuürchterlichen Betrug, den Schwö⸗ renden durch Täuſchung dahin zu bringen, daß er ihn tödte. Urisk hatte den Auftrag erhalten, Lomond'’s Leiche ſogleich im Walde zu verſcharren. Er verſchob aber das Geſchäft, um dabey mehr Sicherheit zu ge⸗ winnen, auf die nächſte Nacht. Als er an die Stelle kam, fand er die Leiche nicht mehr, nur Schild, Schwert und Helm, die der Caſtellan zur Verwahrung erhielt. Nachher ſtellte ſie Roderik wie eine Trophäe 178 in das ſchwarzbehangene Trauergemach; daß Urisk die Leiche Lomond's nicht eingeſcharrt habe, blieb ihm un⸗ bekannt, weil Urisk zu ſchnell in das Burgverließ ge⸗ bracht ward. Lothion, heftig in Allem, ward vom Anblicke des Schildes leicht getäuſcht. Von der auflodernden Wuth noch mehr verblendet, glaubte er mit Lomond zu kaͤm⸗ pfen, und Roderik— gab ſelbſt die Blöße, um den gewünſchten Todesſtreich von dem zu empfangen, der den Mord ſeines Kindes am Mörder zu rächen ge⸗ ſchworen hatte. Die Erfüllung ſeines Wunſches war ihm aber deſſen ungeachtet nicht gelungen; er erwach⸗ te, nachdem Ethelinde und Edgar ihn die Nacht hin⸗ durch im Walde gepflegt hatten, am Morgen wieder zum Leben. Dieß war der Hauptinhalt der Schrift, welche Ethelinde und Edgar laſen. Roderik hatte die Blätter, als er in den Fichtenwald ging, vorſätzlich mit ſich ge⸗ nommen, damit ſie, wenn er den geſuchten Tod ge⸗ funden haben würde, den Aufſchluß über Alles gäben. Ethelinde und Edgar, die reinen Seelen, ſchau⸗ derten, als ſie, nach Leſung der Schrift, dem reuigen Verbrecher in das verzerrte Angeſicht ſchauten. Indeß 179 eilte Harriot mit der Nachricht herbey, daß Lothion die Burg, zu welcher er, wie ein Cherub mit dem feurigen Schwerte, dem verbrecheriſchen Eigenthümer den Eingang verwehrte, endlich verlaſſen habe. So⸗ gleich ward Roderik mit vieler Sorgfalt dahin gebracht. Ungeachtet deſſen verlor er nach kurzer Zeit das Be⸗ wußtſeyn neuerdings, und ſank in ſehr verworrene, höchſt peinliche Phantaſien. Als er wieder zu ſich kam, bemühte er ſich, Manches durch Mienen und Geberden bald zu beſchreiben, bald zu verlangen, was die Um⸗ ſtehenden nur ſchwer zu errathen vermochten, da die Schwäche ihm ſehr wenig Bewegung geſtattete. Es ſchien, daß er insbeſondere nach Edgar verlange. Als der gute Jüngling zu ihm trat, leuchtete ein matter Strahl von Freude über das, von körperlichen⸗ und Seelenleiden verdüſterte Antlitz. Er drückte mit mög⸗ lichſter Anſtrengung die Bitte um deſſen Vergebung aus, und, als dieſer ihm freundlich die Hand reichte, wagte Roderiks thränennaſſes Auge einen flüchtigen Blick gegen Himmel. Seine nächſte Sorge war, dem Caſtellan den Schlüſſel zum Burgverließ einzuhäͤndi⸗ gen; dieſer verſtand das Zeichen, und nach wenigen Minuten athmete Urisk wieder die langentbehrte, reine Himmelsluft. Roderik ließ ihn reich beſchenken, ver⸗ mied aber ſeinen Anblick. 180 Indeß ward die Wunde gegen alle Erwartung geheilt, und die Geneſung erfolgte früher, als man es hoffte. Noch ſehr kraftlos, ſaß Roderik im Lehnſtuhl. Neben ihm zu beyden Seiten ſtanden Ethelinde und Edgar. Auch Harriot, den er zu ſich bitten ließ, trat ein; ihm folgte der Caſtellan. Da ergriff Noderik mit freundlicher Haſt Edgars Rechte, und übergab ihm, zum Erſtaunen aller Gegenwärtigen, die Schenkungs⸗ urkunde ſeiner ſämmtlichen Güter. Jede dagegen gemachte Einwendung war verge⸗ bens; er beſtand unerſchütterlich auf der Annahme, ließ ſich dann, vom Caſtellan unterſtützt, auf die Knie, und bedeutete mit einem Ausdrucke, der jeden zu Thrä⸗ nen rührte, ſeinen feſten Entſchluß, der Welt zu ent⸗ ſagen, und ſein Leben in Reue und Buße in einem Kloſter zu beſchließen. Am Morgen nach Edgars und Ethelindens Vermählung ward der Vorſatz in Erfül⸗ lung gebracht. Die Abtey, in welche der Lebensmüde ſich geflüch⸗ tet hatte, war am Fuße kahler ſteiler Felsgebirge er⸗ baut. Vor derſelben breitete ſich ein fruchtbares, aber ſehr einſames, trauerſtilles Thal aus, durch. welches ein kleiner Fluß ſeine trüben Wellen mit melancholi⸗ ſchem Gemurmel langſam dahinrollte. Das Kloſter ſelbſt lag in einer, zu jeder Tages⸗ und Jahreszeit 181 gleich düſtern Nacht von ernſten Tannen⸗Umſchattung, mehr einem großen Grabmahle, als einem Wohnſitz von Lebendigen ähnlich. Selbſt in dieſer Einſamkeit ſuchte Roderik die einſamſten Stellen, und kam mit den Mönchen ge⸗ wöhnlich nur in den Stunden zuſammen, wo ſie ſich zum gemeinſamen Gebethe verſammelten. Unter Allen zog nur ein Einziger ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich. Dieſer führte den Kloſternahmen Erasmus, und ward ſeit einiger Zeit von einem melancholiſchen Wahnſinn — ſo nannte man ſeinen Zuſtand— befallen, obſchon ſich in ſeinem Äußern keine Spur von Verrücktheit zeigte, nur daß er untheilnehmend an Allem, was ihn umgab, wie ein Nachtwandler einherſchritt, die Augen immerzu gerade vor ſich auf den Boden heftete, als ſuche er etwas in die Erde Verſunkenes, und nie ein lautes Wort ſprach, obſchon er manchmahl den Mund wie zum Reden bewegte. Selbſt ſein Gebeth verrichtete er nur mit dumpfem Gemurmel; dann ſank er gewöhnlich in ſich auf ſolche Weiſe zuſammen, als ſtürze er in einen Abgrund. Üübrigens hatte er mit Ro⸗ derik eine gleiche hohe körperliche Geſtalt, und trug die dunkle Kappe ſtets ſo tief über den Kopf herabge⸗ zogen, daß von dem Antlitz nur ſehr wenig ſichtbar blieb. In einer der langen feindſeligen Winternächte wü⸗ thete ein Sturmwind mit ſolcher Heftigkeit, daß alte Bäume theils abgebrochen, theils entwurzelt wurden, ein Theil des Daches herabſtürzte, und eine Mauer des Kreuzganges, auf welche der Anfall am ſtärkſten war, einen breiten Riß erhielt. Erasmus verließ ſein hartes Lager auch an dieſem Morgen, wie gewöhnlich, frühzeitiger als alle Übrigen, ſchritt, ungeachtet der wilden Zerſtörung, im Grauen der Dämmerung durch den hallenden, vom Winde durchſauſten Kreuzgang, und— ſtürzte durch die breite Mauerſpaltung hinab auf das vom Sturme losgeriſſene Geſtein, wo ihn die Mönche zerſchmettert und ganz unkennbar fanden. Die „Gleichheit der Körpergröße brachte den Erſten, der, herbeygezogen vom dumpfen Getöſe des Falles, die Leiche erblickte, in den Irrthum, der Hinabgeſtürzte ſey Roderik. Die Übrigen nahmen das falſche Ge⸗ rücht ohne Bedenken für Wahrheit, von welcher ſie ſich um ſo weniger überzeugen konnten, als Morgen⸗ grau und Kerzenſchein nur ſchwaches Licht gaben und Roderik einen Fels am Kloſtergebäude erſtiegen hatte, um die Zerſtörung der Nacht zu überblicken ,woran ſein trüber Geiſt, wie an allen düſtern Gegenſtänden überhaupt ſich weidete. 4 Der Leichnam des Erasmus ward daher von den Mönchen in Roderiks Zelle getragen und in einen Sarg gelegt. Dieſer kam indeß von ſeinem einſamen Gange zurück. Sein langſames, leiſes, feyerliches Hinſchreiten durch die hohen Gewölbe des noch dun⸗ keln Kreuzganges erfüllte die Wenigen, die ihm be⸗ gegneten, mit ſolchem Schauder, daß ſie, in der Un⸗ gewißheit, ob Wirklichkeit oder Erſcheinung hier walte, dem ſtummen Wandler auswichen, oder ſchweigend an ihm vorüber gingen. So kam denn Roderik, ohne von dem Unfalle etwas zu erfahren, zur geöffneten Zelle. Da er die Thür, ſo wie er ſie verlaſſen hatte, noch geſchloſſen wähnte, ſchritt er raſch hinein, ſtieß mit dem Fuße heftig wider den Sarg, ſiel mit der Stirne auf den Rand desſelben, und die tödtliche Wunde raubte ihm ſogleich alle Beſinnung. Als endlich der volle Tage aufleuchtete, fand man ihn auf der Leiche des zer⸗ ſchmetterten Erasmus liegen, wo das Blut beyder ſich vermiſchte. Man erkannte den frühern Irrthum. Als Roderik vom Sarge emporgehoben wurde, kam er zu ſich, um zu hören, wie der herbeyeilende Abt die Leiche wegzutragen geboth, mit dem wehmuthsvollem Aus⸗ ruf:„Deine Leiden ſind geendet, unglücklicher Lomond! 184 Der Friede, den du hier nicht fandeſt, werde dir jen⸗ ſeits!“— Da hob Roderik ſich gewaltſam empor, ſtürzte auf Lomond's Leiche, die er heftig umſchloß, und verſchied.— Die Mönche erzählten dem guten Edgar, als er nach einiger Zeit, die Abtey beſuchte, das traurige Er⸗ eigniß, in dem ſie nur das Werk des Zufalls fanden, mit der Verſicherung, über den beyden Leichen eine verklärte weibliche Geſtalt, gegen Himmel ſchwebend, geſehen zu haben. Tſnfi fnſſnſſſſnſfffnſſiſiin 9 10 11 12 13 14 13 16 17 18 1