Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. —re Leih- und Teſebedingungen. 1. Oftensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 n 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 4 für ochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ¹ 2 Picher: 4uuchee— uu; 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 N. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. — 3„„„ 3—,,„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verloͤrene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 3 der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. » — ,—‧— K. Kruse. . —— Leipiig, 1330, bei Chriſtian Ernſt Kollmann. * — Prren 1 4 Der Verschollene. ———————⸗⸗⸗⸗————n In den mittleren Lebensjahren Ludwigs des Funfzehnten zwangen zum Theil politiſche Ver⸗ haͤltniſſe, die genauer zu entwickeln nicht zum Zwecke folgender Blaͤtter gehoͤrt, eine an⸗ geſehene niederlaͤndiſche Familie, das Vater⸗ land heimlich zu verlaſſen. Unter einem an⸗ genommenen Namen, den ſie erſt ſpaͤter mit dem eigenen wieder vertauſchte, ließ ſie ſich in der Gegend von Orleans nieder, und ver⸗ wendete ſogleich ein Theil ihrer mitgebrachten Schaͤtze, ein Gut dort zu kaufen. Der Zu⸗ fall weit mehr, als ein vorausgefaßter Plan, hatte ſie veranlaßt, dieſen Ort zu waͤhlen. Ein reicher Kaufmann aus Orleans, der auf einer Handelsreiſe in Herrn von Kerkhuiſen's Vaterland deſſen Bekanntſchaft daſelbſt ge⸗ macht, hatte dieſen bewogen, in eine Ge⸗ gend zu ziehen, deren bloße Beſchreibung ihn 1* aber von einer unbaͤndigen Heftigkeit, der⸗ — 4— angezogen, und wo er gewiß war, wenigſtens einen Freund vorzufinden. 4 Herr von Kerkhuiſen war mit ſeiner Gat⸗ tin und einzigem zehnjaͤhrigen Sohne ſchon laͤngſt in Orleans angekommen, ehe es dem noch in ſeinem Vaterlande zuruͤckgebliebenen Freunde gelungen war, ſein dort nachgelaſſe⸗ nes liegendes Vermoͤgen einigermaßen ſicher⸗ zuſtellen; allein es gelang, obgleich auf eine Weiſe, die, mit weniger Gewandtheit von der Seite des Freundes, nicht allein ſeine Sicherheit, ſondern auch ſein Leben in Ge⸗ fahr haͤtte bringen koͤnnen. Um ſo ſtaͤrker und dauerhafter wurde dadurch das Freund⸗ ſchaftsband, das ſeit ſeiner Heimkehr beide Haͤuſer vereinte. Die Eltern Latour beſaßen mehrere Kinder, von welchen der juͤngſte Sohn, in gleichem Alter mit Eugen von Kerkhuiſen, der Liebling der beiden befreun⸗ deten Familien ſchien. Charles war huͤbſch, aufgeweckt, drollig, ‧wͤ““*“‧²““—— X△τ — 5— durch verzaͤrtelnde Nachſicht ſeiner Umgebung, die er ohne Ausnahme mittelſt ſeiner heißen Anhaͤnglichkeit und ſeiner ſuͤßen Schmeichel⸗ worte fuͤr ſich eingenommen hatte, nur zu ſehr Vorſchub geleiſtet wurde, und wodurch er einen vollkommenen Contraſt zu Eugen bilde⸗ te, deſſen ſchoͤnes, geregeltes Aeußere durch das ihm, wie es ſchien, angeborne Phlegma ſeiner Nation etwas Statuenartiges bekam, in welches Charles unermuͤdliche Lebendigkeit ein regeres Leben kaum zu bringen vermochte. Deſſen ungeachtet waren die beiden Knaben unzertrennlich. 2 4—** Wenn Drohungen Bitten, Schmeichel⸗ 1 4 worte Charles Heftigkeit nicht zu baͤndigen faͤ⸗ hig waren, ſcheiterte doch dieſe faſt immer an Eugens ſanſter Ruhe; wogegen der entſchloſ⸗ ſene, ſtarre Eigenſinn, der ſich deſſelben nicht ſelten bemaͤchtigte und Eltern und Lehrer zur Verzweiflung brachte, manchmal durch einen flehenden Blick von Charles aufthaute, einen Blick, deſſen Gewalt freilich ſeine naͤchſte — 6— Umgebung immer unterlag, und der, ſo wie er das reifere Juͤnglingsalter erreicht hatte, ſeine gefaͤhrlichen Wirkungen noch weiter er⸗ ſtreckte. Indeſſen verlieh Eugens ruhiger Ernſt dieſem ſchon fruͤh eine Art von Wuͤrde, die ſich ſelbſt in ihren jugendlichen Spielen behauptete, und der Charles laͤchelnd eine Art Oberherrſchaft einraͤumte, und die ihm Anlaß gab, da ſie auch mit einer Art aͤußeren Gravitaͤt verbunden war, den Freund gern ſcherzweiſe Monſeigneur zu nennen. Allmaͤlig ſchien jedoch der Zeitpunkt, in welchem ſich die Ver⸗ ſchiedenheit der Charaktere immer deutlicher ausſprach, Beide im Leben ſelbſt zu trennen, wiewohl die fruͤhere Anhaͤnglichkeit deshalb nicht verſchwand, allein ſich als ein bis zur Zeit der Noth aufgehobener Schatz nur tiefer im Herzen zuruͤckzog, ſo wie jeder fuͤr ſich ſeinen Lieblingsgeſchaͤften und Vergnuͤgungen nachging. Eugens durch viele Widerwartigkeiten tief⸗ gebeugte hinfaͤllige Eltern, deren Ausſich⸗ ten, die ihnen geraubten Rechte wieder gel⸗ tend machen zu duͤrfen, nur gering waren, ließen es ſich nur angelegen ſeyn, einen tuͤch⸗ tigen Landwirth aus ihm zu machen. Zwar verſaͤumten ſie nicht, ihm die gewoͤhnliche Bildung der adeligen Jugend beizubringen, allein ſeine ſchlichte, ſtille Thaͤtigkeit ließ ihn ſeine eigentliche Beſtimmung vorziehen, und dieſe wurde ihm, beſonders als er das zwan⸗ zigſte Jahr zuruͤckgelegt hatte, noch theurer, da wirklich Alles unter ſeiner Obhut ſonder⸗ bar gedieh, und er gar nicht unempfindlich fuͤr den Gedanken war, ſo wie ſeine Vaͤter fruͤher in ihrem Vaterlande unter die vor⸗ nehmſten Familien gehoͤrten, ſo ſich ſelbſt in dem neuen wenigſtens unter die reichſten zaͤh⸗ len zu koͤnnen. Das engliſche Sprichwort: love me little, but love me long, das, laut ausgeſprochen, den ſeurigen Charles, in deſ⸗ ſen Bruſt die Knospen heftiger Leidenſchaften ſich fruͤh mit ſuͤdlichem Ungeſtuͤm entfal t hatten, angewidert haben wuͤrde, druͤ te, 3 — 8— 8 ſtſtaͤndigkeit abging, keinen Begriff. ſen Stadt ſing man an, ſich in die Ohren zu fluͤſtern, daß der junge Charles Latour ſich im Ernſte mit der Tochter eines unbemittelten — A ———y. ihm ſelbſt unbewußt, Eugens wahre Gefuͤhle aus. Seine Empfindungen fuͤr Charles wa⸗ ren nicht aufflammend, aber dauerhaft, doch bei alledem warm genug, deſſen hoͤchſt verliebte Neigung zu jedem huͤbſchen Maͤd⸗ . chen und deſſen ſchnelle innige Verbindung mit jedem anziehenden Juͤnglinge als eine Untreue gegen ihre Freundſchaft anzuſehn; denn von fluͤchtiger, leicht aufbrauſender Lei⸗ denſchaftlichkeit hatte er, eben weil ihr Be⸗ Charles lachte ihn aus, und ließ ſich nicht ſoͤren. Indeſſen fuͤhrte das Geſchick ſie wieder einander naͤher. Nach mehreren kleinen taͤn⸗ delnden Verbindungen aber, welche die Fami⸗ lie ſich nicht einmal die Muͤhe gab zu bemer⸗ ken, ſchien endlich eine neue Neigung bei 3 ihm den Charakter dauernder Liebe angenom⸗ 3 men zu haben. In der eben nicht ſehr groſ⸗ — 9— 1 Beamten verlobt haͤtte. Es war lange da⸗ von die Rede geweſen, daß er ihr den Hof machte. Die Eltern waren unruhig daruͤber geworden, und, wie gewoͤhnlich, hatten ſie der Familie Kerkhuiſen ihre Beſorgniſſe mit⸗ getheilt. Eugen ſchuͤttelte den Kopf.»Wie es doch moͤglich iſt,« ſeufzte er,»daß er ſich ſo thoͤricht gegen Vernunft und Pflicht hin⸗ reißen laſſen konnte. Weiß er denn nicht ſchon aus Erfahrung, wie kurz der Stroh⸗ wiſch in ſeinem Herzen brennt!— Nein— wenn ich einſt heirathe, ſoll wenigſtens keine taͤuſchende Flamme, die auflodert und ver⸗ geht, mich dazu bewegen.— Dagegen werde ich wohl auf meiner Hut ſeyn.«— Allein Eugens Vertrauen zu des Freundes Vernunft, oder vielmehr zu der kurzen Dauer ſeiner Flamme beruhigte nicht die Eltern we⸗ gen einer Verbindung, die ſo ernſtliche Fol⸗ gen fuͤr ſeine Zukunft, oder vielmehr zukuͤnf⸗ tige Lage haben konnte.— Eugen ſey doch ſein beſter Freund! meinten ſie. Sollte je⸗ — 10— mand mit Erfolg auf ihn wirken koͤnnen, waͤre er es. Eugen verſprach mit dem Freunde zu re⸗ den und erſchrak— Er fand, daß das Ge⸗ ruͤcht nicht gelogen: Charles hatte ſich wirk⸗ lich verlobt. Nach ſeinen Begriffen war je⸗ des gegebene Wort heilig. Er ſpannte auch ſogleich andere Saiten auf. Mit dem Eifer warmer Freundſchaft und mit der kalten Be⸗ ſonnenheit ſeines Charakters trat er vermit⸗ telnd unter verſchiedenen Intereſſen auf; und ſo gelang es ſeinem treuen Streben, eine zwar fruͤhe, aber gluͤckverheißende Ehe, zur Zufriedenheit aller Theile, zu Stande zu bringen; ja, um jene zu beſchleunigen, nahm ſogar, auf ſeinen Vorſchlag, freilich mit Vor⸗ beigehen eines aͤlteren Sohns, Charles Vater dieſen zum Compagnon in ſeinem Handel, und da alle Hinderniſſe beſeitigt waren, legte der junge Ehemann trotz der heftigen, uͤber⸗ ſprudelnden Dankbarkeit, womit er Eugen in ſeine Arme ſchloß, ſo viel Ruhe und Beſon⸗ ———““—„ ———— — 11— nenheit an den Tag, ſprach mit ſo viel Eifer und Einſicht von kaufmaͤnniſchen Speculatio⸗ nen, an die er fruͤher kaum hatte denken moͤgen, daß die Eltern ſich ſelbſt zu der ge⸗ ſchloſſenen Verbindung Gluͤck wuͤnſchten.— Charles ſchien jeden wilden Ungeſtuͤm hinter ſich geworfen zu haben;— und in den zwei folgenden Jahren, in welchen er nie aufge⸗ hoͤrt hatte, ein treuer Gatte zu ſeyn, und ein taͤglich zaͤrtlicherer Vater geworden war, ſchienen ſich die bluͤhendſten Hoffnungen fuͤr die Zukunft zu begruͤnden.— Wie oft hatte er waͤhrend dieſer Zeit dem drei und zwanzig jaͤhrigen Eugen, der nur ein Jahr aͤlter, als er war, zugemuthet, ein aͤhnliches Gluͤck zu ſuchen! Mit welcher ſchwaͤrmeriſchen Bered⸗ ſamkeit hatte er geſtrebt, ihn ſeinen Anſichten, ſeinen Aaeiraandeeeu n zu machen; ihre Kinder wollten ſie dann fuͤr einander be⸗ ſtimmen, eine gegenſeitige Verzweigung ſollte ihre Freundſchaft befeſtigen, und die Ruhe ih⸗ res Alters begruͤnden. Ja in ſeinem Eifer △ 3 — 12— fuͤhrte er ſogar den Freund eines Abends, faſt gegen deſſen Willen, ins Theater, um eine junge Fremde dort zu ſehen, die ihrer großen Schoͤnheit wegen die allgemeine Aufmerkſam⸗ keit zu erregen anfing. Reich war ſie eben nicht; da ihr Geiſt aber der Schoͤnheit ent⸗ ſprach, ſey eine Verbindung mit ihr ein Ge⸗ genſtand, meinte Charles, der allerdings die Beruͤckſichtigung des Freundes verdiente.— Jedoch duͤrfte kein Saͤumen Statt finden, fuͤgte er hinzu, denn ſie waͤre von ſehr reichen und vornehmen Anbetern wie belagert. Mitt ooͤlligem Gleichmuthe, bloß um dem Freunde nicht zuwider zu ſeyn, allein mit, eben durch deſſen Zuverſicht, geſtaͤhltem Her⸗ zen, ließ ſich Eugen hinfuͤhren. Mit gluͤhen⸗ dem Triebe, als leiſte er einem Gefuͤhle Ge⸗ nuͤge, das er ſich i ge bekennen duͤrfe, wußte Charles es ſo einzurichten, daß beide in die Naͤhe des wirklich ſehr reizenden Maͤd⸗ chens gelangten, und daß Eugen ihr vorge⸗ ſtellt wurde, der auch, wiewohl weniger durch — 13— ſein maͤnnlich ſchoͤnes Aeußere, als durch die kalte Zuruͤckhaltung, die mit der aͤngſtlichen Befliſſenheit der uͤbrigen Umgebung um ihre Gunſt grell kontraſtirend, er an den Tag leg⸗ te, ihre Aufmerkſamkeit zu erregen ſchien. Ja trotz ſeines fortwaͤhrenden ſo ſichtbaren Mangels an Entzuͤcken und ſeines niederlaͤn⸗ diſchen Phlegma, wie er ſich ausdruͤckte, konn⸗ te der fuͤr den Freund oder vielleicht durch die wirkliche Anmuth des Maͤdchens begeiſterte Charles nicht umhin, ſelbſt Eugens Eltern fuͤr dieſe Verbindung zu gewinnen zu ſuchen, welches ihm auch in dem Grade gelang, daß nur Eugens ernſtlicher Zorn, der ſogar der verſchmaͤhten Schoͤnen zu Ohren gekommen ſeyn ſollte, dieſem voreiligen Treiben ein En⸗ de machen konnte. ſchien nun einmal ſeinen Stolz darein zu ſetzen, keiner Leiden⸗ ſchaft, nicht einmal einer Neigung, die einen ernſtlichen Charakter annehmen koͤnnte, Raum zu geben. Kurz nachher verließ ſie die Stadt, und heirathete in einer andern Gegend. Aber — 14— noch ehe dieſes geſchah, trat ein Ereigniß ein, das das Intereſſe beider Haͤuſer weit bedeu⸗ tender in Anſpruch nahm. Handelsverhaͤltniſſe machten dem Handels⸗ hauſe Latour die Gegenwart eines bewaͤhrten Mannes an einem Platze in Spanien ſehr nothwendig; eifrig in Geſchaͤften, wie nie fruͤher, nahm Charles keinen Augenblick An⸗ ſtand, die Reiſe dahin ſelbſt anzutreten, die auch wirklich, faſt eben ſo bald wie ſie be⸗ ſchloſſen war, ins Werk geſetzt wurde; wel⸗ ches ſich auch um ſo leichter machen ließ, als er nur ſehr kurze Zeit wegzubleiben dachte, und daher auch nicht viele Zubereitungen noͤ⸗ thig hatte. Deſſen ungeachtet waren ſeit ſeiner Abrei⸗ ſe Wochen, Monate vergangen, und er war noch nicht nucnoei. Es erregte um ſo mehr das Erſtaunen ſeiner Familie, als ſeine Geſchaͤfte ſchon laͤngſt und gluͤcklich beendet waren. Seine Briefe wurden aber immer ſeltner; und die an ſeine Frau athmeten all⸗ — 15— maͤhlig eine ſo tiefe Schwermuth, einen ſo verhaltenen Sturm des Gemuͤths, und eine ſo uͤbertriebene Zaͤrtlichkeit, die nicht die wah⸗ re des Herzens ſchien, daß ſie nicht allein die Gattin, ſondern die ganze Familie in Unruhe ſetzten. Unter dieſen Umſtaͤnden traf eines Tages der Mher Latour mit ſichtbarer Beklemmung des Herzens auf Kerkhuiſens Gute ein; der tiefe Kummer, der in allen ſeinen Zuͤgen les⸗ bar war, fuͤhrte indeſſen bald eine Erklaͤrung herbei. Er beſchwor naͤmlich die Familie, die ſo oft und uͤber Verdienſt ihm ihre Erkennt⸗ lichkeit wegen fruͤherer Dienſtleiſtung bezeugt hatte, ihn thaͤtlich mit dieſer zu begluͤcken, indem ſie geſtatte, daß der Sohn, der einzi⸗ ge, der etwas uͤber Charles vermochte, nach Spanien eilen duͤrfe, um dieſem Huͤlfe zu leiſten, in ſofern er deren beduͤrftig waͤre, und in die traurige Ungewißheit und Beſorgniß ſeiner Familie wenigſtens Klarheit zu brin⸗ gen. — 16— Eugen war augenblicklich bereit.— Er durfte um ſo mehr einen gluͤcklichen Erfolg, ſelbſt wenn der Freund ſich in ſchlimme Haͤn⸗ del verwickelt hatte, hoffen, als es eben um dieſe Zeit dem Vater gelungen war, durch veraͤnderte Verhaͤltniſſe in ſeinem Vaterlande aus dem vorigen Dunkel beſcheiden hervortre⸗ ten zu duͤrfen; und mit maͤchtigen eh⸗ lungen und Beweiſen ſeiner angeſehenen Her⸗ kunft verſehn, langte er in ſo kurzer Zeit, als es moͤglich iſt, den beſchwerlichen Weg zuruͤckzulegen, in Granada an. Der Freund war bald gefunden; aber Beide erſchraken unwillkuͤhrlich bei dem ge⸗ genſeitigen Anblick. Eine dumpfe Schwer⸗ muth ſprach aus Charles ſonſt ſo heiteren Zuͤgen; in ſeinen Augen brannte die ſchlecht verhehlte Glut einer maͤchtigen Leidenſchaft, die noch, bevor er die Lippen geoͤffnet, dem beſtuͤrzten Freunde Alles geſagt hatte. Char⸗ les fuhr bei Eugens Eintritte heftig zuſam⸗ men. 4 — 17— »Was willſt Du?« ſagte er auffahrend. „»Kommſt Du, um mir Rath, Troſt und Freundſchaft zu ſpenden, ſo biſt Du mir will⸗ kommner als je! Denkſt Du aber, mich fort von hier, mit Dir zu fuͤhren, ſo wird es Dir nicht gelingen. Hier habe ich erſt die Goͤttin 4 innerſten Weſens gefunden; wo ſie ihmet, iſt meine Heimath, mein Leben— jeder andere Ort iſt mir ein Grab!« Eugens beſonnener Ruhe gelang es in⸗ deſſen bald, dem Freund eine deutliche Aus⸗ einanderſetzung abzugewinnen. Kurz nach ſei⸗ ner Ankunft in Granada hatte Charles in ei⸗ ner Kirche ein junges, funfzehn bis ſechzehn⸗ jaͤhriges Maͤdchen erblickt, in welchem er das Ideal ſeiner vorher getaͤuſchten, lange ſchlum⸗ mernden, nun aber wieder emporlodernden Phantaſie ploͤtzlich erkannt hatte. In einem Augenblick war Alles, Vaterland, Eltern, Verhaͤltniſſe, Gattin und Kinder vergeſſen. Sie war ihm Gegenwart und Zukunft gewor⸗ den; eine Vergangenheit kannte er nicht mehr 2 4 — 18— — er athmete nur durch ſie, und in ihrer Seele.— Endlich war es ihm gelungen, ih⸗ re Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen; ihre Gluthblicke hatten ſich verſtanden. Sie gehoͤr⸗ ten einander an. Allein Blicke genuͤgten ih⸗ nen nicht; doch war jede andere Unterhaltung ihnen unterſagt, Donna Roſalba ve das muͤtterliche Haus, um die Meſſe e⸗ ſuchen, und in dieſer war eine alte muͤrriſche Duenna ihre ſtete Begleiterin. Sie war die einzige Tochter einer reichen Wittwe, und hatte zwei Bruͤder, die beide koͤnigliche Aem⸗ ter bekleideten. Wwoochen lang hatte ihre und Charles ein⸗ zige Unterhaltung nebſt der ihrer Blicke darin beſtanden, daß Roſalba Abends in ihrem Schlafzimmer, das ſie mit der Mutter theil⸗ te, waͤhrend dieſe mit Ausziehen oder Beten beſchaͤftigt war, unter dem Vorwand, die Jalouſien zuzumachen, weit aus dem Fen⸗ ſter hinabgebuͤckt, zuweilen ein Paar leiſe Worte mit ihm gewechſelt hatte, bis es ih⸗ X — 19— nen, durch einen Hausfreund der Mutter, endlich gelungen war, kurze, gefaͤhrliche, ſuͤſ⸗ ſe Zuſammenkuͤnfte zu genießen, bei welchen ihre Entſchloſſenheit und ſein Muth jedesmal auf die Probe geſtellt waren, wodurch aber der Genuß der fluͤchtigen Minuten einen noch hoͤ ergn Reiz gewann. Charles ruhte nicht, ehe er den Freund beredet hatte, noch denſel⸗ ben Tag, zu der gewoͤhnlichen Stunde, mit ihm die Meſſe zu beſuchen, um das Wunder⸗ kind zu ſehen. Eugen, der wohl empfand, daß er den Freund als einen ſchwer Kran⸗ ken betrachten, und ihn durch Nachſicht ge⸗ winnen muͤßte, fuͤgte ſich ſeinen Wuͤnſchen, aber noch weniger, als jene gefeierte Schoͤne in der Heimath, zog ihn das verwirklichte Ideal des Freundes an. Er ſah ein ſchmaͤch⸗ tiges, zartes Geſchoͤpf, deſſen bleiche, leidende, faſt unbedeutende Zuͤge von großen, ſchwarzen, brennenden Augen zwar feenhaft belebt waren, aber die ihn, der an die Verhaͤltniſſe des jun⸗ annes dachte, auf den ihr Anblick ei⸗ 2* 4 — 20— nen zerſtoͤrenden Einfluß ausgeuͤbt hatte, faſt hexenartig anſprachen. Er ſchauderte, wenn er in dieſe jetzt gegen den Himmel gerichtete Gluth hineinſah, die, unbewußt, mit ihren Strahlen das Heil einer ganzen Familie, die Ruhe einer zarten Mutter, betagten Eltern die Zukunft unſchuldiger Kinder zernichtet hat⸗ te.— 1 Mit der ganzen Fuͤlle ſeiner Beredſamkeit, die, obgleich beſonnen, nicht ohne Waͤrme war und mit dem unwiderſtehlichen Gewich⸗ te der geſunden Vernunft ſchneidend in das Herz des Zuhoͤrers drang, ſtellte er dem Freunde alle die traurigen Folgen ſeiner un⸗ gluͤcklichen Leidenſchaft vor. Dieſer weinte, geſtand ſein Unrecht ein, fluchte auf ſich ſelbſt, aber mehr erreichte Eugen nicht; wenn die Leidenſchaft der Vernunft nachgiebt, iſt ſie nicht Leidenſchaft mehr, und die ſeine war in der vollſten Kraft. Engen hatte nicht blos ſeine ganze Vernunft, ſondern nch ſeine Freundſchaft vonnoͤthen, um nicht, iir — 21— nes Phlegma's, in Zorn zu gerathen, als er inne ward, daß er, der Erweichung des Freundes ungeachtet, doch in den Wind ge⸗ ſprochen hatte. Mitten in ſeinem Unmuthe konnte er nicht umhin, dem Himmel zu dan⸗ ken, daß er nicht wie dieſer ſey, und daß Gott ihn vor der Gewalt einer ſo unſinnigen und ſuͤndlichen Leidenſchaft, wie der Liebe— ſo wie ſie jetzt ſeinen Augen ſich darſtellte, be⸗ huͤtet habe; auch konnte er in dem uͤbermuͤ⸗ thigen Selbſtvertrauen ſeines kuͤhleren Blutes nicht begreifen, wie der mit hoͤheren Geiſtes⸗ gaben vor allen andern Geſchoͤpfen geſchmuͤck⸗ te Menſch ſich dieſer ſo unwuͤrdig bezeigen koͤnnte. Darum mochte er auch nicht ganz an dem Freunde verzweifeln; hatte er doch ſo viel erreicht, daß dieſer den Abgrund erkann⸗ te, in den ſein ſinnloſes Benehmen nicht blos ihn und die Seinigen, ſondern die An⸗ gebetete ſelbſt, die noch keine Ahnung davon hatte, daß der Geliebte verheirathet ſey, ſtuͤr⸗ zen muͤßte. Er nahm ihm das heilige Ver⸗ — 22— ſprechen ab, daß er ihr bei der naͤchſten Zu⸗ ſammenkunft ſeine wahren Verhaͤltniſſe beken⸗ nen, und dann ihrer Liebe und Vernunft es uͤberlaſſen wollte, uͤber die Zukunft zu ent⸗ ſcheiden. Eugen baute zwar nicht auf die Klugheit und Beſonnenheit eines unerfahre⸗ nen Kindes, ſondern auf die Gewalt der Tu⸗ gend, die Furcht eines unſchuldigen Herzens vor Schande und Laſter. In unruhiger Spannung harrte er des Erfolgs dieſer Zuſammenkunft; Charles traf nicht zu der beſtimmten Stunde ein, und als er nun endlich langſam zuruͤckkehrte, ſtarrte er den Harrenden bleich, entſtellt, ohne ſo⸗ gleich Worte finden zu koͤnnen, an, und ſank endlich in einen Seſſel, mit dem tonlo⸗ ſen Ausrufe:»Alles iſt aus!« 4 Eugen, ohne ſein Entſetzen zu begreifen, ſelbſt erbleicht, ja ſogar ins geheim wuͤn⸗ ſchend, daß eine Entdeckung Statt gefunden habe, deren Gefahr er vielleicht nur mit der des eigenen Lebens den Freund entziehen koͤnn⸗ — 23— te, und es gern thaͤte, flehte, ihm nichts zu verhehlen. »Alles, Alles ſage ich Dir,« wiederholte Charles.»So wiſſe denn— ach! ich habe keine Ahnung davon gehabt— ſie fuͤhlt ſich Mutter!« »Abſcheulich!« rief Eugen, außer ſich. »Das arme unſchuldige Maͤdchen!— denn, bei Gott! Charles, das iſt ſie— ſo ſehr koͤnnen ihre Zuͤge nicht luͤgen, und Du biſt ihr Verfuͤhrer, ein elender—« er hielt in— ne.: 3 „»Sprich es nur aus, das Wort, das ver⸗ aͤchtlichſte, das die Sprache hat,« rief Char⸗ les vernichtet; vich habe es wohl verdient.— Mag ich auch den ſchmerzlichſten Tod lei⸗ den, ich werde mich drein fuͤgen, wenn ich nur dadurch ſie erretten kann.— Stelle Dir vor: wenn die bigotte Mutter, die ſtolzen Bruͤder es bald entdecken, wie werden ſie⸗ das arme Maͤdchen mißhandeln, die, wenn ſie es uͤberlebt, den Reſt ihres elenden Le⸗ — 4— bens in dunkeln Kloſtermauern hinſeufzen muß. X. »„ Haſt Du,« rief Eugen ſchaudernd, vihr die Wahrheit enthuͤllt? Weiß ſie, daß ihr Verfuͤhrer— 2 »Sie weiß noch nichts,« unkerbrach ihn Charles.»Konnte ich ihr das Entſetzliche, das ihr armes Herz vollends brechen wuͤrde, in dem Augenblicke mittheilen, da ſie in einer Todesangſt, die eine Ahnung ihrer ganzen fuͤrchterlichen Zukunft ausſprach, um Rettung flehend mir zu den Fuͤßen ſank? O, Eugen! biſt Du je mein Freund geweſen, ſo rette mich vor mir ſelbſta »dDir ſelbſt, und immer Dich ſelbſt,« verſetzte Eugen mit Bitterkeit; dan ſie, das arme Geſchoͤpf, denke! denn ich kenne dieſe ſtolze Nation, der die aͤußere Ehre uͤber Alles gilt— ihr Elend, vielleicht ihr Tod iſt nur zu gewiß. „3ch kann nicht mehr denken! ſagte Charles tonlos. Eugen ging ſinnend und 1— 25— ſchweigend mit großen Schritten auf und nie⸗ der, endlich trat er dicht vor Charles hin. „Hoͤre!« ſagte er, yes gilt, ihr das Leben, eine freie Zukunft zu retten, mag auch die Ehre unwiederbringlich verloren ſeyn. Ich will es Dir nicht verhehlen, Charles! ich ha⸗ be ſchon alle Anſtalten getroffen, Dich, ſelbſt gegen Deinen Willen, mit Gewalt von hier weg zu fuͤhren, ſollte ich Dir auch eine kurze Zeit haſſenswerth erſcheinen! Ich bin es Deiner Familie, Dir ſelbſt und unſrer Freundſchaft ſchuldig! Nun aber muͤſſen wir Beide ſie entfuͤhren; ich ſehe keine andere Rettung.— Haſt Du Gelegenheit gefunden, heimlich mit ihr zuſammen zu kommen, kann es wohl auch nicht unmoͤglich ſeyn, ſie zu einem war⸗ tenden Wagen zu bringen.— Fuͤr die Sicher⸗ heit der Reiſe ſelbſt will ich Sorge tragen— Was weiter aus der Armen werden ſoll, da⸗ fuͤr mag die Zukunft und Gott ſorgen— Es liegt uns ob, fuͤr die Gegenwart thaͤtig zu ſeyn!« 8 — 26— Charles fiel ihm entzuͤckt um den Hals. Sein vorhergehender Kleinmuth war ver⸗ ſchwunden. Seine Lebensgeiſter kehrten zu⸗ ruͤck, die Wangen faͤrbten ſich wieder und er legte eine kuͤhle Entſchloſſenheit an den Tag, die Eugen in Erſtaunen geſetzt haben wuͤrde, waͤre er nicht ſolche ſchnell wechſelnde leiden⸗ ſchaftliche Gemuͤthsbewegungen an dem Freun⸗ de gewohnt geweſen. Die Freunde kamen mit ihrem Entwurfe bald ins Reine. Um die Flucht des Maͤdchens aus dem muͤtterlichen Hauſe zu ſichern, dachte Charles, ſich eines gewiſſen Mendez, einer Art Abentheurers, zu bedienen, der, wie er erzaͤhlte, hier in Gra⸗ nada ihm in den Wurf gekommen war, eines noch jungen Mannes, freilich aͤlter, als ſie Beide, doch von ſehr uneigennuͤtziger und gut⸗ muͤthiger Natur. Obgleich fremd— Charles hatte noch nicht ausfinden koͤnnen, ob er Spanier oder Franzoſe ſey, denn er redete beide Sprachen mit gleicher Fertigkeit— war er doch ſehr in der Stadt bekannt, wo er ſich — 27— ſchon ſeit laͤngerer Zeit aufhielt, hatte ge⸗ wußt, ſich in mehreren Haͤuſern, ſo auch in dem der Donna Ineſilla, Roſalba's Mutter, Zutritt zu verſchaffen; er ſtellte und zog ihre Uhren auf, ein in ihren Augen ſehr wichti⸗ ges Amt, das er zu ihrer großen Zufrieden⸗ heit beſorgte; denn er wußte ſich uͤberall durch allerlei kleine Kunſtfertigkeiten beliebt und nothwendig zu machen; von dem aͤlteſten Sohn dieſer Dame, mit dem er chemiſche Verſuche gemeinſchaftlich unternahm, hatte er ſich bei ihr einfuͤhren laſſen. Letzteres war auf Charles Zumuthung geſchehen, der Ver⸗ trauen zu ihm gefaßt und bis zu Eugens Ankunft ihm dieſes ausſchließlich geſchenkt, ja ihm ſogar das Geheimniß ſeiner Ehe mitge⸗ theilt hatte. Er zweifelte nicht, daß die Flucht durch die Beihuͤlfe dieſes Mannes gluͤcklich von Statten gehen wuͤrde. Mendez taͤuſchte ſeine Erwartung nicht; doch machte er zur Bedingung, daß Roſalba von ſeiner Mitwirkung zu der Flucht nichts — 28— ahnen duͤrfte, damit er keiner Unvorſichtigkeit Preis gegeben wuͤrde, und bewirkte darauf eine entſcheidende Zuſammenkunft zwiſchen Beiden. Allein erſt dann gelang es Charles, ſie zur Flucht zu bereden, als ihre ſuͤdlich heftige Aufforderung an ihn, durch die Bitte um ihre Hand jeder Gefahr vorzubeugen, ihm das Geſtaͤndniß der Wahrheit abnoͤthigte, und ſie nur Mißhandlung, Schande, ja Tod vor Augen ſah. In einer dumpfen, faſt willen⸗ loſen Verzweiflung gab ſie nach, ohne doch ganz die Kraft zu verlieren, durch aͤußere Verſtellung die innere Zernichtung zu verber⸗ gen. Die Flucht durfte nicht aufgeſchoben wer⸗ den; die beſtimmte Stunde war bald da; die noͤthigen Paͤſſe beſorgt, der Reiſewagen war⸗ tete; Alles ging gluͤcklich von Statten, und pfeilſchnell entfernten ſtarke und tuͤchtige Maul⸗ eſel die drei Verbuͤndeten von Granada's Mauern. — 29— Mehrere Meilen wurden gluͤcklich zuruͤck⸗ gelegt; aber gegen Abend, auf dem Pflaſter einer kleinen Stadt, brach ploͤtzlich eine Achſe des Wagens. Dieſer Zufall kam um ſo un⸗ erwarteter, als Eugen, der, wie immer be⸗ ſonnen, nicht die kleinſte Vorſichtsmaßregel vergeſſen, und vor der Abreiſe ſelbſt den Wa⸗ gen auf das Genaueſte nachgeſehen hatte. Schrecken bemaͤchtigte ſich Aller, ſelbſt Eu⸗ gens, doch faßte er ſich bald. Er hatte Alles ſo eingerichtet, daß Roſalba's Familie, auch in dem Falle, daß die Flucht fruͤher, als be⸗ rechnet war, entdeckt wurde, glauben muͤſſe, daß ſie einen ganz andern Weg, naͤmlich den nach der Seekuͤſte, genommen haͤtten, weil ſie nur auf dieſem hoffen koͤnnten, das Reich in kurzer Zeit zu verlaſſen. Auf die Paͤſſe und die eigene Unverdaͤchtigkeit vertrauend, um ſo mehr, da ſelbſt Charles weder von Perſon noch von Namen den Angehoͤrigen des Maͤd⸗ chens bekannt war, hatte Eugen dagegen den weit laͤngeren Weg uͤber die Pyrenaͤen ge⸗ — 30— waͤhlt; doch nie die Vorſicht verſchmaͤhend, bot er doppelte Bezahlung, um den Schaden ſo bald als moͤglich ausgebeſſert zu ſehen. Man verſprach es, und feierte auch bei der Arbeit nicht; allein, ſo wie die drei Reiſenden— Roſalba war in Mannskleidern— von der Abendmahlzeit ſich erheben wollten, ſchlug ein verworrenes Geraͤuſch von Pferdehufen, Maͤn⸗ nerſtimmen und Waffengeklirr an ihre Ohren. Sie ſprangen erſchrocken auf. In demſelben Augenblicke trat ein Alguazil mit Wache in das Zimmer, und ſie ſchloſſen alle drei in ei⸗ nem weiten Zirkel ein. Roſalba ſank ohn⸗ maͤchtig in Charles Arme, und noch bevor er ſich dieſer theuren Laſt entledigen konnte, hat⸗ te man ſich bereits ſeiner Waffen bemaͤchtigt. An Widerſtand war nicht zu denken. Eu⸗ gen, der dies gleich einſah, nahm, ſtatt nach ſeinen, auf einen Seitentiſch hingelegten, Pi⸗ ſtolen zu greifen, die darauf ſtehende kleine Reiſechatouille ſchnell unter den Arm, und da die Alguazils, durch ſein beſonnenes und ge⸗ —— — 31— rades Benehmen irre gemacht, nicht recht wußten, in wie fern er mit den Fluͤchtlingen in Verbindung ſtand, indem er ſeinen hoͤchſt unverdaͤchtigen Paß vorzeigte, und ſich willig erklaͤrte, ruhig mit zuruͤckkehren zu wollen, ſo gingen dieſe auf ſeinen Vorſchlag ein, jeden in einem beſondern Zimmer bewachen zu laſ⸗ ſen, und nach einigen Stunden Ruhe, welche die arme Roſalba ſehr vonnoͤthen hatte, erſt in der Morgendaͤmmerung die Ruͤckreiſe nach Granada anzutreten. So geſchah es auch, nur mit dem Unterſchiede, daß die beiden jungen Leute, die als die eigentlichen Fluͤcht⸗ linge erkannt wurden, eine Wache im Zim⸗ mer behalten mußten, waͤhrend man ſich be⸗ gnuͤgte, eine vor Eugens Thuͤr zu ſtellen; auch gelang es ihm, ſeine Chatouille ungeſtoͤrt dorthin in Sicherheit zu bringen, der er ei⸗ nen Platz auf dem Tiſche neben dem Bette einraͤumte. Man wird ſich leicht vorſtellen, daß die Gemuͤthsunruhe keinem von allen drei erlaub⸗ — 32— te, die Augen zu ſchließen; allein auch hier bewaͤhrte ſich Eugens kuͤhleres Blut. Obgleich in einer Lage, die nicht blos wegen der eige⸗ nen Sicherheit, ſondern beſonders ſeiner Ge⸗ faͤhrten wegen, hoͤchſt bedenklich war, ſiel er doch nach Mitternacht in einen leichten Schlummer, der wohl nicht lange gedauert haben mochte, als er von einem leichten Ge⸗ raͤuſch, als ſtieße jemand an den Tiſch, er⸗ weckt wurde. Er ſchlug die Augen auf; die Nachtlampe war ausgebrannt oder ausgeloͤſcht und in der erſten Daͤmmerung des Morgens, da nur eine ſchwache Helle die Dunkelheit nicht durchdrang, ſondern ſich mit ihr ver⸗ miſchte, glaubte er eine menſchliche Geſtalt, die ſich dem Bette naͤherte, zu bemerken. „»Wer da« rief er, indem er ſich in die Hoͤ⸗ he richtete. »Still, Seſtor!« erwiederte ruhig eine leiſe und tiefe Stimme; vich runtgie an dem Tiſche, um Euch zu wecken. Eure Wache ſchlaͤft; auf die Gefahr hin, daß ſie aufwa⸗ ——:—— 9292 — 33— chen, habe ich es gewagt, zu Euch zu drin⸗ gen, um Euch Allen einen Dienſt zu leiſten; zu dem Freunde kann ich nicht gelangen; es iſt auch nicht noͤthig; er hat Euch wohl den Namen Mendez genannt.& Er hielt einen Augenblick inne.»Wei⸗ ter!« ſagte Eugen beſonnen. »Ich war in Donna Ineſilla's Hauſe, als die ungluͤckliche Entdeckung viel zu fruͤh geſchah, und zwar— ich fuͤrchte, ihr habt Verraͤther unter Euren Leuten— genug, als mir nichts fuͤr Euch zu thun uͤbrig blieb, er⸗ bot ich mich, die Alguazils zu begleiten. Ich haͤtte vielleicht die Gefahr von Euch ablenken koͤnnen, aber Roſalba's Ohnmacht verdarb mein Spiel. Noch ſtehe ich, in ſofern Ihr ſchweigt, bis aufs Aeußerſte zu Euren Dien⸗ ſten.— Habt Ihr Papiere, die Euch gefaͤhr⸗ lich werden koͤnnen, oder Geld, Koſtbarkei⸗ ten? Vertraut ſie mir an— kommt erſt ſol⸗ ches in die Haͤnde des Gerichts, ſeht Ihr es nicht wieder.« — 34— Die erſte Bewegung in Eugens redlicher Bruſt war, ihm zu vertrauen; doch noch be⸗ vor er dieſem Gefuͤhle folgen konnte, trat die Geſtalt an den Tiſch.»Nicht wahr?« fluͤ⸗ ſterte ſie,»hier ſteht Euer Reiſekaͤſtchen— ich will es zu mir nehmen, um—& er war nicht weiter in der Rede gekommen, obgleich ſeine Hand den Schrein ſchon beruͤhrte, als er vor Eugens laut ausgeſprochenem:»Halt!« zuruͤckfuhr. Dieſer hatte den Handgriff be⸗ merkt, und der ungeduldige Eifer rief auf ein⸗ mal Verdacht und Ueberzeugung in ſeine Seele.»Nicht von der Stelle,« verſetzte er; Dich durchſchaue Euch!« „»Um Gottes Willen! ſtill!« fuhr die Ge⸗ ſtalt ruhig fort, indem ſie aufs neue dem Bette nahte.»Laßt mich Euch ein Paar Worte zufluͤſtern, die werden Euch uͤberzeu⸗ gen.— In dieſem Angenblicke faßte Eugen, der die Sehkraft angeſtrengt hatte, um in der Dunkelheit ſeinen Bewegungen folgen zu koͤn⸗ — 35— nen, ihn mit der Linken um das Handgelenk, und entriß ihm mit der Rechten einen Dolch. „Zur Hoͤlle!« rief er und ſtieß kraͤftig nach ihm hin. Es war ihm, als muͤßte er ge⸗ troffen haben, doch wußte er nicht, wo? Er hoͤrte nur die Worte dumpf gemurnelt:»Ihr ſollt es buͤßen!« Da erſcholl Geraͤuſch vor der Thuͤr; dieſe wurde geoͤffnet; laute Stimmen ließen ſich im Vorzimmer vernehmen; man trat eilig mit Licht herein. Eugen war allein im Zimmer; die Wache vor der Thuͤr, die zuerſt Laͤrm ge⸗ macht, hatte Niemand herauskommen geſehn; vor dem Bette auf dem Boden war aber Blut, und Eugen hielt noch in der Hand den Dolch. Die Alguazils traten gleich nachher ein; ſie benahmen ſich jetzt weit herriſcher, als fruͤher, und bemaͤchtigten ſich ſogleich der Chatouille, doch erſt nachdem der ihnen noch immer imponirende Eugen ſelbige verſiegelt und ſein Petſchaft darauf gedruͤckt hatte.— Underzuͤglich wurde nun die Ruͤckkehr nach . 3 † ——— — 36— Granada angetreten, wo alles zu ihrem Em⸗ pfange ſchon bereit war. Hier ſchien man b'ſſer, als die Algnazils, von Eugens Mit⸗ wirkung unterrichtet zu ſeyn. Er und Char⸗ les wurden in ein Gefaͤngniß gefuͤhrt, und Roſalba, ohne in das muͤtterliche Haus auf⸗ genommen zu werden, ſogleich in ein Kloſter gebracht. Die Entfuͤhrung ließ ſich nicht leugnen. Es war damals nicht Gebrauch in Spanien, uͤberfuͤhrten Verbrechern einen Vertheidiger zu geben; beide Gefangene waren von jeder Ver⸗ bindung außer dem Kerker ſtreng abgeſchnit⸗ ten. Sie waren nicht verhoͤrt worden, und es wurde auch keine Anſtalt dazu getroffen. Die That ſprach, und es ſchien, als wuͤrde jede weitere Unterſuchung fuͤr Formalitaͤten angeſehn, die leicht beſeitigt werden konnten; indeſſen ſchwebte die Sache noch immer vor dem Gerichte. Die Freunde verleugneten auch hier ihren Charakter nicht. Eugen ſprach wenig; trotz ſeines aͤußern Gleichmuths ſchweb⸗ 5 —nn — 37— ten doch ſichtbar ſehr traurige Vorſtellungen vor ſeiner Seele. Bei Charles wechſelte eine hervorgezwungene Heiterkeit mit verzweiflungs⸗ vollem Kleinmuthe; dennoch ſchien mehr, als das ſeine, das Schickſal des Freundes, das er mit dem ſeinen verwebt hatte, ihm zu zu Herzen zu gehen. 3 Zum Glauͤcke kannten die Haͤuſer, an wel⸗ che Beide, beſonders Eugen, addreſſirt waren, 3 ihre Verhaͤltniſſe in ihrem Vaterlande zu genau, als daß ſie nicht, inſofern es in ihrer Ge⸗ malt ſtand, ſich ihrer haͤtten annehmen ſollen. Ihr Geld oͤffnete dem erſten Advokaten der Stadt das Gefaͤngniß. Er gewann bald das Vertrauen beider Gefangenen, obgleich er ſich wunderte, daß ſie noch uͤber das, was ihnen bevorſtand, in Ungewißheit ſeyn konnten; die Geſetze ſprachen den Tod, oder die Ehe aus, inſofern die Familie der Entfuͤhrten es geneh⸗ mige. Er hoffte, durch ſeinen Beiſtand und ihr Geld das letztere Alternativ herbeifuͤhren— zu koͤnnen, obgleich es bis jetzt nicht einmal 1 — — 38— in Anſchlag gebracht worden war oder es ſeyn koͤnnte. Denn Roſalba's Bruͤder ſchaͤumten noch immer vor Wuth uͤber die Beſchimpfung, die ein Paar Fremde uͤber ihre Familie ver⸗ haͤngt haͤtten, und wuͤrden, ihren Aeußerun⸗ gen nach, die Schweſter lieber einer harten Buße weihen, als durch ihre Hand einen elenden Kaufmann, der ſie ſo tief beleidigt hatte, vom Tode erretten. Der Advokat erſuchte ſie daher, ihm kei⸗ nen Umſtand zu verhehlen. Wie ſehr aber ſanken ſeine Hoffnungen und ſein Muth, als die Unmoͤglichkeit dieſer Ehe von Charles Sei⸗ te ihm offenbar wurde, ein Umſtand, der nach ſeiner Anſicht auch Eugens Vergehen, als Gehuͤlfe in dieſer Sache, bis zur Ret⸗ tungsloſigkeit erſchweren muͤſſe; eine Flucht aus dem Gefaͤngniſſe war umnoͤglich. Indeſ⸗ ſen ließ er ſich alle Verhaͤltniſſe der Freunde noch ferner recht deutlich auseinanderſetzen, und verſank darauf in ein duͤſteres und lan⸗ ges Sinnen. Allmaͤhlig aber erheiterten ſich — — .— 39— ſeine Zuͤge, und nachdem er Beide mit pruͤ⸗ fenden Blicken betrachtet hatte, ſprang er bei⸗ nahe freudig in die Hoͤhe. »Ich kann Euch retten,« begann er, voder vielmehr es ſteht in Eurer eigenen Gewalt. Hoͤrt mich an. Es iſt zwar erwieſen, daß Roſalba entfuͤhrt worden, aber nicht ausge⸗ macht, wer der Entfuͤhrer iſt, denn kein Verhoͤr hat Statt gefunden. Die Duenna wird freilich das Wenige, was ſie weiß, ver⸗ rathen haben, doch iſt ihr kein Namen zu Ohren gekommen, und ihre Augen ungewiß zu machen, werde ich uͤber mich nehmen. Geſetzt auch, daß Namen und Stand des Geliebten den Lippen des armen Maͤdchens entſchluͤpft ſind, ſo kann ſie ja ſelbſt in dieſer Ruͤckſicht getaͤuſcht worden ſeyn. Ich habe Ver⸗ bindungen in dem Kloſter, in welches ſie ein⸗ geſperrt iſt, und ich werde ſie leicht von dem benachrichtigen koͤnnen, was ſie zu thun habe. Das Wichtigſte liegt an Euch. Wenn Ihr Euer Leben retten, Euren Familien Kummer — 40— erſparen wollt, muͤßt ihr die Rollen vertau⸗ ſchen. Ihr, mein Herr, muͤßt Euch als den Entfuͤhrer darſtellen. Latour darf nur Roſal⸗ ba begleitet haben, um ihre Flucht zu ſichern. Ihr, Seüor, ſeyd unverheirathet, Ihr duͤrft dem armen Maͤdchen die Hand reichen.— Eurem Namen und Stande wird man ſie nicht abſchlagen.— Freundſchaft, Mitleid, der drohende Tod, dem Ihr Beide nur ſo entfliehen koͤnnt, werden Euch helfen, ein im Grunde laͤcherliches Vorurtheil zu beſiegen. Und Ihr, Latour, muͤßt noch obendrein Gott danken, daß es ein Mittel giebt, wodurch alle drei aus den weltlichen Haͤnden des Ge⸗ richts und der geiſtlichen Buße der Inquiſi⸗ tion gerettet werden koͤnnen. Ich nehme es auf mich, die Entfuͤhrte zur Vernunft zu bringen. Es wird ihr doch leichter fallen, einen Ungeliebten zu heirathen, der ſich aber fuͤr ſie und den Geliebten aufgeopfert hat, als Beide dem Tode und ſich einer lebenslaͤngli⸗ chen Buße zu uͤbergeben.⸗ — 41— Dieſer Rettungsſtrahl, der in die dunkle Nacht der Hoffnungsloſigkeit ſo ploͤtzlich her⸗ einbrach, beſtimmte die Freunde, ohne viele Bedenklichkeiten das einzige Mittel, das ih⸗ nen uͤbrig blieb, zu ergreifen. Es ſchien ſogar, als braͤchte Eugen das leichteſte Opfer; denn wiewohl das Vorgefuͤhl eines gewiſſen Todes die Taͤuſchungen der Leidenſchaft in Charles Gemuͤth allmaͤhlig zerſtreut hatte, kehrten doch dieſe mit der neuen Hoffnung von Leben zwar nicht emporlodernd, allein um ſo ver⸗ zehrender zuruͤck, und das freudige Gefuͤhl in ſeiner Bruſt galt weniger der eigenen, als der Rettung der Geliebten und des großmuͤ⸗ thigen Freundes, der ihm, ſo zu ſagen, ſeine ganze Zukunft zum Opfer brachte. Roſalba wurde unterrichtet, und fuͤgte ſich ſo triftigen Gruͤnden. Die Sache nahm nun mit jedem Tag nicht allein einen legaleren Gang, ſondern auch eine immer gluͤcklichere Wendung; Eu⸗ gens altadeliches Geſchlecht verſoͤhnte bald — 42—„ Roſalba's Familie, die großtnuͤthig genug war, ihre anſehnliche Ausſteuer nicht zu ver⸗ mindern. Aeußere Formalitaͤten hielten nur noch die Freunde in der Verhaftung, welche ſie dem Buchſtaben des Geſetzes zu Folge nur verlaſſen durften, um vor den Traualtar der eine als Braͤutigam, der andere als Zeuge zu treten. Das Gefaͤngniß hatte indeß ein freundliches Anſehen gewonnen, und die Cha⸗ tonille, welche die uͤberfuͤhrenden Beweiſe ſei⸗ nes Standes auch enthielt, und von dem Ge⸗ richte, in Gegenwart des Advokaten, geoͤffnet worden war, wurde Eugen mit deſſen Siegel verſehen ausgeliefert. Da trat eines Tages der Gefangenwaͤrter geheimnißvoll in ihr Zimmer, und lud Char⸗ les ein, ihm in ſeine Wohnſtube zu folgen. Ein unbekannter, wohlgekleideter Mann, der etwas ſehr Dringendes ihm mitzutheilen ha⸗ be, wauͤnſchte ihn unter vier Augen zu ſpre⸗ chen, und hatte zu dieſem Behufe die Stube des Gefangenwaͤrters gewaͤhlt. Verwundert, — — 43— doch ahnungslos, begab Charles ſich da⸗ hin. er Er blieb lange aus, ſo lange, daß Eugen unruhig zu werden begann. Endlich trat er blaß, verſtoͤrt, an allen Gliedern zitternd, wieder herein. »Was iſt Dir?« fragte Eugen erſchrok⸗ ken. »Wuth! Wuth! ohnmaͤchtige Wuth!« 1 ſtammelte Charles, ſich in einen Seſſel wer⸗ fend.»Jetzt zweifle ich nicht mehr, daß Mendez uns verrathen hat— warum haſt Du ihn nicht beſſer getroffen— denn wer deſſen faͤhig iſt—« »Weſſen 24¼ Endlich erholte Charles ſich ſo weit, daß er, trotz ſeiner Erbitterung, die ihm die Sprache benahm, dem Freunde berichten konn⸗ te, daß es Mendez geweſen, der ihn hatte rufen laſſen. Er leugnete nicht, daß er die⸗ ſem den Zorn und die Verachtung, welche der Verdacht, daß er es geweſen ſey, der den — 4— Dolch gegen den Freund gehoben, in ihm er⸗ regt, bei ſeinem Anblicke nicht hatte verbergen koͤnnen. Mendez hatte ihn austoben laſſen. „Ho hol« nahm er endlich das Wort, meint Ihr vielleicht, daß ich ruhig haͤtte zuſehn ſol⸗ len, daß Ihr fortzoͤget und wieder eingefan⸗ gen wuͤrdet, ohne weitere Bezahlung fuͤr mei⸗ ne vielen muͤhſamen und gefaͤhrlichen Dienſte, als Eure elende Freundſchaft? Ich waͤre bis in die Ewigkeit der Eurige geblieben, treu mit Leib und Seele, wenn nicht Euer Be⸗ gleiter durch einen Stoß, der mein Blut aus den Adern hervorzwang, den Freund in ſei⸗ nen und Euren Feind verwandelt haͤtte. Da⸗ her komme ich jetzt als Feind. Ihn treffe ich wohl mit der Zeit; diesmal habe ich mit Euch zu thun. Wie denkt Ihr wohl den Feind zu entwaffnen, damit er nicht hingehe, und mit Eurer eigenen Handſchrift beweiſe, daß Ihr, der Ehebrecher, auch der Entfuͤhrer, und Euer Freund der Comoͤdien⸗Liebhaber iſt, der ein ſchnoͤdes Spiel mit Religion und Geſetzen 1 m — 45— treibt? Ihr werdet ſelbſt wiſſen, daß ich ſol⸗ chen Worten Gewicht geben kann!« Charles empfand nur zu gut, daß er in blinder Leidenſchaft ſich ſelbſt in die Hauͤnde des Gegners gegeben, und konnte auch nicht zweifeln, daß dieſer faͤhig ſey, die Drohung zu erfuͤllen. Seine Beſtuͤrzung, welche in ſei⸗ nen Gedanken die Gefahr vergroͤßerte, ſo gut er konnte verbergend, ließ er ſich ſogleich mit ihm in einen Handel ein. Mendez forderte eine ungeheure Summe, die weit das Kapital uͤberſtieg, woruͤber Charles, ohne ſeine Fami⸗ lie zu Grunde zu richten, ſchalten durfte; nach einem langen Kampfe zwiſchen Noth und Unruhe auf der einen Seite, und Ueber⸗ muth und Habſucht auf der andern, ſah Charles ſich gezwungen, ihm das Verlangte, zahlbar entweder in kleineren Summen zu verſchiedenen Terminen, oder auf einmal am Schluſſe eines beſtimmten Zeitraums, zu ver⸗ ſchreiben, und bis dahin legale Zinſen von dem Kapital zu bezahlen, indem der Kreditor — 46— ſich vorbehielt, den Ort, und den Mann, an welchen die Bezahlung geleiſtet werden ſollte, naͤher zu beſtimmen; noch mußte Charles die Bedingung hinzufuͤgen, daß, wenn die Zin⸗ ſen nicht zu rechter Zeit erfolgten, das ganze Kapital ſogleich als verfallen zu betrachten ſey. Kaum waren ſie einig, als ein nebenan war⸗ tender Notar zugelaſſen wurde, der ſogleich das Inſtrument niederſchrieb, welches Charles ſiegeln und unterſchreiben mußte. Sobald dies geſchehen war, uͤberreichte ihm Mendez die gefaͤhrlichen Papiere; und waͤhrend Char⸗ les dieſe fluͤchtig und mit verhaltener Wuth durchſah, verſchwand er mit dem Notar. Auch hier verließ Eugens Ruhe ihn nicht, er ſchuͤttelte nur zu dem Unabaͤnderlichen den Kopf, ſeufzte und ſchwieg. Von Mendez er⸗ fuhren ſie ſpaͤter nichts weiter, als daß er poͤtzlich Granada verlaſſen hatte. Inzwiſchen wurde mit immer weniger Strenge auf die Formen gehalten; es wurde ſogar Eugen geſtattet, insgeheim das Gefaͤng⸗ —— — 4— niß verlaſſen zu duͤrfen, welches ihm auch willkommen war, um die Ruͤckreiſe ſchnell und in der Stille vorbereiten zu koͤnnen.— Charles blieb gern als eine Art von Geiſel zuruͤck.— Das Herz liebte noch ſeine Wun⸗ de, um ſich mit kraͤnklicher Freude in ſeinen Gram zu verſenken. Wenige Tage hernach ging die Trauung vor ſich; den Tag vorher hatten Roſalba's Bruͤder die Gefangenen beſucht. Ein praͤchti⸗ ges Hochzeitmahl wurde nach der Sitte des Landes gegeben; die laute Freude der Gaͤſte hallte ſchmerzlich in dem beklommenen Buſen des Brautpaars nach. Zum Gluͤck hatte ſchon die Trauung alle Bedenklichkeiten geho⸗ ben; ſonſt wuͤrde Eugens dumpfer Ernſt, und die Leichenblaͤſſe der ſtummen Braut, die ihre Augen zu dem Braͤutigam nicht aufzuſchlagen vermochte, vielerlei Zweifel erregt haben; nun wurden blos dieſe Wahrzeichen innerer Zerriſ⸗ ſenheit der Beſchaͤmung uͤber das Vorherge⸗ gangene zugeſchrieben. Charles war nicht zu⸗ .— 43— gegen; eine vorgebliche Krankheit, welche ihm die Gefaͤngnißluft zugezogen haben ſollte und die bereits einige Tage fruͤher angekuͤndigt war, ſchuͤtzte ihn vor einem Anblicke, den er viel⸗ leicht nicht haͤtte ertragen koͤnnen. Aber nicht blos die Gegenwart war ihm in der darauf folgenden langen, ſchlafloſen Nacht zur Qual, auch die Zukunft ſtellte ſich unheildrohend vor ſeine Augen; wie ſollten ſie dem Gluͤcke des Freundes, das dieſer nicht erkannte, ja viel⸗ mehr verſchmaͤhte, wie Roſalbens Blicken be⸗ gegnen koͤnnen? Der folgende Morgen benahm ihm dieſe Furcht, um ihn in neue Verzweif⸗ lung zu ſtuͤrzen. Statt des Freundes, deſſen Fußtritte er lange vergeblich in jedem Laute zu vernehmen glaubte, erſchien endlich ein Bedienter, der ein Paquet von ihm brachte. Charles erbrach es ſchnell, und las mit Ent⸗ ſetzen: 3 1 „»Um uns und vielleicht noch mehr die „»Unſrigen von den Folgen Deiner verdam⸗ Smungswuͤrdigen Leidenſchaft zu erretten, wil⸗ 3 — 49— ligte ich in einen Schritt, der, wenn er ybekannt wuͤrde, mich dem Spott der Welt »Preis gaͤbe, doch nicht ohne einen Entſchluß yzu faſſen, der das, was ich Ehre nenne, ſicher ſtellen kann. Von dem Augenblicke Han, da ich Roſalba zu meiner Gattin erho⸗ Dben, mußte ich ſie auch meiner werth hal⸗ dten— Ihr duͤrft einander nicht mehr ſehen. »Die bedeutende Ausſteuer der armen Braut wird dem Kinde vorbehalten, dem ich keine „»Vorrechte vor meinen kuͤnftigen Erben ein⸗ Hraͤumen darf noch will. Bis jenes geboren Diſt, darf die Welt meine Heirath nicht ah⸗ onen, und ich eile, meine Gattin nach einem »Zufluchtsorte zu bringen, wo Dein Auge »am allerwenigſten hindringen darr. Wenn »Du dieſes empfaͤngſt, ſind wir ſchon abge⸗ Hreiſt. Hier anbei einen Paß, der Dich auf deinem andern Wege nach dem Vaterlande „zuruͤckfuͤhren wird. Ich habe an Deine Fa⸗ milie geſchrieben und dafuͤr geſorgt, daß »Alles, was auch das Geruͤcht von dem Vor⸗ 4 50— Hgefallenen dahin bringen moͤge, auf meine „Rechnung geſetzt wird. Charles! verbanne dieſe entehrende, eines Mannes unwuͤrdige „»Krankheit aus Deiner Seele. Werde wie⸗ „der, was Du geweſen biſt: zaͤrtlicher Gatte, „»Vater und Sohn!— Dies ſey mein letztes »Wort an Dich.— Uns hat die Peſtbeule der Leidenſchaft getrennt; ich kenne nun die »Gefahr der Anſteckung; meine Seele war yuͤber dieſe erhaben, darum raͤchte ſich der »Giftſtoff an meiner Ehre. Ich habe der „Freundſchaft genug gethan, und dadurch das „Recht gewonnen, ihr ferner zu entſagen; derjenige, den ich von Herzen Freund nen⸗ ynen ſoll, darf von keinem Rauſche hinge⸗ vriſſen werden, der ihn aus dem geraden „»Pfade des rechtlichen Mannes auſ unwuͤrdige Irrwege hintreibt.«X Obgleich im Innerſten vernichtet, konnte doch Charles, der Stimme der Vernunft und Rechtlichkeit nie unzugaͤnglich, dem Freunde nicht Unrecht geben, wiewohl ſeine Haͤrte ihn 5 — 51— ſchmerzte. So that er denn auch, was die Nothwendigkeit ihm gebot, reiſte noch den⸗ ſelben Tag ab, und betrat in Marſeille den vaterlaͤndiſchen Boden wieder. Er wurde mit offenen Armen in ſeiner Heimath erwartet und empfangen, und wirklich ſchien es auch, als heilten allmaͤhlig die gewohnten Beſchaͤf⸗ tigungen und der liebevolle Kreis ſeiner An⸗ gehoͤrigen die Wunde ſeines Herzens; ja, es wuͤrde ihm vielleicht gelungen ſeyn, das Vor⸗ gefallene nur als einen ſchweren Traum zu betrachten, wenn nicht bald nach ſeiner Ruͤck⸗ kehr eine Anweiſung auf ihn zum Belaufe der Intereſſen des Kapitals von Mendez ein⸗ gegangen waͤre, in welchem er, mittels einer Veraͤnderung des Namens in Mondeſart, welche er fruͤher in der Gemuͤthsbewegung, womit er die Dokumente unterſchrieben, nicht bemerkt hatte, einen Landsmann erkannte. Mit zarter Sorge, mit einer Schonung, die ganz die Dankbarkeit der armen Roſalba in Anſpruch nahm, und ihm ihre Zuneigung 4* — 352— immer mehr gewann, hatte indeſſen Eugen ſie nach Paris gefuͤhrt, und ihr dort in dem Hauſe eines angeſehenen Arztes einen verbor⸗ genen Aufenthalt verſchafft. Waͤhrend der ziemlich langen Reiſe war es ihm gelungen, einen tiefen Blick in ihr Inneres zu thun. Er fand in ihr ein gutes, unverdorbenes Kind, das nur ein Opfer der thoͤrichten Er⸗ ziehung und des heißen Klima's ihres Vater⸗ landes geworden war, und deſſen fuͤgſames Gemuͤth noch jedes Eindruckes faͤhig war. Der Gedanke erfreute Engen, dies nach ſei⸗ nen Anſichten ausbilden, und ſich eine Haus⸗ frau, ſo wie es ſeinen kuͤhleren Anſpruͤchen zuſagte, erziehen zu koͤnnen; doch huͤtete er ſich wohl, eine Zaͤrtlichkeit an den Tag zu le⸗ gen, die ihre noch liebeswunde, obgleich, wie ihm deuchte, in der Herſtellung begriffene Bruſt nur anwidern mußte. Vielmehr ver⸗ ließ er ſie, ſobald er ſie in Sicherheit ge⸗ bracht, mit der Ueberzeugung, daß ſie einen zuverlaͤſſigen Freund in ihm verehren muͤſſe. — 53— Er eilte, ohne die Stadt Orleans zu beruͤh⸗ ren, nach dem Gute des Vaters, wo er die⸗ ſen, der ſchon lange gekraͤnkelt hatte, im Sterben fand. Dieſer traurige Umſtand gab indeſſen ſeinen noch nicht klaren Entwuͤrfen fuͤr die Zukunft eine beſtimmtere Richtung. Der Tod des Vaters hob das halbe Incogni⸗ to auf, unter welchem die Familie ſich mehr aus Vorſicht, als aus Nothwendigkeit noch immer gehalten hatte. Er beſchloß, mit groͤſ⸗ ſerem Glanze als vorher aufzutreten, benutzte ſchnell eine vortheilhafte Gelegenheit, das von dem Vater geerbte Gut in der Naͤhe von Or⸗ leans zu veraͤußern, und kaufte ſich wieder in der Champagne— ſo Paris und dem Vater⸗ lande naͤher— ein Marquiſat, deſſen Na⸗ men Cillon er zu dem ſeinigen fuͤgte. Dieſe vielen Geſchaͤfte, An⸗ und Verkaͤufe nahmen ſeine Thaͤtigkeit ganz in Anſpruch, machten viele Reiſen nothwendig, und gaben ſeiner Entfernung von der Familie Latour einen An⸗ ſtrich von Wahrſcheinlichkeit, die das vorige * gute Verhaͤltniß nicht verletzte, obgleich Char⸗ les recht gut den wahren Grund erkannte. Es war dieſem noch nicht gelungen, Ro⸗ ſalben zu vergeſſen, und wie tief es ihn betruͤbte, den Freund auch verloren zu haben, wagte er doch nicht, ſich dieſem wieder zu naͤhern, um ihn nicht durch Aufdringlichkeit noch mehr zu entfernen. So war der groͤßte Theil eines Jahres vergangen, als Eugens Mutter, die ſchon die tiefe Trauer abgelegt hatte, in Orleans und auch in Latours Hauſe erſchien, um Abſchied zu nehmen, bevor ſie nach dem neuen Gute des Sohnes hinzog. Sie begleitete Eugen, deſſen Benehmen den gewoͤhnlichen, ſanf— ten, obgleich dießmal etwas kaͤlteren Gleich⸗ muth ausſprach. Die alte Freundſchaft reg⸗ te ſich beinahe ſtuͤrmiſch in Charles Herzen, als der vormalige Freund ihn zur Seite zog. „Dir iſt ein Sohn geboren,« ſprach er gelaſſen, der Deinen Namen traͤgt; ich glau⸗ — — 55— be nicht, Dir ſeine Geburt verhehlen zu duͤr⸗ fen.« „Und die Mutter? iſt ſie geſund?« frag⸗ te Charles, ſeine Heftigkeit bezwingend. Eugen ſah ihn mit einem durchdringen⸗ den Blicke an.»Die Mutter iſt in den Wo⸗ chen geſtorben!« fuhr er ruhig fort.»Frage nicht weiter. Sie hat Deine Liebe auf den Sohn vererbt!— Wenn Du nach dem fragſt, werde ich immer bereit ſeyn, Dir Antwort zu geben.& »Schicke ihn mir!« fiel chotles ihm wie vernichtet in die Rede, ungewiß, ob er dieſe zerſchmetternde Nachricht buchſtaͤblich nehmen muͤſſe.»Laß mich die Liebe ihm weihen, die noch in meinem Buſen flammt, und keinen Gegenſtand hat.« »Menſch!« unterbrach ihn Eugen kopf⸗ ſchuͤttelnd, faſt heftigz« Du faſelſt— haſt Du nicht Frau und Kinder? Was haben ſie Dir gethan, daß Du ihnen den Zeugen Dei⸗ ner unſinnigen Schwachheit vorziehen darfſt? — 56— Lieber duͤrfteſt Du ihn haſſen! Was ſoll er bei Dir? Zwieſpalt ſtiften? Selbſt eine Frucht der Leidenſchaft, gehaͤſſige Leidenſchaften auf⸗ regen?— Es ſoll Dir zwar nicht verweigert werden, ihn einmal zu ſehn, ihn vaͤterlich umarmen zu duͤrfen, wenn eine gelegene Stunde kommt; allein ich, der ich ſein muͤt⸗ terliches Vermoͤgen in Haͤnden habe, ich will ihn auch erziehen, denn ich haſſe ihn nicht und glaube, mit Recht dieſen Lohn meiner Aufopferung verdienen zu duͤrfen; dieſe Gluth ſoll der zarten Seele fern bleiben.« „Du haſſeſt mich!« ſagte Charles, die lo⸗ dernden Blicke zu Boden ſchlagend und die Bitterkeit gegen ſich ſelbſt kehrend, indem er die Lippen zuſammenbiß. /Das verhuͤte Gott!« verſetzte Eugen ru⸗ hig; vich haſſe nur Deine Thorheit. Nicht Du, ſie allein trennt uns; ſie darf nicht mehr weder mir noch Jemandem, den ich lieb habe, gefaͤhrlich werden.« — 52— Charles konnte nichts einwenden. Er ahnte, daß Roſalba noch lebte, daß der zaͤrtliche Gatte das Kind der Mutter nicht entziehen wollte, und der Gedanke, in jenem doch noch immer fort in ihrem Herzen zu leben, floͤßte ihm Troſt ein. Mit einem aufrichtigen Haͤndedruck ſchieden die Freunde faſt verſoͤhnt von einander. Eugen brachte ſeine Mutter nach Cillon. Erſt unterweges entdeckte er ihr, daß er ver⸗ heirathet ſey. Es war ihm leicht, einen Vor⸗ wand des ſo lange verhehlten Geheimniſſes zu finden, zu dem ſein ſchneller Entſchluß oh⸗ ne Wiſſen der Eltern und die Kraͤnklichkeit des Vaters Stoff genug hergab. Dann eilte er nach Paris, die Gattin abzuholen. Mit ihrer Genehmigung wurde das Kind nach franzoͤſiſcher Weiſe einer Amme uͤbergeben. Ihre Blicke— ſey es, daß ſie die fruͤhe⸗ re Liebe verſchmerzt, oder ſie tiefer in ihrem Herzen verſchloſſen hatte— ruhten mit dank⸗ barer Anhaͤnglichkeit auf dem Gatten, dem ſie ſich ſchon ſo verpflichtet fuͤhlte. Das letzte * 2* — 538— Jahr ſchien ſie wunderbar gereift zu haben. Der Stolz ihrer Nation war in ihrem Buſen er⸗ wacht, und bildete ſich mit der jenem nicht widerſprechenden Demuth, die ſie dem Erret⸗ ter ihrer noch ſchoͤnen Jugend widmete,— zu einem Charakter, dem Eugen, deſſen ruhigem Blicke es nicht an Schaͤrfe fehlte, vertrauen durfte. Hatte auch Liebe dies Eheband nicht gewoben, ſo ſchien es doch durch Schonung und Dankbarkeit, durch gegenſeitige Achtung und Anerkennung taͤglich feſter zu werden. Es war, als habe dieſer ſonderbare Verein von niederlaͤndiſcher Ruhe mit ſpaniſcher Gluth eine Verſchmelzung hervorgebracht, die Feſtig⸗ keit und Dauer verſprach, um ſo mehr, da es ihr nicht an Kinderſegen fehlte. Nach Verlauf von zwei Jahren wurde der kleine Charles, als ein fremdes ſpaniſches Kind, mit der Hausfrau verwandt, in das Schloß gebracht, und im Anfange des fuͤnften Jahres ihrer Ehe fanden ſich drei Kinder un— ter deſſen Dache vereint, deren gluͤckliche An⸗ 6 — 39— lagen und liebevolle Gemuͤther gleiche Aner⸗ kennung von dem Hausherrn genoſſen, welche die Dankbarkeit des muͤtterlichen Herzens ver⸗ mehrte. So wurde Roſalba allmaͤhlig der Stolz und die Freude ihres uͤber Erwartung zufriedenen Gatten, der, in einer unabhaͤngi⸗ gen und glaͤnzenden Lage, nun ſogar das be⸗ drohliche Ereigniß ſegnete, das ihn zu einem Entſchluſſe bewog, den ſein leidenſchaftloſer Buſen vielleicht ſonſt lange aufgeſchoben haͤtte, und ſich nun zu einem ruhigen Gluͤcke, von deſſen Groͤße er nie getraͤumt, geſtaltet hat⸗ te. Weniger erfreulich war die Lage des lei⸗ denſchaftlichen Jugendfreundes, wiewohl er mit redlichem Eifer ſtrebte, Zufriedenheit in ſeinem haͤuslichen Kreiſe zu finden und um ſich zu verbreiten. Obgleich wohlhabend, ſah er ſich gezwungen, ſeine Haushaltung faſt uͤber das Anſtaͤndige hinaus zu beſchraͤnken, um Mittel zu finden, die jaͤhrliche⸗Steuer, die mit der ſtrengſten Genauigkeit eingetrieben — 60— wurde, entrichten zu koͤnnen, ohne die ge⸗ meinſchaftliche Kaſſe des Hauſes anzugreifen. Da er nun bedentende Summen einnahm, zog er ſich durch die nothgedrungene Sparſamkeit den Verdacht eines ſchmutzigen Geizes, den er verabſcheute, zu. Selbſt der Vater machte ihm Vorwuͤrfe, die er nicht widerlegen durfte. Die Gattin, mitten in der Bluͤthe der Ju⸗ gend nicht gewohnt, die Annehmlichkeiten des Lebens ſich verſagen zu muͤſſen, ließ ihn bit⸗ ter ihren Unwillen fuͤhlen, und ſetzte ſeiner erkuͤnſtelten Zaͤrtlichkeit Kaͤlte und Verachtung entgegen. Dies Benehmen toͤdtete allmaͤhlig die wieder keimende Anhaͤnglichkeit, das ach⸗ tungsvolle Vertrauen in ſeiner Bruſt und er⸗ weckte wieder Empfindungen in ſeinem Her⸗ zen, die er als eine regelloſe Leidenſchaft be⸗ kaͤmpft hatte, aber nun in immer leiſe wach⸗ ſender Sehnſucht ſich als eine wenigſtens ech⸗ tere Liebe bewaͤhrte. Da ſtarb ploͤtzlich ſeine Frau, und ſeine Eltern folgten ihr bald. Im Gefuͤhle der wiedererhaltenen Freiheit kehrten — 61— alle ſeine Gedanken zu Roſalba zuruͤck. Es litt ihn nicht laͤnger in dem Hauſe, wo er ſo viel geduldet hatte. Es verlangte ihn, ſein Kind, deſſen Mutter zu ſehen. Er ſuchte ei⸗ nen Vorwand, dieſer Sehnſucht zu genuͤgen, und fand ſie nur zu bald in einem hoͤchſt drin⸗ genden Geſchaͤft. Mit dem Ende des Jahres ruͤckte der Zeitpunkt heran, da jenes bedeuten⸗ de Kapital zur Auszahlung verfallen war. Der Gedanke daran hatte ihn in ſeiner fruͤ⸗ hern beſchraͤnkten Lage immer zittern laſſen; jetzt, da er durch den Tod des Vaters Herr der Handlung geworden, und durch die Theilung des vaͤterlichen Nachlaſſes zum Beſitze eines etwas groͤßern Vermoͤgens gelangt war, wur⸗ de dieſe Auszahlung ihm zwar moͤglich, al⸗ lein es blieb ihm auch dann ſo wenig uͤbrig, daß er, der ohne dieſelbe als reicher Manu auftreten konnte, nicht Alles haͤtte anwenden ſollen, um der ihm durch Drohungen entriſſe⸗ nen Verſchreibung ledig zu werden. Doch empfand er zugleich, daß er behutſam zu — 62— Werke gehen mußte, damit eine Entdeckung dadurch nicht herbeigefuͤhrt werde, die zwar nicht ſein, jedoch das Gluͤck des großmuͤ⸗ thigen Freundes ſtoͤren und ſeine Ehre gefaͤhr⸗ den konnte. Vor Allem glaubte er einen kraͤftigen Schritt ohne Eugens Mitwiſſen nicht wagen zu duͤrfen, und eilte daher, ob⸗ gleich etwas in ihm ſich gegen dieß Verfahren ſtraͤubte, dieſe wichtige Sache perſoͤnlich mit ihm zu beſprechen. Da er ſich aber gegen die ſogenannte Chicane im Voraus durch ihr auch gehoͤrende Manoͤvres ſicher ſtellen woll⸗ te, ſo ließ er die alte Handelsfirma, unter dem Vorſtande eines bewaͤhrten Commis, noch fer⸗ ner walten, gab ſeine Kinder in eine beruͤhm⸗ te Koſtſchule, und legte es darauf an, dem Gegner, in ſo fern er ſeine Anſpruͤche mit Gewalt geltend zu machen dachte, durch vie⸗ lerlei Reiſen und Veraͤnderungen des Aufent⸗ haltes ſolche Bemuͤhungen fuͤrs Erſte zu er⸗ ſchweren. So naͤherte er ſich endlich mit be⸗ klommenem Herzen Cillon, doch ohne im Ge⸗ aaaaͤ— — 63— ringſten zu ahnen, daß ein Wendepunkt in dem Leben des Freundes eingetreten war, der auf eine nie gehoffte noch getraͤumte Weiſe auch ſeiner Zukunft eine unerwartete Geſtal⸗ tung geben ſollte. Charles, ungewiß, wie der Freund ihn empfangen wuͤrde, hatte beſchloſſen, die Wich⸗ tigkeit ſeines Geſchaͤftes vorſchuͤtzend, ihn mit⸗ ten in ſeiner Familie zu uͤberraſchen— wie es auch kommen moͤchte, wußte er doch, daß die Beſonnenheit des Hausherrn ihn keinem unfreundlichen Auftritte preisgeben konnte.— Vor dem Schloſſe abgeſtiegen, erfuhr er erſt hoͤchſt betroffen, daß der Marquis ſchon ſeit mehreren Monaten abweſend ſey, daß ſeine Ruͤckkehr aber, ſeit nicht viel weniger Zeit, bis hierher vergeblich taͤglich erwartet wuͤrde. Schnell gefaßt ließ er ſich bei der Mutter Eugens anmelden. Die bekuͤmmerte Matrone ſchrie beinahe laut auf vor Freuden, als ſie Charles Latours Namen vernahm, und ohne das ploͤtzliche Erbleichen der Schwiegertochter — 64— zu bemerken, in deren Salon ſie ſich alle Beide befanden, ließ ſie ihn hereintreten. »Sie kommen«— rief ſie ihm feſt entge⸗ gen— pzu einer ungluͤcklichen Zeit, die Sie aber, Herr Charles, hoffentlich wieder in Gluͤck verwandeln koͤnnen. Warum zittern Sie, Frau Tochter, und winken mir zu?— dem Herrn da brauchen wir unſern Kummer nicht zu verhehlen; Herr Charles Latour iſt der Jugendfreund meines Sohnes, und ſein Anblick erinnert mich an eine Zeit, da das gegenwaͤrtige Verhaͤltniß, nur umgekehrt, auch eingetreten war.— In Spanien— Ei, Frau Tochter! Sie werden hoffentlich ſchon Herrn Latour kennen; es war ja eben ſeinetwegen, daß mein Sohn die Reiſe, von welcher er Sie als Braut heimfuͤhrte, dorthin unternahm! Ach! Herr Charles! gerade ſo wie Ihr Aus⸗ bleiben und voͤlliges Stillſchweigen die Ihri⸗ gen in Unruhe und Sorge verſetzten, ſo hat uns nun der Marquis in dieſelbe Lage ge⸗ 2 bracht.& — 65— Er erfuhr nun, daß Engen ſchon ſeit mehreren Monaten in Familienangelegenhei⸗ ten nach Belgien abgegangen war. Er hatte zwei⸗ bis dreimal lange, heitere Briefe nach der Heimath geſchrieben; nachher aber war jede Nachricht von ihm ausgeblieben. In ih⸗ rer Unruhe uͤber ſein unbegreifliches Still⸗ ſchweigen hatte ſie ſowohl an ſeinen Geſchaͤfts⸗ fuͤhrer in Paris als an die Verwandten in Bruͤſſel geſchrieben. Die Antwort, welche ſie von beiden Orten erhalten, hatte nur ihre Beſorgniſſe vermehrt. Aus den Niederlanden war naͤmlich die vertrauliche Nachricht einge⸗ laufen, daß er freilich da geweſen waͤre, je⸗ doch auf einmal eine ſo tiefe Schwermuth an den Tag gelegt, und von der Zeit an ſeine Geſchaͤfte ſo nachlaͤſſig betrieben habe, daß er ſeinen Zweck nicht erreicht haͤtte; kaum aber ſey er mit voͤlligem Gleichmuthe dieß inne ge⸗ worden, als er ploͤtzlich, ſaſt ohne der Fami⸗ lie die ſchuldige Aufmerkſamkeit zu bezeigen, nach Paris abgereiſt waͤre. Der Geſchaͤfts⸗ 5 — 66— fuͤhrer in Paris wollte von dem Marquis, ſeit ſeiner Abreiſe nach Bruͤſſel, gar nichts ge⸗ hoͤrt haben. Die Mutter beſchwor nun Char⸗ les, nach dem letzteren Orte zu eilen— um von dort aus wo moͤglich entdecken zu koͤnnen, wo der Sohn ſich aufhalte, oder ob ihm et⸗ was Unheimliches zugeſtoßen ſey; yvielleicht«— ſetzte ſie mit Thraͤnen hinzu— werden Sie ſei⸗ ner armen Familie einen Dienſt, dem aͤhn⸗ lich, den er vormals Ihren Eltern erzeigte, leiſten koͤnnen.& Das Bleigewicht dieſer Worte durchdrang Charles Innerſtes. Er warf einen ſchmerz⸗ lichen, unausſprechlichen Blick auf Roſalba, die mit niedergeſchlagenen Augen, ohne die Mutter zu unterbrechen, zugehoͤrt hatte. Ih⸗ re Blicke begegneten ſich— da ermannte ſie ſich ploͤtzlic, und mit einem faſt krampfhaf⸗ ten Zuruͤckbeben vor der Gluth, welche ihr Anblick in Charles Augen erweckte, vereinte ſie ihre Bitten mit dem Flehen der Mutter. Es war als kehrte mit ihren Worten Ruhe ——-—— — 67— in ihre Bruſt zuruͤck; mit einer Kraft und Wahrheit, die nicht den Scharfblick der Ma⸗ trone zu fuͤrchten ſchienen, erwaͤhnte ſie ihrer fruͤheren Bekanntſchaft, beſchwor ihn, in dem Namen der Freundſchaft, die ſo maͤchtig zwi⸗ ſchen ihm und dem Gatten gewaltet, ihr und den Kindern ihn, und mit ihm Zufriedenheit und Gluͤck wiederzugeben. Sie verließ darauf das Zimmer und ſah ihn vor ſeiner Abreiſe, die er auch nicht lan⸗ ge verſchob, nicht mehr. Von dem Segen der Mutter begleitet, eilte er nach Paris, wohin ihn nun ein doppeltes Geſchaͤft rief; das wichtigſte aber war ihm das Auffinden des— wie es ſchien— verſchwundenen Freundes, deſſen Geſchick auch ſeine Bruſt, die keine frevelnde Hoffnung auf dieſen Um⸗ ſtand baute, beaͤngſtigte. Alle ſeine Bemuͤ⸗ hungen waren aber vergebens. Niemand wollte von dem Marquis de Cillon etwas wiſſen; ſo viel ſchien gewiß, daß kein Reiſen⸗ der dieſes Namens die Barrieren paſſirt hat⸗ 5 2* 5*† — 68— te. Charles glaubte indeß mit Fug und Recht, daß Paris der angemeſſenſte Ort ſey, in welchem ein ſo angeſehener Name, wie der eines Marquis, oder er ſelbſt, am wahrſchein⸗ lichſten verſchallen koͤnne, und daß er eben dort entweder verungluͤckt ſey, oder ſich noch verborgen, vielleicht ſelbſt im Gefaͤngniſſe, auf⸗ halten muͤſſe; denn kein anderer moͤglicher Grund bot ſich ſeiner Phantaſie dar. Auſ⸗ ſerdem war ja dieſe Stadt das Ziel ſeiner ei⸗ genen Reiſe geweſen, als der Ort, wo er auch ſeinem ſo lange unſichtbaren Kreditor am ſicherſten auf die Spur zu kommen hoffte. Beides, obgleich er ſogar die Mithuͤlfe der Polizei benutzte, gelang nicht, und um ſo weniger, da beide Angelegenheiten eine Be⸗ hutſamkeit erforderten, deren Mangel Charles ſelbſt und noch mehr den verſchwundenen Freund kompromittiren koͤnnte. Da ſiel ploͤtz⸗ lich in dieſe Dunkelheit ein heller Blitz, je⸗ doch ſo ſcharf und blendend, daß er, noch bevor der erſtaunte Charles ſich aus ſeiner Peuzu⸗ 4* 8 — — — — 69— bung erholen konnte, voruͤber fahrend, ihn nur mit noch ſchwaͤrzerer Nacht umhuͤllte. Es war mitten im Carneval, und wie be⸗ klemmend die Verhaͤltniſſe auch auf ihn ein⸗ wirkten, blieb er doch zu ſehr Franzoſe, um ſich deshalb der heitern Welt ganz zu entzie⸗ hen; im Gegentheil hatte er es ſich zur Pflicht gemacht, oͤffentliche Orte fleißig zu be⸗ ſuchen, weil ſie ihm am wahrſcheinlichſten ir⸗ gend eine Spur darbieten koͤnnten. So ge⸗ ſchah es wirklich auch. Ein ſehr belobter Re⸗ doutenſaal zog ein paar Mal in der Woche, nicht ſowohl durch ſeine glaͤnzenden Masken, als vielmehr durch ein hohes, in der letzteren Zeit etwas verrufenes Spiel, die ſchoͤne und reiche Welt im Verein mit einem Heere von Gluͤcksjaͤgern beiderlei. Geſchlechts in ſeine Waͤnde.— Eine Nacht hatte ſich Charles ſei⸗ ner Gewohnheit nach dicht hinter einen Crou⸗ pier geſtellt, und betrachtete mit Aufmerkſam⸗ keit das Spiel, ſo wie nicht ganz ungeuͤbte Spieler es thun, die aus gewiſſen Conjektu⸗ — 70— ren den rechten Augenblick ihres Gluͤckes aus⸗ finden zu koͤnnen waͤhnen. Die meiſten Spie⸗ ler waren maskirt, aber trotz der Maske 3 ſprach ein noch junger Spieler, durch einzel⸗ ne heftige Bewegungen, durch uͤbereiltes 1 Pointiren und mehrere Wahrzeichen, die dem ſcharfſichtigen Beobachter nicht entgingen, ei⸗ ne dumpfe Verzweiflung aus. Sein letztes Goldſtuͤck war dahin; da riß er auf einmal ein mit Diamanten beſetztes Bild aus ſeinem Buſen und hielt es dem Croupier, neben wel⸗ chem er ſaß und hinter dem Charles ſtand, mit der Frage hin:»fuͤr funfzig Louisd'or?¼. Der Croupier nickte, nachdem er es fluͤchtig betrachtet hatte, und der Spieler legte es um⸗ gekehrt, das Gemaͤlde unten, auf die Karte hin. Es war eine damals ſogenannte Praͤ⸗ tention. Der Banquier zog ab— die Karte gewann, der Spieler bog ein Paroli— beim naͤchſten Abzug ging es verloren.— In der⸗ ſelben Minute war der Spieler verſchwunden. Der Croupier ergriff das Bild mit leichtem — 71— Achſelzucken, um es zu ſich zu ſtecken, jedoch erſt es umkehrend, um den Werth der Dia⸗ manten zu unterſuchen. Die Umſtehenden draͤngten ſich nengierig hinzu, doch nur, um das Bild zu betrachten— Charles war unter dieſen. Es war ihm, als leuchteten ſeinem ſcharfen Blicke nicht unbekannte Zuͤge entge⸗ gen, obgleich er nicht ſogleich wußte, wo er ſie geſehn; auch blieb ihm keine Zeit, ſie genau zu betrachten, denn der Croupier rief mit einem kalten Blicke auf die uͤber ſeine Schulter Hinblickenden zuruͤck:„»Sehe und behalte es, wer will, wenn ich nur zu meinen Gelde komme!« Mit dieſen Worten ließ er es, oh⸗ ne es jedoch aus den Augen zu verlieren, ſei⸗ nem Nebenmanne, der es wieder dem Nach⸗ bar zeigte. In dieſem Augenblicke erhob ſich eine richt weit von ihmin entfernte weibliche Mas⸗ ke ſchnell mit einem ſcharfen Ausrufe des Erſchreckens, und eben ſo ſchnell hatte ſie ſich unter der Menge verloren, indem nur wenige —= 72— von den Umſtehenden ihr einen fluͤchtigen Blick nachſchickten. Charles bemerkte indeſſen, daß eine Maske, die hinter ihrem Stuhl ge⸗ ſtanden, ſtatt ihr zu folgen, ſchnell um den Siſch herum ſich dem Croupier naͤherte, und zwiſchen ihn und Charles ſich draͤngend dem Erſten ins Ohr raunte:»Das Doppelte fuͤr das Bild, aber ſchnell, gleich!« Der Crou⸗ pier kehrte ſich beſonnen um, und fuuͤſterte eben ſo leiſe zuruͤck:»Still, nur einen Au— genblick!« Ruhig aͤbertrug er einem Gehuͤl⸗ fen ſein Geſchaͤft, bemaͤchtigte ſich des Bil⸗ des, das ſich noch in der Hand des Nachbars befand— denn das Ganze war in kuͤrzerer Zeit vorgefallen, als zu dem Berichte verwendet iſt— und entfernte ſich langſam mit der Maske. Charles hatte Keine ganze Bevnneaßet 9 vonnoͤthen. Es war ihm, als erkannte er Eugens wohlbekannte Stimme in dem fluͤ⸗ ſternden Tone; ein Blick auf die Geſtalt ſelbſt und die bekannte Haltung beſtaͤrkte ſeine Ver⸗ — 73— muthung. Entſchloſſen, was es auch koſten moͤchte, ſich Gewißheit zu verſchaffen, folgte er Beiden eilig nach. Sie begaben ſich in ein kleines Nebenzimmer, das dem Banquier eingeraͤumt war. Zufaͤlligerweiſe war Charles mit dem Lokale ziemlich bekannt, und wußte, daß dieſes Zimmer an eine kleine Garderobe ſtieß, die von demſelben nur durch eine Bret⸗ terwand und eine aͤhnliche Thuͤr getrennt war. Schnell ſchluͤpfte er durch einige Seitengaͤnge in jene hinein, entſchloſſen, wenn er ſeine Vermuthung beſtaͤtigt fand, ohne weiteres das Schloß der erwaͤhnten Thuͤr zu ſprengen. Ein Riß in derſelben erleichterte ſeine Abſicht. In den wenigen Minuten, die er gebraucht hatte, um in die Garderobe zu gelangen, wa⸗ ren ſie, wie es ihm ſchien, ſchon einig ge⸗ worden. Waͤhrend die Maske das Geld hin⸗ zaͤhlte, war die Larve losgegangen; in der Eile, da ſie ihn an ſeinem Geſchaͤfte hinderte, wollte er ſie wieder feſt machen, aber das Band riß entzwei, und ſie ſiel ihm auf die A „*— 1— Hand herunter. Es war Eugen. Aber noch groͤßer ward Charles Erſtaunen, als der Crou⸗ pier, auch beſtuͤrzt, doch noch ſchneller, als er gehofft, das Bild, das zwiſchen Beiden lag, ſchnell in die Hand nahm und mit ei⸗ nem ihm ſehr bekannten ſcharfen Tone aus⸗ rief:»Ei, Sie ſind's, mein Herr von Kerk⸗ huiſen! Nun ſo ruͤcken Sie mit tauſend ſtatt hundert Louisd'or heraus, denn Sie ſind ſeit Jahren mein Schuldner, und bleiben es den⸗ noch immer fort.«. „»Wie, Schurke! Wer Du auch ſeyſt!« verſetzte Eugen, ohne aus der Faſſung zu kommen,»der Handel iſt geſchloſſen; her mit dem Bilde, oder Du kommſt nicht lebend aus dieſem Zimmer.« Er legte die Hand an den Degen und Charles glaubte zu bemerken, daß der lautfluchende Gegner nach einem Do che in den Buſen griff. Mit einem gewaltigen Drucke war die Thuͤr geſprengt und er ſtuͤrzte ins Zimmer; ein durch den Stoß umgewor⸗ fener Stuhl, der dem Croupier auf die Fuͤße 3 3 — 75— ſuͤrzte, brachte dieſen halb aus dem Gleich⸗ gewichte; im Straucheln entſiel ihm die nach dem damaligen Gebrauche bauſchigte Perruͤcke, und zeigte Charles ein, trotz der dickbemalten Braunen, faſt eben ſo bekanntes Geſicht wie das des Freundes. Eugen aber ſtarrte nur Charles ſtumm, mit Entſetzen an, wandte ihm dann ploͤtzlich den Ruͤcken zu, und ent⸗ floh, noch bevor dieſer aus der Beſtuͤrzung, den noch weniger erwarteten Mendez vor ſich zu ſehen, ſich erholen konnte. Doch ſchnell wieder gefaßt, bedachte er ſich keinen Augen⸗ blick, dem Gegenſtand, den ſein Inneres als den wichtigſten erkannte, zu folgen, und ohne ſeinen auch doppelt erſtaunten Kreditor mehr als eines ſchneidenden Blickes zu wuͤrdigen, ſtuͤrzte er ſogleich dem Freunde nach, wiewohl von der, durch den Laͤrm herbeigelockten, ihm begegnenden Menge aufgehalten, welche zu be⸗ ruhigen er dem Croupier uͤberließ; doch gleich bei dem Eintritte in den Saal war jede Spur verloren. Auch jene weibliche Maske war * 4 — 276— nirgends zu ſehen, noch zu entdecken. Erſt, nachdem er jeden Winkel des ſehr geraͤumigen Lokals durchſucht hatte, kehrte er verdrießlich nach dem Spielſaal zuruͤck, um des andern Fundes wenigſtens nicht verluſtig zu gehen. Allein das Spiel hatte ſchon aufgehoͤrt, und der Banquier und ſeine Gehuͤlfen ſich ent⸗ fernt. Charles hatte nun nichts Eiligeres zu thun, als den folgenden Morgen in der erſten ſchicklichen Stunde ſich bei dem Polizeibeam⸗ ten, an den er ſich fruͤher gewandt hatte, zu melden, um Kunde von dem Banquier und ſeinen Leuten einzuziehen. Dieſer, der ſo⸗ gleich vorgefordert wurde, wollte den Crou⸗ pier, dem er den Charles fruͤher bekannten Namen Mendez wirklich beilegte, nur ſeit kurzem gekannt haben und nichts von ſeinen Verhaͤltniſſen wiſſen. Auch wurde er in der angegebenen Wohnung vergebens geſucht; doch lief bald die Kunde ein, daß er, nachdem der Herr, der ihm die vorige Nacht das Bild uͤbergeben, ihn am fruͤhen Morgen in ſeiner e ᷣ△ Wohnung aufgeſucht, und ihn faſt wuͤthend zur Rede geſtellt, weil er ſein Vertrauen ge⸗ mißbraucht, indem er ein anvertrautes Pfand der Oeffentlichkeit auf eine ſo ſchnoͤde Weiſe preisgegeben haͤtte, nach einem heftigen Wortwechſel mit dieſem, noch an demſelben Tage Paris verlaſſen habe. Kurz nachher wurde berichtet, daß er mit dieſem Herrn den⸗ noch in der Naͤhe von Paris zuſammen ge⸗ troffen, und erſt jetzt, nachdem er den Che⸗ valier St. Cricq in einem Duell getoͤdtet haͤt⸗ te, entflohen ſey. Auf die Anzeige der Fami⸗ lie des Ritters waren dem Fluͤchtlinge Steck⸗ briefe nachgeſchickt worden. Charles glaubte jetzt um ſo weniger der Polizei laͤnger ver⸗ hehlen zu duͤrfen, wie ſehr auch ihm daran gelegen war, daß jener eingeholt wurde, weil er in ihm eben den Mann wieder erkannte, der ihm die Verſchreibung abgedrungen; wo⸗ durch er auf die Vermuthung gebracht war, daß nicht der Name Mendez, ſondern der in jenem Doknmente genannte Mondeſſart ſein — 78— wirklicher Name ſey, welches auch der Beam⸗ te in der Stllle bemerkte. Allein noch eine andere Entdeckung hatte Charles gemacht, die ihn ergriff und verwirrte. Bei dem Namen St. Cricq wurde ihm auf einmal klar, wen jene ihm ſo bekannt ſcheinenden Zuͤge des Bil⸗ des vorſtellten. Dieſer St. Cricq war naͤm⸗ lich ein juͤngerer Bruder des Gatten jener ſchoͤnen Fremden, die er vormals dem Freun⸗ de zugedacht hatte, und ſobald jener Name ſein Ohr beruͤhrte, zweifelte er keinen An⸗ genblick mehr, daß es auch ihr Bild ge⸗ weſen ſey. Wie nun dieſes, oder ſie ſelbſt, die der Freund fruͤher kaum bemerkt hat⸗ te, mit ihm in irgend ein Verhaͤltniß, wie es doch ſchien, gekommen war, das gab ſeiner Phantaſie ein unergruͤndliches Raͤth⸗ ſel auf. Er beſchloß indeſſen, ſie aufzuſu⸗ chen, in der Hoffnung, ſo dem Freunde wie⸗ der auf die Spur zu kommen; aber auch dieſe Muͤhe war vergeblich. Wenige ſei⸗ ner Bekannten hatten ſie gekannt, Andere 8* ,* ₰ — 79— behaupteten, daß ſie nie in Paris gewe⸗ ſen. 4 So waren alle Spuren Charles ausge⸗ gangen. Freilich ſchimmerte durch den dun⸗ keln Nebel, in dem er wanderte, ein hel⸗ ler Schein; allein dieſer war ein Irrwiſch, det nicht erhellte, ſondern irre fuͤhrte. Er wußte jetzt, daß Eugen am Leben ſey; doch mußte er nicht zugleich vermuthen, daß die⸗ ſer ſeinen Angehoͤrigen verborgen bleiben woll⸗ te? Aber in welcher Abſicht? Welch denk⸗ barer Grund konnte den ſonſt ſo beſonnenen, rechtlichen, uͤber jede Leidenſchaft erhabenen Mann zu einem Benehmen bewegen, das einem leichtſinnigen Verbrecher angemeſſener ſchien? Es war ihm klar, daß Eugen ihn erkannt hatte, und entſetzt ihm entflohen war! Alſo ſcheute er den Anblick des Freun⸗ des, hoffte vielleicht ſogar, ihm unerkannt entſchluͤpft zu ſeyn? Alſo hatte er wirklich ſein Vertrauen eingebuͤßt?— Deſſen unge⸗ achtet aber wollte er dies nicht taͤuſchen. Er ₰ — 80— wollte ſchweigen— er wollte mehr thun, denn er war jetzt frei— die Heimath brauchte ſei⸗ ne Gegenwart nicht, aber wohl die verlaſſe⸗ nen Angehoͤrigen, die Guͤter des Freundes die Gegenwart eines Mannes. Er wollte deſſen Stelle vertreten, wollte, wenn er ihn dereinſt wäßerſaͤhe, waͤre es auch erſt jen⸗ ſeit des Grabes, ihn uͤberzeugen, daß er ſeines Vertrauens wuͤrdig geblieben war. Er wollte verſuchen, durch treue Freundſchaft, warme Anhaͤnglichkeit, unverdroſſene Thaͤtig⸗ keit die bekuͤmmerte Mutter zu troͤſten, die Gattin aufzurichten, den Kindern ein Vater zu ſeyn, den Kindern, die alle, doch eins beſonders, ihm ſo nahe ſtanden. Er hatte ja ſeinen ſtraͤflichen Leichtſinn verbannt, die Liebe— regte ſie ſich auch noch in dem Her⸗ zen— doch beſiegt; er war Mann gewor⸗ den, er wollte es bleiben, die Freundſchaft, die ihm Eugen entzogen, wiedererringen. In dieſer Stimmung kehete er nach Cil⸗ lon zuruͤck. Er hielt, was er ſich ſelbſt ver⸗ . — 84 ſprochen hatte. Nicht die leiſeſte Andeutung verrieth, daß er Eugen geſehen, daß dieſer am Leben ſey; im Gegentheile, die Weh⸗ muth, die Betruͤbniß, die aus den Blicken der trauernden Familie ſich in den ſeinen ab⸗ ſpiegelten und welchen das ſinnverwirrende Raͤthſel, das ihm aufgegebet ewar, eine nicht zu verhehlende Gemuͤthsunruhe beigeſell⸗ te, ließen jene, trotz aller ſeiner Betheue⸗ rungen, doch leiſe vermuthen, daß er um den Tod des Freundes wiſſe, oder wenigſtens da⸗ von uͤberzeugt ſeh; um ſo mehr, da es ih⸗ rer Aufmerkſamkeit nicht entging, daß fernere Nachforſchung von ihm theils als unnuͤtz an⸗ geſehen, theils unter dem freilich ſcheinbaren Vorwande, weder im Schloſſe, noch in der Gegend, wo man den Marquis noch immer in den Niederlanden glaubte, Aufſehn und Verdacht zu erregen, nachlaͤſſig betrieben wur⸗ de. In ſeinem Herzen kam es ihm als eine Pflicht der Freundſchaft vor, einem Geheim⸗ niſſe, das der Freund ſich ſo deutlich vorbe⸗ 6 — 82— hielt, nicht nachzuſtellen; auch bewegte ei⸗ ene andere Unruhe, die er ſich ſelbſt doch nicht geſtehen wollte, ſein Herz, welche eben das ſonderbare Benehmen des Freundes ihm noch ſchwerer zu bekaͤmpfen machte. Er empfand, daß er Roſalba noch immer lie⸗ be; allein es war eine beſſere, reinere Lie⸗ be, denn ſie verlieh ihm die Kraft, welche die Leidenſchaft ihm nie geſtattet hatte, die: ſie im Innerſten ſeines Herzens zu verber⸗ gen.— Unſichtbar war ſie darum nicht dem weiblichen Auge; und eben dieſe ſtille Ent⸗ fagung, dieſe Ueberzeugung von einem Wer⸗ the, den ſie fruͤher nicht inne geworden war, wurde allmaͤhlig Roſalba's Ruhe, nicht ihren Pflichten gefaͤhrlich.— Dagegen offenbarte die Mutter Eugens unverhohlen die zaͤrtliche Neigung ihres Herzens. In einer langen Reihe von Jahren war ſie gewohnt geweſen, in Charles den Freund ihres Sohnes zu lie⸗ ben, und nun, da er ſich ſo bruͤderlich be⸗ ſtrebte, deſſen Abweſenheit zu erſetzen, da —-— 35— er ganz in deſſen Geiſte handelnd auftrat, war er ihr faſt wie der eigene Sohn theuer geworden; es war, als ob ſeine troͤſtende Zurede den Gegenſtand ihres Kummers in ihm ſelbſt hervorzauberte, ihm, der mit jenem aufgewachſen war, den ſie in ihrem Gedaͤchtniſſe nicht von dem Sohne trennen konnte.— Mit wahrem herzſtaͤrkenden Ge⸗ fuͤhle gewahrte ſie, wie er die Kinder des Freundes liebte, wie warm ſie alle an ihm hingen. Auch entging es ihrem Scharfblicke nicht, daß ſeine Zuneigung in einem Punk⸗ te ſonderbar mit Roſalbens zuſammen traf, naͤmlich in der Liebe zu dem aͤlteſten Kinde, das ja nur ein angenommenes hieß; denn, obgleich Roſalba nach ihrer Ueberzeugung Al⸗ len eine gleiche Zuneigung bewies, ſprach ihr Auge doch, ohne es zu wiſſen, eine ſo ſeelenvolle Zaͤrtlichkeit aus, wenn es auf je⸗ nem ruhte, daß die Matrone heimlich den Argwohn hegte, daß dieſer Knabe, der ſchoͤn⸗ ſte und geiſtreichſte von allen ihren Kindern, 6* 8 — 34— vielleicht vor der geſetzlichen Ehe geboren, ihr ſehr nahe gehoͤre; und ſelbſt um dieſes Ge⸗ heimniſſes willen, welches Charles, nach den aͤhnlichen Blicken zu urtheilen, die von Bei⸗ der Augen in dem Kinde zuſammen fielen, mit der Tochter theilte, wurde er ihr taͤglich werther.— Dieſe Anhaͤnglichkeit bekam ei⸗ nen, wo moͤglich, groͤßeren Zuwachs durch ein Ereigniß, das Angſt und Kummer uͤber das ganze Schloß verbreitete. Der unſichtbare Mordengel, der beſon⸗ ders in der Mitte des vorigen Jahrhunderts gleich unpartheiiſch an die Thuͤren der Huͤtten und an die Thore der Palaͤſte geheime Blut⸗ zeichen hinſchrieb, mitleidslos irdiſche Schoͤn⸗ heit verheerte, und weltliche Eitelkeit demuͤ⸗ thigte— die Kinderblattern hatten ſich auch in dieſe ſchon genug gramerfuͤllten Waͤnde geſchlichen.— Alle drei Kinder wurden von ſeinem Peſthauche getroffen. Mit herriſcher Gewalt entfernte Charles im Bunde mit der Matrone die widerſtrebende Roſalba, die al⸗ — 35— lein von ihnen der Anſteckung blosgeſtellt war, von dem Lager der Kinder; ſelbſt ih⸗ re Pflichten uͤbernehmend, ohne ſich von dem Ekel, den dieſe widerliche Krankheit beſon⸗ ders Maͤnnern einfloͤßt, abſchrecken zu laſſen, theilte er die Sorgfalt der uͤber ihre Kraͤfte ausharrenden Großmutter, deren beklomme⸗ nes Herz von Dankbarkeit uͤberquoll.— Sh⸗ re Bemuͤhungen waren vergebens. Carlo— ſo wurde der ſpaniſche Knabe genannt— war die einzige Taube, die mit dem Oel⸗ blatte der Verheißung aus dieſer Fluth des Jammers und der Verwuͤſtung zuruͤckkehr⸗ te— zwei Kinderleichen wurden in die Ge⸗ woͤlbe des dem Schloſſe nahen Kapuzinerklo⸗ ſters zur Ruhe hingebracht, und aus den bluͤhenden Keimen einer kurzen, gluͤcklichen Ehe war die einzige Ernte Trauer und Gram. — Allein in ſeinen Beſtrebungen, dieſe in Roſalba's Herzen zu mildern, trat Charles tiefverborgene Liebe, obgleich ohne ſich in Wworten kund zu geben, ſo unverhohlen, aber — 36— zugleich, in ſeiner exaltirten Stimmung wenig⸗ ſtens, ſo frei von Verlangen hervor, daß die Großmutter ſie zwar bemerkte, doch oh⸗ ne Mißbilligung oder Furcht.— Und dennoch war in Beider liebendes Gemuͤth ein Zeichen wie vom Himmel herunter geſunken, das einen Gedanken, der zu mehrerem fuͤhren mußte, in ihnen erweckte, den: die Frucht der Liebe lebte und gedieh, jene aber, de⸗ nen Verhaͤltniß und Geſetz das Leben gege⸗ ben, hatten es fruͤher eingebuͤßt! Schien es nicht, als habe Gott ſelbſt ſein Mißfallen an dieſem Bunde geaͤußert? ſo fragte un— willkuͤrlich Charles immer waͤrmeres Auge, und eben fo unwillkuͤrlich erwiederte Ro⸗ ſalba's zu Boden geſenkter Blick dieſe Fra⸗ ge. — Auch der Tod gab Antwort darauf. Gram um den Sohn, ausdauernde An⸗ ſtrengung des Koͤrpers bei den Todtbetten der Enkel, hatte die vorher in ihrem Alter ſehr ruͤſtige Matrone auch auf das Krankenlager — 87— geworfen.— An dieſem ſaßen, wie beſorg⸗ te Geſchwiſter, die Tochter und der erkorne Sohn, den ſie in der letzteren Zeit nur mit dieſer Benennung naunte, als ein ſchweres Paquet an die Adreſſe der Marquiſin de Cil⸗ lon von den Behoͤrden der Stadt Autun ein⸗ traf.— In den Verhaͤltniſſen, worin die Familie ſeit mehr als Jahresfriſt fortlebte, ſpannte jedes ungewoͤhnliche Ereigniß die Ge⸗ muͤther.— Die hinfaͤllige Frau wuͤnſchte, dies Paquet in ihrer Gegenwart, vor ihrem Bette geoͤffnet zu ſehen. Es geſchah ohne die geringſte Ahnung von dem Inhalte.— Die⸗ ſer beſtand aus einem gerichtlichen Todten⸗ ſcheine des Marquis Eugen de Cillon, der vor wenigen Tagen in einem an der Poſt⸗ ſtraße gelegenen Dorfe unweit Autun, auf ſeiner Reiſe in die Heimath, nach einer kur⸗ zen Krankheit verſchieden war; dann aus Tauf⸗ und andern Scheinen und Documen⸗ ten, welche die Identitaͤt der Perſon unwi⸗ dorlegbar bewieſen, um ſo mehr, da ſol⸗ — 88— che dabei waren, die Eugen mitgenommen hatte, und die bedeutende Summen verbuͤrgten. Dabei lag die Kopie eines Teſtamentes, das in rechtsguͤltiger Form bei einem genannten Notar in Paris vor einigen Monaten nieder⸗ gelegt war.— Eine ergebene, faſt krankhafte Ruhe ſprach aus den gemachten Beſtimmun⸗ gen und dem Tone, in welchem dieſe ver⸗ faßt waren. Eugen, der ſich fruͤher ſo glaͤn⸗ zender Ausſichten in die Zukunft erfreut, ſo viel Hoffnung auf ſeine Kinder geſetzt, ſchien kurz vor dem Tode demuͤthigeren Ausſichten Raum gegeben zu haben.— Er ſetzte die Gattin, wenn ſie die Kinder uͤberleben ſoll⸗ te, zur Univerſalerbin ein, adoptirte foͤrm⸗ lich Carlo, ihm die Rechte eines juͤngeren Sohnes uͤbertragend, ſo daß, im Falle ei⸗ nes moͤglichen Todes der aͤlteren Kinder, ihre Rechte auf ihn vererbt wurden.— Zu ihrem gemeinſchaftlichen Vormunde ernannte er Charles Latour.— Das Document war dem Datum nach ungefaͤhr zu der Zeit ver⸗ — 89— faßt worden, wo Latour ihn in Paris ge⸗ ſehn. So waren denn die anhaltenden aͤngſtli⸗ chen Beſorgniſſe zur traurigen Wirklichkeit geworden.— Der Schlag traf hart, eben weil die Angehoͤrigen, durch die aͤußere Ru⸗ he verwoͤhnt, aufgehoͤrt hatten ihn zu erwar⸗ ten, und vielleicht um ſo haͤrter, als Eu— gen, wie es hieß, erſt vor wenigen Tagen entſchlafen war.— Auf alle Faͤlle hatte er ein unergruͤndliches Raͤthſel mit ſich ins Grab genommen.. »Die Aufloͤſung werde ich bald erfahren,« bemerkte die eben durch dieſe Ueberzeugung am leichteſten getroͤſtete und gefaßte Mutter. Einige Tage vergingen, wie ſie unter ſolchen Verhaͤltniſſen vergehen muͤſſen; die Kranke fuͤhlte ſich taͤglich wohler, aber ſchwaͤcher. Eines Morgens ſprach ſie laͤnger und angele⸗ gentlicher, als gewoͤhnlich, mit ihrem Beicht⸗ vater, und als nun der Abend heranruͤckte, und ſie, der Hausſitte nach, ſich mit ih⸗ — 90— ren Kindern allein befand, eroͤffnete ſie die⸗ ſen, daß ſie nur durch die Erfuͤllung eines Wunſches, der in ihrer Gewalt laͤge, zu⸗ frieden aus der Welt ſcheiden koͤnnte. »Kinder!« erklaͤrte ſie ſich, vich liebe Euch— und Ihr— Ihr liebt Euch beide. Solltet Ihr es nicht wiſſen, ſo will ich es Euch ſagen; tiefer als Ihr meint, als Ihr es vielleicht ſelbſt gethan, hab' ich in Euren Seelen geleſen,— und ſo mußte es ja auch kommen; ich fing an, uͤber eine Neigung, die Eurer Ruhe bedrohlich werden konnte, mit Gott zu hadern. Allein er weiß wohl, war⸗ um er ſie geſtattete, und nun wiſſen auch wir, warum. Mein Geſchlecht iſt erloſchen, — ſo wollte es der Himmel— aber er wird mir vergoͤnnen, ein neues zu begruͤnden, ein gluͤcklicheres, will's Gott.— Roſalba, rei⸗ che dem Freunde Deines Gatten die Hand. Er iſt ſein Bruder; denn er iſt ja auch mein Sohn. Bruͤder ſollen ſich beerben, und bei dem heiligen Volke, aus dem der Erloͤſer — 91— ſtammt, war es Sitte, daß der Bruder nicht des Bruders Wittib verließ.— Du biſt ſeit mehr als einem Jahre Wittwe. Darum, damit ich zufrieden ſterben moͤge, und dort dem Einziggebornen ſolche froͤhliche Nachricht uͤberbringen kann,— denn es muͤſſen ſich ja die Vollendeten freuen, wenn alles, was ſie auf Erden geliebt, auch hier ſich liebt und vereint iſt— darum geſtattet, daß mein Beichtvater Eure Haͤnde vor meinem Todtenbette in einander lege. Wenn die aͤußere Sitte die Offenbarung geſtattet, moͤget Ihr dann der Welt das Geheimniß verkuͤnden.. Wir wollen nicht den Streit zwiſchen den wechſelnden Empfindungen der beiden Herzen, die freudvoll und ſchmerzvoll durch dieſe Zu⸗ muthung bewegt wurden, hier entwickeln.— Ihre Rede ſiel wie ein zuͤndender Funken in Charles Bruſt; und mußte Roſalba in dem Verluſte ihrer Kinder, in dem unbegreifli⸗ chen Verſegvinden des Gatten, ja ſelbſt in ſeinem letzten Willen, der leiſe den Sinn — 92— 1 ausſprach, dem die Mutter laute Worte ver⸗ liehen hatte, nicht eine Beſtimmung ſehen, die ihre fruͤhere, durch Anerkennung und Tod wieder geweckte Liebe heiligte? Kurz hernach wurden ſie vor dem Bette ihrer Wohlthaͤterin— ihnen ein heiliger Al⸗ tar— heimlich getraut. Es war, als haͤt⸗ te die Matrone nur dieſen Augenblick erwar⸗ tet, um zu der ewigen Ruhe einzugehen.— Faſt in dem Augenblicke ihres Todes traf ei⸗ ne neue Botſchaft ein. Ein Frachtwagen von Autun brachte einen Koffer und ein Schreiben. In erſterem erkannte Roſalba ſogleich den des Verſtorbenen. Es war ihnen noch nicht in den Sinn gekommen, ſich um dieſen kleinen Nachlaß zu erkundigen. Mit der ſchmerzlichen Theilnahme, mit welcher man ſich theuern Reliquien naͤhert, ſah Ro⸗ ſalba die wohlbekannten Sachen fluͤchtig durch. Alles war da, ſogar ihr Trauring. Charles las indeß folgendes anſcheinend unbe⸗ deutende Schreiben. — 96— »Frau Marquiſe!« »Mit wehmuthsvoller Theilnahme ſtelle dich Ihnen bei dieſer Gelegenheit den Nach⸗ Hlaß Ihres hingeſchiedenen Gemahls zu; die „»Beſorgung des wichtigeren Theils deſſelben „haben die Behoͤrden uͤbernommen. Zufaͤllig „machten wir, mein Gatte und ich, ſeine liebenswuͤrdige Bekanntſchaft auf einer Rei⸗ yſe, die wir in der Richtung nach ſeiner „»Heimath gemeinſchaftlich fortſetzten, bis pploͤtzlich eine heftige und kurze Krankheit Hihn unſern Armen durch den Tod entzog.— »Ich ſchließe dieſe Zeilen mit der fuͤr Sie ytroſtvollen und fuͤr uns beruhigenden Be⸗ theuerung, daß es ſeiner letzten Stunde we⸗ der an Pflege, noch Freundſchaft gefehlt.— »Genehmigen Sie die Verſicherung unſrer »Hochachtung ꝛe. »Julie Mondeſſart.« Dieſe alltaͤglichen Zeilen wuͤrden ihm in⸗ deſſen kaum ohne die hoͤchſt befremdende Un⸗ terſchrift aufgefallen ſeyn. Mondeſſart!— — 94— Dieſer Name— ſprach es in ſeiner Seele— der ſo ſchauerliche Erinnerungen zuruͤckruft— dieſer Name klingt wie ein Mord.— Char⸗ les war blaß geworden; Roſalba's Stim⸗ mung, auch von truͤben Erinnerungen be⸗ wegt, half ihm, ſeine Beſtuͤrzung ihr zu verbergen; aber ein unruhiges Sinnen be⸗ maͤchtigte ſich ſeines Gemuͤths. Sollte jener Boͤſewicht, der wahrſcheinlich, da er nicht angehalten worden war, und auch ihn ſeit⸗ dem nicht beunruhigt, Frankreich verlaſſen hatte, auf die Unverdaͤchtigkeit ſeines wah⸗ ren Namens vertrauend, zuruͤckgekehrt ſeyn? Oder gab es mehrere deſſelben Namens? Al⸗ lein jener hatte ja dem Freunde Rache ge⸗ ſchworen, hatte zweimal den Dolch gegen ihn gehoben! Wenn nun dieſe Unterſchrift ein hoͤherer Fingerzeig waͤre, daß eine Moͤr⸗ derhand ihn getroffen, eine Fuͤgung, damit er ſich ſelbſt vor ungerechten Anſpruͤchen ſicher ſtellen, und als Raͤcher Eugens auftreten konnte?— In dieſer beklommenen Ungewiß⸗ heit beſchloß er, als Mann ſich Aufklaͤ⸗ rung zu verſchaffen; ſeine neuen Verhaͤltniſ⸗ ſe machten es ihm zur Pflicht, ſich perſoͤn⸗ lich des Freundes Teſtament einhaͤndigen zu laſſen, und ſeinen großen Nachlaß mit der Beihuͤlfe ſeines Geſchaͤftsfuͤhrers zu ordnen. Dieſer Grund beruhigte auch Roſalba wegen ſeiner ſchnellen Abreiſe nach Paris, die er auch, ſobald er die entſchlafene Matrone, deren todte Zuͤge ihn an alles, was er ihr, dem Freunde ſchuldig war, mahnten, zum Grabe begleitet hatte, ohne Auſfſchub unter⸗ nahm. In Paris war ſein erſtes Geſchaͤft, wozu ihn eine unerklaͤrliche Unruhe bald antrieb, bald davon zuruͤckhielt, dem Polizeibeamten, zu dem er fruͤher ſeine Zuſlucht genommen hat⸗ te, ſeinen neuen Argwohn mitzutheilen.— Dieſer fand ihn allerdings einer vorlaͤufigen Unterſuchung werth. Obgleich eine geraume Zeit ſeit der Beſtattung des Marquis hinge⸗ gangen war, konnten, nach der Meinung — 36— Sachkundiger, doch noch Spuren an der Lei⸗ che bemerkbar ſeyn, die einen gewaltſamen Tod beurkundeten; und nachdem neue Maß⸗ regeln, um des Entflohenen jetzt unter ſei⸗ nem wahren Namen habhaft zu werden, ge⸗ troffen waren, reiſte Charles in vollem Feuer ſeines Charakters nach der Gegend von Autun ab, mit Vollmacht, in aller Stille eine Un⸗ terſuchung vornehmen zu laſſen.— Die Aus⸗ ſage der Wirthsleute, in deren Haus der Marquis geſtorben war, ſtimmte beinahe voͤl⸗ lig mit dem empfangenen Brief uͤberein. Der Sarg, an Namen und Wappen des Inha⸗ bers kenntlich genug, wurde gluͤcklich auſge⸗ funden und geoͤffnet. Mit ungeſtuͤm klopfen⸗ dem Herzen nahte Charles den ſichtbaren Ue⸗ berreſten eines Weſens, das ihm ſo theuer geweſen, und im Tode faſt noch theurer war. Der Leichnam war im Ganzen gut erhalten, doch die Zuͤge nicht mehr zu erkennen.— Es fand ſich nicht die kleinſte Spur von Vergif⸗ tung, die ihre ſcheußlichen Wahrzeichen nie — 97— verleugnet, eben ſo wenig von einer Wun⸗ de. Die Sachkundigen entſchieden fuͤr einen natuͤrlichen Tod, und doch ſtand Charles er⸗ bleicht, faſt regungslos die Leiche anſtarrend, ohne Worte vor dem geoͤffneten Sarge. Er nickte Jenen ſein Beiſtimmung zu; was ihn hzergriffen hatte, verſchwieg war nicht die Leiche des Freun⸗ des.— Das ſchwarze Haar, die kleine, ge⸗ drungene S ur des Todten verriethen es. Das nnaufgeloſte Raͤthſel trat wieder lebendig drohend vor ſeine Seele. In dem Bericht von der Unterſuchung, den er unterſchrieben und beſiegelt nach Paris brachte, wurde der Verdacht fuͤr grundlos erklaͤrt, und er huͤtete ſich wohl, das von ihm enthuͤllte Geheim⸗ niß zu verrathen. Mit geheimem Schauder kehrte er zu der neuen, ihm ſo theuer gewor⸗ denen Heimath zuruͤck.— Waͤre es moͤglich: ſollte der Freund noch am Leben ſeyn, waͤh⸗ rend er und Roſalba— er wagte nicht, den Gedanken auszudenken, und verwarf kuͤhn 7 — 93— 2 einen Argwohn, welchen der Charakter des Verſtorbenen, ja deſſen ganzes fruͤheres Le⸗ ben, das jede Taͤuſchung, jede Abweichung von dem geregelten Gange des Lebens haßte, genugſam widerlegte.— Warum vermißt ſich auch der gluͤckliche Lebende, das Geheimniß nder Graͤber, eine ſchmerzliche Vergangenheit aufzuwuͤhlen! Er bereute, er verdammte nun das Treiben, das ihm kurz 3 ſo unerlaͤßlich vorgeſchwebt! Allei ſchon mit frevelnder Hand ar dem Unheimli⸗ zchen geruͤttelt, und der ſchwankende Ban ſollte uͤber ihn zuſammenſtuͤrzen.—* Er mochte wohl einige Wochen auf dieſen Hin⸗ und Herreiſen zugebracht haben; und als er nun endlich uͤber die Schwelle des Hauſes trat, kam ihm die Gattin liebevoller, offener, ergebener entgegen, als er ſie je geſe⸗ hen. Sie war in der Einſamkeit durch ruhi⸗ ge, ungeſtoͤrte Betrachtung mit ſich ſelbſt ins Reine gekommen. Sie hatte ſich nichts vor⸗ zuwerfen; der Tod hatte die Bande geloͤſt, die — 99— nicht Liebe, ſondern Hochachtung und Dank⸗ barkeit ihr theuer gemacht hatten. Durch den Willen der muͤtterlichen Freundin, ja viel⸗ leicht ſelbſt nach dem Wunſche des Verſtorbe⸗ nen, war ſie ihrer erſten Liebe wiedergegeben; und ſo begruͤßte ſie nun mit der Anmuth ei⸗ ner gluͤcklichen, liebenden Frau den Gatten, den ſie nun erſt aus vollem Herzen als ſol⸗ chen umarmen durfte. 1a Warum mußte ihr Liebesgruß ihm, end⸗ lich am Ziele aller ſeiner Wuͤnſche, ins Herz ſchneiden? Sie uͤbergab ihm ein Paquet Briefe, die theils lange hier auf ihn gewartet, theils, ihm nach Paris nachgeſchickt, ihn dort verfehlt hatten und ſchon mit neuen zuruͤck gekommen waren. Ueber die Wichtigkeit der letztern vergaß er faſt die uͤbrigen. Er wur⸗ de eiligſt nach Lyon berufen. Zu Folge der Requiſition von Paris waren zwei Reiſende, Mondeſſart und Frau, eben als ſie uͤber die Grenzen Frankreichs hinaus ſich begeben wollten, angehalten, und dort eingebracht 7* — 100— worden. Die Beſchuldigung eines meuchel⸗ moͤrderiſchen Zweikampfes mit dem Chevalier St. Cricg ſchien den Mann zwar beſtuͤrzt zu haben, doch leugnete er dieſen, ſo auch eine erſchlichene Verſchreibung zu beſitzen, oder je das Geſchaͤft eines Croupiers verrichtet zu ha⸗ ben, hartnaͤckig ab. Es war durchaus kein Beweis da, um ihn zu uͤberfuͤhren. Nur wollte oder konnte er durchaus keinen Auf⸗ ſchluß uͤber ſeine fruͤheren Verhaͤltniſſe und ſeine Familie geben; die Behoͤrde erbat ſich nun weitere Maßregeln von dem Orte, wo⸗ her die Requiſition gekommen war. Da die Verhaftung nur eigentlich auf Herrn La⸗ tours Antrieb geſchehen war, der in dem von den Gerichten verfolgten Troupier den von ihm ſelbſt geſuchten Mondeſſart erkannt ha⸗ ben wollte— wurde nun er von Paris aus erſucht, ſich an Ort und Stelle zu be⸗ geben, weil ſeine Ausſage vor allem die wei⸗ teren Maßregeln, entweder zur ſchaͤrferen Unterſuchung oder zu Verguͤtung eines von — 101— ihm veranlaßten Irrthums, beſtimmen muß⸗ te. Charles glaubte unter ſolchen Umſtaͤnden nicht ſaͤumen zu duͤrfen; und waͤhrend der eiligen Reiſe konnte er nicht umhin, dankbar zu bewundern, wie die Umſtaͤnde ſich von ſelbſt zu ſeinem Vortheile gewandt hatten, und ihm nun geſtatteten, ohne Furcht, ſich ſelbſt zu compromittiren, Mendez Frechheit offen darzulegen— welchen er uͤberhaupt an dem hartnaͤckigen Leugnen, dem ſein Auftreten ein Ende machen wuͤrde, wieder zu erkennen glaubte und dem er die Aufloͤfung eines vielleicht ſchrecklichen Raͤthſels abzuzwingen hoffte.— So kam er mit geſteigertem Muthe in Lyon an, wo er ſich ſogleich bei den Behoͤrden meldete⸗ Der Polizeirichter freute ſich ſeiner An⸗ kunft,»obgleich«— fuͤgte er hinzu—»Ihr langes Ausbleiben eine Entdeckung veranlaßt hat, wodurch die Identitaͤt der Perſon außer Zweifel geſetzt iſt. Ihre Anweſenheit kann 8 indeſſen vielleicht dazu dienen, ſeinem jetzt thoͤrichten Ableugnen ein Ende zu machen.& Und damit Charles ſehen koͤnnte, wie weit die Sache gediehen ſey, wurden ihm zwei uͤberfuͤhrende Beweiſe triumphirend vor die Augen gelegt. Erſtens— die von ihm eigen⸗ haͤndig unterzeichnete Verſchreibung, und zweitens— das fruͤher geſehene Miniaturbild, in welchem er nun erſt unbezweifelt St. Cricg's Schwaͤgerin erkannte. 3 »Was?% rief Charles verwundert laͤchelnd; und trotz ſolcher Beweiſe wagt er noch zu leugnen?½ Trotz dieſer;« wurde eben ſo laͤchelnd er⸗ wiedert.»Allein es hilft ihm nicht! Hoͤ⸗ ren Sie nur. Dem erſten Steckbriefe auf ſei⸗ nen angenommenen Croupier-Namen war er gluͤcklich entgangen; aber die neue Requiſition kam eben recht. Er lief uns faſt ſelbſt in die Haͤnde. Arglos zeigte er an der Grenze den Paß, und wunderte ſich hoͤchlich, wie man ihn anhalten duͤrfte. Sie wiſſen den Erfolg. — 103— Auskunft uͤber ſich ſelbſt mit Trotz verwei⸗ gernd, gab er auf alle Fragen, die Anklage betreffend, mit ſolcher Ruhe und Unbefangen⸗ heit Antwort, daß wir, da auch unter ſeinen Sachen ſich durchaus nichts Verdaͤchtiges be⸗ fand, aus Mangel eines anderen Beweiſes, als eines gleichlautenden Namens, ihn doch wieder haͤtten entlaſſen muͤſſen. Wir hatten ſogleich nach Paris gemeldet, und von dort aus wurden wir auf Ihre— des ſpaͤteren An⸗ gebers— Ankunft verwieſen. Indeſſen hat⸗ te unſer junger Commiſſair, der ein pfiffiger Kopf iſt und ſchon vieles ausſpintiſirt hat, ſeinen Koffer mehrmals vorgenommen, umge⸗ dreht und beſehen— und ſiehe da— im Deckel befand ſich ein doppelter Boden, der ein flaches geheimes Behaͤltniß verdeckte—— und in dieſem mehrere verdaͤchtige Papiere, darunter Ihre Verſchreibung und dies Bild. Der Verhaftete aber machte, und in der That ſehr natuͤrlich, den Erſtaunten— erklaͤrte, daß er nie von dieſem geheimen Fache ge⸗ — 104— wußt, daß der Koffer freilich einem deſſelben Namens zugehoͤrt haͤtte, und Gott weiß, was alles mehr. Allein an dem Bilde ſcheiterte er. Bei deſſen Anblicke wurde er bleich und verſtummte. Vergebens aber blieb er, als er wieder Worte gefunden, bei der erſten Ausſa⸗ ge— denn wenn er nicht von dem Verhaͤlt⸗ niſſe gewußt, wie waͤre denn das Bild ſeiner Frau dahin gekommen?« „»Seiner Frau?« rief Charles beſtuͤrzt und unglaͤubig—»Sie, die nahe Verwandtin eben des Chevaliers—« unwillkuͤhrlich unter⸗ brach er ſich ſelbſt, denn jener Auftritt in dem Redoutenſaale ſchwebte in dieſem Augen⸗ blicke verwirrend vor ſeiner Seele.»Welche unverſchaͤmte Luͤge!« fuͤgte er ſchnell hin⸗ zu. G. »Das wohl nicht!« wurde erwiedert. »Wir haben uns ſelbſt uͤberzeugt; denn wir erkannten es ſogleich. Die Gattin wurde zwar mit angehalten— da aber die beiden Anklagen nur perſoͤnlich waren und ſie nicht — 105— treffen konnten, wurde ihr freigeſtellt, die Reiſe fortzuſetzen; ſie wollte aber das Loo3 des Gatten theilen. Kaum aber war dieſe Entdeckung erfolgt, die ſtrengere Maaßregeln hervorrief, als ſie fort und uͤber alle Berge war.& 5 Charles ſchuͤttelte noch immer unglaͤubig den Kopf; allein um ſo mehr beſchleunigte er die Stunde der Confrontation, in der Hoff⸗ nung, dem neuen Raͤthſel auf den Grund zu kommen. Dieſe wurde mit vieler Foͤrmlichkeit verbereitet, die vorgefundenen Papiere und das Bild auf den Tiſch gelegt, hinter wel⸗ chem dem Herrn Latour der Platz angewieſen wurde. Aber als nun der Verhaftete ihm ge⸗ genuͤber ſtand, uͤberſtieg Charles Erſtaunen und Verwirrung merklich die des Angeklagten. Trotz der duͤſteren Zuͤge des Eintretenden er⸗ kannte Charles an Antlitz, Geſtalt, Hal⸗ tung, an allem beim erſten Anblicke Eu⸗ gen.— — 106— Der Polizeirichter bemerkte ſpaͤhend die ploͤtzliche Erſchuͤtterung Beider, und ſagte frohlockend:»Nun, die Herren kennen ſich, wie ich ſehe.«— Charles Blick hing, er ſelbſt verſtummend, an Eugen. »Nein!« ſagte dieſer raſch. »Es iſt nicht der Mondeſſart, nicht der Moͤrder St. Cricgs, nicht der, welcher mir jene Verſchreibung abgezwungen!«— ſtockte Charles faſt tonlos, ſich an einen Stuhl ſtuͤtzend. »Nicht?« rief der erſtaunte Richter, den pruͤfenden Blick auf ihn heftend. Charles ſchwieg; durfte er, der Gatte von Eugens Wittwe, den Todten oder den Nachtwandler durch ſeinen Namen unſanft erwecken? »Mein Name«— ſagte Eugen rug—- hiſt dennoch Mondeſſart! Ich habe mit jenem Schurken, den, wie ich nun erkenne, ich unter dem Namen Mendez gekannt, nichts gemein, und dieſe Papiere— ich wiederhole es— erſt hier geſehen!« —— —— — 107— „Auch dies Bild?« verſetzte lauernd der Richter, ihm es uͤberreichend.. Eugen nahm es zitternd.»Nein! das habe ich fruͤher gekannt,« fuhr er bewegt fort.—»Allein es gehoͤrt mir nicht, und« — fuͤgte er gluͤhend hinzu, indem er es ſchnell fallen ließ und hart den Fuß darauf hinſetzte— dich habe geſchworen, es zu ver⸗ nichten, wenn es mir je wieder in die Haͤnde fiele.&„e Das Bild lag zerſchmettert, glaͤnzend in ſeinen Ruinen, am Boden. Der Polizeirich⸗ ter ſprang auf; die uͤbrigen Anweſenden mur⸗ melten laut. Charles trat unwillkuͤrlich wie ſchuͤtzend vor Eugen hin, und ſtand ſo zwi⸗ ſchen ihm und dem Richter. 3 »Erklaͤren Sie mir dies Alles,« ſagte dieſer, ihn argwoͤhniſch anſtarrend.»Sie zittern ja?— woher diefe ploͤtzliche, ungemei⸗ ne Beſtuͤrzung?« »Weil ich«— ſagte Charles mit Anſtren⸗ gung—»dieſen ganz Fremden mit jenem — 108— Mondeſſart, fruͤher Mendez genannt, habe verwechſeln koͤnnen; weil ich nach ſo uͤber⸗ zeugendem Beweiſe erſchrecken muß, einen— obgleich unerklaͤrlich— ſo doch Unſchuldigen vor mir zu ſehen, den ich durch blinden Ei⸗ fer in Verdacht und Haft gebracht.& »Seine Unſchuld wird ſich finden,« mein⸗ te der Polizeirichter kopfſchuͤttelnd, und da ihm ſelbſt in dieſem Augenblicke Charles ver⸗ daͤchtig vorkam, gebot er, den Verhafteten, damit deſſen Scharfſinn in der allgemeinen Beſtuͤrzung, in welcher er allein ruhig er⸗ ſchien, keinen ſich nuͤtzlichen Ausweg erſinnen moͤchte, in das Gefaͤngniß zuruͤckzufuͤhren. Dieſe kurzen Augenblicke allgemeiner Bewegung gaben Charles Zeit, ſich zu faſſen und zu ſammeln. Er fuͤhlte, daß ſo wie einſt Eu⸗ gens beſonnenes Opfer ſeiner Freiheit Beide in Spanien gerettet hatte, es nun ſeiner ra⸗ n Geiſtesgegenwart oblag, des Freundes, heſem ſelbſt mit Fleiß wieder entfeſſeltes, und Zukunft, ja auch die eigene zu — 109— beſchuͤtzen.— War auch der Zweck Eugens ihm immer gleich dunkel, ſo war es ihm doch klar, daß er dieſem ſtoͤrend entgegen getreten war; und dieſe Ueberzeugung gebot ihm, das Uebel wieder gut zu machen. Sollte er denn immer der Verderber deſſen ſeyn, der fuͤr ihn, und alles, was ihm theuer war, ſo viel ge⸗ than hatte?— Aber was zu thun? Eine Eroͤrterung der vollen Wahrheit bot keine be⸗ ruhigende Ausſicht dar.— Ein argwoͤhniſcher Blick hatte ſich ſchon auf ihn ſelbſt gehef⸗ tet.— Sein Sinn kehrte ſchnell in die Ver⸗ gangenheit zuruͤck. Da zuͤndete das Andenken an einen Kinderſcherz auf einmal ein Licht in ſeiner dunkeln Unſchluͤſſigkeit an. Das eige⸗ ne Erſchrecken, ſeine ſichtbare Gemuͤthsbe⸗ wegung beſchloßer, ſeine ganze geiſtige Kraft zuſammen nehmend, zu der ihm ſo immer wahrſcheinlicheren Befreiung des Freundes zu verwenden. Sobald er mit dem Polizeirichter allein blieb, was bald geſchah, denn auch ihn — 110— draͤngken Nengierde und Pflicht, eine ſchnel⸗ le Eroͤrterung herbeizufuͤhren, fragte dieſer: »Nun, mein Herr, was ſoll ich von dem allen urtheilen? Sie kennen dieſen Mann— ich zweiſle nicht— wer iſt er?« »Ich kenne ihn, jal« gab Charles zur 5 Antwort, ſich bemuͤhend, die Unruhe ſeines Herzens noch bemerklicher zu machen.»Ich fuͤrchte, daß wir— ich beſonders— uns in einen ſchlimmen Handel verwickelt haben. In der That, ich ſtand wie ein armer Suͤn⸗ der vor ihm, und er— ſchien er nicht uns Allen, Ihnen ſelbſt zu gebieten? Ha⸗ ben Sie ſchon den Fund in dem Koffer ein⸗ berichtet?« »Noch nicht!« erwiederte der Richter ver⸗ wundert, bei Charles ſo veraͤndertem klein⸗ muͤthigen Tone und dem Gedanken an Eu⸗ gens vornehme Kaͤlte doch ein wenig betrof⸗ fen.—»Wir erwarteten ja taͤglich Ihre An⸗ kunft, und ich wollte gern einen definitiven Bericht einſenden. Ich habe mir uͤbrigens 3 — 111— nichts vorzuwerfen!— Wie ſoll ich mir aber dieſe Aengſtlichkeit, dieſe Unruhe erklaͤren? Sie ſind mir hoͤheren Orts als ein Ehren⸗ mann empfohlen; dieſe neue Requiſition iſt, ſoviel ich weiß, auf Ihren Antrag geſche⸗ hen?2. »öEben darum;« verſetzte Charles vertrau⸗ lich, ſich fluͤchtig umſehend, als befuͤrchtete er Spaͤher.»Wir ſind doch allein? Es wal⸗ tet ein furchtbarer Irrthum ob, der, wenn den Folgen nicht ſchnell vorgebeugt wird, hart an mir, ſogar vielleicht an der hieſigen Be⸗ hoͤrde geruͤgt werden kann— die Großen neh⸗ men es nicht zu genau. Ja, ich kenne die⸗ ſen Mann,— allein er ſteht ſo hoch, daß ich es nicht wagen darf, ohne ſeine Erlaub⸗ niß den wahren Namen zu verrathen. Wie er zu dieſem gekommen, wie die dem Schur⸗ ken Mendez gehoͤrenden Sachen unter die ſei⸗ nigen gerathen ſind, weiß ich nicht zu erklaͤ⸗ ren, er ſelbſt auch nicht, wie es ſcheint. So viel iſt gewiß, daß ich in Paris denſelben Abend, da ich jenen Mendez, der ſich auch Mondeſſart genannt, als Croupier erkannte, jenes Bild in deſſen Haͤnden geſehen.— Ich fuͤrchte, daß wir in einen vornehmen Liebes⸗ handel, oder, was noch ſchlimmer waͤre, i ein politiſches Gewebe mit plumper Hand hi eingeriſſen haben; ein Gewebe, das— Charles nannte hier einen Namen, der in dem Augenblicke alles in Frankreich uͤberwogs— Swahrſcheinlich lenkt.— Ich, der Verfolger, nehme meine Klage zuruͤck; ich bin bereit, zu beſchwoͤren: dieſer Mann hat nicht St. Cricq getoͤdtet, mir keine Verſchreibung ab⸗ gezwungen. Er hat mich zwar verleugnet; aber es war ein Wink, ihn nicht zu verra⸗ then— ich darf auf ſeine Großmuth bauen, in ſofern Ihre Klugheit mir, uns zu Huͤlfe kommt.— Eine weitere Eroͤrterung dieſes Raͤthſels kann nur uns alle compromittiren. Entlaſſen Sie ihn, und vertuſchen wir die Sache; auch er wird Ihnen danken, daß wir ſein Geheimniß in Ehren gehalten.— Ich bin am ſchlimmſten daran; es iſt billig, daß ich ein Opfer bringe.— Die Summe, worauf jene Verſchreibung lautet, die mich ſo lange geaͤngſtigt, und deren Einloͤſung ich gewiß nicht mehr zu fuͤrchten brauche, ver⸗ wende ich gern, um Ihnen Mittel zu ge⸗ 4 Ih ben, uns die noͤthige Verſchwiegenheit zu ſichern. Die wahrhafte und geſetzliche Erklaͤ⸗ rung Ihrerſeits, daß der Eingefangene nicht von mir als der Geſuchte erkannt iſt, und daß ich ihm Genugthuung wegen des Irr⸗ thums gegeben, wird dort genuͤgen.« Es iſt ja weltkundig, wie ſelbſt in un⸗ ſeren Tagen in Frankreich— und wohl auch anderswo— ſelbſt hoͤheren Beamten der bloße Name eines im Momente allmaͤchtigen Mini⸗ ſters bis zum Ekel auch allmaͤchtig iſt; wie viel mehr mußte denn ein ſolcher, mit ge⸗ heimnißvoller Furcht ausgeſprochen, und von einer ſo anſehnlichen Summe begleitet, in jenen Tagen wirken, wo keine oͤffentlichen Stimmen ſich gegen die Willkuͤr zu erheben 8 — 114— wagten. Dieſe kuͤhne Wendung gelang Char⸗ les. Sie wurden einig, ausbreiten zu laſ⸗ ſen: daß der Verhaftete, bis weitere Ordre von Paris einlief, in ſtrengem Verwahrſam gehalten wuͤrde; und ſpaͤter: daß er dorthin abgegangen waͤre. Unter dem Scheine voͤlli: ger Unbefangenheit leitete der Beamte ſelbſt das Unternehmen. Durch ſeine Hand, und von ihm geleſen, empfing Eugen von dem Gefangenwaͤrter ſelbſt den naͤchſten Morgen folgende Zeilen von Char⸗ les ihm bekannter Handſchrift: »Monſeigneur!« 4 »Trotz der truͤben Maske, trotz der Ver⸗ pleugnung eines Mannes, deſſen Beſtreben ynur iſt, ſich Ihres Vertrauens wuͤrdig zu „zeigen, erkannte ich Sie, und in demſel⸗ „ben Augenblicke meine Schuld und meine »Pflicht. Sie ſind frei. Nur die Furcht, »Ihrem Willen entgegenzuhandeln, haͤlt uns Hab, oͤffentlich Ihre Verzeihung zu erflehen.— „Ihr Incognito ehrend, zeige ich Ihnen nur 116— vyan, daß heute Abend, mit dem Glocken⸗ yſchlage Sieben, Ihre Thuͤre offen, und die »Gaͤnge frei ſeyn werden. Laſſen Sie ſich vvom Ueberbringer dieſes gerade nach dem »Clatze Belcour begleiten; in der Mitte deſ⸗ vſelben wird ein leichtes Cabriolet halten, und Hin ſeiner Naͤhe der Schreiber dieſer Zeilen »Ihnen begegnen, den Sie an dem Gruße: »»Revange Spanien!« leicht erkennen wer⸗ den, ſo wie an ſeiner Folgſamkeit ſeine im⸗ »mer unveraͤnderten Geſinnungen.& Charles bekam die muͤndliche Antwort zu⸗ ruͤck:»Um ſieben Uhr gehe ich.— Und nach⸗ dem alle aͤußerliche Formen beobachtet waren, damit ſo wenig wie moͤglich von dem ganzen Handel verlaute, reiſte er mit Poſtpferden am hellen Tage von Lyon ab, begab ſich aber, nachdem es dunkel geworden war, in einem leichten Wagen zuruͤck, des Freundes an der genannten Stelle zu harren. Eine ganze 8 Stunde uͤber die beſtimmte Zeit wartete er vergebens.— Endlich ungeduldig, ließ er . 3* — 116— den Kutſcher bei dem Wagen und nahte ſich der engen Straße, aus welcher der Freund kommen ſollte. Da trat ſchnell eine in einen Mantel gehuͤllte Geſtalt zu ihm hin. Es war der Gefangenwaͤrter.»Gut, daß ich Sie wieder erkenne,« fluͤſterte dieſer, vich durfte mich nicht blosſtellen, von dem Burſchen ge⸗ ſehen zu werden.« »Ihr ſeyd allein?« fragte Charles er⸗ ſchrocken.»Wo iſt—& „Schon lange fort!« war die Antwort. „So wie wir ie Freie traten, machte er mir einige Fragen, die Gegend betreffend, ſtand darauf ſtill und fragte raſch:»yIch bin ja frei?««— Ich meinte, ja!—»» Gut!« fuhr er fort, yſo ſchlage ich auch den eigenen Weg ein. Sage dem, der meiner harrt, daß der Todte nicht mehr ſpukt, aber der Lebende ſeinem Verhaͤngniſſe folgen wird. Am juͤng⸗ ſten Tage ſaͤhen wir uns wieder.« Damit war er fort. Das habe ich Ihnen zu ſa⸗ gen.& — 117— CGharles druͤckte mit einer hoͤchſt ſchmerz⸗ lichen Empfindung die verſprochene Belohnung dem Boten in die Hand, warf ſich, von der getaͤuſchten freudigen Erwartung betruͤbt, in das Cabriolet, und holte bald den Reiſe⸗ wagen ein, der ihn zuruͤck nach— tief ſchmerzte ihn dieſe unerwuͤnſchte Benen⸗ nung— ſeinen Guͤtern brachte. Jedoch un⸗ ter dieſen war eins, dem er doch nicht gern wieder entſagt haͤtte, und das wohl faͤhig war, ihn zum Theil uͤber den— er ahnte es— jetzt unwiederbringlichen Werluſt des Freundes zu troͤſten. Dies ſein theuerſtes Erbtheil zu begluͤcken, ſchien ihm nun eine doppelt heili⸗ ge Pflicht.— Und er that es. Nie hat ſie erfahren, daß ihr geſetzlicher Gatte noch am Leben ſey. Charles huͤtete ſich wohl, eine Kunde ihr auch nur ahnen zu laſſen, die ihre Seele in religioͤſe Zweifel, vielleicht in Verzweiflung geſtuͤrzt und ihr gemeinſchaftli⸗ ches Gluͤck untergraben haͤtte. Ihm war frei⸗ lich Liebe und treue Anhaͤnglichkeit ein heili⸗ — 118— geres Geſetz, als das buͤrgerliche Eheband, das nicht der freie Wille, nur Todesangſt und das Richtſchwert geknuͤpft hatten.— Bei⸗ de hatten nach ihren Anſichten Recht, die uns beweiſen, daß der ſich ſelbſt vertrauende Menſch nicht ohne Fug das Gewiſſen„ ſchei⸗ nen auch deſſen Anſpruͤche zuweilen noch ſo widerſprechend, fuͤr ſeinen hoͤchſten irdiſchen Richter erkennt. Nur betruͤbte Charles die Trennung von dem Freunde und deſſen Ver⸗ zicht auf Guͤter der Welt, die ihm doch ein⸗ mal recht viel gegolten hatten, und auf An⸗ gehoͤrige, die ihm weit theurer geweſen wa⸗ ren.— War er gluͤcklich oder ungluͤcklich?— Charles wußte es nicht. Was hatte ihn wohl in einem noch reiferen Alter, in weit glaͤn⸗ zenderen Verhaͤltniſſen, in einer begluͤckenden Ehe bereits liebevoller Vater, zu einer Ent⸗ ſagung bewegen koͤnnen, deren er ſich in dem Augenblicke, da des Freundes wilde und Roſalba's ſtumme Verzweiflung ſie erflehte, und wo er weit entfernt war, das kaum — 119— geknuͤpfte Eheband zu ſegnen, ſtolz, ſcharf und hart geweigert hatte? Dies war und blieb ihm ein Raͤthſel, auf deſſen Aufloͤſung er, je mehr Jahre er zuruͤcklegte, ſteis we⸗ niger hoffte; deſſen ungeachtet fuͤhlte er ſich, weil Zeit und Gewohnheit ihre Rechte an ihm geltend machten, immer ruhiger und gluͤck⸗ licher. Mehrere Kinder begluͤckten ſeine Ehe — die aus der erſteren hatte er auch um ſich verſammelt.— Mit reger Thaͤtigkeit und klu⸗ ger Beſonnenheit, die freilich ziemlich ſpaͤt bei ihm einheimiſch geworden war, ſuchte er durch Vermehrung des eigenen Vermoͤgens und Roſalba's ihr zugefallenes Erbe, jenen eine ſorgenloſe Zukunft zu bereiten, waͤhrend, ſonderbar genug, ſein Erſtgeborner nicht den vaͤterlichen, ſondern den Namen und die Wuͤrde eines Marquis de Cillon behauptete, und als er volljaͤhrig geworden war, deſſen reiche Beſitzungen uͤbernahm. So war ein thaͤtig ruhiges Leben, ein zufriedenes Alter den einſt ſonderbar getrenn⸗ — 120— ten, und noch ſonderbarer wieder vereinten Liebenden zu Theil geworden. Waͤhrend ei⸗ nes mehr als vierzigjaͤhrigen Zuſammenlebens hatte ihr Haus der Tod zuweilen beſucht, ter das Leben geſegnet. Eine junge Welt war von dem Schloſſe ausgegangen, deſſen hei⸗ miſche Raͤume Carlo's de Cillon Kinder be⸗ lebten und erheiterten. Eugen war und blieb verſchollen. Sein Name wurde zwar immer mit Verehrung im Schloſſe genannt, jedoch hatte die Zeit das Andenken des nur von den betagten Cheleuten perſoͤnlich Gekannten in die Ferne geruͤckt, wiewohl die Freude und das Gluͤck der Bewohner, ſo wie ſie zum Theil ſelbſt, eine Frucht ſeines Segens, oder — ſeufzte Charles ſtill bei dieſem Gedan⸗ ken— ſeiner Verirrung waren. Gluͤcklicher, als die Großmutter, ſtarb endlich die Mutter der zahlreichen Kinder ru⸗ hig in ihrer Mitte. Charles trauerte nicht, denn er konnte hoffen, ihr bald zu folgen; jedoch war ſein Herz ſchmerzlich in Liebe zu 9 — 121— den aufwachſenden Enkeln und in Sehnſucht nach den Vorausgegangenen getheilt; denn— ſo wie er in ſtiller Anſchauung dem Grabe immer naͤher ruͤckte, ſtellte auch der Freund ſich immer lebendiger vor ſeine Blicke, und ihre Jugend ging immer friſcher in ſeinem Gedaͤchtniſſe auf.— Mit ſehnſuͤchtigen Ge⸗ danken an Beide traf er noch immer thaͤtig und ruͤſtig Anſtalten zu der feierlichen Beſtat⸗ tung der Erblichenen, deren Pracht nicht ſo ſehr im glaͤnzenden Gepraͤnge, als in der reichen Schaar trauernder Angehoͤrigen beſte⸗ hen ſollte. Doch ward den Anſpruͤchen des Standes und Namens nichts vergeben. Auf ſchwarzen Stufen erhob ſich, einem Braut⸗ bett aͤhnlich, der unter feinen Leinen verbor⸗ gene Sarg, in welchem auf weißen Kiſſen, ins weiße Morgenkleid gehuͤllt, die geliebte, laͤchelnde Leiche ruhte; eine einfache Haube ſchmiegte ſich eng um das milchweiße Matro⸗ nenantlitz, das zwar nicht mehr an taͤuſchen⸗ den Jugendreiz erinnerte, aber das Ge⸗ 4 praͤge des ſtillen Herzensfriedens eines ſegen⸗ reichen Lebens trug. Das Licht zahlreicher Kerzen machte jeden Zug deutlich und noch ehrwuͤrdiger.— Es war ſchon ſpaͤt am Abend; fremde Zuſchauer hatten ſich laͤngſt zuruͤckge⸗ zogen; der alte Latour war noch einmal in der Mitte der Seinigen neben dem Sarge be⸗ tend auf die Knie geſunken, waͤhrend der Schloßgeiſtliche die Leiche mit Weihwaſſer be⸗ ſprengte. Dann entfernte der Greis die Kin⸗ der; er wollte ſich zum letzten Male mit der auf immer Verſtummten ſtill beſprechen, und ſo ganz allein die zwei erwarteten Kapuziner⸗ moͤnche von dem nahen Kloſter dieſes Ordens, wohin die Gattin neben die ſchon dorthin ge⸗ betteten Lieben zur Ruhe getragen werden ſoll⸗ te, empfangen. Nach der Sitte des Lan⸗ des ſollten dieſe die Nacht hindurch an dem Sarge der Entſchlafenen wachen und be⸗ ten. Da trat weit ſpaͤter, als erwartet, end⸗ lich ein Kapuziner in den Saal; Latour, — 123— ſich ihm naͤhernd, ſtutzte, als er, der nicht ſeltene Beſucher des Kloſters, in dem langen, hagern Manne mit dem weißen Barte einen ihm durchaus Fremden erblickte.»Ihr kommt allein, ehrwuͤrdiger Bruder?« ſagte er be⸗ fremdet— vich habe zwei von den Eurigen erwartet, und Ihr ſeyd mir unbekannt.« »Unſer hochwuͤrdiger Prior«— erwieder⸗ te der Moͤnch—»gab meinem Flehen nach, weil ich ein Geſchaͤft an Euch habe; und zwei Betende werden dennoch bei der Ent⸗ ſchlafenen wachen, denn ich weiß, Ihr wer⸗ det mir gern und freudig Geſellſchaft leiſten. Ich bringe Euch den letzten Gruß eines Tod⸗ ten.& Latour ſtarrte ihn erſtaunt an. „»Den Segen eines Todten,« verſetzte der Moͤnch,»deſſen Leben nun erſt, in Gegenwart dieſer wuͤrdigen Frau, da ihr Ohr nicht mehr hoͤrt, erwaͤhnt werden darf!« — 124— »O, mein Gott!« rief Latour heftig, „»Ihr ſprecht von dem Marquis de Cillon! Alſo doch todt— ich habe es geahnt.. „»Todt!« wiederholte der Kapuziner mit dumpfer, verſagender Stimme, ſchritt dann kraͤftigen Ganges an dem Greiſe voruͤber, und kniete beim Sarge nieder.„Laßt uns beten!« ſagte er erſchoͤpft; aber ſeine Lip⸗ pen oͤffneten ſich nicht, er lag verſunken im ſtillen Anblicke der Leiche. Aber herum zu der andern Seite des Sarges ſchwankte der mit einem ſchweren Seufzer ſich erholende Wittwer, und kniete daran nieder, dem Fremden gegenuͤber.— Ernſt und forſchend, als wollte er fragen, und wagte doch nicht, dieſen in ſeinem An⸗ ſchauen zu ſtoͤren, ſtarrte er in die immer ſeelenvolleren Blicke des Moͤnches, die, von heiligen Thraͤnen benetzt, immer jugendlicher glaͤnzten. Ungeſtuͤm klopfte ſeine Bruſt. Ploͤtzlich erhob er ſich mit zuruͤckkehrender Manneskraft wieder.»Rein, nicht todt!«— * — 125— rief er faſt ſchreiend— ſein Auge lebt!— er lebt!— Ihr— Du biſt Eugen!« Der Noͤnch ſah ihn mild, aber kopf⸗ ſchuͤttelnd an.„Jch war es!« ſagte er ru⸗ hig. —»Freund! Freund! Herzensfreund!«— jauchzte Latour!—»ſo ſehen wir uns wie⸗ der, doch wieder.— Ja, Du haſt Recht gehabt, es iſt am juͤngſten Tage, denn uns naht ja jetzt fuͤr immer die ewige Ju⸗ gend. K »Wohlan!« ſagte der Moͤnch geruͤhrt, aber ruhig— Ddieſer Freude wegen, wenn Du mir verſprichſt, Kraft zu haben, ſo lange ich noch athme, es nicht zu verrathen, will ich dieſe Nacht, doch nur in Gegen⸗ wart dieſer, deren Wittwer Du und er iſt, Eugen wieder werden.& Die erſten Stunden dieſes Wiederſehens trugen einen Charakter, der außer dem Be⸗ reiche der Worte liegt, und nur der Phan⸗ taſie anheim gegeben werden darf. Wir laſ⸗ — 126— ſen ſie ſtill voruͤbergleiten. Die Kerzen ſind ſchon merklich herabgebrannt, die Mitternacht iſt vorbei, als wir die Jugendfreunde wieder erblicken, wie ſie neben einander auf den Stufen des Sarges ſitzen, waͤhrend die Lei⸗ che darin, als ſchon erhaben uͤber die klei⸗ nen Sorgen der Erde, hoch uͤber ihren Haͤuptern ruht, taub den fluͤſternden Wor⸗ ten, die doch auch ihr geſprochen wur⸗ den. 7— Auf Charles dringende Bitten, doch nicht bis nach ſeinem Tode hin die Aufloͤ⸗ ſung des langen Raͤthſels zu verſchieben, er⸗ zaͤhlte Eugen dem Freund wie folgt: »Giebt es Zauber? Meine Jugend hat es geleugnet— der Mann ergriff aber die⸗ ſen Glauben— dem ſein Verſtand wider⸗ ſprach, indem die eigene Erfahrung ihn lehr⸗ te— als eine troͤſtende Entſchuldigung ei⸗ nes verlorenen Lebens; er kann ihn noch nicht fahren laſſen. Charles, Du haſt es — 127— geſehen, das daͤmoniſche Bild, das ich fuͤr meine zuruͤckkehrende Ruhe viel zu ſpaͤt zer⸗ trat, und deſſen magiſcher Gewalt Alles, was in mir gut und rechtlich war, unter⸗ lag. Hoͤre mich und unterbrich mich nicht.« »Ich hatte eben acht und zwanzig Jah⸗ re vollendet; der Segen meiner ehrwuͤrdigen Mutter ruhte auf mir, mein bluͤhendes Weib reichte mir, mit dankbarer Freude in den glaͤnzenden Augen, die zwei ſuͤßen Fruͤchte unſrer Ehe hin, die mit unbewuß⸗ tem Laͤcheln die kleinen Arme um meinen Hals falteten, und mir in ihren unſchuldi⸗ gen Kuͤſſen einen ſtummen, und doch den beredteſten Gluͤckwunſch brachten; meine neuen Unterthanen umgaben jauchzend mein zierliches Schloß, in welchem jedes Fenſter ein Belvedere, weit hin uͤber reiche Fluren und ſonnenbeſtrahlte Waͤlder, die mir gehoͤr⸗ ten, bildeten, waͤhrend meiner Seele, in der Zukunft ſpaͤhend, von der glutherfuͤllten Phantaſie nicht weniger reizende Ausſichten — 128— dargeboten wurden.— Ich war gluͤcklich,“ denn ich fuͤhlte mich gluͤcklich, mein Herz wußte von keinem Wunſche mehr. Mit ei⸗ nem Anfluge von Unwillen wog ich in der Hand einen Brief, der mir ſo eben von der Poſt zugekommen war,— wußte ich doch, er konnte mir nichts Erfreulicheres bringen, als was ich ſchon hatte, und eine leiſe Furcht, die Furcht der Gluͤcklichen, beſchlich meine Seele, daß er mir vielleicht an die⸗ ſem wahren Freudentage etwas Unangeneh⸗ mes enthuͤllen moͤchte. Ich hatte mich aber getaͤuſcht. Es war ein Schreiben von den reichen Anverwandten meiner Mutter in Bruͤſſel. Das wechſelnde Gluͤcksrad ſchien eben einen ſo guͤnſtigen Augenblick darzubie⸗ ten, einen Erſatz fuͤr die an dem Vater veruͤbte Unbill zu erhalten, daß es vielleicht nur an mir ſelbſt lag, die glaͤnzende Stufe wieder zu erreichen, die mein Geſchlecht einſt in dem Vaterlande eingenommen hatte; allein ich mußte dann auch keinen Augenblick ver⸗ — 129— lieren, ſondern mich perſoͤnlich in den Kreis meiner Anverwandten begeben, die ſich alle ſehnten, mich kennen zu lernen und zu lie— ben. Das Erſtere und Letztere nur reizte mich. In meiner unabhaͤngigen Lage zufrie⸗ den, trug ich Bedenken, mich einer Welt zuzugeſellen, die von gehaͤſſigen Leidenſchaf⸗ ten bewegt und geleitet wurde; nicht daß ich ihren Einfluß auf mich fuͤrchtete, aber ihr eigenſuͤchtiges Treiben widerte mich an. Al⸗ lein ich durfte meinen Rechten nichts verge— ben, nicht Verwandte vernachlaͤſſigen, die in der Zukunft meinen Kindern nuͤtzlich wer⸗ den konnten, und ſo entſchied ich fuͤr eine kurze Reiſe in das Vaterland. Ich umarmte Mutter, Weib und Kinder, und reiſte ru⸗ hig ab. Keine Empfindung in meiner Bruſt ließ mich ahnen, daß ich ſie alle nicht mehr ſehen wuͤrde— nicht mehr ſehen wollte.« »Bruͤſſel war bald erreicht; die Pracht des glaͤnzenden Adels entzuͤckte mich weder, noch blendete ſie mich; doch wurde ich unwillkuͤrlich 9 — 130— aus einer Gefaͤlligkeit, die ich meiner Lage ſchuldig zu ſeyn glaubte, nach und nach von meinen, wie ich, jugendlichen Verwandten in Cirkel hineingezogen, aus welchen ich, ohne den Sonderling zu machen, mich nicht zuruͤckziehen konnte, obgleich ſie mir eben nicht gefielen; die ſchwelgeriſche Ueppigkeit ſagte meinen ſchlichteren Gewohnheiten nicht zu, und machte mir Langeweile. Eines Abends fuͤhrte mich einer meiner Oheime in eine glaͤnzende Cotterie, wo die meiſten An⸗ weſenden an einem ſehr hohen Spiel Antheil nahmen. So auch ich, obgleich ſehr maͤßig, ohne Neigung, eigentlich nur, um kein Auf⸗ ſehn zu erregen. Um ſo mehr feſſelten die Spielenden meine Aufmerkſamkeit; vor Al⸗ len ein blaſſer, junger Mann, mir gerade gegenuͤber, der, mit den Augen ſtarr an den Karten haͤngend, mit entſchiedenem Un⸗ gluͤcke, aber mit eben ſo unerſchuͤtterlichem Gleichmuthe ſpielte; wenigſtens veraͤnderte ſich kein Zug in dem duͤſtern Antlitz.— Kei⸗ —, 131— ner der Mitſpielenden ſchien ſeine bedeutende Geldverſchwendung zu bemerken, nur eine junge Dame in meiner Naͤhe, vor welcher ein großer Haufen Gold lag, war augen⸗ ſcheinlich mehr mit ſeinem Verluſte, als mit ihrem Gewinne beſchaͤftigt. Ihre Blicke ruh⸗ ten mit ſo aͤngſtlichem und peinlichem Aus⸗ drucke auf ihm, daß ſie unwillkuͤrlich meine Theilnahme erregte. Wahrſcheinlich, dachte ich, wird hier die Liebe einer bekuͤmmerten Gattin, die Beſorgniß einer Mutter um die Zukunft ihrer Kinder, auf eine harte Probe geſtellt. Es war etwas ſo Ruͤhrendes, ſo Huͤlfeflehendes in dem naſſen Glanze ihrer ſchwarzen Augen, daß ich die meinigen nicht davon abziehen konnte.— Endlich, als der junge Mann noch immer mit hartnaͤckigem Gleichmuthe ſein Geld verſchleuderte, erhob ſie ſich raſch; ich machte ihr Platz.— Sie mochte vielleicht ſchon lange meinen Blick ver⸗ ſtanden und meine Theilnahme darin geleſen haben, denn im Voruͤbergehen fluͤſterte ſie, 9* — 132— wie zu einem alten Bekannten, der unſere Verhaͤltniſſe genan kennt, unwillkuͤrlich, als entſchluͤpften ſie ihr unbewußt, die Worte: „»Er ruinirt ſich! es iſt kein Zweifel!«« Ihre Augen hafteten ſo bekuͤmmert, ſo durchdrin⸗ gend auf mir, als erwarteten ſie eine Antwort. „»»Moͤchte mein geringer Beyſtand irgend ein Unheil abwehren koͤnnen!«« ſprach ich leiſe mit einer Verbeugung. »Meine Anrede ſchien ſie betroffen zu ma⸗ chen. Sie ſah mich einen Augenblick mit ei⸗ ner Verwunderung an, die ſich doch bald in ein anmuthiges Laͤcheln verlor, und waͤhrend ſie die Augen zu Boden ſchlug, entgegnete ſie erroͤthend, kaum hoͤrbar:»»Ich bin hier ſo ganz fremd und verlaſſen, und Herrn de Kerkhuiſens ritterlicher Ruf ſteht mir noch ſo lebhaft vor der Seele, obgleich er ſich meiner kaum mehr erinnert, daß ich wohl verſucht waͤre, ihn zu meinem Ritter zu erwaͤhlen, wenn er nichts dagegen haͤtte!& — 133— „Beſtuͤrzt, von einer voͤllig Unbekannten meinen Familiennamen nennen zu hoͤren, ob⸗ gleich ich meinen franzoͤſiſchen Beinamen wirklich aus vielen Gruͤnden in dem Vater⸗ lande abgelegt hatte, ſah ich ſie genauer, doch unſicher an; ihre Zuͤge kamen mir immer be⸗ kannter vor, ohne daß ich mich doch beſinnen konnte, woher— indeſſen mußte ich Antwort geben, und fragte demnach: wo ich Ihre Be⸗ fehle einholen duͤrfte?« »Sie nannte mir ein bekanntes Hotel, hinzufuͤgend, daß ich nur nach der Wittwe de Barſannes zu fragen habe— und trat zu einigen Frauen hin.— De Barſannes!— ich fuͤhlte mich beinahe froh uͤberraſcht bei dieſem Namen, der mir inſofern nicht ganz unbekanat war, als ich mich beſann, daß der Mann ſo geheißen, dein dereinſt in Orleans die Braut zu Theil geworden war, die meine naͤchſte Umgebung mir zugedacht, und von der ich mich ſo entfernt gehalten hatte, daß ich ſie, obgleich wahrhaft ſchoͤn, ja faſt ſchoͤ⸗ — 134— ner, als fruͤher, nicht einmal wieder erkannte, als ſie mich mit dem Namen begruͤßte, der damals meiner jugendlichen Eitelkeit ſchmei⸗ chelte. Es war mir, als haͤtte ich ihr insge⸗ heim ein Unrecht abzubitten; um ſo mehr be⸗ ſchloß ich, keine neue Vernachlaͤſſigung mir zu Schulden kommen zu laſſen.& »Den folgenden Morgen fand ich mich bei ihrer Toilette, wo ſie nur fuͤr mich ſichtbar war, ein.»Koͤnnen Sie zaubern?« fragte ſie hoͤchſt anmuthig, voder war es der Ge— nius, der aus Ihren Augen noch immer wie fruͤher allen Ihnen gegenuͤber Zuverſicht und Vertrauen einfloͤßt, der mich antrieb, was ich ſtill mir dachte, laut auszuſprechen, weil die Worte meiner Angſt mir Ihr Wohlwollen eingeerntet haben?« »Ich wiederholte mein Anerbieten, und ſo nahm ſie auch keinen Anſtand, mir ihre Lage zu vertrauen. Der junge Mann, den ich den Abend vorher geſehen, war der Bruder ihres verſtorbenen Gatten. Nach einer nicht eben — 135— guͤcklichen kurzen Ehe von einigen Jahren war dieſer geſtorben, ſie als Erbin ſeines groſ⸗ ſen Vermoͤgens hinterlaſſend. Sterbend hatte er ſie der Obhut ſeines Bruders, des Cheva⸗ lier de St. Cricg, der zu einem Beſuch bei ihnen ſich aufhielt, empfohlen, und wirklich hatte auch dieſer ihre Rechte gegen die An⸗ maßungen der Verwandten des Herrn de Bar⸗ ſannes kraͤftig geſchuͤtzt. Als ſie ihm ihren ſchweſterlichen Dank bezeugte, begegnete ihr ein Blick, vor dem ſie im Innerſten gebebt hatte, indem er ihr aͤußerte, daß er ſich uͤber Alles belohnt fuͤhlen wuͤrde, wenn ſie ihm nur geſtattete, einen Raub zu behalten, den er ſich aus dem Nachlaſſe des Bruders zu ei⸗ gen gemacht haͤtte. Sie erſchrack, denn nun erſt beſann ſie ſich, daß unter ſeinen Koſtbar⸗ keiten auch ein kleines Bild von ihr, mit Edelſteinen beſetzt, ſich hatte befinden muͤſſen, welches ſie nicht mit dem Uebrigen in Em⸗ pfang genommen hatte; und eben dieſes Bild wochte ſie nicht in den Haͤnden eines Man⸗ — 136— nes wiſſen, der ihr ſchaͤtzbar und theuer war; ſie mochte es in Niemands Haͤnden wiſſen, denn ſie ſelbſt konnte es nur mit Grauen be⸗ trachten; es fluͤſterte ihr eine innere Stimme zu, daß dieß Bild jedem Beſitzer, ja ihr ſelbſt durch ihn, Ungluͤck bringen wuͤrde.— Es war von einem jungen Kuͤnſtler gemalt, der unter der Arbeit— ſie geſtand es erroͤthend, doch weit entfernt von affektirter Verſchaͤmt⸗ heit— von der heftigſten Liebe zu ihr ergrif⸗ fen worden war. Nur mit Muͤhe hatte man ihn uͤberreden koͤnnen, es zu vollenden und abzuliefern, und als es ihm endlich mit freundſchaftlicher„Gewalt abgerungen war, hatte er ſich den Tag darauf erſchoſſen.— Dadurch hatte nun dieſes Bild etwas Schau⸗ derhaftes fuͤr ſie erhalten; ja es hatte ſich be— reits bewaͤhrt, das etwas Daͤmoniſches darin lag, das eine ſonderbare Gewalt an dem Be⸗ ſchauenden ausuͤbte und ein verzehrendes Ver⸗ langen, das ihr ein Graͤuel ſey, in dieſem erregte. Selbſt auf den Gatten hatte es ei⸗ — 137— nen peinigenden Eindruck gemacht, und zuletzt hatte er, von unangenehm en Erfahrungen be⸗ lehrt, es Niemandem mehr gezeigt, und ſie glaubte ſchon in den Augen des Bruders zu leſen, daß es auch da Unheil angerichtet ha⸗ be. Sie hatte ihm daher dieſe Bitte beſtimmt verweigert; allein trotz aller Vorſtellungen hat⸗ te er nicht uͤber ſich gewinnen koͤnnen, es wieder abzuliefern, waͤhrend ſie eine unerklaͤr⸗ liche Unruhe zwang, ihm es nicht zu laſſen. Aeußerlich geduldig zwar, doch nur ſchlecht ein verzehrendes Feuer verhehlend, das, zu ih⸗ rem ewigen Entſetzen, alle Augenblicke in Flammen empor zu lodern drohte, ertrug er ihre Kaͤlte; allein ſchlug ſie ſeine koſtbaren Geſchenke aus, trieb die Angſt ſie, das Bild nochmals abzufordern, ſo bemaͤchtigte ſich ſeiner ſogleich eine wilde Verzweiflung, und als meinte er, eine unheilbringende Leidenſchaft durch eine faſt noch unheilbringendere zu ver⸗ bannen, uͤberließ er ſich dann einer Spielwuth, ddie ihn voͤllig zu Grunde richten mußte.« — 138— »Fruͤher, noch in ihrer Heimath, bevor beide Leidenſchaften ſo fuͤrchterlich weit gegan⸗ gen waren, hatte ſie darauf geſonnen, den ihm immer mehr drohenden Wahnſinn durch die Flucht zu heilen. Er war damals in ihre angeblichen Anſichten eingegangen, hatte ihr geholfen, ihre Guͤter zu veraͤußern, und ihre Capitale in verſchiedenen Banken anzulegen. Dann war ſie uͤnter einem Vorwande ſchnell nach Paris gereiſt, hatte ſich aber dort, um ferneren Nachſtellungen auszuweichen, nur kurze Zeit aufgchalten, und in der Stille nach Bruͤſſel begeben, wohin der Zufall ſie mit Empfehlungen verſehen. Doch kaum hatte ſie ſich dort einige Wochen einer heiteren Ruhe erfreut, als er ploͤtzlich dort auch erſchienen war, wo er ſie aufs Neue mit ſeinen wilden Blicken und ſeiner wahnſinnigen Leidenſchaft verfolgte.« »Sie ſtaͤnde ſo eben im Begriffe, vertrau⸗ te ſie mir, durch eine neue Flucht die Angſt ihres Herzens zu beſchwichtigen, wiewohl ſie — 139— keine Rettung fuͤr ihn darin erblickte, in ſo fern er nicht durch den Verluſt des Bildes dem Zauber entzogen wuͤrde.— Dieß Gefuͤhl war es, das bei ſeinem geſtrigen ſinnloſen Benehmen ſie ſo maͤchtig und unwillkuͤrlich ergriffen hatte.»Gott«— fuͤgte ſie hinzu, meine Hand ergreifend— vwird mir jene Worte in den Mund gelegt haben, um Ih⸗ nen, von dem ich einſt ſo viel Gutes gehoͤrt, eine Theilnahme einzufloͤßen, die mir um ſo werther iſt, da ſonſt Alles hier, durch ſeine Thorheiten aufmerkſam, mich mit argwoͤhni⸗ ſchen Blicken verfolgt.— Verſchaffen Sie mir das Bild wieder— ich baue auf ihre Klugheit und Beſonnenheit; um Ihre Forderung zu bewaͤhren, ertheile ich Ihnen eine ſchriftliche Vollmacht, und noch mehr. Der arme St. Cricq hat hier ſchon bedeutende Schulden gemacht; bezahlen Sie mit dieſen Papieren; ſchalten Sie damit, wie Sie wollen— ich bin Schuld daran, daß er ſein Vermoͤgen hingeworfen, es liegt mir ob, es wieder zu erſetzen— — 140— ach, koͤnnte ich ſo das Bild zuruͤckkaufen!— Doch nein, nein! Ihr Zartgefuͤhl wird Ih⸗ nen Mittel in die Haͤnde geben, einer Ver⸗ zweiflung Einhalt zu thun, der ich ihn nicht entziehen kann, ohne ſelbſt zu Grunde zu ge— hen!— Ihnen vertraue ich ganz!« »Konnte, durfte ich, der kluge, beſonne⸗ ne Mann, einer fabelhaften Kunde, dem laͤppiſchen Wahne weiblicher Eitelkeit trauen? So wirſt Du fragen, Freund! Ich traute nur halb, allein es galt, die Leidenſchaft, die ich unter jeder Form haßte, zu beſiegen, ihrem armen Opfer zu Huͤlfe zu kommen, ein Ver⸗ tragen, das ich ſelbſt hervorgerufen hatte, nicht von mir zu weiſen, ſeiner mich wuͤrdig zu zeigen— pielleicht taͤuſchte auch mich Ei⸗ telkeit. Ich nahm die Papiere und verließ ſie mit ſchwererm Herzen, als ich gekommen war. Dann that ich, was mir am naͤch⸗ ſten oblag, in der Stille von Beiden Erkun⸗ digung einzuziehen. Allein duͤrfen Geruͤchte, darf der Ruf jemals genuͤgen? Sonderbar! — — 141— wir hoͤren auf dieſe, wir fragen die Mei⸗ nung, und verachten doch im Herzen beide. Ich hoͤrte viel, und glaubte wenig. Ziem⸗ lich zweideutig wurde von Madame de Bar⸗ ſannes, noch mehr von dem Chevalier ge⸗ ſprochen. Es hieß, daß ſie Beide Frank⸗ reich verlaſſen haͤtten, um eine Verbindung, die hier leichter genehmigt werden duͤrfte, zu ſchließen, daß ſeine raſende Spielwuth Be⸗ denken bei der Braut erregt, die mit ihm deshalb gebrochen haͤtte.— War es auch ſo, es entband mich doch meines Verſprechens nicht. Ihr offenes Schreiben an ihn wider⸗ ſprach dem Geruͤchte.& »Ich erfuhr weiter, daß es nur zu wahr ſey, daß er ſich wenigſtens hier zu Grunde gerichtet habe, und daß er Schulden halber verhaftet waͤre oder werden ſollte. Ungewiß, was ich eigentlich thun wollte, allein auf mich ſelbſt und die Umſtaͤnde vertrauend, eil⸗ te ich nach ſeiner Wohnung. Abgefuͤhrt war Wder zwar noch nicht, doch fuͤllten Gerichtsdie⸗ — 12— ner das Zimmer und hatten ſich ſchon ſeiner wenigen Koſtbarkeiten bemaͤchtigt. Er ſelbſt, unempfindlich gegen Alles, was vorging, ſaß duͤſter vor dem ausgeleerten Pulte, mit dem Bilde vor ſich, das ich aus der Beſchrei⸗ bung ſogleich erkannte. Seine Hand bedeckte es; es war, als bewachte er es, wie die L’dwin ihr Junges, gegen jede Anmaßung. Mit dem mitgebrachten Wechſel fiel es mir leicht, die Forderungen zu befriedigen und die Gerichtsdiener zu entfernen. Einem alten Diener, deſſen Thraͤnen mich von ſeiner treuen Anhaͤnglichkeit uͤberzeugten, haͤndigte ich— denn der Chevalier hoͤrte und ſah noch im⸗ mer nicht— ſowie mir uͤbertragen war, ei⸗ ne noch groͤßere Haͤlfte ein, und trat nun zu dem halb Wahnſinnigen hin, den ich nur, und kaum durch Beihuͤlfe des Bedienten, zu einer Art Beſinnung aufregen konnte.— In dieſer dumpfen Gemuͤthsſtimmung konnte eine heftige Erſchuͤtterung nur Gutes bewirken, und ſobald er faͤhig ſchien, mich verſtehen zu — 143— koͤnnen, reichte ich ihm das Schreiben hin. Seine Zuͤge belebten ſich, als er die Hand⸗ ſchrift erkannte. Waͤhrend er begierig las, bemaͤchtigte ich mich des Bildes, das ich offen in der Hand behielt. Er ließ das Blatt ſinken und ſah mich mit wilden Blik⸗ ken an.»Geſtatten Sie alſo?« ſprach ich, ihm das Bild zeigend. Er fuhr heftig in die Hoͤhe, wollte etwas ſagen, ſank aber in demſelben Augenblicke ohnmaͤchtig in die Arme des Dieners.— Waͤhrend dieſer um den Herrn beſchaͤftigt war, theilte ich ihm meinen Auftrag mit, woruͤber er ſich zu freuen ſchien, gab ihm uͤbrigens meine Adreſ⸗ ſe, und verließ das Haus, ſobald der Arzt, nach dem ſogleich geſchickt worden war, ins Zimmer trat.« »Ruhig, obgleich nicht mit dem zufrie⸗ den, das ich doch nicht anders hatte thun koͤnnen, ging ich nach dem Hötel, wo Frau von Barſannes wohnte. Mit Erſtau⸗ nen erfuhr ich, daß ſie den Abend vorher — 144— abgereiſt war; wohin, wußte Niemand. Doch hatte ſie ein Schreiben an mich nach⸗ gelaſſen. Ich oͤffnete es ſchnell. Sie berich⸗ tete mir kurz, jedoch in einem Tone, der meine Eitelkeit befriedigen mußte, daß ihre Abreiſe ſchon ſo gut wie feſtgeſetzt geweſen, als ſie meine Bekanntſchaft gemacht hatte. Dieſe eben hatte ſie beſtimmt, ihren Ent— ſchluß zu beſchleunigen, da ihr Vertrauen in mich ſie uͤber die Folgen, die ſie befuͤrch⸗ tet hatte, voͤllig beruhigte. Wenn es mir gelaͤnge, ſchloß ſie, das Bild zu erhalten, erſuche, oder beſſer, beſchwoͤre ſie mich, es augenblicklich zu vernichten.— Weder ich, noch ſie ſelbſt, noch irgend Jemand ſolle es beſitzen. Nur darauf vertrauend, duͤrfe ſie mir verſprechen, in der Folge von ſich hoͤren zu laſſen.& 4 3 „»Ihre Abreiſe verdroß mich, obgleich ich nichts Erhebliches dagegen anfuͤhren konnte. Allein mit der Vernichtung des Bildes wollte es nicht gehen.— Es kam mir vor, als — 143— duͤrfte ich es nicht einmal, ehe ich dem, wel⸗ chem ich es abgenommen, Rechenſchaft uͤber meine That, wenn er dieſe verlangte, ab⸗ gelegt hatte. Auch mußte ich ja vorher ſelbſt einſehen koͤnnen, ob ich nicht dieſer Frau zu⸗ viel getraut habe. Ich nahm es in die Hand, um es in ſichere Verwahrung zu legen.— Aber konnte ich das, ohne es anzuſehen?— Der Gefahr, der raͤthſelhaft erwaͤhnten Ge⸗ fahr wollte meine Neugierde in die Augen hineinſehen; es war uͤberall meine Sache nicht, jener aus dem Wege zu gehen.— Ja wohl in die Augen! Ich vertiefte mich in dieſe Augen, in dieſe wunderbaren reden⸗ den Blicke, die unbeweglich, aber mild mich anlaͤchelten, mir weit mehr ſagten, weit tiefer in das Herz drangen, als die lebendi⸗ gen, ſo hoͤchſt aͤhnlichen der Beſitzerin, die mir, mit dem Bilde vor den Augen, im⸗ mer ſchoͤner und verſuchender vor der Phau⸗ taſie ſchwebte. Dies Bild vernichten?— ich hatte es nicht verſprochen; mußte ich denn 1 10 — 146— vielleicht einem Aberglauben, den ich, je laͤnger ich es betrachtete, immer laͤcherlicher fand, nachgeben? Allein das in mich ge⸗ ſetzte Vertrauen taͤuſchen konnte ich auch nicht. — Mußte es alſo dennoch geſchehen, war es mir doch unverwehrt, vorher eine Kopie davon zu nehmen.— Von meiner ungeuͤbten Hand konnte dieſe Niemandem gefaͤhrlich wer⸗ den, außer mir ſelbſt; allein eben dies fiel mir nicht ein. So beſchloß ich denn, es zu kopiren, und machte bald den Anfang. Aber meine Bemuͤhung war vergeblich.— Meine Arbeit wollte mir nicht genuͤgen; und nach⸗ dem ich Tage, Wochen mich abgemuͤht hat⸗ te, endete ich damit, daß ich den Verſuch zerriß, um deinen neuen anzufangen. Ich hatte mich indeſſen aus allen Cirkeln zuruͤck⸗ gezogen, und erfuhr nichts anderes von der Außenwelt, als anfangs, daß der arme St. Crieg an einem hitzigen Fieber niederlag, und ſpaͤter, daß er ſich langſam von demſelben erholte.— Ich ließ nach ſeinem Beſinden fragen; doch beſuchte ich ihn nicht— ich beſuchte Niemanden. Außerdem war es, als haͤtte ſich, ſeitdem das Bild mir immer theu⸗ 'rer wurde, etwas Feindliches zwiſchen uns geſtellt.— So verging eine geraume, ich weiß nicht wie lange Zeit; vergebens erwar⸗ tete ich taͤglich, von Frau von Barſannes zu hoͤren.& „»Da trat eines Tages ein Verwandter zu mir ein, der mir zuweilen kurze Beſuche ge⸗ macht hatte; dießmal merkte ich, daß er et⸗ was auf dem Herzen habe.— Nach meiner gewoͤhnlichen Weiſe fragte ich geradezu da⸗ nach.& „y Jalaα ſagte er, yes draͤngt mich zu fragen, was Ihnen begegnet iſt. Sind Sie h 1 krank? Haben Sie uͤble Nachrichten aus der Heimath? Welch freſſender Wurm nagt an Ih⸗ rer noch vor kurzem ſo geſunden Jugendbluͤthe? Ihre Geſchaͤfte waren hier in dem beſten Gange; Sie hatten ſich Freunde und Goͤnner erworben. Auf einmal ſcheint Alles in tocken gerathen — 148— zu ſeyn; und nur durch ihre Schuld, durch Ihre— erlauben Sie mir, geradezu zu re⸗ den— durch Ihre Nachlaͤſſigkeit. Was trei⸗ ben Sie? Was machen Sie?24 »Ich war ſchnell aufgeſprungen; meine Hand hatte geſchickt die Bilder entfernt; aber ſeine Anrede ſetzte mich in Verwunderung.— Ja! ich hatte mich ſelbſt, Alles vergeſſen— ich ſah ihn betroffen an. Er zog mich vor einen Spiegel hin.»»Sehen Sie ſich an!a ſprach er;»yin der That, Sie ſind kaum zu erkennen!«L „»Ich erſchrack, denn er hatte Recht. Wohl hundert Male hatte ich in den Spiegel geſehen; aber ſo wie ich Alles that, Eines ausgenommen— ohne daran zu denken. Sei⸗ ne Mahnung an die Geſchaͤfte, an die Hei⸗ math, an Frau und Kinder, ſiel wie zucken⸗ de, ſengende Feuerfunken in meine Seele; ich weiß nicht, was ich entgegnete, aber ich fuͤhlte in demſelben Augenblicke die Nothwen⸗ digkeit, ſchnell aufzubrechen. Mit zuſammen⸗ — 149— geraffter Kraft ſtuͤrzte ich mich wieder in die Geſchaͤfte. Der Freund hatte Recht: ich hat⸗ te wirklich faſt im Hafen, weil ich Steuer und Compaß vernachlaͤſſigte, Schiffbruch ge⸗ litten; doch rettete ich noch die Truͤmmer. Bedeutende Summen, die ich fruͤher ver⸗ ſchmaͤht hatte, weil ich auf das Doppelte An⸗ ſpruch machen konnte, nahm ich nun dankbar an; dann eine Krankheit vorſchuͤtzend— als waͤre ich wirklich nicht krank geweſen— da⸗ mit ich mich langweiligen Abſchiedsbeſuchen entziehen konnte, beſtellte ich Poſtpferde, um nach der Heimath zu eilen. Allein ich hatte das Bild nicht vernichtet; es begleitete mich im Wagen, es ruhte in der Brieftaſche an meiner Bruſt. In dem geſchaͤftloſen, ein⸗ ſamen Einerlei des Fahrens kehrten meine Gedanken dahin, wo ſie am allerwenigſten hin⸗ gehoͤrten, und wenn ich ſie mit Anſtrengung auf mich ſelbſt und meine Angelegenheiten richtete, kam zum erſten Male mein fruͤher ſo ruhiges, zufriedenes, reiches Leben mir verfehlt, ſchal, ja ſelbſt abgeſchmackt vor. Ein eiskalter Nebel hatte ſich zwiſchen mir und Roſalben gelagert; ſelbſt nach den Kin⸗ dern ſehnte ich mich nicht mehr; ich ſchauder⸗ te vor dem Gedanken, daß jede Stunde mich der Heimath naͤher brachte.— Genug! ich war ein neuer Menſch geworden, die Gegen⸗ ſtaͤnde rings um mich hatten eine andere Form angenommen, Alles erſchien mir in ei⸗ nem anderen Lichte. Zwar empfand ich dieſes, aber zugleich, daß es immer ſo geweſen, nie anders hatte ſeyn koͤnnen, ich nur fluchwuͤr⸗ diger Thorheit und Blindheit unterworfen ge⸗ weſen waͤre— nun erkannte ich erſt das Le⸗ ben an; ich hatte wieder das Bild hervorge⸗ zogen. Es war, als verlieh es mir Beruhi⸗ gung, in die gemalten Blicke zu ſehen, die immer lebendiger zu meiner Seele, zu meinen Sinnen ſprachen. »Ich war mehrere Tage, ſo ſchnell wie die damalige Poſteinrichtung es geſtattete, fortgeeilt, und fuͤhlte mich hoͤchſt angegriffen.— Mein Koͤrper brauchte Ruhe. Ich war in einem nicht ganz kleinen franzoͤſiſchen Orte angekommen, wo ich auszuruhen beſchloß. Ich erholte mich ſchnell; nach ein paar Ta⸗ gen dachte ich ſchon daran, den naͤchſten die Reiſe fortzuſetzen, und freute mich, den ſchoͤnen Nachmittag, ſtatt die reizende Umge⸗ gend zu beſuchen, wie ſehr auch ein ſolcher Genuß mich fruͤher angezogen hatte, dabei verweilen zu koͤnnen, die ſchon in Bruͤſſel aufs Neue angefangene Kopie der Vollendung nahe zu bringen.— Eine Stimme in mei— nem Innern gebot mir, ehe ich die Heimath erreichte, endlich das Bild ſelbſt zu vernich⸗ ten.& 2 „»Kaum hatte ich angefangen, als ein na⸗ hendes Geraͤuſch mich ploͤtlich ſtoͤrte: die Thuͤr wurde aufgeriſſen, und St. Cricq trat hinein, waͤhrend ich, eben ſo, wie er fruͤher vor mir, und auch mit demſelben Bilde be⸗ ſchaͤftigt, unbeweglich vor ihm daſaß.»»Fei⸗ ger Fluͤchtling!«« rief er, hielt aber bei dem unerwarteten Anblicke meiner Arbeit wieder inne. Ich ſprang ſchnell auf.»ySo haſt Du Deinen Auftrag erfuͤllt?«« ſchaͤumte er zitternd vor Wuth,»yund ſeyſt Du nun ein Dieb oder der Begluͤckte, ſo zieh! Beides fordert Blut!«& 1 »Meine Beſonnenheit wich dem ſchmaͤhli⸗ chen Worte— haͤtte es auch wohl anders ſeyn koͤnnen?— Ich ergriff den Degen— wir waren allein.— War es nun Mangel an Ruhe meinerſeits, oder ſeine Geſchicklich⸗ keit, genng, in weniger als zwei Minuten war ich hart verwundet.— Ich ſah nur, daß er das Bild ergriff, da ſchloſſen ſich im Hinſinken meine Augen.& »Eine lange Zeit mußte vergangen ſeyn, waͤhrend welcher ich keine Beſinnung hatte. Als dieſe endlich zuruͤckkehrte, befand ich mich in einem kleinen Zimmer, deſſen ſchlechte Ge⸗ raͤthe mir ſogleich verriethen, daß ich mich in den Koſtzimmern eines Hoſpitals befinden mußte. Zwei unſcheinbare Geſtalten ſaßen 153 an meinem Lager, in denen ich barmherzige Schweſtern erkannte. Sehkraft und Gehoͤr ſind mir wohl nicht mit der Beſinnung geraubt geweſen; denn es befremdete ſie nicht, mich mit offenen Augen zu ſehen. Sie waren in einer Unterredung begriffen, deren wechſelnde Toͤne wie ein zitterndes Geraͤuſch an mein Ohr ſchlugen, noch ehe ich die Worte faſſen konnte.& A »yEr wird ja zuſehends beſſer, liebe Schweſter!«« verſtand ich endlich;»yvielleicht noch morgen wird er zur Beſinnung kommen, meint der Arzt; goͤnnen Sie ſich daher end⸗ lich Ruhe. Sie halten es nicht laͤnger ſo aus. Bedenken Sie: in drei Tagen und Naͤchten nicht geruht. Sie ſind auch gar zu eifrig. Unſer eins thut gern, was die Pflicht gebie⸗ tet, aber ſo viel daruͤber nie.«C »ySie haben Recht,«« erwiederte eine anmuthige Stimme, mit einem Tone, der mir durch alle Pulſe zuckte, obgleich ſie eben nicht bekannt das Ohr beruͤhrte, waͤhrend — 154— mir alle Glieder noch wie in Banden lagen, »»Kraft und Faſſung ſind noch mehr vonnoͤ⸗ then, wenn er zur Beſinnung kommt; uͤbri⸗ gens thue ich nichts uͤber das, was ich als Pflicht erkenne. Ja, ich will ausruhen, und Gott danken, daß die lange, ſchreckliche Zeit der Gefahr voruͤber iſt!«. „O, verruchtes Herz! Was verwandelte deine dumpfe Ruhe in das heiße Klopfen ſtuͤrmiſcher Freude? Du erkannteſt die Stim⸗ me beſſer, als das Ohr. Die, welche ich fuͤr mich verloren, von der ich mich vergeſſen ge⸗ waͤhnt, die war es; ich begriff es nicht, aber ſie war es. 2— »Laß mich kurz ſeyn.— Von dem Au⸗ genblicke an hatte ich keine Vergangenheit mehr— das Leben war mit der wiederkeh⸗ renden Beſinnung wie neugeboren; ich leb⸗ te nur in ihr, ich berauſchte mich in der ſuͤßen Verwirrung, die ſich ihres ganzen Weſens bemaͤchtigte, als ich ihren Namen nannte. Berauſchte? ja! das iſt das rech⸗ — 155— te Wort; von da an, lange, lange war mein Leben nur ein langer Rauſch.& »Jedes Wort aus ihrem Munde diente nur dazu, ihn zu vermehren. Ach! fruͤher als ich es hatte ahnen koͤnnen, ſchon weit fruͤher, da meine laͤppiſche, hervorgetrotzte Kaͤlte ſie hatte beleidigen ſollen, gewann mir dieſe maͤnnliche Staͤrke— ſo war ihr Aus⸗ druck— ihre Theilnahme. Jetzt hatte ſie von Bruͤſſel her mich nicht aus den Augen verloren, allein, aus Pflicht gegen uns Bei⸗ de, beſchloſſen, daß kein Wiederſehen Statt ſinden duͤrfte, ſo lange, bis ſie ſich uͤber⸗ zeugt haͤtte, daß jenes daͤmoniſche Bild ver⸗ nichtet waͤre.— Ja, ich hege noch die Ver⸗ muthung, daß ſie ſich nicht aus Bruͤſſel entfernt, daß ſie ſich im Geheim eben ſo lange, wie ich, dort aufgehalten, und die Stadt erſt gleich nach mir verlaſſen hatte. Als ich noch im Blute ſchwamm, war ſie ſchon in dem Orte angekommen. Auf ihre „Veranlaſſung ward ich in dem Hoſpitale auf⸗ — 156— genommen, und nachdem ſie meine kleine Habe in Sicherheit gebracht, und die Hoff⸗ nung meiner Wiederherſtellung erhalten hat⸗ nte, war die reiſende Dame verſchwunden, um in der Huͤlle einer barmherzigen Schwe⸗ ſter an meinem Lager wieder zu erſcheinen, wo ſie mir die treueſte Liebe und aufopfernde Sorgfalt ſpendete. Freudig vermißte ſie das Bild. St. Cricq, der durch deſſen Anblick neuen Lebensmuth und Kraft gewonnen, war augenblicklich gefluͤchtet. Durch ihre Sorg⸗ falt, durch ihre Liebe kehrten die ſchon ent⸗ fliehenden Lebensgeiſter zuruͤck. Doch erſt all⸗ maͤhlig in dem neuen Zauberleben, das mir aufgegangen war, erhielt ich Kunde von dem Vorgefallenen. Damit dies ein Geheimniß bleibe, hatte ſie, wie ich zu meiner Freude bemerkte, weder meines Namens noch Stan⸗ des erwaͤhnt. Sie ſelbſt nannte mich, wenn wir unter uns waren, Kerkhuiſen, und eines Tages, da meine große Schwaͤche ſchon allmaͤhlig verſchwunden war, fragte ſie be⸗ 1 157 hutſam nach meinen Eltern, ob ich nicht wuͤnſchte, Kunde von mir in die Heimath zu ſchicken?— Ihre Frage erſchuͤtterte mich, aber ich ſchuͤttelte heftig den Kopf; ich moch⸗ te weder zuruͤck, noch vorwaͤrts denken. Nur eins ging mir klar aus ihrer Frage hervor: daß ſie nichts von meinem neuen Namen, meinen Verhaͤltniſſen erfahren hatte; ach!— daß auch ich nichts davon gewußt haͤtte! Warum hatte das neue, ſelige Leben mir das Andenken des vorigen nicht genommen, das ſo werthlos, und doch noch tauſend Stacheln in mein Herz druͤckend, hinter mir lag? Ju⸗ lie hatte mir ihre Vergangenheit enthuͤllt. Wie viel Entbehrungen, Pruͤfungen und Taͤuſchungen waren auch an ihr voruͤber⸗ gezogen!— Der Nebel, der uns Beide ein⸗ gehuͤllt hatte, war vor der Morgenroͤthe der Liebe zerſtaͤubt. Sie geſtand mir, daß ſie, als ſie den Zuſtand inne ward, den ſie, wie ſie ſich ausdruͤckte, uͤber mich verhaͤngt, Al⸗ les in der Welt, mich ausgenommen, ver⸗ geſſen hatte.— Keiner von denjenigen, die ſie in Paris erwarteten, ahnte, wo ſie ge⸗ blieben war— von Bruͤſſel aus war ſie ver⸗ ſchwunden.— Von Allem, was ſie an die Welt band, hatte ſie nur das reiche, mit guten Papieren gefuͤllte Portefeuille behal⸗ ten. Sie lebte nur fuͤr mich.— Konnte ich, fragte eine laut gewordene, vorher unbekann⸗ te Gewalt in meiner Bruſt, ich, deſſen neues Athemholen ihre Schoͤpfung war, denn weniger thun? Hinweg mit jenem nebel⸗ grauen Traume, in welchem ich nur ein Ball fremder Leidenſchaften, fremder An⸗ ſpruͤche geweſen!— Jetzt war es mir erſt klar, daß ich fruͤher nicht gelebt, daß ich Thor ja ſelbſt ſtolz darauf geweſen war, daß ich es nicht gethan, daß ich nicht geliebt hatte. Nun wußte ich, was Liebe war— ich erblickte in Juliens Augen, daß Roſalba mich nie geliebt, ſo wie wir uns nie lieben wuͤrden. O! wie hatte ich in meiner Unwiſ⸗ ſenheit den Freund verwundet!— Warum — 159— durfte, warum konnte ich meine Reue nicht thaͤtig bezeugen?— Ich durfte mich von Ro⸗ ſalba trennen, ohne goͤttliche und kirchliche Geſetze zu verhoͤhnen!— Die goͤttlichen nicht — das ſagte mir das maͤchtige, von Gott erſchaffene, ſo lange geſchlummerte Gefuͤhl in meiner Bruſt— die kirchlichen noch we⸗ niger; denn ich war nach einem Ritus ge⸗ traut worden, den die gallikaniſche Kirche, zu der ich mich bekannte, verwarf. Aber— die Welt— die Schmach der armen Roſal⸗ ba, der Kinder— meine Mutter— ich fuͤhlte das Gewicht aller dieſer Worte— und die Fluͤgel der Phantaſie ſanken ſchnell ge⸗ laͤhmt vor der nackten Wirklichkeit zu Bo⸗ den.— Sobald meine Kraͤfte es erlaub⸗ ten, eilten wir, um unſer Geheimniß beſſer in einem ungeheuren Schlunde zu verbergen, nach Paris. Zuruͤckkehren in die Leerheit, die mein fruͤheres Leben mir darbot, oder deſſen Feſſeln abzuwerfen, war mir gleich unmoͤglich. Des reichen Gluͤckes der Gegen⸗ — 160— wart mich ſtill zu erfreuen, uns verborgen zu halten, bis ein Faden, der aus dieſem Irrgange fuͤhren konnte, aufgefunden waͤre, war meine einzige Abſicht.— Inlie ließ mich gewaͤhren.— Sie fragte nicht, ſie ahnte nichts,— ſie liebte nur und vertrau⸗ te.— Mit jedem Tage wurde ſie mir, wo moͤglich, theurer, meine Pflichten gegen ſie aber beſtimmt heiliger. Ohne ſolche Papiere zu benutzen, die unſerem Geheimniſſe haͤtten bedrohlich werden koͤnnen, waren unſere Brief⸗ taſchen reich genug. Bei dem maͤßigen Le⸗ ben, das wir fuͤhrten, haͤtten ſie auf Le⸗ benszeit hinreichen koͤnnen. Ihrer ſteten Furcht vor den Nachſtellungen des Chevaliers, der durch die gewaltſame neue Beſitznahme des Bildes ihr doppelt furchtbar geworden war, und meiner zarten Sorge fuͤr ſie ſchrieb ſie alle Maßregeln, unſer Geheimniß ſicher zu ſtellen, zu. Sie konnte ja nicht zwei⸗ ſeln, daß er, wo er auch hingefluͤchtet ſey, des Berichtes von dem Tode ſeines Gegners — 161— aͤngſtlich harren, und wenn dieſer ausblieb, mit ſeinem Leben auch ſein Gluͤck ahnend, von Eiferſucht getrieben, ſchnell umkehren wuͤrde.«& »Ein einſames Gartenhaus in einer ent⸗ fernten Vorſtadt hatte uns aufgenommen. Zeigten wir uns oͤffentlich, war Iulie tief verſchleiert, und ich bis zur Unkenntlichkeit vermummt. Es geſchah ſelten, und zu wel⸗ chem Nutzen? wir hatten nicht Langeweile.— Julie entfaltete taͤglich mehr einen Geiſt, der keinen unerklaͤrlichen Zauber brauchte, um mich zu feſſeln; außerdem hatten wir unſere Waͤnde genugſam mit den Schaͤtzen der Kunſt und Wiſſenſchaften ausgeſchmuͤckt. Eine geraume Zeit— ich weiß nicht wie lange, denn der Gluͤckliche mißt ſelten die Zeit, und ich hatte ohnedies ſchwere Gruͤn⸗ de, es nicht zu thun— drohte keine Wol⸗ ke unſerer Ruhe. Dieſe machte uns vielleicht zu ſicher. Julie war ſo lebensfroh, unſer Leben ſo einſam, und ich ſo empfaͤnglich fuͤr 14 — 4162— Alles, was ihr, meiner Meinung nach, eine Freude machen konnte, daß ich ſelbſt ihr vorſchlug, eine Redoute zu beſuchen.— Unter der Bedingung, daß ich nicht von ih⸗ rer Seite weiche, willigte ſie froh ein. Sie war heiter, ja luſtig, und nur, wie ſie ſagte, der Seltenheit wegen, und ein fuͤr allemal nahte ſie dem Spieltiſche. Charles, Du weißt, was vorging, wozu die Spiel⸗ wuth den Chevalier, den wir weit entfernt waͤhnten, antrieb,— Du ſahſt das verhaͤng⸗ nißvolle Bild, womit er ſeine Ehre verpfaͤn⸗ dete.— Ach! haͤtten wir nur Beſonnenheit gehabt, ruhig Zeugen davon zu ſeyn!— Al⸗ lein es ſollte noch einmal ſeine daͤmoniſche Gewalt ausuͤben.— Das Geſchrei, das Ju⸗ lien entfuhr, durchzuckte mein Herz. Die Begierde, ein Bild wieder zu haben, das ja dem Untergange geweiht war, trieb mich wohl weniger, als der Unmuth, die ſo aͤhn⸗ lichen, obgleich unbekannten Zuͤge der Ge⸗ liebten den Bemerkungen eines rohen Hau⸗ fens preisgegeben zu ſehen. Du kennſt den Erfolg, weißt, wie ich— als ich Dich, den ich noch ruhig in Orleans, im Kreiſe ſeiner Familie glaubte, ſo unerwartet vor mir ſah— beinahe das erſte Mal in mei⸗ nem Leben die Beſonnenheit verlor; wie ich faſt gebankenlos, um nicht von Dir erkannt zu werden, entfloh, doppelt beſtuͤrzt, ſchon fruͤher von einem Unbekannten gewarnt wor⸗ den zu ſeyn, uͤber deſſen mir unverſtaͤndliche Worte mir erſt weit ſpaͤter ein Licht aufge⸗ hen ſollte. Meine Flucht gelang; ich ver⸗ ließ augenblicklich den Saal mit Julien, die, obgleich mit klopfendem Herzen, nicht die Thuͤr aus dem Geſichte verloren hatte, aus der ich hinaus geeilt war. Der Anblick des Chevaliers hatte Julien, ſo wie der Deinige mir Entſetzen eingefloͤßt; unſere Ruhe in Paris ſahen wir als gefaͤhrdet an, wir muß⸗ ten daran denken, unſeren Aufenthalt zu verlaſſen. Ich hatte ſchon bereut, daß ich Dir, alter Freund, nicht vertraut hatte; 11*† — 164— ich zweifelte keinen Augenblick, daß Du mein Verſchwinden billigen wuͤrdeſt, und ich be⸗ ſchloß, Dich aufſuchen zu laſſen; aber wie? — Ich hatte ja noch einen Geſchaͤftsfuͤhrer, deſſen wohlbezahlter Verſchwiegenheit und deſ⸗ ſen Mangel an Theilnahme an Allem, was nicht in Verbindung mit Zahlen ſtand, ich Ich ließ ihn glau⸗ ben, daß eine Ehrenſache mit einer erlauch⸗ ten Perſon, die mich ſelbſt mitten in mei⸗ ner Familie Nachſtellungen Preis gaͤbe, es noͤthig mache, daß ſelbſt jene meine Anwe⸗ ſenheit in Frankreich, ja ſelbſt mein Daſeyn nicht ahnen duͤrfte. Ihm uͤbertrug ich, mir Nachricht von Dir zu verſchaffen. Allein, wie groß war mein Erſtaunen, als ich nun von ihm erfuhr, daß er Dich kenne, daß Du in derſelben Abſicht, jedoch im Betreff meiner, und zwar in Auftrag meiner Gat⸗ tin bei ihm geweſen, daß Du Wittwer ge⸗ worden waͤreſt, und ſeit der Zeit Dich in meinem Qchoſ aufhielteſt.— Charles Witt⸗ 8 3 wohl vertrauen durfte. — 3— 165— wer, und in meinem Hauſe! Siehe, als ich ſpaͤter zum Nachdenken erwachte, mich das Gefuͤhl läͤhmend und ſe daß dieſer Umſtand, 8 mich empoͤrt! erre— Zum er⸗ te meine Verborgenheit, fruͤher nur hingegeben, weil der mein ganzes Weſen unter⸗ geworden war, mir keinen andern Aus⸗ weg, um ihr nachgeben zu koͤnnen, zeigte. Eine innere belebende Stimme ſagte mir, daß mein Verſchwinden gluͤckbringend werden⸗ koͤnnte; aber die Kinder?— die trauernde Mutter?— Mochte denn Gott und die Zeit walten!— Meine Abſicht, Dich zu ſuchen, gab ich augenblicklich auf; ich wollte— was ich bis dahin geweſen war— Herr meines Geſchicks, das mir wieder laͤchelte, bleiben. Aber auch in einer andern Ruͤckſicht war mein Geſpraͤch mit dem Geſchaͤftsfuͤhrer ent⸗ ſcheidend; durch eine Wendung der Unter⸗ * — 166— redung theilte er mir die neuſte Neuig⸗ mit, daß naͤmlich ein Chevalier de einem Spieler in ei⸗ P toͤdtlich verwun⸗ higte, bewaͤhrte ſich doch au h nehmendes Herz. Ich mußte genaue de von dieſem Ereigniſſe einziehen. 4 valier war noch nicht todt, obgleich es allge⸗ mein ſo in der Stadt hieß; und nicht mei⸗ ne dringendſten Bitten, ſelbſt nicht die Ge⸗ fahr, verrathen zu werden, konnten ſie ab⸗ halten, ſeinen letzten Stunden ihre Pflege zu widmen. Durch den Beiſtand des Ge⸗ ſchaͤftsfuͤhrers und des aufbewahrten Ordens⸗ kleides, fuͤhrte ſie verdachtlos ihr trauriges Geſchaͤft eben ſo beharrlich und beſonnen aus, als ſie mit wilder Heftigkeit danach verlangt hatte. Er ſtarb nach einer faſt bewußtloſen dreimonatlichen Agonie, die ihm nur kurz vor dem Tode einige helle Momente gab, in — — 167— welchen ſeine Blicke ſie erkannt und ihr ge— dankt hatten.—& »In dieſer ſchmerzlichen Zeit, wo ic ihrer geliebten Naͤhe hatte entſagen muͤſſen, war es mir, wo moͤglich, noch klarer geworden, wie unentbehrlich ſie zu meinem Gluͤcke war; um ſo mehr ſann ich darauf, wie ich einer zweiten Trennung vorbeugen koͤnnte. Ja heller als je durchbebte dieſes Gefuͤhl meine Seele, als ſie, mit Thraͤnen in den Augen, noch in dem Ordenskleide, unerwartet vor mich trat, mir die Erloͤſung von der ſelbſtgeſchaffenen Verpflichtung durch den Tod des Chevaliers verkuͤndigte, und mit, einer ſtuͤrmiſchen Freude, als waͤren ihrem Gemuͤthe alle Feſſeln abgelallen/ mir um den Hals fiel mit den Worten: bin ich Dein aus ganzer Seele, und nun wiſſe es die ganze Welt!«& »Ich ſchloß ſie entzuͤckt in meine Arme, und doch drangen dieſe Worte mir ſchneidend durchs Herz. Sie waͤhnte die Verborgenheit »yNun erſt. — 168— zu Ende, und deutete zum erſten Male auf eine Verbindung, die ihr Vertrauen ohne Worte vorausgeſetzt hatte. Ploͤtzlich wand ſie ſich aus meinen Armen;„ Dein Freund««— ſagte ſie, den Geſchaͤftsfuͤhrer meinend— »yhat mir ſo eben mit einer Art Aengſtlich⸗ keit dieſen Brief an Dich uͤberreicht; habe ich mich in ſeinem verlegenen Weſen nicht geirrt? enthaͤlt er etwas Unangenehmes, das er Dir nicht ſagen moͤchte? denn es iſt ſeine Hand. Ich habe nie nach Deinen Verhaͤltniſſen ge⸗ fragt; warum auch? Du liebſt mich ja;— nur eins ſage mir: Kann etwas unſer Gluͤck bedrohen?44 »»Gewiß nicht!«« ſagte ich aus ganzem Herzen, doch war es, als zitetn es in mei⸗ ner Bruſt.& »»So lies,« ſagte ſe⸗ mir das 2chra⸗ ben uͤberreichend.“ 3 5 »Ich oͤffnete es beklommen— 8 wohl enthielt es eine Trauerbotſchaft; aber laß mich verſchweigen, wie leicht es das unnatuͤrliche — 169— Vaterherz beruͤhrte, das ſich zwar mit Weh⸗ muth, aber doch zu gern in die Fuͤgung Gottes ſchickte. Der Geſchaͤftsfuͤhrer hatte ſo eben Nachricht von dem Tode meiner Kinder erhalten. In demſelben Augenblicke war auch mein Tod beſchloſſen— meine ewige Tren⸗ nung von Allem, was ein Jahr vorher mei⸗ nem Leben Gehalt und Wuͤrde gegeben hatte. Seit dem Augenblicke, da ich erfuhr, daß der Freund Wittwer geworden, hatte dieſer Ent⸗ ſchluß, obgleich undeutlich, ſich in meiner Seele bewegt; Gott hatte nun ſelbſt den Fa⸗ den, der mich an die Heimath band, zer⸗ ſchnitten. Nur die Mutter!— an ihr blieb mein Gedanke mit Wehmuth haften.— Ach! ſie hatte vielleicht ſchon lange meinen Tod be⸗ weint; der bitterſte Schmerz war voruͤber, moͤchte denn in ihre ſanftere Wehmuth eine Ahnung von dem Gluͤcke ihres Sohnes drin⸗ gen, den die Auferſtehung einem beweinens⸗ werthen Elend weihen wuͤrde.«„ — 170— »Juliens Liebe gewiſſer als je, geſtand ich ihr Alles— und ſie erkannte auch in dem Allem nur die Allmacht der Liebe. Ich woll⸗ te meinen letzten Willen niederſchreiben— den Namen, der nun zum erſten Male ihr Ohr beruͤhrte, ſterben laſſen, Frankreich meiden und unter einem neuen Namen ihr meine Hand reichen. Der innerſte Wunſch meines Herzens kann Dir aus dem Teſtamente, wo⸗ bei alle Formen beobachtet, und das nur we⸗ nige Monate antedatirt war, kaum verborgen geblieben ſeyn. Aber deutlicher durfte ich, im Gefuͤhle der Fuͤgung, die meinem Wahne nach, meine Schritte gelenkt hatte, mich nicht ausſprechen. Wo etwas Hoͤheres ſo deutlich waltete, kam es mir vermeſſen vor, ein Ge⸗ ſchick weben zu wollen. Ich ſann nur dar⸗ auf, das meinige ſicher zu ſtellen. Verſehen mit der Kopie des Teſtamentes, ungewiß, wie ich mein Vorhaben ausfuͤhren wollte, in der Abſicht, ſo wie fruͤher, von den Ereigniſſen mich lenken zu laſſen, eilten wir endlich, um — 171— außerhalb der Graͤnzen Frankreichs meine und Euere Zukunft zu begruͤnden.« »Nicht weit von Autun endete ſich eines Abends unſere Tagereiſe in einem lebhaften Flecken, wo ſo eben Jahrmarkt gehalten wur⸗ de. Der Gaſthof, in den wir einkehrten, war der Verſammlungsort der luſtigſten Freude. Tanz und Muſik erſchallten von den untern Gemaͤchern; kaum daß wir im dritten Stockwerk, wohin wir uns zuruͤckgezogen hat⸗ ten, eine nothduͤrftige Bedienung bei unſerer frugalen Mahlzeit erhalten konnten. Waͤh⸗ rend eine gemiſchte Welt unten im Ueberfluſſe ſchwamm, fehlte es uns, obgleich zu den vor⸗ nehmeren Gaͤſten gehoͤrend, an ſehr einfachen Beduͤrfniſſen. Indeſſen die lebhafte Freude, die aus allen Geſichtern leuchtete, und die wir nicht verderben mochten, beſchwichtigte uns; wir behalfen uns ſo gut wie wir nur konnten, war es auch nur, um uns das ver⸗ gebliche Klingeln zu erſparen.« 8 — ..— 12— »Wir waren eben im Begriffe, uns der Ruhe zu uͤbergeben, als wir in dem kurzen Zwiſchenraume der von unten ſchallenden Tanzmuſik ein dumpfes Stoͤhnen zu verneh⸗ men glaubten. Wir ſahen uns betroffen an; bald bemerkten wir aber, daß dieſes Roͤcheln durch eine duͤnne Bretterwand, die den Alko⸗ ven unſeres Zimmers von einem daran ſtoßen⸗ den trennte, hereindrangen. Es war offen⸗ bar ein Kranker, der, in dem allgemeinen Taumel vergeſſen, dort lag, und gewiß Huͤlfe und Pflege noͤthig hatte. Unbedenklich traten wir auf den Gang hinaus; die Zimmerthuͤr war bald gefunden, ſie war nicht verſchloſſen, kein Licht brannte im Zimmer; wir hatten die unſrigen mitgenommen. Im Bette lag halb ausgekleidet ein Reiſender, wie es ſchien vom Mittelſtande; denn der recht zierliche kleine Koffer und die uͤbrigen herum⸗ liegenden Kleinigkeiten zeugten eben ſo wenig von Luxus als von Armuth. Es ſchien, daß er, im Begriff ſich auszuziehen, auf das — 173— Bett geſunken war. Der Schlag hatte ihn offenbar geruͤhrt, und ſein Roͤcheln verrieth die Agonie, womit dieſe ploͤtzliche Krankheit dem Tode weicht. Er war ohne Beſinnung. Ein Arzt vielleicht noch, nicht wir konnten mehr helfen.« »Wir klingelten vergebens; endlich ging ich hinunter. Der Wirth war in dem Tau⸗ mel nicht aufzufinden; zuletzt gelang es mir, einen Kellner zum Stehen zu bringen.— „„Ach,«« ſagte er, nur halb hoͤrend,»yei⸗ nen Arzt— ich verſtehe! Es iſt wohl der Reiſende auf Nr. 17, der vor zwei Stunden allein und mit Courierpferden hier angekom⸗ men iſt— ich ſollte ihm ein Bouillon brin— gen— aber, mein Gott! wer kann an Alles denken.«. Damit war er fort; den Arzt zu holen, hatte er ſchon vergeſſen. Ich ſchlich, die Angſt meiner Begleiterin bedenkend, un⸗ verrichteter Sache wieder hinauf; die Erfah⸗ rung belehrte mich, daß wohl ſchon alle Hoff⸗ nung verloren ſey.— Ich fand Julien an A — 174— dem Bette.—»yEs iſt zu ſpaͤt,« ſprach ſie,»yer iſt todt.— Wer iſt er?««— Ich berichtete, was ich erfahren hatte. Neben dem Bette auf dem Boden lag ſeine Brief⸗ taſche; ich oͤffnete ſie; ſie enthielt einige unerhebliche Papiere, nur ſchien aus einem darunter ſich befindenden Geſchaͤftsbriefe her⸗ vorzugehen, daß er von einer kurzen Reiſe zuruͤckkehre, wenige Bekannte und keine Fa⸗ milie habe. Ein Paßnlag dabei, der auf ei⸗ nen Particulier, Namens Mondeſſart, lau⸗ tete.& »Julie hoͤrte dies Alles ſinnend an. »»Gar nichts weiter?«k« fragte ſie.—»Gar nichts!« p»Muth und Entſchloſſenheit!«« ſagte ſie, ſchnell meine Hand faſſend.»y»Wir ha⸗ ben, was wir ſuchen. Geſchwind Ihre Pa⸗ piere her; den Marquis de Cillon wollen wir begraben laſſen. Es lebe Herr Mon⸗ deſſart; von dieſem Augenblicke an ſind Sie es! —- 175— »Ich war uͤberraſcht; doch bald fand ich ihre Gruͤnde plauſibel. Wir hatten noch kei⸗ nen Paß— der auch im Innern des Lan⸗ des unnoͤthig war; wir brauchten an dem ſeinen nur hinter dem Namen»mit Frauk hinzuzufuͤgen, dann waren wir viele Placke⸗ reien los, Alles in Ordnung, und ſo konn⸗ ken wir leicht aus dem Verſtorbenen den Mar⸗ quis de Cillon, unſern Reiſegefaͤhrten, ma⸗ chen, der uns einige Stunden, aus irgend einem Grunde, voraus geeilt war. In der Unruhe und Verwirrung des Hauſes, glaub⸗ ten wir, wuͤrde kein Verdacht aufkommen koͤnnen, und meine Papiere in der Brief⸗ taſche des Verſchiedenen machten die Beglau⸗ bigung meines Todes ſehr leicht. Ein kleiner Schluͤſſel, der ſich unſern Blicken darſtellte, oͤfnete den Koffer. Er enthielt geringfuͤgige Sachen, Kleider und Waͤſche, die wir be⸗ hutſam mit den meinen verwechſelten, weil jene den Anfangsbuchſtaben meines neuen Namens trug; zu dem wenigen baaren Gel⸗ — 17— de fuͤgte ich ſo viel hinzu, daß die Begraͤb⸗ nißkoſten nicht kaͤrglich und die Muͤhe der Behoͤrde reichlich gedeckt werden konnte. Es gelang; obgleich ein warnender Blick oft der heiteren Laune der Madame Mondeſſart Ein⸗ halt thun mußte, damit dieſe nicht der ſchick⸗ lichen Trauer widerſprach. Es ſchien, als habe die ſo ploͤtzlich angenommene neue Be⸗ nennung, die auf einmal zwiſchen uns ein auch aͤußerlich tranliches Verhaͤltniß und unſre Ausſichten in die Zukunft begruͤndete, den letzten Reſt von Unruhe in ihrer Bruſt ge⸗ tilgt; auf mich, der ich recht gut fuͤhlte, daß meine Beſonnenheit ſich hatte uͤberliſten laſſen, welches freilich fruͤher Julien gelun⸗ gen war, machte dieſe Ausgelaſſenheit einen widrigen Eindruck; denn obgleich ich, da nun Alles in Ordnung ſchien, keinen Grund zur Beſorgniß hatte, war es doch, als duͤrfte ich mich nicht recht freuen, ehe wir uͤber die Grenzen Frankreichs hinaus waͤ⸗ ren. — 171— „»Sie bemerkte es.»y Warum dieſe Wol⸗ ke?«« ſagte ſie ſanft;»»wir haben ja nichts zu befuͤrchten; der Chevalier iſt todt und das Bild—««& ſie ſtockte. Dieſe Erinnerung machte uns Beide betroffen.— Wir hatten im Laufe der letzten Ereigniſſe deſſen nicht ge⸗ dacht, es wenigſtens nicht erwaͤhnt.— »y Nun««— fuhr ſie ſchnell gefaßt ſort— »„ymag es ſeyn, wo es will. Wir haben es nicht, und entfernen uns mit jedem Schrit⸗ te mehr aus ſeinem magiſchen Kreiſe.«& „»Bald war auch mein kleiner Unmuth verſchwunden. Nach einem laͤngeren Aufent⸗ halte in Lyon, als mir lieb war, und der weniger zu Anſchaffung einer neuen Garde⸗ robe fuͤr mich, als zu dem zweckmaͤßigen Einziehen und Anlegen unſerer Papiere be⸗ nutzt wurde, nahten wir uns der Gren⸗ ze, wo— wir angehalten wurden, damit ich mir ſelbſt wiedergewonnen wuͤrde. Du weißt, Freund! auf weſſen Veranlaſ⸗ ſung. 4 1 12 — 178— »Es war, als ob die truͤgeriſche Klar⸗ heit, die eine Spanne von Zeit mein er⸗ traͤumtes Gluͤck magiſch durchglaͤnzt hatte, wie ein Meteor der Luft, ploͤtliich erloͤſchend, alle Sinne in Nebel verhuͤllte. Bis hierher hatte der beſonnene Blick meine Lage wenig⸗ ſtens umfaſſen koͤnnen; auf einmal war Nacht um ihn geworden. Von der leichten Phantaſie der Geliebten verleitet, hatte ich mich einem Kahne ohne Steuerruder hinge⸗ geben. Nur mit Unruhe erfuhr ich, daß der Name Mondeſſart der Polizei verdaͤch⸗ tig war. Wer aber malt mein Entſetzen, als man mich geradezu des Mordes des de St. Cricq und des Beſitzes einer erſchliche⸗ nen Verſchreibung, die man doch nicht ge⸗ nauer bezeichnete, beſchuldigte. Es empoͤrte mich, mit dem elenden Gehuͤlfen eines Spie⸗ lers verwechſelt zu werden. Es entſetzte mich, fuͤr den Moͤrder desjenigen, der beinahe der meinige geworden waͤre, und deſſen Moͤrder ich freilich damals auch haͤtte werden — 1%— wenn das Geſchick es gewollt, gehalten zu werden; allein es entmuthigte mich nicht, ich fuͤhrte durchaus nichts Verdaͤchtiges bei mir.— Die Anklaͤger des Croupiers mußten mich ja ſelbſt, wenn ich ihnen vorgefuͤhrt wurde, losſprechen; ich hatte die Geiſtes⸗ gegenwart gehabt, Julien in dem Augen⸗ blicke, wo ich bemerkte, daß es um meine Verhaftung Ernſt ſey, die Brieftaſche, die unſer Vermoͤgen enthielt, zuzuſtecken, und ſah vorher, daß die Gefahr durch Gewand⸗ heit und Entſchloſſenheit zu beſchwoͤren ſey; nur empfand ich tief, daß ich dem Leichtſin⸗ ne in einem ſchwachen Augenblicke zu viel Einfluß auf mein Vertrauen eingeraͤumt hat⸗ te; ich empfand es mit einer Bitterkeit ge⸗ gen mich ſelbſt, die Julie, im Gefuͤhle der geheimen Schuld, auf ſich uͤbertrug, wo⸗ durch ſie zum erſten Male vergaß, liebens⸗ wuͤrdig zu ſeyn. Vergebens jedoch bat, be⸗ ſchwor ich ſie, mich zu verlaſſen, allein vor⸗ aus zu reiſen, was man ihr angeboten hat⸗ 1 — 180— te; ſie ſchlug es aus, entſchloſſen, Alles mit mir zu theilen. Dies Alleinſeyn mit einander war unter dieſen Umſtaͤnden, ob⸗ gleich uns kein Wort entſchluͤpfte, das wir haͤtten wuͤnſchen moͤgen zuruͤcknehmen zu koͤnnen, mehr peinlich als wohlthaͤtig. Der Zauber unſrer traulichen Stunden war ver⸗ ſchwunden.— Die Blume des Vertrauens ſchien zwar weder Fuͤlle noch Farbe verloren zu haben, doch den friſchen Morgenthau, den zarten Sammet ihrer Blaͤtter hatte eine rauhe Nacht abgeſtreift. Das Entehrende meiner Lage ſollte mir erſt recht fuͤhlbar wer⸗ den. In empoͤrendem, rauhen Tone, und mit haͤmiſchem Blicke wurden mir ploͤtzlich die aufgefundenen Papiere, unter dieſen die vorerwaͤhnte Verſchreibung, in welchen allen mein faſt dunkel gewordener Blick nur den Namen Mondeſſart deutlich las, und dann— das nur zu wohl bekannte Bild, — 181— te, gezeigt.— Ich ſtand wie vom Blitze geruͤhrt; nur zu klar erfaßte mein Geiſt die ſchmaͤhlichen Folgen dieſes Leichtſinns, der in dem Lotto des Zufalls— zu furchtbar frei⸗ lich, um nicht einen erhabenern Namen zu verdienen— mich unter tauſend Nieten eben dieſen entehrenden Auszug hatte machen laſ⸗ ſen. Doch faßte ich mich, und erklaͤrte, der Wahrheit gemaͤß, daß ich von dieſem Rau⸗ me nichts gewußt, und daß nichts von allen dieſen Sachen mir gehoͤre.« »»Nichts gewußt?«« wiederholte der Be⸗ amte haͤmiſch.»»Iſt es mit der Feinheit des Herrn ſchon vorbei? Nichts gewußt von dem Fache in dem eigenen Koffer, in welchem ſich das Bild der eigenen Frau befindet?««— Ich biß in die Lippen, und erwiederte nur mit einem Blicke, der wenigſtens ſo viel noch vermochte, daß der Richter ohne weitere Schmaͤhungen mich zuruͤckſchickte. Was haͤt⸗ te ich auch ſagen koͤnnen, war es auch die Wahrheit ſelbſt, das er nicht fuͤr eine niedri⸗ — 182— ge Luͤge haͤtte halten muͤſſen. Ich, dem die Wahrheit ſonſt immer ſo theuer geweſen, war freiwillig in das Meer der Luͤge untergetaucht; den Ruf eines Ehrenmannes, eine angeſehene Geburt, ein glaͤnzendes Loos, die Genoſſen⸗ ſchaft der Edelſten und Beſten aller Laͤnder hatte ich mit dem Namen und der Schmach eines Elenden, der vielleicht zu der Galeere reif geweſen, umgetauſcht. Julie nur ward Zeuge der Wuth, in welcher ich gegen mich ſelbſt losbrach, und ſtaunte mich erſchrocken an. Als ſie aber erfuhr, daß wir mit dem geraubten Namen auch jenes daͤmoniſche Bild eingetauſcht, ergriff ſie ein wildes Entſetzen. Meine Worte verwundeten gegen meinen Willen auch ſie; ſie waͤhnte darin einen Vor⸗ wurf, den ſie, echt weiblich, bitter mir zu⸗ ruͤckgab, mit der nicht unwahren Bemerkung, daß, wenn ich ihr Vertrauen nicht getaͤuſcht, und ſogleich das Bild vernichtet haͤtte, wir dem Unheile, das ihm inne wohnte, und das es nun triumphirend an den Tag legte, nicht — 183— blosgeſtellt worden waͤren. Auf dies waͤlzte ſie von ſich, von uns, alle Schuld ab; auch ich that es, doch nur inſofern als ſeine ma⸗ giſche Naͤhe meine Sinne geblendet und die Kraft meines eignen Weſens gelaͤhmt hatte. Dieſes Gefuͤhl indeſſen gab mir das Gleichge⸗ wicht wieder, und die Gefahr, die mich aller⸗ dings bedrohte, uͤberſchauend, flehte ich Ju⸗ lien, ja, als Bitten nichts halfen, gebot ich ihr, voraus zu reiſen, obgleich, noch fruͤher als ſie es bemerkte, nicht verkennend, daß ein ſolcher Schritt nur den Verdacht gegen uns verſtaͤrken wuͤrde. Doch, mußte es mich auch groͤßerer Schmach blosſtellen, Schmach ſollte ſie mit mir nicht theilen; ich blieb fuͤr ihre Thraͤnen, ſelbſt fuͤr ihre Verzweiflung taub; doch gab ſie erſt nach, nachdem ich ihr begreiflich gemacht hatte, daß die Sorge um ſie mein Gemuͤth verwirrte und dadurch unſe⸗ re Lage noch bedenklicher machte. So ſchie⸗ den wir, und— ſey es nun, daß man ſie frei reiſen ließ, oder Gold und Liſt ihr den — 184— Weg geſichert, ich weiß es nicht— ſie ent⸗ kam gluͤcklich. 28 »Wenige Tage vorher hatte ch noch ge⸗ trauert, daß ihre Entfernung mir das Herz erleichtern koͤnne; doch that ſie es. Die Binde der eigenen Unwuͤrdigkeit— denn nur die vermochte mich in ſo entehrende Stricke zu verwickeln— war mir von den Augen ge⸗ fallen. Um ſo nmehr entbrannte mein Zorn gegen den teufliſchen Zauber, der einem ſcheinbar ſo unſchuldigen Werke der Kunſt ſo verſtrickende Gewalt uͤber Sinne und Seele des Menſchen einfloͤßen konnte; ich verfluchte das ſchon von ihm bezwungene Gefuͤhl in mir, das ſo ſinnbetaͤubend mich verhindert hatte, es zu vernichten; ich ſann auf Mittel es noch thun zu koͤnnen, in der Hoffnung, die ſich Gottlob nicht als Wahn bewaͤhrt hatte, daß ich dadurch das uͤber mich ver⸗ haͤngte Unheil auch vernichten moͤchte. Ich hatte Zeit, mich zu ſamm Ich wurde zu keinem Verhoͤre mehr ge ; Alles, was ich 1 185— in dem letzten vernommen, ſchwebte mir in⸗ deſſen nur wie im Traume vor. Ich wußte nur, daß Papiere, ſchmaͤhliche Papiere, die den Namen, den ich geraubt, compromittir⸗ ten, gefunden waren; das war mir genug— ohne ſie weiter zu kennen, durfte ich ſie ab⸗ leugnen— denn Leugnen war Wahrheit— eine weiter gehende ſollte man mir mit dem Leben ſelbſt nicht entreißen.— Genug von dieſen Tagen, dieſen ſchlafloſen Naͤchten; vor den eigenen Gedanken, vor dem eigenen Be⸗ wußtſeyn haͤtte ich mich verbergen moͤgen, um ſo mehr auch vor Julien— denn ſie wußte ja ſo wie ich ſelbſt nm meine Vergan⸗ genheit— und doch ſchlug in ihrem Buſen das einzige menſchliche Herz, das 2ich noch mein nennen durfte.« „Endlich wurde ich wieder vor Gericht ge⸗ rufen. Mein Anklaͤger waͤre da, ſagte man mir mit triumphirendem ſpaͤhenden Blicke; ein Anflug von Freude zitterte durch meine Bruſt; denn wer den wahren Mondeſſart N. — 186— gekannt, mußte den falſchen losſprechen. Auch hatte ich mit Niemandem von St. Cricgs Familie in Verbindung geſtanden, ich hatte Niemandem eine Verpflichtung abge⸗ zwungen. »Ich trat muthig in den Saal, und mein Blick begegnete— dem Freunde! dem, der von allen Menſchen mich am genaueſten kannte, von dem ich am allerwenigſten ge⸗ kannt ſeyn mochte; mein Geſchick hing an einem Haare. Die Schande uͤber meinen wahren Namen, uͤber mein begrabenes Selbſt— ich haͤtte ſie nicht uͤberlebt. Dein Blick verſtand den meinigen. Immer leich⸗ ter ſchlug mein Herz. Und nun, da die ewi⸗ ge Gnade das Bild in meine Hand gab— ich zermalmte es, wie ich geſchworen, und der Triumph meines Blickes brachte noch ein⸗ mal die Anweſenden zum Verſtummen.& »Ach! in der Verſchreibung, die auf Dei⸗ nen Namen, Charles, lautete, und mir end⸗ lich die ganze Verruchtheit dieſes Mondeſſart, * — 187— der unter dem Namen Mendez mir Rache ge⸗ ſchworen, und den ich, ohne ihn faſt zu ſe⸗ hen, nur zu gut gekannt hatte, vor die Au⸗ gen ſtellte, erkannte ich die Fuͤgung eines hoͤ⸗ heren Geſchicks. Ja! ſeine Rache hatte mich getroffen, doch unwillkuͤrlich, erſt nach ſeinem Tode, weil meine eigene Unwuͤrdigkeit ihr den Zutritt eroͤffnete.« „Mir ſelbſt wiedergegeben, betrat ich mein Gefaͤngniß aufs neue. Ja, der Zauber, der mein Weſen nun im zweiten Jahre ge⸗ fangen gehalten, war mit dem Bilde gebro⸗ chen. Dein Anblick— Dein liebes Auge, Charles, aus dem alle Erinnerungen meiner ſchoͤnen Jugend mir entgegenſtrahlten, ver⸗ mochte die ſo lange tief verhehlte ſtille Flam⸗ me meines Herzens wieder anzufachen. Das verwandelte Herz ſchwamm in der verſchmaͤh⸗ ten Vergangenheit, denn der Zauber, die Reize, die mich davon entfernt hatten, be⸗ deckten ſie nicht mehr. Und ſo wie das Kind, im Angeſichte einer gerechten Strafe, aufrich⸗ — — 188— tig Beſſerung verſpricht, oder wie der Kranke in reuiger Bekehrung der Kriſe harrt, die uͤber Leben und Tod entſcheidet, ſo gelobte auch ich, wenn ich, ohne den Ruf meiner Vergangenheit zu verletzen, dieſer Gefaht ent⸗ ſchluͤpfte, jener, trotz jedes Zaubers, wuͤrdig zu bleiben, ohne doch je dazu mich zu beken⸗ nen; Dir nicht ein Gluͤck zu entziehen, das ich in Deinen Augen, Charles, geleſen; die Freude darin war mit einem Ausdrucke von Angſt vermiſcht, die nicht blos meiner Lage, ſondern meinem Daſeyn galt. Und als nun der Gefangenwaͤrter mir jene Zeilen von Dei⸗ ner Hand brachte, die mir eine gelungene Liſt und Deine Verſchwiegenheit enthuͤllten, ge⸗ dachte ich des Geluͤbdes, das mich einer Buße weihte, die den Tiefgefallenen von einer Ver⸗ gangenheit trennte, von der ihn ſchon eine daͤmoniſche Gewalt, aus der er nur die nack⸗ te Seele gerettet, bereits getrennt hatte.« »Frei eilte ich nach dem Orte, wo ſich Julie aufhalten mußte.— Ich war ins Rei⸗ — 189— ne mit mir ſelbſt gekommen— ich wußte nicht, ob ich ſie noch liebte, nur daß ich ſie nicht mehr lieben durfte. Ohne kuͤnſtliche Vorbereitung, nur der Stimme des Gewiſ⸗ ſens gehorchend, wollte ich, offen und wahr, mich von ihr trennen. Ueberzengung, Ge⸗ fuͤhl des Rechts, wuͤrden gewiß, ob auch nicht gleich, Troſt und Muth gewaͤhren. Sie durfte in die Welt, der ſie nicht entſagt und die ſie nicht vermißt hatte, zuruͤckkehren. Un⸗ ſerer Abrede gemaͤß hatte ſie den Namen Mondeſſart nicht abgelegt. Sie war in dem kleinen Orte leicht zu erfragen. Ich fand das Haus hell erleuchtet. Muſik klang mir entgegen; ich fragte. Die reiſende Dame war nicht in ihren Zimmern, ſie nahm Antheil an einem Feſte, das der Wirth gab. Nach der Sitte des Landes fehlte es nicht an Zu⸗ ſchauern, unter welche ich verhuͤllt mich mi⸗ ſchen durfte. Sie war ſchoͤn wie vorher, vor Heiterkeit und Vergnuͤgen ſtrahlend, und — mich mußte ſie ja noch im Geſaͤngniſſe, 8 8 — 190— von Schande und Gefahr bedroht, vermu⸗ then. Beſchaͤmung und Troſt vereinten ſich in meiner Bruſt.— Ich kehrte ruhig um, ſagte ihr ſchriftlich ein ewiges Lebewohl, ohne der mir gehoͤrenden großen Summen, die ſie in Verwahrung hatte, zu erwaͤhnen. Ich hatte ja zu meinem Zwecke genug uͤbrig. Ich ha⸗ be ſie nicht wieder geſehen, und nie mehr von ihr gehoͤrt.« „»Sie wird in Verzweiflung gerathen ſeyn, aber ſich, wie alle Frauen, die, wie ſie, nur in der Gegenwart leben, nie an die Zukunft denken, und die Vergangenheit fuͤr das buͤßende Alter aufſparen, bald getroͤſtet haben.& »So ſtand ich nun auf einem fremden Boden, ohne Vergangenheit, ohne Ange⸗ hoͤrige, ohne Namen; den ehrenvollen, der mir angeboren war, hatte ich ſelbſt begra⸗ ben laſſen; der Schande des zweiten, des geſtohlenen, hatte durch Gottes ewige Guͤ⸗ te mich der Freund entriſſen, uͤber den, und — 191 deſſen Thorheit ich in ſtolzem Uebermuthe mich erhoben hatte. Wohin mich wenden? Konnte ich zweifeln? In ſeine, dem Reui⸗ gen ewig offenen Arme, mußte der, dem ſei⸗ ne Gnade gegeben, die Stricke des boͤſen Verſuchers zu zerreißen, ſich und ſein ver⸗ lorenes Leben werfen.« »Ich ſcheute mich nicht, nach Frankreich zuruͤckzukehren, wohin das ſich wiedergefun⸗ dene Herz mich zog.— Ich klopfte an, wo ich wußte, daß mir aufgemacht werden wuͤr⸗ de; und unter der Bedingung, daß ich gleich nachher in das in Champagne, an das Mar⸗ quiſat Cillon angrenzende Kapuzinerkloſter verſetzt werden moͤchte, legte ich dieſem Or⸗ den mein Geluͤbde ab. „Zu gleicher Zeit mit der Geburt Dei⸗ nes erſten Sohnes kam ich hier an; Dein, ihr, der Entſchlafenen, Gluͤck, heilte die Wunde, die mir der Tod der Mutter ſchlug. — Ich lebte in Eurer Naͤhe, ich hoͤrte taͤg⸗ lich von Euch, ich ſah Euch in der Ferne, — 192— aber ich ſprach Euch nie.— So laͤuterte ſich allmaͤhlig mein Weſen. In drei und vierzig Jahren iſt die Sonne nicht unter⸗ gegangen, wo nicht Pater Antonio inbruͤn⸗ ſtige Gebete aus reuigem Herzen fuͤr Euer Gluͤck zu Gott geſendet hat.— Antonio nennt man mich; am Tage dieſes heiligen Mannes zertrat ich das Bild.«— Der Kapuziner ſchwieg. »y Das Bild?& rief Latour tief geruͤhrt, jedoch mit leiſem Laͤcheln.» Muß denn auch bei Dir das Moͤnchskleid den Verſtand ver⸗ dunkeln, und das beſonnene Nachdenken ver⸗ wirren, daß Du an das glaubſt, was Dei⸗ ne Jugend verwarf, an Zauber?X »Der Verſtand iſt vermeſſen, der Glau⸗ be kindlich und der boͤſe Feind maͤchtig,« ent⸗ gegnete Eugen betroffen;»der ehrwuͤrdige Pater Prior, mein Beichtvater, hat mei⸗ ne Zweifel beruhigt.— Ich glaube dar⸗ an!« »Was hatteſt Du denn zu buͤßen, was zu bereuen?2 fuhr der Freund fort.»Liegt es am Schiffe ſelbſt, wenn es ein Orkan in den Strudel treibt? Hat der Wanderer den Tod verſchuldet, der geblendeten Auges in den Strom ſtuͤrzt? Buße ſetzt voraus Willen und freie That.« »Ich hatte Beides; allein mein Unglau— be gab mich in des Zaubers Gewalt.« » So iſt's!«« ſagte Latour.»»Dein Ge⸗ fuͤhl urtheilt richtig! Darum wirf auch den letzten Reſt von Uebermuth mitten in dieſer Demuth hinweg: nimm nicht die Zuflucht zu einem Daͤmon außer Dir, um beſſer zu ſcheinen, als der Freund.— Der Zau⸗ ber wohnt nicht im Bilde, ſondern in Deinem Herzen— ſein Name iſt Leiden⸗ ſchaft.& Eugen ſah ihn lange an.»Folgte denn nicht der Erſcheinung des Bildes jedesmal ein Unheil?« fragte er. . — 194— „»J-Und entſprang nicht eben dieſes Unheil aus der Leidenſchaftlichkeit, die der Gegen⸗ ſtand, den es vorſtellte, einfloͤßte?«« „»Hat dieſer Gegenſtand nicht ſelbſt mich zuerſt von der Gefahr unterrichtet?« »»Welchen Wahn bruͤtet nicht die leicht⸗ bewegliche Phantaſie aus, die begehrt, und begehrt werden will?«— »Wie nennſt Du denn die Greuel, die das Bild zuletzt uͤber uns verhaͤngte, da es in jener Rechtsſache uns ſchleichend nahte, und, mich faſt erdruͤckend, ans Licht trat?« „»„»Gottes Fuͤgung, Eugen! denn eben dieſe zerſtoͤrte den Zauber, der eben ſo we⸗ nig, wie irgend etwas in der ganzen Na⸗ tur, wiſſentlich zu dem eigenen Verderben wirkt!. »Mit dem Bilde zerbrach er,— da erſt riß die Binde vor meinen Augen;«— ſprach Eugen mit Kraft, ohne aufzuſehen. »yDie zerriſſen Deine erſten Betrachtun⸗ gen, als der Strudel von Luͤgen und Schmach, der Dich umgab, Dir zeigte, wohin die Leidenſchaft Dich fuͤhrte— und mein An⸗ blick, der liebevolle Blick des Freundes, durch⸗ drang den betaͤubenden Nebel, welchen die Gewitterſchwuͤle der Leidenſchaft eng um Dei⸗ ne fruͤher ſo klare Seele zuſammengedraͤngt hatte. Du haſt es ja ſelbſt bekannt, Eu⸗ gen— der Zauber war— Deine Leiden⸗ ſchaft.&— n »Ich buͤße ſie noch,« ſagte Eugen ſeuf⸗ zend, ſey es, daß Du Recht haſt oder nicht! — Ach! dieſe Gute konnte ich verlaſ⸗ ſen!« fuhr er, der ſich ſchon erhoben hatte, die Arme gegen die Leiche ſtreckend, fort. »Der Sturm riß mich in einem Jahr ſo weit von Dir und von mir ſelbſt, daß ich drei und vierzig Jahre zur Ruͤckkehr brauchte.— Laß mich denn an Deiner Bruſt, Charles, den letzten Wahn, an den ſich der Hochmuth hielt, verſchmerzen. Nenne es denn Leiden⸗ ſchaft. Erſt war ich ein uͤbermuͤthiger Thor, dann ein Verruchter. — 196— »yEin ſuͤndhafter Menſch warſt Du,«« un⸗ terbrach ihn Charles,»ywie wir Alle ſind.— Den Unglauben an die losgelaſſenen Kraͤfte der Natur mußteſt Du buͤßen lange und hart!— Aber wer am hoͤchſten ſteht, faͤllt am tiefſten.&. Die Freunde ſchieden. Eugen blieb ſei⸗ nem Geluͤbde treu— ſie ſahen ſich nicht mehr im Leben. Wenige Jahre nachher, als Latour dem Grabe immer ſehnſuchtsvoller entgegen ſah, ſtarb in dem nahen Kloſter ein alter Kapuzi⸗ ner; der Prior theilte, was ſonſt nie geſchah, dem Greiſe im Schloſſe dieſen Todesfall mit; da regte ſich eine lange nicht bemerkte zuruͤck⸗ kehrende, lebhafte Thaͤtigkeit in der Bruſt des Letzteren.— Er ließ dem Prior melden, daß er bei der Einſegnung der Leiche gegen⸗ waͤrtig zu ſeyn wuͤnſche.— Dann ließ er die ganze zahlreiche Familie, und zwar nicht blos die Maͤnner, ſondern auch die Frauen, 7 Kinder und Enkel, bis auf die Kleinſten, ein⸗ laden; Alle waren auf ſein Geheiß in tiefe Trauer gekleidet. Und ſo wanderten ſie Alle, er an der Spitze, nach der Kapuzinerkirche hinuͤber. Nach der Veranſtaltung des greiſen Herrn war an dieſem Tage in der ſonſt un⸗ ſcheinbaren, ſchlichten Kirche eine dort nie ge⸗ ſehene Pracht entſaltet, zur Verwunderung der Vaͤter, und der ganzen Umgegend, deren Neugierde nichts anderes ausfinden konnte, als daß der Verſtorbene nur einmal ſeit ſei⸗ nem Eintrikte ins Kloſter deſſen Manern ver⸗ laſſen, und zwar eine Racht, die er in Ge⸗ beten bei dem Sarge der letzthin verſchiedenen Schloßfrau zugebracht hatte. Auch die Fami⸗ lie bezeigte eine gleiche Verwunderung, beſon⸗ ders da, nachdem alle kirchliche Ceremonien vollendet, alle Gebete verrichtet, und die letz⸗ ten Toͤne des Requiem verhallt waren, der Sarg, in welchem die ſchoͤne Leiche eines ehrwuͤrdigen Greiſes im Ordenskleide Aller Angen ſichtbar lag, zugemacht, dann aufge⸗ * — 198— hoben und in das Erbbegraͤbniß derer de Cil⸗ lon hinabgeſenkt wurde. Eifrig trat das grei⸗ ſe Haupt der Familie, von den Seinigen um⸗ geben, bis hart an den Rand deſſelben hin.—»Den Sarg«— ſprach er mit kraͤf⸗ tiger Stimme)dicht neben den meiner Gattin; ſorgt aber dafuͤr, daß Platz fuͤr den meinen an der andern Seite des ihrigen da ſey!« dann ſah er in das Grab hinunter, und ſagte laͤchelnd und gruͤßend:»Ich komme bald.& Als ſie nun zuruͤckkehrten, und er er⸗ muͤdet und voͤllig abgeſpannt an dem Arme ſeines Erſtgebornen lehnte, der es noch immer nicht wußte, daß er den Vater begleitete, obgleich er ihn ſo nannte, und der, ſeine Schwaͤche beachtend, einige Schritte hinter den Andern blieb, fragte der junge Marquis: »Darf ich, der Herr dieſer Guͤter und naͤchſt Dir auch das Haupt der Geſchwiſter und ihrer Kinder, nicht erfahren, wer der Freinde iſt, dem Du geheimnißvoll ſolche Ehre bezeigſt?« — 199— »yEs ſey!«« ſprach der Greis feierlich und blieb ſtehen:»yund doch kann ich Dir nur ein Raͤthſel aufgeben, das mein Nachlaß Dir erſt enthuͤllen wird.— So wiſſe: erſt heute biſt Du Haupt Deiner Familie geworden; denn er war Dein Wohlthaͤter, der Schoͤ⸗ pfer Eures Gluͤcks, ſo viel Ihr ſeyd, ein in der Welt Verſchollener und doch bis ge⸗ ſtern noch Lebender: der Marquis Eugen Kerkhuiſen de Cillon.« —— In gleichem Verlage ſind erſchienen: Adelaide von Hohenſtein. Ein Roman von Bettina Dalini. 8. 1827. e Adolphi, M., Die Schwaneninſel. Eine ſchwediſche Novelle. 8. 1827. 4 —— Die Schweſtern. Roman. 2 Thle. 1829. 1 Alben, W. v., Graf Branzka. Ein geſchicht⸗ licher Roman aus Griechenlands neueſter Zeit. nig Thle. 8. 1828. Antonia della Roccini, die Seeraͤnberkoͤnigin. Eine romantiſche Geſchichte des 17ten Jahr⸗ hunderts. Vom Verfaſſer der Abentheuer des Herrn Luͤmmels. Mit Kpfr. 2te verb. Aufl. 2 Thle. 8. 1823. Aranzo, der edle Raͤnberhauptmann. Ein Schrek⸗ ken in Spaniens Thaͤlern und Gebirgen. Vom Verf. des tauben See's. Mit Kpfr. 2 Thle. §. 1820. Archibalds Abentheuer. Vom Verf. der Stim⸗ me des Unſichtbaren. 3 Thle. 8. 1825. Arminia, Das Dreiblatt. Drei Erzaͤhlungen. 8. 1827. — Die Stiefmutter, oder Edwin und Theo⸗ dora. Eine Erzaͤhlung. 8. 1826. Auſten, J., Anna. Ein Familiengemaͤlde. Aus dem Engl. von W. A. Lindau. 2 Thle. 8. 1822. Baczko, Ludw. v., Geſchichte Paolo Penna⸗ loſa, eines Kloſterbruders. 2te Ausg. 8. 1823. Bogdan, C., Telesphor. Eine Geſchichte aus dem nordiſchen Kriege. 8. 1824. Buͤhren, Ad., Die Erzaͤhlung auf der Flucht. fluͤchtig erzaͤhlt. 8. 1827. —— Das Feuerwerk, od. die ſeltſame Bekannt⸗ ſchaft. 8. 2 Thle. 1826. Camilla von Kreßburg, die Schickſalsbraut. 2 Thle. 8. 1824. Emilie Milde, oder des Schickſals Fluch. Eine romantiſche Erzaͤhlung vom Verf. der Mahl⸗ eiche, Auguſte Walther, Familie von Hom⸗ burg u. ä. m. 2 Thle. 8. 1828. Erich von Ulfingen, Rittergeſch. aus dem 14ten Jahrhundert. 8. 2 Thle. m. K. 1826. Ewald, Das Salzbergwerk zu Wieliczka. An⸗ hang zur Fuͤrſtentochter. 8. 1827. 8 — Sandſteine. Geſammelte Erzaͤhlungen. 1r u. er Bd. 8. 1826. 3r und 4r Bd. S. 1827. — Die Rabenneſter und Wachtelbuben. Erzaͤh⸗ lung aus dem Anfange des 15ten Jahrh. 8. 12 Thle. 1826. — Das betruͤbte Thorn.(Jahr 1724). 8. 2Thle. 1826.. — Die Bergleute zu Goslar. 3 Thle. 8. 1825. — Der Friede zu Prag. 3 Thle. 8. 1825. — Die Prinzeſſin vom Ilſenſtein am Harz. 8. 1826. 3 — Die Huſſiten vor Zittau. 2 Thle. 8. 1824. — Die Schlacht am Kapellenberge. 8. 1824. — Das Vogelſchießen zu Oſchatz. 8. 1824. —.—yy Falckh, J., Gunhilde die Wilde, oder die Waldkapelle im Hubthal. 3 Thle. 8. 1827. Fels, R., Die Entſcheidung des Augenblicks. Roman. 8. 1826. Floraldin, Ed., Die Calviniſten in Leipzig. Erzaͤhlung aus dem 16. Jahrhundert. 3 Bde. 8. 4827. Fluͤ chtling, der unbekannte, in der Muͤhle zu Koͤrau, ein Zeitgenoſſe Luthers. Erzaͤhlt fuͤr Proteſtanten von einem Proteſtanten in Anhalt. 8. 1826. Gilling, F. W., Der Fluch. 2 Thle. Mit Kpfr. 8. 1821. —— Otto von Wetteroda. Romant. Gemaͤlde aus den letzten Jahren des 30jaͤhrigen Krie⸗ ges. 3 Thle. Mit Kpfr. 8. 1823 u. 1824. Hildebrand, C., Lilienſtroͤm u. Nordenſtern. Ein krieger. Gemaͤl lde aus den Zeiten Karls XII. 3 Thle. 8. 1827. —— Berthold von der Nidda, oder die Horde im Schwarzwalde. 3 Thle. M. Kpfr. 8. 1826. —— die Familie von Manteufel. Ein hiſtor. romant. Gemaͤlde aus den Zeiten Friedrichs des Großen. 8. 3 Thle. 1826. —— Ferdinand von Waldau. 3 Thle. 8. 1825. Hildebrandt, Th., Der Vampyr, oder die Todtenbraut. Ein Roman nach neugriechiſchen Volksſagen. 8. 2 Thle. 1828. —— Die Entfuͤhrung, oder die Wbeniheuer in Madrid. 2 Thle. 8. 1829. Hildebrandt, Th., Die geheimnißvollen Schloͤſſer, oder der Geiſt des Ermordeten. Ein ſpaniſcher Roman. 2 Thle. 8. 1829. —— Marie oder das eiferſuͤchtige Geſpenſt. 3 Thle. m. K. 8. 1827. —— Wirthshaus im Urithal. 2 Thle. 8.1827. —— Die Doppelehe, oder das Geſpenſt zu Rei⸗ chenſtein. 8. 2 Thle. 1826. —— Abentheuer des Grafen von Hohenſtein. Rittergeſch. 2 Thle. 1826.. —— Aurora, oder das ungluͤckliche Opfer des Mutterleichtſinns. 8. 2 Thle. 1826. —— Der Brillant, oder die Raͤuberhoͤhle im Schwarzwalde. 2 Thle. 8. 1826. Ingemann, B. S., Erick Menweds erſte Jugend. Aus dem Daͤniſchen uͤbertragen von L. Kruſe. 4 Thle. 8. 1829. Joͤrdens, G., Amalfried der Thuͤringer. Hi⸗ ſtoriſche Novelle aus dem 6. Jahrh. 8.4828. —— Der Adjunkt des Pfarrers zu Friedau. 8. 1825. —— Das Labyrinth der Liebe. 2 Thle. 8. 4825. Kahlert, A., Ewald und Bertha. Idylliſches Epos in ſechs Geſaͤngen. 16. 1829. Kruſe, L., Nord und Suͤd. In zwei Novel⸗ len: Nordiſche Freundſchaft. Anna Kapri. 8. 1829. —— Zwiefache Treue. Erzaͤhlung. 8. 1829. —— Die Rache. Erzaͤhlung. 8.1829. Kruſe, L., Die Todtenbraut od. Deodats Ge⸗ burt. 3 Thle. 2te Aufl. 8. 1827. —— Wal ldemar der Sieger. Hiſtor. Roman v. B. S. Ingemann. Dem Daͤniſchen nacher⸗ zaͤhlt. 3 Thle. 8. 1827. Leibrock, A., Guſtav und Eliſe, oder die Lei⸗ den der Famille Mahlmann. 2 Thle. Mit Eli⸗ 3 ſens Bildniß. 8. 1828. —— CEckbert der Einaͤugige, oder die Ermor⸗ dung der Braunſchweiger Buͤrgermeiſter. Hi⸗ ſtoriſch⸗romant. Gemaͤlde des 15ten Jahrh. 2 Thle. Mit 4 illum. Titelkupf. 8. 1829. —— Das Schlachtfeld bei Torente. Eine Raͤuber⸗ u. Revolutionsgeſch. 2 Thle. 8.1829. —— Der verwuͤnſchte Ball und drei andere Erzaͤhlungen. 8. 1828. —— Die Zerſtoͤrung der Burg Hohenbuͤchen. Ein Gemaͤlde menſchl. Verirrungen aus dem Jahrh. 2 Thle. Mit Titelkpfr. 8. 1828. —— Die furchtbaren Erſcheinungen in der St. Annenkapelle des Clariſſenkloſters zu Neapel. Eine Kloſtergeſchichte. 8. 1828. —— Bligger von Steinach der Geaͤchtete. 2 Thle. m. K. 8. 1827. —— Hermine. Eine Erzaͤhlung. Mit deren Bildniß. 8. 1827. —— Raritaͤten⸗Kabinet. Samml. der neuſten und beſten Anekdoten. 8. 1827. —— Die Familie von Kronſtein. 2 Thle. m. Kpfr. 8. 1826. 1 Leibrock, A., O Orſini, der große Raͤu⸗ berhauptmann. m. K. 8. 1826. Melindor, H. kaubritter, hiſt. Roman von der Kucksburg auf der Teufelsmauer. 8. 3 Thle. 1826. —— Scherz u. Ernſt auf e. Badereiſe. 8. 1826. Morani, G., Thanatos und Valdea oder Zau⸗ bermacht u. Liebe. Romant. Raͤubergeſchichte. 8. 1828. —— Arzobiſo, oder die Raͤuberkluft im Cabril⸗ lasgebirge. Die Novize, oder das Kloſter Santa Speranza. Zwei Novellen. 8. 1829. Moͤnche, die, von Leadenhall zur Zeit Heinrichs VIII., vom Verf. d. Calthorpe. Aus dem Engl. v. G. Lotz. 3 Thle. Neue Aufl. 8. 1827. Oefele, A. Frhr. v., Die letzten Johanniter auf Rhodus, oder die Belagerung dieſer Ordens⸗ inſel durch die Tuͤrken im J. 1522. Ein hiſtor. Gemaͤlde, mit Noten. 2 Thle. Mit Villiers Bildniß. 8. 1829. Reichenbach, M., Freiſchuͤtzfunken. Erzaͤh⸗ lungen. 2 Bdchen. 8. 1829. Sebaldo, C., Sommerfruͤchte. Mit Vorrede von'r. 2te Aufl. 8. 1827. Stahl, H., Otto Schuͤtz und der Auskulta⸗ tor Ewald. Hiſtoriſch⸗romantiſche Erzaͤhlung. 8. 1828. —— CErzaͤhlungen. 2 Thle. 8. 1828. —— Die Familie Hachenburg. 8. 1828. —— Die Ideale. Ein Roman. 8. 1829. Smidt, H., Erzaͤhl 2r Bd.(Meine Reiſe in die neue W S. 1827. —— derſelben 3r Bd.(Die Rache des belei⸗ digten Stolzes, nebſt einigen andern Erzaͤh⸗ lungen:) 8. 1828. —— Seegemaͤlde. 8. 1828. St. Hubert und andere Erzaͤhlungen von der Verfaſſerin der Erna, Jelieitas, Amadea. 8. 1828. 4 St. Jacobifeſt, das, und andere Erzaͤhlungen von der Verfaſſerin der Erna, Felicitas, Ama⸗ dea. 8. 1828. Wodomerius, E., Der ſchwarze Born. Der Egoiſt. Zwei Erzaͤhlungen. 8. 1827. —— Eliſabeth u. Anna von Rußland. 2 Thle. 8. 1827. —— Eliſabeth v. Frankreich u. Iwan. Zwei Erzaͤhlungen. 8. 1825. —— Madame Geoffrin u. Aloyſe, ꝛc. Zwei Erzaͤhlungen. 8. 1826. —— Rudolph von Eggenberg. Hiſtoriſch⸗ ro⸗ mantiſche Erzaͤhlung. 2 Theile. 8. 1829. 9 ——— . 1G 1— wnrrcennrannaaüaaaquund ſſſſſſſiſſſſſſſſſſiſſſiſtſnſnennſinhnn. 3 1 5 16 I 7 8 9 10 11 12 1 4 1